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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XXIII 1937 Heft 2"

XXIII. Band 1957 Heft 2 

Intcfnationaie Acitscnritt 
für Psycnoanalyse 



Offisicllcs 


Organ der Internationalen Psyclioanalytisclien Vereinisuns 




Her&usgegeben 


von 




Sigm* Freud 




Unter Mitwirkun 


g von 


Felix Boehm 

Berlin 


G. Böse M. Eitingon 

Kalkutta Jerusalem 


J. E. G. van Emden Thomas M. French 

Haag Chicago 


Lewis B. Hill 

Baltimore 


S. Hollös Ernest Jones 

Budapest London 


J. W. Kannabich Bertram D. Lewin 

Moskau New York 


Kiyoyasu Marui 

Sendai 


F. P. Muller M. W. Peck 

Leiden Boston 


Edouard Pichon Philipp Sarasin 

Paris Basel 


Harald Schjelderup Alfiiild Tamm 

Oslo Stockholm 


Edoardo Weiss Y. K. Yabe 

Rom Tokio 



redigiert von 
Edward Bibring Heinz Hartmann 

Wien Wien 



Sigm. Freud Die endliche und die unendliche Analyse 

Ernest Jones Die Zukunft der Psychoanalyse 

Paul Federn Die leitungslose Funktion im Zentralnerven? 

System 

Melanie Klein Zur Psychogenese der manisch-depressiven Zu# 

stände 

Theodor Reik Der Angstangriff 

Paul Schilder Sich* Anklammern und Gleichgewicht 

Referate 



1) Die in der „Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse" veröffentlichten BeU 
träge werden mit Mark 25. — per sechzehnseitigen Druckbogen honoriert. 

2) Die Autoren von Originalbeiträgen sowie von Mitteilungen im Umfange über zwei 
Druckseiten erhalten nach Wahl zwei Freiexemplare des betreffenden Heftes. 

3) Die Kosten der Übersetzung von Beiträgen, die die Autoren nicht in deutscher 
Sprache zur Verfügung stellen, werden vom Verlag getragen; die Autoren solcher Beiträge 
erhalten kein Honorar. 

4) Die Manuskripte sollen gut leserlich sein, möglichst in Schreibmaschinenschrift 
(einseitig und nicht eng geschrieben). Es ist erwünscht, daß die Autoren eine Kopie ihres 
Manuskriptes behalten. Zeichnungen und Tabellen sollen auf das unbedingt notwendige 
Maß beschränkt sein. Die Zeichnungen sollen tadellos ausgeführt sein, damit die Vorlage 
selbst reproduziert werden kann. 

5) Mehrkosten, die durch Autorkorrekturen, das heißt durch Textänderungen, Ein" 
Schaltungen, Streichungen, Umstellungen während der Druckkorrektur verursacht werden, 
werden vom Autorenhonorar in Abzug gebracht. 

6) Separata werden nur auf ausdrücklichen Wunsch und auf Kosten des Autors ange' 
fertigt. Die Kosten (einschließlich Porto der Zusendung der Separata) betragen für Beiträge 

bis 8 Seiten für 25 Exemplare Mark 15.— , für 50 Exemplare Mark 20. — 

von 9 „ 16 „ „ 25 „ „ 20.—, „ 50 „ „ 25.— 

„ 17 „ 21 „ „ 25 „ „ 30.-, „ 50 „ „ 40.- 

„ 25 „ 32 „ „ 25 „ „ 35.-, „ 50 „ „ 45.- 

Mehr als 50 Separata werden nur nach besonderer Vereinbarung mit dem Verlag an." 
gefertigt. 



Wir machen hiemit unsere Autoren auf folgendes aufmerksam: 
Nach den gesetzlichen Bestimmungen kann bis zum Ablauf von zwei dem Erschein» 
nungsjahr einer Arbeit folgenden Kalenderjahren über Verlagsrechte (Wiederabdruck und 
Übersetzungen) nur mit Genehmigung des Verlages verfügt werden. Auf Grund eines ge=> 
nerellen Übereinkommens, das wir mit dem „International Journal of Psycho» Analysis"ge5 
troffen haben, steht es jedoch jedem Autor frei, ohne ausdrückliche Genehmigung des 
Verlages der letztgenannten Zeitschrift das Recht der Übersetzung und des Wiederab;' 
drucks einzuräumen. 

Die Genehmigung einer Wiederveröffentlichung oder Übersetzung in einem anderen 
Organ muß, um Berücksichtigung finden zu können, zugleich mit Übersendung des Manu« 
skriptes verlangt werden. 

Die Redaktion. 



Redaktionelle Mitteilungen und Sendungen bitten wir zu richten an Dr. Edward 
Bibring und Dr. Heinz Hartmann, p. A. Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien, 
IX., Berggasse 7. 

Bestellungen und geschäftliche Zuschriften aller Art an 
Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien IX, Berggasse 7. 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

lyj^^^m yANALYTISCHE HOCHS CHULE IN BERLIN 



Internationale A^itscnriit 
für Psycnoanalyse 

Heraus3escbcn von Jigm. Frcucl 



XXIII. BanJ 1937 Heft 2 

Die endliche und die unendliche Analyse 

Von 

Sigm. Freud 



Erfahrung hat uns gelehrt, die psychoanalytische Therapie, die Befreiung 
eines Menschen von seinen neurotischen Symptomen, Hemmungen und 
Charakterabnormitäten ist eine langwierige Arbeit. Daher sind von allem 
Anfang an Versuche unternommen worden, um die Dauer der Analysen zu 
verkürzen. Solche Bemühungen bedurften keiner Rechtfertigung, sie konnten 
sich auf die verständigsten und zweckmäßigsten Beweggründe berufen. Aber 
es wirkte in ihnen wahrscheinlich auch noch ein Rest jener ungeduldigen 
Geringschätzung, mit der eine frühere Periode der Medizin die Neurosen 
betrachtet hatte, als überflüssige Erfolge unsichtbarer Schädigungen. Wenn 
man sich jetzt mit ihnen beschäftigen mußte, wollte man nur möglichst bald 
mit ihnen fertig werden. Einen besonders energischen Versuch in dieser 
Richtung hat O. Rank gemacht im Anschluß an sein Buch „Das Trauma 
der Geburt" (1924). Er nahm an, daß der Geburtsakt die eigentliche Quelle 
der Neurose sei, indem er die Möglichkeit mit sich bringt, daß die „Urfixiec 
rung" an die Mutter nicht überwunden wird und als „Urverdrängung" forti» 
besteht. Durch die nachträgliche analytische Erledigung dieses Urtraumas 
hoffte Rank die ganze Neurose zu beseitigen, so daß das eine Stückchen 
Analyse alle übrige analytische Arbeit ersparte. Einige wenige Monate sollten 
für diese Leistung genügen. Man wird nicht bestreiten, daß der Rank sehe 
Gedankengang kühn und geistreich war; aber er hielt einer kritischen Prüfung 
nicht stand. Der Versuch Ranks war übrigens aus der 2jeit geboren, unter 
dem Eindruck des Gegensatzes von europäischem Nachkiiegselend {und 
amerikanischer „prosperity" konzipiert und dazu bestimmt, das Tempo der 

Int. Zeitsdir. f. Psychoanalyse, XXIII/2 14 



[/- 



210 Sigm. Freud 

analytischen Therapie der Hast des amerikanischen Lebens anzugleichen. 
Man hat nicht viel davon gehört, was die Ausführung des Rankschen 
Planes für Krankheitsfälle geleistet hat. Wahrscheinlich nicht mehr, als die 
Feuerwehr leisten würde, wenn sie im Falle eines Hausbrandes durch eine 
umgestürzte Petroleumlampe sich damit begnügte, die Lampe aus dem 
Zimmer zu entfernen, in dem der Brand entstanden war. Eine erhebliche Abs« 
kürzung der Löschaktion wäre allerdings auf diese Weise zu erreichen. 
Theorie und Praxis des Rankschen Versuchs gehören heute der Vers» 
gangenheit an — nicht anders als die amerikanische „prosperity" selbst. 

Einen anderen Weg, um den Ablauf einer analytischen Kur zu beschleuß« 
nigen, hatte ich selbst noch vor der Kriegszeit eingeschlagen. Ich übernahm 
damals die Behandlung eines jungen Russen, der, durch Reichtum verwöhnt, 
in völliger Hilfslosigkeit, von Leibarzt und Pfleger begleitet, nach Wien ge^s 
kommen war.' Im Laufe einiger Jahre gelang es, ihm ein großes Stück seiner 
Selbständigkeit wiederzugeben, sein Interesse am Leben zu wecken, seine 
Beziehungen zu den für ihn wichtigsten Personen in Ordnung zu bringen, 
aber dann stockte der Fortschritt; die Aufklärung der Kindheitsneurose, auf 
der ja die spätere Erkrankung begründet war, ging nicht weiter und es waij 
deutlich zu erkennen, daß der Patient seinen derzeitigen Zustand als recht 
behaglich empfand und keinen Schritt tun wollte, der ihn dem Ende der 
Behandlung näher brächte. Es war ein Fall von Selbsthemmung der Kur; 
sie war in Gefahr, grade an ihrem — teilweisen — Erfolg zu scheitern. In 
dieser Lage griff ich zu dem heroischen Mittel der Terminsetzung. Ich er»* 
öffnete dem Patienten zu Beginn einer Arbeitssaison, daß dieses nächste Jahr 
das letzte der Behandlung sein werde, gleichgUtig, was er in der ihm noch 
zugestandenen Zeit leiste. Er schenkte mir zunächst keinen Glauben, aber 
nachdem er sich von dem unverbrüchlichen Ernst meiner Absicht überzeugt 
hatte, trat die gewünschte Wandlung bei ihm ein. Seine Widerstände 
schrumpften ein und in diesen letzten Monaten konnte er alle Erinnerungen 
reproduzieren und alle Zusammenhänge auffinden, die zum Verständnis 
seiner frühen und zur Bewältigung seiner gegenwärtigen Neurose notwendig 
schienen. Als er mich im Hochsommer 1914 verließ, ahnungslos wie wir 
alle der so nah bevorstehenden Ereignisse, hielt ich ihn für gründlich und 
dauernd geheilt. 

In einem Zusatz zur Krankengeschichte (1923) habe ich schon berichtet, 

1) Siehe die mit Einwilligung des Patienten veröffentlichte Schrift „Aus der Geschichte 
einer infantilen Neurose", 1918. Die spätere Erkrankung des jungen Mannes wird dort 
nicht ausführlich dargestellt, sondern nur gestreift, wo es der Zusammenhang mit der 
Kindheitsneurose unbedii^t erfordert. 



Die endliche und die unendliche Analyse 211 



daß dies nicht zutraf. Als er gegen Kriegsende als mittelloser Flüchtling nach 
Wien zurückkam, mußte ich ihm dabei helfen, ein nicht erledigtes Stück 
der Übertragung zu bewältigen; das gelang in einigen Monaten und ich 
konnte den Nachtrag mit der Mitteilung schließen, daß „der Patient, dem 
der Krieg Heimat, Vermögen und alle Familienbeziehungen geraubt hatte, 
sich seitdem normal gefühlt und tadellos benommen hat". Die anderthalb 
Jahrzehnte seither haben dies Urteil nicht Lügen gestraft, aber doch Eine 
schränkungen daran notwendig gemacht. Der Patient ist in Wien geblieben 
und hat sich in einer, wenn auch bescheidenen, sozialen Position bewährt. 
Aber mehrmals in diesem Zeitraum wurde sein Wohlbefinden durch Krank« 
heitszufäUe unterbrochen, die nur als Ausläufer seiner Lebensneurose nuige» 
faßt werden konnten. Die Geschicklichkeit einer meiner Schülerinnen, Frau 
Dr. Ruth Mack Brunswick, hat diese Zustände jedesmal nach kurzer 
Behandlung zu Ende gebracht; ich hoffe, sie wird bald selbst über diese 
Erfahrungen berichten. In einigen dieser Anfälle handelte es sich immer noch 
um Restbestände der Übertragung; sie zeigten dann bei aU ihrer Flüchtigkeit 
deutlich paranoischen Charakter. In anderen aber bestand das pathogen« 
Material aus Fragmenten seiner Kindergeschichte, die in der Analyse bei 
mir nicht zum Vorschein gekommen waren und sich nun — man kann dem 
Vergleich nicht ausweichen — wie Fäden nach einer Operation oder nekro«" 
tische Knochenstückchen nachträglich abstiefJen. Ich fand die Heilungsges« 
schichte dieses Patienten nicht viel weniger interessant als seine Kranken* 
geschichte. 

Ich habe die Terminsetzung später auch in anderen Fällen angewendet 
und auch die Erfahrungen anderer Analytiker zur Kenntnis genommen. Das 
Urteil über den Wert dieser erpresserischen Maßregel kann nicht zweifelhaft 
sein. Sie ist wirksam, vorausgesetzt, daß man die richtige Zeit für sie trifft. 
Aber sie kann keine Garantie für die vollständige Erledigung der Aufgabe 
geben. Man kann im Gegenteil sicher sein, daß während ein Teü des Mate# 
rials unter dem Zwang der Drohung zugänglich wird, ein anderer Teil 
zurückgehalten bleibt und damit gleichsam verschüttet wird, der therapeus« 
tischen Bemühung verloren geht. Man darf ja den Termin nicht erstrecken, 
nachdem er einmal festgesetzt worden ist; sonst hat er für die weitere Folgö 
jeden Glauben eingebüßt. Die Fortsetzung der Kur bei einem anderen Ana* 
lytiker wäre der nächste Ausweg; man weiß freilich, daß ein solcher Wechsel 
neuen Verlust an Zeit und Verzicht auf den Ertrag aufgewendeter Arbeit be^ 
deutet. Auch läßt sich nicht allgemein giltig angeben, wann die richtige Zeit 
für die Einsetzung dieses gewaltsamen technischen Mittels gekommen ist, 

14' 



212 Sigm. Freud 



es bleibt dem Takt überlassen. Ein Mißgriff ist nicht mehr gutzumachen. 
Das Sprichwort, daß der Löwe nur einmal springt, muß recht behalten. 

II. 

Die Erörterungen über das technische Problem, wie man den langsamen 
Ablauf einer Analyse beschleunigen kann, leiten uns nun zu einer anderen 
Frage von tieferem Interesse, nämlich, ob es ein natürliches Ende einer Ana:« 
lyse gibt, ob es überhaupt mögHch ist, eine Analyse zu einem solchen Ende 
zu führen. Der Sprachgebrauch unter Analytikern scheint eine solche Voraus»« 
Setzung zu begünstigen, denn man hört oft bedauernd oder entschuldigend 
über ein in seiner Unvollkommenheit erkanntes Menschenkind äußern: Seine 
Analyse ist nicht fertig geworden, oder: Er ist nicht zu Ende analysiert 
worden. 

Man muß sich zunächst darüber verständigen, was mit der mehrdeutigen 
Redensart „Ende einer Analyse" gemeint ist. Praktisch ist das leicht zu sagen. 
Die Analyse ist beendigt, wenn Analytiker und Patient sich nicht mehr zur 
analytischen Arbeitsstunde treffen. Sie werden so tun, wenn zwei Bedin* 
gungen ungefähr erfüllt sind, die erste, daß der Patient nicht mehr an seinen 
Symptomen leidet und seine Ängste wie seine Hemmungen überwunden hat, 
die zweite, daß der Analytiker urteilt, es sei beim Kranken soviel Verdrängtes 
bewußt gemacht, soviel Unverständliches aufgeklärt, soviel innerer Wider^« 
stand besiegt worden, daß man die Wiederholung der betreffenden patholo* 
gischen Vorgänge nicht zu befürchten braucht. Ist man durch äußere 
Schwierigkeiten verhindert worden, dies Ziel zu erreichen, so spricht man 
besser von einer unvollständigen als von einer unvollendeten Analyse. 

Die andere Bedeutung des Endes einer Analyse ist weit ehrgeiziger. In 
ihrem Namen wird gefragt, ob man die Beeinflussung des Patienten soweit 
getrieben hat, daß eine Fortsetzung der Analyse keine weitere Veränderung 
versprechen kann. Also als ob man durch Analyse ein Niveau von absoluter 
psychischer Normalität erreichen könnte, dem man auch die Fähigkeit zu# 
trauen dürfte, sich stabil zu erhalten, etwa wenn es gelungen wäre, alle vor«» 
gefallenai Verdrängungen aufzulösen und alle Lücken der Erinnerung aus«» 
zufüllen. Man wird zuerst die Erfahrung befragen, ob dergleichen vorkommt, 
und dann die Theorie, ob es überhaupt mögKch ist. 

Jeder Analytiker wird einige Fälle mit so erfreulichem Ausgang behandelt 
haben. Es ist gelungen, die vorhandene neurotische Störung zu beseitigen, 
sie ist nicht wiedergekehrt und hat sich durch keine andere ersetzt. Man ist 
auch nicht ohne Einsicht in die Bedingungen dieser Erfolge. Das Ich der 
Patienten war nicht merklich verändert urid die Ätiologie der Störung eine 



r 



Die endliche und die unendliche Analyse 213 



wesentlich traumatische. Die Ätiologie aller neurotischen Störungen ist ja 
eine gemischte; es handelt sich entweder um überstarke, also gegen die Bän*= 
digung durch das Ich widerspenstige Triebe, oder um die Wirkung von 
frühzeitigen, d. h. vorzeitigen Traumen, deren ein unreifes Ich nicht Herr 
werden konnte. In der Regel um ein Zusammenwirken beider Momente, des 
konstitutionellen und des akzidentellen. Je stärker das erstere, desto eher wird 
ein Trauma zur Fixierung führen und eine Entwicklungsstörung zurück* 
lassen; je stärker das Trauma, desto sicherer wird es seine Schädigung auch 
unter normalen Triebverhältnissen äußern. Es ist kein Zweifel, daß die trau# 
matische Ätiologie der Analyse die weitaus günstigere Gelegenheit bietet. 
Nur im vorwiegend traumatischen Fall wird die Analyse leisten, was sie 
meisterlich kann, die unzulängliche Entscheidung aus der Frühzeit dank der 
Erstarkung des Ichs durch eine korrekte Erledigung ersetzen. Nur in einem 
solchen Falle kann man von einer endgiltig beendeten Analyse sprechen. 
Hier hat die Analyse ihre Schuldigkeit getan und braucht nicht fortgesetzt 
zu werden. Wenn der so hergestellte Patient niemals wieder eine Störung 
produziert, die ihn der Analyse bedürftig macht, so weiß man freilich .nicht, 
wieviel von dieser Immunität der Gunst des Schicksals zu danken ist, die ihm 
zu starke Belastungsproben erspart haben mag. 

Die konstitutionelle Triebstärke und die im Abwehrkampf erworbene un<» 
günstige Veränderung des Ichs, im Sinne einer Verrenkung und Ein* 
schränkung, sind die Faktoren, die der Wirkung der Analyse ungünstig sind 
und ihre Dauer ins UnabschKeßbare verlängern können. Man ist versucht, 
das erstere, die Triebstärke, auch für die Ausbildung des anderen, der Ich» 
Veränderung, verantwortlich zu machen, aber es scheint, daß diese auch ihre 
eigene Ätiologie hat, und eigentlich muß man zugestehen, daß diese Ver.» 
hältnisse noch nicht genügend bekannt sind. Sie werden eben erst jetzt 
Gegenstand des analytischen Studiums. Das Interesse der Analytiker scheint 
mir in dieser Gegend überhaupt nicht richtig eingestellt zu sein. Anstatt zu 
untersuchen, wie die Heilung durch die Analyse zustande kommt, was ich 
für hinreichend aufgeklärt halte, sollte die Fragestellung lauten, welche 
Hindernisse der analytischen Heilung im Wege stehen. 

Hier anschließend möchte ich zwei Probleme behandeln, die sich direkt 
aus der analytischen Praxis ergeben, wie die nachstehenden Beispiele zeigen 
sollen. Ein Mann, der die Analyse selbst mit großem Erfolge ausgeübt hat, 
urteUt, daß sein Verhältnis zum Mann wie zur Frau — zu den Männern, 
die seine Konkurrenten sind, und zur Frau, die er liebt — doch nicht frei von 
neurotischen Behinderungen ist, und macht sich darum zum analjrtischen 






214 








Sigm. Freud 


Objekt 


eines 


Anderen, 


den 


er für ihm überlegen hält. Diese kritische Durch«» 



leuchtung der eigenen Person bringt ihm vollen Erfolg. Er heiratet die g& 
liebte Frau und wandelt sich zum Freund und Lehrer der vermeintlichen 
Rivalen. Es vergehen so viele Jahre, in denen auch die Beziehung zum ein^ 
stigen Analytiker ungetrübt bleibt. Dann aber tritt ohne nachweisbaren 
äußeren Anlaß eine Störung ein. Der Analysierte tritt in Opposition zum 
Analytiker, er wirft ihm vor, daß er es versäumt hat, ihm eine vollständige 
Analyse zu geben. Er hätte doch wissen und in Betracht ziehen müssen, daß 
eine Übertragungsbeziehung niemals bloß positiv sein kann; er hätte sich 
um die Möglichkeiten einer negativen Übertragung bekümmern müssen. Der 
Analytiker verantwortet sich darin, daß zur Zeit der Analyse von einer nega«» 
tiven Übertragung nichts zu merken war. Aber selbst angenommen, daß er 
leiseste Anzeichen einer solchen übersehen hätte, was bei der Enge des Horis« 
zonts in jener Frühzeit der Analyse nicht ausgeschlossen wäre, so bliebe es 
zweifelhaft, ob er die Macht gehabt hätte, ein Thema, oder, wie man sagt: 
einen „Komplex", durch seinen bloßen Hinweis zu aktivieren, solange er beim 
Patienten selbst nicht aktuell war. Dazu hätte es doch gewiß einer im realen 
Sinne unfreundlichen Handlung gegen den Patienten bedurft. Und außerdem 
sei nicht jede gute Beziehung zwischen Analytiker und Analysiertem, während 
und nach der Analyse, als Übertragung einzuschätzen. Es gebe auch freund* 
schaftliche Beziehungen, die real begründet sind und sich als lebensfähig 
erweisen. 

Ich füge gleich das zweite Beispiel an, aus dem sich das nämliche Pro;» 
blem erhebt. Ein älteres Mädchen ist seit ihrer Pubertät durch Gehunfähig.« 
keit infolge heftiger Beinschmerzen aus dem Leben ausgeschaltet worden, 
der Zustand ist offenbar hysterischer Natur, er hat vielen Behandlungen 
getrotzt; eine analytische Kur von dreiviertel Jahren beseitigt ihn und gibt 
einer tüchtigen xmd wertvollen Person ihre Rechte auf einen Anteil am 
Leben wieder. Die Jahre nach der Genesung bringen nichts Gutes: Kata* 
Strophen in der Familie, Vermögensverlust, mit dem Altem das Schwinden 
jeder Aussicht auf Liebesglück und Ehe. Aber die ehemals Kranke hält allem 
wacker stand und wirkt in schweren Zeiten als eine Stütze für die Ihrigen. 
Ich weiß nicht mehr, ob es 12 oder 14 Jahre nach Beendigung der Kur war, 
daß profuse Blutungen eine gynäkologische Untersuchung notwendig 
machten. Es fand sich ein Myom, das die Totalexstirpation des Uterus be* 
rechtigte. Von dieser Operation an war das Mädchen wieder krank. Sie ver# 
liebte sich in den Operateur, schwelgte in masochistischen Phantasien von 
den schrecklichen Veränderungen in ihrem Inneren, mit denen sie ihren 




Die endliche und die unendliche Analyse 215 



Liebesroman verhüllte, erwies sich als unzugänglich für einen neuerlichen 
analytischen Versuch und wurde auch bis zu ihrem Lebensende nicht mehr 
normal. Die erfolgreiche Behandlimg liegt so weit zurück, daß man keine 
großen Ansprüche an sie stellen darf; sie fällt in die ersten Jahre meiner ana«= 
lytischen Tätigkeit. Es ist immerhin möglich, daß die zweite Erkrankung 
aus derselben Wurzel stammte wie die glücklich überwundene erste, daß sie 
ein veränderter Ausdruck derselben verdrängten Regungen war, die in der 
Analyse nur eine unvollkommene Erledigung gefunden hatten. Aber ich 
möchte doch glauben, daß es ohne das neue Trauma nicht zum neuerlichen 
Ausbruch der Neurose gekommen wäre. 

Diese beiden Fälle, absichtlich ausgewählt aus einer großen Anzahl ahn* 
lieber, werden hinreichen, um die Diskussion über unsere Themen anzu»= 
fachen. Skeptiker, Optimisten, Ehrgeizige werden sie in ganz verschiedener 
Weise verwerten. Die ersteren werden sagen, es sei nun erwiesen, daß auch 
eine geglückte analytische Behandlung den derzeit Geheilten nicht davor 
schütze, später an einer anderen Neurose, ja selbst an einer Neurose aus der 
nämlichen Triebwurzel, also eigentlich an einer Wiederkehr des alten Leidens, 
zu erkranken. Die anderen werden diesen Beweis nicht für erbracht halten, 
Sie werden einwenden, die beiden Erfahrungen stammten aus den Frühzeiten 
der Analyse, vor 20 und vor 30 Jahren. Seither haben sich unsere Ein>= 
sichten vertieft und erweitert, unsere Technik habe sich in Anpassung an 
die neuen Errungenschaften verändert. Man dürfe heute fordern und er*« 
warten, daß eine analytische Heilung sich als dauernd bewähre, oder zum 
mindesten, daß eine neuerliche Erkrankung sich nicht als Wiederbelebung 
der früheren Triebstörung in neuen Ausdrucksformen erweise. Die Erfahr 
rung nötige uns nicht, die Ansprüche an unsere Therapie in so empfinds« 
lieber Weise einzuschränken. 

Ich habe natürlich die beiden Beobachtungen darum ausgewähh, weil sie 
so weit zurückliegen. Je rezenter ein Erfolg der Behandlung ist, desto mehr 
wird er begreiflicher Weise unbrauchbar für unsere Erwägungen, da wir 
kein Mittel haben, das spätere Schicksal einer Heilung vorherzusehen. Die 
Erwartungen der Optimisten setzen offenbar mancherlei voraus, was nicht 
grade selbstverständlich ist, erstens, daß es überhaupt möglich ist, einen 
Triebkonflikt (d. h. besser: einen Konflikt des Ichs mit einem Trieb) end* 
gültig für alle Zeiten zu erledigen, zweitens, daß es gelingen kann, einen 
Menschen, während man ihn an dem einen Triebkonflikt behandelt, gegen 
alle anderen solcher Konfliktmöglichkeiten sozusagen zu impfen, drittens, 
daß man die Macht hat, einen solchen pathogenen Konflikt, der sich derzeit 



216 Sigtn. Freud 



durch kein Anzeichen verrät, zum Zwecke der vorbeugenden Behandlung zu 
vrecken, und daß man weise daran tut. Ich werfe diese Fragen auf, ohne sie 
gegenwärtig beantworten zu wollen. Vielleicht ist uns eine sichere Beant* 
wortung derzeit überhaupt nicht möglich. 

Theoretische Überlegungen werden uns wahrscheinlich gestatten, einiges 
zu ihrer Würdigung beizutragen. Aber etwas anderes ist uns jetzt schon klar 
geworden: Der Weg zur Erfüllung der gesteigerten Ansprüche an die ana<« 
lytische Kur führt nicht zur oder über die Abkürzung ihrer Dauer. 

III. 

Analytische Erfahrung, die sich über mehrere Dezennien erstreckt, und 
ein Wechsel in der Art und Weise meiner Betätigung ermutigen mich, die 
Beantwortung der gestellten Fragen zu versuchen. In früheren Zeiten hatte 
ich es mit einer größeren Anzahl von Patienten zu tun, die, wie begreiflich, 
auf rasche Erledigung drängten; in den letzten Jahren haben die Lehranalysen 
überwogen und eine im Verhältnis geringe Zahl von schwerer Leidenden 
blieb bei mir zu fortgesetzter, wenn auch durch kurze oder längere Pausen 
unterbrochener Behandlung. Bei diesen letzteren war die therapeutische Ziel* 
Setzung eine andere geworden. Eine Abkürzung der Kur kam nicht mehr in 
Betracht, die Absicht war, eine gründliche Erschöpfung der Krankheitsmög<» 
lichkeiten und tiefgehende Veränderung der Person herbeizuführen. 

Von den drei Momenten, die wir als maf^ebend für die Chancen der 
analytischen Therapie anerkannt haben: Einfluß von Traumen — konstitu* 
tionelle Triebstärke — Ichveränderung, kommt es uns hier nur auf das mitfe« 
lere an, die Triebstärke. Die nächste Überlegung läßt uns in Zweifel ziehen, 
ob die Einschränkung durch das Beiwort konstitutionell (oder kongenital) 
unerläßlich ist. So entscheidend von allem Anfang das konstitutionelle Mo« 
ment sein mag, so bleibt es doch denkbar, daß eine später im Leben aufe* 
tretende Triebverstärkung die gleichen Wirkungen äußern mag. Die Formel 
wäre dann abzuändern: derzeitige Triebstärke anstatt der konstitutionellen. 
Die erste unserer Fragen hat gelautet: ist es möglich, einen Konflikt des 
Triebs mit dem Ich oder einen pathogenen Triebanspruch an das Ich durch 
analytische Therapie dauernd und endgültig zu erledigen? Es ist wahrschein* 
lieh zur Vermeidung von Mißverständnis nicht unnötig, näher auszuführen, 
was mit der Wortfügung: dauernde Erledigung eines Triebanspruchs gcs» 
meint ist. Gewiß nicht, daß man ihn zum Verschwinden bringt, so daß er 
nie wieder etwas von sich hören läßt. Das ist im allgemeinen unmöglich, wäre 
aueh. gar nicht wünschenswert. Nein, sondern etwas anderes, was man un« 
gefähr als die „Bändigung" des Triebes bezeichnen kann: das will heißen, 




I 



Die endliche «nd die unendliche Analyse 217 

daß der Trieb ganz in die Harmonie des Ichs aufgenommen, allen Beein« 
flussungen durch die anderen Strebungen im Ich zugänglich ist, nicht mehr 
seine eigenen Wege zur Befriedigung geht. Fragt man, auf welchen Wegen 
und mit welchen Mitteln das geschieht, so hat man's nicht leicht mit der Be»= 
antwortung. Man muß sich sagen: „So muß denn doch die Hexe dran". 
Die Hexe Metapsychologie nämlich. Ohne metapsychologisches Spekulieren 
und Theoretisieren — beinahe hätte ich gesagt: Phantasieren — kommt man 
hier keinen Schritt weiter. Leider sind die Auskünfte der Hexe auch diesmal 
weder sehr klar noch sehr ausführlich. Wir haben nur einen Anhaltspunkt 
— der allerdings unschätzbar — an dem Gegensatz zwischen Primär=< und 
Sekundärvorgang, und auf den will ich auch hier verweisen. 

Wenn wir jetzt zu unserer ersten Frage zurückkehren, so finden wir, daß 
unser neuer Gesichtspunkt uns eine bestimmte Entscheidung aufdrängt. Die 
Frage hat gelautet, ob es möglich ist, einen Triebkonflikt dauernd und end=» 
gültig zu erledigen, d. h. : den Triebanspruch in solcher Weise zu „bäw 
digen". In dieser Fragestellung wird die Triebstärke überhaupt nicht erwähnt, 
aber gerade von ihr hängt der Ausgang ab. Gehen wir davon aus, daß dife 
Analyse beim Neurotiker nichts anderes leistet, als was der Gesunde ohne 
diese Hilfe zustande bringt. Beim Gesunden aber, lehrt die tägliche Erfah*« 
rung, gilt jede Entscheidung eines Triebkonflikts nur für eine bestimmte 
Triebstärke, richtiger gesagt, nur innerhalb einer bestimmten Relation zwi* 
sehen Stärke des Triebs und Stärke des Ichs.^ Läßt die Stärke des Ichs nach, 
durch Krankheit, Erschöpfung u. dgl., so können alle bis dahin glücklich 
gebändigten Triebe ihre Ansprüche wieder anmelden und auf abnormen 
Wegen ihre Ersatzbefriedigungen anstreben.^ Den unwiderleglichen Beweis 
für diese Behauptung gibt schon der nächtliche Traum, der auf die Schlafe 
einstellung des Ichs mit dem Erwachen der Triebansprüche reagiert. 

Ebenso unzweifelhaft ist das Material von der anderen Seite. Zweimal 
im Laufe der individuellen Entwicklung treten erhebliche Verstärkungen 
gewisser Triebe auf, zur Pubertät und um die Menopause bei Frauen. Wir 
sind nicht im geringsten überrascht, wenn Personen, die vorher nicht neuro«« 
tisch waren, es um diese Zeiten werden. Die Bändigung der Triebe, die ihnen 
bei geringerer Stärke derselben gelungen war, mißlingt nun bei deren Ver*i 

2) In gewissenhafter Korrektur: für eine gewisse Breite dieser Relation. 

3) Dies zur Rechtfertigung des ätiologischen Anspruchs so unspezifischer Momente wie 
Überarbeitung, Schockwirkung usw., die immer der allgemeinen Anerkennung sicher waren 
und grade von der Psychoanalyse in den Hintergrund gedrängt werden mußten. Ge* 
sundheit läßt sich eben nicht anders denn metapsychologisch beschreiben, bezogen 
auf Kräfteverhältnisse zwischen den von uns erkannten, wenn man will, erschlossenen, 
vermuteten, Instanzen des seeHschen Apparats. 



218 Sigm. Freud 

Stärkung. Die Verdrängungen benehmen sich wie Dämme gegen den An<» 
drang der Gewässer. Dasselbe, was diese beiden physiologischen Triebver*» 
Stärkungen leisten, kann in irregulärer Weise zu jeder anderen Lebenszeit 
durch akzidentelle Einflüsse herbeigeführt werden. Es kommt zu Triebver* 
Stärkungen durch neue Traumen, aufgezwungene Versagungen, kollaterale 
Beeinflussungen der Triebe untereinander. Der Erfolg ist alle Male der 
gleiche und erhärtet die unwiderstehliche Macht des quantitativen Moments 
in der Krankheitsverursachung. 

Ich bekomme hier den Eindruck, als müßte ich mich all dieser schwer» 
fälligen Erörterungen schämen, da doch das, was sie sagen, längst bekannt 
und selbstverständlich ist. Wirklich, wir haben uns immer so benommen, 
als wüßten wir es; nur, daß wir in unseren theoretischen Vorstellungen zu»- 
meist versäumt haben, dem ökonomischen Gesichtspunkt in demselben 
Maß Rechnung zu tragen wie dem dynamischen und dem topischen. 
Meine Entschuldigung ist also, daß ich an dieses Versäumnis mahne. 

Ehe wir uns aber für eine Antwort auf unsere Frage entscheiden, haben 
wir einen Einwand anzuhören, dessen Stärke darin besteht, daß wir wahr:* 
scheinhch von vornherein für ihn gewonnen sind. Er sagt, unsere Argumente 
sind alle aus den spontanen Vorgängen zwischen Ich und Trieb hergeleitet 
und setzen voraus, daß die analytische Therapie nichts machen kann, was 
nicht unter günstigen, normalen Verhältnissen von selbst geschieht. Aber ist 
das wirklich so? Erhebt nicht gerade unsere Theorie den Anspruch, einen 
Zustand herzustellen, der im Ich spontan nie vorhanden ist und dessen Neu»= 
Schöpfung den wesentlichen Unterschied zwischen dem analysierten und dem 
nicht analysierten Menschen ausmacht? Halten wir uns vor, worauf sich 
dieser Anspruch beruft. Alle Verdrängungen geschehen in früher Kindheit; 
es sind primitive Abwehrmaßregeln des unreifen, schwachen Ichs. In späteren 
Jahren werden keine neuen Verdrängungen vollzogen, aber die alten erhalten 
sich und ihre Dienste werden vom Ich weiterhin zur Triebbeherrschung in 
Anspruch genommen. Neue Konflikte werden, wie wir es ausdrücken, durch 
„Nachverdrängung" erledigt. Von diesen infantilen Verdrängungen mag 
gelten, was wir allgemein behauptet haben, daß sie voll und ganz vom rela^ 
tiven Kräfteverhältnis abhängen und einer Steigerung der Triebstärke nicht 
standhalten können. Die Analyse aber läßt das gereifte und erstarkte Ich eine 
Revision dieser alten Verdrängungen vornehmen; einige werden abgetragen, 
andere anerkannt, aber aus soliderem Material neu aufgebaut. Diese neuen 
Dämme haben eine ganz andere Haltbarkeit als die früheren; ihnen darf man 
zutrauen, daß sie den Hochfluten der Triebsteigerung nicht so leicht nacb» 




Die endliche und die unendliche Analyse 219 

geben werden. Die nachträgliche Korrektur des ursprünglichen Verdräng 
gungsvorganges, die der Übermacht des quantitativen Faktors ein Ende 
macht, wäre also die eigentliche Leistung der analytischen Therapie. 

So weit unsere Theorie, auf die wir ohne unwidersprechlichen Zwang nicht 
verzichten können. Und was sagt die Erfahrung dazu? Die ist vielleicht noch 
nicht umfassend genug für eine sichere Entscheidung. Oft genug gibt sie 
unseren Erwartungen recht, doch nicht jedesmal. Man hat den Eindruck, 
daß man nicht überrascht sein dürfte, wenn sich am Ende herausstellt, daß 
der Unterschied zwischen dem nicht Analysierten und dem späteren Ver^* 
halten des Analysierten doch nicht so durchgreifend ist, wie wir es erstreben, 
erwarten und behaupten. Demnach würde es der Analyse zwar manchmal 
gelingen, den Einfluß der Triebverstärkung auszuschalten, aber nicht regel» 
mäßig. Oder ihre Wirkung beschränkte sich darauf, die Widerstandskraft 
der Hemmungen zu erhöhen, so daß sie nach der Analyse weit stärkeren 
Anforderungen gewachsen wären als vor der Analyse oder ohne eine solche. 
Ich getraue mich hier wirklich keiner Entscheidung, weiß auch nicht, ob 
sie derzeit möglich ist. 

Man kann sich dem Verständnis dieser Unstetigkeit in der Wirkung der 
Analyse aber von anderer Seite her nähern. Wir wissen, es ist der erste Schritt 
zur intellektuellen Bewältigung der Umwelt, in der wir leben, daß wir AIIge# 
meinheiten. Regeln, Gesetze herausfinden, die Ordnung in das Chaos 
bringen. Durch diese Arbeit vereinfachen wir die Welt der Phänomene, 
können aber nicht umhin, sie auch zu verfälschen, besonders wenn es sich 
um Vorgänge von Entwicklung und Umwandlung handeh. Es kommt uns 
darauf an, eine qualitative Änderung zu erfassen, und wir vernachlässigen 
dabei in der Regel, wenigstens zunächst, einen quantitativen Faktor. In der 
Realität sind die Übergänge und Zwischenstufen weit häufiger als die scharf 
gesonderten gegensätzlichen Zustände. Bei Entwicklungen und Verwand* 
lungen richtet sich unsere Aufmerksamkeit allein auf das Resultat; wir übers« 
sehen gern, daß sich solche Vorgänge gewöhnlich mehr oder weniger unvoll;» 
ständig vollziehen, also eigentlich im Grunde nur partielle Veränderungen 
sind. Der scharfsinnige Satiriker des alten Österreichs, J. N e s t r o y, hat 
einmal geäußert: „Ein jeder Fortschritt ist nur immer halb so groß, als wie 
er zuerst ausschaut". Man wäre versucht, dem boshaften Satz eine recht alL» 
gemeine Geltung zuzusprechen. Es gibt fast immer Resterscheinungen, ein 
partielles Zurückbleiben. Wenn der freigebige Mäzen uns durch einen vers= 
einzelten Zug von Knauserei überrascht, der sonst Übergute sich plötzlich 
in einer feindseligen Handlung gehen läßt, so sind diese „Resterscheinungen" 



220 Sigm. Fteud ^ 

unschätzbar für die genetische Forschung. Sie zeigen uns, daß jene lobens.» 
werten und wertvollen Eigenschaften auf Kompensation und Überkompen.* 
sation beruhen, die, wie zu erwarten stand, nicht durchaus, nicht nach denn 
vollen Betrag gelungen sind. Wenn unsere erste Beschreibung der Libidoent* 
Wicklung gelautet hat, eine ursprüngliche orale Phase mache der sadistische 
analen und diese der phallisch»«genitalen Platz, so hat spätere Forschung dem 
nicht etwa widersprochen, sondern zur Korrektur hinzugefügt, daß diese 
Ersetzungen nicht plötzlich, sondern allmählich erfolgen, so daß jederzeit 
Stücke der früheren Organisation neben der neueren fortbestehen, und daß 
selbst bei normaler Entwicklung die Umwandlung nie vollständig geschieht, 
so daß noch in der endgültigen Gestaltung Reste der früheren Libidofixie^ 
rungen erhalten bleiben können. Auf ganz anderen Gebieten sehen wir das 
nämliche. Keiner der angeblich überwundenen Irr^* und Aberglauben der 
Menschheit, von dem nicht Reste heute unter uns fortleben, in den tieferen 
Schichten der Kulturvölker oder selbst in den obersten Schichten der Kultur^ 
gesellschaft. Was einmal zu Leben gekommen ist, weiß sich zäh zu behaupten. 
Manchmal könnte man zweifeln, ob die Drachen der Urzeit wirklich ausge.=> 
storben sind. 

Um nun die Anwendung auf unseren Fall zu machen, ich meine, die Ant* 
wort auf die Frage, wie sich die Unstetigkeit unserer analytischen Therapie 
erklärt, könnte leicht sein, daß wir unsere Absicht, die undichten Verdrän* 
gungen durch zuverlässige, ichgerechte Bewältigungen zu ersetzen, auch nicht 
immer im vollen Umfang, also nicht gründlich genug erreichen. Die Um* 
Wandlung gelingt, aber oft nur partiell; Anteile der alten Mechanismen 
bleiben von der analytischen Arbeit unberührt. Es läßt sich schwer beweisen, 
daß dem wirklich so ist; wir haben ja keinen anderen Weg, es zu beurteilen, 
als eben den Erfolg, den es zu erklären gilt. Aber die Eindrücke, die man 
während der analytischen Arbeit empfängt, widersprechen unserer Annahme 
nicht, scheinen sie eher zu bestätigen. Man darf nur die Klarheit unserer 
eigenen Einsicht nicht zum Maß der Überzeugung nehmen, die wir beim 
Analysierten hervorrufen. Es mag ihr an „Tiefe" fehlen, wie wir sagen 
können; es handelt sich immer um den gerne übersehenen quantitativen 
Faktor. Wenn dies die Lösung ist, so kann man sagen, die Analyse habe mit 
ihrem Anspruch, sie heile Neurosen durch die Sicherung der Triebbeherr?* 
schung, in der Theorie immer recht, in der Praxis nicht immer. Und zwar 
darum, weU es ihr nicht immer gelingt, die Grundlagen der Triebbeherr»» 
schung in genügendem Ausmaß zu sichern. Der Grund dieses partieUeli 
Mißerfolgs ist leicht zu finden. Das quantitative Moment der Triebstärke 




Die endliche und die unendliche Analyse 221 

hatte sich seinerzeit dem Abwehrstreben des. Ichs widersetzt; wir haben 
darum die analytische Arbeit zur Hilfe gerufen, und nun setzt dasselbe Mo^ 
ment der Wirksamkeit dieser neuen Bemühung eine Grenze. Bei übergroßer 
Triebstärke mißlingt dem gereiften und von der Analyse unterstützten Ich 
die Aufgabe, ähnlich wie früher dem hilflosen Ich; die Triebbeherrschung 
wird besser, aber sie bleibt unvollkommen, weil die Umwandlung des Ab.* 
Wehrmechanismus nur unvollständig ist. Daran ist nichts zu verwundern, 
denn die Analyse arbeitet nicht mit unbegrenzten, sondern mit beschränkten 
Machtmitteln und das Endergebnis hängt immer vom relativen Kräftever*' 
hältnis der mit einander ringenden Instanzen ab. 

Es ist unzweifelhaft wünschenswert, die Dauer einer analytischen Kur ab«» 
zukürzen, aber der Weg zur Durchsetzung unserer therapeutischen Absicht 
führt nur über die Verstärkung der analytischen Hilfskraft, die wir dem Ich 
zuführen wollen. Die hypnotische Beeinflussung schien ein ausgezeichnetes 
Mittel für unsere Zwecke zu sein; es ist bekannt, warum wir darauf ver<« 
ziehten mußten. Ein Ersatz für die Hypnose ist bisher nicht gefunden wor* 
den, aber man versteht von diesem Gesichtspunkt aus die leider vergeblichen 
therapeutischen Bemühungen, denen ein Meister der Analyse wie Ferenczi 
seine letzten Lebensjahre gewidmet hat. 

IV. 

Die beiden anschließenden Fragen, ob man den Patienten während der 
Behandlung eines Triebkonflikts gegen zukünftige Triebkonflikte schützen 
kann und ob es ausführbar und zweckmäßig ist, einen derzeit nicht mani« 
festen Triebkonflikt zum Zwecke der Vorbeugung zu wecken, sollen mit« 
einander behandelt werden, denn es ist offenbar, daß man die erste Aufgabe 
nur lösen kann, indem man das zweite tut, also den in der Zukunft mög» 
liehen Konflikt in einen aktuellen verwandelt, den man der Beeinflussung 
unterzieht. Diese neue Fragestellung ist im Grunde nur eine Fortführung 
der früheren. Handelte es sich vorhin um eine Verhütung der Wiederkehr 
desselben Konflikts, so jetzt um seine mögliche Ersetzung durch einen 
anderen. Was man da vorhat, klingt sehr ehrgeizig, aber man will sich nuij 
klar machen, welche Grenzen der Leistungsfähigkeit einer analytischen The* 
rapie gesteckt sind. 

So sehr es den therapeutischen Ehrgeiz verlocken mag, sich derartige Auf* 
gaben zu stellen, die Erfahrung hat nur eine glatte Abweisung bereit. Wenn 
ein Triebkonflikt nicht aktuell ist, sich nicht äußert, kann man ihn auch durch 
die Analyse nicht beeinflussen. Die Warnung, schlafende Hunde nicht zu 
wecken, die man unseren Bemühungen um die Erforschung der psychischen 



222 Sigm. Freud ^ 

Unterwelt so oft entgegengehalten, ist für die Verhältnisse des Seelenlebens 
ganz besonders unangebracht. Denn, wenn die Triebe Störungen machen, 
ist es ein Beweis, daß die Hunde nicht schlafen, und wenn sie wirklich zu 
schlafen scheinen, liegt es nicht in unserer Macht, sie aufzuwecken. Diese 
letztere Behauptung scheint aber nicht ganz zutreffend, sie fordert eine eiiw 
gehendere Diskussion heraus. Überlegen wir, welche JVlittel wir haben, um 
einen derzeit latenten Triebkonflikt aktuell zu machen. Offenbar können wir 
nur zweierlei tun: entweder Situationen herbeiführen, in denen er aktuell 
wird, oder uns damit begnügen, von ihm in der Analyse zu sprechen, auf 
seine Möglichkeit hinzuweisen. Die erstere Absicht kann auf zweierlei Wegen 
erreicht werden; erstens in der Realität, zweitens in der Übertragung, beide 
Male, indem wir den Patienten einem Maß von realem Leiden durch Versaä« 
gung und Libidostauung aussetzen. Nun ist es richtig, daß wir uns einer 
solchen Technik schon in der gewöhnlichen Übung der Analyse bedienen. 
Was wäre sonst der Sinn der Vorschrift, daß die Analyse „in der Versagung" 
durchgeführt werden soll? Aber das ist eine Technik bei der Behandlung 
eines bereits aktuellen Konflikts. Wir suchen diesen Konflikt zuzuspitzen, 
ihn zur schärfsten Ausbildung zu bringen, um die Triebkraft für seine Lö* 
sung zu steigern. Die analytische Erfahrung hat uns gezeigt, daß jedes Besser 
ein Feind des Guten ist, daß wir in jeder Phase der Herstellung mit der Träg>» 
heit des Patienten zu kämpfen haben, die bereit ist, sich mit einer unvolL» 
kommenen Erledigung zu begnügen. 

Wenn wir aber auf eine vorbeugende Behandlung von nicht aktuellen, 
bloß möglichen Triebkonflikten ausgehen, genügt es nicht, vorhandenes und 
unvermeidliches Leiden zu regulieren, man müßte sich entschließen, neues 
ins Leben zu rufen, und dies hat man bisher gewiß mit Recht dem Schicksal 
überlassen. Von allen Seiten würde man vor der Vermessenheit gewarnt 
werden, im Wettbewerb mit dem Schicksal so grausame Versuche mit den 
armen Menschenkindern anzustellen. Und welcher Art würden diese sein? 
Kann man es verantworten, daß man im Dienst der Prophylaxe eine be^ 
friedigende Ehe zerstört oder eine Stellung aufgeben läßt, mit der die Lebens«» 
Sicherung des Analysierten verbunden ist? Zum Glück kommt man gar nicht 
in die Lage, über die Berechtigung solcher Eingriffe ins reale Leben nachzu^ 
denken; man hat überhaupt nicht die Machtvollkommenheit, die sie erfor* 
dern, und das Objekt dieses therapeutischen Experiments würde gewiß nicht 
mittun wollen. Ist dergleichen also in der Praxis so gut wie ausgeschlossen, 
so hat die Theorie noch andere Einwände dagegen. Die analytische Arbeit 
geht nämlich am besten vor sich, wenn die pathogenen Erlebnisse der Ver:» 



F 



Die endliche und die unendliche Analyse 223 



gangenheit angehören, so daß das Ich Distanz zu ihnen gewinnen konnte. 
In akut krisenhaften Zuständen ist die Analyse so gut wie nicht zu brauchen. 
Alles Interesse des Ichs wird dann von der schmerzhaften Realität in Aa* 
Spruch genommen und verweigert sich der Analyse, die hinter diese Ober«* 
fläche führen und die Einflüsse der Vergangenheit aufdecken will. Einen 
frischen Konflikt zu schaffen, wird also die analytische Arbeit nur ver*> 
langem und erschweren. 

Man wird einwenden, das seien völlig überflüssige Erörterungen. Nie^ 
mand denke daran, die Behandlungsmöglichkeit des latenten Triebkonflikts 
dadurch herzustellen, daß man absichtlich eine neue Leidenssituation herauf^ 
beschwört. Das sei auch keine rühmenswerte prophylaktische Leistung. Es 
sei zum Beispiel bekannt, daß eine überstandene Scarlatina eine Immunität 
gegen die Wiederkehr der gleichen Erkrankung zurückläßt; darum fällt es 
doch den Internisten nicht ein, einen Gesunden, der möglicher Weise an 
Scarlatina erkranken kann, zum Zwecke dieser Sicherung mit Scarlatina zu 
infizieren. Die Schutzhandlung darf nicht dieselbe Gefahrsituation her«» 
stellen wie die der Erkrankung selbst, sondern nur eine um sehr viel ge^ 
ringere, wie es bei der Blatternimpfung und vielen ähnlichen Verfahren er;* 
reicht wird. Es kämen also auch bei einer analytischen Prophylaxe der Triebe 
konflikte nur die beiden anderen Methoden in BetracH die künstliche Er:* 
Zeugung von neuen Konflikten in der Übertragung, denen doch der Cha^ 
rakter der Realität abgeht, und die Erweckung solcher Konflikte in der Vor^ 
Stellung des Analysierten, indem man von ihnen spricht und ihn mit ihrer 
Möglichkeit vertraut macht. 

Ich weiß nicht, ob man behaupten darf, das erstere dieser beiden milderen 
Verfahren sei in der Analyse durchaus unanwendbar. Es fehlt an besonders 
darauf gerichteten Untersuchungen. Aber es drängen sich sofort Schwierige 
keiten auf. die das Unternehmen nicht als sehr aussichtsreich erscheinen 
lassen. Erstens, daß man in der Auswahl solcher Situationen für die Über», 
tragung recht eingeschränkt ist. Der Analysierte selbst kann nicht alle seine 
Konflikte in der Übertragung unterbrmgen; ebensowenig kann der Ana*, 
lytiker aus der Übertragungssituation alle möglichen Triebkonflikte des Pa* 
tienten wachrufen. Man kann ihn etwa eifersüchtig werden oder Liebesenty 
täuschungen erleben lassen, aber dazu braucht es keine technische Absicht. 
Dergleichen tritt ohnedies spontan in den meisten Analysen auf. Zweitens 
aber darf man nicht übersehen, daß alle solche Veranstaltungen unfreund* 
hche Handlungen gegen den Analysierten notwendig machen, und durch 
diese schädigt man die zärtliche Einstellung zum Analytiker, die positive 



\ 



^ ~ Sigm. Freud ^ 

Übertragung, die das stärkste Motiv für die BeteiHgung des Analysierten an 
yrgemeinLen analytischen Arbeit ist. Man wird also von diesen Ver. 

fahren keinesfalls viel erwarten dürfen. i. . • i;.1, .\]^\r^ 

So erübrigt also nur jener Weg, den man ursprünglich w^rschexraxch allem 
im Aui gelabt hat. Man erzählt dem Patienten von den MögUchkerten an. 
Lr-^elkonflikte und weckt seine Erwartung, daß sich dergleichen auch 
be Lm e^ignen könnte. Man hofft nun. solche Mitteilung und Warnung 
werde den Erfolg haben, beim Patienten einen ^^^^^^f^^'^^^^f^^^ 
ir. bescheidenem und doch zur Behandlung zureichendem Ma« - akü 
vieren. Aber diesmal gibt die Erfahrung eme ^^^^^''^^f^l^J^'^f-J^"" 
Iwartete Erfolg stellt sich nicht ein. Der Patient hört die Botschaft woh , 
Xin es fehlt der Widerhall. Er mag sich denken: Das ist p sehr interessant 
fblrih verspüre nichts davon. Man hat sein Wissen vermehrt und sonst 
5L in ihm'verändert. Der Fall ist ungefähr derselbe wie b- der Lekt"^^^ 
psychoanalytischer Schriften. Der Leser wird nur bei jenen SteUen u^. 
ee egt" in denen er sich getroffen fühlt, die also die m ihm derzeit wirk. 
Sfn konflikte betreffen. Alles andere läßt ihn kalt. Ich ^^^^^^^^ 
analoge Erfahrungen machen, wenn man Kmdern ^^l^^^^^^^^^^^^l 
gibt Ich bin weit entfernt zu behaupten, es sei em schädliches oder über, 
feigis Vorgehen. *er man hat offenbar die vorbeugende W.kung dieser 
Hb In Maßregel weit überschätzt. Die Kinder wissen jetzt etwas, was sie 
bther nicht ge^ßt haben, aber sie machen nichts mit ^^.n^^^n^ 
geschenkten Kenntnissen. Man überzeugt sich, daß sie nicht ---f ^l^n 
Lreit sind ihnen jene, man möchte sagen: naturwüchsigen. Sexualtheorien 
^uÄ fu bringen', die sie im EinUang mit und in A^^ngi^^^^^^^^^^ 
ihrer unvollkommenen Libidoorganisation gebildet haben von der Rolle de 
Storchs, von der Natur des sexuellen Verkehrs, von der Art. ^^ ^^^^^ 
zustande kommen. Noch lange Zeit, nachdem sie die sexuelle Aufklarung 
empfangen haben, benehmen sie sich wie die Primiüven f "^^^ ^n 
Christentum aufgedrängt hat und die im Geheimen fortfahi^n. ihre alten 
Götzen zu verehren. 



V. 



Wir sind von der Frage ausg^angen, wie man die ^--^/-^f ^^^^ 
Dauer einer analytischen Behandlung abkürzen kann, und smd dann, mimer 
nolvl Interesse für zeitliche Verhältiiisse geleitet, zur Untersuchung foi^ 
geschritten, ob man Dauerheüung erzielen oder gar durch vorbeugetide Be^ 
handlung zukünftige Erkrankung fernhalten kann. Wir haben dabei ^s maß. 
gebend L den Erfolg unserer therapeutischen Bemühung erkannt die Ein. 



Die endliche und die unendliche Analyse 225 

flüsse der traumatischen Ätiologie, die relative Stärke der zu beherrschenden 
Triebe und etwas, was wir die Ichveränderung nannten. Nur bei dem zweiten 
dieser Momente haben wir ausführlicher verweilt, hatten dabei Anlaß, die 
überragende Wichtigkeit des quantitativen Faktors anzuerkennen und das 
Anrecht der metapsychologischen Betrachtungsweise bei jedem Erklärungs* 
versuch zu betonen. 

Über das dritte Moment, das der Ichveränderung, haben wir noch nichts 
geäußert. Wenden wir uns ihm zu, so empfangen wir den ersten Eindruck, 
daß hier viel zu fragen und zu beantworten ist und daß, was wir dazu zu 
sagen haben, sich als sehr unzureichend erweisen wird. Dieser erste Eindruck 
hält auch bei weiterer Beschäftigung mit dem Problem stand. Die analy«» 
tische Situation besteht bekanntlich darin, daß wir uns mit dem Ich der 
Objektperson verbünden, um unbeherrschte Anteile ihres Es zu unterwerfen, 
also sie in die Synthese des Ichs einzubeziehen. Die Tatsache, daß ein solches 
Zusammenarbeiten beim Psychotiker regelmäßig mißlingt, leiht unserem Ur* 
teil einen ersten festen Punkt. Das Ich, mit dem wir einen solchen Pakt 
schließen können, muß ein normales Ich sein. Aber ein solches NormaWch 
ist, wie die Normalität überhaupt, eine Idealfiktion. Das abnorme, für unsere 
Absichten unbrauchbare Ich ist leider keine. Jeder Normale ist eben nur 
durchschnittlich normal, sein Ich nähert sich dem des Psychotikers in dem 
oder jenem Stück, in größerem oder geringerem Ausmaß, und der Betrag der 
Entfernung von dem einen und der Annäherung an das andere Ende der 
Reihe wird uns vorläufig ein Maß für die so unbestimmt gekennzeichnete 
„Ichveränderung" sein. 

Fragen wir, woher die so mannigfaltigen Arten und Grade der Ichver* 
änderung rühren mögen, so ist die nächste unvermeidliche Alternative, sie 
sind entweder ursprünglich oder erworben. Der zweite Fall wird leichter 
zu behandeln sein. Wenn erworben, dann gewiß im Laufe der Entwicklung 
von den ersten Lebenszeiten an. Von allem Anfang an muß ja das Ich seine 
Aufgabe zu erfüllen suchen, zwischen seinem Es und der Auf?enwelt im 
Dienste des Lustprinzips vermitteln, das Es gegen die Gefahren der Außen«« 
weit behüten. Wenn es im Laufe dieser Bemühung lernt, .sich auch gegen 
das eigene Es defensiv einzustellen und dessen Triebansprüche wie äußere 
Gefahren zu behandeln, so geschieht dies wenigstens zum Teil darum, weil 
es versteht, daß die Triebbefriedigung zu Konflikten mit der Außenwelt 
führen würde. Das Ich gewöhnt sich dann unter dem Einfluß der Erziehung, 
den Schauplatz des Kampfes von aufkn nach innen zu verlegen, die innere 
Gefahr zu bewältigen, ehe sie zur äußeren geworden ist, und tut wahr.* 
scheinlich zimieist gut daran. Während dieses Kampfes auf zwei Fronten 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse XXIII/J 15 



226 Sigm. Freud 

— später wird eine dritte Front hinzukommen — bedient sich das Ich vev» 
schiedener Verfahren, um seiner Aufgabe zu genügen, allgemein ausdrückt, 
um Gefahr, Angst, Unlust zu vermeiden. Wir nennen diese Verfahren „Ab^ 
Wehrmechanismen". Sie sind uns noch nicht erschöpfend genug be*' 
kannt. Das Buch von Anna Freud hat uns einen ersten Einblick in ihre 
Mannigfaltigkeit und vielseitige Bedeutung gestattet.* 

Von einem dieser Mechanismen, von der Verdrängung, hat das Studium 
der neurotischen Vorgänge überhaupt seinen Ausgang genommen. Es war 
nie ein Zweifel daran, daß die Verdrängung nicht das einzige Verfahren ist, 
das dem Ich für seine Absichten zu Gebote steht. Immerhin ist sie etwas 
ganz Besonderes, das von den anderen Mechanismen schärfer geschieden ist 
als diese untereinander. Ich möchte ihr Verhältnis zu diesen anderen durch 
einen Vergleich deutlich machen, weiß aber, daß in diesen Gebieten Ver=< 
gleichungen nie weit tragen. Man denke also an die möglichen Schicksale 
eines Buches zur Zeit, als Bücher noch nicht in Auflagen gedruckt, sondern 
einzeln geschrieben wurden. Ein solches Buch enthalte Angaben, die in 
späteren Zeiten als unerwünscht betrachtet werden. Etwa wie nach Robert 
E i s 1 e r^ die Schriften desFlaviusJosephus Stellen über Jesus Christus 
enthalten haben müssen, an denen die spätere Christenheit Anstoß nahm. 
Die amdiche Zensur würde in der Jetztzeit keinen anderen Abwehrmecha»- 
nismus anwenden als die Konfiskation und Vernichtung jedes Exemplars der 
ganzen Auflage. Damals wandte man verschiedene Methoden zur Unschäd* 
lichmachung an. Entweder die anstößigen Stellen wurden dick durchge.« 
strichen, so daß sie unleserlich waren; sie konnten dann auch nicht abge=* 
schrieben werden und der nächste Kopist des Buches lieferte einen tadellosen 
Text, aber an einigen Stellen lückenhaft und vielleicht dort unverständlich. 
Oder man begnügte sich nicht damit, wollte auch den Hinweis auf die Ver<« 
stümmelung des Textes vermeiden; man ging also dazu über, den Text zu 
entstellen. Man ließ einzelne Worte aus oder ersetzte sie durch andere, man 
schaltete neue Sätze ein; am besten strich man die ganze Stelle heraus und 
fügte an ihrer Statt eine andere ein, die das genaue Gegenteil besagte. Der 
nächste Abschreiber des Buches konnte dann einen unverdächtigen Text 
herstellen, der aber verfälscht war; er enthielt nicht mehr, was der Autor 
hatte mitteilen wollen, und sehr wahrscheinlich war er nicht zur Wahrheit 
korrigiert worden. 

Wenn man den Vergleich nicht allzu strenge durchführt, kann man sagen, 

4) Anna Freud: Das Ich und die Abwehrmechanismen. Int. Psa. Verlag, Wien, 1936. 

5) Robert Eis 1er: Jesus Basileus. Religionswissenschaftliche Bibliothek, begründet von 
W. Streitberg, Band 9, Heidelberg bei Carl Winter, 1929. 



Die endliche und die unendliche Analyse 227 



die Verdrängung verhält sich zu den anderen Abwehrmethoden wie die Aus* 
lassung zur Textentstellung, und in den verschiedenen Formen dieser Ver* 
fälschung kann man die Analogien zur Mannigfaltigkeit der Ichverände* 
rung fmden. Man kann den Einwand versuchen, dieser Vergleich gleite in 
emem wesentlichen Punkte ab, denn die Textentstellung ist das Werk einer 
tendenziösen Zensur, zu der die Ichentwicklung kein Gegenstück zeigt Aber 
dem ist nicht so, denn diese Tendenz wird durch den Zwang des Lustprinzips 
weitgehend vertreten. Der psychische Apparat verträgt die Unlust nicht er 
■ muß sich ihrer um jeden Preis erwehren, und wenn die Wahrnehmung der 
Realität Unlust bringt, muß sie - die Wahrheit also - geopfert werden 
Gegen die äußere Gefahr kann man sich eine ganze Weüe durch Flucht und 
Vermeidung der Gefahrsituation helfen, bis man später einmal stark genug 
wird, um die Drohung durch aktive Veränderung der Realität aufzuheben. 
Aber vor sich selbst kann man nicht fliehen, gegen die innere Gefahr hüft 
kerne Flucht, und darum sind die Abwehrmechanismen des Ichs dazu ver«« 
urteilt, die innere Wahrnehmung zu verfälschen und uns nur eine mangels 
hafte und entstellte Kenntnis unseres Es zu ermöglichen. Das Ich ist dann 
in seinen Beziehungen zum Es durch seine Einschränkungen gelähmt oder 
durch seine Irrtümer verblendet, und der Erfolg im psychischen Geschehen 
wu:d derselbe sein müssen, wie wenn man auf der Wanderung die Gegend 
nicht kennt und nicht rüstig ist im Gehen. 

Die Abwehrmechanismen dienen der Absicht, Gefahren abzuhalten. Es 
ist unbestreitbar, daß ihnen solches gelingt; es ist zweifelhaft, ob das Ich 
während seiner EntwicHung völlig auf sie verzichten kann, al>er es ist auch 
sicher, daß sie selbst zu Gefahren werden können. Manchmal stellt es sich 
heraus, daß das Ich für die Dienste, die sie ihm leisten, einen zu hohen Preis 
gezahlt hat. Der dynamische Aufwand, der erfordert wird, um sie zu untere 
halten, sowie die Icheinschränkungen, die sie fast regehnäßig mit sich bringen, 
erweisen sich als schwere Belastungen der psychischen Ökonomie. Auch 
werden diese Mechanismen nicht aufgelassen, nachdem sie dem Ich in den 
schweren Jahren seiner Entwicklung ausgeholfen haben. Jede Person ver^ 
wendet natürhch nicht alle möglichen Abwehrmechanismen, sondern nur eine 
gewisse Auswahl von ihnen, aber diese fixieren sich im Ich, sie werden regel* 
mäßige Reaktionsweisen des Charakters, die durchs ganze Leben wiederholt 
werden, so oft eine der ursprüngKchen Situation ähnliche wiederkehrt. Da* 
mit werden sie zu InfantiKsmen. teilen das Schicksal so vieler Institutionen, 
die sich über die Zeit ihrer Brauchbarkeit hinaus zu erhalten streben. ..Ver* 
nuntt wird Unsinn. Wohltat Plage", wie es der Dichter beklagt. Das er* 

15» 



m" ---~^;;w; 



stärkte Ich des Erwachsenen fährt fort, sich gegen Gefahren zu vertexd^en^ 
d^ tder Realität nicht mehr bestehen, ja es findet srch ^^^^^^^^^^^^ 
tionen der ReaHtät herauszusuchen, die die ursprunghche Gefahr ungefähr 
:Xn können, un. sein Festhalten an den gewohnten ^f^^^^^^^ 
L.r. rechtfertigen zu können. Somit wird es leicht verständlich, wie die 
trehJmetnLen durch immer weiter f f -^^ f f ^Ir Neuro!: 
AuLwelt und dauernde Schwächung des Ichs den Ausbruch der Neurose 

vorbereiten und begünstigen. 

U««r tateresse is, aber gegenwärtig nicht auf die P^^o^^-^* '^J f^ 
„ehm^chanismen gerichtet; wir woUen ""7"*:- ™,ti„tft. dTs 
sprechende Ichverändetung unseK therapeutische »'■"»'>""!^^«'°™ ^<,„ 
L^Ai zur Beantwortung dieser Frage tstm ^'-"'Zt^^^^JZ 
Ä„na Freud gegeben. Das Wesenthche daran ist, daß der Analysiere 
i^La^äonfweiin auch „äh«nd der analytischen A^Vit Wer^oJ;^. - 
gleichsam vor Augen führt; eigenthch kennen wir sie ■»" <^- ^^ f^^^ 
nicht gesagt, daß sie die Analyse unmöglid, ^f^^^^^^^^^Ci.. 
die eine Hälfte unserer analytischen Aufgabe fest. Die »"'^«'' " 
Frühzdt der Analyse zuerst in Angriff genommen wurde, ist die Autdeckun 
SiTEs Verborgenen. Unsere therapeutische Bemühung pendelt wahrend 
t^L^gUndig von einem Sjückc^^ ^^^^^se ^"^-"J 

Stückchen Ichanalyse. Im -°/^'^™ ^^ ™ rheldende Tatsache 
machen, im anderen etwas am ich korrigieren, xj p^f^^Kren in der 

ist nämlich, daß die Abwehrmechanismen §-S-;-/*;^^^^f ^^^, darauf 
Kur als Widerstände gegen die Heilung --^-^^^^^; ^J^^lt t^^^^^ 
hinaus, daß die Heilung selbst vom Ich wie eine neue Gefahr behandelt 

^ u vUA.i kt an die Bewußtmachung des im Es im 
wS:ten*srv:rtänr.tL; «.bereiten *^^ -7--- 
A „ W^^ durch Deutungen und Konstruktionen, aber wir haben nur ru 
t. S t1en\naly'sierten .f * »'-- %^^-, ^e WiZ 

Verborgene im Es; es sollte hmreichen sie w ^ -^^^ ^^ bringen. 

Tuirm^t^tr^r^i^rr^t^fSUe^^-^-t::; 

Aut diesem w«;g A„ff1*>rkune von Widerständen mochte man 

auf einen Widerstand gegen die Aufdeckung ^°^^ ^ • ^^^ 

nicht rechnen. Es ereignet sich aber folgendes. Wahrend der Arbe 
Widerständen tritt das Ich - mehr oder weniger ernsthaft - aus dem Ver 



1 
i 1 



Die endliche und die unendliche Analyse 229 

trag aus, auf dem die analytische Situation ruht. Das Ich unterstützt unsere 
Bemühung um die Aufdeckung des Es nicht mehr, es widersetzt sich ihr, 
hält die analytische Grundregel nicht ein, läßt keine weiteren Abkömmlinge 
des Verdrängten auftauchen. Eine starke Überzeugung von der heilenden 
Macht der Analyse kann man vom Patienten nicht erwarten; er mag ein 
Stück Vertrauen zum Analytiker mitgebracht haben, das durch die zu er.* 
weckenden Momente der positiven Übertragung zur Leistungsfähigkeit ver»! 
stärkt wird. Unter dem Einfluß der Unlustregungen, die durch das neuerliche 
Abspielen der Abwehrkonflikte verspürt werden, können jetzt negative 
Übertragungen die Oberhand gewinnen und die analytische Situation völlig 
aufheben. Der Analytiker ist jetzt für den Patienten nur ein fremder Mensch, 
der unangenehme Zumutungen an ihn stellt, und er benimmt sich gegen 
ihn ganz wie das Kind, das den Fremden nicht mag und ihm nichts glaubt. 
Versucht der Analytiker, dem Patienten eine der in der Abwehr vorgenom.* 
menen Entstellungen aufzuzeigen und sie zu korrigieren, so findet er ihn vers» 
ständnislos und unzugänglich für gute Argumente. So gibt es wirklich einen 
Widerstand gegen die Aufdeckung von Widerständen und die Abwehr* 
mechanismen verdienen wirklich den Namen, mit dem wir sie anfänglich 
bezeichnet haben, ehe sie genauer erforscht wurden; es sind Widerstände 
nicht nur gegen die Bewußtmachung der Es«=Inhalte, sondern auch gegen die 
Analyse überhaupt und somit gegen die Heilung. 

Die Wirkung der Abwehren im Ich können wir wohl als „Ichverände* 
rung" bezeichnen, wenn wir darunter den Abstand von einem fiktiven 
NormalsIch verstehen, das der analytischen Arbeit unerschütterliche Bund* 
nistreue zusichert. Es ist nun leicht zu glauben, was die tägliche Erfahrung 
zeigt, daß es wesentlich davon abhängt, wie stark und wie tief eingewurzelt 
diese Widerstände der Ichveränderung sind, wo es sich um den Ausgang 
einer analytischen Kur handelt. Wieder tritt uns hier die Bedeutung des 
quantitativen Faktors entgegen, wieder werden wir daran gemahnt, daß die 
Analyse nur bestimmte und begrenzte Mengen von Energien aufwenden 
kann, die sich mit den feindlichen Kräften zu messen haben. Und als ob der 
Sieg wirklich meist bei den stärkeren Bataillonen wäre. 

VI. 

Die nächste Frage wird lauten, ob alle Ichveränderung — in unserem Sinne 
— während der Abwehrkämpfe der Frühzeit erworben wird. Die Antwort 
kann nicht zweifelhaft sein. Es besteht kein Grund, die Existenz und Bedeu«« 
tung ursprünglicher, mitgeborener Ichverschiedenheiten zu bestreiten. Schon 
die eine Tatsache ist entscheidend, daß jede Person ihre Auswahl unter den 



/ 



230 Sigm. Freud 

möglichen Abwehrmechanismen trifft, immer nur einige und dann stets die«= 
selben verwendet. Das deutet darauf hin, daß das einzehie Ich von vornherein 
mit individuellen Dispositionen und Tendenzen ausgestattet ist, deren Art 
und Bedingtheit wir nun freilich nicht angeben können. Außerdem wissen 
wir, daß wir den Unterschied zwischen ererbten und erworbenen Eigen* 
schiften nicht zu einem Gegensatz überspannen dürfen; unter dem Ererbten . 
ist, was die Vorfahren erworben haben, gewiß ein wichtiger AnteÜ. Wenn 
wir von „archaischer Erbschaft" sprechen, denken wir gewöhnhch nur an 
das Es und scheinen anzunehmen, daß ein Ich am Beginn des Eigenlebens 
noch nicht vorhanden ist. Aber wir wollen nicht übersehen, daß Es und 
Ich ursprünghch eins sind, und es bedeutet noch keine mystische Über* 
Schätzung der ErbHchkeit, wenn wir für glaubwürdig halten, daß dem noch 
nicht existierenden Ich bereits festgelegt ist, welche Entwicklungsrichtungen, 
Tendenzen und Reaktionen es späterhin zum Vorschein bringen wird. Die 
psychologischen Besonderheiten von Familien, Rassen und Nationen auch 
in ihrem Verhalten gegen die Analyse lassen keine andere Erklärung zu. 
Ja noch mehr, die analytische Erfahrung hat uns die Überzeugung aufge* 
drängt, daß selbst bestimmte psychische Inhalte wie die Symbolik keine 
anderen QueUen haben als die erbliche Übertragung, und in verschiedenen 
völkerpsychologischen Untersuchungen wird uns nahegelegt, noch andere, 
ebenso spezialisierte Niederschläge frühmenschlicher Entwicklung in der 
archaischen Erbschaft vorauszusetzen. 

Mit der Einsicht, daß die Eigenheiten des Ichs, die wir als Widerstände zu 
spüren bekommen, ebensowohl hereditär bedingt als in Abwehrkämpfen er* 
werben sein können, hat die topische Unterscheidung, ob Ich, ob Es, viel 
von ihrem Wert für unsere Untersuchung eingebüßt. Ein weiterer Schritt in 
unserer analytischen Erfahrung führt uns zu Widerständen anderer Art, die 
wir nicht mehr lokalisieren können und die von fundamentalen Verhältnissen 
im seelischen Apparat abzuhängen scheinen. Ich kann nur einige Proben 
dieser Gattung aufführen, das ganze Gebiet ist noch verwirrend fremd, un* 
genügend erforscht. Man trifft z. B. auf Personen, denen man eine besondere 
„Klebrigkeit der Libido" zuschreiben möchte. Die Prozesse, die die Kur bei 
ihnen einleitet, verlaufen so viel langsamer als bei anderen, weil sie sich, wie 
es scheint, nicht entschließen können, Libidobesetzungen von einem Objekt 
abzulösen und auf ein neues zu verschieben, obwohl besondere Gründe für 
solche Besetzungstreue nicht zu finden sind. Man begegnet auch dem ent* 
gegengesetzten Typus, bei dem die Libido besonders leicht beweglich er* 
scheint, rasch auf die von der Analyse vorgeschlagenen Neubesetzungen 



Die endliche und die unendliche Analyse 231 



eingeht und die früheren für sie aufgibt. Es ist ein Unterschied, wie ihn der 
bildende Künstler verspüren mag, ob er in hartem Stein oder in weichem 
Ton arbeitet. Leider zeigen sich die analytischen Resultate bei diesem zweiten 
Typus oft als sehr hinfällig; die neuen Besetzungen werden bald wiedei 
verlassen, man bekommt den Eindruck, als habe man nicht in Ton gearbeitet, 
sondern in Wasser geschrieben. Die Warnung „Wie gewonnen, so zer* 
rönnen"' behält hier Recht. 

Bei einer anderen Gruppe von Fällen wird man durch ein Verhalten über.* 
rascht, das man nur auf eine Erschöpfung der sonst zu erwartenden PlastL« 
zität, der Fähigkeit zur Abänderung und Weiterentwicklung beziehen kann. 
Auf ein gewisses Maß von psychischer Trägheit sind wir in der Analyse wohl 
vorbereitet; wenn die analytische Arbeit der Triebregung neue Wege er* 
öffnet hat, so beobachten wir fast regelmäßig, daß sie nicht ohne deutliche 
Verzögerung begangen werden. Wir haben dies Verhalten, vielleicht nicht 
ganz richtig, als „Widerstand vom Es" bezeichnet. Aber bei den Fällen, die 
hier gemeint sind, erweisen sich alle Abläufe, Beziehungen und Kraftver.» 
teilungen als unabänderlich!, fixiert und erstarrt. Es ist so, wie man es bei 
sehr alten Leuten findet, durch die sogenannte Macht der Gewohnheit, die 
Erschöpfung der Aufnahmsfähigkeit, durch eine Art von psychischer 
Entropie erklärt; aber es handelt sich hier um noch jugendliche Individuen. 
Unsere theoretische Vorbereitung scheint unzureichend, um die so beschrie* 
benen Typen richtig aufzufassen; es kommen wohl zeitliche Charaktere in 
Betracht, Abänderungen eines noch nicht gewürdigten Entwicklungs* 
rhythmus im psychischen Leben. 

Anders und noch tiefer begründet mögen die Ichverschiedenheiten sein, 
diei in einer weiteren Gruppe von Fällen als Quellen des Widerstands gegen 
die analytische Kur und als Verhinderungen des therapeutischen Erfolgs 
zu beschuldigen sind. Hier handelt es sich um das letzte, was die psycho* 
logische Erforschung überhaupt zu erkennen vermag, das Verhalten der 
beiden Urtriebe, deren Verteilung, Vermengung und Entmischung, Dinge, 
die nicht auf eine einzige Provinz des seelischen ApparateSI, Es, Ich und 
Übersieh beschränkt vorzustellen sind. Es gibt keinen stärkeren Eindruck 
von den Widerständen während der analytischen Arbeit als den von einer 
Krafli, die sich mit allen Mitteln gegen die Genesung wehrt und durchaus an 
Krankheit und Leiden festhalten will. Einen Anteil dieser Kraft haben wir, 
sicherlich mit Recht, als Schuldbewußtsein und Strafbedürfnis agnosziert und 
in^ Verhältnis des Ichs zum Übersieh lokalisiert. Aber das ist nur jener Aiy> 
teil, der vom Übersieh sozusagen psychisch gebunden ist und in solcher 



■ ' Sfem. Freud 

232 * 



^ 



Weise Uennffi* wW; a„d« Be..^ ''^^^^7^ si^^ ^ 
„<. i„ gebunden« »de. fa«r forn,. an, ^«^e »n^H^ m» ^_^^^_^^ 

ta .einer Gesa,n.hett ™--tXt.tSjrXnLhen Reaktion und 
Masochismus so vieler Personen, ™'°'5^°' jl„ ,„ „^ man nicht 

cte. Schuldbewußtseins der Neurc,tAer --^^^"^,,^ ^,,,H,hen aus, 
^, dem Glauben anhängen können '>^« /^ ^'^^'^^^^^^ ,i„d „n, 

^T"f '1S.!r :?l^Vorde::^t S:r m!!. im Sedemebe. 
erkennbare HmweKejmt ^ Destruktionstrieb heißen und 

die wir nach Aten ZrAn A^»^^^ ^^^^^ ^y^;^„ Ei„ 

s;rt.z::;r^ci^"':t.sshnistis*.u^^ 

"^tr!:-k"^B— dfBu^n:t^tche.un.n, 
niemals einer von ihnen allem. 

Wie Anteile der beiden Triebarten zur ^'^^^-^'iZ^tZ 
funktionen mitetaander zusammentreten unter «^'^»^*^^2n Ve„ 
Vereinigungen sich lockern oder zerfallen, •^^^^'^'J ^^.^ 
änderungen entsprechen und nut welchen f-P«^^""f^ °„^„ ^^^ die 

stellt unser Können auf eine harte Probe. 

, Tit." rl,v rliV Retätieung des Destruktionstriebs 

Beim Studium der Phänomene, die die Betätigung u jvi_terial ein^ 

Ln sind wir nicht auf Beobachtungen an pathologischem Material ein. 

hSkt^x^l- Tatsachen des normalen Seelenlebens drängen nach 

"" ^l^e^Sung und je mehr unser Blick sich schärft, desto reich. 

emer solchen ^'^"^^"^^JTJ gs ist ein Themas, zu neu und zu wichtig, um 

"tt^ 2t: rrn^Sr^r he^ JX ^^ und noch 

.igt. Wir heißen diese Leute B--^' "^^"i ^^,"^1 M;nschen in 
viel darüber -J^™»^^", ^"^^^f ^^^T in manUester oder in 
frr wSe^ OWeStit ^s^ltverteilen. Nur « uns (o. 
g :r r^auf ÄTd t ersten Faüe die beiden Richtungen sich ohne 



Die endlich« und die unendliche Analyse 233 



I 



Anstoß mit einander vertragen hal>en, befinden sie sich im anderen und 
häufigeren Falle im Zustand eines unversöhnlichen Konflikts. Die Hetero»« 
Sexualität eines Mannes duldet keine Homosexualität, und ebenso ist es um^ 
gekehrt. Ist die erstere die stärkere, so gelingt es ihr, die letztere latent zu 
erhalten und von der Realbefriedigung abzudrängen; andererseits gibt es 
keine größere Gefahr für die heterosexuelle Funktion eines Mannes als die 
Störung durch die latente Homosexualität. Man könnte die Erklärung ver^ 
suchen, daß eben nur ein bestimmter Betrag von Libido verfügbar ist, um 
den die beiden mit einander rivalisierenden Richtungen ringen müssen. Allein 
man sieht nicht ein, warum die Rivalen nicht regelmäßig den verfügbaren 
Betrag der Libido je nach ihrer relativen Stärke unter sich aufteUen, wenn sie 
es doch in manchen Fällen tun können. Man bekommt durchaus den Ein;, 
druck, als sei die Neigung zum Konflikt etwas Besonderes, was neu zur 
Situation hinzukommt, unabhängig von der Quantität der Libido. Eine solche 
unabhängig auftretende KonfHktneigung wird man kaum auf arideres zurück^ 
führen können als auf das Eingreifen eines Stückes von freier Aggression. 
Wenn man den hier erörterten Fall als Äußerung des Destruktions^ oder 
Aggressionstriebs anerkennt, so erhebt sich sofort die Frage, ob man nicht 
dieselbe Auffassung auf andere Beispiele von Konflikt ausdehnen, ja ob 
man nicht überhaupt aU unser Wissen vom psychischen Konflikt unter 
diesem neuen Gesichtspunkt revidieren soll. Wir nehmen doch an. daß auf 
dem Weg der Entwicklung vom Primitiven zum Kulturmenschen eine sehr 
erhebliche Verinnerlichung, Einwärtswendung der Aggression stattfindet, 
und für die Außenkämpfe, die dann unterbleiben, wären die inneren Koa* 
flikte sicherlich das richtige Äquivalent. Es ist mir wohl bekannt, daß die 
dualistische Theorie, die einen Todes*«, Destruktions^ oder Aggressionstrieb 
als gleichberechtigten Partner neben den in der Libido sich kundgebenden 
Eros hinsteUen will, im allgemeinen wenig Anklang gefunden und sich auch 
unter Psychoanalytikern nicht eigentlich durchgesetzt hat. Umsomehr mußte 
es mich erfreuen, als ich unlängst unsere Theorie bei einem der großen 
Denker der griechischen Frühzeii wiederfand. Ich opfere dieser Bestätigung 
gern das Prestige der Originahtät, zumal da ich bei dem Umfang meiner 
Lektüre in früheren Jahren doch nie sicher werden kann, ob meine angeb». 
hche Neuschöpfung nicht eine Leistung der Kryptomnesie war. 

EmpedoklesausAkragas (GirgentiV etwa 495 a.Chr. geboren, er^ 
schemt als eine der großartigsten und merkwürdigsten Gestalten der griechi^ 
g ^ Kulturgeschichte. Seine vielseitige Persönlichk eit betätigte sich in den 
193? °^' ^"^Sende nach Wilhelm Capelle: Die Vorsokratiker. Alfred Kröner, Leipzig. 



234 Sigm. Freud ^ 

verschiedensten Richtungen; er war Forscher und Denker. P^JPJ^^t "n^ 
Magier Politiker, Menschenfreund und naturkundiger Arzt; er soll die btadt 
^ Selinunt von der Malaria befreit haben, von seinen Zeitgenossen wurde er 

wie ein Gott verehrt. Sein Geist scheint die schärfsten Gegensatze m sich 
vereinigt zu haben; exakt und nüchtern in seinen physikalischen und physio. . 
logischen Forschungen, scheut er doch vor dunkler MysÄ nicht zurück 
baut kosmische Spekulation auf von erstaunlich phantastischer Kühnheit. 
Capelle vergleicht ihn dem Dr. Faust, „dem gar manch Gehemmis wurde 
kund" Zu einer Zeit entstanden, da das Reich des Wissens noch nicht m 
so viele Provinzen zerfiel, müssen manche seiner Lehren uns pnmitiv an. 
muten. Er erUärte die Verschiedenheiten der Dinge durch ^^^^^^^^f " ^^.^ 
vier Elemente, Erde, Wasser, Feuer und Luft, glaubte an die AUbelebtheit 
der Natur und an die Seelenwanderung, aber auch so moderne Ideen wie die 
stufenweise Entwicklung der Lebewesen, das überbleiben des Taughchsten 
und die Anerkennung der RoUe des Zufalls (t<^xn) bei dieser Entwicklung 
gehen in sein Lehrgebäude ehv. 

Unser Interesse gebührt aber jener Lehre des Empedokles, die der psycho, 
analytischen Triebtheorie so nahe kommt, daß man versucht wird zu b^ 
haupten, die beiden wären identisch, bestünde nicht der Unterschied, daß 
die des Griechen eine kosmische Phantasie ist, während unsere sich mit dem 
Anspruch auf biologische Geltung bescheidet. Der Umstand freilich, daß 
Empedokles dem Weltall dieselbe Beseelung zuspricht wie dem ein. 
zelnen Lebewesen, entzieht dieser Differenz ein großes Stück ihrer Bedeu. 

tung. 

Der Philosoph lehrt also, daß es zwei Prinzipien des Geschehens im weit, 
liehen wie im seelischen Leben gibt, die in ewigem Kampf mit einander hegen. 

Er nennt sie cpiXia - Liebe - und veiKO^ "f ^^^'i^-lT t""' 
Mächte, die für ihn im Grunde „triebhaft wirkende Naturkrafte. durchaus 
keine zweckbewußten IntelUgenzen"' sind, starbt darnach, die Urteilchen der 
vier Elemente zu einer Einheit zusammenzuballen, die andere im Gegenteile 
will all diese Mischungen rückgängig machen und die Urteilchen der Ele. 
n^te von einander sondern. Den Weltprozeß denkt er sich als fortgesetzte, 
niemals aufhörende Abwechslung von Perioden, in denen die eine oder die 
andere der beiden Grundkräfte den Sieg davonträgt, so daß emmal die Liebe, 
das nächstemal der Streit seine Absicht voll durchsetzt und die Welt be. 
herrscht, worauf der andei«, unterlegene, Teil einsetzt und nun semerseite 
den Partner niederringt. - 



Die endliche und die unendliche Analyse 235 



D« beiden Grundprinzipien des Empedokles -cpiXia und veiKoc - 
sind d«n Namen wie der Funktion nach das Gleiche wie unsere beiden Ur. 
triebe Eros und Destruktion, der eine bemüht, das Vorhandene zu 
mimer größeren Einheiten zusammenzufassen, der andere, diese Vereini. 
gungen aufzulösen und die durch sie entstandenen Gebilde zu zerstören Wir 
werden uns aber auch nicht verwundern, daß diese Theorie in manchen 
Zügen verändert ist wenn sie nach zweiundeinhalb Jahrtausenden wieder 
auftaucht. Von der Einschränkung auf das Biopsychische abgesehen, die uns 
auferlegt ist, unsere Grundstoffe sind nicht mehr die vier Elemente des 
hmpedo kies, das Leben hat sich für uns scharf vom Unbelebten geson^ 
dert wir denken nicht mehr an Vermengung und Trennung von Stoffteilchen 
sondern an Verlötung und Entmischung von Triebkomponenten. Auch 
haben wir das Prinzip des „Streites" gewissermaßen biologisch unterbaut 
mdem wir unseren Destruktionstrieb auf den Todestrieb zurückführten, den 
Drang des Lebenden, zum Leblosen zurückzukehren. Das will nicht inAb. 
rede stellen, daß ein analoger Trieb schon vorher bestanden hat, und natura 
hch mcht behaupten, daß ein solcher Trieb erst mit dem Erscheinen des 
Lebens entstanden ist. Und niemand kann vorhersehen, in welcher Einklei^ 
düng der Wahrheitskern in der Lehre des E m p e do kle s sich späterer Ein. 
Sicht zeigen wird. 

VIL 

Ein inhaltreicher Vortrag, den S. Ferenczi 1927 gehalten, „Das Pro. 
blem der Beendigung der Analysen",« schließt mit der tröstlichen Versiehe, 
mng, „daß die Analyse kein endloser Prozeß ist, sondern bei entsprechender 
Sachkenntnis und Geduld des Analytikers zu einem natürlichen Abschluß 
gebracht werden kann". Ich meine, im ganzen kommt dieser Aufsatz doch 
einer Mahnung gleich, sich nicht die Abkürzung, sondern dk Vertiefung 
der Analyse zum Ziel zu setzen. Ferenczi fügt noch die wertvolle Be. 
merkung anj, es sei so sehr entscheidend für den Erfolg, daß der Analytiker 
aus seinen eigenen „Irrungen und Irrtümern" genügend gelernt und die 
»schwachen Punkte der eigenen Persönlichkeit" in seine Gewalt bekommen 
habe. Das ergibt eine wichtige Ergänzung zu unserem Thema. Nicht nur die 
Ichbeschaffenheit des Patienten, auch die Eigenart des Analytikers fordert 
ihre Stelle unter den Momenten, die die Aussichten der analytischen Kur 
beemflussen und dieselbe nach Art der Widerstände erschweren. 

Es ist unbestreitbar, daß die Analytiker in ihrer eigenen Persönlichkeit 
mch ^durchwegs das Maß von psychisc her Normalität erreicht haben, zu 

8) Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIV, 1928. ~ ' 



m 



dem sie ihre Patienten erziehen wollen. Gegner der Analyse pflegen auf diese 
Tatsache höhnend hinzuweisen und sie als Argument für die Nutzlosigkeit 
^ der analytischen Bemühung zu verwerten. Man könnte diese Kritik als un*= 
gerechte Anforderung zurückweisen. Analytiker sind Personen, die eine be« 
stimmte Kirnst auszuüben gelernt haben und daneben Menschen sein dürfen 
wie auch andere. Man behauptet doch sonst nicht, daß jemand zum Arzt 
für interne Krankheiten nicht taugt, wenn seine internen Organe nicht gesund 
sindj man kann im Gegenteil gewisse Vorteile dabei finden, wenn ein selbst 
von Tuberkulose Bedrohter sich in der Behandlung von Tuberkulösen spe;* 
zialisiert. Aber die Fälle liegen doch nicht gleich. Der lungen* oder herz.* 
kranke Arzt wird, insoweit er überhaupt leistungsfähig geblieben ist, durch 
sein Kranksein weder in der Diagnostik noch in der Therapie interner Leiden 
behindert sein, während der Analytiker infolge der besonderen Bedingungen 
der analytischen Arbeit durch seine eigenen Defekte wirklich darin gestört 
wird, die Verhältnisse des Patienten richtig zu erfassen und in zweckdien^ 
lieber Weise auf sie zu reagieren. Es hat also seinen guten Sinn, wenn man 
vom Analytiker als Teil seines Befähigungsnachweises ein höheres Maß von 
seelischer Normalität und Korrektheit fordert; dazu kommt noch, daß er 
auch eine gewisse Überlegenheit benötigt, um auf den Patienten in gewissen 
analytischen Situationen als Vorbild, in anderen als Lehrer zu wirken. Und 
endlich ist nicht zu vergessen, daß die analytische Beziehung auf Wahrheits^ 
liebe, d. h. auf die Anerkennung der Realität gegründet ist und jeden Schein 
und Trug ausschließt. 

Machen wir einen Moment halt, um den Analytiker unserer aufrichtigen 
Anteilnahme zu versichern, daß er bei Ausübung seiner Tätigkeit so schwere 
Anforderungen erfüllen soll. Es hat doch beinahe den Anschein, als wäre 
das Analysieren der dritte jener „unmöglichen" Berufe, in denen man des 
ungenügenden Erfolgs von vornherein sicher sein kann. Die beiden anderen, 
weit länger bekannten, sind das Erziehen und das Regieren. Daß der zukünfe» 
tige Analytiker ein vollkommener Mensch sei, ehe er sich mit der Analyse 
beschäftigt hat, also daß nur Personen von so hoher und so seltener Volt* 
endung sich diesem Beruf zuwenden, kann man offenbar nicht verlangen. 
Wo und wie soll aber der Ärmste sich jene ideale Eignung erwerben, die 
er in seinem Berufe brauchen wird? Die Antwort wird lauten: in der Eigen* 
analyse, mit der seine Vorbereitung für seine zukünftige Tätigkeit begiimt. 
Aus praktischen Gründen kann diese nur kurz und unvollständig sein, ihr 
hauptsächlicher Zweck ist, dem Lehrer eüi Urteil zu ermöglichen, ob der 
Kandidat zur weiteren Ausbildung zugelassen werden kann. Ihre Leistung 



Die endliche und die unendliche Analyse 237 



ist erfüllt, wenn sie dem Lehrling die sichere Überzeugung von der Existenz 
des Unbewußten bringt, ihm die sonst unglaubwürdigen Selbstwahrneh^ 
mungen beim Auftauchen des Verdrängten vermittelt und ihm an einer ersten 
Probe die Technik zeigt, die sich in der analytischen Tätigkeit allein bewährt 
hat. Dies allein würde als Unterweisung nicht ausreichen, aUein man rechnet 
darauf, daß die in der Eigenanalyse erhaltenen Anregungen mit deren Auf^ 
hören nicht zu Ende kommen, daß die Prozesse der Ichumarbeitung sich 
spontan beim Analysierten fortsetzen und alle weiteren Erfahrungen in dem 
neu erworbenen Sinn verwenden werden. Das geschieht auch wirklich', und 
soweit es geschieht, macht es den Analysierten tauglich zum Analytiker. 

Es ist bedauerlich, daß außerdem noch anderes geschieht. Man bleibt auf 
Eindrücke angewiesen, wenn man dies beschreiben wül; Feindseligkeit auf 
der emen. Parteilichkeit auf der anderen Seite schaffen eine Atmosphäre, die 
der objektiven Erforschung nicht günstig ist. Es scheint also, daß zahlreiche 
Analytiker es erlernen, Abwehrmechanismen anzuwenden, die ihnen ge* 
statten, Folgerungen und Forderungen der Analyse von der eigenen Person 
abzulenken, wahrscheinlich indem sie sie gegen andere richten, so daß sie 
selbst bleiben, wie sie sind, und sich dem kritisierenden und korrigierenden 
Einfluß der Analyse entziehen können. Es mag sein, daß dieser Vorgang 
dem Dichter recht gibt, der uns mahnt, wenn einem Menschen Macht veri* 
liehen wird, falle es ihm schwer, sie nicht zu mißbrauchen.' Mitunter drängt 
sich dem um ein Verständnis Bemühten die unliebsame Analogie mit der 
Wirkung der Röntgenstrahlen auf, wenn man ohne besondere Vorsichten 
mit ihnen hantiert. Es wäre nicht zu verwundern, wenn durch die unaus;=> 
gesetzte Beschäftigung mit all dem Verdrängten, was in der menschlichen 
Seele nach Befreiung ringt, auch beim Analytiker alle jene Triebansprüche 
wachgerüttelt würden, die er sonst in der Unterdrückung erhalten kann. Auch 
dies sind „Gefahren der Analyse", die zwar nicht dem passiven, sondern dem 
aktiven Partner der analytischen Situation drohen, und man sollte es nicht 
unterlassen, ihnen zu begegnen. Es kann nicht zweifelhaft sein, auf welche 
Weise. Jeder Analytiker sollte periodisch, etwa nach Verlauf von fünf 
Jahren, sich wieder zum Objekt der Analyse machen, ohne sich dieses 
Schrittes zu schämen. Das hieße also, auch die Eigenanalyse würde aus einer 
endlichen eine unendliche Aufgabe, nicht nur die therapeutische Analyse 
am Kranken. 

Indes hier ist es an der Zeit, ein Mißverständnis abzuwehren. Ich habe 
nicht die Absicht zu behaupten, daß die Analyse überhaupt eine Arbeit ohne 




23H 

Ah.cUuß ist Wie immer man sich theoretisch z^x dieser Frage stellen mag. 
^e Si^^einer Analyse ist. meine ich, eine Angelegenheit der Praxxs. 
tde^SlCne Analytiker wird sich an eine Reihe von Ff« --3 
ktnen in denen er rehus fcene ges^fs vom Patienten dauernden Abschied 
genl-en hat. Weit weniger entfernt sich die Praxis von d- Theone m 
l'len der sogenannten Charakteranalyse. Hier wird man mcht le.cht e n 
natrhches Ende voraussehen können.auch wenn man sich von ul>er^-b-en 
Erwartungen ferne hält und der Analyse keine extremen Aufgaben stellt 
STn wird sich nicht zum Ziel setzen, alle menschlichen E^^^^ ^^ J^^^ 
einer schematischen Normalität abzuschleifen oder gar zu fordern, daß der 
gründlich Analysierte" keine Leidenschaften verspüren und keine inneren 

Konflikte entwickeln dürfe. Die Analyse soll die für die Ichfunküonen gun. 

stigsten psychologischen Bedingungen herstellen; damit wäre ihre Autgabe 

erledigt. 

vm. 

In therapeutischen ebenso wie in Charakteranalysen wird man auf die 
Tatsache aufmerksam, daß zwei Themen sich besonders l^^«^"" "^^i^ 
Analytiker ungewöhnlich viel zu schaffen machen. Man kann das Gesetz. 
Ä das sich darin äußert, nicht lange verkennen. Die beiden Thern^ 
Tbd an die Differenz der Geschlechter gebunden; das eine ist ebenso cha. 
:Ll^li^ den Mann wie das andere für das ^eib^ ^rotz d.. J^r. 
schiedenheit des Inhalts sind es offenbai. Entsprechungen. Etwas das beiden 
Slechtern gemeinsam ist. ist durch den Geschlechtsunterschied m eine 
andere Ausdrucksform gepreßt worden. 

Die beiden einander entsprechenden Themen smd für das Weib der 
P e n i s n e i d - das positive Stieben nach dem Besitz eines männlichen C^ni. 
tales - für den Mann das Sträuben gegen seine passive oder feminine Ein. 
i ung zum anderen Mann. Das Gemeinsame hat die psychoanalytische 
Nomenklatur frühzeitig als Verhalten zum Kastrationskomplex herau^^^^ 
hoben Alfred Adler hat später die für den Mann vo 1 zutreffende Bezeiclv. 
nun^ „männlicher Protest" in Gebrauch gebracht; ich meme ..Ablehnung 
de^Wablichkeit" wäre vom Anfang an die richtige Beschreibung dieses so 
merkwürdigen Stückes des menschHchen Seelenlebens gewesen. 

tlv^rsuch einer Einfügung in unser theoretisches Lehrgebäude darf 
J2Z.U übersehen, daß dieser Faktor seiner Natur nach nich^ die ^ic^ 
Unterbringung bei beiden Geschlechtern finden kann. Beim Mann is^ das 
MännHchkeitsstreben von Anfang an und durchaus -^S--^*' f " ^^'^ 
Einstellung wird, da sie die Annahme der Kastration voraussetzt, energisch 



Die endlicbe und die unendliche Analyse 239 



verdrängt, und oftmals weisen nur exzessive Überkompensationen auf ihr 
Vorhandensein hin. Auch beim Weib ist das Streben nach Männlichkeit zu 
einer gewissen Zeit ichgerecht, nämlich in der phallischen Phase, vor der Enti» 
Wicklung zur Femininität. Dann aber unterliegt es jenem bedeutsamen Ver<= 
drängungsprozeß, von dessen Ausgang, wie oft dargestellt, die Schicksale 
der Weiblichkeit abhängig sind. Sehr viel wird darauf ankommen, ob genug 
vom Männhchkeitskomplex sich der Verdrängung entzieht und den Cha= 
rakter dauernd beeinflußt; große Anteile des Komplexes werden normaler 
Weise umgewandelt, um zum Aufbau der Weiblichkeit beizutragen; aus 
dem ungestillten Wunsch nach dem Penis soll der Wunsch nach dem Kind 
und nach dem Manne werden, der den Penis trägt. Ungewöhnlich oft aber 
werden wir finden, daß der MännKchkeitswunsch im Unbewußten erhalten 
geblieben ist und von der Verdrängung her seine störenden Wirkungen ent== 
faltet. 

Wie man aus dem Vorstehenden ersieht, ist es in beiden Fällen das Gegen»« 
geschlechtliche, das der Verdrängung verfällt. Ich habe bereits an anderer 
Stelle erwähnt," daß mir dieser Gesichtspunkt seinerzeit von Wilhelm Fließ 
vorgetragen wurde, der geneigt war, den Gegensatz der Geschlechter für den 
eigenthchen Anlaß und das Urmotiv der Verdrängung zu erklären. Ich 
wiederhole nur meinen damaligen Widerspruch, wenn ich es ablehne, die 
Verdrängung in solcher Art zu sexualisieren, also sie biologisch anstatt nur 
psychologisch zu begründen. 

Die hervorragende Bedeutung dieser beiden Themen — des Peniswunsches 
beim Weibe und des Sträubens gegen die passive Einstellung beim Manne 
— ist der Aufmerksamkeit Ferenczis nicht entgangen. In seinem 1927 
gehaltenen Vortrag stellt er die Forderung auf, daß jede erfolgreiche Ana* 
lyse diese beiden Komplexe bewältigt haben müßte." Ich möchte aus eigener 
Erfahrung hinzufügen, daß ich Ferenczi hier besonders anspruchsvoll 
finde. Zu keiner Zeit der analytischen Arbeit leidet man mehr unter dem be» 
drückenden Gefühl erfolglos wiederholter Anstrengung, unter dem Verdacht, 
daß man „Fischpredigten" abhält, als wenn man die Frauen bewegen will, 
ihren Peniswunsch als undurchsetzbar aufzugeben, und wenn man die 
Männer überzeugen möchte, daß eine passive Einstellung zum Mann nicht 
immer die Bedeutung einer Kastration hat und in vielen Lebensbeziehungen 

10) „Ein Kind wird geschlagen", Ges. Sehr., Bd. V, S. 369. 
• ^A "■ j ' ■ ■'^'^^'^ männliche Patient muß dem Arzt gegenüber als Zeichen der Über«= 
Windung der Kastrationsangst ein Gefühl der Gleichberechtigung erlangen, alle weibÜchen 
li hU ü? müssen, soll ihre Neurose als eine voUständig erledigte gelten, mit ihrem Männ^ 
ucnKeitekomplex fertig werden und sich ohne Raaküne den Denkmöglichkeiten der weib«^ 
liehen Rolle hingeben". (1. c., S. 8.) 



240 Sigm. Freud 



unerläßlich ist. Aus der trotzigen Überkompensation des Mannes leitet sich 
einer der stärksten Übertragungswiderstände ab. Der Mann will sich einem 
^ Vaterersatz nicht unterwerfen, will ihm nicht zu Dank verpflichtet sem, will 

also auch vom Arzt die Heüung nicht annehmen. Eine analoge Übertragung 
kann sich aus dem Peniswxmsch des Weibes nicht herstellen, dagegen 
stammen aus dieser Quelle Ausbrüche von schwerer Depression um die 
innere Sicherheit, daß die analytische Kur nichts nützen wird und daß der 
Kranken nicht geholfen werden kann. Man wird ihr nicht unrecht geben, 
wenn man erfährt, daß die Hoffnung, das schmerzlich vermißte männliche 
Organ doch noch zu bekommen, das stärkste Motiv war, das sie m die Kur 

^'M^Lmtaber auch daraus, daß es nicht wichtig ist. in ^f ^f J°"^f ^ 
Widerstand auftritt, ob als Übertragung oder nicht. Entscheidend bleibt dalS 
der Widerstand keine Änderung zustande kommen läßt, daß al es so bleibt, 
wie es ist. Man hat oft den Eindruck, mit dem Peniswunsch und dem mann. 
Uchen Protest sei man durch alle psychologische Schichtung hindurch zum 
„gewachsenen Fels" durchgedrungen und so am Ende seiner Tat^gl^^^*. Das 
muß wohl so sein, denn für das Psychische spielt das Biologische w^ich 
die Rolle des unterliegenden gewachsenen Felsens. Die Ablehnung der Weib, 
lichkeit kann ja nichts anderes sein als eine biologische Tatsache, em Stack 
ienes großen Rätsels der Geschlechtlichkeit.- Ob und wami es uns m einer 
analytlchen Kur gelungen ist. diesen Faktor zu bewälügen. wird schw« 
zu sagen sein. Wir trösten uns mit der Sicherheit, daß wir dem Analysierten 
jede möghche Anregung geboten haben, seine Einstellung zu ihm zu über, 
prüfen und zu ändern. 



«( r Protest" ist in der Tat nichts anderes als Kastraüonsangst. 



i 




Die Zukunft der Psychoanalyse' 

Von 

Ernest Jones 

London 

Die Gelegenheit, zu der wir uns hier vereinigt haben, und das bedeutungs* 
volle Datum, das für unsere Zusammenkunft gewählt wurde, büden ereignis* 
reiche Momente in der Geschichte der Psychoanalyse. Sie ist daher nicht 
nur eine Angelegenheit des Wiener Vereins allein, sondern der ganzen Inter* 
nationalen Psychoanalytischen Vereinigung. Das ist ebenso durch meine An* 
Wesenheit in offizieller Eigenschaft gekennzeichnet wie durch das Erscheinen 
prominenter Analytiker aus anderen Ländern: aus Amerika, England, Frank* 
reich, Holland, Palästina, der Tschechoslowakei und Ungarn. 

Dies ist nicht das erstemal, daß die Wiener Vereinigung in der Berggasse 
zusammengekommen ist. Ich muß wohl einer der wenigen Anwesenden sein, 
die die Ehre hatten, an mehr als einer wissenschaftlichen Zusammenkunft 
teilzunehmen im ersten Heim, nicht nur des Wiener Vereins, sondern 
der Psychoanalyse überhaupt. Es war unser Meister, der damals persönlich 
präsidierte, wie er es noch heute im Geiste tut, mit der Präzision und Ein* 
fachheit, die so charakteristisch für ihn sind. Von der alten Garde, die die 
Zuhörerschaft bildeten, sind, glaube ich, nur vier — Federn, Friedjung, 
Hitschmann und Steiner — noch in Ihrer Mitte. Seit jenen Tagen hat 
der Wiener Verein bedeutende Verluste in seiner Mitgliederzahl erlitten. Ich 
erwähne nur den Verlust von Krauss, Silberer, Tausk durch den Tod; 
ferner den auf vielleicht eben so natürliche, wenn auch weniger erwartete 
Weise erfolgten Verlust von Adler, Rank, Sadger imd Stekel; den 
Verlust durch Auswanderung von B e r n f e 1 d, Felix und Helene Deutsch, 
Jekels, Nunberg, Reik, Sachs, Schilder und Witteis. Aber der 
größte aller Verluste, wenn auch zum Glück nur ein teilweiser, war der, 
daß Professor Freud verhindert war, weiter persönlich an den Versamm* 
lungen teilzunehmen. Was das bedeutet, körmen nur diejenigen von uns 
ermessen, die die einschneidende Meisterschaft erinnern, mit der er 
die Diskussionen in der Vereinigung zu leiten und anzuregen pflegte. An# 
dererseits kann ich aus der im Zusammenhang mit offiziellen Pflichten ge# 
wonnenen Anschauung Zeugenschaft ablegen von dem unaufhörlichen 
und ins Kleinste gehenden Interesse, mit dem er immer noch an allen Ange* 
legenheiten teilnimmt, nicht nur Ihres Vereins, sondern an jeder Tätigkeit 
der Psychoanalyse in der ganzen Welt. Er hat ein strenges Tabu über jede 

Nach einer anläßlich der Eröffnung des neuen Heimes der Wiener Psychoanalyäschen 
Vereinigung am 5. Mai 1936, am Vorabend des 80. Geburtstages Prof. F r e u d s, in Wien 
gehaltenen Rede. 

Int. Zeitschr. f. Psychoan»Iyse, XXIII/2 16 



242 




■^ 



öf f endiche Feier seines achtzigsten G^^urtstag^ -^lind' ^J^^^^^^ 
lehrt, wie furchtbar die Folgen eines gebrochenen l^^Y^}.Zm9^nz den 
IS ^ich nicht enthalten, in. Namen der f^^^^^^^^^^^^^^ 
Wunsch auszusprechen, daß er emen «^f^-^^^'^^^" ^^^^^^^^ ^üllt, daß der 
und unsere Freude auszudrücken, die uns bei dem Gedanken «rtuut 

SonL der Psychoanalyse immer -^. ^^f^wlt-bS hatte. 
Nachdem die Wiener V-m.gung f un^ah^ - d^^^^^^^^ ^^^, ^^^^ 

trat sie ihre langen „Wandersahre an Sie "be^^^^^" . - £5 ist 

ähnlichen Lokal in das andere „und immer ^^^f^ ,^^1^"^^ Vreinigung, 
ein würdiges Zeichen der ehrenvollen Armut, die die f f "jy ^^^^^^ 
Z Mutter aller analytischen Gesellschaften, ^^^^m W uS ^o hat 
dreißig Jahre dauerte, bis sie ein richtiges eigenes ^^i^^f "^"^^^^^^ ^ 

r:r;dtu^dS?s;lanalyse.W^^ 

unserer MitgHeder schulden, ich meine Dr ^^^^Jj^^^ wahrschein. 

Jahren, als der Zusammenbruch der f^^^^^ IteTete Wbu 

ich machte, daß der Verlag m semen A"f^."g«J^^J^^^^^^^^^ Löwe 

würde, bemerkte Professor Freud zu -^' !jf,^2'^°jXng^^^^ sicher. 

S™ eich, ha, lange die fu„daMen..Ie Bas--- jj^-f ^.^'^^^^^ 
W^JK^n wird In zweiter Linie machen es die materiellen uiiu V 

daß er gezwungen sem wird, seme Tätigkeit m z,uKunii 



Die Zukunft der Psychoanalyse 243 



größeren Maße zu beschränken und zu konzentrieren. Diese Einschränkung 

wird vielleicht weniger die Autoren treffen, die es mindestens so viel kostet, 

ein Buch im Verlag zu veröffentlichen, wie bei einer anderen Firma, als die 

analytische Welt im Großen. Die ausgezeichnete zentralisierende Funktion 

des Verlages und sein Wert für Propagandazwecke wäre wirklich sehr schwer 

zu ersetzen; ja wir haben gerade jetzt gewisse Pläne, ihn zu konsolidieren und 

sogar zu erweitern. Als ich eben das Wort „konzentrieren" gebrauchte, hatte 

ich besonders die offiziellen Organe im Sinn, die ich als den wirklichen Kern 

, der Verlags betrachte. Ich kann mir keinen schwereren Schlag für die Psycho* 

analyse vorstellen als die erzwungene Einstellung derselben und ich bin 

sicher, daß wir alle bis zum letzten kämpfen würden, um eine solchte Kata»» 

Strophe zu verhindern. Wenn die allgemeine literarische Produktion sich 

auf mehr Stellen verteilen wird als bisher, wie es ja im Lauf der Entwicklung 

geschehen muß, dann wird die zentralisierende Funktion unserer Organe im 

gleichen Maße wachsen; die Abteilungen für Referate und Buchbe* 

sprechungen werden systematischer und gründlicher organisiert werden 

müssen denn je, so daß die „Zeitschrift" ein wirkliches Zentralblatt wird. 

Wiederum wird es auf die Dauer nicht möglich sein, die Minorität der 

Internationalen Vereinigung dazu zu bringen, zwangsweise zwei offizielle 

Organe zu abonnieren, wenn die Majorität nur eines abonnieren muß. Ich 

selbst würde es besser finden, das bestehende Arrangement durch eines zu 

ersetzen, in dem der Verlag eine sechsmal im Jahr erscheinende Up=:to=date= 

Zeitschrift herausbringt, natürlich in deutscher Sprache, und dazu ein Jahr^^ 

buch, das längere Aufsätze in verschiedenen Sprachen veröffentlichen könnte, 

und ich würde gern ein solches Jahrbuch, das die wichtigsten Beiträge enfc= 

halten würde, als obligatorisch für alle Mitglieder der Internationalen Ver<= 

einigung sehen. 

Nun möchte ich etwas über die Zukunft der Psychoanalyse als Beruf sagen. 
Die erste Frage hier ist, in welchem Ausmaß wir sie als unabhängigen Beruf 
betrachten. Die Erfahrung hat gelehrt, daß — aus welcher Interessenquelle 
immer sich Menschen dem Studium der Psychoanalyse zuwenden, ob aus an# 
thropologischen, philosophischen oder pädagogischen Gründen — die große 
Majorität danach trachtet, eine therapeutische Praxis anzufangen. Wie sehr 
wir also die Psychoanalyse als eine reine Wissenschaft ansehen mögen, die 
für verschiedene Zwecke angewendet werden kann, in Wirklichkeit erweist 
sie sich fast immer als eine Form der Psychiatrie — um das Wort in seinem 
etymologischen Sinn, des therapeutischen Aspekts der Psychopathologie zu 
gebrauchen. Dann kommt das Dilemma ihrer Beziehimg zum ärzdichen Beruf , 
etwas worüber wir so ausführlich vor neun oder zehn Jahren debattierten. Da*= 
mals waren die Meinungen so geteilt, daß man schwer die Zukunft voraus*« 
sagen konnte. Einerseits war für viele die Aussicht verlockend, einen völlig 
neuen, vom ärztlichen gänzlich unabhängigen Beruf zu schaffen. Diese Ansicht 



16* 



^ Ernest Jones 



kom,« untosdi... werden durch den Hinweis auf den V'^^^^"^ 
Zn „ichbfcdichen Analytikern und die ^^^'^X^f'"' ^ZlttX 
analydsAen Disziplin, die wenig B!~''7 ^f war Xd^w^h 
, dnischen Ausbadung fanden h°"" ,'* An Inde« M^ieder jedoch 

nicht gefangen, von dieser faszmrerenden ^'^^^^^^ ^^^ „„d sUle so 

hatten ih« Z™«.;\-:-tSTreri£ura^fihTzu erhalten, die der 

Sr tB^eLtSefpZ'drsI^fri Srru^^^^^ 
«S; der Psychoanalyse die soziale Anerkennung zu gewinnen die sie für 
rEiu«n;ben?,ig.. Meine lange Erfahrung in I-°°*>n. wo/* -■' !=f«^ 
Säten eingehet ^P-^^- >"' ^'^^tTr^irtÄ w^S 
::^d ^.^Zi-'l-^i^^J^S^^"^ .Vorheh;i. zug.as.n 

ÄhÄÄt-^rfr^2=S 

ri-irrjÄtti.^:^s^f"Äu^,^ 

SSr-tt:^enTrä:nS-nvÄ:tji;^.iJ^^^^^^^ 

s:^^^d^Ä2tXä:^Ä^5S^ 

zuletzt über die Angelegenheit debatüerten. so kann, ^^^^'^^^J^^^l 
^.riib^r Kerrschen daß - vielleicht ausgenommen m London und Wien 
ttfprot o^^^^^^ Einfluß die Meinung sich entschieden 

ILsten der mehr medizinischen Auffassung unseres Berufes gefestigt hat. 
X^man wSS die Faktoren, die das zustande gebracht haben pruf^, 
W mTwIrlUns sagen, daß diese Entwicklungslinie jetzt eher die zu. 
künftiee zu sein scheint als vor zehn Jahren. . 

Ve kssen wir diese immer noch strittige Frage. Ich mochte nun die Mei. 
nunfäu&m daß die allgemeine Stellung der Psychoanalyse als Beruf m 
Tkunf" wenigTr von hervorragenden Persönlichkeiten abhängen wird als 



Die Zukunft der Psychoanalyse 245 



liegt — kider keine große Anzahl — , wissen, daß die tatsächlichie Technik 
der Ausbildung eine viel verwickeitere Angelegenheit ist, als wir zuerst 
glaubten, und daß ein spezielles, ihr gewidmetes Studium uns ermöglichen 
sollte, über die gröberen empirischen Methoden hinaus, die zuerst ange* 
wendet wurden, bedeutende Fortschritte zu machen. 

Wir haben jedoch zunächst eine sehr ernste Schwierigkeit zu überwinden, 
der im Augenblick Dr. Eitingon gegenübersteht. Bei allem Enthusiasmus 
und allem Idealismus für die Sache hat er so viel Energie für die sehr 
schwierigen Probleme der Organisation aufzuwenden, daß sich wenig Gcf 
legenheit bietet, zu der wirklichen Arbeit zu kommen. Unter wirkUcher Ar»» 
beit verstehe ich nicht das Aufstellen von Regeln oder selbst die Angleichung 
der Normen in verschiedenen Ländern, so wünschenswert aU das auch ist, 
sondern die eingehenden und detallierten Erörterungen über die Lehrtechnik. 
Als Dr. Eitingon bemerkte, in welchem Maß Organisationsfragen alle ver^^ 
fügbare Zeit und Energie der auf den Kongressen tagenden Internationalen 
Unterrichts>«Kommission verschlangen, machte er voriges Jahr den löblichen 
Versuch, eine Zusammenkunft von Lehranalytikem in einer weniger ver# 
wirrenden Atmosphäre zu veranstalten. Sie scheiterte nicht nur an den weiten 
Entfernungen, sondern besonders an dem Mangel an genügendem Interesse. 
Ich weiß nicht, ob er daraus den Schluß gezogen hat, daß die verschiedenen 
Lehrausschüsse, als Ganzes genommen, nicht den genügenden Eifer auf«» 
bringen können, eine solche Zusammenkunft möglich zu machen. "Wenn 
ja, dann wird er vielleicht eine Alternative erwägen, nämlich eine Kon« 
ferenz der wenigen, vielleicht ein halbes Dutzend zählenden Leute, denen 
dieses Problem am meisten am Herzen liegt. Die bei einer solchen Konferenz 
geleistete Arbeit und etwaige erreichte Beschlüsse könnten dann in den oifu 
ziellen Organen veröffentlicht werden und dazu dienen, die seßhafteren Mit* 
glieder der verschiedenen Lehrausschüsse anzuspornen. 

Ich möchte aus meiner eigenen Erfahrung heraus ein paar Vorschläge über 
die Richtungen wagen, in denen ein weiterer Fortschritt erreicht werden 
könnte. Die Auswahl der Kandidaten könnte ganz gut strenger sein, da eine 
kleinere Anzahl geeigneter Analytiker als Ganzes wirksamer wäre als eine 
größere Anzahl weniger befriedigender. Die Dauer der Ausbildung könnte 
sogar länger sein als jetzt, und die löbliche Gewohnheit dessen, was man 
Nachanalysen {post=graduate=analyses) nennen könnte — die, wie ich be«« 
merke, von selbst üblich werden — , könnte vorteilhaft auf eine geordnetere 
Grundlage gestellt werden. In der Technik, Kontrollanalysen und Seminare 
zu leiten, ist eine Menge zuzulernen. Eifrige Lehrer müssen sich hier zu* 
sammenschließen und ihre Erfahrungen austauschen und ich halte es für 
außerordentlich wichtig, daß dieser Zusammenschluß nicht auf die Lehrer 
eines Landes beschränkt bleibt, sondern international durchgeführt wird. 
Die Beziehung solcher Arbeit zur didaktischen Analyse ist wieder ein be=» 




246 Ernest Jones 



sonderes Problem an sich. Dann habe ich den Eindruck, daß Kandidaten 
und junge Analytiker durch die große Anzahl von Vorlesungen zu uber^ 
arbeitet sind, so daß sie wenig Zeit zum Lesen, zum Nachdenken und für 
eigene Arbeiten haben. Die Neigung, Vorträge zu halten und Vorlesungen 
anzuhören, scheint in verschiedenen Ländern zu variieren, aber ich bm sicher, 
daß sie in allen Ländern eingedämmt werden sollte. Eine Vorlesung soll 
ein besonderes Ereignis, ein sorgfältig vorbereitetes und dementsprechend 
genossenes Vergnügen sein - nicht ein tägliches, monotones Menü. Ich 
möchte besondere Aufmerksamkeit auf eine Tatsache lenken, die ich unter 
den jungen Analytikern bemerke, — ihre ungenügende Kenntnis der analy^ 
tischen Literatur. Ich würde das zum TeÜ der Überbürdung zuschreiben, 
die ich eben erwähnte, und zum Teil dem Umstand, daß sie die Wichtigkeit 
dieses Wissens nicht richtig einschätzen. Ich bin für meinen Teil davon 
überzeugt, daß die bloße Erwerbung der Kenntnis vor allem der rezenten 
Literatur irgend einer Geisteswissenschaft wie Psychologie, Soziologie, Ge<= 
schichte etc. ohne ein ergänzendes Studium ihrer historischen Entwicklung 
die Möglichkeit, eine kritische Perspektive zu entfalten, ernsthaft vermindert 
und auf diese Weise den Studierenden zahheichen Trugschlüssen aussetzt, 
die er sonst vermeiden würde. Zu diesen allgemeinen Betrachtungen, die ich 
viel weiter ausführen könnte, wenn die Zeit es erlaubte, möchte ich eine spe^ 
zielle hinzufügen, die sich in einiger Zeit vielleicht als sehr bedeutungsvoll 
erweisen wird. Hoffentlich wird die Zeit kommen, da wir imstande sein 
werden, die genauen Grundlagen und die verschiedenen Typen der Ab* 
weichungen von der analytischen Wahrheit, die aus ungelösten Widerstanden 
herrühren, zu erfassen. Nun habe ich in den letzten Jahren eine interessante 
Form des Widerstandes bemerkt, die sicherlich mit neuen Entdeckungen und 
einem weiterem Fortschritt der analytischen Forschung auffälliger werden 
wird. Ich meine den Kunstgriff, dem Fortschritt dadurch entgegenzuarbeiten, 
daß man ihn mit einer alten Erkenntnis konfrontiert, die für diese Gelegen* 
heit neu entdeckt und vieUeicht in neuartiger Sprache als neues und ver>» 
bessertes Stück Einsicht aufgeputzt wird. Es ist klar, daß ein solches Vor* 
gehen durch eine entsprechende Kenntnis der Entwicklung der Psychoanalyse 
rasch verhindert würde, aber ohne diese Kenntnis — und sie ist bestimmt 
jetzt geringer als sie zu sein pflegte — sind viel Ärger, Diskussionen und 
nutzlose Anstrengungen vorauszusehen. 

Ich komme zuletzt zu jenem die Zukunft der Psychoanalyse betreffenden 
Thema, das uns am meisten interessiert, nämHch zur Frage des Wissenschaft^ 
liehen Fortschritts auf ihrem eigenen Gebiet. Ich glaube nicht, daß das eine 
Angelegenheit ist, die unsere Institute oder irgendwelche andere unserer Orga* 
nisationen sehr fördern können. Wir können nur das nützliche Hilfsmaterial 
beschaffen, gute Bibliotheken, Erleichterungen für die Forschung und eine 
wohlwollende Hörerschaft. Denn in dieser Sache werden wir uns auf die 



Die Zukunft der Psychoanalyse 247 



Gaben des Glücks verlassen müssen in Gestalt von Persönlichkeiten, die ein 
Feingefühl für das bedeutsame Neue haben oder die Fähigkeit, verworrene 
Tatsachen klar zu machen, indem sie das Wesentliche erfassen. Beide Eigen* 
Schäften werden nötig sein. Originalität ist ein zweischneidiges Schwert, wenn 
sie nicht von einem kühlen und kritischen Urteil begleitet wird; eine seltene 
Verbindung, die wir so vortrefflich an Freud verwirklicht sehen. Es gibt 
keinen Gegenstand, wo kritische Prüfung unerläßlicher ist als in der Er* 
lorschung des seelischen Unbewußten, wo Irrlichter uns auf allen Seiten 
in trügerische Sümpfe locken. Die Gefahr, die der Forscher am häufigsten 
läuft, ist die Versuchung, irgendwelche Elemente, die sein Interesse erweckt 
haben können, einseitig zu übertreiben. Wo ihr nachgegeben wird, wird 
nicht nur alhnählich die Perspektive verschoben, sondern tatsächlich das 
Material selbst einem Teilgesichtspunkt zuliebe verbogen und verzerrt. Ans« 
derseits sollte man nicht immer gleich annehmen, daß ein Forscher, der 
einen neuen Weg eröffnet, diesen Irrtum bestimmt begangen hat. Es kann 
wohl sein, daß nur eine scheinbare Vernachlässigung anderer Elemente vor* 
liegt, daß er diese in seiner Darstellung ausgelassen hat, weil sie so wohl* 
bekannt sind oder weil sie zu dem vorliegenden Thema nicht sehr passen. 
Wir können dabei immer an Freuds klassische Forschungen über die 
Sexualität denken. Als er sich auf diesen Gegenstand konzentrierte, erklärten 
seine Kritiker laut, daß er die Existenz anderer geistiger Elemente nicht nur 
vernachlässigte, sondern — scheinbar — leugnete. Er konnte sich allerdings 
immer verteidigen, indem er auf den Dualismus in seinem Konflikfc»Begriff 
hinwies, aber seine Gegner beharrten auf ihrem Standpunkt und schlössen 
irrtümlich aus der einseitigen Konzentration seiner Forschungen, daß sein 
eigener Gesichtspunkt auch einseitig sein müsse. 

Auf dem Gebiete der Technik wird es mich überraschen, wenn in naher 
Zukimft irgend eine große Entdeckung etwa eine revolutionäre Veränderung 
hervorruft. Wenigstens sehe ich kein Zeichen dafür am Horizont. Was ich 
erwarte, ist eher ein stetiger Fortschritt an Gründlichkeit, eine größere Ge* 
schicklichkeit und mehr Genauigkeit, die zu größerer Sicherheit führen wer* 
den, als wir sie jetzt besitzen. Besondere Studien sind nötig, die genauen 
Kriterien für die Richtigkeit unserer Deutungen zu bestimmen, und ebenso 
in bezug auf den außerordentlich schwierigen Gegenstand der Wechselbe* 
Ziehungen zwischen Technik und Theorie in der Psychoanalyse. 

Auf dem Gebiet der Theorie dagegen neige ich eher dazu, sehr wesent* 
liehe Veränderungen im Laufe etwa der nächsten zwanzig Jahre vorauszu* 
sagen. Das Gerüst, wie er es bescheiden nennt, das Freu d errichtet hat, hat 
manchem rauhen Wetter außerordentlich gut standgehalten, obgleich er es 
von Zeit zu Zeit reparieren und verstärken mußte. Aber es würde aU unserem 
Wissen um die Geschichte und Wesensbeschaffenheit der ^Wissenschaft 
widersprechen, wollten wir annehmen, daß das Gerüst nicht im Laufe der 




, . . n;*. aus der Welt der zeitgenös^ 

Zeit weitgehend med fazxert -"'^^^^^f^.^aL V^^^^^ -it 

sische« wissenschaftlichen Gedanken «^^^ sichtHchen Einfluß 

denen Freud an seine Studien heranging ^«^^^^^^^^^^ ^^ deichen einer 
auf seine Theoriebüdungen hatten, tragen ^^"^^T dl&\ndL Forscher, in 
bestimmten Periode an sich. Wir -üs^-/-^f J^ tX n^ue O^^ntie. 
anderen Disziplinen erzogen als er mvstande ^l^^^^\^^ „.^erer 
„„.gen zu gewinnen und neue Be^^W« zu ^^^tv^ld^^n^^n ^U 
natürlichen Pietät müssen wix uns gefaßt machen, soic ^^ß p ^ e u d s 

kommen zu heißen, indem wir uns auf f ^^^J^^J S^^rpsy^ologische 
größte Lehre für uns und sein kostbarstes Vermach ms ^ die p y ^ 
Wissenschaft ist, einer neuen Wahrheit ms Gesicht zu sehen und 
heit höher zu halten als alle --^-^-^^^'^; ,,, ,,,,Wten wissen. 

Es ist schwer zu sagen, wie viel ^f^'^^^;?'^^^^ geneigt, viel ^ 
schaftlichen Schulen erwarten können. Ich selbst ^^^^^f g^^^^g^^^^^ 
Hilfe zu erwarten; aber der indirekte Nut^n emej w^^^ § ^^^^ 

solcher Kemitnis kann schwerlich ^^^^^ S^^^^^^^^f^t^'^J^^^^ 
zum Beispiel wenig Hufe voraus von Geb-^^ - d^^^^^^^^ ^^^ 

der Volkswirtschaftslehre ««^^^f 5^^^^;tTt^^^^^ Fori, 

legen anraten würde, em wachsames ^^^^ aut jea ^^^ 

schritt oder jede Veränderung .^^ ^«^^^^^trSwerwartet werden, 
bieten zu haben. Mehr kann vieUeicht von ^«5 f/^'^^^^^^^ „«n der 

die mit der Zeit unsere Theone beem^lussen d^^^ wfssenschaf t ihre Auf. 
vergleichenden Psychologie. Wejn^^Vtw^dls Wesen der triebhaften 
meLamkeit auf den Gegenstand der ^''^^1^^ f^^^^ überprüfen 
Tätigkeit lenkt, könnten wir wohl eme wertvolle Anregung zum 
dieser dunklen Probleme erhalten. ^^.^^^^^^ die Frage nämlich. 

™ne. Eins* -"'^-t,™^i'S^bär Eba,.owenig «^a, 
noch irgendeme Art von Z.ivmsan.on , ^ Psychoanalyse, die 

zu tun haben. , „ ,. * „^u«. ,,iriirk- die Wiener Vereini* 

Id. kon«« auf den Anlaß <Ue»r ABSP-d»^^"^- f» *^ ^i^^ts war. 
gung hat zum «stenmal .m '^'^^ZZnZl w«cUn dk Wto« 
^ ?'^" "" TdL wSS^Mt^^^^htba:«. Wohnsifc haben n,i. 
Sn'^SS'^r^'T^.enJicKkei.n, die da. bedeu«.. W 



Die Zukunft der Psychoanalyse 



249 



Räume könnten auch nicht passender eingerichtet sein als mit den kostbaten 
Besitztümern des Internationalen Verlags. Möge auch der Verlag aus diesem 
Heim neues Leben schöpfen, das ruhiger ist als seine ereignisreiche Yex^ 
gangenheit. It is my privüege to declare these new premises open for occu« 
pation, for enjoyment and above all for use. 



'I« 



Af^ 



Die leitungslose Funktion 
im Zentralnervensystem 

Eine Frage der Psychologie an die Physiologie^ 

Von 

Paul Federn 

Wien 

Sehr viele Auto^n haben schon die Meinung ve^^^- ^j^.^^^^^^^^^ 
Funktion des Zentralnervensystems mcht nur m^^^^^ ^ 

und in Erregungsleitung zentripetaler, zentrifugaler una ^^^ 

bestehen kann. Namentlich ^aben Forscher wekhed^^^^^^^^^^ 
Einzelleistung ^-orhe W^^^^^^^^^^^^ - l^-^gs ^^^,^^^^^^^ ,, , 

arbeiten vorausgesetzt, so besonders aie re auch Monakow in 

die Komplexpsychologen, andererseits che^^hsten,^u^^^^ ^^^^^^^^^_ 

seiner Syneidesis. Viele smd geradezu als mod^^^^^^ 

Mir wurde aber nur ein Forscher bekannt -ekherei^^^ Experimenten auf. 

sammenarbeiten nicht verbundener Teile auf ^^^^ ^l^^^^^ ^^ einge^ 

gestellt hat. Es ist Paul Weiss - C^-^o^^J^ ^ Ziehen und von 

führten Terminus „Resonanz der ^'^^^ V" " „^gehieht es, weil Weiss 

J. V. Kries benützt wurde, mcht verwende, ^« ^^^^^^^^^^ ^ie Hirn. 

Le von der Muskehnnervation ausgehenden S^^^^^ ^.^^^ ^^ 

funktion im allgemeinen ausgedehnt hat; und ^^f ^^^^^^'^T^gungsträgern an. 

sehr auf die Frage des Aufeinandergesümmtse ms von^^^^^^^ 

kommt als auf das Phänomen des ^-ecke^s aus d«n P^^ ^^^^ 

in Luzern bereits vorläufig ^^^l^^^:^^ ^l^l^^^^^^^ in 
ausführlich vorgetragen. Da meme Untersuchungen F > ^^^^^ 

S^wXlni»- als Basis de. l-'f » _'^f-°rte »a. ^cH a» 

!^ür^ -r 7T;:i;;7I^^^^;i^nbad auf- dem XIV. Inter. 

I) Nach einem Vortrag gehaUen %2. Augu ^ U^^^« x Seminar des Vereins tur 

nationalen Psychoanalytischen ^ngreß^ "^"^5^^ Erregung und leitungslose Er. 



Die leihtngslose Funktion im Zentralnervensystem 251 

Autorität dieser Vorstellungen rührt von dem überwältigenden Eindruck der 
Kartographie des Gehirns her. Ihre Ausschlief^lichkeit wurde wesentlich gestützt 
durch die Arbeiten über gebahnte Funktionen und gebahnte Hemmungen aus 
der Pawlowschen Schule, die untrüglich die bedingten Reflexe demon« 
strieren, welche sich bisher nicht anders als gebahnt vorstellen ließen. Nach 
I s c h 1 o n d s k i z. B. kommt es zur Herstellung neuer Verbindungsbahnen zwi= 
sehen Arealen der Hirnrinde, wenn es gelingt, einen neuen bedingten Reflex zu 
etablieren. Dieser konsequenten Reflexologie und dem mit ihr geeinten Beha* 
viourismus stehen allerdings die vitalistischen Richtungen und getrennt von 
beiden die Gestaltpsychologie diametral gegenüber. Diese Schulen lehnen alle 
mechanistischen Erklärungen und ihre — bisherige — Voraussetzung, die Sonde* 
rung einzelner physiologischer, bezw. psychologischer Elementarvorgänge ab. 
Sie nehmen eine Lokahsierung nur für die Störung der Funktionen, aber nicht 
für die Funktionen selbst an. Aber die Frage, auf welchem Wege die räumlichen, 
zeitlichen und sachlichen Zusammenhänge Zustandekommen, müssen auch sie 
beantworten wie die Assoziationspsychologie oder der Behaviourismus. Der 
Unterschied zwischen den Schulen besteht nur darin, daß die einen diesen Zu* 
sammenhängen kaum Bedeutung und Erklärungskraft zuerkennen. Anatomische 
und physiologische Probleme tauchen für uns, wie ich schon durch den Unter« 
titel dieses Vortrages angedeutet habe, auf, die außer den Rahmen eines Psycho* 
analytischen Kongresses und außer unsere engere Kompetenz fallen. 

Die Zusammenarbeit aller Schulen ist zur Notwendigkeit geworden, damit 
nicht das an sich imponierende Gebäude der Psychologie gleich dem baby* 
Ionischen Turm^ an der Ausdrucksverwirrung zugrundegehe. Es ist begreiflich, 
daß gerade die psychoanalytische Beschäftigung mit dem Ich das Bedürfnis 
schafft, die Verständigung mit den anderen Schulen zu suchen. Das Ich ist gen 
meinsames Arbeitsgebiet, während das erste Gebiet der Psychoanalyse, das Unbe* 
wußte, von den anderen Schulen entweder negiert oder vernachlässigt oder den 
Psychoanalytikern eingeräumt wird. 

Für die Psychoanalyse ist das Problem, wie ein psychischer Zusammen«» 
hang sich herstellt oder einstellt, das tägliche Arbeitsinteresse, Otto Groß 
hat als beginnender Forscher die gewiß geniale Hypothese von der Sekundär* 
funktion aufgestellt. Die psychoanalytische Theorie und Praxis kommt immer 
wieder auf die Grundfragen der Assoziation, des Bewußtwerdens und des 
Hervortretens der Erinnerungen zurück, am klarsten Freud selbst in seinen 
metapsychologischen Schriften, wenn er die Frage der doppelten oder ein* 
fachen Niederschrift erörtert und sich mit der vorläufigen Antwort begnügt, 
daß es auf das Fehlen, Vorhandensein und bewirkte Wiederbesetzen von 
Zwischengliedern ankommt, damit Unbewußtes bewußt werde. Anschließend 
geht meine These dahin, daß sowohl die End* als auch die Zwischenglieder 
in der Psychoanalyse nicht durch unmittelbar zusammenhängende Assozia* 
tionselemente, auch nicht durch solche, die vorbewußt oder unbewußt 
bleiben, verknüpft sein müssen. Vielmehr tauchen End* und Zwischenglieder 
zum Teil verbindungslos auf, sie werden von aktuellen Bewußtseinsinhalten 
hervorgerufen, erweckt. 

2) Bühler: Die Krise der Psychologie. 2. Aufl., Jena, 1929. 



252 Paul Fe dern 

Die ihnen auch in der Verdrängung gebUebene Besetzung bedingt ihr Be. 
reitsein zum Erwecktwerden; die Überwindung der Widerstände macht 
diese Bereitschaft frei. In dieser Art ausgedrückt, besteht unser Problem auch 
unabhängig von der Frage, ob Leitung oder Nicht^Leitung ^"-"^^^"J" ^^ 
Wenn ich dennoch dieses scheinbar theoretische Problem mir zur Haupfe 
aufgäbe gestellt habe, so geschah das nicht aus einem Ehrgeiz, der m einer 
Art von wissenschaftlichem Imperialismus weite Gebiete erobern will, ^r^ 
dern weil das Problem der Leitung mehrere Einzelprob eme zusammenfaiSt 
und sie dadurch eher lösbar macht. Es ist klar, daß eine direkte Beobachtung 
außerhalb der Möglichkeit liegt und wir uns mit einem Wahrscheinhchkeits. 

nachweis begnügen müssen. ^11. ,^ j:^ 

Wir gehen von der Determiniertheit alles psychischen Geschehens aus, die 
den ZufaU ausschHeßt; jeder Einfall, jede Assoziation tritt bestmimterweise 
in Aktion, überhaupt wird jedes psychische Element nur auf Grund begrün, 
deter Auswahl stärker besetzt als ein anderes. Meine These geht nun dahm, 
daß auch ohne vorbewußte und unbewußte Verbindungsglieder aktuell be. 
wußte Inhalte unmittelbar auswählend wirken. Die Frage ist: Gibt es bloß 
vermittelte oder auch unvermittelte entfernte Assoziationen? Die Frage knuptt 
an das von Freud in bezug auf die Traumarbeit aufgestellte Problem m, 
ob die in der Traumanalyse aufgetauchten Assoziationen und Einfalle die 
Pfade nachgehen, welche die Traumarbeit selbst einschlagen mußte, oder nicht. 
Freud antwortet, daß dem so sein kann, daß wir aber vielfach annehmer. 
müssen, daß das in der Analyse geknüpfte Netz von Gedanken und Einfallen 
kollaterale Wege benützt. Ich füge hinzu, daß besonders im Zustand des 
Schlafes, vermöge der allgemeinen Zurückziehung der Beseteungen der see. 
Hscbe Apparat, um ein von Kof f ka bei anderer Gelegenheit gebrauchtes 
Wort zu benützen, nicht nur gleichnisweise, sondern tatsächhch psychisch 
permeabler geworden ist. Dieser Zustand von Permeabilitet hört im 
Wachen auf, sobald die ordnenden Instanzen und geordneten Zusammen^ 
hänge ihre Besetzungen wieder gewinnen und damit auch ihre Besetzungs^ 
beieitschaft zum Mitwirken an den EinfäUen und Assoziationen; im Wachen 
bedarf es daher zum Wiederauffinden der von der Traumarbeit geschaffenen 
Zusammenhänge vieler determinierter Zwischenglieder auch dort, wo die 
Traumarbeit in der von Freud gezeigten Weise oberflächhche und tiefe 
Klangassoziationen und Symbole als Wegzeiger benützte, um weit entfernte 
Elemente in den manifesten Traum zu bringen. Meine Erklärung rüttelt nicht 
an der determinierenden Kraft und Bedeuümg der bei der Traumanalyse ge. 
fundenen Assoziationen; die gefundenen Assoziationen begründen die von 
der Traumarbeit getroffene Auswahl, denn sie erklären, weshalb mehr Be=* 
Setzung und damit auch mehr Bereitschaft zum Wiederbesetztwerden dem 

einzelnen Elemente zugeteilt war. , „ ,. t- 1. •* • u* 

F reu d hat es auch für wahrscheinHch gehalten, daß die Traumarbeit mcht 



Die leihingslose Funktion im Zentralnervensystem 



253 



I 



erst im Erwachen, auch nicht nur während der dem Traum vorausgehenden 
Schlafpenode vor sich geht, sondern auch vorher und auch bei Tag und un=. 
bewußterweise fortwährend, besonders aber seit dem Auftreten der erregen^ 
den Traumgedanken und Tagesreste. Aus vielen Träumen, resp. Traumteilen 
hat sich mir ergeben, daß der Grad des Erwachens des Ichs aus dem Schlafe 
die Schichten bestimmt, aus welchen das Traummaterial jeweilig für eine 
Traumszene ausgewählt wurde, daß auch die Strenge der Zensur, auch die Art 
und der Grad der Entstellung von der Entwicklungshöhe des zum Träumen 
aufgeweckten Ichs abhängt. Der neue Terminus Orthrio genese sagt aus, 
daß, entsprechend der Phylogenese und Ontogenese, auch jedes Erwachen 
die Emporentwicklung des Ichs aus dem Besetzungsgrad und Umfang des 
Ungeborenen bis zu dem Ich zur Zeit des Einschlafens verlangt. Beim 
Träumen verweilt das Ich zeitweise auf einem Zv/ischenzustand, dessen Höhe 
determiniert ist, sinkt wieder zurück oder erwacht völlig. Meine heutige These 
geht dahin, daß diese früheren Ichzustände im Schlaf durch die psychischen 
Reize von selten der Ergebnisse der Traumarbeit oder durch körperliche 
Reize aufgeweckt werden, weil diese Weckreize dauernd wichtige oder aus 
determinierenden Gründen aktuell mehr weckbereite spezielle Anteile eines 
früheren Ichumfanges unmittelbar, ohne gebahnten Zusammenhang, dem:, 
nach leitungslos erwecken. 

So wie im Schlafe ein früherer Ichzustand aus der Ruhe der Unbesetztheit 
erweckt wird, so kann das auch im Wachen geschehen; in diesem Falle sagen 
wir, daß das Ich auf den früheren Zustand und Umfang, meist nur partiell, 
regrediert. Wie das geschieht, soU ein Beispiel zeigen. Es ist ein einfacher 
Vorgang, zu dessen alltäglichem, wohlbekanntem Ablauf ich nur Nuancen 
durch die Selbstbeobachtung hinzuzufügen hatte. Ich fuhr in der Stadtbahn 
mit ihren vielfenstrigen Abteilen. Bei dem dritten Fenster saß eine Frau, die 
mich wie jemanden anschaute, den man kennt und gerne wieder erblickt. 
Ich aber kenne sie nicht; erst nach einigen Minuten weicht der Eindruck der 
Fremdheit dem der Bekanntschaft. Nun suche ich in mir nach der verlorenen 
Erinnerung. Beim Suchen schaue ich unwillkürlich die Frau nicht mehr an, 
ich lasse vielmehr die eben gewonnene Wahrnehmung in mir weiter unge.^ 
stört wirken und bin der Gegenwart entrückt, der Erwartung der auflu^ 
findenden Erinnerung hingegeben. Diese kommt tatsächlich wieder. 

Es müssen mehr als 20 Jahre seither vergangen sein; das Gesicht war vom 
Altem verändert; gleichgeblieben war aber der Bau der Gesichtszüge und vor 
allem etwas, was mir beim Wiedersehen als bekannt auffiel, der Ausdruck 
eines besonders tüchtigen und gütigen Wesens. Und dieser physiognomische 
Eindruck hat mir mehr geholfen, in mir zu suchen, als das visuelle Bild. Er 
hat mir nämlich meine Gefühlssituation zurückgebracht, in der ich sie als 
sorgende, brave jüngere Schwester einer unerträglichen, körperlich kranken 
Neurotikerin immer wieder schätzen, ja bewundern mußte, als sie durch 



254 Paul Federn 



einige Jahre mich öfters um Rat fragen kam, auch als die Schwester schon 
Wien verlassen hatte. Zu diesem Wiederauftauchen war kern psychoanaly^ 
tischer Stufenweg zum Vergessenen nötig geworden, kern Auftauchen von 
Zwischenghedem zwischen dem Heute und dem Einst. Aufgetaucht war zu^ 
erst die einstige Objektrepräsentanz, damit bekam ich das Gefühl der tSe^ 
kanntschaft, d. h. der Sicherheit, daß ich das Gleiche schon vorher gesehen 
habe; die Objektrepräsentanz hatte aber zunächst nur das physiognomische 
und visuelle Büd als Inhalt, noch keine sonstigen Eigenschaften; des 
Namens konnte ich mich überhaupt nicht erinnern. Von der vagen Objekt* 
repräsentanz aus kehrten zuerst meine eigenen Ichsituationen wieder, nicht 
etwa nähere, andere Sonderzüge des Objektes. Anfangs war sogar die Ich. 
Situation in KonfHkt mit einer anderen, viel später mit emer andern Frau er. 
lebten, welche gleichfalls durch die Gesichtszüge der mitfahrenden Frau ge. 
weckt wurde, sobald ich aufhörte, in mir zu suchen, und sie wieder M^» 
schaute. Ich mußte diese störende ÄhnKchkeit wegschieben, um bei Üer 
richtig wieder erweckten Ichsituation ganz zu verbleiben; von ihr aus kam 
erst die Erinnerung an unsere gegenseitige Schätzung und weiter an ihr i^er. 
sönliches. ihre Adresse, Wohnung, ihre Stellungen und ihr Schicksal. 

Das Erwachen der früheren Ichsituation ist daher wesenthch, damit tixjtz 
des Verblassens der Ermnerungsspuren, des Vergessens der Namen, teotz 
der unzähligen Interessen und Inhalte, die dazwischengetreten waren, den. 
noch von der aktuellen Libidozuwendung aus, in Erwiderung des freund, 
liehen Blicks der Frau, das frühere Erleben mit vielen Details wieder besetzt 
werden konnte. Dabei werden Objektarepräsentanz und Ichgrenze wohl unter, 
schieden. Bei so schwierigem Erinnern bemerkt man deutiich. wie die noch 
ganz schwach besetzte alte Erinnerung, was wir als Objektrepräsentanz be. 
zeichnen, zuerst an das frühere eigene Ich herantiritt, es ganz schwach^ 
weckt — wie wir dadurch sofort auch im heutigen Ich das Gefühl der Be. 
kanntschaft wiedergewinnen, - und dann Objekt und Ichsituation gegen, 
seiti- wie im Zickzack sich steigernd und erinnernd, immer mehr 
detailliert und lebhaft wiederkehren. Die wiedererweckte Objektireprasen. 
tanz ti:itt in Verbindung nicht nur mit meinem einstigen Ich, sondern' 
auch mit meinem Ich von heute, entweder so, daß ich mich in die Verl. 
gangenheit versetze, oder indem ich die Vergangenheit in der Gegenwart 
wieder erlebe. Im ersten Falle kann ich das seelische Ichgefühl, das eben 
noch das heutige Ich besetzt hatte, teÜweise und sogar ganz verlieren. Im 
zweiten Falle ist mein früherer, einstiger Ichzustand nur Gegenstand des 
Interesses für meine gegenwärtige durch das Vergangene in Anspruch ge. 
nommene Ichgrenze geworden. 

Ich kann mir nun im Sinne der Lehre vom bedmgten Reflex wohl eine 
Organisation vorstellen, welche es durch vorhandene leitende Verbindungen 
ermöglicht, einen jeden der ungezählten durchlebten früheren Ichzustande 



I 



Die leitungslosE Funktion im Zeniralnervensyston 255 



wieder hervorzurufen, wenn aktueU ein zugehöriger Eindruck gleicher oder 
nur wenig veränderter Art uns begegnet. Aber dann müßte zuvor aus der 
Unmenge dazwischen erfolgter Niederschriften, nach Gleichheit, Ähnlich. 
k«t oder inhaltlichem Zusammenhang aufeinanderfolgend, eine analytische 
Kette von Zwischengliedern auftreten, wie sie uns Freud zur Reparatur des 
Nicht.Erinnem.Konnens als eigentlicher Fehlleistung demonstriert hat. Bei 
meinem Beispiel eines Erinnems geschieht nichts desgleichen. Diese Art Er. 
mnem ist aber die häufige, regehnäßige. Das Assoziieren von Zwischen, 
gliedern wird demnach nur nötig, wenn der normale Mechanismus des Fem. 
Weckens wegen eines affektiv bedingten Sichweigems der alten Obieki. 
reprasentanz oder des einstigen Ichzustandes mißKngt. Übrigens habe ich 
m meiner Untersuchung über „Das Ichgefühl bei den Fehlleistungen" ge. 
zeigt, daß immer das Haftenbleiben an einem früheren Ich. 
zustand zum Zustandekommen einer Fehlleistung nötig ist 
Wir können uns nicht mit der Erklärung begnügen, daß unbewußt ge." 
bliebene Mittelgheder es bewirkten, daß der frühere Ichzustand wieder er. 
wachte. Dagegen spricht, daß dann auch bei normalem Vergessen und 
Wiederermnern,_wie sonst nach einer Analyse eines abnormen Vergessens. 
einige dieser Zwischenglieder hätten wiederkehren müssen. Das ist aber nicht 
der Fall. Vielmehr bemerken wir bei der Dynamik eines solchen bloß er. 
schwerten Ennnerns nur einen Wechsel der allgemeinen Besetzungsöko. 
nomie. Zuerst verstärken wir die Besetzung des aktueUen Eindrucks, so sehr 
wu: nur können, und schalten unser Ich möglichst aus; d. h. die Besefeung 
der aktuell gegenwärtigen Ichgrenzen und damit der Gegenwart wird wesenS 
Uch germger; sobald aber etwas dem zu Suchenden Ähnliches aus den un. 
erkannten Zügen hervorsticht, nehmen wir es in uns auf und merken, daß 
wir uns m unserer Vergangenheit verKeren; wir verstärken ins Ungewisse die 
Besetzungen vergangener Ichzustände auf Kosten der heutigen Ichgrenzen 
und der äußeren Gegenwart. Erwacht schließlich die richtige einstmalige Ich. 
besetzung so ist die Erinnerung an das einstmalige Objekt, die das frühere 
Ich erweckt hatte, zuerst noch außerhalb des früheren Ichzustandes. Das Ich 
ist, wie ich immer betone, eine Einheit von zusammenhängender, im Kern 
kontmuierhcher, m allen Peripherien wechsekder Besetzung. Daß ein 
truherer Ichzustand erweckt wird, bedeutet, daß einstens aktuell ge. 
wesene affektive geistige Inhalte von dieser einheitlichen Besetzung ergriffen 
werden. Schon damit ist implicite gesagt, daß andere Inhalte außerhalb der 
einheitlichen Besetzung Hegen. Auch die gesuchte Erinnerung, d. h. die psy. 
chische Repräsentanz des einstmals erlebten Objektes liegt zunächst beim 
Auttauchen außerhalb des damahgen Ichumfanges, der schon vorher ins Be. 
wul5tsem ^treten war. Dennoch hatte ich das Bekanntschaftsgefühl, noch 
öevor ich die emstmalige Ichsituation erinnern konnte und von ihr aus die 
gesuchte Persönlichkeit wiederfand. Ich konnte mexken, daß es die der Ob. 




I '!!' 



jetepräsentan^ anhaftend. LMoW.ung -^ ^^^f .toS^IpSS: 

SnSra£«y^TrrÄ3!s ::r r^ 

i;:„-^ tÄ: 'Ht^tÄXn'SS^aTS 0.,..n aa. 

ganze damaUge Erleben bewußt werden. . . . . „ ^- ,.„ Menschen 

Auch eine «eindselig aHektive Verbindung ist bei den meisten «««™^ 
in,tt^de!7as Bekanitschaftsgefühl zu wecken. Das m^ ^-tlulZb 
Sßdie Fähigkeit, witternd wiederzuerkennen, sowohl dem SeKUalobjekt, 
wie dem Todfeind, wie der Beute zugewendet war. Gedächtnis 

Es hängt von de, Qualität der Begabung tn l^™f ?"« ff °J3 ^^ 
ab wie gering die libidinöse Besetzung zu sem braucht, *«» "J'' °="«'T^ 
äglgnung das Bekanntschaftsgefühl auftreten körnte. Vtelleicte bedarf « 
Sffndividuen mit besonders gut haftenden E^ammen, 4e nach der 
Sem" nschen Nomenklatur dabei auch leicht *P';°™*"v , ' t t Z 
'ni^ht dieser HUfe. T^^SL^:^:<^T^^^-'^t^ 
S'SsZ, W^t: tr'S^S gLm C^dächtnis du^ 

:.dung3W.l.sbe..ungd.s~^^^^^^^^^^^^^ 
S:„rdi:tw:nXsr.fgu„g das Wiederfinden^i^^^^^^^ 

ES^irse-u=s5cSSb-r^^n-s 

sondern daß das heutige Objekt mxt dem B^^^"";ff,^f;^^"f ^^^^^^^^ 
"stand erweckl. und dieser erst das vergangen, ^b^ek^üd^ Da^^^^^^^ 
Detaü daß dazu zuvor das heutige Ich moghchst von aller B«^t^"^S^"^ 
Set wird scheint mir wichtig; es entspricht der Entziehung von Besetzung 
Ts Ichs durch den Schlaf, welche die Orthnogenese ermöglicht. 

Solche genaue Einzelheiten kann man eher bei dem erschwerten Ermn^rn 
von unwichtig gewordenen Gegenständen oder Ereignissen bemerken ; etwa^ 
Ikhtigls Vergessenes taucht, wenn überhaupt, meistens auf einmal m Voll. 



Die leitungslose Funktion im Zentralnervensystem 257 

niemals spontan und sehr ungern, wenn sie danach gefragt werden, sich an. 
vergangene Perioden geistiger Verwirrtheit erinnern wollen. Wir können die 
besondere Scheu davor sehr gut verstehen, wenn, wie wir oben gezeigt haben 
zum Erinnern eine Zurückversetzung in den früheren Ichzustand nötig ist! 
Denn beim Schizophrenen muß ein solches Zurückversetzen die Rückkehr 
zum krankhaften Ichzustande und die Gefahr der neuerhchen Verwirrtheit 
wenigstens subjektiv bedeuten; vielleicht hat er in vielen Fällen mit dieser 
Vorsicht recht und ist die inquirierende Person im Unrecht. Die komplette 
Amnesie, welche die Schockbehandlung mit sich bringt, ist mit ein Grund 
für deren günstige Wirkung; sie reißt jedesmal aus dem krankhaften Ich* 
zustand heraus und macht den Kranken anderen Einflüssen zugänglich. 

Daß die schizophrene Erkrankung mit Ichstörungen schwerster Art ein* 
hergeht, heben alle Autoren und die Kranken selbst hervor. Aus den subjek* 
tiven Klagen entnehmen wir, daß die Ichgrenzen, die im Normalzustand 
nur bei absichtlicher Selbstbeobachtung bemerkbar werden, durch die Krank* 
heit abnorm und auffallend wurden. Daß der eigentlichen Erkrankung Ent* 
fremdungszustände vorausgehen, haben viele Autoren als mehr nebensäch* 
liehen Befund angegeben und in verschiedener Weise erklärt. Nun hat mich 
zuerst das Studium der verschiedenartigen Entfremdungszustände auf die 
Bedeutung der Ichgrenzen aufmerksam werden lassen. Entfremdungen sind 
immer ein Zeichen, daß die betreffende Ichgrenze abnorm und zwar mit 
verringerter Libido besetzt ist. Nicht an den Wahrnehmungen, Gedanken 
oder sonstigen Akten Hegt es, daß deren Erleben entfremdet gefühlt wird, 
sondern an der Besetzungsqualität der Ichgrenze, auf welche die Wahrneh* 
mung, der Gedanke oder ein sonstiger Akt trifft. 

Die Entfremdung kündigt an, daß die Ichbesetzung an dieser Grenze be* 
reits geschwächt ist; bald zeitigt aber die fortschreitende schizophrene Ich* 
erkrankung eine viel schwerere Folge, die gleichfalls wohl bekannt ist, wenn* 
gleich ich sie nirgends mit dem Bestehen der Ichgrenzen auf Grund der Be* 
obachtung des Verlaufs in Zusammenhang gebracht fand. Immer zeigt sich 
beim Schizophrenen die Wirklichkeitserfassung irrig; man kann sagen, er 
wurde eben dadurch „irre" ; er kann nicht mehr zwischen „in mir" und „außer* 
halb meiner" unterscheiden. Gedachtes wurde zum Wirklichen. Das heißt 
aber nichts anderes, als daß, was früher im Ich geschah, nun außerhalb der 
Ichgrenzen vor sich geht. Man hat immer daraus den Schluß auf eine Ände* 
rung der Akte gezogen; nur wenige Autoren haben die Ich*Störung als die 
primäre angesehen, meistens dabei Ich und Bewußtsein zusammengefaßt, wie 
Berze von der Hypotonie des Bewußtseins als primärer Störung spricht. 
Wenn man einmal die Tatsächlichkeit des Ichs und der Ichgrenzen erfaßt hat, 
un Ich nicht wie die meisten Autoren nur die Tatbestandsaufnahme in der 
Persönlichkeit, sondern den Tatbestand selbst der Persönlich* 
keit erkennt, so muß man die Ichstörung auffassen als ein Aufgeben der 

Int. ^eitschr. f. Psychoanalyse, XXIII'2 I7 



Paul Federn 



I 



Ich abliefen, noch weiter mit der /unktioneUen Ex^e^^d^^^^ 

Auf Grund dieser überle^r^g läßt -- ^^^as s^huoph^^^^^^^^ ^^^^^^^^^ 

_ noch ohne reaktives «f . J^^-P^^ ^^^^^^^ 

weiteres Denken - unterscheiden, ob em P^^f^^^J^^^^^^^^ ^„^i,ht. Das als 

gang innerhalb der Ichgrenze liegt «der jon^außen dje^^^;^^ ^ ^^^^bte 

gedacht Erlebte geschieht innerhalb, das als wirKUC 

außerhalb der Ichbesetzung. 

Jasper s hat mit vollem Recht ^^^^^^^^^^ ^1^« 
Htätsurteil unterschieden. Freud hat ff^^^^^^X/^^^^ und ihr 

Funktion seit dem Beginn der Ichentwicklung fortbestehen 
aie Entschjdung o. wiMi^^^^^^^ ^XSTg- primär e. 

Jaspers dafür, daß die J^f^^^^^^^ Träume, in welchen dem 

kannt, besser: empfunden wird. Das be^^^^^" J erwachenden Realitäts* 

Wirklichkeitscharakter des Getraumten ^^^^ ^'^Z^. dennoch seine 
Prüfung und Logik widersprochen ^«^^^ d^^^^^ ^i.der, daß nicht 
Wirklichkeit behält. Grade der T^-"- bef rt un^^^^^^^ erfaßt 

nur das zur Halluzinationskraft «^-^^'^l^^^^^^^^ß^^^^^^^^ erklärt sich 

wird, sondern auch das un Traum nur als g^-^-ßt Erlebte ^^^ 

eben dadurch, daß das Ich des ^^^^^^l^^^JZ^so d.i^ de. Tr.nra 
schaffen« Traumgeschehen hmeinerwacht(OrA^^^^^^^^ ^^^^ ^^^ 

xnit seinem nur gedachten Sem und «af ^1^ d^s^^^^^^^ 'J^ die Außenwelt 
außen trifft. Wir trauen uns, als ^«setz aufzustdkn^^ ^^^ 

für uns Außenwelt ist, wed sie ^7.!"«^"^^" '^^^^THer Gedanken, 
sonders an die Sinnesorgane ^^^^^^'^^^'^^^^^^^^ als wirklich 

::^:l!i:X:i^^^t:i^:^^l^ - erst nach außen 
verlegt, projiziert. . , . 1 t? 

^*"°^"tS:LtL"^tu^^Ki:lAn der WCik .u B.^n de, 

mnese und Katamnese senr um uic , ^^„ , .-„t, arbeitender Beobachter 
Fälle kümmern, lernt doch nur em ^^y^?'^^!^''^^^^ .um 

die Anfänge und die Remissionen völlig ''^'^"t^;^7^^^/Xnalyre der Schizo. 

!S^ b^^ÄcWn aUß^-i^en^-fTvärS:: 
Technik, zum Helfen und Heden. Einige Fdk h Je _^h du c j _^^ 

kontinuierhch psychologisch --^«^/ :.^^^ ^^^^^^^^^^^ und Arzt, 

befindhch und manche ^^^-^ beruf^üg, Nu w r tode. ra ^^^ 
wußten, was sonst niemand bemerk, daß er d^J^ste ^.^^^ 

WirkHchkeitsabgrenzung dissimulierte, weil er dieseioe 



Die leihingslose Funktion im Zentralnervensystem 259 

Geisteskrankheit erkannte und für nicht zur Äußerung geeignet hielt. 
In dem Mehr oder Weniger von Denken, das irrer Weise als Wirklichkeit 
empfunden wurde, zeigten sich die Verschlechterungen und die Besserungen. 
Auch als Präpsychose kann man das gleiche finden, wenn die Krankheit 
oder die Rezidive nicht stürmisch einsetzt. Dann findet man, daß nicht zuerst 
die Gedanken andere werden, sondern nur bei gleichen Gedanken deren 
psychische Lage zur Ichgrenze eine andere wurde. Allgemein kann man foh 
gende Steigerung des Besetzungsverhältnisses in bezug auf die Ichgrenze er^ 
kennen : 

Was beim Gesunden noch inhaltloser Affekt ist, d. h. ein Affekt, für 
welchen die inhaltlichen Gründe erst erfragt oder analytisch ergründet werden 
müssen, dazu tauchen bei der Neurose ursprüngliche oder substituierende 
Gedankeninhalte auf, formal als Versuchung, Angst, Zwang oder Wunsch 
— aber ausnahmslos auch subjektiv noch als gedanklich gedacht, als eine 
NichfeAußenwelt, von welcher getrennt die Außenwelt noch in richtiger Ab;, 
grenzung erfaßt wird. Erst beim psychotisch Gewordenen verlaufen nun die^ 
selben Gedanken — eventuell ohne jede inhaltliche Änderung — mit vollem 
Wirklichkeitscharakter, so daß sie für ihn ganz zur Außenwelt zugehörig 
smd, und zwar in unmittelbarer, unzweifelhafter Wirklichkeit. Klingt der 
psychotische Zustand langsam genug wieder ab, so spielt sich dieser Wechsel 
an einem und demselben Gedankens und Gefühlsinhalte in umgekehrter 
I Richtung oder auch mehrmals hin:* und herpendelnd ab, je nachdem wie sich 
die Ichgrenzen erweitem oder einengen. So kann z. B. ein Kranker als Neuro;, 
tiker bestimmte Gassen phobisch meiden; als Psychotiker hört er — bezw. 
weiß er — es, wie die Leute dieser selben Gassen (erst später des ganzen Be* 
zirks) über ihn sprechen und lachen; er hört ihre Worte spontan oder — ia* 
folge der bekannten Erscheinung des Verschmelzens — aus dem Kreischen 
der Tramway u. dgl. mehr; was sie sprechen, wird aber später wiederum 
unverändert Inhalt bloßer Gedankengänge; und daß sie sprechen, wird später 
Gegenstand einer unangenehmen Vermutung, und all das begleitet schließ« 
lieh neuerdings, wenn er wieder gesund wird, zeitweise nur unbewußt den 
Affekt von Befangenheit und Unbehagen unter Fremden. Ebenso ist es mit 
den üblen Nachreden von Verwandten, mit den Anzeigen und Angriffen 
ehemaliger Freunde, mit der Verfolgung durch die Polizei, mit der sexuellen 
Verführung durch Hausgenossen oder Kaffeehausgäste. Oder er fürchtet 
während der Psychose eine bestimmte Person, weil er weiß, daß sie Mea* 
sehen frißt; vor der Psychose hat er in Gedanken diese Person symbolisch 
als „Menschenfresser" bezeichnet. Aus der frühesten Kindheit und aus allen 
späteren Jahren bekommen Gedanken, Worte und Geschehnisse — unver.. 
ändert oder wie durch die Traumarbeit verwandelt — den Charakter von 
unanzweifelbarer und keiner Realitätsprüfung unterworfener Wirklichkeit. 
Die Psychoanalyse ist nicht bloß „stoffliche" Psychologie, wie ihre Tadler 



17* 



■« raui reoerii 

260 

, T t- u löftt lins erst die Dynamik und Ökoo 
meinen. Das Agnoszieren der Inhalte laßt uns 

nomie der Besetzungswrgänge ff '^^"- f r e u d erkannten Durchs 

Was ich hier ausführe, entspricht nur ^em^^^/^^^r erfahren konnte, 
bruch unbewußter Inhalte in der P^y^«;^^^^?;^^^^^ -i^^- 

liegt nach der ^^^^^^ ^^^ f"^ kIZZuM^^^ durchbrechenden Inhalte 
einer solchen Zeit des ^"h^lt^l^^^^^^^^'^^pt^krankung um sich griff 
ein langer Zwischenraum m -^-^^^^^^^'^^^^^ verstörte, bis eben im 
und die normalen Fähigkeiten zur ^^^^^^^ f "'/"^^^^^^ ^„d wieder partiell 
Kampfe des Ichs mit dem Es dxe "^^r^^f'^X^sch.n und Remis. 

restituiert wurde. In den von mir ^^f^^^^^^^nn^n der Wirkhchkeit 
sions.Zeiten lagen jedoch richtiges und Kr^sZ^^^^^ ^^ ^^^^^^^ 

zeitHch und dementsprechend m '^fj^ff Gespräches wechseln 
einander, daß sie sogar ^^^'■^^'^t^ "-,..„ den drei Stadien ver. 
können; sonst sind .^^^-^l^'-'^^^'^^^^ daß er günstig be. 

strichen. Mit der Zeit ^f J^^ ^^^^^^^^^ seiner Ideen m 

einflußt werden kann - recht f^^^^^ diesbezüglich mit zum Teil ver. 
ihrem Wechsel zu verfolgen. E^/P^^^^^f ^^^^^^^^ entweder fraglos und 
stehbaren Ausnahmen präzis. Die ^^^^^^^^getlliche wahnhafte und de. 
unbedingt gegeben oder g^^^ndS zum bloß irren, aber sozusagen 
reierende Weiterdenken kommt sekundär zum 
richtig oder mit Recht irren Denken dazu^ 339 ff .) von diesem 

Ich konnte Herrn Dr^K r i ? ft I-agOfü^/'g^^^^^ wirkliche Künstler, 

Standpunkte aus auch die Erklärung dafur^geb^^^^^^ ^^^ .^^^^ ^^^^^ 

welche eine außerordenthche Hohe der üarste^ g^^ ^^ ^^^^.^^ ^ 

tischen Erkrankung besessen hatten und d^es^ ^^^^^^ ^^^ ^^^ ho. 

während der Erkrankung nicht ^.^^f'^^'-Xu ausüben. Die hohe Entwicklung 
. Äe Nicht.KÜBstler die bUdner-he Ta igk.t ausube^^^^ _ 

der Kunst ist zum Teil - wie ^^^°^,1; J ^ehen des Kunstwerks vor der Rea. 

stärker werdenden B^f u^'^^'^uß tealStsg^^^^^^ "^ ^'^^' ""^ ^"'^r 

litätsprufung; das Gebildete muß reaht^gem ^ ^^ ^^^„^^^^ 

duelle, sondern ^^ch geinemsa_me ^"jf ^^^^utätsprüfung versagt, so mußte die 
tische Gedanken deshalb ^^^^^^^^^'^^.l.^ ^^slcher und als ständiger Versuch ge. 
Bildnerei des Geisteskranken besonders u^^^^^^^^ ^^^^ ^^^^.^^ Darstellungs. 

schehen, sie würde ^e^e»^^^^^. "?,Xr^S^^ Wenn aber alles, was gedacht 

kunst erworben ist, richtig ^^ ,^^^^^Ärolung einfiel, in Jeder Reihenfolge 

Sit* jrÄÄÄ -g5 ^^^s^t:«^ 

reichen, fort. „,..£• ^u narstellune bei Psychosen so groß ist, 

Daß aber überhaupt das Bedurfms ^^f^^ef stf en sondern vor allem daran, 

liegt nicht nur an der Regression -" mf antden Stut«^; ^^ ^^^ Ubidobesetzten 

daß die auftauchenden Gedanken noch imme^^ ^^^^^^ ^ ^ ^ ^ ^ ^^ ,echt. 

Stiebungen oder der Angst sind und^ab^^^^^ normalen Mitteilungsbe. 

das Erläuterungsbedurfnis de JJ^^^P^^'J^^ Versuch, das Erlebte „abzurea. 

dürfnis zu unterscheiden; es ist em dauernüer v 



L 



Die kitungslose Funktion im Zentralnervensystem 261 

gieren". Der Psychotiker kann nichts mehr verdrängen, weil das Produzierte eben 
für ihn reales Außensein geworden ist, er muß äußern und wieder äußern, ?o# 
lange die Libido noch überhaupt ein Ich in ihm speist und diese Ichbesetzung 
sein Ich, wenn auch mit sehr reduzierten Grenzen und regressiv geworden, noch 
zusammenhält. Nach der Restitutierung des Ichs ist, was Außenwelt geworden 
war, wieder zur verdrängbaren oder beherrschbaren Gedanken* und VorsteU 
lungswelt geworden. 

So erklärt sich das Verleihen des Wirklichkeitschaxakters durch das 
Zurückziehen der Ichbesetzung vom Gedachten und erklärt sich das Au£* 
hören des Wirklichkeitscharakters durch das neuerliche Erfassen eines Ge* 
dachten durch die Ichbesetzung. Daß Ichgrenzen sich zurückziehen, ist hier 
nicht ein Gleichnis. Wir haben tatsächlich bei der Schizophrenie infantile 
und pubere Ichstadien vor uns, denen vieles später für das Ich Erworbene 
wieder entzogen ist. Der schizophrenen Icheinschränkung liegt ein somai* 
tischer Prozeß zugrunde, von dem eine primäre Wirkung, nicht die einzige, 
die Besetzungsschwäche ist, welche das seelische und das körperliche Ich 
unzulänglich werden läßt. B e r z e hat mit Recht den Hauptvorgang als Akti^ 
vitätsschwäche interpretiert. 

Bei der bisherigen Darstellung habe ich alle dazukommenden normalen, 
neurotischen, psychotischen Reaktionen und Komplikationen, darunter alle 
Abwehrs« und Restitutionsversuche unerwähnt gelassen, weil ich für die mir 
gestellte Aufgabe den Hauptvorgang, der alles entscheidet, hervorheben wül. 
Nur einen Einwand von den vielen, die erhoben werden können — die ich 
mir selbst im Laufe der Jahre gemacht habe — , will ich besprechen, weil er 
scheinbar einen Widerspruch zwischen Teilen meiner Ausführungen herstellt 
und weü seine Beantwortung diese Darstellung vervollständigt. Beim Be# 
sprechen des Wiedererkennens und noch ausführlicher in meinem Aufsatz 
„Zur Unterscheidung des normalen und pathologischen Narzißmus" (Imago, 
Bd. XXII, 1936) habe ich die psychische Realität der Phantasien auf ihren 
Eintritt von außen an die psychische Ichgrenze zurückgeführt. Jetzt aber 
führe ich aus, daß alles Psychotische deshalb den Wirklichkeitscharakter hat, 
weil es außerhalb der Ichgrenze abläuft. So sehr aber die Phantasie die Wirk^ 
lichkeit in der Lusfe«Unlust!«ökonomie zu ersetzen vermag, ist ihre Wirklich* 
keit doch von derjenigen einer psychotischen Vorstellung oder Wahnidee 
noch weit entfernt. Der Widerspruch erklärt sich durch das Bestehen körper«» 
Ücher und seelischer Ichgrenzen. Ich wiederhole eine schon publizierte For* 
mulierung, daß die psychotisch unrichtige Wirklichkeit entsteht, wenn Ge* 
danken und Vorstellungsabläufe außerhalb der seelischen und der somas« 
tischen Ichgrenze verlaufen. Die Besetzungsschwäche betrifft das körper* 
liehe und das seeKsche Ich. Wenn auch manche Autoren diese Trennung 
innerhalb eines Untrennbaren für wertios halten, kann man doch nicht an* 
ders, als ihr zur differentiellen Beschreibung und Erklärung vieler wichtiger 
Phänomene genaue Beachtung schenken. Ein bloßes Zurückziehen der see« 



lischen Ichgienze kann nur die von Freud als so wichtig erkannte psy. 
chische Realität eines Vorganges bedingen. Lebensnahe .lag:, 
träume verlaufen derart, innerhalb des aktuellen körperlichen Ichs aber 
außerhalb des kindlich eingeschränkten seelischen Ichs. Sie treffen ott eine 
durch Identifizierung des Kindes entstandene seelische Ichgrenze (Phantasma 
im Sinne Bühlers). . . . ^., 

Das uns hier beschäftigende vom Schizophrenen irrigerweise als Wirk, 
lichkeit Erfaßte liegt hingegen nicht nur außerhalb der psychischen sondern 
auch außerhalb der körperlichen Ichgrenze. Das befremdet zunächst, denn 
wir Gesunden fühlen ja nie unsere Ichbesetzung und Are Grenzen - die 
seelische und die körperliche - anders als einheitlich. Wie sollte es m uns 
im Zentrahiervensystem Körper.Ich.Grenzen geben können? Daß aber 
krankerweise dem so ist, entnehmen wir den Aussagen der Kranken, nicht 
nur unserer Schizophrenen, sondern, wie Pötzl und seine Schuler u. a. 
zeigten, auch vieler organisch Hirnkranker. Auch die völlig ektopische 
LokaHsation innerer Stimmen und Geräusche zeigt die Veränderung der 
subjektiven Körper.Ich.Grenzen an. Unseren noch geordnet sprechenden 
Schizophrenen können wir in bezug auf ihr subjektives Erleben und ihre 
subjektiven Sensationen völlig Glauben schenken. Weil sie die Außenwelt 
falsch wiedergeben, ist man eher geneigt, auch Mitteilungen über die Innen, 
empfindungen als belanglos zu ignorieren oder, weil so viel Wahnhattes 
dazutritt, sie im ganzen als wahnhaft hypochondrisch abzutun. Wir hören 
immer wieder solche Kranke über abnorme, ganz besonders eigenüimliche 
Veränderungen im Körper.Ich.Gefühl klagen, Sensationen im Schädel, Ge. 
Sicht, im Körper, besonders im Gehirn. Es ging nun die Hei ung der korper. 
liehen Ichsensationen bei zwei Fällen, die ich durch Jahre mehrmals wochenb» 
lieh zeitweise täglich sprechen ließ, mit der Wiederherstellung der normalen 
Grenze zwischen Außenwelt und Gedachtem parallel. Die Sensaüon von mit. 
unter grotesken Änderungen im Gesichtsschädel und sonst im Korper mil. 
derte sich zu leichten Ermüdungs. und Spannungssensationen innerhalb des 
voU restituierten Körper.Ichs und schwand schließlich ganz. Bemi Schwin. 
den stellen sich wieder Entfremdungsgefühle nicht selten em - all das weist 
darauf hin, daß bei dieser Psychose bestimmte Körper.Ich.Grenzen erst an 
Qualität, nach unserer Annahme durch Verlust der Libidobesetzung, ein. 
büßen, später überhaupt nicht mehr besetzt werden können. Die Ichgrenze 
wird starr, verHert ihre normale Beweglichkeit. 

Beim Gesunden stellt eine zwar höchst variable, aber stets emheitiich zu. 
sammenhängende Besetzung das seehsche und körperliche Ich immerfort kon. 
tinuierlich her; das Ich ist nichts als diese einheitliche Be. 
Setzung Dieselbe erstreckt sich in wechsehiden Grenzen, ändert sich mit 
jedem Gedanken, jeder Affektregung, jeder Wahrnehmung; geteennt von 
ihr sind die mannigfaltigen anderen Besetzungen, welche allem Nicht.Ich und 



i 
t 



Die leitungslose Funktion im Zentralnervensysiem 263 



besonders der Außenwelt entsprechen. Da nun von diesen Ichgrenzen und 

deren Besetzung die geistige Orientierung und die richtige Unterscheidung 

des Wirklichen vom Unwirklichen abhängt, so ist die Ichbesetzung der wich^ 

tigste von aUen seelischen Vorgängen.« Sie entscheidet über die freie Existenz 

des Individuums; sie überragt an Bedeutung alle einzelnen Fähigkeiten, 

Kenntnisse, Leistungen. Ich habe nun geschlossen — erst hier verlasse ich 

den Rahmen bloßer Beschreibung und mache die Annahme — , daß einem 

so wichtigen Unterschiede im psychischen Erleben und Funktionieren auch 

metapsychologisch und psychophysisch ein Wesensunterschied gegenüber 

den anderen Vorgängen entspricht, d. h. gegenüber allen Vorgängen, die zum 

Ich hinzutreten, als von ihm erfaßbare Inhalte und Leistungen. Das Ich ist die 

Einheit der Besetzung, die anderen bilden nur durch die Aufnahme in das Ich 

eine Einheit, sonst sind sie mehr weniger komplex, aber gesondert. Die Aufs» 

nähme in die Einheit — das ist bereits wieder Beschreibung — geht immec 

vom Ich aus. Meine Annahme ist nun, daß der Zusammenhang des Ichs 

deshalb einheitlich geschlossen bleibt, was immer es wechselnd umfaßt, weil 

die das Ich ausmachende Besetzung auf leitender Verbindung beruht, 

von welcher aus jeweilig der Kontakt und die Kontiguität mit den jeweilig 

umfaßten erregten und erregbaren psychischen Vorgängen und Inhalten aus» 

gehen. Daraus ergibt sich nun zunächst hypothetisch die weitere Annahme, 

daß die jeweilig an das Ich zur Aufnahme herankommenden Inhalte von 

der einheitlich funktionierenden Besetzung getrennt sind. Erst vom Ich aus 

wird die Verbindung hergestellt. So erklärt sich metapsychologisch und 

psychophysisch die Einbeziehung in die Ichgrenze, die Existenz der unbe# 

streitbar deutlichen, aber ständig wandelbaren und nie völlig geänderten Ich* 

grenze und die stets gleiche, und doch nicht isolierte Existenz des Ichkemes 

als Dauerbestand des Ichs. Dafür, daß das Ich nicht durch Besetzung»» 

Steigerung auf Leitungsbahnen, sondern leitungslos zur Erweite*^ 

rung der Grenze angeregt werden kann, dafür spricht jene Er# 

scheinung, für welche ich ein Beispiel im normalen Erinnern gegeben habe, 

nämlich, daß von einer Objektrepräsentanz einer, unter all den unzähligen 

einstmals mit speziellem Umfang und Inhalt besetzt gewesenen Ichzuständen 

der eine, richtige, erweckt wird. 

Wir fühlen immer die gesamte zusammenhängende Besetzungseinheit des 
Ichs. Von den einzelnen leitend verlaufenden Funktionen in unserem 
Nervensystem merken wir subjektiv nichts; hingegen wird uns das leitungslos 
erfolgende Eintreten eines Vorganges in die Besetzmigseinheit, in das Ich, 
als besonderer psychischer Vorgang bewußt. Wir brauchen die Annahme des 
leitungslosen Erweckens nicht zu überspannen und sagen daher vorsichtig: 

3) Wir trennen die Frage nach dem Wesen des Bewußtseins von der nach dem Wesen 
des Ichs, was wir dürfen, weil es auch unbewußte Ichzustände gibt — man denke nut an 
die Fälle von völligem DoppeHch. 








^T ^A^r ^U an bestimmten Funktionsstellen eine 

a« iLnd ^.^sm«. Einh^H^K^r^; *-ä ::S:Ken beiden 
auch in bezug auf das Ich den funklioneuen ^ betonen. Im 

Vorgängen, Id'«»'' .^!'*°rKtir^mi's"vSeln uns erinnern. 
Ich dürften beide miKmander bestehen. Wir mussrnw 

daß im Ich das körperliche und das seehsche '^J'^^'^u,, Ei„Keit 
dazu die Erklärung, daß dem KorperJch ^^''^^^JX^ einheitliche 

entspricht, mit ™'f-^ .^^^^ Ä ^- S'^ «-^sl^ ^=' 
Funkdon als seeUsches Ich hf'8«5*f« .T„J. Finhdt des Körper.Ichs nur 

setzungskomplexe in sich embeziehen. .^^^^^ leitungsloser 

Nach Aufstellung des prinzipiellen Unterschiedes z ^. 

und gebahnter Funktion wollen wir """"^^^^, ^^""SL lo in welcher 

welchen Funktionen und Mechanismen. ^ ^^^ J^t „^^^^^^^^^ 

Topik - dieses Wort im -f-t::gut Ä^ -<^ 

Hiezu müssen die ausgebreiteten -^^^^it^^Zn^^'^y'^oS::^ der 
Sinnesphysiologie, der ^o^?^,^^^ "^^i^"^^^^ 

Psychiatrie vom Gesichtspunkt ^^/^J'^^St b^^^^^^^ BibUothek, mit scharf 

dJs Material exakter ^^tsa Jenbefunde fu^^^^^^^^ entgegengesetzten 

ausgedachten Schlüssen, die zu .^^f^^^t haben Der Zerfall der psycholo. 
Hypothesen. Theorien "^^ 1^°^*"^^!^ "ill^tert e^^ «nd ein so schlechtes 
gischen Wissenschaft in Schulen, so ^«klagensweri er i« ^ Wissenschaft 

Zeugnis für die Eignung zum Lenken f^^^^^r*^^^^^^^^^ einen Vorteil, 

von der Menschenseele gibt, hat wenigstens ^l^^'f^l^^^^^]^ j^ der Literatur 
Für beide Vorgänge ist ein ^^^t':^''^,l'%^f'^ZTXn Schuh und der 
niedergelegt. Wir finden in <1- ^^^jf^^^^^^^^^ gebracht 

sonstigen Reflexologen *1^^^ ^achw^is k^^^^^ leitungsloses Funktion 

und bei den Gestaltpsychologen Je^'^j^^Xß meine Annahme viele Gegen. 



'&„=• £.;'2i;.sr.°"«"i.»5»"» ^«'» '*•■ 



( 



Die leitnngslose Funktion im Zentralnervensystem 



265 



Wie nahe ich mit meiner Annahme der B ü h I e r sehen Schule gekommen bin, 
zeigt sich darin, daß wir in Vorträgen und Diskussionen sehr oft das Gleichnis 
von Sender und Empfänger hören. Auch die Lehre vom Phantasma wird der 
Änderung des Ichzustandes und der Ichgrenzen gerecht. Ich betone aber, daß ich 
die „nicht leitenden Funktionen" als Realvorgang und nicht nur gleichnisweise 
meine. Über die Natur der Vorgänge und über die Struktur ihrer Apparate sollte 
ich angesichts der wundergleichen bereits vorliegenden mikroskopischen Karto;» 
graphie mit der ihr entsprechenden Physiologie des Zentralnervensystems ganz 
schweigen. Nur um die eventuelle Tragweite der Unterscheidung von Leitung 
und Nicht=Leitung anzudeuten, bemerke ich, daß wir im Falle, daß unsere An* 
nähme zurecht besteht, viele Bahnen und Leitungen als Zuleitungswege zu Gebe:» 
und Empfangsstellen für eine leitungslose Funktion beanspruchen werden 
müssen. Denn wir können, wenigstens für wache Normalzustände, keine diffuse 
Permeabilität für leitungslose Erregungen, etwa von überallher überallhin, an» 
nehmen. Lokalisierte Auswahlapparate würden den von vielen Autoren ange»» 
nommenen Analysatoren entsprechen. Wir müssen auch vermuten, daß es um* 
schlossene und abgeschlossene Areale gibt, auf welche das normale Wirkungs^» 
bereich der Sender, bezw. der Empfänger eingeengt wird. Darin könnte vielleicht 
eine Richtung zur Verständigung über das heute so umstrittene Lokalisations* 
problem sich andeuten. 

Selbstverständlich setzen viele Funktionsgebiete gebahnte, leitende Ver^ 
bindungen voraus, so alle unbedingten Reflexe. Für die bedingten Reflexe 
liegt die Antwort nicht einfach, weil, wie erwähnt, die Wirkung von Analy^ 
satoren vorher zu untersuchen wäre. Wir können alle vom Ichkern aus ständig 
im Ich in Aktion gehaltenen Funktionen als auf Leitung beruhend auffassen, 
' besonders alles, was automatisch geschieht, unbemerkt, ohne unbewußt zu 
sein, auch wenn es über den Reflex hinausgeht; so die großen Orientierung*« 
Systeme, welche von der Gestaltpsychologie als Gerüst» und Rahmenwerk 
bezeichnet werden, u. zw. je in sich geschlossen die Koordinatensysteme der 
Umwelt, des Körpers und einzelner Organe. 

Ob bei der Regulierung und Kompensation, welche durch die Bewegungen der 
Glieder, des Körpers und der Augen nötig wird, um die Orientierungssysteme 

j stets richtig zu koordinieren, die komplizierten Schaltungen durch leitungslose 
Auslösung zustande kommen, diese Frage kann nur die genaue Analyse der nor* 
malen und pathologisch gestörten Erscheinungen beantworten. Da es sich um, 
wenngleich unter konstanten Abhängigkeitsbedingungen, variierende Innerva;» 
tionen handelt, ist die Mitwirkung leitungslos übermittelter Auslösung nicht aus* 

I geschlossen. 

Das Problem der räumlichen Einordnung der Objekte, insbesondere, daß das 

Objekt trotz der Bewegung der Augen oder trotz der Bewegung des Objektes 

als Einzeleindruck und nicht als Bildstreifen im Gesichtsfeld erscheint, gibt der 

Gestaltpsychologie Argumente gegen die empirische Psychologie, welche die 

rlMterdriickung aller störender Eindrucksreihen zur Erklärung heranzieht. Das 

j Thema führt zu weit ab, denn ich müßte vorher den Zusammenhang der Erfas*' 

jsung von Hinter* oder Vordergrund mit der Zuordnung zum körperlichen Ich 

f erklären. 

Das Problem der Sinneswahmehmungcn bestimmter Objekte überhaupt 






kann trotz der Schwierigkeit und Allgemeinheit des Themas hier nicht ausge« 
schieden werden. Es scheint mir unmöglich oder, bescheidener, es ist mir 
nicht gelungen, das visuelle Erkennen eines Gegenstandes als das, was es 
ist, also die „Erfassung" des Objektes, ohne Mithüfe der Annahme einer 
leitungslos erfolgenden Auswahl mir zurechtzulegen. Die mir einzig mog^ 
liehe Erklärung scheint mir die zu sein, daß vom Netzhautbüde aus wohl 
leitend in den Gesichtszentren das erste seelische Bild zustandekommt, von 
dort aus aber die Auswahl der richtigen Erinnerungsspur zum 
Teil oder ganz auf ungebahntem Wege erfolgt. 

Weil diese Annahme zur festen Ansicht in mir wurde, was Jahre brauchte, 

habe ich gewagt, dem bei der Ichphänomenologie gefundenen Unterschiede 

Beweiskraft zuzubilligen. Es war mir eine Erleichterung, zu finden, daß auch 

die Gestaltpsychologen die bisherigen Erklärungen in Zweifel ziehen, eigent* 

lieh bereits sie falsifiziert haben. Die Annahme von F e 1 d k r ä f t e n scheint 

mir die Aufgabe nicht anders zu lösen, als es die psychoanalytische Annahme 

von der Besetzung aUer psychischen Elemente, besonders aller Engramme, 

schon getan hat. Bernfeld hat die Gleichheit der psychoanalytischen 

und der gestalttheoietischen Auffassungen mit vortrefflicher Klarheit her* 

ausgearbeitet. Wenn ich in der Gestaltpsychologie Argumente für meine An* 

! sieht finde und mich ihr daher nähere, so entferne ich mich dadurch keines* 

wegs von der Psychoanalyse. Daß die seelischen Strukturen und Inhalts* 

Verknüpfungen vermöge dynamisch bedingter Konstanz und nicht durch 

statische Konstanz sich erhalten und wiederkehren, scheint mir das gemein* 

same Grundlegende zu sein. Meine Auffassung von der Ichbesetzung, von 

den Ichsektoren, den Ichgrenzen findet sich mit anderen Bezeichnungen, aber 

mit gleichem Inhalt, auch bei Koffka, der sie wohl unabhängig von mir, 

vielleicht früher als ich publiziert hat. Das auf verschiedenem Wege erreichte 

gleiche Ergebnis spricht für die Richtigkeit der Auffassung. 

Versucht man durch feste Bahnen und Zentren den Vorgang des erfas* 
senden Wahmehmens zu erklären, so ergeben sich in anatomischer, physio* 
logischer und psychologischer Hinsicht unfaßliche Konsequenzen, die von 
der Gestaltpsychologie und der empiristischen Psychologie oft hervorge* 
hoben wurden. Die Annahme führt nämlich entweder zur Voraussetzung 
eines anatomisch so komplizierten Apparates, daß er unvorstellbar wird, 
oder zur Annahme, daß praktisch alle Bildreize mit allen Engrammen jedes* 
mal in Verbindung treten, also zu einer sehr schwer vorstellbaren Annahme, 
obgleich sie in der Resonanztheorie von W e i s s tatsächlich gemacht wurde. 
Oder man muß sich entschließen, Relaissysteme anzunehmen, durch welche 
wie etwa bei einer Münzenzähhnaschine, aber natürlich auf millionenfach 
kompliziertere Weise, die Bilder geschieden und geordnet und schließlich 
dem entsprechenden Engramm zugeordnet werden. 
So wie der Techniker nach dem Bild, das er vom Menschen hat, den Roboter 



Die feitungslose Funktion im Zentralnervensysfe 



267 



schuf, so kommt man, wenn man sich auf die ausschließliche leitende Funktion 
festlegt zur Vorstellung des Menschen Im Ebenbild des Roboters. Es ist begreif, 
hch daß nicht nur die auf die Naturwissenschaft hörende Menschheit, sondern 
auch große Kreise von Naturforschem gegen diese Auffassungen Widerstände 
empfinden «nd solche leisten. Daß meine Annahme sie überfliUsig macht, war 
mtt em Grund, daß ich mich tarotz meinem eigenen Bedenken, aus wenigen, aller. 
dmgs eindrucksvollen Beobachtungsquellen so weit führende Schlüsse zu ziehen, 
zu dieser Publikation entschlossen habe. 

Auf Grund der Vorstellung von bloßen Erregungsleitiingen müßten dem^ 
nach alle Bildfa:äger mit allen Bedeutungsträgern im weitesten Sinne irgend^ 
wie verbunden sein, damit von der zirkumskripten Stelle des zentralea 
Sehens her das ganze visuelle Weltbild stets wechselnd aktiviert wird. Nimmt 
man hingegen leitimgslose Erweckung an, so ist es begreiflich, daß jedes 
jeweilig aus den kombinierten Reizungen von Sehelementen entstehende Bild 
ein anderes, und zwar nur das ihm gleiche oder gleichartige wachzurufen 
vermag. Damit ist nur die prinzipielle Möglichkeit in Worte gefaßt. Der 
Vorgang selbst ist als ein überaus komplizierter anzunehmen. Die Kompli. 
kation liegt darin, daß jede Wahrnehmung im Raum lokalisiert und trotz 
ihrer wechselnden Lage (auch Beleuchtimg, Umgebung, Deudichkeit) inhalt^ 
Uch konstant ist. Außerdem ist die Frage des Bewußtwerdens bei dem Er* 
I kennen zu beantworten, das in der Norm gleichzeitig mit dem Akt der Wahr* 
nehmung geschieht. Schematisch kommen mehrere Möglichkeiten in Frage: 
j Das richtige Engramm wird von dem aktiiellen Bildreize erweckt; oder die 
besetzten Engramme suchen die zugehörigen Büder, wenn aufmerksam ge* 
schaut wird; oder beide Vorgänge regen sich gegenseitig an, wie wir es £üf 
das Verhältins von Ichgrenze und Objektiiepräsentanz dargestellt haben. Am 
wahrscheinlichsten ist, daß Bildeindruck und aufgewecktes Engramm ein* 
ander neuerdings vermöge ihrer identischen dynamischen Besetzung in dem 
|— allerdings noch ganz rätselhaften — neutralen Felde des Bewußtseins 
b'effen. Hat doch Freud die Freiheit des Bewußtseinsfeldes 
von jeder eigenen Qualität als Bedingung dafür erkannt, daß es 
bereit und imstande ist. aUe aktuellen und vergangenen Inhalte aufzunehmen 
und jeweils lebendig werden zu lassen. 

Wenn meine Erklärung auf dem Gebiete der Wahrnehmung zu Recht 
besteht, so können wir daraus ein weiteres Kriterium dafür gewinnen, wann 
wir das Mitwirken des leitimgslosen Funktionierens anzunehmen haben. Das 
erste angenommene Kriterium war das Verhältnis zur Ichgrenze. Das zweite 
ist, daß es sich dabei um eine Auswahl des Richtigen unter vielen Fort*! 
Setzungen des dynamischen Ablaufs handelt, die zur eventiiellen Inanspruch* 
nähme bereitstehen. Dieser dynamische Ablauf kann ein elementarer Vor* 
gang der Erregung weiterer Empfindungselemente, oder ein komplizierter 
sem, wenn es Wahrnehmungsspuren, Gedanken oder Wünsche sind, welche 
nnmer an vielen verschiedenen Zusammenhängen mitwirken. In all diesen 



268 



Paul Federn 



I 



l 



Fällen wird nun die jeweilig richtige Fortwirkung ^-dynam sehen Erregung 
auf leitungslosem Wege ausgewählt werden Im Gegensatz ^^"/^ Jrie 
ki end herc^estellte Weiterentwicklung anzunehmen, wo es sich um typisierte 
orteSslns in vielen Fällen in gleicher Weise auftretende Zu^mmen. 
hänge und Verwertungen des psychophysischen Einzelvorgangs handek^ 
T ist fraglich, ob leitend hergestelhe Zusammenhänge wieder ge^^^^^^^ 
den oder stets - von zerstörenden Krankheiten abgesehen - für Lebens^ 
'r testen. Wahrscheinlich können leitungslose Zusammenhange^durch 
die Herstellung leitender Verbindungen stabilisiert werden. Auch aut den 
Wegen leitender Verbindungen kann eine richtige Auswahl getroffen werde^ 
indem die unrichtigen gehemmt oder ausgeschaltet ^'^-'J- fwirkt auth 
richtige Fortentwicklungsmöglichkeit übrigbleibt. In dieser Weise wirkt aucti 
tX!:: suchende und wählende Aufmerksamkeit. So mag ein ki^ngs. 
loser Zusammenhang konstant sein, em leitend ^^^^^^^^f „^^^f ^^f ^^ 
Geltune kommen Im allgemeinen wäre die leitende Herstel ung der Zu. 
famShän^g^unehmel wo Bestimmtes - YriSfS^ 'rmtetiX 
hört, die leitungslose dort, wo Bestimmtes wechselnd mit B^.^timmtem od« 
mi Verschiedenem in Verbindung zu treten oder es auszuW hat. Doch 

W au:h zu bedenken sein, ob nicht auch ^^ ^yP^^^^^^^XlS 
tungslos geschehen und andererseits manche besonders fem wechselnd. 

^^^Wt kTirn'Sef ^^iten Problemen zur Psychoanalyse zunick derer 

pI lerne ebenso weite sind, aber dank der Klarheit der ? - "f ^^^^^^^^ 

kenntnisse und Formulierungen eine viel präzisere Ausemandersetzung selbs 

d^Xb^n wo es sich, wie in der Metapsychologie. um - -^--J^- 

kretisierbare Themen handelt. In manchem weicht meine Auffassung voi 

unse'n bisherigen ab: Der Wirklichkeitscharakter im Traume und in d 

Psychose scheint mir durch die Regression zur Wahrnehmung mcht ge 

nügend erklärt. Nur Halluzinationen haben - auch diese nicht ^mnier - de 

Charakte der ursprünglichen Wahrnehmung; das Kriterium der Wirklichke, 

Sr^: ich dL bloße Wissen (Ahnen, Fühlen, ^-f-)^- J-^^zi 

n der Psychose. Meine Erklärung habe ich oben gegeben. Bei der Halluz 

nation kommt, allerdings auch nicht immer, die Wiederbelebung der ^ 

sprünglichen Wahrnehmung zustande. Wir vermuten, daß diese physiok 

Ische Regression auf leitungslosem Wege geschieht, wie wir es oben ^ 

der Erfassung des Wahrzunehmenden angenommen haben. Ist der Wirl 

Shkeicharakter von der physiologischen Regression zur Wahrnehmur 

unabhängig, so macht die Erklärung der negativen Halluzmation eben. 

wTnig Schwierigkeit wie die der ektopischen. z. B. der extracampmen. 

I^^fchmler Auffassung erfolgt der freie Einfall in ^er R-^*"^,^;^^^ 
drän<^ten und die Wiederkehr des Verdrängten nicht nur durch auf Leitung 
wegen erregte, bewußte oder unbewußte Verbindungsglieder zwischen B 



i 



Die leitungslose Funktion im Zentralnervensysien 



269 



wüßtem und Unbewußtem, sondern auch durch unmittelbaren Aufruf. Die 
Schutz.^ und Abwehrmechanismen des Ichs erfolgen durch tatsächliche 
Änderung der Ichbesetzung in bezug auf Zusammenhang, Umfang und 
Stärke. 

Wenn wir dem Ich eine einheitliche Besetzung zugrundelegen, so verlieren 
die Ichspaltungen bei der Hysterie viel von ihrem Rätsel. Insbesondere wird 
für die extremen Fälle von DoppeL^Ich begreiflich, daß die Objektrepräsen* 
tanzen durch leitungslosen Eintritt beiden Ich^Einheiten zur Verfügung 
stehen, obgleich diese nicht gleichzeitig im Bewußtsein sind und die Ich=» 
besetzungseinheiten selbst nur im Körper=»Ich zusammenhängen. Für den 
Zwang ist die Erklärung naheliegend, daß vorher leitungslos herstellbare 
Zusammenhänge in abnormer Weise zu leitend hergestellten wurden, die 
keiner Unterbrechung mehr unterliegen. Das entspricht der Auffassung, im 
Zwange bedingte Reflexe zu sehen. Dazu kommen aber noch besondere 
Besetzungen der Ichgrenze im Verhältnis zum Inhalt der Zwänge. 

Der Vorgang der Verdrängung besteht nach unserer Auffassung darin, 
daß Inhalte unzugänglich für die leitungslose Anregung 
werden. Der Grund kann am aufrufenden und am aufzurufenden psychischen 
Inhalt liegen. Was die Widerstände metapsychologisch bedeuten, wollen wir 
heute noch nicht erörtern. Die Analyse stellt durch die Beseitigung der 
Widerstände und das Einfügen von Etappen von Zwischengliedern die Auf;* 
rufbarkeit wieder her. Die Aufrufbarkeit von vergangenen Ichzuständen ist 
oft wichtiger als die von einzelnen Objektrepräsentanzen; ohne Heranziehung 
einer noch auszubauenden psychoanalytischen Affektlehre sind die meta=* 
psychologischen Vorgänge, welche das Entstehen, das Verstärken und Auf»= 
heben der Verdrängung betreffen, nicht zu erkennen. Jedenfalls werden sie 
innerhalb des von Freud gesteckten Rahmens des Verlegens und Zurück== 
Ziehens von Besetzungen gefunden werden. 

Wenn wir^ die Aufrufbarkeit und das Aufrufvermögen bei der leitungslosen 
Erregung mit der Libidolehre in Übereinstimmung bringen wollen, so liegt 
mir auf Grund meiner früheren Untersuchungen des Sadismus und Maso* 
chismus und der späteren über das Ichgefühl nahe, neuerdings von der Mei>» 
nung Freuds, daß die Libido qualitätslos sei, abzuweichen und die Libido 
wie alle Sexualität als männlich und weiblich^ aufzufassen. Wir könnten dann 
die Sendekraft der Besetzung mit männHcher Libido, die Empfangsbereit» 
Schaft der mit weibHcher Libido zuschreiben. Daß etwa die gleichzeitige Be= 
Setzung mit der zweiten Art von Libido und mit andersartigen Triebquanten 
diese Funktionen erschwert und daher, wohl zumeist in der Erlebnisform 
feines Affektes, als Widerstand auftreten muß, ist zu vermuten. Ob Triebe 

1 n?!*^"^ ^^^ seinerzeit angeschlossene Vermutung, daß die Libido männlich, die Angst 
Wöblich sei, ist Freud selbst später nicht zurückgekommen. Der Versuch einer Affekt== 
!«hre findet sich in meiner Arbeit: Image, Bd. XXII, 1936, S. 14. 



■^ ' ' Paul Federn 



und Affekte, ob insbesondere die Angst ^^^^^''^':^'l'^''f^^^^^^^ 
Repräsentanz und Auslösung haben oder ob sie sich m ihm ab^Pjkn. ^s 
für unsere Frage gleichgültig. Jedenfalls haben «f/en größten Einfluß au^ 
den Ablauf der geleitet und der leitungslos erfolgenden psychischen Zu. 

"m^ttTdie Verdrängung darin gegeben sehen daß ein psychisches El^ 
ment nicht mehr leitungslos aufrufbar ist, so verstehen ^'^l''^^^^^^ 
ohne Psychoanalyse durch Erweckung einer ganzen S^l^^^^^ «^e^^^^^^^ 
früheren Ichzustandes oder eines Ichsektors mit aUen -;--. ^^f Xn^^^"|S 
dauernd oder vorübergehend wieder aufgehoben werden kann. Ander j^ts 
kann auch durch Zurückziehung von Totalbesetzungen d. h. durch Ab. 
Ziehung der einheitiich erfolgenden Besetzung von großen Gebieten und 
Systemen die Aufrufbarkeit von besetzt bleibenden „Erinnerungsinseln 

wieder hergesteUt werden. u j „^c Vi^At^r, Hes 

Es liegt besonders nahe, dort an leitungsloses, unverbundenes Emden des 
Ausdrucks und leitungsloses Fortsetzen der seelischen Bearbeitung z^ 
denken, wo auch die Psychoanalyse keine Zwischenglieder sucht weds^^ 
sich erfahrungsgemäß nicht einstellen ; so ist es bei der Symbolik. Wenngleich 
wr phylogenetisch viele Zwischenglieder aufdecken, so ^^^^^^^^^ ^^^^^ 
Her das Endprodukt, das Symbol, selbst durch das leitungslose Wirken der 
V ef^dLTngen. ;elche das Symbol schließlich in sich veremt, entstanden 
ISn Und ebenso geschieht es heute bei jeder Neuschaffung oder neuartigen 
V^endtng eines Symbols. Alte typische Symbole welche wjeSigd^^^ 
der Kurzschrift dienen, sind hingegen als Etikette dem sachlichen Inhalt 
zugehörig, für sie trifft auch nicht mehr unser Kriterium der wechsehiden 
WaU zu. Bei dem Schaffen neuer Symbole, besonders b- 1- Auto. 
Symbolik, die Silberer in ihrer aufschlußreichen Eigenart erfaßt hat fühlt 
eTer nack ihm, daß dieser Vorgang anders vor sich geht als das gebahn e 
Weiterdenken. Der autosymboHsche EinfaU wird besonders -mit^dbar^^s 
spontaner Ersatz subjektiv erlebt und ist auch so aufzufassen. Dies wu^e 
Ttapsychologisch sJerklärt, daß - ähnUch wie beim Witz - das ^e^^te 
Denkel aussetzt und unbewußt das Symbol oder die symbolische über 
Setzung vermittelt werde. Die alte und meine neue Erklärung erganzen en. 
ander. Das merkwürdige Ergebnis der Freudschen Metapsychologe ist 
daß das eigentlich Psychische das Unbewußte sei. Dieser Satz i^ von 
manchen Autoren mißverstanden worden; er sagt nur. daß wir vom W^n 
des Psychischen nichts wissen, wenngleich wir es bewußt erleben. Eben^ 
wissen wir nicht, was der leitungslose psychische Vorgang ist; im Augen. 
bHck dler an dls Ich herantritt, wird er zum bewußt Psychischen, das von 
da an auch leitende Wege einschlägt. Auch im Unbewußten gibt es wahr, 
scheinlich leitende Verbindungen, die ebenso automatisiert sind wie solche 
im Bewußtsein. 



"Die kitungslose Funktion i m Zentralnervensystem 271 

Es entsteht demnach in der Regel ein neuer Symbolausdruck leitungslos 
über mehrere teils bewußt, teils unbewußt zusammenhängende Etappen von 
Zwischengliedern. Es gibt aber auch eigenartige Einfälle und Bilder, oder 
Fassungen in konzentriertestem Bilde, welche wie erratische Erscheinungen 
völlig isoliert in der gedanklichen Blickwelt plötzlich, bald zuerst nur 
schemenhaft, bald sofort überlebhaft uns einleuchten, sich uns „offenbaren". 
Als Bild sind sie lebhaft wie stärkste Traumgebilde, als Gedanke stark und 
überzeugend, und auf unbegreifliche Weise entstanden. Sie sind oft bedeut» 
same, oft völlig unwichtige Produkte der seelischen Arbeit, oft nur frucht* 
bare oder befreiende, weil einigende Transponierungen von einem Seelen* 
gebiet auf ein anderes oder in ein anderes Denk»= und Ausdrucksmaterial. 
Diese Erscheinungen könnten für sich schon unsere Theorie der leitungs>> 
losen Funktion nahelegen. Je neuartiger und neuer das Produkt ist, je weniger 
sein Zustandekommen erklärt und nachgezogen werden kann, desto mehr 
besteht sogar subjektiv ein Gefühl einer leitungslos erfolgten Hervorrufung. 
Von hier aus weiter schließend vermuten wir, daß überhaupt alle Ver*= 
schmelzungs* und Verdichtungsvorgänge, also ein Hauptteil des Primärvor»» 
ganges, leitungslos erfolgt, wobei es sich auch vielfach um primitive, am kuL* 
turellen, erwachsenen Seeleninhalte gemessen abnorme Inhalte handelt. Den* 
noch wirkt aber die primitive leitungslose Funktion an den höchsten Geistes* 
leistungen mit, obgleich sie, besser, weil sie die Funktionsart des urtümlichen 
magischen und animistischen Denkens ist. Die ordnende Verknüpfung zum 
Sekundärvorgang durch das zwar mannigfaltiger gerichtete, aber mehr er* 
starrte, nicht mehr allhin beweghche kulturelle Denken hat auf nahezu allen 
Vorstellungs* und Denkgebieten mehr und mehr bestimmte Verbindungen 
im Sinne der Reflexologie geschaffen. Bei jeder Regression überwiegt aber 
sofort der Primärvorgang in leitungslosem Funktionieren. 

Wir sind von dem bloßen Auswählen und Finden des richtigen Engramms 
oder der passenden Assoziation über die Symbolik zur schöpferischen Arbeit 
mittels leitungsloser Vorgänge vorgedrungen. Von richtigen, dynamisch stark 
besetzten psychischen Gebilden wird dabei leitungslos das dem Wunsch, der 
Frage, dem DarsteUungsverlangen Genugtuende gefunden. Oft ist es nur 
em entferntes Zielvorstellungsgebilde, das eigentlich schon vorher, latent, 
bekannt war. In anderen Fällen hat die unbewußte leitungslose Arbeit zu 
einer Resultierenden geführt, die von allen bisher gehabten Zielvorstellungen 
verschieden war, sie hat Verschiedenes zu einem neuen Gebilde verdichtet, 
völlig Neues geschaffen. Solche leitungslose Funktionen sind der Gedanken* 
flugweg des produktiven Schaffens. Durch leitend und leitungslos in stetem 
Wechsel hergestellte Verbindungen, durch prüfenden Vergleich aller Ver* 
oindungen und Folgerungen werden dann erst die Ergebnisse geordnet, ein* 
gereiht wnd begrifflich erfaßt. 
Bei allen geistigen Arbeiten, sei es Aufnehmen, Darstellen oder eigent* 




272 



Paul Federn 






Hohes ProduzUre», wechseln tener Leisft,nge„ d»'* ''S'^^"«', "^ 
d** Hingabe an Einfall und ^l-^f '' -''Xt^Li ^"«^ 
der Wffle in, Obergang von emem '"'"'"^^^Son bes'eht; es wird 

„,i„ier.„.^»e^ngs-pu^ss^afto^«J^^^^ 

gegangen, daß das ich aut ei kitungslos erfolgenden 

haben doch zuletzt ^«^^"^h.,^^^^^^^^^^ kein Gegenargument 

Regungen ausgeht, dieser Widerspnx^Jna^^^^ 

gegen den Weg unserer Deduktionen. Wir tretten bei ^^^^ 

fchs immer wieder auf ^--j^-^-T^^^'Xl^^^^^^^ geschieden. 

sind das körperliche und das ^^^^^ ^^^^^^ tnkt Sie Einheit als 

Wenn wir daher für ^^^^^'l^ ^^J^^t^^^^.^, daß gleichzeitig 

ir^^^lStr^^^a^r^^^^^ -er leitungslos hergestellten 

fahrungen abzuleiten, und mich ^^'=^* ^^^^^^^^^^^^^^^^ dieser Kühnheit hat 

lenen Funktion die wichtigsten ^^^^^^'^^^]^uS mcht bedurfte, um diese 
mich aber das Wissen bestärkt '^f f J,°\"^'^^'„^'esgenossenschaft der VitaUsten 

Erkenntnis zu vertreten. I^^^ f ^^^"^ "^^f/^'J^^ j u l g und vieler anderer. Sie 
wie z.B. Drie seh, Monakow, ^ergson ju g ^^^^^ ^^^ 

gehen aber mitunter apno-üsch von mn^^^^^^^^^^ Ich beruf e mich 

aus. Ihre Überzeugung ordnet sich J.^J ^^^ff ^^^°'^nderer mystischer Religionen 
auch auf die Erkenntnisse des B^^j^^^^äe^^^^^^^^^^^^^^ alle haben zum 

und auf die einzelnen großen ^.Y^™ 
Teil geheim gehaltene Methoden trkenn^^^^^^ .^^ ^.^^ ^^^ Zutrauen 

tf Sen^le^^ÄtSfotSrral^^^^^^^^ und damit wird ihren 

Mütien die objektive Geltung abgesprochen. ^^^^ 

So wied^holen wir als G-n.e-^n^ [l^^V^lZn ist die 

"h^" '21 tirifps; hsi!n und ^: psy^^^^^^^ Seite des Physischen.^ 

verschieden sind, auf denen man aber zum ^'^J" p .^ologie. Hier 

ä^iS S« .^l^w^L Wurzel gefunden und sie n,i. der draWosen Tele. 



Il 




Die leitungslose Funktion im Zentralnervensystem 273 

graphie vergKchen hat. Wenn nur eine Mitteilung über die Übertragung 
psychischer Inhalte über räumliche und gar über zeitliche Distanzen ohne 
jedes Mitteilungsmittel verifiziert wurde, so scheint damit bewiesen, daß das 
Psychische leitungslos weitergegeben werden kann, daß es ein leitungsloses 
Aufrufen und Empfangen gibt. Ich weiß, daß viele, z. B. Schilder, das 
Tatsächliche bestreiten und ignorieren und die Parapsychologie als Okkul=» 
tismus und als Leichtgläubigkeit abtun. Ich meine, daß das nur bei mangels 
hafter Kenntnis der Beweise möglich ist. Für meine Theorie Hegt in der 
Parapsychologie immerhin ein Wahrscheinlichkeitsargument, daß nämHch ein 
Geschehen, das über ganze Kontinente als Fernwirkung leitungslos jsich 
äußert, an und für sich überhaupt ein leitungslos verlaufendes Phänomen 
sein kann. Aber zwei Einwände sind nicht zu übersehen: erstens, daß es 
neben der Annahme der psychischen Natur der Telepathie auch spiritistische 
und mechanistische Hypothesen gibt; der zweite Einwand ist, daß die Fem:* 
Wirkung zwischen zwei Individuen nichts über das gleiche Geschehen 
innerhalb des Individuums aussagen muß. Immerhin unterstützen die para* 
psychologischen Erfahrungen meine Annahme. 

Der Kritik halten aber die experimentellen Arbeiten von Weiss stand. 
Dieser ausgezeichnete Forscher hat auf Grund seiner Transplantationsver». 
suche die Theorie von dem Resonanzprinzip ausgesprochen. Er hat näm^ 
lieh gefunden, daß jeder Muskel auf einen anderen spezifischen Reiz reagiert 
und sich auf Reflex»= oder Willensimpulse kontrahiert, auch wenn er bei 
der Transplantation durch ganz andere Nervenbahnen mit ganz anderen 
Nervenzentren verbunden wurde. Er erhält doch die ihm „zugedachte", d. h. 
die für ihn erfolgte Innervation. Weiss nimmt nun an, daß alle Muskel»« 
innervationsreize diffus durch alle Nervenbahnen (genauer durch alle 
Nervenbahnen des Rückenmarks) an alle Muskel herantreten und erst im 
Muskel selbst der richtige Reiz selektiv zur Geltung kommt. Es ist also die 
Annahme unspezifischer Leitung und spezifischer Resonanz hier gemacht. 
Ob daher auch für die von mir angenommenen psychischen Fernwirkungen 
die Auffassung „unspezifische Leitung" besser entsprechen würde als die 
von mir gewählte der „leitungslosen Erweckung", wird die weitere Unter«* 
suchung ergeben. Das ist eine der Antworten, welche ich von der Physiologie 
erwarte. 

Freud hat stets die Psyche, die er erst neu für die moderne Medizin ent* 
deckt hat, vom Somatischen geschieden. Meine präzise Auffassung der Be«= 
Ziehung von seeKschem und körperlichem Ich entfernt sich nicht vom psycho*^ 
analytischen Mutterboden. Freud sagte, daß die psychischen Vorgänge wie 
virtuelle Bilder zwischen Linsensystemen aufzufassen sind und keine&» 
Wegs als in den Zellen vorstellbar, v. Kries hat das gleiche Problem wie 
meine Arbeit vor Augen gehabt und ist zur entgegengesetzten Annahme geo 
kommen. Jedenfalls ist der Gegenstand von größter Wichtigkeit. Deshalb 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXIII/2 18 



k 



274 Paul Fedetn: Die leitungslose Fnnktion im Zentfalnctvensystem 



bitte ich den Leser, die Gewagtheit meiner Annahme und die Vielfältigkeit 
meiner um diese Annahme konzentrierten Mitteilungen zu entschuldigen. 
Was daran sich als richtig bewahrheiten wird, wird auch die psychoanaly^ 
tisch beobachtbaren Vorgänge und ihre metapsycbologischen Annahmen 
richtiger erklären und besser begreifen lassen. Aus diesem Verlangen und 
Bedürfnis ist die vorliegende Arbeit entstanden. 



Zur Psychogenese der manisch-depressiven 

Zustände^ 

Von 

Melanie Klein 

London 

Ich habe in früheren Arbeiten » eine Phase der Höchstblüte des Sadismus 
beschrieben, durch die das Kind im ersten Lebensjahr geht. Schon in den 
ersten Lebensmonaten hat der SäugHng sadistische Impulse, die sich nicht 
nur gegen die Brust der JMutter, sondern auch bald gegen ihr Körperinnenes 
richten, Impulse, dieses Innere auszuschöpfen, zu verschlingen, mit allen 
Mitteln des Sadismus zu zerstören. Die frühkindliche Entwicklung wird von 
den Mechanismen der Introjektion und Projektion beherrscht. Von Anfang 
an introjiziert das Ich „gute" und „böse" Objekte, für die die Mutterbrust 
den Prototyp darstellt, für gute Objekte, wenn die Brust es befriedigt, für 
böse, wenn sie ihm versagt wird. Aber das Kind empfindjet sie als „böse" 
nicht nur, weil sie seine Wünsche versagen, sondern auch, weil es seine 
eigene Aggression auf diese Objekte projiziert; für sein Gefühl sind sie- 
wirklich gefährliche Verfolger, von denen es verschlungen, gewaltsam des 
Körperinneren beraubt, in Stücke geschnitten, vergiftet — kurz mit allen 
Mitteln sadistischer Phantasien zerstört zu werden fürchtet. Diese Imagines, 
die ein phantastisch verzerrtes Bild der realen Objekte sind, die ihnen 
zugrunde liegen, werden vom Kinde nicht nur in die Außenwelt, sondern 
durch den Prozeß der Einverleibung auch in das eigene Ich verlegt. 
So kommt es, daß ganz kleine Kinder durch Angstsituationen gehen (und 
auf diese mit Abwehrmechanismen reagieren), deren Inhalt dem der Psycho^ 
sen Erwachsener vergleichbar ist. 

Eine der frühesten Abwehrmethoden gegen die Angst vor diesen Verfol» 
gern, sei es, daß sie (eventuell nach der Projektion auf das reale Objekt) als 
m der Au ßenwelt existierend empfunden werden, oder aber, daß sie bereits 

i) Erweiterte Fassung eines auf dem XIII. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß 
m Luzern, 26.— 31. August 1934, gehaltenen Vortrages; aus dem Englischen des Int. Journal 
of Psycho^Analysis. Vol. XVI, P. 2, 1935 übersetzt von Dr. Paula Hei mann, London. 
io^7'''c™-,o^^""^ ^^' Redaktion: Die vorliegende Arbeit wurde in Band XXII, 
iy.36, i.c280 dieser Zeitschrift von O. Fe ni ch e 1 referiert. Mit Rücksicht auf die Bedeu* 
tung, die die Arbeiten der Autorin über den englischen Analytikerkreis hinaus gewonnen 
haben, hat sich die Redaktion entschlossen, ungeachtet des Referates, die ganze Arbeit in 
dieser Zeitschrift zu veröffentlichen. 

lo-fs? ^^^^^^^ Klein: Frühstadien des Ödipuskonfliktes. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIV, 
RJ v7 ^'^ Bedeutung der Symbolbildung für die Ich^Entwicklung. Int. Ztschr. f. Psa.. 
cd. XVI, 1930. — Frühe Angstsituationen im Spiegel künstlerischer Darstellungen. Int. 
1932 ^" ^^^" ^^' ■^'^"' ^^^^' ~ ^'^ Psychoanalyse des Kindes. Int. Psa. Verlag. Wien. 

18» 







ins eigene Innere aufgenommen wurden (^f^^^^^^^^ ae^sXn 
Hchte- Verfolger), ist die Skotomrsierung ^^J^^lZTd::iloi.kü^-^ 
Realität: dies kann zu einer betra':Kthchen E^^^^^^^ äußeJ Realität 

und Projektionsmechanismen und so ^"^ ^^'^^^ Sehr bald versucht 

führen, und büdet die Basis der f^^'^^Ilt^Z.s^, der Ausstoßung 
auch das Ich, sich der i-ren Ver o^^^^^^^^^ t v::Snerlichten Objekten 
und Projektion zu erwehren. Da di« Angst vo ^^-^^^^^^^ dieselben 

mit deren Projektion keineswegs erhscht, ^^^^^^'l f -^ -^^^^^ Verfolger 
Kräfte und Mittel wie gegen die äußeren so '""fl^^^^^Xu^n die Grund. 
ix,s Feld. Diese Angstinhalte --^ ^^r^^tt'zXrem^^^^ wilden 
läge der Paranoia. In der kindlichen ^ngst vor Zauberern , ^^^ 

Xfren usw. entdecken wir etwas von ^^^ ^^f^^^^^leZ SchlniMol,^ 
bereits projiziert und modifiziert worden. Bn^^^^^ ^^^ ^^^^^^^ 

rungen war, daß infantile l^y^^^T ^ ^^fs.^schon sehr früh auftreten. 
wird durch -vangsneurotische Mechamsmen di^ chon^e^^^ ^^^^^^^ 

In der vorliegenden Arbe^ befasse ich mich mi ^^^^ j^, ^as 

den in ihrer Beziehung zur Paranoia «^"«'^^f^^' ^" .™^^^ .^s der Ana. 
Material, das -- ?^^,^^^^^^^ solchen Grenz. 

Züge aufwiesen. .^ 

-JSnte. ve.ta.d ich die aus f^^^^^^^^t^ IS'S^ ^^ 
Psychosen des Erwachsenen -"S^««^^ ^'^f^^^jS:";^^^ 

Die Kinderneurose stellt em Gemisch der ^««^^^^"Jf ^f" ^J ^^ ^^hr oder weniger reiner 
Züi^und Mechanismen dar. cüejrbe.^^^^^^^^ ^,3^. Seite 166.) ..Ich 

Ausbildung kennen lernen. C^ie Psychoanalyse ^.^ psychotische Anest 

kam zum Ergebnis daß d^^Z^^^^X^^lfEbenS Seite 172.) Hinsichtlich der manisch, 
der frühesten Schichten zu «b";^^^^^ j^^;^ " jSSer Wechsel von übermäßiger Lustigkeit 
depressiven Zustände wies ich daraut ^.^^' ^f^ "^oUsche Störung charakteristisch ist, eine 
und übermäßiger Traurigkeit der für de melanA^^^^^ ^^^ ^^^^^ ^^^^ 

beim kleinen Kinde ^^f^^^f^^^f^^äJ^S-^^^^^ auch in gemilderter Form 

Kindes wirksam sind und ^^^"^^J^^^^'J^^ Ich habe mich dort vorwiegend 

liegt, bin ich aber in «"«^"^f "f ^^f^^är^nd Ihrer Verarbeitung durch zwangsneuro 

■ÄSdS SirreS^rZu^atL^Mnge zwischen paranoischen und ma. 
^^sch^epressiven Zuständen und Ängsten ermöglicht. 



Zur Psychogenese der manisch»dey fcssiven Zustände 277 

Ich lernte manische Zustände verschiedener Grade und Formen kennen, 
einschließlich der leicht hypomanischen Zustände, die bei normalen Per^^ 
sonen vorkommen. Ebenso erwies sich die Analyse depressiver und mani»* 
scher Züge bei normalen Kindern und Erwachsenen als sehr aufschlußreich.' 

Nach Freud und Abraham ist der fundamentale Prozeß in der Me* 
lancholie der Verlust des Liebesobjektes. Der wirkliche Verlust eines realen 
Objektes oder eine ähnliche Situation, der die gleiche Bedeutung zukommt, 
führt zur Errichtung des Objektes im Ich. Aber bei einem Übermaß kannii 
balistischer Impulse mißglückt die Introjektion und dies führt zur Erkran* 
kung. 

Warum ist aber der Prozeß der Introjektion so spezifisch für die Melau;« 
cholie? Ich glaube, daß der wichtigste Unterschied, der zwischen der para* 
noiden und der melancholischen Einverleibung besteht, in der veränderten 
Beziehung des Subjekts zum Objekt zu suchen ist, die wiederum zum Teil mit 
Veränderungen in der Konstitution des introjizierenden Ichs zusammen»« 



5) Ich habe — ohne sie damals als solche zu bezeichnen — manische Mechanismen 
als em Element der Charakterbildung und als Symptom in meinem zitierten Buche he» 
schrieben. Ich führte dort aus (und belegte diese Auffassung mit einer Anzahl von Fällen 
mehr oder weniger asozialen Charakters), daß gewisse Formen von Überlebhaftigkeit Beim 
Kinde gepaart mit Hohn und Trotz (und häufig Liebesunfähigkeit) Überkompensierungen 
von Angst bedeuten und der Abwehr von Schuldgefühlen und des Gefühles der eigenen 
Verantwortung dienen. Die Fälle, die ich in diesem Zusammenhange anführte, wiesen 
auch starke zwangsneurotische Züge auf. Es galt für sie, was ich hinsichtlich des Zwanges, 
den der Zwangsneurotiker häufig auf andere ausübt, schrieb: „Der Zwangsneurotiker 
sucht sich der Unerträglichkeit des Zwanges, unter dem er steht", (ich bezog mich hierbei 
auf die Angst vor verinnerlichten Objekten und inneren Gefahrsituationen) „zu erwehren, 
mdem er sich gegen das Objekt benimmt, als ob es das Es oder das Über==Ich wäre und' 
indem er den Zwang nach außen abdrängt. Hierbei wird auch der primäre Sadismus 
durch Quälen und Bemeisterung des Objekts befriedigt. Die Angst vor den seitens der 
verinnerlichten Objekte erwarteten Zerstörungen und Angriffen, die den Zwang, die Ima^« 
gines zu bemeistern und zu beherrschen, auslöst (ein Zwang der im eigentlichen Sinne nie 
befriedigt werden kann), wendet sich gegen äußere Objekte" (I. c, 176). 

In ihrer Arbeit „Zur Psychoanalyse asozialer Kinder und Jugendhcher" (Int. Ztschr. f 
Psa., XVIII, 1932, S. 478) führte Melitta Schmideberg aus, daß in gewissen Fällen 
das asoziale Verhalten einem Gemisch von manischen und paranoiden Mechanismen ent* 
spricht, mittels derer der Asoziale der Depression zu entgehen sucht. Unter BezugnahW 
vqL^' ^^**^' ^^^ ausgeführt hat (Der Vergiftungswahn etc. Int. Ztschr. f. Psa., XII, 
1926), daß in der Paranoia das verfolgende, bei der Manie das verfolgte intirojizierte Objekt 
m die Außenwelt verlegt wird, während bei der MelanchoUe sowohl das verfolgende als 
auch das verfolgte Objekt verinnerHcht bleiben, kam Melitta Schmideberg zum Er^ 
gebnis, daß der Asoziale „dem manischen Mechanismus entsprechend das verfolgte introji« 
zierte Objekt sowie seine eigenen verpönten Regungen auf äußere Objekte verlegt und 
ach mit dem verfolgenden Überleb identifiziert. Seine paranoide Einstellung, die da* 
durch zustande kam, daß er den introjizierten Verfolger nach außen verlegte, überwand 
« durch Aggression. Auf diese Art entging er dem Schuldgefühl, teils dadurch, daß er 
^s Übersieh in die Außenwelt verlegte, teils dadurch, daß er das Über=»Ich durch die 
Verfolgung der Objekte, auf die er seine eigenen verurteilten Regungen projizierte, zw 
tnedensteUte". 



I,!. 



ni: 



-— " Melanie Klein . 

,278 ^ ^ 

t "1, „ Pha^ in der der orale Sadismus eine her* 
hängt.^ In dieser ganz frühen P^^^j^' ;" °^5^^^^ „^^^ die Grundlage für die 
vorragende Rolle spielt und die meiner Ansicht r^ac . Q^^-^tten zu 

S^hizfphrenie büdet,' ist die Fähigkeit des IcH -h - -^^ ^J„,,i,i,,, 
identifizieren, ^f^^^^^r^t:^^^ Teilob^ekte 

^tie paloiden Ib.ehrmethoden ^ie^n ^ ^^^l,X^ 
folger" 'hin. Wenn bei fortschreitender Or^-^^^^^i^^^^ den „guten" 
sich dichter der Realität annahem, kann das ^^^J^^ ^^^^^, ^^, dem 

Objekten identifizieren. Die Angs vor f %^^^*2 "nd von jetzt an wird 

Ich galt, bezieht nun ^^^ ^.t ^i'Ä^^ 

die Erhaltung des guten Objekts als gleichbedeute y ^^^^erung von 

den. Hand in Hand -t d^ser. ^^dk vL e^r^^^^^^ 
höchster Bedeutung vor sich, namhch ^^ von jne^ ^^^ jas Ich 

zu einer Beziehung zum ganzen Objekt, j^^^^^^^^^^^^ ^.^J^^ abgibt, die 
zu einer neuen Position die die Grundlage f^y^'^^^] ^^^ Qbjekt als 
„Verlust des Liebesobjekts" genannt W J'''^^'^^^ ^^i, Wen. 

^in ganzes gehebt wird, ^^-^^\Y^:^'^£^^ZInZ Angstinhalte auf 
Mit diesem Wechsel in der Objektbezxeh^g ^g^"^^^^ J j^ der 

und die Abwehrmechanismen ^^"^^^ "teeS^,,I"^u^^ entscheidend 
Beziehung des Subjekts zu semen Obj^^^^J'f ^™ ,,distisch zerstörten 
die Entwicklung der Libido. ^^^"'«^'^^ ^"^ *' ^n St und Gefahren sein 
Objekte im ^^^Z'^-^T^^T:^^^ ^- ^.i^.n. 

srikSäL^^^^reLrfch^^^ 

sich u. a. in den Eßschwierigkeiten to ^^^^^ ^^^^^^ 

die meiner Auffassung nach unmer ^"^« Jf^^^^^^^ Objekt identifi. 

Kind (oder ein Erwachsener) sich starker m^emem ^te- ^^^^ ^^^ ^^^ 

ziert, werden ^Jj^f^^f^J^^^^^^^ sowie der 

ixächtlichen Zahl von Ichkemen Nach s m^^^^^ ^^ ^^^ Classification o£ 

A'^^^^t^^^-^^i: Tai aas lana in ae. Phantasie 
7) Ich verweise auf meine Beschreibuns Je' f as^,.^^ de^_^ ^^^ ^_^^^^^ ^^^ 

des Kindes, insbes. Kap. VIII.) 



Zur Psychogenese der manisch=depressiven Zustände 



279 



vor inneren Verfolgern hat, gegen die es ein gutes Objekt zur Hilfe braucht. 
Auf dieser Stufe wird das Ich mehr denn je sowohl durch Liebe wie durch 
Bedürftigkeit zur Introjektion des Objekts getrieben. 

Ein weiterer Antrieb zu erhöhter Introjektion hegt in der Phantasie, daß 
das geliebte Objekt im eigenen Innern in Sicherheit bewahrt werden kann. 
In diesem Falle werden die inneren Gefahren auf die Außenwelt projiziert. 

Wenn aber die Sorge um das Objekt zunimmt und eine bessere Erkennt» 
nis der psychischen Reahtät einsetzt, führt die Anjgst, daß das Objekt bei 
der Introjektion zerstört werden könnte — wie Abraham beschrieben hat 
— zu einer Störung der Introjektionsfunktion. 

Hierzu kommt meiner Erfahrung nach die tiefe Angst vor den Gefahren, 
die das Objekt im Leibesinnem erwarten. Es könnte dort nicht sicher ers= 
halten werden, weil das Innere als ein gefährlicher und giftiger Ort emp* 
funden wird, in dem das gehebte Objekt umkommen würde. Hier sehen 
wir eine der Angstsituationen, die ich als grundlegend für die Angst vor 
dem „Verlust des Liebesobjekts" beschrieben habe, die Situation nämlich, 
daß das Ich sich stärker mit seinen guten inneren Objekten identifiziert und 
gleichzeitig — infolge der zunehmenden Einsicht in die psychische Reali* 
tat — seine eigene Unfähigkeit erkennt, diese seine guten Objekte gegen 
die verinnerHchten bösen Objekte und das Es zu beschützen und zu be=* 
wahren. 

Diese Angst ist psychologisch gerechtfertigt; denn das Ich gibt, auch 
wenn es sich mit Objekten voller identifiziert, seine früheren Abwehr* 
mechanismen nicht auf. Nach Abrahams Ergebnissen leiten die Vers» 
nichtung und Ausstoßung des Objektes — Prozesse, die für die frühere anale 
Phase charakteristisch sind, — den depressiven Mechanismus ein. Diese Auf«» 
fassung ist eine Stütze für meine Aufstellung der genetischen Beziehung zwi^ 
sehen Paranoia und Melancholie. Meiner Erfahrung nach besteht der para»» 
noide Mechanismus der Zerstörung der Objekte (im Körperinnem und in der 
Außenwelt) mit allen Mitteln des oralen, urethralen und analen Sadismus 
weiter fort, aber in geringerem Grade und mit einer gewissen Modifizierung, 
die dem Wechsel in der Beziehung des Subjekts zu seinen Objekten ent« 
spricht. 

Denn die Angst, daß das gute Objekt zusammen mit dem bösen aus* 
gestoßen werden könnte, führt zu einer teilweisen Entwertung der Aus* 
stoßungs* und Projektionsmechanismen. Auch macht das Ich auf dieser 
Stufe von der Introjektion des guten Objekts als eines Abwehrmechanismus 
mehr Gebrauch. Diese Änderungen sind mit dem Einsetzen überaus wich* 
tiger Tendenzen und Phantasien verknüpft — denen der Wiedergutmachung 
am Objekt. In früheren Arbeiten befaßte ich mich ausführlich mit dem 




! , 



Begriff der Wiedergutmachung« und zeigte, daß diese sich nicht mit der 
Reaktionsbildung deckt. Ich hatte - zuerst in den Analysen deiner Kmder 
und bald auch in den Analysen Erwachsener - gefunden, daß das Ich sich 
dazu getrieben fühlt (und ich kann nun hinzufügen: getrieben durch seine 
Identifizierung mit dem verinnerlichten guten Objekt), für alle sadistischen 
Angriffe, die es gegen dieses in frühen aggressiven Phantasien gerichtet hatte, 
Wiedergutmachung zu leisten. Wenn eine deutUchere Spaltung zwischen 
guten und bösen Objekten erreicht wurde, versucht das Subjekt die ersteren 
wieder herzustellen, wobei jede Einzelheit seiner sadistischen Angriffe wie. 

der ,gutgemacht wird. , ül ^ • 

Es erwies sich mir, daß die Wiedergutmachungstendenzen und Phantasien 
aktiviert werden durch die Ängste und Schuldgefühle, die schon im ganz 
kleinen Kinde» infolge seiner sadistischen Phantasien emsetzen, - so daiS 
also die drei Tendenzen: Aggression, Schuldgefühle und Wiedergutmachung 
im Zusammenhang mit frühen Inti:ojektionsprozessen schon ganz zeitüch 
aufs innigste miteinander verknüpft v^erden.« 

Das Ich des ganz kleinen Kindes kann der Güte des Objekts und semer 
eigenen Fähigkeit zur Wiedergutmachung nur noch wenig trauen. Ander^ 
seits wird das Ich durch seine Identifizierung mit einem guten Objekt und 
durch die anderen Entwicklungsschritte, die damit einhergehen, zu einer vol^ 
leren Erkenntnis der psychischen Realität gezwungen und dadurch schweren 
KonfHkten ausgesetzt. Eine Anzahl seiner Objekte - eine unbegrenzte Zahl 
- sind Verfolger, bereit es zu verschlingen und zu vermchten. Aui alle 
Arten gefährden sie sowohl das Ich wie seine guten Objekte. Jeder Angritt 
den das Kind in seiner Phantasie seinen Eltern zufügt (prunär aus Haß und 
sekundär in Selbstverteidigung), jeder Gewaltakt, den eines seiner Objekte 
einem andern zufügt (im besonderen der zerstörerische, sadistische Koitus 
der Eltern, den es als eine weitere Folge seiner sadistischen Wunsche an. 
sieht) - all das spielt sich für das Gefühl des kleinen Kmdes sowohl jn 
der Außenwelt als auch, da das Ich ständig die ganze äußere Welt m sich 

8-) M Klein: Frühe Angstsituationen im Spiegel künstlerischer Darstellungen. Int. 
Ztschr. f. Psa., Bd. XVII, 1931; ferner: Die Psychoanalyse des Kindes, insbesondere J!U^ 

^^^S. a. Ella Sharp e: Sublimierung und Wahnbildung. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XVII, 

^^?)' Die Analysen kleiner Kinder, die wohlfundierte Rückschlüsse auf diese frühen Ent. 
Wicklungsstadien ermögüchen, legen die Annahme nahe, daß Wiedersutmachungstendenzen 
Td Phantasien diese? Axt ansatzweise schon beim etwa halbjährigen Kinde entstehen 
und mit der Introjektion des ganzen guten Objektes und den erwachenden Liebes. 

gefühlen für dieses einhergehen. i„r,^rPti 

lol Diese frühe Verknüpfung in den Zusammenhangen und Situaüonen - inneren 
sowohl als äußeren -, in denen sie sich entwickelt haben, zu erfassen und zu analysieren, 
hat sich mir therapeutisch als von größter Bedeutung erwiesen. Wenn dieses Prinz^ 
konsequent durchgeführt wird, beeinflußt es nach meinen Erfahrungen auch die Technik 
in (entscheidender Weise. 



iL L 



Zur Psychoggnese der manisch-depressiven Zustände 



281 



attfnxmmt, im eigenen Ich ab AUe diese Prozesse werden aber als eine stete 
Quelle von Gefahren für beide, das gute Objekt und das Ich, angesehe^ 
Zwar kann nun, wo gute und böse Objekte etwas klarer voneinander geJ 
schieden sind, der Haß des Kindes sich mehr gegen die letzteren rieht:« 
wahrend seine Liebe und seine Wiedergutmachungsversuche mehr den erste 
ren gelten; aber das Übermaß des frühkindlichen Sadismus und seiner Angst 
hemmen diesen Fortschritt in der Entwicklung. Jeder äußere oder innere 
Reiz (z B. jede reale Versagung) ist mit äußerster Gefahr beladen- nicht 
nur die bösen, auch die guten Objekte sind vom Es bedroht, denn jeder Zu. 
wachs von Haß und Angst kann vorübergehend die Spaltung aufheben und 
so zum „Verlust des guten - des geliebten - Objekts führen. Und es 
ist nicht nur die Heftigkeit seines unbeherrschbaren Hasses, sondern auch 
die semer Liebe, die das Objekt gefährdet. Denn ein Objekt lieben und es 
verschlingen ist ja auf dieser Entwicklungsstufe noch sehr nahe verwandt 
Ein kleines Kind, das beim Weggang der Mutter glaubt, es habe sie aufJ 
gefressen und vernichtet (sei es aus Liebe oder aus Haß), wird von der Angst 
um sich und um die gute Mutter, die reale und die. die es in sich aufgenoL 
men hat, gepemigt. 

Es wird nun War, warum das Ich auf dieser Entwicklungsstufe ständig in 
ZT^ R? r^rf" verinnerlichten Objekte bedroht ist. Es ist voller 
Angst, daß diese Objekte sterben könnten. Ich habe sowohl bei Kindern wie 
bei Erwachsenen, die an Depressionen Htten, die Angst aufdecken können, 
m Ihrem Innern sterbende oder tote Objekte zu beherbergen und mit Ob^ 
jekten m diesem Zustand identifiziert zu sein 

Vom Beginn der psychischen Entwicklung an besteht eine ständige 

S,tw n ^"^^ r'^^"" '^"^ '"'^"^ ""^ '^^^ i»^ I'^h aufgenommenen 
Objekten^ Das ist der Grund, warum die Angst, die ich eben beschrieben 

^^Zi^^^'""-^ "^^^^™"^" '- ^-'^^ - — ^"**- o'^er 
Die Abwesenheit der Mutter erweckt in dem Kinde die Angst, es könnte 
bösen Objekten überliefert werden, äußeren oder inneren, sei Is ;eil sie tot 
ist sei es, wed sie sich in eine „böse" Mutter verwandelt habe 
be ir ; Fällen fühlt es den Verlust des Liebesobjekts, und ich möchte 
besonders hervorheben, daß die Angst vor dem Verlust des guten inneren 
Objekts zu einer standigen QueUe der Angst vor dem Tod der wirklichen 
Mutter wird Anderseits verstärkt jedes Erlebnis, das den Verlust des realen 
geliebten Objekts nahelegt, die Angst um den Verlust des verinnerlichten. 
Ich sagte schon, daß meine Erfahrung mich zu der Schlußfolgerung ge. 
fuhrt hat, daß der Verlust des Liebesobjekts zuerst in jener Phase empfunden 
wud, in der das Ich von der Einverleibung von Teilobjekten zu der von 
.anzen Objekten übergeht. Nachdem ich nun die Situation des Ichs auf dieser 
^tute beschrieben habe, kann ich mich über diesen Punkt präziser ausspre. 



282 



"Melanie Klein 



chen. Die inneren Vorgänge, die s^ als ^^^^^^^^LSSt 
und zur Depression führen, ^^^^ ^^^^t^r^^^^nl^^^^ Objekte 
ums, beim In.sich.aufnehmen und B^^f^r^J^^^';"'^„\^^^ _ ein Gefühl, 
versagt zu haben, sie memals sicher ^-""f ^^fu^itllbar vorher und nach, 
das auf die Entwöhnungsperiode und die Zeit ""«^«^«^"^ , ^^^ ^ 

t zurückgeht. Ein Grund für dieses ^-^^^^^Vtllt^^^^^^ 
Stande war, seine paranoide Angst vor den inneren Vertolgem 

'In dieser Stelle stoßen wir auf eine ^^bth^uTreil^rlt 
von grolkr Wichtigkeit ist. Meine eigenen Beobachtungen un 
zahl meiner engüschen Kollegen haben uns zu dem Schlu getu . 
der direkte Einfluß der frühen ^J^f^f^r^^Z^^^äinllZ Hinsicht 
pathologische Entwicklung um v-l-^^-^^^^t^^^^^ ng'nommen wurde, 
anders ist, als bisher in ^^ly^s^en Kre en al^^^^ ^.^ 

Nach unserer Auffassung bdden die frühesten ^'^l^""^' ' ^^^ 

Grundlage des über.Ichs und ^4"^--^ £"^,,thtngen 2 fr^^^^^^ 
keineswegs nur eine theoreüs^he,^^^^^^^^^^ ^^, ^^ ,,„,^ 

kn Ichs zu seinen mneren Objekten una zum Beziehung 

Verständnis der gradweisen Verändemngen gf^f^^f^^'^J^;"X,^^^ Angst. 
gen unterliegen, erhalten -^^ ^^^^^'^^''/r^'^^^^^ 
Nationen, durch die das Ich P^^t' "nd d e spezifis^^^^ 

„.en, die es nach und nach entwickelt. Wir ^^^^J^^^^^S^lnis ier frühe, 
bei dieser Betrachtungsweise ^^ ^^^^^ 7°^^^*^!^^^^^^^ und 

sten Phasen der psychischen Entwicklung, der Struktur 

der Genese der P^^f «^^-^^ f^^^^^^^^^^ annehmen, wird 

Wenn wir diese Ansicht über ^^^ /^7"\^[ ^^.^^^ verständlicher. Die 
seine rücksichtslose Strenge im Falle der M^d^^^^°i^^^ J^ ^^^ gegenseitig 
Verfolgungen und Forderungen der ^--.^^^ toWen sadistischen 
gen Angriffe sicher Objekte (beWers^ne^d^^^^^^ ^.^ 

Koitus der Eltern ^-^^^'f'^^^^^^'^^lf^^^^^^ und sie im Inneren 
strengsten Forderungen der guten Objekte zu er ui^n ^^i^ieren. 

guten Objekts, da es sich so l^^'^^^ "^ f ,'' °;' ^ J^i ^^ erwecken, daß es 
diese Faktoren verbinden s ch, um mi '::\^^^ff^^l;^^Z^^^^ ist, ein 
eine Beute widerspruchsvoller und ""-"^l^^^^, "^d- d h : die frühesten 
Zustand, der als ein schlechtes Gewissen g^^"^!.™^^^ durch 

Äußerungen des Gewissens sind mit dem ^f^^ ^^^^ J^^r^^^^ die 

böse Objekte -bunde. Scho^^^^^^^ ^^ ^,^,,, 

T^'l^^^^^^ "den wird, als ob es sein Opfer ver. 



schlänge. 



Zur Psychogenese der manisch-depressiven Zustände 



283 



Unter den verschiedenen inneren Forderungen, die die Strenge des Über^ 
Ichs in der Melancholie ausmachen, habe ich die dringende Notwendigkeit, 
die für das Ich besteht, erwähnt, den strengsten Forderungen der guten Ob;» 
jekte zu willfahren. Nach der allgemeinen analytischen Auffassung ist nur 
dieser Teil des Bildes, nämlich die Grausamkeit des „guten", d. h. im Ich er=* 
richteten Liebesobjekts, als Ursache der rücksichtslosen Strenge des Über;=Ichs 
m der Melancholie erkannt worden. Aber meiner Auffassung nach können 
wir die Sklaverei, der sich das Ich unterwirft, wenn es den grausamen Forde* 
rangen und Vorwürfen eines in ihm aufgerichteten Liebesobjekts folgt, nur 
dann verstehen, wenn wir die Gesamtbeziehung des Ichs zu seinen phan* 
tastischen bösen wie zu seinen guten Objekten betrachten, und 
das g a n z e Bild seiner inneren Situation, die ich in dieser Arbeit zu beschreib 
ben versuchte, im Auge behalten. Wie ich oben erwähnte, bemüht sich das 
Ich, die guten von den bösen und die realen von den phantastischen Objekt 
ten getrennt zu halten. Das Resultat ist eine Auffassung von extrem bösen 
mid extrem vollkommenen Objekten, d. h. die Liebesobjekte werden in vieler 
Hinsicht übermäßig moralisch und streng. Gleichzeitig wird, da das Ich seine 
guten und bösen Objekte in sich nicht wirklich getrennt halten kann," ein 
Teil der Grausamkeit der bösen Objekte und des Es den guten Objekten 
zugeschoben und so die Strenge ihrer Forderungen verstärkt.*^ Diese strengen 
Fordemngen dienen dem Zwecke, das Ich in seinem Kampfe gegen seinen 
unbeherrschbaren Haß und seine bösen verfolgenden Objekte, mit denen 
es teüweise identifiziert ist, zu unterstützen." Je stärker die Angst vor dem 
Verlust der Liebesobjekte wird, um so mehr kämpft das Ich, um sie zu retten, 
und je schwerer die Aufgabe der Wiederherstellung wird, um so strenger 
empfindet es die Forderungen, die vom Über^^Ich ausgehen. 

Icli versuchte zu zeigen, daß die Schwierigkeiten, die das Ich erlebt, wenn 
es zur Einverleibung ganzer Objekte fortschreitet, aus seiner noch ungenü* 
genden Fähigkeit erwachsen, mit Hilfe seiner neuen Abwehrmechanismen 
die neuen Angstinhalte zu bewältigen, die dieser Entwicklungsschritt mit sich 
bringt. 

Ich bin mir wohl bewußt, wie schwer es ist, eine scharfe Trennung** 
linie zwischen den Angstinhalten und Gefühlen des Paranoikers und denen 
des Depressiven zu ziehen, da sie so eng miteinander verbunden sind. Aber 

11) Ich habe (vgl Die Psychoanalyse des Kindes, Kap. VIII) ausgeführt, daß das Ich 
durch die immer wieder erfolgende Vereinigung und Differenzierung der guten und bösen, 
phantastischen und realen, äußeren und inneren Objekte allmähhch zu einer realitäts* 
gerechteren Erfassung der äußeren und inneren Objekte und dadurch zu einer besseren 
Beziehung zu beiden fortschreitet. 

12) In „Das Ich und das Es" (Ges. Sehr., Bd. VI) hat Freud ausgeführt, daß die 
destruküve Komponente in der Melancholie auf das Über=»Ich konzentriert und gegen 
aas Ich gerichtet wurde. 

13) Es ist wohlbekannt, daß manche Kinder den dringenden Wunsch nach strenger 
UiszipLn zeigen, um durch eine äußere Macht vom Bösesein abgehalten zu werden. 



sie können - so wiU es mir scheinen - voneinander unterschieden werden, 
wenn man als Kriterium der Differenzierung ansieht, ob die ye^folgungs. 
angst hauptsächHch der Erhaltung des Ichs gut - in diesem Falk handelt 
es sich um Paranoia - oder der Erhaltung der ,.gut«n vermnerhchten (gan. 
zen) Objekte, mit denen das Ich identifiziert ist (Depression) Die Angst, 
daß die guten Objekte (und mit ihnen das Ich) zerstört werden konnten, 
oder daß sie in einem Zustand der Auflösung sind, drängt das Ich^" ^ 
dauernden und verzweifelten Bemühungen, die guten inneren und auiieren 

Objekte zu retten. ^, . , , • x :: 

Es scheint mir, daß das Ich erst, wenn es das Objekt als ganzes introji. 
ziert und eme stärkere Beziehung zur Umwelt erreicht hat, fähig ist, das 
durch seinen Sadismus und insbesondere durch seinen Kannibalismus ange. 
richtete UnheU zu ermessen und darunter zu leiden. Dieses Leiden bezieht 
sich nicht nur auf die Vergangenheit, sondern auch auf die Gegenwart denn 
auf dieser frühen Entwicklungsstufe steht der Sadismus m vol er Blute. Es 
bedarf einer volleren Identifizierung mit dem ^geliebten Objekt und einer 
volleren Würdigung seines Wertes, ehe das Ich erkennen kann, wie setir es 
sein geliebtes Objekt zerstört hat und weiterhin zu zerstören im Begritt ist. 
Dann steht das Ich der psychischen Tatsache gegenüber, daß seme gehebten 
Objekte zerstückelt und zerstört sind; die aus dieser Erkenntnis stammende 
Verzweiflung und Angst sowie die Gewissensbisse liegen zahlreichen 
Angstsituationen zugrunde. Um nur einige von ihnen zu nennen: die Angst, 
wie die einzelnen Teile in der richtigen Art und zur rechten Zeit wieder 
zusammengesetzt werden können, wie die guten Stücke ausgelesen und die 
schlechten beseitigt werden können; wie das Objekt, wenn es wieder zu. 
sammengesetzt wurde, wieder zum Leben gebracht werden kann; bei alldem 
die Angst, daß die bösen Objekte und der eigene Haß die Bewältigung die. 
ser Aufgabe stören könnten usw. Angstsituationen dieser Art hegen, meinen 
Erfahrungen nach, nicht nur der Depression, sondern jeder Arbeitshemmung 
zugrunde. Die Versuche, das geliebte Objekt zu retten und wieder herzustel. 
kn - Versuche, dk bei der Depression mit Verzweiflung verbunden smd, 
da das Ich an seiner Fähigkeit zur Wiederherstellung zweifelt - sind ent. 
scheidende Grundlagen für alk Sublimkrungen und dk gesamte Ich^Ent. 
Wicklung. In dksem Zusammenhang erwähne ich nur die spezifische Be. 
deutung, dk dk Zerstückelung des geliebten Objekts und das Beniuhen, 
es wkder zusammenzufügen, für Sublimierungen hat. Es war em voUkom. 
menes" Objekt, das zerstückelt wurde. So muß dk Wkdergutmachung auch 
wkder zu einem schönen und „vollkommenen" Objekt führen. Die Vor. 
Stellung von der Vollkommenheit ist außerdem deshalb so zwmgend, weil 
sie dk von der Zerstörung so gut widerlegt. Bei einigen Patknten. die sich m 
Haß oder Abneigung von ihrer Mutter abgewendet hatten, fand ich, dalS 
trotzdem in ihren Gedanken ein schönes Bild der Mutter existierte, das aber 



^ 



Zur Psycfaogenese dcf manisch -depressiven Zustände 285 

nur als ein Büd von ihr und nicht als sie selbst empfunden wurde. Das reale 
Objekt wurde als nicht anziehend betrachtet - in einer tieferen Schichte als 
eme beschädigte, unheilbare und darum gefürchtete Person. Das „schöne 
Bild war von dem realen Objekt abgelöst, aber niemals aufgegeben worden, 
und spielte bei den spezifischen Sublimierungen dieser Patienten eine große 
Rolle. Es scheint demnach, daß der Wunsch nach Vollkommenheit ver. 
wurzelt ist m der depressiven Angst vor Auflösung, die dadurch für alle 
Sublimierungen von großer Bedeutung ist. 

Wie ich oben ausgeführt habe, erlangt das Kind die Einsicht von seiner 
Liebe zu emem guten, ganzen und außerdem realen Objekt zusammen mit 
einem überwältigenden Schuldgefühl diesem gegenüber. 

Die volle Identifizierung mit dem Objekt basiert auf der Ubidinösen Bin. 
düng zunächst an die Brust, dann an die ganze Person und geht Hand in 
Hand mit Angst und Sorge für das Objekt (vor seiner Zerstückelung!), 
mit Schuldgefühlen und Gewissensbissen, mit dem Gefühl der Ver^ 
antwortung, es gegen Verfolger und das Es zu schützen, und mit Trauer 
über den drohenden Verlust. Diese Empfindungen (die zu einem Teil be. 
wüßt sem können), gehören meiner Meinung nach zu den wesentUchen und 
grundlegenden Elementen jenes Gefühls, das wir Liebe nennen. 

Ich möchte in diesem Zusammenhang erwähnen, daß wir mit den Selbste 
vorwürfen des Depressiven vertraut sind, die Vorwürfe gegen das Objekt be^ 
deuten. Weit mehr aber als die Vorwürfe gegenüber dem Objekt ist es meiner 
Ansicht nach der auf dieser Stufe so überwältigend große Haß des Ichs 
gegenüber dem Es, der die Ursache für das Gefühl des eigenen Unwerts 
und für die Verzweiflung ist. Ich fand oft, daß die Vorwürfe und der Haß 
gegen böse Objekte sekundär zur Verdeckung des Hasses gegen das Es 
verstärkt werden, weü dieser noch unerträglicher ist. Letzten Endes ist es 
die unbewußte Kenntnis des Ichs, daß neben der Liebe der Haß in voller 
Kraft besteht, und daß er irgendwann die Oberhand gewinnen könnte (die 
Angst des Ichs, daß es vom Es überwältigt werden und so das Liebesobjekt 
ze^tören könnte), die Schmerz, Schuldgefühl und Verzweiflung hervor^ 
ruft, Gefühle, die dem Gram zugrunde liegen. Wie Freud gezeigt hat, ist 
der Zweifel in Wirklichkeit ein Zweifel an der eigenen Liebe, und „Wer an 
seiner Liebe zweifelt, darf, muß doch auch an allem andern. Geringeren, 
zweifeln?"" 

Der Paranoiker hat, meine ich, auch ein ganzes und reales Objekt introji^ 
ziert, aber er hat die voUe Identifizierung mit ihm nicht zustande gebracht 
oder konnte sie, wenn er soweit gekommen war, nicht aufrecht erhalten. 
Um einige der für diesen Fehlschlag verantwortlichen Gründe anzuführen: 
Die Verfolgungsangst ist zu groß; Argwohn und Angst von phantastischer 

14) Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose. Ges. Sehr., Bd. VIII. 



I 



j- 11 unA stabUe Introjektion eines guten realen Ob. 
Art erschweren die voUe und f ^^^ ^^^ ^^^de. so besteht nur eine 
j.ktes; und auch wenn es ^'^ ^f^^^l^^^^^, ,u erhalten, da Zweifel 
geringe Möglichkeit, es '^^««'^"'^.^trnbTrkt ba d in einen Verfolger ver. 
und Verdacht aller Art ^l ^^^^^^^^f^^f^^^e^^^^ und zur Reali. 

wandeln. So wird die Bez^hung ^^^^^j^^Tvon der Beziehung zu ver. 
tat überstark beeinflußt oder S-f^^^f ^^^^[^ , ..edeuten. Ein weUerer 
innerlichten Teilobjekten bzw. ^^"^^'^'ly^'^^^^ zum ganzen Objekt 
wichtiger Grund warum der Parano^e ^m^Be - J^^ ^^^^^^^^ 
nicht aufrecht erhalten kann, ist, daiS ^^ ff^^ ^^. depressiven Position 
und die Schuldgefühle und ^^^^^^^ZJ^sZ^d L Angst um sich 
nicht ertragen kann, solange die '^^'^^^^"X'Snressiven Position die Pro. 
::ibst so sLk sind. Außerdem kann er in J^ ^ ^^ ^ ^, ^,,„ Objekt« 

jektion weit weniger -7-<^-' J^^^t^^fwe^^^ 

auszustoßen und so zu verlieren, "^^^ weiter j ^^^^^^^ 

Objekte zu verletzen, wenn er ^^^Bo-'^^^J ^^^^^^ \^ ^^^^ daß. obwohl 
Es scheint mir für den Paranoiker ^^^«^^^^^^^^^^^ ^ie realen Objekte 
er aus seiner Verfolgungsangst ^^-J^J™^ ^ ^in Wirklichkeits. 
scharf zu beobachten vermag seine ^^^'^^^^^'_^ ^i^^erum infolge seiner 
sinn doch nur ein verzerrtes Bild -J^^'^^l^^^ ^^^^ ,,, sieht, ob es Ver. 
Verfolgungsangst - alles nur -- ^^fX^^a stabilen Identifizierung 
folger sind oder nicht. Er kann ^-^^Y^^^räs dafür. ..wie die.s wirk. 
mit einem anderen Objekt, d. h. zu dem ^ ^. , -^ „j^ht gelangen, 

lieh beschaffen ist", und zu einer «f^^^^J-^^^^^^^^ verbundenen Leiden 
So sehen wir. daß die mit der depress ven ^?^^^^ ^^^ ^^,^ ^«n 

ihn in die paranoide Position -^f ^^^^^ ^^^^^^^^^^ 

ihr zurückgezogen hat die depressive Position wa^^^^ ^^^^ ^.^ ^^^ 

sich immer wieder g^tend -^^^^^^J^^^fJ dichteren Fällen Depression 

^rm^n-rpILSr^^^^^^^^ oae^ P— ^ ^^ ^ 

^'^^^''- , • A^r Paranoiker und was der Depressive in bezug 

Vergleichen wu:, was der l'aranoiKer m .u-rakteristischerweise der 

auf die Zerstückelung fühlen - -^-J^^;/^^^^^^^^ für den 

Depressive voller ^^^^;^%^:^: ^^tln^l nu; eine Vielheit von 
Paranoiker das -««tu'^kehe Ob^^^^^^ einem Verfolger auswächst.- 

Verfolgern darstellt ^a jedes S^^^^^^ wxed^^^.^^^ ^^^^^ ^^^^.^^ ^.^ ^^^ 
Diese Reduzierung des Objektes autge gleichgesetzten Teil. 

Linie zu Hegen mit der ^f^f^^^^^Zv einer Vielheit von imie. 
Objekte (Abraham) "^^^mrt der i^pt vor j^^,^„ ^^,1,, Teil. 

J Verfolgern, die memerAnsichtnach_^ ^— 7-7^--!^ 



w 



Zur Psycht^encse der manischsdepressiven Zustände 



287 



Objekte und die Vielheit der gefährlichen Stuhlstücke gebildet wird. 

Ich habe einige Unterschiede zwischen dem Paranoiker und dem Depres.;' 
siven vom Gesichtspunkt ihrer verschiedenen Beziehungen zu Liebesobjelo* 
ten bereits gewürdigt. Betrachten wir in diesem Zusammenhang die Hern* 
mungen und Ängste in bezug auf die Nahrung. Die Angstj vor der Aufnahme 
gefährlicher Stoffe, die das Innere zerstören könnten, ist demnach paranoid, 
während die Angst vor der Zerstörung guter Objekte in der Aufienwelt 
durch Beilfen und Kauen oder vor Gefährdung des inneren guten Objektes 
durch die Einführung schlechter Stoffe von außen für die Depression cha=« 
rakteristisch ist. Auch die Angst, ein reales gutes Objekt nach der Ein=« 
Verleihung im Inneren zu gefährden, wäre demnach depressiv. Andererseits 
fand ich in Fällen von stark paranoidem Charakter Phantasien, in denen 
das Subjekt Objekte in sein Inneres, das als eine Höhle mit gefährlichen 
Ungeheuern u. dgl. angesehen wurde, lockte — sie durch List einverleibte, 
um sie im Inneren zu verderben. 

Solche paranoide Phantasien können auch zu einer Intensivierung der In* 
trojektionsmechanismen führen, während der Depressive charakteristischer»* 
weise von diesem Mechanismus Gebrauch macht, um ein gutes Objekt in 
sein Ich aufzunehmen. 

Betrachten wir nun hypochondrische Symptome in dieser vergleichenden 
Art, so sind die Schmerzen und anderen Manifestationen, die in der Phantasie 
den Angriffen innerer böser Objekte gegen das Ich zugeschrieben werden, 
t)^pisch paranoid. Andererseits sind die Symptome, die aus den Angriffen 
innerer böser Objekte und des Es gegen die guten stammen, d. h. aus einem 
inneren Krieg, in dem das Ich sich mit den Leiden der guten Objekte identis» 
fiziert, typisch depressiv." 

Ein Patient z. B., dem als Kind gesagt worden war, daß er Bandwür;mei! 

habe (die er selbst niemals sah), brachte damals bewußt die Bandwürmer 

in seinem Innern mit seiner Gier in Zusammenhang. In seiner Analyse hatte 

er Phantasien, daß sich ein Bandwurm durch seinen Körper hindurchfresse, 

und es trat eine starke Krebsangst hervor. Der an hypochondrischen und 

paranoiden Ängsten leidende Patient war mir gegenüber sehr argwöhnisch; 

l u. a. verdächtigte er mich, mit Leuten, die ihm feindlich waren, im Bunde 

^zu sein. Zu dieser Zeit träumte er, daß ein Detektiv eine ihn verfolgende Pet= 

\son verhaftete und ins Gefängnis setzte. Aber dann erwies sich der Detektiv 

[aZs unzuverlässig und wurde der Komplize des Feindes. Der Detektiv stand 

I 17) Dr. Clifford Scott erwähnte in seinem Kursvortrag über Psychosen (Institute 
lof Psycho^ Analysis, Herbst 1934), daß seiner Erfahrung nach im klinischen Bild der Schizo* 
Iphrenie die hypochondrischen Symptome mannigfaltiger, bizarrer und mit Verfolgungs* 
lideen und Teilobjektfunktionen verknüpft sind. Dies könne man oft schon bei einer kurzen 
l Untersuchung bemerken. Im klinischen Bilde depressiver Reaktionen sind die hypochono 
Idrischen Symptome weniger abwechslungsreich und äußern sich mehr in Verbindung mit 
I Ich^Funktionen. 



288 



Melanie Klein 



Dl 



II: 



für mich und die ganze Angst war verinnerücht und war auch mit der Band. 
wmSwasie assoziativ verknüpft. Das Gefängnis m ^em ^e^^^^^^^ 
halten wurde, war sein eigenes Innere - exgentUch jener besondere ieü 
setes Inneren', in dem der Verfolger eingeschlossen war. Es --^e ^^^/^^ 
der gefährHche Bandwurm (eine seiner Assoziationen besagte, ^f^^^^ 
wurm bisexuell war) seine beiden Eltern in emem ihm femdhchen Bund, 
nis feigentlich in einem Koitus) darstellte. • , u j 

Zur Zeit, als die Bandwurm.Phantasien analysiert wurden, entwickelte der 
Patient Se Diarrhöe, die, wie er zu Unrecht memte, blutig war. Dies er. 

schreckte ihn sehr; er empfand es ^l^ ^^V^f kT"' uf PhflsS 
fährlichen Vorgänge in seinem Inneren, ^xeses Gefühl war auf Pl^an^^^^^^^^ 
gegründet, in denen er seine bösen vereinigten Eltern mittels vergifteter Hx. 
Sfmente In seinem Inneren angriff. Die Diarrhöe bedeutete für ihn die^. 
gifteten Exkremente, ebenso wie den bösen Penis seines Vaters. Das getahr. 
Hchf böse Blut, da er in seinem Stuhl zu sehen meinte, hatte er assoziativ 
mt mein" Person in Zusammenhang gebracht. So stellte die Diarrhoe für 
Thn ~1 die gefährlichen Waffen dar, mit denen er seine bösen verinner, 
ichten Eltern bekämpfte, wie auch die vergifteten und zerstörten E^- -^b^^; 
- den Bandwurm. In seiner frühen Kindheit hatte er Angriffe mittels ve. 
gifteter Exkremente auf seine Eltern Phantasiert und sie tatsächlich W K^^ 
L dadurch gestört, daß er sich beschmutzte. D- Joischer SmU^^^^^^^ 
ihn schon immer sehr erschreckt. Zugleich mit die^n frühen Phantasie, 
nyftn auf die realen Eltern war dieser ganze Kampf -rmnefhw^^^^^^^^ 
und drohte sein Ich zu zerstören. Ich möchte erwähnen, daß sich dieser 
Sil während seiner Analyse erinnerte, daß er mit ungefähr zehn Jahren 
deSh zu fühlen meinte, daß er einen kleinen Mann - ---J^^^^^ 
habe, der ihn beherrschte und ihm Aufti:age gab die er, der Patient, ^" 
befo gen hatte, wiewohl sie immer widersinnig und böse ^aren^ /^f^^^^f; 
GeflSe hatte er in bezug auf seinen wirklichen Vater ^«1^« f if/.f ^^ 
Ivse fortschritt und das Mißtrauen gegen mich sich verringerte wurde der 
p'^sehr besorgt um mich. Er hatte sich immer Sorgen um die Gesund. 
heSner Mutter gemacht, aber er hatte sie nicht wirkHch zu heben vermocht, 
obwoM er sein Bestes tat, um ihr zu gefallen. Zusammen mit der Sorge um 
m'rtiatenletzt aber starke Gefühle von Liebe und Dankbarkeit hervor 
X chzeitig Gefühle seines eigenen Unwertes, Schmerz und Depression. De 
Patient hatte sich niemals wirklich glücklich gefühlt, seine Depression hatt 
2h Zusagen über sein ganzes Leben ausgebreitet, aber er hatte nicht unte, 
lusgelSenen Depressionen geHtten. In seiner Analyse ging er durch Ph. 
sen ttfer Depression mit allen charakteristischen Symptomen. Gleichzeitig 
^"änderten Ih die mit seinen hypochondrischen Schmerzen verbundener 
cXä und Phantasien. Zum Beispiel fürchtete er, daß der K bs sei. 
Magenschleimhaut durchstoßen könnte, aber es zeigte sich jetzt, daß er, wah 



rend er um seinen Magen fürchtete, mich in seinem Innern beschützen wollte 

— eigentlich die verinnerlichte Mutter, die er von dem Penis seines Vaters 

und von seiner eigenen Gier (dem Krebs) angegriffen fühlte. Ein andermal 

hatte der Patient die mit körperlichem Unbehagen einhergehende Phantasie, 

er habe eine innere Blutung, an der er sterben würde. Es ergab sich aus dem' 

Material, daß ich mit der Blutung — dem guten Blut — identifiziert war. 

Ich erinnere hier daran, daß ich, als die paranoiden Ängste vorherrschten 

und ich hauptsächlich als Verfolgerin empfunden wurde, mit dem s c h 1 e c h^ 

ten Blut identifiziert war, das mit der Diarrhoe (dem bösen Vater) ver<» 

mischt war. (Zusammen: die vereinigten bösen Eltern.) Jetzt stellte das 

gute Blut mich dar, und sein Verlust bedeutete meinen Tod, der aber zum 

gleich seinen Tod herbeiführte. Nun wurde es klar, daß der Krebs, den er 

für seinen eigenen Tod sowie für den seines Liebesobjektes verantwortlich 

machte und der den bösen Penis seines Vaters darstellte, für ihn weit mehr 

noch seinen eigenen Sadismus, im besonderen seine Gier bedeutete. Darum 

fühlte er sich so wertlos und so verzweifelt. Solange die paranoiden Ängste 

und die Angst vor den bösen vereinigten Objekten vorherrschten, fühlte 

er nur hypochondrische Angst um seinen eigenen Körper. Als die Depres^ 

sion und der Schmerz einsetzten, traten auch die Liebe und Sorge um das 

gute Objekt hervor (in der Übertragungssituation Sorge um mich und des 

weiteren um seine wirkliche Mutter) und die Angstinhalte und Abwehr»» 

mechanismen veränderten sich. In diesem Falle wie auch in anderen fand 

ich, daß die paranoiden Ängste und Verdächtigungen zur 

Abwehr derdepressiven Position verstärkt worden waren 
und diese überlagerten. 

Ich führe nun einen anderen Fall an: Es handelt sich um einen Mann 

von etwa 45 Jahren mit starken paranoiden und depressiven Zügen (die 

I paranoiden waren vorherrschend) und mit Hypochondrie. Klagen über man»« 

I nigfaltige körperliche Beschwerden, die einen großen Teil der Stunde ein»= 

1 nahmen, wechselten ab mit starkem Argwohn gegen Leute aus seiner Um»= 

I gebung und wurden oft direkt mit ihnen verbunden, indem er sie irgendwie 

für seine körperlichen Beschwerden verantwortiich machte. Als sein Miß* 

trauen und Argwohn nach harter analytischer Arbeit geringer wurden, ver«» 

besserte sich seine Beziehung zu mir immer mehr. Es zeigte sich, daß unter 

den ständigen paranoiden Beschtddigungen, Klagen und scharfen Kritiken 

gegen andere eine übermäßig tiefe Liebe zu seiner Mutter, Interesse für 

seine Eltern sowie für andere Leute verborgen waren. Gleichzeitig kamen 

Leiden und tiefe Depressionen immer deutiicher zum Vorschein. Während 

dieser Phase veränderten sich die hypochondrischen Klagen sowohl in der 

Art, wie er sie vorbrachte, als auch in dem ihnen zugrundeliegenden Inhalt. 

Der Patient beklagte sich z. B. über verschiedene körperliche Beschwerden 

und fuhr dann fort, die Medikamente zu nennen, die er genommen hatte, wo* 

Int. Zeitsdir. f. Psychoanalyse, XXIII;2 ]9 




290 

^I^^^aufzähte, was er für sein. ^-^ --' K'"!';t%?r; S^ 
Ohren, seinen Darm usw. getan hatte. Es horte sich ^o/l F.rfuhr fort 

äentifikert waren, denen gegenüber er sich schuldig fühlte und für dxe^ er 

^:f3etsrs^s^:^ss:r=£^ 

sein überniäßiger Schmerz hatten zu emer -^^^en fte.^^^^^^^^ ^a- 

noia wie auch der manisch depressiven Zustande fordern konnte. 
Meiner Auffassung nach besteht in jedem^Depresstonszu^^ 

früheren Arbeiter, die P^y'='^°t-'=h^^^J^^gy3^h^^^^^^^ Beschreibung wird 

verschiedenen Entwicklungsphasen ^"f^°"|^^X Vohl Voll erfaßt, ebenso das Fluk^ 
die genetische Beziehung zwischen J^^^, Z"^f ^//^^g^f .„^ sich geht, bis n.ehr Stabih. 
tuieren zwischen ihnen, das unter dem urucK u^ s Phasen ist insofern 

tat erreicht worden ist; aber der ^-'l™^^ f J ch^ t ^^^^^^^^^^^ ^^^ 

nicht befriedigend als in der ^»-^'^^^^"J^ ™ x.lache die ich natürlich wiederholt 
Chanismen nie allein vorherrschend sind £^",^^„^|*'X^ um die psycho* 

hervorgehoben habe). 1=^ pbrauche nunmehr den Ausdruck ^^^^^^^^^ ^ ^^^ ^^ ^^ 
tischen Ängste und Al'wehrmechanismen m der frul^n Ent« _ ^^^ ^.^ ^^ 

zeichnen. Mit diesem ^usdmck verbindet sich eher so schein ^^^wicklungsbe. 

Worten „Mechanismen oder ,.Phas«v .ff „^f ^'^^'Ci^'.'^rdes Erwachsenen wesent. 
dingten Psychotische« Ängste, d- ^md^ und d^^^^^^ Verfolgungsangst oder 

Sm^rS^S^t S^z; :in!; trmriä^Haltu^g. L Übergang, der für das Kind so 
charakteristisch ist. 



Zur Psychogen«se der manischsdepressiven Zustände 



2« 



malen, beim Neurotiker, bei manisch-depressiven oder Mischfällen, — natüt^ 
lieh in verschiedenen Graden und Auswirkungen — diese spezifische An«* 
Ordnung von Ängsten, Unglücksgefühlen und Abwehrmechanismen, die ich 
hier ausführlich als depressive Position beschrieben habe. 

Wenn sich dieser Standpunkt als richtig erweist, so würde er ein besseres 
Verständnis der sehr häufigen Fälle ermöglichen, die ein Bild von gemischt 
paranoiden und depressiven Zügen zeigen, da wir daim die verschiedenen 
Elemente, aus denen es zusammengesetzt ist, besser isolieren können. 

Die hier geäußerten Überlegungen über die depressiven Zustände können 
uns, glaube ich, auch zu einem besseren Verständnis der noch immer rätsel» 
haften Selbstmordimpulse führen. Wie James Glover und Abraham 
ausgeführt haben, ist der Selbstmord gegen das introjizierte Objekt gerichtet.^' 
Aber ich glaube, daß, weim das Ich im Selbstmord seine verinnerlichten 
(und zwar die bösen Objekte) töten will, es dadurch gleichzeitig immer 
auch seine Liebesobjekte in seinem Inneren oder in der Außenwelt retten 
will. Kurz gesagt: Das Ziel der dem Selbstmord zugrundeliegenden Phan>« 
tasien ist in manchen Fällen die Rettung der guteninneren, Objekte 
und des mit ihnen identifizierten Teiles des Ichs durch die Zerstörung des 
anderen mit den bösen Objekten und mit dem Es identifizierten Teil des* 
selben. (Hierbei wird auch der Haß gegen das Objekt durch Tötung der 
bösen inneren Objekte befriedigt.) Die der Selbstmordphantasie zu«« 
grundeliegende weitere Wunscherfüllung ist die friedliche Vereinigung des 
Ichs mit seinen Liebesobjekten. In anderen Fällen scheint der Selbstmord 
zwar von dem gleichen Typus von Phantasien bestimmt, aber sie erstrek* 
ken sich hier auf die äußere Welt und auf reale Objekte, die teilweise die 
verinnerlichten vertreten. Der Melancholiker haßt, wie gesagt, nicht nur seine 
bösen Objekte, sondern auch sein Es, und zwar mit großer Intensität. Der 
Zweck des Selbstmordes kann in Fällen, in denen die positive Beziehung 
zu realen Objekten und zur Außenwelt eine größere Rolle spielt als 
es den Anschein hat, der sein, einen endgültigen Bruch mit der äußeren 
Welt herbeizuführen, weil das Subjekt wünscht, ein bestimmtes reales Objekt 
— oder das gute Objekt, das durch die ganze Welt repräsentiert wird und 
mit dem das Ich sich identifiziert hat, von sich selbst oder vielmehr von dem 
mit seinen bösen Objekten und seinem Es identifizierten Teil seines 
Ichs zu befreien.^» Letzten Endes ist ein solcher Schritt als Reaktion auf die 



19) Publiziert (Int. Journal o£ Psycho* Analysis, Bd. III, 1922) in einem Auszug aus 
einem Vortrag, der unter dem Titel „Notes on the Fsychopathology of Suicide" in der Bri* 
tish Psycho^Analytic Society gehalten wurde. 

Abraham beschreibt den Fall eines Patienten, der einen Selbstmordversuch machte, 
um sich vom introjizierten Objekt zu befreien. (Versuch einer EntHricklungsgeschichte 
der Libido. Int. Psa. Verlag, Wien, 1924.) 

20) Diese Gründe sind in weitem Umfang für jenen Zustand verantwortlich, in dem 
der Melancholiker alle Beziehungen zur Außenwelt abbricht. 

19* 



rtgo Melanie Klein ^ 

i ■ "~" 

sadistischen Angriffe auf den Leib der Mutter zu verstehen, der für das 
kleine Kind zuerst die äuf?ere Welt bedeutet hatte. Haß und Rache gegen das 
reale (gute) Objekt spielen beim Selbstmord immer eine bedeutende Kolk, 
aber es ist ja gerade der unbeherrschbare gefährHche Haß der mimer wie. 
der durchbricht, vor dem der MelanchoHker durch den Selbstmord auch 
seine realen Objekte zu retten trachtet. 

F r e u d hat ausgeführt, daß der Manie die gleichen Inhalte zugrundeliegen 
wie der MelanchoHe und daß die Manie die Flucht vor der Melancholie dar. 
stellt. Ich glaube, daß das Ich in der Manie nicht nur vor der Melancholie 
Zuflucht sucht, sondern auch vor einem paranoiden Zust^d, den es m der 
Entwicklung nicht überwunden hat. Seine qualvolle und gefahrhche Ab. 
hängigkeit von seinen Liebesobjekten treibt das Ich dazu, sich von ihnen 
zu befreien. Aber seine Identifizierung mit diesen Objekten ist zu tie , als 
daß es sie aufgeben könnte. Andererseits wird das Ich von der Angst vor 
seinen bösen Objekten und dem Es verfolgt Um all d--m Elend zu en^ 
gehen, nimmt es zu vielfachen Abwehrmechanismen Zuflucht, von denen 
aber manche miteinander unvereinbar sind, da sie zu verschiedenen Entwick. 

tr lungsphasen gehören. , , , mi t,* 

ii Meiner Meinung nach wird die Manie vor allem durch das Allmachts. 

gefühl charakterisiert; in zweiter Linie ist sie, wie Helene Deuts c h gezeigt 
hat", auf dem Mechanismus der Verleugnung aufgebaut. Ich weiche aber m 
einem bestimmten Punkt von Helene Deutsch ab Sie ^t der Ansicht, daß 
diese Verleugnung mit der phallischen Phase und dem Kastrationskomplex 
- beim Mädchen mit der Verleugnung des Penismangels - verknüpft ist 
Meine Beobachtungen aber haben mich zu der Schlußfolgening gefuhrt, daß 
dieser Verleugnungsmechanismus in jener ganz frühen Phase seinen Ur. 
Sprung hat, in der das unentwickelte Ich sich der mächtigsten und tiefsten 
i Ängste zu erwehren sucht, nämlich der Angst vor den vermnerhchten 
Verfolgern und dem Es. Das heißt: Was zuerst verleugnet wird, ist die 
psychische ReaHtät, und von da kann das Ich zu einer Verleugnung eines 
großen Teiles der äußeren Realität fortschreiten. 

Wir wissen, daß die Skotomisation dazu führen kann, daß das Subjekt 
von der Realität vöUig abgeschnitten und vollkommen inaktiv wnrd. Bei der 
Manie dagegen ist die Verleugnung mit Überaktivität verbunden, obwohl 
dieses Übermaß von Aktivität, wie Helene Deutsch hervorhebt^^ oft m 
keinem Verhältnis zu wirklichen Resultaten steht. 

Ich wies früher darauf hin, daß die Konfliktquelle in diesem Zustand dann 
besteht, daß das Ich unwülig und unfähig ist, seine guten inneren Objeki^ 
aufzugeben, aber siA doch bemüht, den Gefahren der Abhängigkeit von 

21) Zur Psychologie der manisch-depressiven Zustände. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIX, 

1933. 

22) 1. c. 

ii 




Zur Psychogenese der manischsdetyressiven Zustände 



293 



ihnen wie auch von seinen bösen Objekten zu entkonunen. Die Erstarkung 
des Ichs scheint die Vorbedingung für seine Versuche zu sein, sich vom Ob.* 
jekt abzuwenden, ohne es doch gleichzeitig völlig aufzugeben. Es erreicht 
dieses Kompromiß, indem es die B e d e u t u n g der guten Objekte und der 
Gefahren, die von den bösen Objekten und dem Es drohen, ver«> 
leugnet. Gleichzeitig aber bemüht es sich unablässig, alle seine Objekte zu 
meistern und zu beherrschen, und alle diese intensiven Bemühungen äußern 
I sich in der Überaktivität. 

Was meiner Ansicht nach für die Manie absolut spezifisch ist, ist die 

Verwendung des Allmachtsgefühls für die Bemeisterung 

und Beherrschung der intro jizierten Objekte. Das ist aus 

zwei Gründen notwendig: a) um die Angst, die erlebt wird, zu verleugnen^ 

' b) um den in der früheren — der depressiven — Position erworbenen Mecha* 

[nismus der Wiedergutmachung durchführen zu können.^' 

Der Maniker glaubt, daß er seine Objekte, wenn er sie beherrscht, daran 
hindert, ihn zu beschädigen, wie auch sich gegenseitig zu gefährden. Seine 
Macht über sie soU ihn vor allem dazu befähigen, den gefährlichen Koitus der 
j verinnerlichten Eltern^* und ihren Tod in seinem Innern zu verhüten. Die 
manische Abwehr nimmt so viele Formen an, daß es natürlich schwierig ist, 
einen allgemeinen Mechanismus aufzustellen. Aber ich glaube, daß wir in 
der Herrschaft über die verinnerlichten Eltern wirklich einen solchen Mechai» 
nismus (obwohl seine Erscheinungformen unendlich sind) vor uns haben, 
während gleichzeitig die Existenz dieser inneren Welt abgeschwächt und 
verleugnet wird. Ich habe sowohl bei Kindern wie bei Erwachsenen ge» 
funden, daß dort, wo die Zwangsneurose dominierte, diese Herrschaft eine 
zwangsmäßige Trennung zweier (oder mehrerer) Objekte bedeutete, wo* 
gegen dort, wo die manische Position überwog, der Patient in der Phantasie 
gewaltsamere Mittel anwendete. Das heißt, die Objekte wurden getötet, 
konnten aber zufolge seiner Allmacht, sobald er es wollte, wieder ins Leben 
zurückgerufen werden. Einer meiner Patienten nannte diesen Prozeß „sie in 
suspendierter Belebung erhalten". („To keep them in suspended animation") 
Das Töten entspricht dem (von der frühesten Phase her beibehaltenen) 
Abwehrmechanismus der Zerstörung der angsterregenden Objekte, das 
Wiederbeleben entspricht der Wiedergutmachung am Objekt. In dieser 
Position bringt das Ich in seiner Beziehung zu realen Objekten ein 
ähnliches Kompromiß zustande. Der für die Manie so charakterio 

23) Diese „Wiedergutmachung" ist entsprechend dem phantastischen Charakter der 
ganzen Position — in den Fällen, in denen diese Position in der Beziehung zur Realität 
stark festgehalten wurde — nahezu immer ganz unpraktisch und unverwirklichbar. 

24) B. Le wi n berichtete über eine akut manische Patientin, die den triumphalen Koitus 
in beiden Identifizierungen erlebte (Psa. Quarterly, Bd. II, 1933). 

Nach Helene Deutsch spielen Identifizierungen in der Manie eine große Rolle; 
in den Fällen, die sie analysierte, trugen sie meist einen bisexuellen Charakter (1. c, S. 371). 



294 ' Melanie Klein 



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1 



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stische Objekthunger zeigt an. daß hier das Ich ^e" f wehr^ec^a. 

nismus der depressiven Position, nämhch die Introjektion ^ter Üb. 

jekte. beibehalten hat. Der Maniker verleugnet die verschiedenen mit 

dieser Introjektion verbundenen depressiven Ängste (daß er bo^ Üb. 

iek e introjirieren oder daß er durch die Introjektion seine guten Objekte ver. 

nthten könnte); seine Verleugnung erstreckt sich ^^^ -\-; ^^^^ 

Impulse des Es, sondern auch auf seine Sorge um die Sicherheit des Ob. 
Sts. Wir können uns also vorstellen, daß der Prozeß des Zusammen^ allens 

von Ich und Ich^Ideal (den Freud für die Manie nachgewiesen hat iol. 

le'dennaßen verläuft: Das Ich verleibt sich das Objekt auf kannib^-^sche 
Weise ein (das ..Fest", wie Freud in seiner Abhandlung über die Man^ 
es nennt), leugnet aber, daß es um dieses Sorge fühle. »E-st ^ch n^ 
weiter wichtig", argumentiert gleichsam das Ich. „ob f/^ Objek\zer|°^ 
wird Es gibt ja noch so viele andere zum Fressen . Ich glaube, daß diese 
Herabsetzung der Bedeutung des Objekts und ^^ Verach ung 
mr dasselbe ein spezifisches Charakteristikum der Manie smd und das Ich 
dazu befähigen, jene teüweise Lösung vom Objekt zu beweAstelligen. die 
v^ neblt dfm Hunger nach Objekten in der Manie finden. Diese teilwei^ 
ToslSsung die das Ich in der depressiven Position nicht zustande bringen 
kl! St somit einen Entwicklungsschritt dar. eine Erstarkung des Ichs 
gegenüber seinen Objekten. Aber diesem Fortschritt wirken dj o^J b- 
Sriebenen regressiven Mechanismen entgegen, die das Ich gleichzeitig m 

^evoTSirSÄnden einige Bemerkungen über die Rolle der paranoiden 
depressiven und manischen Position für die nodale Entwicklung mache 
will ich zwei Träume eines Patienten berichten, die einige der Punkte illu. 
strieren. die ich in Hinsicht auf die psychotischen Positionen vorgebracht 

^'^Verschiedene Symptome und Ängste, von denen ich nur schwere Depres. 
sionen und paranoide und hypochondrische Ängste erwähne, hatten den 
Patienten C. zur Analyse veranlaßt. Die Träume hatte er in emem schon vor. 
geschrittenen Stadium der Analyse. . . ^„, 

Erti-äumte. daß er mit seinen Eltern in einem Eisenbahnwagen fuhr der 
wahrscheinlich kein Dach hatte, da sie zugleich im Freien waren. Der Paüent 
fühlte, daß er „alles machte" („managed everything ) und Sorge -^^^^^^H 
trug die im Traum viel älter und hilfsbedürftiger waren als in Wirklichkeit. 
Die Eltern lagen im Bett, aber nicht nebeneinander, wie gewöhnlich, sondern so. 
daß die Bettenden aneinander stießen. Der Patient fand es schwierig, sie warm 
zu halten. Dann urinierte er, während die Eltern ihm zusahen, in eine Schale, in 
deren Mitte ein zylindrischer Gegenstand war. Dies war kompliziert, da er bej 
sonders darauf achten mußte, nicht in den zylindrischen Teil zu urinieren. Er 
fühlte, daß das nichts geschadet hätte, wäre er nur fähig gewesen, genau in den 



11 



Zur Psydu^enese der manischsdepressiven Zustände 



295 



Zylinder zu zielen und nichts zu verspritzen. Als er fertig war, merkte er, daß 
die Schale überlief, und war unzufrieden damit. Beim Urinieren merkte er, daß 
sein Penis sehr groß war, und hatte dabei ein unbehagliches Gefühl, — als ob 
sein Vater das nicht sehen sollte, weil er sich von ihm übertroffen fühlen würde, 
und er den Vater nicht demütigen wollte. Gleichzeitig hatte er das Gefühl, daß 
er durch sein Urinieren dem Vater die Mühe ersparte, aufzustehen und selbst zu 
urinieren. 

