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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XXII 1936 Heft 3"

XXII. Band 



1936 



Heft 3 



Internationale Zeitschrift 
iür Psychoanalyse 



Offizielles Organ der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

Herausgegeben von 



bigm* Freud 



Unter Mitwirkung von 



Felix Boehm 

Berlin 

J. E. G. van Emden 

Haag 

Karl Menninger 

Topeka 



G. Böse 

Kalkutta 

S. Hollos 

Budapest 

S.J. R. de Monchy 

Rotterdam 



A. A. Brill 

New York 

Ernest Jones 

London 

MLW.Peck 

Boston 



Lucile Dooley 

Washington 

J. W. Kannabieh 

Moskau 

Edouard Pichon 

Paris 



M. Eitingon 

Jerusalem 

Kiyoyasu Maruie 

Sendai 

Philipp Sarasin 

Basel 



Harald Schjelderup 

Oslo 


Alfhild lamm Y. K. Yabe 

Stockholm Tokio 




redigiert von 


Edward Bibring 

Wien 


Heinz Hartmann Sandor Rado 

Wien New York 




• Gedenkworte für M. D. Eder (1866—1936) 






• Die symbolische Gleichung: Mädchen = Phallus 




• Klinischer Beitrag zum Verständnis der paranoiden 
Persönlichkeit 




• Der tiefenpsychologische Hintergrund der inzestuösen 
Fixierung 








• 3iin?r\nKiarnrnmcrn rvur»oucne*ijenen 

• Beitrag zur Entwicklung des weiblichen Kindwunsches 






Referate 



1) Die in der „Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse" veröffentlichten Bei* 
{:-3ge werden mit Mark 25.— per sechzehnseitigen Druckbogen honoriert. 

2) Die Autoren von Originalbeiträgen sowie von Mitteilungen im Umfange über zwei 
j5ruckseiten erhalten zwei Freiexemplare des betreffenden Heftes. 

3) Die Kosten der Übersetzung von Beiträgen, die die Autoren nicht in deutscher 
Sprache zur Verfügung stellen, werden vom Verlag getragen; die Autoren solcher Beiträge 
(äfhalten kein Honorar, 

4) Die Manuskripte sollen gut leserlich sein, möglichst in Schreibmaschinenschrift 
(^inseitig und nicht eng geschrieben). Es ist erwünscht, daß die Autoren eine Kopie ihres 
Manuskriptes behalten. Zeichnungen und Tabellen sollen auf das unbedingt notwendige 
Maß beschränkt sein. Die Zeichnungen sollen tadellos ausgeführt sein, damit die Vorlage 
Selbst reproduziert werden kann. 

5) Mehrkosten, die durch Autorkorrekturen, das heißt durch Textänderungen, Ein* 
Schaltungen, Streichungen, Umstellungen während der Druckkorrektur verursacht werden, 
Wfrden vom Autorenhonorar in Abzug gebracht. 

6) Separata werden nur auf ausdrücklichen Wunsch und auf Kosten des Autors ange* 
fertigt. Die Kosten (einschließlich Porto der Zusendung der Separata) betragen für Beiträge 

bis 8 Seiten für 25 Exemplare Mark 15.—, für 50 Exemplare Mark 20.— 

vw 9 „ 16 „ „ 25 „ „ 2:0—, „ 50 „ „ 25.- 

„ 17 „ 24 „, „ 25 „ „ 30.-, „ 50 „ „ 40.- 

„ 25 „ 32 „ „ 25 „ „ 35v— , „ 50 „ „ 45.— 

Mehr als 50 Separata werden nur nach besonderer Vereinbarung mit dem Verlag an* 

.'gefertigt. 



Wir machen hiemit unsere. Autoren au£ folgendes aufmerksam: 
Nach den, gesetzlichen Bestimmungen kann; bis zum. Ablauf von zwei dem Erschein 
n+ngsjahr einer Arbeit folgenden Kalenderjahren; über: Verl'agsrechte (Wiederabdruck und 
Übersetzungen), nur, mit Genehmigung des-. Verlages verfügt werden. Auf Grund eines ge* 
tigellen Übereinkommens, das: wir mit dem „Interna-fäb-naE Journal of Psychoanalysis" ge* 
'trafen haben, steht, es; jedoch jedem Autor, foejj, ohne: ausdrückliche Genehmigung des 
'Verlages der letztgenannten. Zeitschrift: das- Recht der Übersetzung und des Wiederab* 
t^iucte einzuräumen.. 

Die Genehmigung einer Wiederveröff entlichung: oder: Übersetzung in einem anderen 
t)jgan, muß, um Berücksichtigung, finden: z«: können^, zugleich: mit Übersendung des Manu* 
steipteS: verlangt, werden.. 

Die Redaktion. 



Redaktionelle; Mitteilungen und Sendungen: aus allen; Ländern mit Ausnahme der U.S.A. 
^biten wir zurichten aniDr. Edward;Bibrihg:und ; Dft.Hbinz.Hartmann, p. A. Internationaler 
-Psychoanalytischer Verlag,. Wien;. IX;,. Berggasse TL 

Redaktionelle Mitteilungen und: Sendungen; aus: den: U..S. A. a n Dr. Sandor Rado, 
3* West 86th Street,, New. York City;. 

Bestellungen undgeschäftlicheZüsclirifferr aller Art.an: 
Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien IX, Berggasse 7. 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Internationale Aeitscnriit 
rar Psychoanalyse 

Herausgegeben von JJ'gttl. Ff eud 

XXII. Band* 1936 Heft 3 



Gedenkworte für M. D. Eder (1866-1936) 

Von 

Ernest Jones 

London 

Nur mit tiefem Bedauern können wir davon Mitteilung machen, daß Dr. 
M. D. E d e r am 30. März nach einer kurzen und schmerzvollen Krankheit ge* 
starben ist. Seine liebenswürdige und allseits beliebte Persönlichkeit wird 
von allen schmerzlich vermißt werden. 

Dr. Eder wurde im August 1866 geboren. Er studierte Medizin am 
St. Bartholomew's Hospital in London. Ehe er sich in der Praxis niederließ, 
machte er weite Reisen in den Vereinigten Staaten, in Südafrika und in Boli* 
vien. In diesem Lande lernte er spanisch, trat als Stabsarzt in die Armee ein und 
machte eine Zeitlang den Kriegsdienst mit. Nach London zurückgekehrt, er* 
öffnete er im Jahre 1900 eine allgemeine Praxis. In diesen frühen Jahren war 
er aktiver Sozialist und spielte in der Gesellschaft der Fabier eine bedeutende 
Rolle. 

Dr. Eders soziale und medizinische Interessen waren aufs engste mit* 
einander verknüpft; diese Verknüpfung nahm die Form eines speziellen 
Interesses für das Gedeihen der Schuljugend an. Er war Schularzt an der 
London Sdiool Clinic (im Jahre 1908) und an der Nursery Schocl, Depfe* 
ford (1910). Schon vorher wurde er Herausgeber der Zeitschrift School 
Hygiene. Die Arbeit, die er in diesen Jahren und vorher geleistet hatte, trug 
viel dazu bei, den Weg für die Schaffung eines offiziellen ärztlichen Amtes 
für Schulhygiene zu bahnen, das dann später vom London County Council 
eingerichtet wurde. 

Dr. Eder war einer der ersten in England, die sich (1910) mit der Analyse 
beschäftigten, und war vor dem Krieg der erste Sekretär der British Psycho* 
Analytical Society, die zu dieser Zeit London Psydw=Analytical Society ge* 
nannt wurde. Ein Interesse für die Arbeiten Jungs führte ihn vorüber* 



gehend weg, aber nachdem er eine gewisse Zeit mit F e r e n c z i in Budapest 
gearbeitet hatte, schloß er sich im Jahr 1923 der Vereinigung wieder an und 
wurde eines ihrer aktivsten und eifrigsten Mitglieder. Er fehlte fast nie bei 
den Sitzungen und nahm an den Diskussionen regelmäßig Anteil. Er war 
sowohl an der London Clinic of Psycho*Analysis als auch an der Clinic for 
Juvenile Delinquents tätitg. Eine Reihe von Jahren bis zu seinem Tode ge* 
hörte er dem Vorstand der Vereinigung an und war einer der Leiter des Insu* 
tutes. Hier wie auch in den Diskussionen der Vereinigung war sein sicheres 
und besonnenes Urteil von dauerndem Wert. Im Jahre 1932 war er Ob* 
mann der medizinischen Sektion der British Psychological Society. 

Eder schrieb ungefähr 25 Aufsätze über psychoanalytische Themen. Die 
Mehrzahl war allgemein darstellender Natur und erschien in verschiedene!!. 
Zeitschriften -wie Thejewish Chronicle, New Age, Lancet - oder wurde vor 
pädagogischen Kongressen und Gesellschaften vorgetragen. Unter seinen rein 
fachlichen Arbeiten befinden sich die folgenden: Sein Beitrag über „A Case 
of Obsessions and Hysteria treated by the Freud Psycho*Analytic Method" 
(British Medical Journal, 1911) war einer der ersten, die in England publi* 
ziert wurden; er wurde vor der British Medical Association vorgetragen und 
war, wie ich glaube, der erste Vortrag über Psychoanalyse, der in England 
gehalten wurde. Seine Notiz über „Augenträume" (Zentralblatt für Psycho* 
analyse, Band I) war ein Beitrag zu unserer Kenntnis über die Augen* 
Symbolik. Sein Artikel „Das Stottern eine Psychoneurose und seine Behand* 
lung durch die Psychonalyse" (Internationale Zeitschrift für ärztliche Psy* 
choanalyse, 1913), vorgetragen auf dem XVII. Internationalen Kongreß für 
Medizin in London, August 1913, war meines Wissens der erste, der über 
dieses Thema veröffentlicht wurde; er enthielt den Bericht über zwei erfolg* 
reich behandelte Fälle. 

Im Jahre 1916 war Eder als Militärarzt auf der Kriegsneurosenstation auf 
Malta beschäftigt; 1917 arbeitete er auf der Neurologischen Klinik in 
London. 1916 erschien im Lancet ein Aufsatz über Kriegsneurosen und ein 
Jahr später Eders einziges Buch „War Shock". Dieses Werk fand einen 
großen Widerhall. Es führte nicht allein dazu, die irreführende Bezeich* 
nung Shell shock (Granaterschütterung) durch die mehr objektive War shock 
(Kriegsneurose) zu ersetzen, sondern trug in wirkungsvoller Weise zu der 
neuen Erkenntnis von der psychischen Natur dieser Erscheinungen bei. 
Eder war einer der Redner in dem denkwürdigen Symposion, das im Jahre 
1933 in der Soziologischen Gesellschaft in London abgehalten wurde. (Es 
erschien später in Buchform unter dem Titel: "Social Aspects of Psyche* 
Analysis".) Seine ständigen soziologischen Interessen fanden ihren Ausdruck 
auch in einem „Beitrag zur Psychologie des Snobismus", der auf dem Hom* 
burger Kongreß 1925 vorgetragen wurde (übrigens der einzige Internationale 
Psychoanalytische Kongreß, auf dem er sprach); ferner in den Arbeiten 



Gedenkworte für M. D. Eder (1866—1936) 297 

"Psychology and Value" (British Journal of Medical Psychology 1930) und 
"The Myth of Progress" (ibid. 1932). Die letztere Arbeit war ein Vortrag, 
den er als Präsident der Medizinischen Sektion der British Psychological 
Society gehalten hatte. Hervorhebenswert sind auch seine Mitteilungen: "A 
Camera as a Phallic Symbol" (Journal, 1924), "A Note on Shingling" (ibid. 
1925), "On the Economics and Future of the Super=*Ego" (ibid. 1929) und 
"Dreams as a Resistance" (ibid. 1930). Sein Essay "The Jewish Philac* 
teries and other Jewish Ritual Observances" (ibid. 1933, auch in der „Imago" 
erschienen) war ein wertvolles Gegenstück zu Reiks Studien über das 
jüdische Ritual. 

Da Eder einige seiner Schuljahre in Frankfurt verbracht hatte, war er 
mit der deutschen Sprache in ungewöhnlichem Maße vertraut und verwen* 
dete sein Wissen, um Freuds Arbeit ^,Über den Traum" und Jungs 
„Assoziationsstudien" ins Englische zu übersetzen. 

Anerkennung muß auch der vornehmen Tätigkeit Dr. Eders im Zu* 
sammenhang mit dem Zionismus gezollt werden, nicht nur jener während der 
Jahre, die er fast bis zum Lebensende in Palästina verbrachte; ich möchte 
persönlich Zeugnis ablegen von seiner nie nachlassenden Hilfsbereitschaft 
gegenüber den jüdischen Flüchtlingen. Die meisten von ihnen, die in den 
letzten drei Jahren durch meine Hand gingen und unter denen mindestens 
ebensoviele Nichtanalytiker als Analytiker waren, kamen auch mit Dr. Eder 
in Berührung; sie alle hatten nur das eine zu berichten, daß er für sie geradezu 
ein Bollwerk an Hilfe war. Die speziellen Umstände des dritten Exodus 
lasteten schwer auf seinem Gemüt und die Arbeit, die er der Sache seineä 
Volkes widmete, hat zweifellos sogar diese mächtige Konstitution ange* 
griffen und führte schließlich zu seinem schnellen Zusammenbruch auf der 
Höhe seiner Tätigkeit. Eine Zeitlang war er Obmann des Jewish Medical 
Committee. Er identifizierte sich stets aufs engste mit den Angelegenheiten 
des Judentums. Wiewohl es fraglich ist, ob er gläubig war, hatte er jüngst 
den Wunsch ausgesprochen, nach den Vorschriften der jüdischen Religion 
bestattet zu werden, weil er damit zu zeigen wünschte, daß er zu seinem 
Volk gehöre. 

Von den Zügen, die Eders Persönlichkeit ausmachten, würden seine 
Freunde sicherlich als den bedeutendsten hervorheben seine stets vornan* 
dene Bereitschaft, anderen zu helfen. Was immer es für eine Angelegenheit 
sein mochte, eine persönliche oder eine allgemeine, stets konnte man mit 
voller Sicherheit auf Eders sofortige Hilfe zählen. Er war bereit, alles zu 
opfern, was er besaß: Zeit, Geld, Arbeit, Gesundheit, ohne einen Augen* 
blick zu zögern. In den sich oft widersprechenden Ansprüchen persönlicher 
oder sozialer Natur fand er stets das richtige Maß, indem er bereit war, ent* 
sprechend den Forderungen der Situation sich beiden hinzugeben. Dies gilt 
in gleichem Maße von seiner Weltanschauung wie von seiner itäglichen 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXII/3 19a 



298 



Ernest Jones: Gedenkworte für M. D. Eder (1866-1936) 



Lebensführung. Es entsprang das einer klaren Auffassung vom Guten im 
Leben und einer festen Entschlossenheit, ihm treu zu bleiben. Er war nicht 
nur ein aufrechter Mensch, sondern ebenso großmütig und dankbar. Ohne 
Ehrgeiz und in sich zurückgezogen, war sein Charakter geeignet, die an* 
deren mit Ehrfurcht vor der Güte und Freundlichkeit zu erfüllen, die er in 
seinem Leben vorlebte. 

Eders Gattin, Frau Edith Eder, war ihm durch dreißig Jahre Kameradin. 
Sie teilte mitwirkend die drei Hauptinteressen seines Lebens: Sozialismus, 
Zionismus und Psychoanalyse. In früheren Tagen war sie selbst analytisch 
tätig, war Mitverfasserin mancher Arbeiten ihres Mannes und war ein hau* 
figer Gast in der British Psycho*Analytical Society. Ihr gilt die uneinge* 
schränkte und tiefe Sympathie der vielen, die ihren Verlust mit ihr teilen. 



Die symbolische Gleichung: Mädchen = Phallus 



Von 

Otto Fenichel 

Prag 



Bei der Analyse eines Transvestiten 1 habe ich festgestellt, daß dieser Per* 
Version die unbewußte Phantasie des Patienten zugrunde lag, ein Mädchen 
mit einem Phallus zu sein. Hat — schematisch gesprochen — der Homo* 
sexuelle sich mit seiner Mutter identifiziert, der Fetischist aber den Glauben 
an den Penis der Frau nicht aufgegeben, so gilt für den männlichen Trans* 
vestiten beides; er identifiziert sich mit einer Frau, an deren Penisbesitz er 
weiterhin glauben möchte. 

Mein Patient agierte dieses phallische Mädchen, um femininen Wünschen 
nachgeben zu können, denen eine intensive Kastrationsangst entgegenstand. 
Die Angst sollte durch die perverse Praktik widerlegt werden. Diese hatte, 
sagte ich, den Zweck, dem Objekt gleichsam zu sagen: „Liebe mich wie die 
Mutter (oder wie die Schwester), es ist nicht wahr, daß ich dadurch meinen 
Penis gefährde." Ich konnte wahrscheinlich machen, daß das der Sinn des 
transvestitischen Tuns überhaupt ist. Es ist ein Kompromiß zwischen femi* 
ninen Wünschen und entgegenstehender Kastrationsangst, oder — da die 
Kastrationsangst ja die Folge der hohen narzißtischen Einschätzung des 
eigenen Penis ist — zwischen femininem Wunsch und narzißtischem Penis* 
stolz. Das exhibitionistische Verhalten solcher Patienten hat also den Doppel* 
sinn: „Ich will mich meines Penis wegen sehen und bewundern lassen" und: 
„Ich will mich als schönes Mädchen sehen und bewundern lassen". (Als 
das wichtigste akzidentelle Moment des Transvestitismus bezeichnete 
Äh damals den Umstand, daß die Identifizierung mit der Mutter meist gleich* 
zeitig in einer mehr oberflächlichen Schicht eine mit einem kleinen Mädchen 
ist.) Diese objektiv einander widersprechenden Tendenzen sollen gleichzeitig 
Ausdruck finden. Über ihr Verhältnis zueinander ist damit noch nichts ausge* 
sagt. Es könnte sowohl so wie beim „Wolfsmann" zugehen, daß einer relativ 
primären femininen Sehnsucht die Erkenntnis „die Befriedigung dieses Wun* 
sches würde den Penis kosten" entgegentritt, 2 als auch so, daß ein Ursprung* 
lieh starker Penisstolz und eine phallische Exhibitionsneigung durch Kastra* 
tionsangst gehemmt wurden und sich dann erst durch eine feminine Exhibi* 
tionsneigung ersetzten. Jedenfalls verdichten sich phallische und feminine 
ExHibitionslust zur Leftphantasie solcher Patienten : Ich zeige mich als penis* 
tragendes Mädchen. Meinem Patienten z. B. war in seiner Kindheit tatsäch* 

i) Zur Psychologie des Transvestitismus. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XVI, 1930. 
2) Freud: Aus der Geschichte einer infantilen Neurose. Ges. Sehr., Bd. VIII. 

19a* 



^ 



300 



Otto Fenichel 






lieh sowohl phallische als auch feminine Bewunderung zuteil geworden, in* 
dem Erwachsene sowohl seinen Penis mit Kosenamen benannten, als auch 
ihn wegen seines langen Haares als „schönes Mädchen" rühmten. 

Nun stellte dieser Patient in seinen perversen Praktiken nicht nur ein 
phallisches Mädchen, sondern auch einen Phallus schlechthin dar. Ich schrieb: 
„Der Patient verband seine Weiblichkeit mit einer naiv narzißtischen Liebe 
zu seinem eigenen Penis, den er als Kind mit Kosenamen belegte; ja, der 
Mädchenname, den er als Mädchen führen wollte, hatte mit diesem Penis* 
Kosenamen auffallende Ähnlichkeit. So galt die symbolische Gleichung: Pa* 
tient in Frauenkleidern == Mutter mit Penis = Penis überhaupt." Dem ur* 
sprünglichen Penisnarzißmus entspricht eben die Stärke der Kastrations* 
angst, deretwegen er sich seine spätere narzißtische Sehnsucht, als Mädchen 
bewundert zu werden, nur gestatten konnte, wenn er dieses Mädchen nicht 
nur mit einem Penis ausstattete, sondern direkt selbst als Penis phantasierte. 
Die Gleichungen: „Ich bin ein Mädchen" und „Mein ganzer Körper ist ein 
Penis" sind hier verdichtet zur Idee: „Ich = mein ganzer Körper = ein Mäd* 
eben =■■ die Kleine = der Penis." 

Hier sehen wir zum ersten Male, daß die so oft gültige symbolische Glei* 
chung Penis = Kind (Kleines) auch die spezielle Form annehmen kann: 
Penis = Mädchen. 

IL 

Daß Mädchen sich in ihren unbewußten Phantasien oft selbst einem Penis 
gleichsetzen, ist schon oft besprochen worden. Wir verstehen auch, wie eine 
solche Identifizierung zustande kommt. Es ist eine bestimmte Art 
(neben anderen), den ursprünglichen narzißtischen Penisneid zu überwinden. 
Wir wissen, daß das Ziel: „Ich will auch einen Penis haben" oft — nämlich 
wenn orale Wünsche im Vordergrund stehen oder orale Fixierungen be* 
stehen, die bei der narzißtischen Kränkung durch die Entdeckung des Penif 
zu Regressionen Anlaß geben — übergeht in das Ziel: „Ich will mir einen 
Penis oral einverleiben", und daß wieder solche Tendenzen, indem sie alte 
oraksadistische Wünsche, die einst gegen die Mutter gerichtet waren, reak* 
tivieren, zur Identifizierung führen. „Ich habe den Penis geraubt und ge* 
fressen und bin nun selbst ein Penis geworden", ist die Formel solcher 
Identifizierungen. Die Voraussetzung zu einer solchen Reaktion ist also das 
Fortbestehen der entsprechenden „Einverleibungstendenzen". Lewin 3 hat 
solches Material gesammelt. Nach ihm findet man oft bei Frauen gleichzeitig 
die Phantasie, einen Penis zu besitzen, und die, selbst einer zu sein. Sie identi* 
fizieren sich, d. h. ihren ganzen Körper, mit einem Penis auf dem Wege den 
oralen Introjektion. Die Idee, einen Penis abgebissen oder sich sonstwie 
einverleibt zu haben, sei die Fortsetzung der unbewußten Gleichung Kör* 

3) Lew in: The Body as Phallus. Psa. Quarterly, II, 1933. 



Die symbolische Gleichung: Mädchen = Phallus 301 



per = Penis. Diese Gleichung, die ja dahin ziele, als Ganzes im Körper des 
Objektes aufgenommen zu werden, könne man deshalb als passives Gegen* 
stück zur Phantasie, einen Penis zu verschlucken, ansehen. Es handelt sich 
also um eine postphallische partielle Regression zu oralen Vorstellungen. 

Ich selbst konnte unlängst einen derartigen Fall publizieren, in dessen 
Sexualleben dem Schautrieb eine besondere Rolle zukam. Die Tendenz, einen 
Penis zu sehen, deckte die tiefere, ihn zu fressen. Dieses oraWdistische Sich* 
Bemächtigen des Gesehenen war als echte Introjektion gedacht und führte 
daher auch zu Identifizierungen. 

Ich schrieb 4 : 

„Ihre ganzen Objektbeziehungen waren — wie wir es bei oralen Charakteren 
gewohnt sind — von Identifizierungen durchsetzt. Ganz besonders deutlich 
wurde das aber immer, wenn es sich um sexuelle Beziehungen handelte. Als 
ein Freund der Patientin sich einmal als impotent erwies, war ihre Reaktion jda* 
rauf in derartigem Grade männlich, daß wir dafür die Formulierung fanden: „Wir 
sind impotent." — Verhältnisse zu dritt spielten in ihren Phantasien wie in ihrem 
realen Liebesleben eine große Rolle. Sie liebte es, wenn ihr Freund in ihrer Ge* 
genwart mit einer anderen Frau beisammen war, indem sie mit ihm mitfühlte. Es 
war ihr unvorstellbar und einfach unerträglich, daß ihr Freund auch in ihrer 
Abwesenheit eine andere Freundin besuchen könnte. Sie hatte das Gefühl: „Ohne 
mich kann er es doch gar nicht!" Ihre zärtlichen Strebungen gingen immer dahin, 
sich an den Körper des Mannes wie ein kleiner Teil dieses Körpers anzuschmie* 
gen. Wenn ihr Freund sie verließ, so spürte sie ein „wundes Gefühl" im Rücken, 
so, als ob sie mit dem Rücken an ihm angewachsen gewesen und jetzt losgerissen 
worden wäre. Als endlich Träume auftauchten von Männern, die statt eines 
Penis ein Kind am Bauche hängen haben, war also an ihrer Identifizierung mit 
einem Penis kein Zweifel mehr. In der Phantasie, als Penis am Bauche von Man* 
nern zu hängen, hatten wir also eine Art Vaterleibsphantasie vor uns und das 
Gegenstück zu der Phantasie, den Penis des Vaters zu fressen, nämlich die: tals 
Penis selbst vom Vater gefressen zu werden. Denn der Mann, der statt eines 
Penis ein Kind am Bauche baumeln hat, erschien wieder; er hatte nun sehr viele 
solcher Kinder; er hatte sie in den Gürtel gesteckt oder hielt etwa eines davon 
hoch in der Hand, um ihm etwas Schlimmes anzutun, wie der große Nikolaus 
im Struwelpeter; es war der „Kindlifresser" von Bern. 

An den oraksadistischen und Identifizierungstendenzen dem Penis gegenüber 
fielen allmählich immer mehr Züge auf, die durch den Penis nicht erklärt werden 
konnten, sondern aus früherer Zeit stammen mußten." 

Die Vaterleibsphantasie erwies sich dann als die Fortsetzung einer Mutter* 
leibsphantasie, die Vorstellung vom Penis als die Fortsetzung der Vorstel* 
lung vom Innern des Mutterleibs. Der Identifizierung mit dem Penis, dem 
Anhängsel des Vaters, entsprach eine mit dem Embryo, dem Inhängsel der 
Mutter. Die Intention, oral*sadistische Neigungen gegen den Penis durch 
die Phantasie einer harmonischen Einheit mit ihm — ich bin selbst der Penis 
— zu widerlegen, scheint typischerweise eine Fortsetzung der Intention zu 

4) Fenichel: Weiteres zur präödipalen Phase der Mädchen. Int. Ztschr. f. Psa., 
Bd. XX, 1934. 






302 Otto Fenichel 



sein, oraksadistische Neigungen gegen den Mutterleib durch die Phantasie 
einer harmonischen Einheit mit ihm — ich bin selbst im Mutterleib — zu 
widerlegen. Wir müssen Lewin beipflichten, dessen Arbeit über den Körper 
als Penis bald eine über Klaustrophobie, und das heißt, über den Körper 
als Embryo, folgte 6 . Aber diese Herkunft unserer Phantasie aus einer Muttern 
leibssehnsucht ist für unsere heutigen Zusammenhänge von geringerem 
Interesse als die „Vaterleibsphantasie": ein kleines Mädchen hängt wie ein 
Penis am Bauche des Vaters. Sie ist auf solche Weise untrennbar mit ihm 
verbunden, nur ein Bestandteil von ihm. aber sein wichtigster Bestandteil; der 
Vater ist ohnmächtig, wenn sie nicht als sein „Zauberstab", als das Haar des 
Simson, für ihn sorgt. 

Seither hatte ich Gelegenheit, eine andere Patientin zu analysieren, 
die zwischen der Tendenz, ein Mann zu sein, und der, auf weibliche Art lieben 
zu können, das Kompromiß gefunden hatte, einen Mann zu lieben, als dessen 
Penis sie sich unbewußt phantasierte, eine Liebesart, die notwendigerweise 
stark mit Identifizierungszügen durchsetzt ist. Darüber mögen ein paar Worte 
gesagt werden, weil sie uns zu den Phantasien des erstbesprochenen mann* 
liehen Patienten zurückführen. 

Ein begabtes und sehr ehrgeiziges junges Mädchen ist nicht nur intellektuell, 
sondern überhaupt in ihrem Fortkommen derartig gehemmt, daß sie deshalb die 
Analyse aufsucht. Sie bietet zunächst das bekannte Bild einer Frau mit „Sexuali* 
sierung des Intellektes". Sie will mit ihren geistigen Gaben glänzen, ist aber durch 
Angst vor Blamage daran gehindert. Die Analyse ergibt, daß die von ihr ange,* 
strebte exhibitionistische Leistung im Grunde das Urinieren ist, und die Blamage, 
die sie fürchtet, die Entdeckung ihrer Penislosigkeit. Die Angst vor dieser „Bla=> 
mage" war im Unbewußten verdichtet mit einer Angst vor blutiger Beschädigung 
ihres Genitales. Diese Angst stellte sich als Angst vor Vergeltung wegen ent* 
sprechender oraksadistischer Tendenzen — zunächst dem Penis gegenüber — 
heraus. Sie hatte sich z. B. — um der in der Defloration durch den Mann ge= 
legenen sadomasochistischen Versuchung 6 auszuweichen — selbst defloriert und 
war erfüllt von einer großen Sehnsucht nach „friedlicher" Sexualität. Diese Sehn» 
sucht nach harmonischer Vereinigung von Mann und Frau sollte die im Unbe» 
wußten bestehende Neigung, den Penis zu rauben, und die entsprechende Ver« 
geltungsangst widerlegen. Sie lernte einen Mann kennen, der ihr als „Vergewal* 
tiger" imponierte, und vor dem sie deshalb, bevor sie sich mit ihm sexuell ein* 
ließ, große Angst empfand. Zu ihrer Überraschung verlief dann das wirkliche 
sexuelle Zusammensein mit ihm ganz anders, als sie erwartet hatte. Zärtlichkeit 
überwog dabei die Sinnlichkeit, sie fühlte sich dem Manne in großer Harmonie 
verbunden, schmiegte sich angstfrei zärtlich an ihn an; daß sie nicht 
zum Orgasmus kam, schien ihr damals nicht schlimm; man redete wenig, und 
die Patientin meinte, dies geschah, weil die Harmonie so vollständig war, daß 
man sich auch ohne Worte verstand, weil man so weitgehend eins geworden 
war. Die Patientin fühlte sich während des Zusammenseins von dem Manne so 

5) Lewin: The Body as Phallus. Psa. Quarterly, II, 1933; Claustrophobia, Psa. 
Quarterly, IV, 1935. 

6) Freud: Das Tabu der Virginität. Ges. Sehr., Bd. V. 



fasziniert, daß sie meinte, nichts tun zu können, was er nicht wollte. — Die Deu* 
tung, sie hätte sich benommen, als wäre sie ein Körperteil des Mannes, beant* 
wortete die Patientin mit einem nur leicht verhüllten Ödipustraum, der den. be* 
treffenden Mann als Vaterfigur erkennen ließ. Und erst anläßlich der Analyse 
dieses Traumes kamen die speziellen Formen der zahlreichen aus dem Gebiete 
des Ödipuskomplexes stammenden Tagträume der Patientin zur Besprechung. 
Ihr Vater war viel und weit gereist und pflegte, heimgekehrt, von seinen Aben* 
teuern zu erzählen. Die Patientin phantasierte sich dann — schon in der Latenz* 
zeit, noch deutlicher in und nach der Pubertät — als seine Begleiterin. Heim* 
lieh und unsichtbar, phantasierte sie, weile sie stets bei ihm und bestehe 
alle Abenteuer mit ihm gemeinsam. Diese Phantasien konkretisierten sich, indem 
die Patientin einmal ihrem Vater die kleine Figur eines Bären schenkte, die dieser 
dann auf seine Reisen mitnahm. Er pflegte auf die Phantasie seiner Tochter ein* 
zugehen, indem er nach seiner Rückkehr den Bären aus der Tasche zu ziehen 
und zu versichern pflegte, er habe ihn immer heilig gehalten, und er sei sein 
Talisman. Die Phantasie geht also dahin, daß die Patientin als kleine Begleiterin 
des großen Vaters ihn schützt, so daß er ohne diesen Schutz ohnmächtig wäre. — 
In der Analyse phantasierte die Patientin sich als diesen Bären, der in der Tasche 
des Vaters die Reisen mitmachte. Sie guckt aus der Tasche heraus; sie phantasiert 
von Känguruhjungen, die aus dem Beutel ihrer Mutter heraussehen, und er* 
kennt, daß sie in jener harmonischen Liebesnacht ihren kleineren Körper an die 
Vorderseite des großen Körpers ihres Freundes so angeschmiegt hatte, als ob sie 
eben ein Känguruhjunges wäre. Wir haben also eine „Vaterleibsphantasie" ganz 
nach dem Bilde des früher besprochenen Falles vor uns. 

Die weitere Analyse ergab dann eindeutig, daß auch hier die Vaterleibs« 
Phantasie eine in tieferen Schichten vorhandene Mutterleibsphantasie deckte, 
der Penis der Vorstellung vom Innern des Mutterleibs, vom Embryo, an dessen 
Stelle sie sich phantasiert hatte, entsprach. Die harmonische Szene wieder* 
holte frühe Erlebnisse mit der Mutter, und die ganze Wucht des dieses 
Leben störenden oralen Sadismus ergab sich erst, nachdem die Patientin, von 
dem Sommer ihres vierten Lebensjahres, da ein Geschwisterchen geboren 
wurde, sprechend, gemeint hatte: „Meine Mutter kann doch damals nicht 
in einer Hängematte gelegen haben!" „Warum denn nicht?" „Weil man 
dann zu deutlich gesehen hätte, daß sie schwanger ist"; und auf den Einwurf, 
„jedenfalls sieht der Einfall so aus, als hätte sie so gelegen, und als hätten Sie 
so die Schwangerschaft bemerkt", geantwortet hatte: „Aber ich erinnere mich 
doch so genau, daß sie nicht in der Hängematte gelegen hat!" — , womit 
der Weg zur Analyse der von damals stammenden Wut der Patientin eröffnet 
war. Aber das interessiert uns weniger. Uns genügt die Erkenntnis, daß auch 
hier die Phantasie :„IchbineinPenis" einen Ausweg aus dem Konflikt 
der beiden widersprechenden Tendenzen „Ich möchte einen Penis haben" und 
„Ich möchte als eine Frau einen Mann lieben" darstellte. Die Phantasie, der 
Penis eines Mannes (und dadurch mit ihm in untrennbarer Harmonie vereint) 
zu sein, diente der überkompensierenden Verdrängung der anderen Idee: 
Ich beraube einen Mann und muß mich deshalb vor ihm fürchten. Dort aber 
wird nichts geraubt, es gibt nur eine untrennbare Einheit. Diese wird aller« 



304 Otto Fenichel 



dings durch Identifizierung mit dem Penis hergestellt, und das heißt in 
tieferer Schicht ja doch wieder: durch Raub des Penis. 

III. 

Die Ödipusphantasien dieser Patientin haben zahlreiche Berührungs. 
punkte mit vielen häufig wiederkehrenden Sagen, und Märchenmotiven: 
rettende kleine Mädchen, die große Männer bei allen Abenteuern begleiten, 
erscheinen nicht selten. Zauberkräftige kleine Begleiter (die nicht gerade 
weiblichen Geschlechtes sein müssen), wie Zwerge, Alraune, Talisman, 
figuren aller Art, sind auch schon oft analysiert und der „kleine Doppel, 
ganger" als Phallusfigur erkannt worden.' Die Assoziationen der Patientin 
aber machten erst aufmerksam auf die Verbindungen, die zwischen solchen 
Phallusfiguren und den „rettenden kleinen Mädchen" bestehen, indem sie 
uns etwa auf Ottegebe brachten, die mit ihrem Opfermut den Armen Hein* 
rieh rettet, auf Mignon, auf König Lears jüngste Tochter oder den ihm nach, 
gebildeten König Nikolo, dem nur die kleine Tochter im Unglück treu ge. 
blieben ist. Die übliche Deutung dieser Mädchengestalten geht dahin, daß 
es sich bei ihnen um eine Umkehrung der Rettungsphantasie handle. Die 
Phantasie der Männer, Frauen oder Mädchen zu retten, ist bekanntlich von 
Freud dahin gedeutet worden, daß die geretteten Mädchen die Mutter re. 
präsentieren. 8 Aber auch eine Frauenfigur, die ihrerseits den Mann rettet, 
muß Mutterbedeutung haben. Wir wollen an einer solchen Deutung nicht 
zweifeln, sondern nur bemerken, daß sie viele Züge der genannten „retten, 
den Mädchen" unerklärt läßt; nämlich gerade ihre Kleinheit, ihre außer, 
liehe Schwäche, die so recht im Gegensatz zu ihrer magischen Starke steht, 
also gerade jene Eigenschaften, die diese Figuren mit den vorhin erwähnten 
phallischen „kleinen Doppelgängern" teilen. Wäre die Deutung berechtigt, 
daß auch allen diesen weiblichen Figuren Penisbedeutung zukommt? Die 
Deutung, die Freud der Learschen Cordelia gibt, daß sie nämlich die 
Todesgöttin darstelle 9 , steht einer solchen Auffassung nicht hindernd im 
Wege Die Todesgöttin ist jedenfalls ein magisch.allmächtiges Wesen, dem 
der weit größere und stärkere Vater restlos ausgeliefert ist; sie ist mit jenen 
phallischen Figuren durch den Begriff der „magischen Allmacht" verbunden. 
Vom weiblichen Standpunkt aus ist eine solche Phantasie als Kompensation 
der narzißtischen Kränkung durch die Penislosigkeit, also des Minder* 
wertig., des Kleinseins, verständlich. „Obwohl ich klein bin, muß mich der 
Vater doch lieben, da er ohne mich überhaupt nichts machen kann Die 
durch die Entdeckung des Penis aufs neue bedrohte infantile Allmacht des 
Mädchens ist durch di e Identifizierung mit dem Penis wiederhergestellt. Ich 

7) Vgl. z. B. Rank: Der Doppelgänger. Imago, Bd. III, 1914 

8) Über einen besonderen Typus der Objelctwahl beim Manne. Ges. Sehr., Bd. V. 

9) Das Motiv der Kästchenwahl. Ges. Sehr., Bd. X. 



Die symbolische Gleichung: Mädchen = Phallus 305 

erinnere an die ,,Däumelinchen"*Phantasien, mit denen eine Patientin von 
Annie Reich die zahlreichen schweren Kränkungen ihrer frühen Kinder* 
zeit kompensieren konnte, indem sie, auf überdeutliche Weise einen Phallus 
agierend, ihre männlichen Bewunderer beherrschte. 10 

IV. 

In der psychoanalytischen Literatur sind Mignonfiguren schon des öfteren 
untersucht worden, allerdings immer vom männlichen Standpunkt aus. Be* 
achtenswert ist da vor allem die große Arbeit von S a r a s i n über Mignonj 
selbst, 11 die sowohl Wilhelm so unglücklich*anlehnend liebt, als auch den 
Harfner neben sich hat als eine Vaterfigur, zu der sie gehört, mit dem zu«« 
sammen sie erst die „wunderliche Familie" bildet. Sie wurde von Sarasin 
erkannt als eine Figur, in der der Dichter seine Schwester Kornelia 
idealisierte; der Dichter entwickelte ihr gegenüber eine ambivalente Vater* 
identifizierung mit gegenseitigen Rettungs* (und Zerstörungs*) Phantasien. 
Es fällt Sarasin auf, daß Mignon verschiedentlich männliche Züge trägt, und 
er führt u. a. zwei Goethe*Zitate an, die hier wiedergegeben seien: „Die 
beiden waren ihm geblieben, der Harfner, den er brauchte, und Mignon, den 
er nicht entbehren konnte"; die zweite Stelle nennt Mignon „ein albernes 
zwitterhaftes Geschöpf". Solche Stellen ließen auch schon andere, vorana* 
lytische Mignon*Interpreten (Wolff) die hermaphroditische Natur der 
Mignon hervorheben. Aber Sarasin erklärt diese männlichen Züge der Mig* 
non nur mit dem Hinweis darauf, daß in dieser Figur die Erinnerung an die 
Schwester Kornelia auch noch mit der an den verstorbenen Bruder Hermann 
Jakob und an die übrigen Geschwister verdichtet ist. Das ist gewiß richtig, 
aber scheint uns nicht zu genügen. Der Dichter fühlt sich nicht nur in den: 
Harfner* Vater (Großvater) ein, der Kinder tötet und rettet, um also sozu* 
sagen seinen Geschwistern gegenüber Vater zu spielen (sie zu lieben und zu 
bedrohen), sondern — die Gefühlsfülle der Mignonschen Italiensehn* 
sucht läßt ja keinen Zweifel daran — auch in die Mignon, in der er also 
passiv*homosexuell geliebt, bezw. bedroht werden will. Die männlichen 
Züge der Mignon stammen daher, daß sie den Dichter selbst dar* 
stellt, daß sie der Phantasie Ausdruck gibt: „Wie wäre der Vater 
zu mir, wenn ich ein Mädchen wäre wie Kornelia?" Interessant 
ist, daß Sarasin, der das nicht erkannte, dieser Deutung doch nahe 
kam, da er schrieb: „Vermutlich schauen wir hier in einen seelischen Zu* 
stand, der nahe an Wahnsinn grenzt, wo die Sehnsucht nach dem geliebten 
Objekt die Grenze zwischen dem Ich und dem Du verwischt und den see* 
lischen Piozeß einleitet, der uns unter dem Namen der Identifikation bekannt 

10) Annie Reich: Zur Genese einer prägenital fixierten Neurose. Int. Ztschr. f. Psa., 
Bd. XVIII, 1932. 

11) Sarasin: Goethes Mignon. Imago, Bd. XV, 1929. 

Int. Zcittchr. f. Psychoanalyse, XXH/3 20 




306 Ott° Fenichel 



ist". Daß Mignon darüber hinaus nicht nur einen Knaben, sondern speziell 
dessen Penis darstellt, läßt sich zwar aus ihren hermaphroditischen Zügen 
heraus nicht mit Sicherheit behaupten, wird aber nach dem ganzen Zusam* 
menhang und auch, wenn man z. B. an die Symbolik ihrer Tanzkunst denkt, 
wahrscheinlich. 

Die anderen vorliegenden Analysen solcher kleiner hilfsbedürftiger, aber 
auch als Talisman helfender Mädchen — der infantilen Frauen — vom mann* 
liehen Standpunkte aus lassen zunächst keinen Zweifel daran, daß in solchen 
Fällen immer eine narzißtische Objektwahl vorliegt. Solche Objekte stellen 
immer den Mann selbst dar, der sich als Mädchen phantasiert. „Ich möchte 
als Mädchen so geliebt werden, wie ich nun diese infantile Frau liebe". Es 
handelt sich also um denselben Mechanismus der Objektwahl, den Freud 
für einen bestimmten Typus der männlichen Homosexualität beschrieben 
hat, 12 und von dem nunmehr feststeht, daß er auch bei Heterosexuellen vor* 
kommt. Ich schrieb darüber in meinem Buch „Perversionen, Psychosen und 
Charakterstörungen" 13 : „Bei femininen Männern, die sich in Kindheit oder 
Pubertät gerne als Mädchen phantasiert hatten, gibt es den gleichen Mecha* 
nismus auch bei Heterosexuellen. Sie verlieben sich in kleine Mädchen, in 
denen sie sich selbst verkörpert sehen, und denen sie zukommen lassen, was 
die Mutter ihnen versagte. Sehr wahrscheinlich ist dieser Mechanismus 
gleichzeitig der ausschlaggebende für die Pädophilie". Und nun wollen wir 
hinzufügen: im Grunde stellt diese Objektwahl auch bei Heterosexuellen also 
doch einen homosexuellen Typ dar, in dem diese nach der narzißtischen 
Objektwahl gewählte Frau in der Regel mit einem großen Mann, einer Vater* 
figur (den dann der Betreffende selbst darstellt) zusammen phantasiert wird; 
in Einfühlung in die Frau läßt sich dann der Mann auf solche Weise unbe* 
wüßt homosexuell lieben. Immer sind solche Phantasien mit der Vorstellung 
des gegenseitigen Schutzes verbunden: die kleine Frau wird vom großen 
Mann real, dieser von jener magisch gerettet. 

Auch eine Arbeit von Spitz über das infantile Weib" erklärt die Wahl 
solcher kleiner und hilfsbedürftiger Liebesobjekte aus der narzißtischen Ob* 
jektwahl. Es handle sich — schreibt er — um Männer, die in ihrer Kindheit 
von ihren Müttern mehr oder weniger offen gerne als Mädchen erzogen 
worden wären; eine solche Tendenz zur Feminisierung der Jungen wird ver* 
stärkt durch späte und besonders plötzliche Hemmungen der Aggression»« 
neigung; ist eine ältere Schwester vorhanden, mit der der Junge sich identi* 
fizieren kann, so wird der Ausweg in die geschilderte narzißtische Objekt* 
wähl erleichtert. Spitz erklärt so die hermaphroditische Natur der „Kind* 

12) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Ges. Sehr., Bd. V, S. 18. 

13) Int. Psa. Verlag, Wien, 1931, S. 21. S 

14) Spitz: Ein Beitrag zum Problem der Wandlung der Neurosenform (Die inrantile 
Frau' und ihr Gegenspieler). Imago, Bd. XIX, 1933. 



Die symbolische Gleichung: Mädchen = Phallus 307 

weiber" und meint, daß es mit gesellschaftlich bedingten Veränderungen der 
Erziehungsnormen zusammenhänge, daß dieser Typ der Liebeswahl gegen* 
wärtig mehr in den Vordergrund trete als in früheren Zeiten; er erkennt aber 
nicht, daß diese Frauen nicht nur den sie liebenden Mann selbst, sondern 
geradezu seinen Penis darstellen. In der Art, wie der Liebreiz solcher Fi* 
guren geschildert zu werden pflegt, findet man immer Andeutungen ihrer 
phallischen Natur. Es sind Phallusmädchen, wie in der Phantasie des 
eingangs geschilderten Transvestiten. 



Ich hatte unlängst in einer männlichen Analyse Gelegenheit, einen Blick 
in die Genese eines ganz anderen Phantasienbereiches zu tun, die mir auch' 
das Verständnis der „Phallusmädchen" zu erleichtern scheint, nämlich in 
das Wesen des Clowns und der Groteskkomik. 

Es handelte sich um einen Patienten mit ausgesprochener Vorliebe für Clowne* 
rien, für Groteskhumor amerikanischer Art u. dgl. Seine Lieblingsphantasie war, 
daß er, obwohl er einen ganz anderen Beruf hatte, als Kabarettkomiker oder auch 
direkt als Clown auftrete. Es war kein Zweifel, daß es sich bei diesen Phantasien 
um einen „werbenden Exhibitionismus" handelte; er wollte mit seinem Auftreten 
imponieren und um seiner Clownkunst willen geliebt werden. Das Problem war: 
Was hat seinem Exhibitionismus diese spezifische Form gegeben? 

Mit dieser Frage sind wir, scheint uns, bei dem Problem einer bestimmten 
Kinderneurose angelangt. Es gibt einen Typus von Kindern, die immerfort 
ihre Gespielen oder die Erwachsenen durch Spässe verschiedenster Art zu 
unterhalten suchen, die ständig den Clown, das „Kasperl" spielen. Es han* 
delt sich offenbar um Kinder mit bedrohtem Selbstgefühl, deren Selbst* 
bewußtsein sich immer wieder nur herstellt, wenn sie andere über sich lachen 
machen. Während solche Kinder zunächst mit diesem Bestreben Erfolg zu 
haben pflegen, weil sie es oft recht witzig anstellen, kommt man erst ällmäh* 
lieh darauf, daß es sich um eine Neurose handelt, und daß diese Kinder 
keinen Augenblick anders handeln können. 

Die Exhibition des eigenen Komischseins macht den Eindruck eines E r* 
satzes. Es sieht so aus (und die Analyse des vorhin erwähnten Patienter? 
bestätigte dies), als wollten die Kinder ursprünglich etwas anderes, Ern* 
steres exhibieren, und als wollte die Clownkunst etwa sagen: „Wenn ich 
schon nicht ernst genommen werde, so will ich wenigstens diesen Er* 
folg haben, daß man über mich lache." Statt einer großen Exhibition — man 
möchte sagen, statt der Exhibition eines erigierten Penis — exhibieren sie 
„wenigstens" etwas anderes. Da der Ersatzerfolg, den sie erringen, darin be* 
steht, daß man über sie lacht, so scheint es, als ob sie bestrebt wären, aus der 
Not eine Tugend zu machen, als ob also dasjenige, was an der ursprünglichen 
„ernsteren" Exhibition hinderte, die Angst wäre, verlacht zu werden. Das 
Schema lautet also ungefähr: „Ich will exhibieren — ich habe Angst, dabei 

20* 



308 Otto Fenichel 



verlacht zu werden. Ich werde so exhibieren, daß Ihr zwar lacht, daß ich Euch 
aber dabei trotzdem imponiere, und daß das Belachtwerden ein Erfolg ist. 
Ihr, die Ihr mich auslacht, sollt sehen, daß derjenige, den Ihr auslacht, doch 
eine geheime Größe besitzt." Worin besteht diese Größe? Analysiert man 
die Handlungen und Worte von Clown und Groteskkomiker, so fallen 
zweierlei scheinbar widersprechende Züge auf: 

a) Phallische: schon die traditionelle Kleidung des Clowns enthält viele 
phallische Züge. Die Beziehungen zwischen Clownfiguren und Zwergfiguren 
sind mannigfach, die Phallussymbolik des Zwerges aber bedarf kaum wei* 
terer Erläuterungen. Ich erinnere nur an die Gulliver*Analyse von Fe* 
renczi, der die Phallussymbolik aller dieser Figuren, die die Gleichung 
Körper = Penis benutzen und mit der Phantasie des Fressens und Gefressen* 
werdens verbunden sind, hervorhebt. 16 

b) Prägenitale Züge aller Art: man braucht bloß eine Clownnummer in 
einem beliebigen Zirkus anzusehen oder auch der Produktion eines großen 
Clowns — etwa Grocks — beizuwohnen, um zu sehen, daß ein großer Teil 
der Wirkung darin besteht, daß sonst verbotene infantiksexuelle Regungen 
ihren mehr oder weniger verhüllten Ausdruck finden. Je mehr diese eigent* 
lieh gemeinten prägenitalen Regungen durch eine ästhetische Fassade, die 
zur „Lachprämie" verlockt, verdeckt sind, umso eher werden wir solcher 
Groteskkomik den Charakter wirklicher Kunst beimessen. 16 Das anal*sadi* 
stische Element scheint dabei eine besonders große Rolle zu spielen. Zum 
Begriff der Groteskkomik gehört scheinbar der des Sadomasochismus: immer 
wird geprügelt. Man muß bei solchem in der Clownerie verdeckten Sadismus 
an zweierlei denken: erstens an die Tendenz des Clowns, der ja ursprünglich 
„ernst" exhibieren wollte, sich für das ihm zuteil gewordene Verlacht* 
werden insgeheim zu rächen (man denke an die zahlreichen Sagen und Ge* 
schichten, in denen Hofnarren, Zwerge u. dgl., über die man lacht, sich un* 
erwartet schrecklich rächen, etwa an die Geschichte vom Hoppfrosch von 
E. A. Poe); zweitens denkt man mit Recht an eine Regression, die einsetzte, 
weil ein ursprüngliches Verlachtwerden dem Helden das phallische Gebiet 
verleidet hat. Und mit diesem zweiten Punkt kommen wir zur generellen 
Deutung: Es handelt sich um eine Exhibition, bei der in spezifischer Weise 
phallische und prägenitale Züge miteinander vermengt sind. Das ist offenbar 
so aufzufassen: Eine phallische Exhibition, die verdrängt werden muß, ersetzt 
sich durch eine prägenitale Exhibition (die infolge dieser Genese immer noch 
phallische Züge aufweist), die mit Allmachtsphantasien einhergeht: „Ich bin 
zwar klein, Ihr lacht, aber ich bin trotz meiner Kleinheit allmächtig. Ist mein 
Penis zu klein, gut, dann bin ich im ganzen ein Penis, vor dem Ihr schon 
noch Respekt haben sollt!" 

15) Ferenczi: Gulliver*Phantasien. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIII, 1927. 

16) Vgl. Freud: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. Ges. Sehr., Bd. X. 



Die symbolische Gleichung: Mädchen = Phallus 309 

Verwandt ist offenbar die Exhibitionslust des „Wunderkindes". Die vor* 
hin besprochene Patientin, die ihrem Vater den Bären*Talisman schenkte, war 
in ihrer Kindheit als Wunderkind bewundert worden. Das gemeinsame 
Motiv ist die „Größe des Kleinen". Hier fügen sich Clown und Wunderkind 
vollkommen der Tradition der Zwergfiguren ein. Das kleine Kind, das seiner 
Kleinheit wegen sich verachtet, bzw. kastriert fühlt, phantasiert sich im ganzen 
als Penis, um die narzißtische Kränkung auf diese Weise zu kompensieren. 

Zu unserem eigentlichen Thema kommen wir zurück, wenn es uns gelingt, 
den Nachweis zu erbringen, daß solche phallische Figuren wie Clown, 
Wunderkind oder Zwerg häufig in spezifischer Form als „Mädchen" phan* 
rasiert sind. 

Der Patient mit der Vorliebe für Groteskkomik hatte gegenüber Frauen eine 
merkwürdig widerspruchsvolle Einstellung. Entweder er hatte ein Stück Ver* 
achtung für Frauen bereit, die doch gegenüber der Bedeutung der unter Männern 
erörterten geistigen Probleme relativ bedeutungslos seien; oder er trat in frauen* 
rechtlerischer Weise für die Rechte der Frauen ein. Diese beiden Haltungen, die 
einander ablösten (wobei die Motive dieses Wechsels analytisch sehr interessant 
waren), widersprechen zwar einander, haben aber doch ein Gemeinsames: das 
Anderssein der Frau wird beide Male geleugnet, einmal indem man die Frau 
überhaupt zu Verdrängen sucht, dann indem man ihre Eigenart leugnet. Als 
„Frauenrechtler" war der Patient immer bemüht, in exhibitionistischer Weise dar? 
zutun, wie gut er sich auf weibliche Angelegenheiten verstehe, wie wenig die 
Mädchen eigentlich anders seien als er selbst, u. dgl. Auf solche Weise wurde 
seine feminine Identifizierung „Ich bin selbst ein Mädchen" klar, die auch in der 
frauenverachtenden Homosexualität ihren Ausdruck fand, und die ihm in seiner 
frühen Kindheit den Ausweg aus der Kastrationsangst gewiesen hatte: „Um nicht 
zu werden wie die Frauen, tue ich so, als ob ich selbst eine Frau wäre, und tue 
weiter so, als ob die Frauen nicht anders wären als die Männer." 

War bei ihm der Wunsch „Ich möchte mit meinem Penis exhibieren", durch 
Angst vor Blamage, in tieferen Schichten durch Kastrationsangst, gehemmt wor* 
den, so fand sie Ersatz sowohl in der Idee: „Ich will als Groteskkomiker (als 
prägenitaler Phallus)" als auch in der anderen: „Ich will als Mädchen (als fe= 
mininer Phallus) exhibieren". Er phantasierte sich nicht nur als Kabarettkünstler, 
sondern gelegentlich auch als Kabarettsängerin und erinnert damit an jenen von 
Hirschfeld beobachteten Transvestiten, der seine transvestitischen Praktiken 
damit begann, daß er als K u n s t s c h ü t z i n, also als phallische Frau, in einem 
Variete auftrat. 17 — Als ein solcher prägenitaler, bezw. femininer Phallus wollte 
er sich bewundern lassen — in erster Linie gewiß von Männern. In ausgespro* 
chener Weise war bei ihm das Konkurrenzverhältnis zu anderen Männern libi= 
dinisiert: er griff gerne und auf verschiedenste Weise andere Männer an, mußte 
aber von diesen stets irgendwie die Versicherung erhalten, daß sie diesen Angriff 
nicht als solchen ernst nehmen, sondern daß sie ihn „sportlich" auffassen, als 
eine Art Liebesakt, so wie etwa bei kleinen Jungen das um die Wette Urinieren, 
bei dem gleichfalls ein Partner den andern auszustechen sucht, homosexuellen 
Charakter trägt. Alle diese geschilderten Einzelheiten zielten also dahin, einer tie* 
fen Kastrationsangst auszuweichen. Dieser Tendenz war auch die feminine Identi* 



17) Hirschfeld: Die Transvestiten. Berlin, 1910. Fall V. 



^5 Ott° Fenichel 



fizierung unterzuordnen: „Ich bin ein Mädchen, lasse mich als solches heben, 
brauche mich aber nicht zu fürchten." Wie beim zu Beginn erwähnten Tw 
vestiten war also auch hier die phallische Frau, die der Patient agierte selbst im 
ganzen als eine phallische Figur (Groteskkomiker) gedacht, hier Jer konnten 
wir erkennen, daß dieser Phantasie vom „Phallusmadchen die Ktankun 
eines phallischen Exhibitionismus vorausging anläßlich dem- der 
Patien" seine tiefe Kastrationsangst erwarb Für diese Kränkung des Paschen 
Exhibitionismus erhielten wir in der Analyse einige Deckerinnerungen ^ ohne 
daß ihre spezielle Natur historisch sichergestellt werden konnte. Die Phantasie 
vom Phallusmadchen ist ein Ersatz für die aus Kastra tio nsangst geh« ^ PhaL- 
hsche Exhibition, zusammengesetzt aus den beiden Arten der „K ^*"™k"P 
nung": „Ich erhalte mir meinen Penis, indem ich so tue als ob ich schon em 
Mädchen wäre" und „die Mädchen sind ja nicht anders als ich. 

VI. 
Bevor wir zum Schluß über die allgemeine Bedeutung der Figur des 
Phallusmädchens sprechen, möchte ich noch an Hand eines Bruchstuckes 
einer anderen männlichen Analyse noch einen weiteren Zug, der tur diese 
Figur charakteristisch ist, hervorheben. . 

Es handelt sich um einen Mann, der durch eine unglückliche Ehe in mora* 
lisch^masochistischer Weise sich eine Neurose erspart, aber viele seiner Mog* 
liebkeiten und Begabungen unausgenutzt gelassen hatte. Es war «cht schwer 
zu sehen, daß er mit seinem ganzen Leben eine unbekannte Schuld abbüßte. 
Diese, aus seiner infantilen Sexualität stammend, war konzentriert m der 
Scham über eine jahrelange, bis über das zehnte Lebensjahr anhaltende Em* 
resis. Sein (gehemmter) Ehrgeiz wies auf die Stärke seiner Urethralerotik, 
seine exhibitionistische Freude über kleine Leistungen (große versagte er 
sich) hatte den unbewußten Sinn: „Siehe, heute kann ich schon den Top! 
benutzen 1" Das Bewußtwerden seiner Schuldgefühle löste zunächst eine De. 
pression aus, in der der Patient viel zu weinen pflegte. Nach jahrzehntelangem 
Zurückhalten und Augenschließen vor dem eigenen Schicksal war diese Ent* 
Spannung sehr zu begrüßen, und der Analytiker redete dem Patienten wieder. 
holt zu, er möge sich nicht genieren und sich erlauben, einmal so zu weinen, 
wie ihm wirklich zumute war. Mit der Zeit aber wurde deutlich daß der 
Patient begann, mit dieser Aufforderung Mißbrauch zu treiben. Er weinte 
dem Analytiker in masochistischer Weise vor. Was war es mit diesem plotz* 
lieh so reichen Tränenfluß? - Der Patient weinte nun nicht mehr bloß über 
sein Schicksal, sondern wurde sentimental und ließ die Tränen fließen so oft 
er etwas „Rührendes" dachte, so oft von einer „guten" Tat oder dergleichen 
die Rede war. Nun hatte sein moralischer Masochismus viel vom Charakter 
der „Rettungsphantasie". Seine schlechte Ehe führte er seiner armen Frau 
zuliebe, er hatte einen Beruf, in dem er „Armen" „helfen ' konnte, - kurz, 
der „gute" Mann, über dessen „Güte" er weinte, war er selbst. Seme Leite 
Phantasie ging dahin: das arme kleine Aschenputtelkind muß viel leiden 



r 



Die symbolische Gleichung: Mädchen = Phallus 311 

und wird nicht verstanden, aber endlich kommt einer, der es versteht und 
damit zum Weinen erlöst. Träume und Phantasien zeigten dann weiter, daß 
„Verstehen" eigentlich „Streicheln" meinte. Der Patient war als Kind rachi* 
tisch gewesen, hatte viel liegen müssen und zu spüren bekommen, daß er der 
in beschränkten Verhältnissen lebenden Familie eine Last war. Die Neurose 
bestand in Versuchen, die dadurch geweckte Aggression zu verarbeiten, aus 
dem verfolgten Aschenputtel einen erlösenden Christus zu machen. Seine 
Sehnsucht war: „Wenn ich viel leide, kommt doch endlich einer, der mich 
streichelt, und dann muß ich weinen", und er suchte in der Außenwelt 
eine Person, die er so streicheln und weinen lassen wollte, wie es eigentlich 
ihm selbst geschehen sollte. Als wir in der Analyse so weit waren, begann 
er ein neues Verhältnis mit einem armen Mädchen, mit dem er Mitleid hatte, 
und bekam — eine Ejaculatio praecox. Die Analyse dieses neuen Symptoms 
nun brachte uns die Gewißheit für etwas, was wir schon vermutet hatten: 
das Weinen entsprach dem Urinieren. Ein armes Kind, ein armes Mädchen 
sollte gestreichelt werden, bis es einnäßt, was wohltuende Entspannung ist 
und nicht Schuld. Nun war kein Zweifel mehr, wer das arme Kind war, 
dem dieses widerfahren sollte, — und ein Traum sprach es offen aus: der 
eigene Penis. Die urethrale Fixierung des Patienten war eine passiv^phak 
lische: „Ich will am Genitale passiv berührt werden. Man streichle meinen 
armen kleinen Penis, so daß er naß macht und naß machen darf!" Diese 
Episode scheint erzählenswert, weil es wohl typisch ist, daß die Liebe, die 
der Mann dem Phallusmädchen zuwendet, eine passiv*phallische und ure* 
thrale ist. 

VII. 

Bei den phallischen Figuren, die F e r e n c z i in seiner Gulliverarbeit 18 be* 
schrieben hat, entging ihm, daß auffallend viele davon gleichzeitig Mädchen 
darstellen. Er schreibt: „Einer meiner männlichen Patienten erinnert sich, 
in seinen jugendlichen Masturbationsphantasien ein kleines weibliches Phan* 
tasiegeschöpf benutzt zu haben, das er dauernd in der Tasche bei sich trug, 
von Zeit zu Zeit herausnahm und mit ihm spielte." Es handelte sich also 
um den als Mädchen phantasierten Phallus. Gulliver begegnet 
ferner den Riesen d a m e n, die trotz ihrer weiblichen Natur deutliche Züge 
der Erektionssymbolik aufweisen, — und man erinnert sich an die häufigen 
Märchen von Riesenmädchen. Gewiß darf man nicht übersehen, daß Riesen* 
frauen auch die erwachsene Mutter darstellen, der gegenüber sich das 
kleine Kind so klein fühlt; aber gerade Ferenczi selbst führt aus, warum 
in allen diesen Phantasien außerdem der Riese, bzw. Zwerg auch einen Penis 
darstellt. 

Ist man einmal auf die Phantasie vom Phallusmädchen aufmerksam ge# 

18) Ferenczi: Gulliver*Phantasien. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIII, 1927. 



worden, so findet man in der Literatur die mannigfaltigsten Vertreter der.« 
selben. Steff Bornstein machte mich darauf aufmerksam, daß es lohnen 
würde, z. B. die Produktion der Bettina von Arnim und ihr Verhältnis 
zu Goethe daraufhin zu untersuchen. Die Phantasie, in femininer Weise 
einem Großen und Mächtigen hingegeben zu sein, — und zwar so untrennbar 
mit ihm verbunden zu sein, als ob man ein Teil von ihm wäre, zusammen 
mit der Idee, man sei gerade der wichtigste Teil, ohne den der Mächtige 
ohnmächtig wäre, — findet man gewiß auch als charakteristisch für einen 
besonderen Typ des Religiösen. Man denke etwa an die R il k e sehen Verse: 

„Was wirst Du tun, Gott, wenn ich sterbe? 
Ich bin Dein Trank, wenn ich verderbe, 
Bin Dein Gewand und Dein Gewerbe, 
Ich bin Dein Krug; wenn ich zerscherbe, 
Mit mir verlierst Du Deinen Sinn." 

Oder bei Angelus Silesius: 

„Ich bin so groß als Gott: er ist als ich so klein; 
er kann nicht über mich, ich unter ihm nicht sein", 
(und: 

„Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben, 
werd' ich zu nicht, er muß von Not den Geist aufgeben". 

Ein solcher Hinweis auf die von Männern stammende „feminine" Lyrik 
bringt auf den Gedanken, daß auch andere häufig wiederkehrende Phan* 
tasiefiguren mit dem „Phallusmädchen" zusammenhängen mögen. Man 
denke etwa an die in der Literatur in so verschiedenen Varianten auftretende 
Figur des „femininen Soldaten". Man wird allerdings einwenden, daß solche 
mädchenhafte Soldaten oder soldatische Mädchen zwar „die Frau mit dem 
Penis", aber deshalb keineswegs im ganzen selbst einen Penis repräsentieren 
müssen. Man wird in ihnen in erster Linie lediglich Objekte für die latente 
Homosexualität aller Männer zu erblicken haben, über deren Objektwahl 
Freud ja mit Recht geschrieben hat: „Es ist kein Zweifel, daß ein großer 
Teil der männlichen Invertierten den psychischen Charakter der Männlich* 
keit bewahrt haben .... und in seinem Sexualobjekt eigentlich weibliche 
psychische Züge sucht, wäre dies anderes, so bliebe es unverständlich, wozu 
die männlichen Prostituierten, die sich den Invertierten anbieten, .... in 
allen Äußerlichkeiten der Kleidung und Haltung die Weiber kopieren .... 
Das Sexualobjekt ist also .... nicht das gleiche Geschlecht, sondern die 
Vereinigung beider Geschlechtscharaktere, das Kompromiß etwa zwischen 
einer Regung, die nach dem Mann, und einer, die nach dem Weibe verlangt, 
mit der festgehaltenen Bedingung der Männlichkeit des Körpers (der Geni* 
talien)" .... „Wir haben ferner sehr häufig gefunden, daß angeblich In* 
vertierte gegen den Reiz des Weibes keineswegs unempfindlich waren, son* 
dem die durch das Weib hervorgerufene Erregung fortlaufend auf ein mann* 



Die symbolische Gleichung: Mädchen = Phallus 



313 



liches Objekt transponierten." 19 So richtig dies ist, so erklärt es noch nicht 
den Umstand, daß dieser „feminine Soldat" so häufig als „Page" erscheint, 
d. h. als ein zunächst hilfsbedürftiger Kleiner, der einem Großen untrennbar 
und in Treue ergeben ist, um ihm auf magische Weise zu helfen oder Um, 
zu retten. Es ist mit solchen Mädchen« oder Halbmädchen«Figuren nicht 
anders als mit anderen phallischen Symbolen, die, wegen ihrer Kleinheit 
erst verachtet, sich dann später doch als mächtig und als wichtigste Helfer des 
Helden entpuppen, etwa wie die kleinen helfenden Tiere im Märchen oder 
wie die Zwerge. 

Sind die Phallusmädchen infolge ihrer phallischen Natur allmächtig, so 
können sie ihre Allmacht auch mißbrauchen. Die „Vergeltungsangst" 
mancher Väter vor ihren (narzißtisch, als Phallus) geliebten Töchtern gehört 
gewiß hierher. 

Es handelt sich also um eine Phantasie, durch die männlicher und weib« 
lieber Narzißmus, männliche und weibliche Zeigelust mit einander verdichtet 
sind. Bei der Frau wird durch solche Phantasien der Penisneid mit ihrer 
Weiblichkeit, beim Manne der Penisstolz mit seiner Kastrationsangst ver« 
dichtet. 

VIII. 

Endlich sei noch hervorgehoben, daß die Phantasie vom Phallusmädchen 
enge Beziehungen zu zwei bisher noch unverstandenen Formen der Pervers 
sion aufweist. Es wird schon aufgefallen sein, wie viele der bisher mitgeteilten 
Beispiele enge Beziehungen zu masochistischen Phantasien, insbesondere zu 
masochistischen Phantasien von einem bestimmten Typ aufweisen, den man 
als H ö r i g k e i t zu bezeichnen pflegt. Die sexuelle Hörigkeit besteht darin, 
daß die hörige Person sich demjenigen, dem sie hörig ist, untrennbar verbun« 
den fühlt, nichts gegen, ja ohne seinen Willen tun kann, gleichsam ein Stück 
von ihm darstellt. Man denke an den vorhin erwähnten Typus jener Reli« 
giösen, deren Hingabe mit der Phantasie verknüpft ist, daß auch Gott ohne 
sie machtlos wäre. Es wäre noch zu untersuchen, ob nicht auch in allen FäLs 
len von sexueller Hörigkeit diese Phantasie vorhanden ist, daß man nicht 
nur, schwach und hilflos, lediglich zu einem Bestandteil desjenigen geworden 
ist, dem man hörig ist, sondern auch umgekehrt: sein wichtigster Bestand« 
teil; daß der Betreffende nun auch in (magische) Abhängigkeit von dem*» 
jenigen geraten ist, der ihm hörig ist. 

Frances D e r i äußerte die Vermutung, daß dies tatsächlich der pathogno* 
monische Mechanismus der sexuellen Hörigkeit sei, und wir können uns 
dieser Vermutung nur anschließen. 20 

19) Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Ges. Sehr., Bd. V, S. 17 ££. 

20) Josine Müller hat in Beschreibung eines Falles von Hörigkeit schon 1925 ge* 
schrieben: „Sie stellte sich vor, sie sei selbst der Penis dieses erhabenen Vaters, alsoi 

Isein liebster und wichtigster Teil". Siehe: Früher Atheismus und Charakterfehlentwicfc* 
lung. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XI, J.925. 



314 Otto Fenichel: Die symbolische Gleichung: Mädchen = Phallus 



Was man als „Sodomie", als sexuelle Liebe zu Tieren, bezeichnet, ist 
wahrscheinlich von sehr verschiedener Art. Ein Typ davon scheint aber 
nach analytischen Erfahrungen darauf zu beruhen, daß der betreffende 
Mensch auf der Stufe der Partialliebe stehen geblieben ist und in den 
Tieren Penissymbole sieht. Die unbewußten Phantasien des „infantilen To* 
temismus", die einen Menschen mit einer Tierart magisch verknüpfen, 21 ge* 
hen gewiß nicht zur Gänze darauf zurück, daß man das Tier als eigenen Kör* 
perteil, als sich selbst in phallischer Gestalt phantasiert. Es gibt aber 
Formen der Tierliebe, bei denen die Einstellung zu dem geliebten, einen 
Penis repräsentierenden Tier so weitgehend identisch ist mit der Liebe eines 
Mannes zu einem nach dem narzißtischen Typus gewählten geliebten „Kind* 
weib", daß wir diesen Typus der Tierliebe hier einreihen möchten. 

Eine Schlußbemerkung mag möglichen Mißverständnissen zuvorkommen: 
Wo in den Beziehungen zum Penis Introjektions* und Fressensphantasien 
eine besondere Rolle spielen, also überall wo die symbolische Gleichung 
Körper = Penis gilt, beruht diese Beziehung zum Penis auf einer p r ä g e n i* 
talen Vorgeschichte. Auch das Phallusmädchen ist — allgemein gesagt — 
nicht nur ein Penis, sondern außerdem auch Kind, Kot (Mutterleibsinhalt) 
und Milch. Es ist das Introjekt, und zwar eines, das wieder p r o j i* 
ziert wurde. Der Penis ist dabei nur das letzte Glied in der Reihe der» 
Introjekte. Es ging mir darum, zunächst gerade dieses letzte Glied heraus* 
zuheben. 






21) Freud: Die infantile Wiederkehr des Totemismus. In: Totem und Tabu. Ges. 
Sehr., Bd. X. 



Klinischer Beitrag 
zum Verständnis der paranoiden Persönlichkeit 1 

Von 

Annie Reich 

Prag 

I. 

Das klinische Material aus einer Psychosen*Analyse, das ich an dieser 
Stelle mitteilen will, und einige sich daraus ergebende Schlüsse sind nicht so 
sehr geeignet, wesentlich neue Ergebnisse zur Psychosenforschung beizu* 
tragen, als vielmehr die Funde zu bestätigen, die — neben Freud (3) — 
T a u s k (10) und vor allem A b r a h a m (1) über die Paranoia gemacht haben. 
Der Umstand, daß es, zumindest in der deutschen Literatur, außer den en* 
wähnten Publikationen eigentlich nur eine Arbeit von E. B i b r i n g (2) zur 
Paranoiafrage gibt, die geeignet ist, die A b r a h a m sehen Feststellungen mit 
klinischem Material zu unterbauen, läßt mir meine Beobachtungen mitteilens* 
wert erscheinen. 

