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Full text of "Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse Band I 1913 Heft 3"

INTERHÄTIONÄLE ZEITSCHRIFT 

FÜR 

ÄRZTLICHE PSYCHOANALYSE 

OFFIZIELLES ORGAN 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 

HERAÜSQEQEBEN VON 

PROF. DR. SIGM. FREUD 

REDIGIERT VON 

DR. S, FERENCZI und DR. OTTO RANK 

BUDAPEST WDEN 

UNTER STÄNDIGER MITWIRKUNG VON: 

Da« KARL ABRAHAM, BbrUN. — Dr. LUDWIG BlNSWANQER, KrEÜZLIKGBN. — 

Dr. foul Bjerrb, Stockholm. — Dr. A. A. Brill, New- York. — Dr. Trigant 
BURROW, Balthiohs. — Dr. M. D. eder, London. — Dr. J. van Emden, Haag. — 
Dr. M.EiTiNQON, Berlin. —Dr. Paul federn, Wien. — Dr. Eduard Hitschmann, 
Wien. — Dr. L. Jekels, Wien. — Prof. Ernest Jones, London. — Doz. C. G. 
JUNO, Zürich. — Dr. Kriedr. S. Krauss, Wien. — Dr. Alphonse Maeder, 
ZÜRICH. — Dr. J. marcinowski, Sielbbck. — Prof. Mor.ichau-Beauchant, 
PoiTiKRS. — Dr. Oskar Pfister, Zürich. — Prof. James J. Putnam, Boston. 
— Dr. R. Reitler, Wien. — Dr. Franz riklin, Zürich. — Dr. Hanns Sachs, 
Wien. — Dr. J. Sadger, Wien. — Dr. L. Seif, Münchej^. — Dn. A. Stärckb 
Hüister-Hkidb. — Dr. A. Stegmann, Dresden. ~ Dr. M. Wulff, Odessa. 



I.JAHRGANG, 1913 
HEFTS. MAI 




1913 

HUGO HELLER & CfE. 

LEIPZIG UND WIEN, I. BAUERNMARKT 3 



JÄHRUCH 6 HEFTE BEI 40 BOOEN STARK:-^^^^§^f^^^ K 21.60 

UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Die „Internationale Zeitschrift fftr ärztliche Psychoanalyse", die Prof. 
Sigm. Freud nunmehr herausgibt, stellt sich die Au%abe, dem 
Anfanger durch didaktische Aufsätze eine Einftlhrung in das Wesen und 
die Übung der Psychoanalyse zu geben, den Vorgeschrittenen Gelegen- 
heit zum Austausch ihrer Erfahrungen zu bieten und sie durch Kritiken 
und Referate fortlaufend von dier Entwicklung dieser jungen Wissenschaft 
zu unterrichten. 

Die neue Zeitschrift wird Originalarbeiten zum Abdruck 
bringen, von denen eine Erweiterung unserer psychoanalytischen Er- 
kenntnisse zu erwarten ist, und Mitteilungen, durch welche die 
bekannten Lehren erläutert und be^tigt werden sollen. 

Die Veröffentlichung umfangreicher dokumentarischer Arbeiten und 
die Diskussion der noch strittigen schwierigen Probleme der Psychoanalyse 
bleibt nach wie vor dem „Jahrbuch für psychoanalytische und psycho- 
pathologische Forschungen, redigiert von C. G. Jung^, überlassen, während 
die Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften der von 
Dr. Bank und Dr. Sachs redigierten „tmago" vorbehalten ist. 

Es erscheinen jährlich sechs Hefte der neuen Zeitschrift, jeden 
zweiten Monat abwechselnd mit „Imago", im Gesamtumfang von ca. 
36 — 40 Druckbogen zum Jahrespreis von M 18. — = K S1.60. 

Auch wird ein gemeinsames Abonnement auf die beiden psycho- 
analytischen Zeitschriften zum ermaßigten Gesamtfahrcspreis von M 30. — 
= K 36.— eröflfnet. 

Redaktion und Verlag. 



Für die Kedaktion bestimmte Zuschriften und Sendungen an : 

Dr. S. Ferenczi, Budapest, VII. Elisabethring 54. 



Alle Manuskripte sind vollkommen druckfertig einzusenden. 

Sämtliche Beiträge werden mit dem einheitlichen Satz von K 50. — 
pro Druckbogen honoriert. 

Von den „Originalarbeiten" und „Mitteilungen" erhalten die Mitarbeiter 
je 50 Separatabzüge gratis geliefert. 

Copyright 1913. Hugo Heller & Cie., Wien, I. Bauernm. 3. 

.. r^rAO'^l Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Originalarbeiten. 



I. 

Bemerkungen 
über einen Krankheitsfall mit Griselda-Phantasien. 

Yon Prof. Dr. James J. Patnam, Boston. 

Unter den mannigfachen Problemen des letzten Winters interessierte 
mich im Besonderen die Frage der geschlechtlichen Selbstbefriedigung. 
Selbstverständlich ist dieses Thema viel zu groß, um in einem kurzen 
Artikel eingehend besprochen zu werden. Ich beabsichtige nur durch 
einen Krankheitsfall jene Seite des Problems ein wenig zu beleuchten, 
die hauptsächlich von Abraham in seiner eingehenden Mitteilung, von 
Brill in einer Studie und von Sadger in einem am Weimarer Kon- 
greß (1911) gehaltenen Vortrag besprochen wurde. Es handelt sich hier 
ausschließlich um die P h a n t a s i e n, die öfters als Begleiterscheinungen der 
Selbstbefriedigung auftreten, und zwar nur um eine Art derselben. 
Sadger sowie wohl alle, die sich mit der Untersuchung dieser Probleme 
besonders eingehend befaßt haben, sieht in den betreffenden Phantasien 
das psychologisch wichtigste Moment dieser Angewohnheit; auch be- 
zeugen Abrahams und Brills Untersuchungen wie weit von der an- 
scheinend sexuellen Sphäre der Patient durch dieses Phantasieren ab- 
gebracht wird. 

Der Krankheitsfall, den ich beschreiben will, betrifft einen Mann im 
Alter von 55 Jahren, Rechtsanwalt von Beruf, von guter Herkunft, zu 
der besten Gesellschaft gehörend, einen hochgebildeten, uneigennützigen 
und kräftigen Mann, mit ungewöhnlich feinen Familientraditionen. Überall 
sowohl geistig als auch körperlich für gesund geltend, klagte er, als er 
zum erstenmal zu mir kam, zunächst nur über Niedergeschlagenheit, be- 
sonders frühmorgens, und über den Hang zu schmerzlichen Rück- 
erinnerungen, Im weiteren Gespräch beschwerte er sich aber wiederholt 
über eine eigentümliche Entfremdung, die — bei gegenseitiger zärtlicher 
Neigung — dennoch allmählich, im Verlauf des letzten Jahres, zwischen 
seiner achtzehnjährigen Tochter und ihm entstanden war. Im vergangenen 
Sommer war er mit dieser Tochter im Ausland gewesen. Er hatte die 
Reise abgespannt und niedergeschlagen angetreten und gehofft, unter 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



206 P^^of. Dr. James J. Putnam. 

der sorgfältigen Pflege seiner Tochter gänzlich zu genesen. Sie ließ 
ihm diese Pflege auch freudig zu teil werden. Die erhofite Wirkung 
blieb aber aus; was den Vater betrifft, war sie im Gegenteil ungünstig. 
Er war fast beständig so sehr reizbar und mißmutig, daß er weder sie 
zufrieden machen noch ihr Vertrauen gewinnen konnte. So kamen beide 
zurück, ohne von der Reise Genuß gehabt zu haben. Jeder empfand eine 
unbeschreibliche Empfindlichkeit dem anderen gegenüber, welche aber 
unmöglich Gegenstand der Besprechung zwischen ihnen werden konnte. 
Bis zum Zeitpunkt der Heimkehr hielt sich der Vater für dieses gegen- 
seitige Mißtrauen allein verantwortlich. Als aber die Tochter, die nun 
zu einem reizenden Mädchen herangewachsen war und der Notwendig- 
keit seiner Pflege enthoben, sich ihren eigenen Interessen eifrig hingab, 
tadelte der Vater — anfangs allerdings nur für sich, später auch ge- 
legentlich vieler Gespräche mit seiner Frau — die persönlichen Fehler und 
Versäumnisse der bis dahin geliebten Tochter. Er beschuldigte sie, daß 
sie ihn vernachlässige, verabscheue und gleichgültig behandle. Sie habe 
sich selbständig entwickelt, pflege ihre Liebhabereien, ohne ihn viel 
daran teilnehmen zu lassen. Das leise Gefühl der Entfremdung hatte 
also, und zwar binnen kurzer Zeit, einem ziemlich starken Liebe-Haß- 
Komplex Platz gemacht, den er nicht mehr los werden konnte. Seine 
innige Liebe zu ihr, die zugleich verschiedenartige Schattierungen zeigte, 
rang mit dem Gefühl der Feindseligkeit gegen sie. Dieses Gefühl 
trieb ihn dazu, für sie in seinen Gedanken einen zwar geringen, doch 
immerhin echten Schmerz oder Verdruß zu ersehnen. Dieser Wunsch, 
seine einzige und innig geliebte Tochter bestrafen zu wollen, entsprang 
aus zwei Motiven, die sich allmählich im Laufe der Analyse heraus- 
stellten. Beide sind, meiner Diagnose nach, nur verschiedene Richtungen 
der Selbstbefriedigung. Einerseits suchte der Kranke sich zum Beleidigten 
aufzuspielen, und so die narzissusartigen Neigungen zu steigern, die stets 
in ihm ausgeprägt waren trotz seiner guten und uneigennützigen An- 
lagen. Anderseits suchte er die starken sadistischen und masochistischen 
Begierden zu befriedigen, die er zeitlebens im hohen Grade empfunden 
hatte. Eine unvollständige Sublimierung hatte diese Neigungen teilweise 
verdeckt, sie waren aber immer vorhanden und traten in seinen ona- 
nistischen Phantasien sowie in seinen Träumen stark hervor. 

In einer Hinsicht war der Kranke seit frühester Jugend Onanist; 
selbst jetzt, obwohl er schon dreißig Jahre verheiratet ist, hat er diese 
heftige Neigung noch nicht ganz überwunden. Von Anfang an aber, 
selbst in seinen zartesten Jahren, verdankte diese Gewohnheit seinen 
sadistisch-masochistischen Phantasien ihre Stärke. 

Ein Problem von wahrem Interesse erwächst für uns aus obiger 
angeregten Auffassung dieses Falles. Der Kranke, der sich selbst gut 
beobachtet hat, glaubt behaupten zu dürfen, daß dieses Konzentrieren 



.. f^^r^^.^fu Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Bemerkungen über einen Krankheitsfall mit Griselda-Phantasien. 207 

der Gedanken auf seine Tochter nicht eigentlich die Ursache, sondern 
eher bloß das auslösende Moment seiner abnormen Wünsche und seiner 
Niedergeschlagenheit sei. Er glaubt vielmehr, daß die Befriedigung seines 
krankhaften Instinkts die Wurzel des Übels sei. Seine Tochter steht 
zwar scheinbar im Mittelpunkt des Gefühlskonflikts, doch glaubte er, es 
hätte irgend eine andere, welche die Macht besessen hätte, seine Liebe 
und seinen Haß stark zu erregen, gelegentlich an ihre Stelle treten 
können. 

Doch besteht der starke Verdacht, daß der blutschänderische Instinkt, 
auf den ich später zurückkommen werde, hiebei einen wesentlichen An- 
trieb bildet. Die gewaltsam unterdrückte Empfindung zu seiner Tochter 
beherrscht ihn vielleicht mächtiger als er ahnt. Wie er selbst sagt, früh- 
morgens sowie auch später, besonders in unbeschäftigten Stunden, ge- 
denkt er seiner Tochter sehnend, tadelnd, zornig und mißmutig. In ver- 
schiedenen Gesprächen gab er mir gelegentlich zu, daß selbst das Geräusch 
ihres Kleides, wenn sie im Vorbeigehen die Tür streifte, oder der zu- 
fällige Anblick des Lichtes in ihrem Zimmer sein Herz pochen machte; 
auch geben verschiedene Träume Zeugnis von dem Einfluß, den sie auf 
ihn ausübte. Die Familie ist reich genug, um alle ihre Wünsche zu be- 
friedigen, doch ist er sich bewußt, daß, während seine Tochter mit 
leichtem Herzen und vollem Genuß Geld ausgibt (worin sie ihrer Mutter 
gleicht), er selbst durch einen gewissen Sparsamkeitshang gehemmt ist, 
der nachweisbar zum Teil in Erfahrungen seiner Kindheit wurzelt. Als 
Beispiel eines Versuches, sich für dieses Gefühl zu entschädigen, er- 
zählte er mir folgendes : Die Tochter verlangte neulich ein kleines Auto- 
mobil zum eigenen Gebrauch. Doch lieber, als daß er ihr dieses Ver- 
gnügen gegönnt und ihr so einen gewissen Vorzug eingeräumt hätte, 
kaufte er sich selbst ein Automobil, was er sonst nicht getan hätte und 
sagte ihr, sie könne darin fahren. Trotz aller Freigebigkeit und Fähig- 
keit Opfer zu bringen, hatte er ein ausgesprochenes Gefühl des Wett- 
eiferns mit seiner Tochter. Er konnte es nicht dulden, daß sie energischer 
und mit mehr Unternehmungsgeist auftreten sollte als er. Es fragt sich 
nun, ob diese Erscheinungen als sekundäre oder als primäre zu beurteilen 
sind. Ohne mich weiter bei der Lebensgeschichte und den Gefühlen des 
Kranken, über die noch vieles zu sagen wäre, aufzuhalten, erwähne ich 
davon nur die uns interessierenden Tatsachen, und zwar in erster Linie 
gewisse Vorfälle aus seiner Kindheit. 

Die Eltern des Kranken waren sehr gebildete Leute, die aber zur 
Zeit seiner Geburt und während seiner Jugend ein Dörfchen in der 
Nähe einer der größeren amerikanischen Städte bewohnten. Dort hatte 
er nur sehr wenige Altersgenossen. Eigentlich wußte er nur von zweien 
besonders zu berichten. Nun mag es psychologisch wahr sein, daß alle, 
oder doch die meisten, sehr jungen Kinder ihre geselligen Vorbilder fast 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



208 P^ö^- ^^- Janies J. Putnam. 

ausschließlich unter Eltern und Verwandten finden. Bei unserem Kranken 
spricht dieser Umstand jedenfalls ganz besonders mit. Furchtsam, schüchtern 
und ungesellig von Natur, hätte er einem freien, auf Gegenseitigkeit be- 
ruhenden Verkehr ausgesetzt sein müssen, um dem in ihm ausgeprägten 
Hang zur Einsamkeit und den mit Rachegelüsten abwechselnden Furcht- 
gefühlen das Gleichgewicht zu halten. Er verehrte die ihm am nächsten 
stehenden, natürlich sehr viel älteren Menschen. Diese waren aber mit 
ihren eigenen höheren Interessen so vollauf beschäftigt, daß sie für seine 
Veranlagung kaum das richtige Verständnis zeigten. So war er seiner- 
seits vielleicht dazu verleitet, sich in seiner Phantasie einen weniger 
idealen Umgang zu schaffen. Die oben erwähnten Freunde, mit denen er 
sehr intim verkehrte, waren zwei ihm verwandte Kinder, ein Knabe von 
ziemlich hochfahrendem Charakter und ein etwas jüngeres Mädchen, das 
sich von beiden Knaben alles gefallen ließ und sie so in ihrer Herrsch- 
sucht bestärkte. 

Es ist meistens schwierig, die ersten drei bis vier Jahre im Leben 
eines Mannes genügend zu erforschen, so wie auch den dunklen Einfluß 
der erblichen Prädisposition genau zu würdigen. Gewiß kamen edle Züge 
und Zeichen sehr guter Bildungsfähigkeiten klar zum Vorschein. Nebenbei 
aber wurde er, seiner jetzigen Aussage nach, furchtsam, abhängig, eigensinnig, 
herrisch und rachsüchtig. Alle diese Eigenschaften standen in auffälligem 
Widerspruch zu seinem äußerlichen Benehmen, wie zu der Hochherzig- 
keit und dem Edelmut der von ihm so geliebten und verehrten älteren 
Geschwister, mit denen er beständig in so nahem Beisammensein lebte. 

Auch äußerte sich in dem Kranken, fast schon vom dritten Lebens- 
jahr an, der Hang, der das Thema meiner heutigen Abhandlung bildet. 
Seine sadistischen und masochististischen Neigungen, schon in den 
Kleinigkeiten seines Alltagslebens so reichlich bewiesen, fanden in seinen 
Phantasien vollen Ausdruck, wodurch es ihm möglich wurde, ein ihn 
zeitlebens quälendes Minderwertigkeitsbewußtsein auszugleichen. 

Der Kranke fand nämlich großen Genuß daran, sich dramatische 
Situationen auszudenken, in denen Phantasiemenschen, meist weiblichen 
Geschlechtes, andauernden Schmerz oder Kummer, wie die Griselda im 
Märchen, ertragen mußten. Häufig waren diese Leute verdammt, Lasten 
zu tragen, die über ihre Kräfte gingen, unmenschlich stundenlang un- 
aufhörlich zu arbeiten oder ähnliche mühselige Beschwerden zu erdulden. 
Akuten Schmerz dichtete er ihnen anfangs nicht an, obgleich der Schmerz 
späterhin, wie wir beobachten werden, bei diesen Phantasiebildungen als 
wesentlicher Faktor auftrat. Eine Form der Erniedrigung, welcher seine 
Phantasiemenschen unterworfen wurden, bestand darin, daß eine Prin- 
zessin gezwungen wurde, die Kleidung mit einer Dienstmagd zu wechseln 
und überhaupt deren Stellung einzunehmen. Mit weiterem Bezug auf die 
Griselda-Idee und um die sexuelle Natur der beschriebenen Erniedrigungen 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Bemerkongen über einen Krankheitafall mit Griselda-Phantasien. 209 

faesser zu zeigen, sei gesagt, daß aach bei ihm die zugeteilten Strafen 
anfanglich als Prüfungen der Treue erdacht wurden; später aber suchte 
er den Schmerz wegen der Erregung, die derselbe hervorrufen konnte. 

Manchmal unterwarf er jene Phantasiemenschen dem strengen Befehl, 
selbst unter beträchtlichem Unbehagen keinen Harn entleeren zu dürfen, 
was an einen geschlechtlichen Sterilisierungsversuch denken läßt (cf. Jones, 
Alptraum usw.). Bemerkenswert ist, daß jene sadistischen Vorstellungen, 
•die immer eine gewisse Selbstbefriedigung hervorrufen, wozu er sie 
methodisch benützte, nach Aussage des Kranken bereits im frühesten 
Alter — im vierten oder fünften Jahre — aufgetreten waren. Um zu 
zeigen ,wie analog diese Phantasien der wirklichen Beziehung des Patienten 
zu seiner Tochter sind, mag folgender Vorfall von Wert sein: Patient 
war am Nachmittag mit seiner Tochter im Theater gewesen, wo beide 
sich gut unterhalten hatten. Nachher saß er bei Tisch mit ihr und 
seinen anderen Kindern und bemerkte, wie sein jüngster Sohn, ein 
recht lebenslustiger Knabe, mit der Tochter spielte, indem er von rück- 
wärts die Nase durch ihre Stuhllehne steckte und sie dazu brachte, sich 
mit etwas Gewalt mit dem Rücken dagegen zu stemmen. Als der Vater 
zusah, konnte er sich des Wunsches nicht enthalten, des Kindes Nase 
durch irgend einen scharfen oder spitzen Gegenstand ersetzen zu können, 
wie z. B. durch ein Taschenmesser, „aber mit zugemachter Klinge", damit 
im Laufe des Spieles die Tochter gezwungen gewesen wäre, wirklichen 
Schmerz zu erfahren. 

Von dieser Zeit an blieb dieses Märchenbilden das ausschließliche 
von ihm benützte Mittel, die Onanie auszuüben. Selbstverständlich hat 
sich Patient durch solche Phantasien Genuß verschafft, schon lange bevor 
•er irgend etwas von der eigentlichen Onanie wußte. Allerdings ging das 
Phantasieren beim Eintritt der Pubertät in eine andere Phase über. 
Bis dahin hatte es keine Ejakulationen gegeben. Als diese aber, 
gelegentlich seines Phantasierens, einzutreten begannen, beobachtete er, 
'daß sie nur dann stattfanden, wenn jene Phantasiestrafen akute Pein 
vortäuschten. Sobald es zu solcher Pein kam, erfolgte, sogar augen- 
blicklich, die Ejakulation. Diese Entdeckung setzte ihn in den Besitz 
^iner Methode, seinen Genuß zu verlängern und zu gleicher Zeit dem un- 
-erwünschten Resultat dieses Vorganges vorzubeugen.^) 

Es stachelte seinen Scharfsinn an, zu erproben, wie weit er sich 
dem kritischen Moment nähern dürfe, ohne sich ihm ergeben zu müssen ; 
das heißt, wie lange er die Lust ausdehnen könne, die das erste Stadium 
der Onanie bildet, ohne sie durch Herbeiführung des zweiten Stadiums 
zu vernichten. In der Regel gestattete er dann dem Orgasmus freien 

') Ich erinnere mich sehr wohl einer Patientin, die ihren ersten Impuls zum 
Onanismus empfangen haben will beim Anblick des Bildes vom gefesselten Mazeppa 
■aof dem Steppenroß. 

Zeiischr. f. ftwtl. Paychoanalyte. 14 

.. /^^j^-,1..^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



210 Prof. Dr. James J. Putnam. 

Ablauf, nachdem er ihn lange genug verzögert hatte. Manchmal verfuhr 
er dabei folgendermaßen : er rief sich irgend ein kürzlich gelesenes Buch 
ins Gedächtnis zurück, in dem schmerzliche, wenn auch nicht gerade 
grausame Szenen vorkamen, deren Ausgang ungewiß blieb. Selbst jetzt, 
wo er sich mit Recht rühmt, die Onanie fast gänzlich überwunden zu 
haben, kann der Kranke keine Leidensberichte lesen, ohne sich für ge- 
fährdet zu halten. Meistens sind die Bedingungen dieser Gefahr ziemlich 
leicht festzustellen. So kann er z. B. über chinesische Grausamkeiten 
lesen, wenn sie zufällig in der Lektüre erwähnt werden; er darf sich 
aber nicht erlauben, der Versuchung zu unterliegen, das Buch eigens nach 
solchen Berichten über Grausamkeiten durchzublättern. 

Der Kranke litt auch an Harnstörungen, wegen welcher er einmal 
eine Untersuchung seiner Prostata von einem Spezialisten anstellen ließ, 
die aber keine organische Veränderung ergab. Soweit seine Erinnerung 
zurückreicht, ist er noch jede Nacht wenigstens einmal mit Harndrang 
aufgewacht, dessen Befriedigung er aber immer ungern vornahm und so 
lange als möglich aufschob. (Vgl. Sadger, Urethralerotik, Jahrb., HL) 
Er meint selbst, daß diese Neigung zum Aufschub des Harnlassens nicht 
aus Trägheit oder aus der Unlust, sich nachts der Abkühlung auszusetzen, 
zu erklären ist, sondern ein Teilstück seiner allgemeinen Verzögerungs- 
lust ist, die sich bei ihm in so vielen Anzeichen kundgibt und einen so 
deutlichen Zug seines Charakters bildet, obwohl er sich sonst in anderen 
Hinsichten als energisch genug erwiesen hat. 

Es ist möglich, daß diese autoerotische Verzögerungstendenz ebenso 
wie die bereits erwähnte psychische Impotenz durch ein Erlebnis — 
oder eine Reihe von Erlebnissen — bestimmt oder wenigstens verstärkt 
worden sind, die in die früheste Jugend des Patienten, auf sein drittes 
oder viertes Jahr zurückgehen. Er war damals daran gewöhnt, jeden 
Morgen ins Bett zu seinen Großeltern zu gehen, die ihn außerordentlich 
lieb hatten und sich viel um seine Erziehung bekümmerten. Er lag 
zwischen den beiden alten Leuten und vergnügte sich mit allerlei Spielen, 
von denen er wenigstens eines heute noch erinnert. 

Der Patient ist dessen nicht sicher, aber es kommt ihm so vor, als 
ob er damals bei irgend einer Gelegenheit sich in erotischen Spielereien 
oder Betätigungen ergangen hätte, die das Mißfallen der Großeltern her^ 
vorriefen, so daß sie ihn mahnten, diese Dinge aufzugeben. 

Es ist jedenfalls nicht ohne Interesse, daß der Patient selbst ge- 
neigt ist, einen Zusammenhang anzunehmen zwischen einer damals er- 
folgten Unterdrückung seiner (inzestuösen) Erotik und der darauf fol- 
genden Schöpfung seiner Phantasien als Ausgang seiner Libido. Auch 
die Befriedigung durch die Harnverhaltung knüpft er an diese Wandlung 
in seinem Sexualleben an. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Bemerkungen über einen Krankheitsfall mit Griselda-Phantasien. 211 

Das Hauptinteresse an Krankheitsfällen, wie dem eben geschilderten, 
liegt für uns weniger in den offenkundigen Tatsachen als in den 
leisen Andeutungen, die jene Tatsachen enthalten über die Quelle der 
persönlichen und dauernden Charaktereigenschaften des Elranken. 

Ehe ich mich an die Aufgabe mache, diese Eigenschaften näher zu 
erklären, möchte ich noch zwei Eigentümlichkeiten der früheren Phase 
dieser onanistischen Visionen hervorheben, nämlich die bestimmte Ab- 
stufung der Strafen, die der Patient den Sklaven seiner Phantasie zu- 
teilte und den ausgesprochen dramatischen Charakter der Geschichten, 
in denen sich der Konflikt seines eigenen kampfsüchtigen Charakters ab- 
spiegelte. Wie es scheint, gab es selten oder nie nur einen einzigen Be- 
troffenen, sondern es waren mindestens vier oder fünf, die dann mit 
großer Sorgfalt ebensovielen Graden von Züchtigungen ausgesetzt wurden. 
Außer diesen Hauptakteuren gab es jedoch eine große Menge ver- 
hältnismäßig unbedeutender Personen, deren Rollen eine Art Gegensatz 
oder Hintergrund für die der übrigen bildeten. In Anerkennung seines 
Gerechtigkeitssinnes muß ferner erwähnt werden, daß die am härtesten 
betroffene Person schließlich als siegreich hervorging und über die anderen 
erhöht wurde, wie im Falle des Aschenbrödel oder der Griselda. 

Es bedarf nur noch weniger Nachforschungen, um in dem Gefühls- 
konflikt, der des Patienten gegenwärtige Stellung seiner Tochter gegen- 
über kennzeichnet, das Wiederauftauchen von allen diesen Zügen seiner 
frühen Tagesträumereien wieder zu erkennen. Von diesem Standpunkte aus 
betrachtet gewinnt es besonderes Interesse, daß er selbst (wenn auch 
nicht anfänglich) die Geschichte der duldenden Griselda als Muster dieser 
Träumereien gewählt hatte. Die Vortrefflichkeit dieses Vergleiches springt 
noch mehr in die Augen, wenn man sich die neueste und ausgezeichnete 
Erläuterung über die psychologische Bedeutung dieser Legende von Otto 
Rank in dem ersten Hefte der Zeitschrift „Imago" ins Gedächtnis 
ruft. Daiselbst wird gezeigt, daß der aristokratische Gemahl Griseldas 
dadurch veranlaßt wurde, seine Gemahlin zu verbannen, weil er sich mehr 
oder weniger unbewußt danach sehnte, seine eigene Tochter zu heiraten. 
Diese Darstellung ist natürlich nur eine grobe Wiedergabe des Sach- 
verhaltes. 

Mein Patient kann sich keiner solchen inzestuösen Gelüste in seinen 
Phantasien erinnern; mit der RehabiUtierung der beleidigten Heldin — 
der quasi-Griselda — kam das Drama jedesmal zum Abschlüsse und diese 
Heldin wurde oft älter als der Träumer gedacht, d. h. etwa, als wenn 
sie mehr eine Mutter als eine Tochter vorstellte, eine Form inzestuöser 
Einbildung, die in der Tat dem Alter des Patienten zur Zeit der frühesten 
Phantasien besser entspräche. Wenn man jedoch die späteren Vor- 
kommnisse heranzieht, nämlich die sadistischen und erotischen Gefühle 
des Patienten für seine Tochter und die letztere in der Doppelrolle einer 

14' 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



212 Pro^» Dr. James J. Putnam. 

verletzten Gattin und einer rehabilitierten Heldin ansieht, so wird der 
psychologische Parallelismus deutlich genug. 

Er gab gern zu, daß über seiner selbstlosen Liebe für seine Tochter 
der Wunsch stehe, seine eigene Bedeutung vor sich selbst dadurch zu 
vergrößern, daß er sie in einem gewissen Sinn zu seiner Sklavin machte 
und sie dazu verdammte, wie alle Sklaven zu leiden, im scharfen Gegen- 
satz zum leidensfreien Herrn und Meister. Sowohl mehrere interessante 
Träume setzen diese Neigung in ein klares Licht, als auch das Betragen des 
Patienten unter Beobachtung, denn er ist ein eklatantes Beispiel für 
solche Personen, die Dienstwilligkeit und Selbstunterordnung, zugleich 
aber auch eine hartnäckige Arroganz, besonders in Kleinigkeiten zeigen. 

Diese Vorliebe an Einzelheiten zu hängen, ist in dem Falle unseres 
Patienten offenbar eine Reflexion des Vergnügens, das er empfindet, wenn 
er in seiner Einbildung Zeuge der langausgedehnten Qualen seiner Frauen 
ist. Er ist ein Anwalt, Mathematiker, hat an langen spitzfindigen 
Argumenten Freude und versteht es, verborgene Pointen auszutüfteln. 
Er ist freundlich, hat aber das Verlangen nach Anerkennung und ist 
von Zuneigungs- und Achtungsäußerungen sehr abhängig. Das brüske 
und unabhängige Wesen seiner Tochter, das diesen dunkelbewußten und 
tief ge wurzelten Charakterzügen nicht entgegenkommt, irritiert ihn ganz 
besonders. 

Wenn nun die bis jetzt betonten Masturbationsphantasien, die dem 
unreifen Stadium im Geschlechtsleben des Patienten entsprechen, seine 
Stellung seiner Tochter gegenüber deutlich widerspiegeln und wenn, wie 
es der Fall ist, die Neigung zu Mutlosigkeitsanfällen auftaucht als das 
Endresultat des Kampfes zwischen seinen sadistischen und seinen ma- 
sochistischen Zügen, so ist es nicht weniger wahr, daß die Phantasien 
der nächsten Periode eine sehr bedeutende praktische Rolle in seinem 
späteren Eheleben spielten. 

Als nämlich dieser Patient, der, wie leicht auszunehmen, in seiner 
Kindheit ziemlich einsam in seinen Gewohnheiten war, obgleich er immer 
mehrere nahestehende Freunde hatte, im Begriffe stand, eine sehr glück- 
liche Ehe einzugehen, fand er sich vollständig impotent. Die Gegenwart 
seiner Frau oder die Berührung mit ihr konnte keine Erektion hervor- 
rufen. Er konsultierte einen Arzt, dessen Rat aber keine Besserung 
brachte. 

Da kam er auf den Gedanken, seine früheren Phantasien zu Hilfe 
zu rufen ; und da er fand, daß er augenblicklich Erektion und Samenfluß 
bewerkstelligen konnte, wenn er an schmerzhafte Ereignisse dachte, so 
begann er dieses Mittel als unentbehrliche Hilfe zum normalen Koitus zu 
gebrauchen und diese Gewohnheit hat er bis auf den heutigen Tag bei- 
behalten. Nichts anderes konnte diesem Zwecke dienen. Manipulationen 
hatte er nie geübt, außer der Onanie; Normalkoitus hatte später keine 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Bemerkungen über einen Krankheitsfiall mit Griselda-Phantasien. 213 

Wirkung und wurde bloß Nebensache im Prozeß der sexuellen Befriedi- 
gung. Die Frau des Patienten lebt in Unkenntnis dieser Tatsachen und 
ihre Ehe ist, wie gesagt, in hohem Grade glücklich gewesen. Gegenwärtig 
ist der Patient beinahe über das Bedürfnis sexueller Befriedigung hinaus 
und hat, freilich nicht ohne Anstrengung, die Onaniegewohnheit abgelegt, 
obgleich die oben beschriebenen Verhältnisse bezüglich der Gefahr, 
welcher er durch das Lesen oder Hören von Grausamkeiten ausgesetzt 
ist, noch nicht verschwunden sind. 

Zum Schlüsse möchte ich sagen, daß die psychoanalytische Nach- 
forschung, die ich hier nur unvollkommen beschrieben habe, von großer 
Hilfe für ihn gewesen ist, mit Rücksicht sowohl auf seine Gefühle seiner 
Tochter gegenüber als auch auf seine Neigung zu Depression und seine 
allgemeine Stellung zur Welt. 

Ich gebe nun kurz die Beschreibung einiger Träume, welche die 
vorher erwähnten Eigenschaften des Patienten besonders deutlich 
illustrieren : 

Erster Traum. 

Patient erzählt: „Ich saß bei Tisch, nicht in meiner jetzigen 
Wohnung, sondern in einem Hause, das Ähnlichkeit hatte mit dem Land- 
haus, in dem ich meine Kindheit verbrachte. Man reichte mir einen 
Teller Brötchen. Ich nahm eines, spuckte darauf und legte es dann 
wieder auf den Teller; dann nahm ich es aber doch wieder." 

Nach Assoziationen gefragt, gibt Patient zu, daß der Speichel wahr- 
scheinlich seinen Samen bedeute und daß das Brötchen seiner Tochter 
zukommen sollte, die, wenn auch nicht wirklich, so doch in seinen Ge- 
danken, zugegen war. Ich machte ihn aufmerksam auf die weitere 
sadistische Bedeutung, die in dieser Behandlung seiner Tochter liege (man 
denke an die Bedeutung des englischen Wortes „lickspittle" als Beleidi- 
gung gebraucht) und fragte ihn, ob eine Lust zu ähnlicher Behandlung 
sein Benehmen, seiner — heute noch wie früher heißgeliebten — Mutter 
gegenüber, charakterisiert hatte, als er noch ein Knabe war. Er bejahte 
und sagte, daß es früher Zeiten gab, wo er, wenn er aus irgend einem 
Grunde böse auf sie war, „ihr alles hätte antun können*^ ; „er hätte sie 
packen und schütteln können" usw. 

Diese Bereitwilligkeit, auch in Träumen, die Tochter so zu be- 
leidigen, stimmt mit des Patienten eigener Meinung betreffs seiner 
Krankheit überein, nach der ihm die Aufregung der Masturbation abgeht 
und er sich als Kompensation einem starken Liebe-Haßkomplex gegen 
seine Tochter hingegeben hat. Er gibt auch zu, daß das nicht nur ein 
Wiederauftauchen seiner früheren Gefühle gegen seine Mutter bedeute, 
sondern auch jener gegen die Cousine, mit der er in der Jugend gespielt 
hatte. Im letzten Falle, sowie auch in den Phantasien, war die zu Grunde 
liegende herrschende Idee die. daß die betreffenden Personen „schwer 



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214 Pro^- ^^' James J. Putn»m. 

arbeiten sollten um das, was sie erhielten und daß sie nie mehr be- 
kommen sollten, als sie sich verdient hatten^. 

Zweiter Traum. 

Patient erzählt: „Ich war auf einem Schiff mit Seitenrädern. Meine 
Kinder, darunter auch meine Tochter und einer ihrer Brüder, saßen in 
einer Kabine und spielten Karten. Es waren vielleicht auch andere 
Personen dabei. Ich kam dazu und, da es mich unangenehm berührte, 
daß sie sich alle so gut ohne mich unterhielten, rief ich meinen Sohn 
und bat ihn, mir zu helfen, Teilnehmer zu einer Partie „Shuffleboard*^ 
an Deck zusammenzusuchen. Er ließ sich auch dazu überreden, aber 
das Spiel kam doch nicht zu stände. Im Gegenteil, eine der Scheiben, 
mit denen gespielt wird, fiel so in die Seitenräder hinunter, daß sie auf 
irgend eine Weise die Maschinen und folglich auch das Schiff zum 
Stehen brachte. Ich kletterte hinunter, während die anderen noch an 
Deck blieben und so befand ich mich allein in der Nähe des „Kraft- 
zentrums" (Centre of Power — einsamer onanistischer Genuß?). Dann 
fingen die Räder an, sich zu bewegen und der Traum hörte auf." — Die 
Frau des Patienten war als Zuschauerin dabei und hätte gern ihren 
Mann beruhigt. Mit anderen Worten, Patient hatte sich damit unter- 
halten, daß er seine Kinder gestört hatte und ging dann weg, um zu 
zeigen, daß er seine eigene Kraft auf andere Weise auch allein betätigen 
könne. 

Dritter Traum. 

Patient erzählt: ,,Ich war bei einem Theaterstück als Zuschauer 
zugegen, doch schien ich auch selbst mitzuspielen, und zwar als wenn 
es sich um ein Stück wirklichen Lebens gehandelt hätte. Ein junges 
Mädchen (wohl die Tochter vortäuschend) und ich schienen die Haupt- 
personen zu sein. Ohne erkennbare Ursache bekam ich einen Wutanfall 
gegen das Mädchen, riß ihr einen Ring vom Finger und ebenfalls einen 
von meiner eigenen Hand, warf sie auf die Bühne und trampelte auf 
ihnen herum. Dann waren wir alle arm und brauchten Geld zu irgend 
etwas. Ich lief hinaus, um Geld zu holen, und kam zurück, als wenn ich 
meine Uhr zum allgemeinen Wohl versetzt hätte. Es waren auch andere 
Personen auf der Bühne. Ich hieß Robert (Name seines Sohnes, den 
der Patient .sehr liebt und der ebenfalls große Zuneigung zu seiner 
Schwester hat). Ich hatte eine kleine Pistole in der Hand, die ich dem 
Mädchen, dessen Ring ich abgerissen hatte, mit den Worten übergab 
„damit kann man mich nicht trauen. Nimm sie!" In diesem Augenblick 
ging die Pistole los und traf sie. Auch andere Leute auf der Bühne 
wurden verwundet. Ich war im Begriff hinauszulaufen, um mich reue- 
voll der Polizei zu stellen. Das Mädchen erklärte mich für einen Ver- 
brecher, dann aber mischte sich eine ältere Person in die Sache, an- 



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Bemerkungen über einen Krankheitsfall mit Griselda-Phantasien. 215 

scheinend meine Frau oder Mutter und tat Schritte, um die ganze Affäre 
zu unterdrücken (einer dieser Schritte war, daß sie befahl, das Haar 
aller Frauen auf der Bühne abzuschneiden) ; was anscheinend die Gefühle 
aller beschwichtigte." 

Ohne tiefer in den Traum einzudringen, wird doch sofort offenbar, 
daß er von einander widersprechenden Gefühlen beherrscht wird, die den 
oben erwähnten analog sind. Das Abreißen der Ringe, die altruistischen 
Gefühle, die das Versetzen der Uhr anzeigt, die Pistolenszene, die Reue, 
der Zorn des Mädchens, das selbstlose Betragen der Mutter (oder Gattin), 
das Abschneiden der Haare, alle weisen unfehlbar auf ein Spiel der 
Gefühle, das des Patienten onanistische Visionen und seine Lebens- 
geschichte im Detail illustriert haben. 

Ich erlaube mir nun einige Bemerkungen hinzuzufügen, die, meiner 
Ansicht nach, geeignet sind, das an diesem Falle Gelernte in einer neuen 
Richtung fortzusetzen. 

Die ganze Lebensgeschichte dieses Herrn war, wie gesagt, durch 
minderwertigkeitserregende, masochistische Bussen gekennzeichnet und 
durchdrungen. Die sadistische Tendenz könnte man als einen Protest 
gegen diese Züge auffassen oder aber, der Ambivalenzlehre nach, als die 
Kehrseite der masochistischen Gefühlsrichtung betrachten. Die eine oder 
die andere dieser Auffassungen wäre wohl vom Standpunkte der üblichen 
wissenschaftlichen Meinungen aus als die richtige zu bezeichnen. Nun 
möchte ich aber darauf aufmerksam machen, daß alle beide Betrachtungs- 
weisen lediglich als beschreibende, nicht als erklärende Versuche auf- 
zufassen sind. 

Es sollte entweder ein solcher Mensch seinen Masochismus oder 
die zwei entgegengesetzten Triebe mit in die Welt gebracht haben oder 
aber dadurch, daß er sich nachträglich mit anderen Menschen vergleicht, 
soll ein Gefühl der Minderwertigkeit in ihm erzeugt worden sein. 

Es dürfte wohl diejenigen, welche eine Neugier verspüren, dem 
Ursprung dieser Triebe oder dieser Tendenzen weiter nachzugehen, die 
Lust anwandeln, die Geschichte der Vorfahren oder gar die tierische 
Vorgeschichte biogenetisch zu durchforschen. Zu einem endgültigen, 
allgemein zufriedenstellenden Resultat könnte eine solche Forschung aber 
nie gelangen. Hinter der entdeckten Geschichte lägen immer weitere 
Geschichten. 

Das, wonach man strebt, ist wohl, wo möglich der Natur eines 
solchen Minderwertigkeitsgefühls auf den (3rund zu kommen, nicht aber 
sich auf einem historischen Pfad zu verlieren, der zu keinem logischen 
Endziel führt. So kommt man z. B. wohl nie auf die Natur des Raumes, 
wenn man immer nur neuen Raum hinzusetzt, in der Hoffnung, das 
Ganze endlich zu umfassen. Der Natur von etwas wirklich auf den 
Grund zu kommen, ist wohl nur dadurch tunlich, daß man Charakter- 



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216 Prof« ^^' James J. Pntnam. 

Züge oder vielmehr Energieäußerangen darin findet, welche den tiefsten 
Bewegungen unserer Natur entsprechen. Tiefer in irgend eine Sache 
einzudringen, wäre wohl unmöglich. Ich glaube nun, wir fangen alle an, 
minderwertige wie auch die gegenteiligen Tendenzen in uns selber zu 
entdecken, sobald wir uns, wenn auch nur halb bewußterweise, an- 
strengen, uns auf irgend eine Weise auszudrücken. Und zwar tun wir 
das nicht allein und nicht zunächst deshalb, weil wir uns mit unseren 
Eltern vergleichen, sondern weil wir jede einzelne Anstrengung mit dem 
uns innewohnenden Gefühl vergleichen, bessere und vollständigere An- 
strengungen machen zu können. 

Es würde allerdings eine solche Behauptung die Annahme voraus- 
setzen, daß jedes Wesen tiefgehende, in den Abgründen der Seele ver- 
ankerte Gefühle mit sich zur Welt bringt, Gefühle, die man (vom Stand- 
punkt des Erwachsenen aus) als philosophische bezeichnen könnte. Ein 
jedes solches Wesen hat eine Art Ahnung, die wohl immer furchterzeu-^ 
gende Elemente enthält und die wir infolge unserer überlegenen Kennt- 
nisse als ein Überzeugungsgefühl ansprechen können, den tiefsten Ur- 
kräften des Weltalls anzugehören. Nachdem ein solches Wesen dem 
Drange gehorcht, sich in der Außenwelt womöglich vollständig darzu- 
stellen oder sich zu duplizieren, stellt sich, gleichzeitig mit diesem Gefühl, 
sofort das entgegengesetzte Gefühl des Nichterreichenkönnens ein, aber 
nur um dem früheren wieder Platz zu machen. Dieses Gefühl ist also 
zu gleicher Zeit muteinflößend und furchterregend. In diesem Vorgang 
findet man sowohl die allerersten Anzeichen des Stärkegefühls als auch 
des Minderwertigkeitsgefühls, wie des Konflikts und des Schaffens- 
dranges. 

Wie das Problem „vom Bösen" in der Welt als der letzte Grund 
aller Philosophie angesehen werden soll, genau so könnte man das 
minderwertige, masochistische Gefühl als den Hebel betrachten, mit dem 
man (durch angemessene Reaktion) auf die Sublimation kommen kann. 
Es ist also ein gewisses Quantum von Minderwertigkeitsgefühl allerdings 
als normal zu veranschlagen (eben weil kein Mensch sein möglich Bestes 
leisten kann), das „Mehr" aber, das diesen oder jenen kennzeichnet 
(z. B. den König Amenhotep, für dessen Analyse wir Herrn Abraham^) 

') ^£s ist besonders horyorznheben, daß Echnaton nicht die Sonne als Gottheit 
Terehrte, sondern daß er die Wärme der Sonne, als lebenspendende Kraft, in Aton 
personifizierte . . . Echnaton stellt sich ihn nicht körperlich vor — wie die alten 
Götter — sondern geistig und unuprsönlich. Er verbietet daher jede bildliche Dar- 
stell ang des Gottes, darin ein Vorläufer der mosaischen Gesetzgebung ! Aton ist die 
lebenspendende Kraft, der alles Lebende seine Existenz verdankt . . . Als Kern dieser 
Phantasieprodukte eigibt sich der Wunsch, sich selbst erzeugt zu haben, der eigene 
Vater zu sein. Von Aton aber, der für uns nur ein mit väterlicher Allmacht ver- 
sehenes, zum Gotte erhobenes Abbild Echnatons ist, heißt es in dem mitgeteUten 
Hymnus, daß er sich selbst erzeugt habe !" Abraham: „Amenhotep, IV (Echnaton)**, 
Imago, I. Jahrg., Heft 4. 



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Bemerkungen über einen Krankheitsfall mit Griselda-Phantasien. 217 

herzlichen Dank schulden), kommt bloß durch die spätere Erfahrung zu 
stände. Daß durch die Sublimation dieses „Mehr" sehr viel für das 
Wohlsein und den intellektuellen Fortschritt der Menschheit gewonnen 
werden kann, ist zweifellos. 

Durch diese hier angedeutete Auffassungsweise findet also das 
Problem der wirklichen Herkunft der genannten Triebe sowie der „Libido" 
(die nichts ist als ein Teil des selbsttätigen, energischen Prozesses der 
dem Weltall zu Grunde liegt) eine vollständigere Erklärung als sie auf 
andere Weise erhältlich wäre. Der Kreis unserer Untersuchung kann 
also als geschlossen angesehen werden, wenn es sich herausstellt, daß die 
verschiedenen Spezialprobleme in derselben Tracht daherschreiten wie 
das Hauptproblem, von dem sich immer erneuernden universalen Welt- 
leben. 

Ist es aber gerecht, der „Libido" diese allerersten Eigenschaften 
umzuhängen oder, wenn man das schon tut, sollte nichtlein anderer 
Ausdruck dafür gefunden werden? Ich glaube nicht, daß das gerecht 
ist und hoffe später meine Gründe ausführlicher zu geben. Allerdings 
ist die Libido — sowie andere Formen der Energie — als selbsterneuernd 
und lebenspendend anzusehen. Als die fundamentalste bei den Menschen 
vorkommende Form derartiger Energie darf man sie aber nicht betrachten, 
ohne daß man bereit wäre, sie mit der selbsttätigen Kraft vollständig zu 
identifizieren, womit das Weltall als durchdrungen zu betrachten ist. 
Die Entdeckung dieser Kraft ist vielleicht die tiefste Wahrheit, die die 
Wissenschaft bis jetzt ans Licht gebracht hat. Die Jungsche Betrach- 
tungsweise deutet, meiner Meinung nach, auf obige Auffassung als not- 
wendige Folgerung.^) 

Der erste wirkliche Schritt zu einer Lösung jener schweren Rätsel 
von dem Wie und Woher des Weltalls, der Existenz, des Lebens usw. 
wäre gewiß getan, wenn wir uns dazu bequemen könnten, alle weltlichen 
Erscheinungen auf ein einziges Prinzip, auf eine einzige Tätigkeitsform 
zu reduzieren. Auf den ersten Blick erscheint uns allerdings gerade 
dieser Schritt in das größte aller Rätsel zu verwickeln, nämlich in jenes, 
das die Frage aufwirft, wie ein einziges Tätigkeitsprinzip oder eine ein- 
zige Tätigkeitsform so mannigfache Erscheinungen aus sich entwickeln 
kann, z. B. jene Vielheit von Persönlichkeiten, als die wir uns selbst 
fühlen. Damit dies geschehen kann, müßte man anscheinend annehmen, 
daß eine einheitliche Energieform die Kraft hätte, auf sich selbst zu 

^) Dr. C. 0. Jungs ausführlicher Artikel über die , Wandlungen und Symbole 
der Libido** (IL Teil) enth&lt auch viele Zitate and Meinungen, die man in diesem 
Zusammenhang merken soUte. Indem er den Libidobegriff erweitert, sucht er diese 
Form der Energie anf eine Höhe zu bringen, wo sie als die fundamentalste aller 
Kraftformen anerkannt werden muß (siehe See. L, besonders S. 170—171). Die 
Libido ist selbsterzengend and selbsterneaemd asw., wie man aach früher von der 
Sonne glaabte. 



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218 Prof. Dr. James J. Putnam. 

wirken, d. h. daß sie sogleich als Objekt und Subjekt zu dienen vermag. 
Eine solche Vorstellung aber ist dem „naturwissenschaftlichen" Geist 
zuwider, trotzdem es sich jetzt zu zeigen scheint, dstß gerade das zu tun 
die erste und wichtigste Funktion der Lebensessenz ist, gleichbedeutend, 
ob man sie als Libido oder poussöe vitale oder „Selbstbetäti- 
gung" (der Metaphysiker) bezeichnet. Die Eigenschaften, die Jung 
der Libido zuschreibt (Selbsterneuerungskraft usw.), sind eben den von 
Piaton und Hegel der selbständigen Energie zugeteilten Eigenschaften 
vollkommen gleichzusetzen. Von derartigen Beweisführungen abzusehen, 
ist nicht zulässig. 

Tiefer kann man überhaupt nicht gehen, denn dieser Prozeß der 
Selbstteilung (nach dem Prototyp der biologischen Selbstteilung der 
Zelle, der Spaltung in männlich und weiblich, genau das also, was die 
Selbstteilung der Urwesen einschließt, das Atman der ostindischen Sagas) ^) 
ist die fundamentalste Tatsache der ganzen Natur. Ohne diese tiefste 
Tatsache zu „begreifen", d. h. ihre Identität mit dem Tiefsten in uns zu 
fühlen oder erkennen, können wir überhaupt nichts wirklich begreifen — 
oder, anders ausgedrückt, ohne diesen Hintergrund für unsere Sprache 
und unsere Begriffe zu erkennen, können wir auch weiterhin nur immer 
in Gleichnissen und Symbolen sprechen, ohne uns bewußt zu werden, 
daß wir eben nur Gleichnisse und Symbole gebrauchen. 

Wenn wir aber anderseits diese fundamentalste Wahrheit begreifen 
lernen und uns immer mehr und mehr der Realität bewußt werden, die 
dem Symbolismus unseres Lebens zu Grunde liegt, gewinnen wir auch 
die Macht, alles aus dem tiefsten und reinsten Wesen unserer Natur 
heraus zu verstehen. Wir entdecken dann, daß, während die Form jedes 
geistigen Prozesses dieselbe ist (nämlich ein Bestreben sich darzustellen), 
das Resultat derselben sich unendlich variiert, je nach der Vollständig- 
keit oder UnVollständigkeit des Resultates. Die bunten Erscheinungen 
unseres Lebens drücken jene Varietäten und Abstufungen dieses Prozesses 
symbolisch aus. Unser Kraftgefühl, unsere Freude am Erfolg oder unsere 
Enttäuschung bei Mißerfolg deuten an, daß wir uns fortwährend an 
einer ziemlich bestimmten, wenn auch nicht immer definierbaren Voll- 
kommenheitsnorm messen. Nach demselben Prinzip erkennen wir eine 
gemeinsame Norm (des Rhythmus und „fitness"), die uns befähigt, den 
Genuß, den wir aus einem unserer Sinnesorgane ziehen (Musik), in 
einen anderen, aus einem anderen Sinnesorgan gezogenen, zu über- 
setzen. ^) 



*) Cf. Jung, Wandlungen der Libido, II. 

^) Ich beziehe mich auf die Selbstbiographie der taab-blinden Helen Keller, 
welche sich über diese allgemeine Grundlage für die verschiedenen Sinneswahmeh- 
mungen sehr schön und beweisend ausgesprochen hat. 



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II. 

Die Bedeutung des Großvaters für das Schicksal des 

Einzelnen. 

Von Prof. Dr. Ernest Jones (London). 

In einem fesselnden Aufsatz, an den der Titel dieser Arbeit den 
Leser erinnern wird, hat Jung bereits ausgeführt, welche Bedeutung die 
Persönlichkeit des Vaters für die Entwicklung des einzelnen haben kann, 
und jeder Psychoanalytiker muß diese Erfahrung bestätigen, da er sie 
an jedem neuen Fall, den er studiert, wiederholen muß. Doch scheint 
es mir, daß auch der Einfluß des Großvaters vielleicht eine größere Auf- 
merksamkeit verdient^), als ihm bisher entgegengebracht wurde, da auch 
von hier aus wertvolle Aufschlüsse für viele Charakterzüge und neuro- 
tische Reaktionen gewonnen werden können. Rank hat allerdings in 
seinen mythologischen Studien^) die Rolle, die der Großvater in der 
Phantasie spielen kann, zu wiederholten Malen aufgezeigt, aber der rein 
klinischen Seite des Gegenstandes wurde verhältnismäßig wenig Beach- 
tung geschenkt. 

Es ist wahrscheinlich, daß das Interesse, die Bewunderung und die 
Phantasien, die sich auf den Großvater beziehen, immer von einer ähnlichen 
Haltung abgeleitet sind, die früher dem Vater gegenüber eingenommen 
wurde, aber es gibt einige wichtige Punkte, in denen die Figur des Groß- 
vaters sich von anderen Wiederholungen der Vater-Imago unterscheidet. 
In erster Linie hat sie die Fähigkeit, viel älter als die anderen zu sein, 
da sie oft bis in die früheste Kindheit zurück geht. Besonders um die 
2Jeit, wo der Knabe seinen „Familienroman" (Freud) auszuspinnen 
beginnt und den wirklichen Vater abzuschütteln sucht, indem er ihn in 
seiner Phantasie durch eine befriedigende Figur (aus der in der zweiten 
großen Verdrängungsperiode, in der Pubertät, Gott wird) ersetzt, mag 
der Großvater als genehmer Stellvertreter sich darbieten. Wie seit 

*) Mutatifl Mutandis ist das folgende ebenso auf die Großmutter anwendbar, 
aber der Einfachheit zu Liebe können wir unsere Bemerkungen auf einen Groß- 
eltemteii beschränken. 

') Siehe insbesonders „Der Mythus von der Geburt des Helden" und „Das 
Inzeetmotiv in Dichtung und Sage". 



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220 Prof. Dr. Ernest Jones. 

Ranks Studien bekannt ist, ist die Ersatzfigur immer mit Eigenschaften 
des Vaters ausgestattet, so daß eine Analyse der Phantasie uns erst recht 
wieder auf den Vater zurückbringt. Der Großvater ist deshalb für diese 
Wahl besonders geeignet infolge seiner Ähnlichkeit und Verwandtschaft 
mit dem Vater (wenn es ein väterlicher Großvater ist). Der Vorgang 
wird oft durch die größere Zärtlichkeit und Duldsamkeit unterstützt, 
die meist die Haltung eines älteren Mannes gegen Kinder kennzeichnet; 
mancher strenge Vater wird später ein nachsichtiger Großvater, zum 
Teil vielleicht weil sich sein Gefühl der Verantwortlichkeit für die Erzie- 
hung des Kindes mit der zunehmenden Philosophie des Alters abstumpft. 
Wenn das Kind heranwächst, wird die schon hergestellte Assoziation 
verstärkt durch die noch größere Ähnlichkeit des Vaters mit dem Erin- 
nerungsbild des Großvaters. 

Ein tieferer Grund für diese Assoziation ist der folgende. In sehr 
vielen Kindern ist der Wunsch lebendig, die Eltern ihrer Eltern zu 
werden, und sie können sogar den phantastischen Glauben haben, daß 
im selben Maße, als sie größer wurden, ihre Eltern sich verkleinern, so 
daß mit der Zeit die gegenseitige Position beider sich umkehren würde. 
Diese seltsame Phantasiebildung, die wahrscheinlich eine der Quellen 
des Glaubens an die Reinkarnation ist, hängt selbstverständlich innig 
mit inzestuösen Wünschen zusammen, da sie eine Übertreibung des 
häufigeren Wunsches ist, sein eigener Vater zu sein. Dennoch dient sie 
auch der feindseligen Einstellung gegen die Eltern und erfüllt den 
Wunsch, die wirkliche Situation so abzuändern, daß das Kind denen 
befehlen kann, die jetzt ihm befehlen. Eine amüsante Annäherung an die 
Realisierung dieser Phantasie in der Wirklichkeit bieten die gelegentlichen 
Fälle, in denen Vater und Sohn eine Mutter und deren Tochter heiraten ; 
der Sohn wird so der Ehegatte der Schwiegermutter seines Vaters, d. h. 
sozusagen der Vater seines Vaters und der Vorfall wird in den Zeitungen 
gewöhnlich erwähnt unter der Marke : „Ein Mann wird sein eigener 
Großvater." 

Im Falle des mütterlichen Großvaters kommt ein weiterer Faktor 
ins Spiel. Wenn die Mutter, wie es so häufig geschieht, ihrem Vater 
übermäßig zugetan ist (infantile Fixierung), so fühlt der Sohn instinktiv, 
daß der letztere, d. h. sein Großvater sein Nebenbuhler bei der Mutter 
ist, vielleicht sogar mehr als der Vater. Es entsteht dann eine Ödipus- 
situation, in der die Rolle des Laios vom Großvater übernommen wird. 
Rank hat auf einige schöne Beispiele aus der Mythologie, in denen diese 
Situation geschildert wird, aufmerksam gemacht; die typische Gestalt ist 
jene, wo ein Tyrann seine Tochter eingesperrt hält, so daß sie nicht 
heiraten kann, der Liebhaber alle Schwierigkeiten besiegt und der Sohn 
dann die Rache ausführt, indem er seinen Großvater, der nach dem 
Besitze der Mutter gestrebt hatte, erschlägt. 



r^no'^'-^ Original from 

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Die Bedeatang des Großvaters für das Schicksal des Einzelnen. 221 

In den bisherigen Ausführungen wurde der Gegenstand vom Ge- 
sichtspunkte des Knaben aus behandelt, aber ganz Ähnliches gilt auch 
für das Mädchen. Auch hier ist der Großvater ein Ersatzmann des 
Vaters. In der oben erwähnten Phantasie, die wir die „Generations- 
Umkehrungs-Phantasie" nennen können, wird das Mädchen, wenn sie 
sich zur Mutter ihrer Eltern macht, offenbar gleichzeitig zur Frau des 
Großvaters, ebenso wie der Knabe unter diesen Voraussetzungen der 
Mann seiner Großmutter wird. Ich möchte jene, die das, was ihnen nur 
als unsinnige Einbildung gilt, mit einem Lächeln abtun wollen, bitten 
daran zu denken, daß in der christlichen Religion (ich habe die Frage 
bei anderen Religionen nicht untersucht) eines der offiziellen Gebote 
lautet: „Du sollst deinen Großvater (resp. Großmutter) nicht ehelichen." 
Keine Religion verbietet mit solchem Ernste Dinge, die niemand zu 
tun wünscht. Es ist richtig, daß uns heute dieses besondere Verbot 
äußerst überflüssig scheint, aber man darf nicht vergessen, daß manches Be- 
gehren, das heute nur in versteckten Phantasien befriedigt werden 
kann, in der Vergangenheit eine schwächere Schranke zu durchbrechen 
hatte, um zur Verwirklichung zu gelangen. 

Einige der Resultate des „Großvater-Komplexes" sollen nun er- 
wähnt werden. Das auffallendste ist eine Tendenz zur Gerontophilie, 
d. h. eine Neigung zu alten Leuten, die auch daher stammen kann, 
daß der Vater über das mittlere Alter schon hinaus war, als das Kind 
geboren wurde. Man braucht nur an die merkwürdige Vorliebe zu 
erinnern, die manche Frauen und besonders junge Mädchen für alte 
Männer zeigen; während ich dies niederschreibe, höre ich von einer 
Heirat zwischen einem Mann von 84 Jahren und einem Mädchen von 
19, wobei das Geld gar keine Rolle spielte ; ähnliche Vorfälle sind keines- 
wegs selten. Das männliche Gegenstück ist natürlich die fast ebenso 
häufige Anziehungskraft älterer Frauen für die Männer. 

Ungewöhnliches Interesse an der Abstammung und den Vorfahren läßt 
sich manchmal auf diesen Komplex zurückführen, obgleich die Wißbegierde 
hinsichtlich des Problems der Geburt vielleicht eine noch allgemeinere 
Quelle dafür ist. Ich erinnere mich einer Patientin, die durch dieses 
Studium ganz ausgefüllt war. Sie hatte zwanzig Jahre damit zugebracht, 
ihren Familienstammbaum in allen seinen Verzweigungen zu erforschen 
und hatte manche Linien bis auf mehr als vierhundert Jahre zurück- 
verfolgt. Ihr Vater war gestorben, als sie noch ein Kind war, und sie 
war im Hause ihres Großvaters aufgewachsen, den sie verehrte. Es ist 
eine wohlbekannte Tatsache, daß in jenen Teilen Asiens, wo alte Leute 
besonders verehrt und mit ungewöhnlicher Untertänigkeit behandelt 
werden, irgend eine Form des Ahnenkultus regelmäßig herrschend ist, 
sei es nun als direkte Anbetung oder als heilige Ehrfurcht.^) Die Art 

*) In anderen „zivilisierteren" Ländern kann man oft das Gegenteil sehen, 
nämlich daß die Ehrfurcht durch Feindseh'gkeit ersetzt wird. Dort, wo alten Leutcc 



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222 Prof. Dr. Ernest Jones. 

und Weise, wie Gefühle, die einst dem Vater galten, auf entferntere 
Figuren übertragen werden können, wenn der Vater der Abwehr unter- 
liegt, wurde von Abraham in seiner letzten ägyptischen Studie in der 
„Imago" trefflich illustriert. 

Wie sehr mancher Knabe dem Großvater „nachgerät", sei es in 
Charakterzügen oder der allgemeinen Geistesrichtung oder selbst in Einzel- 
heiten des Benehmens, ist oft konstatiert worden ; die Häufigkeit der 
Fälle, in denen ein Knabe seinem Großvater ähnlich wird, ist so wohl 
bekannt, daß sich darüber mehrere sprichwörtliche Redensarten bilden 
konnten. Insbesondere bei den Untersuchungen über das Genie war dies 
einleuchtend, da sich die Serie „Mittelmäßigkeit-Genie- Mittelmäßig- 
keit*' oder ,, Genie-Mittelmäßigkeit-Genie" weit häufiger nachweisen ließ 
als das Vorkommen des Genies in unmittelbar aufeinanderfolgenden Gene- 
rationen. Diese gut belegte Tatsache, für die ich keines der zahlreichen 
Beispiele zu geben brauche, da jedem Leser einige gegenwärtig sein 
dürften, hat zur Aufstellung mehrerer scharfsinniger Gesetze und allge- 
meiner Regeln Anlaß gegeben, welche die „generationsweise Abwechs- 
lung beim Genius" formulieren und begründen. Aber wir können alle 
diese Sätze vielleicht überflüssig machen, wenn wir uns nur klar vor 
Augen stellen, wie einerseits der Einfluß eines großen Vaters den Sohn 
zu Boden drückt und anderseits die Figur des Großvaters in der oben 
dargelegten Weise der Mittelpunkt des innigsten Interesses des Enkels 
werden kann. Dasselbe gilt auch von anderen Eigenschaften als dem 
Genie; besonders Trunksucht bietet ein gutes Beispiel. 

Mit unserem Gegenstand hängt ein interessantes Produkt der oben 
besprochenen ,,Generations-Umkehrungs-Phantasie" im späteren Leben 
zusammen. Sie wird nämlich zu einer der Quellen für die inzestuöse 
Neigung der Eltern zu ihren Kindern, wohl auch für die normale Eltern- 
liebe und für Paedophilie im allgemeinen. Ich habe zum Beispiel regel- 
mäßig beobachtet, daß ein Mann, der eine abnorm starke Zuneigung zu 
seiner Tochter verrät, auch eine gleich starke infantile Fixierung an 
seine Mutter zeigt. In seiner Phantasie zeugt er seine Mutter (z. B. in- 
dem er sie rettet), wird ihr Vater und gelangt so dahin, später seine 
wirkliche Tochter mit seiner Mutter zu identifizieren. Im Seelenleben 
der gegenwärtigen Generation wird die vergangene und die zukünftige 
zu einer Einheit verschmolzen, so wie sonst in der Phantasie Ver- 
gangenheit und Zukunft als identisch behandelt und miteinander ver- 
wechselt werden. So stehen Mutterkomplex und Tochterkomplex in 
nahem Zusammenhange, und ebenso Vater- und Sohnkomplex. Das 



ohne besondere Achtung begegnet wird und wo „von seinem Großvater geleitet 
werden", wie man es volkstftmlich nennt, als Schande gilt, l&ßt sich dementsprechend 
anch der Mangel an Stolz auf die Familientradition und die Abstammung kon- 
statieren. 



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Die Bedentang des Großvaters fOr das Schicksal des Einzelnen. 223 

gleiche gilt natürlich von anderen GefiÜilseinstellungen, wie von der Liebe, 
so z. B. vom Haß ; der berühmte Fall das Grafen Cenci ist ein schlagen- 
der Beleg dafür. 

Zum Schluß seien einem noch stärker vernachläßigten Familienmit- 
glied einige Worte gewidmet, nämlich der unverheirateten Tante. Ich 
hatte mehrere Patienten, deren Interesse und Neigung sich um ihre 
Figur gruppiert hatte, die dann infolge einer Verallgemeinerung für alle 
alten Jungfern zärtlich empfanden; einer besonders verliebte sich in 
jedes ledige Mädchen über vierzig Jahre, mit welchem er zusammentraf. 
Der Sinn dieser Gefühlseinstellung ist klar : die unverheiratete Tante ist 
der Ersatz für die jungfräuliche Mutter, eine Vorstellung, die auf so viele 
Religionen mächtig gewirkt hat. 

Abraham hat in seiner Untersuchung über die Verwandtenehe ^) 
den Sinn der Neigung zu den Geschwisterkindern aufgedeckt und ihren 
inzestuösen Ursprung nachgewiesen. In den obigen Ausführungen habe 
ich mich bemüht, seine Resultate zu erweitern, indem ich auf die Ge- 
fuhlseinstellung zu anderen Familiengliedern hinwies. Man kann getrost 
die Verallgemeinerung wagen, daß alle Teile der Familiengruppe, vom 
Bruder bis zum Großvater, von der Schwester bis zur Tante nur Ersatz- 
bildxmgen der Imago der ursprünglichen Dreieinigkeit sind, die Vater, 
Mutter und Kind miteinander bilden. 



>} Jahrbuch, 1909, Bd. I, Seite 110 u. ff. 



r^no'^'-^ Original from 

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III. 

Einige Bemericungen über die Rolle der Großeltern in der 
Psychologie der Neurosen. 

Von Dr. Karl Abraham (Berlin).*) 

In meiner psychoanalytischen Tätigkeit fiel mir von jeher auf, daß 
manche Neurotiker und Geisteskranke immer wieder das Gespräch auf 
den Großvater oder auf die Großmutter brachten, obwohl die Großeltern 
in keinem der einschlägigen Fälle die Lebensschicksale jener Individuen 
entscheidend beeinflußt hatten. So verschieden unter einander nun die 
Krankheitsfälle waren, welche diese Erscheinung darboten, so führte die 
Psychoanalyse doch zu einem gleichförmigen Ergebnis : die besondere 
Hervorhebung des Großvaters oder der Großmutter wur- 
zelte stets in einer heftigen Ablehnung des Vaters resp. 
der Muttert 

Die tiefiaren Ursachen der eigenartigen Erscheinung werden uns, 
wie so vieles andere im Wesen der Neurotiker, begreiflich, wenn wir 
das Verhalten der Kinder zum Vergleich heranziehen. Zwei Beispiele 
aus dem Leben eines gesunden oder doch nur leicht neurotischen 
Knaben mögen den Beweis liefern. 

Der Knabe gibt sich der typischen Phantasie hin, der Prinz eines 
von ihm erdachten Reiches zu sein. Den König des Reiches stattet er 
mit ganz denjenigen Eigenschaften aus, die ihm bei seinem Vater 
besonderen Respekt einflößen. Später setzt er diesem König noch einen 
Vater (sich selbst also einen Großvater) vor, den er mit der Fähigkeit, 
durch sein Wort Dinge zu erschaffen, d. h. also mit göttlicher Allmacht 
ausstattet. Der Effekt ist klar : dem Vater, der in den Augen des kleinen 
Kindes allmächtig gewesen war, wird ein Höherer vorgesetzt, den auch 
er respektieren muß; damit wird seine ihm früher zugeschriebene Omni- 
potenz bestritten. Es ist zu bemerken, daß der Knabe seine beiden 
Großväter nicht gekannt, die großväterliche Gestalt in seinem Fabel- 
reiche also im wesentlichen aus eigener Phantasie geschaffen hatte. 

*) Die Arbeit ist kurz nach der vorstehenden eingelangt und unabhängig da?on 
entstanden. Anmerkung d. Red. 



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Bemerkung^en über die Rolle der Oroßeltem in der Psychologie der Nearosen. 225 

Derselbe Knabe wird einmal von seiner Mutter bestraft. Unter 
Tränen erklärt er ihr: „Jetzt heirate ich die Großmama!'' Er 
gibt also bei dieser Gelegenheit der Mutter in negativer Form die Er- 
klärung, daß er eigentlich sie habe heiraten wollen. Wegen der ihm 
widerfahrenen, als ungerecht empfundenen Behandlung verschmäht er 
sie (natürlich nur vorübergehend) und zeigt ihr, daß noch eine Mäch- 
tigere, Gütigere und zugleich ihm Gewogenere über ihr stehe. 

Der Knabe spielt seine Großeltern gegen seine Eltern aus. Er gibt 
damit der Vorstellung Ausdruck, daß es Wesen gebe, die an Macht, 
bezw. an Güte noch über den Eltern stehen. Vielleicht ist der Hinweis 
nicht überflüssig, daß dem Kinde eine solche Auffassung durch die 
Sprache besonders nahe gelegt wird. „Großvater", „grandfather", grand- 
pere" und andere analoge Bezeichnungen lassen uns vermuten, daß 
das Kind in dieser Wertschätzung der Großeltern nur wiederholt, was 
die Menschheit seit Urzeiten getan hat. Das Kind faßt hier, wie in so 
vielen anderen Fällen, das Wort in seiner vollen ursprünglichen Wer- 
tigkeit auf. 

An das Verhalten dieses Kindes werden wir erinnert, wenn wir den 
folgenden Ausschnitt aus einer Krankengeschichte unter psychoanaly- 
tischen Gesichtspunkten betrachten. Es handelt sich um einen sehr 
frühzeitig an Dementia praecox erkrankten jungen Mann. In seinen 
Halluzinationen und Wahnvorstellungen spielte seine Großmutter (von 
mütterlicher Seite) eine zunächst nicht verständliche Rolle. Oft sprach 
der Kranke von der immer wiederkehrenden Visiop auch als von seiner 
„Urgroßmutter". 

Der Kranke war als kleiner Knabe in ganz ungewöhnlichem Maße 
an seine Mutter attachiert gewesen. Er hatte sie mit größter Eifersucht 
bewacht und sie kaum für einen Augenblick dem Vater oder seinen 
Geschwistern gegönnt. Als später die Psychose nach und nach manifest 
wurde, hatte er sich in äußerster Feindseligkeit gegen die Mutter ver- 
schlossen. Wie der Kranke nun vordem in seinem gesamten Wesen 
völlig von seiner Mutter abhängig gewesen war, so fühlte er sich in der 
Psychose beherrscht durch die „Großmutter''. Sie erschien ihm, um ihm 
Befehle und Verbote zu geben. Er selbst überhäufte ihre Erscheinung 
mit den unflätigsten Schimpfwörtern, so wie er seine Mutter, wenn sie 
ihn einmal besuchte, in schroffster Art zurückzuweisen pflegte. 

Der Patient befindet sich in einer dauernden feindlichen Einstellung 
seiner Mutter gegenüber. Er tut dauernd, was der im ersten Beispiel er- 
wähnte (gesunde) Knabe in einer Affektaufwallung vorübergehend tat: 
er ersetzt die Mutter durch die Großmutter. Hier zeigt sich die Über- 
determiniertheit psychischer Reaktionen. Der Kranke kann seine wüsten 
Schimpfreden weit ungehemmter gegen die Großmutter oder Urgroß- 
mutter richten, die für ihn kein Wesen von Fleisch und Blut ist, als 

Zeitochr. f. äntl. PejohoanalyBe. 15 



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226 ^^* ^^^ Abraham. 

gegen seine Mutter, an die er im Grunde noch ebenso wie früher fixiert 
ist. Der Ersatz der Mutter durch die Großmutter erlaubt dem Patienten 
ferner eine kindliche Einstellung zu der von ihm halluzinierten Person, 
und einer solchen Einstellung vermag er offenbar nicht zu entraten. 

Ein Zwangsneurotiker, bei welchem sich die Ablehnung des Vaters 
in mannigfacher Weise und mit größter Heftigkeit äußert, stellt seinem 
Vater den Großvater von mütterlicher Seite gegenüber. Der Patient 
wurde von seinem Vater, der in bescheidenen Verhältnissen lebte, puri- 
tanisch erzogen. Er besuchte dann einmal mit seiner Mutter den Groß- 
vater an dessen Wohnort. Der alte, wohlhabende Mann, der über den 
Besuch seines Enkels überaus erfreut war, überhäufte ihn mit Geschenken 
und verausgabte dafür Beträge, die dem Knaben ungeheuer groß vor- 
kamen. Von nun an nahm sein Widerstand gegen den Vater eine be- 
stimmte Form an. Der Vater erschien ihm noch mehr als vorher ledig- 
lich als Tyrann, während der freigebige Großvater zum Vater-Ideal er- 
hoben wurde. Während der psychoanalytischen Behandlung hatte der 
Patient u. a. einen Traum, in welchem er mit seiner Mutter nach dem 
Wohnort des (jetzt längst verstorbenen) Großvaters reiste. 

In den Ideengängen eines andern Neurotikers geht neben der Ge- 
stalt des Vaters diejenige des Großvaters (von mütterlicher Seite) beständig 
wie ein Schatten einher. Die Psychoanalyse wies nach, daß die feind- 
selige, revolutionäre Einstellung des Sohnes gegenüber dem Vater in 
dieser Erscheinung einen sehr gemilderten Ausdruck fand. Der Patient 
brachte neben anderen hierher gehörigen Materialien vor, daß ihm in 
seiner frühen Jugend der Großvater, der sich bereits ins Privatleben 
zurückgezogen hatte, immer wie ein entthronter Gott, wie Kronos er- 
schienen sei. Indem der Knabe den entthronten Großvater neben den 
herrschenden, noch jugendlichen Vater stellte, sprach er sich in ver- 
steckter Weise den Trost zu, auch der Vater werde nicht ewig regieren, 
sondern eines Tages entthront sein wie der Großvater. 

Es kommt auch vor, daß ein Neurotiker sich mit einem starken 
Affekt des Hasses von seinem Vater abwendet, zum Ersatz aber in 
der Phantasie Beziehungen zwischen sich selbst und den fernsten Vor- 
fahren (den „Vätern*') herstellt. Ich beobachte augenblicklich einen 
solchen Fall, muß mir aber aus äußeren Gründen die Mitteilung von 
Einzelheiten versagen.^) Ich habe übrigens in meiner Studie über Amen- 
hotepIV. bereits ähnliches nachgewiesen.^) 

Die Psychoanalyse lehrt uns zahlreiche Wege kennen, die von der 
neurotischen Phantasie eingeschlagen werden, um die Macht des Vater- 
oder Mutterkomplexes zu paralysieren. Man kann diese Phantasien der 



') Die heftigste Wut des Patienten knüpfte sich an ein Erlebnis, das ihn aufis 
höchste erregt hatte, d. h. an eine Beobachtung des sexuellen Verkehres der Eltern. 
«) Imago, Bd. I., 1912, Heft 4. 



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Bemerkungen über die RoUe der Großeltern in der Psychologie der Neurosen. 227 

Neurotiker in drei Gruppen teilen. Die am weitesten gehenden unter 
diesen Phantasien sind Beseitigungs-Vorstellungen. Es ist be- 
kannt, in wie mannigfaltiger Form Todeswünsche gegen Vater oder 
Mutter in der Neurose Ausdruck finden. 

Eine zweite Gruppe von Vorstellungen dient der Verleugnung 
der Eltern, besonders häufig des Vaters : so genannte Abstammungs- 
phantasien. 

Endlich sucht der Neurotiker sich des Elternkomplexes zu erwehren, 
indem er die Macht des Vaters resp. der Mutter herabsetzt. Eine 
Herabsetzung geschieht aber auch dadurch, daß dem Vater ein 
Mächtigerer vorgesetzt wird. 

In letzterer Hinsicht sei noch daran erinnert, daß manche Neuro- 
tiker die Gepflogenheit haben, bewußt oder unbewußt gegen jedwede 
Autorität eine andere auszuspielen. Widerstände gegen den Arzt äußern 
sich während der psychoanalytischen Kur nicht selten in dieser Weise. 

Auch die Religiosität mancher Neurotiker wird im Wesentlichen 
aus diesen Quellen gespeist. Der Glaube an eine göttliche Allmacht, 
oder an eine das menschliche Leben prädestinierende Schicksalsmacht 
gibt dem Neurotiker den Trost, daß auch der Vater, dem er sich in- 
folge seiner unbewußten Fixierung gänzlich unterworfen fühlt, nicht all- 
mächtig sei, sondern noch eine höhere Macht über sich habe. 

Am Schluß sei es gestattet, noch kurz auf ein analoges Phänomen 
in der Völkerpsychologie zu verweisen. Eine Verschiebung der Autorität 
vom Vater auf entferntere Vorfahren dürfte auch dem Ahnenkultus zu 
Grunde liegen. Freilich verehrt hier nicht mehr der Einzelne einen 
bestimmten Ahnen, sondern eine größere Gemeinschaft von Menschen 
stattet einen gemeinsamen Stammvater mit einer Macht aus, die in der 
väterlichen Autorität ihr Vorbild hat. 



15^ 



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Zum Thema: „Großvaterkomplex"'. 

Von Dr. S. Ferenczi, Budapest. . 

Die vorstehenden Arbeiten Abrahams und Jones' geben eine 
fast erschöpfende Würdigung der Bedeutung, die die Beziehungen zu 
den Großeltern oft für das ganze Leben der Enkelkinder gewinnen. Im 
Anschlüsse daran möchte ich einige Beobachtungen, die ich über diesen 
Gegenstand sammelte, kurz zusammenfassen. 

Ich fand, daß der Großvater die Phantasie des Kindes in zwei- 
facher Weise beschäftigt. Einerseits ist er ihm wirklich der imposante 
Greis, der sogar dem sonst allmächtigen Vater Achtung gebietet, dessen 
Autorität es sich also aneignen und in seiner Auflehnung gegen den 
Vater ausspielen möchte. [Abraham, Jones.] Anderseits ist er aber auch 
der hilflose, schwache, alte Mann, dem der Tod nahe bevorsteht, der 
sich mit dem kräftigen Vater in keiner Hinsicht (besonders in der sexuellen 
nicht) messen kann, daher für das Kind ein Objekt der Gering- 
schätzung wird. Sehr oft ist es gerade die Person des Großvaters, 
die dem Enkelkind zum erstenmal das Problem des Todes, das endgültige 
„Wegsein" eines Angehörigen nahebringt und das Kind kann dann seine 
feindseligen aber ob der Ambivalenz verdrängten Phantasien über den 
Tod des Vaters auf den Großvater verschieben. „Wenn der Vater 
meines Vaters sterben kann, wird auch mein Vater einmal sterben (und 
ich in den Besitz seiner Vorrechte gelangen)^: so etwa lautet die Phan- 
tasie, die sich hinter Deckerinnerungen und Deckphantasien, welche sich 
mit dem Tode des Großvaters beschäftigen, zu verstecken pflegt. Durch 
den Tod des Großvaters wird übrigens die Großmutter ledig; manches 
Kind greift nun (um das Leben des Vaters zu schonen und die Mutter 
doch allein besitzen zu können) zum Auskunftsmittel, daß es in der 
Phantasie den Großvater sterben läßt, die Großmutter dem Vater schenkt, 
und sich die Mutter behält. „Ich schlafe mit meiner Mama, du sollst 
mit deiner Mama schlafen"^) denkt das Kind und kommt sieh dabei 
gerecht und großmütig vor. 

^) Solche Aussprüche kleiner Kinder sind mir von zuverlässiger Seite mitge- 
teilt worden. — Ein schönes Beispiel dieser Art findet sich in der von Freud pu- 
blizierten „Analyse der Phobie eines fünQährigen Knaben" (Jahrbuch f. Psa., I. Bd., 



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Züin Thema: „Großvaterkomplex". 229 

Ob sich die Imago des „schwachen Großvaters oder die 
des „starken Großvaters" (im letzteren Falle mit Identifizierungs- 
tendenzen) im Kinde fixiert, hängt im wesentlichen von der Rolle ab, 
die der Großvater in der Familie in Wirklichkeit spielt. 

Wo der Großvater der Herr im Hause, der eigentliche Patriarch 
ist, dort überflügelt das Kind in seiner Phantasie den machtlosen Vater 
und hofft die ganze Gewalt des Großvaters direkt zu erben; in einem 
solchen Falle, den ich analytisch untersuchen konnte, konnte sich das 
Kind nach dem Tode des mächtigen Großvaters dem zur Macht gelangten 
Vater niemals unterordnen; es behandelte ihn einfach als Usurpator, der 
ihm seinen rechtmäßigen Besitz geraubt hat. 

Die Imago des „schwachen Großvaters" prägt sich be- 
sonders scharf den Kindern solcher Familien ein, in denen (was häufig 
vorkonmit) die Großeltern schlecht behandelt werden. 

1909. S. 74 f.), wo der kleine Hans sich zum Mann seiner Matter nnd damit zu 
seinem eigenen Vater ernennt, während er seinem Vater dessen eigene Mutter, also 
des Kleinen Großmutter, tiberl&ßt, wozu Freud bemerkt: „Es geht alles gut aus. 
Der kleine ödipus hat eine glücklichere Lösung gefunden, als vom Schicksal vorge- 
schrieben ist. Er gönnt seinem Vater, anstatt ihn zu beseitigen, dasselbe Glück, das 
er für sich verlangt; er ernennt ihn zum Großvater und verheiratet auöh ihn mit 
der eigenen Mutter". 



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Entwertung des Verdrängungsmotivs durch Rekompense. 

Von Dp. Victor Tansk. 

I. 

Freuds Entdeckung, daß das Vergessen von Vorstellungen allemal 
durch ein ünlustmotiv bedingt ist, stellt das korrelative Problem: wie 
kommt es, daß die verdrängte Vorstellung nach einer Serie von freien 
Einfallen wieder ins Bewußtsein tritt ? Hat etwa die Vorstellung im Ver- 
lauf der Assoziationen ihre Unlustbetonung verloren oder hat die Unlust 
ihre Qualität als Verdrängungsmotiv eingebüßt? In diesen Fassungen er- 
gibt sich das Problem aus einer allgemeinen psycho biologischen Denk- 
gewohnheit. Die Antwort, die im Sinne Freuds von diesem Standpunkt 
aus auf die Frage zu geben ist, lautet : das Subjekt nimmt eine geringere 
Unlust — die Unlust, die mit der Reproduktion der verdrängten Vor- 
stellung verbunden ist — auf sich, um eine größere, die aus dem Ver- 
sagen der intendierten Denktätigkeit entspringt, zu verhüten. Insofern es 
sich um psychische Fehlleistungen normaler, zweckbewußt denkender 
Menschen handelt, darf man dem Bedürfnis nach ungestörter psychischer 
Leistung wohl die Kraft zumuten, den Widerstand gegen das Erinnern 
im Gedankengang fälliger, aber verdrängter Vorstellungen, zu überwinden. 
Die Parallele mit der Neurose ergibt sich von selbst. Dort ist es der 
Druck der Krankheit, der den Antrieb zur Gesundung und somit zur 
Aufhebung der Verdrängung liefert. In allen Fällen sehen wir, daß die 
Unlustverhütung, die durch die Verdrängung bezweckt wird, eine relative 
ist: die Überwindung des Widerstandes ist der relativen Ent- 
wertung des Verdrängungsmotivs durch die Androhung der 
größeren Unlust zuzuschreiben, die aus dem Versagen der zweckbewußten 
Denktätigkeit hervorgeht. Der Gewinn an psychischer Leistungsfähigkeit, 
der sich aus der Verfügung über eine nicht entbehrliche Vorstellung 
ergibt, ist die Lustprämie für die Überwindung des Widerstandes. Die 
Unlust, deren Verhütung der Widerstand sichern wollte, wird ein Mittel 



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Entwertung des Verdrilngungsmotivs durch Rekompense. 231 

zum Lusterwerb, Was Lust erwirbt, hat den Lustcharakter, auch wenn 
Pein dabei ist: es gibt eben auch eine schmerzliche Lust.^) 

Eine rein psychologische Betrachtungsweise findet das Problem 
in der Tatsache, daß der Reproduktion der verdrängten Vorstellung eine 
bestimmte Anzahl von Assoziationen vorausgeht, die eben durch das 
Auftauchen der verdrängten Vorstellung ihren Abschluß findet, so daß 
wir ein abgegrenztes Forschungsmaterial vor uns haben, von dem wir 
erwarten müssen, daß es beide Mechanismen, den der Verdrängung und 
den der Aufhebung der Verdrängung, repräsentieren und preisgeben werde. 
Mit anderen Worten: die Frage steht offen, warum die vergessene Vor- 
stellung eben an einer bestimmten und nicht an einer anderen Stelle, i. e. 
nach einer längeren oder kürzeren Assoziationskette zum Vorschein ge- 
kommen ist. Da wir das Vergessen der Vorstellung auf die Wirkung des 
Affekts bezogen haben, so müssen wir auch das Auftauchen der Vor- 
stellung im Bewußtsein zu diesem speziellen Affekt in Beziehung bringen. 

Es muß ein Motiv geben, das eben an dieser Stelle der Assoziations- 
reihe den Affekt zum Bewußtsein zuließ und dieses Motiv muß in der 
spezifisch psychischen Leistung ein psychologisches sein. Der Affekt 
mußte im Laufe der Assoziationen ein bestimmtes Schicksal erfahren 
haben, so daß er an einer bestimmten Stelle der Assoziationsreihe wieder 
bewußtseinsfähig wurde. Mit anderen Worten : Wie suchen die psycho- 
logische Repräsentanz der eingetretenen relativen Ent- 
wertung des Verdrängungsmotivs. Es ist klar, daß hier mit 
biologischen Suppositionen von einem Mechanismus zur Erhaltung 
der Euphorie nicht gedient ist. An dieser Stelle läßt sich der wesentliche 
Unterschied zwischen biologisierendem und psychoanalytischem Denken 
in der Psychologie deutlich zeigen. Die durch die endopsychische Zensur 
bestimmte Auswahl der psychischen Reaktionen, die zum Bewußtsein zu- 
gelassen werden, ist von der Verwertbarkeit dieser Reaktionen für Zwecke 
der sozialen Kommunikation oder der Orientierung in der Außenwelt zu- 
nächst unabhängig. Die Arbeit der Zensur wird von einem Prinzip ge- 
getragen, für das die soziale Leistungsfähigkeit des Individuums nur 
bedingungsweise Wert hat. Andernfalls bliebe es unerklärlich, daß einem 
zweckvoll gerichteten Gedankengang plötzlich Vorstellungen, die sich 
sonst automatisch zur Verfügung stellen, entrissen werden können oder 
daß sich, oft trotz angespannter Aufmerksamkeit, Vorstellungen in den 
intendierten Gedankengang eindrängen, die die auf Euphorieerwerb ge- 
richtete Leistung des Individuums illusorisch machen. Die Verteilung der 
Bewußtseinsfähigkeit an die Vorstellungen geschieht vielmehr nach einem 
Prinzip der Lust- oder Unlustwertung, welches durchaus nach den Ge- 
setzen der individuellen psychischen Entwicklung bestimmt ist, ein 



*) Das masochifitische Prinzip, das in diesem Mechanismus sichtbar wird, sei 
einer eigenen Erörterung als Beitrag zu einer Psychologie des Masochismus vorbehalten. 



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232 Dr. Victor Tatisk. 

Korrelat der Entwicklungsgeschichte der menschlichen Triebe im ein2elnen 

Individuum darstellt. Und so kann es geschehen, dafi die endopsychische 

Zensur ihre Auswahl unter den Vorstellungen nach einem Prinzip trifft, 

welches in der bewußten, sozial determinierten Wirtschaft der Seele 

keinen Kurs hat. 

IL 

Diese Erwägungen schlössen sich an die von mir gemachte Be- 
obachtung, daß in der Assoziationsreihe, unmittelbar vor der Reproduktion 
einer vergessenen Vorstellung, in sehr vielen Fällen eine Assoziation auf- 
tritt, die mit einem Lustaffekt verbunden ist. Diese Lustvorstellung ist von 
solcher Art, daß sie das Selbstbewußtsein des Subjekts, welches durch 
die nachfolgende Reproduktion der verdrängten Vorstellung empfindlich 
getroffen werden sollte, gleichsam anticipando rehabilitiert. Das Subjekt 
leistet sich gleichsam eine Rekompens e, ehe es die das Selbstbewußt- 
sein herabsetzende Tatsache preisgibt. Es ist, als wollte es sich für den 
zu erwartenden Schmerz durch die Betonung erhebender Momente 
kräftigen, und indem es seiner selbst in erfreulicher Weise bewußt wird, 
nimmt es der kommenden Unlust den Stachel. Durch diese Rekom- 
pense wird das Verdrängungsmotiv entwertet und der 
Widerstand gegen die unlustvolle Reproduktion geschwächt, so daß er 
schließlich von der Tendenz überwunden wird, die den ungestörten Ge- 
dankenablauf bezweckt. Einige Beispiele seien zur Illustration dieser 
Ausführungen mitgeteilt. 

1. 

Ich sprach mit Herrn H. über das Sexualleben in unserer Kultur. 
Herr H. war im Begriff mir zu erzählen, wann er zum erstenmal Kenntnis 
vom Bestehen einer käuflichen Prostitution bekommen hatte. 

Er sagte: „Als ich sechzehn Jahre alt war, erfuhr ich von einem 
Kollegen, es gebe solche Frauen in der . . . jetzt fällt mir der Name 
der Straße nicht ein, die mir der Kollege damals genannt hat.** 

Aufgefordert, sich den Weg zu der vergessenen Vorstellung durch 
freie Assoziation zu bahnen, lieferte Herr H. die folgende Reihe freier 
Einfälle : 

1. „Es war der Name einer Schlacht," und dann fielen ihm drei 
Namen, von denen keiner der gesuchte war, in folgender Reihe ein: 

2. Lissa, Custozza, Canossa. 

3. Der Sieger von Lissa hieß Tegetthoff, sein Denkmal befindet 
sich im zweiten Wiener Stadtbezirk. Im selben Bezirk gibt es auch eine 
Custozzagasse. 

4. Bei Lissa und bei Custozza wurden die Italiener von den Öster- 
reichern besiegt. Dabei fällt mir ein, daß unser Geschichtsprofessor im 
Untergymnasium immer die Italiener als erbitterte Feinde Österreichs 
geschildert hat. 



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Entwertung des Verdrängongsmotivs durch Rekompense. 233 

5. Ich habe unlängst einer Kollegin, die mich f&r einen Anti- 
feministen hielt, gesagt, daß ich in punkto Frauenemanzipation längst 
nach Canossa gegangen sei. 

6. Nach Canossa gehen, heißt Abbitte leisten, sich demütigen. Da 
fällt mir das historische Ereignis von Canossa ein: der Papst auf dem 
Balkon mit der Herzogin Mathilde, und unten barfuß im Schnee König 
Heinrich der IV. von Bourbon^). 

7. Tannhäuser mußte barfuß nach Rom wallfahren. 

8. Der Venusberg in der Tannhäuseroper. 

9. Die Neunte Symphonie. 

10. Seid umschlungen Millionen. Der Text ist von Schiller, der Satz 
hat auch einen so wollüstigen Charakter. 

11. Der Vers von Schiller: Ein Schlachten war's, nicht eine Schlacht 
zu nennen. 

12. Diesen Satz habe ich einer Kollegin an Stelle eines Berichtes 
über meine Prüfung geschrieben. Die Prüfung wäre nämlich beinahe 
eine Niederlage für mich geworden. 

Und nun änderte Herr H. (von dem wir nachtragen müssen, daß 
er jüngst eine medizinische Prüfung abgelegt hat) plötzlich seinen bisher 
angestrengten Gesichtsausdruck, und die Spannung seines psychischen 
Zustandes löste sich in der Reproduktion der vergessenen Vorstellung 
auf: die Gasse heißt Novara- Gasse, sie ist im zweiten Bezirk. 

Der vergessene und gesuchte Name war also zu Tage gekommen. 
Er soll zunächst auf seine Aflfektbetonung für Herrn H. geprüft werden. 
Herr H. gab auf die entsprechende Frage Auskunft: 

„Nachdem mich jener Kollege belehrt hatte, daß es in der Novara- 
gasse Prostituierte gebe, ging ich hin. Eine schmutzig gekleidete alte 
Dirne sprach mich an. Sie nannte mich „Bubi". Da ich nicht wußte, 
daß diese Ansprache auch erwachsenen Männern geboten wird, nahm ich 
sie als Kritik meines jugendlichen Aussehens auf. Mein Mannesstolz war 
empfindlich verletzt und die Pein der Empfindung wurde dadurch erhöht, 
daß ich die Kritik berechtigt finden mußte. Dieses Gefühl, im Verein 
mit der meinem Alter entsprechenden Schüchternheit und mit dem Be- 
wußtsein, auf verbotenen V^egen zu gehen, machte meinen ersten Angriff 
auf dem Schlachtfelde der Liebe zu einer vollen Niederlage. Dazu kam 
noch der Ekel, den mir die Frauensperson einflößte. Ich gab ihr keine 
Antwort und entfernte mich wieder rasch. Es war ein sehr unangenehmes 
Erlebnis. Aber ich kam mir darauf sehr interessant vor, trotzdem ich 
mir über das Erlebnis nicht ganz klar war." 

*) In Wirklichkeit war es Heinrich IV. der Salier, der nach Canossa ging. Dieser 
hiBtorische Irrtam fand seine Erklärung im Lanfe der Analyse, soll jedoch hier, als 
nicht zum Thema gehörig, nnerörtert bleiben. 



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234 Dr. Victor Tausk. 

Die vergessene Vorstellung erweist sich nach ihrer Reproduktion 
als mit einem Unlustaffekt verknüpft. Der Zusammenhang zwischen den 
einzelnen Assoziationen ließ sich durch Analyse folgendermaßen her- 
stellen. 

Der Name einer italienischen Stadt, bei der eine Schlacht statt- 
gefunden hat. 

Drei italienische Städtenamen, zwei von diesen Namen sind 
Schlachtennamen (Lissa, Gustozza). 

Der Sieger von Lissa hieß Tegetthoff. 

Tegetthoff-Denkmal im zweiten Bezirk. 

Im zweiten Bezirk Custozzagasse. 

Lissa und Gustozza — Sieg der Österreicher über die Italiener. 

Feindschaft der Italiener gegen Österreich. In der Schule gelernt. 

Mit einer (Schul)-Kollegin gesprochen. 

Über Frauenemanzipation. 

Dabei die Phrase vom Ganossagang gebraucht. 

In Ganossa beugt sich ein König (Heerführer, Soldat) vor dem Papst 
(kirchliches Oberhaupt) und vor einem (souveränen, emanzipierten) Weibe 
(die eine Herzogin war und Macht hatte und die so emanzipiert war, 
daß sie mit dem Papst ein Liebesverhältnis hatte). 

Der König hieß Heinrich der IV. von Bourbon. 

Der König war barfuß vor dem römischen Papst. 

Tannhäuser zog barfuß zum römischen Papst. 

Tannhäuser war im Venusberg. Im Venusberg war Wollust, die 
Wollust war verboten, der Papst hatte sie verboten. Wer das Verbot — 
Gebot — des Papstes — Oberhauptes — übertritt, wird gestraft, ge- 
demütigt, muß Abbitte leisten. Sowohl Heinrich der IV. als auch Tannhäuser 
haben sich gegen das Gebot aufgelehnt und mußten darum barfuß vor 
dem Papste sich demütigen. 

Tannhäuser wurde in Musik gesetzt, der erste Akt heißt Venus- 
berg, hat eine wollüstige Musik. 

Ein Musikstück von wollüstiger Musik ist die Neunte Symphonie. 

Der Text dazu lautet: Seid umschlungen Millionen. Umschlingen 
heißt umarmen, das heißt wollüstig, erotisch. 

Der Text ist von Schiller, wie auch der Vers: „Ein Schlachten 
war's, nicht eine Schlacht zu nennen." Der Vers stammt aus der 
Jungfrau von Orleans. Das war eine kriegerische Frau, die Männer ge- 
mordet — geschlachtet — hat. 

Der Vers hat einen wollüstigen Gharakter. Es bereitet Wollust, 
sich von einer Frau schlachten zu lassen. (Siehe später vom Maso- 
chismus.) 

Es wird also in diesem Verse behauptet, daß die Jungfrau die 
Feinde geschlachtet habe. Die Männer — Engländer, Soldaten — haben 



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Entwertung des Verdrängungsmotivs durch Rekompense. 235 

von einem Weibe — einer emanzipierten kriegerischen Frau, eine Nieder- 
lage erlitten. 

Ich bin Soldat, Einjähriger, ich bin ein Mann, der bei Frauen 
immer Niederlagen erleidet. Das kommt davon, daß ich keine Aggression 
habe, denn ich bin Masochist und versetze mich für jede Frau in die 
passive Rolle. Die Frauen mögen das nicht, sie verachten das. Ich 
brauche eine Frau, die das nicht verachtet, sondern sucht. Das könnte 
in meinem Milieu am ehesten eine emanzipierte Frau sein, etwa eine 
Studentin, eine Kollegin, 

Meine Mutlosigkeit gegen Frauen hat verschuldet, daß ich keine 
Liebe von einem Weibe bekommen kann. Alle anderen Männer ge- 
winnen sich Frauen, nur ich nicht. Das macht mich deprimiert, nimmt 
mir jedes Selbstvertrauen. Der Mangel an Selbstvertrauen äußert sich 
auch in anderen Gebieten meines Lebens. Ich habe Angst vor Lehrern 
und Prüfungen. Bei meiner letzten Prüfung bestand die Gefahr einer 
Niederlage, so dekonzertiert war ich aus Angst. Ich habe die 
Prüfung schließlich trotzdem bestanden. Das hat mich 
sehr gefreut. Mit Erfolgen auf geistigen Gebieten, kann 
ein Mann einer emanzipierten Frau gefallen. Solche Er- 
folge könnten mir eventuell eine Frau verschaffen. 

Ich habe den Vers einer Kollegin an Stelle eines Be- 
richtes über meine bestandene Prüfung mitgeteilt. Ich 
habe tatsächlich sogleich den ersten verfügbaren Erfolg 
dazu benützt, um mich einer Frau als wünschenswerten 
Mann zu zeigen. Die bestandene Prüfung hat mir wieder 
Mut zu den Frauen gegeben. 

Mein Masochismus wird mich hoffentlich in Zukunft 
nicht so hemmen wie damals, als ich noch ein kleiner 
Junge war, auf verbotenen Wegen, unterwürfig vor den 
Frauen, ohne Selbstvertrauen und Aggression, damals in 
der N ovaragasse. ^) 

*) Interessant in diesem Beispiel ist, daß die vergessene Vorstellung „Noyara- 
gaase" zu jedem Glied der Assoziationskette in einer inhaltlichen Beziehung steht. 
NoTara ist ein italienischer Städtename, bei Novara hat eine Schlacht stattgefunden, 
in der die Italiener von den Österreichern besiegt wurden. Die Gasse ist im zweiten 
Bezirk, ganz in der Nähe des Denkmals des Siegers von Lissa und der Custozzagasse. 
Die Feindschaft Österreichs gegen Italien ist eine affektbetonte Reminiszenz aus der 
Schule. (Die Bedeutung der „Schule" als Assoziationsweg findet weiter unten durch 
die Assoziationen Schulkollege, Schulkollegin, Frauenemanzipation und Prüfung ihre 
Determination.) In der Novaragasse hat Herr H. ein Liebesabenteuer erlebt, wie 
Tannh&user im Yenusberg, auf verbotenen Wegen. Er erlitt dort eine Niederlage, 
wie die Italiener durch die Österreicher und die. Engländer durch die Jungfrau von 
Orleans ; eine Demütigung, wie TannhÄuser in Rom und Heinrich der IV. in Canossa. 
Er sehnte sich nach Wollust, wie sie in der Tannh&user- Oper beschrieben ist und wie 
sie im Text der Neunten Symphonie anklingt. Liebe, Niederlage, Demütigung und 



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236 I)r- Victor Tausk. 

Die Assoziation 12 bringt die Rekompense, den Trost vor dem 
Eingeständnis der Trostbedürftigkeit. Ihr Inhalt ist eine Wiederauf- 
richtung des Selbstbewußtseins, das bei jenem Ereignis in der Novara- 
gasse gebeugt wurde. Sie entwertet das Verdrängungsmotiv und erlaubt 
die Wiederherstellung des Gedächtnisses, indem sie eine stärkere Gegen- 
wart und eine bessere Zukunft einer schlechten und schwachen Ver- 
gangenheit gegenüberstellt. Noch deutlicher wird die Bedeutung der 
rekompensierenden Assoziation aus folgendem Nachtrag: ^Die Szene w^ar 
damals gewiß nicht bestimmend für meine Zukunft. Ich war ja wirklich 
noch ein Bubi, das Weib konnte mich also nicht ernst nehmen. Über- 
dies hat sie mir aber nicht gefallen." 

2. 

Frau M. hatte am Abend zehn Kronen in ihre Geldbörse gesteckt. 
Am nächsten Morgen war die Banknote verschwunden. Erst glaubte sie 
das Geld verlegt zu haben und ließ alles durchsuchen, doch erfolglos. 
Dann meinte sie, daß es das Dienstmädchen genommen haben könnte. 
Die übrigen Familienmitglieder litten jedoch diese Verdächtigung des 
Mädchens nicht und vermuteten, Frau M, könnte das Geld ausgegeben 
haben, ohne es mehr zu wissen. Dies leugnete Frau M. auf das ent- 
schiedenste. Sie beschrieb genau, wo und wie sie das Geld bekommen 
habe, wie sie nachher nur von der Küche ins Schlafzimmer gegangen 
sei, welche Personen noch vor dem Einschlafen im Zimmer gewesen 
seien, kurzum, es war ausgeschlossen, daß das Geld anders als durch 
Diebstahl fortgekommen wäre. Mißmutig und verdrossen verbrachte sie 
den Tag, immerwährend von dem Gedanken gepeinigt, daß man in seinem 
eigenen Hause nicht vor Dieben sicher sei. In dieser Stimmung verließ 
sie gegen Abend das Haus, um Einkäufe zu besorgen. Von ihrem Aus- 
gang kehrte Frau M. jedoch freudestrahlend und beschämt zurück : alles 
habe sich geklärt, sie wisse alles, sie habe dem Mädchen unrecht getan. 
Das war so gekommen: sie hatte einen galizischen Rabbiner getroffen, 



Mutlosigkeit kommen daher, daß Herr H. Masochist ist, daß es zu seinen Phantasien 
gehörte, von herrischen Frauen, wie die Herzogin Mathilde und die Jungfrau von 
Orleans, geschlachtet zu werden. Diese Phantasien standen zur Zeit des Ereignisses 
in der Novaragasse in voller Blüte und ihnen schreibt Herr H. die Schuld an seinen 
Mißerfolgen in Liebessachen zu. Herr H. wurde von einem Schulkollegen in die 
Novaragasse gewiesen, wo Prostituierte, das ist von den Gesetzen der Sitte emanzi- 
pierte Frauen, Wollust verkaufen. Der emanzipierte Frauentypus ist das letzte mög- 
liche Refugium für Masochisten. Herr H. teilt auch einer S c h u 1 kollegin, also einer 
Emanzipierten, seine Unterwerfung unter die Frauenemanzipation mit und auch seinen 
Priifungs erfolg, mit dem er um das Gefallen der Kollegin wirbt, weil ihm andere 
Werbemittel versagt sind. Er kompensiert seine erotische Schwäche, indem er das 
vergeistigte Selbstgefühl anruft, wie damals in der Novaragasse, da er aus dem nicht- 
erhebenden Erlebnis Kapital für sein Selbstbewußtsein schlagen wollte und sich als 
Held einer interessanten Affäre aufspielte. 



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Entwerttuig des VerdrftngxLngsmotiTB durch Rekompense. 237 

der ihr wegen seines schlechten Benehmens und seines Geizes so unan- 
genehm wurde, daß sie froh war, als er sich verabschiedete. Als er 
endlich fort war, konnte sie sich nicht enthalten, zu ihrer Begleiterin zu 
sagen: „Ich bin doch froh, daß ich dieses Volk los bin»** Im Augen- 
blick, da sie sich ihrem Unmut frei hingegeben hatte, fiel es ihr plötzlich 
und unvermittelt ein : sie hatte die Zehnkronennote am Abend vorher 
dem türkischen Religionslehrer als Honorar für den ihren Kindern 
erteilten Unterricht gegeben. 

Die Analyse ergab folgendes : Die Kinder der Frau M. nahmen den 
Religionsunterricht früher beim Religionslehrer der offiziellen jüdischen 
Kultusgemeinde. Aber Frau M. war mit der Pädagogik dieses Lehrers 
unzufrieden. Sie nannte sie kurzweg eine „galizische", womit sie einen 
ganzen Komplex von üblen Eigenschaften kennzeichnen wollte, die sie 
an den Verwandten ihres Mannes nicht leiden mochte. Um die Kinder 
diesem Religionsunterricht zu entziehen, gab es kein anderes Mittel, als 
sie in die türkische ^) Gemeinde zu überschreiben. Damit hatte es aber 
zweierlei Bedenken: erstens durfte ihr Mann nichts davon wissen und 
zweitens mußte der türkische Religionslehrer separat honoriert werden, 
während der offizielle Religionsunterricht im Schulgeld inbegriffen war. 
Die Geheimhaltung sowohl wie die Extraausgabe bedeuteten für Frau M. 
peinUche Aufgaben. Hatte sie doch ohnehin von den Verwandten ihres 
Mannes oft die Verdächtigung erfahren, daß sie nicht ganz offenherzig 
sei und verschwenderische Neigungen habe. Und nun sollten die Ver- 
wandten Recht behalten! Aber da half nichts, das Schlimmste von 
allem war nach der Meinung von Frau M. dieser Religionslehrer. Und 
so tat sie, was sie nicht lassen konnte : sie überschrieb die Kinder mit 
Umgehung irgend einer Vorschrift in die türkische Gemeinde und bestritt 
den Religionsunterricht vom Wirtschaftsgeld. Aber die neugeschaffene 
Situation blieb peinlich und vorwurfsvoll und ließ sich nicht eindeutig 
rechtfertigen. Von hier stammt das Motiv, dem das Vergessen der 
Honorarzahlung an den türkischen Religionslehrer zuzuschreiben ist. 
Als aber tags darauf ein anderer „galizischer*^ Rabbiner der Frau M. 
auf das schärfste die verhaßte Art und Weise demonstrierte, die sie zur 
Flucht vor jenem Religionslehrer veranlaßt hatte, da zerfiel ihr Konflikt 
in Nichts. Sie hatte recht, ganz recht gehabt, man dürfe sich alles 
erlauben, um dieses Volk los zu werden : mögen die Verwandten ihres 
Mannes sagen, sie sei unaufrichtig und verschwenderisch. Und unmittel- 
bar an diese Rekompense, die eine Rechtfertigung und Genugtuung 
darstellte, schloß sich die Reproduktion der vergessenen Vorstellung an. 

In einer Reihe von Analysen tritt die Rekompense nicht in der 
Assoziationskette auf. In einigen dieser Fälle konnte man feststellen, 



*) Die türkische Gemeinde ist die Gemeinde der ans der Türkei und aus Bosnien 
eingewanderten spaniolischen Juden. 



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238 ^r- Victor Tansk. 

daß sie trotzdem im Bewußtsein gewesen aber unterdrückt worden war. 
Sie wird dann nachträglich auf Befragen oder auch spontan in der 
Form einer Entschuldigung gebracht. Die Rekompense wird auch in der 
Neurosenanalyse nicht vermißt. Sie erscheint hier oft ebenso deutlich 
und an der gleichen Stelle wie bei den Analysen von psychischen 
Fehlleistungen Normaler. Oft aber kleidet sie sich in eine besondere 
Form des Widerstandes: nämlich in jene, mit der der Patient versucht, 
den Analytiker zu majorisieren, ihm einen Fehler nachzuweisen oder 
ihn seine Superiorität fühlen zu lassen. Dadurch aber erfahrt der Re- 
kompensemechanismus in der Neurosenanalyse eine Komplikation, weil 
auf diesem Wege zugleich der Arzt entwertet und der Antrieb zur Mit- 
teilung geschwächt wird. Diesen Widerstand zu brechen, gelingt häufig 
nur dem Druck der Krankheit. An den Peripetien ist dann manchmal 
knapp vor der gesuchten Assoziation die rekompensierende zu bemerken. 
Dieser Sinn kann der Tatsache unterlegt werden, daß Verdrängungen 
so oft plötzlich aufgehoben werden, nachdem der Patient dem Arzt 
ordentlich seine „Meinung" gesagt hat. Man kann jedoch die Erfahrung 
machen, daß der Widerstand mit einem Schlag beseitigt ist, wenn der 
Analytiker dem Patienten auf geeignete Weise und an der richtigen 
Stelle die Rekompense zugesteht.^) 

m. 

Die therapeutische Psychoanalyse bringt die Erfahrung, daß die 
Entwertung des Verdrängungsmotivs oft so radikal vorgenommen wird, 
daß die Kranken die peinlichsten und gefahrhchsten Vorstellungen voll- 
kommen affektlos hergeben, so daß ihre Mitteilungen für den psycho- 
analytischen Zweck wertlos werden. Dabei aber läßt ein bestimmter 
pathologischer Typus jegliche Rekompense vollständig vermissen, während 
ein zweiter Typus sich durch eine megalomantische Rekompense aus- 
zeichnet. Der erste Typus gehört zum schizophrenen (nach Freud 
paraphrenen) Symptomenbild, der zweite zum paranoischen. Nach meiner 
Meinung sind im spezifischen Symptomenmechanismus dieser beiden 
Krankheiten, von einem gewissen Standpunkt aus, zwei verschiedene 
Arten des Entwertungsprozesses zu unterscheiden. Nach einer münd- 
lichen Bemerkung Freuds^) ist die Entwertung des Verdrängungsmotivs 
bei der Dementia praecox darauf zurückzuführen, daß der Kranke den 
Unlustaffekt von der mitzuteilenden Vorstellung auf eine andere Vor- 

^) Ich glaube mit dieser Erörterung den von Alfred Adler beschriebenen 
Mechanismus des Trotzes und des männlichen Protestes an die Stelle gebracht zu 
haben, an die er gehört: er ist die vom Ich gebotene Form, in der sich der Kampf 
der Triebe abspielt. Seme Bedeutung für den Charakter und die Neurose ist so 
sekundär wie alles Logische. 

*) Bei Gelegenheit der Diskussion Über dieses Referat in der Wiener psycho- 
analytischen Vereinigung. 



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Entwertung des VerdrängnngsmotiYS dnrch Rekompense. 239 

stellang verschoben hat, so daß er vollständig affektlos assoziieren kann. 
Diese Behauptung Freuds findet ihre volle Bestätigung in der Tatsache, 
daß derDemens praecox sich zuweilen mit ungeheurer affektiver Wucht 
an symbolischen Handlungen und Vorstellungen austobt und die wahre 
Bedeutung seiner Symbolik, so Schreckliches sie auch enthalten mag, 
mit steinerner Seelenruhe preisgibt Er hat eben den Affekt an das 
Symbol gebunden. Jener Teil seines Ichs, der die Kommunikation mit 
der Außenwelt leistet, bleibt schuldlos. Der Paranoiker hingegen, der 
die unbewußten Innenvorgänge nach außen projiziert hat, so daß sie 
seinem sozialen Ich objektiv entgegenkommen, schützt sich gegen den 
Ansturm des unlustvollen Unbewußten dadurch, daß er ihm eine mega- 
lomantische Rekompense entgegenstellt. Die ganze Betrachtung muß 
hier unter das höhere gemeinsame Prinzip des Narzißmus gebracht 
werden. In jedem Falle ist es der Narzißmus, der das lebensfähige Element 
der kranken Psyche vorstellt und er ist es, der gegen die aus dem Un- 
bewußten andrängenden abgespaltenen Affekte verteidigt wird: ihm gilt 
in jedem Falle die Rekompense. Der Demens kann auf ihre formale 
Leistung verzichten, weil er durch Introversion in seinen Narzißmus die 
ganze Welt einbezogen hat. Er hat also in dieser Identifikation seinen 
Lohn dahin. 



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VI. 

Ein kleiner Hahnemann. 

Von Dr. S. Ferenczi, Budapest. 

Eine Dame, die als einstige Patientin an den psychoanalytischen 
Bestrebungen Anteil nimmt, machte mich auf den Fall eines kleinen 
Jungen aufinerksam, von dem sie vermutete, daß er auch uns inter- 
essieren werde. 

Es handelte sich um einen damals fünQ ährigen Knaben, den kleinen 
Ar päd, der nach der übereinstimmenden Aussage aller Angehörigen bis 
zum Alter von 3V2 Jahren sich geistig und körperlich vollkommen regel- 
recht entwickelt haben und ein ganz normales Kind gewesen sein soll; 
er sprach fließend und verriet in seinen Reden viel Intelligenz. 

Mit einem Male wurde es ganz anders. Im Sommer 1910 reiste 
die Familie in einen österreichischen Kurort, wo sie auch den voraus- 
gegangenen Sommer verbracht hatte, und mietete sich in dieselbe Wohnung 
wie im Vorjahre ein. Sofort nach der Ankunft veränderte sich das Wesen 
des Kindes in merkwürdiger Weise. Früher interessierte er sich für alle 
Vorgänge in und außer Hause, die die Aufmerksamkeit eines Kindes 
fesseln können ; von nun an hatte er nur für ein einziges Ding Interesse, 
und das war das Geflügelhaus im Hofe der Sommerwohnung. In 
aller Früh eilte er zum Federvieh, betrachtete es mit unermüdlichem 
Interesse, ahmte dessen Stimmen und Bewegungen nach, schrie und 
weinte, wenn er aus dem Hühnerhof mit Gewalt entfernt wurde. Doch 
selbst fern vom Geflügelhaus tat er nichts anderes, als krähen und 
gackern. Er tat das stundenlang unausgesetzt, antwortete auf Fragen 
nur mit diesen Tierstimmen, so daß die Mutter ernstlich besorgt war, 
ihr Kind werde das Reden verlernen. 

Diese Sonderbarkeit des kleinen Ärpäd hielt während der ganzen Dauer 
des Sommeraufenthaltes an. Als dann die Familie wieder nach Budapest 
zurückkehrte, begann er wieder menschlich zu sprechen, allerdings be- 
schäftigte er sich auch in der Rede fast ausschließlich mit Hähnen, 
Hennen, Hühnern, höchstens noch mit Gänsen und Enten. Sein ge- 
wohnliches, täglich unzähligemal wiederholtes Spiel war und blieb das 
folgende: Er knüllt aus Zeitangspapier Hühner und Hähne, bietet sie 



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Ein kleiner Hahnemann. 241 

zum Verkaufe an, dann nimmt er irgend einen Gegenstand (meist einen kleinen 
flachen Besen), ernennt ihn zum Messer, trägt sein ^ Geflügel unter die 
Wasserleitung (wo die Köchin auch in Wirklichkeit die Hühner zu schlachten 
pflegt) und schneidet seinem Papierhuhn den Hals durch. Er zeigt, wie 
das Huhn verblutet und ahmt mit Stimme und Gebärden meisterhaft den 
Todeskampf des Geflügels nach. — Werden im Hofe Hühner zum Kaufe 
angeboten, so wird der kleine Arpad rastlos, läuft bei der Tür hin- 
aus und hinein und ruht nicht, bis die Mutter davon kauft. Er will 
oflfenbar Zeuge ihres Schlachtens sein. Vor lebenden Hähnen hat er aber 
nicht geringe Angst. 

Die Eltern haben das Kind unzähligemal gefragt, warum er sich 
vor dem Hahn so fürchte, und Ärpäd erzählt immer die gleiche Ge- 
schichte: er sei einmal zum Geflügelhaus gegangen, habe dort hinein- 
uriniert, da sei ein Huhn oder Kapaun mit gelben (manchmal sagt er 
mit braunen) Federn gekommen, hätte ihn ins Glied gebissen und Ilona, 
das Stubenmädchen, hätte ihm die Wunde verbunden. Dann habe man 
dem Hahn den Hals abgeschnitten, so daß er „krepierte". 

Nun erinnern die Eltern des Kindes tatsächlich dieses Vorkommnis, 
das sich während des ersten in jenem Kurort verbrachten Sommers 
ereignet hatte, wo also Arpad erst 2V2 Jahre alt war. Die Mutter hörte 
^ines Tages den Kleinen entsetzlich schreien und erfuhr vom Stuben- 
mädchen, daß er vor einem Hahne, der ihm nach dem Glied ge- 
schnappt habe, fürchterlich erschrocken sei. Da Ilona nicht mehr bei 
der Familie bedienstet ist, war nicht zu ermitteln, ob Ärpäd damals 
wirklich verletzt wurde oder (wie die Mutter erinnert) von jener Ilona 
nur zu seiner Beruhigung mit einem Wundverband versehen wor- 
den war. 

Das Merkwürdige an der Sache ist nun, daß sich die psychische 
Nachwirkung dieses Erlebnisses beim Kinde nach einer Latenzzeit von 
einem ganzen Jahre, beim zweitmaligen Beziehen der Sommerwohnung, 
eingestellt hat, ohne daß in der Zwischenzeit etwas vorgefallen wäre, 
was den Angehörigen diese plötzliche Wiederkehr der Angst vor dem 
<5eflügel und des Interesses dafür hätte erklären können. Ich ließ mich 
aber durch die Negativität dieser Aussage nicht davon abhalten, eine 
durch die psychoanalytische Erfahrung genügsam gerechtfertigte Frage 
an die Umgebung des Kleinen richten zu lassen, die nämlich, ob nicht 
im Laufe jener Latenzzeit dem Kinde wegen des wollüstigen Betastens 
der Genitalien — wie das so oft vorkommt — mit Abschneiden des 
Gliedes gedroht worden war. Die nur widerwillig gegebene Antwort war 
nun die, daß der Knabe allerdings jetzt (im Alter von fünf Jahren) gern 
mit dem Gliede spiele, dafür oft auch Strafen bekomme, es sei auch 
„nicht unmöglich", daß ihm einmal jemand „scherzweise" mit dem Ab- 
schneiden gedroht habe, auch sei es richtig, daß Ärpad schon seit „längerer 

Zeiisohr. f. &rztl. PsychoanalyBe. • ^^ 

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242 ^' S. Ferenczi. 

Zeit^ diese üble Gewohnheit habe, ob er das aber auch schon in jenem 
Latenzjahr gehabt habe oder nicht, wisse man nicht mehr. 

Aus dem Weiteren wird sich nun ergeben, daß Arpäd diese Drohung 
später tatsächlich nicht erspart geblieben ist, so daß man befugt ist, an 
der Wahrscheinlichkeit der Annahme festzuhalten, daß die inzwischen 
erfahrene Drohung es war, die das Kind beim Wiedersehen der Statte 
des ersten, gleichfalls das Heil seines Gliedes gefährdenden schrecklichen 
Erlebnisses so ungeheuer erregt hatte. Natürlich ist auch eine zweite 
Möglichkeit nicht auszuschließen, die nämlich, daß auch schon jener 
erste Schreck infolge einer noch früher gefallenen Kastrationsdrohung so 
übertrieben ausfiel und die Erregung beim Wiedersehen des Geflügel- 
hauses der inzwischen erfolgten Libidosteigerung zuzuschreiben ist. Leider 
ließen sich diese Zeitverhältnisse nicht mehr rekonsturieren und wir 
müssen uns daher mit der Wahrscheinlichkeit des ursächlichen Zu- 
sammenhanges zufrieden geben. 

Die persönliche Untersuchung des Knaben ergab nichts Auffalliges 
oder Abnormes. Sofort beim Betreten meines Zimmers lenkte aus der 
großen Anzahl von Bibelots, die herumliegen, gerade ein kleiner bronzener 
Auerhahn seine Aufmerksamkeif auf sich; er brachte ihn zu mir und 
frug „willst du ihn mir geben?''. Ich gab ihm Papier und Bleistift, womit 
er sofort (nicht ungeschickt) einen Hahn zeichnete. Dann ließ ich mir 
von ihm die Geschichte mit dem Hahn erzählen. Aber er war schon 
gelangweilt und wollte zu seinen Spielsachen zurück. Die direkte psycho- 
analytische Untersuchung war also nicht möglich und ich mußte mich 
darauf beschränken, durch die Dame, die sich für den Fall interessierte 
und die als Nachbarin und Bekannte der Familie den Kleinen stunden- 
lang beobachten konnte, seine merkwürdigen Sprüche und sein Gebaren 
notieren zu lassen. Soviel konnte ich aber doch selbst feststellen, daß 
Ärpäd geistig sehr rege und auch nicht unbegabt ist; allerdings ist 
sein geistiges Interesse und seine Begabung eigentümlich um das gefiederte 
Volk des Hühnerhofes zentriert. Er gackert und kräht meisterhaft. In 
aller früh weckt er die Familie — ein richtiger Cbanteclair — mit einem 
kräftigen Krähen. Er ist musikalisch, singt aber immer nur Volkslieder, 
in denen Hahn, Huhn oder Verwandtes vorkommt, besonders liebt er 
das Lied: 

„Nach Debreczen muß ich laufen, 
Einen Truthahn dort zu kaufen", 

dtmn die Lieder: „Hühnchen, Hühnchen, komm, komm, komm!" und 



„Unterm Fenster sind zwei Küchlein, 
Zwei kleine Hähne und ein Huhn*^. 



Er kann auch — wie erwähnt — zeichnen, aber er zeichnet ausschUeß- 
lieh Vögel mit großen Schnäbeln, die allerdings mit großem Geschicke 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Ein kleiner Hahnemann. 243 

Man sieht so die Richtungen, in denen er sein pathologisch starkes 
Interesse für diese Tiere zu sublimieren sucht. Die Eltern mußten 
sich schließlich mit seinen Liebhabereien abfinden, da sie sahen, daß 
Verbote nichts fruchten und ließen sich herbei, ihm als Spielzeug ver- 
schiedene Vögel aus unzerbrechlichem Material zu kaufen, mit denen er 
allerhand Phantasiespiele aufführt. 

Im allgemeinen ist Ärpad ein lustiger Bursche, aber wenn er an- 
gefahren oder geschlagen wird, sehr trotzig. Er weint fast nie, bittet nie 
um Verzeihung. Nebst diesen Charaktereigenschaften sind aber bei ihm 
Spuren echt neurotischer Züge unkennbar ; er ist schreckhaft, träumt viel 
(von Geflügel natürlich) und schläft oft unruhig. (Pavor nocturnus?) 

Die merkwürdigen Sprüche und Taten Ärpäds, die von meiner 
Gewährsmännin notiert wurden, zeugen zumeist von ungewöhnlicher Lust 
am Phantasieren über grausames Quälen von Federvieh. Sein typisches 
Spiel, die Nachahmung des Hühnerschlachtens, erwähnte ich bereits; 
hinzufügen muß ich noch, daß er auch in seinen ,, Geflügelträumen ^ 
meist „krepierte" Hühner und Hähne sieht. Von seinen charakteristischen 
Sprüchen will ich hier einige wortgetreu übersetzen: 

„Ich möchte", sagte er einmal unvermittelt, „einen lebenden ge- 
rupften Hahn haben. Er soll keine Flügel, keine Federn, keinen 
Schwanz haben, nur einen Kamm und er soll gehen können." 

Er spielt in der Küche mit einem soeben von der Köchin ge- 
schlachteten Huhn. Auf einmal geht er ins Nachbarzimmer, holt aus der 
Schublade des Toilettespiegels das Brenneisen und ruft: „Jetzt steche 
ichdieblindenAugen dieses krepierten Huhnes aus". Das Schlachten 
des Federviehs ist ihm überhaupt ein Fest. Er ist im stände stunden- 
lang um die Tierleichen hochgradig erregt herumzutanzen. 

Jemand fragt ihn, auf das geschlachtete Huhn zeigend : „Möchtest 
du, daß es wieder erwacht." „Zum Teufel möcht' ich's, ich schlug' es 
sofort selbst nieder." 

Oft spielt er mit Kartoffeln oder Rüben (die er für Hühner erklärt), 
indem er sie mit einem Messer in kleine Stücke schnitzelt. Einen Topf, 
auf dem Hühner gemalt sind, will er um jeden Preis zu Boden werfen. 
Seine Affektregungen dem Geflügel gegenüber sind aber durchaus 
nicht einfach gehässig und grausam, sondern deutlich ambivalent. 
Sehr häufig küßt und streichelt er das geschlachtete Vieh oder er „füttert" 
seine hölzerne Gans mit Mais, wie er das von der Köchin gesehen hat; 
er gackert und piepst dazu ununterbrochen. Einmal warf er seine un- 
zerstörbare Puppe (ein Huhn) aus Wut darüber, daß er sie nicht zer- 
reißen konnte, in den Ofen, holte es aber sofort wieder heraus, reinigte 
und liebkoste es. Den Tierfiguren seines Bilderbuches erging es aber 
schlimmer, er zerriß sie in Stücke, konnte sie dann natürlich nicht 
wiederbeleben, was ihn sehr betrübte. 

16» 



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244 ^^' S- Ferenczi. 

Kämen solche Symptome bei einem erwachsenen Geisteskranken 
zur Beobachtung, so würde der Psychoanalytiker nicht zögern, das über- 
mäßige Lieben und Hassen des Geflügels im Sinne einer Übertragung 
unbewußter Affekte zu deuten, die eigentlich Menschen, wahrscheinlich 
nahen Angehörigen gelten, aber verdrängt sind und sich nur in dieser 
verschobenen, entstellten Weise manifestieren können. 

Er würde ferner das Rupfen- und Blendenwollen der Tiere 
als Symbole von Kastratio nsabsichten deuten und den ganzen 
Symptomkomplex als Reaktion auf die Angst auffassen, die dem Kranken 
die Idee der eigenen Kastration einflößt. Die ambivalente Einstellung 
würde dann im Analytiker den Verdacht erwecken, daß im Seelenleben 
des Kranken einander widersprechende Gefühle sich die Wage halten; 
auf Grund zahlreicher Erfahrungstatsachen müßte er vermuten, daß 
diese Ambivalenz wahrscheinlich dem Vater gilt, der — obzwar sonst 
geehrt und geliebt — wegen der sexuellen Einschränkungen, die er 
streng anbefiehlt, gleichzeitig auch gehaßt werden muß. Mit einem Worte, 
die analytische Deutung würde lauten: der Hahn bedeutet im Symptom- 
komplex den Vater. ^) 

Im Falle des kleinen Ä r p ä d können wir uns die Mühe der Deutung 
ersparen. Die Verdrängungsarbeit vermochte bei ihm die wirkliche Bedeutung 
seiner Sonderbarkeiten noch nicht ganz zu verdecken ; das Ursprüngliche, 
das Verdrängte schimmert noch in seinen Reden durch, ja es kommt 
zeitweise mit verblüffender Offenheit und Roheit klar zum Vorschein. 

Seine Grausamkeit äußert sich oft auch Menschen gegenüber, und 
zwar richtet sie sich auffällig oft gegen die Genitalregion Erwachsener. 

„Ich haue eins auf Ihren Dreck (sie !), auf Ihren Popo," sagte er gern 
einem etwas älteren Jungen. 

^Ich schneide Ihnen die Mitte aus,'^ sagte er einmal noch viel 
deutlicher. 

Die Idee der Blendung beschäftigt ihn nicht selten. „Kann man 
einen mit Feuer oder mit Wasser blind machen?" fragt er einmal die 
Nachbarin. 

(Auch beim Geflügel interessieren ihn die Genitalien auffällig. Bei 
jedem Huhn, das geschlachtet wird, muß man ihm über das Geschlecht 
— ob Hahn, Henne oder Kapaun — Aufklärung geben.) 

Er läuft zum Bette eines erwachsenen Mädchens und ruft: „Ich 
schneide dir den Kopf ab, lege ihn auf deinen Bauch und esse ihn 
auf." 



^) In einer sehr großen Zahl von Traum- und Neurosenanalysen entdeckt man 
hmter einer Tierfigur die Gestalt des Vaters. Siehe Freud, Analyse der Phobie eines 
fünfjährigen Knaben Jahrbuch für Psychoanalyse, I. Bd., S. 1) und .M&rchenstoffe 
in Trftumen" (diese Zeitschrift, Heft 2). — Einer mündlichen Mitteilung Freuds 
entnehme ich, daB eine seiner nächsten Arbeiten in der „Imago" (Übereinstimmungen 
etc.) diese Identität zur Aufklärung des Totemismus verwerten wird. 



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Ein kleiner Hahnemann. 245 

Einmal sagt er ganz plötzlich: „Ich möchte eine eingemachte 
Mutter essen (per analogiam : eingemachtes Huhn) ; man müßte meine 
Mutter in einen Topf tun und kochen, dann wäre eine eingemachte 
Mutter und die könnt' ich essen." (Er grunzt und tanzt dazu.) ^Ich 
würde ihr den Kopf abschneiden und so essen." (Er macht dazu Be- 
wegungen, als äße er etwas mit Messer und Gabel.) 

Nach solchen kannibalischen Wunschregungen bekommt er aber 
sofort gegensätzliche, gleichsam reuige Anwandlungen, wo er masochistisch 
nach grausamen Strafen lechzt. „Ich will verbrennen," ruft er dann: 
„Brechen Sie mir einen Fuß ab und legen Sie ihn aufs Feuer." 

„Ich schneide mir den Kopf auf. Ich möchte mir den Mund auf- 
schneiden, damit ich keinen habe." 

Doch damit ja kein Zweifel daran möglich ist, daß er unter Hahn, 
Huhn, Küchlein die eigene Familie versteht, sagt er einmal unver- 
mittelt: „Mein Vater ist der Hahn!" ein anderes Mal: „Jetzt 
bin ich klein, jetzt bin ich ein Küchlein. Wenn ich größer 
werde, bin ich ein Huhn. Wenn ich noch größer werde, 
bin ich ein Hahn. Wenn ich am größten werde, bin ich 
ein Kutscher". (Der Kutscher, der den Wagen lenkt, scheint ihm 
noch mehr zu imponieren, als der Vater.) 

Nach diesem selbständigen und unbeeinflußten Geständnis des Jungen 
haben wir etwas mehr Verständnis für die ungeheure Erregung, mit der 
er seinerzeit das Treiben im Hühnerhof zu beobachten nicht müde wurde. 
Alle Geheimnisse der eigenen Familie, über die ihm zu Hause jede Aus- 
kunft vorenthalten ward, konnte er im Geflügelhaus bequem beobachten ; 
die „hilfreichen Tiere" zeigten ihm un verhüllt alles, was er nur sehen 
wollte, insbesondere auch das stets rege Sexualtreiben zwischen Hahn und 
Henne, das Eierlegen und das Herauskriechen der jungen Brut. (Die 
Wohnungsverhältnisse bei den Eltern des Ärpäd sind derart, daß der 
Kleine ganz unzweifelhaft auch zu Hause Ohrenzeuge von ähnlichen 
Vorgängen gewesen ist. Die so geweckte Neugierde mußte er dann 
durch das unersättUche Anschauen der Tiere befriedigen.) 

Auch die letzte Bestätigung meiner Annahme, daß die krankhafte 
Angst vor dem Hahn in letzter Linie auf Kastrationsbedrohung wegen 
Onanie zurückzuführen ist, blieb uns Arpad nicht schuldig. 

Eines Morgens fragt er die Nachbarin : „Sagen Sie, warum sterben 
die Menschen?" (Antwort: weil sie alt und müde werden.) „Hm! Also 
meine Großmutter war auch alt? Nein! Die war nicht alt und doch ist 
sie gestorben. 0, wenn es einen Gott gibt, warum läßt er mich immer 
fallen. (Er meint: stolpern, hinstürzen.) Und warum macht er so, daß 
die Menschen sterben sollen?" Dann beginnt er sich für Engel und 
Seelen zu interessieren, worauf ihm die Erklärung gegeben wird, daß das 
nur Märchen sind. Da wird er ganz starr vor Schreck und sagt: 



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246 Dr. S. Ferenczi. 

„Nein! nicht wahr! Es gibt Engel. Ich habe einen gesehen, der die 
toten Kinder in den Himmel trägt." Dann fragt er entsetzt: „Warum 
sterben die Kinder?" ^Wie lange kann man leben?" Es gelingt nur 
schwer, ihn zu beruhigen. 

Es stellt sich dann heraus, daß am selben Tage frühmorgens das 
Stubenmädchen plötzlich seine Bettdecke aufhob und sah, daß er am 
Gliede manipuliert, worauf sie ihn mit Gliedabschneiden bedrohte. — Die 
Nachbarin sucht ihn zu beruhigen und sagt ihm, man werde ihm nicht 
wehtun. So was mache ja auch jedes andere Kind. Daraufhin schreit 
Arpad entrüstet: „Es ist nicht wahr! Nicht jedes Kind! Mein Papa 
hat nie so was gemach t.*^ 

Nun verstehen wir besser seine unstillbare Wut dem Hahn gegen- 
über, der mit seinem Gliede dasselbe tun wollte, womit ihn die „Großen" 
bedrohten und die Hochachtung vor diesem Sexualtier, der all das zu 
tun wagt, wovor ihm eine so heillose Angst eingejagt wurde; wir ver- 
stehen auch die grausamen Strafen, die er sich (wegen der Onanie und 
der sadistischen Phantasien) zuerkennt. 

Gleichsam um das Bild zu vervollständigen, beginnt er sich in 
letzterer Zeit mit religiösen Gedanken viel zu beschäftigen. Alte bärtige 
Juden flößen ihm große, mit Angst gemischte Achtung ein. Er bittet die 
Mutter, sie solle diese Bettler in die Wohnung hereinrufen. Kommt aber 
einer wirklich, so versteckt er sich und beobachtet ihn aus respekt- 
voller Ferne ; als so einer wegging, ließ er den Kopf hängen und sagte : 
„Jetzt bin ich ein Bettlerhuhn." Die alten Juden interessieren ihn, wie 
er sagt, weil sie „von Gott" (aus dem Tempel) kommen. 

Zum Schluß sei noch eine Äußerung Ärpäds wiedergegeben, die 
zeigt, daß er nicht umsonst so lange dem Treiben des Hühnervolkes 
zugeschaut hat. Er sagte einmal allen Ernstes zur Nachbarin : „Ich 
werde Sie heiraten und Ihre Schwester und meine drei Cousinen und 
die Köchin, nein, statt der Köchin lieber die Mutter." 

Er will also wirklich ein „Hahn im Korbe ** werden. 



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Mitteilungen. 

I. 

Klinische Beiträge. 

1. 

Eine Deckerinnerung, betreffend ein Eindheitserlebnis von 
scheinbar ätiologischer Bedeutnng. 

Von Dr. Karl Abraham, Berlin. 

Die nachfolgende kasuistische Mitteilung entstammt einem Krankheits- 
fälle, den ich äußerer Gründe halber nur sehr kurze Zeit beobachten und 
daher nicht lege artis analysieren konnte. Die Analyse einer Deckerinnerung 
des Patienten trägt daher einen fragmentarischen Charakter; denn in den 
wenigen Sitzungen konnten nicht alle Zusammenhänge durch die vom Patienten 
gebrachten Einfälle geklärt werden. An einigen Stellen mußte ich Zusammen- 
hänge — die freilich dem psychoanalytisch Erfahrenen ohne weiteres durch- 
sichtig sind — durch eigene Kombination herstellen ; ich werde ausdrücklich 
«rw ahnen, wo ich derartige Ergänzungen vorgenommen habe. 

Der 47jährige Patient klagte über einen seit seiner Jugend bestehenden 
Zwang, alle Gegenstände in minutiöser Weise zu betrachten und zu unter- 
suchen, speziell aber die Rückseite jedes Gegenstandes seinen Augen zugänglich 
zu machen. Hatte er einen Gegenstand genau betrachtet, so mußte er des 
weiteren über dessen Herkunft oder Entstehung grübeln. Ferner bestand — 
ebenfalls seit der Kindheit — ein Zwang zum Beten sowie zum Grübeln über 
rehgiöse Fragen. Diese Zwangserscheinungen waren von solcher Heftigkeit, daß 
der Kranke an jedem Gegenstand sozusagen hängen blieb. Er konnte nicht 
mehr in seinem Beruf tätig sein und schließlich nicht einmal mehr vom Hause 
fortgehen, weil jeder Gegenstand auf der Straße ihn auf lange Zeit festhielt. 
Er bedurfte der ständigen Begleitung seiner Frau, die ihn vorwärts ziehen 
mußte, damit er nicht grübelnd und Selbstgespräche führend bei dem ersten, 
seinem Blicke begegnenden Objekt für unbestimmte Zeit verweilte. Als Bei- 
spiel diene sein Verhalten bei Gelegenheit seines ersten Erscheinens in meiner 
Sprechstunde. 

Vor dem Hause, in welchem ich damals wohnte, befand sich ein Vor- 
garten, an dessen Gitter mein Namensschild angebracht war. Der Patient be- 
gnügte sich nicht damit, die Aufschrift zu lesen, sondern beleuchtete, nachdem 
er in den Vorgarten eingetreten war, mit Hilfe eines Zündhölzchens die Rück- 
seite des Schildes. Dann brachte er (nach der Schilderung seiner Frau) längere 
Zeit damit zu, laut vor sich hin sprechend über die Herstellung solcher Schilder 
nachzugrübeln. Als seine Frau ihn endlich bis in mein Sprechzimmer gebracht 
hatte, faßte er alsbald eine kleine Bronzefigur ins Auge, nahm sie vom Tisch, 



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248 Klinische Beiträge. 

drehte sie und betrachtete besonders eingehend die Rückseite des Körpers. 
Nnr mit Mühe ließ er sich dann von dem Yorstellangskreis, in den er hinein- 
geraten war, wieder ablenken. 

Erst in der zweiten Besprechung, bei welcher die Ehefrau nicht an- 
wesend war, wurde Patient mitteilsamer. Er brachte nun sogleich ein Erlebnis 
aus seiner Kindheit vor, das ihm in lebhaftester Erinnerung geblieben sei. Er 
erklärte spontan mit Bestimmtheit, daß von diesem Vorfall sein ganzes Leiden 
den Ausgang genommen habe. 

Mit sieben Jahren, so erzählte der Patient, ging er durch eine Straße 
in der Nähe der elterlichen Wohnung. Er kam an einem Hause vorüber, in 
dessen Keller sich ein kleiner Laden befand. Er bemerkte, daß die Inhaberin 
des Geschäftes sich mit anderen Personen stritt. Plötzlich sab er, wie sie 
ihrei^ Gegnern den Rücken zuwandte, ihre Röcke hob und ihnen das bloße 
Gesäß zeigte. Der Patient ging dann nach Hause und erzählte das Erlebte 
sogleich dem Dienstmädchen, einer ihm vertrauten älteren Person. Sie wies 
ihn zurecht : er sei sehr unanständig und hätte dergleichen nicht ansehen sollen ; 
jetzt werde ihn der Schutzmann holen. Der Patient schilderte nun lebhaft, wie 
er durch diese Worte ganz verängstigt worden sei; er sei „krank vor Angst** 
gewesen. Nun — fahr Patient fort — habe er zu seiner Beruhigung an- 
gefangen zu beten. Daraus sei bald ein Zwang geworden, dem er nicht wider- 
stehen konnte. Er mußte ungezähltemale beten, Gott solle ihn einen guten, 
großen, schönen, braven . . . usw. . . . Menschen werden lassen. Um ja nicht 
etwa ein Wort seiner immer länger werdenden Gebetsformeln auszulassen, 
schrieb er sich eine ganze Litanei auf einen Zettel, den er dann täglich 
vielmal herunterlas. 

Die mitgeteilte Reminiszenz bezog sich auf einen Vorgang, der auf den 
Schautrieb des Knaben einen starken Eindruck gemacht haben mochte. Die 
pathogene Bedeutung des Erlebnisses mußte dennoch von vornherein in Zweifel 
gezogen werden, obwohl der Patient aufs bestimmteste angab, daß sich Selbst- 
vorwürfe und zwangsmäßiges Beten unmittelbar an den Vorfall angeschlossen 
hätten. Äußerlich mußte schon auffallen, daß der Patient die Geschichte 
fließend und ohne jede Hemmung vortrug. Wir sind gewohnt, daß Reminiszenzen, 
mit welchen die Krankheit eng verwoben ist, erst nach Überwindung beträcht- 
licher Widerstände zur Kenntnis des Arztes gebracht werden. Der vom Kranken 
so bestimmt behauptete ursächliche Zusammenhang zwischen dem Erlebnis und 
der Zwangsneurose litt aber vor allem an innerer Unwahrscheinlicbkeit. Eine 
Drohung wie diejenige des Dienstmädchens in unserem Falle pflegt auf einen 
Knaben keinen solch erschütternden Eindruck zu machen. Von einem Knaben 
im achten Lebensjahr, der dem Mittelstand entstammt und in einem Hause 
aufwächst, in welchem neben der Familie Gesellen und Dienstboten leben, darf 
man als natürliche Reaktion erwarten, daß ein solches Erlebnis und die nach- 
folgende Drohung ihn eher belustigen oder doch gleichgültig lassen werden. 
Femer ist in keiner Weise ersichtlich, wie ein einmaliges, an sich gering- 
fügiges Vorkommnis eine so ungewöhnlich schwere, mit den Jahren an Umfang 
zunehmende Neurose hervorgerufen haben sollte. Somit war von vornherein 
anzunehmen, es liege eine Reminiszenz vor, die ihren „Gedächtniswert" von 
anderen — ins Unbewußte verdrängten — Erinnerungen entlehnt habe. Es 
mußte sich um eine sogenannte Deckerinnerung handeln.*) 

Bei weiterem Eingehen auf seine Kindheit versicherte der Patient, daß er als 
Knabe sonst keinerlei Erlebnisse von sexuellem Charakter gehabt habe. Er betonte 



^) Vgl. Freud, Über Deckerinnerungen. Monatsschrift für Psychiatrie, Bd. 6, 1899. 



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Dr. Karl Abraham : Ein ELindheitserlebnis von scheinbar ätiolog. Bedeutnng. 249 

mit besonderem Nachdruck, er und seine Geschwister seien „sehr sittlich er^ 
zogen worden". Speziell sei auch nie etwas mit den Dienstboten vorgefallen. 
Eei einem genaueren Bericht über die Verhältnisse im Eltemhause kam auch 
die Frage zur Sprache, mit welchen Personen der Patient als Knabe das 
Schlafzimmer geteilt hatte. Hier machte sich bei dem Patienten eine Unsicher- 
heit bemerkbar. Er berichtete dann, er habe eine Zeit lang im gleichen Zimmer 
wie seine Schwestern geschlafen; doch sei auch dort niemals etwas vorgefallen. 
Hier setzte deutlicher Widerstand ein. Dann folgte als nächster Einfall die 
Erinnerung, er habe als Knabe der älteren Schwester einmal den Nacken 
klopfen müssen, weil sie dort Schmerzen oder sonst etwas hatte. ^) Dann 
tauchte eine andere Situation in seiner Erinnerung auf. Die Amme, welche 
ihn genährt hatte, „eine schöne Person", sei nach seiner Entwöhnung im Hause 
seiner Eltern geblieben. Aus seinem fünften Lebensjahr erinnere er sich, im 
gleichen Bett mit der Amme geschlafen zu haben. Wieder folgte die stereo- 
type Versicherung, „da sei auch nichts vorgekommen." Gleich darauf zwang 
ein Einfall ihn, sich zu korrigieren: er habe sich immer so gern mit dem 
Leib an den Körper der Amme, besonders gegen ihr Gesäß gelegt. Es falle 
ihm nun wieder ein, daß er manchmal ihr Hemd hin aufgestreift habe, um 
jenen Körperteil unmittelbar zu berühren.^) 

Endlich schloß sich eine weitere Reminiszenz an. Der Patient berichtete, 
er sei mit etwa sieben Jahren einmal krank gewesen. Damals habe die Mutter 
ihn zu sich ins Bett genommen. Bei solcher Gelegenheit habe er das Hemd 
der Mutter gern hinauf gesti'eift. Die früheren Vorgänge bei der Amme fanden 
hierin ihre Fortsetzung. 

Die soeben mitgeteilte Reminiszenz verlegte der Patient in das gleiche 
Lebensalter wie die zuerst beschriebene Szene. 

Diese fragmentarischen Angaben gestatten uns zwar keineswegs, uns ein 
vollständiges Bild von der Entstehung des Krankheitszustandes zu machen. 
Inojnerhin lassen sie uns in der Kindheit des Patienten diejenigen Phänomene 
des Trieblebens erkennen, von welchen nach Freud ^) die als Grübelsucht be- 
zeichnete Form der Zwangsneurose ihren Ausgang nimmt. Besonders sei auf 
den stark betonten sexuellen Schautrieb verwiesen. Der Knabe begnügt sich 
jedoch nicht damit, zu beschauen, was sich seinem Auge zufällig darbietet, 
sondern er sucht die ihn reizende Körperpartie aktiv zu entblößen. 

Soweit sich die Erinnerung in wenigen Sitzungen wiedererwecken ließ, 
hatte er entsprechende Handlungen mit vier Jahren bei der Amme, mit sieben 
Jahren bei der Mutter vorgenommen. Diese Reminiszenzen tauchten freilich 
erst allmählich auf, während der Patient eine andere Szene aus seiner Kind- 
heit viel detaillierter wiedergegeben und sie in offenbar tendenziöser Weise 
von Anfang an in den Vordergrund gerückt hatte. 

Es ist nicht zu kühn, den folgenden Hergang zu vormuten. Der Knabe 
hatte seinen übermächtigen Schautrieb an seiner Mutter befriedigt. Der- 



^) Dieser Einfall deckt offenbar anderes, verdrängtes Material. Es war leider 
nicht möglich, die Spur weiter zu verfolgen. Es mag darum nur darauf hingewiesen 
werden, daß Nacken und Hinterkopf m den neurotischen Phantasiegebilden nicht 
selten das Gesäß vertreten. (Verlegung nach oben.) Vgl. hiezu: Sadger, Die sexual- 
symbolische Verwertung des Kopfschmerzes. Zentralblatt f. Psychoanalyse, Bd. H, 1912. 

*) Feststehende psychoanalytische Erfahrungen berechtigen uns zu der ergänzenden 
Annahme, das Gesäß der Aname habe für die Sexualität des Patienten erst sekundär 
die Bedeutung gewonnen, welche primär ihren Brüsten zukam. Doch drang die 
Analyse nicht bis zum Nachweis dieses Herganges vor. 

^) Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose. Jahrbuch f. psychoanalyt. 
Forschungen, Bd. I. 



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250 Klinische Beitr&ge. 

artige Handlangen von inzestuösem Charakter pflegen, wie die Psychoanalyse 
der Zwangsneurose uns gelehrt hat, zu den schwersten Selbstvorwttrfen und 
weiterhin zu komplizierten Sühneaktionen zu führen. Unser Patient litt in 
hohem Maße unter Selbstvorwürfen, die er jedoch mit einer relativ sehr harm- 
losen Szene in ursächlichen Zusammenhang brachte. Hier liegt eine offen- 
sichtliche Verschiebung vor, deren Motive unschwer zu erkennen sind. 
Der Mutter war der Patient aktiv zu nahe getreten; der Szene in dem 
Kellerladen hatte er dagegen ohne Vorwissen als unfreiwilliger Zu- 
schauer beigewohnt. Er verdrängt die erste Tatsache ins Unbewußte und 
be&eit sich auf diesem Wege von der für ihn peinlichsten Erinnerung. Da- 
gegen behält er ein weit harmloseres Erlebnis mit größter Schärfe im Ge- 
dächtnis und verknüpft mit ihm den schweren Vorwurfsaffekt. Der Gewinn, 
der für den Patienten aus diesem Vorgang entspringt, braucht wohl nicht 
weiter hervorgehoben zu werden. Mit welcher Intensität der Patient die eigent- 
lich quälende Erinnerung von seinem Bewußtsein abgedrängt hatte, geht daraus 
hervor, daß ihm durch viele Jahre zwar oft die Kellerladen-Szene lebhaft vor 
Augen trat, daß dagegen die wichtigeren Vorkommnisse aus seiner Kindheit 
zum erstenmal in den Tagen der Psychoanalyse wieder auftauchten. 

Der äußere Anstoß zu dem angenommenen Verschiebungsvorgang ist uns 
nicht unbekannt. Als der Knabe der Dienstmagd von seinem Erlebnis erzählte, 
schalt sie ihn wegen seiner Unanständigkeit und malte ihm aus, welche Folgen 
sein Verhalten haben werde. Diese Worte können nur dadurch so stark auf 
den Knaben gewirkt haben, daß sie in ihm plötzlich den Gedanken wadi- 
riefen, er habe ja weit Schlimmeres begangen. An diese plötzliche Erkenntnis 
konnten sich unmittelbar die Selbstvorwürfe, das zwangsmäßige Beten usw. 
anschließen; dem Anschein nach waren sie freilich die Folge der belanglosen 
Kellerladenszene. 

Diese stellt sich somit als eine Deckeriunerung heraus, welche bis 
ins Kleinste der von Freud im Jahre 1899 gegebenen Definition entspricht. 
Nach Freud sind Deckerinnerungen solche Reminiszenzen, denen trotz ihres 
gleichgültigen Inhalts ein großer Gedächtniswert zukommt. Sie verdanken diesen 
Gedächtniswert jedoch nicht ihrem eigenen Inhalt, sondern seinen Beziehungen 
zu einem anderen, verdrängten Inhalt. Die Deckerinnerung ist etwa ein los- 
gerissenes Stück einer wichtigen Erinnerung oder sie vertritt symbolisch eine 
solche. 

Hinter der harmlosen Kindheitsszene suchen sich — wie Freud weiter 
ausführt — Vorstellungen von peinlichem Inhalte zu verbergen, die im aktuellen 
Leben des Neurotikers eine Rolle spielen. Es kann keinem Zweifel unter- 
liegen, daß der Patient auch zur Zeit unserer Beobachtung noch ganz vod 
seinem auf die „Rückseite^ gerichteten Schautrieb beherrscht wurde. Die 
hiedurch bedingten Selbstvorwürfe fanden eine teilweise Ablenkung (Ver- 
schiebung) auf jenes scheinbar pathogene Kindheitserlebnis. 

Die der Kellerladenszene gegebene Deutung als Deckerinnerung erfährt 
aus anderer Quelle noch eine erwähnenswerte Betätigung. 

Der Patient lieferte nämlich noch weitere, besonders auf das Pubertftts- 
alter und die nachfolgenden Jahre bezügliche Erinnerungen. Er kam dabei 
auf eine Zeit, in welcher die seit der Kindheit bestehenden Krankheits- 
erscheinungen sich außerordentlich verschlimmert hatten. Diesem neuen Krank- 
heitsschub war, wie sich herausstellte, ein sexuelles Erlebnis vorausgegangen, 
das dem ausführlich analysierten auffallend ähnelte. Der Patient berichtete: 
Als er achtzehn Jahre alt war, sei seine Mutter einmal des Nachts zu irgend 
einem Zweck durch sein Schlafzimmer gegangen. Dabei habe sie ihn wohl 



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Dr. Eduard Hitschmann : Paranoia, Homosexualität und Analerotik. 251 

für schlafend gehalten. Er habe aber gesehen, wie sie hinten ihr Hemd auf- 
hob, so daß ihr Gesäß entblößt war. 

Bemerkenswert ist auch an diesem Vorgang, daß der Patient seiner 
Schildemng nach wiederum nur der unfreiwillige Zuschauer war, während eine 
Frau sich selbst entblößte. Man darf vermuten, daß der Schautrieb des 
Patienten um jene Zeit besonders rege war und sich in inzestuöser Richtung 
bewegte. Ob der Kranke damals irgend eine entsprechende Handlung beging, 
liefi sich nicht feststellen. Es liegt aber wohl auf der Hand, daß die an seinen 
inzestuösen Triebregungen haftenden Selbstvorwtirfe auf die geschilderte nächt- 
liche Szene verschoben wurden. Demnach läge auch hier eine Deckerinnerung vor. 

Freilich nötigt uns die vom Patienten gegebene Darstellung zu einem 
kritischen Einwand. Sie erweckt den Eindruck tendenziöser Bearbeitung. Es 
ist nicht recht ersichtlich, warum die Mutter des Patienten sich beim Durch- 
schreiten seines Zimmers in der beschriebenen Weise entblößt haben sollte. 
Der wirkliche Sachverhalt ist natürlich nicht feststellbar. Ohne Zweifel aber 
war das Verlangen des Patienten, die Mutter entblößt zu sehen, geeignet, 
seine Wahrnehmung in dem Augenblick zu verfälschen, als die Mutter nachts 
durch sein Zimmer ging. Vermutlich wähnte er dann, das zu sehen, was er 
zu sehen begehrte. In der irrtümlichen Wahrnehmung oder Erinnerung wäre 
also eine klare Wunscherfüllung enthalten. 

Die vorstehenden Ausführungen sollen einerseits einen Beitrag zur Psycho- 
logie der Erinnerungsstörungen liefern. Anderseits mögen sie den Praktiker 
daran erinnern, mit wie großer Skepsis er gerade denjenigen Angaben seiner 
Patienten gegenübertreten muß, welche sich auf die Ätiologie der Neurose 
beziehen. Deckerinnerungen der geschilderten Art, die vom Patienten so eifrig 
in den Vordergrund geschoben werden, dienen stets zur Irreführung des Arztes, 
zur Ablenkung seiner Aufmerksamkeit von den tieferen seelischen Schichten. 



Paranoia, Homosexualität und Analerotik. 
Von Dr. Eduard UitschmanD. 

Ein 2ojähr. Bankbeamter, der seine Stellung im Ausland wegen angeblich 
andauernder Schikanierungen durch seine Bui-eaukollegen aufgeben mußte, er- 
schien in der Ordination und gab folgende Darstellung seines Zustandes : Er 
leide an einem Geruch aus dem After, den alle Kollegen im Bureau bemerkten, 
daher ihn verlachten, die Köpfe zusammensteckten ; wiederholt habe der 
eine oder andere gesagt: „Da stinkt es!" Er sei aus dieser fortwährenden 
Beunruhigung heraus in seine Heimatstadt geflüchtet, doch werde er auch hier, 
namentlich von solchen, die in jener ausländischen Stadt gewesen oder dort 
Beziehungen hatten, anzüglich gefragt; z. B. „ob er wegen Verdauungsstörungen 
zurückgekehrt sei" ? Er weiche diesen Leuten auf Schritt und Tritt aus. Da 
er sich dort durch eindringliches Fragen, ob er wirklich rieche und durch 
seine Aufforderung, an ihm zu riechen, den Vorwurf der Verrücktheit wieder- 
holt habe machen lassen müssen, nachdem er zahlreiche Ärzte konsultiert 
hätte, welche teils die Möglichkeit seiner Beschwerden leugneten, teils ihm 
aber skrupellos Mittel dagegen verordneten : sei er über sich selbst nicht ganz 
im klaren, ob denn der Arzt seine Beschwerden auch nur für eingebildet 
halte, denn er könne nicht davon ablassen und sei nach wie vor überzeugt 
von seinem üblen Geruch. 



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252 Klinische Beiträge. 

Über sein Vorleben gab Patient in der leider viel zu kurzen Zeit der 
Beobachtung folgende, hier historisch geordnete Daten an : £r war der jüngste 
von vielen Geschwistern, der Vater war bei des Patienten Geburt 48 Jahre 
alt. Patient war ein gesundes heiteres Kind, bis zum 15. Lebensjahre ein 
glücklicher Mensch, der in gutem Einvernehmen mit dem Vater lebte. Seit 
dem 15. Jahr aber sei ein Schatten über seinem Leben. Seit damals sei er 
immer verschlossen, mehr isoliert gewesen. Der Vater hatte ihm damals ohne 
zureichenden Grund das Studium eigenwillig verwehrt. Diese Enttäuschung 
könne Patient nicht überwinden, sein Beruf fülle ihn nicht aus; er wäre zu 
Besserem geboren gewesen. Er war dann absichtlich faul und schlimm in den 
Schulen, ließ sich aus Trotz gegen den Vater tadeln. Das Verhältnis zu 
diesem blieb bis zu dessen Tode schlecht; böse Wünsche erfüllten den Pa- 
tienten. Als Beamter erwies er sich ehrgeizig und voll Selbstgefühls. Da er 
weder an seinen Schwestern noch später an anderer weib- 
licher Gesellschaft je Vergnügen gefunden hatte, auch nicht am 
Tanzen, da er sich — gesellschaftlich nur bei Männern, unter seinesgleichen 
reüssierend — nie für Frauen interessierte oder Gegeninteresse fand, 
beschloß er, um rascher vorwärts zu kommen, ins Ausland zu gehen. In 
männlicher Gesellschaft war er immer sehr gern gesehen und geschätzt, 
namentlich beim Militär. In der Fremde verhielt er sich dann zurückhaltend, 
um seine ehrgeizigen Pläne besser durchsetzen zu können. 

Im September 1911 bis Februar 1912 hatte er in jener fremden Stadt 
intensive Arbeit in unterirdischen Kassenräumen in Gesellschaft von Kollegen 
zu leisten. Annäherung menschlicher Körper war ihm schon früher peinlich 
gewesen ; auch vermied er es immer, sich anderen Menschen mit dem Rücken 
zu nähern. Besonders wegen seiner seit dem 5. Lebensjahr bestehenden 
Schuppenflechte (Psoriasis) fühlte er sich beachtet und hatte öffentliche Bäder 
gemieden. Im Anschluß an diese Arbeit im geschlossenen Raum, in nahem 
BeisammenseinraitseinenKollegen, bemerkte er an sich Gerüche, z. B. 
einen „Bureaugeruch*. Machte er zu jener Zeit vom Bett aufstehend einen Besuch, 
so fürchtete er einen „Bettgeruch" mitzunehmen, den er anfangs auf Schweiß 
schob, da er unter der Hitze viel zu leiden hatte, und er begann sich zu parfü- 
mieren. Da er glaubte, eine übelriechende Prostituierte koitiert zu haben, 
kam ihm die Idee, ob nicht der Geruch von dieser stamme ; er suchte sie, 
um dies zu konstatieren, wieder auf, fand sie aber diesmal nicht übelriechend. 
(Frauenzimmer besucht er seit dem 19. Lebensjahr ; die erste Erfahrung brachte 
Ekel und Unfähigkeit. Zwei Jahre später akkommodierte er sich und befriedigte 
sich seither schlecht und recht ohne Animo, aus Gesundheitsrücksichten und „weil 
es dazu gehört".) — Patient hatte schon früher an Kongestionen gelitten ; diese 
wiederholten sich nun heftigst. Ein konsultierter ausländischer Arzt empfahl das 
Ansetzenvon Blutegel um den After an den Damm. Der Heilgehilfe 
setzte mehrere an, wobei Patient die Angst nicht los werden konnte, daß 
einer in den After schlüpfe. Zwei Tage lang blutete es etwas nach und ein 
Kitzel und Jucken in der Aftergegend verließ ihn nicht mehr. Die Wunsch- 
phantasie, eine Hämorrhoidalblutung möchte diese neuen Beschwerden heilen, 
verfolgte ihn. 

Etwa 14 Tage später — dem Patient ist das Datum der Blutegel genau 
in Erinnerung — , nachdem ein inspizierender Direktor stun- 
denlang knapp Körper an Körper an einem Schreibtisch 
mit ihm gearbeitet hatte, bemerkte Patient vom Abort zurück- 
kehrend, einen Geruch an sich, den er auf seinen After bezog und seit- 
dem nicht mehr los geworden ist. Schon merkte er, daß Bureaukollegen 



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Dr. Eduard Hitschmann : Paranoia, Homosexualit&t und Analerotik. 253 

hinter ihm lächelten, tuschelten und gelegentlich hieß es direkt: ^Hier 
stinkt es!'^ was er mangels anderer Gründe immer auf sich heziehen mußte. 
Die Beunruhigung und Beeinträchtigung nahm von Tag zu Tag zu; das fort- 
währende Beobachten irritierte den Patienten. Er lief von Arzt zu Arzt, um 
sein Leiden zu erklären oder heilen zu lassen. Er fragte diesen oder jenen 
vertrauten Kollegen, ob er einen Geruch ausstrahle, wobei sie ihn auslachten 
oder ihn verrückt erklärten. Namentlich ein engerer Konkurrentim Avancement, 
den Patient selbst rücksichtslos behandelt hatte, schien ihm der erste zu sein, 
der in dieser Weise Rache an ihm nahm. Patient ging etwa drei Monate 
später auf Urlaub in seine Heimat, wo ihm ein namhafter Nervenarzt eine 
Wasserkur empfahl, welche selbstverständlich wirkungslos blieb. An den Ort 
seiner Tätigkeit zurückgekehrt, nahmen seine Beachtungsideen und seine 
Stinkhalluzinationen zu. Er visitierte abends die Flecken auf seiner Unterhose, 
wusch sich jedesmal nach der Defökation zehn Minuten lang den After, 
wechselte täglich Wäsche, Schuhe und Anzug, kurz zeigte eine übertriebene 
Reinlichkeit. Da er die Reaktion seiner Umgebung, insbesondere die Be- 
merkung : „Hier stinkt es", auch dann wahrnahm, wenn sein eigener Geruch 
zu fehlen schien oder von einem dritten geleugnet wurde, nahm er zu folgen- 
der Erklärung seine Zuflucht: Sein intensives heimliches Denken an den 
Geruch übertrage er durch unwillkürliche Suggestion auf andere, welche da- 
durch den Geruch wahrnehmen. Er glaubte zu bemerken, daß sich alle 
Leute in seiner Umgebung seinetwegen parfümierten. Die systematische Ver- 
spottung durch die Bureaukollegen, die sichtlich untereinander konspirierten, 
seine Unruhe, seine Kongestionen — der Schlaf war nicht gestört, — veranlaßten 
ihn wieder die Flucht nach Hause zu ergreifen, wo er aber gleichfalls keine 
Ruhe findet; von ganz fremden Menschen, z. B. im Theater merkt er, daß sie 
seinen üblen Geruch wahrnehmen und sagen : „Entsetzlich, hier stinkt es" ; 
neulich waren es zwei Damen, die neben ihm im Theater saßen und, als sie 
den Geruch wahrnahmen, noch vor der Vorstellung weggingen. Seine De- 
pression über den Zusammenbruch seines Lebenszieles, das Leiden unter der 
Geruchshalluzination und ihren Folgen, sowie ein konstanter Afterkitzel nebst 
Verschlimmerung der Psoriasis und frischer Gonorrhoe untergraben seine 
Gemütsruhe. 

Der geschilderte Fall läßt wohl keinen Zweifel an der Diagnose Paranoia 
(Dementia paranoides) zu. Es ist ein Frühstadium mit körperlichen und 
hypochondrischen Symptomen. Hervorzuheben wären die Spuren von Bezie- 
hungen zur Zwangsneurose : eine Art Waschzwang, wie er auch schon mehrere Jahre 
vorher bestanden haben soll, und die Theorie der Gedankenübertragung einer 
Geruchswahmehmung, also eine Benützung der Allmacht der Gedanken. Das 
Wichtigste scheint die Beziehung zur Analerotik, da das Blutegeltrauma das 
eigentlich auslösende Moment für den Beginn der Paranoia gewesen zu sein 
scheint. Ferenczi hat diese Beziehung beschrieben^), u. zw. im Anschluß an 
Freuds Aufdeckung der Rolle, welche die mittels Projektion abgewehrte 
Homosexualität in der Pathogenese der Paranoia spielt. Auch in Ferenczi s 
Fall handelt es sich um Auslösung der Krankheit durch eine schmerzhaft 
blutige, mit einem als Penissymbol wirkenden Instrument vollzogene Verletzung 
des Afters (Operation einer Mastdarmfistel). Sehr richtig bemerkt Ferenczi 
für seinen Fall, daß „die Manipulation von Männern am Mastdarm die bis- 
lang latent gewesenen oder sublimierten homosexuellen Neigungen des Pa- 
tienten durch Wiederbelebung kindlicher Erinnerungen entfacht haben konnten". 
In seinem Falle konnte Ferenczi die Tatsächlichkeit der infantilen Perversion 



») Zentralblatt f. Psa., I, 1911, S. 557 ff. 



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254 Klinische Beiträge. 

nachweisen. Der Zusammenhang zwischen Analerotik und HomosexnaliUlt 
liegt ja auf der Hand. Daß der Analgeruch zunächst an Flatus denken läfit, 
daß ihre Distanzwirkung zur paranoischen Verwertung geeignet ist, ist selbst- 
verständlich. Wie groß die Bedeutung des Flatuskomplexes werden kann, bat 
Jones bei seinem Zwangskranken ^), der nicht ohne paranoide Zeichen ist, 
bewiesen. 



Heilung eines hysterischen Symptoms mittels SelbstanaJyse. 
Von Dr. Julius Friedland, Budapest. 

Patient — Schreiber dieser Zeilen — ist Mittelschullehrer, 31 Jahre 
alt, seit sechs Jahren verheiratet, kinderlos. Vater gesund, Mutter hysterisch, 
Patient selbst konstitutionell normal, abgesehen von einer Hypospadie, welche 
samt dem im allgemeinen nicht kräftigen Körperbau, Erbteil von Vaters 
Seite ist. Im Jünglingsalter führte er ein zurückgezogenes Gelehrtenleben 
und litt viel unter einem ausgeprägten Minderwertigkeitsgefühl, die ihrerseits 
wieder als Reaktion intensive geistige Beschäftigung auslöste. Etwa seit dem 
13. Jahre traten beim Patienten Krämpfe in der Bauchgegend auf, die er 
als Folgen der jugendlichen Selbstbefriedigung auslegte. 

Diese wurden auch ärztlich behandelt, doch ohne Erfolg, da die Ursache 
von keinem der Ärzte entdeckt wurde. Bloß einer von ihnen gab der Ver- 
mutung Ausdruck, daß die Krämpfe Onaniefolgen sein könnten, dies wurde 
aber vom verschämten Patienten energisch bestritten beziehungsweise abge- 
leugnet. 

Die Krämpfe waren von kurzer Dauer, aber sehr schmerzhaft, linderten 
sich, wenn er saß oder die Kauerstellung einnahm und schwanden schnell auf 
warme Umschläge. Ob schon damals oder später auch Diarrhoe den Krämpfen 
folgte, kann nicht mit Sicherheit erinnert werden. Die Regelmäßigkeit, mit 
der sich die Krämpfe auf Selbstbefriedigung einstellten, ließen beim Patienten 
die vorerwähnte ärztliche Vermutung zur Gewißheit steigern, was wieder zur 
energischen Entwöhnungsaktion führte, die auch durch einen anderen Umstand, 
die Objektfindung, erleichtert wurde. 

Patient war 15 Jahre alt, als er sich in ein Stubenmädchen verliebte, 
das im elterlichen Hause bedienstet war und auch ihrerseits zum jungen 
Studenten Zuneigung faßte. Dies führte bald zu einem regelrechten Ver- 
hältnis, dem aber die elterliche Sorgsamkeit große Hindernisse in den Weg 
legte. 

Da kamen ihm aber jene krampfhaften, mit Diarrhoe einhergehenden 
Zustände zu Hilfe. Bei Nacht simulierte Patient diese Schmerzen, um so 
aus dem eigenen Schlafzimmer durch das Gemach der Eltern ins Dienstboten- 
zimmer zu gelangen. Die Diarrhoe erwies sich als guter Vorwand zum 
Draußenbleiben auf die Dauer von etwa einer halben Stunde. 

Das Verhältnis wurde später mit einer anderen Bedienten in eben- 
solcher Weise fortgeführt. Echte Krämpfe kamen nicht wieder. 

Auf der Universität verliebte sich Patient in eine Kollegin, die er nach 
beendetem Studium, nach fünfjähriger Bekanntschaft, im 25. Lebensjahre 
heiratete. Das erste Jahr wurde in einem kleinen Dörfe im rauhen Norden 
verbracht, wo im Winter durchschnittlich — 15^ C Kälte herrschte. Hier 



*) Jahrb. f. psa. u. pp. Forsch. IV. Bd., S. 563. 



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Dr. Julius Friedland : Heilung eines hyster. Symptoms mittels Selbstanalyse. 255 

kam die erste große Bezidive des Anfalls nach einer Fahrt in die Nachbar- 
stadt : Magenkrämpfe von überans großer Intensität, welche stundenlang an- 
dauerten. Die Dauer der größten Intensität war aber nnr eine halbe Stunde. 
(Vide : die nächtlichen halbstündigen Abwesenheiten im Elternhaose.) Das 
Studium wurde aber eifrig fortgesetzt und Patient schrieb die Krämpfe seiner 
sitzenden Lebensweise zu, welche seiner Meinung nach den Magen schwächte 
und zur Erkältung disponierte. Im Studienjahre 1907 — 1908 wurde Patienten 
ein Staatsstipendium bewilligt, mit dem er seine Studien in Berlin fortsetzte. 
Nachdem die Mittel für die Frau nicht ausreichten, verbrachte er den Winter 
und den darauffolgenden Sommer in Berlin allein und lebte abstinent^ 
da er jeden anderen Lebenswandel für unsittlich hielt. Hier kamen aber die 
Krämpfe mit solcher Intensität, daß sie zeitweise das Aussetzen des Studiums 
zur Folge hatten. In tiefer seelischer Depression wandte sich Patient an 
einen berühmten Professor, auf dessen Klinik er eine Weile als Ambulant in 
Behandlung stand. Charakteristischerweise brach aber Patient vor Abschluß 
der eingeleiteten eingehenden mikroskopischen Untersuchung seiner Exkrete 
die Kur ab. 

Patient, von Haus aus grüblerisch veranlagt, wandte sich schon früh zur 
Philosophie. Nach dem Aufenthalte in Berlin beschäftigte er sich viel mit Psy- 
chologie. Zufällig wurde er mit den Werken der Freud sehen Schule bekannt. 
Von der klassischen, physiologischen Schule kommend, nahm er die Lehren 
Freuds mit großer Skepsis auf. 

Nach der Heimat zurückgekehrt, wurden die Krämpfe seltener, 
ohne daß sie gänzlich weggeblieben wären. Es stellten sich aber andere 
Symptome ein, von denen Patient schon vermutete, daß sie hysterische 
seien. Den Sommer des Jahres 1911 verbrachte er in einem kleinen Dorfe 
im Süden in tiefer seelischer Depression, gänzlich zurückgezogen. Tagelang 
hielt er sich allein im verfinsterten Zimmer auf, war sehr reizbar und mürrisch. 
Das Studium wurde gänzlich unterbrochen. Eines Tages stellten sich Hals- 
schmerzen ein, die Mandeln waren stark geschwollen. Nachts glaubte Patient 
ersticken zu müssen. Tags darauf wurde der Chefarzt eines Spitals aufgesucht, 
Patient traf ihn aber nicht zu Hause und fuhr unerledigter Sache ins Dorf 
zurück. Es stellte sich hysterische Salivation ein. Patient hatte fortwährend 
den Mund voll, was einige Tage lang andauerte. Die Halsschmerzen schwanden 
ohne jede Behandlung. Nächtlicherweise stellten sich aber wieder heftige 
Bauchkrämpfe ein, die durch heiße Umschläge nicht mehr gelindert werden 
konnten. Da Patient mehrere Ärzte erfolglos konsultierte, wollte er zu Opiaten 
greifen. Der Umstand aber, daß die Anfälle gewöhnlich des Nachts kamen 
und trotz der Behandlung nichts von ihrer Intensität verloren, endlich die 
eingehendere Beschäftigung mit der »Traumdeutung" ließen Patienten die 
Idee aufkommen, eine systematische Selbstanalyse vorzunehmen. Schrittweise, 
fortwährend mit seiner Skepsis und Yerdrängnngsneigung ringend, nahm 
Patient hauptsächlich aus der Analyse seiner Träume allmählich staunend 
wahr, daß eine ihm unbekannte seelische Welt in ihm existierte, sein „Unbe- 
wußtes", und daß er im Unbewußten eine ihm ganz fremde kleinbtlrgerlich- 
ethische Moralauffassung hatte, welche in krassem Widerspruche stand zu seiner 
doktrinär- philosophisch durchgearbeiteten freien Ethik und er erkannte, daß 
seine Handlungen nicht unter der Herrschaft seiner bewußten ethischen Auf- 
fassung standen, sondern unter einer unbewußten infantilen Zensur, welche 
die sich stark regenden sexuellen Wünsche, die den infantilen „polymorph 
perversen" Charakter zeigten, zurückdrängten. Die Krämpfe hielten indessen 
immer noch tagelang aU; hatten ihre größte Intensität immer noch bei Nacht. 



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256 Klinische Beiträge. 

Einmal stand Patient nachts auf, kleidete sich an und verbrachte die 
Nacht mit der Revision seiner infantilen Erinnerungen. Da kam er auf den 
Gedanken, daß seine geschwächte körperliche Konstitution nur die akzidentelle 
Ursache seiner Leiden sein kann und nur die Form der Krankheit bestimmte. 
Die Krämpfe aber sind vielleicht nur ein Mittel, um wieder zur Magd 
hinaus zu gelangen, seine polygamen Instinkte zu befriedigen ; in einer noch 
tieferen Schichte stellen sie den Wunsch nach der infantilen Selbstbefriedigung 
dar. Ohne auf die Analyse des Krankheitszustandes näher einzugehen, die ja 
nichts Außergewöhnliches heraus brachte, erwähne ich nur noch, daß seit 
der Nacht dieser Entdeckung die Krämpfe sofort wegblieben 
und nunmehr seit einem halben Jahre nicht ein einzigesmal 
wiederkamen. 

4. 

Zur Psychogenese der Straßenangst im Kindesalter. 
Von Dr. Karl Abraham, Berlin. 

Bei Neurotischen, welche sich ängstigen, ohne die Begleitung bestimmter 
Personen die Straße zu betreten, findet man sehr gewöhnlich eine zweite 
Phobie: die Angst vor dem Alleinsein im Hause. Es handelt sich um Men- 
schen, denen ihr Unbewußtes nicht gestattet, sich aus dem Bannkreis der- 
jenigen Personen zu entfernen, an welche ihre Libido sich fixiert hat. Jeder 
Versuch dieser Kranken, dem Verbot ihres Unbewußten zuwider zu handeln, 
rächt sich durch einen Angstzustand. 

Ein fünfjähriger Knabe, mit beiden genannten Phobien behaftet, lieferte 
kürzlich ganz spontan — also nicht etwa auf ärztliches Befragen — eine 
Bestätigung dieser psychoanalytischen Erfahrung. Die Äußerung des Kleinen ist 
in ihrer Bestinmitheit und lapidaren Kürze so erstaunlich, daß ich sie hier 
mitteilen und mit einigen Worten kommentieren möchte. 

Der Knabe ist infolge seiner heftigen Angst nicht zu bewegen, die 
elterliche Wohnung allein zu verlassen, um die im Nebenhause wohnenden 
Verwandten zu besuchen, obwohl er zu diesem Behuf nicht einmal die Straße 
zu überschreiten braucht. Ebenso ängstigt er sich, wenn seine Mutter die 
Wohnung verläßt, obwohl dann das Kinderfräulein bei ihm bleibt. Neuerdings 
weigert er sich auch, in Begleitung des Kinderfräuleins spazieren zu gehen. 

Als nun die Mutter den Knaben einmal aufforderte, in Begleitung des 
Kinderfräuleins einen Spaziergang zu machen, widersetzte er sich und erklärte 
in bestimmtem Tone: „Ich will kein Spazierkind sein, ich will ein 
Mutterkind sein". 

Der Ausspruch ist nach mehreren Richtungen hin bemerkenswert. Der 
Knabe betont den Wunsch nach einer möglichst innigen Verknüpfung mit 
seiner Mutter („ Mutterkind **). Er lehnt es ab, an der Hand einer von ihm 
nicht geliebten Person zu gehen („Spazierkind*' zu sein). Besonders muß aber 
auffallen, daß der Knabe nicht von seiner Angst, sondern von einem Wollen 
redet. Man wird die Bedeutung der Fixierung des Knaben an seine Mutter 
nicht verkennen; aber man wird die Frage aufwerfen, wie denn die Phobie 
zustande komme, wenn doch der Wunsch, „ein Mutterkind zu sein*', dem 
Bewußtsein des Knaben so wenig entfremdet sei. 

Der Einwand ist unschwer zu entkräften. Nach Freuds Neurosenlehre 
ist es nicht sowohl der Wunsch des Kindes nach dem Beisanmiensein mit der 
Mutter, der der Verdrängung verfällt, als vielmehr der inzestuöse Wunsch 
nach sexueller Inbesitznahme der Mutter. Eine zweite Äußerung des Knaben, 



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Dr. Karl Abraham: Zur Psychogenese der Straßenangst im Kindesalter. 257 

welche aus denselben Tagen wie die obige stammt, bringt die Bestätigung dieser 
Anffaasung. Sie zeigt, dafi der Kleine im Kampfe mit dem Ödipuskomplex 
liegt, und daß ihn der Wunsch, die Mutter allein zu besitzen, beherrscht. 

Der Vater des Kleinen war für mehrere Tage verreist. Während dieser 
Zeit durfte der Knabe zur Seite der Mutter, im Bett des Vaters schlafen. 
Als ihm die Mutter eines Morgens mitteilte, der Vater werde an diesem Tage 
zurückkehren, erwiderte er: „Es wäre doch viel schöner, wenn der 
Papa gar nicht von der Reise zurückkäme." Er brachte in diesen 
Worten den Todeswunsch gegen den Vater und den Anspruch, neben der 
Mutter zu schlafen, in unzweideutiger Weise zum Ausdruck. 

Beide angeführten Äußerungen des Knaben enthalten ein naives Zu- 
geständnis infantiler Wünsche. Beide tragen dennoch schon deutlich den Stempel 
der Verdrängung und es läßt sich erweisen, daß unter den oflfen geäußerten 
eine tiefere Schicht unausgesprochener Wtlnsche lagert. Diese entspricht dem 
Ödipuskomplex. 

Solche Beobachtungen aus frühen Entwicklungsstadien der Neurose sind 
im besonderen Maße geeignet, die Anschauungen zu stützen, die wir durch 
die Psychoanalyse voll entwickelter Neurosen unter großen Schwierigkeiten 
gewonnen haben. 



2eitschr. f. iratt. FsyohoanalTse. 



17 



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IL 

Zur Psychopathologie des Alltagslebens. 

1. 

Ein Fall von Versprechen. 
Von Dr. L. Jäkels. 

Am 11. Dezember werde ich von einer mir befreundeten Dame in pol 
nischer Sprache etwas herausfordernd und übermütig mit den Worten apo- 
strophiert: „Warum habe ich heute gesagt, daß ich zwölf Finger 
habe?« 

Sie reproduziert nun über meine Aufforderung die Szene, in der die Be- 
merkung gefallen ist. Sie habe sich angeschickt, mit der Tochter auszugehen, 
um einen Besuch zu machen, habe ihre Tochter, eine in Remission befindliche 
Dementia praecox, aufgefordert, die Bluse zu wechsehi, was diese im an- 
stoßenden Zimmer auch getan hat. Als die Tochter wieder eintrat, fand sie 
die Mutter mit dem Reinigen der Nägel beschäftigt; und da entwickelte sich 
folgendes Gespräch : 

Tochter: „No siehst du, ich bin schon fertig und du noch nicht!** 

Mutter: Du hast ja aber auch nur e i n e Bluse und ich zwölf Nägel. 

Tochter: Was? 

Mutter (ungeduldig): No natürlich, ich habe ja doch zwölf 
Finger. 

Die Frage eines die Erzählung mitanhörenden Kollegen, was ihr zu 
zwölf einfalle, wird ebenso prompt wie bestimmt beantwortet: „Zwölf ist 
für mich kein Datum (von Bedeutung)." 

Zu Finger wird unter einem leichten Zögern die Assoziation geliefert : 
„In der Familie meines Mannes kamen sechs Finger an den Füßen (im 
Polnischen gibt es keinen eigenen Ausdruck für Zehe) vor. Als unsere Kinder 
zur Welt kamen wurden sie sofort darauf untersucht, ob sie nicht sechs Finger 
haben." Aus äußeren Ursachen wurde an diesem Abend die Analyse nicht 
fortgesetzt. 

Am nächsten Morgen, dem 12. Dezember, besucht mich die Dame und 
erzählt mir sichtlich erregt: „Denken Sie, was mir passiert ist; seit etwa 
20 Jahren gratuliere ich dem alten Onkel meines Mannes zu seinem Geburts- 
tag, der heute fällig ist, schreibe ihm immer am 11 . einen Brief; und diesmal 
habe ich es vergessen und mußte soeben telegraphieren.^ 

Ich erinnere mich und die Dame, mit welcher Bestimmtheit sie am 
gestrigen Abend die Frage des Kollegen nach den zwölf, die doch eigentlich 



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Dr. L. Jekels: Ein Fall von Versprechen. 259 

sehr geeignet war, ihr den Geburtstag in Erinnerung zu bringen, abgetan hat 
mit der Bemerkung, der Zwölfte sei für sie kein Datum von Bedeutung. 

Nun gesteht sie, dieser Onkel ihres Mannes sei ein Erbonkel, auf dessen 
Erbschaft sie eigentlich immer gerechnet habe, ganz besonders in ihrer jetzigen 
bedrängten finanziellen Lage. 

So sei er, respektive sein Tod, ihr sofort in den Sinn gekommen, als 
ihr vor einigen Tagen eine Bekannte aus Karten prophezeit habe, sie werde 
viel Geld bekommen. Es schoß ihr sofort durch den Kopf, der Onkel sei der 
einzige, von dem sie, respektive ihre Kinder, Geld erhalten könnten; auch 
erinnerte sie sich bei dieser Szene augenblicklich, daß schon die Frau dieses 
Onkels versprochen habe, die Kinder der Erzählerin testamentarisch zu be- 
denken; nun ist sie aber ohne Testament gestorben ; vielleicht hat sie ihrem 
Manne den bezüglichen Auftrag gegeben. 

Der Todeswunsch gegen den Onkel muß offenbar sehr intensiv aufgetreten 
sein, wenn sie der ihr prophezeienden Dame gesagt hat: „Sie verleiten die 
Leute dazu, andere umzubringen." 

In diesen vier oder fünf Tagen, die zwischen der Prophezeiung und dem 
Geburtstage des Onkels lagen, suchte sie stets in den im Wohnorte des Onkels 
erscheinenden Blättern die auf seinen Tod bezügliche Parte. 

Kein Wunder somit, daß bei so intensivem Wunsche nach seinem Tode, 
die Tatsache und das Datum seines demnächst zu feiernden Geburtstages so 
stark unterdrückt wurden, daß es nicht bloß zum Vergessen eines sonst seit 
Jahren ausgeführten Vorsatzes gekommen ist, sondern auch, daß sie nicht 
einmal durch die Frage des Kollegen ins Bewußtsein gebracht wurden. 

In dem Lapsus „zwölf Finger" hat sich nun die unterdrückte Zwölf 
durchgesetzt, und hat die Fehlleistung mitbestimmt. 

Ich meine mitbestimmt, denn die auffällige Assoziation zu „Finger" läßt 
uns noch weitere Motivierungen ahnen; sie erklärt uns auch, warum der 
Zwölfer gerade diese so harmlose Redensart von den zehn Fingern ver- 
fälscht hat. 

Der Einfall lautete : „In der Familie meines Mannes kamen sechs Finger 
an den Ftlßen vor." 

Sechs Zehen sind Merkmal einer gewissen Abnormität, somit sechs Finger 
ein abnormes Kind und 

zwölf Finger zwei abnorme Kinder. 
Und tatsächlich traf dies in diesem Falle zu. 

Die in sehr jungem Alter verheiratete Frau hatte als einzige Erbschaft 
nach ihrem Manne, der stets als exzentrischer, abnormer Mensch galt und 
sich nach kurzer Ehe das Leben nahm, zwei Kinder, die wiederholt von Ärzten 
als väterlicherseits schwer hereditär belastet und abnorm bezeichnet wurden. 

Die ältere Tochter ist nach einem schweren katatonen Anfall vor kurzem 
nach Hause zurückgekehrt; bald nachher erkrankte auch die jüngere, in der 
Pubertät befindliche Tochter an einer schweren Neurose. 

Daß die Abnormität der Kinder hier zusammengestellt wird mit dem 
Sterbe wünsche gegen den Onkel und sich mit diesem ungleich stärker unter- 
drückten und psychisch valenteren Elemente verdichtet, läßt uns als zweite 
Determinierung dieses Versprechens den Todeswunsch gegen die ab- 
normen Kinder annehmen. 

Die prävalierende Bedeutung des Zwölfers als Sterbewunsch erhellt aber 
schon daraus, daß in der Vorstellung der Erzählenden der Geburtstag des 
Onkels sehr innig assoziiert war mit dem Todesbegriffe. Denn ihr Mann hat 
sich am 13. das Leben genommen, also einen Tag nach dem Geburtstag eben- 

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260 ^^^ Psychopathologie des Alltagslebens. 

desselben Onkels, dessen Frau zu der jungen Witwe gesagt nat: »Gestern 
gratulierte er noch so herzlich und lieb, — und heute!" 

Femer will ich noch hinzufügen, daß die Dame auch genug reale Gründe 
hatte, den Kindern den Tod zu wünschen, von denen sie gar keine Freude 
erfuhr, sondern nur Kummer und arge Einschränkungen ihrer Selbstbestimmung 
zu leiden hatte, und denen zuliebe sie auf jegliches Liebesglück verzichtet hatte. 

Auch diesmal war sie außerordentlich bemüht, jeglichen Anlaß zur Ver- 
stimmung der Tochter, mit der sie zu Besuch ging, zu vermeiden ; und man 
kann sich vorstellen, welchen Aufwand an Geduld und Selbstverleugnung bei 
einer Dementia praecox dies verlangt, und wie viele Wutregungen dabei unter- 
drückt werden müssen. 

Demzufolge würde der Sinn der Fehlleistung lauten: 

Der Onkel soll sterben, diese abnormen Kinder sollen sterben (so zu 
sagen diese ganze abnorme Familie), und ich soll das Geld von ihnen haben. 

Diese Fehlleistung besitzt nach meiner Ansicht mehrere Merkmale einer 
ungewöhnlichen Struktur, und zwar: 

1. Das Vorhandensein von zwei Determinanten, die in einem Element 
verdichtet sind. 

2. Das Vorhandensein der zwei Determinanten spiegelt sich in der 
Doppelung des Versprechens (zwölf Nägel, zwölf Finger). 

3. Auffällig ist, daß die eine Bedeutung des Zwölfers, nämlich die die 
Abnormität der Kinder ausdrückenden zwölf F'inger, eine indirekte Darstellung 
repräsentieren; die psychische Abnormität wird hier durch die physische, das 
Oberste durch das Unterste dargestellt. 



2. 
Eine Symptomhandlung. 
Von Dr. L. Jekels. 

Ein Arzt befindet sich im Besitze einer, wenn auch nicht kostbaren, 
80 doch sehr hübschen irdenen Blumenvase, Dieselbe wurde ihm seinerzeit 
nebst vielen anderen, darunter auch kostbaren Gegenständen, von einer (ver- 
heirateten) Patientin geschenkt. Als bei derselben die Psychose manifest wurde, 
hat er air die Geschenke den Angehörigen der Patientin zurückerstattet — 
bis auf die eine weit weniger kostspielige Vase, von der er sich nicht trennen 
konnte, angeblich wegen ihrer Schönheit. Doch kostete diese Unterschlagung 
den sonst skrupulösen Menschen einen gewissen inneren Kampf, war er sich 
doch der Ungebörigkeit seiner Handlung vollkommen bewußt, und half sich 
bloß über seine Gewissensbisse mit dem Vorhalt hinweg, die Vase habe 
eigentlich keinen Materialwert, sei schwer einzupacken usw. 

Als er nun einige Monate später im Begriffe war, den ihm strittig ge- 
machten Restbetrag für die Behandlung dieser Patientin durch einen Rechts- 
anwalt reklamieren und eintreiben zu lassen, meldeten sich die Selbstvorwürfe 
wieder ; flüchtig befiel ihn auch die Angst, die vermeintliche Unterschlagung 
könnte von den Angehörigen entdeckt und im Streitverfahren entgegengehalten 
werden. 

Besonders jedoch das erste Moment war eine Weile hindurch so stark, 
daß er schon daran dachte, auf eine etwa hundertmal höhere Forderung zu 
verzichten — quasi als Entschädigung für den unterschlagenen Gegenstand — , 



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Dr. L. Jekels: Eine Symptomhandlrmg. 261 

überwand jedoch alsbald diesen Gedanken, indem er ihn als absurd bei 
Seite schob. 

Während dieser Stimmung passiert es ihm nun, daß er, der sonst 
außerordentlich selten etwas zerbricht und seinen Muskelapparat gut beherrscht, 
beim Erneuem des Wassers in der Vase dieselbe durch eine organisch mit 
dieser Handlung gar nicht zusammenhängende, sonderbar „ungeschickte" Be- 
wegung, vom Tische wirft, so daß sie in etwa fünf oder sechs größere 
Stücke zerbricht. Und dies, nachdem er am Abend zuvor, nur nach vor- 
herigem starken Zögern, sich entschlossen hatte, gerade diese Vase blumen- 
gefüllt vor die geladenen Gäste auf den Tisch des Speisezimmers zu stellen, 
und nachdem er knapp vor dem Zerbrechen an sie gedacht, sie in seinem 
Wohnzimmer angstvoll vermißt und eigenhändig aus dem anderen Zimmer 
geholt hat! 

Als er nun nach der anfänglichen Bestürzung die Stücke aufsammelt, 
und gerade als er durch Zusammenpassen derselben konstatiert, es werde noch 
möglich sein, die Vase fast lückenlos zu rekonstruieren, da — gleiten ihm 
die zwei oder drei größeren Bruchstücke aus den Händen ; sie zerstieben in 
tausend Splitter und mit ihnen auch jegliche Hoffnung auf diese Vase. 

Fraglos hatte diese Fehlleistung die aktuelle Tendenz, dem Arzte das 
Verfolgen seines Rechtes zu ermöglichen, indem dieselbe das beseitigte, was er 
zurückbehalten hat und was ihn einigermaßen behinderte, das zu verlangen, 
was man ihm zurückbehalten hat. 

Doch außer dieser direkten, besitzt für jeden Psychoanalytiker diese 
Fehlleistung noch eine weitere, ungleich tiefere und wichtigere, symbolische 
Determinierung ; ist doch Vase ein unzweifelhaftes Symbol der Frau. 

Der Held dieser kleinen Geschichte hatte seine schöne, junge und heiß- 
geliebte Frau auf tragische Weise verloren ; er verfiel in eine Neurose, deren 
Grundnote war, er sei an dem Unglücke schuld („er hat eine schöne Vase 
zerbrochen"). 

Auch fand er kein Verhältnis mehr zu den Frauen und hatte Abneigung 
vor der Ehe und dauernden Liebesbeziehungen, die im Unbewußten als Untreue 
gegen seine verstorbene Frau gewertet, im Bewußtsein aber damit rationalisiert 
wurde, er bringe den Frauen Unglück, es könnte sich eine seinetwegen töten 
usw. usw. (Da durfte er natürlich die Vase nicht dauernd behalten I) 

Bei seiner starken Libido ist es nun nicht verwunderlich, daß ihm als 
die adäquatesten die ihrer Natur nach doch passageren Beziehungen zu ver- 
heirateten Frauen vorschwebten (daher Zurückhalten der Vase eines anderen). 

Eine schöne Bestätigung für diese Symbolik findet sich in nachstehenden 
zwei Momenten: Infolge der Neurose unterzog er sich der psychoanalytischen 
Behandlung. 

Im Verlaufe der Sitzung, in der er von dem Zerbrechen der „irdenen" 
Vase erzählte, kam er viel später wieder einmal auf sein Verhältnis zu den 
Frauen zu sprechen und meinte, er sei bis zur Unsinnigkeit anspruchsvoll ; 
so verlange er z. B. von den Frauen „unirdische Schönheit". Doch eine sehr 
deutliche Betonung, daß er noch an seiner (verstorbenen i. e. unirdischen) 
Frau hänge und von „irdischer Schönheit" nichts wissen wolle ; daher das 
Zerbrechen der „irdenen" (irdischen) Vase. 

Und genau zur Zeit, als er in der Übertragung die Phantasie bildete, 
die Tochter seines Arztes zu heiraten — da verehrte er demselben eine — 
Vase, quasi als Andeutung, nach welcher Richtung ihm die Revanche er- 
wünscht wäre. 



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262 2ur Psychopathologie des Alltagslebens. 

Voraussichtlich läßt sich die symbolische BedeutUDg der Fehlleistung 
noch mannigfaltig variieren, z. B. die Vase nicht füllen wollen usw. Interessanter 
erscheint mir jedoch die Erwägung, daß das Vorhandensein von mehreren, 
mindestens zweien, wahrscheinlich auch getrennt aus dem Vor- und Unbewußten 
wirksamen Motiven, sich in der Doppelung der Fehlleistung — Umstoßen und 
Entgleiten der Vase — wiederspiegelt. 

Es ist auch fraglos, daß die beiden so genau kooperierenden Motive 
einander zum großen Teil auch decken, so daß die Selstvorwtirfe wegen Unter- 
schlagung die bewußte Vertretung der tieferen, erotischen Komplexe sind. 
Aus diesem Grunde erscheint mir in diesem Falle . die Herstellung einer 
Korrespondenz zwischen einem bestimmten Motiv und einer bestimmten Fehl- 
leistung undurchführbar und untunlich. 



3. 
Ein Fall von Verlieren. 

Mitgeteilt von Dr. 0. Rank. 

Eine junge Dame hat folgende, nach ihrer eigenen Aussage höchst sonder- 
bare Begebenheit erlebt, die von Zeugen derselben in übereinstimmender Weise 
bestätigt wird. 

Sie soll die von ihrem Taschengeld bestrittenen Ausgaben am Ende der 
Woche ihrer Mutter verrechnen und es zeigt sich, daß ihr eine Krone fehlt, 
was die Mutter bei weitem nicht so schwer nimmt, wie die Tochter, die jede 
Möglichkeit der Ausgabe ausschließt, um endlich nach unzweifelhafter Kon- 
statierung des Defizits in Tränen auszubrechen. Die Mutter sucht sie zu be- 
ruhigen, sie werde sich schon der Ausgabe entsinnen oder solle den gering- 
fügigen Verlust doch verschmerzen. Die Tochter erbringt einen förmlichen 
Alibibeweis, daß sie gar keine Möglichkeit zur Ausgabe gehabt habe, sich 
aber auch nicht denken könne, wo sie das Geldstück aus ihrer wohl ver- 
schlossenen Börse, die sich noch dazu im Täschchen befand, verloren haben 
könnte. Sie gibt der Vermutung Ausdruck, ob nicht die Mutter selbst viel- 
leicht sich das Geldstück entliehen und daran vergessen habe. Das wird ent- 
schieden in Abrede gestellt. 

Nach einer Weile springt die Verlustträgerin plötzlich auf mit den Worten : 
„Das ist doch merkwtirdigl Jetzt fällt mir ein Traum ein, den ich diese 
Nacht hatte und in dem ich seltsamerweise eine Krone erhalten habe. Das 
sieht doch so aus, als hätte mich der Traum für den Verlust entschädigen 
wollen. Mir träumte, daß Karl (ein Verwandter) zu Besuch käme. Er sagte, 
als er eintrat: Rate einmal, was ich dir mitgebracht habe! Ich sagte: Ich 
weiß nicht. Da drückte er mir etwas in die Hand. Ich sah nach und fand, 
daß es eine Krone war, und zwar eine etwas schäbige Jubiläumskrone, mit 
einer Öse zum Anhängen (als Schmuckstück)." 

Eine Deutung dieses Traumes, der die Kenntnis des Unbewußten vom 
Verlust und den Wunsch nach Entschädigung deutlich verrät, wurde nicht 
vorgenommen, doch ist bemerkenswert, daß mit Aufhebung dieser Sper- 
rung (die Erinnerung an den Traum war bis zu dem Moment überhaupt 
nicht vorhanden gewesen) weitere Einfälle nachströmen, welche die Tatsache 
des Verlustes unzweifelhaft sicherstellen. Die Dame, die am Abend zuvor das 
Theater besucht hatte, erinnert sich jetzt, daß sie am Vormittag, gegen ihre 



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Dr. 0. Rank: Ein Fall von Verlieren. 263 

sonstige Gewohnheit, das Bedürfnis gefühlt hatte, vor dem Ausgehen ihre 
Barschaft zu überzählen; dabei konstatierte sie, außer anderen Geldsorten, den 
Besitz von zwei Kronen in Silber, was sie ganz in Ordnung fand. Plötzlich 
aber erinnert sie, im Theater bestimmt noch drei Kronen in Silber gehabt 
und in der Zwischenzeit ganz gewiß keine Krone gewechselt zu haben. 
Da die vermißte Krone zu Hause nicht gefunden wird, auf dem Wege aus 
dem Theater der doppelte Verschluß schwerlich versagt haben dürfte, sei die 
einzige Möglichkeit, daß sie das Geldstück im Theater verloren habe. Auf die 
Frage der Mutter, bei welcher Gelegenheit das der Fall sein konnte und 
wieso sie sich des Vorhandenseins der drei Kronen im Theater so sicher ent- 
sinne, fällt der Tochter folgende, bis dahin gar nicht zur Sprache ge- 
kommene Szene ein. Sie hatte einen Parkettsitz in den rückwärtigen Reihen 
genommen, war aber dann mit dem Platz unzufrieden und wandte sich an 
den Billeteur, den sie ersuchte, ihr einen besseren freigebliebenen Platz anzu- 
weisen. Da der Mann ihr sogleich willfahrte, öffnete sie die Börse, um ihm ein 
Trinkgeld zu geben. Bei dieser Gelegenheit sah sie, daß von Metallgeld nur drei 
Silberkronen vorhanden waren. Eine Krone Trinkgeld erschien ihr doch zu 
viel und sie war geärgert, daß sie dem Manne nichts geben konnte. Sie sagte 
ihm aber, in der Pause werde sie wechseln lassen und meint nun, sie habe zu 
diesem Zwecke das Geldstück in der Hand behalten oder auf den Schoß ge- 
legt^ in der Spannung des Zusehens aber daran vergessen, so daß es zur 
Erde gefallen sei. Als sie den Billeteur dann nicht mehr sah, dachte die mit 
dem eigenen Geld sehr sparsame Dame auch nicht mehr an das Wechseln 
und muß, wenn auch mit Beschämung, zugeben, daß sie ein gewisses Ver- 
gnügen an dieser billigen Erwerbung des Sitzes hatte. Aber dieses Gefühl scheint 
eben nicht rein und ungetrübt gewesen zu sein, wie die Fehlhandlung zeigt, 
die eine Kompensation dieser ihr sonst ferne liegenden Kleinlichkeit und Schä- 
bigkeit darstellt, indem sie ja doch die Krone als Trinkgeld auf ihrem Platze 
zurückläßt und den ihrem Unbewußten wohlbekannten Vorgang nicht zum 
Bewußtsein zuläßt. 

Auffällig an der spontanen Aufklärung dieses Verlustes ist nicht so 
sehr das unbewußte Besserwissen, das sich im Traume verrät, wie der 
Mechanismus der Bewußtwerdung der Fehlleistung, der den Anschein hervor- 
ruft, als wäre erst die Erweckung des trostreichen Traumes notwendig, ehe 
das Bewußtsein die peinliche Realität des Verlustes anerkennen kann. Das bezieht 
sich aber nicht nur auf den offenkundig wunscherfüllenden Inhalt des 
Traumes (Ersatz der Krone), sondern auch auf ein Stück psychologischer 
Einsicht, das allerdings in der Abwehrform des Aberglaubens Ausdruck findet. 
Nach Erzählung des Traumes (aber noch vor Aufklärung des Verlustes) soll 
nämlich die Träumerin bemerkt haben: „Jetzt bin ich wenigstens beruhigt 
darüber, daß ich das Geld verloren habe und sehe darin eine Fügung des 
Schicksals." Darin liegt, nach Reduktion der abergläubischen Auslegung, das 
Geständnis der unbewußten Opferabsicht, mit der sich das Bewußtsein erst auf 
Grund des vorangegangenen Trostes abfinden kann. Einen ähnlichen Mecha- 
nismus der „Entwertung des Verdrängungsmotivs durch Rekompense** hat 
Tausk als Bedingung für das Wiederauftauchen verdrängter psychischer 
Elemente aufgezeigt. Entsprechend der andersartigen Qualität dieser Fehl- 
leistung (Verlust) erscheint dieselbe Tendenz hier in der Gestalt eines trö- 
stenden Ersatzes, wie ich bereits an einem anderen Falle von Verlieren 
gezeigt habe (Zentralblatt für Psa., Bd. I, 1911, S. 450). 



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264 ^^^ Psychopathologie des Alltagslebens. 

4. 

Ein Pechta«. 

Mitgeteilt von M. W. 

Ich habe eine Ansichtskarte von meinem Brnder aus L. erhalten. Die 
Karte aus der fUi mich erlebnisreichen Stadt hat mich für eine Zeitlang der 
Realität entrissen und in die ehemalige Phantasiewelt versetzt. Ich wurde 
„zerstreut". 

Als ich in die Klinik kam, fühlte ich großen Hunger« „Merkwürdig/' 
sagte ich zu einem Kollegen, „daß ich diese Tage eine so quälende Eßlust 
habe ; es wird mir direkt schlecht, wenn ich nicht gleich was essen kann." 
Nach diesem Geständnisse setzte ich meine Arbeit, das Schreiben einer Kranken- 
geschichte, fort. 

Nicht wenig überrascht war ich, als ich die zwei von mir eben ver- 
faßten Sätze las: „Pat. konnte keinen Atem holen, sie hatte immer essen.'* 
Letzteres Wort habe ich statt „eng" gebraucht. 

Die Verschreibung zeigt deutlich, daß ich, während ich die Kranken- 
geschichte schrieb, immer noch an das stark gefühlsbetonte Essen dachte. 
Der Gedanke war mir aber nicht mehr bewußt. Die Klangähnlichkeit 
zwischen „eng" und „essen" begünstigte natürlich die Fehlleistung. 

Als ich nachmittags wieder in die Klinik fuhr, dachte ich leb- 
haft daran, wie gern ich eine Reise nach der Stadt meiner Studienzeit, 
L. gemacht hätte. Bald mußte ich jedoch meine Träume unterbrechen: 
ich mußte aussteigen. Um eine Fehlleistung, wie die vom Morgen, zu verhüten, 
ging ich an einen Automaten, mir was Eßbares zu kaufen. Die Automaten 
auf diesem Bahnhof kannte ich sehr gut, weil ich sie öfters benützte. Des- 
halb mußte ich wiederum staunen, als ich statt der erwarteten Eßware eine 
Fahrkarte herausfallen sah. Ich hatte die weit voneinander entfernten Auto- 
maten verwechselt: der noch im Unbewußten herrschende Wunsch zu fahren, 
setzte sich in der „Symptomhandlung" durch, indem ich eine Fahrkarte 
kaufte. 

Meine Yerirrungen an diesem Tage wollten kein Ende nehmen. Abends 
ging ich zu meiner Mutter. Soeben hatte sie eine Ansichtskarte mit 
Grüßen von verschiedenen Bekannten erhalten. Eine Dame darunter, welche 
ich nicht gern mochte, sandte ihr herzliche Küsse. Die Dame hieß Nelli W. 
„Aber Mutter!" rief ich hocherstaunt, „bist du denn mit Georg so nahe, daß 
er dich zu küssen wagt?" Nicht weniger staunte wohl die Mutter: „Da steht 
ja der Name Nelli und nicht Georg! Ich werde mich doch nicht von ihm 
küssen lassen!" „Georg" hieß Nellis Mann. 

Wieder versäumte der ins Unbewußte gedrängte Wunsch nicht, seine 
Rechte in einer Fehlleistung darzutun. Es war ja wirklich viel einfacher 
bei „küsse herzlichst" an Nelli statt an Georg zu denken, besonders, da ihr 
Vorname deutlich genug zu erkennen war. Warum verkannte ich den Namen ? 
— Wohl auch, weil ich die Frau nicht gut mochte und ihren Namen 
demnach lieber nicht gesehen hätte. Warum las ich aber den Vornamen 
ihres Mannes? Georg selbst war mir in erotischer Hinsicht stets gleich- 
gültig. Das Unbewußte bedient sich aber in der Regel gleichgültiger Sym- 
bole : es kommt auf den Inhalt an. Eben habe ich auch meine Ansichts- 
karte erhalten, ich dachte intensiv an die Stadt L., an „ihn", wenn auch 



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Dr. Ed. Hitschmann : Ein wiederholter Fall von Verschreiben bei d. Rezeptiemng. 26&' 

bloß in Form der Erinnerang an damalige Wunschphantasien. Vom Stand- 
punkte dieser Phantasien aus war es viel natürlicher hier in erster Linie 
an das männliche Individuum (in dem Falle Georg) zu denken und nicht an 
seine Frau. Der Widerstand der Frau gegenüber machte es mir bequem,. 
ihren Vornamen zu übersehen und durch den Vornamen ihres Mannes zu 
ersetzen. Die Vorwürfe, welche ich der ,, unkeuschen" Mutter mache, sind 
sehr charakteristisch: es ist die Projektion der Selbstvorwürfe für die im 
Bewußtsein nicht geduldeten eigenen Wünsche auf eine andere Person. Diese- 
Projektion ermöglicht zugleich das Verbotene ruhig weiter zu genießen: wenn 
es andere, ja wenn das Vorbild der „Tugend", die Mutter, es tut, dann^ 
darf ich es sicher auch tun. 

5. 

Ein wiederholter Fall von Verschreiben bei der Rezeptierang» 

Von Dr. Ed. Hitschmann. 

Ein Kollege erzählte mir, es sei ihm im Laufe der Jahre mehrmals pas- 
siert, daß er sich beim Verschreiben eines bestimmten Medikaments für weib- 
liche Patienten vorgeschrittenen Alters irrte. Zweimal verschrieb er die 
zehnfache Dosis und mußte nachher, da ihm dies plötzlich einfiel, unter größter 
Angst der Patientin geschadet zu haben und selbst in größte Unannehmlichkeit 
zu kommen, eiligst die Zurückziehung des Rezeptes anstreben. Diese sonder- 
bare Symptomhandlung verdient durch genauere Darstellung der einzelnen. 
Fälle und durch Analyse klargelegt zu werden. 

1 . Fall : Der Arzt verschreibt einer an der Schwelle des Greisen- 
alters stehenden armen Frau gegen spastische Obstipation zehnfach zu starke 
Belladonna-Zäpfchen. Er verläJßt das Ambulatorium und etwa eine Stunde 
später fällt ihm zu Hause, während er Zeitung liest und frühstückt, plötzlich 
sein Irrtum ein ; es überfällt ihn Angst, er eilt zunächst ins Ambulatorium 
zurück, um die Adresse der Patientin zu requirieren und von dort in ihre 
weit entlegene Wohnung. Er findet das alte Weiblein noch mit unausgeführtem 
Rezept, worüber er höchst erfreut und beruhigt heimkehrt. Er entschuldigt 
sich vor sich selbst nicht ohne Berechtigung damit, daß ihm der gesprächige 
Chef der Ambulanz während der Rezeptur über die Schulter geschaut und 
ihn gestört hatte. 

2. Fall: Der Arzt muß sich aus seiner Ordination von einer koketten 
und pikant schönen Patientin losreißen, um ein älteres Fräulein ärztlich auf- 
zusuchen. Er benützt ein Automobil, da er nicht viel Zeit für diesen Be- 
such übrig hat ; denn er soll um eine bestimmte Stunde, nahe von ihrer 
Wohnung, ein geliebtes junges Mädchen heimlich treffen. Auch hier ergibt sich 
die Indikation für Belladonna wegen analoger Beschwerden wie im ersten 
Fall. Es wird wieder der Fehler begangen, das Medikament zehnfach zu 
stark zu rezeptieren. Die Patientin bringt einiges nicht zum Gegenstand 
gehörige Interessante vor, der Arzt aber verrät Ungeduld, wenn er sie auch 
mit Worten verleugnet und verläßt die Patientin, so daß er reichlich zurecht 
zum Rendezvous erscheint. Etwa zwölf Stunden nachher, gegen sieben Uhr 
morgens, erwacht der Arzt ; der Einfall seines Verschreibens und Angst treten 
fast gleichzeitig in sein Bewußtsein, und er sendet rasch zu der Kranken in 
der Hoffnung, daß das Medikament noch nicht aus der Apotheke geholt sei 
und bittet um Rückstellung des Rezeptes, um es zu revidieren. Er erhält 
jedoch das bereits ausgeführte Rezept zurück und begibt sich mit einer ge- 



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266 ^^ Psychopathologie des Alltagslebens. 

wissen stoischen Resignation und dem Optimismus des Erfahrenen in die 
Apotheke, wo ihn der Provisor damit beruhigt, daß er selbstverständlich (oder 
vielleicht auch durch ein Versehen?) das Medikament in einer geringeren 
Dosis verabreicht habe. 

3. Fall: Der Arzt will seiner greisen Tante, Schwester seiner Mutter, die 
Mischung von Tinct. belladonnae und Tinct. opii in harmloser Dosis verschreiben. 
Das Rezept wird sofort durch das Mädchen in die Apotheke getragen. Ganz 
kurze Zeit später fällt dem Arzt ein, daß er anstatt tinctura „extractum" 
geschrieben habe, und gleich darauf telephoniert der Apotheker, über diesen 
Irrtum interpellierend. Der Arzt entschuldigt sich mit der erlogenen Ausrede, 
er hätte das Rezept noch nicht vollendet gehabt, es sei ihm durch die uner- 
wartet rasche Wegnehmung des Rezeptes vom Tisch die Schuld abgenommen. 

Die auffällig gemeinsamen Punkte dieser drei Irrtümer in der Ver- 
schreibung sind darin gelegen, daß es dem Arzt nur bei diesem einen Medi- 
kament bisher passiert ist, daß es sich jedesmal um eine weibliche Patientin 
im vorgeschrittenen Alter bandelte, und daß die Dosis immer zu stark war. 
Bei der kurzen Analyse stellte sich heraus, daß das Verhältnis des Arztes 
zur Mutter von entscheidender Bedeutung sein mußte. Es iiel ihm nämlich ein, 
daß er einmal — und zwar höchstwahrscheinlich vor diesen Symptomhand- 
lungen — seiner gleichfalls greisen Mutter dasselbe Rezept verschrieben hatte, 
und zwar in der Dosis von 0*03, obwohl die gewöhnliche 002 ihm geläufiger 
war, um ihr radikal zu helfen, wie er sich dachte. Die Reaktion der zarten 
Mutter auf dieses Medikament war Kopfkongestion und unangenehme Trocken- 
heit im Rachen. Sie beklagte sich darüber mit einer halb scherzhaften An- 
spielung auf die gefährlichen Ordinationen, die von einem Sohne ausgehen 
können. Auch sonst hat die Mutter, übrigens Arztenstochter, gegen gelegentlich 
vom ärztlichen Sohne empfohlene Medikamente ähnlich ablehnende, halb scherz- 
hafte Einwendungen erhoben und vom Vergiften gesprochen. 

Soweit Referent die Beziehungen dieses Sohnes zu seiner Mutter durch- 
schaut, ist er zwar ein instinktiv liebevolles Kind, aber in der geistigen Schätzung 
der Mutter und im persönlichen Respekt keineswegs übertrieben. Mit dem um 
ein Jahr jüngeren Bruder und der Mutter in geraeinsamem Haushalt lebend, 
empfindet er dieses Zusammensein seit Jahren für seine erotische Freiheit als 
Hemmung, wobei wir allerdings aus psychoanalytischer Erfahrung wissen, daß 
solche Begründungen zum Vorwand für inneres Gebundensein gern mißbraucht 
werden. Der Arzt akzeptierte die Analyse unter ziemlicher Befriedigung über 
die Aufklärung und meinte lächelnd, das Wort Belladonna = schöne Frau, 
könnte auch eine erotische Beziehung bedeuten. Er hat das Medikament früher 
gelegentlich auch selbst verwendet. 

6. 

Zwei Fälle von Namenvergessen. 

Von Dr. Ed. Hitschmann. 

I. Dr. F. erzählt folgenden Fall : Von einer lang ersehnten ürlaubs- 
reise zurückkehrend, phantasiert er über die außerberufliche Betätigung, die 
ihn nun in seiner trübseligen Praxis wieder interessieren sollte. Er erinnert 
sich des seinerzeit begonnenen Studiums der höheren Mathematik, wozu ihm 
eine vor kurzem kennen gelernte Studentin der Mathematik einfällt, die das 
Glück hat, sich diesem Studium ganz widmen zu können. Doch kann er 
ihren Namen trotz aller Bemühung nicht finden. Nach Wochen, da er wirklich 
die Muße gewinnt, sich mit der Mathematik zu beschäftigen, filllt ihm wieder 



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Dr. Rank: Zwei witzige Beispiele von Versprechen. 267 

die Tatsache des Yergessens, diesmal aber auch der gesuchte Name ein, und 
er versucht sich diesen Fall zu erklären, da er mit den Freudschen 
Forschungen bekannt ist. Der Name des Mädchens lautet Kraus: dazu fiel 
ihm ein, daß er eine ebenso lang ersehnte Reise vor Jahren im Anschluß an 
die Promotion, wo auch ein Herr Kraus promoviert worden war, gemacht 
hatte. In Venedig las er in einer Zeitung seines Wohnortes, daß die 
Schwiegermutter des eben verheirateten Dr. Kraus, Frau Meier, gestorben 
sei. Vor seiner jetzigen Reise hatte er sich nur Eines gewünscht : daß keiner 
seiner einträglichen Patienten, während seiner Abwesenheit, zu seinem mate- 
riellen Schaden erkranke oder stürbe ; wenn aber doch, so sollte er wenigstens 
auf der Reise von dem Todesfall nichts zu hören oder lesen bekommen. Er 
nahm sich also vor, keine häusliche Zeitung auf der ganzen Reise anzusehen ; 
er hatte dabei besonders an drei bis vier Patienten gedacht. Nachträglich 
fällt ihm ein, daß er seine wertvollste Patientin, Komraerzialrätin Meier, 
nicht in dieses Kalkül gezogen hatte. Gerade an ihr war ihm im obgenannten 
Sinn aber am meisten gelegen ! 

Zur Ergänzung sei erwähnt, daß dieser Arzt als aufopferungsvoller Sohn 
mit einer blinden, von ihm betreuten Mutter lebt, die er aber auf den weiteren 
Teil seiner Reise nicht mitgenommen hatte. Er mag wohl auch ihre mögliche 
Erkrankung oder ihren Tod befürchtet haben und es mag sein, daß von 
diesem Punkte der Hauptanteil der Verdrängung ausgegangen war, wenn auch 
das materielle Kalkül mit dem Leben der Patientin an sich etwas vom Be- 
wußtsein gern Abgelehntes vorstellt. 

IL Herr N. will die Buchhandlungsfirma „Gillhof er und Ranschburg" 
jemandem angeben. Es fällt ihm aber trotz allen Nachdenkens nur der Name 
Ranschburg ein, trotzdem ihm die Firma sonst sehr geläufig ist. Mit einer 
leichten Unbefriedigung darüber nach Hause kommend, ist ihm die Sache 
wichtig genug, um den anscheinend bereits schlafenden Bruder nach der ersten 
Hälfte des Firmanamens zu fragen. Derselbe nennt ihn anstandslos. Darauf fällt 
Herrn N. sofort zu „Gillhofer*' das Wort „ Gallhof " ein. Zum „Gallhof" hatte er 
einige Monate vorher in Gesellschaft eines anziehenden Mädchens einen 
erinnerungsreichen Spaziergang gemacht. Das Mädchen hatte ihm als An- 
denken einen Gegenstand geschenkt, auf dem geschrieben steht : „Zur Er- 
innerung an die schönen Gallhof er Stunden." In den letzten Tagen vor 
dem Namenvergessen wurde dieser Gegenstand, scheinbar zufällig, beim 
raschen Zuschieben der Lade durch N. stark beschädigt, was er — mit dem 
Sinn von Symptomhandlungen vertraut — nicht ohne Schuldgefühl konsta- 
tierte. Er war in diesen Tagen in etwas ambivalenter Stimmung zu der 
Dame, die er zwar liebte, deren Ehewunsch er aber zaudeimd gegenüberstand. 

7. 

Zwei witzige Beispiele von Versprechen. 

Mitgeteilt von Dr. Rank. 

I. Einer verheirateten Frau, die gern Anekdoten hört und von 
der man behauptet, daß sie auch außerehelichen Werbungen nicht abhold sei, 
wenn sie durch entsprechende Geschenke unterstützt werden, erzählt ein junger 
Mann, der sich auch um ihre Gunst bewirbt, nicht ohne Absicht folgende 
altbekannte Geschichte. Von zwei Geschäftsfreunden bemüht sich der eine 
um die Gunst der etwas spröden Frau seines Kompagnons ; schließlich will 
sie ihm diese gegen ein Geschenk von 1000 Gulden gewähren. Als nun ihr 



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268 ^^^ Psychopathologie des Alltagslebens. 

Mann verreisen will, borgt sich sein Kompagnon von ihm 1000 Gulden aus 
und verspricht, sie noch am nächsten Tage seiner Frau zurückzustellen. 
Natürlich gibt er dann diesen Betrag als vermeintlichen Liebeslohn der Frau, 
die sich schließlich noch entdeckt glaubt, als ihr zurückgekehrter Mann die 
1000 Gulden verlangt und zum Schaden noch den Schimpf hat. — Als der 
junge Mann in der Erzählung dieser Geschichte bei der Stelle angelangt war, 
wo der Verführer zum Kompagnon sagt: „Ich werde das Geld morgen deiner 
Frau zurückgeben", unterbrach ihn seine Zuhörerin mit den vielsagenden 
Worten : „ Sagen Sie, haben Sie mir das nicht schon — zurückgegeben! 
Ah, pardon, ich wollte sagen — erzählt." — Sie könnte ihre Bereitwilligkeit, 
sich unter denselben Bedingungen hinzugeben, kaum deutlicher kundgeben, 
ohne sie direkt auszusprechen. 

n. Ein jung verheirateter Ehemann, dem seine um ihr mädchenhaftes 
Aussehen besorgte Frau den häufigen Geschlechtsverkehr nur ungern gestattet, 
erzählt mir folgende nachträglich auch ihn und seine Frau höchst belustigende 
Geschichte. Nach einer Nacht, in welcher er das Abstinenzgebot seiner Frau 
wieder einmal übertreten hatte, rasiert er sich morgens in ihrem gemeinsamen 
Schlafzimmer und benützt dabei — wie schon öfter aus Bequemlichkeit — die auf 
dem Nachtkästchen liegende Puderquaste seiner noch ruhenden Gattin. 
Die um ihren Teint äußerst besorgte Dame hatte ihm auch dies schon mehr- 
mals verwiesen und ruft ihm darum geärgert zu: „Du puderst mich ja schon 
wieder mit deiner Quaste !** Durch des Mannes Gelächter auf ihr Versprechen 
aufmerksam gemacht (sie wollte sagen : du puderst dich schon wieder mit 
meiner Quaste), lacht sie schließlich belustigt mit („pudern*' ist ein jedem 
Wiener geläufiger Ausdruck für koitieren, die Quaste als phallisches Symbol 
kaum zweifelhaft). 

8. 

Strindberg über FehlleistuDgen. 

Mitgeteilt von Dr. Karl Weiß (Wien). 

„ . . . Nach einer Weile kam der Graf wirklich und er trat ruhig an 
Esther heran, als habe er sie zu einem Stelldichein bestellt. 

— Hast du lange gewartet? fragte er mit seiner gedämpften Stimme. 

— Sechs Monate, wie du weißt, antwortete Esther; aber hast du mich 
heute gesehen? 

— Ja, eben im Straßenbahnwagen; und ich sah dir in die Augen, daß 
ich mit dir zu sprechen glaubte. 

— Es ist viel „geschehen" seit dem letztenmal. 

— Ja, und ich glaubte, es sei zwischen uns aus. 

— Wieso? 

— Alle Kleinigkeiten, die ich von dir bekommen habe, gingen entzwei, 
und zwar auf eine okkulte Weise. Aber das ist eine alte Wahrnehmung. 

— Was du sagst ! Jetzt erinnere ich mich an eine ganze Menge Fälle, 
die ich für Zufälle hielt. Ich bekam einmal ein Pincenez von meiner Groß- 
mutter, während wir gute Freunde waren. Es war aus geschliflfenem Berg- 
kristall und ausgezeichnet bei den Obduktionen, ein richtiges Wunderwerk, 
das ich sorgfältig hütete. Eines Tages brach ich mit der Alten, und sie wurde 
auf mich böse. 

Da geschah es bei der nächsten Obduktion, daß die Gläser ohne Ur- 
sache herausfielen. Ich glaubte, es sei ganz einfach entzwei; schickte es zur 



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Dr. Adolf Deutsch: Symptomhandlungen auf der Btthne. 269 

Reparatur. Nein, es fuhr fort, seinen Dienst zu verweigern; wurde in eine 
Schublade gelegt und ist fortgekommen. 

— Was du sagst! Wie eigentümlich, daß das, was die Augen betrifift, 
am empfindlichsten ist. Ich hatte ein Doppelglas von einem Freunde bekommen; 
das pafite für meine Augen so gut, daß der Gebrauch ein Genuß für mich 
war. Der Freund und ich wurden ünfreunde. Du weißt, dazu kommt es, ohne 
sichtbare Ursache; es scheint einem, als dürfe man nicht einig sein. Als ich 
das Opernglas das nächstemal benützen wollte, konnte ich nicht klar sehen. 
Der Schenkel war zu kurz und ich sah zwei Bilder. Ich brauche dir nicht 
zu sagen, daß sich weder der Schenkel verkürzt noch der Abstand der Augen 
vergrößert hatte! Es war ein Wunder, das alle Tage geschieht und das 
schlechte Beobachter nicht merken. Die Erklärung? Die psychische Kraft 
des Hasses ist wohl größer als wir glauben. — Übrigens der Ring, 
den ich von dir bekommen habe, hat den Stein verloren — und läßt sich 
nicht reparieren, läßt sich nicht. Willst du dich jetzt von mir trennen? . . . 
(„Die gotischen Zimmer'', S. 258 f.) 

9. 

SymptomhandlangeD auf der Bühne. 

Von Dr. Adolf Deutsch (Wien). 

In seinem Buche „Zur Psychopathologie des Alltagslebens" spricht Freud 
von Zufallshandlungen, die im Gegensatz zu solchen des „ Vergreif ens", welche 
mit dem Vorwande der Ungeschicklichkeit gedeckt werden, „die Anlehnung 
an eine bewußte Intention verschmähen und also des Vorwandes nicht be- 
dürfen. Sie treten für sich auf und werden zugelassen, weil man Zweck und 
Absicht bei ihnen nicht vermutet. Man führt sie aus ,ohne sich etwas bei 
ihnen zu denken', nur ,rein zufällig*, ,wie nur die Hände zu beschäftigen*, 
und man rechnet darauf, daß solche Auskunft der Nachforschung nach der 
Bedeutung der Handlung ein Ende bereiten wird." 

Nach gründlicher Analyse zahlreicher Zufallshandlungen ist Freud 
zur Überzeugung gekommen, „daß sie eher den Namen von Symptom- 
handlungen verdienen. Sie bringen etwas zum Ausdruck, was der Täter 
selbst nicht in ihnen vermutet, und was er in der Regel nicht mitzuteilen, 
sondern für sich zu behalten beabsichtigt." 

Er gruppiert sie in solche Handlungen, die man gewohnheitsmäßig vor- 
nimmt (Spielen mit der Uhrkette, Zwirbeln am Barte usw.) oder regelmäßig 
unter gewissen Umständen (Spielen mit einem Stock; Kritzeln mit einem Blei- 
stift usw.) oder nur vereinzelt unter besonderen Umständen. 

Solche Handlungen werden nicht nur an neurotischen, sondern auch an 
gesunden Menschen beobachtet. Im Verkehr können sie oft unliebsame Ver- 
stimmungen hervorrufen. Wer Menschenkenner ist und die tiefere Bedeutung 
einer solchen Symptorahandlung erfaßt, also eine wenn auch unbewußte Ab- 
sicht erkennt, kann verstimmt werden; um so mehr aber noch ein psychologisch 
Ungeschulter, der hinter einer solchen Syraptomhandlung eine bewußte Ab- 
sicht vermuten oder erkennen will. „Je nervöser zwei Menschen sind, desto 
eher werden sie einander Anlaß zu Entzweiungen bieten, deren Begründung 
jeder für seine eigene Person ebenso bestimmt leugnet, wie er sie für die 
Person des anderen als gesichert annimmt." 

Wer der Psychologie des Unbewußten besondere Aufmerksamkeit widmen 
und ihr volles Verständnis entgegenbringen kann, wird sowohl an sich selbst. 



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270 Zur Psychopathologie des Alltagslebens. 

als auch besonders an seiner Umgebung, Handlangen beobachten, die er mit 
geübtem Blick nach ihrer tieferen Bedeutung werten wird. 

Schauspieler, die ihre Bühnengestalten nicht nur aus ihrem inneren 
Reichtum, sondern auch aus gründlicher Beobachtung und Kenntnis der Men- 
schen schaffen, haben manchmal derartige Symptomhandlungen trefflich zur 
Darstellung gebracht. Sie gelingen leider nicht immer, d. h. das Theater- 
publikum wird ihrer oft gar nicht inne oder sie werden nicht richtig gedeutet. 
Sie verfehlen zuweilen auch ihre Wirkung selbst auf den geschulten Beobachter, 
weil ihnen zur vollen Bühnenwirkung eine Grundbedingung der Symptom- 
handlungen entgegen steht, nämlich die: „sie müssen unauffällig und ihre Effekte 
müssen geringfügig sein^. Die weite Distanz zwischen Bühne und den meisten 
Sitzen eines weitläufigen Theaters zwingt den Schauspieler oft zur Ver- 
gröberung einer solchen Handlung, da er nicht annehmen kann, daß die Zu- 
schauer stets mit dem Theaterglas auf die Bühne schauen. So verlieren der- 
artige Handlungen an Bedeutung; manche Gesten der Schauspieler, die sich 
den Symptorahandlungen sehr annähern, sind geradezu gewöhnliches „Theater- 
requisit" geworden. Der Schauspieler, der auf der Bühne durch irgend ein 
Geschehnis in mächtige Erregung geraten ist, vor den Mit-Agierenden aber 
seine Fassung gewahrt zeigen will, lockert mit einer Hand die Enge seines 
Hemdkragens oder er fährt sich in kurzen Pausen durchs Haar und zerstört 
seinen tadellosen Scheitel, oder er trommelt, äußerlich ruhig, mit zitternden 
Fingern auf den Tisch u. s. f. 

Eine vollkommene Symptomhandlung vollführt Moissi als Hamlet. In 
der 4. Szene des HI. Aufzuges (in seiner Aussprache mit der Mutter) nach 
dem Aufschrei der Königin: 

„Was willst du tun, du willst mich doch nicht morden?", nachdem Hamlet 
den Todesstoß gegen Polonius geführt und die Königin schaudernd zurückfährt: 

„0 welche rasche, blat'ge Tat ist dies!*^ 
erwidert Hamlet: „Ja, gute Mutter, eine blut'ge Tat, 

so schlimm' beinah, als einen König töten 
und in die Eh' mit seinem Bruder treten'^. 

Im weiteren Verlauf des Gespräches, das erfüllt ist von zitternden Ge- 
danken an Tod und Rache, da Hamlet seiner Mutter die Verschiedenheit der 
Brüder in Bildnis und Wesenheit vor Augen führt, steht Moissi gebeugt über 
eine Banklehne. Ein Anhängsel auf einem Kettchen um seinen Hals fällt über 
das Hemd heraus. Moissi greift danach und spielt mit ihm, während er mit 
tränenvollen Worten von seinem geliebten Vater spricht. Ist das Anhängsel 
ein Bildnis seines Vaters und soll diese Symptomhandlung ausdrücken, woher 
ihm Gebot und Antrieb zur Rache kommt oder ist es ein Kreuz, das den 
Zögernden vor der Rache zurückweichen macht, da die „süße Religion" ihn 
mit ihren Vorboten gefesselt hält? Ich konnte es auf die weite Distanz hin 
nicht unterscheiden. 

Einer vollkommenen Symptomhandlung der Künstlerin Eleonore Düse 
erwähnt Freud: „Es ist ein Ehebruchsdrama; sie hat eben eine Auseinander- 
setzung mit ihrem Mann gehabt und steht nun in Gedanken abseits, ehe sich 
ihr der Versucher nähert. In diesem kurzen Intervall spielt sie mit dem Ehe- 
ring an ihrem Finger, zieht ihn ab, um ihn wieder anzustecken und zieht ihn 
wieder ab. Sie ist nun reif für den andern". 

Diese Symptomhandlung gehört zu den „vereinzelten", welche für den 
Schauspieler die Gewähr des Gelingens in sich tragen, weü während des VoU- 
bringens nicht gesprochen wird, niemand sonst auf der Bühne ist und alle 
Aufmerksamkeit sich auf den Darsteller konzentrieren kann. 



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Dr. Adolf Deutsch: SymptomhandlaiigeQ auf der Bühne. 271 

Der Theaterintendant Dr. Karl Hagemann widmet in seinem Buche 
, Regie, die Kunst der szenischen Darstellung" ein Kapitel (XII.) den Aus- 
drucksmögliclikeiten von Gedanken und Gefühlen, die dem Schauspieler zu 
Gebote stehe: „Die Gedanken in möglichst großer Schärfe und deshalb leicht 
faßlich, unterstützt und unterstrichen durch gewisse Ausdrucksmittel der körper- 
lichen Beredsamkeit — die Gefühle auf Grund der durch die Handlung ge- 
botenen äußeren und ioneren Erlebnisse, mit Hilfe des Sprechtons, der Ge- 
bärden und Mimik. Bewußtseinsvorgänge also, die vom Dichter ohne weiteres 
gefordert werden: klar erfaßte, seelische Phänomene in möglichst klar ge- 
gebener Darstellung'^. Er nennt diese Darbietungen primäre Ausdrucks- 
möglichkeiten; diesen stellt er die sekundären Ausdrucksmöglichkeiten 
gegenüber „die vom Schauspieler mehr als sonst mitschöpferische Qualitäten 
verlangen ... Es sind dies Phänomene, die sich in gewissen Äußerungen 
des Unterbewußtseins oflfenbaren." 

Hagemann kommt nun auf Freuds Darstellung der Symptom- 
handlungen in der „Psychopathologie des Alltags" zu sprechen und wünscht^ 
daß jeder Schauspieler sich die Kenntnis dieser Ausführungen verschaffen soll, 
von denen er sich eine tiefe Bereicherung der schauspielerischen Kunst ver- 
spricht. Er erfaßt die Definition Freuds ganz richtig und wertet ebenso- 
richtig die im genannten Buche angeführten Beispiele. Er zieht auch daraus 
sofort die für die Schauspielkunst richtigen und wichtigen Schlüsse: „Diese 
sogenannten Symptomhandlungen sind deshalb von so großer Wichtigkeit für 
den modernen Schauspieler, weil der betreffende Täter zwar selbst von einer 
damit verknüpften Absicht nichts weiß, sich die Handlungen also nicht an- 
rechnet und nicht verantwortlich erscheint — der andere (der Zuschauer) sie 
dagegen als wichtige Symptome äußerer Vorgänge erkennt und zu Schlüssen 
über die Absichten und Gesinnungen des betreffenden Täters verwertet, das 
heißt, mehr von den psychischen Vorgängen erfährt, als dieser selbst weiß, 
selbst zuzugeben bereit ist und mitgeteilt zu haben glaubt. Der Zuschauer ist 
also hier wieder einmal klüger als die Person der Handlung, worauf es ja 
für die Bühnenkunst wesentlich ankommt. Solche schauspielerische Nuancen 
sind deshalb bei sicherer Ausführung außerordentlich wirksam ... Sie sollen 
zwar vernehmlich, aber nur leise anklingen ... Es bedarf eines ganz sub- 
tilen und sehr sicheren darstellerischen Könnens, um diese gleichsam ver- 
schleierten Vorgänge aufnahmefähig zu machen, das heißt sehr diskret und 
doch deutlich (deutbar) auszugeben — um vor allem zum Ausdruck zu bringen,^ 
daß sie gleichsam aus einem anderen Querschnitt der Persönlichkeit stammen. " 

Ihm, dem Schauspieler, sind aber beide Vorgänge bewußt und das 
gerade macht seine Darstellung so besonders bedeutsam und reizvoll, daß „eia 
bewußt durchlebter mit einem unbewußt durchlebten Seelenvorgang gleichzeitig 
zu künstlerischem Ausdruck kommen muß.** 

Ein solcher Kunst der Darstellung Ähnliches scheint mir schon in 
manchen Themen der absoluten Musik zu liegen. Beethoven führt uns oft in 
seinen Symphonien die Trauer und Verzweiflung seines „Helden" in er- 
schütternden und wuchtigen Klängen zu Gemüt, die sich im Kampf mit Welt 
und Leben austoben. In Gegenführung hiezu klingen oft leise Melodien auf- 
steigender Hoffnung an, die sich endlich zu jubelnden Fanfaren steigern. Der 
„Held" hat den Sieg errungen, den er kaum geahnt oder erhofft hat. 

Deutlicher tritt diese Ähnlichkeit in der dramatischen Musik der mo- 
dernen Komponisten zu Tage, die sich der „Motive" bedient, um die Be- 
deutung des Wortes oder eines Vorganges zu erweitern und zu vertiefen (manchmal 
auch, um Wort und Vorgang in seine gegenteilige Bedeutung zu verkehren)^ 



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.272 Zur Psychopathologie des Alltagslebens. 

In der Schlußszene von Bizets Oper „Carmen" wirft sich Jos6 noch 
Carmen entgegen, die in die Arena gehen will, um ihren geliebten Toreador 
kämpfen und siegen zu sehen. Er versucht sie zu überreden, ihn wieder 
in Liebe aufzunehmen; seinem gewalttätigen Werben setzt sie aber ein un- 
erschrockenes „Nein" entgegen. In ihrem Herzen zittert doch wohl heimlich 
die Furcht, daß er ihr ein Leid zufügen werde: sie ist ja auch von ihren 
Freundinnen gewarnt und kann die fassungslose Verzweiflung von seinem ent- 
stellten Gesicht ablesen. Da hören wir schon das „Todesmotiv* des Cello aus 
-dem Orchester und wissen also schon vorher, was sich vorbereitet. 

In Wagners Musik dramen finden wir eine Fülle solcher orchestralen Motive. 

Ein Beispiel: Im ersten Aufzug „Walküre** erfährt Siegmund von 
Sieglinden, wer das Schwert in den Stamm der Esche gestoßen hat, das ihm 
-^um Schutze bestimmt erscheint: 

Ein Fremder trat da herein — 

Ein Greis in blauem Gewand: 

Tief hing ihm der Hut, 

Der deckt' ihm der Augen eines u. s. f. 

Im Orchester ertönt das Wallhallmotiv und wir wissen nun, daß der 
Greis — Wotan war : so ist der Zuhörer auch hier wissender, als die Personen 
4er Handlung. 

Ein weiteres Beispiel im zweiten Aufzug „Walküre"; Fricka bestürmt 
Wotan ^der Ehe heiligen Eid" zu hüten: 

Wann — ward es erlebt, 
Daß leiblich Geschwister sich liebten ? 
Wotan: Heut' — hast du's erlebt! 

Im Orchester klingt das Liebeslied Siegmunds aus dem ersten Aufzug an. 
So deutet das Motiv die Antwort Wotans. 

Im dritten Aufzug „Tannhäuser" schildert der Rompilger seinen ver- 
geblichen Versuch, Entsühnung zu erlangen. Da klingen im Orchester die 
sinnlich-berauschenden Klänge * des Venuszaubers an und aus tiefster Qual 
jauchzt er auf: 

Zu dir, Frau Venus kehr ich wieder. 
In deiner Zauber holde Nacht . . . 

Die ihm in Todesnot zugewiesene Buße und Entsühnung schwindet 
dahin vor der in seinem Geheimsten noch einmal auflodernden Lust und 
Sinnenfreude. 

Ein letztes Beispiel: Zum Schlüsse des zweiten Aufzuges „Lohengrin" 
schreitet Elsa, von Lohengrin zärtlich umfangen, zum Münster. Voll Glück- 
seligkeit blickt sie auf Ortrud hinab, die gehofft hat, daß Elsas Glück an der 
verbotenen Frage nach Lohengrins Herkunft zerschellen wird. Da ertönt im 
■Orchester das ^Fragemotiv". Elsa ist wohl selbst ihrer Festigkeit, die Frage 
zu meiden, nicht sicher und voll Schauder und geheimen Bangen wendet sie 
sich ab, da sie Ortruds Arm drohend erhoben sieht. So wird Elsas Glücks- 
geftlhl durch das anklingende Motiv in sein Gegenteil verkehrt. 

Ich bin weit entfernt davon, die von W a g n e r s Panegyrikern bis in die 
kleinsten Taktteile hinein motivisch gedeutete Technik gut zu heißen, da ich 
in ihr eine Verkleinerung des außerordentlich weit und tief angelegten musi- 
kalischen Ductus erkenne, glaube aber, daß die Gruppierung dieser Motive, 
etwa nach formalen, musikästhetischen und psychologischen Gesichtspunkten 
eine Fülle von interessanten Erkenntnissen ergeben dürfte. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Dr. Adolf Deutsch: Symptomhandlangen auf der Bühne. 273 

Trotzdem Hagemann die Symptomhandlung, wie sie Freud definiert 
und erläutert, richtig erfaßt, bringt er zum Schlüsse des Kapitels Beispiele 
hiezu aus seiner eigenen Praxis, von denen er allerdings sagt, daß sie „uns 
noch etwas weiter führen werden." Er erwähnt seiner Aufführung von 
Strindbergs ,, Totentanz'*. Nach einer qualvollen und quälenden Unter- 
redung zwischen Kapitän und Alice schreibt Strindberg eine Pause vor, 
die Hagemann bei der Aufführung durch folgende llegieanordnungen aus- 
fallen läßt: 

„Mit den letzten Worten geht Alice hastig nach hinten, dem Tore zu, 
dessen beide Flügeltüren weit offen stehen. Als sie die Schwelle betritt, hält 
sie plötzlich inne. Der Posten schlendert gerade vorüber. Sie tritt nicht auf 
die Bastion hinaus. Ein paar tiefe Atemzüge, ein langer Blick aufs Meer und 
sie geht wieder ins Zimmer. Sie ist gefangen und kann nicht heraus. Und die 
unerquickliche Handlung nimmt tropfenweise ihren Fortgang." 

Ein zweites Beispiel aus demselben Drama: 

Der Kapitän hat einen Schlaganfall erlitten und ruht auf einer Chaise- 
longue. Mühsam führt er mit Kurt ein Gespräch, der schließlich die Lampe 
löscht, um die unerquicklichen Themen abzuschneiden. Hagemanns Regie 
gibt nun folgendes an: „Draußen ist's mondhell. Der Wind pfeift, so daß sich 
der Posten fest in seinen Mantel gehüllt und die Kapuze hochgezogen hat. 
Langsam schleicht er vorüber. Da bleibt er plötzlich in Höhe des Tores stehn 
und horcht. Aber kein menschlicher Laut dringt aus dem Zimmer. Und 
langsam kommt er auf das Tor zu, legt Arme und Kopf dicht an die Scheiben 
und sieht unbeweglich ins Zimmer .... Der Tod .... Über dieser Er- 
scheinung fällt der Vorhang.' ' 

Er erläutert diese Regieangabe, indem er ausführt: ,,Es schien mir aber 
nötig, gleichsam als kräftige Stütze der dichterischen Idee ... ein stark 
wirkendes Symbol einzufügen. Und da die beiden Hauptdarsteller auf der 
Szene im Begriffe sind, einzuschlafen und damit die Pose absolute Ruhe ein- 
genommen haben, wird der Regisseur zu einem Darstellungsmittel außerhalb 
der eigentlichen Szene i^reifen. Die Symptomhandlung wird also hier von einer 
dritten Person ausgeführt und ist überhaupt keine Sj^mptomhandlung an sich, 
sondern nur in ihrem bestimmten Verhältnis zu der betreffenden Szene und 
zu dem ganzen Stück." 

Hagemann erkennt wohl selbst, daß diese Regieangaben keine 
Symptomhandlungen im Sinne der Auffassung Freuds sind. Daß bei der 
Aufführung so vieler Dramen „leere Stellen" vorkommen, über welche eine 
geschickte Regie hinweghelfen könnte, ist ja richtig und der geschulte Zu- 
schauer wird mit Genugtuung die gedankenvolle Arbeit des Regisseurs erkennen; 
Mimik und Gesten Alicens entsprechen aber nicht einem unbewußten, sondern 
dem wohl bewußten Zustand der Sehnsucht nach Freiheit und der Gewißheit 
des Gebundenseins. Das zweite Beispiel ist schon durchaus unrichtig gewählt, 
wie ja auch Hagemann selbst erkannt hat, weil die Handlung von einer 
unbeteiligten dritten Person vollzogen wird. Mir erscheint Hagemanns 
Regieangabe in diesem Falle sogar allzusehr gekünstelt. 

Ich habe dieses Kapitel aus dem Buche Hagemanns trotz der geringen 
Ausbeute besprochen, weil es ein neues Gebiet erschließt, in welches die 
Erkenntnisse Freuds hineinleuchten können. Erkennen wir im Leben, im 
Verkehr mit Menschen die Bedeutung einer Symptomhandlung, oft mit einer 
recht unerquicklichen Beigabe für den psychologisch Geschulten, so wird die 
fein erwogene Darstellung einer Symptom handlung durch die so bereicherte und 
vertiefte Kunst des Schauspielers unser ästhetisches Wohlgefallen gewiß erhöhen. 

ZtjitBchr. f. ärstl. Fsjohoanaljae. 1" 

r^^^j^,,!.-. Originalfrom 

V:.uv> UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Kritiken und Referate. 

A. W. van Renterghem (Amsterdam): Freud en zijn Scbool. Nieuve 
Banen der Psychologie. Baara 1913. Sammlung ,üit Zenuw-en Ziele- 
leven* (Aus Nerven- und Seelenleben), Serie II, Nr. 9. 

Van Renterghem schildert in dieser Schrift über ^Freud und 
seine Schule** zunächst in knapper Form die Entstehung der Psychoanalyse 
aus der kathartischen Methode. Er gibt dann einen Überblick über die weitere 
Entwicklung der Lehren Freuds und ihre Schicksale in der ärztlichen Welt. 
Er wendet sich mit Entschiedenheit gegen diejenigen, welche die Psychoanalyse 
a priori ablehnten oder sie totschwiegen oder verspotteten. Besonders würdigt 
er die Anteibahme der Züricher Schule am Ausbau und an der Propagierung 
der Lehre. Auch die Versuche einzelner Ärzte, die psychoanalytische Technik 
zu modifizieren, werden besprochen. 

Schließlich stellt der Verfasser die Psychoanalyse den suggestiven Me- 
thoden sowie den sonstigen therapeutischen Bestrebungen gegenüber, welche 
sich an das Bewußtsein des Patienten wenden. Er kommt zu dem Resultat, 
daß allen diesen Methoden nur eine symptomatische oder palliative Wirkung 
zukomme; die Psychoanalyse allein ermögliche die Auffindung und Beseitigung 
der Krankheitsursachen. 

Verfasser weist darauf hin, daß die Psychoanalyse sich historisch aus 
der hypnotischen Suggestion entwickelt habe. Letztere sei durch die Psycho- 
analyse nicht entbehrlich geworden, behalte vielmehr ihr bestimmtes Indikations- 
gebiet, besonders da, wo ein rasches therapeutisches Eingreifen erforderlich sei. 
Trotz hoher Wertschätzung der Hypnose steht Verfasser nicht an, zu erklären, 
daß vor der Psychoanalyse „das Licht der hypnotischen Therapie erbleichen 
müsse". Zu diesem Resultat gelangt ein Arzt, der selbst durch viele Jahre 
das hypnotische Verfahren ausgeübt hat, und der als Gelehrter und Fachmann 
gerade auf diesem Gebiet großes Ansehen genießt. 

Die Schrift, welche in erster Linie die therapeutischen Gesichtspunkte 
hervorhebt, würdigt daneben auch die wissenschaftlichen Resultate der Psycho- 
analyse in vorurteilsloser Weise. Abraham. 

L. Löwenfeld: Bewußtsein und psychisches Geschehen. (Grenz- 
fragen des Nerven- und Seelenlebens. Verlag J. F. Bergmann, Wies- 
baden 1913.) 

„Der wichtigste Fortschritt, den die Psychologie in den nächsten De- 
zennien machen kann, wird in der Einfügung der Ergebnisse von der Tiefen- 
forschung in das Gesamtgebiet der Psychologie bestehen, eine Einfügung der 
Art, daß diese Ergebnisse zu einem unabtrennbaren, keinem Zweifel und 
keiner Unterschätzung mehr ausgesetzten Bestandteile des psychischen Tat- 



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Kritiken und Referate. 275 

sachenraaterials werden. Diese Einfügung darf sich nicht auf die Resultate 

der Psychoanalyse beschränken " Löwenfeld unternimmt es, mit 

dieser Broschüre einen Ausgleich zu vermitteln zwischen der „allgemeinen 
Psychologie" und der „Tiefenforschung", deren Resultate er mit deutlicher per- 
sönlicher Würdigung zum ansehnlichen Teil der Psychoanalyse zugesteht. Es 
ist immerhin gut, daß ein Fachmann eine solche Aufgabe formuliert, trotzdem 
ich der Meinung bin, es handle sich hier nicht so sehr um eine Aufgabe, die 
eigens unternommen werden müßte, als vielmehr um ein noch nicht erreichtes 
Resultat, welches eines Tages einfach als Marke auf dem Weg stehen wird, 
den die Psychologie zurücklegen muß. Aber es scheint, daß Löwenfeld 
unserer Wissenschaft außerhalb seiner bewußten Absicht einen Dienst geleistet 
hat, der nicht unterschätzt werden darf: er hat die Bruchflächen umrissen, 
an denen einmal die „allgemeine" und die „Tieienpsychologie" einander 
organisch zuwachsen sollen. Dies gelang ihm durch eine gute Auswahl der 
zugehörigen Literatur. Der Leser merkt an dieser klug entwickelten Zitaten- 
kette, daß es eben nur noch eines ordentlichen Stückes Arbeit bedarf, um 
jeden Ausgleichs versuch überflüssig zu machen. Denn einem solchen ist ent- 
gegenzuhalten : so lange die Terminologie in der Seelenkunde zugleich der 
Ausdruck verschiedener Arbeitsmethoden ist, hat es wenig Nutzen, sich um 
die Durchführung einer einheitlichen Terminologie zu mühen. Der Terminus 
ist ja doch nur dann ganz zu verstehen, wenn alles hinzu verstanden wird, 
was der einzelne Forscher an Wissen und wissenschaftlicher Anschauung im 
Vorrat hatte. Ohne dieses bliebe der Ausgleich nur ein scheinbarer; mit Ein- 
beziehung davon aber ist er im Wesen unmöglich, der Versuch also irre- 
führend. Die Psychoanalyse wird sich gegen diesen Vorschlag zur Güte ebenso 
ablehnend verhalten müssen, wie die Bewußtseinspsychologie. Beide Arbeits- 
richtungen verlangen, daß man von ihren spezifischen Ausgangspunkten ausgehe 
und nur unter diesen Bedingungen versprechen sie, daß man zu ihren Resul- 
taten gelangen würde. Der Kritiker hat kaum etwas anderes zu tun, als zu 
prüfen, welche von den Theorien eine größere Anzahl von ungeklärten Problemen 
zu erhellen vermag. Damit fällt die Entscheidung von selbst. Indessen aber 
heißt es abwarten. Löwenfeld macht den Versuch, eine Plattform zur 
Verständigung zu schaflfen, indem er ein ganzes Stück theoretischer Architektur 
einschiebt, die den Riß zwischen der „allgemeinen'* und der ., Tiefenpsycho- 
logie" überbrücken soll: er unternimmt es, in den Begriff des „Unterbewußten^ 
einen Inhalt zu pressen, worin sich beide Arbeitsrichtungen begegnen sollen, 
und dies mit Hilfe eines Schemas, in dem die von der Psychoanalyse postu- 
lierten qualitativen Unterschiede im psychischen Aufbau einfach zu graduellen 
abgeflacht werden. Das heißt jedoch das ganze Qualitätsproblem über- 
springen. 

Indessen, es lohnt die Mühe, sich mit diesem Versuch auseinander- 
zusetzen. Er gibt der Psychoanalyse, schon durch die große Seitenzahl, die 
er ihr einräumt, die Möglichkeit, an den verschiedensten Punkten ihre An- 
sprüche zu betonen und das persönliche Wohlwollen, das der Autor ihr ent- 
gegenbringt, damit zu quittieren, daß sie ihre Stellung zu seinen Absichten 
ausdrücklich präzisiert. Dr. Viktor Tausk. 

0. Haßmann und Prof. H. Zingerle (Graz): Untersuchung bildlicher 
Darstellungen und sprachlicher Äußerungen bei Dementia 
praecox. (Joum. f. Psychol. u. Neurol., Bd. 20, 1913, H. 1—2.) 

Endlich eine österreichische psychiatrische Publikation die — im Gegen- 
satz zu der hier üblichen, statt nachprüfenden, nach oben liebedienerischen, 

18* 



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276 Kritiken und Referate. 

herabsetzenden Kritik der Arbeiten Freuds und seiner Schule — sich auf 
ehrliche, voraussetzungslose Arbeit berufen kann! 

„Wir sind*, sagen die Autoren, „bei unserer Untersuchung, die durch 
keinerlei hypothetische Überlegung von vornherein in bestimmte Bahnen ge- 
leitet wurde, auf das Symptom der Syrabolbildung gestoßen, das ja auch 
in der Neurosenlehre Freuds eine so hervorragende Rolle spielt ... Es 
erscheint uns . . als Pflicht einer vorurteilslosen Untersuchung, darauf hinzu- 
weisen, daß der hier erhobene Befund den Darlegungen Freuds über die 
Symbolik zweifellos eine Stütze bietet, umsomehr, als hier diese — ohne 
künstliche Deutungsversuche — spontan zum Ausdruck kommt. Wenn hier 
bei einer Psychose frei und unbeeinflußt das zu Tage tritt, was Freud bei 
den Neurosen in ganz gleicher Weise schildert, so ist man wohl nicht mehr 
berechtigt, die Freudschen Darlegungen über Symbolik und ihre Deutung 
im Prinzip als unbewiesene Ergebnisse phantastischer Gedankengänge einfach 
abzulehnen, sondern muß man anerkennen, daß Freud in diesem Punkte 
wenigstens an tatsächliche Erscheinungen anknüpft. Es scheint auch richtig 
zu sein, daß die Symbolik in besonderer Beziehung zu gefühlsbetonten Kom- 
plexen — besonders sexuellen Inhaltes — steht, und daß durch dieselbe der 
wahre Inhalt dieser Komplexe maskiert wird. Nach der Annahme Freuds, 
Bleulers u. a. kommt das Denken in Symbolen im Traume, bei Tagträumen, 
in hysterischen Dämmerzuständen, in Fieberdelirien, auch bei gewissen 
organisch bedingten Delirien (Bleuler) vor, und würde demnach die Symbol- 
bildung eine Erscheinung von allgemeiner Bedeutung für die Psychopathologie 
und die psychologische Erkenntnis überhaupt sein.*' 

Einer der beiden Krankheitsfälle ergab in schönster Weise, daß kompli- 
zierte zusammenhängende Ideenverbindmigen ganz systematisch durch Bilder 
versinnbildlicht werden, und daß der zu Grunde liegende Gedankeninhalt vor- 
wiegend dem sexuellen Gebiete entnommen ist. Den anscheinend sinnlosen Dar- 
stellungen lag ein ganz bestimmter Sinn zu Grunde und sie lassen eine merk- 
würdig lebhafte Phantasietätigkeit des Patienten erkennen, „die man hinter 
der lange dauernden Zerfahrenheit gar nicht erwartet hätte." 

Dr. E. Hitschmann. 

Prof. Dnbois (Bern) : ^Zur Frage der sogenannten Ausfalls- 
erscheinungen.'' (IVIon. f. Geburtshilfe und Gynäkologie, Bd. 37, 
1913, H. 2.) 

Dubois hebt hervor, wie häufig Depression, Reizbarkeit und hypochon- 
drische Ängstlichkeit die Blutdrucksteigerung und vasomotorischen Erscheinungen 
des Klimakteriums begleiten und neigt (ohne genügende Begründung) dazu, die 
Erscheinungen nicht als eigentliche Ausfallserscheinungen, sondern als Ausdruck 
einer schon lange vor dem kritischen Alter bestehenden psychoneurotischen 
Anlage zu betrachten. Die Behandlung besteht in „wohlwollender Belehrung 
in langen Gesprächen. ^^ 

Erwähnt seien noch eine Bemerkung Dubois' (S. 212): „Ich glaube, daß 
die Sexualität überhaupt bei allen Psychoneurosen eine größere Holle spielt, 
als man gewöhnlich annimmt," sowie seine Beobachtungen des von den Fran- 
zosen als „Menopause masculine** bezeichneten analogen Symptomenkomplexes 
bei Männern. Beide Tatsachen sind bekanntlich längst von Freud hervor- 
gehoben worden, ohne daß aber der Autor hier davon Notiz nähme. 

Dr. E. Hitschmann. 



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Kritiken und Referate. 277 

Linkenheld (Barmen): Ein typisches Krankheitsbild, hervor- 
gerufen durch Coitus interruptus. (Mon. f. Geburtshilfe und 
Gynäkologie, Bd. 37, 1913, H. 2, 8. 232.) 

Der Autor schildert „das Krankheitsbild funktioneller Neurosen, das 
durch Coitus interruptus hervorgerufen wird", als bestehend in Leib- und 
Rückenschmerzen, Menstruationsstörungen im Sinne der zu raschen Folge und 
Reichlichkeit, ferner in Fluor und Mattigkeit, besonders nach der Kohabitation. 
Die Schmerzen sind mäßig, nur oder überwiegend rechtseitig. Stets ließen 
sich drei Druckschmerzpunkte feststellen : 1. in der äußeren Öffnung des 
Leistenkanals; 2. am Mac Bumeyschen Punkt; 3. an dem Winkel, welchen 
die letzte Rippe mit der Wirbelsäule bildet. Das innere Genitale zeigt enorme 
Überempfindlichkeit bei Berührung. In der Diskussion zu diesem Vertrag hob 
Everke hervor, daß es nicht die frigiden Frauen sind, die unter dem Coitus 
interruptus leiden, sondern die erregbaren. Die Unterschiede der Erregbar- 
keit lassen sich auch auf Rasse oder Volksstamm zurückführen. 

Dr. E. Hitsch mann. 

Dr. jnr. Max Rudolf Senf: Narzißmus. (Sexualprobleme, Zeitschrift für 

Sexualwissenschaft und Sexualpolitik. März 1913.) 

Verfasser schildert drei Formen von auf der Grundlage des homo- 
sexuellen Charakters entstandenem Narzißmus und nennt sie: a) Integritäts- 
erotik; h) Inspirationserotik ; c) Konturerotik. 

Der Integritätserotiker wird von dem Bewußtsein beherrscht, 
daß die eigene sexuelle Anziehungskraft durch die Unberührtheit geschaffen, 
gesteigert und unterhalten wird; es lebt deshalb in ihm der Drang des 
Niemalsunterliegens. Die sexuelle Lust entsteht aus dem Kampfe gegen die 
von außen andringende Begehrlichkeit, die durch eigene Wünsche verstärkt 
sein kann ; das Gefühl des Obsiegens gibt die Befriedigung. Onanie vermehrt 
dabei die lustbetonte Sicherheit, niemals der Begehrlichkeit eines anderen zum 
Opfer zu fallen. 

Der Integritätswunsch kann sich zu seiner Durchsetzung einer totalen 
Trennung des Psychischen vom Physischen bedienen, so daß es dem Individuum 
möglich ist, sich animalisch auszurasen, ohne daß die Seele etwas davon weiß. 
Verfasser findet hier den Übergang zu den Lustverbrechem. In weniger mar- 
kanten Fällen bietet das Individuum das Bild eines Menschen, der bei noch 
so verfeinertem Innenleben nicht lieben kann und seinen Geschlechtstrieb be- 
friedigt, wie andere körperliche Bedürfhisse. 

Bei der Inspirationserotik findet Verfasser die sexuelle Ent- 
spannung und die Quelle aller Wollust in dem eigenen seelischen 
Wirken. Wie der Normalmensch vom sexuellen Verlangen, so wird der 
Inspirationserotiker von dem Zwange, zu schaffen, überfallen. Es tauchen 
plötzlich Gedanken und Kombinationen in ihm auf und während er sich selbst 
wie körperlos erscheint, gestaltet er instinktiv, wittert den einzigen Weg zur 
Lösung und meistert die Ausdrucksmittel, als hätten sie in ihrer Sprödigkeit 
ihm nie zuvor höchste Qual verursacht. Auch ihm ist das Liebesgefühl (beizu- 
fügen wäre wohl : das persönliche, Ref.) fremd, aber sein ganzes Dasein ist 
Erotik. 

Für den Konturerotik er ist charakteristisch, daß ihm ein seltsames 
Gefühl des eigenen Körpers, das dem normalen Menschen fremd ist, die 
sexuelle Entspannung vermittelt. 

Lustquelle ist die Kultivierung des Körpers, deren wichtigste Mittel die 
Körperpflege, das Sichkleiden sind. Das Individuum entdeckt im eigenen Körper 



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278 Kritiken und Referate. 

einen Konturenkomplex, dessen Anblick, rein ästhetisch gewertet, lustbetont ist. 
Onanie vor dem Spiegel kommt vor, ist aber nicht essentiell, es kann sich um 
bloße wollüstige Kontemplation handeln, wie sie die Sage von Narkissos be- 
richtet. Auch hier fehlt das Liebesgefühl. 

Den Ausführungen des Verfassers liegen gewiß interessante Beobachtungen 
zu Grunde, doch scheint mir die Einteilung etwas abstrakt behandelt zu sein, 
wie Verfasser auch selber fühlt. Für die Erscheinungen der Sexualablehnung 
eröffnet er aber interessante Gesichtspunkte. Mit der Homosexualität vermag 
ich keinen anderen Zusammenhang zu entdecken, als den des Narzißmus über- 
haupt, der doch nur eine tiefe Stufe der Sexualität im allgemeinen, der 
Homosexualität im besonderen ist. 

Wichtig scheint mir die Tatsache, daß sich Juristen mit diesen Fragen 
beschäftigen; eine psychologisch richtige Würdigung der sexuellen Faktoren 
durch die Kriminalisten dürfte manche Prozeßentscheidung anders gestalten, 
wenn auch die mathematisch exakte Formulierung der ^Psychoanalyse^, auf die 
Verfasser für den Kriminalisten hofft, sehr unwahrscheinliche Zu- 
kunftsmusik ist. Dr. Margarete Stegmann, Dresden. 

Richard Trangott: Der Traum. Psychologisch und kulturgeschichtlich 
betrachtet. (Würzburg 1913, Kurt Kabitzsch. M. 1*50.) 

Der Verfasser bespricht zunächst in rein deskriptiver Weise einige Be- 
sonderheiten des Traumlebens und wendet sich dann einer ausführlicheren 
Darstellung der Freud sehen Traumlehre zu (11 Seiten petit), weil sie 
„eine sehr wertvolle Vorarbeit darstellt: sie erleichtert uns den Nachweis 
der Verwandtschaft des Traumdenkens mit dem primitiven Denken (S. 51), 
den sich der, wie es scheint ehrgeizige, Verfasser zur Aufgabe gestellt hat und 
den er auch auf den letzten 15 Seiten seiner Broschüre geliefert zu haben 
glaubt, indem er darauf hinweist, daß der Traum mit dem Mythus, dem 
Zauberglauben und gewissen religiösen Vorstellungen inhaltliche und formale 
Charakteristika gemeinsam habe, wie die Wunschmotive, den sexuellen Gehalt, 
die Symbolik u. a. Zwar zitiert der Autor, „um seine kleine Schrift nicht 
unnütz mit einem Autorenregister zu beschweren" in einer Vorbemerkung 
„von modernen Autoren, namentlich Freud und dessen Schule — Riklin, 
Abraham — ", aber es hätte doch weder ihm entgehen, noch seinen Lesern 
vorenthalten werden dürfen, daß sowohl diese Autoren selbst, wie zahlreiche 
andere Vertreter der psychoanalytischen Schule den Nachweis der Verwandt- 
schaft des Traumdenkens mit dem primitiven Denken an Hand umfassender 
Detailuntersuchungen bereits in einem Ausmaße und mit einem Grad von 
Sicherheit erbracht haben, die über das vom Autor Gebotene weit hinaus- 
gehen. 

Abgesehen davon sind dem Autor bei der Wiedergabe und kritischen 
Würdigung der Freudschen Ideen einige kleine Mißverständnisse unter- 
laufen; bei „Richtigstellung dessen, was unserer Ansicht nach an ihnen 
richtig zu stellen ist" (S. 40), glaubt der Verfasser der fast ausschließlichen 
Wirksamkeit ins Unbewußte verdrängter sexueller Motive bei der Traum- 
bilduug nicht ohne weiteres zustimmen zu können — was auch Freuds 
Meinung ist, der in der ^Traumdeutung" (3. Aufl., S. 205) sagt: „Man darf 
bei der Traumdeutung diese Bedeutung sexueller Komplexe niemals vergessen, 
darf sie natürlich auch nicht zur Ausschließlichkeit übertreiben." Noch mehr 
als dieser warnende Satz vermag einen aber die Lekttlre des Freudschen 
Werkes zu überzeugen, daß den egoistischen Regungen in ihren körperlichen 
(Hunger, Durst usw.) und seelischen (Rachsucht, Ehrgeiz usw.) Äußerungen 



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Kritiken und Referate. 279 

Yon Freud ein großer Anteil an der Traumentstehung und bei der Traum- 
deutung eingeräumt wird. Niemals hat Freud geleugnet, daß auch Erwach- 
sene unter den entsprechenden Bedingungen der Wunscherfüllung in kulina- 
rischen Traumgenüssen schwelgen können (vgl. die von Freud 1. c, S. 96 
angeführten Träume Norden skjölds), die nicht symbolische Äquivalente 
sexueller Genüsse sind, wie der Verfasser ihm (S. 63) aufdisputieren möchte. 
Er verrät damit nur sein eigenes mangelhaftes Verständnis der Traumdeutung, 
ebenso wie er durch Abweisung der Deutungstechnik als „Suggestion" verrät, 
daß er noch keine regelrechte Deutung eines fremden Traumes durchgeführt 
und dabei gesehen hat, wie unmöglich es ist, dem Träumer die Einfälle zu 
suggerieren, die ihrerseits dem Analytiker erst das Verständnis des Traumes 
ermöglichen. 

Noch eine Bemerkung zu der Frage, ob es einen traumlosen Schlaf 
gebe, was Verfasser mit Leibnitz, Kant und Vaschide leugnet, die sich 
dabei auf das Vergessen des bei Nacht Geträumten berufen (S. 30). Wenn 
auch wahrscheinlich weit mehr geträumt wird, als man am Morgen erinnert, 
so dürfte es sich doch, um zu einer Entscheidung zu gelangen, empfehlen, 
zunächst die Frage schärfer zu formulieren. Daß das Unbewußte fortwährend, 
bei Tag wie bei Nacht, tätig sei, glaubt die Psychoanalyse postulieren zu 
müssen ; daß auch die spezifische Tätigkeit der Großhirnrinde, d. h. die Be- 
wußtseinstätigkeit im Schlaf nie ganz aufhört, wollen wir mit dem Verfasser 
gelten lassen. Aber mit beiden Annahmen muß noch keineswegs die beson- 
dere, durch psychoanalytische Forschung aufgedeckte Tätigkeit des Träumens 
gegebeu sein, die des Hinzutretens spezifischer Momente bedarf. 

Dr. Rank. 

C. W. Leadbeater: Träume. Eine theosophische Studie. Autor. Übers. 
V. G. Wagner. 2. verm. Aufl. (Leipzig 1912, Max Altmann.) 

Diese kleine Schrift erörtert die Traumerscheinungen im Lichte theo- 
sophischer Betrachtung, indem sie den „physischen** und „astralen" Einfluß auf das 
Bewußtsein und dessen Reaktionen darauf schildert. Abgesehen von den all- 
bekannten Leibreizen wird ein „ätherischer Doppel körper" des Gehirns an- 
genommen, welcher „in Wirklichkeit nicht weniger materiell ist als das erstere, 
wenn es auch aus einer Materie besteht, die noch feiner als die gasförmige 
ist". Wie dieses „Ätherische", so scheint auch das davon unterschiedene 
^Astrale" — als etwas „jenseits der Grenzen des physisch Erreichbaren" 
Liegendes — wie eine mystische Umschreibung des bei der Traumbildung her- 
vorragend beteiligten Unbewußten. Vom astralen Vehikel heißt es beispiels- 
weise (ö. 13)*. „es ist eben der Sitz aller Wünsche und Er- 
regungen." 

8 Alle diese verschiedenen Teile des Mechanismus sind in Wirklichkeit 
nur Werkzeuge des Ego" (S. 14), das sich im Schlafzustand verändert und 
der Einwirkung des ätherischen und Astralkörpers stärker unterworfen ist. 
„Alle Arten Gedanken und Einflüsterungen von Begierden machen auch unter 
diesen Umständen auf den kamischen Körper tiefen Eindruck, wenn auch in 
manchen Fällen diese Begierden und Wünsche, die leicht Widerhall in 
ihm wachrufen, etwas höher sein mögen als gewöhnlich*' (S. 27). 

Neben dieser mystischen Erfassung des Unbewußten finden sich — kaum 
mehr in der eigenartigen theosopbischen Auffassung — einzelne zutreffende 
Hinweise, die von einer guten Beobachtung des Traumlebens zeugen. So die 
im 6. Abschnitt besprochene „Fähigkeit zu dramatisieren'*, die sogar 
mit dem primitiven Denken in Parallele gestellt wird. „Es scheint beinahe, daß, 



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280 Kritiken und Referate. 

gerade wie der primitive Mensch jede Erscheinung der Natur in die Form 
einer Mythe kleidet, das noch nicht vorgeschrittene Ego jedes Ereignis, das 
zu seiner Kenntnis kommt, dramatisiert .... Wenn die Entwicklung weiter 
fortschreitet und der eigentliche Mensch allmählich seine Stellung und seine 
Verantwortlichkeit verstehen lernt, tiberwindet er diesen kindlichen Sport** 
(S. 34). Den 9. „Das Denken in Symbolen'* überschriebenen Absatz 
wollen wir zum Schluß ganz hieher setzen: ,,Noch ein anderer Punkt ist in Be- 
ziehung auf den Zustand des Ego, wenn es während des Schlafes außerhalb 
des Körpers ist, der Erwähnung wert, nämlich daß es in Symbolen zu denken 
scheint — das heißt, daß ein Gedanke, welcher hier unten um ihn auszu- 
drücken vieler Worte bedarf, sich ihm durch ein einziges symbolisches Bild 
mitteilt. Wenn sich nun ein solcher Gedanke dem Gehirn einprägt, so daß 
es sich desselben beim Wachen erinnert, so muß er natürlich übersetzt werden. 
Oft führt der Verstand diese Aufgabe richtig aus, aber manchmal wird das 
Symbol ohne Schlüssel in der Erinnerung behalten — es geht sozusagen uu- 
übersetzt hindurch, und dann entsteht Verwirrung. Viele bringen so ganz 
gewohnheitsmäßig die Symbole hindurch und versuchen hier unten eine Deutung. 
In diesen Fällen schein t jeder ein eigenes System derSymbologie 
für sich zu haben, obgleich die meisten Träume in einigen 
Punkten übereinstimmen. So bedeutet im Traum z. B. ,Wa8ser* 
kommende Schwierigkeiten." 

Es würde sich vielleicht verlohnen, die theosophischen Lehren psycho- 
analytisch daraufhin zu untersuchen, wie viel Ahnung oder Erkenntnis des 
Unbewußten und seiner Eigenart sich in dem mystischen, stellenweise ganz 
undurchsichtigen Gewände ihrer bizarren Anschauung und Terminologie 
verbirgt. Dr. Rank. 

Hermann Rohleder: Monographien über die Zeugung beim Menschen. 
II. Band : Die Zeugung unter Blutsverwandten (Konsanguinität, 
Inzucht, Inzest). Eine naturwissenschaftlich-kulturhistorische Sexual- 
studie. (Leipzig, Georg Thieme 1912. — Preis M. 4*20, geb. M. 5* — .) 

Der als Sexologe bekannte Verfasser beleuchtet in seinem groß ange- 
legten Werke die Blutsverwandtschaft im ganzen Reiche der belebten Natur, 
also bei Pflanze, Tier und Mensch und versucht ihre Folgen sexualbiologisch 
zu erklären, indem er die Gesetze der der Inzucht entgegen arbeitenden 
Naturerscheinungen, wie die der Degeneration und Regeneration im allgemeinen 
heranzieht. Femer enthält die Arbeit eine kurze Skizze der Inzucht als 
Kulturentwicklungsfaktor ira Werdegang der alten Kulturvölker — nebst 
Hinweisen auf heute noch bestehende sporadische Inzucht in kleinen Gemein- 
den — und endlich in einem juristischen Teil die Stellung, welche die Gesetz- 
gebung der Kulturvölker zur Blutsverwandtschaft und dem Inzest eingenom- 
men hat. 

Der Autor führt aus, daß „das Inzuchtsprinzip im gesamten Tierreich 
in der phylogenetischen Entwicklung ein Naturgesetz, eine Naturnotwendigkeit 
zur weiteren Entwicklung der Lebewesen, zur Höherzüchtung bis zur Mensch- 
werdung" war. Auf der anderen Seite aber ftlhre die Inzucht durch viele 
Generationen ohne Vermischung fortgesetzt, zur Degeneration. „Auf 
einige Zeit bestehender Inzucht mit darauf folgender Vermischung beruht das 
Geheimnis der physischen und geistigen Entwicklung aller heute bestehenden 
lebenden Geschlechter*' (S. 14). 

Sehr interessant sind die Ausführungen über Inzuchtverhältnisse einerseits, 
ihre oft raffinierte Verhütung anderseits im Pfianzenreich, woraus Verfasser die 



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Kritiken und Referate. 281 

Gültigkeit des angeführten Gesetzes von Wechsel der luzucht mit Mischung 
ebenso ableitet wie aus den Ergebnissen der Tierzucht ong, auf die er sich 
beruft. Nicht unerwähnt sei hier eine Bemerkung des Autors, der in der 
Brunst, welche die Tiere hinaustreibt auf die Suche nach Geschlechtsgenossen, 
eine Vorbeugung der Natur gegen die Inzucht erblicken möchte, obwohl er 
nicht tibersieht, daß auch bei solchen Tieren Inzucht nicht selten ist. 

Eine Ausnahme von dem „Gesetz" der Degeneration durch fortgesetzte 
Inzucht bilden die Bienen und Ameisen, die bekanntlich zu den am höchsten 
entwickelten Insekten gehören. Im Bienenstock herrscht größte Inzucht, 
„gleichsam nur Geschwisterehen*' (S. 37). Doch wird der damit unvermeid- 
lichen Degeneration nach des Autors Auffassung durch die Drohnenschlacht 
vorgebeugt, sowie durch Ausschließung zahlreicher Individuen (Arbeiterbienen) 
vom Zeugungsgeschäft. 

Für das Leben des Urmenschen ist strengste Inzucht wahrscheinlich, die 
allmählich zur Endogamie, zur Volksinzucht wurde, welcher der Mensch seine 
Kulturen twicklung verdanke. Die größten Kulturvölker des Altertums waren 
Inzuchtvölker. Mit Recht wird auch der Nationalstolz als eine Folge der Inzucht 
aufgefaßt. Der Autor meint nun, ,,eine Familie, eine Rasse degeneriert durch 
Inzucht. Ein Volk regeneriert durch Inzucht", da die Degeneration hier 
erst nach Jahrhunderten und Jahrtausenden eintritt. Auch sei das keine In- 
zucht im eigentlichen Sinne mehr, da weitere Blutsverwandtschaft fehle. 

Der Verfasser verfolgt nun die Inzucht und ihre Folgen bei den alten 
Kulturvölkern, den Ägyptern, Juden, Peruanern, Mexikanern, Persem, Indern^ 
Griechen und Römern, bei denen Inzucht oder engster Inzest teils erlaubt, 
ja sogar geboten, teils strenge verboten war, was er aus den teils regenera- 
tiven, später als degenerativ erkannte Folgen dor Inzucht erklärt, an denen 
die meisten der alten Kulturvölker nach einer kurzen Blütezeit auch zu Grunde 
gegangen seien. 

Nach einem Überblick über das Vorkommen von Inzucht bei heutigen 
Natur- und Kulturvölkern und einer Skizzierung der Stellungnahme der Medizin 
zur Eausanguinität (die bei gesunden Leuten ohne weiteres zu gestatten sei) betont 
der Verfasser nochmals neben den schädigenden Wirkungen generationenlanger 
Inzucht die hohe Bedeutung derselben, insbesondere in ihrem Wechsel mit 
der Vermischung, für die kulturelle Entwicklung des Menschengeschlechts. 

So sehr es den Psychoanalytiker, der die unbewußten Inzestneigungen 
der heutigen Kulturmenschen kennt, befriedigt, daß der Verfasser die 
Westermarcksche Ansicht von einer instinktiven Abneigung gegen den 
Inzest ablehnt, so wenig befriedigt ihn die eigene Erklärung des Verfassers, 
daß es „der polygamische Sexualtrieb sei, der vermittels der Erziehung zur 
Abneigung gegen den Inzest führt** (S. 156). 

Und so bleibt das Problem, wieso es in der Entwicklungsgeschichte des 
Menschen zum Inzestverbot gekommen ist, als Aufgabe für weitere psycho- 
logische Forschung bestehen, die sich mit Vorteil an den biologischen Tatsachen 
orientieren wird. Dr. Rank. 

F. Earsch-Haack : Das gleichgeschlechtliche Leben der Natur- 
völker. (Verlag Ernst Reinhardt, München 1911. Preis 15 Mark, geb. 
17 Mark. 668 Seiten mit 7 Abbildungen^ im Text und 7 Vollbildern.) 

Die vorliegende Studie des durch Vorarbeiten auf diesem Gebiet 
bereits bekannten Verfassers tritt als erster Band eines auf mehrere Ab- 
teilungen und zahlreiche Bände berechneten Sammelwerkes „Forschungen über 
gleichgeschlechtliche Liebe ** auf. Das ungeheure und hochinteressante Material, 



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282 Kritiken and Referate. 

das der Verfasser in langjähriger Sammel- und Forschungsarbeit gewonnen und 
gesichtet hat, fuhrt zu dem Ergebnis, daß bei allen Naturvölkern ohne Aus- 
nahme eine mehr oder minder große Zahl von Individuen beider Geschlechter 
dazu neigt, die Rolle des anderen Geschlechtes bald in einigen, bald in fast 
allen Beziehungen zu übernehmen. Mit Recht tritt daher der Verfasser den 
unverständlichen und mißverständlichen Auffassungen entgegen, welche in der 
gleichgeschlechtlichen Liebe lediglich eine Entartungserscheinung des Einzelnen 
wie ganzer Völker sehen wollen oder eine auf schnöde Spekulation berechnete 
Entäußerung jeder höheren Menschlichkeit und Gesittung. „Die bei den Natur- 
völkern zur Beobachtung gekommenen Erscheinungen gleichgeschlechtlichen 
Lebens machen auf jeden Unbefangenen den Eindruck elementarster Natür- 
lichkeit" (S. 664). Die Psychoanalyse nimmt mit Befriedigung von diesem 
Befund Kenntnis, der die gleichgeschlechtliche Neigung nicht als spezielle 
Eigenart einer besonderen Gattung des Homo sapiens in Anspruch nimmt, 
sondern sie als allgemein-menschliche Erscheinung zu begreifen sucht. Die 
analytische Erforschung des Seelenlebens neurotischer und auch gesunder Per- 
sonen hat zu der Einsicht geführt, daß die gleichgeschlechtliche Neigung, die 
bei gewissen Individuen manifest hervortritt, unbewußterweise bei allen Menschen 
wirksam ist und in sublimierter Form einen bedeutsamen Anteil an allen so- 
zialen und kulturellen Leistungen hat. Daß bei den Naturvölkern, die, auf 
einer relativ niederen sozialen Stufe stehend, ihr Triebleben großenteils noch 
direkt auszuleben Gelegenheit haben, die gleichgeschlechtliche Liebe sich so 
häufig findet, scheint zu den psychoanalytischen Ergebnissen und ihrer Auf- 
fassung gut zu stimmen. Dr. Rank. 

Hans Blüher: „Die deutsche Wandervogelbewegung als eroti- 
sches Phänomen." Ein Beitrag zur Kenntnis der sexuellen In- 
version. (Berlin-Tempelhof 1912, Bernhard Weise.) 

Freuds Forschungen haben unser Wissen von der Sexualität so 
bereichert, nuanciert und detailliert, daß die Fachausdrücke — wenn sie 
auch um einige vermehrt wurden — lange nicht mehr ausreichen, um die 
neuen Auffassungen, Abstufungen von Empfindungen u. dgl. unterscheidend 
zu benennen. 

Für den, der Ursachen und Zusammenhänge, wie sie sich psychoanalytisch 
ergeben haben, nicht kennt, ergibt sich dann reichliche Gelegenheit zu Miß- 
verständnissen. Die Benennung „homosexuell" enthält für den Fernerstehen- 
den, der die Erweiterung des Begriffes Sexualität, die normale Bisexualität und 
den Anteil der Inversion an den sozialen Gefühlen nicht kennt oder ablehnt, 
in jedem Fall den Beiklang des Pathologischen und überdies etwas Herab- 
setzendes. 

Die Aufgabe, die sich der Verfasser gestellt hat, in einer idealen 
Jugendbewegung — dem „Wandervogel", einem Knaben-, Jtlnglings- und 
Männerbund zwecks hygienisch-romantischer geselliger Wanderungen — den 
Beitrag an Inversionsneigung zu den dort herrschenden Empfindungskomplexen 
aufzudecken, wird sich daher durch Mißverständnis in den weiten Volkskreisen 
und den offiziellen wissenschaftlichen Kreisen undankbar erweisen. 

Um so höher ist diese Arbeit, die auf dem Boden der Psychoanalyse 
steht, von unserer Seite zu werten, da sie ohne Bedenken und ohne viel 
ethischen Aufwand, aus der speziellen Erfahrung heraus, den sexuellen Beitrag 
an diesem eigenartig-^romantischen sozialen Zusammenleben an Typen aufzeigt. 
Neben allen Abstufungen vom ausübenden Homosexuellen bis zum idealen 
Sublimierer fand der Autor einen ^Vorfolgungstv^)", der sich dadurch aus- 



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Kritiken and Referate. 283 

zeichnet, daß der Betreffende seine ganze Kraft, ohne auf Dank zu sehen, 
meist auch als Führer, in den Dienst dieser Sache stellt, nie aber eine sinnliche 
Aggression der Jugend gegenüber begeht: der sogar aufs schärfste und ge- 
räuschvollste gegen alles Homosexuelle zu Felde zieht! Die Vertreter dieses 
Typus verfolgen fanatisch alle auch nur der Homosexualität Verdächtigen, sie 
sind voll neurotischer Züge, verkehren auch nicht mit Frauen, sondern sind 
anscheinend Onanisten. Der Verfasser findet, daß dieser Typus eine homo- 
sexuelle Jugend hinter sich hat, dann in Angst vor der sexuellen Erkentitnis 
in peinlichste Ablehnung geraten ist, alle Inversion unterdrückt, aber stets 
auf der Hut ist vor geftirchteter Entdeckung oder Überführung: er glaubt 
durch Verfolgung der anderen am ehesten den Verdacht von sich abzulenken. 

Referent hält dieses bewußte Motiv nicht für zureichend, sondern würde 
tiefgehende Einzelanalyse eines Vertreters dieses Typs fordern. Es ist, als ob 
diese Männer die abgelehnte ,, Zumutung der Wunschphantasie, den Mann zu 
lieben" (den Kem des Konfliktes bei der Paranoia, Freud) nicht durch pa- 
ranoische Projektion erledigen, sondern bei der unbewußten Ablehnung: „ich 
liebe ihn nicht — ich hasse ihn ja* stehen blieben. 

Blüh er erklärt im letzten Kapitel die Freigabe der Inversion als 
psychosanitäre Forderung, hauptsächlich wegen des Erkrank ens durch Ver- 
drängung invertierter Regungen. 

Uns scheint die Freigabe des invertierten Liebeskomplexes, die Förderung 
der mann-männlichen Liebe für die menschliche Gesellschaft nicht empfehlens- 
wert, da sie das soziale Leben unendlich komplizieren würde. Die Frage 
des Straflosbleibens ausübend Homosexueller ist natürlich eine andere; aber 
die Verhütung der Psychoneurosen dürfte von anderer Seite zugänglicher sein. 

Dr. E. Hitschmann. 

Georg Lomer: Ignatius von Loyola. Vom Erotiker zum Heiligen, 
eine pathographische Geschichtsstudie. (Leipzig, Johann 
Ajnbrosius Barth.) 

Die Arbeit Lomers zerfällt in zwei Teile : einen kulturhistorisch- 
geschichtlichen und einen pathographischen. Von dem ersteren ist nichts wie 
Gutes zu sagen. Mit außerordentlichem Fleiß und großer Belesenheit ist zu- 
sammengetragen, was über Ignatius von Loyola und die Geschichte des Jesuiten- 
ordens bekannt geworden. Das Ganze erscheint übersichtlich geordnet und in 
fesselnder, ansprechender Weise erzählt. Wer sich ohne viele Sonderstudien 
auf diesem Gebiete unterrichten will, wird in Lomer einen kundigen Führer 
finden. 

Minder gelungen jedoch bedünkt mich der pathographische Teil und 
in diesem besonders das Psychologische. Wohl hat der Psychiater Lomer 
schon einiges von Freud und seiner Schule gelernt, ob er dies auch nur 
wenig Wort hat. So erkennt er z. B. in einer Vision des Ignatius von der 
Mutter Gottes mit dem Jesukindlein einen sexuellen Wunschtraum, weiß von 
anderen, wie z. B. „eines weißen Körpers, von welchem Lichtstrahlen aus- 
gehen*, daß ,all diese Erscheinungen aus dem sexuellen Born geflossen", ja 
er errät sogar ganz richtig, daß in der Wollust der Tränen die überquellende 
Sekretion nur ein Äquivalent des sonst verpönten Samenergusses ist. Neben 
diesem wenigen richtig Gedeuteten geht er aber achtlos und nicht selten ohne 
eme Spur von Verständnis an vielen anderen Zügen vorüber. Von diesen 
mannigfachen Lücken und Irrtümern will ich einiges aufs Geratewohl packen. 
Wenn Loyola von dem heiligen Ludwig von Gonzaga spricht, ,. der sich schon mit 
zwölf Jahren von seiner Mutter zurückzog, weil — sie eine Frau war", so 



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284 Kritiken and Referate. 

erblickt er in diesem „ganz sicher nur einen verblödeten Kranken^, ohne die 
zu Grunde liegende Verdrängung auch nur zu ahnen. Ebensowenig die Kopro- 
philie, wenn die heilige Franziska ihrer spärlichen Nahrung eine Menge von 
möglichst Ekel erregenden und schlecht schmeckenden Kräutern und Substanzen 
zusetzt, um ja keinen Wohlgeschmack an der Nahrung zu haben. Völlig ver- 
fehlt ist femer folgende Deutung. Ignatius hatte wiederholt die Vision einer 
Schlange, die ihn anfangs „auf das höchste ergötzte und, je öfter, mit um 
so höherem Trost erfüllte^. Elines Tages nun kam er plötzlich zur Über- 
zeugung, jene Schlange müsse — der Teufel sein, als sie ihm am oberen Teil 
des Kreuzes erschien, in dessen Nähe er sich hingeworfen hatte. Das erklärt 
nun Lomer so: „die Nachbarschaft des Gekreuzigten war vermutlich schuld, 
daß er fortan in der Erscheinung den bösen Feind sah . . . fortan erschien 
sie ihm auch nicht mehr so hell und schön wie vorher, sondern vielmehr 
,abstoßend und häßlich'. Alles infolge wohlbekannter psychologischer Gesetze, 
wonach uns Dinge und Menschen lieblich oder häßlich erscheinen, je nach der 
Vorstellung, welche wir mit ihnen verbinden. Diese Vorstellung, wenn man 
so will: dieses Vorurteil ist das Primäre, der Eindruck erst sekundär.* Hat 
Lomer noch nie etwas von der Phallus-Symbolik der Schlange gehört, die 
ohne weiteres erklärt, daß die Schlange dem Neurotiker vorerst so hell und 
schön erscheint, doch nach der Verdrängung „abstoßend und häßlich?** Noch 
schlimmer ist es, wenn Lomer das psychiatrische Lehrbuch ins Genick schlägt. 
So schildert er einmal einen „ekstatischen Zustand^, in welchen Loyola eines 
Sonntags um die Stunde des Kompletoriums verfiel. In dieser Ekstase soll er 
acht Tage, bis zum nächsten Sonntag verblieben sein, an welchem Tage er um 
die Stunde des Komplets die Augen wieder aufschlug, indem er seufzend den 
Namen Jesu ausstieß. „Allem Anschein nach", erklärt nun Lomer, „hat es 
sich hier um einen jener manischen Stuporzustände gehandelt, wie sie — wenn 
auch ziemlich selten — gerade bei Hysterischen vorkommen können." und 
dann zitiert er noch aus Mendels Psychiatrie: „Mit der Herabsetzung der 
Helligkeit des Bewußtseins geht eine motorische Störung einher, der Kranke 
ist unbeweglich starr." Ausgelöst würden diese Verzücktheitszustände ganz 
besonders durch „religiöse Wahnvorstellungen mit glücklichem Inhalt: im 
Himmel zu sein, mit Gott zusprechen". Ist jener ekstatische Zustand — wir 
würden wohl sagen: hysterisches Delir — im geringsten durch den „manischen 
Stupor bei Hysterie" erklärt? Oder etwa durch die Mendelsche Wendung, daß 
mit der Herabsetzung des Bewußtseins eine motorische Störung einhergeht. 
Das ist doch alles leeres Stroh und wird durch unhaltbare Termini technici 
fürwahr nicht verständlicher. 

