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Full text of "Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse Band III 1915 Heft 5"

INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT i'l:; 

FÜR :.:- r 

iRZTLlCHE PSYCHOANALYSE 

OFFIZIELLES ORGAN 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 

HERAUSQEaEBEN TON 

PROF. DR. SIGM. FREUD 

REDIGIERT VON 

DR. S, FERENCZI DR. OTTO RANK 

BUDAPEST WIEN 

PROF. DR. ERNEST JONES 

LONDON 
UNTER STÄNDIGER MITWIRKUNG VON: 

Dr. KARL ABRAHAM, BkrLIN. — Dr. LUDWIG BlNSWANQER, KbBÜZLIKGK». — 

Dr. Poul Bjerrb, Stockholm. — Dr. A. A. Brill, Nkw York. — Dr. Trioant 
BURROW, Baltimorb. — Dr. M. D. Eder, London. — Dr. J. van Emden, Haag. — 
Dr. m. EiTiNQON, Berlin, — Dr. Paul federn, Wibn. — Dr. Eduard Hitschmann, 
Wien. — Dr. H. t. Huq-Hellmuth, Wibn. — Dr. L. Jekels, Wien. — Dr. Friedr. 
S.KRAUS3,WiBN. — Dr. J.T.MAC Curdy,Nbw York. — Dr. J. Marcinowski, Sikl- 
BBCK. — Prof. Morichau-Beauchant, Poitikrs. — Dr.C. R.Payne,Wadhamb,N. Y. 
— Dr. OSKAR Pfister,Zörich.-- Prof. James J. Putn am, Boston. — Dr. Theodor 
REiK, Berlin. — Dr. R. Reitler, Wien. — Dr. Hanns Sachs, Wien. — Dr. J. 
Sadqer, Wien. — Dr. A. Stärcke, Den Dolder. — Dr. M. Steqmann, Dresden. 
— Dr. Victor Taüsk, Wien. — Dr. M. Wulff, Odessa. 

ni. JAHRGANG, 1915 
HEFT 5 




1915 

HUGO HELLER & QE. 

LEIPZIG UND WIEN, I. BAUERNMARKT 3 

.. /^^j^-,1..^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



ALLE UNREGELMÄSSIGKEITEN DI ERSCHEINEN UND IM DM- 
FANGE DIESER ZEITSCHRIFT, WELCHE DURCH DIE KRIEGSLAGE 
BEDINGT SIND, WOLLEN DIE P. T. ABONNENTEN FREUND- 
LICHST ENTSCHULDIGEN. DAS VERSÄUMTE WIRD NACH WIE- 
DERKEHR NORMALER ZUSTÄNDE NACHGEHOLT WERDEN. 



BEIHEFTE 
zur Internationalen Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse 

henosgegeben von Prof. Dr. Sigm. Frend. 
I. Heft. 

UNBEWUSSTES GEISTESLEBEN 

Vortrag, gehalten zum 339. Jahrestage der Leidener Universität 
am 9. Februar 1914 

Tom 

Rector Magnificoa 

G. Jelgersma, 

ProfoMOT d«x PfTohiaixie %n der Univenit&t Ltidea. 

Preis M. 1.50. — Für Abonnenten der Zeitschrift M. L— . 

AU zweites Heft erscheint deranSLchst: 

ALLGEMEINE GESICHTSPUNKTE ZUR PSYCHO- 
ANALYTISCHEN BEWEGUNG. 

Von 

James J. Pntnam, 

Prof. emerii. «n der Harrud Medlcal Bchool. Botton. 



AU American and Engligh oommonioations and contribntions shoold he 
sent (typewritten) to Dr. Emest Jones, 69 Portland Court, London W. 



Alle Manuskripte sind vollkominen druckfertig einzusenden. 

Sämtliche Beiträge werden mit dem einheitlichen Satz von K 50.— 
pro Druckbogen honoriert. 

Von den „Originalarbeiten" und „Mitteilungen" erhalten die Mitarbeiter 
je 50 Separatabz&ge gratis geliefert. 



Geschmackvolle Original-Einbanddecken 
mit Lederrüoken für den II. Jahrg. sind zum Preise von M. 3.— =K3.60 
durch jede gute Buchhandlung sowie direkt vom Verlag zu beziehen. 



Copyright 1915. Hugo Heller & Cie., Wien, L Bauenun. 3. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



I. 
Das Unbewußte. 

Von Sigm. Freud. 

(Schluß.) 

Eine neue Bedeutung erhält die Unterscheidung der beiden psychi- oi© begondwen 
sehen Systeme, wenn wir darauf aufmerksam werden, daß die Vorgänge Ei|?engchaft©n 
des einen Systems, des übw, Eigenschaften zeigen, die sich in dem obw. 
nächst höheren nicht wieder finden. 

Der Kern des Ubw besteht aus Triebrepräsentanzen, die ihre Be- 
setzung abführen wollen, also aus Wunschregungen. Diese Triebregungen 
sind einander koordiniert, bestehen unbeeinflußt nebeneinander, wider- 
sprechen einander nicht. Wenn zwei Wunschregungen gleichzeitig akti- 
viert werden, deren Ziele uns unvereinbar erscheinen müssen, so ziehen 
sich die beiden Regungen nicht etwa voneinander ab oder heben ein- 
ander auf, sondern ^ie treten zur Bildung eines mittleren Zieles, eines 
Kompromisses zusammen. 

Es gibt in diesem System keine Negation, keinen Zweifel, keine 
Grade von Sicherheit All dies wird erst durch die Arbeit der Zensur 
zwischen Ubw und Vbw eingetragen. Die Negation ist ein Ersatz der 
Verdrängung von höherer Stufe. Im Ubw gibt es nur mehr oder weniger 
stark besetzte Inhalte. 

Es herrscht eine weit größere Beweglichkeit der Besetzungsinten- 
sitäten. Durch den Prozeß der Verschiebung kann eine Vorstellung 
den ganzen Betrag ihrer Besetzung an eine andere abgeben, durch den 
der Verdichtung die ganze Besetzung mehrerer anderer an sich 
nehmen. Ich habe vorgeschlagen, diese beiden Prozesse als Anzeichen 
des sogenannten psychischen Primärvorganges anzusehen. Im 
System Vbw herrscht der Sekundärvorgang; ^) wo ein solcher Pri- 
märvorgang sich an Elementen des Systems Vbw abspielen darf, er- 
scheint er „komisch*^ und erregt Lachen. 

Die Vorgänge des Systems Ubw sind zeitlos, d. h. sie sind nicht 
zeitlich geordnet, werden durch die verlaufende Zeit nicht abgeändert, 
haben überhaupt keine Beziehung zur Zeit. Auch die Zeitbeziehung ist 
an die Arbeit des Vbw-Systems geknüpft. 

*) Siehe die Ausführungen im VII, Abschnitt der Traumdeutung, welche sich 
auf die von J. Breuer in den „Studien über Hysterie** entwickelten Ideen stützt. 

ZeitMhr. f. ttrstl. PsyohoanalyM. in/6. 17 

.. /^^j^-,1..^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



258 Sigm. Freud. 

Ebensowenig kennen die Ubw-Vorgänge eine Rücksicht auf die 
Realität. Sie sind dem Lustprinzip unterworfen; ihr Schicksal hängt 
nur davon ab, wie stark sie sind, und ob sie die Anforderungen der 
Lust-Ünlustregulierung erfüllen. 

Fassen wir zusammen: Widerspruchslosigkeit, Primär- 
vorgang (Beweglichkeit der Besetzungen), Zeitlosigkeit und Er- 
setzung der äußeren Realität durch die psychische sind die 
Charaktere, die wir an zum System Ubw gehörigen Vorgängen zu finden 
erwarten dürfen. ^) 

Die unbewußten Vorgänge werden für uns nur unter den Bedingungen 
des Träumens und der Neurosen erkennbar, also dann, wenn Vorgänge 
des höheren Vbw-Systems durch eine Erniedrigung (Regression) auf eine 
frühere Stufe zurückversetzt werden. An und für sich sind sie un- 
erkennbar, auch existenzunfähig, weil das System Ubw sehr frühzeitig 
von dem Vbw überlagert wird, welches den Zugang zum Bewußtsein 
und zur Motilität an sich gerissen hat. Die Abfuhr des Systems Ubw 
geht in die Körperinnervation zur Affekt-entwicklung, aber auch dieser 
Entladungsweg wird ihm, wie wir gehört haben, vom Vbw streitig ge- 
macht. Für sich allein könnte das Ubw-System unter normalen Verhält- 
nissen keine zweckmäßige Muskelaktion zu stände bringen, mit Aus- 
nahme jener, die als Reflexe bereits organisiert sind. 

Die volle Bedeutung der beschriebenen Charaktere des Systems Ubw 
könnte uns erst einleuchten, wenn wir sie den Eigenschaften des Systems 
Vbw gegenüberstellen und an ihnen messen würden. Allein dies würde 
uns so weitab führen, daß ich vorschlage, wiederum einen Aufschub gut- 
zuheißen und die Vergleichung der beiden Systeme erst im Anschluß an 
die Würdigung des höheren Systems vorzunehmen. Nur das Aller- 
dringendste soll schon jetzt seine Erwähnung finden. 

Die Vorgänge des Systems Vbw zeigen — und zwar gleichgültig, 
ob sie bereits bewußt oder nur bewußtseinsfähig sind — eine Hemmung 
der Abfuhrneigung von den besetzten Vorstellungen. Wenn der Vorgang 
von einer Vorstellung auf eine andere übergeht, so hält die erstere einen 
Teil ihrer Besetzung fest und nur ein kleiner Anteil erfährt die Verschiebung. 
Verschiebungen und Verdichtungen wie beim Primärvorgang sind aus- 
geschlossen oder sehr eingeschränkt. Dieses Verhältnis hat J. Breuer 
veranlaßt, zwei verschiedene Zustände der Besetzungsenergie im Seelen- 
leben anzunehmen, einen tonisch gebundenen und einen frei beweglichen, 
der Abfuhr zustrebenden. Ich glaube, daß diese Unterscheidung bis jetzt 
unsere tiefste Einsicht in das Wesen der nervösen Energie darstellt, und 
sehe nicht, wie man um sie herumkommen soll. Es wäre ein dringendes 
Bedürfnis der metapsychologischen Darstellung — vielleicht aber noch ein 

^) Die Erwähnung eines anderen bedeutsamen Vorrechts des übw sparen wir 
für einen anderen Zusammenhang auf. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Das Unbewußte. 259 

allzu gewagtes Unternehmen — an dieser Stelle die Diskussion fortzu- 
führen. 

Dem System Vbw fallen ferner zu die Herstellung einer Verkehrs- 
fähigkeit unter den Vorstellungsinhalten, so daß sie einander beeinflussen 
können, die zeitliche Anordnung derselben, die Einführung der einen 
Zensur oder mehrerer Zensuren, der Realitätsprüfung und das Realitäts- 
prinzip. Auch das bewußte Gedächtnis scheint ganz am Bw zu hängen, 
es ist scharf von den Erinnerungsspuren zu scheiden, in denen sich die 
Erlebnisse des Ubw fixieren, und entspricht wahrscheinlich einer be- 
sonderen Niederschrift, wie wir sie für das Verhältnis der bewußten zur 
unbewußten Vorstellung annehmen wollten, aber bereits verworfen haben. 
In diesem Zusammenhang werden wir auch die Mittel finden, unserem 
Schwanken in der Benennung des höheren Systems, das wir jetzt rich- 
tungslos bald Vbw bald Bw heißen, ein Ende zu machen. 

Es wird auch die Warnung am Platze sein, nicht voreilig zu ver- 
allgemeinern, was wir hier über die Verteilung der seelischen Leistungen 
an die beiden Systeme zu Tage gefördert haben. Wir beschreiben die 
Verhältnisse, wie sie sich beim reifen Menschen zeigen, bei dem das 
System Ubw streng genommen nur als Vorstufe der höheren Organi- 
sation funktioniert. Welchen Inhalt und welche Beziehungen dies System 
während der individuellen Entwicklung hat, und welche Bedeutung ihm 
beim Tiere zukommt, das soll nicht aus unserer Beschreibung abgeleitet, 
sondern selbständig erforscht werden. Wir müssen auch beim Menschen 
darauf gefaßt sein, etwa krankhafte Bedingungen zu finden, unter denen 
die beiden Systeme Inhalt wie Charaktere ändern oder selbst miteinander 
tauschen. 

Es wäre doch unrecht sich vorzustellen, daß das Ubw in Ruhe ver- Der Verkehr 
bleibt, während die ganze psychische Arbeit vom Vbw geleistet wird, daß g^n,/ d*" j^ 
das Ubw etwas Abgetanes, ein rudimentäres Organ, ein Residuum der Ent- kömmiing© des 
Wicklung sei. Oder anzunehmen, daß sich der Verkehr der beiden Systeme ^**^' 
auf den Akt der Verdrängung beschränkt, indem das Vbw alles, was ihm 
störend erscheint, in den Abgrund des Ubw wirft. Das Ubw ist vielmehr 
lebend, entwicklungsfähig und unterhält eine Anzahl von anderen Be- 
ziehungen zum Vbw, darunter auch die der Kooperation. Man muß zu- 
sammenfassend sagen, das Ubw setzt sich in die sogenannten Abkömm- 
linge fort, es ist den Einwirkungen des Lebens zugänglich, beeinflußt 
beständig das Vbw und ist seinerseits sogar Beeinflussungen von seiten 
des Vbw unterworfen. 

Das Studium der Abkömmlinge des Ubw wird unseren Erwartungen 
einer schematisch reinlichen Scheidung zwischen den beiden psychischen 
Systemen eine gründliche Enttäuschung bereiten. Das wird gewiß Unzu- 
friedenheit mit unseren Ergebnissen erwecken und wahrscheinlich dazu 
benützt werden, den Wert unserer Art der Trennung der psychischen 

17* 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



260 Sigai. Freud. 

Vorgänge in Zweifel zu ziehen. Allein wir werden geltend machen, daß 
wir keine andere Aufgabe haben, als die Ergebnisse der Beobachtung in 
Theorie umzusetzen, und die Verpflichtung von uns weisen, auf den ersten 
Anlauf eine glatte und durch Einfachheit sich empfehlende Theorie zu 
erreichen. Wir vertreten deren Komplikationen, solange sie sich der 
Beobachtung adäquat erweisen, und geben die Erwartung nicht auf, 
gerade durch sie zur endlichen Erkenntnis eines Sachverhalts geleitet 
zu werden, der an sich einfach, den Komplikationen der Realität gerecht 
werden kann. 

Unter den Abkömmlingen der ubw Triebregungen vom beschriebenen 
Charakter gibt es welche, die entgegengesetzte Bestimmungen in sich 
vereinigen. Sie sind einerseits hochorganisiert, widerspruchsfrei, haben 
allen Erwerb des Systems Bw verwertet und würden sich für unser Urteil 
von den Bildungen dieses Systems kaum unterscheiden. Anderseits sind 
sie unbewußt und unfähig, bewußt zu werden. Sie gehören also qualitativ 
zum System Vbw, faktisch aber zum Ubw. Ihre Herkunft bleibt das für 
ihr Schicksal Entscheidende. Mzin muß sie mit den Mischlingen mensch- 
licher Rassen vergleichen, die im großen und ganzen bereits den Weißen 
gleichen, ihre farbige Abkunft aber durch den einen oder anderen auf- 
falligen Zug verraten und darum von der Gesellschaft ausgeschlossen 
bleiben und keines der Vorrechte der Weißen genießen. Solcher Art sind 
die Phantasiebildungen der Normalen wie der Neurotiker, die wir als 
Vorstufen der Traum- wie der Symptombildung erkannt haben, und die 
trotz ihrer hohen Organisation verdrängt bleiben und als solche nicht 
bewußt werden können. Sie konmien nahe ans Bewußtsein heran, bleiben 
ungestört, solange sie keine intensive Besetzung haben, werden aber 
zurückgeworfen, sobald sie eine gewisse Höhe der Besetzung überschreiten. 
Ebensolche höher organisierte Abkömmlinge des Ubw sind die Ersatz- 
bildungen, denen aber der Durchbruch zum Bewnißtsein dank einer gün- 
stigen Relation gelingt, wie z. B. durch das Zusammentreffen mit einer 
Gegenbesetzung des Vbw. 

Wenn wir an anderer Stelle die Bedingungen des Bewußtwerdens 
eingehender untersuchen, wird uns ein Teil der hier auftauchenden 
Schwierigkeiten lösbar werden. Hier mag es uns vorteilhaft erscheinen, 
der bisherigen vom Ubw her aufsteigenden Betrachtung eine vom Bewußt- 
sein ausgehende gegenüberzustellen. Dem Bewußtsein tritt die ganze 
Summe der psychischen Vorgänge als das Reich des Vorbewußten ent- 
gegen. Ein sehr großer Anteil dieses Vorbewußten stammt aus dem Un- 
bewußten, hat den Charakter der Abkömmlinge desselben und unterliegt 
einer Zensur, ehe er bewußt werden kann. Ein anderer Anteil des Vbw 
ist ohne Zensur bewußtseinsfähig. Wir gelangen hier zu einem Wider- 
spruch gegen eine frühere Annahme. In der Betrachtung der Verdrängung 
wurden wir genötigt, die für das Bewußtwerden entscheidende Zensur 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Das Unbewußte. 261 

zwischen die Systeme Ubw und Vbw zu verlegen. Jetzt wird uns eine 
Zensur zwischen Vbw und Bw nahegelegt. Wir tun aber gut daran, in 
dieser Komplikation keine Schwierigkeit zu erblicken, sondern anzu- 
nehmen, daß jedem Übergang von einem System zum nächst höheren, 
also jedem Fortschritt zu einer höheren Stufe psychischer Organisation 
eine neue Zensur entspreche. Die Annahme einer fortlaufenden Er- 
neuerung der Niederschriften ist damit allerdings abgetan. 

Der Grund all dieser Schwierigkeiten ist darin zu suchen, daß die 
Bewußtheit, der einzige uns unmittelbar gegebene Charakter der psychi- 
schen Vorgänge, sich zur Systemunterscheidung in keiner Weise eignet. 
Abgesehen davon, daß das Bewußte nicht immer bewußt, sondern zeit- 
weilig auch latent ist, hat uns die Beobachtung gezeigt, daß vieles, was 
die Eigenschaften des Systems Vbw teilt, nicht bewußt wird, und haben 
wir noch zu erfahren, daß das Bewußtwerden durch gewisse Richtungen 
seiner Aufmerksamkeit eingeschränkt ist. Das Bewußtsein hat so weder 
zu den Systemen noch zur Verdrängung ein einfaches Verhältnis. Die 
Wahrheit ist, daß nicht nur das psychisch Verdrängte dem Bewußtsein 
fremd bleibt, sondern auch ein Teil der unser Ich beherrschenden Re- 
gungen, also der stärkste funktionelle Gegensatz des Verdrängten. In 
dem Maße, als wir uns zu einer metapsychologischen Betrachtung des 
Seelenlebens durchringen wollen, müssen wir lernen, uns von der Be- 
deutung des Symptoms „Bewußtheit" zu emanzipieren. 

Solange wir noch an diesem haften, sehen wir unsere Allgemein- 
heiten regelmäßig durch Ausnahmen durchbrochen. Wir sehen, daß Ab- 
kömmlinge des Vbw als Ersatzbildungen und als Symptome bewußt 
werden, in der Regel nach großen Entstellungen gegen das Unbewußte, 
aber oft mit Erhaltung vieler zur Verdrängung auffordernder Charaktere. 
Wir finden, daß viele vorbewußte Bildungen unbewußt bleiben, die, sollten 
wir meinen, ihrer Natur nach sehr wohl bewußt werden dürften. Wahr 
scheinlich macht sich bei ihnen die stärkere Anziehung des Ubw geltend. 
Wir werden darauf hingewiesen, die bedeutsamere Differenz nicht zwi- 
schen dem Bewußten und dem Vorbewußten, sondern zwischen dem 
Vorbewußten und dem Unbewußten zu suchen. Das Ubw wird an der 
Grenze des Vbw durch die Zensur zurückgewiesen, Abkömmlinge des- 
selben können diese Zensur umgehen, sich hoch organisieren, im Vbw 
bis zu einer gewissen Intensität der Besetzung heranwachsen, werden 
aber dann, wenn sie diese überschritten haben und sich dem Bewußtsein 
aufdrängen wollen, als Abkömmlinge des Ubw erkannt und an der neuen 
Zensurgrenze zwischen Vbw und Bw neuerlich verdrängt. Die erstere 
Zensur funktioniert so gegen das Ubw selbst, die letztere gegen die vbw 
Abkömmlinge derselben. Man könnte meinen, die Zensur habe sich im 
Laufe der individuellen Entwicklung um ein Stück vorgeschoben. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



262 Sigm. Freud. 

In der psychoanalytischen Kur erbringen wir den unanfechtbaren 
Beweis für die Existenz der zweiten Zensur, der zwischen den Systemen 
Vbw und Bw. Wir fordern den Kranken auf, reichlich Abkömmlinge des 
übw zu bilden, verpflichten ihn dazu, die Einwendungen der Zensur 
gegen das Bewußt werden dieser vorbewußten Bildungen zu überwinden, 
und bahnen uns durch die Besiegung dieser Zensur den Weg zur Auf- 
hebung der Verdrängung, die das Werk der früheren Zensur ist. Fügen 
wir noch die Bemerkung an, daß die Existenz der Zensur zwischen Vbw 
und Bw uns mahnt, das Bewußtwerden sei kein bloßer Wahrnehmungs- 
akt, sondern wahrscheinlich auch eine Überbesetzung, ein weiterer 
Fortschritt der psychischen Organisation. 

Wenden wir uns zum Verkehr des Ubw mit den anderen Systemen, 
weniger um Neues festzustellen, als um nicht das Sinnfälligste zu über- 
gehen. An den Wurzeln der Triebtätigkeit kommunizieren die Systeme 
aufs ausgiebigste miteinander. Ein Anteil der hier erregten Vorgänge geht 
durch das übw wie durch eine Vorbereitungsstufe durch und erreicht 
die höchste psychische Ausbildung im Bw, ein anderer wird als Ubw 
zurückgehalten. Das übw wird aber auch von den aus der äußeren 
Wahrnehmung stammenden Erlebnissen getroffen. Alle Wege von der 
Wahrnehmung zum Ubw bleiben in der Norm frei; erst die vom Ubw 
weiter führenden Wege unterliegen der Sperrung durch die Verdrängung. 

Es ist sehr bemerkenswert, daß das übw eines Menschen mit Um- 
gehung des Bw auf das übw eines anderen reagieren kann. Die Tat- 
sache verdient eingehendere Untersuchung, besonders nach der Richtung, 
ob sich vorbewußte Tätigkeit dabei ausschließen läßt, ist aber als Be- 
schreibung unbestreitbar. 

Der Inhalt des Systems Vbw (oder Bw) entstammt zu einem Teil 
dem Triebleben (durch Vermittlung des übw), zum anderen Teil der 
Wahrnehmung. Es ist zweifelhaft, inwieweit die Vorgänge dieses Systems 
eine direkte Einwirkung auf das übw äußern können ; die Erforschung 
pathologischer Fälle zeigt oft eine kaum glaubliche Selbständigkeit und 
Unbeeinflußbarkeit des übw. Ein völliges Auseinandergehen der Stre- 
bungen, ein absoluter Zerfall der beiden Systeme ist überhaupt die Cha- 
rakteristik des Krankseins. Allein die psychoanalytische Kur ist auf die 
Beeinflussung des Ubw vom Bw her gebaut und zeigt jedenfalls, daß 
solche, wiewohl mühsam, nicht unmöglich ist. Die zwischen beiden Sy- 
stemen vermittelnden Abkömmlinge des übw bahnen uns, wie schon er- 
wähnt, den Weg zu dieser Leistung. Wir dürfen aber wohl annehmen, 
daß die spontan erfolgende Veränderung des übw von seiten des Bw ein 
schwieriger und langsam verlaufender Prozeß ist. 

Eine Kooperation zwischen einer vorbewußten und einer un- 
bewußten, selbst intensiv verdrängten Regung kann zu stände kommen, 
wenn es die Situation ergibt, daß die unbewußte Regung gleichsinnig 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Das Unbewußte. 263 

mit einer der herrschenden Strebungen wirken kann. Die Verdrängung 
wird für diesen Fall aufgehoben, die verdrängte Aktivität als Verstärkung 
der vom Ich beabsichtigten zugelassen. Das Unbewußte wird für diese 
eine Konstellation ichgerecht, ohne daß sonst an seiner Verdrängung 
etwas abgeändert würde. Der Erfolg des Ubw ist bei dieser Kooperation 
unverkennbar ; die verstärkten Strebungen benehmen sich doch anders als 
die normalen, sie befähigen zu besonders vollkommener Leistung und 
sie zeigen gegen Widersprüche eine ähnliche Resistenz wie etwa die 
Zwangssymptome. 

Den Inhalt des Ubw kann man einer psychischen Urbevölkerung 
vergleichen. Wenn es beim Menschen ererbte psychische Bildungen, etwas 
dem Instinkt der Tiere Analoges gibt, so macht dies den Kern des Ubw 
aus. Dazu kommt später das während der Kindheitsentwicklung als un- 
brauchbar Beseitigte hinzu, was seiner Natur nach von dem Ererbten 
nicht verschieden zu sein braucht. Eine scharfe und endgültige Scheidung 
des Inhalts der beiden Systeme stellt sich in der Regel erst mit dem 
Zeitpunkt der Pubertät her. 

Soviel, als wir in den vorstehenden Erörterungen zusammengetragen Die Aimossie- 
haben, läßt sich etwa über das Ubw aussagen, solange man nur aus der „'^"^ tT 
Kenntnis des Traumlebens und der Übertragungsneurosen schöpft. Es 
ist gewiß nicht viel, macht stellenweise den Eindruck des Ungeklärten 
und Verwirrenden und läßt vor allem die Möglichkeit vermissen, das Ubw 
an einen bereits bekannten Zusammenhang anzuordnen oder es in ihn 
einzureihen. Erst die Analyse einer der Affektionen, die wir narzißtische 
Psychoneurosen heißen, verspricht uns Auffassungen zu liefern, durch 
welche uns das rätselvolle Ubw näher gerückt und gleichsam greifbar 
gemacht wird. 

Seit einer Arbeit von Abraham (1908), welche der gewissenhafte 
Autor auf meine Anregung zurückgeführt hat, versuchen wir die De- 
mentia praecox Kraepelins (Schizophrenie Bleulers) durch ihr Ver- 
halten zum Gegensatz von Ich und Objekt zu charakterisieren. Bei den 
Übertragungsneurosen (Angst- und Konversionshysterie, Zwangsneurose) 
lag nichts vor, was diesen Gegensatz in den Vordergrund gerückt hätte. 
Man wußte zwar, daß die Versagung des Objekts den Ausbruch der 
Neurose herbeiführt, und daß die Neurose den Verzicht auf das reale 
Objekt involviert, auch daß die dem realen Objekt entzogene Libido auf 
ein phantasiertes Objekt und von da aus auf ein verdrängtes zurück- 
geht (Introversion). Aber die Objektbesetzung überhaupt wird bei ihnen 
mit großer Energie festgehalten, und die feinere Untersuchung des Ver- 
drängungsvorganges hat uns anzunehmen genötigt, daß die Objekt- 
besetzung im System Ubw trotz der Verdrängung — vielmehr infolge 
derselben — fortbesteht. Die Fähigkeit zur Übertragung, welche wir bei 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



264 Sigm. Freud. 

diesen Aflfektionen therapeutisch ausnützen, setzt ja die ungestörte Ob- 
jektbesetzung voraus. 

Bei der Schizophrenie hat sich uns dagegen die Annahme auf- 
gedrängt, daß nach dem Prozesse der Verdrängung die abgezogene Libido 
kein neues Objekt suche, sondern ins Ich zurücktrete, daß also hier die 
Objektbesetzungen aufgegeben und ein primitiver objektloser Zustand 
von Narzißmus wiederhergestellt werde. Die Unfähigkeit dieser Patienten 
zur Übertragung, — soweit der Krankheitsprozeß reicht, — ihre daraas 
folgende therapeutische Unzugänglichkeit, die ihnen eigentümliche Ab- 
lehnung der Außenwelt, das Auftreten von Zeichen einer Überbesetzung 
des eigenen Ichs, der Ausgang in völlige Apathie, all diese klinischen 
Charaktere scheinen zu der Annahme eines Aufgebens der Objekt- 
besetzungen trefflich zu stimmen. Von selten des Verhältnisses der beiden 
psychischen Systeme wurde allen Beobachtern auffallig, daß bei der 
Schizophrenie vieles als bewußt geäußert wird, was wir bei den Über- 
tragungsneurosen erst durch Psychoanalyse im übw nachweisen müssen. 
Aber es gelang zunächst nicht, zwischen der Ich-Objektbeziehung und 
den Bewußtseinsrelationen eine verständliche Verknüpfung herzustellen. 

Das Gesuchte scheint sich auf folgendem unvermuteten Wege zu 
ergeben. Bei den Schizophrenen beobachtet man, zumal in den so lehr- 
reichen Anfangsstadien, eine Anzahl von Veränderungen der Sprache, 
von denen einige es verdienen, unter einem bestimmten Gesichtspunkt 
betrachtet zu werden. Die Ausdrucksweise wird oft Gegenstand einer 
besonderen Sorgfalt, sie wird „gewählt", „geziert". Die Sätze erfahren 
eine besondere Desorganisation des Aufbaues, durch welche sie uns un- 
verständlich werden, so daß wir die Äußerungen der Kranken für un- 
sinnig halten. Im Inhalt dieser Äußerungen wird oft eine Beziehung zu 
Körperorganen oder Körperinnervationen in den Vordergrund gerückt 
Dem kann man anreihen, daß in solchen Symptomen der Schizophrenie, 
welche hysterischen oder zwangsneurotischen Ersatzbildungen gleichen, 
doch die Beziehung zwischen dem Ersatz und dem Verdrängten Eigen- 
tümlichkeiten zeigt, welche uns bei den beiden genannten Neurosen be- 
fremden würden. 

Herr Dr. V. Tausk (Wien) hat mir einige seiner Beobachtungen 
bei beginnender Schizophrenie zur Verfügung gestellt, die durch den 
Vorzug ausgezeichnet sind, daß die Kranke selbst noch die Aufklärung 
ihrer Reden geben wollte. Ich will nun an zweien seiner Beispiele zeigen, 
welche Auffassung ich zu vertreten beabsichtige, zweifle übrigens nicht 
daran, daß es jedem Beobachter leicht sein würde, solches Material in 
Fülle vorzubringen. 

Eine der Kranken T a u s k s, ein Mädchen, das nach einem Zwist 
mit ihrem Geliebten auf die Klinik gebracht wurde, klagt: 



.. f^^r^^.^fu Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



i 



Das unbewußte. 265 

Die Augen sind nicht richtig, sie sind verdreht. Das 
erläutert sie selbst, indem sie in geordneter Sprache eine Reihe von 
Vorwürfen gegen den Geliebten vorbringt. „Sie kann ihn gar nicht ver- 
stehen, er sieht jedesmal anders aus, er ist ein Heuchler, ein Au gen- 
verdrehe r, er hat ihr die Augen verdreht, jetzt hat sie verdrehte 
Augen, es sind nicht mehr ihre Augen, sie sieht die Welt jetzt mit 
anderen Augen." 

Die Äußerungen der Kranken zu ihrer unverständlichen Rede haben 
den Wert einer Analyse, da sie deren Äquivalent in allgemein verständ- 
licher Ausdrucks weise enthalten; sie geben gleichzeitig Aufschluß über 
Bedeutung und über Genese der schizophrenen Wortbildung. In Überein- 
stimmung mit Tausk hebe ich aus diesem Beispiel hervor, daß die 
Beziehung zum Organ (zum Auge) sich zur Vertretung des ganzen In- 
halts aufgeworfen hat. Die schizophrene Rede hat hier einen hypochon- 
drischen Zug, sie ist Organ spräche geworden. 

Eine zweite Mitteilung derselben Kranken : „Sie steht in der Kirche, 
plötzlich gibt es ihr einen Ruck, sie muß sich anders stellen, als 
stellte sie jemand, als würde sie gestellt." 

Dazu die Analyse durch eine neue ReiLe von Vorwürfen gegen den 
Geliebten, „der ordinär ist, der sie, die vom Hause aus fein war, auch 
ordinär gemacht hat. Er hat sie sich ähnlich gemacht, indem er sie 
glauben machte, er sei ihr überlegen; nun sei sie so geworden, wie er 
ist, weil sie glaubte, sie werde besser sein, wenn sie ihm gleich werde. 
Er hat sich verstellt, sie ist jetzt so wie er (Identifizierung!), er hat 
sie verstellt". 

Die Bewegung „des sich anders Stellen", bemerkt Tausk, ist eine 
Darstellung des Wortes „verstellen" und der Identifizierung mit dem Ge- 
liebten. Ich hebe wiederum die Prävalenz jenes Elements des ganzen 
Gedankenganges hervor, welche eine körperliche Innervation (vielmehr 
deren Empfindung) zum Inhalt hat. Eine Hysterika hätte übrigens im 
ersten Falle krampfhaft die Augen verdreht, im zweiten den Ruck wirk- 
lich ausgeführt, anstatt den Impuls dazu oder die Sensation davon zu 
verspüren, und in beiden Fällen hätte sie keinen bewußten Gedanken 
dabei gehabt und wäre auch nachträglich nicht im stände gewesen, solche 
zu äußern. 

Soweit zeugen diese beiden Beobachtungen für das, was wir hypo- 
chondrische oder Organsprache genannt haben. Sie mahnen aber auch, 
was uns wichtiger erscheint, an einen anderen Sachverhalt, der sich be- 
liebig oft z. B. an den in Bleulers Monographie gesammelten Bei- 
spielen nachweisen und in eine bestimmte Formel fassen läßt. Bei der 
Schizophrenie werden die Worte demselben Prozeß unterworfen, der 
aus den latenten Traumgedanken die Traumbilder macht, den wir den 
psychischen Primärvorgang geheißen haben. Sie werden ver- 



.. f^^r^^.^fu Original from 

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266 3ig°^- Freud. 

dichtet und übertragen einander ihre Besetzungen restlos durch Ver- 
schiebung; der Prozeß kann so weit gehen, daß ein einziges, durch mehr- 
fache Beziehungen dazu geeignetes Wort die Vertretung einer ganzen 
Gedankenkette übernimmt. Die Arbeiten von Bleuler, Jung und ihren 
Schülern haben gerade für diese Behauptung reichliches Material er- 
geben. ^) 

Ehe wir aus solchen Eindrücken einen Schluß ziehen, wollen wir 
noch der feinen, aber doch befremdlich wirkenden Unterschiede zwischen 
der schizophrenen und der hysterischen und zwangsneurotischen Ersatz- 
bildung gedenken. Ein Patient, den ich gegenwärtig beobachte, läßt 
sich durch den schlechten Zustand seiner Gesichtshaut von allen Inter- 
essen des Lebens abziehen. Er behauptet, Mitesser zu haben und tiefe 
Löcher im Gesicht, die ihm jedermann ansieht. Die Analyse weist nach, 
daß er seinen Eastrationskomplex an seiner Haut abspielt. Er beschäftigte 
sich zunächst reuelos mit seinen Mitessern, deren Ausdrücken ihm große 
Befriedigung bereitete, weil dabei etwas herausspritzte, wie er sagt. 
Dann begann er zu glauben, daß überall dort, wo er einen Komedo be- 
seitigt hatte, eine tiefe Grube entstanden sei, und er machte sich die 
heftigsten Vorwürfe, durch' sein „beständiges Herumarbeiten mit der 
Hand" seine Haut für alle Zeiten verdorben zu haben. Es ist evident, 
daß ihm das Auspressen des Inhalts der Mitesser ein Ersatz für die 
Onanie ist. Die Grube, die darauf durch seine Schuld entsteht, ist das 
weibliche Genitale, d. h. die Erfüllung der durch die Onanie provozierten 
Kastrationsdrohung (resp. der sie vertretenden Phantasie). Diese Ersatz- 
bildung hat trotz ihres hypochondrischen Charakters viel Ähnlichkeit 
mit einer hysterischen Konversion, und doch wird man das Gefühl haben, 
daß hier etwas anderes vorgehen müsse, daß man solche Ersatzbildung 
einer Hysterie nicht zutrauen dürfe, noch ehe man sagen kann, worin 
die Verschiedenheit begründet ist. Ein winziges Grübchen wie eine Haut- 
pore wird ein Hysteriker kaum zum Symbol der Vagina nehmen, die 
er sonst mit allen möglichen Gegenständen vergleicht, welche einen 
Hohlraum umschließen. Auch meinen wir, daß die Vielheit der Grübchen 
ihn abhalten wird, sie als Ersatz für das weibliche Genitale zu ver- 
wenden. Ähnliches gilt für einen jugendlichen Patienten, über den 
Tausk vor Jahren der Wiener psychoanalytischen Gesellschaft berichtet 
hat. Er benahm sich sonst ganz wie ein Zwangsneurotiker, verbrauchte 
Stunden für seine Toilette u. dgl. Es war aber an ihm auffällig, daß er 
widerstandslos die Bedeutung seiner Hemmungen mitteilen konnte. Beim 
Anziehen der Strümpfe störte ihn z. B. die Idee, daß er die Maschen 
des Gewebes, also Löcher auseinanderziehen müsse, und jedes Loch war 
ihm Symbol der weiblichen Geschlechtsöffnung. Auch dies ist einem 

*) Gelegentlich behandelt die Traumarbeit die Worte wie die Dinge und schafft 
dann sehr ähnliche „schizophrene** Reden oder Wortneubildnngen, 



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Das Unbewnfite. 267 

Zwangsneurotiker nicht zuzutrauen; ein solcher, aus der Beobachtung 
von R. R eitler, der am gleichen Verweilen beim Strumpfanziehen litt, 
fand nach Überwindung der Widerstände die Erklärung, daß der Fuß 
ein Penissymbol sei, das Überziehen des Strumpfes ein onanistischer Akt, 
und er mußte den Strumpf fortgesetzt an- und ausziehen, zum Teil, um 
das Bild der Onanie zu yervollkommnen, zum Teil, um sie ungeschehen 
zu machen. 

Fragen wir uns, was der schizophrenen Ersatzbildung und dem 
Symptom den befremdlichen Charakter verleiht, so erfassen wir endlich, 
daß es das Überwiegen der Wortbeziehung über die Sachbeziehung ist. 
Zwischen dem Ausdrücken eines Mitessers und einer Ejakulation aus dem 
Penis besteht eine recht geringe Sachähnlichkeit, eine noch geringere 
zwischen den unzähligen seichten Hautporen und der Vagina ; aber im ersten 
Falle spritzt beide Male etwas heraus, und für den zweiten gilt wörtlich 
der zynische Satz: Loch ist Loch. Die Gleichheit des sprachlichen Aus- 
drucks, nicht die Ähnlichkeit der bezeichneten Dinge hat den Ersatz 
vorgeschrieben. Wo die beiden — Wort und Ding — sich nicht decken, 
weicht die schizophrene Ersatzbildung von der bei den Übertragungs- 
neurosen ab. 

Setzen wir diese Einsicht mit der Annahme zusammen, daß bei der 
Schizophrenie die Objektbesetzungen aufgegeben werden. Wir müssen 
dann modifizieren : die Besetzung der Wort Vorstellungen der Objekte wird 
festgehalten. Was vrir die bewußte Objektvorstellung heißen durften, zer- 
legt sich uns jetzt in die Wortvorstellung und in die S ach Vor- 
stellung, die in der Besetzung, wenn nicht der direkten Sacherinnerungs- 
bilder, doch entfernterer und von ihnen abgeleiteter Erinnerungsspuren 
besteht. Mit einem Male glauben wir nun zu wissen, wodurch sich eine 
bewußte Vorstellung von einer unbewußten unterscheidet. Die beiden 
sind nicht, wie wir gemeint haben, verschiedene Niederschriften desselben 
Inhalts an verschiedenen psychischen Orten, auch nicht verschiedene 
funktionelle Besetzungszustände an demselben Orte, sondern die bewußte 
Vorstellung umfaßt die Sachvorstellung plus der zugehörigen Wort- 
vorstellung, die unbewußte ist die Sachvorstellung allein. Das System Ubw 
enthält die Sachbesetzungen der Objekte, die ersten und eigentlichen 
Objektbesetzungen ; das System Vbw entsteht, indem diese Sachvorstellung 
durch die Verknüpfung mit den ihr entsprechenden Wortvorstellungen 
überbesetzt wird. Solche Überbesetzungen, können wir vermuten, sind es, 
welche eine höhere psychische Organisation herbeiführen und die Ab- 
lösung des Primärvorganges durch den im Vbw herrschenden Sekundär- 
vorgang ermöglichen. Wir können jetzt auch präzise ausdrücken, was 
die Verdrängung bei den Übertragungsneurosen der zurückgewiesenen 
Vorstellung verweigert : Die Übersetzung in Worte, welche mit dem 
Objekt verknüpft bleiben sollen. Die nicht in Worte gefaßte Vorstellung 



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268 Sigm. Freud, 

oder der nicht überbesetzte psychische Akt bleibt dann im Ubw als ver- 
drängt zurück. 

Ich darf darauf aufmerksam machen, wie frühzeitig wir bereits die 
Einsicht besessen haben, die uns heute einen der auffälligsten Charaktere 
der Schizophrenie verständlich macht. Auf den letzten Seiten der 1900 
veröffentlichten „Traumdeutung" ist ausgeführt, daß die Denkvorgänge, 
d. i. die von den Wahrnehmungen entfernteren Besetzungsakte an sich 
qualitätslos und unbewußt sind und ihre Fähigkeit, bewußt zu werden, 
nur durch die Verknüpfung mit den Resten der Wortwahrnehmungen 
erlangen. Die Wortvorstellungen entstammen ihrerseits der Sinneswahr- 
nehmung in gleicher Weise wie die Sachvorstellungen, so daß man die 
Frage auf werfen könnte, warum die Objektvorstellungen nicht mittels 
ihrer eigenen Wahrnehmungsreste bewußt werden können. Aber wahr- 
scheinlich geht das Denken in Systemen vor sich, die von den ursprüng- 
lichen Wahrnehmungsresten so weit entfernt sind, daß sie von deren 
Qualitäten nichts mehr erhalten haben und zum Bewußtwerden einer Ver- 
stärkung durch neue Qualitäten bedürfen. Außerdem können durch die 
Verknüpfung mit Worten auch solche Besetzungen mit Qualität versehen 
werden, die aus den Wahrnehmungen selbst keine Qualität mitbringen 
konnten, weil sie bloß Relationen zwischen den Objekt Vorstellungen ent- 
sprechen. Solche erst durch Worte faßbar gewordene Relationen sind 
ein Hauptbestandteil unserer Denkvorgänge. Wir verstehen, daß die Ver- 
knüpfung mit Wortvorstellungen noch nicht mit dem ßewußtwerden zu- 
sammenfällt, sondern bloß die Möglichkeit dazu gibt, daß sie also kein 
anderes System als das des Vbw charakterisiert. Nun merken wir aber, 
daß wir mit diesen Erörterungen unser eigentliches Thema verlassen und 
mitten in die Probleme des Vorbewußten und Bewußten geraten, die wir 
zweckmäßigerweise einer gesonderten Behandlung vorbehalten. 

Bei der Schizophrenie, die wir ja hier auch nur so weit berühren, 
als uns zur allgemeinen Erkennung des Ubw unerläßlich scheint, muß 
uns der Zweifel auftauchen, ob der hier Verdrängung genannte Vorgang 
überhaupt noch etwas mit der Verdrängung bei den Übertragungsneurosen 
gemein hat. Die Formel, die Verdrängung sei ein Vorgang zwischen dem 
System Ubw und dem Vbw (oder Bw) mit dem Erfolg der Fernhaltung 
vom Bewußtsein, bedarf jedenfalls einer Abänderung, um den Fall der 
Dementia praecox und anderer narzißtischer Affektionen mit einschheßen 
zu können. Aber der Fluchtversuch des Ichs, der sich in der Abziehung 
der bewußten Besetzung äußert, bleibt immerhin als das Gemeinsame be- 
stehen. Um wie vieles gründlicher und tiefgreifender dieser Fluchtversuch, 
diese Flucht des Ichs bei den narzißtischen Neurosen ins Werk gesetzt 
wird, lehrt die oberflächlichste Überlegung. 

Wenn diese Flucht bei der Schizophrenie in der Einziehung der 
Triebbesetzung von den Stellen besteht, welche die unbewußte Objekt- 



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Das Unbewußte. 269 

Vorstellung repräsentieren, so mag es befremdlieh erscheinen, daß der 
dem System Vbw angehörige Teil derselben Objektvorstellung — die ihr 
entsprechenden Wortvorstellungen — vielmehr eine intensivere Besetzung 
erfahren sollen. Man könnte eher erwarten, daß die Wortvorstellung als 
der vorbewußte Anteil den ersten Stoß der Verdrängung auszuhalten hat, 
und daß sie ganz und gar unbesetzbar wird, nachdem sich die Ver- 
drängung bis zu den unbewußten Sachvorstellungen fortgesetzt hat. Dies 
ist allerdings eine Schwierigkeit des Verständnisses. Es ergibt sich die 
Auskunft, daß die Besetzung der Wortvorstellung nicht zum Verdrängungs- 
akt gehört, sondern den ersten der Herstell ungs- oder Heilungs versuche 
darstellt, welche das klinische Bild der Schizophrenie so auffallig be- 
herrschen. Diese Bemühungen wollen die verlorenen Objekte wieder be- 
kommen, und es mag wohl sein, daß sie in dieser Absicht den Weg 
zum Objekt über den Wortanteil desselben einschlagen, wobei sie sich 
aber dann mit den Worten an Stelle der Dinge begnügen müssen. Unsere 
seelische Tätigkeit bewegt sich ja ganz allgemein in zwei entgegen- 
gesetzten Verlaufsrichtungen, entweder von den Trieben her durch das 
System übw zur bewußten Denkarbeit, oder auf Anregung von außen 
durch das System des Bw und Vbw bis zu den ubw Besetzungen des 
Ichs und der Objekte. Dieser zweite Weg muß trotz der vorgefallenen 
Verdrängung passierbar bleiben und steht den Bemühungen der Neurose, 
ihre Objekte wieder zu gewinnen, ein Stück weit offen. Wenn wir ab- 
strakt denken, sind wir in Gefahr, die Beziehungen der Worte zu den 
unbewußten Sachvorstellungen zu vernachlässigen, und es ist nicht zu 
leugnen, daß unser Philosophieren dann eine unerwünschte Ähnlichkeit 
in Ausdruck und Inhalt mit der Arbeitsweise der Schizophrenen gewinnt. 
Anderseits kann man von der Denkweise der Schizophrenen die Cha- 
rakteristik versuchen, sie behandeln konkrete Dinge, als ob sie abstrakte 
wären. 

Wenn wir wirklich das Ubw agnosziert und den Unterschied einer 
unbewußten Vorstellung von einer vorbewußten richtig bestimmt haben, 
so werden unsere Untersuchungen von vielen anderen Stellen her zu 
dieser Einsicht zurückführen müssen. 



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n. 
Analyse von Gleichnissen. 

(Gleichnisse der Patienten — Konzentration und Verdrängung — Funktionen 
der Zensur — Aktion und Hemmung — Die Lust am Gleichnis.) 

Von Dr. S. Ferenczi (Budapest). 

Viele Patienten haben die Neigung, ihre Ideen und Einfalle durch 
Gleichnisse zu erläutern. Es sind oft wenig passende, „bei den Haaren 
herbeigezogene'^ Analogien zu dem, was der Patient zu verdeutlichen 
sucht, sehr oft sind aber die Gleichnisse wirklich treffend, geistreich 
oder witzig. Ich finde, daß diese Produktionen des Analysierten beson- 
dere Aufmerksamkeit verdienen und daß sie oft einen direkten Zugang zum 
verborgenen psychischen Material gestatten. Ich möchte das an einigen 
Beispielen zeigen und wähle dazu die Gleichnisse einiger Patienten, 
die nicht müde wurden den Eindruck, den sie vom Fortgang der Ana- 
lysenarbeit bekamen, mit Bemerkungen zu begleiten. Es sind also 
Gleichnisse zur Psychoanalyse. 

„Die Analyse ist langweilig*^ — sagt ein Patient — „sie 
gleicht der mühseligen Arbeit, mit der man Mohnkörner 
von Reiskörnern sondert." 

Die Wahl dieses Gleichnisses war nicht zufallig, das „Körnersuchen" 
führte direkt zu Kinderszenen aus dem Leben des — infantil fixierten 
— Patienten. 

„Die Analysenarbeit ist wie das Schälen von Hülsen- 
früchten" — sagte ein anderer Patient. — „Man wirft die Schalen 
weg und behält die Bohnen." Die Analyse dieses Einfalles führte 
tiefer. Patient erinnerte, daß er als Kind die kleinen Kotstücke, die 
seine Schwester ausschied, Bohnen nannte. Von dieser Erinnerung er- 
öffnete sich ein Weg zur Analerotik des Patienten. 

„Ich finde den Unterschied zwischen Hypnose und 
Analyse so: die Hypnose ist wie der Pracker, der den 
Staub in die Kleider noch tiefer hineinschlägt, die Ana- 
lyse aber ist wie der Vacuum- Cleaner, sie saugt die Sym- 
ptome heraus." Dieser ausgezeichnete Vergleich ist dem bekannten 
Vergleiche Freuds, der die Hypnose und Analyse mit den von Leonardo 



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Analyse von Gleichnissen. 271 

charakterisierten Arten der Malerei- und Bildhauerei-Technik ^) ver- 
gleicht, an die Seite zu stellen. Vom Standpunkte des homosexuell- 
masochistischen Patienten hatte aber sowohl der Vergleich mit dem 
Schlagen, als der mit dem Saugen auch eine rein persönlich-historische 
Bedeutung, die dann die Analyse aufdeckte. 

„Die Analyse ist wie eine Wurmabtreibungskur'^ — sagte 
ein Patient — „man mag noch so viele Wurmglieder abtreiben, 
solange der Kopf drin bleibt, hat man gar nichts davon." 
Ich glaube nicht, daß die Tendenz der psychoanalytischen Therapie je 
treffender gekennzeichet worden wäre. Die Symptome sind wirklich nur 
entfernte „Glieder" einer psychischen Organisation, die ihren Kern, ihren 
„Kopf", aus dem sie ihre Kraft saugt, im Unbewußten hat; solange nicht 
auch der Kopf ans Licht gebracht ist, muß man mit dem Wiedererschei- 
nen der — zeitweilig vielleicht beseitigten — Symptomglieder rechnen. 
Für die Zwecke der Analyse des Patienten mußte aber dieser Vergleich 
zur Klarlegung analer Kleinkindererfahrungen verwertet werden. Dieses 
Gleichnis enthielt übrigens auch die richtige Vorahnung, daß seine Kur 
vor dem Ende abgebrochen werden wird, und zwar aus Geldrücksichten. 
Den analen Kopf seines Neurosenwurms ließ sich der Patient nicht 
nehmen. 

„In der Analyse ist mir zu Mute wie einem eingefan- 
genen wilden Tier in seinem Käfig." 

„Ich fühle mich wie ein Hund, der vergeblich an der 
Kette zerrt." 

„Die Deutungen, mit denen Sie meine Einfälle be- 
gleiten, bringen mich in die Lage eines vonFlammen um- 
gebenen Skorpion; wo immer ich hin will, werde ich vom 
Feuer Ihrer Aussagen gesengt; ich muß am Ende Selbst- 
mord begehen." 

Diese drei Gleichnisse rühren von einem Patienten her, dem den 
besonders aggressiven Hintergrund seiner manifesten Rührseligkeit und 
Milde nachzuweisen ich mich vergeblich bemühte. Daß er sich aber in 
diesen und vielen anderen Vergleichen gerade mit wilden, bissigen und 
giftigen Ti^en verglich, mußte ich als Bestätigung meiner Annahmen 
deuten. 

Manchmal kann man hinter einer scheinbar aufs Geratewohl ge- 
wählten Metapher Bedeutsames vermuten, so bei der Patientin, die ihren 
Seelenzustand mit den Worten charakterisierte: „Mir ist, als wäre 
ein Fleck auf meiner Seele." Dieser Fleck konnte nicht meta- 
phorisch, sondern in der ursprünglichen Bedeutung genommen werden. 
Natürlich war der Fleck nicht auf der „Seele". 



») Vgl. Freud: Kl. Sehr. z. Neurosenlehre. 1906, S. 208. 



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272 ^^' S.Ferenczi 

„Schwere Geburt!" sagte ein Patient höhnisch, als wir keine 
Fortschritte in der Analyse machten. — Er wußte nicht, daß die Wahl 
dieses Ausdruckes von der schweren Geburt seiner eigenen Frau be- 
stimmt war. Wegen dieser schweren Geburt durfte er nicht mehr an 
Nachkommenschaft denken, obzwar sein Erstgeborener inzwischen ge- 
storben war. 

„Sie kommen mir vor wie ein Farmer, der sich auch 
an den dunkelsten Stellen meines Seelenurwaldes aus- 
kennt" — sagte sein anderer Patient. Das Material zu diesem ziem- 
lich gezwungenen Vergleich lieferten natürlich die eigenen juvenilen 
Robinson-Phantasien. 

Bei der Analyse dieses letzteren Vergleiches muß man nebst der 
lebensgeschichtlichen auch an die Mitwirkung tieferer symbolischer 
Determinanten denken. Wenn wir berücksichtigen, daß der Vergleich 
von einem Patienten herrührt, dessen sexuelle Minderleistung auf nar- 
zißtisch-homosexuelle Fixierung zurückzuführen war, darf man seinen 
Ausspruch als Zeichen der Übertragung auf den Arzt, und die „dunklen 
Stellen seines Seelenurwaldes" sexualsymbolisch auffassen. 

Viel deutlicher spricht die Symbolik aus folgenden Gleichnissen an- 
derer Patienten: 

„Die Analyse ist wie das Gewitter, das die Algen vom 
Meeresgrunde aufpeitscht." (sie!) 

In Zusammenhang mit dem schon vorher Bekanntgewordenen mußte 
ich dieses Bild von unbewußten Geburtsphantasien der Patientin ableiten. 

„Ich kann mich mit dieserKur,wo man denPatienten 
allein läßt und seinen Einfällen nicht nachhilft, nicht 
befreunden. Die Analyse bohrt einfach in die Tiefe und 
hofft, daß das Verborgene, wie ein Artesischer Brunnen, 
von selbst in die Höhe springen wird; wo aberder innere 
Druck so gering ist wie bei mir, müßte man mit einem 
Pumpwerk nachhelfen." 

Zum ^Verständnis des Sexualsymbolischen in diesem Gleichnisse 
genügt die Angabe, daß es sich um einen Patienten mit ungewöhnlich 
starker Vaterfixierung handelte, der seine Gefühle auch auf den Arzt 
übertrug. 

Ein Patient erzählt, daß er beim Festmahl nach der Hochzeit seiner 
Schwester in einem Trinkspruch an seinen neuen Schwager folgende 
Ansprache richtete : 

„Deine edlen Gedanken, wenn sie erst durch die Re- 
torte deiner Gattin hindurchgegangen sind, werden noch 
edler herauskristallisieren." 

Besonders da dieses Gleichnis aus Anlaß einer Hochzeit geprägt 
wurde, muß es auf jeden Zuhörer als Anspielung auf sexuelle und 6e- 



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Analyse von Gleichnissen. 273 

burtsvorgänge gewirkt haben. Nur der Redner selbst wußte von dieser 
Tendenz nichts. 

„Wenn es Ihnen gelingt, zu meinen unbewußten Ge- 
danken durchzudringen, dann sind Sie in meinen Augen, 
wie der Held, der das eherne Tor Eonstantinopels mit 
einem Eeulenschlag einbrach.^ 

Zur Erklärung des Gleichnisses möge dienen, daß die Symptome 
und die Träume des Patienten — obzwar er selbst nichts davon wissen 
will — auf eine starke sadistische Eomponente der Sexualkonstitution 
schließen lassen. 

Diese Reihe von Beispielen genügt, um sich überhaupt eine Vor- 
stellung von den psychischen Verhältnissen bei der Gleichnisbildung zu 
machen. Wenn jemand seine Aufmerksamkeit darauf konzentriert, ein 
Gleichnis zu irgend etwas zu suchen, so ist ihm nur an der Gleichheit, 
der Ähnlichkeit gelegen, dagegen vollkommen gleichgültig, aus 
welchem Material das Gleichnis geschöpft wird. Wir merken nun, daß 
unter diesen Umständen dieses „gleichgültige" Material fast allemal dem 
verdrängten Unbewußten entstammt. Dies macht es uns zur Pflicht, die 
Gleichnisse des Patienten sorgfältig auf ihren unbewußten Hintergrund 
zu untersuchen; die Gleichnisanalyse erweist sich neben der Analyse 
der Träume, der Fehl- und Symptombehandlungen der Patienten als 
eine nicht unwichtige Waffe der analytischen Technik. 

Wir konnten auch konstatieren, daß das in den Gleichnissen ent- 
haltene Material — wie Stücke des manifesten Trauminhaltes — sich bald 
als Erinnerungsrest aus der Lebensgeschichte des Patienten erwies, also 
real zu nehmen war, bald wiederum als der symbolische Ausdruck un- 
bewußter Tendenzen; natürlich können auch beide Gleichnisquellen an 
einem und demselben Gleichnis beteiligt sein. 

Von prinzipieller Wichtigkeit scheint mir zu sein, daß die Eonzen- 
tration der Aufmerksamkeit (des Interesses, vielleicht auch eines Teiles 
des Libido) auf das Gleichnissuchen eine ähnliche Milderung der 
Zensur zur Folge hat, wie sie uns bei der Traumbildung bekannt ge- 
worden ist; das bisher Verdrängte kann — wenn auch in entstellter 
oder symbolischer Darstellung — bei der Eonzentration auf die Gleichnis- 
suchung in ähnlicher Weise zum Bewußtsein durchdringen, wie bei der 
Eonzentration des Interesses auf den Wunsch, zu schlafen. Auch dem 
Schlafenden ist nur an der Aufrechterhalt ung des Schlafzustandes gelegen, 
alles andere ist ihm zunächst gleichgültig. Natürlich drängt sich aber 
von diesem „gleichgültigem" psychischen Material, das infolge des bis 
jetzt darauf lastenden Druckes stärker gespannte Material: d. h. das 
Verdrängte in erster Linie vor. Die Stärke der „ Vordrän gungstendenz" 
muß der Eraft der bi:iherigen Verdrängung entsprechen. 

ZeitMhr. f. Irstl. Psychoanalyse. III/6. ^^ 



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274 ^'' S' Ferenczi. 

Dieses reziproke Verhältnis der Aufmerksamkeit zur Zugänglichkeit des 
Verdrängten ist uns übrigens von zahlreichen anderen Gebieten her geläufig. 
Die „freie Assoziation*, die Haupt waffe der psychoanalytischen 
Technik, ist nur durch Einhaltung der Freudschen „Grundregel" zu- 
gänglich geworden, wonach der Patient sich bestreben muß, sich gegen- 
über seinen Einfallen möglichst „gleichgültig" zu verhalten. Erst bei 
Einhaltung dieser Vorschrift taucht aus dem Verdrängten das zu deutende 
und einzuordnende Material auf ; wenn aber jemand sich anstrengt, ein 
Symptom oder einen Einfall mit bewußter Aufmerksamkeit zu ergründen, 
so spornt er damit die Zensur nur zu erhöhter Wachsamkeit auf. Freud 
hat uns übrigens gelehrt, daß auch der Analytiker nicht nur durch 
logische Anstrengung, sondern oft eher durch freies Spielenlassen der 
Einfälle zu den richtigen Deutungen gelangt, wozu eine gewisse Gleich- 
gültigkeit den Einfällen des Patienten gegenüber nötig ist. Ein ungestümes 
Wissen- oder Heilenwollen führt zu nichts oder auf Abwege. 

In der Psychopathologie des Alltags zeigt sich die erwähnte Rezi- 
prozität am auffälligsten. Die verräterischen Fehlhandlungen des 
„zerstreuten Professors" sind das Ergebnis der geistigen Konzentration 
auf einen Gegenstand und der Gleichgültigkeit allen sonstigen Dingen 
gegenüber. (Siehe das Archimedische: „Noli turbare circulos meos.") 

Auch ihre „Symptomhandlungen'' betätigen die Menschen 
um so ausgiebiger, je mehr sie durch etwas anderes abgelenkt sind. Beim 
Vergessen von Eigennamen pflegt das bewußte Suchen nichts zu 
nützen; beim Nachlaß der Anstrengung fällt einem das Vergessene von 
selbst ein. 

Durch Berücksichtigung des reziproken Verhältnisses zwischen 
Konzentriertheit und Verdrängung wird uns auch die Symtomatologie 
der Hypnose und der Suggestion um etwas verständlicher. 
Wir konnten behaupten, daß die hypnotische Gefügigkeit auf blinden 
Grehorsam, dieser aber auf die übertragene elterliche Fixierung zurück- 
zuführen ist. Es gibt nur zwei Arten von Hypnose: die Vaterhypnose 
(die man auch Schreckhypnose nennen kann) und die Mutterhypnose 
(mit anderen Worten : die ö c h m e i c h e 1 h y p n o s e), *) Die Konzentration 
auf die Affekte des Schreckens und der Liebe macht die Hypnotisierten 
für alles andere gleichgültig. Der Seelenzustand des vor Schreck Kata- 
leptisierten ließe sich in folgenden Sätzen ausdrücken: „Ich fühle, tue und 
sage alles, was du willst, nur sei du mir nicht böse.'' Der Verliebte 
könnte sagen: „Dir zuliebe glaube, sehe und handle ich, wie du willst. 
Alles außer deiner Liebe ist mir gleichgültig." 

Mag es sich aber um welche Form der Hypnose immer handeln, 
die Erfolge der Beuer-Freudschen kathartischen Methode beweisen 

^) Ferenczi, Introjektion und Übertragung. (IL Psychoanalyse der Hypnose 
und Suggestion.) Jahrbuch f. Psychoan., I. Bd. 



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Analyse von Gleichnissen. 275 

uns, daß hier infolge der Faszinierung durch den Hypnotiseur und 
der Gleichgültigkeit gegen alles andere auch das sonst tief verdrängte 
psychische Material mit Leichtigkeit bewußt wird. 

Daß übrigens die Konzentration bei der Hypnose eine große Rolle 
spielt, zeigen schon die beim Hypnotisieren oft förderlichen Praktiken 
der optischen und akustischen Konzentration. 

In diesem Zusammenhange muß ich auch auf die Praktiken der 
sogenannten Kristallschauer oder Spiegelschauer (Lekano- 
skopen, Lekanomanten) hinweisen, die ihre Aufmerksamkeit krampfhaft 
auf einen optischen Punkt fesseln und dabei weissagen. Die Unter- 
suchungen S i 1 b e r e r s *) beweisen, daß bei diesen Weissagungen eigentlich 
das eigene Unbewußte zu Worte kommt ; wir würden hinzufügen : infolge 
der bei der Konzentration erfolgenden Zensurmilderung fürs gleichgültiger 
gewordene Verdrängt,e. 

Bei überstarker Besetzung eines Affekts, z. B. bei Ausbrüchen des 
Hasses, der sich in Flüchen Luft macht, kann man Ähnliches beob- 
achten. In einer psychologischen Untersuchung „über obszöne Worte" ^j 
wies ich darauf hin, daß, obzwar — oder gerade weil — der Fluchende einzig 
von dem Wunsche beseelt ist, dem Gegenstande seines Hasses einen 
großen Schimpf, gleichgültig welchen, anzutun, im Wortlaute der Flüche 
nebstbei auch die tiefstverdrängten eigenen analen und Ödipus-Wünsche, 
diesmal ganz unentstellt, zum Ausdruck gelangen. (Ich verweise auf die 
obszönen Flüche des niederen Volkes und auf deren Abschwächungen 
beim Kulturmenschen.) 

Auch in der Pathologie der Seele findet man Beweise für diese 
funktionale Beziehung zwischen Verdrängung und Interessebetonung. — 
Beim gedankenflüchtigen Manischen kommt das Verdrängfceste mit 
Leichtigkeit zum Vorschein. Wir können annehmen, daß es für ihn — im 
Gegensatz zum gehemmten Melancholiker — gleichgültig geworden ist. — 
Bei der Paraphrenie (Dementia praecox), deren Wesen im Gleichgültig- 
werden der Außenwelt und aller Objektbeziehungen besteht, sehen wir, 
daß die von den Neurotikern so vorsichtig gehüteten Geheimnisse einfach 
ausgeplauscht werden. Die Paraphreniker sind bekanntlich die besten 
Symboldeuter ; nachdem sie für sie bedeutungslos geworden sind, er- 
klären sie uns mühelos die Bedeutung aller Sexualsymbole. 

Aus unseren psychoanalytischen Kuren ersehen wir übrigens, daß 
ein gewisses „Gleichgültigwerden" vielleicht überhaupt die Bedingung ist, 
unter der Verdrängtes bewußt werden kann. Die Patienten gelangen erst 
dann zur bewußten Einsicht in eine verdrängte Regung, wenn diese für 



*) H. Silber er, Lekanomantische Versuche. Zentralblatt für Psychoanalyse, 
n. Jahrgang. 

*) Zentralblatt für Psychoanalyse, I. Jahrgang, Seite 390 ff. 

18* 



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276 ^'- S. Ferenczi. 

sie im Laufe der Kur allmählich gleichgültiger geworden ist und ihre 
Libido sich auf andere Gegenstände verschoben hat. 

Um auf ein Gebiet zurückzukehren, das unserem Ausgangspunkte 
näher liegt, verweise ich auf den von Freud beschriebenen psychischen 
Akt des Witzes, bei dem die Aufmerksamkeit von der Witztechnik 
gefesselt wird und diese Ablenkung der Aufmerksamkeit den verdrängtesten 
Tendenzen zum Ausdruck verhilft. — Schließlich zitiere ich eine münd- 
liche Aussage des Psychoanalytikers Dr. Hanns Sachs, nach dem die 
Worte, in die die Dichter ihre Ideen kleiden, oft auf die tieferen, un- 
bewußten Quellen jener Idee hindeuten. Nach Analogie mit der Gleichnis- 
bildung muß man auch hier annehmen, daß auch beim Dichter die 
Konzentration auf die Idee den Durchbruch des Verdrängten in dem aufs 
Geratewohl gewählten Wortlaute der Dichtung ermöglicht. 

Pf ister fand übrigens, daß auch die vollkommen „gedankenlos*" 
aufs Papier geworfenen (also sicher gleichgültigen) Kritzeleien oft erstaun- 
liche Mitteilungen aus dem unbewußten Seelenleben enthalten.*) 

Aus der Tatsache nun, daß in allen hier erwähnten Fällen von 
„Konzentration" die Verdrängungszensur in einem der anderweitigen 
Inanspruchnahme entsprechenden Maße an Intensität abnimmt, muß man 
darauf scL ließen, daß bei der Konzentration eine sonst als Yerdrängungs- 
zensur fungierende Energiemenge zur Verwendung gelangt. (Ob es sich 
dabei um libidinöse Energie, Interesse oder beides handelt, müssen wir 
beim heutigen Stande unseres psychoanaljrtischen Wissens dahingestellt 
sein lassen.) Dieses Vikariieren der beiden Funktionen wird uns verständ- 
licher, wenn wir bedenken, daß alle Arten von Konzentration eigentlich 
eine Art Zensurarbeit bedeuten : die Abhaltung vom Bewußtsein aller 
(innerer oder äußerer) Eindrücke mit Ausnahme jener, die von dem 
Gegenstande der Aufmerksamkeit herstammen oder die mit der psy- 
chischen Einstellung, auf die man sich konzentriert, übereinstimmen. 
Alles, was den Schlaf stört, wird von der Zensur des Schlafenden ebenso 
„verdrängt" wie im Wachzustand die ob ihrer Unmoralität bewußt- 
seinsunfähigen Gedanken. Der auf seinen Gegenstand konzentrierte 
Gelehrte wird taub und blind für alles andere, d. h. seine Zensur ver- 
drängt die Eindrücke, die auf sein Objekt keinen Bezug haben. Einen 
ähnlichen — wenn auch nur passageren — Verdrängungsprozeß müssen 
wir auch bei allen übrigen Fällen der Konzentration, so auch beim 
Gleichnissuchen vermuten. Nach alledem wird es uns verständlicher, 
daß die Energie zu solcher passagerer Verdrängungs-(Zensur-) Arbeit 
von der zwischen dem unbewußten und dem Bewußtsein ständig ein- 
gerichteten Instanz und auf deren Kosten beigestellt wird. 

*) Kryptolalie, Kryptographie und unbewußtes Vexierbild bei Normalen. Jahr- 
buch f. PS.-A., V. Bd. 



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Analyse Ton Qleichnissen. 277 

Allenfalls haben wir es in der Zensur mit einem System von be- 
grenzter Leistungsfähigkeit zu tun. Steigert man die Ansprüche an eine 
ihrer Leistungen, so kann dies nur auf Kosten der anderen geschehen.^) 
Dies entspricht also vollkommen der von Freud vorgeschlagenen An- 
schauungsweise, nach der im psychischen System verschiebbare Quanti- 
täten von an sich qualitätsloser Besetzungsenergie am Werke sind. 

Nebst dieser rein „ökonomischen" Beschreibung des Prozesses kann 
man sich aber auch über die Dynamik der vermuteten Energieverschiebung 
bei der Konzentration eine Vorstellung machen. Das Mystische und Un- 
erklärliche, das in jedem Willens- oder Aufmerksamkeitsakte immer noch 
drin steckt, schwindet zum größten Teil, wenn wir uns zu folgender 
Annahme entschließen: Das Primäre beim Aufmerksamkeitsakte ist die 
Hemmung aller Akte mit Ausnahme der intendierten. Wenn alle Wege, 
die zum Bewußtsein führen, mit Ausnahme eines einzigen, gesperrt 
werden, so fließt die psychische Energiebesetzung spontan und ohne 
daß hiezu eine eigene „Anstrengung" nötig wäre (was überdies auch 
unvorstellbar wäre), in die einzige, offen gelassene Richtung. Will ich 
also etwas au&nerksam anschauen, so tue ich das, indem ich alle Sinne 
mit Ausnahme des Gesichtssinnes vom Bewußtsein absperre; die gesteigerte 
Aufmerksamkeit für optische Reize kommt dann von selbst zu stände, 
gleichwie die Steigung des Flußniveaus von selbst zu stände kommt, wenn 
die mit ihm kommunizierenden Kanäle abgesperrt werden. Ungleiche 
Hemmung ist also dasWesen jederAktion; der Wille ist nicht 
wie die Lokomotive, die auf den Schienen dahinbraust, sondern er gleicht 
mehr dem Weichensteller, der vor der an sich qualitätslosen Energie — der 
eigentlichen lokomotorischen Kraft — alle Wege mit Ausnahme eines ein- 
zigen verschließt, so daß sie den einzigen offen gebliebenen befahren muß. 
Ich vermute, daß dies für alle Arten von „Aktionen", also auch für die 
physiologischen gilt, daß also die Innervation einer bestimmten Muskelgruppe 
eigentlich nur aus der Hemmung aller Antagonisten resultiert. — 
Die psychische Konzentration auf die Gleichnisbildung ist also nur 
möglich durch die und infolge der Hemmung des Interesses (Gleich- 
gültigkeit) gegen alles andere, u. a. auch gegen das sonst Verdrängte, 
das dann die Gelegenheit dazu benützt, sich zur Geltung zu bringen. 

Gern hätte ich — auf Grund der psychoanalytischen Beobachtung 
— über die beim Bilden und beim Anhören treffender Gleichnisse emp- 
fundene Lust etwas Neues mitgeteilt. Was ich aber fand, ist nichts als 
die Anwendbarkeit der Freud sehen Theorie vom Witz auch auf diese 
ästhetische Lustquelle. Dadurch, daß die Aufmerksamkeit, und mit ihr 



*) Dies scheint auch für die Zensiurbehörden der Großindividnen (der Staaten) 
zu gelten. Ich finde, daß seitdem die Zensur infolge des Krieges in Politicis so un- 
gemein streng geworden, ihre Strenge gegen die erotische Literatur nachgelassen hat. 



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278 Dr. S. Ferenczi. 

ein Teil der Zensurfimktion, auf die (schon an sich einigermaßen last- 
volle) Feststellung der Gleichheiten in scheinbar weit entfernten Dingen 
konzentriert, werden andere, bisher streng zensurierte Komplexe von dem 
auf ihnen lastenden Drucke befreit und dieser Ersparnis an Hemmungs- 
aufwand ist die eigentliche Lust (^die Endlust") am Gleichnis zu- 
zuschreiben. Die Lust an der Ähnlichkeit (Gleichheit) wäre also mit der 
durch die Witztechnik entfesselten Vorlust in Analogie zu bringen. 
Allerdings gibt es eine fortlaufende Reihe von den einfachen Gleichnissen, 
die gar keine unbewußte Lustquelle entfesseln, bis zu den „tiefsinnigen'^ 
und „witzigen" Vergleiclien, bei denen die Hauptlust aus dem Unbewußten 
stammt. 

Die den Gleichnissen eigentümliche Lust am Wiederfinden desselben 
Dinges in ganz anderem Material ist sicher der Ersparnis an intellek- 
tuellem Aufwand an die Seite zu stellen, die die Vorlustwirkung der 
Witztechnik bewirkt. Möglicherweise steckt aber nebst dieser Wieder- 
holungslust auch eine besondere Wiederfindungslust dahinter. 

Es gibt Menschen, die das Talent haben, auch die leiseste Spur der 
Ähnlichkeit zu ihren Bekannten in fremden Gesichtern zu entdecken. 
Es scheint, daß sie sich mit Hilfe des durch die Ähnlichkeit erweckten 
Bekanntheitsgefühls vor der unangenehmen Wirkung ganz neuer Eindrücke 
(ganz unbekannter Physiognomien) schützen. Wir merken auch, mit 
welchem Vergnügen wir eine Stadt, die wir schon kennen, wiedersehen, 
während es einer gewissen Zeit (also auch hier der Wiederholung) bedarf, 
bis sich die Härte ganz neuer Reiseeindrücke verliert. Ich glaube, daß 
die Dinge, die wir einmal „geistig einverleibt", introjiziert haben, schon 
hiedurch gleichsam „geadelt", unserer narzißtischen Libido teilhaftig werden. 
Und in letzter Linie mag das die Ursache des Vergnügens sein, das wir 
empfinden, wenn wir bei der Gleichnisbildung in einem neuen Eindruck 
das Altbekannte wiederfinden. Der überaus befremdende Eindruck, den 
die Psychoanalyse auf die Patienten macht, mag daran schuld gewesen 
sein, daß manche von ihnen — wie die eingangs mitgeteilten Beispiele 
zeigen — gleichsam den Zwang haben, diesen Eindruck durch eine ganze 
Reihe von Gleichnissen zu mildern. Die Tendenz, das Liebgewonnene in 
allen Dingen der feindlichen Außenwelt wiederzufinden, ist wahrscheinlich 
auch die Urquelle der Symbolbildung. 



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III. 
Die erotische Bedeutung der spiritistischen Personifiicationen. 

Von Hans Freiniark (Berlin- Wilmersdorf). 

Die Lehre von der Teufelsbuhlschaft, von der der „Hexenhammer" 
erfüllt ist, scheint uns oder schien vor langem eine der absurdesten Ver- 
irrungen des Menschen geistes zu sein. Und doch waren Sprenger und 
Institoris nicht so sehr unbewandert in bezug auf die Tatsachen, die ihrer 
Lehre zu Grunde lagen, als verbohrt in Hinsicht auf deren dogmatische 
Ausnützung. Was sie, teils an Hand von Zeugen, teils aus eigener Er- 
fahrung berichteten, mußte in ihnen die Meinung erwecken, daß eine 
fleischliche Vermischung zwischen Menschen und dämonischen Gestalten 
unter gewissen Voraussetzungen vor sich gehe. Diese Meinung war nicht 
dem Hirn der beiden Dominikaner entsprungen. Sie ist uralt. Die Bibel, 
die klassischen wie die indischen Sagen, ja alle Mythologien weisen 
zahlreiche Erzählungen auf, nach denen sich Götter mit Menschen fleisch- 
lich verbanden. Und der Teufel und seine Heerscharen waren ja nichts 
anderes als entthronte Götter. Die Lehre von der Teufelsbuhlschaft war 
die kirchlich zugespitzte Fortsetzung eines weit verbreiteten Volksglaubens. 
Heute wissen wir, daß die Angaben dieses Glaubens auf Hirn- und 
Gefühlsgespinsten beruhten, aber wir kennen auch die physische Dichtungs- 
kraft, der die Gespinste ihre Entstehung verdanken, und vermögen zu 
ermessen, wie völlig unmöglich es einer naiven Beobachtung sein mußte, 
die seelische Wirklichkeit dieser Geschehnisse von der zeitlich-räumlichen 
abzutrennen. Dem primitiven Gemüt fallt es schon schwer, lebhafte 
Träume nicht für Realitäten zu nehmen, noch weit mehr ist dies der 
Fall, wenn es sich um seelische Sonderzustände handelt, die nur eine 
Art Bewußtseinsdämpfung zur Vorbedingung haben. Der Übergang ist 
hier oft derartig verschwimmend, daß er überhaupt nicht als Veränderung 
der normalen Verfassung empfunden wird. 

Es sind allerdings stets von der sogenannten Norm abweichende 
Individuen, bei denen solche Störungen sich geltend machen, und das 
eigentümliche seelische Gestalten steht ferner mit den Perioden der be- 
ginnenden oder der erlöschenden Geschlechtskraft in engem Zusammenhang. 
Es sei hier an die Wachträume der Pubertät erinnert, in deren Ver- 
längerungslinie vor allem die intellektuellen Phänomene der sogenannten 



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280 ^vaia Freimark, 

Medien liegen, dieser modernen Vertreter des Sibyllen- und Propheten- 
tums. Das Medium bildet gleich dem Wachträumenden Typen, nur daß 
dieser sich seiner Identität mit den Hauptfiguren bewußt ist, ja diese in 
voller Absicht schafft, während das Medium diese Identität leugnet und 
seine Personifikationen für völlig fremde Wesenheiten ausgibt. Das er- 
klärt sich freilich zur Genüge aus dem Umstand, daß im Wachtraum 
der bewußte Wille der Lenker des Spieles ist, wohingegen im Trance, 
sei er welchen Tiefengrades immer, dieses Spiel unbeeinflußt von den 
bewußten Absichten des Mediums, ja oft diesen sehr zuwider sich voll- 
zieht. Gleichwohl spricht sich in diesem Gegensatze keine andere Intel- 
ligenz aus als die des Mediums und die Erweiterung des Kreises seiner 
Kenntnisse und Wahrnehmungen ist nur eine scheinbare. Es ist immer 
das nämliche Ich, das, wenn man genau zusieht, in den Mittelpunkt der 
medialen Phantasien gestellt wird. 

Eine der interessantesten Erscheinungen in dieser Hinsicht ist 
Helene Smith, das Medium Flournoys. Es kam bei ihm zur Ausbildung 
ganzer Daseinszyklen, und in deren Verlauf zur Schöpfung einer Sprache. 
Neben Helene aber, die siets die Hauptrolle spielt, steht in jedem Zyklus 
wenigstens ein männlicher Gegenspieler, zu dem sie in besondere Be- 
ziehungen gesetzt ist. Und dieser Gegenspieler ist wiederum nur eine 
dem jeweiligen Zyklus angepaßte Umformung ihres sogenannten KoiitroU- 
geistes. Einen solchen Kontrollgeist meint jedes Medium zu besitzen und 
meist steht es zu ihm in einem innigen Verhältnis. Bei Helene Smith 
ist es freilich eher töchterliche Unterordnung unter die väterliche Auto- 
rität „Leopolds", aber ihre schöpferische Begabung, die sie unzweifelhaft 
ihrem vielsprachigen Vater verdankt, deutet darauf hin, daß „Leopold" 
nur ein Symbol für den Schutzgedanken ihres Vaters ist. Dieser Begriff 
liegt ferner dem indischen Zyklus zu Grunde, in dem sie die hingebende 
Gattin eines Fürsten ist. Zu dieser Gestalt hat noch Flournoy — die 
Entstehung des indischen Zyklus fiel gerade in die Zeit ihres Arbeitens 
unter dessen Leitung — Modell gestanden. Das Väterliche seiner Anteil- 
nahme an ihrer medialen Entwicklung, wie sie es empfand, das Ansehen 
und der Schutz, den seine Forschungen ihr gaben, verweben sich zu 
diesem Bilde. Der Zyklus ist übrigens ein Liebesgemälde von w^under- 
barer Zartheit. — Außerhalb des Zyklus kommt es jedoch zuweilen zu 
Visionen, in denen eine stärkere Symbolik sich Geltung verschafft. So 
berichtet Flournoy von einer Szene, wo sie im Halbsomnambulismus 
eine Vase wahrzunehmen meinte, auf die eine Schlange zueilte, die sich 
spielend um die Vase herumwand und schließlich in dem Blumenstrauß 
verschwand. Flournoy weist an dieser Stelle ausdrücklich auf eine 
Deutung nach Freud hin. Leider versäumt er es, eiue größere Zahl 
derartiger Visionen mitzuteilen, obwohl sie nach seinen Äußerungen 
vorliegen. Und doch wäre gerade dies ungemein wertvoll zur weitergehenden 



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Die erotische Bedentang der spiritistischen Personifikationen. 281 

Erhellung der medialen Dichtungen, wie wir die Zyklen der Helene Smith 
wohl nennen dürfen. Sie sind ein großes Wunschgemälde und es prägt 
dch in ihnen ihre ganze Sehnsucht nach einer besseren, höheren 
Lebensgestaltung aus. 

Diese Sehnsucht ist dem Medium überhaupt eigentümlich. Der 
Gedanke, nicht das rechte Kind seiner Eltern zu sein, ist für das Medium 
geradezu typisch. Er tritt in der Regel sehr früh in dessen Leben auf. 
Den meisten verblaßt er schließlich bei der bewußten Einsieht, aber es 
gibt andere, die bis ins späte Alter dieses Traumes nicht Herr werden, 
und ihn, wie z. B. Machner, zu einer reich ausgeschmückten Phantasie 
mit Königsschlössern und romantischen Entführungen ausspinnen. Auch 
sonst prägt sich in den Traumdarstellungen der Medien die Tendenz 
nach übergeordneten Lebenssphären aus. Ihre „Kontrollgeister ^ tragen 
entweder bedeutende Namen aus ihrer dereinstigen irdischen Vergangen- 
heit, oder sie werden von einem exotischen Hauch umwittert, waren vor- 
zeiten indische Prinzen, ägyptische Fürstinnen, oder sie sind macht- 
begabte Führer in den Bezirken der Geister. Doch dabei bleibt das innere 
Verlangen nicht stehen. Gottvater selber ruft sie, seine Mutter zu sein, 
und verwendet sie zu Sprachrohren seines Willens. Und wie den reli- 
giösen Ekstatikern geschieht es auch den Medien, daß das Bewußtsein 
der Aufgeschlossenheit für Geisteswahrheiten in ihrem Gefühle sich zur 
Empfindung der Gottnähe versinnlicht. 

„Jeder Gedanke drängt darnach, Gestalt zu werden", sagt James 
in seinen „Principles of Thought''. Das Medium, das ihn nicht in künst- 
lerische Gebilde zu bannen weiß, gibt ihm in seinen Traumfiguren 
Form und Leib. Und mit dieser Form und diesem Leibe verkehrt es 
gleich etwas Wirklichem, und seine Beziehungen zu den Traumwesen 
sind oft in nichts von denen zu menschlichen unterschieden. Nicht stets 
sind die Fälle derart kraß, wie in dem des deutschen Reimers, der 
durch ein englisches Medium mit einem Geiste Bertie in Verbindung 
gekommen zu sein glaubte und dem sich aus dieser Verbindung ein 
Liebesabenteuer bis in die letzten physischen Auswirkungen entspann, 
an dem er schließlich zu Grunde ging. Immerhin sind inkubische und 
sukkubische Verhältnisse zwischen den Medien und ihren Kontrollgeistern 
ziemlich häufig, wobei den inkubischen begreiflicherweise der größte Aus- 
dehnungskreis zukommt. Denn es gibt genügend erotisch unzufriedene 
Frauen, denen die Empfindung, der Liebe eines Geistes gewürdigt zu 
sein, zweifache Auslösung gewährt. Ist doch neben der Erleichterung der 
erotischen Spannung damit eine Steigerung ihrer Selbsteinschätzung 
gegeben. Vielfach ist die Flucht in die geistererfüllte Phantasiewelt nur 
die letzte Rettung einer Seele, die sich in der Härte dieser Wirklichkeit 
nicht zurechtzufinden vermag. So erklärte eine auf mediale Weise 
malende Schriftstellerin, daß ihr die Zeichengabe von ihren „geistigen 



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282 HiüB Freinutfk. 

Freunden" verliehen worden sei, „um sie vor Infamie zu schützen''. 
Sie litt unter Yerfolgungsideen und f&hlte sieh in ihrer literarischen 
Wirksamkeit durch EoUegeneifersucht beeinträchtigt. Durch den Eintritt 
in den spiritistischen Ideenkreis hatte sie eine Zuflucht gefunden, die ihr 
über die vermeintlichen Bedrückungen hall Die angebliche besondere 
Mission, zu der sie sich berufen glaubte, gab ihr Widerstandskraft gegen 
die anderen schwächenden Vorstellungen, — Freilich ist auch die Schutz- 
vorstellung überwertig und birgt die Gefahr der Steigerung zum Größen- 
wahn offenkundig in sich. Dieses Medium beschäftigte sich denn auch 
in seinen medialen Zeichnungen eingehend mit einem großen Unbekannten, 
der auf dem Weg zu ihm war, um es zu beschenken. Die Art der 
Geschenke deuteten Ring und Myrtenstrauß an, die neben das lang- 
bärtige Bild des „Fremden" gesetzt wurden. Wenn der „Fremde" noch 
nicht die Wandlung zum „Himmelsbräutigam" erfahren hatte, so lag es 
daran, weil die Betreffende in konfessioneller Hinsicht dieser Vorstellung 
gegenüber befangen war. 

Noch schärfer ist das erotische Moment bei einem anderen von mir 
beobachteten weiblichen Medium herausgearbeitet, das in seiner Lebens- 
führung in vollständige Abhängigkeit von dem Bilde seines Kontroll- 
geistes geriet, das es sich auf mediale Weise gezeichnet hatte. Mit diesem 
Bilde hatte es täglich und nächtlich lange Unterredungen, in denen es 
Anweisungen über die Inangriffnahme und Ausführung neuer Bilder 
empfing. Dahinein mischten sich Liebesanträge, die sich infolge des 
ablehnenden Verhaltens der Betreffenden zu Liebesdrohungen steigerten. 
Dieser unerquickliche Zustand endete erst, nachdem das Medium dem 
Gebot des Geistes nachgegeben und die „kleine Ingeborg" gezeichnet hatte. 
Von deren Bild hört es nun Musik und Einderstimmen ausgehen. Beim 
Zeichnen empfindet dieses Medium nach seinem offenherzigen Geständnis 
nicht nur seelische, sondern auch sinnliche Befriedigung. 

Dieselbe Beobachtung hat man auch an Eusapia Paladino gemacht 
Es besteht in der Tat nur ein Art-, kein wesentlicher Unterschied 
zwischen der Spannungslösung, die die Hervorbringung intellektueller 
und physikalischer Phänomene dem Medium gewährt. Eurz bevor es bei 
der Paladino zu Manifestationen kommt, röten sich ihre Wangen, die 
Augen werden leuchtend, feucht und öfihen sich sehnsüchtig. Ihre Lippen 
umspielt ein Lächeln und jede ihrer Bewegungen zeigt an, daß sie sich 
einer erotischen Ekstase nähert. Sie ruft „mio caro", was ihrem Eontroll- 
geist „John" gilt, lehnt sich an ihren Nachbar und sucht Liebkosungen 
zu erlangen. Der Eintritt der Phänomene verursacht ihr wollüstige 
Schauer, die von leichter Gliederstarre oder auch zuweilen konvulsivischen 
Kontraktionen der Extremitäten begleitet sind. 

Die gleichen Beobachtungen machten seinerzeit auch die Magne- 
tisten mit ihren Somnambulen. Und der Zulauf, den Mesmer fand, 



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Die erotische Bedeutung der spiritistischen Personifikationen. 283 

beruhte zum guten Teil auf dem Umstände, daß die Krisen, die seine 
Behandlung herbeiführte, ein erotisches Äquivalent waren. Nur insofern 
war die Sachlage eine andere, als die Somnambulen die Übertragung 
auf den Magnetiseur und nicht auf eine fiktive Persönlichkeit vollzogen, 
obwohl auch sie in ihren Schlafzuständen mit den Schein gestalten eines 
Jenseits ihres Bewußtseins in Verkehr zu treten meinten. Dieser Unter- 
schied ist auf die Verschiedenheit der Lehrmeinungen zurückzuführen, 
die zwischen den Theorien der Pneumatologen des 18. Jahrhunderts und 
denen der modernen Spiritisten besteht. Das hindert freilich die Geister 
der Somnambulen nicht, ihren Grundcharakter zuweilen recht nach- 
drücklich zu ofifenbaren. Das war zumal bei verschiedenen der K e r n e r sehen 
Besessenen der Fall, diesen Parallelerscheinungen zu den gleichartigen 
Vorkommnissen des Mittelalters. Nur war es nicht mehr der Teufel, der 
eine Seele in den Krallen hatte, sondern irgend ein angeblicher Wüstling 
und Schürzenjäger tobte sich durch den Mund der Kranken in Unflätereien 
und ausgesponnenen Berichten aus. 

Auf die Ausschmückung einer solchen Geschichte wird zuweilen 
ungemein viel Mühe verwendet, und dennoch sind sie als Ganzes meist 
recht armselig. Die Hauptbetonung liegt stets auf dem sexuell aggres- 
siven Charakter der betreffenden Personifikationen. Diese und ihr ganzes 
Gebaren stehen meist in starkem Gegensatz zu dem gewöhnlichen Cha- 
rakter des Mediums oder der Somnambule. Es sind keineswegs sittlich 
verwahrloste Naturen, deren Mund in anderen Bewußtseinsstadien Zoten 
und üble Geschichten entschlüpfen. Gerade bei schüchtern zurückhal- 
tenden Individuen schaffen sich durch den Bewußtseinswechsel die Ele- 
mentartriebe wenigstens psychisch eine Möglichkeit der Entfaltung. Umge- 
kehrt erlebt man es, daß Medien, die sonst durchaus keine schätzens- 
werten Mitbürger sind, im Trance zu begeisterten Lobrednern von Maß, 
Gesittung und Enthaltsamkeit werden. Diese Umgestaltung geht aber 
noch viel weiter. Die Divergenz zwischen den Anschauungen und Ge- 
fühlen des Mediums und seiner Personifikation ist nur die letzte Aus- 
wirkung einer psychischen Transformation, deren durchgängiges Merkmal 
ein Geschlechtswechsel ist. Das gilt freilich nicht unbedingt. Es gibt 
weibliche Medien mit weiblichen Kontrollgeistern. Wie z. B. das „Fried- 
chen" der Anna Rothe und die kleine Abila eines anderen sächsischen 
Mediums. Aber es ist beachtenswert, daß der leitende „Geist" ein Kind, 
also sozusagen geschlechtslos ist. Ebenso haben manche männliche 
Medien männliche Kontrollgeister, doch auch hier handelt es sich um 
Gebilde geschlechtslosen Charakters, ja oft sind es Figuren, die ins 
Symbolische gesteigert sind, so wenn sich die Führer des Moses „Im- 
perator", „Rektor" nennen, oder wenn Anreden wie „Philo" gewählt 
werden. Es ist dem parallel, daß Staudenmaie r, der an sich den Aus- 
bildungsprozeß derartiger Personifikationen bewußt beobachtete, die be- 



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2g4 Hans Freimark. 

stimmten Wunschbestrebungen als „Hoheit", ^Kind^, „Rundkopf* osw. 
bezeichnet. Zudem ist es nicht jedesmal der Eontrollgeist, in dem die 
Wesensverwandlung zum Ausdruck kommt. Dessen Wahl wird häufig 
von äußeren Umständen beeinträchtigt. So tauchten zur Zeit, als Flo- 
rence Cook weiteren Kreisen bekannt geworden war, bei allen möglichen 
Medien Personifikationen auf, die sich Katie nannten und mit ihrer be- 
rühmten Namensschwester identisch zu sein behaupteten. Der „John^ 
Eusapia Paladinos hat gleichfalls Nachahmungen gezeitigt. Man muß 
daher die Gefühle berücksichtigen, die ein Medium seinen Personifikationen 
zuwendet, wenn man diejenige ausfindig machen will, in der sein Gegen- 
spiel verwirklicht ist. Man wird finden, daß die stärksten Regungen 
einer Gestaltung gelten, die einen anderen Geschlechtscharakter trägt als 
das Medium, der aber dessen andersgeschlechtigen Einschlägen entspricht. 

Es kann geradezu als feststehend gelten, daß sich solche Einflüsse 
bei allen Medien finden. Bei den weiblichen äußert es sich in Form 
ausgesprochener Frigidität, die vielfach mit virilen Zügen vergesellschaftet 
auftritt, oder es besteht eine heftige psychische Abneigung gegen den 
physischen Geschlechtsakt, weniger gegen den Gedanken einer seelischen 
Gemeinschaft mit einem Mann. Die männlichen Medien zeigen recht 
häufig eine starke Feminität im Äußeren oder in der seelischen Verfas- 
sung und vielfach besteht ausgesprochene Homosexualität. Diese gewi^e 
Verkehrung des Geschlechtscharakters scheint fast eine Vorbedingung 
für die Äußerung medialer Eigenschaften zu sein. Das geht auch daraus 
hervor, daß alle antiken Kulte und die der Naturvölker von ihren Dienern 
diese Umwandlung zur Voraussetzung hatten und haben. Diese Kulte 
sind ja sämtlich nichts anderes als eine ritualisierte Magie, und diese 
beruht gänzlich auf der Fähigkeit des Magisters, sichtbare Wirkungen 
unter scheinbarem Verzicht auf physische Hilfsmittel durch psychischen 
Energieaufwand zu erzielen. Scheinbarer Verzicht auf physische Hilfen. 
Es wird nicht immer vollkommen darauf verzichtet. Anderseits gibt es 
genügend Phänomene, die in der Tat lediglich auf dem Wege der Auf- 
nahme oder der Entsendung psychischer, oder wie NaumKotik es nennt, 
psychophysischer Strahlungen zu stände kommen. Die Prozesse, durch 
die oder auf Grund deren die fraglichen Erscheinungen sich ereignen, 
stehen, dafür spricht das historische Material ebenso wie die neuen Be- 
obachtungen, in Wechselwirkung mit den Spannungen und Entiadungen 
der Sexualsphäre. 

Die Auffassung, der Fortpflanzungstrieb, der ein Trieb des Ge- 
staltens ist, dränge, wenn er irgendwie an physischer Entfaltung behindert 
sei, zu psychischen Bildungen, dürfte kaum zu weit gehen. Es sei hier 
daran erinnert, daß die andersgeschlechtigen Einschläge auch bei Künstier- 
naturen hervorstechend bemerkbar werden und daß die bedeutenderen 
Künstlerinnen entweder von Hause aus in irgend einer Richtung von 



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Die erotische Bedeatnng der spiritistischen Personifikationen. 286 

dem weiblichen Darchochnittstypus abweichen, oder daß ihre Künstler- 
schaft sich erst entwickelte, nachdem sie durch Daseinseinflüsse eine 
Beeinträchtigung ihrer Mutterqualitaten erfahren hatten. Die künstlerische 
Tätigkeit ist gleich der medialen eine gestaltenbildende, nur durch die 
bewußte Lenkung der Kräfte auf eine höhere Entwicklungsstufe gehoben. 
Energieverwandlung ist also auch für die Ausübung der Künstlerschaft 
erste Bedingung. Nur vollzieht sie sich beim Könstler, weil er im großen 
Ganzen der beherrschtere Mensch ist, weniger augenfällig als beim Medium. 
Diesem wird die Umlenkung der Energieströme vielfach bis ins Physische 
hinein fühlbar. Man kann durchaus zugeben, daß die Schilderungen 
der Medien und Somnambulen höchst subjektiv sind, man braucht die 
halluzinativen Momente nicht wegzustreiten, es bleiben genügend Fakten, 
die der Beobachtung und der historischen Betrachtung immer wieder- 
kehren, die sich bei den sensiblen Naturen der verschiedensten Zeitalter 
und Kulturkreise völlig unabhängig voneinander zeigen, und die zu dem 
Schluß drängen, daß in den medialen oder somnambulen und ebenso 
ekstatischen Zuständen Energien frei werden und nach außen über den 
Körper hinaus wirken, die sonst nur innerhalb des Bereiches des 
Organismus zur Geltung kommen. Es muß eine ofiTene Frage bleiben, 
ob die stärkere Herausarbeitung des gegengeschlechtigen Charakters eine 
Folge der unabhängig vom bewußten Willen einsetzenden Energiever- 
wandlung ist, oder ob zu dieser lediglich Naturen befähigt sind, in denen 
die gegenseitigen Momente betont sind. Jedenfalls tritt das eine Faktum 
stets in Verknüpfung mit dem anderen auf. Vielleicht gelingt es, im 
Laufe weiterer Forschungen die Ursache dieser Verbindung festzustellen. 
Vielleicht aber bleibt sie geheimnisvoll wie der Ursprung des Lebens 
überhaupt, und wir müssen uns damit begnügen, wieder einmal dem 
androgynischen Gesicht des Daseins gegenüberzustehen. Es ist, wie Adolf 
Wilbrandtes in einer seiner feinen Erzählungen einmal deutet, als 
vollziehe sich in diesen Charakteren zwischen ihrer männlichen und 
ihrer weiblichen Komponente eine „heimliche Ehe", deren Früchte die 
bewußt gestalteten Kunstwerke oder die unreifen Früchte medialer Phä- 
nomene sind. 

Was uns bis jetzt gewiß ist, ist der Zusammenhang der gestalt^n- 
bildenden Tendenz der Psyche mit dem physischen Gestaltungsdrange, 
die, wo sie nicht leibliche Schöpfungen hervorzubringen vermag, seelische 
Nachkommen zeugt, und, wo sich der Mensch seines Tuns nicht bewußt 
ist, ihn in Beziehung und Abhängigkeit zu den Bildern seiner selbst 
bringt. Diese Gestaltungen sind von größtem Einfluß auf die Daseins- 
entwicklung des Menschen, und in einem gewissen Grade ist jedes In- 
dividuum der Einwirkung seiner seelischen Impulse unterworfen, die ihm 
in irgend einer Form symbolisch werden. Das Medium stellt diesen Vor- 
gang nur ausgeprägter dar und erlebt ihn nachdrücklicher. An ihm 



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286 Raub Freimark. 

können wir deutlich die Bedeutung der Einbildung im Sinne des Para- 
celsus beobachten : die Welt bildet uns heraus, wir aber bilden in sie 
die Elemente unseres Seelischen hinein. In diesem Gegenbilde verdichten 
wir unseren Glauben, unsere Wunsche und unsere Hoffnungen auf zu- 
künftige Möglichkeiten. Das ist der Schatz, an dem das Herz hängt 
und es ist nur Erfüllung einer Selbstverständlichkeit lebendigen Lebens, 
wenn wir uns dem in Liebe neigen, was uns das Vorwärts und Aufwärts 
bedeutet. Diese Erkenntnis darf den Forschenden freilich nicht blind 
machen gegenüber den tiefen Schatten, aus denen dieses letzte Licht 
strahlt. Die Schatten in Licht aufzulösen, die Menschen von der Willkür 
unbewußten Schweifens der Kräfte zur Beherrschung ihrer Gaben zu 
führen und den einzelnen von seinen besonderen Träumen zur Mithilfe 
an der Verwirklichung allgemeiner Ideale zu leiten, dürfte die Aufgabe 
sein, die die Wissenschaft von der Seele als ihre nächste zu leisten hat. 



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Mitteilungen 



1. 

Franz Schuberts Schmerz und Liebe. 

Von Dr. Eduard Hitschmann. 

„Ich empfing die Gabe dee Schmerxes, 
und da ward ioh Skalde. ** 

Ibsen. 

Franz Schubert gilt nicht nur als unübertroffener Meister des Liedes 
und als der größte musikalische Lyriker, sondern auch als der phantasie- 
reichste, fruchtbarste Tondichter. „Schubert hat Töne für die feinsten Empfin- 
dungen, Gedanken, ja Begebenheiten und Lebenszustände. So tausendgestaltig 
sich des Menschen Dichten und Trachten bricht, so vielfach die Schubertsche 
Musik" (Robert Schumann). Im anscheinenden Gegensatz hiezu ist sein Leben 
so arm an äußeren Ereignissen, daß sich seine kürzer gefaßten Biographen ent- 
schuldigen zu müssen glauben, die wenigen uninteressanten Daten vorzulegen, — 
die ausführlichen aber, daß sie jede Einzelheit dieses bescheidenen Lebens 
zusammentragen. Vom Vater in die Musik eingeführt, zeigte sich Franz, allen 
seinen Lehrern vorauseilend, alsbald von überragender Begabung und kom- 
poniert bereits vor seinem 10. Lebensjahre. Von seiner späteren Produktion 
wissen wir, daß sie in echt künstlerischer Weise eine sozusagen hellseherische, 
überraschend schnelle war, häufig am frühen Morgen die während der Nacht 
geistergleich aufgetauchten Ideen fixierend. Auch sonstige Angaben über 
Schuberts Wesen enthalten nichts Auffallendes: er war still, schüchtern, hilflos 
und in sich gekehrt, naturschwärmerisch, aber auch frohsinnig, im Boheme- 
leben exzedierend, in Geselligkeit mit Freunden beliebt und belebend. Er 
starb mit 31 Jahren, war ledig geblieben. Einer zarten kindlichen Komtesse 
war er heimlich zugetan gewesen, ein Bürgermädchen, die in seiner ersten 
Messe schön gesungen, hat er eine Zeitlang geliebt, sie heiratete aber einen 
andern. »Sonst", sagt sein Freund Hüttenbrenner, „war er gegen das schöne 
Geschlecht ein trockener Geselle, nichts weniger als galant. Er vernachlässigte 
seinen Anzug etc." Auf der andern Seite war er übrigens kein Kostverächter 
und scheint auch eine Geschlechtskrankheit gehabt zu haben. 

Nach dem Ausgeführten ergibt sich die Frage: Woher stammt hier 
das reiche Gefühlsleben, das üppige Empfinden und Nachschaffen von Schmerz 
und Lust, Sehnsucht, Enttäuschung, Liebe und Haß etc. (Mit der un- 
lösbaren Frage nach Herkunft und Wesen der Musikbegabung hat dies nichts 
zu tun.) Welches sind die inneren Seelenkämpfe, die schon den Knaben so 
seelenvoll und stimmungsreich machten und den Drang nach Erlösung durch 
musikalische Produktion bedingten!? Daß das Innenleben es ist und die 
„Dürftigkeit der äußeren Vorkommnisse im irdischen Lebenswandel^ daran 



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288 Mitteilangen. 

nichts ändert, steht fest. Wenn also Walter Dahms^) sagt: „Es fehlen die 
Konflikte*" in Schuberts Leben, so müssen wir erwarten, dafi solche wenigstens 
im UnbewoAten reichlich vorhanden waren. 

Wird uns von anderen nichts Aufklärendes berichtet, so lohnt es, 
Schuberts Äußerungen über sich selbst nachzugehen. Außer wenigen Tage- 
buchseiten, relativ wenig Briefen an Familie und Freunde (darunter kein einziger 
Liebesbrief !) finden sich vereinzelte Gedichte und nur ein bedeutsames Objekt, 
eine allegorische Erzählung, betitelt: „Mein Traum".*) Diese ernste, visionäre 
Erzählung wird mit Recht als ein allegorisches Spiegelbild seiner inneren 
Entwicklung aufgefaßt. 

Sie entstand im Juli 1822 und lautet: 

yMein Traum. 

Ich war ein Bruder vieler Brüder und Schwestern. Unser Vater nnd 
unsere Mutter waren gut. Ich war allen mit tiefer Liebe zugetan. — Einst- 
mal führte uns der Vater zu einem Lustgelage. Da wurden die ßrflder sehr 
fröhlich. Ich aber war traurig. Da trat mein Vater zu mir und befahl mir, 
die köstlichen Speisen zu genießen. Ich aber konnte nicht, worüber meio 
Vater erzürnend mich aus seinem Angesicht verbannte. Ich wandte meine 
Schritte und mit einem Herzen voll unendlicher Liebe für die, welche sie 
verschmähten, wanderte ich in ferne Gegend. Jahrelang fühlte ich den größten 
Schmerz und die größte Liebe mich zerteilen. Da kam mir Kunde von meiner 
Mutter Tode. Ich eilte sie zu sehen, und mein Vater, von Trauer erweicht, 
hinderte meinen Eintritt nicht. Da sah ich ihre Leiche. Tränen entflossen 
meinen Augen. Wie die gute alte Vergangenheit, in der wir uns nach der 
Verstorbenen Meinung auch bewegen sollten, wie sie sich einst, sab ich sie liegen. 

Und wir folgten ihrer Leiche in Trauer und die Bahre versank. — 
Von dieser Zeit an blieb ich wieder zu Hause. Da führte mich mein Vater 
wieder einstmals in seinen Lieblingsgarten. Er fragte mich, ob er mir gefiele. 
Doch mir war der Garten ganz widrig und ich traute mir nichts zu sagen. 
Da fragte er mich zum zweitenmal erglühend: ob mir der Garten gefiele? 
Ich verneinte es zitternd. Da schlug mich mein Vater und ich entfloh. Und 
zum zweitenmal wandte ich meine Schritte und mit einem Herzen voll noend- 
licher Liebe für die, welche sie verschmähten, wanderte ich abermals m ferne 
Gegend. Lieder sang ich nun lange lange Jahre. Wollte ich Liebe singen, 
ward sie mir zum Schmerz. Und wollte ich wieder Schmerz nur singen, ward 
er mir zur Liebe. 

So zerteilte mich die Liebe und der Schmerz. Und einst bekam ich 
Kunde von einer frommen Jungfrau, die erst gestorben war. Und ein Kreis 
sich um ihr Grabmal zog, in dem viele Jünglinge und Greise auf ewig wie 
in Seligkeit wandelten. Sie sprachen leise, die Jungfrau nicht zu wecken. 

Himmlische Gedanken schienen immerwährend aus der Jungfran Grab- 
mal auf die Jünglinge wie leichte Funken zu sprühen, welche sanftes Geränscö 
erregten. Da sehnte ich mich sehr auch, da zu wandeln. Doch nur ein Wunder, 
sagten die Leute, führt in diesen Kreis. Ich aber trat langsamen Schrittes, 
innen Andacht und fester Glaube, mit gesenktem Blick auf das Grabmal zo, 
und ehe ich es wähnte, war ich in dem Kreis, der einen wunderlichen Ion 
von sich gab; und ich fühlte die ewige Seligkeit wie in einen Augenblick zu- 



1) „Schuberi;'* von Walter Dahms. Berlin und Leipzig 1912. Schuster & Wffjet 
«) „Franz Schubert" von 0. E. Deutsch (unvoUendet). München, Georg MftÜer. 



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Dr. Eduard Hitschmann: Schuberts Schmerz nnd Liebe. 289 

sammengedräDgt. Aach meinen Vater sah ich versöhnt und liebend. Er schloß 
mich in seine Arme und weinte. Noch mehr aber ich.^ 



Ein Schubertforscher hat mit Recht darauf hingewiesen, daß es sich um eine 
autobiographische Erzählung handelt, die beiden Verbannungen aus dem Vater- 
hause als historisch festgestellt und die Jungfrau als die heilige Cäcilie (die 
Heilige der Musik) gedeutet. 

Als der kleine Franz im Internat der Konviktschule der Hof kapeile statt 
zu lernen, sich hartnäckig im Musiküben und Komponieren versuchte, verbot 
ihm der Vater durch Jahre das Haus ; nicht zur Erkrankung, erst zum 
Begräbnis der Mutter durfte er wiederkommen! Als er 1813 (16 Jahre alt) 
wieder daheim Wohnung nahm, war die zweite Frau des Vaters bereits ein 
Vierteljahr im Hause. — 1818 erfolgte der neuerliche Bruch, da sich 
Franz weigerte, Lehrer zu werden; er zog zum zehn Jahre älteren Freund, 
Juristen und Dichter Mayrhofer, dessen Dichtungen er gern vertonte, wohnte 
zwei Jahre hier, später mit Freund Schober. Erst nach vier Jahren kam es 
zur neuerlichen Aussöhnung mit dem Vater, wobei offenbar dieser oben wieder- 
gegebene „Traum" niedergeschrieben wurde. 



Mag man die Erzählung „Mein Traum" nur als „fingierten Traum '^ und 
nicht — wie möglich — als wenigstens teilweise eigenen Träumen nach- 
erzählt auffassen, sie bleibt ein wertvollstes Dokument tiber Schuberts Innen- 
leben, seine Entwicklung vor allem, seinen Vaterkomplex und die Motive 
seines musikalischen Schaffens. Sie gestattet den Ansatz zu einem Versuch 
einer Psychoanalyse des genialen Tondichters. 

Der Vater war auch in diesem Lebenslauf von entscheidender Bedeutung 
für des Sohnes Schicksal. Ein ernster, religiöser, moralisierender Lehrer, der 
nicht weniger als neunzehn Kinder zeugte, — schien er nicht verstehen zu 
können, daß der Knabe und gar der schon erprobte Komponist von einund- 
zwanzig Jahren nicht fix angestellter liChrer, sondern freier Künstler werden 
wollte. Hat er den einundzwanzigjährigen jungen Mann wirklich erglühenden 
Antlitzes geschlagen!? Jedenfalls war er aus hartem Holz geschnitzt und 
Herr im Hause. Den Knaben nicht zur sterbenden Mutter rufen zu lassen, 
scheint jedenfalls ungewöhnlich. Es würde nun innere Kämpfe genug bedeuten 
und ambivalentes Wogen der Gefühle, wenn sich auch tiefe zärtliche Liebe 
gegen diesen Vater erweisen ließe. Tatsächlich hat der Sohn die Leitung auf 
dem ersten Wege zur Musik dem Vater zu danken, als dessen nächstes und 
gleichstrebendes Kind er sich um so eher fühlen mußte, als beide Franz 
hießen, was die Identifikation erleichtert. Es liegt auch ein warmfühlendes Ge- 
dicht auf Vaters Geburtstag, vom Sohne verfaßt und komponiert, vor.^) Die 
intime Freundschaft zu einem um 10 Jahre älteren ernsten Mann — wie 
Mayrhofer — scheint eine Art zweiter Vaterfindung darzustellen. Mayrhofer 
kann wohl als ideell homosexuell gelten. Er war den Weibern abgeneigt^ 
heißt es, gab „Beiträge zur Bildung für Jünglinge" heraus, verrät in seinen 
Gedichten viel Vorliebe für die griechische Antike. Seine ethische Strenge 
und stoische Lebensweise werden gerühmt; er endete durch Selbstmord. An 
Schubert verfaßte er 1822 ein Poem, in dem es heißt: 

^) Aach für den Hof kapellmeister Salieri, den väterlichen Gönner, der später 
auf diesen Schüler sehr stolz war, dichtete Seh. eine Festkantate. 

Zeitschr. f. ^ntt. PsychoanalyB«. ni/6. 19 



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290 Mitteilungen. 



„Du liebst mich! tief hab' ich 's empfunden, 
Da treuer Junge, zart und gut; 
So stähle sich denn, schön verbunden, 
Der edle, jugendliche Mut! 

Ich bin nicht, Guter, wie du wähnst, 
Du sprichst zu einem Ideale, 
Womach du jugendlich dich sehnst — 



Auch sonst mehr zur Freundschaft als zur Liebe befähigt, erscheint 
Schubert als von starker Empfindung für den Mann erfüllt gewesen zn sein, 
wie wir es nach starker infantiler Vaterbindung zu finden pflegen. Aach vod 
seinem Interpreten, dem Sänger Vogl, ließ er sich z. B. beherrschen. 

Die Mutter war jedenfalls die schwächere Persönlichkeit. Von Tönen 
der Verzweiflung über ihren Tod ist zwar in „Mein Traum" nicht die Rede, 
man wird aber kaum fehlgehen, sie auf Seite ihres Jüngsten stehen za sehen, 
wenn sie auch gegen ihren heftigen Gatten nichts vermochte. CharakterisliBcher- 
weise aber ist die zweite Mutter, die Stiefmutter, im Traum gar nicht erwähnt! 

Hingegen kehrt die Mutter anscheinend im letzten Teil des fingierten 
Traumes — wenigstens eine eben Verstorbene — wieder, und zwar als 
reine Jungfrau, wie sie etwa dem Sohne, gegenüber einer so oft Gebärenden 
und dem Vater Gewährenden, als Ideal erscheinen könnte. Die Mutter wäre 
dann ein Stück von der heiligen Cäcilie und mit die Göttin seines Schaffens. 
Die geringe Aktivität im Liebesleben des Sohnes, das sich teils idealen, teils 
erniedrigten weiblichen Gestalten zuwendet, wäre durch die unbewußten Fixierungen 
raiterklärt. Seine wirkliche einzige Liebe war nach seinen eigenen Worten die Musik. ^) 
Schmerz und Liebe — Liebe zu Eltern und Geschwistern — , Verstoßensein und 
Sehnsucht: dieser Komplex wäre der Musaget seiner Gesänge. Nicht sowohl die 
Wiener Mädchen stehen an der Quelle von Schuberts Schaffen; was ihn »in 
die ferne Gegend", ins Träumen und Sehnen und Erfinden abseits und hinan 
trieb, waren die Kämpfe und Schmerzen tief in seiner Brust, verstärkt durch 
längst ins Unbewußte versenkte infantile Gefühle. Liebe und Schmerz „zer- 
teilten" ihn und so wurde er zu jener „Doppelnatur, die Wiener Heiterkeit 
mit einem Zuge tiefer Schwermut verwebt und veredelt* (Bauemfeld). Er 
blieb ein Träumer, ein Mann von wenig Tatkraft, vor jeder anderen Akti- 
vität als künstlerischem Schaffen zurückschreckend. 

Man muß bei Schubert, der schon als Knabe komponierte, erwarten, 
in seinen frühesten Werken am ehesten die Spuren seines Jugendkonfliktes, 
des Kampfes mit dem Vater, der mitleidigen Liebe zur Mutier, aufzufinden. 
Wir wissen auch aus psychoanalytischen Erfahrungen, daß der Haß gegen 
den Vater zu mehr oder weniger unbewußten Todeswünschen führt. Es muß 
nun auffallen, daß die ersten Texte, die der junge Komponist vertonte, 
Schillers „Leichenphantasie" und zwei Gedichte waren, die „ Hagars Klage" 
(von Schücking) und „Der Vatermörder" (yon Pfeffel) heißen. Auch der junge 
Schiller stand im innerlichen heftigen Vaterkonfiikt^), und das Gedicht 
„Leichenphantasie * behandelt den Schmerz eines Vaters beim Begräbnis des 



*) Vgl. den Brief an Schober, 18. iX. 1818. ^^^ 

2) Vgl. Otto Rank „Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage", Wien, \9it 
F. Deuticke. 



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Dr. Eduard Hitschmann: Schuberts Schmerz und Liebe. 291 

Sohnes, analog Träumen ähnlichen Inhaltes ; der unbewußte Gedankeninhalt 
lautet nämlich: „Siehst du, so würdest du mich beweinen, wenn ich stürbe." 
Auch entspricht der eigene Tod einer Umkehrung, einer Sühne des Todes- 
wunsches gegen den Vater. Das Gedicht „Vatermörder" zeigt den von Ge- 
wissensbissen gefolterten verzweilelten Sohn, wie er vom Schergen gefaßt und 
der Strafe zugeführt wird. Es schließt: „Du heiliges Gewissen bist der Tugend 
letzter Freund, ein schreckliches Triumphlied ist dein Donner ihrem Feind.** 
Waren es nicht dunkle Reuegefühle nach bösen Wünschen, die den Knaben 
gerade nach diesen Gedichten greifen lieiJen!? „Uagars Klage" zeigt Mutter 
und Sohn, verstoßen, in der Wüste verdür&tend ; daß sie den Knaben Ismael 
sterben sehen muß, macht die Mutter doppelt verzweifelt, ihn, von dem ein 
Fremdling (Engel?) prophezeit hatte, er werde „groß auf Erden sein und 
zahlreich sein Samen". Daß gerade dieser Stoff Schubert anzog, sieht aus, 
als hätte er, der auch vom Vater verstoßen wurde, die Mutter in unbewußter 
Phantasie mithaben wollen. Übrigens wäre ja der chronische Konflikt Anlaß genug, 
sich mit der Mutter gemeinsam, in durch den Vater veranlaßtes Leid hinein- 
zuphantasieren. Für unsere Annahme, daß aus diesen „Dissonanzen'^ — die 
Harmonien Schubertscher Lieder entsprungen sind, geben diese Texte sicherlich 
gute Basis. 



Es muß freilich bezweifelt werden, daß der Gehalt der Erzählung „Mein 
Traum *^ mit einer Deutung genügend gewürdigt ist, die dem Dichter nicht 
mehr zumutet, als mehr weniger bewußt sein Leben allegorisch verhüllend 
darzustellen, wobei aber nicht etwa der rauhe Vater oder der pemaßregelte 
Sohn geschont ist, sondern nur — das Thema, um das der Konflikt ausbrach, 
verborgen wird. Verstoßen- und Geschlagenwerden, verschmähte Liebe werden 
leidensfreudig geschildert. Fingierter Traum oder aus eigenen Träumen kombinierte 
Erzählung — jedenfalls haben wir ein Produkt des Unbewußten vor uns. Wer 
aber Träume wissenschaftlich zu deuten geübt ist, dem wird die allefiorische 
(symbolische) Setzung von „Lustgelage", „köstliche Speisen*, „(Lieblings-) 
Garten" für Schulkenntnisse und Lehrerausbildung nicht genügen, er wird 
eine Überdeterminierung heranziehen müssen, die neben praktischem Lebens- 
glück, Geldbesitz etc.: vor allem — sexuelle Lust durch die Symbolbegriffe 
ausgedrückt findet. Als ginge auch ein Widerspruch vom Sohne aus, der 
sich gegen den Eifer wendet, den der Vater im Garten der Liebe betätigt, 
erst recht noch bei der zweiten Frau nach dem Tode von des Sohnes rechter 
Mutter. Es wäre somit auch Sexualablehnung herauszulesen, die eine Kritik 
des Vaters bedeutete. 

War Schuberts Liebe zur Komtesse Karoline Esterhazy eine heilige 
Liebe zu einem zarten, reinen Ideale, so scheint auch gegenüber der Lehrers- 
tochter Therese Grob die angebliche Eheabsicht kaum ehrlich vorhanden ge- 
wesen und nicht nur durch die Stellen- und Mittellosigkeit des Bewerbers im 
Keime erstickt worden zu sein; denn im Tagebuch heißt es zu jener Periode 
(1816): „Ein schreckender Gedanke ist dem freyen Manne in dieser Zeit die 
Ehe; er vertauschet sie entweder mit Trübsinn oder grober Sinnlichkeit.** 
In einem Brief an Bauernfeld (1815) ironisiert er die Freunde als „Ihr auf 
Brand und Mord verliebte Jungen". 

Man muß sich fragen, warum liegt hier die ^heilige Cäcilie", die wir 
sonst in Gemälden an der Orgel sitzend dargestellt finden ; ein Zug erotischer 
Phantasie mag hierin liegen. Die ganze Schilderung der schlafenden Jungfrau 

1J>* 



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292 Mitteilangen. 

im „Tranm" ist von märcheDhafter, an Schwind gemahnender Anmnt Za- 
versieht läfit ihn in den mystischen Orden eindringen, der die Jungfrau um- 
schreitet. Das Bild des gesprengten Ringes mit der folgenden höchsten Selig- 
keit wäre symbolisch in Analogie za Traum und Mythus als Defloration zu 
übersetzen. Vielleicht sonst im Leben zu mutlos dazu, wäre es dem Dichter- 
träumer nun gelungen, die jungfräuliche Göttin der Musik für sich gewonnen 
zu haben und dazu noch Vaters billigende Liebe. 



Die inneren Konflikte, die nach unserem heutigen Wissen von der Psycho- 
genese des Künstlers ein Postulat sind, ließen sich nun doch im Anschlufi an 
die Niederschrift „Mein Traum" in ihren Hauptzügen erkennen. Liebe und 
Haß, oder doch unglückliche Liebe durch Auflehnung gegen den starken 
Vater, mitleidige Liebe zur Mutter, — das alte ödipusthema war schon im 
kleinen Knaben brennend da. Vom Vater kann er nicht innerlich los, der 
etwas Weibliehe, Leidende blieb er sein Leben lang. Sinnliche und ideale 
Liebe zu vereinen, blieb ihm versagt. Von „ewig unbegreiflicher Sehnsucht''^) 
blieb er erfüllt. 

2. 
Erfahrungen und Beispiele aus der analytischen Praxis. 

Zwei typische Kopro- und Pädosymbole. 

Bei zwei Frauen, deren Zwangsbefürchtungen mit der Kinderlosigkeit 
zusammenhängen^) und in deren Unbewußtem die Regression von der genitalen 
und parentalen auf die Analerotik in äbnlicher Weise vor sich ging, wie bei 
der zwangsneuroti^chen Patientin Freuds,*) spielen Ungeziefer und Eier 
eine ganz besondere Rolle. Beide (es ist fast unglaublich, bis zu welchen 
Einzelheiten sich oft Neurosen wiederholen) leiden seit Kindheit an der Angst 
sie hätten Läuse im Haare. Merkwürdigerweise entdecken sie zeitweilig tat- 
sächlich zu ihrem großen Schreck Exemplare dieses Ungeziefers auf der 
behaarten Kopfhaut, was aber kein Wunder ist, da sie eine unverstÄndHche 
— und ihrer Parasitopbobie scheinbar wiedersprechende — Nachlässigkeit 
in bezug auf die Haartoilette zeigen. In Wirklichkeit trachten unbewuJBter- 
weise beide, solche Parasiten zu erwerben, da sie ihnen die trefflichste Gelegen- 
heit bieten, in symbolischer Weise ihre tief st versteckten Wünsche zu befrie- 
digen: die verdrängte Sehnsucht nach vielen, sehr vielen Kindern (die ja tat- 
sächlich wie Parasiten der Mutter aufwachsen^) sowie den Sadismus und die 
Analerotik, zu der sie nach der Enttäuschung an der Genitalität regredieren 
mußten (Töten des Ungeziefers, Wühlen im Schmutz). Damit die Analogie 
beider Fälle noch merkwürdiger wird, produzierten sie auch ein anderes Kopro- 
und Pädosymbol, das mir bis jetzt als solches unbekannt war, nämlich ein 

*) Brief an Bruder Ferdinand (1824). 

») Vgl. diese Zeitschrift I. Jahrg., S. 377, II. Jahrg., S. 377. 

') Die eine der Frauen hatte zwar ein Kind, aber das genügte ihrem Unbe- 
wußten bei weitem nicht 

*) Freud, „Die Dispo ition zur Zwangsneurose". (Diese Zeitschrift, I, S 525.) 

*) Man vergleiche meine kleine Mitteilung: „Ungeziefer als Symbol der Schwan- 
gerschaff*. (Diese Zeitschrift, II, S. 381.) 



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Erfahrungen und Beispiele aus der analyt. Praxis. III. 293 

tibergroßes Interesse für Hühnereier. Die eine der Patientinnen, als sie 
endlich anfing, sich für ihren Haashalt wieder zu interessieren, erzählte mir 
oft, welch unerklärliches Vergnügen es ihr bereitet, in einem Korbe frischer 
Eier herumzuwühlen, die Eier zu ordnen und zu zählen; schämte sie sich 
nicht, sie würde sich stundenlang damit beschäftigen. Die andere (eine Frau 
vom Lande) ist fast ganz arbeitsunfähig; der einzige Ort, wo sie leistungs- 
fähig blieb, ist der Hühnerhof; sie ist im stände, stundenlang Gänse zu stopfen 
und zuzuschauen, wie die Hühner ihre Eier legen, — sie leistet dabei selber 
Geburtshelferdienste, indem sie mit einem Finger in die Kloake des Tieres 
eindringt und das Ei herausholt. — Die symbolische Identität des Eies mit 
Kot und Kind ist noch durchsichtiger als die des Ungeziefers. — Man darf 
aber auch den Geldwert der Eier nicht vergessen; wissen wir doch, daß der 
Preis der Eier überall als Maßstab der Billigkeit oder der Teuerung der 
Lebensmittel gilt und daß Eier, besonders am Lande, ähnlich wie das Geld, 
als Wertmesser fungieren. Es scheint, daß unter gewissen Lebensbedingungen 
die ontogenetische Umwandlung der Analerotik in gewisse Anal-Charakter- 
ztige unterwegs stecken bleibt. Jedenfalls liegt diese Eierliebhaberei der 
ursprünglichen Koprophilie viel näher als die — immateriellere — Liebe 
zum Gelde.^) 

Schließlich sei darauf hingewiesen, daß beide Kopro- und Pädosymbole 
(wie zu erwarten war) gelegentlich auch ihre phallische Bedeutung erkennen 
ließen. Ferenczi. 

Zur Analerotik. 

Ein Neurotiker zeigte folgende typische Verhaltungsweise, wenn er 
schwere Depressionen halte : Er ließ sich nicht rasieren, wusch sich gar nicht 
oder flüchtig, ließ alle Sorgfalt im Anzug und in seinem Äußern vermissen. 
Diese Unterlassungen dienten dem Zwecke, den Verkehr mit der Außenwelt 
abzubrechen ; zugleich aber aktualisiert sich in ihnen die PiCgression zur in- 
fantilen Stufe der Unreinlichkeit und des Widerstandes gegen Verdrängung 
analerotischer Komponenten. Gewisse primitive Religionen fordern das Unter- 
lassen von Reinlichkeitsmaßregeln bei bestimmten Anlässen, z. B. bei Trauer- 
fällen. Sogar die jüdische Zeremonialreligion schreibt ihren Gläubigen ähn- 
liche Vorschriften vor. Die bekannten Gebräuche des Ascheaufhäufens, des 
Kleiderzerreißens usw. gehören hieher. Sie haben offenbar Sühnecharakter 
und halten die Gläubigen von sexuellen und andersartigen Vergnügungen ab. 
Ein Vergleich der religionsgesetzlichen und der neurotischen Rückfälle in das 
analerotische Stadium würde immer wieder zeigen, daß „körperliche Rein- 
lichkeit sich weit eher mit der Sünde als mit der Tugend vergesellschafte". 
(Prof. Freud in seinem Geleitworte zu J. S. Bourkes „Der Unrat in Sitte, 
Brauch, Glauben und Gewohnheitsrecht der Völker". Leipzig 1913.) 

Dr. Theodor Reik. 
Spektrophobie. 

Die hysterische Phobie vor Spiegeln und die Angst beim Erblicken des 
eigenen Antlitzes im Spiegel hatte in einem Falle eine „funktionelle" und 
eine ^materielle" Wurzel. Die funktionelle war: die Angst vor der Selbst- 
erkenntnis. Die materielle: die Flucht vor Schaulust und Exhibi- 
tionismus. Die Teile des Gesichts vertraten — wie in so vielen Fällen — 
in den unbewußten Phantasien Genitalpartien. Ferenczi. 

*) Vergleiche meine Abhandlung: „Zur Ontogonie des Geldinteresses". (Diese 
Zeitschrift, II, S. 506.) 



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294 Mitteilangen. 

Geschwätzigkeit. 

In mehreren Fällen entpuppte sich die Geschwätzigkeit des Patienten 
als ein Mittel des Widerstandes. Sie redeten oberflächlich üher alles mögliche 
Unwesentliche, nm von einigem Wesentlichen nicht reden und darüber nicht 
nachdenken zu müssen. Ferenczi. 

Pompadoar-Phantasien. 

* Mit diesem Namen könnte man jene Form der Hetärenphantasie be- 
nennen, in der sich auch die allerzüchtigsten Frauen solche — in Tages- 
phantasien — eingestehen. Indem der Partner zum König erhoben wird, 
werden auch die sonst als unmoralisch zurückgewiesenen Neigungen denk- und 
wunschmöglich. Ferenczi. 

Der Fächer als Genitalsymhol. 

Ein Patient träumte: „Ich sah eine Frau mit einem Fäcber an 
Stelle des Genitales; sie ging auf diesem Fächer, ihre Beine 
waren abgeschnitten." Der starke Kastrationskomplex des Patienten 
nimmt Anstofi an der Peni^losigkeit der Frau ; er mufi sich also die Vulva als 
fächerförmig gespaltenen Penis, aber immerhin noch als Penis vorstellen.^] Er 
opfert lieber die Beine der Frau. (S. die manchmal beobachtete Penersion, 
die sich nur durch lahme oder amputierte Frauen befriedigt fühlt. Ich las 
einmal die „Kleine Anzeige" eines Tageblattes, in der jemand Frauen mit 
amputiertem Bein zur Korrespondenz auffordert.) Ferenczi. 

Polykratismus. 

So könnte man nach Analogie mit dem Schill ersehen Gedicht »Der 
Ring des Polykrates" jenen Aberglauben benennen, der sich davor fürchtet, 
daß es einem ^zu gut^ geht, weil dann eine um so härtere Strafe Gottes zu 
erwarten ist. Analytisch ließ er sich in einem Falle auf schlechtes Gewissen 
wegen eigener strafwürdiger Phantasien zurückführen. Ferenczi. 

Unruhe gegen das Ende der Analysenstunde. 

Viele Patienten werden, wenn der Schluß der Analysenstunde naht, un- 
ruhig ; sie unterbrechen ihre Assoziationen mit der Frage : „Ist noch nicht 
4 Uhr?" oder mit der Behauptung: „Ich glaube, die Stunde ist schon zn 
Ende" usw. Die Analyse dieses Verhaltens ergab, daß diese Patienten bei 
früheren Gelegenheiten durch meine unvermittelte, plötzliche Mitteilung, die 
Stunde sei zu Ende, unangenehm berührt waren. Der Patient richtete sich 
beim Arzte häuslich ein, als könnte er ewig so traut und sicher bei seinem 
geistigen Führer verbleiben. Das plötzliche Aufgerütteltwerden aus diesem 
Wahne erschüttert sie dann, es kann sogar gewisse „passag^re Symptome'' 
nach sich ziehen, z. B. hysterischen Schwindel *) produzierten. Das onrubige 
Fragen nach der Zeit gegen das Ende der Analysenstunde ist eine Art 
Schutzmaßregel gegen die bei solchen Anlässen empfundene unangenehme 
Sensation. 

Ein Pendant zu diesem Verhalten aus dem Alltagsleben ist die über- 
triebene Bescheidenheit des Anspruchsvollen. Er „will niemandem zur Last 

*) Das Aufwerfen des Fächers erscheint in Träumen als unzweideutiges Pen»- 
(Erektions-jSymbol verwendet. (Anmkg. d Red.) 

*) Siehe meine kleine Mitteilung über „Schwindel am Schluß der AnÄlysen- 
stunde**. Diese Zeitschrift, Bd. II, S. 272. 



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Dr. Theodor Reik: Q. H. Schuberts „Die Symbolik des Traumes''. 295 

fallen", — d. h. er flüchtet vor allen Anlässen, bei denen seine Selbstliebe 
durch die Wahrnehmung, dafi er jemandem zur Last fallen kann, verletzt 
werden könnte. — Der Mechanismus dieser Vorgänge erinnert an den der 
hysterischen Phobien ; auch diese sind Schutzmaßregeln gegen onlnstentbindende 
Situationen. Ferenczi. 

Urinieren als Beruhigungsmittel. 

Wenn das kleine Kind erschrickt, setzt es die Mutter auf den Topf 
und fordert es auf zu urinieren. