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Full text of "Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse Band II Heft 4"

INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT 



^■/f^y .S~" 



FÜR ^± 



ARZTLICHE PSYCHOANALYSE 

OFFIZIELLES ORGAN 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 

HERAUSGEGEBEN VON 

PROF. DR. SIGM. FREUD 

REDIGIERT VON 

DR. S, FERENCZI DR. OTTO RANK 

BUDAPEST WIEN 

PROF. DR. ERNEST JONES 

LONDON 

UNTER STÄNDIGER MITWIRKUNG VON: 
Dr. Karl Abraham, Berlin. — Dr. ludwio Binswanqer, Krkuzlingkn - 
Dr. Poul Bjerre, Stockholm. - Dr. a. a. Brill, New York. - Dr. TriqInt 
Burrow, Baltimore. - Dr. M. D. Eder, London. ~ Dr. J. van Emden, Haag. - 
Dr. M. EiTiNGON, Berlin. - Dr. Paul Federn, Wien.- Dr. Eduard Hitschma'nn 
Wien. - Dr. H. v. Hug-Hellmuth, Wien. - Dr. L. Jekels, Wien. - Dr. Friedr! 
s.krauss,Wien.-Dr. alphonse Maeder,Zürich.-Dr. J.T. Mac Curdy, New York. 
— Dr. J. Marcinowski, Sielbegk. — Prof. Morichau-beauchant, Poitiers. — 
Dr. C. r. Payne, Wadhams, N. Y. - Dr. Oskar Pfister, Zürich. — Prof. James J. 
PUTNam, Boston. — Dr. Theodor Rkik, Berlin. — Dr. R. reitler. Wien. ~ 

Dr. FRANZ RIKLIN, ZÜRICH. — Dr. HANNS SACHS, WiEN. - Dr. J. SADQER. 

Wie». — Dr. L. Seif, Mönchen. - Br. a. Stärcke, Den Dolder. — Dr. m! 

STBGMANN, DRESDEN. - Dr. VICTOR TaUSK, WiEN. - Dr. M. WULFF, OdeBSa! 

ILJAHRGANG, 1914 
HEFT 4. JULI 




1914 

HUGO HELLER & ClE. 

LEIPZIG UND WIEN, I. BAUERNMARKT 3 



JÄHRUCH 6 HEFTE BEI 40 BOGEN STARK M /&— = K 21.60 

Jnginal from 

UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Die „Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse" stellt sich 
die Aufgabe, dem Anfänger durch didaktische Aufsätze eine Ein- 
führung in das Wesen und die Übung der Psychoanalyse zu geben, den 
Vorgeschrittenen Gelegenheit zum Austausch ihrer Erfahrungen zu bieten 
und sie durch Kritiken und Referate fortlaufend von der Entwicklung 
dieser jungen Wissenschaft zu unterrichten. 

Die Zeitschrift bringt Originalarbeiten zum Abdruck, von 
denen eine Erweiterung unserer psychoanalytischen Erkenntnisse zu er- 
warten ist, und Mitteilungen, durch welche die bekannten Lehren 
erläutert und bestätigt werden sollen. 

Es erscheinen jährlich sechs Hefte der Zeitschrift, jeden isweiten 
Monat abwechselnd mit ^Imago", Zeitschrift für Anwendung der Psycho- 
analyse auf die Geisteswissenschaften, im Gesamtumfang von ca. 36 
bis 40 Druckbogei^ zum Jahrespreis von M 18. — = K 21.60. 

Auch wird ein gemeinsames Abonnement auf die beiden psycho- 
analytischen Zeitschriften zum ermäßigten Gresamtjahrespreis von M 30. — 
= K 36.— eröffiiet. 

Geschmackvolle Original-Einbanddeckeii mit Ledei^rückeu sind 
zum Preise von M 3.— = K 3.60 durch jede gute Buchhandlung sowie 
direkt vom Verlage zu beziehen. 



Für die Redaktion bestimmte Zuschriften und Sendungen an : 

Dr. S. Ferenczi, Budapest, Vn. Elisabethring 54. 



All American and English Communications and contributions shonid be 
sent (tjTjewritten) to Dr. Emest Jones, 69 Portland Court, London W. 



Alle Manuskripte sind vollkommen druckfertig einzusenden. 
Sämtliche Beiträge werden mit dem einheitlichen Satz von K 50. — 
pro Druckbogen honoriert. 

Von den „Originalarbeiten" und „Mitteilungen*^ erhalten die Mitarbeiter 
je 50 Separatabzüge gratis geliefert. 

Copyright 1914. Hugo Heller & Cie., Wien, L Bauemm. 3. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Originalarbeiten. 

I. 

Über die psychologischen Grundlagen des Freudismus.O 

Von Dr. Lnise v. Karpinska. 

Ich beabsichtige in meiner Arbeit weder eine ausführliche Dar- 
stellung der Freud sehen Psychologie noch eine eingehende und allseitige 
Kritik derselben zu geben. Das Ziel, welches ich mir gestellt habe, ist 
Tiur die Grundlinie der psychologischen Konzeptionen Freuds hervor- 
zuheben, um eine erste allgemeine Orientierung in denselben zu ermög- 
lichen. Deshalb hebe ich nur die für diese Psychologie charakteristischen 
Gesichtspunkte hervor und beschränke mich im kritischen Teile auf das 
Allernotwendigste. 

Ich bin mir genau aller Nachteile bewußt, welche aus solcher Be- 
arbeitung des Stoffes erwachsen, vor allem einer gewissen Oberflächlich- 
keit des Inhaltes und einer ungenügenden kritischen Vertiefung; doch 
scheinen mir mit der von mir gewählten Darstellungsweise auch einige 
Vorteile verknüpft zu sein, und zwar eine gewisse Einheitlichkeit und 
Durchsichtigkeit des Inhaltes, welche in einem ausführlichen, verschiedene 
Gesichtspunkte berücksichtigenden und erschöpfenden Referat meist ver- 
loren gehen. Hier dagegen tritt der leitende Gedanke, welcher sich 
<iurch die reiche und komplizierte Gedankenwelt Freuds wie ein roter 
Faden zieht, viel deutlicher hervor, und auf die Hervorhebung dieses 
Orundgedankens kam es mir hauptsächlich an. 

Ich hoffe in weiteren, diesem allgemeinen Vortrage folgenden Ab- 
liandlungen die einzelnen psychologischen Fragen, welche unberücksich- 
tigt gelassen wurden, eingehender erörtern und kritisch beleuchten zu 
können. 

Die Erforschung des psychischen Mechanismus der Neurosen ist 
zum Ausgangspunkt der Freud sehen Psychologie geworden. Freud 
-dehnte aber sein Forschungsgebiet, das sich zuerst auf psychopatho- 
logische Erscheinungen beschränkte, bald auf solche Äußerungen des nor- 

*) Vortrag, gehalten auf dem II. polnischen Neurologen-, Psychiater- und Psycho- 
logenkongreß in Krakau, im Dezember 1912. 

Zelteehr. f. ftvsil. PijohoanalTn n. ^ 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



306 I^r. Luise V. Karpinska. 

malen psychischen Lebens aus, welchen wir ebenso verständnislos gegen- 
überstanden, wie den neurotischen Symptomen, und welche uns ebenso 
wie die letzteren psychisch undeterminiert zu sein schienen, nämlich auf 
Träume und geringe, scheinbar zufällige Störungen unseres intellektuellen 
und praktischen Verhaltens im täglichen Leben. 

Die Psychoanalyse hat sich die Aufgabe gestellt, den Anteil des 
Unbewußten am individuellen Seelenleben zu erforschen, und zwar eben- 
so in materieller wie in formaler Beziehung. Eine allgemeine Darstellung 
der durch die Psychoanalyse gewonnenen Resultate sowie ihrer weiteren 
Konsequenzen soll das Thema meines Vortrages bilden. 

Ehe ich aber an dieses Thema herantrete, möchte ich ihm noch 
eine Bemerkung allgemein psychologischer Natur über die psychoana- 
lytische Methode voranschicken. 

Erstens möchte ich auf die große Analogie hinweisen, welche zwi- 
schen der psychoanalytischen Methode und der Methode der experimen- 
tellen Psychologie besteht, und welche bis jetzt, soviel mir bekannt ist, 
von niemandem hervorgehoben wurde. Besonders auffallend ist diese 
Analogie mit der Forschungsmethode derjenigen experimentellen Psycho- 
logen, welche sich mit den objektiven Beobachtungen und den aus ihnen 
gezogenen Schlüssen nicht begnügen, sondern die subjektiven Bedingun- 
gen der psychischen Erscheinungen erforschen wollen und auf die Selbst- 
wahrnehmungen der Versuchspersonen zurückgreifen, um dadurch eine 
Einsicht in den Zusammenhang zwischen dem Reiz und der Aussage zu 
gewinnen. Somit besteht eine Analogie zwischen den beiden Methoden 
erstens darin, daß sich beide des subjektiven psychischen Materials, d. h. 
der Selbstwahrnehmungen der Versuchsperson bedienen, welche in asso- 
ziativer Beziehung zu den Aussagen stehen, und aus diesem Material 
Schlüsse über den kausalen Zusammenhang zwischen den psychischen 
Vorgängen ziehen. Die Analogie besteht weiter darin, daß beide Metho- 
den identische Forderungen in betreff des Verhaltens der Versuchsperson 
während des Experimentes resp. während der Psychoanalyse stellen. In 
beiden Fällen muß die Versuchsperson ihre Aufmerksamkeit in diesem 
Sinne konzentrieren, daß sie sich dafür in Bereitschaft hält, was im An- 
schluß an den Reiz im Bewußtsein auftritt und den hervorgerufenen 
Bewußtseinszustand möglichst genau und kritiklos beschreibt. 

Es besteht zweifellos ein Unterschied zwischen den beiden Methoden, 
ein Unterschied, welcher die Folge einer Differenz im Zwecke oder viel- 
leicht nur im Ausgangspunkt der experimentellen Psychologie und der 
Psychoanalyse ist. Die experimentelle Psychologie sucht die allgemeinen 
Bedingungen psychischer Erscheinungen festzustellen, deshalb löst sie 
dieselben von den individuellen, konkreten Bedingungen ihres Auftretens, 
schafft eingeengte künstliche Bedingungen, unter welchen sie die zu 
untersuchende Erscheinung willkürlich hervorruft und beobachtet. Die 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Ober die psychologischen Grundlagen des Freudismus. 307 

Psychoanalyse nimmt im Gregenteil individuelle konkrete Erlebnisse in 
ihrer unmittelbaren mannigfaltigen psychischen Realität zum Ausgangs- 
punkt, löst sie nicht vom Individuum, sondern sucht sie als solche im 
gegebenen Menschen und im gegebenen Moment zu verstehen. Erst auf 
induktivem Wege kommt sie zu allgemeinen psychologischen Erkennt- 
nissen, dank der Feststellung, daß das „Unbewußte" der Menschen über- 
aus gleichförmig ist, ebenso was seinen Inhalt, wie seine Funktionsweise 
betrifft. 

Trotz der zwischen der experimentellen Psychologie und der Psycho- 
analyse bestehenden Differenz kann doch die von mir zwischen den Me- 
thoden beider aufgestellte Analogie aufrechterhalten werden, da Bevmßt- 
seinszustände, welche in der Psychoanalyse im Anschluß an Reizworte, 
oder an die zu Ausgangspunkten für freie Einfalle genommenen Situ- 
ationen oder Reminiszenzen auftreten, sich zwanglos unter die Kategorie 
solcher Zustände subsumieren lassen, welche G. E. Müller in seinem 
Buche : „Zur Analyse der Gedächtnistätigkeit und des Vorstellungsverlaufes" 
— „gezwungene Bewußtseinszustände" genannt hat. Nur bleiben 
wir in der experimentellen Psychologie beim ersten durch den Reiz 
hervorgerufenen (natürlich komplexen) psychischen Gliede stehen, um aus 
ihm gewisse Schlüsse zu ziehen, während wir bei der Psychoanalyse eine 
größere Zahl solcher sich aneinanderreihenden Glieder durchnehmen, wobei 
das vorangehende für das nachfolgende Glied als psychischer Reiz dient. 
Außerdem nehmen wir in der Psychoanalyse zum Ausgangspunkt (als 
psychischen Reiz) meist ein eigenes psychisches Gebilde der Versuchs- 
person, da wir den psychischen Hintergrund, auf welchem dieses Gebilde 
entstanden ist, kennen lernen wollen. 

Nun sagt Müller, daß die Absicht, solche gezwungene Bewußtseins- 
zustände bei sich zu beobachten, einen günstigen Einfluß auf sie ausübt, 
da sie die Apperzeption derselben erleichtert und sie deutlicher im Be- 
wußtsein auftreten läßt, so daß sie mit dem allgemeinen Hintergrund 
des Bewußtseins nicht verschmelzen, was beim natürlichen Verlauf die- 
ser Zustande leicht vorkommen kann. 

Zweitens : Die psychoanalytische Methode begünstigt die Auffindung 
derjenigen Gefühlskonstellationen, aus denen das analysierte psychische 
Gebilde hervorgegangen ist, da sie das kritische Nachdenken ausschaltet. 
Durch Ausschaltung der Kritik, d. h. des gerichteten, zielbewußten Denkens, 
welches die ihm unpassenden oder entgegengesetzten Gedankengänge eli- 
miniert, werden die unbewußten Gefühlskonstellationen, welche die Grund- 
lage unseres persönlichen intimen Lebens bilden, vom hemmenden Drucke 
der Kritik befreit. Nun sind aber die in der Psychoanalyse untersuch- 
ten Gebilde (Phantasien, krankhafte Symptome, Träume) keine Produkte 
der bewußten Überlegung, der gespannten und kritischen Geistesarbeit, 
sondern hauptsächlich Produkte unseres G^mütslebens. Es werden also 

20* 



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UNIVERSITYOF MICHIGAN 



308 ^^' Luise V. Kaxpinska. 

durch das Aufheben der Kritik, durch die Entlastung des Gemüts vom 
Drucke der Vernunft Bedingungen geschaffen, welche jenen verwandt 
sind, unter welchen das zu untersuchende Gebilde, z. B. der Traum, früher 
entstanden ist. Nehmen wir jetzt zum Ausgangspunkt (als psychischen 
Reiz) ein Fragment desselben Traumes, so werden dadurch die unbewuß- 
ten Konstellationen, aus welchen der Traum entstanden, in stärkere Vi- 
bration (in größere Bereitschaft zum Auftauchen im Bevrußtsein) versetzt. 
Dank aber der Absicht, sich zu beobachten, welche aus der methodo- 
logischen Voraussetzung folgt, wird der durch den Reiz hervorgerufene 
und mit ihm in Verbindung stehende Inhalt deutlicher auftreten, es kön- 
nen an ihm Seiten auffallen, welche wegen ihrer Flüchtigkeit beim na- 
türlichen Verlauf dieser Zustände unbemerkt bleiben konnten. Infolge 
dieses isolierten, verstärkten Auftretens der einzelnen psychischen Deter- 
minanten werden wir im stände sein, die Konstellation, die gefühlsmäßige 
Stimmung, aus der das Symptom oder der Traum hervorgegangen ist, in 
differenzierte Gestalt zu fassen und sie in Formen des bewußten Denkens 
auszudrücken. 

Freud faßt diese durch die Analyse differenzierten Konstellationen 
in die begriffliche Form des „unbewußten Wunsches". Selbstverständ- 
lich aber ist dies nur eine Übertragung der für das bevnißte Denken 
gebrauchten Termini, und die Gedanken, in welche wir die aufgefundenen 
Konstellationen fassen, brauchten den Symptomen oder Träumen in die- 
ser Form, in welcher wir sie in den Bewußtseinstermini ausdrücken, nicht 
voranzugehen ; sie waren bloß in den Konstellationen potentiell enthalten, 
und als solche lagen sie dem Symptome oder dem Traume zu Grunde. 
Wir können bloß sagen, wenn wir den Wunsch schon formuliert haben, 
daß der Traum, das Symptom etc. so konstruiert ist, als ob ihm ein 
Wunsch bestimmten Inhalts zu Grunde liegen würde. ^) 

*) Dies eben, daß wir in einem und demselben Tramne mittels Analyse eine 
großb Zahl verschiedener, oft widersprechender „Wünsche** finden können, beweist 
schon, daß der Traum auf der Grandlage gemischter komplexer Gef&hlskonstellatioDeii 
nnd nicht eigentlicher (formulierter) Wünsche entstanden ist. Sonst könnten solche 
einander ausschließende Wünsche nicht gleichzeitig nebeneinander bestehen. 

Aas dem viel verschlungenen psychischen Netz, welches den Hintergrund des 
Traumes bildet, lösen wir, wenn wir Fragmente des Traumes zu Ausgangspunkten 
für freie Einfälle nehmen, die einzelnen Fäden heraus, und verfolgen an der Hand 
der sich aneinanderreihenden zwanglosen Assoziationen den isolierten Verlauf jedes 
einzelnen Fadens. Dank der oben erwähnten methodologischen Voraussetzong, nach 
welcher die Beobachtungsabsicht bei gezwungenen Bewoßtseinszuständen die Selbst- 
wahrnehmung begtlnstigt, indem sie die zu beurteilenden Zustände deutlicher auf- 
treten oder überhaupt erst entstehen läßt, gelingt es uns, die einzelnen, gewissermaßen 
künstlich von anderen isolierten Determinanten m solcher Reinheit und Stärke zu 
erhalten und begrifflich zu formulieren, in welcher sie in Wirklichkeit nur dann auf- 
treten würden, wenn sie einzeln in der Seele tätig wären. So gelangen wir zur Re- 
konstruktion jeder von den psychischen Dispositionen einzeln in ihrer ideellen ur- 
sprünglichen Reinheit und Stärke. Wir verfahren hier ähnlich wie in der Physik, 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



über die psychologischen Grundlagen des Freudismus. 309 

Zum Ausgangspunkte meiner Ausführungen will ich die tiefreichende 
Analogie nehmen, welche zwischen Herbart und Freud besteht, 
da sie uns erlaubt, unmittelbar in die Anschauungen Freuds einzu- 
dringen. 

Herbart und Freud gehen beide von der Voraussetzung aus, 
daß man unbewußte psychische Vorgänge als psychische Kausalglieder 
annehmen muß, um die Bewußtseinserscheinungen und deren Zusammen- 
hänge verstehen zu können. Bewußtseinszustände sind nach ihnen eine 
Resultante der unter der Bewußtseinsschwelle kämpfenden psychischen 
Kräfte, welche unzerstörbar und wirksam sind. Diese Kräfte sind aktiv 
auch dann, wenn es ihnen nicht gelingt, ins Bewußtsein zu dringen, sie 
bleiben dann als Streben in der Seele bestehen und sind bereit, jederzeit 
bei günstigen Umständen im Bewußtsein aufzutauchen. 

Wie bekannt, hat Her hart diese Analogien für seine Hypothesen 
aus der Mechanik geschöpft und sie auf die Vorstellungen übertragen, 
welche er nach Analogie mit den elastischen Körpern aufgefaßt hatte. 
Die Vorstellungen sind nach ihm die einzigen psychischen Elemente und 
stellen die unmittelbar bekannten Selbsterhaltungen der Seele gegen 
Störungen dar. Gefühl und Wille sind keine selbständige Energien, nur 
Anzeichen für Vorstellungsbeziehungen. Die Einheit der Seele bewirkt 
Hemmungen, aber auch Verbindungen von Vorstellungen. Herbart ent- 
wickelt eine vollständige unterschwellige Dynamik der Vorstellungen, wo die 
gegenseitigen quantitativen Beziehungen auf Grund der Intensität und 
Qualität der Vorstellungen genau bestimmt werden, so steht z. B. die 



wenn wir die Wirkung einer Kraft berechnen wollen und nur die ideellen Bedingun- 
gen ihres Fanktionierens in Betracht ziehen und von anderen mit ihr konkurrieren- 
den Faktoren, wie z. B. der Reibung, absehen. Auch hier bei der Analyse der Träume 
bestimmen wir die einzelnen Determinanten in ihrer höchsten Wirksamkeit. 

In dem Traume aber sehen wir dieselben psychischen Dispositionen nicht mehr 
bei ihrem ideellen Funktionieren, sondern in realer Zusammenwirkung mit anderen 
teilweise entgegengesetzten Dispositionen, so daß das Ergebnis dieses Zusammenwirkens 
ein Kompromiß zwischen allen Einzelwirkungen sein maß. 

Dadurch kann wenigstens zum Teil der Gegensatz zwischen dem manifesten 
Inhalt des Traumes und der durch die Analyse gewonnenen „latenten Gedanken" 
erklärt werden. Was im manifesten Inhalt nur flüchtig angedeutet und ganz hypo- 
thetisch ist, das wird dank der (wenn man so sagen darf) Verstärkungsmethode in 
den latenten Gedanken breit vorgetragen und kategorisch behauptet. So tritt vor 
den Analysierten in den latenten Gedanken seine Seele in solcher Form und Aus- 
prägung, die ihm manchmal unbekannt, bizarr und zuweilen unheimlich erscheint. 
Die in ihm schlummernden Möglichkeiten werden ihm vom geschickten Analysator 
als Wirklichkeiten vor die Augen vorgeftihrt und gezeigt, wie er sein würde, wenn 
jede Disposition nur allein in seiner Seele tätig wäre. Es ist deshalb nicht befrem- 
dend, wenn der Analysierte den ihm als. „latente Gedanken" vorgeführten psychischen 
Inhalt in einigen Fällen nicht als eigene Gedanken (Wünsche) anerkennen will, da 
sie in dieser krassen, oft brutalen Form vielleicht nie in seinem Bewußtsein auftreten 
würden. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



310 Dr. Luise v. Karpinska. 

Hemmung im umgekehrten Verhältnis zur Intensität der Vorstellungen, 
gleich starke und entgegengesetzte Vorstellungen hemmen sich gleich stark, 
d. h. zur Hälfte usw. 

Ähnlich wie Her hart sucht auch Freud uns den Verlauf der 
psychischen Vorgänge zu erklären, diesmal aber sind es nicht mehr die 
Vorstellungen, welche als kämpfende Kräfte auftreten. Freud nimmt 
zwar intellektuelle und afiFektive psychische Elemente an, jedoch kommt 
im Gegensatz zu Herbart den letzteren im Unbewußten die entschei- 
dende Rolle zu. Im primitiven psychischen Apparat fällt diese Rolle der 
Lust und Unlust zu und im entwickelten Apparat geht sie zu den Affek- 
ten über, deren Beziehungen komplizierter sind. 

So wie Herbart eine Dynamik der Vorstellungen geschafiPen hat, 
schafft Freud eine Dynamik der Affekte. Der Affekt ist eine quanti- 
tative Größe, die in direkter Beziehung zur psychischen Energie steht, 
welche die gefühlsbetonte Vorstellungsmasse besitzt. Diese Quantität 
Energie oder dieser Affekt ist nicht untrennbar mit der ursprünglichen 
Vorstellung verbunden, sondern kann sich von ihr ablösen und auf an- 
dere Inhalte übertragen werden, ohne etwas von seiner Energie einzubüßen. 

Durch diesen Mechanismus entstehen ebenso normale und kulturell 
wertvolle wie unter bestimmten — uns hier näher nicht interessieren- 
den — Bedingungen auch pathologische psychische Erscheinungen. Zu den 
pathologischen Erscheinungen gehören die sog. hysterischen Konver- 
sionen, welche entstehen, wenn der von der ursprünglichen Vorstellung 
losgelöste Affekt sich in somatische Erregung umsetzt. Der Mechanismus 
der Konversion ist nicht ganz klar. Freud meint, daß er in einer 
Steigerung oder abnormen Verwendung derjenigen Vorgänge besteht, 
welche jeden normalen Affektablauf begleiten. Wie bekannt, sind alle 
affektiven Vorgänge von gewissen Veränderungen im Organismus, wie 
vasomotorische, sekretorische und andere Veränderungen begleitet, welche 
dasjenige ausmachen, was wir den Ausdruck der Gemütsbewegungen 
nennen. Bei der Konversion ist der gewöhnliche Ablauf des Affekts 
(als eines bestimmten Energiebetrags) gestört, xmd entweder werden ge- 
wisse Seiten der normalen Begleiterscheinungen der Affekte übertrieben 
oder der Affekt entladet sich in seitliche Bahnen, indem er körperliche 
Symptome verursacht. Somit ist das hysterische Symptom ein vollstän- 
diger oder teilweiser Ersatz des psychischen Leidens durch ein physisches 
Leiden. Wenn wir fragen, in welcher Beziehung das körperliche Symptom 
zum psychischen Inhalt, den es repräsentiert, steht, so können wir sagen, 
daß dieser Zusammenhang entweder ein symbolischer ist, oder daß er 
auf Grund der Gleichzeitigkeit bei sonst vorhandener Assoziation ent- 
standen ist. Das Symptom entsteht auf Grund von Gleichzeitigkeit, 
wenn bei der hysterischen Konversion ein organisches Leiden besteht, 
und der sich konvertierende Affektbetrag die gebahnten Wege ausnützt. 



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über die psychologischen Grundlagen des Freudismus. 3H 

indem er die schon bestehenden Symptome steigert und fixiert. Auf 
Orund der Symbolik, wenn z. B. statt des Gefühls der Kränkung und 
Herabsetzung eine Gesiehtsneuralgie auftritt, welche die moralische „Ohr- 
feige** symbolisieren soll. Die Fähigkeit des Organismus, die Erregungs- 
summe in körperliche Symptome umzusetzen, welche eine zur Hysterie 
disponierende und für ein hysterisches Symptom unerläßliche Bedingung 
ist, nennt Freud das somatische Entgegenkommen; es wird von einem 
normalen oder krankhaften Vorgang in oder an einem Organe des Körpers 
geleistet. 

Wenn bei einer disponierten Person die Eignung zur Konversion 
nicht vorhanden ist, und doch der Affekt wegen seiner Unerträglichkeit 
von der ursprünglichen Vorstellung getrennt wird, dann muß er auf dem 
psychischen Gebiet verbleiben und auf einen anderen ihm fremden psy- 
chischen Inhalt verschoben werden. Auf solche Weise wird eine „falsche 
Verknüpfung" zwischen dem Affekt und einer ihm fremden Vorstellung 
hergestellt. Diesen Vorgang der Affektverschiebung nennt Freud Trans- 
position. Auf solche Weise entstehen Phobien, Zwangsvorstellungen, 
Zwangsgefühle und Zwangsimpulse. Da nur die falsche Vorstellung 
bekannt ist, so ist es unmöglich, diese krankhaften Symptome durch 
logische Gründe zu überwinden. 

Zu den normalen psychischen Erscheinungen gehören die sogenannten 
Sublimationen, welche in einer Verschiebung der Affekte von minder- 
wertigen Vorstellungsinhalten auf andere mit ihnen verwandte, jedoch 
sozial wertvolle Vorstellungen bestehen. So wird z. B. der sadistische 
Trieb, d. h. die Lust an der Grausamkeit, an der Zufügung von Schmer- 
zen anderen, sublimiert, wenn er sein Ziel wechselt und in den Dienst 
der Menschheit gestellt wird. Chirurgen sind solche Sadisten, bei denen 
sich dieser ursprüngliche Trieb in kulturell wertvollen Formen äußert. 
Wie die Beziehung der Vorstellungen bei Her hart verschieden 
sein konnte, je nach den Eigenschaften der zusammentreffenden Vor- 
stellungen, so kann auch das Zusammentreffen der Freud sehen Affekte 
ein verschiedenes Resultat ergeben. Dieses Ergebnis hängt einerseits von 
der Qualität der Affekte, anderseits von den Quellen, aus welchen sie 
stammen, ab. 

Im allgemeinen kann gesagt werden, daß ähnliche Affekte sich gegen- 
seitig unterstützen und entgegengesetzte hemmen, aber nicht immer ist 
dieses Verhältnis so einfach, besonders wenn die Affekte aus verschiedenen 
Quellen stammen. Es ist die Eigentümlichkeit vieler kontrastierender 
Affekte, daß sie paarweise an einem und demselben Vorstellungsinhalt 
auftreten; dies bildet die Erscheinung der sog. Ambivalenz der 
Gefühle; so ist es z. B. eine Äußerung dieser Ambivalenz, wenn Liebe 
und Haß gleichzeitig gegenüber einer und derselben Person empfunden 
wird. Wenn nun einer von diesen Affekten stärker ist und im Bewußt- 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



312 Dr. Luise v. Ejurpinaka. 

sein auftritt, während der andere unbewußt bleiben soll, so muß der 
erstere um den ganzen Energiebetrag des unterdrückten Affektes verstärkt 
werden, um ihn unter der Bewußtseinsschwelle zu halten. Auf solche 
Weise entstehen pathologisch gesteigerte Affekte, weiter Zwangsverbote 
und schließlich auch normale Erscheinungen, nämlich die sog. Reaktions- 
bildungen. 

Die letzteren sind uns gut aus dem alltäglichen Leben bekannt. 
Menschen, welche sich in der Kindheit durch Grausamkeit ausgezeichnet,. 
Tiere gequält haben, verändern sich unter dem Einfluß der Erziehung 
und eigener Entwicklung in überaus empfindliche, mitleidige Naturen, 
welche sich allerlei Bedrängter annehmen, und nicht mal einer Fliege 
im stände wären, ein Leid anzutun. Derselbe Sadismus, welcher bei der 
Sublimierung sein Ziel wechselt, aber seine Äußerungen beibehält, wird 
hier durch die Reaktion in einen kontrastierenden Affekt, nämlich in 
übertriebenes Mitleid umgewandelt. 

Ein weiterer Ausdruck der Ambivalenz der Gefühle besteht darin, 
daß sich entgegengesetzte und gleich starke Affekte im Unbewußten so 
hemmen können, daß sie im Bewußtsein zum Nullpunkt herabgedrückt 
werden. Diesem Mechanismus schreibt Freud zu, daß der Traum 
manchmal ganz affektlos scheint auch dort, wo er stark affektvolle Er- 
eignisse behandelt. 

Es gibt aber Fälle, wo der bewußte Affekt den unterdrückten un- 
bewußten nicht hemmt, sondern ihm, falls sie ähnlich sind, durch seinen 
einspruchsfreien und zugelassenen Vorstellungsinhalt einen Anhaltspunkt 
zur Abfuhr bietet. Die im Vergleich zum Reiz qualitativ berechtig- 
ten, aber quantitativ übermäßig starken Gefühlsreaktionen der Neu- 
rotiker verdanken ihre Intensität einer solchen Verstärkung aus un- 
bewußten Quellen. Auch im alltäglichen Leben lassen sich Beobachtun- 
gen machen, welche für diese Behauptung sprechen. So z. B. wenn eine 
uns unsympathische Person sich durch eine Überschreitung eine wohl- 
verdiente Strafe zuzieht, so sind wir über diese Person stärker empört 
und freuen uns über die gerechte Strafe mehr, als wenn es sich um 
eine uns gleichgültige oder geliebte Person handeln würde. Unsere Be- 
friedigung fällt intensiver als bei einer unparteiischen Person aus, weil 
sie aus der Quelle des Hasses einen Zuzug erhalten hat, der bis dahin 
verhindert war, einen bewußten negativen Affekt zu liefern. 

Ich muß mich auf diese allgemeine Darstellung der Dynamik der 
Affekte beschränken und kann mich hier nicht in ihre Einzelheiten und 
Komplikationen in konkreten Fällen einlassen. An dieser ganzen Me- 
chanik, welche auf dem Begriffe des Affektes als eines Energiebetrags 
aufgebaut ist, ist sehr viel Richtiges; sie läßt uns viele konkrete Fälle 
verstehen ; nur ist sie noch nicht genügend theoretisch bearbeitet und der 
Begriff der psychischen Energie noch nicht einwandfrei durchgeführt. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



über die psychologischen Grundlagen des Freudismus. 3 13 

Jetzt kehren wir zum Ausgangspunkt der Freud sehen Psychologie 
zurück. 

Das Unbewußte bildet nach Freud die allgemeine Basis unseres 
psychischen Lebens. Das Unbewußte ist der größere Kreis, der den 
kleineren des Bewußten in sich einschließt, so daß das Bewußte nur 
einen entfernten und unvollständigen Effekt der unbewußten psychischen 
Vorgänge darstellt. Das Unbewußte ist das eigentlich reale Psychische, 
uns nach seiner inneren Natur so unbekannt, wie das Reale der Außen- 
welt, und uns durch die Daten des Bewußtseins ebenso unvollständig 
gegeben, wie die Außenwelt durch die Angaben unserer Sinnesorgane. 
Freud entwickelt weiter die Analogie, daß das Bewußtsein wahr- 
nimmt, was innerhalb des psychischen Apparats, der gewissermaßen 
eine außerhalb des Bewußtseins gelegene Welt bildet, vorgeht, und 
nennt das Bewußtsein ein Sinnesorgan zur Wahrnehmung psychischer 
Qualitäten. 

Aber Freud macht nicht auf dem Standpunkt halt, daß das Un- 
bewußte einen Niederschlag unserer psychischen Vergangenheit und somit 
die Basis unseres Seelenlebens ist, auf dem Standpunkt, der in dieser 
oder etwas abweichender Form von vielen Psychologen vertreten wird, 
sondern er geht in der Differenzierung des Unbewußten weiter. Er unter- 
scheidet im Unbewußten zwei Prozesse oder zwei Systeme, deren Be- 
ziehung zum Bewußtsein verschieden ist. Die dem Bewußtsein nähere 
Schicht, welche Freud das Vorbewußte nennt, umfaßt all diejenigen 
unbewußten psychischen Vorgänge, welche zu unserem Ich in Beziehung 
stehen und auf welchen die Einheit unserer Persönlichkeit ruht. 

Diese unbewußten (vorbewußten) Vorgänge können bei günstigen 
Bedingungen (wie gewisse Intensität, Verteilung der Aufmerksamkeit) 
ohne weiteres ins Bewußtsein treten. Das eigentliche Unbewußte im 
Sinne Freuds umfaßt nur solche unbewußte psychische Vorgänge, 
welche infolge ihrer Unverträglichkeit mit unserem Ich in ihrer ursprüng- 
lichen Gestalt ins Bewußtsein nicht treten können, also bewußtseins- 
unfähig sind, da sie in dieser Gestalt zur Quelle intensiver Unlust 
werden müßten. Unsere ganze Persönlichkeit, welche gewissermaßen im 
Vorbewußten konzentriert ist, legt diesem Bewußtwerden Hindernisse in 
den Weg; diese unbewußten, verpönten Strömungen müssen sich den 
Forderungen unseres Ichs anpassen, um in entstellter Form ins Bewußt- 
sein dringen zu können. Diese Funktion des Vorbewußten nennt Freud 
Zensur. Obwohl diese verpönten Strömungen für uns als Erinnerun- 
gen vorloren sind, bilden sie eine unterirdische nie versiegende Quelle, 
aus welcher die krankhaften Symptome ihre Kraft schöpfen, und welche 
in Träumen und anderen normalen psychischen Äußerungen zum Teil 
wenigstens eine Entladung finden. Das Freudsche Unbewußte ist 
ein Resultat der psychischen Evolution und ist durch den 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



314 ^'' Liiise V. Karpinska. 

Mechanismus der Verdrängung entstanden.') Der Kern der Ver- 
drängung bildet sich in der Kindheit; er besteht aus Trieben, welche 
die als normal vorgesehene Entwicklung nicht mitgemacht haben und 
infolge dieser Entwicklungshemmung auf einem infantileren Stadium 
zurückgeblieben sind. Dieses kindliche Unbewußte bildet gewissermaßen 
einen Kristallisationskern, um welchen sich die späteren psychischen 
Abkömmlinge jener primär zurückgebliebenen Triebe oder andere psy- 
chische Inhalte gruppieren, wenn sie sekundär infolge ihrer Unverträglich- 
keit mit unserem Ich aktiv verdrängt werden. Die Erfüllung jener 
Wünsche würde jetzt nicht mehr einen Lust-, sondern einen Unlust- 
effekt hervorrufen, und eben diese Affektverwandlung macht vom psycho- 
logischen Standpunkte das Wesen der „Verdrängung" aus, welche nach 
Freud eine infantile Vorstufe der Verurteilung (der Verwerfung durch 
das Urteilen) bildet. 

Auf welchem Wege diese Verwandlung vor sich geht und wie da- 
durch eine Differenzierung des Unbewußten unerläßlich wird, dies können 

*) Der Begriff des „Unbewußten" ist von Freud nur vom Standpunkte der 
Verdrängung, also nur aus Rücksicht auf die Neurosenpsychologie und nicht auf 
Grund allgemein psychologischer Überlegungen gebildet worden. Deshalb hat dieses 
„Unbewußte" nur in der Psychoanalyse Geltung und nur dort kann ihm ein „Vor- 
bewußtes" gegenübergestellt werden. Nehmen wir ein reifes Individuum, so unter- 
scheidet sich das eigentliche Unbewußte vom Vorbewußten (d. h. auch Unbewußtem 
aber Bewußtsemsf&higem) weder durch seine psychischen Inhalte noch durch deren 
Zusammenhange, sondern lediglich durch das Verhalten des Ichs dem unbewußten 
Inhalte gegenüber. Wird ein unbewußter psychischer Inhalt (z. B. der Ödipuskomplex) 
mittels Psychoanalyse ins Bewußtsein gehoben und dem Ichbewußtsein als Bestand- 
teil einverleibt, so hört er auf, „unbewußt" (im strengen Freudschen Sinne) zu sein. 
So wird hier von Freud ein außerhalb der zu definierenden Zustände gelegener 
Gesichtspunkt (Verdrängung) herangezogen, um das Wesen dieser psychischen Zustände 
selbst zu charakterisieren. 

Auch in der Psychoanalyse ist eine strenge Scheidung zwischen dem Unbewußten 
und Vorbewußten schwer durchführbar, was Freud ja selbst einsieht, wenn er außer 
den „verdrängten" (d. h. vom Ichbewußtsein abgespaltenen) Inhalten noch „unterdrückte* 
(d. h. in einem näheren Verhältnis zum Ich stehende) Inhalte einführt. Der Über- 
gang vom Bewußtseinsfähigen bis zum Bewußtseinsunfähigen ist fließend und die 
Grenze schwer za halten. Deshalb finden wir ebenso bei Freud wie bei seinen 
Schülern, daß sie den Terminus „Unbewußtes" in verschiedener Bedeutung anwenden, 
und auch dort vom „Unbewußten" sprechen, wo sie von ihrem Standpunkte das 
„Vorbewußte" meinen müßten. 

Vom allgemein psychologischen Standpunkt liegt kein Grund vor, das „Un- 
bewußte" vom „Vorbewußten" prinzipiell zu trennen, da die Verdrängung weder im 
stände ist, die Bewußtseinsunfähigkeit immer zu bewirken, noch die alleinige Bedingung 
der Bewußtseinsunföhigkeit ist. 

Ich meine damit nicht, daß es keine psychischen Inhalte gibt, welche durch 
Gefühlskonstellationen bestimmter Art vom Bewußtsein nicht abgehalten werden 
können, sondern daß diese von Moment zu Moment schwankende Bewußtseins - 
fähigkeit bezw. Bewußtseinsunfähigkeit nicht genügt, um eine Wesensverschiedenheit 
der dadurch charakterisierten Zustände aufzustellen. 



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Ober die psychologischen Grundlagen des Freudismus. 3 15 

wir erst verstehen, wenn wir in den Entwicklungsprozeß des psychischen 
Apparates eindringen. Diese Evolution geht in der Richtung der Differen- 
zierung und der Integration und vollzieht sich unter dem Drucke der Realität. 
Die Freudsche Psychologie kann im allgemeinen als eine bio- 
logische, evolutionistische charakterisiert werden. Freud geht von der 
Voraussetzung eines primitiven psychischen Reflexmechanismus aus, wel- 
cher nur die äußeren Reize und die vitalen Bedürfnisse empfindet und 
sich möglichst reizlos erhalten will. Durch die inneren Bedürfnisse wird 
sein anfänglicher Ruhezustand gestört. Um sich von der unangenehmen 
durch das innere Bedürfnis gesetzten Erregung zu befreien, strebt der 
psychische Apparat auf kürzestem Wege seine mit Lust verbundene Reali- 
sierung an. Über die Wahl der Mittel entscheiden ausschließlich, ohne 
auf reale Bedingungen Rücksicht zu nehmen, die unmittelbare Lust oder 
Unlust.^) Sie sind in diesem Stadium die einzigen psychischen Qualitäten, 

*) Die Fiktion einer Organisation, welche statt eine reale Befriedigung ihrer 
Bedftrfiiisse anzustrehen, damit anfängt, daß sie einfach das Gedachte (Gewünschte) 
halluzinatorisch setzt und das Halluzinierte festhält, ohne auf die Außenwelt Rück- 
sicht zu nehmen, lasse ich absichtlich beiseite, da mir diese Fiktion weder aus irgend 
welchen Chründen nützlich noch haltbar erscheint. Freud stellt, wie mir scheint, 
diese Fiktion aus zweifachen Gründen auf: 1. um die Subjektivität und den Wunsch- 
charakter des unbewußten aufrecht erhalten zu können; 2. um den Wahmehmungs- 
charakter der Träume durch die Regression auf das ursprüngliche Halluzinieren er- 
klären zu können. 

Was den ersten Punkt betrifft, so hätte Freud den Wunschcharakter des 
unbewußten einfach aus dem Lust- und ünlustprinzip ableiten können. Wenn man 
auch dieses Prinzip nicht als den einzigen Regulator des psychischen Lebens anzu- 
nehmen braucht, so muß ihm doch eine hervorragende Rolle eingeräumt werden. 
Der primitive Mensch und das Kind stehen viel stärker als der intellektuell Hoch- 
entwickelte unter der Herrschaft von Affekten, welche intensiv und auf kurze Di- 
stanz wirken. Diese Unmittelbarkeit und Egozentrizität der Strebungen spiegelt sich 
auch in Träumen wider. Das utilitaristische und objektive Denken und Handeln 
entwickelt sich mit der Zeit, zu Anfang herrscht das triebmäßige Verhalten des Men- 
schen vor. Und eben das Triebmäßige macht nach Freud den Wunschcharakter 
des Unbewußten aus. 

In Betreff des zweiten Punktes möchte ich folgendes bemerken : Wenn Freud den 
Wahmehmungscharakter vieler Träume durch die Regression auf das primitive Hallu- 
zinieren seiner Wünsche durch den psychischen Apparat zurückführen will, so scheint 
mir dies unrichtig zu sein, weil dieses Halluzinieren nicht im stände ist, dasjenige zu 
leisten, was ihm zugemutet wird. Wenn wir noch jetzt im Schlafe so leicht auf das 
Halluzinieren unserer Wünsche regredieren würden, so hätte diese primitive Funktions- 
weise des psychischen Apparats sich fest organisieren xmd ontogenetisch fixieren 
müssen; dazu aber hätte sie lange bestehen xmd geübt werden müssen. Mit einem 
Worte, um den Wahmehmungscharakter der Träume erklären zu können, hätte dieses 
Halluzinieren real existieren mtUsen. Dies ist aber unmöglich; Freud gibt selbst 
zu, daß ein Organismus, welcher seine Wünsche halluzinatorisch setzen würde, sich 
auch nicht die kürzeste Zeit am Leben erhalten könnte. 

Wenn wir doch den Wahmehmungscharakter der Träume durch eine primitiv 
schon gegebene Funktionsweise des psychischen Apparats erklären wollten, so könnte 



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316 Dr. Luise v. Karpinska. 

welche ins Bewußtsein Nachrichten über die psychischen Vorgänge im 
Unbewußten bringen. Da mit dem Wesen dieser Gefühle eine Tendenz 
von bestimmter Richtung, nämlich ein Streben nach lustbringenden 
und ein Fliehen unlusterzeugender Zustände verbunden ist, so regulieren 
diese Gefühle automatisch in diesem Sinne den Verlauf der psy- 
chischen Vorgänge. In diesem Abwenden von unlustbringenden Zu- 
ständen haben wir das Vorbild und das erste Beispiel der psychischen 
Verdrängung. 

Jedoch hat sich das Lust- und Unlustprinzip, welches noch heute 
bei Kindern in hohem Maße herrscht, für die Befriedigung, unserer Be- 
dürfnisse als ungenügend erwiesen, und der psychische Apparat wurde 
gezwungen, mehr mit den realen Bedingungen zu rechnen und einen 
weiteren, aber sicheren Weg zur Befriedigung der Bedürfnisse einzuschlagen, 
— nämlich durch Herführung einer Veränderung in der Außenwelt. So 
ist an Stelle des „Lustprinzips" das „Realitätsprinzip" in unserem psy- 
chischen Apparat getreten, was wiederum eine ganze Reihe von Anpas- 
sungen des psychischen Apparats nach sich zog. 

Es ist vor allem ein sekundärer Prozeß entstanden, welcher für das 
Erkennen und Beherrschen der Realität aller Erinnerungen, auch der 
peinlichen, bedarf und nicht mehr vor ihnen fliehen konnte, wie es der 
primäre Prozeß tat, und welcher die Tätigkeit des ersten Systems (Pro- 
zesses), die zur unmittelbaren Entladung der psychischen Energie drängte, 
hemmen und regulieren muß. Hier haben wir im Keime jene zwei Sy- 
steme, welche im voll entwickelten psychischen Apparat das Freud- 
sche Unbewußte und Vorbewußte bilden, von denen ich gesprochen 
habe. Ich habe mich absichtlich bei ihnen länger aufgehalten, weil diese 
beiden Begrifife so wie der Begriff der Verdrängung zu den Grundbegriffen 
der Freud sehen Psychologie gehören. 

Ich werde mich nicht länger bei den weiteren Etappen der Evo- 
lution des psychischen Apparats aufhalten, nur will ich im allgemeinen 
ihre Richtung angeben. 

Zwar ist der sekundäre Prozeß auch nicht im stände, sich vollständig 
vom Lustprinzip zu emanzipieren, er sucht jedoch die unmittelbaren 
Gefühlsreaktionen zu hemmen, den Verlauf der psychischen Vorgänge von 
ihnen unabhängig zu gestalten und die Affektentwicklung durch die 
Denkarbeit auf ein Mindestes, das noch als Signal verwertbar ist, einzu- 
schränken. In dieser Rolle als Signale erweisen sich die Affekte als 
zweckmäßig für das Bewußtsein, dem sie die im Innern des psychischen 
Apparats vorgehenden Veränderungen angeben, und welches die Ver- 
teilung und Verschiebung der psychischen Energie danach reguliert. Das 



dies eher die Neigung zur Projektion unserer psychischen Zustände and nicht zur 
Halluzination sein. Diese Neigung ist tatsächlich stark, und Freud selbst hat in 
vielen Fällen das Wirken dieser Neigung meisterhaft gezeigt. 



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über die psychologischen Grandlagen des Freadismos. 317 

Denken entwickelt sich von der Anschaulichkeit und Symbolik zur Ab- 
straktion, vom Assoziieren zum Urteilen und Schließen, von ungenauen 
und irrtümüchen Formen zur logischen Korrektheit und das Handeln von 
den ursprünglichen reflexartigen Energieentladungen zu bewußten Willens- 
akten. 

Welchen Vorteil bietet uns dieses Schema des psychischen Appa- 
rats? — Den, daß es im stände ist, ebenso krankhafte wie normale 
psychische Erscheinungen zu umfassen und sie von einem gemeinsamen 
Gesichtspunkte zu erklären. Elingehende Forschungen haben nämlich 
Freud zur Überzeugung gebracht, daß der psychische Mechanismus, 
dessen sich die Neurosen bedienen, nicht erst durch eine das Seelenleben 
ergreifende krankhafte Störung geschaffen wird, sondern in dem normalen 
Aufbau des seelischen Apparats bereit liegt. Deshalb gründet Freud die 
Psychopathologie auf die Psychologie. 

Dieses Schema ist aber deshalb dieser Aufgabe gewachsen, weil 
ihm der Prozeß der Evolution zu Grunde gelegt worden ist. 

Also, erstens: Jeder Entwicklungsprozeß, also auch der Prozeß 
der psychischen Entwicklung, bleibt unvollendet und nicht abgeschlossen 
und die am meisten vorgeschrittenen Glieder der Entwicklungskette 
stellen keine fixierten fest organisierten Funktionen dar, sondern befin- 
den sich im Zustande labilen Gleichgewichts. Wie bekannt, geht die 
Dissolution in einer der Evolution entgegengesetzten Richtung und am 
leichtesten unterliegen die höchsten Funktionen momentanen Störungen. 
Auch bei völliger psychischer Gesundheit sind wir nicht im stände, immer 
auf der Höhe der von uns erreichten Entwicklung zu bleiben, und rücken 
zeitweise mehr oder weniger von derselben zurück. In der F r e u d sehen 
Terminologie würde dies heißen, daß die Unterwerfung des Unbewußten 
durch das Vorbewußte keine durchgreifende ist. Das Maß dieser Unter- 
drückung ergibt den Grad unserer psychischen Normalität. Neurotische 
Symptome zeigen an, daß sich die beiden Systeme im Konflikt miteinander 
befinden ; sie sind die Kompromißergebnisse dieses Konflikts, die ihm ein 
vorläufiges Ende setzen. Je weiter die Regression geht, desto deutlicher 
wird die Rückkehr zur primitiven, aufgegebenen, archäischen Funktions- 
weise des psychischen Apparats. 

Zweitens: Jeder Entwicklungsvorgang birgt in sich, wie Freud 
hervorhebt, die Keime der pathologischen Disposition, insofern er ge- 
hemmt, verzögert werden oder unvollkommen ablaufen kann. Der Pro- 
zeß der psychischen Evolution, welcher sich unter dem Drucke der Not 
des Lebens vollzieht und eine Anpassung an die Realität fordert, schafft 
nun wirklich Möglichkeiten solcher Durchbrüche des Fixierten dadurch, 
daß er sich in Wirklichkeit nicht auf einmal und nicht gleichzeitig auf 
der ganzen Linie vollzieht. Von den ursprünglichen Trieben, welche 
der unmittelbaren Lust entsagen und sich den kulturellen Forderungen 



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318 i^r. Luise v. Karpinska. 

unterwerfen müssen, bleiben nicht alle von Anfang in gleich naher Be- 
ziehung zur Realität. Deshalb tritt die Realität mit ihren Forderungen 
an sie in verschiedenen Stadien der Fixierung ihres primitiven Funk- 
tionierens heran; dadurch wird die psychische Ausbildung der Triebe 
aufgehalten, sie bleiben länger unter der Herrschaft des Lustprinzips, 
von welcher sie sich bei vielen Personen überhaupt niemals zu eman- 
zipieren vermögen. Dies sind die schwachen Stellen unserer psychischen 
Organisation, welche Dispositionen zur späteren Erkrankung auf dem 
Wege der Rückbildung (Regression) schaffen können. 

