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Full text of "Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse Band III 1915 Heft 2"

J 



INTERNATIONALE teCHRIFT 



FÜR ^ ^ 



ÄRZTLICHE PSYCHOANALYSE 

OFFIZIELLES ORGAN 

DBR 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 

HERAUSGEGEBEN VON ^ 

PROF. DR. SIGM. FREUD 

REDIGIERT TON 

DR. a FERENCZI DR. OTTO RANK 

BUDAPEST WIEN 

PROF. DR. ERNEST JONES 

LONDON 
UNTER STÄNDIGER MITWIRKUNG TON: 

Da. KARL ABRAHAM, BgRLIW. — Dr. LUDWIG BlNSWANQER, KriOZLIWGEN. — 

Dr. Poul Bjerre, Stockholm. ~ Dr. a. A. Brill, Nbw York. — Dr. Triqant 
BüRROW, Baltmorb. — Dr. M. D. edbr, London. — Dr. J. van Emden, Haag. — 
Dr. M.Eitinqon, Berlin. — Dr. Paul federn, Wirr.— Dr. Eduard Hitschmann. 
WiBN. — Dr. H. V. Huq-Hellmuth, Wibn. — Dr. L. Jekels, WigN. — Dr. Kriedr. 
S. KRAüSS, Wibn. — Dr.X-T.Mac Curdy, New York. — Dr. J. Marcinowski, Siel- 
beck. — Prof. MorichaU-Beauchant, Poitiers. — Dr.C R.Payne,Wadham8,N. Y. 
— Dr. OSKAR Pfister.Zörich. — Prof. JAMES J. putn am, Boston. — Dr. Theodor 
REiK, Berlin. — Dr. R. Reitler. Wien. — Dr. Hanns Sachs, Wien. — Dr. J. 
SADGER, Wien. — Dr. A. «tärcke, Den Dolder. —Dr. M. stegmann, Dresden. 
Dr. Victor Tausk, Wien. — Dr. M. Wulff, Odessa. 

m.JAHEOANG,19i5 
HEFT 3 




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1916 

HUGO HELLER & QE. 

LEIPZIG UND WIEN, I. BAUERNMARKT 3 



/^>^j^,,f.-. Original from 

V:.uvr UNIVERSITYOF MICHIGAN 

i 



ALLE UNREGELMÄSSIGKEITEN IM ERSCHEINEN UND IM UM- 
FANGE DIESER ZEITSCHRIFT, WELCHE DURCH DIE KRIEGSLAGE 
BEDINGT SIND, WOLLEN DIE P. T. ABONNENTEN FREUND- 
LICHST ENTSCHULDIGEN. DAS VERSÄUMTE WIRD NACH WIE- 
DERKEHR NORMALER ZUSTÄNDE NACHGEHOLT WERDEN. 



BEIHEFTE 

zur Internationalen Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse 

herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. Frend. 
L Heft: 

UNBEWUSSTES GEISTESLEBEN 

Vortrag, gehalten zum 339. Jahrestage der Leidener Universität 
am 9. Februar 1914 

Tom _. 

Eector Magnificus 

G. Jelgersma, 

Professor der Pajtsbiatrie aa der ÜniversitM Leiden. 

Preis M. 1.50. — Für Abonnenten der Zeitschrift M. 1.—. 

Als zweites Heft erscheint demnächst: 

ALLGEMEINE GESICHTSPUNKTE ZUR PSYCHO- 
ANALYTISCHEN BEWEGUNG. 

Von 

James J. Putiiam, 

Prof. emerit. aa der Harrard Medical Sohool, Boston. 



All American and English coramunlcations and contribntlons shonld be 
sent (typewritten) to Dr. Ernest Jones, 69 Portland Court, London W. 



Alle Manuskripte sind vollkommen druckfertig einzusenden. 

Sämtliche Beiträge werden mit dem einheitlichen Satz von K 50. — 
pro Druckbogen honoriert. 

Von den „Originalarbeiten" und „Mitteilungen" erhalten die Mitarbeiter 
je 50 Separatabzüge gratis geliefert 



Geschmackvolle Original-Einbanddecken 
mit Lederrtioken für den II. Jahrg. sind zum Preise von M. 3. — = K 3.60 
durch jede gute Buchhandlung sowie direkt vom Verlag zu beziehen. 



Copyright 1915. Hugo Heller & Cie., Wien, I. Bauemm. 8. 

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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Freuds Libidotheorie verglichen mit der Eroslehre Piatos. 

Von Dr. M. Nachmansohn (Zürich). 

I. 

Die Ergebnisse der Psychoanalyse zwangen dessen Begründer zu 
einer bedeutenden Erweiterung des Libidobegrififes. Freud sah sich ge- 
zwungen, unter Libido alles das zu verstehen, was man im Deutschen 
unter dem Liebesverlangen im weitesten Sinne und unter sexueller Betä- 
tigung im engeren Sinne versteht. Versuchen wir uns klarzumachen, 
was Freud zu dieser so großen Erweiterung des Begriffes geführt hat 
(Freud ist zwar ein Forscher, der sich keineswegs scheut, alte Begriffe 
in einem von dem landläufigen abweichenden Sinne zu gebrauchen, der 
dies aber nur dann tut, wenn ihn schwerwiegende Gründe dazu veran- 
lassen). 

Mit wachsendem Erstaunen erkannte er, daß schon im gewöhnlichen 
normalen Kinde sich ein starkes erotisches Leben abspielt, und daß es 
ein von den Erwachsenen zurechtgelegtes Märchen ist, wenn dem Kinde 
eine eigentliche Erotik abgesprochen wird. (Übrigens geschieht dies nach 
meiner Erfahrung mehr von Akademikern als von Laien!) Wann schon 
ein erotisches Leben beginnt, darüber gehen noch jetzt auch unter 
Psychoanalytikern die Meinungen auseinander. Freud sieht schon im 
Ludein oder Wonnesaugen des Kindes eine sexuelle Betätigung und ein 
Lustergebnis. Es läßt sich allerdings nicht direkt widerlegen, wenn 
Jung darin nur eine Ernährungslust sieht. ^) Wir können den Säugling 
nicht fragen und aus späteren krankhaften Erscheinungen Rückschlüsse 
zu ziehen, kann praktisch oft von größter Bedeutung sein, hat aber, so- 
weit es sich um psychisches Gebiet handelt, dessen sämtliche Faktoren 
uns nie ganz bekannt sein können, keine zwingende theoretische Beweis- 
kraft. Eigentümlich jedoch ist die Ablehnung der Freud sehen Annahme 
durch Jung. Er gibt zwar zu, daß „beim aufwachsenden Kinde soge- 
nannte schlechte Gewohnheiten auftreten, die sich eng an das früh in- 
fantile Lutschen anschließen, wie Finger in den Mund stecken, Nägel- 
kauen, Nasen- und Ohrenbohren usw." Er hat selbst die Tatsache 
beobachtet, daß diese Manipulation (die den Kindern eine eigentümliche 
Lust bereitet, welche nicht die geringste Ähnlichkeit mit Hungerbefrie- 



*) Jung, Versuch einer Darstellung der psychoanalytischen Theorie 1912, S. 18. 

Zeitschr. f. ftrztl. Psychoanalyse. III/2. 5 



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gg Dr. M. Nachmansohn. 

digung hat) oft zur Masturbation führt, welche ja, wenn sie schon in 
der späteren Kindheit auftritt, vor der Zeit der Reife nichts anderes ist 
als eine Fortsetz ung der infantilen Gewohnheiten"^) (18). 
Er gibt auch zu, daß eine Linie von einer deutlichen Sexualbetätigung 
zum Säuglingsludeln zu führen scheint, abgesehen von dem subjektiven 
Eindruck, den das Aussehen des Kindes oft auf den Beschauer macht. 
Dennoch will er dem Wonnesaugen nicht einen erotischen Charakter zu- 
schreiben — warum?, weil er es als erwiesen erachtet, daß beim Säug- 
ling sich keine sexuellen Funktionen, „auchnurandeutungsweise'^^), 
regen. Das ist aber doch nur eine Behauptung, die Jung als bewiesen 
ohne die Spur von Begründung voraussetzt — also eine denkbar klare 
petitio principii, die Jung — einem Analytiker, der etwas von 
Projektion weiß, sollte es zu denken geben — an dieser Stelle gerade 
Freud vorwirft. Jung selbst gibt zu, daß im 3. bis 5. Jahre die 
Sexualität sich zu regen beginnt (28), warum sollte sie sich nicht schon 
im ersten regen, hauptsächlich da ja auch für Jung selber manche früh- 
zeitige sexuelle Betätigung eine sehr einleuchtende Erklärung finden 
würde? Im Säuglingsalter kennen wir nur die Ernährungsfunktion . . . 
indem die Tatsachen beweisen, daß der Ernährungsakt der erste Lust- 
bringer ist und nicht die Sexual funktion (19). Welche Tatsachen? Das- 
selbe könnte auch vom Kinde bis zur Pubertätszeit gesagt werden und 
ist auch gesagt worden — warum also erkennt Jung dem Dreijährigen 
eine Sexualität zu, dem Säugling aber nicht, trotzdem gerade er auf Tat- 
sachen hinweist, die die Annahme einer Säuglingssexualität erforderlich 
machen. Theorien und Hypothesen werden dazu gemacht, damit sie die 
Tatsachen erklären, das tut die F r e u d sehe Theorie und steht auch mit 
irgendwelchen anderen Tatsachen nicht in Widerspruch. Ich persönlich 
kann mich den Freud sehen Argumenten nicht verschließen, stringent 
beweisen läßt sich keine Theorie. Ein weiterer bestimmender Grund für 
die Erweiterung des Libidobegriflfes war, abgesehen von den Rück- 
schlüssen aus den Psychoanalysen Erwachsener, die Beobachtung deut- 
licher sexueller Regungen vom 3. Lebensjahre an, wo diesen Regungen 
schon ein sprachlicher Ausdruck verliehen werden konnte. Hier erkannte 
Freud, daß die Erotik beim Kinde noch keine festen Bahnen habe, 
sondern von den meisten Körperstellen aus erregt werden und sich 
in den verschiedensten Weisen betätigen könne. Da nun die Mund- 
und Afterzone beim Säugling am meisten gereizt wird, so werden 
diese Stellen besonders gut disponiert zur erotischen Erregung. 
Trotzdem bleibt fast die ganze Oberfläche des Körpers hiezu geeignet, 
wenn auch manche Stellen infolge der größeren „Übung" besonders be- 
vorzugt sind. Dies sind dann die erogenen Zonen. 

*) von mir gesperrt. 
*) von mir gesperrt 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Freuds Libido theorie verglichen mit der Eroslehre Piatos. 67 

Es bleibt mir unverständlich, wie Jung behaupten kann: „Nach 
dieser (der Freud sehen) Betrachtungsweise setzt sich also die spätere 
normale und monomorphe Sexualität aus verschiedenen Komponenten zu- 
sammen. Zuerst zerfällt sie in eine homo- und heterosexuelle Kompo- 
nente, dann gesellt sich dazu eine autoerotische Komponente, dann die 
verschiedenen erogenen Zonen '^ (20). Niemals ist es Freud eingefallen, 
in den erogenen Zonen Sexualitätskomponenten zu sehen, dies wider- 
spricht doch schon dem einfachen Wortsinne. 

Die Beobachtung am Kinde selbst und die Einsichten aus den 
Psychoanalysen Erwachsener hatten Freud von einer polymorph -per- 
versen Kindersexualität sprechen lassen, indem er mit diesem Begriff den 
Tatsachen gerecht zu werden suchte, daß die kindliche Sexualität in sich 
alle Merkmale enthält, die wir im späteren Leben als pervers bezeichnen. 
Da sich im infantilen Alter noch keine festen Zentren und Bahnen ge- 
bildet, so kann sich die Erotik fast in jeder beliebigen Richtung betä- 
tigen. Nachdem sie aber in einer gewissen Richtung eine kürzere 
oder längere Zeit erregt worden ist, so bilden sich nach den bekannten 
Heringschen Formulierungen bestimmte Dispositionen für die erleich- 
terte Wiedererregung in derselben Richtung aus. Die Erotik wird für 
gewisse Betätigungen „fixiert". So bilden sich schon ganz früh Kom- 
ponenten des an sich einheitlichen Sexualtriebes; damit soll aber 
nicht bestritten werden, daß die Komponenten schon durch Vererbung 
bis zu einem gewissen Grade präformiert sind. Freud scheint 
den Fehler begangen zu haben, die Komponenten als das Primum anzu- 
sehen, die im Trieb enthalten sind, noch bevor er zur Erregung kommt, 
und die sich dann als Perversionen von ihm ablösen. So sagt er : „Hier- 
aus können wir einen Wink entnehmen, daß vielleicht der Sexualtrieb 
selbst nichts Einfaches, sondern aus Komponenten zusammengesetzt ist, 
die sich in den Per Versionen wieder von ihm ablösen. ^) Diese Auffassung 
hat vor allem bei Jung heftigen Widerspruch gefunden. Seine Oppo- 
sition beruht aber auf einem völligen Mißverstehen der Intentionen 
Freuds. Dieser hat nie daran gedacht, die homosexuelle Komponente 
etwa als angeboren in dem Sinne zu betrachten, daß eine Person die 
Verknüpfung des Sexualtriebes mit einem bestimmten Sexualobjekt an- 
geboren mitbringt." Er nennt diese Erklärung die roheste. Er geht 
vielmehr von einer Bisexualität aus, d. h. daß die Sexualität im unent- 
wickelten Zustande sich beiden Geschlechtern gleichmäßig zuwenden 
kann, so daß durch einen Zufall die Libido an das gleiche Geschlecht 
fixiert bleiben kann.^) Freud erweckt jedoch den Anschein, als ob 
von Anfang an ein bestimmter Teil der sexuellen Energie nur für die 
und ein anderer nur für jene Tätigkeit reserviert ist. Dieser Gedanke 

*) Freud, Drei Abhandlnngen, S. 25. 

^ Ausführlicheres siehe Drei Abhandlungen, S. 7. 

5* 



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g3 ^^- ^' Nachmansohn. 

ist auch ganz keineswegs abzulehnen. Wenn Jung es für selbst- 
verständlich hält, da die ursprünglich sexuelle Libido in der Funktion 
des Nestbaues fest organisiert und zu keiner anderen Verwendung mehr 
fähig auftritt,*) hiemit also in ganz unzweideutiger Weise eine „Kompo- 
nente** der Libido, ja sogar eine starre, annimmt, so wüßte ich nicht, 
welche erkenntnistheoretischen Bedenken dagegen zu erheben wären, 
wenn behauptet wird, ein gewisser Betrag der Libido sei so organisiert, 
daß er sich nur in einer bestimmten Weise betätigen könne, haupt- 
sächlich, da so viele Tatsachen zu dieser Annahme drängen. Nun 
vertritt aber Freud in keinem seiner Werke eine starre Komponenten- 
theorie, wie sie ihm auch von P fister in seiner „Psychanalytischen 
Methode'* zugeschrieben wird. Wir greifen aus den zahlreichen Beleg- 
stellen, die gegen die Interpretation von Jung und Pf ister sprechen, 
folgendes heraus : „Die verschiedenen Wege, auf denen die Libido wandelt, 
verhalten sich zu einander von Anfang an wie kommunizierende Röhren 
und man muß dem Phänomen der Kollateralströmungen Rechnung 
tragen (Drei Abb., 16) und ferner: „In beiden Fällen verhält sich die 
Libido wie ein Strom, dessen Hauptbett verlegt wird, sie füllt die kolla- 
teralen Wege aus, die bisher vielleicht leer geblieben waren. Somit 
kann auch die scheinbar so große Perversionsneigung der Psychoneurotiker 
eine kollateral bedingte, muß jedenfalls eine kollateral erhöhte 
sein***) (31). Was besagen diese Stellen? Ich glaube doch ganz unzwei- 
deutig. Die an sich einheitliche erotische Energie betätigt sich einmal 
infolge angeborener Dispositionen in bestimmter Weise, die Energie der 
einen Manifestationsart kann aber auch in einer anderen Form zum 
Ausdruck kommen. Es ist daher ein grobes und fast unverzeihliches 
Mißverständnis, wenn Jung in überlegenem Tone sagt. „Diese (die 
Freud sehe) Auffassung gleicht dem Zustande der Physik vor Robert 
Mayer, wo es nur einzelne nebeneinanderstehende Erscheinungsgebiete 
gab, denen elementare Bedeutung zugeschrieben wurde und deren Wechsel- 
beziehung nicht richtig erkannt war. Erst das Gesetz der Erhaltung der 
Energie brachte Ordnung in das Verhältnis der Kräfte zueinander und 
zugleich eine Auffassung, welche den Kräften die absolute Elementar- 
bedeutung nimmt und zu Manifestationsformen derselben Energie macht. 
So hat es auch mit der Zersplitterung der Sexualität in die polymorph 
perverse Kindheitssexualität zu gehen.** (Theorie, S. 20.) Ich glaube, die 
zitierten Stellen, die noch sehr vermehrt werden können, widerlegen die 
Jung sehe Interpretation von selbst. 

Bisher haben wir nur die Gründe kennen gelernt^ warum Freud 
zur Erweiterung des Libidobegriflfes auch auf die Kindheit gedrängt 
wurde. Es läßt sich aber noch nicht einsehen, warum ihm auch jedes 

') Wandlungen und Symbole der Libido, 127. 
*) von mir gesperrt. 



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Freuds Libidotheorie verglichen mit der Eroslehre Piatos. 69 

Liebesverlangen unter diesen Begriff fällt. Hiezu dürfte ihn folgendes 
veranlaßt haben. Einmal, und dies wohl in erster Linie, die intuitive 
Elrkenntnis, daß der Liebestrieb, abgesehen vom Gegenstande, auf den 
er gerichtet ist, psychologisch derselbe ist. Er machte auch die Beobach- 
tung, daß oft da, wo die sexuelle Liebe unterbunden ist, auch jede 
sonstige Liebesäußerung davon betroffen wird, und mußte den Schluß 
ziehen, daß alle diese Äußerungen sozusagen aus derselben Quelle stammen ; 
ferner lehrten ihn die Tatsachen, daß eine starke soziale Liebestätigkeit, 
eine starke Hingabe an wissenschaftliche und künstlerische Aufgaben 
eine Einschränkung der sexuellen Liebesäußerung zur Folge hat, so daß 
auch hier der Schluß berechtigt schien, in den Trieben zu dieser Betäti- 
gung dieselben psychischen Energien wirksam zu sehen. So übertrug 
er den Begriff Libido, der ursprünglich einen ganz sexuellen Sinn hat, 
auf sämtliches Liebesverlangen, ja er schwankte sogar, ob er nicht auf 
jegliches Interesse überhaupt übertragen solle (im Falle Sehr eher). 
Diese seine Beobachtungen führten ihn auf die vielleicht wichtigste 
Erkenntnis der Psychoanalyse, die Lehre von den ,,libidinösen Zuschüssen" 
oder die Sublimationsfähigkeit der Libido. Gerade aus dieser Lehre geht 
zur Evidenz hervor, daß Freud zu keiner Zeit eine starre Komponenten- 
theorie der Libido verteidigt hat, sagt er doch ausdrücklich, daß die 
psychischen Mächte, die dazu dienen, eine uneingeschränkte Betätigung 
der Libido zu verhindern und die für die spätere persönliche Kultur so 
bedeutsam sind, 5,wahrscheinlich auf Kosten der infantilen Sexualregungen 
selbst — deren Zufluß also auch in dieser Latenzperiode nicht aufgehört 
hat, deren Energie aber — ganz oder zum größten Teile — 
von der sexuellen Verwendung abgeleitet und anderen 
Zwecken zugeführt wird/'^) (Drei Abb., 39.) Diesen Prozeß be- 
zeichnet er als Sublimierung und ist der Ansicht, daß er sich das ganze 
Leben hindurch fortsetzt. Der so erhaltene Zuschuß der Energie, die 
durch natürliche ererbte Anlagen in intellektueller Arbeit verbraucht 
wird, bildet eine noch nicht genug gewürdigte Triebfeder für jede höhere 
Leistung. Man darf dies aber nicht so verstehen, als ob die „sexuelle" 
Energie ohne weiteres in „intellektuelle" umgewandelt wird. Die Ver- 
wendung der Libido für intellektuelle Arbeit ist nur dann möglich, wenn 
das Individuum Dispositionen oder Anlagen dafür mitbringt. Die libidi- 
nösen Zuschüsse leisten nicht eigentlich die intellektuelle Arbeit, sondern 
dienen mehr als Triebkräfte, die Anlagen zur Entwicklung und Betäti- 
gung zu bringen. Wir meinen genau dasselbe, was Jung meint, wenn 
er sagt, daß die ursprünglich sexuelle Energie im Laufe der Entwicklung 
„in der Funktion des Nestbaues fest organisiert und keiner anderen 
Verwendung mehr fähig auftritt'', ohne dabei die Einheit der psychischen 
Energie aufzugeben. Genau dasselbe meine ich, wenn ich von „intellek- 

*) von mir gesperrt. 



r^no'^'-^ Original from 

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70 Dr« M. Nachmansohn. 

tueller" Energie spreche, allerdings mit dem Unterschiede, daß ich nicht 
behaupte, alle nicht sexuelle Energie war ursprünglich zum größten Teile 
sexueller Natur. Nun ist es aber sehr wohl möglich, daß zu den im 
Laufe der Entwicklung festgelegten und fest organisierten geistigen 
Funktionsweisen der psychischen Energie seelische Kräfte hinzutreten, 
die von Haus aus für eine Sexualbetätigung vorbehalten gewesen sind. 
Es ist hiezu eine Umbahnung des Erregungszuflusses erforderlich, die oft 
mit recht großen seelischen Störungen verknüpft ist. Diese „Umbahnung** 
ist mit Hilfe des Assoziationsgesetzes, wie es von der modernen Asso- 
ziationspsychologie formuliert ist, sehr wohl verständlich: Dieses lautet 
in der Fassung von Max Offner: „Die Gesamtheit der in einem gege- 
benen Momente gleichzeitig sich abspielenden psychischen Vorgänge 
bildet ein Ganzes, das einen unter sich zusammenhängenden Komplex von 
Dispositionen zurückläßt. (Gesetz der Assoziationsbildung ; vgl. Semons 
Gesetz der Eugraphie.) Bei Wiedererregung eines Teiles dieses Komplexes 
— dieses ist der Beweis dieses angenommenen psychischen Zusammen- 
hanges oder vielmehr das, was zur Annahme jenes HilfsbegrifiFs der 
Assoziation führt — zeigt sich die Tendenz, auch die übrigen zum 
Komplex gehörigen Dispositionen in Miterregung zu versetzen (vgl. Semons 
Satz der Ekphorie).''^) Diese Formulierung, über deren problematischen 
Charakter die Assoziationspsychologie wohl im klaren ist, die sich aber 
als Arbeitshypothese glänzend bewährt hat, wenn sie auch für sich allein 
nicht ausreicht, erklärt uns die Möglichkeit einer Sublimierung. Findet 
zu gleicher Zeit eine intellektuelle und erotische Erregung statt, so bildet 
sich eine Assoziation zwischen den erregten Zentren. Findet nun ein 
Energiezentrum keinen „natürlichen*' motorischen Abfluß, so kann auf 
der allmählich fest gewordenen neu gebildeten Assoziationsbahn die 
Erregung dem einen Zentrum zufließen, um über dieses motorisch abge- 
leitet zu werden. Hiedurch wird natürlich dessen Kraft sehr verstärkt. 
So kommt es, daß durch eine richtige und vorsichtige Verwendung der 
sexuellen Energie eine außerordentliche Förderung der intellektuellen 
Arbeit erzielt wird, wie auch umgekehrt, daß ein ausschweifendes Leben 
die intellektuelle Energie an sich reißt. Diese Erkenntnis ist eigentlich 
schon recht alt. Das Neue, was Freud zur dieser Lehre hinzugebracht, 
ist, daß die Sublimierungsfähigkeit von Individuum zu Individuum 
wechselt und daß wohl nur die wenigsten Menschen eine volle Subh- 
mierung der Sexualenergie erreichen können. Auch das läßt sich auf 
Grund dessen, was ich früher über die angeborenen intellektuellen An- 
lagen sagte, leicht erklären.^) Diese Erkenntnis ist bedeutungsvoller, als 
sie vielleicht auf den ersten Blick erscheint. Für den Pädagogen ergibt 
sich hieraus die wichtige Forderung, von Fall zu Fall festzustellen, wie 

^) Max Offner, Das Gedächtnis, 3. Aufl., S. 32, 1913. 

^) Ich weiß wohl, daß die „Vermögenspsychologie*' von vielen verpönt wird. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Freuds Libodotheorie verglichen mit der Eroslehre Flatos. 71 

weit die Libido ohne Schaden sublimierungsfähig ist, d. h. einen wie 
großen libidinösen Zuschuß die intellektuellen Anlagen vertragen können. 
Man kann sich dies an einem Bilde — das eben nur ein Bild ist — 
klar machen. Überheizt man eine Maschine, so nimmt sie irgendwie 
Schaden. Durch Zufuhr eines zu großen libidinösen Zuschusses kann 
leicht infolge mangelnder intellektueller Fähigkeiten Übermüdung ein- 
treten. Es tritt auch unter Umständen ein sehr starkes Zurückfluten der 
Libido ein und kann, falls sie keinen motorischen Abfluß hat, zu schweren 
seelischen Störungen führen. Zwei Faktoren werden im Seelenleben des 
Zöglings vor allem untersucht werden müssen: der erotische und 
der intellektuelle. Bisher richtete sich die Aufmerksamkeit vorwiegend 
auf den letzteren und durch die Nichtbeachtung des ersteren ist ein unge- 
heurer Schaden angerichtet worden, der in seiner Größe nicht im ent- 
ferntesten geahnt wird. Die Sublimierungsfähigkeit der Libido wird 
vielleicht die wichtigste Lehre der Pädagogik werden; für Piaton war 
sie es schon, wie wir noch sehen werden. 

Freud beging den Fehler, Libido und Sexualität theoretisch zu 
identifizieren. In Wahrheit sind sie für ihn durchaus nicht Synonyma. 
Libido ist auch für Freud entschieden der weitere Begriff als der der 
Sexualität. Immerhin konnte man mit einem gewissen Recht behaupten, 
Freud sehe in jeder Hingabe an soziale Tätigkeit, an Kunst und 
Wissenschaft ein sexuelles Erleben. Diese Auffassung ist absurd, falls 
man unter Sexualität diejenigen Empfindungen und Gefühle versteht, die 
durch die Erregung der Genitalien bedingt sind oder zu einer solchen 
führen. Sie ist durchaus richtig, wenn man darunter die erotische Hin- 
gabe im Platonischen Sinne versteht, wovon ich im folgenden Kapitel 
handle. Der Freud sehe Libidobegriff ist also weiter als der der Sexua- 
lität im gewöhnlichen Sinne, enger jedoch als der Jung sehe Libido- 
begriff, den wir kurz darstellen und kritisieren wollen. 

Jung sieht „den eigentlichen Wert des Libidobegriffes nicht in 
seiner sexuellen Definition, sondern in seiner energetischen Auffassung", 
d. h. er ist im Laufe seiner analytischen Erfahrungen dazu gedrängt 
worden, den Libidobegriff mit dem der psychischen Energie zusammen- 
fallen zu lassen. Wieso diese so große Erweiterung? „Ein flüchtiger 
Blick auf die Entwicklungsgeschichte genügt, um uns zu belehren, daß 
zahlreiche komplizierte Funktionen, denen heutzutage Sexual- 
charakter^) mit allem Recht aberkannt werden muß, ursprünglich doch 
nichts als Abspaltungen aus dem Propagationstrieb sind. Es hat sich 
ja, wie bekannt, in dem aufsteigenden Tierreiche eine wichtige Ver- 
schiebung in den Prinzipien der Propagation vollzogen. Die Masse der 
Fortpflanzungsprodukte mit der damit verbundenen Zufälligkeit der Be- 
fruchtung wurde mehr und mehr eingeschränkt zu Gunsten einer sicheren 

^) von mir gesperrt. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



72 I^r« M. Nachmansohn. 

Befruchtung und wirksamen Brutschutzes. Dadurch vollzog sich eine 
Umsetzung der Energie der Ei- und Samenproduktion in der Erzeugung 
von Anlockung und Brutschutzmechanismen . . . Der ursprüngliche 
Sexualcharakter dieser biologischen Institutionen verliert sich mit ihrer 
organischen Fixation und funktionellen Selbständigkeit. Wenn schon 
über die sexuelle Herkunft der Musik kein Zweifel obwalten kann, so 
wäre es eine wert- und geschmacklose Verallgemeinern ng, wenn man die 
Musik unter der Kategorie der Sexualität begreifen wollte. Eine derartige 
Terminologie würde dazu führen, den Kölner Dom bei der Mineralogie 
abzuhandeln, weil er auch aus Steinen besteht. (Versuch, S. 35.) (Wir 
zitierten deshalb so ausführlich, weil wir in der Kritik noch darauf 
zurückkommen müssen.) 