Hier hielt der Patient an und sagte, er habe wirklich das Gefühl, daß im 
Traum seine Eltern ein TeÜ seiner selbst waren. Er sagte darm, daß im Traum 
die Schale mit dem Zylinder eine chinesische Vase sein sollte, aber etwas 
stimmte da nicht, weil ihr Fuß nicht unterhalb der Schale war, wie es sein 
sollte, sondern am „falschen Platz", oberhalb der Schale — eigentHch innen 
drinnen. Zu der Schale assoziierte er dann eine Glasschale, wie sie für Gas=« 
brenner im Haus seiner Großmutter gebraucht wurden, und der zylindrische 
TeÜ erinnerte ihn an einen Gaszylinder. Dann dachte er an einen dunklen 
Korridor, an dessen Ende ein niedrig brennendes Gaslicht war, und sagte, 
daß dieses Bild traurige Gefühle in ihm erwecke. Er denke dabei an arme,, 
verfallene Häuser, in denen nichts zu leben scheine außer diesem niedrig 
brennenden Gaslicht. Es sei wahr, man brauche nur an der Kette zu ziehen, 
und dann würde das Licht voll brennen. Dies erinnere ihn daran, daß er vor 
Gas immer Angst gehabt habe und daß die Flammen eines Gasbrenners 
in ihm den Eindruck erweckten, als würden sie auf ihn herausspringen, ihn 
beißen, als ob sie ein Löwenkopf wären. Etwas anderes, das ihn beim 
Gas erschreckte, war das knallende Geräusch, das es beim Auslöschen machte. 
Auf meine Deutung, daß das zylindrische Ding in der Schale und der Gase= 
Zylinder dasselbe darstellen, und daß er Angst hatte, hinein zu urinieren, weil 
er aus bestimmten Gründen die Flamme nicht auslöschen wollte, erwiderte 
er, daß man natürlich eine Gasflamme nicht auf diese Art auslöschen könne, 
da das giftige Gas zurückbleibe, — es sei doch nicht wie eine Kerze, die man 
einfach ausblasen könne. 
In der nächsten Nacht hatte der Patient folgenden Traum: 
Er hörte das zischende Geräusch von etwas, das in einem Ofen briet. Er 
i konnte nicht sehen, was es war, aber er dachte an etwas Braunes, wahrscheinlich 
eine Niere, die in einer Pfanne briet. Das Geräusch, das er hörte, war wie das 
Quieken oder Schreien einer schwachen Stimme, und sein Gefühl war, daß ein 
lebendes Geschöpf gebraten wurde. Seine Mutter war da und er versuchte, ihre 
Aufmerksamkeit darauf zu lenken und ihr klar zu machen, daß es das Aller' 
I schlimmste war, etwas Lebendes zu braten, viel schlimmer, als es zu sieden oder 
zu kochen. Denn es war noch quälender, weil das heiße Fett es am völligen Fer= 
brennen hinderte und es lebendig erhielt, während es ihm die Haut abbrannte. 
Er konnte das aber seiner Mutter nicht klar machen und sie schien sich gar 
nichts daraus zu machen. Dies kränkte ihn, aber zugleich tröstete es ihn auch, da 



I 



296 



Melanie Klein 



1 



I 



n 



er dachte, schließlich könne es doch nicht so schlimm sein, wenn seine Mattet 
sich so gar nichts daraus machte. _ 

Der Ofen, den er im Traum nicht öffnete, - er sah die Niere und die 
Pfanne gar nicht — erinnerte ihn an einen Eisschrank. In der Wohnung 
eines Freundes hatte er oft die Eisschranktüre mit der Ofentüre verwechselt. 
Er fragt sich, ob wohl heiß und kalt für ihn irgendwie dasselbe bedeutend 
Das folternde heiße Fett in der Pfanne erinnert ihn an ein Buch über Folter 
rungen, das er als Kind gelesen hat; besonders erregten ihn Enthauptungen 
und Folterungen mit siedendem Öl. Das Köpfen erinnerte ihn an King 
Charles. Er war über die Geschichte von seiner Hinrichtung sehr erregt ge* 
wesen und hatte später eine Art Verehrung für ihn entwickelt. Über die 
Folterungen mit heißem Öl hatte er als Kind viel nachgedacht und sich 
selbst in einer solchen Lage phantasiert (insbesondere, daß seine Beme ver^ 
brannt wurden) und hatte versucht, herauszufinden, auf welche Art. 
wenn es schon einmal gemacht werden müßte, der Schmerz auf das germgste 
Maß herabgesetzt werden könnte. 

An dem Tag, an dem er mir seinen zweiten Traum erzählte, machte der 
Patient zuerst eine Bemerkung über die Art, in der ich mir eine Zigarette 
anzündete. Er sagte, es sei klar, daß ich das Streichholz nicht auf die richüge 
Art anrieb, da ein Stück des Streichholzkopfes in seine Richtung geflogen 
sei Er meinte, daß ich es nicht im rechten Winkel anrieb, und setzte ^rt, 
ich mache es ähnlich wie sein Vater, „der die Bälle beim Tenms falsch gab . 
Er sei doch neugierig, wie oft es schon vorher in seiner Analyse vorgekommen 
sein möge, daß der Streichholzkopf auf ihn zugeflogen sei. (Er hatte emige 
Male vorher eine Bemerkung darüber gemacht, daß ich schlechte Streich* 
hölzer haben müsse, aber nun bezog sich die Kritik auf die Art. wie ich sie 
anzündete.) Er sagte dann, er habe keine Lust zum Reden, und beklagte 
sich darüber, daß er sich in den letzten zwei Tagen eine schwere Erkaltung 
zugezogen habe; sein Kopf fühle sich so schwer an und seine Ohren seien 
verstopft, der Schleim sei dicker als bei früheren Erkähungen. Dann erzahlte 
er den oben berichteten Traum und erwähnte im Laufe seiner Assoziationen 
wieder seine Erkältung, und daß sie ihn so unlustig zu allem mache. 

Durch die Analyse dieser Träume ergaben sich neue Einsichten m einige 
grundlegende Punkte. Diese Erkenntnisse waren schon vorher in seiner Ana* 
lyse gewonnen und durchgearbeitet worden, aber sie erschienen nun in heuen 
Zusammenhängen und wurden so dem Patienten ganz klar und einleuchtend. 
Ich werde von diesen Einsichten hier nur jene besprechen, die eine Beziehung 
zu den Schlußfolgerungen haben, zu denen ich in dieser Arbeit gelangt bin. 
und ich werde nur einen oder zwei Einfälle zu jedem Punkte mitteilen. 

Das Urinieren im Traume führte zu den frühen aggressiven Phantasien des 
Patienten gegen seine Eltern, besonders gegen ihren Sexualverkehr. Er hatte 
phantasiert, daß er sie beiße und auffresse und auf mannigfahige Art an* 



J i. 



Zur Psychogenese der manisch-depressiven Zustände 



297 



greife. Eine dieser Phantasien war die, daß er auf und in den Penis des 
Vaters uriniere und diesen dadurch häute und von innen in Brand setze. (Die 
Folterungen mit heißem Öl.) Dann würde der Vater beim Sexualverkehr mit 
der Mutter deren Inneres in Brand setzen. Diese Phantasien erstreckten sich 
auch auf Kinder im Leibe der Mutter, die dort zerstört (verbrannt) werden 
sollten. Die lebendig verbrannte Niere bedeutete sowohl den Penis seines 
Vaters — gleichgesetzt mit Fäzes — wie auch die Kinder in der Mutter. (Den 
Ofen, den er im Traume nicht öffnete.) Die Kastration des Vaters wurde 
durch die Assoziationen über das Köpfen (King Charles) ausgedrückt. Die 
Aneignung des väterlichen Penis wurde durch das Gefühl angezeigt, daß sein 
Penis so groß war und daß er für sich und den Vater zugleich urinierte. (Er 
hatte im Verlaufe der Analyse zahlreiche Phantasien, daß der einverleibte 
Penis des Vaters in seinem Penis darinnen sei oder an seinem Penis anges« 
heftet.) Das Urinieren in die Vase bedeutete auch den Sexualverkehr mit 
seiner Mutter (wobei die Vase und die Mutter im Traume sie sowohl als 
eine reale wie auch als eine verinnerlichte Gestalt darstellten.) Der impotente 
und kastrierte Vater mußte im Traume den Sexualverkehr des Sohnes mit der 
Mutter mitansehen — die Umkehrung einer Situation, die der Patient in 
seiner Phantasie als Kind erlebt hatte. Der Wunsch, den Vater zu demütigen, 
wird u. a. durch das Gefühl, daß er das nicht tun sollte, ausgedrückt. Diese 
(und andere) sadistischen Phantasien hatten verschiedene Ängste ausgelöst. 
Im Traume konnte der Mutter nicht klargemacht werden, daß sie von dem 
brennenden und beißenden Penis in ihrem Innern gefährdet war (der bren«» 
nende und beißende Löwenkopf, — der Gasbreimer, den er angezündet 
hatte) und daß ihre Kinder in ihrem Inneren in Gefahr waren zu verbrena" 
nen (die Niere im Ofen), was gleichzeitig Todesgefahr für sie selbst bedeu.» 
tete. Das Gefühl des Patienten, daß der zylindrische Teil an „falscher Stelle" 
war (innerhalb der Schale, anstatt außerhalb), zeigte nicht nur seinen frühen 
Haß und seine Eifersucht darüber, daß die Mutter den Penis des Vaters in 
sich aufnahm, sondern auch seine Angst wegen dieses gefährlichen Vors» 
ganges. Die Phantasie, daß die Nieren (der Penis und die Kinder) lebten, 
während sie gefoltert würden, drückte sowohl seine destruktiven Tendenzen 
gegen den Vater und die Kinder aus, als auch bis zu einem gewissen Grad den 
Wunsch, sie zu bewahren. Die besondere Stellung der Betten (verschieden 
von der wirkHchen im elterlichen Schlafzimmer), in denen die Eltern im 
Traume lagen, drückte den Wunsch aus, sie voneinander getrennt zu halten, 
um ihren Sexualverkehr zu verhindern. Hierin kamen sowohl die primären 
aggressiven Eifersuchtsregungen zum Ausdruck wie auch die sekundäre 
Angst, daß die Eltern im Verkehr, den der Sohn in seinen Phantasien so 
gefährlich gestaltet hatte, verletzt oder getötet werden könnten. Die Todes»» 
wünsche gegen die Eltern hatten zu einer überwältigenden Angst vor ihrem 
Tode geführt. Das zeigt sich in den Assoziationen und Gefühlen über das 



niedrig brennende Gaslicht, das (gegenüber der WirkUchkeit vorgerückte) 
Alter der Eltern im Traume, ihre Hilflosigkeit und das Gefühl des Patien. 
ten, daß er sie warm halten müsse. 

Der Abwehrmechanismus der Verschiebung der Verantwortung und der 
Schuld auf das angegriffene Objekt findet in der Assoziation Ausdruck daß 
ich die Zündhölzer falsch anzünde und sein Vater die Tenmsballe falsch 
gebe. So macht er die Eltern für ihren eigenen unrichtigen und gefährlichen 
Koitus verantwortUch; aber die auf der Projektion basierende Vergeltungs. 
angst (daß ich ihn verbrenne) zeigt sich teils in seiner Bemerkung, daß er 
neugierig sei, wie oft wohl während --- ^-Iy- Streichholzkopfe auf 
ihn zugeflogen seien, teils in all den anderen Ängsten^ die Angriffe gegen ihn 
zum Inhalt haben (der Löwenkopf, das brennende Ol). 

Die Tatsache, daß er seine Eltern verinnerlicht (introjiziert) hat zeigt sich 
in folgendem: 1. Der Eisenbahnwagen, in dem er mit seinen E tern fuhr. 
Ibd erTtTndig um sie Sorge trug (.man.ged everythrng") stellte seinen 
eigenen Körper dar. 2. Der Wagen war offen, im Gegensatz zu seiner Angst, 
difmit dem Gefühl der VerinnerUchung einherging daß er sich von seinen 
introjizierten Objekten nicht frei machen könne Der offene Wagen be. 
deutete eine Verleugnung dieses Gefühls. 3. Daß er alles für -me Eltern 
besorgen mußte, sogar für seinen Vater urinieren. 4. Das ihm plotzhch b^ 
wüßt werdende deuthche Gefühl, daß es im Traume war, als ob seme Eltern 
ein Teil seiner selbst wären. 

Durch die VerinnerUchung der Eltern aber wurderi auch alle die Angst. 
Situationen, die ich vorher in bezug auf die realen Htern ^J^'^'f^l^^ 
verinnerlicht und dadurch vervielfacht, intensiviert und zum J«!^"^^ f^^' 
tativ verändert. Seine den brennenden Penis und die sterbenden Kinder (der 
Ofen mit der Bratpfanne) enthaltende Mutter ist nun in seinem Innern. Da ist 
weiter die Angst, daß die Eltern in seinem Innern den gefährlichen Koitus 
vollziehen; es wird daher um so dringender, sie voneinander getrennt zu 
halten. Diese zwingende Notwendigkeit wurde die Quelle vieler Angstsitua. 
tionen und bUdete, wie die Analyse zeigte, eine Grundlage seiner Zwangs. 
Symptome. Die Eltern können ja den gefährUchen Koitus wann immer aus. 
üben sich gegenseitig verbrennen und auffressen und ihn dabei mitzerstoren, 
da nun sefn Ich die Stätte all dieser gefährlichen Handlungen geworden 
war So steht er gleichzeitig ihretwegen wie seiner selbst wegen grol5e 
Angst aus. Er ist voller Sorge und Kummer wegen des drohenden Todes 
der vermnerhchten Eltern, doch wagt er es nicht, sie wieder zu vollem Leben 
zu erwecken (er wagt es nicht, die Kette des Gasbrenners zu ziehen), da voUes 
Leben auch den Sexualverkehr einschließt, dieser aber wieder zu ihrem und so 
zu seinem Tode führen würde. (Der manische Mechanismus der suspendier, 
ten Belebung.) 



Hierzu kommen die vom Es drohenden Gefahren: Wenn Eifersucht und 
Haß zufolge einer realen Versagung sich neuerlich in ihm regen, greift er 
wieder in seiner Phantasie den verinnerlichten Vater mit seinen brennenden 
Exkrementen an und stört den Verkehr der Eltern — und das erzeugt von 
neuem Angst. 

Äußere oder innere Reize können seine paranoide Angst vor verinnerlicL« 
ten Verfolgern steigern. Wenn er dann seinen Vater in seinem Innern ganz 
tötet, so wird der tote Vater ein Verfolger von ganz besonderer Art. Wir 
ersehen das aus seiner Bemerkung (und den folgenden Assoziationen), daß 
Gift zurückbleibt, wenn eine Gasflamme durch eine Flüssigkeit verlöscht 
wird. Hier kommt die paranoide Position zum Vorschein; das tote innere 
Objekt wird mit giftigem Flatus gleichgesetzt.^^ Doch ist die zu Beginn seiner 
An^yse sehr starke paranoide Position nun erheblich abgeschwächt und spielt 
in diesen Träumen nur eine geringe Rolle. 

Was die Träume beherrscht, sind schmerzliche Gefühle, verbunden mit 
Angst um die geliebten Objekte — charakteristisch für die depressive Posi. 
tion, wie ich sie oben beschrieben habe. Der Patient erwehrt sich in seinen 
Träumen der depressiven Position auf verschiedene Arten. Er macht Ge*^ 
brauch von der sadistischen, manischen Herrschaft über seine Eltern, in* 
dem er sie getrennt hält und am ebenso lustvollen wie gefährlichen Sexua]*^ 
verkehr hindert. Gleichzeitig ist die Art, wie er sich um sie kümmert, für 
Zwangsmechanismen bezeichnend. Aber die wesentlichste Methode, mittels 
deren er die depressive Position überwindet, ist die Wiedergutmachung. Im 
Traume widmet er sich gänzlich seinen Eltern, um sie lebendig und wohl zu 
erhalten. Seine bewußte Sorge um die Mutter geht in die früheste Kind* 
heit zurück. Der Wunsch, sie zufriedenzustellen, sie (wie auch den Vater) 
wieder herzustellen und die Phantasie, Kinder in ihr wachsen zu lassen^ sie 
schön, fruchtbar und lebendig zu machen, spielen in all seinen Sublimierun:* 
gen eine große Rolle. 

Die Beziehung zwischen den gefährlichen Vorgängen in seinem Inneren 
und seinen hypochondrischen Ängsten geht aus seinen Bemerkungen über 
die Erkältung hervor, die er zur Zeit der Träume entwickelt hatte. Es zeigte 
sich, daß der ungewöhnlich dicke Schleim mit dem Urin in der Vase dem 
Fett in der Pfanne gleichgesetzt war und daß er in seinem Kopfe, den er so 
schwer fühlte, die Genitalien seiner Eltern trug (die Pfanne mit der Niere). 
Der Schleim sollte die Genitalien seiner Mutter vor Kontakt mit denen seines 



25) Meiner Erfahrung nach geht die paranoische Angst vor einem verinnerlichten 
toten Objekt mit der Vorstellung einher, daß der Tote zu einem geheimen und unheimli* 
chen Verfolger wird. Er wird als nicht ganz tot empfunden, kann irgendwann voller Listen 
und Ränke wieder erscheinen und wird als um so gefährlicher und feindlicher erlebt, 
je mehr das Subjekt sich seiner durch Tötung zu entledigen versuchte. (Die Auffassung 
eines gefährlichen Gespenstes.) 



l\\ 



Vaters bewahren. Gleichzeitig stellte er auch seinen Samen dar -dbedeut^te 
seinen Sexualverkehr mit der Mutter m semem J""^^^^ P^^^^^^^^ 
n*>m Koofe daß die Wege versperrt seien, hatte Beziehung zu seinem 
Wuns^h'd^e GenitaHen seiL Eltern gegeneinander abzusperren und seine 
inneren Objekte voneinander zu trennen. ^ ^ , 

Ein Anlaß für den Traum war eine reale Enttäuschung die der Patient 
kurz vo^er erkbt hatte und die, obwohl sie nicht zu einer Depres.^ 
Srte doch in tieferen Schichten sein emotionelles Gleichgewicht bee^ 
fluße wie aus den Träumen hervorging. In den Träumen «-hemt d d^ 
plL Position stärker und die Wirksamkeit semer Abwehrme<^^an^smen 
schwächer, als es zu dieser Zeit im allgemeinen mi w.chen Zu^tande^e^ 
Fall war. Es ist interessant, daß e n anderer Traumanlaß ganz ^^^^^^^^^^^ 
war. Kurz nach dem oben erwähnten schmerzhchen Erlebnis ^^^^^^ 
Patient mit seinen Eltern eine kleine Reise, die er -^^^-^^ J^^^^^^^^^ 
begann der Traum in einer Weise, die ihn an ^^7!J^X"tTdiS wS 
innerte, aber dann überschatteten die depressiven ^ef "hk die f eud^^^^^ V^e 
ich früher erwähnte, pflegt« der Patient sich ^ff^^T'^K^^^^Z^'^^ 
Mutter zu machen, aber diese Haltung hatte «^'^^ ^^^I^^'^^'^ff f f '^^^^^^ 
ändert und er hatte zur Zeit dieser Träume zu seinen Eltern eine im ganzen 
gute und sorgenfreie Beziehung. 

Die Punkte die ich im Zusammenhang mit den Träumen hervorgeho. 
ben hab!"^n - so scheint es mir -. daß der Prozeß der Verinnerhchung 
d« auf deTgühesten Sttife beginnt, die Grundlage ^^^^^^^^^^^^^ 
psychotischen Positionen büdet. Wir sehen, 'l^ß^ -^^^nfaln S nu 
Hcht sind, die früher gegen sie gerichteten aggressiven f ^"*^f ^ ^^^^^^^ 
zu den paranoiden Ängsten vor äußeren, sondern mehr noch vor mnemi 
VerfoWen führen; wir sehen ferner, daß sie Leiden und Schmerz über 
In Senden Tod der einverleibten Objekte zusammen -t Vpochondj 
sXen Ängsten erzeugen. Daraus entstehen die Versuche des Ichs, sich mittel 
WsctrAUmacht^^iner unerträglichen Konflikte und ^2:^^:^. 
ren Wir sehen auch, daß die sadistische Herrschaft des Ichs über die ver. 
Innerlichten Eltern nachläßt, sowie die Wiedergutmachungstendenzen slar.^ 
ker hervortreten können. 

Ich kann aus Raummangel hier nicht im einzelnen darauf emgehen mittels 
wJlcher MeAoden das normale Kind die depressive und manische Position 
vllSitet dkmeiner Ansicht nach einen Teil der normalen Entwickln^ 
HSetkh werde mich deshalb auf einige allgemeine Bemerkungen be. 

schränken. r i- • t. -^U 

Ich habe in früheren Arbeiten die Auffassung vertireten. auf die ich mich 

einigs bezog daß das Kind in seinen allerersten Monaten eine Phase para. 

nS Ängste durcUäuf^^ die mit der ..bösen versagenden Brust" zusammen. 



I ! 



^__ Zur Psychogenese der manischsdepressiven Zustände 301 

j hängen, die als äußerer und innerer Verfolger empfunden wird.^" Aus dieser 
I Beziehung zu Teilobjekten und ihrer Gleichsetzung mit Fäzes entspringt 
■auf dieser Stufe der phantastische und unrealistische Charakter der Bezie*^ 
hung des Kindes zu allen anderen Dingen: Teilen des eigenen Körpers, Men»= 
sehen und Dingen in der Umgebung, die — auch infolge der noch unentwik* 
kelten intellektuellen Fähigkeiten — nur undeutlich erkannt werden. Man 
kann annehmen, daß die Objektwelt des Kindes in den ersten zwei oder drei 
Lebensmonaten nur feindliche, verfolgende oder gewährende, hilfreiche Teile 
der realen Welt enthält. Allmählich erkennt das Kind mehr und mehr von 
der ganzen Person der Mutter und diese realistischere Erkenntnis erstreckt 
sich auch auf die Welt außerhalb der Mutter. Die Tatsache, daß eine gute 
Gefühlsbeziehung zur Mutter und zur Umwelt schon dem ganz kleinen 
Kinde hilft, seine paranoiden Ängste zu überwinden, wirft ein neues Licht 
auf die Bedeutung seiner frühesten Erlebnisse.^' Von ihren Anfängen an hat 
die Psychoanalyse immer die Bedeutung der frühkindlichen Erlebnisse her* 
vorgehoben, aber es scheint mir, daß wir erst, seitdem wir mehr über Cha* 
rakter und Inhalt der frühesten Angstsituationen und das fortwährende In* 
einandergreifen und Zusammenwirken von Umwelteinflüssen und frühkind* 
lichem Phantasieleben wissen, in der Lage sind, vollauf zu verstehen, 
warum der äußere Faktor — u. zw. auf allen Stufen der kindhchen Ent* 
Wicklung — so bedeutungsvoll ist. 

Wenn das Kind die Mutter als ganzen Menschen zu erkennen beginnt, 
sind seine sadistischen Phantasien und Gefühle, insbesondere die kannibali* 
stischen, auf ihrem Höhepunkt. Gleichzeitig erlebt es jetzt eine Verände* 
rung in seiner Gefühlsbeziehung zur Mutter. Seine libidinöse Fixierung an 
die Brust erweitert sich zu Gefühlen, die der Mutter als einer ganzen Person 
gelten. So werden destruktive und liebevolle Gefühle gegenüber einem und 
demselben Objekt erlebt, und das führt zu tiefen und erschütternden Kon* 
flikten. Bei normalem Verlauf der Entwicklung ergibt sich für das Ich auf 
dieser frühen Stufe — ungefähr im vierten bis fünften Lebensmonat — die 
Notwendigkeit, die psychische Realität ebenso wie die äußere bis zu einem 
gewissen Grad zur Kenntnis zu nehmen. Es muß also gefühlsmäßig ein* 
sehen, daß das geliebte Objekt gleichzeitig das gehaßte ist, und darüber 
hinaus, daß die wirklichen und phantasierten Objekte — sowohl die inneren 



26) Susan Isaacs hat in ihrem in der British Psychoanalytical Society im Jänner 
1934 gehaltenen unveröffentlichten Vortrag über „Angst im ersten Lebensjahr" ausge* 
führt, daß die frühesten, durch schmerzerregende äußere und innere Reize hervorgerue^ 
tenen Erfahrungen des Kindes die Basis für Phantasien über feindliche äußere und innere 
Objekte bilden und weitgehend zur Entstehung solcher Phantasien beitragen. Es scheint, 
daß in der allerersten Phase jeder unangenehme Reiz der „bösen", versagenden, verfo^ 
genden Brust, jeder angenehme der „guten", gewährenden Brust zugeschrieben wird. 

27) Vgl. Klein: Über Entwöhnung in „On the Bringing up of Children. — By five 
Analysts. London, 1936". 



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I 



I» ; 






302 Melanie Klein 



wie die äußeren — eng miteinander verbunden sind. Ich habe an anderer 
Stelle ausgeführt, daß in dem ganz kleinen Kind parallel zu den Be*^ 
Ziehungen zu realen Objekten — aber sozusagen auf einer anderen 
Ebene — Beziehungen zu seinen unrealen Imagines bestehen, ^^ die 
sowohl übermäßig gute wie übermäßig böse magische Gestalten sind, 
und daß diese beiden Arten von Objektbeziehungen sich in immer stei# 
gendem Grade im Laufe der Entwicklung vermischen und gegenseitig 
beeinflussen.^" Die ersten wichtigen Schritte in dieser Richtung exioU 
gen meiner Ansicht nach, wenn das Kind die Mutter als einen ganzen Men* 
sehen erfaßt und sich mit ihr als ganzer, wirklicher, geliebter Person zu identi* 
fizieren beginnt. Dann tritt die depressive Position, deren Charakteristika 
ich in dieser Arbeit beschrieben habe, hervor. Diese Position wird ausgelöst 
und verstärkt durch den „Verlust des Liebesobjektes", den das Kind immer 
wieder erfährt, wenn ihm die Mutterbrust zeitweilig entzogen wird, und er« 
reicht seinen Höhepunkt in der Entwöhnung.'" Sandor Rado hat aus* 
geführt, daß „der tiefste Fixierungspunkt in der depressiven Disposition 
in der Situation des drohenden Liebesverlustes liegt" (Freud), genauer in 
der Hungersituation des Säuglings. Unter Bezug auf Freuds Feststellung, 
daß das Ich in der Manie wieder mit dem Übersieh zur Einheit verschmilzt, 
kommt Rado zu der Schlußfolgerung, „daß dieser Prozeß die treue mtta» 
psychische Wiederholung jenes Erlebnisses der Verschmelzung mit der 
Mutter ist, die beim Trinken an ihrer Brust stattfindet." Ich stimme mit die* 
sen Feststellungen durchaus überein, aber meine Ergebnisse unterscheiden 
sich in wichtigen Punkten von den Schlußfolgerungen, zu denen Rado 
kommt, insbesondere hinsichtlich der indirekten und verschlungenen Ver* 
knüpfung, die seiner Auffassung nach zwischen den Schuldgefühlen und 
diesen frühen Erfahrungen besteht. Ich habe oben ausgeführt, daß das Kind 
meiner Ansicht nach schon in der Saugperiode, wenn es seine Mutter als 
ganzen Menschen erfaßt und von der Introjektion von Teilobjekten zu der 
Introjektion eines ganzen Objektes fortschreitet, etwas von den Schuldgefühl 
len und Gewissensbissen, etwas von dem Schmerz erlebt, die aus dem Kon* 
flikt zwischen Liebe und unbeherrschbarem Hasse resultieren, etwas von den 
Ängsten vor dem drohenden Tod der geliebten inneren und äußeren Objekte 
— d. h. in geringerem und milderem Grade die Leiden und Gefühle, die wir 
in der Melancholie der Erwachsenen voll ausgebildet finden. Natürlich wer* 
den diese Gefühle in einer anderen Fassung erlebt. Natürlich unterscheiden 
sich diese Gesamtsituationen und die Abwehrmechanismen des Säuglings, 
der immer wieder durch die Liebe der Mutter Beruhigungen erfährt, weit* 

28) Klein: Frühstadien des Ödipuskomplexes. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XV, 1929; und: 
Die Rollenbildung im JCinderspiel. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XVI, 1930. 

29) Klein: Die Psychoanalyse des Kindes. Int. Psa. Verl., Wien, 1932, Kap. 8. 

30) Sandor Rado: Das Problem der Melancholie. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIII, 1927, 
S. 439. 



i^J 



Zur Psychogenese der manisch.depressiven Z ustände 355 

gehend von denen des erwachsenen Melancholikers. Wichtig aber, weil von 
größter Bedeutung für die frühkindliche Entwicklung, ist. daß diese Leiden 
Konflikte, Gewissensbisse und Schuldgefühle, die aus der Beziehung des 
Ichs zu seinen inneren Objekten stammen, schon beim Säugling aktiv 
sind. Das gleiche gut für die paranoide und manische Position. Wenn das 
Kmd m dieser Lebensperiode kein gutes Objekt in sich aufrichten kann - 
wenn die Introjektion des guten Objektes mißglückt -, dann ergibt sich die 

Situation des Verlustes des Liebesobjektes schon in dem glei. 
chen Sinne wie bei dem erwachsenen Melancholiker. Dieser erste und funda^ 
mentale Verlust eines realen und geliebten Objektes, der vor und Wäh^ 
rend der Entwöhnung durch den Verlust der Brust erlebt wird, wird später 
nur dann zu einem depressiven Zustand führen, wenn es dem Kinde in dieser 
frühen Entwicklungsphase nicht geglückt war. sein Liebesobjekt im 
Ich zu errichten und zu bewahren. Diese Feststellungen gehen in 
emem grundlegenden Punkt über Rados Ergebnisse hinaus und führen 
desh^ab zu anderen Schlußfolgerungen. Nach Rados Auffassung befindet 
sich der Säugling in der Situation des drohenden Liebesverlustes, wenn ihm 
die milchspendende Brust (das reale Objekt) entzogen wird (Hunger. 
Situation) Ich sehe in dem Mißglücken der Intro jektionspro. 
r^'^^' ^ L""'* ^^' f*""'^"' wichtigen Beziehung des Säuglings zur realen 
(äußeren) Mutter emhergehen - also in ganz frühen intrapsychischen 
Vorgangen - die Grundlage der depressiven Disposition. Meiner Auffassung 
nach setzen schon auf dieser Entwicklungstufe die manischen Phantasien ein! 
die^zum Inhalt haben, zunächst die Brust und sehr bald auch die inneren und 
aulSeren Eltern zu beherrschen - mit all jenen Merkmalen der manischen Po. 
sition, die ich beschrieben habe und die in den Dienst der Abwehr gegen die 
depressive Position gestellt werden. Jedesmal, wenn das Kind die Brust 
wiederfindet, nachdem es sie verloren geglaubt hatte, wird der manische Pro. 

T \^^ ^^'^*^*' '"^ '^^"' ^'^^ ""^ Ich.Ideal zusammenfallen (Freud) 
denn die Befriedigung des Kindes beim Nahrungsakt wird nicht nur als eine 
kannibalistische Einverleibung gefühlt (das ..Fest" in der Manie, wie F r e u d 
sagt), sondern sie aktiviert auch die Phantasien über die schon ver. 
innerlichten Objekte und wird mit der Herrschaft über diese 
Ob jekte verbunden. Zweifellos wird das Kind um so mehr imstande sein, 
aut dieser Stufe die depressive Position zu überwinden, je meh'r eine glück. 
Uche Beziehung zu seiner realen Mutter schon zustande kam. Aber alles 
harigt davon ab. wie weit es fähig ist. aus diesem Konflikt zwischen Liebe 
und unbeherrschbarem Haß und Sadismus einen Ausweg zu finden. 

Wie ich oben ausgeführt habe, hält das Ich in der frühesten Phase die ver. 
folgenden und die guten Teilobjekte (Brust) weit auseinander. Durch die 
lntro]eküon des ganzen und wirUichen Objektes fließen sie mehr zusam. 
men. em Vorgang, der dem schwächen Ich aus Gründen, die ich früher 



I 




besprach, zunächst unerträglich ist. Das Ich nimmt nun — so scheint es mir 
— immer wieder seine Zuflucht zu dem Mechanismus, der für die Entwick« 
lung der Objektbeziehungen so wichtig ist, dazu nämlich, seine Imagines in 
geliebte und gehaßte, d. h. in „gute" und „böse", zu teilen. 

Man könnte annehmen, daß die Ambivalenz, die ja zur Objektbeziehung 
gehört, d. h. zur Beziehung zum ganzen und realen Objekt, an die^* 
semEntwicklungspunkteinsetzt. Die Ambivalenz, die sich u. a. 
im Teilen der Imagines äußert, befähigt das Kind, die guten realen Objekte 
mehr und mehr zu lieben, die Wiedergutmachungsphantasien an diese ge.» 
liebten guten Objekte zu heften und so ein stetigeres Vertrauen in ihre 
Güte zu gewinnen. (Hierzu tragen natürlich Erfahrungen und Realitäts»« 
beweise bei.) Gleichzeitig werden die paranoiden Ängste und Abwehrmecha«» 
nismen gegen die gehaßten bösen Objekte gerichtet. Die innere Unterstütz« 
zung, die das Ich von seinem freundlichen Verhältnis zu einem realen guten 
Objekt erfährt, erhöht wieder das Vertrauen zu den verinnerlichten Objekten. 
So nimmt das Ich — wobei es sich der Ambivalenz bedient — seine Zuflucht 
abwechselnd zu den äußeren und inneren guten Objekten, 

Auf dieser Entwicklungstufe scheint die Vereinheitlichung der äußeren 
und inneren, geliebten und gehaßten, realen und phantastischen Objekte so 
zu erfolgen, daß jeder Schritt zur Vereinheitlichung wieder zu einem erneuten 
Teilen der Imagines führt, die sich so in der normalen Entwicklung immer 
mehr der Realität nähern. Wenn auf diese Weise die Liebe zu deii realen 
und den verinnerlichten Objekten und das Vertrauen zu beiden besser ge# 
sichert ist, verringert sich die Ambivalenz, und zwar auch deshalb, weil 
sie zu einem Teil als Sicherung gegen die gehaßten und angsterregenden Ob* 
jekte diente. Hand in Hand mit dem Wachsen der Liebe zu seinen Objekten 
geht ein größeres Vertrauen des Ichs zu der eigenen Liebesfähigkeit und 
eine Verminderung der paranoiden Angst vor den bösen Objekten — Ver=< 
änderungen, die zu einer Verminderung des Sadismus und einer besseren 
Beherrschung und Verwendung der Aggression führen. Die Wiedergut* 
machungstendenzen, die bei der normalen Überwindung der infantilen de^ 
pressiven Position eine überragende Rolle spielen, werden durch verschiedene 
Mechanismen in Gang gesetzt, von denen ich hier nur zwei fundamentale 
nenne: die manischen Mechanismen und die Zwangs^sMechanismen. 

Es scheint, daß der Schritt von der Introjektion von Teilobjekten zu der 
von ganzen geliebten Objekten (mit allem, was dazu gehört) von ausschlägst 
gebender Bedeutung für die Entwicklung ist. Dabei hängt viel davon ab, in# 
wieweit das frühe Ich fähig ist, seinen Sadismus und seine Angst zu tole<» 
rieren und dabei eine starke libidinöse Beziehung zu Teilobjekten zu ent* 
wickeln. Hat das Ich aber diesen Schritt gemacht, so ist es sozusagen an einem 
Kreuzweg angelangt, von dem die seine psychische Entwicklung bestimmen»^ 
den Wege abzweigen. 



1 



Zur Psychogenese der manisch^^depressiven Zustände 



305 



Ich habe früher ausführlich dargelegt, auf welche Weise die Unfähigkeit, 
die Identifizierung mit (ganzen) verinnerÜchten und realen guten Objekten 
aufrecht zu erhalten, zu den psychotischen Erkrankungen der Depressions* 
zustände, der Manie oder der Paranoia führen kann. 

Ich nenne noch zwei Methoden, mittels derer das Ich versucht, die Leiden 
zu beenden, die mit der depressiven Position verbunden sind, nämlich: 

a) durch eine Flucht zum inneren guten Objekt, auf die M. 
Schmideberg im Zusammenhang mit der Schizophrenie hingewiesen 
hat. Sie führt aus," „daß in der Schizophrenie die Absperrung von der 
Außenwelt mittels der Flucht zum guten inneren Objekt durchgeführt wird, 
indem die Projektion aufgegeben und die Liebe zum inneren Objekt narzi& 
tisch überkompensiert wird, um der Angst vor den bösen introjizierten und 
realen Objekten zu entgehen." Das Resultat einer solchen Flucht kann eine 
Verleugnung der psychischen und äußeren Realität und tiefste Psychose sein; 

b) durch eine Flucht zum realen guten Objekt, um alle Ängste' 
innere wie äußere, zu widerlegen'^. Dieser Mechanismus ist für die Neurose 
charakteristisch und kann zu weitgehender Schwächung des Ichs und sklavi,«^ 
scher Abhängigkeit von Objekten führen. 

Diese Fluchtmechanismen spielen, wie ich oben dargelegt habe, eine wich<= 
tige Rolle auch bei der normalen Verarbeitung der infantilen depressiven 
Position. Gelingt dieses Verarbeiten aber nicht, so bleibt der eine oder ani* 
dere der beschriebenen Mechanismen vorherrschend und damit die Gefahr 
einer schweren Psychose oder Neurose bestehen. 

Ich habe in dieser Arbeit hervorgehoben, daß ich die infantile depressive 
Position für die zentrale Position in der Entwicklung halte. Die normale 
Entwicklung des Individuums und seine Liebesfähigkeit scheinen weitgehend 
darauf zu beruhen, daß das frühe Ich diese ausschlaggebende Position ver== 
arbeitet und überwindet. Dies hängt allem Anschein nach letzten Endes da* 
von ab, ob das Ich seine frühesten Angstsituationen und Abwehrmechanis* 
men genügend modifizieren und so neue Abwehrmechanismen entwickeln 
kann, die zu einem größeren und stetigeren Vertrauen in die Güte seiner 
(verinnerlichten und realen) Objekte und zugleich zu einer größeren Unab* 
hängigkeit von beiden führen. 



31) Psychoäc Mechanismus in Cultural Development. Int. Journal of PsA., Bd. XI, 
1930, S. 387. 

32) Ich habe seit vielen Jahren die Auffassung vertreten, daß die übermäßige Fixie* 
rung des Kindes an die Mutter Schuldgefühlen und Ängsten entspringt, die aus seiner 
Aggression ^egen die Mutter resultieren, und daß das Kind bei der realen guten 
Mutter Zuflucht vor der phantastischen bösen Mutter sucht. 

In ihrer Arbeit „The flight to Reahty" (Int. Journal of PsA., Bd. X, 1929, S. 280) führt 
^na Searl aus, daß die Realität für das Ich gewissermaßen die Mitte hält zwischen 
Wunscherfüllungsphantasien und angsterregenden Phantasien. Der Flucht des Neuro«* 
kers aus der angsterregenden Realität in die Phantasie stellt sie die Flucht aus der angstx 
erregenden Phantasiewelt in die Realität gegenüber. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse XXIII/2 20 



DISKUSSIONEN 



I 



Der Angstangriff 

Bemerkungen zum IX. Kapitel von Anna Freuds Buch „Das Ich und die Ab* 

Wehrmechanismen." 
Von 

Theodor Reik 

Den Haag 

Das Folgende soll keine Würdigung des neuen Buches von Anna Freud 
sein — eine ausführliche Besprechung ist von berufener Seite in dieser Zeitschrift 
erschienen — sondern ein Beitrag zur Diskussion des in einem Kapitel des 
Buches behandelten Themas. Klarheit und Schärfe des Gedankenganges sowie 
eine besonders ausgeprägte Unmittelbarkeit des Herangehens an die schwierigen 
psychologischen Fragen, Vorzüge, die namentlich dem zweiten Teile des Buches 
eignen, erleichtem die Erörterung. 

Als Ausgangspunkt diene der in dem Kapitel „Die Identifizierung mit dem 
Angreifer" angeführte Fall von Aichhorn, in dem ein Junge, vom Lehrer 
ermahnt oder getadelt, immer wieder mit Grimassen reagiert, über welche die 
ganze Schule lachen muß. Die Grimassen des Knaben sind nichts anderes als 
ein verzerrtes Abbild der Gesichtszüge des geärgerten Lehrers. „Der Junge, der 
dem Tadel des Lehrers standhalten soll, bewältigt seine Angst durch unwillkür* 
liehe Nachahmung des Zornigen. Er übernimmt selbst seinen Zorn und folgt den 
Worten des Lehrers mit dessen eigenen nicht wiedererkannten Ausdrucksbewes' 
gungen. Das Grimassieren dient also der Angleichung oder Identifizierung mit 
dem gefürchteten Objekt der Außenwelt". Ahnlich ist der seehsche Ablauf in 
den anderen dargestellten Fällen, besonders deuthch in dem einer sechsjährigen 
Patientin, die sich mit der Darstellung des Attributes und des Benehmens des 
Angreifers aus dem Bedrohten in den Bedroher verwandelt. 

Anna Freud weist darauf hin, daß dieser Umwandlungsprozeß um so be# 
fremdender wirkt, wenn die Angst sich nicht auf ein vergangenes, sondern 
auf ein zukünftiges Ereignis bezieht. Sie führt als Beispiel einer solchen pro»» 
phylaktischen Reaktion den Fall eines Knaben an, der bei bestimmten Gelegen* 
heiten gerade die Person, der gegenüber er sich unartig benommen hat, anklagt 
und beschimpft. In einem anderen Fall dient die Aggression eines kleinen Jungen 
noch deutlicher der Darstellung und Vorwegnahme seiner Befürchtungen. Diese 
„Identifizierung mit dem Angreifer" bildet nach Anna Freud eine gar nicht 
seltene Zwischenstufe in der normalen Über*Ich*Entwicklung des Individuums. 
In diesen Beispielen wird die verinnerlichte Kritik von der beanstandeten Hand* 
lung des Kindes weg zur Außenwelt zurückgewendet. Der Identifizierung mit 
dem Angreifer folgt mit Hilfe eines neuen Abwehrvorganges der aktive Angriff. 
Die Sonderung der zwei Arten der Reaktion, je nachdem sie sich auf ein ver* 
gangenes oder auf ein künftiges angsterregendes Ereignis bezieht, scheint mir 



i 



V 



Der Angstangriff 307 



I 



I 



nicht von großer Bedeutung zu sein. Natürlich dient die Reaktion in erster Linie 
dazu, einen unlustvollen Eindruck zu bewältigen. Die Erinnerung an das ver* 
gangene Erlebnis muß aber sogleich die Angst vor seiner Wiederholung er* 
wecken. Die beschriebene Reaktionsform zeigt so ein Janusgesicht, dessen eine 
Hälfte in die Vergangenheit, dessen andere nach der Zukunft gerichtet ist. In 
den beiden Gesichtern lassen sich bei näherem Zusehen doch bestimmte unter* 
schiedliche Züge erkennen. Der Umwandlungsprozeß, der sich auf ein vergan* 
genes Angsterlebnis bezieht, ist ein besonderer Fall innerhalb der seelischen Be=> 
mühungen des Ichs, eines übermächtigen oder plötzlichen Reizes Herr zu werden. 
Die Identifizierung mit der angreifenden Person (oder der Person, von der ein 
Angriff befürchtet wird) ist ein Spezialfall der Identifizierungzur Be* 
wältigung der Angst, die sich auch aus der Begegnung mit unbeseelten 
Objekten ergibt. Der kleine Junge, der die ihn erschreckende Lokomotive sieht, 
ist später, zu Hause, wohl imstande, im Spiel selbst eine Lokomotive' darzustellen, 
die mit großem Lärm dahersaust. 

Man wäre versucht, die Vehemenz des Angriffes, der, psychologisch gesehen, 
ein reaktiver ist, mit der Intensität des angreifenden Reizes zusammenzustellen. 
Das wäre aber unrichtig, denn dabei würde man das Subjekt, das dem angst* 
erregenden Reiz unterliegt, nicht gebührend in Rechnung bringen. Die indivi* 
duelle Ichstärke muß berücksichtigt werden. Wir werden es also mit Anna 
Freud richtiger finden, die Vehemenz des Angriffes in Beziehung zu der 
Intensität der Angst zu setzen. Ich schlage vor, die besondere Reaktionsform, 
die hier auftritt, als Angstangriff zu bezeichnen und füge sogleich hinzu, 
daß sie nicht auf das individuelle Leben beschränkt ist. Im Leben der Völker 
und anderer Gemeinschaften muß dem Angstangriff eine bestimmte Bedeutung 
zukommen. 

Die andere Hälfte des Janusgesichtes der Reaktion ist auf ein zu gewärtigendes 
Ereignis gerichtet. Der Angriff erfolgt aus Angst vor einem Angriff oder einer 
erwarteten Strafe. Die ängstliche Erwartung wäre unmöglich, wenn sie sich nicht 
auf eine unbewußte Erinnerung, besser gesagt, auf eine Gedächtnisspur berufen 
könnte. Die Familienähnhchkeit der beiden Gesichter wird hier deutlicher und 
wir erkennen eine ältere und eine jüngere Hälfte des Janusgesichtes. 

Die Identifizierung mit dem künftigen Angreifer hat eine bestimmte psycholo* 
gische Bedingung. Sie ist nicht denkbar ohne die Wirksamkeit des Mechanismus 
des psychologischen Vorwegnehmens. Wie dieser Mechanismus arbeitet, habe 
ich in dem 1935 erschienenen Buche „Der überraschte Psychologe" darzustellen 
versucht.! Die Identifizierung mit dem künftigen Angreifer bildet eine Reaktion 
auf die antizipierte, angsterregende Haltung des Anderen. 

Nicht um unberechtigte Prioritätsansprüche anzumelden, sondern um die Ahn* 
lichkeit von Resultaten psychologischer Beobachtung zu erweisen, sei erwähnt, 
daß sich bestimmte Teile meiner 1929 erschienenen Studie „Der Schrecken" mit 
der Genese des Angstangriffes beschäftigen. Es wird dort gesagt,^ daß es dem 
Gesetz des Rücklaufes des Affektes entspricht, wenn Angst vor einem Objekt, 

i) A. W. Sijthoffs Uitgeversmaatsch., Leiden, S. 254 ff . 
2) Int. Psa. Verlag, Wien, 1929, S. 67. 

20* 



308 



Theodor Reik 



die eine bestimmte Stärke erreicht hat, sich in Aggression umsetzt. Dieser 
Mechanismus sei nicht auf die Menschen beschränkt. Hunde fallen häufig Per* 
sonen an, weil sie Angst vor ihnen haben, und lassen von der Aggression ab, 
wenn sie den Eindruck erhalten, daß sie nichts zu befürchten haben. „Es darf 
uns nach den Eindrücken, die wir aus der Psychoanalyse von Neurotikerö er* 
halten, die Einsicht dämmern, daß diesen Mechanismen der Umsetzung von 
Angst in Haß und in daraus folgende aggressive Tendenzen eine größere Be* 
deutung zukommt, als wir bisher erkannt haben. Bestimmte Erfahrungen der 
analytischen Praxis legen uns die Folgerung nahe, daß oft plötzliche Aktionen 
aggressiver oder haßerfüllter Art aus dem Versuch, sich einer übergroß gewor* 
denen Angst zu erwehren, resultieren. Solche impulsive Akte gibt es nicht nur 
in der Hysterie; auch die Symptomatologie der Zwangsneurose und noch mehr 
die der manisch-depressiven Affektion liefern zahlreiche Beispiele dieser 
speziellen Form der Angstabwehr in Form von Triebdurchbrüchen. Es scheint 
mir wahrscheinlich, daß sich hier auch ein Weg für die psychologische Erklärung 
von Aggressionen in den psychotischen Erkrankungen eröffnet. Die Bedrohung, 
die vom Objekt ausgeht (auszugehen scheint), soll in ihnen durch die Be* 
drohung des Objektes bewältigt werden. Noch mehr Bedeutung kommt der 
Erforschung dieser Abwehrmechanismen und dieses Umsetzungsvorganges für 
die Verbrecherpsychologie zu. Die Kriminalpsychologen, Richter, Staatsanwälte 
und Verteidiger täten gut, diese schwierigen psychischen Vorgänge mit Hilfe 
der analytischen Methode zu studieren. Eine große Anzahl sonst unerklärbarer 
Verbrechen erhält ihre Aufklärung durch jenen psychischen Prozeß, durch 
welchen eine aggressive Aktion dazu benützt wird, die Angstspannung zu ver* 
ringern." 

Hier wird ein erster Versuch, den Angstangriff psychologisch zu erfassen, ge* 
macht. Anna Freud hat meine Anschauung, daß die Angst vor dem Objekt 
durch den Angriff auf das Objekt bewältigt werden soll, durch die wichtigere 
Einsicht in den Vorgang der Identifizierung mit dem Angreifer vertieft. 

Die Theorie Anna Freuds erklärt auch, wie sich aus der Identifizierung 
mit dem Angreifer mit Hilfe der Projektion der Schuld der aktive Angriff auf 
die Außenwelt entwickelt. Der Abwehrvorgang wird von ihr in guten Beispielen 
aus dem Seelenleben von Kindern und Erwachsenen geschildert. So erscheint 
etwa bei Knaben eine Identifizierung mit den Strafandrohungen einer Autorität; 
es handelt sich also um eine Verinnerlichung einer von außen kommenden Kritik 
der Handlungsweise des Kindes. Der Introjektion eines phantasierten Vor* 
Wurfes folgt bei einer erwachsenen Patientin derselbe, nun gegen die Analyti* 
kerin gerichtete Vorwurf. Das vorweggenommene Urteil der Umwelt wendet sich 
gegen diese Umwelt zurück. Die Introjektion der kritisierenden Autoritäten setzt 
das Ich in Stand, seine verbotenen Regungen nach außen zu projizieren und zu 
verurteilen: „Ein solches Ich ist intolerant gegen die Außenwelt, ehe es streng 
gegen sich selbst ist. Es erlernt, was verurteilt werden soll, schützt sich aber mit 
Hilfe des Abwehrvorganges gegen die Unlust der Selbstkritik. Das Wüten gegen 
die Schuldigen in der Außenwelt dient ihm als Vorläufer und Ersatz des Schuld* 
gefühles". 



Als partielle Bestätigung der in diesen Sätzen enthaltenen Annahme, zugleich 
aber als Überleitung zu ihrer Diskussion sei darauf verwiesen, daß ich von der 
Erörterung des unbewußten Strafbedürfnisses aus zu einer ähnlichen Anschauung 
gelangt bin. In „Geständniszwang und Strafbedürfnis"^ wird auf die nicht sel=» 
tene Reaktion verwiesen, daß eine Person gerade gegen jene andere aggressiv 
wird, die sie beleidigt hat. Der Betreffende „räche sich an dem Gekränkten oder 
Beschädigten dafür, daß er ihn gekränkt hat, was wirklich widersinnig wäre, 
wenn in diesem Falle nicht zwei Voraussetzungen psychischer Art zuträfen". 
Diese Voraussetzungen sind: die große Intensität des unbewußten Straf bedürfe 
nisses und die psychologische Bedingung der unbewußten Identifizierung. Als 
Beispiel einer solchen seelischen besonderen Art der Reaktion wird die Cha» 
rakteristik angeführt, die Dostojewski von Fedor Pawlowitsch Karamasoff 
gibt: Er wolle sich an allen für seine eigenen Schändlichkeiten rächen. Und da 
fiel ihm auch noch ein, wie man ihn früher einmal gefragt hatte: „Warum hassen 
Sie denn diesen Menschen so sehr?" und wie er darauf in einem Anfall seineir 
Narrenschamlosigkeit geantwortet hatte: „Warum? Sehen Sie: er hat mir nichts 
getan, das ist wahr, dafür aber habe ich ihm eine gewissenlose Gemeinheit an=> 
getan und kaum war es geschehen, da haßte ich ihn auch schon gerade des* 
wegen." Man wird das hier dargestellte psychische Verhalten sehr wohl mit den 
Beispielen, dieAnnaFreud anführt, zusammenstellen dürfen. 

Zur Diskussion dieses Stückes der Theorie von Anna Freud: es scheint 
mir nicht richtig, daß ein solches Ich intolerant gegen die Außenwelt ist, ehe 
es streng gegen sich selbst wird, daß hier eine Zwischenstufe der Über^Ichs'Ent». 
Wicklung gegeben ist, die zugleich eine Art Vorstufe der Moral vorstellt. Ich 
meine im Gegenteil, daß die Selbstwahrnehmung der eigenen Schuld hier eine 
übermäßige Schärfe und Strenge angenommen hat, welche die Aggression nach 
außen drängt und drängen muß, wenn das Ich intakt bleiben soll. Es liegt meiner 
Ansicht nach hier nicht ein Fall von zu geringer, sondern von 
hypertrophischer Über*Ich*Ent Wicklung vor, übermäßig 
zumindest gegenüber dem schwachen, wenig selbstbe* 
wußten Ich. Wenn sich in dieser seelischen Situation nicht dieser Ent* 
lastungsversuch des Ichs ergeben sollte, würde sich das übermächtig gewor* 
dene Schuldgefühl gegen das Ich kehren und das Resultat wäre nicht bessere 
Erkenntnis der eigenen Schuld (die oft sogar bewußt gefühlt wird), sondern 
die melancholische Erkrankung. In der Rückwendung der Aggression gegen 
die Außenwelt ist meines Erachtens ein Heilungsversuch zu erkennen, der dar= 
nach strebt, sich durch „Wiederholung des Verbrechens" der Übermacht der 
Übersieh* Vorwürfe zu erwehren. Die Therapie solcher Ichstörung kann un* 
möglich dahin wirken wollen, die „Schuld" zum Bewußtsein zu bringen und 
die Entwicklung des Über#Ichs zu befördern. Sie wird vielmehr Abschwächung 
der Selbstvorwürfe und Stärkung des Ichs anstreben. Sie wird dem Patienten 
zeigen, daß er unbewußt seine Schuld zu hoch einschätzt, daß sie von der Außen» 
weit nicht so schwer beurteilt wird wie von ihm selbst und daß deshalb der An* 
griff gegen diese Außenwelt, von der er selbst einen Angriff fürchtet, nicht so 



3) Int. Psa. Verlag, Wien, 1925. S. 128. 



gefährlich sein, ja vielleicht ganz ausfallen wird. Populär gesprochen: daß man 
den Patienten zu der Auffassung bringt, er brauche nicht so wild um sich 
herumzuschlagen, denn es seien keine schweren Schläge von außen zu be* 
fürchten. Was er getan (oder gedacht) habe, sei keineswegs ein schreckUches 
Verbrechen, sondern das Resultat einer bestimmten psychischen Situation. Ein 
scheinbarer Einwand gegen diese Auffassung könnte sich aus der Tatsache er;=^ 
geben, daß es bei der beschriebenen Reaktion doch zu einer der normalen Über* 
Ich*Entwicklung nicht entsprechenden Aggression kommt, die der Außenwelt 
Schaden zufügen soll. Dem ist entgegenzuhalten, daß das Ich durch diese Ak* 
tion in weiterer Entwicklung sich selbst viel mehr schädigt als die an* 
deren, so daß sich schon aus diesem Effekt der Schluß auf das übermäßige 
Schuldgefühl ergibt. Daß diese Reaktion aber so stark ausfällt, ist eben der Be* 
weis eines im Verhältnis zum Ich hypertrophen Über*Ichs. Gewiß taucht — 
der von mir als Gesetz des Rücklaufes zum ursprünglichen Affekt bezeichneten 
Entwicklung entsprechend — die als Schuld gefühlte Aggression so wieder auf, 
aber das ist kein Zeichen geminderten, sondern verstärkten Schuldgefühles. Ein 
Topf mit Wasser, das man erhitzen will, um eine Speise zu kochen, geht über, 
nicht weil das Wasser zu wenig heiß ist, sondern weil es überhitzt wurde, weil 
es siedet. Das ist gewiß nicht zweckentsprechend und das siedende überlaufende 
Wasser wird den Nahestehenden verletzen können. 

Die Differenz zwischen der Anschauung von Anna Freud und der hier 
vertretenen ist von zweierlei Art: sie ergibt sich aus der verschiedenen Ein* 
Schätzung der Über*Ich*Bildung in den dargestellten Fällen und aus der Wert* 
frage. In bezug auf die erste meine ich, daß hier nicht eine Vorstufe der Über* 
Ich*Entwicklung vorhegt, sondern daß das Ich nicht Schritt gehalten hat mit 
dieser, daß die Ichstärke der Über*Ich*Stärke nicht entspricht. Das Über*Ich ist 
nicht zu wenig entwickelt, sondern im Verhältnis zum Ich, in seiner Relation zum 
Selbstgefühl zu stark. Das Wichtigste ist aber diese Relation. Als Zeichen für 
die Verschiedenheit des Standpunktes in der Wertfrage erscheint mir der Satz, 
den Anna Freud ihrer Bewertung der bezeichneten Ichsituation als Vor* 
stufe der Moral folgen läßt: „Die wirkliche Moral beginnt, wenn die verinner* 
lichte Kritik als Über*Ich*Forderung auf dem Boden des Ichs mit der Wahr* 
nehmung des eigenen Vergehens zusammentrifft." Dem Begriffe der „wirklichen 
Moral" im Gegensatz zu einer unwirklichen oder scheinbaren stehe ich, wie be* 
reits anderswo bemerkt, äußerst skeptisch gegenüber. Wer sollte sich berufen 
fühlen, darüber zu entscheiden, wo die scheinbare Moral aufhört und wo „die 
wirkhche Moral beginnt?" Eine ökonomisch*psychologische Betrachtungsweise 
scheint mir nicht nur sachlich richtiger, sondern auch nützhcher als diese einer 
willkürlichen Wertung. Vom Standpunkt einer solchen ökonomischen Beurtei* 
lung aus ist aber zu behaupten, daß die besondere Aggression, die sich aus der 
Selbstwahrnehmung der „eigenen Schuld" ergibt, einem Übermaß an Schuld* 
gefühl entspricht, das nur durch die relative Schwäche des Ichs in seinem Ver* 
hältnis zum Über*Ich (ursprünghch zur Außenwelt) bestimmt ist. Die richtige 
therapeutische Haltung in diesen Fällen ist also die, den Patienten dazu zu 
bringen, weniger von sich zu verlangen und mehr von sich zu 



Der Angstangriff 



311 



erwarten. (In dieser Verminderung der Über*Ich*Forderung und dieser 
gleichzeitigen Verstärkung des Vertrauens zum Ich ist eine der wichtigsten Auf* 
gaben der künftigen Pädagogik zu erblicken.) 

Die geschilderte Ichsituation wird erklärlicher, wenn man, dem Beispiele 
Freuds folgend, das Wort Schuldgefühl durch soziale Angst ersetzt. iDie 
Heftigkeit des Angriffs ist der Intensität der sozialen Angst angemessen, aber 
diese Angst ist im Verhältnis zu dem intendierten Vergehen zu groß. Das Oh» 
jekt würde, wüßte es von der „Schuld", das Ich gar nicht so hart strafen, wie 
dieses fürchtet. 

Es soll nur noch kurz darauf hingewiesen werden, daß sich in manchen Fällen 
der Rest der alten Angst vor oder noch während des Angstangriffs gut erkennen 
läßt. In einem solchen Falle eines jüngeren Mannes, der von Beruf Strafrechts« 
Verteidiger war, konnte ich dies sowohl in seinem Verhalten vor Gericht als 
auch in der analytischen Übertragung beobachten: seine ursprüngliche Haltung 
gegenüber dem Richter in einigen Prozessen, in denen er einen Verbrecher vers» 
teidigen sollte, war ängstlich und demütig, um bald in eine aggressive gegenüber 
dem Vorsitzenden umzuschlagen. Es war deutlich, wie sehr er sich als Ver* 
teidiger mit dem Angeklagten identifizierte. Sein Angriff gegen den Vorsitzen* 
den hatte etwas Herausforderndes, das in seiner spezifischen Form noch die 
scheinbar völlig überwundene Angst verriet. In anderen Fällen ist im Angstan* 
griff der Charakter der Frechheit als Überbleibsel der fortdauernden und fort* 
wirkenden Angst zu betrachten. Die Angst bleibt so manchmal trotz der Heftig* 
keit des Angriffes — zumindestens partiell — bestehen. Der aus Angst Angrei* 
fende hat in diesen Fällen sozusagen noch Angst Vor der eigenen Courage. Als 
abgeschwächte Form des Angstangriffes muß die Drohung angesehen werden; 
man kann gut von einer Angstdrohung sprechen. In noch schwächerer und 
sozial angepaßterer Form repräsentiert sich als Ersatz des Angstangriffes das 
Imponierenwollen. 

Es sei erlaubt, die Diskussion der Theorie vom Angstangriff ein Stück weiter 
zu führen. Die Identifizierung mit dem Angreifer hat, wie Anna Freud gut 
gezeigt hat, die wichtige Aufgabe der Angstvermeidung. Zwei Tatsachen sprechen 
indessen dagegen, daß Vermeidung der Angst das primäre Motiv der Reaktion 
sein kann. Das erste ist das in die Höhe Getriebene, die außerordentliche Vehe* 
menz des eigenen Angriffes, dem oft die Zeichen des Plötzlichen, Stürmischen 
und Tumultuösen zukommen. Dieser Charakter entspricht nicht dem Motiv der 
Vermeidung einer, wenn auch als intensiv angenommenen Angst. Die zweite 
Tatsache ist aus einer Kinderbeobachtung abzuleiten, die vielleicht ein Stück wei« 
terer Aufklärung bieten kann: ich beobachtete einen kleinen Jungen, der sich 
versteckte und mit einem „Huuh", das Schrecken erregen sollte, plötzlich aus 
seinem Versteck auf Spielkameraden losstürzte. Ich wußte, daß der ältere Bruder 
der Jungen es liebte, den Kleinen auf einem dunklen Gang der Wohnung plötz* 
lieh zu erschrecken. Der kleine Junge hatte sich hier mit dem Angreifenden 
identifiziert, den er nun gegenüber den Kameraden spielte, aber sein Angriff 
sollte nicht Angst erregen, sondern Schrecken. Wir müssen annehmen, daß 
der ursprüngliche Affekt, den er abwehren wollte, Schrecken war. 






1 



312 Theodor Reik 



Zu meinem Bedauern bin ich hier genötigt, noch einmal auf eine eigene Theorie 
zu verweisen. Sie behauptet, daß nicht Angst, sondern der primäre und viel hefti« 
gere Affekt des Schreckens die meisten Abwehrmaßregeln des Ichs bestimmt. 
Jener Theorie nach ist Angst eine sekundäre Reaktion, welche die abgeschwächte 
Wiederholung des Schreckaffektes und zugleich einen Schutz gegen seine 
Wiederholung darstellt — in ihrer Funktion etwa einer Injektion von Bazillen 
als Prophylaktikum gegen die Virulenz der Infektion zu vergleichen. 

Angst ist die Abwehrreaktion gegenüber dem Hereindrohenden, Schrecken 
die Reaktion gegenüber dem Hereinbrechenden.* Angst kann so als Puffer oder 
Selbstschutz des Ichs gegen den Schrecken aufgefaßt werden. Wer Angst hat, 
nimmt in der Phantasie das Schreckliche vorweg und schützt so das Ich vor 
dessen katastrophalen Wirkungen. 

Der Angriff durch Identifizierung mit dem Angreifer ist ursprünglich 
eine Reaktion, die nicht der Angstsituation, sondern der Gefahrsituation ent* 
spricht. Natürlich wird er später sekundär zur Vermeidung der Angst gebraucht. 
Primär gilt er der Abwehr des plötzlicheren und heftigeren Affekts des Schrek* 
kens, der das Ich zu überwältigen droht. Wenn man diese genetische Betrachtung 
gelten läßt, ist nichts dagegen einzuwenden, in den bezeichneten Fällen von 
Angstangriff zu sprechen. Angemerkt sei noch, daß der Angstangriff sich auch 
gegen phantasierte Gestalten richten kann, von denen z. B. in der Psychose eine 
Bedrohung vorgestellt wird. Luther hat, als er das Tintenfaß gegen den Teufel 
schleuderte, auf ähnliche Weise die Angst vor dem Teufel zu überwinden^ ver# 
sucht. Wenn der Angstangriff der psychologischen Betrachtung als ein ins Ak* 
tive gewendeter Ersatz des Angstanfalles erscheint, so darf man daran erinnern, 
daß das Wort „Anfall" (wie französisch „attaque") sowohl passive als aktive 
Bedeutung hat. 

Hier ist auch die Stelle, jene erwähnte Theorie weiterzuführen, indem ich 
zeige, wie ich mir die Psychogenese der Angst aus dem Schrecken vorstelle. Der 
Schreckaffekt, der erste und stärkste des Menschen* und Tierkindes, läßt tiefe 
Gedächtnisspuren (nicht Erinnerungen) im Ich zurück. Jede äußere Gelegenheit, 
die geeignet scheint, diese Spuren wiederzubeleben, sie sozusagen antupft, führt 
im weiteren Verlauf wieder zum Schreckaffekt, der sich durch Abstumpfung 
gegen den Reiz langsam abschwächt. Diese Belebung der Gedächtnisspur könnte 
man weiterhin als Vorstellungsschrecken bezeichnet, das heißt: als Schreckreak* 
tion bei einer auftauchenden Vorstellung des Schrecklichen. Es ist mir wahr* 
scheinlich, daß die Verwandlung von Schrecken in Angst gelingt, wenn das Bild 
des Schreckhaften oft genug im Ich aufgetaucht ist. Die Abschwächung der 
Intensität vom Schrecken zur Angst wäre demnach das Resultat des öfters über* 
standenen Vorstellungsschreckens, ergibt sich aus der besseren Anpassung an 
die wiederholt aufkommenden schreckhaften Bilder. Dabei ist vorauszusetzen, 
daß diese Vorstellung ursprünglich halluzinatorischen Charakter und dement* 
sprechende affektive Wirkung hatte. Ein Vergleich wird sich zur Verdeut* 
lichung ungezwungen einstellen: Das edle Doggenpaar, das der Held in 
Schillers Ballade „Der Kampf mit dem Drachen" abrichtet, wird von ihm 

4) Reik: Der überraschte Psychologe. Leiden, 1935, S. 271. 



w 



Der Angstangriff 



313 



immer wieder vor das naturgetreu gestaltete Bild des Ungeheuers geführt. Ihre 
erste Reaktion wird sicher ein gewaltiger Schreckaffekt gewesen sein. Immer 
wieder treibt sie indessen der Ritter an das greuliche Bild heran: 

„Ob auch das Roß sich grauend bäumt, 
Und knirscht und in den Zügel schäumt, 
Und meine Doggen ängstlich stöhnen, 
Nicht rast ich, bis sie sich gewöhnen." 

Ähnlich wie die Doggen hier vom Schrecken zur Angst und zuletzt zu deren 
Überwindung geführt werden, so geschieht auch die Abschwächung des pri* 
mären Schreckaffektes zur Angst beim Kleinkind durch Gewöhnung. 

Es wurde eingangs betont, daß diese Bemerkungen, die sich nur auf ein ein* 
zelnes Kapitel des Buches von Anna Freud beziehen und selbst nur eine 
kleine Auswahl der von ihm ausgehenden Gedanken und Einfälle geben, keine 
Würdigung des Werkes darstellen sollen. Wenn sie indirekt doch diesen Ein« 
druck geben, kann das nur daran hegen, daß sie bezeugen, wie anregend und 
fruchtbar die aufmerksame Lektüre des Buches für jeden Psychologen werden 
muß. 



SichüAnklammern und Gleichgewicht 

Bemerkungen zu der Arbeit von Imre Hermann: 

SichsAnklammern-Auf*Suche*Gehen^ 

Von 

Faul Schilder 

NewsYork 

Mit Recht weist Imre H e r m a n n auf die Bedeutung des Sich^Anklammerns im 
Seelenleben des Menschen hin. Ich möchte einige Tatsachen mitteilen, welche die 
Gedankengänge Hermanns bestätigen und ergänzen. Eigene Untersuchungen 
an Neugeborenen haben Dr. J. B i e b e r und mir gezeigt,^ daß in der Tat mit 
jedem Saugakt eine Verstärkung der Muskelspannung eintritt, besonders im 
Sinne des Greifens. Soweit sich Greifen willkürlich hervorrufen läßt, führt es 
zu einer Erleichterung des Saugens. Hermann verweist mit Recht auf die 
große Energie des Greifens. Der neugeborene Mensch und Affe vermag sich 
nach Watson und Richter' im Greifreflex selbst hängend zu erhalten. 
Richter hat gezeigt, daß der Greifreflex in weiterer Entwicklung beim Affen 
gesetzmäßig verschwindet. Die Tatsache, daß der Greifreflex Anklammern gegen 
die Schwere möglich macht und späterhin schwindet, ist ein weiteres Wahrst 
scheinlichkeitsmoment, das für einen Zusammenhang zwischen Greifen und Saug=» 

i) Diese Ztschr., Bd. XXII, 1936, S. 349. 

2) Im Erscheinen. 

3) P. Richter: The grasping reflex in the newborn monkey, Arch. f. Neuro!, and 
Psychiatry, 1931, Vol. 26. pp. 184—190. 



314 Paul Schilder 



1 I 



akt spricht. Das Kind soll sich am Körper der Mutter sicher fühlen, während 
es saugt. In der Pathologie sieht man, daß Greifen und Nachgreifen sehr häufig 
mit einem Säuglingsreflex verbunden sind.* Es ist sicher, daß das Greifen und 
Saugen durch Zerstörung der sogenannten präfrontalen Region wieder ausge» 
löst werden kann, doch ist es eine typische Erscheinung in der schweren alkoho.« 
lischen Gehirnstörung (Encephalopathia alcoholica, Bender und Schilder), 
deren Hauptläsion vorwiegend subkortikal (in der Umgebung des vierten Ven« 
trikels, des Aquädukts und des Bodens des dritten Ventrikels) zu suchen ist. 
Greifen und Saugen ist auch von Gamper bei seinem Mittelhirnwesen bt^ 
obachtet worden. Die ferneren Details sind hier nicht von Belang. Greifen tritt 
sogar bei Wesen mit Hirnmißbildungen auf, die nicht saugen können. Es ist sehr 
interessant, daß nach den Untersuchungen Biebers, die ich nur bestätigen 
kann, das Saugen den Greifreflex und der Greifreflexdas Saugen verstärkt. Sehr 
häufig kann man z. B. bei schweren Hirnverletzungen zunächst nur den Greif» 
reflex auslösen. Verstärkt man den Greifreflex, so kommt es zum Säuglings* 
reflex. Auch das Umgekehrte kann vorkommen. Wir haben es also mit einer ein* 
heithchen Funktion zu tun. Das Kind saugt, an die Mutter angeklammert. Dieser 
ursprüngliche Funktionszusammenhang bleibt jedoch nicht bestehen. In der 
nächsten Phase hat das Kind das Stehen und Gehen zu erlernen. Das Anklam* 
mern ist ihm wiederum sehr notwendig, aber es dient jetzt der Aufrechterhaltung 
gegen die Schwere. In den alkoholischen Fällen kann man sehen, daß der Greif* 
reflex besonders stark hervortritt, wenn das Individuum in Gefahr ist, rückwärts 
zu fallen. In Fällen von Schüttellähmung mit der Tendenz, nach hinten getrieben 
zu werden (Retropulsion), habe ich sehr häufig Zwangsgreifen beobachtet, das 
während der Retropulsion besonders stark in Erscheinung trat. Der Greifreflex 
sucht hier nach einer Stütze, um das Gleichgewicht in der aufrechten Stellung 
oder beim Sich*Aufrichten zu bewahren. Es ist nicht so sehr die Berührung mit 
dem Körper der Mutter, die gesucht wird, als die Hilfe der Mutter gegen die 
Gefahr der Schwerewirkung. Besonders in den Schüttellähmungfällen ist der 
Saugreflex häufig nicht nachweisbar. Das Greifen ist hier selbständig. Im spä* 
teren Verlaufe der Kindesentwicklung wird das Greifen gleichfalls neuen 
Zwecken zugeführt, indem das Objekt ergriffen und zum Mund geführt wird 
(Nahrungsaufnahme). Aber die Beziehung zwischen Greifen und Saugen ist 
hier eine ganz andere geworden als beim Neugeborenen. In der ursprünglichen 
Saug*Anklammerungsfunktion dient die Anklammerung der Sicherung des 
Gleichgewichts (gegen das Fallengelassenwerden), der Wärmeerhaltung (näher 
zum Körper der Mutter), besonders während der Nahrungsaufnahme. Im wei* 
teren Verlauf dient das Greifen der Bewahrung der aufrechten Haltung. Man 
mag sagen, in beiden Fällen hilft das Greifen gegen die Schwerkraft. Man mag 
femer sagen, daß eine Funktion der Mutter darin besteht, das Kind gegen die 
Schwere zu sichern. Dr. L. Bender und A. Blau« haben zeigen können, daß 
Kinder mit Kleinhirnschädigung ein besonderes Anlehnun gs* und Zärtlichkeits* 

4) F. Waish und E. Gr. Robertson: Observations on the form and nature of 
the grasping movements and tonic Innervation seen in certain cases of lesion o£ the frontal 
lobe. Brain, Vol. 66, 1933, pp. 40—70. 

5) Unveröffentlicht. 



SicfasAnklammera und GleicI^ewicht 



315 



bedürfnis entwickeln. Sie benötigen die Stütze der Mutter (Eltern) gegen die 
Schwere. Diese Probleme münden so in das große Problem der Haltung und 
der Erhaltung des Gleichgewichts, das im Gleichgewichtsapparat (Vestibulär.» 
apparat) und dem Apparat der Haltungs^ und Stellreflexe seine anatomischen 
Beziehungen hat. Es scheint, daß das Kind auf Unsicherheit in der Aufrecht* 
haltung der Lage mit Panik und Angst antwortet. Man mag die Panik ver«^ 
gleichen mit den Empfindungen, die nach dem Drehen eintreten, wenn plötzlich 
Kopfbewegungen ausgeführt werden (Purkin j esches Fallphänomen.) Der 
Erwachsene antwortet auf ähnliche Situationen mit Schwindel. Ich stehe nicht 
an, in diesem mächtigen Apparat eine der Kernstrukturen des Ichs im analy* 
tischen Sinne zu sehen. Sie hat zunächst nur indirekte Beziehungen zum Fassen* 
Halten*Bemächtigen, obgleich solche Beziehungen, wie Hermann richtig an* 
deutet, zweifellos bestehen. Es scheint mir aber richtiger, anzunehmen, daß das 
Fassen des „Greifreflexes" nicht lediglich auf die Erogeneität der Hand zu be* 
ziehen sei — ebenso wie im Saugen ja auch eine „Ichkomponente" anzunehmen 
ist. Beide Ichfunktionen sind ihrer Natur nach (Ich und Es entspringen dem 
gleichen Mutterboden) der natürliche Ausgangspunkt für libidinöse — orale und 
haptische libidinöse — Funktionen. Wichtiger ist, daß Saugen und Anklammern 
und Gestütztwerden zu einer Vereinigung und Verschmelzung oder, wenn man 
will, zu einer Wiedervereinigung mit dem Körper der Mutter führen und so 
unmittelbar in den großen Strom der Libido geraten, wie insbesondere Rotter* 
K e r t e s z« treffend ausgeführt hat. Das Anklammern mag mit dem Mund an 
der Mamilla und an anderen Teilen des Körpers erfolgen, es mag mit den 
Händen an der Brust, an anderen Teilen des Körpers und an den Haaren statt* 
finden. Aber es strebt nach Stütze und Vereinigung. Es ist Haltung und Lage 
(tonisch) und führt sekundär zur Momentanhandlung (phasisch), die rhyth* 
misch (saugen) oder arhythmisch sein kann. Aggression und Bemächtigung sind 
phasisch. Die Beziehungen dieser Erscheinungen zum Sadomasochismus sind 
daher nach meiner Überzeugung indirekt. 

Diese Erörterungen haben unmittelbare klinische Bedeutung für das Ver* 
ständnis der Angstneurosen. In einem meiner Fälle schlief die Patientin bis zu 
ihrem zehnten Lebensjahre mit der Mutter und hielt ihre Hand am Busen der 
Mutter. Sie fühlte sich früh vom Vater verlassen, der mehrfach nach Europa ab* 
reiste und starb, als sie vier Jahre alt war. Die Mutter gab ihre Liebe einem 
Stiefvater, der ihr zufolge einer wichtigen Früherinnerung Brot vorenthielt. Das 
Gleichgewichts* und Nahrungsproblem wird in jenem Augenblick wirksam, in dem 
der Liebensentzug das Gleichgewichtsproblem verschärft. In einem anderen Falle 
meiner Beobachtung, einer Dreißigjährigen, deren Angstneurose seit mehr als 
fünf Jahren besteht, ist das Gehen auf geneigten Ebenen besonders schwierig. 
(Sie kann auch nur mit Schwierigkeit über einen Marmorboden gehen, dessen 
Spiegelungen die feste Unterlage aufzulösen scheinen.) Im fünften Lebensjahr 
wurde sie häufig in der Untergrundbahn schwindlig und erbrach. Wenn sie in 
ihrer Kindheit auf den Vater zulief und ihren Arm um ihn schlang, wurde sie 



6) Der äefenpsychologische Hintergrund der inzestuösen Fixierung. Int. Ztschr. f. Psa., 
Bd. XXII, 1936, S. 338-349. 



316 Paiil Schildsr 



kühl zurückgewiesen. Mit vier Jahren konnte sie nicht in einer Schaukel sitzen. 

Sie war immer voll Furcht, jemand könnte ihr ein Bein stellen. Die Mutter warnte 

sie, sich vom Heuhaufen hinuntergleiten zu lassen. Die Mutter ging nicht aus 

und konnte vor ihrem Tode nicht mehr allein gehen, da sie eine perniziöse 

Anämie mit Gleichgewichtsstörungen hatte. Wenn ihre Angstattacke kommt, 

kann sie nicht gehen, sie hält sich am Sessel fest. Alle diese Phänomene erhalten 

ihre Bedeutung nur, weil die Mutter und der Vater ihr niemals jenei erotische 

Befriedigung gewährten, nach der zu verlangen sie fürchtete, aus Angst, von der 

; Mutter zerstückelt zu werden. Sie fürchtet auch, von innenher (durch den Penis 

I des Vaters?), durch ein Kind, durch etwas, das sie begehrt, zersprengt zu werden. 

,' Aber es scheint, daß diese Angst in unmittelbarer Beziehung zu aggressiven 

Handlungen ihrer Mutter und eines Kindermädchens gegen Tiere steht, die in 

;j ihrem vierten Lebensjahr stattfanden. Die Furcht, allein gelassen zu werden — 

I unfähig ihr Gleichgewicht zu erhalten — und von außen und innen zerstückelt 

,) und zersprengt zu werden, sind anscheinend nicht von einander ableitbar, obwohl 

I zweifellos Beziehungen bestehen. Sie fürchtet, für Onanie bestraft zu werden, 

/ ; und diese Furcht aktiviert die anderen Ängste. Ihre Furcht vor dem Zerstückelt* 

werden ist in engem Zusammenhang mit ihrer eigenen Aggression, die sich auf 

ein Gefühl besonderer Stärke stützt und die Zerstückelung anderer, besonders 

der Mutter, zum Ziele hat. 

Es liegt mir fem anzunehmen, daß dieser Mechanismus in allen Angstneurosen 
eine entscheidende Rolle spielt, obwohl er fast immer gegenwärtig zu sein scheint. 
Er ist aber auch häufig in anderen Fällen nachweisbar, es kommt dann zu 
häufigen Träumen des Fliegens und Gleitens, Springens über schwierige Pas»« 
sagen, steile Anstiege und Gleiten über Abhänge, fast immer gekoppelt mit dem 
Gefühl, daß die Eltern (Vater und Mutter) nicht genügend Liebe (Berührung, 
Unterstützung, Umschlungenhalten) gegeben haben. 

Hermann stellt dem „Sich^Anklammern" das „Auf*die*Suche*gehen" ent<= 
gegen und sieht hier ein wichtiges Triebgegensatzpaar. Es scheint mir nähere» 
liegend, zunächst dem „Sich*Anklammern" das „Sich selbst in der Lage bes» 
haupten" gegenüberzustellen. Kinder sind in der Tat ungemein stolz auf jeden 
Fortschritt, den sie im Körpergleichgewicht machen. Sie richten sich auf, drehen 
sich herum. Sie sind unerschöpflich in ihrem Verlangen, geschaukelt, geworfen, 
wiederaufgefangen, in die Luft gehoben zu werden. Hat das Kind nicht die volle 
Zusicherung der Liebe der Erwachsenen, so sind diese Spiele, wie ich das in 
einem Falle gesehen habe, mit einer Zunahme der Unsicherheit verbunden. Im 
günstigen Falle gewinnt das Kind das Vertrauen, die „Haltung" bewahren zu 
können und den Mächten der Schwerkraft nicht hilflos ausgeliefert zu sein. Das 
Kind strebt also nach Selbständigkeit im Gleichgewicht, obgleich es nur ungern 
auf die libidinöse Befriedigung der Stütze und der Berührung mit der Mutter 
verzichtet. In weiterer Ableitung führt diese Befriedigung im Gleichgewicht zum 
Fortlaufen von der Mutter, was mit der Gewinnung neuer Stützen (Liebes«» 
objekt) verbunden sein mag. Die Haltungsabhängigkeit wird früher oder später 
als Zwang empfunden, als Behinderung der Bewegungsfreiheit, auf die wie auf 
jede Bewegungshinderung mit Wut und Zerstörung geantwortet wird. Aber 



SichsAnklanunem und Gleichgewicht 



317 



hinter diesem Mechanismus, den wir zunächst als libidinös durchsetzt ansehen 
müssen, steht jedoch wieder der „Ichapparat", der nach selbständiger Haltung 
auch entwicklungsgeschichtlich drängt. Kinder experimentieren — wie man sich 
sehr leicht durch Beobachtung überzeugen kann — immer wieder mit dem 
Körpergleichgewicht. Jeder Angstneurotiker fühlt die Bitterkeit der Be== 
schränkung. Helene Deutsch hat darauf hingewiesen, daß die Person, welche 
gegen die Angst schützt, vom Agoraphoben gehaßt und bestraft wird." Gleich* 
zeitig versichert ihre Gegenwart, daß sie noch immer am Leben ist. Die Todes* 
wünsche gegen die Figur, an die man sich anklammert und auf die man sich stützt, 
sind offenkundig. Je nach der sonstigen libidinösen Struktur der Patienten wird 
der Tod der „Stützfigur" lediglich als ihre Entfernung erlebt oder als Zerstücke* 
lung, wie etwa in dem kurz erwähnten Falle. Die häufige Furcht der Angstneuro* 
tiker, geisteskrank zu werden, entspricht der Furcht vor der eigenen Zerstörungs* 
wut, besonders gegen die „Stiitzfigur". In diesem Zusammenhang mag auch er* 
wähnt werden, daß alle „Platzangst"*Fälle den Wunsch haben, weite Reisen m 
machen, „fortzulaufen", auf die Suche zu gehen. Ich glaube auch hier, daß de;r 
Wunsch nach und die Entwicklung zu der selbständigen Haltung zur Kernstruktur 
der Ichorganisation gehören, daß aber diesem Teile der Ichstruktur libidinöse 
Haltungen von großer Bedeutung zugeordnet sind. Sie sind grundsätzlich solche, 
welche von der Stützfigur unabhängig machen, von ihr wegführen, sie ihrer 
libidinösen Bedeutung berauben oder sie endgültig vernichten (durch Zer* 
Stückelung). Man mag hier wiederum darauf verweisen, daß Näherung, Annähe* 
rung im Räume (zum Liebesobjekt) und schließlich Berührung die Vorbedin* 
gungen einer positiven erotischen Beziehung sind, während die Entfernung im 
Räume mit einer engeren libidinösen Bindung nicht vereinbar ist. 



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REFERATE 



Aus der Literatm der Grenzgebiete 

POPOVIC. M. NIKOLA: Predavanja iz psihoanalize (Vorfesungen über Psychoana» 

lyse). Verlag Geza Kon, Beograd, 1934, 296 S. 

Diese Arbeit des Universitätsprofessors Dr. Popovic steUt das -*« - ^«Jf ^^ 
Spr°;?:vtn eine, serbischen Autor verfaßte B-h J« P^^^^ 

pitel sind je eine Vorlesung, die der Verfasser «^f ~r und Lubliana gehalten hat. 
sität zu Beograd, dann auch andernorts m Beograd, Sombor "'^'J L^^lJ^^ g 
Der Verfasser enthält sich jedweder ^it^ a ^J^^^^J!'^ (Hier der 
Vorworte betont - Knük nur dort am Platze ist wo aie „^schrieben und als 

Analyse) bekannt sind. Demgegenüber ist das f^'^^^f"! .^^^^yj^^^^^ 

Vorbereitung des -^en ^^-^^f^tH^fm^^^^^ ^^ P^^=^- 

dem in sehr sympathischer und ehrhcher Weise, ^^n nu . „^^^i ^sche Methode 

analytische Wissenschaft zu kritisieren, der ^^^^^'^^^^^^^^J^^^^^^ 
mehrfach -^--'»^* ^.^^^^^^ ^te^^^^^^^ S ete ausführliche Inhalts. 

frabetfrkterw;!äf d!s:e;^tn im folgenden eine KapitelUbersicht gegeben 

^"'^'^^' , , 5. „ , p,„,d, 2 Der Begriff der Psychoanalyse. 3. Die psychoanaly^ 

Kindererziehung. 14. Über die Krise der heutigen Psychologie. 

!«berJri..^ wi. d„ ..m BeUpiel beim TK.m. d=s T„d..B.b.s g~h,,h.. 

I,äu„e AnalyHk» „rf« körne. UnK, d.« ^'f^T^^j;' £ . S'dL «b«»*. 

zwischen de, Pube.tätson».« «nd *' °'j^*;° "»"^f, "d „,„(.„, i 1 e n O „.« i e. 
L^febT.t"r.'.'l'"t'f%\:;lle4 d.« -.e i».» 

unterscheidet, aus welcher die Angstneurose hervorgeht. Neurasthenie entsteht 



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Referate 



319 



entweder zufolge unmäßiger Masturbation oder allzu häufigen 
Pollutionen" usw. (Von Ref. gesperrt). 

Die analytische Grundregel wird insofern unrichtig angegeben, als die Affekte anschei« 
nend ganz ausgeschlossen werden. Nach P o p o v i c s Darstellung muß der Analysand 
„sich in einen Zustand der aufmerksamen Selbstbeobachtung versetzen, damit er ruhig 
ohne irgendwelche Erregung alle Gedanken beobachten kann, die sich in seinem 
Bewußtsein melden." Die Psychoanalyse war doch von Anfang an der Meinung, daß die 
Affekte nicht weniger wichtig sind als die Inhalte; daher stammt doch der alte Ausdruck, 
daß der Patient von den „eingeklemmten Affekten" befreit werden muß. 

Abgesehen von den aufgezählten Fehlern ist das Buch im allgemeinen geeignet, Interesse 
für die Psychoanalyse zu erwecken und eine erste Orientierung in der psychoanalytischen 
Wissenschaft zu bieten. Eine Richtigstellung der Fehler bei einer eventuellen zweiten Auf»- 
läge wird den Wert und die Brauchbarkeit des Buches wesentlich erhöhen. Aber auch 
so ist das Werk lesenswert und bedeutet für Jugoslawien eine wichtige Pionierarbeit. Es 
trägt zur Popularisierung der Psychoanalyse in diesem Lande viel bei : somit ist die Leistung 
des Professors P o p o v i c eine nützliche und erfreuliche. N. S u g a r (Beograd) 



Aus der psydiiatrisdi^neurologisdien Literatur 

VONDRACEK, VLADIMIR: Fawnakologie duSe (Die Pharmakologie der Seele). Praha, 
1935. 

Der Verfasser dieser Pharmakologie ist Internist, Psychiater und Pharmakologe, er» 
scheint daher zu dieser Arbeit besonders berufen. Er begründet seinen Versuch damit, 
daß in den Lehrbüchern nur die Pharmakologie des Nervensystems, nicht aber die Phaiv« 
makologie der seelischen Funktionen behandelt wird. Er stellt sich zur Aufgabe, die 
Wirkung der Pharmaka auf Sinnesempfindungen, Denken, Fühlen und Wollen zu b&» 
schreiben. In seiner Einleitung geht er über die Ziele einer Pharmakologie noch hinaus, 
indem er sich nicht auf Pharmaka im engeren Sinne beschränken will, sondern alle 
Stoffe, die, vom Körper aufgenommen, psychische Wirkungen entfalten, studieren wiU. 
Das gesteckte Ziel erreicht er nun allerdings nicht ganz. Den Hauptteil des Buches bildet 
eine phänomenologische Toxikologie, die auf die Hilfe verzichtet, die ihr die psychoanaly* 
tische Literatur zur Pharmakothymie (Rado, Schilder, Glover, Groß, Feni* 
chel u. a.) bieten könnte. Wie sehr aber neben der Nichtbeachtung ihrer Forschung 
gen die Psychoanalyse auch noch mißverstanden wird, zeigt eine Stelle, die hier wiederi« 
gegeben werden soll: „Die Menschen glaubten — und vielleicht glauben auch jetzt noch 
einige Wahnsinnige daran — , daß die Möglichkeit wirklichen, hundertprozentigen Glücks 
bestünde, und so entstand die Legende von der Vertreibung aus dem Paradies und die Er»« 
Wartung der Seligkeit nach dem Tode. Die Psychoanalytiker glauben an das Gefühl 
des absoluten Glücks während des intrauterinen Lebens, wobei die Geburt die Vertreibung 
aus dem Paradies bedeute." Dies erscheint dem Verfasser als die psychoanalytische Erklä«» 
rung des Märchens vom Paradies, das der Rauschgiftsüchtige in seiner Abwendung von der 
Realität sucht, als ob er von dem Wunsche getrieben würde, jenes Glücksgefühl wieder zu 
erleben, das er in seiner Embryonalzeit schon einmal erlebt habe. 

Neben diesem Lapsus stellt das Buch interessantes Material zur Entwicklungsgeschichte 
der Rauschgiftsucht bei. Es beschreibt den Lokoismus, die Toxikomanie der Pferde, des 
Rindviehs und der Schafe auf den Weiden von Texas, Mexiko, Colorado und Montana. 
Jene Tiere, die die Pflanze Arragallus moUissimus Torr, kennen gelernt haben, weigern 
sich, eine andere Pflanze zu sich zu nehmen, und suchen nur diese Nahrung auf. Bei den 



320 Referate 

Tieren entstehen Psychosen, die gattungsmäßig verschieden sind. Ihre Raumempflndungen 
sind gestört. Irgend ein kleines Hindernis, das am Boden liegt, überspringen sie mit 
einem gewaltigen Sprung. Sie sind schreckhaft, drehen sich um ihre eigene Achse. Dieser 
Zustand dauert Monate und das Exzitationsstadium endet mit Erschöpfung und Tod. Jün* 
gere Tiere werden durch ältere zum Genüsse dieser Pflanze verführt, ältere widerstehen 
dieser Versuchung eher. Heilung entsteht, wenn die kranken Tiere eingesperrt und so 
am Zutritt zur Weide gehindert werden. Die Auffassung der Toxikomanie in dieser Arbeit 
ist sehr widerspruchsvoll. Es wird die Meinung vertreten, „die Toxikomanie sei eine an* 
geborene Insuffizienz des inneren Lebens, die eine geeignete Ergänzung dieses Lebens 
sucht." Von einer Psychogenese der Pharmakothymie wird nichts erwähnt. Bei der Be* 
sprechung der Ursachen des Alkoholismus schreibt der Autor der Schleimhautwirkung 
des Alkohols die entscheidende Veranlassung zu. Der Abschnitt, der vom Opium han* 
delt, wird zu einem aufschlußreichen, kulturhistorischen Exkurs, den er den Vorlesungen 
aus Pharmakognosie des Prof. Skarnitzl entnimmt. 

Wenig befriedigend ist das Kapitel über Cholin. „Cholin und Azethylcholin sind 
Mittel, welche nach Misch und Misch=<Frankl die neurotische Anpt vegetativer 
Genese beseitigen können." In Wirklichkeit sagt Käthe Misch in ihrem Kongreßvor«^ 
trag in Luzern (Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXI, 1935, S. 69 ff.): „Der Angstanfall ist be^ 
gleitet von einer stürmischen Erregung im sympathischen Nervensystem." Nicht von einer 
neurotischen Angst vegetativer Genese ist die Rede, sondern jeder Angstanfall ist mit einer 
Erregung des vegetativen Systems verbunden. Und nun folgt ein ganz unverständlicher 
Satz: „Schon Freud hat im Jahre 1895 beobachtet, daß der unmotivierte Angstanfall 
nur schwer der Psychotherapie zugänglich ist, während bekannt ist, daß Furcht und 
organisch begründete Angst vor allem bei Herzkrankheiten psychotherapeutisch gut beein>= 
flußbar sind." Der Verfasser dieses merkwürdigen Satzes mißversteht hier frühe Arbeiten 
Freuds. Der Eindruck, den diese Formulierung hervorruft, ist der : Selbst Freud mußte 
zugeben, daß unmotivierte, d. h. doch neurotische Angst der Psychotherapie unzugänglich 
bleibt, während von anderer Seite die psychotherapeutische Beinflußbarkeit der organisch 
begründeten Angst entdeckt worden ist. Sollte der Verfasser tatsächlich nicht wissen, daß 
die Beschäftigung mit der Angst des Neurotikers und mit deren Folgen die Hauptarbeit 
des 'Psychoanalytikers darstellt? 

Trotz der weiten Definition der Pharmaka finden die Hormonpräparate, mit Ausnahme 
des Insulins, keine Behandlung. Beim Insuhn finden wir den Hinweis auf die psychischen 
Auswirkungen der hypoglykämischen Zustände. Über die Versuche der Psychosenbehand«^ 
lung mit Insulin kann der Autor noch nichts berichten. (Bychowski teilte auf dem 
Kongreß in Marienbad bereits Interessantes mit.) Das Buch ist ein erster Versuch, einiges 
Bekannte zu dem Thema „Pharmakologie der seelischen Funktionen" zusammenzustellen 
imd zu ergänzen, der als noch nicht ganz gelungen bezeichnet werden muß. 

R. Karpe (Prag), 

WIETFELD, H. Kriegsneurose als psychisch»soziaIe Mangelkrankheit. Thieme, Leipzig, 

1936. 

Die Kriegsneurose ist eine psychisch==soziale Mangelkrankheit. Sie ist nicht Zweck* 
reakb'on, sondern das Resultat affektiver Verarmung. Das Heilungsstreben der Kranken 
ist echt; hinter dem scheinbaren „Nicht*gesund*werden*wollen" verbarg sich die Ablehnung 
des Arztes durch den Patienten. Das Auffareten der Kriegsneurose ist von Erziehung und 
Umwelt abhängig. Zur Vorbeugung und Heilung werden planmäßig Affektpflege der 
J4annschaf ten, psychologische Ausbildung der Führer, psychotherapeutischaus* 
gebildete Sanitätsoffiziere, Aussprachemöglichkeit der Soldaten gefordert. 

M. G r o t j a h n (Topeka, Kansas) 



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Referate 331 



^us f/er psydioanalytisdien Literatur 

BERG, CHARLES: The Unconsdous Signiflcance of Hair. Int. Journal of PsA., XVII 1 
Der rationale Grund zur Haarpflege, die man schon bei allen Primitiven ..t -fff '■ . 
VKlkicht die Absich, die Haare von den Augen fernzuhalten oder übe C^alsS^^^^^^^^^ 
be, Handlungen auszuschalten. Ihre bestimmten Regeln und Zeremonien atrtigefd™ 
hch. daß sxe außerdem auch irrationale Gründe hat. Diese untersucht der Anw - f I 
durch das Studium khnischen. besonders Traum^Materiales, das ^n^^^^^itvllsZltl 

deuti^ng des Kopfhaares überhaupt beweist; daß Frauen längere Haartracht erlaubt wd 
als Männern, glaubt der Autor durch die Eifersucht der Väter auf die wachsenden C^ 
£L . ' m " '" '^'""'"= Haarschneiden und Rasieren habe unbewußt K^trations 
SelbTS-f '""""''■/'* ""'^'^^^^ '^"^"^ hingewiesen, daß die ..konventioneUen 
Selbstbeschadigungen" gerade an den physiologisch nachwachsenden Organen, Haaret 
rfl^^'^."' " f ^-^ ^" verschiedenen Zusammenhängen von ödipus. und ande S 
n antilen SexualphaBtasien und .konflikten erscheint das Haar als Verschiebung"ersTte 
für das Genitale Sodann versucht Berg die gleiche unbewußte Bedeutung des hS 
auch m der üblichen Haarpflege nad^zuweisen. Besonders Konflikte zwischen Exhib«"; 
drang und Kastrationsangst, aber auch andere prägenitale, etwa anale, Triebkonfflkte 
können ,n Haargewohnheiten ihren Ausdruck finden, was der Autor durch Untersuchung 
des jeweiLgen Anteils von Ich, übersieh und Es an diesen Gewohnheiten aufweist Es 
sexen dxe bxologischen Eigenschaften der menschlichen Haarbedeckung, die sirSde« 
SS ftlT ^^'-'^-^"«S--*- für sexuelle Tendenzen machen. Berg schätzt d^fg" 
seUschafthc^ Bedeutung dieses Verschiebungsersatzes außerordentlich hoch ein da e^ 
schreibt: „Wir haben keine Subinzisionszeremonien, erreichen aber ähnliche Resultate 
mit unseren Sitten des Rasierens und Haarschneidens". O. Fenichel (Prag) 

HORNEY, KAREN: The Problem of the Negative Therapeutic Reaction. Psa. Quarterly, 

Al^elj^T'^r '^'"r"*'''''^ ^"'''*'°"" ^'^"^* '''^ "^"^* ^1^ ''P^^^'^lks Symptom eines 
Mend se daT^ d" V ™^^^^^" " f »^-^ -asochistischen - Chlrakters. Auf! 
llrU ;. lu c Verschhmmerung als Reaktion auf eine teillösende Deutung 

gewissen Erleichterung antwortet, die er dann nur unter Entwicklung von verschieden 

dSkTum dil'v t" " ^"^'""""^^ '''''''''^ ^^^^^''-^ ^^^"i» wieruSr. 
drucict. um die Verschhmmerung zutage treten zu lassen 

une^wünscb^F^'^'^'f T^ ^T"^ *'" masochistischen Charakteren auf fünferlei Weise 
unerwünschte Folgen haben: 1. Die Deutung kann vom Patienten als ein Beweis der 

kurrenzkampfes unter den heutigen Kulturbedingungen zusammen, die von Adi;r er. 
S . K ""^ ^'""w"'^ verstanden wurde. Manche Menschen müssen ihr Selbst, 
di V « M T '''"'^'^ '^""^'^ Vergleiche mit anderen reguheren. bringen 

dann große Mengen von Aggressionen in solcher Regulierung unter und benutzen dies 
zu immer wieder erneuten Versuchen, mit bestimmten infantilen Ängsten nachträglich 
terfag zu werden. 2. Die Deutung kann als narzißtische Kränkung, als Nachweis der 
eigenen Inferiorität erlebt werden. Alle Menschen woUen gelobt und bewundert werden, 
üei manchen aber ist diese narzißtische Bedürftigkeit so groß, daß alles, was nicht unein. 
geschrankte Anerkennung ist, kränkt, auch schon die Feststellung, daß sie in einem Kon. 
Hikt steilen, Angst haben, o. dgl. 3. Die Deutung, resp. die nach ihr sich einstellende Er. 

Int. ZeHtchr. f. Psychoanalyse, XXni/2 



322 Referate 

leichterung kann als Ankündigung einer nahenden Heilung erlebt und als solche gefürchtet 
werden. (Das ist die Reaktion, die Freud bei der Beschreibung der „negativen theras« 
peutischen Reaktion" besonders im Auge gehabt hat.) Erfolg haben bedeutet: andere 
unterdrücken, und kann sowohl aus Blamageangst (weil man befürchtet, die Unterdrückung 
könnte mißlingen), als auch aus Vergeltungsangst (weil man befürchtet, die Unterdrückung 
könnte gelingen) gefürchtet werden. Man hemmt dann Fähigkeiten, in denen man mehr 
leisten könnte als andere, was zu erhöhtem Neid und Ehrgeiz, damit wieder zu erhöhten 
Hemmungen und so in einen civculus vitiosus führt. — H o r n e y meint, daß sich die.sc 
Wirkungsart von der Freud sehen Beschreibung der negativen therapeutischen Reaktion 
darin unterscheidet, daß Freud das Schuldgefühl hervorhebt, ihr aber die Realangst, 
aus der dieses entstand, noch im Vordergrunde scheint; ferner darin, daß sie die Konkur* 
renzfeindsehgkeit unterstreicht, die der Realangst zugrunde liegt. (Ref. möchte hier die 
Bemerkung einschalten, daß zwar gewiß alles Schuldgefühl durch Introjektion von Angst« 
Objekten entstand, aber daß gerade bei solchen „moraUschen Masochisten" die Tatsache, 
daß die Introjektion vollzogen wurde, besonders deutlich ist, indem sie die Selbstschädi=f 
gungen nunmehr auch im Alleinsein und ohne Rücksicht auf Objekte ausführen.) 4. Die 
Deutung kann als Anklage erlebt werden, und zwar als ungerechte Anklage. Das Unrecht«« 
mäßige an ihr wird — da die Patienten ihr Schuldgefühl verdrängen — überkompensato«^ 
risch ganz besonders empfunden und mit einer Gegenanklage, die nunmehr der Patient 
gegen den Analytiker richtet, beantwortet. 5. Die Deutung kann als spezielle persön* 
liehe Ablehnung des liebeshungrigen Patienten durch den Analytiker erlebt werden. Die 
große Liebessehnsucht und die Bereitschaft, ihre Nichterfüllung mit hemmungsloser Ag« 
gression zu beantworten, entspreche wieder dem Bestreben, durch Liebeszufuhr von außen 
alte Ängste (vor eigener Feindseligkeit und ihren Folgen) zu überwinden. Dabei unter* 
scheide sich aber der erwachsene Neurotiker mit solcher Liebessehnsucht weitgehend vom 
Kinde. 

Technisch folge aus diesen Überlegungen, daß die sorgfältige Übertragungsanalyse, be* 
sonders die Analyse der in charakterlichen Haltungen sich offenbarenden Übertragung, 
bei derartigen Fällen doppelt notwendig sei. Material solcher Art sei vor allem andern 
zu deuten, und die zu frühe Rekonstruktion von Kindheitserlebnissen, die den Patienten 
von der wahren Einsicht in sein heutiges Verhalten, das sich seit der Kindheit durch die 
Konsequenzen seiner Reaktionen und die neuerlichen Reaktionen auf diese Konsequenzen 
kompliziert hat, abhalten könnte, sei zu vermeiden. 

Die Autorin wird gewiß zustimmen, wenn Ret hinzufügen möchte, daß die geschildert 
ten „Typen" breit ineinander übergehen und ihre Gegenüberstellung daher etwas Schema* 
tisch ist. Die Arbeit selbst scheint ein dankenswerter Beitrag zur „Charakteranalyse", 
wenn man auch gerne mehr über die speziellen kindUchen Erlebnisse, die das normale 
Triebleben solcher Patienten zum „masochistischen" umbiegen, gehört hätte. 

O. Fenichel (Prag) 

HOSKINS, R. G.: An Endocrine Approach to Psychodynamics. Psa. Quarterly, V, 1. 

Der Autor ist Endokrinologe und macht darauf aufmerksam, wie viele Berührungs* 
punkte seine Wissenschaft mit der Psychoanalyse habe und wie sehr daher eine Zusammen* 
arbeit, vor allem auf den Gebieten der Sexualtheorie und der Charakterlehre, wünschens* 
wert wäre. Die Grundübereinstimmung der beiden Disziplinen sei ihre dynamische An* 
schauungsweise. Der Analytiker müsse die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß Neurosen 
aus quantitativen und quahtativen Abweichungen der somatischen Triebgrundlagen ent* 
stehen, und solle nicht zu früh aktuelle Erscheinungen aus Vergangenem erklären. Die 
Endokrinologie könne den dem Analytiker unzugänghchen konstitutionellen Faktor besser 
und keineswegs mit therapeutischem NihiÜsmus untersuchen. Es, Ich und Über*Ich (Melan* 



Referate ^23 

cholie) seien in ihrer Wirkungsweise von hormonalen Einflüssen abhängig. Eros mag 
dem Anabolismus, Todestrieb dem Katabolismus entsprechen. Der Autor referiert dann 
übersichtlich die experimentell gewonnenen Erkenntnisse über die Abhängigkeit der Trieb* 
gestaltung von den Hormonen und über die Charakterveränderungen bei spontan*patho=« 
logischen oder experimentellen Veränderungen der inneren Sekretion. Die Ansichten des 
Autors über die psychoanalytische Theorie sind nicht immer korrekt. Die Redakteure 
haben sich mit Recht entschlossen, an einigen Stellen längere erläuternde oder richtig* 
stellende Fußnoten zuzufügen. Im Wunsche nach Zusammenarbeit aber sind sie mit dem 
Autor einig. O. F e n i c h e 1 (Prag) 

JEKELS, LUDWIG: The Psychology of the Festival of Christmas. Int. Journal of PsA 
XVII, 1. 

Die Feier von Christi Geburt in der Zeit der Wintersonnenwende wurde erst im vierten 
Jahrhundert von den Kirchenbehörden eingeführt, und zwar in Einklang mit einer drin* 
genden Volksforderung nach einem solchen Fest. Dieses Verlangen beruhte auf alten 
Traditionen von Wintersonnwendfeiern, die auf den Sonnengott* und damit Kaiser*Kult 
zurückgehen. (Die letzte war das römische Fest der Kaienden des Januar gewesen.) Der 
unbewnißte Sinn dieser Feste ist der Ersatz einer „alten" Sonne, eines „alten" Jahres, durch 
„neue", der Ersatz des Vaters durch einen siegreichen Sohn. 

Die Atmosphäre, aus der heraus die Einführung des Weihnachtsfestes zu verstehen ist, 
ist der große arianische Kirchenstreit, der um die Gottgleichheit oder *ähnlichkeit 
Christi ging, also ein Streit um den Grad, in dem die Ambivalenz dem Vatergott gegenüber 
Ausdruck finden soUte. Die Einführung des Festes bedeutet eine Steigerung der Ambi* 
Valenz, eine Erhöhung der Bedeutung des Sohnes auf Kosten des Vaters, daher eine Be* 
friedigung der Volksforderung; denn die sonst unerklärliche affektive Beteiügung der 
Massen am theoretisch scheinenden Kirchenstreit erklärt sich aus dem unbewußten 
Sinn dieses Streites und der Identifizierung jedes einzelnen Christen mit Jesus Christus. 
Die Feier von Christi Geburt entspricht einer Bestätigung der unbewußten Phantasie, daß 
der Sohn dem Vater gleich sei. 

Je k eis schreibt: „Ich brauche viel weniger zu zögern, wenn ich mutmaße, daß hie« 
in Form einer mystischen Religion ein Abfluß dargeboten wurde für Affekte, die ihre 
Quelle in der Dringlichkeit einer sozialen Situation hatten, in der die Spannungen hoch 
und die Gegensätze scharf waren." Es ist schade, daß der Autor nicht dazu kam, dies 
näher auszuführen. O. F e n i c h e 1 (Prag)' 

KRONENGOLD, EDUARD und STERBA, RICHARD: Two Gases of Fetishism. 
Psa. Quarterly, V, 1. 

Die Analyse zweier Fälle von Fetischismus zeigt, daß die Formel „der Kranke hält 
aus Kastrationsangst am Glauben an den weiblichen Penis fest und hat sich unbewußt 
mit einem phallischen Weibe identifiziert" nicht nur für Transvestiten, sondern auch für 
eine bestimmte Klasse von Fetischisten gilt (nämüch, möchte Ref. hinzufügen, offenbar 
für diejenigen Fetischisten, denen die Sexualhandlung mit dem Fetisch auch eine An* 
eignung des Fetisch, eine Erweiterung des Ich*Gefühls auf diesen Fetisch bedeutet, so wie 
der Transvestit die Kleider, die er anlegt, für seine eigene ihm zustehende Kleidung er* 
klären will). Die Fetische des ersten Patienten waren Gummischürzen (also Kleidungs* 
stücke! Ref.), die er von Wäscherinnen oder Fischweibern stahl, um sich dann darauf zu 
setzen und sie gegen die Genitalien zu pressen. Das ging auf die Gummilaken zu* 
rück, die bei der Säuglingspflege seiner jüngeren Schwester benutzt worden waren; auf 
diese war er sehr eifersüchtig gewesen, und ihre Penislosigkeit hatte auf ihn großen Ein* 

21* 



324 Referate 

druck gemacht. Im perversen Akt bedeutete das Stehlen der Gummischürze die Kastration, 
ihr Anpressen an die Genitalien, wobei er sich als Frau phantasierte, die Leugnung dieser 
Kastration. — Der zweite Patient war wesentlich homosexuell orientiert. Zur sexuellen 
Befriedigung kam er durch Masturbation, bei der er sich selbst in einer bestimmten 
Weise mit einem Seil fesselte. Er hatte sich unbewußt mit seiner Mutter identifizier^, 
nachdem die Geburt eines jüngeren Bruders die Gefahr ihres Verlustes gebracht hatte. 
> Er hatte zugesehen, wie der kleine Bruder gewickelt wurde, und dies unbewußt als Kastra* 
tion des Bruders aufgefaßt. Bei der Selbstfesselung wurde das Seil so angelegt, daß ihm 
deutlich phallische Symbolik zukam. Im Akte der Selbstfesselung wiederholt der Patient 
das „Wickeln" des Kindes unter Leugnung der Kastrationsmöglichkeit und identifiziert 
sich mit der phallisch gedachten Mutter. Später hatte er „phallische Frauen" mit Priestern 
identifiziert, und Phantasien und Zwänge religiöser Natur gingen darauf zurück. 

O. Fenichel (Prag) 

PARCHEMINEY, G.: Le Probleme de l'Hysterie. Bibliotheque Psychanalytique, De« 
noel let Steele, Paris, 1935. 20 S. 

Für die Leser dieser Zeitschrift ist die kleine Arbeit lehrreich, weil sie mit kurzgefaßter 
Kritik eine Übersicht der wichtigsten Theorien zur Erklärung der Hysterie bringt, daran» 
ter besonders von französischen Forschern. Die psychoanalytischen Lehren werden her* 
vorgehoben. Die Arbeit ist auch ein Plädoyer für die Psychoanalyse, der Autor will zeigen, 
daß sehr viel von den anderen Lehren ihr entlehnt ist und sonst kein Gegensatz; son* 
dem volle Übereinstimmung zwischen den psychoanalytischen und den anderen Erklärun* 
gen besteht. Eine Ausnahme macht hievon der Pithyatismus von B a b i n s k i, der aber 
heute auch in Frankreich kaum mehr Anklang findet. 

Mit Recht gehl der Autor davon aus, daß zwar die Motivierungen und die unbewußten 
Inhalte, die Krankheitsökonomie und «dynamik von Freud aufgedeckt wurden, daß aber 
der hysterische Mechanismus selbst, namentÜch der Konversionsmechanismus, noch nicht 
erklärt ist. Der Autor versucht die Erklärung in der Regression zum magischen Vor* 
gang zu finden, bei welchem Gedanke, Ausdruck und Geschehen eins sind und daher 
auch jede Vorstellung, jede Phantasie, jedes Symbol mit ihrem eventuellen körperlichen 
Ausdruck verbunden auftreten. (Wie bekannt, hat auch Ferenczi manche hysterische 
Symptome als „magische Gebärde" erklärt.) Solange wir aber den magischen Vorgang selbst 
weder physiologisch noch psychologisch verstehen, ist mit der Feststellung dieser Gleichheit 
nur ebenso ein Weg zur Aufhellung des magischen Vorganges durch die Erkenntnisse 
bei der Hysterie gewiesen wie umgekehrt. Daß sich bei der Hysterie magische Vorgänge 
zeigen, beruhe auf der Fixierung als statischem, auf der Regression als dynamischem Mo# 
mente. Wir sind versucht, im Gegensatz zum Autor, die Regression eher als ein topi* 
pisches Phänomen zu bezeichnen, dessen Dynamik zum Teil im Wiederholungszwange, 
zum Teil in unertiräglich großen oder in zu geringen Besetzungen der rezenten Schichten 
liegt, so daß eine dynamische Anziehung von den Fixierungsstellen ausgehen kann. Der 
Autor scheidet in fruchtbarer Einteilungsarbeit die Theorien in psychologische, physio* 
logische, biologische (Kretschmer, Monakow), physiopathologische (Claude u. 
a.) und konstitutionspathologische (Dupre und seine Schule). Das Gemeinsame aller 
Theorien sieht Parcheminey in der für die Hysterie charakteristischen „dissociation" 
— etwa dem Auseinanderfallen des einheitlichen Funktionierens. Bei der Janetschen 
Erklärung bestehe die „dissociation" zwischen Bewußtsein und unbewußtem Vorgang; 
bei den physiologischen Erklärungen zwischen Cortex und Subcortex; bei den biologi* 
sehen zwischen archaischen und rezenten Vorgängen. Claude hat für die Hysterie 
und die Schizophrenie den Namen „Schizosen" vorgeschlagen, weil die gleiche Dissozia* 
tion für beide charakteristisch sei. Leider schaffen diese Begriffe keine neue Klarheit 



Refer ate 325 

darüber hinaus, daß es sich im psychischen Geschehen um mehrschichtige Funktionen; 
handelt, deren einheitliche Meisterung bei diesen Störungskrankheiten versagt hat. 

P. Federn (Wien) 

RIBBLE, MARGARET: Fgo Dangers and Ej>ilepsy. Psa. Quarterly, V. 1. 

Die Analyse eines elfjährigen Jungen mit Petit<^mal==Anfällen zeigte, welche Folgen 
die schwere Neurose einer Mutter für den Säugling haben kann. Die Mutter hielt das 
Kind — im Grunde gegen ihren Willen — in zwangsneurotischer Übergewissenhaftigkeit 
sieben Monate lang ohne jede Beinahrung an der Bnust, obwohl sie zu wenig Milch hatte 
und das Kind nicht zunahm und Hunger litt. Als das Kind dann an die Flasche ge* 
wohnt wurde, zeigte es von Anfang an die Eigenheit, immer nur wenige Schlucke zu 
nehmen und dann einzuschlafen. Später weigerte es sich, aktiv zu essen, und ließ sich 
auch die kleinen Portionen, die es nahm, immer einlöffeln. Diese Gewohnheit, bei der 
einzelnen Mahlzeit jeweils nur kleinste Portionen zu nehmen, auch wenn es hungrig 
ist, hat es bis heute beibehalten. Bis zum fünften Lebensjahr näßte und kotete der Junge 
ein. Er war sehr unordentlich luid konnte in keiner Welse mit der Mutter zusammen»» 
arbeiten, obwohl er ihre Mißbilligung sehr fürchtete. Diese Angst steigerte sich dann 
noch durch „Kastrations"<=Erlebnisse. — In der Analyse zeigte er von Anfang an, daß 
seine Konflikte sich um „Essen" und „Schutz" drehten. In seinem Übertragungsverhalten 
zeigte er die Eigenschaften eines oralen Charakters und suchte Liebe und Aufmerksamkeit 
zu erpressen. Für die Analyse bedeutungsvoll wurde der Umstand, daß er bei der Anai* 
lytikerin täglich einen Imbiß bekam, von dem er ebenfalls stets nur kleine Portionen nahm. 
Mit Hilfe der Analyse von Phantasien von menschenfressenden Hexen wurde klar, daß ihm 
jede Befriedigung Nahrungszufuhr bedeutete und daß jeder Verzicht ihm lebensbedrohend 
schien; er fürchtete aber auch, daß er, wenn er ihm angebotene Befriedigung annahm, 
erst recht enttäuscht werden könnte. Die Petit*mal*Anfälle erwiesen sich eindeutig als 
ein Ausweichen vor sadistischen, inbesondere oral^sadistischen Erregungen. — In An* 
lehnung an Kardiner versucht Ribble den Fall wie folgt zu deuten: Als hilf* 
loser Säugling hatte der Patient gegen die ständige Unterernährung nur ein Abwehr«» 
mittel: die Flucht in den Schlaf, bzw. in die Bewußtlosigkeit. Normalerweise werde die 
Lebenslust des Säuglings durch Befriedigungserlebnisse geweckt, die in diesem Falle nicht 
ausreichend genug vorhanden waren. Von diesen frühesten Störungen her blieb dem Kinde 
die Flucht in die Bewußtlosigkeit als Abwehrmethode gegenüber Lebensschwierigkeiten. 

O. Fenichel (Prag) 

RINAKER, CLARISSA: A Psydioanalytical Note on Jane Austen. Psa. Quarterly, V, 1. 

Die amerikanische Dichterin Jane Austen hatte ihr Leben lang mit unbewußten 
Haßimpulsen zu kämpfen, die aus schweren Kindheitserlebnissen stammten, die ihrem 
Ödipuskomplex eine besondere Note gegeben hatten. Sie führte diese Kämpfe mit Hilfe 
von Humor, nämlich einer besonderen Art, die Inhalte, um die es sich handelt (Kampf 
einer hassenden Tochter gegen ihre Mutter), in irgendwie unemster, unpathetischer, scherz* 
hafter und schließlich satirischer (Wiederkehr der abgewehrten Aggression) Art darzu* 
stellen. r 

Die Leichtigkeit, mit der dies gelingt, macht den Reiz ihrer Werke aus, erklärt aber 
auch, warum inhaltlich die Todeswünsche gegen die Eltern ganz unentsteUt bewußt wer* 
den konnten. O. Fenichel (Prag)! 

SCHMIDEBERG, MELITTA: A Note on Snicide. Int. Journal of PsA., XVII. I. 

Suizid ist keineswegs immer eine „Selbstbestrafung", vielmehr häufig ein Mittel, sich 
selbst an der Ausführung verbotener Akte zu verhindern, sowie ein entstellter Dennoch* 



326 Referate 

Durchbruch derselben. VieUeicht hat man, meint die Autorin, die destruktive Bedeutung 
dieser Akte zu hoch eingeschätzt; man dürfe auch die libidinöse nicht übersehen. So 
könne ein Suizid unbewußte Masturbationsdeutung haben oder die sexuelle Vereinigung 
mit einem verstorbenen Elternteil anstreben. Solche sexuelle Faktoren wollen Aggres* 
sion und Todesangst durch Libidinisierung ungefährlicher machen. Die Autorin 
meint, daß es eine primäre Todesangst gebe; ein primärer Wunsch zu sterben 
scheint ihr viel problematischer. Der Selbstmord entspreche einem Versuch, vor einer 
realen oder phantasierten Gefahr zu größerer Sicherheit und zu Glück zu fliehen, einer 
Intention, sich zu beweisen, daß der Tod nicht so schümm sei oder in Wahrheit gar 
nicht existiere. Oft entspreche eine Abneigung weiterzuleben, einer infantilen Abneigung 
zu essen, weil das Essen unbewußt giftigen Exkrementen gleichgesetzt wurde; in solcher 
Weise bedeutet der Suizid einen Ausweg aus „unbewußten paranoiden Ängsten", z. B. 
wenn ein labiles zwangsneurotisches Gleichgewicht, das nach Auffassung der englischen 
Kollegen ja ebenfalls dazu dient, paranoide Ängste abzuwehren, zusammengebrochen ist. 
Die Autorin meint sodann, daß auch Mord „vor allem veranlaßt wird durch paranoide 
Ängste, und immer die gleichen Mechanismen aufweist wie der Suizid". Ein Mord sei 
niemals ein direkter Durchbruch von Triebimpulsen, sondern die Sachlage sei immer durch 
vielfache Identifizierungen und andere unbewußte Mechanismen kompliziert. Die ermor* 
dete Person könne ein Verfolger sein und eine Projektion des eigenen Über^Ichs dar^ 
stellen; oder sie stelle Teile des eigenen Ichs dar, die durch die Tötung vor den Gefahren 
der eigenen sadistischen Wünsche gerettet werden sollen (? Ref.), so daß der Mord einer 
Opferung eigener Körperteile entspreche. Auch Verliebtheit sei oft ein Mittel, Angst vor 
der Person, in die man sich verliebt, durch Libidinisierung zu überwinden. Es gebe vielerlei 
Suizidäquivalente. 

Die Ausführungen tragen einen überraschend apodiktischen Charakter. Man fragt sich, 
ob es nicht auch ganz anders gebaute Typen von Suizid gibt, und insbesondere, auf Grund 
welcher Mörderanalysen die Autorin die von ihr beschriebenen unbewußten Impulse, die 
zum Morde führen können, für die ausschlaggebenden für die „Psychologie des Mörders" 
überhaupt hält, da man doch zunächst argwöhnt, daß der äußere Tatbestand „Mord" 
psychisch den allerverschiedensten Sachverhalten entsprechen dürfte. 

O. Fenichel (Prag) 

SEARL, M. N. Infantile Ideals. Int. Journal of PsA., XVII, 1. 

Der Mensch hat biologische Triebwünsche, deren möglichst vollständige, „ideale" Be« 
friedigung er ab ovo anstrebt ; die Erfahrung nötigt ihn dann. Kompromisse zu schließen 
und bedingtere „Ideale" an Befriedigung anzustreben. Was man dagegen gewöhnhch 
„Ideale" nennt, ist von anderer Art, ist nicht Triebziel, sondern hat „SoU"^Charakter, 
entspricht introjizierten Außenweltsforderungen. Diese freihch haben keineswegs immer 
strengen und negativen Charakter, sondern oft auch milden und positiven. Aber auch 
bei den mildesten Formen sowohl von Geboten als auch von Verboten ist eine Ver=» 
änderung der Triebwünsche letzten Endes auf Grund von Angst vor den Folgen 
primitiver Triebbefriedigung ausschlaggebend; denn die „milde" Erziehung, die mit „Be«« 
lohnungen" arbeitet, ist prinzipiell gegenüber der Erfahrung, daß die Außenwelt ' bei 
manchen Triebhandlungen Unlust veranlaßt, für die Modifizierung der ursprünghchen 
Triebwttnsche von sekundärer Bedeutung. 

In der vorliegenden Arbeit bemüht sich Miß Searl „positive Ideale", die angebÜch 
ohne Einwirkung von Angst gebildet wurden, von „negativen Idealen", deren Entstehung 
auf Angst zurückgeht, ausdrückÜch zu unterscheiden. Es scheint aber, daß eine solche 



Referate 



327 



Unterscheidung sich in Wahrheit nicht durchführen läßt und daß ein Versuch dazu zur 
Verwechslung von „Idealen" und „Triebzielen" führt. 

Die Autorin meint selbst, daß es in praxi immer nur Mischgebilde von positiven undi 

negativen Idealen gibt, hält aber dennoch ihre Unterscheidung für ebenso zweckmäßig 

wie die Unterscheidung von Liebe und Haß, obwohl in den realen Objektbeziehungen 

immer beides vorhanden ist. Sie stellt eine Wunschspannung ohne Angst derjenigen 

gegenüber, die durch Angst determiniert ist. Sie meint, Je k eis und Berg 1er hätten 

Ahnliches versucht, wenn sie den „Dämon" (Thanatos) dem „Ich^Ideal" (Eros) gegenüber* 

stellten; erklärt aber, daß ihre Ansicht sich mit dieser Gegenüberstellung nicht decke, 

weil einerseits ein „Du sollst" sowohl aus Liebe als auch aus Haß, andrerseits ein „Du darfst 

nicht" sowohl aus Haß als auch aus Liebe entstehen könne. Klinisches Material zeige u. a. 

daß eine „Idealisierung" etwa von väterlichen Haltungen und Forderungen oft nur ein 

Mittel sei, Angst zu vermeiden oder zu überwinden. Solcher Art seien die „Über4ch4deale" 

überhaupt, während es auch die sogenannten „positiven Ideale" gebe, die ichgerecht und 

angstfrei angestrebt werden. Wenn Freud die Strenge des Über^Ichs aus einer „Trieb* 

entmischung" herleitet, so bemerkt S e a r 1 dazu, daß es sich vor allem um eine Mischung 

positiver Ideale mit negativen, unter Angstbedingungen zustandekommenden handelt. 

Melanie Klein, die ausgeführt habe, wie die frühen Sadismen und Ängste Mißver* 

Ständnissen der Objektbeziehungen („frühes überstrenges ora^sadistisches Übersieh") ent* 

sprechen, aber später durch die Erkenntnis, daß es auch „gute" Objekte gibt, die man zur 

Besiegung jener introjizieren kann, wiedergutgemacht werden, meinte ähnhches. Ebenso 

Jones, der in einer Diskussion bemerkt habe, daß das Ideal, das man liebe, dem „libif» 

dinösen Aspekt des Über^Ichs" entspreche (im Gegensatz zum sadistischen). Daß das 

Kind Versagungen seiner Triebwünsche mit Aggressionen beantwortet, die die Durch« 

Setzung seiner Wünsche herbeizwingen sollen, will S e a r 1 durch den Ausdruck wieder* 

geben, es wolle seine positiven Ideale durch negative Kräfte herbeizwingen, und meint, 

daß das negative Ideal von der Ungeduld und ihren Begleit* und Folgeerscheinungen ab* 

stamme, während das positive Ideal, das nie in Konflikt mit dem Ich stehe und deshalb 

das wahre Ich*Ideal sei, sich direkt von Liebe und Sehnsucht ableite, — wob/ei sie aller* 

dings hinzufügen muß, daß in der Praxis Sehnsucht und Ungeduld sich nicht von* 

einander trennen und sich kein Punkt angeben lasse, wo eine Spannung schmerz* oder 

angstvoll werde. (Welche Unmöglichkeit den Referenten allerdings überhaupt an der 

Möglichkeit der Gegenüberstellung von positiven, der Liebe entsprechenden, und nega* 

tiven, der Destruktion entsprechenden Idealen zweifeln macht und ihm den später ent* 

standenen strukturellen Gegensatz von Triebstrebungen des Es und triebmodifizierenden 

und manchmal »unterdrückenden Strebungen des Ichs auch für die Psychologie der Ideale 

zweckmäßiger erscheinen läßt.) Die Möglichkeit der Aufschiebung der Befriedigung, d. h. 

der Spannungstoleranz, des Gegensatzes der Ungeduld, bringt dann auch die Ideale in 

Einklang mit dem Realitätsprinzip. In praxi haben wir immer Mischungen von positiven 

und negativen Idealen vor uns, aber die positiven Anteile seien relativ später entstanden. 

Miß S e a r 1 versucht sodann, das Verhalten gegenüber dem Ideal zu studieren, indem 
sie im einzelnen betrachtet: aktive Versuche, die Realisierung der Ideale trotz aller 
Schwierigkeiten durchzusetzen; Versuche, positive Ideale wieder loszuwerden; Konflikte 
zwischen relativ älteren und relativ jüngeren Idealen; Versuche, durch passives Verhalten 
die Außenwelt zur Herbeiführung der Ideale zu zwingen. Die Arbeit schheßt mit einer 
Polemik gegen den Terminus „Über*Ich". 

Ein Einwand, der gegen die ganzen Gedankengänge erhoben werden kann, ist der, daß 
hier allzu Verschiedenartiges unter dem einen Wort „Ideal" zusammengefaßt wird, vor 
allem Regungen, die verschiedenen psychischen Instanzen entsprechen. 

O. Fenichel (Prag) 



STEPHEN, ADRIAN: „HatefuI", „Awful", „Dreadful". Int. Journal of PsA-, XVII. 1. 
„Hateful" bedeutet nicht „gehässig", sondern „haßerregend". Die englischen Wörter, die 
mit „ . .ful zusammengesetzt sind, verhalten sich diesbezüglich verschieden Während 
i^tw;, beautiful". "gracefnl" die ursprüngüche Bedeutung „füll of beauty", Juli of 
grace beibehalten haben, gibt es andere Worte, die im doppelten Sinne gebraucht werden 
können („moumful", „doleful". „sorrowful" ; „mournful" ist sowohl eine Gelegenheit-, bei 
der man traurig wird, als auch ein trauernder Mensch), und wieder andere, bei denen - 
wie bei „hateful" — eine irreversible Projektion stattgefunden hat. in dem Sinne, daß nur 
dasjenige, was den Affekt erregt, als „füll" des Affektes bezeichnet wird: „awfuV" 
„dreadful". „frightful". „fearful". Tatsächlich beziehen sich aUe diese Wörter auf Affekte, 
die man gerne projiziert, weil sie den Unterton von unbewußtem Schuldgefühl haben' 
Eine Ausnahme scheint das Wort „spiteful" zu sein, das ohne Projektion „gehässig" be* 
deutet. Aber im Gegensatz zu „hate" tönt beim Wort „spite" manifest ein Verdammung^» 
urteil mit. Man soll nicht „spite" haben. Deshalb gebraucht man das Wort auch seltener 
um einen eigenen Affekt, häufiger, «m den eines anderen zu bezeichnen; so fällt bei 
..spite" ein Motiv zur Projektion, nämlich das Schuldgefühl, weg, das bei „hate" besteht. 
Eine andere Ausnahme scheint ein Wort mit solcher Projektion, das doch einen lusf^ 
vollen Affekt meint, „delightful". Das hängt aber mit der ursprüngÜch intransitiven 
Natur des Verbums ..delighf zusammen. Man sagt nicht „/ delight that". sondern ..that 
dehghts me"; ..delightful" enthält also im Grunde gar keine Projektion, sondern meint, 
„voll von Freudereizen" und nicht „voU von Freude". O. F e n i c h e 1 (Prag) 



KORRESPONDENZBLATT 



DER 



INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigiert vom Zentralsekretär Edward Glover 



Mitteilung der Redaktion 

Infolge eines technischen Versehens ist in der vorigen Nummer des Kor. 
respondenzblattes (dieser Jahrgang, Heft 1) im Bericht über den XIV Inter^ 
na lonalen Psychoanalytischen Kongreß der Abschnitt IV (Verlagskomitee) un^ 
^fi"^,^^ ^^^ergegeben. Auf Seite 190 (Mitte) ist nach dem Bericht des Ge^ 
schaftsfuhrers Dr. Martin Freud folgender Satz einzuschalten: 

Der Bericht wird mit Beifall zur Kenntnis genommen. Der Vorsitzende dankt Dr Martin 
Ltilu) '^'''^ bemerkenswerte und erfolgreiche Tätigkeit (remarkable and useful 



I. Berichte der Zweigvereinigungen 

The American Psychoanalytic Association 

io5*^ \ Tagung der American Psychoanalytic Association wurde am 6. und 7. Mai 
1936 im New Hotel Jefferson. St. Louis. Missouri, abgehalten. 

Mittwoch den 6. Mai. am 80. Geburtstag Professor Freuds, fand am Vormittag eine 
gemeinsame Sitzung mit der American Psychiatric Association statt. Den Vorsitz führte 

P t^'Z X ""*<^'>>ns*- Präsident der Psychoanalytischen Sektion der American 
rsychiatnc Association. 

Das wissenschaftliche Programm leitete eine Festrede zum achtzigsten Geburtstag 
Freuds em betitelt „Freud. His Work and Influenoe". gehalten von Dr. Clarence P 
Oberndorf, New York, dem Präsidenten der American Psychoanalytic Association. 

folgende Wissenschaf tiiche Vorträge wurden gehalten: 

Dr. Lewis B. Hill. Baltimore. Maryland: ..The Treatment of the Psychotic Ego" Der 
psychotische Patient hat die Fähigkeit zu befriedigenden Freundschaftsbeziehungen ver. 
torcn. Daraus folgt das Fehlen der gewöhnÜchen Motive des Heilungswillens, d. h. die 
aottnung auf lustgewährende Erlebnisse. Unter diesen Umständen muß die Behandlung 
die Situation so bewältigen, daß der Patient das Erlebnis erfährt, gut behandelt zu werden 
d. h. seelische Nahrung erhält. 

Dr. Robert P. Knight. Topeka, Kansas: „Application of Psychoanalytical Con* 
cepts in Psychotherapy". Report of Clinical Trials in a Mental Hygiene Service. Der Vor. 
tragende war in den vergangenen Jahren an einer Beratungsstelle für seelische Hygiene die 
^ner psychiati-ischen Klinik angeschlossen war. tätig; auf Grund der Erfahrungen in'der 
Behandlung verschiedenartiger kUnisch^psychiatrischer. mehr oder weniger schwerer FäUe 



330 Korrespondenzblatt 



wird hier versucht, den Nutzen der psychoanalytischen Lehre und modifizierter psycho« 
analytischer Methoden für das Verständnis und die Behandlung solcher FäUe zu illu* 
strieren. , 

Dr. Thomas M. French, Chicago, Illinois: „Remnants of Reality Testing in Dreams". 
Diese Arbeit versucht, der vertrauten Tatsache, daß Träume oft die Bestrebungen eines Pa« 
tienten anzeigen, zwischen seinen infantilen Modellen und der aktuellen Situation zu 
unterscheiden, eine endgültige Formulierung zu geben. 

Dr. Gregory Zilboorg, New York: „Neuroses and Anti^^Social Behavior". Die all« 
gemeine Auffassung der Neurosen als einer pathologischen Flucht vor antisozialen Im« 
pulsen wird kritisch verglichen einerseits mit einigen Typen von dissozialem Verhalten, 
die kein sichtbares Anzeichen einer Neurose aufweisen, andererseits auch mit klinisch wohl« 
umgrenzten Neurosen, die mit völlig unannehmbaren Verhaltensweisen gekoppelt sind. 
Die Beziehungen zwischen neurotischem Charakter und verschiedenen Abstufungen so* 
zialcr Vergehen werden diskutiert. 

Mittwoch, den 6. Mai, nachmittags fand eine gemeinsame Sitzung mit der American 
Psychiatric Association statt. Den Vorsitz führte Dr. Clarence P. Oberndorf, der Präsi« 
dent der American Psychoanalytic Association. Das Programm der wissenschaftlichen 
Sitzung war folgendes: 

Dr. Franz Alexander und Dr. Leon S a u 1, Chicago, Illinois : „Respiration and 
Personahty". Daß Gefühlserregungen die Atmung beeinflussen, ist wohlbekannt. Wir 
haben versucht, spezifische psychodynamische Tendenzen von Patienten, die während der 
psychoanalytischen Behandlung beobachtet werden, mit den Eigentümlichkeiten ihrer Re« 
spirationskurve in Beziehung zu setzen. Es wird versucht, die Resultate auf Grund der 
Physiologie der Atmungsvorgänge und der Psychoanalyse zu verstehen, wobei die Vektoren« 
analyse der psychodynamischen Tendenzen herangezogen wird. Bei dem Studium dieses 
psychosomatischen Gebietes vom Gesichtspunkt der Psychoanalyse wurden einige Gelegen« 
heitsbeobachtungen zur Physiologie der Atmung gemacht; einige Annahmen über den 
Mechanismus der Atmung werden erörtert. 

Dr. Dorian Feigenbaum, New York: „On Projection". Historischer Überblick 
über das Studium der Projektion. Kriterien für den Begriff. Physiologische und psychische 
Vorbilder der Projektion. Vorstadien: libidinöse Verschiebung, Genitalisierung (Konver« 
sionshysterie), Selbstbeobachtung (Hypochondrie). Eigentliche Projektion: a) „narzißtische 
Identifizierungsprojektion", b) der „Beeinflussungsapparat", c) Paranoia. Die Beziehung 
zwischen den Mechanismen der Introjektion und Projektion. Reihen von Entwicklungs« 
stufen von der „normalen" Projektion zur Projektion in der Paranoia. Unterscheidung 
von Typen. 

Dr. M. Ralph K a u f m a n, Cambridge, Massachusetts : „Psychoanalysis in Late«Life 
Depressions". Die psychoanalytische Technik wurde, aus theoretischen und praktischen 
Gründen, in der Hauptsache auf die Behandlung von Psychoneurosen bei Patienten unter 
dem sechsten Lebensjahrzehnt beschränkt. Diese Arbeit gibt einen Überblick über die 
psychoanalytische Literatur, die sich mit der Therapie der manisch«depressiven Psychosen 
und mit dem Problem des Altersfaktors beschäftigt. 

Dr. George W. Wilson, Chicago, Illinois : „The Transition f rom Organ Neuroses to 
Conversion Hysteria. A case Report". Bericht über einen Fall. Die gastrischen Symptome 
waren verbunden mit der typischen Ablehnung oraler Befriedigungs« und Abhängigkeits« 
wünsche. Der Schmerz im Rücken trat gerade zu der Zeit auf, als der Konflikt der Pai« 
tientin sich nm ihren Widerstand gegen das Auftreten genitaler Wünsche zu zentrieren 
begann. 

Die geschäftliche Sitzung der American Psychoanalytic Association fand um 4 Uhr 30 
nachmittags am 7. Mai 1936 statt. Dr. Cl. P. O b e r n d o r f, Präsident, führte den Vorsitz. 



Konespondenzblatt 



331 



Der Bericht der vorangegangenen Tagung wird verlesen und genehmigt. Dr. Oberndorf 
macht Mitteilung vom Ableben des Herrn Dr. Horace W.Frink, ordentliches Mitglied 
der New York Psychoanalytic Society. Dr. Abraham A. B r i 1 1 hält eine Gedenkrede, nach 
welcher sich die Mitglieder zum Andenken an Dr. Frink von ihren Sitzen erheben. Der 
Sekretär verliest sodann einen Brief von Dr. Van Ophuijsen, der die Forderung 
nach gleicher Vertretung aller Zweigvereinigungen bei den Beratungen des Internationalen 
Psychoanalytischen Kongresses enthält. Nach ausführlicher Diskussion wünscht die Asso* 
ciation, daß Dr. Ophuijsen gebeten werde, mit dem Ausschuß zusammenzuwirken, um 
die adäquate Vertretung jeder Zweigvereinigung am Kongreß, entsprechend ihrer respek=» 
tiven zahlenmäßigen Stärke zu erreichen. Über Antrag wird die Geschäftssitzung vertagt. 
Am 7. Mai, 7 Uhr abends: Dr. Abraham A. B r i II führt den Vorsitz bei einem Round 
Table Symposium über die Leistungen Freuds. 

D«. Ernest E. Hadley 

IL Mitteilungen der Internationalen 
Unterrichtskommission 



Redigiert von Edward Bibriiig 



1. Vorstand der I. U.K. 

Die American Association hat Herrn Dr. A .A. B r i 1 1 in den Vorstand als ihren Ver* 
treter delegiert. Der Vorstand der I.U.K. setzt sich demnach wie folgt zusammen: M. 
Eitingon, Präsident; Anna Freud, Vizepräsidentin; E. Bibring, Sekretär; Ernest 
Jones, A. A. B r i 11, ex officio. 

2. Berichte der Institute auf der Plenarversammlung 
der I. U. K. (2. August 1936 in Marienbad) 

Von den auf der Plenarversammlung der I.U.K. erstatteten Berichten sind folgende 
(teilweise nur im Auszug wiedergegeben) eingelaufen: 



Boston Psychoanalytic Institute 

1935—1936 

Das Boston Psychoanalytic Institute führte ein sehr erfolgreiches Ausbildungsprogramm 
durch. Dr. Hanns Sachs hielt ein klinisches Seminar ab, das zweimal monatlich zu=< 
sammentrat. Frau Dr. Helene Deutsch hielt ein technisches Seminar wöchentlich ab. 
Dr. Ives H e n d r i c k hielt einen Kurs über die „Psychoanalytische Theorie der Triebe 
und des Ichs und ihre Pathologie", Dr. John M u r r a y über „Probleme der Pubertät", 
Dr. Isidor H. Coriat über Freuds „Krankengeschichten". Eric Homburger hielt 
ein Seminar für Kinderanalyse, Hanns S a c h s ein Seminar über „Methoden und Theorie 
der angewandten Analyse", Ralph Kauf man ein Seminar über „psychoanalytische 
Psychiatrie". ^ ' 



332 Korrespondenzblati 



Als Lehranalytiker für das Jahr 1936—1937 wurden bestimmt: Drs. Isador H. Coriat, 
Hanns Sachs, Helene Ekutsch, John Murray, Ives Hendrick und M. Ralph Kaufman. 

M. Ralph Kaufman 

British Psychoanalytical Institute 

1935-1936 

Am 30. Juni 1935 waren 26 Kandidaten in Ausbildung, darunter 20 Kandidaten in 
KontiroUe (19 in Erwachsenen^ 1 in Kinderanalyse). Seither kamen 3 für die Erwachsenen* 
analyse und 1 für die Kinderanalyse hinzu. Dr. Thorner wurde für die Erwachsenenanalyse 
als befähigt entlassen, 2 andere Kandidaten unterbrachen ihre Ausbildung. 

Kontrollanalytiker sind: Drs. Brierley, Glover, Jones, Mrs. Klein, Dr. Payne, Mrs. 
Riviere, Drs. Rickman, Schmideberg, Miss Searl, Miss Sharpe, Miss Sheehan^Dare, 
Mr. Strachey (insgesamt sind 3 neue dazugekommen). 

Kurse hielten ab: Miss Sharpe über Traumdeutung, Mrs. Klein über Technik, Dr. 
Brierley über SexuaÜtät. Klinische Seminare hielten ab: Mr. Stirachey, Miss Sharpe, 
Dr. Payne, Mrs. Riviere und Miss Sheehan«Dare. Ein theoretisches Seminar wurde von 
Dr. Brierley abgehalten, ein Kinderseminar von Mrs. Klein. Edward Glover 

Chicago Institute for Psychoanalysis 

1934—1936 

Während der zwei Jahre seit dem letzten Kongreß wurden 12 Studenten als neue Aus»- 
bildungskandidaten aufgenommen. 5 Kandidaten haben ihre Ausbildung vollendet und 
wurden als außerordentliche Mitglieder in die Chicagoer Vereinigung aufgenommen. 
13 Kandidaten haben ihre Ausbildung fortgesetzt. 

Ein von der Rockefeller Foundation gestiftetes Stipendium machte es möglich, einige 
begabte Studenten in Ausbildung zu nehmen, die sonst keine Möglichkeit dazu gefunden 
hätten. 

Außer den in früheren Mitteilungen erwähnten wurden noch folgende Kurse abgehalten: 

Dr. Franz Alexander: Übungen in Traumdeutung; Allgemeine Prinzipien der 
psychoanalytischen Technik; Seminar über die Psychoanalyse des Witzes; Seminar über die 
psychoanalytische Klassifikation und die Theorie der Persönlichkeitstypen; klinische Vor* 
lesungen über die Beendigung der Analysen ; Drs. Thomas M. F r e n c h und Karl A. M e n* 
ninger: Seminar über analytische Literatur. French: Freuds theoretische Schriften. 
Helen V. Mc Lean: Seminar über die Anwendung der Analyse auf die Literatur. Karl 
A. Menninger: Psychoanalytische Psychiatrie. George W. Wilson: Quantitative 
Traumstudien. Mortimer Adler: Methoden und Gegenstand der Psychologie. 

Gegenwärtig ist die Forschungsarbeit hauptsächlich auf das Studium der psychischen 
Faktoren des Bronchialasthmas und anderer allergischer Erkrankungen gerichtet. Unsere 
gemeinsamen Studien sind jetzt bis zu einem gewissen Grade anders organisiert als vorher, 
insofern als die Arbeitsgruppe zweimal wöchentlich zusammentritt, um die bearbeiteten 
Fälle nach Art eines klinischen Seminars zu diskutieren. Der Zweck dieses Unternehmens 
ist ein möglichst vollständiger Austausch der Gesichtspunkte über die Problematik dieser 
Fälle. Diese Gruppendiskussionen wirken sehr anregend und führen allmählich zu For* 
mulierungen über das Asthmaproblem, die im wahrsten Sinne des Wortes eine kollektive 
Leistung darstellen. 



Unter dem Einfluß von Dr. Zilboorg hat das Institut Mittel erhalten, die ihm die Teil«= 
nähme an der Erforschung des Selbstmordproblems möglich machen. 

Wir haben auch eine Abteilung für Kinderanalyse eröffnet, die — wenigstens vor* 
läufig — dem aktuellen Forschungsprogramm untergeordnet sein soll. Einige Fälle von 
Asthma oder anderen allergischen Erkrankungen bei Kindern wurden zu diesem Zwecke 
ausgewählt. Die aus diesen Analysen gewonnenen Einsichten werden später den Resul^ 
taten aus den Analysen der erwachsenen Asthmakranken gegenübergestellt werden. Die 
Analytiker, die an dieser Arbeit teilnehmen, sind: Drs. George J. Mohr und Margaret 
Gerard und (unter der Kontrolle von Dr. George Mohr) Miß Helen Roß. 

Thomas) M. French 

Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft 

1934-1936 

Ober unsere Vorlesungs* und Seminartätigkeit sind die Mitglieder der I. P. V. durch 
unsere regelmäßig den Zeitschriften beigegebenen Vorlesungsprogramme unterrichtet wor* 
den. Diese Tätigkeit hat sich unverändert gemäß den von der D. P. G. 1929 in neuer 
Fassung veröffentlichten „Richtlinien für die Ausbildungs« und Unterrichtstätigkeit" und 
gemäß dem diesen Richtlinien entsprechenden Studienplan vollzogen. Während der Be* 
richtsperiode ist dem Institut ein kleiner, sich nur wenig verändernder Hörerstand treu^« 
geblieben, der besonders in den Seminaren mit Fleiß und Interesse gearbeitet hat. 

Die Zahl der Ausbildungskandidaten betrug im Juli 1934: 18, im Oktober 193.5: 16, 
im April 1936: 16. Seither sind 3 neue Kandidaten zur Ausbildung zugelassen worden. 
Mit der unter Billigung und Förderung entscheidender behördlicher Instanzen im Juni 
erfolgten Gründung des „Deutschen Instituts für Seelenkunde und Psychotherapie", das 
im Oktober 1936 mit seiner Tätigkeit beginnen wird und an welchem die D. P. G. gleich* 
berechtigt neben den anderen psychotherapeutischen Schulen arbeiten wird, steht zu er* 
warten, daß sich der Zuspruch an Hörern und Ansbildungskandidaten steigern wird. 

An Lehr* und Kontrollanalytikern sind während der Berichtsperiode ausgeschieden: 
Frau Benedek, Frau Jacobssohn, Frau Kempner (durch Austritt aus der Gesellschaft); 
Frau Vowinckel (durch Übersiedlung nach Ankara). Als Lehr* und Kontrollanalytiker 
neu aufgenommen wurden: Dr. Kemper, Frau Ada Müller*Braunschweig. 

Der Unterrichtsausschuß besteht während der Berichtsperiode nach dem Weggang von 
Frau Vowinckel aus: Müller*Braunschweig (Vorsitz), Boehm, Kemper, Ada Müller*Braun* 
schweig. Carl MüllereBraunschweig 

FinnischüSchwedische Psychoanalytische Vereinigung 
Bericht der Lehrstelle Stockholm 

1934—1936 

Die von den Leitern der Lehrstellen erörterten Unzukömmlichkeiten und Schwierig* 
keiten machen sich auch in Stockholm und zwar in vielleicht noch höherem Maße geltend. 
Sie sind auch hier eine Folge der Notwendigkeit, daß ein Einzelner alle Funktionen auf 
sich vereinigt; denn er muß nicht allein Lehranalytiker, sondern zugleich auch Lehrer und 
Kontrollanalytiker sein. In Stockholm macht sich überdies noch der Umstand erschwerend 
geltend, daß die meisten zur Ausbildung Angemeldeten bereits seit Jahren die psychoana* 
lytische Praxis ausüben; es entfällt daher hier bis jetzt die Wirkung der Prämie für die 
Mühe des Lernens, als welche andernorts die Erreichung der Genehmigung zur Aus* 
Übung der psychoanalytischen Praxis gilt. 



334 Konespondenzblatt 



Ich war bemüht, durch Referate über grundlegende psychoanalytische Werke sowie 
durch Kontrollseminare vorgefundene Lücken und Mängel zu beheben. 

Ludwig Jekels 

Magyarorszägi Pszichoanalitikai Egyesület 

1935—1936 

Gegenwärtig befinden sich in Lehr# und Kontrollanalyse 31 Kandidaten, was einen 
Zuwachs von 10 Kandidaten gegenüber dem früheren Kongreßbericht (Luzern) entspricht. 
In der Organisation der Lehrtätigkeit ist neu die Einführung eines Seminars für Kinder*» 
analyse unter Leitung von Frau Dr. M. Dubovitz. Dieses Seminar hat regen Kontakt ,mit 
dem entsprechenden Seminar der Wiener Gruppe. 

Lehr* und Kontrollanalytiker sind: Dr. E. Almäsy, Frau A. Balint, Dr. M. Bälint, 
Frau Dr. M. Dubovitz, Frau Dr. F. K. Hanti (neu hinzugekommen), Dr. I. Hermann, 
Dr. I. Hollös, Frau V. Koväcs, Frau K. Levy, Dr. L. Revesz, Dr. G. Röheim, Frau Dr, 
E. K. Rotter. Imre Hermann 

Palestine Institute for Psychoanalysis, Jerusalem 

1936 

über unser Institut, daß in aller Stille arbeitet, kann ich nur einige Worte sagen. Es 
erfüllt im wesentlichen eine therapeutische Funktion, indem meine zwei Mitarbeiter mit 
Hilfe eines Ausbildungskandidaten, der jetzt schon Kontrollanalysen macht, etwa 22 Fälle 
daselbst behandeln. Der zweite meiner beiden Assistenten am Institut ist bei uns zu Ende 
ausgebildet worden, nachdem er seine Analyse in Heidelberg und Straßburg gemacht 
hatte. Der erwähnte Ausbildungskandidat hat hier die Lehranalyse absolviert und macht 
jetzt die anderen Phasen der Ausbildung durch. Wir haben vereinzelte Kurse für Päd» 
agogen und Kindergärtnerinnen veranstaltet und stehen in engerem Kontakt mit der 
sozialen Fürsorge hier, indem die erste Assistentin unseres Institutes, Frl. Dr. M. Brandt, 
am Beth Habriuth (Health Centre) die schwer erziehbaren Kinder der Schulfürsorge in 
Jerusalem betreut. Das Institut wächst ständig in der Achtung der Ärzteschaft hier und 
Referent ist aufgefordert worden, an den ärztlichen Fortbildungsveranstaltungen Jerusalems 
im Herbst sich zu beteiligen. M. Eitingon 

Institut de Psychanalyse de Paris 

1935—1936 

Die Statuten unseres Instituts sind der I.U.K. ebenso wie die Programme der ver« 
gangenen drei Jahre mitgeteilt worden. Aus den letzteren kann man ersehen, daß wir 
außer den grundlegenden Kursen über: Einführung in die Psychoanalyse, Theorie der 
Neurosen, Trieblehre, Traumdeutung, Technik auch verschiedene Kurse über: psycho* 
analytische Klinik, psychoanalytische Psychiatrie, sexuelle Perversionen und Sexualbiologie 
gelesen haben. Außerdem wurden Vorlesungen über verschiedene Spezialthemen sowie 
über die Anwendung der Psychoanalyse auf andere Wissenschaften abgehalten. 

Die Einteilung der Kurse in solche des ersten und des zweiten Jahrgangs hat sich an 
unserem Institut nicht bewährt, weil die Studenten, die unsere Kurse besuchen, beide 
Gruppen von Kursen hören wollen. 

Die Vorliebe der Kandidaten für den einen oder anderen Dozenten scheint ihre Wahl 



Korrespondenzblatt 305 



der Kurse entscheidend zu beeinflussen, außerdem finden sie wie überall so auch hier in 
den technischen Seminaren die Ergänzung ihrer Ausbildung. In den vergangenen Jahren 
haben die Drs Laforgue. Loewenstein und Odier die verschiedenen technischen Zu. 
sammenkunfte bei sich abgehalten. Seit der Gründung des Instituts hielt Mme Marie 
ßonaparte die wöchentlich stattfindenden technischen Zusammenkünfte (KontroUanalvse 
m Gruppen ungefähr 10 Teilnehmer) bei sich ab. im letzten Jahr allerdings - aus Ge. 
sundheitsrucksichten — mit einiger Unregelmäßigkeit. 

Für das kommende Jahr hat Dr. Odier den Vorschlag gemacht, die technischen Abende 
selbst abzuhalten, während Mme. Marie Bonaparte und Dr. Spitz ein Seminar über die 
Werke Freuds wöchentlich abhalten („Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie". Meta. 
Psychologie ). " 

Gegenwärtig werden 14 Lehranalysen durchgeführt. 3 Kandidaten (1 Mediziner und 2 
Pädagogen) sind in Kontrollanalyse. M„i^ Bonaparie 

Psychoanalytickä skupina V C. S. R. 

1956 

Unsere Arbeitsgemeinschaft, xon Frau Deri gegründet und bis zu ihrer Abreise nach 
Amerika geleitet, ist eine kleine, aber sehr fleißige Gruppe, in der die Unterrichtstätigkeit 
1 if 7'\^?^" r"^"' überwiegt. In ihr stehen 3 Mitgliedern der I.P.V. nicht weniger 
als 10 Ausbildungskandidaten gegenüber, von denen 7 bereits aktiv Analysen ausführen 
Ich mochte bei dieser Gelegenheit besonders den Wiener Kollegen danken, die durch ihre 
zahlreichen Gastvorträge m Prag unsere Arbeit so sehr befruchtet haben. In bezug auf die 
Einzelheiten dieser Arbeit verweise ich auf unsere Berichte im Korrespondenzblatt Er. 
wähnen mochte ich noch, daß es uns auch gelang, in verschiedener Weise die öffentlich, 
keit tur die Psychoanalyse zu interessieren. Otto Fenichel 

3. Bericht über die zweite Vierländertagung in Budapest 

(15.-17. Mai 1937) 

Der Gesamtbericht über die Vierländertagung wird demnächst im Korrespondenzblatt 
erscheinen. Hier sei nur mitgeteilt, daß - ebenso wie auf der ersten Vierländertagung - 
am ersten Abend unmittelbar nach dem Empfang eine Diskussion über Ausbildungsfragen 
stattfand. Auf der ersten VLT. war die ..Kontrollanalyse" Gegenstand der Diskussion. 
Diesmal waren die ..Methode und Technik der Kontrollanalyse" zum Thema gestellt 
worden Die einleitenden Referate hielten E. Bi bring. Wien und K. Landauer. 
Amsterdam. Wir geben im folgenden die LeitÜnien beider Referate wieder: 

Edward B i b r i n g (Wien) : 

I. Die Kontrollsituation: Der Kandidat berichtet über den Analysanden zunächst in 
einer ihm freigestellten Form. Der kontrollierende Analytiker muß auf Grund dieses Be. 
achtes die Struktur des Analysierten, beziehungsweise der jeweiligen analytischen Situa. 
tionen erfassen, muß sie mit der Auffassung durch den Kandidaten vergleichen und - 
unter standiger Bereitschaft zur Selbstkontrolle - die eventueUen Abweichungen in der 
Auffassung des Kandidaten feststeUen oder die Lücken in derselben aufzeigen. Die 
Schwierigkeit der Situation besteht also darin, aus einem bestimmt gearteten Bericht so. 
wohl über den Berichterstatter als auch über das Objekt des Berichtes Schlüsse zu ziehen. 
eventueU sogar über den Bericht selbst gewisse Feststellungen zu machen. 

II. Grundlagen der Analysenkontrolle: Angesichts der im vorigen Abschnitt gekenn. 



zeichneten Situation erhebt sich die Frage, wie eine Analysenkontrolle überhaupt möglich 
wird. Maßgebend ist der Unterschied in der Erfahrung des kontrollierenden Analytikers 
und des Kontrollanalysanden. 

III. Die Aufgaben der Analysenkontrolle: Unterricht in der praktischen Handhabung 
der Analyse als Fortsetzung der Ausbildung des Kandidaten. Diese Aufgabe zerfällt in 
zwei Teile: 1. Kontrolle des Verständnisses sowohl hinsichtlich des Aufbaus der Neurose 
als auch hinsichtlich der aktuellen analytischen Situation in ihrer Gesamtheit und in ihren 
Einzelheiten, sowie des Verlaufs der Analyse. 2. Kontrolle der Handhabung der Technik, 
speziell der Deutungstechnik: Der kontrollierende Analytiker unterstützt den Kandidaten 
in seinem Verständnis des Falles und hilft ihm unter Umständen in der Auswahl und 
Handhabung der geeigneten Maßnahmen zur analytischen Bewältigung der jeweiligen 
Situation. Jeder dieser beiden Punkte kann isoliert gestört sein. 

Die Analysenkontrolle macht es möglich, nicht allein die sogenannten typischen An* 
fängerfehler dem Kandidaten zu erleichtern oder zu ersparen, sondern auch gewisse typische 
Eigenheiten des Kandidaten festzustellen, die teils auf vorurteilshafte Blickrichtungen, teils 
auf die Eigenart des Kandidaten (Begabung und persönliche Struktur), teils auf unbe* 
wußte (pathologische) Störungen zurückzuführen sind. Diese Abweichungen werden von 
einem vorausgesetzten durchschnittlichen, z. T. aus den sachlichen Bedingungen abgeleiteten 
Modell gemessen. Wo unbewußte Störungen für die Abweichungen maßgebend sind oder 
zu sein scheinen, wird dem Kandidaten eine Korrektur derselben nahegelegt. 

Begründung der Notwendigkeit einer Analysenkontrolle gegenüber einer Kontroll* 
analysc. 

IV. Technik der Analysenkontrolle: Hier ist zu unterscheiden zwischen der Technik 
des Berichtens (Materialgewinnung) und der Technik des Kontrollunterrichts. Notwendig* 
keit, in der Form des Berichtens dem Kandidaten nach Tunlichkeit eine gewisse Freiheit 
und Spontaneität einzuräumen. Schon die Art des Berichts läßt Schlüsse auf die Mängel 
und Eigenheiten des Kandidaten zu und ändert sich, wenn der Kontrollunterricht günstig 
verläuft. Eine wertvolle Ergänzung des Berichts liefern die „freien Einfälle" des Kandidaten 
bei der Besprechung des Falles. Der Unterricht darf die beratende Form nie verlassen. 
Gefahr der Hypertrophie des Unterrichts usw. 

V. Kriterien für die Richtigkeit der Ergebnisse. 

VI. Schwierigkeiten der Analysenkontrollen a) die objektiven, b) die subjektiven 
Schwierigkeiten. 

Karl Landauer (Amsterdam) : 

Bemerkungen von Standpunkt eines abseits einer großen Gruppe Lebenden. Kontroll* 
analytisches Verhältnis sehr eng, aber sehr ambivalent, da der Kontrollierende meist auch 
der Arbeitgeber ist und die Außenwelt ihn für den Analytiker haftbar stellt. Beginn häufig 
während der Abstinenz von der Lehranalyse, wenn deren Fortsetzung unmöglich, 
oft auch unerwünscht ist. Analytiker daher nicht selten deprimiert oder hypoman, über* 
mäßig theoretisch eingestellt. Die „Brüderhorde" und Ehefrauen. — Saubere Trennung 
von Lehr* und Kontrollanalyse : Positive Übertragung als Übertragung, negative als Wirk* 
lichkeit zu werten. Widerlegung der Feindseligkeit durch Opfer des Kontrollierenden: 
äußerstes Entgegenkommen in bezug auf Bezahlung; kein Begrenzen der Zeit; geselliges 
Zusammensein. — Aufgaben der Kontrolle: Schutz des gemeinsamen Patienten, Erlernung 
von Kunstgriffen, Anregung in bezug auf Theorie und praktische Forschung, Erkenntnis 
der unbewußten Bindungen, Abstreifen der theoretischen Fixationen, Anleitung zur Selbst* 
analyse in Projektion. Endlich Schaffung einer breiteren analytischen Gemeinschaft. Zu 
diesem Zweck muß der Kontrollierende zum altern Bruder werden, er hat keinen Schüler, 
sondern Mitarbeiter. — Das Kontrollseminar als voll*freie Gemeinschaft. 



J 



An der lebhaften Diskussion beteiligten sich: Boehm, Reik, E. Weiss, Federn 
M. Bälint, R. Wälder, Fenichel, E. Kris, M ülle r ^B r au ns ch weig A 
Bälint, Rotter, J. Wälder, Winnik, Hermann, Kemper, E. Bibringi 
K. Landauer. Sie erstreckte sich auch diesmal hauptsächlich auf die Alternative: Ana^ 
lysenkontrolle oder K on t r o 11 an aly se, d. h. auf die Frage, ob die Kontrolle 
sich der Hauptsache nach und grundsätzlich auf die Analyse des Analysierens (also auf die 
analytische Aufhellung der Schwierigkeiten des die Ausübung der Analyse beginnenden 
Kandidaten) zu beschränken habe oder ob sie an erster Stelle und prinzipiell Unterricht im 
Analysieren sein sollte. Mit diesem Problem war die weitere Frage verbunden, ob die Per* 
sonalunion von Lehranalytiker und Kontrollanalytiker aus naheHegenden Gründen als nicht 
wünschenswert zu bezeichnen und daher grundsätzlich abzulehnen sei oder nicht. Eigenthch 
ist eine weitere Unterscheidung zu treffen. Für jene, welche die Analyse des Analysierens 
für den wichtigsten Teil der praktischen Ausbildung halten, ist die Kontrollanalyse selbst* 
verständhch Aufgabe des Lehranalytikers. Für die andere Gruppe, die (unbeschadet der 
Analyse des Analysierens, die der Lehranalyse zufällt) den Unterricht in der Analyse für 
notwendig hält, ergibt sich die Frage, ob der Lehranalytiker (natürlich außerhalb der 
Analysenstunde, jedenfalls außerhalb der eigentlichen Analyse, also als Unterricht und 
nicht als Analysieren) diese Kontrolle machen soll oder ob der Lehrer (Kontrollanalytiker) 
eine andere Person sein soll als der Lehranalytiker. 

Die Diskussion zeigte, daß auf keiner Seite extreme Standpunkte vertreten wurden und 
brachte eine erfreuliche Annäherung der verschiedenen Auffassungen. In der Hauptsache 
wurden folgende Meinungen vertreten: 1. Die Analyse des Analysierens ist eine unum* 
gängliche Bedingung der Ausbildung und bildet den eigentlichen Abschluß der Lehr* 
analyse. Die praktische Arbeit am Kranken ist sozusagen der Prüfstein, an dem die Ret« 
sultate der Analyse gemessen werden können; andererseits gibt sie, wenn sie noch während 
der Lehranalyse begonnen wird, die Möglichkeit, das bisher Versäumte, bezw. eventuell 
nicht Bemerkte nachzuholen. 2. In der Bewertung der Kontrolle standen sich zwei Mei* 
nungen gegenüber: Während auf der einen Seite ihre grundsätzliche Wichtigkeit betont 
wurde, gab man auf der anderen ihre praktischen Vorteile zu, sprach ihr aber eine prinzi* 
pielle Bedeutixng in der Ausbildung ab. 3. Die Analyse des Analysierens schließt jedoch 
eine Kontrolle im Sinne des Unterrichts keineswegs aus, bezw. macht sie nicht üben* 
flüssig. Gewisse Gründe, wie z. B. die Notwendigkeit, daß der Kandidat auch anderen Mit* 
gliedern des Lehrausschusses außer seinem Lehranalytiker bekannt werde, machen die 
Analysenkonü:olle neben der Kontrollanalyse empfehlenswert. 4. Auf der anderen Seite 
war man einig, daß die praktische Ausbildung in der Analyse am besten beginne, solange 
der Kandidat noch in Lehranalyse sei, so daß die Analyse des Analysierens und überhaupt 
der gesamten Reaktionen auf die Kontrollsituation noch möglich sei. Doch sei eine 
bloße Analyse des Analysierens ohne ergänzenden Unterricht im Analysieren abzulehnen, 
weil sie den Unterrichtsforderungen nicht genügen könne. 5. Der Lehranalytiker und der 
Kontrollanalytiker sollen grundsätzlich nicht die gleiche Person sein, weil eine solche 
Personalunion unter Umständen einerseits die Analyse des Analysierens, bezw. der 
Konti:ollsituation erschwert, andererseits die Kontrolle gefährdet, wenn z. B. die Über* 
tragungsbeziehungen aus der Analyse auf sie übergreifen. 6. Die Frage der Personalunion 
sei jedoch vielleicht als noch nicht gänzhch entschieden anzusehen. Es gebe jedenfalls 
Situationen (z. B. bei den verschiedenen Lehrstellen), wo diese Personalunion das Gegebene 
sei. Das habe gewisse Schwierigkeiten, sei aber unter den erwähnten Umständen unver* 
meidlich. In schwierigen Fällen von Ausbildung sei die Personalunion bisweilen sehr 
wünschenswert. Vielleicht sei es notwendig, weitere Experimente in dieser Hinsicht zu 
machen und die gewonnenen Erfahrungen auszutauschen. 



Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXIII/2 



22 



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August Aichhorn: Zur Technik der 
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THE QUARTERLY 

is devoted to original contributions 

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applied psychoanalysis, and is 

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TERLY consists of Drs. Bertram 
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Frontispiece : Dorian Feigenbaum. — In Me- 
moriam: Dorian Feigenbaum. — Dorian 
Feigenbaum: Depersonalization as a Defense 
Mechanism. — Helene Deutsch: Absence of 
Grief. — Thomas M. French: Reality and 
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Miller: Balzac's Pere Goriot. — Edwin R. 
Eisler: Regression in Gase of Multiple Phobia. 
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Reviews. — Current Psycho an alytic Literature. 
— Notes. 

Editorial Communications should he 

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Directed by 

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Edited by 

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Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, Band XXIII, Heft 2 



(Ausgegeben im Juni 1957) 

INHALTSVERZEICHNIS 

Seite 

Die endliche und die unendliche Analyse 2o9 

Die Zukunft der Psychoanalyse 241 

Die leitungslose Funktion im Zentralnervensystem. Eine 
Frage der Psychologie an die Physiologie . ...'.. 250 
Zur Psychogenese der manisch-depressiven Zustände . . 275 



Sigm. Freud: 
Ernest Jones: 
Paul Federn: 

Melanie Klein : 

DISKUSSIONEN 
Theodor Reih: 

Paul Schi/der: 



Der Angstangriff. Bemerkungen zum IX. Kapitel von Anna 
Freuds Buch „Das Ich und die Abwehrmechanismen" . . 506 
Sich-Anklammern und Gleichgewicht. Bemerkungen zu 
der Arbeit von Imre Hermann „Sich-Anklammern — Auf- 
Suche-Gehen" giÄ 



REFERATE 

Aus der Literatur der Grenzgebiete 

Popovic: Predavanja iz psihoanalize (Sugar) 



518. 



Aus der psychiatrisch-neurologischen Literatur 
Vondracek; Farmakologie duse (Karpe) 519. 
Mangelkrankheit (Grotjahn) 320. 



Wietfeld: Kriegsneurose als psychisch-soziale 



Aus der psj-choinaly tischen Literatur 

Berg: The Unconscious Significance of Hair (Fenichel) 321. - Horney: The Problem of the Negative 
Therapeutic Reaction (Fenichel) 321. — Hoskins: An Endocrine Approach to Psychodynamics (Fenichel) 
522. — Jekels: The Psychology of the Festival of Christmas (Fenichel) 323. - Kronengold und 
Sterba: Two Gases of Fetishism (Fenichel) 325. — Parcheminey: Le Probleme de l'Hysterie 
(Federn) 524. — Ribble: Ego Dangers and Epilepsy (Fenichel) 325. - Rinaker: A Psychoanalytical 
Note on Jane Austen (Fer.ichel) 325. — Schmideberg: A Note on Suicide (Fenichel) 325. — Searl: 
Infantile Ideals (Fenichel) 326. — Stephen: „Hateful", „Awful", „Dreiiiinl" (Fenichel) 328. 

KORRESPONDENZBLATT DER INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 

Mitteilung der Redaktion 529. — I. Berichte der Zweigvereinigungen 529. — IL Mitteilungen der 
Internationalen Unterrichtskommission 331. 



Preis des Heftes Mark 7.50. Jahresabonnement Mark 28.— 
Jährlich 4 Hefte im Gesamtumfang von etwa 600 Seiten 

Einbanddecken zu dem abgeschlossenen XXII. Band (1936), sowie zu allen 
früheren Jahrgängen: in Leinen Mark 2.50, in Halbleder Mark 5.— 



Herausgeber -Proror sLVFri';frf"w"*'™ v"'"''l"' ^T'i°f^''l^-*'%^'^'"'. Verlag, Ge,. m. b. H., Wien IX, Bergg«,e 7 

g Der. Prot. Dr. Slgm. Freud, Wien. -VerantwortUch für die Redaktion: Dr. EdwardBibring, Wien VII,Sieben»terngas.e 31 
Druck: Jakob WeiD, Wien II, Große Sperlgasse 40 
Printed in Austria 



Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, Band XXIII Heft 




Sigm. Freud 
Krnest Jones 
Paul Federn 



Melanie Klein : 

DISKUSSrONEN 
Theodor Reih: 

Paul Schilder: 



(Ausgeg:eljen im Juni 1937) 
INHALTSVERZEICHNIS 

Seite 

Die endliche und die unendliche Analyse 2o9 

Die Zukunft der Psychoanalyse ... „ 

Die leitungslose Funktion im Zentralnervensystem. Eine 

Frage. der Psychologie an die Physiologie . ..... 350 

Zur Psychogenese der manisch-depressiven Zustände . . 275 



Der Angstangriff. Bemerkungen zum IX. Kapitel von Anna 
Freuds Buch „Das Ich und die Abwehrmechanismen" . . 506 
Sich- Anklammern und Gleichgewicht. Bemerkungen zu 
der Arbeit von Irare Hermann „Sich- Anklammern — Auf- 
Suche- Gehen" _,,_ 



REFERATE 

dm der Literatur der Grenzgebiete 

Popovic: Predavanja iz psihoanaliie (Sugar) 318, 

/Jus der psychiatrisch-neurologischen Literatur 

Vondracek: Farmakologie duse {Karpe) 319. - Wietfeld; Kriegsneurose als psychisch-soziale 
Mang-elkrankheit (Grotjahn) 320. 

Aus der psychainalytischen Literatur 

Bergr The Unconscious Significance of Hair {Fer^ichel) 321. - Horney: The Problem of the Negative 
Therapeutic Reaction [Fentchel] 321. - Hoskins: An Endocrine Approach to Psycho dynamics {Feni.hel) 
022. - Jekels: The Psychology of the Feslival of Christmas [Fetiichel) 323. - Kronengold und 
Sterba; Two Gases of Fetishism {Fenichel) 523. - Parchemineyr Le Probleme de l'Hysterie 
{tedern) o24. — Ribble: Ego Dangers and Epilepsy {Fenichel) 325. - Rinaker; A Psychoanalytical 
Note on Jane Ansten {Fe„i,hel) 325. - Scbmideberg: A Note on Suicide (Fenichel) 325. - Searl: 
Infantile Ideals (Ferrichel) 326. -^ Stephen: „Hateful«, „Awful", „Dreadful" fF^nicA.y 328. 

KORRESPONDENZBLATT DER INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 

Mitteilung der Redaktion 329. — J. Berichte der Zweigvereinigungen 329. - IL Mitteilungen der 
Internationalen Unterrichtskommission 331. 



Preis des Heftes Mark 7.50. Jahresabonnement Mark 28.— 

Jährlich 4 Hefte im Gesamtumfang von etwa 600 Seiten 

Einbanddecken zu dem abgeschlossenen XXII. Band (1936), sowie zu allen 
früheren Jahrgängen; in Leinen Mark 3.50, in Halbleder Mark 5.— 



Herausgeber ■'Prornr ^^.^^'^'''"'^^^^.^■'"""V/""^^"" P>y=l«>?naiytischer Verlag, Gm. m. b. H.. Wien IX. Bergguir 7 

r. fror. ur. Sigm. Freud, Wien. - Verantworttich für die Redaktion: Dr. Edward Bibring, Wien VII, Siebenstemgastt 31 
Druck: Jakob Weiß, W^ien 11, Grolle Sperlgasie 40 
Printed in Austria 








XXIII. Band 



1937 



Heft 2 



Internationale A«itscnriit 
luf Psycnoanalyse 



Offizielles Organ dler Internationalen PsydioanaTytisJien Vereinisung 

Her&usgeseben von 



Simn* rreua 



Felix Boehm 

Berlin 

Lewis B. Hill 

Baltimore 
Kiyoyasu Marui 

Sendai 



Unter Mitwirkung von 



G. Böse 

Kalkutta 

S. Hollös 

Budapest 

F. P. Muller 

Leiden 



M, Eitingon J. E, G, van Emden Thomas M- French 

Jerusalem Haag 

Ernest Jones J. W. Kannabich 

London Moskau 



Chicago 

Bertram D. Lewm 



M. W, Peck 

Boston 



Harald Schjeldernp 

Oslo 



Alfliild Tamm 

Stockholm 



Edouard Pichon 

Paris 

Edoardo Weiss 
Rom 



New York 

Philipp Sarasin 

Bssel 

Y. K. Yabe 

Tokio 



redigiert von 
Edward Bibring Heinz Hartmann 



Wien 



Wien 



Sigm. Freud Die endliche und die unendliche Analyse 

Ernest Jones Die Zukunft der Psychoanalyse 

Paul Federn Die leitungslose Funktion im Zentralnerven* 

System 

Melanie Klein Zur Psychogenese der manisch-depressiven Zu* 

stände 

Theodor Reik Der Angstangriff 

Paul Schilder Sich* Anklammern und Gleichgewicht 

Referate