Von diesem Gesichtspunkte wird die Grenze zwischen der psychi- 
schen Erkrankung und der Gesundheit fließend, und Freud erklärt die 
Neurosen dynamisch durch Stärkung oder Schwächung der Kompo- 
nenten des Kräftespiel, von dem so viele Wirkungen während der nor- 
malen Funktion verdeckt sind. 

Für den Kern des psychischen Mechanismus der Neurosen hält 
Freud die Verdrängung, also einen Mechanismus, welcher auch im nor- 
malen Seelenleben tätig ist. Wir schließen aus den krankhaften Sym- 
ptomen, daß die Verdrängung nicht gelungen ist, und dieses Ergebnis 
entscheidet über die Krankheit oder die Gesundheit. Welche äußere und 
konstitutionelle Bedingungen gegeben sein müssen, damit diese Ver- 
drängung nicht gelingt, dies liegt nicht mehr in dem Rahmen meines 
Vortrages. Vom psychobiologischen Standpunkt kann nur gesagt wer- 
den, daß die Neurotiker eine archaistische Konstitution als atavistischen 
Rest auf die Welt bringen und daß deren Kompensation im Dienste der 
Kulturforderung sie nun zu ungeheuerlichen psychischen Aufwänden 
zwingt. Sie unterliegen denselben Kräften, mit denen die psychisch 
Normalen unaufhörlich kämpfen müssen. Die psychische Krankheit ist 
demnach der Ausdruck einer nicht genügenden Anpassung an die durch 
die Gattung erreichte Entwicklungsstufe, sie ist eine Entwicklungs- 
hemmung oder eine Regression auf den Standpunkt des psychischen 
Infantilismus, oder wie wir auch sagen können, eine Flucht aus dem 
Leben, aus der Realität in das Reich der Phantasie, wo das ursprüng- 
liche Lustprinzip herrscht. 

Werfen wir jetzt einen Blick vom Standpunkte der Regression auf 
die konkreten psychischen Erscheinungen. Die erste Stufe einer Re- 
gression von einer nicht befriedigenden Wirklichkeit, stellen Phantasien, 
Tagträume dar, welche sich meist um die eigene Person drehen und 
deren Inhalt sich leicht auf die Wunscherfüllung zurückführen läßt. Im 
Vergleich zu einem in bestimmter Richtung verlaufenden Denken sind 
die Phantasien anschaulicher und verraten einen stärkeren Einfluß 
des emotionellen Faktors. Die Tagträume stellen gewissermaßen eine 
Fortsetzung der kindlichen Spiele dar, in welchen sich das Kind mit 
vollem Ernst in die erdachten Situationen einfühlt. 



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über die psychologischen Grandlagen des Freudismus. 319 

Auch die Kunst ist einerseits eine Abwendung vom Leben ebenso für 
den Schaffenden wie für den Genießenden, anderseits aber „bringt sie auf 
einem eigentümlichen Wege eine Versöhnung der beiden Prinzipien zu 
stände. Der Künstler ist ursprünglich ein Mensch, welcher sich von 
der Realität abwendet, weil er sich mit dem von ihr zuerst geforderten 
Verzicht auf Triebbefriedigung nicht befreunden kann, und seine eroti- 
schen und ehrgeizigen Wünsche im Phantasieleben gewähren läßt. Er 
findet aber den Rückweg aus der Phantasiewelt zur Realität, indem er 
dank besonderer Begabungen seine Phantasien zu einer neuen Art von 
Wirklichkeiten gestaltet, die von den Menschen als wertvolle Abbilder 
der Realität zur Geltung zugelassen werden. Er wird so auf eine ge- 
wisse Weise wirklich der Held, König, Schöpfer, Liebling, der es werden 
wollte, ohne den gewaltigen Umweg über die wirkliche Veränderung der 
Außenwelt einzuschlagen. Er kann dies aber nur darum erreichen, weil 
die anderen Menschen die nämliche Unzufriedenheit mit dem realerfor- 
derlichen Verzicht verspüren wie er selbst, weil diese bei der Ersetzung 
des Lustprinzips durch das Realitätsprinzip resultierende Unzufriedenheit 
selbst ein Stück der Realität ist". 

Jetzt gehe ich zu geringen Fehlleistungen unseres täglichen Lebens 
über, wie momentanes Namenvergessen, Versprechen und Verschreiben, 
Gedächtnisirrtümer, Vergessen von Vorsätzen, Symptomhandlungen usw. 
Sie sind bis jetzt als zufällig und als einfache Folgen einer Unauf- 
merksamkeit betrachtet worden. Freud hat zuerst daraufhingewiesen, 
daß wenigstens ein großer Teil dieser Erscheinungen die Auffindung 
einer weiteren psychischen Determination zuläßt und daß sie meist 
emotioneller Natur ist und entweder einen Mangel an Aufmerksamkeit 
verursacht oder die anderswoher entstandene Unaufmerksamkeit aus- 
nützt, um diese geringen psychischen Störungen herbeizuführen und 
ihren Einfluß auf das Bewußtsein zu manifestieren. „Der gemeinsame 
Charakter aber, an dem die Fehl- und Zufallshandlungen Anteil haben, 
liegt in der Rückführbarkeit der Phänomene auf unvollkommen unter- 
drücktes psychisches Material, das, vom Bewußtsein abgedrängt, doch 
nicht jeder Fähigkeit, sich zu äußern, beraubt worden ist." 

Jetzt gehe ich zu den Träumen über. Sie bilden das zweite Ge- 
biet psychischer Erscheinungen, welche Freud zum erstenmal in die 
Psychologie in dem Sinne eingeführt hat, daß er sie als vollwertige 
psychische Akte anerkannt und nach ihrer psychischen Determination 
zu forschen anfing. Das Studium der Träume hat Freud eine reiche 
psychologische Ausbeute erbracht. Einerseits nämlich hatte er hier mit 
einer normalen psychischen Erscheinung zu tun, anderseits überzeugte 
er sich, daß der psychische Mechanismus der Träume und der Neurosen 
80 verwandt ist, daß sich dieselbe psychologische Erklärung für beide 
Phänomene aufdrängt. Schon die Tatsache, daß der Traum während 



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320 ^r- L^iiö Y. Karpinska. 

des Schlafens auftritt, wo die höheren psychischen Funktionen, welche 
normal auf die niedrigeren einen hemmenden Einfluß ausüben, in ihrem Funk- 
tionieren aufgehoben sind, verursacht, daß die Regression hier viel weiter geht 
als in irgend welchen normalen psychischen Äußerungen im Wachen, In 
den Träumen (und in den Neurosen) regrediert der psychische Apparat 
teilweise bis auf den infantilen Zustand ebenso was den Inhalt wie auch 
die Form des Funktionierens betrifft. Das Studium der Neurosen und 
Träume beweist am deutlichsten, daß die psychischen Vorgänge im 
Unbewußten nicht durchwegs mit jenen identisch sind, die uns aus un- 
serem bewußten Seelenleben bekannt sind, sondern sie genießen besondere 
beachtenswerte Freiheiten, die den letzteren entzogen worden sind. In 
materieller Hinsicht fällt die größte gestaltende Kraft den unterdrückten 
und verdrängten Wünschen zu, welche aus der Kindheit (aus dem Un- 
bewußten) stammen und welche in diesen beiden psychischen Äußerungen 
für ihre innere Spannung eine Abfuhr finden. 

Auch in formaler Beziehung lassen Neurosen und Träume am 
besten den Unterschied studieren, welcher zwischen dem bewußten resp. 
vorbewußten und unbewußten Denken besteht. Es zeigt sich nämlich, 
daß hier formale psychische Mechanismen auftreten, welche in unserem 
Seelenleben im Wachen entweder gänzlich fehlen oder für Denkfehler 
gelten, wie Verdichtung, Verschiebung der Inhalte und Affekte, Zusam- 
menziehung von Gegensätzen, Bildung von mittleren und Kompromiß- 
vorstellungen; es kommen weiter Formen vor, welche im Wachen nur 
bei Schwächung der intellektuellen Funktionen auftreten, wie oberfläch- 
liche, klangliche Assoziationen, Wortspiel, Symbolismen usw. 

Es kostet vieler mühseliger Untersuchungen, um auf dem Grunde 
der Seele jedes einzelnen Menschen dieses psychische Material zu ent- 
decken : am leichtesten noch ist es beim Kinde zu studieren, wo es 
noch einen Teil des manifesten psychischen Lebens ausmacht und noch 
nicht im ganzen Umfange verdrängt worden ist. Beim Kinde treten die 
primitiven Triebe stärker als beim Erwachsenen hervor und sein 
Denken ist noch nicht in die korrekten logischen Formen gezwängt. 

Als Lieblingssprache, deren sich das Unbewußte zum Ausdruck 
der verdrängten Triebe bedient, hat sich die Symbolik erwiesen. Dies 
hat die Aufmerksamkeit der Psychoanalytiker auf ähnliche Produkte der 
Völkerpsychologie, auf die Mythologie hingelenkt Das Studium der Mythen 
hat erwiesen, daß sie aus denselben verdrängten Trieben wie der Traum er- 
wachsen sind und sich der symbolischen Sprache bedienen, weil sie der Kind- 
heitsperiode der ganzen Menschheit eigen ist. Diese Beobachtung lag 
auf dem Wege zum Schlüsse, daß die Träume und die Neurosen nicht 
nur eine Regression auf den Standpunkt unserer individuellen Kindheit, 
sondern teilweise auf den Standpunkt des Infantilismus der jungen 
Menschheit darstellen. Um aus diesen Beobachtungen die letzten 



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Ober die psychologischen Grundlagen des Frendismos. 32] 

Konsequenzen vom evolutionistischen Standpunkt zu ziehen, bedurfte es 
weiterer Anhaltspunkte, welche vom Studium der Geisteskranken ge- 
liefert wurden. Die Arbeiten der Züricher Schule haben gezeigt, „daß 
die Phantasiebildungen gewisser Geisteskranker (Dementia praecox) in 
auffälligster Weise mit den mythologischen Kosmogonien alter Völker 
zusammenstimmen, von denen die ungebildeten Kranken eine wissen- 
schaftliche Kunde unmöglich erhalten haben. Es war hiemit nicht nur 
auf eine neue Ursprungsquelle der sonderbarsten psychischen Krankheits- 
prodaktionen hingewiesen, sondern auch in nachdrücklicher Weise die 
Bedeutung des Parallelismus zwischen ontogenetischer und phylogene- 
tischer Entwicklung auch für das Seelenleben betont. Der Geisteskranke 
und der Neurotiker rücken somit in die Nähe des Primitiven, des Men- 
schen entlegener Vorzeit, und wenn die Voraussetzungen der Psycho- 
analyse richtig sind, so muß, was ihnen gemeinsam ist, auf den Typus 
des kindlichen Seelenlebens zurückführbar sein". 

Diesem Problem widmet Freud seine letzten Arbeiten. An dem 
Beispiel der Institution des „Totemismus", welche bei den kulturell am 
tiefsten stehenden Stämmen Australiens existiert, beweist Freud, daß 
die gemeinsamen Züge des Wilden und des Neurotikers tatsächlich dem 
psychischen Infantilismus entsprechen. 

Durch die Ergänzung der Ontogenese durch die Phylogenese ge- 
winnt die Psychoanalyse ein neues Gebiet ihrer Anwendung. Ihre Auf- 
gabe bestand bis jetzt in der Aufspürung ähnlicher Vorkommnisse 
und Zusammenhänge in der Völkerpsychologie, wie sie beim Individuum 
durch die Psychoanalyse aufgefunden worden waren. Verschiedene Wissen- 
schaften, wie Mythen- und Sprachforschung, Ethnologie, Religionspsycho- 
logie und Rechtsgeschichte boten ihr das nötige Material zur Aufstellung 
dieser Parallelen. Die Psychoanalyse bediente sich dieses Materials, um 
ihre Behauptungen zu unterstützen. Jetzt aber darf sie wagen, das, was 
in der Völkerpsychologie noch dunkel und zweifelhaft geblieben ist, 
durch die Einsichten der Psychoanalyse aufzuhellen. 

Ein Versuch solcher Anwendung der Psychoanalyse ist die von Freud 
durchgeführte Analogie zwischen der Institution „Tabu" und den Zwangs- 
verboten. Beiden Erscheinungen haftet als einer gewissen Kategorie 
von Verboten ein gemeinsamer Charakter an; beide scheinen gleich 
unverständlich, oft unsinnig und gleich unerbittlich. Den Zwangs- 
verboten liegt zu Grunde ein psychischer Mechanismus, welcher sich in 
letzter Linie auf die Ambivalenz der Gefühle zurückführen läßt. Der- 
selbe psychische Mechanismus angewandt zur Erklärung des Tabu wirft 
ein Licht auf seine Genese und Bedeutung, welche bis jetzt durch keine 
Theorie erklärt werden konnten. 

An dem einen Beispiele vom Vergleich des Tabu mit der Zwangs- 
neurose, sagt Freud, läßt sich bereits erraten, welches das Verhältnis 

Z«l«whr. f. ftnrtl. PsToheanftlTM. II. ^^ 



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322 I^r. Luise V. Karpinska. 

der einzelnen Formen von Neurose zu den Kulturbildungen ist und 
wodurch das Studium der Neurosenpsychologie für das Verständnis der 
Kulturentwicklung wichtig wird. Die Neurosen zeigen einerseits auf- 
fällige und tiefreichende Übereinstimmungen mit den großen sozialen 
Produktionen der Kunst, der Religion und der Philosophie, anderseits 
erscheinen sie wie Verzerrungen derselben. Man könnte den Ausspruch 
wagen, eine Hysterie sei ein Zerrbild einer Kunstschöpfung, eine Zwangs- 
neurose ein Zerrbild einer Religion, ein paranoischer Wahn ein Zerr- 
bild eines philosophischen Systems. Diese Abweichung führt sich in 
letzter Auflösung darauf zurück, daß die Neurosen asoziale Bildungen 
sind, sie suchen mit privaten Mitteln zu leisten, was in der Gesellschaft 
durch kollektive Arbeit entstand. — Genetisch ergibt sich die asoziale 
Natur der Neurosen aus der ursprünglichen Tendenz, sich aus einer un- 
befriedigenden Realität in eine lustvollere Phantasiewelt zu flüchten. In 
dieser von Neurotikern gemiedenen realen Welt herrscht die Gesellschaft 
der Menschen und die von ihnen gemeinsam geschaffenen Institutionen, 
die Abkehrung von der Realität ist zugleich ein Austritt aus der mensch- 
lichen Gesellschaft.^) 

Wenn ich auf all das, was ich über die Freudsche Psychologie 
gesagt habe, zurückblicke, so muß ich gestehen, daß ich fast nichts 
gesagt habe, wenigstens nichts davon, was die Unmittelbarkeit des 
wirklichen psychischen Lebens an sich trägt und worauf die überzeu- 
gende Kraft dieser Psychologie beruht. 

Leider muß ich mich auch im kritischen Teile auf eine allgemeine 
Bemerkung beschränken, um nicht den Rahmen meines Vortrages zu 
überschreiten. 

Der praktische Ausgangspunkt der Psychoanalyse ist nicht ohne 
Einfluß auf ihre theoretische Ausgestaltung geblieben. Unter dem Drucke 
praktischer Forderungen, welche ursprünglich mit der Psychoanalyse als 
einer ausschließlich therapeutischen Methode verbunden waren, bildete 
Freud seine psychologischen Verallgemeinerungen gewissermaßen aut 
eigene Faust. Dies ist zum Teil wenigstens die Ursache seiner spezi- 
fischen Terminologie und in Zusammenhang mit derselben des schein- 
baren Mangels an Fühlung mit der offiziellen Psychologie. Da Freud 



^) Über den sozialen Charakter der Kultarproduktionen und den aso- 
zialen der Neurosen könnte vielleicht vom Freudschen evolutionistischen Stand- 
punkt noch die Vermutung ausgesprochen werden, daß solche Geistesprodukte (Tabu- 
gebote, Mythologie) im primitiven Kultarzustand normal und sozial waren, weil sie 
zu dieser Zeit der Ausdruck der unter gegebenen Bedingungen am meisten vorge- 
schrittenen Anpassung an die Realität waren, so wie es auf unserer Entwicklungs- 
stufe die Wissenschaft ist. Jetzt aber sind es archaische Gebilde, welche nur in- 
dividuell infolge von Regressionen (Zwangsneurose, mythologische Kosmogonien bei 
Geisteskranken) entstehen können und deshalb einen ausgesprochenen asozialen 
Charakter an sich tragen. 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Ober die psychologischen Grundlagen des Freudismus. 323 

von den unmittelbaren individuellen psychischen Erscheinungen ausgeht, 
und die Psychoanalyse gewissermaßen den ersten Versuch darstellt, dieses 
konkrete psychische Material theoretisch zu fassen, so ist es verständlich, 
daß er oft mit anschaulichen Analogien und glücklichen Metapheren 
operiert, aber keine streng begriffliche Definitionen gibt. Daher sollte 
die Psychoanalyse zum Teil wenigstens eher für eine symbolische als 
für eine abstrakte begriffliche Formulierung des Gegenstandes gelten. 
Deshalb scheint mir der Standpunkt der meisten Kritiker, welche 
Freuds Lehre als ein sich abgeschlossenes, begrifflich exaktes und in 
unabänderliche Formen gefaßtes System, halten, unrichtig zu sein. In- 
dem sie sich ä la lettre an die Freud sehen Ausdrücke halten, ohne in 
den inneren Sinn derselben einzudringen, meinen sie bewiesen zu ha- 
ben, daß der ganze Freudismus nichts wert ist, wenn es ihnen gelingt 
nachzuweisen, daß gewisse Ausdrücke nicht exakt oder sogar irrtümlich 
sind. Kritiker dieser Art machen auf mich den Eindruck von Menschen , 
welche mit dem Bade auch das Kind ausschütten wollen. 

Es ist wahr, daß die theoretische Bearbeitung noch in manchen 
Fällen unbefriedigend ist, aber der eigentliche Gehalt der Lehre Freuds 
läßt sich nicht mit seiner hypothetischen begrifflichen Fassung identi- 
fizieren und wird seinen Wert auch dann beibehalten, wenn er in an- 
dere Formen umgössen wird. Wenn auch dies oder jenes in der 
Freud sehen Lehre umgearbeitet werden muß, so wird es doch Freuds 
großes Verdienst bleiben, daß er unsere psychologische Erkenntnis un- 
gemein bereichert und vertieft, neue Probleme aufgestellt und die alten 
von einem neuen fruchtbaren Gesichtspunkt zu betrachten gelehrt hat. 

Freud steht auf einem durch und durch teleologischen Stand- 
punkt. Diese konsequent durchgeführte und in alle geringsten Einzel- 
heiten eindringende Zweckmäßigkeit verleiht seiner Theorie eine große 
Einheitlichkeit und eine künstlerische Vollendung, bildet aber meiner 
Meinung nach den wichtigsten Anhaltspunkt für Mißverständnisse und 
Einwände. Die Ursache dieser unerbittlichen Teleologie besteht in einer 
Identifizierung von Kausalität und Zweckmäßigkeit. Freud, welcher 
selbst die Bedeutung und die Notwendigkeit das psychischen Deter- 
minismus hervorhebt, drückt denselben ausschließlich in teleologischen 
Termini aus: die Wirkung stellt nach ihm den erreichten Zweck, 
und die Bedingung — das Motiv einer Erscheinung und vice versa. 
Dabei haben wir hier zu tun mit einer zweifachen Identifizierung der 
Kausalität. Erstens identifiziert Freud die Kausalität mit einer bio- 
logischen Zweckmäßigkeit, welche eine Zweckmäßigkeit a posteriori 
genannt werden kann, da sie von der Folge auf ihre Zweckmäßigkeit 
schließt. Zweitens identifiziert Freud die Kausalität mit einer Zweck- 
mäiäigkeit a priori, welche uns nur aus unseren bewußten Willens- 
akten bekannt ist, wo die Zielvorstellung dem Handeln vorangeht, wo 

21* 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



324 ^^* Luise V. Karpinska. 

das Motiv wirklich für unser Bewußtsein mit der Ursache, und 
der Zweck mit der Wirkung verschmilzt. Diese drei Kategorien von 
Erscheinungen: kausale, biologisch zweckmäßige und bewußt zweck- 
mäßige umfaßt Freud in einem und überträgt die Termini, welche 
von bewußten Willensakten übernommen sind, auf den Verlauf unbe- 
wußter psychischer Vorgänge. 

Nur deshalb kann Freud von einer unbewußten Zielvorstellung, 
welche unser unwillkürliches Denken lenkt, weiter von unbewußten 
Wünschen, welche nach Freud fast allen psychischen Äußerungen zu 
Grunde liegen, und schließlich auch davon sprechen, daß das Unbewußte 
überhaupt nur wünschen kann, ^) Diese theoretisch unzulässige Vermischung 
verschiedener Denkkategorien ist, wie mir scheint, ein Resultat des vo- 
luntaristischen Standpunktes von Freud. Die größte Rolle im Seelen- 
leben spielen nach Freud Triebe, Gefühlstendenzen, welche in Ab- 
hängigkeit von der Qualität ihrer Gefühlsbetonung in einer bestimmten 
Richtung zum Handeln und Denken drängen. Auf diese keimartige 
primitive Aktivität überträgt Freud den Begriif des Wunsches in 
Übereinstimmung mit der Behauptung Schopenhauers, daß das was 
sich äußerlich als Bewegung darstellt, innerlich als Wille empfunden wird. 

Wir sehen also, daß der Wunschcharakter des Unbewußten und 
die Wunscherfüllungstheorie, welche dem psychischen Mechanismus der 
meisten Seelenäußerungen zu Grunde gelegt wird, in theoretischer Hin- 
sicht nicht genügend bearbeitet ist, da sie nur durch Zusammenwerfen 
psychischen Materials verschiedener Provenienz entstehen konnte. In 
praktischer Hinsicht besitzt sie doch gewisse Vorteile, da sie die Ein- 
fühlung in den Analysierten erleichtert. Wenn wir von einem Menschen 
sagen, daß wir ihn „verstehen", so meinen wir ja darunter nichts an- 
deres, als daß wir die Motive seines Handelns etc. durchschauen und in 
uns nachbilden, rekonstruieren können; so meinen wir auch hier den 
Analysierten zu verstehen, wenn wir seinen Worten oder Handlungen 
Motive unterschieben, auch wenn dieselben ihm nie bewußt waren. 

Wenn aber auch vom theoretischen Standpunkt die Lehre vom 
Wunschcharakter des Unbewußten und die Wunscherfüllungstheorie nicht 

^) Wenn man bei der Konstruktion des primitiven psychischen Apparates, 
der im Laufe des Evolutionsprozesses zum eigentlichen unbewußten im Freud sehen 
Sinne wird, einerseits von der Voraussetzung ausgeht, daß der Ablauf der un- 
bewußten psychischen Vorgänge durch Lust und Unlust automatisch reguliert wird, 
und anderseits den Wunsch unter anderen Bestimmungen als ^eine solche von der 
Unlust ausgehende auf die Lust zielende Strömung im Apparat** bestimmt (Traumd, 
n. Aufl., 370), so muß daraus unweigerlich folgen, daß das Unbewußte nur wünschen 
kann, weil dies ja eigentlich bei dieser Bestimmung des Wunsches nur eine einfache 
Konsequenz dessen ist, was die Voraussetzung enthält Der Wunsch umfaßt ja 
bei Freud eine äußerst große Skala von psychischen Vorgängen, von intendierten 
Denkakten, welche bewußt als Wünsche aufgefaßt werden, bis zum einfachen psychi- 
schen Ablauf, dessen Richtung vom Charakter seiner Gefühlsbetonung abhängt. 



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über die psychologischen Grundlagen des Freudismos. 325 

befriedigend sind, so war doch ihre Aufstellung ein großes Verdienst 
Freuds; diese Theorie verlegt, wie richtig Mittenzwey bemerkt, die 
psychische Determination der Träume, der neurotischen Symptome und 
der Fehlleistungen des Alltagslebens auf emotionales Gebiet, wodurch 
diese psychischen Äußerungen auf eine Linie mit anderen Vorstellungs- 
gebilden emotionalen Ursprungs gerückt und gleich den letzteren zum 
Gegenstand psychologischer Forschung gemacht werden. 

Die anderen teleologischen Termini Freuds, wie z.B. die Zensur 
usw., haben die Bedeutung von Analogiebetrachtungen und erleichtern 
oft sehr eine praktische Orientierung, geben aber keine Erklärung, be- 
sonders dort, wo es sich um die Feststellung der Bedingungen (Kausa- 
lität) oder um eine biologische Zweckmäßigkeit einer Erscheinung han- 
delt Diese biologische Zweckmäßigkeit einer Erscheinung bildet ja eben 
ein Problem und nicht seine Aufklärung. 

Die von Freud beobachtete Tatsache ist aber meist richtig und 
kann, ohne den Boden der Freud sehen Psychologie zu verlassen, auch 
in kausalen Termini ausgedrückt werden, was ja schon von anderen 
Freud forschem hervorgehoben wurde. So entstellt die Zensur nach 
der Freud sehen Terminologie den Inhalt der latenten Gedanken, da- 
mit sie vom Bewußtsein unverstanden bleiben. Bleiben wir auf dem 
Boden der Kausalität, so werden wir sagen, daß die Träume deshalb 
unklar, bizarr konstruiert sind, weil dies ein Resultat der Bedingungen 
ist, unter welchen unsere Seele im Schlafe funktioniert; sie regrediert 
auf eine niedrigere Stufe der psychischen Funktion und gibt ein Resultat, 
das sie unter solchen Umständen geben kann. 

Die Freud sehe Psychologie befaßt sich hauptsächlich mit gefühls- 
betonten psychischen Inhalten, sie ist, wie wir in der Züricher Termino- 
logie sagen können, eine Psychologie der Komplexe. Für die Erklärung 
rein intellektueller und besonders mechanisierter psychischer Abläufe 
oder der höchsten intellektuellen Funktionen, hat sie bis jetzt wenigstens 
eine geringe Bedeutung. So auch in Sachen des Gedächtnisses kann sie 
nur auf die Bedeutung des emotionalen Faktors für das Behalten bezw. 
Vergessen ein Licht werfen. Es folgt schon aus dem durch die Psycho- 
analyse umfaßten Gebiet psychischer Erscheinungen, daß eine Unter- 
suchung des rein intellektuellen, möglichst von den emotionalen Einflüssen 
isolierten Faktors, mit welchem sich die Psychologie bis jetzt fast aus- 
schließlich befaßt hatte, nicht in den Kreis der psychoanalytischen In- 
teressen gehört hat. Freud spricht sich auch nirgends darüber klar 
aus, ob er ein Assoziationspsyehologe ist, für welchen ihn manche halten, 
oder nicht. 

Trotz dieser Einschränkung ihres Forschungsgebietes besitzt die 
Psychoanalyse eine große Bedeutung dadurch, daß sie neue Gesichts- 
punkte eingeführt, neue Gebiete psychologischer Forschung geschaffen 



r^no'^'-^ Original from 

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326 ^^' Luise V. Karpinska. 

und die Grundlage zur ersten, wirklich wertvollen Psychologie der Afifekte 
gelegt hat. Die Psychoanalyse hat sich als beste Methode für das Studium 
lebhafter Gefühlsäußerungen erwiesen, weil sie für diese Untersuchung 
Bedingungen schafft, welche insoweit künstlich isolierend sind, daß sie 
ein deutliches und starkes Auftreten der Komplexe bewirken. Anderseits 
aber löst die psychoanalytische Methode die Affekte in der Ver- 
suchsperson nicht vom Zusammenhang mit ihrer unmittelbaren psychi- 
schen Realität, und nur im Zusammenhang mit derselben können Affekte 
lebhaft auftreten. Gefühlsversuche, welche in Laboratorien angestellt 
werden und welche ihrem Wesen nach sehr beschränkt sind, können 
nie ein Verständnis für das wirkliche Spiel der Affekte ergeben. 

Das Verdienst Freuds besteht nicht darin, daß er den Einfluß 
des Unbewußten im allgemeinen auf unser psychisches Leben gezeigt 
hat, denn in dieser allgemeinen Fassung unterlag dieser Einfluß keinem 
Zweifel, sondern darin, daß er gezeigt hat, daß unter den unbewußten 
psychischen Determinanten eine besondere und hervorragende Rolle 
solchen emotionalen Faktoren zukommt, denen wir im allgemeinen einen 
Einfluß auf unser Denken und Handeln absprechen und die eben die- 
jenigen psychischen Erscheinungen determinieren, welche für unser Be- 
wußtsein unverständlich, unsinnig, zufallig, überhaupt psychisch nicht 
determiniert zu sein scheinen. 



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II. 
über die Wirkungen unbewußter TodeswUnsche. 

Von * ^ * 

„Uiob antwortete und sprach: „Meine Rede bleibt 
noch betrübt, meine Macht ist noch schwach über 
mein Seufzen. Ach, daß ich wüßte, wie ich ihn finden 
und zu seinem Stuhle kommen möchte und das Recht 
ihm vorlegen sollte und den Mund voll Strafe fassen 
und erfahren die Rede, die er mir antworten, und 
vernehmen, was er mir sagen würde! Will er mit 
großer Macht mit mir rechten! Er stelle sich nicht 
so gegen mich, sondern lege mir's gleich vor, so 
will ich mein Recht gewinnen. Aber gehe ich gerade 
vor mich, so ist er nicht da ; gehe ich zurück, so 
spüre ich ihn nicht, ist er zur Linken, so ergreife 
ich ihn nicht; verbirgt er sich zur Rechten, so sehe 
ich ihn nicht.« Buch Hi ob 23. I-X. 

Vorbemerkung. 

Die Psychoanalyse konnte in den Träumen und Phantasien der 
Psychoneurotiker Todeswünsche, die sich gegen verehrte und geliebte 
Personen richteten, aufdecken und hat sie aus den ambivalenten Ge- 
fuhlseigenheiten dieser Kranken erklärt. Die große Rolle, welche Todes- 
gedanken und -wünsche im Seelenleben der Gesunden spielen, ist noch 
wenig gewürdigt. Ebensowenig die Verkleidungen und Entstellungen 
welche dergleichen Gedankenzüge anzuwenden pflegen, um ihre gefähr- 
liche Fracht nicht zu verraten. Meine Arbeit will ein Beitrag zur Aus- 
füllung dieser beiden Lücken sein. 

Die meisten der folgenden Analysen wurden an einer Person, vor- 
genommen, an deren seelischer Gesundheit zu zweifeln ich keinen Grund 
habe : an mir selbst. Es würde kleinlich erscheinen, wollten wir Psycho- 
analytiker mit Selbstanalysen von Todesphantasien zurückhalten, nach- 
dem unser Führer und manche seiner Schüler Analysen ihrer Träume 
preisgegeben haben. Das persönliche Opfer erscheint gering neben dem 
Gewinn, welcher der Wissenschaft aus solchen Aufzeichnungen erwachsen 
könnte. Man darf hoffen, daß der Leser über dem intellektuellen Inter- 
esse an diesen komplizierten Problemen vergessen werde, daß das 
analysierte Objekt der Analysierende ist. 



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328 tJheT die Wirkungen anbewnBter Todeswünsche. 

Analyse einiger Zwangsgedanken und -handlungen. 

Mein Vater starb am 16. Juni 1906 an Arterienverkalkung. Dieser 
Schicksalsschlag (wie ich später erst fühlte, der folgenschwerste in meinem bis- 
herigen Leben), der mich als Achtzehnjährigen traf, stürzte mich in seelische 
Kämpfe schwerster Art. Sie nahmen ihren Ausgang von der Abwehr eines Ge- 
fühles, das am Todestage in mir auftauchte. Der geliebte Mann saß 
schwer atmend und röchelnd in einem Fauteuil. Zwei Ärzte standen bei 
ihm und ich wurde in die Apotheke geschickt, um das Nötige für eine 
Injektion zu holen. Ich war mir der Wichtigkeit des Auftrages voll be- 
wußt, denn die Ärzte ließen mich erraten, daß es das letzte Mittel sei, 
und ich lief, so rasch ich nur konnte, durch die Gassen. Während des 
Laufens tauchte in mir plötzlich ein Bild auf, das den Vater bereits ge- 
storben, mich als den Beschützer von Mutter und Schwester und als 
den eigentlichen Regenten der Familie zeigte. Der Wunschcharakter dieser 
Phantasie zeigte sich deutlich in dem sie begleitenden Gefühle der Ge- 
nugtuung. Er zeigte sich auch darin, daß ich vom Laufen in einen 
raschen Schritt überging, was ich vor mir selbst mit meiner Atemnot 
entschuldigte. Ich suchte meine böswilligen Gedanken zu unterdrücken 
und lief bald wie zur Sühne um so mehr. Dem Zusammenstürzen nahe 
kam ich zu Hause an: mein Vater lag bereits tot auf einem Diwan und 
ich weiß nur noch, daß mich bei diesem Anblick ein furchtbarer 
Schrecken wie ein starker elektrischer Strom durchzuckte und ich mich 
verzweifelt vor die Leiche hinwarf. 

Die nächste Zeit war von Schmerz und Trauer über das Dahin- 
gehen des Verehrten erfüllt ; eine sich steigernde Sehnsucht nach seinem 
so vertrauten Gesichte und seinen gütigen Worten quälte mich. Ich legte 
mir damals oft die Frage vor, was ich dafür geben würde, wenn er noch 
hätte weiterleben dürfen. Dabei lautete die Antwort zuerst immer : mein 
eigenes Leben. Durch eine spitzfindige Begründung, derzufolge ich durch 
dieses Opfer dann meine Sehnsucht nach dem Vater nicht stillen könnte, 
wurde dieser Ersatz von mir abgelehnt und immer mehr verringert, bis 
ich einsehen mußte, daß ich auch nicht einmal ein Jahr meines Lebens 
für das Weiterleben des Vaters geben wollte. Trotz meiner Sehnsucht 
konnte ich manchmal, wenn ich nun als Achtzehnjähriger wichtige Fa- 
milienangelegenheiten zu ordnen hatte, eine gewisse Genugtuung darüber, 
daß ich den Vater ersetzen dürfe, nicht leicht unterdrücken. Zu meiner 
größten Bestürzung fühlte ich gerade in jenen Tagen der Trauer das 
Andrängen einer starken sexuellen Libidowelle, welche bewußt kein be- 
stimmtes Objekt hatte. Ich kämpfte dagegen mit meiner ganzen Energie, 
doch vergebens, der Triebansturm war so mächtig, daß ich drei Tage 
nach dem Tode des Vaters den Übergang von der (selten geübten) 
Pubertätsonanie zum normalen Geschlechtsverkehr suchte und fand* 



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Ober die Wirkungen unbewußter Todes wünsche. 329 

Diesen von mir unverstandenen und mit Abscheu verurteilten Vorgängen 
folgten schwere Selbstvorwürfe, welche etwa die folgende Form hatten: 
Jetzt, wo dein Vater, dieser so edle und geliebte Mensch, gestorben ist, 
gerade jetzt, wo alle deine Gedanken von ihm ausgefüllt sein sollten, 
treibst du so häßliche Dinge. Die Triebgewalt war indessen größer und 
jedem Geschlechtsverkehr folgte eine Zeit der Reue, Angst und Zer- 
knirschung. Ich muß gestehen, daß mir damals vor mir selbst graute. 
Ich konnte mich, obwohl ich bewußt durchaus nicht an Unsterblichkeit 
und Fortleben nach dem Tode glaubte, dem Gedanken nicht entziehen, 
daß der Verstorbene sowohl um jenen Todeswunsch in seiner letzten 
Stunde als auch um meine sexuelle Betätigung wisse, mich verachte und 
mich strafen würde. Namentlich fürchtete ich, daß der tote Vater mich 
zur Strafe krank werden (und sterben) lassen würde, und deshalb 
peinigten mich die Möglichkeiten geschlechtlicher Infektion am meisten.^) 
Zugleich quälte mich der Zweifel, ob ich nicht das Sterben des Vaters 
hätte aufhalten können, wenn ich damals rascher gelaufen wäre. Dieses 
Schuldbewußtsein überfiel mich besonders dann, wenn ich über einen 
guten Witz oder ein geistreiches Wort herzlich lachen mußte. Sofort 
stellten sich Vorwürfe darüber ein, daß ich so kurze Zeit nach dem 
Tode des Teuren so guter Laune sein konnte. Man sieht hier bereits, 
daß ich damals mich in jenem Stadium befand, welches dem manifesten 
Ausbruch einer Zwangsneurose voranzugehen pflegt. Auch der Abwehr- 
kampf fehlte nicht: um nicht in die gute Stimmung zu kommen, welche 
jedesmal durch schwere Selbstquälerei gebüßt wurde, schränkte ich den 
Verkehr mit Menschen immer mehr ein. Während ich im Gymnasium 
durchaus nicht zu den Fleißigsten gehört hatte, warf ich mich jetzt mit 
einem ungeahnten Eifer auf das Studium und arbeitete von frühmorgens 
bis tief in die Nacht. Diese weitgehende Schutzmaßregel hatte den zwie- 
spältigen Charakter der neurotischen Symptome. Sie diente zu gleicher 
Zeit der Abwehr von Versuchungen (sexueller Natur, frohe Laune), der 
Selbstbestrafung für meine egoistischen Wünsche und verrät die ver- 
drängten Komplexe. Der Ehrgeiz, der mich damals beseelte, ist das Er- 
gebnis des Strebens, den Vater zu übertreffen, und die selbtgewählte 
Einsamkeit gleichsam das Anzeichen der autoerotischen Sexualbetätigung. 
Die so hartnäckig, mit Vernachlässigung aller Lebensfreude durchgeführte 
Arbeit trug deutlich genug das Signum der Buße. In ihr kommt meine 
ambivalente Einstellung zu dem Verstorbenen zu einem komprimierten 
Ausdruck : der Ehrgeiz hatte nicht nur den Wunsch, den Vater zu über- 
treffen, zu seinem verborgenen Inhalt, er war auch ein Ventil meiner 
Zärtlichkeit für den Unersetzlichen. Die Arbeit sollte mich seiner würdig 
machen, ihm beweisen, daß er Not und Sorge für keinen Unwürdigen 

^) Bei einem Falle von Zwangsneurose (Inlektionsangst), dessen Entwicklung 
ich genau beobachten konnte, war derselbe Mechanismus wirksam. 



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330 ^^^ ^® Wirkungen unbewußter Todes wünsche. 

getragen hatte ; sie sollte mich gleichsam in seinen Augen rehabilitieren. 
Diese letzte Absicht könnte, da mein Vater tot war, befremdlich er- 
scheinen, doch findet sie ihre Erklärung in dem vom Bewußtsein ver- 
gebens bekämpften, abergläubischen Gedanken, daß der tote Vater um 
meinen Lebensweg wisse, daß er ihn, wie ich mir in jener Zeit selbst 
sagte, „inspiziere".^) 

Die Wirrnisse hatten ihren Höhepunkt erreicht, als ich die 
Freudsche Lehre kennen lernte. Ihr danke ich die Befreiung. Ich 
konnte nun in meinen Wünschen und Zweifeln eine besondere Formung 
allgemein-menschlicher Regungen erblicken, erkannte ihren Zusammen- 
hang mit der psychoneurotischen Symptombildung und sah mich nicht 
mehr isoliert als eine verbrecherische und verworfene Natur. Die ethische 
Beeinflussung des Arztes auf den Patienten, welche die Züricher Schule 
in der bisher geübten Technik der Psychoanalyse vermißt, ist dem Auf- 
heben der splendid isolation der Neurotiker immanent. Diese fühlen sich, 
wenn sie einmal ihre sexuellen und feindseligen Regungen als allgemein 
menschliche erkannt haben, nicht mehr als vereinzelt darstehende Ver- 
brechernaturen. Wer einmal die Klagen eines Neurotikers über sein 
Anderssein gehört hat, weiß, daß es von ihm schwer empfunden wird. 
Die Selbstanalyse zeigte mir, daß mein Todeswunsch auf jenem Lauf in 
die Apotheke eine Ausprägung meiner ambivalenten Einstellung zum 
Vater sei. Auch den plötzlichen Libidoansturm konnte ich mir nun mit 
Hilfe von Analogien erklären: durch den Tod des Vaters wurden die 
Hemmungen, welche sich der Objektwahl (ursprünglich auf die Mutter 
gerichtet) entgegengesetzt hatten, aufgehoben.*) Meiner bewußten Er- 
innerung ist nur gegenwärtig, daß mein Vater immer offen und natürlich 

*) Auch dieser Ausdruck hatte, wie ich später einsah, seine seelische Bedingt- 
heit. Mein Vater war Inspektor bei der Direktion einer Eisenbahn und bei einzelnen 
Besuchen, die ich als Kind in seinem Bureau gemacht hatte, hatte ich einen bleiben- 
den Eindruck von der Größe seiner Machtsphäre erhalten durch die Beobachtung des 
Benehmens seiner untergebenen Beamten ihm gegenüber. 

') Ein modemer Dichter, Rainer Maria Rilke, spricht eine ähnliche 
Stimmung einmal aus: 

„In solchen Nächten wissen die Unheilbaren: 

wir waren . . . 

Und sie denken unter den Kranken 

einen einfachen, guten Gedanken 

weiter, dort, wo er abbrach. 

Doch von den Söhnen, die sie gelassen, 

geht der jüngste vielleicht durch die einsamsten Gassen; 

denn gerade diese Nächte 

sind ihm, als ob er zum ersten Male dächte; 

lange lag es über ihm bleiern, 

aber jetzt Avird sich alles entschleiern 

und daß er das feiern wird, 

fühlt er . . ." 



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Ober die Wirkungen unbewußter Todeswünsche. 331 

über die Geschlechtsvorgänge mit mir sprach. Dennoch muß in früher 
Kinderzeit von ihm das Verbot sexueller Betätigung (Onanie) ausgegangen 
sein. Die Reue über den Geschlechtsverkehr hatte ihre unbewußten 
Wurzeln in der Nachwirkung jenes Verbotes. („Nachträglicher Gehorsam".) 

Im ferneren Leben mußte ich immer intensiver verspüren, wie 
tiefe, ja entscheidende Kraft meiner Ambivalenz gegen den verstorbenan 
Vater innewohnte. Im Ringen um meine Selbständigkeit, um Beruf 
und Lebensunterhalt und in der Einsicht, wie groß die Schwierig- 
keiten und wie gering meine Energie, sie zu überwinden, seien, wurde 
ich mir der Bedeutung des Alleinseins immer mehr bewußt. Das Gefühl 
behandelte diese Einsamkeit als ein „Alleingelassenwerden" und in 
mancher verzweifelten Stunde erhob sich in mir ein Vorwurf gegen den 
Toten. Ich sagte mir nämlich: Er hätte nicht so früh sterben und mich 
allein lassen sollen. Wer hilft mir jetzt im Kampf ums Dasein? Er war 
müde, er wollte sterben. Aber er hatte die Pflicht, weiterzuleben, 
wenigstens so lange, bis seine Kinder versorgt waren. So absurd diese 
Gedanken waren, sie konnten schwer unterdrückt w^erden. Mit meiner 
Selbständigkeit war es, wie man sieht, nicht weit her. Die feindselige 
Strömung, welche diesem Gedankengange den Stempel des Vorwurfes 
aufdrückte, war mit der zärtlichen eng verbunden. Es war mir bange 
um den Vater; ich konnte ihn schwer entbehren. 

Im Zusammenhange mit dem Aufflammen der Libido nach dem 
Tode des Vaters möchte ich nur auf die analoge Festfreude der Wilden 
nach der Tötung des Totemtieres, das die Analyse Freuds mit dem 
Vater identifiziert, hinweisen.^) Die Trauer über den Tod des Totem- 
tieres ist die Einleitung zur Festfreude, welche als ein „gestatteter, viel- 
mehr ein gebotener Exzeß, ein feierlicher Durchbruch eines Verbotes" 
erscheint. 

Eine rätselhafte Begebenheit der letzten Zeit gab mir Gelegenheit, 
den erledigt geglaubten Todeswünschen gegen den Vater und den fol- 
genden Reue- und Bußestimmungen durch die Analyse näherzukommen. 

Das Mädchen, welches ich zu meiner Frau machen will, war schwer 
krank geworden (Lungenentzündung) und ich hatte sie in ihrer Sommer- 
wohnung in N. besucht. Ich hatte mir vorgenommen, mit einem be- 
stimmten Zuge von N. nach Wien zurückzufahren. Ziemlich verspätet 
machte ich mich auf den Rückweg zum Bahnhofe, der etwa eine halbe 
Stunde von der Villa der Eltern Doras entfernt war. Während des Gehens 
beschäftigten sich meine Gedanken wie begreiflich mit der Krankheit 
Doras, die mich sehr besorgt machte. Plötzlich tauchte folgender Einfall 
in mir auf : Wenn ich jetzt nicht nach K, zu meiner 
Schwester gehe, wird Dora sterben. Dieser Gedanke wurde all- 

*) Vgl. Freud, Die infantile Wiederkehr des Totemismus. Imago 1913. 
Augustheft. 



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332 Ober die Wirkungen unbewußter Todes wünsche. 

mählich so zwingend, daß ich in der Nähe der Station N. umkehrte, 
um nach K. (eine ^/^ Stunde von N. entfernt) zu gehen, wo meine 
Schwester den Sommer zubrachte. Vergebens führte ich mir die Absur- 
dität meines Zwangsgedankens zum Bewußtsein; ich hatte Angst, daß 
das Befürchtete eintrete, wenn ich meinen Vorsatz nicht ausführen würde. 
Indem ich mir klar zu machen suchte, welche tieferen Gründe mich zu 
dem Besuche bei meiner Schwester veranlaßten, erinnerte ich mich eines 
Schreibens von ihr, das ich einige Tage vorher erhalten hatte. Der 
Inhalt dieses Briefes ist, wie ich zu Hause feststellen konnte, folgender:^) 
„Lieber Bruder ! Ich habe vergessen. Dir zu sagen, daß wir am 28. Juni 
für Papa Jahrzeitlicht anzuzünden haben. 2) Wenn Du willst, lasse ich 
auch für Dich ein Lichterl brennen, aber dann komm* Freitag heraus, 
damit Du beim Anzünden dabei bist. Wenn Du nicht kommst, dann 
rechne ich damit, daß Du für Dich selbst anzündest. Geh auch in den 
Tempel. Es grüßt Dich Irene. — Möchtest Du nicht auch einmal auf 
den Friedhof gehen?!" 

Bei diesem Briefe muß nun meine Analyse einsetzen, denn er er- 
möglicht eine erste Korrektur der Fassung meines Zwangsgedankens. 
In der Form, wie mir die zwanghafte Verknüpfung auftauchte, fehlt 
ein Zwischenglied, welches vielleicht das Wichtigste enthielt und aus be- 
stimmten Gründen meinem bewußten Denken ferngehalten wurde. Die 
Befürchtung heißt eigentlich : Wenn ich nicht nach K. gehe und 
dort nicht das Andenken meines Vaters durch Licht- 
anzünden heilige, wird Dora sterben. Wieso kam es nun, daß 
dieser Zwischensatz und der eigentliche Anlaß meines Besuches bei 
meiner Schwester mir verborgen blieb? Ich hatte beim Empfang ihres 
Briefes eine ärgerliche Regung verspürt. Ich liebe es nicht, an meine 
Pflichten erinnert zu werden^ weil ich glaube, daß ich sie in fast zu ge- 
wissenhafter Weise erfülle. Ich bin ferner nicht fromm genug, daran zu 
glauben, daß dem Lichtanzünden eine andere als eine symbolische Be- 
deutung zukommt. Besonders der Nachsatz in Irenens Brief gab mir 
Anlaß zu mißmutigen Gedanken. Meiner Schwester gegenüber hatte ich 
oft meine Ansicht darüber ausgesprochen, daß die wahre Pietät nicht in 
konventionellem Gräberbesuch und der Einhaltung von religiösen Zere- 
monien, sondern darin bestehe, im Sinne teurer Toten zu leben. Ich war 
auch fest entschlossen gewesen, an jenem Tage Irene nicht zu besuchen. 
Dieser Entschluß wurde nun durch meine zwanghafte Befürchtung über den 



') Ich wollte diesen Brief bei seinem Empfange wegwerfen; daß ich ihn auf- 
gehoben habe, ist durch die in der Analyse klar gewordenen unbewußten Vorg&nge 
determiniert, so daß dieses Aufheben wider Willen eine Symbolhandlung (Mahnung 
an meine Pflicht) darstellt. 

') Nach den Vorschriften der jüdischen Religion wird zum Andenken von 
toten Verwandten an jedem Sterbetage von den Famihenmitgliedem ein öllicht angeztlndet. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Ober die Wirkungen unbewußter Todeswünsche. 333 

Haufen geworfen. Sie zeigt, daß ich meiner bewußten Überzeugung 
gegenüber unbewußt doch dem Lichteranzünden eine wirkliche Bedeu- 
tung zuschreibe. Verwunderlich erscheint es, daß das Andenken meines 
Vaters, der von meinen Beziehungen zu Dora noch nichts wissen konnte, 
mit Boras Krankheit verknüpft wurde. An diesem Punkte angekommen, 
kehrten meine Gedanken zu dem Besuche bei Dora zurück. Es ist not- 
wendig, hier seine näheren Umstände zu schildern. Dora hat von ihrem 
Vater eine sonderbare Erziehung erhalten : sie durfte von früher Kinder- 
zeit (vom dritten Jahre an) bis zu ihrem 20. Lebensjahre niemals allein 
auf die Straße, mit keinem Manne sprechen, kein Theater, keinen Ball, 
keine Gesellschaft etc. besuchen. Der Gedanke, die Tochter zu ver- 
heiraten, war diesem Vater verhaßt ; er wollte nichts davon wissen. Er 
würde auch meinen Verkehr mit Dora und einer Verlobung mit ihr die 
größten Hindernisse entgegengesetzt haben. Es blieben uns also nur zwei 
Möglichkeiten: entweder jahrelang jedes Zusammentreffen und jede 
Nachricht (denn auch die Briefe Doras unterlagen der väterlichen Zensur) 
zu vermissen oder unsere Beziehungen vor dem Vater geheimzuhalten. 
Dieser letztere Ausweg wurde denn auch gewählt und durch den Um- 
stand begünstigt, daß Doras Vater oft auf Reisen war und ich dann das 
geliebte Mädchen treffen konnte. Wir mußten abwarten, bis eine günstigere 
Zeit kommen werde, so daß wir unsere Verbindung ohne Rücksicht auf 
das väterliche Veto bewerkstelligen konnten. Doras Mutter wurde ein- 
geweiht und mußte sich nach hartem Kampfe dazu entschließen, den 
„Betrug" mitzumachen, da Dora drohte, andernfalls das Elternhaus zu 
verlassen und nie mehr dahin zurückzukehren. 

Meine Erbitterung gegen Doras Vater wuchs stetig. Bei jenem Be- 
suche anläßlich Doras Krankheit — der Vater war abwesend — konnte 
ich mich nicht mehr beherrschen und gab meinem Zorne und meiner 
Entrüstung über so abnorme Zustände gegenüber meiner Schwiegermutter 
in spe in schärfsten Worten Ausdruck. Doras Mutter traf freilich wenig 
Schuld an der Unnatürlichkeit der Familienverhältnisse, doch sie war 
eben zur Stelle und meine Aufregung nicht wählerisch. Immerhin mußte 
ich, um die gute Frau nicht noch mehr zu verletzen, das Schwerste, 
das ich auf dem Herzen hatte, unterdrücken. Es bezog sich auf Doras 
Vater, der eine unsinnige Theorie von der allgemeinen moralischen In- 
feriorität der Frauen dadurch in Praxis umsetzte, daß er seine Tochter 
vom frühen Kindesalter an eingekerkert hielt und seine eigene inzestuöse 
Fixierung so unter erzieherischen Gründen verbarg. Es ist in diesem 
Zusammenhange leicht verständlich, daß Todes wünsche von größter In- 
tensität gegen diesen Mann in mir auftauchten und sogar bewußtseins- 
fähig wurden. So kann ich von einem Tagtraume berichten, welcher 
mich oft und mit großer Lust beschäftigte. Ich phantasierte nämlich die 
Situation, da ich die Zustimmung von Doras Vater zu unserer Verbindung 



r^no'^'-^ Original from 

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334 Über die Wirkungen unbewußter Todeswüusche. 

nicht mehr benötigen würde. Ich sah mich in seinem Arbeitszimmer in 
ruhigen und selbstbewußten Worten meine Werbung um Dora vorbringen. 
Eine im Knabenalter oft gelesene Romanväterphrase würde, wie ich mir 
vorstellte, seine Antwort sein: nämlich, daß ich nichts bin und nichts 
habe. Mein Tagtraum legte mir nun dieser Abweisung gegenüber folgende 
lächerliche Entgegnung in den Mund : „Das geht Sie natürlich gar nichts 
an, Verehrtester ! (sie !) Doch möchte ich Wert darauf legen, Ihnen mit- 
zuteilen, daß ich Ihnen mit dem größten Vergnügen mit den Büchern, 
die ich bisher geschrieben habe, den Schädel einschlagen könnte." Diese 
wahrhaft blutrünstige Phantasie ist gewiß durch ihre Dummheit er- 
heiternd, doch erscheint sie durch die Tendenzen, namentlich durch die 
Todeswünsche gegen Doras Vater, die sich in ihr eine Durchbruchsstelle 
verschafften, bedeutungsvoll. Sie zeigt auch in ihrer Selbstüberhebung 
meine übertriebene Selbstschätzung. Die Quantität der Bücher ersetzt 
hier ihren Wert : sie soll meine Bedeutung ins rechte Licht stellen. Daß 
ich gerade mit meinen Büchern die Todeswünsche realisieren will, zeigt, 
daß die Demütigung, die ich von Doras Vater (ohne sein Wissen und 
Wollen) ständig erfahre, von mir am schwersten empfunden wird. 

Diese feindselige Einstellung gegen Doras Vater wurde nun durch 
die schwere Erkrankung des geliebten Mädchens nur noch befestigt. 
Denn ich gab ihm einen Teil der Schuld daran. Er hätte sofort nach 
den ersten Anzeichen der Erkrankung einen Arzt holen lassen sollen, 
und zwar nicht etwa den — von mir bewußt hochgeschätzten — Arzt 
von N., der Dora damals behandelte, sondern einen hervorragenden 
Internisten aus dem nahegelegenen Wien. Ich warf ihm innerlich vor, 
daß er für seine privaten Vergnügungen Geld hinauswerfe und, da das 
Leben seiner Tochter auf dem Spiele stand, es bei halben Maßregeln 
bewenden lasse, um nur nicht zuviel zahlen zu müssen. Wie widersinnig 
nnd nur durch meine Affektintensität erklärbar diese Anschuldigungen 
waren, geht daraus hervor, daß Doras Vater sich um diese Zeit auf einer 
Reise befand und von der Krankheit seiner Tochter gar nicht wußte. 
Meine Aufregung wuchs noch durch die Aussicht, daß er in den nächsten 
Tagen nach Hause zurückkehren werde und ich dann Dora nicht be- 
suchen durfte, keinerlei Nachrichten von ihrem Befinden haben und alle 
Qualen der Ungewißheit durchkosten würde. Diese Befürchtung brachte 
mich wieder zur Kritik der abnormen Verhältnisse in Doras Familie 
zurück : wenn ihr Vater gesund (und nicht, wie ich glaube, ein schwerer 
Neurotiker) wäre, so könnte ich sie offen und in seiner Anwesenheit be- 
suchen und mir Gewißheit über ihren Zustand verschaffen. 

Alle diese Gedanken müssen auf dem Rückwege von N. unbewußt 
in mir wirksam gewesen sein, denn sie traten jetzt in der Analyse in 
sich drängenden Assoziationen hervor. Die Beleidigungen gegen Doras 
Vater, die ich nicht aussprechen durfte und die bösen Wünsche gegen 



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über die Wirkungen unbewußter Todeswünsche. 335 

ihn bilden einen großen Teil des seelischen Materials zur Entwicklung 
meines späteren Zwangsgedankens. Wie wir gesehen haben, hatte ich 
auch ähnliche Wünsche gegen meinen Vater. Es scheint, als wären sie 
auf ein Vatersurrogat verschoben worden ; mein und Boras Vater haben 
eine ähnliche Rolle als Störer meines Liebeslebens inne. Ein Moment 
kam dazu, um die unbewußte Identifizierung der beiden Männer zu be- 
günstigen. In meiner Aufregung hatte ich Doras Mutter gedroht, daß ich 
Dora dazu veranlassen werde, das Vaterhaus zu verlassen, wenn die un- 
erträglichen Verhältnisse daselbst kein Ende nehmen würden. Auf den 
Einwand, wovon Dora dann leben würde, da sie über keine eigenen 
Geldmittel verfüge, hatte ich stolz geantwortet, daß man das meine 
Sache sein lassen solle. Ruhiger geworden, mußte ich mir sagen, daß ich 
selbst weder Vermögen noch einen festen Beruf habe, um meine Ver- 
sprechungen erfüllen zu können. Mein Selbstbewußtsein war hier völlig 
deplaciert gewesen. Mit einiger Verbitterung und Scham wurde ich mir 
wieder bewußt, wie wenig meine gegenwärtige Lage dazu geschaffen sei, 
ans Heiraten zu denken, und der Gedanke, daß auch in nächster Zukunft 
keine Aussicht auf Besserung vorhanden sei, machte mich deprimiert. 
Wieder tauchte in diesem Gedankengange jener Vorwurf auf, daß mein 
Vater mich zu früh verlassen habe und er mir hätte helfen müssen. 
Wie Doras Vater gegenüber, so hatte ich auch die Abhängigkeit von 
ihm manchmal drückend gefunden und schon früh wiederholte Versuche 
gemacht, mich auf die eigene Kraft zu stützen und mein Leben selbst 
zu gestalten. Auch bei diesen Versuchen wurde ich immer mehr inne, 
daß meine Energie nicht ausreiche und ich seine Hilfe brauche. 

Meine Todeswünsche richteten sich gegen Doras Vater und gingen 
regressiv die Bahn alter Kinderregungen gegen meinen eigenen Vater, 
der sich ebenso einst meiner Sexualbetätigung hindernd in den Weg gestellt 
hatte. Das Heiligen seines Andenkens, wie es im Zwangsgedanken durch 
das Lichtanzünden symbolisiert wird, erscheint nun als Buße, als Bitte 
um Verzeihung wegen der bösen Wünsche gegen ihn. Es bleibt noch 
immer meine Aufgabe, die Psychogenese der Verknüpfung: wenn ich 
nicht nach K. gehe, wird Dora sterben, zu erforschen. Die psychoana- 
lytische Untersuchung der Zwangsgedanken Neurotiker ergibt, daß der- 
gleichen Unheilserwartungen immer seelische Reaktionen auf böse 
Wünsche darstellen. So ist es auch in meinem Falle. Der unbewußte 
Vorgang spiegelt sich so: weil ich Doras Vater (und dem meinen) den 
Tod gewünscht habe, wird er sich rächen, indem er mir das Liebste 
raubt. Ich muß ihn (meinen Vater) durch die Erfüllung der religiösen 
Pflichten, die ihm meine Achtung und Liebe bezeugt, versöhnen. Dabei 
ist die unbewußte Annahme, als wisse mein Vater um Wunsch und 
Sühnung, als Voraussetzung notwendig, wie sie sich schon in der aber- 
gläubischen Furcht kurz nach seinem Tode zeigte. Dieser Fall scheint 



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336 Ober die Wirkungen unbewußter Todeswünsche. 

mir die Parallele, welche Freud zwischen ^Zwangshandlungen und 
Religionsübung" (Kleine Schriften zur Neurosenlehre, Bd. II) gezogen hat, 
schlagend zu beweisen, weil hier der Inhalt des Zwangsgedankens eben eine 
religiöse Zeremonie ist und die Ableitung aus demselben Mechanismus 
des Schutzzwanges ermöglicht. Das Lichteranzünden hat die Geltung 
einer Aussöhnung mit dem Vater; es ist ein Opfer, um zu verhindern, 
daß er sich wegen meiner bösen Wünsche gegen ihn an mir rächt. Es 
ist bedeutungsvoll, daß dieses Opfer gerade durch das Lichtanzünden, 
also die Bestätigung meines Todeswunsches, durchgeführt wird. Diese 
Zwangshandlung gibt die individuelle Analogie zu der Psychogenese des 
Opferdienstes in den Religionen.^) „Die Bedeutung, die das Opfer ganz 
allgemein gewonnen hat, liegt eben darin, daß es dem Vater die Genug- 
tuung für die an ihm verübte Schmach in derselben Handlung bietet, 
welche die Erinnerung an diese Untat fortsetzt." 

Niemand, der die Zusammengesetztheit und Überdetermination der 
seelischen Vorgänge kennt, wird sich darüber wundern, daß in der 
Analyse dieses zwanghaften Gedankens noch andere Gefühle als be- 
stimmend für seine Formung aufgedeckt werden konnten. Einer der 
Hauptgründe, welche die Zustimmung des Vaters bei einer Heirat Doras 
mit mir ausgeschlossen erscheinen lassen, ist sein erbitterter Antisemi- 
tismus, der die absurdesten Formen angenommen hat. Doras Mutter war 
vom Judentum übergetreten.^) Nach einer Periode der Indifferenz gegen- 
über meinem Stamme erwachte in mir ein immer stärker werdendes 
Interesse für das Judentum und sein seltsam tragisches Geschick. Die 
Psychoanalyse ließ mich erkennen, warum dieses Interesse während der 
Krankheit meines Vaters auftauchte und nach seinem Tode an Inten- 
sität gewann, 3) Einmal ertappte ich mich bei dem Gedanken, aus dem 
Judentum auszutreten und so nicht nur die Hindernisse meiner Ver- 
bindung mit Dora zu beseitigen, sondern mir auch auf diese verwerfliche 
Art allerlei andere Chancen für mein Leben zu sichern. Diese Regung 
wurde sofort abgewiesen, doch scheint sie in mir unbewußt fortgewirkt 
zu haben. Gerade dieses Gebiet der nationalen Spannung ist es, aus dem 
mein Haß gegen Doras Vater seine bewußten Gründe zieht und so mir 



*) Vgl. Freud, Die infantile Wiederkehr des Toteinismus. Imago 1913. 

*) Ich wage hier die Hypothese aufzustellen, daß ein großer Teil des Anti- 
semitismus bei neurotisch disponierten Personen einer Verschiebung der feindseligen 
Gefühle von ihren nächsten Verwandten (Vater, Frau etc.) zuzuschreiben ist. 

®) Unsere Zeit hat übrigens bei der jüngeren Generation einen Ausweg ge- 
funden, um innerhalb dieser Beziehungen zwei getrennte Objekte für die dem Vater 
geltende ambivalente Einstellung zu schaffen. Die geringschätzige und feindselige 
Tendenz richtet sich nun gegen die Religion, die als veraltet und überflüssig be- 
trachtet wird, während die zärtliche und liebevolle Strömung dem jüdischen Stamme 
zufließt, zu dem die westjiidische junge Generation sich mit großem Stolze be- 
kennt. (Zionismus, Nationaljudentum.) 



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Ober die Wirkangen anbewnßter TodeswCLnsche. 337 

-eine Verständigung mit ihm unmöglich erscheinen läßt. Dadurch wurde es mir 
ermöglicht, die feindseligen Gefühle, die ich für ihn als Vatersurrogat 
empfand, an seinem Antisemitismus zu fixieren, die zärtliche Strömung 
aber meinem Vater und dem Judentum, das er mir repräsentierte, zu- 
zuwenden. Die Erfüllung der religiösen Pflicht und der Pietät 
(Lächteranzünden) ist also auch ein Bekenntnis der Zugehörigkeit zu 
meinem Volke und als solches Ausdruck meines Trotzes gegen Doras 
Vater. Ich gebe meinem Vater und mir dadurch gleichsam das Versprechen, 
niemals der von mir als wesenhaft empfundenen Zugehörigkeit zum 
Judentum untreu zu werden, den Vater und meine Abstammung nie zu 
verleugnen, selbst um den Preis, daß Dora mir durch diese Hartnäckigkeit 
verloren wäre.^) 

Auch ein aktueller Anlaß war gegeben, um an den religiös- 
nationalen Komplex des Judentums anzuknüpfen. (Der oft mißbrauchte 
Ausdruck „religiöser Komplex" ist hier mit großer Vorsicht zu betrachten. 
Denn gerade dieser Fall scheint mir, wie selten einer geeignet, zu be- 
weisen, daß die Einstellung zur Religion nichts weiter darstellt als eine 
seelische Vertiefung und Erweiterung des individuellen Verhältnisses 
zum Vater und nicht, wie Dr. Stekel annimmt, ein selbständiges ab- 
trennbares Gebiet.) 

In jener Unterredung mit Doras Mama hatte diese darauf hinge- 
wiesen, daß es auch nach jüdischen Anschauungen Sünde sei, Töchter 
ihren Eltern zu entfremden.^) Ich beeilte mich dem gegenüber zu ver- 
sichern, daß in so außergewöhnlichen Verhältnissen ein Abweichen von 
meinen sonstigen Anschauungen notwendig sei. Übrigens erinnerte ich 
mich und sie eines Bibel wortes, nach dessen Gebot das Weib Vater und 
Mutter verlassen und dem Manne folgen solle. •) 

>) Eis scheint mir, als würde die Stellung des modernen Jaden za seinem 
Volke und seiner Religion am meisten durch sein Verh&ltnis zum Vater determiniert. 
Dies gilt insbesondere von dem st&rker werdenden Interesse des Einzelnen für sein 
Volk, das sich bei heranrückendem Alter zeigt. Es geht parallel mit ge- 
wissen typischen Veränderungen innerhalb des Vaterkomplexes, mit jener seelischen 
Umwertung, welche die Verwandlung der Sohnesgeftthle in Vatergefühl« be- 
werkstelligt. 

*) Das Argument von Doras Matter scheint doch einigen Eindruck auf mich 
gemacht zu haben, denn ich ergriff mit Freuden die nächste Qelegenheit, um es von 
neuem zu entkräftigen. Ich las bald darauf ein altes jüdisches Volkslied und beeilte 
mich, es meiner künftigen Schwiegermutter mit Hinweis auf ihre Standrede zusenden. 
Das Gedicht — „LiebesUed eines jüdischen Mädchens" — hat (beiläufig) folgende 
erste Strophe, deren Innigkeit und Natürlichkeit mich entzückte: 

^Ich will laufen durch alle Gassen 

und will schreien: , Wäsche waschen!" 

Brot mit Wasser will ich essen, 

Vater und Mutter will ich vergessen, 

wenn ich nur kann bei dir sein." 
») Ich weiß wohl, daß ich das Bibel wort unbewußt tendenziös entstellt habe. 

ZeitMshr. f. ftntl. Ptrohoanalyse. II. ^ 



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338 Über die Wirkungen nnbewnßter Todeswünsche. 

An diesem Punkte der Analyse angekommen, tauchten in mir Er- 
innerungen an meine Mutter auf. Sie hatte zuerst meine Beziehungen 
zu Dora als eine der obligaten „Jugendeseleien" angesehen; erst später 
war ihr mein Ernst aufgefallen und sie hatte sich für Dora interessiert. 
Das Mädchen machte ihr einige Besuche und meine Mutter versicherte 
mir, daß es ihr wohlgefalle. Es erscheint mir nun bedeutungsvoll, daß 
sie Dora bei ihrem letzten Besuche herzlich küßte. Meine Mutter war 
damals bereits im Anfangsstadium jener Krankheit, die zu ihrem Tode 
führen sollte. Einige Tage vor ihrem Ende hatte ich mit ihr ein Ge- 
spräch, dessen ich mich später oft erinnerte, als wäre es von mancher 
Ahnung schwer gewesen. Wir sprachen von meinem älteren Bruder, der 
ein verbittertes, freudloses Junggesellenleben führte und schon damals 
deutlich genug die Anzeichen einer schweren Neurose aufwies. Meine 
Mutter äußerte die Ansicht, daß der eigentliche Grund seiner Freud- 
losigkeit darin liege, daß er nicht geheiratet, wie man in Wien sagt, 
„den Anschluß verpaßt habe". Ich fragte: y,Also soll ich zeitlich 
heiraten ?"* Sie antwortete : „Ja. Und du hast ja auch schon die Richtige 
gefunden." Dora hatte dadurch gleichsam die Sanktion meiner Mutter 
erhalten. Zu den äußeren und inneren Ähnlichkeiten, welche Dora mit 
der Mutter verbanden und bei meiner Objektwahl unbewußt die Ent- 
scheidung brachten, kam nun die spontane Billigung meiner Mutter. An 
ihrem Sterbetage — die Arme lag bereits in Agonie — kam Dora zu 
uns. Dieser Besuch erschien mir ein Wink des Schicksals: die geliebte 
Mutter ging sanft hinüber und zum Tröste wurde mir nun eine jüngere 
Nachfolgerin zuteil, der ich meine Liebe zuwenden konnte. 

Diese Erinnerungen an längst vergessen geglaubte Szenen gaben 
mir gleichsam den Schlüssel zu dem verborgensten Gemach meiner 
Zwangsgedanken : ich hatte Dora mit meiner Mutter identifiziert, so wie 
mir ihr Vater den eigenen repräsentierte. Die Impulse und Befürchtungen 
gehen regressiv auf eine alte Kinderkonstellation zurück : auf die in- 
zestuöse Neigung zur Mutter, auf den Todeswunsch gegen den väter- 
lichen Rivalen und die Angst vor dessen Folgen, die Unheilserwartung. 
In meinem Zwangsgedanken ist Dora in einen gewissen Gegensatz zu 
meinem Vater gebracht. Dieser entspricht dem Schwanken zwischen 
Weib und Mann als Liebesobjekten. ^) Denn neben der feindseligen 
Strömung gegen den Vater setzt sich auch die entgegengesetzte seelische 
Tendenz durch: namentlich in der Pietät für das väterliche Andenken 
und in der Befürchtung, Dora werde sterben, welche einen gleichgerichteten 
unbewußten Wunsch verbirgt. 

Der Beziehungsreichtum meines Zwangsgedankens erscheint hier 
noch nicht erschöpft: eine weitere Überdetermination ergibt sich durch 

M Man vergleiche ein Ähnliches Verhältnis bei dem Patienten von Freuds- 
grandlegender Arbeit „Einige Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose". 



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über die Wirkungen unbewußter Todes wünsche. 339 

die Gefühle gegen meine Schwester Irene. Sie hatte mich daran ge- 
mahnt, zu ihr zu kommen und die Pflicht der Pietät zu erfüllen. Nach 
dem Tode meines Vaters hatte ich mir vorgenommen, der jüngeren 
Schwester hilfreich zur Seite zu stehen, sie zu überwachen, bis ich diese 
Pflicht ihrem Gatten abtreten konnte. Es war mir nicht möglich, dieses 
unausgesprochene Versprechen zu halten, ja einige Umstände zwangen 
mich in letzter Zeit, die Beziehung zu Irene immer mehr zu lockern. 
Einer der Hauptgründe dafür war, daß ich durch die Interessenteilung 
in Konflikt mit meiner Neigung zu Dora kam. Denn Irene empfand, ohne 
es eingestehen zu wollen, eine intensive Eifersucht gegen Dora, welche 
ihr die Liebe des Bruders raubte, und sie war nicht stark genug, die 
Äußerungen dieser Abneigung zu unterdrücken. In der Hyperempfind- 
lichkeit eines jungen Mädchens, das in den Eltern die stärksten Liebes- 
objekte verloren hatte, keinen Ersatz durch die Liebe zu einem Manne 
besaß und nun auch noch durch eine „Fremde*^ um die Liebe des 
Bruders kommen sollte, sah sie in jedem Ausdruck meiner Zärtlichkeit 
für Dora ein Zeichen dafür, daß ich sie selbst vernachlässige. So sehr 
meine bewußte Überlegung solche Vorwürfe als unberechtigt und über- 
trieben zu entwerten suchte, ich mußte doch unbewußt ihre Berechtigung 
erkannt haben. Denn die nun auftauchenden Assoziationen zu meinem 
Zwangsgedanken ließen mich nicht in Zweifel darüber, daß ich Reue 
über meine Vernachlässigung Irenens empfand. Ihre Mahnung an die 
Pflichten gegen meinen Vater wurde von mir uneingestandenermaßen als 
eine Mahnung an meine Pflichten ihr gegenüber, die ich so egoistisch 
versäumt hatte, aufgefaßt. Mein Schuld- und Verantwortlichkeitsgefühl 
gegenüber meinem Vater, bei dessen Andenken ich mir die Sorge um 
Irene zugeschworen hatte, hat auch hier seine Gründe. Die Furcht, von 
ihm durch den Tod Doras bestraft zu werden, wurzelt auch in der un- 
bewußten Erkenntnis, daß ich gerade um Doras willen meine Bruderpflicht 
nicht erfüllt hatte. Die Zeremonie des Lichteranzündens stellt sich uns 
auch von dieser Seite aus als ein Ausdruck meiner Schuldgefühle, meiner 
Reuestimmungen und als ein Sühneversuch dar. 

Die durch die Todeswünsche bewirkte seelische Stauung war noch 
nicht voll erledigt, denn sie wirkte noch im Traume der folgenden 
Nacht nach.^) Ich träumte: Ich schlafe, da öffnet sich die Tür 
und ein Mann tritt herein, der mit langsamem, sonderbar 
schwerfälligem Schritt auf mein Bett zukommt. Er trägt 
einen Kaiserbart, sein Gesicht hat einen toternsten 
Ausdruck. Es fällt mir auf, daß er ein seinem sonstigen 
ernsten Wesen nicht gemäßes Harlekinsgewand trägt. 
Er kommt immer näher. (Fortsetzung verschwommen.) — Ich er- 

^) Es bestätigt sich hier wieder die von Freud aufgestellte Regel, daßTrftume 
den eigentlichen Text und Sinn der Zwangsvorstellungen bringen. 

22* 



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340 Ober die Wirkungen onbewnßter Todeswünsche. 

wachte mit starkem Herzklopfen und Angst. Einiges Auffällige in 
diesem Traume konnte ich sofort auf Bekanntes zurückführen. Der lang- 
same, schwerfällige Schritt erinnert mich an meinen Vater, der ziemlich 
korpulent war, ebenso der Kaiserbart. Auch den „toternsten" Ausdruck 
habe ich oft, schmerzlich bewegt, in seinen letzten Lebenstagen an ihm 
beobachtet. Das Adjektiv bedeutet im Traume, daß er wirklich tot ist, 
ja daß er der Tod ist.^) Das Harlekinsgewand ist bestimmt durch die 
Lektüre von Schnitzlers tiefsinnig-heiterer Burleske „Zum großen 
Wurstel". Am Abend des so ereignisreichen Tages hatte ich vor dem 
Einschlafen dieses Werk gelesen, um mich von dem Drucke der traurigen 
Gedanken (an Doras Krankheit, meine unsichere Zukunft, Erbitterung 
gegen Doras Vater, Sehnsucht nach meinem eigenen) zu befreien. Ich er- 
innere mich, daß die Gestalt des Todes, der sich am Ende des 
Schnitz 1er sehen Einakters in einen Wurstel verwandelt, auf mich 
großen Eindruck gemacht hat (Tagesanknüpfung). Es war für mich außer 
Zweifel, daß der Tote in meinem Traume mein Vater sein sollte. Erst 
nach Bekämpfung großer Widerstände konnte ich mir bewußt machen, 
warum der geliebte Mann ein so auffallendes Kleid trug, was ja 
schon im Traume von mir mit Staunen festgestellt wurde. Ich erinnerte 
mich nämlich in oft unterbrochenen Assoziationen mancher Szenen aus 
meiner frühen Kindheit, in welchen mein Vater über sich selbst Witze 
machte, sich durch seine Selbstironie für uns Kinder gleichsam zum Wurstel 
machte und uns seine kleinen allzumenschlichen Schwächen in übertrie- 
bener Aufrichtigkeit und im Bestreben, uns Freude zu bereiten, preisgab. 
Das Kind muß aber diese lustige Selbstdarstellung durchaus ernst 
genommen haben, sein Respekt vor dem Vater wurde verringert und die 
feindseUgen Strömungen erhielten dadurch Nahrung und bewußtseins- 
fähige Begründung: sie wurden rationalisiert. So kam es, daß ich oft 
Angst empfand, daß auch andere Menschen die Schwachheiten meines 
Vaters erkennen würden. Ich war in steter Besorgnis, er könnte irgend 
eine Ungeschicklichkeit begehen, sich eine Blöße geben etc. (Es ist klar, 
daß diese Angst einem verdrängten Wunsche entstammt.) Es nützt kein 
Widerstreben: ich muß gestehen, daß ich mich meines Vaters, dieses 
hochherzigen und tadellosen Menschen, manchmal schämte und ihn nur 
mit Widerstreben auf seinen Spaziergängen begleitete.*) Wir erkennen 
nun, wieso der Tote im Traume za der Wursteltracht kam : die Wieder- 
kehr des infantilen Materials hat sich in diesem Zuge gezeigt. Die Ab- 
surdität der Traumvorstellung ist der Reflex des infantilen Hohnes auf 
den Vater. ^) Was wollte nun der tote Vater von mir? Er wollte mich 



*) Aach unsere K&nstler stellen den Tod als Toten dar. 

^) Vielfache Kinderbeobachtungen haben mich gelehrt, daß diese infantile Scham. 



die sich auf den Vater bezieht, häufig vorkommt. 
' Vgl. Freud, Traumdeutung. 



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über die Wirkxmgen unbewxiBter Todeswünsche. 341 

mit sich fortführen, mich töten. So erklärt sich die Angst im Traume: 
der Verstorbene rächt sich dafür, daß ich ihm als Kind den Tod ge- 
wünscht habe (was für den Träumer und den Neurotiker mit dem Morde 
selbst zusammenfällt), indem er mich tötet. Der Traum ist auf dem un- 
bewußt wirkenden Talionsgesetze aufgebaut. Seine ganze Struktur, welche 
die der typischen Einbrecherträume ist, zeigt, welche infantile Wurzel 
mein Todeswunsch gegen den Vater hatte : die Kastrationsdrohung wegen 
der Kinderonanie. Die Unheilserwartung meines Zwangsgedankens und 
die meines Traumes haben dieselbe Motivation. 

Wenn ich früher behauptet habe, daß diese Analysen sich auf eine 
Person beziehen, welche sich im ganzen seelischer Gesundheit erfreue, 
so will ich dennoch nicht leugnen, daß ich gewisse „neurotische Ein- 
stellungen" — nach einem trefflichen Ausdruck von Dr. E. Hitsch- 
mann — an mir bemerkt habe. Doch glaube ich, daß die Grenzen 
zwischen psychischer Gesundheit und Krankheit so schwankende sind, 
daß jeder Mensch, der mit einer bestimmten „psychosexuellen Konsti- 
tution" (Freud) in den jetzigen Kulturverhältnissen aufgewachsen, Ge- 
legenheit hat, Ahnliches von sich zu berichten. 

Ein Vorfall, der sich ebenfalls in den Tagen der Sorge um Dora 
abspielte, ließ mich wieder verspüren, wie stark die dynamische Macht 
unbewußter Prozesse ist. An einem Abend (es war die Zeit, da in Doras 
Krankheit die Krisis eintreten sollte) hatte ich beim Nachhausekommen 
die Idee: Wenn ich heute mit Frl. Daisy p 1 andere, wird 
Dora sterben. Frl. Daisy ist die Tochter' meiner Hauswirtin, welche 
die freundliche Gewohnheit hatte, an manchem Abend mit mir zu 
plaudern, was ich immer als unangenehme Unterbrechung meiner Arbeit 
empfand. Im Gefolge meiner Zwangsvorstellung stellte sich sofort der 
Impuls ein, die Zimmertür zuzusperren. (Eine Sicherheitsmaßregel im 
wörtlichen Sinne!) Die Analyse ging nicht von diesem Vorfalle aus, 
sondern von dem ihm folgenden peinigenden Gefühl der Eifersucht. 
Diese Regung entbehrte nicht nur dem ganzen Charakter Doras nach, den 
ich jahrelang kannte, jeder Begründung; sie war um so widersinniger, 
als ich wußte, daß Dora jetzt schwerkrank, mit hohem Fieber im Bette 
lag, von den Eltern behütet. Die Selbstanalyse hatte mich oft belehrt 
daß eine der bedeutsamsten seelischen Wurzeln der Eifersucht die endo- 
psychische Wahrnehmung der eigenen erotischen Versuchung sei, welche 
unbewußt auf das Liebesobjekt projiziert wird. Die Analyse der zwang- 
haften Verknüpfung, welche ich zwischen meinen Gesprächen mit Frl. 
Daisy und dem Befinden Doras herstellte, konnte sich auf diese Erkenntnis 
stützen. Die Befürchtung, deren Sinn durch die elliptische Entstellungs- 
technik undurchsichtig wurde, lautet eigentlich : Wenn ich Dora mit Frl. 
Daisy untreu werde, wird Dora sterben. Unbewußt muß ich eine Neigung 
zu meiner filia hospitalis, die mir bewußt eher unsympathisch war, ge- 



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342 tiher die Wirkungen unbewußter Todeswünsche. 

faßt haben. Der Todeswunsch, der hinter meinem Zwangsgedanken 
lauert, richtet sich gegen Bora: durch die Treue, weicheich ihr schulde, 
werde ich daran gehindert, mit Frl. Daisy anders als konventionell zu 
verkehren und muß die Avancen, die sie mir macht, übersehen. Darum 
wünsche ich Dora weg. Eine Erinnerung kommt hinzu, um die un- 
bewußten Zwischenglieder der Fassung meines Zwangsgedankens auf- 
zufinden. Dora hatte mir einmal einen Brief geschrieben, in welchem sie 
einen ihrer Träume berichtete. Dieser hatte folgenden Inhalt : sie überraschte 
mich mit einem anderen Mädchen in flagranti und rief mir zu : „Das 
halte ich nicht aus, ich gehe in die Donau." Meine Befürchtung nahm 
auf diese Erinnerung Bezug. Sie lautet restauriert also: Wenn ich 
mit Frl. Daisy Dora untreu werde, so wird sich Dora so sehr darüber 
kränken, daß sie Selbstmord begeht Die Sicherheitsmaßregel des Tür- 
absperrens hat vor allem den Sinn, mich vor mir selbst, vor meiner 
sexuellen Versuchung zu schützen. Dies ist ja der Zweck aller Schutz- 
maßregeln auch der Zwangsneurotiker: sie sollen die Kranken vor der 
Gewalt feindseliger und sexueller Wünsche schützen, welche von ihnen 
als unverträglich mit den Kulturanforderungen und den moralischen An- 
sprüchen des Ich abgelehnt werden. 

Wie aus diesem Beispiel ersehen werden kann, war die Eifersucht 
bei mir stark entwickelt^). Ein anderer Zwangsgedanke entstammt eben- 
falls den von ihr erweckten starken Gefühlen. Nach Doras Genesung 
machten wir einen gemeinsamen Besuch bei meiner Schwester, bei 
welcher wir einen Kreis junger Damen und Herren trafen. Während 
einer Diskussion, welche sich über eine Frage allgemeiner Natur ent- 
wickelte, vertrat ich gegenüber der übrigen Gesellschaft eine abweichende 
Meinung. Mein Hauptgegner in der Debatte war ein junger Mann, der 
sich unter jungen Mädchen eines besonderen Rufes als „nett" zu er- 
freuen hatte. In meiner Antipathie gegen ihn und durch seine Einwen- 
dungen gezwungen, führte ich meine Ansicht bis in die extremsten und 
paradoxesten Konsequenzen durch, so daß alle Anwesenden gegen mich 
Stellung nahmen. Auch Dora lehnte sie rundweg in tadelnden Worten 
ab. Es schien mir nun, als läge in der Formulierung ihrer Ansicht eine 
gewisse Schärfe gegen mich und eine Hinneigung zu meinem Gegner. 
Ich brach verstimmt mit einem ebenso billigen wie gewaltsamen Witz 
die Diskussion ab. 

Abends begleitete ich Dora von K. nach N. zurück und versuchte 
ihr auf dem Wege zu sagen, was ich fühlte: daß meine übertriebene 
Eifersucht sich an ihre Stellungnahme gegen mich klammerte und daraus 
(wie ich bewußt einsah, ungerechtfertigte) Schlüsse zog. Der kürzeste 
Rückweg nach N. führte über eine Anhöhe, welche der „Schwarze Turm'' 

') Auf die Bedingtheit dieser Eifersacht durch die starke Verdrängung homo- 
sexueller Strömungen habe ich hier nur hinzuweisen. 



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Ober die Wirkungen nnbewnßter Todeswünsche. 343 

heißt. Es war schon dunkel geworden und ich verspürte, nachdem ich 
mich von Dora verabschiedet hatte, eine gelinde Angst, den von dichtem 
Gebüsch eingesäumten Weg über den „Schwarzen Turm" zu gehen, wo 
ich des Abends allerlei lichtscheues Gesindel vermutete. Ich beabsichtigte 
daher, einen belebteren Umweg durch die Stadt zu wählen. Als ich in 
die Nähe des Aufstieges zum „Schwarzen Turm" kam, tauchte die 
Zwangsidee in mir auf: Du mußt über den „Schwarzen Turm" 
gehen. Ich versuchte vergebens, meine sich steigernde Angst und das 
Gefühl der Unheimlichkeit dagegen ins Treffen zu führen. Nachdem ich 
ungefährdet den Weg zurückgelegt hatte, kam mir zum Bewußtsein, daß 
diese Zwangshandlung eine Art Gottesurteil darstellen sollte. Ich dachte 
mir nämlich: Bleibt mir Dora treu, so wird mir auf dem 
Wege nichts geschehen; wird sie mir aber untreu werden, 
dann werde ich überfallen und erstochen. Den zweiten Teil 
der Alternative suchte ich dadurch alles Widerstrebens, das sich aus 
meiner Angst entwickelte, zu berauben, daß ich mir sagte, daß das 
Leben für mich ohne Doras Treue ohnehin keinen Wert habe.^) Der von 
mir gefühlte Zwang ist, wie man hier deutlich sehen kann, sekundär, 
ein Versuch zur Kompensation meiner Zweifel an der Treue des ge- 
liebten Mädchens. Die Verschiebbarkeit des Zweifels zeigt sich nun 
darin, daß die obige Alternative von mir auf halbem Wege modifiziert 
wurde. Da sich keinerlei Anzeichen eines Überfalles zeigen wollten» 
stellte ich mir folgende Möglichkeiten der Entscheidung vor: Wenn ich 
niemandem Verdächtigen begegne, vor dem ich Angst empfinden müßte, 
wird mir Dora treu bleiben; andernfalls wird sie untreu werden. Der 
Zufall wollte es nun, daß ich gegen Ende des Weges einem Herren be- 
gegnete, an den ich in der Dunkelheit (ich bin stark kurzsichtig) an- 
stieß. 2) Blitzschnell veränderte sich nun in mir die Frage, die ich frei 
hatte an das Schicksal: Wird er nun mit mir grob, so ist Dora untreu; 
legt er dir keine Hindernisse in den Weg, so ist sie treu. Der Herr ent- 
schuldigte sich sehr höflich und ging weiter, ja ich kann sagen, daß das 
Zusammentreffen mit ihm meine Angst vor dem unheimlichen Wege 
nachher beseitigte. Nun tauchte erneut der Zweifel auf: Habe ich bei 
der Begegnung Angst gespürt? War mir der Mann verdächtig? Darf ich 
das Zusammentreffen mit ihm als eine Entscheidung auffassen? Ich 
konnte mich bei der vom Schicksal gegebenen günstigen Wendung 
nicht beruhigen. Der Zweifel ist der seelische Rayon unbegrenzter 
Möglichkeiten. 

*) Ich wanderte mich später selbst über die ünsinnigkeit meines Gedankens 
in diesem zweiten Falle (wenn Dora untreu ist und ich getötet werde) würde ich kaum 
Zeit haben, das Resultat meiner Fragestellung zu erkennen. 

•) Jetzt erscheint mir auch dieser „Zufall" höchst verdächtig. Trotz aller Um- 
stände, welche ein Zusammenstoßen begünstigten, ist es sehr wahrscheinlich, daß ich 
es selbst unbewußt herbeigeführt habe. 



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344 Ober die Wirkungen unbewußter Todeswünsche. 

Die Analyse führte mich zu der Gesprächsszene zurück, welche 
Anlaß zu meinen Zweifeln gab. In jenem Moment, da Dora sich gegen 
meine Ansicht kehrte und für meinen Gegner sprach, verspürte ich einen 
heftigen, rasch entgleitenden Impuls, der sich etwa in die Worte kleiden 
ließe : Ich hasse sie deshalb so sehr, daß ich sie dafür erwürgen könnte» 
Die Intensität dieser Regung erklärt sich aus meiner extremen Eifersucht^ 
welche Doras theoretische Ansicht bereits als Anzeichen ihrer Neigung 
zur Untreue auffaßte. Meine Zwangshandlung stellt sich als Selbst- 
bestrafung wegen meines bösen Wunsches dar. Weil ich Dora töten 
wollte, soll ich selbst getötet werden. Auch in der Substitution meiner 
Zwangsgedanken ist mein Tod mit der Untreue Doras verknüpft: der 
Todes wünsch gegen sie tauchte ja angesichts der Möglichkeit auf, daß 
sie jemand anderem ihre Neigung zuwenden könnte. Es ist erlaubt, hier 
die Frage aufzuwerfen, ob die meisten solcher selbtgeformten Gottes- 
urteile, die sich oft bei Zwangsneurotikern finden, sich nicht als 
psychische Reaktionserscheinungen auf feindselige Wünsche im Dienste 
der Selbstbestrafungstendenz erweisen. Die Psychoanalyse würde von 
dieser Einsicht aus ein vertiefteres Verständnis vieler Gebräuche im 
Leben primitiver Völker und seltsam erscheinender Rechtshandhabungen 
(z. B. der mittelalterlichen Ordalia) ermöglichen. 

Maskierte und rationalisierte Todeswünsche. 

Es seien hier einige Beispiele zwanghafter Verknüpfungen (Be- 
fürchtungen, Reflexionen, Impulse etc.) angeführt, deren Analyse be- 
sonders darauf gerichtet ist, ihre vielfachen Maskierungen und primären 
Motivierungen zu erkennen. 

Die psychoanalytische Auffassung wird geeignet sein, einen sonder- 
baren Brief, den ich in den Tagen von Doras Krankheit bekam, zu deuten. 
Ich hatte damals eine junge Dame (Ausländerin), welche wegen einer 
Hysterie in psychoanalytischer Behandlung stand, in deutscher Sprache 



^) In dem dargelegten Sinne erscheint der Mechanismus einer Zwangshandlang 
klar, welche sich in Arthur Schnitzlers „Das weite Land** findet. Der Direktor 
Aigner ist seiner Fraa untreu geworden, hat es ihr eingestanden und die Beiden 
haben deshalb ihre Ehe gelöst. Aigner, der mit Friedrich Ho freiter darüber 
spricht, erzählt in diesem Zusammenhange von der gef&hrlichen Erstbesteigung 
eines Berges. 

Aigner: Wissen Sie, wann ich die Erstbesteigung dieses Turmes unternahm, 
von dem Sie eben herunterkommen? — Es war sehr bald, nachdem ich mich von . . . 
meiner Frau getrennt hatte. 

Friedrich: Wollen Sie damit sagen, daß da — ein Zusammenhang bestand ? 

Aigner: Gewissermaßen ... Ich will ja nicht eben behaupten, daß ich den 
Tod gesucht habe — der wäre einfacher zu haben gewesen — aber viel am Leben 
lag mir damals nicht. Vielleicht auch, daß ich eine Art Gottesurteil herausfordern 
wollte. 



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Ober die Wirkungen xinbewxißter Todeswftnsche. 345 

ZU unterrichten. Sie wußte (aus Gesprächen mit mir) von meinen Be- 
ziehungen zu Dora, ohne diese indessen gesehen oder gesprochen zu 
haben. Angesichts dieser Umstände erschien es mir auffällig, mit welchem 
übermäßigen Interesse sie sich bei jeder Lektion nach der Krankheit Doras 
erkundigte. Die Dame sollte mir zur Übung einen Brief schreiben, da 
sie wünschte, den deutschen Briefstil kennen zu lernen. Meine Vermutung, 
daß ihre übertriebene Besorgtheit um das Wohlergehen einer ihr so fern- 
stehenden Person wie es Dora war, den Schluß auf eine unbewußte 
feindselige Strömung zulasse, wurde durch einige Stellen aus jenem 
freien Obungsbriefe bestätigt. Sie lauten: „Jetzt frage ich mich und 
Sie : wie geht es Fräulein Dora ? Ich bedauere, daß ich Sie nicht ge- 
beten habe, mir die neuen Nachrichten über ihr Befinden zu telepho- 
nieren, da ich sehr besorgt bin. Sie müssen wohl über meinen Brief 
sehr lachen und vielleicht kommen noch einige psychoanalytische Er- 
klärungen dazu, nicht? — Jetzt höre ich Wagen fahren; sie kommen 
von einer Hochzeit — arme Leute, unglückliches Fest ! . . . Ich wünsche 
Ihnen, daß Sie den heutigen Tag gut verbringen." Wie mir die Dame 
am nächsten Tag erzählte, hatte sie den Vortag in Unruhe und sich 
steigernder Besorgnis wegen Doras Krankheit zugebracht. Sie konnte selbst 
nach Oberwindung ihrer Widerstände die Erklärung ihrer so sonderbaren 
Gefühle geben. (Vgl. den Briefpassus „ . . vielleicht kommen noch 
einige psychoanalytische Erklärungen hinzu . .^) Ihre übertriebene Be- 
sorgtheit war die seelische Reaktion auf Todeswünsche gegen Dora. Sie 
hatte unbewußt gewünscht, daß ich noch frei wäre und sie zur Frau 
nehmen wollte. Sexueller Neid ist also der Grund ihrer Feindschaft 
gegen Dora. Sie wünscht mir heuchlerisch, ich solle den Tag gut zu- 
bringen, das heißt also: gute Nachrichten von Doras Befinden erhalten. 
Heuchlerisch ist dieser Wunsch, denn er versteckt den entgegengesetzten 
der auf eine erhoffte Verschlimmerung in Doras Befinden abzielt. Es 
erscheint auffallend, daß die vorangehende Briefstelle unvermittelt und 
ohne ersichtlichen Zusammenhang von irgend einer Hochzeit spricht. 
Die so pessimistische Auffassung dieses Festes stimmt mit den sonstigen 
Ansichten und Wünschen nicht überein. Die unbewußte Instanz war 
hier an der Arbeit: Assoziationen, welche im Dienste ihrer Komplexe 
standen und den Anblick eines gleichgültigen Hochzeitsfestes an Ge- 
danken an meine zukünftige Heirat mit Dora knüpften, ließen statt der 
Hochzeit das düstere Bild eines Leichenzuges in ihr auftauchen. Sie 
wünscht, daß Dora sterben und nicht mich heiraten solle. 

Ähnlich wie dieser Fall, doch weit komplizierter ist der eines 
Schwesternpaares, das für einander die zärtlichsten Gefühle hegt. Die Be- 
sorgnis der einen für die andere, die sich in beständigen Fragen und 
Warnungen (Wirst du dich nicht verkühlen? Hast du Kopfweh ? Fühlst 
du starkes Herzklopfen? etc.) äußerte, war bei oberflächlicher Betrachtung 



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346 ^^^^ ^^® Wirkungen unbewußter Todeswünsche. 

rührend, doch um so auffallender, als die beiden etwa gleichaltrigen Gre- 
schwister durchaus gesund waren. Ich konnte mich durch die Analyse 
eines phobieartigen Zuges, die ich bei der einen der Schwestern durch- 
führte, davon überzeugen, daß hinter so extremer Besorgnis böse, feind- 
selige Strömungen lauerten. Erna, die jüngere der beiden, empfand es 
als entsetzlich, wenn sie in einem Zimmer sich aufhalten mußte, worin 
eine andere Person schlief. Sie erzählte, daß ihr die schlafende Person 
wie tot vorkommt und sie deshalb Angst bekomme. In der letzten Zeit 
vor Auflösung der Phobie verschob sich deren Inhalt soweit, daß Erna 
dieselben Gefühle hatte, wenn sie mit jemandem längere Zeit im Zimmer 
weilen mußte, der die Augen geschlossen hielt. Vor Toten selbst hat 
sie nie Angst verspürt; ohne Regung der Furcht am Sterbebette von 
Verwandten lange geweilt. Wenn sie aber allein mit jemandem, der 
schläft, (z. B. mit der Mutter) zusammen ist, dann möchte sie am 
liebsten davonlaufen. 

Ist irgend ein Grund vorhanden (Krankheit etc.), der ihr Verbleiben 
im Zimmer notwendig macht, dann sucht sie die oder den Schlafenden 
zu wecken, indem sie Lärm macht. Es gelingt ihr manchmal, die Zwangs- 
handlungen auf dem Umwege des Mitleides zu vermeiden. Sie sagt sich 
dann nämlich „Der (die) Arme hat am Tage soviel gearbeitet oder so- 
viel Kommissionen gemacht; sie wird müde sein, ich muß sie schlafen 
lassen". Daß dieses Mitleid sekundärer Natur ist und eine Schutzmaß- 
regel gegen die eigenen Impulse, zeigte die Analyse. Ich rekapitulierte 
den von Erna erzählten Inhalt ihrer Zwangsvorstellung; als ich zu der 
Stelle kam: „Sie möchten also am liebsten davonlaufen," fiel Erna ein: 
„Ja mindestens, oder die betreffende Person erdrosseln". Ich gab meinem 
Erstaunen über eine so überraschende Alternativa Ausdruck und Erna 
erklärte mir, daß der Grund dieses letzteren Impulses darin liege, daß 
der Zorn darüber, daß die schlafende Person nicht erwache, sie zu über- 
wältigen suche. Eine mißlungene Rationalisierung, wie man bemerkt. 
^Mindestens davonlaufen oder Erdrosseln" werden wir als eines der 
bei den Neurotikern so oft konstatierten Hystera-Protera auffassen. Sie 
wollte zuerst diese Person erdrosseln und will aus Furcht vor dem 
eigenen Wunsche und seiner durch „Allmacht der Gedanken" realisier- 
baren Kraft davonlaufen. Das Beispiel, welches Erna wählt, um mir 
ihre zwanghafte Furcht klarzumachen, läßt nun keinen Zweifel darüber, 
daß sie sich in früher Kinderzeit auf eine bestimmte Situation be- 
zogen hat. ^) 

*) »Kann man für irgend eine der so verschwommenen Allgemeinheiten der 
Zwangsneurose ein Beispiel erfahren, so sei man sicher, dies Beispiel ist das Ur- 
spröngliche und Eigentliche selbst, das durch die Verallgemeinerung versteckt wer- 
den sollte." Freud, Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose. Jahrbuch 
für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen. Bd. III. 



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über die Wirkungen unbewußter TodeswÜnsche. 347 

Zwischen den beiden Schwestern Mary und Erna besteht seit 
früher Kinderzeit ein Brauch, der folgenden befremdlichen Inhalt hat: 
Mary darf erst dann einschlafen, bis Erna schon schläft. Dieses Ge- 
wohnheitsrecht, das Erna für sich beansprucht, dauert bis zum heutigen 
Tage, da beide Mädchen in der Mitte der zwanziger Jahre stehen, fort. 
Der Gebrauch erweist sich als schöne Schutz maßregel : Erna, die jüngere 
hat Mary einmal gebeten, so lange wach zu bleiben, bis sie selbst ein- 
geschlafen ist. Die Situation, welche den Ursprung der Zwangsfurcht 
Ernas bildet, ist folgende: Erna schlief als Kind (wie noch jetzt) mit 
der um ein Jahr älteren Schwester in einem Zimmer. Beim Anblick der 
schlafenden Schwester erhob sich in Erna einmal der Wunsch, diese 
möge nicht mehr erwachen.^) Dieser aus der typischen Kinderrivalität 
entstammenden Regung stand nun die schwesterliche Zärtlichkeit und 
die Anforderungen des moralischen Ich entgegen; es knüpft sich daran 
die schon mit Angst gepaarte Erwartung, der böse Wunsch werde in 
Erfüllung gehen. Jedesmal, wenn nun die Schwester schlief, machte sich 
die Erinnerung an jenen verdrängten Wunsch durch eine als grundlos auf- 
gefaßte Angst geltend. Die Kraft des Wunsches und der Glaube an die 
„Allmacht der Gedanken" waren so groß, daß sich Erna durch die oben 
beschriebene Schutzmaßregel Erleichterung schaffen mußte. Der anfäng- 
lich auf eine bestimmte Person bezogene Wunsch wurde später aus seiner 
speziellen Verknüpfung gerissen und mit der Verschiebbarkeit, welche psycho- 
neurotischen Symptomen eigen ist, in Gestalt einer Phobie auf die Allgemein- 
heit ausgedehnt. Die Verallgemeinerung diente zugleich der bewußten Unzu- 
länglichmachung des ursprünglichen Anlasses der zwanghaften Befürchtung 
und der für die Zwangsneurose typischen Erweiterung des Schutzzwanges. 