Abraham greift die Funde von Stärcke (9) und Ophuijsen (8) 
über die Skybalumnatur des Verfolgers wieder auf und meint: „Wenn der 
Paranoiker die libidinöse Beziehung zu seinem Objekt verloren hat, sucht 
er das Objekt durch Wiedereinverleibung eines Teiles des Objektes zu re* 
konstruieren. Für den Paranoiker wird das Liebesobjekt durch den Kot 
repräsentiert. Aber er entgeht dem Ambivalenzkonflikt nicht, und es ist der 
negative Anteil der Ambivalenz, der sich auch gegen das introjizierte Objekt 
richtet, welcher zur Ausstoßung treibt." 

B i b r i n g (2) hat vor einiger Zeit einen Fall publiziert, in dem sich die 
Identität des Verfolgers mit der in die Außenwelt versetzten Vorstellung 
des eigenen Gesäßes nachweisen ließ. In dem von mir untersuchten Fall ist 
es das Skybalum selbst, das die Rolle des Verfolgers übernimmt. 

In den zitierten Fällen stammt das Beweismaterial aus psychiatrischer Be* 
obachtung, in vorliegendem Fall war durch besonders günstige Umstände 
ein analytischer Einblick in Struktur und Genese möglich, der uns sonst 
durch narzißtische Gesperrtheit oder Persönlichkeitszerfall verwehrt ist. 

Es gibt vielleicht noch einen anderen unmittelbaren Zugang in die archai* 
sehe Welt, die in der Psychose zum Ausdruck kommt. Das Kleinkind offen* 
bart sie uns in seinen Spielen und Phantasien, aber in einer uns zunächst 
schwer verständlichen Sprache, die wir erst durch Deutung in die der Er* 
wachsenen übersetzen müssen, wobei die Gefahr besteht, daß uns Über* 
setzungsfehler unterlaufen, d. h. daß wir die uns vertrauten, differenzierten 



i) Vortrag, gehalten in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung am 13. Nov. 1935. 



316 Ännie Reich 



Denkinhalte in die kindlich diffuse Denkwelt hineinprojizieren. Bei der 
Lektüre der Publikationen der englischen Kinderanalytikerschule wird man 
häufig den Eindruck solcher Übersetzungsfehler nicht los. 

Gerade der formale Umstand, daß diese tiefsten archaischen Schichten, 
die wir sonst durch komplizierte Deutungsarbeit aus kümmerlichen, ent* 
stellten Resten zu rekonstruieren gewohnt sind, in meinem Falle offen zutage 
liegen, in klaren Worten ausgesprochen werden, ohne daß man sich auf die 
Verläßlichkeit des Verständnisses und der Übersetzungskunst stützen müßte, 
scheint mir an dem Material wertvoll. Geordnete Ich*Anteile neben ein* 
deutig psychotischen Symptomen, tiefste Ich* und Libidoregression neben 
guter Intelligenz und bereitwilliger Mitarbeit ergeben die merkwürdige Situa* 
tion, daß über Eindrücke, Gedanken und Phantasien des zweiten Lebens* 
jahres mit derselben Bewußtheit und Selbstverständlichkeit gesprochen wird, 
wie sonst über die Abläufe des Vortages. Ich muß natürlich auf allzu große 
Ausführlichkeit verzichten und damit zugleich auf die Möglichkeit, auch nur 
annähernd den Eindruck des Unheimlichen zu vermitteln^ der derartigen 
Äußerungen des Patienten anhaftet. 

Es handelt sich um einen jetzt 20jährigen Schizophrenen, den ich seit 2 Jahren 
analysiere. Im 16. Lebensjahre brach bei ihm nach einem Trauma, einem Hunde* 
biß, ein schizophrener Schub aus, der mit einem furchtbaren Angstanfall im 
Wartesaal des Pasteurinstituts, wo er gegen Lyssa geimpft werden sollte, begann. 
Er hatte damals das Gefühl, daß die „Gestalten" der elenden, armseligen Leute, 
die gleich ihm auf die Impfung warteten, „auf ihn übergingen". Von da ab 
empfand er die eigene Person und auch die Umwelt in schrecklicher Weise ver* 
ändert; die wahnhafte Vorstellung vom „Gestaltannehmen" blieb — bis zu ihrer 
Lösung in der Analyse — sein zentrales Symptom. Es erwies sich eine mehrere 
Monate dauernde Internierung als notwendig. Später beruhigte er sich etwas, 
und Perioden wahnhafter Weltveränderung wurden von solchen normalerer Rea* 
litätsbeziehung abgelöst, in denen er dann geordnet, zugänglich und klar, äbec 
von mannigfaltigen Zwängen und exzessiver Grübelsucht beherrscht war. Nach 
außen hin wurde er allmählich einer weitgehenden Dissimulation fähig. Er konnte 
eine Mittelschule absolvieren und studiert jetzt. Beim ersten Eindruck wirkt er 
als netter, freundlicher Junge, aber nach einiger Zeit merkt man, wie übergroß 
und unnatürlich seine Bereitwilligkeit ist, dem Gesprächspartner zuzustimmen, 
was für leere, übertriebene Hingabe in seinem Lächeln liegt, wie unzugänglich 
und starr er neben aller Freundlichkeit ist. Seine Annäherungen an Menschen 
sind auch nur von kurzer Dauer, er ist fast durchweg isoliert und bleibt allein 
mit seinen Phantasien. Bis vor kurzem gab es überdies immer wieder Perioden 
voll wilder, unbeherrschter Aggressionen. 

Er ist sehr intelligent, aber das hindert keineswegs, daß ihm magische Denk* 
formen gleichzeitig völlig geläufig sind. Etwa: das Telephon klingelt während 
seiner Stunde, worauf er mich anschreit: „Natürlich, das machen Sie absichtlich, 
um mich zu stören!" Dabei weiß er intellektuell genau, daß ich den Anruf Un* 
möglich veranlaßt haben kann, aber diese beiden Überzeugungen haben nichts 
miteinander zu tun, sie stehen in der merkwürdigsten Weise nebeneinander, ohne 
einander zu beeinflussen. 



Klinischer Beitrag zum Verständnis der paranoiden Persönlichkeit 



317 



Seine prägenitalen Triebziele und Ängste sind ihm völlig bewußt und werden 
hemmungslos ausgesprochen. Ihre Unverwirklichbarkeit, ihre Unmöglichkeit, 
ihre Unmenschlichkeit bilden kein Hindernis. Dabei empfindet er diese Vorstel* 
lungen keineswegs als ichferne Phantasien, sondern als selbstverständliche, voll* 
bejahte Realität. Ein paar Beispiele: Er sagt: „Ich möchte einen Menschen in 
kleine Stücke reißen, dann anmachen, das Ganze umrühren und den Brei dann 
aufessen." Oder: „Ich möchte leben wie ein wildes Tier, das überallhin Urin und 
Stuhl machen kann, wohin es will, und mich drin wälzen, wenn es mir Spaß 
macht". „Ich gehe herum zwischen lauter Sachen und Menschen, die ich aufessen 
möchte. Darum bin ich so allein". „Geben Sie mir etwas, geben Sie mir schnell 
etwas, ich muß etwas haben, ich will Ihre Genitalien, Ihre Brust essen! Wie 
komme ich dazu, daß ich garnichts habe und Sie die ganze Sexualität für sich 
allein behalten." Vor den Sommerferien sagt er: „Ich muß Ihnen schnell etwas 
von mir zu essen geben, damit Sie nicht wegfahren. Um geliebt zu werden, 
muß man dem anderen ein Stück aus der eigenen Brust zu essen geben." 

Diese Beispiele dürften genügen, um ein ungefähres Bild der Triebstruktur 
und des Verhaltens des Patienten zu geben. Ich will nun direkt zu der Schilde? 
rung seines zentralen Symptoms, des „Gestaltannehmens", übergehen. 

Zeitweise ist sein Weltbild ein völlig normales, plötzlich aber verwandelt sich 
der Mensch, mit dem er eben spricht, in ein entsetzliches Ungeheuer, etwa: „In 
seinen Gesichtsfalten ist Kot, die Augen quellen ihm aus den Höhlen, er ist mager 
wie ein Skelett, eine Mumie, er ist ganz eine übelriechende Masse". Die Verände* 
rung, die gleichzeitig mit der Person des Kranken vor sich geht, ist genau die 
gleiche. Die Gestalt des furchtbaren Objekts geht auf ihn über: „Ich bin für 
immer geschädigt, ich bin ganz verfault, die Zähne sind ganz verfault, das Ge* 
sieht sieht aus wie rohes Fleisch, wie lauter Narben nach einer Operation, wie 
eine einzige riesige Narbe" usw. Auf den Einwand, daß dies doch alles nicht 
wahr sei, daß er sich doch im Spiegel von der Unrichtigkeit seiner Beobach* 
tungen überzeugen könne, zuckt er bloß mit den Achseln. Er weiß, daß es doch 
so ist. Inhaltlich ist es nicht immer das gleiche, immer aber handelt es sich um 
völlig unkorrigierbare, wahnhafte Beschädigungsgefühle. Er ist kastriert, als 
ganzer ein weibliches, ein männliches Genitale, eine Leiche und zugleich letzten 
Endes immer ein Stück Kot. 

Gegen diese furchtbaren Vorgänge hat er eine Reihe von Abwehrmaßnahmen 
ausgebildet, die seine ganzen Kräfte beanspruchen. Sie beruhen alle auf einem 
magischen Wiedergutmachen der Schädigung. So versucht er, sich krampfhaft 
vorzustellen, daß er besonders groß, gescheit und mächtig sei, oder sich so zu 
fühlen wie irgend ein bewundertes Außenweltsobjekt: er nimmt die Gestalt des 
bewunderten Objektes an. Dem Versuch, mit Anstrengung das eigene Ich zu er* 
höhen, entspricht der adäquate Versuch, die Objekte zu erhöhen, sie heldenhaft, 
genial, vollkommen zu sehen. Der Abwehrcharakter dieser Bemühungen, die Be* 
Ziehung zum Objekt zu desexualisieren, verrät sich aber deutlich darin, daß er 
diesen Zustand nicht lange aufrecht erhalten kann. Nach kurzer Zeit verwandeln 
sich die erhöhten Objekte in die abscheuerregenden Schreckgestalten zurück. So* 
weit die nur sehr umrißhafte Schilderung des Symptoms. 

Welche Umstände sind es nun eigentlich, die die wahnhafte Veränderung der 
Objekte hervorrufen? Wir verstehen: sobald sich bei der Annäherung an ein 
Objekt eine libidinöse Erregung einstellt, versinkt schlagartig die Welt des Er* 
wachsenen, die Realitätsprüfung erlischt, Ich und Trieb regredieren auf eine 
archaische Stufe. Welcher Natur sind nun die Strebungen, deren Auftreten so 



Annie Reich 



verhängnisvoll für den Kranken ist? Es ließen sich in der Analyse mehrere sich 
überdeckende Objektstrebungen nachweisen: Eine abwehrende oraWnal.sadi. 
stische ein T abgewehrte, ebenfalls von prägenitalen Mutterbeziehungen unter, 
baute passfv homosexuelle und, erst in einem sehr späten Stadium der Analyse, 
dne gemtallheterosexuelle, als die am tiefsten verdrängte und von heftigster 
StrSfonsangst bedrohte, die ich aber im folgenden vernachlässigen will, da sie 
erst nach völliger Auflösung des Symptomes des Gestaltannehmens greifbar 

W Dk homosexuellen Phantasien konnten in der Analyse erst nach Behebung 
schwerster Widerstände, die sich als wilde Aggressionen äußerten, aufgedeckt 
werden Der Verkehr mit dem Vater wurde ursprünglich genital, als Berührung 
le ■ bSden Phalli phantasiert, wobei der schwächere Phallus des Knabe* .durch 
äen des Vaters zerstört wurde; oder auch anal, wobei die Kotstange als Phallus 
des Vaters in den Patienten eindrang und ihm eine furchtbare blutende Wunde 
beibrachte. Um der Kastration zu entgehen, wurde der Wunsch nach passiver 
Hingabe in stark sadistisch gefärbte Einverleibungstendenzen umgewandelt. Der 
SS des Vaters, resp. der Penis des Vaters sollte gefressen und vernichtet werden. 
Diese oraksadistischen und koprophagen Wünsche beherrschten das manifeste 
Krankheitsbild vor und zu Beginn der Analyse. Ich habe schon vorhin e ne 
Probe der offen kannibalischen und koprophagen Phantasien des Patienten 

^MiTdieser regressiven Erniedrigung des Triebzieles ist ein Libidoabzug vom 
Realobjekt und eine Ichregression verbunden die dann erst die Gleichseteung 
des Organs des Objektes mit dem ganzen Objekt ermöglicht, die die Essenz der 
Phantasie vom schrecklich veränderten Objekt oder, wie der Patient es nennt 
vom „Mann aus Stuhl" ausmacht. Die Schreckgestalt ist der Vater, der aber die 
charakteristischen Eigenschaften des Skybalums aufweist. 

Abraham (1) hat uns verstehen gelehrt, auf welchem Wege diese Gleich, 
settung, ja Verschmelzung von Objekt und Körperteil vor sich geht, namheh 
durch eine Introjektion des ersehnten Organs an Stelle des verlorenen Objekts 
und eine Repojektion des Projekts in die Außenwelt. Diesen merkwürdigen 
Vorgang der Körperpassage des Objekts erlebt der Patient mit erstaunlicher Be* 
St Im Augenblick, In dem er ein Objekt libidinös besetzt verwandelt £ 
das Objekt in das Gespenst. Dieses Gespenst ist aber nicht im Augenblicke ent. 
standen sondern ist das Endergebnis eines komplizierten Ablaufs, es hat ge, 
dermaßen schon eine Vorgeschichte, derer i- Schlußkapitel voi .uns hintritt 
Nur ein Beispiel aus der Fülle des Materials: Einmal kommt der Kranke außer, 
ordentlich aufgeregt in die Stunde und berichtet: „Ich bin für immer geschadigt, 
wetfLh heute'gezwungen war, längere Zeit mit meiner Großmam, jzt , spreche^ 
Sie ist ein abgezehrtes Skelett, ein Gespenst, die Gedärme hangen ihr heraus. Ich 
wollte nicht mit ihr reden, aber ich mußte mich zu h ^*^ 1 ™*™ 
zwingen Es ist wie wenn ich sie essen müßte, noch einen Löffel für die Mama, 
fernen Lö fei fü^den Papa, noch einen für die Großmama. Ich hatte .immer 
Ekel vor allem Essen, vor Brei und solchen Dingen. Die darf ! mar i doch .nicht 
essen; genau so ist es, wenn man mit der Großmama reden muß. Ganz plötzlich 
schlägt es um, und dann muß ich sie fressen, und dann rede ich ge jn mitxhr und 
dann habe ich die Großmama in mir, und dann werde ich die Großmama Da bin 
ich ebenso gräßlich wie sie, dann sehen mich alle Menschen so an ^ch früher 
die Großmama. Aber dann muß ich mich wehren, das Ekelhafte wieder heraus, 
drängen, sie in mir bekämpfen". 



Klinischer Beitrag zum Verstänidnis der paranoiden Persönlichkeit 319 






Der Mechanismus, mit Hilfe dessen das Introjekt wieder aus dem Körper 
hinausgedrängt wird, ist ebenfalls somatisch vorgeschrieben. Oral wird es ein* 
verleibt, anal wird es ausgestoßen; dann aber wird die Stuhlstange wieder 
lebendig und bekommt die Züge des eben verzehrten Objektes, aber in ver* 
zerrter, häßlicher Form. 

Der Kranke trägt also selbst Schuld daran, daß die Objekte so entsetzlich ver* 
ändert, verstümmelt, in Stuhl verwandelt sind. Erst frißt er sie auf und zerkaut 
sie, aber sie „rumoren in seinem Leibe", wie er das einmal ausdrückte; sie „be* 
drohen ihn von innen", sie „infizieren ihn mit ihren eigenen Defekten", er nimmt 
die Gestalt der Objekte an. Diesen Zustand, in dem er sich verändert und für 
immer geschädigt fühlt, erlebt er mit außerordentlicher Unlust. Darum will er 
die Objekte aus seinem Leibe wieder entfernen, die Gestalt der Objekte wieder 
loswerden. Es ist also, wie Abraham sagt, die negative Seite der Ambivalenz, 
die die neuerliche Ausstoßung des Objektes und damit die Projektion provoziert. 
Die wiederausgestoßenen Objekte sind zu Kot geworden, zu einer eitrigen, übel* 
riechenden Masse. Überdies aber sind sie verstümmelt, ihre Gliedmaßen fehlen 
oder sind an falschen Stellen angesetzt, ihr Gesicht ist unförmig. Diesen Vorstel* 
Iungen liegt die Phantasie zugrunde, daß die Objekte durch Zerkauen in kleine 
Teile zerrissen worden sind, deren richtiges Zusammensetzen nicht wieder gelingt. 
Die Unförmigkeit des Stuhlmanns entspricht der Unförmigkeit des Bissens 2 . 

So wie die Großmutter erregen alle kranken oder irgendwie häßlichen Men* 
sehen den Patienten sexuell. Ihre Defekte ins Riesengroße übertreibend, empfindet 
er sich selbst als den Urheber ihrer Körperschäden. Alle diese Menschen haben 
seinen Körper durchwandert, sind seine Produkte, sind entstanden durch die 
Verschmelzung des Außenweltobjektes mit der projizierten Vorstellung des 
eigenen Kots. Aber die durch ihn verkrüppelten Objekte bedrohen ihn nun mit 
Rache, sie verfolgen ihn, sie wollen ihm dasselbe antun, was er ihnen angetan 
hat, sie wollen ihn ermorden, ihn auffressen, ihn selbst in Kot verwandeln. 

Die Angst vor der Rache der mißhandelten Objekte zwingt ihn nun zu einer 
neuerlichen Einverleibung der schon veränderten Objekte; damit geht die Ge* 
stalt des geschädigten Objektes neuerdings auf ihn über, und die Strafe ist ein* 
getreten. Das erzwingt neuerliche Projektion, und so geht der Kreislauf ins 
Unendliche weiter. Dieser Prozeß hat aber gleichzeitig noch eine zweite Seite : 
er trägt gleichzeitig einen Straf* und Befriedigungscharakter. Der Kot repräsen* 
tiert für den Kranken das einverleibte Objekt. Die Sensation, die er beim Durch* 
tritt der Kotstange empfindet, ist für ihn höchst lustvoll, und er glaubt sie durch 
das Objekt verursacht. Nach der Ausstoßung des Kotes und der dadurch er* 
folgten Trennung vom Objekt ist das Ziel seiner sexuellen Sehnsucht, sich mit 
dem Kotverfolger anal oder auch oral zu vereinigen, ihn wieder in sich aufzu* 
nehmen, so wie er den Phallus des Vaters anal in sich aufnehmen wollte. Aus 
Abwehr wird nun Liebe in Abscheu, sexuelle Sehnsucht in das Gefühl des Ver* 
folgtwerdens verwandelt. Die schließlich doch eintretende Überwältigung, das ist 
die Wiedervereinigung mit dem Verfolger, wird als etwas Schreckliches ge* 
fürchtet und dennoch immer wieder vollzogen. 

Entsprechend der Tiefe der Regression des Kranken sind seine Triebziele po* 

2) Die Genese solcher Zerstücklungsvorstellungen durch Kauen hat M a 1 c o v e (6) in 
einem Aufsatz besonders hervorgehoben. Nach der Auffassung verschiedener englischer 
Autoren sind sie das Hauptmotiv, das zu den verschiedenartigsten Wiederherstellungs* 
bemühungen treibt. 



— " Annie Reich 



selb»,» Koi JTf^JÄÄ^Ä »id». ,u 

a^rÄÄSÄ*— von Ich u»d 
Objekt scharfe Grenzen ziehen ließen. tw«,«« eine 

vernichten und wieder zu gewinnen trachtet. 



II. 



Nun scheint es an der Zeit, einiges aus der infantilen Vorgeschxchte na h 

zusagen Dabei werde ich mich auf das Nötigste beschranken und nur ^ 
viel wie zum Verständnis unbedingt erforderlich ist, berichten. 

mmämumi 

™££C^ de. Aussen b-». ^^j^ 
Trauma zusammen, das ihn getroffen hatte. ! eine ^«^™^ « 
noch der Objektverlust hinzukam. Jedenfal s blieb die Mutter die or 



Klinischer Beitrag zum Verständnis der paranoiden Persönlichkeit 



321 



ebenfalls nie verdrängte Ängste, selbst gefressen zu werden, zu rationalisieren 
geeignet war. 

Eine strenge Reinlichkeitserziehung legte etwas später Grund zu der analen 
Fixierung des Kranken. Strenge Strafen für Einkoten erzeugten eine sehr heftige 
Obstipation, die von seiner Erzieherin durch übermäßig häufige Klysmen be* 
kämpft wurde, auf die er mit großer Angst vor Zerplatzen reagierte. 

Eine Tonsillektomie mit Narkose an dem Dreieinhalb jährigen, bei der ihm die 
Mandeln, also etwas „Eßbares", „aus dem Leibe gerissen" wurden, brachte die nun* 
mehr auch auf das Genitale bezogene Angst zu einem Kulminationspunkt. Diese 
Ausdehnung auf das Genitale hing wohl vorwiegend mit dem dem Alter gemäßen 
physiologischen Stärkerwerden der genitalen Erregbarkeit zusammen; es traten 
damals genitale Sensationen und wahrscheinlich auch Onanie mit heterosexuellen 
Phantasien auf, anderseits aber auch mit dem Anblick des weiblichen Genitales, 
das er, damals schon von der Angst vor dem Ausrinnen des Stuhls bedroht, als 
eine anale Wunde auffaßte, durch die die Frau ihr Blut und ihren Stuhl verliert. 

In dieser Zeit, in der das Kind sich also trotz aller Angst im Beginn einer po* 
sitiven Ödipusbeziehung befand, trat eine bedeutsame Änderung in der Objekt* 
umweit des Kindes ein. Der Vater des Knaben, der bis dahin im Kriege gewesen 
war, kehrte zurück, und das Kind wandte sich ihm in voller Liebesbereitschaft zu. 
Aber durch seine schweren genitalen und prägenitalen Ängste gehemmt, brachte 
es eine männliche Identifizierung mit dem Vater nicht zustande, sondern kon* 
kurrierte passiv mit der Mutter um die Liebe des Vaters. In diese Zeit fiel nun als 
entscheidendes Fixierungserlebnis die Belauschung einer Urszene, die es anal* 
und oral*sadistisch auffaßte. Der Vater reißt das phantasierte Glied der Mutter 
weg, frißt es auf, bohrt mit seinem Penis ein Loch in die Mutter und macht ihr 
die anale Wunde., die das Kind mit Entsetzen schon früher zu beobachten Ge* 
legenheit hatte. Der Kot tritt nun aus, bedeckt den Körper der Mutter, der da* 
durch ganz in Kot verwandelt und vom Vater gefressen wird. 

Hingabe an den Vater war also furchtbar gefährlich, sie bedeutete Kastration, 
In*Stuhl*verwandelt*, Gefressen*werden. 

Unter dem Eindruck dieses Erlebnisses kam es zu abundanter prägenitaler Be* 
tätigung, und zwar zu wiederholten koprophagen Akten und zu einer merkwür* 
digen analen Onanie, bei der das Glied mit Kot eingerieben und dadurch in eine 
Kotstange verwandelt wurde. Der eigene Kot wurde so zum Ersatz für den Kot 
des Vaters, den der Pat. sich als etwas Kostbares einverleibte. Er übernahm so die 
Kraft des Vaters und vereinigte sich mit ihm auf einem regressiv ungefährlichen 
Weg 3 . Aber diese sexuelle Betätigung wurde durch ein Verbot des geliebten Kin* 
derfräuleins zerstört: Kot sei giftig, das Glied würde verfaulen und er selbst 
krank werden. 

Er gab nun die Onanie auf und reagierte darauf mit folgendem Angsttraum: 
Er liegt im Bett und defäziett ins Bett, nimmt dann den Kot in die Hand, um 
ihn zu essen. In diesem Augenblick verwandelt sich der Kot in einen entsetzlichen 
Mann, dessen Leib ganz aus Kot besteht; die Gliedmaßen fehlen, es ist nur ein 
Rumpf, ein Kopf mit einem Zylinder drauf, aus der Mitte der Brust wächst ein 
Bein. Es geschieht etwas Schreckliches. 

Nach dem Traum setzte heftige Angst vor dem eigenen Kote ein, der wie im 
Traum lebendig wurde und sich in einen furchtbaren Verfolger verwandelte. Die 

3) Nunberg hat in seinem Aufsatz „Homosexualität, Magie und Aggression" (diese 
Ztschr., dieser Jahrg., H. 1) vor kurzem auf die Genese einer bestimmten Form der Homose* 
Qualität aus Einverleibungstendenzeh hingewiesen. 

Lit 7.e ; tsc' r r i'sVLhoc.n^ive, XXII ." 21 



Defäkation wurde zu einem feindlichen Akt gegen den Mann aus Stuhl wie ,*r 
das Gespenst nannte. Durch das Schließen des Afters während der Defakation 
köpfte er den Stuhlmann, das Hinunterspülen bedeutete die Vernichtung des 
Gegners, dessen furchtbare Rache das Kind nun fürchtete. 

Die Angst erstreckte sich nun auch auf das Genitale, das in Gleichsetzung mit 
dem Kot ebenfalls als ein selbständiges Lebewesen aufgefaßt wurde, als nicht 
zum Ich gehörig, als ein Genitalmann, der sich jederzeit vom Korper losen 
konnte. Der Mann aus Stuhl wies übrigens auch deutliche Eigenschaften des Ge* 
nitale auf: Keine Gliedmaßen, einen Zylinder auf dem Kopf, aus der Brust ein 

einziges Bein. , , , , , 

Der Zustand des Kindes verschlechterte sich von da ab mehr und mehr, vor 
allem nachts, aber auch tagsüber war es von schweren Gespensterhalluzmationen 
geplagt, die durch viele Monate anhielten. Der getötete Stuhlmann kam als Ge* 
spenst wieder und bedrohte das Kind. 

Allmählich heilte diese kindliche Psychose aus, aber unter Zurucklassung von 
schweren Defekten. Die Objektbeziehungen blieben gestört, die Spiel* und Lern* 
fähigkeit weitgehend herabgesetzt, die Überschuldung beeinträchtigt. Die Ver* 
drängungen blieben unzulänglich; prägenitale Triebdurchbrüche waren nichts 
seltenes. Dazu kamen noch starke Gegensätze in der Erziehung: einerseits strenge 
Anforderungen des Vaters, anderseits weitgehende Gewährungen, ja Veriuh* 
rungen von selten der Mutter in der Vorpubertät und Pubertät. Nach einem auf* 
reibenden Onanieabgewöhnungskampf in der Pubertät brach die Psychose m 
derselben Form wie in der Kindheit wieder aus: der gespenstische Verfolger der 
Erwachsenheit ist identisch mit dem „Mann aus Stuhl" der Kindheit; die Mecha* 
nismen der Kinderpsychose sind dieselben wie die eben ausfuhrlich für die Er* 
wachsenheit geschilderten. 

III. 
Die psychotischen Schübe in Kindheit und Pubertät haben dieselbe 
Struktur. Beide Male erzwingt heftigste Kastrationsangst Regression zu anal* 
passiver Vaterbindung. Hier kommt aber der regressive Prozeß nicht zum 
Stillstand, sondern es folgt ein weiteres Abgleiten in archaische, anal* 
und oral*sadistische Phasen. Diese Regression ist eine sehr umfassende, Ich 
und Trieb werden gleichzeitig und sehr weitgehend von ihr betroffen. Die 
Folgen einer so tiefen Regression sind furchtbar. Zusammen mit den später 
zu besprechenden Selbstheilungsbemühungen ergeben sie hier den Zustand, 
den wir als Psychose bezeichnen. Dabei ist die Realität nicht völlig verloren 
gegangen, die Objektbeziehungen sind nicht völlig aufgegeben, sondern nur 
entsprechend der Regression auf Einverleibungsziele vorwiegend objektzer* 
störend — und damit ist zugleich die Realität eine andere, erschreckende, unbe* 
wältigbare geworden. Die Welt besteht nur aus Freßbarem oder Fressendem. 
Die Grenzen zwischen Ich und Außenwelt sind fließend. Das Schreckliche 
im eigenen Innern droht plötzlich von außen. Die furchtbaren Eigen* 
schaffen des Objekts werden am eigenen Körper wahrgenommen. Das 
Talion herrscht: Aug' um Aug', Zahn um Zahn. Keine Vernunft, keine 
Einsicht in Kausalzusammenhänge, kein Schutz eines zärtlichen Objekts kann 
dem Kranken helfen, diese furchtbare Welt zu bewältigen. 



Klinischer Beitrag zum Verständnis der paranoiden Persönlichkeit 323 

Aber auch das primitive Ich ergibt sich nicht wehrlos. Auch hier handelt 
es sich nicht einfach um ein Überschwemmtwerden des Ichs durch das Es, 
sondern das Ich nimmt mit primitiven Mitteln den Abwehrkampf auf und 
versucht durch Triebabwehr der Angst zu entgehen. 

Aber das primitive Ich hat nur primitive Abwehrmittel zur Verfügung, 
diese primitiven Abwehrformen lassen ihre Abstammung aus dem Es noch 
deutlich erkennen. Hat doch die Regression in Zeiten geführt, in denen die 
Trennung von Ich und Es noch nicht völlig vollzogen war. 

Diese verschiedenen Formen von Abwehr komplizieren natürlich das Bild; 
anderseits lassen sich an ihnen die Eigenheiten eines so primitiven Ichs be* 
sonders deutlich studieren, und darum möchte ich einige derartige Mecha* 
nismen noch einmal ausführlicher behandeln. 

Die Ausgangssituation des ganzen Prozesses ist die Angst vor den ReaL* 
objekten, die dann in umgewandelter Form als Angst vor dem Verfolger 
wieder auftritt. Dieser Angst entgeht der Kranke, wenn er die Objekte intro* 
jiziert; das Gestaltannehmen dient also der Angstabwehr. Wenn er die Ge* 
stalt angenommen hat, ist er ebenso schrecklich wie das Objekt geworden und 
braucht keine Angst mehr zu empfinden. Anna Freud hat vor einiger Zeit 
diesen Mechanismus als Identifizierung mit dem Angreifer beschrieben. Auch 
aus der Magie der Primitiven ist uns Ähnliches bekannt. 

Die Unlust der hypochondrischen Sensationen, die der Patient empfindet, 
wenn die Gestalt des Objekts auf ihn übergegangen ist, besagt, daß die Schä* 
digung schon eingetreten, die Kastration schon erfolgt ist, was leichter ertrag* 
lieh scheint als die Angst vor der noch drohenden Kastration. Die Kastrat 
tionsangst wird durch die vollzogene Kastration selbst bekämpft. 

Mehr noch: wenn er die Gestalt angenommen hat, hat das Objekt in der 
Außenwelt zu existieren aufgehört, die Objektwelt ist untergegangen, der 
Kranke weitgehend narzißtisch regrediert. Und in diesen narzißtischen Zu* 
ständen versucht der Kranke zu verharren, in denen, wie er sich ausdrückt, 
„schon alles festgeronnen ist". Diese narzißtisch*hypochondrische Einstel* 
lung bildet seine Grundstimmung, die von wahnhaften Schüben zeitweise 
unterbrochen wird. Dabei sind die hypochondrischen Gefühle gewöhnlich 
in gewissermaßen abortiver Form vorhanden, es heißt nun: „Ich bin für 
immer geschädigt". Das gesamte libidinöse Interesse des Kranken ist nun 
darauf gerichtet, die Schädigung wieder gutzumachen. Diese Wiedergut* 
machungsbemühungen beherrschen das manifeste Krankheitsbild. Ihr eigent* 
liches Ziel ist die Herstellung eines Allmachtsgefühls. 

Narzißtische Zustände bei Psychotikern tragen sehr oft megalomanen, 
höchst lustvollen Charakter. Voraussetzung dafür ist aber, daß die wieder ins 
Ich zurückgezogene Objektlibido zur Steigerung des primären Narzißmus 
verwendet wird. In unserem Fall kommt es nicht zu einer solchen Verschmel* 
zung, sondern es setzt sich der Konflikt zwischen Ich und Objekt intra* 



psychisch fort, was sich als hypochondrische Unlust äußert. Der Konflikt 
zwischen Ich und Objekt wiederholt sich im Konflikt zwischen Ich und 
Übersieh. Daß die Verwandlung in Kot als so unerträglich empfunden wird, 
entspricht auch der von der Erziehung erzwungenen Ablehnung der Ana* 
lität Auch Stärcke (?) hat das Umschlagen des Libidovorzeichens in der 
Paranoia als die Wirkung der von der Umwelt erzwungenen negativen Hai* 
tung zum Analen angesehen. Es gibt bei unserem Patienten kurze Perioden, 
in denen, anscheinend unter der Wirkung von heftigen sexuellen Erregungen, 
das Ich völlig vom Trieb überschwemmt wird, wobei es zu hemmungslosen 
autoerotischen Durchbrüchen kommt und er konfliktfrei anale infantile 
Größengefühle genießt. So schreibt er etwa an einem Sonntag, an dem er 
keine Stunde hat, einen Expreßbrief, in dem nichts steht als folgendes: 
„Muß man nicht ein Genie sein, wenn man so große Stuhlstücke machen 

kann, wie ich?" , 

Aber solche Zustände dauern nicht an. Dazu ist die Angst vor den ver- 
gütenden Objekten zu groß und auch das Übersieh des Patienten zu stark. 
Statt derartiger analer Größenideen wird Kleinheitswahn erlebt, statt zu auto* 
erotischen Durchbrüchen kommt es zu organlibidinösen Stauungen, die als 
körperliche Veränderung empfunden werden. ,.,.,... w 

T a u s k (10) hat für die verschiedenen Grade dieser organlibidinösen Ver» 
änderungsgefühle eine Reihe aufgestellt: bloßes Veränderungsgefühl; bei wei* 
terer Steigerung Entfremdungsgefühl, das gestaute Organ wird aus Abwehr 
nicht mehr wahrgenommen. Schließlich zwingt die unerträgliche Stauung 
zu Projektion, wobei wieder zwei Stufen zu unterscheiden sind: erstens — 
die Organgefühle werden von einem Außenweltsobjekt gemacht; zweitens — 
das ganze kranke Organ wird nach außen projiziert und als Beeinflussung!* 
apparat wahrgenommen. Oder, wie es Bibring allgemeiner ausdruckt es 
kommt zur Projektion der unerträglich gestauten erogenen Zonen und ihrer 
Verschmelzung mit dem erregenden Objekt, in unserem Falle zur Projektion 
der Kotstange und zur Bildung des Mannes aus Stuhl. 

B i b r i n g (2) vermeint in diese Reihe noch eine Zwischenstufe einschieben 
zu müssen, nämlich den Organ*Größenwahn, dem er den Platz vor der 
Entfremdung zuweist. Die Entstehung dieses Organ*Größenwahns kann man 
in unserem Fall in statu nascendi beobachten. Lange Zeit bemüht sich der 
Kranke, gewisse Körperteile zu „veredeln". So bemüht er sich, den Hinter* 
köpf zu wölben", „das Gehirn zu vergrößern", „die Stirn in die Hohe zu 
ziehen" usw. Es handelt sich hier zweifellos um die Ausdeutung von Kor* 
persensationen, die auf der Stauung von narzißtischer Organlibido beruhen, 
in einem ichgerechten Sinn, also um die aktive, gewollte Erzeugung von 
Organ*Größengefühlen. Die Analyse der psychischen Inhalte dieses Organ* 
Größenwahns führt zurück zu den prägenitalen Ängsten, die mit der narzißti* 
sehen Ich* und Triebregression aktiviert worden waren. Die Kastrationsangst 



Klinischer Beitrag zum Verständnis der paranoiden Persönlichkeit 325 



war unterbaut von einer ganz ungeheuren Angst vor Verlust von Körper* 
inhalt. Verlassen*, Zerstört*, Getötet*, Kastriertsein, Ausgeronnensein, zu 
wenig Nahrung haben — all diese Ängste waren zusammengefaßt in die 
Vorstellung: zu Kot geworden sein. Kot war das Zerstörte, Formlose, Gif* 
tige. Die entscheidende Kastrationsdrohung der Kindheit hatte gelautet: Kot 
darf mit dem Genitale nicht in Berührung kommen, sonst fault das Ge* 
nitale ab. 

Anderseits war es gleichzeitig ein wichtiges Triebziel gewesen, sich den 
Kot und damit das verlorene Objekt und die verlorene Körpersubstanz wie* 
der einzuverleiben. So kam es zu wiederholten koprophagen Akten und der 
merkwürdigen analen Onanie. Das Einreiben des Genitales mit Kot war ein 
abgeschwächter Ersatz des Kotessens. Lewin (5) hat auf die ursprüngliche 
orale Bedeutung des Kotschmierens als einer perkutanen Einverleibung hin* 
gewiesen. Dabei stand das Genitale für den ganzen Körper. 

Der Versuch, den Objekt* und den Substanzverlust durch Koprophagie 
zu überwinden, ist aber unzulänglich, denn Kot ist ja gerade das Gefürch* 
tete, das Giftige. Die Wiederherstellungsversuche sind also erst dann ge* 
hingen, wenn sie sich durch eine besondere Ausschaltung und Abwehr des 
Analen und Betonung des Genitalen auszeichnen. Die Organe werden ver* 
eHelt, vergrößert, verschönert. 

Großes Gehirn heißt also in Verschiebung von unten nach oben: das 
Genitale besteht nicht aus Kot, sondern ist schön und unversehrt. Damit ist 
die wichtigste Über*Ich*Forderung erfüllt und zugleich der orale Verlust 
wieder gutgemacht; es besteht kein Anlaß mehr zur Angst. Der Konflikt mit 
dem Objekt, das die orale Versagung setzte und die anale Drohung aus* 
sprach, ist behoben. Ich und Über*Ich, Ich und Objekt sind ausgesöhnt, und 
damit ist eine halluzinierte Befriedigung der zentralen Es*Strebungen, der 
Einverleibungstendenzen, eingetreten. 

Eine einzige Körpersensation wird also zum Ausdruck der Lösung einer 
ganzen Reihe von Konflikten, die sich ursprünglich zwischen Ich und Objekt 
abgespielt hatten und nun im Ich ablaufen. Die Fülle der Konfliktlösungen, 
die im Organgefühl erlebt wird, scheint die Ausdeutung der Sensation als 
Größengefühl verständlich zu machen. 

Die Körperveredelung ist übrigens nur eine von vielen Formen der Wie* 
dergurmachung. Alle haben sie, entsprechend der Ich*Regression, magischen 
Charakter. Die Intaktheit wird wieder hergestellt, durch Einverleibung er* 
lesener Speisen, durch Retention von Stuhl, durch den Besitz penisartiger 
Gegenstände usw. Die meisten dieser Mechanismen beruhen auf der ar* 
chaischen Vorstellung, man sei, was man esse; dieselbe Vorstellung aufs Gei* 
stige übertragen: was man denkt, das ist man. Daher versucht der Kranke, 
erhabene Gedanken in sich zu pflegen, sich als Genie zu fühlen, ununter* 
brechen zu denken usw. Die gute Intelligenzentwicklung des Patienten 



326 Annie Reich 



stammt aus diesen Quellen. Es handelt sich also, wie wir sehen, sowohl um 
psychische wie um materielle Dinge. Eigentlich aber gibt es für den Patienten 
nur Gegenständliches; Gedanken, Worte, Geräusche, Bilder, all das sind 
für ihn Dinge. Wenn er ein Geräusch hört, wovor er wegen der Verknüpfung 
mit der Urszene besondere Angst hat, dringen scharfe Gegenstände in ihn 
ein. Wenn man zu ihm redet, gibt man ihm Worte zu essen. Wenn er redet, 
beschenkt er einen mit seinen Worten. Wenn er viel liest, wird sein Kopf 

voll usw. 

Die merkwürdigste Substanz aber, und damit kehre ich zum Organ* 
Größenwahn zurück, ist die Libido. Auch die libidinöse Erregung wird als 
Substanz im Körper wahrgenommen. Wenn er „den Hinterkopf wölbt , so 
entspricht das einem Gefühl der Fülle im Kopf. Wenn er sexuell erregt ist, 
spürt er die Erregung als einen kostbaren Stoff in seinem Körper. Mit seinen 
Worten: „Ich war immer so müde, das kam daher, weil der ganze Körper 
in Anspannung war, diese Anspannung wollte ich haben, sie sollte nicht 
aufs Genitale gehen, denn von dort könnte sie weggehen, mit dem Samen? 
erguß könnte sie ausrinnen, könnte die ganze Sexualität verloren gehen. Ich 
habe mich immer krampfhaft bemüht, die Sexualität zu steigern und sie in 
Schwebe zu halten. Das war so anstrengend, daß ich mich ganz von der 
Außenwelt zurückziehen mußte." _ 

Er spürt also die Erregung in seinem Körper als einen kostbaren Besitz, 
der aber ständig bedroht ist. Darum möchte er die Sexualität, wie er sich 
ausdrückt, sicher aufgehoben haben, so wie er es liebt, vier Füllfedern zu 
Hause im Schrank zu haben, für den Fall, daß er eine verliere. Ebenso 
möchte er „seine Sexualität" bei einem Außenweltsobjekt haben, um sie 

zu sichern. . ., ' 

Das Gefühl, die Erregung sei etwas Substantielles, schemt mir zunächst 
der sprachliche Ausdruck für eine schon eingetretene oder drohende Ent* 
fremdung der Organe. Das entfremdete Organ geht dem Patienten ver* 
loren, genau so wie Kot, Penis, Körperinhalt verloren gehen können. Das 
krampfhafte Festhalten an dem Organ*Größengefühl soll einen Schutz gegen 
die Entfremdung darstellen. Aber vermutlich zwingt hier wie in dem von 
Tau sk beschriebenen Fall (10) eine zu große Steigerung der Stauung eben* 
falls zur Projektion. Der Patient beschreibt diesen Vorgang mit folgenden 
Worten: „Ich werfe meine Erregung auf jemanden, ich erhöhe jemand andern 
mit meiner Sexualität, dann ist sie sicher, dann kann nichts geschehen. Eine 
Frau, ein Film, ein Lehrer, das erscheint mir dann alles so wunderbar, so 
märchenhaft, so herrlich, wie Messing glänzend, wie Gott selbst." Das 
Größengefühl, das er bei sich zu erzeugen und, wie wir sehen werden, veiy 
geblich festzuhalten versucht, wird also auf ein Objekt projiziert. Wir haben 
verstanden, daß die ersehnte Größe inhaltlich bedeutet: nicht aus Kot sein,, 
ganz unversehrtes Genitale sein, d. i. Überleb, sein. Durch die Projektion der 



Klinischer Beitrag zum Verständnis der paranoiden Persönlichkeit 327 

Libido verwandelt sich das Objekt in dieses ersehnte Genitale. Das Objekt 
wird groß und begehrenswert, während er selbst verarmt. „In mir und um 
mich herum ist alles finster. Aber draußen, weit draußen, ist alles Licht. Ich' 
bin wie ein armer Betder, meine Reichtümer, meine Erregung, mein Glied, 
das ist alles draußen. Ich bin leer." 

Die Parallelität dieses Projektionsprozesses mit dem zuerst geschilderten, 
mit der Verwandlung der Objekte in schreckliche Gespenster ist evident. So 
wie der Kleinheitswahn das Negativ des Größenwahns ist, sind die erhöhten 
Objekte gewissermaßen Verfolger mit umgekehrten Vorzeichen. Während 
die Ausstoßung des Stuhlmannes unentstellt als Defäkation und zugleich 
als feindseliger Akt erlebt wird, ist hier die somatische Natur des Projektions* 
Vorganges nicht mehr deutlich, sondern wird entstellt, entkörperlicht als eine 
Erhöhung, Beschenkung der Objekte empfunden. Hier wird Kot als Pro* 
dukt sadistischer Vernichtung und zugleich als die haupt*erogene Zone pro* 
jiziert, dort das zum Übersieh erhobene, unversehrte Genitale. Hier ist die 
grobsexuelle Natur der Verfolger deutlich, die schrecklichen Objekte sind 
zugleich die sexuell reizenden. An den gewaltsam erhöhten Objekten aber 
hängt der Kranke mit desexualisierter höriger Bewunderung. Von diesen Ob* 
jekten will er geliebt werden, und darum bemüht er sich in der für ihn 
charakteristischen Weise. Er bemüht sich, die Gestalt der erhöhten Objekte 
anzunehmen, so zu werden wie sie. Er ist ihnen hörig, er versucht, ihre Gei* 
danken zu denken, ihre Worte zu sprechen, was aber nur als ein leeres Nach* 
plappern gelingt. Vor allem aber klammert er sich an die Phantasie von diesen 
erhöhten Objekten; er will keinen Augenblick an etwas anderes denken, da* 
mit die Gestalt des Objektes nicht verloren gehe. 

Das Denken hat magische Gewalt; solange er an etwas denkt, ist er mit 
dem Gedachten identisch. Es handelt sich um einen desexualisierten Freß* 
akt: Die Gestalt des Objekts anzunehmen, ist eine desexualisierte Einver* 
leibung. Denken ist ein abgeschwächter Ersatz für Fressen. Gedanken sind 
ja für ihn auch Substanzen, durch Gedanken wächst das Gehirn. Wenn ers 
einen Augenblick lang nicht an das Objekt denkt, geht es verloren, d. h. es 1 
entgeht ihm ein Stück, das er fressen wollte, und damit mißlingt die Einver* 
leibung des wunderbaren Objekts. 

Gelingt diese Wiedereinverleibung, dieses Wiederzurückbekommen der 
gewissermaßen hergeborgten libidinösen Besetzung, dann setzt ein ganz in* 
tensives Allmachtsgefühl ein, das mit höchster Lust erlebt wird. Er fühlt 
sich dann als reichsten Mann der Welt, als unerhörtes Genie, als großen 
Staatsmann usw. Mißlingt es aber, so geht von neuem die Gestalt des G&* 
spenstes auf ihn über. 

Dieses Größengefühl ist überaus labil. Es ist eine ungeheure Anspannung 
und Anstrengung, es festzuhalten. Der Patient muß sich ununterbrochen 
so fühlen wie das erhöhte Objekt; läßt er in dieser Konzentration einen 



Augenblick nach, so weicht die Gestalt des Helden wieder von ihm, und 
schlagartig verwandelt sich der Held wieder in das Gespenst zurück. Aus 
den Gesichtsfalten des eben noch Bewunderten starrt ihm Kot entgegen. Aus 
der Idealgestalt, die einerseits phallische Züge trägt, anderseits aber über* 
haupt asexuell empfunden wird, ist wieder ein grobsexueller Nur*Stuhl*Mann 
geworden. Und damit beginnt der grausige Kreislauf von neuem. 

Der Versuch der Desexualisierung der Beziehung zu den Objekten miß* 
lingt immer wieder. Das Zusammenbrechen des Größengefühls und die 
Rückverwandlung der Objekte in Stuhl ist Anzeichen eines Triebducch* 
bruches. Die krampfhafte Anstrengung, die edlen Gefühle festzuhalten, 
zeigt ja schon an und für sich, daß es sich hier um eine kontinuierliche Ge* 
genbesetzung handelt. Es muß ununterbrochen an das gute Objekt gedacht 
werden. Wenn die Annahme stimmt, daß Denken ein abgeschwächtes Fres* 
sen ist, so muß wohl die Rückverwandlung dieser sublimierten Einver* 
leibungsmethode in die unsublimierte, vernichtend oraksadistische, gefürchtet 
werden. Und tatsächlich ist die Allmacht vor allem vom Durchbrechen se* 
xueller Vorstellungen und Erregungen bedroht. Es genügt der Anblick von 
irgendwelchen defekten Gegenständen oder auch nur das Denken an solche, 
damit sofort ein intensiver sadistischer Freß* und Zerstörungswunsch akti* 
viert werde. Alles, was defekt ist, stört die Allmacht, weü es sofort den 
Wunsch auslöst, das Halbzerstörte durch Verschlingen ganz zu vernichten. 
Ein Beispiel: Er sitzt im Kino und begeistert sich am Helden an der schönen 
Frau Aber er kann die Bildfläche nicht ganz sehen, weil sie durch den Kopf eines 
vor ihm Sitzenden zu einem kleinen Teil verdeckt ist. Gerade noch hatte er sich 
als der Filmheld gefühlt, aber jetzt ist er für immer geschadigt. Em Bild, das 
nicht ganz zu sehen ist, ist für ihn defekt. Dadurch weckt es seine Zerstorungs* 
gelüste, er phantasiert davon, die Glieder des Filmhelden auszureißen und stuck* 
weise zu verschlingen. 

Unentwegt beschuldigt er so - neuerlich projizierend - die Menschen seiner 
Umwelt, daß sie ihn geschädigt, seine Allmacht gestört hätten. „Was wäre ge* 
wesen wenn meine Mutter heute nicht in mein Zimmer gekommen wäre! Ja 
dann wäre ich ein unerhörtes Genie, ein berühmter Mann gewesen. So aber hat 
sie mich für immer geschädigt". Es ist vorwiegend die Mutter die er so beschul, 
digt, als ob er sagen wollte: „Meine Mutter ist schuld an allen Defekten, an 
den Defekten meines Körpers, sowie an den Defekten aller Dinge Sie hat mir 
zu wenig zu essen gegeben, und sie reißt mir aus dem Leibe, was ich mir einver. 
leibt habe, und zwingt mich dadurch, mir das Geraubte mit Gewalt wieder* 
zuholen". 

Zum besseren Verständnis dieses labilen Größengefühls möchte ich ganz 
kurz die infantile Vorgeschichte dieser Prozesse nachtragen. 

Das infantile Vorbild des erhöhten Objekts war die Phantasie vom lieben 
Gott, den er sich als ein riesiges Stehaufmännchen, also als einen riesigen Phallus 
vorstellte. Ein Stehaufmännchen war sein Lieblingsspielzeug gewesen, das Mch* 
immer*wieder*Aufrichten des Männchens machte daraus einen unzerstörbaren, 



Klinischer Beitrag zum Verständnis der paranoiden Persönlichkeit 329 

immer wieder erektionsfähigen Penis. Und damit wurde es zu einem Talisman 
gegen die Angst des Kindes. Etwas später phantasierte er Gott in einem prächti* 
gen weiten Mantel, wie ein Priester. Wenn man aber Gott diesen Mantel wegriß, 
so kam darunter ein gräßlicher, nackter, schmutziger, sexueller Teufel zum Vor* 
schein. Also dieselbe Erniedrigung des desexualisierten Objektes wie später. Die 
Gestalt des göttlichen Stehaufmännchens ist rund und glatt wie ein Phallus. Der 
nackte Teufel aber mit Gliedmassen, Schwanz, Hörnern usw. hat „Furchen". 
Diese Furchen sind die Abdrücke der Darmeinbuchtungen auf der Kotstange. 
Gott verwandelt sich also in den Mann aus Stuhl zurück. Mit den mit Kot be= 
schmierten Gesichtsfurchen fängt auch die Rückverwandlung des Helden in den 
Verfolger wieder an. 

Der GotfcäPhallus ist identisch mit dem GenitakMann, seinem sich von ihm 
ablösenden, selbständig werdenden Glied. Es ist also die genitale Parallelphanta* 
sie zum Mann aus Stuhji. Das allmächtige, göttliche Stehaufmännchen ist somit 
zugleich sein eigenes kleines Glied. Dieses Glied gehört nicht mehr zu seinem 
Körper, sondern der Vater aat es ihm geraubt, es sich einverleibt und damit diö 
Gestalt des Penis angenommen; er ist mit dem Penis verschmolzen. Wenn der 
Knabe jetzt onaniert, hat er das Gefühl, dem Genital*Mann* Vater die Lust weg* 
zunehmen. Denn seine Lust gehört dem anderen, genau so wie sein Glied dem 
anderen gehört. Hier ist wohl mit eine der Quellen der eigenartigen Vorstellung 
von der substantiellen Natur der Erregung zu sehen. 

Sowohl der liebe Gott der Kindheit wie die erhöhten Objekte der Er* 
wachsenen stellen Objekte dar, die sich das Genitale, das mit dem ganzen 
Körper des Patienten gleichgesetzt ist, einverleibt haben. Lew in (5) hat in 
seiner Arbeit „The body as phallus" gezeigt, daß diese Gleichsetzung von 
Penis und Körper, die auf einem schon vorausgegangenen Einverleibungs* 
akt beruht, zur Folge hat, daß der Wunsch, mit dem Phallus in den Mutter* 
leib einzudringen, in den Wunsch, mit dem ganzen Leib in den Mutterleib 
zurückzukehren, verwandelt wird. Das äußert sich in der Angst, d. L im 
Wunsch, gefressen zu werden. 

Die erhöhten Objekte und der liebe Gott stellen also die Mutter dar, in 
deren Leib das Kind zurückgekehrt ist. Das ist das Ausschlaggebende; es 
sind desexualisierte — besser, nicht mehr sadistische, nicht mehr versagende 
— Objekte, mit denen diese Wiedervereinigung erfolgt. Wenn das Objekt 
ihn liebt, ist das Gefressenwerden, das Verschmelzen mit dem Objekt, ein 
ersehntes Triebziel. Handelt es sich aber um ein drohendes, strafendes Ob* 
jekt, so bedeutet Verschlungenwerden eine furchtbare Gefahr, und der 
Wunsch, einverleibt zu werden, verwandelt sich in Angst. 

Um dies zu verdeutlichen, ein kleines Beispiel: Die Bindung, die der Patient 
an mich in der Analyse entwickelt hatte, ist eine tief orale Mutterbindung. Er 
kann ohne mich nicht sein, sooft ich die Analyse auch nur für wenige Tage 
unterbrechen muß, erlebt er schwere Verlassenheitsgefühle und Angst. Es ist 
dann, als ob er allein in einem finsteren Räume wäre, in einer Höhle, deren 
Wände ganz aus Kot bestehen. Er ertrinkt im Kot. Dadurch, daß ich ihn verlassen 
habe, bin ich zu einer bösen sadistischen Mutter geworden, die Wiedervereini* 
gung ist nicht beglückend, sondern gefährlich. Manchmal sagt er auch, daß nur 




meine Anwesenheit ihn davor schützen könne, von einem furchtbaren Riesen 
(= dem Mann aus Stuhl) gefressen zu werden. Von dem Gespenst gefressen zu 
werden, bedeutet: zerkaut, zermalmt, zu Stuhl gemacht zu werden. Vom Vater 
gefressen zu werden, ist erniedrigter Ersatz der homosexuellen Phantasie; aber 
auch hier ist es eine entsetzliche, schreckliche Wiedereinverleibung, die ihn in 
grauenhafte Angst versetzt. . , . 

Wenn er aber gut mit mir steht, sagt er: „Ich möchte ganz in Ihnen drinnen 
sein, dann werden Sie immer bei mir sein und mich lieb haben. Ich mochte bei 
Ihnen Milch trinken und so alles haben. Bitte, bitte fressen Sie mich doch. Sie 
werden mich ganz schlucken, ich werde drinnen sein, und dann kann mir nie 
wieder etwas geschehen." 

Diese Phantasie stellt er in seinen Allmachtsperioden als erfüllt dar. Er 
hat sich dann durch einen nichtzerstörenden Mechanismus mit dem ver* 
lorenen Objekt wiedervereinigt, das Objekt ist nicht mehr schrecklich und 
feindselig, sondern es liebt ihn, es gibt ihm alles, was er ersehnt, er brautht 
keine Angst mehr zu haben; alles, was ihm weggenommen wurde, was er 
projiziert hat, ist wieder bei ihm. Es gibt keinen Konflikt mehr zwischen 
Ich und Objekt, zwischen Ich und Übereck Er ist mit beiden identisch ge* 
worden. Der allmächtige Gott in der Außenwelt, der seine Allmacht dusch 
die einverleibten Organe des Kindes gewonnen hat, scheint eine Umkehrung 
dieser Ursprungssituation darzustellen, jener Situation, in der das Kind all* 
mächtig war, weil es die Organe des Objektes einverleibt hatte und so mit 
dem Objekt identisch war. Es scheint mir durchaus möglich, daß dies der 
typische Weg ist, auf dem das Kind die Vorstellung von der Allmacht der 
Erwachsenen ausbildet. 

Die Wiederverschmelzung mit dem Objekt mißlingt unserem Kranken. 
Er kann den Zustand der Allmacht nicht aufrechterhalten. Er ist auf der 
oraksadistischen Stufe fixiert, deren Triebziel die Einverleibung eines zer. 
störten Objektes ist. Er versucht, um sich aus allen Nöten und Ängsten zu 
retten, auf die nächsttiefere, die noch von Versagungen relativ ungestörte 
unsadistische orale Stufe zu regredieren. Diese Regression mißlingt, ver* 
mutlich weil die die Fixierung erzeugenden Versagungen zu intensive sind. 
Er erlebt dieses Mißlingen der Regression in der schon beschriebenen Form. 
Immer wieder fühlt er sich in seinen Bemühungen durch die Umwelt ge* 
stört, „durch die Mutter geschädigt". Immer wieder erinnern ihn „Defekte' 
an die'erlebten Versagungen und provozieren den eigenen OralxSadismus. 

Einmal, als er in der Realität eine große Gewährung erlebte gelang diese Re. 
gression und damit zugleich die Wiedergutmachung und Versöhnung. Als 16jafe 
riger wurde er von einer wesentlich älteren Frau verführt und erlebte seinen er. 
sten Koitus. Die Frau erschien ihm wunderbar und herrlich, und in ihren Armen 
fühlte er sich völlig eins mit ihr. Sie war er und er war sie. Die Trennung _zwi* 
sehen Ich und Objekt war aufgehoben, ohne Gefahr, ohne Vernichtung. Er hatte 
sich mit der Mutter wiedervereinigt. 

Dieses Liebesobjekt wurde ihm durch Eingreifen der Umwelt jah entrissen. 
Auf diesen Objektverlust reagierte er mit einer Zerstörung der ganzen Welt. 



Klinischer Beitrag zum Verständnis der paranoiden Persönlichkeit 



331 



Plötzlich waren nicht nur die Menschen, sondern auch die Dinge verändert, alles 
war fremd. Er verstand nichts, er wunderte sich bei jedem Gegenstand darüber, 
daß die einzelnen Bestandteile ein Ganzes und gerade dieses ergaben. Ein Mensch 
bestand nur mehr aus einzelnen Teilen, aus Blut, Muskeln und Atomen. Es setzte 
nun ein Denkzwang ein, er mußte sich die Dinge „bewußt machen". D. h. jedes 
wahrgenommene Ding mußte benannt werden: „Dies ist eine Blume, dies ist 
ein Tisch". Die ganze Welt war in Teile zerfallen, dadurch, daß er sie zerkaut, 
zerstückelt hatte. Durch das Bewußtmachen, Die*Dinge*ganz*Denken, versuchte 
er die Intaktheit der Welt wiederherzustellen. 

Dieses Wiederganzmachen der zerkauten Dinge nimmt in den Auffassung 
gen der englischen Schule einen sehr großen Raum ein; es wird nicht nur 
als die Grundlage von zahlreichen Symptomen angesehen, sondern auch als 
Impuls zu den kompliziertesten Sublimierungen. Die gesteigerte Denkfähig* 
keit, die dem Patienten nach dieser Periode verblieb, muß übrigens auch 
als eine seiner wenigen geglückten Sublimierungen bezeichnet werden. 

Das Zerstückeln der Welt scheint seine ursprüngliche Reaktion auf den 
primären Objektverlust und die orale Enttäuschung zu reproduzieren. Es 
gibt ganz frühe Grübeleien, in denen die ganze Welt als eßbar, aber zugleich 
als aus Kot bestehend, phantasiert wurde. Er hatte das Objekt und die orale 
Lust zu früh verloren und darum die ganze Welt zerstört. 



IV. 

Wäre dem Kranken die Regression in tiefere, nicht sadistische Zeiten ge* 
glückt, so wäre es vermutlich zu einer dauernden Aufhebung der Differenzier 
rung von Ich und Objekt gekommen, und der Kranke wäre in einen dau* 
ernden narzißtischen Zustand versunken. Der Weltuntergang, wie wir ihn 
aus der klassischen Paranoia, etwa dem Fall Schreber (3 a), kennen, ist eben 
eine Regression in noch tiefere, wahrscheinlich völlig objektlose Zeiten. Zu 
einem völligen Weltuntergang und dauernden Objektverlust und dem Aus* 
bruch einer kontinuierlichen Psychose ist es aber in unserem Falle nie ge* 
kommen. Entscheidend dafür ist vermutlich, daß es sich ja nicht um eine 
plötzlich ausbrechende Psychose bei einer bis dahin intakten Persönlichkeit 
handelt, sondern um eine Entwicklungshemmung sowohl auf dem Trieb* 
wie auf dem Ichgebiet. Einer der entscheidenden Faktoren, der die Ausbil* 
düng eines kontinuierlichen Wahnsystems verhinderte, ist vermutlich der 
Umstand, daß ihm ein Mechanismus zur Verfügung stand, den man als 
Flucht in die Realität bezeichnen könnte. Tausk hat zwei verschiedene 
Grade der Projektion unterschieden. Erstens: Außenweltsobjekte verursachen 
die Veränderungen am Körper des Kranken; zweitens: die Gesamtheit der 
veränderten Organe wird nach außen auf das Objekt projiziert. Diese zweite 
Art entspricht den zu Kot gewordenen Objekten unseres Patienten. Während 
er sich gegen diese nur durch neuerliche Einverleibung zu schützen vermag, 
kann er sich gegen die Verfolger der ersten Art, es sind dies die Umweltss* 



Objekte, die seine Allmacht stören, durch eine andere Methode wehren: er 
macht den realen Objekten Vorwürfe, gibt ihnen Schuld an seiner Krankheit, 
ist trotzig und spielt den wilden Mann, indem er sich mit dem angreifenden 
Verfolger identifiziert. So kommt es zu hemmungslosem Toben gegen die 
Außenwelt und polymorph*perversen Durchbrüchen, meist koprophagen Or* 
gien, die mit ungeheurer Befriedigung völlig Schuldgefühls* und konflikt* 
frei erlebt werden. Nachher völlige Entspannung wie nach einem befriedig 
genden Koitus. Das Überraschende ist nun, daß nach einem solchen Exzeß 
schlagartig auch eine Veränderung in den Realitätsbeziehungen des Patien* 
ten eintritt. Ich konnte wiederholt beobachten, daß Perioden, in denen die 
wahnhafte Welt* und Ichveränderung besonders beunruhigend war und ich 
ein völliges Abgleiten in katatone Zustände fürchtete, in solch einem prä* 
genitalen Durchbruch gipfelten, der mit einem Schlage eine relativ normale 
Realitätsbeziehung wiederherstellte. 

Die perverse Triebhandlung oder eine einigermaßen adäquate autoerotische 
Ersatzhandlung, in der Realität durchgeführt, erspart somit die narzißtische 
Libidostauung und darüber hinaus die wahnhafte Veränderung von Ich und 
Objekt. Diese Veränderung besteht also darin, daß der bis dahin als solcher 
vorhandene Einverleibungswunsch abgewehrt und die Libido von den realen 
Objekten abgezogen wird. An Stelle des realen Fressens tritt nun die magische 
Einverleibung der Objekte. Die Wahnbildung hat somit dieselbe Funktion 
wie das neurotische Symptom. Sie dient zugleich der Abwehr und der Be* 
friedigung: indem sie die Triebhandlung in die Phantasie verlegt, wirkt sie, 
als Abwehr; in ihrem Inhalt stellt sie einen Triebwunsch als bereits erfüllt 
dar (insofern Phantasie und Realität wieder verschwimmen, mißlingt die 
Abwehr). Das Problem besteht nur gerade darin, das Wesen dieser magischen 
Einverleibung zu verstehen. 

Sie scheint das Ergebnis einer tiefgehenden regressiven Ichveränderung 
zu sein, deren wichtigste Kriterien ich kurz anführen möchte: 

1. Ich und Außenwelt sind nicht mehr klar geschieden, lustbringende 
Außenwelt gehört zum Ich, unlustvolle Ichanteile gehören zur Außenwelt. 

2. Anstatt Wünsche durch Veränderungen der Realität zu befriedigen, 
wird die Befriedigung halluziniert. 

3. Auf Kausalzusammenhänge wird verzichtet, es herrscht der Primär* 
Vorgang und das magische, prälogische Denken. 

4. Damit verliert das Ich die Fähigkeit der Realitätsprüfung, die Welt 
wird aufgefaßt nach dem Vorbild des eigenen Ichs, und auch die eigenen 
Triebziele werden der Außenwelt zugeschrieben. Es herrscht das Talion* 
prinzip, demzufolge der Freßwunsch sich in die Angst, gefressen zu wer* 
den, verwandeln kann. 

5. Die Introjektion schützt nicht vor der Angst. Das Objekt, das früher 



Klinischer Beitrag zum Verständnis der paranoiden Persönlichkeit 333 



in der Außenwelt gefürchtet wurde, wird nachher im eigenen Körper ge* 
fürchtet. 

6. Die Abwehrmittel des primitiven Ichs sind Projektion und Introjektion. 

Ichregression und Triebregression sind somit nur zwei Seiten desselben 
Prozesses. Es. ist eine Regression in die Zeit der Objektfindung, in der die 
Differenzierung von Ich und Objekt erst im Werden waren, wie es dem 
Triebziel der Einverleibung entspricht, einem Triebziel dessen Inhalt es eben 
ist, immer wieder Außen zu Innen zu machen. 

Ich und Es sind weh noch nicht voll geschieden. Ich*Mechanismen lassen 
ihre Abkunft aus dem Trieb noch sehr deutlich erkennen. In dem vorge* 
tragenen Kreislauf zwischen Ich und Objekt, zwischen Introjektion und Pro* 
jektion, ist die Herkunft dieser Prozesse aus Fressen und Ausstoßen noch 
vollkommen deutlich. 

Eine weitere archaisch*magische Abwehrform ist die Abwehr eines Triebes 
durch den Trieb selbst. Um etwa die Angst vor einem beschädigten Gegen* 
stand zu überwinden, wird der Gegenstand ganz vernichtet. Dabei handelt 
es sich eigentlich um eine Wendung vom Passiven zum Aktiven. Statt sich 
kastrieren zu lassen, wird der Kranke selbst zum Kastrator. Oder: er hat 
Angst, sich in Kot zu verwandeln; zur Angstabwehr reibt er sich selbst mit 
Kot ein. Der Vollzug der Phantasie bewältigt die Angst. 

Nicht nur die Herkunft der Abwehrmechanismen aus dem Trieb selbst 
ist deutlich, selbst eine so ausschließliche Ichfunktion wie die Wahrnehmung 
läßt noch deutlich ihre Abstammung aus dem Trieb erkennen. Dafür ein 
Beispiel. 

Patient war infolge einer mehrtägigen Unterbrechung der Analyse wieder in 
schwersten Konflikt mit mir geraten. Nach einigen Tagen voll heftiger Aggres* 
sion fing er plötzlich zu weinen an, drehte sich zu mir und sagte: „Ich habe so 
Angst, ich möchte Ihr Gesicht mit den Händen abtasten, es ist so merkwürdig, 
nur so Hügel und Vertiefungen, sie gehören gar nicht zusammen, ich möchte das 
alles ablecken und in den Mund nehmen, es muß nach Milch schmecken". Dann 
etwas später: „Ich habe das Gefühl für die Größe der Dinge verloren, alles er* 
scheint mir .ganz klein, die Häuser, die Bäume, die Autos. Ich möchte das alles in 
den Mund stecken." 

Ist es nicht, als ob hier eine Regression in eine Zeit stattgefunden 
hätte, in der die einheitliche Erfassung eines Objektes als eines Gan* 
zen noch nicht gelungen ist, das Objekt noch nicht als Person wahr* 
genommen wird, sondern nur als ein diffuses Eßbares? Ja noch 
mehr, das Anschauen dieser Teile ist wie ein Einsaugen, Aufnehmen 
durch die Augen; Augen sind ein Ersatz für den Mund. Noch sind sie nicht 
der Hauptweg zur Realitätserkenntnis, noch soll alles in den Mund gesteckt 
werden, der Mund ist nicht nur die wichtigste erogene Zone, sondern über* 
haupt die Hauptkommunikation mit der Außenwelt. Die Augen sind eben 
erst im Begriffe, ihm diese Rolle streitig zu machen. 



Diese Schilderung des archaischen Ichs erhebt keinerlei Anspruch auf Volk 
ständigkeit, es waren jene Züge, die sich mir bei der Betrachtung meines 
Materials aufdrängten. 

Dem Umstand, daß das Ich so viele archaische Züge beibehielt, ente 
spricht natürlich, daß das Übersieh, als es sich bildete, defekt blieb. Die 
Über*Ich*Bildung des Knaben scheiterte an zwei Momenten: erstens daran, 
daß die Mutter durch ständige Verführungen eine normale Erledigung des 
Ödipuskonfliktes unmöglich machte, und zweitens daran, daß das Kind, 
statt ein normales Übersieh durch Identifizierung mit dem Vater zu bilden, 
durch seine passiwhomosexuelle Haltung und seine schweren prägenitalen 
Ängste zu oraksadistischer Einverleibung des Vaters gedrängt wurde. Statt 
die Gebote des Vaters in sich aufzunehmen, ihn zum Ideal zu machen, sich 
den Wünschen des Vaters gemäß zu entwickeln und dadurch zugleich seine 
Liebe zu gewinnen, blieb die Introjektion ein grob sexueller koprophager 
Akt. Die sonst mit der normalen Über*Ich*Bildung einhergehende De* 
sexualisierung von Anteilen der Objektlibido, die den ins Ich aufgenom* 
menen Objektbesetzungen gilt, unterblieb hier. Der Akt der Introjektion 
blieb ein unsublimierter Befriedigungsakt. Als Verfolger nach außen proji* 
ziert, tritt dieses Pseudo*Über*Ich dem Knaben als entsetzliche Schreckge* 
stalt 'gegenüber, die sich in nichts von den Vergeltungsängsten unterscheidet, 
die schon beim Zweijährigen bestanden hatten, wenn er kleine Tiere tötete, 
die dann nachts in sein Bett kamen. Diese Vergeltungsängste entspringen 
einem triebbedingten Mißverstehen der Außenwelt, sie fürchten aber trotz 
ihrem phantastischen Gehalt Wirkliches und nichts „Inneres". Sie werden 
deshalb besser noch nicht Übersieh genannt. 

Diesem Pseudo*Über*Ich stehen aber echte Über*Ich*Anteile gegenüber, 
die anscheinend aus Identifizierungen mit dem Kinderfräulein stammen, das 
ihm die Koprophagie verboten hatte. Diese Beziehung war eine vorwiegend 
zärtliche, die eine wirkliche Verinnerlichung der Erziehungsanforderungen 
ermöglichte. Die Auswirkungen dieser normalen Über*Ich=Anteile kann man 
in der trotz allem ziemlich gelungenen Realitätsanpassung auffinden, die 
ich anfangs betonte. Er kann — und diese Züge treten in der Analyse immer 
deutlicher hervor — zärtlich, freundlich und hilfsbereit sein. Trotz 
gelegentlichen Triebdurchbrüchen ist er für gewöhnlich verläßlich, pünkt* 
lieh. Seine Veredlungsbestrebungen gehen übrigens auch ziemlich weit 
konform mit den Anforderungen der Sozietät. Sie beruhen zwar auf narziß* 
tischer Größensehnsucht, dennoch befähigen sie ihn, zu arbeiten, Prüfung 
gen abzulegen, an Musik und guten Büchern Geschmack zu finden usw. Die 
Über^IcbAnteile, die auf den Identifizierungen mit dem Fräulein beruhen, 
sind somit wesentlich resistenter. Sie reichen bis weit in den Größenwahn 
hinein. Allerdings können diese einzelnen Über*Ich*Anteile einander ablösen, 



Klinischer Beitrag zum Verständnis der paranoiden Persönlichkeit 



335 



das Sublimierte kann relativ leicht in das Archaische umschlagen. Auch be* 
steht große Leichtigkeit der Projektion auf Außenweltsobjekte. Diesen Über* 
Ich*Objekten gegenüber handelt er dann nicht aus Schuldgefühl, sondern 
aus Angst, und diese Angst bleibt direkte Kastrationsangst. So sagt er mir 
einmal: „Wenn Sie mir böse sind, wird mir ein Stück aus dem Leibe ge* 
rissen!" 

Während also das normale, desexualisierte Übersieh die verinnerlichten 
Gebote und Verbote der Erziehungspersonen wiedergibt, entsprechen die 
Vorstufen des Über*Ichs nur der Angst vor der strafenden Realität. Über* 
dies sind sie nur locker mit dem Ich verbunden und können daher leicht 
isoliert und ausgestoßen werden. Im Gegensatz zu dieser Auffassung werden 
von der englischen Schule diese Vorstufen schon als echtes Übersieh be* 
zeichnet. 

In diesem Zusammenhange wäre noch zu sagen, daß meiner Auffassung 
nach dieser Fall, so naheliegend das wäre, nicht zur Bestätigung der Auf* 
Stellungen der englischen Kinderanalysenschule über die Triebstruktur und die 
Triebkonflikte des Kleinkindes herangezogen werden kann. Ähnliche Me* 
chanismen, wie sie hier die Analyse feststellte, werden von Melanie K 1 e i n (4) 
für die Norm der Entwicklung gehalten, aber in ein noch viel früheres Lei* 
bensalter, etwa ins 2. Halbjahr, zurückverlegt und, ohne direkt als Erin* 
nerungen greifbar zu werden, aus Spielen und Phantasien erschlossen. So* 
wohl Zustandsbild wie Ablauf des vorliegenden Falles unterscheiden sich 
aber wesentlich von den Bildern der typischen Neurose oder gar der nor* 
malen Entwicklung, und gerade die Schwere und Besonderheit des Zustan* 
des des Patienten drängen den Schluß auf, daß in den Fällen, in denen infolge 
besonderer Schicksale derartig intensive oralsadistische Konflikte auftreten, 
eben eine Psychose oder etwas Psychoseähnliches resultiert. Es scheint mehr 
als unwahrscheinlich, daß sich ähnliche Triebkonflikte von auch nur an* 
nähernd ebensogroßer Intensität in der normalen Entwicklung abspielen soll* 
ten. In unserem Falle ließen sich schwere Versagungstraumen nachweisen, die 
man für die Intensität des Oralsadismus verantwortlich machen kann. Wir 
zweifeln aber daran, daß die um die Oralität und das Entwöhnungstrauma 
kreisenden Konflikte des Normalkindes einen ähnlich sadistischen Charakter 
tragen. Es ist richtig, daß die Ambivalenz immer darauf beruht, daß bei der 
Einverleibung das Objekt zerstört wird, aber das subjektive Zerstörenwollen 
entsteht erst durch gehäufte Versagungen. 

Ein Ausbrechen des Ödipuskonfliktes in so frühen Perioden, wie Frau 
Klein es feststellen zu können vermeint, gefolgt von so speziellen Trieb* 
tendenzen wie das Herausreißenwollen des väterlichen Phallus aus dem Leibe 
der Mutter, ließ sich in keiner Weise nachweisen. Derartig spezielle Phanta* 
sien scheinen in so frühe, noch undifferenzierte Perioden rückverlegt zu sein. 



V. 



Ich möchte zuletzt noch einige Worte über den Verlauf der Analyse pger. 
Die Analyse wurde sofort in die Reihe der narzißtischen Erhohungs. und 
wLirgutoachungsrnechanisrnen aufgenommen und konnte sich daher auf 
eine ziemlich eifrige Mitarbeit des Patienten stutzen. 

Ein r sehr geduldigen Analyse seiner prägenitalen Ängste gelang es all. 
mählkh seine Wut, seinen Trotz, sein Zerstören, und Auffressenwollen als 
Sne Abwenr der dlrunterliegenden passiv homosexuellen Strömungen au . 
zulösen Mit der Aufgabe dieser Abwehr änderte sich in sehr eindrucksvoller 
Weise das Verhalten des Patienten. Man bekam Kontakt mit mm, er wurde 
gewissermaßen menschlich, er begann einsichtig zu werden ^ ****** . 
fernte zwischen Innen und Außen, Phantasie und Wirklichkeit, Gegenwart 
SvSSÜät zu unterscheiden. Die wahnhaften Schübe traten immer 
:IS2 brachen nur mehr in Widerstandszeiten wieder hervor. Aus 
dem stereotypen „Ich bin geschädigt" wurde ein „Ich furchte mich . 

Um diese Zeit nahm der Patient ^^fse^^n^ *££ 
tuierten auf und verzichtete auf seine prägenitalen Exzesse. Anfan § s <™ 
dtese genitalen Akte allerdings nur der Abfuhr der homosexuellen Pfaart» 
skn Allmählich aber gelang eine sehr gründliche Analyse seiner Käst» 
tionsangs? Damit wurde ihm der Weg zur Frau bis zu einem gewissen Grade 
Stklte sich auch seinen Studien mit neuem Interesse zuwenden 
und neue Sublimierungen zustandebringen. 

Es zeigte sich, daß seine Kastrationsangst in der Angst vor dem Zerplatzen 
befder Ejakulat gipfelte. Seine Fähigkeit, Libido auf andere Korperorgane 
zu verschieben und M narzißtische Körpersensationen zu verwandeln, hatte 
Z ^Quelle Vn verschiedene Praktiken der Pubertät, die die Ejakulation ver. 
Wndern sollten. Mit der Wiederherstellung seiner genitalen Erregbar, 
keit verschwanden die Organsensationen. 

Die Analyse ist noch nicht abgeschlossen, aber ihre therapeutischen Aus. 
sichten erscheinen nicht ungünstig. Technisch spielte sie sich anders ab als 
das sonst bei Erwachsenen üblich ist. Ich behandelte ihn etwa wie ein Kmd, 
mit besonderer Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, ich gab ihm zu essen, 
bo ri SS Geld, Bücher usw., nahm ihn in die Ferien mit, verlanger e seine 
Stunden wenn es nötig war, und tat alles dazu, um eine P^^SSte 
zu fördern. Anderseits betonte ich immer wieder den asexuellen «^rakter 
dLer Beziehung, und so lernte er in der Übertragung zum erst enmal ^eine 
e hte nu zärtliche und darum ungefährliche, nichtzerstörende Objekte, 
zehung kennen. Diese gleichmäßige Freundlichkeit war es wahrscheinlich, 
£ ihm verstehen half, daß es Objektbeziehungea gibt durch die .das Ob 
jekt nicht zerstört wird, und diese Erkenntnis hat vermutlich als der zentrale 
therapeutische Faktor gewirkt. 



Klinischer Beitrag zum Verständnis der paranoiden Persönlichkeit 



337 



Literatur 

1. Abraham: Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido. Int. Psa. Verl., 
Wien, 1924. 

2. Bibring: Klinische Beiträge zur Paranoiafrage. IL: Ein Fall von Organprojektion. 
Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XV, 1929. 

3. Freud: a) Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschrie* 

benen Fall von Paranoia. Ges. Sehr., Bd. VIII. 

b) Zur Einführung des Narzißmus. Ges. Sehr., Bd. VI. 

c) Neurose und Psychose. Ges. Sehr., Bd. V. 

d) Der Realitätsverlust bei Neurose und Psychose. Ges. Sehr., Bd. VI. 

4. Klein: Die Psychoanalyse des Kindes. Int. Psa. Verl., Wien, 1932. 

5. Lewin: a) Kotschmieren etc. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XVI, 1930. 

b) The body as phallus. Psa. Quarterly IL 1933. 

6. Malcove: Bodily mutilation and learning to eat. Psa. Quarterly, Bd. II, 1933. 

7. Nunberg: Homosexualität, Magie und Aggression. Int. Ztschr. f. Psa., 1936. 

8. Ophuijsen: Über die Quelle der Empfindung des Verfolgtwerdens. Int. Ztschr. 
f. Psa., Bd. VI, 1920. 

9. Stärcke: Die Umkehrung des Libidovorzeichens beim Verfolgungswahn. Int. 
Ztschr. f. Psa., Bd. V, 1919. 

10. Tausk: Über die Entstehung des Beeinflussungsapparates in der Schizophrenie. Int. 
Ztschr. f. Psa., Bd. V, 1919. 



Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XX/3 



Der tiefenpsychologische Hintergrund 
der inzestuösen Fixierung 1 

Von 

Lillian Rotter*Kertesz 

Budapest 

Zu den ersten grundlegenden Beobachtungen Freuds gehört die Ent* 
deckung, daß der Neurotiker auch im erwachsenen Alter an seine Eltern see* 
Ssch st£k gebunden ist, sich von deren Autorität nicht befreien kann o daß 
er in seiner seelischen Entwicklung gehemmt wird und infantil bleibt. In den 
.Drei Abhandlungen» nennt Freud diesen Zustand „inzestuöse^ Fmerung 
und betont dessen zentrale Bedeutung für die Neurosenlehre Der Ausdruck 
Tnzestuös" bezieht sich zwar auf die ödipussituation, doch gebraucht hier 
Freud eine andere Bezeichnung, weil er nicht nur den Ödipuskomplex 
meint sondern viel mehr umfassen will, - außer der ödipussituation z B. 
rÄ das Verhältnis zu den Geschwistern sowie die Phan£sier i über 
die Abstammung, den sogenannten Familienroman, - kurz all das, was m 
jener Zeit von der Familiensituation des Kindes bekannt war. 

In den „Beiträgen zur Psychologie des Liebeslebens" schildert Freud 
die verschiedenen Erscheinungsformen der inzestuösen Fmerung und dej n 
seelische Folgen. Rank beschäftigt sich mit den inzestuösen Phantasien 
der Einzelnen sowie der Völker. Abraham veröffentlicht zur selben Zeit 
seL Arbeiten „Verwandschaftsehen" und „über neurotische Exogamie , 
weThe gleichermaßen die inzestuöse Fixierung der Neurotiker behandeln 
und einstimmig besagen, daß die inzestuös fixierten Personen -sefcoft 
in der Wirklichkeit, immer jedoch in ihrem Phantasieren - mit Aren 
Eltern oder ihrer Familie so eng verbunden zusammenleben, als ob sie noch 
immer kleine Kinder wären. 

Vom triebpsychologischen Gesichtspunkte gibt uns Fr eudm „T^ebe 
und Triebschicksale" folgende Beschreibung dieser Erscheinung: die Libido 
£ an I ersten Objekte^ stark gebunden, fixiert, iß«^»^ 
Verschiebung auf neue Objekte - eine sonst so wichtige Eigenschaft der 
UHdo ~ bei diesen fixierten Personen mehr oder weniger unmöglich ge, 
worden ist Dieser Umstand erklärt die Asozialität der Neurotiker, a hre 
Seligkeiten, sich irgendeiner gesellschaftlichen oder kulturellen Gemein, 
schaft anzuschließen oder einzufügen. 

Diese Auffassungen der inzestuösen Fixierung von zwei verschiedenen 
Geskhtsptnkten - die eine gibt die^mifas^ende^ 

x) Nach einem in der Ungarischen Psychoanalytischen Vereinigung am 10. Mai 1935 
gehaltenen Vortrag. 



Der tiefenpsychologische Hintergrund der inzestuösen Fixierung 



339 



Vorganges, die zweite ist eine Definition der triebpsychologischen Seite — 
gehören zu den grundlegenden Kenntnissen der Analyse. 

In dem letzten Dezennium hat die allmähliche Änderung der analytischen 
Technik die Folge gezeitigt, daß die Analysen nach Aufdeckung der haupfc* 
sächlichen Zusammenhänge immer tiefer in die verwickelten Mechanismen 
der seelischen Erscheinungen eindringen und so immer mehr feine Details 
aufdecken. Man könnte diese Zeitspanne als die der Histologie der psycho 
sehen Struktur bezeichnen, als die Phase der mikroskopischen Forschung, 
zum Unterschied von der ersten Periode, in der die grundlegenden Be* 
obachter sozusagen die Anatomie der Seele aufdeckten. 

Bevor ich das eigene analytische Material vorlege, möchte ich aus der 
großen Menge der Arbeiten nur diejenigen erwähnen, welche mir als Leit* 
faden dienten, und durch die ich schließlich zu meinen eigenen Beobach* 
tungen gelangen konnte. 

Nachdem der Vorgang der Objektbesetzung hinlänglich geklärt war, 
wandte sich Freud den früheren Schicksalen der Libido zu; nach den Fest* 
Stellungen der Arbeit „Zur Einführung des Narzißmus" ist das erste Objekt 
der Libido das Ich, d. h. dessen unfertige, primitive Form, eigentlich der 
Körper des Säuglings, bezw. dessen erogene Zonen. 

Dieser primäre oder Urnarzißmus wurde dann durch Ferenczi schärfer 
umrissen (vgl. „Pathoneurosen", „Introjektion", „Entwicklungsstufen des 
Wirklichkeitssinnes" usw.). Man bemühte sich, in die erste, so unklare Ge* 
fühlswelt des Säuglings Einblick zu gewinnen. So bildete sich allmählich eine 
Auffassung, die im Anschluß an Freud zuerst von A. S t ä r c k e 2 im Jahre 
1921 ausgesprochen und klargelegt wurde. Nach S t ä r c k e erkennt der Säug* 
ling im Anfang keine Umwelt, für ihn ist das Stück Umwelt, mit der er in Be* 
rührun<j kommt, nämlich die Mutterbrust, an welcher er saugt, eben keine 
Umwelt, sondern ein Teil seines Körpers, seines Ichs — so wie z. B. seinfe 
eigene Zunge; deswegen bedeutet für ihn der Verlust der Mammilla einen 
Körperverlust, also eine Kastration. S t ä r c k e hält den Verlust der Mutter* 
brüst für das Modell des Kastrationstraumas und die Entwöhnung für die 
Urkastration. Wir erinnern gleichzeitig, daß Rank schon früher den Ur* 
sprung der Angst in das Geburtstrauma verlegte; so wurde von verschiedenen 
Seiten das Mutter*Kind*Verhältnis in den Mittelpunkt der Neurosenfor* 
schung gestellt. 

Hermann hat in seinem unlängst hier gehaltenen Vortrag 3 seine seit 
mehr als zehn Jahren gesammelten Erfahrungen über eine gewisse Erschein 
nungsform des Mutter^Kind* Verhältnisses dargestellt. Die von Stärcke 
angenommene Säugling*Mammilla*Einheit wird von Hermann beträcht* 
lieh erweitert: nach ihm befinden sich das Kind und die Mutter in eineim 



2) A. Stärcke: Der Kastrationskomplex. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. VII, 1921. 

3) Sich« Anklammern — Au£*Suche#Gehen. Siehe auch dieses Heft, S. 349 ff. 



22* 



^ ~ Lillian Rotter=Kertesz 

Urzustand, einer sogenannten DuaWunheit; es sind zwei Individuer .und doch 
eigentlich in ungetrennter Einheit. Das Kind versuch - sich an die Mutter 
anklammernd - diese DuaLEinheit aufrecht zu ÄMHemm 
kann das Menschenkind im Gegensatze zu dem Af enkinde das triebhaft 
gewünschte Hängen am Körper der Mutter nicht beibehalten, sondern muß 
sich vom mütterlichen Körper zu früh loslösen; diese Trennung wird vom 
Kinde als traumatisch empfunden und es reagiert darauf mit Angst, nach 
Hermann der Urangst. Zur Linderung seiner Ängste ersetzt das Kind die 
Mutterbrust, bezw. den mütterlichen Körper mit einem eigenen Korper, 
teil, meistens seinem Finger, den es in den Mund steckt; daran IutscW 
verschafft es sich so wenigstens die Illusion, daß es ja gar nicht von der 
Mutter getrennt ist, sondern immerwährend mit dem mütterlichen Korper 
in Verbindung bleibt. , p ,\ 

Doch einerlei, ob wir die mit der Geburt erfolgende Ablösung (Rank) 
oder die Entwöhnung von der Brust (Stärcke) oder aber da Au ho ren 
des Anklammerns an den Körper, etwa Brust oder Arm der Mutter (Her. 
mann), zum Ausgangspunkt unserer Betrachtungen machen, - die Erfahr 
rung zeigt jedenfalls, daß wir einem einheitlichen psychischen Vorgang 
.egenübe'rstehen, den wir mit H e r m a n n „Anklammerung an die Mutter 
benennen wollen. Man kann sich auch vorstellen, daß vielleicht de 
lange intrauterine Zeit, aus der das Kind so viele uns ganz unbekannte 
Empfindungen mit zur Welt bringt, in ihm irgendwelche archaische Er* 
innerungen an die damalige wirkliche Mutte^Kind^Einheit hinterlaßt und 
daß diese Erinnerungen Wünsche und auf deren Verwirklichung zielende 
Tendenzen aufrechterhalten, die vielleicht den Menschen durchs ganze Leben 
begleiten. Hierauf gründete Ferenczi seine berühmte Theorie des Koitus 
als einer Regression in den Mutterleib. ' ' 

Mdne Beobachtungen hatten ursprünglich nichts mit dem Mutte.Kmd. 

Verhältnis zu tun, sondern suchten die Objektwahl des Weibes zu klaren. 

Vor einigen Jahren berichtete ich hier über Erfahrungen, die sich aus Ana, 

Ivsen einiger weiblichen Patienten ergaben, bei denen unbewußte Phantasien 

und Vorstellungen auftauchten, die anzeigten, daß diese Patientinnen den 

Penis ihres Sexualpartners als einen eigenen Körpertei betrachten und so 

den Verlust des Partners nicht nur als Liebesverlust erleiden sondern sich 

hiedurch auch in ihrer eigenen körperlichen sowie seelischen Unversehrtheit 

bedroht fühlen. Es war mir bald klar, daß diese Phantasien auf der Gleichung 

Mutterbrust = Penis aufgebaut waren, daß also die Kind.Mammilla,Einheit 

sich hier auf die Weib,Penis,Einheit übertrug. So ging mein Interesse von 

dieser Teilerscheinung auf das allgemeinere und primärere KmcUMutter, 

bezw. Kin d,Familien,Verhältnis über. Träume, Phantasien und andere Ab, 

4) L. Rotter: Zur Psychologie der weiblichen Sexualität. Int. Ztschr. f. Psa., 



Bd. XX, 1934. 



Der tiefenpsychologische Hintergrund der inzestuösen Fixierung 341 



kömmlinge des Unbewußten verrieten, wie sich das, was wir von außen 
beobachtend inzestuöse Fixierung nennen, im Unbewußten der Neurotiker 
eigentlich spiegelt. Das heißt, mein analytisches Material zeigte, wie der 
Kranke in seinem Unbewußten den Zustand der inzestuösen Fixierung erlebt, 
welche unbewußten Gefühle und Ängste daran teilhaben, und warum die 
ersten Objekte so zähe festgehalten werden. 

F a 1 1 I. Zuerst möchte ich ganz kurz die Krankengeschichte eines wegen Impo* 
tenz behandelten Patienten mitteilen, doch werde ich nur die ganz typischen 
Züge herausheben. Patient war der einzige Sohn seiner Eltern, schlief im Bette 
der Mutter bis zu seinem zwölften Jahre, litt ebensolang an Enuresis nocturna. 
Die Ehe seiner Eltern war sehr unglücklich, sein Vater war selten zu Hause und 
der Sohn war fünfzehn Jahre alt, als der Vater auf immer verschwand, nach 
Amerika reiste und nie wiederkam. Der Patient lebte bis zum zwanzigsten Jahr 
abstinent, dann verführte ihn die junge Frau seines Onkels; bei diesem Ver* 
hältnis litt er an Ejaculatio praecox. Dann ging er in den Krieg und war längere! 
Zeit in Rußland gefangen. Als er endlich heimkehrte, wechselte er fast täglich 
seine Liebesobjekte — er bildete ausgesprochene Reihen — , doch seine Ejaculatio 
praecox wollte nicht schwinden. Dieser Umstand machte ihn tief unglücklich, er 
dachte an Suizid; da hörte er von der Analyse und suchte Heilung. Eineinhalb 
Jahre lang behandelte ihn ein Kollege; in dieser Zeit schwand die Ejaculatio 
praecox und er brach die Analyse ab. Nach kurzer Zeit meldete er sich wieder 
und kam aus äußeren Gründen zu mir in Analyse. 

Er war orgastisch impotent, d. h. er konnte im Koitus keine Befriedigung fin* 
den, nur die Onanie war lustvoll. Das Ejakulat seiner Onanie pflegte er der 
Mutter in die Hände zu spielen, bevor er zu einer Frau koitieren ging, er exhi* 
bierte vor der Mutter, urinierte in ihrem Beisein, realisierte das phantasierte 
Verhältnis mit der Mutter in analen Witzeleien. 

Nach einer gewissen Zeit der Behandlung war er so weit, von der Mutter weg» 
zuziehen und eine eigene Wohnung zu mieten. Dies brachte eine kurze para* 
noide Periode: er fühlte sich beobachtet, man sehe ihm beim Urinieren zu, usw. 
Er nahm also in der Phantasie die Mutter mit. Ein weiterer Fortschritt war dann 
ein stabileres, wenn auch stark ambivalentes Verhältnis mit einer verheirateten 
Frau, das zwei Jahre dauerte. Während dieser Zeit wiederholte er im Rahmen 
dieses Verhältnisses die Ödipussituation seiner Kindheit; schließlich erlangte er 
seine volle orgastische Potenz und heiratete die Frau, die sich von ihrem Manne 
scheiden ließ. 

In seinen Träumen, die er in kritischen Epochen, also in Zeiten der Trennung 
von der Mutter, träumte, wurden seine Ängste motorisch dargestellt. 

1. Traum: Er hängt mit einet Hand an einem Trapez, unter ihm der Schacht 
des Treppenhauses. Er hat große Angst, er könne stürzen. Er klammert sich mit 
einer Hand an: er hat nur die Mutter, keinen Vater, an dem er eine Stütze, 
hätte; wenn er die Mutter verliert, ist er verloren. Es sind die Kinderängste, die 
hier wiederkommen: als Kind war er unzählige Male Zeuge der großen Zank* 
szenen der Eltern, der Vater wollte die Mutter erschießen, drohte sich selber aus 
dem Fenster zu stürzen — also erlebte der Kranke die reale Gefahr, als kleines 
Kind, ohne Mutter und Vater, allein und hilfslos zu bleiben. 

2. Traum: Er schreitet mühsam auf dem schiefen, abschüssigen Dach eines 
Hauses, immer befürchtend, abzugleiten. Hier spielt der Traum auf moralische 



342 



Lillian Rotter=Kertesz 



j t.- t a r-nnA auf dem der Kranke balanciert, ist die Moral 
Zustände an: der schiefe Gx gg^^^ Drfraudant und Betrüger war, 
des Vaters, der aufschieie Bahnen geraten em kdnefl 

der abglitt und fliehen muß te - ^~£fvl£ r abzugleiten, überdies 
m °tt SJ Sen ^n^ch dt Patienten, dessen Verwirklichung er 
Lnzes Leben h ndurch anstrebte: nämlich, sich in eine höhere soziale 

Vater dagegen stammte aus einer angesehenen Burger ±amilie, ™„ x!L L. 

Matter erst nlS heftigem, monatelang dauerndem Ambivaknzkonfldtt zustand , 
Send'dLen TiefaÄerdrängU* nü, große, : Ang J- fjObrfWta taM 

iigiiiiiiSäp 

^Mit der" Durcharbeitung der Zerstückelungsangst schwand die Unruhe und 
AnSLatriXs Kranken Vollkommen, einige Wochen später fand seine Trauung 

St Das Zerstückelungsmotiv ist uns aus 'Mythen und den Fhanta, 
sien Psychoti eher gu bekannt. Rank und Silberer haben sich not der 
D^tung dieses Motives befaßt und haben darin die verschiedenster, y 

5) Anspielung auf einen Kriminalprozeß der jüngsten Zeit. 



Der tiefenpsychologische Hintergrund der inzestuösen Fixierung 



343 



hschen Regungen verdichtet gefunden. Im Zerstückelungsmotiv käme nach 
Rank folgendes zum Ausdruck: die Kastration des Sohnes sowie die des 
Vaters; die Erektion des Phallus und dessen Erschlaffen; eine infantile Vor* 
Stellung über die Erschaffung des Kindes aus Stücken soll im Zerstücke* 
lungsmotiv eine Umkehrung erhalten haben; Rank hebt aber auch den Zu* 
sammenhang mit dem Inzest hervor und bemerkt, daß auch das Verhältnis; 
der Eltern und Kinder zueinander darin zum Ausdruck kommt. Ich möchte 
dem hinzufügen, daß damit wahrscheinlich vor allem das Mutter*Kind*Ver* 
hältms gemeint wird, umsomehr, da ja R a n k sowie S i 1 b e r e r fanden, daß 
das Zerstückelungsmotiv oft mit dem Motiv der Wiederbelebung und Ver* 
eimgung einhergeht, welch letztere als Geburt gedeutet wird. 

Ein ähnliches Motiv bearbeitet Plato in seinem Symposion. Es ist dks die 
Legende, die Aristo phanes vorträgt: Die sexuellen Wesen werden von 
Zeus entzweigeschlagen und suchen sich, weü sie ehemals eine Einheit bik 
deren zu vereinen, suchen ihre andere Hälfte. „Nun trägt die Begierde 
und Jagd nach der Ganzheit den Namen Eros." 

Fall II ist ein gleichfalls an Impotenz leidender Patient, der vier Jahre alt 
war, als sein Vater starb und der, ebenso wie sein älterer Bruder, in ganz außer. 
gewöhnlicher Weise an die Mutter fixiert blieb. Die drei Menschen lebten von 
M,, + * i ^gekehrt nur füreinander. Der Kranke war nur kurze Zeit von der 

S !°A ' t 1 m / 1C l er Zdt voIlkommen abstinent und versuchte den Kon. 
takt mit der Mutter durch regen Briefwechsel aufrecht zu erhalten 

Vom Tod des Vaters hatte er kaum eine bewußte Erinnerung: nur soviel, daßl 
er den Vater nicht beweint hatte. Die Analyse einer D e c k e r i n n e r u n g £ 
derte aber die unbewußten Vorstellungen und Erlebnisse zu Tage, welche zeigten 
wie der kleine Knabe den Tod des Vaters und dessen Begräbnis damals erlebt 
hatte. Im ersten Jahre semer Analyse beschäftigte den Kranken immer wieder 
eine Erinnerung aus der Kinderzeit. Sie hatten eine Hündin, welche jedes Jahr 
viele Junge warf Diese kleinen Hunde stahl der Gärtner der Hündin und er. 
tränkte sie im nahen Teiche, oder verscharrte sie in die Erde. Der Knabe war 
darüber untröstlich weinte und jammerte und war ganz verzweifelt. Der Patient 
wiederholte diesen Schmerz mit großem Affekt; sooft er diese Erinnerung er. 
zahlte, war er außerordentlich erregt. Es war klar, daß er sich mit den kleinen 
h<2tZ ^ enÜ S ierte - Mein Name (Kertesz), der zu deutsch „Gärtner" 
°; deut et, bewirkte eine Übertragung vom Gärtner auf mich: ich wurde der 
kinder.Rauber, kidmapper der ihn der Mutter entreißen will, um ihn dann zu 
ertranken oder elend umzubringen. Weiter zeigte es sich, daß er auch den Vater 
mit den jungen Hunden identifizierte, da man ja auch den Vater von der Mutter 
weggetragen und in die Erde vergraben hatte. So zeigte ihm das Modell der 
Hundefamihe, daß er nur so lange in Sicherheit sei, als er als Säugling an der 
Mutterbrust hange, als seine Mutter ihn beschütze. Seine Phantasien beinhalteten 
vorwiegend Saugeszenen. 

• Eil i T - IaU £ 1 '. welcher besonders klar den von mir betonten Hintergrund der 
inzestuösen Fixierung verriet, lautete: Er sieht den Plan einer Stadt vor sich. 

™l£lrT V ° n ™t t0tm Sektoren in drei Teile geteilt. Assoziationen 
zur Stadt: Kolozsvar und Nagyvarad, zwei von den Rumänen okkupierte („ent. 
rissene ) ungarische Städte; am Abend vorher hatte man über diese Städte in 



344 Lillian Rotter=Kertesz 



der Gesellschaft gesprochen, man könne dort viel Geld verdienen; wäre er doch 
mit der Mutter nicht nach Budapest gezogen, sondern in seiner Geburtsstadt 
geblieben, die auch im abgetrennten südungarischen Gebiete lag! Zu den drei 
Teilen der Stadt fällt ihm ein: eine alte Stadt im Auslande, wo er studiert hatte, 
diese Stadt war von Resten einer alten Stadtmauer sozusagen in kleine Städte 
geteilt, das gefiel ihm damals recht gut. Gedanken über die schöne freie Zeit 
damals, jetzt sei es damit aus, er müsse mit Mutter und Bruder zusammenleben, 
da er sich von ihnen nicht trennen könne usw. Den Träumer beschäftigen also: 
die vom Mutterland abgetrennten Städte K. u. N., das abgetrennte Südungarn; 
die Stadt, die eigentlich aus drei Städten besteht, ist seine Familie; Mutter, Bruder 
und er sind eigentlich eine einzige aus drei Teilen gebildete Stadt. Sich von 
Mutter und Bruder losreißen, heißt für ihn das Eine in drei Teile zerreißen. Er 
selbst, ohne Mutter und Bruder steht nicht a 1 1 e i n da, sondern ist bloß ein abge* 
rissener Teil, ist nicht ganz, sondern verstümmelt wie das verstümmelte Ungarn. 
Fall III war ein schwer infantiler, zu Beginn seiner Analyse vollkommen 
introvertierter junger Mann von 25 Jahren. Er hatte noch keinen Koitusversuch 
unternommen, hatte weder Freunde noch sonst gesellschaftlichen Verkehr, lebte 
ganz und gar das Familienleben eines kleinen Kindes. Im Laufe seiner Analyse 
befreundete er sich mit einem jungen Mädchen, das im Ausland lebte, und beab* 
sichtigte, es zu besuchen, was aber bei ihm einen langen Ambivalenzkonflikt er* 
weckte. In dieser Zeit bringt er folgenden Traum: Et steht in einer Portierloge 
und sieht durchs Fenster ein fürchterliches Tier auf sich zueilen, es ist ein Tinten= 
fisch, ein Oktoped. Er will fliehen, dann denkt er: man kann ja doch nicht weg- 
laufen! An den Füßen hat der Tintenfisch Saugnäpfe, mit denen er sich überall 
anklebt, so wie er selber eigentlich immer kleben bleibt — sagt der Kranke. Die 
weiteren Assoziationen zeigen, daß der Achtfüßler nicht nur der Kranke selber, 
sondern auch seine Familie ist, welche aus Mutter, Vater, Schwester und ihm — 
also 4 Personen, 8 Füßen besteht. „Man kann ja doch nicht weglaufen!" — be* 
deutet: er kann nicht weglaufen (zu dem Mädchen — aus der Familie), er ist 
ja bloß ein Teil, 2 Füße, dieses Tieres; wenn er wegliefe, wäre das so, als ob 
2 Füße des Tieres aus dem Leib ausgerissen würden, er bliebe ohne Kopf 
(= Vater) und Rumpf, er wäre bloß ein verstümmelter Teil des Ganzen. 

Wieder also die Familie als ein Organismus, als dessen lebensunfähiges 
Teilstück sich der Patient empfindet. 

Fall IV war eine verheiratete Frau, die an heftigen Kastrationsängsten litt, 
und die ihr ganzes Leben lang sich weder an andere richtig anschließen noch 
sich ganz ablösen konnte. Sie erlebte ihr Trauma im zweiten Lebensjahr: ihre 
Mutter stillte sie recht lange, 12 Monate lang, wurde dann gravid und entzog 
die Brust dem Säugling nun sehr rasch. Das Kind vertrug die Entwöhnung sehr 
schlecht, es weinte Tag und Nacht, bekam Krämpfe, wenn es die Mutter er* 
blickte, so daß die Mutter sich vor dem Kinde verstecken mußte. Auf Anraten 
des Hausarztes wurde das Kind dann zur Großmutter geschickt, damit es sich 1 
endlich entwöhne. Als die Kleine wieder nach Hause kam, war indessen ein 
kleiner Bruder geboren worden, und sie fand ihren Platz bei der Mutter besetzt 
vor. Ungeheurer Neid auf den Bruder und Haß gegen die Mutter gaben ihrem 
Charakter paranoide Züge. In der Analyse wiederholte sie immerwährend die 
passiv schmerzlich erlittene Trennung von der Mutter — aber in Umkehrung, 
aktiv: sie selber wollte die Analyse immer wieder unterbrechen, um so mir, d. h. 
der Mutter, zuvorzukommen. 



J 



Ein Traum, der ihre Kastrationsängste zeigt, lautet: Eine Frau sitzt auf 
ihrem Bette und erblickt eine Laus auf ihrem Kopfe. Tags darauf bemerkt die 
Patientin mit Entsetzen, daß sie ganze Lausreihen am Kopfe hat. Sie kämmt 
die Läuse aus und ist auf die Frau wütend, weil sie die erste Laus nicht von 
ihrem Kopfe heruntergenommen hatte; die Frau hätte es wissen müssen, daß die 
Lause sich so vermehren werden! Zur Vorgeschichte des Traumes: in der vorher* 
gehenden Stunde habe ich die Symptome der Kranken (im Ungarischen heißen 
Eigenheiten = bogarak = Insekten) zusammengefaßt, aneinandergereiht; ihr 
erstes Symptom (die erste Laus) war ihr eigensinniges Benehmen zur Zeit der 
Geburt ihres Bruders. So bin ich die Frau, d. h. die Mutter, die den Bruder ge* 
boren und das damalige negativistische, trotzige Gebaren ihrer kleinen Tochter 
nicht verstanden hat und so wahrlich Schuld daran ist, daß aus der Kleinen ein 
so schlimmes Kind geworden ist. In der Zeit des Traumes beschäftigen sie wieder 
Trennungsabsichten: sie will mich verlassen., dies erweckt ihr altes Trauma, .die 
Trennung von Mutter und Familie. Die Assoziationen, die sie zum Traume 
brachte, schrieb ich nach der Stunde gleich nieder, kann sie hier also ziemlich 
treu reproduzieren. 

Tagesereignisse: Patientin war in einem Kinderspital, wo sie zusah, wie die 
kranken Kinder den Eltern weggenommen wurden; Abschiedszenen, welche sie 
sehr erregt haben. Wie kann man das aushalten, daß die Kinder den Eltern fort* 
genommen werden? Wie grausam ist das! Sie bewunderte die Mütter und bewun* 
derte die armen Kinder, was die alles aushielten! Ein kleines Mädchen ließ sich 
ruhig vom Arzt in den Hals schauen und gab sogar seine Zustimmung zu einer 
Mandeloperation. Dies könne sie nicht verstehen, sie hat ja heute noch furch* 
terliche Angst vor dem Zahnarzt! Nie werde sie ihre eigene Mandeloperation 
(aus der Kindheit) verzeihen können, noch den Verlust ihres (Milchzahnes! Die 
Kranke weint jetzt und trägt wohl zum hundertstenmal ihre Klage darüber vor, 
wie man ihr, als sie 5 Jahre alt war, den Zahn gerissen hat: sie wurde nicht ein* 
mal gefragt, ob sie das erlauben wolle. Niemand hat sie getröstet! Das ist die 
Wiederholung ihres Kastrationserlebnisses: man hat ihr den Zahn so ausge* 
rissen — ihre Mandel herausgeschnitten — , wie man ihr einst die Mutterbrust 
entrissen hatte, wie man sie dann von der Brust der Mutter und aus dem Schoß 
der Familie herausgerissen hatte. Die latenten Traumgedanken sind also: Läuse* 
Kopf, Kinder*Eltern; Kinder werden den Eltern entrissen, der Zahn wird ausge* 
rissen, die Mandel herausgeschnitten, also ein Teil des Körpers wird ausgerissen, 
Zahn = Mutterbrust. 

Wir sehen also, daß hier wieder die Trennung des Kindes von den Eltern 
als ein körperliches Auseinanderreißen, als Ausreißen eines Teiles (Zahn, 
Mandel) aus dem Ganzen aufgefaßt wird. 

Dieser letzte, weibliche Fall, der einerseits große Kastrationsängste, ander* 
seits in typischer Weise die traumatische Trennung von der Mutter zeigt, 
gibt uns ein sehr instruktives Bild davon, welch große Hilfe wir aus der Vor* 
Stellung der Mutter*Kind*Einheit gewinnen können. Lediglich auf die ana* 
lyrischen Tatsachen gestützt, können wir verstehen, daß auch eine Frau genau 
so an Kastrationsängsten leiden kann wie der Mann, denn sie hat zwar keinen 
Penis, den sie verlieren könnte, aber eine Mutter(*Brust) hatte sie selbst* 



346 Lillian Rotier«Kertesz 



verständlich auch gehabt und deren Verlust kann sie, als Abreißen = Heraus* 
reißen, unter traumatischen Umständen erlebt haben. 

Aber auch jene männlichen Fälle werden unserem Verständnis näher ge* 
bracht, deren Krankengeschichten gar keine Kastrationsdrohungen enthalten, 
und die trotzdem an heftigen Kastrationsängsten leiden. Freud erklärte 
diesen Umstand mit der Annahme, daß anscheinend die Kastrationsdrohung 
eine phylogenetische Erbschaft der Menschheit sei, bemerkt jedoch hiezu, 
daß dies bloß eine Hilfshypothese darstelle. Eben Freud lehrte aber, wir 
sollten erst dann die Phylogenese zur Erklärung heranziehen, wenn wir im in* 
dividuellen Lebenslauf des Einzelnen gar keinen Anhaltspunkt zur Erklärung 
eines seelischen Vorganges finden können. Die traumatische und ganz indivi* 
duell erfolgte Trennung der Mutter*Kind*Einheit glaube ich aber bei allen 
diesen Patienten m i t Kastrationsängsten, aber ohne Kastrationsdrohungen, 

vorfinden zu können. 

• 

Das analytische Material, das ich zur Lösung dieses Problems gesammelt 
habe, ist so reichhaltig, daß es mir unmöglich wäre, es auch nur annähernd 
erschöpfend zu berichten; auch will ich Ihre Aufmerksamkeit nicht zu lange 
in Anspruch nehmen. Jedoch sei es mir gestattet, ganz kurze Beispiele aus 
der Literatur hier anzuführen: 

Das altbekannte Volkslied „Ich hatt' einen Kameraden" schließt mit der 

Strophe: 

Eine Kugel kam geflogen 

Gilt sie dir oder gilt sie mir? 

Ihn hat sie fortgerissen 

Er liegt zu meinen Füßen 

Als wär's ein Stück von mir. 

Der unerwartete Verlust des lieben Freundes bringt eine tief infantile 
Seelenschicht an die Oberfläche: das Gefühl, als ob ein Stück des eigenen 
Selbst fortgerissen wäre. 

Das sog. Schemell sehe Gesangsbuch enthält Lieder aus dem 16. und 
17. Jahrhundert; sie wurden von B a c h in Musik gesetzt und sind unter dem 
Titel „Geistliche Lieder" sehr bekannt. Die gläubige Seele singt hier von der 
Sehnsucht, dem Vertrauen, dem Flehen zu Jesu. Hier die Zeilen eines unbe* 
kannten Dichters: 

Jesu, Jesu Du bist mein, 

Weil ich muß auf Erden wallen. 

Laß mein Leben Dir gefallen, 

Dir will ich mich ganz ergeben 

Und im Tode an Dir kleben; 

Dir vertraue ich allein 

Jesu, Jesu Du bist mein!" 

Die an irdischen Qualen und an der Todesfurcht Leidenden haben zum 



Der tiefenpsychologische Hintergrund der inzestuösen Fixierung 



347 



Trost den Glauben an Jesu, an den sie sich klammern; der Dichter klebt 
an seinem Gott. 

Wolfgang Christoph D e ß 1 e r (um 1700) drückt dieses Anklammern in 
tief kindlichen Worten aus: 

Ich laß Dich nicht 

Mein Gott, mein Herr, mein Leben! 

Mich reißt das Grab 

Von Dir nicht ab, 

Der Du Dich hast für mich in Tod gegeben, 

Du starbst aus Liebe mir, 

Ich sag in Liebe Dir, 

Auch wenn mein Herz zerbricht: 

Mein Gott, mein Herr, mein Leben! 

Ich laß Dich nicht, 

Ich laß Dich nicht! 

Mich reißt das Grab von Dir nicht ab: das Sterben wird also als ein Ab* 
reißen von Gott gefürchtet, wogegen sich der Dichter genau so wehrt wie 
ein kleines Kind, das sich in seiner Angst fest an die Mutter anklammert. 

In der Musik hat B a c h den Kampf der ängstlichen Menschenseele um 
den Glauben und das Vertrauen in Gott — das sind die höheren seelischen 
Äquivalente des Anklammerns — zum Ausdruck gebracht. An einem sich 
typisch wiederholenden Merkmal seiner Kompositionen können wir beob* 
achten, wie er dies musikalisch wiedergibt: während das Thema in Varia* 
tionen abbiegend sich fortbewegt, braust im Basse entlang der ganzen 
Themenführung ein gehaltener Ton, der sogenannte Orgelpunkt, — die 
Stimme des Herrn tönt gleichsam durch das Ganze, die ständige Gegenwart 
des Vaters ist Gewähr und tröstliche Sicherheit. 

Das hier geschilderte Material kurz zusammenfassend, finden wir die inze* 
stuöse Fixierung als archaische Niederschrift des Unbewußten der Kranken, 
so wie sie vom Patienten in seiner, vielleicht tiefsten, sicher sehr frühen, 
Seelenschichte erlebt wird. Das Wesentliche ist, daß der Säugling einst die 
Mutter nicht zur Umwelt gehörig erlebte, sondern daran festhielt, mit ihr in 
ungetrennter Einheit, wie im Fötalzustand, in Dual*Einheit (Hermann) 
zu sein. In dieser Periode der primitiven Ich*Entwicklung gibt es noch keine 
differenzierte Grenze von Ich und Nicht*Ich (Umwelt, Objekt): Primitiv* 
Ich und Umwelt fließen zu einer Dual*Einheit zusammen. 

Hier möchte ich auf die ausführliche Arbeit E. P. Hoffmanns 6 
Bezug nehmen, welche dasselbe Thema behandelt. Ausgehend von den Ich* 
forschungen Freuds, Ferenczis und Federns kommt Hoffmann 
zu einer klaren Darstellung jener primitiven Ichphase, die er Früh*Ich nennt 
und die sich eben durch jene von uns beschriebene narzißtische Einbe* 
ziehung des Objektes in eine „Zweieinigkeit" kennzeichnet. Der von Her* 

6) Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXI, 1935. 






348 Rotter=Kertesz: Der tiefenpsychologische Hintergrund der inzestuösen Fixierung 



mann Dual*Einheit genannte Urzustand deckt sich vollkommen mit dem 
Begriff der „Zweieinigkeit", den ein Patient H o f f m a n n s für diese Art von 
Vereinigung mit dem Objekt gefunden hatte. Die Folgerungen .Hoff* 
manns, denen ich mich vollkommen anschließe, ersparen mir weitere 
metapsychologische Ausführungen. 

Der entscheidende Punkt ist: die Dual*Einheit oder Zweieinigkeit ist 
keine Objektbesetzung, das Objekt als solches wird in dieser Zeit noch gar 
nicht abgegrenzt, — auch ist sie keine Identifizierung, also keine 
Introjektion des Objektes, da ja das Früh*Ich noch keine Grenzen gegenüber 
dem Objekte hat; es handelt sich eben um etwas, was der Begriff der Zwei* 
einigkeit so gut benennt: Zwei und doch Einig, Dual und doch Einheit 

Während Hoff manns analytisches Material die Persistenz des Wun* 
sches nach dieser Art der Vereinigung mit dem Objekt bezeugt, spiegelt sich 
in meinen Krankengeschichten die Angst vor derTrennungbei jenen 
Patienten wider, die in dieser Dual*Einheit mit dem Objekt fixiert blieben. 
Aus Träumen, Phantasien und Ängsten der Kranken entnahm ich, daß in 
der Zeit der Dual*Einheit und der dazugehörigen Schicht des Unbewußten 
der Begriff „allein" nicht dasselbe bedeutet wie im bewußten Denken, 
sondern hier gleichzusetzen ist mit Begriffen wie: „zerstückelt, verstümmelt, 
kastriert, bloß ein Teil"; im wesentlichen bedeutet aber 

a U e i n = n i c h t ganz. 
Unter gewissen Umständen, worüber ein andermal zu berichten ich mir 
vorbehalte, erlebt das Kind die Trennung von der Mutter als Auseinander* 
reißen oder Zerstückeln mit großer Angst. Gegen diese Trennung kämpft das 
Kind mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, will sich an die Mutter 
(später: Familie) anklammern: mit dem Mund, den Händen, seinen Ex* 
krementen versucht es immer wieder und wieder den festen Zusammenhang 
mit dem Körper der Mutter herzustellen. Später dient auch das Sehen und 
Hören diesem Zwecke: muß das Kind auch das somatische Anklammern auf* 
geben, so kämpft es doch weiter, um wenigstens in seelischem Zusammen* 
hang zu bleiben. Dies treibt das Kind, durch Introjektion die Identifizie* 
rangen in Gang zu setzen, und so ruht es nicht, bis es seine Teile, deren 
Verlust ihm droht, — die Eltern — endlich in seinem Ich nun für immer und 
sicher unverlierbar vereint hat, und so in seiner Seelenstruktur die Kind* 
Mutter*, bezw. Kind*Farnilien*Einheit verwirklicht hat. 






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Über ein in der Psychoanalyse bisher vernachlässigtes 
Triebgegensatzpaar und sein Verhältnis zum Sadismus* 

Masochismus. 

\Von 

Imre Hermann 

Budapest 

^ In den vergangenen zwölf Jahren ergriff ich öfters die Gelegenheit, auf 
die bedeutsame Rolle hinzuweisen, die der Wunsch, sich an den Körper 
der Mutter anzuklammern, im seelischen Gefüge des Menschen spielt. Es liegt 
nun genügendes Material vor, das an verschiedenen Stellen Zerstreute zu* 
sammenfassen zu dürfen, zu ergänzen und die Stellung der hiehergehörigen 
Tatsachen im theoretischen Aufbau der Psychoanalyse nachzuweisen. Um die 
Klärung dieser Erscheinungen und ihrer Folgen haben wir uns in Budapest 
mehrmalig bemüht; so ist außer meinen Studien die hier angrenzende 
Auffassung des weiblichen Kastrationskomplexes von Frau K. Rotter, 8 
ferner die von Frau B ä 1 i n t beschriebene frühkindliche Angstsituation des 
Fallengelassen* Werdens 3 bekannt. Vor ganz kurzer Zeit gab Röheim 
eine breite ethnologische Bearbeitung desselben Gegenstandskreises, dessen 
psychische Abwandlungen wiederum von Frau K. Rotter mit neuem klini* 
sehen Material beleuchtet wurden. 

Zwei Tatsachengruppen verschiedener Herkunft dienten als Ausgangs* 
punkt. Die eine bestand aus klinischen Feststellungen, welche die Ero* 
geneitätderHand 4 bezeugen, die andere gruppierte sich um das V e r* 
hältnis von Mutter und Säugling bei den Affen. 6 

Erogeneität der Hand. — Die Hand wird schon von Freu d als eine ero* 
gene Zone anerkannt, indem er von der „Erregung einer anderen erogenen 
Zone, zum Beispiel der tastenden Hand" spricht 6 ; Beispiele von Lust* 

i) Vorgetragen teilweise im Magyarorszägi Pszichoanalitikai Egyesület am 18. Januar 
1935, teilweise auf der Vierländertagung in Wien, 7—10. Juni 1935, zum Thema: Todestrieb 
und Masochismus. , 

a) L. K. Rotter: Zur Psychologie der weiblichen Sexualität. Int. Ztschr. f. Psa., 
Bd. XX, 1934. 

3) A. Bälint: Über eine besondere Form der infantilen Angst. Ztschr f. psa Päd 
Bd. VII, 1933. . 

4) Hermann: Beiträge zur Psychogenese der zeichnerischen Begabung. Imago, 
Bd. VIII, 1922. — Organlibido und Begabung, Int. Ztschr. f. Psa., Bd. IX, 1925. — Er* 
scheinungen der Handerotik im Säuglingsalter, ihr Ursprung (Anklammern an die Mutter) 
und ihr Zusammenhang mit der Oralerotik. Vorgetr. im Magy. Pszichoanal. Egyes. im 
März 1924. — G. Th. Fechner. Int. Psa. Verl., Wien 1926, S. 49 ff. 

5) Hermann: Zur Psychologie der Schimpansen. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. IX, 1923. — 
Modelle zu den Ödipus* und Kastrationskomplexen bei Affen. Imago, Bd. XII, 1926. — 
Zum Triebleben der Primaten. Imago, Bd. XIX, 1933. 

6) F r e u d: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Ges. Sehr., Bd. V, S. 85. 




350 Im*« 5 Hermann 



I 



Sensationen der Hand werden auch jedem bekannt sein. So kann sich ein 
Patient erinnern, wie er als Knabe während des Gottesdienstes mit den Fin* 
gern spielte, den einen Finger mit dem anderen überkreuzte und dabei das 
Gefühl einer Erektion der Finger empfand. Ein anderer Patient konnte in der 
Analysenstunde durch Streicheln der Finger Lustgefühle in der Hand er* 
wecken. 7 Diese Lustgefühle und die Erogeneität der Hand könnten aber von 
sekundärer Natur sein, also nichts wesentliches in der Entwicklung bedeuten. 
Ein weiterer Schritt mußte also zur unmittelbaren Beobachtung der Rolle 
führen, welche die Hand im Leben des Säuglings einnimmt. Außer an eigenen 
Kindern hatte ich Gelegenheit, an Säuglingen eines Kinderheimes Beob* 
achtungen während des Saugens, Essens und Lutschens anzustellen 

Diese Beobachtungen ergaben: a) Es besteht ein eigenartiges Verhalten, das 
an Säuglingen früher oder später regelmäßig in Erscheinung tritt: wahrend 
des Saugens geraten die Finger beider Hände (oder der einen nicltt greifen* 
den Hand) in einen Zustand extremer Spannung. Versucht man einen der 
so gespannten Finger zurückzubiegen, so nimmt er die gespannte Haltung 
sofort wieder ein. Auch die Zehen können diese Haltung einnehmen Man 
hat das Bild eines mit Spannungskraft geladenen Körpers, es läßt sich auch 
der Vergleich mit der Erektion kaum ausschalten, b) Während des Lut* 
schens findet ein Anlehnen, Greifen, Umklammern seitens eines Fm* 
gers oder mehrerer Finger statt. Diese Verhaltungsweisen, die von Lind* 
ner auch an größeren Kindern beschrieben und in seiner Studie abgebildet 
worden sind, 8 scheinen einen ebenso wesentlichen Bestandteil des Lutschens 
auszumachen wie die eigentlichen Saugbewegungen. 

Anklammerung und grooming bei Affen. - Die andere zum Ausgangs* 
punkt dienende Tatsache lehrt, daß Affenkinder die ersten Monate ihres 
Extrauterinlebens amKörperihrerMutter verbringen, wobei sie sich 
mit allen Vieren am Fell der Mutter angeklammert halten. 9 Die Wich* 
tigkeit dieser Haltung verrät sich sodann — meiner Ableitung nach — m 
dem für ihr soziales Leben so wichtigen Spiel „groommg", fälschlich Lausen 
benannt. 10 Auch Schlafstellungen nach der Säuglingszeit lassen die nicht er* 
loschene Lebendigkeit dieses Anklammerungsdranges erraten; sie umarmen 

7) Derselbe Patient, nennen wir ihn Pat. I, assoziierte in einer Stunde zu Ha ecke 1, 
dessen Bücher er früher gelesen hatte, „ein Affe, der sich mit eine r Hand anhält. 

8) Lindner: Das Saugen an den Fingern, Lippen etc. bei den Kmdern (Ludein), 
1879. Neudruck in der Ztschr. f. psa. Pädagogik. Bd. VIII, 1934. 

o) Zusammenfassende Aufklärung ist aus den beden Büchern von Zucker man 
zu holen: Social life of monkeys and apes, 1932 und Functional affmities of man. mon* 

^lorrünTne'ufstudie von Yerkes gibt eine umfassende vergleichende Psychologie des 
Lausens: Genetic aspects of grooming, a socially important primate behaviour pattern. 
Joürnöfsoc Psych IV. Referiert vom Verf. Imago, Bd. XIX, 1933. Hier wird auch aus. 
geführt, inwiefern die Erscheinung des grooming in menschlichen Verhaltungsweisen 
wiederkehrt. 



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sich gegenseitig oder drücken durch die Armstellungen den Wunsch nach 
Anklammerung aus. 11 

Anklammerung beim Mensdien,^ — Vereinigt man diese beiden Tatsachen* 
gruppen — Erogeneität der Hand beim erwachsenen Menschen und mensch* 
liehen Säugling einerseits, Anklammerung des Affensäuglings andererseits — 
so ergibt sich die Folgerung, das menschliche Kind wer de im Ver* 
hältnis zur triebhaften Anlage frühzeitig — vielleicht auch 
infolge einer egoistischen Tat des Urvaters — vomKörperderMutter 
losgerissen. Der Drang nach Anklammerung bleibt darum fortbestehen, 
er verlangt nach dem Urzustand, in welchem sich Mutter und Kind in unge* 
trennter Dual*Einheit befanden. Seine Erfüllung wird durch ein Trauma, 
eigentlich durch eine unzählige Male wiederholte Trauma*Reihe vereitelt. 113 

In den beobachteten Eigentümlichkeiten der Hand während des Lutschens 
bricht dieser Drang durch. In diesem Sinne ist die Aussage eines allein schla* 
fenden 3 Jahre alten kleinen Mädchens zu verstehen, die das Mißlingen ihrer 
Bestrebung, das abendliche Greif*Lutschen aufzugeben, damit begründet, 
daß sie „nicht allein einschlafen kann". Psychisch liegt hier derselbe Tatbe* 
stand vor, wie im Falle eines anderen Mädchens, welches sich nur mit der; 
Bedingung in ihrem Bette einzuschlafen getraut, daß die Mutter ihr die 
Hand hält. Wie vom Standpunkte des Saugens der gelutschte Finger, so 
wird vom Standpunkte der Anklammerung das im greifenden Finger Ge* 
haltene mit der Mutter identifiziert. Das von der Mutter „verlassene" Kind 
phantasiert sich gleichzeitig als Kind und Mutter in den Zustand der An* 
klammerung. 

Hier können wir aber sofort auch die typische Schlaf Stellung 
des Säuglings anreihen. „Die eigenartige Schlaf Stellung des Säuglings 
ist schon lange aufgefallen, sie bietet aber der Erklärung einige Schwierig* 
keiten. Die bisher geltende Auffassung, nach der sie als eine Fortsetzung 
der intrauterinen Haltung anzusehen ist, kann nicht richtig sein, da sich die 
Frucht im Mutterleibe, wo sie durch den Druck der Gebärmutter von allen 
Seiten zusammengepreßt wird, ganz anders verhält . . . Möglicherweise han* 
.delt es sich um symmetrische, tonische Halsreflexe." 12 Die Haltung der bei* 
den in der Höhe der Schultern gehaltenen Hände verrät aber die Stellung 
des Kindes am Mutterkörper. Jeder Analytiker wird schon bemerkt haben, 
daß ebenso wie das Verlangen nach seiner Hand zu greifen, auch diese kind* 
liehe Schlafstellung der Arme in der analytischen Behandlung sehr oft in Er* 
scheinung tritt: sie zeigt die Regression zu früheren Anklammerungswünschen. 

ii) Darüber Abbildungen besonders bei R. M. Yerkes und A. W. Yerkes: The 
great apes. 1929. 

iia) Vgl. Hermann: Psychoanalyse und Logik. Int. Psa. Verl., Wien 1924. (S. d. 
Abschnitt: Der DuakSchritt.) 

12) Pei'per: Die Hirntätigkeit des Säuglings, 1928. S. 49 — 50. 






352 Imre Hermann 



Man sieht leicht ein, wohin diese Gedankengänge vorerst hinführen: zum 
analytischen Verständnis des „Greif triebe s", dessen Walten von uns 
mit dem Nachweis eines Anklammerungsdranges bekräftigt und außerdem 
mit einem Zielobjekt ausgerüstet wird. Wir haben uns daher eingehender 
mit diesem angeblichen Partialtrieb zu beschäftigen. _ 

Freud weist in Anknüpfung an L i n d n e r ebenfalls auf einen Greiftneb 
hin: „Ein dabei auftretender Greiftrieb äußert sich etwa durch gleichzeitiges 
rhythmisches Zupfen am Ohrläppchen und kann sich eines Teiles einer an* 
deren Person (meist ihres Ohres) zu gleichem Zwecke bemächtigen." 13 Meiner 
Auffassung nach soll aber der genetische Hergang eher ein umgekehrter 
sein: der Greif trieb will sich primär an einer anderen Person auswirken. 
Ber n fei d legt großen Wert auf die gründliche Erkenntnis des Greif* 
triebes. „Von Geburt an - so heißt es bei ihm - sind die Arme Organe leb* 
hafter Abfuhrphänomene. Sie führen .impulsive Bewegungen* aus: beim Er* 
schrecken, beim Saugen, Schreien und aus .inneren Anlässen', die sich genauer 
nicht angeben lassen. Das Schließen der Hand, wenn ein Reiz die innere 
Handfläche berührt, ist ebenfalls von Geburt an zu beobachten (D ix). Man 
spricht daher mit Recht von einem Greifreflex. Freilich darf man sich von 
dieser Bezeichnung, die nur für die frühesten Anfänge der Handtätigkeit gilt, 
nicht zu einer falschen Auffassung der späteren Greifvorgänge verleiten las* 
sen. Das Gewicht, das das Neugeborene mit dem Greifreflex auszuhalten 
vermag, ist sehr beträchtlich, nach Watson beinahe gleich dem eigenen 
Körpergewicht; diese Körperkraft nimmt auch in den ersten drei Wochen 
so gut wie nicht zu. Dieses ursprüngliche erste Stadium von Arm* und Hand* 
bewegungen bleibt von Geburt an zeitlebens hinter allen Veränderungen und 
Entwicklungen bestehen; starke Affekte affizieren auch die Bewegungen der 
Arme in spezifischer Weise und im Zustand der Gefahr (vor allem der Ge* 
fahr, das Gleichgewicht zu verlieren, aber in symbolischer Weise auch bei 
anderen Gefahren) oder höchsten Angst greift unsere Hand krampfhaft ms 
Leere."« Das zweite Stadium der Handbewegungen soll als lustvolles Tap* 
peln und Fuchteln beschrieben werden können, welcher Art aber diese Lust 
sei, „wird nicht schwer zu entscheiden sein, . . . diese Handlungen vermitteln 
Reizlust taktiler Natur, sie sind Handlungen des Sexualtriebes." 15 

In dieser Beschreibung bekommen wir auch Daten zur Beantwortung der 
Frage: ist es denn möglich, daß der menschliche Säugling die Kraft entfalten 
kann, welche nötig ist, um sich am Körper der Mutter - wenn auch mit 
deren Hilfe — angeklammert zu halten? Man vergesse bei der Beantwortung 
dieser Frage nicht, daß der menschliche Säugling von dieser Kraftbetätigung 
— meiner Meinung nach gegen seine natu rgemäße Anlage — vom Anfang 

13) Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Ges. Sehr., Bd. V, S. 54. 

14) Bernfeld: Psychologie des Säuglings, 1925. S. 130—131. 
i5) Daselbst, S. 131. 



J 



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an zurückgehalten wird, er ist also sozusagen der Inaktivitätsatrophie 
ausgesetzt. Doch der Neurologe wird entgegnen: die Pyramiden* und an* 
dere Bahnen sind doch beim Säugling noch markscheidenlos 1 Wie ist da 
von zentralen Vorgängen und deren Weiterleitung, wie es ein Drang vor* 
aussetzt, zu reden? Hören wir also einen Sachverständigen an. 

P e i p e r beschreibt auch seinerseits die besondere Empfindlichkeit der Hand* 
teller und Fußsohlen des Säuglings gegen Berührung. „Gibt man dem Neuge* 
borenen einen länglichen Gegenstand in die Hand, so wird dieser so fest um* 
schlössen, daß man das ganze Kind emporheben kann (Robinson). Die Kinder 
können manchmal eine Minute oder länger so hängen, bis ihre Kraft erlahmt. 
I s b e r t und ich fanden den Reflex stets bei Neugeborenen; im zweiten Viertel* 
jähr wird er allmählich seltener; er verschwindet aber erst gegen Ende des ersten 
Lebensjahres. Auch hier ist es wahrscheinlich die Tätigkeit des Großhirns, die 
das Zustandekommen des Reflexes verhindert, denn W a t s o n hat ihn bereits 
bei einer gehirnlosen menschlichen Mißgeburt gefunden und Kar plus und 
K r e i d 1 sowie Magnus beobachteten ihn bei Thalamusaffen, sobald diese sich 
von der Operation erholt hatten." 18 Es soll übrigens das menschliche Neuge* 
borene als „Pallidum*Wesen" benannt werden können, da bei ihm das extra* 
pyramidale System bis zum Pallidum hinauf arbeitet, „wenn auch natürlich die 
arbeitenden von den nichtarbeitenden Hirnteilen nicht so scharf getrennt sind 
wie bei operierten Versuchstieren" 17 . P e i p e r weist auf F. H. L e w y hin, nach 
welchem Tiere, die nur ein extrapyramidales System besitzen, nur zur Reizbeant* 
wortung fähig seien, das extrapyramidale System bestimme also im Wesentlichen 
die Instinkthandlungen. 18 Ich möchte hier auch die bekannte Morgansche 
Definition in Erinnerung bringen, wonach Instinkthandlung — Willkürhandlung 
subcorticale — corticale Nerventätigkeit bedeutet. Übrigens mahnt P e i p e r, sich 
vom Nervenbau nicht allzusehr beeinflussen zu lassen, vorläufig könne man die 
Arbeitsfähigkeit eines Nerven auf Grund seines anatomischen Baues nicht be* 
urteilen. „Ganz unabhängig von dem Zustande der Markscheidenreifung zeigt 
vielmehr der psychologische Versuch, daß jeder Sinnesnerv des Neugeborenen 
bereits imstande ist, die Erregung zentralwärts zu leiten." 19 — Der Greifreflex 
selbst soll nach neueren Untersuchungen im caudalen Teile des verlängerten Mar* 
kes und im oberen Halsmark zustande kommen, sein Hemmungsapparat wirke 
im Wege der fronto*rubrospinalen Bahn. 20 

Der Greifreflex basiert, meiner Anschauung nach, auf dem Greiftrieb, 
dieser aber auf dem Drang nach Anklammerung an den Körper der Mutter. 
Die neurologischen Daten sind nicht fähig, diese Anschauung zu widerlegen. 
Im Gegenteil, im Sinne der modernen Reflexlehre geht ein Reflex stets im Or* 
ganismus als Ganzem auf 21 und arbeitet nur nach künstlichen Eingriffen 
wie eine Maschine. Im Organismus als Ganzem lebt aber weder ein Greifi* 
reflex noch ein unbestimmter Greiftrieb, sondern der Anklammerungsdrang, 

16) Peiper, a. a. O., S. 32 — 33. 

17) Daselbst, S. 59. 

18) Daselbst, S. 56. 

19) Daselbst, S. 62. 

20) M. Kroll: Die neuropathologischen Syndrome, 1929. S. 176, 315. 

21) Goldstein: Der Aufbau des Organismus, 1934. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXI 1/3 23 



1 



^ ~~ Imre Hermann 



welcher nach einem noch vollständigeren Ganzen (Mutter.Kind.Einheit) hin. 

'^Haben wir somit die neurologische Berechtigung unserer Auf fassung klar, 
gestellt, so heißt es, die Erscheinungen zu sammeln, welchen gerade durch 
diese Auffassung zu besserer Verständlichkeit verholfen wird 

Schreck,Angst,Kastvationskomplex.- Da sind erstens die fruhkmdlichen 
S c h r e c k r e a k t i o n e n. Hören wir wieder P e i p e r an. „Der ganze Korper 
zuckt zusammen; die beiden Arme fahren erst auseinander und dann wieder 
im Ellbogen halb gestreckt, aufeinander zu. Die Finger werden erst gespreizt, 
dann geschlossen. Bei der Schreckreaktion werden die gleichen Bewegungen 
ausgeführt, wie bei dem M o r o sehen Umklammerungsreflex. Wahrend die. 
ser aber stets durch eine Erschütterung des Kopfes auszulosen ist, also be. 
liebig oft kurz nacheinander, ohne daß eine refraktäre Phase eintritt ist 
das gleiche bei der Schreckreaktion nicht möglich. Wir betrachten den Um. 
klammerungsreflex als eine Bogengangreaktion... M o r o hat .bereits daran 
hingewiesen, daß der Reflex bei Idioten länger bestehen bleibt. Aber selbst 
beim gesunden Erwachsenen fehlt er nicht ganz, das .Zusammenfahren bil. 
det die letzte Erinnerung daran... In stammesgeschichtheh wett zurück, 
liegenden Zeiten gefährdete jede Erschütterung den Säugling, der sich am 
Leibe der Mutter festhielt. Die darauf folgenden Bewegungen sind im Laute 
der Entwicklung zur allgemeinen Schreckreaktion geworden ... 2ä 

Zweierlei ist hier zu betonen. Das eine bezieht sich auf die Stellung der 
Finger. Man findet hier teilweise dieselbe Erscheinung wieder, welche wir 
bei dem Saugen beschrieben hatten, nämlich die Spreizung der Finger Die. 
selbe oder wenigstens im Umriß dieselbe Bewegung findet sichbei 
derLustundbeiderAngst. Doch in beiden Gemütsverfassungen will 
man etwas von der Mutter: sie soll mehr geben, mehr Lust oder mehr Auf. 
sieht. - Das andere betrifft die analytische Auffassung der Angst: Angst 
ist im Grunde das Gefühl der Verlassenheit in Gefahr, ihr Ausdruck ist 
gleichzeitig die Suche nach Hilfe, die Suche nach der Mutter. Angst ent. 
steht in der Situation der Verlassenheit, oder wenn Gefahr droht von der 
Mutter losgelöst zu werden; die Erschütterungsreize legen diese^Gefahr nahe. 
Angst entwickelt sich im Sinne eines Anklammerungsdranges^ Wenn ich ein 
Modell der Kastration sangst öfters als in diesem Zusammenhang 
ruhend beschrieb, so stand mir vor Augen, daß der Säugling infolge seines 
Anklammerungsdranges an den Körper der Mutter, nur mit der Mutter zu. 
sammen ein Ganzes bildet. Kind und Mutter sollen nach der Geburl . m einer 
DuaLEinheit verschmolzen sein, nicht symbolisch, sondern wahrhaft.real. 
Ich sehe in jeder Äußerung des Kastrationskomplexes das Primare im Ob. 
jektverlust, in der Trennung vom Objekt, das Sekundäre - auf der Genital, 
stufe — im Verlus t des objektvertretenden Genitales. 
22) P e i p e r, a. a. O. S. 4 — 5. 



SichsAnklammern — Auf-SuchesGehen 



355 



Außer in der allgemeinen Schreckreaktion, in der Angst und in dem Ka# 
strationskomplex finden wir uns den Abwandlungen des Anklammerungs* 
dranges auch in anderen Sinneszusammenhängen gegenüber. 

Sinneszusammenhänge in Analysen. Onaniephantasien, Deckerinnerungen, 
Trennungswunsch, Wandertrieb. 

Der bereits erwähnte Patient I trägt ein ständiges Gestikulieren zur Schau. 
Er will etwas anfassen, der oberflächlichen Deutung nach Geld zählen, ona* 
nieren. Doch schon unterwegs suchen seine Hände andere Ziele. Diese Unruhe 
und dieses Herumgreifen, ohne sichere, ergreifbare Ziele zu haben, kennzeichnen 
sein ganzes Leben. Er sucht nach einem Lebensberuf, er sucht ein Liebesobjekt 
unter beiden Geschlechtern, meistens unter den Frauen, aber so, daß er auch bef 
sicherer Geschlechtswahl gleichzeitig an mehrere Frauen attachiert ist. Er sucht 
auch unter den Lebensprinzipien: soll er in die Herzgasse gehen, wo eine Groß* 
mutter wohnte, die ihm in seinem 6. bis 9. Lebensjahre das Vorbild zum Bilde 
Gottes gab, oder soll er nur aufs Geld schauen, soll er nur „Geld suchen" (im 
Ungarischen wird „Geld verdienen" mit dem Ausdruck „penzt kevesni" = „Geld* 
suchen" bezeichnet). Hinter diesem Charakterzuge des ständigen Ballspiels, des 
ständigen Sich*Schaukelns stand nun seine Einstellung zu den Eltern aus der 
Kindheit. Der Vater kannte als höchstes Gesetz = tatsächlich das Geld, war aber 
gutmütiger und duldsamer als die Mutter, die immerfort nur erziehen wollte, die 
äußere Formen des Umganges bewertete und schon durch ihren Familiennamen 
an ständiges Sichinachtnehmen gemahnte. Soll er sich an diese Mutter anklam* 
mern oder soll er Bart, Schnurrbart, Penis des Vaters ergreifen? Er fürchtete sich, 
die Mutter wolle ihn vernichten. Auch hat die Mutter durch ihren Geruch ab* 
stoßend auf ihn gewirkt. Wendet er sich zum Vater, so werden ihn die Frauen 1 
nicht lieben. Es wäre am besten, so zu sein wie die Mutter, dann wird ihn den 
Vater lieben. Mit 12 — 13 Jahren enthielt seine Onaniephantasie die Vorstellung 
eines haarbedeckten Unterschenkels von Männern oder Frauen, auch die haar* 
bedeckte Brust von starken Arbeitern oder wie eine haarbedeckte Hand seinen 
Penis ergreift. Die Vorstellung vom Arbeiter ließ auch den Schweißgeruch auf* 
tauchen, das gibt eine eigene Quelle von sexueller Erregung. (Er liebt noch jetzt, 
Frauen auf die Schulter zu küssen, dann bekommt er ihren Achselhöhlengeruch 
in die Nase). Zu diesen Phantasien trug auch die Aufklärung bei, daß mit der 1 
Geschlechtsreife der Mann haarbedeckt wird. Er beobachtete tatsächlich damals 
in der Schwimmschule, daß vielen Jünglingen gerade am Unterschenkel viele 
Haare wachsen. Ein aufschlußreicher Traum während der Analyse belichtet den 
Hintergrund des bisher Gesagten: Vater und Mutter liegen wie tot, — tatsächlich 
sind beide binnen einer kurzen Zeitspanne gestorben — , er reiht seinen Unter* 
schenket an den Geschlechtsteilen der Mutter, um die Mutter damit aufzuwecken. 
Dies gelingt nicht. Er reißt von den Zehen des Vaters Haare aus, worauf dieser 
zu sich kommt. 

Patientin II ist wegen ihrer Deckerinnerung hier zu erwähnen: sie erinnert 
sich, als ganz kleines Mädchen auf einer Stiege gesessen zu haben, dabei umarmte 
sie fest den Hals eines großen Hundes, der ihr Freund war. Diese Haltung be* 1 
hielt sie noch als Erwachsene bei, als sie sich anhänglich an einen Mann schmiegte. 
Ihren Sohn hielt sie krampfhaft an sich gebunden, reinigte ihn noch in seinem 
6. Lebensjahre eigenhändig, wenn er seine Notdurft verrichtet hatte, legte seine 
Decke immerfort zurecht. Sie beklagt sich über Schwindelgefühle: denn sie ist 
einsam, kann sich an niemanden anklammern. 



23» 



356 Imre Hermann 



Patientin III litt an einer ihr peinlichen, doch unlösbaren DuaUEinstel* 
lung in ihrem Liebesleben: sie stritt mit dem einen Mann und wendete sich dem 
zweiten zu, doch nur um bald wieder beim ersten zu landen. Bis zu ihrem 
14. Lebensjahre schlief sie meistens im Bette ihrer Mutter, wobei sie mit Armen 
und Beinen die Mutter umschlungen hielt: manchesmal schlief sie so mit einer 
Schwester, später regelmäßig mit ihrem Manne. Ihre Liebe sinkt schnell mit der 
Entfernung des geliebten Mannes. Ihr Ideal ist das Leben eines Mannes, da 
dieser fest im Leben verankert ist, nicht so wie die Frauen ihrer Heimat, jdie 
vom Leben abgesperrt nur zu Hause sitzen. Es soll immer etwas geschehen, sonst 
ist das Leben leer. Die Furcht, ihren Geliebten zu verlieren, wird vollständig 
mit körperlichen Trennungsvorstellungen verknüpft. Sie kann nur mit 
Grausen daran denken, daß ihr die Nägel ausgerissen, die Augen ausgestochen 
werden. Wenn ihr Vater aus der Arbeit nach Hause kam, umschlangen ihn die 
Kinder. Ihre Mutter ließ allabendlich ihren Rücken durch die Kinder kratzen.. 
Auch sie hat das gerne, auch drückt sie gerne Pusteln bei anderen aus, ihre 
eigene Wunden läßt sie nicht zuwachsen, kratzt die Krusten in Begleitung eines 
angenehmen Gefühls ab. Sie führte sich als Kind schlecht auf, um Schläge vom 
früher heiß geliebten, später gehaßten Vater zu bekommen. Die Zornausbrüche 
des Vaters galten als Liebeserregung, die Schläge galten als verzerrte Schmeiche* 
leien. 

Dieselbe Patientin träumte oft mit dem einzigen erinnerten Inhalt: ich ging . . . 
Sie wollte ein Waisenkind sein, wollte als Kind, daß jeder in ihrer Nähe sterben 
möge und wartete darauf. Ein reicher Fremder wollte sie einmal — wahrschein* 
lieh spaßweise — zu sich nehmen, was sie bis heute ganz ernst nahm. Sie ha* 
oft, auch im Regenguß und Sturm, das Verlangen nach einem Gehen ohne 
Ziel, was sie manchmal mit großer Lust auch vollführte. 

Worüber klären uns die drei Fälle auf? Man sieht, wie weit die Annahme 
des frühkindlichen Anklammerungsdranges einige Zusammenhänge aus dem 
Leben der Patienten verständlich macht, wie wir in die Nähe des Ödipus* 
(Fall I und II) und des Kastrationskomplexes (Fall III) gelangen. Doch 
macht sich eine Komplikation bemerkbar. In denselben Fällen, wo der An* 
klammerungsdrang im Vordergrunde der Erscheinungen steht, kann auch 
etwas ihm sozusagen Entgegengesetztes wirksam werden: ein Streben nach 
Loslösung, Trennung oder eine ständige Suche nach einem Objekt 
zum Anklammern, auch dort etwa, wo ein solches schon vorhanden war. 
Bei Patienten mit Platzangst (nach Freud: Versuchungsangst) habe 
ich in zwei Fällen einerseits den starken Drang nach Anklammerung, nach 
einer Hand, die die eigene hält, andererseits die in die Kindheit verfolgbare 
Sehnsucht nach einem Ausreißen vom Heim und die Furcht vor Stillstehen 
(symbolisch im Symptom: vor Stillstehen des Herzens) vorgefunden. 

Bevor ich aber die Ursache dieser Verknüpfung von Anklammerung und 
Trennung, Ausreißen und Suchen darzustellen versuche, möchte ich die Auf* 
merksamkeit auf eine Eigentümlichkeit des I. Patienten lenken: auf die Phan* 
tasien, in deren Mittelpunkt das Haar steht. Der Fall ist keinesfalls ein iso* 
lierter. Eine andere Patientin (IV) weiß sich an eine bis in ihr siebentes Le* 
bensjahr zurückreichende Onaniephantasie zu erinnern, ein Mann reiße einer 




Sich=Anklammern — Auf=Suche«Gehen 357 



Frau die Schamhaare aus. Auch sind mir Erwachsene bekannt, die sich durch 
ihre Angehörigen im Kopfhaar herumkratzen lassen. Das Haarausreißen ist 
übrigens in gewisser Hinsicht mit dem „Lausen" der Affen verwandt. 23 

Bisher wurde in der Psychoanalyse der Standpunkt vertreten, daß „Fin* 
ger und Haar sekundär die Vertretung von Brust und Penis übernehmen". 2 * 
Und R 6 h e i m sagt: „Bei dem Haare handelt es sich außer der Riechlust 
(Analerotik) hauptsächlich um die Kastrationsängste: Haar und Nägel sind 
Körperteile, die wachsen (wie der Penis in der Erektion) und an denen sich 
das Abschneiden, die Kastration, regelmäßig wiederholt. Daher ist denn auch 
die Angsteinstellung, das Passiv*Magische, bei Haar und Nägeln überwies 
gend." R 6 h e i m erwähnt unter anderem die Sitte der Indonesier, bei wek 
eben der Mann während der Schwangerschaft der Frau und vierzig Tage nach 
der Geburt des Kindes keine Haare schneiden läßt. 25 Bei Stoll findet sich 
eine der ebenerwähnten ähnliche, uns näher interessierende Beschreibung: Die 
Inkas hatten die Sitte, bei der Entwöhnung ihrer erstgeborenen Söhne ein 
großes Fest zu veranstalten. Die Entwöhnung von der Mutterbrust geschah 
vom zweiten Jahre an und bei dieser Gelegenheit schnitt man dem Knaben 
das erste Haar ab, das er von der Geburt an trug, denn bis dahin blieb er; 
unberührt. Gleichzeitig gab man dem Kinde den Namen, den es erhalten 
sollte. 2 « Auch an anderen Orten soll das zweite oder dritte Lebensjahr, der 
Abschluß der Säuglingsperiode, die Zeit sein, wo die erste Haarschur an den 
Kindern vollzogen wird. 27 Das Haarkleid am Körper des Mannes soll vielfach 
mit der Vorstellung von Kraft und Männlichkeit verbunden werden. 28 Das 
Wachsenlassen der Haare beim Manne (Indonesier) oder beim Kind 
kann ohne Zwang als Darstellung des Wunsches nach Angeklammerts,ein 

23) Hermann: Zur Psychologie der Schimpansen, a. a. O. 

Ganz sonderbar klingt eine Stelle in einer Studie von K. A. M e n n i n g e r (Study of the 
significance of selkmutilations. The Psychoanalytic Quarterly, Vol. IV. 1935, S. 457.) Da 
heißt es : „Dr. Burrows hat über einen Fall von infantiler Trichotillomanie berichtet, wo ein 
drei Jahre altes Kind seine Finger befeuchtete, ein Haar ausrupfte, das ausgerissene Haar be* 
sichtigte und es fortwarf. Mehr als fünfzehn Monate lang dauerte diese Gepflogenheit. 
Dr. Maitland Jones, der den Patienten sah, war der Meinung, es handle sich nicht um, 
eine Krankheit, sondern um Mangel an Pflege. Dr. Burrows schrieb an den Direktor des 
Zoologischen Gartens und fragte, ob, diese Gewohnheit bei den höheren oder niederen 
Affen bekannt sei, und erhielt die Antwort, bei den Primaten sei in dieser Art nichts beob* 
achtet worden. Das Kind im obigen Falle lutschte den Daumen.," Mit analytischen Augen 
gesehen wird jedoch die regelrechte Haarbearbeitung der Affen (Zupfen, Beobachten, In* 
den«Mund*nehmen der kleinen Zupferfolge) dieser kindlichen Gewohnheit ziemlich nahe 
gebracht. 

24) Abraham: Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido. Int. Psa. Verl., 
Wien 1924. S. 84. 

a5) Röheim: Das Selbst, Imago. Bd. VII. 1921. S. 33 — 34. 

26) Stoll: Das Geschlechtsleben in der Völkerpsychologie, 1908. S. 128 

27) Daselbst, S. 133. 

28) Daselbst, S. 224. — Der Mann übernahm ja die Rolle des Weibes besonders ,als 
Ernährer, als sozusagen zweite Amme. 



358 Imre Hermann 



durch die Hervorhebung des passiven Anklammerungsorgans gedeutet wer* 
den. Die erste Haarschur bedeutet nicht nur die verschobene Kastration, 
sondern gleichzeitig und wesentlich die Lostrennung von der Mutter als An* 
klammerungsobjekt (Namengebung). 

Zum Verständnis der Psychologie der Trennung, wie sie sich in diesem 
Zusammenhange ergibt, muß nun vor Augen gehalten werden, daß es sich 
um eine Trennung in der Situation des realen oder phantasierten Angeklam* 
mertseins handelt, was sich daran erkennen läßt, daß aktivere, auch selbst« 
beschädigende Formen des Loslösungsdranges sich besonders an zwei Kör* 
perpartien kundgeben : an der H a n d 2sa und an den Hautschuppen, 
bezw. Haaren, d. h. an den aktiven, bezw. passiven Anklammerungs* 
statten. 

In anderen unserer Krankengeschichten erscheint neben dem Anklamme* 
rungsdrang und dem Trennungswunsch noch deutlicher die Such* 
tendenz. 

Patientin V z. B. fühlt in ihrer Einsamkeit etwas Krampfhaftes in ihrem 
Körper, sie kratzt krampfhaft Wunden an ihrer behaarten Kopfhaut. Sie 
muß jemanden finden, an den sie sich ankrallen könnte. Besonders 
bei unbefriedigten sexuellen Wünschen befindet sie sich in solchen Spannungen, 
daß sie im Zimmer auf und ab gehen muß, sie spürt einen Drang zum Fortgehen, 
um sich jemandem anschließen zu können. Sie möchte laufen, fühlt sich „haltlos", 
hat dabei das Gefühl, wie wenn man sie auseinanderreißen möchte. 

Patien VI gewährt mehr Einblick in die Motivation seines öfteren Herum* 
treibens. Er fühlt manchesmal, besonders nach Zankszenen mit Liebesobjekten, 
in langsamer Steigerung einen unverständlichen Drang nach Außen, nach irgend* 
etwas, ein Gefühl, das körperlich durch beklemmungsartige Sensationen in der 
Magengegend gekennzeichnet ist. Dann mußte er, obzwar genital nicht unbe* 
friedigt, in Gassen herumstreichen, um endlich bei einer Prostituierten zu landen. 
Es kam vor, daß er bei der Prostituierten ohne sexuelle Betätigung einfach zahlte 
und nach Hause ging. Eine Traumanalyse aktualisierte die Erinnerung, wie er mit 
6—7 Jahren aus dem Kinderzimmer durch den Korridor in das Zimmer der 
Köchin schlich, hier die Pantoffeln unter dem Bette hervorzog und diese beroch. 27 
Diese Erinnerung lenkte die Gedanken auf den Geruch der eigenen Schweiß* 
fuße, weiterhin auf eine Situation, als er neben der Tante lag und vor* 
sichtig durch seinen Fuß in Berührung mit dem Fuße der Tante kam. Dann wur* 
den die Geruchsempfindungen in Erinnerung gebracht, welche das Schlafzimmer 
der übrigens wohlgepflegten Mutter in ihm erregte. Es sammelte sich also Material, 
das um die Mutter, Körpergerüche, vorsichtiges Gehen konzentriert war. Das 
Gehen wurde einmal, als er, schon während der Analyse, dem Drange nach 
Herumstrabanzen nicht nachgab, in Diarrhöe (ungarisch hasmenes = Bauch* 
gehen) konvertiert. Derselbe Patient erinnert sich sodann, daß er als ganz kleines 
Kind im Bett mit der Hand der Mutter spielte, auf ihrem Arm schlief. Trauma* 
tisch wirkte auf ihn, daß, als er einmal dem heimkommenden Vater um den Hals 



28a) Vgl. Hermann: Neue Beiträge zur vergleichenden Psychologie der Primaten. 
29) Man erinnere sich an die Rolle des Riechens bei dem Pat. I. — Riechen ist 
eben eine hervorragende Sinnesbetätigung des Suchens. 



SichsAnklammern — Auf=Suche=Gehen 359 



fallen wollte, dieser ihn abschüttelte. Daß er in seinem Sichherumtreiben letzten 
Endes die Mutter suchte, ist nach obigem klar. 

Annahme zweier Partialtriebe der Libido: Sich = Anklammern und Auf=die* 
Suche 'Gehen. Dieser Fall bildet einen leichten Übergang zu den Fällen des 
Wandertriebes. Es steht fest, daß das Sichlosreißen allein, nach Enttäuschung 
gen z. B., mit Lustgefühlen einhergehen kann. 

So sagt eine Patientin, daß in ihr während ihrer von Eifersucht ausgelösten 
Depressionszustände gruselig*wollüstige Gefühle erwachen. Sie will dann in 
die Ferne gehen, denn so fühlt sie sich selbst, so fühlt sie, daß sie existiert. Ihre 
Zwangssymptome, die tagelang anhaltende zwanghafte Beschäftigung mit dem* 
selben Gegenstand, zeigen jedoch, daß sie das Suchen nach einem neuen Liebes* 
objekt verdrängt (Pat. VII). 

Rank sieht im Falle des Wandertriebes die Sachlage einfach: das 
Entlaufen verdankt seine Existenz dem Geburtstrauma, 80 der Wandertrieb 
soll auf die Komponente Heimweh = Zurückgehen zurückgeführt werden 
können. 31 Stier behandelt das Thema monographisch vom Standpunkte des 
Neurologen. Er kommt zu den Schlüssen: je mehr man sich der Pubertät 
nähert, desto zahlreicher werden die Momente, welche schon physiologisch 
ein Herumtreiben des Kindes veranlassen können: der Drang, die Welt da 
draußen kennenzulernen, die allmähliche innerliche und äußerliche Loslösung 
von Eltern, Familie, öfters auch dumpfe sexuelle Dränge, die nach einem ver* 
standesgemäß noch nicht klar erkannten Ziel treiben, die Entdeckerlust, die 
Neugierde. 32 Zur Erklärung der Verstimmung und des Fortdrängens soll 
besonders bei Imbezillen das sexuelle Moment ernstlich mit herangezogen 
werden, da man dieses dumpfe dunkle Drängen zum anderen Geschlecht 
nicht nur beim Menschen in der Pubertätsentwicklung, sondern auch von den 
Wanderungen der männlichen höheren Tiere her kennt. 33 Wenn auch Fälle 
von selbständigem Wandertrieb seltener sind als meist angenommen 
wird, so muß mit solchen doch gerechnet werden, was auch durch familiäres 
Auftreten, ohne die Möglichkeit der Nachahmung nahegelegt wird. 34 

In einer neueren Studie über den Wandertrieb 33 wird dieser als „Bewegungs* 
drang von der Enge in die Weite, von der Gebundenheit in die Freiheit" ge* 
kennzeichnet. Es wird öfters hervorgehoben, daß die „Liebe zum Vater* 
land" (S. 19), zur Familie, „Anhänglichkeiten zu Haus und Angehörigen" 
dem Wandertriebe gegenüberstehen. Das Wort wandern, ein altes deutsches 
Wort, gehört — nach einem Zitat von Ho f müller — als Nebenform zu 



30) Rank: Das Trauma der Geburt, 1924. S. 13. 

31) Daselbst, S. 59. Anm. 

32) Stier: Wandertrieb und pathologisches Fortlaufen bei Kindern, 1913. S. 7, 66, 119. 

33) Daselbst, S. 73. 

34) Daselbst, S. 104. — Bei 13 von seinen 39 Fällen war (nach meiner Zusammenstellung) 
stärkeres Nägelkauen, Nasenbohren oder Hautabreißen notiert. 

35) L. Mayer: Der Wandertrieb. Eine Studie auf Grund vorhandener Literatur, 
eigener Beobachtung und Untersuchungen, 1934. 



360 Imre Hermann 



wandeln und als abgeleitete Form zu winden. Gehen auf gerader Straße sei 
also nicht wandern. Der Wanderer vermeidet die Landstraße, er liebt die 
gewundenen Pfade (S. 15). Nicht zuletzt sollen auch manche Künstler ein 
Vagantenleben führen. Vornehmlich unter Variete* und Zirkuskünstlern, aber 
auch unter Malern und Schauspielern begegnen uns solche Menschen (S. 33), 
eine Feststellung, die hier im Zusammenhang mit der hervorragenden Hand* 
erotik der Akrobaten und Maler von Interesse ist. Der dem Wandertrieb 
Verfallene soll keine Bindungen auf die Dauer ertragen können (S. 34, 45), 
er kann dem Locken und Rufen einer Landstraße, eines Lokomotive 
pfiffes nicht widerstehen (S. 35, 50), — was für uns wieder das trieb* 
hafte Eingestelltsein auf „Verführung von Seiten eines Objektes" beweist. 
Viele kleine Vaganten streunen nur innerhalb oder in der Nähe ihres Hei* 
matortes herum (S. 47). Bei einem auszugsweise beschriebenen Fall — einem 
Mädchen von 18 Jahren — sah man eine unbeschreibliche Wildheit, es „klet* 
terte vor den Augen der Erzieherinnen katzenartig auf Bäume und setzte 
behende über Hecken und Zäune". Psychologisch wird als Bedingung des 
Wanderlebens eine dispositionelle leichte Umstellungsfähigkeit an* 
geführt. „Bei einer Person, die sich von liebgewordenen Menschen oder 
Gegenden nur sehr schwer loslösen kann und zu veränderten Verhältnissen 
keine Neueinstellung findet, wird schwerlich eine Wanderneigung ent* 
stehen . . ." (S. 68). Auch wird eine Theorie von G o 1 d b e c k, der an ein Zitat 
von Spranger anknüpft, erwähnt, wo von einer mystischen Einsamkeit 
der Jugendlichen die Rede ist. Diese Einsamkeit soll nach Goldbeck mit 
einer inneren Unruhe verbunden sein, welche sich ihrerseits sozusagen mo* 
torisch als Wandertrieb äußere. Der Zusammenhang von Pubertät und Wan* 
dertrieb, sowie von Sexualität und Wandertrieb besonders bei weiblichen 
Wanderern, wird auch von Mayer gewürdigt. 

Ein Fall eines nachtwandelnden Knaben wurde von G r a b e r analysiert. 36 
Grab er sieht in der starken Muttersehnsucht, durchströmt von Ödipus* 
wünschen und Kastrationsängsten, die wichtigsten Grundlagen des Symptoms. 
Da er jedoch die Symptomanalyse in der Analyse der ganzen seelischen Ent* 
wicklung aufgehen läßt, finden wir auch Gelegenheit, das Bestehen der von 
uns aufgestellten Zusammenhänge zu bekräftigen oder zu entkräften. Da fällt 
uns sogleich aus der Vorgeschichte die Erzählung auf, die Hebamme hätte 
den Neugeborenen beim Baden ins Wasser fallen lassen, was vielleicht als 
FamilieneErzählungsstoff Wirkung auf den Knaben ausübte. Von Hand* 
erotik zeugt einerseits die Vorliebe für Zeichnen, andererseits die Be* 
Schreibung des Nachtwandeins: „Ich stehe im Schlaf auf, gehe an das Bett der 
Mama und drücke mit den Fingern ein wenig auf ihre Hand". Das Allein* 
bleiben war bei ihm oft beabsichtigt. Er träumte, er sei in der Wüste ganz 

36) G. H. G r a b e r, Psychoanalyse und Heilung eines nachtwandelnden Knaben. 
1931. S. 7, 9, 12, 16, 19, 23, 25, 42, 45, 60, 61. 



SichsAnklammern — Auf=Suche=Gehen 361 



allein; wenn Kinder spielten, stellte er sich in eine Ecke und sah dem 
Treiben der andern zu, bezeugte damit den ersten Schritt des T r e n n u n g so 
Wunsches. Er fing aber auch ganz plötzlich zu rennen an, womit der 
zweite Schritt, das Au£*Suche*Gehen, in seiner Isolierung als „Perversion" 
in Erscheinung trat. Der Anklammerungswunsch läßt sich aus seiner 
Art des Liegens neben der Mutter ablesen: er zog die Knie ganz ans Kinn, 
hinauf, sowie aus Träumen, z. B. aus dem ersten in der Analyse erzählten 
Traum, wo ein Hund mit glühenden Ketten kommt, der Hund trug lange, 
zottige Haare, hatte leuchtende Zähne, an den Beinen eiserne Krallen. In einem 
anderen Traum kreiste ein Adler über ihm, er schoß auf ihn herunter, packte 
ihn am Hals und trug ihn fort in sein Nest, worin die Kleinen hockten. Sie 
begannen ihn zu zupfen. Er spürte, wie die scharfen Krallen ihn ergriffen. 
Von seinem jüngeren Bruder, mit dem er sich stark identifizierte, erzählte 
er, er drehe, oft eine Viertelstunde lang, die Haare vorn am Kopf zu einem 
Zöpfchen, er, der Bruder, will einem Hunde den Kopf abschlagen, den Pelz 
abziehen und sich selbst damit kleiden. Er selbst erzählt dann vieles von 
haarbedeckten Tieren und vom haarbedeckten Körper des Vaters. Auch wird 
ein Koitus zwischen Hunden erinnert, die man trennen mußte. 

Der Wandertrieb wird also auch ohne analytische Durchforschung der 
Fälle in die Nähe des Sexualtriebes gebracht, und es wird mit der Möglichkeit 
eines selbständigen Wandertriebes gerechnet. Nun erinnern wir uns, daß auch 
der Anklammerungsdrang bereits als einer der wenigen mitgebrachten Triebe 
des menschlichen Säuglings anerkannt wurde. 37 Es obliegt uns daher die Auf* 
gäbe, vom Standpunkte der analytischen Triebtheorie aus Stellung zu diesen 
Fragen zu nehmen und eine Einreihung der aufgefundenen Strebungen in das 
analytische Lehrgebäude zu versuchen. 

Was wäre das Kennzeichen eines Triebes, außer seiner oft schwer nach» 
weisbaren aktiven, nicht reaktiven Natur? 

1. Ein Trieb soll als Allgemeinerscheinung in der Naturgeschichte der 
Art aufweisbar sein. Das ist der Grund, weshalb wir uns so oft zur ver* 
gleichenden Psychologie der Primaten hinzuwenden hatten. Wenn die Allge* 
meinverbreitung des Anklammerungsdranges unter den Primaten anerkannt 
ist, wenn im anlagemäßigen Spiel des „Lausens" Anklammerung, Suchen und 
Trennung gleichzeitig dramatisiert werden, so gibt das eine ernste Grundlage 
für die Diskussion dieser Einordnungsfrage. 38 

2. Ein Trieb muß eine biologisch bestimmte "Objektart haben. Das 
Objekt der Anklammerung ist biologisch gegeben, es ist die Mutter, die im 



37) Alverdes: Die Tierpsychologie in ihren Beziehungen zur Psychologie des 
Menschen. 1932. Ref. vom Verf., Imago, Bd. XIX, 1933. S. 132. 

38) Der Anklammerungstrieb beschränkt sich nicht auf die Primaten. Er findet sich 
bei Fledermäusen, Spinnen, Krebsen vor. 



362 Imre Hermann 

Laufe der Entwicklung ersetzt werden kann. Die Mutter ist aber gleichzeitig 
das erste Liebesobjekt, das erste Objekt der Libido. Wie sehr Anklammerung 
und Libidoäußerung schon beim Kleinkind zusammenhängen, zeigen außer 
den beschriebenen Beobachtungen an Säuglingen und den analytischen Er* 
fahrungen (Fall I, III, VI) wieder die Affenbeobachtungen, nach welchen 
Anklammern sehr frühzeitig in Koitusversuche übergehen kann. 

Aber wo befindet sich das Objekt bei der Suche, beim sog. Wandertrieb? 
Rank hat Recht, daß das Objekt letzten Endes auch hier die Mutter ist 
(s. Pat. VI). Doch meinen wir das Objekt nicht in diesem Sinne; es fragt 
sich, auf welches Objekt sich der Suchtrieb d i r e k t richtet? Man denke nun 
hier an die Schicksale der Objektlibido, welche von Freu d aufgezählt wor* 
den sind: es heißt, die Objektlibido kann unter anderem auch in besonderen 
Spannungszuständen schwebend erhalten werden. 39 Ein solcher Zustand der 
Objektlibido gibt sich z. B. im Sich*Schämen kund i0 — und, wie leicht er* 
sichtlich, auch in der Suche nach einem Objekt. Vielleicht ist diese Ähnlich* 
keit beider Zustände Schuld daran, daß gerade Beschämungen so leicht zum 
pathologischen Entlaufen prädestinieren. Das Wandern ist also eine Suche 
mit schwebender Objektlibido, öfters eventuell von narzißtischen Rausch* 
zuständen (deren Bild Pat. VII gab) unterbrochen. 

3. Ein Trieb muß ein Ziel haben, d. h. anlagemäßig bestimmte Hand* 
lungsfolgen auslösen. Die Anklammerung verdankt aber gerade der Ziel* 
handlung ihren Namen. Die Suche besitzt in dem Fortgehen und in der be* 
sonderen Einstellung auf das Finden (Bevorzugung von Riechwahrnehmung, 
Pat. I und VI) diese anlagemäßige Handlungsfolge. 

4. Ein Trieb, der aus dem Innenleben des Es gespeist wird, muß in seinem 
Ablauf eine wirbelartige Kraftentfaltung aufweisen. Was ist damit 
gemeint? 

Exkurs über die Wirbeltheorie der Triebe. Besonders depressive Kranke 
zeigen, daß sie anfangs langsam, später immer rapider unter die Herrschaft 
der Gemütsveränderung geraten, so daß sich der Patient im Anfang mit Hilfe 
der Analyse und des Gesundungswillens von der inneren Schlinge noch re* 
lativ leicht loslösen kann, später aber nur mit unvergleichlich stärkerem Auf* 
wand. Das, was vom Trieb gespeist ist, entfaltet sich, bildlich ausgedrückt, 
wirbelartig, das heißt, es besitzt mehrere Niveauhöhen mit der 
Nähe zum Kraftzentrum ständig wachsend er Anzieh ungs* 
vermögen. Diese Wirbelhaftigkeit zeigt sich im Sexualtrieb, wenn er sich 
als Verliebtheit äußert oder im Vollzug des Sexualaktes, wenn der Drang 
durch die Vorlustmechanismen stets neue Lustquellen auslöst, mitreißt. Der 
Wirbel der Onanie ist bekannt: der Onanist enthält sich der Onanie, bis er 
aus irgend einem Grunde, infolge irgendeiner Enttäuschung ihr wieder ver* 

39) Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Ges. Sehr., Bd. V, S. 93. 

40) Hermann : Die Psychoanalyse als Methode. 1934. S. 38. , ; 



Sich=Anklamtnern — Auf=Suche=Gehen 363 



fällt. Sich ihr dann zu entreißen, fehlt ihm lange Zeit die Kraft. Der Nah« 
rungstrieb besitzt wiederum denselben Aufbau. Es ist offenbar, — so heißt 
es bei K a t z, der dem Hunger und Appetit eine besondere Studie widmete — 
daß die Befriedigung eines Appetits auf verschieden hohem Niveau erfolgen 
kann; die Befriedigung des ersten Fetthungers bedeutet z. B. noch keine Be* 
friedigung des Fetthungers des ganzen Organismus. Die Durstlöschung er* 
folgt ebenfalls in mehreren Stationen." Bei Hungernden (Menschen und 
Versuchstieren) ist beobachtet worden, daß das Hungergefühl, die Stärke 
des Hungertriebes, in den ersten Fasttagen am stärksten ist und dann — eine 
Zeitlang natürlich — fast verschwinden kann. 42 Ich selbst beobachtete eine 
Patientin mit Zwangshungern. Wenn sie nach Hungertagen nur einige Bissen 
aß, konnte sie weiterhungern, gab sie aber dem Nahrungstrieb nach und aß 
weiter, so war sie nicht mehr imstande, der Freßgier Einhalt zu tun 
(Pat. VIII).« 

In der Anklammerung sehen wir den Wirbel in dem Wunsche, sich immer 
mehr des mütterlichen Körpers zu bemächtigen, in dem Krampfhaftwerden 
der Anklammerung, in den Versuchen, bis zum Koitus vorzudringen. Die 
Suche zeigt den Wirbelcharakter in ihrer Fortsetzung, auch wenn die inneren 
Ursachen, z. B. Bewußtseinstrübung bei dem pathologischen Fortlaufen, auf* 
gehört haben, ferner in der Tendenz des Wandertriebes, wenn er einmal auf* 
kam, immer neu in Erscheinung zu treten, sowie in der dem Wandersüchtigen 
innewohnenden „Tendenz, schnell moralisch zu verkommen, nachdem einmal 
das Rad ins Rollen gekommen ist." 14 

Ich fühle mich also berechtigt anzunehmen, daß Anklammerung und Auf* 
Suche*Gehen Triebäußerungen, und zwar Partialtriebe der Libido sind. 40 
Das Auf*Suche*Gehen leitet eigentlich den Sexualtrieb ein und ist ein ver* 
selbständigter Anfang. Das Fluktuieren zwischen verschiedenen Positionen, 
welches die frühkindliche Entwicklung charakterisieren soll 46 , zeigt schon 
die Wendung dieses Partialtriebes auf den eigenen Körper. Dabei entspricht 
der Anklammerungsdrang auch einer Selbsterhaltungstendenz, an welche sich 
der libidinöse Anklammerungstrieb anlehnt. 

Die Trennung aber, das Sichlosreißen, fassen wir in erster Annäherung als 
eine reaktive Tätigkeit auf, wie z. B. Reinlichkeit als eine Reaktionsbildung 
der Analerotik gegenüber aufzufassen ist. 

Betrachtet man die in ihrem Ziele gegensätzliche Natur der beiden hier 

40 K atz: Hunger und Appetit. 1932. S. 66—67. 
4a) Daselbst, S. 48. 

43) Vgl. Hermann: Das Unbewußte und die Triebe vom Standpunkte einer Wirbel* 
theorie. Imago, Bd. XXI, 1935. Hier fand Patient VI ebenfalls Würdigung (S. 416 f) 

44) Stier, a. a. O. S. 82. 

45) Diese beiden Partialtriebe stehen in gewisser Beziehung zu den beiden Grundtrieben, 
welche Buytendijk annimmt: dem Befreiungs* und dem Vereinigungstrieb (Wesen 
und Sinn des Spiels. 1933. S. 100 ff). 

46) M. Klein: Die Psychoanalyse des Kindes, Int. Psa. Verlag, Wien, 1932. S. 173. 



364 Inwe Hermann 



beschriebenen Partialtriebe einerseits, ihr Nebeneinandersein in den Kranken.« 
geschichten andererseits, so kann man annehmen, daß wir es hier mit einem 
Triebgegensatzpaar zu tun haben, analog dem des Sadismus und Masochis* 
mus. Sadismus und Masochismus finden aber hier nicht einzig dieser Ana» 
logie zufolge Erwähnung. Sie gehören mit einem ihrer Aspekte wesentlich 
hieher. 

Sadismus. — Diejenigen Autoren, welche sich mit dem Sadismus auseinan* 
dersetzen wollten, wurden auf die Rolle der Hand aufmerksam. Freud meint, 
„wir dürfen annehmen, daß die grausame Regung vom Bemächtigungstrieb 
herstammt und zu einer Zeit im Sexualleben auftritt, da die Genitalien noch 
nicht ihre spätere Rolle aufgenommen haben" 47 und weiterhin, daß die Be* 
vorzugung der Hand bei der Säuglingsonanie des Knaben darauf hinweist, 
welchen wichtigen Beitrag zur männlichen Sexualität der Bemächtigungstrieb 

leisten wird.* 8 

Federn betrachtet Waffe und Stock als verstärkte Hand. „Und tatsäch* 
lieh ist die Hand das schwächste und deshalb auch im Sadismus des Nor* 
malen am weitesten verbreitete Penissymbol, was sich auch in Gesten und 
Unarten genugsam ausdrückt. Bei der Hand tritt natürlich die symbolische 
Bedeutung oft hinter ihrer direkten Verwendung als eines sexuellen Hilfst 
organs, respektive als des nächstliegenden Angriffsmittels zurück, aber in 
den Phantasien wird die Hand oft auch als symbolischer Ersatz des Penis 
verwendet." 119 

Sadger gibt Individuell*Konkreteres. Er beruft sich auf das S c u p i n sehe 
Tagebuch. Im sechsten Monat soll der Kleine schon deutlich sadistische Ten* 
denzen zeigen, er schlägt nach der Mutter, krallt sich mit den Händchen in 
ihre Nase und reißt daran. Im achten Monat zaust er mit Wonne auch in 
Vaters Bart. Am zweiten Tage erhielt die Großmama, die sich zärtlich herab* 
neigend auf das Kind einsprach, ein paar Kratzwunden. Die Fingerchen 
hatten sich so fest eingekrallt, daß es ihr einen Schmerzlaut entlockte. Am 
selben Tage wurde ein sein Händchen berührender Finger sofort umspannt 
und erst bei einer ruckweisen Armbewegung losgelassen. Von dem 3Va Mo* 
nate alten Knaben wird ein Stab mit den Fingern fest umklammert und nicht 
wieder hergegeben. Das soll alles, glaubt Sadger, dem Bemächtigungstrieb 
zugereiht werden, der aber „leider psychologisch ebensowenig durchforscht 
ist, als sämtliche Ich*Teiltriebe". 60 Sein erster kasuistischer Beitrag zum Thema 
Sadomasochismus handelt von einer Frau, die, wenn sie mit einem Mann geht, 
der ihr angenehm ist, stets den Wunsch hat, sich in ihn einzuhängen. 51 Im 

47) Freud: Drei Abhandlungen z. Sexualtheorie. Ges. Sehr., Bd. V, S. 67. 

48) Daselbst, S. 63. 

49) Federn: Beiträge zur Analyse des Sadismus und Masochismus. I. Int. Ztscnr. 

f. Psa., Bd. I, 1913. S. 39. 

50) Sadger: Die Lehre von den Geschlechtsverirrungen, 1921, S. 35, 228. 

5i) Daselbst, S. 273. 



Sich=Anklammern — AiifsSuche=Gehen 365 

vierten Fall hören wir: schon als ganz kleines Kind schmiegte sie sich an den 
nackten, molligen Leib der Mutter, das war kein Anschmiegen mehr, sondern 
ein förmliches Anwinden. 52 Es ist derselbe Fall, der als einziger breiter ana* 
lysierter Fall von Nachtwandeln und Mondsucht von demselben Autor dar* 
gestellt wird. In diesen Zuständen scheint sie nach etwas zu suchen: Topf 
und Bett, wie sie in der ersten Wohnung standen ; es kam vor, daß sie sitzend 
bei ihrem Kasten vorgefunden wurde, wo sie etwas suchte, was sie tags zuvor 
gebraucht und wovon sie sich vorgenommen hatte, es am nächsten Tag 
herauszusuchen. 63 

Man findet also doch bei Betrachtung der konkreten Einzelheiten ziemlich 
klare Anspielungen an den Anklammerungstrieb sowie den konträren Trieb 
des Auf*Suche*Gehens, was dafür spricht, daß auch in diesem Zusammen* 
hange Handfunktion und Bemächtigungstrieb des Ichs durch den Anklamme* 
rungstrieb zu ersetzen wären. 

Ich glaube den Bemächtigungstrieb in seiner aggressiven Form direkt von 
der Überspannung und regressiven Besetzung der Anklammerung 
ableiten zu können. Die Einstellung „bist du nicht willig, so brauch ich 
Gewalt" ist nirgends so vernünftig wie in dem Drange nach Anklamme* 
rung. Der sich steigernde Sadismus, der sich des Innern des Mutter* 
körpers bemächtigten will, 54 findet seinen Weg direkt durch diese Ver* 
Stärkung der Anklammerung. Daraus möchte ich aber folgern, daß 
das Anklammern selbst noch keine Aggression bedeutet, ebenso wie 
es noch keine eigentliche Liebe ist. Man beachte, daß hier nicht von Ambi* 
valenz die Rede ist, sondern von einem gemeinsamen Vorstadium 
von Liebe und Aggression. Die Milderung der Anklammerung in 
Streicheln und Betasten wird die zärtliche Liebe bringen. Der Entwicklungs* 
weg des allgemein*menschlichen Sadismus ist — möchte man vermuten — 
durch die Versagung und die regressive Verstärkung- der 
ersten Anklammerungswünsche gegeben. 

Masochismus. Auf die Rolle der Hautoberfläche beim Masochisten 
war die Aufmerksamkeit schon durch Freud und Sadger (Hauterotik) 
gelenkt. Sadger 55 hebt auch die besondere Vorliebe vieler Masochisten für 

52) Daselbst, S. 306. 

33) Sadger: Über Nachtwandeln und Mondsucht. 1914. S. 8, 21, 31 — Ich möchte 
hier die Vermutung aussprechen, in der hypnotisierend«faszinierenden Wirkung des Lichts 
habe die Urwahrnehmung des Augenleuchtens einen wesentlichen Anteil. (Vgl. Vorläufige 
Mitteilung über Urwahrnehmungen. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XX, 1934.) Der Grab ersehe 
Fall gibt auch zu dieser Annahme Daten. 

54) M. K 1 e i n, a. a. O. S. 158. — Der Zusammenhang Aggressivität — Anklammerungs* 
trieb tritt auch in einem analysierten Fall von N u n b e r g zutage. („. ... bis zu seinem 
elften Lebensjahr schlief er mit der Mutter in einem Bette und hielt sich immer mit der 
rechten Hand an ihr fest".) Homosexualität, Magie und Aggression. Int. Ztschr. f. Psa., 
Bd. XXII, 1936, S. 15. 

55) S a d g e r, a. a. ö. S. 237. 



366 Imre Hermann 



Katzen und ihr weiches Fell hervor: Mas och selbst soll an ausge* 
sprochenem Pelz^Fetischismus gelitten haben. 

In der „Psychopafhia sexualis" von Krafft*Ebing 5S finden sich einige 
Krankengeschichten, aus denen manche Stellen hier verwertet werden können. 
Die Hand* und Fuß* Erotik des Masochisten ist aus B a u d e 1 a i r e s Sexualleben 
abzulesen: „Gegen eine sehr schöne Frau äußerte er den Wunsch, sie an den Hän* 
den aufgehängt zu sehen und ihr die Füße küssen zu dürfen. Diese Schwärmerei 
für den nackten Fuß erscheint auch in einem seiner fieberglühenden Gedichte als 
Äquivalent für den Geschlechtsgenuß" (S. 106). Nach Krafft*Ebing soll es 
deutlich zu sehen sein, daß der Schuh ein Fetisch des Masochisten sei, und zwar 
wegen der Beziehung des bekleideten weiblichen Fußes zur Vorstellung des 
Getretenwerdens (S. 117). Doch wird man, glaube ich, andere Beziehungen nicht 
abweisen können, so die Übertragung der Erogeneität vom Fuße aus, und zwar 
auf ein Stück Leder. Der auf S. 115 vorgestellte Masochist „verfiel auf die origi* 
nelle Idee, sich einen eleganten Damenschuh nach seinem Geschmack zu kaufen, 
. . . .küßte täglich wiederholt diese Schuhe und stellte sich dann die Fraget 
warum soll ich denn eigentlich Erektion haben, wenn ich einen Schuh küsse, der 
doch nichts anderes ist, als ein Stück verarbeitetes Leder?" Eine ausführlichere 
Selbstbiographie eines Masochisten läßt in die Vorliebe für Samt, Pelz ein* 
blicken (S. 82), ein anderer Patient hatte ein Faible für Katzen (S. 87), ein 
dritter wird von der Lektüre „Venus im Pelz" von Sacher*Masoch so erregt, daß 
er eiakuliert (S. 111). Über das Alleinsein, Losgerissensein sprechen folgende drei 
Fälle: Phantasie des Herrn X. sei, er wird, wenn er einen Befehl nicht zur Zu* 
friedenheit vollzogen hat, oder wenn es ihr sonst beliebt, von seiner Herrin in 
einen dunklen Abort eingesperrt, während sie ausgeht und Vergnügungen auf* 
sucht (S. 88). „Alle drei Monate erschien bei einer Prostituierten ein etwa 
45 Jahre alter Mann . . . Die Puella mußte ihn entkleiden, ihm Hände und 
Füße zusammenbinden, ihm die Augen verbinden und überdies die Fenster 
verdunkeln. Dann ließ sie den Gast auf ein Sopha niedersitzen und mußte 
ihn in seinem hilflosen Zustand allein lassen. Nach einer halben Stunde mußte 
die Person wiederkommen und die Bande lösen." (S. 101.) „Ein Kranker Tar* 
novskys ließ durch eine Vertrauensperson eine Wohnung für die Dauer seiner 
Anfälle mieten und das Personal (drei Prostituierte) genau instruieren, was mit 
ihm zu geschehen habe. Er erschien zeitweise, wurde entkleidet, masturbiert, 
flagelliert, wie es befohlen war. Er leistete anscheinend Widerstand, bat ixm 
Gnade, dann gab man ihm befohlenermaßen zu essen, ließ ihn schlafen, behielt 
ihn aber trotz Protest da, schlug ihn, wenn er sich nicht fügte. So ging es einigei 
Tage. Mit Lösung des Anfalls wurde er entlassen und kehrte zu Frau und Kin* 
dem zurück, die von seiner Krankheit keine Ahnung hatten. Der Anfall wieder* 
holte sich 1 — 2mal jährlich." (S. 91.) 

Das Verständnis der masochistischen Lust ist außerdem aufs engste mit 
dem Kastrationskomplex (S a d g e r), hinter diesem aber mit der Reaktions* 
bildung auf die Anklammerungstendenz, mit dem Sichloslösen ver* 
woben. Hier müssen wir aber weit ausholen. Wir vermuten, daß das Hervor* 
gehen des Trennungsvorganges aus der Dual*Finheit ein Vorstadium des Nar* 
zißmus und schmerzhaften Masochismus ist, wobei das normale Losgetrennt* 



56) Zitiert nach der zehnten Auflage, 1898. 



Sich=Anklammern — Auf=Suche=Gehen 367 

sein mit dem normalen, „gesunden" Narzißmus (Federn) einhergeht. 

Ich frage: sind im Wege der Analyse Tatsachen zu eruieren, welche die 
Motivgestaltung masochistischer Regungen beleuchten können, doch bis jetzt 
in diesem Zusammenhange unberücksichtigt geblieben sind? Gäbe es solche 
Tatsachen, was ist dann über ihre historische Stellung zu erfahren, sind sie also 
ihrer Deutung nach im Vergleich zu den bisher anerkannten Regungen in 
historisch früheren oder älteren Schichten der Seele verankert? 

Eine Gruppe von Erscheinungen, die hier in Betracht kommen, läßt sich 
im Sinne Ferenczischer Gedankengänge als einer tief der Seele inne* 
wohnenden Heilungstendenz entsprossen verstehen. 57 So ist z. B. die 
weit verbreitete depressiv*masochistische Phantasie vom „Kot im Munde" als 
ein peripher hinausgeworfener Abfall aufzufassen, hinausgeworfen, um das 
narzißtisch wichtigste Seelen*Ich vor Verderbnis zu schützen. Die Seelen* 
Zerrissenheit z. B. der Eifersucht wird so peripherisiert und als Druck im 
Herzen empfunden. Ein Teil des Körpers wird dem Schmerz preisgegeben, 
um die Seele vor dem befürchteten inneren Ruin zu bewahren. Diese Art von 
Schmerzerduldung bildet auch einen Fall von Unlustbejahung (Ferenczi) 
als Zulassung des kleineren Übels. 

Es ist gleichfalls naheliegend, daß, wie Ferenczi annahm, durch die 
an sich nur schmerzhafte Empfindung ein erotisiertes Aufmerken und ein 
die Heilung begleitender und bedingender Libidozustrom ausgelöst wird. 
Die Erklärungsgrundlage des masochistischen Gefühls wäre somit die Hei* 
Iungstendenz und ihre ökonomische Gestaltung. Der Schmerz erscheint statt 
eines größeren Übels und die schmerzhafte Stelle wird erotisiert. 

Doch eine andere Gruppe von Beobachtungen weist auf die historisch* 
traumatische, also in der Deutung den stärksten Ausschlag gebende Grund* 
läge dieser Symptome. 

Der leichteste Zugang zu diesen ist wohl in der oft zu beobachtenden 
Selbstverstümmelungstendenz gegeben, welche sich im Zupfen 
der Nägel, des Nagelpfalzes, im Beißen in die eigenen Finger, dann auch im 
Ausreißen der eigenen Haare, im Abreißen von Narben, kundgibt. 68 Es 
wird in diesen stark verbreiteten Handlungen eine Trennung vollzogen, 



57) Die Wirkung einer Heilungstendenz wird meiner Meinung nach in der Psychoanalyse 
viel zu sehr vernachlässigt. Sie spielt aber in pathologischen Zuständen dieselbe Rolle, wie 
der Schlafwunsch in der Traumbildung; man weiß aus der „Traumdeutung", daß dieser 
Schlafwunsch für das Verständnis der Träume nicht aus den Augen zu verlieren ist. 

58) In Sadgers fünftem Fall zum Thema Sadomasochismus besteht von Kindheit an 
die Gewohnheit, an kleinen Wunden, die sich bilden, die Krusten abzureißen, was ein 
quasi sexuelles Vergnügen bereitet. (Sadger, a. a. O. S. 315.) — Auch in einigen Fällen 
von Selbstverstümmlung, die von Menninger mitgeteilt sind, kann der von uns dar* 
gestellte Mechanismus : Selbstbeschädigung statt schmerzhafter Trennung aufgefunden wer* 
den. In einem Falle kam es zu dem Ausreißen eigenen Fleisches hauptsächlich an zwei 
Tagen, an denselben, an welchen der Gatte todkrank lag. Ein anderer wurde vom Vate» 
bei den Haaren gezogen und so geschlagen; er schnitt Stücke aus dem Haar aus. 



und zwar, wie dies in den obigen Ausführungen an einem Belegmaterial 
sehr diverser Herkunft erwiesen worden ist, dem Sinne nach eine Trennung 
von jemandem, der früher zum Ich gehörte. Nun ist dieser fremd geworden, 
hat sich in einen bösen Fremden umgewandelt, und so muß er vom. Ich 
abgetrennt werden. Nach dieser hineinphantasierten Personifizierung und 
Entfremdung des eigenen Körperteils setzt sich die Autotomietendenz. diese 
primitive Art der HeÜungstendenz durch. Wie wäre dies nachweisbar? 

Bei einer Verhaltungsweise derart allgemeiner Verbreitung muß nach einem 
allgemein*historischen Vorbild gefragt werden. Dieses fanden wir in der 
gewaltsamen Lösung des ursprünglichen Mutter. Säugling. Verhalt. 

"i* einer dem Urzustand entsprechenden DuaLEinheit befindet sich nun 
das Individuum mit den teils ablösbaren, teils schon fast abgelösten Bestand, 
teilen seiner Hautoberfläche. Die kleinen Risse der Haut, die Krusten, Nagel, 
Haare sind schon etwas MinimaLFremdes für das lebendige Ich. In der ge. 
waltsamen, oft blutigen Trennung von diesem MinimaLFremden kommt 
ein bekanntes, von Freud und Ferenczi hervorgehobenes Motiv zur Gel«« 
tung: das Bestreben des Ichs, das Trauma - hier Lostrennung - nicht trau, 
matisch, von außen aufgezwungen zu erleben, wie es m diesem Modell jeder 
Trennung, bei der Loslösung des angeklammerten Kindes von der Mutter, 
geschah, sondern als selbstgewollt, selbstdosiert, als Handlung eines 
freien „Erwachsenen". Der Schmerz, der bei diesen Selbstverstümmelung^. 
Ansätzen entsteht, fordert dazu auf, die Trennung endgültig auszuführen, ist 
auch ein Zeichen der Befreiung, welche etwa, wie wir hörten, als ein als nar. 
zißtischer Rausch zu bezeichnender Zustand in einem gruselig.lustvollen Ge. 
fühl auch empfindungsgemäß zum Bewußtsein ihren Zugang finden kann. 
Schmerz entsteht also in dieser Erscheinungsgruppe im Zusammenhange mit 
der angestrebten Trennung und das Gelingen dieser wird lust. 

vfrTder bereits erwähnten Patientin IV mit habituellem Nagelbettreißen 
bei der seit dem 7. Lebensjahre eine Onaniephantasie bestand des Inhalts, daiS 
ein Mann einer Frau die Schamhaare ausreiße", wurden in der Analyse m 
kurzen Zeiträumen folgende Träume geträumt: 1 Sie wird von zwei Männern 
gepackt, sie soll aufgehängt werden. Der eine, kahlköpfige will ihr zuvor noch 
die Haare abschneiden, was sie als größeres Leid empfindet als die bevor- 
stehende Tötung. Sie reißt sich aus den Händen der Männer. 2-Ihr Vfierjarizt 
mit ihr, drückt sie dabei stark an sich. 5. Ihrer Pelzboa fehlt am Halsteil das Fell, 
sie sucht danach. Sie fürchtete sich in der Zeit dieser Träume, sie werde von ihrem 
Liebhaber im Sti che gelassen. Eigentlich wurde sie vom Vater nicht losgelassen. 

5 9 ) In Träumen stellt sich der AnklammerungsfTrennungswunsch^y mb c .lisch, wie 
ich es in einigen Traumanalysen zu finden glaube, durch Fehlen von Haaren durch krank, 
hafte Finger, durch Schweben über der Erdoberfläche dar. Weitere Beobachtungen müssen 
die allgemeinere Gültigkeit dieser Symbole, resp. diese zweite Bedeutung außer der be* 
kannten, beweisen. 




SichsAnklammern — Auf-SuchesGehen 369 






Wie der Schmerz, so kann auch die Aggression des Anderen zur Tren* 
nung ermuntern; es ist dementsprechend eine analytische Erfahrung, daß die 
Aggression des Anderen — in der Übertragung die des Analytikers — unbe* 
wüßt beabsichtigt ausgelöst wird, um eine ersehnte Trennung in Gang setzen 
zu können. 

Die allgemeine Heilungstendenz hat sich also im Sinne dieser MotivgestaL* 
tung spezialisiert und bedeutet Heilung von den bedrohenden Einflüssen 
nahestehender Personen durch aktives Lostrennen, durch Einübung einer 
selbstgeregelten „guten" Trennung. Als Gegenstand der Loslösungstendenz 
kann dabei ein früheres Liebesobjekt, ein sich aufdrängender Feind, und, 
infolge Umwandlung dieser, das eigene Ich, aber auch ein Konflikt selbst 
dienen. 

Im Masochismus als Charakterzug steht sonach der reaktive, das Trauma 
wiederholende Trennungswunsch im Vordergrunde. Im Masochismus wird 
man nicht nur infantiler, wie wir durch Freud belehrt sind, sondern es be* 
steht gleichzeitig auch das verborgenere Bestreben, nach der masochi* 
stischen Tat ein Erwachsener, ein Unabhängiger zu werden. Frei sein, heißt 
aber — nach Kant — nur von sich selbst abhängen. Leicht vereinbar 
mit dieser Auffassung ist die Beobachtung von Reich, der Liebesanspruch 
des Masochisten wäre auf die in frühester Kindheit besonders tief erlebte 
Angst aufgebaut, allein gelassen zu werden. 60 Reich steht aber vor der 
Frage, weshalb Körperkontakt mit der geliebten Person angstlösend wirkt, 
unorientiert, er kennt den Anklammerungsdrang als libidinösen Partialtrieb 
nicht. 

Die im Bilde des Masochismus von Freud als wichtig erkannte Schlage* 
Phantasie zeigte sich mir in einem Falle einer zwangsneurotisch*masochistisch 
eingestellten Kranken mit genitakmasochistischen Empfindungen (Pat. VIII) als 
Dienerin beider Bestrebungen: der körperlichen' Berührung mit dem Vater und 
gleichzeitig der Lostrennung von ihm und der Mutter, von der Einheit „Familie". 
Ihr im Ödipuskomplex wurzelnder Konflikt hieß: ich kann mich in niemanden 
verlieben, denn dann bricht das Herz des Vaters, ich darf mich aber auch in den 
Vater selbst nicht verlieben. Aus diesem Dilemma versuchte sie sich gewaltsam 
zu befreien. Es war die Mutter, die ihrem erotischen Spiel mit dem Vater (sie 
warf sich „wie ein wildes Tier" auf ihn, biß ihn, wälzte sich mit ihm herum) 
durch furchteinflößende Mahnungen — „du wirst Krebs bekommen" 61 — ein 
plötzliches Ende befahl. Dabei war es wieder die Mutter, die die Türe zwischen 
den Schlafzimmern der Eltern und der Kinder nicht zumachen ließ. So war sie 
stets Ohrenzeuge des elterlichen Verkehrs und der nachfolgenden Irrigationen 
der Mutter, sie verkroch sich in äußerster Angst oft unter die Decke. Dieselben 
Trennungsbestrebungen wie in der Schlagephantasie spiegeln sich in ihrem Iso* 
lierungsbestreben wider, womit sie den lieben Gott und ihren Popo oder die 



60) Reich: Der masochistische Charakter, Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XVIII, 1932, S. 321. 

61) Vor dem Ausbruch ihrer stärksten Symptome wurde die Mutter wegen Krebsverdacht 
operiert. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXII/3 24 



— 9 



370 Imre Hermann 



zufälligen oder zwangsmäßig auftauchenden schmutzigen Wörter, d. h. sich selbst 
auseinanderhält. 

Es ist klar, daß unsere Deutungen bezüglich des Sadismus und Masochis* 
mus, — regressiveVerstärkung des Anklammerungstriebes und Trennungskon* 
flikt mit Heilungstendenz — keine Entscheidung über die Richtigkeit oder 
Falschheit der Annahme eines Destruktionstriebes enthalten, wie überhaupt 
ein schwacher Punkt dieser Annahme darin liegt, daß sie — infolge seiner 
Verborgenheit hinter den Tatsachen einerseits, seiner formal^abstrakt^all* 
gemeinen Natur anderseits — weder verifizierbar noch falsifizierbar ist. 62 
Man könnte demgegenüber unserer Ableitung den Vorzug zugestehen, daß 
sie dem Wahrnehmbaren näher steht, daher mit kontrollierbaren Annahmen 
arbeitet. 



6a) Möglich wäre auch die Annahme, der Destruktionstrieb lehne sich an die Anklamme* 
rungserscheinungen an. 



KLINISCHE BEITRÄGE 



Beitrag zur Entwicklung des weiblichen 
Kindwunsches 1 

Von 

Edith Jacobssohn 

Berlin 

Freuds Arbeit „Über die weibliche Sexualität" 3 hat die immer noch dunklen 
Probleme der weiblichen Triebentwicklung wieder in neuem Lichte zur Dis* 
kussion, gestellt. Wir hoffen daher, daß ein klinischer Beitrag hiezu auch dann 
Anspruch auf Interesse erheben darf, wenn seine Befunde mehr Bekanntes illu* 
strieren, als neue Zusammenhänge aufdecken. Der Wert seines Materials liegt 
hauptsächlich darin, daß es aus direkter Beobachtung und Analyse eines kleinen 
Mädchens vom dritten bis fünften Lebensjahr gewonnen wurde, das Schwierig* 
keiten bei der Lösung seiner präödipalen Mutterbeziehung hatte. 

Ursprung und Entwicklung des weiblichen Kindwunsches, der sich erst in der 
Ödipusphase endgültig und heterosexuell konstituiert, aber dann schon auf eine 
lange prägenitale, auf die Mutter gerichtete Vorgeschichte zurückblicken kann, 
wurden dabei in ihren einzelnen Phasen durchsichtig. 

Die kleine Hertha hat vom dritten bis fünften Jahr eine fraktionierte Analyse mit mo* 
natelangen Pausen durchgemacht. In der Fülle und Buntheit der Phantasien, die oft im 
Widerspruch zueinander auftauchten, hier wieder verlassen, dort weitergeführt wurden, 
ließ sich manchmal nur schwer Wesentliches von bloß Gelegentlichem, Flüchtigem unter* 
scheiden und daher die klare Entwicklungslinie nur mühsam herausarbeiten. Auch die 
Art, wie spontaner und analytischer Entwicklungsprozeß ineinander verflochten waren, 
machte Schwierigkeiten. Trotzdem gelangen Einblicke in manche interessanten Einzelheiten 
des frühkindlichen weiblichen Sexuallebens. 

Wir beginnen mit der Wiedergabe der wichtigsten anamnestischen Daten. Die kleine 
Hertha, ein reizvolles, hochintelligentes, aber launenhaftes, unbeherrschtes Kind, kam wegen 
ihrer quälenden Bindung an die Mutter in Behandlung. Sie war von Geburt an ein schwierig 
ges Kind gewesen. Neun Monate erhielt sie die Brust, der Versuch einer Breifütterung jm 
fünften Monat stieß auf arge Abwehr; auch die spätere Entwöhnung war schwierig; seit* 
dem sind Eßstörungen die Regel, Gemüse und Fleisch wurden lange abgelehnt. Die Mut* 
ter hatte sich gleich nach der Geburt scheiden lassen und bald wieder geheiratet (der 
wirkliche Vater spielte in Herthas Analyse kaum eine Rolle). Die Reinlichkeitserziehung 
wird im Alter von einem Jahre ernsthaft begonnen, gelingt aber erst etwa am Anfang des 
dritten Jahres. Das Kind neigt zu Blasenreizungen, deren psychische Komponente unver* 
kennbar ist. Als Eineinhalb] ährige wird sie von der Mutter dabei überrascht, wie sie sich 
von einem Hund am Genitale lecken läßt. Danach bittet sie die Mutter um Küsse an dieser 
Stelle und beginnt zu onanieren, was ihr von der Mutter erlaubt, von den Kindermädchen 

i) Vortrag in der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft am 7. Februar 1933; die 
seither zu diesem Thema erschienenen Arbeiten konnten noch nicht berücksichtigt werden. 
2) Freud: Über die weibliche Sexualität. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XVII, 1931. 

24* 



372 Edith Jacobssohn 



aber immer wieder verboten wird. Direkte Kastrationsdrohungen sind angeblich nie ge* 
geben worden. Als Zweijährige wird sie auf die Möglichkeit eines neuen Geschwister* 
chens vorbereitet. Sie reagiert darauf scheinbar erfreut, kriecht danach aber in den Pup* 
penwagen, spielt Baby und näßt ein. Seit dieser Zeit beschäftigt sie sich viel mit dem Pro* 
blem des Kinderkriegens, spielt unausgesetzt mit Puppen und verstärkt ihre Liebesansprüche 
an die Mutter. Im Alter von 2 1 / i bis 2 3 /i Jahren erlebt sie die Gravidität ihres Kinderif 
mädchens. Später stirbt ein anderes Kindermädchen an den Folgen einer Operation. Diese 
Ereignisse werden rücksichtslos vor dem Kinde besprochen und durch unzureichende 
Aufklärungen nur halb verständlich gemacht. Im Reichtum ihrer Erlebnisse fehlen auch 
nicht frühe Menstruationsbeobachtungen, etwa im dritten Jahre: sie entdeckt eine Binde 
bei der Mutter und Blut im Bett des Kindermädchens und hat seitdem eine Vorliebe 
für die rote Farbe. Als die etwa Zweieinhalb] ährige den Stiefvater einmal beim Urinieren 
im Badezimmer überrascht, ruft sie begeistert: „Was für ein süßer Popo! Der kann im 
Stehen drücken I" — In dieser Zeit wird sie auch auf den nächtlichen Verkehr der Eltern 
im Nebenzimmer aufmerksam, bei dem sich objektiv sadomasochistische Szenen ab* 
spielen. Das Kind reagiert mit Angstanfällen und «träumen und mit häufigem Erbrechen. 
Oft gelingt es ihr, den elterlichen Verkehr dadurch zu stören und die Mutter an ihr Bett 
zu zwingen. Seitdem wächst die angstvolle Fixierung an die Mutter, auch die Eß* und Bla* 
senstörungen verstärken sich zusehends. 

Bei Beginn der Analyse war die Dreijährige in einem schwer neurotischen Zustand, 
der sichtlich von der Angst, die Mutter zu verlieren, beherrscht war. Täglich erlebte diese, 
wenn sie das Haus verlassen wollte, jämmerliche Szenen. Das Kind klammerte sich an 
sie, schrie und weinte angstvoll und verzweifelt, bis sich die Mutter gewaltsam losriß. 

Einmal hatte sich Hertha gerade wieder gegen die Trennung von der Mutter gewehrt» 
die sie trotz ihres Protestes allein bei mir zurückgelassen hatte. Nun wendete sich die 
kindliche Wut gegen mich. Es gelang, diese und spätere Szenen in Zeichnungen aufziu« 
fangen, deren Inhalt sie mir diktierte: „Alte Hexe, altes Weib, Dir beiß ich die Nase ab", 
schreit sie. „Male die Mutter, Dich, Du bist die Mutter, dann mal' mich, ich bin das kleine 
Kind. Jetzt beiß ich Dir alles ab, die Nase, die Ohren, die Augen und alles, jetzt freß 
ich alles auf, jetzt schwimmt alles in meinem Bauch drin. — Sieh mal, was ich für einen 
dicken Bauch habe!" und sie spaziert stolz im Zimmer herum mit vorgewölbtem Leib, 
sichtlich den Zustand des schwangeren Kindermädchens nachahmend. „Ich habe einen 
dicken Bauch, fast wie die Mutter; mal' die Mutti mit ihrem Oberbauch, zwei dicken 
runden Kugelbrüsten, und den Vati mit dem Unterbauch. Mal' wieder die Mutti, in 
meinem Bauch, ich habe sie aufgefressen." Plötzlich ein Angstanfall: „Nimm sie wieder 
heraus, mach' sie wieder ganz, mal' sie auf, jetzt ist sie neu, ein kleines Muttikind. Meine 
süße Mutti, mein allerliebstes Muttikind, nimm es heraus. Komm, meine Mutti", und sie 
nimmt die ausgeschnittene Puppe in die Arme: „Jetzt bist Du mein süßes Kind, ich geb' 
Dir zu essen, ich setz' Dich aufs Töpfchen" — und sie vertieft sich voll reaktiv*zärtlicher 
Überliebe ins Puppenspiel. Diese und ähnliche Stunden enden mit dem Wunsch nach 
Harn* und Kotentleerung; bei dieser fragt sie mehrmals: „Ist das Würstchen schon so 
groß wie meine Puppe?" 

Der Inhalt der Phantasien, die sich wiederholt in ähnlicher Weise zeigten, kann also 
etwa folgendermaßen zusammengefaßt werden: Sie will die böse Mutter, die sie verläßt, 
auffressen, um sie nie mehr zu verlieren. Des oralen Sadismus wegen bekommt sie dann 
Vergeltungsangst und will sühnen durch Wiederganzmachen und Rückgabe der intro* 
jizierten Mutter, also durch deren Wiedergeburt als Kind, das sie mit der gleichen mütter* 
liehen Überhebe umgibt, die sie von der Mutter fordern möchte. Libidoökonomisch be« 
trachtet, erfüllt sich das Kind durch die Einverleibungsphantasie seine oralen Haßliebes* 
wünsche gegen die versagende Mutter, befreit sich danach von der (einer Projektion der 



Beitrag zur Entwicklung des weiblichen Kindwunsches 373 



eigenen Triebe entsprechenden) Vergeltungsangst durch Wiedergutmachen des Unrechts, 
durch Wiedergeburt der Mutter und reaktive Liebe zum Mutter*Kind, und erlebt im Puppen* 
spiel in der Identifizierung mit der Puppe wiederum die versagte mütterliche Befriedigung. 
Die sühnende Gebärphantasie gewährt gleichzeitig prägenitale Lust. Die Verdichtung dieser 
Lust mit Reuephantasien ist vermutlich schuld daran, daß sie, dem ursprünglichen Haß 
gegen die Mutter entsprechend, masochistischen Charakter annimmt: Hertha leidet sehr 
an Blasenreizungen; und über das Defäzieren äußert sie: „Drücken ist schön, tut aber weh." 3 

Weitere Einzelheiten derartiger Phantasien werfen ein Licht auf die Darstellung von 
Geburt und Tod durch die Wasser* und Rettungssymbolik, die hier allerdings aus der 
ontogenetischen Entwicklung verständlich ist, da Hertha einmal wirklich ein Kind er* 
trinken sah. Der Leibesinhalt ist in diesen Phantasien stets als eine Flüssigkeit wie Milch 
und Urin gedacht. Die aufgefressene Mutter schwimmt im Bauch in einem Gewässer (das 
sie mich auch hineinmalen läßt), aus dem sie dann „gerettet", d. h. in fester Gestalt, ak 
Kot invUrin, wiedergeboren wird. In der späteren Analyse tauchen noch häufig Rettungs* 
Phantasien solcher Art auf. So sagt sie z. B. einmal einer Freundin: „Ich hab' dich so heb, 
daß ich dich aus dem Wasser retten will." Auch die Mutter will sie ständig vor dem Vater, 
als dem Vertreter ihrer eigenen sadistischen Wünsche, retten. Immer ist dabei die Rettung 
als Wiederganzmachung (Ungeschehenmachen des Zerkauens), als Wiedergeburt gedacht. 

Fragen wir uns nun, wodurch die oralen Ambivalenzkonflikte mit der Mutter, welche 
durch unkluge anale und orale Verwöhnung eingeleitet waren, derart verschärft wurden, 
so erinnern wir uns Herthas pathologischer Reaktion auf die Andeutung eines möglichen 
Familienzuwachses: sie versuchte eine Identifizierung mit dem zukünftigen Baby im Mutter* 
leib (den Puppenwagen stellten Herthas Zeichnungen eindeutig als Mutterleibssymbol dar). 
Seit damals hat sich eine grenzenlose Eifersucht auf Rivalen um die Mutter, der sie kaum 
ein Geschenk an ein anderes Kind erlaubt, entwickelt. Beim Anblick eines trinkenden 
Säuglings ruft Hertha neidvoll und anklagend: „Der frißt ja der Mutter die Brust weg!" 
Die Beobachtung des schwangeren Dienstmädchens steigerte ihre Angst vor einem neuen 
Geschwisterchen. Die volle Aggression gegen die Mutter entflammt in den oral*sadisti* 
sehen Phantasien, deren eigentlichen Sinn wir nun erst ganz verstehen: sie will der Mutter 
das neue zukünftige Kind wegfressen. Damit deutet sich auch ein typisches Symptom jener 
Zeit, ihr angstvoller Ekel vor „Gefülltem", z. B. gefüllten Krapfen o. dgl. 

Aber der Geschwisterkonflikt ist für den unbewußten Haß, vor dem das neurotische 
Anklammern an die Mutter schützen soll, nicht allein verantwortlich. Dazu kommen — 
zeitlich nicht genau feststellbar — die traumatischen Erlebnisse des Anblicks des urinieren* 
den Vaters und vor allem der Urszenen, die ihren Neid auf einen anderen — realen — , 
Nebenbuhler, den Vater lenken. Beim Anblick des Penis geriet das Kind zwar sicher in 
neidvolle Bewunderung für den Vater. Ungefähr gleichzeitig aber setzte im Zusammenhang 
mit der Belauschung des elterlichen Verkehrs der Pavor nocturnus mit Erbrechen und allge* 
meiner Ängstlichkeit ein, und die Eßstörungen und Blasenreizungen nahmen zu. Die 
vom Penisneid getragene Begeisterung für den Vater, die der Ansatz zu einer, wenn auch 
narzißtisch*ambivalenten Beziehung zum Vater gewesen wäre, brach anscheinend unter 
den traumatischen Urszenen in Angst und Neurose zusammen. 

Orientieren wir uns weiter am analytischen Material: Während Hertha über ständigen 
Durst klagt, gießt sie meinen Gummibaum, damit „das neue Blatt wachse". „Aber unten 
heraus!" „Warum?" „Mir soll der Unterbauch auch wachsen! Der Vati hat einen Zipfel, 
weil er so viel zu trinken bekommt. Der Vati ist bös, er frißt alles weg." Hertha haßt 
also im Vater den bevorzugten Rivalen, dem die Mutter die ihr versagte orale Befriedigung 
schenkt. Sie hat offenbar die n ächtlichen Vorgänge, ihren eigenen Trieben entsprechend, 

3) Ähnliche Mechanismen wurden wiederholt von Melanie Klein und anderen engli* 
sehen Analytikern beschrieben. 



374 Edith Jacobssohn 



als oral*sadistisches Geschehen aufgefaßt, und daher auch mit der Abwehr oraler Er* 
regung, mit Erbrechen, reagiert. Ihre Phantasie hat die Urszenen mit der Beobachtung des 
urinierenden väterlichen Gliedes, also den oralen Neid mit dem Penisneid, verknüpft. Sie 
meint ja: ihm gibt die Mutter die Brust statt mir, davon hat er ein Glied. 

Hören wir weiter: „Male den Vater, einen Strich größer als die Mutti" — sie zeichnet 
den Strich selbst zwischen die Beine — „streich 's gleich wieder weg!" „Du bist ein Mann, 
du rauchst Zigaretten, ich nehm' dir die Asche weg, tu' sie in Wasser, das ist Fleisch in 
Lulu, das eß' ich und trink' ich, daß ich wachse." Sie will also dem Vater das Glied 
wegnehmen, es auffressen und austrinken, damit auch ihr eines wachse. Mutters Brust und 
Vaters Penis werden in gleicher Weise als Objekte der oralen Einverleibung, die die Ver* 
sagung wieder aufhebt, aufgefaßt. Mit den kastrativen Fellatiophantasien will sie sich am 
Vater als dem Nebenbuhler rächen und sich gleichzeitig die ersehnte orale Befriedigung 
und ein Glied verschaffen. 

In der folgenden Beobachtungszeit (Ende des vierten Jahres) verschiebt sich die orale 
Haltung auf das eigene Genitale. Sie ist inzwischen von der Mutter über den Geschlechts« 
unterschied aufgeklärt worden und nimmt die Existenz der Vagina als eines „unteren 
Mundes" an, aber in der Illusion, außerdem noch einen „Zipfel" zu besitzen, die ihr 
merkwürdigerweise vorerst das volle Erleben des „Kastrationsschocks" erspart. „Vom Oben*- 
gießen kommt nur ein Oberblatt", erzählt sie, „aber vom Untengießen wächst das Unter* 
blatt". Es stellt sich heraus, daß sie meint: vom Brusttrinken bekommt man nur eine Brust, 
aber wenn ihr der Vater ins Genitale uriniert, wächst ihr der Zipfel. Damit schreitet sie 
fort vom oralen Kastrationswunsch gegen den Vater zur genitalen (urethralen) Phantasie 
mit passiven Triebzielen. Während diese noch dem narzißtischen Penisbegehren unter* 
geordnet sind, entfalten sich gleichzeitig phallische Objektstreoungen gegen die Mutter. 
Sie beginnt, stärker zu onanieren, an ihrem „Zipfel", d. h. an Klitoris und Labien, zu 
zupfen. In der Analysestunde versucht sie, mir in alle Gesichtsöffnungen zu bohren, 
spielt „Ein* und Aussteigen", d. h. in Schoß und ringförmig geschlossene Arme Hinein* 
und Herausklettern und malt: „Lulu und A*a, das geb' ich dir un<d der Puppe zu essen,, 
oben und unten." Dabei wird sie genital erregt, versucht auf meinem Schoß zu onanieren, 
und entspannt sich durch Harn* und Kotentleerung. Ihre Onaniephantasien sind dem* 
nach: in die Mutter einzudringen, ihr in Mund und Genitale zu urinieren und zu defä* 
zieren; die aktive Verkehrung ihrer Wünsche gegenüber dem Vater (und Fortführung 
ihrer Fütterungsspiele mit den Puppen). Hertha hat also nun gleichzeitig orale, bezw. 
rezeptiv*genitale Forderungen an den Vater (verknüpft mit dem Penisneid) und phallisch* 
urethrale sowie aktiv*anale Objektregungen gegenüber der Mutter, in denen sie sich, wie 
sich noch genauer zeigt, mit dem Vater identifiziert. 

Der Vater, der auf die gesteigerten Ansprüche des Kindes mit Zornausbrüchen und ver* 
steckten Kastrationsdrohungen reagiert, macht dem Kinde die bisherige Art, mit dem 
Penisneid und der Einsicht in das eigene „Kastriertsein" fertig zu werden, immer schwerer. 
Beim Umfallen eines von uns in der Analysestunde aus Bausteinen erbauten Turmes be* 
kommt Hertha einen schweren Angstanfall, der in einem Wutausbruch gegen mich endet: 
„Böse Hexe, du bist an allem schuld". „Woran?" „Am Zupfen". „Wieso?" „Weil du 
sagst, es schadet nichts." (Die Mutter und ich hatten ihr im Gegensatz zum Kindermädchen 
die Onanie erlaubt.) „Warum ist das Zupfen schlimm?" „Weil ich mir den Zipfel aus« 
gezupft habe, weil ich ein Loch habe, das ist wund". Der Hinweis auf den Geschlechts* 
unterschied wird nicht mehr angenommen. „Ein Loch ist kaput", meint sie todtraurig und 
malt lauter rote Kreise. Macht Hertha die mütterliche Onanieerlaubnis für ihre Penislosig* 
keit verantwortlich, so meint sie in tieferer Schicht die orale Verführung (und in anderer 
die anale, worauf wir hier nicht weiter eingehen), denn der nächste Einfall ist: „Ich hab' 
ein Bläschen am Mund. Sieh' mal den Mann im Buch, der hat einen ganz roten Mund.". 



