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Full text of "Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse und Imago XXVI 1941 Heft 1"

Internationale Zeitschrift 

für Psychoanalyse 

und Imago 

Offizielles Organ der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

Begründet von 

Sigm. Freud 



Unter Mitwirkung 


von 




S. G. Biddle G. Böse A. A. Brill 

Philidelwli'n CekulLa Nfw Ynrk 


Helene Deutsch 

Uoslon 


M. Eitiugon 

f^usalem 


F. Fromm-Reichmann I. HoUös Ernest Jones 

WaehlnEli-pn—Hallimoic Hudapesl London 


J- 


"W. Kannabich 


Robert P. Knight 

Tnpeka 


David M. Levy K, Marui George J. Mohr 

New Vnili Sendil CdicaKO 




S. J. R. de Monchy 

Kailerd.1111 


Charles Odier 

Paris 


Philipp Sarasin H. K. Schjeldenip Ad. Stem 

Basel U=lL >en- Vork 




A. Tamm 


Y. K. Yabe 

Toliic. 


herausgegeben v 


n 






Anna Freud 








redigier: von 








Edward Bibring Heinz Hartmann 

Ernst Kris Robert 


Wilhelm Hoffer 

Lonaüii 

Waelder 

ij Qstan 


XXVI. Band 1941 









KRAUS REPRINT 

Nendel n/Liechtenstein 

1969 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Reprinted by pennission of Sigmund Freud Copyrights Ltd., London 

KRAUS REPRINT 

A Division of 

KRAUS-THOMSON ORGANIZATION LIMITED 

Nendeln/Lieditenstein 

1969 



Printed in Germany 



I 

L 



Internationale Zeitschrift 

für Psychoanalyse 

und Imago 



XXVI. BAND 



Begründet von Sigm. Freud 



1941 



Heftl 



Nachts. 



Ein Jugendbrier 

von 

Sigm. Freud 



Wien. 16. Juni 1873. 



Lieber Freund! 

Wenn ich mich nicht scheute, das nichtswürdigste Witzwort unseres witzelnden 
Jahrhunderts auszuschreiben, dürfte ich billig sagen: ,,Die Matura ist tot, es lebe 
die Matura." Aber der Witz gefäUt mir so wenig, dass ich lieber wollte, die zweite 
Matura wäre auch schon vorbei. Eine Woche nach der Schriftlichen Prüfung habe 
ich unter heimlichen Gewissensbissen und Herzdrücken verschleudert und be- 
finde mich seit gestern auf dem Wege, den Verlust einzubringen und tausend 
Lücken von Alters her zu verstopfen. Sie wollten freilich nie etwas davon hören, 
wenn ich mich der Faulheit beschuldigte, ich aber empfinde, es ist etwas daran 
und weiss das besser. 

Ihre Neugierde von der Matura zu hören, muss sich mit kalten Speisen be- 
scheiden, weil sie zu spät nach geschehener Mahlzeit kommt; eine pathetische 
Beschreibung all des Hoffens. Schwankens, der Bestürzung, Erheiterung, der 

1) Die Redaktion veröfFenilicht diesen Brief des 17jährigen Freud, den der Adrcssa: mehr 
als 60 Falire nach EmpfanE der Familie zur VeifüRurg gestellt hat. 



Sigm. Freud 



Lichter, die einem plötzlich aufgehen und der unerklärlichen Glücksfälle, die man 
sich „unter Collegen" erzählt, kann ich Ihnen leider nicht mehr liefern; dazu hat 
die Schriftliche bereits viel zu wenig Interesse für mich. Resultate will ich Ihnen 
vorenthalten, dass ich bald Glück, bald Unglück hatte, versteht sich; bei so wich- 
tigen Anlässen hat stets die gütige Vorsehung und der boshafte Zufall die Hand im 
Spiel. Solche Ereignisse scheiden sich vom gewöhnlichen Lauf der Dinge. Kurzum, 
da ich Sie doch nicht auf etwas so Reizloses gespannt wissen will, in den 5 Arbeiten 
erhielt ich die Noten ausgezeichnet, lobenswert, lobenswert, 
lobenswert, befriedigend. Ärgerlich wars genug. In Latein bekamen 
wir eine Stelle aus Virgil, die ich zufällig vor längerer Zeit privat gelesen hatte, das 
verleitete mich, rasch in der Hälfte der dazu bestimmten Zeit zu arbeiten und 
mir das Vorzüglich zu verscherzen. Ein anderer hat also hier vorzüglich, ich selbst 
die zweite Arbeit mit lobenswert. Die Deutsch-Lateinische Übersetzung schien 
sehr leicht, in dieser Leichtigkeit lag ihre Schwierigkeit, wir verwandten nur den 
dritten Teil der Zeit darauf, in Folge dessen missglückte sie schmälilich, also; 
befriedigend. Zwei andere brachten es auf lobenswert. Die Griechische Arbeit, 
für die eine 33 Verse lange Stelle aus dem König ödipus vorlag, gelang besser, 
lobenswert, das einzige; ich hatte die Stelle ebenfalls für mich gelesen und kein 
Geheimnis daraus gemacht. Die mathematische Arbeit, an die wir mit Zittern 
und Beben gegangen waren, glückte vollständig, ich schrieb lobenswert 
hin, weil ich die genaue Note noch nicht kenne. Mit Ausgezeichnet endhch stem- 
pelte man mir die deutsche Arbeit. Es war ein hoch sittliches Thema ,,Über die 
Rücksichten bei der Wahl des Berufes" und ich schrieb ungefähr dasselbe hin, 
das ich vor 2 Wochen an Sie geschrieben hatte, ohne dass Sie mir dafür ein 
Ausgezeichnet bestätigt hätten. Mein Professor sagte mir zugleich, und er ist der 
erste Mensch, der sich untersteht, mir das zu sagen, — dass ich das hätte, was 
Herder so schön einen idiotischen Styl nennt, d.i. einen Styl, der 
zugleich correct und charakteristisch ist. Ich habe mich über die unglaubliche 
Tatsache gebührlich verwundert und versäume es nicht, das glückliche Ereignis, 
das erste in seiner Art, so weit als möglich zu verschicken. An Sie z.B. der Sie 
bis jetzt wohl auch nicht gemerkt haben, dass Sie mii einem deutschen Stylisten 
Briele tauschen. Nun aber rate ich Ihnen, als Freund, nicht als Interessent, — 
bewahren Sie auf — binden Sie zusammen — hüten Sie wohl — man kann nicht 
wissen. 



F.in Jugendbrief 



Dies, lieber Freund, war meine schriftliche Matura. Wünschen Sie mir grössere 
Ziele und reinere Erfolge und stärkere Nebenbuhler und ernsteren Eifer; was 
sich mir nicht alles wünschen hesse, ohne dass es eine Haarbreit besser würde. 
Ob die Matura leicht oder schwer war, kann ich im Allgemeinen nicht entscheiden; 
nehmen Sie an, sie war gemütlich. 

In der Ausstellung war ich bereits zweimal. Schön, aber mich hat es nicht be- 
täubt und entzückt. Vieles, das anderen gefallen muss, findet in meinen Augen 
keine Gnade, weil ich weder dies noch jenes, überhaupt nichts gründlich bin. Es 
fesselten mich also bloss Kunstgegenstände und allgemeine Effekte. Ein grosses 
zusammenhängendes Bild des menschlichen Treibens, wie's die Blätter sehen 
wollen, finde ich nicht, ebensowenig als ich aus einem Herbarium die Züge einer 
Landschaft herausfinden kann. Es ist im Ganzen ein Schaustück für die geistreiche, 
schönselige und gedankenlose Welt, die sie auch zumeist besucht. Nach meiner 
„Marter" (so richten wir unter uns den Namen Matura zu) gedenke ich Tag für 
Tag hinzugehen. Es ist unterhaltend und zerstreuend. Man kann dort auch 
prächtig allein sein in all dem Getümmel. 

Ich schreibe Ihnen das natürlich in rein boshafter Absicht, um Sie zu erinnern, 
wie wenig es feststeht, wann Sie diese Herrlichkeiten zu sehen bekommen und 
wie schmerzlich Ihnen der Abschied sein muss, wenn es doch bald dazu kommt. 
Kann ich mich doch in Ihre Stimmung hineindenken. Die schöne Heimat zu ver- 
lassen, teure Angehörige, — die schönste Umgebung, — Ruinen in der nächsten 
Nähe, — ich will abbrechen, sonst werde ich ebenso traurig als Sie, — Sie wissen 
doch am besten, was Sie verlassen müssen! Ich wette, Sie hätten nichts dagegen, 
wenn es Ihrem künftigen Chef erst in einem Monat einfallen sollte, Sie Ihren 
heimatlichen Freuden zu entreissen. Ach, warum sind Sie ein prosaischer Jude. 
Erail? Handwerksbursche von christlich germanischer Innigkeit haben in ähn- 
lichen Lagen die schönsten Lieder gedichtet. 

Meine „Besorgnisse für die Zukunft" nehmen Sie zu leicht. Wer sich nur vor 
Mittelmässigkeit fürchtet, ist schon geborgen, trösten Sie mich. Wovor geborgen, 
muss ich fragen; doch nicht geborgen und versichert, dass er's nicht ist? Was 
verschlägt's, ob Sie etwas fürchten oder nicht? Ist nicht die Hauptsache, ob es so 
wahr ist, wie wir's fürchten? Wohl wahr, dass auch stärkere Geister vom Zweifel 
an sich selbst ergriffen werden; ist darum jeder, der sein Verdienst in Zweifel 
zieht, ein starker Geist? Er kann ein Schwächling an Geist sein, nur ein ehrlicher 



8 Sigm. Freud 



Mann dabei, aus Erziehung, Gewohnheit oder gar aus Selbstqual. Ich will Sie 
nicht auffordern, wenn Sie in irgendwelche zweifebde Lage kommen, Ihre Emp- 
findungen unbarmherzig zu zergliedern, aber wenn Sie es tun, werden Sie sehen, 
wie wenig Sie sicher an sich haben. Die Grossartigkeit der Welt beruht ja auf 
dieser Mannigfaltigkeit der Möglichkeiten, nur ist's leider kein fester Grund für 
unsere Selbsterkenntnis. 

Wenn Sie mich nicht verstehen sollten (denn ich denke mit einer gewissen 
schlaftrunkenen Philosophie), so lassen Sie meine Gedanken nur laufen. Ich 
konnte leider tagsüber nicht schreiben, nach 23 Tagen kommt jener Tag, der 
Tage längster, an dem usw. Da ich in der kurzen Zeit die Gelehrsamkeit mit dem 
grossen Löffel schöpfen soll, bleibt mir keine Möglichkeit, gemeinverständliche 
Briefe zu schreiben. Ich tröste mich, dass ich sie doch keinem gemeinen Ver- 
stände schreibe, und verbleibe in allen möglichen Erwartungen 

Ihr Sigmund Freud. 



Die psychoanalytische Deutung des 
Kulturbegriffs 

vcm 

Geza Röheim 

New York 

1. Die Urhorde 

Die erste psychoanalytische Deutung der Kultur, als Ganzes betrachtet, hat 
Freud in „Totem und Tabu" gegeben. Nach der Ermordung des Urvaters 
haben sich die Söhne der Urhorde mit ihm identifiziert und eben die Dinge sich 
versagt, die er ihnen zu tun verboten hatte. So wurde der „nachträgliche Gehor- 
sam" der siegreichen Söhne zur Grundlage der Gesellschaft und der Kultur.' 
Eine stillschweigende Voraussetzung dieser Theorie ist die Annahme eines kollek- 
tiven Unbewussten. Wenn wir uns diese Annahme zu eigen machen, so sind wir 
berechtigt, Gruppenhandlungen aufeinander folgender Generationen so zu 
deuten, als ob sie Tätigkeiten ein und desselben Individuums wären. Ist es wahr- 
scheinlich, dass die Menschheit jemals in dem als „zyklopische Familie"'' bezeich- 
neten Typus der Gesellschaftsordnung gelebt hat? Seit dem Erscheinen von 
„Totem und Tabu" haben wir neue Bestätigungen erhalten, die das Leben der 
höheren Affenarten und der Menschenaffen betreffen, und wir wissen, dass das, 
was als „Dominanz-Typus" der Gesellschaft beschrieben worden ist,= sehr viel 
Ähnlichkeit mit dem Bilde aufweist, das uns von „Totem und Tabu" her vertraut 
ist. Femer finden wir in vielen Mythen primitiver Völker gewisse Züge, die stark 
für die „Urhorden"-Auffassung (zum Unterschied von der reinen „Ödipus"- 
Auffassung) sprechen. * 

Wir sehen einen gewissen radikalen Kontrast zwischen den siegreichen Brüdern 
(Söhnen) und dem Vater; dieser kann als übernatürliches Wesen, als Tier oder 
als Dämon erscheinen; nur die jungen Helden der Geschichte sind menschlich 
im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Freuds Annahme einer grundlegenden 
Verschiedenheit zwischen der psychologischen Haltung des Urvaters und der 
jungen Männer^ kann als Erklärung dafür dienen. In diesen Mythen finden wir 
einen einzelnen Menschen und nicht eine Gruppe, und wir sehen, dass er an den 



1) Freud: Totem und Tabu. 1913. (Gcs.W., Bd. IX.) 

2) A. l.ang and T. T. Atkinson: Social Origins and Primal Law. 1903. 

3) S. Zuckennan: The Social Life of Apes and Monkeys. 1932. 

4) G. Röheim: T^e Riddle of the Sphinx. 1934. S.17S. 

5i Freud: Massenpsychologie und Ich-Analyse. Gee. W., Bd. XIII, S.151. 



1 



10 Geza Röheim 



Anfang der Menschheitsentwicklung gestellt wird. Gesellschaftliche Einrichtungen 
und menschliche Kultur haben ihre Wurzel in dem tragischen Ereignis, so wie es 
in „Totem und Tabu" beschrieben ist. 

Wir wollen vorläufig einmal annehmen, dass die Menschheit oder die Vorläufer 
der Menschheit tatsächlich in dem Dominanz- oder Urhordentypus der sozialen 
Organisation gelebt haben; denn was das von dem Menschenaffen geheferte Be- 
weismaterial anlangt, so gibt es auch andere Beobachter, die monogame Familien- 
formen beschreiben,^ und was die Mythen betrifft, so ist es ganz gut möglich, sie 
als auf dem Ödipuskomplex basierend und in die Vergangenheit projiziert zu er- 
klären — mit anderen Worten: es besteht keine Notwendigkeit, sie als Dokumen- 
tierung einer Phylogenese aufzufassen, sie können auch einen Versuch darstellen, 
die Phylogenese nach den Grundsätzen der Ontogenese zu erklären. ■ 

Wenn wir nun aber von der Annahme einer Urhordenperiode in der Vergangen- 
heit ausgehen, so ist die nächste Schwierigkeit, auf die wir stossen, eine Erklärung 
dafür zu finden, wie eine solche Periode in traditionellen Formen fort- 
leben konnte. Wenn wir ein kollektives Unbewusstes annehmen, so sind wir 
dieser Schwierigkeit enthoben. Aber gegen diese Annahme sprechen gewichtige 
Gründe. Es ist etwas ganz anderes, die Vererblichkeit von Anlagen zuzugeben, als 
eine latente Erinnerung an ein Ereignis oder sogar an eine Reihe von Ereignissen 
aus grauer Vorzeit anzunehmen. 

Versuchen wir nun, ohne diese Voraussetzung auszukommen, so gibt es zwei 
Möglichkeiten, das Fortleben der Urhordentragödie aus der vormenschlichen Zeit 
bis in die menschliche hinein zu erklären. Ich bin für beide Möglichkeiten einge- 
treten. In der von Zuckerman beschriebenen Pavianhorde gibt es wirkliche 
Schlachten um die Führerschaft innerhalb der Horde, sobald der „Oberherr" 
die ersten Anzeichen abnehmender Kraft oder Potenz verrät. Daneben gibt es 
aber auch noch Scheinkämpfe, die gleichfalls die charakteristischen Züge der 
echten Kämpfe aufweisen. Kaum ein Tag vergeht ohne einen Aufruhr bei den 
jungen Männchen. Es fängt gewöhnlich so an, dass ein Tier eine drohende Haltung 
einnimmt, das Maul aufsperrt und die Zähne fletscht. Die Aufregung verbreitet 
sich unter allen Tieren der Gruppe. Der Tumult wird allgemein und greift auch 
auf die Gruppen der verheirateten Tiere über. „Das aggressivere Tier scheint 
unbekümmert durch die Zunahme der Feinde, die es gegen sich aufgebracht hat, 
und so entwickelt ein Paviankampf seinen ganz besonderen Charakter: ein 
einzelnes Tier verteidigt sich gegen eine Gruppe. 
Gewöhnlich weicht die Gruppe zurück, sooft das Einzeltier vorgeht."' Die Schein- 

6) Vgl, auch R. Linton: The Study of Man. 1936. S.140. 

7) S. Zuckerman; The Social Life of Apes and Monkeys. 1932. S.228 und 2S0. 



Die psychoanalytische Deutung des Kulturbegriffs 11 



kämpfe sind wahrscheiülich Abreaktionen der wahren Tragödie der Urhorde, 
spielerische Wiederholungen, die ihren Ursprung durch das formale Element 
verraten (einer gegen viele). Wir können sie als Mittelding zwischen wirklicher 
Wiederholung und Wiederholung im Drama ansehen. Das zentralaustralische 
Ritual, wie es heute ausgeführt wird, gibt sich als eine Wiederholung nicht der 
von den Vorfahren ausgefochtenen Sexualkämpfe, sondern der von diesen Vorfah- 
ren ausgeführten Riten. Möglicherweise sind diese Scheinkämpfe ein Überbleibsel 
nach dem Verschwinden der wirklichen Urhordenschlachten und sind von einer 
Generation zur anderen durch Nachahmung traditionell überliefert worden, noch 
vor der Entstehung der menschlichen Sprache. 

Der Mythus berichtet uns von Schauspielen der Urväter, nicht von krasser 
Wirklichkeit. Für die heranwachsende Generation hatten diese traditionellen 
dramatischen Vorstellungen einen funktionalen Wert, nämlich als eine vergesell- 
schaftete Sublimierung ihres eigenen, ontogenetisch entstandenen Ödipuskom- 
plexes.* 

Die andere Lösung setzt voraus, dass die für die Urhorde typische Organi- 
sation ein Charakteristikum der menschlichen Vorgeschichte gewesen sie, nicht 
aber fonsetorigoder menschlichen Kultur im allgemeinen. In diesem Fall 
hat vielleicht die periodische Tötung des Führers in irgendeiner abgeschwächten 
Form unter menschlichen Zuständen fortgelebt, und der Mythus könnte der 
Bericht über eines dieser späteren Ereignisse sein.^ ,,Wir wissen tatsächlich, dass 
primitive Könige Inzest begehen und am Ende emer bestimmten Periode in ritu- 
eller Weise getötet werden. Kein Baja-König darf länger als 14 Jahre leben; sein 
Sohn und Nachfolger ist zugleich sein Mörder."^" 

2. Die ontogenetjsche Theorie der Kultur 

Die Theorie eines kollektiven Unbewiassten wäre eine Annahme, zu der wir 
uns gezwungen sehen könnten, wenn wir keine andere Möglichkeit hätten, das 
Phänomen der menschlichen Kultur zu erklären. Ich bin jedoch der Meinung, 
dass die Psychoanalyse noch einen anderen Beitrag zu dieser Frage zu leisten 
imstande ist, und dieser zweite Vorschlag scheint mir zuverlässiger und sein 
Nachweis leichter. Diese zweite Annahme besteht darin, dass die charakteristi- 
schen Züge des Menschengeschlechtes in derselben Weise entwickelt worden 
sind, wie sie heute in jedem einzelnen Menschen als Sublimierung oder als Reak- 
tionsbildung auf Kindheitskonflikte entstehen. Dies habe ich die ontogenetische 
Kulturtheorie genannt. Ich habe eine Gesellschaft gefunden, in der das Kind 

8) R<Shcim: The Riddle of the Sphinx. S.234f. 

9) Röhdm; Primitive High Gods. The Psychoanalytir Quarterly, Bd. IIl, S.123. 
101 Röheim; Animism, Magic and the Divine King. S.2S4. 



1 Vol. 26 



12 Geza Röheim 



einem libidinösen Trauma von Seiten der Mutter ausgesetzt war, und ich habe 
dargelegt, dass diese vorwiegend männliche Gesellschaft auf der Verdrängung 
dieses Traumas beruhte. Desgleichen habe ich gezeigt, dass in einer mutterrecht- 
lichen Gesellschaft das libidinöse Trauma darin besteht, dass der Vater spielerisch 
die Genitalien des Kindes zu fressen droht, und dass dieser Gesellschaft die Fiktion 
zugrunde lag, es gebe keine Väter. 

Wenn wir uns einige bedeutsame Stellen in Freuds Schriften ins Gedächt- 
nis zurückrufen, so sehen wir, dass auch Freud dieser zweiten Auffassung der 
Kuhur huldigt.^* Besteht Kultur in der Gesamtheit aller unserer Anstrengungen, 
durch die wir es vermeiden wollen, unglücklich zu sein, so läuft das auf eine in- 
dividualistische und, vom psychoanalytischen Standpunkt aus, ontogenetische 
Kulturerklärung hinaus. Wenn die Kultur auf dem Verzicht auf Triebbefriedi- 
gung beruht, so heisst das, dass das Über-Ich ihre Grundlage ist und dass sie also 
auch durch den Umstand zu erklären ist. dass wir ein Über-Ich entwickeln.** 

Oder, wenn wir Freuds Aufsätze betrachten, in denen er nicht die Kultur 
als Ganzes sondern gewisse Kulturfaktoren erklärt, so finden wir, dass diese 
Deutungen individualistisch und psychologisch^^ und nicht auf der Annahme 
einer Phylogenese aufgebaut sind. Berücksichtigen wir schliesslich die von Melanie 
Klein und die im allgemeinen von ihrer Schule gegebenen Deutungen, so tritt 
deutlich hervor, dass alle diese Deutungen der individuellen Entwicklung auch 
eine Deutung der menschlichen Kultur als auf der Kindheitssituation basierend 
in sich einschliessen. Wenn z.B. Melanie Klein den Symbolismus als notwendige 
Folge der aggressiven Regungen während der Kindheit einerseits und der gegen 
diese Regungen mobilisierten Mechanismen andererseits ansieht, und auch als 
die Grundelemente in den Beziehungen des Subjekts zur Aussenwelt und in der 
Sublimierung, so impliziert das eine Erklärung der Kultur in Begriffen der Kind- 
heitssituation. ^' Wenn Dämonen als Projektionen des Über-Ichs erklärt werden, 
die Funktionen eines Medizinmanns durch die Annahme, dass ein äusseres Objekt 
gegen ein introjiziertes Objekt zu Hilfe gerufen wird, oder wenn Intro- oder 
Extroversion in einem Einzelwesen oder einer Gruppe auf die Flucht vor einem 
inneren oder äusseren Objekt zurückzuführen sind, so sind diese und viele andere 
Erklärungen sichtlich auf die Kindheitssituation gegründet.** 

1 1) G. Röheim; Psych oanalysis of Primitive Cultural Types. Int. Joum. of Psa., Bd. XlII. 

12) Freud; Das Unbehagen in der Kultur. 

n)Vgl. z.B.: Das Tabu der Virginicät. Ges. W,, Bd. XII., Eine Teufelsneurose im 17. Jahr- 
hundert. Imago, Bd. IX (1923) (Ges. W., Bd. Xni.S.317). Das Motiv der Kaslchenwahl. Ges. W., 
Bd. X. 

14) Vgl. M. Klein; The Importance of Symbol Formation in the Development of the Ego. Int. 
Joum. of Psa., 1930. S.26. 

15) M. Schmideberg: Psychotische Mechanismen in der Kulturentwicklung. Int. Ztschr. f. Pbi., 
Bd. XI(1930), 5.389.391,414. 



* 



Die psychoanalytische Deutung des Kulturbegriffs 13 

3. Die Verlängerung der Kindheit 

Im vorangehenden Abschnitt habe ich zwei Deutungsarten behandelt, die als 
voneinander wesentHch verschieden anzusehen sind. Man könnte einwenden 
dass die psychoanalytische Deutung von Dichtung, Kunst oder Magie et^^■as an- 
deres ist als der Versuch der Deutung einer spezifischen Kultur auf der Grundlage 
einer spezifischen Kindheitssituation. Mir scheint, die Unterscheidung ist nur 
oberflächlich; wenn wir Leonardo da Vincis Kunstwerke und wissenschaftliche 
Leistungen aus seiner Kindheitssituation ableiten können, '^ so ist das dieselbe 
Art von Erklärung wie in unserem Versuch, zentralaustralische Riten von den 
Gebräuchen zenlralaustrali scher Mütter und den Erlebnissen zentralaustralischer 
Kinder abzuleiten. Die meisten Anthropologen werden wohl zugeben, dass irgend 
eine Wechselbeziehung zwischen Kindheitserfahrungen und Kultur bestehen 
muss, aber sie könnten dazu neigen, die Auffassung von Ursache und Wirkung 
umzukehren und zu behaupten, dass diese oder jene Art von Kultur unter anderem 
auch die Besonderheit der Kindheitserlebnisse bestimmt. Natürlich ist es ganz 
zutreffend, dass die Kindheit eines Menschen für sein Verhalten als Erwachsener 
bestimmend sein wird, aber andererseits sind wiederum diese Kindheitserlebnisse 
von dem Benehmen anderer Erwachsener, des Vaters und der Mutter des Kindese 
bestimmt. Wenn wir einen Schritt weiter gehen und wieder das, was die Eltern 
getan haben, aus ihrer Kindheit heraus deuten, so sehen wir, dass wir uns in einem 
circulus vitiosus bewegen und vor der alten Frage stehen; Was war 
früher da, die Henne oder das Ei? 

Das Wort „Kultur" wird in der vorliegenden Arbeit in seiner allerweitesten 
Bedeutung gebraucht; es steht für alle die Merkmale, die den Menschen von 
seinen tierischen Brüdern unterscheiden. Wenn es uns gelingt, in der biologischen 
Ausstattung des Menschengeschlechts eine charakteristische Eigentümlichkeit 
zu entdecken, die auch in der Kindheitssituation eine Abänderung darstellt und 
nicht von kultureller Tradition abhängig ist, dann werden wir wohl einen Schlüssel 
gefunden haben, der uns viele Türen öffnet. Der Gedanke, dass die Verlängerung 
der Kindheit das entscheidende Merkmal in der menschlichen Entwicklung sei, 
ist nicht neu; viele verschiedene Vorschläge sind gemacht worden zur Erklärung 
der Art und Weise, in der die Verlängerung der Kindheit die Entwicklung des 
Menschen bestimmt haben körmte. Herbert Spencer erklärt die Mutterliebe 
als eine Variation von besonderem Nutzen für eine Spezies, deren charakteri- 
stisches Merkmal die längere Dauer der Hilflosigkeit des Kindes ist;^' W e s t e r - 
m a r c k erklärt das Andauern der ehelichen Bindung bei den Menschen auf 
derselben Grundlage.»* Dass der Mensch den Aff'en dadurch überflügelt hat. dass 

16) Freud; Eine Kindhdtserinnerung des I^eonardo da Vinci. Ges. W., Bd. VIII. 

17) H. Spencer: Principles of Psychology, Bd. 11, S.623. 

IS) Ed. WeBtcmiarck: The Origin and the Development of the Moral [deas. 1908. Bd. II, S.I9]. 



I 



14 Gesa Röheim 



er imstande ist, seine Erfahrung der nächsten Generation weiterzugeben, ist 
evident,^* und die verlängerte Kindheit bildet eine notwendige Voraussetzung 
für das Zustandekommen von Tradition. Brif fault hat die Wichtigkeit 
unserer lang anhaltenden Unreife nachdrücklich betont Dr. Below sagt, 
er habe beobachtet, dass unter den Lebewesen, die ihre Jungen in einem Zustand 
der Hilflosigkeit zur Welt bringen, wie der Mensch, der Hund, die Katze, die 
Ratte, die Maus und das Kaninchen, die Ganglienzellen zur Zeit der Geburt 
und auch noch eine Weile später unvollständig entwickelt sind, wohingegen 
Pferd, Kalb, Schaf und Meerschweinchen schon fast durchgängig in den frühen 
Abschnitten des fötalen Lebens und ausnahmslos direkt vor der Geburt in allen 
Gehirnteilen ein vollständig entwickeltes Gangliensystem aufweisen.^" Dieser 
unvollständige Entwicklungszustand ist beim menschlichen Säugling noch viel 
ausgeprägter als bei irgendeinem Tierjungen. "-^ ,,Die Verzögerung in der Wachs- 
tumsgeschwindigkeit, der Eintritt des jungen Säugetiers in die Welt als ein 
hilflosi s Wesen vor seiner vollen Entwicklung macht also, was seine anatomische 
Struktur betrifft, nur den geringen Unterschied aus, der von jenen mikroskopisch 
kleinen Fasern in der Hirnsubstanz dargestellt wird. Doch von diesen kaum 
wahrnehmbaren Spinngeweben hängt eine neue Welt des Seins ab. Wären die 
Verbindungen, die sie bewirken, schon in der dunklen Abgeschlossenheit des 
Mutterleibs völlig ausgebildet, so wäre das neugeborene Wesen fast so gut für 
das Leben ausgestattet wie sein Vater oder seine Mutter; es könnte auf sich acht- 
geben, sich mit Nahrung versorgen, ja einen Mann im Wettlauf besiegen." Im 
Verhältnis zu seiner Vollkommenheit, „im Verhältnis zur biologischen Ausbildung 
seines Nervengewebes ist es festgelegt, starr und unwandelbar." Wenn hingegen 
die Verbindung zwischen den ererbten Entwicklungsrichtungen und der Um- 
gebung nicht vor der Geburt vollständig festgelegt ist, so entsteht ein Wesen, in 
dem der Instinkt durch die Erziehung ersetzt wird.^^ Daraus folgt, dass im 
gleichen Verhältnis, wie der Zustand der Unreife beim Jungen verlängert ist, das 
Säugetier in bezug auf Intelligenz, auf die Fähigkeit, aus Erfahrungen zu lernen 
und sich durch die Modifikation seines Verhaltens anzupassen, höher steht.'= 
Unsere Realitätsanpassung ist also durch unseren verzögerten Reifungsvorgang 
bedingt, insofern sich dieser Vorgang in der Gehirnstruktur manifestiert. Ein 



19) R, Linton erklärt die Gruppenbildung auf der gleichen GJ-undlage. (R. Linton: The 
Study of Man. 1936. S.141.) 

20) H. Belo-w: Die Gan(.'iierizel!en des Gehirns bei verschiedenen neugeborenen Tieren, Archiv 
für Anatomie und l'hyKioloüie (Physiologie Abteilung), 188S, S.158. 

21) R. BrilTauh: The Mothers. Bd. 1. S.102. 
221 R. Briffault, a.a.O. S,103. 

23) H. Briffault, a.a.O. S.IO+. Vgl. auch F. H. Allen: The Dilemma fjf Growth. Archiv« oi 
Neurology and Psychiacry. Bd. XXXVII (1937), S.8.':9. 



Die psychoanalytische Deutung des Kidturbegnffs 15 

anderer Gesichtspunkt, unter dem unsere verlängerte Kindheit als Grundelement 
zur Erklärung unserer Realitätsanpassung anzusehen ist, ist von B a 1 1 y vorge- 
bracht worden: „Der motorische Ablauf innerhalb des Beutekreises weist bei 
niederen Tieren eine starre Form auf. Bei allen Tieren, die eine längere, von den 
Eltern betreute Jugend durchmachen, wird das Variationsprinzip in den Hand- 
lungen sichtbar. Die elterliche Motorik bedeutet, dass die Eltern ihre Motorik 
in den Dienst der oralen Befriedigung und der Feindesabwehr stellen. Die Motorik 
der Jungen ist aber phylogenetisch gegeben, sie wird zu einer freischwebenden, 
objektlosen Motorik bzw. zu einer Motorik mit Ersatzobjekten, und so entsteht 
das Spiel."'^* Da die oralen Bedürfnisse von den Eitern befriedigt werden, kann 
das junge Tier oder vormenschhche Wesen seine Besetzungen von dem rein 
praktischen Ziel des Essens abziehen zugunsten von spielerischer Beobachtung, 
Erfassung und Introjektion seiner Umgebung; und das ist es wohl, was K. G r o o s 
als den , .Übungswert" unserer Spieltätigkeit bezeichnet hat. Hier wird uns ein 
Grund an die Hand gegeben, aus dem wir das Realitätsprinzip, das ist die Fähig- 
keit, Aufschub zu ertragen, als auf dem Lustwert des Spieles basierend auffassen 
dürfen. Ein bedeutender Unterschied zwischen Mensch und Tier ergibt sich aus 
der Verzögerung unseres Zahnens und dem späten Auftreten der Fortbewegungs- 
funktion. Während alle Tiere direkt von der Muttermilch zur Erwachsenen- 
Ernährung übergehen, macht die späte Dentition bei den menschlichen Kindern 
die Einschaltung einer Zwischenperiode notwendig, in der sie Nahrung von 
milchähnlicher Konsistenz und Beschaffenheit erhalten.-^ Auf diese Weise wird 
eine relative Unabhängigkeit der Bewegungsreaktion für die Nahrungsbeschaffung 
entwickelt, und diese unabhängige Spieltätigkeit ist die Grundlage unserer 
Kultur. Die höheren Affen sind zu einer Art von Probehand lungen befähigt, 
die nicht starr auf das Ziel gerichtet ist. Und das Denken ist eine abgeschwächte 
Probehandlung. *' 

Wenn wir B o 1 k s Darlegungen folgen, so sehen wir eine andere Stufenleiter, 
die vom tierischen zum menschlichen Leben lührt. Bolk ist zu der Überzeugung 
gelangt, dass strukturelle Eigentümlichkeiten oder Relationen, die sich bei anderen 
Primaten nur vorübergehend zeigen, bei der menschlichen Rasse infolge ver- 
langsamter Entwicklung stabilisiert worden sind.^' Bolk schreibt die Verlang- 
samung unseres Wachstums dem innersekretorischen Drüsensystem zu, gewissen 



2'4-) G. Bally: Die frühkindliche MoloHk im Vergleich mit der Motorik der Tiere. Imaj^o, Bd. 
XIX, S.343. 

25) Bei primitiven Völkern vtrhalt sich das anders. Die Zeit des Saugens ist liel ISnger und die 
erwähnte Übergangzeit von geringerer Bedeutung. 

26) G. Bally, a.a.O., S.3S7. 

27) L. Bolk: Das Problem der Menschwerdung. 1926, S.7. 



16 Gesa Roheim 



hormonalen Produkten, die den Reifungsprozess hemmen. Unsere Schwierig- 
keiten stammen nicht nur aus dem längeren Kindheitszustand der Spezies, son- 
dern auch aus der Diskrepanz der Entwicklung von Soma und Germa. Das Soreia 
ist gegenüber dem Germa relativ retardiert; das besagt, dass die Menschen Wesen 
mit relativ verlängerter Kindheit sind (im Vergleich mit der gesamten Lebens- 
dauer) und eine relativ vorzeitige Sexualentwicklung haben. Ganz deutlich 
haben wir hier die biologische Begründung für die frühe Objektbeziehung, für 
den Ödipuskomplex. Das Band zwischen Kind und Mutter ist von längerem Be- 
stand als bei irgend einer anderen Tierart, und der Sexualimpuls hat ein beträcht- 
liches Mass an Objektgerichtetheit schon zu einer Zeit erlangt, in der das einzig« 
verfügbare Objekt die Mutter ist. Andererseits ist es auch leicht verständlich, 
warum ein relativ unentwickeltes Soma die Bildung von Abwehrmechanismen 
erfordert," d.h. die Bildung eines Ich als eines überorganischen Soma zum 
Schutze gegen eine vorzeitige Libidoüberschwemmung.^* Unsere relative Un- 
fertigkeit würde deshalb den traumatischen Charakter unserer frühzeitigen 
Sexualerfahrung erklären, und dieser Zug in der menschlichen Entwicklung ist es, 
den ich in meinem Buch „Das Rätsel der Sphinx" verfolgt habe." 

Wir wissen, dass Freud gezeigt hat, dass die menschliche Natur durch drei 
Faktoren bestimmt wird; der biologische Faktor besteht in der relativen Hilflosig- 
keit des Neugeborenen, der phylogenetische im Bruch in der Entwicklung des 
menschlichen Sexuallebens, der psychologische endlich in der Diflferenzierung 
unserer psychischen Struktur.^' Der zweite Faktor, der phylogenetische, ist ein 
Sonderfall des ersten, während der dritte auch als eine Folge unserer relativen 
Unreife anzusehen ist. Das läuft auf die Feststellung hinaus, dass die menschliche 
Natur im allgemeinen, oder — was dasselbe besagt — dass die Kultur eine 
Folge unserer verlängerten Kindheit ist. 

Wenn, wie Freud gezeigt hat, die Neurose ein Archaismus oder Infantilismus 
ist" und die Zwangsneurose nichts als ein gesteigerter Fall der normalen Uber- 
Ich-Bildung während der Latenzzeit, '^ so läuft das auf die Feststellung hinaus, 
dass die Neurose nur eine übersteigerte Form der Kultur ist^* und dass die mensch- 

28) Vgl. H. M. French: Defence and Synthesis in thc Function of the Ego, Psa. Quarterly, Bd. 
VII (1938), S.S47: „Wir haben Ursache zu glauben, dass der Ödipuskomplex und die aus ihm 
erwachsene Kastrationsfurcht ihrerseits Folgen der Tatsache sind, dass die Kindheit beim Men- 
schen so lange ausgedehnt ist." 

29) Vgl. Anna Freud; Das Ich und die Abwehrmechanismen. 

30) G. Röheitn: The Riddle of thc Sphinx. 1934. 

31) Freud; Hemmung, Symptom und Angst. 1926. 

32) Freud, a.a.O. 

33) Freud, a.a.O. 

34) G. Räieim: Thc Riddle of the Sphinx. 1934. 



Die psychoanalytische Deuturig des Kulturbegriffs 17 

liehe Natur zum Unterschied von der tierischen aiif die Konservierung der 
Kindheitssituation gegründet ist. Wenn wir schliesslich die Tatbestände betrach- 
ten, die die Schule Melanie Kleins aufgedeckt hat, und ihren theoretischen 
Gesichtspunkt berücksichtigen, so finden wir wiederum, dass die Verzögerung 
des Reifungsprozesses uns den Schlüssel zum Verständnis des gesamten Systems 
liefert. Denn obgleich Joan R i v i e r e nachdrucklich betont, dass der primäre 
Faktor in der Hilflosigkeit des Kindes seinem thanatos gegenüber zu finden 
sei und die Abhängigkeit von der Mutter nur einen sekundären Faktor darstelle,^* 
so darf man doch wohl fragen, was diese Hilflosigkeit denn anderes bedeutet als 
die Unfähigkeit, auch nur das kleinste Mass von Versagung zu ertragen, was 
wiederum einem Zustand absoluter Abhängigkeit von der Mutter gleichkommt. 
Diese psychologische Erfahrung scheint eine der Eigentümlichkeiten zu sein, die 
der Mensch durch seinen besonderen Entwicklungsprozess ausgebildet hat. Es 
ist dies ein Teil desselben Phänomens wie der im Vergleich zu anderen Tieren 
lang andauernde Zustand körperlicher Hilflosigkeit und Abhängigkeit^ den das. 
menschliche Kind durchzumachen hat. 

Indem wir eine dieser Gedankenreihen verfolgen, erklären wir den Ursprung 
von Abwehrmechanismen gegen libidinöse Strebungen als eine Folge unserer 
retardierten Soma- und relativ vorzeitigen GermaentwickJimg (Bolk und Röheim). 
Dann wiederum sieht es so aus, als ob die Entwicklung unseres Hirns (Briffault) 
imd unserer Fähigkeit, Aufschub zu ertragen (Realitätsprinzip), aus der relativen 
Unreife des jungen Menschenwesens erklärt werden könnte (Bally). Die Trennung 
von Ich und Nicht-Ich, die Mechanismen der Introjektion und der Projektion 
folgen aus der Unfähigkeit des Kleinkindes, mit seiner eigenen Aggression fertig 
zu werden, und aus seiner Abhängigkeit von der Mutter als Beruhigungsquelle 
(M. Klein, J. Riviere). Schliesslich ist die Neurose selbst eine Form von Infanti- 
lismus (Freud) und in gewissem Sinne nur eine Übertreibung der wesentlichen 
Eigenart menschlicher Entwicklung (Freud), 

"Wir dürfen daher zum Schlüsse kommen, dass die Psychoanalyse als Psychologie 
mit einer biologischen Theorie im Einklang steht, welche versuchen würde, die 
menschliche Natur auf der Grundlage einer bestimmten infantilen Situation zu 
erklären. Aber wie kann diese Auffassung uns zu der von uns angenommenen 
Differenzierung der Kulturen auf Grund einer Verschiedenheit in der infantilen 
Situation, d.h. in dem üblichen infantilen Trauma einer bestimmten Menschen- 
gruppe, führen? 

Wenn wir beobachten, dass in einer bestimmten menschlichen Gesellschaft 
die Mutterbrust in einer gewissen Art gereicht oder entzogen wird, oder dass 
Schlafgewohnheiten oder die Art und Weise, wie die Erwachsenen mit Kindern 

35) J. Riviire: Hate, Greed and Aggression. S.9. 



2 Vot. 26 



18 GezaRöhelm 



spielen, bestimmte libidinöse Reaktionen hervorrufen, so wissen wir noch immer 
nicht einwandfrei, wie diese spezifischen Situationen aus dem allgemeinen Tat- 
bestand einer verlängerten Kindheit des Menschen erwachsen sein können. 

Die gleiche Frage kann in jedem individuellen Fall gestellt werden. Warum 
war A einem bestimmten Trauma unterworfen, warum hatte eme bestimmte 
Situation für B traumatische Folgen und für C nicht? Auf solche Fragen ist sehr 
schwer Antwort zu geben — in derartigen Fällen berufen wir uns auf die Ver- 
anlagung als unsere ultima ratio. 