Auch bei Erna fehlt es nicht an Todesangst als Reaktionsform 
für die auf andere gerichteten Todeswünsche. Am eigenartigsten trat 
sie anläßlich einer Nauheimschen Kur hervor. Wenn Erna nach jedem 
Kohlensäurebad von der Wärterin in Decken eingepackt wurde und 
ruhig auf dem Diwan liegen mußte, kam sie sich wie eine Mumie und 
wie tot vor und erlebte alle Stadien der Angst. Einen ähnlichen Aus- 
druck fand die unbewußte Sühnidee auch bei einer anderen Frau, 
welche an Zwangsneurose litt. Eines Tages fühlte sie sich „todmüde", 
„wie gelähmt an allen Gliedern, ganz zerschlagen", fast unfähig, sich 
zu rühren. Die Analyse ergab, daß sie am Vortage gewünscht hatte, 
eine Freundin, welche sie durch ein unbedachtes Wort gekränkt hatte, 
so zu schlagen, daß sie in diesen Zustand gerate. Sie hatte aber jede 
Äußerung ihrer wütenden Stimmung unterdrückt und war sogar mit 
der Freundin besonders liebenswürdig gewesen. 



*) Eine Erkundigung ergibt, daß zwischen den heute überz&rtlichen Schwestern 
als sie Kinder waren, Streitigkeilen und wütende Raufereien wegen Puppen und der- 
gleichen an der Tagesordnung waren. 



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348 ^^^ ^® Wirkungen unbewußter Todeswünsche. 

Bei Erna hatte in späteren Jahren der Todeswunsch gegen die 
Schwester in affektentzogenen, aber zwanghaften Reflexionen einen 
Niederschlag gefunden. Einer dieser Zwangsgedanken, der oft in ihr 
auftauchte, ließ sie sich die Frage vorlegen, wie sich wohl ihr Leben 
gestaltet hätte, wenn sie (nicht Mary) die Erstgeborene gewesen wäre. 
(Von hier aus ergibt sich ein vertiefteres Verständnis der biblischen Er- 
zählung von Jakob und Esau.) Manchmal nahm der letzte Konditional- 
satz auch die Form an: wenn sie das einzige Kind ihrer Eltern ge- 
wesen wäre. Dadurch kam er der ursprünglichen Fassung des Zwangs- 
gedankens und seiner affektiven Basis näher. 

Eine Durchbruchstelle der feindlichen Strömung gegen Mary zeigte 
sich auch in einem überraschenden Versprechen. Mary hatte sich mit 
einem jungen Manne verlobt, doch hatte dieser seine Liebe schon nach 
kurzer Zeit einem anderen Mädchen zugewendet, so daß Mary die Ver- 
lobung auflösen mußte, Erna, welche mit einer Freundin darüber sprach, 
äußerte ihre Genugtung darüber, daß ihre Schwester diese erste schwere 
Enttäuschung so rasch überwand. Sie setzte hinzu : „Was hätte Mary 
schließlich davon gehabt, wenn sie N. geheiratet hätte? In einem Jahre 
wäre sie Witwe gewesen." Von der Freundin auf ihr Versprechen auf- 
merksam gemacht, war Erna sehr überrascht und erklärte, sie habe 
sagen wollen : wäre sie geschieden gewesen. 

Bei Mary äußerte sich die Reaktion auf ihre Feindseligkeit gegen 
Erna heuchlerisch in übertriebener Besorgnis um deren Gesundheit, 
gute Laune etc., Furcht, sie könne überfahren werden. Sie versäumte auch 
keine Gelegenheit, die Schwester über die Maßen zu loben, gleichsam 
um sich gegen ihren imbewußten Haß zu sichern und sich ihrer (reaktiv 
verstärkten) Liebe zu versichern. Anläßlich eines Vorfalles, der geeignet 
schien, die eigentliche Natur dieser Reaktionserscheinungen klarzumachen, 
suchte ich Mary in möglichst artiger Form davon zu überzeugen, daß 
hre extreme Besorgtheit um Erna auf verdrängte Todeswünsche zu- 
rückzuführen sei. Ihre Antwort ist bemerkenswert. ^Das ist nicht 
wahr. Ich bin mit Bewerbern versorgt." Diese köstliche Ablehnung — 
ich hatte von dem Vorhandensein einer sexuellen Rivalität nicht ge- 
sprochen — enthüllt (wie die psychoneurotischen Symptome) ebensoviel 
als sie zu verbergen sucht. Der zweite Satz gibt den eigentlich primären 
Grund ihrer unbewußt feindlichen Einstellung gegen Erna preis: den 
Sexualneid. Diese und ähnliche indirekte Bestätigungen lassen sich mit 
der Phrase vergleichen, welche in gewissen historischen Kolportage- 
romanen dem großen Wohltäter auf dem österreichischen Thron in den 
Mund gelegt wird : „Meinen Namen werdet ihr nie erfahren ! Ich bin der 
Kaiser Josef." 

Erna hat ihren Todeswunsch gegen Mary durch ihr Versprechen 
verraten. Ich möchte hier noch kurz zwei Fälle anführen, welche, eben- 



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über die Wirkungen unbewußter Todeswünache. 349 

falls der Psychopathologie des Alltagslebens angehörig, sich der psycho- 
analytischen Untersuchung als Todes Wunschreaktionen repräsentierten. 
Ein Herr spricht mit einem Freunde davon, daß eine Tante ihm mit- 
geteilt habe, sie hätte ihm testamentarisch ihr Haus verschrieben. Die 
in ihm aufgetauchten (Jedanken verraten nun die folgenden Worte : 
„Ich weiß nur nicht, ob das Haus auch apothekenfrei ist." Das aus 
aHypotheken" und „Apotheken" entstandene Mischwort wurde von dem 
Herrn damit erklärt, daß er die nur perzipierte, nicht apperzipierte 
Wahrnehmung des Schildes der gegenüberliegenden Apotheke in ihm 
nachtrug. Der unbewußte Grund für die Störung liegt aber darin, daß 
der Anblick der Apotheke mit vorbewußten Gedanken des Herrn in 
Verbindung trat. In der Apotheke bekommt man Gift zu kaufen. 
Der von der bewußten Instanz zurückgewiesene Wunsch, die Tante 
durch Gift zu beseitigen und so früher in den Besitz des in Aussicht ge- 
stellten Hauses zu kommen, hat sich in dem Versprechen durchgesetzt. ^) 
Eine Dame kann sich die Adresse ihres Bräutigams nicht merken, ob- 
wohl dieser schon längere Zeit dieselbe Wohnung hat. Sie fühlt, wenn sie 
ihm schreiben will, die Versuchung, statt der richtigen Adresse den 
Namen Bognergasse auf das Couvert zu setzen. Die Analyse ergibt, daß 
sie einmal, als sie mit dem Bräutigam durch die Bognergasse ging, eine 
starke, zornige Erregung verspürte, welche er dadurch heraufbeschworen 
hatte, daß er Bedenken wegen ihres Mangels an Sparsamkeit ausgesprochen 
hatte. Die Erbitterung gegen ihn muß sehr intensiv gewesen sein, denn 
sie steigerte sich bis zu einem Todeswunsch, der sofort unterdrückt und 
bereut wurde. Der Bräutigam der Dame wohnt in der Bleichergasse. 
Der Name wurde nun durch die Erinnerung an den Todeswunsch ver- 
drängt, weil er unlustbetont war. Im Traume ist, worauf Freud hin- 
gewiesen hat, die Blässe ein unverkennbares Todessymbol. ^) Der Ersatz- 
name Bognergasse, der sich einstellte, ist (nebst anderen Beziehungen) 
durch die unbewußte Erinnerung an den Anlaß des Todes Wunsches 
(Szene in der Bognergasse) determiniert. 

Solche Beispiele, welche das Wirken unbewußter Todeswünsche 
beweisen, ließen sich mühelos häufen. Es ergeht den Personen, in deren 
Sprechen und Handeln derartige Tendenzen zu Fehlleistungen führen, 
umgekehrt wie dem Bileam der jüdischen Geschichte: sie wollen segnen 
und müssen unter dem Zwange unbewußter Vorgänge fluchen. 

Einige Fälle von unbewußter Nachwirkung und sekundärer Moti- 
vierung von Todeswünschen erscheinen mir so instruktiv für den all- 
gemeinen Mechanismus, daß ich nicht versäumen will, sie hier anzu 

*) Durch den Besitz dieses Hauses hoffte der Herr, mit Erfolg um eine geliebte 
Dame werben zu können. 

*) Vgl. die Deutung des „Paleness" in einer Lesart des Shakespeareschen 
„Kaufinann von Venedig" durch Fread. Das Motiv der Kästchenwahl. Imago. 1913. 



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350 Ot)er die Wirkungen unbewußter Todeawünsche. 

reihen. Den ersten verdanke ich der Mitteilung einer jungen Witwe, die 
ihm mir als eine der größten Sonderbarkeiten in ihrem Leben erzählte. 
Bei einer schweren Krankheit ihres siebenjährigen Sohnes tauchte in 
ihr der Wunsch auf, er möge sterben, der natürlich mit Entsetzen zu- 
zückgewiesen wurde. Sie erklärte sich nachträglich selbst die Wunsch- 
regung so, daß sie dann (nach seinem Tode) nicht mehr an das ihr 
verhaßte Leben binde und sie selbst sich dann töten könne. Das Kind 
sei das einzige Band, das sie noch mit dem Dasein verknüpfe. Ich er- 
kannte bald, daß diese Begründung eine gelungene Rationalisierung 
verdrängter sexueller Wünsche ist sowie daß ihr Ekel vor dem Leben einem 
Konflikt entstammt, der in Sexual ablehnung mündete. Um diese Zeit 
hatte sich nämlich ein junger Mann um sie beworben, dessen Bewer- 
bungen sie gern Gehör geschenkt hätte. Gewisse Familienrücksichten 
ließen aber eine Heirat als ausgeschlossen erscheinen. Anderseits 
fühlte sie starke moralische Hemmungen, sich dem jungem Manne hin- 
zugeben, ohne seine Frau zu sein. Eines der größten Hindernisse, welche 
sich ihren Wünschen entgegenstellten, war ihr kleiner Sohn, der sie 
an ihrer „Mutter- und Frauenwürde" (wie sie sagte) erinnerte. Die 
Aussicht, in so jungen Jahren zur Sexualabstinenz verdammt zu sein, 
war wenig trostvoll; dazu kam ihre Neigung zu dem jungen Manne, 
welche sie dazu treiben wollte, sich über alle Grenzen der Konvention 
hinwegzusetzen. Der während der Krankheit des Sohnes oft auftauchende 
Wunsch richtet sich gegen das Kind als das Hemmnis sexueller Lust. 
Wenn es stirbt, kann sie ihrem Herzen folgen.^) 

Eine ziemlich versteckte Form der Durchsetzung von Todes wünschen 
ist der Schwur bei dem Leben anderer teurer Personen. So ist mir ein 
Fall bekannt, wo eine Frau schwur : Wenn ich dies oder jenes gemacht 
habe, soll mein Mann sterben. Sie mußte nun fortwährend darüber 
nachdenken, ob sie das wirklich nicht gemacht habe and ob sie nicht 
falsch geschworen hatte ; sie stand ständig unter dem Banne der Furcht, 
ihr Schwur könne (kraft der „Allmacht der Gedanken") zum Tode 
ihres Gatten führen. Da sie von der Neigung, beim Leben, beziehungs- 
weise Tode ihres Gatten zu schwören, nicht lassen konnte und ihre 
Angst stärker wurde, schaffte sie sich insofern eine Erleichterung, als 
sie jetzt nur schwört: wenn das nicht so oder so ist, soll mein Mann 
noch heute sterben. Ihre Zweifel und ihre Angst dauern dann nur einen 
Tag. Es regt sich in ihr, wie sie selbst gesteht, eine Neugierde, ob ihr 
Schwur irgend welche Folgen für das Leben ihres Mannes habe. Es ist 



^) In den „Phantasien eines Realisten" von Popper-Lynkeos findet sich eine 
Novelle „Im Postwagen", worin an einem ähnlichen Beispiel die Gewalt des Sexual- 
triebes geschildert wird. Eine Frau, welche sich auf den ersten Blick in einen Reise- 
gefährten verliebt, schleudert ihren kleinen, schlafenden Sohn aus dem fahrenden 
Postwagen weil er die geschlechtliche Vereinigung der Beiden hindern könnte. 



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über die Wirkungen unbewußter Todeswünsche. 351 

bemerkenswert, wie nahe solche Schwüre durch ihre konditionale Form 
der Fassung aller Zwangsgedanken kommen. 

Ein mir bekannter Herr, welcher wegen einer Zwangsneurose in 
psychoanalytischer Behandlung steht, verspürt oft den Impuls, die halb 
ausgebrannte Zigarette in den Hof seines Wohnhauses, wo leicht ent- 
zündbare Waren lagern, zu werfen. Er tut es oft wirklich und wird 
dann von Zweifeln gequält, ob er sich nicht einer Brandlegung schuldig 
gemacht habe. Er steht dann unter einem Zwange : er muß beim Fenster 
warten und in den Hof hinabsehen, so lange, bis der Ausbruch eines Feuers 
nicht mehr befürchtet werden muß. Die Phantasien, welche diesem Im- 
pulse vorangehen und nachfolgen, erklären seine Bedeutung: der Herr 
malt sich aus, wie durch die brennende Zigarette ein Feuer entsteht, 
sich langsam im Hause verbreite; alle Anstrengungen der Feuerwehr, 
den Brand zu löschen, sind vergebens, alle Personen des Hauses kom- 
men durch das Feuer und den Rauch um. Diese Szenen sieht er mit 
halluzinatorischer Deutlichkeit vor sich und fühlt sich in Gedanken 
sehr behaglich. Endlich — der brave Mann denkt an sich selbst zu- 
letzt — sagt er sich, daß er ja selbst in dem Hause ist und derselben 
Gefahr entgegengeht. Er hörte sich vergebens um Hilfe schreien und 
sieht sich ohne Rettung verloren. Der Phantasie vom Untergänge aller 
folgt nun als Sühne und Selbstbestrafung, die Angst um das eigene 
Leben. 

Ein anderer Neurotiker beschäftigte sich ebenfalls im Gedanken 
sehr mit dem eigenen Tode. Er bildete gerne eine Tagesphantasie, welche 
von der Frage ausging, was er wohl beginnen würde, wenn ein Arzt 
ihm versicherte, daß er in einer bestimmten Zeit sterben müsse. ^) Er 
stellte sich vor, daß er dann alle Genüsse durchkosten würde, von denen 
ihn seine Neurose jetzt abhielt. Er würde Geld mit vollen Händen aus- 
geben, ohne Rücksicht auf eine mögliche Infektion, so oft es geht, koi- 
tieren (er leidet an Infektions- und Bakterienfurcht) etc. Um diese 
Phantasie richtig zu verstehen, muß sie wie etwa die hebräische Schrift 
von rückwärts nach vorn gelesen werden. Der Vater dieses Neurotikers 
hat dem Kinde einst die onanistische Sexualbetätigung verboten und 
dieses Verbotstrauma wirkte so stark nach, daß dem Patienten sein 
Vater als Hindernis jeden Genusses galt. Der Todeswunsch, der sich 
gegen den Störer erhob, war von Befürchtungen betreffs eigener Lebens- 
gefahr gefolgt und gesühnt. Weil er sich als Kind oft gefragt hat, wie 
lange der Vater noch leben werde, fürchtet er, daß ein Arzt ihm nur 
eine sehr kleine Lebensdauer voraussagen würde. (Selbstbestrafung.) 
Daß der Arzt ein Vatersurrogat darstellt, ist uns wahrscheinlich. (Das 
Todesurteil droht also vom Vater selbst.) 



*) Dieser Fall kann gleichzeitig als interessantes Beispiel der neurotischen 
Einstellong zar Zeit dienea. 



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352 Ü'^^r die Wirkungen nnbewnßter Todeswiinsche. 

Dann aber, da er sterben muß, ist er mit dem Vater quitt und kann sich 
alle Genüsse leisten. Das neurotische Symptom kommt hier wie ein „bio- 
graphischer Traum" der Darstellung einer Entwicklungshemmung nahe, in- 
dem es ein Hysteron proteron bildet : der Patient wurde in seiner infantilen 
Sexualbetätigung vom Vater gestört und wünschte diesem deshalb den Tod, 
welchen Wunsch er durch die Aussicht auf den eigenen Tod sühnt. Seine 
Tagesphantasie zeigt nicht nur diese Selbstbestrafung, sondern auch den Anlaß 
der Todeswünsche im Durchbrechen der verdrängten Regungen. Das 
rekonstruierte Schema der Aufeinanderfolge von Wunschregung und Be- 
strafung, beziehungsweise Furcht vor Bestrafung, läßt sich an einem 
kleinen Zuge zeigen, den er mir mitteilt. Wenn er sich in lustiger Ge- 
sellschaft befinde, sage er sich manchmal vor: „Ich amüsiere mich; es 
geht mir gut". Es ist ihm dann sofort, als riefe ihm eine andere Stimme 
aus dem eigenen Innern zu: „Na warte, du Kerl, ich werde dir gleich 
zeigen, daß du dir deine gute Laune nur einredest und daß es dir in 
Wirklichkeit schlecht geht". Wirklich ereignet sich, wie er erzählt, 
dann am selben Abend immer etwas Peinliches, mißglückt ihm etwas, 
verliert er eine Illusion etc. 

Derselbe Zwangsneurotiker brachte auch auf eine ziemlich unver- 
blümte Weise zum Ausdruck, daß er so böse Wünsche auch gegen mich 
hegt. Seine Eltern hatten eineii kleinen Hund, den sie liebten. Dieser 
erkrankte an Bräune und der Patient erklärte, der Hund müsse aus 
dem Hause, da er sich vor Ansteckung fürchte. Die bestürzten Eltern, 
bereit, jeden Wunsch ihres erkrankten Sohnes zu erfüllen, überlegten, 
was sie mit dem ihnen lieben Tier anfangen sollten. Der Patient rief 
ihnen zu : „Gebt ihn doch Dr. ^ * ^ !" Es ist hier für die psychoanalytische 
Auffassung ganz gleichgültig, ob die Ansteckung bei mir sich einstellen 
und gefährlich werden könnte. Entscheidend ist vielmehr, daß der Patient an 
die Lebensgefahr, welche aus der Nähe des Hundes drohte, glaubte und 
also mir diese Aussicht zudachte, wobei er sich nur bewußt war, daß 
er mir ein Geschenk machen wollte. Es sei noch angeführt, daß dieser 
Zwangsneurotiker andere Personen mit großem Vergnügen (mit einer 
sadistischen Lust, sagt er selbst) jene Gegenstände zu berühren zwingt, 
welche ihm „unmöglich" (tabu) sind und deren Berührung er wie den 
Tod selbst scheut. 

Überblicken wir die zahlreichen Fälle der unbewußten Nachwirkung 
von Todes wünschen, die wir an uns vorüberziehen gesehen haben, so 
erkennen wir ihre Triebabkunft durch den Schluß von der Wirkung 
auf das Bewirkende. In der Psychogenese der Todeswünscbe spielen 
verdrängte sexuelle Regungen die Hauptrolle ; sie sind indessen meistens 
mit starken Anteilen des Ichtriebes verlötet. Dieses Ineinanderwachsen, 
diese Triebverschränkung wird durch die narzißtische Einstellung er- 
möglicht, der auch der Glaube an die ..Allmacht der Gedanken" ent- 



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über die Wirkungen unbewußter Todeswünsche. 353 

stammt. Es bleibt zu vermuten, daß bei den Personen, welche so heftige 
Wünsche gegen ihre Liebsten haben, die sadistische Komponente konsti- 
tutionell besonders stark entwickelt ist. 

Ein Zwangsneurotiker gab mir folgende Beschreibung: „Dort wo 
ein anderer Mensch durch einen Nebenmenschen nur ein wenig unan- 
genehm berührt wird, erwacht in mir gegen diesen Nebenmenschen so- 
fort der Wunsch: stirb!" 

Die Wucht und Intensität der Leidenschaften bei diesen Personen 
setzt uns immer wieder in Erstaunen. Ebenso das ständige Begleiten der 
Liebe durch den Haß. 

Man mag vor der ungeheueren Verbreitung von Todeswünschen 
im Trieb- und AfFektleben erschrecken; kein Unbefangener, wird sie 
leugnen können. Unmöglich wirkt der Vorwurf, die Psychoanalyse habe 
diese sexuellen und feindseligen Wünsche den Patienten suggeriert. 
Nicht wir haben die menschliche Natur gemacht. 

Wenn dieser Vorwurf überhaupt einen Sinn hat, muß er gegen 
eine höhere Instanz gerichtet werden. Als Gott am sechsten Schöpfungs- 
tage die Welt betrachtet, sah er, daß sie gut sei. Vielleicht tun wir 
gut daran, dem anthropomorphischen Bilde, das wir uns von Gott ge- 
macht haben, die schöne Tugend der Bescheidenheit hinzuzufügen. 



Zeitichr. f. Äreti. PsyohoftnalyM. II. 23 



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m. 
Ein Beitrag zum Verständnis des Tic. 

Von Dr. J. Sadger, Nervenarzt in Wien. 

Im Frühjahr 1913 hatte ich Gelegenheit, den nachfolgenden Fall 
durch wenige Wochen einer psychoanalytischen Kur zu unterziehen. 

23 jährige Näherin von geringer Intelligenz leidet seit ihrem achten 
Lebensjahr an ticartigen klonischen Zuckungen und Tremor, vornehmlich 
in den Augenlidern, Stirn, Mund, Nase, Armen und Händen, besonders 
wenn sie sich ärgert und aufregt. So beispielsweise, wenn sie der älteste 
Bruder „sekkiert", am meisten jedoch, wenn sie sich an die Mutter er- 
innert, weil sie bei dieser immer daran denkt, ob ihr nichts 
passieren wird. Ganz ebenso ergeht es ihr übrigens bei jeder beliebigen 
Person, sobald ihr einfällt, jener könnte schlecht werden oder etwas ge- 
schehen. Solche Gedanken quälten sie, seitdem ihr Vater mit 49 Jahren 
plötzlich vom Schlage gerührt wurde und gleich darauf starb. Die Sorge 
für die Mutter erkläre sich wieder daraus, daß diese schwer herzleidend 
sei und öfter Anfälle von Atemnot habe. Ihr Leiden hatte die Mutter 
zwar schon vor dem Tod des Vaters, doch wurde es durch diesen arg 
verschlimmert. „Immer habe ich Angst," erzählt die Patientin, „wenn 
ich aus dem Geschäft nach Hause komme, daß sie einen Anfall kriegt 
oder überhaupt nicht mehr am Leben ist, das muß man stets befürchten. 
Als ich gestern im Geschäft von einem großen Automobilunglück hörte, 
habe ich sofort in den Augenlidern und Händen gezuckt, ebenso heute, 
als ich von dem Unfall einer Kollegin vernahm. Am allemervösesten 
aber werde ich, wenn ich höre, daß draußen die Feuerwehr oder gar die 
Rettungsgesellschaft fährt. Da bilde ich mir ein, es brennt bei uns zu 
Hause oder die Rettungsgesellschaft führt die Mutter weg ins Spital, wie 
vor drei Jahren, kurz bevor der Vater starb. Da kam ich eines Abends 
nach Hause und fünf Minuten vorher war die Mutter wegen eines ein- 
geklemmten Bruches weggeführt worden. Auch meine Furcht vor dem 
Feuer ist nicht unbegründet, weil mein jüngster, jetzt sechsjähriger 
Bruder, der Liebling der Mutter, immer so unvorsichtig mit der Lampe 
umgeht." 

Den Tic führt ihre Mutter darauf zurück, daß die Kranke in der 
zweiten Volksschulklasse, also im achten Lebensjahr, mitansehen mußte, 



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Ein Beitrag zum Verständnis des Tic. 355 

wie eine ihr übrigens durchaus unsympathische Kollegin von einem 
epileptischen Anfalle heimgesucht wurde und Zuckungen im ganzen 
Körper bekam, vornehmlich in Gesicht und Armen. „Als ich noch ein 
Kind war, lief Mutter wegen meines Zuckens in alle Spitäler mit mir 
aber sie richtete nichts aus. Ich weiß nicht, haben sich die Doktoren 
keine Mühe gegeben, kurz und gut, es wurde eher noch schlimmer. 
Wegen meiner Zuckungen hat es auch Streitigkeiten zwischen den Eltern 
gegeben. Vater sagte immer, ich sei verrückt, alles wäre nur Einbildung, 
während die Mutter mich stets in Schutz nahm. Darum hing ich auch 
immer mehr an ihr und trat bei Streitigkeiten stets auf ihre Seite, was 
den Vater immer doppelt ärgerte." 

Trotz solcher Unstimmigkeiten zwischen den Eltern bedeutete doch 
der Tod des Vaters eine wahre Katastrophe für die Witwe sowohl als 
die sieben Kinder, die er hinterließ. Vor allem härmte sich die Mutter 
furchtbar, nahm immer mehr ab und geriet in einen dauernden 
Depressionszustand, in welchem ihr alles gleichgültig wurde. „Wenn man 
ihr sagt, etwas könnte anders sein", beklagt sich unsere Kranke, dann 
gibt sie stets zur Antwort: ,Ach was! Laßt's mich in RuhM Wann ich 
nur schon gestorben war' !" Sie spricht immer nur vom Sterben und daß 
es ihr ebenso ergehen wird wie dem Vater und sieht die Zukunft immer 
ganz schwarz." Schwer waren die Folgen jener Katastrophe auch für 
die Kinder, zumal unsere Kranke, auf die, als die älteste, nun die 
Hauptlast fiel. „Früher hatte der Vater alle schwere Arbeit gemacht und 
wir brauchten uns um nichts zu sorgen, jetzt aber müssen wir uns selbst 
um alles kümmern, da die Mutter nichts mehr arbeiten kann. Ich glaube 
immer, sie wird gemütskrank werden, weil sie so wenig spricht und so 
traumverloren umhergeht, Sie hat so sehr am Vater gehangen und, so 
oft man unvermutet nach Hause kommt, weint sie über ihn. Wenn man 
das immer sieht, wird man auch so. Ich denke mir, einmal wird etwas 
Unerwartetes mit ihr geschehen, daß sie der Schlag trifft oder was 
Ähnliches." 

Verstärkt wird diese Furcht noch durch Reden der Mutter, wie 
etwa: „Paßt's auf, einmal kommt ihr nach Hause und da hat mich 
der Herzschlag getroffen!" oder: „Es wird nimmer lang dauern mit mir, 
was werdet ihr dann allein anfangen?" Ein andermal „lamentiert sie 
wieder, Vater sei selber schuld an seinem Tode gewesen, weil er nie 
auf seine Gesundheit geschaut habe, und jetzt stehe sie da mit so viel 
Kindern. Ich hielt ihr vor, sie habe doch uns. Wir bemühen uns alle 
und trachten nur, daß es ihr besser geht. Es fehlt ihr doch wirklich 
nichts und trotzdem jammert sie immer bloß. Sie ist mit gar nichts 
zufrieden und klagt, daß sie mit dem Geld nicht auskomme und daß es 
ihr so schlecht gehe; dabei versteht sie es nicht, sich das Geld ein- 
zuteilen, weil sie früher gewohnt war, daß der Vater sich um alles 

23» 



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356 Dr. J. Sadger. 

kümmerte. Und sie könnte so schön leben! Alle schwere Arbeit außer 
dem Kochen nehmen wir ihr ab. Sie legt sich nieder, wann sie will, und 
steht auf, wann sie will, sie könnte es sich nicht schöner wünschen, 
und dennoch ist sie nie zufrieden. Und dann macht sie wieder solche 
Szenen wie gestern, wo sie Angst hatte, sie wird sterben. Da sucht sie 
ihre sämtlichen Dokumente zusammen und ruft uns alle zu sich usw. 
Ich schreibe ihr die ganze Schuld zu, daß ich so nervös bin." Später 
ergänzt die Kranke noch: „Mutter war früher eine sehr ruhige und 
energische Frau, die immer gearbeitet hat. Sie hat auch sehr auf uns 
geschaut, aber zärtlich war sie eigentlich nie zu uns, auch jetzt nicht. 
Hingegen verlangt sie, daß wir zärtlich zu ihr seien und ihr alles 
mögliche bringen, und was man auch tut, alles ist ihr zu wenig. Dabei 
war der Vater, solange er lebte, nie besonders zärtlich zu ihr, höchstens, 
wenn er gut aufgelegt war, hat er sie sekkiert." 

Hier sieht man wieder deutlich, daß seelische Depressionen dem 
schwer empfundenen Mangel an Liebe entspringen. Seitdem sie den 
Mann verloren hatte, an dem sie so hing, fand die Mutter an den Kindern 
zu wenig Ersatz. Gleichwohl ist sie stets eifrig aus, ein möglichstes an 
Liebe zu erpressen durch ihre Krankheit. Nur sollen die Kinder ja nicht 
glauben, daß sie sie da je zufriedenstellen könnten. Bei solchem Zärt- 
lichkeitsbedürfnis der Mutter wird es begreiflich, daß auch ihre Älteste 
nicht anders geriet, vielmehr im Gegenteil dies Liebesbedürfnis ins 
Äußerste trieb. Wir hörten schon oben, wie schwer sie es aufnahm, daß 
sie bei der Mutter keine Gegenliebe fand. Das spann sie einmal derart 
weiter : „Zu Hause kommt einem niemand mit Liebe entgegen, drum bin 
ich auch bei fremden Leuten lieber als zu Hause. Mutter ist ja gut mit 
uns, aber hätscheln kann sie nicht und auch nicht zureden. Bei ihr geht 
alles rasch, sie muß gleich schimpfen. Dabei tut sie mir auch immer 
unrecht. Kommt es zwischen uns Geschwistern zu Streitigkeiten, 
dann wird alle Schuld auf mich, als die Älteste, geschoben. Besonders 
wenn ich ihrem Liebling, meinem jüngsten Bruder, etwas verweise, da 
heißt es immer: ,Du bist gleich so grob!'" 

Um ihr Verhalten völlig zu verstehen, ist es unerläßlich, noch den 
Einfluß des Vaters heranzuziehen sowie die Eindrücke ihrer ersten 
Kindheit. Der Vater war Amtsdiener und Hausbesorger und trank bei 
seinen beruflichen Gängen in jeder Weinstube, an der er vorbeikam, ein 
Viertel Wein, obwohl er Alkohol schlecht vertrug. Seine 1'runksucht 
war wohl schuld oder spielte mindestens erheblich mit, wenn er zu 
Hause „immer so nervös, aufgeregt und jähzornig war. Man durfte sich 
nicht rühren und kein lautes Wort sprechen, und das vertragen Kinder 
auf die Dauer nicht. Und wenn uns Vater dann strafte, glaubten wir, er 
tue uns unrecht. Er konnte so wild werden und furchtbar schreien, und 
da er ohnehin ein lautes Organ hatte, war es, wenn er da noch zu 



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Ein Beitrag zum Verständnis des Tic. 357 

schreien begann, zum Auf- und Davonrennen. Ich zuckte immer vor 
Schreck am ganzen Körper zusammen, wenn er böse wurde und zu 
schreien anfing. Die ganze Woche schimpfte er fürchterlich, und wenn 
ihm etwas nicht paßte, konnte er fortwährend ,keppeln'. Besonders hat 
er immer mit mir geschimpft, ich machte mir aber nicht viel daraus, 
sondern ließ ihn schimpfen; dabei hatte er mich aber doch gern und 
nahm mich z. B. mit, während die andern zu Hause bleiben mußten. 
Mutter sagt, ich hätte stets das Gegenteil von dem getan, was er mir 
schaffte, während ich glaubte, er tue mir unrecht. Ich habe ihm nur 
immer meine Meinung gesagt, er solle mehr auf sich schauen und auch 
auf die Mutter, nicht alles verschenken und auch nicht mit den Leuten im 
Hause so schimpfen. Und da hatte er halt einen Zorn. Mutter unter- 
stützte mich stets. ,Sie hat schon recht, du folgst eh' niemand!' 
Manchmal tat er mir auch wirklich unrecht mit der Behauptung, ich 
sei eigensinnig und trotzig und mache ihm alles zu Fleiß. Das war aber 
gar nicht wahr, das bildete er sich nur ein." 

Ihr Verhältnis zum Vater beleuchten noch besser folgende 
Äußerungen: „Herzlich war weder er noch die Mutter, aber Vater war 
immer besorgt um uns. Und wenn er seinen guten Tag hatte, spielte er 
mit uns und war da geradezu übermütig. Er hob uns Kinder in die 
Höhe, ließ uns Purzelbäume schlagen und zwickte uns, daß wir schrien 
und die Mutter schimpfte: ,Du alter Narr, du tust den Kindern weh!' 
Daran erinnere ich mich bestimmt aus meinem fünften, sechsten Jahre. 
In späteren Jahren hat mich der Vater nicht gerade zurückgesetzt, aber, 
da ich die Alteste war, mußte ich alles machen und er war mit mir 
weniger lieb als mit den andern, was mich sehr oft ärgerte. Überhaupt 
so recht herzlich wie in manchen Familien, daß sich eines beim andern 
beklagen kann, war es bei uns nie. Wenn ich etwas habe, trage ich es 
mit mir selber herum. Eher sage ich es noch im Geschäft wie zu Hause 
und trotzdem hängen wir so aneinander. Ich glaube, wir Kinder sind 
alle wie der Vater. Wir sind gleich in der Höhe, streiten und zanken 
uns, aber im nächsten Moment tut es uns leid, nur wollen wir es nicht 
eingestehen, weil sich jeder vor dem andern geniert zu sagen, daß es 
ihm leid tut. Ich bin auch so. Zuerst schimpfe ich und bin so 
zornig, daß ich meinen Geschwistern alles zusammenschlagen möchte, 
und im nächsten Moment tut es mir leid und ich weiß nicht, wie ich es 
gutmachen soll. So war der Vater auch genau so. Mutter sagt immer : 
,Du bist der ganze Vater!'" 

Das Charakterbild des letzteren wäre nicht vollständig ohne die 
Erwähnung der folgenden Züge: „Allen Leuten hat er versprochen und 
gegeben, auch wenn er selber nichts hatte. Er konnte niemand Nein 
sagen. Wenn jemand irgend eine Arbeit hatte, die ihm zu schwer war, 
kam er zum Vater um Aushilfe, welche auch nie verweigert wurde. Als 



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358 ^^- J- Sadger. 

Vater gestorben war, sprachen viele Arbeiter bei uns vor. Dem einen 
hatte er einen Hut, dem andern Schuhe, dem dritten einen Rock ver- 
sprochen, obwohl er selber nichts zu verschenken hatte. Bat man ihn 
um etwas, so schimpfte er, um es schließlich doch zu geben. Höchstens, 
daß er es verstohlen hinlegte. Lieber litt er Not, eher er jemandem eine 
Bitte abschlug. Und ich bin genau so. Die Leute müssen es mir direkt 
ansehen, daß ich niemandem etwas abschlagen kann. Zu Hause habe ich 
eine Masse Gratisarbeit, und wenn mich jemand ersucht, ihm eine Karte 
abzunehmen, muß ich es tun, auch wenn ich mir das Geld dazu aus- 
borgen müßte. Ich mache mir oft selber Vorwürfe, auf allen Seiten 
würzen mich die Leute." Es ist wohl ohne weiteres durchsichtig, daß 
sie sich aus übergroßer Liebe zum Vater mit diesem identifiziert. 

Der letztere hing auch mit besonderer Zärtlichkeit an seinem 
eigenen Vater, also ihrem Großvater. Als dieser starb, erzählte die Mutter, 
„war der Vater ganz verändert, ist stiller geworden und hat nicht mehr 
auf sich geschaut. So hat er an dem Großvater gehangen. Der war auch 
der einzige, welcher sich um Vater kümmerte und dessen Kinder, also 
seine Enkel. Er hatte auch mich sehr gern und in meinem sechsten, 
siebenten Jahre war ich zu Weihnachten und in den Ferien immer 
draußen. Er hat mit mir herumgespaßt und mir Näschereien gegeben. 
Auch die Schwester des Vaters war stets lieb zu mir. Überhaupt wurde 
ich als Kind von allen Seiten verwöhnt. Als Vater noch Portier in 
einem Hause der Inneren Stadt war, wurde ich alle Augenblicke anders- 
wohin geholt, zur Jause, zum Gabelfrühstück. Im zweiten Stock wohnte 
eine alte Gräfin, mit der ich Domino spielen mußte, während wieder 
der Hausherr ein Mäderl in meinem Alter hatte, der ich Gesellschaft 
leisten sollte. So kam es, daß ich tagsüber gewöhnlich gar nicht zu 
Hause war. Überall wurde ich verwöhnt, nur in meiner eigenen Familie 
nicht, da hat es Schläge genug gegeben." Wie man sieht, liegt eine 
übergroße Liebefähigkeit auch in der väterlichen Familie unserer Kranken. 
Sie ist demnach in diesem Punkte von beiden Elternteilen schwer be- 
lastet. Hiezu kommt als weiterer bedeutsamer Umstand die frühe Ver- 
wöhnung in der ersten Kindheit. 

Eine solche aber gab es für die Kleine nicht nur bei fremden 
Leuten, sondern, wie sich im Laufe der Analyse herausstellte, auch im 
Familienkreise, ob freilich auch nur in den frühesten Jahren. „Als ganz 
kleines Kind wurde ich von Tante, Onkel, Großvater uud selbst den 
Eltern stark verhätschelt. Die Tante und die Firmpatin haben mir er- 
zählt, solange nur ich und die nächste Schwester da waren, hat der 
Vater immer besondere Stücke auf mich gehalten. Die Schwester, die 
nach mir kam, war keine Konkurrenz für mich, denn sie „raunzte" den 
ganzen Tag und heißt noch jetzt als Erwachsene „Die große Raunz'n". 
Vielleicht hatten mich die Eltern deshalb so lieb, weil ich nicht so 



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Ein Beitrag zum Verständnis des Tic. 359 

^grandig*^ war wie die. Das änderte sich erst, als in meinem fünften 
Jahre der älteste Bruder auf die Welt kam und natürlich als Bub be- 
sonders verhätschelt wurde. Aus jener frühesten Zeit erinnere ich mich 
noch selber, wenn man mich geschimpft hat, fühlte mich stets zurück- 
gesetzt und glaubte, man tue mir unrecht." 

„Mutter erzählte mir, daß ich als kleines Kind sehr neidig war, alles 
für mich haben wollte, und wenn eines meiner Geschwister etwas bekam, 
es ihm immer wegnahm. Das muß aber in den frühesten Jahren gewesen 
sein. Denn, als ich in die Volksschule kam, war ich es nicht mehr, 
sondern habe im Gegenteil mit jeder geteilt. Vor zwei Jahren gab Tante 
folgendes aus meiner Kindheit zum besten. Wenn ich Geld bekam, habe 
ich es mir beim Kanalgitter im Hofe unter einem Stein versteckt, damit 
es die andern nicht kriegen, und wenn viel beisammen war., hat es mir 
die Mutter herausgenommen. Noch heute bin ich so. Wenn mir meine 
Chefin etwas gibt, freut mich das riesig. Gibt sie aber den andern auch, 
dann ist die Freude weg, weil ich mir sage, sie schenkt allen. In solchen 
Dingen bin ich furchtbar empfindlich. Gibt sie mir aber versteckt und 
heimlich, dann freut mich das viel mehr. So hat mir als Kind auch die 
Mutter öfters insgeheim ein paar Kreuzer zugesteckt, damit der Vater 
es nicht sehe, weil der sonst keppelte." Wachte ihre Liebe hier eifer- 
süchtig, daß keinem andern gegeben werde, mit andern Worten : vertrug 
sie es nicht, daß auch für eine zweite Person noch Zärtlichkeit abfiel — 
was erst in der Volksschulzeit durch Reaktion teilweise ins Gegenteil 
verkehrt ward — so fehlte auch die Kehrseite nicht. Muß die Patientin 
doch berichten: ;,Als Kind war ich sehr trotzig und habe alles zu Fleiß 
getan, aber nur jenen Leuten, die mir nicht gut, die nicht lieb zu mir 
waren, z. B. Parteien im Hause, Freundinnen, aber auch Mutter und 
Vater." Das Gefühl, man sei ihr nicht gut, war freilich bei ihrer aus- 
nehmenden Liebesbedürftigkeit sehr leicht zu wecken. Zum Teil hing 
übrigens jener Trotz auch mit ihrem Analcharakter zusammen, dem 
ferner der infantile Geiz, sowie endlich noch ihre peinliche Nettigkeit 
und Scheuerwut entspringen. 

„Wenn jemand lieb zu mir ist, wie meine jetzige Chefin, gehe ich 
durchs Feuer für sie. Dies Liebesbedürfnis habe ich jeder Person gegen- 
über, gleichgültig ob Mann oder Weib. Wenn sie lieb zu mir ist, er- 
frischt mich das geradezu. Aber das findet man heute doch gar nicht. 
Ich bin eigentlich im stände, jedermann gern zu haben, wenn er nur 
lieb mit mir ist. Ich kann auch nicht lange böse sein. . . . Wenn ich in ein 
anderes Geschäft käme und man mir etwas sagen, mich beispielsweise 
ausschimpfen würde, daß ich etwas nicht recht mache, könnte ich es 
dort nicht aushalten, ich liefe gleich davon. Anderswo darf man sich 
nicht rühren, da heißt es unbedingt folgen, und demütigen tue ich mich 
auch nicht gern. Und das Anschaffen geht schon gar nicht. Ich mache 



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360 ^' J- Sadger. 

alles und gern, aber so wie ich es für gut finde. Wenn man mir aber 
schafft, ist es aus. Bei mir richtet man überhaupt nur im Guten etwas 
aus, im Bösen nie.** Man erkennt hier unschwer die infantile Trotz- 
einstellung. 

Oben führte ich aus, daß sie sich aus Liebe dem Vater gleichsetzte. 
Das geht noch aus einer Reihe von Zügen hervor, aus denen ich einen 
besonders heraushebe, weil er mit ihrem Tic in Zusammenhang steht. 
Kolleginnen und Freundinnen liebt sie nämlich zu „sekkieren** und zu 
zwicken, genau wie der Vater einst ihr getan und bezeichnenderweise 
an den nämlichen Stellen. Selbstredend galt und gilt ihr dies Tun als 
Zärtlichkeitsausdruck. So zwickt sie z. B. in ihrem Geschäft das erste 
Fräulein, welches sie besonders ins Herz geschlossen und das sich durch 
volle Arme auszeichnet, ausnehmend gern. „Sobald ich sie erwischen 
kann, zwick' ich sie." Und als ich nach den Gründen fragte, tat sie 
den charakteristischen Ausspruch: „Ich denke mir halt: wenn man 
jemand zwickt, muß man ihm gut sein! Auch beißen tu' ich unsere 
Erste gern in den vollen Arm. Wenn sie bei mir steht und mir schön 
tut, so zwicke oder beiße ich sie. Oder mindestens schmiege ich mich 
fest an sie oder lege meinen Kopf auf ihre Hand und da sagt sie immer : 
,Heut' hat sie schon wieder ihren närrischen Tag !' So zärtlich war ich 
auch zu meinem Vater, aber nur als Kind bis zu fünf, sechs Jahren, 
später nimmer. Und wenn er seinen guten Tag hatte, sekkierte und 
puffte und zwickte er mich auch, bis die Mutter zu schimpfen begann . . . 
Kommt jetzt jemand an mich an, so zucke ich gleich. Ich bin sehr 
kitzlich, mich darf man nicht anrühren. Das war von jeher so. Im Ge- 
schäft wissen sie das, sekkieren mich bei jeder Gelegenheit und, sobald 
sie mich erwischen können, kitzeln oder zwicken sie niich aus Neckerei. 
Eine hält mich, die andere geht über mich und da muß ich schreien.** 
Neben ihrer hochgradigen Haut- und Muskelerotik tritt auch die Ver- 
erbung von Seiten des Vaters klar zu Tage. Denn wohl nur dessen eigene 
Muskelerotik trieb ihn dazu, seine Zärtlichkeit durch Zwicken und 
Puffen zu äußern. Im Guten wie im Bösen, aus Liebe, wie wenn er 
zornig war, pflegte er unsere Kranke am Arm zu packen und kräftig 
zu „beuteln". Auch aus dieser Erfahrung begreift es sich gut, daß sie 
zu zucken und zu zittern begann, wenn sie ihr Vater unversehens packte, 
oder jetzt ihr ein anderer nahe kommt. 

Von unseren Psychoneurotikern her ist uns geläufig, daß sie aus 
übergroßem Liebebedürfnis und einer daraus entspringenden Eifersucht 
zu Todeswünschen neigen auf Vater und Mutter, aber auch die Ge- 
schwister, welche ihnen vermeintlich die Liebe ihrer Eltern rauben. Das 
ist nun auch bei unserer Kranken sehr schön zu verfolgen. „Ich bin 
überhaupt keine Kinderfreundin", beginnt sie einmal. „Das Schreien der 
kleinen Kinder macht mich nervös. Als mein jüngster Bruder auf die 



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Ein Beitrag zum Verständnis des Tic. 361 

Welt kam, an dem die Mutter so hängt — ich war damals 17 Jahre 
alt — , war mir das sehr zuwider. Wir waren schon so große Kinder 
und da soll man noch einen kleinen Buben herumtragen. Vielleicht war 
auch Eifersucht mit dabei. Als man mich damals hereinrief, machte ich 
ein langes Gesicht, wollte erst gar nicht hinein und ihn dann nicht an- 
schauen, so daß der Vater schimpfte." Noch größer war ihre Eifersucht 
beim ältesten Bruder gewesen. Als dieser zur Welt kam, merkte die 
Vierjährige, daß die ganze Liebe der Mutter, aber bald auch des Vaters 
sich dem neuen Stammhalter zuwandte. Kein Wunder demnach, daß sie 
jedes Geschwisterchen mit Widerwillen empfing und fort oder tot 
wünschte. Jetzt nach der Verdrängung hängt sie mit besonderer Zärt- 
lichkeit an ihnen, und, wenn eines erkrankt, sorgt sie sich weit mehr 
als selbst die Mutter. Auch um diese letztere bangt sie jetzt stets in 
übertriebenster Weise, was sich bei ihr, wie in allen Fällen, auf frühere 
Todeswünsche zurückführen läßt, die im Unbewußten auch heute noch 
fortbestehen. Gleiche bösartige Gedanken und Wünsche nährte sie ehe- 
mals auch wider den Vater und übertrug sie schließlich auf sämtliche 
Leute, weil sie ja von allen eine ganz besondere Liebe heischte. Man 
wird nun begreifen, warum jeder Unglücksfall auch wildfremder Menschen 
so mächtige Reaktion bei ihr auslöst. 

Was hat nun das Zittern sowie der Tic für einen Sinn? Beides 
bekam sie, wie ich eingangs ausführte, wenn sie sich aufregte oder är- 
gerte. Der Ärger ging im wesentlichen auf das „Sekkieren", wie es jetzt 
der Bruder, in der Kindheit der Vater gern übte. Wenn sie da angepackt 
und geschüttelt wurde, so war das Zittern wie das Zusammenfahren 
ohne weiteres verständlich. Wir wissen aber, daß sie der Vater nicht 
bloß im Zorn anpackte, sondern ebenso und noch viel häufiger im 
zärtlichem Spielen. Diese letzte Liebeserinnerung nun hält sie im Tic und 
im Zittern fest, weil beides eine Wunscherfüllung bedeutet. Gut ver- 
ständlich ist ferner, daß sie auch zusammenzuckt, wenn sie an ihren 
Bräutigam denkt, an Liebkosungen oder gar an grob Sexuelles. Jene 
beiden Symptome bekommt sie aber noch bei starken Aufregungen, 
die hauptsächlich auf Tod und Unglücksfälle ihrer Nächsten gehen, 
welche ihrer Liebe im Wege stehen. Auch hier steckt also hinter den 
Symptomen eine Wunscherfüllung, da sie durch den Tod des betreffen- 
den Angehörigen eines Liebeskonkui-renten ledig würde. Ein dritter 
Zusammenhang knüpft an ihren infantilen Trotz an: „Wenn man mir 
etwas schaffte, habe ich getrotzt und getan, als hörte ich nicht. Oft 
habe ich auch mit dem Kopfe oder den Schultern gezuckt oder die 
Nase gerümpft, als wollte ich sagen : ,Nein ! Ich mag nicht !' Und jetzt 
wenn ich mir denke, der Mutter könnte schlechter werden, oder mir 
sonst etwas Peinliches einfallt, das ich verscheuchen will, da zucke ich 
so : Nein ! Ich mag nicht ! Ich bin nicht sicher, ob mein Zucken damals 



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362 Dr. J. Sadger. 

bei der epileptischen Kollegin wirklich begann, wie Mutter behauptet. 
Übrigens habe ich die auch nicht mögen." Mit diesem „Ich mag nicht!" 
als Sinn des Tics, weist sie natürlich auch die jetzt unerträglich 
gewordenen Todeswünsche zurück. Bestand und besteht doch neben 
der feindseligen auch stets eine liebevolle Einstellung zu den Angehörigen, 
welche sie fortwünscht. Wie immer man aber ihren Tic auch deutet, stets 
kommt man auf Sexuell-Erotisches, auf Wunscherfüllung und infantile 
Ursprünge. 

Nun wäre noch eine Frage zu erledigen : warum wirft sich eigentlich 
ihre Krankheit just auf die Muskeln und erzeugt da den Tic und das 
häufige Zittern ? Warum wird Patientin bei ihrem ausnehmenden Liebes- 
bedürfnis, der besonderen Disposition zur Hysterie, nicht einfach neuro- 
tisch? Einzelne Symptome der Hysterie, auf die ich hier nur nicht 
eingehen kann, besitzt sie nun freilich. Doch stehen sie gewissermaßen 
in zweiter Linie. Quälend und peinlich und besonders auffällig für ihre 
Umgebung ist einzig der Tic und das häufige Zittern. Ich glaube, da 
bleibt zur Erklärung nichts übrig, als eine besondere organische Vorbe- 
dingung anzunehmen, mit anderen Worten: eine stark erhöhte Muskel- 
erotik, für welche es an Belegen nicht fehlt, so wenig wie an erblicher 
Disposition. Denn, hätte nicht der Vater schon jene besondere Erotik 
besessen, wäre ihm nicht höchstes Vergnügen gewesen, seine Kinder zu 
packen, zu puffen und zu zwicken, so daß es seiner Frau bereits zu- 
viel war. Auch sein Alkoholismus dürfte die Ansprechbarkeit seines 
Muskelsystems nicht unerheblich gesteigert haben und solche erhöht 
reizbare Muskeln sind dann der Erotik besonders zugänglich. Von eigenen 
Äußerungen der Muskelerotik weiß die Patientin folgendes zu sagen : 
„Ich hatte stets unruhiges Blut. Nie konnte ich ruhig sitzen und machte 
alles so geräuschvoll, u. zw, von jeher. Mutter sagt, ich sei immer so 
derb gewesen und faßte alles so kräftig an. Auch im Geschäft sagen 
sie das gleiche und lachen mich oft aus, weil ich alles so hastig mache. 
Meine Maschine ist stets die lauteste, man hört sie durch die ganze 
Werkstatt. Auch wenn ich nur hereinkomme, sagen sie, ginge ich lauter 
als alle andern.^) Wenn ich die Schere niederlege, lachen sie mich 
aus : sie wird gleich hin sein. Von allem, was ich in die Hand nehme, 
bilden sie sich ein, ich breche oder ruiniere es. Meine Chefin schimpft 
auch immer, weil ich soviel Maschinnadeln zerbreche." Ihr Vergnügen 
ferner am Puffen, Zwicken und Beißen, zumal in volle Muskeln hinein, 
und daß ihr dies alles ein Liebesbeweis ist, habe ich schon oben aus- 
führlich besprochen. Endlich dünkt mich ihre Zank- und Streitsucht, 
die Neigung zu schreien und zu schimpfen — beides auch Erbteil ihres 

*) Auch wenn sie meine Wohnung betrat, war dies im Ordinationszimmer 
deutlich hörbar. Sie stapfte durch die Räume wie ein Dragoner trotz ihrer eher 
schmächtigen Figur. 