Jung glaubt die psychische Energie deshalb mit der Libido identifizieren 
zu dürfen, weil sie ursprünglich Sexualcharakter trug, den sie aber nachher 
zum Teil eingebüßt hat. So sagt er zur Begründung seiner Terminologie : 
„Im Gebiet der Sexualität gewinnt die Libido jene Formung, deren ge- 
waltige Bedeutung uns zur Verwendung des zweideutigen Terminus Libido 
überhaupt berechtigt. Hier (im Gebiete der Sexualität ist doch wohl 
gemeint) tritt die Libido zunächst in der Form einer undifferenzierten 
Urlibido auf, die als Wachstumsenergie die Individuen zur Teilung und 
Sprossung usw. veranlaßt. Aus jener sexuellen Urlibido/) welche 
die Millionen Eier und Samen aus einem kleinen Geschöpfe heraus er- 
zeugte, haben sich mit gewaltiger Einschränkung der Fruchtbarkeit Ab- 
spaltungen entwickelt . . ." (37). Nach diesen Ausführungen identifiziert 
also Jung deshalb die Libido mit der psychischen Energie, weil sie 
ursprünglich eine „sexuelle Urlibido" gewesen sein soll, und wegen der 
ursprünglichen Sexualität sieht er sich zur Verwendung des „zweideutigen 
Terminus'^ veranlaßt. Nun muß aber doch gesagt werden. Wenn es 
jemand „wert- und geschmacklos'* hält, die Musik unter die Sexualität 
zu rechnen, weil sie aus der Sexualität stammt, so ist es doch ebenso 
wert- und geschmacklos, sämtliche psychische Energie, also auch die- 
jenigen, die sich in intellektueller Tätigkeit manifestiert, unter die Libido 
zu rechnen, weil sie ursprünglich aus der sexuellen Urlibido stammt, 
und noch besser, weil sie im Gebiet der Sexualität die gewaltige Bedeu- 
tung erhält. Wir sehen hier schon davon ab, daß Jung eine Vermi- 
schung von vegetativen und psychischen Prozessen vornimmt. Darauf hat 
schon Dr. M. Weiß fei d in der Internationalen Zeitschrift für ärztliche 
Psychoanalyse, II. Jahrgang, S. 420, hingewiesen. Wir beschränken uns auf 
eine immanente Kritik. Jung setzt, nach den bisher zitierten Stellen 
zu schließen, voraus, daß die psychische Energie sich anfangs nur sexuell 
manifestiert habe und so könnte man es bei einigem guten Willen ver- 
stehen, wenn er ihr mit Rücksicht auf ihre ursprüngliche Erscheinungs- 

*) von mir gesperrt. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Freuds Libidotheorie verglichen mit der Eroslehre Piatos. 73 

weise einen Terminus gibt, der aus dem Gebiete der Sexualität stammt. 
Wenn er nun wenigstens den Standpunkt konsequent durchzuführen ver- 
sucht hätte — aber nein, das tut er nicht und kann es auch nicht. 
Rund achtzehn Zeilen später gesteht er zu: „Damit soll natürlich nicht 
gesagt sein, daß die Wirklichkeitsfunktion ausschließlich der Dififeren- 
zierung der Propagation ihr Dasein verdanke. Der unbestimmt große 
Anteil der Ernährungsfunktion ist mir bewußt ... Es wäre grundfalsch 
zu sagen, ihre Triebkraft sei eine sexuelle, sie war im hohen Maße eine 
sexuelle, aber auch dies nicht ausschließlich" (3S). Eben hörten wir, 
daß die Urlibido sexuell gewesen war, weshalb die psychische Energie mit 
ihr gleichgesetzt wurde, und nun lesen wir, daß die psychische Energie sich 
auch stets bis zu einem gewissen Grade als Selbsterhaltungstrieb mani- 
festiert haben muß. Hiermit fällt aber auch jeder Schein einer Berech- 
tigung weg, die psychische Energie mit der Libido zu identifizieren, 
ein Ausdruck, der dem ganzen wissenschaftlichen Sprachgebrauch direkt 
ins Gesicht schlägt. Selbst wenn wir die Libido mit dem Schopen- 
hauer sehen Willen gleichsetzen, was Jung ja mit Vorliebe tut, hat der 
Terminus keine Berechtigung. Denn Schoppenhauer faßt den Willen 
rein metaphysisch und unterscheidet ihn wesentlich vom phänomeno- 
logischen Willen. Jung spricht aber vom phänomenologischen Stand- 
punkte aus. Und hier kennt Schopenhauer bekanntlich Wille und 
Vorstellung und das Gemeinsame ist die Welt. 

Um u. a. es plausibel zu machen, daß die Libido mit der psychi- 
schen Energie zu identifizieren und nach dem Eobert May er sehen 
Energieerhaltungsgesetz aufzufassen ist, folglich sich nur in den Er- 
scheinungsweisen ändert, nicht aber in der Quantität, sagt Jung 
wörtlich : „Diese Hinweise können uns veranlassen, daran zu denken, 
daß vielleicht die Summe der Libido immer dieselbe wäre und nicht erst 
durch die Geschlechtsreifung eine gewaltige Vermehrung erführe. Diese 
etwas kühne Annahme lehnt sich, wie ersichtlich, an das Modell des 
Gesetzes der Erhaltung der Energie an, wonach die Summe der Energie 
immer dieselbe bleibt. Es wäre nicht undenkbar, daß die völlige Höhe 
der Reifung nur dadurch erreicht wird, daß die infantilen Nebenverwen- 
dungen der Libido allmählich in den einen Kanal der definitiven Sexua- 
lität einmünden und darin erlöschen" (28). Hiermit behauptet also 
Jung: Es ist möglich, daß der erwachsene Mann ebensoviel Energie 
hat, wie der Säugling, weil ja die Summe der Energie sich nicht ver- 
ändern darf. Ich kann diese Ansicht nicht „kühn" finden, wohl aber 
einfach undiskutabel. Der Jung sehe Vergleich mit dem Energie- 
erhaltungsgesetz zeigt nur, daß er scheinbar den Sinn des Gesetzes gar 
nicht begriffen hat. 

Nach diesen Ausführungen müssen wir die Jungsche Erweiterung 
des Libidobegriffes entschieden ablehnen und sehen in der Libido mit 



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74 ö^- M. Nachmansohn. 

Freud diejenige Manifestation der psychischen Energie in Form von 
Trieben, die zur Erhaltung und Höherentwicklung der Art und damit 
auch des Einzelindividuums dient. Die Höherentwicklungstendenz sehen 
wir in der fortschreitenden Sublimierung der Sexualität Darunter ist 
aber nicht zu verstehen, daß die libidinöse Energie in intellektuelle 
verwandelt wird, sondern daß zur intellektuellen Betätigung eine erotische 
Triebkraft hinzutritt, die als Strebungsgefühl die intellektuelle Tätigkeit 
fördert, nicht aber schon die intellektuelle Manifestationsform ist, wie 
Jung es scheinbar auffaßt (38). Auch dies ist möglich, doch dann 
müßte man von einer Transformation der Libido sprechen und nicht von 
einer Sublimierung. Freud drückt unseren Gedanken sehr treffend durch 
„libidinöse Zuschüsse" aus und erkannte, wie vor ihm Plato, sehr 
richtig, daß von diesen libidinösen Zuschüssen unsere ganze Kulturarbeit 
abhängt. Würde der erotische Antrieb fehlen, der sich in der ungeteilten 
Hingabe an eine Sache kundgibt, so würde jede geistige Arbeit erlahmen. 
Der Mensch wäre eine Denkmaschine, der das Feuer ausgegangen ist. 
Diese Triebkraft ist im Menschen immer die gleiche. Sie dient ebenso 
dazu, den Geschlechtsverkehr zu fördern, der natürlich auch durch orga- 
nische Faktoren geregelt wird, als den Menschen zur höchsten geistigen 
Leistung anzuspornen. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß auf niederen 
Entwicklungsstufen das Triebleben hauptsächlich der Sexualität dient, 
im Laufe der phylo- und ontoge netischen Entwicklung aber auch für andere 
Betätigungen fruchtbar wird. Der Trieb bleibt aber immer, um mit 
Freud zu reden, das eigentümliche Spannungsgefühl von höchst drän- 
gendem Charakter, der das wesentliche und vielleicht einzige Merkmal 
des Triebes ist. Plato nennt diesen Trieb Eros und Freud in latei- 
nischer Übersetzung (leider) Libido. Ich sage leider, weil er, wie mir 
scheint, doch unnötigerweise die überlieferte Terminologie verändert hat. 
Denn Libido heißt der Trieb nur dann, wenn er in Verbindung mit dem 
Sexualleben auftritt, nicht aber wenn er unsere sonstige geistige Tätigkeit 
fördert. Der Name einer Sache -— und diese Erkenntnis verdanken wir 
dem Biologen üexkuelH) — wird aber bestimmt durch ihre 
Funktion. Eine Sache kann einen anderen Namen bekommen, wenn sie 
anderen Zwecken dient. Im Satze: Dieser Eisenbahnwagen ist mein 
Wohnhaus, ist der Uexkuellsche Gedanke einigermaßen veranschaulicht 
Das Wort Eros dagegen hat bei Plato die Bedeutung des Triebes im 
weitesten Sinne überhaupt, diese Bedeutung hat sich zwar im Laufe der 
Entwicklung und unter dem Einfluß einer etwas prüden Interpretation 
Piatos geändert und ist mehr auf den „philosophischen Trieb" 
eingeschränkt. Trotzdem glaube ich, daß die Verwendung des Terminus 
Eros mehr mit dem Sprachgebrauch im Einklang steht als der Ausdruck 



') Bausteine zu einer biologischen Weltanschauung, 1913. 



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Freuds Libodotheorie verglichen mit der Eroslehre Piatos. 75 

Libido. Doch das ist ja nur eine ganz unbedeutende Terminologiefrage. 
In der Sache selbst stimme ich mit Freud ganz überein. 

II. 

Wir glauben, daß es uns gelungen ist, die Freud sehe Libidotheorie 
und deren Genesis in ganz großen Umrissen, wie sie für unsere Zwecke 
in Betracht kommen, darzulegen, und gehen jetzt zur Darstellung der 
Platonischen Eroslehre über, die mit der psychoanalytischen Libidotheorie 
eine auffallende Ähnlichkeit zeigt. 

Wir sind uns wohl bewußt, welche Gefahren es hat, eine moderne, 
von ganz anderen Voraussetzungen aus entstandene Theorie mit einer 
antiken Lehre zu vergleichen, wir wissen, wie leicht man geneigt ist, 
die antike Lehre der modernen anzupassen, um die Übereinstimmungen 
herauszustellen. Eduard Zell er hat in einem schönen Aufsatz nach- 
gewiesen, wie verkehrt es ist, etwa in den mythologischen Vorstellungen 
des Empedokles eine Antizipation des Darwinismus zu sehen. Wohl 
bieten sie manchen Anhaltspunkt zum Vergleich, doch kann von einer 
Vorwegnahme darwinistischer Gedanken nicht gut gesprochen werden. 
Als sich mir bei der Lektüre Piatos die Ähnlichkeit seiner Eroslehre 
mit der Freud sehen Libidotheorie aufdrängte, veranlaßte mich die 
Erinnerung an den Zell ersehen Aufsatz zu einer erneuten Nach- 
prüfung. Wenn ich trotzdem persönlich überzeugt bin, daß bei Plato 
tatsächlich eine außergewöhnliche Antizipation Freud scher Gedanken 
vorliegt, so haben mich die Tatsachen dazu gezwungen. Um eine voll- 
ständig einwandfreie Nachprüfung zu ermöglichen, gebe ich in diesem 
Kapitel eine rein philologische Darstellung der Platonischen Eroslehre 
und werde vor allem Plato selbst zu Worte kommen lassen. 

Der Eros im weiteren Sinne ist nach Plato nicht das Privilegium 
einiger Bevorzugter, sondern er ist der ganzen lebendigen Natur eigen. 
Er ist der Unsterblichkeitstrieb, der sich nicht nur bei den Menschen, 
sondern bei allen Lebewesen zeigt. Wir sagen auch ganz im Sinne 
unseres Philosophen : Er ist der Arterhaltungs- und, wie wir auch sehen 
werden, der Höherentwicklungstrieb, den wir in der Natur beobachten. 
Unzweideutig ist dieser Gedanke in den folgenden Worten ausgesprochen. 

„Wenn du also glaubst, daß die Liebe (epo);) von Natur auf das 
gehe, worüber wir uns schon oft einverstanden haben, so wundre dich nur 
nicht. Denn ganz ebenso wie dort, sucht auch hier die sterbliche Natur 
nach Vermögen immer zu sein und unsterblich. Sie vermag dies aber 
nur durch die Erzeugung, daß immer ein anderes Junges statt des Alten 
zurückbleibt." (Symposion, 207 d.) Hienach identifiziert Plato ohne 
weiteres den Eros mit dem Propagationstrieb und sieht in ihm, soweit 
er als Liebesgefühl in Erscheinung tritt, die psychische Seite des Art- 
erhaltungstriebes. Nun schränkt er aber den Trieb nicht nur auf das 



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76 Dr. M. Nachmansohn. 

Körperliche ein. Ebenso wie in der Natur das Streben vorhanden ist, 
den Leib durch immer neue Zeugung zu erhalten, ebenso ist das Geistige 
in der Erscheinungswelt zwar stets dem Wechsel unterworfen, aber da- 
durch eben unsterblich; auch die Seele strebt zu erzeugen und tut dies 
unaufhörlich. So faßt Plato den Eros als den Zeugungs- und 
Schaflfenstrieb im weitesten Sinne auf, ja vielleicht noch richtiger als den 
Lebenstrieb der Natur überhaupt. Jedes Erzeugen wollen, sei es, daß 
sich der Trieb in der Brunst der Tiere äußert, oder in dem Schaffens- 
drang des Künstlers, fällt bei Plato unter den Begriff des Eros. 
„Was meinst du wohl, Sokrates, was die Ursache dieser Liebe und dieses 
Verlangens sei? Oder merkest du nicht, in welchem gewaltsamen Zustande 
sich alle Tiere befinden, wenn sie begierig sind zu zeugen, geflügelte und 
ungeflügelte, wie sie alle krank und verliebt erscheinen, zuerst wenn sie 
sich miteinander vereinigen und dann auch später bei der Auferziehung 
des Erzeugten, wie auch die schwächsten bereit sind, dieses gegen die 
stärksten zu verteidigen und dafür zu sterben . . . Denn von den 
Menschen könnte man sagen, sie täten es mit Überlegung, aber welches 
der Grund sein mag, warum die Tiere sich so verliebt zeigen, kannst 
du mir das sagen?" (Symp., 207.) Aus dem Zitierten sehen wir, wie 
Plato den Eros mit dem Sexualtrieb vollständig identifiziert. Aber 
die Fortpflanzungsbetätigung ist nur eine der Manifestationsformen des 
Eros. Beim Menschen tritt er in verschiedener Weise in Erscheinung. 
„Die nun, fuhr sie (Diotima) fort, dem Leibe nach zeugungslustig sind, 
wenden sich mehr zu den Weibern und oind auf diese Art verliebt, in- 
dem sie durch Kinderzeugen Unsterblichkeit und Nachgedenken und 
Glückseligkeit, wie sie meinen, für alle künftige Zeiten sich verschaffen. 
Die aber der Seele nach, denn es gibt auch solche, welche auch in der 
Seele Zeugungskraft haben, viel mehr als im Leibe, wenden sich dem zu, 
was der Seele zukommt, davon befruchtet zu werden und zu zeugen.'^ 
(Symp., 208 e — 209 a.) Man könnte nun Plato so auffassen, als 
ob er den seelischen Schaffensdrang als wesensverschieden vom sexuellen 
ansieht, was sich vielleicht auch dadurch stützen läßt, daß er das Psy- 
chische so viel höher bewertet. Doch Plato betont wiederholt aus- 
drücklich, daß der Eros als Trieb nicht der Bewertung unterliegt, 
da diesem als solchem überhaupt kein Wertprädikat beigelegt werden 
kann, — er ist weder schön, noch gut, weder häßlich noch weise oder 
unverständig. (Symp., 201.) Er trägt nicht seinen Wert in sich, sondern 
erhält ihn vielmehr durch das Ziel, dem er zustrebt, und durch die Werke, 
die aus seinem Streben entstehen.^) Es ist für Plato direkt wider- 
sinnig, von einem häßlichen oder schönen Triebe zu reden, man darf 
nur von einem Triebe nach dem Schönen oder Häßlichen sprechen. Der 



^) S. C. Bötticher, Eros u. Erkenntnis b. Piaton. Berb'n 94, S. 7. 



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Freuds Libidotheorie verglichen mit der Eroslehre Piatos. 77 

sich stets gleichbleibende Trieb richtet sich das eine Mal auf die körper- 
liche, das andere Mal auf die geistige Welt. 

Hiemit erkannte Plato die Sublimierungsfähigkeit des Eros. 

Er unterscheidet drei Arten von Sublimierungen, die er als „Stufen" 
der Höherentwicklung bezeichnet. Diese Werteinteilung bezieht sich aber 
nur auf die Objekte, denen sich der Eros zuwendet, und nicht auf ihn 
selbst. 

Im Vorsublimationsstadium unterscheidet sich der Eros des Menschen 
nur wenig von dem der Tiere. Der äußere Eindruck regt die Begierde 
an. Diese versetzt den Menschen in eine eigenartige Unruhe und unbe- 
zähmbare Aufregung, die sich nur dann legt, wenn es dem Menschen 
gelungen ist, den Zeugungsakt zu vollziehen. Hier ist der Mensch in 
seinem Sexualleben vom Tiere noch wenig unterschieden: „Wer nun 
nicht noch frischen Angedenkens ist oder schon verderbt, der schwingt 
sich nicht schnell von hier dort hinauf zu der Schönheit selbst, wenn 
er schaut, was hier ihren Namen trägt, weshalb er denn nicht bei dem 
Anblick Ehrfurcht empfindet, sondern der Lust hingegeben möchte wie ein 
Tier zeugen." (Phaidros, 250 c.) Während also Piaton im Phädrus 
dieses Gebaren ethisch verurteilt, suchen wir eine solche abfällige Beur- 
teilung im Symposion vergeblich. Hier ist im Gegenteil jedes Zeugen 
etwas Göttliches. „Des Mannes und des Weibes Vereinigung ist Gebären. 
Und das ist etwas Göttliches und das ist es, was in den sterblichen 
Wesen unsterblich ist, der Drang nach dem Hervorbringen und das 
Hervorbringen.*^ (Symp., 206 b.) Im ganzen Werke ist jede moralisie- 
rende Tendenz gegenüber der künstlerischen zurückgetreten, im Gegensatz 
zu Phaidon, wo jede Sinnlichkeit als Makel empfunden wird. 

Wie und wann beginnt nach Plato der Sublimierungsprozeß ? 
Was gibt den Anstoß, das sich der Eros nicht mehr mit der körper- 
lichen Zeugung begnügt? Plato erklärt diese Tatsache mit der all- 
mählichen Entwicklung des menschlichen Geistes, der erst allmählich 
lernt, auch das Seelische als etwas Reales zu erfassen und es dem Eros 
als Ziel zu setzen. 

Auf der niedrigsten Entwicklungsstufe ist die Erkenntnis noch nicht 
verschieden von der der Tiere, darum kann der menschliche Eros kein 
anderes Objekt als diese haben. So heißt es im Theätet : „Nicht wahr 
jenes wahrzunehmen, was irgend für Eindrücke durch den Körper zur 
Seele gelangen, das eignet schon Menschen und Tieren von Natur, so- 
bald sie geboren sind" (186 c). Wo sich die Erkenntnis nicht über die 
passive Wahrnehmung erhoben hat, kann sich der Eros gar nicht Höherem 
zuwenden. Neben der sinnlichen Wahrnehmung ist aber dem ent- 
wickelten Menschen die Möglichkeit gegeben, auch Psychisches zu er- 
fassen und falls er von Natur die Empfänglichkeit für die Erzeugnisse 
der Seele besitzt; so wendet sich der Eros mehr diesen zu. Es hängt so 



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78 Dr- M. Nachmansohn. 

ganz vom „Lenker der Seele*', d. h. von der Vernunft ab, ob sich der 
Eros von der niedrigsten Stufe erhebt. (Phaidros, 254 a u. 247 d.) 

Hiemit hätte er eine erste Sublimierungsform erreicht. Dies bedeutet 
für Plato jedoch noch kein Verlassen des Sinnlichen. Es findet vielmehr 
eine Synthese zwischen dem Sinnlichen und Geistigen statt. „Also zu dem 
schönen Körper mehr als zu dem häßlichen fühlt er sich hingezogen in 
seinem Drange, und trifft er auf eine schöne, edle und begabte Seele, 
dann völlig fühlt er sich hingezogen von solchem Vereine von Körper 
und Seele". (Symposion, 209 b.) Im Erkennen und Bevorzugen des See- 
lischen sieht Plato die erste bedeutende Höherwendung des Triebes. 
Diese Stufe wird auch durch die Wirkung, die aus der Zukehrung des 
Eros zum Seelischen entspringt, gekennzeichnet. Plato vertritt durch- 
weg die Ansicht, daß auch das geistige Erzeugnis nur durch die Gemein- 
schaft mit anderem Geistigen möglich ist. Erst wenn eine Art geistiger 
Befruchtung stattgefunden hat, kann ein Werk reifen. Die Erzeugnisse 
des Eros auf der ersten Sublimierungsstufe sind daher auch geistiger 
Natur. „Und einem solchen Menschen gegenüber ist er alsbald reich an 
Reden und wie der treffliche Mann sein müsse und was treiben und unter- 
nimmt ihn zu bilden und zu erziehen". (Symp., 209 b.) Plato hat hier 
die Knabenliebe im Auge, die er bekanntlich als vollberechtigt neben 
der Frauenliebe, ja im Symposion sogar noch höher als diese ansah. 
Der Phädrus bringt uns eine höchst poetische Schilderung dieser für 
unser gegenwärtiges Empfinden so unnatürlichen Liebe. „Wenn er dies 
nun längere Zeit tut und mit ihm umgeht und sich mit ihm berührt in 
den Gymnasien uud im sonstigen Verkehr, dann nun geschieht es, daß 
der Quell jenes Stromes, den Zeus, da er Ganymed liebte, Sehnsucht 
nannte, reichlich zu dem Liebhaber rinnt und ein Teil davon in ihn 
dringt, ein anderer wieder, wenn er voll ist, aus ihm herausfließt . . . 
Beim Zusammenruhen nun hat des Liebhabers unbändiges Roß allerhand 
zum Lenker zu reden und verlangt für viele Mühe wenigstens einen 
kurzen Genuß. Das Roß des Geliebten hat nichts zu sagen, sondern im 
Drange und seiner selbst kaum bewußt umfängt er den Liebhaber und 
küßt ihn.'* (Phädrus, 244 a.) Bezeichnenderweise nennt Plato diese Liebe 
[lavta und preist diesen Liebeswahnsinn (vielleicht auch Liebesraserei) in 
ergreifenden Worten (244 a). Plato findet diese Liebe durchaus selbst- 
verständlich und höchst schätzenswert. Ihm war die „Bisexualität" des 
Triebes eine oft beobachtete und vielleicht auch selbst erlebte Tatsache. 
Ob sich der Eros dem Manne oder dem Weibe zuwendet, ist für ihn 
eigentlich mehr Geschmacks- und Bildungssache und er läßt seinen 
Liebling Alcibiades ausführUch seinen homosexuellen Umgang mitSokrates 
berichten. Dies sollte uns zu denken geben, ob nicht die jetzt so starke 
Abneigung gegen die Homosexualität auf Kultur und Erziehungseinflüsse 
zurückzuführen ist. 



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Freuds Libidotheorie verglichen mit der Eroslehre Piatos. 79 

Im Phädrus fällt die Knabenliebe mit dem philosophischen Trieb 
noch zusammen/) dagegen scheidet sie recht streng voneinander das 
Symposion. 

Im philosophischen Trieb sieht Plato eine weitere Sublimierung 
des Arterhaltungstriebes. Er äußert auch nicht den geringsten Zweifel, 
daß der Eros, der sich auf niedrigen Entwicklungsstufen nur in Form 
des Sexualdranges äußert, sich auch als Trieb, das Abstrakte zu er- 
fassen, manifestieren kann. 

Wohl jeder entwickelte Mensch, der ein zweites Wesen nicht nur 
sinnlich geliebt hat, dürfte ohne weiteres den Ausführungen Piatos über 
die erste Sublimierungsform folgen können, da sie wohl jeder aus Er- 
fahrung kennt. Schwerer ist es schon den Eros als philosophischen 
Trieb zu verstehen oder als Liebe zu dem Abstrakten. Das scheint 
Plato geahnt zu haben. Deshalb leitet auch Diotima den Übergang zu 
dieser Stufe mit den Worten ein: „So weit nun o Sokrates vermagst 
du wohl auch in den Geheimnissen der Liebe eingeweiht zu werden, 
ob aber zur Vollendung und zum Schauen, wozu das alles führt, wenn 
jemand es recht treibt, du fähig bist, das weiß ich nichf (Symp., 210.) 

Der philosophisch veranlagte Mensch zeichnet sich dadurch vor 
anderen aus, daß er sich nicht mit den Einzeleindrücken, seien sie sinn- 
lich oder geistiger Art, begnügt, sondern daß er das den vielen Einzel- 
gegenständen Gemeinsame zu erfassen sucht und so auf dem Wege der 
Abstraktion den Begriff oder das Wesen vieler eine Gattung bildender 
Gegenstände erfaßt. „Denn ein Mensch muß nach Gattungen Ausge- 
drücktes begreifen, welches als Eines hervorgeht aus vielen durch den 
Verstand zusammengefaßten Wahrnehmungen." (Phaidon, 249 c.) Das 
Einzelne hat für den Philosophen nur insofern Bedeutung, als es ihn 
das Allgemeine finden läßt, und glaubt er, dieses gefunden zu haben, so 
verliert jenes für ihn an Interesse. Dem Abstraktum jedoch, das zu 
finden das Ziel langer Bemühungen war, wendet sich in um so stärkerem 
Maße die Aufmerksamkeit zu und die Betrachtung des so mühsam 
Gefundenen ist von starken Lustgefühlen begleitet. Dieses hatte eine 
für die Geschichte der abendländischen Philosophie äußerst wichtige 
psychologische Folge. Solche Denkgegenstände gewinnen einen starken 
Realitätswert und es bildet sich die Neigung, die Abstrakta.zu hyposta- 
sieren und als von der Psyche abgelöste und selbständige Realitäten in 
das Universum zu projizieren. Schon Plato hatte dies erkannt, wenn 
er sagt: Daß nämlich jedes Menschen Seele, sobald sie über irgend etwas 
sich heftig erfreut oder betrübt, auch genötigt ist, von demjenigen, wo- 
mit ihr dieses begegnet, zu glauben, es sei das Wirksamste und das 
Wahrste". (Phaedon, 283 c.) Wir wollen und können hier nicht, die 
noch heiß umstrittene Frage entscheiden, ob Plato die Ideen als Gesetz- 

*) Ed. Zeller, Die Philosophie des Griechen®, II. 1, 614 Anm. 



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gO Dr. M. Naohmansohn. 

mäßigkeiten aufgefaßt hat oder als transzendente Wesenheiten, was emer 
Projektion des Abstrakten gleichkäme. Das steht jedenfalls fest, daß 
sein ganzes philosophisches Wollen auf das Erfassen der Ideen gerichtet 
war und daß er zeitweise seinen ganzen Eros in den Dienst dieser 
Lebensaufgabe gestellt hat. Und er liebte seine Ideen und verzehrte sich in 
schmerzlicher Sehnsucht nach ihnen, wie sich nur ein ernster, heiß- 
blütiger Jüngling nach seiner Geliebten verzehren kann. Diese Triebkraft 
wirkte befördernd und befruchtend auf das abstrakte Denken, das so 
viel von ihr absorbierte, daß für eine andere Manifestationsform nur 
wenig oder nichts übrig blieb. Nur dank seiner Ungeheuern geistigen 
Veranlagung konnte eine so völlige Sublimation gelingen. Sein ganzer 
Eros wandte sich der Welt der Ideen zu, die für ihn das ovxo); ov, das 
wahrhaft Seiende war. Da es für Plato feststand, daß irdische 
Dinge Abbilder der Ideen seien, so glaubte er, daß jede Schönheit hier 
auf Erden in ihm das Verlangen nach jener „wirklichen" Welt weckte. 

Eine allgemeine Darstellung eines persönlichen erotischen Erleb- 
nisses ist es, wenn Plato ausruft: „Wer aber noch frische Weihung in 
sich hat und das damalige vielfältig geschaut, wenn der ein gottähnliches 
Angesicht erblickt oder eine Gestalt des Körpers, welche die Schönheit 
vollkommen darstellen: so schaudert er zuerst und es wandelt ihn 
etwas von den damaligen Ängsten an, hernach betet er sie anschauend 
an wie einen Gott, und fürchtete er nicht den Ruf eines übertriebenen 
Wahnsinns, so opferte er auch wie einem heiligen Bilde oder Gotte dem 
Liebling." (Phaidros, 251 a.) Er ist überzeugt, daß nicht der einzelne 
schöne Jüngling ihn zu diesem „übertriebenen Wahnsinn" hinreißt, 
sondern die durch diesen Anblick geweckte Erinnerung an die Idee der 
Schönheit überhaupt. Nicht dem Jüngling will er opfern, sondern der 
durch den Liebling verkörperten Idee des Schönen.^) Und eben dadurch, 
daß er von dem Einzelnen absieht und für das Schöne an sich erglüht, 
dadurch verleiht er seinem Eros die philosophische Note. 

Hier beginnt das bewußte Hinausstreben über das sinnlich Gege- 
bene. Während auf der ersten Sublimierungsstufe das Schöne ohne das 
Sinnliche gar nicht in Erwägung gezogen wird, hat sich der philosophisch 
veranlagte Mensch die Idee des Schönen unabhängig von jeder Verkör- 
perung erarbeitet. Der Eros wendet sich jetzt einem seelischen Erzeug- 
nis zu, das eine unvergleichlich reiche intellektuelle Tätigkeit als auf der 
ersten Sublimierungsstufe voraussetzt. Es ist eigentlich falsch, von einer 
Sublimierung des Triebes zu reden. Nicht der Trieb ist sublimiert wor- 
den, sondern das Objekt desselben. Und so ist es auch berechtigt, die 
zweite Sublimierungsform höher zu werten, 

Ist einmal die Ideenwelt erfaßt worden, so strebt der Eros sie auch 
als xTT^jxa e{; asl zu besitzen und sie nicht in Vergessenheit geraten zu 

*) Daß hier eine Rationalisierung vorliegt, dürfte selbstTerständlich sein. 



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Freuds Libidotheorie verglichen mit der Eroslehre Piatos. gl 

lassen. Deshalb darf der philosophische Liebhaber nicht in seinem Stre- 
ben nachlassen, unaufhörlich muß er sich mit den Ideen und insbesondere 
mit der Idee des Schönen beschäftigen, muß sie läutern und reinigen 
und die Erinnerung an die im präexistenten Dasein geschaute Idee zur 
vollkommensten Klarheit bringen. Eine unausgesetzte, vom Eros immer 
wieder angeregte Abstraktionstätigkeit muß das Leben des Philosophen 
bilden. Bei der Betrachtung des Schönen muß er ebenso von den einzel- 
nen Seelen wie von den einzelnen Körpern absehen und auch von den 
einzelnen Vernunfterkenntnissen (iKtaTVjjirj), sondern muß das Schöne, das 
allem diesem gemeinsam ist, zu erfassen suchen. — Wer nun vom Eros 
getrieben, von Abstraktion zu Abstraktion fortschreitend, von jedem nur 
denkbaren Inhalte absieht und mit ganzer Seele die Idee des Schönen 
an sich zu erfassen sucht, an der wohl alles einzelne Schöne teilhat, 
die aber selbst in keinem einzelnen enthalten ist, dessen Wunsch kann 
plötzlich in Erfüllung gehen, er kann das Höchste gegenständlich schauen 
und sich liebend darin versenken. An diesem Punkte hören wir die 
Sprache lautester Mystik: „Wer nämlich bis hieher in der Liebe erzogen 
ist, der wird plötzlich ein von Natur w^underbar Schönes erblicken, 
nämlich jenes selbst, um deswegen er alle bisherigen Anstrengungen ge- 
macht hat, welches zuerst immer ist, weder entsteht noch vergeht, weder 
wächst noch schwindet. . . . Und an dieser Stelle des Lebens, o Sokrates, 
wenn irgendwo, ist dem Menschen erst lebenswert, w^o er das Schöne 
selbst schaut. . . . Meinst du wohl, daß das ein schlechtes Leben sei, 
wenn einer dorthin sieht und jenes erblickt und damit umgeht?^ 
(Symp., 310.) Man hört deutlich den stark erotischen Ton, das starke 
erotische Lustgefühl, das den Philosophen bei diesem Gedanken anwandelt. 
Eros und Erkenntnis stehen in wechselseitiger Abhängigkeit von 
einander. Der Trieb spornt das Denken, in der Abstraktionstätigkeit un- 
ermüdlich fortzufahren und das Gute oder Schöne an sich zu erfassen, 
während dieses dem Eros immer höhere Ziele weist und die Liebesenergie, 
die sich auf der niedrigsten Stufe dem bloß Sinnlichen zuwendet, zuletzt 
auf den denkbar höchsten und umfassendsten Denkgegenstand lenkt. 
Hier ist Denken und Eros eins geworden, oder besser der Eros hat sein 
Ziel wenigstens halluzinatorisch erreicht und ist befriedigt. Der vom 
Eros beherrschte Mensch hat die Schönheit an sich, für Plato gleich- 
bedeutend mit Gottheit,^) erkannt, hat sie geschaut, sie „berührt" und 
ist in ihr aufgegangen. In echt mystischer Weise sagt er im Staat : 

Darein ich mich versenke, 

Das wird mit mir zu eins. 

Ich bin, wenn ich ihn denke, 

Wie Gott, der Quell des Seins. 2) 

*) Siehe meine Dissertation „Zur Psychologie des mystischen Erlebens", Bern 1915. 
^) Nach E. Roh de, Die Psyche, H, 294. 

Zeitschr. f. ärzU. Psychoanalyge. III 2. 6 



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82 Dr. M. Nachmansohn. 

Der Liebende hat sein Ziel erreicht und ist mit dem Geliebten eins 
geworden. 

In der Liebe zur Gottheit sieht Plato die höchste Sublimierungs- 
form, weil für sie die denkbar stärkste Abstraktionsleistung erforderlich 
ist. Der Weg zu dieser Liebe führt aber stets über die zwei früheren 
Sublimierungsstufen, anfangend von den schönen Dingen hier, wie auf 
Stufen von einer zu zweien, und von zweien zu allen schönen Körpern 
und von den schönen Körpern zu den schönen Handlungen und von 
den schönen Handlungen zu den schönen Kenntnissen, bis er von den 
Kenntnissen zuletzt zu jener Kenntnis gelangt, welche von nichts anderem 
als jenem Schönen die Kenntnis ist und er zuletzt das Schöne selbst er- 
kennt." (Symp., 211.) Bei jeder fortschreitenden Erkenntnis richtet sich 
der Trieb auf etwas Näheres und ist insofern sublimiert. 

Kurz zusammengefaßt konnte der Platonische Eros als der Arterhal- 
tungs- und Höherentwicklungstrieb aufgefaßt werden, der sich im Liebes- 
leben manifestiert, und je nach dem Objekt, dem die Liebe gilt, in vier 
Erscheinungsformen auftritt als 

1. sinnlicher Eros, 

2. seelischer Eros (dem Individuellen zugewandt), 

3. philosophischer Eros (dem Abstrakten zugewandt), 

4. mystischer Eros (der Gottheit zugewandt). 

Außer dieser Liebe kennt Plato keine Liebe. Eros und Liebe 
sei es Liebe der Eltern zu den Kindern et vice versa, sei es Liebe des 
Mannes zum Weibe, sei es Liebe zur Kunst und Wissenschaft, sei es 
Liebe zu Gott, sind identisch. Nur das Objekt ändert sich, nicht die 
Liebe. So weit Plato! 

Es bleibt uns noch übrig, kurz die gemeinsamen Punkte der beiden 
Lehren herauszuheben. Wir dürfen natürlich nicht vergessen, daß zwischen 
den beiden Autoren ein Zwischenraum von mehr als 2000 Jahren liegt 
Die Übereinstimmungen können daher nur zwischen den allgemeinen 
Zügen der Lehre zu finden sein. 

Und nun ist es interessant, daß alle Erweiterungen, die Freud 
zum Entsetzen so vieler Akademiker an der üblichen Libidoauffassung 
vorgenommen hat, schon beim Begründer der Akademie zu finden sind. 

Plato sieht ebenso wie Freud im Arterhaltungstrieb und den da- 
mit verbundenen psychischen Funktionen das Wesen der Liebe. Auch 
der griechische Denker dehnt den Eros auf das Kind aus und sieht 
in der elterlichen Liebe zu den Kindern und umgekehrt denselben 
Eros, der zwischen zwei reifen Personen verschiedenen Geschlechtes waltet. 

Die Sublimierungstheorie Freuds findet sich schon ausführlicher bei 
Plato und „der Staat^ bringt noch eine noch auszubeutende pädago- 
gische Lehre, um die Sublimierung des Eros in die Wege zu leiten. 



r^no'^'-^ Original from 

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Freuds Libidotheorie verglichen mit der Eroalehre Piatos. 83 

Ebenso wie es absurd ist zu sagen, Plato sexualisiert den Men- 
schen und sieht in den höchsten religiösen Funktionen nichts als eine 
verfeinerte Sexualität, ebenso absurd ist es, wenn Freud dieser Vor- 
wurf gemacht wird. Beide aber leiten die höchsten kulturellen Leistungen 
vom Arterhaltungstrieb ab. 

So sehen wir, wie die so angefeindete Libidolehre Freuds im 
größten griechischen Denker und Ethiker einen Vorläufer gefunden, der 
dessen so bedeutungsvolle Neuerungen vorweggenommen hat. 



6» 



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^-'^'^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Triebe und Triebschicksale. 

Von Sigm, Freud. 

Wir haben oftmals die Forderung vertreten gehört, daß eine Wissen- 
schaft über klaren und scharf definierten Grundbegriffen aufgebaut sein 
soll. In Wirklichkeit beginnt keine Wissenschaft mit solchen Defini- 
tionen, auch die exaktesten nicht. Der richtige Anfang der wissen- 
schaftlichen Tätigkeit besteht vielmehr in der Beschreibung von Er- 
scheinungen, die dann weiterhin gruppiert, angeordnet und in Zusammen- 
hänge eingetragen werden. Schon bei der Beschreibung kann man es 
nicht vermeiden, gewisse abstrakte Ideen auf das Material anzuwenden, 
die man irgendwoher, gewiß nicht aus der neuen Erfahrung allein, her- 
beiholt. Noch unentbehrlicher sind solche Ideen — die späteren Grund- 
begriffe der Wissenschaft — bei der weiteren Verarbeitung des Stoffes. 
Sie müssen zunächst ein gewisses Maß von Unbestimmtheit an sich 
tragen; von einer klaren Umzeichnung ihres Inhalts kann keine Rede 
sein. Solange sie sich in diesem Zustande befinden, verständigt man 
sich über ihre Bedeutung durch den wiederholten Hinweis auf das Er- 
fahrungsmaterial, dem sie entnommen scheinen, das aber in Wirklichkeit 
ihnen unterworfen wird. Sie haben also strenge genommen den Cha- 
rakter von Konventionen, wobei aber alles darauf ankommt, daß sie doch 
nicht willkürlich gewählt werden, sondern durch bedeutsame Beziehungen 
zum empirischen Stoffe bestimmt sind, die man zu erraten vermeint, 
noch ehe man sie erkennen und nachweisen kann. Erst nach gründ- 
licherer Erforschung des betreffenden Erscheinungsgebietes kann man 
auch dessen wissenschaftliche Grundbegriffe schärfer erfassen und 
sie fortschreitend so abändern, daß sie in großem Umfange brauchbar 
und dabei durchaus widerspruchsfrei werden. Dann mag es auch an 
der Zeit sein, sie in Definitionen zu bannen. Der Fortschritt der Er- 
kenntnis duldet aber auch keine Starrheit der Definitionen. Wie das 
Beispiel der Physik in glänzender Weise lehrt, erfahren auch die in 
Definitionen festgelegten „Grundbegriffe" einen stetigen Inhaltswandel. 

Ein solcher konventioneller, vorläufig noch ziemlich dunkler Grund- 
begriff, den wir aber in der Psychologie nicht entbehren können, ist 
der des Triebes. Versuchen wir es, ihn von verschiedenen Seiten her 
mit Inhalt zu erfüllen. 



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Triebe und Triebschicksale. 35 

Zunächst von selten der Physiologie. Diese hat uns den Begriff 
des Reizes und das Reflexschema gegeben, demzufolge ein von außen 
her an das lebende Gewebe (der Nervensubstanz) gebrachter Reiz durch 
Aktion nach außen abgeführt wird. Diese Aktion wird dadurch zweck- 
mäßig, daß sie die gereizte Substanz der Einwirkung des Reizes entzieht, 
aus dem Bereich der Reizwirkung entrückt. 

Wie verhält sich nun der „Trieb" zum „Reiz" ? Es hindert uns nichts, 
den Begriff des Triebes unter den des Reizes zu subsummieren : der Trieb 
sei ein Reiz für das Psychische. Aber wir werden sofort davor gewarnt, 
Trieb und psychischen Reiz gleichzusetzen. Es gibt offenbar für das 
Psychische noch andere Reize als die Triebreize, solche, die sich den 
physiologischen Reizen weit ähnlicher benehmen. Wenn z. B. ein 
starkes Licht auf das Auge fallt, so ist das kein Triebreiz ; wohl aber, 
wenn sich die Austrocknung der Schlundschleimhaut fühlbar macht 
oder die Anätzung der Magenschleimhaut.^) 

Wir haben nun Material für die Unterscheidung von Triebreiz und 
anderem (physiologischem) Reiz, der auf das Seelische einwirkt, ge- 
wonnen. Erstens : Der Triebreiz stammt nicht aus der Außenwelt, sondern 
aus dem Innern des Organismus selbst. Er wirkt darum auch anders 
auf das Seelische und erfordert zu seiner Beseitigung andere Aktionen. 
Ferner : Alles für den Reiz Wesentliche ist gegeben, wenn wir annehmen, 
er wirke wie ein einmaliger Stoß; er kann dann auch durch eine ein- 
malige zweckmäßige Aktion erledigt werden, als deren Typus die moto- 
rische Flucht vor der Reizquelle hinzustellen ist. Natürlich können sich 
diese Stöße auch wiederholen und summieren, aber das ändert nichts an 
der Auffassung des Vorganges und an den Bedingungen der Reiz- 
aufhebung. Der Trieb hingegen wirkt nie wie eine momentane 
Stoßkraft, sondern immer wie eine konstante Kraft. Da er nicht 
von außen, sondern vom Körperinnem her angreift, kann auch keine 
Flucht gegen ihn nützen. Wir heißen den Triebreiz besser „Be- 
dürfnis"; was dieses Bedürfnis aufhebt, ist die „Befriedigung". 
Sie kann durch nur eine zielgerechte (adäquate) Veränderung der inneren 
Reizquelle gewonnen werden. 

Stellen wir uns auf den Standpunkt eines fast völlig hilflosen, in 
der Welt noch unorientierten Lebewesens, welches Reize in seiner 
Nervensubstanz auffängt. Dies Wesen wird sehr bald in die Lage 
kommen, eine erste Unterscheidung zu machen und eine erste Orien- 
tierung zu gewinnen. Es wird einerseits Reize verspüren, denen es sich 
durch eine Muskelaktion (Flucht) entziehen kann, diese Reize rechnet es 
zu einer Außenwelt ; anderseits aber auch noch Reize, gegen welche eine 
solche Aktion nutzlos bleibt, die trotzdem ihren konstant drängenden 

*) Vorausgesetzt nämlich, daß diese inneren Vorg&nge die organischen Grund- 
lagen der Bedürfnisse Durst und Hunger sind. 



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85 Sigm. Freud. 

Charakter behalten, diese Reize sind das Kennzeichen einer Innenwelt, 
der Beweis für Triebbedürfnisse. Die wahrnehmende Substanz des Lebe- 
wesens wird so an der Wirksamkeit ihrer Muskeltätigkeit einen Anhalts- 
punkt gewonnen haben, um ein „außen'' von einem „innen'' zu scheiden. 

Wir finden also das Wesen des Triebes zunächst in seinen Haupt- 
charakteren, der Herkunft von Reizquellen im Innern des Organismus, 
dem Auftreten als konstante Kraft, und leiten davon eines seiner 
weiteren Merkmale, seine Unbezwingbarkeit durch Fluchtaktionen ab. 
Während dieser Erörterungen mußte uns aber etwas auffallen, was 
uns ein weiteres Eingeständnis abnötigt. Wir bringen nicht nur gewisse 
Konventionen als Grundbegriffe an unser Erfahrungsmaterial heran, 
sondern bedienen uns auch mancher komplizierter V o r a u s s e t z u n g e n, 
um uns bei der Bearbeitung der psychologischen Erscheinungswelt leiten 
zu lassen. Die wichtigste dieser Voraussetzungen haben wir bereits an- 
geführt; es erübrigt uns noch, sie ausdrücklich hervorzuheben. Sie ist 
biologischer Natur, arbeitet mit dem Begriff der Tendenz (eventuell 
der Zweckmäßigkeit) und lautet: Das Nervensystem ist ein Apparat, 
dem die Funktion erteilt ist, die anlangenden Reize wieder zu beseiti- 
gen, auf möglichst niedriges Niveau herabzusetzen, oder der, wenn e^ 
nur möglich wäre, sich überhaupt reizlos erhalten wollte. Nehmen wir an 
der Unbestimmtheit dieser Idee vorläufig keinen Anstoß und geben wir 
dem Nervensystem die Aufgabe, — allgemein gesprochen — der Reiz- 
bewältigung. Wir sehen dann, wie sehr die Einführung der Triebe 
das einfache physiologische Reflexschema kompliziert. Die äußeren Reize 
stellen nur die eine Aufgabe, sich ihnen zu entziehen, dies geschieht 
dann durch Muskelbewegung, von denen endlich eine das Ziel erreicht 
und dann als die zweckmäßige zur erblichen Disposition wird. Die im 
Innern des Organismus entstehenden Triebreize sind durch diesen Mecha- 
nismus nicht zu erledigen. Sie stellen also weit höhere Anforderungen 
an das Nervensystem, veranlassen es zu verwickelten, ineinander 
greifenden Tätigkeiten, welche die Außenwelt so weit verändern, daß sie 
der inneren Reizquelle die Befriedigung bietet, und nötigen es vor allem, 
auf seine ideale Absicht der Reizfernhaltung zu verzichten, da sie eine 
unvermeidliche kontinuierliche Reizzufuhr unterhalten. Wir dürfen 
also wohl schließen, daß sie, die Triebe, und nicht die äußeren Reize, 
die eigentlichen Motoren der Fortschritte sind, welche das so unendlich 
leistungsfähige Nervensystem auf seine gegenwärtige Entwicklungshöhe 
gebracht haben. Natürlich steht nichts der Annahme im Wege, daß die 
Triebe selbst, wenigstens zum Teil, Niederschläge äußerer Reizwirkungen 
sind, welche im Laufe der Phylogenese auf die lebende Substanz ver- 
ändernd einwirkten. 

Wenn wir dann finden, daß die Tätigkeit auch der höchstentwickelten 
Seelenapparate dem Lustprinzip unterliegt, d. h. durch Empfindungen 



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Triebe und Triebschicksale. 87 

der Lust-Ünlustreihe automatisch reguliert wird, so können wir die 
weitere Voraussetzung schwerlich abweisen, daß diese Empfindungen die 
Art, wie die Reizbewältigung vor sich geht, wiedergeben. Sicherlich in 
dem Sinne, daß die Unlustempfindung mit Steigerung, die Lustempfindung 
mit Herabsetzung des Reizes zu tun hat. Die weitgehende Unbestimmtheit 
dieser Annahme wollen wir aber sorgfältig festhalten, bis es uns etwa 
gelingt, die Art der Beziehung zwischen Lust-Unlust und den Schwan- 
kungen der auf das Seelenleben wirkenden Reizgrößen zu erraten. 
Es sind gewiß sehr mannigfache und nicht sehr einfache solcher Bezie- 
hungen möglich. 

Wenden wir uns nun von der biologischen Seite her der Betrachtung 
des Seelenlebens zu, so erscheint uns der „Trieb" als ein Grenzbegriff 
zwischen Seelischem und Somatischem, als psychischer Repräsentant 
der aus dem Körperinnern stammenden, in die Seele gelangenden Reize, 
als ein Maß der Arbeitsanforderung, die dem Seelischen infolge seines 
Zusammenhanges mit dem Körperlichen auferlegt ist. 

Wir können nun einige Termini diskutieren, welche im Zusammen- 
hang mit dem Begriff Trieb gebraucht werden, wie: Drang, Ziel, Objekt, 
Quelle des Triebes. 

Unter dem Drang eines Triebes versteht man dessen motorisches 
Moment, die Summe von Kraft oder das Maß von Arbeitsanforderung, 
das er repräsentiert. Der Charakter des Drängenden ist eine allgemeine 
Eigenschaft der Triebe, ja das Wesen derselben. Jeder Trieb ist ein 
Stück Aktivität; wenn man lässigerweise von passiven Trieben spricht, 
kann man nichts anderes meinen als Triebe mit passivem Ziel. 

Das Ziel eines Triebes ist allemal die Befriedigung, die nur durch 
Aufhebung des Reizzustandes an der Triebquelle erreicht werden kann. 
Aber wenn auch dies Endziel für jeden Trieb unveränderlich bleibt, so 
können doch verschiedene Wege zum gleichen Endziel führen, so daß 
sich mannigfache nähere oder intermediäre Ziele für einen Trieb er- 
geben können, die miteinander kombiniert oder gegen einander vertauscht 
werden. Die Erfahrung gestattet tins auch von „zielgehemmten" 
Trieben zu sprechen bei Vorgängen, die ein Stück weit in der Richtung 
der Triebbefriedigung zugelassen werden, dann aber eine Hemmung oder 
Ablenkung erfahren. Es ist anzunehmen, daß auch mit solchen Vor- 
gängen eine partielle Befriedigung verbunden ist. 

Das Objekt des Triebes ist dasjenige, an welchem oder durch 
welches der Trieb sein Ziel erreichen kann. Es ist das variabelste am 
Triebe, nicht ursprünglich mit ihm verknüpft, sondern ihm nur infolge 
seiner Eignung zur Ermöglichung der Befriedigung zugeordnet. Es ist 
nicht notwendig ein fremder Gegenstand, sondern ebensowohl ein Teil 
des eigenen Körpers. Es kann im Laufe der Lebensschicksale des 
Triebes beliebig oft gewechselt werden ; dieser Verschiebung des Triebes 



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gg Sigm. Frend. 

fallen die bedeutsamen Rollen zu. Es kann der Fall vorkommen, daß 
dasselbe Objekt gleichzeitig mehreren Trieben zur Befriedigung dient, nach 
Alf. Adler der Fall der Triebverschränkung. Eine besonders innige 
Bindung des Triebes an das Objekt wird als Fixierung desselben her- 
vorgehoben. Sie vollzieht sich oft in sehr frühen Perioden der Trieb- 
entwicklung und macht der Beweglichkeit des Triebes ein Ende, indem 
sie der Lösung intensiv widerstrebt. 

Unter der Quelle des Triebes versteht man jenen somatischen 
Vorgang in einem Organ oder Körperteil, dessen Reiz im Seelenleben 
durch den Trieb repräsentiert ist. Es ist unbekannt, ob dieser Vorgang 
regelmäßig chemischer Natur ist oder auch der Entbindung anderer, z. B. 
mechanischer Kräfte entsprechen kann. Das Studium der Triebquellen 
gehört der Psychologie nicht mehr an; obwohl die Herkunft aus der so- 
matischen Quelle das schlechtweg Entscheidende für den Trieb ist, wird 
er uns im Seelenleben doch nicht anders als durch seine Ziele bekannt. 
Die genauere Erkenntnis der Triebquellen ist für die Zwecke der psycho- 
logischen Forschung nicht durchwegs erforderlich. Manchmal ist der 
Rückschluß aus den Zielen des Triebes auf dessen Quellen gesichert. 

Soll man annehmen, daß die verschiedenen aus dem Körperlichen 
stammenden, auf das Seelische wirkenden Triebe auch durch verschie- 
dene Qualitäten ausgezeichnet sind und darum in qualitativ verschie 
dener Art sich im Seelenleben benehmen? Es scheint nicht gerecht- 
fertigt ; man reicht vielmehr mit der einfacheren Annahme aus, daß die 
Triebe alle qualitativ gleichartig sind und ihre Wirkung nur den 
Erregungsgrößen, die sie führen, verdanken, vielleicht noch gewissen 
Funktionen dieser Quantität. Was die psychischen Leistungen der ein- 
zelnen Triebe voneinander unterscheidet, läßt sich auf die Verschiedenheit 
der Triebquellen zurückführen. Es kann allerdings erst in einem 
späteren Zusammenhange klargelegt werden, was das Problem der 
Triebqualität bedeutet. 

Welche Triebe darf man aufstellen und wie viele ? Dabei ist offen- 
bar der Willkür ein weiter Spielraum gelassen. Man kann nichts da- 
gegen einwenden, wenn jemand den Begriff eines Spieltriebs, Destruktions- 
triebs, Geselligkeitstriebs in Anwendung bringt, wo der Gegenstand es 
fordert und die Beschränkung der psychologischen Analyse es zuläßt 
Man sollte aber die Frage nicht außer acht lassen, ob diese einerseits 
so sehr spezialisierten Triebmotive nicht eine weitere Zerlegung in der 
Richtung nach den Triebquellen gestatten, so daß nur die weiter nicht 
zerlegbaren Urtriebe eine Bedeutung beanspruchen können. 

Ich habe vorgeschlagen, von solchen Urtrieben zwei Gruppen zu 
unterscheiden, die der Ich- oder Selbsterhaltungstriebe und die der 
Sexualtriebe. Dieser Aufstellung kommt aber nicht die Bedeutung einer 
notwendigen Voraussetzung zu, wie z. B. der Annahme über die bio- 



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Triebe and Triebschicksale. g9 

logische Tendenz des seelischen Apparats (s. o.) ; sie ist eine bloße Hilfs- 
konstruktion, die nicht länger festgehalten werden soll, als sie sich 
nützlich erweist, und deren Ersetzung durch eine andere an den Ergeb- 
nissen unserer beschreibenden und ordnenden Arbeit wenig ändern wird. 
Der Anlaß zu dieser Aufstellung hat sich aus der Entwicklungsgeschichte 
der Psychoanalyse ergeben, welche die Psychoneurosen, und zwar die als 
„Obertragungsneurosen" zu bezeichnende Gruppe derselben (Hysterie 
und Zwangsneurose) zum ersten Objekt nahm und an ihnen zur Einsicht 
gelangte, daß ein Konflikt zwischen den Ansprüchen der Sexualität und 
denen des Ichs an der Wurzel jeder solchen Affektion zu finden sei. Es 
ist immerhin möglich, daß ein eindringendes Studium der anderen neu- 
rotischen Aflfektionen (vor allem der narzißtischen Psychoneurosen: der 
Schizophrenien) zu einer Abänderung dieser Formel und somit zu einer 
anderen Gruppierung der Urtriebe nötigen wird. Aber gegenwärtig 
kennen wir diese neue Formel nicht und haben auch noch kein Argu- 
ment gefunden, welches der Gegenüberstellung von Ich- und Sexualtrieben 
ungünstig wäre. 

Es ist mir überhaupt zweifelhaft, ob es möglich sein wird, auf 
Grund der Bearbeitung des psychologischen Materials entscheidende 
Winke zur Scheidung und Klassifizierung der Triebe zu gewinnen. Es 
erscheint vielmehr notwendig, zum Zwecke dieser Bearbeitung bestimmte 
Annahmen über das Triebleben an das Material heranzubringen, und es 
wäre wünschenswert, daß man diese Annahmen einem anderen Gebiet 
entnehmen könnte, um sie auf die Psychologie zu tibertragen. Was die 
Biologie hiefür leistet, läuft der Sonderung von Ich- und Sexualtrieben 
gewiß nicht zuwider. Die Biologie lehrt, daß die Sexualität nicht gleich- 
zustellen ist den anderen Funktionen des Individuums, da ihre Tendenzen 
über das Individuum hinausgehen und die Produktion neuer Individuen, 
also die Erhaltung der Art, zum Inhalt haben. Sie zeigt uns ferner, 
daß zwei Auffassungen des Verhältnisses zwischen Ich und Sexualität 
wie gleichberechtigt nebeneinander stehen, die eine, nach welcher das 
Individuum die Hauptsache ist, und die Sexualität als eine seiner Be- 
tätigungen, die Sexualbefriedigung als eines seiner Bedürfnisse wertet, 
und eine andere, derzufolge das Individuum ein zeitweiliger und vor- 
gänglicher Anhang an das quasi unsterbliche Keimplasma ist, welches 
ihm von der Generation anvertraut wurde. Die Annahme, daß sich die 
Sexualfunktion durch einen besonderen Chemismus von den anderen 
Körpervorgängen scheidet, bildet soviel ich weiß, auch eine Voraus- 
setzung der Ehrlichschen biologischen Forschung. 

Da das Studium des Trieblebens vom Bewußtsein her kaum über- 
steigbare Schwierigkeiten bietet, bleibt die psychoanalytische Erforschung 
der Seelenstörungen die Hauptquelle unserer Kenntnis. Ihrem Ent- 
wicklungsgang entsprechend hat uns aber die Psychoanalyse bisher nur 



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90 Sigm. Freud. 

Über die Sexualtriebe einigermaßen befriedigende Auskünfte bringen können, 
weil sie gerade nur diese Triebgruppe an den Psychoneurosen wie 
isoliert beobachten konnte. Mit der Ausdehnung der Psychoanalyse auf 
die anderen neurotischen Affektionen wird gewiß auch unsere Kenntnis 
der Ichtriebe begründet werden, obwohl es vermessen erscheint, auf 
diesem weiteren Forschungsgebiet ähnlich günstige Bedingungen für die 
Beobachtung zu erwarten. 

Zu einer allgemeinen Charakteristik der Sexualtriebe kann man 
folgendes aussagen : Sie sind zahlreich, entstammen vielfältigen organischen 
Quellen, betätigen sich zunächst unabhängig voneinander und werden erst 
spät zu einer mehr oder minder vollkommenen Synthese zusammengefaßt. 
Das Ziel, das jeder von ihnen anstrebt, ist die Erreichung der Organ- 
lust, erst nach vollzogener Synthese treten sie in den Dienst der Fort- 
pflanzungsfunktion, womit sie dann als Sexualtriebe allgemein kennt- 
lich werden. Bei ihrem ersten Auftreten lehnen sie sich zuerst an die Er- 
haltungstriebe an, von denen sie sich erst allmählich ablösen, folgen auch 
bei der Objektfindung den Wegen, die ihnen die Ichtriebe weisen. Ein 
Anteil von ihnen bleibt den Ichtrieben zeitlebens gesellt und stattet diese 
mit libidinösen Komponenten aus, welche während der normalen 
Funktion leicht übersehen und erst durch die Erkrankung klargelegt 
werden. Sie sind dadurch ausgezeichnet, daß sie in großem Autimaße 
vikariierend für einander eintreten und leicht ihre Objekte wechseln könneu. 
Infolge der letztgenannten Eigenschaften sind sie zu Leistungen befähigt, die 
weitab von ihren ursprünglichen Zielhandlungen liegen. (S u b li m i e r u n g.) 

Die Untersuchung, welche Schicksale Triebe im Laufe der Ent- 
wicklung und des Lebens erfahren können, werden wir auf die uns 
besser bekannten Sexualtriebe einschränken müssen. Die Beobachtung 
lehrt uns als solche Triebschicksale folgende kennen: 

Die Verkehrung ins Gegenteil. 

Die Wendung gegen die eigene Person. 

Die Verdrängung. 

Die Sublimierung. 

Da ich die Sublimierung hier nicht zu behandeln gedenke, die 
Verdrängung aber ein besonderes Kapitel beansprucht, erübrigt uns nur 
Beschreibung und Diskussion der beiden ersten Punkte. Mit Rücksicht 
auf Motive, welche einer direkten Fortsetzung der Triebe entgegen- 
wirken, kann man die Triebschicksale auch als Arten der Abwehr 
gegen die Triebe darstellen. 

Die Verkehrung ins Gegenteil löst sich bei näherem Zusehen 
in zwei verschiedene Vorgänge auf, in die Wendung eines Triebes 
von der Aktivität zur Passivität und in die inhaltliche 
Verkehrung. Beide Vorgänge sind, weil wesensverschieden, auch ge- 
sondert zu behandeln. 



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Triebe und Triebschicksale. 9X 

Beispiele für den ersteren Vorgang ergeben die Gegensatzpaare 
Sadismus — Masochismus und Schaulust — Exhibition. Die Verkehrung 
betrifft nur die Ziele des Triebes; für das aktive Ziel: quälen, be- 
schauen, wird das passive: gequält werden, beschaut werden eingesetzt. 
Die inhaltliche Verkehrung findet sich in dem einen Falle der Verwandlung 
des Liebens in ein Hassen. 

Die Wendung gegen die eigene Person wird uns durch die 
Erwägung nahegelegt, daß der Masochismus ja ein gegen das eigene 
Ich gewendeter Sadismus ist, die Exhibition das Beschauen des eigenen 
Körpers mit einschließt. Die analytische Beobachtung läßt auch keinen 
Zweifel daran bestehen, daß der Masochist das Wüten gegen seine Person, 
der Exhibitionist das Entblößen derselben mitgenießt. Das Wesentliche 
an dem Vorgang ist also der Wechsel des Objekts bei ungeändertem 
Ziel. 

Es kann uns indes nicht entgehen, daß Wendung gegen die eigene 
Person und Wendung von der Aktivität zur Passivität in diesen Bei- 
spielen zusammentreiben oder zusammenfallen. Zur Klarstellung der Be- 
ziehungen wird eine gründlichere Untersuchung unerläßlich. 

Beim Gegensatzpaar Sadismus — Masochismus kann man den Vor- 
gang folgendermaßen darstellen: 

ä) Der Sadismus besteht in Gewalttätigkeit, Machtbetätigung gegen 
eine andere Person als Objekt. 

b) Dieses Objekt wird aufgegeben und durch die eigene Person er- 
setzt. Mit der Wendung gegen die eigene Person ist auch die Ver- 
wandlung des aktiven Triebzieles in ein passives vollzogen. 

c) Es wird neuerdings eine fremde Person als Objekt gesucht, 
welche infolge der eingetretenen Zielverwandlung die Rolle des Subjekts 
übernehmen muß. 

Fall c ist der des gemeinhin so genannten Masochismus. Die Be- 
friedigung erfolgt auch bei ihm auf dem Wege des ursprünglichen Sadismus, 
indem sich das passive Ich phantastisch in seine frühere Stelle versetzt, 
die jetzt dem fremden Subjekt überlassen ist. Ob es auch eine direktere 
masochistische Befriedigung gibt, ist durchaus zweifelhaft. Ein Ursprung, 
lieber Masochismus, der nicht auf die beschriebene Art aus dem Sadismus 
entstanden wäre, scheint nicht vorzukommen. Daß die Annahme der 
Stufe h nicht überflüssig ist, geht wohl aus dem Verhalten des sadistischen 
Triebes bei der Zwangsneurose hervor. Hier findet sich die Wendung 
gegen die eigene Person ohne die Passivität gegen eine neue. Die Ver- 
wandlung geht nur bis zur Stufe h. Aus der Quälsucht wird Selbst- 
quälerei, Selbstbestrafung, nicht Masochismus. Das aktive Verbum 
wandelt sich nicht in das Passivum, sondern in ein reflexives Medium. 

Die Auffassung des Sadismus wird auch durch den Umstand beein- 
trächtigt, daß dieser Trieb neben seinem allgemeinen Ziel (vielleicht 



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92 Sigm. Freud. 

besser : innerhalb desselben) eine ganz spezielle Zielhandlung anzustreben 
scheint. Neben der Demütigung, Überwältigung, die Zufugung von 
Schmerzen. Nun scheint die Psychoanalyse zu zeigen, daß das Schmerz- 
zufügen unter den ursprünglichen Zielhandlungen des Triebes keine Rolle 
spielt. Das sadistische Kind zieht die Zufugung von Schmerzen nicht in 
Betracht und beabsichtigt sie nicht. Wenn sich aber einmal die Um- 
wandlung in Masochismus vollzogen hat, eignen sich die Schmerzen 
sehr wohl, ein passives masochistisches Ziel abzugeben, denn wir haben 
allen Grund anzunehmen, daß auch die Schmerz- wie andere ünlust- 
empfindungen auf die Sexualerregung übergreifen und einen lustvollen 
Zustand erzeugen, um dessentwillen man sich auch die Unlust des 
Schmerzes gefallen lassen kann. Ist das Empfinden von Schmerzen 
einmal ein masochistisches Ziel geworden, so kann sich rückgreifend 
auch das sadistische Ziel, Schmerzen zuzufügen, ergeben, die man, 
während man sie anderen erzeugt, selbst masochistisch in der Iden- 
tifizierung mit dem leidenden Objekt genießt. Natürlich genießt man in 
beiden Fällei^ nicht den Schmerz selbst, sondern die ihn begleitende 
Sexualerregung, und dies dann als Sadist besonders bequem. Das 
Schmerzgenießen wäre also ein ursprünglich masochistisches Ziel, das 
aber nur beim ursprünglich Sadistischen zum Triebziel werden kann. 

Der Vollständigkeit zuliebe füge ich an, daß das Mitleid nicht 
als ein Ergebnis der Triebverwandlung beim Sadismus beschrieben werden 
kann, sondern die Auffassung einer Reaktionsbildung gegen den 
Trieb (über den Unterschied s. später) erfordert. 

Etwas andere und einfachere Ergebnisse liefert die Untersuchung 
eines anderen Gegensatzpaares, der Triebe, die das Schauen und sich 
Zeigen zum Ziele haben (Voyeur und Exhibitionist in der Sprache der 
Per Versionen). Auch hier kann man die nämlichen Stufen aufstellen 
wie im vorigen Falle : a) Das Schauen als Aktivität gegen ein fremdes 
Objekt gerichtet ; b) das Aufgeben des Objekts, die Wendung des Schau- 
triebes gegen einen Teil des eigenen Körpers, damit die Verkehrung in 
Passivität und die Aufstellung des neuen Zieles: beschaut zu werden; 
c) die Einsetzung eines neuen Subjekts, dem man sich zeigt, um von 
ihm beschaut zu werden. Es ist auch kaum zweifelhaft, daß das aktive 
Ziel früher auftritt als das passive, das Schauen dem Beschaut werden 
vorangeht. Aber eine bedeutsame Abweichung vom Falle des Sadismus 
liegt darin, daß beim Schautrieb eine noch frühere Stufe als die mit a 
bezeichnet« zu erkennen ist. Der Schautrieb ist nämlich zu Anfang 
seiner Betätigung autoerotisch, er hat wohl ein Objekt, aber er findet es 
am eigenen Körper. Erst späterhin wird er dazu geleitet (auf dem 
Wege der Vergleichung), dies Objekt mit einem analogen des fremden 
Körpers zu vertauschen (Stufe a). Diese Vorstufe ist nun dadurch inter- 
essant, daß aus ihr die beiden Situationen des resultierenden Gegensatz- 



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Triebe und Triebschicksale. 93 

paares hervorgehen, je nachdem der Wechsel an der einen oder anderen 
Stelle vorgenommen wird. Das Schema für den Schautrieb könnte lauten : 

a) Selbst ein Sexualglied beschauen = Sexualglied von eigener Person 

beschaut werden 



ß) Selbst fremdes Objekt beschauen y) Eigenes Objekt von fremder 

(aktive Schaulust) Person beschaut werden. 

(Zeigelust, Exhibition.) 

Eine solche Vorstufe fehlt dem Sadismus, der sich von vornherein 
auf ein fremdes Objekt richtet, obwohl es nicht gerade widersinnig 
wäre, sie aus den Bemühungen des Kindes, das seiner eigenen Glieder 
Herr werden will, zu konstruieren. 

Für beide hier betrachteten Triebbeispiele gilt die Bemerkung, daß 
die Triebverwandlung durch Verkehrung der Aktivität in Passivität und 
Wendung gegen die eigene Person eigentlich niemals am ganzen Betrag 
der Triebregung vorgenommen wird. Die ältere aktive Triebrichtung 
bleibt in gewissem Ausmaße neben der jüngeren passiven bestehen, auch 
wenn der Prozeß der Triebumwandlung sehr ausgiebig ausgefallen ist. 
Die einzig richtige Aussage über den Schautrieb müßte lauten, daß alle 
Entwicklungsstufen des Triebes, die autoerotische Vorstufe wie die aktive 
und passive Endgestaltung nebeneinander bestehen bleiben, und diese 
Behauptung wird evident, wenn man anstatt der Triebhandlungen den 
Mechanismus der Befriedigung zur Grundlage seines Urteils nimmt. 
Vielleicht ist übrigens noch eine andere Auffassungs- und Darstellungs- 
weise gerechtfertigt. Man kann sich jedes Triebleben in einzelne zeitlich 
geschiedene und innerhalb der (beliebigen) Zeiteinheit gleichartige Schübe 
zerlegen, die sich etwa zueinander verhalten wie sukzessive Lavaerup- 
tionen. Dann kann man sich etwa vorstellen, die erste und ursprüng- 
lichste Trieberuption setze sich ungeändert fort und erfahre überhaupt 
keine Entwicklung. Ein nächster Schub unterliege von Anfang an einer 
Veränderung, etwa der Wendung zur Passivität, und addiere sich nun 
mit diesem neuen Charakter zum früheren hinzu usw. Überblickt man 
dann die Triebregung von ihrem Anfang an bis zu einem gewissen 
Haltepunkt, so muß die beschriebene Sukzession der Schübe das Bild 
einer bestimmten Entwicklung des Triebes ergeben. 

Die Tatsache, daß zu jeder späteren Zeit der Entwicklung neben 
einer Triebregung ihr (passiver) Gegensatz zu beobachten ist, verdient die 
Hervorhebung durch den trefflichen, von Bleuler eingeführten Namen : 
Ambivalenz. 

Die Triebentwicklung wäre unserem Verständnis durch den Hinweis 
auf die Entwicklungsgeschichte des Triebes und die Permanenz der 



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94 Sigm. Freud. 

Zwischenstufen nahe gerückt. Das Ausmaß der nachweisbaren Ambi- 
valenz wechselt erfahrungsgemäß in hohem Grade bei Individuen, 
Menschengruppen oder Rassen. Eine ausgiebige Triebambivalenz bei 
einem heute Lebenden kann als archaisches Erbteil aufgefaßt werden, 
da wir Grund zur Annahme haben, der Anteil der unverwandelten 
aktiven Regungen am Triebleben sei in Urzeiten größer gewesen als 
durchschnittlich heute. 

Wir haben uns daran gewöhnt, die frühe Entwicklungsphase des Ichs, 
während welcher dessen Sexualtriebe sich autoerotisch befriedigen, Narziß- 
mus zu heißen, ohne zunächst die Beziehung zwischen Autoerotismus 
und Narzißmus in Diskussion zu ziehen. Dann müssen wir von der 
Vorstufe des Schautriebs, auf der die Schaulust den eigenen Körper zum 
Objekt hat, sagen, sie gehöre dem Narzißmus an, sei eine narzißtische 
Bildung. Aus ihr entwickelt sich der aktive Schautrieb, indem er den 
Narzißmus verläßt, der passive Schautrieb halte aber das narzißtische 
Objekt fest. Ebenso bedeute die Umwandlung des Sadismus in Maso- 
chismus eine Rückkehr zum narzißtischen Objekt, während in beiden 
Fällen das narzißtische Subjekt durch Identifizierung mit einem anderen 
fremden Ich vertauscht wird. Mit Rücksichtnahme auf die konstruierte 
narzißtische Vorstufe des Sadismus nähern wir uns so der allgemeineren 
Einsicht, daß die Triebschicksale der Wendung gegen das eigene Ich und 
der Verkehrung von Aktivität in Passivität von der narzißtischen Orga- 
nisation des Ichs abhängig sind und den Stempel dieser Phase an sich 
tragen. Sie entsprechen vielleicht den Abwehrversuchen, die auf höheren 
Stufen der Ichentwicklung mit anderen Mitteln durchgeführt werden. 

Wir besinnen uns hier, daß wir bisher nur die zwei Triebgegensatz- 
paare : Sadismus — Masochismus und Schaulust — Zeigelust in Erörterung 
gezogen haben. Es sind dies die bestbekannten ambivalent auftretenden 
Sexualtriebe. Die anderen Komponenten der späteren Sexualfunktion 
sind der Analyse noch nicht genug zugänglich geworden, um sie in 
ähnlicher Weise diskutieren zu können. Wir können von ihnen all- 
gemein aussagen, daß sie sich autoerotisch betätigen, d. h., ihr 
Objekt verschwindet gegen das Organ, das ihre Quelle ist, und fallt in 
der Regel mit diesem zusammen. Das Objekt des Schautriebes, obwohl 
auch zuerst ein Teil des eigenen Körpers, ist doch nicht das Auge selbst, 
und beim Sadismus weist die Organquelle, wahrscheinlich die aktions- 
fähige Muskulatur, direkt auf ein anderes Objekt, sei es auch am eigenen 
Körper hin. Bei den autoerotischen Trieben ist die Rolle der Organ- 
quelle so ausschlaggebend, daß nach einer ansprechenden Vermutung 
von P. Federn und L. Jekels*) Form und Funktion des Organs über 
die Aktivität und Passivität des Triebzieles entscheiden. 



') Diese Zeitschr. I, 1913. 



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Triebe und Triebschicksale. 95 

Die Verwandlung eines Triebes in sein (materielles) Gegenteil wird nur 
in einem Falle beobachtet, bei der Umsetzung von Liebe undHaß. Da 
diese beiden besonders häufig gleichzeitig auf dasselbe Objekt gerichtet 
vorkommen, ergibt diese Koexistenz auch das bedeutsamste Beispiel 
einer Gefühlsambivalenz. 

Der Fall von Liebe und Haß erwirkt ein besonderes Interesse durch 
den Umstand, daß er der Einreihung in unsere Darstellung der Triebe 
widerstrebt. Man kann an der innigsten Beziehung zwischen diesen beiden 
Gefühlsgegensätzen und dem Sexualleben nicht zweifeln, muß sich aber 
natürlich dagegen sträuben, das Lieben etwa als einen besonderen Partial- 
trieb der Sexualität wie die anderen aufzufassen. Man möchte eher das 
Lieben als den Ausdruck der ganzen Sexualstrebung ansehen, kommt 
aber auch damit nicht zurecht und weiß nicht, wie man ein materielles 
Gegenteil dieser Strebung verstehen soll. 

Das Lieben ist nicht nur eines, sondern dreier Gegensätze fähig. 
Außer dem Gegensatz: lieben — hassen gibt es den anderen: lieben — 
geliebt werden, und überdies setzen sich lieben und hassen zusammen- 
genommen dem Zustande der Indifferenz oder Gleichgültigkeit entgegen. 
Von diesen drei Gegensätzen entspricht der zweite, der von lieben — 
geliebt werden, durchaus der Wendung von der Aktivität zur Passivität 
und läßt auch die nämliche Zurückführung auf eine Grundsituation wie 
beim Schau trieb zu. Diese heißt: sich selbst lieben, was für uns die 
Charakteristik des Narzißmus ist. Je nachdem nun das Objekt oder das 
Subjekt gegen ein fremdes vertauscht wird, ergibt sich die aktive Ziel- 
strebung des Liebens oder die passive des Geliebtwerdens, von denen 
die letztere dem Narzißmus nahe verbleibt. 

Vielleicht kommt man dem Verständnis der mehrfachen Gegenteile 
des Liebens näher, wenn man sich besinnt, daß das seelische Leben 
überhaupt von dreiPolaritäten beherrscht wird , den Gegensätzen von : 

Subjekt (Ich)— Objekt (Außenwelt). 

Lust— Unlust. 

A k t i V — P a s s i V. 

Der Gegensatz von Ich— Nicht-Ich (Außen) (Subjekt— Objekt) wird 
dem Einzelwesen, wie wir bereits erwähnt haben, frühzeitig aufge- 
drängt durch die Erfahrung, daß es Außenreize durch seine Muskel- 
aktion zum Schweigen bringen kann, gegen Triebreize aber wehrlos ist. 
Er bleibt vor allem in der intellektuellen Betätigung souverän und 
schafft die Grundsituation für die Forschung, die durch kein Bemühen 
abgeändert werden kann. Die Polarität von Lust — Unlust haftet an 
einer Empfindungsreihe, deren unübertroffene Bedeutung für die Ent- 
scheidung unserer Aktionen (Wille) bereits betont worden ist. Der 
Gegensatz von Aktiv — Passiv ist nicht mit dem von Ich-Subjekt — 
Außen-Objekt zu verwechseln. Das Ich verhält sich passiv gegen die 



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96 Sigm. Freud. 

Außenwelt, insoweit es Reize von ihr empfangt, aktiv, wenn es auf die- 
selben reagiert. Zu ganz besonderer Aktivität gegen die Außenwelt wird 
es durch seine Triebe gezwungen, so daß man unter Hervorhebung des 
Wesentlichen sagen könnte : Das Ich-Subjekt sei passiv gegen die äußeren 
Reize, aktiv durch seine eigenen Triebe. Der Gegensatz Aktiv — Passiv 
verschmilzt späterhin mit dem von Männlich — Weiblich, der, ehe dies ge- 
schehen ist, keine psychologische Bedeutung hat. Die Verlötung der Aktivität 
mit der Männlichkeit, der Passivität mit der Weiblichkeit tritt uns nämlich 
als biologische Tatsache entgegen ; sie ist aber keineswegs so regelmäßig 
durchgreifend und ausschließlich, wie wir anzunehmen geneigt sind. 

Die drei seelischen Polaritäten gehen die bedeutsamsten Ver- 
knüpfungen miteinander ein. Es gibt eine psychische Ursituation, in 
welcher zwei derselben zusammentreffen. Das Ich findet sich ursprünglich, 
zu allem Anfang des Seelenlebens, triebbesetzt und zum Teil fähig, 
seine Triebe an sich selbst zu befriedigen. Wir heißen diesen Zustand 
den des Narzißmus, die Befriedigungsmöglichkeit die autoerotische. ^) Die 
Außenwelt ist derzeit nicht mit Interesse (allgemein gesprochen) be- 
setzt und für die Befriedigung gleichgültig. Es fällt also um diese Zeit 
das Ich-Subjekt mit dem Lustvollen, die Außenwelt mit dem Gleich- 
gültigen (eventuell als Reizquelle Unlustvollen) zusammen. Definieren wir 
zunächst das Lieben als die Relation des Ichs zu seinen Lustquellen, 
so erläutert die Situation, in der es nur sich selbst liebt und gegen die 
Welt gleichgültig ist, die erste der Gegensatzbeziehungen, in denen wir 
das „Lieben" gefunden haben. 

Das Ich bedarf der Außenwelt nicht, insofern es autoerotisch ist, 
es bekommt aber Objekte aus ihr infolge der Erlebnisse der Icherhaltungs- 
triebe und kann doch nicht umhin, innere Triebreize als unlustvoll für 
eine Zeit zu verspüren. Unter der Herrschaft des Lustprinzips vollzieht 
sich nun in ihm eine weitere Entwicklung. Es nimmt die dargebotenen 
Objekte, insoferne sie Lustquellen sind, in sein Ich auf, introjiziert sich 
dieselben (nach dem Ausdrucke Ferenczis) und stößt anderseits von 
sich aus, was ihm im eigenen Innern Unlustanlaß wird. (Siehe später 
den Mechanismus der Projektion.) 

Es wandelt sich so aus dem anfänglichen Real-Ich, welches Innen 
und Außen nach einem guten objektiven Kennzeichen unterschieden hat, 

*) Ein Anteil der Sexualtriebe ist, wie wir wissen, dieser antoerotischen Befrie- 
digung f&hig, eignet sich also zum Träger der nachstehend geschilderten Entwicklung 
unter der Herrschaft des Lustprinzips. Die Sexualtriebe, welche von vornherein ein 
Objekt fordern, und die autoerotisch niemals zu befriedigenden Bedürfnisse der Ich- 
triebe stören natürlich diesen Zustand und bereiten die Fortschritte vor. Ja, der 
narzißtische Urzustand könnte nicht jene Entwicklung nehmen, wenn nicht jedes 
Einzelwesen eine Periode von Hilflosigkeit und Pflege durchmachte, 
während dessen seine drängenden Bedürfnisse durch Dazutun von Außen befriedigt 
und somit von der Entwicklung abgehalten würden. 



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Triebe und Triebschicksale. 97 

in ein purifiziertes Lust-Ich, welches den Lustcharakter über jeden 
anderen setzt. Die Außenwelt zerfällt ihm in einen Lustanteil, den es 
sich einverleibt hat, und einen Rest, der ihm fremd ist. Aus dem 
eigenen Ich hat es einen Bestandteil ausgesondert, den es in die Außen- 
welt wirft und als feindlich empfindet. Nach dieser ümordnung ist die 
Deckung der beiden Polaritäten 

Ich-Subjekt — mit Lust 

Außenwelt — mit Unlust (von früher her Indifferenz) wieder her- 
gestellt. 

Mit dem Eintreten des Objekts in die Stufe des primären Narzißmus 
erreicht auch der zweite Gegensinn des Liebens, das Hassen, seine Aus- 
bildung. 

Das Objekt wird dem Ich, wie wir gehört haben, zuerst von den 
Selbsterhaltungstrieben aus der Außenwelt gebracht, und es ist nicht abzu- 
weisen, daß auch der ursprüngliche Sinn des Hassens die Relation gegen 
die fremde und reizzuführende Außenwelt bedeutet. Die Indifferenz 
ordnet sich dem Haß, der Abneigung, als Spezialfall ein, nachdem sie zu- 
erst als dessen Vorläufer aufgetreten ist. Das Äußere, das Objekt, das 
Gehaßte wären zu allem Anfang identisch. Erweist sich späterhin das 
Objekt als Lustquelle, so wird es geliebt, aber auch dem Ich einverleibt, 
so daß für das parifizierte Lust-Ich das Objekt doch wiederum mit dem 
Fremden und Gehaßten zusammenfällt. 

Wir merken aber jetzt auch, wie das Gegensatzpaar Liebe — Indifferenz 
die Polarität Ich — Außenwelt spiegelt, so reproduziert der zweite Gegen- 
satz Liebe — Haß die mit der ersteren verknüpfte Polarität von Lust — Un- 
lust. Nach der Ablösung der rein narzißtischen Stufe durch die Objekt- 
stufe bedeuten Lust und Unlust Relationen des Ichs zum Objekt. Wenn 
das Objekt die Quelle von Lustempfindungen wird, so stellt sich eine 
motorische Tendenz heraus, welche dasselbe dem Ich annähern, ins Ich 
einverleiben will; wir sprechen dann auch von der „Anziehung", die 
das lustspendende Objekt ausübt, und sagen, daß wir das Objekt „lieben". 
Umgekehrt, wenn das Objekt Quelle von Unlustempfindungen ist, bestrebt 
sich eine Tendenz, die Distanz zwischen ihm und dem Ich zu ver- 
größern, den ursprünglichen Fluchtversuch vor der reizausschickenden 
Außenwelt an ihm zu wiederholen. Wir empfinden die „Abstoßung" des 
Objekts und hassen es; dieser Haß kann sich dann zur Aggressiens- 
neigung gegen das Objekt, zur Absicht, es zu vernichten, steigern. 

Man könnte zur Not von einem Trieb aussagen, daß er das Objekt 
„liebt", nach dem er zu seiner Befriedigung strebt. Daß ein Trieb ein 
Objekt „haßt", klingt uns aber befremdend, so daß wir aufmerksam 
werden, die Bezeichnungen Liebe und HsJJ seien nicht für die Relationen 
der Triebe zu ihren Objekten verwendbar, sondern für die Relation des 
Gesamt-Ichs zu den Objekten reserviert. Die Beobachtung des gewiß 

Zeitiohr. f. ftntl. FsjohoanalTse. 111/3. 7 



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98 Sigm. Fread. 

sinnvollen Sprachgebrauches zeigt uns aber eine weitere Einschränkung 
in der Bedeutung von Liebe und Haß. Von den Objekten, welche der 
Icherhaltung dienen, sagt man nicht aus, daß man sie liebt, sondern be- 
tont, daß man ihrer bedarf, und gibt etwa einem Zusatz von anders- 
artiger Relation Ausdruck, indem man Worte gebraucht, die ein sehr 
abgeschwächtes Lieben andeuten, wie : gerne haben, gerne sehen, ange- 
nehm finden. 