Beitrag zur Entwicklung des weiblichen Kindwunsches 375 



Und schon tröstet sie das Wissen, daß es der Mutter, die an allem schuld ist, selbst nicht 
besser geht als ihr: „Die Mutti hat auch keinen Zipfel, ein wundes Loch hat sie, ich habs 
gesehen, gewiß hat sie ihn auch ausgezupft." Die Wiederholung der mütterlichen Auf* 
klärung über Geschlechtsunterschied und Geburtsvorgang lehnt sie mit Hinweis auf ihre 
Eindrücke über Menstruation und Operationen ab. In zunehmender Angst ruft sie: „Das 
ist alles gar nicht wahr, was Ihr sagt, Kinder kommen gar nicht unten heraus, sondern 
oben. Ich bin der Mutti aus der Brust gesprungen, als sie in der Badewanne lag, dabei ist 
ihr die Brust abgefallen wie das Blatt" (das Deckblatt des Gummibaums bei Entfaltung 
eines neuen Blattes). Die Verschiebung der Geburt auf die Brust und das Nachrücken 
des Abgewehrten in der Idee der abgefallenen Brust sind von mehreren Seiten her derer* 
miniert. Zunächst lenkt dies vom Genitale ab; dann aber erinnern wir uns, daß Herthas 
Gebä'rphantasien die anal*urethrale Wiedergeburt der oral einverleibten Mutter zum In* 
halt haben. Ihre Onaniephantasien erwiesen sich von diesem oral*sadistischen Moment 
her als mit masochistischen Gebärvorstellungen derart verdichtet, daß die Onanie selbst 
als eine Art Gebär*Kastration erlebt wurde. Reich hat Ähnliches beschrieben. 4 Die 
•Mutter hat sie geboren, heißt dann: die Mutter onaniert auch, ist dadurch auch kastriert. 
Die Verschiebung auf die Brust führt zur Oralität, d. h. zu den ursprünglichen Wünv 
sehen nach Bemächtigung des Mutterleibs, zurück. Eben dahin zielen zutiefst ihre An* 
klagen gegen die Mutter, nämlich dahin, sie hätte sie oral verführt. An der Geburt, am 
Verlust der Brust ist nicht das Kind schuld, sondern die Mutter, die es geboren und ihm 
die Brust gegeben hat. Dagegen kann sie sich mit dem Gedanken trösten: „Später ist ja 
der Mutti die Brust für ein neues Kind wieder gewachsen.!" (Sie hat gehört, daß sich die 
Brust der Mutter nach jeder Geburt wieder mit Milch fülle.) In solcher Hoffnung ver* 
schiebt sie die sadistische Haltung, sich das Vorenthaltene zu holen, auf den Vater. Sie 
sagt: „Der Vater zupft auch, er wird sich den Zipfel schon auch auszupfen" und fügt 
hinzu: „Ich hab's gesehen, auf dem Klosett" — sie meint die Beobachtung des Urinierens. 
Die Auffassung des Urinierens als Onanie gehört zur Meinung, im Sexualverkehr ver*- 
liere der Mann sein Glied an die Frau. „Er wird sich den Zipfel schon auch auszupfen", 
hofft sie und phantasiert dann: „Du, die Mutti, bist jetzt der Vati, du häjst jetzt einen 
Zipfel, er hat keinen mehr." „Der Vater zupft auch" heißt also: er hat phallisch*urethrale, 
Beziehungen zur Mutter und wird — wie sie selbst — zur Strafe das Glied an die Mutter; 
verlieren. (Dadurch wächst die Brust der Mutter wieder!) Daß sie wie die Mutter das 
Glied vom Vater wiederhaben möchte, zeigt sie in einem Spiel (mit wechselnden Rollen): 
„Hau' mir die Arme ab, mach' mich ganz tot, — mach' ,s*s*s*s', dann sind sie wieder dran, 
jetzt bin ich wieder lebendig." „S*s*s*s" bedeutet das Rauschen der Klosettspülung, mit 
deren Nachahmung sie den urinierenden Vater imitiert. Das Spiel meint also: Kastriert* 
werden (durch die Mutter) kann wieder gut gemacht werden durch den väterlichen Urin* 
strahl, der ihr das Glied wiederbringt. Es sind die zornigen Kastrationsdrohungen des 
Vaters, die auch diese Hoffnung in Angst und Schuldgefühl auslaufen lassen. Nun erst 
schien das Erlebnis des Kastriertseins zu kulminieren: im Augenblick, wo sie sich vom 
Vater ebenso wie vorher von der Mutter verlassen, d. h. in der Erwartung des Gliedes 
enttäuscht fühlte. 5 

'Die Überwindung der Depression gelingt in der folgenden Zeit durch einen Abbau der 
sadistischen Äußerungen des Penisneides, der das Aufgeben der phallischen Strebungen 
und den Fortschritt zur genitalen Vaterbeziehung, zur Hoffnung, statt des Gliedes ein 
Kind von ihm zu bekommen, mit sich bringt. Aus dieser Entwicklungsphase (viertes 
bis fünftes Lebensja hr), in der Hertha nur vorübergehend und mit langen Intervallen 

4) Reich: Der masochistische Charakter. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XVIII, 1932. 
e i) v fl- Fenichel: Zur prägenitalen Vorgeschichte des Ödipuskomplexes. Int. Ztschr. 
f. Psa., Bd. XVI, 1930. 



376 Edith Jacobssohn 



zur Analyse kam, können wir nur wichtige Bruchstücke wiedergeben. Der Übergang vom 
Penis* zum Kindwunsch, d. h. die Wiederbelebung und Verstärkung des Kindwunsches 
auf genitaler Basis, entwickelte sich aus den urethral*phallischen (Gebär*)Phantasien 
heraus. Als neue Geburtstheorie taucht auf: „Es gibt Mutti* und Vatikinder, Muttis 
springen die Kinder aus der Brust, Vatis aus dem Zipfel, der fällt dabei ab. Ich bin ein, 
Vati*Zipfelkind, das neue Kind wird Muttis sein." Mit dem Verzicht auf die Mutter zu* 
gunsten eines neuen Geschwisters geht Hertha weiter zum Vater über, allerdings läßt sie 
dabei im Spiel auffallend häufig die Mutter den Vater agieren: „Mutte, du bist jetzt der 
Vati, hast keinen Zipfel, dafür mich, dein Baby; der Vati ist die Mutti, hat einen Zipfel 
und macht lulu". Der Wunsch, Vaters Penis*Kind zu sein, ersetzt regressiv den, ein 
Kind von ihm zu haben. Sie sühnt gleichsam ihren Kastrationswunsch gegen den Vater, 
(bezw. die Mutter), indem sie sich als Ersatz seines Gliedes anbietet. Später häufen sich 
Spiele, in denen sie eine Puppe als Zipfelkind zwischen die Beine nimmt und sie — sehr 
ambivalent — liebkost und schlägt. Dann setzen gründliche Auseinandersetzungen mit 
dem wirklichen Sachverhalt der genitalen Beziehungen zwischen den Eltern und ihrer 
zukünftigen weiblichen Rolle ein, in deren Verlauf sie den Penisverzicht mehr und mehr; 
bewältigt. Sie onaniert nun seltener, in der gleichen Weise wie früher, aber mit weniger 
sadistischen, mehr genitalen Inzestphantasien. Die Gebärvorstellungen verlieren dement* 
sprechend an masochistischem Gehalt. Mit Vorliebe knüpft Hertha jetzt zärtliche Be* 
Ziehungen zu Vaterersatzpersonen, Bekannten der Mutter, an, möchte sich aber auch mit 
kleinen Jungen begnügen. 

Vom Beginn der Latenzzeit ist bisher nichts zu bemerken. Als Hertha anläßlich eines 
Konfliktes mit einer Freundin, die sie zu deren Mutter Unwillen sexuell aufgeklärt hat, 
unlängst wieder kam, erklärte sie: „Ich muß ja leider warten, bis ich groß bin, aber viel« 
leicht, wenn ich sehr bitte, läßt mich die Mutti wenigstens einmal zusehen, wenn ihr der 
Vati den Samen gibt". Freilich ist Hertha zeitweilig in libidinös gestautem Zustand und 
neigt dann zu hysterischen und phobischen Reaktionen. Aber die Loslösung von der 
Mutter ist gut gelungen, die Eß* und Blasenstörungen sind sehr gebessert, das launische, 
unbeherrschte Kind ist ruhiger und glücklicher geworden, ordnet sich im Kindergarten 
ein und entwickelt sich geistig ausgezeichnet. 

Fassen wir zusammen: In der Entwicklung des weiblichen Kindwunsches 
konnten wir hier drei Stufen beobachten, die wir durch Stichworte kennzeichnen 
wollen: 

Erste Phase (etwa zweites bis drittes Jahr) : Starke narzißtisch unterbaute Ob* 
jektbeziehung zur Mutter, die auf Grund von Versagungen und Angst vor zu* 
künftigen Geschwistern sehr ambivalent ist. Starker oraler Neid, Identifizierung 
mit dem Kind im Mutterleib. Durch Schwangerschaftsbeobachtung angeregt, 
wachsender Schwangerschaftsneid gegenüber der Mutter, verknüpft mit Brustneid. 
Oral*sadistische Einverleibungswünsche gegenüber der Mutter, bezw. dem Kind 
im Mutterleib. Anale und urethrale Wiedergeburtsphantasien. 

Zweite Phase (drittes bis viertes Jahr): Penis* und Urszenenbeobachtung. 

Der Penisneid gegenüber dem Vater verdichtet sich dank oraler Perzeption der 
Urszenen mit den früher gegen die Mutter gerichteten oral*sadistischen Stre* 
bungen und führt zu oralen Penisraubphantasien. Aufklärung über den Ge* 
schlechtsunterschied ermöglicht die Annahme der Vagina als „unterem Mund"; 
daneben Illusion des Penisbesitzes. Gesteigerte Onanie mit bisexueller Einstel* 
lung. Rezeptiv*genitale (urethrale) Penisraubwünsche gegen den Vater und 
gleichzeitig phallisch*urethrale und anäl*sadistische Phantasien gegenüber der 



Beitrag zur Entwicklung des weiblichen Kindwunsches 377 



Mutter; wachsende Angst. 

Dritte Phase (viertes bis fünftes Jahr): Erlebnis des endgültigen „Kastriert* 
seins" nach Drohungen und Zornesausbrüchen des Vaters. Anklagen gegen die 
Mutter als orale und genitale Verführerin und Kastratorin und gegen den Vater 
als Onanieverführer und Kastrator. Wiederbelebung des Kindwunsches in der 
Linie: Kotkind— Peniskind. Einmünden der rezeptiv*genitalen (urethralen) 
Penisraubwünsche gegen den Vater und der analen sowie phallisch*urethralen 
Tendenzen gegen die Mutter in genitale Ödipusstrebungen mit Kindwunsch. 
Mit Überwindung der sadistischen Regungen gegen den Vater Verringerung des 
_ masochistischen Charakters der Gebärvorstellung. 

Die Entwicklung der kleinen Hertha entspricht — mit individuellen Varianten 
— in der Grundlinie der Schilderung Freuds. Ergänzendes Material erhalten 
wir zur Entstehung des frühesten prägenitalen und präödipalen, der Mutter gel* 
tenden Kindwunsches, der in unserem Falle dem Ambivalenzkonflikt gegenüber 
der Mutter auf Grund des oralen Neides auf zukünftige Geschwister, bezw. auf 
den Vater entspringt. Die Formel hiefür lautet: „Ich will mir den Leibesinhalt 
der Mutter aneignen und zu meinem eigenen Leibesinhalt machen." Da die 
Zeugung als eine Art oraler Empfängnis gedacht ist, scheut man sich, iden 
Wunsch nach einem solchen „Kinde mit der Mutter" als Sehnsucht, „der Mutter 
ein Kind zu machen" zu bezeichnen, obwohl die zugehörigen anal*sadistischen 
Geburtsphantasien einen genügend aktiven Eindruck machen. 

Da wir bei einigen erwachsenen weiblichen Analysanden in tiefer Schicht auf 
ähnliche Mechanismen stießen, liegt die Annahme ihrer Häufigkeit oder Ubi* 
quität nahe. 6 

Als weiteres Beispiel sei noch der Fall einer anderen Patientin angedeutet, deren „Ret* 
tungswünsche" im Mittelpunkt ihrer Neurose und ihres ganzen Lebens standen. Die seit 
früher Jugend körperlich Leidende hatte ihr Leben der sozialen Arbeit an kranken Kindern 
geweiht. Sie hatte eine übermäßige Fixierung an ihre beiden Schwestern, für die sie ständig 
Kraft und Geld einsetzte. Auch die Kinder der Schwestern wurden materiell von ihr 
erhalten; bei dem Kind der jüngeren Schwester, die sie besonders liebte, hatte sie die 
Mutterpflichten ganz übernommen. Ihre Aufgabe war, den sehr schwierigen Jungen aus 
schlechten Milieueinflüssen zu „retten". Die Analyse deckte eine tiefe masochistische Bin* 
düng an die Schwester auf, von der sie sich, zur Strafe für ihre frühkindlichen orai*sadi* 
stischen Regungen gegen sie, seelisch und geldlich aussaugen ließ. Das Wegnehmen, Retten 
und Wiederhergeben des Kindes entsprach einer kindlichen Phantasie von einer Schwan* 
gerung durch orale Introjektion, bezw. orale Kastration der Schwester und deren Wieder* 
geburt im Kind, das sie ihr dann als „Wiedergutmachung" „geheilt" zurückschenken wollte. 
Hinter der Schwesternbeziehung kam der ursprüngliche präödipale Mutterkomplex zum 
Vorschein: sie hatte der Mutter die nachgeborene Schwester wegfressen wollen. Das sexuelle 
Phantasieleben der Patientin war vollständig von prägenitalen „Rettungs"ideen ausgefüllt. 
Auch bei kleinen Knaben kann man, vielleicht als Grundlage eines „Weib* 
lichkeitskomplexes", ähnliche Vorgänge in jener frühen Phase beobachten, die 
bei Regressionen zur oralen Mutterbindung wiederbelebt werden können. Sehr 
früh, zu An fang des zweiten Jahres, erleben auch viele Knaben eine aktiv*mütter* 

6) Als orale Rivalen erscheinen reale oder phantasierte Geschwister; recht häufig stellt 
sich aber auch in tiefer Schicht, im Sinne des umgekehrten Ödipuskomplexes, der Vater 
als der gehaßte Nebenbuhler dar. 



378 Edith Jacobssohn 



liehe Periode mit intensivem Puppenspiel, die der Bewältigung der oralen Mutter* 
beziehung dient. Freilich gibt der Knabe, sobald seine phallischen Strebungen er* 
wachen, diese Strebungen zugunsten mehr jungenhafter Spiele auf; aber auch bei 
manchen Mädchen tritt das Puppenspiel im dritten, vierten Jahre eine Zeitlang 
hinter dem Peniswunsch zurück und wird erst wieder in der Blüte der Ödipus* 
beziehung, nunmehr als Ausdruck der genitalen Kindwünsche gegenüber dem 
Vater, wieder wichtig. 

Unsere Patientin bietet auch Gelegenheit, einen Blick auf die Probleme der 
weiblichen Kastrationsangst zu werfen. In den Angstinhalten ihrer Neurose über* 
wog zwar deutlich die Angst vor dem Liebesverlust (die Angst, von der Mutter 
verlassen zu werden), aber sie stand von Anfang an in Konkurrenz mit der Angst 
vor gewissen körperlichen Beschädigungen, die in der zweiten Stufe, in der, 
Hertha zwar noch immer an ihren Penis glaubte, aber an seinem Wachstum 
immer mehr zweifelte, die Form einer Angst vor dem Verlust des illusionären 
Penis, bezw. vor Wachtumsstillstand als Strafe für ihre Onanie, für ihre Kastra* 
tionswünsche gegen den Vater und ihre phallischen Regungen gegen die Mutter 
anzunehmen schien. Der Höhepunkt dieser Angst wurde erreicht, als sie vor der 
Realität ihrer Penislosigkeit nicht mehr ausweichen konnte. Da wurde die Angst 
von einer Depression abgelöst, die uns das Vorbild der späteren weiblichen 
Depressionen, die sich um Defloration, Menses, Geburt gruppieren, zu sein 
scheint. Demnach ist die "Kastrationsangst in der weiblichen Entwicklung der 
präödipalen Periode zugeordnet und mit Beschämungs*, Erniedrigungs* und 
Körperbeschädigungsängsten, die prägenitalen Trieben entsprechen („oral*sadi* 
stischen Vergeltungsängsten"), enge verknüpft. Wenn sich nach der Überwin* 
düng des Kastrationstraumas die genitale Ödipusbeziehung zum Vater heraus* 
bildet, dominiert als triebeinschränkender Angstinhalt neben genitalen Ver* 
letzungsvorstellungen wieder die Idee des Liebesverlustes, die Angst, im Kind* 
wünsch enttäuscht und verlassen zu werden. Übrigens findet man manchmal 
auch bei männlichen Neurotikern ähnliche Kastrationserlebnisformen: Unglaube 
und Zweifel an der „Richtigkeit" des eigenen Gliedes und schließlich die Über* 
zeugung, wirklich kastriert zu sein, oder wenigstens ein Auftreten, als hätte man 
diese Überzeugung, was wohl nach der Taktik des „kleineren Übels" die dro* 
hende „wirkliche" Kastration vermeiden soll. 

Freud beschreibt ferner, daß den Mädchen durch das Erlebnis der Penis* 
losigkeit die Klitoris verleidet sei, und daß deshalb oft die Klitorisonanie aufge* 
geben werde. In manchen Fällen trifft das zweifellos zu. Andere Beobachtungen 
belehren uns, daß bei vielen Mädchen, wenn sie wirklich den Penisverzicht 
leisten, die Klitoris zwar ihren phallischen Charakter in ihren Phantasien ein* 
büßt, aber trotzdem als erogene Zone nicht verschwindet. Verknüpft sich nun 
die nicht aufgegebene Onanie mit anderen, mit Ödipusphantasien, so mag sich in 
einigen Fällen dabei auch die Onanietechnik ändern, Scheideneingang und Anus* 
gegend mehr herangezogen werden; die kleine Hertha hielt an der Klitoris* und. 
Labienonanie, die sie schon vorher betätigt hatte, weiter fest und wechselte nur 
die Phantasien. 

Gewiß ist, daß die frühzeitige Aufklärung über den Geschlechtsunterschied. 




Beitrag zur Entwicklung des weiblichen Kindwunsches 379 



die Onanieentwicklung entscheidend beeinflußt. Bei Hertha wie bei andern 
Mädchen sehen wir freilich, daß diese Kenntnis nicht vor der tiefen narziß* 
tischen Kränkung der Penislosigkeit schützt, wenigstens nicht bei der gesell* 
schaftlich bedingten Höherschätzung des männlichen Geschlechtes. Aber die 
Aufklärung bereitet die Überwindung dieser Kränkung günstig vor, indem sie 
frühzeitig orale Phantasien auf das Genitale verschiebt und dadurch den Boden 
für die spätere weibliche Einstellung ebnet. Demgegenüber scheint uns das un* 
aufgeklärte Kind ungleich schwerer durch das Erlebnis der Penislosigkeit in 
seinem genitalen Selbstgefühl geschädigt, oft so hoffnungslos, daß die dadurch 
herbeigeführte Entwertung des Genitale uns die Häufigkeit der Frigidität ver* 
ständlich macht. 

Schließlich sei noch ein Problem der weiblichen Sexualentwicklung berührt, 
das unsere Darstellung nicht besonders herausarbeiten konnte: der weibliche 
Masochismus. Die Beobachtung der kleinen Hertha zeigte uns, daß sie eine 
masochistische Phase schon in der präödipalen Zeit durchlief, die einer Rück* 
wendung prägenital* und phallisch*sadistischer Regungen, die ursprünglich 
der Mutter gegolten hatten, gegen das eigene Ich entsprach. Die 
masochistischen Phantasien steigerten sich noch, als sich unbewußt die 
sadistischen Penisraubwünsche dann auf den Vater konzentrierten. Bei der 
kleinen Hertha war allerdings infolge traumatischer Erlebnisse (Urszenen*, 
Menstruations*. Krankheits* und Todesbeobachtungen) die sadomasochistische 
Einstellung pathologisch verstärkt. Mit dem Verzicht auf den Penis und der 
Verringerung der oral*sadistischen Ansprüche milderten sich auch die maso* 
chistischen Phantasien. Nach übereinstimmenden Erfahrungen bei anderen Fällen 
kann man also sagen, daß die Kurve der weiblichen masochistischen Einstellung 
normalerweise in der präödipalen und beginnenden ödipalen Phase ihren Höhe* 
punkt erreicht und in der rezeptiv*genitalen Ödipusperiode wieder absinkt, — 
ebenso wie die sadistischen Impulse des Knaben in der genitalen .Blütezeit 
schwächer werden. Die starke Herausbildung masochistischer Genitalphantasien 
sieht man am häufigsten bei Fällen, wo der sadistische Penisraubwunsch nie ganz 
aufgegeben oder regressiv wiederbelebt wurde, z. B. oft gerade bei Frauen vom 
„Rachetypus", die im sozialen Leben den Mann bekämpfen, aber im Liebesleben 
wie Brünhilde sich immer wieder danach sehnen, ihm hörig*masochistisch zu 
verfallen. 



Der Aufbau der Depression 

Von 

Georg Gero 

Kopenhagen 

I. 

Fälle von schwerer neurotischer Depression, auch noch diesseits der Grenze 
der Melancholie, gelten als therapeutisch besonders schwierig. Diese Kranken 
zeigen oft deutlich die negative therapeutische Reaktion. Sie sind von den 



380 Georg Gero 

Selbstanklagen nicht abzulenken. Sie betonen, daß sie nicht gesund wer* 
den wollen. Ihr Masochismus ist so stark, die Wollust der Selbstquälerei bei 
ihnen so ausgeprägt, daß der ungünstige Eindruck des Analytikers, der fhera* 
peutische Pessimismus, mit dem er an die Fälle herantritt, durchaus verständlich 
ist. Deshalb möchte ich zwei Fälle darstellen, bei denen Hoffnungslosigkeit auch 
lange Zeit die herrschende Stimmung in der Behandlung war, und bei denen es 
doch gelungen ist, vollen therapeutischen Erfolg zu erzielen. Die Darstellung 
legt das Gewicht vor allem auf die technischen Fragen, die in der bisherigen Be* 
handlung des Problems relativ vernachlässigt wurden. Von der Technik aus ge* 
sehen erscheinen allerdings auch manche theoretischen Probleme in neuem Lichte. 
An zwei Krankengeschichten möchte ich darstellen, wie es der Analyse ge= 
lang, die depressive Reaktionsbasis aufzuheben. Die Diagnose war bei beiden 
Fällen: schwere neurotische Depression an der Grenze zur Melancholie. In dem 
einen Fall war die Depression von einem Zwangscharakter überbaut. Die tech* 
nische Aufgabe ist durch einen solchen Unterschied nicht unwesentlich beein* 
flußt. Abraham faßte den Zwangscharakter als eine Bildung auf, die im freien 
Intervall besonders klar zu beobachten ist. „Der Psychoanalytiker muß beson* 
deres Gewicht darauf legen, daß sich bei allen zyklisch Kranken im Intervall 
eine abnorme Charakterbildung nachweisen läßt. Und diese fällt in unverkenn* 
barer Weise mit derjenigen der Zwangsneurotiker zusammen. Nach meinen 
bisherigen Erfahrungen wenigstens ist eine bestimmte Sonderung des Charakters 
der Melancholiker vom sogenannten ,Zwangscharakter' nicht durchführbar." 
(Abraham: Entwicklungsgeschichte der Libido. S. 10.) Rado faßt den 
Zwangscharakter als einen psychischen Schutzbau zur Bewältigung der Ambi* 
valenz bei dem Melancholiker auf. Den Zwangscharakter könnte man nach 
Rados Meinung als eine Art Heilungsversuch betrachten, als einen Versuch 
zur Abwendung der Gefahren, die dem Melancholiker aus seiner Ambivalenz 
drohen. Rado deutet auch an, daß sich die Widerstandskraft einer solchen 
Schutzbildung bei neuer Belastung als verschieden stabil erweisen kann. Mir 
scheint, daß der Wert eines solchen Heilungsversuches nicht nur deshalb fraglich 
ist, weil er sich eben meistens nicht als genügend widerstandsfähig erweist und 
bei neuen Enttäuschungen doch zusammenbricht, sondern auch deshalb, weil 
der Zwangscharakter eben ein Stück der Neurose ist, das die Erlebnisfähigkeit, 
die psychische Beweglichkeit allzusehr einschränkt. Der Zwangscharakter der 
Depressiven ist zwar ein Schutzbau, um den Kranken vor den Gefahren der 
Ambivalenz zu bewahren, aber in der Analyse begegnet uns der Zwangscharakter 
als ein Mittel des Widerstandes. Solange der Zwangscharakter nicht zerstört ist, 
wird es uns nicht gelingen, die pathogenen Konflikte, die verdrängten Impulse des 
Melancholikers in der Analyse einzufangen. Wir haben also die Aufgabe, die, wie 
F r e u d in der Arbeit „Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Ar* 
beit" sagt, dem Analytiker immer begegnen wird, wenn er sich bemüht, Sinn 
und Entstehung der Symptome zu erraten, dabei aber auf Schwierigkeiten stößt, 
die ihn veranlassen, seine Aufmerksamkeit auf andere Eigenheiten der Kranken 
zu konzentrieren: „Er bemerkt," — sagt Freud — „daß seine Forschung durch 
Widerstände bedroht wird, die ihm der Kranke entgegensetzt und darf diese 
Widerstände dem Charakter des Kranken zurechnen. Nun hat dieser Charakter 



Der Aufbau der Depression 381 



den ersten Anspruch an sein Interesse." Reich hat jene Widerstände, die vom 
Charakter des Kranken ausgehen und die er als „Charakterwiderstand" be* 
zeichnet, eingehend untersucht (s. W. Reich: Charakter analyse). 

Der Zwangscharakter der Depressiven wurde bisher kaum aus diesem Gesichts»» 
punkt, nämlich als eine Form der Abwehr des Ichs betrachtet. Abraham hat 
uns gezeigt, daß der Melancholiker entgegen der Ansicht der Schulpsychiatrie 
auch in den freien Intervallen nicht „frei" ist, sondern pathologische Eigentum* 
lichkeiten aufweist, die nur den unpsychologisch eingestellten Psychiatern ent* 
gehen können. Abraham sieht in dem Zwangscharakter des Melancholikers 
einen Beweis für die psychologische Verwandtschaft zwischen Zwangsneurose 
und Melancholie und betracntet den Zwangscharakter durchaus als ein Stück 
der Neurose, die die Analyse verändern muß, wenn sie den Kranken wirklich 
verändern will. Abraham betont ja mit Nachdruck — und vielleicht ist das 
einer seiner wichtigsten Gedanken, der, wie mir scheint, in der analytischen Lite* 
ratur nicht jene Aufmerksamkeit gefunden hat, die er verdient hätte, — daß in 
der Analyse eine Charakterveränderung vor sich gehen müsse von den präge* 
nitalen, ambivalenten Charakterformen zu den postambivalenten genitalen. Der 
ganze Unterschied zwischen seiner Auffassung und zwischen einer, die ich hier 
ausführen möchte, ist ein chronologischer. Mir scheint nämlich, daß es notwendig 
ist, die Analyse jener Fälle von neurotischen Depressionen, die einen ausge* 
prägten Zwangscharakter aufweisen, eben mit der Klarstellung der charakterolo* 
gischen Eigenarten der Kranken zu beginnen und nicht die Analyse des Cha* 
rakters als Abschluß und Krönung der Behandlung aufzuschieben. Dieser Unter* 
schied scheint mir vom Gesichtspunkt der Technik von großer Bedeutung zu sein. 

Freilich könnte man fragen, ob es nicht allzu gefährlich ist, einen Zwangs* 
charakter anzugreifen, der als Schutz aufgerichtet ist, um den Kranken vor dem 
Sturz in die Melancholie zu bewahren. Es mag Fälle geben, wo ein solches Vor* 
gehen wirklich nicht ratsam ist. Es wird von der Prognose abhängen, davon, was 
man der Plastizität, der Wandlungsfähigkeit der Kranken zutrauen kann, ob man 
einen solchen Eingriff wagen kann oder nicht. In dem Fall, den ich darstellen 
möchte, brauchte ich solche Bedenken nicht zu haben. Das Alter der Patientin, 
ihre ungewöhnliche Begabung, die Intaktheit weiter Teile der Persönlichkeit 
ließen eine konsequente "Widerstandsanalyse durchaus zu. Ich hatte das Gefühl, 
daß sie genügend gesunde Kräfte habe, um jene Erschütterung, die eintreten muß, 
wenn der Zwangscharakter zusammenbricht, zu ertragen. Deshalb wagte ich, den 
Angriff auf die Abwehr energisch durchzuführen, und wurde dabei nicht ent* 
täuscht. Ich konnte erleben, daß sie, nachdem die charakterliche Abwehr zu* 
sammenbrach, einen starken passageren melancholischen Schub durchmachte. 
Nachdem jene Konflikte, die der Depression zugrunde lagen, in der Analyse 
richtig erlebt, durchgearbeitet und gelöst wurden, schwand die Depres* 
sion, aber auch der Zwangscharakter. Ich möchte, bevor ich den Fall darstelle, 
kurz angeben, was in dieser Arbeit unter „Zwangscharakter" gemeint ist. 

Den Zwangscharakter kann man schon am körperlichen Habitus erkennen. 
Diese Menschen fallen durch ihre besonders steife Haltung, durch den starreti 
Gesichtsausdruck, durch die strammen, abgehackten Bewegungen auf. In der 
Analyse ist der Zwangscharakter vor allem an dem Mangel an affektiven Reak* 



382 Georg Gero 



tionen zu erkennen. Wo der Hysterische mit Wutausbrüchen reagieren würde, 
wird der Zwangscharakter nur trotzig schweigen, oder versuchen, seine Aggres* 
sionen mit einer sehr unecht wirkenden Freundlichkeit zu übertünchen. 

Wir sind seit Freuds klassischer Arbeit „Charakter und Analerotik" ge* 
wohnt, unter Zwangscharakter eine Trias von Charaktereigenschaften, nämlich: or* 
dentlich, sparsam und eigensinnig, zu verstehen. Abraham nennt als Cha* 
raktereigenschaften, die man beim Zwangscharakter am häufigsten findet: Eigen* 
heiten in bezug auf Ordnung und Reinlichkeit, Neigung zu Eigensinn und Trotz 
im Wechsel mit abnormer Nachgiebigkeit und „Übergüte", Anomalien des Ver* 
hältnisses zu Geld und Besitz. 

Die Entdeckung dieser Charaktereigenschaften, die man bei Kranken aus der 
Gruppe der Zwangsneurosen immer wird finden können, die Erkenntnis, daß 
zwischen diesen Charaktereigenschaften und Analerotik und Sadismus kompli* 
zierte funktionelle Beziehungen bestehen, ist ein bleibendes Ergebnis psycho» 
analytischer Forschung. Nur scheint mir die Erfassung des Charakters als die 
Summe von isolierten Eigenschaften nicht befriedigend, nicht plastisch genug zu 
sein. Man hat als Psychoanalytiker die Aufgabe, die Struktur eines Menschen 
zu erfassen, und zwar die dynamischen, funktionellen Beziehungen in seiner 
Struktur. Der Begriff Struktur klingt vielleicht abstrakt, meint aber etwas sehr 
Konkretes. Man wird von einer isolierten Charaktereigenschaft kaum aussagen 
können, daß sie neurotisch ist. Was im Charakter als neurotisch imponiert, ist 
immer ein Zueinander von Eigenschaften oder Verhaltungsweisen, das zu einem 
Widerspruch führt, sich als Widerspruch äußert. Neurotische Charakter* 
strukturen sind nichts anderes als Widersprüche innerhalb eines Menschen. 
Freud und Abraham zeigen auch die Widersprüche im Zwangscharakter auf, 
so spricht Abraham von Eigensinn und Trotz im Wechsel mit abnor* 
mer Nachgiebigkeit und Übergüte. Aber Abraham zählt isolierte Charakter* 
eigenschaften auf, Ordnungssinn, Sparsamkeit, Eigensinn usw., ohne daß sichtbar 
wird, was diese einzelnen Eigenschaften verbindet und zu einer Ganzheit von 
bestimmter Eigenart macht. Man hat als Analytiker Gelegenheit, Menschen von 
Tag zu Tag durch einen langen' Zeitraum zu beobachten. Dabei drängt sich einem 
auf, wie gleich diese Menschen auf verschiedene Situationen reagieren. Man 
merkt bei ihnen immer klarer typische, immer wiederkehrende, immer in der 
gleichen Weise auftretende Reaktionsweisen. Bei dem Zwangscharakter ist diese 
typische Reaktionsweise das dauernde Auf*der*Hut*sein vor sich selber, eine 
völlige Unfähigkeit, sich gehen zu lassen. Diese Menschen müssen sich dauernd 
hemmen, im Zaum halten. Sie fühlen in sich etwas Maßloses, Leidenschaftliches, 
wovor sie Angst haben, ohne zu wissen, was es ist. Sie fürchten, wenn sie sich 
nicht zurückhielten, könnten diese dunklen Leidenschaften sie mitreißen. Wir 
wissen, daß es vor allem die abnormen sadistischen Impulse sind, die diese Ab* 
wehrmaßnahmen notwendig machen. Diese Kranken leiden an einer chronischen 
Aggressionsstauung. Einerseits sind ihre verdrängten Aggressionen ungeheuer 
stark, anderseits erlaubt ihnen ihr allzu strenges Über*Ich nicht einmal un* 
schuldige Aggressionen. Dauernd niedergehalten, dauernd gekränkt, sehnen sie 
sich nach Rache, können aber ihre Rachegefühle nie befriedigen. 
Unter^^Zwangscharakter" meinen wir in dieser Arbeit eine charakterologische 



Der Aufbau der Depression 383 



I^rmatjon^ie aufgerichtet ist, um anale und sadistische Impulse abzuwehren. 
I g ^7 en , V ° n der Vorausset2Ün S aus, daß der Analytiker sich bemühen 

muß, Charakter zunächst zu erfassen als das, was für einen Menschen charakte* 
ristisch ist, d. h. woran man ihn erkennt. In der Analyse interessieren ihn jene 
rügenarten des Verhaltens, in denen er die neurotischen Widersprüche fassen 
kann, m denen die Abwehr des Ichs bewußtseinsnah und daher für den Pa* 
tienten zugänglich zu spüren ist. Deshalb muß er beim Zwangscharakter nicht nur 
darauf achten, was der Analysand abwehrt, sondern auch darauf, wie er es tut 
und ihm eben dieses Wie immer wieder vorhalten. (S. das Kapitel „Zwangst 
Charakter" in W. Reich: Charakteranalyse.) 

II. 

Die Patientin, von der ich berichten möchte, kam wegen Depressionen in Analyse die 
sie zeitweise sehr quälten. Die Depressionen verliefen hei ihr nicht zyklisch. Phasen der 
Verstimmung wurden bei ihr nicht von manischer Erregung abgelöst. Sie war, mindestens 
in den letzten Jahren vor dem Anfang ihrer Analyse, dauernd in einer depressiven Grund* 
Stimmung. Schwankungen kannte sie nur insofern, als reale Anlässe Verschlimme* 
rungen ihrer Depression herbeigeführt haben und sie in gefährliche Nähe der Melancholie 
brachten. In solchen Zeiten hatte sie für nichts und niemand Interesse, verfiel in eine läh* 
mungsartige Erstarrung, jede Bewegung, jedes Wort hat sie unendliche Anstrengung ge* 
kostet. In solchen melancholischen Phasen beschäftigte sie sich dauernd mit Selbstmord* 
gedanken. Allerdings war eine solche Verstärkung der Depression bei ihr nicht gerade 
häufig, aber die depressive Grundstimmung ist auch in den freieren Zeiten nicht gewichen. 
Außerdem hat sie unter einer schweren Arbeitsstörung gelitten. Sexuelle Ängste,' Frigidität 
spielten im Symptombild eine überragende Rolle und waren der eigentliche Anlaß für die 
Analyse. 

Diese Patientin tat aber nicht das, was sonst depressive Kranke in der Analyse zu tun 
pflegen. Sie klagte nicht. Im Gegenteil, von Anfang an war sie bestrebt, ihre Konflikte, 
ihre Schwierigkeiten möglichst abzuschwächen. Sie wollte beherrscht erscheinen. Ihr ganzes 
Wesen drückte Verschlossenheit, Zurückhaltung aus. Sie lag während der Stunden in 
einer fast leichenartigen Erstarrung. Man merkte ihr an, wie verkrampft ihr ganzes Muskel* 
system war. In manchen Stunden hat die Spannung der Muskulatur eine schmerzhafte 
Starke erreicht. Ihr Gesicht war unbewegt, maskenhaft, ohne jedes mimische Spiel, nicht 
einmal der Schatten einer Gefühlsregung war an ihm zu merken. Das Goethewort „denn 
was innen ist, ist außen" konnte man bei dieser Patientin — und nicht nur bei ihr — i 
mit vollem Recht anwenden. Denn so wie sie lag, gespannt und verkrampft, so war der 
ganze Mensch: verbissen, eine eiserne Zurückhaltung. Diese krampfhafte Beherrschtheit, 
die trotzige Verschlossenheit war die spezifische Form der Abwehr bei dieser Patientin. 
Mit dieser Haltung wehrte sie ihre Ängste, ihre Aggressionen, ihre sexuellen Wünsche ab. 
Diese Gesamthaltung, die in der Analyse so scharf und deutlich als Abwehr in Erschei* 
nung trat, darf man, meine ich, Zwangs ch arak te r nennen. 

Je deutlicher diese Haltung in der Analyse hervortrat, um so klarer wurde es, daß die 
Patientin ihre widerspruchsvollen Objektbeziehungen auf den Analytiker bereits voll über* 
tragen hat. Jetzt galt es, ihr bewußt zu machen, was in ihr vorging. Ich zeigte ihr, wie sie 
liege, wie verkrampft sie sei. Es wurde ihr langsam klar, daß sie mit ihrer Haltung etwas 
abwehre. Es wurde ihr bewußt, daß sie sich gar nicht anders verhalten könne. Denn wenn 
sie versucht hatte sich zu lockern, zu entspannen, sich einer aufsteigenden Stimmung zu 
überlassen, hatte sie sofort eine starke Angst gespürt. Das Erleben von Angst ist das 
Zeichen, daß man die Abwehr richtig entdeckt hat, daß es gelungen ist, die Stelle aufzu*. 



O 



384 Georg Gero 



spüren und bewußt zu machen, wo sich der Kampf zwischen den abwehrenden Kräften 
des Ichs und den unbewußten verdrängten Impulsen des Es abspielt. Arbeitet man an dieser 
Stelle, so kann man die Lockerung der Verdrängung und den darauf sofort mit erhöhter 
Gewalt einsetzenden Versuch des Ichs, die Verdrängung aufrecht zu erhalten, deutlich' 
spüren. Man kann dabei verfolgen, in welcher Weise die charakterologischen Haltungen 
der Abwehr dienen. Man kann die Funktion dieser Haltungen mit einer Anschaulichkeit, 
die kein Experiment klarer zeigen könnte, beobachten. Die Patientin hatte das Gefühl, 
wenn sie ihre Abwehr fallen ließe, würde sie von unheimlichen Leidenschaften geschüttelt, 
von namenloser Angst gepackt werden. 

Was sie vor allem zu verstecken suchte, waren ihre kindlichen Wünsche, ihre unge* 
heuren narzißtischen Ansprüche. Sie war im Grunde genommen ein habgieriges Kind, das 
immer etwas haben wollte und sehr böse wurde, wenn seine Wünsche nicht erfüllt wurden. 
Sie war immer enttäuscht und mußte es sein, denn ihre Ansprüche waren maßlos, waren 
unerfüllbar. Sie erwartete, daß sie immer die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, daß alle sich 
um sie kümmern würden. Heftig wie ihre Wünsche waren ihre Enttäuschungsreaktionen. 
„Ich fühle, daß ich so barbarisch bin", sagte sie von sich selber, und ich habe verstanden, 
daß sie deshalb so sehr auf sich aufpassen muß, krampfhaft Freundlichkeit vorzutäuschen 
versucht, damit das „Barbarische" nicht durchbreche. Die Aggressionen, die sich nach jeder 
Enttäuschung zu regen begannen — und sie hat ununterbrochen Enttäuschungen erlebt 
— , mußte sie mit ihrer krampfhaften Selbstbeherrschung abwehren. 

In dieser Phase der Analyse konnte man sich die Entwicklung ihrer Depression folgen* 
dermaßen vorstellen: Ihre Objektbeziehungen werden zerstört durch die stürmische Ambi* 
valenz, von der sie sich nie befreien kann. Maßlose narzißtische Forderungen nach Ge* 
liebte und Verwöhntwerden werden an jedes neue Objekt, dessen sie sich bemächtigen 
kann, herangetragen. Diese Ansprüche führen notwendigerweise zur Enttäuschung und 
wühlen damit ihren ganzen Haß auf, provozieren ihre starken sadistischen Impulse. Den 
Sadismus wehrt sie dann mit jener charakterologischen Haltung ab, die ich als Zwangs* 
Charakter geschildert habe. Durch den Zwangscharakter bekommt ihr ganzes Wesen jene 
Steifheit, Eckigkeit und Unfreiheit, durch die sie wirklich wenig liebenswert wird. Sie 
ist nicht fähig, Menschen zu gewinnen. Man spürt, daß es ihr an Wärme fehlt, und daß gie 
zu ihrer Umgebung keine wirkliche Beziehung hat. Das Gefühl „man hat mich nicht 
gern, ich werde nicht geliebt" ist nun berechtigt und entspricht mindestens teilweise der 
Realität. Ich sage teilweise, denn durch ihre Intelligenz, durch die intakten Teile ihrer 
Persönlichkeit kann sie noch immer Objektbeziehungen aufrecht erhalten und ist nicht 
wirklich verlassen. Freilich, das, was sie will, bekommt sie nicht, kann sie nicht bekommen. 

Wenn die Struktur des Falles so weit geklärt ist, ist es nicht schwer, die technische Auf* 
gäbe, die dem Analytiker in dieser Situation gestellt ist, zu bestimmen. Die Analyse mußte 
jetzt bis zur libidinösen Basis ihrer charakterlichen Reaktionen vorstoßen. Die Möglichkeit 
dazu ergibt sich aus der Übertragungssituation, die wie ein Kompaß die Orientierung in 
der manchmal verwirrenden Fülle des Materials ermöglicht. Auch in diesem Falle war die 
analytische Situation keineswegs eindeutig. Die Abwehr war zwar aus einem Guß, die 
krampfhafte Selbstbeherrschung stand wie eine Mauer schützend da, um den Durchbruch 
der drängenden Es*Impulse zu vereiteln. Aber die abgewehrten Impulse waren um so viel* 
fältiger: anale, orale, sadistisch*masochistische Tendenzen,! die Onanie, genitale Ängste 
— all das mußte verdrängt werden. Was sollte man angreifen, wo einsetzen? 

Es waren mehrere Gründe, die mich vermuten ließen, daß der Angelpunkt ihrer 
charakterlichen Reaktionen in den oralen Fixierungen zu suchen sei, und daß die oralem 
Konflikte gleichzeitig der Schlüssel zur richtigen Ausnützung der Übertragungssituatiort 
waren. Erstens brachte die Arbeit an der Abwehr schon Material zum Vorschein, das sehr 
deutlich die Stärke ihrer oralen Ansprüche zeigte. Es stellte sich heraus, daß sie immer 



Der Aufbau der Depression 385 



beschenkt werden möchte, daß sie immer voller Neid prüft, ob nicht ein anderer bevor,* 
zugt wird, nicht mehr hat oder mehr bekommt als sie. Die Erinnerungen an die Kindheit! 
zeigten, wo die Wurzel dieser Wünsche zu suchen war. Ein orales Trauma leitete ihre Ent* 
Wicklung ein. Sie wurde mit der Flasche ernährt, die Mutter wollte ihr die Brust nicht 
geben. Die Mutter hat ihr später selbst erzählt, daß sie kein Kind mehr haben wollt* 
(Patientin war das zweite Kind; sie hatte einen vier Jahre älteren Bruder). Angeblich 
schon vor der Geburt hatte die Mutter verkündigt, sie wolle dem kommenden Kind nicht 
die Brust geben. Die Patientin behauptete sogar, später erfahren zu haben, es wäre zwischen 
den Eltern verabredet worden, daß der Vater ihr die Flasche reichen sollte. 

Wahrscheinlich bezieht sich diese Angabe der Patientin weniger auf reale Angaben der 
Mutter, sondern gibt eine Phantasie wieder, die zeigt, daß sie ihre oralen Ansprüche von 
der Mutter auf den Vater übertragen hat. 

Übrigens war die Ernährung eine akute Frage der ganzen Kindheit gewesen. Die Kind* 
heit der Patientin fällt in die Kriegsjahre; sie hat wirklich unter ungenügender Ernährung 
gelitten. Wegen des nicht überwundenen oralen Traumas der Säuglingszeit reagierte sie 
auf solche Entbehrungen besonders intolerant, machte den Eltern den Vorwurf, sie ver* 
stünden es nicht, was es für Kinder bedeute, hungern zu müssen, sie versuchten ihre 
Qualen nicht herabzumindern, sondern sie verschärften sie mit ihrem Unverständnis, mit 
ihrer Lieblosigkeit. Die oralen Entbehrungen symbolisierten für die Patientin alles, was sie 
in der Kindheit vermissen mußte: das Gefühl des Verwöhnt*, Geschützt*, Geliebtwerdens. 
Da sie, wie ich oben zeigte, die oralen Ansprüche von der Mutter auf den Vater ver* 
schoben hatte, konnte ich, sobald diese Ansprüche sich in der Übertragung meldeten, so* 
wohl die Mutter*, wie die Vaterbeziehung von diesem Punkt her aufrollen. Sie warf mir 
vor, daß ich zu ihr nicht genug liebenswürdig, nicht genug warm und väterlich sei. Sie 
sehnte sich nach einem Analytiker, der dicker, „papalicher" sei als ich. 

Die objektgerichteten Tendenzen dem Vater gegenüber waren überschattet von der Iden* 
tifizierung mit ihm. Diese Identifizierung war der Abschluß jenes schmerzhaften Pro* 
zesses, während dessen ihre Liebe zu dem Vater durch gehäufte Enttäuschungen zusammen* 
gebrochen war. Sie hatte sich mit dem Objekt, das sie nicht mehr lieben konnte, identifiziert, 
das Objekt in sich aufgerichtet. Den Zwangscharakter hatte sie auch von dem Vater über* 
nommen. Der Vater war ein wortkarger, verschlossener Mensch. Sie versuchte, ihn aufzu* 
tauen, und als ihr das mißlang, blieb ihr nichts anders übjrig, als dem Vater mit den' 
gleichen Waffen zu begegnen, die sie so verletzt hatten, genau so stumm und verschlossen 
zu werden, wie er es war. Diese Taktik wendete sie auch in der Analyse an.; als sie sich 
von mir enttäuscht fühlte, weil ich zu ihr eben nicht so väterlich war, wie sie es von 
mir forderte, begann sie mich mit trotzigem Schweigen, verbissener Zurückhaltung zu 
strafen. Dieser Kampf, das Bewußtwerden seiner Hintergründe, die Erkenntnis, daß sie 
dabei die Beziehung zum Vater wiederholte, führte zur Lockerung des Zwangscharakters 
Erst als sie die Identifizierung mit dem Vater aufgab, wurde die Objektbeziehung zu ihm 
durch das Medium der Übertragung wieder lebendig. Nach vielen Jahren träumte sie zum 
erstenmal von dem Vater. Sie sagte selbst, der Vater wäre so sehr in ihr, seine Eigenexistenz' 
war von der Identifizierung so sehr aufgesaugt, daß sie sich ihn als selbständige Persönlich* 
keit kaum vorstellen konnte. Der Traum war ein Zeichen, daß der Vater aus ihrem, Ich 
wieder herausgesetzt wurde, für sie als Objekt wieder aufzuleben begann. 

Die analytische Situation stellte die Aufgabe, die Patientin die oralen Konflikte in ihrer 
ganzen Intensität erleben zu lassen. Um das zu erreichen, mußte jene Stelle in der Ab* 
wehr gefunden werden, wo der Kampf zwischen den verdrängten oralen Impulsen und 
der Abwehr des Ichs am deutlichsten zu spüren war. Eine Beobachtung wies mich auf den 
richtigen Weg: daß nämlich die Patientin, wenn ich ihr in der Analyse etwas sagte, in 
einer fast inbrünstigen Weise zuhörte, aber was ich sagte, nie richtig aufnahm, im Grunde 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXII/3 25 



- 



genommen gar nicht anhörte. Offenbar kam es ihr gar nicht darauf an, was ich sagte, son* 
dern nur, daß ich überhaupt sprach. Ich machte sie darauf aufmerksam, und sie mußte 
zugeben, daß sie in der Tat sehr wenig Interesse für meine Deutungen hatte. Sie genoß, 
daß ich zu ihr sprach, daß meine Sätze nur ihr galten. Es kam ihr darauf an, daß es nett, 
warm und fließend klang. Mit einem Wort, sie wollte von einem fließenden Redestrom 
eingehüllt, eingelullt werden. Sie hatte meine Worte nicht verstanden und nicht aufge* 
nommen, sie hatte sie verschluckt und getrunken. Es ist interessant, wie in diesem einen 
Zug ihre ganze typisch*melancholische Ambivalenz lag. Sie gab nämlich zu, daß sie nicht 
nur den warmen Redestrom genieße, sondern daß es ihr vor allem eine große Genug* 
tuung bereite, mir in jeder Stunde etwas — nämlich meine Worte — wegzunehmen. Und 
nicht nur, daß sie mir etwas wegnimmt, befriedigt sie - sie braucht auch nichts dafür zu 
geben, denn sie kann schweigen. Ihr Schweigen soll gerade dazu dienen, mich immer wieder 
zum Reden zu bringen. 

Nach der Deutung dieses Verhaltens brachte sie ihre oralen Phantasien offener 
zum Ausdruck. Sie phantasierte, daß Bekannte, die sie besuchen sollte, sie mit einem Tisch 
empfangen, der sich unter Leckerbissen nur so biegt. Sie gab sich hin an genußvolle Vor* 
Stellungen über orale Orgien, über Freßfeste voll zügelloser Wildheit, wo man mit den 
Händen blutige Fleischstücke zerreißt, die Knochen bricht und wegwirft. Essen, sagte sie, 
sei eigentlich ein Kampf. Dabei verstand sie, warum sie sich so „barbarisch" gefühlt hat. 

Auch in einer andern Weise glaubte ich den Widerstand zu spüren. Es fiel mir bei 
dieser Patientin die eigentümliche Art ihrer Sprechweise auf. 1 Sie sprach so leise und un* 
deutlich, daß ich große Mühe hatte, sie zu verstehen. Man hatte, wenn sie sprach, das 
Gefühl, daß sie die Worte durch ein Gitter hindurchpressen müßte, oder auch, daß sich 
ihrer während des Sprechens widersprechende Tendenzen bemächtigten: eine, die die Worte 
herausstoßen, eine andere, die die Worte behalten möchte. Es war aber nicht so, daß eine 
eindeutige Beziehung zwischen der Art ihres Sprechens und dem Thema festzustellen ge* 
wesen wäre, daß sie etwa leise sprach, wenn sie etwas Heikles zu berichten hatte. Sie 
konnte in dieser Art über an sich gleichgültige Dinge sprechen. Sie begann jedesmal ganz 
normal zu reden, je mehr aber die Stunde fortschritt, desto mehr glich ihr Sprechen einem 
Flüstern. Man hatte den Eindruck, daß die analytische Situation etwas in ihr hochtrieb 
— irgendwelche Wünsche, Impulse, die sie als gefährlich, beunruhigend empfand; diese 
Gefahr versuchte sie durch das Leisewerden der Stimme zu bannen. Ich konnte ihre Stimme, 
ihre Sprechweise geradezu als Barometer ihrer Widerstände benutzen. Ich begann, sie darauf 
aufmerksam zu machen. Es ist interessant zu beobachten, wie die Patienten reagieren, wenn 
man sie auf solche Eigenarten ihres Verhaltens aufmerksam macht. Es ist ihnen sichtlich 
unangenehm, sie werden ärgerlich und, manchmal schon bei der ersten Andeutung, angst* 
lieh. Das war auch bei dieser Patientin der Fall. Sie wurde wütend, als ich nicht lacker 
ließ, als ich ihr ihre Art zu sprechen immer wieder vorhielt. Sie behauptete, das wäre ganz' 
unwichtig, sie verstünde es nicht, warum ich immer wieder darauf zurückkäme. Ihre Re* 
aktion zeigte mir, daß ich an der richtigen Stelle angepackt hatte; ich blieb deshalb hart* 
nackig und zwang sie eine Zeit lang immer wieder auf ihre Sprechweise L zu .achten. Ich hielt 
ihr jedes DeläTOhrer 'Sprechärt' vor,"^Teir Ich erreichen wollte, daß ihr bewußt würde, daß 
sie mit der Stimme aktiv etwas mache, und daß dieses Tun einen Sinn, eine Funktion 
haben müsse. Der erste Erfolg meiner Bemühungen war, daß sie einsah, daß sie mit dem 
Ton, mit der Stimme etwas abwehre. Sie gab zu, sich geschützt zu fühlen, wenn ihre 
Stimme so gleichgültig und tonlos klinge; denn dann gelinge es ihr, ungerührt zu bleiben, 
keine Rührung, kein Gefühl, keine Aufregung aufkommen zu lassen. Diese Erkenntnis 

i) Die Wichtigkeit solcher formaler Eigentümlichkeiten für die Analyse der Abwehr 
hat W. R e i c h in seinem Buch „Charakteranalyse" aufgezeigt. 



Der Aufbau der Depression 



387 



war nur der erste Schritt. Ich erreichte damit, daß sie einsah, daß ihre Sprechweise, der 
JTonfall nichts Gleichgültiges seien und durchaus in die Analyse gehören. Durch immer 
weiteren konsequenten Hinweis auf die Ausdrucksphänomene der oralen Sphäre gelang 
es langsam, den ganzen Mund* und Rachenkomplex ins Bewußtsein zu heben. Es traten 
Globussensationen auf. Sie merkte, daß sie den Rachen verkrampfe; wenn sie diese Ver* 
krampfung aufzugeben versuchte, trat sofort Angst ein. Endlich brachte eine Stunde das 
entscheidende Erlebnis. Sie fühlte plötzlich eine starke Unruhe, sie wurde von einer hef* 
tigen Angst gepackt. Ich merkte, daß sie mit etwas kämpfte, daß sie etwas nicht sagen 
wollte. Endlich kam es. „Ich will Ihnen etwas abbeißen," sagte sie plötzlich. „Was?" „Die 
Ohren", „die Nase" und schließlich nach einer Pause „den Penis". Dies war der erste 
Durchbruch ihrer oraksadistischen Impulse. Das Wort Durchbruch ist hier wirklich am 
Platze, denn man kann das, was nachher in das Bewußtsein und in die Analyse kam, nun 
mit einer Überschwemmung vergleichen, die eintritt, wenn schützende Dämme fallen. Sie 
wurde tagelang eine Art halluzinatorischer Körpersensationen nicht los, sie bildete sich ein 
und fühlte es angeblich ganz körperlich, daß der abgebissene Penis in ihrem Halse sei. Als 
diese Phantasie analytisch bewältigt war, trat passager ein starker melancholischer Schub ein. 
Ihre kannibalistischen Wünsche wurden so stark, daß sie einige Tage nicht essen konnte. 
Das Durcharbeiten des ganzen Materials, die Analyse ihrer Oralität brachten endlich die 
entscheidende Erinnerung an das letzten Endes pathogene Erlebnis in der Kindheit. Sie 
erinnerte sich plötzlich an ein Erlebnis, das sie etwa ins vierte Lebensjahr verlegte. Sie 
hatte mit dem um vier Jahre älteren Bruder gespielt und ihm am Penis gelutscht. Sie 
nannte den Penis des Bruders das schönste Spielzeug. Sie wußte nicht warum, der Bruder 
fing dabei plötzlich an zu schreien, so daß die Eltern herbeikamen. Der Vater verprügelte, 
sie, der Bruder lachte dabei schadenfroh. Sie lag weinend und aufgelöst in einem Zuc 
stand furchtbarer Verzweiflung stundenlang am Boden, von allen verlassen. Ich glaube, 
dieses Erlebnis richtig zu deuten, wenn ich meine, daß sie beim Lutschen am Penis 
genitale Sensationen spürte und an der Grenze war, wo eine oraWibidinöse Handlung eine 
genitale Umschaltung hätte herbeiführen können. Durch die Schläge des Vaters, die Ver* 
achtung der ganzen Familie wurde die weitere Entwicklung der genitaHibidinösen Ten* 
denzen und Phantasien verhindert, sie blieb im Oralen fixiert, aber die libidinösen Im* 
pulse wurden von Rachetendenzen abgelöst. 

Diese Erinnerung zeigte die Lösung ihrer oralen Fixierung an. Es scheint mir theo* 
retisch wie technisch von großer Wichtigkeit, daß nach dem analytischen Durcharbeiten 
dieser Erinnerung in der Analyse der erste genitale Traum auftrat. Sie träumte, sie habe 
mit dem Bruder Geschlechtsverkehr, ich aber sei im Nebenzimmer, und sie müsse sehr 
aufpassen, daß id\ nichts höre. Dieser Traum, wie die auch im Wachen auftretende starke 
genitale Erregung, die sie in dieser Stärke seit langer Zeit nicht gespürt hatte, bewiesen, daß 
nach der Lösung der oralen Fixierung die freigewordene Libido in genitale Bahnen strömte. 
(Reich hat dieses Fluktuieren der Libido nach der Lösung der prägenitalen Fixierung 
beschrieben.) Doch konnte die Patientin die Libido noch nicht genital abführen, weil sich 
infantile Ängste einstellten. Meinen Erwartungen entsprechend war nach der Lösung der 
oralen Fixierung eine neue Regression zu beobachten, nämlich eine Neubesetzung der 
analen Entwicklungsstufe. 

Die Analyse der analen Ambivalenz deckte den von Abraham beschriebenen 
Wechsel von objektzerstörenden und objektbehaltenden Tendenzen auf. Diese Phase der 
Analyse war weniger übersichtlich als die Analyse der Oralität und läßt sich nur schwer, 
darstellen. Den Höhepunkt bildete das Durchbrechen der anal*sadistischen Impulse in 
der Übertragung. Patientin phantasierte unter anderem, daß sie mich vergrabe und auf mein 
Grab defäziere. Jedenfalls gelang es, die anale Fixierung zu lösen. Ich meine, daß diese 
Lösung gerade durch das intensive Erleben der analen Aggressionen herbeigeführt wurde. 

25* 



388 Georg Gero 



Erst jetzt, nachdem die prägenitalen Fixierungen gelöst waren, traten die genitalen Ängste, 
kam die Ödipussituation in das Zentrum der Analyse. 

Diese Wendung kündigte sich an in den stärker werdenden genitalen Bedürfnissen, die 
nun mit einer ganz andern Eindeutigkeit auttraten als früher. Während der Zeit, wo ich 
die Patientin beobachten konnte, waren genitale Wünsche nur flüchtig aufgetreten, was 
wohl damit zusammenhing, daß die Libido an die prägenitalen Fixierungen gebunden war. 
Ihr Scxualziel war beschützt, verwöhnt, beschenkt zu werden, d. h. Erfüllung ihrer oralen, 
und analen Wünsche. Aber sie fühlte kein Bedürfnis nach der genitalen Vereinigung mit 
dem Mann. Nach der Lösung der prägenitalen Fixierungen meldete sich nun das Be* 
dürfnis nach sexueller Befriedigung; aber die adäquate Entspannung war für sie noch nicht 
möglich infolge bestimmter Ängste, die erst jetzt von der Analyse angegangen werden 
konnten. Da sie diese Ängste bei der Onanie erlebte, wurde die Analyse der Onanie jetzt 
zum wichtigsten Thema und bot die Möglichkeit, den Kern der Neurose zu erfassen. Wenn 
die Erregung anstieg, setzte bei ihr automatisch eine Hemmung ein, sie mußte mit allen 
Kraft eine weitere Steigerung der Erregung verhindern. Dann versuchte sie von neuem 
anzufangen, kam wieder nur bis zu dem Punkt, wo die Angst eingesetzt hatte, und fuhr 
so fort, bis sie ermüdet, aber unbefriedigt einschlief. 

Der Inhalt der Angst war, daß ihr Genitale „vergehen", wegschmelzen, zerstört wer* 
den würde, wenn sie die Erregung hemmungslos zuließe. Sie fürchtete sich auch vor dem 
Bewußtseinsverlust, den sie nahen spürte und als eine schreckliche Gefahr erlebte; sie 
reagierte darauf mit Todesangst und fürchtete, sie würde nie mehr zur Besinnung kommen, 
sie würde von dem Sturm dieser gewaltigen Erregung ausgelöscht werden. Je klarer ihr 
diese Ängste bewußt wurden, um so leichter strömten die Erinnerungen, die die Herkunft 
dieser Ängste aus den Erlebnissen der Kindheit zeigten. 

Durch die Analyse der Onanie wurde aber noch ein anderer Grund ihrer sexuellen 
Schwierigkeiten aufgedeckt. Sie lag während der Onanie ganz steif, wie angebunden. Sie 
hatte Angst, sich dabei zu bewegen. Sie behauptete, die Onanie verursache ihr Schmerzen, 
was damit zusammenhing, daß sie mit masochistischen Phantasien onanierte. Diese Phan* 
tasien erwiesen sich als Neuauflagen der kindlichen Onaniephantasien, die durch die Über* 
tragung wieder aktiviert worden sind. Sie hatte in der Kindheit auf Drängen der Eltern 
orthopädisches Turnen mitgemacht. Diese Turnstunden schilderte sie in der Analyse als 
eine Art Folterung. Die Kinder wurden an merkwürdige Apparate gebunden, dann hoch* 
gezogen, gezerrt usw., was, wie sie behauptete, sehr weh getan habe. Merkwürdigerweise 
hatte sie in der Kindheit gerade von diesem Turnunterricht die Motive zu ihren Onanie* 
Phantasien gewählt. Sie phantasierte, daß die strenge Lehrerin, die den Turnunterricht gab, 
sie anbinde und ihr eine ätzende Flüssigkeit in die Vagina einflößte oder sie dort mit eineii 
brennenden Salbe einschmiere. Sie hatte als Kind vor dem Einschlafen stundenlang solche 
Szenen phantasiert und dadurch eine schmerzhaft*wollüstige Reizung des Genitale erzielt. 
Dabei onanierte sie nicht manuell, sondern reizte das Genitale wahrscheinlich durch Zu* 
sammenpressen der Schenkel oder Einklemmen der Decke; doch konnte sie keine wirkliche 
Befriedigung erreichen, weil ihr die Phantasien zu viel Angst einflößten. Das gleiche spielte 
sich ab, als die Analyse die alten Phantasien wieder aktivierte. Sie sträubte sich gegen die 
Phantasien aber gleichzeitig fühlte sie sich von ihnen angezogen, wurde von ihnen sexuell' 
erregt. Die Stelle der strengen Lehrerin nahm jetzt ich ein, ich sollte mit ihrer Vagina etwas 
tun, was brannte oder schmerzte. 

Endlich kam eine Erinnerung, die die Lösung brachte. Sie erinnerte sich, als Kind phan* 
tasiert zu haben, daß der Vater, der Arzt war, sie in seinem Ordinationszimmer an den 
Operationsstuhl festbinde und in ihre Vagina ein Messer einführe. Das Ordinationszimmer 
des Vaters mit den geheimnisvollen Instrumenten, mit dem merkwürdigen Stuhl, an dem 
man festgebunden werden konnte, wodurch man so ganz ausgeliefert war, der empor* 



Der Aufbau der Depression 389 



zuschrauben war, die Glieder dehnen konnte, hatte sie in der Kindheit leidenschaftlich 
-interessiert. Sie sah den Vater in dieses Zimmer mit Frauen sich zurückziehen, und dann 
durfte man ihn nicht stören. Sie bat den Vater, er möge sie hineinlassen, wurde aber 
streng abgewiesen: das sei nichts für Kinder. Sie war darüber sehr traurig und fühlte sich 
vernachlässigt. Sie konnte nicht verstehen, warum der Vater gerade sie zurückwies, wenn alle 
andern Frauen zu seinem geheimnisvollen Zimmer Zutritt hatten. 

Das Bewußtwerden dieser Phantasie ermöglichte gleichzeitig, die sadistische Auffassung 
des Koitus und der Sexualität überhaupt aufzudecken. Sie verstand jetzt, daß für sie der 
Mann, der sie umarmen sollte, unbewußt noch immer der Vater mit dem Messer war, 
dem sie sich so gern hingeben möchte, aber nicht darf, weil dabei ihr Genitale zerstört 
würde. Sie empfand den Penis als eine gefährliche, mörderische Waffe und wehrte sich: 
gegen die Schmerzen, die sie erwartete, durch Verkrampfung der Beckenbodenmuskulatur. 
Dadurch wurde der Koitus wirklich schmerzhaft, was sie als Bestätigung ihrer schlimmen 
Erwartungen empfand, und was sie dann erst recht veranlaßte, die Sexualität als etwas 
Schmerzhaftes, Brutales, Gefährliches abzulehnen. 

Wie wurde die masochistische Wendung der Sexualität ausgebildet? Pat. erinnerte sich, 
daß die Mutter sie einmal überraschte, als sie mit dem Genitale spielte. Sie sagte ihr streng 
und ernst, das dürfe sie nie mehr machen, denn dann bekäme sie einen häßlichen Ausschlag. 
Sie hatte kurz vorher wirklich ein Ekzem gehabt, das sie sehr plagte. Die Drohung wirkte, 
sie wagte wirklich nicht mehr, dort zu spielen. Als diese Onaniedrohung einen Vei*' 
drängungsschub herbeiführte, war sie vier Jahre alt. Die masochistischen Onaniephantasien 
mit der strengen Turnlehrerin stammen aus ihrem siebenten bis achten Lebensjahr. Die 
Onanie war anfangs nicht masochistisch, erst spätere Erlebnisse führten zum Masochismus. 
Die entscheidende Charakterveränderung aber vollzog sich eben in dieser Zeit. Sie war 
bis zu ihrem vierten Jahr lebhaft, wild, aktiv, voll Vitalität, mit sieben Jahren aber schon 
verschlossen, gedrückt, steif, traurig, ängstlich. Was sich zwischendurch abgespielt hatte, 
war das Scheitern ihrer genitalen, objektlibidinösen Strebungen an der Ödipussituation, an 
der Verständnislosigkeit und Härte der Eltern. 

Ursprünglich war das Objekt ihrer masochistischen Phantasie sicher der Vater. Die Wahl 
der strengen Lehrererin, als Vertreterin der Mutter, war schon ein Zeichen der gelungenen 
Verdrängung der auf den Vater gerichteten Wünsche. Die Mutter war weniger gefährlich, 
denn sie erweckte weniger Angst, provozierte weniger Schuldgefühle. Aber es gibt noch 
einen ebenso wesentlichen Unterschied zwischen den zwei Phasen der Onanie. Die 
Onaniedrohung machte einen ungestörten Verlauf unmöglich. Die genitale Erregung löste 
Angst aus, weil sie mit der Vorstellung verbunden war, es könnte dabei etwas Schreckt 
liches passieren. Die Erregungssteigerung mußte gebremst werden. Es ist leicht denkbar, 
daß eine zunehmende Spannung, die keine Abfuhr findet, eine fortdauernde Reizung 
ohne Befriedigung, in Schmerz umschlägt, um so mehr, als im Falle der kindlichen Onanie 
diese Manipulation längere Zeit fortgesetzt wird. 2 Gewiß ist das Umschlagen der Erregung 
in Schmerz nicht die einzige Möglichkeit, die unbefriedigende Onanie kann auch Angst 
erwecken. 

Die Analyse der infantilen Onanie zeigte, wie die „genitakmasochistische Deformierung 
der Sexualität", um das treffende Wort R a d o s zu gebrauchen, sich bei dieser Patientin 
aus der gebremsten Onanie entwickelt hat. Denn die Onanie bestand gerade darin, daß 
an dem Genitale eine schmerzhaft lustvolle Reizung erzielt wurde, die sich wahrscheinlich 
als Jucken, Brennen bemerkbar machte. Es kann sein, daß die masochistischen Phantasien 
herbeigeschafft werden, weil sie eben die passenden Vorstellungen zu dem körperlichen 
Erlebnis der gehemmten Onanie abgeben. Außerdem haben die masochistischen Phanta* 
sien die Funktio n, das Gewissen des Kindes zu entlasten. Da die Onanie eine Sünde ist, 

d) Reich: 1, c. und: Der masochistische Charakter. Int. Ztschr. f. Ps'a., Bd. XVin, 1932. 



390 



Georg Gero 



|UcJU 



die man eigentlich nicht tun darf, wird die onanistische Erregung in ein moratec he. : Man* 
telchen gehüllt Was als Genuß verboten ist, ist vielleicht erlaubt als Sühne Selbstbe* 
Sing wollüstige Selbstquälerei. So fing die abendliche Onanie meiner Patientin mit 
In Vorstellungen vom orthopädischen Turnen an, zu dem sie ja von den EUern angehah n 
wurde Langsam führten ihre Phantasien von dem quälenden Turnen zu den schmerzlich 
C vollen freien der strengen Lehrerin, und der Gedanke daran erweckte ein judcen 
des brennendes Gefühl am Genitale. Das war, meinte sie, nicht das lustvolle Spiel, das ihr 
t MuSr so sLg verboten hat, das war ja etwas Grausames, Unangenehmes aber 
gleicS Sr» so merkwürdig Geheimnisvolles, wie es der Vater vielleicht mit den 
Frauen^ seinem Ordinationszimmer machte. „Das: Der Vater liebt mich, war im gen. 
falen Sinne gmeint; durch die Regression verwandelt es sich in: Der Vater schlag m ch 
fS werde vom Vater geschlagen). Dies Geschlagenwerden ist nun ein Zusammentreffen. 
Ion IchuldbeTußtsein und Erotik; es ist nicht nur die S *»«.*«« P- 
genitale Beziehung, sondern auch der regressive Ersatz tur sie 
und a- dieser letzten Quelle bezieht es die libidinöse Erregung, die ihm von nun an 
"haften und in onanistfschen Akten Abfuhr finden wird. Dies ist aber erst das Wesen 

deS F Schtrman bei der Herausbildung der masochistischen Haltung die Konstitution 
nJ«£ vSiSssigen Das disponierende Moment zu dem erogenen Masochismus ;st 
ÄSSÄ konstitutionell erhöhten Hauterogeneitat zu suchen. Wiederum muß 
^n bedTnLn, daß Erlebnisse eine solche ^Disposition ^^^^^^ 
Und die sadistische Erziehung reizt den Masochismus des Kindes. Bei meiner Patientii. 
hafdie Beziehung zu dem Bruder zur Fixierung des Masochismus beigetragen. Der Bruder 
ha Se oft geschlagen, und diese Schlägereien waren zweifellos eine Art von Liebesspiel, 
be dem se ne vers eckte Lust erlebte. Eine andere eindeutige libidinöse Äußerung der 
Hautet war, daß sie abends zum Bruder ins Bett kroch, sich fest an ihn anschmiegte, 

^'^iLTdaß 'zwischen Oralität und erhöhter Hauterogeneitat ein Zusammenhang 
besteht In dm ursprünglichen oralen Erleben der Säuglingszeit spielt neben der lustvollen 
Reizung der Mundschlehnhaut die wohlige Berührung der Hautoberflache, die warmende 
Nahe de mütterlichen Körpers sicher eine wichtige Rolle. Jedenfalls melden sich die 
orXn Sehnsüchte sehr häufig vereint mit dem Wunsch nach Wärme nach wärmender 
einhüllender Geborgenheit. Auch die sexuellen Phantasien der oral Fixierten enthalten 
of7dn Wunsch nach Anschmiegen, zärtlichem Streicheln Verschmelzen - nicht durch 
genitale Vereinigung, sondern durch eine Art von epidermaler Introjekuon Es ist möglich, 
Sß institutionell erhöhte Oralität die Hauterogeneitat steigert, anderseits konnte man 
SScTdSfLe starke Hauterotik dazu beitrage, daß das Trauma der Entwöhnung 
schwrer ertragen wird. Sicherlich wirken hier mehrere Faktoren Rammen und es ist 
nS möglich ,u entscheiden, welcher primär ist. Jedenfalls zeigt die Beobachtung daß 
Di oral Fixierten sehr häufig eine verstärkte Hauterogeneitat zu finden ist; sowohl die 
OrahSt wie de Hauterotik bilden eine vorbereitende Grundlage für die tnasochis tische 
Sung Ob eine solche zustande kommt und zu einer sexuellen Fehlentwicklung fuhrt. 
hängt freilich letzten Endes von den Schicksalen der mfantilen Gemtahtat ab. 