Ich könnte die Liste dieser Unverständnisse noch erheblich mehren. 
Schade, daß die schöne und fleißige Arbeit mit so wenigen psychoanalytischen 
Kenntnissen ausgeführt wurde. 

Dr. Sadger. 



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Sprechsaal. 

Eine Bemerkung zur Tauskschen Kritik der Neikensclien 

Arbeit. 

Von C. G. Jung. 

Im ersten Heft dieser Zeitschrift hat Herr Tausk die Arbeit von 
Dr. Nelken: „Analytische Beobachtungen über Phantasien eines Schizo- 
phrenien ** besprochen. In dieser Besprechung stieß ich auf folgende Sätze : 

,Im ersten katatonischen Anfall reproduzierte der Patient nämlich die 
Phantasie, daß die Mäuse und Ratten an seinen Geschlechtsteilen nagen. Die 
symbolische Bedeutung dieser Tiere entnimmt Nelken einem Hinweis Jungs, 
der in diesen Tieren nächtliche Angsttiere sieht. Kein Zweifel, daß diese 
Deutung richtig ist, aber sie stammt aus einer späteren Verarbeitung dieses 
Symbols und verstellt den Weg zur tieferen Einsicht. Die Traum- und Neurosen- 
analyse hat mich unzweideutig gelehrt und ich finde meine Auffassung von 
anderen Psychoanalytikern bestätigt, daß Mäuse und Ratten Abort- und 
Kloakentiere sind und daß sie symbolisch den Defäkationskomplex (Anal- 
komplex) repräsentieren." 

Ich möchte der Tauskschen Auffassung gegenüber Nelkens Be- 
trachtungsweise in Schutz nehmen. Ich bezweifle nicht im geringsten, daß 
Tausks Auffassung auch wahr ist. Wir wissen das ja schon längst und 
Freuds Rattenmann hat es auch noch einmal gründlich bestätigt. Wir 
wissen des fernem sehr wohl, daß die katatonische Introversion und Re- 
gression schlechthin alle infantilen Regungen wiedererweckt, was aus 
zahlreichen Bemerkungen der Nelkenschen Analyse hervorgeht. Daß uns 
diese Seite des Falles entgangen wäre, davon ist also keine Rede, aber sie 
erschien uns unwichtig, weil sie nachgerade selbstverständlich ist. Es erscheint 
uns nämlich nicht mehr unbedingt wichtig, zu wissen, daß es der Analkomplex 
ist, der auch stellvertretend für den normalen Übertragungs- oder An- 
passungsweg eintritt, denn wir wissen, daß die krankhafte Libidoregression 
alle Arten infantiler Sexualismen betrifft, sie produziert Phantasien 
jeglicher infantiler Art. Wer noch glaubt, es werde eine ganz be- 
stimmte Phantasiegruppe, ein „Komplex^ ausgewählt, der hat eben noch nicht 
genug Fälle gesehen. Wir halten es daher für irrelevant, daß es gerade 
Kloakentiere sind, welche die Kastration ausführen. Die Mäuse sind übrigens 
nicht einmal „Kloakentiere", sondern „Höhlentiere", was ein umfänglicherer 
Begriff ist, als „Kloakentiere". Wir lernen aus dieser Interpretation nur so viel, 
daß ein Infantilkomplex, ein Infantilinteresse an Stelle des normalen Interesses 
tritt. Es mag von einem gewissen, aber beschränkten kasuistischen Interesse 
sein, daß in diesem Falle gerade die Analphantasie ein Stück Symbol bei- 
getragen hat, um die Libidointroversion und -regression auszudrücken. Eine 
allgemein anwendbare Erklärungsmöglichkeit liefert aber diese Deutung nicht, 



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286 Sprechsaal. 

wenn wir an die ungleich wichtigere Aufgabe herantreten, zu beantworten, 
was das sogenannte Kastrationsmotiv funktionell eigentlich bedeute. Wir können 
uns doch unmöglich damit begnügen, einfach eine Reduktion auf infantile 
Mechanismen vorzunehmen und dabei stehen zu bleiben. Ich habe einmal von 
dieser Art der Auffassung ein sehr eindrückliches Beispiel erfahren. Es war 
in einer Diskussion über das historische Fischsymbol, daß einer der Anwesenden 
die Bemerkung machte, daß der im Meere verschwindende Fisch doch einfach 
der Penis des Vaters sei, der in der Vagina seines Weibes verschwinde. Ich 
nenne diese Auffassungsweise, die ich für steril halte, sexuellen Kon- 
kretismus. Mir scheint die Psychoanalyse doch die vornehmere und wich- 
tigere Aufgabe zu haben, zu verstehen, was diese Vergleiche sagen wollen. 
Was wollten die Menschen vieler Zeiten und Zonen mit dem Symbol des 
Fisches? Warum wurden — meinetwegen' auch in diesem Fall — diese in- 
fantilen Interessenwege wieder belebt? und was bedeutet diese Heraufholung 
infantilen Stoffes? So lautet doch offenbar das Problem. Die Konstatierung: 
„Die infantilen Reminiszenzen kommen wieder an die Oberfläche" ist leer 
und selbstverständlich. Es führt auch vom eigentlichen Sinne weg. Im 
Nelkenschen Falle ist das Problem nicht die Herkunft eines Teiles des 
Rattensymbols aus dem Analkomplex, sondern das sogenannte Kastrations- 
motiv, wozu offenbar das Phantasiefragment gehört. Die Ratten und Mäuse 
sind das Instrument der Kastration. Es gibt aber noch viele andere Arten 
von Kastrationsinstrumenten, die keineswegs der Analdetermination unterliegen. 
Die Tausksche Reduktion der Ratten hat also bloß einen kasuistischen Wert 
ohne eigentliche Bedeutung für das in Frage stehende Opferproblem. 

Die Züricher Schule anerkennt selbstverständlich die Reduzierbarkeit auf 
einfachere infantile Vorlagen, beschränkt sich jedoch nicht darauf, bei diesen 
Vorlagen stehen zu bleiben, sondern nimmt sie als das, was sie sind, nämlich 
als imagines, durch welche sich der aktuelle unbewußte Geist ausdrückt. 
In bezug auf das Fischsymbol würde also unser Gedankengang folgendermaßen 
lauten : Wir bestreiten der Wiener Schule die Möglichkeit nicht, daß beispiels- 
weise das Fischsymbol auf den elterlichen Beischlaf sich in letzter Linie 
reduzieren ließe. Wir sind bereit, dies, falls wir annähernd triftige Gründe 
dafür haben, anzunehmen. Wir begnügen uns aber mit dieser relativ un- 
wichtigen Reduktion nicht, sondern fragen uns, was die Reproduk- 
tion des elterlichen Beischlafes oder von etwas dem Ähn- 
lichen für das Individuum bedeute. Wir gehen also mit der Annahme 
weiter, weil wir mit der Reduktion auf die infantile Vorlage eben gerade nur 
das erreicht haben, nicht aber ein Verständnis für die eigentliche Bedeutung 
der Tatsache, daß die Reminiszenz regressiv wieder belebt wurde. Würden 
wir uns mit der Reduktion begnügen, so kämen wir immer und immer wieder 
auf die längst anerkannte Wahrheit, daß das Infantile an der Wurzel der 
geistigen Welt, und daß auf den Fundamenten der kindlichen Seele das er- 
wachsene Geistesleben aufgebaut ist. Über das Erstaunen, daß z. B. die 
künstlerische Produktion sich der Imagines des Inzestkomplexes bedient, dtlrfte 
man auch in der weiteren psychoanalytischen Schule heraus sein. Natürlich 
hat jeder Wunsch diese infantilen Vorlagen, die er in allen möglichen Ab- 
wandlungen benützt, um sich auszudrücken. Wäre die Vorlage, d. h. das 
Infantile noch unbedingt das Wirksame (d. h. also nicht bloß regressiv belebt), 
so käme alle geistige Produktion unglaublich armselig ertötend monoton heraus. 
Denn es wäre immer dasselbe alte kindische Lied, welches den Wesenskern 
geistiger Produktion bildete. Glücklicherweise sind die infantilen Motive aber 
nicht „wesentlich", d. h. sie sind größtenteils bloß regressiv belebt und passend 



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Sprechsaal. 287 

verwendet, um aktuelle Strömungen zum Ausdruck zu bringen, am deutlichsten 
dann, wenn Dinge ausgedrückt werden sollen, welche ebenso fem und unfaßbar 
sind, wie die fernste Kindheit. Nicht zu vergessen — es gibt auch eine 
Zukunft! Die Reduktion auf das Infantilmaterial erhebt das Unwesentliche der 
Kunst — nämlich die beschränkte menschliche Ausdrucksweise — zum Wesen 
der Kunst, welches eben gerade das Streben nach größtem Reichtum der Ge- 
staltung und möglichster Befreiung des Ausdruckes aus der Beschränktheit des 
Überlieferten und a priori Gegebenen ist. Sil her er hat einmal sehr gut 
gesagt, daß es eine mythologische Stufe des Erkennens gibt, welche sym- 
bolisch erfaßt. Dieser Satz ist für die Verwendung der Infantilreminiszenzen 
charakteristisch : sie dienen dem Erfassen oder Erkennen und sind A u s- 
drnckssymbole. Gewiß ist die Infantilreminiszenz oder -tendenz zum Teil 
noch lebendig wirksam und wirkt deshalb im aktuellen Leben außerordentlich 
störend und hinderlich. Sie ist auch darum tiberall aufzufinden. Aber man 
würde fehlgehen, wenn man sie deshalb für eine Quelle der Energie 
ansähe; sie ist vielmehr Beschränkung und Hindernis. Sie ist aber auch wegen 
ihrer nicht zu verkennenden Existenz notwendiges analoges Ausdrucksmittel, 
denn die Tiefen der Phantasie offerieren kein anderes Material zu Vergleichs- 
zwecken. Dementsprechend betrachten wir auch die primitiven Imagines ana- 
lytisch, wir begnügen uns nicht mit der Reduktion und der Konstatierung ihrer 
nachgerade selbstverständlichen Existenz, sondern suchen durch Vergleichung 
mit ähnlichem Material die Aktualprobleme zu konstruieren, welche zur Ver- 
wendung dieser primitiven Schablonen führen und sich darin auszudrücken be- 
streben. In diesem Sinne faßten wir den Inzest in erster Linie als Symbol, 
als Ausdrucksmittel, wie auch Adler vorgeschlagen hat. 

Ich kann daher Tausk nicht beipflichten, wenn er glaubt, daß die 
Vergleichung mit analogem Material der „tieferen Einsicht den Weg verstelle**. 
Wir halten die Aufdeckung der Analphantasie nicht für eine Einsicht, die 
sich an Wichtigkeit mit derjenigen messen könnte, die uns das Verständnis 
des Kastrationsmotivs vermittelt. Ich muß daher die Absicht Nelkens ver- 
teidigen, der versuchte, allgemeine Zusammenhänge herzustellen. Wir können 
kaum erwarten, aus dem Nachweis des selbstverständlichen Vorhandenseins in- 
fantiler Phantasien einen Einblick in das allgemeine Opferproblem zu erhalten, 
welches sich des Kastrationsmotivs unter anderem bedient. Daß Nelken diese 
Fragestellung im Auge hat, geht klar aus seiner Fußnote hervor, wo er auf 
die Schlange und den Skorpion als historische Kastrationstiere verweist. 

Ich habe mir die Freiheit genommen, etwas länger bei der Tauskschen 
Bemerkung zu verweilen, weil sie mir einen günstigen Anlaß zu geben schien,^ 
unsere andersartige Betrachtungsweise daran darzutun. Wir leugnen, wie er- 
sichtlich, die Möglichkeit der Tausk sehen Reduktion keineswegs. Wir können 
aber in dieser und allen ähnlichen Reduktionen nichts finden, was uns eine 
befriedigende Erklärung zu sein schiene. Wir glauben dagegen, daß eine be- 
friedigende Erklärung uns klar machen muß, was der finale Sinn des Kastrations- 
motivs ist. Bekanntlich ist im Gebiet der Psychologie mit der Erklärung nach 
rein kausalen Determinanten nicht weit zu kommen, indem eine sehr große 
Anzahl psychischer Phänomene nur final befriedigend erklärt werden können. 
Damit ist an den überaus wertvollen Feststellungen der Freudschen Schule 
nichts geändert und nichts abgestrichen. Wir fügen bloß des Element der 
finalen Betrachtungsweise dem bisherigen bei. Ich habe dieser Bestrebung eine 
besondere Arbeit gewidmet, die demnächst im Jahrbuch erscheinen soll. 

Es hat sich um unsere Bestrebungen nach Fortschritten und Erweiterungen 
der bisherigen Einsichten das lächerliche Gerede erhoben, es handle sich um 



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UNIVERSITYOF MICHIGAN 



288 Sprechsaal. 

«in Schisma. Etwas derartiges können nar Leute erfinden, denen ihre Arbeits- 
hypothesen den Wert von Giaabensartikeln haben. Dieser etwas kindliche 
Standpunkt liegt mir fem. Meine wissenschaftlichen Ansichten wandeln sich 
mit meinen Erfahrungen und Einsichten, wie das in der Wissenschaft über- 
haupt von jeher der Fall war. Es wäre bedenklich, wenn es nicht so wäre. 



Der Vogel. 

Freud, Die Traumdeutung, 1911', 8. 204, bemerkt: „Die nahe Ver- 
l)indung des Fliegens mit der Vorstellung des Vogels macht es verständlich, 
daß der Fliegetraum bei Männern meist eine grobsinnliche Bedeutung hat. 
Wir werden uns auch nicht verwundem zu hören, dafi dieser oder jener 
Träumer jedesmal sehr stolz auf sein Fliegenkönnen ist.'' Dr. Paul Federn 
erklärt die Flugträume als Erektionsträume (Der Vogel erhebt sich!). 

Frauen träumen oft, ein Vogel gehe in die Höhe. Die sexuelle Er- 
klämng dafür ist der Wunsch nach der Versteifung des männlichen Gliedes. 
Vgl. W. Stekel, Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung, 1912, S. 221. 
— Vom Vogel als Phallussymbol handelt auch A. Mae der, Essai d'inter- 
pretation de quelques reves, Archives de Psychologie, VI, Nr. 24. — Der 
l)efiügelte Zumpt ist uns auch aus römischen Darstellungen wohl bekannt. 
Vgl. die Abbildungen bei J. Dulaure, Die Zeugung im Glauben, Sitten und 
Bräuchen der Völker, verdeutscht und ergänzt von Kraus s, Reiskel und 
Ihm, Leipzig 1909, Taf. XXIV, Nr. 20; Taf. XXV, Nr. 23; Taf. XXVI, 
Nr. 22; Taf. XXVII und XXVHI, Nr. 25—28; Taf. LHI, Nr. 38; Nr. 76, 
77, 78, 79, 80, 85, 87, 88, 89, 90, 91—94, 136, 137, 138, 140, 157, 
162, 171, 179, 191, 192. — L. Günther, Die Bezeichnungen fttr die 
Freudenmädchen im Rotwelsch und in den verwandten Sprachen, Anthropo- 
phyteia, IX, 1912, S. 53 f., hebt hervor, man habe schon früh Vogelnamen 
auf leichtfertige Mädchen übertragen, gibt dafür mehrfach Belege und 
fügt in der Anmerkung 1 hinzu: „Hiemit im Zusammenhang steht wohl auch 
die sehr weit verbreitete Bezeichnung vögeln (schon mhd. vogelen) für 
„coire future" (s. her. die Angaben bei C. Müller in Anthrop., VIII, 16; 
nach Luedecke in Anthrop., V, 8 auch der mitteldeutschen Kunden- 
sprache bekannt, während es z. B. bei Ostwald fehlt [vögeln hier = 
pfeifen]. Denn diese bedeutet — nach richtiger Auslegung — wohl weniger 
„Vögel fangen" (so: KoStial in Anthrop., VII, 26, das hie und da aller- 
dings gleichfalls für coire usw. vorkommt (s. Schwaab in Anthrop., II, 16) als 
vielmehr „es machen wie ein Vogel" (s. C. Müller in Anthrop., VLQ, 16 
mit Hinweis auf Weinhold, Dialektforschung, S. 111). Zu vergleichen 
ferner die Bezeichnung Vogel für penis (z. B. in Solingen nach Felder in 
Anthrop., IV, 4, ebenso uccelo bei den Italienern in Istrien und ptak, 
vtak oder ftak (d. h. der „Vogel") im Tschechisch-Slowakischen nach 
KoStiäl in Anthrop., V, 14 und VI, 24**. 

Statt vögeln sagt man auch bahnen. Nach der schon bezeichneten 
Abbildung im Dulaure verläuft der Schnabel eines Hahnes in einen 
Zumpt und auf dem Deckel steht zu lesen Soterkosmu (Weltretter). 
Aus dem Hauptwort Ficke (= Tasche) ist das Zeitwort ficken (= vögeln) 
gebildet, so auch aus Vogel: vögeln. Das bedeutet jedoch nicht „wie es 
die Vögel machen", vielmehr: mit dem Vogel spielen, und bahnen: 
mit dem Hahn spielen, ficken wieder: sich mit der Ficke be- 
schäftigen. Friaulisch u^el == der Vogel (nach Koätial, Anthrop., X). 



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Sprechsaal. 289 

In Nordwest-Peru gebraucht man nach Enrique H. Brunig das Wort 
pajaro häufig als ein Synonym fUr männliches Glied, so z. B. im Tanzvers: 

Un päjaro se metiö 

Por la puerta de un convento; 

Y las monjas se gozaban 

De verse el pajaro adentro. 

Ein Vogel flog hinein 

Durch die TUr eines Klosters; 

Und die Nonnen freuten sich, 

Daß sich der Vogel drin befand. (Anthrop. X.) 

Dr. S. Johnson teilt in Anthrop. X aus einer in den Jahren 1845 bis 
1860 entstandenen englischen Balladensammlung ein Gredicht mit, das da das 
Vogelspiel sehr anschaulich darstellt: Ein Mädchen fragt einen Wanderer: 

Kind sir have you got any skill, 
For to catch us a bird or two? 

yes I have a very great skill, 

If you will go with me to yonder shady tree, 

1 will catch you a bird to your will. 

To yonder shady green grove they went, 
And he catch'd her a bird upon her own ground, 
As soon as he know her intent. 

Then he set her up against a green tree 
And he beat she bush and the bird flew in, 
A little above my love 's knee. 

Then her sparkling eyes tumed round, 
And if she had been in a swound, 
Saying I caught a bird upon my word, 
Picking upon its own ground. 

Die Spielerei mit dem Vogel setzt der Text noch in weiteren drei Zeilen 
witzig fort. 

Für die Erklärung gibt wohl den Ausschlag der Volksmund. So heißt 
es z. B. in dem „Der Vogelfönger " tiberschriebenen Schnadahüpfel im 
^Wunderhorn" (Reclam-Ausgabe, S. 81). 

Hab ein Vögele gefangen 
Im Federbett, 

Hab's in Arm neing'nommen, 
Hab's lieb gehät. 

Das Mädchen spielte eben mit dem Vögele des Liebsten. Der Heraus- 
geber dieser „zahmen*^ Sammlung von Volksliedern merkte entweder die derbe 
Erotik des Liedchens nicht oder zählte auch dieses Vögele unter die ganz 
harmlosen. 

Auf die wichtige Erklärung der Entstehung des Zeitwortes vögeln führt 
uns eben nur die Beobachtung der Psychoanalytiker, während die der Gram- 
matiker schon darum unhaltbar ist, weil es die Menschen nicht wie die 
Vögel machen, wenn sie sich geschlechtlich vereinigen.^) 

Wien. Friedrich S. Krauß. 



^) Über die Möglichkeit einer anderen, etymologischen Ableitong vgl. Hans 
Sperbers Abhandlung „Ober den Einfluß sexueller Momente auf Entstehung und 
Entwicklung der Sprache". „Image", I. Jhg. 1912, S. 414. (Anm. der Red.) 

Zeittchr. f. ftntl. Psychoanaljte. 19 



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Varia. 

Zum Familienkomplex. 

a) Aus Dichtern. 

In dem „Anton Reiser**, der Selbstbiographie von Karl Philipp 
Moritz finden sich folgende ftlr den Psychoanalytiker interessante Aus- 
führungen über den Familienroman und Elternkomplex sowie seine Beziehung 
zum dichterischen Schaffen. 

„Noch eine Empfindung aus den Jahren seiner Kindheit ist vielleicht 
nicht unschicklich hier herangezogen zu werden — er dachte sich damals 
zuweilen, wenn er andere Eltern als die seinigen hätte und 
die seinigen ihn nun nichts angingen, sondern ihm ganz gleich- 
gültig wären. Über den Gedanken vergoß er oft kindische Tränen 

— seine Eltern mochten sein, wie sie wollten, so waren sie ihm doch die 
liebsten — und er hätte sie nicht gegen die vornehmsten und 
gütigsten vertauscht. — Aber zugleich kam ihm auch schon damals 
das Sonderbare Gefühl von dem Verlieren unter der Menge, und das es 
noch so unzählig viele Eltern mit Kindern außer den seinigen gab, worunter 
sich diese wieder verloren." (S. 256 f.). 

,,So ist die Wahl des Schrecklichen ebenfalls ein schlimmes Zeichen, 
wenn das vermeinte poetische Genie gleich zuerst darauf verfällt; denn freilich 
macht sich hier das Poetische auch schon von selber und die innere Leerheit 
und Unfruchtbarkeit soll durch den äußeren Stoff ersetzt werden. — Dies 
war der Fall bei Reisern schon in Hannover auf der Schule, wo er Mein- 
eid, Blutschande und Yatermord in einem Trauerspiel zusammen- 
zuhäufen suchte, das „Der Meineid '^ heißen sollte, und wobei er sich dann 
immer die wirkliche Aufführung des Stückes und zugleich den Effekt dachte, 
den es auf die Zuschauer machen würde." (S. 462 der Ausgabe von Heinrich 
Schnabel, München 1912). (Dr. Lorenz.) 

In einer kürzlich erschienenen Utopie : ^ Josua. Ein frohes Evangelium ans 
künftigen Tagen." Nach einem französischen Manuskript (Wien und Leipzig. 
Verlag Wilhelm Braumüller, 1912) findet sich folgende, den Psychoanalytiker 
überraschende Stelle: In Ronen lernte Josua ein Mädchen kennen, das ihn zu 
lieben begann; er bat es aber, das Gefühl nicht wachsen zu lassen. „Mir tut 
es nicht not, geliebt zu werden. Die Mütter, glaube ich, gewöhnen durch ihr 
Hätscheln die Menschen daran, geliebt werden zu wollen. Aber das muß man 
nicht sein u. s. f." (nach einem Referate der Arb.-Ztg. vom 26. Mai 1912). 
Selten noch ist das Vorbildliche der ersten Liebe des Kindes für das ganze 
spätere Leben von einem Nichtpsychoanalytiker so klar ausgesprochen worden 
wie hier. (Friedjung.) 

In Ellen Key's Buch über die „Rahel" heißt es: „Der junge Italiener 
Rocca wurde von glühender Liebe zur 20 Jahre älteren Mad. Staßl ergriffen, 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Varia. 291 

im ersten Angenblick, als dieselbe sich über die Bahre beugte, auf der der 
verwundete Jüngling ruhte. Als Freunde ihm sagten, daß sie ja seine Mutter 
sein könnte, antwortete er : dies sei ja nur ein Grund mehr sie zu lieben, und 
er wolle sie so hingebend lieben, daß sie ihn schließlich heiraten würde — wie 
dies auch geschah.** (Hitschraann.) 

Strindberg „Die gotischen Zimmer", S. 276. 

„ . . . Ich glaube an das selbständige Dasein der Seelen außerhalb der 
Körper und an geistige Blutschande. Wir müssen auf irgend eine unbekannte 
Weise Geschwister sein, und darum bekommen wir kein Kind; darum tragen 
wir an einer Schuld, an einem Schamgefühl, das wir nicht erklären können. 
Du bist nicht die, die du bist, denn wenn du abwesend bist, und ich dich mir 
vorzustellen versuche, wirst du eine andere . . . 

— Wer werde ich dann? 

— Bald meine Mutter, bald meine Schwester, bald ..." 

(Dr. Karl Weiß.) 

Zu Rousseaus 200. Geburtstag schreibt A. J. Storfer im Berliner 
Tageblatt vom 27. Juni 1912 in einem „Frau v. Warens" betitelten Artikel 
unter anderem folgendes: 

„ . . . Jean Jacques kannte nicht die Frau, die ihm das Leben gab. 
Er kannte sie nur aus den Erzählungen des Vaters. Da saßen sie neben- 
einander in langen Nächten, der verlassene Mann und der verlassene Knabe, 
und der Vater begann: „Jean Jaques, laß uns von deiner Mutter 
reden . . ." 

,Und ist nicht das ganze Leben des armen Jean Jaques ein Märchen, ein 
Märchen vom Waisenknaben, der ausging, seine Mutter zu suchen ? . . . Frau 
V. Warens — eine Phase dieses Märchens im kleinen Maßstab des Einzel- 
daseins; die Philosophie Rousseaus — eine Wiederholung im großen, ein 
Höherhängen der Ziele. In der Gesellschaft der zärtlich geliebten mütter- 
lichen Freundin lernte Rousseau die friedliche Sprache der Dorfglocke, den 
unbefangenen Vogelsang, die Landschaft, die Natur lieben, die Liebe zur 
Natur verkünden. Die Auflehnung gegen die Zivilisation, gegen das Männer- 
werk, das Werk der staatsbildenden Gesellschaftsordnung, entspringt dem Groll 
des Gesindemenschen, des Plebejers, der — unbewußt berauscht am Mythus 
vom Mutterrecht — von der Gleichheit aller vor Mutterherzen träumt . . . 
Die Aufforderung an die Mütter, ihre Kinder selbst zu säugen, geht zwar von 
einem Manne aus, der seine Kinder ins Findelhaus aussetzte, aber von einem 
Manne, den ein sterbendes Weib geboren hatte..." 

l) Aus der Tageschronik. 

Am 3. September 1912 wurde im Neuwaldegger Park die 34jährige 
Weiobauersgattin Barbara W. wegen Selbstmordverdachtes angehalten. Während 
sie Not als Grund ihres Lebensüberdrusses angab, teilten Nachbarn der Sicher- 
heitswache mit, „daß eigentlich Furcht vor Strafe der wahre Grund ihres 
Lebensüberdrusses sei. Frau W. hat sich nämlich mit ihrem eigenen 
außerehelichen Sohne Otto K., einem Jungen von zwölf Jahren, 
schwer vergangen und geduldet, daß der Knabe mit seiner 
fünfjährigen Halbschwester Marie sträflichen Umgang pflege. 
Otto K. war verschwunden. Seit acht Tagen ist er herumvagiert, ruhelos und 
unauffindbar. Das Kommissariat ließ eine Streifung vornehmen und tatsächlich 
wurde der arme Junge am 4. d. im Steinbruch nächst der Paul Konrathgasse 

19* 

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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



292 Varia. 

ausgeforscht. Die Mutter ist dem Landesgericht eingeliefert worden. Der Sohn 
wurde dem Jugendheim der Polizei übergeben.'* 

„Mutter und Sohn in wilder Ehe. AusSzegedin, 25. Juli 1912, 
wird uns telegraphiert: Das hiesige Gericht verurteilte die 54jährige Marie 
K ö V a g zu drei Jahren Zuchthaus und ihren 30jährigen Sohn Paul zu sechs 
Monaten Zuchthaus. Die beiden lebten seit Jahren miteinander in Blut- 
schande. Aus dieser sonderbaren wilden Ehe entsprossen vier Kinder. 
Bezeichnend ist es, daß fast alle Bewohner der Pußta Kistelek, wo die 
beiden wohnten, von dem Verhältnis wußten und trotzdem keine Anzeige er- 
statteten. Eövago erklärte, ersei bereits inseiner frühestenJugend 
von seiner Mutter verführt worden." 

„Blutschande zwischen Mutter und Sohn. Aus Budapest, 
29. März 1913, wird uns telegraphiert: Die Budapester Polizei verhaftete 
heute die 48jährige Gattin des Metalldruckers Johann Jedlitschka und ihren 
25jährigen Sohn, den Silberarbeiter Rudolf Jedlitschka, unter der Anklage der 
Blutschande. Mutter und Sohn hatten seit Jahren ein Liebesverhältnis 
unterhalten, dem ein Kind entsprossen war, das jedoch nach 16 Monaten 
bereits starb. Frau Jedlitschka wollte mit ihrem Sohn nach Amerika aus- 
wandern, und um sich hiezu das nötige Geld zu verschaffen, wollte sie ihre 
beiden Töchter dazu veranlassen, ihre Heiratspolizzen der Mutter auszufolgen. 
Da sich die Mädchen weigerten, bedrohte sie ihr Bruder am Leben. Die 
Mädchen erstatteten die Anzeige wegen Erpressung, und bei dieser Gelegen- 
heit stellte sich das fürchterliche Verhältnis zwischen Mutter und Sohn heraus. 
Beide gestanden auch ihr Verbrechen ein. Johann Jedlitschka, der Gatte, 
wird als ein fleißiger Arbeiter geschildert." 

„Schreckenstat einer eifersüchtigen Mutter. Eine merk- 
wtlrdige Familientragödie spielte sich dieser Tage in New York ab. Mrs. 
Griff in, eine 60jährige Dame hat ihren 40jährigen Sohn Peter durch Leucht- 
gas getötet und nach vollbrachter Tat auf die gleiche Weise sich selbst den 
Tod gegeben. Mutter und Sohn waren einander in zärtlicher Liebe 
ergeben und der Sohn, als er bereits die hervorragende Stellung des Direktors 
eines Telegraphenbureaus erreicht hatte und von seinen Freunden zu einer Heirat 
gedrängt wurde, pflegte nur zu antworten, daß seine Mutter ihm mehr sei, 
als die beste der Frauen. ,Ich könnte nie erhoffen, verheiratet so glücklich 
und zufrieden zu sein, als ich es bin unter der zärtlichen Fürsorge meiner Mutter'. 
Vor kurzem jedoch verliebte er sich in ein junges Mädchen und als die Mutter 
das wachsende Interesse des Mannes für die Dame, die versprochen hatte, 
seine Gattin zu werden, bemerkte, erfaßte sie rasende Eifersucht und Ver- 
zweiflung. Nachdem sie ihren Sohn ohne Erfolg gebeten hatte, von der Heirat 
abzusehen, entschloß sie sich zu der entsetzlichen Tat. In der Nacht, als ihr 
Sohn schlief, nahm Mrs. Griffin den Gasschlauch und legte ihn, nachdem sie 
den Hahn geöffnet, auf ihres Sohnes Polster. Dann ging sie in die Küche, 
öffnete dort den Hahn des Gasherdes und legte sich auf den Boden, um zu 
sterben. Als man am nächsten Morgen in die Wohnung kam, waren Mutter 
und Sohn bereits tot." 

„Die mißhandelte Mutter. Attentat einesSohnes auf den 
Vater. Gestern hat sich in einer Familie in der Stuwerstraße im Prater ein 
entsetzliches Drama abgespielt. Der 18jährige Sohn warf sich zum Rächer 
der von dem rohen Vater mißhandelten Mutter auf und streckte ihren Peiniger 
mit emem Messerstich zu Boden." 

„Ein irrsinniger Vatermörder. Budapest, 13. Jänner. Gestern 
spielte sich im Franziskanerbasarhaus eine entsetzliche Familientragödie ab. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Varia. 293 

Der 28jährige Josef Schöberl tötete seinen Vater, den bekannten Erfin- 
der der Sophastühle, angeblich, weil dieser ihm kein Geld geben wollte. Nach 
dem Morde begab sich der junge Mann auf die Straße und rief: ,Ich habe 
meinen Vater ei*schossen!' Es wurde bald festgestellt, daß der junge Mann 
irrsinnig sei.^ — Bei der kürzlich erfolgten Gerichtsverhandlung verant- 
wortete sich der junge Mann — nach dem Bericht der Zeitungen — damit, 
dafi sein Vater — ein notorisch Homosexueller — ihn geschlechtlich miß- 
braucht hätte. 

„Moskau, 29. Jänner. (Meldung der Petersburger Telegraphenagentur.) 
Heute morgen zerschnitt in der Tretjakowschen Bildergalerie ein 
Besucher mit einem Messer das Gemälde Rjepins „Iwan der Schreck- 
liche tötet seinen Sohn". Die Diener ergriffen den Attentäter und 
führten ihn dem Kustos der Galerie vor. Er ist mit dem geisteskranken 
29jährigen Sohne des Hausbesitzers und Heiligenbildmalers Balaschow 
identisch." 

„Ein furchtbares Familiendrama, in dessen Verlauf eine Stief- 
mutter die Stieftochter und dann sich selbst zu morden suchte, hat sich gestern 
in Budapest zugetragen. Die zweite Frau des Postdieners Koloman Gajda 
hat ihrer 17jährigen Stieftochter Ercsi mit einem Rasiermesser in den Hals 
geschnitten und dann versucht, sich selbst die Kehle zu durch- 
schneiden. 

In einem hinterlassenen Schreiben heißt es: „Das Motiv meines Selbst- 
mordes ist die rohe Behandlung, die ich von meinem Manne erfahren habe. 
Er hat mich unausgesetzt mißhandelt und beschimpft und wollte mich offenbar 
zum Selbstmord treiben oder zwingen, ibn freiwillig zu verlassen. Er hat früher 
eine Scheidungsklage eingereicht, sie aber wieder zurückgezogen, weil er für 
mich hätte sorgen müssen. Als ich zu ihm zurückgekehrt war, sprach weder 
er noch seine Tochter mit mir. Oft schrien sie mir zu, ich möge mich nur 
vor die Elektrische werfen. Sie aßen feine Sachen und gaben mir nichts. Das 
Mädchen hat mich wie einen Dienstboten behandelt." 

„Sonderbare Beschuldigung der Schwester. Anfangs Oktober 
1912 erstattete die 20jährige Handarbeiterin Aloisia M. bei der Polizei die 
Anzeige, daß sie seit zehn Jahren mit ihrem eigenen Bruder, dem Geschäfts- 
diener Matthias M. ein regelrechtes Liebesverhältnis unterhalten habe. 
Ihr Bruder, erklärte die Anzeigerin, hätte ihr derart mit seinen Liebes- 
anträgen zugesetzt, daß jeder Widerstand zwecklos gewesen wäre. Obzwar 
Matthias M. bei der Polizei die krasse Beschuldigung seiner Schwester als 
gänzlich aus der Luft gegriffen bezeichnete, wurde, da die Schwester bei ihren 
Angaben beharrte, die Anzeige der Staatsanwaltschaft abgetreten, wo zunächst 
eine Untersuchung wegen Verbrechens der Notzucht eingeleitet wurde. Auch 
vor dem Untersuchungsrichter hielt Aloisia M. ihre Beschuldigungen gegen den 
Bruder aufrecht, wobei sie die Einzelheiten des widernatürlichen 
Verhältnisses genau schilderte. Das Landesgericht trat nach Ein- 
stellung der Untersuchung in der Richtung eines Verbrechens den Akt dem 
Bezirksgericht Josefstadt ab, wo gegen die Geschwister die Anklage gemäß 
§501 Strafgesetz (Unzucht unter Geschwistern) erhoben wurde. In der Ver- 
handlung beteuerte der Angeklagte, daß er nie mit seiner Schwester etwas 
zu tun gehabt habe und daß die Anzeige nur ein Racheakt der Schwester sei, 
die, von ihrem Geliebten aufgehetzt worden sei. Der Richter hielt dem An- 
geklagten vor, daß die Schwester sich ja selbst durch die Anzeige eines un- 
geheuerlichen Vergehens beschuldigt, und daß sie konstant beim Landes- 
gericht die Beschuldigung aufrecht erhalten habe. Die nunmehr einver- 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



294 Varia. 

nommene Angeklagte Aloisia M. gab, vom Richter eindringlichst aufge- 
fordert, die Wahrheit za sagen, an, daß zwischen ihr und dem Bruder 
tatsächlich nie welche Beziehungen bestanden hätten, und daß ihre Angaben 
sowohl bei der Polizei wie vor dem Untersuchungsrichter röin erfunden 
waren. — Richter: Wie kamen Sie dazu, gegen ihren eigenen Bruder eine 
so ungeheuerliche Beschuldigung zu erheben und sich selbst auch zu belasten ? 
— Angekl. (kleinlaut): Mein Geliebter hat nach einem Streit mit meinem 
Bruder mir geraten, die Anzeige zu machen. — Der Richter brach die Ver- 
handlung ab und beschloß, den Akt dem Landesgericht abzutreten zur even- 
tuellen Verfolgung der Aloisia M. wegen Verbrechens der Verleum- 
dung und der falschen Zeugenaussage und ihres Geliebten wegen Mitschuld 
an den beiden Delikten." 

Ein ähnlicher Fall beschäftigte kurz darauf den Strafrichter des Bezirks- 
gerichts Josefstadt. „Die 19jährige Erna B. hat gegen ihren Bruder, den 
Fiakerkutscher Otraar B., die Anzeige erstattet, daß er seit zwei Jahren sie 
gezwungen habe, ihm gefügig zu sein, und als sie in der letzten Zeit sich 
geweigert habe, den Verkehr mit ihm fortzusetzen, sie geschlagen und 
schließlich aus dem Hause gejagt habe. In der Anzeige beschuldigte die 
Schwester ihren Bruder auch der Sodomie, doch wurde das diesbezüglich beim 
Landesgericht anhängige Verfahren eingestellt und der Akt an das Bezirks- 
gericht zur Verfolgung gegen den Angeklagten wegen der Übertretung nach 
§ 501 Strafgesetz abgetreten. Die als Zeugin geladene Schwester war nicht 
erschienen. Der Angeklagte bestritt entschieden, das ihm zur Last gelegte 
Delikt begangen zu haben. — Als Zeuge wird der Vater des Angeklagten 
Leopold B. einvernommen. — Richter: Ist Ihre Tochter leichtsinnig? — 
Zeuge: Sehr. — Richter: Hat sie bereits früher mit Männern einen in- 
timen Verkehr gepflogen? — Zeuge: Ja, dafür ist sie von mir aber auch 
gezüchtigt worden. — Richter: Hat sie schon zeitlich angefangen? — 
Zeuge: Ja, mit vierzehn Jahren. — Richter: Ist Ihnen bekannt, daß Ihr 
Sohn mit Ihrer Tochter einen intimen Verkehr pflegte ? — Zeuge: Nie. 
Gerade die beiden Geschwister waren außerordentlich grob gegeneinander. — 
Richter: Hat Ihre Tochter Diebstähle verübt? — Zeuge: Auswärtig keine. 
Bei uns zu Hause viele. — Richter: Hat Ihre Tochter nie den Punkt be- 
rührt, der heute die Grundlage zur Anklage gegen Ihren Sohn bildet? — 
Zeuge: Im Streit hat sie es ihm vorgeworfen. Darauf ist er wild 
geworden und hat ihr ein paar Ohrfeigen gegeben. Zum Zweck der Vorladung 
der nicht erschienenen Anzeigerin beschloß der Richter die Verhandlung zu 
vertagen." 

Unter der Spitzmarke ,,Sexuelle Aufklärung in der Schule* 
brachten die Zeitungen vom 14. Jänner 1913 ausführliche Berichte über eine 
Ehrenbeleidigungsklage, die verschiedene Lehrpersonen einer KnabenbUrger- 
schule in Wien gegen die Mutter eines 13jährigen Schülers eingebracht hatten. 
Dieser war eines Tages ,, aufgeregt aus der Schule gekommen und hatte sie 
mit den Worten apostrophiert : ,, Mutter, ich kann keine Achtung vor dir 
haben, denn du bist eine Lügnerin I" Als sie, entsetzt über diese Äußerung, 
von ihrem Sohne Rechenschaft verlangte, habe der Knabe ihr erzählt, daß 
der Katechet die Kinder über die Lehre von der Keuschheit in ganz anderer 
Weise aufgeklärt habe, als sie es zu Hause getan habe. Der Katechet habe 
erzählt, es sei unkeusch, wenn ein Bruder mit der jüngeren 
Schwester sich wo verstecke und . . . Die Erläuterung des Kate- 
cheten habe ihr geradezu haarsträubend geschienen. Einige Tage später habe 
der Knabe erzählt, in der Schule sei eine große Hetz gewesen, als der Fach- 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Varia. 295 

lehrer bei der Erklärung des Dampfkessels eine Bemerkung machte, deren 
Inhalt ihr (der Angeklagten) gleichfalls haarsträubend vorkam . . /' 

,, . . . Mehrere Schulknaben bestätigten, daß der Katechet tatsächlich 
bei der Erklärung, was unkeusch sei, das Beispiel von dem älteren 
Bruder mit der jüngeren Schwester gebraucht habe. Andere 
Knaben gaben dagegen an, daß der Katechet lediglich davon gesprochen habe, 
daß der ältere Bruder die jüngere Schwester nicht zur Unkeuschheit verleiten 
soUe/* 

„Ein Siebzehnjähriger schießt auf den Bruder. 
Ein siebzehnjähriger Junge, der bei seinem Vater in der Lehre ist, hatte 
gestern vor dem Jugendsenat eine Tat zu verantworten, die er unter ganz 
merkwürdigen Umständen beging. Der junge Mensch hat am 12. Oktober 

1912 auf seinen Bruder, einen fünfundzwanzigjährigen Mann, der ebenfalls in 
der Werkstätte des Vaters arbeitet, vier Revolverschüsse abgegeben. 
Drei der Geschosse gingen zum Glück fehl, das vierto brachte dem Bruder 
an der Schulter eine Verletzung bei, die aber bald heilte. Die Anklage, 
gegen die sich der körperlich sehr entwickelte Junge gestern zu verantworten 
hatte, lautete auf schwere Körperbeschädigung. In seiner Verantwortung 
brachte er für seine Tat sehr seltsam anmutende Gründe vor. Der Siebzehn- 
jährige hatte Liebesbeziehungen zu einer verheirateten Frau, 
zu der auch sein Bruder das gleiche Verhältnis hatte. Die 
Brüder waren nun aufeinander sehr eifersüchtig und wiederholt 
kam es zwischen ihnen zu Auftritten. Der jüngere Bruder, so sagte er, 
wurde infolge der Anfeindungen seines Bruders lebensUberdrüssig. Er 
kaufte sich einen Revolver, um sich zu töten. Am 12. Oktober feuerte er 
in einem Nebengemach der Werkstätte einen Schuß gegen seine Schläfe ab, 
der aber nicht traf. In der Werk statte, wo der Bruder mit einigen Gehilfen 
war, wurde der Knall gehört. Der Bruder riß die Tür zu dem Gemach auf, 
in dem sich der Junge befand. Dieser wendete sich nun gegen den älteren 
Bruder, dem es gelang, die Waffe an sich zu reißen. Es entstand eine 
Rauferei, in deren Verlauf sich der Junge wieder der Waffe bemächtigte' 
Dann feuerte er viermal gegen den älteren Bruder, der sich hinter eine Dreh- 
bank geflüchtet hatte. Schließlich warf er die Waffe weg und flüchtete auf 
die Straße, wo er verhaftet wurde." 

Wegen der üngewöhnlichkeit des Falles waren der Verhandlung Ge- 
richtspsychiater beigezogen, um ein Gutachten abzugeben. Dr. L a z a r führte 
aas, es sei anzunehmen, daß sich der junge Mann zur Zeit der Tat in einer 
Aufregung befand, die geeignet war, seine freie Willensbestimmung 
aufzuheben. Dazu habe auch mit Rücksicht auf seine Jugendlichkeit sicher 
sein Verhältnis zu der Frau beigetragen. 

Der Gerichtshof sprach den Angeklagten von der Anklage auf schwere 
körperliche Beschädigung frei, indem er annahm, daß der junge Mann in 
Sinnesverwirrung gehandelt habe." 

„Mord eines entarteten Vaters. Aus Budapest, 14. Januar 

1913 wird uns telegraphiert: Gestern machte der Budapester Beamte Stephan 
Bethö, der zur Besichtigung seines üauses in Saroksar dort eintraf, eine 
grauenhafte Entdeckung. Er fand nämlich im Stall seines Hauses die Leiche 
der Tochter seines Hausmeisters. Das Mädchen war seit voriger 
Woche abgängig und es hieß, daß sie zum Besuch ihres Bräutigams nach 
Wien gefahren sei. Die sofort eingeleitete Untersuchung ergab jedoch, daß 
das Mädchen von ihrem eigenen Vater, dem Schlossermeister Franz 
Menge l, ermordet wurde, der schon seit längerer Zeit seine 



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296 Varia. 

Tochter mit Liebesanträgen verfolgte, von ihr aber stets 
zurückgewiesen wurde. Mengel ist seit gestern abgängig." 

„Ein Unhold. Der 42jährige Schneidergehilfe Rudolf W. stand am 
10. Dezember 1912 wegen Blutschande und Unzucht vor dem Schwurgericht. 
Es wurde ihm zur Last gelegt, daß er sich an seiner noch nicht vier- 
zehn Jahre alten Tochter, einmal selbst schon vor drei Jahren, schwer ver- 
gangen hat. Die Anzeigerin wsly die geschiedene Frau des Mannes. Auch 
das Kind hat die Angaben seiner Mutter bestätigt. Die Gerichtspsychiater 
bezeichnen W. als einen durch Trunk herabgekommenen Menschen. Der An- 
geklagte bestritt, gegen seine Tochter gefehlt zu haben. Er erklärte die 
Anzeige seiner Frau damit, daß diese an ihm einen Racheakt ausüben 
wollte. Die (jeschwomen erkannten den Angeklagten für schuldig. Der Gerichts- 
hof verurteilte W. zu drei Jahren schweren Kerkers. 

c) Aus der Völkerpsychologie. 

Zum Jus primae noctis teilt Dr. Buschan im Jännerheft (1913) 
der ^Sexualprobleme" nach W. Knoche (Zeitschr. f. Etbn., 1912, S. 659 ff.) 
folgende für den Psychoanalytiker interessante Tatsache aus dem Geschlechts- 
leben der Osterinsulaner mit: j,Die Defloration der jungen Mädchen, 
die schon von ihrem fünften Lebensjahr an von älteren Frauen Unterweisun- 
gen im Benehmen während des Geschlechtsverkehres empfangen, ist ein Vor- 
recht der älteren Männer; erst nach der mit einem älteren Stammes- 
genossen verbrachten prima nox tragen sie sich dem Geliebten an ; sie 
weigern sich standhaft, hievon eine Ausnahme eintreten zu lassen, selbst bei 
lebhafter Zuneigung einem jüngeren Manne gegenüber.'* 

Der tiefere Sinn dieser Sitte würde sehr gut zu der, besonders von 
Storfer (Zur Sonderstellung des Vaterraordes, 1911, S. 17) vertretenen, 
psychoanalytischen Auffassung stimmen, die das ursprüngliche jus primae 
noctis dem eigenen Vater zuspricht. Bei den Orang-Sakai auf Malakka sollen 
die Väter selbst das jus primae noctis an ihren Töchtern besitzen (nach 
Schmidt: Jus primae noctis, S. 324, cit. bei Storfer 1. c). 

Zum selben Thema bringt ein die psychoanalytische Auffassung von der 
Bedeutsamkeit des Inzestkomplexes unwillkürlich bestätigender Aufsatz von 
P. Sinitzin (Petersburg) eine interessante Aufklärung. Nach Abweisung 
der oberflächlichen materiellen Begründungen führt der Autor aus, daß die 
Institution des Vatermordes, die sich bei Barbarenvölkem des Alter- 
tums wie unserer Zeit findet, nur bei solchen Völkerschaften gang und gäbe 
sei, bei denen der Vater das jus primae noctis auf die Braut oder Frau seines 
Sohnes besitzt, wie dies z. B. noch bis vor kurzer Zeit bei den Bauern im 
Norden Rußlands gebräuchlich war (,,Die Lösung eines Geheimnisses der 
Volksseele". „Die Zeitschrift" hg. v. Albert Helms, 2. Jhg., Heft 11, 
2. März 1912). — Nach einer Mitteilung von Ferenczi soll sich in 
Kroatien heute noch mancher Familienvater das Recht herausnehmen, die 
Schwiegertochter bis zum Heranwachsen des schon in jungen Jahren ver- 
heirateten Sohnes geschlechtlich zu gebrauchen. 

Rank. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Varia. 297 

Psychoanalytische Literatur. 

Als 15. Heft der von Prof. Freud herausgegebenen ^Schriften zur 
angewandten Seelenkunde" erschien „eine psychoanalytische Studie: Aus 
dem Seelenleben des Kindes" von Dr. H. v. Hug-Ilellmuth (im 
Verlage von F. Deu ticke, 1913). 

Von Dr. Maxim. Steiner (Wien) erschien: „Die psychischen Stö- 
rungen der männlichen Potenz^ mit einem Vorwort von Prof S. Freud 
(Verlag F. Deuticke, 1913). 

A translation of Dr. Hitschmann's book, made by Dr. C. K. Payne, 
has just been published in the „Journal of Nervous and Mental Disease 
Monograph Series", Nr. 17, (New York. Two dollars), under the title of 
„Freuds Theories of the Neuroses'; it contains a preface by Prof. 
Ernest Jones, and a selected bibliograpby of the English literature on the 
subject. 

In der von Prof. Dr. Oskar Messmer unter Mitwirkung von Prof. Dr. 
E. Meumann herausgegebenen Sammlung von Methoden für Erziehung und 
Unterricht: „Pädagogium", erscheint demnächst als 1. Band von unserem 
Züricher Kollegen und Mitarbeiter Dr. Oskar Pfister: „Die psychoana- 
lytischeMethode. Eine erfahrungswissenschaftlich-systematische Darstellung" . 
(Verlag W. Klinkhardt, Leipzig 1913.) 

Ernst Dürr, Prof. d. Philosophie an der Universität Bern, der den 
von Hermann Ebbingh aus begonnenen zweiten Band der ^Grundzüge 
der Psychologie" (Leipzig 1913, Veit & Co.) vollendete, läßt darin die 
Psychoanalyse an verschiedenen Stellen zu Worte kommen. So gibt Dürr 
S. 257 f. eine kurze Darstellung von „Freuds Traumtheorie'*, die sich 
allerdings infolge völligen Mißverstehens zu keiner Würdigung erheben kann. 
Dagegen wird die Bedeutung der Psychoanalyse für die Erkenntnis der 
künstlerischen Phantasiebildung, ästhetischer Probleme, ferner für Religions- 
psychologie und Pädagogik gebührend gewürdigt. S. 659 ist die Rede von der 
„neuerdings immer mehr und mehr Anhänger gewinnenden Lehre Freuds, die 
einen gewissen Zusammenhang herzustellen sucht zwischen dem Traumleben und 
der ästhetischen Produktion . . .", wobei alle Bedenken nicht abhalten können, 
,,in dem von Freud und seinen Schülern zusammengebrachten Tatsachen- 
material wertvolle Bausteine einer Psychologie des künstlerischen Schaffens 
anzuerkennen.'* — ,,Die tragische Katharsis ist nur ein Spezialfall dieser 
Reinigung und Befreiung von inneren Spannungen und unabgeklärter Leiden- 
schaftlichkeit. Seit Schiller zum Verkünder geworden ist einer Lehre, die 
man geradezu ein Evangelium der Erlösung durch die Schönheit und die 
Kunst nennen kann, seit Schopenhauer dieser Lehre einen methaphysi- 
schen Unterbau geschaffen hat . . . und seit Freuds Neurosenlehre einzelne 
der hier in Betracht kommenden Probleme in eine ganz neue Beleuchtung 
gerückt hat, ist die Theorie der reinigenden, erlösenden, erbauenden Wirkun- 
gen, in denen sich die ästhetische Kontemplation mit der religiösen Andacht 
berührt, manchen Schritt vorwärts gekommen" (S. 687). 

Auch bei Erklärung gewisser Zustände der religiösen Exaltation (Zungen- 
reden, Mystik) beruft sich Dürr in anerkennender Weise auf die psycho- 
analytischen Forschungen von Pfister (S. 559 ff., S. 586), sowie er auch 
über dessen pädagogisches Wirken sagt : „ . . . scheint nach den erstaunlichen 
Erfolgen der psychoanalytischen Seelenbeeinflussung . . . , daß erlebnisbedingte 
seelische Konstellationen sich auch in weitem Umfang wieder umgestalten 
lassen . . . ** (S. 700). 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Bibliographie. 



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Hart Bemard: A Philosophy of Psychiatry (Journ. Ment. Sc. Vol. 64, 226, July 1912). 

[Auch über Psa.] 
Hirschfeld M.: Der sexuelle Infantilismus (Halle 1913, C. Marhold, M. 1.20). 
Hirsch feld M. u. Burchhardt E.: Zur Frage der psychischen Impotenz als 
Folgeerscheinung sexueller Totalabstinenz beim Manne (Sex. Probleme, April 1913). 
Hitschraann Ed.: Freuds psychoanalytische Methode (Jahreskurse für ärztl. Fort- 
bildung, IV. Jhg., Maiheft 1913). 
Hoepfner: Ober die Disposition der Stottererpsyche zu asozialer Entwicklung (H. 

Groß» Archiv, Bd. 48, H. 1—2). 
Hörnes: Ursprung und älteste Form der menschl. Bekleidung (Scientia VI, 1). 
Hadovernig C. : Eine besondere sexuelle Neurasthenie im reiferen Alter (Med. 

Klinik 1913, Nr. 13). 
IIb er g G.: Ein pathologischer Lügner u. Schwindler (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. 

Psych. XV, 1913, H. 1—2). 
Jahrbuch f. sexuelle Zwischenstufen, hg. in Vierteljahrsheften von M. Hirsch feld. 

13. Jahrg., IL 3, April 1913 (Leipzig M. Spohr, 1913, je M. 2.—). 
Juliusburger Otto: Zur Lehre von den Fremdheitsgefühlen (Mon. f. Psych, u. 

Neurol., Bd. 32, H. 3, Sept. 1912). 
Kahane Heinrich: Ober Angstzustände (Wiener Klin. Woch. 1913, S. 495, Nr. 13). 
Kann gieß er: Hat die Blutsverwandtschaft der Eheleute einen schädl. Einfluß auf 

die Gesundheit der Nachkommen? (Münchn. Med. Woch., 8. April 1913). 
Karpas M. J. : Analysis of psychosexual Anaesthesia in a Gase of psychopathic Per- 
sonality (Americ. Journ. of Insanity, Jan. 1913). 
Karpinska L.: Beiträge zur Psychopathologie des Alltagslebens (Zentralbl. für Psa. 

III. Jhg., H. 6 u. 7). 
Klebinder L. : Ober den Ursprung der Familie (ebenda). 

Kostyleff N. : Nouvelles recherches sur le mecanisme cerebral de la Pens^e (Mer- 
cure de France, 16. Mars 1913). [Nimmt auf die psa. Forschungen Bezug.] 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



300 Bibliographie. 

Kronfeld Artur: Freuds psychoanalyt. Theorien („Die Natniwissenschaften*', I. Jhrg. 

H. 16, 18. April 1913. Verl. J. Springer, Berlin). 
Rüster Erich: Die Schlange in der griechischen Kunst und Religion (Gießen 1913. 

A. Töpehnann, M. 5.50). 
L achtin M.: Die Besessenheit auf dem Lande in Rußland (ZentralbL L Pas. und 

Psychotherapie, III. Jhg., H. 6 und 7). 
Lagriffe Lucien: La Psychologie d' Auguste Strindberg (Joum. de Psych, normal 

et pathol. IX, 6. Dec. 1912). 
LeeperR.: Ofthe Onset of Melancholia (Joum. Ment. Sc. Vol 54,225. April 1912). 
Lissmann P.: Fortschritte auf dem Gebiete der nervösen Sexualstörungen (mit 

neueren Literaturangaben) (Mftnch. Med. Woch., 11. März 1913, S. 541). 
Lomer Georg: Vom Doppelgeschlecht des künstlerischen Menschen (Gegenwart, 

Bd. 41, 2). 
Marie A. : Trait^ international de Psychologie pathologique. Vol. m.: Psychopatho- 

logique appliqu^e" (Paris 1912, F. Alcan, M. 20.—). [Enthält u. a. einen Ab- 
schnitt über die pathologische Sexualität v. H. EUis.] 
Marinesco G. : Ein Beitrag zum Stud. der Synästhesien, insbes. d. Farbenhörens 

(Joum. de Psych, norm, et pathol., X./5. Oct. 1912). 
Masseion R. : L'hallucination et ses diverses modalit^ cliniques (Joum. de Psych. 

normal et pathol. LX/6, Dec. 1912). 
Meyer: Die Theorie der Hysterie (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. V.). 
Müller K. J.: Zur Kenntnis der Leitungsbahnen des psychogalvan. Refl. Phänomens 

(Mon. f. Psy. u. N. 1913, H. 3). 
Murri Augusto: Über die traumatischen Neurosen. Deutsch v. Cerletti (Jena 1913, 

G. Fischer, M. 2.—). 
Näcke P.: Wahnideen mit homosexuellem Inhalte (H. Groß' Archiv, Bd. 52, H. 1 

u. 2, 31. März 1913, S. 199). 
Nagy Ladislaus : Psychologie des kindlichen Interesses (Pädag. Monographien, hrsg. 

V. E. Meumann, IX Bd.) (Leipzig 1912, Otto Nemnich, M. 5.80). 
Neupert Rob.: Die Psychoneurosen und ihre Behandlung (Münch. Mediz. Woch. 

11. u. 18. März 1913). 

Norman: Emanuel Swebenborg. Psychologist (Journal of Mental Science, LYIII, Nr. 242). 

Pfordten, Otto v.: Psychologie des Geistes (Heidelberg 1912, C. Wmter, M. 6.—). 

Pohorilles, Dr. N. E.: Moderne Traumtheorien [Sanctis, Swoboda, Freud, EUis] 
(Urania, V. Jhg., Nr. 45 u. 46, Nov. 1912). 

Pollitz: Notzuchtversuch an der eigenen Mutter (H. Groß' Archiv, Bd. 52, 1913, 
1. u. 2. H.) 

Popp Walt.: Kritische Entwicklung des Assoziationsproblems (Leipzig 1913, J. A, 
Barth, M. 3.60). 

Referat über psycholog. Literatur für das Jahr 1912 von Dr. P. Petersen (Zeit- 
schrift f. Phüos. u. phüos. Kritik, Bd. 149, H. 2, 13. März 1913). 

Reik, Dr. Theodor: Das Geschlechterverhältnis bei Arthur Schnitzler (Die neue Ge- 
neration, März 1913). 

Reik Th.: Psychoanalyse („März", Mai 1913). 

Repond A. (Burghölzli): Über Störungen der musikalischen Reproduktion bei der 
Schizophrenie (Allg. Zeitschr. f. Psychiatrie VII, 1913, H. 2). 

Riklin Franz: Betrachtungen zur christlichen Passionsgeschichte (Wissen u. Leben, 

VI, 1913, H. 13, 1. April). 

Rivers W. C: Walt Whitman's Anomaly (London 1912). 

Rorschach H.: Analytische Bemerkungen über das Gemälde eines Schizophrenen 

ZentralbL f. Psa. u. Psychotherapie, EH. Jhg., H. 6. u. 7). 
Rorschach: Pferdediebstahl in Dämmerzustand (H. Groß' Archiv, Bd. 48, H. 1—2). 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Bibliographie. 301 

Rosenfeld M. : Über Beziehungen des manisch-depressiven Irreseins zu körperl. 
Erkrankungen (Allg. Zeitschr. f. Psychiatrie 1913, VIT. Bd., 2. H). 

Sammlung zwangl. Abh. zur Neuro- u. Psychopathologie des Kindesalters, herausg. 
V. E. Stier. I. Bd., 1.— 3. Heft (Jena 1913, G. Fischer, M. 3.60). 

Sanctis de: Grinfantilismi. 

Sanctis de: Frenastenici e Anormali psichici. 

Sanctis de: Les enfants anormaux (sämtlich in: Contributi psicologici del Labora- 
torio di Psicologia sperimentale della R. Universita di Roma. Vol. I). 

Sanctis de: Attivitä organica e attivitä psichica (L'Infanzia Anormale VI, 5/6). 

Sa vage: Some Dreams and their Significance (Joum. of Mental Science LVIII, Nr. 242). 

Schackv^itz Alex.: Über die Methoden der Messung unbewußt. Bewegungen etc. 
(Archiv f. d. ges. PsychoL, 26. Bd., H. 3 u. 4, März 1913). 

Schnyder: Anorexieformen des Pubertätsalters (Korr. -Blatt für Schweizer Ärzte, 
1913, Nr. 12). 

Schulze: Das psychogalvanische Reflexphänomen (Neue Bahnen XXIV, H. 1). 

Seige M.: Wandertrieb bei psychopath. Kindern (Zeitschr. f. d. Erforschung u. Beh. 
des jug. Schwachs. Bd. IV, H. 2 u. 3). 

Serieux P., et Capgras J.: Die Heilandschaft des falschen Prinzen [Naundorf] 
(Journal de Psycho!, norm, et pathol. IX/4., August 1912). 

Smith Th. L. : Paramnesia in daily Life (Americ. Journ. of Psychol. XXIV, 1). 

St ekel, Dr. W.: Der Sinn im Wahnsinn (Neue wiss. Rundsch., 20. Jan. 1913). 

Stekel W.: Die Ausgänge der psa. Kuren (Zentralbl. f. Psa., EL, H. 6 u. 7). 

Stier Ewald : Zur Ätiologie konträren Sexualgefühls (Mon. für Psych, und Neurol. 
Bd. 32, H. 3, Sept 1912). 

Stransky E.: Zur Entwicklung und zum gegenw. Stande der Lehre v. d. Dementia 
praecox (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych. VIII, H. 5 u. IX, 1). 

Strohmayer Wilh. : Kinderhysterie mit schweren Störxmgen der Lage- u. Bewegungs- 
empfindungen (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych., Bd. X, H. 4 u. 5). 

Thummerer Hans; Audition color^e (Lit. Echo, XIV, 15). 

Tobias A. : Zur Prognose u. Ätiologie d. Kinderhysterie (Berlin 1913, S. Karger, M. 3.—). 

Tucker B. R. : Incongrous Symptoms in Hysteria (Journ. of Americ. Med. Assoc, 
Novemb. 23). 

Verhandlungen der Intern. Gesell, f. med. Psychol. u. Psychotherapie, IL Jahres- 
versammlung in München am 25. u. 26. Sept 1911 (Joum. f. Psychol. u. Neu- 
rol. XIX, Ergänzungsheft 1). [Enthält u. a. : Bernheim u. Claparede: Hyp- 
notismus; Frank: Determination physischer und psychischer Symptome im 
Unterbewußtsein ; T r ö m n e r : Entstehung und Bedeutung der Träume ; F o r e 1 : 
zur Einteilung d. Nervenkrankheiten ; Bonjour: Ober die Grenzen d. Psycho- 
therapie; Delius: Die hypnot. Behandlung d. Asthma nervosum, etc.] 
Vorschläge zur psychol. Unters, primitiver Menschen. Ges. u. hrsg. vom Institut 
f. angew. Psychol. (Leipzig 1912, J. A. Barth, M. 4.—). 

Voß G. : Neuere Anschauungen über die Hysterie (Berlin 1912, Fischers medizin. 
Buchh., M. -.60). 

Voß: Zur forensischen Kasuistik des sog. neurasthenisch. Irrsinns (H. Groß' Archiv, 
Bd. 48, Heft 1-2). 

Weidel Karl: Das Grauen (Zeitschr. f. Rel. Psychol. VI, 3). 

Wundt Wilh.: Die Psychologie im Kampf ums Dasein (Leipzig 1913, A. Kröner, M. 1.—). 

Ziegler Theobald: Das Gefühl. Eine psychol. Untersuchung (Berlin u. Leipzig 1912, 
G. J. Göschen). 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Korrespondenzblatt 

der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 

Redaktion : 

Dozent Dr. C. 6. Jung, und Dr. F. Riklin, 

Zentralpräsident, Zentralsekret&r 

in Küsnacht bei Zürich. 

I. 

Kongreß 1913. 

Der nächste (private) Kongreß der Internationalen psychoanalytischen 
Vereinigung wird am 7. und 8. September 1913 in München statt- 
finden. 

Es wird gebeten, die Vorträge bis zum 1. Juli bei Dr. C. G. Jung 
anzumelden. Dabei ist wünschenswert, daß die Vorträge die Dauer von 
20 Minuten nicht überschreiten. 

n. 

Vereinsberichte. 

1. Ortsgruppe Berlin. 

Sitzungen: 

November 1912: Dr. phil. M. Weißfeld (als Gast) : „Versuch einer philo- 
sophischen Stellungnahme zu den Freud sehen Lehren". 

Dezember 1912: Diskussion zu obigem Vortrag. 

Januar 1913: Sanitätsrat Dr. Koerber: „Die Äußerungen des Wider- 

standes in der Psychoanalyse". 

März 1913: Dr. Abraham: Über unbewußte Wurzeln des neurotischen 

Kopfschmerzes. 

2. Ortsgruppe New York. 

Mitgliederliste. 

T. H. Ames, 52 West 53th Str., New York. 

C. E. Atwood, 14 East 60th Str., New York. 

L. E. Bish, 268 West End Av., New York. 

A. A. Brill (Secretary), 55 Central Park West, New York. 

L. J. Casamajor, 342 West 56th Str., New York. 

L. P. Clark, 84 East 56th Str., New York. 

F. J. Farnell, 114 Hroad Str., Providence R. J. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Korrespondenzblatt der Intern. Psychoanalyt. Vereinigung. 303 

H. W. Frink (President). 1 West 83th Str., New York. 

B. M. Hinkle, 115 East 31th Str., New York. 
Josephine Jackson, 1971 Morton Av., Pasedena, California. 
M. J. Karpas (Vicepresident), Belle vue Hospital, New York. 
M. Keshner, 264 East 7th Str., New York. 

C. P. Obemdorf, 249 West 74th Str., New York. 
B. Onuf, Amityville L. J. 

E. W. Scripture, 236 W. 74th Str., New York. 
L. Sheinman, Lebanon Hospital, New York. 

F. W. Stechman, 321 East 18th Str., New York. 
S. A. Tannenbaum, 243 East 7th Str., New York. 
W. Timme, 158 West 95th Str., New York. 



3. Ortsgruppe Wien. 

In der Sitzung vom 5. Februar 1913 hat der Ausschuß Herrn Hugo 
Heller, als Verleger der zwei psychoanalytischen Zeitschriften, kooptiert. 

12. Sitzung am 8. Januar 1913: 

Dr. Paul Federn: Beispiel von Libidoverschiebung während 
der Kur. 

Die psychoanalytische Behandlung muß die pathologische Libidoverkntipfung 
zur Lösung bringen. Hiebei erfolgt die Verschiebung der Libido in der ent- 
gegengesetzten Richtung, als sie bei der Entstehung der neurotischen Erkrank- 
kung erfolgte. In den meisten Fällen ist nur das Resultat dieser Restitutio ad 
integrum zu erkennen, indem frtiher verdrängte Libido frei wird und gleich- 
zeitig die durch den entsprechenden Libidoanteil unterhaltenen Symptome an 
Litensität verlieren, schließlich ganz verschwinden. Mitunter begegnet man 
aber Fällen, welche trotz Neurose einen beträchtlichen Teil ihrer Libido un- 
verdrängt behalten haben. An solchen Fällen gelingt es, wenn man das Augen- 
merk darauf richtet, auch im Detail den Zusammenhang der Verteilung und 
der Verschiebung der Libido mit dem Wechsel oder Pausieren von Symptomen 
zu beobachten. Es handelt sich dabei um Individuen mit ungewöhnlich starker 
Triebstärke in normaler und perverser Richtung, bei welchen eine besondere 
organische Disposition, die sich auch in der Prävalenz bestimmter erogener 
Zonen äußert, wesentlich zur Entstehung der Neurose beigetragen hat. Ein 
solches Prävalieren des organischen Faktors findet sich regelmäßig bei den 
Fällen von Asthma bronchiale. Diese Krankheit macht deshalb so völlig 
den Eindruck einer rein organischen Störung. Erst die Untersuchung der 
akzidentellen Anlässe und die Aufklärung der scheinbaren Unberechenbarkeit 
der Anfälle, sowie die ungewöhnliche Beeinflußbarkeit durch suggestible und 
Stimmungseinfltisse haben den psychogenen Charakter der Erkrankung evident 
gemacht. — Die Psychoanalyse hat regelmäßig libidinöse Ursachen aufdecken 
lassen. An einem derartigen Falle von Bronchialasthma, dessen psychoanalytische 
Details einer späteren Publikation vorbehalten bleiben sollen, konnten die Vor- 
gänge der Libidoverschiebung genau beobachtet und der psychogene Faktor 
in der Ätiologie vom organischen gut unterschieden werden. 

Als konstitutioneller Faktor war die Prävalenz des Geruchsinnes 
und der Mundzone in erogener Hinsicht überaus deutlich. Diese Prävalenz 
ist nach meiner Erfahrung an mehreren Fällen und in Übereinstimmung mit 
vielen nicht psychoanalytischen Autoren ein regelmäßiger ätiologischer Befund bei 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



304 Korrespondenzblatt der Intern. Psychoanalyt. Vereinigung. 

dieser Erkrankung. Der zweite wichtige konstitutionelle Faktor, der aber allen 
schweren Neurosen gemeinsam ist, ist die überraschende Intensität der Sexu- 
alität in den Kinderjahren. Konstitution und Milieueintlüsse gemeinsam ver- 
hindern das Auftreten der sexuellen Latenzperiode zwischen infantiler und 
puberer Sexualität. 

Im vorliegenden Einzelfalle waren die Geruchseindrücke von den ersten 
Eindeijahren an in ungewöhnlichem Maße sexuell lustvoll betont. Wie manche 
Tierarten und die Wilden hatte der Patient ein hervorragendes Gedächtnis 
in dieser Richtung, welches den sympathischen und antipathischen Charakter 
von Menschen, Lokalitäten und Ereignissen durch Dezennien festhielt. Es ist 
regelmäßig zu beobachten, daß Individuen, deren Geruchssinn so glänzend ent- 
wickelt und mit dem Sexualtrieb so eng verlötet ist, sogenannte „Stimmungs- 
menschen^ zu sein pflegen, welche bis zu feinsten Nuancen nicht an die tat- 
sächlichen Ereignisse, sondern an die Variationen der äußeren Umstände ihre 
mannigfachen Stimmungen knüpfen. Die ^n den Geruchssinn fixierte Libido 
machte dem Kinde — analog wie bei dem Tiere — die körperlichen Sekrete 
und Exkrete sowie die entsprechenden Organe an anderen Individuen zu Sexual- 
objekten. Dadurch entstanden mannigfache Phantasien. Und so wurde das 
Blind durch perverse Bestrebungen an die von ihm geliebten Personen fixiert. 
Ein völlig spontan entstandenes, durch kein äußeres Ereignis unterstütztes 
Sexualziel dieser intensiven libidiuösen Beziehung war die Phantasie des Cunni- 
lingus, welche nach dem 7. Lebensjahr auftrat, in welchem Jahre das Kind 
infolge von Tierbeobachtungen und durch Aufklärung von dem Geburtsvorgange 
Nachricht erhalten hatte. Der Cunnilingus ist eine Perversität, welche nicht 
durch einfaches Verbleiben bei einer infantilen Sexualstufe erklärt werden kann. 
Der Cunnilingus erfüllt die infantile Sehnsucht, zur Mutter zurückzukommen. 
Der Anreiz zu dieser Perversität stammt von der Ruchsphäre, das Organ 
gehört der Mundzone an und das Ziel ist der reifen Sexualität entnommen, 
es ist das Ziel, in die Vagina einzudringen. So ist der Cunnilingus dazu 
geeignet, daß durch diese Phantasien die normale von den Sexualorganen 
ausgehende Libido, infolge des gemeinsamen Zieles und Objektes, auf die 
im infantilen Stadium prävalente Mund- und Ruchzone verschoben wird. 
Diese Verschiebung wurde unterstützt durch die sonstige intensive, aber 
in ihren sichtbaren Äußerungen keineswegs abnorme Fixierung an die 
Mutter. Da unser Patient wie die meisten Asthmatiker eine starke sexuelle 
Konstitution hatte, blieb trotzdem die eigentliche Sexualität ungestört. Nur 
war die Liebesfähigkeit für andere Frauen wesentlich gehemmt. Sie war im 
Ödipuskomplex fixiert. Und im Ödipuskomplex war die Libido von der Ge- 
nitalzone auf die Mundzone verschoben. Entprechend dieser eigenartigen 
Fixierung waren in dem intensiven Phantasieleben des Kindes auch typische 
Mutterleibsphantasien ungemein häufig, welche auch die spontanen Spiele 
des Kindes beeinflußten. 

Das Asthma war zum erstenmal nach einer Trennung von der Mutter 
aufgetreten. Jedem Asthma gingen typische Phantasien und Tagträume, bei 
Nacht für das Individuum spezifische Asthmaträume, voraus. Die Analyse dieser 
Träume und der wachen Phantasien führte regelmäßig auf bestimmte libidinöse 
Strebungen zurück, welche mit dem Ödipuskomplex und mit der infantilen 
Sexualität zusammenhingen und Situationen der Kindheit erinnern ließen, in 
welchen derartige Wünsche eine Rolle spielten. Die Gelegenheitsursachen der 
Anfälle waren Enttäuschungen oder Entbehrungen erotischer oder ehrgeiziger 
Natur. Charakteristisch ftlr die Asthmaanfälle war eine bestimmte Asthma- 



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Korrespondenzblatt der Intern. Psychoanalyt. Vereinigung. 305 

stiimuTing. Mit fortschreitender Heilung pflegten diese Stimmungen noch auf- 
zutreten, ohne daß sie durch Regression bis zum wirklichen Asthma führten. 
Vorher konnte aus dem Auftreten der Asthmastimmung mit Bestimmtheit auf 
den kommenden Anfall gerechnet werden. Diese Stimmung wurde immer 
durch einen unerfüllten bewußten oder unbewußten Wunsch ausgelöst und war 
bis in das reife Menschenalter die des sich unglücklich und verlassen fühlenden 
Kindes. Während der Erwachsene auf ein Unglücksgefühl mit vernünftigen 
Maßregeln und Plänen, auch mit Wünschen und Hoffnungen oder mit Ke- 
signation reagiert, hat das sich unglücklich fühlende Kind nur das Gefühl: 
Man soll mir helfen, ich mag das nicht und die Mutter soll kommen. Diese 
Hilfe sucht das Kind durch Schreien und Jammern, durch Betonen und Zeigen 
des Unglücklichseins herbeizurufen. Das infantile Unglücksgefühl bei dem 
Neurotiker hat deshalb immer ein Publikum und verlangt die sofortige Ab- 
hilfe durch fremde Hilfe, auch in Fällen, wo das unmöglich ist. Bei unserem 
Kranken erhielt sich dieses infantile Unglück sgefühl als die Stimmung des 
sofortige Hilfe vor einem Publikum erbettelnden, erschreienden, ertrotzenden 
und verzweifelten Kindes. Im Unbewußten war es noch immer die Mutter, 
nach der der Kranke wie in der Kindheit bis zur Atemlosigkeit schrie. Da 
alle Sehnsucht nach der Mutter die perverse infantile Erotik wieder im Un- 
bewußten reaktivierte, wurde auch der konstitutionell vorgebildete, von der 
Ruchsphäre ausgelöste abnorme Reflex der Bronchialmuskel und die zum Asthma 
gehörige Sekretion wie in der Kindheit durch die Unglücksstimmung provoziert. 
Die Rückkehr zu den infantilen Wünschen verriet sich in dem Ablauf der 
Phantasien und Träume des Patienten, welche der Steigerung von der ak- 
tuellen Enttäuschung bis zum Anfall parallel gingen. 

So ergab sich, daß bei einem derartig disponierten Individuum endogene 
sexuelle und exogene aktuelle Momente, auch wenn letztere geeignet schienen, 
Katarrhe auszulösen, in Wirklichkeit dadurch das Asthma einleiteten, daß sie 
eine infantile Situation durch unbewußte Assoziationen wiedererweckten, in 
welcher das Kind nach der Mutter mit perverser Libido begehrte, nach ihr 
schrie oder zu ihr rannte. Von nicht rein sexuellen Momenten kamen noch 
unbewußte Phantasien hinzu, welche ein Wüten, Kämpfen, Streiten, Wett- 
laufen und Lachen bis zur Atemstörung reproduzierten. 

Daß das Asthma aus der Kindheit in die Pubertät und bis in das vierte 
Lebensdezennium anhielt, war durch das Ausbleiben der Latenzperiode er- 
leichtert, denn die in der Pubertät erwachende Penissexualität hat unmittelbar 
zunächst die infantile Perversität verstärkt. Die zweite Ursache war, daß der 
Patient die infantile Einstellung gegenüber peinlichen Erlebnissen und Vor- 
stellungen, welche nach dem Lust- und Unlustprinzip erfolgt, nicht aufgegeben 
hatte. Infolge dieses Festhaltens an der infantilen Reaktionsweise blieb der End- 
ausgang unveränderlich das gleiche Scheitern des Versuches einer Wunsch- 
befriedigung, welches Scheitern im Asthma zur Darstellung kam. Trotz 
der schließlichen Unlustreaktion konnte infolge der Unkontrollierbarkeit der 
unbewußten Vorgänge der vergebliche Versuch einer Befriedigung nach der in- 
fantilen Weise nicht aufgegeben werden. Dabei stellte der Asthmaanfall nur 
für das Bewußtsein des erwachsenen Individuums ein Scheitern der Wünsche 
dar. Das Kind hatte tatsächlich mit den Anfällen seinen Wunsch wenigstens 
so weit erreicht, daß es die Mutter oder andere geliebte Personen herbeizu- 
zwingen vermochte. Und in den begleitenden Phantasien und Träumen war 
auch die libidinöse Wunscherfüllung noch beim Erwachsenen dargestellt. So 
entspricht auch das Asthma der allgemeinen Formel, wie sie Freud ftlr jedes 
hysterische Symptom aufgestellt hat, daß es eine im Bewußtsein verlassene 

Zeitachr. f. &nU. Ftychoanalfie. 20 

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306 Korrespondenzblatt der Intern. Psychoanalyt. Vereinigung» 

infantile Sexualbefriedigung, dabei eine Kompromißaktion von libidinösen und 
anderen Wünschen und der Abwehr dagegen darstellt. 

Was hat nun die Kur am Menschen geändert und wie wird die Libido 
durch sie verschoben? 

1. Die Psychoanalyse hat die auslösenden Momente dem Bewußtsein 
richtig erklärt. 

2. Die unbewußten Phantasien, die zum Asthma geführt hatten, wurden 
bewußt gemacht und dabei mächtige Affekte zur Erledigung gebracht. 

3. Dadurch wurde der Patient befähigt dort, wo er vorher zu seinem Scha- 
den in ungeeigneter Weise das Lust-Unlust-Prinzip herrschen ließ, nach dem 
Realitätsprinzip zu reagieren und seine Stimmungen rechtzeitig zu erkennen 
und zu beherrschen. 

4. Die Verschiebung der Libido von der Genitalzone auf die Riech- und 
Mundzone wurde rückgängig gemacht. 

5. Durch diese Rückverschiebung wurde es dem Patienten ermöglicht, 
sich von den infantilen Fixierungen an ungeeignete Objekte zu lösen : Er kam 
von der unbewußten Herrschaft der Mutterimago los. 

In der Diskussion hob Prof. Freud hervor, daß es zweckentsprechend 
ist, solche Sexualneurosen, welche den gleichen psychischen Mechanismus wie 
die Hysterie haben, aber die Symptome nicht durch eigentliche Konversion 
bilden, sondern dazu eine organisch präformierte, abnorme somatische Reaktion 
benützen, als Fixierungshysterien zu bezeichnen und als besondere 
Gruppe den Konversions- und Angsthysterien beizuordnen. 

Im Schlußwort hält es der Vortragende zwar für wahrscheinlich, daß 
alle Fälle von Bronchialasthma psychogen ausgelöst werden, aber mit Rück- 
sicht auf die relativ geringe Anzahl von psychoanalysierten Fällen sei diese 
Frage noch unerledigt. (Autoreferat.) 

13. Sitzung am 15. Januar 1913. 

Prof. Freud: Animismus, Magie und Allmacht der Ge- 
danken (erschien in „Imago", Februar 1913). 

14. Sitzung am 22. Januar 1913. 

Dr. Lorenz (als Gast) : Die Geschichte des Bergmannes von 
Falun. 

Nach einer historischen und literarischen Orientierung über die zu 
Grunde liegende Begebenheit, ihre Überlieferung und die dichterische Aus- 
gestaltung der Vorgeschichte durch Arnim, E. T. A. Hoffmann, Richard Wagner 
und H. V. Hofmannsthal gibt der Vortragende mit besonderer Berücksichtigung 
der Bearbeitungen Hoffmanns und Hofmannsthals eine Analyse des Wahnes 
und der Träume des Helden, aus der sich dessen infantile Fixierung an die 
Mutter mit ihrer neurotischen Darstellung in einer Mutterleibsphantasie (das 
Bergesinnere) ergibt. 

15. Sitzung am 29. Januar 1913. 

Kasuistische Mitteilungen und Referate. 

1. Rosenstein: Nachtrag zu Dattners Zahlenanalyse. 

2. Hitschmann: Übereinstimmungen zwischen Neurotikern. 

3. Rank: Demonstration einer Zeichnung. 

Mitteilung zweier Träume. 

4. Sadger: Über die Notwendigkeit, die Gesäßerotik von der Anal- 
erotik zu trennen. 

5. Tausk: Traummechanismen und -symbole. 



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Eorrespondenzblatt der Intern. Psychoanalyt, Yerdinigang. 307 

16. Sitzung am 5. Februar 1913. 

Dr. Sadger: Sexualität und Erotik im Kindesalter. 

Hält man sich an die etymologische Ableitung, so ist der Gebrauch der 
beiden Termini einfach : „Sexualität" für das grob Sinnliche, an die Betätigung 
der Genitalien gebundene; Erotik für die geistige Seite des Geschlechtstriebes. 
Diese Grenzen haben sich aber allmählich im Sprachgebrauch verwischt. 

Der Vortragende kritisiert nun die Moll sehe Zerlegung des Geschlechts- 
triebes sowie dessen Einwendungen gegen die Sexualität des Kindes und führt 
an, was wir an unzweifelhaften Beweisen dafür besitzen. So die Beobachtungen 
über frühzeitige Erektion und Masturbation mit allen Zeichen des sexuellen 
Orgasmus, die von Kassowitz und Fried jung gemacht wurden. Schwerer 
nachweisbar sei die extragenitale Sexualität des Kindes; doch sprechen deut- 
lich die Beobachtungen von Lindner (Ludein) und Bleuler (Analität) dafür. 

Der Vortragende geht nun speziell auf die Muskelerotik ein, die auch 
in psychoanalytischen Kreisen Widerstand gefunden habe. Er führt die bereits 
in Freuds Sexualtheorie hervorgehobenen Erektionen beim kindlichen Balgen 
an, femer die Beobachtungen von Frauenärzten bei anästhetischen Frauen über Or- 
gasmus infolge Muskelkontraktion. Otto Adler sage direkt, der Orgasmus beim 
Koitus werde durch die Kontraktion der Muskeln hervorgerufen. Auch Tanz 
und Sport wirken nach H. Ellis sexuell erregend infolge der Muskelerotik. 

Man ist berechtigt, von Sexualität (beim Kinde) zu sprechen, wo sich 
Erscheinungen einstellen, die man vom sexuellen Orgasmus her kennt oder wo 
Neigungen bestehen, die sich trotz aller Hindemisse und Drohungen immer 
wieder durchsetzen. 

Sexualität im engeren Sinne ist also nicht nur an die Genitalien ge- 
bunden, sondern schließt auch die extragenitale Seite ein, während man die 
psychische besser als Erotik bezeichnet. 

In der Diskussion hebt Prof. Freud hervor, daß wir Erotik bisher in 
einem engeren Sinne (als Erogenität) gebraucht hätten. S a d g e r s Beispiele haben 
mit den Muskeln als Quellen der Erotik nichts zu tun. Die Muskeln sind Exe- 
kutivorgane, die Bahnen, auf denen sich die sexuelle Erregung entlädt. Der 
Orgasmus hat zur Folge die Kontraktion der Muskeln, aber daß die Kon- 
traktion der Muskeln selbst den Orgasmus ausmache, sei unrichtig. Inten- 
sive Muskelbetätigung könne gewiß auch Quelle der Erogenität sein, aber dafür 
wären ganz andere Beweise anzuführen. Das sieht man erst, wenn man vom Neu- 
rotiker ausgeht, bei Patienten mit Gehstörungen, Abasien, ist die Muskel- 
betätignng deutlich sexueller Art. 

17. Sitzung am 12. Febmar 1913. 

Kasuistische Mitteilungen und Referate. 

1. Tausk: Besprechung der Arbeiten von Ferenczi und Putnam über 
Philosophie und Psychoanalyse. 

2. Rank: Ref. d. Zentralblattes f. Psa., H. 4/5. 

3. Sachs: Der Stem als Genitalsymbol. 

4. Hitschmann: Paranoia und Analerotik. 

5. Hitschmann: Fehlleistungen. 

18. Sitzung am 19. Februar 1913. 

Dr. KarlWeiß: Zur Psychogenese von Refrain undReim. 

Der Vortragende versucht es, Refrain und Reim vom Unbewußten zu 

erklären, und zwar die psychischen Bedingungen ihrer Entstehung und Ver- 

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308 EorrespoodeQzblatt der Intern. Psychoanalyt Vereinigang. 

wendüDg. Als Ausgangspunkt ^ird das für beide Phänomene charakteristische 
Element des Gleichklangs and Rbythmns gewäblt. Der Gleicbklang hat ein infan- 
tiles Vorbild in der Kinderspracbe, der Rhythmus im Lndeln. Die dnrch das 
Wiedererkennen gewonnene Lust, die aus psychischer Ersparung stammt, ist 
das Motiv fUr den Gleichklang. Der Rhythmus ist selbständige Lustquelle; 
er gewinnt die Fähigkeit, Lust zu gewähren, daraus, daß er die Lust an 
einer elementaren Triebbefriedigung repräsentiert. 

Es wird dann das Verhältnis des Refrains zum Affekt besprochen und 
zwei Arten des Refrains unterschieden : der sinnlose, unartikulierte und der 
aus dem Chorgesang stammende. Eine Funktion des Refrains ist die Ver- 
änderung des Affekts; die Form überwindet den Widerstand, den wir gegen 
die Äußerung dieses Affekts haben. Andere Male dämpft der Refrain den 
Affekt und hemmt seine Abfahr, was an Beispielen erläutert wird. 

Aus der Analyse eines Kinderreimes wird der Reim als Kompromiß- 
leistung zweier der Zensur gegenüber konfliktuoser Tendenzen aufgeklärt. 
Reim und Rhythmus sind autoerotisch (der Lyriker spricht nur von sich). 
Schließlich streift der Vortragende noch die Frage, warum der Antike der 
Reim gefehlt habe und glaubt, daß auch die Sexualverdrängung des Christen- 
tums daran teilhabe. 

19. Sitzung am 26. Februar 1913. 

Dr. Paul Federn: Berufs- und Arbeitsstörung durch 
Neurose. (Disk. „Gesellschaft und Neurose", I. Wird publiziert.) 

20. Sitzung am 5. März 1913. 

Dr. Theodor Reik: Die „Allmacht der Gedanken" bei 
Artur Schnitzler (erscheint in „Image", Juniheft 1913). 

21. Sitzung am 12. März 1913. 

Dr. V. Tausk: Der Vaterkomplex. („Gesellschaft und Neurose", U.) 

22. Sitzung am 19. März 1913. 

Kasuistische Mitteilungen und Referate. 

1. Prof. Freud: Eine Traumdarstellung. 

2. Fried jung: Onanie als Quelle von Schamgefühl. 

3. Rank: Beitrag zur Psychologie des Attentäters. 

4. Dr. Reik: Psychoanalytische Lesefrüchte. 

5. Dr. Sachs: Ein religionsgeschichtlicher Beitrag. 

6. Dr. Weiß: Experimentelle Träume. 

23. Sitzung am 2. April 1913. 

Dr. Hanns Sachs: Swift (wird publiziert). 

24. Sitzung am 9. April 1913. 

Dr. J. Sadger: Ein Autoerotiker. 

25. Sitzung am 16. April 1913. 

Dr. Ed. Uitschmann: Neurose und Ehelosigkeit. (Disk. „Ge- 
sellschaft und Neurose", IIl.) 

26. Sitzung am 23. April 1913. 

Dr. J. Sadger: Autoerotik und Narzißmus. 

27. Sitzung am 30. April 1913. 

Kasuistische Mitteilungen und Referate. 



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Korrespondenzblatt der Intern. Psychoanalyt. Vereinigung. 309 

4. Ortsgruppe Zürich. 

Sitzung vom 17. Januar 1913. 

Dr. phil. Mensendieck: Zur Technik des Unterrichts und 
der Erziehung während der psa. Kur, — Die Erzieiiung neurotischer 
Kiuder muß durch Arzt und Lehrer, durch Analytiker und Pädagogen ge- 
meinsam geleitet werden, wie es seit etwa zwei Jahren im Sanatorium 
Dr. Bircher geschieht. — An einzelnen Beispielen aus der Unterrichtspraxis 
wird gezeigt, daß der Schüler sich in der Schule benimmt wie zu Hause und 
daß er stets bestrebt ist, die seinem bewußten Denken und Empfinden viel- 
leicht unangenehme, der unbewußten Lebensgewohnheit aber entsprechende 
Situation wieder herzustellen. Darum muß dem Pädagogen die Komplexreaktion 
des Schülers bekannt sein, damit durch die Art der Arbeitsforderung und 
Arbeitsleistung Korrektur eintreten kann und die Arbeit des Analjrtikers unter- 
stützt wird. Unbedingt notwendig ist aber auch die analytische Selbsterkenntnis 
und Selbsterziehung des Pädagogen, damit er auf die Komplexe des Schülers 
nicht affektvoll reagiert, wodurch die unzweckmäßige Art der Lebensführung 
immer neue Unterstützung finden würde. (Der Vortrag erscheint im Jahrbuch.) 

Dr. Schmid: Zur Analyse einer 17jährigen Mörderin. 

Ein bisher grundbraves, etwas sentimentales Dienstmädchen erschlägt mit 
einer Ktichenaxt ihre verwitwete Herrin, bei der sie seit sechs Monaten im 
Dienst war. Sie hatte vorher ihre Mutter nie verlassen und litt sehr an 
Heimweh. Ein Motiv zum Mord konnte weder von den Juristen noch von den 
Psychiatern gefunden werden. 

Auffallend war zunächst die mehrfach bewiesene Tatsache, daß zwischen 
Herrin und Magd ein ähnliches Verhältnis bestanden hatte, wie zwischen 
Mutter und Tochter. In der Irrenanstalt hörte Patientin in den ersten Nächten 
Stimmen, die ihr sagten, die Mutter sei gestorben. Mit zunehmender Besserung 
der leichten Verwirrung trat die Befürchtung auf, die Mutter sei verunglückt. 
Kurz vor dem Verlassen der Heimat hatte sich Patientin verlobt; seither hatte 
ihr häufig geträumt, die Mutter sei krank oder tot. 

Verfasser sammelte 20 Träume der Patientin, notierte Einfälle dazu, 
verhehlte aber absichtlich jede Erklärung, um sich nicht dem Vorwurf auszu- 
setzen, er habe Patientin seine Lösung des Problems suggeriert. Die Träume 
beweisen in auffallend durchsichtiger Art, daß es Patientin nach dem Ver- 
lassen der Heimat nicht möglich gewesen war, Libido frei zu bekommen zur 
Anpassung an die neue Umgebung; die Libido regredierte darum auf eine 
Situation ihrer frühesten Kindheit, in der Patientin nach Aussage der Mutter 
den Vater innig liebte, auf die Mutter aber auffallend eifersüchtig war, sie 
haßte diese eigentlich als kleines Kind. An Stelle des Vaters war in der 
aktuellen Situation der Verlobte, an Stelle der Mutter die Herrin getreten. Die 
Träume zeigten femers eine ausgesprochene sadistische Komponente, die aller- 
dings durch das mühsame Abgewöhnen der Eifersucht in der Kindheit verdrängt 
und durch eine anormale Anhänglichkeit an die Mutter kompensiert worden war. 

Verfasser weist weitgehende Analogien seines Falles mit Freuds Be- 
merkungen über einen Fall von Zwangsneurose nach. Es ist ihm zweifelhaft, daß 
der Mord selbst durch das weibliche ödipusproblem allein als Regression in 
eine Situation der Kindheit erklärt werden kann; er glaubt durch Annahme 
von archäischen Mechanismen, wie sie Jung in „Wandlungen und Symbole 
der Libido** aufgedeckt hat, eine plausiblere Erklärung zu finden. (Der Vor- 
trag wird im Jahrbuch für psa. u. ps.-path. Forschung in extenso erscheinen.) 



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310 Korrespondenzblatt der Intern. Psychoanalyt. Vereinigung. 

Sitzung vom 31. Januar 1913. 

Diskussion über Dr. Jungs Libidotheorie. 

Sitzung vom 14. Februar 1913. 

Fortsetzung der Diskussion über Dr. Jungs Libidotheorie. 
Sitzung vom 28. Februar 1913. 

Fortsetzung der Diskussion über Dr. Jungs Libidotheorie. 

Mitteilungen. 

Dr. C. G. Jung hat am 27. März im „ Liberalclub " in New York 
(Vorsitzender: Rev. Dr. Percy Grant) einen Vortrag über Psychoanalyse 
gehalten. 



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