Das Wort „lieben" rückt also immer mehr in die Sphäre der reinen 
Lustbeziehung des Ichs zum Objekt und fixiert sich schließlich an die 
Sexualobjekte im engeren Sinne und an solche Objekte, welche die Be- 
dürfnisse sublimierter Sexualtriebe befriedigen. Die Scheidung der Ich- 
triebe von den Sexualtrieben, welche wir unserer Psychologie auf- 
gedrängt haben, erweist sich so als konform mit dem Geist unserer 
Sprache. Wenn wir nicht gewohnt sind zu sagen, der einzelne Sexual- 
trieb liebe sein Objekt, aber die adäquateste Verwendung des Wortes 
„lieben" in der Beziehung des Ichs zu seinem Sexualobjekt finden, so lehrt 
uns diese Beobachtung, daß dessen Verwendbarkeit in dieser Relation 
erst mit der Synthese aller Partialtriebe der Sexualität unter dem 
Primat der Genitalien und im Dienste der Fortpflanzungsfunktion be- 
ginnt. 

Es ist bemerkenswert, daß im Gebrauche des Wortes „hassen" keine 
so innige Beziehung zur Sexuallust und Sexualfunktion zum Vorschein 
kommt, sondern die Unlustrelation die einzig entscheidende scheint. Das 
Ich haßt, verabscheut, verfolgt mit Zerstörungsabsichten alle Objekte, die 
ihm zur Quelle von Unlustempfindungen werden, gleichgültig ob sie ihm 
eine Versagung sexueller Befriedigung oder der Befriedigung von Er- 
haltungsbedürfnissen bedeuten. Ja, man kann behaupten, daß die rich- 
tigen Vorbilder für die Haßrelation nicht aus dem Sexualleben, sondern 
aus dem Ringen des Ichs um seine Erhaltung und Behauptung stammen. 

Liebe und Haß, die sich uns als volle materielle Gegensätze vor- 
stellen, stehen also doch in keiner einfachen Beziehung zueinander. Sie 
sind nicht aus der Spaltung eines Urgemeinsamen hervorgegangen, 
sondern haben verschiedene Ursprünge und habe ein jedes seine eigene 
Entwicklung durchgemacht, bevor sie sich unter dem Einfluß der Lust- 
Unlustrelation zu Gegensätzen formiert haben. Es erwächst uns hier 
die Aufgabe, zusammenzustellen, was wir von der Genese von Liebe 
und Haß wissen. 

Die Liebe stammt von der Fälligkeit des Ichs, einen Anteil seiner 
Triebregungen autoerotisch, durch die Gewinnung von Organlust zu be- 
friedigen. Sie ist ursprünglich narzißtisch, übergeht dann auf die Ob- 
jekte, die dem erweiterten Ich einverleibt worden sind, und drückt das 
motorische Streben des Ichs nach diesen Objekten als Lustquellen aus. Sie 
verknüpft sich innig mit der Betätigung der späteren Sexualtriebe und 



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Triebe imd Triebschicksale. 



99 



fallt, wenn deren Synthese vollzogen ist, mit dem Ganzen der Sexual- 
strebung zusammen. Vorstufen des Liebens ergeben sich als vorläufige 
Sexualziele, während die Sexualtriebe ihre komplizierte Entwicklung 
durchlaufen. Als erste derselben erkennen wir das sich Einver- 
leiben oder Fressen, eine Art der Liebe, welche mit der Aufhebung 
der Sonderexistenz des Objekts vereinbar ist, also als ambivalent be- 
zeichnet werden kann. Auf der höheren Stufe der prägenitalen 
sadistisch-analen Organisation tritt das Streben nach dem Objekt in der "' 
Form des Bemächtigungsdranges auf, dem die Schädigung oder Ver- 
nichtung des Objekts gleichgültig ist. Diese Form und Vorstufe der Liebe 
ist in ihrem Verhalten gegen das Objekt vom Haß kaum zu unter- 
scheiden. Erst mit der Herstellung der Genitalorganisation ist die Liebe 
zum Gegensatz vom Haß geworden. 

Der Haß ist als Relation zum Objekt älter als die Liebe, er ent- 
springt der uranfänglichen Ablehnung der reizspendenden Außenwelt von 
Seiten des narzißtischen Ichs. Als Äußerung der durch Objekte hervor- 
gerufenen Unlustreaktion bleibt er immer in inniger Beziehung zu den 
Trieben der Icherhaltung, so daß Ichtriebe und Sexualtriebe leicht in 
einen Gegensatz geraten können, der den von Hassen und Lieben 
wiederholt. Wenn die Ichtriebe die Sexualfunktion beherrschen wie auf 
der Stufe der sadistisch-analen Organisation, so leihen sie auch dem 
Triebesziel die Charaktere des Hasses. 

Die Entstehungs- und Beziehungsgeschichte der Liebe macht es 
uns verständlich, daß sie so häufig „ambivalent", d. h. in Begleitung von 
Haßregungen gegen das nämliche Objekt auftritt. Der der Liebe bei- 
gemengte Haß rührt zum Teil von den nicht völlig überwundenen Vor- 
stufen des Liebens her, zum anderen Teil begründet er sich durch Ab- 
lehnungsreaktionen der Ichtriebe, die sich bei den häufigen Konflikten 
zwischen Ich- und Liebesinteressen auf reale und aktuelle Motive be- 
rufen können. In beiden Fällen geht also der beigemengte Haß auf die 
Quelle der Icherhaltungstriebe zurück. Wenn die Liebesbeziehung zu 
einem bestimmten Objekt abgebrochen wird, so tritt nicht selten Haß an 
deren Stelle, woraus wir den Eindruck einer Verwandlung der Liebe in 
Haß empfangen. Über diese Deskription hinaus führt dann die Auf- 
fassung, daß dabei der real motivierte Haß durch die Regression des 
Liebens auf die sadistische Vorstufe verstärkt wird, so daß das Hassen 
einen erotischen Charakter erhält und die Kontinuität einer Liebes- 
beziehung gewährleistet wird. 

Die dritte Gegensätzlichkeit des Liebens, die Verwandlung des 
Liebens in ein Geliebtwerden entspricht der Einwirkung der Polarität 
von Aktivität und Passivität und unterliegt derselben Beurteilung wie 
die Fälle des Schautriebs und des Sadismus. Wir dürfen zusammen- 
fassend hervorheben, die Triebschicksale bestehen im wesentlichen darin, 



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100 Sigm. Freud. 

daß die Triebregungen den Einflüssen der drei großen das Seelenleben 
beherrschenden Polaritäten unterzogen werden. Von diesen drei Polari- 
täten könnte man die der Aktivität — Passivität als die biologische, 
die Ich — Außenwelt als die real e, endlich die von Lust — Unlust als die 
ökonomische bezeichnen. 

Das Triebschicksal der Verdrängung wird den Gegenstand einer 
anschließenden Untersuchung bilden. 



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Mitteilungen. 



1. 

Zum Verständnis infantiler Angstzustande. 
Von Dr. J. Sadger. 

Ein 30jähriger Mann vom Lande, einziges Kind seiner Eltern und von 
Vater wie Mutter durch ein Übermaß von Liebe verwöhnt, schlief bis zum 
9. oder 10. Lebensjahre stets zwischen ihnen in deren breiten Doppelbetten. 
Wie aus Träumen zur Evidenz hervorgeht, hat er den Geschlechtsverkehr 
seiner Eltern wiederholt belauscht und darauf mit Angst- und sexuellen Er- 
regungszuständen geantwortet. 

Er war auch lange Zeit ein starker Bettnässer. Seine Geschlechtsbedürf- 
nisse hatte er verdrängt, so daß er scheinbar ganz asexuell lebte. Mit be- 
sonderer Innigkeit und Zärtlichkeit hing er an seinem Vater, wie überhaupt 
die homosexuelle Komponente jetzt am stärksten hervortritt und zu zahl- 
reichen Freundschaftsbündnissen führte. Die fortschreitende Analyse deckte 
erst auf, daß den jetzigen Männerfreundschaften starke sexuelle Aggressionen 
auf eine Cousine, der Zärtlichkeit gegen den Vater jedoch eine frühe Kindheits- 
epoche vorausging, in der er gleichfalls geschlechtliche Angriffe gegen die Mutter 
versucht hatte. Erst nach der Zurückweisung durch diese wandte er sich de- 
finitiv dem Vater zu. 

Aus seinem 4. bis 8. Lebensjahre erinnert er nun einige angeblich 
nicht sexuelle Angstzustände, die er folgendermaßen beschreibt : „Es waren 
schauerliche Zustände, die sich mir unauslöschlich einprägten und die ich 
noch heute vor mir sehe, als wären sie gestern geschehen. Einmal — ich 
mag fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein — waren meine Eltern zu Besuch 
im Nachbarhaus und ließen mich allein im Zimmer zurück. Allerdings schlief 
ich schon und der Mond schien hell ins Zimmer herein. Da klopfte ein Freund 
und Spielgenosse meines Vaters, ein Schmied mit schwarzem Vollbart, ans 
Fenster: „Na, was is Poldi, geh' mit!" Das sagte er mit einer recht rauhen 
Stimme. Ich schrak aus dem Schlafe, sah zum Fenster und erblickte das 
rabenschwarze, bärtige Antlitz. Da der Schmied keine Antwort bekam, ging 
er wieder weg. In mir aber begann jetzt ein furchtbarer Aufruhr. Meine ganzen 
Nerven zitterten und bebten und sofort stand folgendes Bild vor mir : Ich 
sah einen tiefen, weiten Wald mit mächtigen Bäumen und allen möglichen 
Tieren; furchtbar war es. Noch etwas: das Licht brannte am Tisch und in 
meiner Angst stand ich auf und löschte es aus, statt es brennen zu lassen. 
Zum Glück kamen die Eltern bald nach Hause und fanden mich im Schweiß 
gebadet. Ein andermal arbeiteten sie unten im Keller, während ich oben 
allein im Zimmer schlief. Als ich erwachte und niemand um mich sah, er- 
griff mich eine furchtbare Angst. Ich stand auf und schlug vor Aufregung 
die Fensterscheiben ein. Auf das Geklirr hin eilten meine Eltern rasch herbei 



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102 Mitteilungen. 

und fanden mich in einem furchtbar fiebernden Wahn. Es dauerte lange Zeit, 
bis sie mich znr Besinnung brachten. Und meist bekam ich diese Angstzu- 
stände, bei denen ich mir alles mögliche vorstellte, in der Dunkelheit. Die 
Eltern saßen z. B. draußen in der Küche, lasen oder aßen — ich muß noch 
ganz jung gewesen sein, sonst wäre ich nicht so früh schlafen gegangen — , 
da hatte ich in der Dunkelheit folgende Vorstellung: Auf einmal war die Ge- 
gend verwandelt und ich sah vor mir das wogende Meer, das ich in Wirk- 
lichkeit aber nie gesehen habe, und das Wasser kam immer näher und gur- 
gelte heran bis zu meinem Munde, ganz schrecklich war es, und ich setzte 
mich auf im Bette und machte mit den Beinen angestrengte Bewegungen, als 
wollte ich heraussteigen. Endlich mußte ich aufschreien. Die Eltern stürzten 
besorgt herbei, ich aber stieß sie von mir. Ich war meiner selbst nicht bewußt, 
bis ich aus diesem Traumzustand erwachte. Es war immer furchtbar. Oft 
war es auch, als liege ich in einem wogenden Feuermeer. Das war schauder- 
haft. Ein andermal endlich schlich sich ein Tier heran mit glühenden Augen 
immer näher und näher, so daß es auch vorkam, daß ich meine Eltern mit 
den Fäusten fortstieß, ich kannte sie nicht. Auf das Gestöhne waren sie 
herangekommen und redeten mir zu : ,Was hast du denn ; wir sind ja bei 
dir!* Aber trotzdem schlug ich noch eine Weile um mich, das waren ent- 
setzliche Szenen." 

In der Psychoanalyse gab der Kranke hiezu die folgenden Deutungen: 
„Den Schmied habe ich nicht erkannt, sonst hätte ich keine Angst gehabt." 

— ^Warum stellten Sie sich gerade einen Wald vor mit mächtigen Bäumen 
und Tieren?" — „Das ist ja natürlich, weil ein Kind im Walde die größte 
Angst empfindet. Bei Nacht habe ich mich überall gefürchtet. Am meisten 
aber im Walde. Halt, jetzt fällt mir noch etwas ein. Kurz vor jener 
Schreckensszene waren wir kleinen Buben am Saumweg vor dem kleinen 
Wäldchen gegangen und da erlaubten sich größere einen Schabernack mit uns, 
schwärzten sich die Gesichter, versteckten sich im Walde und fuhren dann 
mit großem Geschrei heraus, so daß ich ganz starr vor Schrecken dastand.^ 

— „Das stimmt dann gut zu dem rabenschwarzen Gesicht des Schmiedes.'^ 

— „Und zu den Tieren fällt mir ein, daß einmal der Nachbar seinen großen 
Uund auf uns gehetzt hatte, so daß ich starr vor Schrecken stand und mir 
nicht zu helfen wußte. Der Hund war aber gescheiter als der Mann und tat 
uns nichts zu leide." — „Was dachten Sie bei den geschwärzten Gesichtern 
der Buben?" — „An Räuber, von denen man ja als Kind viel erzählen hört. 
Sowohl meine Tante, als die verstorbene Cousine, als endlich die Großmutter 
haben mir riesig viel von Räubern und deren Überfällen erzählt. Ja, ein 
Bruder der Großmutter hat selbst einmal etwas mit Räubern erlebt. Da hat 
er sich tief drinnen in Ungarn ein Gulyasch geben lassen und da war ein 
Menschenfinger drin. Mich hat furchtbar gegruselt, als ich davon hörte, das 
prägte sich dem zarten Kindesgedächtnis unauslöschlich ein und im Augen- 
blick des Schreckens, als ich den vermeintlichen Räuber sah, wurde die Er- 
innerung an den Finger geweckt. Sie meinen wohl, man könnte den 
abgeschnittenen Finger als das Glied des Vaters deuten, 
das ich einmal gesehen habe?" — „Ja, möglich. Sie sagten auch, Sie 
wären lange Zeit Bettnässer gewesen. Es wäre nun denkbar, daß man ihnen 
deshalb drohte, das Glied wegzuschneiden." — „Das kann schon sein, das 
ist leicht möglich, ja, ich erinnere mich sogar daran, daß mir die Mutter 
damit drohte. Ob ich in jener Räuberphantasie nicht zur Vergeltung dem 
Vater das Glied abschneide, mit dem er in die Mutter eindringt? Wenn ich 
dann sofort einen Wald mit mächtigen Bäumen erblicke, so sind das wohl 



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Dr. J. Sadger : Zorn Verständnis infantiler Angstzostände. 103 

auch stehende Glieder.*^ — „Sie sahen aber auch Tiere. Welcher Art?** — 
„Schlangen und Stiere. Aber es waren weniger Tiere als Bäume da. Übrigens 
ist ja eine Schlage auch das Glied." — „Und die Stiere?" — „Die sind ja 
das Sinnbild der männlichen Kraft, der Potenz. "* — „Was sahen Sie vom 
Walde ?^^ — „Den unteren Teil, das Moos. Wenn man die Bäume sieht, so 
kann man nur noch das Moos sehen." — »Und woran könnte Sie das Moos 
erinnern?" — „An die Kräuselhaare. So wie sich das Glied aus dem Kräusel- 
haar des Mannes erhebt, so aus dem Moos die Bäume. Und vielleicht bezieht 
sich dies auch auf die Haare der Mutter, die unten ja gleichfalls gekräuselt 
sind." — „Sie sehen, alles führt wieder auf den Geschlechtsverkehr der 
Eltern, von dem wir ja wissen, daß Sie ihn oft beobachtet haben." — „Ja- 
wohl. Und das Unerklärliche, Fremdartige, Umschleierte erzeugt Angstgefühle." 

„Ich sagte vorhin," fuhr der Kranke dann fort, „der Schmied guckte 
damals herein wie ein Räuber. Und das wird wiederum der Vater sein, der 
fällt ja gewissermaßen über die Mutter her, was dem Kinde erschienen sein 
wird, als täte er der Mutter was zuleide." — »Wie erklären Sie nun Ihr 
merkwürdiges Verhalten, daß Sie die Lampe auslöschten?" — „Ja, das ist 
gelungen, ich bin sonst ein Feind der Dunkelheit, aber damals in der De- 
speration löschte ich das Licht aus. Halt, jetzt weiß ich schon. Die Eltern 
werden zuerst bei Licht getändelt und wenn sie dann zum Ernst übergingen, 
das Licht ausgelöscht haben. ^) Ich werde dadurch in sexuelle Erregung ge- 
raten sein bis zum Exzeß und den Wunsch gehabt haben, an der Mutter das- 
selbe zu tun wie der Vater." — „Ganz richtig. Nehmen Sie noch dazu, wie 
stark homosexuell Sie sind und wie dies dem Vater gegenüber schon in der 
Kindheit deutlich hervortrat,^) so könnten Sie noch andere Wünsche gehabt 
haben." — „Ja, die Stelle der Mutter einzunehmen." — „Und wenn jetzt 
der Räuber, der Vater, im Fenster erscheint und Sie das Licht auslöschen . . " 
— „So soll er offenbar ungestört zu mir kommen können." 

Jetzt wurde ihm auch die Episode mit dem Fenstereinschlagen verständ- 
lich. Anfangs meinte er zwar: „Vielleicht tat ich es, um die Eltern herbei- 
zulocken, die mein Ruf nicht erreichen konnte", aber sofort berichtigte er 
sich selber : ;,Nein, das ist nicht wahr ! Denn das wäre logische Berechnung 
und ich tat es ganz unbewußt, das ist also ausgeschlossen. Aber vielleicht 
geschah es, um Vater und Mutter das Hereinsteigen zu erleichtern." — 
„Wozu dem Vater?" — „Damit er sich zu mir legen könne. Eine zweite 
Lösung geht wohl auf die Sexualsymbolik. Was könnte nur das Einschlagen 
der Fenster bedeuten? Das ist so ähnlich wie die Entjungferung, da ist ja 



^) Eine weitere von mir vorgeschlagene Deutung, die der Kranke ohneweiters 
als richtig akzeptierte, ist von der Sexnal-Symbolik des Dochtes (== phallas) ge- 
nommen, der in die Höhe geschraubt ist und den er wieder heraoschraubt. Das 
v&terliche Membrnm soll also zusammenfallen und der Koitus dadurch verhindert 
werden. 

*) Patient war nach Angabe der Eltern ein sehr dickes und molliges Kerlchen 
gewesen. Der Vater, welcher offenbar selber etwas homosexuell und p&dophil war, 
pflegte nun, wie die Analyse aufdeckt, ihn mit besonderer Vorhebe morgens im Bette 
abzuo;reifen, an den Schenkeln beginnend rmd hinauf bis zu den Genitalien fort- 
schreitend, die er immer und wiederholt „anpackte, was dem Knaben sehr wohl tat**. 
Ja noch mehr ! Er duldete nicht bloß, daß der Junge auch an seinem (des Vaters) 
Körpers herumkrabbelte und dabei mit der patschigen Kinderhand das väterliche 
Membrum angriff, sondern mein Kranker erklärte ausdrücklich: „Ich glaube sogar, 
daß mein Vater sich absichtlich so gele^ hat, daß ich ankommen mußte. Man sollte 
es nicht glauben und doch ist es ganz bestimmt. Ich erinnere mich nftmlich, wenn 
ich an seine feuchte, kühle Eichel ankam, zog ich sofort die Hand zurück. Dieser 
Tatsache erinnere ich mich ganz genau." 



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104 Mitteilungen. 

auch ein Häutchen vor. Das ginge dann auf die Mutter." — ^Sie sagten 
ferner : ,Die Eltern fanden mich in einem furchtbar fiebernden Wahn', was 
heißt das?^ — „Das ist so wie beim Geschlechtsverkehr, wo man eine Zeit- 
lang seiner Sinne nicht mächtig ist. Ich erkannte die Eltern auch nicht und 
erst nach langem Zureden wurde mir klar, wo ich mich befinde." — ,,Da wäre 
Ihr Bewußtsein also anderswo gewesen. Wo denn?" — „Ganz drin im Ge- 
schlechtlichen, so daß ich meine Umgebung ganz vergaß, blöd war für sie!' 
„Was ist nun mit dem wogenden Meer?" — »Vielleicht ist das der 
wogende Busen der Mutter oder noch besser das Fallen und Steigen des 
Gliedes, die Schwankungen desselben. Die Wellen kamen in der VorsteUaog 
gegen mich heran, in mächtigen Hebungen, immer näher und näher wälzten 
sie sich zu mir her, ich suchte ihnen zu entkommen. Das Ganze wird wohl 
zurückgehen auf den Geschlechtsverkehr der Eltern, den ich beobachtete.'' 

— »Und wobei sie Ihnen vielleicht gefährlich nahe kamen, weil sie im Eifer 
vermutlich nicht an das Kind dachten.** — „Ja, sehen Sie, das ist großartig, 
darauf wäre ich nicht gekommen. Aber Sie werden ganz recht haben, daß ich 
mich fürchtete, weil sie mich zu erdrücken drohten." — „Vielleicht gibt es für 
das Meer, das ungeheure Wasser, noch eine direkte Erklärung?" — „Ja, vom 
Bettnässen her?" — „Ganz richtig. Sie selber erzeugten das ungeheure Meer, 
die Überschwemmung, und insbesondere dann , wenn Sie durch den Geschlechts- 
verkehr der Eltern sexuell erregt wnrden und mit Bettnässen antworteten.'^ 

— 9 Ja, das stimmt ganz ausgezeichnet. Und meine Bewegungen mit den 
Beinen sind Nachahmung der Bewegungen des Vaters, wenn er auf die Mutter 
hinaufsteigt." 

„Jetzt bliebe nur noch das wogende Feuermeer." — „Ich sah zün- 
gelndes Feuer um mich herum und da stieg meine Angst auf das höchste, 
so daß ich schier unterzugehen schien. Aber da verläßt mich mein Deutungs- 
vermögen." — „Vielleicht bedeutet es das Feuer der Liebe, das Keuchen und 
den heißen Atem der Eltern?" — „Das hätte ich schon selber gewußt und 
habe es auch sagen wollen: heiße Liebe und heißes Feuer, aber ich traute 
mich nicht zu sagen : ,Das Feuer ist die heißgltihende Liebe.' Man spricht 
ja geradezu von einer glühendheißen Liebe. Ich fürchtete, Sie wtirden mich 
auslachen." — ^Eine zweite Lösung geht auf die Gegensatzbedeutung des 
Feuers zurtick. Sehr häufig wird in Träumen und Phantasien eine Sache durch 
ihr Gegenteil dargestellt, so daß also Feuer soviel bedeutet als Wasser. Wenn 
ein Kind am Tage mit Streichhölzchen spielt, sagt man, es wird bei Nacht 
nässen. Das leitete also wieder zum Bettnässen hin!" 

„Wer ist nun das Tier mit den glühenden Augen?" — „Das wird der 
Vater sein, wenn er geschlechtlich erregt war und in seiner tierischen Brunst 
auf die Mutter losging." — „Sie reagieren darauf in sehr merkwürdiger 
Weise, indem Sie die Eltern, die auf Ihr Geschrei herbeikommen, mit den 
Füßen fortstoßen." — „Ja, das ist kindliche Eifersucht. Das sieht man ja 
alle Tage. Wenn der Vater die Mutter in Gegenwart des Kindes liebkost, 
dann bekommt das Kind einen Riesenzorn und geht auf den Vater los. Es 
will die Mutter ganz allein besitzen, das habe ich schon ein paarmal beob- 
achtet. Ich schlug auf den Vater los, weil er mit der Mutter verkehrt, und 
auf die Mutter, weil sie sich das vom Vater gefallen läßt." 

Überblickt man die Deutung dieser ganzen kindlichen Angstzustände, 
so sieht man bestätigt, was die psychoanalytische Forschung auch bisher stets 
fand, daß jene Angstzustände sämtlich zurückgehen auf frustrane geschlecht- 
liche Erregungen, vor allem hervorgerufen durch die Wahrnehmung des Ver- 
kehrs der Eltern. Da die Anfälle meines Kranken zwischen sein viertes und 



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Dr. Ed. Hitschmanns Zwangsbefürchtung vom Tode des gleichgeschl. Elternteiles. 105 

achtes Lebensjahr fallen, müssen jene Wahrnehmungen vorhergegangen sein, 
demnach einer sehr frühen Lebensepoche angehört haben, in welche wir auch 
sonst die psychischen Grundlagen der Neurose verlegen. 



Ein Fall von ZwangsbefQrchtnng vom Tode des gleich- 
geschlechtlichen Eltemteiles. 

Von Dr. Eduard Hitschmann. 

Eine sechzehnjährige Kranke, dio ich mehrmals im Gespräch und durch 
die Angaben ihrer Mutter kennen lernte, verriet — ohne längere Analyse — 
eklatant das von Freud herausgehobene und psychoanalytisch gedeutete Bild^) 
der „Befürchtung, es könnte der Mutter etwas geschehen" und gleichzeitig 
Andeutungen von Todeswtinschen auf die Mutter (aus deren mißlungener Ver- 
drängung eben die neurotische Befürchtung entspringt). 

Der Backfisch Trude zeigt seit fünf bis sechs Jahren wechselnd heftige 
Angst davor, ohne die Mutter zu Hause bleiben zu müssen, ohne die Mutter 
in Unterrichtsstunden zu gehen u. dgl. Vor den Ausgängen der Mutter, der 
die Tochter sichtlich üb er zärtlich zugetan ist, äußert sie oft unter Tränen 
große Angst, „der Mutter könnte etwas passieren, sie könnte sterben, ver- 
unglücken oder überfahren werden". Die Mutter wird gebeten, zu Hause zu 
bleiben, und verzichtet (nicht zu energischer Strenge veranlagt) oft tatsächlich 
auf Theaterbesuch oder dgl. Auch wird die Mutter vor dem Abschied dringend 
gebeten, „der Tochter alles Böse, was sie gegen die Mutter gedacht, gesagt 
oder getan, noch rasch zu verzeihen". Ganz ähnlich benimmt sich das kleine 
Fräulein, wenn es zu Bette geht : Von einem pedantischen Zurechtlegen der 
Kleider abgesehen („um wenigstens zu dieser Stunde gehorsam zu sein") — , 
muß auch abends die Mutter Verzeihung geben, und die Tochter gibt erst 
Buhe und geht erst zur Ruhe, wenn sie nochmals Licht angezündet und der 
Mutter Antlitz nochmals gesehen hat. 

Was der Mutter höchst sonderbar bei einem so zärtlichen Kinde er- 
scheint, sind dessen oft geäußerte Bosheiten. Z. B. stößt sie wie von ungeföhr 
an die Mutter mit dem Ellbogen und sagt entschuldigend : „Ich glaube, 
ich habe jetzt an dich stoßen wollen." Oder sie gesteht: „Der Kuckuck soll 
dich holen I** habe ich jetzt gedacht. — Auf der Straße fährt ein Automobil 
rasch an beiden Spaziergängerinnen vorüber ; darauf sagt Trude : ^Mama, ich 
glaube, ich habe dich jetzt unter das Auto werfen wollen, damit es dich über- 
föhrt!" Oft fragt auch die Patientin: „Bist du mir noch böse für das, was 
ich gesagt oder getan habe?" 

Die Patientin, die schlecht einschläft, an nervösem Harndrang und an 
Höhenangst, mit den Impulsen herunterzuspringen, leidet, wurde vor einem 
Jahre beim Onanieren ertappt und verwarnt. 

Die Mutter, die übrigens an Platzangst litt, macht sich Vorwürfe, das 
früher allzulebhafte, unter manchem Konflikt herangezogene Töchterchen nicht 
energischer von sich abgelöst zu haben und vermutet, daß der einmal im Zorn 
gefallene Satz : „Trude, du bringst mich noch ins Grab !" den Schaden ange- 
richtet haben könnte. Es lag, da der Vater des Mädchens (der an Bergangst 
leidet) im feindlichen Ausland eine Zeitlang verschollen war, jetzt interniert 

^) Vgl. „Die Traumdeutung", 2. Aufl., S. 183, femer Rank, „Das Inzestmotiv ", 
S. 490. 



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106 Mitteilungen. 

festgehalten wird, für den Arzt nahe, die Gegenprobe zu machen, ob denn 
das Kind für den wirklich lebensgefährdeten Vater ähnliche Zwangsbefürchtung 
habe. Aber sie wies die Frage rasch verneinend ab; „dati dem Vater etwas 
passiere, könne sie gar nicht ausdenken". Auch die Träume der Patientin 
beschäftigen sich sehr oft mehr oder weniger verhüllt mit dem Tode der 
Mutter. So sieht sie im Traume eine rumänisch sprechende*) Dame mit ihrem 
Knaben (d. i. das Brüderchen) „sich vom Dache stürzen oder fallen*^. Ein 
andermal ist es eine andere, ältere Dame, die gestorben ist, und „die Tochter 
hat sich gar nicht darüber gekränkt". — Daß auch das Brüderchen sterben 
soll, mit dem die Schwester sich nicht verträgt, ist dem, der sich mit Träumen 
befaßt, nichts Auffallendes. 

Die Zwangsbefürchtung vom Tode des gleichgeschlechtlichen Elternteiles 
wird in späteren Stadien oft auf beide Eltern ausgedehnt und so wird die 
Psychogenese in unbewußter Absicht verhüllt; noch mehr, wenn die bösen 
Wünsche weiter verallgemeinert werden. 

Der Todeswunsch auf den gleichgeschlechtlichen Eltemteil bildet den 
Kern der im Kindesalter entspringenden Zwangsneurose und bildet den Haupt- 
grund für das Schuldbewußtsein und das Sühnebedürfnis der kleinen Zwangs- 
neurotiker. Die Ödipuseinstellung, der Komplex der sexualen Schuld (Onanie), 
die sadistische Triebanlage und der anale Trotz wirken zusammen, um die 
unselige Konstellation zu erzeugen, aus der die das Leben verbitternde Zwangs- 
neurose entspringt. Unsere Kranke ist überdies mit Disposition zu neurotischer 
Angst belastet. Es mag auch erwähnenswert sein, daß in derselben weiteren 
Familie eine Tochter mit ihrer Mutter in offenem Haß lebt, so daß sie nicht 
eine und dieselbe Wohnung teilen können. 

Zur oft schwierigen Differentialdiagnose sei erwähnt, daß ein mit Angst 
rationalisiertes „Abhalten der Mutter vom Ausgehen" von Freud bei einer 
Hysterika beobachtet wurde, die von der Liäson ihrer Mutter wußte und die- 
selbe nur vom Rendezvous abhalten wollte, ohne ihr Mitwissen zu verraten. 

Hingegen ist die nicht seltene angsthysterische, übermäßige Befürchtung 
des Todes des Kindes oder des Gatten insofern hierher gehörig, als auch dort 
der Aus-dem-Weg-Räumungswunsch im Unbewußten der Angst diesen Inhalt 
gibt. — Der Wunsch von Jemandes Tod ist von der übergroßen Angst 
vor desselben Tod nur durch den Affekt, nicht durch das Thema oder das 
Objekt verschieden. Beide Phantasien zeigen ein Sichbefassen mit derselben 
Person, sei es hetero- oder homosexuell. Überzärtlichkeit und Haß stehen ein- 
ander ganz nahe ; erstere ist die Reaktionsbildung auf den letzteren, der längst 
unbewußt geworden ist. 



Beobachtung infantiler Sexualäußerungen. 

Von Dr. Ed. Weiß (Wien).«) 

I. „Der 2^2 jährige Willy schläft im Zimmer seiner Mutter. Eines Abends, 
nachdem diese sich ins Bett gelegt hat, fragt er sie: »Mutter, was habe ich 
in der Hand?' ,Was hast du denn?* ,Den Pipi' (Penis)!" 



*) Der Wohnort ist Bukarest. 

*) Diese (unter Anführungszeichen zitierte) Beobachtungen wurden vor längerer 
Zeit von Kollegen Weiß, der zurzeit im Felde steht, in der „Wiener psychoanaly- 
tischen Vereinigung" mitgeteilt. Den Kommentar hat die Redaktion nach den damals in 
der Diskussion geäußerten Meinungen verschiedener Redner hinzugefügt. 



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Dr. Ed. Weiß: Beobachtang infantiler Sexualäaßerungen. 107 

In diesem Spiele ist wohl deutlich ein sexueller Verführungsversuch der 
Mutter von selten des kleinen Willy zu erblicken. Derartige Verführungsversuche 
in infantiler Form sind bei Kindern nichts Seltenes, nur sind sie nicht immer 
so deutlich und ihrem eigentlichen Sinne nach zu erkennen. 

II. „Der kleine Willy macht sich oft, sowohl bei Tag als auch nachts 
naß, worauf er von der Mutter ausgezankt wird, die ihm manchmal mit dem 
Abschneiden des Pipis droht. Als ihm eines Tages abermals dieses Malheur 
passierte, sagte sie ihm, er dürfe ihr den ganzen Tag nicht vor die Augen 
treten. Kurz darauf dachte sie gar nicht mehr daran und ging in den Garten. 
Da begegnete sie dem kleinen Willy, der ihr freudig entgegeneilte mit den 
Worten : , Weißt du, Mutter, ich habe keinen Pipi mehr. Ich habe ihn mir 
weggeschnitten und ihn der Köchin gegeben. Sie hat gerade Nockerl gemacht 
und hat den Pipi dazugegeben. Wir werden ihn heute beim Nachtmahl mit 
den Nockerln essen.* Er war tatsächlich in der Küche gewesen, hatte in die 
Gegend des Penis gegriffen und mit der Hand die Bewegung gemacht, als ob 
er den Penis in den Topf werfen würde." 

Diese Beobachtung verdient nach mehreren Richtungen gewürdigt zu 
werden. Vor allem zeigt sie einen hochbedeutsamen, in den Analysen der 
Erwachsenen regelmäßig vorkommenden, aber stark verdrängten und von den 
Patienten wie auch von wenig geübten Analytikern schwer akzeptablen Komplex 
in seiner unmittelbaren Entstehung und Wirkung am lebenden Objekt, und 
zwar in einer so frühen Zeit, daß soziale oder kulturelle Wertungen, wie man 
sie derartigen Regungen unterlegen wollte, ausgeschlossen erscheinen. Neben 
dem leicht verständlichen Sträuben und Abwehren der Kastrationsdrohung — 
also dem wirklichen „männlichen Protest*^ — beherrscht die Patienten in 
ihrer ambivalenten Einstellung zum „väterlichen" Arzt auch eine „weibliche" 
oder besser homosexuell zu nennende Bereitschaft zur Kastration, 
aus der sich ein tiefreichender Auteil des Übertragungs- resp. Widerstands- 
verhältnisses herleitet. Diese Neigung verrät nun der kleine 272jährige Knabe 
der zürnenden Mutter gegenüber, der zuliebe er auf seine Männlichkeit ver- 
zichten will, indem er die Kastration nicht nur akzeptiert, sondern auch selbst 
(in der Phantasie) ausführt. Dieses primitive „Opfer'' hat hier mehr den Sinn 
einer Strafe, deren sich der kleine Verführer wegen seiner Gelüste auf die 
Mutter schuldig fühlt, welche er sich auf diese Weise wieder zu versöhnen 
hoflft, indem er gleichsam die Hauptursache für das gestörte Verhältnis zur 
Mutter beseitigt. 

Ebenso typisch wie die Kastrationsbereitschaft selbst sind die Züge, mit 
denen sie ausgestattet ist. Daß er sein Pipi der Köchin zu den „anderen" 
Nockerln dazugibt, verrät die Identifizierung des in unseren Gegenden auch 
»Nockerl" genannten Gliedes mit der Speise, damit aber den typischen Kom- 
pensationswunsch, für das verlorene Glied reichlichen Ersatz zu schaffen. Die 
damit scheinbar zureichend motivierte Phantasie, das Glied zu essen, die an 
das mythische Motiv der „Thyestesmahlzeit" erinnert (Zerstückelung = Kastra- 
tion), entspricht in ihrer Rückkehr zur primitiven „oralen Phase der Sexual- 
organisation" (siehe Freud: Die Abhandlungen zur Sexualtheorie, 3. Aufl., 
S. 60) einem regressiven Lustersatz für die durch Annahme der Kastration 
dem Verzicht anheimfallende Genitalsexualität. Selbst dem unscheinbaren 
Detail vom Werfen in den Topf scheint der typische Charakter nicht zu man- 
geln, da in einer von Freud gelegentlich mitgeteilten Kindheitserinnerung, ^) 
die ihm von einem normalen Erwachsenen zur Verfügung gestellt wurde, auch 



') „Ober fausse reconnaissance" etc. Diese „Zeitschrift", IL Jahrg. 1914, S. 5. 



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1 08 Mitteilungen . 

die Strafphantasie von dem abgeschlagenen und in den Wasserkübel gefallenen „klei- 
nen Finger" vorkommt. Der Betreffende war lange tiberzeugt, daß er den Finger ver- 
loren habe; » vermutlich — wie er meint — bis in die Zeit, wo ich das Zählen lernte *". 
Auch dieses die Kastrationsangst begleitende W i r k 1 i c h k e i t s g e f ü h 1, das der 
kleine Willy in der naiven Mitteilung verrät: „Ich habe keinen Penis mehr", 
scheint nach einem anderen im selben Zusammenhang mitgeteilten Fall (1. c. 
S. 4) nicht zufällig und Freud bemerkt dort ausdrticklich, ,,dafi solche 
halluzinatorische Täuschungen gerade im Gefüge des Kastrationskomplexes 
nicht vereinzelt sind und daß sie ebensowohl zur Korrektur unerwünschter 
Wahrnehmungen dienen können^. So „halluziniert^ der Knabe oft lange Zeit, 
trotz des gegenteiligen Augenscheines, beim Mädchen einen Penis, weil er an 
die Möglichkeit der Kastration nicht glauben will. Hat er aber einmal die 
Überzeugung gewonnen, daß es wirklich „Menschen ohne Penis" gebe, dann 
überträgt sich diese Überzeugung in Form des Wirklichkeitsgefühles auf die 
Kastrationsangst. Beim kleinen Willy, wo der ganze Komplex noch mit posi- 
tivem Vorzeichen erscheint (Kastrationsbereitschaft), fehlt die Angst und das 
sie rechtfertigende Wirklichkeitsgefühl in seiner charakteristischen Ausprägung. 

III. „Täglich, bevor der kleine Willy mit dem Kindermädchen spazieren 
geht, muß er in das Töpfchen urinieren, was zu tun er sich immer weigert. 
Die Mutter bringt ihn aber doch schließlich dazu, worauf er sich recht ärgert 
und verlangt, man solle ihm den Urin wieder zurückgießen. Die Mutter muß 
hierauf das Töpfchen so neigen, als ob sie ihm den Urin in den Pipi zurück- 
gießen würde, worauf der kleine Willy ganz befriedigt und guter Dinge mit 
dem Mädchen fortgeht." 

Diese fast neurotisch zu nennende Eigenheit des Kleinen ist sicherlich 
vielfach determiniert und ohne weiteres Material nur in den typischen Grund- 
zügen durchsichtig, die sich in den beiden ersten Beobachtungen bereits offenbart 
haben. Zunächst ist es ein in unverfänglicherer Form und mit besseren Mitteln 
unternommener „ Verführungsversuch ^, wenn der Knabe die Mutter täglich aufs 
neue nötigt, sich mit seinem Genitale zu beschäftigen, wie er es in der ersten 
Beobachtung abends im Bette vergeblich versucht. Sodann zeigt die den 
„zweizeitigen Charakter" der Zwangshandlung präludierende Marotte des Klei- 
nen einen Trotz und eine Auflehnung gegen die Wünsche und Gebote der 
Mutter, die in auffälligem Widerspruch zu seiner oben geschilderten Kastra- 
tionsbereitschaft stehen. Wir werden so aufmerksam, daß sich bei ihm bereits 
die Reaktion darauf vorbereitet, und zwar in Form des Sträubens gegen ein 
Verlangen der Mutter, und werden darin noch bestärkt, wenn wir erinnern, 
daß ihm ja die Kastration gerade wegen unzeitgemäßen Urinierens von der 
Mutter angedroht worden war. Er übt also hier trotzige Revanche dafür, 
indem er gleichsam sagt: Wenn ich urinieren will, weil es mir Lust macht, 
verbietet es mir die Mutter mit der Drohung, das Pipi wegzunehmen ; wenn d i e 
Mutter will, daß ich uriniere, dann macht es mir kein Vergnügen; außer 
— wie die Übersetzung weiter lautet — die Mutter beschäftigt sich mit meinem 
Pipi und gibt mir das widerwillig Hergegebene zurück, indem sie mich so 
versichert, daß mir dabei nichts verloren gehen wird. Der Umstand, daß es 
sich auch hier um etwas handelt, was in den Topf hineingetan wird, scheint 
die Beziehung auf das in der zweiten Beobachtung willig Hergegebene (das 
Pipi) herzustellen. 

Der Kleine läßt somit in dieser dritten Beobachtung die von ihm der 
Mutter sozusagen dargebrachte Kastration von ihr selbst ablehnen, indem er 
sie zwingt, mit dem Zurückgießen des Urins gewissermaßen auch ihre auf das 
Urinieren bezügliche Drohung zurückzunehmen. Dann erst ist er, im sicheren 



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Siegfried Bernfeld: Zur Psychologie der Lektüre. 109 

Besitz seines Penis, befriedigt und guter Dinge, während er sich vorher sträubt 
zu urinieren in der Befürchtung, die Mutter könnte diesmal mit der Drohung 
ernst machen. Es ist übrigens bemerkenswert, daß ähnliche Störungen der 
Miktion beim Erwachsenen eine ähnliche auf den Kastrationskomplex bezüg- 
liche Ätiologie verraten. 

4. 

Zur Psychologie der Lektüre. 
Von Siegfried Bernfeld (Wien). 

Dieser kleine Aufsatz enthält einige Bruchstücke aus der Analyse, die 
an einem psychologisch interessierten, gesunden Studenten von zirka 20 Jahren 
zu wissenschaftlichen Zwecken vorgenommen wurde. Sie dürften rein als Tat- 
sachen aus dem Seelenleben der Jugend nicht uninteressant sein, unabhängig 
von den Zusammenhängen und Verallgemeinerungen, die naheliegen. 

T. leidet an ständiger Stuhlverstopfung und kann sich zu einer ärztlich 
vorgeschlagenen Diät nie für länger als einige Tage entschließen, trotzdem sich ihm 
aus seinem Zustand allerhand lästige und schmerzliche Folgen ergeben. Wäh- 
rend der Analyse dieses Punktes, sagte er, er hätte vor einigen Tagen die 
sonderbare Bemerkung gemacht, daß er bei besonders schwerem Stuhlgange 
zu einem Zeitungsblatt greife und daß ihn die mechanische Lektüre dieses 
Blattes merklich erleichtere und befördere. Er erinnert sich sofort, daß er 
mit zirka 10 bis 11 Jahren eifrig „in jener Verschwiegenheit*' Karl May ge- 
lesen habe. Er sei damals regelmäßig nach Tisch mit seinem Buche ver- 
schwunden und sei „sehr lange draußen geblieben". Er habe es sich aber seit- 
dem abgewöhnt und gehe niemals mehr mit einem Buche hinaus ; „ich würde 
mich schämen**. Er erinnert: In der damaligen Wohnung, im 11. bis 
13. Jahre, sei das W. C. unmittelbar neben der Küche gewesen und er hätte 
sich vor den Dienstmädchen geschämt, daß er so lange draußen blieb. Denn 
sie sahen ihn immer mit dem Buche unter dem Arm hineingehen. Er hätte 
auch bemerkt, wie sie einmal seinen Vater auslachten, der auch immer mit seiner 
Zeitung „eine Stunde draußen blieb** I Diese Aussagen wurden im Verlauf 
weiterer Angaben ergänzt und korrigiert. Er las jahrelang am W. C. un- 
mittelbar nach Tisch vor dem Lernen. Die Begründung dafür ergab sich drei- 
schichtig. Zu Oberst : dies war fast die einzige freie Zeit, die ihm dafür 
blieb. Eine Zeitlang z. B. war ihm das Lesen wegen schlechter Schulerfolge 
bei Tag überhaupt verboten gewesen, dafür war ihm eine Stunde abends bewilligt 
worden. Ihm war aber nach und nach eine Leseleidenschaft gekommen, so 
daß er jede Minute ausnützte. In der nächsten Schicht gestand er, „aus Furcht 
vor Unfug" gelesen zu haben. Er masturbierte um diese Zeit fast täglich und 
konnte sich dagegen nicht anders helfen, als durch Lektüre; außerdem ma- 
sturbierte er nur beim Baden und in einer Laube im hintersten Teil des 
Gartens. (Diese wurde später sein Lieblingsleseplatz.) Gegen das Baden ent- 
wickelte sich ihm eine intensive Abneigung. Auch dabei las er oft. Übrigens, 
so wie ihm das Lesen ganz allgemein als Abwehr gegen Masturbation diente, 
so war es ihm oft genug ein Anreiz dazu. Zuweilen nahm er illustrierte 
Bücher mit sich, von denen er wußte, daß sie ihn zu Orgien führen würden. 
Manchmal redete er sich aus, er müsse lernen, Versuchungen zu widerstehen, 
was aber natürlich nie gelang. Zuweilen masturbierte er, um sich zu erleichtern, 
weil ihn der Drang am konzentrierten Lesen hindere. Als dritte Schicht ergaben 
sich Mitteilungen über analerotische Betätigungen, in einem Maße, das für 
dieses Alter (11 bis 13 Jahre) ungewöhnlich ist. 



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Ili) Mitteilungen. 

Id der Zeit vom 10. bis zam 15. Lebensjahr nahm Lektüre überhaupt 
im Leben des T. einen besonderen Platz ein. Im 16. Jahr schreibt er in 
sein Tagebuch : ,, Endlich bin ich auf dem Standpunkt angekommen, daß mir 
das Lesen nicht mehr als das Wichtigste erscheint. Zwar habe ich schon seit 
mehreren Monaten die Einsicht, daß es nicht das allein Wichtige ist. Seit 
neuester Zeit scheint mir aber das Spazierengehen, Denken und — Selbst- 
betätigen als das Wichtigste und das Lesen geht nur so nebenbei." Tatsäch- 
lich war ihm das Lesen bis dahin ein heiliger Vorgang gewesen. In seinen 
Tagebüchern ist auf diese oder jene Weise ständig davon die Rede. Besonders 
bemüht er sich um die Methodik des Lesens (bis in die Universitätszeit 
hinein). Noch im 17. Jahr schreibt er ins Tagebuch: „Meine Methode des 
Lesens ist falsch. Sie geht zwar von der richtigen Beobachtung aus, daß man 
nicht zu viel von einer Sache vertragen könne, ohne zu ermüden, ist aber 
doch falsch. Jetzt lese ich so, daß ich oft mehr als ein halbes Dutzend 
Bücher täglich lese; jedes zehn Minuten oder eine Viertelstunde lang . . ."(!) 
Er führt sorgfältige Listen über seine Lektüre und vermag stundenlang von 
seiner gegenwärtigen und zukünftigen Lektüre zu sprechen und zu träumen. 
Dabei klagt er ständig über seine Unfähigkeit, sich zu konzentrieren, und sein 
schlechtes Gedächtnis. Das viele Lesen taugt ihm nichts, er merkt sich nichts und 
ist während des Lesens nie ganz dabei. (Auch dies ist ihm bis ins 20. Jahr ge- 
blieben.) Er klagt, daß er während des Lesens ständig „falschen Stuhldrang' hätte. 
Mit Vorliebe las er Kataloge aller Art und den Annoncenteil der Zeitungen und 
Zeitschriften. Darüber gingen ihm halbe Nachmittage hin. Er löst dies sofort durch 
den Einfall, daß dies die Annoncen des Zeitungspapiers im W. C. seien. Früher 
hatte er Kataloge, Zeitschriften, Prospekte usw. leidenschaftlich gesammelt 

Als während der Analyse von den Zeitschriften die Rede war, hatte T. 
den „merkwürdigen" Eindruck eines Päckchens geschnittenen und geordneten 
Zeitungspapiers, in dem er mit den Fingern blätterte. Und plötzlich, mit hef- 
tiger Affektentladung, erzählt er, die Worte überstürzend, es seien ihm die 
zwei Bibliotheksbeamten in der Universität eingefallen, die bei der Bücher- 
rückgabe in den Entleihscheinen mit den Fingern blätterten, und daß er sich 
oft gedacht hatte, er möchte Bibliothekar werden ; daß er diesen Beruf aber doch 
verachte wegen des Staubes und des Schmutzes an den Fingern. Er hätte, 
was er über das ,^stille Gelehrtenleben der Bibliothekars" fühle, einmal sehr 
gut ausgedrückt. Nach einigen Tagen brachte er das Blatt, ein Stück eines 
Reisetagebuches, und sagte, es sei ihm etwas Merkwürdiges passiert : erstlich 
sei die Stelle nicht dort gewesen, wo er sie erinnert hätte, und zweitens sei 
es viel weniger, als er geglaubt hätte. Die Stelle lautete : „ . . . . und in 
einer Stimmung, wie die jetzige ist, dachte ich mich gern in die Rolle eines 
Museumskustos; es hat dies so etwas Idyllisches. Man kann sich einen Men- 
schen dieser Art sehr gut denken, der ohne Frauen, ohne einen bewußten 
Gedanken an Frauen lebt. Und dieses Empfinden ist es, das mich mit 
halber Seele zum Gelehrtentum drängt . . ," Noch charakteristischer wird 
dieser Satz, wenn wir ihn an jene StsUe setzen, an der ihn T. erinnerte. 
Dort heißt es (im gleichen Tagebuch, eine Seite weiter): „. . . Durch das 
Türkenviertel im Kastell. Merkwürdige und vielleicht auch ernst zu nehmende 
Vermutungen über Wunderlichkeiten des türkischen Geschlechtslebens, aus 
denen sich dann leicht viele Merkwürdigkeiten des Hausbaues, der Klei- 
dung, mancher Sitten, ja, die äußere Form der Moscheen und der Teppich- 
omameutik erklären lassen. Etwas paradox und symbolistisch ausgedrückt, 
würde es lauten: Der Türke (Orientale) verstößt gegen das oberste Gesetz 
der Kultur, die Monogamie und schämt sich seiner vielen Weiber . . .". 



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Dr. von Hug-HeUmath : Ein Fall von weiblichem Fuß-, richtiger Stiefelfetischismus. J 1 1 

Um die BeziehnngeD zwischen Mastorbation, Analerotik und Lektüre 
bei T. noch deutlicher zu machen und anzudeuten, wie ihre spezielle Me- 
chanik sein dürfte, füge ich noch an, daß T. auch jetzt noch merkwürdige 
Lesegewohnheiten besitzt und in noch größerem Maße besaß. Kein geringer 
Teil seiner Energie wurde auf ihre Bekämpfung verwandt. Wenn man bei 
ihm zwar kaum dabei von Zwangshandlungen sprechen kann, so haben sie 
doch allgemeine Gültigkeit für ihn. Er liest fast ausnahmslos sitzend. Gegen 
das Lesen, liegend, im Bett, hat er fast physischen Abscheu, wenn er es bei 
anderen sieht. Er selbst tut es zuweilen, aber nicht gern. Ist er zu irgend 
einer Lektüre gezwungen, so zieht er das „Einlesen'' lange hinaus, indem er 
in solchen Fällen den Annoncenteil von Zeitschriften liest usw. Er kopiert so- 
zusagen die W. C. -Besuche vor dem verhaßten Lernen. Im übrigen hat er 
die Gewohnheit, die er verabscheut, und deren er sich ständig schämt, wäh- 
rend des Lesens in der Nase oder den Ohren zu bohren, oder doch wenig- 
stens den Zeigefinger der rechten Hand im linken Handteller zu reiben. Als 
Abwehrstellung verwendet er das Halten des Buches mit beiden Händen. Bis 
in sein 16. Lebensjahr kam es ihm vor, daß er während des Lesens, inten- 
sivem Aufmerken, mit dem Glied spielte; auch zu Exhibitionen kam es. 

Vor Psychanalytikem diesen Tatsachen noch lange Erörterungen hin- 
zuzufügen, ist wohl überflüssig. Zusammenfassend möchte ich bemerken : 
Schwerlich können wir vermuten, daß T.'s Interesse am Lesen als solches von 
seinem Sexualleben bedingt ist, wohl aber ist es deutlich genug, daß ein Teil 
der ungewöhnlichen Intensität, der hohen Einschätzung, die es erfährt, femer 
alle Widersprüche in seinem Verhalten (z. B. Vergeßlichkeit) und alle merk- 
würdigen Lesegewohnheiten von den Affekten seiner Analwünsche und seiner 
autoerotischeu Tendenzen und den Verdrängungstendenzen beiden gegenüber 
herrühren. 

Zur näheren Aufklärung dieser und vieler ähnlicher Fragen, die dem 
Psychologen und Pädagogen ebenso wichtig sind wie dem Arzte, wäre nötig, 
daß die analysierenden Ärzte die Ergebnisse ihrer Analysen in diesen Punkten 
ausführlicher publizierten oder vielleicht auch erweiterten. Denn hier herrscht 
solche Unkenntnis unter den „ Fachleuten '', daß allein schon die Publikation 
von Tatsachen, die jeder „weiß", aber keiner sagt, und also keiner berück- 
sichtigt, von höchstem Werte wäre. Dem Pädagogen und Psychologen wäre 
von einiger Wichtigkeit z. B. Erschöpfendes auch über die Morphologie der 
Lesegewohnheiten ^) zu erfahren. Darüber und über Ähnliches Auskunft zu 
geben, ist der Psychanalytiker geeigneter als irgend einer. 

5. 

Ein Fall von weiblichem Faß-, richtiger StiefeUetischismns. 

Von Dr. H. von Hug-Hellmuth (Wien). 

Der Umstand, daß die bisher in der Literatur beschriebenen Fälle von 
Fußfetischismus sich durchwegs auf Männer beziehen, veranlaßt mich, einen 
wenn auch nicht analysierten Fall einer Stiefelfetischistin zu berichten. Ob- 
wohl er nahezu zwölf Jahre zurückliegt, blieb er mir gut in Erinnerung, weil 
er im Freundeskreis oft besprochen wurde, ohne daß man sich freilich der 
wahren Bedeutung dieser ^Marotte" bewußt wurde. 



*) Interessante Notizen sind soeben in der „Zeitschrift flir Bücherfreunde** 
(Schüddekopf-Witkowski), VI, Heft 8, in „Idiergasten" von Heinrich Klenz erschienen. 



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112 Mitteilungen. 

Es handelt sich am eine damals ungefähr 30jährige Frao, deren Gatte, 
ein Generalstabsoberst, sich nach einer zwei- oder dreijährigen Ehe erschoß; 
wie behauptet wurde, aus Enttäuschung und Unbefriedigtheit derselben. Die 
Dame stammte aus einer hochangesehenen Generalsfamilie; als die jüngste 
von drei Töchtern galt sie von frühester Kindheit an als erklärter Liebling 
ihres Vaters. Auch sie hing leidenschaftlich an ihm und war stolz, mit ihm 
in den Strafien der Garnison, in der er erst als Oberst, dann als General der 
Erste und Vornehmste war, zu gehen. Eine besondere Schwärmerei aber zeigte 
sie schon von friih auf ftlr die hohen glänzenden Reitstiefel ihres Vaters. 
Ihr sehnlichster Wunsch, wenigstens im Winter solche tragen zu dürfen, wurde 
zu ihrem zehnten Geburtstag erfüllt. Später interessierte sie sich lebhaft für 
militärische Übungen, und war im Militärschematismus besser orientiert als 
mancher Offizier. Schon als halbflügges Mädchen umwarben sie die Offiziere 
der Garnison mit Bewunderung und Schmeichelei, was sie mit viel Koketterie, 
aber ofifensichtlich ohne inneren Anteil hinnahm. Nur für Fensterpromenaden 
zu Pferd war sie sehr empfänglich, weil „ein Mann zu Pferd mit den hohen 
Stiefeln doch eigentlich erst ein echterMann sei'^. Zahlreiche Heirate 
antrage schlug sie aus, bis sie sich mit etwa zwanzig Jahren mit einem um 
dreißig Jahre älteren Oberstleutnant verlobte. Auf die Vorstellungen ihrer 
Familie, der Mann sei zu alt für sie, hatte sie immer nur die eine Erwi- 
derung : „Ja, ja, wenn er nicht so entzückende Füße (nämlich hohe Reit- 
stiefel) hätte!" Der Bräutigam, dem die Schwärmerei seiner Braut nicht un- 
bekannt blieb, schenkte ihr zu Weihnachten einen Briefbeschwerer aus OnjTi 
mit einem Paar Miniatur-Reitstiefel, ohne freilich als stark sadistische Natur 
zu vergessen, eine zierliche Reitpeitsche aus Silber davor zu legen. Jetzt erst 
verliebte sie sich wie toll in den Geber. Trotz des Widerstands ihrer Fa- 
milie setzte sie es durch, daß zur Hochzeit gerüstet wurde. Glücklicherweise 
starb der Oberstleutnant vor der Hoclizeit. Als Andenken an ihn bewahrte 
das Mädchen den Briefbeschwerer und ein Paar Handschuhe auf, da sie^ wie 
sie selber oft sagte, doch unmöglich seine entzückenden Stiefel von seiner 
Mutter sich habe ausbitten können. 

Nach mancherlei Flirt mit anderen berittenen Offizieren kam, als 
sie bereits 27 Jahre zählte, ein Generalstabsoberst in die Stadt, in welcher 
der mittlerweile in den Ruhestand getretene General mit seiner Familie lebte. 
Der erste Anblick des Obersten zu Pferd mit hohen Reitstiefeln war ent- 
scheidend. Trotz seiner auffallenden Häßlichkeit, die durch einen mangelhaften 
Bartwuchs noch erhöht wurde, war er für das Mädchen die Verkörperung 
ihres Ideals. ,,Ich bin sterblich verliebt in die entzückendsten Reitstiefel, die 
ich je gesehen", berichtet sie voll Aufregung ihrer Freundin. Hinterdrein kam 
das Geständnis, sie wisse gar nicht, wie der Reiter eigentlich aussähe, sie 
habe nur seine Füße angesehen; „der Mensch ist sein Fuß*' und „einem 
Menschen, der schöne Füße ^) hat, dem kann man sich ruhig anvertrauen^, 
waren so ungefähr ihre Leitworte in der Liebe. Oft äußerte sie sich zu ihrer 
Freundin : „Denke dir nur einen Zivilisten mit den niedrigen, verhatschten 
Schuhen, ist denn das ein Mann? Vor Reitstiefeln kann man zittern und zu- 
gleich muß man sie lieben.^ 

Drei Monate nach der ersten Begegnung fand die Hochzeit statt. Die 
Ehe war unglücklich; es entsprossen ihr zwar zwei Knaben, doch die Frau 
ertrug den Sexualakt nur widerwillig und empfand ihn als „ekelhaft und ent- 



^) Der Ausdruck Fuß ist, wie später erörtert wird, stets durch Stiefel za 
•rsetzen. 



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Dr. von Hug- Hellmuth : Ein Fall von weiblichem Fuß-, richtiger StiefelfetischismuF. 113 

würdigend"' ; nur die Vorstellung glänzender Röhrenstiefel konnte sie zum 
Genuß bringen. , Heirate nicht," riet sie ihrer Freundin, ,.ein Mann mit 
nackten Füßen ist ein Scheusal." Schon als Mädchen äußerte sie diesen Ekel 
wiederholt, wenn sie von ihrer Familie wegen ihrer Schwärmerei für schöne 
Männerfüße geneckt wurde. „Ja, im Sc hu h'*, war ihre stete Antwort, „aber 
bloß (nackt) ist ein Männerfuß ekelhaft. Wenn ich mir nur die großen Zehe 
vorstelle, graust es mir schon ; und die Nägel, die immer verkrüppelt sind, 
und die kleine Zehe, die nie wachsen kann ! Das ist ein greulicher Anblick ! " 

Einem jungen Offizier, den sie um des genannten Reizes willen bevor- 
zugte, gab sie als Zwanzigjährige plötzlich den Abschied, weil sie, als er neben 
ihr saß, bemerkte, wie er die Zehen im Schuh bewegte. Die Bewerbung eines 
andern lehnte sie ab, weil er „durchgedrückte Zehenballen" hatte. In einem 
dritten Falle endlich überließ sie die Entscheidung, ob sie die vom Vater 
gerügten Beziehungen zu einem stark verschuldeten Kavallerieoffizier lösen 
oder fortsetzen sollte, dem Umstände, ob der junge Offizier in hohen Reit- 
stiefeln oder in niedrigen Zivilstiefletten zum Stelldichein käme. Zu erwähnen 
ist schließlich noch, daß die Dame mit 17 oder 18 Jahren aus dem gleichen 
Grunde, freilich ganz platonisch, in den Offiziersburschen ihres Vaters heftig 
verliebt war, ein andermal in einen Unteroffizier der Arcieren-Reitgarde. Von 
ihren Schwestern und ihrer Freundin mit Vorwürfen überschüttet, rechtfertigte 
sie sich mit den Worten: „Wo denkt ihr denn hin? Der Mensch ist mir 
doch ganz gleichgültig : was mir rasend gefällt, sind seine Füße ; das wird 
doch erlaubt sein?" Und als der Gardist ihre Bewunderung falsch auffaßte 
und zudringlich wurde, äußerte sie entrüstet: „Dieser Tropf! Er glaubt, ich 
sehe ihn an, anstatt seine göttlichen Füße. Eine solche Einbildung ist un- 
erhört!" 

Die Stiefel sollten womöglich glänzend neu sein, die Ballen durften 
nicht durchgedrückt erscheinen und es durften kein Abdruck der Zehen und 
keine Falten in den Fesseln zu sehen sein. Stiefel mit Juchtenschaft liebte 
sie um des Geruches willen. 

Auf ihre eigene Beschuhung legte sie viel Wert, ohne aber in ihre 
sehr schön geformten Füße oder in ihre Schuhe verliebt zu sein (mit Aus- 
nahme jener hohen Stiefelchen, die sie zu ihrem 10. Geburtstag erhalten 
hatte). Auch für ihre Person liebte sie Halbschuhe wenig, sondern zog mög- 
lichst hoch hinaufreichende Stiefletten — „wegen des strammen Aussehens und 
des angenehmen Gefühls des Eingeschnürtseins" — vor. Gegen Wadenstutzen, 
Ledergamaschen, Sportschuhe usw. hatte sie eine starke Abneigung, weil „da- 
durch die Formen unanständig stark hervorträten". Hohe Stiefel bezeichnete 
sie als ,, entzückend dezent". 

Halten wir diesen Fall mit den zahlreichen bisher bekannten Fällen 
von männlichen Fußfetischisten zusammen, so drängen sich gewisse Überein- 
stimmungen in Form und Wesen auf, die für die gleiche Ätiologie des Fe- 
tischismus beim Weibe wie beim Manne sprechen. Diese Übereinstimmungen 
trennen aber auch zugleich den angeführten Fall von der beim weiblichen Ge- 
schlecht so häufig vorkommenden Vorliebe für den eigenen Fuß und seine 
Bekleidung, was sich stets auf narzißtischen Ursprung zurückführen läßt. 
Daß die Generalstochter als zehnjähriges Kind hohe Schaftstiefelchen für ihre 
Person wünscht und sich dann in denselben bewundert, geschieht ofi'ensichtlich 
weit mehr aus der Identifikation für den geliebten Vater und dem heftigen 
Wunsch, ein Knabe zu sein (symbolische Natur des Fußes = penis), als aus 
Selbstverliebtheit ; diese setzt vielmehr erst ein, nachdem sich das Kind durch 
den Besitz der hohen Stiefelchen dem Vater-Ideal näher gerückt wähnt. Für 

Zeit«chT. f. ftrztl. Psjchoanalyse. III/2. ^ 



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11^ Mitteilangen. 

die Erwachsene sind die hohen Reitstiefel keineswegs bloße Liebesbedingung, 
auch nicht nur Sexualsymbol wie die Schuhe, bezw. Absätze in Gerdas Ab- 
satzphobie ^) ; sie werden geradezu zum Gegenstand erotischer Gefühle. Ob 
das charakteristische Merkmal des Fetischismus — sexuelle Manipulationen 
an dem Fetisch — in dem angeführten Fall überhaupt fehlten, oder ob sie 
infolge der starken Unterdrückung des Sexualtriebes beim Weibe, zumal 
seiner perversen Betätigung, einfach sorgsam verheimlicht wurden, vermag ich 
nicht anzugeben. Die ausgesprochen erotische Erregung aber, die »Ver- 
zückung", in welche die Dame beim Anblicke ihres Fetisches geriet, ist mir 
gut im Gedächtnis geblieben. Femer spricht für den Charakter des echten 
Fetischismus der Umstand, daß ihr volles und einziges Interesse an einem 
Manne dessen Fußbekleidung galt, daß der Mann sozusagen bloß die unver- 
meidliche Staffage zu dem Fetisch war, was sie ja selbst in klaren Worten 
ausspricht. Sie verzichtet nicht bloß auf das normale Sexualziel, sondern sie 
nimmt zu der Vorstellung ihres Fetisches Zuflucht, um sich die ehelichen 
Pflichten erträglich zu machen. 

Von besonderer Bedeutung scheint mir das Verhalten dieser Frau so- 
wohl vor als nach der Verheiratung gegen den nackten Fuß. Erwägen wir, 
daß dem Ekel immer einmal besondere Libido voranging, daß ferner der Fuß 
Symbol und Ersatz für den Penis bildet, so ergibt sich ungezwungen der 
richtige Zusammenhang. Irgend einmal muß die Aufmerksamkeit des Kinder 
auf das männliche, d. h. väterliche Genitale gerichtet gewesen und dann durch 
die Sexualeinschüchterung der Erziehung verdrängt worden sein auf einen 
minder anstößigen Körperteil, den Fuß. In seiner Rolle als Penisersatz muß 
er aber verhüllt sein, und an diese Hülle werden im Interesse der Idealisie- 
rung des Objekts ^) besondere Anforderungen, wie glänzende Neuheit (was 
vielleicht so viel als Unberührtheit heißen soll), Faltenlosigkeit usw. gestellt. 
Aus solchen Beziehuogen verstehen wir denn auch, warum das junge Mäd- 
chen hohe Reitstiefel als entzückend dezent bezeichnet. Und nur aus 
einer solchen Verdrängung heraus erklärt sich femer, warum das Mädchen auf 
ein Bewegen der Zehen mit derartigem Ekel reagiert. Ob und inwieweit bei 
ihrem Abscheu vor verkrüppelten Zehen und Nägeln Kastrationsvorstellungen 
mitspielen, wage ich nicht zu behaupten. Merkwürdig ist, daß in diesem Falle 
sich kein Abscheu vor dem spezifischen Fußgeruch zeigte, daß letzterer über- 
haupt im Gegensatz zu anderen Fällen hier fast keine Rolle spielte (außer bei 
der Vorliebe für den Juchtengeruch). 

Dagegen ist das masochistische Moment in diesem Fall von Schuhfeti- 
schismus klar ausgesprochen: „Vor Reitstiefeln kann man zittem und man 
muß sie lieben zugleich." Und wenn das Mädchen ihre hoch hinaufreichenden 
Schnürstiefletten so eng zuschnürt, daß sie Striemen davonträgt, so geschieht 
das gewiß nicht ohne unbewußte Beziehung zu den hohen Reitstiefeln, die den 
Unterschenkel stramm umschließen. 

Als eine Überdeterminierung dieses Falles von Fetischismus möchte ich 
schließlich noch erwähnen, daß der Vater dieser Dame ein ausgesprochener 
Handfetischist war. Ihre Urteile über den Charakter eines Mannes auf Grund 
seiner Füße gehen deutlich auf analoge Äußerungen des Generals über die 
Beziehung zwischen Charakter und Handbildung zurück. 



^) Binswanger, Analyse einer hysterischen Phobie. 

^ Vgl. Abraham, Psychoanalyse eines Falles von Fuß- und EorsettfetiBcbisHNU. 
Jahrb. m. Bd., 1911. 



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Marcinowski : Eine kleine Krie^sneurose. IIb 

6. 

Eine kleine Kriegsneurose. 

Mitgeteilt von Dr. Marcinowski, z. Z. Kriegslazarett des 9. Res. A. K. 
Etapp. Insp. der ersten Armee. 

Eine kleine Kriegsneurose im feindlichen Lager wird die Kollegen der 
Psychoanalyse interessieren können. Bat mich da kürzlich ein bildhübsches 
Franzosenmädel um eine Beratung. Sie gehörte zu einer Flüchtlingsfamilie, wie 
ich hier in meinem Bezirk in Nordfrankreich an 1600 zu beobachten habe. 
Die Leute waren vor vielleicht einem Vierteljahr aus der Schlachtlinie und 
ihrem zerstörten Wohnhause geflohen und hier untergebracht worden. Das 
Bombardement des Ortes, — so erzählte mir das 21jährige Mädchen, auf etlichen 
Umwegen um den Kernpunkt der Sache herumschleichend — das Bombarde- 
ment habe drei volle Tage gedauert und in ihrer Angst und Verzweiflung 
habe die ganze Familie, vier Köpfe, den Entschluß gefaßt, sich gemeinsam mit 
Hilfe von Kohlenfeuer das Leben zu nehmen. Während des Bombardements 
ist sie gerade unwohl gewesen. Deutsche Soldaten hatten sie dann gerettet. 
Seitdem aber habe sie keine Regel mehr gehabt und sie fürchte, die Soldaten 
könnten ihren Zustand der Betäubung mißbraucht haben. Die Angst davor 
triebe sie zu mir. Ja, Verkehr habe sie früher schon einmal mit einem Freunde 
gehabt. — Die Untersuchung ergab einen völlig negativen Befund. Diese Ver- 
gewaltigung muß ein schöner Traum der kleinen Französin bleiben, den ihr die Phan- 
tasie und der Giftrausch und die ganze ungewöhnliche Lage eingebracht hatte. 
Mit ihm wäre sie vielleicht ins Nirwana hinübergegangen, hätten die deutschen 
Barbaren sie nicht in rauhe Wirklichkeiten zurückgerissen. Sapienti sat. 



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Kritiken und Referate. 

Jahrbuch der Psychoanalyse. Herausgegeben von Prof. Dr. S. Freud, 
redigiert von Dr. K. Abraham in Berlin und Dr. E. HitschmaDU 
in Wien. Neue Folge des „Jahrbuch für psychoanalytische und psycho- 
pathologische Forschungen". VI. Band, Leipzig und Wien 1914, Franz 
Deuticke. 

Das auf dem ersten psychoanalytischen Kongreß in Salzburg (Frühjahr 
1908) ins Leben gerufene „Jahrbuch** liegt nunmehr, nach fün^ährigem Er- 
scheinen, in neuer Form vor. Diese Umwandlung war durch verschiedene, 
äußere und innere Gründe bedingt. Als eigentlich erstes psychoanalytisches 
Periodikum gegründet — die früher eröffnete Reihe der „Schriften zur an- 
gewandten Seelenkunde" greift in Form und Inhalt über die Absichten eines 
solchen hinaus — wurde es anfangs, unter der Redaktion von C. G. Jung 
(Zürich), seiner Aufgabe völlig gerecht, „die fortlaufende Publikation aller 
Arbeiten" zu ermöglichen, „die sich in positivem Sinne mit der Vertiefung 
und Lösung unserer Probleme beschäftigen" (Vorbemerkung der Redaktion in 
Band I, 1909). Das Organ trug jedoch gleich von Anfang an viel eher den 
Charakter eines Archivs an sich, über den auch die erste, weil einzige Über- 
sicht der psychoanalytischen Literatur im J. Bande (abgeschlossen in der ersten 
Hälfte des II. Bandes) um so weniger hinwegzutäuschen vermochte, als auch die Er- 
scheinungsform (zweimal jährlich) dem Titel nicht ganz entsprach. Als mit der 
Publikation des von Stekel und Adler angeregten „Zentralblatt für Psychoana- 
lyse" (Herbst 1910) die singulare Stellung des „Jahrbuches" erschüttert war, 
versäumte es, sich den geänderten Verhältnissen anzupassen und begnügte 
sich damit, eine Pnblikationsstelle für die umfangreicheren Abhandlungen zu 
bleiben, wodurch der archivische Charakter noch stärker zur Geltung kam. 
Auch den späteren noch einschneidenderen Neugründungen der „Internationalen 
Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse" und „Image" gegenüber verhielt sich 
das Jahrbuch resistent und suchte seine überlebte Funktion fortzusetzen, ohne 
dem bei der Fülle und Mannigfaltigkeit der Publikationen immer stärker 
hervortretenden Bedürfnis nach einem wirklichen „Jahrbuch" gerecht zu werden. 
Dieser äußerlichen Starrheit stand eine innere Wandlungstendenz gegenüber, 
derzufolge das Jahrbuch eigentlich auch schon aufgehört hatte, seinem ur- 
sprünglich geplanten Zweck zu entsprechen: nämlich Sorge zu tragen 
„für die Entwicklung der von Sigmund Freud geschaffenen Psychologie und 
für deren Anwendung auf Nerven- und Geisteskrankheiten" durch „fortlaufende 
Publikation aller Arbeiten, die sich in positivem Sinne mit der Vertiefung und 
Lösung unserer Probleme beschäftigen". Durch gemehrte Publikationen der 
immer eindeutiger von den Grundlagen der Psychoanalyse abrückenden 
Züricher Schule drohte das Jahrbuch zum Schauplatz einer unfruchtbaren 
Polemik herabzusinken, durch welche die Gegensätze nicht geklärt oder aus- 
geglichen, sondern verschärft und für den Leser verwirrend wurden. So ergab 



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Kritiken und Referate. 117 

sich die faktische LösuDg einer nur noch nominell aufrechterhaltenen Arbeits- 
gemeinschaft, über deren vielversprechenden Anfang, Höhepunkt und Zerfall 
Freud in seinem aufklärenden Beitrag „Zur Geschichte der psychoanalytischen 
Bewegung" die Leser des Jahrbuchs eingehend orientiert. Im Gefolge dieser 
heilsamen, reinlichen Scheidung erscheint das neugestaltete Jahrbuch eigentlich 
nur seinen ursprünglichen Absichten und Zwecken gemäß, für deren Durch- 
führung die Namen der beiden jetzigen Redakteure vollauf bürgen. In ihrem 
Yorwort klären sie zunächst in wünschenswerter Weise die Stellung zu den 
beiden anderen psychoanalytischen Organen, der „Internationalen Zeitschrift" 
und „Imago" — das zuletzt vonStekel allein fortgeführte „Zentralblatt für 
Psychoanalyse" hat mittlerweile sein Erscheinen eingestellt — und rechtfertigen 
dann die inhaltlich und formal entsprechende Titeländerung damit, daß das nun- 
mehr in einem Bande erscheinende Jahrbuch ausschließlich der Förderung der 
psychoanalytischen Wissenschaft dienende ausgewählte Originalbeiträge und 
daneben einen jährlichen zusammenfassenden Bericht über die gesamten wissen- 
schaftlichen Fortschritte der Psychoanalyse bringen soll. 

Der vorliegende erste Band des neuen Jahrbuchs, der VI. seit Gründung 
desselben, wird diesem Programm in erfreulicher Weise gerecht, was bei den 
schwierigen äußeren Verhältnissen und der Kürze der der Redaktion und den 
Autoren zur Verfügung stehenden Spanne Zeit um so größere Anerkennung ver- 
dient. Die Originalbeiträge, deren Inhalt hier nur summarisch angedeutet 
werden kann, eröffnet eine für den Ausbau der psychoanalytischen Lehren 
und der in ihrem Mittelpunkt stehenden Libidotheorie grundlegende Abhandlung 
von Freud: „Zur Einführung des Narzißmus", die diesen schwer faßbaren 
und vielfach Mißdeutungen ausgesetzten Grenzbegriff scharf zu umschreiben 
und in seiner Bedeutung für das Verständnis der Neurosen, Psychosen, des 
Liebeslebens wie der Charakterbildung zu würdigen sucht. Es folgt eine klinische 
Untersuchung von Abraham „Über Einschränkungen und Umwandlungen der 
Schaulust bei den Psychoneurotikem nebst Bemerkungen über analoge Er- 
scheinungen in der Völkerpsychologie'', worin der durch Gründlichkeit und 
Klarheit ausgezeichnete Autor verschiedene Formen neurotischer Sehstörung — 
wie Lichtscheu, Vorliebe für Dunkelheit, Sonnen- und Gespensterphobie — 
sowie die nahestehenden Phänomene des Zweifeins und Grübelns an einer Reihe 
von eingehend untersuchten Fällen psychoanalytisch verständlich und durch 
Parallelisierung mit völkerpsychologischera Material allgemein-menschlich und 
kulturgeschichtlich bedeutungsvoll zu machen weiß. An das trotz erschöpfender 
und emsiger Bearbeitung an reizvollen Detailproblemen immer noch reiche 
Gebiet des Traumlebens tritt Federn mit seiner Untersuchung „über zwei 
typische Traumsensationen" heran. Bei anerkennenswerter Berücksichtigung 
aUer in Betracht kommenden Traumquellen vermag der Autor für die beiden 
entgegengesetzten Sensationen der Hemmung und des Fliegens im Traume die 
Freudsche Auffassung durch selbständige feine Beobachtungen (z. B. die Flug- 
sensation als Symbol der Erektion) zu bestätigen und die Bedeutung dieser beiden 
typischen Traumsensationen für das Verständnis der ihnen entsprechenden 
Konversionssymptome (hysterische Lähmung resp. Schwindelanfölle) aufzu- 
decken. — Einen für die Anwendung der Psychoanalyse auf ein scheinbar 
abliegendes Gebiet beachtenswerten »Beitrag zu der Beziehung zwischen Kunst 
und Religion** liefert der vielseitige Jones, indem er „die Empfängnis der 
Jungfrau Maria durch das Ohr" auf Grund eines reichen folkloristischen 
Materials und mit Heranziehung der dieses Motiv behandelnden Bildwerke in 
ihrer unbewußten Bedeutung zu erfassen sucht. Er findet darin die hochsublime 
und vergeistigte Darstellung einer zutiefst im Unbewußten durchaus grobsinn- 



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21g Kritiken und Referate. 

liehen und in ihrer bewnßten Formulierung den normalen Erwachsenen ab- 
stoßenden „infantilen Sexualtheorie" von allgemein-menschlicher Herkunft. 

Der „referierende Teil" wird eröffnet mit dem bereits erwähnten Beitrag 
Freuds „Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung", der mit wohl- 
tuender OfTeiiheit und Schärfe den persönlichen Standpunkt des Schöpfers der 
Psychoanalyse gegenüber den abgefallenen ehemaligen Anhängern wahrt, indem 
er deren festgehaltene Ansprüche auf die Methodik und die Bezeichnung der 
neuen Seelenforschung energisch zurückweist und so wieder Platz für die 
geradlinige Weiterentwicklung der Psychoanalyse schafft. Der anschließende 
„Bericht über die Fortschritte der Psychoanalyse in den Jahren 1909 — 1913* 
versucht in dankenswerter Ausführlichkeit (150 Seiten) das Bild dieser Ent- 
wicklung für den Zeitraum nachzuholen, in welchem das Jahrbuch dies zu tun 
versäumt hatte. Diese über die Literatur von fünf Jahren sich erstreckenden 
Sainmelreferate sind nach systematischen Gesichtspunkten übersichtlich ange- 
ordnet und gestatten nicht nur eine leichte Orientierung über alle Neu- 
erscheinungen, sondern auch über den gegenwärtigen Stand der betreffenden 
Probleme oder Gebiete. Der I. Abschnitt, „Psychologie undTrieblehre*^ 
umfassend, zerfällt in die Unterabteilungen : Das Unbewußte (Ref. E i t i n g o n), 
Die Traumdeutung (Ref. Rank), Trieblehre (Ref. Hitschmann), Perver- 
sionen (Ref. Sadger); der II. ^Klinische Teil" enthält: Die allgemeine 
Neurosenlehre (Ref. Ferenczi), Die psychoanalytische Therapie (Ref. Jones) 
und Die spezielle Pathologie der nervösen Zustände und Geistesstörungen 
(Ref. Abraham); der III. und letzte Abschnitt enthält die „Anwendung der 
Psychoanalye außerhalb der Medizin*', u. zw. Mythologie (Ref. Rank), Völker- 
psychologie (Ref. Sachs), Sprachwissenschaft (Ref. Reik), Ästhetik, Knust, 
Literatur (Ref. Reik), Kinderpsychologie, Pädagogik (Ref. Hug-Hellmuth), 
Philosophie (Ref. Tausk), Mystik und Okkultismus (Ref. Sil her er). Der 
kleinen Mängel und Unvollständigkeiten, die bei Abfassung dieser vielfach 
ineinandergreifenden Berichte durch verschiedene Autoren und bei der in allzu 
kurzer Zeit neugeschaffenen Organisierung unvermeidlich waren, ist sich die 
Rodaktion wohl bewußt und verspricht ihre Abstellung in der nächstjährigen 
Übersicht. Sicherlich gelingt es dann auch, gelegentliche Übergriffe solcher 
Referenlen abzustellen, die als Autoren auf dem von ihnen behandelten Spezial- 
gebiet die Leistungen ihrer Konkurrenten nicht immer objektiv genug zu 
würdigen wissen. Doch handelt es sich im ganzen nur um kaum auffällige 
Verseilen, die dem erfreulichen Eindruck dieses Jahrbuchs als eines Zeichens 
der unerschütterlichen Kraft unserer psychoanalytischen Bewegung keinen 
Abbruch tun können. Dr. Rank. 

Leo Kaplan: Grundzüge der Psychoanalyse. (Leipzigund Wien 1914, 

Franz Deuticko.) 

Es ist im Wesen und in der Entwicklung der F r e u d sehen Psychologie 
gelegen, daß es trotz ihrer gesicherten Fundierung und weitgreifenden Aus- 
gestaltung bis heute an einer zusammenfassenden und systematischen Darstel- 
lung der gesamten psychoanalytischen Lehre fehlt. Nicht nur weil es sich 
um eine unfei*tige, im Werden und Wachsen begriffene Wissenschaft handelt, 
sondern auch, weil das bisher empirisch Gefundene und auf induktivem Weg 
Verarbeitete einer systematischen Gruppierung und Abrundung widerstrebt. IMes 
zeigt sich auch darin, daß vereinzelte voreilige Versuche zur Herstellung 
eines geschlossenen Lehrgebäudes zum Aufgeben der psychoanalytischen 
Grundlagen nötigten. Der bisher einzige von Hitschmann mit viel Ge- 
schick unternommene Versuch, „Freuds Neurosenlehre nach ihrem gegen- 



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Kritiken and Referate. HQ 

wärtigen Stand zusammenfassend darzustellen^, prätentiert nicht mehr, als 
die verstreuten Anschauungen Freuds übersichtlich geordnet zusammenzu- 
stellen, und verdankt seinen Wert und Erfolg — es erschien bereits die zweite 
Auflage und eine Übersetzung in Amerika — eben der einsichtigen Begren- 
zung der Aufgabe, deren Lösung darum auch so gut gelungen ist. 

Kaplans Buch dagegen stellt sich eine wesentlich andere Aufgabe, 
wenngleich Titel und Anlage eine systematische Gesamtdarstellung von vorn- 
herein ausschließen, läßt aber auch bei aller Anerkennung des Geleisteten not- 
wendigerweise ein Gefühl des Mangels und der Unbefriedigung zurück. Ab- 
gesehen vom Inhalt, dem eine weniger von persönlichen Neigungen diktierte 
Auslese der Probleme zu wünschen wäre, ist auch die Art der Darstellung, bei aller 
didaktischen Technik nicht gerade geeignet, überzeugend zu wirken. Anstatt 
einer durchwegs pragmatischen Behandlung, wie sie einem derartigen Thema 
angemessen, aber für die Psychoanalyse eben noch nicht durchführbar scheint, ver- 
sucht Kaplan den für den Leser wohl interessanteren, aber zugleich schwie- 
rigen Weg, aus dem Material selbst die allgemeinen psychologischen Ergebnisse 
Punkt für Punkt heraubfallen zu lassen. Er wiederholt also eigentlich in der 
Darstellung die analytische Technik, indem er von Fehlhandlungen, Träumen, 
Symptomen ausgeht und die zu ihrem Verständnis notwendigen Voraussetzungen 
vor dem Leser selbst daraus abzuleiten sucht. Dieser Modus, bei dem das 
analytische Wissen stückweise, ungeordnet und verstreut vermittelt wird, ist 
wohl für den Patienten der einzig mögliche und erforderliche, aber für den Ler- 
nenden mühsam, umständlich und wenig überzeugend, da beispielsweise an ein 
unscheinbares Traumdetail ein bedeutsames Stück der Sexualtheorie angehängt 
werden muß — lediglich durch den dünnen Faden einer oberflächlichen Asso- 
ziation verknüpft, deren Bedeutung nur der erfahrene Analytiker zu würdigen 
weiß. So kommt es auch, daß der Autor, der eine gefährliche Neigung für For- 
mulierungen und Schlagworte zeigt, mitunter plötzlich einen allgemeinen Satz 
gesperrt druckt, der als Resultat der vorangegangenen Ausführungen nicht 
zwingend ist, aber dem mit eigenen Erfahrungen nachhelfenden Leser 
wohl zutreffend scheinen muß. Den gleichen wenig überzeugenden Eindruck 
machen auch die reichlichen Hinweise des Autors auf verwandtes Material 
aus Mythus, Sage, Folklore, die er zur Bestätigung psychoanalytischer Auf- 
fassungen und Deutaugen heranzieht, die aber in der zum Teil oberflächlichen 
Art, in der das geschieht, diesem Zweck nicht zu genügen, ja stellenweise direkt 
zu widerstreiten scheinen. 

Sieht man von diesen methodischen Bedenken und Einwendungen ab, so 
ist übor den im XVL Kapitel gegliederten Inhalt des Buches fast nur Gutes 
zu sagen. Der Autor verrät eine eingehende — auch praktische — Beschäf- 
tigung mit der Psychoanalyse, was sich leider nicht bei allen, die darüber 
schreiben, von selbst versteht, und ein richtiges Verständnis für die wich- 
tigen Problemstellungen, von denen manche oft überraschend in neue Be- 
leuchtung gerückt werden. Lehrreiche und interessante Belege aus der Lite- 
ratur vervollständigen den guten Eindruck, den man vom eigentlichen Inhalt 
empfUngt. 

Wie weit das Buch geeignet ist, didaktisch in die Grundzüge der Psycho- 
analyse einzuführen, mag sein Erfolg zeigen und es soll uns freuen, wenn der 
für eine so leichtfaßliche Darstellung der schwierigen psychoanalytischen Grund- 
lehren mit Recht dankbare Leser von kritischen Bedenken höherer Art unan- 
gefochten bleibt. jy^ Rank. 



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120 Kritiken and Referate. 

Dr. J. Sadger: Über Nachtwandeln und Mondsucht. Eine medi- 
zinisch-literarische Studie (Schriften zur angewandten Seelenkunde. Sech- 
zehntes Heft). Leipzig und Wien, Franz Deuticke, 1914. 
Das neue Buch Dr, Sadgers bietet einen ersten Versuch, den so 
befremdenden Phänomenen des Schlafwandeins und der Mondsucht von psycho- 
analytischen Gesichtspunkten her neue Aufklärungen zuzuführen. Die kurze 
Einleitung orientiert uns darüber, wie dürftig die Auskünfte sind, 
welche die vor-psychoanalytische Psychologie und Psychiatrie über Noktam- 
bulismus und Lunatismus zu geben wußte. Den zu behandelnden Stoff hat 
der Autor in zwei große Teile gegliedert. Der medizinische Teil umfaßt die 
Analysen von acht Fällen, von denen fünf Patienten Dr. Sadgers waren, 
während die übrigen drei Analysen sich nur auf autobiographische Bekennt- 
nisse stützen können. Namentlich Fall I scheint geeignet zu sein, reiche Bei- 
träge zum Verständnis des Nachtwandeins zu liefern. Diesem medizinischen 
Teile läßt der Autor einen literarischen folgen, in dem er uns zeigt, welches 
Interesse manche unter den Poeten (z. B. Shakespeare, Otto Ludwig, Kleist, 
Anzengruber) am Nachtwandeln und der Mondsucht nahmen und daß ihre 
intuitive Psychologie mit den Resultaten der psychoanalytischen Forschung 
übereinstimmte. Diese Resultate aber lassen sich folgendermaßen zusammen- 
fassen: Das Nachtwandeln stellt einen motorischen Durchbruch des Unbewußten 
dar und dient wie der Traum der Erfüllung heimlicher, verpönter Wünsche, 
zunächst der Gegenwart, hinter denen sich aber ganz regelmäßig kindliche 
bergen. Beide sind von sexuell-erotischer Art. Als Hauptwunsch dürfte an- 
zusprechen sein, daß der Nachtwandler zur geliebten Person ins Bett steigen will, 
wie in der Kindheit. Oft kommt es beim Nachtwandeln zur Identifikation 
mit dem geliebten Objekt. Als infantiles Vorbild des Nachtwandeins kann oft 
das Sichschlafenstellen des Kindes betrachtet werden, indem dabei allerlei Ver- 
pöntes, namentlich sexueller Art, straflos begangen werden kann. Das gleiche 
Motiv der Straflosigkeit regiert auch den erwachsenen Nachtwandler. Der 
motorische Durchbruch des Schlafes und der Bettruhe geht darauf zurück, daß 
sämtliche Nachtwandler eine erhöhte Muskelerregbarkeit und Muskelerotik 
aufzuweisen haben, deren endogene Reizung das Aufgeben der Bettruhe wett- 
machen kann. Nachtwandeln und Mondsacht finden sich häufig mit Hysterie 
vereint. Der Einfluß des Mondes auf den Lunatismus ist nur zum geringsten 
Teile bekannt, vornehmlich in seiner psychischen Überdeterminierung. So ist 
es wohl zweifellos^ daß das himmlische Licht an das Licht in der Hand eines 
geliebten Elternteiles erinnert, der nächtlich in besorgter Liebe den Schlaf 
des Kindes kontrollierte. Mit dem An gerufen werden durch diesen hängt wohl 
auch zusammen, daß nichts so prompt den Wandelnden weckt als die Nen- 
nung seines Namens. Auch das Fixieren des Nachtgestims hat möglicherweise 
erotische Färbung, sowie das Anstarren des Hypnotiseurs zur Erzielung der 
Hjrpnose. Andere psychische Überdeterminier an gen scheinen nur individuell zn 
gelten. Eine besondere Anziehungskraft des Mondes endlich, die den Mond- 
süchtigen förmlich aus dem Bette zwingen und zu größeren Spaziergängen 
verlocken soll, kann möglicherweise tatsächlich bestehen, doch haben wir über 
diesen Punkt nicht einmal wissenschaftliche Hypothesen. Hingegen scheint die 
Möglichkeit vorhanden, durch die psychoanalytische Methode nach Freud 
Schlafwandeln und Mondsucht dauernd zu heilen. 

Gehen wir von dieser Darstellung zur Kritik über, so muß zuerst bemerkt 
werden, daß in Dr. Sadgers Buche alle Vorzüge, die man aus den früheren 
Arbeiten des Autors kennt, wiederzufinden sind. Besonders die Schärfe der 
Beobachtung und die Geschicklichkeit ihrer Wiedergabe sind hervorzuheben. 



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Kritiken und Referate. 121 

Gegenüber diesen Vorzügen, welche uns eine originelle und in vielen 
Eichtungen wertvolle Arbeit gesichert haben, muß man sich beeilen, das zu 
bemerken, was man etwa auszusetzen hat. Zunächst an der Form der Dar- 
stellung : es wäre ungleich reizvoller gewesen, wenn der Autor den aufschluß- 
reichen medizinischen Teil seiner Arbeit nicht an den Anfang seines Buches 
gestellt hätte, sondern die mehr oder minder klaren Einsichten der Dichter 
dadurch vertieft und berichtigt hätte, daß er sie ins Licht der analytisch be- 
handelten Fälle stellte. Durch eine solche parallele Anordnung wäre auch in 
didaktischer Hinsicht manches gewonnen worden. Ohne wesentlichen Schaden 
des Ganzen wäre dadurch eine Sichtung und Auswahl des literarischen Stoffes 
eingetreten, welche die weniger aufschlußreichen Fälle eliminiert, oder zumin- 
destens zurückgedrängt hätte. Durch die Häufung des Materials war der 
Autor verhindert, den feineren Mechanismen des Nachtwandeins und der Mond- 
sucht nachzugehen. Inhaltlich ließe sich bemerken, daß Dr. Sadger die 
manchmal vorkommende sadistische Motivierung des Nachtwandeins kaum be- 
rührt. Er wäre auch der Berufene gewesen, uns den Weg zu zeigen, der sich 
vom Wunsche zum motorischen Durchbruch erschließt. Ein genaueres Ein- 
gehen auf den von Freud in der Traumdeutung skizzierten Bau des seelischen 
Apparates wäre dabei allerdings unumgänglich notwendig gewesen. Schließlich 
vermißt man noch den Anschluß an die Phänomene des Tag- und Nacht- 
traumes, deren Vergleich mit den von Sadger beschriebenen Phänomenen 
wertvolle Resultate gezeitigt hätte. Gewisse Einderträume, die sich mit dem 
Entfliehen aus dem Eltemhause beschäftigen, zeigen bereits einen Ansatz zum 
motorischen Durchbruch, wie ihn das Nachtwandeln bringt. Diese Bemerkungen 
sollen nur zeigen, in welchen Richtungen sich weitere Forschungen, zu denen 
Dr. S a d g e r s erfolgreicher Versuch sicherUch anregen wird, bewegen müßten. 
Zu des Autors Verdiensten um die Erweiterung und Vertiefung unseres psycho- 
analytischen Wissens kommt nun das neue, uns auf Grund der Freudschen 
Methode einen Zugang zu den seltsamen Phänomenen des Nachtwandeins und 
der Mondsucht eröffnet zu haben. Dr. Theodor Reik. 

Dr. R. Loy: Psychotherapeutische Streitfragen. Ein Briefwechsel 
mit Dr. C. G. Jung. F. Deuticke, 1914. Leipzig und Wien. 

Der Briefwechsel stammt aus dem Jahre 1913 und ergänzte die Analyse 
Loys durch Jung; nach Loy existiert keine „knappere und leichtfaßlichere 
Darstellung der psychoanalytischen Methode", als dieser Briefwechsel. (?) Freud 
hat im ^ Jahrbuch der Psychoanalyse" (1914) seine Stellung zu J u n g sErgänzungen 
und Verbesserungen seiner ureigenen Methode klargelegt und es wäre nun zu er- 
warten, daß Jung seine pädagogisch-anagogische Methode umbenennt. Jung er- 
klärt, er sei in „erster Linie Forscher, nicht Praktiker": was uns beweist, daß er 
von der Vollendung seiner Selbstanalyse noch weit entfernt ist. Die Anzahl der 
Widersprüche gegen die Psychoanalyse wird jedoch hier noch übertroffen durch 
Unklarheiten, der Stil ist zuweilen wenig nachahmenswert. Vgl. z. B. S. 125 : 
„Die Relativität der ,Wahrheit* ist eine altbekannte Tatsache und hindert 
nichts — bloß den Dogmen- und Autoritätsglauben — , wenn sie es täte. Aber 
auch das tut sie nicht einmal." 

Es ist hier nicht der Ort, Jungs Tendenzen neuerlich abzuwehren; wie 
weit er in der Ablehnung des Sexuellen geht, ergibt sich z. B. daraus, daß 
ihm auch der Ödipustraum (der doch meist ein Pollutionstraum ist) so sym- 
bolisch und analysierbar ist, wie alle anderen auch ! 

Gänzlich auf den Kopf gestellt erscheint das Verhältnis der Psychoana- 
lyse zur Psychanagogie, wenn gerade dem wissenschaftlichen Kausalismus 



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122 Kritiken und Referate. 

(= Psychoanalyse) vorgeworfen wird, er löse die positive Übertragung zum 
Vater nicht airf. Der endlichen Zerstörung der positiven Übertragung aui den 
Arzt wird nur flüchtig Erwähnung getan, obwohl es für den psychoanalytischen 
Arzt so wichtig ist, seine Menschengewinnsucht zu zügeln. Dr. E.Hitschmann. 

M. Friedemann und 0. Kohnstamm : Zur Pathogenese und Psycho- 
therapie bei Basedowscher Krankheit, zugleich ein Bei- 
trag zur Kritik der psychoanalytischen Forschungsrich- 
tung. Zeitschr. für die ges. Naurol. u. Psych. 1914. 
Wir freuen uns sehr, über eine dreiundsiebzig Seiten lange kasnistiscbe 
und allgemein-theoretische Arbeit berichten zu können, welche den Mut auf- 
weist, die Psychoanalyse gegen Isserlin, Kronfeld und den Troß der Vielzu- 
vielen, die die wissenschaftliche öffentliche Meinung machen — zu verteidigen 
und selbst, wo sie kritisch oder eigenständig sein will, nur Wasser auf unsere 
Mühle leitet. So mancher Einwand der Autoren und manche Unzulänglichkeit 
der Arbeit beruht nur auf unvollkommenem Wissen oder Verständnis der 
Freud sehen Neurosenlehre, Traumdeutung, Symbolik usw. Nicht nur eine 
Basedowsche Krankheit verschwand während der — allerdings nur dem von 
Freud begründet verlassenen, kathartischen Verfahren ähnlichen — Behand- 
lung, sondern die „ Angsthysterie " wurde geheilt. 

Während Freud (und St ekel ausführlicher) den Zusammenhang, 
resp. die Analogie der aus aktuellen Sexualmomenten stammenden „Angst- 
neurose", mit dem Basedow betont haben, ßndet sich in dieser Abhandlung 
nicht die mindeste Andeutung über das wirklich Sexuelle der Patientin, auch 
nichts Anamnestisches (Phantasien, Erregungszustände, Onanie, Pollutionen, 
Koitus oder dgl.). Um so leichter konnte es daher passieren, daß Sexual- 
ablehnung hier mit Verdrängung verwechselt wird. 

Wenn Kohnstamm vorgibt, seine „Amnesierung" sei etwas anderes als 
Freuds Verdrängung, seine „Palinmnesierung" etwas anderes als Freuds 
Bewußtmachung, so müssen wir diese seine als Neuentdeckungen auftreten- 
den Umtaufungen ablehnen. Neu sind seine Hysterie theorie vom mangelnden 
„Gesundheitsgewissen" und seme Psychologie von der „Klaviatur der Affekte* 
— wir glauben aber nicht, daß er dadurch historisch werden wird! Wer 
aber sichtlich an der Oberflächenpsychologie haftet, der muß sich dann freilich 
vor den „neueren Methoden Freuds" verständnislos bekreuzigen. Wenn 
Freud in fortschreitender vertiefender Arbeit die Hypnose und das karthar- 
tische Verfahren aufgegeben hat, so war der Grund dafür gerade die Tat- 
sache, daß die Hypnotisierten in ihrer kompletten Übertragung gerade oft das 
Sexuelle („als ob es ihnen beim Arzt schaden körjite") verschweigen. So 
findet der psychoanalytisch erfahrene Kritiker dieser Arbeit ganz klar die 
Stellen, wo die Autoren an Drittletztem und Vorletztem stehen gebheben 
sind, statt den wahrhaft ätiologischen Komplex in tiefster Schichte aufzu- 
finden. (Vgl. z. B. die Pferdeangst S. 367.) Kein Wunder, daß die Autoren 
sich (S. 400) wundem, daß auch „Erlebnisse harmloser Natur* verdrängt 
werden. — Die „Imitationssucht" der Kranken wäre durch Freuds Identifi- 
zierung zu erklären. — S. 375 wird erwähnt, daß die Analyse der Kranken 
klar sehen ließ, daß „Weltanschauungen** nicht auf intellektuellem Wege zu 
entstehen brauchen, sondern sich aus dem Chaos des Affektlebens herausbilden 
können. Den Autoren wünschen wir freundlichst, daß sie ihre wissenschaftliche 
Anschauung nicht vom Affekt beeinflussen lassen mögen und durch weitere, 
echte psychoanalytische Arbeit, also auf intellektuellem Wege, uns näher 
kommen mögen. Dr. E. Hitschmann. 



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Kritiken und Referate. 123 

Ed. ClaparMe: De la representation des personnes inconnues 
etdeslapsuslinguae. (Archives de Psychologie, Tom XIV, aoüt 1914.) 
Im AnschluB an die im vorigen Heft (S. 46 f.) referierte Arbeit 
Kollarits' hebt Cl. hervor, daß bei MenscheD mit audition color^e auch 
der den Wortklang begleitende Farbenton zum Aufbau jenes Bildes beitragen 
kann, das mau sich von einem Unbekannten beim Hören oder Lesen seines 
Namens macht. In solchen Fällen sei jede Freud sehe Erklärung überflüssig. 
(Allerdings, aber die Synästhesie selbst und ihre individuelle „Färbung** 
bedürfen selber der Freudschen Erklärung. Ref.) Interessant und neu ist 
der Hinweis, die Zeugenaussage könne durch das Farbenhören des Zeugen ver- 
fälscht sein. 

Eine bei diesem Autor nicht gewohnte Oberflächlichkeit zeigt sich in 
der Erklärung zweier Lapsus linguae, die er selber beging. Einmal sagte er 
Jodtinktur statt Opiumtinktur, ein anderesmal Bismut statt Magnesia; die 
Erklärung dafür: Jodtinktur und Opiumtinktur seien beide braune Flüssig- 
keiten; Bismut und Magnesia: beide weiße Pulver. ^Muß ich etwa annehmen, 
daß ich den geheimen Wunsch hatte, den Patienten, der purgiert werden 
wollte, zu verstopfen?* fragt Clapar^de und verneint es. Auch wir können 
ihm keine sichere Antwort geben, konstatieren aber, daß dies sein erster 
Einfall war, als er den Lapsus erklären wollte. S. Ferenczi. 

Paul Goirand: Les ^tats de loquacite dans la d^mence pr6coce. (Annales 

m^dico psychologiques. Paris, Mai 1914.) 

Der Autor beschreibt Zustände der Geschwätzigkeit und Redseligkeit 
innerhalb der Dementia praecox. Dabei setzt er sich vor: 1. die direktive 
Idee, 2. die automatische Ideenassoziation, 3. die Wortassoziation zu studieren. 
Man muß die Redseligkeitszustände der Dementen von denen der Manischen 
unterscheiden, denn nach Ansicht des Autors handelt es sich dabei nur um 
eine primäre Erregung der Sprachzentren ohne gedanklichen Parallelismus. 
Deshalb stehen diese Zustände unter der Herrschaft der Wortassoziation. 
(Gleichklang und Klangähnlichkeit etc.) Vom Anfang bis ans Ende der Krank- 
heit behält der Demente dieselben bevorzugten Ausdrücke: Er bereitet seinen 
„Wortsalat* immer aus demselben Material. Guiraud gibt interessante Beispiele 
für die Wortspielereien der Dementen. Er unterscheidet verschiedene Formen 
dementer Redseligkeit, z. B. die impulsive Deklamation, den Galimathias, 
Reihen von Kalauern und Assonanzen, deklamatorische Litanei etc. Die ein- 
fachste Form hat ihre Analogie auch in der Psychopathologie des Alltags: 
Auch der Normale überrascht sich manchmal, wie er einen Vers oder eine 
Phrase vor sich hinsagt. Der Demente rezitiert lange Fragmente, die er in 
seiner Jugend gelernt hat. Er fühlt den Rhythmus, spricht aber ohne Betonung 
und wiederholt oft ein Wort, dessen Klang ihm gefilllt. Guiraud erzählt einen 
Fall von Dementia, in welcher Mutismus und Apathie lange Zeit vorherrschten. 
Plötzlich singt der Kranke ein Lied und zitiert lange Stellen aus der „Jeanne 
d'Arc". Es ist sehr leicht, den Wortstrom bei ihm zu erregen, die Anfangs- 
worte einer Fabel, eines bekannten Gebetes genügen dazu. Derselbe Kranke 
improvisiert spontan Diskurse, die ganz sinnlos, aber reich an außergewöhn- 
lichen Worten sind. So hat er in diesen „Redeübungen" eine Vorliebe für 
das Wort „Insectivore" und wiederholt es oft; immer wenn er kein anderes 
findet, gebraucht er es. (Die Analogie mit anscheinend „sinnlosen" Worten des 
Traumes drängt sich hier auf; die Verwertung der psychoanalytischen 
Methode müßte hier manches zu Tage fördern.) Die Gespräche, welche der 
Patient P. mit seinem „Rivalen Gott" führt, sind vom Standpunkte psycho- 
analytischer Erkenntnis sehr wertvoll. Bemerkenswert sind auch seine Neo- 



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X24 Kritiken nnd Referate. 

loglsmen, z. B.: „Je suis jastement en mariage par rhonnear de la terre oä 
je dis Dieu est Dieu qui est ma lettre orfanee de Dien, qui est mon rival 
propos^". B. lächelt während seiner Diskurse und „scheint sich an seinem 
Wortreichtum zu ergötzen" (wie die Kinder und die Primitiven). Der Autor 
nimmt auf M a e d e r s Publikationen über die Dementia praecox Bezug und be- 
hauptet ihnen gegenüber, daß die Reden der Kranken völlig sinnnlos sind. 
Besonders bemerkenswert wegen ihres infantilen Charakters erscheinen uns 
ihre Kalauer. Man beachte folgende Unterredung zwischen Arzt und Kranken 
(nach dem Stenogramm niedergeschrieben): 

A.: Me connaissez-vous? Quelle est ma fonction. 

K.: Votre fonction, fonctionnaire. 

A.: Parlez un peu plus fort. 

K.: Un peu plus fort — Faure — Felix Faure, President de la Republique. 

A.: Non c'est M. Poincar6. 

K.: Poincar6 — je forme les poings. 

Arzt (zum Stenographen): Notez l'öcholalie. 

Kranker: Notez les colonies — les colonies du cap Hom. 

A.: Le cap Hom! 

K.: Le cap Hörn, le cap de Bonne Espörance, TEsp^rance, la Foi, la Charit^. 

(Ausruf eines Zuhörers:) C'est epatant. 

K.: C'est epatant, la M^re Durand, comme vous Tavez grand, depuis 
quelque temps. 

Die Echolalie scheint mir der Autor nach ihren Hilfsmitteln gut erklärt 
zu haben, doch würde die psychoanalytische Betrachtungsweise ihn viel weiter 
gefördert haben. Dr. Theodor Reik. 

^er Tod in Venedig." 

Novelle von Thomas Mann. 

Diese überaus fein stilisierte Novelle interessiert aus verschiedenen Ge- 
sichtspunkten auch den Psychoanalytiker. Sie ist eine jener seltenen Dichtungen, 
die das ewige, dichterische Hauptproblem, die Liebe, unbefangen an einem 
gleichgeschlechtlichen Objekte exemplifizieren. Es wird in künstleri- 
scher Weise, mit allen Zeichen echter, aus dem Unbewußten entstammender 
Phantasie, das Verlieben eines über 50jährigen Dichters in einen Knaben 
geschildert. Die Persönlichkeit des Dichterhelden — übrigens eines Witwers 
nach früher, kurzer, kinderloser Ehe — ist von resigniert vornehmem Cha- 
rakter, und nicht nur auf der absteigenden Lebenslinie, sondern auch von einer 
gewissen morbiden Dekadence. Mit der Abreise des Mannes aus seiner deut- 
schen Heimat setzt die Novelle ein und endet mit dem Tode des Helden, der 
nach längerem Aufenthalt in Venedig der Cholera erliegt. Eben dieser Auf- 
enthalt auf dem Lido ist ganz von seiner homosexuellen, platonischen Liebe 
erfüllt. Die homosexuelle Empfindung ist ihm ein unstatthaftes, inneres Er- 
lebnis, eine exotische Ausschweifung des Gefühles. Doch wird auf infantil Er- 
lebtes angespielt: „Ehemalige Gefühle, frühe, köstliche Drangsale des Herzens, 
die im strengen Dienste seines Lebens erstorben waren und nun so sonderbar 
gewandelt zurückkehrten/ 

Müde und blasiert, das Inventar quasi seines äußeren und inneren Lebens 
aufnehmend, wie an einem Wendepunkt aus Enttäuschung und Überdruß: so 
begegnen wir zum erstenmal dem Helden der Novelle in seiner Vaterstadt; 
eine mystische befremdende und abstoßende Männerfigur taucht ihm wie traum- 



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Kritiken und Referate. 125 

haft auf einem lässigen Spaziergang auf — und verschwindet; und ebensolche 
groteske und mysteriöse, bald Abneigung, bald Angst erzeugende Män- 
ner tauchen auf seiner Reise und auch am Lido auf. Durch gewisse gemein- 
same Züge verschwimmen sie wie zu einer symbolischen Figur. ^) Die Angst, 
die sie ausstrahlen, würde sie als Objekte einer zunächst noch verdrängten 
Libido kennzeichnen. Dann aber „bricht die Homosexualität aus", es kommt 
zu der Liebe zu einem zarten, antik schönen Knaben, der den Dichterhelden 
zu Vergleichen mit griechischen Bildwerken verleitet. Die Liebe ist zu- 
nächst eine mehr seelische, und von der Ferne sich begnügende; sie verrät 
einen sadistischen Zug, indem Genugtuung über das etwas kränkliche 
Aussehen des Geliebten und sein vermutlich kurzes Leben u. dgl. geäußert 
wird. In des Dichters Jugendwerken, heißt es übrigens, hätten die Kritiker 
folgenden eigenartigen Heldentypus gefunden: „Eine intellektuelle jünglings- 
hafte Männlichkeit, die in stolzer Scham die Zähne aufeinanderbeißt und ruhig 
dasteht, während ihr die Schwerter und Speere durch den Leib gehen.'' Kurz 
vor seinem Tode sieht der Liebende den geliebten Knaben im spielenden 
Ringkampf mit einem Altersgenossen unterliegen und der Sieger „ließ auch 
dann nicht von dem Unterlegenen ab, sondern drückte, auf seinem Rücken 
kniend, dessen Gesicht so anhaltend in den Sand, daß er zu ersticken drohte. 
Seine Versuche, den Lastenden abzuschütteln, unterblieben auf Augenblicke 
ganz und wiederholten sich nur als ein Zucken". Ein Bild, das deutlich aus 
Jugendreminiszenzen hergenommen erscheint. 

Ehe wir dem Aufbau der Novelle und deren Bedeutung für die Psycho- 
analyse einige Worte widmen, seien jene Angst erzeugende Männer- 
gestalten noch im Detail reproduziert. Häßlich, auffallend stumpfnasig, rot- 
haarig, mit bleckenden Zähnen und feindseligem, peinlich berührendem Blick ist 
der Erste geschildert, dessen flüchtiges Erscheinen in dem Helden Unruhe und 
Reisedrang (nach neuem Liebesobjekt?) erzeugt; „an seinem hageren, dem losen 
Sporthemd entwachsenden Halse, tritt der Adamsapfel stark und nackt her- 
vor". Auch ein Gondoliere, der den einsamen Fremden nach dem Lido über- 
fährt, setzt ihn in Angst, als hätte er ein Verbrechen gegen ihn vor. Eine 
dritte peinliche Figur taucht noch auf, von der Angst und Grausen (als 
brächte er die Ansteckung der Cholera) ausgeht: „Ein Gittarist, der mit 
rötlichen Brauen geschildert ist, ebenso rothaarig, stumpfnasig und verlebt wie 
die früheren Gestalten; gleich wie bei jenem mystischen Wanderer entwuchs 
dem weichen Kragen seines Sporthemdes sein hagerer Hals mit auffallend 
groß und nackt wirkendem Adamsapfel." Er ließ die Zunge schlüpfrig im 
Munde spielen, was etwas Zweideutiges, unbestimmt Anstößiges hatte. Nehmen 
wir dazu noch jenen grotesken, geschminkten Greis mit Perücke und künst- 
lichem Gebiß, dem der Dichter auf seiner Reise begegnet hatte, wo er 
unter übermütigen Handlungskommis wie eine alte Kokette schäkernd mithielt 
und „auf abscheulich zweideutige Art mit der Zungenspitze die Mundwinkel 
leckte", — so finden wir, daß alle diese vier Männertiguren wie die Spal- 
tung einer einzigen Figur imponieren und wohl das Objekt einer verdrängten 
invertierten Neigung, eine infantile Angstfigur, repräsentieren. (Der auffallende 
Adarasapfel ist uns als Phallussymbol nicht unbekannt.) 

Überaus charakteristisch ist überdies ein Traum des Helden, der mit 
Angst einsetzt und in welchem eine Orgie sich abspielt, wobei „das obszöne 
Symbol riesig, aus Holz, enthüllt und erhöht ward". Es sei noch erwähnt — 



*) Vgl. Sachs, „Das Thema Tod«, Image, 1914. Heft 5, der durch diese Ge- 
stalten den Tod symbolisiert sieht. 



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126 Kritiken und Referate. 

zur Komplettierung der Symptomatologie der Inversion — , daß der Dichter- 
held reiche antike Bildung verrät, namentlich Piatos Phaidros wiederholt 
heranzieht und von Eros phantasiert. 

Die Novelle erscheint als echtes Produkt des Unbewußten, wie kombiniert 
aus einer Reihe von Tagträumen, eines fürs erste noch unbewußten llomo- 
sexuellen. Wie in einem Traum eines Normalen regrediert die invertierte 
Regung zunächst unter Angst, dann aber wird sie, bis ins Infantile zurück- 
kehrend, tatsächlich und sucht nach Befriedigung. Der Autor der Novelle mag 
weder durch seine Lebensführung, noch sich selbst fragend, seine Bisexualität 
fürs erste verraten. Dem Psychoanalytiker verrät er unzweifelhaft einen starken 
gleichgeschlechtlichen Anteil seiner Sexualität. Es ist hier schön zu sehen^ 
wie dem Dichter sein Werk unbewußt dazu dient, unterdrückte Regungen, 
wenigstens in der Phantasie, zu befriedigen.^) 

Dr. E. Hitschmann. 



^) Begreiflicherweise hat diese Novelle viel kritischem Mißverständnis begegnet; 
verdächtig affekt voll ist z. B. die kritische Abwehr von Bernd Isemann (Manchen, 
Bonseis u. Co.), 



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