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Ein Beitrag zum Verständnis des Tic. 3g3 

Vaters — sowie ihre Ungeduld, was alles sich bei vielen Tickranken 
bezeichnenderweise ebenso findet, Ausfloß erhöhter Muskelerotik und der 
mit dieser vielfach verbundenen Schleimhauterotik. 



Die Kranke, die ich vorstehend schilderte, stand leider kaum vier 
Wochen in meiner Behandlung, also viel zu kurze Zeit für eine psycho- 
analytische Kur bei einem jahrelangen Leiden. Auch andere Umstände 
lagen äußerst ungünstig. So war die Patientin nicht eben der Intelli- 
gentesten eine und, was am störendsten und der Kur ein vorzeitiges 
Ende setzend, kurz vor derselben hatte sie einen Liebeshandel ange- 
fangen. Der Auserkorene, dessen Angehörige für seine Heirat mit ihr an- 
geblich schwärmten, ließ sich aber Zeit und rückte mindestens während 
der Behandlung mit keiner deutlichen Erklärung heraus. Noch mehr, 
von seinen Berufsreisen sandte er eine Woche lang täglich Ansichts- 
karten, dann aber hüllte er sich die folgenden zehn Tage in tiefes 
Stillschweigen, was natürlich sehr ungünstig auf ihren Zustand zurück- 
wirkte. Ich hatte z. B. durch die ersten Aufdeckungen der Psychoana- 
lyse eine sichtliche Besserung des Tic erzielt. Da verstummte der 
Liebhaber plötzlich ganz und die unaufhörliche Gemütsaufregung, der 
ewige Wechsel zwischen neuer Hoffnung und täglicher Enttäuschung 
belebte das Übel wieder von neuem. Da solche Umstände jeden Heil- 
erfolg zunichte machen müssen, lassen sich aus unserem Kasus für die 
Wirksamkeit der psychoanalytischen Therapie weder nach der positiven 
noch negativen Seite irgend verläßliche Schlüsse ziehen. 

Und doch wäre just ein günstiger Effekt für die allgemeine Pro- 
gnose des Tic von außerordentlicher Bedeutung gewesen. Denn wenn 
auch einzelne französische Forscher und unter den Deutschen besonders 
Oppenheim von systematischer Gymnastik und seelischer Zucht 
ein wesentliches Zurücktreten, ja nicht selten geradezu Heilung sahen, 
so gilt dies ausschließlich von den leichteren Fällen, von jenen Formen, 
die keine psychische Komplikationen zeigen, also keine Zwangssymptome 
oder Phobien, Denn au diese schweren Komplikationen reichen weder 
jene Heilbestrebungen noch eine sonstige Therapie heran, mit Ausnahme 
eben der Psychoanalyse. Müssen doch sogar Meige und Feindel 
ausdrücklich zugeben, daß jene schweren Formen, die maladie Gilles 
de la Tourette, bisher einer jeden Behandlung trotzten. Nun hat eine 
hundertfaltige Erfahrung uns belehrt, daß die Psychoanalyse sich gegen 
Zwangshandlungen hilfreich erweist. Wenn es also gelänge, mit dieser 
Methode gleichzeitig auch den Tic zu beheben, zu welcher Hoffnung 
mich im obigen Falle meine anfänglichen Erfolge zu berechtigen schienen, 
dann wären wir um einen großen Schritt weiter. Nach dem vorzeitigen 



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364 I^r. J. Sadger. 

Abbruch der Behandlung muß ich die Frage der Heilungsmöglichkeit 
dahingestellt sein lassen. 

Hingegen dünkt mich selbst meine kurze Analyse einiges beige- 
tragen zu haben zum Verständnis des Tic und seiner Genese. Am besten 
dürfte dies einzusehen sein aus der Gegenüberstellung der bisherigen 
Erklärungsversuche des Tic und der sich aus unserem Falle ergebenden 
Deutung. Ich wähle das Eingangsbeispiel aus dem klassischen Buche 
von Meige und Feindel.^) Da sagt der Patient M. 0.: „Viele meiner 
Kopf- und Gesichtsbewegungen rühren daher, daß ich zeitweise die Spitze 
meiner Nase oder meines Bartes sehe. Die Nase ärgert mich, sie ist mir im Wege. 
Um dies zu beseitigen, hebe oder drehe ich den Kopf, bis ich den Ge- 
genstand, den ich fixiere, klar sehe; aber zugleich sehe ich wieder da- 
neben die Nase und von neuem hebe ich den Kopf und bringe ihn auf 
die andere Seite. Dabei kann mich nichts von diesem seltsamen Spiel 
abbringen; seine Zwecklosigkeit ist mir wohlbewußt, aber das genügt 
nicht, um mir die Lust zu nehmen, von neuem mit meiner Nase Ver- 
steckens zu spielen. Aus demselben Grunde blinzle ich alle Augenblicke 
mit dem einen oder dem andern Auge, auch mit beiden zugleich : ich 
will meine Nase sehen, die ich doch eigentlich nicht sehen möchte. '^ 
Und die Autoren geben hiezu die Deutung: „Hier ist also ein Tic 
durch einen alltäglichen Gesichtseindruck erzeugt. Jeder kann seine 
Nasenspitze sehen und sieht sie jederzeit, wenn er nur will ; aber keinen 
inkommodiert sie, wenn er etwas anderes fixiert. Unser Kranke aber 
teilt seine Aufmerksamkeit zwischen Nasenspitze und dem fixierten Ge- 
genstand. Seine schwache Willenskraft schwankt von einem zum an- 
dern und ist nicht im stände, sich nur auf dies oder jenes zu konzen- 
trieren. Aus der Wiederholung des Aktes .wird eine Gewohnheit, 
die anfangs freiwillige Geste wird zur automatischen. Das ur- 
sprüngliche Motiv ist bald aus dem Gesicht verloren. Die Bewegung 
wiederholt sich unaufhörlich, zwecklos, und der unaufmerksame, willens-, 
schwache Patient macht keine oder nur flüchtige Anstrengungen, seine 
jetzt zusammenhanglose Bewegung zu hemmen, zu überwinden. Dies ist 
die eigentliche Genese eines Tic." 

Während der Kranke hauptsächlich von dem Ärger spricht, doch 
zugleich auch der Lust und Befriedigung gedenkt, die der Tic ihm be- 
reitet, supponieren die Autoren eine hypothetische Willensschwäche, die 
im übrigen gar nicht im Charakter des geschilderten Kranken liegt. 
Wir würden vielleicht, ohne Psychoanalyse gemacht zu haben, bei der 
Nase, welche ihm so im Wege ist und die er durchaus weghaben will, 
aber doch immer wieder ansehen muß, an den Phallus denken und die 
Kastration. Auch fällt uns wohl ein, daß eine neurotische Willens- 

*) ^Der Tic, sein Wesen und seine Behandlung**, deutsch von 0. Giese, 
Leipzig 1903 



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Ein Beitrag zum Verat&ndnis dea Tic. 365 

schwäche in der Regel dem Konflikt entspringt zwischen fortdauerndem 
unbewußten Wollen und bewußter Verdrängung, i) 

Doch kehren wir nunmehr vom Fall M. 0., bei dem die Genese 
doch nur zu vermuten ist, zurück zu meinem analysierten Kasus. Hier 
finden wir zunächst bestätigt, was dort nur Vermutung. Die Kranke 
hält an dem Tic so fest, weil er erotische Lust fixiert aus frühester 
Kindheit, die immer von neuem ins Bewußtsein drängt. Man begreift 
sofort, daß die Kranke im Grunde ihren Tic so wenig aufgeben mag, 
wie die Hysterischen ihre neurotischen Symptome. Hätte sie die hypo- 
thetische Willensschwäche, so wäre auch diese nur zu gut verständlich. 
Denn der stete Kampf zwischen bewußtem Wollen und unbewußtem 
Nichtwollen (scilicet: die Krankheitssymptome verlieren) muß sich nach 
außen als Unfähigkeit zu handeln zeigen. Der Sinn des Tic ist wenig- 
stens bei meiner Patientin bewußte Abwehr verpönter Gelüste, die dem 
Sexuell-Erotischen entspringen. Daß der Tic zuerst und häufig aus- 
schließlich die Muskeln befällt, wenn auch, wie zugegeben, unter Be- 
teiligung der Psyche, daß bloß in weitaus selteneren Fällen schwerere 
psychische Symptome dazukommen, rührt von dem somatischen Ent- 
gegenkommen: der von Haus aus erhöhten Muskelerotik. Betonen doch 
selbst die französischen Autoren, daß die Tickranken in Muskel- 
zuckungen förmlich schwelgen. So heißt es von dem obzitierten Herrn : 
„M. 0. kann bei Sachen, die ihn stark interessieren, oder wenn er in ein 
Gespräch über wichtige Geschäfte verwickelt ist, seinen Tic vollkommen 
beherrschen. Aber die Lust zu zucken stellt sich schnell wieder ein. 
Im allgemeinen kann M. 0. diese Lust bis zum Ende seiner Unter- 
haltung zügeln. Andere Male jedoch wird das Bedürfnis so mächtig, 

*) Ich zitiere z. B. ihre Definition : „Der Tic ist eine psychomotorische Störung. 
Die psychische Störung äußert sich hauptsächlich in einer Unzulänglichkeit des 
Willens. Der schwache, schwankende Wille ist typisch für den Geisteszustand eines 
Tickranken." Bei meiner Kranken und anderen Tickranken, die ich in Erinnerung 
habe, konnte ich dies so wenig konstatieren, als Oppenheim in seinen Fällen. Man 
müßte denn die Unfähigkeit, dem Ticimpulse zu widerstehen, als Willensschwäche 
ansehen. Ich will hier einfügen, daß der geübte Psychoanalytiker manche Ticfälle 
unschwer durchschauen wird, die sonst ein völliges Rätsel blieben. So berichten 
z. B. unsere Autoren: „Bei Frau T., die seit einem Jahr an einem fortwährenden 
psychogenen Torticollis litt, verschwand das Leiden plötzlich im Augenblick der 
Verheiratung ihres Sohnes. Drei Tage hielt sie sich für völlig geheilt. Aber bald 
stellte sich der Torticollis wieder wie früher ein. Brissaud erwähnt einen recht in- 
teressanten Fall von vorübergehender Heilung. Ein Kranker litt seit drei Jahren an 
Torticollis. Als er erfahr, daß sein Sohn ins Krankenhaus aufgenommen sei und eine 
Operation durchmachen müsse, war er augenblicklich geheilt. Da ihn jedoch nach 
einigen Tagen der Chirurg über den Zustand seines Kindes beruhigte und ihm mit- 
teUte, daß die Genesung nicht lange auf sich warten lassen würde, stellte sich sofort 
sein Torticollis wieder im vollem Glänze ein". Sollte nicht im letzteren Falle die 
feindliche Einstellung wider den Sohn, im ersteren aber die allzu zärtliche Ursache 
gewesen sein der plötzlichen Heüung wie der baldigen Rückfälle? 



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366 Dr. J. Sadger. 

daß er irgend einen Vorwand zum Hinausgehen erfindet und wäre es 
nur für einen Augenblick. Sobald er dann allein ist, läßt er sich nach Her- 
zenslust gehen; alle seine Tics sind entfesselt. Es ist ein förmli- 
ches Schwelgen in absurden Bewegun gen, ein motorisches 
Austoben, das den Kranken erleichtert. Er kommt zurück 
und nimmt ruhig die unterbrochene Konversation wieder auf". 

Wenn ich in einer früheren Studie vom Tic aussagte, er sei die 
Neurose konstitutionell erhöhter Muskelerotik, dünkt mich die Analyse 
des heutigen Falls dies zu bestätigen. Hingegen scheint mir die Willens- 
schwäche der französischen Autoren mehr als hypothetisch und das zähe 
Festhalten an den Ticbewegungen besser zu erklären aus der Fortdauer 
unbewußter sexueller Regungen, die jene Zuckungen zum Ausdruck 
bringen. 



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Mitteilungen. 

1. 

Psychoanalytische Beleuchtung eines Falles von Dementia 

praecox. 

Von Dr. I. Hollös (Nagyszeben, Ungarn). 

Ein 23jähriger Bauernbursche, der zum Militär eingerückt war — er- 
krankte nach einigen Monaten an Dementia praecox. Nach kaum vierwöchent- 
lieber Behandlung wurde er aus dem Militärspitale ungeheilt entlassen. Nach 
seiner Heimkehr verbrachte er im elterlichen Hause nur kurze Zeit, da man 
ihn alsbald einer Heilanstalt überweisen mußte, wo er in meine Behandlung kam. 

Das vom Kreisamte ausgestellte Zeugnis enthielt nicht viel von der 
Anamnese. Laut dessen nahm der Kranke alles in die Hand, besichtigte, 
untersuchte die Gegenstände, war fröhlich, doch reizbar und unfolgsam. Er 
lief oft in die benachbarte Gemeinde, griff die Angehörigen und auch Fremde 
an und bedrohte den Vater mit dem Messer. 

Auf weitere Nachfrage erhielt ich eine Krankengeschichte aus dem 
Militärspitale ; dieser war folgendes zu entnehmen : 

Der Kranke bot vor seiner Intemierung keinerlei Zeichen einer Geistes- 
krankheit. Bei der Kompagnie bezeigte er leichte Auffassung, war lustig, doch 
von gefestigtem Charakter. 

Eines Nachts wurde er in Unterkleidern, in ein Leintuch gehüllt am 
Dislokationseingange angetroffen ; aufgefordert, in sein Bett zu gehen, lief er 
in den Hof, kehrte aber von selbst wieder in sein Bett zurück. 

Am nächsten Morgen schien er ganz normal, konnte jedoch über die 
Geschehnisse der Nacht keine Auskunft geben. Gegen Mittag fing er an von 
religiösen Dingen zu schwärmen, sagte, er sei der liebe Gott und könne nun 
über die Ereignisse der Nacht berichten, was er auch tat. Seine weiteren 
Reden ließen eine Geistesstörung vermuten, weshalb man ihn ins Spital 
brachte. 

Auffällig war, daß er einige Zeit vor diesem Vorfall sich religiöse Bücher 
verschaffte, in welchen er sehr häufig las, wobei er oft krampfhaft geweint 
haben soll. Dabei klagte er oft über Brust-, Magen- und Kopfschmerzen, ohne 
daß sich ein organisches Leiden hätte feststellen lassen. Er habe sich auch 
wiederholt geäußert, er habe das Gefühl, als ob ihm eine Kugel aus der 
Magengegend aufsteigen würde. Auch in dem Truppenspital, wo er sich vor- 
übergehend aufhielt, erzählte er von Aufregungszuständen, nach denen er 
häufig das Bewußtsein verliere. Neben religiösen Ideen und Schwärmereien 
äußerte er auch Selbstanklagen; seine Krankheit, seine Schmerzen im Bauche 
usw. seien eine Strafe Gottes, weil er so viele Sünden begangen habe, er 
habe viel mit Mädchen verkehrt. 



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368 Mitteilungen. 

In dem Garnisonsspitale war er ziemlich orientiert, gab vernünftige Ant- 
worten, löste an ihn gestellte Rechenaufgaben ziemlich prompt, kam jedoch 
leicht vom Thema ab oder blieb an einem Begriffe, an einer bestimmten 
Zahl haften ; zeitweise zeigte er Erregungszustände, ließ die Beine in der 
Luft baumeln und erklärte, er sei ein Flieger, oder erzählte von seiner 
Wiedergeburt, die eben im Begriffe sei sich zu vollziehen, und zitierte ganze 
Stellen aus der Bibel. Ruhige Stadien wechselten mit solchen, in welchen er 
seine Wäsche zerriß, auf andere Mitpatienten oder Wärter losjring, stunden- 
lang dasselbe Lied sang. Er nahm nur mit dem Hemde bekleidet seine Ma- 
tratzen auf den Rücken und wollte damit in seine Heimat aufbrechen. Meist 
trägt er ein täppisches Lächeln zur Schau, singt ungeniert während der Visite, 
und benimmt sich nicht der Situation gemäß. 

In die Anstalt aufgenommen zeigte der Kranke ähnliches Benehmen. 
War orientiert, wußte auch, daß er krank ist — doch gab er zumeist ganz 
zusammenhanglose Antworten. Er sei jetzt unter Geisteskranken. Er müsse 
den Geist Gottes und den Geist seiner Schwester untersuchen. Prinz Eugen 
hätte zu ihm gesprochen. Es sei ihm, wie wenn man in dem Himmel zu ihm 
sprechen würde. Ein Seeräuber, Leichtwein, von dem er in einem Romane 
gelesen hatte, spreche auch zu ihm. Er sei versucht worden von dem Geiste 
Gottes. Er hätte ein Gesangbuch bestellt, und davon sei er immer gescheiter 
geworden. Er sei ein Christ, aber man müsse jede Religion aufnehmen. Im 
Traume erscheinen ihm Engel, auch Flügel und die Mutter Gottes. Er sieht 
im Traum auch Jesus. 

Eine eingehendere Analyse konnte in der ersten Zeit aus äußeren 
Gründen nicht versucht werden. Ich konnte mich mit dem Kranken überhaupt 
nur kurze Zeit analytisch befassen. Von dieser Analyse will ich hier nur den 
wesentlichsten Teil wiedergeben. 

Bei den ersten Sitzungen war der Kranke ruhiger, komponierter, faßte 
die Fragen gut auf und gab auch adäquate Antworten. Doch war er stark 
benommen, stand augenscheinlich unter dem Einflüsse wirrer Gedanken, die 
ihn auch zerstreut, leicht erregt, etwas ungeduldig erscheinen ließen. Auch 
schlief er noch in dieser Zeit nicht gut, hatte, wie ich es später erfuhr, Angst- 
träume. Er war den ganzen Tag müßig und hatte auch kein Verlangen 
nach x\rbeit. 

Das Wichtigste von der ersten Analyse war folgende wörtlich wieder- 
gegebeno Mitteilung: 

„Als ich ins ßewußtleben kam (er spricht oft so geziert), als 5 — 6jähriger, 
hütete ich die Kühe auf das Stück. Damals erschrak ich vorm Gewitter, als 
es dreimal einschlug. Ich fiel um. Dann fiel ich einmal mit den Pferden um. 
der Kopf war mir schlecht, und ^Dringel" Schwindel bekam ich. Dann 
mußte ich einmal Mörtel tragen, und ich hatte die Bienen weggejagt, und da 
hatte mich einer erschreckt und schlagen wollen. Ich bekam wieder den 
Schwindel, ich wollte vor Ärgernis in den Brunnen springen. Man führte 
mich zum Doktor. — Ich hatte eine Schwester, Rosa, von der lernte ich 
singen, wir sangen sehr schöne Lieder, und spielten Mundharmonika. Die war 
in der Brauwirtschaft und starb. Der Vater ärgerte mich auch wegen einer 
Krone. Damals kam auch die Krankheit. So kam sie vielleicht fünfmal. Vor 
einem Hund erschrak ich auch." 

Über seine Träume befragt, erzählte er, daß er als Rekrut geträumt 
hatte, daß er zwei Störche gesehen hätte, mit zwei goldenen Schnäbeln und 
ein Zeichen am Himmel mit goldener Schrift: Ehre sei Gott auf Erden. 



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Dr. I. Hollös : Psychoanalytische Beleuchtung eines Falles von Dementia praecox. 369 

Ich hebe diese Daten der ersten Analyse hervor, weil sie sozusagen 
<las ganze Programm der Krankheit enthalten. Die Ergebnisse der folgenden 
Sitzungen will ich zusammenfassend darstellen. 

Über seine Anfälle wußte er folgendes zu berichten : 
„ — Ich hatte in meinem Leben vier bis fünf Anfälle gehabt. Das erste- 
mal, ich war 13 Jahre alt, habe ich die Bienen weggejagt. Auch habe ich 
damals Schnaps getrunken. Der Meister hat mich erschreckt. Wie ich herum- 
lief, verspürte ich den Geruch. 

— Verspüren Sie immer einen Geruch bei Ihren Anfällen? 

— Ja. Die Mutter sagte auch, die Schwindel kämen mir von der bösen 
Lnft, die man einatmet. 

— Erinnern Sie sich an den Geruch? 

— Ja. Ich spürte den Geruch, wie das Monatliche bei der Frau. 

— Wann haben Sie den zweiten Anfall gehabt? 

— Als löjähriger. Die Eltern waren in der Stadt. Es war am Pfingst- 
tag. Als ich am Morgen aufstand, war die Emma (seine zweite Schwester) in 
der Stube. Ich bin zu der Schwester gegangen, habe sie erwischt, war auf- 
geregt, wir waren allein, ich erwischte sie an der Brust. Die Emma rief mir 
zu: „Was machst du," — sah mich garstig an, wurde böse und lief davon. 
Plötzlich verspürte ich wieder Geruch. Ich fiel um, auf den Boden, und lag 
■da eine Stunde, sagte man. Mein Onkel legt« mich ins Bett. Am andern Tag 
stand ich auf und genierte mich sehr vor ihnen, weil ich die Emma erwischt 
hatte. Was kann mir sein ! ? 

— Der dritte Anfall, damals war der Bruder schon fort .... ich er- 
innere mich nicht. Der vierte war gekommen am neuen Jahr war's ein Jahr. 
Es war wegen meinem Vater. Er hatte einen Ferkel verkauft und Kronen 
gezählt. Ich verlangte eine Krone, dali ich in den Tanz gehe. Er sagte, du 
brauchst kein Geld. Er hat sich verzählt, glaubte, ich hätte das Geld ge- 
nommen, und zankte sich mit mir. Vor Aufregung wurde mir sehr schlecht, 
4ind ich stürzte von der Bank. Ich habe irre geredet. Der Bruder wollte 
heiraten, und ich schimpfte seine Schwiegermutter. Dann haben sie mich ins 
Bett getragen, wobei ich merkte, daß sie weinen. Ich war ganz steif, und sie 
sahen mich an, ob ich lebe. Dies alles kam mir vor, als wäre ich im Traume 
gelegen. 

— Haben Sie damals auch einen Geruch verspürt? 

— Ja, so was, wie wenn man einem eingibt, in die Nase, wenn man 
operiert. 

— Woher kennen Sie das. Wurden Sie schon operiert? 

— Nein. Meine Schwester Rosa sagte mir, wie ihr das wäre gekommen, 
als man sie operierte, und man hat ihr mehr gegeben, sie wäre dann fast 
gestorben. Sie hätte immer dunkel vor sich gehabt und wie den Teufel ge- 
sehen, und wie Bienensummen gehört. 

— Zuletzt hatte ich den Anfall auf der Wache als Soldat gehabt, wo 
ich den Wind gehört. Er säuselte so, und es ist gekommen, wie wenn Bienen 
summen würden. Nachher wurde ich krank. Bei Nacht hatte ich ein Leintuch 
auf mich genommen und bin hinausgelaufen." 

Wie wir bisher erfuhren, litt der Kranke von seinem 13. Lebensjahre, 
also lange vor dem Ausbruch seiner Psychose, an zeitweiligen Bewußtsein- 
störungen. Wir können annehmen, daß diese Störungen mit der Psychose selbst 
zusammenhängen. So sehen wir ja zum Beispiel, daß das epileptische Irresein 
manchmal nach jahrelang dauernden einfaehen epileptischen Anfällen sich ent- 
faltet. Der Epilepsie widerspricht aber sowohl die Natur der Psychose als auch 

Zeitsohr. f. Rrztl. Psychoanalyse. TT. 24 



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370 Mitteilungen. 

die Form der Anfälle. In erster Reihe vermuten wir bei den Bewußtsein- 
störungen die typischen Krämpfe, wie auch andere Zeichen, wie das Zungen- 
beißen, die Inkontinenz usw., da solche der Kranke entschieden in Abrede 
stellt. Am schwerwiegendsten kommt aber in Betracht, daß die Anfälle nicht 
mit Bewußtlosigkeit einhergingen. Bei dem vierten Falle schon wußte er z. B. 
von allem, was um ihn geschah, daß man ihn beweinte und sich darum 
kümmerte, ob er noch lebe. 

Ein für sich t}T)isches Zeichen würde den Schwankeoden doch für die 
Epilepsie entscheiden lassen: die Geruchsensation. In der sensorischen Aura 
der Epilepsie kommen nicht selten solche eigentümliche Gerüche vor. Und 
doch war gerade diese Erscheinung, die auf die Psychogeneität der Anfälle 
hinweist. 

Dieser Geruch war, als der Kranke zuerst im allgemeinen darüber sprach,^ 
wie der Geruch des Periodenblutes. Später, von dem vierten Fall erzählend,, 
sagte er, es sei, wie der Geruch beim Narkotisieren. Diesen kenne er von 
Erzählung der Schwester Rosa. Beim fünften Anfall hörte er auch wie Bienen- 
summen, was ihn auch an die Operation der Schwester erinnerte. 

Diese Schwester scheint also eine große Rolle in dem Leben des Pa^ 
tienten gespielt zu haben. Er sprach schon in der ersten Sitzung mit großer 
Begeisterung von ihr. Er erzählte, wie sie ihn hütete, daß er von ihr schöne 
Lieder gelernt hätte. Er sang auch eines der Lieder ungebeten vor. Er sprach 
von ihrem Tode, und daß er seitdem — drei Jahre sind es her — sehr 
traurig ist. Als man ihn in die Anstalt brachte, war er fröhlich, denn er 
glaubte seine Schwester, die einst in der Stadt, wo die Anstalt ist, diente, 
wiederzufinden. Doch die Schwester war lange tot, aber es kam ihm vor, daß 
Rosa, zu ihm spräche. Zu Beginn der Behandlung äußerte er sich folgender- 
maßen : 

— Die Schwester Rosa, die im Himmel ist, hat vielleicht gemacht, daß 
ich beim Militär so vernarrt ward, daß ich frei soll werden. 

Mit der Aufklärung des Verhältnisses zu der Schwester wurde auch das 
ganze Krankheitsbild durchsichtig. Wir sehen es nunmehr als eine Reihe von 
Symptomen, die von einem traumatischen Ausgangspunkte durch eine Neurose 
hindurch zur ausgesprochenen Psychose führten. Der eigene Wortlaut des 
Kranken wird um so mehr Interesse verdienen, als er, von deren Symptomen 
fast klassische Beschreibung gibt, und einen schlagenden Beweis zu dem Zu- 
sammenhang mit einem aufgelösten Komplex, liefert. 

„ — Ich habe die Rosa sehr gern gehabt. Sie war sehr schön, reizte 
und machte Scherze. Sie war immer lustig. — " 

Er bejahte, daß sie beisammen schliefen, als er 8—11 Jahre alt war, 
und sie um 6—7 Jahre älter, was er übrigens ganz natürlich fand. 

„ — Sie hat in Berlin gedient, und als sie nach Hause kam, war sie sehr 
gescheit. Ich schlief mit ihr auf einem Bett." 

( — Was fällt Ihnen weiter ein?) 

„ — Ich lag in einer Ecke. Da redete sie so . . . 

Der Kranke wird aufgeregt, errötet und sagt sehr erstaunt, halblaut, 
indem er immer auf mich zurückschaut: 

„ — Sie erwischte mich und hat mich gereizt. Damals war meiner klein, 
nur wie eine Knospe, man hat in sich keine Natur. Sie erwischte mich und 
zog mich auf sich . . . Und damals stank von ihr . . . Und sie reizte sich 
damit ... ich war damals so weich. Am anderen Tag lachte sie, und ich 
schämte mich. Sie war ja Schuld . . . Und das ist mir eben eingefallen." 

( — Haben Sie das bisher nicht gewußt?) 



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Dr. I. Hollos: Psychoanalytische Beleachtnng eines Falles von Dementia praecox. 37 X 

— Jetzt ist's mir gekommen, ich hab^ das vergessen. 

Und immer erregter und selbst staunend erzählte er weiter so wie wenn 
er jetzt den Zusammenhang zu dem Folgenden gefunden hätte : 

„— Als ich in die Schule ging, wurde ich rot. Ich wußte, daß die 
Schwester nichts sagen wird, aber dennoch hab' ich mich geschämt, und die 
Nase biß mich. Ich stockte, wenn man mich fragte, ich konnte nicht lernen. 
Immer mehr wurde ich rot, wenn nur ein Kind gegen mich redete. 

„ — Das war mir niemals eingefallen, nur jetzt hier. Bin damals, bis 
zum elften Jahre, nie rot geworden. Und als ich einmal rot wurde, schämte 
ich mich vor mir. Ich dachte mir : Warum wirst du jetzt rot. Ich dachte, 
wenn ein anderer es sieht, der wird denken, du hast was angestellt.* 

„ — Ich trug die Schande. Ich wollte im Anfang niemandem sagen, und 
hab' die Sache mit der Rosa im geheimen gehalten. Meine Eltern sollten es 
nicht erfahren. Dann habe ich es vergessen; so ist die Sache eingeschlafen." 

„ — Ich wurde immer mehr rot. Was ist mir denn? Ich habe mit 
einem Zigeuner gesprochen, dennoch kams. Dann schwitzte ich. In der Kirche, 
als der Vater mir ins Gesicht sah, wurde ich sehr rot. Und dann hat der 
Vater der Mutter gesagt, ein anderer hat mir gesagt, was ist mit unserem 
Sohn, er wird so rot im Gesicht. Er schwitzt dann auch und weiß nicht, was 
er tut. Und wenn es mir so kam, ich machte so mit den Zehen und wollte 
unter die Bank kriechen. Ich habe die Nase gewischt, man soll es nicht 
sehen. Und wenn man hinunter sieht, wird man sonst auch rot ein wenig. Ich 
hab' gedacht, wenn ich lieber Lungenentzündung hätte, das vergeht. Furcht- 
sam wurde ich." 

Einige Tage nach dieser Mitteilung sprach er oft mit Staunen über sein 
vergessenes Erlebnis. Es war ihm wie ein freudiges Ereignis, und er schil- 
derte alle seine Erinnerungen nunmehr im Zusammenhange mit seinen neu 
aufgetauchten Erinnerungen. 

„ — Ich fühle mich besser. Es ist mir klar ; ich wollte nicht zu den 
Kameraden gehen, oder ich ging von ihnen zurück. Warum sollst du hingehen, 
du wirst nur gehetzt und nicht geschätzt." 

j, — Ich konnte nicht bei einem Meister bleiben. Ich war sehr weich 
und lief gleich fort. Ich schämte mich, die Leute werden mich bespotten, weil 
ich nicht bei den Meistern blieb. Immer kam mehr Schande und mehr 
Schämen vor den Leuten. Jetzt weiß ich, daß ich das immer für eine Sünde 
gehalten habe. Der Herrgott wird dich strafen. Aber ich vergaß die Sache 
mit der Rosa. Ich hab* oft gedacht, es wäre gut, wenn du nicht wärest, und 
nichts wüßtest." 

— Vor dem war ich gedrängt. Ich hab* immer Angst gehabt, man 
würde mich schlagen. Als ob ich niemand hätte ; bin gegangen und hab' mich 
geniert. Das ist von dem (er zeigt bei dieser Erklärung auf den Divan, auf 
dem liegend er vor Tagen die Erinnerung bekommen hat). Wenn ich einmal 
redete, wurde ich gestockt. Ich ging dann allein wohin und legte mich irgend- 
wo nieder, 

„ — Schon in der Schule als 11 jähriger, wenn der Lehrer mich etwas 
frug und ich da stand, sahen alle auf mich, ich erschrak, fürchtete mich. 
Auch in der Kirche. Man fragte, was ist mit dir. Ich sagte nichts. Einer 
sagte was. Gleich wurde ich wie eine Flamme. Ich dachte immer, die Scham- 
haut ist gerissen bei mir. Der Lehrer hat erklärt, daß wenn bei jemandem 
die Schamhaut reißt, der kann sich nicht mehr helfen. Unter der Haut im 
Gesichte sei nämlich eine dünne Schamhaut; wenn die zerrissen ist, so kann 
ich nicht helfen. Wir haben das in der Naturlehre gelernt. 

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372 Mitteilungen. 

— Die Kinder verspotteten mich, daher zog ich mich zurück und weinte. 
Die Eltern wußten nicht, was mir fehlte. Ich hah es niemandem gesagt. Nur 
als 21 jähriger hah ich es dem Doktor geklagt, daß ich so rot werde und 
schwitze." 

Nach einigen Tagen sagte er : 

— Befinde mich ziemlich gut ; schlafe meistens gut, denke an die Arheit 
zu Hause. 

Er ging auch an die Arbeit und beschäftigte sich fleißig im Garten. 

„ — Ich denke, sprach er bei einer späteren Gelegenheit, daß es gut 
gewesen ist, daß das herausgekommen ist. Wie wenn ich mich anders fühlte. 
Ich bin immer „ gezwängt '^ gewesen, daß es niemand hat gewußt, und darum 
hab' ich mich unruhig gefühlt, weil ich das so in mir gehalten hab\ Das Ge- 
heimnis von meiner Schwester. Das ist immer mehr so hereingekommen, daß 
ich nicht denken konnte. Bis jetzt wußte ich nicht, was das wäre. Nur jetzt, 
da ist es mir gekommen. Ich fühle, daß ich immer mehr so gedrängt wurde 
bis zur Krankheit. 

Ein klareres Gefühl an dem Mechanismus seelischer Geschehnisse kann 
man sich kaum vorstellen, wie es dieser Bauembursche äußerte. Diese Triftig- 
keit ist vielleicht gerade seinem einfachen Wesen und auch dem zu danken, 
daß der Kranke durch den Ausbruch der Psychose gleichsam aufgeklärt wurde. 

Ich wollte den Zusammenhang nicht lockern und die Darstellung der 
Analyse nicht unterbrechen. Deshalb bin ich genötigt, auf den Punkt zurück- 
zugreifen, der mir den Zusammenhang des geschilderten psych osexuellen 
Traumes mit den Anfällen klar machte. 

Wie oben erwähnt, erzählte der Kranke, daß die Schwester ihn an sich 
zog, und „damals stank von ihr". 

— An was erinnert Sie dieser Geruch? fragte ich ihn. 

— An den Anfällen, antwortete er, da hab' ich es ganz so gespürt. Die 
mißlungene Verdrängung des sexuellen Traumas äußerte sich in Farcht, Scham- 
gefühl, Erröten, Schwitzen und das höchste Steigerungssymptom war die Be- 
wußtseinsstörung, der Anfall. 

Bezeichnend dafür ist, daß er den zweiten Anfall damals bekam, als er 
einen sexuellen Reiz gegen die andere Schwester Emma empfand. Später 
bei dem vierten Anfall verspürte er bei der Erzählung der Schwester Rosa 
vom Geruch beim Narkotisieren. Beim fünften Anfall gesellte sich eine neue 
Sensation, das Bienensummen dazu, das auch mit der Schwester zusammen- 
hing. Dieses letztere Symptom wurde wahrscheinlich von der Erinnerung, die 
er von dem ersten Anfall hatte, wo er Bienen jagte und summen hörte, 
tiberdeterminiert. 

Diese Anfälle scheinen also paroxysmale Stadien gewesen zu sein, die in 
einem sonst immerwährenden angstneurotischen Zustande, von Zeit zu Zeit 
hervorbrachen. Die Angstneurose hat sich in einem sonst vielleicht prädispo- 
nierten, oder in mehreren uns unbekannten früheren Traumen lädierten jungen 
Manne konstituiert, als er das erwähnte sexuelle Trauma erlitt. Mit diesem 
Trauma steht die Neurose, ja wie wir sehen werden, die Psychose auch in 
geradem Zusammenhange. 

Die Verdrängung der Liebe zur Schwester ist an und für sich auch 
nicht gelungen, jedoch war das in ihm kaum bewußt. Er erzählte, daß er 
sehr traurig ward, als sie in die nahe Großstadt ging. Er besuchte sie öfters, 
und da sie in einem Hotel ganz augenfällig mit Männern sich abgab, ward er 
immer mißgestimmt. Er fand sie aber dennoch gut, gescheit, die Schönste. 
Geschlechtlich verkehrte er bis zu seinem 18. Jahre nicht. Trotzdem suchte 



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Dr. I. Hollös: Psychoanalytische Beleuchtung eines Falles von Dementia praecox. 373 

er die Gelegenheit, mit Mädchen zusammenzukommen, war auch verliebt, aber 
nicht für die Dauer. Auf meine Fragen sagte er, daß er immer Blonde suchte, 
die so wären wie die Schwester. Jetzt erst wurde ihm das bewußt. 

Schon in einer der ersten Analysenstunden sagte er : „ — Ich war so 
verwirrt, als ich klein war. Ich bin immer vernarrt wegen den Mädchen. 
Es kam mir immer vor, als ob ich etwas Höheres werden sollte. Ich wollte 
eine Dame zur Frau nehmen, nicht eine Bäuerin. Ich weiß nicht, was das 
gewesen sein sollte." 

Es ist nicht schwer, diese Erscheinung mit der Verdrängung und mit 
dem Minderwertigkeitsgefühl in Zusammenhang zu bringen. 

All dies und besonders die oben angeführte Schilderung seiner Angst, 
seiner Schamhaftigkeit, des unruhigen Suchens und der Unbeständigkeit tragen 
zum Verständnis nicht nur der Angstneurose, sondern der in diesem Zustande 
leicht erklärlichen paroxysmalen Anfälle und auch der Entwicklung der Psychose 
bei. Er selbst sagt, wie wir das oben gesehen haben: „Ich bin immer ge- 
zwängt gewesen, das es niemand hat gewußt, und darum hab' ich mich un- 
ruhig gefühlt, weil ich das so in mir gehalten hab'. ... Ich fühle, daß ich 
immer mehr so gedrängt wurde bis zur Krankheit." 

Es scheint, daß zu dem Ausbruch der Krankheit außer den uns 
unbekannten Determinanten zwei Umstände beigetragen haben. Der erste war 
das Hinscheiden seiner Schwester, der zweite das Einrücken zum Militär. 

Die Schwester starb zwei Jahre vor seiner Erkrankung. Er war sehr 
traurig, ging oft in den Friedhof. 

„ — Vor dem Neujahrstag war ich im Leuchtgarten (Friedhof) am 
Christmontag und zündete ein Licht an. Die Leute haben geredet, es wäre 
nicht gut, es wäre katholisch. Ich habe an die Rosa gedacht. Weinen konnte 
ich nicht." 

Das Einrücken in einem entfernten, ihm ganz fremden Landesteile hat 
auf den neurotischen jungen Mann sehr stark gewirkt. Er dachte daran, daß 
er eine Liebschaft haben sollte, damit ein Mädchen ihm Briefe schreibe. 

„ — Ich wollte auch jemanden haben, die mir schreiben sollte. Es war 
mir schlecht, denn Else wollte mir nicht schreiben. Das kränkte mich, daß 
sie mir nicht schrieb. 

Der Kranke war nicht ganz vier Monate in seiner Garnison, als er er- 
krankte. Das fremde Land, die große Entfernung, die Einsamkeit, der Tod 
der geliebten Schwester schienen günstige Umstände gewesen zu sein, um mit 
den uns unbekannten inneren Gründen der Neurose zu einem akuten Aus- 
bruche zu verhelfen. Die Psychose hob mit einem Anfall an, von dem nur der 
Patient eine Erwähnung macht, von dem aber, leicht möglich, die Umgebung 
nichts wußte. Tage, ja Wochen vor dem Ausbruche war in seinem Benehmen 
eine Änderung eingetreten. Er selbst spricht darüber folgendermaßen : 

„ — In B. habe ich meinen Koffer mit Blech beschlagen lassen, und 
der Leutnant sagte, es wäre eine Dummheit, und sagte, ich werde Käsern- 
arrest bekommen ; aber ich bekam nichts. (Dieser Koffer kommt in der Ana- 
lyse oft zur Sprache. Er erschien ihm oft im Traum.) 

„Als ich verspürte, daß ich krank bin, ging ich zu dem Zugsführer und 
gab ihm den Schlüssel. Ich ließ mir die Bibel bringen, und ich las immer 
darin. Das ganze wollte ich lesen. Die anderen gingen zu den Mädchen, ich 
aber nicht, und so wurde ich immer gescheiter. Im Neuen Testament las ich 
von Gleichnissen. Dann arbeitete ich im Garten, dort fand ich ein altes Buch, 
das ich zu mir nahm. Damit hat die Krankheit augefangen." 



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374 Mitteilungen. 

Zum Schluß sagt er etwas, was er dann bei mehreren Gelegenheiten 
wiederholt und das zum Verständnis der psychotischen Symptome das bezeich- 
nendste ist. „ — Von oben wurde ich verrückt." 

Der Patient hat öfters darüber gesprochen, daß es einen Gott geben müsse, 
und wenn der Mensch stirbt, so muß er wohin. Er hat auch mit einigen 
Kranken über die Frage der Unsterblichkeit heftig gestritten. 

Das Schuldgefühl und der Wunsch nach der verstorbenen Schwester 
führte ihn zur Religiosität und zum Himmelsglauben. (Siehe auch den Traum : 
Zwei Störche, goldene Schrift am Himmel : Ehre sei Gott auf Erden.) Die 
Psychose, nach seinem Inhalt, baute sich dann ganz nach diesem Wunsche 
auf. Zuerst kam der Anfall, also das Paroxysmalstadium der Neurose. 

„ — Nachdem ich das Neue Testament gelesen habe, kam es mir in die 
Nase, sie kreiselte, wie wenn man etwas starken Essenz aus dem Kopfe 
riechte. Dann habe ich in der Luft gehört, wie wenn Bienen summen möchten, 
und hatte schwarze Wolken gesehen." 

„ — Ich hab' die Rosa gesehen, nicht wie im Traume, sondern, ¥rie 
wenn sie lebte. Ich hörte Stimmen von oben, die Rosa sang." 

Hier erscheint die Halluzination als Wunscherfüllung. 

— ^Auch im Traume hab' ich sie gesehen, aber mehrere, es ist gleich 
eine andere geworden, verschoben, gerade so, wie im Lichtbildtheater.* 

Eine schöne Illustration der im Traume fortwirkenden Verdrängungs- 
tendenz. 

„ — Ich sah solche alte Bauern, auf einmal standen zwei, drei .... 
plötzlich, daß ich mich fürchtete. Ich ging auch zur Kantine. Da gingen ein 
lieutnant und ein Regimentsarzt vorüber. Das war auch plötzlich. Ich hab' 
dort auch 40 Bierfässer gesehen, weiß aber nicht, ob sie natürlich, oder ob 
ich sie mir vorgestellt habe.'^ 

Wir sehen hier den Zustand, wo mit dem Überhandnehmen der Regression 
und Auftreten der Halluzinationen die Realität fremdartig erscheint und es 
zur illusionären Veränderung der Welt kommt. 

„ — Als ich des Nachts hinauslief, in Strümpfen und Leintuch, lief ich 
so schnell, daß man mich nicht erwischen konnte. Sie haben sich gefürchtet. 
Einer ist gefallen, einer ist gerade aus der Kupplerei gekommen ; man hat 
sich geschlagen ; vieles ist in der Nacht vorgekommen, und alle haben garstig 
gehustet." 

Es ist dies die charakteristische Schilderung einer Verworrenheit, in 
welcher Halluzinationen, Illusionen und Reales fast gleichartig empfunden 
werden. 

Er kommt öfters darauf zurück, daß er vom Himmel verhaßt worden 
ist. Er gibt zu, daß er sehr viel an die Schwester gedacht und sich nach 
ihr gesehnt hat. Er wünschte sich nach der Schwester, und die Psychose bil- 
dete für ihn eine Wunscherfüllung. Er hörte sie wieder singen, und er sang 
ihr nach, was sie ihn lehrte. Im Gamisonsspitale sang er stundenlang dasselbe 
Lied. Er erzählte da von seiner „Wiedergeburt, die im Begriffe sei'*. 

Der Zweck dieser Mitteilung war, einen Fall, in dem Neurose und 
Psychose vermengt sind, mit Hilfe der Psychoanalyse einheitlich zu beleuchten. 
Leider war keine Möglichkeit dazu da, eine regelrechte Analyse durchzuführen, 
den vielen Seitengängen, die zur weiteren Forschung einladen, nachzuspüren, 
und in die tieferen Schichten einzudringen. Besonders wünschenswert wäre es 
gewesen, die infantile Wurzel, den Eltemkomplex und insbesondere den Mutter- 
komplex aufzusuchen. Es sei hier nur so viel angedeutet, daß der Kranke, wie 
er es erzählte, sich als ganz kleines Kind sehr geschämt hat, als er den 



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Dr. S. Spielrein: Tiersymbolik und Phobie bei einem Knaben. 375 

Beischlaf der Eltern belauscht hat. Der Kranke genas and wurde entlassen, 
imd die eingehendere Untersuchung mußte unterbleiben. 

Diese sonst nicht tiefgreifende Analyse bestätigt die Erfahrung, daß es 
bei manchen psychotisch Kranken sehr wenige oder gar keine Widerstände 
gibt. Das bedeutet aber nicht, daß man bei der Untersuchung gleich auf 
Komplexe stößt. Im Gegenteil, die Verhältnisse werden durch das Überwiegen 
der Symbole noch komplizierter. Die Psychose wäre vielleicht einer Eruption 
zü vergleichen, wo wir in dem uns ganz unbekannt zusammengeworfenen 
Material, das Erz, trotzdem es auf der Oberfläche liegt, mit viel größerer 
Mühe finden wie in der Tiefe der Erde, wo Schichtung und Vorkommen des 
Gesuchten eine Norm oder Gesetzmäßigkeit einhält, zu finden war. Das Gleich- 
nis darf aber weiter nicht überspannt werden. Der Verlauf der Psychose zeigt 
keine Starrheit. Es ist ein wogendes psychisches Geschehnis und man gewinnt 
den Eindruck, daß wenn auch die psychoanalytische Behandlung Geisteskranker 
auf große, manchmal unüberwindliche Schwierigkeiten stößt, es auch günstige 
Fälle gibt, in denen uns der Patient auf halbem Wege entgegenkommt. Es 
scheint, daß unser Fall ein solcher war. Ich fand und empfand den großen 
Vorzug der Widerstandslosigkeit. Der Komplex, um welchen sich unser Fall 
gruppiert, lag sozusagen auf der obersten Schichte des Unbewußten und brach 
bei der leisesten Annäherung hervor. 

Ich glaube, daß man bei der Behandlung von Geisteskranken mit dieser 
Möglichkeit rechnen müsse, und erwarte von der psychoanalytischen Unter- 
suchung solcher Geisteskranker viel praktischen und wissenschaftlichen Nutzen. 



Tiersymbolik und Phobie bei einem Knaben. 
Von Dr. S. Spieh-ein (Berlin). 

Der kleine Mischa war ein körperlich gesundes, lustiges, von seiner 
Mutter recht verwöhntes Kind. Die Mutter nannte ihn gewöhnlich Munia oder 
noch zärtlicher „Munitschka". Dies sind im Russischen Abkürzungen von 
»Mamunia", welch letzteres Wort eine Koseform von „Mamma" ist. Der Name 
des ersten Liebesobjektes „Mama" oder „Mamachen" ist ein im Russischen 
durchaus gebräuchliches Kosewort, und zwar nicht nur Frauen, sondern auch 
Männern gegenüber.^) Gebildete Frauen brauchen diese Koseform nur für 
Kinder und hier hat es noch eine andere psychologische Begründung. So 
bittet z.B. die Mutter ihr Bübchen : „Geh, Mamachen, tue das mir zuliebe". 
Sie fühlt sich so weit in ihr Kind hinein, daß sie es von ihrer eigenen Per- 
sönlichkeit nicht mehr unterscheidet. Besonders deutlich ist dieser Vorgang 
in Träumen von liebenden Müttern : hier ist das Kind regelmäßig „Wunsch- 
persönlichkeit" der Mutter, d. h. ein symbolischer Repräsentant ihrer selbst 
mit ihren eigenen körperlichen und geistigen Schmerzen, Wünschen und Be- 
fürchtungen. 

Mischas Mutter empfindet ebenso für ihr Söhnchen, während der Knabe, 
teilweise auf Grund einer analogen Gefühlseinstellung der Mutter stets männ- 
liche Kosenamen erteilt. Ein Zug von Ironie „Du sollst auch ein Mann sein !" 
ist dabei nicht zu verkennen. Mit Vorliebe nannte Mischa die Mutter eine 
Zeitlang bald „grauer Hase", bald „diebischer Bub". Beides sind charakte- 

^) Das bekannte rassische „Väterchen" wird im Gegensatz dazu nur Männern 
gegenfiLber angewendet. 



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376 Mitteilnngen. 

ristische Gestalten aus der russischen Märchenwelt. Der »graue Hase'' ist 
ein kleines, ängstliches Tier, welches viel unter der Ungerechtigkeit der 
Mächtigen zu leiden hat und daher schutzhedürftig ist. „Weich hist du, 
grauer!'' sagte oft Mischa zu seiner Mutter. Die Kinderfrauen pflegen gern 
ihre Schützlinge „kurzer Hase" ^) zu nennen, was soviel wie „kleiner Hase*' 
hedeutet. Auch Mischa hatte so eine Kinderfrau aus dem Volke, die frtiher 
seine Amme war. Nun giht er der Mutter seinen früheren Namen. Der 
„diebische Bub*' ist im Gegensatz zum „grauen Hasen*' ein durchaus selb- 
ständiges raffiniertes Individuum, welches längst bestraft werden sollte, wenn 
man es nur erwischen könnte. Diese zwei entgegengesetzten Eigenschaften 
der Mutter hat Mischa schließlich in einem neuen Kosenamen für sie zu- 
sammengezogen, nämlich im Namen: „grauer Dieb''. 

Es ist, als wollte er mit dem neuen Namen sagen: ^Du bist doch so 
ein kleines ängstliches weiches Tierchen und dabei doch so schlau, dafi man 
sich vor dir in acht nehmen muß ; man könnte denken, daß du ein Mann 
bist — so raffiniert bist du — seht doch diesen Mann ! — und dabei bist 
du doch ein kurzer grauer Hase!" *) „Ach, wie schlau er ist, der Graue!** 
rief der Knabe manchmal entzückt auf die Mutter weisend. Eine seiner Lieblings- 
beschäftigungen war — die Mutter zu beschwindeln. Als er von ihr ertappt 
wurde — gestand er lachend: „Ich betrüge ja nur dich, du, schlauer, du, 
grauer Dieb, du! Es macht mir ja viel Spaß, dich zu betrügen!" Um die 
Mutter herum konnte der Knabe für längere Zeit nur den Vater leiden, an 
welchem er bewußt mit zärtlicher Liebe hing. Anderen, namentlich anderen 
fremden Männern gegenüber, war er recht eifersüchtig. Er konnte es lange 
der Mutter nicht vergeben, wenn sie bei irgend einer Beratung, z. B. — wohin 
man spazieren gehen soll — die Meinung eines anderen berücksichtigte. Ein- 
mal geriet er dabei in schwere Verstimmung und wollte die Mutter beißen 
und kneifen. In besseren Stunden bat er unter Tränen um Verzeihung — 
er wüßte selber nicht — warum er den Drang hätte, die geliebte Mutter zu 
quälen ; sie täte ihm so leid, er wüßte, daß er nicht gut handle und könnte 
nicht aufhören. 

Mischa war ein sehr nervöses Kind und je weiter desto mehr steigerte 
sich seine Nervosität. Mit etwa 10 Jahren erkrankte er an einer Affenphobie. 
Die Angst war so groß, daß er nicht allein im Zimmer bleiben konnte, ja — 
er traute sich nicht einmal aufs Klosett, wenn die Mutter ihn nicht hinter 
der Tür überwachte. Es schien ihm immer, als wollte ein Affe auf ihn springen. 
Zufällig erinnerte ich mich, daß der Knabe früher die Mutter aus Liebe „Der böse 
Martyschka" ^) nannte, was er jetzt ganz vergessen hat. Um ihm das ins 
Gedächtnis zu rufen, fragte ich Mischa, ob er nicht irgendwo einen ähnlichen 
Affen gesehen hätte. Ja : er besann sich, im Tiergarten einen gesehen zu 
haben. Es war eine Martyschka. Ich wollte wissen, ob ihn dieser Affe an 
jemanden erinnerte. Richtig : es kam ihm in den Sinn, daß seine Mutter ihm 
einmal recht böse war ; er glaubte — sie wolle auf ihn so springen, wie jetzt 
dieser Affe. Seitdem nannte er sie „Der böse Martyschka". Im Russischen 
gibt es eine Erzählung für kleine Kinder von einem Buben, welcher trotz des 
strengen Verbotes einen Martyschka im Käfig reizte und dafür von 



*) Für die Analytiker sei daran erinnert, daß der Haae einen kurzen Schwanz 
hat. Daher wahrscheinlich der „kurze Hase". Ob diese Assoziation allgemein gtütig 
ist — weiß ich nicht. 

') Mischa gibt der Mutter bisweilen noch einen Namen mit „korz'*. Der Name 
ist nicht gerade anständig, aber weder die Mutter noch das Kind bemerken dies. 

^) Eine Affenart. „Martyschka" ist im Russischen weiblich. 



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Erüahnmgen nnd Beispiele ans der analytischen Praxis. 11. 377 

dem erzürnten Tiere bestraft wnrde. Mischa halte diese Erzählung gelesen. 
Seine Afifenphobie entwickelte sich nun folgendermaßen : er wollte offenbar 
etwas tun — was die Mutter sehr geärgert hat. Die Mutter drohte ihm und 
das Kind machte sich aus dieser Drohung eine Lust, indem es seine geliebte 
Mutter durch den komischen Kosenamen mit der strafenden Martyschka 
identifizierte. Mit der Zeit wurde die Beziehung des Tieres zur Mutter ins 
Unbewußte verdrängt: Mischa muß sich längere Zeit besinnen, bevor er sich 
an die Assoziation Martyschka-Mutter erinnert. „Martyschka*' ist ein 
symbolischer Repräsentant der Strafe für ein nicht mehr bewußtes, ehemals 
lustbetontes Vergehen geworden und dementsprechend hat sich der ehemalige 
Lustaffekt in einen Angstaflfekt verwandelt. Was es für ein Vergehen war, 
konnte ich leider nicht erfahren, weil ich den Knaben selten zu sehen be- 
komme. Der Vater des Kindes hat mir eine ähnliche Symbolisierung der 
Eltern in Gestalt von Hunden mitgeteilt. Es war im Traume : Mischa sah 
ein Kätzchen von Hunden gehetzt und hatte großes Mitleid mit dem Tierchen. 
Es gelang dem Vater unschwer die Beziehung des Traumes zur Wirklichkeit 
festzustellen : den Tag vorher mußte Mischa viele Vorwürfe seitens der Eltern 
hören und es wurde ihm auch mit Strafe gedroht. Nun waren die Eltern im 
Traume — Hunde, welche ihn, das arme Kätzchen, hetzten. Freud hat in 
„Beiträgen zur Traumdeutung" eine Wolfphobie bei einem Knaben analysiert. 

Mein kleiner Beitrag ist selbstverständlich keine vollkommene Analyse. 
Mischas Geschichte zeigt bloß, wie Lust- und Angsttiere beim Kinde entsprechend 
Freuds Behauptungen symbolische Repräsentanten der Eltern, beim Knaben 
— hauptsächlich der Mutter — sind. 

Als Parallele dazu lallt mir eine drollige Erzählung ein, die ich zufällig 
über die Kinder eines mir bekannten Arztes holte. Die Kleinen, Bubi und 
Mädchen, spielten recht gern Papa und Mama. Die Rolle des Vaters wurde 
dabei einem Kaninchen zugeteilt, während eine Ziege die Mutter darstellen 
sollte. Die Tierchen erhielten auch die Namen der beiden Eltern, Leo und 
Marie. Diese „Unart" wurde den Kindern streng verboten. Der Zweck war 
erreicht, denn jetzt rufen die Kleinen ihre Lieblinge nicht mehr „Leo" und 
„Marie", sondern ^Schatzi", wie Vater und Mutter einander anzureden pflegen. 
Das Verbot wurde bloß auf die Namen bezogen, weil es den kleinen Köpfchen 
noch nicht einleuchten wollte, daß Vater und Mutter in der Tierreihe eine 
höhere Stellung einnehmen wie Kaninchen und Ziege. 

3. 
Erfahrungen und Beispiele aus der analytischen Praxis. 

n. 

Zum Verständnis „suggestiver" Arzneiwirkungen bei neuro- 
tischen Zuständen. 

Ein Patient berichtet, er werde oftmals schon bei der ersten Begegnung 
von anderen Personen zum Mitwisser ihrer intimsten Geheimnisse gemacht. Mit 
Affekt: „Einmal erzählte mir ein Herr, er werde nicht heiraten, weil er von 
jedem Mädchen nach dem ersten Verkehr enttäuscht sei." 

Mir fiel auf, daß er gerade dieses Beispiel brachte. Die nächsten Asso- 
ziationen lauteten: „Meine Angst wird manchmal geringer, wenn ich in der 
Straßenbahn ein hübsches Mädchen sehe, auch wenn sie mir ganz fremd ist, 
wenn sie mich eben sinnlich reizt. . . . Kann es sein, Herr Doktor, daß ein 



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378 Mitteilungen. 

sexuelles Gefühl die Angst vertreibt? (Nach einer bezüglichen Bemerkung 
meinerseits fährt er fort :) „Wenn ich Angst habe, helfen mir immer die 
Arzneimittel am besten, die ich nur in der Tasche trage und noch nie ge- 
nommen habe. Wenn ich ein Mittel einmal gebraucht habe, bin 
ich immer enttäuscht." 

Man versteht nun, warum Patient das erwähnte Beispiel anführte: er 
identifizierte sich darin mit jenem ehescheuen Bekannten. Er selbst hat nie 
ein Mädchen „gebraucht". Durch seine Angst ist er ganz an seine Mutter 
fixiert ; nur in der Nähe dieser ihm unberührbaren Frau ist er frei von Angst. 

Abraham. 

Zur psychischen Wirkung des Sonnenbades. 

Die beruhigende Wirkung des Sonnenbades beruhte bei einem von mir 
analysierten Neurotiker zum größeren Teile auf der kolossalen Vaterübertragung. 
Die Sonne war ihm das Vatersymbol, von dem er sich gern bescheinen und 
wärmen ließ (sonst auch exhibitionistische Bedeutung). Ferenczi. 

Über verschämte Hände. 

Es ist ein bei jungen Leuten, sehr häufig aber auch bei Erwachsenen vor- 
kommendes Symptom, daß sie mit den Händen nichts anzufangen wissen. Ein 
unerklärliches Gefühl zwingt die damit Behafteten, die Hände irgendwie zu 
beschäftigen, sie finden aber die passende Beschäftigung nicht. Dabei wähnen 
sie sich diesbezüglich von den Anwesenden beobachtet, machen allerlei (meist 
ungeschickte) Versuche, die Hände zu betätigen, schämen sich dann ihrer Un- 
geschicklichkeit, was ihre Verlegenheit nur noch steigert und zu allerlei 
Symptomhandlungen führt: Umwerfen von Gegenständen, Gläsern etc, Ihre 
Aufmerksamkeit ist jedenfalls zu stark auf die jeweilige Stellung und Bewegung 
der Hände gelenkt und diese bewußte Beobachtung stört die sonstige ,, Un- 
geniertheit", d. h. den Automatismus der Haltung und der manuellen Hand- 
lungen. Manche helfen sich aus dieser Verlegenheit, indem sie die Hände unter 
den Tisch oder in die Tasche verstecken, andere ballen die Fäuste oder 
bringen Arme und Hände gewohnheitsmäßig in irgend eine steife Position. 

Nach meiner Erfahrung handelt es sich in solchen Fällen zumeist um 
ungenügend unterdrückte Onanieneigung (seltener um die un voll- 
kommen abgewehrte Tendenz zu einer anderen „Unart", wie Nägelkaueu, 
Nasenbohren, Sich-kratzen etc.). Die Unterdrückung der Onanieneigung gelang 
hier eben nur so weit, daß der Zweck der auszuführenden Bewegung (die 
Masturbation) nicht mehr bewußt ist, der Antrieb zu irgend einer Bewegung 
aber immer noch durchdringt. Der Zwang, die Hände zu beschäftigen, ist nur 
die verschobene Äußerung dieser Tendenz, gleichzeitig auch der Versuch, sie 
zu rationalisieren. Der eigentümliche Beachtungswahn erklärt sich aus der 
verdrängten Exhibitionsneigung, die sich ursprünglich aufs Genitale bezog, dann 
aut die wenigen unbedeckt bleibenden Körperstellen (Gesicht und Hände) 
verschoben wurden. 

Die Berücksichtigung von Tendenzen, die während der Latenzzeit ver- 
drängt waren, und zur Zeit der Pubertät sich durchzusetzen versuchen, aber 
vom Bewußtsein abgelehnt oder mißverstanden werden, könnte vielleicht auch 
andere „absonderliche" und „komisch" wirkende Eigenheiten des Pubertätsalters 
unserem Verständnis näherbringen. Ferenczi. 



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Erfahrungen und Beispiele aus der analytischen Praxis. II. 379 

In einer psychologisch feinen Studie „Hände" ^) hat Hans Frei mark 
mit wenigen knappen Strichen das Schicksal eines Mannes gezeichnet, den 
„eine kleine rauhe Bubenhand .... vor Jahren .... gelehrt hatte, daß 
Unart, Fehle und Sünde süß sein können". Der Mann scheitert in der Liebe 
und im Leben an der schließlichen Unfähigkeit, diese Neigung zu überwinden, 
was ihm nur schwer und nur zeitweise gelingt. Die mühselig und gewaltsam unter- 
drückte sexuelle Aktion der Hände kehrt ungewollt im Traum, im Schlafen 
und im Wachen wieder. „Im Schlummer empörten sich seine Hände wider 
ihn ... . Er band sie. Aber sie spotteten jeder Bande .... Er ersann 
tausend Listen, sie zu betrügen. Sie waren listiger als er. Sie, die Glieder 
seines Körpers, wurden Gegner seines Körpers, Widersacher seiner Seele. . . . 
Je mehr er sie betrachtete, um so selbständiger schienen sie ihm. Wie ihre 
Finger spielten, ohne daß er sich des WoUens bewußt war, das schien ihm 
teuflisch, das griiF und klammerte, faltete und löste sich ohne sein Wissen. . . . 
Ihm wurde angst. Er mied es, Hände anzusehen. Aber die Hände kamen und 
stellten sich ihm vor. Im Traume kamen sie zuerst zu ihm. . . . der Hände 
wurden immer mehr. Immer zudringlicher wurden sie, immer furchtbarer in 
ihrer Gier. Aus den Träumen reckte sich eine hinüber ins Wachen, in den 
Tag. Eine nur, eine kleine rauhe Bubenhand." Mit diesem Durchbruch der 
infantilen und verdrängten Vorstellung verfällt der Mann in psychische 
Krankheit : schreiend stürzt er durch die Straßen, sich vor den Händen zu 
retten, die ihn verfolgten. „Und die Hände haben Gewalt über ihn." 

Rank. 

Reiben der Augen ein Onanieersatz. 

Ein zwangsneurotischer Patient, in dessen Leiden die verdrängte Onanie- 
neigung eine große Rolle spielt, reagiert auf geschlechtliche Erregung mit 
heftigem Jucken der Augenlider, das er durch Reiben zu lindern sucht. Ich 
verweise auf die symbolische Identität von Auge und Genitale. 

Ferenczi. 



Zur symbolischen Bedeutung des Mantels. 

„In Träumen der Frauen erweist sich der Mantel als Symbol des Mannes", 
sagt Freud. Stekel bestreitet diese Behauptung und führt Gegenbeispiele 
an, welche mir geradezu für Freud beweisend zu sein scheinen : ein Mädchen 
träumt, sie sitze auf einer Bank und friere ; der Vater legt ihr seinen Mantel 
um. Diesen nimmt ihr der Bräutigam weg und hüllt sie in seinen warmen 
weichen Mantel ein, der sie „durch und durch erwärmt". Der Mantel ist 
hier unverkennbar das Symbol der Liebe, zuerst des Vaters, dann des Mannes. 
„Liebe" ist ein abstrakter Begriff, der recht vielen konkreten Vorstellungen 
entstammt. Wie oft sagt man nicht „seine Liebe" statt „seine Geliebte". — 
Das Symbol ist auch nichts weniger als etwas scharf Determiniertes. Symbol 
der wärmenden Liebe des Bräutigams oder kurz „des Bräutigams", wobei 
man an die libidinöse Komponente eines Wesens denkt — beide Ausdrücke 
sagen das gleiche. Der Traum zeigt noch sehr schön, wie die väterliche 
Liebe mit der Liebe zum Bräutigam identifiziert wird, welch letztere Liebe 
doch sicher eine erotische ist. In Träumen der Männer erweist sich der 



^) „Von den Wandlungen der Seele**. Berlin-Friedenau, Verlag L. M. Waibel & Cie., 
1913, S. 49-54. 



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330 Mitteilungen. 

Mantel oft als Symbol der „Frau" oder der „Frauenliebe". Dafür möchte ich 
einen Beleg anführen: Ein älterer verheirateter Herr, Vater von mehreren 
Kindern, träumt oft, als stehle er namentlich seinen Kindern verschiedene 
Sachen, wie Äpfel, Geld und dergl. mehr, die wir als gebräuchlichste Libido- 
symbole kennen. Im letzten Traum, den er mir erzählte, will er bei seiner 
Tochter ein silbernes Körbchen^) stehlen. Nun erinnere ich mich nur noch 
an den in diesem Traum ausgesprochenen Schlußwunsch : am liebsten möchte 
er seinen alten Regenmantel haben, für den er 25 Rubel bezahlt hat. „Sagt 
Ihnen die Zahl 25 etwas?" Diese Frage konnte der Herr gleich beantworten, 
da er eben seine silberne Hochzeit, also das fünfundzwanzigjährige Zusammen- 
leben mit seiner Frau gefeiert hatte. Zur Zeit dieses Traumes besuchte der 
Herr seine Tochter, während seine Frau verreist war. T. Z. 

Frau und Zimmer. 

Ein in einer Pension wohnender Patient träumt, er begegne Jemand 
vom Dienstpersonal und frage sie, welche Nummer sie habe ; sie antwortete 
zu seiner Überraschung : 14. Tatsächlich hat er Beziehungen zu dem in Rede 
stehenden Mädchen angeknüpft und hatte auch mehrmals Zusammenkünfte mit 
ihr in seinem Schlafzimmer gehabt. Sie befürchtete begreiflicherweise, daß die 
Wirtin sie im Verdacht habe, und machte ihm am Tage vor dem Traum den 
Vorschlag, sich mit ihr in einem der unbewohnten Zimmer zu treflFen. In 
Wirklichkeit hatte dieses Zimmer die Nummer 14, während im Traum das 
Weib diese Nummer trägt. Ein deutlicherer Beleg für die Identifizierung von 
Frau und Zimmer läßt sich kaum denken.^) Ernest Jones. 

Zahnziehen und Geburt. 

Eine unverheiratete 46jährige Patientin soll sich einen Zahn ziehen 
lassen. Sie war erschrocken, als sie bei sich unanständige Gedanken auf den 
Zahnarzt bemerkte, und fürchtete, diese während der Narkose laut zu äußern. 
Ihre Hauptbesorgnis war, daß der starke Druck auf die Nase sie dem Er- 
sticken nahe bringen könnte, und sie war daher in einem sehr erregten Zu- 
stand. Sie zeigte die größte Abneigung gegen das Zahnziehen und nur die 
großen Schmerzen zwangen sie dazu. 

Während der Narkose hatte sie folgenden Traum, der sich zwei Tage 
später wiederholte: „Sie war unter der Erde, in einem langen Kühlraum, wo 
alles heiter und glücklich war. " Der Gefühlston des Traumes war außerordent- 
lich angenehm und sie sprach darüber, an was für einem wundervollen, 
märchenhaften Orte sie gewesen sei. Beim Aufwachen aus der Narkose war 
sie peinlich berührt, daß es nur ein Traum gewesen und sie nun in eine un- 
angenehme Realität versetzt sei (Blutung aus dem Munde, Schmerzen etc.). 

Ihr Hauptsymptom war eine Furcht, die Leute könnten denken, daß sie 
menstruiere, welche Vorstellung auf verschiedene infantile Geburtstheorien zurück- 
führte. Der lange Kühlraum erinnerte sie an die Einkaufsladen in London. 
Es bereitete ihr, in ihrer schlechten Zeit, Vergnügen, sich vom Hause zu ent- 
fernen und nach London zu fahren (Stadt-Symbolik). Das war verknüpft mit 



^) Möglich, daß es auch ein anderer Gegenstand war: für das, was der Tranm 
zeigen soll, ist es nicht wesentlich. 

2) Vgl. Artemidorus, „Symbolik der Träume" (übersetzt von F. S. Krauß, 
Wien 1881, p. 110) : „So z. B. bedeutet die Schlafstube die Gattin, falls eine solche im 
Hause ist.** (Anmkg. d. Red.) 



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Erfobnmgen und Beispiele aus der analytischen Praxis, n. 3g 1 

Einkaofsgängen, die sie in Begleitang ihrer Schwester unternommen hatte, 
wenn sie das Bedürfnis fühlten, so glücklich zu sein wie kleine Kinder, die 
ohne Beanfsichtigong ihrer Eltern einkaufen gehen. 

Ohne auf alle Verzweigungen der Analyse einzugehen, möchte ich nur 
erwähnen, daß sich der Traum als eine Mutterleibsphantasie erwies, die Ex- 
traktion des schmerzenden Zahnes aber vom Unbewußten als Geburt eines 
Kindes aufgefaßt wurde. Dieser Traum zeigt wieder in Übereinstimmung mit 
der in Frage stehenden Symbolik, wie eng die Vorstellung der eigenen Geburt 
mit der des Gebarens von Kindern verknüpft ist. Emest Jones. 

Ungeziefer als Symbol der Schwangerschaft. 

Hinter der übertriebenen Angst vor Ungeziefer und affektbetonten Deck- 
erinnerungen, die sich mit der Beschämung bei der Entdeckung dieser Art 
aUnreinlichkeit" beschäftigen, steckte in mehreren Fällen die unbewußte Phantasie 
des Geschwängertseins. Das Gemeinsame der Schwangerschaft und des Behaftetseins 
mit Ungeziefer ist — nebst der Schande — das Beherbergen kleiner Lebewesen im 
und am Körper. Dasselbe gilt von Eingeweidewürmern. (Kind = „Würmchen".) 
Ungeziefer im Traum ist auch in diesem Sinne zu deuten. 

Ferenczi. 

Rücksicht auf Darstellbarkeit. 

Hypnagoge Vorstellung : ich entblättre eine Rose. Reelles : gelesen von 
der neuen Rose la Lyonnaise; ein Mädchen aus Marseille bei einer 
Nachbarfamilie hat sich mit einem mir nicht sympathischen Manne verlobt. 

Mein rächendes Unbewußte gönnt ihr dafür eine Neurose, die dann von 
mir mit eklatantem Erfolg aufgelöst wird (neue Rose = Neurose). — Zugleich 
die Übertragung („Defloration"). 

Zur Drachenflieger- Symbolik. 

Sie träumt, ihr Mann habe zu ihrem Unvergnügen eine Rolle 
Drachenschnur an ganz fremde Leute verschenkt. Die erotische Eifer- 
sucht spricht außer der Beziehung zum Drachenflieger noch aus der Mit- 
teilung, die Schnur sei das Tau aus dem Epigramm : Die Heirat ist ein Tau, 
Damit wird gebunden. Der Mann an seine Frau usw. Stärcke. 

Bioskop und Unterstellung im Dienste der Zensur. 

Sie träumt : Wir kamen mit den beiden Kindern V. ins Kinematheater. 
Allererst sahen wir ein geschichtliches Drama. Es wurden ein oder zwei 
Kinder von Kriegsknechten oder so etwas in eine Pfütze geworfen und das 
ward der Mutter gezeigt, so sagte der Explikateur. Ich suchte auf dem Film 
die Mutter, fand aber dafür nur eine Dame in einer Art Edelfrauenkleid, die 
eine sonderbare Miene machte, eine Art unwesentliche grinsende Maske. 

Dann sollten zwei Männer in die Pfütze geworfen werden. Die wurden 
dann noch plötzlich zurückgezogen und mit Schwert oder Messer in Stücke 
zerhackt ; zuletzt waren es nur Scheiben und Stücke und eine blutig zer- 
hackte Masse. 

Als wir nach Hause gehen wollten, waren die beiden Kinder V. fort 
(ich unterstelle, daß es diese waren, obwohl ich mich an sie nicht erinnere). Wir 
suchten überall und waren besorgt. Ich war dann verstimmt, weil wir auch 



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382 Mitteilungen. 

in den ersten Rang gingen und dafür wieder aufs neue zahlen müßten. 
Später spürten wir, daß die Kinder schon volle 24 Stunden fort waren, 
und befremdeten uns darüber, daß wir gar keine Angst gehabt, die 
Polizei nicht gewarnt hatten. Dann suchten wir Treppe auf, Treppe ab und 
fanden zuletzt glücklicherweise die Kinder bei einer Biegung der Treppe in 
einem stäubigen Dachkämmerchen hinter ein paar Koffern, wo sie sich versteckt 
hatten, bleich und hungrig. 

Es ist diesem Traume schwer geworden, die Wahrheit zu verbergen, 
davon zeugt das reichlich vertretene funktionale Phänomen : ,,das ward der 
Mutter gezeigt*', der Explikateur, die Maske, die Befremdung über das Fehlen 
der Angst. Ein besonderes Funktionalsymbol ist das Bioskop. 

Im ersten Teile des Traumes wird dem Inhalt der Geburtsphantasie mit 
der blutigen Plazenta-Episode, zusammen mit verschiedenartigen Paarungs- 
und Mordgedanken, dadurch noch die Wirklichkeit abgesprochen, daß er auch 
im Traume nicht als wirklich durchlebt, sondern nur auf die Leinwand projiziert 
wahrgenommen wurde. Das Bioskop vertritt hier den „Traum im Traume". 

Im zweiten Teil wird diese Funktion der Abschwächung durch die Ein- 
schiebung der „Unterstellung" übernommen. 

Beide Phänomene der sekundären Bearbeitung, das erstere im Traum, 
das zweite im Wachen, bei der Wiedergabe. Stärcke. 

Der Hammer als männliches Potenzsymbol. 

Eine Sängerin, die schon einige Zeit mit ihrer Mutter Streitigkeiten 
wegen der Erbschaft hatte, schrieb ihr endlich eine Postkarte, worauf sie ihr 
mitteilte, daß sie an einem bestimmten Tag und Stunde kommen würde und dann 
die Fensterscheiben zerstören wollte. Gleichen Bericht empfingen noch mehrere 
Personen, welche sie bat, als Zeugen gegenwärtig sein zu wollen. Als Grund 
gab sie an, daß die Mutter ihr des Vaters Vermögen entwendet hätte. Sie 
kam auch wirklich in einer Droschke und vollzog die Defloration des Hauses 
mit Hilfe eines mitgebrachten Hammers. 

Die Feierlichkeit mahnt an die Edda : 

Bringt mir den Hammer, die Braut zu weihen, 
Legt den Miölnir der Maid in den Schoß 
Und gebt uns zusammen nach ehlicher Sitte. 

Auch der demokratischen Abänderung des Zepters, dem Präsidenten- 
hammer, kommt wohl neben der praktischen eine symbolische Bedeutung von 
derselben Kategorie zu. Davon zeugen die überreiche Ausschmückung, die An- 
fertigung aus oft wertvollen Stoffen und der Wert, den selbst sehr kleine 
Vereine auf den Besitz eines Präsidentenhammers legen, wodurch dieser zum 
wahren Symbol der Solidarität wird, welche die väterliche Autorität in der 
modernen Gesellschaft übernimmt. Ein Schlag mit dem Hammer auf den 
Vorstandstisch erweckt Gefühle, die nicht ganz im Verhältnis zu seiner wirk- 
lichen Bedeutung stehen. Stärcke. 

Groß und klein kann im Traume wichtig resp. unwichtig 

bedeuten. 

Die Hauptmotive sind bisweilen vergrößert dargestellt. Diese Art der 
Darstellung durch die Quantität der Dimensionen, statt durch die Qualität der 



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Erfahrungen und Beispiele aus der analytischen Praxis. II. 383 

AnordDung bezeichnet eine bestimmte Kulturstufe (vgl. Thurnwald, Ethno- 
psychol. Studien an Südsee Völkern. Beihefte zur Z. f. angew. Psych. 6). 

Verschiedene Träume zeigen verschiedene kulturelle Regression (vgl. 
die übrigen Bedeutungen von „Groß" und Klein" z. B. mittels Witztechnik). 

Stärcke. 

Sensation des gemeinsamen Traumes. 

Aus einem Traume erwache ich mit dem Gedanken: Wie merkwürdig, 
daß Emmy auch ebenso wie ich von Vermicelli-Kuchen geträumt hat ! 
Der Traum war ein Liebestraum, — das erwies die Deutung, beim Erwachen 
war es mir noch nicht bewußt — und Emmy die verhüllte Hauptperson des- 
selben. Mit dem Erwachen setzt gleich die Deutungsarbeit ein. Die beschriebene 
Sensation, ein Kompromiß zwischen den sich noch einen Augenblick durch- 
setzenden Traumwünschen und der Kritik : gemeinsamer Liebesrausch, ein 
Traum nur. 

Das Unbefriedigende dieser Schöpfung liefert den Impuls zur weiteren 
Deutung. Stärcke. 

Angst vor Zigarren- und Zigarettenrauchen 

vertritt meist nur die Stelle der Angst vor einem anderen (erotischen) Genuß, den der 
Patient für „gefährlich'' hält. Rauchen und Sexual verkehr sind gleicherweise 
Dinge, die sich nur die Großen gestatten, ihre Kinder aber davon mittels 
Drohungen und Abschreckung abhalten. Ich erinnere an meine Erklärung des 
Antialkoholisraus.^) Ferenczi. 

Haarschneiden und Geiz. 

Ferenczi hat darauf aufmerksam gemacht, daß das analerotische In- 
teresse für Geld und Kot, das sonst ausgeglichen ist, sich zuweilen noch in 
persönlichen Eigenheiten verrät, wie in der Abneigung, für Wäsche Geld aus- 
zugeben. Mitunter kann man dasselbe in bezug auf das Haarschneiden be- 
obachten, wie in folgendem Beispiel : 

Ein in Behandlung stehender Zwangsneurotiker sträubt sicli heftig da- 
gegen, für das Haarschneiden zu bezahlen und schiebt es immer so lange als 
möglich auf. Kommt endlich doch die Zeit dafür, so stört ihn das bei- 
läufig vorgebrachte Angebot des Friseurs, sich das Haar waschen oder brennen 
zu lassen etc., weil dies ihm eine größere Geldausgabe zumutet. Für ge- 
wöhnlich läßt er doch alles über sich ergehen, steht aber dabei Todesängste 
aus infolge der Gewissensbisse wegen seines Leichtsinns. In den Fällen, wo 
er der Zudringlichkeit des Friseurs widersteht, verläßt er das Lokal mit einem 
Gefühl intensiver Scham wegen seines Geizes und wagt es nicht, wieder 
dorthin zu gehen, aus Furcht, von dem Manne verachtet zu werden. 

Die innige Beziehung zwischen Haar und Kot (abschneiden und aus- 
scheiden) ist wohlbekannt. Ernest Jones. 

Der vergessene Name. 

Eine bekannte Dame kann sich auf den Namen des Helden im eben 
gelesenen Roman gar nicht besinnen. „Leo? — Nein. Georg? — Nein. Martin? 



^) Jahrbuch f. Psychoanalyse, m. Bd., 191 1 , S. 863 „ A 1 k o h o 1 u n d N e u r o s e n' 



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384 Mitteilungen. 

— Nein. Wie mag er denn heißen? „Mit dem Zunamen heißt er Mendlin. 
A ! Jetzt habe ich es ! Curt Mendlin". 

Ich habe hinzuzufügen, daß die Dame mich auf die Ähnlichkeit im 
Schicksale des Helden mit ihrem eigenen Schicksal aufmerksam machen 
wollte. Dabei hatte sie die Hauptähnlichkeit vergessen : ihr Geliebter hieß 
mit dem Vornamen, wie der Held des Romanes — „Curt". Den Namen 
des Geliebten wollte sie vergessen ; deshalb vergaß sie den Namen des 
Romanhelden. S. Spie Ire in. 

Das „Vergessen" eines Symptoms und seine Aufklärung im 

Traume. 

Eine Patientin, die die Gewohnheit hat, vor dem Schlafengehen anters 
Bett zu schauen, ob dort kein Räuber versteckt ist, vergaß eines Abends 
diese Schutzmaßregel auszuführen. In derselben Nacht träumt ihr, daß sie 
von einem jungen Mann verfolgt und mit einem Messer bedroht werde. Die 
Assoziationen führten vom Traum einerseits zu infantilen sexuellen Erlebnissen, 
anderseits zu einer Phantasie vor dem Einschlafen: die sonst sehr prüde 
Patientin getraute sich, eine sexuelle Szene zwischen sich und ihrem jugend- 
lichen Visavis vorzustellen. Man kann annehmen, daß das Unterlassen 
der Zimmerdurchsuchung dem Zweck diente, diese Phantasie — allerdings in 
ängstlicher Entstellung — bei Nacht fortspinnen zu können. Da nämlich 
nach dem „Räuber" nicht geforscht wurde, konnte der Gedanke an ihn eher 
den Schlaf der Patientin „stören". Ferenczi. 

Darstellung der „großen Leistung" im Traum. 

Der männliche Träumer sieht sich als gravides Weib im Bette liegend. 
Der Zustand wird ihm sehr beschwerlich. Er ruft aus : Da will ich doch 
lieber .... (in der Analyse ergänzt er nach einer Erinnerung an eine 
Pflegeperson : Steine klopfen). Hinter seinem Bett hängt eine Landkarte, 
deren unterer Rand durch eine Holzleiste gespannt erhalten wird. Er reißt 
diese Leiste herunter, indem er sie an beiden Enden packt, wobei sie aber 
nicht quer bricht, sondern in zwei Längshälften zersplittert. Damit hat er 
sich erleichtert und auch die Geburt befördert. 

Er deutet ohne Hilfe das Herunterreißen der Leiste als eine große 
„Leistung", durch welche er sich aus seiner unbehaglichen Situation (in der 
Kur) befreit, indem er sich aus seiner weiblichen Einstellung herausreißt. 
Gegen diese seine Deutung ist nichts einzuwenden ; ich würde sie aber darum 
nicht als eine „funktionale" bezeichnen, weil sich seine Traumgedanken auf seinen 
Zustand in der Kur beziehen. Solche Gedanken sind ^Material" für die 
Traumbildung wie alles andere. Es ist nicht einzusehen, warum die Ge- 
dankentätigkeit eines Analysierten sich nicht mit seinem Kurverhalten be- 
schäftigen sollte. Die Unterscheidung von „funktionalem" und „materialem" 
Phänomen nach Silber er hat nur dann einen Wert, wenn — wie in den 
bekannten Selbstbeobachtungen Silberers beim Einschlafen — die Alter- 
native vorliegt, ob sich die Aufmerksamkeit mit einem gegebenen Denkinhalt 
oder mit dem psychischen Zustand der Person beschäftigen soll, nicht wenn 
dieser Zustand selbst der Denkinhalt ist. 

Die Deutung des Traumes ist indes nicht vollendet, das absurde De- 
tail, daß die Holzleiste nicht nur bricht, sondern der Länge nach splittert, 
fordert seine Erklärung, die nicht „funktional" sein kann, auch nicht ohne 



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Erfahrongen und Beispiele aus der analytischen Praxis. II. 385 

Schwierigkeit gewonnen wird. Der Träumer erinnert sich endlich daran, 
daß die Verdoppelung im Verein mit der Zerstörung eine Anspielung an die 
Kastration enthält. Der Traum stellt sehr häufig die Kastration im trotzigen 
Wunschgegensatz durch das Vorhandensein von zwei Penissymbolen dar. 
Die „Leiste" ist ja auch eine den Genitalien naheliegende Körperregion. Er 
fügt dann die Deutung zusammen, er überwinde die Kastrationsdrohung, 
welche ihn in die weibliche Einstellung gebracht hat. Freud. 



Zeitoohz. f. ftzEÜ. Fsyohoanalyae. H. ^^ 

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Kritiken und Referate- 



Professor Bernheim (Nancy): L'Hysterie. La Revue. Paris. I.Mai 1914. 

Einleitend stellt Bernheim einige bedeutende Hysterietheorien kurz 
dar : die üterustheorie des Hippokrates, die Ansichten Lepois, Willes und 
Sydenhams über die Hysterie als eine Gehirnaffektion usw. Bern he im 
polemisiert gegen die Verallgemeinerung des Ausdruckes Hysterie und seine 
Anwendung auf ganz verschiedene Krankheiten. Die hysterischen Krisen sind 
nach Bernheim nicht anders als die Übertreibung gewisser alltäglicher 
Phänomene in psychoneurotischer Reaktion und auf emotionaler Basis. Unter 
dem Eindrucke bestimmter Emotionen sind wir alle in gewissem Maße hyste- 
risch. Bernheim läßt als das Hauptsymptom der Hysterie nur die Nerven- 
krisen gelten ; seit zwanzig Jahren hat er keine Stigmata in dem von den 
meisten Ärzten gebrauchten Sinne gesehen. Er glaubt überhaupt nicht an 
ihre Existenz und versichert, ihre Annahme beruhe nur auf suggestiven Fragen. 
Bern he im schließt mit der Bemerkung: der Hysterische hat weder phy- 
sische noch seelische Stigmata, er hat eine besondere Impressionnabilität, 
welche bewirkt, daß gewisse Emotionen, die äußerlich oder innerlich begründet 
sind, bei ihm Krisen hervorrufen, welche die Autosuggestion produzieren ond 
welche die Psychotherapie heilen kann. j. Theodor Reik 

Dr. €h. Ladame: Homosexualite originaire et homosexnalit6 
acquise. Archives d'anthropologie criminelle de mMecine legale et de 
Psychologie normale et pathologique. 15. April 1914. 

Die Arbeiten von Freud und Ferenczi über die Rolle der homo- 
sexuellen Strebungen in der Psychogenese der Paranoia werden in dem Artikel 
Lad am es nur gestreift. Ladame findet die Theorie zwar sehr interessant, 
will sie aber dadurch widerlegen, daß zahlreiche Frauen seiner Anstalt als 
Paranoide sexuelle Wünsche gegenüber den männlichen Ärzten zeigen. Es ist so, 
als hätte Freud niemals etwas vom Unbewußten und seinen psychischen 
Mechanismen gelehrt. Eine Reihe interessanter homosexueller Fälle ist in 
La dam es Arbeit zusammengestellt. j)^ Theodor Reik. 

N. Kostyleff : Contribution ä l'etude du sentiment amoureux. 
Revue philosophique. Mai 1914. 

Die Arbeit Kostyleffs stellt, wie schon der Titel sagt, eine Studie 
zur Psychologie der Liebe dar. Kostyleff zeigt die Unzulänglichkeit der 
früheren physiologisch orientierten Forschungen über die seelische Entstehung 
der sexuellen Gefühle und behauptet, daß sich die Situation durch die Resul- 
tate der psychoanalytischen Arbeiten geändert habe. Aus ihnen ergibt sich 
ihm, daß das synthetische Bild, das Beherrschende im Liebesgefühl, ganz 



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Kritiken und Referate. 387 

oder teilweise unbewußt sein kann. Kostyleffs Bestreben ist es, die psychoana- 
lytischen Resultate mit den Befunden der „objektiven Psychologie" Bechterews 
zu verbinden. Er geht von Freuds „Drei Abhandlungen zur Sexual theorie" 
aus, deren hauptsächlichste Ergebnisse er kurz darstellt. An drei psychoana- 
lytischen Arbeiten der jüngsten Zeit will nun der Autor zeigen, welcher Art 
die von dem sexuellen Instinkt unabhängige (?) Erotik ist, wie sie sich dann 
mit psychischen Faktoren assoziiert; endlich wie sich auf diesem seelischen 
Terrain ein erotischer Komplex konstituiert. Die erste Arbeit ist Sadgers 
„Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik", deren Bedeutung der Autor erkennt. 
Ein längerer Exkurs dient hier dazu, den Begriff der erogenen Zonen abzu- 
grenzen und dem Verständnisse der Leser näherzubringen. Die physiologischen 
und psychologischen Bedingungen der Haut- und Muskelerotik werden mit 
großem Verständnis geschildert. Die Arbeiten von Dr. Abraham und Rank 
im Jahrbuch werden ausgiebig zitiert. Kostyleff erhebt hier (leicht wider- 
legbare) Einwände gegen die Behauptung Ranks, daß der Narzißmus ein 
Stadium der normalen Libidoentwicklung sei. Er will Narzißmus und Fixierung 
an die Mutter nur als Spezialfall gelten lassen, doch erklärt er die Beob- 
achtungen von Abraham, Rank und Sadger als höchst bedeutungsvoll 
für das Studium der Liebesgefühle. Die Psychoanalyse hat der Wissenschaft 
einen unschätzbaren Dienst erwiesen durch die Aufdeckung der extragenitalen 
Sexualität und der damit verbundenen Phantasien. Die Arbeiten der SchtUer 
Freuds eröffnen sowohl der physiologischen als der psychologischen und bio- 
logischen Forschung neue Horizonte. Man kann jetzt nicht nur die Bildung 
des jjCompl^xus erotique", sondern auch die äußeren Bedingungen seiner 
Funktionsweise studieren. Kostyleff glaubt, daß man von hier aus einen 
tiefen Einblick in das affektive Leben der Individuen gewinnen müsse. Als 
Vorbedingung, und zwar als unerläßliche erscheint ihm aber, daß die Psycho- 
analytiker mit der objektiven Psychologie vereint gehen, sonst würden sie die 
objektive Seite der seelischen Phänomene übersehen. Wir unterschätzen keines- 
wegs das Wertvolle der „objektiven Psychologie", glauben aber, daß gerade 
unsere Einseitigkeit in der Methode fruchtbar geworden ist und die Psycho- 
analyse, so willkommen sie auch die Resultate anderer Wissenschaften heißt, 
dennoch einer Vermengung mit anderen psychologischen Methoden ihrer Eigen- 
art wegen vnderstrebt. Dr. Theodor Reik. 

Paul Courbon; La convoitise incestueuse dans la doctrine de 
Freud et les conditions du desir sexuel. L'Encephale, 10. April 
1914. 

Kürzlich hatte ich Gelegenheit, hier mit Nachdruck auf diese große 
französische Revue hinzuweisen, welche bestrebt ist, der Entwicklung der 
Psychoanalyse aufmerksam zu folgen. Namentlich die bedeutungsvollen und 
umfangreichen Arbeiten von Ladame, Regis und Hesnard bewiesen das 
hohe Interesse, das französische Neurologenkreise für die Psychoanalyse haben. 
Der Artikel von Courbon geht von Freuds jüngstem Buche „Totem und 
Tabu" aus^), dessen erster, die Inzestscheu der Wilden behandelnder Abschnitt 
besonders herangezogen wird. Der Autor irrt, wenn er annimmt, daß Professor 
Freud die Inzestscheu der Wilden als beweisendes Argument für das Vor- 
handensein des allgemeinmenschlichen Inzestwunsches aufstellt. Eines solchen 
Beweises bedarf es nach den Resultaten der psychoanalytischen Arbeiten nicht 
mehr. Die Freudsche Theorie des Inzestthemas hat hier nicht eine Stütze 



^) Mit einem sinnstörenden Druckfehler wird der Titel mit >Totem et Fabon« 
angegeben. 

25* 

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338 Kritiken und Referate. 

gefunden, sondern eine Anwendung, um soziale Institutionen und ihre seelische 
Motivierung unserem Verständnisse näher zu rücken. Courbon gibt sich 
wenig Mühe, die F r e n d sehe Ableitung der Inzestscheu näher zu prüfen, seine 
Kritik rekurriert vielmehr auf das Inzestbegehren der Kinder. £r sagt, dem 
Akte der Säuglingsernährung eine sexuelle Befriedigung zuzuschreiben, bedeute 
nicht nur die Existenz des Sexualtriebes schon von der Geburt an annehmen, 
sondern ihn zur einzigen Gennßquelle machen. Der Denkfehler liegt, wie nns 
scheint, auf seiner Seite. Denn wenn der Säugeakt dem Kinde eine dumpfe 
sexuelle Befriedigung bringt, so ist doch nirgends von Freud gesagt worden, 
daß er ihm nur sexuelle Befriedigung gewähre. Die ungerechtfertigte Ver- 
allgemeinerung ist das Werk Courbons und er wtlrde etwa wie der Ver- 
treter einer Armee erscheinen, welche Posten aufstellt und diese eigenen 
Leute (statt der feindlichen Soldaten) erschießt. Ebensowenig zureichend er- 
scheinen Courbons Argumente gegen die Hauterotik. Hier sieht er nur 
Phänomene der Sensualität ; wenn sie sexuell betont wären, müßten sie den 
Charakter sexueller Erregung zeigen. Gewiß; aber diese Bedingung trifft in 
den Phänomenen zu und zeigt sich besonders klar in der Analyse von Neu- 
rotikern, welche infantile Befriedigungsarten festgehalten haben oder zu ihnen 
zurückgekehrt sind. Der Autor fragt sich, ob die von Freud angenommene 
Bisexualität des Kindes nicht im Grunde nur sexuelle Neutralität sei. Doch 
theoretische Einwendungen können nur dann völlig erledigt werden, wenn man 
beachtet, daß die Psychoanalyse von der Wirklichkeit und von der Empirie 
ausgeht, daß sie nicht in der Studierstube entstanden ist. Courbons Be- 
denken wegen des Inzestes sind deshalb so unscharf formuliert, seine Argu- 
mente so angreifbar, weil er die wichtigsten Begriffe der Psychoanalyse wie 
die des Unbewußten und der Verdrängung völlig vernachlässigt. Eine Er- 
klärung wie die, daß Ödipus Jocaste nur heiratete, weil er sie nicht kannte 
und der Reiz des Unbekannten auf ihn wirkte, ist so flach und banal, daß 
sie füglich mit Schweigen am wohlwollendsten behandelt werden kann. C o a r b o n 
kommt zu folgendem Resum^ : ^Das geschlechtliche Begehren entwickelt sich 
niemals zwischen Leuten, die immer gemeinschaftlich gelebt haben. Aber der 
Mensch lebt mit seinen Verwandten seit seiner Geburt. Der sexuelle Wunsch 
kann deshalb nicht zwischen ihm und ihnen erwachen. Infolgedessen ist der 
Inzestwunsch niemals primitiv. Wenn er besteht, ist er immer sekundär einem 
anderen Wunsche, dessen Objekt kein inzestuöses war." Man sieht, wie sehr 
dieser Zirkelschluß ähnlichen desexualisierenden Argumentationen Jungs nahe- 
steht.^) Die Antwort braucht nicht der Psychoanalytiker zu geben, der Ethno- 
loge Frazer hat dergleichen Hypothesen endgültig in ihrer Hinfälligkeit 
««zeigt Dr. Theodor Reik. 

Dr. Willi Schmidt: Inzestuöser Eifersuchtswahn. Archiv für Kri- 
minalanthropologie und Kriminalistik. 3. Heft, 1914. 
Es ist eine besondere Ironie, daß der Assistent der psychiatrischen und 
Nervenklinik an der Uciversität Freiburg i. B., geleitet von Professor Hoc he, 
Beobachtungen über einen Fall von inzestuösem Eifersuchtswahne machen 
mußte. W. K. wurde in die psychiatrische Klinik gebracht, weil er seine 
Tochter, zu der er schon seit Jahren in einem eigentümlichen, erotischen Ver- 
hältnis steht, aus Eifersucht mit Vitriol begoß. Wie aufdringlich müssen die 
Tatsachen gesprochen haben, wie abnorm stark müssen in diesem Fall die 
inzestuösen Regungen gewesen sein, daß man sie nicht wegleugnen konnte. 

*) Immerhin ist zu erwarten, daß die intellektuelle Selbständigkeit der fran- 
zösischen Neurologen den Jung sehen Theorien künftig kritischer begegnen wird. 



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Kritiken und Referate. 3gg 

Wenn sich die Tochter z. B. zu Bett legte, streichelte K. ihre Brüste und 
griff unter die Bettdecke. Er machte ihr den Vorschlag, mit ihm nach Eng- 
land zu fliehen und sich dort trauen zu lassen. K. konnte es nicht sehen, wenn 
seine Tochter sich mit einem männlichen Wesen unterhielt, üherwachte ihre 
Ausgänge, wurde wütend, wenn die Tochter längere Zeit ausblieb. Als die 
Tochter eine Stellung bei einem unverheirateten Kaufmanne annahm, geriet 
K. in eine sinnlose Wut und behauptete, seine Tochter habe ein Verhältnis 
mit diesem Herrn. Bei den Mahlzeiten konnte K. plötzlich ohne Grund 
wütend werden, wenn er glaubte, seine Tochter rede nicht genug und denke 
an ihren Geliebten. „Dabei wurde das Objekt der Eifersucht dem K. all- 
mählich ganz gleichgültig. Im jüngsten Knaben wie im ältesten Greis witterte 
er sofort einen Liebhaber.** 

Dem Beobachter erscheint das Sexualleben des K. recht eigentümlich: 
K. behauptet, nie onaniert und kein Bedürfnis zum Koitus gehabt zu haben. 
In der Ehe kam es sehr selten zum Sexualverkehr, da K. behauptete, „er 
könne ganz gut ohne Geschlechtsverkehr leben". Während des seltenen Ver- 
kehres soll er nach Aussage seiner Frau außerordentlich kalt und gleich- 
gültig gewesen sein. Sein Verhältnis zu seiner Tochter faßt K. als im Rahmen 
der väterlichen Zärtlichkeit stehend auf und motiviert seine Erregungszustände 
mit der Angst des Vaters, die Tochter könne auf falsche Wege kommen. 
Die Disharmonie im Geschlechtsleben K.s hält der Autor für erklärt, wenn 
er sie nach Moll als ganz ausgesprochene Prävalenz des Kontrektationstriebes 
auffaßt. Daß K.s Sexualleben pathologisch zu Gunsten dieses Triebes ver- 
ändert ist, macht seine Beziehungen zur Tochter etwas verständlicher. (Es 
wäre wünschenswert, einige Menschen zu kennen, denen der Inzestwunsch 
dadurch verständlich wird). Der Inzest ist für jeden normal Empfindenden 
die unerfreulichste aller sexuellen Verirrungen. „Nicht zum wenigsten", be- 
merkt der Autor, „dürfte z. B. die Ablehnung der Freud sehen Lehre auf 
dem Degout des Lesers gegen den Ödipuskomplex beruhen". K. wird sich 
des erotischen Faktors in seinen Beziehungen zur Tochter nicht bewußt. Der 
Autor wendet alle möglichen Künste an, um die psychoanalytische Terminologie 
zu vermeiden. Der Diagnose nach schwankt Schmidt nur zwischen progres- 
siver Paralyse, Dementia, praecox und Alkoholismus. 

Und nun folgt ein interessanter Zug: Professor Hoche erstattete zu 
forensischen Zwecken ein Gutachten über den Fall, in dem es u. a. wörtlich 
heißt : „Es ist ein seltener Umstand, daß die leibliche Tochter Gegenstand 
der Liebe und wahrscheinlich auch des Begehrens und der Eifersucht ge- 
worden ist. An sich würde in dem Vorkommen von Gefühlen 
mit blutschänderischen Tendenzen nicht etwas unter allen 
Umständen Krankhaftes zu sehen sein".^) Seit wann gelten Herrn 
Geheimrat solche Gefühle mit blutschänderischen Tendenzen als nahezu normal ? 
In Breslau war er anderer Meinung. Schließlich muß Professor Hoche zu- 
geben, daß der Sachverständige in vorliegendem Falle „in einer für die Zwecke 
der Begutachtung unangenehmen Lage" ist, daß „das gesamte Beweis- 
Material für den pathologischen Charakter der Persönlichkeit und des 
Handelns des K. auf schwachen Füßen steht*'. 

Es besteht nach den Angaben, welche Dr. Schmidt macht, kein Zweifel 
darüber, daß es sich um paranoische Symptome der Eifersucht handelt ; die 
Verdrängung und unbewußte Projizierung homosexueller Tendenzen tritt klar 
zu Tage. Dr. Theodor Reik. 