Im Falle menschlicher Gruppen müssen wir wahrscheinlich das gleiche tun. 
Einmal besteht die Tatsache der ungleichen Entwicklungsverzögerung bei den 
einzelnen Rassen, ^'^ welche an und für sich gewisse Folgen für die Wechselwirkung 
zwischen Es, Ich und Über-Ich, und daher auf die menschliche Psyche im all- 
gemeinen haben muss.^^ Was die verschiedenen Formen des Mutter-Kind- 
Verhältnisses anlangt, so kann man diese mit den verschiedenen Koituslagen 
oder mit der verschiedenartigen Mann-Weib-Beziehung vergleichen. Bekanntlich 
ist die ventro-ventrale Position des Europäers nicht die charakteristische Position 
mancher primitiver Rassen;^" und bei den Menschenaffen paaren sich nur die 
noch nicht ganz ausgereiften Individuen in dieser Position. ^^ Wir könnten z.B. 
vermuten, dass die absolute Herrschaft des Mannes in der australischen Ge- 
sellschaft der Frau keine Gelegenheit gibt, die maskulinen Züge in ihrem Persön- 
lickkeitsaufbau zur Geltung zu bringen, so dass diese sich in der Mutter-Kind- 
Situation manifestieren müssen. Jedenfalls müssen wir zugeben, dass solche 
Verschiedenheiten in der infantilen Situation bestehen und dass sie wahrschein- 
lich auf konstitutionellen Verschiedenheiten menschlicher Gruppen beruhen. 

Andererseits möchte ich diese Theorie nicht zu starr als eine endgültige Be- 
stimmung des Gruppencharakters aufgefasst wissen, der fortan in alle Ewigkeit 
im gleichen Geleise, in einem Kreislauf von Traumen, Sublimierungen der 
Erwachsenen oder Reaktionsbildungen und Wiederholungen derselben infantilen 
Traumen ablaufen wird.*" Selbst in einer Gruppe von Primitiven müssen wir mit 
Verschiedenheiten in der infantilen Situation und in den Persönlichkeiten ihrer 
Mitglieder rechnen. Mit dem Anwachsen der Gruppe" nimmt die Weite dieser 



36) L. Bolk: Das Problem der Menschwerdung. 19Z6. S.37. 

37) G. Rohcim; Racial Differences in the Neurosis and Psychosis. P.sychiatry, 1939. S.37. 

38) Vgl. G. R6hcim: Die Psychoanalyse primitiver Kulturen. ImaEo, Bd. XVIII, 1932; derselbe, 
The Riddle ol the Sphinx. S.253. 

39) Vgl. Zuckerman: The Social Life of Apes and Monkeys. 1932. S,2aS; Jacobsen; Development 
of an Infant Chimpanzee. Comp. Psycho!. Monogr. Bd. IX. S.316. 

40) Vgl, Money-Kyrlc; Supersticion and Society. 1939. 

41) Vgl. R. H, l,owie: Are We Civilized? 1929. S.293. (Der Wilde löst sein einfaches Problem; 
uns gelingt es nicht ganz, ein komplizierteres lu lösen.) 



Die psychoanalytische Deutung des Kulturbegriffs 19 

Variationen zu, nicht nur infolge der Anzahl der Beteiligten, sondern auch weil 
diese in einem abnehmenden Verhältnis identischen „Introjektbildungen" unter- 
worfen sind.*^ Die Kultur hat eine spezifische Sublimierung oder Reaktions- 
bildung sanktioniert und sozial zugelassen, und darum kann sie die latenten Kon- 
flikte des einzelnen nur zu einem stets geringer werdenden Teil in Kanäle leiten. 
Wer andere emotionale Bedürfnisse hat, wird die kulturellen Formen zu ver- 
ändern suchen.*^ Da alle Menschen aus einer Menge von Es-Strebungen und 
Abwehrmechanisraen bestehen, und da die Kultur nur für einige von ihnen 
Sublimierungsmöglichkeiten bietet, so werden die somit nicht Befriedigten in 
ihrer Bedeutung wachsen und der Gruppe den psychischen Hintergrund für 
eine Reformbewegung hefem. Die Annahme Cora Du Bois', wonach kulturelle 
Veränderungen von Einzelindividuen ausgehen,** sollte darum sicherlich Beach- 
tung finden. 

4. Frühe Objektbeziehungen 

Ich beabsichtige, in weiteren Publikationen einen naheliegenden Aspekt der 
Retardations-Theorie zu behandeln, der bisher noch keine angemessene Berück- 
sichtigung vom Standpunkt der psychoanalytischen Anthropologie gefunden hat. 
Über die von mir betonte Bedeutung der verlängerten Kindheit und ihrer Folgen 
haben sich auch verschiedene nicht-analytische Autoren ausgesprochen. J e v o n s 
schreibt: ,,Was nun die Gefühlsbeziehungen innerhalb der Famihe betrifft, so ist 
darüber kein Zweifel möglich; die Kindheit dauert beim Menschen länger als 
bei irgendeinem der Tiere, von denen die meisten, wenn nicht im AugenbHcke 
der Geburt, so doch sehr bald nach der Geburt imstande sind, zu laufen und für 
sich selbst zu sorgen. Die Kindheit des Menschen hingegen dauert so lange an, 
dass die menschliche Rasse sich im Kampf ums Dasein nicht hätte erhalten 
können, wären Elternliebe und Familienbande nicht schon beim Urmenschen 
stark entwickelt gewesen."'^ Gesellig lebende Tiere füttern ihre Jungen, und die 
von ihren Eltern ernährten Kinder zeigen Neigung, gesellig zu leben. Die gesellige 
Anlage ist anscheinend eine modifizierte Fortsetzung des Kindes nach der sor- 
genden Gegenwart seiner Eltern, und das Kind kommt zur Welt mit der klaren 



42) Wir könnten primitive Gesellschaften mit der Familien-Neurose oder dem Fdmilien- Cha- 
rakter vergleichen, auf welche die französischen Psychoanalytiker besonders hinweisen. Vgl. R. 
Spirz: Familien -Neurose und neurotische Familie. Int. Ztsrhr. f. Psa., Bd. XXIIl (1937). S.548- 

43) Die Tatsache, dass in den ganz primitiven Gesellschaften diese Veränderungen auf Träumf: 
basiert werden, ist ein neuerlicher Beweis für den entscheidende ii Anteil des Unbewussten an der 
Kulturbildung- 

44) Cora Du Bois: Some Amhropological Perspectives of Psychoanalysis. Psa. Review. Bd. XXIV 

{1937). S.2S4. 

45) K. B. Jevons: An Introduction to the Hislory of Religion. 1911. S.46, 



20 Geza Röheim 



Neigung, sich seiner Mutter anzuschliessen. Die Neigung zur Mutter ist die 
einzige Quelle von Nahrung und Schutz. Wird dieses Bestreben, die Mutter bei 
sich zu behalten, durchkreuzt, so hat das natürlich das Entstehen grösster Angst 
und Wut zur Folge.*" Die Frage nach den frühen Objektbeziehungen ist ein 
vielumstrittenes Thema, mit dem sich die verschiedenen analytischen Schulen 
viel beschäftigen. Nach F e n i c h e I hat das Neugeborene kein Ich. „Der mensch- 
liche Säugling wird viel hilfloser geboren als die meisten anderen Säugetiere. 
Er ist lebensunfähig, wenn für ihn nicht gesorgt wird."" Der Organismus kann 
nur mit Hilfe eines anderen Organismus von seinen Spannungen befreit werden 
tmd darum ist das neugeborene Kind im biologischen Sinne anaklitisch, 
was allerdings nicht bedeutet, dass es auch psychologisch anaklitisch ist, da es 
noch keine Vorstellung von Objekten hat. Die Spannung ist etwa Hunger; wird 
er von der Mutter gestilh, so schläft der Säugling ein,*^ d.h. die erste Bejahung 
der Umgebung ist nur eine Zwischenstation auf dem Rückzugspfade. *^ 

Joan Riviere als Vertreterin der Schule Melanie Kleins stimmt darin mit 
F e n i c h e 1 überein, dass sie die Haltung des Kindes als narzisstisch bezeichnet; 
aber sie sagt von diesem Narzissmus, dass er von Introjektion, d.h. von Objekt- 
beziehungen abhängt.^» Schliesslich haben wir die ungarische psychoanalytische 
Schule, welche die passive Objektliebe des Kindes (Ferenczi), seinen unersätt- 
lichen Wtmsch nach mütterlicher Fürsorge und Ernährung betont. ^^ Diese 
psychische Haltung stellt einen Zustand dar, in welchem die unabhängige Exi- 
stenz des Objekts noch nicht anerkannt wird; wir könnten ihn als primäre oder 
archaische Objektliebe bezeichnen, die von den egoistischen Gefühlen noch un- 
trennbar ist. Die ungarische Sprache bezeichnet die Beziehung des Kindes zur 
Mutter mit dem Worte ragaszkodas („Sich-Anklammem", „Fest- 
halten" ^^; und eben dieses Sich-Anhängen oder -Anklammern des Kindes hat 
Hermann als eine primäre Eigenschaft unserer Libido- und Ich-Entwicklung 
beschrieben.^^ Mir scheint, dass Fenichels Bedenken gegen die Betonung 
der Objektgerichtetheit dieser frühen Entwicklungsphase aus dem Grunde, dass 
der Objektbegriff in dem kleinen Kinde noch nicht aufgetaucht ist, eher zu 
einer Psychologie passen würde, die die Psyche mit dem Bewusstsein identifiziert. 



46) Jan D. Sutde: The Origins of Love and Hate. 193S. S.15f. 

47) O. Fenichel: Frühe Entwicklungsstadien des Ichs, Imago, Bd. XXIII. (1937). S.245. 

48) S. Bemfeld: Die Psychologie des Säuglines. 1925. 

49) O. Fenichel. a.a.O. S.247. 

50) J. Rivi&rc: Zur Genese des psychischen Konflikts im frühen Lebensalter. Int. Ztschr. f. Psa., 
Bd. XXII. S.492. 

51) M. Balint: Frühe Entwicklungsstadien des Ichs. Imago, Bd. XXIII (1937). 

52) A. Bdlint: Liebe zur Mutter und Mutterliebe. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXIV (1939). S.3S. 

53) I. Hennann: Sich-Anklammem— Auf- Suche-Gehen. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXII (1936), 



Die psychoanalytische Deutung des Kulturbegriffs 



21 



als zu der psychoanalytischen Auffassung. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir 
uns mit einem Lebensabschnitt beschäftigen, in dem die scharfe Trennungslinie 
zwischen Bw und Ubw nicht ejdstiert und in dem die ersten psychischen Ele- 
mente aus der psychologischen Situation hervorkommen. Der von Freud 
gegebenen Charakterisierung braucht keine weitere Beschreibung hinzugefügt 
zu werden: „Die kindliche Liebe ist masslos, verlangt Ausschliesslichkeit, gibt 
sich nicht mit Anteilen zufrieden. Ein zweiter Charakter ist aber, dass diese 
Liebe auch eigentlich ziellos, einer vollen Befriedigung unfähig ist, und wesent- 
lich darum ist sie dazu verurteilt, in Enttäuschung auszugehen und einer feind- 
lichen Einstellung Platz zu machen."" Auf der Insel Normanby ist jedes kleine 
Kind g e w a n a, d.h. immer voller Wünsche oder zu viel verlangend. Man hört 
oft Mütter ihre Kinder schelten: Gewana arena ojo! („O du schrecklicher 
Quälgeist!"). Das Kind kommt in einem Zustand relativer Unreife zur Welt; es 
braucht mehr Liebe, als es sich verschaffen kann. 

In im Erscheinen begriffenen Publikationen über die Riten des Bundes — oder, 
allgemeiner gesprochen, der Vereinigung — habe ich zu zeigen versucht, wie die 
Menschheit in nie endender Kindlichkeit immer wieder und wieder die Mutter- 
Kind-Situation wiederholt mit dem Grundmotiv der Trennung (Angst. Aggres- 
sion) und der darauffolgenden Vereinigung. In den meisten Fällen ist eine orale 
Introjektion die Grundlage der Vereinigung. Wenn nur der eine Teil die Nahrung 
zu sich nimmt, so wird dieser Teil von dem anderen abhängig sein; wenn aber 
beide von derselben Substanz essen oder jeder das Blut des anderen trinkt, so ist 
das Band imd die Verpflichtimg gegenseitig. Die erstere Situation spielt besonders 
beim Liebeszauber eine hervorragende Rolle. Mädchen mischen ihr Menstru- 
ationsblut, ihren Schweiss, ihre Achselhaare in die Speisen des Mannes, der ihnen 
dann vollständig verfallen ist.^* In dem Landbezirk von Szatmar seihen die Mäd- 
chen Muttermilch durch den unteren Teil ihres Herades (die Stelle, die die 
Vagina berührt) und geben ihren Liebsten einen Kuchen zu essen, der mit dieser 
Milch bereitet ist.^* Der Liebestrank birgt Gefahren, denn ein Ehebund, der 
durch solche orale Introjektion zustandegekommen ist, kann leicht- in Hass um- 
schlagen, und das Endergebnis kann Tod sein."' Das Vorbild findet sich in der 
Mutter-Kind-Situation: die Reaktion auf Abwesenheit und Enttäuschung ist 
Aggression und Angst. Bei manchen Riten vom Bundes-Typus, d.h. bei solchen, 
die auf gegenseitiger Introjektion oder Mutter-Kind-Situation basieren, besteht 

54) Freud: Über die weibliche Sexualität. Vgl. auch Freud: Die Weiblichkeit, Neue Folge der 
Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. 1933. S.169. 

55) A. Wuttke; Der deutsche Volksaberglaube. 1900. S.365J;. 

56) G. Köheim: Magyar Näphit is Näpszokäsok, 1925. S.59. 

57) Vgl. Guttman: Die Frau bei den Wadschagga. Globus, Bd. XCH (1907); L. Strackeijan; 
Aberglaube und Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg. 1909. Bd. I. S.115. 



22 Geza Röheim 



der erste Teil des Rituals im Schlachten eines Tieres. Die Wadschagga pflegen 
eine Ziege zu toten; das Fei! wird dem Tiere abgezogen, während es noch atmet, 
und beide Bundespartner spucken auf dieses Fell. So werden sie durch ihrer 
beider Speichel und durch das Blut des Tieres vereinigt. ^^ Das Tier, das vor der 
Ankunft eines geehrten Gastes auf der Schwelle geschlachtet wird,*" ist eine 
Darstellung der durch Trennung entstandenen Aggression, auf die ein Bund, 
ein Bündnis oder eine Wiedervereinigung folgt. Die Sicherheit des Hauses als 
Muttersymbol ist eine Wiedergutmachung, denn sie basiert auf dem vorange- 
gangenen Opfer eines Mutter- oder Kindsymbols." Schloss Liebenstein in Thü- 
ringen wurde uneinnehmbar gemacht, indem man ein Kind seiner Mutter abkaufte 
und einmauerte. Während die Maurer noch an ihrer Arbeit waren, ass es Kuchen 
und rief: „Mutter, ich sehe dich noch." Dann, als die Maurer den letzter Stein 
einfügten, rief es: ,, Mutter, jetzt sehe ich dich nicht mehr."'^ Der Bund zwischen 
Gast und Gastgeber, der mit einem 1' a r (einer bedingten Verwünschung) ge- 
schlossen wurde, zeigt sowohl die in einem Bündnis implizierte latente Aggression 
oder seinen Wiederherstellungscharakter, als auch die Mutter-Kind-Situation 
als Vorbild derjenigen von Gast und Gastgeber. Unter einer bedingten Verwün- 
schung (I'a r, Westermarck) versteht man eine Art von Bündnis, welches sich für 
den, der das Bündnis bricht, automatisch in einen Fluch verwandelt. Die Macht 
der bedingten Verwünschung hängt von dem verwendeten Mittel ab. Blut, körper- 
liche Berührung, Speise und Trank sind Leitmittel von besonderer Wirksamkeit. 
Die heilige Pflicht des Gastgebers beruht in Marokko auf dem I'a r. Wemi ein 
Mensch einen anderen zwingen will, ihm zu helfen, zu verzeihen oder überhaupt 
einen Wunsch zu erfüllen, so belegt er ihn mit einem I'a r. Er tötet ein Schaf, 
eine Ziege oder ein Huhn auf der Schwelle seines Hauses oder am Eingang seines 
Zeltes, oder er ergreift mit seiner Hand entweder denjenigen, an den er sich 
wendet, oder dessen Kind oder das Pferd, das jener reitet, oder er berührt ihn 
mit seinem Turban oder einer Falte seines Gewandes: mit einem Wort, er stellt 
irgendeinen Kontakt mit dem anderen her, wodurch dieser gezwungen wird, 
seinen Wunsch zu erfüllen.^' Crawley erklärt alle Beziehungen zwischen 
Menschen als auf einer gegenseitigen Einimpfung („inoculation") oder, wie wir 
sagen würden, auf einer gegenseitigen Introjektion beruhend.^^ Er erwähnt 
einen Brauch des Narrinyerri, das sogenannte ngia-ngiampe. Der Tausch- 

58) G. Raum: Blut- und Speichelbünde bei den Wadschagga. Arch. f. Religionswissenschaft, 
Bd. X. S.265, 275. 

S9)H. C. TrumbuU: The Threshold Covenant. 1896. S-5. 
60) G. Riheim: The Covenant of Abraham. 
61)Tylor.- Primitive Culture. Bd. 1. S.IOO. 

62) Ed. Weslermarck: The Orißin and Development of the Moral Ideaa. 1906. S.SSöf. 

63) E. Crawley: The Myslit: Rose. 1926. Bd. 1. S.285. 



Die psychoanalytische Deutung des Kulturbegriffs 



23 



Handel zwischen den am Murray-Fluss und den in der Nähe des Meeres 
lebenden Stämmen wurde von Agenten besorgt, die untereinander im n g i a - 
n g i a m p e -Verhältnis standen. Wird ein Mann Vater, so bewahrt er die Nabel- 
schnur des Neugeborenen auf, indem er sie in ein Büschel Federn einbindet. 
Dies nennt man k a 1 d u k e. Damit beschenkt er einen zu einem anderen Stamm 
gehörigen Vater, und dieses Mannes Kinder sind von nun an n g i a - n g i a m p e 
zu dem Kind, für welches das k a 1 d u k e gebunden wurde, und v i c e v e r s a." 
Das bedeutet, dass sie zueinander in einer Vermeidungssituation stehen. Augen- 
scheinlich ist das k a 1 d u k e ein Band, auf das ein Verhältnis gegenseitigen 
Vertrauens gegründet wird. Aber das k a 1 d u k e ist eine Nabelschnur, und 
diejenigen, die eine derartige Verbindung eingehen, heissen oft Brüder oder 
Blutsbrüder.«^ Die Nabelschnur ist das Band zwischen Mutter und Kind; die 
Partner des geschilderten ritualen Bündnisses werden als Brüder bezeichnet." 
Das bedeutet, dass der Mensch ein geselliges Wesen ist, weil er sich ständig 
bemüht, das primäre Trennungstrauma zu überwinden und neue Mutter-Kind- 
Situationen herzustellen. 

Eine wesentliche Verschiedenheit zwischen dem Tier einerseits und dem 
Menschen oder Menschenkind andererseits besteht in folgendem: während die 
Umwelt des Tieres die Natur ist — eine stabile Welt, für die es vermöge semer 
ererbten Reaktionen ganz ausgezeichnet vorbereitet und angepasst ist — , stellt 
für den Menschen an seinem Lebensmorgen in erster Linie ein anderer Mensch, 
nämlich die Mutter, seine Umgebung dar, und die Reaktionen dieser Umgebung 
sind, vom Kind aus betrachtet, in hohem Grade labil. Neue Forschungen auf dem 
Gebiete der Tierpsychologie haben gezeigt, dass immer, wenn die Befriedigung 
einer Bedürfnisspannung ungewiss wird, eine Störung im Verhalten des Tieres 
die Folge ist, d.h. das Prototyp einer Neurose oder Psychose." Bei einigen von 
mir analysierten Fällen ist mir aufgefallen, dass das kleine Kind in einer Umge- 
bung ohne Sicherheit lebt, dass die ihm unbegreifliche Reihenfolge von Span- 
nung und Befriedigung, von „guten" und „bösen" Mutter- Imagines es verwirrt." 

64) G. Taplcin: The Narrinyerri. 1B78. S.33f. 

65)Cra^l*y, a.a.O. Bd. J, S.288.290. . „, .. ^ ^, ,^r a y. ^ 

66) Schon 1918 erhielt JcUinek dk Erklärung, dass die Blut b ruderschaften Wiederholungen 
des Mutter-Kind-Verhältnisses seien. (Ethnologische Beitraee aur Psychologie der Frcundsdiflft. 
Psychoanalytischer Kongress, Budapest.) „„.- „ ti l 

67) Vgl. Stuart W. Cook: The Production of Experimenia! Neurosis in ihe White Rat. Psychoso- 

matic Medicine. 1939. L S,293. .. ^- ^ - j c- 

65) Ich glaube nicht, dass ein Missverständnis zwischen Erv-achsenem und Kind in dem bmnc 
besteht dass daE kleine Kind, das nichts als Zärtlichkeit ersehnt, durch den Sadismus der Er- 
wachsenen erschreckt wird. (S. Ferenczi: Sprachverwirrung zwischen dem Erwachsenen und dem 
Kind Int Ztschr f Psa.. Bd. XIX, 1933). Das „Missverständnis'-besrehtzwischen dem reinen Lust- 
Drinzip des Kindes und dem ersten Aufdämmern der Realität, welches durch das abwechselnd 
Spannung-schaffende und Spannung- beseitigende Verhalten der Mutter hervorgerufea w«d. 



24 Giza Röheim 



Beim Menschen ist die Situation, wie sie sonst durch einen Experimentator herbei- 
geführt wird, die Anfangssituation, die die Natur, d.h. unser Zustand relativer 
Unreife, für das Leben vorsieht, 

5. Ich-Entwicklung und Kultur 

Absicht der Psychoanalyse ist es, das Ich zu stärken, es vom Über-Ich unab- 
hängiger zu machen, sein Wahmehmungsfcld zu erweitern und seine Organisation 
auszubauen, „so dass es sich neue Stücke des Es aneignen kaim. Wo Es war, soll 
Ich werden. Es ist Kulturarbeit etwa wie die Trockenlegung der Zuyderse e."^« 
,,Die Auffassung bedarf kaum einer Rechtfertigung, dass das Ich jener Teil des 
Es ist, der durch die Nähe und den Einfluss der Aussenwelt modifiziert wurde, 
zur Reizaufnahme und zum Reizschutz eingerichtet, vergleichbar der Rinden- 
schicht, mit der sich ein Klümpchen lebender Substanz umgibt.'"'^ 

Zwischen der Entwicklung des Ich und der der Kultur muss ein enger Zusam- 
menhang bestehen; das Ich ist einfach der extrovertierte Teil des Es. 
In seiner Kultur, oder besser gesagt in einem wesentlichen Stück seiner Kultur 
lebt der Mensch im Hinblick auf seine Umgebung. Dieses Stück menschlicher 
Kultur habe ich in einer Arbeit über Ursprung und Funktion der Kultur zu er- 
klären versucht. In dieser unterscheide ich zwischen den Nahrungssammlem und 
den Nahrungserzeugern. Es mag ,, natürlich", d.h. phylogenetisch betrachtet 
vorbestfmmt sein, dass der Mensch Tiere tötet und verzehrt oder Beeren pflückt 
und isst; aber es ist ganz gewiss für einen Primitiven nicht „natürlich", einen 
Garten zu bebauen oder Haustiere zu halten. Wenn wir die „Berufe" zu analy- 
sieren versuchen und dabei von denen des Jägers, des Fischers und des Sammlers 
wildwachsender Pflanzen absehen, so finden wir, dass der älteste Beruf der des 
Medizinmanns ist; darm kommt der Handel und später der primitive Ackerbau, 
und darauf folgt die Domestikation von Tieren und schhesslich die Pflugkultur. 
Die einzige Erklärung für alle diese Tätigkeiten ist, dass sie auf Sublimierungen 
von für die Kindheitssituation eigentümlichen Aspekten gegründet sein müssen. 
Es zeugt von wenig Einsicht in die geistige Verfassung eines Primitiven, zu 
glauben, dass es ihm naheliegt, Yam-Wurzeln anzubauen, weil er zu der Über- 
zeugung gekommen ist, dass diese ihm in der Zukunft eine reiche Ernte liefern 
werden, und dass er Hunde hält, weil sie bei der Jagd auf Känguruhs nützlich 
sind. Die sorglos dahinlebenden Kinder des Dschungels oder der Wüste denken 
in einer noch nicht ackerbautreibenden Gesellschaft nicht über den Tag hinaus. 
Wenn sie aber mit der Yam-Wurzel, die sie aus der Mutter Erde herausnehmen, 
Zerstörungsphantasien verknüpft haben, wäre es leicht zu verstehen, wie der 

69) Freud: Neue Folge der Vorlesungen. Ges. W., Bd. XV, 

70) Freud, a.a.O. S.S2. 



Die psychoanalytische Deutung des Kulturbegriffs 



25 



Wiedergutmachungsaspekt dieser destruktiven Phantasien zu einer Wiederein- 
pflanzung führen könnte und diese wieder zu der Beobachtung der Ernte und 
dann sekundär zu dem praktischen Ergebnis einer endopsychisch bedingten 
Tätigkeit. Oder wenn der Mensch die Mutter-Kind-Situation auf die Jungen 
des wilden Hundes überträgt, so kann es sich herausstellen, dass diese unter 
Menschen aufgewachsenen Hunde für die Jagd brauchbar sind; aber das wäre 
das Resxdtat einer Spieltätigkeit, das von niemandem vorauszusehen war. Darum 
geht meine Auffassung dahin, dass der Grossteii der menschlichen Kultur, selbst 
in ihren Anwendungs- oder Ich-Aspekten, seine Wurzel in der Spieltätigkeit und 
im Ritual hat. Der Grund für diese Betätigungen liegt in der Kindheitssituation, 
und erst sekundär erwerben sie Erhaltungswert, indem sie einen Teil der Umge- 
bung des Menschen seinen Bedürfnissen assimilieren. So entsteht Kultur; die 
Umwandlung von Es in Ich. 

Es gibt zwei Arten, sich zur Umgebung zu stellen, die der Tiere und die bei 
den Menschen übliche. ,,Bei den unbedingten Reflexen ist die Bahn, die der Im- 
puls vom Empfangsapparat zum Erfolgsapparat geht, schon in dem Augenblick 
festgelegt, wo das Individuum aus dem Ei kriecht oder geboren wird. Die Ver- 
bindung der Elemente innerhalb des Reflexbogens ist hereditär, ebenso wie jeder 
andere Teil in der physischen Struktur des Einzelwesens. Bei den bedingten 
Reflexen ist die Bahn des Impulses vom Empfangsapparat zum Erfolgsorgan bei 
der Geburt noch nicht festgelegt. Die Verknüpfung der Elemente innerhalb des 
Reflexbogens ergibt sich als Folge der Auswahl und der Bahnung der Impulse 
innerhalb der Reflexzentren, im Verein mit dem „Ausfahren der Geleise" an den 
Verbindungsstellen. Der unbedingte Reflex bildet die Grundlage des auto- 
matischen oder instinktiven, der bedingte Reflex die Grundlage des erlernten 
Verhaltens."" Es wird wohl allgemein zugegeben werden, dass im Laufe der 
Entwicklung die Rolle des unbedingten Reflexes im Abnehmen und die des 
bedingten Reflexes, d.h. des Lernens, im Zunehmen begriffen ist. Die Psychoana- 
lyse hätte dem noch hinzuzufügen, dass die Reflexe in der frühen Kindheit 
ausgearbeitet werden, dass Lernen Introjektion bedeutet und dass darum 
in der Entwicklung der menschlichen Anpassung 
eine Tendenz dazu besteht, dass die Anpassungen, 
die sich auf die Kindheitssituation gründen, in einem 
ständig steigenden Ausmass diejenigen Reflexe zu 
ersetzen versuchen, die auf dem Reizreaktions-Schema 
beruhen. Obgleich ich mich in der eben angeführten Arbeit hauptsächlich 
mit den menschlichen Anpassungsarten und Berufen, die über dem Niveau des 
Nahnmgsammelns liegen, beschäftigt habe, kann es doch keinem Zweifel unter- 



71) R. Umon: The Study of Man. 1937. S.64. 



26 Giza Rokeim 



liegen, dass die Folgeerscheinungen der Kindheitssituation schon sehr lange 
Zeit, bevor der Mensch zu dem Stadium vorrückte, in dem er zum Nahrungser- 
zeuger wurde, sein Schicksal auf dieser Erde geformt haben. In dem Augenblick, 
da die Mutter das Lallen ihres Kindes versteht, wird die Sprache geboren. Unsere 
Werkzeuge sind Projektionen unseres Körpers, und die Kunst des Feuermachens 
verdanken wir einer verschobenen spielerischen Wiederholung des Genitalaktes 
oder der Masturbation. In dem Wagnis, das menschliches Leben heisst, liefert 
uns die Umgebung die Gelegenheit, das Es das Kapital, und das Ich ist der 
Vermittler zwischen der Innen- und der Aussenwelt. 

In diesem Zusammenhang ist es vielleicht der Mühe wert, auf gewisse Unter- 
schiede zwischen F e n i c h e 1 s und meinem Standpunkt einzugehen. In einer 
Arbeit über den Ursprung des Geldes, in der er die üblichen psychoanalytischen 
Ansichten über dieses Thema und besonders die meine" einer ziemlich 
scharfen Kritik unterzieht, legt Fenichel seine Ansichten über diesen Gegen- 
stand dar, die vom methodischen Standpunkt der Anwendung der Psychoanalyse 
auf Kulturprobleme von beträchtlicher Wichtigkeit sind. , .Einige Psychologen 
leugnen den bemerkenswerten Prozess, durch den die Beziehungen der Menschen 
zueinander und zu ausserhalb von ihnen befindlichen Realitäten zu unabhängigen 
Wesenheiten oder Institutionen werden, die alsdann (weiterhin psy- 
chologisch nicht ableitba r)"von aussen als Reize auf die Menschen 
wirken und ihr Verhalten beeinflussen." , .Andererseits werden die Soziologen der 
Ansicht sein, dass das Streben nach Reichtum nur in einer Gesellschaft entstehen 
kann, in der bereits die Möglichkeit besteht, durch Geld wirkliche Vorteile und An- 
sehen zu erlangen und reicher zu werden, ohne selbst Arbeit zu verrichten {d.h. 

72) Übrigens betrachte ich meine in Frage stehenden Arbeiten als überholt, weil sie sich der 
Urhorden-Hypothese in einer Weise bedienen, mit der ich heute nicht mehr einverstanden bin. 
Ich beabsichtige jedoch, die Frage späterhin von neuem zu behandeln. 

73) Von mir hervorgehoben. Ich versiehe diesen Salz nicht ganz. Bedeutet er, dass die Institution 
keinen psychologischen Ursprung lial? Wie entsteht sie in diesem Falle? Wie kann irgend etwas, 
was Menschen tun, anderer als psychologischer Herkunft sein? Oder soll es heissen, dass sie ohne 
psychologische Folgen sei? Der ,, soziologische" Gesichtspunkt wird sehr klar herausgearbeitet von 
Ogbum (Technology and Sociology. Social Forces, Bd. XVII. 1938); ,,Die Psychologie ist von 
grosser soziologischer Bedeutung für in Veränderung bcHriffene gesellschaftliche Einrichtungen, 
aber nur als Studium der Wirkung der Veränderung, nicht als Ursache der Veränderung. Die Men- 
schen reagieren auf empfängnisverhütende Mittel, indem sie weniger Kinder und dadurch wenigem 
Verantwortung für ihre Aufzucht haben" usw. Ich möchte mir die Frage erlauben: Hat das emp- 
fängnisverhütende Mittel sich selber erfunden? Aber Ogburn ist gnnz im Recht, wenn er fragt: 
„Kann die Biologie oder Psychologie uns eine Erklärung liefern nicht für die Existenz einer Institu- 
tion, sondern für die Veränderungen, die sie durchmacht?" Ja, das können wir: Alle psycholo- 
gischen Lösungs versuche unserer Konfliktsituationen sind unbefriedigend und werden darum von 
immer neuen Versuchen nbgelöst. So wechseln Introjektionen mit Projektionen, ein Mechanismus 
nach dem anderen wird für die Abwehr benutzt, und jede Es-Vestärkung wird pariert durch eine 
Ich- Verstärkung. Vgl. Anna Freud: Das Ich und die Abwehrmechaniamcn. 1936. 



Die psychoanalytische Deutung des Kulturbegriffs 27 



durch Ausbeutung der Arbeit anderer).''* Das Geld ist sicherlich nicht darum ent- 
standen, weil die Menschen aus unbewussten Gründen ein Kot- und Leichen-Sym- 
bol brauchten. Vielmehr wurde das Geld lediglich durch die Entwicklung eines 
wirtschaftlichen Systems, das ein gewisses Stadium erreicht hatte, notwendig ge- 
macht. Die gleiche ökonomische Entwicklung hat auch das Triebleben beeinflusst. 
Eine durch die Realität gestellte Aufgabe kann nur mit Hilfe einer gewissen Trieb- 
struktur gelöst werden; umgekehrt wird, sobald das Geld einmal eingeführt ist. schon 
seine blosse Existenz dieTriebstrukturverandem," ,,Die gesellschafliichen Einrich- 
tungen, denen eine Generation sich gegenübergestellt sieht, wirken auf sie als 
entscheidende Umwelteinflüsse. Die biologische Struktur selbst ist aus der Wech- 
selwirkung früherer Strukturen und früherer Erfahrungen entstanden. Nun 
fragt es sich aber: wie sind die gesellschaftlichen Institutionen ihrerseits entstanden? 
Geschah es nicht letzten Endes durch Menschen, die ihre eigenen 
Bedürfnisse zu befriedigen ve rs u c h t e n?'« Ja, diese In- 
dividuen traten zueinander in Beziehung. Aber derartige Beziehungen wurden 
Realitäten der Aussenwelt, die weiter wirken, und die Menschen, die sie geschaffen 
haben, können ihnen nicht mehr entrinnen," 

Ich möchte fragen: Was für Bedürfnisse?^* Haben wir nicht von jedem Men- 
schen, den wir analysiert haben, gelernt, dass der Merjsch nicht von der Vernunft 
geleitet wird, sondern dass er seine unbewussten Tendenzen rationalisiert? Ich 
gebrauche hier das Wort „rationalisieren" in zweifacher Bedeutung: in dem 
üblichen Sinn einer vorgeschobenen rationalen Motivierung und in dem zweiten 
eines allmählichen Rationalwerdens, d.h. einer stetigen Umformung von Es- 
Energien in Ich-Energien. Fenichel ist doch sicherlich kein so eingefleischter 
Konservativer, dass er jede menschliche Institution als rational im absoluten Sinn 
des Wortes ansähe? Die Anthropologen stehen in dieser Frage schon eher auf 
einem psychoanalytischen Standpunkt, so z.B. K r o e b e r, wenn er behauptet, 
dass die Erklärung von kollektiven Phänomenen letztlich in der Psychologie ge- 
sucht werden müsse;'^ oder wenn Lowie das Irrationale im Menschen im 
Gegensatz zur Tierwelt ausdrücklich betont,'* steht er eher im Einklang mit der 
psychoanalytischen Denkweise als Fenichel in der besprochenen Arbeit. Wie 
dem auch sei — wir wollen zu Diskussionszwecken einmal annehmen, dass der 
Mensch seine überaus komplizierten gesellschafthchen Einrichtungen tatsäch- 
lich aus rationalen Bedürfnissen heraus entwickelt.'" Wenn dem so wäre, so müss- 

74) O. Fenichel: The Drive to Amass Wealih. The Psa, Quartcriy, Bd. VII (19381. 

75) Von mir hen'orgehoben , 

76) Mit Bezug auf die oben von mir hervorgehobene Stelle. 

77) Kroeber: Anthropology. 1923. S.325. 

78) R. Lowe: Are We Civiüzed? 1929. S.29Jf. 

79) Obgleich ich mir nicht vorstellen kann, wie das irgendjemard zu beweisen vermöchte. 



2 Vol. 26 



28 Geza Röheim 



ten wir fragen: Warum hat der Schimpanse nicht die gleichen Bedürfnisse? Warum 
gibt es bei den Schimpansen weder Banken noch Börse? Schliesslich war doch die 
Umwelt für die Schimpansen genau die gleiche, denn es ist doch ganz klar, dass 
der Mensch seine eigene Umgebung auf der Grundlage einer ewigen Wieder- 
holung und Variierung von Schemata, die auf der Periode seiner verlängerten 
Kindheit beruhen, umgewandelt hat. Es ist kaum notwendig, Fenichel ausein- 
anderzusetzen, dass der Egoismus bei den Menschen erscheinen kann — wahr- 
scheinlich immer erscheint — als ein komphziertes Gemisch aus Angst, objekt- 
suchenden Tendenzen, sekundär verstärktem Narzissmus und noch vielen anderen 
Faktoren. Daraus ergibt sich deutlich, dass, welche ökonomischen oder sozialen 
Systeme auch immer der Mensch geschaffen hat, immer der Mensch das Mass 
aller Dinge gewesen ist und dass wir die mensclilichen Einrichtungen aus der 
menschlichen Natur heraus erklären müssen"" und nicht die menschliche Natur 
aus den menschlichen Einrichtungen. Sekundär wird allerdings das Wesen 
jedes Einzelmenschen durch die Einrichtungen verändert, denen er sein Leben 
anzupassen hat, aber diese Einrichtungen selbst stellen nichts anderes dar als die 
sozusagen versteinerten Strebungen vergangener Menschengenerationen. So 
wird unsere Kindheit, d.h. die Zeit unserer Abhängigkeit von anderen Menschen, 
nicht nur in unserem eigenen Leben verlängert, sondern sie erstreckt sich auch 
zurück in die Vergangenheit unserer Art. Unzählige Eltern bedingen das Leben 
jedes einzelnen Menschen, nicht so sehr durch biologische Erbschaft als durch 
die gesellschaftlichen Einrichtungen, die ihre Konfliktsituationen widerspiegeln. 
In diesem Zusammenhang wäre noch zu bemerken, dass durch die Umwandlung- 
von Es-Kräften in Ich-Kräfte auch das, was wir als menschlichen Fortschritt 
bezeichnen, seine Erklärung findet. Es gibt zahlreiche Äusserungen darüber, dass 
der menschhche Fortschritt in der Eroberung der Natur bestehe, während es 
nicht feststehe, ob es in der Eroberung unserer endopsychischen Welt überhaupt 
einen Fortschritt gebe. Die zweite Hälfte dieses Satzes können wir als strittig 
im Augenblick vernachlässigen; die Eroberung der Natur aber vermögen wir, 
denke ich, zu erklären. Sie ist einer Grundfunktion des Ich zuzuschreiben, welche 
darin besteht, eine Synthese zu erreichen. Durch diese immer zunehmende Syn- 
these unserer kindlichen Phantasien und unserer Umgebung gestalten wir die 
Natur Schritt für Schritt um und schaffen sie neu nach unserem eigenen Bilde. 
Die synthesenbildende Funktion des Ich kann sich auch noch in anderer 
Weise kundtun. Die Umgebung zwingt dem Individuum eine Situation auf, die 

80) Eine Arbeit von Fenichel selbst — wenn ich sie richtig verstehe — erfüllt diese Forderunjätn, 
indem sie die soziale Schichtung aus der AJlmachi des Kindes und aus der Verschiebung dieser 
Allmacht auf die Eltern erUart. (O. Fenichel: Über Trophäe und Triumph. !nt. Ztschr. f. Psa., 
Bd. XXIV. S.259.) 



Die psychoanalytische Deutung des Kulturbegriffs 29 

dann vom Ich sekundär mit Libido besetzt wird; d.h. die Situation wird von der 
Umgebung gestellt, aber das Kapital, das nötig ist, um mit dieser Situation fertig 
zu werden, stammt aus dem Es. Diese Situation, die sich aus dem klaren Gegen- 
satz von Umgebung und Es ergibt, ist wahrscheinlich besonders für frühe Ent- 
wicklungsphasen charakteristisch. Sie wäre auch auf die späteren Phasen anwend- 
bar, wenn wir die von Menschen gemachte Umgebung (Gesellschaft) als mit der 
geographischen gleichwertig ansehen; das wäre der Vorgang, den Fenichel im 
Auge hat. Es besteht aber der wesentliche Unterschied, dass die durch die soziale 
Umgebung bestimmte Situation in Wirklichkeit in einer Wechselwirkung von 
Menschen aufeinander besteht und daher entscheidender durch die infantile 
(präödipale oder ödipale) Situation bestimmt ist. 

Es ist schliesslich wahrscheinlich ein anderer Weg, auf dem wir die Besiegung 
der Realität vollenden. Wir können hier von der Auffassung der Schule Melanie 
Kleins ausgehen, wonach die Psyche lu-sprünglich ein Organ ist, um die Eindrücke 
zu verfälschen, um die Wirklichkeit so lange zu verändern, bis sie für das Ich 
annehmbar wird. Wir müssen aber eine zunehmende Tendenz, durch unsere Il- 
lusionen desillusioniert zu werden, annehmen und in der Folge eine zunehmende 
Entwicklung unserer Fähigkeit zur Realitätsprüfung. Die Befriedigung, die uns 
Halluzinationen verschaffen, ist ja doch etwas anderes als die tatsächliche Be- 
friedigung eines Bedürfnisses, und gerade dieses fehlende Etwas wird als eine 
■vis a tetgo wirken und eine Flucht in die Realität herbeiführen. Wenn- 
gleich dieser schwindende Glaube an unsere Phantasien immer wieder durch 
Verleugnungen und Uberkompensationen galvanisiert wird, werden wir doch 
schrittweise zur Realität getrieben, und wir können uns unserer Phantasien nur 
erfreuen, wenn sie als Realität maskiert erscheinen. So haben wir eine phanta- 
stische Realität geschaffen, in der unsere Phantasien weiterleben. 

6. Individual- und Kulturanalyse 

Man könnte sich fragen, ob wir, wenn wir durch die Analyse einer Einzel- 
person die latente Bedeutung einer gesellschaftlichen Erscheinung gefunden haben, 
dann zu der Annahme berechtigt sind, dass dieser latente Sinn auch der Ursprung 
der betreffenden Institution gewesen sei. Bei der Analyse von Patienten, die in 
ihrer Kindheit der Zeremonie des Kappara-Hahnes, der modernen jüdischen 
Form des alten Sündenbocks, beigewohnt haben, finden wir häufig, dass die auf 
den Hahn übertragene Sünde die Sexualität ist und dass die Zeremonie selbst die 
Urszene darstellt. Nehmen wir z.B. den Traum eines Bankangestellten aus 
einer Charakteranalyse: Der Patient sieht eine Serie winzig kleiner Photographien. 
Sie stellen Tänzerinnen dar. Eine grosse Photographie sieht aus wie der Direktor 
seiner Bank. Er produziert verschiedene erotische Phantasien, zuletzt ein rothaa- 



30 Geza Rokeim 



riges Mädchen mit nur einem Bein; dann eine Frau mit hochgezogenen Beinen, 
ganz dünn, wie Hühnerbeine. Dann erinnert er sich, wie er den Kappara-Hahn 
für den Versöhnungstag gekauft hat; er erinnert die Frau, die den Hahn verkauft 
hat, und seinen Wunsch, ihr unter den Rock zu sehen; dann, wie er im Aher von 
zehn Jahren bei einer Kusine wohnte, einmal die Tür öffnete und sie im Koitus 
mit ihrem Liebhaber antraf. Dann kommt er auf die Kappara-Zeremonie zurück 
und sagt, dass der abgeschnittene Kopf des Hahnes genau wie der des Bankvor- 
Stehers aussieht. 

Ähnliche Träume von der Urszene oder Projektionen hbidinösen Strebens 
auf den Kappara-Hahn oder die Henne tauchen in den Träumen anderer Patienten 
auf. In einem von E. Weiss veröffentlichten Traum symbolisiert ein grosser 
Kappara-Hahn den Vater, ein kleiner den Sohn, und neben dem grossen Hahn 
ist Samenflüssigkeit." Ich habe gezeigt, dass der Sündenbock, der zu Asasel in 
die Wüste geschickt wurde, den Penis darstellte, genau so wie der Hahn, der 
später seine Stelle einnahm. ^^ In diesem Fall also, ebenso wie bei den Gebetrie- 
men, lässt sich erweisen, dass die latente Bedeutung eines Symbols heute noch 
ganz dieselbe ist wie vor mehreren tausend Jahren. ^^ Bei der analytischen Unter- 
suchung einer Initiationszeremonie in Zentral- Australien habe ich von dieser 
Methode ausgiebigen Gebrauch gemacht. Die Träume der Initiatoren enthielten 
wertvolle Hinweise auf den verborgenen Sinn der Feier."* In diesem Fall haben 
wir es mit Menschen zu tun, die ihr Leben in einer von religiösen Feiern ange- 
füllten Welt verbringen, in dem vorhin besprochenen nur mit solchen, die in 
ihrer Kindheit die letzten Überreste des Rituals mitangesehen haben. Die Re- 
sultate sind ungefähr die gleichen. Das muss aber nicht unbedingt der Fall sein. 
In einer Arbeit über die Drachensage, die demnächst erscheinen soll, habe ich 
nachweisen können, dass der verborgene Sinn des Mythus auch seine Geschichte 
hat; neuer Wein wurde in alte Schläuche gegossen. Doch bleibt auch der alte 
Wein darin, und in einem Fall von Drachen -Phobie, den ich analysiert habe, 
sind mir in diesem einen, heute lebenden Menschen alle die latenten Elemente 
begegnet, die in der jahrhundertelangen Entwicklung der Sage schichtweise 
abgelagert worden sind. Andererseits kann ich auch nachweisen, dass der Totemis- 
mus in einem bestimmten Gebiet (z.B. Normanby Island) die eine Bedeutung 
haben kann, und dass das Totemtier in einem Traum eines bestimmten Indivi* 
duums etwas ganz anderes bedeuten kann, 

Die Analyse eines Einzelmenschen verhilft uns zum Verständnis der Kultur, 

an E, Weiss: Totcm-Material in einem Traum, Int. Ztschr. f. Psa., Bd. II. S. 163. 

82) G. Röheim: Animism, Magic and the Divine King. 1930. S.334, 

83) Vgl. D. Eder: Die jüdischen Gebetriemen. Imago, Bd. XIX. S.473. 

84) G. Röheim: The Riddie of the Sphinx. 



Die psychoanalytische Deutung des Kulturbegnjfs 



31 



in der er lebt; aber um Sicherheit zu erlangen, müssen wir sie durch die Analyse 
der unpersönlichen Gegebenheiten ergänzen. 

Eine weitere Frage Ist; Wie können wir darüber Gewissheit erlangen, ob die 
Ergebnisse der Analyse einer bestimmten Situation, die wir heute bei einer primi- 
tiven Gruppe vorfinden, auch wirklich den Ursprung dieser Institution aufdecken? 
Absolut sicher können wir dessen allerdings nicht sein, aber dieser Weg führt 
uns so nahe an die psychologischen Ursprünge heran, wie es überhaupt möglich 
ist. 

Den Gedankengang der vorliegenden Arbeit möchte ich wie folgt zusammen- 
fassen: 

1. Kultur oder Sublimierungen machen in einer Gruppe denselben Entwick- 
lungsprozess durch wie beim Individuum. 

2. Kulturgebiete werden durch die Besonderheiten der Kindheits-Situation in 
jedem einzelnen Gebiet bedingt. 

3. Die menschliche Kultur ist, als Ganzes gesehen, das Resultat unserer ver- 
längerten Kindheit. 

4. Typisch menschliche Anpassungsformen leiten sich aus der infantilen Situa- 
tion her. 

5. Unsere Eroberung der Natur verdanken wir der synthetischen Funktion des 
Ich. 

6. Psychoanalytische Deutungen der Kultur sollen stets Ich- und Es-Deutungen 
umfassen. 

7. Die Deutung von Kulturelementen aus der Analyse einzelner Personen ist 
■wahrscheinlich richtig, muss aber mit der Analyse anthropologischer Tatsachen 
verbunden werden. 



Charlotte Bronte 

Zur Frage des masochistischen Charakters 

von 
Käte Friedländer 

London 

Beim Studium der Bronte-Saga bewegt man sich von Anfang an auf einem 
Tummelplatz von Affekten. Es ist recht bezeichnend, dass Versuche einer Dis- 
kussion über ,Jane Eyre" mit englischen Freunden gewöhnlich mit der Frage 
endeten, ob mir denn die Lebenstragödie der Autorin bekannt sei. Die Persön- 
lichkeit Charlotte Brontes war und ist für eine grosse Anzahl von Biographen 
ausserordentUch anziehend, anscheinend weitaus anziehender als ihre Bücher. 
Trotz der augenblicklichen Schwierigkeiten in der Literaturbeschaffung war es 
mir immerhin möghch, 16 Biographien durcli:iusehen; einige davon sind be- 
sonders ausführlich und umfassen mehrere Bände. In den gleichen Bibliotheken 
fanden sich nur 5 Dickensbiographien, obwohl viel mehr über die Werke Dickens* 
geschrieben worden ist als über die Charlotte Brontes. Diese Tatsache allein 
würde hinreichen, unser psychologisches Interesse zu wecken, umsoeher als die 
Meinungsverschiedenheiten der Biographen sich um Behauptungen drehen, die 
seinerzeit, kurz nach dem Tode der Dichterin, leicht hätten überprüft werdea 
können. Es ist vor allem ein Thema, die Ursachen des seelischen Leidenszustandes 
der Dichterin, welches im Zentrum der Diskussion zu stehen scheint. Die meisten 
Autoren stimmen dahingehend überein, dass Charlotte Bronte litt und dass sie 
ihr Leiden mit bewunderungswürdiger Geduld und Gottergebenheit ertrug; die 
Meinungsverschiedenheiten beziehen sich auf die Ursachen des Leidens, auf die 
Frage, ob es durch das Schicksal verursacht war, oder durch die Einsamkeit und 
Härte der West Riding Landschaft, ob es ihr harter und grausamer Vater war, der 
Sadismus ihrer Lehrer oder das schreckliche Leben, das sie als Gouvernante zu 
führen gezwungen war. Einige Biographen deuten sogar an, dass dieses Leiden, 
das von der Umwelt verschuldet worden war, sie wohl gehindert habe, mehr z\x 
produzieren. 

Wir verdanken die erste Biographie Mrs. GaskeU,^ einer damals be- 
kannten Schriftstellerin und persönlichen Freundin Charlotte Brontes, die dieses 
Werk im Auftrage von Charlottens Vater übernommen hatte. Das Buch erschien 
zwei Jahre nach Charlottens Tode. Bald nach dem Erscheinen dieses Buches 
drohten Mrs. Gaskell zwei Beleidigungsklagen und die Autorin hatte ausserdem 

1) Mrs. Gaskell: Life of Charlotte Bronte. 



Charlotte Bronte 



33 



den Zorn des Vaters über sich ergehen zu lassen. Es ist merkwürdig, dass eine so 
erfahrene und angesehene Autorin wie Mrs. Gaskell, ausserordenthch bemüht, die 
Biographie dem Tatsachenmaterial getreu darzustellen, dennoch solche Angriffe 
herausgefordert hatte. Die anstössigen Stellen wurden in späteren Auflagen aus- 
gelassen und das Buch blieb das Standardwerk über das Leben Charlotte Brontes. 
Die beanständeten Fehler scheinen der Autorin ohne ihr Wissen unterlaufen zu 
sein. Aber selbst beim Lesen der revidierten Auflagen kann man auf eine Tendenz 
schliessen, die mit den feststellbaren Tatsachen unvereinbar ist. Die Tendenz, 
Charlotte zu einer Heiligen zu machen und einen rationalen Grund für ihre Leiden 
zu finden, muss aus einem tiefen Affekt der Biographin stammen, einem Affekt, 
der auch die Aufnahme der Paragraphen verursacht hatte, deren beleidigender 
Charakter Mrs. Gaskell völlig entgangen war. Was enthalten nun diese viel dis- 
kutierten Paragraphen? 

Da ist vor allen Dingen die Beschreibung der Schule, die Charlotte von ihrem 8. 
bis 9. Lebensjahr besuchte. Es wurde ausführlich über das schlechte Essen und 
die grausame, geradezu sadistisch zu nennende Behandlung der Kinder durch die 
Lehrer berichtet; beides wurde weitgehend für Chariottens weitere Entwicklung 
verantwortlich gemacht. Wenn man in Betracht zieht, dass eine Anzahl von 
Chariottens Lehrern und Mitschülern noch am Leben waren und man von ihnen 
den wahren Sachverhalt hätte erfahren können, so erscheint es als ein grober 
Fehler, dass das verwendete biographische Material im wesenthchen der Be- 
schreibung des Waisenhauses von Lowood aus ,,Jane Eyre" entnommen ist. 
Weiterhin wird Chariottens Vater als ein bigotter, harter, grausamer Mann be- 
schrieben, der häufige Wutanfäile gehabt und alles getan haben soll, was in seiner 
Macht stand, um jede Lebensfreude seiner Kinder im Keime zu ersticken. Es 
wurde wieder betont, dass die Kinder schlecht und ungenügend ernährt wurden 
und dass die Wohnverhältnisse besonders ungünstige waren. Diese Beschuldi- 
gungen entstammten dem Dorfklatsch und waren im besonderen auf die Angaben 
einer alten Pflegerin von Frau Bronte gestützt, die 30 Jahre bevor sie diese be- 
leidigenden Äusserungen tat aus dem Pfarrhaus entlassen worden war. Ein sehr 
ähnlicher Fehler unterlief in Verbindung mit Branwell, Chariottens Bruder, den 
auszuführen für die vorliegende Untersuchung aber überflüssig ist. Abgesehen 
von diesen beleidigenden Stellen gibt es in diesem Buch auch Auslassungen, die 
nicht weniger bezeichnend sind. Chariottens homosexuelle Leidenschaft für Helen 
Nussey, die 6 Jahre in unverminderter Stärke anhielt, wird zu einer harmlosen 
Mädchenfreundschaft herabgemindert, es wird ferner Chariottens Liebe für 
M. Heger, die einen entscheidenden Einfluss auf ihr Leben ausübte, nicht erwähnt. 

Wir sehen uns hier einer merkwürdigen Tatsache gegenüber. Eine anerkannte 
Novellistin macht grobe Fehler bei der Zusammenstellung der Biographie einer 



3 Vol. 26 



34 Käte Friedländer 



Autorin, deren Zeltgenossen noch am Leben sind, und vermeidet jede Andeutung 
von Konflikten und Leidenschaften in der Seele einer Künstlerin, deren Einfluss 
auf die Leser lediglich auf die Leidenschaften und Gefühlsausbrüche zurück- 
zuführen ist, die sie in ihren Romanen schildert. Aber nicht nur Mrs. Gaskell 
hatte dieses Vorurteil. Spätere Biographen benützten die Angaben der Erstausgabe 
der Biographie und schmückten sie weiter aus. obwohl ihnen die Kontroversen 
über die angeführten Stellen bekannt gewesen sein mussten, zumal unter anderem 
eine öffentliche Entschuldigung in der „Times" erschienen war. 

Aber nicht nur die Biographen Charlotte Brontes zeigen eine untrewöhnlich 
starke affektive Anteilnahme; auch die Wirkung ihrer Romane auf die Leser ist 
eine vorwiegend emotionale. Der künstlerische Wert ihres ersten Buches, „Jane 
Eyre", wurde zwar angezweifelt und das Werk wurde scharf kritisiert, aber es 
hatte einen überwältigenden Erfolg beim Publikum und machte diese völlig un- 
bekannte Schriftstellerin mit einem Schlage berühmt. Die 3 Romane Charlotte 
Brontes nehmen trotz der Meinungsverschiedenheit über ihren literarischen Wert 
ihren Platz unter den englischen Klassikern ein und gehören noch heute zu den 
beliebtesten Büchern halbwüchsiger Mädchen, 

Welche Gefühle und Phantasien der Schriftstellerin sind es nun, die diese starke 
Wirkung auf die Umwelt ausüben? 

Charlotte Bronte wurde 1S16 als die dritte Tochter eines Geistlichen in York- 
shire geboren. Nach ihr kam der einzige Sohn, Branwell, der ein Jahr jünger war, 
und zwei Schwestern. Emüy und Anne. 2 und 4 Jahre jünger.- Bald nach der 
Geburt der jüngsten Tochter wurde Patrick Bronte Vicar und zog nach dem 
Pfarrhaus von Haworth, in der Nähe von Bradford, wo sich nunmehr alle wich- 
tigen Familienereignisse abspielen. Als Charlotte 5^ Jahr alt war, starb ihre Mutter 
an Krebs, offenbar nachdem sie einige Monate bettlägerig gewesen war. Eine 
ältere, unverheiratete Schwester der Mutter, eine etwas strenge, aber gutherzige 
Frau, übernahm die Pflege der mutterlosen Kinder und blieb bei ihnen bis zu 
ihrem Tode im Jahre 1843. Mit 8 Jahren kam Charlotte in die Schule nach Cowan 
Bridge — das berüchtigte Waisenhaus von Lowood aus „Jane Eyre"— wo sich 
ihre beiden älteren Schwestern Maria und Elisabeth schon seit einem halben Jahr 
befanden. Wahrend des einjährigen Aufenthalts Charlottens in dieser Schule 
starben Maria und Elisabeth an Lungenschwindsucht. Von ihrem 9.-15. Jahr war 
Charlotte, nun die Älteste, mit ihrem Bruder und den jüngeren Schwestern zu 
Hause unter der Obhut der Tante Branwell und eines sehr anhänglichen Mäd- 
chens. Tabby. Während dieser Zeit unterrichtete der Vater Charlotte und Bran- 
well, und Charlotte ihrerseits war die Lehrerin ihrer jüngeren Schwestern. Mit 
15 Jahren kam Charlotte in die Schule nach Roe Head, wo sie \\ Jahre blieb; nach 
einer 3jährigen Unterbrechung, die sie wieder im Elternhaus verlebte, war sie in 



Charlotte Bronte 



35 



dieser Schule als Lehrerin für weitere 2 Jahre tätig. Wegen eines Nervenzu- 
sammenbruchs kehrte sie in das Pfarrhaus nach Haworth zurück. Im folgenden 
Jahr wurden ihr zwei Heiratsanträge gemacht, die sie beide zurückwies. Während 
der nächsten drei Jahre war sie dreimal für einige Monate in verschiedenen Stel- 
lungen als Gouvernante tätig, die Zwischenzeiten verbrachte sie zu Hause. Im 
Jahre 1842, mit 26 Jahren, ging sie mit ihrer Schwester Emily nach Brüssel, um 
dort als Schülerin in das Pensionat von M. und Mme. Heger einzutreten. Mit 
einer kurzen Unterbrechung, verursacht durch den Tod ihrer Tante Branwell, 
1843, blieb sie zwei Jahre in Brüssel, das letzte Jahr nicht mehr als Schülerin 
sondern als Lehrerin. Als sie 1844 nach Hause zurückkehrte, führte sie nicht ihren 
alten Plan aus, eine Schule zu eröffnen, sondern blieb bei ihrem Vater, der zu 
erblinden drohte. Von nun an verliess sie das Pfarrhaus von Haworth nur mehr 
für kurze Zeiträume, 1846 publizierte sie Gedichte, zusammen mit Emily und 
Anne, und kurz nachher, im Jahre 1847, erschien ,,Jane Eyre", gefolgt 2 Jahre 
später von „Shirley" und im Jahre 1853 von ,,ViIIette", 1848 starb Branwell an 
Lungenschwindsucht, ein paar Monate später wurde Emily und ein Jahr später 
Anne von derselben Krankheit dahingerafft. Nach der Herausgabe von „Jane 
Eyre" waren Charlottens Interessen teils ihrer literarischen Aktivität, teils ihrer 
Sorge für ihren Vater und ihre Schwestern zugewendet. Gelegentlich ging sie 
auf kurze Zeit nach London, wo sie einen Teil der literarischen Welt kennen lernte. 
Während dieser Zeit wurde ihr ein dritter Heiratsantrag gemacht, den sie wieder 
abwies. 1852, als sie 36 Jahre war, erklärte ihr ein Kurat ihres Vaters, Reverend 
A. R. Nicholls, seine Zuneigung. Sie heiratete ihn 1854 und lebte mit ihm in der 
glücklichsten Ehe 9 Monate lang, bis sie im März 1855 an einer durch Gravidität 
verursachten Krankheit starb. 

Das ist der äussere Rahmen, in dem sich Charlotte Brontes Leben abspielte. 
Icli möchte hier nun diejenigen Ausschnitte aus ihrem Gefühlsleben entwickeln, 
deren Kenntnis für die Charakterzüge wichtig ist, die ich besonders bstonen will. 
Über Charlottens früheste Kindheit ist kaum etwas bekannt. Die Mutter scheint 
eine zarte, kluge, kultivierte Frau gewesen zu sein. Der Vater war Irländer, 
anscheinend impulsiv und etwas selbstherrlich, und hatte selbst eine erstaunliche 
Karriere gemacht. Aber er hatte sich der intellektuellen Erziehung seiner Kinder 
sehr angenommen, sicherlich der seines Sohnes, wahrscheinlich aber auch, wenn 
auch in geringerem Masse, der seiner Töchter. Es gibt eine kurze Angabe über 
Charlottens Verhalten mit 8 Jahren in ihrer ersten Schule, wo sie als kluges kleines 
Mädchen bekannt war; sie galt dort als die weitaus gesprächigste der Bronte 
Kinder. Diese Tatsache ist recht wichtig, denn anscheinend machte sich kurze 
Zeit darauf eines ihrer sehr störenden Symptome, ihre grosse Schüchternheit 
gegenüber Fremden, die ihr das LehpTi sn erschwerte bemerkbar Während dieses 



36 Kaie Friedländer 



Schuljahres trat ein Ereignis ein, das sicherlich recht wichtig für Charlottens 
weitere Entwicklung war, wenn auch in einem etwas anderen Sinn als gewöhnlich 
angenommen wird. Maria, ihre älteste Schwester, starb. Ich teile nicht die Ansicht 
der Biographen, dass der Tod einer oder selbst der beiden Schwestern eine 
genügende Begründung dafür ist, dass Charlotte nachher niemals mehr glücklich 
sein konnte. Wenn man nun Material aus „Jane Eyre" als den Ausdruck un- 
bewusster Strebungen benützt und dieses Material mit den bekannten Tatsachen 
vergleicht, könnte man vielleicht den wahren Sachverhalt erraten. Maria soll 
sehr klug, sehr ruhig und sehr geduldig gewesen sein. Sie kam ein halbes Jahr 
vor Charlotte zur Schule und litt zu dieser Zeit unter den Nachwirkungen von 
Masern und Keuchhusten. E. F. Benson,^ ein objektiver Biograph, gibt an: 
, .Maria was constantly in disgrace, owing lo habits common to children who have 
not sufficient physical controi, and was often punished by a junior mistress, called 
Miss Andrews, in a harsh and excessive manner." Das sind die bekannten Tat- 
sachen, die der Figur von Helen Burns in ,,]ane Eyre", die Maria darstellen sol! 
zugrunde liegen. Helen Burns, Janes Freundin von dem Tage an, an dem sie 
Lowood betritt, wird in einer höchst grausamen Art und Weise von einer Lehrerin 
verfolgt. Ihre Missetaten werden nicht immer ganz klar dargestellt. Sie ist un- 
ordentlich und hat schmutzige Gewohnheiten. Diese Angaben würden auch 
dafür sprechen, dass Maria sich einnässte. Helen Bums wird schlecht behandelt 
geschlagen, muss stundenlang allein in einem Klassenzimmer stehen als ein 
Zeichen, dass sie etwas Unrechtes getan hatte, und sie erduldet alle diese Grausani- 
keiten ohne Wunsch zu rebellieren, ja sie holt selbst die Rute, mit der sie ge- 
schlagen werden soll. Es ist gerade diese Fähigkeit zu erdulden und das Fehlen jeder 
Auflehnung, das Jane so ärgerlich macht und sie gelegentlich zu Wutanfällen 
reizt. Die Kindheitsgeschichte Jane Eyres ist, an der Oberfläche, erfüllt von 
einem ständigen Kampf gegen Grausamkeiten, und ist, auf einer tieferen Stufe, 
erfüllt von dem ständigen Kampf gegen die Anziehungskraft einer masochistischen 
Phantasie. ]e anziehender die masochistische Phantasie, umso geräuschvoller ist 
die Auflehnung gegen die zu erduldenden Grausamkeiten. Wir können in diesem 
Zusammenhang an Charlotte Bronte eine für masochistische Persönlichkeiten 
typische Erscheinung beobachten. Sie verliess diese Schule mit 9 Jahren. Sie hatte 
niemals zu irgend jemandem irgend etwas über ihre Erfahrungen geäussert bis 
nach der Publikation von „Jane Eyre", das ist also 23 Jahre später. Aber anschei- 
nend ist jedes kleinste Geschehnis frisch in ihrer Erinnerung auf bewahrt gewesen, 
um plötzlich leidenschaftlich und anklagend vorgebracht zu werden. Aus ihren 
Briefen geht hervor, dass jede auch noch so geringfügige Ungerechtigkeit für 

2) E. F. Benson: Charlotte Bronti, 



Charlotte Bronte 



37 



Jahre in ihr arbeitete und dann in etwas verzerrter Form, meistens in ihren Roma- 
nen wieder auftauchte. Es ist recht typisch, dass Mrs. G a s k e 1 1 zugeben musste, 
dass Charlotte nur einmal eine Andeutung über diese Schultage zu ihr machte und 
auch dann nicht mehr sagte, als dass für eine kurze Zeit das Essen nicht gut war. 
Aber eine gewisse Zurückhaltung in Charlottens Benehmen und ihre deutliche 
Abneigung, mehr über dieses Thema zu sagen, überzeugten Mrs. Gaskell, dass 
die Angaben in ,,Jane Eyre" der Wahrheit entsprechen müssten. Wir würden 
sagen, dass Charlottens unterdruckte Erregung bei der Diskussion dieser Be- 
gebnisse sich auf die jeweilige Person, mit der sie sprach, übertrug, und die un- 
bewussten Phantasien dieser Person anregte. Wir finden immer wieder, dass 
Charlotte in ihren Briefen mit irgend einer kleinen Bemerkung andeutet, dass sie 
leidet, manchmal ohne einen Grund für ihre Gemütsverfassung anzugeben. Und 
dir jeweilige Biograph spricht dann von ihrem Leiden in dieser Periode als einer 
Tatsache, die durch äussere Umstände begründet war. 

Der Tod ihrer Schwester Maria hat Charlotte wahrscheinlich nach verschiedenen 
Richtungen hin beeinflusst. Wir können annehmen, dass dabei hauptsächlich 
Schuldgefühle wieder belebt wurden. Diese gehen teilweise auf den Tod der Mutter 
zurück, der Charlotte auf der Höhe der Ödipus-Situation getroffen hatte, teilweise 
aber auch auf die Vorstellung, dass Marias Tod die Folge „schmutziger Gewohn- 
heiten" gewesen ist. Anscheinend versuchte sie sich gegen diesen Ansturm von 
Schuldgefühlen so zu verteidigen, dass sie laut die Schuld der Schule verkündete, 
besonders die Schuld der Lehrerin, deren Miss Handlungen sie den Tod Marias 
zuschrieb. Aus dem vorhegenden Material scheint aber vor allen Dingen mit 
einiger Sicherheit hervorzugehen, dass dieses Ereignis eine alte masochistische 
Phantasie von grosser Intensität aktivierte, eine Phantasie, die wahrscheinlich zu 
ihrer Mutterbeziehung gehört. Der Kampf und die Auflehnung gegen diese Phan- 
tasie scheint ihrem ständigen Leiden zu Grunde zu liegen. 

Ein Vorfall in Charlottens späterem Leben zeigt eine Wiederholung derselben 
Konflikte. Als sie als Lehrerin nach Roe Head ging, nahm sie ihre jüngste 
Schwester Anne als Schülerin mit. Eines Tages erkältete sich Anne und begann zu 
husten. Obwohl Charlotte mit der Leiterin der Schule, Miss Wooler, seit Jahren 
sehr befreundet war, machte sie ihr bei dieser Gelegenheit eine heftige Szene, in 
der sie sich völlig unvernünftig benahm und Miss Wooler beschuldigte, durch 
ihre Unachtsamkeit die Krankheit der Schwester, die sie für tötlich hielt, verur- 
sacht 2U haben. Miss Wooler hatte genügend Verständnis, Charlottens Erregung 
zu entschuldigen, und es erfolgte eine Versöhnung; aber Charlotte war von dieser 
Zeit an tief deprimiert und verliess die Schute ganz plötzlich nach einem halben 
Jahr, wie sie in einem Brief mitteilte, weil sie es einfach nicht mehr aushalten 
konnte. Nun war Arme eindeutig auf Charlottens Anraten hin in diese Schule ge- 



38 Käte Friedländer 



kommen, und Charlotte hatte mindestens die gleichen Möglichkeiten wie Miss 
Wooler, Annes Gesundheitszustand zu beobachten; dabei handelte es sich diesmal 
wirklich nur um eine harmlose Erkältung. Aber sie musste sich wieder gegen ihre 
Schuldgefühle verteidigen, und tat es wieder durch Beschuldigung einer Lehrerin. 
Charlottens masochistisches Verhalten und ihre Feindseligkeit gegen Frauen 
zeigt sich besonders deutlich während ihrer Beschäftigung als Gouvernante. 
Kaum ist sie in einer neuen Stellung, so deutet sie schon in ihren Briefen an, dass 
sie von der Frau des Hauses und den Kindern schlecht behandelt wird. Ihre 
hauptsächlichsten Beschuldigungen bestehen darin, dass ihre Dienstgeberin sie 
nicht verstehe und auch keinen Versuch nach dieser Richtung hin mache, dass 
sie zu ihr nicht so freundlich sei, wie sie anderen Leuten gegenüber erscheine, 
manchmal auch, dass sie ungebildet und gewöhnlich sei. Sie hatte drei verschiedene 
Stellungen und fühlte sich jedesmal gleich unglücklich, begann die Arbeit schon 
mit schlechten Vorahnungen und hatte immer besondere Angst vor dem Ver- 
halten der Dienstherrin. Die kleinste Unfreundlichkeit oder Kühle verletzte sie 
sofort aufs tiefste und sie schreibt in einem ihrer Briefe: „I find il so difificult to ask 
either ser\'ants or mistress for what I want, hawever much I want it. It is less 
pain for me to endure the greatest inconvenience than to request its removal. \ 
am a fool. Heaven knows I cannot help it." Ausserdem aber enthalten ihre Briefe 
eine scharfe sarkastische Kritik gegen Dienstherrin und Kinder, während sie 
über den Mann und Vater immer einige freundliche Worte zu sagen wusste. 

Ich glaube, es ist in diesem Zusammenhang wichtig, etwas über Charlottens 
Aussehen und Benehmen zu sagen. Sie wird beschrieben als von kleiner, zarter 
Figur, mit einem sehr angenehmen, wenn auch nicht hübschen Gesicht mit einer 
etwas zu grossen Nase und einem etwas zu scharf geschnittenen Mund. Sie war 
immer nett und sauber, wenn auch ein bisschen altmodisch gekleidet und machte 
einen besonders zarten, weiblichen Eindruck. Sie war sehr schüchtern und es fiel 
ihr schwer zu sprechen, manchmal war es ihr sogar unmöglich zu antworten, wenn 
sie gefragt wurde. Es konnte aber passieren, dass sie in der Erregung plötzlich mit 
all den unterdrückten Beschuldigungen hervorbrach. Die Kenntnis ihrer Romane 
übermittelt einem eine sehr lebhafte Vorstellung ihres Benehmens, da sie sich 
als Jane in „Jane Eyre" und Lucy Snowe in ,,Villette" recht wirklichkeitsgetreu 
zeichnet. Man kann sich besonders gut vorstellen, wie provozierend diese kleine 
Person mit ihren klugen, durchdringenden Augen, ihrem beständigen Schweigen 
und ihrer Leidensmiene auf ihre weniger gebildeten Dienstherrinnen wirken 
musste, die sicherlich die Verachtung fühlten, die Charlotte für sie empfand. 

Es scheint ausser jedem Zweifel zu stehen, dass Charlotte für den Beruf einer 
Gouvernante ungeeignet war. ,,No one but myself", schreibt sie an ihre Freundin, 
,,is aware how utterly averse my whole mind and nature is to the employmeiit.** 



Charlotte Bronte 39 



Sie hatte weder Liebe noch Verständnis für Kinder und war beständig darauf 
bedacht, ihre „rohen Zudringlichkeiten", wie sie die Zärtlichkeiten der Kinder 
nannte, zurückzuweisen. Nichtsdestoweniger entwickelte sie schon sehr früh die 
Idee, an der sie mit der ihr eigenen Zähigkeit festhielt, dass Unterrichten der 
gegebene Beruf für sie und ihre Schwestern sei; in den vielen Diskussionen darüber 
spielten erzieherische Probleme allerdings keine Rolle. Die erste Möglichkeit, die 
sich ihr bot, als Leiterin eine Schule zu übernehmen, wurde jedoch von ihr zurück- 
gewiesen und statt dessen ging sie zur Verfolgung weiterer Studien nach Brüssel. 
Von dort zurückgekehrt entschloss sie sich, ihren alten Plan vorerst nicht durch- 
zuführen, sondern lieber zu Hause beim Vater zu bleiben, der zu dieser Zeit zu 
erblinden drahte. Ein nicht ganz ernsthafter Versuch wurde unternommen, im 
Pfarrhaus selbst Pensionäre aufzunehmen, aber als sich keine Schüler meldeten, 
wurde der Plan endgiltig aufgegeben. 

Sicherlich war Charlottetis Wunsch nach Unabhängigkeit ein wesentlicher 
Grund, warum sie schon im Alter von 12 Jahren den Plan hatte Lehrerin zu werden 
und daran so lange Zeit festhielt. Aber dieser Wunsch kann nicht voll verantwort- 
lich gemacht werden für die Wahl eines Berufes, den sie bewusst hasste und für 
den sie keine andere Begabung als die nötige Intelligenz hatte. Es ist wahrschein- 
licher, dass unbewusste Faktoren die ausschlaggebende Rolle in dieser Berufswahl 
spielten. Wir erinnern daran, dass ihre masochistische Phantasie in der Schule, 
in Verbindung mit dem Tod ihrer Schwester Maria, mit der sie sich identifizierte, 
-wiederbelebt wurde. Wir haben ausserdem gesehen, wie sehr sie sich dagegen 
auflehnte, dieser Phantasie nachzugeben, die sie als so gefährlich empfand. Nichts- 
destoweniger war die Anziehungskraft dieser Phantasie sehr stark; und wo könnten 
sich mehr Möglichkeiten bieten, so eine Phantasie auszuleben, sogar in Gemeinsam- 
keit mit den dazugehörigen sadistischen Impulsen, als im Lehrerberuf? Ihre 
ständige Unzufriedenheit und ihre Hassausbrüche in dieser Lebensperiode sind 
wahrscheinlich der Ausdruck der Abwehr gegen die masochistischen Verfüh- 
rungen, die ihr als Gouvernante und Lehrerin reichlich geboten wurden. Die 
Anziehung erlosch, als sie nicht mehr Untergebene zu sein brauchte, sondern als 
Leiterin frei von Unterdrückung sein konnte. Ein wichtiger Beweis für die unbe- 
wusste Anziehung des Lehrerberufes findet sich in allen ihren Romanen. Beinahe 
alle Liebesszenen in ihren Romanen spielen sich so ab, dass die jeweiligen Helden 
in der Posiuon von Lehrer und Schülerin zueinander stehen. Es macht den Ein- 
druck, als ob sie sich hätte gar nicht vorstellen könnten, dass eine Leidenschaft 
zwischen Mann und Frau auch in einer anderen Situation entstehen könnte. 
Natürlich finden wir deutliche Veränderungen. Die Lehrer sind Männer, die 
Beziehung ist lustvoll und eine offen sexuelle, nur gelegentlich gibt es Szenen, in 
denen die Hemmung des Exhibitionismus zu peinlichen Erlebnissen Anlass gibt. 



40 Käte Friedländer 



Das korrespondierende Erlebnis in ihrem realen Leben ist Charlottens grosse und 
unglückliche Leidenschaft für M. Heger, ihren Lehrer in Brüssel. 

Ich habe soweit versucht nachzuweisen, dass Charlottens ständige Leiden der 
Ausdruck einer masochistischen Phantasie sind. Die Beschreibung von seelischen 
Leiden, von dem Effekt der Ungerechtigkeit und Grausamkeit auf einen emp- 
findsamen Geist, in Kürze die Beschreibung jeder unglücklichen Beziehung in 
ihren Romanen ist besonders schön, ausdrucksvoll und wirklich empfunden. Ich 
habe ausserdem versucht zu zeigen, dass diese Phantasie eine solche Intensität 
besass, dass sie sich nicht nur ihren Freunden, sondern auch dem Publikum und 
späteren Biographen mitteilte. 

Aber diese Phantasie ist nur der Ausdruck einer Seite ihrer Persönhchkeit, der- 
jenige Anteil, der, weil er der direkte Ausdruck eines unbewussten Trieban- 
spruchs ist, die grösste Anziehungskraft auf die Umwelt ausübte. Ich möchte 
nun versuchen, einen Ausschnitt aus dem wirklichen Charakter Charlotte 
Brontes zu geben, der wesentlich anders aussieht, als allgemein angenommen 
wird. 

Charlotte konnte ihr ursprüngliches Ziel, eine Schule zu eröffnen, nicht erreichen 
nicht etwa weil sie dazu nicht fähig gewesen wäre, sondern wahrscheinlich, weil 
dieses Ziel seine Anziehungskraft eingebüsst hatte. Sie war aber sowohl als Schü- 
lerin wie als Lehrerin ausserordentlich erfolgreich und ihr Fleiss, ihre Ausdauer 
und ihre Begabung wurden hoch gepriesen. Ihre intellektuellen Fähigkeiten und 
ihre Beharrlichkeit, eine Aufgabe ungeachtet der sich entgegenstellenden Schwierig- 
keiten durchzuführen, gehören zu den hervorstechendsten Charakterzügen dieser 
interessanten Persönlichkeit. Obwohl sie beständig litt, oder, wie wir sagen würden 
obwohl sie ständig Triebbefriedigungen passiv-masochistischer Art erlebte 
war sie doch aktiv genug, um hochwertige positive Ziele zu erreichen. 

Ausserordentlich früh schon entwickelte sie die Idee, dass Frauen auch Berufe 
haben und nicht lediglich danach trachten sollten, sich zu verheiraten. Mit dieser 
Einstellung war sie um etwa 50 Jahre ihrer Zeit voraus. Sie glaubte, zwei Möglich- 
keiten eines Berufes für sich zu haben: entweder den eines Literaten oder den 
eines Lehrers. Wir haben ihr Schicksal als Lehrerin verfolgt, und ich möchte nur 
noch hinzufügen, dass der Plan eine Schule zu eröffnen immer dann in den Vorder- 
grund rückte, wenn ihre Hoffnungen auf eine literarische Laufbahn enttäuscht 
wurden. 

Für die Entwicklung ihrer Aktivität, besonders ihrer literarischen Laufbahn 
ist ihre Beziehung zu ihrem Bruder und Vater und die besondere Art der Verar- 
beitung ihres Penisneides von ausschlaggebender Bedeutung. 

Obwohl Charlotte über 5 Jahre alt war, als ihre Mutter starb, ist die einzige 
Erinnerung, die sie später an die Mutter hatte, dass sJe sie mit ihrem Bruder 



Charlotte Bronte 



41 



Branwell spielen sah. Ich glaube, dass die Traumen, welche den Charakter Char- 
lottens entscheidend formten, nicht so sehr der Tod, sondern die Geburt ihres 
Bruders und der Schwestern waren. Branwell, nur ein Jahr jünger als sie selbst, 
war der einzige Sohn in einer Familie von sechs Kindern und der ausgesprochene 
Liebling eines ehrgeizigen Vaters, der alle seine Hoffnungen auf ihn übertrug. 
Er war sehr klug, eJn sehr anziehendes Kind und seine Erziehung wurde voll- 
ständig vom Vater übernommen. Wenn die Mädchen zur Schule gingen, blieb 
Branwell beim Vater und der Tante zu Hause. Über Charlottens frühe Beziehung 
zu Branwell ist nichts bekannt. Aber zwischen dem 9. und 15. Lebensjahr hatte 
sie gemeinsame Tagträume mit ihm, die teilweise niedergeschrieben wurden. Sie 
hatten ein Land, genannt Angria, in welchem ihre Helden kämpften. Charlottens 
Held war der Duke von Wellington, mit dem sie sich identifizierte und der lebens- 
länglich von ihr verehrt wurde und immer wieder in ihren Romanen auftaucht. 
Anscheinend repräsentierte Charlotte in diesen Tagträumen einen Knaben und 
ihre Beziehung zu ihrem Bruder war demnach eine homosexuelle. Als Charlotte 
im Alter von 16 Jahren aus Roe Head zurückkehrte, wurden diese literarischen 
Aktivitäten wieder aufgenommen und eine grosse Menge von Gedichten und 
Prosawerken wurden pioduziert. Branwell teilte noch immer ihr vollstes Ver- 
trauen und schrieb selbst umfangreiche Werke. Eine der Prosadichtungen Char- 
lottens aus dieser Zeit ist erhalten geblieben und befindet sich im Britischen 
Museum. Sie soll keinerlei literarischen Wert besitzen. Charlotte schrieb immer 
unter einem männlichen Pseudonym, zu dieser Zeit benützte sie in Anlehnung 
an den Duke von Wellington den Namen Lord Wellesley. Nach einiger Zeit, als 
sie 20 Jahre war, sandte sie eines ihrer Gedichte zur Kritik an S o u t h e y, der 
damals Poet Laureate war, während Branwell um dieselbe Zeit W o r d s - 
w o r t h um seine Meinung bat, Sein Brief wurde nie beantwortet, während Char- 
lotte, die ausnahmsweise ihre Anonymität gelüftet hatte, eine sehr entmutigende 
Antwort bekam, die die Worte enthielt, „that literature can not be the business of a 
woman's life". Sie klagte bitter über diese Phrase in ihren Briefen und hörte mit 
ihren literarischen Produktionen völlig auf. Erst 4 Jahre später begann sie wieder 
zu schreiben, und diesesmal schickte sie den Beginn eines viktorianischen Romanes 
an Wordsworth. Sie wurde wieder entmutigt und in ihrer Antwort an Words- 
worth, der in seinem Briefe anscheinend die Vermutung ausgesprochen hatte, dass 
der Autor eine Frau sein müsse, umging sie in sehr kluger und ironischer Weise 
seine Frage, stellte aber fest, dass das Geschlecht des Autors den Kritiker nichts 
anginge. Wieder hörten ihre literarischen Produktionen völlig auf und der Schul- 
plan ruckte in den Vordergrund, um erst 2 Jahre nach ihren Brüsseler Erfahrungen, 
im Jahre 1846, wieder aufgenommen zu werden. Um diese Zeit wirkten wahr- 
scheinlich mehrere Ereignisse zusammen. Charlottens Talent endgiltig zu stabili- 



42 f^üte Fnedländer 



sieren. Sie war in M. Heger, einen verheirateten Mann, leidenschaftlich verliebt 
gewesen und war zwei Jahre nachher noch ausserordentUch unglückhch. Aber 
wichtiger als dieses Ereignis war wahrscheinlich das Schicksal ihres Bruders. 
Branwell hatte die Hoffnungen, die man auf ihn setzte, nicht erfüllt. Nachdem er 
literarisch nicht erfolgreich war. entwickelte er ein starkes Interesse für Malerei, 
und es bestand ein Plan, ihn nach London an die Akademie zur Ausbildung ^m 
schicken. Ein Bildnis seiner 3 Schwestern, das er zu dieser Zeit malte, befindet 
sich in der National Portrait Gallery. Warum dieser Plan nicht ausgeführt wurde, 
ist nicht bekannt. Aber statt die Akademie zu besuchen, wurde er ein unter- 
geordneter Beamter an der Manchester Eisenbahn und zog sich damit Charlottens 
bittere Kritik und Ablehnung zu. Er begann zu trinken; noch einmal hatte er eine 
etwas gehobenere Stellung als Privatlehrer, wurde aber entlassen, well er an- 
scheinend mit seiner Dienstherrin eine Beziehung anfangen wollte, und kehrte 
1846 nach Hause zurück, wo er ein müssiges Leben führte, bis zum Exzess trank, 
Wutanfälle hatte und sozusagen unbeeinflussbar wurde. Er starb 1849 an Lungen- 
schwindsucht. Charlotte zeigte durch diese ganze Zeit hindurch ihre Verachtung 
sehr ofFen, und obwohl sie seine beste Freundin und Gefährtin gewesen war, die 
mit ihm alle seine literarischen Ambitionen teilte, so lange er vielversprechend 
war, hasste sie ihn nun so sehr, dass sie in den letzten Jahren überhaupt nichr 
mit ihm sprach und keinerlei Versuch machte, auf ihn einzuwirken. Aber es -war 
zu dieser Zeit, als Branwells Niedergang begann und ihre Trennung von ihm 
erfolgte, dass sie anfing, wieder zu schreiben, und diesmal erfolgreich. Der un- 
mittelbare Anlass für diese erneute literarische Aktivität war, dass sie durch Zufall 
in dem Schreibtisch ihrer Schwester Emily eine Anzahl besonders schöner und 
begabter Gedichte fand. Obwohl Emily über diesen Einbruch in ihr Privatleben 
tief verletzt war, gelang es Charlotte, sie zur Publikation zu überreden, wie über- 
haupt die sanfte Charlotte immer ihren Willen ihren Schwestern aufzwang. Und 
nun tat sie etwas, was man wirklich nur mit Einbezug der allerdmgs ziemlich 
offenen unbewussten Motive verstehen kann: anstatt Emilys Gedichte allein zu 
veröffentlichen, machte sie eine Kollektion von Emilys, Annes und ihren eigenen 
Gedichten. Man kann Charlottens kritische Fähigkeiten keinen Augenblick be- 
zweifeln. Aber selbst wenn sie nicht genügend Objektivität ihrem eigenen Werk 
gegenüber gehabt haben sollte — sie hatte keine poetischen Fähigkeiten — muss 
sie sich über die minderwertige Qualität von Annes Produktionen im Klaren 
gewesen sein. Mit dieser Handlung zerstörte sie jeden Erfolg, den Emilys wunder- 
schöne Lyrik gehabt haben könnte. Nur 2 Bände der gesammelten Gedichte, die 
unter den Namen Currer, Ellis und Acton Bell veröffentlicht ^vurden, wurden 
verkauft. Aber diese Enttäuschung verhinderte Charlottens literarische Tätigkeit 
nicht mehr. Die Schwestern setzten sich zur Arbeit und Charlotte schrieb ,,Jane 



Charlotte Bronte 43 



Eyre", ein Buch, das 1847 veröffentlicht woirde und Currer Bell mit einenri Schlag 
berühmt machte. Selbst nach dem grossen Erfolg dieses Romans war sie ängstlich 
darauf bedacht, ihr Pseudonym zu wahren, und sie war wütend, wann immer eine 
Diskussion über das Geschlecht des Autors stattfand. 