Der Anschlag der Hauterotik bei oral Fixierten macht die Neigung solcher Menschen 
zum Masochismus verständlicher. Da aber anderseits, wie wir wissen, die orale Fixierung 
^Detession disponiert, erhebt sich die Frage, welche Beziehung zwischen Masochismus 
und Depression besteht. Diese Frage würde eine eingehende Untersuchung erfordern, 
I nSm Plan dieser Arbeit liegt. Nur eine Bemerkung sei gestattet Vas bei den 
Dep"essiven als ^^ ^^o^Jn^J^i^^n ^ die Wollust der 

3) Freud: Ein Kind wird geschlagen. Ges. Sehr., Bd. V, S. 356. 



Der Aufbau der Depression 391 



Selbstquälerei. Wenn man die Selbstanklagen als Wendung der ursprünglich gegen ein 
- Objekt gerichteten Aggressionen gegen das eigene, durch Identifizierung veränderte Ich 
auffaßt, ist die Analogie zwischen Depression und Masochismus klar; in beiden be* 
gegnen wir dem gleichen Triebschicksal: der Wendung eines Triebes gegen die eigene 
Person 4 . So versteht man, daß Freud den Masochismus in „Ein Kind wird geschlagen" 
ähnlich interpretiert wie die Depression in „Trauer und Melancholie". 

Wie weit kann man die depressiven Mechanismen masochistisch nennen? Sie sind 
zweifellos masochistisch, aber damit ist noch nicht das Spezifische der Depression ge* 
troffen, denn masochistisch ist nicht gleichbedeutend mit depressiv, wenn auch die beiden 
viel mit einander zu tun haben. 

Erst am Ende der Analyse ist es richtig möglich, den Aufbau der Depression zu über* 
blicken. Bei dem ersten Versuch, zu erfassen, welche Konflikte die Depression der Pa* 
tientin bedingen, sahen wir, daß sie mit maßlosen, kindlichen Liebesansprüchen an die 
Objekte herantritt, auf die Enttäuschungen mit Aggressionen reagiert, die sie mit einer 
verkrampften Selbstbeherrschung abzuwehren versucht. Sie stand vor einem unlösbaren 
Konflikt, denn ihre Abhängigkeit von den Objekten, ihre Bedürftigkeit nach passivem 
Geliebtwerden zwang sie, ihre Aggressionen, von deren Offenbarwerden sie den Verlust 
der Liebe der Objekte befürchtete, zu unterdrücken, anderseits wurden gerade durch die 
maßlosen, im Grunde genommen, unerfüllbaren Ansprüche, die stets zu Enttäuschungen 
führten, die Aggressionen dauernd provoziert. Die Analyse zeigte, daß der Kern dieser 
Liebesansprüche bewußt ein Wunsch nach Verwöhnung, Beschenktwerden, Beschützt* 
werden, unbewußt die Sehnsucht nach der Mutterbrust, nach dem wärmenden Körper 
der Mutter war. Die orale Fixierung bei meiner Patientin entsprang aus einem Zuwenig 
an genossenen Freuden. Es hatte ihr in der Säuglingszeit wie in den späteren Kinderjahren 
nicht nur die Nahrung gefehlt, sondern auch Liebe. Bei den Depressiven und Melancho* 
likern steht Genährtwerden für Geliebtwerden. Genährtwerden bedeutet nicht nur den 
isolierten Akt der Nahrungsaufnahme, sondern Sich*geliebt*fühlen, Geborgenheit, Ein* 
gehüllt*sein in eine Atmosphäre von liebevoller Wärme und Sicherheit. Und Hunger 
bedeutet Verlassensein, Ausgestoßensein, nackte Einsamkeit. R a d o hat diesen Zusammen* 
hang klar herausgearbeitet. 

Die Objektbeziehungen waren bei der Patientin dort, wo sie als positiv imponierten, 
im Grunde genommen primitive, auf der Stufe der Einverleibung sich abspielende Identi* 
fizierungen. Man könnte diesen Typus von Identifizierung als „ergänzende" Identifizierung 
bezeichnen. Damit meine ich, Objektbeziehung bedeute in dem anderen aufzugehen, ein 
Teil von ihm zu werden, und das Objekt auf diese Weise einzuverleiben, oder — was 
von einen anderen Ausgangspunkt zu dem gleichen Ziel führt — das Objekt zu eineim 
Teil des eigenen Ichs werden zu lassen, das Objekt in sich aufzunehmen. Die Beziehung 
zum Objekt ist nur dann möglich, wenn es introjiziert, zu einem Teil des Ichs wird. 
Die Introjektion der Objekte dient auch zur Angstbewältigung, denn selbständige Objekte 
sind für den Neurotiker allzuleicht gleichbedeutend mit gefährlichen Objekten. Außerdem 
bedeutet die Selbständigkeit der Objekte an sich schon eine Gefahr, nämlich die der 
Tatsache, daß das Objekt weggehen, sich entziehen kann, daß man es nicht immer „haben" 
kann. Man hat den Eindruck, daß schon die Entdeckung, daß die Objekte selbständige 
Existenz haben, bei Depressiven und' Melancholikern heftigste orale und kannibalistische 
Aggressionen auslöst. Eine andere, gleichfalls stark orale Patientin drückte das so aus : 
„Ich möchte meinen Mann auffressen, denn dann hätte ich ihn immer bei mir/' 

Die Heftigkeit der melancholischen Ambivalenz, das abrupte Umschlagen von lei* 
denschaftlicher „Liebe" in Wut und Haß auf geringste Anlässe hin, erklärt sich vielleicht 




392 Georg Gero 



auch daraus, daß jeder Anspruch seitens des Objektes auf eigenes Leben als Liebesentzug, 
als Störung des Habens, des Partizipierens an dem Objekt empfunden wird. Deutlich ist 
dabei, daß das Objekt letzten Endes ein Ersatz für die nährende Mutter, für die Mutter? 
brüst ist. Das Bezeichnende für die Melancholie ist, daß die Aggressionen sowohl gegen 
das böse, versagende Objekt „da draußen", wie auch gegen das eigene Ich, nämlich gegen 
das introjizierte Objekt im Ich, gerichtet sind. 

Die ergänzende Identifizierung hat auch die Funktion, das geschwächte Selbstgefühl 
auf eine gewisse Höhe zu bringen. Rado hat beschrieben, wie die oral Fixierten ihr 
Selbstgefühl durch narzißtische Zufuhr von außen zu regulieren trachten. Die orale Re* 
gulierung des Selbstgefühls erfolgt auch dadurch, daß das schwache Ich, das allein, auf 
sich gestellt, nicht existieren kann, in einem großen, starken anderen aufgehen oder ein 
großes, starkes anderes in sich aufnehmen muß. 5 

Ein so geschwächtes Selbstgefühl entsteht, wenn das orale Trauma, die Trennung von 
der Mutter nicht überwunden wurde und die infantile Genitalität an der Kastrationsangst 
zusammengebrochen ist, so daß eine eigentliche, genitale Objektbeziehung nicht zustande 
kommen kann. Denn nur in einer genitalen Liebesbeziehung können auch die kindlichen 
Wünsche nach wärmender Zärtlichkeit Erfüllung finden. Eine solche Liebesbeziehung 
ist für den erwachsenen Menschen die einzige Möglichkeit, das Erbe der Kindheit zu 
bergen. Jene Menschen, für die dieser Weg nicht offensteht — und das gilt für den Neu,» 
rotiker — leiden unter einem unlösbaren Widerspruch: sie wollen als Erwachsene wie 
Kinder geliebt werden. Anders ausgedrückt: die Ängste, die sich vor der genitalen Se* 
xualität auftürmen, drängen die Libido in die prägenitalen Positionen zurück. Das Sym« 
ptombild der Neurose wird dadurch bestimmt, zu welcher prägenitalen Organisationsstufe 
die Libido regrediert und welche Veränderungen die Ichstruktur durch die Regression 
erleidet. 

Die Intensität der oralen Fixierung war auch letzten Endes in unserem Fall durch die 
starke genitale Angst bedingt. Die genitale Sexualität war für diese Pat. etwas Blutiges, 
Unheimliches, der Koitus eine schlimme Gefahr, der Mann ein Feind, der ihr mit dem 
Penis etwas Schreckliches antun will. Sie konnte sich dem Mann nicht hingeben, war 
nicht fähig, zu lieben. Daher konnte sie nicht die Liebe des Mtuines, die Zärtlichkeit, die 
Wärme finden, nach der sie sich so sehnte. Die alten kindlichen Wünsche wurden 
zu neuem Leben erweckt; da sie vor der weiblichen Rolle zurückgeschreckt ist, verfiel 
sie in die kindliche Situation. Nicht wie eine erwachsene Frau, wie ein Kind wollte sie 
beschützt, gewärmt, verwöhnt werden. Die dauernde Enttäuschung, die sie erleben mußte, 
stürzte sie in die Depression. „Ich werde doch nicht gelieht, ich bin unverstanden, einsam, 
verlassen — wie in der Kindheit", das ist die vereinfachte Formel ihrer Depression. 

Die Befreiung aus dieser ausweglosen Situation stellte sich ein, als es der Analyse gelang, 
die genitalen Ängste zu überwinden, die sadistisch*masochistische Auffassung der Se* 
xualität zu zerstören. Damit vollzog sich die entscheidende Wandlung, sie wurde fähig zur 
genitalen Hingabe, d. h. liebesfähig. 

Es war eindrucksvoll, zu beobachten, wie das ganze Wesen der Pat. sich deutlich ver* 
änderte, nachdem dieses letzte und entscheidende Stück der Analyse durchgeführt war. 
Der depressive, maskenartige Gesichtsausdruck, die unnatürliche verkrampfte Haltung ver* 
schwanden. Man spürte, daß sie zu einem echten libidinösen Kontakt mit den Menschen, 
mit der Welt fähig ist, ihre natürliche Wärme konnte jetzt frei ausschwingen. 



5) O. F e n i c h e 1 beschrieb in mehreren Arbeiten die Funktion der oralen Introjektion 
bei der Regulierung des Selbstgefühles; s. die Arbeiten: Weiteres zur präödipalen Phase 
des Mädchens. Int. Zfschr. t. Psa„ Bd. XX, 1934; Beitrag zur Psychologie djer Eifersucht. 
Imägö. Bcfc SBS& 15*55;' Sch'aüfeieB' vüfä Jde^ilMerüng 1 : Int Ztsch* l Vis., Bd. XXI, 1535>. 



Der Aufbau der Depression 393 



III. 

An einem zweiten Fall möchte ich zeigen, wie anders die Analyse verläuft, wenn die 
Abwehr nicht von einem Zwangscharakter ausgeht. Es handelt sich um einen Mann von 
etwa dreißig Jahren, der die Analyse wegen schwerer Depression aufsuchte. Die Diagnose 
war nach den ersten anamnestischen Angaben klarzustellen. Der Patient berichtete, daß 
er seinen ersten schweren depressiven Anfall mit 14 Jahren bekam, nach dem Tode seines 
Vaters. Seit 10 Jahren leidet er unter periodischen Depressionen. Auf dem Höhepunkt 
der Depression wird er von einem Heißhunger befallen, vor allem fühlt er einen unbe* 
zwingbaren Drang nach Süßigkeiten. Wenn die Depression besonders stark ist, bekommt 
er Wutanfälle, wobei er alles, was er in die Hände bekommt, zerreißt. Die Depressionen 
werden von nicht besonders ausgeprägten, aber doch konstatierbaren leicht manischen 
Phasen abgelöst und münden dann in das freie Intervall, in dem er freilich auch nicht 
„frei" ist, sondern ängstlich, gehemmt und leicht erregbar. 

Bei diesem Patienten setzte die Analyse mit jenen maßlosen Selbstanklagen ein, die wir 
von den Melancholikern zu hören gewohnt sind. So streng er gegen sich selber war, so 
nachgiebig war er jedoch gegen andere, immer bereit zur Selbstaufopferung. Er hatte eine 
schwere Aggressionshemmung: nicht nur. daß er sich nicht wehren konnte, wenn er 
angegriffen wurde, daß ihm die Fähigkeit sich gegen den geringsten Widerstand durch* 
zusetzen, abging, bildete er sich auch ein, etwas Schlimmes getan zu haben, wo er völlig 
unschuldig war. Dieser Pat. stellte an sich außerordentliche Anforderungen. Er wollte 
sein Leben in den Dienst einer Idee stellen und kannte dabei keine Kompromisse. Diese 
Forderung blieb bei ihm nicht bloße Theorie, denn er setzte sein Ideal auch in die Praxis 
um. Er begegnete dabei freilich unerhörten Schwierigkeiten, denn er war voller Ängste 
und Hemmungen und mußte daher versagen. Jedes Versagen war ihm ein willkommener 
Anlaß, Selbstkritik und Selbstvorwürfe zu verschärfen. Nicht die Tatsache an sich, daß 
er ein so hohes Ideal hatte und große Anforderungen an sich selbst stellte, war auffallend 
und imponierte als neurotisch, sondern die unorganisch wirkende Beziehung zwischen 
Ich und Icholdeal. Es war bei ihm nicht so, daß der Drang zur Selbsterhöhung vom Ich 
bejaht gewesen wäre; er litt an den Forderungen, die wahrhaft über ihm schwebten, als 
wären sie ihm von außen, von einer unbekannten Macht aufgezwungen. 

Seine Kindheitsgeschichte ließ verstehen, wie dieses strenge Übersieh ausgebildet wurde. 
Der Vater, ein etwas merkwürdiger Mann, halb Gelehrter, halb Dichter, setzte seinen — 
buchstäblich gemeint — „wütenden" Ehrgeiz darein, aus dem sicher ungewöhnlich le* 
bendigen und begabten Knaben ein wahres Wunderkind zu machen. Besonderen Wert 
legte er auf die Sprache. Der Knabe sollte gewählt sprechen, „wie ein kleiner Gelehrter", 
er sollte frühzeitig fremde Sprachen lernen. Anfangs empfand er die Aufmerksamkeit 
des Vaters, die so energisch auf ihn gerichtet war, als schmeichelhaft und war stolz darauf. 
Aber bald begann er die allzugroßen Anforderungen des Vaters als lästig zu empfinden. 
Er fühlte, daß der Vater ihm all das nahm, was andere Kinder genießen konnten. Er 
durfte nicht spielen, zu Hause nicht laut sein, um den Vater, der immer eigenbrötlerischer 
wurde, nicht zu stören. Er lehnte sich gegen die Tyrannei auf, worauf der Vater mit er« 
höhter Strenge antwortete. Er schlug ihn, strafte ihn hart, wenn er in der Schule nicht so 
viel erreicht hatte, wie es der Vater wünschte, — und das war nicht wenig. Seine an* 
fänghehe Liebe und Bewunderung für den Vater schlugen in Haß und trotzige Auflehnung 
um. Es entwickelte sich zwischen den beiden ein richtiger Kampf. Er ärgerte und reizte den 
Vater, wo er nur konnte. Der Vater, schon alt und kränklich, reagierte mit Wutanfällen. 
Als der Vater starb, bekam er seine erste schwere Depression. Er litt unter den Qualen 
des schlechten Gewissens, denn er glaubte, daß er an dem Tod des Vaters die Schuld 
trage. Was sich also in der Neurose zwischen den intrapsychischen Instanzen abspielte, 
war ein wirklicher Katapfc Der s'treng'e Vater, efer in,, ihn so grbfre Forderungen gesr'elli 



394 Georg Gero 



hatte, wurde zu einem Teil der Persönlichkeit, zum Über*Ich, das das Ich quälte und 
bestrafte. Der Haß gegen den Vater war ihm bewußt, aber er ahnte nichts davon, wie 
stark er zugleich mit dem Vater identifiziert war. Ich versuchte, ihm die Identifizierung 
bewußt werden zu lassen, indem ich ihn darauf aufmerksam machte, wie wenig seine 
Ideale mit seinem Ich verwachsen waren. Er begann diesen merkwürdigen Zwiespalt durch 
die konsequente Objektivierung der Analyse immer deutlicher zu empfinden und zu 
staunen, wie er dazu kam, solche überspannten Forderungen an sich zu stellen. Damit 
waren wir dem Ziel näher. Es wurde leichter, ihm die Herkunft und den Mechanismus 
seines allzustrengen Über*Ichs bewußt zu machen. 

Es fiel mir auf, daß er bestimmte, immer wiederkehrende Wendungen brauchte, die 
an sich gar nicht zu ihm paßten, angelernt klangen, wenn er davon sprach, was ihm als 
Ideal seines Wirkens vorschwebte : „Wie eine leuchtende Fackel soll man sein", „die Wahr* 
heit verkünden, Lügen zerstören", „man muß alles wissen, um den Menschen helfen zu 
können", u. dgl. mehr. Ich begann, ihn auf diese Wendungen, die er immer in der gleichen 
Weise zu wiederholen pflegte, aufmerksam zu machen. Wlo er das herhabe, fragte ich ihn 
und zeigte ihm, wie merkwürdig fremd, nicht zu ihm gehörend das klinge, was er sage. Da 
fiel ihm plötzlich ein, daß das die Worte des Vaters seien, die ihm dieser immer vorgehalten 
hatte, die er als Kind so oft hören mußte. Jetzt begriff er, welche Macht der bewußt iso 
gehaßte Vater über ihn hatte und wie sehr er von seinen Geboten immer noch abhängigjwar. 
Es war ein Wendepunkt in der Behandlung, als er von dieser Erkenntnis wirklich durch* 
drungen wurde. Damit kamen wir den tiefer liegenden Quellen seiner Depression näher. 
Wie in dem zuerst referierten Fall die narzißtische Grundstruktur, die orale Fixierung 
erst nach dem Abbau des Zwangscharakters freigelegt werden konnte, so eröffnete in diesem 
Fall die Lockerung des Ich*Ideals den Weg zu den tieferen Schichten der Neurose. 

Denn das hohe Ich*Ideal verschleierte die Begehrlichkeit des Ichs, seine kindliche 
Schwäche, seine unerhörten narzißtischen Ansprüche. Bewußt war der Pat. opferbereit, 
denn seine anders gerichteten kindlichen Wünsche waren verdrängt; seine ganze Lebens* 
auffassung sträubte sich dagegen, sie anzunehmen. Erst als er seine allzu großen Forde* 
rungen als Last, als etwas Aufgezwungenes zu empfinden begann, wurde es anders. 

Sein Verhalten änderte sich, er wurde anspruchsvoller. Wenn er Bekannte aufsuchte 
und sie nicht zu Hause fand, oder wenn er das Gefühl hatte, man schenke ihm nicht genug 
Aufmerksamkeit, man kümmere sich nicht um ihn, wurde er erbittert und fühlte sich 
beleidigt. Das anspruchsvolle Kind meldete sich, denn jetzt hatte er sein früheres Ideal 
von sich gewiesen. Er wollte nicht arbeiten, nicht mehr für andere etwas tun und verfiel 
in eine apathische Passivität. Die Analyse war ausgefüllt mit Selbstanklagen. Jede Be* 
mühung, ihn zum Verständnis seiner inneren Situation zu bringen, jede Deutung seiner 
Enttäuschungsreaktionen prallte ab, er war von den Selbstanklagen nicht abzubringen. 
Die Zähigkeit der Selbstanklagen, die vollständige Abwendung vom Leben, der totale 
narzißtische Rückzug bedingen jenen fast hoffnungslosen Eindruck, dem man, wenn die 
Depression jeder analytischen Bemühung trotzend, monatelang anhält, nicht entgehen 
kann. Und doch — wenn es einmal gelungen ist, den Mechanismus der Depression richtig 
zu verstehen, besteht die Möglichkeit, sie auch zu überwinden. 

Was soll man mit einem Patienten machen, der von Selbstanklagen nicht abzubringen 
ist und dessen ganze Energie scheinbar nur einem Ziele dient: sich selbst zu vernichten? 
Man .soll ihm deutend klar machen, was in ihm vorgeht, welcher Mächte Opfer er ist — 
müßte die naheliegende Antwort lauten. Ja, aber gerade das will ja nicht gelingen, denn 
die Deutungen prallen ab, dringen nicht durch. Dann ist eben nichts anderes zu tun, 
als eben diese Tatsache ins Zentrum der Analyse zu rücken. Ich hatte gemerkt, daß mein' 
Patient, wenn ich zu ihm- sprach und mich bemühte, 'bei ihm Verständnis für seinen Zui* 
stand zu erreichen, zwar anhörte, was ich ihm sagte, aber nie darauf einging, nie einen 



Der Aufbau der Depression 395 



Einfall brachte, der mir gezeigt hätte, daß er von meinen Deutungen tangiert wurde. Er 
-setzte monoton und unbeirrbar seine Selbstanklagen, seine Beteuerungen, daß ihm nicht 
zu helfen sei, und daß er nicht leben wolle und könne, fort. Ich zeigte ihm immer wieder, 
daß er kaum anhöre, was ich ihm sage, und machte ihn darauf aufmerksam, daß ihn eine! 
unbezwingbare starke Tendenz zu der Selbstquälerei treibe. Auf dem Höhepunkt der De* 
pression pflegten die Selbstanklagen fast zu verstummen. Der Pat. wurde von einer läh> 
mungsartigen Apathie befallen, die schmerzhafte Traurigkeit wurde von einer Stumpfheit, 
einem Erschöpfungsgefühl abgelöst. Die Selbstanklagen bedeuteten schon eine Lockerung 
der schlimmsten Qualen. 

Ich spürte immer deutlicher, daß die Analysestunden für meinen Patienten eine Be* 
friedigung bedeuteten. Nicht darum, weil die Analyse ihm geholfen hätte — er hat ja diese 
Hilfe abgelehnt — , sondern gerade weil er demonstrieren konnte, daß die Analyse ihm 
nicht helfe. Das war deutlich an seinem Tonfall, an seinem ganzen Benehmen zu merken, 
daß er die Wollust der Selbstquälerei genoß, daß die Schilderung seines Elends, die Ver* 
Sicherung seines unheilbaren Abscheus vor dem Leben ihm eine geheime Befriedigung gab. 
Die Selbstanklagen, die Selbstquälerei mußten jetzt aus einer anderen Ouelle kommen, 
denn das anspruchsvolle Ideal war als vom Vater aufoktroyiert erkannt und hatte keine 
Macht mehr. Er wollte nicht mehr eine „leuchtende Fackel" sein. Der Sinn seines Ver* 
haltens, das manifest nichts anderes zeigte als eine scheinbar eindeutige Tendenz, leiden 
zu wollen, mußte aus der Übertragungssituation verstanden werden. Die Selbstanklagen 
waren keine Monologe: Er wollte mir zeigen, wie schlecht es ihm ginge, wie hoffnungslos 
sein Zustand sei. Und zwar machte er das um so energischer, je mehr ich mich beimühte, 
ihm zu helfen. F r e u d hat in „Trauer und Melancholie" aufgedeckt, daß der Melancho* 
liker, indem er sich selbst quält, ein Objekt treffen will. „Die unzweifelhaft genußreiche 
Selbstquälerei der Melancholie . . . bedeutet die Befriedigung von sadistischen und Haß* 
tendenzen, die einem Objekt gelten und auf diesem Wege eine Wendung gegen die 
eigene Person erfahren haben. Bei beiden Affektionen (Zwangsneurose und Melancholie) 
pflegt es den Kranken auch zu gelingen, auf dem Umwege über die Selbstbestrafung Rache 
an den ursprünglichen Objekten zu nehmen und ihre Lieben durch die Vermittlung des 
Krankseins zu quälen, nachdem sie sich in die Krankheit begeben haben, um ihnen ihre 
Feindseligkeit nicht direkt zeigen zu müssen." 

Eben dieser Eindruck drängt sich einem auf, wenn man anhört, mit welcher Wollust 
der depressive Patient Selbstanklagen in die Analyse bringt. Es war bei meinem Pat. deut* 
lieh zu spüren, daß er eigentlich die Wirkung genoß, die die Schilderung seines Elends 
nach seiner Vermutung bei mir erwecken mußte. Hinter dem manifest masochistischen 
Verhalten schimmerte die sadistische Intention durch. Es ist schwer zu sagen, was eigente 
lieh die Wollust der Selbstquälerei ausmacht: das Sich*selbst*bemitleiden, das Schwelgen 
in dem Gefühl von Elend und Schmerz oder auch die vorbewußt, eventuell auch be* 
wüßt sadistische Phantasie, die dabei mitschwingt: „Wie wird jemand (eben der, dem die 
Aggressionen gelten) verzweifeln, wenn er sieht, wie schlecht es mir geht." Die Aggression 
tritt deutlich hervor als Trotz, mit dem die Hilfe abgelehnt wird, und dieses trotzige Be* 
harren auf dem Recht, unglücklich zu sein, dieses dauernd zur Schau getragene „Du kannst 
machen, was Du willst, ich bleibe leidend, elend, krank", ist eben die Haltung, durch die 
die Depressiven ihre Umgebung so quälen. Selbstverständlich benehmen sie sich in der 
Analyse nicht anders, denn der Analytiker übernimmt die Rolle der Objekte, denen ihre 
Aggressionen gelten. Um diese Aggressionen herauszuholen genügt es nicht, dem Pat. zu 
deuten, daß er mit seiner Selbstquälerei den Analytiker oder das ursprüngliche Objekt, 
das der Analytiker repräsentiert, treffen will; sondern man muß vielmehr durch kon* 
sequentes Aufdecken seiner versteckten Aggressionen den Patienten dazu bringen, daß 
er seine Aggression bewußt erlebt. Wenn man dies durchführt, hören die Selbst* 



396 



Georg Gero 



anklagen schließlich auf, und es kommt zu Wutausbrüchen gegen den Analytiker. Der 
verhängnisvolle Prozeß: ursprünglich nach außen gerichtete Aggressionen wenden sich 
gegen das eigene Ich, wird dadurch rückgängig gemacht. Dies war auch bei meinem Pat, 
der Fall. Diese Durchbrüche der Wut, wie sein ganzes Verhalten in der Analyse zeigten, 
daß er seine widerspruchsvollen Objektbeziehungen auf den Analytiker voll übertragen 
hatte. 

In „Trauer und Melancholie" heißt es: „Die Person, welche die Gefühlsstörung des 
Kranken hervorruft, nach welcher sein Kranksein orientiert ist, ist . . . gewöhnlich in 
der nächsten Umgebung des Kranken zu finden." In meinem Fall war die objektfeindliche 
Tendenz, die auf dem Umwege über die Selbstquälerei zum Ausdruck kam, gegen die 
Mutter gerichtet. Die Beziehung zur Mutter war sehr intensiv. Die Mutter lebte nur für 
ihn; er war der einzige Inhalt ihres Lebens. Er war an die Mutter ganz bewußt und manifest 
stark gebunden. Wie er mit seinen immer wiederkehrenden Beteuerungen, daß ihm nicht 
zu helfen sei, daß er nicht leben wolle, die Mutter gequält hatte, so wollte er mich quälen 
mit der trotzigen Weigerung, mit der er meine Versuche, ihm zu helfen, ablehnte. Auch 
der Mutter gegenüber kam es oft zu wüsten Auftritten und Wutausbrüchen, über die er 
nachher immer verzweifelt war. Er konnte nicht begreifen, wie er die Mutter, die so gut zu 
ihm war, die er so liebte, so schlecht behandeln konnte. 

Sein Haß gegen die Mutter entsprang aus den nicht überwundenen Enttäuschungen der 
Kindheit. Auch bei diesem Patienten hatte ein orales Trauma entscheidende Bedeutung für 
seine ganze Entwicklung. Die Mutter hatte ihn nicht nähren können, er wurde in ein Säug* 
lingsheim und nachher zu einer Familie in Pflege gegeben. Erst als er drei Jahre alt war, 
nahmen ihn seine Eltern zu sich. Es scheint, daß er der Mutter diese Trennung nie richtig 
verziehen hat. Dazu kam später während der Blütezeit der infantilen Sexualität die übliche 
Enttäuschung der Ödipussituation. In der Pubertät hatte die Mutter, die nach dem Tode des 
Vaters seine Erziehung allein übernehmen mußte, seine Sexualität unterdrückt. Sie hatte 
ihm besonders eindringlich die Onanie verboten, ihm gesagt, daß die Onanie ihn schwächen, 
ihm seine Kräfte rauben werde. 

Gleichzeitig und neben der Mutterübertragung zeigten sich Schichten der Neurose, in 
denen die Beziehung zu dem Vater faßbar wurde. Auch die Vaterübertragung war mehr* 
deutig. Kindliche prägenitale Liebesansprüche wie die stürmischen Kämpfe der Ödipus* 
Situation kamen in ihr zum Ausdruck. In der Analyse spielte er diese Kämpfe oft höchst 
dramatisch vor, und erst langsam konnte das Agieren in sprachlich formuliertes Verstehen 
überführt werden. Er fing z. B. mit ganz leiser Stimme wie ein todkranker Mensch, der 
von Alter und Krankheit ganz erschöpft ist, zu sprechen an und behauptete auch, aber in 
einer verspielten Art, sehr krank zu sein. Man versteht gleich sein Benehmen, wenn ich 
hinzufüge, daß er in der Analyse seinen Vater immer „den alten Mann" nannte. Der 
Vater hat spät geheiratet und war wirklich sehr krank, sah alt aus, mager, ausgedörrt, mit 
einem mächtigen, schneeweißen Haarschopf. Er machte auf den Patienten einen unheinv 
liehen, gespenstischen Eindruck. Die Krankheit machte den Vater hypochondrisch und 
gereizt; er beschäftigte sich übertrieben ausführlich mit seinem körperlichen Befinden, trieb 
z. B. nackt Gymnastik, wobei er vom Sohn beobachtet wurde. Dieser starrte wie ma* 
gisch angezogen den Penis des Vaters an, der ihm zu groß erschien. Der nackte Vater, 
mager wie ein Skelett, aber lebendig, mit funkelnden Augen, die ihn so durchdringend 
anschauen konnten, und mit dem riesengroßen Penis: dieses Bild ließ ihn nicht los. Die 
Krankheit hat einige körperliche Funktionen des Vaters gestört, aber seine Sexualität litt 
kaum darunter, und die Ehe war durchaus nicht ohne Sexualleben. Das hat der Knabe 
selbstverständlich entdeckt, und diese Entdeckung verschärfte den Gegensatz. Der Vater 
war für ihn einerseits der kranke, alte Mann, leidend, weibisch mit seiner hypochon* 
drischen Köfpe'rpfle'ge, andererseits der sexuell stärke, wilde* gefährliche Konkurrent r/ei 



Der Aufbau der Depression 



397 



der Mutter Wenn der Patient von den letzten Jahren des Vaters, über seine Krankheit 
^sw sprach, so war er entweder mitleidsvoll, bedrückt von Schuldgefühlen, weil er den 
kranken Vater» gequält, oder aber höhnisch, schadenfroh, und begleitete seine Schil* 
derungen der Qualen des Vaters mit heftigem Lachen. Was bedeutete seine Verwand. 
Jung m einen alten kranken Mann? Es war fraglos, daß er damit die Identifizierung mit 
dem kastrierten Vater darstellte oder vorspielte. Die Analyse hat nicht nur mit aller 
Deutlichkeit die Kastrationswünsche gegen den Vater aufgedeckt, sondern es kamen auch 
Erinnerungen aus der Kindheit, die bestätigten, daß es damals zu deutlichen Attacken 
gegen den Vater kam, die in diesem Sinne gemeint waren. Wenn er den alten Mann 
agierte so war er so, wie er den Vater gewünscht hatte, nämlich wirklich krank, ohne 
sexuelle kraft, die sein Kranksein für sein Gefühl so unvollständig gemacht hat Vielleicht 
war es ein Motiv der Identifizierung, am eigenen Leibe auszukosten, was er mit dem ur, 
sprunglichen Objekt nicht erreicht hatte. Die Verwandlung in den alten, kranken Mann 
zeigte den echt melancholischen Prozeß der Introjektion des Objektes und die Wendung 
der Aggressionen gegen das einverleibte, zu einem Teil des Ichs gewordene Objekt Wir 
sehen, daß die Identifizierung mit dem Vater an zwei Stellen erfolgte: im Übersieh und 
im Ich. Die erste Identifizierung äußerte sich als das strenge und anspruchsvolle Ideal 
die zweite als eine Ichveränderung, als Verwandlung in den alten, kranken Mann. Die Iden* 
tifizierung im Übersieh war viel bewußtseinsnäher. Sie konnte durch die Analyse relativ 
leicht aufgelöst werden. Der rätselhafte und schwer faßbare Introjektionsvorgang im Ich 
wurde erst, nachdem die Analyse in die tiefsten Schichten der Neurose eindringen konnte 
aufgehoben. * 

Es war bezeichnend, daß diese Stimmung besonders labil, immer an der Grenze von 
Gereiztheit war; es konnte leicht geschehen, daß die Stunde, die er als „kranker Mann- 
begann, zu Wutausbrüchen führte, die gegen mich gerichtet waren. Ein andermal begann 
er zu stöhnen wie ein krankes Tier, wie ein Hund, er gab klagende Tierlaute von sich, dann 
wurde sein Heulen immer wilder, klang wütend, das Gesicht war verzerrt, er riß an seinem 
Jriaar, an seinen Kleidern. 

Ich hatte den Eindruck, daß er mich mit seinem klagenden Heulen erweichen, daß er 
etwas haben wollte, dann aber, enttäuscht darüber, daß man ihn nicht zu verstehen schien, 
in Wut geriet und alles zerreißen wollte. Die Einfälle des Patienten zeigten, daß diese 
Szene sich auf die aktuelle Übertragungssituation bezog: Dieser Wutanfall trat bei dem 
Gedanken auf. daß er nach der Stunde nach Hause gehen und allein bleiben müsse. 

Man sieht, wie kompliziert die analytische Situation war: einerseits der tiefe Introjek* 
lonsyorgang, die Identifizierung mit dem kastrierten Vater, dahinter die aktiven Kastra* 
tionsimpulse gegen den Vater, andrerseits kindliche Liebesansprüche, deren Erfüllung er 
von mir, seiner neuen Vaterimago, erwartete, Enttäuschungsreaktionen auf die Nichterfül* 
iung dieser Ansprüche - also ein wirres Durcheinander. Ein Gesichtspunkt ermöglichte* 
die Orientierung. Man konnte annehmen, daß die genitalen Ängste, daß genitale ödipus* 
kontlikte für die Analyse nicht richtig zugänglich sind, solange eine starke prägenitald 
^ixierung besteht. Die Analyse hatte also zunächst die orale Fixierung zu lösen. Deshalb 
durfte ich in der negativen Vaterübertragung noch nicht die genitalen Aggressionen, son* 
dem mußte die Enttäuschung über die unerfüllten kindlichen Liebesansprüche deuten, 
den f'atienten in der Übertragungssituation seine kindliche Haltung erleben lassen. 

Ich sagte schon, daß die kindliche narzißtische Begehrlichkeit erst nach Abbau des 
strengen Ideals sichtbar wurde. Die Analyse mußte ihm die maßlosen kindlichen An, 
Spruche bewußt machen. Er sah ein, daß er wie ein verwöhntes Kind dauernd erwartete, 
beachtet «werden, daß es ihn verletzte und enttäuschte, wenn seine Umgebung ihm nicht 
71 w/" l ,h? ent S e S enkam ' nicl * u™« bereit war, sich um ihn zu kümmern, 

seine Wunsche zu erfüllen. Er konnte sich nicht damit abfinden, daß die Menschen nicht 



398 Georg Gero 



immer freundlich und entgegenkommend sind; er faßte jede Kälte, jede Gleichgültigkeit 
als persönliche Beleidigung auf. Der Kern dieser Wünsche war ein oraWibidinöser. Schon 
das Symptombild zeigte, worum es sich handelt; wenn er in seinen Depressionen von 
Hunger gequält war, so sehnte er sich immer nach Süßigkeiten. Die Träume in jener Phase 
der Analyse, in der sich die oralen Wünsche in der Übertragung meldeten, verrieten ganz 
unverhüllt die Sehnsucht, der Analytiker, der Vater, solle ihn verwöhnen, mit Süßigkeiten 
vollstopfen. 

Er träumte dauernd von Männern, die ihn mit Süßigkeiten füttern. In einem besonders 
instruktiven Traum stellte er, allerdings in Form der Umkehrung, die Übertragung seiner 
oralen Einstellung von der Mutter auf den Vater dar: er träumte, daß ein freundlicher 
Bäcker ihn mit Näschereien füttert, sich aber dann in ein hübsches junges Mädchen ver= 
wandelt, das ihm weiter Essen anbietet. 

Es war klar, daß er seine oralen Ansprüche in der Kindheit von der Mutter auf dein 
Vater übertragen hatte. Die Mutter hatte ihn enttäuscht, er wandte sich mit seiner Hoff* 
nung an den Vater, der ihm so sehr entgegenkam, sich für ihn so sehr interessierte, sich 
mit seiner Sprache, also einer oralen Funktion, so viel beschäftigt hatte. Aber auch der 
Vater hat ihn enttäuscht, ihn gequält, geschlagen, schlecht behandelt; seine Liebe schlug 
nun in Haß um. 

Nachdem die Analyse ihm langsam seine kindlichen Ansprüche, seine narzißtische 
Empfindlichkeit bewußt gemacht hatte, wurde es ihm erst klar, wie kindlich seine Be* 
ziehung zu Frauen war. Ein zentrales Trauma in seinem Leben, das zur Verschärfung 
seiner Depressionen wesentlich beitrug und das er in der Analyse immer wieder als Grund 
seines Unglücks, seines Sichsträubens, gesund zu werden, anführte, war, daß er von 
einer Frau, die er sehr liebte, aus äußeren Gründen getrennt wurde. Die Beziehung zu 
dieser Frau, die alles eher als harmonisch verlief, war vor allem stark beeinträchtigt durch 
seine sexuelle Störung. Trotzdem konnte er mit der Trennung nicht fertig werden. Er 
sehnte sich aber nicht nach dieser Frau, wie ein erwachsener Mann nach einer verlorenen; 
Geliebten sich sehnt, sondern — das wurde ihm in der Analyse bewußt — wie ein Kind 
sich nach der Mutter sehnt. Er erlebte die Trennung von der Geliebten als Wieder* 
holung des Traumas, das seine frühe Kindheit so entscheidend geprägt hat, der Trennung 
von der Mutter. Von der Geliebten verlassen zu sein, bedeutete für ihn von einem warmen 
Körper weggerissen zu werden, an den man sich anschmiegen konnte, in dessen schützender 
Nähe man sich geborgen fühlt. Und wenn er an die Geliebte dachte, so erschien ihm 
immer als Zielpunkt seiner quälenden Sehnsucht das verlorene Paradies : die Brust. In dieser 
Phase der Analyse erlebte er mit einer Deutlichkeit, die nichts zu wünschen übrig ließ, 
die Sehnsucht nach der Brust. Als er einmal sah, wie ein Säugling genährt wurde, ging er 
ganz in dieser Szene auf; so sehr hatte er sich mit dem Säugling identifiziert. Er suchte in 
dieser Zeit mit besonderer Vorhebe ältere Damen aus seinem Bekanntenkreis auf und 
benahm sich so kindlich, daß seine Bekannten, deren mütterliche Gefühle er offenbar 
virtuos zu provozieren verstand, ihn wirklich verwöhnten. Beglückt war er vor allem, 
wenn diese Verwöhnung sich darin äußerte, daß er viel zu essen bekam. Seine Begeisterung 
erreichte den Höhepunkt, wenn ihm der begehrteste aller Leckerbissen: Milch vorgesetzt 
wurde. 

,Es kostete viele Mühe, ehe das plastische körperliche Erleben der oralen Wünsche die 
Lösung der oralen Fixierung herbeiführte. Es ist des Nachdenkens wert, sich klar zu 
machen, wie eine solche Lösung eigentlich vor sich geht, und ich werde in der Zusammen« 
fassung eine Vermutung vorbringen, die mir etwas Licht auf dieses problemreiche Ge* 
schehen zu werfen scheint. 

Die Lösung der oralen Fixierung kündigte sich an in einem Neuerwachen der genitalen 
Impulse von einer so stürmischen Wucht, wie der Patient es kaum früher erlebt hatte. Er 



Der Aufbau der Depression 



399 



spürte eine starke genitale sexuelle Erregung, er erlebte beim Koitus neue, ihm früher un* 
bekannte Sensationen. Die inzestuösen Wünsche des Patienten brachen mit einer erstaun, 
liehen Deutlichkeit durch. Er fühlte sich verliebt in seine Mutter, es schien ihm, als wenn 
die alte Mutter wieder jung wäre; er trug ein Jugendbild von der Mutter bei sich, zog es 
öfter hervor und sah es zärtlich verliebt an. 

Die Änderung, die sich bei dem Patienten nach der Lösung der oralen Fixierung ein* 

o ^"u ST 1 Tf r£nd dM Patknt in der Zeit der Aktivierung seiner infantilen 
Orahtat sich hilflos, schlapp, körperlich träge gefühlt hatte, blühte er, nachdem die aus 
der Verdrängung befreite Oralität in genitale Erregung umschlug, auf, fühlte sich ganz 
verändert, befreit. Er kam sich nicht mehr wie ein hilfloser Säugling, sondern wie ein 
starker junger Mann vor. Es war interessant zu beobachten, wie bei dem Patienten jetzt 
die infantile phallische Einstellung neu auflebte. Während der Aktivierung der Oralität 
in der Analyse war der Penis ohne jede Libidobesetzung und wurde kaum wahrgenommen 
Das wurde nach der Lösung der oralen Fixierung anders. Der Penis bekam neue Bedeu* 
tung, wurde mit kindlichem Stolz beobachtet, bewundert. In der Analyse vollzog sich ein 
Stück der libidinösen Entwicklung von der oralen Stufe zur phallischen. 

Die neu errungene Position trug aber noch deutlich alle Anzeichen des Infantilen Es 
war vorauszusehen, daß der erste Vorstoß zur phallischen Stufe die Ängste, die in der 
Kindheit wahrend dieser Phase der Entwicklung entstanden waren, wieder erwecken würde 
Es dauerte in der Tat nicht lange, bis das kindliche Gefühl der Allmacht einem Gefühl 
kindlicher Schwäche wich. In den Stunden trat Angst auf. Der Patient wurde von einer 
Halluzination gequält: Er sah einen Fisch mit leuchtenden Augen, rotem Mund und 
scharfen weißen Zähnen, und fürchtete sich, daß der Fisch ihn beißen wolle. Das Bild des 
Fisches, die Angst vor ihm, führten zu einem Wutanfall. Er wälzte sich auf dem Sofa, stieß 
unartikulierte Laute aus, schlug um sich, biß sich auf die Lippen, in die Hände, riß an 
seinen Kleidern, an den Haaren. Plötzlich wurde er still und sagte: „Man darf zu der 
armen Mutter nicht böse sein." Diese Bemerkung kam ganz spontan, denn ich hatte mit 
keinem Wort angedeutet, daß seine Angst vor dem halluzinierten Fisch etwas mit der 
Mutter zu tun hätte. Er spürte auch während seines Wutanfalles keinerlei aggressive 
Impulse gegen die Mutter. Offenbar wurde, als er diese Worte sprach, die Verdrängung 
auf eine ganz kurze Zeit aufgehoben. Nachher verstand er nicht mehr, warum er diese 
Worte gesagt hatte. Dafür brachen aber jetzt seine sadistischen Impulse in der Über* 
tragung durch. Er phantasierte, daß er mir die Augen aussteche. Ein weiterer Wutanfall' 
stellte sich em, als er sich plötzlich erinnerte, daß man ihm in der Kindheit abends die 
Hände ans Bett gebunden hatte, weil er auf dem Kopf ein juckendes Ekzem hatte, das er 
wahrend der Nacht blutig zu kratzen pflegte. Er geriet bei dieser Erinnerung in rasende 
Wut, weil er dadurch an die Qualen erinnert wurde, die er durch das Jucken auszustehen 
hatte_ Es war klar, daß es sich um eine Deckerinnerung handelte, daß seine Wut sich auf 
die Onameunterdrückung bezog. Es war charakteristisch für ihn, daß er in diesem Wut* 
antall sich selber schlug und gleichzeitig klagte, daß seine Wut kein Objekt finden könne 
Diese Wutanfälle kamen nicht mehr aus prägenitalen Quellen, waren nicht mehr die des 
hungrigen Säuglings. Seine Wut richtete sich jetzt gegen die Mutter, die ihm unheimlich, 
drohend erschien. Die Qualen aus jener Zeit der Kindheit, da er sich nach der Mutter 
gesehnt und sich von ihr verlassen, zurückgewiesen gefühlt hatte, wurden wach. Das Er* 
leben der sexuellen Wünsche, die der Mutter galten, mobilisierte die Angst vor ihr In 
einer Stunde erschien ihm der Kopf der Mutter, unheimlich, hexenhaft, mit einer Dornen* 
kröne umgeben. Plötzlich veränderte sich der Kopf und verwandelte sich in ein weibliches 
Genitale das wie eine schreckliche Wunde aussah. Er fühlte vor diesem Bild, das ihn wie 
eine Halluzination befallen hatte, eine so schreckliche Angst, daß er ängstlich weinte und 
beteuerte, daß dieses halluzinierte Genitale ihm etwas Böses antun, ihn beißen wolle. Nach 



400 



Georg Gero 



diesem Erlebnis wurden seine sexuellen Ängste verstärkt, er fühlte sich wieder klein, 
schwach, hilflos, das Bedürfnis nach Süßigkeiten quälte ihn wieder, mit einem Wort, er, 
regredierte zur Oralität. Aber diesmal verstand er, daß er vor etwas zurückgeprallt 
war, daß seine schon so intensiv erlebten genitalen Impulse durch die Angst vor der 
Frau — der Mutter — in die Flucht geschlagen worden waren. Der Rückschlag wurde bald 
überwunden, die verdrängten phallischen, sadistischen Impulse stellten sich wieder ein. Er 
brachte jetzt das entscheidende Kindheitsmaterial in die Analyse. Er erinnerte sich, daß 
Jahre seiner Kindheit ausgefüllt waren von einem geradezu fanatischen Interesse an be* 
stimmten Erzählungen, vor allem Indianer* und Abenteuergeschichten, in denen Ritter 
vorkamen, die ihm so sehr gefielen. Er wurde von einer merkwürdigen Erregung gepackt, 
wenn in diesen Erzählungen Lanzen, Speere vorkamen, wenn er las, wie die wilden 
Indianer ihre Speere in den Körper der Feinde jagten. Er spann diese Geschichten in der 
Phantasie aus, setzte sich an die Stelle der wilden Indianer, berauschte sich an der Vor« 
Stellung des Kampfes, fühlte die Lust, zu stechen. Er erinnerte sich, daß er in jener Zeit 
der Kindheit, da er sich an den Erzählungen und Bildern der kampflustigen Indianer und 
kühnen Ritter berauschte, fasziniert war von den durchstochenen Ohrläppchen der Mutter. 
Es beschäftigte ihn sehr, wie das vor sich ging, und wer die Ohrläppchen der Mutter durch* 
stochen hatte. Noch ein Detail aus dieser Phase der Kindheit verdient erwähnt zu werden, 
nämlich seine Bewunderung für Fische, und zwar vor allem für Aale. Er wohnte damals 
am See und hatte oft Gelegenheit, Aale zu sehen. Er beobachtete die glatten geschmeidigen, 
schlängelnden Tiere mit Begeisterung, ja, er sah ihnen mit einer Art verliebter Bewun* 
derung zu. Die Phantasien vom Stechen und Aufspießen, das Interesse für die durch* 
stochenen Ohren der Mutter, die Bewunderung für 3ie Aale setzten ein, als er 4—5 Jahre 
alt war. In seiner Erinnerung klafft dann eine Lücke, und was ihm weiter einfiel, stammt 
aus einer späteren Zeit, aus seinem 7. bis 8. Lebensjahr. Damals hat er die Gewohnheit, 
selbst in die Ohrläppchen, die Nasenflügel, die Vorhaut zu stechen, solange bis Blut kam. 

Aus diesem Material konnte man die vermutliche Entwicklung in der Kindheit rekon* 
struieren. In der phallischen Phase bekamen seine Impulse und Phantasien eine besonders 
stark sadistische Richtung. Die aktiven phallisch*sadistischen Impulse mußten verdrängt 
werden, denn das Objekt dieser Phantasien war die Mutter. Die aktiven, objektgerichteten 
sadistischen Impulse wurden in passive, gegen das eigene Ich gerichtete, masochistische 
verwandelt. Das, was sich in der Kindheit auf der erogenen Basis abgespielt hatte, wieder« 
holte sich später auf der moralischen Ebene. 6 Die unterdrückten Aggressionen wandten 
sich gegen das Ich, an die Stelle des Stechens trat die Selbstbestrafung, und auch noch inj 
diesem moralischen Masochismus verrät sich der libidinöse Anteil in der deutlich spür* 
baren Wollust der Selbstquälerei. Freilich waren die masochistischen Mechanismen im 
Gesamtbild der Neurose überdeterminiert, sie hatten noch andere Quellen. 

Diese Konstruktion über die Kindheitsentwicklung wäre hypothetisch geblieben, wenn 
es nicht gelungen wäre, in der Analyse die Vergangenheit wiederzuerkennen. In der 
letzten Phase der Analyse, die die endgültige Lösung brachte, lebte das ganze Symptom« 
bild der Neurose wieder auf. Die Angst verstärkte sich, die Schuldgefühle kehrten wieder, 
und der Masochismus wütete von Neuem. Aber jetzt war es möglich, den Zusammenhang 
zwischen seinen neurotischen Reaktionen und jener entscheidenden Phase der Kindheits* 
entwicklung herzustellen. 

6) „Mit Rücksichtnahme auf die konstruierte narzißtische Vorstufe des Sadismus nähern 
wir uns so der allgemeineren Einsicht, daß die Triebschicksale der Wendung gegen das 
eigene Ich und der Verkehrung von Aktivität in Passivität von der narzißtischen Organi« 
sation des Ichs abhängig sind und den Stempel dieser Phase an sich tragen. Sie entsprechen 
vielleicht den Abwehrversuchen, die auf höheren Stufen der Ichentwicklung mit an ^ r « n 
Mitteln durchgeführt werden." (Freud: Triebe und Triebschicksale. Ges. Sehr., Bd. V, 
S. 457.) 



r 



Der Aufbau der Depression 



401 



Vor allem konnte ich die funktionelle Beziehung zwischen unbewußter Aggression, 
Schuldgefühl und Masochismus deutlich verfolgen. Während seine Träume das Anwachsen 
der phallisch*sadistischen Impulse zeigten, verstärkten sich die Schuldgefühle in hohem 
Maße. Er fühlte sich wie ein Mensch, der schlimmste Verbrechen begangen hat, zuckte 
zusammen, wenn er unerwartet angeredet wurde, wagte nicht, seinen Bekannten ins Auge 
zu sehen usw. Gleichzeitig traten masochistische Reaktionen sowie Selbstbestrafungs* 
tendenzen auf. Der Masochismus äußerte sich in Selbstvorwürfen, Selbstverachtung, die 
Bestrafungstendenzen in dem Sträuben, die Hilfe der Behandlung anzunehmen. Er be* 
teuerte, daß er ein verlorener Mensch sei, daß ihm nicht zu helfen sei, daß er gar nicht 
wünsche, daß man ihm helfe. Er entwickelte seine Lieblingsphantasie, die er In Zeiten der 
masochistischen Stimmung immer bereit hatte, nämlich daß er sich von den Menschen 
zurückziehen und irgendwo einsam und verlassen zugrunde gehen werde. Ich muß gleich 
bemerken, daß er während dieser Zeit bewußt keine aggressiven Impulse verspürte, son* 
dem sich eben in seinem völlig lethargischen Zustand befand, unfähig zu jeder Aktivität^ 
Die Analyse mußte versuchen, seine Schuldgefühle zu lockern, mußte seinen Masochismus 
als Abwehr objektgerichteter aggressiver Impulse deuten, ihn ermutigen, damit er wage, 
seine aggressiven Impulse wirklich zu erleben. Die Analyse der Schuldgefühle hatte ge* 
wirkt. Ohne jede direkte Deutung seiner phallisch*sadistischen Impulse erfolgte schritt* 
weise ein immer deutlicheres Hervortreten der verdrängten Impulse, die symbolische Ver* 
kleidung fiel ab, und die ursprünglichen Phantasien und Tendenzen konnten bewußt er* 
lebt werden. Der entscheidende Durchbruch erfolgte, als er eines Nachts von einer leiden* 
schaftlichen Erregung gepackt wurde. Er hatte das Gefühl, sein Penis sei aus Eisen, er 
hatte damit im Bett herumgebohrt, hatte in der Phantasie in Blut herumgewühlt, und seine 
wilde Zerstörungswut war in Wollust umgeschlagen. Er hatte auch deutlich gespürt, daß er 
mit seinem Phallus die Mutter treffen wolle. Nach diesem Durchbruch war er wie ver* 
wandelt. Er strich nicht mehr mit schlechtem Gewissen herum, fühlte sich erleichtert, 
hatte keine Angst mehr, und nach langer Zeit fühlte er wieder Lust zum Leben. 

Das Bewußtwerden der phallisch*sadistischen Impulse bedeutete die Überwindung seiner 
Angst vor der Sexualität. Überblicken wir noch einmal diese letzte Phase der Analyse. Die 
Lösung der oralen Fixierung brachte zuerst ein großartiges Gefühl der Befreiung. Aber der 
Vorstoß zur genitalen Position konnte noch nicht gelingen. Die Analyse mußte zuerst 
die verdrängten sadistischen Impulse, die zu dauernder Angstbildung geführt und jeden 
sexuellen Impuls mit schwerem Schuldgefühl belastet hatten, bewußt machen. 

Die immanente Konsequenz des neurotischen Prozesses war in diesem Fall mit seltener 
Deutlichkeit zu beobachten. Die neu besetzte genitale Position objektivierte die alten Kon* 
flikte aus der Kindheit. Seine innere Situation war, freilich mit wesentlichen Unterschieden, 
gleich jener der Kindheit auf dem Höhepunkt der infantilen Sexualität. Er fühlte sich nach 
der Lösung der oralen Fixierung voll neuer Kräfte, war erfüllt von kindlichem Stolz auf 
den Penis, dem jetzt wieder all seine Aufmerksamkeit, all sein Interesse galten, aber wenn 
er seine Kräfte brauchen wollte, wurde er gelähmt, stieß auf unüberwindliche Schwierig* 
keiten. Er fühlte sich also in der gleichen Lage wie in der Kindheit — und reagierte dem? 
entsprechend. Zuerst kam jene diffuse, noch objektlose Wut, wo er sagte: „Man darf 
gegen die arme Mutter nicht so böse sein." Ich verstand aus dem Zusammenhang der 
Analyse, was in ihm vorging. Denn er brachte gerade die Deckerinnerungen über^den 
Kampf um die Onanie. Es war klar, daß die Wut, die er in der Analyse erlebte, der. Bösen 
Mutter galt, die seine Lust unterdrückt hatte. Gleichzeitig wurde die Enttäuschung aus der 
ödipussituation wach, die er als einziges Kind besonders verschärft erlebt hatte. Er fühlte 
sich von der Mutter verraten und verlassen, beobachtete das Sexualleben der Eltern mit 
Neid, Wut und einem Gefühl von schmerzlicher Unzulänglichkeit. Die Wut gegen die 
Mutter wurde in der Analyse zunächst noch nicht bewußt, die Schuldgefühle meldeten 

Int. Zeitsehr. f. Psychoanalyse, XXH/3 26 



402 Georg Gero 



sich, der alte Zwiespalt zwischen der Liebe zur Mjutter und dem Haß gegen sie lebte 
wieder auf. Dann erlebte er die Angst vor der Mutter, genauer: die Angst vor dem Gef 
riitale der Mutter. Ein tief verdrängtes Bild wurde mit halluzinatorischer Deutlichkeit 
wieder erlebt. Die Mutter war nicht nur die gütige, vertraute Trösterin, sondern eine un<* 
heimliche drohende Hexe, deren Genitale fürchterliche Gefahren birgt. Diese unbewußte 
Angst vor der Mutter übertrug er auf alle anderen Frauen; sie war einer der Gründe 
seiner sexuellen Störung. Erst als wir so weit waren, wurden nach hartnäckigem Wider* 
Standskampf seine phallisch*sadistischen Impulse bewußt. Die Analyse dieser Impulse 
baute die Schuldgefühle ab, machte die genitale Sexualität frei und eröffnete für die 
Libido eine Abfuhrmöglichkeit, die früher nicht bestanden hatte. Das Hindernis, an dem 
die Libido bisher immer abgeprallt war und durch das sie in die orale Position gedrängt 
wurde, war nun überwunden. Das Wiedererleben der infantilen Genitalität mit all ihren 
neurotischen Belastungen brachte die Lösung der Bindung an die Mutter, und damit wari 
auch der wesentlichste Konfliktstoff der Depression erschöpft. Und doch hatte die Ana*, 
lyse noch eine Bildungsmöglichkeit der Depression unberührt gelassen, eine Seite, von der 
her ein Aufflackern der Neurose noch möglich war; die Vaterbeziehung war noch nicht 
ganz durchgearbeitet. 

Nach der anfänglichen bedeutenden Befreiung, stellten sich wieder Rezidive ein, die 
allerdings viel leichterer Natur waren als seine früheren Depressionen. Obwohl er keine 
sexuellen Hemmungen mehr spürte, gelang es ihm nicht, Partner zu finden. Daran war 
gewiß seine Ungeschicklichkeit schuld; nach so langer neurotischer Absonderung gelang 
es zuerst schwer, sich in die Gemeinschaft einzugliedern. Das wäre nicht einmal so auife 
fällig gewesen. Schlimmer war, wie er auf die Enttäuschungen, die er erleben mußte, rea* 
gierte. Er bekam wieder Depressionen, verfiel in seine frühere Passivität und äußerte wieder 
seine melancholischen Ideen: er sei schon alt, sein Haar falle aus, seine Knochen seien 
schwach, sein Kopf arbeite nicht richtig, er vergesse alles, es sei kein Wunder, wenn keine 
Frau ihn haben wolle usw. Die Feststellung Freuds, daß die Selbstanklagen des Melan* 
cholikers dem introjizierten Objekt gelten, erwies sich hier besonders deutlich, denn was 
er über sich selbst sagte, widersprach kraß der Wirklichkeit. Er war nämlich physisch 
nicht nur nicht schwach und krank, sondern ein ungewöhnlich starker, gesunder, leistungs« 
fähiger junger Mensch. Krank, alt und gebrechlich war dagegen der Vater, der alte Mann. 
Er war jetzt wieder mit dem Vater, und zwar mit dem kastrierten Vater identifiziert. Diese 
Identifizierung war in der Analyse schon oft genug aufgetreten, aber erst jetzt dem Ver* 
ständnis des Patienten wirklich zugänglich.' Solange seine genitalen Impulse aus den ange* 
führten Ursachen nicht hervortreten konnten, war er nicht imstande, die Voraussetzungen, 
die Bindeglieder, die zum Verständnis des Identifizierungsvorganges notwendig waren, 
richtig zu erleben. In der Übertragung war von Anfang an spürbar, daß der Patient jm, 
Analytiker den Vater sah, ihn deshalb bald als überlegen, bald als drohend empfand, ihn 
fürchtete und haßte. Aber eine lange Zeit hindurch war die Übertragungssituation ;zu 
vieldeutig, der zentrale aus der Ödipussituation stammende Haß gegen den Vater war über* 
deckt von der ambivalenten oralen .'Vaterbeziehung, von den kindlichen Liebesansprüchen. 
Erst als die orale Fixierung gelöst war,, die Angst vor der Frau erlebt und bewältigt war„ 
die Schuldgefühle, die jede . geriitale Aktivität lahmgelegt hatten, überwunden waren, erst 
als er. wirklich genitale sexuelle Spannung intensiv empfunden hatte, erst als sein Interesse, 
sein" Ehrgeiz genital zentriert war, kam die' Vaterbeziehung auf der phallischen Stufe in 
(die Analyst _ Jetzt war die Übertragungssituation eindeutig beherrscht vom phallischen 
Neid, von desn' genitalen Minderwertigkeitsgefühlen. Er hat auf die Enttäuschungen, die 
esfi bei seinen ersten!: Versuchen, einen Partner zu finden, erlebte, mit einem Rückfall rea*» 
giärt. Ein Trä,um'.iix?erriet, auf welchem Hintergrund die Depression entstanden war. Er 
träumte: VQn'iMner' Schlacht in der er mit mir, — ich war der General — , zusammen ge= 



Der Aufbau dsr Depression 



403 



kämpft hatte. Obwohl er zu meiner Truppe gehörte, war- keine freundliche Beziehung zwi- 
schen uns. Er merkte plötzlich voller Angst, daß sein Gewehr nicht in Ordnung war. Es 
war eine alte und noch dazu beschädigte Waffe. Das ärgerte ihn utnsomehr, als er entdeckte, 
daß.' ich ein neues und besonders imposantes Gewehr hatte-. Der Traum ist deut= 
lieh genug. Die Versagung, die er bei seinen sexuellen Versuchen erlitten hatte, hatte seine 
genitalen Minderwertigkeitsgefühle aktiviert. Wie in der Kindheit, wo er sich dem Vater 
gegenüber so klein gefühlt hatte,' wo er so erdrückt' war von dem Anblick des väterlichen 
Penis, und eine Konkurrenz mit dem Vater um die Gunst der Mutter als so hoffnungslos 
empfunden hatte, reagierte er jetzt auf seine Niederlage -■ bei Frauen mit dem Gefühl, es 
müsse ihm etwas fehlen, denn er wirke nicht auf die Frauen. Die Aktivierung der genfe 
talen Minderwertigkeitsgefühle erweckte' seine Kastrationswünsche, seine Wut gegen den 
mächtigen väterlichen Penis von neuem.; Er bekam in der Analyse wieder Wutanfälle, (er 
wurde von einer Art Halluzination geplagt, einem Riesenpenis, der wie eine BlutwJrst, 
in Scheiben geschnitten, aussah. Bei dem Anblick eines japanischen Bildes, das ein Hara* 
kiri darstellte, mußte er sich übergeben. Er" war wieder ängstlich, fürchtete sich vor Vera» 
letzungen, und seine depressiven Klagen verstärkten sich. Er war wieder „der alte Mann". 
Er war wieder Opfer des melancholischen Prozesses geworden, seine Aggressionen richteten 
sich gegen das eigene Ich, gegen das introjizierte Objekt im Ich. Die Überwindung dieses 
letzten Rückfalles in die Depression brachte erst die wirkliche Heilung. Die Kastration^ 
impulse wurden in der Übertragung bewußt. Er verstand,- daß er noch immer unter der! 
Macht des kindlichen Eindrucks des von ihm als so ! mächtig empfundenen väterlichen 
Penis stand, r Diese Erkenntnis führte auch die Lösung der Überträgung herbei. Er er* 
wr'tete nicht mehr von mir kindlich*passiv Stärkung, sondern vertraute auf seine eigene 
Kraft. Jetzt gelang es ihm auch, emen Partner zu finden, und das Glück der wirklichen 
sexuellen Befriedigung löschte die sexuellen . Minderwertigkeitsgefühle aus. Sein Selbst* 
gefühl wurde jetzt widerstandsfähig und war durch 'ctie unvermeidlichen Versagungen des 
Lebens nicht mehr, so leicht zu erschüttern. , , 






wln der großartigen Studie „Trauer und Melancholie": hat Er e u d uns veri 
stehen gelehrt, was sich in der Melancholie und in der neurotischen .Depression 
abspielt: Er hat die Erklärung für die..S.elbstankl4gen des Melancholikers ige* 
funden, indem er entdeckte, daß diese' Selbstanklagen sich eigentlich gegen ein 
Objekt richten, das durch Identifizierung; ins ; Ich aufgenommen wurde. Freud 
lehrte uns, diese Identifizierung als .einen frozeß zu verstehen, der eingeleitet 
wird, um die Liebe «u .einemrObjekt; zu' j^tten, das wegen realer Enttäuschungen, 
die dieses Objekt demrlch zu;fügt£, aufgegeben wer den mußte. Die Identifizier 
rung ermöglicht jes dem Ich, Jn sich selbst das verlorene Objekt oder, genäuer^be* 
sonders; <beachtete 4 ; f besonders 'gesthätzte Eigenheiten des Objektes wiede'rzW 
f?ndeft.;,Das veränderte, dem aufgegebenen Objekt angeglichene Ich empfindet 
sich selbst gegenüber die gleichen Gefühle, die es dem Objekt gegenüber Ver=, 
spürt hatte. Bei dem Melancholiker werden diese Gefühle, Entsprechend^ seiner 
besonderen Ambivalenz, immer eine Mischung von Liebelnd Haß darstellen.. 
Der Haß gegen das Objekt äußert sich in den Selbstanklagen, die Liebe dagegen; 
in der Hartnäckigkeit, mit der die Identifizierung festgehalten wird, in der,nar*i 
zißtischen Betontheit, mit der diese Identifizierung zur Schau getragen wird. \v;ie; 
Freud sagt: „Es spinnen sich bei der Melancholie eine Unzahl /von Einzel* 
kämpfen um das Objekt an, in denen Haß und Liebe untereinander ringen, der; 

26* 



404 



Georg Gero 



eine, um die Libido vom Objekt zu lösen, die anderen, um diese Libidodisposition 
gegen den Ansturm zu behaupten." 

Für die Therapie der Depression ist aber vor allem Freuds Erkenntnis maß» 
gebend, daß der Melancholiker sadistische Tendenzen, die einem Objekt galten, 
gegen das eigene Ich gewandt hat, daß er seinen Haß gegen ein Objekt, gegen 
ein für ihn durch tausendfältige Verknüpfungen bedeutsames Liebesobjekt, ver* 
drängt hat und an den schicksalsvollen Folgen dieses unbewußten Hasses er* 
krankt ist. Wäre in der psychoanalytischen Literatur über Melancholie nicht mehr 
geschrieben worden als das, was in „Trauer und Melancholie" steht, so würde 
uns diese Arbeit allein schon die wesentlichsten Einsichten geben können, die 
zur therapeutischen Bewältigung dieses Leidens notwendig sind. 

Die Erforschung der Melancholie wurde von Abraham weitergeführt. Sein 
Verdienst ist vor allem, die Bedeutung der oralen Fixierung und der prägenitalen 
Triebregungen überhaupt für das Symptombild wie für die charakterlichen Merk* 
Würdigkeiten des Melancholikers an überzeugendem klinischem Material nachge* 
wiesen zu haben. 

Rados Arbeit „Das Problem der Melancholie" zeigt uns am klarsten jene 
charakterologische Gesamtstruktur, die wir beim depressiven Menschen immer 
anzutreffen pflegen, und die als Disposition zu durch Versagungen ausgelösten 
depressiven oder melancholischen Schüben anzusehen ist. R a d o hat die nar* 
zißtische Grundstruktur des Depressiven herausgeschält, jene besondere Ab* 
hängigkeit des Selbstgefühls von den Objekten. Diese Abhängigkeit bedingt die 
immer wieder einsetzenden Versuche der Depressiven, das Selbstgefühl durch 
narzißtische Zufuhr von außen zu halten. 

Durch die Arbeit Rados wird es klar, auf welche Weise das orale Trauma 
der Säuglingszeit die spätere Entwicklung beeinflußt. Rado hat sicher Recht, 
wenn er sagt, daß „die tiefste Fixierungsstelle der melancholischen (depressiven) 
Disposition in der .Gefahrsituation des Liebesverlustes', des Näheren in der 
Hungersituation des Säuglings zu erblicken" sei. Die wirkliche Bedeutung des 
oralen Glückes wie der oralen Entbehrung wird nur verständlich durch eine 
neue Interpretation des Begriffes „oral". Der Säugling an der Mutterbrust erlebt 
mannigfache Empfindungen, die im Erleben zweifellos undifferenziert sind. Nur 
eine abstrahierende Zerlegung kann darin verschiedene Seiten unterscheiden. 
Die lustvolle Reizung der Mundschleimhaut ist eben nur ein Moment dabei, 
jenes, das den engsten Sinn des Begriffes Oralerotik ausmacht. Untrennbar dazu 
gehört die lustvölle Berührung der Hautoberfläche, das wohlige Gefühl der 
Wärme, die vom Körper der Mutter ausstrahlt. Das Bedürfnis nach Berührung, 
nach. Wärme weist nach außen, heischt nach einem Objekt. Diese Bedürfnisse 
sind schon beim Säugling objektgerichtet. Spezifische orale Lust, die durch Rei* 
zung dei- Mundschleimhaut entsteht, ist auch autoerotisch zu befriedigen, doch 
an- der Mutterbrust erlebt der Säugling eine Befriedigung, die durch das Zu* 
sammentreffen -mehrerer Elemente so wirksam ist. Freilich bedeutet das Vor* 
handensein objektgerichteter Bedürfnisse beim Säugling noch nicht, daß bei ihm 
schon' Vorstellungen über ein Objekt bestehen. Wir wissen nicht, wann die 
eigentliche Objektfindung vor sich geht, wann sich aus dem diffusen körperlichen 
Erlebnis ein Außen abtrennt, wir können nur folgern, daß die Objektfindung 



Der Aufbau der Depression 



405 



dann bereits erreicht ist, wenn das Kind durch alle Zeichen der? Freude verrät, 
Tdaß es Personen der Umgebung wiedererkennt. Schon vor Vollendung des ersten 
Lebensjahres ist es jedenfalls deutlich, daß die Mutter für das Kind ein Objekt 
wird, daß es mehr und mehr von der Mutter die Erfüllung-, seiner Wünsche er* 
wartet. 

Rado betont zwar, daß die lustvolle Reizung der Mundzone nicht das Ganze 
der oraMibidinösen Befriedigung ausmache, meint aber, daß der Höhepunkt 
dieses Genusses auf das darauffolgende unsichtbare Stück des Vorganges zu be* 
ziehen sei, das er als „alimentären Orgasmus" bezeichnet und als entwicklungs* 
geschichtlichen Vorläufer des späteren genitalen Orgasmus ansieht. Mir scheint, 
daß der Begriff des alimentären Orgasmus zwar auf richtigen Beobachtungen be* 
ruht, daß aber Rado die Bedeutung und Tragweite seines Fundes sehr; über* 
schätzt. 

Die Bedeutung der oralen Erlebnisse der frühen Kindheit besteht meines 
Erachtens darin, daß sie einen Höhepunkt der Mutter*Kind*Beziehung dar* 
stellen, die größte körperliche Nähe, die intimste körperliche Berührung, die das 
Kind bei der Mutter erlebt. Diese Eigenschaft wird es sein, die die unvergleich* 
liehe Bedeutung der Oralität für die späteren Objektbeziehungen' bedingt. Die 
spezifische orale Lust ist nur ein Moment in dem Erlebnis, das das Bedürfnis des 
Kindes nach Wärme, Berührung, Geborgensein, Geliebtwerden befriedigt. .' 

Die klinische Erfahrung zeigt, welche Rolle jenen kindlichen Bedürfnissen- im 
Aufbau der Depression zukommt. Der Depressive sehnt sich- nach Geborgen* 
sein, Geliebtwerden, nach der Wärme des schützenden Körpers der Mutter. 
Seine libidinösen Wünsche sind aber gemischt mit aggressiven Tendenzen, die 
Reaktionen auf die erlittenen Enttäuschungen sind. Seine Sehnsucht nach Ge* 
liebtwerden ist zu maßlos, zu narzißtisch und kann deshalb nicht befriedigt' 
werden. Enttäuschungen aber aktivieren seine ebenso maßlosen Aggressionen, 
die dann durch allerlei Rettungsversuche des Ichs abgewehrt werden. Die Aggres* 
sionen wenden sich gegen das eigene Ich, gegen das introjizierte Objekt im Ich. 
Diesen immer wieder einsetzenden neurotischen Zirkel: kindliche Ansprüche 
— Enttäuschung — Wut darüber und Aggression als Antwort darauf, kann der 
Depressive nicht durchbrechen, weil ihm der einzige Weg zu einer libidinösen 
Objektbeziehung, in der auch die prägenitalen triebhaften Bedürfnisse befriedigt 
werden könnten, — einen solchen Weg würde eine genitale Liebesbeziehüng 
eröffnen — , versperrt ist. Der Kern der Neurose, das Zentrum, aus dem heraus 
die neurotischen Mechanismen immer wieder belebt werden, sind die genitalen 
Ängste, die verdrängten sadistisch*genitalen Impulse, die letzten Endes die sch^e* 
ren Schuldgefühle bedingen. 

Der Aufbau der Depression weist den Weg, den die analytische Technik ein* 
schlagen muß. Nach der technischen Regel von Freud muß die Analyse immer 
von der jeweiligen Oberfläche in die tieferen Schichten vordringen. Die orale 
Fixierung wird erst nach konsequenter Bewußtmachung der charakterologischen 
Eigenart, der narzißtischen Struktur, für die Analyse zugänglich. Dabei sind 
zwei Fehler naheliegend. Man neigt entweder dazu, sich mit dem wiederholten 
Hinweis auf die charakterologischen Widersprüche zu begnügen und dann diese 
Eigenarten mit der Oralität in Beziehung zu setzen, oder man -deutet mit beson* 



406 Georg Gero 



derem Nachdruck gleich die tieferen Schichten, die unbewußten libidinösen oder 
aggressiven Impulse. Das richtige technische Vorgehen muß das Verdrängte ent» 
wickeln, hervorrufen können. Auch die eigentlichen neurotischen Charakterzüge 
sind verdeckt und werden erst faßbar, nachdem die Analyse die Abwehr richtig 
zersetzt hat. Zuerst müssen also die neurotischen Charakterzüge herausgearbeitet 
werden, und dann muß die Analyse bis zur libidinösen Basis der charakterolo» 
gischen Struktur vordringen. Es genügt nicht, einem Patienten zu deuten, daß 
hinter seinen maßlosen Ansprüchen nach Verwöhnt* und Bevorzugtwerden un* 
bewußte orale Wünsche stecken, sondern die Analyse muß erreichen können, daß 
er diese Wünsche plastisch erlebt. Solches Erleben kündigt sich immer durch das 
Auftreten körperlicher Empfindungen, durch heftige Affekte, durch Angstent» 
wicklung an. 

Man empfängt die stärksten Eindrücke von der Wahrheit und Bedeutung der 
psychoanalytischen Entdeckungen, wenn es ohne direkte Deutung nur durch 
konsequente Arbeit an der Abwehr gelungen ist, dem Verdrängten zum Durch* 
bruch zu helfen. Man bekommt dabei nicht nur einen wirklichen Einblick in die 
Dynamik der libidinösen Prozesse, sondern — und das ist das Entscheidende — 
es gelingt auch, die Neurose sozusagen in die Hand zu bekommen und durch eine 
planmäßige Technik zu bewältigen. Die chirurgische Sicherheit der Analyse wird 
dann wirklich erreicht. Die Lösung der oralen Fixierung bei den Depressiven, 
bedeutet einen solchen Triumph der Technik. Es ist ein Wendepunkt in der 
Analyse, wenn es gelungen ist, den Patienten die tief verdrängten oralen Wün» 
sehe und Aggressionen erleben zu lassen. Die Lösung der Fixierung kündigt sich 
durch das plötzliche Eintreten der genitalen Erregung an. Es ist dieses Hervor» 
schießen neuer Spannungen, das Wiedererwachen längst verschwundener Leiden» 
schaften, das beweist, daß eine Lösung stattgefunden hat, daß das Ich von der 
Macht eines unentrinnbaren Zwanges frei wurde. 

Was spielt sich dabei eigentlich ab? Wie können wir diese Lösung verstehen? 
Die Oralerotik ist bei den Depressiven die bevorzugte Fixierungsstelle. Nach 
dem Zusammenbruch der infantilen Genitalität, unter dem Druck der Ödipus* 
Situation regrediert die Libido auf die orale Stufe. Beim depressiven Neurotiker 
sind orale Funktionen wie z. B. das Essen sexualisiert, ja die Sexualität über? 
haupt ist vor allem an orale Vorstellungen gebunden. Beim Depressiven und 
Melancholiker ist die Oralerotik viel mehr verselbständigt, die Regression viel 
vollständiger als bei der Hysterie, wo die oralen Phantasien und Impulse mit 
genitalen verdichtet sind. Aber auch beim Depressiven ist die Verbindung zwi» 
sehen oralen und genitalen Impulsen nicht ganz abgerissen. Beim Zwangsneu» 
rotiker ist der Ödipuskomplex im Unbewußten vor allem in analen und sadi* 
stischen Vorstellungen repräsentiert, und erst das Bewußtwerden dieser Impulse 
läßt die tiefer verdrängten phallischen hervortreten. Bei den Depressiven bilden 
die oralen Wünsche und Aggressionen die oberflächlichste Schicht, die in Ver» 
drängung gehalten werden muß, um die ganze an die Ödipussituation gebundene 
sadistisch gefärbte Sexualität unterdrücken zu können. Das Bewußtwerden der 
oralen Wünsche reißt das andere verdrängte Material mit sich. Das Erleben der 
oralen Wünsche bedeutet gleichzeitig das Bewußtwerden des Objektes dieser 
Wünsche. Mir scheint, die Lösung der oralen Fixierung wird weniger dadurch 



erreicht, daß der erwachsene Neurotiker sich seiner kindlichen Wünsche bewußt 
- wird, und dann, da er ihre infantile Natur erkennt, auf sie verzichtet, als viel* 
mehr dadurch, daß es ihm bewußt wird, daß er die Brust — und das will sagen: 
die Mutter — begehrt. Und indem ihm das bewußt wird, erweckt das kindliche 
Bedürfnis, sich an die Mutter anzuschmiegen, die Sehnsucht nach ihrem war* 
menden, liebkosenden Körper auch jene dunklen und heißen Wünsche aus einer 
späteren Zeit der Kindheit, wo die Mutter Gegenstand einer leidenschaftlichen 
Verliebtheit war. Das Bewußtwerden der oralen Wünsche schlägt in genitale 
Erregung um. Daher kommt es, daß das wirkliche Erleben der oralen Wünsche 
in den Analysen genitale Sensationen mit sich führt. Die Lösung der oralen 
Fixierung wird also erreicht, wenn es gelingt, den Patienten - die verdrängten 
oralen Impulse erleben zu lassen, denn dieses Erleben bleibt nicht bei den oralen 
Zielen stehen, sondern aktiviert die genitale Objektbeziehung der Ödipussitua* 
tion. - / 

Ist aber dieser Verlauf nicht nur für den Mann typisch? Ist doch nur bei 
ihm die Mutter gleichzeitig Objekt der 'oralen wie der genitalen Strebungen. 

Der weibliche Fall, den ich mitteilte, zeigte jedoch etwas Gleiches. Auch dort 
erweckte das Bewußtwerden der oralen Wünsche genitale Sensationen. Bei der 
Patientin war der Vater Zielpunkt oraler wie genitaler Wünsche. Sie wandte sich, 
wie wir gesehen haben, nach der Enttäuschung bei der Mutter mit ihren An* 
Sprüchen an den Vater. Eine solche Übertragung der oralen Ansprüche auf den 
Vater nach Enttäuschungen bei der Mutter scheint — nach meinen Erfahrungen 
— sehr allgemein zu sein. 

Neben der Lösung der oralen Fixierung ist die wesentlichste technische Auf* 
gäbe in der Analyse der Depression die Bewußtmachung der Aggressionen- Die 
Erkenntnis, daß die Selbstquälerei ein Triebschicksal, nämlich die ^endfcag ■einer 
objektgerichteten Tendenz gegen das eigene Ich darstelle, is^ähichtiitinmittelbar 
für die Technik verwendbar. Seit die Lehre vom Über*Ich ; flhd vom Straf be* 
dürfnis in der analytischen Literatur eine große Rolle spielt, haben viele Ana* 
lytiket die Meinung vertreten, daß die Deutung der Selbstquälerei des Depres* 
siven als eines Ausdrucks seines Strafbedürfnisses einen Erfolg verspreche. Es 
muß aber festgestellt werden, daß eine solche Deutung allein immer erfolglos 
bleibt; sie führt nicht die Aufhebung der Verdrängung herbei, verhilft dem Pa* 
tienten nicht dazu, seine verdrängten Impulse zu erleben und damit die Quelle 
seiner Schuldgefühle zu erkennen. Was Freud von den Übertragungsphäno* 
menen im allgemeinen sagt, daß sie, obwohl sie dem Psychoanalytiker die 
größten Schwierigkeiten bereiten, doch das tragende Element der Behandlung 
sind, „. . . .denn schließlich kann niemand in absentia oder, in effigie erschlagen 
werden . . .",' gilt auch für die unbewußten Aggressionen. Nicht die Deutung 
der Aggressionen ist das Wesentliche, sondern die Zerstörung der Abwehr, wo* 
durch bewirkt wird, daß der Patient seine Aggressionen wirklich erlebt. Auch 
die Aggressionen sind mehrschichtig, mehrdeutig. Die Aufgabe der Analyse ist 
es, jenen Kern der Aggressionen bewußt zu machen, an dem das Schuldgefühl 
in erster Linie hängt. Das sind immer jene aggressiven Impulse, die aus den 



7) Zur Dynamik der Übertragung. Ges. Sehr., Bd. VI. 



408 Georg Gero: Der Aufbau der Depression 



zentralen Konflikten der ödipussituation entspringen. Ich hoffe, daß es mir 
durch die ausführliche Mitteilung der Analysen gelungen ist, zu zeigen, wie 
dieses schichtweise Herausarbeiten der Aggressionen vor sich geht. Beim ersten 
Fall mußte der Zwangscharakter, die Verschlossenheit, die Verkrampfung ana* 
lysiert werden, bevor die verdrängten anal*sadistischen und vor allem oraUsadi» 
stischen Impulse, die bei der Patientin jenen Kern der ödipalen Aggressionen 
repräsentierten, bewußt wurden. Beim zweiten Fall führte die Lockerung des 
strengen Über*Ichs, die Aufdeckung der hinter dem manifest masochistischen 
Verhalten spürbaren sadistischen Intentionen zunächst zu diffusen Wutaus* 
brüchen, und erst nach der Lösung der oralen Fixierung kamen die phallisch* 
sadistischen Impulse, die die zentrale Schicht der verdrängten Aggressionen bil* 
deten, zum Vorschein.! - u.« ..'.■: 

An dieser Stelle müßten die Probleme;, primärer Masochismus, Straf bedürfnis, 
die seit dem Erscheinen von Freuds Arbeiten „Das Ich und das Es", und 
„Das ökonomische Problem des Masochismus" das Interesse der analytischen 
Welt so stark beschäftigt und so leidenschaftliche -Diskussionen hervorgerufen 
haben, behandelt werden. Doch würde eine Stellungnahme zu diesen kompli* 
zierten Problemen der analytischen Theorie den Rahmen dieser Arbeit sprengen. 
Die klinische Erfahrung zeigt jedenfalls, daß unbewußtes ■• Schuldgefühl immer 
auf unbewußten Aggressionen beruht. In der Melancholie finden wir einen 
besonderen, für dieses Krankheitsbild spezifischen Mechanismus, die .Wendung 
der Aggressionen gegen das introjizierte Objekt im Ich. Die therapeutische 
Bewältigung des masochistischen Wütens gegen das eigene Ich wird erreicht, 
wenn es der Analyse gelingt, den Patienten die unbewußten Aggressionen er* 
leben zu lassen, bis zu jenem Kern der Aggressionen vorzudringen, die in der 
ödipussituation entstanden sind und mit den sexuellen Phantasien dieser Zeit 
in Verbindung stehen. Diese Phantasien und unbewußten Impulse sind es, die 
die Sexualität mit Schuldgefühlen belasten und die. Verdrängung notwendig 
machen. Wir sehen in den Analysen, daß das Schuldgefühl und die masochi* 
stischen Reaktionen schwinden, wenn die Aggressionen frei geworden sind; 
Erleichterungen, die immer festzustellen sind, wenn unbewußte Aggressionen 
durchbrechen, sind freilich nur f vorübergehend. Die endgültige Befreiung von 
den Schuldgefühlen und allen neurotischen Reaktionen, die die Schuldgefühle 
und die unbewußten Aggressionen provozieren, bringt allerdings erst das Ende 
der Analyse, die wirkliche Überwindung der Neurose., Die Neurose besteht aber 
so lange,: bis es gelungen ist, die genitalen Ängste», die die genitalen Impulse 
belastenden -Schuldgefühle zu überwinden und so die Fähigkeit zum vollen geni* 
taleii Erleben und damit zu ambivalenzfreien Objektbeziehungen herzustellen. ,,. 



t . - .- ... —'.* 



REFERATE 



Aus der Literatur der Grenzgebiete 

BEZDEK, CTIBOR: Das Rätsel von Krankheit und Tod. Ethikotherapie (Heilung durch 
Sittlichkeit). Rascher Verlag, Zürich, 1935. 202 Seiten. 

Der Verfasser führt mehr breit*populär als wissenschaftlich fundiert alle Krankheiten, 
körperlicher wie seelischer Natur, auf die Verletzung des immanenten Moralprinzips 
zurück. Er zitiert dafür Belege von Christus bis Freud. Der Arzt muß dement* 
sprechend vor allem Seelsorger sein, d. h. den Kranken zur Aufrichtung und Einhaltung 
sittlicher Prinzipien bringen, deren letzter Sinn das Einssein mit Gott sei. 

R. S t e r b a (Wien). 



hgg. von R. Kap* 



HIPPOKRATES: Die Träume. (Aus „Die Werke des Hippokrates' 
ferer.) Hippokrates* Verlag, Stuttgart*Leipzig, 1934. 

Das Kapitel über die Träume zeigt sich als wertlos für die wissenschaftliche Forschung 
der Gegenwart; es will zwar auf Erfahrung und Beobachtung beruhen, ist aber voll Schema* 
tismus, Mystik und Absurdität in der Deutung der Ursachen der Inhalte. Eine auffallend 
große Rolle spielen die Erklärungen der Träume von Sonne, Mond oder Sternen, die heut* 
zutage kaum je geträumt werden; analog ist es mit Erde und Meer. Insoweit die Träuan© 
nicht göttlichen Ursprungs seien, sollen sie, mit Körperzuständen in gesetzmäßigem Zu* 
sammenhang stehen, also mit den seinerzeit; angenommenen falschen Säften, Blut* 
Stockungen, Mangel und Überfüllung, und immer auf Leibreizen beruhen. Dem Heraus* 
geber, einem Naturheiler, sagt dies zu; für uns Analytiker ist nichts bedeutsam, es wäre 
denn der Satz: Quellen und Brunnen deuten auf irgendein Blasenleiden hin. 

E. Hitschmann (Wien). 

HOSKINS, R. G.: Die Hormone. Übersetzung und deutsche Bearbeitung von Wolf v. 
Drigalski. Felix Meiner Verlag, Leipzig, 1934. (Das amerikanische Original: The Tides 
of Life. The Endocrine glands in bodily adjustment, erschien 1933.) 

iZur Empfehlung dieses klar geschriebenen und übersichtlich geordneten Buches, auch 
für den vorwiegend psychoanalytisch interessierten Leser, sei ein Absatz aus der Einfüh* 
rung wiedergegeben, welche der Münchner Internist Friedrich . M ü 1 1 e r zur deutschen 
Übersetzung geschrieben hat: „Ein besonderer Vorzug des Buches ist darin zu erblicken, 
daß der Verfasser nicht nur die körperlichen, sondern auch die seelischen Vorgänge, & B. 
das Temperament und gewisse psychologische Anomalien in ihren Beziehungen zu den 
endokrinen Drüsen, zur Darstellung bringt: .... Auch auf dem Gebiet der manisch*de* 
pressiven Gemütsstörung werden uns wohl noch manche Überraschungen beschieden sein." 

Die gegenseitige Beeinflussung von I Psyche und endokrinem Drüsensystem wird vom 
biologisch eingestellten Psychoanalytiker als gemeinsames Forschungsgebiet aufgefaßt. Das 
entsprechende praktische Ziel ist, die DifferentiaHndikatidn zwischen Psychoanalyse und 
hormonaler Therapie richtig stellen zu können und, sich dabei nicht auf tastende Empirie, 
sondern auf semiotische Differenzen zu stützen. Es ist heute noch ein überraschendes 
Ereignis, wenn bei einem jugendlichen Impotenten z. B., bei dem die Psychoanalyse wegen 
des phobischen Mechanismus seiner Impotenz wohl begründet war, die gleichzeitig be* 
stehende Schwerhörigkeit ..die Analyse so sehr erschwerte, daß der Rat, vorher eine ent* 




410 Referate 

sprechende Hormonkur zu versuchen, befolgt wurde und diese schnellen und dauernden 
Erfolg brachte. In andern Fällen verbessert die richtig indizierte Hormonkur die Chancen 
der nachfolgenden Analyse. Wenngleich der Rat des Endokrinologen in all diesen Fällen 
erwünscht ist, soll auch der Analytiker von diesem Gebiete, auf welchem sich die Ökoi* 
nomie des Trieblebens und der Affektzustände abspielt, das grundsätzliche Wissen sich 
erwerben. Auch Rr e u d hat den Versuch angeraten, in entsprechenden Fällen Psycho* 
analyse und Hormonbehandlung zu kombinieren; seine einstmalige Mahnung, daß die 
Psychoanalyse ihre Funde in Sicherheit bringen müsse, bevor die Endokrinologie eine 
biologische kausale Therapie finde, wurde von ihm selbst erfüllt. 

Es handelt sich um Fälle, bei denen eine abnorme Triebkonstitution nachzuweisen ist, 
ferner um solche, bei denen es sich um chronische oder periodische „Reservoir"entladun* 
gen handelt, drittens um solche, bei denen eine dauernde Herabsetzung der Erregbarkeit 
ganzer Funktionsgebiete deutlich ist. So sehr auch diese organisch bedingten Abnormitäten 
psychisch beeinflußt werden, wird doch die Psychoanalyse sehr erschwert, weil übermäßige 
Widerstände oder ein Übermaß des Agierens die Psychoanalyse immer wieder durch* 
brechen, resp. weil ein torpides Verhalten dieselbe erlahmen läßt. 

H o s k i n s sagt im Schlußkapitel mit Recht, daß „endokrine Abweichungen in den Jahren 
vor der Pubertät den Menschen für das ganze Leben zeichnen"; wäre nicht in diesen 
Fällen die rechtzeitige — schon heute oft geübte — endokrine Therapie eine Erleichterung 
der Psychoanalyse? Das gleiche gilt für die späteren Lebensperioden, nicht nur für 
Zeiten der Entwicklungskrisen, denn „in allen Lebensäußerungen, seien sie sinnlich physi* 
kalischer, geschlechtlicher oder seelischer Natur, sind wir in hohem Maße von den Funk* 
tionen der endokrinen Drüsen abhängig." Das Buch ist über den Kreis der Ärzte und 
Naturforscher hinaus auch für den aufnahmsfähigen Laien bestimmt und dieser Aufgabe 
in seiner Erklärungsbreite gut angepaßt. Sein Studium kann bestens empfohlen werden; 
es informiert den wenig wissenden Leser und bringt Anregung dem wissenden. 

P. F e d e r n (Wien). 

F. MOSER: Okkultismus. Täuschungen und Tatsachen. Orell Füssli*Verlag, Zürich, 1935. 
2 Bde., 996 S. 

Eine Schweizer Zoologin, namhafte Quallenforscherin, legt in diesem Buche der Öf* 
fentlichkeit die Ergebnisse ihrer jahrzehntelangen Beschäftigung mit dem Okkultismus vor. 
Täuschungen und Tatsachen — das ist ihre wissenschaftliche Überzeugung, zu der sie 
sich unter heftigen Gedankenkämpfen, „gequält von tausend Bedenken und Zweifeln", 
schließlich durchdringt, eine Stellungnahme, die an Freuds wenn auch weniger ent* 
schiedene Formulierung erinnert („Unter diesen Vermutungen die wahrscheinlichste ist 
wohl die, daß es sich beim Okkultismus um einen realen Kern von noch nicht erkannten 
Tatsachen handelt, den Trug und Phantasiewirkung mit einer schwer durchdringbaren 
Hülle umsponnen haben"). Das von bewundernswertem Fleiß und sehr energischer Ge* 
dankenführung kündende, fast tausend Seiten umfassende Werk vermittelt in einer bisher 
kaum erreichten Vollständigkeit die Bekanntschaft mit der internationalen Fachliteratur, 
namentlich mit den schwer zugänglichen älteren Untersuchungen. Die sich dem Psycho* 
analytiker zunächst aufdrängende Frage nach den Determinanten dieses Interesses der Ver* 
fasserin für den Okkultismus findet in einem persönlichen Kapitel „Vorbedingungen und 
Anlaß des Werkes" eine mindestens teilweise Beantwortung. Die nüchterne Schweizerin 
schreibt, daß auch für sie ursprünglich die Worte Lombrosos galten: „Wenn je ein 
Mensch infolge seiner wissenschaftlichen Vorbildung und aus einem fast instinktiven Ge* 
fühl heraus dem Okkultismus abhold war, so war ich es." Experimente des schwedischen 
Hypnotiseurs Wetterstran d mit einer neurotischen Verwandten der Autorin, die 
auch Freud behandelt hatte, erregten die Aufmerksamkeit Mosers ebenso wie ein* 



zelne positive Äußerungen hervorragender Gelehrter (so Bleulers), aber erst im Jahre 
1914 „trat ein Ereignis ein, das wie eine Bombe auf mich wirkte". Während einer Sitzung 
mit einem Berliner Privatmedium bei halbhellem Licht erfolgte einigemal eine Tischlevita* 
tion; die Hände der Teilnehmer vermochten die dicht unter der Hängelampe frei schwe* 
bende Tischplatte längere Zeit nicht niederzudrücken. In ihrem Denken zutiefst aufge* 
wühlt, „wie jemand, der zum erstenmal ein Erdbeben erlebt", verließ sie das Haus und 
flüchtete zu ihren Forschungen an der zoologischen Station Neapel, jedoch der „schreck- 
liche" Okkultismus ließ sie nicht mehr los, und mit Feuereifer warf sie sich aufs Studium 
der Literatur. Abgesehen von einer Sitzung mit dem bekannten physikalischen Medium 
Rudi Schneider und Versuchen mit dem Telepathen Hanussen, hat sie keine 
praktischen Erfahrungen auf diesem Gebiete mehr gesammelt. Immerhin war die Gewalt 
dieser Erlebnisse so zwingend, daß sie in Verbindung mit der kritischen Analyse der Zeug* 
nisse der besten Forscher ihrem Skeptizismus und Unglauben das Zugeständnis abnötigte, 
der verbleibende kleine Rest müsse als absolut beweisend bezeichnet werden. Die nicht völ* 
lig bewältigte Ambivalenz der Verfasserin verrät sich aber beim Lesen der offensichtlich 
zu sehr verschiedenen Zeiten geschriebenen Kapitel immer wieder. Mit Recht geht Frau 
Moser von den Tatsachen des Unbewußten aus, um so einen Übergang von den normalen 
über die abnormen zu den paranormalen Erscheinungen zu finden. „Das Unterbewußt* 
sein ist das fast ausschließliche Gebiet des Okkulten, eine via regia zu dessen Erforschung," 
Sie verweilt hier auch längere Zeit bei den Leistungen der alten Magnetiseure, die durch 
die einseitige Suggestionslehre in Vergessenheit geraten seien; die Magnetiseure seien auch 
gegenüber den mannigfachen Täuschungsmöglichkeiten durchaus nicht unkritisch gewesen. 
Sie und die Spiritisten müßten als die eigentlichen Entdecker des „Unterbewußtseins" be* 
zeichnet werden. Bei Besprechung der Hysterie, die M. eine Rumpelkammer für das medi* 
zinisch Unerklärliche nennt, wirft sie J a n e t s und Freuds Erklärungen vor, sie ver* 
sagten bei den Mehrleistungen und genügten bloß für die Persönlichkeitsveränderungen 
nach der Minusseite. Schon an einer früheren Stelle des Buches verweist sie nachdrücklich 
auf die hierzulande fast ganz unbekannten Forschungen über das Unbewußte, die F. 
M y e r s in zahlreichen Abhandlungen der englischen S. P. R. und in seinem Standardwerk 
„Human Personality" niedergelegt hat. (Th. Flournoy meinte einmal, das Richtige 
wäre eine Synthese von Freud und Myer s.) Durch die fortschreitende Erhellung des 
Unbewußten enthülle sich allerdings vieles okkult Scheinende als nicht okkult, aber auf 
dem Weg über Grenzfälle stoße man bei weiterem Vordringen doch auf einzelne Ge* 
schehnisse, die sich den wissenschaftlichen Erklärungen entzögen. Diese unangreifbaren 
Ausnahmsfälle im Bereiche sowohl der psychischen als auch der physikalischen Erschein 
nungen des Okkultismus seien bei Beurteilung des ganzen Problems stets im Auge zu be* 
halten und nicht die Produkte der Schwindel* und (subjektiv von ihren Fähigkeiten über* 
zeugten) Pseudo*Medien. Für alles, was unecht scheint oder auch eine einfachere Deu* 
tung zuläßt, hat die Verf. übrigens einen unbestechlichen Blick, Die objektive Realität 
der einzelnen Arten intellektueller Phänomene, wie Telepathie, Hellsehen u. ä., glaubt 
sie an sorgfältig ausgewählten Beispielen nach strenger Prüfung aller anderen Erklärungs* 
möglichkeiten sichergestellt zu haben, sogar die Existenz der Prophetie wird anerkannt, we* 
nigstens was die persönlichen im Gegensatze zu den allgemeinen Voraussagen (etwa Krieg) 
betrifft. Die telepathische Erklärung wird von Frau M. in vielen Fällen mit Recht heran? 
gezogen, wo andere Forscher Hellsehen annehmen zu müssen glauben. Sie tritt ferner 
der spiritistischen Auffassung unter Hinweis auf die schöpferischen Fähigkeiten des me* 
dialen Unbewußten mit seinen Tendenzen zur Personifikation und Dramatisation grund* 
sätzlich entgegen, wiewohl vereinzelte Fälle sie zu einer ausweichenden Haltung veranlassen. 
In dem folgenden Abschnitt, der den physikalischen Manifestationen des Medi* 
umismus gewidmet ist, teilt sich das wachsende Unbehagen der Verfasserin auch dem Leser 



412 Referate _^____^ 

mit; die sprachliche Darstellung trägt gleichfalls dazu bei. M. befindet sich hier nach ihren 
eigenen Worten in der Lage von Kants Philosophen, der „zwischen den Beteuerungen 
eines vernünftigen und festüberredenden Augenzeugen und der inneren Gegenwehr eines 
unüberwindlichen Zweifels die einfältigste Figur macht". Trotz dieses Schwankens gibt sie 
aber schließlich auch auf diesem Gebiet alles Wesentliche zu, wobei sie die „Lichtmedien" 
der älteren Forschungsperiode gegen die „Dunkelmedien" der neueren Zeit wohl allzu ein* 
seitig ausspielt. Die telephysikalischen Erscheinungen bieten nach Mosers Ansicht der 
spiritistischen Hypothese keinen Anhalt, vielmehr weisen naturwissenschaftlich erfaßbare 
physikalische und physiologische Vorgänge, wie elektrische Aufladungseffekte des mensch* 
liehen Körpers, gesteigerte Hautexkretion und magnetoide Schwingungen, der Forschung 
vielleicht den Weg zur exakten Untersuchung dieser Phänomene (G. Oppenheim). 
In dem Schlußkapitel „Ergebnisse", gelangt die Verf. über den Begriff des „Zirkel*Unbe* 
wußten" zu dem des „Gemeinschafts*Unbewußten" (ein gemeinsames, überpersönliches 
telepathisches Ubw. als Produkt und gemeinschaftlicher Besitz der Menschheit). Dieses 
überpersönliche Gemeinschafts*Unbewußte soll ein Gegenstück zu C. G. Jungs (ar* 
chaischem) Kollektiv*Unbewußten bilden. In dem reichhaltigen Literaturverzeichnis wer* 
den bloß drei ältere Arbeiten von Freud angeführt. Seltsamerweise wird einmal (S. 772) 
behauptet, daß P. Jan et eine Patientin psychoanalytisch behandelt habe. Eine von der 
Verf. für die okkultistische Phänomenik zum Teil neugeprägte Terminologie, die aller* 
dings einiges zu ihren Gunsten anführen kann, bedeutet für den Leser doch eigentlich nur 
eine Belastung. Manches wird in dem Buche zweimal besprochen; dafür fehlt die Erörterung 
einzelner wichtiger Tatsachen. Die zahlreichen Druckfehler werden hoffentlich in einer 
späteren Auflage getilgt sein. Der wirklich vorurteilslose Leser wird, meine ich, nachdem 
er alles Für und Wider sorgsam erwogen, das die gelehrte Autorin gewissenhaft vor ihm 
ausgebreitet hat, Bleuler beipflichten, der aus einem ähnlichen Anlaß in der „Münchner 
Med. Wochenschrift", 1924, schrieb: „Es scheint halt doch, daß wir einen bedeutungsvollen 
Anbau an das Gebäude unserer Weltvorstellung, unserer Weltkenntnisse und der Psycho* 
logie zu machen haben, der sich von dem bisher Bekannten recht wesentlich unterscheidet, 
und dessen Ausdehnung noch nicht zu bestimmen ist." 

A. v. Winterstein (Wien). 

Aus der psychiatrisch=neurologischen Literatur 

KEHRER F.: Wach» und Wahrträumen bei Gesunden und Kranken. Georg Thieme, 

Leipzig, 1935. 

Verfasser versteht unter Wachtraum „die in einem scheinbar wachen, dabei aber doch 
eigenartig veränderten, sich durchweg aus dem Wachen heraus entwickelnden Bewußt* 
seinszustande erfolgende Hingabe an lebhafte, unter Umständen geradezu leibhaftig auf* 
tauchende Reihen von Vorstellungen." Der Wachträumende spielt dabei die Rolle eines 
untätigen Zuschauers, steht aber im Mittelpunkt (Freu d). Manchmal knüpfen diese Vor* 
Stellungen an Erlebnisse an, sehr viel häufiger wird eine Zukunft vorgestellt. In die Nähe 
der Wachträume gehören die „kaum noch erforschten Wahrträume des sogenannten zwei* 
teu Gesichtes", in denen zumeist leidvoll Unheil der Umwelt erlebt wird. — In ähnlicher 
definitorischer Weise werden dann Zustände der Versunkenheit abgegrenzt und zum Schluß 
eine phänomenologische Schilderung von Art, Inhalt und Ablauf der Vorstellungen, von 
der Gefühlstönung, den Triebeinflüssen und der Stellungnahme der Persönlichkeit in diesen 
Zuständen zu geben versucht. Eine Auseinandersetzung mit der verstehenden und erst recht 
mit der genetisch*analytischen Tiefenpsychologie wird vermieden, das gesamte Gebiet psycho* 
analytischer Forschungsarbeit findet kaum Berücksichtigung. Lediglich in einem kurzen Satz 



Referate 413 

wird Freud erwähnt und ihm mit seiner Bemerkung von dem Wunschcharakter und 
der Ichbez6genheit des Wachträumens recht gegeben. Die Arbeiten von Varendonck, 
Abraham, Anna Freud, Bernfeld usw. und mit ihnen jeder Sinnbezug des 
Tagtraumes zum Unbewußten werden skotomisiert zugunsten einer Blickrichtung auf das 
Formale und Phänomenologische. M. Grotjahn (Berlin). 

KRETSCHMER, ERNST und ENKE, WILLI: Die Persönlichkeit der Athletiker. Leipzig. 
Georg Thieme Verlag. 1936. 75 S. 

Für den athletischen Habitus fehlten bisher die Unterlagen, um ihm auf seelischem Ge* 
biet eine entsprechende Äußerungsform etwa in der Art zuzuordnen, wie das für den 
pyknischen und leptosomen Habitus bereits geschehen ist. Diese Lücke in der K r e t s c h* 
m ersehen Konstitutionspsychologie wird durch die vorliegenden Untersuchungen aus* 
gefüllt. Ein in vielen Versuchen immer wieder auffindbares Charakteristikum der Athletiker 
ist ihre passiv*pedantische Haltung mit Neigung zu einförmig*perseverativen Bewegungen, 
die die gesamten psychomotorischen Verhaltensweisen kennzeichnen. Das Eigentempo ist 
schneller als bei den Pyknikern, aber langsamer als bei den Leptosomen; sie neigen zur 
Vereinfachung der Bewegungsformen, bei Versuchen vergaßen sie sogar gelegentlich das 
Atmen. Affektivwillensmäßig zeigen sie ein gleichgültiges, fatalistisches Verhalten, wie 
zum Beispiel bei einfachsten Versuchen beim Ausgießen eines Wasserglases. In ihrer 
uninteressierten, wenig modulationsfähigen Gelassenheit neigen sie zu pedantischer Starr* 
heit, selten unterbrochen von explosibler Erregung. Die schwere, ruhige, gemessene Motorik 
der Athleten läßt sich gut abgrenzen von der eckigen, sprunghaften Motorik der Leptosom 
men und vom abgerundeten und flüssigen Bewegungstyp der Pykniker. Die Sinnes* und 
denkpsychologischen Versuche ergeben eine „klebrige" Aufmerksamkeit, ein nur mittel* 
mäßiges Abstraktionsvermögen, einen geringen assoziativen Schwung. Sie sind gründlich, 
während ihnen das Systematisieren um jeden Preis wie bei den Leptosomen fehlt. Ihre 
Geselligkeit ist eine andere als die pyknische Gemütlichkeit, mehr im Sinne eines passiven 
Sichgehenlassens. Unter den Athletikern fanden sich 72 o/o Verbindungsstudenten, unter 
den Leptosomen 36 o/ , unter den Pyknikern 90,9 o/o ! Bei der Prüfung der affektiven Re* 
aktionen zeigt sich eine auffallende Kürze der Affektdauer, Stabilität und Torpidität. Dem 
zyklothymen Pykniker mit seiner diathetischen Proportion, dem schizothymen Lepta* 
somen mit seiner Psychästhesie entspricht der athletische Habitus mit seinem viskosen Tem* 
perament und der Polarität zwischen Phlegma und explosibler Zornmütigkeit. Es besteht 
eine engere Disposition zu den „katatonen Zerfallsgruppen der engeren Dementia praecox" 
und zur Epilepsie. M. Grotjahn (Berlin). 

PANETH, LUDWIG : Seelen ohne Kompaß. Nervenkrankheiten und psychische Störungen 
als Lebensprobleme des modernen Menschen. Rowohlt*Berlin, 1935. 246 Seiten. 

Der Verfasser schwankt in seinen Ansichten über die Entstehung der Neurose zwischen 
Freud, Adler, Jung und rassischen Gesichtspunkten. Neben und nach der Analyse 
bildet für ihn die synthetisch geförderte Entwicklung zum Höchstwert der Persönlichkeit 
mit folgender Einfügung ins Volksganze Weg und Ziel der Therapie. 

Rt. S t e r b a (Wien). 

Psychotherapeutische Praxis. Vierteljahrschrift für praktische ärztliche Psychotherapie. 
Herausgeber Dr. Wilhelm Stekel. — Schriftleitung Dr. Ernst Bien, Wien. Band II, Heft 4. 

S t e k e 1 eröffnet mit einem Artikel, betitelt „Gewissenskrankheiten". Er gibt drei De* 
finitionen des Gewissens. Das Gewissen sei erstens die Reaktion des Kulturmenschen gegen 
das Vordringen des Urmenschen. Zweitens: die soziale Forderung der Kultur bilde das 



414 Referate 

Gewissen des Menschen. Drittens: das Gewissen sei ein Protest des Gemeinschaftsgefühls 
gegen den Individualismus. Wie St ekel in dieser sieben Seiten umfassenden Arbeit 
mit Entdeckerpose „auf Grund seiner Erfahrungen als Psychotherapeut" feststellt, daß ein 
großer Teil aller nervösen Krankheiten „Gewissenskrankheiten" seien, 'charakterisiert die 
Art des „verwahrlosten Stekel" in eindrucksvoller Weise. Mit keinem Worte erwähnt 
er, daß Freud dies bereits Jahrzehnte vor ihm gefunden hat. Die Aufstellung 
des Über*Ichs und die Aufdeckung seiner Funktion im neurotischen Getriebe, 
Gemeingut der Psychoanalyse Freud scher Schule seit mehr als zwanzig Jahren, 
wird von ihm so völlig totgeschwiegen, daß man staunt, über wie wenig Gewissen 
der Neuentdecker der Gewissenskrankheiten selbst verfügt. Die beigefügten Krankenge» 
schichten möglichst exotischer Patienten — als ob es deren bedurft hätte, die Funktion des 
Gewissens in der Neurose zu entdecken, — sind oberflächlich und wie immer ganz auf 
aktuelle Konflikte abgestellt. Asthma wegen eines Verhältnisses mit der S/chwägerin, Haut* 
jucken und Impotenz wegen Überschreitung religiöser Verbote, Lichtscheu, weil ein Ver* 
brechen nicht an den Tag kommen soll und andere Ergebnisse de'r aktiven Psychoanalyse' 
sollen die Stekel sehen Behauptungen bekräftigen und erweisen, „wie gefährlich' die 
Lehre Freuds ist, wenn man sie einseitig auffaßt, als wenn alle seelischen Erkrankungen 
nur auf den Mangel sexueller Befriedigung zurückzuführen wären". " ' 

Als zweiter Artikel gelangt ein Abschnitt aus einem im Erscheinen begriffenen Buch 
„Technik der Psychotherapie" von Artur Kronfeld (Berlin) zum Abdruck. , Der Ab* 
schnitt ist überschrieben: Das Programm der Selbstgestaltung in der Psychotherapie. Schon 
in der Art der Darstellung und durch seine formale Vollendung stich^der K r o n f e 1 d sehe 
Artikel vom Stekel sehen sofort wohltuend ab. Zur Erkennung der K r o n f e 1 d sehen 
Auffassung vom psychagogischen Anteil der psychotherapeutischen Behandlung reicht der 
wiedergegebene Abschnitt wohl nicht aus. So muß sich Ref. eine Stellungnahme hiezu 
versagen. Die analytischen Anteile der wiedergegebenen Krankengeschichten sind tief*. 
schürfend und entsprechen durchaus den Anforderungen, die die Freud sehe Schule, 
an die analytische Durchforschung seelischen Materials bis in die Kindheit im Zusammen* 
hang mit neurotischer Symptomatik zu stellen hat. — Man entnimmt dem Text so viel, 
daß K r o n f e 1 d für den „psychagogischen Einsatz" auch die Umgebung des Patienten, 
etwa den Liebespartner zur Mithilfe heranzieht, wovon der klassische Analytiker wohl ab* 
stehen möchte. Ob ansonsten der „psychagogische Einsatz" Kronfelds den Rahmen 
dessen überschreitet, was Freud in den „Vorlesungen zur Einführung in die Psycho* 
analyse" dahin ausdrückt, daß der Arzt den Kranken unter Einsatz „aller verfügbaren 
Kräfte in eine neue Entscheidung drängt" und wie weit, kann aus dem kurzen Abriß des 
Buches nicht entnommen werden. Auf das Erscheinen des Buches darf man gespannt sein. 

Rene A 1 1 e n d y (Paris) entwickelt in einem Aufsatz, betitelt „Das Simile*Gesetz in 
der Psychotherapie" den wenig glücklichen Gedanken eines „vollkommenen Parallelismus 
der Homöopathie und der Psychoanalyse auf der doppelten Basis des Simile*Gesetzes und 
der Infinitesimalität." Zu dem Zweck spricht er von „Metastasen" der neurotischen Er* 
krankung, davon, daß die Psychoanalyse die Neurose nach dem Simile*Prinzip der Homoö* 
pathen heile, weil sie den Kranken aus verschobenen Affekterlebnissen neurotischer Art 
auf die eigentlichen kindlichen Konflikte zurückführe, u. dgl. mehr. Nichts spricht für die 
Fruchtbarkeit der Aufstellung dieses Parallelismus. 

Eine nicht sehr zweckmäßig gestellte Rundfrage: „Über Indikationen und Grenzen der 
Psychotherapie bei Kindern", veranlaßt zu wenig befriedigenden, meist farblosen, eklekti* 
sehen Antworten von E. B e n j am i n (München), S. E d e r e r (Budapest), W. Gott* 
stein (Berlin), E. Nassau (Berlin), O r g 1 e r (Berlin), C. Pototzky (Berlin*Grune* 
wald). R. St erb a (Wien). 



STEKEL, WILHELM: Fortschritte und Technik der Traumdeutung. Verlag Weidmann 
&. Co., Wien, Leipzig, Bern, 1935. 

Freud hat schon im Jahre 1914 in seinem Aufsatz „Zur Geschichte der psychtoana* 
lytischen Bewegung" den Autor dieses Buches als „den zu Anfang so sehr verdienstvollen, 
spater völlig verwahrlosten W. Stekel" charakterisiert. Das obengenannte Buch ist nun, 
einundzwanzig Jahre später, überaus geeignet, erkennen zu lassen, wie weit Sftekel sich 
von der Analyse entfernt hat. 

Es ist begreiflich, daß ein aus einem wissenschaftlichen Kreise Entfernter schon aus 
Ressentiment der Lehre, der er bis dahin angehangen hat, etwas wird am Zeuge flicken 
wollen; daß er sich verpflichtet fühlen wird, zu behaupten, er wisse vieles besser, habe 
selbst neue Entdeckungen erbracht, usw. Zur Erhaltung und Wiedererhöhung ' seines 
Selbstgefühles und zur Behebung seiner Isolierung wird es z. B. nötig scheinen, die 
Neurosen „Parapathien" zu nennen, u. dgl. — und eine eigene Schule zu gründen!.' Der 
Einfluß einer so überlegenen Persönlichkeit, wie der Freuds, wird aber nicht 
ungestraft entbehrt werden, die Gefahr weiterer Vernachlässigung der schwierigen 
und langwierigen Methodik der Psychoanalyse wird wachsen: das Resultat all dieser inneren 
Notwendigkeiten war f ür S t e k e 1 das Übergehen von der streng wissenschaftlichen Psy* 
choanalyse zur Suggestion, seiner sogenannten „aktiven Psychoanalyse". 

Auch Jung und Adler sind diesen Weg gegangen, aber sie waren konsequent 
genug, ihre Lehre auch anders zu benennen, während Stekel leider noch immer unter 
der gefälschten Flagge der Psychoanalyse seine leichtsinnige und oberflächliche Methode, 
dem Patienten die (angeblich) intuitiv erratenen Komplexe ins Gesicht zu werfen, betreibt 
Man hört von einer Ausbildung in der „aktiven Analyse", die wenige Monate dauert 
und dem Schüler sogleich Patienten anvertraut; von Übertragung und Widerstand, den 
Charakteristiken der Psychoanalyse, wird ganz und gar abgesehen bei seiner Methode, 
mehreren Ärzten zugleich einen Patienten auszuliefern, um ihn gleichzeitig zu behandeln'. 
Aus F r e u d s ernster und gründlicher Aufdeckung der Entwicklung der ganzen kranken 
Persönlichkeit ist bei Stekel eine — Momententf leckung geworden! Referent will nicht 
etwa den Wert einer ehrlichen Suggestion leugnen, aber Stekels Methode krankt an 
der Überhebung des sich innerlich unsicher Fühlenden, an der Zerfahrenheit des auch 
das wissenschaftliche Mäntelchen verteidigenden Nur^Praktikers. 

Die gleichen Züge verrät auch dieses Traumbuch. Das Eigentliche ist auch in der Traum* 
ideutung Erraten, Intuition, der schnell gesottene Einfall, dem Kranken ins Gesicht ge* 
worfen mit der Devise: „Friß, Vogel, oder bleib krank!" 

Zur Illustration seien einige Sätze aus dem Buche angeführt : 

„Der Gesichtspunkt, daß für jeden Menschen eine eigene Traumsymbolik besteht, be= 
deutet einen großen Fortschritt. (S. 25) 

Ich komme immer mehr zur Überzeugung, daß die Wasserträume Träume von der 
eigenen Psyche sind. (S. 35) 

Meine Methode, den Traum ohne Einfall des Träumers zu dechiffrieren (S. 49). Neuere 
Forschungen zeigen mir, daß der Traum auch das Kind miteinbezieht, daß er also eigene 
lieh trisexuell ist (S. 108). 

Ich glaube persönlich nicht an ein Unbewußtes im Sinne Freuds (S. 111). 
Die Homosexualität ist nicht angeboren, sondern anerzogen (S. 163). 
Viel wichtiger als die Analyse der Nachtträume ist die Mitteilung der Wachträume 
(S. 269). 

Es handelt sich um eine Zwangskrankheit, die oft mit dem Symbol eines Soldaten aus* 
gedrückt wird (S. 326). 

Jeder Traum enthüllt die Beziehungen zur Religion (S. 338). 

In jedem Traum findet sich die Darstellung von Geburt und Tod (S. 336)." 



416 Referate 

W i 1 1 e 1 s wird als Eideshelfer zitiert, obwohl dieser längst seine Beziehung zu S t e k e I 
abgebrochen hat. W i 1 1 e 1 s erklärt, daß keine Analyse ihren Namen verdiene, die den 
Kastrationskomplex des Analysanden nicht aufdecke. (Psa. Bewegung, Bd. V, 1933). 
Stekel leugnet diesen so bedeutsamen Komplex und macht sich gern lustig darüber! 1 

Man möge aus all dem sehen, wie weit S t e k e 1 s wissenschaftliche Undiszipliniertheit ge= 
diehen ist! Seine Methode der „aktiven Psychoanalyse" ist verkappte Suggestion, seine 
intuitive Traumdeutung ein Erraten*WoIlen auf gut Glück. Eine gesetzmäßige Entstehung 
der Neurose gibt es für ihn nicht; das längst begrabene determinierende sexuelle Jugend* 
trauma ist bei ihm wieder Trumpf. 
x^j^t wuum ««ijät..««,«^» «».„ a>» E. Hitschmann (Wien). 

Aus der psychoanalytischen Literatur 

ALEXANDER, FRANZ und HEALY, WILLIAM: Roots of Crime. Psychoanalytic Studies. 

Alfred A. Knopf. New York and London, 1935. 

Das Buch von Alexander und H e a 1 y erstattet Bericht über eine Arbeit, die, vom 
Julius Rosenwald^Fond und Judge Baker Guidance Center finanziert, von den Autoren 
neun Monate lang durch psychoanalytische Untersuchung von Verbrechern, teilweise wäh* 
rend ihrer Strafhaft, ausgeführt wurde. Zwei der sieben individuellen Untersuchungen dieser 
Art sind dem deutschen Leser bereits aus der „Imago" bekannt, wo sie unter dem Titel 
„Ein Opfer der Verbrechermoral und eine nicht entdeckte Diebin" erschienen sind. 2 Diese 
Krankengeschichten, die Einsicht in den Zusammenhang zwischen kriminellen Impulsen 
und unbewußten Trieben, wie sie in psychoanalytischer Untersuchung gewonnen wurde, 
vermitteln, machen den Hauptinhalt des Buches aus. Im Prinzipiellen bringt es 
gegenüber dem von Alexander schon in seinem gemeinsamen Buche mit Staub 
„Der Verbrecher und seine Richter" Mitgeteilten nicht viel Neues. Die analytischen Unter* 
suchungen waren nur von sehr kurzer Dauer; sie währten bloß von einem bis zu fünf«* 
einhalb Monaten, da nicht mehr Zeit zu diesem Zwecke zur Verfügung stand. Das er«* 
klärt, warum die Resultate in bezug auf analytische Tiefe und Vollständigkeit der Details 
nicht befriedigen. Die Fälle, die alle einem gewissen Typus von Rechtsbrechern angehören, 
— es sind nämlich Verwahrloste, Durchgänger, Kleptomane, Wanderlustige — erinnern 
im klinischen Bild an die von Aichhorn beschriebenen Fälle 3 , und sind daher viel* 
leicht — so wertvoll die analytische individuelle Erforschung dieser „Übersieh* Anomalien", 
„narzißtischen Typen" oder „neurotischen Charaktere", oder wie man sie sonst nennen 
will, auch sein mag, — für die Ätiologie des Verbrechens schlechthin nicht so bedeutungsf 
voll. Die Autoren schreiben darüber selbst: „Wir wählten Verbrecher aus, deren ver* 
brecherische Laufbahn offenbar in erster Linie inneren seelischen Konflikten eher zuge* 
hörig war als äußeren Umständen.:" (S. 6.) Es fragt sich, ob eine solche Auswahl nicht den 
Gültigkeitsbereich der daraus gezogenen Schlüsse einschränkt. — Die Analysen selbst, 
bezw. die Berichte über sie, lassen manchmal bei den wörtlich wiedergegebenen analy* 
tischen Deutungen die erforderliche Rücksichtnahme auf die momentane dynamisch*ökono* 
mische Situation vermissen. Besonders bei der Behandlung der Träume überrascht ein 
Festhalten am manifesten Trauminhalt und ein relatives Nichtbeachten der Assoziationen, 
vor allem die so häufig auftretende Deutung, daß Personen des manifesten Traumes 

i) Im Gegensatz zu seinen Äußerungen an anderer Stelle erweist sich Stekel hier als 
warmer Anhänger der Laienanalyse, indem er seiner nichtärztlichen Gattin vertrauensvoll 
Kranke zur Behandlung überläßt. 

2) Imago, Bd. XXI, 1935. 

3) Aichhorn: Verwahrloste Jugend. Int. Psa. Verl., Wien. 2. Aufl., 1931. 



Referate 417 

einzelne Regungen im Unbewußten des Patienten „symbolisieren". — Die Absicht 
der Autoren, aufzuweisen, wie man mit der analytischen Methode mehr und Aus* 
schlaggebenderes erfährt als mit anderen Explorationsmethoden, ist sicher gut 
erreicht worden. — Daß bei der kurzen Dauer der Analysen und den er* 
schwerenden äußeren Umständen die therapeutischen Resultate zu wünschen übrig 
ließen, ist verständlich, ja es ist ein erfreuliches Zeichen für die Wirksamkeit der 
analytischen Methode, daß einige therapeutische Einwirkung auf solche Weise den* 
noch erzielt werden konnte. Sicher wird man den Autoren recht geben, wenn sie die 
Hauptschwierigkeit, die sich ihren therapeutischen Bemühungen entgegenstellte, wie folgt 
charakterisieren: „Aber das Schlimmste von allem war die Tatsache, daß die, die während 
oder nach der Analyse entlassen wurden, sich der schrecklich entmutigenden ökonomischen 
Depression gegenübergestellt sahen. . . .", „Es scheint uns möglich, daß unsere Resultate, 
wenn die Versuche in einer günstigeren Zeit hätten ausgeführt werden können, da man 
hätte Arbeit finden und manche unserer Fälle unter neue Bedingungen stellen können, 
ganz andere gewesen wären." 

Wir wollen versuchen, die fünf in deutscher Sprache noch nicht erschienenen Kran* 
kengeschichten in bezug auf das Hauptthema, Motivierung der kriminellen Handlungen, 
zu skizzieren: 

Ein 17jähriger Phantast und Tagträumer erweist sich in der Analyse als von einem 
starken Ödipuskomplex beherrscht. Er kommt im Laufe der Behandlung dazu, in einem 
Traum den Analytiker zu töten, in einem andern mit seiner Mutter geschlechtlich zu ver* 
kehren. Die diesen Ödipuskomplex formende Bindung an die Mutter erweist sich dann 
als oral*rezeptiver Natur. Das triebhafte Weglaufen war eine Reaktion auf ein schweres 
Schuldgefühl nach teilweise erfolgter Befriedigung seiner rezeptiven Tendenzen (und wegen 
Mordphantasien, die dieser Befriedigung im Wege standen), das Stehlen ein Ausdruck dieser 
rezeptiven Tendenzen und gleichzeitig einer die Rezeptivität überkompensierenden ag* 
gressiven Männlichkeit. 

Ein 20jähriger Durchgänger mit gütiger Mutter und strengem Vater war sehr religiös 
erzogen worden, hatte daher eine maximale Sexualverdrängung (übrigens hatte er auch ge* 
wisse reale passiv*homosexuelle Erfahrungen gemacht) und entsprechende Schuldgefühle, 
Er -war durch übertriebenes Mitleid mit Tieren gekennzeichnet. Es erwies sich, daß seine 
Männlichkeit frühzeitig durch die religiöse Erziehung und dem Ödipuskomplex entsprin* 
gende Schuldgefühle unterdrückt worden war, daß er sodann Gelegenheit zu ausgiebiger 
Bildung femininer Identifizierungen gehabt, diese Identifizierungen infolge seiner Minder* 
•Wertigkeitsgefühle entwickelt und diese wieder durch eine oberflächliche, übertrieben 
sadistische Männlichkeit kompensiert hatte, vor der er wieder in seiner Religiosität Schutz 
suchte. Diese oberflächliche sadistische Männlichkeit fand u. a. ihren Ausdruck in einem 
besonders hohen Genuß am Reiten. Es stellte sich heraus, daß er sich unbewußt während 
des Reitens gleichzeitig mit dem Pferd identifizierte. — Seine kriminellen Handlungen, 
die im Weglaufen und Stehlen bestanden, entsprachen ebenfalls dem Drang, durch „mann* 
liches" Benehmen die femininen Identifizierungen zu kompensieren. 

Ein zur Zeit der (nur einundeinhalb Monate dauernden) Analyse 21jähriger junger 
Mann war Schulschwänzer gewesen, ging dann zur See und verübte nun in Trunkenheit 
aggressive Handlungen, Diebstähle und Einbrüche. — Er war als Kind von Mutter und 
Schwester sehr verwöhnt worden und hatte sich deshalb der Schule nicht einfügen können. 
Die Verwöhnung verursachte eine Fixierung an eine babyhafte, passiv*rezeptive Haltung. 
Er hatte aber auch einen älteren Bruder, der ihm sehr „männlich" erschien, welches Ideal 
seiner passiven Babyhaltung widersprach. — Er pflegte dann, und immer nur unter AI* 
koholeinfluß, aggressive Tollkühnheiten zu begehen, die eine Reaktionsbildung gegen sein 
babyhaftes Benehmen darstellten. Hatte er diese Handlungen ausgeführt, so wurde er ganz 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXII/3 27 



418 Referate 



passiv. Er befriedigte seine männlichen und seine kindlichen Ideale abwechselnd. 

Ein 20jähriger Gewohnheitsdieb, als Kind an Asthma leidend und ein leidenschaftlicher 
Raucher, stiehlt aus Trotz und hat dabei das Gefühl, dazu vollständig berechtigt zu sein. 
Die Analyse ergibt, daß dieses Gefühl, er habe ein Recht, von der Mutter etwas zu foip 
dem, entstand, als ein jüngeres Geschwisterchen geboren wurde. Auf der gleichen oralen 
Fixierung war eine unbewußte passive Homosexualität aufgebaut. Wenn er bekommen 
wollte, was ihm zustand, so lautete seine an der Beobachtung des kleinen Geschwisterchens 
gefaßte unbewußte Meinung, so mußte er Baby bleiben. Er hatte große Angst vor Mann* 
lichkeit, und diese Angst war auch schuld am Abbruch seiner Analyse. 

Ein Durchgänger, der nur einen Monat lang in Analyse war, hatte ein sehr trauriges 
Lebensschicksal. Die Mutter war früh gestorben. Der Patient kam in ein Waisenhaus 
und später zu Adoptiveltern. Der Adoptivvater war Trinker und pervers, und prügelte 
und quälte das Kind. Dann wanderte der Patient noch von einem Heim in das andere, und 
litt stets Not und Hunger. Er beginnt, aus diesen Heimen davonzulaufen. Die Analyse ergab, 
daß das aus Sehnsucht geschah, seine Verwandten (eine Mutter) wiederzufinden. (Es ist 
nicht ganz klar, warum diese Sehnsucht, die dem Patienten bewußt war, als „verdrängt" 
bezeichnet wird.) Nach der Pubertät kommt der Patient endlich in eine Familie, wo es 
ihm gut geht. Er verliebt sich in sexueller Weise in die neue Pflegemutter, läuft vor dieser 
Versuchung wieder davon und begeht Einbrüche. 

■Den klinischen Kapiteln folgen zwei theoretische: Die Autoren betonen immer wieder, 
daß die psychologische Erforschung des verbrecherischen Individuums nur einen For* 
schungsweg der Kriminologie bedeutet, der durch soziologische ergänzt werden müsse. 
Trotzdem schätzen sie die Bedeutung dieses einen Weges nicht gering ein und sagen gleich 
zu Anfang: „Es ist auch unsere Überzeugung, daß eine Einschränkung der Verbrechen in 
größerem Ausmaß weder erreicht werden wird durch die Annahme einer Laissez=faire>HiU 
tung, noch durch deduktive Spekulationen, noch durch oberflächliche statistische Studien, 

. . sondern einzig durch ein besseres Verständnis der psychologischen Prozesse, die dem 
menschlichen Verhalten im allgemeinen und dem Verbrechen im besonderen zugrunde 
liegen." (S. 3.) 

,'Es ist sicher richtig, daß andere (soziale) Umstände, die zum Verbrechen führen, nur 
wirksam sind in Kombination mit der Reaktionsweise gewisser Personen, auf die sie ein* 
wirken; aber diese Feststellung sagt noch nichts über die relative Relevanz dieser Um* 
stände, bezw. Reaktionsweisen aus. („Es ist offenkundig", schreiben die Autoren S. 275, 
„daß selbst in den schlimmsten Slums ein Teil der Bevölkerung nicht kriminell ist"; das, 
meinen wir, ist das fesselndere Problem). 

Die Autoren stellen die Frage immer wieder dahin, ob soziale oder psychische Faktoren 
für die Ätiologie der kriminellen Handlungen von größerer Bedeutung seien. Natürlich 
wäre es oberflächlich, darunter nur die Frage zu verstehen, ob solche Handlungen vom Ein* 
zelnen mehr in rationaler Weise aus Not oder in irrationaler Art aus unbewußten Mo* 
tiven begangen werden. In diesem Fall haben die Autoren natürlich recht damit, daß hier 
kein Entweder— Oder vorliege, sondern eine „Ergänzungsreihe". Ein Entweder— Oder liegt 
ja, — was auch die von den Autoren gegebene Besprechung der amerikanischen Ver* 
brecherideologie zeigt, — schon deshalb nicht vor, weil ja auch die Entstehung der unbe* 
wußten Motive ihrerseits von äußeren Faktoren (Not) abhängt. Dies hat seinerzeit 
Fr o m m in seiner Arbeit „Zur Psychologie des Verbrechers und der strafenden Gesell* 
schaft"* gut auseinandergesetzt. 

Daß sich die Kriminologie noch ganz andere Fragestellungen vorzulegen hat als die nach 
der individuellen Ätiologie des einzelnen Täters, wird nicht näher erörtert. Für diese aller* 



4) Imago, Bd. XVII, 1931. 



Referate 419 

dmgs stimmt es, daß eine psychoanalytische Untersuchung jedenfalls unvergleichlich mehr 
bieten kann als eine noch so eingehende „social research". (Die Differentialätiologie der 
Kriminalität gegenüber der Neurose sehen Alexander und Healy darin, daß ratio* 
nale, die kriminellen Handlungen mitdeterminierende Faktoren mit den unbewußten Ten* 
denzen gleichsinnig laufen und deshalb zur „Rationalisierung" benutzt werden können. An 
Stelle der „symbolischen" „autoplastischen" Ausdrücke des Neurotikers treten die „allo* 
plastischen" des Kriminellen). Für ein volles Verständnis der Bedeutung der Kriminalität 
innerhalb des Geschehens in der menschlichen Gesellschaft werden diese anderen Frage* 
Stellungen allerdings auch sehr wichtig werden. Alexander und Healy schreiben, 
daß „eine wirkliche Heilung der Gesellschaftskrankheit, genannt Verbrechen, nicht er* 
reicht werden kann, ohne die soziale Basis mit in Betracht zu ziehen" (S. 277), stellen sich 
aber unter dieser „sozialen Basis" in erster Linie die unmittelbare und direkte Einwirkung 
äußerer Not vor, statt die volle Kompliziertheit des Problems zu erfassen und zu sehen, wie 
die von ihnen sogenannten „ökonomischen Faktoren" im einzelnen noch ganz anders 
und indirekt im Umweg über das Unbewußte wirken. 

Die therapeutischen Möglichkeiten der Psychoanalyse oder einer psychoanalytischen 
Pädagogik, die die Autoren bejahen und in den Einzelheiten ihrer Schwierigkeiten breit 
diskutieren, sind gewiß bedeutsam; aber wir meinen, daß die Frage der Verbrechenbe* 
kämpfung über solche Probleme der Therapie von neurotischen Verbrecherpersönlich* 
keiten weit hinaus geht und nicht unabhängig von der Untersuchung der geltenden Ge* 
sellschaftsordming überhaupt gelöst werden kann. O. Fenichel (Prag). 

ALEXANDER, FRANZ UND WILSON, GEORGE W: Quantitative Dream Studies. 
The Psa. Quarterly IV, 3. 

Die Autoren versuchen, die Probleme der nicht direkt meßbaren relativen Trieb* 
quantitäten durch eine statistische Erhebung der relativen Häufigkeit der wichtigsten Trieb* 
einstellungen in den Träumen von in Psychoanalyse stehenden Patienten lösen zu helfen. 
Zu diesem Zweck bedarf es für eine Klassifikation der Träume eines Einteilungsprinzips 
der triebhaften Einstellungen. Die Einteilung in Tendenzen zur Aufnahme, zur Ausschei* 
düng und zur Retention schien den Autoren hiefür zweckmäßig. Die Aufnahme wurde 
dann noch in passive Rezeption und aggressives Nehmen unterteilt, die Ausscheidung 
in Hergeben und aggressive Elimination. Unter fernerer Berücksichtigung des Umstandes, 
ob die betreffenden Triebe im Traum mehr befriedigt werden oder gehemmt in Ersehet» 
nung treten, ergeben sich schließlich zehn Typen von Träumen: befriedigt rezeptive, ge* 
hemmt zurückhaltende. Die Zuteilung mancher Träume nach solchem Schema machte 
große Schwierigkeiten; die Zahl der Träume, die nicht klassifiziert werden konnten, be* 
trug — 14,6 Prozent aller Träume. 

Beobachtet wurden alle Träume von achtzehn Patienten während eines Zeitraumes 
von acht bis vierundzwanzig Monaten Analyse. Die Frequenz der Träume bestimmter 
Typen ist in Prozent der Zahl aller Träume überhaupt ausgedrückt. In neun Fällen über* 
wogen die Aufnahme* über die Ausscheidungsträume, in sieben Fällen war es umgekehrt, 
in zwei Fällen war die Zahl gleich. Die Mehrzahl der obstipierten Patienten träumt mehr 
von Ausscheidung als von Einverleibung. 

Die höchsten Prozentzahlen an Einverleibungsträumen zeigen Fälle von Magenulcus 
und je ein Fall von petit mal und Eßphobie, die niedrigsten die Obstipationen. Bei Unter* 
teilung der Einverleibungsträume zeigen die höchsten Prozentzahlen von rezeptiven Trau* 
men ebenfalls die Fälle von Magenulcus, ferner die von Diarrhöe, während die Obstipation 
niedrige Zahlen hat. Bei den aggressiv*nehmenden Träumen bleibt Magenulcus weiter an 
der Spitze, Diarrhöe dagegen sinkt weiter nach unten, die Obstipation steigt nach oben, 

27* 



420 



Referate 



d. h. daß obstipierte Patienten in ihren Träumen mehr aggressives Rauben als passive 
Aufnahme ausdrücken, im Gegensatz zu diarrhöischen Patienten, wo es umgekehrt ist. 
Untersucht man das Verhältnis von gehemmten zu befriedigten Nehmeträumen, so zeigt 
sich, daß die obstipierten Patienten den geringsten Konflikt in bezug auf ihre rezeptiven 
Tendenzen zeigen, die Ulcusfälle den größten. Ein Versuch, die gehemmt rezeptiven Träume 
noch danach weiter zu unterteilen, ob ihre Hemmungen aus innerem Konflikt erfolgen 
oder auf die Umgebung projiziert erscheinen (um die relative Stärke der Projektionstendenz 
zu sehen), ergibt einen hohen Prozentsatz solcher Projektionsträume bei Obstipierten. 

Die höchsten Prozentzahlen von Gebe*Träumen zeigen Diarrhöe* und wieder Ulcus* und 
petit mal*Fälle, während Obstipationen geringe Prozentzahlen haben. — Bei den Aus* 
scheidungs*Angriffs*Träumen ist das umgekehrt. — Untersucht man den Quotienten zwi* 
sehen Gebe* und Angriffsträumen, so kommen die Obstipationsfälle zuletzt, die Diarrhöe* 
und Ulcusfälle zuerst. Es scheint also, daß die sadistische Bedeutung der Defäkation die 
Hauptrolle in der Ätiologie der Obstipation spielt. 

Nach den gleichen Prinzipien wird dann noch die Ökonomik einzelner Fälle unter* 
sucht. Man erhält dadurch nach der Meinung der Autoren wichtige Daten, die man anders 
nicht erlangen könnte, z. B. daß bei einem starken Konflikt in bezug auf Nehmen und 
Erhalten, das Erhalten wesentlicher sei als das Nehmen, so daß man sagen Tcönne, daß 
die narzißtische Kränkung, die aus einer starken Rezeptivität entsteht, größere Konflikte 
hervorrufe als etwa ein Schuldgefühl aus der Neigung zum gewaltsamen Rauben, u. dgl. 

Gegen die Untersuchungsmethode der Autoren können einige schwerwiegende Ein* 
wände vorgebracht werden, die sie sich zum Teil selbst stellen und diskutieren, aber, wie; 
Ref. meint, nicht genügend entkräften: zunächst ist erst einmal zu erweisen (was aller* 
dings wahrscheinlich scheint), daß die in den Träumen vorherrschenden Triebe auch die 
sonst vorherrschenden sind, und nicht etwa bei manchen Menschen manche Triebe eine 
stärkere Neigung haben als andere, sich gerade in Träumen auszudrücken. Sodann ist die 
„Triebdiagnose" der Träume nach ihrem manifesten Inhalt bedenklich, da die latenten 
Gedanken bekanntlich oft vom manifesten Inhalt weit abweichen, weshalb Freud ge* 
legentlich vor statistischer Verarbeitung der Träume gewarnt hat. Insbesondere aber ist 
der Entstellungstechnik der Darstellung durch das Gegenteil zu gedenken, 
der zufolge etwa ein Gebetrieb im Traum durch ein Nehmen ausgedrückt werden kann. 
Endlich macht das Phänomen der Verdichtung es möglich, daß ein und derselbe 
Traum entgegengesetzte Triebtendenzen im gleichen Maße ausdrücken kann. Da der 
Traum Trieb und Triebabwehr gleichzeitig ausdrückt, die Abwehr aber oft durch Mobili* 
sierung eines entgegengesetzten Triebes erfolgt, der in höherer Schicht dann wieder durch 
den ursprünglichen abgewehrt werden kann, bleibt bei der Zuteilung der Träume zu den 
einzelnen Kategorien der Willkür ein allzu breiter Spielraum offen. 

O. Fenichel (Prag). 



BRIEHL, WALTER und KULKA, ERNST W. 
terly, IV, 3. 



Lactation in a Virgin. The Psa. Quar* 



Eine 30jährige Hysterika kam wegen verschiedener psychogener Störungen, zeitweiser 
hysterischer Blindheit und ständiger Gesichtsfeldeinschränkung in Analyse. Sie ist Virgo, 
in einer kirchlichen Arbeit tätig, recht einfältig und beschränkt. Ihre Mutter hatte sie in 
ihrem fünften Lebensjahr verloren, wobei eine Deckerinnerung ihr zeigt, daß sie die Füße 
der toten Mutter abdeckt, um sie zu besehen (also eine aktive Kastrationswünsche deckende 
Schaulust). Der Vater war Trinker. Die ganze Kindheit war ganz und gar erfüllt von 
Äußerungen eines enormen unbewußten Schautriebes. Bis zum zwölften Lebensjahr be* 
stand Bettnässen. Die Augensymptome und ein heftiger Genitalpruritus quälten sie seit 



Referate 



421 



der Pubertät. Ein Unfall, bei dem ein ihr anvertrautes Waisenkind ums Leben kam, erregte 
Angst und Verstärkung der Symptome (die Patientin hatte das Gefühl, der Unfall wäre 
nicht geschehen, hätte sie als Kind nicht so verwerfliche Schauneugierde gehabt) und 
brachte sie zur Analyse. In dieser erzählte sie nach ausgiebiger analytischer Besprechung 
ihres Schautriebes u. a. die Geschichte ihrer Selbstdefloration, die sie, von Onanieschuld* 
gefühlen bewegt, begangen hatte, um Hindernisse ihrer Sehnsucht nach Einverleibung 
eines Penis aus dem Wege zu räumen. Dann brachen mit Wucht heftige aktive, gegen 
Männer gerichtete Kastrationswünsche ins Bewußtsein. Die Analyse zeigte in überzeugender 
Weise, daß sie sich den Penis ihres Vaters oral einverleiben und so schwanger werdenj 
wollte; sie bekam Aphonie und andere orale Symptome, die das ausdrückten. Dann be* 
gann sie, sich unruhig, wie mit Bauchschmerzen, hin und herzuwerfen, das Abdomen wurde 
gespannt, und es war deutlich, daß sie eine Schwangerschaft agierte. Sie begann mit ihren 
Brüsten zu spielen und sie zu lecken. Eines Tages sagte sie: „Seit Samstag kommt Milch! 
oder etwas derartiges aus meiner linken Brust. Schon seit einem Jahre konnte ich etwas 
wie Wasser mit salzigem Geschmack auspressen, aber jetzt ist es milchig." Als der Ana* 
lytiker darauf nicht weiter reagierte, zeigte sich die Patientin beleidigt, daß man ihr nicht 
glaube, entblößte ihre Brust und drückte eine milchige Flüssigkeit aus. Sie war sehr stolz 
und benahm sich exhibitionistisch. — Zusammengefaßt hatte die milchsezernierendej Brust 
für ihr Unbewußtes folgende Bedeutungen: 1. die Brust, die sie dem Kinde ihrer Pseudo* 
Schwangerschaft reicht; 2. die Brust ihrer Mutter, insoferne sie, oral regredierend, sich mit 
diesem Phantasiekind identifiziert; 3. ihren phantasierten Penis, daher die Exhibition ; 4. den 
Penis ihres Vaters, den sie sich einverleibt hat. 

K u 1 k a untersuchte das Sekret chemisch und mikroskopisch und stellte fest, daß es 
sich eindeutig um Milch handelte. Er referiert sodann ausführlich, was über Psychologie 
und Pathologie der Milchsekretion überhaupt bekannt ist. Pathologische Milch* 
Sekretion kommt in den verschiedensten Formen vor, ist aber bei Virgines 
bisher nur bei schweren somatisch*pathoIogischen Befunden (Tumoren der inner* 
sekretorischen Drüsen) gefunden worden. Bei der vorliegenden Patientin war nichts der* 
gleichen vorhanden. Die einzigen pathologischen Befunde, die erhoben werden konnten, 
waren eine ungewöhnliche Haarverteilung (die mit einer leichten Dysfunktion der Neben* 
niere etwas zu tun haben könnte), Zeichen einer geringgradigen ovariellen Hypofunktion 
und. tragliche Zeichen einer überstandenen peripheren Neuritis. Wichtig ist, wie die Befunde 
— psychisch wie somatisch — rasch wechselten. Jeder Arzt, der sie untersuchte, wünschte, 
sie wegen Unklarheiten des Bildes in einiger Zeit wiederzusehen. Jedenfalls hatte sie ein 
sehr labiles vegetatives Nervensystem. — Die ovarielle Unterfunktion mag nach der 
Meinung der Autoren in der Pubertät im Zusammenhang mit Fixierungen auf infantilen 
Sexualstufen entstanden sein. — Die Autoren entschlossen sich, organotherapeutisch nicht 
einzugreifen, um der Patientin nicht psychisch einen „Kastrationsschock" zu geben. 

O. F'enichel (Prag). 



GRABER, GUSTAV HANS: Primal Scene, Play and Destiny. The Psa. Quarterly, IV, 3. 

Eine Patientin, die als Kind als Reaktion auf Urszenen gewisse Spielhemmungen er* 
worben hatte, erlebte als Erwachsene dieselben Hemmungen immer noch als „Schicksal" 
weiter. Sie wollte als Kind, wenn irgend möglich, nur allein spielen; mußte sie es dennoch 
mit andern Kindern, so war sie dabei grausam. Sie hatte (im Zimmer der Eltern schlafend) 
allnächtlich Angstanfälle und wurde nach der Geburt zweier jüngerer Geschwister außer* 
ordentlich eifersüchtig und kränklich. Ihr Leitmotiv wurde: „Jeder spielt mit jemandem, 
und diese Tätigkeit ist irgendwie wie das merkwürdige rätselvolle Spiel, das meine Eltern 
im Bett spielen. Nur ich bin ausgeschlossen, und so will ich sie stören, stören mit jedem 
mir zur Verfügung stehenden Mittel." Sie entwickelte eine wilde Aggressivität, bekam, als 



422 Referate ^ 

sie einmal bei Bekannten hörte, daß ein kleines Mädchen mit ihrem Vater, und ihr Bruder 
mit der Mutter in einem Bett schlafe, einen Wutanfall, der in grausame, die Kinder quälende 
Spiele überging. Als sie später einmal von der Mutter dieser Kinder saures Brot zu essen 
bekam, hatte sie die Idee, die Frau hätte auf das Brot uriniert, und faßte das als Strafe* 
für das Spiel auf. Von da an erbrach sie täglich. Sie bekam Halsentzündungen und andere 
Krankheiten, die einer unbewußten Fellatiophantasie entsprachen. Sie entwickelte an* 
dauernd Abszesse, Furunkel, Herpes und eingebildete Schwangerschaften, die unbewußt 
der Idee entsprachen, etwas Geschlucktes (das Peniskind vom Vater) müsse aus ihrem 
Leibe entfernt werden. In ihren Alleinspielen operierte sie mit Vorhebe ihre Puppen und 
ging grausam mit Tieren um; von Spielen mit andern Kindern hielt sie sich zurück, oder 
sie suchte andere Kinder auf grausame Weise von einander zu trennen, erst in ver* 
schiedenen Spielen, dann, als sie größer wurde, indem sie ihren Freundinnen ihre „Verehrer" 
wegnahm. Als verheiratete Frau behielt sie ihre Symptome, quälte ihren Mann mit Eifer* 
sucht und war frigid. So blieb ihr Leitmotiv: „Leben ist ein Spiel, das ich unterbrechen 
muß .. O. Fenichel (Prag). 

MENNINGER, KARL A.: A Psychoanalytic Study of the Significance of Self=Mutilations. 

The Psa. Quarterly, IV, 3. 

Das „ökonomische Problem des Masochismus", d. h. die Tatsache, daß Menschen in 
verschiedenen Weisen scheinbar dem Lustprinzip entgegenhandeln, scheint M e n n i n g e r 
besonders zu reizen, da er in einer Reihe von monographischen Arbeiten das klinische Ma* 
terial dieser Art in dankenswerter und übersichtlicher Weise zusammenstellt und aus den 
gesammelten Tatsachen — ohne theoretische und billige Spekulationen — seine Schluß* 
folgerungen zu ziehen sucht. Seinen Arbeiten über Suizid und über die Neigung, Opera? 
tionen an sich vollziehen zu lassen, 5 folgt jetzt eine über die körperlichen Selbstbeschädi*! 
gungen. Ihre Problematik ist eine dreifache: Erklärt werden muß die Steigerung, bezw. 
Ungehemmtheit der destruktiven Neigungen, ihre Wendung gegen das eigene Ich und die 
Wahl des verletzten Organs. 

Wir hören zunächst von einer 30jährigen, schwer depressiven Patientin, die von ihrer 
Mutter gegen ärztlichen Rat aus einer geschlossenen Anstalt in häusliche Pflege über* 
nommen worden war; sie tötete ihr zweijähriges Kind mit einem Hammer, um, wie sie 
sagte, ihm den Jammer des Daseins zu ersparen, und legte sich dann auf solche Weise auf 
das Eisenbahngeleise, daß ein Zug ihr einen Arm abfuhr; dann erholte sie sich rasch und 
wurde gesund. — Bei solchem Falle ist kein Zweifel, daß die Selbstbeschädigung eine 
Talionsstrafe für den Mord war. Der Arm, der den Hammer geschwungen hatte, mußte 
bestraft werden. Die Äußerungen der Patientin zeigten, daß sie einen schweren Haß 
gegen ihre Mutter hatte (die ja durch Unterschätzung der Krankheit ihrer Tochter an dem 
Unglück wirklich schuld war), den sie in der Melancholie gegen sich selbst gewendet, 
später aber offenbar auf das Kind, mit dem sie identifiziert war, verschoben hatte. Es han* 
delt sich also um eine Rückwendung einer Destruktionsneigung gegen das eigene Selbst. — 
Ob es immer so ist, und wie es bei solcher Wendung zugeht, soll die folgende eingehende 
Untersuchung zeigen. Zu diesem Zwecke bespricht Menningerin sechs Kapiteln die 
Selbstbeschädigungen bei Neurosen, bei religiösen Kulten, bei Initiationsriten, bei Psy* 
chosen, bei organischen Krankheiten, und endlich die normal*konventionellen Selbstbe* 

Schädigungen. 

Die Neurotiker verletzen sich selbst selten so, daß dies unwiderrufliche Folgen hatte; 
dagegen sind symbolische und Ersatzformen von Selbstbeschädigungen häufig. Sie sind 

5) „Psychoanalytic Aspects of Suicide", Int. Journal of Psa. A. XIV,.„Polysurgery and 
Polysürgeric Addiction" Psa. Quarterly III. 



r 



Referate 



423 



meist Ausdruck eines Strafbedürfnisses, das M e n n i n g e r mit Recht dahin auffaßt, daß 
in ihm ein Ich, das von (ursprünglicher oder introjizierter) Außenwelt bedroht ist, so 
gut wie möglich wegkommen wolle. Die Selbstbeschädigungen tragen daher den Charakter 
des „kleineren Übels" (R a d o) oder wenigstens der selbst durchgeführten aktiven Hand* 
lung anstelle eines drohenden passiven Erlebens. Das Ziel dieser Selbstbeschädigungen ist 
jedenfalls das Streben, von einer (von der Außenwelt oder vom Übersieh ausgehenden) 
Spannung erlöst zu werden, um nachher in Frieden leben zu können. Diese Entspannung 
kann dann mit libidinösen Abfuhren verdichtet werden. Ein Beispiel dafür ist das Nägele 
beißen : „Die Strafe gestattet die Fortsetzung verbotener Befriedigungen und wird auf diese 
Weise für sich selbst eine Art Befriedigung." Nägelbeißen erweist sich in der Analyse als 
Strafe und (regressiver) Ersatz für Masturbation. — Ähnlich verhält es sich mit neurotii» 
sehen Selbstbeschädigungen der Haut, Kratzen, Jucken u. dgl. Überall liegt eine Strafe 
für onanistische oder aggressive Tendenzen und eine Wiederkehr des Abgewehrten in 
der Abwehr vor. — Eine triebhafte Haarausreißerin zeigte in der Analyse das unbewußte 
Verlangen, ihrer Schwester, auf die sie wegen ihres Haares eifersüchtig war, dieses aus* 
zureißen; ein Mann, der in zwanghafter Weise sich selbst schlecht das Haar schnitt, hatte 
in dieser Weise Aggressionstendenzen gegen das Haar seines Bruders verarbeitet. (Die 
klinischen Beispiele werden ausführlich und in ihren Komplikationen mitgeteilt, die ein 
kurzes Referat nicht wiedergeben kann.) 

In allen Religionen spielen Selbstkasteiungen eine Rolle. Direkte körperliche Selbstbe* 
Schädigungen sind dabei häufig. Sie bedeuten ein Opfer, das der Gläubige darbringt, und 
gemeint ist im Grunde immer das Opfer seiner Sexualität. — Wie Mythenmaterial aus der 
ganzen Welt zeigt, ist das Christentum keineswegs die erste Religion, die ein derartiges 1 
Opfer fordert, und auch Selbstkastrationen von Priestern und Gläubigen kamen, wie im 
einzelnen gezeigt wird, bei den verschiedensten Völkern vor. Besonders eingehend werden 
die berühmten Selbstkastrationen des Skopzen beschrieben. — Es gibt Autoren, die meinen, 
die Selbstkastration sei das eigentliche Vorbild des Opfers überhaupt. Die religiöse Be* 
schneidung scheint ein Überrest davon, manche Sterilisationsgesetze ein anderer Überrest. 
— Die Frage danach, warum bei einmal bestehendem religiösen Sexualverbot die Gläubigen 
in so schrecklicher Form diesem Verbote nachkommen, ist sicher nicht anders zu be* 
antworten, als die Frage nach den neurotischen oder insbesondere psychotischen Selbst* 
besdhädigungen (Wendungen von Sadismus gegen das eigene Ich, „kleineres Übel", aktive 
Handlung statt passives Erleben, und sekundäre feminine Libidinisierung). Schwerer ist 
die Frage nach der Herkunft des strengen religiösen Sexualverbotes zu beantworten. — 
Die Ähnlichkeit der ausgeführten Akte bringt die religiösen Selbstbeschädigungen jedenfalls 
in unmittelbare Nähe der symbolischen Kastrationen, die auf der ganzen Erde bei Initial 
tionsfeiern ausgeführt werden. 

Bei diesen wird die Erlaubnis zur Sexualfreiheit (die Aufnahme in die Erwachsenen* 
gesellschaft) davon abhängig gemacht, daß der Novize Körperbeschädigungen und sym* 
bolische Kastrationen, die gelegentlich bis zur Tötung und zur wirklichen Kastration gehen 
können, erdulden muß, die ihm zwar von außen zugefügt werden, die die jungen Leute/ 
aber soweit bejahen und als selbstverständlich hinnehmen, daß man beinahe von Selbst* 
beschädigungen sprechen könnte. (Hier sieht man, möchte Ref. sagen, die Introjektion, die 
in der Wendung des Sadismus gegen das Ich bei den neurotischen und psychotischen 
Selbstbeschädigungen schon vollzogen ist, im Werden). 

Menninger bespricht zunächst Einzelheiten und einzelne Deutungen; so erblickt 
er in solchen Maßnahmen nach R e i k die Absicht, die jungen Männer von ihren Müttern 
zu trennen und der männlichen Gesellschaft einzuordnen, eine Deutung, die allerdings 
für die die Mädchen nicht weniger peinigenden weiblichen Initiationen keinen Sinn hätte. 
Diese „dienen nach Bryk dem Zwecke, das Sexualleben der Mädchen unter die Kon* 



1 



424 Referate 

trolle der Gesellschaft zu bringen." Sollte das, also das Interesse der älteren Generation, 
der Heranwachsenden ein Stück Angst vor der Sexualität einzuimpfen, nicht auch der allge* 
meinste Zweck der männlichen Initiationen sein? Das stünde nicht im Widerspruch zu 
der nunmehr von Menninger referierten allgemeinen Deutung von Freud und 
R e i k, daß auf solche Weise das Inzesttabu den jungen Leuten eingehämmert werden solle. 
Dagegen können wir M;enninger nicht beistimmen, wenn er meint: „Die Kastrations* 
angst . . . würde über ihm (dem jungen Manne) stets hängen, wenn sie nicht zeremoniell 
durch die symbolische Kastration der Pubertätsriten beseitigt würde." Denn diese symbo* 
lischc Kastration scheint uns weit eher geeignet, die Angst, es könnte ihr auch einmal eine 
reale Kastration folgen, zu steigern, als zu schwächen. Jedenfalls bringen die Jungen, so* 
weit sie mit diesen Riten einverstanden sind, in ihnen Oipfer. Und der Sinn des Opfers 
ist wieder die Technik des „kleineren Übels", die Technik, einen Teil herzugeben, um das 
Ganze zu behalten. 

Am häufigsten sind schwere Selbstbeschädigungen im Verlaufe von Psychosen. Bei* 
spiele, die Menninger selbst beobachtet hat, zeigen, daß solche Selbstbeschädigungen 
immer mit sexuellen Konflikten zusammenhängen und häufig diffus, also nicht auf ein 
bestimmtes Organ beschränkt, auftreten. Die Wahl des Organes ist nicht wie bei den 
Neurosen (Haarausreißer!) durch Erlebnisse, sondern einzig durch den Symbolcharakter 
der betreffenden Organe bestimmt. Es sind symbolische Kastrationen. Neben diesen kom* 
men häufig genug auch reale Selbstkastrationen vor. Eine ganze Reihe von solchen Fällen 
wird aus der Literatur zitiert und eingehend besprochen. Für alle Fälle gilt: „Diese Pa* 
tienten, manchmal sehr ruhig und fromm im Anfang, wurden zunehmend aggressiv gegen 
die Außenwelt, dann gegen sich selbst, wobei alle Schuldgefühle wegen sexueller Sünden 
zeigten." Bei den meisten männlichen Fällen war neben dieser Selbstbestrafung, bezw. ent* 
sprechender Selbstbefreiung vom Gewissensdruck, auch die Befriedigung eines femininen 
Wunsches erkennbar, dem die Kastration eine Verwandlung in ein Weib bedeutete. Oft ist 
die Wendung von aktiven Kastrationstendenzen, die gegen andere Personen gerichtet 
waren, gegen das Ich sehr deutlich. In diesem Zusammenhang bespricht Menningei« 
die archaische Sitte, die Feinde zu kastrieren und ihre Genitalien als Beute zu rauben, auf 
die, wie er meint, auch manche modernen Sterilisationsgesetze zurückgehen dürften. — 
Der Neurotiker kastriert sich symbolisch, er opfert einen Teil fürs Ganze. Der Psycho« 
tiker opfert tatsächlich das Ganze, das „kleinere Übel" ist groß geworden. 

Im Verlaufe mancher organischer Krankheiten sind Selbstbeschädigungen schwerster 
Art nach psychotischer Weise beschrieben worden, so bei Encephalitis (eine encephalitische 
Patientin kratzte sich in einer Reihe zahlreicher Selbstbeschädigungen hintereinander beide 
Augen aus), Rückenmarkskrankheiten und Infektionskrankheiten. Psychisch sind solche 
Fälle von denen bei Psychosen nicht unterschieden. 

In einem letzten Kapitel bringt Menninger in interessanter Weise einige gesell* 
schaftlich übliche normale Selbstbeschädigungen — Nägelschneiden, Haarschneiden, Ra* 
sieren — in Zusammenhang mit dem bisher besprochenen Material. Die Folklore dieser 
Sitten und die Mythologie bringt Material dafür, daß ihre Kastrationsbedeutung im Unbe* 
wußten noch fortbesteht. Menninger erwähnt u. a. die Sage von Simson, die Dar* 
bringung des eigenen Haares als Opfer, die Genitalbedeutung des Haares beim Haar* 
fetischisten und Zopfabschneider, die Sitte, Gefangenen den Kopf kahl zu scheren, Fälle 
von merkwürdigen Perversionen, in deren Mittelpunkt das Rasieren steht, verschiedene 
Zeremonien, die in Barbierläden üblich sind, den gemeinsamen historischen Ursprung von 
Barbierkunst und Chirurgie u. dgl. — Die konventionellen Selbstbeschädigungen sind 
wirklich noch ein „kleineres Übel" als die neurotischen: sie werden an Haaren und Nägeln 
vollzogen, also an den Organen, die dank der noch vorhandenen biologischen Restitu* 
tionsfähigkeit nachwachsen. 



Referate 425 

Alle Selbstbeschädigungen sind letzten Endes ein Kompromiß zwischen einem aggres* 
siven Übersieh und einem lebenswilligen Ich. Indem Selbstmord vermieden wird, siegt 
dabei das Ich, wenn dies auch manchmal ein Pyrrhussieg ist. 

O. Fenichel (Frag). 

SAUL, LEON I. A Note on the Psychogenesis of Organic Symptoms. The Psa. Quar* 
terly, IV, 3. 

Eine wichtige und relativ leicht verständliche Art der psychischen Entstehung organischer 
Symptome ist der Umstand, daß eine bestimmte psychische libidinöse Haltung eine Ver* 
änderung im Organismus bewirkt, die ihrerseits rein organische, psychisch nicht mehr sinn* 
volle Folgen hat. So erklärte Alexander das Magenulcus als die physische Folge der* 
jenigen Veränderungen der Magensekretion und Innervation, die durch chronische mibe* 
wußte unbefriedigte orallibidinöse Wünsche entstehen. — S a u 1 beobachtete einige andere 
Beispiele von ähnlichen Mechanismen: Ein Patient bekam im Verlaufe seiner Analyse 
morgendliche Halsschmerzen. Es wurde festgestellt, daß er zu dieser Zeit gegen seine son* 
stige Gewohnheit auf dem Rücken schlief und durch den Mund atmete, was Rachen* 
trockenheit und dadurch die Halsschmerzen hervorrief. In der Analyse wurden gerade orale 
Wünsche behandelt, und es stellte sich heraus, daß der Patient zu träumen pflegte, daß er 
gefüttert werde. Offenbar hatte er sich unter dem Einfluß solcher Träume auf den Rücken 
gelegt und den Mund geöffnet. Der gleiche Patient bekam dann auch Zahnfleischbluten, 
Mundulzerationen, Kieferschmerzen und leichte Laryngitis. Man erfuhr, daß er plötzlich 
mit nächtlichem Zähneknirschen eingesetzt hatte, was ein Ausdruck seines mobilisierten 
Oralsadismus war. Dies führte u. a. zu Zungenbissen, die für die Mundulzerationen ver* 
antwortlich waren. Entsprechendes konnte S a u 1 auch an andern Patienten beobachten. 
Saul mahnt mit Recht zur Vorsicht bei der Problematik der Psychogenese organischer 
Symptome. Der psycholibidinöse Zustand ist nur eine Komponente neben anderen rein 
somatischen bei der Entstehung derartiger Symptome. O. Fenichel (Prag). 



1 



KORRESPONDENZBLATT 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigiert vom Zentralsekretär Edward Glover 



I. Mitteilungen der Internationalen 
Unterrichtskommission 

Boston Psychoanalytic Society 

Jahresbericht 1935—1936 

Das Lehrinstitut der Boston Psychoanalytic Society brachte unter Teilnahme der Mit* 
glieder der Vereinigung und der Lehrkandidaten ein sehr zufriedenstellendes Lehrpro* 
gramm zur Abwicklung. Folgende Vorlesungen und Seminare fanden statt: 

Dr. Hanns Sachs: Klinisches Seminar (vierzehntägig). 

Dr. Helene Deutsch: Technisches Seminar (wöchentlich). 

Dr. Ives Hendrick: Psychoanalytische Theorie und Pathologie des Ichs und der 
Triebe. 

Dr. John Murray: Pubertätsprobleme. 

Dr. Isador H. Coriat: Freuds Krankengeschichten. 

Erik Homburger: Seminar über Kinderanalyse. 

Dr. Hanns Sachs: Methode und Theorie der angewandten Psychoanalyse. 

Dr. M. Ralph Kauf man: Psychoanalytische Psychiatrie. 

Als Lehranalytiker für 1936—1937 werden berufen: Drs. Isador H. Coriat, Hanns 
Sachs, Helene Deutsch, John Murray, Ives Hendrick und ML Ralph Kauf* 
man M. Ralph Kaufman 

Secretary 

Lehrausschuß der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 

April — Juni 1936 
I. Für die Kandidaten des theoretisch=therapeutischen Lehrganges: 

Obligate Kurse: 
E. B i b r i n g: Trieblehre, IL Teil (fünfstündig). 
H. Hartmann: Spezielle Neurosenlehre, II. Teil (fünfstündig). 

Obligate Seminare: 
O. Isakower: Lektüre Freudscher Schriften. 
Anna Freud: Technik der Kinderanalyse (für Fortgeschrittene). 
B. Bornstein, J. Wälder, Ed. Sterba: Technik der Kinderanalyse (für An* 
fänger). 



— i 



Korrespondenzblatt 



427 



Obligate Kolloquien: 
Grete Bibring*Lehner: Probleme der Technik. 
, P. F e d e r n : Probleme der Traumdeutung. 

Vorlesungen: 
E. P. Hoffmann: Einführung in die Psychoanalyse (siebenstündig), (für Universitäts* 
hörer aller Fakultäten). 

Arbeitsgemeinschaften (Seminare) : 
Anna Freud, E. Bibring: Probleme der Technik. 
Jeanne Lampl^de Groot: Analysenkontrolle in Gruppen. 

R. S t e r b a : Lektüre der theoret. Schriften Freuds (nur für Mitglieder des Vereines 
für med. Psychologie). 

II. Im Lehrgang für Pädagogen: 

Kurse: 
A. Aichhorn: Einführung in die Erziehungsheratung. 

W. H o f f e r : Grundzüge der seelischen Entwicklung des Kindes (sechsstündig). 
E. S t e r b a : Psychologie des Kleinkindes (fünfstündig). 

Seminare: 
A. Aichhorn: Seminar für Erziehungsberater. 

G. Bibring*Lehner, W. Hoffer, M. Kris: Seminar zur Lektüre Freudscher 
Schriften (in Gruppen). 

Arbeitsgruppen : 
A. Angel, Bornstein, D. T. Burlingham, E. Buxhaum, E. Sterba: 
Praktika in Gruppen. 

Unter Leitung von Anna Freud: Gemeinsame Besprechungen berufstätiger Pädagogen. 



Wiener Psychoanalytisches Ambulatorium 

Gesamtzahl der Patienten 1933/34: 145; davon 84 männl., 59 weibl., 2 (weibl.) Kind. 
Gesamtzahl der Patienten 1934/35: 223; davon 136 männl., 87 weibl., — (weibl.) 





1933/34 








1934/35 




M 


W 




M 


W 


1. Nur beraten 


36 


23 


2K 


69 


46 


2. Zur Behandlung bestimmt 


48 


36 




67 


41 


3. Zur Behandlung zugeteilt 


12 


11 




12 


20 


4. Auf Warteliste 


36 
Diagnosen 

1933/34 


25 




55 


21 

1934/35 




M 


W 




M 


W 


Hysterie 


4 


8 




6 


19 


Phobien und Angstneurosen 


1 


5 




4 


5 


Zwangsneurose 


3 


4 




3 


2 


Impotenz 


22 


— 




26 


— 


Ejaculatio praecox 


4 


— 




25 


— 


Frigidität 


— 


7 




— 


14 


Arbeitsstörung 


5 


— 




6 


— 


Charakterstörung 


3 


H + 2K) 


3 


1 



428 


Korrespondenzblatt 








Befangenheitsneurose 






3 





4 


1 


Unklare neurot. Beschw., 


Aktuelle 


Konflikte 


5 


4 


8 


12 


Organneurosen 






2 


1 


4 


1 


Erythrophobie 






3 


1 


5 


— 


Perversionen (inkl. Homosexualität) 




— 


1 


4 


2 


Psychopathien 






8 


4 


8 


— 


Depressionen 






14 


10 


11 


13 


Klimakt. Störungen 






— 


4 


— 


3 


Melancholie 






— 


6 


— 


3 


Schizophrenie 






3 


— 


8 


4 


Paranoia 






— 


2 


5 


3 


Epilepsie 






2 


1 


— 


1 


Organische Störungen 






2 


— 


6 


3 



84 59(+2K=6i) 136 87 

Otto Isakower 

Psychoanalytickä skupina v C.S.R. 
(Psychoanalytische Arbeitsgemeinschaft in Prag) 

Bericht über die Lehrtätigkeit 
April- Juli 1936 

1. Stand derKandidaten: Im Verlaufe der Berichtsperiode kam 1 Ausbildungs* 
kandidat, Arzt, hinzu. Stand der Ausbildungskandidaten: 10 (4 Ärzte, 6 Nichtärzte). In 
allem übrigen ist der Stand unverändert. 

2. Unterrichtstätigkeit: Die Kurse und Seminarien des letzten Quartals wur* 
den sämtlich in diesem Quartal fortgesetzt, und zwar fanden statt: 

1. Fenichel Allgemeine Neurosenlehre, weitere 6 Stunden. 

2. Annie Reich: Freud^Seminar, weitere 5 Stunden. 

3. Technisches Seminar: weitere 5 Abende. 

4. Kinderanalytisches Seminar: weitere 5 Abende. 

3. Öffentliche Veranstaltungen: Die Arbeitsgemeinschaft Steff Born* 
stein und der Kurs Christine O 1 d e n aus dem letzten Quartal wurden fortgesetzt. — 
Außerdem hielt am 18. Mai Dt. Hartmann (Wien) in der Prager „Urania" einen Vor* 
trag: „Freud und die Psychoanalyse". O. Fenichel 






IL Berichte der Zweigvereinigungen 

The American Psychoanalytic Association 

Die American Psychoanalytic Association hielt ihre fünfunddreißigste Versammlung 
in Boston, Mass., am 28. Dezember 1935 ab. 

In der Geschäftssitzung, die von Dr. A. A. B r i 1 1 eröffnet wurde, wurden neue Sta* 
tuten mit Geltung für die Boston Psychoanalytic Society, die Chicago Psychoanalytic 
Society, die New York Psychoanalytic Society und die Washington*Baltimore Psychoana* 
lytic Society, die als lokale Gruppen in der Association vereinigt sind, angenommen. 

Folgende Vorstandsmitglieder wurden einstimmig gewählt: A. A. Brill, M. D. (New 
York), Ehrenpräsident; C. P. O b e r n d o r f, M. D. (New York), Präsident; Isador H. 




Korrespondenzblatt 429 



Coriat, M. D. (Boston), Vizepräsident; Ernest E. Hadley, M. D. (Washington), 
Sekretär (Wiederwahl); Leo H. Bartemeier, M. D. (Detroit), Kassier. 

Gemäß den neuen Statuten wird jede Gruppe einen Delegierten ins Exekutivkomitee 
und drei Delegierte ins Unterrichtskomitee wählen. 

Das reichhaltige wissenschaftliche Programm war folgendes : Isador H. C o r i a t. M. D. 
(Boston): Humor und Hypomania. 

Humor, der sich als Nebenerscheinung einer positiven Übertragungssituation während 
einer Analyse entwickeln kann, erscheint einer transitorischen Hypomanie ähnlich. Die 
hypomanischen Grundzüge in dieser Phase sind für die Hypomanie allgemein charakte* 
ristisch. Der Humor als eine Form der Befreiung (Entlastung) und der Reaktion auf ein; 
strenges Übersieh. Verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Humor und Hypomanie 
vom Standpunkt der analytischen Psychiatrie. Das Übersieh als Vorbild der elterlichen 
Autorität. Der Grad des Humors entspricht jeweils der Strenge des Über*Ichs. Veran.de* 
rungen der Ich*Reaktionen während der Analyse, die Beziehungen des Ichs zur Über* 
tragung und zum Ödipuskomplex, die in einem Triumph des Lustprinzips im seelischen 
Apparat gipfeln, erzeugen Humor als eine Form von transitorischer Hypomanie. Die 
Mechanismen der Hypomanie, der Depression und des Humors vom dynamischen Stand* 
punkt aus. Humor kann ein Übergangsstadium zur Hypomanie und zur Depression sein. 
Der Sinn für Humor kann eine therapeutische Wirkung haben, indem er die Strenge 
einer Psychoneurose mildert, besonders bei Angst* und Zwangszuständen. 

Frieda Fromm*Reichmann, M. D. (Rockville, Maryland): A Contribution to 
the Psychogenesis of Migraine. 

Migräne, ein Komplex von Konversionssymptomen, entsteht gewöhnlich aus einem 
ungelösten Ambivalenzkonflikt. Während bewußte Feindseligkeit durch Zusammen* 
ziehen und Verkrampfen der gestreiften Muskulatur, die nur bewußten Impulsen ge* 
horcht, ausgedrückt wird, bringen an Migräne leidende Patienten ihre bewußte Feindselig* 
keit gegen geliebte Personen durch Zusammenkrampfen der glatten Muskulatur der Ge* 
fäße, des Magens und der Eingeweide, die nur unbewußten Impulsen gehorchen, zum 
Ausdruck. Der Patient wünscht unbewußt, die gehaßte Person zu kastrieren, wendet die 
Kastration gegen sich selbst und verlegt sie von unten nach oben. Schließlich stößt der 
Patient die gehaßte Person und den Haß gegen sie aus, indem er erbricht und defäziert. 

Helene Deutsch M. D. (Wien*Boston) : The Omission of Grief : Contributions to 
the Psychology of Affects. 

Trauer als normaler Vorgang und ihre Verwandtschaft mit der Melancholie sind seit 
'■•mgem Gegenstand psychoanalytischer Interessen und Forschungen (Fr eud.Abraha m). 
Der Vortrag befaßt sich mit einer bisher wenig beachteten Reaktion auf den Verlust eines 
Objektes durch den Tod, in welcher der gewöhnliche Schmerzaffekt nicht manifest wird. 

Zwei Fragen erfordern Beachtung. Welche Elemente sind für den Ausfall von Schmerz* 
Sensationen verantwortlich; was ist sodann der Weg oder die Erscheinungsform dieser 
verdrängten Affekte? Die Vortragende postuliert eine spezifische Verfassung des Ichs, in 
der es einen Selbstschutzmechanismus anwendet, um sich die Trauerarbeit zu ersparen, zu 
deren Ausführung das Ich tatsächlich zu schwach ist. (Ich*Schwäche und ihre Ursachen.) 
Das Schicksal des unterdrückten Affektes müsse so beschrieben werden, wie es bei vert* 
schiedenen Analysepatienten beobachtet wurde, da es nicht nur einen einzigen möglichen 
Verlauf gibt, sondern viele individuelle Variationen. Die in diesem Vortrag niedergelegten 
Beobachtungen führen die Vortragende zu der These, daß es ein Prinzip der Unzerstör* 
barkeit von Affekten gibt, und zu der Vermutung, daß die allgemein menschliche Neigung 
zu wirklicher, unbegründeter Trauer und Depression nicht nur zugrunde liegende masochi* 
stische Tendenzen und ein Substrat von Schuldgefühlen verrate, sondern auch das dauernde 
Vorhandensein der alten Reaktion auf das ungelöste Erlebnis des Verlustes zeigt. 



430 Korrespondenzblatt 



Catherine L.Bacon, M. D. (Chicago) : Envy of the Mother and the Wish to Take 
from Her. 

Aus der Analyse von fünf erwachsenen Patientinnen folgert die Vortragende, daß das 
kleine Mädchen entsprechend dem ersten Gefühl, daß es von der Mutter in seinem Wunsch, 
des Vaters Liebe zu gewinnen, übervorteilt worden sei, einen intensiven Neid auf die 
Mutter entwickle und glaube, daß das Genitale der Mutter dem eigenen weit überlegen 
ist. Das kleine Mädchen beneide die Mutter nicht nur, weil es empfinde, daß die Genitalien 
der Mutter anziehender sind als die eigenen, sondern auch — und das ist wichtiger — , daß 
die Mutter mit ihren Genitalien Dinge vollbringen kann, um des Vaters Liebe zu er* 
ringen, Dinge, die es selbst nicht tun kann. In diesem Zusammenhang beneidet es die 
Mutter um ihre Fähigkeit, ein Kind zu gebären, und hat auch recht diffuse Phantasien 
darüber, daß die Mutter dem Vater während des Koitus etwas aus ihren Genitalien gibt, 
was auf der genitalen Stufe durch Liebe und Wärme repräsentiert wird, aber häufig in 
assoziativem Zusammenhang mit Speisen und Fäzes zu beobachten ist. Dieses „Etwas", 
das die Mutter in ihren Genitalien verbirgt, wünscht das kleine Mädchen zu erlangen und 
hofft, daß die Mutter es ihr geben wird. Träume zeigen den Wunsch, die Mutter entweder 
des Inhalts ihrer Genitalien oder der Genitalien selbst zu berauben, verbunden mit 
Schuld* und Angstreaktionen, da das kleine Mädchen glaubt, es würde die Mutter töten, 
wenn es sie beraube, und würde dann niemanden haben, der für sie sorgt. Da dieser 
Wunsch in der Realität unterdrückt wird, glaubt das kleine Mädchen, sie könnte, wenn 
sie einen Penis wie der Vater hätte, mit Gewalt oder List von der Mutter das erhalten, was 
die Mutter dem Vater im Koitus gibt. Die Vortragende schließt daraus, daß eine sehr 
starke Wurzel des Penisneides in dem kindlichen Glauben liegt, daß das kleine Mädchen 
nur mit einem Penis von der Mutter die „guten Genitalien" erlangen könne, die sie 
braucht, um des Vaters Liebe zu gewinnen. Die phallische Phase ist eine neue Neurosen* 
form, deren Grundlage dargestellt wird durch den Rückzug von dem Wunsch, die Liebe 
des Vaters durch die eigenen Vorzüge zu gewinnen, zu einer Vorstellung mit dem Inhalts 
wenn das kleine Mädchen den Penis des Vaters besäße, könnte sie ihn benützen, um 
von der Mutter etwas zu erhalten, das sie dann dem Vater geben könnte. (Vgl. die Phan* 
tasie des Knaben, eine weibliche Haltung dem Vater gegenüber anzunehmen, um ihn zu 
kastrieren.) Es folgt die Darstellung von Träumen dreier Patienten. 

Karl M e n n i n g e r, M. D. (Topeka) : Psychoanalytic Aspects of Some Gynecologicali 
Disorders. 

Die alte Auffassung von der schwimmenden Gebärmutter enthält, wie wir wissen, ein 
Element von Wahrheit; dieses Element existiert im Unbewußten mancher Gynäkologen fort, 
die Neurosen „Uterusdislokationen" und ähnlichen operativen Erkrankungen zuschreiben. 
Für solche Theorien und die entsprechende Therapie gibt es ein empfängliches Publikum, 
denn ein bewußtes Schuldgefühl, das mit den Genitalien verknüpft ist, findet seine Erleich* 
terung in der Unterwerfung unter schmerzbereitende und lästige chirurgische oder andere 
Prozeduren. Diese Befriedigung des Strafbedürfnisses kann natürlich bis zu einem ge* 
wissen Grade auch ohne die mit chirurgischen Eingriffen verbundenen Schmerzen und 
ihre Erleichterung erreicht werden, und zwar durch verschiedene „funktionale" Effekte 
der Anspannung und Lösung der gestreiften und der glatten Muskulatur und durch die 
sekundären Wirkungen, nämlich die Folgen dieser Spannungen und Lösungen, z. B. Pro* 
lapsus, Lazerationen und Dysmenorrhoe. Solche psychophysische Verkettung kann am 
besten bei den Menstruationsstörungen beobachtet werden, wofür einige repräsentative, 
Beispiele und ihre emotionale Determinierung im pathologischen Sinn angeführt werden. 
A. P. M i 1 1 e t, M. D. (New York) : A Case of Compulsive Masturbation. 
Unverheirateter männlicher Patient, 25 Jahre alt, der einen intensiven manifesten Nar* 
zißmus aufweist; mit prägenitalen Interessen; starker positiver Ödipuskomplex. Er fühlt 



' 



Korrespondenzblatt 431 



sich von seinen Eltern zurückgesetzt, konnte mit beiden keine befriedigende Identifi* 
zierung zustandebringen. Seit seinem frühen Jünglingsalter bestand zwang* 
hafte geheime Onanie, begleitet von heftiger Angst. Er flüchtete zu Alkoholismus und 
Prostitution. Es bestand Angst vor venerischer Ansteckung. Er suchte psychiatrische Be* 
handlung auf, flüchtete aber aus der Behandlung, nachdem die ärgsten Ängste beseitigt 
waren. Es gab Zyklen von Depression und geringer Erholung. Er suchte wieder psychiai* 
trische Hilfe auf. Wiederum zeitweise Besserung und Flucht. Man begann die psychoanaly* 
tische Behandlung. Er gewann an Einsicht und die Ängstlichkeit ließ nach. Die sexuellen 
Hemmungen wurden geringer. Die Zwangsonanie wurde reduziert. Die Zwangsangst um 
sein physisches Ich dauerte fort. Ein intensiver Widerstand hatte seine Grundlage in homo* 
sexuellen Wünschen und Angst vor seinen eigenen aggressiven Impulsen. Er floh vor 
dem Analytiker. Die Behandlung wurde von einem anderen Analytiker wieder aufgenom* 
men. Das Gleiche wiederholte sich auch da — die Flucht wurde als Zeichen der Ge* 
sundung rationalisiert. 

An dem dem wissenschaftlichen Programm folgenden Abend fand ein Bankett statt, 
bei welchem unterhaltende Stegreifreden gehalten wurden. 

Ernest E. Hadley 

Secretary 

Boston Psychoanalytic Society 

Oktober 1935— Mai 1936 

15. Oktober. Geschäftliche Sitzung: Dr. William C. Barrett und Dr. Leola 
Dalrymple werden in den Vorstand des Boston Psychoanalytic Institute gewählt. 

16. November. Wissenschaftliche Sitzung: Dr. H. Scudder Mekeel: The Psycho* 
analyst Looks at Culture; Dr. John Dollard: Research in a Southern Town. 

7. Dezember. Dr. Hermann Nunberg: Homosexualiti, Magie and Aggression. 

17. Dezember. Geschäftliche Sitzung. Die Statuten der American Psychoanalytic 
Association werden angenommen. Dr. Jacob Kasanin, Chicago, wird zum Mitglied 
der Vereinigung gewählt. Das Ausscheiden von Frau Dr. Irmarita P u t n a m wird mit 
Bedauern zur Kenntnis genommen. Drs. M. Ralph Kauf man, Hanns Sachs und 
John Murray werden für drei, zwei bezw. ein Jahr in den Unterrichtsausschuß der 
American Psychoanalytic Association gewählt. 

28. Januar. Dr. Ruth Dürr: A Case of Motor* Ataxia; Dr. John M u r r a y : Trans* 
ient Depression; Dr. Martin W. Peck: A Case of Masochism. — Geschäftliche Sitzung: 
Dr. M. Ralph K ä u f m a n wird zum Vertreter der Boston Society im Vorstand der 
American Psychoanalytic Associatione gewählt. 

15. März. Dr. Gregory Zilboorg (New York). Some Varieties of Perental Ag* 
gression. 

19. Mai. Jahresversammlung. Wahl des Vorstandes: Dr. Martin W. Peck, Präsident; 
Dr. John M u r r a y, Vizepräsident; Dr. M. Ralph K a u f m a n, Sekretär*Kassenwart. 
Dr. Helene Deutsch wird zum Ehrenmitglied der Vereinigung gewählt. Dr. Hanns 
Sachs wird als Vertreter der Bosten Society beim XIV. Internationalen Psychoanaly* 
tischen Kongreß in Marienbad bestätigt. M. Ralph Kaufman 

Secretary 

Chicago Psychoanalytic Society 

Januar— Juni 1936 

11. Januar. Dr. Thomas M. French: Clinical Aspects of Learning in the Study of 
a Psychoanalytic Treatment. 



432 Korrespondenzblatt 



25. J a n u a r. Geschäftliche Sitzung. Dr. Leon S a u 1: Psychogenic Factors in the Etiology 
of the Common Cold and Other Related Symptoms. 

8. Februar. Geschäftliche Sitzung. Drs. Franz Alexander, Thomas M. F r e n c h, 
N. Lionel Blitzsten werden zu Vertretern des Lehrausschusses gewählt. 

Dr. N. Lionel Blitzsten wird in den Vorstand gewählt. 

Dr. George W. Wilson: The Transition from Organ Neurosis to Conversion Hysteria 
— a Case Report. 

22. Februar. Dr. Gregory Zilboorg: Hypothesis on the Genesis of Suicide. 

7. März. Dr. Harry Levey: The Pregenital Tendencies of a Patient with Gastro* 
Intestinal Complaints. 

21. März. Geschäftliche Sitzung: Dr. Harry Levey wird zum außerordentlichen Mit* 
glied gewählt; Dr. Jacob Kasanin von der Boston Psychoanalytic Society wird als außer* 
ordentliches Mitglied in die Vereinigung übernommen. — Dr. Robert Knight: Dyna* 
mies and Treatment of Alcohol Addiction. 

4. April. Dr. Karl Menninger: Personality Reconstructions ; Clinical Techniques 
Opposing Self*Destruction. 

14. April. Dr. N. Lionel Blitzsten: Some Syndromes of Elation and Depression. 

16. Mai. Dr. Edwin R. Eisler: Pregenital Tendencies in a Case of Multiple Phobia. 

6. Juni. Geschäftliche Sitzung. Wahl des Vorstandes für das Geschäftsjahr 1936/1937: 
Dr. Thomas M. French, Präsident; Dr. Leo Bar te m ei er, Vizepräsident; Dr. George 
Mohr, Sekretär*Kassenwart. In den Unterrichtsausschuß werden gewählt: Dr. Helen 
Vincent McLean, Vorsitzende; Dr. S. Thomas M. French, Karl A. Menninger, 
Franz Alexander. N. Lionel Blitzsten. Ausschußmitglieder. 



George Mohr 

Secretary 



New York Psychoanalytic Society 



Juli— Dezember 1935 

Während des Sommers verlor die Vereinigung durch Todesfälle ihre Mitglieder 
Dr. Joseph J. Asch und Dr. Wi lliam J. S p r ing. Dr. As ch war mit der Vereinig 
gung lange Zeit eng verbunden gewesen, er konnte außer seiner reichen Beschäftigung 
als Urolog aktiven Kontakt mit der Psychoanalyse wahren und brachte stets wertvolle 
Beiträge aus seinem Spezialgebiet bei. Dr. S p r i n g war eines der jüngst beigetretenen Mit* 
glieder, sein blendender Geist und seine Beiträge zur Psychoanalyse fanden allgemeine An* 
erkennung und Wertschätzung. Die Vereinigung betrauert tief den Verlust zweier so be* 
gabter Mitglieder. 

29. O k t o b e r. In der ersten Sitzung gab Dr. Monroe A. M e y e r bekannt, daß dank 
der Freigebigkeit der Mitglieder Dr. A. A. Brill, Dr. David M. Levy und Dr. Clarence 
P. Oberndorf, durch zusätzliche Fonds seitens des Committee on Ways and Means) 
und durch Sammlungen des Kassiers die Vereinigung in der Lage ist, einen eigenen Lehr* 
saal zu schaffen, dessen sie seit Jahren dringend bedarf. Dr. Leroy M. A. Mae der las 
eine Arbeit, betitelt „Some Aspects of a Successful Character Analysis". Es folgte eine 
allgemeine Diskussion, eingeleitet von Dr. Ku b i e und Dr. B i d d 1 e, geschlossen durch 
Drs. Ra d o und M a e d e r. 

'26. November. Dr. Karen H o r n e y „The Problem of the Negative Therapeutic 
Reaction". An der Diskussion nahmen teil Drs. Fliess, Feigenbaum und J. H. W. 
van Ophuijsen. Dr. van O p h u i j s e n, der kürzlich nach New York übersiedelt 
ist, hat als Gast der Vereinigung teilgenommen. 

17. Dezember. Der Kassier macht Mitteilung von einer Spende von $ 1000.— von 
Dr. A. A. Brill, gewidmet zur Anlegung eines Spezialfonds für administrative Zwecke. 



Dr. Bnll wurde hiefür der Dank ausgesprochen. Die Vereinigung beschloß, ein Speziat* 
komitee aus allen früheren Vorsitzenden des Unterrichtsausschusses zu schaffen mit dem 
Ziel, die Aufgaben des Unterrichtsausschusses der Vereinigung aufzustellen und zu for* 
mulieren. 

Dr. John A. P. Mille t: Fatal Alooholism with Premonitory Symptoms. Über die 
Arbeit diskutierten Drs. Kubie, Daniels, Rado und Millet. 

23. Dezember. Außerordentliche Sitzung zur Erörterung der neuen Statuten |der 
American Psychoanalytic Association. Die Vereinigung genehmigt die neuen Statuten mit 
einigen unbedeutenden Abänderungsvorschlägen. 

■Während des Semesters wurden Dr. Leroy M. A. Mae der und Dr. John A. P 
Miller zu aktiven ordentlichen Mitgliedern der Gesellschaft gewählt. 

George E. Daniels 

Secretary 

Washington^Baltimore Psychoanalytic Society 

Oktober 1935— Mai 1936 

Oktober. Dr. Franz Alexander, Chicago, a. G.: Problems of the Psychoanalytic 
Technique. 

November. — Arbeiten von Ausbildungskandidaten: Dr. Marjorie Ja r vis: The 
Nature of Transference in the Akoholic. Dr. Amanda Stoughton: International 
Avoidance of Interpretation of Transference. Dr. Ralph Growley: Manie Equivalents 
in Analysis. 

Geschäftliche Sitzung: Bericht von Dr. William V Silver b erg aus dem Statuten* 
Komitee. Bericht von Dr. Ernest E. Hadley, Vorsitzender des Unterrichts*Komitees. 
Annahme des Rücktritts von Dr. Edward J. Kempf. 

Dezember. — Dr. Bernard S. Robbins: The Overcoming of Narcissistic Resis* 
tence in the Psychotic. — Geschäftliche Sitzung: Als ordentliche Mitglieder werden aufge* 
nommen: Drs. Ralph Growley, Marjorie Jarvis und Amanda Stoughton. 
Dr. Frieda Fromm*Reichmann wird von der Schweizerischen Psychoanalytischen 
Vereinigung übernommen. Die vorgeschlagenen neuen Statuten der American Psycho* 
analytic Association werden ratifiziert. Drs. Silverberg, Hadley und Hill werden 
als Mitglieder des Unterrichts*Komitees der American Psychoanalytic Association für je 
drei*, izwei* und einjährige Dauer bestimmt. 

Januar. — Dr. David Levy, New York, a. G.: Experiments in Sibling Rivalry. 
— Geschäftliche Sitzung: Bericht von Dr. H a d 1 e y über die Annahme der neuen Statuten 
durch die American Psychoanalytic Association. Dr. Ross MqClure Chapman wird als 
Delegierter in den Exekutiy*Ausschuß der American Psychoanalytic Association be* 
stimmt. Wahl des Vorstandes: Dr. Lewis B. Hill, Präsident; Dr. Joseph O. Chassell, 
Vizepräsident; Dr. Amanda L. Stoughton, Sekretärin, Kassierin (1835 Eye Street, 
N. W., Washington, D. C). 

8. F e b r u a r. Dr. Ralph K a u f m a n (Boston, a. G.) : The use 6i Psychoanalytic Tech* 
nique in Late*Life Depressions. 

14. M ä r z. Dr. Frieda Fromm*Reichmann: Remarks on Female Psychosexuality. 
Geschäftliche Sitzung: Dr. Douglas Noble wird zum Lehrkandidaten gewählt. Dr. Clara 
Thompson legt ihre Mitgliedschaft wegen Übertritts in die New York Society zurück. 

April. Dr. Lionel Blitzsten (Chicago, a. G.): Some Syndromes of Depression 
and Elation. 

Mai. Dr. Robert Flies s (New York, a. G.): Tranference and Counter*TraWsference. 
Geschäftliche Sitzung: Der Sonderausschuß für Erleichterung der analytischen Ausbildung 



434 Korrespondenzblatt 



berichtet über die Ergänzung der Pläne für die Washington School of Psychiatry, die bereits 
angemeldet und im Aufbau begriffen ist. Die Schule ist bestrebt, in gemeinsamer Arbeit 
mit dem lokalen Lehrausschuß für eine geordnete Ausbildung in der Psychoanalyse und 
der psychoanalytischen Psychiatrie zu sorgen. Der Bericht des Komitees wird mit Beifall 
zur Kenntnis genommen, und es wird beschlossen, daß der Lehrausschuß künftighin mit 
der Schule zusammenzuarbeiten habe. Dr. Bernard S. Kobbins legt seine Mitgliedschaft 
wegen Übertritts in die New York Society zurück. Amanda L. Stoughton 

Secretary 

British Psycho*Analytical Society 

Oktober 1935- Juni 1936 

2. Oktober. Mrs. Joan Riviere : The Negative Therapeutic Reaction. 

16. Oktober. Diskussion über Melanie Klein: Contribution to the Psycho*Genesis 
of Manie Depressive States. 

6. November. Miss Grant Duff: A Profile Sketch of Swift (s. Ferenczji. 
Gulliverphantasien, Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIII, 1927). 

18. November. Dr. Robert Wälder (Wien, a. G): Problems in Ego Psychology. 

4. D e z e m b e r. Dr. D. W. Winnicott: The Manie Def ence. 

15. Januar. Miss Searl: Some Queries on Principles of Technique. 

5. F e b r u a r. Dr. Melitta Schmiedeberg: The Assessment of Environmental 
Factors. 

19. Februar. Kurze Mitteilungen. Dr. Eder: A Note on Exogamy and Endogapiy 
under Civilisation; Dr. Eairbairn: The Effect of the Kings Death upon Patients under 
Analysis. 

3. März. Symposion: Criteria of Success in Treatment (Dr. Jones, Miss Sharpe, 
Dr. Birierley, Dr. Glover). 

18. März. Prof. Flügel: Anal Erotism and Stage Fright; Miss Grant Duff: A 
Political Incident. 

29. April. Dr. Jones, Dr. Glover: Gedenkworte für Dr. Eder f. 
Dr. C o h n : A Certain Quality of Primary Narcissism. 

20. Mai. Mrs. Riviere: On the Genesis of Psychical Conflict in Early Infancy. 

3. Juni. Dr. Rickman: A Study of Quaker Beliefs. 

17. Juni. Dr. Carroll: The Psycho^analytic Handling of Advanced Psychosis. 

Edward Glover 

Scientific Secretary 

Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 

Januar— Mai 1936 

8. Januar. Geschäftliche Sitzung: Organisatorische Fragen. 

5. Februar. Tore E k m a n : Psychoanalyse und die Phänomenologie Max Schelers. 

19. Februar. Dr. Ewald Roellenbleck: Über einen Fall von Transvestitismus. 

4. März. Fortsetzung der Diskussion über Transvestitismus. Referenten : Boehm, Ek* 
man, Frau Seiff (a. G.) 

18. März. Dr. Schultz^Hencke: Referat über die Arbeit von Alexander „Über 
den Einfluß psychischer Faktoren auf gastrointestinale Störungen". 

In der geschäftlichen Sitzung wird Herr Thore E k m a n aus der schwedisch*finnischen 
Gruppe als außerordentliches Mitglied übernommen. 

28.! April. Geschäftliche Sitzung: Dr, Angel Garma wird zum ordentlichen Mit* 




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Korrespondenzblatt 435 



glied gewählt. — Dr. Boehm berichtet über den Internistenkongreß in Wiesbaden am 
26. April 1936. — Der Vorstand berichtet über das zukünftige psychotherapeutische 
Institut in Berlin. — Die Vorschläge des Vorstandes über die geplante Feier von Freuds 
Geburtstag werden angenommen. — Es wird über die Notwendigkeit des Austritts unserer 
Gesellschaft aus der I. P. V. beraten. 

6. Mai. Begrüßung durch den Vorsitzenden. 

Dr. Müller*Braunschweig: Kurzer Überblick über Freuds Lebensarbeit. — 
Dr. v. S y d o w (a. G.) : Die Vorstellung des „Engels" im Spätwerk Rainer Maria Rilkes. 
— Das vom Vorstande an Prof. Freud gerichtete Glückwunschschreiben und das an 
Anna Freud gerichtete Glückwunschtelegramm zum Einzug der Wiener Gesellschaft in 
ihr neues Heim werden verlesen. — Hierauf geselliges Zusammensein in den Räumen des 
Institutes. 

13. Mai. Außerordentliche Generalversammlung. Folgende außerordentliche Mit* 
glieder werden zu ordentlichen Mitgliedern der Gesellschaft gewählt: Drs. Baumeyer, 
March, Roellenbleck und Herr E k m a n. Als außerordentliche Mitglieder werden 
aufgenommen : Frau Dr. Hildegard Buder*Schenk, Frau Dr. Ursula Graf, Dr. 
Martin G r o t j a h n, Dr. Eckardt von S y d o w und Frau Margarete S e i f f . 

Alle erschienenen Mitglieder beschließen auf Vorschlag des Vorstandes nach eingehender 
Beratung einstimmig dem Vorsitzenden der I. P. V., Dr. Jones, den Austritt unserer Gesell* 
schaff aus der I. P. V. mitzuteilen. Der Vorsitzende soll sich mit Dr. Jones wegen der Mög* 
lichkeit für unsere Mitglieder, fernerhin an den Kongressen teilnehmen und in den inter* 
nationalen Zeitschriften publizieren zu können, in Verbindung setzen. Die Frage der Mit* 
gliedschaft unserer Mitglieder in den Zweiggesellschaften der I. P. V. soll von Fall zu Fall 
entschieden werden. Felix Boehm 

Schriftführer 

Magyarorszägi Pszichoanalitikai Egyesület 

Januar — April 1936 

17. Januar 1936. Generalversammlung. Vorlesung der Berichte der Amttragenden. 
Wahl des Vorstandes und des Lehrausschusses. 

Präsident: Dr. I. Hollös; Präsident*StelIvertreter : Dr. I. Hermann; Sekretär: 
Dr. Z. Pfeifer; Kassier: Dr. G. Dukes; Bibliothekar: Dr. E. Almas y; Leiter der 
Poliklinik: Dr. A. Ball int; sein Stellvertreter: Dr. L. Revesz; Präsident des Lehr* 
ausschusses: Dr. I. Hermann. 

3. Februar. Dr. E. P e t o (als Gast) : Die Entwicklung des Geruchsinnes. Ergebnisse 
einer Versuchsreihe mit Kindern. Diskussion. 

Dr. I. Hermann: Kasuistik. Ein Spezialfall in der Kenntnisnahme und Verarbei* 
tung der Kastrationsgefahr mit Folgen für den Charakter. Diskussion. 
-17. Februar. Frau Dr. Dubovitz und Frau K. Levy: Referat über den Be* 
such der ungarischen Kinderanalytiker im Wiener Kinderseminar. 

Frau Dr. L. Hajdu*Gimes: Referat über einen Fall von Schizophrenie in Be* 
handlung. — Besprechung. 

20. März. Dr. L. Revesz: Über Trancezustände während der analytischen Stunde. 

17. April. Dr. R. B a k (als Gast) : Referat über Th. Reiks Buch „Der überraschte 
Psychologe." Diskussion. Z. Pfeifer 

Sekretär 

Nederlandsche Vereeniging voor Psychoanalyse 

Januar— Juni 1936 

18. Januar (Amsterdam). Jahresversammlung: Die Berichte des Sekretärts und des 



436 Korrespondenzblaft 



Kassenwarts werden vorgelegt und genehmigt. Wahl des Vorstandes und des Unterrichts* 
ausschusses. — Dr. S. Weyl: Charlie Chaplin im Leben und im Film. 

29. Februar (Haag). Dr. Th. Reik: Finale der II. Symphonie in C*moll. 

4. April (Amsterdam). Dr. M. Levy*Suhl: Psychoanalytisch« Auflösung von Be* 
wegungsstörungen bei einem Jugendlichen. 

20. Juni (Leiden). Dr. K. Landauer: Die Affekte und ihre Entwicklung. Zu or* 
dentlichen Mitgliedern werden gewählt : Frl. P. H. C. T i b o u t und Dr. med. C. v a n 
d e r H e i d e. Frl. Dr. jur. B. C. B a a s, 14 Roelofstraat, Haag, wird als außerordentliches 
Mitglied in die Vereinigung aufgenommen. A. Endtz 

Sekretär 

Wiener Psychoanalytische Vereinigung 

April— Juli 1936 

22. April. 1. Dr. R. A. Spitz (Paris, a. G.): Bericht über den Congres des Psych* 
analistes de Langue Francaise in Rives de Prangins. Diskussion: Schikola (a. G.), Anna 
Freud, R. Wälder, Federn, Hartmann, Eideiberg, G. Bibring, J. Wälder, E. Kris, Kronen* 
gold. 2. Dr. Richard Sterba: Über einen holländischen Festesbrauch. Diskussion: E. Kris. 

5. Mai. 1. Eröffnung des neuen Heims der Vereinigung. Dr. Ernest Jones (London, 
a. G.): Die Zukunft der Psychoanalyse (Eröffnungsansprache). 2. Joan Ri viere (Lon* 
don, a. G.): Zur Genese des psychischen Konflikts in der frühen Kindheit. (Im Rahmen 
der Austauschvorträge London— Wien). Diskussion: Federn, Fenichel (Prag, a. G.), Jones 
(London, a. G.), R. Wälder, M. Bälint (Budapest, a. G.), Hartmann, Hermann (Budapest, 
a. G.), E. Kris, Anna Freud, van Emden (Haag, a. G). 

6. Mai. 1. Anna Freud: Zum 6. Mai 1936. 2. Dr. Karl Landauer (Amsterdam, 
a. G): Die Affekte und ihre Entwicklung. Diskussion: Fenichel (Prag, a. G.), Federn, 
Laforgue (Paris, a. G.), Bälint (Budapest, a. G.), Anna Freud, M. Bälint (Budapest, 
a. G). 

20. Mai. 1. Dr. R. A. Spitz (Paris, a. G.): Über Differenzierung und Integrierung im 
Psychischen. Diskussion: Hartmann, Federn, Friedjung, H. Lampl, Schur, R. Wälder, 
van der Sterren (Limburg, a. G.), Schikola (a. G), Feßler (a. G), E. Kris. — 2. Drt Eduard 
Hitschmann: Die Entstehung der „wundersamen Reise des Nils Holgersson". — 
3. Dr. Richard Sterba: Über einen holländischen Festesbrauch (Ergänzung). Diskussion : 
de Monchy (Rotterdam, a. G.). 

3. Juni. Dr. Otto Fenichel (Prag, a. G.) : Der Begriff „Trauma" in der heutigen 
psychoanalytischen Neurosenlehre. Diskussion: Hartmann, Anna Freud, R. Wälder, Fe* 
dem, E. Kris, R. Sterba, Sperling, B. Bornstein. 

17. J u n i. Mitteilungen aus der Kinder* und Pädagogenanalyse. — 1. Dr. Editha 
Sterba: Zwei Arten der Abwehr. Diskussion: Federn, Anna Freud. — 2. Dr. Jenny 
Wälder: Theoretische Bemerkungen zu zwei Kinderphantasien. Diskussion: Friedjung, 
Federn, E. Kris. — 3. Berta Bio rnstein: Ein Beispiel für die Leugnung durch die Phan* 
tasie. Diskussion: Federn, Friedjung, Schur, R. Wälder, E. Kris. — 4. Anna Ffreud: Ein 
Beitrag zur Pädagogenanalyse. Diskussion: de Monchy (Rotterdam, a. G.), Friedjung, 
R. Sterba, H. Schwarz (a. G), J. Lampl*de Groot, H. Lampl, Eideiberg, Hartmann, Schi* 
kola (a. G.), Federn. 

1. Juli. M. Katan (Haag, a. G): Das Schicksal des Ichs in der Psychose. Diskussion: 
Hartmann, Stengel, J. Lampl*de Groot, Federn, R. Wälder. 

Geschäftliches : Dr. Otto Fenichel, Prag II, Je£nä 18, wurde aus der Dansk* 
Norsk Psykoanalytisk Forening als o. Mitglied übernommen. — Neues o. Mitglied: Dr. 
Eduard Kronengold, Wien IV, Gußhausstraße 5. — In den Vorstand kooptiert : Dr. 



Ernst R r i s. — In den Lehrausschuß kooptiert : Berta B o r n s t e i n, Dr. Otto F e n i c h e L 
Dr. Ernst Kr i s, Dr. Jenny Wälder. 

Robert Wälder 

Schriftführer 

Psychoanalytickä skupina v C.S.R. 
(Psychoanalytische Arbeitsgemeinschaft in Prag) 

April— Juli 1936 

2. April Dr. Max D e r i (a. G.) : Über Grundprobleme der Ästhetik. 
16. April. Frau Bers (Riga, a. G): Schwierigkeiten einer Kinderanalyse mit orga* 
nischen Komplikationen. 

20. April. Dr. Richard Karpe: Triebkräfte der Jugendbewegung. 

25. A p r i 1. Dr. Rene Spitz (Paris, a. G.) : Über Rhythmus, Wiederholung und Lange* 
weile. 

26. Mai. Dr. Fenichel: Der Begriff „Trauma" in der heutigen psychoanalytischen 
Neurosenlehre. 

9. Juni. Referatenabend über die psychoanalytische Literatur über Sucht. 
22. Juni. Cläre Fenichel: Über die Wirkung der Selbstbeobachtung auf die Vor* 
gänge im menschlichen Organismus. 

O. Fenichel 



Druckfehlerberichtigung 

Die in Heft 2 dieses Jahrganges der Int. Zeitschr. f. Psa. enthaltene Arbeit 

Bemerkungen über eine Zwangsneurose in ultimis 
(Vier Mechanismen des narzißtischen Lustgewinns im Zwang) 

Von 

Edmund Bergler 

Wien 

enthält infolge eines drucktechnischen Versehens einen sinnstörenden Druck** 
fehler. Der zweite Satz des ersten Absatzes auf Seite 243 (Zeile 6) soll richtig 
lauten: 

„. . . . So sahen wir z. B. bei unserer Patientin, daß sie beim Anblick ihres 
Schattens einerseits den Zwang verspürte, auf die „Deckfigur" am gleichen 
Ort zu warten, während ein anderes Gebot sie zwang, die Position, in welcher 
sie an „jenen Mann" gedacht hatte, sofort zu verändern . . ." (nicht wie 
fälschlich angegeben: zu verdrängen). 



THE 

PSYCHOANALYTIC 

QUARTERLY 

Fißh year of publication 

THE QUARTERLY 

is devoted to original contributions 

in the field of theoretical, clinical and 

applied psychoanalysis, and is 

published four times a year. 

The Editorial Board of the QUAR- 
TERLY consists of the Editors: Drs. 
DorianFeigenbaum,BertramD.Lewin 
and Gregory Zilboorg. Associate Edi- 
tors: Drs. Henry Alden Bunker, Jr., 
Raymond Gosselin and Lawrence S. 
Kubie. 

CONTENTS FOR APRIL 1 9 36: 
Frontispiece : Sigmund Freud. — Editors' Note : 
Sigmund Freud; May 6th, 1936. — Thomas M. 
French: A Clinical Study of Learning in the 
Course of a Psychoanalytic Treatment. — Gertrude 
Toffelmeier and Katherine Luomala: Dreams 
and Dream Interpretation of theDieguenoIndians of 
Southern California. — Edmund Bergler: Obscene 
Words. — Sändor Ferenczi: Male and Female: 
Psychoanalytic Reflections on the "Theory of Geni- 
tality", and on Secondary and Tertiary Sex Dif- 
ferences. — Sigmund Freud: Inhibitions, Symp- 
toms, and Anxiety. — Book Reviews. — Current 

Psychoanalytic Literature. — Notes. 

Editorial Communications should be 

sent tothe Editor-in- Chief: Dr. Dorian 

Feigenbaum, 60 Gramer cy Park, New 

Yorh, N. Y. 

Foreign subscription price is $ f.JO. 
A limited number of back copies are 
available; volumes in original binding 

$ 6.;o. 

Business correspondence should be sent 
to: 

THE PSYCHOANALYTIC 
QUARTERLY PRESS 

372-374 BROADWAY, ALBANY, 
NEW YORK 



THE 

INTERNATIONAL 

JOURNAL OF 

PSYCHO-ANALYSIS 

Directed by 

SIGM. FREUD 

Edited by 
ERNEST JONES 



This Journal is issued quarterly. 
Besides Original Papers, Abstracts 
and Reviews, it contains the 
Bulletin of the International 
Psycho -Analytical Association, 
of which it is the Official Organ. 



Editorial Communications should be 

sent to Dr. Ernest Jones, 81 Harley 

Street, London, W. 1. 

The Annual Subscription is 30s per 
volume of four parts. 

The Journal is obtainable by sub- 
scription only, the parts not being 
sold separately. 

Business correspondence should be 
addressed to the publishers, Balliere, 
Tindall & Cox, 8 Henrietta Street, 
Covent Garden, London, W. C. 2., 
who can also supply back volumes. 



Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, Band XXII, Heft 5 



(Ausgegeben Ende Juli 1936) 
INHALTSVERZEICHNIS 

Seite 
Ernest Jones: Gedenkworte für M. D. Eder (1866 — 1936) 295 

Otto Fenichel: Die symbolische Gleichung: Mädchen = Phallus . . . 299 

Annie Reich: Klinischer Beitrag zum Verständnis der paranoiden Per- 
sönlichkeit jxg- 

Lillian Rotter -Kertesz: Der tiefenpsychologische Hintergrund der inzestuösen 

Fixierung 33 8 

Imre Hermann: Sich-Anklammern — Auf- Suche- Gehen 349 

KLINISCHE BEITRÄGE 

Edith Jacobssohn: Beitrag zur Entwicklung des weiblichen Kind Wunsches . 371 

Georg Gerb: Der Aufbau der Depression 379 

REFERATE 

Aus der Literatur der Grenzgebiete 

Bezdgk: Das Rätsel von Krankheit und Tod (R. Sterba) 409. — Hippokrates: Die Träume 

(Hitschmann) 409. — Hoskins: Die Hormone (Federn) 409. — Moser: Okkultismus (Winterstein) 410. 

Aus der psychiatrisch-neurologischen Literatur 

Kehrer: Wach- und Wahrträumen bei Gesunden und Kranken (Grotjahn) 412. — Kretschmer und 

Enke: Die Persönlichkeit der Athletiker (Grotjahn) 413. — Paneth: Seelen ohne Kompaß (R.Sterba) 

413. — Psychotherapeutische Praxis (R. Sterba) 413. — Stekel: Fortschritte und Technik der 

Traumdeutung (Hitschmann) 415. 

Aus der psychoanalytischen Literatur 

Alexander und Healy: Roots of Crime (Fenichel) 416. — Alexander und Wilson: Quantitative 
Dream Studies (Fenichel) 419. — Briehl und Kulka: Lactation in a Virgin (Fenichel) 420. — Graber: 
Primal Scene, Play and Destiny (Fenichel) 421. — Menninger: A Psychoanalytic Study of the 
Significance of Self-Mutilations (Fenichel) 422. — Saul: A Note on the Psychogenesis of Organic 
Symptoms (Fenichel) 425. 

KORRESPONDENZBLATT DER INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 
I. Mitteilungen der Internationalen Unterrichtskommission 426. — II. Berichte der Zweigvereinigungen 428. 



Preis des Heftes Mark 7.50. Jahresabonnement Mark 28. — 
Jährlich 4 Hefte im Gesamtumfang von etwa 600 Seiten 

Einbanddecken zu dem abgeschlossenen XXI. Band (1955), sowie zu allen 
früheren Jahrgängen: in Leinen Mark a.50, in Halbleder Mark 5. — ■ 



Eigentümer und Verleger: Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges. m. b H., Wien IX, Berggasse 7 
Herausgeber: Prof. Dr. Sigm. Freud, Wien. -Verantwortlich für die Redaktion: Dr.Edward Bibring, Wien VII, Siebensterngasse 51 

Druck: Jakob Weiß, Wien II, Große Sperlgasse 40 
Printed in Austria 



Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, Band XXII, Heft 5 



(Ausgegeben Ende Juli 1936) 

IN HA L TS VE RZEICHNIS 

Seite 

Gedenk worte für M. D. Eder (1866 — 1936) 295 

Die symbolische Gleichung: Mädchen = Phallus . . . 29g 

Klinischer Beitrag zum Verständnis der paranoiden Per- 
sönlichkeit 2JK- 

Der tiefenpsychologische Hintergrund der inzestuösen 

Fixierung 33 s 

Sich-Anklammern — Auf-Suche-Gehen 34g 

Beitrag zur Entwicklung des weiblichen Kind Wunsches . 371 

Der Aufbau der Depression 37g 




Ernest Jones: 
Otto Fenichel: 
Annie Reich: 

Lillian Rotter -Kertesz: 

Imre Hermann: 

KLINISCHE BEITRÄGE 
Edith Jacobssohn: 
Georg Gero: 

REFERATE 



Aus der Literatur der Grenzgebiete 

Bezdgk: Das Rätsel von Krankheit und Tod {R. Sterla) 409. — Hippokrates: Die Träume 

{Hitschmann) 409. — Hoskins: Die Hormone {Federn) 409. — Moser: Okkultismus {Winterstein) 410. 

Aus der psychiatrisch-neurologischen Literatur 

Kehrer: Wach- und Wahrträumen bei Gesunden und Kranken {Grotjahn) 412. — Kretschmer und 

Enke: Die Persönlichkeit der Athletiker {Grotjahn) 413. — Paneth: Seelen ohne Kompaß {R. Sterba) 

413. — Psychotherapeutische Praxis (R. Sterba) 413. — Stekel: Fortschritte und Technik der 

Traumdeutung {Hitschmann) 415. 

Aus der psychoanalytischen Literatur 

Alexander und Healy: Roots of Crime {Fenichel) 416. — Alexander und Wilson: Quantitative 
Dream Studies {Fenichel) 419. — Briehl und Kulka: Lactation in a Virgin {Fenichel) 420. — Graber: 
Primal Scene, Play and Destiny {Fenichel) 421. — Menninger: A Psychoanalytic Study of the 
Significance of Self-Mutilations {Fenichel) 422. — Saul: A Note on the Psychogenesis of Organic 
Symptoms {Fenichel) 425. 

KORRESPONDENZBLATT DER INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 
I. Mitteilungen der Internationalen Unterrichtskommission 426. — II. Berichte der Zweigvereinigungen 428. 



Preis des Heftes Mark 7.50. Jahresabonnement Mark 28. — 
Jährlich 4 Hefte im Gesamtumfang von etwa 600 Seiten 

Einbanddecken zu dem abgeschlossenen XXI. Band (1955), sowie zu allen 
früheren Jahrgängen: in Leinen Mark 2.50, in Halbleder Mark 5. — 



Eigentümer und Verleger: Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges. m. b H., Wien IX, Berggasse 7 
erausgeber; Prof. Dr. Sigm. Freud, Wien. -Verantwortlich für die Redaktion: Dr. Edward Bibring, Wien VII, Siebensterngasse 31 

Druck: Jakob Weiß, Wien II, Große Sperlgasse 40 
Printed in Austria 






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XXII. Band 



1936 



Heft 3 



Internationale Zweitschrift 
tür Psychoanalyse 

Offizielles Organ der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

Herausgegeben von 



bigiru Freud 



Unter Mitwirkung von 



Felix Boehm G. Böse 

Berlin Kalkutta 


A. A. Brill 

New York 


Lucile Dooley M.Eitingon 

Washington Jerusalem 


J. E. G. van Emden S. Hollös 

Haag Budapest 


Ernest Jones 

London 


J. W. Kannabich Kiyoyasu Maruie 

Moskau Sendai 


Karl Menninger S. J. R. de Mönch y 

Topeka Rotterdam 


M.W.Peck 

Boston 


Edouard Pichon Philipp Sarasin 

Paris Basel 


Harald Schjelderup 

Oslo 


Alfhild Tamm 

Stockholm 

redigiert von 


Y. K. Yabe 

Tokio 


Edward Bibring 

Wien 


Heinz Hartmann 

Wien 


Sandor Rado 

New York 









I 



Ernest Jones Gedenkworte für M. D. Eder (1866—1936) 

Otto Fenichel Die symbolische Gleichung: Mädchen == Phallus 

Annie Reich Klinischer Beitrag zum Verständnis der paranoiden 

Persönlichkeit 

Lillian Rotter»Kertesz Der tiefenpsychologische Hintergrund der inzestuösen 

Fixierung 

Imre Hermann Sich? Anklammmern — Auf*Suche=Gehen 

Edith Jacobssohn Beitrag zur Entwicklung des weiblichen Kindwunsches 

Georg Gero Der Aufbau der Depression 

Referate