*) Vom Referenten gesperrt. 



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390 Kritiken und Referate. 

J. B. J. Zimkin: Ein Fall von familiärer Masturbation. St. Peters- 
burger medizinische Zeitschrift, Organ der deutschen mediziDischen Ge- 
sellschaft in Rußland. 14. März 1914. 

Ein Rigaer Neurologe berichtet hier kurz über einen Fall; in welchem 
ein Neurotiker mit hypochondrischen Vorstellungen, Impotenz und anderen 
Symptomen Masturbation in exzessivem Maße seit früher Kindheit betrieben 
hat, wie er eingesteht. Auch der Vater des Patienten kann trotz der Ehe den 
Onanieneigungen nicht entsagen ; ebensowenig seine sechs Geschwister. Der 
Autor weist auf die Forschungen Freuds hin. Dr. Theodor Reik. 

Karl Birnbanm: Die psychopathischen Verbrecher. Die Grenz- 
zustände zwischen geistiger Gesundheit und Krankheit in ihren Beziehungen 
zu Verbrechen und Straf wesen. Handbuch für Ärzte, Juristen und 
Strafrechtsbeamte. Berlin 1914, Verlag Dr. P. Langenscheidt Preis 
M 18-—, geb. M 21—. 

Dieses umfangreiche Buch erscheint als XI. Band der von Dr. P. Langen- 
scheidt herausgegebenen „Enzyklopädie der modernen Kriminalistik*, eines 
großzügigen Unternehmens, für das dem Herausgeber und Verleger Anerkennung 
gebührt. 

Die Arbeit selbst zerfällt in drei Hauptabschnitte : Psychopathie und 
Verbrechen ; Psychopathie und Straf wesen ; Die strafrechtliche Behandlung und 
Versorgung der kriminellen Psychopathen, von denen uns hier besonders der 
erste interessiert, der „eine Psychologie der psychopathischen Verbrecher zu 
geben" beabsichtigt. Leider bleibt der in der Literatur wie an seinem 
Menschenmaterial gut orientierte Verfasser rein schematisierend und de- 
skriptiv, so daß man zwar viel über das Wie, aber gar nichts über das Warum 
erfährt, das vielleicht den Kriminalisten erst in zweiter Linie, den Psychologen 
jedoch vor allem interessiert. Die auf Schritt und Tritt andrängenden Fragen 
nach dem Warum prallen unerhört von dem Damm einer festgewurzelten 
Terminologie zurück, die etwas zu erklären glaubt, wenn sie es mit einem 
Schlagwort umschreibt. Auffallend stark tritt in dem „psychopathischen" 
Material — neben dem psychotischen und perversen — das neurotische Mo- 
ment^) hervor und verlangt nach psychoanalytischer Aufdeckung seiner un- 
bewußten Wurzeln, über die auch die Kriminalpsychologie aut die Dauer 
nicht hinwegsehen kann. Aber die aprioristische Negierung psychoanalytischer 
Befunde geht auch beim Verfasser noch so weit, daß er es auch dort nicht 
der Mühe wert findet, auf sie hinzuweisen, wo er unmittelbar mit ihnen zu- 
sammenstößt. So erwähnt er bei der Besprechung haftpsychotischer Zustände 
(S. 419 ff.), daß „am häufigsten der Wunsch Richtung und Inhalt dieser 
wahnhaften Gebilde bestimmt. Es sind Wunschvorstellungen, die auf 
diese Weise sich realisieren". Entweder sind es rein phantastische Vor- 
stellungen oder sie knüpfen an das tatsächlich Bestehende an : „Besonders ist 
es eine bestehende ungünstige Situation, welche ihnen solche wirklichkeits- 
verfälschende Wünsche nahelegt" (S. 421). An anderer Stelle bemüht der Ver- 
fasser Herrn Hofrat Wagner als Zeugen für, die Bedeutung des Traum- 
lebens für die Feststellung des pathologischen Triebes, wenigstens hinsichtlich 
des Brandstiftungstriebes 2) . . . , Feuerträume*, die mit Lustgefühlen, 
eventuell auch mit Pollutionen einhergehen" (S. 145). 

^) Verfasser stellt z. B. die hysterische Verbrecherin als die Hauptvertreterin 
weiblicher psychopathischer Kriminalität hin (S. 325). 

*) Für die sexuellen Triebanomalien glaubt er sich diesbezüglich noch auf 
Näcke berufen zu dürfen. 



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Kritiken und Referate. 391 

Wie nahe der Verfasser auch der psychoanalytischen Einschätzung des 
Sexualtriebes kommt, mögen einige Sätze aus dem Abschnitt über „Sexuelle 
Psychopathien" illustrieren (S. 154 ff.). „In jeder, aber auch in jeder Be- 
ziehung überragen^) die sexuellen Psychopathien alle anderen pathologischen 
Triebäußerungen der Degenerativen an Bedeutung. Nur zu verständlich." Denn 
der Geschlechtstrieb . . . „greift weit auf andere Gebiete des seelischen 
Lebens tiber.*^ — »Bringt es doch die disharmonische Gesamtanlage des De- 
generierten mit sich, daß die Sexualsphäre leicht die Vorherrschaft im seelischen 
Leben gewinnt..." Ziehen hält die sexuellen Triebanomalien ^für so 
zahlreich, daß er sie bei wenigstens der Hälfte der Psychopathen annimmt". 
Neben der krankhaften Neigung des Sexualtriebes und seiner erhöhten und 
erweiterten Ansprechbarkeit fällt insbesondere die sexuelle Frühreife der De- 
generativen auf, die ein Licht auf die infantile Sexualität wirft (vgl. z. B. die 
Fälle S. 158 f.). Ob dabei die Delikte sexueller Kriminalität lediglich aus 
der psychopathischen Konstitution heraus folgen, ohne daß eine wirkliche 
Sexualpervervion zu bestehen braucht, hätte VeriFasser vielleicht gerade im 
Hinblick auf seine interessante Kasuistik besser noch unentschieden lassen sollen. 
Auch hier bleibt jedoch der Verfasser, wie er selbst eingesteht, an der Ober- 
fläche und was er über die verschiedenen Perversionen sagt — besonders der 
Zweifel an ihrem angeborenen Charakter — ist in seiner Hilflosigkeit charak- 
teristisch. Einzelne psychoanalytisch interessante Bemerkungen seien hier noch 
angeführt. Vom Alkohol, der die normalen Hemmungen abschwächt und auf 
den Sexualtrieb außerdem noch stimulierend wirkt, heißt es : „Er macht ge- 
legentlich auch abnorme Triebregungen frei (z. B. homosexuelle), die im 
normal bewußten Seelenleben überhaupt nicht an die Oberfläche kommen" 
(S. 163). Dafür hätte sich Verfasser aus der psychoanalytischen Literatur 
ebenso Bestätigung verschaffen können wie für seine richtige Beobachtung, daß 
viele Fälle von Stehltrieb usw. „in Wirklichkeit perverse Entäußerungen des 
Geschlechtstriebes sind" (S. 165). „Oft ist der Charakter der geschlechtlichen 
Triebäußerung so verdeckt, daß man dem Verbrechen den Zusammenhang mit 
dem abnormen Geschlechtstrieb gar nicht ansieht*' (S. 177). Und wieder muß 
gerade der Hofrat Wagner bezeugen, ,,daß bei ganz unmotivierten Morden 
ein sexuelles Momett wahrscheinlich sei, auch wenn in der Ausführung des 
Verbrechens nichts darauf hindeute." Anderes behauptet die Psychoanalyse 
auch sonst nicht ! Allerdings zieht sie andere Konsequenzen für eine eventuelle 
Therapie aus dieser Erkenntnis als die Psychiater. Ein von Zingerle 
(Jahrb. f. Psychiatrie, Bd. 19) veröffentlichter Fall einer 21jährigen klepto- 
mauischen Beamtengattin verdient als Beispiel angeführt zu werden. Sie litt 
an Phobien, Zwangsvorstellungen usw. und hatte schon in ihrer Schulzeit (!) 
das Verlangen, sich fremde Gegenstände anzueignen. „Sie hat beim Diebstahl 
ein ausgesprochenes Gefühl von Wollust mit Absonderung von Sekret in den 
Genitalien." „Es gelang, auf psychischem Wege die Verbindung (von Sexual- 
erregung und Diebstahl) in sehr einfacher Weise (!) zu lösen und die Er- 
weckung der sexuellen Befriedigung an den normalen Geschlechtsverkehr zu 
knüpfen. Der Ehemann legte einfach beim Sexualverkehr ein schroff ab- 
lehnendes Verhalten an den Tag, so daß auch hiebei für sie der Gedanke an 
, Mühevolles und mit Schwierigkeiten zu Erreichendes* wachgerufen wurde" 
(S. 166). Trotz der wiederholten Versicherung scheint Zingerle doch nicht 
zu wissen, wie „einfach" diese Therapie ist! 

^) S. 337: „In jeder, aber auch in jeder Beziehung überragen die Pubert&ta- 
und Entwicklungsjahre alle anderen Lebensstadien durch ihre besondere Bedeutung 
für das soziale und kriminelle Verhalten der Degenerativen." 



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392 Kritiken und Referate. 

Von Interesse sind schließlich noch die Ausführungen des Verfassers über 
die „Pathologische Ichbetonung'', das abnorm gesteigerte Selbstgefühl und die 
krankhafte Großmannssucht psychopathischer Naturen (S. 199flf.), wenngleich 
sie auch an den besprochener Mängeln leiden. x)r. 0. Rank. 

Magnus Hirschfeld. Die Homosexualität des Mannes und des 
Weibes. Handbuch der gesamten Sexualwissenschaft in Einzeldar- 
stellungen, Bd. 3, 1914, Louis Marcus, Berlin. 

Das über 1000 Seiten starke Buch von M. H. ließ mir gemischte 
Eindrücke zurück, je nach dem Kapitel, das ich just las. Es gibt da ganze 
große Partien, die durchaus einwandfrei, für jeden belehrend sind, eine Fülle 
von Selbsterfahrenem bringen. Daneben stehen aber nicht wenige Kapitel, in 
welchen man Mühe hat, den früheren Hirschfeld wiederzufinden. Man 
muß sich stets neu vor Augen halten, daß die Homosexuellen jetzt in 
einem verzweifelten Ringen begriffen um Abschaffung der unterschiedlichen 
Uroingsparagraphe und daß ihr da fraglos berechtigter Kampf gar manche 
extreme Blüte zeitigt, die nur der Eifer für eine gute Sache noch halbwegs 
entschuldigt. In einer meiner Arbeiten hob ich als bezeichnend für den 
Urning die Verlogenheit hervor, welche freilich eine notwendige Konsequenz 
ihrer ungerechten Verfolgung bilde. Bei ihren literarischen Wortführern aber 
fand ich fast immer eine deutliche Tendenz zur Schönfärberei. Ihre Schriften 
schienen bloß angelegt zu sein, beim Leser Rührung und Mitleid zu erregen. 
Nur die schönsten Seiten der Inversion, eventuell noch ihre bedauernswerte 
Verfolgung, wurden da in hellstes Licht gestellt. Man war versucht, 
gleich dem verflossenen preußischen Minister auszurufen : „Eigentlich 
eine Schande, nicht selber auf dieser Liste zu stehen!" Daß auch gleich- 
geschlechtliche Akte stattfinden, wurde vor Rührung beinahe vergessen. 
Meist hatte man den Eindruck, daß es nichts Idealeres gebe, als die Kaffee- 
kränzchen der Homosexuellen. Diese Menschen hatten anscheinend kein 
anderes Sexualziel, als sich zu küssen und zu umarmen, materiell und geistig 
einander zu fördern und höchstens noch dazu Kafi'ee zu trinken. Daß es da- 
neben noch eine minder harmlose, grob sexuelle Betätigung gebe, wurde zwar 
nicht schlankweg abgeleugnet, doch kaum mit flüchtigen Worten berührt, 
wenn nicht geradezu wegwerfend abgetan. Am verwunderlichsten war es, 
wenn man dem Wörtchen „Päderastie" zufällig in die Nähe kam. Da ging 
ein weltfremdes, schmerzliches Staunen durch alle Reihen. 

Seitdem die psychoanalytische Forschung jene Perversion zu erforschen 
bestrebt ist, beginnt man doch deutlicher zu sprechen. So ist z. B. in dem neuesten 
Buche von M. H. jene fast ausschließliche Goschlechtsbetätigung mit Küssen, 
Umarmungen und reichlichem Kaffeegenuß spurlos verschwunden, ja S. 438 
wird gerade heraus gesagt, nur verschwindend geringe Ausnahmen lebten ihr 
Leben lang abstinent. 40^0 trieben wechselseitige Masturbation, die gleiche 
Zahl fellatio und irrumatio, 12^0 Coitus inter femora und 8% etwa Päde- 
rastie. Das klingt nun freilich schon wesentlich anders, ob auch im einzelnen 
das Schönfärben nicht unterlassen wird. Wenn beispielsweise zwei Urninge 
sich wechselseitig masturbieren, so sei dies nicht mutuelle Onanie, sondern „es 
klafft hier entschieden eine Lücke in der sonst so überladenen Sexualtermino- 
logie" (S. 33), weshalb H. das Wörtchen „digitatio" vorschlägt. Einer meiner 
Urninge hat dies weniger vornehm, dafür aber ehrlicher „Fingerin" genannt, 
was unter seinen Wiener Gefährten die landesübliche Bezeichnung sei. Über- 
haupt sucht H. das Grobsinnliche möglichst auf ein unbeachtetes Nebengeleise 
zu schieben. Die geschlechtliche Handlung sei ganz irrelevant, entscheidend 



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Kritiken und Referate. 393 

ausschließlich die Triebrichtimg des Menschen. Die Gründe hiefür liegen auf 
der Hand. Was immer zwischen den Invertierten an sexuellen Handlangen 
vorkommen mag, wird Normalgeschlechtlichen anstößig erscheinen. Viel 
sympathischer berührt die abstrakte gleichgeschlechtliche Neigang oder 
„Triebrichtung", die man möglichst harmlos hinzustellen trachtet, hauptsächlich 
in ihren idealen Seiten. Freundschaft, Fürsorge, ja direkt Aufopferung für den 
Geliebten schiene, wenn man die Urninge nicht besser kannte, ihr einziges 
Lebens- und Liebesziel. Daß sie daneben Jungen von 17 bis 21 Jahren — 
ihren häufigsten Typus — sagen wir mindestens zur wechselseitigen Onanie 
anhalten, das soll man am liebsten gar nicht sehen. 

Immerhin hat H. schon manches von der Psychoanalyse gelernt. Er weiß 
bereits, worauf ich in früheren Besprechungen seiner Werke immer wieder nach- 
drücklichst hinweisen mußte, daß die verschiedenen Äußerungen homosexueller 
Liebe in ihrer Verursachung am besten psychoanalytisch aufgeklärt werden (S. 283), 
er hat die Bedeutung der Analerotik zugegeben (S. 292) und weiß sogar 
schon: „Welche Handlung der einzelne Homosexuelle vornimmt, hängt 
größtenteils von dem Grad und der Art seiner erogenen Reizbarkeit ab", was 
er sogar durch Sperrdruck hervorhebt. Aber wo ihm die Ergebnisse der psychoana- 
lytischen Forschung zu unbequem werden, sucht er sie abzuschwächen oder ganz 
zu unterdrücken, wie z. B. bei der Fixierung an die Mutter oder bei den 
heterosexuellen Urbildern zu den homosexuell Geliebten, ganz besonders aber 
unseren therapeutischen Erfolgen gegenüber, oder wenn wir aufdeckten, daß 
auch der „absolut" Invertierte ursprünglich dem anderen Geschlechte anhing, 
die Triebrichtung zum eigenen also unmöglich „angeboren" sein könne. 

All diese Punkte habe ich andernorts gründlich besprochen. Hier will 
ich nur einige Hauptirrtümer Hirsch felds etwas beleuchten.^) S. 104 sagt 
er z. B. : „Der Homosexuelle entwickelt sich nicht zum Urning, weil er sich 
schon als Kind zu der Mutter so stark hingezogen fühlt, sondern, früher 
ahnend als wissend, lehnt er sich in dem unbestimmten Gefühl 
seiner Schwäche und Sonderart an die Mutteran.** Ich habe dem 
nur entgegenzuhalten, daß der Urning, wie jede Psychoanalyse uns lehrt, auf 
die Mutter direkt grobsinnliche Gelüste hatte, ihr beispielsweise immer wieder 
an die Brüste zu greifen oder etwa ins Badezimmer nachzusteigen, just wenn 
sie nackt in der Wanne saß, ihr Genitale um alles zu erspähen, ja selbst 
ausgesprochene Koituswünsche und -phantasien, die auch in Träumen wieder- 
kehren. Das deutet auf alles eher hin, denn auf „ein unbestimmtes Gefühl 
seiner Schwäche und Sonderart" oder gar ein harmloses „Anlehnungs- 
bedürfnis". Was für einen Unfug treibt H. femer mit der „Angeborenheit" 
der Inversion und seiner Theorie von den „Zwischenstufen" ! Da werden bei 
den Normalen „für Frauen fühlende Nervenzentra" angenommen, bei den 
Bisexuellen sei die „Differenzierung der nervösen Zentra unvollkommen aus- 
gefallen, bei den Urningen endlich seien „die Neigungsfasern zum Manne 
nicht zurückgegangen" (S. 352). Und das alles, obwohl wir die zerebralen Ge- 
schlechtszentren überhaupt nicht kennen und noch viel weniger irgend welche 
„Neigungsfasem zum Mann'*. Was besagt denn die ganze Zwischenstufen- 
theorie" ? Doch gar nichts anderes als die hochgradige Variabilität der Ge- 
schlechtscharaktere, die ja seit Darwin wohl kaum mehr zweifelhaft sind. 
Aber das erklärt noch bei weitem nicht, warum ein Urning in der Kindheit 



*) Auf vieles andere, z. B. Unkenntnis oder Mißverstehen mancher Erkenntnisse 
der psychoanalytischen Forschung oder verschiedene unmögliche, leicht zu wider- 
legende Behauptungen kann ich hier aus Raummangel nicht eingehen. Zum Teil 
geschieht dies an anderer Stelle. 



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394 Kritiken und Referate. 

die Mutter und andere Frauen begehrte, von einem bestimmten Zeitpunkt ab 
jedoch nur Jüuglinge oder Männer, ein Umstand, der schlechterdings jede 
„angeborene" Triebrichtung ausschließt. Der nämliche Hir schfeld, der sich 
begeistert auf jode medizinische Mode stürzt, die ihm halbwegs in den Kram 
paßt — man denke, z.B. an sein hypothetisches „Andrin" und „Gynaecin" — 
vernachlässigt absichtlich den psychischen Mechanismus, den unsere Analysen 
als entscheidend aufdeckten. Allerdings, wenn es sich bei der Inversion um 
Störungen der Libidofixierungen handelt, dann ist mit der „angeborenen" 
Anlage, die die Hauptentschuldigung der Urninge bildet, nichts anzufangen. 

Das nämliche Motiv scheint mir auch entscheidend bei seinem Verhalten 
den psychoanalytischen Erfolgen gegenüber, die ihm schon völlig wider den Strich 
gehen. Denn wenn es möglich ist, einen Urning zu heilen, so daß er nicht mehr 
ausschließlich für den Mann empfindet, vielmehr mit dem Weibe Dicht bloß 
geschlechtlich zu verkehren vermag, sondern direkt sinnlich nach ihm begehrt, 
dann fällt ja das ganze Kartengebäude von der „Angeborenheit" und dem 
dritten Geschlechte in ein Nichts zusammen. Darum werden die Heilerfolge, 
über welche wir Psychoanalytiker berichten, entweder „übersehen"* oder 
möglichst verkleinert, event. auch ein minder glücklicher Analytiker ins 
Treffen geführt, dem aus irgend welchen Gründen bisher noch kein Dauer- 
erfolg beschieden. Ja, der nämliche H., der sonst von Wohlwollen förmlich 
trieft, wird direkt hämisch, wenn man ihm mit therapeutischen Erfolgen 
kommt. Während er z. B. meine erste Publikation in den „Jahrbüchern für 
sexuelle Zwischenstufen" mit sichtlicher Freundlichkeit behandelte und das in 
einem Nachworte ausführte, obwohl ein abschließendes Urteil derzeit noch 
nicht möglich, wolle er nicht unterlassen, die Ärzte und die Homosexuellen 
auf die analytische Methode hinzuweisen, die den Sexualstatus wesentlich tiefer 
und gründlicher angreift wie die Hypnose, wird S. 164 des hier kritisierten 
Buches von der nämlichen Arbeit und einigen folgenden Berichten über Hei- 
lungen alles Ungünstige möglichst herausgestrichen, die Erfolge aber verhüllt 
und herabgedrückt. So wird meine Erklärung in jenem ersten „Fragmenf*, 
ich sei durch die Eigenart des Falles genötigt gewesen, forciert vorzugehen, 
trotzdem mir bewußt war, daß dies technisch ein Fehler, daß ich ferner dem 
Patienten immer wieder einschärfte, er dürfe nur die W^ahrheit sagen, was 
ihm nach seinem eigenen Geständnis erst Vertrauen zur Psychoanalyse gab 
und ähnliche Dinge einfach verschwiegen ; desgleichen, daß der Urning, 
welcher zu Anfang alle entscheidenden Punkte heftig bestritt, infolge meines 
Drängens wenige Tage später höchst wichtige Erinnerungen produzierte, hingegen 
mit Behagen registriert, daß der Kranke schließlich ausgekniffen sei, worauf 
ich mich berühmt hatte, welch gewaltiges Material ich aus dem verborgensten 
Unbewußten in wenigen Sitzungen herausbekommen habe. 

Noch sonderbarer ist Hirschfelds Verhalten meinen geheilten Fällen 
gegenüber. Aus einem Aufsatz von acht Seiten „Ist die konträre Sexual- 
empfindung heilbar?" zitiert er nämlich nicht weniger als drei, was nach be- 
sonderer Gründlichkeit aussieht. In Wahrheit jedoch weicht er damit ge- 
schickt meinen entscheidenden Erklärungen über die Heilerfolge aus. 
Denn das von ihm herausgehobene Stück beschäftigt sich gar nicht 
mit diesen Erfolgen, sondern mit den seelischen Zusammenhängen, wie 
sie die Psychoanalyse aufdeckte. Nur ganz beiläufig wii'd auch einer Änderung 
im sexuellen Verhalten sehen während der Analyse Erwähnung getan. Die 
Heilung gehe nämlich derart vor sich, daß hinter der Inversionsauflageruug 
die primären weiblichen Sexualideale dem Urning wieder ins Bewußtsein 
treten. Dann fahre ich fort : „Der oben genannte Patient z. B. hatte schon 



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Kritiken und Referate. * 395 

am zehnten Tag der Analyse den Erfolg zu verzeichnen" — diese 
Werke zeichnete nicht etwa ich, sondern Hirschfeld durch Sperrdruck 
besonders aus — „daß er beim Onanieren sich nicht Männer mehr vorstellte, 
sondern direkt ein Mädchen, bald regte sich Verlangen nach einem Koitus 
mit dem Weibe ; dann berichtet er wieder: ,Wenn mir jetzt ein Männergesicht 
gefällt, was ohnehin nur mehr selten geschieht, brauche ich mich nur zu 
fragen, welches Weib steckt dahinter? was ich binnen einer halben Stunde 
herausbringe, und alles ist gut und vorüber!" Daran knüpft H. nun die Be- 
merkung: „Hier von einem »glänzenden' Erfolge zu sprechen, verrät einen 
recht beträchtlichen Grad von Optimismus". Sieht diese Bemerkung nicht geradezu 
aus, als hätte ich gar nichts anderes erzielt, als den oben unter Sperrdruck 
zitierten Erfolg? Was aber habe ich wirklich gesagt? Just vor der so aus- 
führlich zitierten Stelle und just nach derselben stehen meine unzweideutigen 
Erklärungen und es mutet fast wie Absicht an, daß H. sie anzuführen 
„vergaß". Ich sagte nämlich wörtlich : „Noch bedeutsamer aber, ja geradezu ent- 
scheidend war, daß ich den Kranken zu heilen vermochte. Je mehr ich ihm 
nämlich zum Bewußtsein brachte, daß hinter seinen männlichen Typen stets 
weibliche sich bergen, desto mehr verlor sich Trieb und Verlangen zum 
eigenen Geschlecht, bis er schließlich nach viermonatlicher Behandlung über- 
haupt nur mehr für das Weib empfand und fortab regelmäßig den Beischlaf 
mit demselben ausübte, ohne Mahnung meinerseits, einfach aus innerer Nötigung 
heraus. Ich habe ihm also nicht nur die Potenz beim Weibe gegeben, sondern, 
was entscheidend, auch sein Sexualideal dauernd geändert". Mich dünkt, ich 
hatte wirklich Ursache, hier von einem „glänzenden" Erfolg zu sprechen. 
An der späteren Stelle wende ich mich gegen die mögliche Deutung, mir sei 
eine Heilung nur in jenem einzigen Falle geglückt. Ausdrücklich hebe ich 
hervor, daß „mir sowohl wie Professor Freud noch weitere Heilungen In- 
vertierter gelangen. Es handelt sich nicht um vereinzelte Fälle, 
sondern um einen regelmäßigen Erfolg undein regelrechtes 
Heilverfahren". Einen solchen Erfolg beschrieb ich z. B. in meinem 
Aufsatz: ^Ein Fall von multipler Perversion mit hysterischen Absenzen", den 
fl. zwar dem Titel nach anführt, sonst aber völlig »übersieht". Nach diesen 
Proben von „Übersehen" möchte ich beinahe die Frage aufwerfen, ob soviel 
„Vergeßlichkeit" noch mit einer ehrlichen Kampfesweise vereinbar ist. 

Aber freilich, direkte Heilerfolge können H. nicht passen. Hat er doch 
seine eigene Therapie, die er vornehm lateinisch — Vornehmheit paart sich 
in der Medizin stets mit lateinisch-griechischer Nomenklatur — „Adaptionsbehand- 
lung" heißt. Geht man genauer darauf ein, was H. so betitelt, so läuft sie, 
abgesehen von der Beruhigung, die ja jeder psychisch geschulte Arzt gibt, 
einfach darauf hinaus, den Urning zu belehren, wie er am geschicktesten 
Erpressern wie dem Staatsanwalt entrinnen könne, ohne darum auf seine In- 
versionsbetätigung verzichten zu müssen. Bas wird zwar nicht so gerade 
herausgesagt, vielmehr mit recht viel Worten umschrieben, um jene vielleicht 
doch anstößige Belehrung zu verschleiern. Aus diesem unaufrichtigen Ver- 
halten resultiert dann der Schwulst: „Das Schwierigste, was wir mit den 
Homosexuellen zu besprechen haben, ist die Frage der körperlichen Sexual- 
betätigung. Würden wir uns nur auf rein hygienischen Standpunkt stellen, 
unbeeinflußt von Vorurteilen und unbekümmert um Gesetzesvorschriften, deren 
Voraussetzungen sich als irrig erwiesen haben, so würden wir zweifellos be- 
müht sein, das für das jeweils individuelle Befinden nötige Minimum und das 
erlaubte Maximum nach Maßgabe aller für die Persönlichkeit in Frage 
kommenden Momente ins Auge fassen. Wir würden das richtige Gleichgewicht 



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396 Kritiken nnd Referate. 

zwischen den Reflex- and Hemmongsmechanismen herzustellen suchen.'^ Oder 
das ambivalente Resom^ ! : ^Ich halte ein offenes, ehrliches, abwägendes Ver- 
fahren, das dem Patienten nicht nur die Resultate, sondern auch die Motive 
ärztlicher Überlegungen klarlegt, für das beste. Man wird zunächst die Ge- 
fahren homosexueller Betätigung besprechen, die mit den drei Möglichkeiten 
der Bestrafung, Erpressung und Ansteckung noch keineswegs erschöpft sind, 
man wird dem die Vorteile gegenüberstellen, die ein mäßig ausgeübter ad- 
äquater Verkehr für Körper und Geist mit sich bringt. Dann wird man auch 
die Nachteile und den Nutzen sexueller Enthaltung durchnehmen und schliefilich 
noch zweierlei erörtern, einmal wie die Abstinenz leichter bewerkstelligt und 
ertragen, und zweitens, wie die Gefährlichhkeiten der Betätigung gemildert 
werden können. Die schließliche Entscheidung muß der Homosexuelle wie 
übrigens auch der Heterosexuelle in diesen privatesten aller Lebensangelegen- 
heiten selber fällen. Ihm liegt es ob und von seiner Geschicklichkeit hängt es 
ab, wie er sein Lebensschiff zwischen Scylla und Charybdis hindurchsteuert." 

Zu diesem woblgesetzten Lavieren, das die wahre Meinung doch nicht 
verhüllt, habe ich folgendes zu sagen: Wenn ein Urning einem zweiten unter 
vier Augen den Rat erteilt: „Tu's, aber sieh zu, daß du nicht hereinfällst!" 
so mag dies von seinem Standpunkte aus selbst berechtigt sein. Tut dies ein 
Arzt, so dünkt mich jener Rat nicht den Namen „Ärztliche Behandlung" zu 
verdienen. Ich begreife, daß jener, wenn er von der Angeborenheit und Un- 
abänderlichkeit der Inversion überzeugt ist, solche Worte gebraucht, nur 
spreche er nicht von einer Therapie, zu deutsch von einem Heilverfahren. 
„Adaptionstherapie " in Hirschfelds Sinne sind einfach Ratschläge, wie 
man ein freilich schlechtes Gesetz am sichersten umgehen könne. Würdig reiht 
sich diese „Behandlung" den Hirschfeldschen „Digitationen" an. 

Die Gerechtigkeit heischt, die vielen guten Partien des Buches nicht 
zu verschweigen. Zu diesen zähle ich fast die ganze zweite Hälfte desselben, 
die die „Homosexualität des Mannes und des Weibes als soziologische Er- 
scheinung" bebandelt. Hier dünken mich besonders Kapitel 24 — 36 trefflich 
geraten, während mir Hirschfelds Gutachtertätigkeit, wovon er im 
37. Kapitel Proben gibt, oft anfechtbar scheint und ebenso, was er über die 
Beziehungen der Invertierten sagt zu ihren normal empfindenden Geliebten. 
Immerhin fallen da die vielen schweren Bedenken weg, die ich wider die 
erste Hälfte des Buches im Obigen erheben mußte. Dr. J. Sadger. 

H. W. Prink: What is a Complex? (Journ. of Americ. Medic. Assoc, 
March 21, 1914). 

In diesem vor der ^New York Academy of Medicine" (Section for Neu- 
ro logy and Psychiatry) am 14. Oktober 1913 gehaltenen Vortrag beleuchte 
Frink den Begriff des „Komplexes" in einer für Laien und psychologisch 
nicht geschulte Ärzte leicht verständlichen Weise. Er illustriert seine Aus- 
führungen an allgemein verständlichen Beispielen des täglichen Lebens und 
schildert die Konflikte zwischen Komplexen an der Analyse eines Falles von 
Zwangsneurose bei einer jung verheirateten Frau. Die Darstellung ist eine für 
Ärzte ausgezeichnete Einführung in die Grundsätze der F r e u d sehen Psychologie. 

C. R. Payne. 
Jakob Elaesi (Zürich). Über das psychogalvanische Phänomen. 
(Aus der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich ; Journal für Psycho- 
logie und Neurologie, Band 19, 1912.) 

Der Autor hatte folgende Versuchsanordnung: 22 Versuchspersonen, 
nämlich einer ungebildeten und drei gebildeten Frauen, ^ier ungebildeten und zwölf 



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Kritiken und Referate. 397 

gebildeten Männern und zwei Kindern wurden aus dem Jungschen Reiz- 
wörterschema je 25, in 2 Fällen nur 20 aufeinanderfolgende Reizwörter vor- 
gelegt, dabei neben den gewöhnlichen Beobachtungen (Reaktion, Reaktions- 
zeit, Reproduktion etc.) auch der psychogalvanische Ausschlag gemessen und 
notiert. Nachdem die Versuchsperson auf alle 25 resp. 20 Reizwörter rea- 
giert hatte, wurde nach einer Pause von 5 Minuten der gleiche Versuch mit 
den gleichen Reizwörtern wiederholt. In 6 der Fälle wurde so der Versuch 
dreimal, in zweien viermal, in den übrigen fünfmal wiederholt, so daß in 
106 Serien 2595 Assoziationen aufgenommen wurden. 

Der Verfasser sucht zuerst zu zeigen, daß der galvanische Ausschlag 
nichts Akzidentelles, sondern der Ausdruck affektiver Vorgänge ist; er 
konnte aus seinen Versuchen folgende Formel ableiten : „Wird ein Reiz, der 
im ersten und zweiten Versuche einen über dem arithmetischen Mittel 
sämtlicher Ausschläge des betreffenden Versuches liegenden Ausschlag aus- 
gelöst hatte, in nicht zu kurzen Zeitabständen drei- bis fünfmal wiederholt, so 
tritt mit einer Wahrscheinlichkeit von 76^0 wieder ein über dem arithmeti- 
schen Mittel liegender Ausschlag auf; ist bei der ersten und zweiten 
Kxposition der galvanische Ausschlag unter dem arithmetischen Mittel, so 
bleibt er in 75-5% auch in den folgenden Wiederholungsversuchen unter 
dem arithmetischen Mittel.'' Daraus schließt er mit Recht, daß es affektive 
Einflüsse sein müssen, die den galvanischen Ausschlag wesentlich bedingen, 
da die intellektuelle Seite des Assoziationsvorganges nicht in der Weise 
variieren kann, wie sie durch die Regelmäßigkeit des Auftretens des galva- 
nischen Phänomens im Wiederholungsversuch zu Tage tritt. 

Er untersuchte dann ferner die Frage, wie sich ein „großer" Ausschlag 
in der ersten und zweiten Versuchsserie in den folgenden Versuchen verhalte, 
ob er stetig abnehme, oder in irgend einer späteren Serie wieder größer 
werde. Dabei fand er, daß bei denjenigen Reihen, welche bei der ersten Exposition 
einen galvanischen Ausschlag von 1 bis 6 mm über dem arithmetischen 
Mittel gegeben haben „ein Wiedergrößerwerden der Ausschläge schon in der 
3. und 4. Serie zu konstatieren ist, während die galvanische Reaktion in den 
Reihen, welche mit mehr als 6 mm über dem Mittel beginnen, nur langsam 
abfluten, um erst in der 6., frühestens in der 5. Serie wieder anschwellen". 
Er erklärt dieses Wiederansteigen der Kurve also: „Durch den Affekt wird 
die Aufmerksamkeit angeregt, welche gewisse Assoziationen bahnt, die selber 
auch wieder einen Affekt hervorrufen können. Sehr starke Affekte haben 
die Neigung zu perseverieren, sie hemmen in der Regel den Assoziationsablauf ; 
neue Assoziationen und Vorstellungen, welche neue Affekte hervorrufen 
können, treten schwerer auf." Vielleicht hätte der Autor hier tiefer sehen 
können, wenn er die entsprechenden Reihen von männlichen und weiblichen 
Versuchspersonen gesondert zur Berechnung herangezogen hätte. W. 
Pfenninger hat bekanntlich^) gefunden, daß bei Wiederholungsversuchen 
die Kurven des wahrscheinlichen Mittels der Reaktionszeiten bei Männern 
und Frauen verschieden sind; anderseits fand E. Aptekmann*), die zwar 
nur an Männern Versuche anstellte, daß bei den Wiederholungsversuchen ein 
gewisser Parallelismus besteht zwischen der Große des galvanischen 



*) Untersuchungen über die Konstanz und den Wechsel der psychologischen 
Konstellation bei Normalen and Frühdementen. Jahrbuch, III. Band, 2. H. 

') Experimentelle Beiträge zur Psychologie des psychogalvanischen Phänomens. 
Jahrbuch, lU. Band, 2. H. 

Siehe auch meine Referate über beide Arbeiten, diese Zeitschrift, I. Jahrgang, 
6. Heft. 



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398 Kritiken und Heferate. 

Ausschlages und der Größe der Reaktionszeit. Danach erscheint es 
dem Referenten wahrscheinlich, daß auch in der galvanischen Kurve eine 
sexuelle Differenzierung zu finden wäre, daß aber eine Vernachlässigung dieses 
Faktors eine beträchtliche Verminderung der Deutlichkeit des psychologischen 
Bildes zur Folge haben dürfte. 

Weiter konnte der Autor die schon von Binswanger^) gefundene Beobach- 
tung bestätigen, daß nach Assoziationen mit 3, 2, 1 und sonstigen Eomplexmerk- 
malen in 68, respektive 50, 38, 25% große galvanische Ausschläge auftreten. 

Das Komplexmerkmal „mimische und ähnliche Gesten" ist am häufigsten 
von einem großen galvanischen Ausschlag gefolgt, was dafür sprechen dürfte, 
daß dieses Komplexmerkmal weniger oft als die lange Reaktionszeit und der 
Konstellationswechsel bloßes Perseverationszeichen ist. (Die bloße Perseveration 
zeigt keine galvanische Wirkung.) 

Der Verfasser fand dann ferner, daß im ersten Drittel der Versuche, 
d. h. bei den ersten 6 bis 8 Assoziationen eines Versuches, die Erwartungs- 
spannung oder der Experimentalkomplex die volle Apperzeption der Reiz- 
wörter verhindert: die Reizwörter wirken da nicht so sehr vermöge ihres 
Reiz wortinhaltes, „sondern mehr als ein Stück des ungewohnten, vielleicht 
verfänglichen Experimentes. Mit der Angewöhnung an das Experiment läßt 
die Spannung nach, die Reizwörter werden mehr ihrem Inhalte nach auf- 
gefaßt ; wird dann eines stark affektbetont, so wird die ganze Aufmerksam- 
keit diesem zugewendet; ein neuer Reiz wird dann nicht mehr oder nur 
mangelhaft erfaßt, was sich in einer langen Reaktionszeit, bei Wiederholung 
in Konstellationswechsel dokumentieren kann". Aus der gleichen Ursache er- 
klärt er sich die bedeutend schwächere galvanische Wirkung der Reizwörter 
im dritten Drittel der Versuche. Es wäre auch da interessant zu erfahren, 
ob nicht auch da eine gesonderte Betrachtung der männlichen und weib- 
lichen Versuchspersonen noch weitere interessante Funde zu Tage gefordert hätte. 

Im letzten Kapitel zeigt der Autor an einem praktischen Beispiel, wie 
man durch das psychogalvanische Phänomen in nur 25 Assoziationen ein 
recht anschauliches Bild von den Aktualkonflikten einer Versuchsperson be- 
kommen kann und wie „im Wiederholungsversuch große Ausschläge erstens 
bei solchen Reizwörtern neu auftreten, die selber „Komplexe" anregen können, 
vorher aber nicht aufgefaßt wurden, weil die Aufmerksamkeit durch starke 
Affekte zu sehr abgelenkt war, zweitens bei solchen, die im Sinne der durch 
das Experiment schon aufgescheuchten Komplexe aufgefaßt werden und ver- 
wandte Vorstellungen erwecken können". 

Die durch die Versuche an den zwei Kindern gewonnenen Resultate 
wurden bei den obigen Berechnungen nicht verwendet, weil sie ganz andere 
Resultate ergeben haben als bei den Erwachsenen, insbesondere zeigte es sich, 
daß fast bei allen Assoziationen, gleichgültig in welcher Serie, Konstellations- 
wechsel auftrat. j. ß. Lang (Zürich). 

Dr. J. Leva (Straßburg). Über einige körperliche Begleiter- 
scheinungen psychischer Vorgänge mit besonderer Be- 
rücksichtigung des psychogalvänischen Reflexphä- 
n ra e n s. (Münchener Medizinische Wochenschrift 1913, Nr. 43.) 

Der Autor fand, daß der psychogalvanische Reflex am stärksten an der 
Hohlhand und der Fußsohle, weniger stark an dem Handrücken, der Stirn 

^) Über das Verhalten des psychogalvänischen Phänomens beim Assoziations- 
experiment. Diagnostische Assoziationsstudien, 11. Band, XI. Beitrag, Leipzig, Job. 
Ä. Barth. 



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Kritiken und Referate. 399 

und in der Achselliöhlengegend, schwach, aber immer noch deutlich erkenn- 
bar im Bereich der vorderen Halsgegend, der Brust, des Bauches und der 
Beugeseiten der Extremitäten, oft auch noch an der Streckseite des Vorder- 
armes auftritt. Auf den Wangen, dem Rücken, der Nacken- und Gesäß- 
gegend, sowie dem übrigen Extremitätenbereich ist der Galvanometerausschlag 
gering oder fehlt 'sogar ganz. Ähnlich wie die zuletzt genannten Bezirke ver- 
halten sich die Zunge und die Lippen. Er zeigt dann, daß der Stärke der 
Galvanometerausschläge die Dichtigkeit der Schweißdrüsen in den betreffenden 
Körperregionen parallel gehe. Experimentell zeigte es sich, daß bei einer 
subkutanen Injektion von 1*0 mg Atropin. sulfuric. „unmittelbar und während 
der nächsten 10 bis 15 Minuten nach der Einverleibung der Galvanometer- 
ausschlag in normaler Stärke vorhanden war; nach 15 bis 25 Minuten wurde 
er deutlich kleiner und nach zirka 30 Minuten war auch nach Anwendung 
der stärksten Reizung keinerlei Reaktion mehr zu erkennen. Die Zeit 
zwischen der Injektion und dem vollständigen Verschwinden des Phäno- 
mens entsprach offenbar derjenigen, innerhalb welcher das Atropin vollständig 
resorbiert wurde und seine Wirkung einsetzen konnte". Der Autor schließt 
daraus, daß „das psychogalvanische Phänomen an die Schweißdrüsen gebunden 
sei und daß auch bei einfachen psychischen Vorgängen ähnliche Änderungen 
der Schweißdrüsentätigkeit stattfinden, wie sie am Gefäßsystem beobachtet 
werden". j. ß. Lang (Zürich). 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Aus Vereinen und Versammlungen. 
Societe de Psychotherapie, d'hypnologie & de Psychologie. 

La Vingt-troisi^me s^ance annuelle de la Societd de Psychotherapie 
d^hypnologie et de psycbologie aura lieu le Mardi 16 Juin 1914, ä quatre 
henres pr^cises, aa Pa]ais des Soci^t^s savantes, 8, rae Danton, sous la pr^si- 
dence de M. le Dr. Pierre Janet, professeur au College de France, membre 
de TAcad^mie des sciences morales et politiques. 

Questions gdn^rales mises a l'ordre du jour: 

1® La doctrine de la psycho-analyse ; 

2® Role de la sexualite dans Tetiologie des n^vroses et des psychoses. 

CommunicatioDS ddja inscrites : 
Dr. Paul Farez: La psycho-analyse fran^aise. 
Dr. Berillon: 1® La psycho-analyse avec et sans hypnotisme; 2® R6gle§ 

speciales de la psycho-analyse chez Tenfant. 
Dr. Lau monier: La sexualite infantile dans T^tiologie des n^vroses. 
Dr. Witry (de Metz): La psycho-analyse d'un f^tichiste. 
Dr. Amouroux: Les etats incompatibles avec la Psychoanalyse. 
Dresse Salmen: Les r^actions hostiles au cours de la psycho-analyse. 
Dr. Paul Joire (de Lille): Les methodes d'interrogatoire en Psychotherapie. 
M. Guilhermet, avocat h la Cour: Les methodes d'interrogatoire dans la 

pratique judiciaire. 
Dresse C. Long (de Londres) : La psycho-analyse et Thypnotisme. 
Dr. Bouillet: Les castes de Tlnde, leur influence psychologique et sociale. 
Dr. G r d b a (de Barcelone) : L'aphasie chez Tenfant. 
M. Quinque: L'Mucation de la parole chez les entendants muets. 
M. Rosset: Le recrutement des classes speciales d^arri^rds. 
Dr. Paul Joire: L'hypnotisme dans la eure de demorphinisation. 

Le bureau de la Societe de Psychotherapie adresse aux psychothera- 
peutes frangais et etrangers Tinvitation ä prendre part ä ses tra?aux. Adresser 
les titres des Communications et les adh^sions au Banquet au Dr. Berillon, 
secretaire gen^ral, 4, rue Castellane. 



I. Internationaler Kongreß für Sexualforschung 

(Berlin, 31. Oktober bis 2. November 1914). 

Aus dem „Neuen Vortragsplan" nennen wir außer den bereits im 
Maiheft (S. 293) angekündigten Vorträgen noch folgende : 
Prof, Stanley Hall, Worcester U. S. A. : „Feminisation of America". 
Prof. Dr. Vier kandt, Berlin-Lichterfelde: „Die abnehmende Bedeutung der 

Familie in der Gegenwart als eine Hauptursache des Geburtenrückganges". 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Ans Vereinen und Versammlangen. 401 

Prof. Dr. Max Dessoir, Berlin: ^Pubertät und sexuelle Aufklärung*'. 
Prof. Dr. R. Michels, Basel: „Die soziale und ökonomische Bedingtheit der 
sexuellen Moral". 

Geh. Med.-Rat Dr. Fr it seh, Berlin: „Das angebliche dritte Geschlecht des 
Menschen, vergleichend anatomisch untersucht*'. 

Prof. Dr. L. V. Wiese, Düsseldorf: „Die geschichtliche Entwicklung und die 
Beziehungen zwischen Erotik und Ehe". 

Vizepräsident Dr. v. Urs in, Abo (Finnland): „Finnländische Sexualprobleme'. 

San.-Rat Dr. W.Fließ, Berlin: „Die Bedeutung der beiden Geschlechter in 
der lebendigen Natur**. 

Prof. Dr. Th. S. Fla tau, Berlin: „Stimme und Sexualität". 

Oberlandesgerichtsrat Dr. Kloß, Hamm (Westf.) : „Die Strafrechts theorien, 
geprüft an Sittlichkeitsdelikten"« 

Jugendrichter Landsberg, Lennep (Rheinland): „Sexuelle Verwahrlosung 
von Jugendlichen und ihre Behandlung**. 

Prof. Dr. Eafemann, Königsberg i. Pr.: „Die sexuellen Disharmonien zwischen 
den Geschlechtem*'. 

Privatdozent Dr. P. K a m m e r e r, Wien: „Äußere Beeinflussung sekundärer 
Geschlechtsmerkmale" . 

Dr. Havelock EUis, London: „The problem of sexual purity**. 

Geh. Med.-Rat Dr. A. Leppmann, Berlin : „Die psychologische und kulturelle 
Bedeutung der unsittlichen Literatur". 

Prof. Dr. Felix Asnaurow, Genf: „Sexualanalyse und Psychoanalyse**. 

Pfarrer Paul Bruns, Straßburg i. Eis.: „Geschichte des Mädchenhandels". 

Prof. Dr. M. D e 1 1, Passau: „Der Anteil von Haus und Schule am sexu- 
ellen Entwicklungsgang**. 

Jnstizrat Dr. Fuld, Mainz: „Das Persönlichkeitsrecht und die Sexualität". 

Prof . Dr. J. D ü c k, Innsbruck : „Die Tatsachengrundlagen zu einer Sexual- 
pädagogik". 

Polizeirat Dr. He in dl, Dresden: „Das Geschlechtsleben in den Strafkolonien**. 

Prof. Dr. A. Hühner, Bonn a. Rh. : „Das Familienrecht der sexuell Abnormen". 

Prof. Dr. Ruhland, Würzburg: „Geschichte und Gedanke des Zölibats der 
katholischen Geistlichen". 

Priv.-Doz. Dr. S. S e r g i, Rom: „Anthropologie und Sexual forschung". 

Rektor Ufer, Elberfeld: „Spiele als Ausdruck des geschlechtlichen Seelen- 
lebens". 

Dr. Hans Schneickert, Charlottenburg: „Das erpresserische Weib". 

Prof. Dr. Robert Müller, Tetschen a. Elbe: Kastration und Libido**. 

Privatdozent Dr. Nissl v. Mayendorf, Leipzig: „Das sexuelle Trauma als 
Ursache von Geisteskrankheiten". 

Dr. Barbara Renz, Breslau: „Schlange und Baum als Sexualsymbol in der 
Völkerkunde**. 

Prof. Dr. Bruno Meyer, Berlin: „Kunst und Sexualität". 

Dr. J. B. Schneider, Werder a. H. : ^Das Geschwisterproblem". 

San.-Rat Dr. Munter, Berlin: „Über den Einfluß der physiologisch-sexuellen 
Phasen bei Arbeits- und Erwerbsfähigkeit'*. 

Dr. M.Fürst, Schularzt, Hamburg: „Automasturbation, beurteilt vom Straf- 
und vom Disziplinarrichter** (eine kasuistische Mitteilung). 

Lehrer F. Loren tz, Berlin: „Sexualhygiene und Schulgesundheitspflege**. 

Dr. Max Hirsch, Berlin : „Über Zeugungskraft und Zeugungswillen der Frau**. 

Dr. Josef Müller, Nürnberg: „Über die Beziehungen zwischen künstlerischer, 
religiöser und sexueller Kultur**. 

Zeitschrift f. ftntl. PsychoanalTie. n. ^ 

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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



402 -^^s Vereinen und Versammlungen. 

Dr. Julius Moses, Mannheim: „Die Wertung von Sexualdelikten im Kindes- 
alter". 

Dr. G. Fiat au, Berlin: ,,Zur Kenntnis des Exhibitionismus**. 

Dr. Rosenberg, Czemowitz, Bukowina: „Masturbation und Erziehung**. 

Dr. van Velzen, Joachimsthal, Uckermark: ,, Psychologische Erklärung für 
die Entstehung tierischer Körper'*. 

Dr. Job. H. Schulz, Jena: „Die Auflösung der Psychoanalyse**. 

Dr. A. R. Abelson, London: ,,Pre-Adolescent Sex Education**. 

Die Geschäftsstelle (Dr. Albert M o 1 1, Berlin W15, Kurfürstendamm 45) 

versendet außerdem folgende Mitteilung: 

Die Teilnahme an den Sitzungen des Kongresses ist für die Mitglieder 

der Internationalen Gesellschaft für Sexualforschung frei; Angehörige der 

Mitglieder haben eine Einschreibegebühr von 5 M., Nichtmitglieder eine solche 

von 10 M. zu zahlen. 

Wir bitten Sie, falls Sie die Absicht haben, an dem Kongreß teilzu- 
nehmen, dies uns, wenn auch noch unverbindlich, gefl. demnächst mitzuteilen. 

Das endgültige Kongreßprogramm wird Ihnen dann rechtzeitig zugehen. 

Da dieses bereits eine vollständige Übersicht über die Organisation des 

Kongresses im einzelnen darstellen soll, bitten wir, Vorträge und Referate 

möglichst umgehend anzumelden. 



Internationaler Kongreß für Neurologie, Psychiatrie 
und Psychologie. 

Bern (7.— 12. September 1914). 

Vortragsanmeldungen: Psychiatrische Sektion: 

Periodizität in der Psychopathologie: Dr. Weiler, München. 
Klassifikation in der Psychopathologie : Prof. G a u p p, Dr. D e n y, Paris. 
Der gegenwärtige Stand in der Frage der Dementia praecox: Prof. Dupre, 

Paris, Dr. Stransky, Wien. 
Dementia und Pseudo-dementia: Prof. Tamburini, Rom. 
Pathogenese und Therapie der Phobien: Prof. Bechterew, Petersburg, 

Dr. Isserlin, München. 
Die Rolle der Gemütsbewegung in der Genese psychopath. Zustände: Prof. 

Lupine, Lyon. 
Somatische Erscheinungen in psychischen Zuständen: Prof. Hartmann, Graz. 
Ätiologie und Abgrenzung der Angstpsychosen: Prof. d'Abundo, Catiana. 
Senile Geisteskrankheiten: Prof. Redlich, Wien, Dr. Auglade, Bordeanx. 
Die Rolle der Abwehrfermente in der Pathologie: Prof. Abderhalden, 

Halle, Prof. Binswanger, Jena, Dr. Lampe, München. 

Psychologische Sektion: 

Psychische Vererbung: Prof. Mott, London, Dr. Ladame, Genf. 

Die Erziehung jugendlicher Verbrecher: Prof. Ferrari, Imola. 

Die Psychologie in der Erziehung : Referent noch nicht bekannt. 

Die biologischen Grundlagen der Psychologie: Prof. Flournoy, Genf, Prof. 

Petzoldt, Spandau. 
Aussagen zur Intelligenzprüfung : Prof. Ziehen, Wiesbaden, Dr. Simon, Ronen, 

Mlle. Descoendra, Genf. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Ans Vereinen und Versammlungen. 403 

Unbewußtes, Bewußtes und Aufmerksamkeit: Prof. Morton Prince, Boston, 

Dr. R i g n a n 0, Mailand. 
Die Psychologie der Träume: Prof. de Sanctis, Rom, Dr. Jung, Zürich. 



Der IV. internationale Kongreß für Volkserziehung und 
Volksbildung tagt in Leipzig vom 25. bis 29. September 1914. Der Kongreß 
stellt in seinen Mittelpunkt Vorträge und Beratungen über Erziehung und 
Bildung der Jugendlichen (12. — 20. Lebensjahr). In der allgemeinen 
Abteilung steht die Anthropologie des Pubertätsalters an der Spitze. 
Für dieses Gebiet ist der bedeutendste amerikanische Gelehrte Stanley Hall 
(Worcester) gewonnen worden. Die weiteren Vorträge beschäftigen sich — 
auf anthropologischer Grundlage — mit der körperlichen (Spiel, Sport, 
Wandern) und intellektuellen Erziehung der Jugendlichen. Die psychologischen 
und pädagogischen Spezialprobleme der weiblichen Jugend sollen gesondert 
abgehandelt werden. 



Die „Associazione di Studi Psicologici" unter dem Vorsitz 
von Prof. De Sarlo hielt am 29. März 1914 eine Sitzung, in der Prof. 
Guido Ferrando über „La Psicologia della Conversione" sprach. An den 
Vortrag knüpfte sich eine ausgedehnte Diskussion mit Voten von Prof. G. 
Cal6, Prof. G. Fanciulli, Dr. Assagioli, Prof. E. Patini, Prof. De 
Sarlo u. a. m. — In der Sitzung vom 16. April 1913 sprach Prof. A. 
Salmon über den Schlaf. — (Berichte in „Psiche", III, 2, April-Juni 1914.) 



In dem von der „Ärztl. Gesellsch. f. Sex. Wiss. u. Eugenik" zu Berlin 
veranstalteten ,Kur SU s der Sexualwissenschaff" wird u. a. auch unser 
Berliner Mitglied Dr. Otto Juliusburger „Über psychosexuelUn Infantiliß- 
mus" sprechen (16. Juni 1914). 



26^ 



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Zur psychoanalytischen Bewegung. 

In Boston hat sich eine psychoanalytische Gruppe, die „Boston Psycho- 
analytic Society^ gebildet, die sich mit den verschiedenen medizinischen nnd 
kalturellen Anwendungsgebieten der Psychoanalyse beschäftigt. Präsident ist 
Prof. James J. Putnam, Sekretär Dr. J. H. Coriat (nach einem Bericht im 
„Journal of abnormal Psychology", IX, 1, April-Mai 1914, p. 71). 

Soeben ist Freuds „Psychopathology of Every-Day Life* 
in autoris. Übersetzung von A. A. Brill bei Fisher-Uwin, London, in einem 
stattlichen Band (Preis 12 Schilling 6 p) erschienen. Das nach der vierten 
dentschen Auflage übersetzte und mit teilweise neuen Beispielen versehene 
Werk enthält außer einer Vorrede von Brill auch einen ausführlichen Index. 

Freuds „Traumdeutung*^ ist soeben in 4. Auflage erschienen, unter 
Mitwirkung von Dr. Otto Rank. (Verlag Deuticke, Leipzig u. Wien.) Die neue 
Auflage ist in einigen Punkten erweitert und ergänzt und um zahlreiche Bei- 
spiele und Literaturhinweise vermehrt. 

Von Dr. Brills 1912 erschienenem Werk: „Psychanalysis. Its Theories 
and Practical Application* ist soeben die zweite revidierte Auflage ausgegeben 
worden (W. B. Saunders Co., Philadelphia & London, 1914). Sie ist vermehrt 
um neue Traumanalysen (auch „künstliche" Träume), femer um Fälle, welche 
besonders das Unbewußte in der Neurose illustrieren, um Beiträge zur Patho- 
logie der Homosexualität und der Bedeutung von Märchenstoffen für Traum 
und Neurose. 

Der auf 14 Abschnitte verteilte Stoff ist in folgender Weise angeordnet: 

1. The Psychoneuroses. 2. Dreams, 3. The Actual Neuroses. 4. Tbe 
Compulsion Neuroses (Obsessions, Doubts, Phobias). 5. The Unconscious factors 
in the Neuroses. 6. Psychanalysis and the Psychoses. 7. Psychological Mechanisms 
of Paranoia. 8. Psych opathology of Every-day Life. 9. Hysterical Fancies and 
Dreamy States. 10. The Oedipus Complex. 11. The only or favorite Child in 
adult Life. 12. Fairy Tales as a Determinant of Dreams and Neurotic Symptoms. 
Their Relation to activ and passiv Algolagnia. 13. Anal Eroticism and 
Character. 14. Freud's Theory of Wit. Glossary. Index. 

Mitte Juni gelangten gleichzeitig zwei Hefte von „Image" zur Ausgabe: 

Das 2. (April-)Heft des III. Jahrganges enthält: 
Dr. Otto Rank (Wien): Der Doppelgänger. 
Dr. Robert Eisler (Feldafing): Der Fisch als Sexualsymbol. 
Theodore Scbroeder (New York) : Der sexuelle Anteil an der 
Theologie der Mormonen. 

Das 3. (Juni-)Heft enthält: 
Dr. Alice Sperber: Von Dantes unbewußtem Seelenleben. 
Dr. Emil Lorenz: Die Geschichte des Bergmanns von Falun. 

Bücher. 



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Korrespondenzblatt 



der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 

Redigiert von Dr. K. Abraham-Berlin, interimiBtischem Vorsitzenden. 



Am 20. April 1914 reichte der bisherige Zentralpräsident, Dr. 
C. G. Jung, der Obmännerkonferenz seine Demission ein, mit der Be- 
gründung, er habe sich überzeugen lassen, daß seine Anschauungen in 
einem so schroffen Kontrast zu den Auffassungen der Mehrzahl der Mit- 
glieder ständen, daß er sich nicht mehr als die zum Vorsitz geeignete 
Persönlichkeit betrachten könne. 

Auf Vorschlag von Prof. Freud sahen die Obmänner der Orts- 
gruppen von einer Zusammenkunft ab; sie akzeptierten durch schrift- 
liches Votum einstimmig den weiteren Vorschlag, Dr. Abraham zum 
interimistischen Vorsitzenden zu ernennen. Das Resultat der Abstimmung 
wurde am 8. Mai von Prof. Freud den Obmännern mitgeteilt, worauf 
der Herausgeber dieser Nummer des Korrespondenzblattes die Geschäfte 
des Vorsitzenden, besonders auch die Vorbereitung des diesjährigen Kon- 
gresses übernahm. 

Die vorliegende Nummer des Korrespondenzblattes kann ihre Auf- 
gabe nur in unvollkommener Weise erfüllen. Das Korrespondenzblatt ist 
zuletzt im November 1913 erschienen; die in der damaligen Ausgabe 
enthaltenen Berichte reichen jedoch nur bis zum Juni 1913. Seither 
hat die Berichterstattung gänzlich geruht. Auch über den Münchner 
Kongreß liegt den Mitgliedern der Vereinigung noch kein Bericht im 
Druck vor. Bis zum diesjährigen Kongreß, d. h. bis zum September d. J., 
wird das Korrespondenzblatt nur einmal, nämlich mit dem Juli-Heft der 
Internat. Zeitschrift erscheinen können. Unter diesen Umständen mußte 
die Berichterstattung in ganz summarischer Form geschehen, welche 
übrigens auch durch den zur Verfügung stehenden beschränkten Raum 
geboten war. 

Daß auch der Bericht über den vorjährigen Kongreß nur nüchterne 
Daten enthält, erklärt sich zum Teil daraus, daß in dem Protokoll des 
bisherigen Zentralsekretärs, Dr. Riklin, eine Reihe von Autoreferaten 
fehlte. Sodann sind die meisten Vorträge seither im Druck erschienen, 
resp. im Erscheinen begriffen, so daß die Autoreferate dadurch an Wert 
erheblich eingebüßt haben. Es erscheint daher zweckmäßig, nur die 



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406 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanal3rtischen Vereinigung. 

Referenten und ihre Vortragsthemata zu nennen und, soweit möglich, die 
Stelle hinzuzufügen, an welcher die Ausführungen der einzelnen Vor- 
tragenden veröffentlicht sind oder werden. 

Die Berichte der Ortsgruppen umfassen den Zeitraum vom 1. Juli 1913 
bis 31. Mai 1914. Sie enthalten dieses Mal nur die Listen der Mitglieder 
sowie die Tagesordnung der Sitzungen. 

Die auf dem vorigen Kongreß beschlossene Abstimmung über den 
Ort des diesjährigen Kongresses seitens der Ortsgruppen hat im März d. J. 
stattgefunden. Die Mehrheit hat sich für Dresden entschieden. 

Als Termin war vom bisherigen Vorstand der 4. und 5. September 
in Vorschlag gebracht worden. Diese Tage erwiesen sich aber, ebenso 
wie die folgenden als ungeeignet, da vom 5. September an in Bern die 
verschiedenen Neurologen- und Psychiaterkongresse tagen, mit denen wir 
nicht kollidieren möchten. 

Auf schriftliche Anfrage an die Gruppen, ob sie mit einer Verlegung 
des Kongresses auf den 20./21. September einverstanden seien, haben 
bisher die Ortsgruppen Wien, Zürich, Berlin, Budapest, London und 
München ihre Zustimmung erklärt. Die Majorität der Gruppen hat sich also 
für den genannten Termin ausgesprochen. Weitere Mitteilungen wegen des 
Kongresses gehen den Mitgliedern der Ortsgruppen in nächster Zeit zu. 



Bericht Über den vierten Kongreß 

der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung in München 

am 7. und 8. September 1913. 

Wissenschaftlicher Teil : 

1. Diskussion über die Funktion des Traumes. Referat von Dr. A. Mae der. 
(erschienen Jahrbuch, Bd. V). Korreferat von Dr. 0. Rank. 

2. Dr. V. Tausk: Die psychologische und pathologische Bedeutung des 
Narzissismus (wird in der Zeitschrift erscheinen). 

3. Prof. Dr. S. Freud: Ein Beitrag zum Problem der Neurosenwahl (er- 
schienen Zeitschrift, Bd. I). 

4. Dr. L. Seif: Zur Symbolbildung. 

5. Prof. Dr. E. Jones: Die Stellungnahme des Arztes zu den aktuellen 
Konflikten (erschienen Zeitschrift, Bd. II). 

6. Dr. H. Sachs : Die Einführung der Pflugkultur im Mythos (wird in Buch- 
form erscheinen). 

7. Dr. K. Abraham: Neurotische Einschränkungen des Schautriebes und 
Parallelerscheinungen in der Völkerpsychologie (erscheint im Jahrbuch, 
Bd. VI). 

8. Dr. F. Riklin: Der Symbolwert des Sadismus. 

9. Dr. J. B. Lang: Zur Psychologie der Dementia praecox (erschienen im 
Jahrbuch, Bd. V). 



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Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 407 

10. Dr. J. vaD Emden: Zur Analyse eines Falles von angeblicher Epilepsie 
bei einem Kinde. 

11. Dr. C. G. Jung: Zur Frage der psychologischen T}T)en (erschienen in 
»Archives de Psychologie«). 

12. Dr. H. Schmid: Das Hamletproblem. 

13. Dr. P. Bjerre : Bewußtsein kontra Unbewußtsein (erschienen im Jahrbnch, 
Bd. V). 

14. Dr. S. Ferenczi: Zur Psychologie der Überzeugung. 

15. Prof. Dr. 0. Meßmer: Die Wirklichkeitsfunktion als ontologisches 
Problem. 

16. Dr. van Ophuijsen: Zur Frage des Sado-Masochismus. 

17. Dr. Mensendieck: Die prospektive Tendenz des Unbewußten in Wagners 
ersten Dramen und der Parsifal. 

18. Dr. J. v. Hattingberg: Zum analerotischen Charakter (erschienen in 
Zeitschrift, Bd. II). 

Geschäftliclier Teil: 

Nach Mitteilungen des Vorsitzenden hat sich die Mitgliederzahl der 
I. Ps. A. V., welche zur Zeit des Kongresses in Weimar (1911) 114 betrug, 
bis zum Ende des Jahres 1912 auf 133 gehoben und beträgt zur Zeit des Kon- 
gresses 1913: 160. Am Kongreß nehmen lt. Präsenzliste 87 Personen (Mit- 
glieder und Gäste) teil. 

Die neugegründete Ortsgruppe in Budapest wird in die I. Ps. A. V. auf- 
genommen. 

Auf Antrag des Herrn Heller, Verleger der Internationalen Zeitschrift, 
wird beschlossen, daß die Gruppen die Zeitschrift dem Verleger direkt zu be- 
zahlen haben. 

Auf eine Anfrage der American Psychoanalytical Association, ob für 
amerikanische Mitglieder, welche der deutschen Sprache nicht mächtig sind, 
der Bezug der Zeitschrift obligatorisch sein solle, wird beschlossen, die Ent- 
scheidung den amerikanischen Gruppen anheimzustellen. 

Ein Vorschlag von Prof. Freud, mit Rücksicht auf das englisch-amerika- 
nische Interessengebiet Prof. Jones-London in die Redaktion der Inter- 
nationalen Zeitschrift aufzunehmen, findet Zustimmung. 

Dr. Ferenczi wünscht öftere und einheitliche Berichte der Ortsgruppen 
für das Korrespondenzblatt. Der Vorsitzende ersucht die Ortsgruppenvorstände, 
biefür zu sorgen. 

Dr. Sachs schlägt vor, daß bei Abwesenheit des Zentralpräsidenten der 
Vorsitzende einer Ortsgruppe als Stellvertreter zu bezeichnen sei. Dem Vor- 
schlag wird zugestimmt. 

Bei der Wahl des Zentralpräsidenten werden 52 Zettel abgegeben, wovon 
30 auf den Namen des bisherigen Vorsitzenden lauten, während 22 Zettel 
unbeschrieben sind. Dr. Jung akzeptiert die Wahl. 

Als Zentralsekretär wird Dr. Riklin wiedergewählt. 

Als nächster Kongreßort wird von Dr. Abraham Schandau bei Dresden 
vorgeschlagen, von anderer Seite Heidelberg. Nachdem sich für Schandau 
eine geringe Majorität ergeben hat, wird beschlossen, vor dem nächsten Kongreß 
die Gruppen nochmals zu befragen. Der Kongreß soll im Anfang September 
1914 stattfinden. 

Der Vorschlag Dr. R i k l i n s, einen Rechnungsrevisor zu ernennen, wird 
angenommen ; die Wahl der dafür geeigneten Person wird dem Vorstand über- 
lassen. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



408 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Yereinigiing. 

Berichte der Ortsgruppen. 

1. American Psychoanalytical Association. 

Members : 

Dr. Rudolph Acher, State Normal School, Valley City, North Dakota. 

Dr. A. Reginald Allen, 2013 Spruce Street, Philadelphia. 

Dr. A. A. Brill, 55 Central Park West, N. Y. C. 

Dr. Trigant Burrow, 707 St. Paul Street, Baltimore. 

Dr. Macfie Cambell, Phipps Psychiatric Clinic, Baltimore. 

Prof. H. W. Chase, The University, Chapel Hill, North Carolina. 

Dr. Pierce Clark, 84 E. 56th Street, N. Y. C. 

Dr. I. H. Coriat, 416 Marlborough Street, Boston, Mass. 

Dr. L. E. Emerson, 30 1/2 Shepard Street, Cambridge, Mass. 

Dr. H.W. Frink, 34 W. 83rd Street, N. Y. C. 

Prof. Stanley Hall, Clark University, Worcester, Mass. 

Dr. Ralph C. Hamill, 15 E. Washington Street, Chicago, Dlinois. 

Prof. August Hoch, Psychiatric Institute, Ward's Island, N. Y. C. 

Prof. S. E. Jelliffe, 64 W. 56th Street, N. Y. C. 

Dr. J. Th. Mac Curdy, 969 Park Avenue, N. Y. C. 

Prof. Adolf Meyer, Phipps Psychiatric Clinic, Baltimore. 

Dr. C. R. Payne, Wadhams, N. Y. 

Dr. Curran Pope, 115 w. Chestnut Street, Louisville, Kentucky. 

Prof. J. J. Putnam, 106 Marlborough Street, Boston, Mass. 

Dr. Ralph W. Reed, 704 Elm Street, Cincinnati, Ohio. 

Dr. Douglas Singer, State Hospital, Kankakee, Illinois. 

Dr. Lane Taneyhill, 1402 Eutaw Place, Baltimore. 

Dr. J. S. van Teslar, 378 Broadway, Cambridge, Mass. 

Dr. G. A. Young, 424 Brandeis Building, Omaha, Nebraska. 

Prof. W. A. White, Government Hospital for the Insane, Washington. 

(Corrected May 1914.) 

President : Prof. Hoch. Secretary : Dr. Mac Curdy. 

Council : Drs. Brill, Emerson & White. 

Dr. I. H. Coriat was the only new member elected while the following 
resignations were received ; Capt. 0. Berkeley-Hill, Prof. F. J. A. Davidson, 
Dr. Henry Devine, Prof. Ernest Jones, Col. Sutherland, all of whom transfered 
their membership to the newly-formed English group. Dr. Mac Curdy was 
elected secretary to succeed Prof. Ernest Jones. 

The fourth annual meeting of the American Psycho-Analyüc Association 
was held in Albany N. Y. on May 5, 1914, Prof. Hoch being in the chair. 
The following papers were read: 

„The Relation of Psycho- Analysis to Psychiatry" (Presidential adress) 
Prof. Hoch. 

»A Partial Analysis of a Case of Periodic Depression". Dr. Pierce Clark. 

„The Genesis and Meaning of Homo-sexuality in its Relation to the 
Problems of Intro-verted Mental States*. Dr. Trigant Burrow. 

„The New Ideas of Childbood or the Freud-Adler Ideas" Prof. Stanley 
Hall. 

„Some Contributions of Psycho- Analysis to the Problems of Education'' 
Dr. Payne. 

„Does the Psycho-Analyst Tacitly Assume Responsibility for the Subü- 
mation of his Patients?** Prof. Putnam. 



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- ^*^ UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Eorrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 409 

„Sublimation** Dr. Emerson. 

„Allmacht der Gedanken in the Myths of Uephaestos and in a Novel 
of Bulwer Lytton" Dr. Mac Curdy. 

„Dreams as an Indication of Transference" Dr. Frink. 

A committee was appointed to draw up by-laws for the association and 
this commitee was instracted to include a clause exclnding from membership 
any applicant who had not identified himself publically with psycho-analysis 
and whose work was considered to be sound. 

2. Ortsgruppe Berlin. 

Mitgliederliste vom 1. Janaar 1914. 

Dr. K. Abraham, Berlin W., Rankestraße 24. 

Dr. P. Bjerre, Stockholm, Oestermalmsgatan 43. 

Dr. M. Eitingon, Berlin-Wilmersdorf, Güntzelstraße 2. 

cand. med. R. Foerster, Berlin W., Motzstraße 46. 

Dr. R. Gerstein, Hamburg, Colonnaden 96. 

Frau Dr. K. Homey, Berlin-Lankwitz, Waldmannstraße 3. 

Dr. 0. Juliusburger, Berlin-Steglitz, Siemensstraße 13. 

Sanitätsrat Dr. H. Koerber, Berlin-Lichterfelde, Boothstraße 19. 

Dr. H. Liebermann, Berlin-Wilmersdorf, Darmstädterstraße 7. 

Dr. van de Linde, Huizen bei Amsterdam. 

Dr. J. Marcinowski, Haus Sielbeck am Uklei, Post Holsteinische Schweiz. 

Dr. A. W. van Renterghem, Amsterdam, van Breestraat 1. 

Dr. Simon, Berlin-Steglitz, Älbrechtstraße 124. 

Dr. E. Simonson, Berlin-Charlottenburg, Kaiserdamm 88. 

Frau Dr. M. Stegmann, Dresden, Sidonienstraße 18. 

Frau Dr. H. Stöcker, Berlin-Nikolassee, Münchowstraße 1. 

Dr. W. Stockmayer, Berlin W., Blumeshof 2. 

Fräulein Dr. E. Voigtländer, Machern bei Leipzig. 

Dr. U. VoUrath, Landesirrenanstalt Sorau (Niederlausitz). 

Dr. G. Wanke, Friedrichroda in Thüringen, Gartenstraße 14. 

Dr. M. Weißfeld, Berlin-Friedenau, Laubacherstraße 28 a. 

Vorsitzender : Dr. Abraham. 

Schriftführerin : Frau Dr. Homey. 

Sitzungen : 
1913. 

Juli Kleine Mitteilungen zur Psychopathologie des Alltagslebens und zur 
Traumdeutung. 
September Dr. Abraham: Bericht über den Münchener Kongreß. Aus- 
sprache. 
Oktober Dr. Simonson: Autoanalysen einiger Beispiele von Namens- 
vergessen. 
Dr. Eitingon: Über psychoanalytische Heilung einer mono- 
symptomatischen Neurose. 
Dr. Abraham: Über eine konstitutionelle Grundlage der loko- 
motorischen Angst. 
8. Novemb. Dr. Stockmayer : Psychoanalytische Bemerkungen zu einem Fall 
von Beschäftigungsneurose. 
Dr. Abraham: Über neurotische Exogamie. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



410 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 

29. Nov. cand. med. Foerster: Aus der Analyse einer Paranoia. 

Dr. Lieb ermann: Psychosexuelle Determinierung einer Urticaria 
herpetiformis. 
Dezember Dr. Liebermann: Aus der Analyse einer sogen. Moral Insanity. 

Dr. Abraham: Ohrmuschel und Gehörgang als erogene Zone. 

1914. 

Januar Dr. Stockmayer: Über Jungs Libido-Theorie. 

Dr. Abraham: Kritik zu Jungs „Versuch einer Darstellung 

der psychoanalytischen Theorie". 
Dr. Weißfeld: Über Jungs Libido-Begriff. 
Dr. E i t i n g n : Über das Unbewußte bei J u n g und seine Wendung 
ins Ethische. 
Februar Frau Dr. Horney: Konsequenzen der Jungschen Theorien für 
die Therapie. 
Dr. E i t i n g n : Etwas von prospektiver Traumdeutung. 
Dr. Abraham: Zur Bedeutung der Analerotik. 
März Dr. Eitingon: Über zwei neue Kritiken der Psychoanalyse. 
Frau Dr. Spielrein: Ethik und Psychoanalyse, 
cand. med. Foerster: Zur Kasuistik der Inzestträume. 
April Dr. Reik a. G. : Über Couvade („männliches Wochenbett"). 
17. Mai Diskussion über die Erscheinungen des Ödipuskomplexes in der 

Kindheit. Einleitendes Referat von Frau Dr. Stegmann. 
27. Mai Fortsetzung der Diskussionen. 

H. Blüh er a. G.: Unbewußte Determierung einer Gattenwahl. 
Juni Dr. Reik a. G.: Über Wut und Feigheit. 
Gemäß einem Beschluß vom Oktober 1913 werden fortan von Vor- 
tragenden und Diskussionsrednern Autoreferate ihrer Mitteilungen gegeben, 
welche zu regelmäßigen Sitzungsberichten zusammengestellt und den Mitgliedern 
mit der Einladung zur nächsten Sitzung zugestellt werden. Außerdem wird 
ein Exemplar des Berichtes dem Korrespondenzblatt überwiesen. 

Die in Berlin gegründete „ Ärztliche Gesellschaft für Sexualwisssenschaft" 
hat in Vorträgen und Diskussionen wiederholt zur Psychoanalyse Stellung ge- 
nommen. Unter anderm hielt von unseren Mitgliedern Dr. Liebermann einen 
Vortrag über „Erogene Zonen". Am 3. Juli hielt Dr. Abraham einen Vor- 
trag über „Eigentümliche Formen der Gattenwahl, bes. Inzucht und Exogamie". 
Dem Vorstand der genannten Gesellschaft gehören zwei Mitglieder unserer 
Gruppe an: Dr. Koerber und Dr. Juliusburger. 

3. Ortsgruppe Budapest 

(Psychoanalytische Vereinigung für Ungarn.) 

Mitgliederbestand am 1. Januar 1914: 
Dr. S. Ferenczi, Budapest, VIL Elisabethring 54. 
Dr. J. Hollos, Chefarzt der königl. staatlichen Irrenanstalt Nagyszeben. 
H. Ignotus, Budapest, VI. Waiznerring 59. 
Dr. L. L^vy, Budapest, V. Szalaygasse 3. 
Dr. A. Rado, Budapest, I. Attilagasse 51. 

Präsident: Dr. Ferenczi. 

Sekretär: Dr. Radö. 



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Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 411 

Eingetreten seit 1. Januar 1914: 
Dr. J. Hamik, Budapest, VIII. B6rkocsisgasse 3. 
Dr. G. Szilagyi, Budapest, IX. Bordros-Platz 6. 

Nachdem die Statuten der Ortsgruppe die erforderliche Genehmigung 
der politischen Behörde erst am 16. März d. J. erhalten haben, fanden seit 
Konstituierung der Gruppe (1913) noch keine regelmäßigen wissenschaft- 
lichen Sitzungen statt, dagegen wurden in zwanglosen Zusammenkünften der 
Mitglieder folgende Themata besprochen : 
Dr. S. Fereuczi: Zur Ontogenese des Geldinteresses. 
Dr. S. F e r e n c z i : Beitrag zur Psychophysiologie des Lachens. 
Dr. S. Ferenczi: Erklärungsversuch der Überleistungen in der Hypnose. 
Dr. S. Ferenczi: Einige Beiträge zur Trieblehre. 
Dr. Alex. Rad 6: Über die Anwendung psychoanalytischer Gesichtspunkte auf 

Probleme der Biologie. 

Prof. Dr. Emest Jones wurde zum Ehrenmitglied der Ortsgruppe ge- 
wählt. (Sitzung 19. Mai 1914.) 

Der Vorstand der Ortsgruppe wurde wiedergewählt. (Sitzung 19. Mai 
1914.) 

4. Ortsgruppe London. 

Diese Gruppe wurde am 30. Oktober 1913 unter dem Namen »The 
London Psycho-Analytical Society" gegründet. Sie nimmt als Mit- 
glieder Ärzte auf, die sich praktisch mit Psychoanalyse beschäftigen, außerdem 
auch andere Personen, die sich für die Psychoanalyse besonders interessieren. 
Die Aufnahme erfolgt jedoch nur mit Genehmigung der Mitgliederversammlung. 

Mitglieder : 

Dr. Douglas Bryan, Spa House, Leicester. 
*Dr. Davidson, 22 Madison Avenue, Toronto, Canada. 
*Dr. Devine, West Riding Asylum, Wakefield, Yorksbire. 

Dr. M. D. Eder, 7 Welbeck Street, London W. 

Dr. Forsyth, 74 Wimpole Street, London W. 

Dr. Graham, Purdysburn House, Belfast, Ireland. 

Dr. Bernard Hart, Northumberland House, Green Lanes, London N. 
*Captain Berkeley Hill, c/o. Cooks, Bombay, India. 
*Dr. Emest Jones, 69 Portland Court, London W. 

Dr. Constance Long, 10 Warltersville Road, Crouch Hill, London N. 

Dr. Leslie Mackenzie, I Sterling Road, Trinity, Edinburgh, Scotlaud. 

Dr. Maurice Nicoll, 114^ Harley Street, London W. 
*Colonel Sutherland, Jubbalpore, C. P., India. 

Dr. Maurice Wright, 17 Wimpole Street, London W. 

Dr. H. Watson Smith, Lebanon Hospital, Asfurieh, Beyrut, Syria. 

Die mit * bezeichneten Mitglieder gehörten schon vorher der American 
P8.-A. Assoc. an. 

Vorsitzender: Professor Jones. 
Vizepräsident: Dr. Bryan. 
Schriftführer: Dr. Eder. 

Sitzungen: 

1918. 

6. Dezemb. Dr. Eder: Über Fälle, die sich zur psychoanalytischen Behandlung 
nicht eignen. 



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412 Korrespondenzblatt der Intemationaleii Psychoanalytischen Yereinignng. 

1914. 

11. Febr. Dr. Bryan: Ein Fall von Masochismos. 

12. März Diskussion über Freuds , Dynamik der Übertragung' (englische 

Übersetzung von Frau Eder). 

30. April Dr. Nie oll: Zwei Fälle von Zwangsneurose. 

21. Mai Dr. Sachs (Wien): Die Psychologie Swifts. 

25. Juni Dr. Forsyth: Kasuistischer Beitrag. 

5. Ortsgruppe Muncfaen. 

Mitgliederverzeichnis: 

F. Boehm, Medizinalpraktikant, München, Briennerstr. 48/11. 

Dr. A. Gallinger, München, Leopoldstr. 77/11 G.— G. 

Dr. phil. E. Frhr. v. Gebsattel, München, Akademiestr. 9/II. 

Dr. phil. W. Haas, München, Franz- Josephstr. 16/0. 

Dr. J. Ritter v. Hattingberg, München, Rauchstr. 12, 

Dr. A. Ludwig, München, Adalbertstr. 6/f. 

Dr. W. Meitzen, Wiesbaden, Sonnenbergerstr. 20. 

Dr. E. Rehm, k. Hofrat, München, Fürstenriederstr. 13^. 

Dr. L. Seif, München, Franz-Josephstr. 21/1. 

Dr. K. Stillkrauth, k. Hofrat, Regensburg, Maximilianstr. 1. 

Dr. W. Wittenberg, München, Elisabethsfer. 17/0. 

Vorsitzender: Dr. Seif. 

Schriftführer: Dr. Wittenberg. 

Als Mitglied wurde aufgenommen: 
Medizinalpraktikant F. Boehm, München, Briennerstr. 48/11. 

Sitzungen: 
1913 

5. November: Frl. E. Kreuter a. G. : Über Kindesanalysen. 

22. November: Dr. L. Seif: Analytischer Versuch über Thomas Manns 

„Der Tod in Venedig«. 
13. Dezember: Dr. W. Wittenberg: Kasuistische Mitteilungen (Fall von 
Angsthysterie). 
1914 
7. Jänner: Herr 0. Rothenhäusler a. G.: Zur Libidolehre Jungs. 

1. Das Opferproblem. 

21. Jänner: Herr 0. Rothenhäusler a. G. : Zur Libidolehre Jungs. 

2. Der Libidobegriff. 

7. Februar: Dr. L. Seif: Über Jungs „Versuch einer Darstellung der 
psychoanalytischen Theorie " . 
21. Februar: Dr. E. Frhr. v. Gebsattel: Über echtes und unechtes 
Opfer. 
7. März: Herr F. Boehm: Dostojewskis ,, Rodion Raskolnikoff*. 

28. März: Dr. L. Seif: Analyse von Äschylos' „Prometheus". 

29. März: Geschäftliches. 

6. Mai: Dr. E. Frhr. v. Gebsattel: Frazers mythologische Theorien. 
27. Mai : 1. Geschäftlicher Teil : Jahresbericht ; Neuwahl des Vorstandes. 

Der bisherige Vorstand wird wiedergewählt. 
2. Dr. W. Wittenberg: Über Rationalisierung. 
In der „Psychologischen Gesellschaft* hielt am 5. Februar 1914 Dr. 
W. Wittenberg einen Vortrag über: „Hysterischer Charakter und hyste- 



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Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 413 

Tische Neurose", worin auf die Bedeutung der Freudschen Lehren für dieses 
Problem hingewiesen wurde. 

6. New York Psychoanalytic Society. 

Members. 

Dr. H. W. Frink, 1 West 83d St., N. Y. C. 

Dr. B. Onuf, Knickerbocker Hall, Amityville, L. I. 

Dr. A. A. Brill, 55 Central Park West, N. Y. C. 

Dr. L. Casamajor, 342 W. 56th St., N. Y. C. 

Dr. F. J. Faniell, 260 Benefit St., Providence, R. L 

Dr. Josephine Jackson, 1971 Morton Ave., Pasedena, California. 

Dr. M. Keshner, 264 E. 7th St., N. Y. C. 

Dr. S. A. Tannenbaum, 243 E. 7th St., N. Y. C. 

Dr. M. J. Karpas, Bellevue Hospital, N. Y. C. 

Dr. F. M. HaUock, 150 W. 80th St., N. 1. C. 

Dr. C. P. Obemdorf, 249 W. 74 St., N. Y. C. 

Dr. H, W. Frink, President. 

D. A. A. Brill, Secretary. 

Bericht ausstehend. 

7. Ortsgruppe Wien. 

Mitgliederliste vom 1. Januar 1914. 

Dr. Guido Brecher, Merau, Pension Erlenau (Sommer: Bad-Gastein). 
Dr; Bernhard Dattner, Wien, IX. Lackierergasse 7. 
Dr. Leonide Drosnes, Odessa (Rußland). 
Dr. Jan van Emden, Haag, Jan van Nassaustraat 84. 
Dr. Paul Federn, Wien, I. Riemergasse 1. 
Prof. Dr. S. Freud (Vorsitzender), Wien, IX. Berggasse 19. 
Dr. Josef K. Friedjung, Wien, 1. Ebendorferstraße 6. 
Dr. Max Graf, Wien, XIII/1. Wattmanngasse 7. 
Hugo Heller, Wien, I. Bauernmarkt 3. 
Dr. Eduard Hitschmann, Wien, IX. Währingerstraße 24. 
Dr. Edwin Hollerung, Oberstabsarzt, Graz, Schillerstraße 24. 
Prof. Dr. Guido Holzknecht, Wien, I. Liebiggasse 4. 
Frau Dr. H. v. Hug-Hellmuth, Wien, IX. Lustkandlgasse 10. 
Dr. Ludwig Jekels, Wien, IX. Höfergasse 18, Pension Körner. 
Dr. Karl Landauer, Wien, IX. Schulz-Straßnitzkigasse 14. 
Dr. Richard Nepalleck, Wien, VIII. Alsersraße 41. 
Dr. Otto Rank (Schriftführer), Wien, I. Grtinangergasse 3—5. 
Generaldirektor Leop. Rechnitzer, Wien, I. Kärntnerstraße 51. 
Dr. Theodor Reik, Berlin W 57, Bülowstraße 24. 
Dr. Rudolf Reitler, Payerbach, Ortsplatz 8 (Sommeradresse). 
Frau Dr. Tatjana Rosenthal, Petersburg, Petersb. Seite, Gr. Prospekt 86. 
Dr. Oskar Rie, Wien, I. Stubenring 22. 
Dr. Hanns Sachs, Wien, XIX/1. Peter Jordangasse 76. 
Dr. J. Sadger, Wien IX. Liechtensteinstraße 15. 
Herbert Silberer, Wien I. Annagasse 3 a. 
Frau Dr. S. Spielrein-Scheftel, Berlin N. Thomasiusstraße 2. 
Dr. August Stärcke, den Dolder bei Utrecht (Holland). 
Dr. Maxim. Steiner, Wien I. Rotenturmstraße 19. 
Viktor Tausk, Wien, IX. Alserstraße 32. 

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414 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 

Dr. Rudolf Urbantschitsch, Wien, XVIII. Sternwartestraße 74. 

Dr. Karl Weiß, Wien, IV. Schwindgasse 12. 

med. Eduard Weiß, Wien, IX. Borschkegasse 6. 

Dr. Alfred Frhr. v. Winterstein, Wien, IV. Gußhausstraße 14. 

Dr. M. Wulff, Odessa, Puschkinskaja 55. 

Vorsitzender: Prof. Freud. 
Schriftführer: Dr. Rank. 

Die Vereinigung hat den schmerzlichen Verlust eines ihrer jüngsten, 
hoffnungsvollen Mitglieder zu beklagen: Herr stud. med. Ernst Marcus hat 
im Sommer in den Bergen den Tod gefunden. 

Herr Dr. S. Ferenczi ist mit Gründung der Ortsgruppe Budapest, 
deren Vorstand er ist, aus der Wiener Ortsgruppe ausgeschieden, der er bisher 
angehörte. Ausgetreten sind aus der Wiener Vereinigung ferner die Herren 
Dn Albert Joachim und Dr. Richard Wagner. 

Neu aufgenommen wurde Herr Dr. Karl Landauer, Wien, IX. Schulz- 
Straßnitzkigasse 14. 

Herr Dr. Viktor Tausk hat sich Mitte Februar 1914 in Wien als 
Nervenarzt etabliert. 

1. Sitzung, am 8. Oktober 1913: 

Generalversammlung. 

Wiederwahl des bisherigen Vorstandes. 
Kongreß-Bericht. 

2. Sitzung, am 15. Oktober 1913: 

Dr. Reik: Über Zwangssymptome. 

3. Sitzung, am 22. Oktober 1913. 

Diskussion über den Totemismu s- V o r t r a'g von Prof. Freud. 

4. Sitzung, am 29. Oktober 1913: 

Dr. H. V. Hug-Hellmuth: Über einige Arbeiten Stanley 
Hall's und seinerSchule in psychoanalytisher Beleuch- 
tung (erscheint in englischer Sprache). 

5. Sitzung am 5. November 1913: 

Kritische Referate (Besprechung des Jahrbuches V/1). 

6. Sitzung, am 12. November 1913: 

Herbert Silberer: Über den Homunculus (erschienen in „Imago/ 
III, 1914, H. 1). 

7. Sitzung, am 19. November 1913: 

Dr. S. Ferenczi a. G.: Versuche mit Gedankenübertragung. 

8. Sitzung, am 26. November 1913: 

Kleine kasuistische Mitteilungen. 

9. Sitzung, am 3. Dezember 1913: 

Kasuistische Mitteilungen und Referate. 

10. Sitzung, am 10. Dezember 1913: 

Dr. Karl Landauer: Zur Psychologie der Schizophrenie. 

11. Sitzung, am 17. Dezember 1913: 

Kritiken und Referate. 

12. Sitzung, am 7. Januar 1914: 

Dr. Sachs: Analyse von Molnars „Märchen vom Wolf". 

13. Sitzung am 14. Jänner: 

Kritiken und Referate. 



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Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 415 

14. Sitzung, am 21. Januar: 

Kasuistische Mitteilungen. 

15. Sitzung am 28. Januar: 

Dr. Tausk: Narzißmus (vollständige Wiedergabe des Kongreß- 
Vertrages; erscheint im Druck). 

16. Sitzung, am 4. Februar: 

Referate und kasuistische Mitteilungen. 

17. Sitzung, am 11. Februar: 

Dr. H. V. Hug-Hellmuth: Kinderspiele (erscheint im Druck). 

18. Sitzung, am 18. Februar: 

Kleine kasuistische Mitteilungen. 

19. Sitzung, am 25. Februar: 

I. Diskussionsabend über den infantilen Ödipuskomplex. 

20. Sitzung, am 4. März: 

Dr. Federn: Grenzen des Lust- und Realitätsprinzips 
(erscheint im Druck). 

21. Sitzung, am 11. März: 

Prof. Freud: Über einen Fall von Fußfetischismus. 

22. Sitzung, am 18. März: 

Diskussionsabend: 1. Über Federns Vortrag (20. Sitzung). 
2. Über den Infant. Ödipuskomplex II. 

23. Sitzung, am 1. April. 

Dr. Rank: Der Doppelgänger (erscheint in „Image" III, 1914, H. 2). 

24. Sitzung, am 8. April: 

Diskussion über den infant. Ödipuskomplex III. 

25. Sitzung, am 22. April: 

Dr. Jekels: Der Wendepunkt im Leben Napoleons I. (er- 
scheint im Druck). 

26. Sitzung, am 29. April: 

Referate und kasuistische Mitteilungen. 

27. Sitzung, am 6. Mai: 

Dr. Landauer: Spontanheilung einer Psychose (erscheint 
im Druck). 

28. Sitzung, am 20. Mai: 

Diskussion über den infant. Ödipuskomplex IV. 

29. Sitzung, am 27. Mai: 

Kritiken und Referate. 

30. Sitzung, am 3. Juni: 

Prof. Freud: Zur Einführung des Narzißmus (erscheint im 

Jahrbuch, Bd. 6). 
NB. Die Sitzungen werden bis zum Herbst unterbrochen. 

8. Ortsgruppe Zärich. 

Vorsitzender: Herr Dr. med. Maeder, Zürich 7, Hofstraße 126. 

Schriftführer: Herr Dr. phil. Mensendieck, Zürich 7, Keltenstraße 40. 
Herr Professor Beauchant, 15 Rue Alsace-Lorraine, Poitiers (Vienne) France. 
Herr Dr. med. Bertschinger, Breitenau, Schaflfhausen. 
Herr Dr. med. Binswanger, Kuranstalt Bellevue, Kreuzungen. 
Herr Dr. med. Bircher - Benner, Zürich 7, Sanatorium „Lebendige Kraft" 
Keltenstraße 48. 



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416 Eorrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 

Herr Dr. med. Bo^chat, Zürich 7, Keltenstraße 40. 

Frau Professor Erismann, Zürich 7, Plattenstraße 37. 

Fräulein Dr. med. Fürst, Zürich, Apollostraße 21. 

Herr Dr. med. Hopf, Technische Hochschule, Aachen. 

Herr Dr. med. Imboden-Kayser, St. Gallen, Rosenbergstraße 85. 

Frau Dr. med. Imboden-Kayser, St. Gallen, Rosenbergstraße 85. 

Herr Dr. med. Itten, Hamburg, Irrenanstalt Friedrichsberg. 

Herr Dr. med. C. G. Jung, Küsnacht bei Zürich. 

Herr Dr. med. E. Jung, Bern, Dählhölzliweg 16. 

Herr Pfarrer Keller, Zürich, Peterhofstatt. 

Herr Dr. phil. Knabenhans, Berlin NW., Altonaerstraße 13. 

Herr Dr. med. Lang, Zürich, Vogelsangstraße 46. 

Herr Dr. med. Loy, L'abri, lerntet. 

Herr Dr. med. Maeder, Zürich 7, Hofstraße 126. 

Herr Dr. phil. Mensendieck, Zürich 7, Keltenstraße 40. 

Herr Professor Dr. Meßmer, Rorschach. 

Frau Dr. med. Minkowski-Brockmann, München, Hiltensbergerstraße 23. 

Herr Dr. med. Nelken, Staatliche Irrenanstalt Kulparkow bei Lemberg 

(Galizien). 
Herr Dr. med. Numberg, Zygmunta Augusta 1, Krakau. 
Herr Dr. med. Oberholzer-Gincburg, Breitenau, Schaffhausen. 
Frau Dr. med. Oberholzer-Gincburg, Breitenau, Schaffhausen. 
Herr Dr. med. van Ophuijsen, Statenlaan 11, Haag. 
Herr Dr. med. Pfenniger, Zürich, Stadelboferstraße 30. 
Herr Pfarrer Pfister, Zürich, Schynhutgasse. 
Herr Dr. med. Riklin, Küsnacht bei Zürich. 
Herr cand. med. Rotenhäusler, München, Nußbaumstraße 44. 
Herr Dr. med. Schmid, Basel. Hardstraße 123. 
Herr Direktor Dr. Schneider, Bern, Kant. Seminar. 
Herr Dr. med. Schneiter, Zürich, Glockenhof. 
Frau Sokolnicka, Warschau, Polen (Rußland) Hoia 39. 
Herr Professor Yodoz, Zürich 7, Belsitostraße 12. 
Herr Dr. med. Weinmann, Zürich 7, Keltenstraße 48. 
Herr Dr. med. Sexauer, Godesberg a/Rh., Evang. Pädagogium. 

Sitzungen im Wintersemester: 
1913 
24. Oktober: Dr. med. Riklin: Bericht über den Münchener Kongreß. 

Herr Professor Vodoz wurde als ordentliches Mitglied auf- 
genommen. 
7. November: Dr. med. Maeder: Entwicklung und Heilung. 
21. November: Dr. med. C. Jung: Formulierungen zur Psychologie des 
Unbewußten. 
5. Dezember: Dr. phil. Mensendieck's Münchener Referat über Wagner 
und das Kunstwerk als sublimierende Funktion des Unbewußten. 
19. Dezember: Dr. med. C. Jung: Zur Psychologie des Unbewußten bei 
den Primitiven. 
1914 
16. Januar: Dr. med. Schneiter: Die archaischen Elemente in den Wahn- 
ideen eines Paranoiden. 
30. Januar: Dr. med. Lang: Zur psychologischen Tatbestandsdiagnostik. 
Dr. med. Maeder: Über das Traumproblem 1. 



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Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 417 

13. Februar: Dr. med. Mae der: Über das Traumproblem 2. 

Dr. med. C. Jung: Zur Traumpsychologie. 
27. Februar: Professor Vodoz: Napoleons Novelle „Le masque prophete'. 

Zur Psychologie des jungen Bonaparte. 
13. März: Dr. med. C. Jung: Zur Traumpsychologie. 

Pfarrer Keller: Bergson und die Libido theorie. 
20. März: Pfarrer Keller: Bergson und die Libidotheorie. 

Sommer -Semester. 

1. Mai: Professor Messmer: „Das Märchen vom Königssohn." 

15. Mai: Professor Messmer: „Das Märchen vom Königssohn." 

Herr Dr. med. W e i n m a n n und Herr Dr. med. S e x a u e r 
wurden als Mitglieder aufgenommen. 



Zeitschr. f. ämÜ. PByohoanalyse. II. ^' 

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Bibliographie. 



Adler Alfr.: Lebenslüge und Verantwortlichkeit in der Neurose und Psychose (Zeit- 
schrift f. Indiv.-Psychol, 1/2., Mai 1914). 

Albrecht: Die funktionellen Psychosen des Rückbildungsalters (2ieitschr. f. d. ges. 
Neurologie u. Psychiatrie 1914, Bd. XXII, Hft. 3). 

Allaman: Folie k deux. Deuz soeurs persecut^es etc. (Le progr. mMic, 1913, Nr. 22). 

Bagenoff N.: Elements psychopathologiques de Timagination creatrice (Archives de 
Neurologie, Mai 1914, Nr. 5, Paris). 

Barbour Ph. : Tic in children (Pediatrics, Nov. 1913). 

Belin S.: Über d. relig. Genie (Arch. f. ReL-Psychol., I. Bd., 1914). 

Benedict A.L.: Dreams (New York Medical Journal, 4. April 1914). 

Benon & Den^s: Epilepsie infantile et asth^nomanie (Oazette des Hop., 1914, Nr. 12). 

Berguer Georges: Revue et Bibliographie g^nörals de Psychologie Religieuse (Arch. 
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Bericht, offizieller, der Verh. d. intemat. Vereins f. med. Psychologie u, Psycho- 
therapie in Wien, vom 19. bis 20. Sept. 1913 (Leipzig 1914, W. Engelmann, 
M. 6.—). 

Bericht über den ersten Kongreß für Ästhetik und Kunstwissenschaft in Berlin, 
Von Erich Steinhard (Arch. f. d. ges. Psychol., 32. Bd., H. 1—2, 9. Apr. 1914). 

Berliner B.: Der Einfluß von Klima, Wetter und Jahreszeit auf das Nerven- und 
Seelenleben, auf physiolog. Grundlage (Wiesbaden 1914, J. F. Bergmann, Grenz- 
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Bertholot Ed.: Die Wirkung des chronischen Alkoholismus auf die Organe, insbes. 
auf die Geschlechtsdrüsen (Stuttgart 1913, Mimir- Verlag). 

Bessiöre: Les rapports de la paranota et de la psychose periodique (Rev. de Psych. 
1913, Nr. 10). 

Bibliographie d. Frauenkunde (Arch. f. Frauenk. I, 1,25. M&rz 1914). 

Bibliographie d. Sexualwissenschaft [v. 1. Jan. bis 30. April 1914] (Zeitschr. f. Sex.- 
Wiss. I, 3, Juni 1914). 

Birnbaum Karl: Die kriminelle Eigenart weiblicher Psychopathen (H. Groß' Archiv, 
Bd. Ö2, 1913, H. 3-4). 

Birst ein J.: Individualpsychologische Darstellung eines nervösen Symptoms (Zentral- 
blatt f. Psa. IV, 7-8, April-Mai 1914). 

Bluemel CS.: Stammering and cognate defects of speech (New York 1913). 

Bollettino della Associazione di studi Psicologici (Psiche III/2, April— Juni 1914). 

Brill A. A.: Fairy tales as a determinant of Dreams and neurotic Symptoms (New 
York Medical Journal, 21. M&rz 1914). 

Bunnemann: Über die Erkl&rbarkeit suggestiver Elrscheinungen (Monatsschrift für 
Psych, u. Neurol. 1913, Bd. 34, H. 4). 

Cal6 Giovanni: Psicologia pedagogica e pedagogia psicologica (Psiche III/2, April— 
Juni 1914). 

Chase H. W.: Consciousness and the ünconsciousnees (Psychol. Bull., Bd. 11, Nr. 1). 

Fortsetzung der Bibliographie im nächsten Heft. 

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