Anscheinend hielt Charlotte mit all ihrem weiblichen Stolz die literarische 
Tätigkeit für eine männliche Aktivität. Rationale Gründe allein können ihre Ge- 
fühlsausbrüche, wenn sie als Frau identifiziert wurde, nicht erklären, sicherlich 
nicht nach dem Erfolg ihres ersten Buches. Immerhin war Jane A u s t e n zu 
dieser Zeit ausserordentlich geachtet. Ihr Verhalten stimmt mit ihren intellek- 
tuellen Ansichten über die Fähigkeiten der Frau und ihrem Wunsch nach Gleich- 
berechtigung nicht überein. 

Wir haben gesehen, dass ihre literarische Tätigkeit mit ihrer Beziehung zu 
ihrem Bruder sehr eng verknüpft war. Sie teilte diese Aktivität mit ihm solange 
er erfolgreich war und hatte dabei die Phantasie, dass sie auch ein Mann sei. Ihre 
Verachtung für ihn nach seinem Abstieg erscheint als die Verachtung gegen ein 
Individuum, das seine Männlichkeit verloren hat und mit dem sie deshalb ihre 
Phantasie, ein Mann zu sein, nicht mehr teilen konnte. Wenn es vorher so aussah, 
als ob ihre Identifizierung mit ihrem Bruder so besonders wichtig wäre, erscheint 
es jetzt, als ob der Verlust seiner Männlichkeit ihr die Macht gegeben hätte, selbst 
eine männliche Aufgabe zu erfüllen. Denn erst nach Branwells Abstieg kann sich 
ihre literarische Produktivität freier entfalten. Die Identifizierung wurde zu leicht 
gestört durch alle Enttäuschungen, die sie in ihre Weiblichkeit zurückwiesen. 
Ihre Verachtung gegenüber dem Bruder wurde so auffällig demonstriert, dass man 
den Verdacht bekommen könnte, sie wollte recht deutlich zeigen, dass es seine 
und nicht ihre Schuld war, dass er in diese entwürdigende Verfassung gekommen 
war. Wir haben diesen Abwehrmechanismus schon einmal gefunden, und zwar in 
ihrem Hass gegen die Frauen, denen sie die Schuld am Tode und an der Krankheit 
der Schwestern zuschrieb. 

Man bekommt Bestätigungen für diese Auffassung ihrer Kastrationswünsche 
gegen den Bruder von der Rolle, die Bruderfiguren in ihren Romanen und im 
Leben spielen. St. John Rivers in ,,Jane Eyre", die Kuraten in ,,Shirley", die Be- 
wunderer von Ginevra Fanshawe in „Villette" behandelt sie mit Verachtung, 
scharfer Ironie und Sarkasmus als impotente und lächerliche Individuen, die sie 
beherrschen kann. In Wirklichkeit hatte sie eine sehr glückliche Zeit, als sie sich 
beinahe ein Jahr lang auf Kosten eines Kuraten ihres Vaters amüsierte, den sie 
wegen seines weibischen Aussehens Celia Amelia nannte. 

Aber die Phantasien, die mit ihrem Penisneid in Verbindung stehen, werden 
aus der Bruderbeziehung allein nur unvollständig erklärt. Wir sehen nur, dass 
sie unproduktiv war, solange sie gemeinsame Phantasien mit ihm hatte, dass 



3 Vol. 26 



44 Käte Friedländer 



jedoch sein Niedergang ihr Talent befreite oder ihr half, eine männhche Aktivität 
zu desexualisieren, allerdings unter völliger Aufgabe des Bruders als Liebesobjekt. 
Wir bekommen einen weiteren Einblick in ihre Phantasien durch das Verständnis 
ihrer Beziehung zu ihrem Vater und zu Vaterfiguren. 

Man hört nicht viel über ihre Beziehung zu ihrem Vater. Der Grund hiefür 
ist wahrscheinlich darin zu sehen, dass sie selbst in ihrem Leben ihre Abhängig» 
keit von ihm völlig hinter ihrer Pflichterfüllung verbirgt. Es wird in literarischen 
Kreisen als gesichert angenommen, dass die männlichen Helden ihrer Romane 
insbesondere Paul Emanuel in ,,Villetle", nach dem Bild des Prof. Heger geformt 
sind. Sicherlich, aber weiche Kraft trieb Charlotte, sich hoiTnungslos in einen 
verheirateten Mann von dem Alter ihres Vaters zu verlieben? Wir sehen Andeu- 
tungen dieser starken Kraft, die sie zwang, ihren Ödipuskonflikt so offen zu wieder- 
holen, auch in ihrer Beziehung zu den Familien, in welchen sie als Gouvernante 
arbeitete. Ich habe vorhin erwähnt, dass sie immer ihre Verachtung und ihren 
Hass gegen Frau und Kinder des Hauses aussprach, und immer einige Bewun- 
derung für den Mann übrig hatte. 

Es gibt da eine Tatsache, die mir als ein Beweis für ihre noch sexualisierte 
Beziehung zu ihrem Vater recht bedeutsam erscheint. Die erste Andeutung, die 
wir von ihrer beginnenden Liebe zu M. Heger bekommen, entstammt einem 
Brief, geschrieben nach dem Tod der Tante, die so lange an ihr Mutterstelle 
vertreten hatte: .,1 returned to Brüssels after aunt's death against my conscience 
prompted by what then seemed an irresistible impulse. I was punished for mv 
selfish folly by a withdrawal for more than two years of happiness and peace of 
mind." Man kann annehmen, dass der Tod der Tante die Konflikte wieder- 
belebte, die mit dem Tod der Mutter zusammenhingen, Konflikte, die wohl 
hauptsächhch in Schuldgefühlen wegen ihrer ödipalen Wünsche bestanden 
haben müssen. Sie entfloh der Versuchung, allein mit dem Vater zu leben, jeden- 
falls zu dieser Zeit und agierte den ganzen Konflikt mit dem Professor in Brüssel 
als dem weniger gefährlichen Objekt. Nicht nur ihre Liebe für M. Heger begann 
zu dieser Zeit, sondern es tauchte auch plötzlich eine scharfe Feindseligkeit gegen 
dessen Frau auf, mit der sie vorher recht befreundet war, und es werden An- 
schuldigungen erwähnt, dass Mme. Heger sie in einer höchst ausgeklügelten Weise 
verdächtigte und verfolgte. Es gibt einige Beweise dafür, dass Mme. Heger nach 
Charlottens Weggang von der Schule, als sie Liebesbriefe an M. Heger schrieb 
eifersüchtig wurde; aber das Bild vom Mme. Beck in ,,Villette" scheint zumindest 
übertrieben und von paranoiden Ideen beeinflusst zu sein. Der direkte Ödipuskon- 
flikt ist die oberflächliche Schichte, hinter der die alte, sehr starke Beziehung zijj. 
Mutter verborgen ist. Die Feindseligkeit gegen Frauen scheint verstärkt zu sein 
durch den Wunsch, sich gegen ihre homosexuellen Impulse zu verteidigen, und 



Charlotte Bronte 



45 



die aice masochistische Beziehung bricht durch, wenn sie sich durch diese Frauen 
so schlecht behandelt fühlt. 

Ich möchte eine Besonderheit in ihrer Beziehung zu diesen geliebten Vater- 
figuren zeigen, die ich durch Beispiele aus ihrem Leben und ihren Romanen 
illustrieren möchte, die ihre aus dem Penisneid stammenden Phantasien vervoll- 
ständigen. 

Ich habe eben erwähnt, dass ich annehme, dass Charlotte nach dem Tod ihrer 
Tante das Elternhaus wieder verliess, getrieben von ihrer Angst vor ihrer Bezie- 
hung zu dem Vater. Als der Vater aber zu erblinden drohte, blieb sie bei ihm, 
obwohl sie damit ihren alten Schulplan aufgeben musste. Verschiedene Gründe 
sprechen dafür, dass es sich bei diesem Entschluss nicht lediglich um einen Akt 
der Pflichterfüllung handelte, hauptsächlich wohl die Tatsache, dass die beiden 
anderen Schwestern nur zu glücklich gewesen wären, zu Hause zu bleiben. Ich 
glaube, wir können einen Einblick in die Bedeutung der Erblindung ihres Vaters 
für ihre Beziehung zu ihm bekommen, wenn wir uns ihr unbewusstes Zugeständnis 
in .Jane Eyre" ansehen. Jane liebt Rochester mit einer Leidenschaft, die einer 
Mischung von passiver masochistischer Hingabe und dem aktiven Wunsch, ihn 
zu beherrschen, entspricht. Sie verlässt ihn, als sie von seiner ersten Ehe hört, 
und kommt zurück, von einer überirdischen Stimme gerufen, nachdem Rochester 
durch eine Wahnsinnstat der Frau blind geworden war und die rechte Hand ver- 
loren hatte. Am meisten sehen wir aus Jane Eyres eigenen Worten: „Mr. Rochester 
continued blind for two years . . . perhaps that was the circumstance which knit 
US so close. For I was then his vision, as I am still his right hand. Literally I 
was (what he often called me) the apple of his eye. He saw nature, he saw books 
through me." Ich möchte noch einige andere Beispiele derselben Art geben, bevor 
ich eine Erklärung versuche. Da gibt es die folgende Episode in „Villette"; Prof. 
Paul Emanuel ist in einer sehr schlechten Stimmung und niemand wagt ihm nahe 
zu kommen, obwohl man ihm eine wichtige Botschaft zu übergeben hat. Lucy 
wird als letzte Instanz zu Hilfe gerufen. Sie betritt das Klassenzimmer mit Angst. 
Sie wagt es endlich, dem Pult näher zu treten. Sehr nahe an ihm empfindet sie 
keine Angst mehr. Sie bringt die Botschaft vor, dass er auf die Akademie gehen 
muss. Er will nicht hören. Sie legt seine Mütze auf den Tisch. Er will nicht gehen 
und will statt dessen einige Zeilen senden. Ich zitiere: „Knowing well it would 
not do, I gently pushed the bonnet towards his hand. Thus impelled, it slid down 
the polished slope of the vamished and unbaized desk, carried before it the Ught 
steelframed .lunettes', and, fearful to reJate, they feil to the estrade. A score of 
times ere now had I seen ihem fall and receive no damage — this time, as Lucy 
Snowe's hapless luck would have it, they so feil that each clear pebble became a 
shivered and shapeless star." 



46 Käte Friedländer 



,,Now, indeed, dismay seized me — dismay and regret. I knew the value of these 
Junettes': M. Paul's sight was peculiar, not easily fitted, and these glasses suited 
him. I had heard him call them his treasurcs: as I picked thein up, cracked and 
worthkss, my hand trembled. Frightened through all my nerves I was to sce 
the mischief 1 had donc, but I think I was even more aorry than afraid. For some 
seconds I dared not look the bereaved Professor in the face; he was the first to 
speak." 

,, ,Lä, Said he: ,ine voilä veuf de mos lunettes! I think, Mademoiselle Lucy will 
iiow confess that the cord and galiows are amply earned; she trembled in anticipa- 
tion of her doom. Ah, traitr^ss! traitress! You are resolved to have me quite blind 
and helpless in your bands!' " 

„I lifted my cyes: his face, instead of bcing iratc, lowering, and furrowed, was 
üverflowing with the smile, coloured witb the bloum 1 had seen brightening it that 
evening at the Hotel Crecy. He was not angry — not even grieved. For the real 
injurv he showed himself füll of clemency; under tht real pro\'ücation, patienl as a 
Saint. This event, which seemed so untoward— which I thought had ruined ai 
once my chance of successful persuasion — proved my best help. Difficult of 
management so long as I had done him no härm, he hecame graciously pÜant as 
soon as I stood in his presence a conscious and contrite ofFender." 

Die Erblindung scheint also zu bedeuten, daas der Mann durch die Handlung 
der Frau seine Männlichkeit verliert, kastriert wird. Dadurch wird gleichzeitig 
ein unlösbares Band zwischen Mann und Frau hergestellt. Nun wird es auch ver- 
ständlich, dass die Erblindung des Vaters, die so weitgehend in ihre Phantasien 
hereingehörte, sie enger an ihn fesselte. 

Ihr eigenes Verhalten in ihrem wirklicher Leben war nicht sehr weitgehend 
von dem Verhalten der Helden in ihren Romanen verschieden. So zum Beispiel 
verehrte sie Thackeray sehr tief und er seinerseits hatte sich sehr lobend 
über ihr Buch „Jane Eyre" ausgesprochen, Ein erstes Zusammentreffen erfolgte, 
Charlotte war so schüchtern, dass sie überhaupt nicht sprechen konnte, und 
die Bekanntschaft endete vorerst in Enttäuschung. Sie sagte nachher, dass das 
Sprechen eine Höllenqual war. So hörte sie im wesentlichen zu und fand seine 
Reden zynisch, barsch, und sich selbst widersprechend. Bei der nächsten Be- 
gegnung scheint ihre Schüchternheit verschwunden zu sein. Sie schrieb an ihre 
Freundin: ,,He made a morning call and sat about for two hours. Mr. Sniith 
(ihr Herausgeber) alone was in the room the whole time. He described it after- 
wards as a ,queer scene' and I suppose it was. The giant sat before me: I was moved 
to speak to him of some of his shortcomings, IJterary of course: one by one the 
faults came into my raind. and one by one I brought them out, and sought some 
explanation or defence. He did defend himself like a great Turk and heathen; 



Charlotte Bronte 47 



that is to say the excuses were often worse than the crime itself. Ths matter 
ended in decent amity; if all be well I am to dine at his kome this evening." Sie 
ging hin, und Thackeray, der sich anscheinend sehr darauf freute, diese scharf- 
sinnige und begabte kleine Dame einem ausgewählten Kreis der Londoner lite- 
rarischen Welt vorzustellen, wurde bitter enttäuscht. Sie sprach wieder nicht, es 
gelang mit keinem Mitte), sie aus ihrem Stupor herauszubringen, und sie ging 
früh weg. 

Oder die Geschichte ihrer Eheschliessung mit Reverend Nicholls. Er kannte 
Charlotte seit 8 Jahren, da er ein ICurat ihres Vaters war und im Pfarrhaus aus 
und ein ging. Eines Tages kam er in ihr Zimmer und erklärte ihr seine Liebe. 
Aus einem Brief: ,. . . . his manners you can hardiy realise nor can I forget it. 
Shaking from head to foot, looking deadly pale, speaking low, vehemently yei with 
difficulty he made me for the first time feel what it custs a man to declare affection 
when he doubts response-" Charlotte wies ihn ab. nachdem sie eine Szene mit 
ihrem Vater hatte, der sich höchst beleidigend gegen den sonst so geschätzten 
Kollegen aussprach. Die Erinnerung an seine Erscheinung an diesem Nach- 
mittag beschäftigte sie aber sehr eingehend. Infolge des gehässigen Verhaltens 
von Charlottcns Vater sah sich Mr. Nicholls genötigt, die Pfarrgemeinde zu ver- 
lassen. Da erfolgte die Begebenheit, die man wieder am besten durch Charlottens 
eigene Worte versteht; ,,lt seems as if I were to be punished for my doubts about 
the nature and truth of poor Mr, Nicholl's regard, Having ventured on Whit 
Sunday to stop to the sacramenl, I got a lesson not to be repeated. He struggled. 
faltered, then lost command over himself, stood before my eyes and in the sight 
of all the communicants, white, shaking, voicclcss. He made a great effort, but 
could only with difficulty whisper and falter through the service. I suppose he 
thought this would he the last time, he goes either this week or the next. I heard 
the women sobbing round, and I could not quite check my own tears. What had 
happened was reported to Papa . . . it excited only anger and such expression as 
,unmanly driveller'. " 

Von diesem Augenblick an war Charlotte entschlossen, ihn zu heiraten und es 
gelang ihr ein interessantes Kompromiss. Sie beruhigte ihren Vater, indem sie 
arrangierte, dass Mr, Nicholls nach der Eheschliessung im Pfarrhaus wohnen 
und die Pflichten des Vaters übernehmen sollte. So hatte sie ihren Vater nur für 
die kurze Zeit ihrer Hochzeitsreise zu verlassen und sie erlebte dann, was sie selbst 
die einzige wirklich glückliche Zeit ihres Lebens nannte. Sie war ihrem Mann tief 
ergeben und lebte nur seiner Gesundheit und seiner Bequemhchkeit, Sie betonte 
wiederholt seine mütterliche Fürsorge für sie während ihrer letzten Krankheit. 

Ich glaube, dass man die Phantasie, die sowohl ihren wirklichen Erlebnissen als 
auch den geschilderten Episoden der Romane zu Grunde liegt, ähnhch deuten 



48 i^äte Friedlärider 



kann, wie es F e n i c h e P getan hat. Der Mann wird unwiderstehlich, nachdem 
er seiner Männlichkeit beraubt ist, und die Frau wird zum Penis, zu einem Instru- 
ment, ohne das der Mann nicht mehr existieren kann. Die Frau wird ,,Hterally 
the apple of his eye". Diese Phantasie, die man als eine treibende Kraft hinter 
Charlottens Aktivitäten vermuten kann, hat natürhch prägenitale Vorläufer; da 
ist unter anderem ihr auffälliger Exhibitionismus zu nennen, dessen Hemmung sie 
so quälte. Ausserdem gestattet die Phantasie ,,the apple of the eye" die Entwickluixg- 
weiblicher Wünsche, da die Frau ja zu einem Instrument eines starken Mannes 
gevvorden ist, 

Jetzt kann man auch verstehen, dass ihre Beziehung zu ihrem Bruder gestört 
wurde, als dieser im Leben versagte. Er war nun nicht mehr der starke Mann, der 
mit ihrer Hilfe Romane schrieb. Sein Versagen musste sie als Folge ihrer Kastra- 
ticnswünsche erlebt haben und sie reagierte darauf mit Schuldgefühlen und Ab~ 
Wendung von ihm als Liebesobjekt. Soll die Beziehung zu einem Mann — - in 
Wirklichkeit oder in der Phantasie — befriedigend sein, so muss der Mann trotrz 
ihrer Kastrationswünsche stark und mächtig bleiben. Die Störung ihrer Phantasie 
mit dem Bruder muss ihr dazu verholfen haben, ihre literarischen Fähigkeiten 
teilweise zu desexualisieren. 

Die Verbindung dieser Phantasie mit der vorher geschilderten masochistischen 
Phantasie ergibt nun ein höchst interessantes Bild, das Bild einer sanften Frau, 
die alles erreicht, was sie will. Ich glaube auch, dass die Anziehungskraft der 
Romane von Charlotte Bronte auf das Publikum auf den leidenschaftlichen 
Ausdruck eben dieser Phantasien in ihren Romanen zurückzuführen ist. 

Ich glaube, gezeigt zu haben, dass die Persönlichkeit, die hinter dem ständigen 
Leiden, der Schüchternheit, der Sanftheit und Frömmigkeit, hinter dem sehr 
weiblichen Auftreten verborgen ist, wesenthch verschieden ist von der, welche 
Charlotte Brontes Biographen geschildert haben. Wir sehen jetzt eine Frau mit 
einem sogenannten männlichen Verstand, die sehr klug, sehr scharfsinnig und mit 
einem hohen Grad kritischer Fähigkeiten und einer grossen Ausdauer, ihr Ziel zu 
erreichen, ausgestattet ist. Eine Frau, die fähig ist, ihren Willen, wenn auch sanft, 
ihrer Umgebung aufzudrängen, den Schwestern sowohl als dem Vater, Männern 
sowohl als Frauen; eine Frau, die durch ihre eigene Kraft erreicht hat, berühmt 
zu werden, obwohl sie den grössten Teil ihres Lebens in einem isolierten Dorf^ 
nahezu ohne Kontakt mit der Umwelt, lebte. 

Bei der Diskussion des masochistischen Charakters bildet die grosse Zahl 
masochistischer Typen bekanntlich grosse Schwierigkeiten. Meiner Erfahrung 
nach ist nun die hier beschriebene Kombinadon von masochistischer Phantasie, 

3) Otto Fenichel: Die symbolische GteichunR: Mädchen — Phallus. Int. Ztschr. f. Psa,, Bd. 
XXn, 1936. 



Charlotte Bronte 49 



Vaterfixierung und einer speziellen Verarbeitung des Penisneids keineswegs 
selten; sie resultiert in einer typischen und interessanten Persönlichkeit. Ich habe 
in den letzten Jahren drei Frauen mit einer ähnlichen psychischen Struktur analy- 
siert, eine dieser Frauen war eine bedeutende Künstlerin. Um diesen Typus kurz 
zu beschreiben, würde ich sagen, dass hinter dem Deckmantel schweren Leidens 
männliche Aktivität verborgen und wirksam ist. Es hängt natürlich von dem Grad 
der Desexual isierung der Aktivität ab, ob diese Frauen wirklich erfolgreich ihr 
Ziel erreichen können oder nicht. Wir haben hier eine Stufenleiter von der rem 
aggressiven Tendenz, den Penis zu rauben, bis zu den positiven Werten einer 
Charlotte Bronte vor uns. Vielleicht ist es treffender, solche Persönlichkeiten 
phallische Charaktere mit einer masochistischen Phantasie zu nennen und nicht 
bloss masochistische Charaktere. 

Ich bin mir bewusst, dass ich hier hauptsächlich Material dargestellt und keines- 
wegs eine volle theoretische Erklärung versucht habe. Es kam mir aber im wesent- 
lichen darauf an, ein Bild des Charaktertypus zu entwerfen, wie er in Charlotte 
Bronte verkörpert zu sein scheint. 



4 Vol. 26 



Messias, Golem, Ahasver 
Drei mythische Gestalten des Judentums 

E. Isaac-Edersheim 

I. DER MESSIAS 
Einleitung 

Die jüdische Geistesgeschichte kennt eine eigenartig- phantastische Figur. Sie 
unterscheidet sich von vielen anderen grossen Figuren aus der Vergangenheit 
durch die Tatsache, dass sie eine Erscheinung ist, die lediglich in der Vorstellung 
der Menschen gelebt hat und noch lebt. Sie ist eine Erscheinung der Vergangen- 
heit und der Zukunft, bekannt und rätselvoll zugleich: Der Messias. 

Der Versuch, dieses Rätsel zu lösen, diese Gestalt in ihren Erscheinungsformen 
zu beobachten und ihren Ursprung aufzudecken, ist ungemein verlockend. 

Die Gestalt des Messias ist uns auch heute noch vertraut, wenn auch ziemlich 
vage und ohne feste Konturen. Am Sederabend öffnen die Juden ihre Türen für 
Elijahu hanawi, der, ursprünglich ein Vorläufer des Messias, in den Vorstellungen 
des Volkes zunn Messias selbst geworden ist. Es gibt andere Spuren. Viele fromme 
Juden vermeiden jede Tat zur Befreiung ihres Volkes, weil der Messias ja noch 
für diese Tat erscheinen soll. 

Es existiert eine sehr umfangreiche christliche Literatur über den Messias. 
Immer wieder, unermüdlich, haben sich die christlichen Theologen mit dem 
Messias beschäftigt und haben sich in die verschiedenen Bibelst'ellen vertieft, die 
ihn erwähnen oder ihn gemeint haben könnten, um dann hierin die Verkündigung 
von Christi Erscheinen zu finden. Für sie ist Christus der Messias; für sie hat 
altes, was es an messianischen Erscheinungen oder Erwartungen je gab, Erfüllung 
und AbschlusB in seinem Erscheinen gefunden. Alles konzentriert sich in seiner 
Gestalt, in dem Mann, der sie von der Erbsünde und dem Schuldgefühl erlöst 
hat. 

Es hat viele falsche Messiasse gegeben; ihr Auftreten hat nur dazu beigetragen, 
die Aufmerksamkeit auf die Kraft der messianischen Idee zu richten. 

Übergrosse Not herrscht unter vielen Millionen Juden. Bei den meisten lebt 
tief verborgen eine Messiaserwartung, die natürlich differenziert ist nach Art und 



Messias. Golem, Akasver 51 



Ursprung. Der Messias ist der Bringer von Glück, Friede und Wohlfahrt, oder 
der Rächer, der Mann der Vergeltung und der Gerechtigkeit. Er ist es, der die 
Toten aufwecken, die Völker befreien und wiedervereinigen wird. Er ist das 
Wesen, das uns von unserer Todesfurcht befreit. 

Aus dieser wirren Fülle von Vorstellungen müssen wir eine Erscheinung ins 
Licht rücken, und es ist das Ziel dieser Arbeit, den Ursprung dieser Erscheinung 
aufzuspüren. 

Aus welchen Ursachen und Quellen leitet diese Figur ihr Entstehen ab; woher 
stammt ihre spezifische Macht und Kraft, die zu solch einem wichtigen Faktor 
in der Geschichte, in den Wünschen und Erwartungen der Menschheit geworden 

sind. 

Eine Zusammenfassung all dieser Erwartungen nennt man memianismus. 
die Zeit, in der diese Heilserwartungen Wirklichkeit werden, die messianische 
ZEIT. Unter diesem Namen blühte seit ewigen Zeiten alles Sehnen des Volkes 
nach einer glücklichen Zukunft, nach einer Zeit der Macht und des Friedens, 
der Harmonie und Gerechtigkeit. Diese Zeit beginnt mit dem Kommen des 
Messias. Alles ist möglich in dieser Zeit, alles noch möglich für den, der an sein 
Kommen glaubt; sein Reich ist das der unbegrenzten Möglichkeiten. 

Ich will zu Beginn eine kurze Übersicht über den Messianismus im Laufe der 
Zeiten geben. Diese Übersicht muss notwendiger Weise beschränkt sein und 
macht natürUch keinerlei Anspruch auf einige Vollständigkeit. Sie will nur 
einen Eindruck geben dessen, was sich an die Gestalt des Messias im Lauf der 
Zeiten an Phantasien und Erwartungen geknüpft hat. 

Ähnliche Erscheinungen. Historische Übersicht. 
Viele andere Völker kennen Gestalten, die gewisse Züge mit dem Messias gemein 
haben. Nach einem Heiland und Erlöser hat sich die Menschheit immer gesehnt. 
Aus diesem Sehnen hat sie ihn geschaffen, und er ist seinen endlosen Weg gegangen, 
lebend in den Wünschen, für diese Wünsche ausziehend. 

Bei zahlreichen primitiven Völkern haben sich Spuren einer Heiland-Erlöser- 
Figur gefunden. Man kennt solche Legenden unter anderem von den Inselbe- 
wohnern der Torres- Strasse, bei den Fidschi- Insulanern, man findet sie in Süd- 
Melanesien usw. Bei den Indianern sind solche Heilandslegenden besonders 
zahlreich und eindeutig. Die Legende oder Mythe erzähh in den meisten Fällen, 
dass in alten Zeiten ein Held-Magier lebte, der für sein Volk einen Drachen 
oder ein anderes Untier erschlug und sich nach dem Siege in bessere Regionen 
zurückzog. Eine andere, mehr poetische Version besagt, dass der Held eine Art 
von Vater und Lehrer seines Volkes war, es die Wohltaten der Kultur, wie Land- 
Häuserhau etc. lehrte. Hat er diese Aufgabe vollbracht, dann nimmt er Abschied 



52 E, Isaac-Edersheim 



von seinen Gefolgsleuten, doch gelobt er ihnen feierlich , wiederzukehren und wieder 
ihre Führung zu übernehmen.^ 

Der Erlöser der primitiven Völker ist der Held, der Heros der Mythe. Er ist 
der Befreier aus Not und Unheil, Tröster und Bringer der Unsterbhchkeit. Er 
verleiht Wohltaten wie Feuer, Werkzeuge, andere Kulturgüter. Er mag Tier 
Mensch oder Gott sein, jedenfalls ist er ein Held. Eine durchgehende Linie oder 
eine Verbindung zwischen den überall auftretenden Erlöserfiguren ist nicht zu 
entdecken, aber man findet überall im Altertum ihre Spuren. Aus der sich immer 
wiederholenden Geschichte all dieser Heilande in Asien, Indien, Amerika und 
Europa erkennt man die Notwendigkeit dieser Gestalt, die aus dem Wunsch nach 
Hilfe, Gnade und Erlösung von Sünde und Schuldgefühl entstanden ist. 

In den Riten des Nahen Ostens finden wir den Erlöser unter anderem bei den 
Ägyptern. Bei ihnen war der Glaube an den Messias als Beginn eines Goldenen 
Zeitalters der Gerechtigkeit schon sehr früh verbreitet (Quellen aus der Zeit von 
2000 V. Chr. erwähnen ihn). Dieser Herrscher wird der gerechteste König sein 
„herzensrein" wie Parsifal in der Gralslegende. (Er ist hier mit Osiris identifiziert 
dem Prototyp aller Pharaonen; er ist gestorben und auferstanden, verjüngt, trium_ 
phierend). 

Die Perser hatten ihren Saoshyant (Heiland), einen Helden, den ein Mädchen 
befruchtet vom Samen Zarathustras, gebar.* 

Man findet Marduk, Tammuz bei den Babyloniern, Ermun und Adonis bei 
den Syriern; Attis und Saba2ios bei den KJein-Asiaten; Mithra bei den Persem 
usw. 

Auf verschiedenen Wegen hat sich der Messiasgedanke entwickelt. Oft wird 
der Messias zum mächtigen Herrscher, um den die Legende ihre Fäden spinnt 
und das Versprechen ablegt, dass er auferstehen wird als Herrscher der Zukunft 
zum Heil des Volkes (Assurbanipal, Augustus), 

Oft auch wird er zum Gott-Heiland der Natur, der wie die Natur seihst imtner 
wieder auferstehen und sich verjüngen muss. Das ist sicherlich nicht weiter 
erstaunlich, wenn man bedenkt, wie wichtig die Natur, der Wechsel der Jahres- 



1) Die Literatur über diese Legenden ist sehr gross. Siehe Artikel ,,hero" in ,Engvclopedia of 
rtligion and ethics' und R. Breisig ,Die Entstehung des Gottes^'edankens und des Heilbringer-' 
1905. Femer M. Brückner .Der sterbende und auferstehende Gottheiland in den orientalischen 
Religionen' 19Ü2. Es handelt sich bei den angeführten Büchern zum Teil um Materjalsauimlungen 
zum Teil um Versuche, den Ursprung der Legenden zu erklären. Diese Versuche sind nicht 
geglückt. Die gefundenen Erklärungen sind unbefriedigend und verlangen nur nach neuen P» 
klärungen. 

2) Chacitepie de ta Saussaye .Lehrbuch der Religionsgeschichte', Tübingen 1925 schreit,, 
hierüber: ,, Schon das älteste Avesta weiss von ihm zu erzählen, als von einem Messias, der in den 
letzten Zeiten ah Vollzieher der Wellerlösung auftreten soll." (Kapitel 11, S. 2S3) 



Messias, Golem, Ahasver 53 



Zeiten, das neue Keimen für das Landvolk und also für das ganze Volk immer 
ist. Für die Griechen war dies schon sehr charakteristisch. Ihre Götter waren 
Naturgötter, ihre Religion eine Naturreligion. ^ (Einen Gegensatz hierzu bildeten 
die Juden. Was den jüdischen Gottesdienst von anderen unterscheidet, ist die 
Tatsache eines historischen Gottes und einer ethischen Norm anstelle eines Natur- 
gottes, der das Fatum vertritt.) 

Noch eine andere Entwicklungslinie leitete zum „erlösten Erlöser", zum 
Menschen des Leidens und des Triumphes, des Erlösers vom Tode, wie ihn die 
Buddhisten kennen und in dem wir auch zahlreiche Züge Jesu von Nazareth 
wiederfinden, wie ihn Paulus und Lukas darstellen. 

Es scheint sich also hier um eine Erscheinung zu handeln, die in verschiedenen 
Ländern des Nahen Ostens auftritt, zu verschiedenen Zeiten, in verschiedenem 
Masse von Intensität (Einfluss ökonomischer und politischer Umstände) und 
deren Ursprünge und gegenseitige Beeinflussungen bis jetzt nicht enträtselt 
werden konnten. Es ist also wahrscheinlich, dass diese Erscheinungen Projek- 
tionen einer ursprünglichen Heilandserwartung sind, die uns auf heidnische und 
prähistorische Zeiten verweisen. 

Doch wenn wir auch die Figur des Messias in der einen oder anderen Form 
bei all diesen Völkern finden, nirgendwo, bei keinem Volk hat sie sich derart ent- 
wickelt und hat ihr eine solche Kraft innegewohnt wie in der Geschichte der 
Juden. 

Man begegnet dem Messias im Alten Testament, in den Apokryphen, be- 
sonders in den Apokalypsen, bei den Tannaiten, in der Geraaia. In späteren 
Zeiten spielten die sogenannten falschen Messiasse eine grosse Rolle und verur- 
sachten Masslosigkeiten und Aufregungen. 

Im Alten Testament. Nunmehr möchte ich eine knappe Über- 
sicht über die Messiaserwartungen im Alten Testament geben. 

Vorausgeschickt muss werden, dass die Gestalt des Messias im Alten Testa- 
ment einen sehr wenig bedeutungsvollen Platz einnimmt. Er war keine wichtige 
Figur, mehr ein hier und dort auftauchender Wunschtraum, Reminiszenz aus 
alten idealisierten Zeiten von Glück und Wohlfahrt unter der Herrschaft eines be- 
deutenden Fürsten. 

Erst später nach Jesu, oder besser gesagt, nach Paulus wurde die Figur zu 

3) Prof. G. van der Leeuw .Phänomenologie der Religion,' S. 85: ,,Die Griechen nannten 
einen solchen, aus denn Wechsel der Jahreszeiten entstandenen Gott einen Kouros, Das Wort 
bedeutet ein Junges, und gewiss hat, und das nicht bloss in Griechenland, die Jugend selbst, dann 
ihr Allführer, und erst zu allerletzt dessen mythischer Typus als Heiland gegolten. Die junge Saat, 
die junge Herde, die menschliche Jugend des Dorfes, das alles drängt sich zusammen in die An- 
schauung des Kouros, oder der Kora, ob sie nun Apollo oder Pßngstlümmel, Pi;rsephone oder 
Maikönigin heisscn." 



54 £. haac-Edersheim 



dem lodernden Brande, der die Gemüter entflammte und eine solche überragende 
Bedeutung in der Religionsgeschichte erworben hat. Diese Entwicklung wurde 
erst möglich, weil infolge äusserer Einflüsse, besonders durch den Verlust der 
politischen Unabhängigkeit, völlig andere Elemente den Messiasglauben durch- 
drangen. Einerseits wurde die Figur realer — das Kommen des Messias wurde 
für jeden Tag erwartet (Johannes der Täufer und Jesus). Andrerseits tauchten 
immer zahlreicher mystische und eschatologische Elemente im Messiasglauben 
auf, weil Not und Leiden die Menschheit dahin brachten, sich mit Immer wach- 
sender Intensität in Wünschen und Idealen auszuleben. 

Doch wie bereits erwähnt finden sich hiervon im Alten Testament wenig- 
Spuren. Die Messiasidee ist noch nicht fest umrissen. Noch hatte nicht der Zweifel 
an die eigene Kraft und Zukunft die Geister verhärtet und fanatisiert. Und auch 
die Erwartung des Messias enthält noch nicht das Krampfartige und Masslose, das 
sie später charakterisieren sollte. Das ist u.a. auch aus der Tatsache zu ersehen 
dass einmal selbst ein heidnischer Herrscher, Cyrus, der Perserkönig, als Messias 
angekündigt wird (Jesaja 2, Kap. 45). Durch die Verbannung ist das jüdische 
Volk nunmehr von seinen Sünden erlöst und wird befreit werden. Selbst ein heid- 
nischer Fürst kann der Mittler für die Erlösung sein, wenn nur der Geist Jah-weg 
über ihn gekommen ist, wenn er der „Gesalbte" ist. Auch Saul und andere Könige 
werden verschiedentlich als die „Gesalbten" tituliert, was durchaus nicht auf den 
Herrscher der Zukunft weist, sondern nur auf ihr von Gott auserwähltes Führer- 
tum. 

In fast allen anderen Fällen jedoch sind die Messiaserwartungen der Propheten 
fest und untrennbar verbunden mit der Idee eines zukünftigen Herrschers aus 
Davids Geschlecht, eines wirklich und wahrhaftig wiedererstandenen David. 1^^ 
Zeiten der Erniedrigung und nach dem Sturz der Monarchie wird die Känigazeit 
selbstverständlich idealisiert und wnjrde für das Volk zum Goldenen Zeitalter 
sodass es immer mehr zu einer inneren Notwendigkeit wurde, dass der Wieder- 
erwecker des alten Glanzes und Ruhmes kein gewohnlicher Sterblicher sein durfte 
sondern nur der wirkliche Stellvertreter Jahwes. (Dieser Glaube ist noch immer 
lebendig, auch unter den Ost-Juden von heute, in denen der Geist der alten 
agadischen Literatur und der halachischen Geschichten fortwirkt, die von einer 
Generation der anderen überliefert werden, vom Grossvater oder von der Gross- 
mutter dem Enkel, Der hebräische Dichter Bialik hat zahlreiche dieser Agadas, in 
denen die Wiederkehr des Königs David einen wichtigen Platz einnimmt, n^y 
bearbeitet). 

An diesen Volksglauben in den gerechten Herrscher, den Bringer von Glück 
Friede und Wohlfahrt, haben die Propheten angeknüpft. Diesen Glauben haben 
sie benutzt und für ihre Zwecke umgearbeitet. Die Figur als solche ist für si 



Messias, Golem, Ahasver 55 



nicht wichtig; für sie ist Jahwe der Urheber aller Dinge, in ihm liegt alles be- 
schlossen. Der immer bewahrend wirkende Volksglaube, der auch in diesem Fall 
die uralte Messiasidee lebendig erhielt, Reste aus der heidnischen Zeit, aus der 
vieltausendjährigen Kindheitsgeschichte, wurden, soweit sie nicht auszurotten 
waren, verarbeitet und dem Lehrgebäude und der Moral der Propheten unter- 
geordnet. Jahwe ist es auch, der die Erlösung bringt und das Heilsreich, jedoch 
nur, wenn die Juden es verdienen, wenn sie sich an den Bund mit Gott halten, 
ihm dienen und seine Gebote nicht übertreten. Daher findet der Messias bei den 
meisten Propheten nur in dem Sinn Erwähnung, dass Jahwe sich vielleicht eines 
„Knechts Gottes" bedienen wird, eines Werkzeugs, eines von Gott Gesalbten, 
wie es einst der König war. An vielen Stellen ist dieser „Knecht Gottes" nicht 
im Sinne einer Einzelpersönlichkeit zu verstehen, sondern als das Volk, das dereinst 
in der Zeit des Heils als auserwähltes Volk den anderen Völkern Heil und Er- 
lösung bringen wird. Das Heilsreich der Propheten ist in überwiegendem Masse 
ein irdisches Reich, wenn auch ein Reich der fernen Zukunft, worin es keine 
Sünde geben wird und Gerechtigkeit und Wohlfahrt walten. Es lag jedoch in der 
Macht jedes einzelnen Juden, durch ein Leben im Geiste Jahwes das Kommen 
dieses Reiches zu beschleunigen, und vielleicht konnte er es noch erleben. Es ist 
nicht zu leugnen, dass man auch bei den Propheten eschatologische Momente 
beobachten kann (das Heilsreich des Jesaja, die Gesichte des Ezechiel), für die 
Gestalt des Messias im Alten Testament jedoch sind sie nicht wichtig. Es seien 
hier einige berühmte messianische Stellen zitiert, z.B. Jesaja 9-5-6;* Jesaja 11, 
l-6;5Deutero Jesaja 42, 1-5.* Hier schildert der Prophet den vollkoramenen König, 
den Triumphator aus Davids Geschlecht, der das HeUsreich der Zukunft regieren 

■wird. 

Eine grosse Anzahl von Stellen hat eine andere Bedeutung, nämlich die oben 
bereits erwähnte des Volkes Israel als „Knecht Gottes". Hier seien genannt die 

4) Jesaja 9-S-6: „Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und auf seiner 
Schulter ruht die Herrschaft; man nennt ihn: Wunder- Berater, starker Gott, ewiger Vater, Fürst 
des Friedens, Der Grösse seiner Herrschaft und des Friedens auf dem Throne Davids und in 
seinem Reich wird kein Ende sein; er gründet und stützt es durch Recht und durch Gerecht! ebeit, 
von nun an und immerdar." 

5) Jesaja II, 1—6: ..Und es geht ein Reis hervor aus dem Stamm Isais, und ein Zweig entsprosset 
Beinen Wuraeln. Auf ihm ruht der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und der Einsicht, etc." 
Hieriiber Kautzsch ,Die Heiligen Schriften des Alten Testaments', Tübingen 1922, S. 609: 

Ein neuer Nachkomme Isais, also ein zweiter David, wird in dem Grade den Geist Jahwes be- 
sitzen, dass er von menschlichen Einflüssen unabhänsig, seine Urteile f^lt und allein durch sein 
Wort die Gottlosen vernichtet. Sein gerechtes, zuverlässiges Regiment wird den Frieden des Para- 
dieses herbeiführen." 

6) (Deutero) Jesaja 42, 1-5: ,, Siehe, das ist mein Knecht, den ich aufrecht halte, mein Auser- 
■wählter, an dem meine Seele Gefallen hat; ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er soll das Recht 
den Völkern verkünden." 



56 S, Isaac-Edersheim 



Kapitel Jesaja 41. 8 und 44, 1 und die für die spätere Christologie so wichtigen, 
Kapitel 51 und 53. Auch die christlichen Theologen, auch wenn sie natürlich 
annehmen, dass diese Stellen ihre Erfüllung im Erscheinen Christi gefunden 
hätten, haben es nach langem Streit aufgegeben, dem Text als solchem die Inter- 
pretation eines persönlichen Messias zu geben. Gemeint ist das „Volk Israel". 

Für die Juden liegt hierin die Andeutung von der Sendung des jüdischen Volkes 
von seiner Auserwähltheit. ' 

Für die messianischen Prophetien Ezechiels und Jeremias, wie unter sich 
differierend nach Art und Wesen sie auch sein mögen, gilt im Wesentlichen das 
gleiche. Siehe Ezechiel 17, 34-38; Jeremia 23, 5 etc. Auch hier, wie bei den 
Messiaserwartungen des Alten Testaments im allgemeinen, gilt der Gedanke, 
der u.a. in Ezechiels Visionen so deutlich zum Ausdruck kommt, dass Jahwe 
selbst sein Volk erlösen und verjüngen wird. Der Messias wird dabei sein Helfer 
der Herrscher des erlösten Reiches sein. Der ,, David" der Vergangenheit soll der 
,, David" der Zukunft sein. Er wird das Werkzeug, durch das Jahwe über sein 
erlöstes und in Gerechtigkeit lebendes Volk herrschen wird, durch das er es segnet 
und durch das er den Frieden auf Erden verbürgt. 

Also nochmals als zusammenfassende Folgerung: die Erwartung des Messias 
im Alten Testament war kein sehr wichtiges Element, es war der grossen Idee 
des Judentums untergeordnet, der Idee von der Einheit Gottes und von seinem 
Bunde mit dem jüdischen Volk. 

Bei den späteren Propheten wie Malachi, Haggai, Sacharja ist schon der Über- 
gang zu den messianischen Vorstellungen während und nach dem Untergang des 
Reiches, wie man sie u.a. in den Apokryphen kennen lernt, zu bemerken. 

In den Büchern Esra, Nehemia ist keine Spur von Messiaserwartungen zu 
finden. In der Hauptsache erklärt sich das wohl aus der Tatsache, dass es sich 
hier um ,, Priesterbücher" handelt, von grossen Lehrern dem Volke geschenkt* 
während der messianische Glaube immer ein Volksglaube war, der als volkstüm- 
liches Element im Volke lebte und auch so überliefert wurde. 

Apokalypsen, Christentum. Tannaiten. Es folgt nunmehr 
eine Periode, in der die Messiasidee nicht mehr wie im Alten Testament Beiwerk 
■ein Element unter vielen, sondern ein sehr wesentlicher Faktor war, eine Idee 
die alles durchdrang. 

In dieser Zeit wird die Spaltung deutlich, die beiden Linien, die sich im 

7) S. Dubnow .Weltgeschichte des jüdischen Volkes', 3. Auflage. Berlin 1925, I, S. 349: „In 
diesen Worten ist der Übergang zu der Idee des Volkes als eines Missionärs und Märtyrers, eines 
.Knechtes Gottes' angedeutet, der die Wahrheit durch Leiden selbst errungen hat und dem euch 
für deren Verkündung an andere ein Leidensweg beschieden sein muss. Das israelitische Volk 
musste aus dem Grunde so viel Heimsuchungen über sich ergehen lassen, damit durch seine Leiden 
auch die anderen Völker von ihren Sünden erlöst werden." 



Messias, Golem, Ahasver 57 



Judentum von den biblischen Zeiten bis jetzt kreuzen. Die eine Linie verläuft 
von — bezw. findet ihren Ausdruck in — einem Teil der Psalmen — der Apo- 
kalypsen — von den Essäern zura Christentum. Es ist die individuelle, die mystische 
Richtung, die nach dem persönlichen Heil, nach der Erlösung des Einzelnen 
strebt, eine Richtung, die auch im Judentum nie ganz verschwunden ist, unter der 
Oberfläche weiterlebte und ihren Ausdruck von Zeit zu Zeit in einer geistigen 
Bewegung fand. Man kann hierzu auch die kabbalistische Strömung rechnen und 
in gewissem Sinne die hierauf zurückgreifende Chassidische Lehre im 18. und 19. 
Jahrhundert. 

Die andere Linie ist die des wirklichen Judenturas — von den Propheten — 
über Pharisäer, Tannaiten, Schriftgelehrten, die nach dem Falle Bethars und der 
Zerstörung des zweiten Tempels Führer des Judentums wurden. Es ist die Linie 
der Gemeinschaft, des Bundes mit Jahwe und der Thora, der Lehre, in der alles 
enthalten, die die Norm für alle und alles und der Prüfstein jeder Tat und jedes 
Gedankens ist. 

Für die erstgenannte Richtung ist die Messiasfigur von überragender Bedeutung. 
In ihrer ureigenen Literatur, den Apokalypsen, ist sein Kommen überhaupt der 
schlechthin inspirierende Gedanke, und das Erscheinen Christi ist für viele die 
Erfüllung. Was nachher kam, war nur noch die Dogmatisierung dieser Messias- 
erwartung. 

Das Vorspiel zum Leben Jesu, ein Blick auf das Land, das dies alles entstehen 
liess, auf die Verwirrung der Gedanken und geistigen Strömungen, aus deren Stärke 
und wechselseitigen Reaktionen ein unabwendbares geistiges Geschehen entstand, 
— das alles führte zur dauernden Trennung von Judentum und Christentum. 

In dem Masse wie die politische Unabhängigkeit verloren ging und die Hoff- 
nung auf ein Wiederherstellen der Selbständigkeit geringer wurde, der Druck 
fremder Tyrannen und wirtschaftlicher Not wuchs, nahmen auch die mystischen 
Elemente im Glauben zu. In seinem Drang nach der Selbsterhaltung und in der 
nie ganz zu unterdrückenden Hoffnung auf bessere Zeiten klammerte sich der 
Mensch an das Übernatürliche, an den Glauben an das Wunder, das trotz allem 
doch geschehen wird. Den Übergang bemerkt man bereits in einigen Psalmen aus 
der Makkabäerzeit und im Buch Daniel,® in dem das Individuell-Mystische sehr 
in den Vorpergrund tritt. Das setzt sich in den Apokalypsen fort.* Nach und 
nach wird der Messias Mittelpunkt allen zukünftigen Geschehens, während hier- 
durch auch das eschatologische Element einen immer grösseren Platz einnimmt. 

8) Zur Zeil des Antiochus Epiphanes, ca. 165 v. Chr. 

9) Hier findet man auch zuerst den Namen ,, Messias" (Maschiach: der Gesalbte), der in der 
Bibel nie speziell mit dem idealen König aus Davids Geschlecht verbunden ist. Wahrscheinlich 
hängt das zusammen mit dem Überhandnehmen des eschatologi sehen Elementes, das an den 
mächtigen Salbungsgedanken anknüpfte. 



58 E. haac-Edershetm 



Im Alten Testament sind wenig Spuren der Eschatologie zu finden, wenn es auch 
feststeht, dass bei den alten Hebräern der Totenkult einst sehr entwickeh war, 
genau wie bei den gleichrassigen Phöniziern und Babyloniern. (Reste hiervon: 
Klagegesänge, Haaropfer, Totenmahl, Zeit- und Grabopfer.) Das spätere Ju- 
dentum jedoch — soweit es nichtalle diese heidnischen Elemente völlig ausgerottet 
hatte ~ machte in seinem konsequenten Monotheismus nun auch Jahwe, Ihn, der 
die Quelle allen Lebens war, zum Herrscher über den Scheol (Unterwelt). Er 
wurde auch derjenige, der seinen Jüngern die Unsterblichkeit verleihen konnte. 

Das waren sehr brennende Probleme für die verschiedenen Sekten um die Zeit 
Jesu, und sie hingen aufs engste mit dem bevorstehenden Kommen des Messias 
zusammen. Dieser Messias ist nicht mehr der nationale Retter, sondern der 
Heilsbringer für den Einzelnen. In der Übergangsperiode lag der Unterschied 
nicht so sehr in der Vorstellung des Messias selbst, der ganz allgemein noch als 
Heilsbringer und Held aus Davids Stamme angesehen wurde, wohl aber in den 
Erwartungen, die sich an sein Kommen knüpften. Erst in den letzten Apokalypsen 
ändert sich dies, z. B. bei Baruch, weil hier die spätere christliche Ideenwelt ihren 
Einfluss gehend macht. 

Die spezifisch messianischen Schriften sind: das Buch Henoch, die slbyllinischen 
Bücher, die Baruch- Apokalypse, das Vierte Buch Esra. 

Der Gerechte, d.h. der Messias erscheint, die Sünde verschwindet von der 
Erde. Das messianische Gericht findet statt. Das bedeutet Trost und Belohnung 
für die Gerechten und ein schreckliches Ende für die Sünder. Der Messias, der 
Auserwählte, sitzt neben Gott. Er ist weise, gerecht, heilig.^" 

Den ganzen zweiten Teil des Henoch-Buches kann man als Messianismus be- 

10) Hier seien einige Stellen aus dem Buche Henoch zitiert, die übrigens 2uch für die anderen 
hier genanmen Bücher bezüglich der Messiasidee charakteristisch sind. Henoch, Kap 46 (Überset- 
zung von Kautzsch): ,,Er (der Engel) antwortete mir und sagte mir: dies ist der Menschensohn, der 
die Gerechtigkeit hat, bei dem die Gerechtigkeit wohnt, und der alle Schätze dessen, was ver- 
borgen ist, offenbart; denn der Herr der Geister hat ihn auserwählt, und sein Los hat vor dem 
Herrn der Geister alles durch Rechtschaffe nh ei t in Ewigkeit übertroffen. Dieser Menschensohn 
den du gesehen hast, wird die Könige und die Mächtigen von ihren Lagern und die Starken von 
ihren Thronen sich erheben machen; er wird die Zügel der Starken lösen und die Zähne der Sünder 
zermalmen." 

Kap. 48: ,,Er wird ein Stab für die Gerechten und Helligen sein, damit sie sich auf ihn stützen 
und nicht faJlen; er wird das Licht der Völker und die Hoffnung derer sein, die in ihrem Herzen 
betrübt Eind." 

Und zum Schluss Kap. 49: ,,Denn der Auserwählte steht vor dem Herrn der Geister, und seine 
Herrlichkeit ist von Ewigkeit zu Ewigkeit und seine Macht von Geschlecht zu Geschlecht. In ihm 
wohnt der Geist der Weisheit und der Geist dessen, der Einsicht gibt, und der Geist der Lehre und 
Kraft und der Geist derer, die in Gerechtigkeit entschlafen sind. Er wird die verborgenen Dinge 
richten und niemand wird eine nichtige Rede vor ihm führen können; denn der Auserwählte igt 
er vor dem Herrn der Geister nach seinem Wohlgefallen." 



Messias, Golem, Ahasver 59 



zeichnen. Vom gleichen Geist erfüllt sind auch das .Vierte Buch Esra*, die ,Ba™ch- 
apokalypse' und die .Himmelfahrt Moses'. Ein buntes Durcheinander wilder 
Phantasien, Ekstasen, Zukunftserwartungen und Angstvorstellungen (Unter- 
gang, Sünde, Auferstehung). Die Gestalt, um die sich dies alles dreht, ist der 
neue Messias und nicht mehr der wiedererstandene David der Propheten, sondern 
eine neue Erscheinung mit fremden Elementen und Zügen, die meistens in den 
Himmel versetzt wird. 

Diese Literatur ist das Abbild eines Volkes in Not, einer geistigen Krisis, die 
tatsächlich mit einer Katastrophe endigte. Das Volk erschöpfte seine Kräfte in 
Fehden, in Uneinigkeit und Sektenwesen. Die bedeutendsten dieser Sekten 
waren Sadduzäer, Pharisäer und Essäer. Besonders die Essäer sind wichtig für 
die Entwicklung der Messiasidee. Sie waren, wie Plinius es formuliert, ,,eine 
kleine Gemeinde lebensmüder Menschen". Ihre Ideen waren: Leben in Gott, 
der Staat ist im Prinzip sündig, die Städte sind Brutstätten der Unzucht, Taufe, 
kommunistische Prinzipien, körperliche Arbeit, rituelle Reinheit. Parallel hiermit 
laufen ihre Messiaserwartungen, die durch ihre mönchischen Tendenzen vom 
sündigen Körper und der Befreiung der Seele und durch ihren Drang nach 
allem Mystischen in das Judentum eine neue Richtung und Ideenwelt brachten. 
Ihr Messias war keine intellektuelle Schöpfung wie in den Apokalypsen, sondern 
hatte seinen Ursprung tief im Volksglauben, und man erkennt in ihm bereits 
Züge Jesu von Nazareth. 

In den messianischen Erwartungen dieser Zeit findet man also in erster Linie 
die katastrophenträchtige Zersphtterung: Volk — Individuum, Nationalreligion — 
Indivjdualreligion, die schliesslich zur endgültigen Spaltung Judentum — 
Christentum führen sollte. 

Zweifellos sahen ursprünglich die Massen auch in Jesus nicht mehr als einen 
möglichen Retter aus der Not, denn das Volk war daran gewöhnt, in jedem Wun- 
dertäter einen solchen Retter zu sehen, und so erhofften auch viele von Jesus 
anfänglich die Rettung aus der politischen und wirtschaftlichen Misere, bis 
die Losung endgültig wurde: ,,Mein Reich ist nicht mehr von dieser Welt." 
Immer mehr entwickelte Jesus in seinem Lebenslauf (oder in der Schilderung, die 
seine Apostel davon geben) die Züge, die man nun gewöhnt ist als spezifisch 
christlich-messianisch anzusehen, die jedoch damals erst nach und nach aus dem 
Zusammentreffen verschiedener Faktoren entstanden sind: Verlust der nationalen 
Unabhängigkeit, Sklavenleben im eigenen Land, die Zerstreuung im Galut, 
Flucht in den Wunschtraum, in den Gedanken der Belohnung nach dem Tod. 
All dies ist vereinigt im essäisch-christlichen Geist. ^^ 

11) J. Klausner: Jesus of Nazareth, London 1928, S. 211: ,,Abstention from political and 
national affaits, the obsession of mysticism and eschatology, paradisc and gehenna, the ,pangs of 
the Messiah', the messianic age, the personaiity of the Messiah and above all the far-reaching 
sociological ideas which attracted the people to Jesus." 



60 £. Jsaac-Edersheim 



Man betrachte nun die andere Linie — die Linie vom Kollektivismus, von 
den Propheten, den Pharisäern, Schriftgelehrten, Rabbinen bis zum heutigen 
Judentum. Sei auch immer die Bedeutung des Messias in der Geschichte des 
pharisäischen und tannaitischen Judentums nicht sehr wesentlich, so findet man 
doch in ihren Schriften — Mischna und Talmud — darüber nicht wenig, denn 
auch im späteren Judentum war und blieb er ein unzerstörbares Element, das sicij 
auch in den Werken der Schriftgelehrten widerspiegelte. 

Auch die Männer der Synagoge, die Gelehrten, Tannaiten und Amoräer 
haben eine Messiaserwartung gekannt oder jedenfalls darüber gesprochen. Noch 
lange Zeit blieb ihr Messias der Messias im Sinne der Propheten, ein nationaler, 
irdischer Herrscher des Goldenen Zeitalters hier auf Erden. Er blieb der David- 
sohn, der nationale Messias. Ein Beweis für die Kraft dieses nationalen Ele- 
mentes war die Episode des Bar-Kochba, des Freiheitshelden, der um 130 n.Chr. 
den verzweifelten Versuch machte, das Land von der Fremdherrschaft zu be- 
freien, der von der Masse des Volkes für den Messias gehalten und dadurch fähig 
wurde, sie zum Verzweiflungskampf für die nationale Unabhängigkeit zu be- 
geistern. (Es ist dabei von wenig Bedeutung, ob auch der grosse Tannait Rabbi 
AJciba in ihm den Messias sah, wie zuweilen angenommen wird. Die Tatsache 
allein, dass es zu dieser Annahme kam und dass sie verbreitet wurde, hat den 
gleichen psychologischen Wert.) 

Also ein nationaler Retter war der Messias in den Vorstellungen der Rabbinen 
aber auch, entsprechend ihrer Lehre und Moral ein aussergewöhnüch gerechter 
und grosser Mensch. Er tritt bei all seinen Taten in den Hintergrund, um Gott 
selbst handeln zu lassen. Also die prophetische Linie, 

Aber ungeachtet dessen ist natürlich die messianische Erwartung nicht unbe- 
einflusst und unverändert geblieben. Unter dem Einfluss fremder Geistesströ- 
mungen und durch die inneren Strukturwandlungen kamen verschiedene neue 
Elemente dazu.'* Das ist u.a. zu konstatieren bei den zwei Vorläufern des Messias, 

12) Diese Ennvicklung skizziert sehr deutlich M, Rabinson in ,Le Messianisme dans le Talmud 
et les Midrashim' Paris 1907, in folgenden Folgerungen (S. 108): „Dans le Talmud et les Mj- 
drashim comme chez les prophfiles le Messianisme ne präsente aucune conception comportant u^ 
changement radicalc dans la nature du monde, ni dans celle de rhomme. Mais reconcili^ avec 
Jehova par la p^nitence, Israel se libfere du joug des nacions et est repalri^ cn Palestine, öu il, Joint 
d'une fere de prospfrit^ sous le sccptre du messie-roi distingu^ par sa pi^te est depourvu de qualit^ 
surnaiurellts. 

Toutcfois le Messianisme se colore de mysticisme et d6sormais i! prendra une forme en quelque 
sorte definitive. La raison en est la m^thode d'eK^gfese des rabbins qui pritent a !a lettre le language 
image de la bible au mSme tiire, que les apacalypses, et aussi l'influence exerc^ sur le Judaisme 
ofliciel par le folklorc et la croyance ä la risurrection des morts. Temporel et natit-rtal 
comme chez les prophfeles, le messianisme rabbinique perd cependant en vigueur el en int^rfit. L^j 
prioccupations nationales subissent un fl^chissement devant l'individualisme croissant et aboutis- 
sant ä devenir l'id^e capitale de la synagogue. Le rabbin songe de plus en plus k l'avenir personel 
et ä la iiViülh rÄservfie & l'äme au ciel et le messianisme ne constitue pour lui qu'un moyen pom- 
conqu^rir cette f^liciti." 



Messias, Golem, Akasver 61 



die wir als solche kennen gelernt haben: bei dem Messias ben Joseph und dem 
Prophet Elia (Elijahu hanawi). 

Der Messias ben Joseph tritt erst in der nachbiblischen Zeit auf. Über seinen 
Ursprung gibt es verschiedene Erklärungen, von denen keine befriedigend ge- 
nannt werden kann. Die gebräuchlichste ist die, dass er bei den Samaritanern 
aufkam, also vom Stamme Efraim gewesen sei. Er ist der streitbare Messias, der 
als Märtyrer im grossen Endkampf (Gog und Magog) fällt. Das Entstehen dieser 
Figur ist einleuchtend: der Messias selbst, der den Frieden bringt, der edle Über- 
mensch, kann nicht der Kämpfer sein, wie man ihn sich ursprünghch vorstellte. 
Andrerseits erkennt man grade in ihm Züge Christi, Elemente, die dem Messias 
des Judentums fehlen, wie Märtyrertum und schmachvoller Tod. Den Ruhm 
jedoch, der hierdurch Christus zufällt, verleiht das Judentum nicht diesem Mär- 
tyrer, sondern dem ursprünglichen Helden, dem Messias ben David. 

Der Prophet Elia, die bekannte biblische Gestalt, erscheint erst wieder im 
Talmud und Midrasch, wenn dieser überhaupt die richtende Figur wird in allen 
religiösen Fragen. Er, der rachsüchtige Prophet, der die ßaalpriester vernichtete, 
wird in der Überiieferung zum versöhnenden Geist und Friedensengel. Und im 
Volksglauben wird er zuweilen wichtiger als selbst der Sohn Davids, 

Unzählige ostjüdische Geschichten, Legenden und Anekdoten erzählen, wie 
ein armer, frommer Jude — meistens selbst in der äussersten Verzweiflung — 
eine gute Tat vollbringt, z.B. einem alten Bettler hilft usw. Es ergibt sich dann, 
dass es Elijahu hanawi war, der die Frommen schützt und den Armen in ihrer 
Verzweiflung hilft. 

In den Gedanken derer, die ohne Hoffnung auf einen Ausweg leiden, vereinigt 
sich alles in der Zukunftserwartung; Messias, Elijahu, Belohnung im Diesseits 
oder im Jenseits — ein unentwirrbarer Wunschtraum. 

Falsche Messiasse. Es bleiben noch einige Bemerkungen über 
die weitere Entwicklung der Messiasidee im Laufe der Geschichte. Was im 
Galut an Gedanken und Wünschen in Verbindung mit dem Messias fortlebte, 
blieb verborgen oder fand hin und wieder seinen Ausdruck in Legenden oder 
Erzählungen; Die Reaktion in der Realität war die Geschichte der falschen 
Messiasse. 

In allen Zeiten sind diese falschen Messiasse aufgetreten, besonders aber in 
Perioden zunehmender Verfolgungen und Unterdrückung: unter Agrippa II., 
dem Procurator Felix {51 —60 v.Chr.), unter Theodosius II. (ca. 400 n.Chr.), 
nach dem Auftreten Mohammeds unter den orientalischen Juden, um 1155 in 
Persien, um 1175 in Yemen usw. 

Im Jahre 1524 trat der berühmtgewordene David Reubeni auf. Er bezeichnet 
sich als einen Nachkommen aus einem der verlorenen zehn Stämme, die angeblich 



62 E. Isaac-Edersheim 



ihr Reich in der Wüste Chaibar errichtet haben. Seine Ausdauer und Umsicht 
verhalfen ihm selbst dazu, zum Papste vorzudringen und die skeptischsten Köpfe 
schwankend zu machen und sie zweifeln zu lassen, ob er nicht tatsächlich von 
Gott gesandt sei. 

Sein berühmter Jünger war der Marane Salomo Molcho. Während Reubeni 
ein Diplomat war, der mit rationalen Mitteln ein phantastisches Ziel erreichen 
wollte, war Molcho ein Besessener, der felsenfest an seine Sendung und Aus- 
erwähltheit glaubte. Beide waren überzeugt, dass sie berufen seien, das jüdische 
Volk zu erretten. Sie fielen in die Hände Karl V.; Molcho wurde verbrannt, Reu- 
beni starb im Kerker. 

Um 1650 war Russland das Gebiet der messianischen Erwartungen. Not und 
Elend waren so übergross, dass die ewige Hoffnung im Menschen nur annehmen 
konnte, dass Rettung und Erlösung nahe seien. Dies mussten die Geburtswehen 
sein, die Schmerzenszeit vor dem Auftreten des Messias. Das Volk widmete sich 
Tag und Nacht Busseübungen (Tikkun), um vorbereitet zu sein und das Kommen 
des Messias zu beschleunigen. 

Zehn Jahre nach der Katastrophe in der Ukraine, bei der Hunderttausende von 
Juden ermordet wurden, erhob sich in der benachbarten Türkei eine messia- 
nische Bewegung, von der die gesamte jüdische Welt bis in die Grundfesten 
erschüttert wurde und die bis heute noch nicht ganz vergessen ist. Es war die 
Bewegung des berühmten Pseudomessias Sabbatai Zwi, eines Asketen und K.ab- 
balisten. Sein Lebenslauf ist in jeder jüdischen Geschichte nachzulesen. Eine 
phantastische Gestalt, ein phantastisches Leben. Das Echo, das diese Bewegune 
bei den Juden hervorrief, ist ein Masstab sowohl der Not und des Elends wie auch 
zugleich der Kraft einer Illusion. Noch nach seinem Abfall, nach seiner Dg. 
maskierung, seinem Übertritt zum Islam, ja, noch Jahre nach seinem Tode haben 
tausende von Juden an ihn geglaubt, an seine Rückkehr und seine Wiederaufer- 
stehung. 

Der alten folgten neue Bewegungen. Eine lange Reihe der Illusionen, Ent- 
täuschungen von Betrügern, Fanatikern, Schwärmern, von Verzückten, von 
neuer Hoffnung, neuer Verzweiflung. 

Von den Zeiten der Bibel bis zu den Zeiten der Emanzipation ist die Ge 
schichte von der Sehnsucht nach dem Messias auch die Geschichte des jüdischen 
Volkes. Kein Ruheplatz, — Tod und Auferstehung. Der wandernde Jude. 

Die Salbung. Viele Versuche sind unternommen worden, den Ur- 
sprung der Messiasgestalt zu erklären. Ein Hinweis auf andere, ähnliche Figuren 
■n benachbarten Ländern heisst die Schwierigkeiten verrücken. Ein Versuch dip 
Entwicklung zurück zu verfolgen, über Urzeit — Schöpfung — ersten Menschen 
ist logisch unbefriedigend, weil zuviel Glieder in der Kette fehlen. 



Messias, Golem, Ahasver 63 



Hier soll ein anderer Versuch unternommen werden. Vom Namen ausgehend 
soli der Ursprung und weiter die Figur wieder aufgebaut werden, wie wir sie aus 
der Geschichte kennen, ohne dass dabei Glieder der Kette überschlagen werden. 
Man muss hierzu bemerken, dass in der Urzeit ein Name eine durchaus andere 
und bei weitem grössere Bedeutung hatte als heute. Für die Alten war der Name 
nicht Nebensache, nichts Zufälliges; der Name enthielt das Wesen der Person 
oder des Dings. Namen sind ältestes Sprachgut. Sie stammen von unterge- 
gangenen Völkern, oder aus einem älteren Stadium der eigenen Sprache, und 
immer hat dies Rätseihafte die Menschen angezogen und sie veranlasst, nach 
Erklärungen zu suchen. Der Mythos wob dann um die Namen seine Geschichten 
(Jakob, Jizchak, Babel usw.). Darum glauben wir auch in diesem Fall annehmen 
zu können, dass eine befriedigende Erklärung des Namens die Erklärung des 
Begriffes einschliesst. 

Das Wort ,, Messias" — hebräisch maschiach — aramäisch meschicha — heisst 
„Gesalbter". Es wird nach Gesenius (Hebräisches und Aramäisches Wörterbuch) 
angewandt für 

1) den Schild, 

2) den Priester, 

3) den Fürsten. 

Im Griechischen vrird es mit „Christos" übersetzt, ebenfalls „Gesalbter". 
Das Verbum ,,maschoch" bedeutet wie das griechische „chriein" ursprünglich 
ungefähr streichen, bestreichen, mit der Hand über etwas streichen, dann auch 
mit Fett oder öl bestreichen, salben. Eine Bestätigung liefert die Tatsache, dass 
in Arabien eine einfachere Form von Verehrung existierte, bei der lediglich mit 
der Hand über das Götzenbild gestrichen wurde, wie später noch über die Kaaba 
in Mekka. 13 

Es ist bekannt, dass das Salben im Altertum ein bedeutendes Element im 
taglichen und rehgiösen Leben der Völker war wie auch jetzt noch im Leben der 
wilden und primitiven Stämme. Hier seien zwei Beispiele genannt, wobei die 
Bedeutung des Salben» in seinen verschiedenen Erscheinungsformen ins Licht 
gerückt und der Versuch untemonunen werden soll, es zu erklären. 

Salben werden für religiöse, kosmetische, hygienische und dekorative Zwecke 
verwandt. Aus primitiven Stadien dieser Verwendungen hat sich im Laufe der 
Geschichte der Gebrauch medizinischer Salben und des Parfüms entwickelt. In 
allen Schilderungen über Lebensgewohnheiten hochgestellter Personen im 

13) S. W. Culman: Das Salben im Morgen- und Abendlande, Leipzig 1876, S. 25: ,,Es ist 
dies natürlich die in etymologischer wie nicht minder in psychologischer Beziehung interessante 
Tatsache, dass in den verschiedensten lautlichen Elementen meistens doch dieselben Begriffe, 
namuntiich die von Benetzen und Bestreichen zugrunde liegt." 



1 



64 E. haac-Ederskehn 



Altertum spielt bei Männern und Frauen das Einreiben und Befeuchten des 
Körpers mit wohlriechenden ölen und Salben eine grosse Rolle. 

Hier war eine der Gewohnheiten, die wie keine andere das Bedürfnis nach 
Luxus demonstrierte. Es war ein Luxus, der wie jeder Luxus an den Stand ge- 
bunden war und immer weiter getrieben wurde. ^* 

Kosmetisches und medizinisches Salben bleibe hier ausser Betracht, weil es 
ein erst später aus der Salbung abgeleiteter Gebrauch ist und es uns hier ja um 
die ursprüngliche Form geht. Zweifellos ist diese ursprünghche Form der re- 
ligiöse, sakrale Gebrauch. 

Zum Salben wurde Öl oder Fett verwandt. Im primitiven Stadium muss es 
wohl immer tierisches Fett gewesen sein, und Ol wurde erst als Surrogat ver- 
wandt, als die wahre Bedeutung des Fettes (beim Opferdienst) verloren gegangen 
war; genau wie anstelle von Blut das Surrogat Wein trat. Da Pflanzenöl ursprüng- 
lich nicht existierte und erst später als Surrogat für tierisches Fett auftrat, kann 
man annehmen, dass man dem Öl die gleichen Eigenschaften beilegte, die ur- 
sprünglich dem Fett zugeschrieben wurden. ^^ 

Fett und Blut waren, wie man sehen und was zu erklären sein wird, besonders 
heilig und spezielle Gaben für die Gottheit. Von ihrer Anwendung in den ver- 
schiedensten Manieren erwartete und erwartet der Primitive die mannigfaltigsten 
Wohltaten und Schutz. Hier folgt eine Anzahl Von Beispielen,^' die beweisen, 
welche Bedeutung man bei den verschiedenen Völkern der Kraft des Fettes als 
magischem Mittel beimass, bezw. noch beimisst. 

Die Damaras, ein australischer Stanmi, nehmen an, dass Fett von bestimmten 
Tieren grosse Kraft verleiht. Daher verwahren sie es sorgfältig in speziell prä- 
parierten Gefässen. Eine kleine Dosis in Wasser aufgelöst gibt man einem von 
einem gefährlichen Zuge glücklich heimgekehrten Krieger. Der Häuptling, der 
über besondere und magische Kräfte verfügen muss, salbt sich selbst damit. 

14) Ebert ,,Rea]lexicon der Vorgeschichte", Artikel ÖJ: ,,öl gehört zu den notwendigen StofFen 
für die Korperpfiegc, Aus Darstellungen und Erwähnungen wissen wir, dass der Körper, be- 
sonders das Haar und die Füssc mit öl gesalbt wurden. Zu diesem Zweck wird öl als Belohnung 
an Untergebene verteilt, und man gibt es auch den Toten im Grab mit." 

15) Robertson Smith ,, Religion of the Semites", London 1927, S. 383: „Now we have seen, 
in speaking of the use of unguentK in Semitic religion, that thiE particuJar nnedium has in soine 
way an equivalent to blood, for which it may be substituted in the covenant ceremony, and also in 
the ceremony of bedaubing the aacred stone as an act of homage. If now we remember that the 
oldest ungTjents are animal fats and that vegetable oil was unknown to the Setnilic nomads, we are 
plainly led to the condusion that unciion is prjmarily an application of the sacrificial fal, with its 
living virlues, to the persons of the worshippers. On this vicw the anointing of the kings, and the 
use of unguents on visiting the sanctuary, are at once intelliftible." 

16) Die meisten Beispiele stammen aus Robertson .Smith: , .Religion of the Semites" und aus 
der ,,Encyclopedia of Religion and Ethica", Artikel anointing. 



Messias, Golem, Ahasver 65 



Die Namaquas, ein anderer australischer Stamm, verwenden getrocknetes Fett 
als Amulette. 

Bei den Betschuanen ist die Aufnahme der jungen Mädchen unter die Frauen 
mit einer Feierlichkeit verbunden, bei der als eine der Zeremonien der Körper 
mit Fett eingeschmiert wird. Das Gleiche geschieht bei den Hottentotten mit den 
jungen Männern bei der Aufnahme in den ,, Männerbund". 

Besonders dem Nierenfett legt man grossen Wert bei, weil die Nieren als 
„Sitz des Lebens" angesehen werden. Töten die Australneger bei der Blutrache 
einen Feind, wird immer das Nierenfett der Leiche entnommen, ebenso ein Stück 
des Schenkels. Beides führt man als Trophäen nach Hause. Auch das Darmnetz 
wird zuweilen vom Mörder bewahrt, und er pflegt sich damit einzureiben, denn 
viele Wilde sind der festen Überzeugung, dass so die Kraft des Getöteten auf sie 
übergeht. 

Die Basutos z.B. bringen, so.bald der Feind tot ist, ein Opfer, damit ihre Kranken 
gesunden. Sie entfernen der Leiche sofort die Darmschleimhaut und hängen sie 
dem Patienten um den Hals. Darauf nehmen sie die Galle heraus und giessen sie 
über den Kopf des Kranken, die Gallenblase wird an seinem Haar befestigt. 
,,Dann ist er natürlich gesund." 

Einige Australnegerstänmie töten sogar, wenn sich nur eben die Gelegenheit 
bietet, jeden Mann eines anderen Stammes, um des Nierenfettes habhaft zu 
werden, womit sie sich dann salben. In einigen Teilen Indiens war der Glaube 
an die besondere Kraft vom Knabenfett so stark, dass man sie zu diesem Ge- 
brauch tötete. Das Volk von Tasmanien glaubte, dass ein Stück Fett aus einer 
menschlichen Niere um den Hals getragen ein unfehlbares Mittel gegen schwarze 
Magie sei. Noch heute wird Fett für Männer, die in den Krieg ziehen, als Schutz- 
mittel verwandt. Verwandlung in Tiere, wie sie die Folklore häufig zeigt, kommt 
durch magische Salbung zustande und zwar ursprünglich mit dem Fett des be- 
treffenden Tieres. 

Bei einigen afrikanischen Stämmen salbt sich die Mutter, sobald ihr Sohn be- 
schnitten ist, damit die Wunde schnell heilt.'' 

Andere Stämme bestreichen die Waffe, die eine Wunde beigebracht hat. 

Als Reinigungsmittel verwenden die Primitiven allgemein Fett; bei der Auf- 
hebung eines Tabu, also bei der Wiederaufnahme des normalen Lebens, nach der 
Geburt, nach Krankheit, Krieg etc. salbt man sich. 

Fett diente auch als Mittel, um der Farbe Bestand zu geben, mit der sich bei 
einigen Stämmen Büsser und Trauernde einrieben. (Ein Zwischending zwischen 

1 7) Ausser auf dem GJaubcn an die heilende Kraft des Fettes basiert dies auch auf dem Glaub en 
an ,,synipathetic magic", wofür bei Frazer in „The Golden Bough" zahlreiche Beispiele und Da r- 
steJlungen zu finden sind. 



S Vol. 26 



ö6 E, Isaac-EdeTsheim 



kosmetischem und sakralem Gebrauch ist wahrscheinlich das Unterlassen des 
Salbens bei Trauer und das Wiedersalben zum Zeichen, dass die Trauer beendet 
ist.) Ein sehr merkwürdiges Beispiel führt Fra2er in „Belief in ImmoraHty" an 
wo er über die Stellung des Mörders bei den Primitiven spricht, denen gewisse 
Stämme eine bestimmte Heiligkeit zusprechen; „Der Heid eines solchen Unter- 
nehmens, dem Mord an irgend jemand, z.B. an einer alten Frau eines feindlichen 
Stammes, bekommt Erlaubnis, nach vollbrachter Tat sein Gesicht und seine 
Brust zwei oder drei Tage lang mit einem Gemisch von Russ und Öl, das sich von 
der gewöhnlichen schwarzen Kriegsfarbe unterscheidet, zu bestreichen." An 
einer anderen Stelle erzählt Frazer: „Die Zeremonie einer Mörderweihe war sehr 
kompliziert. Der Mörder wurde mit rotem Öl vom Haupthaar bis an die Zehen 
gesalbt. Nachdem er so geschmückt war, tauschte er Keulen mit den Zuschauern 
die glaubten, dass ihre Waffen eine geheimnisvolle Kraft erhielten, weil sie durch 
die heiligen Hände des Mörders gegangen waren." 

Sehr oft auch salbt man sich bei Pubertätszeremonien, Taufe, Hochzeit, nach 
der Menstruation oder nach der Entbindung. 

Bei den alten Albaniern, im Kaukasus, bei den Azteken wurden die Menschen- 
opfer gesalbt, bevor man sie tötete. Bei den Chinesen, Ägyptern, Griechen salbte 
man die Toten. Zum mindesten für Ägypten ist dieser Brauch durch Ausgra- 
bungsfunde auch für prähistorische Zeiten bewiesen. In Griechenland, Mexico 
Zentral-Amerika, sowie in Rom wird der Priester bei der Weihe gesalbt. An de' 
Sklavenküste z. B. bestrich man den Priesterkandidaten mit einem Gebräu aus 
Gräsern. Dann salbten die Priester seinen Kopf mit einer mystischen Salbe und 
baten die Gottheit, den Keuling aufzunehmen. War die Aufnahme vollzogen 
glaubte man, dass die Gottheit in ihn getreten sei. Auch der buddhistische Priester 
wird mit Öl gesalbt. 

Ein anderer Aspekt dieses Glaubens, der den gleichen Sinn hat, ist das Phäno- 
men, dass man das heilige Fett gerade nicht verzehren oder verwenden durfte 
Das basiert auf der Bedeutung eines „Tabu". Ein Tabu enthält immer einerseits 
den Begriff „heilig", andrerseits die Begriffe „gefähriich", „unrein". Beides geht 
auf die Achtung bezw. Angst vor einer unbekannten, starken Macht zurück. In 
emigcn Fällen äussert sich diese Angst derart, dass man, sei es auch unter be- 
sonderen Vorsorgemassregeln, bestrebt ist, diese Macht auf sich zu übertragen 
In anderen Fällen werden Angst und ehrfurchtsvolle Scheu so übermächtig, dass 
man das mit einem Tabu Belegte überhaupt nicht zu verzehren oder auch nur 
anzurühren wagt. 

Man kann aus dieser bunten Mischung von Beispielen wohl ersehen, welche 
aussergewöhnliche Bedeutung man der Verwendung von Fett und Öl beilegte. 
Robertson Smith Uefert in seinem bereits erwähnten Standardwerk „The Re- 



Messias, Golem, Akasver 67 



ligion of the Semites" die Erklärung. Dem Fett wird wie anderen hochheiligen 
Teilen (Eingeweide, besonders Leber und Nieren), die vom Opfer stammen, eine 
grosse Macht zuerkannt. Diese Macht ist übertragbar auf andere, denen man sie auf 
verschiedene Art vermitteln kann. Eine Methode ist Essen und Trinken (vergl. 
Totemmahlzeit), eine andere die äusserhche Anwendung, wobei die Salbung die 
vornehmste Methode ist. Ursprünglich also beruht die Salbung auf dem gleichen 
Prinzip wie das Verzehren des Fleisches und Trinken des Blutes heiliger Wesen 
"Und rwar so, dass das göttliche Leben, die göttliche Substanz, (in einem weiteren 
Stadium auch die Macht aussergewöhnl icher irdischer Wesen) auf andere über- 
tragen wird durch die Herstellung eines Kontaktes zwischen ,,dem Quell der 
Heiligkeit und demjenigen, der diesen Quell anbetet". Das Fett enthält die heilige 
Kraft des der Gottheit geweihten Opfertieres oder Menschenopfers, das von ihr 
abstammt, und durch den Genuss dieses Fettes nimmt man an diesem durch 
seine Weihe heiligen Opfer teil. 

Ein zweiter Gedanke trat dazu, der zur Entwicklung der Salbungsidee beige- 
tragen hat, nämlich die Vorstellung, dass alles Heilige und Göttliche (Person oder 
Ding) einer periodischen Erneuerung bedarf. Dieser Gedanke ist bei allen primi- 
tiven Völkern sehr lebendig und ist der Mittelpunkt von F r a z e r s Buch ,,The 
Golden Bough". Frazer begründet hiermit das periodische Töten, in späterer 
Zeit den periodischen Rücktritt vieler Könige und Priester und verfolgt die Spuren 
dieser Gewohnheit bis in unsere Zeit. In diesem Zusammenhang sei darauf 
hingewiesen, dass man bei der Erneuerung oder Verjüngung sehr häufig Salben 
anwandte. Die Salbung eines heiligen Gegenstands erneuert seine Kraft. ^" 

Die Salbung der Könige und Priester. Zu untersuchen ist 
nunmehr die weitere Entwicklung des Salbens in der Geschichte, besonders 
soweit es sich auf Könige und Priester bezieht. 

Die Salbung der Könige war ein allgemein semitischer, später christlicher 
Brauch, dessen Spuren bis heute zu verfolgen sind. Wurden doch noch die letzten 
französischen Könige bei der Thronbesteigung gesalbt, genau wie die englischen 
Herrscher. Ein hübsches Beispiel von der grossen Bedeutung, die man der 
Salbung beimass, gibt A. L e b e r in „Des ceremonies des sacres" 1825. Auch 
Anatole France erwähnt dieses Beispiel in seiner Jeanne d'Arc. Es wird hier die 
TaufFeierlichkeit des Fürsten Chlodwig I. beschrieben, des ersten heidnischen 
Königs, der zum Christentum übertrat. Infolge des Gedränges war es dem Priester 
mit dem Salböl nicht möglich, in die Kirche zu gelangen. Eine Taube (das alte 

18) Encyclopedia of Religion and Ethics: ,,When the Wawamba of Central Africa or the Austra- 
lian of Queensland anoinis his sacred stone with fat, when asking ii for rain, we may infer, that the 
sacred object is supposed to be revived and rendtred gracious by the cosmclic virtues of unction," 



68 E. Isaac-Ederskeim 



Totemtier) brachte vom Himmel ein Fläschchen mit Öl, mit einem besonderen 
Öl von Gott, also durchtränkt mit göttlicher Substanz. Hiermit wurde der erste 
christliche König, der Vorvater aller christlichen Könige, gesalbt.^» 

Auch der jetzige englische König Georg VI. ist bei seiner Krönung mit heiligem 
Öl gesalbt worden: eine von den zahlreichen unbegreiflichen Zeremonien, eine 
alte Tradition unbekannter Herkunft und rätselhaft für alle, die bei dieser prunk- 
vollen Feierlichkeit anwesend waren. 

Ausserhalb der semitischen Welt trifft man die Königssalbung bei Ägyptern, 
Azteken und Hindus. In den bekannten Tel-Amarna- Briefen wird von der Salbung 
des Pharao gesprochen; auch an anderer Stelle findet man Beweise, dass die 
Lehnsfürsten bei ihrer Installierung gesalbt wurden. Man findet auf Reliefs, dass 
Pharaonen mit dem Salbkegel bedeckt wurden, mit dem das Haar gesalbt wurde 
(bei feierlichen Gelegenheiten). Die Salbung des Pharao, geschah sie auch vor 
4000 Jahren, hatte damals schon genau so ihren Sinn eingebüsst wie die Salbung 
des jetzigen englischen Königs. Als die Salbung noch in ihrer ursprünglichen 
Form, mit dem ursprünglichen Gedanken der Übertragung geschah, lebte die 
Menschheit noch in ihrer Kindheitsperiode (tausende von Jahren vor Ägyptens 
Kultur- und Glanzzeit), im prähistorischen Zeitalter, wovon keine oder doch nur 
sehr wenige Spuren auf uns gekommen sind, das wir uns aber aus bestimmten, 
unverständlich gewordenen Erscheinungen, Zeremonien, Bräuchen ableiten kön- 
nen. Wir dürfen annehmen, dass einer dieser Bräuche die sakrale Verwendung des 
Salböls war, der seine Spuren hinterlassen hat — gleicherweise dem ägyptischen 
Pharao und dem jetzigen enghschen König unverständhch. . . . 

Wenn man aber auch Spuren davon in benachbarten Ländern findet, so ist 
doch, wie erwähnt, die Salbung der Könige ein spezifisch semitischer, später 
christlicher Brauch. Er wurde zu einem integrierenden Bestandteil des Krönungs- 
zeremoniells, wie die königlichen Gewänder, Schmuck, Krone und Szepter. Die 
magische ist durch eine religiöse Kraft ersetzt. Der „Geist Jahwes" geht in den 
Gesalbten ein. Der König wird der von Jahwe Gesalbte, hat Anteil am Göttlichen. 
Hier seien die wichtigsten Stellen des Alten Testaments zitiert, die sich auf das 
Salben von Königen beziehen; Das bekannteste Beispiel ist 1 Samuel 24. 7, wo 
David, obwohl sich ihm die Gelegenheit dazu bietet und er das eigene Leben 
dadurch retten kann, Saul nicht töten will, weil er „der Gesalbte des Herrn" ist. 



19) Ein anderes interessantes Beispiel, wie eich in der Katholischen Kirche die Bedeutung van 
der Heiligkeit des Öls erhalten hat, gibt der gleiche Leber im obenerwähnten Buch: ,,La chemise 
qui a toTJchi l'huile sainte, aussi que les gants de satin blanc du roi, qui ont it& binis par l'archj- 
vfique, soni, apifes la certmonie livr^s au premier aumonier et l'on en conserve ordinairement les 
cendres qui sont dislribu6s ä la cour le mercredi saint." Zu heilig und zu gefalirlich, um aufbewahrt 
zu bleiben. 



Messias, Golem, Ahasver 69 



1 Samuel 16, 3 : Samuel salbt den von seinen Brüdern umgebenen David 

zum König; 

1 Könige 1,45 ': Zadok und der Prophet Nathan salben Salomo zum 

König; 

2 Könige 11, 12 : Salbung von Joas; 

2 Könige 23, 30 ; Salbung von Joahas; 
2 Könige 19, 5 : Salbung von Hasael; 

2 Könige 9, 3 : Salbung von Jehu, usw., usw. 

Es besteht eine Annahme, nach der später besonders diejenigen Könige gesalbt 
wurden, die auf nicht ganz rechtmässige Weise das Königstum erwarben, wie z.B. 
Joas und Joahas. die also tatsächlich eine spezielle Sanktion Jahwes nötig hatten. 
Diese Auffassung gilt jedoch nicht als erwiesen.*" 

Ausser dem König wurde auch der Hohepriester bei seinem Amtsantritt 
gesalbt. Er hiess der ,,Kohen ha maschiach", der „gesalbte Priester" (im Gegen- 
satz zum König, der „der Gesalbte des Herrn" ohne weiteren Zusatz genannt 
wurde). Auch der Priester, der mit dem Heer in den Krieg zog, wurde gesalbt 
und bekam den Namen ,,meschuach milchama", d.h. „der für den Krieg Ge- 
salbte"."' Das Salben sowohl des Königs wie des Hohepriesters vollführte ein 
Prophet. In der späteren Entwicklung ging die Salbung auf jeden Priester über 
und zwar in zwei Richtungen, In der komplizierten Geschichte der kathohschen 
Kirche findet man den Priester wieder als die Person, die sowohl selbst geweiht 
und gesalbt wird, die aber auch ihrerseits diese Weihe und Salbung auf andere 
überträgt. Man denke z.B. an die Taufe, die letzte Ölung und andere rituelle 
Gebräuche. 

Das Opfer. Im Vorangegangenen ist der Versuch unternommen 
worden, eine Erklärung für den Namen Messias zu finden. Wir sind zu dem Schluss 
gekommen, dass dieser Name sich von der Salbung ableitet, einem uralten Brauch, 
der auf uns in der Tradition der Salbung von Königen und Priestern gekommen 
ist. Man hat gesehen, dass diese Salbung für die Primitiven von solch einer vitalen 
Bedeutung war, weil sie glaubten, mittels des Fettes die Kraft zu übertragen, 
ursprünglich die Kraft des Opfertieres, die so auf den Opferer überging, der 
durch dieses Opfer seinen Gott verehrte, Man muss also nun verfolgen, was dieses 
Opfer war und wodurch es über die so heissbegehrte grosse Kraft und Macht 

20) Vgl. M. Zobel „Gottes Gesalbter" (Schocken Verlag 1938), Anmerkung S. 9: „Nacb der 
jüdischen Überlieferung wurden die Könige von Israel hingegen mit profanem Balsamöl eesalbi. 
Durch den Akt der Salbung erlangte der König die erbliche Königswürdc, so dass seine Nach- 
kommen nicht mehr zu Königen gesalbt wurden, es sei denn, dass — wie im Falle Salomos, Joahas 
und Jehoachas — noch andre Thronbewerber Anspruch auf die Königswürde erhoben." 

21) Vergl. Babylonischer Talmud, Sota 42a. 



70 E- haac-Ederskeim 



verfügte; zu diesem Zwecke ist es notwendig, die Bedeutung des Opfers in prä- 
historischen Zeiten zu untersuchen. 

Die alten Gemeinschaften, wie sie noch heute in Austrahen und gewissen Teilen 
von Afrika bestehen, beruhten auf „kinship". Die Gesellschaft war in Clans oder 
Stämme aufgeteilt, bestand aus Personen, die durch das Band der ,,kinship" 
verbunden waren, was nicht mit dem Begriff Verwandtschaft identisch ist. Jeder 
Clan oder Unterclan besass sein Totem, meistens ein Tier, manchmal eine Pflanze 
oder ein Naturphänomen, das in einem ganz besonderen Verhältnis zum Clan 
stand. Dieser Totem verleiht dem Clan seinen Namen, wird für verwandt, oft 
auch für den Stammvater gehalten (spätere Entwicklung zum Ahnenkult). I>er 
Totem ist der Schutzherr und Helfer. Jedes Mitglied des Clans, Mensch oder 
Tier, gih als Totembruder (Grenzen zwischen Mensch und Tier existierten damals 
eigentlich noch nicht). Jedes Mitglied war sakrosankt und Regeln, Beschränkungen 
(Exogamie) und Verpflichtungen unterworfen. Es gab keine Individualität, nur 
die Gruppe galt, das Individuum war ein kleiner untergeordneter Teil der Gruppe. 
In diesem Zusammenhang geht es speziell um das Opfe r in Verbindung mit 
dem Totemismus, es bleiben also andere Betrachtungen über den Totemismus 

ausserhalb des Themas. 

Zuerst muss angemerkt werden, dass in der Urzeit „kinship" „participation in 
blood" bedeutete und alle Glieder des Clans umfasste. Dieses Band ist eine phy- 
sische Einheit — Leben — Blut — das gleiche Leben. In gleicher Weise nimmt 
der Gott an der Gemeinschaft teil — auch er durch physische Einheit dem Clan 
verbunden. Also eine Stammes- und Blutsverwandtschaft zwischen Mensch und 
Mensch, Mensch und Tier. Mensch und Gott. Die Weise, auf die diese „reli- 
giöse" Einheit zustande kam, war der Abschluss eines Blutbundes mittels einer 
„covenant ceremony". (die aus einer gemeinschaftlichen Mahlzeit bestand), 
welche symbolisch anzeigte, dass man nicht mehr eine Zweiheit sondern eine 
Einheit war, ein Körper, vom gleichen Blut. (Spuren hiervon finden sich in der 
Bibel, wenn die Stammesgenossen bei der Tötung eines der ihren klagen: , .Unser 

Blut ist vergossen".) 

Das ist also „Religion" in der primitiven Gesellschaft, eine Frage des Bandes 
und der Einheit zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Gott. Man darf 
hierbei nicht aus dem Auge verlieren, dass der Gottestdienst des Primitiven 
keine Rehgion in unserem Sinne war, sondern nur der Erhaltung der Gesellschaft 
diente. Die Religion war kein Ideal oder eine Geistesrichtung, von der der Ein- 
zelne Heil und Hilfe erwartete, vielmehr eine soziale Institution, an die zu halten 
jeder verpflichtet war, der Gesellschaft zuliebe, von der er ein Teil war, bei Strafe 
der Ausstossung aus dieser Gesellschaft. 

Totemmahlzeit. Worin bestand nun diese Gemeinsqhaftstat, dieser 



Messias, Golem, Ahasver 71 



Bund, der zwischen dem Menschen und seinem Bruder, zwischen dem Menschen 
und seiner Gottheit geschlossen wurde? Diese Gemeinschaftsiat war die Opfer- 
mahlzejt, die Mahlzeit, an der jedes Stammesmitglied teilnahm und bei der auch 
die Gottheil selbst in der Form des ihr geweihten Opfers gegenwärtig war. Dabei 
werden alle Freundschafts- und Verwandtschaftsbanden erneuert. Wir wissen ja, 
dass den Primitiven periodische Erneuerungen von wesentlicher Bedeutung bei 
der Erhaltung der Dinge waren. Man muss richtig erfassen, welchen überragenden 
Wert eine Mahlzeit — also Essen und Trinken — für den Primitiven hatte und 
noch hat. Das wird man z.T. auf soziale Ursachen zurückführen müssen, der 
Mangel an Lebensmitteln — besonders an Fleisch bei einer ackerbauenden Be- 
völkerung — muss eine Fleischmahlzeit zu einem aussergewöhnlichen Fest 
gemacht haben. Es gehört nicht in diesen Zusammenhang zu verfolgen, wie sehr 
diese Tatsache die innerliche Haltung der Primitiven beeinflusst hat; jedenfalls 
ist es eme Tatsache, dass gemeinschaftliches Essen und Trinken schlechthin das 
Symbol der befestigten Kameradschaft und gegenseitigen Verpflichtung war. 
(Man denke an die arabische Gastfreiheit: der Gast ist heilig; Brot und Salz mit 

jemand teilen.) 

Vom gleichen Gedanken wird das Verhältnis zur Gottheit beherrscht. Wenn 
der Gott einen Mann an seinem Tisch teilnehmen lässt, versichert er ihn seiner 
Freundschaft. Doch für eine solche Mahlzeit war die Anwesenheit eines Opfers 
erforderlich. Dieses Opfer bestand aus einem Tier- oder Menschenopfer, jeden- 
falls aus Fleisch. Fleischessen war eine heilige Handlung. An dieser Fleischmahl- 
zeit partizipierten ausnahmslos alle Stammesgenossen — auch der Gott selbst. 
Nur dann war der Fleischgenuss erlaubt, wenn der Gott selbst dabei anwesend 
war, das soll heissen, wemi es dem Gläubigen erlaubt war, vom gleichen heiligen 
Fleisch zu essen, wovon ein Teil aut den Altar gelegt wurde als „Nahrung Gottes". 

Ein Opfer zu bringen, Fleisch zu essen, war ein besonderes und gefährliches 
Unterfangen, das allein von der Gemeinschaft in ihrer Gesamtheit ausgeführt 
werden konnte, wollte man ihm den gefährlichen Charakter nehmen. Die Sünde 
des vergossenen Blutes durfte nicht auf dem Einzehien lasten, sondern wurde 
so auf den ganzen Stamm abgewälzt. (Ein Überrest der kollektiven Übernahme 
einer Sünde war die Todesstrafe, wie sie bei den alten Semiten vollzogen wurde — 
im Alten Testament verschiedentlich geschildert — nämhch durch die Steinigung, 
d.h. also durch ein Kollektiv, nicht durch die Tat eines Einzelnen.) 

Nur dann war es erlaubt zu schlachten, wenn es eine religiöse Tat war, an der 
der gesamte Stamm teilnahm und wofür alle die Verantwortung mittrugen. Man 
muss sich wohl fragen, welcher Art dieses Opfer wohl war, so heiüg, dass es aus- 
schliesslich durch den gesamten Stamm in festlicher Weise dargebracht und 
verzehrt werden durfte und das dem Leben eines ,,kinsman" gleichgewertet wurde. 



72 E. haac-Edersheim 



Das Totemtier. Robertson Smith zieht nun folgenden 
Schluss: Das heilige Opfertier war Glied des Clans, war das Totemtier; gleiches 
Blut strömte in den Adern des Opfers und der Gemeinschaft, sodass also — wie 
erwähnt — der Tod eines solchen Totemtieres und Blutsbruders nur duldbar war 
wenn alle ,,tribesmen" in feierlicher Handlung daran teil hatten, wodurch die 
Einheit untereinander und mit dem Totemgott gefestigt, verstärkt und erneuert 
wurde. Und die Materie 2ur Verstärkung der gegenseitigen Einheit ist nichts 
anderes als das Leben des heiligen und verwandten Tieres (Totem), dessen Heilig- 
keit dem Fleische innewohnte. Bei der heiligen Totemmahlzeit überträgt sich 
diese Heiligkeit auf alle Teilnehmer," wodurch ihre Kraft vergrössert wird.^s 

Robertson Smith hat später seine Theorien einer Korrektur unter- 
zogen, jedoch nicht in den Punkten, die die Grundidee dieser Beweisführung be- 
treffen. Seine letzte Folgerung besagt: der Gott, das Opfer und die Totemgruppe 
gehören zum gleichen „kin". Mittels der Opfermahlzeit kommt in erster Lini^ 
eine Gemeinschaft zustande durch ein Band von „kinship". Robertson hat hieraus 
die Theorie des ,,theantropic animal" entwickelt, kinsman und Gott zugleich, der 
Originaltypus des Opfers in seiner frühsten Form. Als Beweis mag die spätere 
Ersatzform des Blutvergiessens gelten, Haaropfer, Fett usw., woran auch dann 



22) S. 3]3: ,,This cement is nolhing eise than the actual life of the sacred and kindred anitnal 
which is conceived as residing in hs flesh, but especially in its blood, and so, in the sacred meal, is 
flciually dlstributed among all the participants, each of whom incorporates a particle of it witb t^jo 
own individual life." 

23) Eine englische Entdeckungsreisen de Alexandra David-Neel reiste viele Jahre in Tibet und 
hat ihre Erfahrungen in einem Büchlein vereinigt: ,,With mystics and magicians in Tibet" (Penguin 
books). Sie interessierte sich besonders für den Gottesdienst und dessen Priester in diesen Gegenden 
und hat lange Unterrudungen mit vielen Lamas, Mönchen und Weisen geführt. Mit einem dieser 
Lamas sprach sie über den Fleischgenuss — er ass nämlich durchaus Fleisch, obwohl es den 
Buddhisten eigenUich verboten ist. Hier folge die für unseren Gedankengang so eigenartige Stelle 

(S. 60): ,,Most men", he said, ,,eatlike beasts, to salisfy their hunger withoui pondering upon the 
act they are accomplishing nor upon its corsequences. Such ignorant people do well to abstain 
from eating meat and fish , Others consider what becomes of the material Clements they absorb when 
eating animals. They Imow that the assimilation of the elements involves the assimilation of the 
psychic ekments which are inher<mt in theni. Anyone who has acquired that knowledge may „. 
bis risk and perii, coniract these associations and endeavour himself to obtain results useful to the 
victims sacrificed. The question is to find out whether the animal elements which he absorbs 
strengthen the animal propensities of the man, or whether this man will be capable of transmutio^ 
these ekments into intellectual and spiritual forces, so that the substance of the animal passing Iq» 
the man will be reborn in ihe forro of human activity." 

Hier findet man also in Mittel-Asien den gleichen Gedanken, nämlich den von der Übertragung 
der Kiäfte. Inwieweit diese Idee vergeistigt oder symbolisiert wird, ist für uns nicht wesentlich 
da ja di(se Vergeistigung immer auf einem früheren, nicht vergt-ist igten Stadium basiert, D;^ 
Haupt; ache ist, dass man hier — in einer neutralen Schilderung ohne Nebengedanken — einen 
Beweis antrifft für das in weit voneinander entfernten Teilen der Welt auftretende Phänomen- 
für den Gedanken der Machtübertragung durch den Geniiss von Fleisch! 



Messias, Golem, Ahasver 73 



noch die besondere Bedeutung der Verstärkung, des intensiven Kontaktes 
zwischen Gott und Opferndem gebunden war. Auch das Weissagen aus den 
Eingeweiden, wie es besonders in Babylonien üblich war, weist in die gleiche 
Richtung, denn diese Eingeweide stammten von dem heiligen Opfer, waren 
also göttlicher Substanz, und man konnte aus ihnen die götthche „Vorsehung" 
(foreknowledge) ablesen. 

Im Alten Testament gibt es einige Stellen, wo erzählt wird, wie das Volk Israel 
in Zeiten von Not und Elend von Jahwe abfiel und wirklich zurückfiel in ein 
primitives Stadium. Man begann wieder allerlei Tiere zu opfern und zwar die 
ursprünglich unantastbaren — die Totemtiere. Jedoch war es jetzt kein Clanopfer 
mehr, sondern eine Art von unbewusstem Drang nach Teilhaberschaft am gött- 
lichen und tierischen Leben. 

Seit dem Erscheinen von Robertson Smith's „The Religion of the 
Semites" ist dieses Thema viel untersucht und behandelt worden. Es gibt Gegner, 
jedoch mehr Anhänger der darin vertretenen Theorien. Man fragt sich natürlich, 
ob eine, und sei es auch geniale Theorie aus dem Jahre 1889 nicht durch spätere 
Untersuchungen und Veröffentlichungen veraltet sein müsste. Das ist nicht der 
Fall. Stanley A. Cook, der 1927 Robertson Smith's Werk erweitert und neu 
herausgegeben hat, bemerkt hierzu: ,,W. R. Smith. His work, though in minor 
details open to criticism'^* has stood as the foundation of all subsequent study of 
the subject of sacrifice." 

Obendrein haben speziell die letzten Publikationen von Spencer und 
G i 1 1 e n über die ,,Intichiuma"-Riten der Stämme Zentralaustraliens Robert- 
son S m i t h's Theorien im Wesentlichen gestützt. Die Bräuche dieser 
Stämme weisen darauf hin, dass diese Wilden glauben, Kontakt mit den über- 
natürlichen Mächten zu bekommen, dadurch „Mana" zu erwerben, wodurch 
man zur Quelle der Kraft vordringt und schlechte Einflüsse aufhebt." 

Freud hat in „Totem und Tabu", an diese Theorie anknüpfend, ge- 
zeigt, dass dieses Totemtier der Gott und somit eine Vatergestalt ist, dessen 
Tötung und Verzehren eben darum eine solch überwältigende Tat war, verboten 

und doch heilig. 

In der Urzeit — nach Freud — haben die Mitglieder des Clan, die Brüder, 
den Vater getötet und verzehrt, eine Tat mit einem doppelten Siim, nämlich der 



24) Besonders über das Problem der Entwicklung der Religion. 

25) Sir B. Spencer und F. J. Gillen: The Njüve Tribes of Central Australia, 1899 und The 
Northern Tribes of Central Australia. 1 904. „The inrichiuma ritt- is a meaus of attaining this end, 
since the mana concentrated in ihe victim «oes out and gives strength to the communicant, drawing 
into itself his Infirmities. With the rise of animistic and iheistic beliefs, gifts, honorific oPferings and 
the whole complex System of develaped sacnficial ntual are gradually added to the original rite." 



74 £. Isaac-Ederskäm 



Beseitigung der verhassten Machtsperson und — durch das Verzehren — der 
Übertragung seiner Kräfte auf die Mörder, die Söhne. 

Diese ursprüngliche Tat des Aufstandes gegen die Vatergestalt hat in der 
Totemmahlzeit ihre periodische Wiederholung. Doch diese Wiederholung hat 
zwiespältigen Charakter. Einmal wird durch das Verzehren des Opfers (des Totem- 
tieres) die Urtat, nach der man immer wieder Verlangen zeigte, wiederholt. Zum 
Zweiten bedeutete das Opferbringen eine Versöhnung mit dem Vatergott, gegen 
den man revoltiert hatte. 

Diese Zwiespältigkeit findet, wie Freud deutlich gezeigt hat, ihr psycholo- 
gisches Motiv in der ambivalenten Gefühlseinstellung gegen den Vater, nämlich 
Liebe und Hass, Sehnsucht und Schuldgefühl, Gefühle von heute und immer, 
die sich bei jeder Generation, bei jedem Individuum (Ödipuskomplex) wieder- 
holen. 

Das Opferbringen musste also eine kollektive Tat sein: gemeinschaftlich hatte 
man den Urvater getötet, gemeinschaftlich trug man das Schuldgefühl, gemein- 
schaftlich musste die Tat wiederholt und gleichzeitig gesühnt werden. 

Zusammenfassend sei also gesagt; Die Salbung hat sich aus dem Gedanken ent- 
wickeh, dass durch Übertragung der heiligen Substanz des Opfertieres die heili- 
ge, göttliche Kraft von ihm auf den Opfernden übergeht. Wir sahen, dass das 
Opfertier ursprünglich der Totem war. Der Totem war sakrosankt, die Tötung 
eine gefährliche und heilige Tat, deren Verantwortung nur die ganze Gemein- 
schaft tragen konnte. 

Der Held. Man sieht, dass nichtsdestoweniger die Salbung später auf 
den Einzelnen überging — auf den Häuptling, den König, den Priester — , woraus 
man den Schluss ziehen muss, dass einstmals ein Einzelner, ein Held existiert 
hat, der das Tabu übertreten, die Tat, die im allgemeinen nur der ganze Stamm 
wagte, allein gegen das Verbot ausgeführt hat. Gegen das heilige Tabu hat er es 
gewagt, das Totemlier zu töten, um sich dann durch das Bad in seinem Fette 
oder Blut seine Kraft anzueignen (vergl. Siegfried, der im Blute des von ihm 
getöteten Drachen badete; Achilles, der in die heilige Quelle stieg und dadurch 
unverwundbar wurde). 

Es ist der jugendliche Held, die Traumgestalt jeden Ichs, der Sohn jedes 
Vaters, der die Tat vollbringt, die andere nur träumen. Er erschlägt den Mächtigen 
(in dem wir, gestützt auf F r e u d s Theorie in „Totem und Tabu", den ,, Vater" 
sehen müssen) und vi;ird selbst der Mächtigste.^« Und das Furchtbare, die Strafe, 
die all die anderen für ihre schuldhaften Wünsche fürchteten, tritt nicht ein. Der 

26) Eine Spur hiervon finden wir schon sehr deutlich in den hier zitierten Beispielen von Fra^e 
Über die „HeiÜRlfeit der Mörder", in der Ehrfurcht vor dem, der zu toten wagte und die Kraft der 
Opfers in sich aufgenommen hat. 



Messias, Golem, Ähasver 75 



Held lebt. Er hat den Tod besiegt. Und jeder identifiziert sich mit diesem Helden, 
ist von Todesangst und Schuldgefühl befreit. Jeder Ist selbst der junge Held, der 
mit dem „Mana" des von ihm getöteten Opfers gesalbt wird. Nun ist er stark, 
mächtig, gefürchtet, unverwundbar. Dies ist eine Ableitung aus Ur-Urzeiten. 
Der gesalbte junge Held, der den Totemgott getötet hat, der selbst zum Totem- 
golt geworden ist, da er die Kraft des Totemgottes auf sich übertragen hat — 
dieser Held der Urzeit wird zum gesalbten Helden der Zukunft ... zum Messias. 

Man muss nun weiterverfolgen, wie sich dieser Held im Laufe der Geschichte 
weiterentwickelte, in welchen Formen und Gestalten er sich aufs Neue mani- 
festierte, wie er unterging und wiederauferstand. 

Von diesem Helden zum Messias führt ein langer Weg. Ein Weg, ebenso lang 
wie der vom Bade im Blute des Opfertieres, dem Einreiben mit seinem Fett bis 
zur symbolischen Übertragung der göttlichen Kraft auf den Gesalbten Jahwes. 

Dieser Weg führt uns durch die ganze Geschichte. Und wir sehen dann, wie 
stets die Mächtigsten und Herrscher des Volkes, mochte ihre Entwicklung auch 
noch so divergieren, die Züge des Urhelden bewahren und wie immer wieder in 
die wechselnde Verkörperung der Macht das Ursprüngliche projiziert wurde. 

Der junge Held erschlug den alten Gott und nahm seinen Platz ein. Oft un- 
mittelbar triumphierend, oft erst nach seinem eigenen Opfertod (vom Volke 
erschlagen oder sich freiwillig opfernd) befreite er die Menschheit. Immer aufs 
Neue ersehnten die Menschen die Befreiung, wenn auch die Urtat nicht mehr in 
ihrem Bewusstsein war. Daher erwählten sie immer wieder ihre Helden, Herr- 
scher und später Heilige, um den Wunsch vom Tod und der Erfüllung der Macht 
aufs Neue Wirklichkeit werden zu lassen. Das lässt sich nur noch aus einigen 
sonst unerklärlichen Formen, Zeremonien oder Symbolen erkennen. Eines dieser 
Symbole und ein sehr wichtiges ist die Idee der Salbung, die mit Regelmässigkeit 
im Laufe der Geschichte dem historischen Unterbewusstseln entsteigt und ver- 
blasster und abgeschwächter die ursprüngliche Form bestätigt. Wenige Tropfen 
Öl auf das Haupt des Königs, und er ist verwandelt in den Auserwählten Gottes. 

Bei O. Rank ,,Der Mythos von der Geburt des Helden" kann man lesen, 
welche merkwürdigen Züge die Mythologie dem jungen Helden verliehen hat, 
wie seine Wunsch- und Traumgestalt an allen Enden der Erde, in allen Mytholo- 
gien die gleichen Züge aufweist und den gleichen, in den Gedanken der Menschen 
wiedergeborenen Ursprung verrät. 

Die Regelmässigkeit seines Erscheinens, die Konformität seiner Lebensge- 
schichte und seiner Lebensumstände lassen folgern, dass in der Mythe etwas 
Ursprüngliches bewahrt ist, das freilich verblasst und teilweise verdrängt, doch 
immer noch lebendig ist: denn nur das sind die Völker fähig in ihren Mythologien 
festzuhalten, was, wie Wundt es ausdrückt, „ihrer eigenen Stufe mytholo- 



S Vol. 26 



76 E. Isaac-Edersheim 



gischen Denkens entsprach". In diesem Fall ergibt sich das aus der Tatsache, 
dass der junge Held beinah immer ein vertriebener, anonymer Königssohn war, 
ein Revolutionär, der in einem „happy end" seine Gegner (Vater, Grossvater oder 
Drachen, d.h. Totem) triumphal besiegt und nun selbst König wird. 

Der Mythos macht also beim Individuum einen gewaltigen Sprung — vom 
Urhelden zum König — , einen Sprung, dem in der Geschichte eine Entwicklung 
von vielen Jahrhunderten entspricht. Denn tatsächlich finden wir in der Gestalt 
des (gesalbten) Königs die Züge des jungen, unverwundbaren, zum Gott ge- 
wordenen Helden wieder. i 

Welche Entwicklung nahm das Königtum in der Geschichte? I 

Wir dürfen annehmen, dass in der Gesellschaft der allerprimitivsten Völker 
wie heute noch bei den meist zurückgebliebenen und isoliertesten Stämmen 
eine Art von Demokratie oder auch wohl eine Art von Oligarchie bestanden hat; 
der Rat der Alten fasste alle wichtigen Entschlüsse. Auch den religiösen oder 
besser magischen Fragen gegenüber (viele Gelehrte huldigen der Hypothese, dass 
jeder Religion ein Stadium von Magie voraufgegangen sei) handelte das Indivi- 
duum für sich selbst, Jeder Primitive glaubte, es stände in seiner Macht, seine 
persönlichen Beziehungen zur Gottheit wahrzunehmen und so gut wie möglich 
in Ordnung zu halten. Immer ging es natürlich um Dinge des täghchen Lebens; 
Regenmachen, reichlichere Nahrung (oft durch Vermehrung der Totemtiere) usw. 

Doch nach und nach traten Männer in den Vordergrund, die sich diesen 
Angelegenheiten speziell widmeten, weil sie darin besondere Geschicklichkeit 
gezeigt hatten. Sie wurden von der Pflicht des Jagens oder Fischens, von der 
Sorge um die tägliche Nahrung befreit — der Stamm übernahm diese Aufgabe 
für sie. Zu ihrer Aufgabe jedoch und ihrem Beruf wurde es, durch ständigen 
Kontakt mit Totem, Gottheit oder den Dämonen möglichst grossen Einfluss auf 
die höheren Mächte, die die Natur und dadurch das Leben beherrschten, zq 
ge^^innen, diese Mächte günstig zu stimmen und dem Stamm dadurch grösste 
Gunst und Wohlfahrt zu sichern. Das waren die Zauberer und Medizinmänner. 
Im allgemeinen waren dies natürlich die geschicktesten und ehrgeizigsten Leute 
des Stammes, denn meistens mussten sie, um ihre Stellung zu erobern und zu \ 
halten, die Gutgläubigkeit der anderen ausnützen. Das schliesst durchaus nicht 
die Möglichkeit aus, dass einige dieser Männer an die eigene Kraft und Berufung 
glaubten. Eine Skala vom niedrigsten Betrüger über den. der mehr oder weniger 
bewusst die Schwächen seiner Mitmenschen ausnützte, bis zum tief innerlich 
überzeugten Ekstatiker. Jedenfalls war die Stellung dieser Männer gefährlich, 
denn weder Natur noch Götter waren sehr „zuvedässig". Andrerseits brachte 
eine solche Stellung grosse Macht mit sich. Das ersieht man u.a. aus dem indischen 
Spruch über die (magischen) brahmanischen Priester: „The whole universe is 



Messias, Golem, Ahasver 77 



subject to the gods, the gods are subject to the spells, the speils to the Brahmans; 
therefore the Brahmans are our gods." So finden wir also nach und nach den 
Zauberer oder Medizinmann als Stammesoberhaupt wieder — gleichzeitig König 
und Priester, denn seine wichtigste Aufgabe war der Kontakt mit den Göttern, 
durch den er seine Untertanen am stärksten beeindrucken und nötigenfalls 
schrecken konnte. 

Einen gewissen Unterschied machte man schon sehr früh z^vischen Kriegs- 
und Friedenshäuptling. Der Friedenshäupthng war Stammesoberhaupt, seine 
Stellung war erblich, seine Aufgabe war die Sicherung und Wahrnehmung 
politischer und religiöser Angelegenheiten. Den Kriegshäuptling wählte man in 
Zeiten der Not, oft nur für einen einzigen Feldzug. Die Umstände — Krieg 
ode- Friede, Sieg oder Niederlage — bedingten ganz und gar, wer von beiden 
der überherrschendc, der mächtigste wurde, der König, d.h. der Kriegs hau ptling 
oder der Papst-Priester, der Friedenshäuptling. In der Gestalt des Messias ben 
David und in seinem in späten Zeiten auftretenden Vorläufer, dem Messias ben 
Joseph, kann man deutlich einige Züge dieser beiden Typen erkennen — in die 
Zukimft verlegt, mit zeitgemässen Zügen ausgestattet." 

Hier ist also nun der Held zum Häuptling des Stammes geworden. Auch jetzt 
steht er in einem besonderen Verhältnis zur Gottheit, Bittender und Triumphator 
zugleich. Die Entwicklung geht weiter. 

Magie wird zum Gottesdienst. Der Magier, dessen betrügerische Praktiken 
mehr und mehr offenbar werden, passt sich der wachsenden Kultur an. Seine 
Entwicklung geht in zwei Richtungen. Er wird einerseits zum bürgerhchen Priester 
an sich, bei dem der Einzelne zuweilen seine Zuflucht suchte, wenn er mit der 
Kollektivreligion, deren Oberhaupt der König war, in Konflikt geriet. Zum 
Manne der Wissenschaft entwickelte er sich andrerseits, denn grade in diesen 
Männern wuchs nach und nach der Wunsch, einen Einblick in die wahre Existenz 
und den wahren Zusammenhang der Dinge zu gewinnen.^* Jahrhundertelang 
ist es dabei geblieben, dass der Häuptling-Patriarch-König die heiligen Funk- 
tionen ausübte (vergl. den Zwist zwischen Saul und Samuel, der zu einer Krisis 
führte; 1 Samuel 13, 9-14). Allein der durch die Gottheit Geheiligte und Gesalbte 
durfte sich dem Heiligen nähern und heilige Handlungen verrichten. Der Heros 
war heilig — der Medizirunann war heilig — der König war hetüg. So gross war 
seine Heiligkeit, dass viele Völker des Altertums ihn für einen Gott hielten. Dies 
war in primitiven und alten Zeiten nichts Aussergew öhniiches, war doch, wie 



27) A. Hornefter: „Der Priester", Jena 1912. 

28) J G. Fraaer ,,Thf golden Bough", London 19]I-1936, S. 371: ,,Hence the king, starting 
as a mayician tends graduaily to cxchange the practice of mai^ic for the priestly functions of prayer 
and sacntice." 



i 



78 E. haac-Edenheim 



schon früher anlässlich der Untersuchung über das Verhältnis des Primitiven zu 
seinem Totem erklärt wurde, die Grenze zwischen Menschlichem und Göttlichem 
nicht deutlich gezogen.^* 

So war für die alten Völker der Unterschied zwischen einem Gott und einem 
mächtigen Zauberer, zwischen einem Gott und einem Häuptling nicht sehr gross. 
Denn der Häuptling oder Zauberer war für sie die Inkarnation des Gottes, xmA. 
m dieser Eigenschaft hatte er die Funktionen des Priesters. ,,Ein allgemeiner 
Glaube aller Rassen von Indien bis Irland nahm an, dass die Könige über 
magische und übernatürliche Kräfte verfügen würden, die sie instand setzten, 
die Erde fruchtbar zu machen und ihren Untertanen andere Wohltaten zu ver- 
leihen." (Darum auch durften sie nicht alt und schwach werden; das kojmte 
durch ,,sympathetic niagic" einen verhängnisvollen Einfluss auf die Fruchtbarkeit 
der Erde, auf die Üppigkeit des Pflanzenwuchses etc. ausüben.) 

Jedenfalls kann man feststellen, dass in fast allen Königen des Altertums -und 
auch später, in Ägypten, China, Mexico, Peru, Japan eine übernatürliche Macht 
und sie selbst als Götter verehrt wurden. Das wurde z.T. später zur Speichel- 
leckerei ~ man denke an die römischen Kaiser *<> — z.T. aber ist es sicherlich auf 
die ursprüngliche Idee des Sakrosanktseins, auf den Begriff^ vom lebenden Gott — 
König und König-Heros, dem Nachkommen des Urhelden, der die Menschheit 
befreit hat, zurückzuführen. 

Bis in unsere Zeiten findet man die freilich fast völlig verwischten Spuren dieses 
Glaubens, u.a. in der Idee, dass man von den englischen Königen annahm, sie 
seien fähig, Skrofulosek ranke zu heilen. Von dem alten allgemeinen Glauhen, 
dass Könige übernatürliche Heilkräfte besitzen, hatte sich das wunderliche 
Phänomen erhalten, dass hunderte von Skrofulosekranken" bis ins vorige Jahr- 
hundert jedes Jahr eine Art Wallfahrt zum englischen König unternahmen, um 
durch seine Berührung geheilt zu werden. 

Im Laufe der Zeiten erfolgte eine Trennung des Priester- und Königamtes; bei 
einigen Völkern vielleicht schon früh, bei anderen später. Jedenfalls wurde diese 
Trennung später allgemein, da es für eine Person allein nicht mehr möglich war. 
im stets vielfältiger sich entwickelnden Leben alle Funktionen zusammen auszu- 
üben. 



29) I- henso Frozer a.a.O- S. 372: „and while the tlistinction between thp human aml the divinc 
is still impcrfeclly drawn, it is often imagincd thai men may themsolves allain to godhead, ^ot 
mercly aftcr thcir dcath, but in iheir life-linie ihrough the temporary or permanenr pussrssion of iheix 
whole naturc by a great and powerful spirit. No dass of the commiirity has beneüted so much as 
kinps bi tbis belief in the possible incamation of a Rod in human fnrin." 

30) Manche dieser Herrscher werden sicher selbst an ihre OötilictikL-il ßeidlauht haben, wie ja 
heute noch manche an ihr GotteEgnadentum glauben. Bei anderen wuidt es w nhl ar hliesslich gegen 
A{~ eigene Überzeugung ein Mittel und eine Technik, die gläubige Menge au beherrschen. 



Messias, Golem, Ahasver 79 



Damit war der Priester geboren. Anfangs war die Priesterwürde noch an die 
Familie oder an ein bestimmtes Geschlecht gebunden (wie im Alten Testament) 
später wurde das Priestertum zum Beruf wie jeder andere. Auf den Priester ging 
auch das Privileg der Königssalbung über, das im Alten Testament allein den 
Propheten vorbehalten war. 

Die Idee war verblasst — zum Symbol geworden. Wenige Tropfen Öl — nicht 
mehr wie anfangs Fett — .-schufen einen neuen Helden, in den die göttliche Kraft 
eintrat. Die ursprüngliche Idee erkennt man in der Tatsache wieder, dass nur der 
Priester (oder Prophet) die Salbung vollziehen darf. Es ist das dem Unbewussten 
entstiegene „Tabu", das dem Göttlichen innewohnt. Nur der Gott geweihte, 
mit Gott vertraute Stellvertreter Gottes darf diese heilige Handlung ausführen. 
Eine Verschiebung in zwei Richtungen: vom Ganzen auf ein geringes Stück davon 
(pars pro toto; in diesem Fall wenige Tropfen Öl statt des ganzen Opfertieres) 
und die Wiederkehr eines verdrängten Tabus. Nicht die Person selbst nahm an 
sich die Salbung vor, nur der Priester darf dieses Tabu brechen. 

Nun ist es deutlich geworden, welche Welt von Gedanken sich hinter dieser 
einfachen Handlung des Salbens verbirgt: Erinnerung an einen früheren Vorgang 
und der immer wieder auflebende und immer wieder verdrängte Wunsch, die 
verbotene, revolutionäre Tat doch zu tun. Diese Rückkehr des Ursprünglichen in 
einem Detail hat F r e u d „Die Wiederkehr des Verdrängten" genannt. Nur mit 
Hilfe dieser Einsicht und der daraus entwickelten Technik ist es möglich, Er- 
klärungen für viele Phänomene zu finden, die man sich langsam gewöhnt hatte als 
unaufklärbare Geheimnisse anzusehen und deren Existenz man eigentlich schon 
als ihre Erklärung anzusehen begann. 

Diese Methode hat es ermöglicht, die Verzerrungen und Verschiebungen, die 
der menschliche Geist — individuell oder kollektiv — geschaffen hat, zu unter- 
scheiden und zahlreiche mythologische und legendarische Umarbeitungen im 
ursprünglichen Sinn zu interpretieren. Im Gegensatz zu anderen Erklärungsarten 
geht die psychoanalytische Methode hierbei nicht vom Ganzen aus, sondern 
knüpft beim Detail an, weil grade in diesen Einzelheiten das Ursprüngliche, Ver- 
drängte sich wieder zeigt. 

In unserem Spezialfall sind es die bei der Salbung gebrauchten paar Tropfen 
öl, die uns zum ursprünglichen, später verdrängten Wunsch zurückführen. 
Dieser Wunsch ist die Tötung des Totem -Gott- Vaters und die Aneignung von 
dessen Macht und Kraft — die ursprüngliche und immer wieder ersehnte Lösung 
der Ödipus-Situation. 

Diesem Ursprung tief verbunden hat eine ganze Welt von Vorgängen und 
Gedanken zusammsn den Messias geschaffen. Alle Elemente von Wunsch, Sshnen, 
Achtung, Furcht und Schuldgefühl, einmündend in die Gestalten aller grossen 



80 E. haac-Edershäm 



l-ührer der Menschheit wurden in diesem Führer der Zukunft vereinigt. Er ist 
der wiedererstandene Königssohn, er ist auch der König selbst, mit göttUcher 
Macht ausgestattet, und vor allem ist er wieder der Held, der die revolutionäre 
Tat vollbringt. In der Tatsache, dass er grade „der Gesalbte" hiess, sehen wir den 
Beweis für seinen Ursprung und die Kraft der Salbungsidee. 

Das Christentum hat seinem Gesalbten neue Züge verliehen. Es hat seinen 
Helden geopfert, einen Leidensweg gehen und wiederauferstehen lassen. Einer- 
seits geht das sicherlich auf die „Heilands"-Idee zurück, die früher beschrieben 
wurde, auf die notwendige, periodische Erneuerung, auf den Einfluss des Königs 
und Heilands auf die Natur. Auch dieser König muss sterben und in neuer Glorie 
wiedererstehen ^ ein neuer Frühling Aber andrerseits kamen Elemente dazu, die 
wir jetzt gewöhnt sind als spezifisch christlich anzusehen: Mystik, Askese, In- 
dividualismus, das Sündenbewusstsein; Hass und Schuldgefühl waren gewachsen. 
In jedem lebte stärker denn je die Sehnsucht nach der befreienden Tat des jungen 
Helden, der seinen Gott erschlug und doch von der Sünde befreit ward. Aus 
Jesus von Nazareth haben die Christen diesen Helden gemacht, ihn, der sich op- 
ferte, getötet wurde, aber auferstand und selbst zum Gott wurde. Ein Stellvertreter 
und Erlöser. Sie nannten ihn Chnstos, den Gesalbten. 

Die Juden warten noch auf ihren Messias. In den Volksvorstellungen lebt er. 
Aber er gleicht dem jüdischen Volk. Er wanden von Land zu Land, von Gedanke 
zu Gedanke, Eng ist er in ihren Vorstellungen und Legenden mit der Gestalt des 
„Ewigen Juden"^^ verbunden. 

Vielleicht hat das den Sinn, dass dereinst in der Messianischen Zeit Jedermaim 
dieser Unbekannte sein kann, dass jeder der Held sein wird, der sich selbst erlöst 
und von Schuld frei sein wird, dass jedermann der „Messias" ist und sich selbst 
salben darf mit dem heiligen Salböl, das die Kraft der Vergangenheit überträgt. a» 

31) Aus einer ostjüdisrhen Legende: ..Sieben Jah--.- (eine Ewi»;kcit) sollsl du über die Erde 
„dern, als ein ,Unbt kannirr'. Als ein Unhekanntct sollst du Isis..:! erlösen." 
2) Kapitel II- DER GOLEM wird im zweiten Heft dieses Jjhri;angs erscheinen, 



MITTEILUNGEN UND DISKUSSIONEN 

Zur Frage der mimischen Bejahung und 

Vtrneinung 

Von 

Nikola Sugar 

Beograd 

Die Ausdnicksbewegungen der Bejahung und Verneinung sind bisher nur selten 
Gegenstand psychoanalytischer Untersuchung gewesen. Die Bewegungen. 
mit denen die mimische Bejahung und Verneinung ausgedrückt werden (die 
erstere mit vertikaler, die letztere mit horizontaler Bewegung des Kopfes) scheinen 
dem finnischen Autor K u 1 o v e s i' auf oraler Basis zu ruhen. Er macht auf die 
grosse Ähnlichkeit bezw. Gleichheit aufmerksam, welche zwischen der bejahenden 
Kopfbewegung und der Bewegung beim Trinken vorhanden ist. Ebenso findet er 
die verneinende Kopfbewegung sehr ähnlich bezw. gleich mit der Bewegung des 
Kindes das sich weigert Nahrung in den Mund zu nehmen, wobei das verneinende 
Schütteln des Kopfes oft mit dem Zusammenpressen des Mundes verbunden ist. 
Er kommt dann zu dem Schluss. dass der Ausdruck der Bejahung ursprünglich 
eine orale Introjektion, der Ausdruck der Verneinung eine orale Abwehr bedeutet. 

Dem Autor ist entgangen, dass dieselbe Frage schon von V. E. F r a n k 1^ be- 
handeh worden ist. Zur Erklärung der erwähnten Ausdrucks-Phänomene werden 
von Frankl die zwei elementaren Triebe, der Emährungstrieb und der Sexualtrieb, 
herangezogen. Für die Entstehung der mimischen Bejahung steht er folgende zwei 

Hypothesen auf: , ■ xt i. 

1 Die Kaubewegungen wurden als Symbol verwendet; für die Nahrungs- 
aufnahme, den auf sie gerichteten Trieb und das Hungergefühl, daher auch für 
das Bestreben, einen gegebenen essbaren Gegenstand zu verzehren; sodann für 
das Bestreben, sich eines Gegenstandes überhaupt zu bemächtigen, also für die 
Bejahung dieses Bestrebens; dabei verwandelten sich bei der Verwendung der 
Kaubewegungen als Symbol die Bewegungen des Unterkiefers in die auffallenderen 
des ganzen Kopfes. Später wurden diese Bewegungen, das Kopfnicken, als Symbol 

für die Bejahung überhau pt, also auch die eines Gedankens verwendet. 

1) Yijö Kulovesi: ..Die Ausdrucks Bewegungen der Bejahung und Verneinung." Int. Ztschr. f. 
'V-vTZZ-. "^^I^B^^^un, und Verneinung''. Int. Ztschr f. Psa., Bd. X, 1924, 
H.4. 

6 Vol. 26 



82 Nikola Sugar 



2. Die Koitusbewegimgen wurden als Symbol verwendet: für den Sexualatt, 
für den Sexualtrieb und die sexuelle Erregung, daher auch für den Wunsch, den 
Sexuaiakt zu vollziehen; sodann für das Bestreben, sich eines Gegenstandes Über- 
haupt zu bemächtigen usw. (wie bei 1); dabei wurde bei der Verwendung der 
Koitusbewegungen als Symbol die Ausführung der Bewegungen dem Kopfe 
zugeteilt, also „verschoben". 

Der Verfasser gibt dann für die Entstehung der mimischen Verneinung eine ein- 
heitliche Erklärung. Diese beinhaltet, dass die Verneinung durch Kopfschütteln 
wohl durch symbolische Verwendung der Schüttelbewegungen beim Ekel ent- 
standen ist. Dabei soll die Erweiterung der Verwendung ähnlich vor sich gehen, 
wie sie bei der Entstehung der mimischen Bejahung von ihm angegeben wurde. 

"Wenn die Ansichten der erwähnten zwei Autoren mit einander konfrontiert 
werden, so kann leicht festgestellt werden, dass eine weitgehende Übereinstim- 
mung der Meinungen besteht und die Ausführungen beider einander gut ergänzen. 

Beide Autoren versäumen aber eine wichtige Möglichkeit in Betracht zu ziehen, 
welche zwar die Lösung des Problems schwerer und komplizierter macht, aber 
tatsächlich besteht. Beide Autoren gehen nämlich — wenn auch nicht expressis 
verbis — von der Annahme aus, dass die vertikale Bewegung des Kopfes immer 
und überall ausschliesshch nur zum Ausdrücken der Bejahung, während die hori- 
zontale Bewegung zum Ausdrücken der Verneinung gebraucht wird. Nun besteht 
in Makedonien (Südslavien) ganz allgemein die Gewohnheit, die Bejahung mit 
horizontaler, die Verneinung mit vertikaler Kopfbewegung auszudrücken, in 
formaler Hinsicht dienen hier also dieselben Ausdrucksbewegungen zuni Aus- 
drücken von inhaltlich vollkommen entgegengesetzten Absichten als in Mitte!- 
und Nord-Europa. Von makedonischen Gegenden stammende Menschen behalten 
diese Gewohnheit sogar dann, wenn sie schon Jahre hindurch in einer Umgebung 
leben, in welcher die in Mittel- und Nord-Europa übliche Art und Weise 
zum mimischen Ausdrücken der Bejahung und Verneinung verwendet wird. 

Bekanntlich ist die Benützung der horizontalen Kopfbewegung zum Aus- 
drücken der Bejahung und die der vertikalen zum Ausdrücken der Verneinxmg 
nicht allein auf Makedonien beschränkt. 

Die Überlegungen, Deutungen und Vermutungen von F r a n k 1 und K u 1 q - 
v e s i sind so klar und logisch, dass man bereit wäre zu meinen, die von ihnen 
angegebene Art der Bejahung und Verneinung sei die allgemein verbreitete und 
die makedonische nur ein Ausnahmsfall. Das bedarf aber der Überprüfung. 
Ausserdem ist es eine wichtige Frage, ob in langen historischen Zeiträumen bei 
denselben Völkern die Verwendung der besprochenen Kopfbewegungen in dem 
einen oder anderen Sinne immer gleich geblieben istoder sich änderte. 

Die gegenwärtige Form unserer Ausdrucksbewegungen scheint mir nur die 



Zur Frage der mimischen Bejahung und Verneinung 83 

momentane Phase einer langen Entwicklung zu sein, wie z.B. auch alle Sprachen 
der Gegenwart nur momentane Phasen von langen Entwicklungen darstellen. 

In der psychoanalytischen Literatur hat F r e u d als erster auf den „Gegensinn 
der Urworte" aufmerksam gemacht.^ Im Anschluss an eine Arbeit von Abel 
wird dort an einer ganzen Anzahl von Beispielen gezeigt, wie im Ägyptischen und 
anderen alten Sprachen, aber auch bei modernen Sprachen eine Verkehrung des 
Sinnes und des Lautes bei manchen Worten stattfinden kann. 

Was nun für die Sprachen gilt, könnte wohl auch für die Ausdrucksbewegungen 
gelten. Analog dem GegensJim der Urworte könnte man sich einen Gegensinn der 
Urgesten, der archaischen Ausdrucksbewegungen vorstellen. Damit würde auch 
mit einem Male verständlich, warum die allgemein bekannten mit dem Kopf aus- 
geführten Ausdrucksbewegungen der Bejahung und der Verneinung in manchen 
Gegenden in entgegengesetztem Sinne gebraucht und verstanden werden. 

Am Ende der erwähnten kleinen Arbeit gibt Freud der Vermutung Ausdruck, 
dass man die Sprache des Traumes besser verstehen und leichter übersetzen 
könnte, wenn man von der Entwicklung der Sprache mehr wüsste. Ebenso könnte 
man sicher die Form und den (gegensätzlichen) Sinn der gegenwärtigen Aus- 
drucksbewegungen besser verstehen, wenn man von der Entwicklung der Aus- 
drucksbewegungen mehr vmsste. 

In einer Fussnote bemerkt Freud zum Schlüsse der erwähnten Abhandlung: 
„Es Hegt auch nahe anzunehmen, dass der ursprüngliche Gegensinn der Worte 
den vorgebildeten Mechanismus darstellt, der von dem Versprechen zum Gegen- 
teile im Dienste mannigfacher Tendenzen ausgenützt wird." Ebenso liegt es nun 
nahe anzunehmen, dass der von mir supponierte ursprüngliche Gegensinn der 
Gesten und Ausdrucksbewegungen den vorgebildeten Mechanismus darstellt, der 
von dem Vergreifen zum Gegenteile im Dienste mannigfacher Tendenzen aus- 
genützt wird. 



3) Freud: ,,Über den Gegensinn der Urworte". (Referat über die gleichnuntge Broschüre von 
Karl Abel, 1884). Ges. Schriften, Bd. VIII; Ges. Werke, Bd. Vlll. 



Zur Frage der unbewussten Verständigung 
und der „ansteckenden" Fehlhandlung 

Von 

Nikola Sugar 

Btograd 

Ute Tatsache der unbewussten Verständigung ist zum ersten Male von 
Freud beschrieben worden.^ Ein schönes Beispiel solcher unbewussten Ver- 
ständigung hat dann vor mehreren Jahren Fenichel mitgeteilt.' In einem 
ethnologischen Aufsatz von P f i s t e r wird sehr glaubhaft beschrieben, wie bei 
der „instinktiven Psychoanalyse" unter den Navaho- Indianern das Unbewusste 
des Medizinmannes unter Umgehung des Bewusstseins in der religiösen Zere- 
monie zum Unbewussten seines Kranken redet und so den Widerstand, den die 
Bewusstmachung hervorrufen müsste, umgeht.^ Dieser folgte eine weitere Ab- 
handlung mit zwei sehr einleuchtenden Beispielen von A. Szalai.* 

Die Mitteilung der zwei folgenden Fehlhandlungen will einen weiteren, ergän- 
zenden Beitrag zum selben Thema liefern. Die von Szalai ausgewählten und 
mitgeteilten zwei Beispiele bestätigten, dass das Unbewusste einer Person das 
einer anderen rasch und unmittelbar verstehen kann, dass es ferner auf die Äus- 
serung des fremden Unbewussten genau reagiert oder sich damit identifiziert, 
ohne dass die Beteiligten etwas davon merkten. Anscheinend kann ausserdem 
noch das Unbewusste eines Menschen das Unbewusste eines anderen zu Fehl- 
handlungen provozieren, wodurch das Unbewusste der zweiten Person sozusagen 
Ausführungsorgan des Unbewussten der ersten wird. 



Ein wegen seiner antisemitischen Gefühle bekannter Oberarzt indiziert in der 
psychiatrischen Station einer mitteleuropäischen neurologisch-psychiatrischen 
Klinik bei einer Patientin (Frau Lö.) eine Gehirnpunktion, die unter seiner Leitung 
ausgeführt wird. Ob durch Verletzung der Arteria meningea media, eines ihrer 

1) Freud: ,,Die Traumdeutung", Ges. Sehr., Bd. Il/in, 

2) Fenichel: ,,Zur unbewussten Verständigung", Int. Ztschr. f. Psa,, Bd. Xll, 1926, Heft I, 
S. 84. 

3) Oskar Pfister: , .Instinktive Psychoanalyse unter den Navaho-Indianern", Imago, Bd. XVlH, 
1932, S. 106. 

4) Alexander Szalai: „Die , anstecken de' Fehlhandlung" , Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIX, 1933^ 
S. 440. 



Zur Frage der unbewussten Verständigung und der „ansteckenden" Fehlhandlung 85 

Äste oder aus anderen Gründen verschied die Patientin kurze Zeit nach dem Ein- 
griff. Nach einer Diskussion über den Fall, unter dem traurigen Eindruck dieses 
Ereignisses, wird an die Morgenvisite gegangen. An dem Bette einer gewissen 
Frau Ul. angelangt, begrüsst sie der Oberarzt: ,, Guten Morgen Frau Lö." Durch 
dieses Versprechen stutzig geworden, fällt mir gleich ein, dass Frau Ul. und die 
kurz verstorbene Frau Lö. die einzigen jüdischen Patientinnen der Station sind. 
Ich muss den antisemitischen Oberarzt sehr scharf angesehen haben, denn sofort 
kam er auf mich zu und flüsterte mir ins Ohr: ,,Aber ich hege wirklich keine 
Todeswünsche gegen Frau Ul." Nach Beendigung der Visite wird der Todesfall 
im Sprechzimmer weiter diskutiert. Bei dieser Besprechung bemerkt der recht 
konservative Oberarzt: „Psychoanalytiker sind gefährliche Menschen, aber 
hoffentlich glauben Sie nicht, dass ich Frau Ul. töten will?" In diesem Augen- 
blick lässt er von den vielen Krankengeschichten, die er in der Hand hält, eine 
fallen, und bald stellt es sich heraus, dass diese eben die der Frau Ul. ist. Er greift 
sofort etwas verlegen danach, ich beuge mich gleichzeitig, um aus Höflichkeit die 
Krankengeschichte aufzuheben. Wir stossen mit den Händen so merkwürdig 
aneinander, dass ich mit dem harten Nagel meines Daumens ein Stück aus der 
Dorsalfläche seiner Hand herausfetze. Er schreit vor Schmerzen auf, und die 
Wunde fängt an heftig zu bluten. Gleichzeitig haben wir beim Bücken merk- 
würdiger Weise auch unsere Köpfe aneinander geschlagen. Aus meiner hierauf- 
folgenden übertriebenen, überkompensatorischen Entschuldigung erkenne ich, 
dass die Verletzung eine geschickte Rache meines Unbewussten war. 

Ich will nicht behaupten, dass schon die Indikation der Himpunktion oder die 
hierzu unglücklich gewählte Stelle eine Fehlhandlung war mit der unbewmssten 
Absicht, die eine der zwei Jüdinnen der Station aus der Klinik und aus dem Leben 
zu schaffen. Sicher aber ist es, dass der Oberarzt gegen die zweite Jüdin eindeutige 
Todesv™nsche hegte. Der duellartige Dialog zwischen unseren Unbewussten 
könnte folgendermassen formuliert werden: Sein U.ibe\^'usstes: „Ich wünsche 
auch der zweiten Jüdin der Station, Frau Ul., den Tod." (Begrüsst die Frau Ul. 
mit dem Namen von Frau Lö.) 

Mein Unbevmsstes: ,,Du Mörder, nicht genug, dass Du die eine Jüdin schon 
getötet hast, willst Du auch die zweite töten?" (Ich schaue ihn unwillkürlich sehr 
scharf an.) Er entschuldigt sich dann ganz bewusst und manifest: ,,Aber ich hege 
wirklich keine Todeswünsche gegen die Frau Ul." Diese überkompensatorische 
bewusste Äusserung ist offenbar die Reaktion auf seinen unbewussten Todes- 
wunsch und Zeichen seines Schuldgefühls. Später im Sprechzimmer zwangsweise, 
überkompensatorische Wiederholung dieser Beteuerung, und in diesem Augen- 
blick das Fallenlassen gerade der Krankengeschichte der Frau Ul., als ob sein 
UnbeviTJSStes sagen wollte: „Doch ist mir die zweite Jüdin auch im Wege, gerade 



86 NikoUz Sugar 



die Säuberung der Station auch von dieser zweiten Jüdin ist mein heissester 
Wunsch." Mein Ubw: „So stirb Du, Du zweifacher Mörder, so verdienst Du, 
dass ich Dich töte." (Die Köpfe aneinander geschlagen und mit dem Nagel ver- 
letzt.) Das unmittelbare und rasche Verstehen der Äusserungen eines fremden 
Unbewiissten tritt hier ausserordentlich klar zum Vorschein; die Reaktion darauf 
ist so prompt, so geschickt, dass sie auch dann nicht entsprechender sein könnte, 
wenn der ganze Dialog bewusst verlaufen wäre. 

Die merkwürdige Aufeinanderfolge von 5-6 Fehlhandlungen zeugt von mehr- 
facher, gegenseitiger Ansteckung, bezw. Provokation. 

II 

Ganz anderer Natur ist das zweite Beispiel: 

Ein junger Fechter heiratet und muss dann zu seiner grössten Bestürzung fest- 
stellen, dass er in der Ehe impotent ist. Er macht zahlreiche Koitusversuche, weil 
er vor seiner jungen Frau sich rechtfertigen und die Fehler gutmachen möchte, 
doch bleiben diese Versuche grösstenteils erfolglos. 

In dieser Zeit kommt es bei den Fechtübungen zu folgendem merkwürdigen 
Unglück: er erhält von seinem (etwas wild fechtenden) Gegner einen so heftigen 
Schlag mit dem Säbel auf seinen Penis, dass er in Krämpfen sich windend fast 
ohnmächtig zu Boden föUt. 

Eine angeschwollene rote Linie an der glans penis zeigt dann die Stelle des 
Schlages. 

Als er dann nach kurzer Zeit zu sich kommt und sich wieder aufrichten und 
bewegen kann, sagt er selbstvergessen und erleichtert einem anwesenden Freunde, 
der auch sein Arzt ist: „Du, das kommt mir jetzt gerade gelegen." Er erklärt dann, 
„infolge dieses Schlages" mit seiner Frau nicht koitieren zu können und bittet den 
Freund-Arzt, der Zeuge des Unfalls gewesen ist, die Verletzung vor semer Frau 
zu bestätigen, damit er sich dann vor ihr leichter rechtfertigen könne. 

Nachdem sich unser junger Fechter einige Minuten erholt hat, kann er auch 
mit dem ärztlichen Freund einige Assauts fechten, und nun kommt das Merk- 
würdigste: Er erhält nämlich jetzt auch von diesem Gegner eine ähnliche 
Verletzung, und zwar einen Stich auf den Penis. 

Hier handelt es sich ohne Zweifel um eine Provokation einer Fehlhandlung auf 
Grund eines vorbewussten Wunsches.^ Das Mittel der Provokation ist eine nierk- 



5) Es wird absichtlich ausser acht gelassen, dass durch diese provozierte Fehlhandlung auch das 
Straf bedürfnis des jungen Fechters befriedigt wird und möglicherweise auch andere Delerminaoten 
mitspielen — die Strafe trifft gerade das sündige Organ — weil eine vollständige analjrtische Deutung 
der Seelensituation unseres Fechters nicht beabsichtigt wird, sondern es hier nur darauf ankommt, 
die Möglichkeit einer Provokation von Fehl handlun gen durch das Unbewusste eines anderen nach- 
zuweisen. 



Zur Frage der unbewussten Verständig ung und der „ansteckenden" Fehlhandlung 87 

würdig ungeschickte Körperhaltung. Das Unbewusste des Gegners, der beim 
Fechten darauf eingestellt ist, die Ungeschicklichkeiten des Partners auszunützen, 
reagiert sofort entsprechend, so als ob es den unbewussten Verletzungswunsch 
verstanden hätte. Noch mehr erleichtert wird die Provokation des Unbewussten 
des zweiten Gegners, des ärztlichen Freundes, dadurch, dass dieser schon vorher 
dem ersten „Zufall" beiwohnte und diese Tatsache die zweite Fehlhandlung 
sozusagen vorbereitete. Eine weitere Erleichterung der Verführung des ärztlichen 
Freundes mag die Tatsache sein, dass dieser schon vorher von der Impotenz 
seines Patienten wusste und so dessen Penis für strafens- und schlagenswert ge- 
halten haben mag. 

In der „Psychopathologie des Alltagslebens" weist Freud darauf hin, dass 
Unfälle, kleine Fehlgriffe, Selbstbeschädigungen, Ungeschicklichkeiten usw. 
meistens auf einer unbewussten Absicht dessen beruhen, dem sie begegnen. Auch 
Abraham^ schildert einige schöne Beispiele dafür, welch sonderbare und doch 
zweckmässige Wege das Unbewusste einschlägt, um einen Zweck zu erreichen. 
An anderer Stelle' teilte er mit, dass die Kinder nicht nur passiv sich von den Er- 
wachsenen verführen lassen, sondern dass auch ein aktives Moment von selten der 
Kinder dabei mitspielt. Das Erleiden des Traumas wird so vom Unbewussten des 

Kindes direkt gewollt. 

Ähniicherweise wird vom Ubw unseres Fechters die Verletzung direkt gewoUt, 
und zur Vollbringung der unfallartigen Fehlleistung wird seltsamerweise das Un- 
bevnisste einer anderen Person benützt. 

Dies ist sicher nicht möglich, ohne eine rasche und unmittelbare Verständigung 
zwischen den Unbewussten der beiden Beteiligten. Nur so ist es verständlich, wenn 
unser junger Fechter zweimal nacheinander von zwei verschiedenen 
Gegnern sich den Penis verletzen lässt. 

(i> Abraham; „Klinische Beiträge zur Psychoanalyse", Wien, 1921, S. 18-21. 

7) Im Kapitel „Das Erleiden sexualer Traumen als Form infantiler Sexualbetätigunß '. 



'D 



REFERATE 



Grenzgebiete und Anwendungen 

BRAATÖY, TRYGVE: Sorger og Sinnslidelser I og II Bd. Oslo, 1938. 

„Sorgen und Gemütsleiden" beisst der Titel des vorliegenden Buches des norwegischen 
Psychiaters und Psychoanalytikers B r 2 a t ö y. Ein Untertitel gibt an, dass das Buch 
eine populäre Einführung in die medizinische Psychologie und Psychiatrie geben will. 
Das Buch ist aus Vorlesungen entstanden, die der Verfasser für Krankenschwestern 
gehalten hatte, was auch dem Buch sein besonderes Gepräge gibt, insofern eben die 
Darstellung der Probleme durch die Interessen der Hörerschaft bestimmt ist. Es handelte 
sich in erster Reihe darum, die innere und äussere Situation des seelisch kranken Men- 
schen in einer Weise verständlich zu machen, dass das Personal eines Krankenhauses in 
dem täglichen Umgang mit diesen Menschen sich zweckmässig verhalten kann. Es ist 
vielleicht kein Zufall, dass der Verfasser für eine Darstellung der Neurosen und Psy- 
chosen, wie auch mancher organischen Störungen des Nervensystems, gerade diesen 
Ausgangspunkt gewählt hat. Er versteht es ausgezeichnet, die Eigenart des seelisch 
Kranken, den Psychotiker mitinhegriffen, dem Leser verständlich zu machen und erfüllt 
damit die im Vorwort geäusserte Absicht, dass er in seinem Buch versuchen will, zwischen 
der vorwiFserischaftlichcn Menschenkenntnis und der psychiatrischen Fachwissenschaft 
eine Brücke zu schlagen. Mit dieser .Absicht, und wohl auch mit der prinzipiellen Kin- 
Stellung des Verfassers, hängt es ebenfalls zusammen, dass er der sozialen Situation dej. 
Kranken besondere Aufmerksamkeit zuwendet. Die grosse Lebensnähe, der man in der 
fach wissenschaftlichen Literatur selten begegnet, ist wohl der grösste Vorzug dieses 
Buches. Im ersten Band behandelt der Verfasser zunächst die „Nervosiläl" im all- 
gemeinen, d<is zweite Kapitel ist dem Problem der Charakterentwicklung gewidmet, und 
diesem folgt eine populäre Darstellung des Srhizophrenieproblems. 

Die Bezeichnung ,, nervös" ist mehr eine Verlegenheitsdiagnose als eine klare noso- 
logische Kategorie, im Gegensatz zu dem gut definierbaren Begriff der Neurose, Aber 
B r a a t ö y denkt offenbar wenn er von ,, Nervösen" spricht nicht nur an neurotische 
Symptome. Er gibt zu, dass , .Nervosität" ein unbestimmter Simmelname für verschie- 
dene Zu Stands bil der ist. Sjweit man ein gemeinsames Charakteristikum für die Viel- 
fälligkeit der Phänomene der Nervosität finden kann, meint Br. es folgendermassen 
definieren zu können: ,,Die Nervosität ist viel mehr als andere Symptome von Situations- 
veränderungen abhängig", ferner: ,,dass sie die Fähigkeit des Individuums, sich in der 
vorliegenden Situation zu behaupten, beeinflusst." Braatöy gibt selbst zu, dass diese 
Definition sehr vage ist. 

In dem Kapitel „Charakter und Zwangscharakter" referiert der Verfasser die Syiup, 
tomatologie der Zwangsneurose. Der Leser wird von dem Satz überrascht; Die Psycho- 
analytiker hätten die elementare aber wichtige Aufgabe vernachlässigt, die Charakter- 
veiärderung bei Zwangsneurosen, wie sie in einer psychoanalytischen Behandlunp- 
erreicht wird, klar und überzeugend darzustellen. Gibt es doch ausser den beiden 



Referate 89 

Freud sehen Krankengeschichten (Ratlenminn und Wolfsmann) in dsr piychoinaly- 
tischen Literatur eine ganze Reihe von Arbeiten, die zur Klärung des von ihm hervor- 
gehobenen Problems immerhin einiges beigetragen haben. 

Im Kapitel über Schizophrenie stellt B r a a t ö y fest, dass in der modernen Psy- 
chiatrie zwei gegensätzliche Gesichtspunkte über diese noch immer rätselhafte Krankheit 
vertreten werden. Die eine Theorie glaubt das Wesen der schizophrenen Störunp als eine 
herabgesetzte Anpassungsfähigkeit des Organismus interpretieren zu können. Eine 
solche Störung der Anpassungsfähigkeit kann viele Gründe haben: körperliche wie see- 
lische, und auch soziale. Für diese Theorie, die Braatdy die „amerikanische" nennt, weil 
sie hauptsächlich von amerikanischen Psychiatern vertreten wird, bleibt die schizophrene 
Störung noch innerhalb des Rahmens des Verstehbaren. Die Vertreter dieser Theorie 
anerkennen die Möglichkeit, die Krankheit aus dem Zusammenhang der Lebensgeschichte 
verstehen zu können. 

Die andere Theorie, Braatöy nennt sie die „deutsche", sucht den Grund der 
schizophrenen Störung in somatischen Ursachen und leugnet die Versteh barkeit der 
schizophrenen Symptome. Braatöy bekennt sich mehr zu den „Amerikanern". Er ver- 
sucht zur Erklärung der Eigentümlichkeiten der Schizophrenie Pavlovsche Ge- 
danken heranzuziehen. Er beruft sich hiebei auf die Ergehnisse der Pavlovschen Experi- 
mente, die ge?;eigt haben, dass bei den Versuchstieren ner\öse Heramungserscheinungen 
immer dann auftreten, wenn ihnen solche Reaktionen eingeübt werden, die nicht un- 
mittelbar zur Bedürfnisbefriedigung führen. Aus diesen Beobachtungen versucht 
Braatöy eine Analogie zu konstruieren zwischen der Apathie der Pavlovschen Versuchs- 
ticrc, die unter bestimmten Bedingungen experimentell hervorzurufen ist, und der 
schizophrenen Uninteressiertheit an der Umwelt. Braatöy scheint das Gemeinsame 
dieser zwei so heterogenen Phänomene darin zu finden, dass er hier wie dort Ent- 
täuschungsreEktionen sehen zu können glaubt. Die Arbeitslosigkeit und die Aussichts- 
losigkeit der sozialen Situation überhaupt ist für ihn eine Enttäuschungssiluation, die in 
Krisenzeiten in Massenmasstab wirksam ist. 

Im Kapitel über , .Trauer, Melancholie und Selbstmord" führt Braatöy aus, 
dass aie Selbstanklagen der Melancholiker im Grunde Werbungen um Liebe sind. 
Indem der Melancholiker sich anklagt, will er gerade von der Umgebung bestätigt 
hören, dass er geschätzt und geliebt wird. Die Selbstmordneigung der Melancholiker 
wird nach Braalöy daraus verständlich, dass ihre Forderungen so absolut gemeint sind. 
Auch geringfügige Enttäuschungen wirken bei ihnen schon katastrophal. 

Braatöy behandelt in seinem Buch auch einige organische Nervenkrankheiten. 
Die Veränderungen, die die organische S:örung im Verhalten der Kranken bedingt, 
erklärt Braatöy, im Anschluss an die Theorien Kurt G o I d s t e i n s, als „ KaCastrophen- 
reaktionen", die auftreten, wenn die Kranken die Aufgaben, die die Umwelt an sie stellt, 
nicht bewältigen können. 

Das Buch schliesst mit einem Kapitel über „Alter und Krankheit". Braatöy vertritt 
die wohl etwas übertriebene Ansicht, dass das Alter bereits nach dem vierzigsten Lebens- 
jahr anfängt. Die Kindheit wird nur aus dem Gesichtspunkt der psychiatrischen Klinik 
und demgemäss etwas stiefmütterlich behandelt. 

Als Ganzes ist Braaiöys Buch eine gelungene Synthese psychoanalytischer, 
psychiatrischer und soziologischer Gesichtspunkte. Der lebendige Stil, die grosse An- 
schaulichkeit machen das Buch besonders geeignet, die schwierigen Probleme der 



90 'Rejeraie 

medizinischen Psychologie auch dem nicht fachwissenschaftlichen Leser nahe zu bringen. 
Für den Psychoanalytiker sind besonders jene Abschnitte des Buches von Interesse, in 
denen Braatöy versucht, psychoanaljrtische Gedanken in die moderne Psychiatrie ein- 
zubauen G- Gero (Kopenhagen) 

FEITH, RH-, und STOKVIS. B.: Het schizofrene Denken en de Kabbalah. Psych- 
en Neur. BIdr., 1938, S. 212 ff. 

Wenn man die schizophrene Sprache und die kabbalistische Mystik formal unter- 
sucht, ergeben sich verschiedene Übereinstimmungen zwischen beiden. Besonders das 
Wort wird bei beiden sehr ähnlich behandelt. Der Primärvorgang scheint beide Denk- 
arten zu beheriBchen. Der Wahncharakter aber fehlt bei der Kabbalah. 

Autoreferat 

FORTANIER, A. H.: Neurosen in de Puberteh. Psych, en Neur. Bldn., 1938, S. 

946 ff. 

In einem Sammelreferat wird alles zusammengetragen, was von nicht-analytischer 
und analytischer Seite zum Thema vorliegt. Die nicht-analytischen Autoren geben meist 
statische Einteilungen der Syndrome, während die Psychoanalyse von dynamischen 
Anschauungen beherrscht wird. Allgemeines über Prognose und Therapie der Puber- 
tätsr.eurosen kann noch nicht gebracht werden. Rh. F e i t h (Oegstgeest, Holland) 

DE GREEF, lETIENNE: Introduction ä la Criminologie. (Collection des Con- 

troverses criminologiques de l'EcoIe de Sciences criminelles de l'universitä de 

Louvain), 1937 Edition de ,,L'ecrou", Louvain. 

Prof. de Greef hat bereits 1935 ein Buch über „Freud und die menschliche 
Persönlichkeit" veröffentlicht und zeigt sich auch in der , .Einführung in die Krimi- 
nologie" der Psychoanalyse gegenüber freundlich gesinnt. Er behandelt die Vererbung, 
die anatomisch-physiologischen Grundlagen der Kriminalität, berücksichtigt statistische 
Feststellungen über Alter, Geschlecht, Rasse, Intelligenz, die künstlerischen Leistungen 
der Verbrecher usw. Die Ergebnisse der Beobachtung an Kriminellen werden ausführlich 
behandelt. Je ein Kapitel ist dem Verbrecher aus Leidenschaft (crime passionnei), dem^ 
Dieb und dem Sexualverbrecher gewidmet, das letzte der Behandlung des Verbrecher- 
tums. Ehe wir den Standpunkt des Autors zur Beeinflussung durch die psychoanalytische 
Methode wiedergeben, sei noch testgestellt, dass ihm die spezielle Literatur (Alexander 
Marie Bonaparte, Fiomm, Reik, Staub usw.) nicht bekannt ist. Er schreibt über die 
Psychoanalyse als Behandlungsmethode von Verbrechern: 

,,Wir haben uns um diese Frage einigermassen bemüht und glauben, dass man in 
vielen Fällen psychoanalytische und Freudsche Mechanismen finden kann. Aber wir 
erblicken in ihnen eine Manifestation von konstitutionellen und organischen Störungen 
als Ausdruck und nicht als Ursache. Es genügt also nicht, jemanden zu analysieren, um 
ihn von seiner Kriminalität zu heilen. Man darfauch nicht übersehen, dass eine Psycho- 
analyse dort nicht in Frage kommt, wo kein „moralischer Sinn" existiert. Man kann 
niemanden analytisch behandeln, der nicht wenigstens relativ ehrlich ist, und da schon 
unter den nicht verbrecherisch veranlagten Menschen auch manch ein unehrlicher 
Mensch angetroffen wird, so kaim man wirklich nicht erwarten, im Kerker vielen moraJi, 
sehen Persönlichkeiten zu begegnen. Die Schwierigkeil besteht ja nicht darin, jemanden 



Referate 91 

zu analysieren, sondern darin, dass ein moralisches Bewusstsein, ein Üb=r-Ich, ge- 
schaffen werden muss, ein fester Kern der sozialen Persönlichkeit. Andererseits ist nicht 
zu übersehen, dass ein durch die Psychoanalyse bewirkter Fortschritt ebenso schwer 
festzustellen ist wie solche Veränderungen, die durch eine Erneuerung religiösen Er- 
lebens oder durch Religionswechsel hervorgerufen wurden. Die Psychoanalyse kann bei 
dem gegenwärtigen Stand der Kenntnisse nicht darauf Anspruch erheben, einen 
therapeutischen Wert für die Behandlung von Kriminellen zu besitzen. Ihre Rolle ist 
unserer Meinung nach ausserordentlich bedeutsam, wo es sich um prae- Kriminelle 
handelt, um Menschen, die aus dem Gleichgewicht geraten sind, nicht darum, Ver- 
brechen zu verhindern, sondern um den allgemeinen Zustand der Behandelten zu bes- 
sern. Auch auf diesem Gebiet sind die Erfolge nicht zu zahlreich." 

E. Hitschmann (Boston) 

XIEWIET DE JONGE, A. J.: Quelques Principes de Psychosynthese. Psych, en 

Neur. BIdn., 1938, S. 241 ff, 

„Die Psychoanalyse allein formt weder, noch ändert sie eine Persönlichkeit." „Sie 
l^die Analyse) muss von einer Synthese gefolgt werden. Freud meint, die Analyse 
allein bringe alles in Ordnung. Aber woher kommen die Kräfte, die eine Persönlichkeit 
schöpfen oder wiederherstellen? Allein von der Aussenwelt. Die Persönlichkeit hat 
sich nie allein geformt, sie entsteht als Funktion des Milieus, des Lebens, der ewigen 
Wechselwirkungen zvnschen Individuum und Gesellschaft." ,,Das grosse Ziel der 
Synthese ist, den Menschen zu steuern nach innerer Freiheit und Toleranz." Weil der 
Kranke am Ende der Kur sich noch nicht an das Leben angepasst hat, meint der Autor, 
eine Synthese müsse der Analyse folgen. Um dies zu erreichen, brauche man eine 
normale, menschliche , .Übereinstimmung", die man besser zu einer aktiven Methode 
benützen könne als eine Übertragung ,,ira Sinne Freuds". 

Aus diesen Zitaten geht deutlich herx-or, dass Kiewiet de Jonge zwar analytische Aus- 
drücke benützt, dass er aber die Analyse und ihre Befunde nicht richtig zu würdigen 
weiss. Was ist z.B. die „normale menschliche Übertragung", die angestrebt werden soll, 
und wie soll man verhindern, dass sich eine „Übertragung im Sinne Freuds" her- 
stellt? Eine „Übertragung im Sinne Freuds" existiert überhaupt nicht, sondern die 
Übertragung ist ein Sachverhalt, der von Freud zuerst beschrieben wurde. Was Synthese 
eigentlich ist, geht aus dem Artikel nicht klar hervor. 

Dieser Vortrag enthält aber auch Beschreibungen von Schwierigkeiten, welche in der 
psychotherapeutischen Situation entstehen können, die auch dem Analytiker Nutzen 
bringen können. Rh. Feith (Oegstgeest, Holland) 

KJLAJN, HUGO: Vaspitanje sa gledilta medicinske is socijalne psihologije. 

Verlag Geza Kon A.G., Beograd, 1939. S. 340. 

Der bekannte Beograder Neurologe behandelt hier die Erziehung vom Standpunkte 
der „Medizinischen Psychologie und Sozial psychologie". Er macht reichlichen Ge- 
brauch von den Feststellungen der Psychoanalyse, erklärt und zitiert ihre Resultate 
richtig. So interpretiert er richtig die psychoanalytische Grundregel und erklärt in leicht 
verständlicher Weise die Begriffe: Deckerinnerung, Flucht in die Krankheit, Komplex, 
insbesondere ödipus- und Kastrationskomplex, Minderwertigkeitsgefühl, Fehlleistung, 
Kompensierung und Überkompensierung, Über-Ich, Identifizierung usw. Wenn er im 

fi Vol. 2G 



92 Referate 

ethnologischen Teil die Pubertätsriten der Wilden, die Eeschneidung usw. bespricht, 
beruft er sich merkwürdigenveise nur auf Spencer, H. Cunow, Fison und 
Ricci, erwähnt aber mit keinem Wort die ethnologischen Arbeiten von Freud 
Reik, Röheim und anderen Psychoanalytikern. 

Dem Kastrationskompiex widmet der Autor ein ganzes Kapitel. Er demonstriert 
mit Hilfe von klinischen Beispielen die Existenz des Kastrationskomplexes, meint aber, 
dass die psychoanalytische Erklärung ungenügend ist ... , ,,weil die Psychoanalyse be- 
strebt ist, die Entstehung dieses Komplexes mit biologischen Tatsachen zu erklären, und 
berücksichtigt nicht genügend historische, ökonomische und soziale Faktoren. . ." Di^ 
gegenwärtige patriarchalische Erziehung wirkt entmutigend, unterdrückend und ist 
bestrebt, ,, disziplinierte" Mitglieder der Gesellschaft zu schaffen. Dies sei das wichtigste 
Ziel der gegenwärtigen Erziehung . , . „und das wichtigste Mittel, um dieses Erziehungs- 
ziel zu erreichen, ist das unbewusste aber systematische Erzeugen des Kastrations- 
komplexes." Autor tritt für die Sexualerzithung ein, hält aber gegenwärtig Arzte, Lehrer 
wie Eltern für ungeeignet. 

Nur in einem Kapitel, betiteh ,,Die Methode der Ssxualerziehung", verrät der Autor 
seine Ambivalenz oder ungenügende Orientiertheit der Psychoanalyse gegenüber, als er 
nämlich unter dem Untertitel , .Sexualerziehung nach dem Rezepte der Psychoanalytiker" 
nur einen einzigen Autor, u. zw. St ekel zitiert. In der Frage der Onanie und der 
sexuellen Aulklärung entspricht die Meinung des Autors der der Psychoanalyse. 

Nachdem die Erziehung immer eine absichtliche Beeinflussung des Zöglings zum 
Zwecke seiner Einreihung in die Gesellschaft ist, und die herrschende Klasse dieser 
Gemeinschaft immer ihren Stempel aufdrückt, geschieht die ofiizielle Erziehung im Sinric 
und im Dienste dieser Klasse. 

Aibeitsunlust, S Örungen der Arbeitsfähigkeit, Ess-S örungen, Feigheit, Schüchtern- 
heil, manche schlechte Gewohnheiten (z.B. Grimassen schneiden) seien Zeichen von 
Erziehung« fehlem oder Zeichen der Eingeschränktheit der Erziehung aus Giünden der 
Gesellschaft Eordnurg. 

Autor nimmt Stellung gegen die Strafen, insbesondere gegen die Behauptung von E, 
Weiss, dass die Strafe eine biologisch begründete Reaktion wäre, welche man nicht 
vollkt mmen vermeiden könne. Die Erziehungestrafen wie auch die Rechtsstrafen sind 
im Grurde Gesellschaftsfunktionen und ihre gemeinsamen Ziele sind: Ehrfurcht vor der 
Autoriiäi. Dcch sei die straflose Erziehung heute noch praktisch nicht zu verwirklichen 
Jedenfalls muss dem Kinde möglichst viel Gelegenheit geboten werden, eigene Erfah- 
rungen zu erwerben und natürliche Folgen seiner Handlungen zu erkennen. Die schäd- 
lichen Wiikurgen der zu strengen und zu milden Erziehung werden einleuchtend darge_ 
stellt, ebenso die der Verwöhnung des kranken Kindes. 

N. S u g a r (Beograd) 

MENG, HEINRICH: Seelischer Gesundheitsschutz. Eine Einführung in Diagnostik, 
Forschung und Nutzanwendung der Psychohygiene. Basel, Benno Schwabe & Co. 
1939. 

Die Psychohygiene hat in den meisten Kulturländern festen Fuss gefasst und an prak- 
tischti bi.dcutung gewonnen. Es konnte sich aber nicht darum handeln, in diesem Buch 
einen Überblick über das ganze Gebiet zu geben. Der bekannte Autor will Psychothe- 
rapie, Psychoprophylaxe und die eigentliche Psychohygiene in einer Person vereint 



Referate 93 

wissen und bringt als Psychoanalytiker dazu die beste Vuraussetzung mit. Sein Inter- 
esse umfasst aber auch die konstitutionellen und organischen Krankheitsbedingungen 
neben den psychologischen. Er beschreibt daher nicht nur die Psychohygiene als Methode 
der Krankheitsverhi'tung, spezialisiert für die verschiedenen Lebensalter, sondern bringt 
überaus wertvolle Beobachtungen an scheinbar nur organisch Kranken, die durch see- 
lische Behandlung geheilt wurden und zeigt ferner die psychischen Vorbedingungen oder 
Folgen bei Korperbeschädigten, Hochstaplern und Pseudologen sowie bei Süchtigen, 
Auch organische Veränderungen, wie hoher Blutdruck, Bronchialasthma, letzteres trotz 
nachgewiesener Allergie, können seelisch begründet sein, ebenso Menstrualkoliken, 
veränderte Funktion endokriner Drüsen usw. Magersucht, sowie chronische Neigung zu 
Bindehautkatarrh hat der Autor selbst an psychisch bedingten Fällen beobachten und 
heilen können, ebenso Schwangerschaftserbrechen, ohne dass immer auch der abnorme 
Stoffwechsel behoben wurde. ,, Gesundheit wäre also ein Angepassisein an Anforderungen 
von aussen und von innen, deren Ausmass bei den einzelnen Menschen verschieden ist 
und auch bei demselben Individuum wechseln kann." Vieles spricht dafür, dass eine 
schwere organische Störung an Stelle einer fortschreitenden seelischen Störung treten, 
ja sie überflüssig machen kann. Es kommt zu einer Flucht in die organische Krankheit. 
Neben vielem Grundsätzlichen, das dem Analytiker wohlbekannt ist, findet sich eine 
solche Fülle von Anregendem, Auszubauendem und allgemein Wissenswertem in diesem 
Buch, dass nicht nur Ärzte, sondern auch Laien, Psychologen, Lehrer, Theoloeen und 
Juristen es lesen sollten. Der Autor versteht es, in die Breite zu gehen, ohne an Tiefe zu 
verlieren. E- Hitsch mann (Boston) 

PEERBOLTE, M. LIETAERT: Psychoanalysis and Parapsychology. Psych, en 

Nenr. Bidn., 1938, S. 632 fF- 

Verf. versucht, einen Zusammenhang zwischen bestimmten parapsychologischen 
Phänomenen (Telepathie, Dunne-Effekt) und bestimmten neurotischen Konflikten auf- 
zuzeigen. Er meint, dass die genannten Phänomene auftreten, wenn die Kastrations- 
gefahr durch Verstärkung bestimmter inzestuöser Wünsche plötzlich akut wird. Wenn 
der Konflikt nachlässt, verschwinden die paranormalen Phänomene. In dem aJler- 
grossten Teil seiner Fälle glaubt er einen ,,Mammakomplex" aufdecken zu können. Weil 
er eine Koinzidenz von okkulten Phänomenen und neurotischen Konflikten feststellen 
kann, meint er, eine okkulte (kosmische) Libido annehmen zu müssen: wenn eine Libido- 
stauung aufftritt, wird auch die okkulte Libido gestaut und auf diese V\'eise mani- 
festieren sich dann die okkulten Erscheinungen. 

Neben Libido und kosmischer Libido existiert auch ein psychischer Kern, der Träger 
der regulatorischen Funktion des Ichs, Diesen Kern nimmt Verfasser auf Grund der 
Beobachtung eines Erlebnisses eines seiner Patienten an. Dieser ängstliche gehemmte 
Mann erzählt eines Tages, wie er plötzlich die ihn umgebenden drohenden Mutter- und 
Vater- Imagines akzeptieren kann. Er hat das Gefühl, als ob ihm die Arme und Beine 
abgenommen würden, und weiss; ,,Ich kann!" Von dieser Stunde an hat der Wieder- 
hohmgszwang aufgehört zu existieren, und der Patient fühlt sich frei und arbeitsfähig. 
Der Autor erklärt dies dadurch, dass der ,,Kern" freigekommen ist, was symbolisch 
durch das Verlieren von Armen und Beinen angedeutet ist. 

Wie aus Obigem hervorgeht, ist der Artikel ein buntes Durcheinander von allerhand 



94 Referate 

ungenügend gestützten, verwirrten Theorien und Ausführungen. Es fällt dem Autor 
offenbar leicht, wo er bestimmte Vorgänge nicht versteht, neue Worte einzuführen, ohne 
diesen durch eine gute Definition einen Inhalt zu geben, oder auch nur plausibel zu 
machen, daas diese ,, Begriffe" wirklich notwendig sind. Willkürlich wird der Sinn von 
analytischen Begriffen geändert (Mammakomplex sei z.B. das Gefühl, von der Mutter 
im Stich gelassen zu sein; Wiederholungstendenz: primärer Kastrationskomplex). 
Ausserdem ist das analytische Material sehr oberflächlich bearbeitet. Das hat zur Folge, 
dass paranormale Phänomene angenommen werden, wo solche zumindestens unwahr- 
scheinlich sind. 

Folgendes Beispiel möge dies verdeutlichen: Eine Patientin träumt in der Nacht vom 
31.10. auf den 1.11., dass sie in einem Seitenzimmer mit ihrem Analytiker im Bett liegt. 
Eine andere Patientin kommt mit zwei Kindern herein. Sie sagt: ,,Im Korridor waren 2 
blaue Eimer mit Wasser gefüllt, die von einem der Kinder umgeworfen wurden. Sie 
(der Arzt) dachten: All das Wasser im Korridor! Aber sie blieben freundlich. Die Pa- 
tientin setzte sich ans Bett, Die Kinder wurden in einen Korb gesetzt, wo sie zu Katzen 
wurden. Sie sagten zu den Kindern; Streichle mein Kinn und sage, was Du fühlst." 
A. ging aus dem Zimmer, um ihren Arzt allein zu lassen. 

Dies wurde geträumt, nachdem der Arzt die Werbung seiner Patientin abgewiesen 
hatte. In derselben Nacht fing der Partus der Gattin des Arztes an, am 1. November 
wurde das Kind geboren. Am 4. November kam die Patientin in die Stunde und sagte: 
Sind Sie Vater gewordeni" Dies war ihr am 3. November plötzlich eingefallen. Zugleich 
weiss sie den Traum zu deuten: das Umstossen der Eimer sei der Partus, und sie weiss, 
der Traum sei ein telepathischer gewesen. Darin stimmt Verfasser seiner Patientin bei. 

Aus den Einfällen geht aber hervor, dass die Patientin selbst die Frau des Arztes sein 
möchte und von ihm ein Kind (Penis) bekommen möchte. Diese Deutungen können 
durch einen anderen Traum erhärtet werden. Es ist m. E. kein Wunder, dass der starke 
Wunsch im Traum als erfüllt dargestellt wird, eben nachdem der Arzt ihre Wünsche 
zurückgewiesen hat. Warum man dann hier eine Telepathie annehmen muss, ist nicht 
klar. Die Deutung, dass Patientin sich ein Kind vom Arzte wünscht und dass Kind gleich 
Penis sei, wurde nicht gegeben. Doch geht dies deutlich hervor aus Traum VII: . , j(j, 

musste etwas von Ihnen wegnehmen Danach schlief ich Als ich erwachte, hielt 

jemand meine Handgelenke fest. Das waren Sie. ... Sie kamen zu mir und gaben mir 
einen Kaktus. ... 

Eben diese Deutung hätte das Auftreten des Traumes gerade in dieser Nacht voll- 
kommen verständlich und die Annahme von Telepathie überflüssig gemacht. 

Man fragt sich, ob man diesen Artikel überhaupt noch ,, wissenschaftlich" nermen 
kann. Rb. F e i t h (Oegstgeest, Holland) 

STERKEN, H. A. v.d.: „MoeUijke" Kindcren en Rorschachs Psychodiagnosiek. 

Psych, en Neur. Bldn., 1938, S. 416 ff. 

Der Rorschach-Test nimmt eine besondere Stellung in der Psychodiagnostik ein. In 
Anlehnung an Freud benützt Rorschach topische und dynamische gg. 
trachtungs weisen. Er weiss somit mit seiner Methode uns ein ziemlich vollständiges 
Bild der psychischen Struktur des untersuchten Patienten zu geben. An fünf Fallen 
zeigt v.d. S t e r r e n die überraschende Übereinstimmung zwischen dem Bilde, das uns 
eine analytisch orientierte Betrachtung der Fälle gibt, und demjenigen, das beim Ror- 



Referate ^ ' 

schach herauskommt. Es ist schade, dass es nicht möglich war, die Fälle analytisch 
vollständiger zu untersuchen. Der Autor warnt ausdrücklich vor der Gefahr, dass Laien 
ohne psychiatrische und analytische Schulung Rorschach als komplette Diagnostik 

auffassen und ohne weiteres anwenden . 

Rh, F e i t h (Oegstgeest, Holland) 

Psychiatrie — Neurologie 

BRIET, W.: Over den homoerotischen Vervolgingswaan bij een lijder aan schizo- 

frene Psychose. Psych, en Neur, Bldn., 1938, S- 193 ff. 

Ein Fall von schizophrener Psychose zeigt oralen und analen Verfolgungswahn, der 
mittels ausgiebiger Benützung der Symbolik mit dem ödipus- und Kastrationskomplex 
in Zusammenhang gebracht wird. Die Verfolger sind Brüder-Imagines. 

Rh. Feith (Oegstgeest, Holland) 

CARP E. A. D. E.: Psychoanalyse en Gestichtspsychiatrie. Psych, en Neur. Bldn. 

1938. S. 169 ff. j ,_ , . ^ TT 

Prof C a r p fragt, inwiefern die Psychoanalyse als erklärende psychologische Unter- 
suchungsmethode in'den Dienst der Anstaltspraxis gestellt wurde. Das Charakteristikum 
aller psychotischen Zustände ist ein Unvermögen, die Realität zu erfassen und zu er- 
leben Eine Psychose ist einerseits Abbruch einer Realitätsbeziehung, anderseits ihre 
Reorganisation, die dem Abbruch meistens folgt. Die Tendenz zu Reorganisation ist 
Zeichen der „vis medicatrix naturae" und jede rationelle Psychotherapie soll diese 
Genesungstendenz verstärken. , u t_. -^ j 

Die Psychoanalyse hat die bedeutende Rolle aufgezeigt, welche Identifizierung und 
Über-Ichformung bei einer Nacherziehung spielen. Das Ziel der modernen Behand- 
lungsmethoden (z.B. der S a k e I sehen Schock-Therapie) soll sein, die Patienten in 
eine infantile Situation starker Abhängigkeit zu versetzen, um ihnen dann gute Identi- 
fizierungsmöglichkeiten zu bieten, die Aussenwelt so verlockend wie nur möglich darzu- 
stellen, und sie auf diesem Wege zur Realität wieder zurückfinden zu lassen. Die Psy- 
choanalyse hat uns emiges an diesem Vorgang deutlich gemacht. 

Rh. Feith (Oegstgeest, Holland) 

COLTOF, F.: Ein eigenartiger Fall von paranoider Entwicklung. Psychiatrische 

en Neurologische Bladen. 1938. S. 17 ff. 

Eine Frau zeigt nach der Geburt ihres Töchterchens einen zwanghaften Impuls, die 
Tochter zu töten. Sechzehn Jahre später entwickelt sich ein paranoider Wahn: der Gatte 
habe ein inzestuöses Verhältnis zu der Tochter. In der Zwischenzeit ist aufFälllg, wie 
die Mutter ängstlich aufpasst, dass das Kind nichts vom elterlichen Geschlechtsverkehr 
bemerke. Man sieht hier einen sogenannten „umgekehrten" Ödipuskomplex, der sich 
zuerst im Hass gegen das Kind äussert, später in dem genannten Wahn. Der Hass gilt 
jetzt dem Manne. Interessant ist, wie auch in der Ödipus-Sage bei König Laios zuerst 
Mordimpulse gegen seinen Sohn auftreten, später der Sohn der Konkurrent des Vaters 
ist. Verf. meint, dass die Mordimpulse des Königs und die seiner Patientin aus derselben 
Quelle stammen, 



96 Referate 

Dieser Fall scheint auch Stengels Meinung, dass die zwangsneurotische Person- I 
lichkeit stärkere Sicherungen gegen den schizophrenen Zerfall bietet als andere Person- 
lichkeitsstrukturen, zu bestätigen. Rh. Feith (Oegstgeest, HoUandi 

FEITH, RH.: Over een Geval van Schizofrenie. Psych, en Neur. BIdn 193S s 
200 ff. ' " 

Beschreibung eines Falls von Schizophrenie, bei dem, soweit aus dem Material er- 
sichtlich wird, ein heterosexueller Verfolgungswahn besieht. Es sind seine Mutter, seine 
Schwester und deren Imagines, die den Patienten bedrohen. Es wird gezeigt, auf welche 
Art die sadistisch -inzestuösen Wünsche der Mutter gegenüber abgewehrt werden 
Klinisch interessant ist die Bedeutung, die Svädte und WindricKtungyn in den Wahn- 
s^stemeiv des "Patienten haben. Autoreferat. 

FORTRANIER, A. H.: Belevingen van schizofrene Patienten tijdens de Shock- 

therapie. Psych, en Neur. Bidn., 1938. S. !85 iT. 

Dieser Vortrag unternimmt den Versuch, durch Untersuchung der Erlebnisse von 
Patienten beim Einsetzen des Insulin- und Cardiazolschocks und btim Erwachen daraus 
die Wirkung dieser beiden Therapien der Erklärung näher zu bringen. 

Man versetzt zuerst mittels Schocks die Patienten in eine weitgehende Abhängig}fg:» 
vom Arzt. Beim Erwachen sieht man, dass kindliche GefühlsLeziehungen mit der Aussen- 
welt von den Kranken angeknüpft werden. Der Arzt und die Pfleger werden als Retter 
vom Tode angesehen. Die Kranken klammern sich förmlich an sie an. Der Arzt muss 
diese Tendenz ausnützen, um neue Objektbeziehungen herzustellen, was um so leichter 
geschehen kann, als er den Patienten, getrieben von unbewussten Schuldgefühlen 
(S t ä r c k e), grosse Sorge und Aufmerksamkeit widmen wird. 

Rh, Feith (Oegstgeest, Holland) 

JELGERSMA, H. C: Over Gifmoordwaan. Psych, en Neur. Eldn., 1938, S. 238 ff 
Der Wahn, andere Menschen mittels eines von den Patienten produzierten Giftes zu 
vergiften, wird von Jelgersma Giftmordwahn genannt. Zwei Frauen, beide Tochter 
schwerer Potatoren, meinen ihre Umgebung mittels Fluor albus zu vergiften. Die eine 
von ihnen verkündet diese Wahnideen mit sichtbarem Vergnügen. Was einem hier 
als Wahn entgegentritt, sieht man als Perversion bei Giftmischerinnen. Bei allen in Hg- 
Literatur beschriebenen Fällen scheint es sich um eine sadistische Perversion zu handeln 
Weil man diese Perversion fast nur hei Frauen und femininen Männern findet, vermutet 
Jelgersma, dass dieser Wahn auch nur bei Frauen auftritt. In dem Wahn wendet sich 
ein Teil des in der Perversion auf die Aussenwell gerichteten Sadismus gegen die eigene 
Person. Rh, Feith {Oegstgeest, Holland) 

MARKUS2EWICZ, R.: Der Triebkonaikt. Psych, en Neur. Bldn., 1938, S. 463 ff. 

Der Autor ist der Meinung, dass ein Konflikt zwischen Moral und Sexualtrieb falsn 
ein Instanzkonflikt) neurotische Erscheinungen nicht erklären kann, dass aber ein Trieb 
konfhkt Ursache derselben sein muss. Diesen Triebkonflikt versucht er aufzuzeigen 



Referate y7 

Er zeigt zuerst, wie Freud den ursprünglich angenommenen Konflikt zwischen 
Selbsterhaltungstrieben (Ich-Trieben) und sexuellen Trieben fallen Hess und dann den 
Konflikt als einen zwischen dem Ich und dem Sexuahrieb aiifgefasst liat (der Trieb- 
konflikt wird zum Instanzenkonflikt). Demgegenüber meint der Verfasser, dass, wo man 
nur einen Trieb annimmt, kein Konflikt entstehen kann, und dass der Konflikt 
zwischen Selbsterhaltungstrieben und Sexualtrieben den Neurosen zugrunde liege. 
Damit schaltet Markuszcwicz offenbar die Konflikte zwischen Trieb und 
Aussenwelt aus: das Individuum wird ganz unabhängig von der Umgebung gedacht. 

Nach Freuds Auffassung bestehen Im Es entgegengesetzte Tendenzen neben- 
einander, und das Ich kommt in die schwierige Lage wählen zu müssen, was es zulassen 
kann. Das Ich empfindet das als Konflikt. Dagegen meint Markuszewicz, der 
Konflikt bestehe schon im Es und werde vom Ich wahrgenommen. Freud erwähne 
später keinen solchen Konflikt, nach Markuszewicz zu Unrecht. Die Konfliktmöiriich- 
keiten, die entstehen, weil die Befriedigungsmöglichkeiten durch die äussere Realität 
und die psychische Beschränkung des Kindes und des Erwachsenen beschränkt sind, 
werden ausser acht gelassen. Nebenbei sei erwähnt, dass von einem Konflikt zwischen 
Lebens- und Todestrieben im Aufsatz nicht die Rede ist. 

Der Triebkonflikt ist nach Markuszewicz der Konflikt zwischen Ssibsterhaltungstrieb 
und Sexualtrieb. Um seine Theorie zu beweisen, vernachlässigt Verf. alle Konflikte 
zwischen Kind und Aussenwelt und kann sodann von einer Vorkonfliktsphase sprechen, 
die bis zum dritten bis vierten Lebensjahre dauere. Die Verdrängung der Partialtriebe 
in den ersten Lebensjahren muss einfach verschwinden, sie wird unverständlich zu 
einer Pseudoverdrängung gemacht. Er meint, dass ein Mechanismus, der in bestimmten 
Fällen gewiss aufgezeigt werden kann, eine Allgemeingültigkeit hat (die Partialtriebe 
werden immer durch die Körperpflege seitens der Mutter verstärkt). Es werden aller- 
hand neue Begriffe eingeführt, wie „Vorkon fliktsgefährdungsgefühl", ,,Konfiiktsge- 
fährdungsgefühl" usw. 

Wenn man diese die Talsachen nicht in Betracht ziehende Theorie weiter führt, 
kommt man zu allerhand merkwürdigen Konsequenzen. Ich wähle das Folgende als 
Beispiel. 

Wenn das Kind mit 2-3 Jahren in die urogenitale Phase tritt, entsteht der Trieb- 
konflikt, Wenn auch die Urethrale rotik noch einen Zusammenhang mit dem Selbster- 
haltungstrieb aufzeigt {M. meint, dass letzterer sich am deutlichsten in dem Anlehnungs- 
bedürfnis an die Mutter äussere), ?o ist dies bei der Peniserotik nicht mehr der Fall. Es 
ensleht ein Konflikt zwischen dem passiven Selbsterhaltungstrieb und der aktiven geni- 
talen Sexualität. Das Kind lässt die passive Haltung fahren (,,Ich will mich nicht mehr an 
die Mutler anlehnen") und projiziert dies auf die Mutter. (,,Die Mutter lässt mich im 
Stich,") Dieser Mechanismus soll dann auch erklären, weshalb das Kind auf reale Trau- 
mata (z.B. die Mutter lässt es allein, weil ein anderes Kind geboren ist) mit Angst re- 
agiert. Rh. Feith (Oegstgeest, Holland) 

MULLER, F. P.: Het Ziektebegrip in de Psychopathologie. Psych, en Neur. Bldn., 

1938, S. 175 ff. 

In diesem Vortrag wird versucht, den Krankheitsbegriff in der Psychopathologie iesi- 
zulegen. Man kann der Gesundheit Krankheit und Abweichung gegenüberstellen. 

7 Vol. 2S 



98 Referate 

Krankheit ist einerseits die Reaktion des Organismus auf schädliche Agentien, anderseits 
die Veränderungen, die von der Noxe verursacht werden. Die Abweichung kann der 
Rest einer Krankheit sein, es kann sich aber auch aus einer Abweichung eine Krankheit 
bilden. Ziel der Reaktion ist die Genesung („Herstellung"), also eine Wiederkehr zum 
Zustand der Gesundheit. Zu prüfen wäre, ob man bei Psychosen und Neurosen etwas 
dergleichen finden kann. 

Freud hat uns gelehrt, dass eine Neurose oder Psychose dann auftritt, wenn dk 
Verdrängung misslingt. M u 1 1 e r meint nun, dass die Verdrängung die Abweichung 
darstellt, auf deren Basis sich die Neurose entwickelt; sie sei stets pathologisch. Dann 
müssen wir aber in der Wiederkehr des Verdrängten die Reaktion des Organismus 
sehen, die eine Genesung anstrebt, eben weÜ die Wiederkehr des Verdrängten das Un- 
geschehen machen der Verdrängung anstrebt, wie Muller meint. Die Psychose versucht 
also, im Symptom sich zu befreien und einen Zustand ohne Verdrängung herzustellen, 
also einen Zustand der Gesundheit, wobei man zu gleicher Zeit die Tendenz wahr- 
nimmt, auch die Abweichung (Verdrängung) ungeschehen zu machen. Die Gesellschaft 
kann nur dann existieren, wenn ihre Mitglieder eine mehr oder weniger starke psychische 
Abweichung aufzeigen (also verdrängt haben). Annähernd gesund könnte man eigentlich 
nur haltlose Psychopathen nennen. 

Es ist zu bedauern, dass der Autor die von der Psychoanalyse nicht vertretene Aiiffiis- 
sung, jede Verdrängung sei krankhaft, zum Ausgangspunkt seiner Ausführungen nimmr 
er gibt damit dem weitverbreiteten Missverständnis, das therapeutische Ziel der Analyse 
sei ein ungehemmtes ,, Ausleben" aller Triebe, wieder Nahrung. Die Analyse hat doch 
klargestellt, dass ein gesundes Ich befähigt ist, nicht nur eine gewisse Trieb befriedigung 
zuzulassen, sondern auch eine gute Anpassung an die Forderungen der Realität und d« 
Über-Ichs zustande zu bringen. Rh. F e i t h (Oegstgeest, Holland) 



STÖRRING, GUSTAV E.: Wesen und Bedeutung des Symptoms der Ratlosigkeit 
bei psychischen Erkrankungen (Ein Beitrag zur Differentialdiagnose der 

Geistesstörungen). 71 S. Georg Thieme Verlag, Leipzig, 1939, 

Dem Symptom der Ratlosigkeit kommt in der Differential diagnose der Geistes- 
störungen eine „nicht unwesentliche" Bedeutung zu. Deshalb versucht der Verfasser die 
,, schizophrene Ratlosigkeit" von anderen Ratlosigkeiten abzugrenzen. (Bei manisch- 
depressiven, symptomatischen, organischen Psychosen.) Das Symptom der Ratlosigiej, 
wird definiert als ,,das beklemmende Bewusstsein der Unfähigkeit, eine bestimmte innere 
oder äussere Situation zu bewältigen, wobei dieses Bewusstsein der Unfähigkeit als etwas 
Unerklärliches, das eigene Ich Angehendes erlebt wird." Der Verfasser empfiehlt, Rat- 
losigkeit von der Angst , .streng zu trennen", beide seien aber , .innig verbunden", sodass 
auf derselben Seite (66) bereits von „ratloser Angst" gesprochen wird. 

Eine gute Phänomenologie ist die Voraussetzimg und der Beginn jeder verstehenden 
Analyse. Die Analyse erst wiederum gibt der Phänomenologie ihren Sinn, denn ein« 
verständnislose Beschreib\ing ist sinnlos, ist weniger als Beschreibung, besitzt nur doi 
Charakter einer Namensgebung. Deshalb kann der Beitrag des Verfassers nicht als 
Phänomenologie bezeichnet werden, sondern ist eine ratlose Sammlung von Ratlosig- 
keitszuständen, die sich von einander nur durch den Ort unterscheiden an dem sie aufge- 
funden worden sind. M. G r o t j a h n (Chicag^j 



Referate 99 

Psychoatialyse 

VAN DER HOOP, J. H-: Eewusstseinstypen und ihre Beziehung zur Psycho- 
pathologie. Med. Verlag Hans Huber, Bern, 1937, 375 S. 

Der Verfasser sucht die Anschauungen Freuds und Jungs zu verbinden. Er 
macht weder vor sich selbst noch dem Leser gegenüber ein Geheimnis aus der persön- 
lichen Wurzel dieses Bestrebens. Er sieht besonders in der Jungschen Typenlehre 
„eine wichtige Ergänzung der zu einseitig dynamischen Auffassungen Freuds." Die 
spätere Entwicklung Jungs ist ihm nur wenig bekannt, die Freuds auf alle Fälle wenig 
berücksichtigt. Die Wege, die sich einer sozusagen waschechten analytischen Typenlehre 
eröffnen: durch den Ausbsu der Lehre von den libidinösen Typen unter Heranziehung 
der neueren analytischen Psychologie des Ichs, sind noch nicht begangen. Unser eigenes 
noch brachliegendes Kapital lässt Anleihen bei Jung weniger notwendig erscheinen als 
die Darstellung des Verfassers uns glauben machen will. Obwohl der Autor die Be- 
deutung der infantilen Sexualität besonders anerkennt, kann man dem Gefühl nicht 
widerstehen, dass ihm diese aus der analytischen Durchleuchtung von Neurosen und 
Psychosen oder der direkten Kinderbeobachtung nicht in ihrer ganzen Fülle und Trag- 
weite zum lebendigen Besitz geworden ist, es sei denn, da-ss akademische Rücksichten 
noch immer grosse Reserviertheit erfordern. Jedenfalls steht die schematische Darstel- 
lung in dieser Hinsicht im Gegensatz zu seiner sonst so lebendigen und warmen Be- 
schreibung. Auch ist sie nicht immer präzis. Z.B. sagt er (S. 160): ,, Diese beiden ersten 
Phasen werden die orale und anale Phase genannt. Danach (Sperrung vom Refe- 
renten) folgt eine narzisstische Phase, in welcher die Gefühlsbefriedigung besonders am 
eigenen Ich und dessen Leistungen erlebt wird, während schliesslich in der genitalen 
Phase das Interesse via den Geschlechtsteil auf den Geschlechtsunterschied und auf das 
andere Geschlecht und das Verhältnis zum anderen Geschlecht gerichtet wird." 

Indessen möchte Ref. diese einleitenden kritischen Bemerkungen nicht dahin miss- 
verstanden wissen, als ob es sich hier um ein oberflächliches und unzulängliches Buch 
handelte. Ganz im Gegenteil! Ref. möchte nur dessen Grenzen abslecken. Innerhalb 
dieses Rahmens hat der Verf. alles für sich. Er hat vermocht, zwei anscheinend unverein- 
bare Betrachtungsweisen in fruchtbarer Weise zu kombinieren, Scheinprobleme zu ent- 
larven, echte Probleme aufzuwerfen und zu ihrer Lösung beizutragen. In ehrlicher 
iimerer Arbeit hat er individuell bedingte Konflikte in gültiger und erlaubter Weise in 
die Sphäre objektiver Probleme der Anschauung erhoben und dabei wertvolle klinische 
Beobachtung im Gewände zutreffender und reicher Beschreibung zu Tage gefördert. 
Wir haben ihm für die Bereicherung unserer klinischen Anschauung und auch dafür zu 
danken, dass er sich nicht gescheut hat, die theoretischen Konsequenzen seiner Auffassung 
ohne Rücksicht auf Widersprüche zu irgendeiner orthodoxen Meinung zu bekennen und 
zu verfolgen. Wenn Ref. in dieser Besprechung auch kritischer Diskussion Raum gibt, 
so kommt darin nur die ehrende Anerkennung für diese Grundnote des vorliegenden 

Werks zum Ausdruck. 

Einer der Grundzüge des Buches ist die Überzeugung, dass naturwissenschaftliche und 
geisteswissenschaftliche Psychologie, repräsentiert durch Freud und Jung, neben- 
einander bestehen können und sich ergänzen. Es besteht kein Gegensatz zwischen 
kausal erklärender und aus der Struktur verstehender Psychologie, wie er z.B. von 
Jaspers besonders scharf herausgehoben wird. Es sei hier daran erinnert, dass dieser 



100 Referate 

Gegensatz von den A d 1 e r i :i n e r n, insbesondere von Kunkel, zum Angelpunkt 
der behaupteten prinzijiiiiücn Unzulänglichkeit der Psychoanalyse gemacht wird. Sehr 
richtig betont der Verf., dass üiich in der physikalischen Beobachtung der menschliche 
Gei£t nie ausgeschaltet werden kann und andererseits, dass es sich auf dem Gebiet der 
Phäncmenologie um exakt beschreibbare, vergleichbare, nachprüfbare Daten handelt, 
die den Kriterien wissenschaftlicher Präzision gerecht werden. 

Es gibt eine naive Ich-Erfahrung, die intuitiv erfasst wird. Diese wird introspektiv 
wahrgiinomrrjen. Dies bildet den Gegenstand der Bewusstseinspsychologie. Die , Be> 
wuestseinstypen" nun sind auf Veranlagung beruhende charakteristische Weisen,' die 
in der Auseinandersetzung mit der Welt bevorzugt werden, Sie repräsentieren den 
statischen, strukturellen Anteil der Gesamtreaktion, ohne dessen Heranziehung in der 
Betrachtung die Verhaltensweise des Individuums in der Norm wie in der Neurose. 
Psychose, psychopathischen Reaktion usw. nicht verstanden werden kann. Es ist wie ein 
Querschnitt in Ergänzung des genetischen Längsschnittes und erst im Zusammenklanc 
der Bilder wird räumliche Anschauung, wird die richtige Perspektive gewonnen. 

Der Aufbau des Buches ist ein einfacher. Zunächst werden die Haupttypen allgemein 
dargestellt und an klinischen Bildern illustriert. Diese sind: die instinktiven, intuitiven 
Denk- und Gefühls-Typen. Jeder die?er Typen kann bei einem vorwiegend extravertier- 
ten oder inlroverlierten Menschen vorliegen, sodass also 8 typische Konstellationen 
schematisch beschrieben werden können. Dies sind wohlverstanden Typen der be- 
wussten Psyche, die ,,a!s ein repräsentatives Organ für das ganze psychische Wesen 
betrachtet werden muss". Der unbewusste Anteil der Persönlichkeit steht dazu in einem 
besonderen Verhältnis nach Art einer Ergänzung. Diese kann sich je nach der Reife der 
Er.twicklung mehr als Störung oder mehr als kompensierender Faktor auswirken. Die 
Komplexe auf Grund der Verdrängungen bestehen unabhängig davon und sind mehr 
selbständiger Natur, 

Während zur vollen Entwicklung alle diese Grundfunktionen gehören, entwickelt sich 
gewöhnlich ausser der dominierenden noch eine stärker als der Rest. Diese wird als 
,, zweite Funktion" bezeichnet. Ist es die der dominierenden polar entgegengesetzte 
Funktion, die in Wechselwirkung mit der ersieren stärker entwickelt und nicht unter- 
di ückt wird, so entsteht das interessante Bild der Menschen ,,mit polarer Wirkung"_ 

Diese Typen r,un insgesamt haben keine eindeutige Beziehung zur Entwicklung und 
Fixici ung der Libido, infantil erworbenen Komplexen und dergleichen, sondern kommen 
vielmehr in jedei- beliebigen Mischung mit solchen vor. Aber der bestehende und als 
angeboren angenommene Bewusstseinstyp färbt das Bild in entscheidender Weise. "Was 
die Berücksichtigung dieses Füktors zum Verständnis in Psychologie und Psycho- 
psthologie leisten kann, wird nunmehr S3'stematisch dargestellt, wobei der Verfasser 
Weite der Anschauung und Lebendigkeit der Schilderung zeigt. Am stärksten und klar- 
sten isi der Abschnitt ,,Bewusstseinstypus und Psychose" gelungen. Das Buch wird 
durch einen aK^chliessenden philosophischen Teil fundiert und abgerundet, der Belesen- 
heit und Besonnenheit mit Lesbarkeit verbindet, ohne allzu sehr in die Tiefe zu dringen 

Mehr konkrete Einzelheiten im Hinblick auf Prinzip oder Detail müssen im Original 
nachgeleten werden. 

Zum Schluss noch einige lockere Bemerkungen, zur Kritik. 

Die ganze Betrachtung ist zu sehr auf den geistigen Menschen eingestellt. Es ist ganz 
glaubhaft, dass es fundamentale Eigenschaften gibt, die jenseits der genetischen Betrach- 



Referate 101 

tung stehen und als angeborene geistige oder seelische Konstitution betrachtet werden 
müssen. Denken wir an die Intelligenz im allgemeinen, die Fähigkeit zur Imagination, 
die künstlerische Begabung, die Anlage zur Mathematik, Musik und dergleichen. Doch 
sollte man sich hüten, die Grenzen voreilig zu ziehen! Eine Betrachtung, die als eine will- 
koJimiene oder gar notwendige Ergänzung zur Psychoanalyse gelten will, muss gewiss 
ebenso biologisch fundiert, d.h. universell sein wie diese. Ganz sicher darf sie nicht 
klassenbedingt sein. Es mag nun an des Verfassers speziellem Erfahrungsmaterial liegen, 
aber man bekommt den Eindruck, dass die Welt, von der er spricht, vorwiegend aus 
wohlbestallten Privatdozenten, Rechtsanwälten, gebildeten Geschäftsleuten, kurzum aus 
Intellektuellen aller Art besteht, die sich mit allen Problemen ihres Wesens und „der 
Welt" auseinandersetzen, und dass man sich überhaupt in guter Gesellschaft bewegt. So 
sind z.B. extravertiert instinktive Typen „für praktische Fächer, wie Arzt oder Ingenieur, 
meistens gut geeignet" — sie haben guten Geschmack und wissen ,,als Beherrscher der 
Lebenskunst verfeinerte Genüsse zu schätzen", können auch ,,über Lebensprobleme 
und Theorien oft sehr gut mitsprechen". ,,Sie Weiden sich gut, leben in einem behaglich 
eingerichteten Hause, essen und trinken gut, haben angenehme Manieren und die nötige 
Abwechslung in ihrer Konversation und ihrer Lebensweise. Der Besitz eines eigenen 
Hauses und Gartens macht ihnen Freude, wie auch der Unterhalt desselben" — „oder, als 
Beispiel für den Introvertiert-Instinktiven: Naturforscher, die voller Hingabe das I.*ben 
der Pflanzen und Tiere in allen Einzelheiten verfolgen — stille Sammler schöner oder 
interessanter Sachen — Betätiger angewandter Kunst — bildende Künstler." (S.45) Vom 
introvertiert -intuitiven Typus (S.65): „Die Formulierungen werden dann dogmatisch 
und das Urteil starr. — Das Denken bleibt aphoristisch und drückt sich oft in Paradoxen 
aus. — Neben genialen Ideen verkünden solche Menschen bisweilen mit ebenso grosser 
Überzeugung verkehrte und bizarre Ansichten, die hartnäckig aller Kritik gegenüber 
aufrecht erbalten werden." Von den Denktypen (8.73): ,,ob nun die betreffende Person 
einen physikalischen Versuch oder die Kant'sche Philosophie erklärt." 

Vom extravertierten Denktypus (S.79): ,, Dieses Schema hat für ihn absolute Gültig- 
keit: es ist der reinste Ausdruck des Weltgesetzes. Dies gilt sowohl für sein wissen- 
schaftliches als für sein ethisches Schema." „Es finden sich unter Mensclien dieses Typus 
vortreffliche Beamte. Organisatoren und Wissenschaftler." 

Vom introvertierten Denktypus (S.84): „Wenn sie auf Reisen gehen, werden eifrig 
Karten und Baedeker studiert oder auch man sucht lange vorher die Sprache eines 
fremden Landes zu erlernen." Hier werden als Beispiele aufgezählt: grosse Philosophen, 
Mathematiker, theoretische Psychologen. Und besonders schön: , .Übrigens können sie 
in allerlei praktisch und angewandten Wissenschaften gefunden werden und als sorg- 
fältige Organisatoren, Gesetzgeber, Unternehmer führend sein." Auf solcher Ebene kann 
man schwer die Freud'sche Psychologie ergänzen, die sich bescheiden auf die ele- 
mentaren Urtriebe der Menschheit bezieht. Es ist, wie wenn man ein Ölgemälde durch 
ein Aquarell „ergänzen" wollte! Aber zugegeben, dass es sich um typische Verhaltens- 
weisen handelt, die zu kennen und zu klassifizieren von Wert ist, so erhebt sich doch die 
Frage: Sind sie die einzigen oder wichtigsten? Weist das wirklich auf biologisch Grund- 
legendes zurück? Warum wird ein so starkes Gewicht auf die bewusste Orientierung 
gelegt? 

Im Ganzen: ein gutes und lesbares, auch lesenswertes Buch, aber — ein Kompromiss. 
Ein Seitenweg, wo schöne und unbebaute Hauptstrassen ziehen. 

S. H. F o u 1 k e s (Fuchs-London) 



102 Referate 

MONCHY, S, J. R. de: De Psychoanalyse in de Puherteit. Psych, en Neun Bldn 

1938, S. 888 ff. 

De Monchy schildert In einem sehr klaren Vortrag die normale Pubertätsem- 
wicklung und die Abweichungen vom Normalen. Er unterscheidet Verwahrlosung durch 
zu wenig Liebe und durch zuviel Liebe und weiter die neurotischen Störungen. Bei der 
Besprechung der letzteren werden die Ausführungen A]inaFreuds(, .Das Ich und 
die Abwehrmechanismen") besonders hervorgehoben. De Monchy vermutet, dass die 
Angst vor der grossen Tiiebstärke eigentlich eine Angst vor den kindlich-passiven Formen 
der Libido ist. Man möchte gerne gelegentlich mehr darüber vernehmen. 

Die Massnahmen, die bei der Verwahrlosung zu treffen sind, werden eingehend be- 
sprochen, ebenso die Schwierigkeilen der Analyse von Pubertätsfällen. Die Technik 
dieser Analysen ist eine Mischung der Erwachsenenanalyse und der Kinderanalyse- in 
einer Pubertätsanalyse soll zugleich ein Stück Erziehung enthalten sein, 

Rh. Feith (Oegstgeest, Holland!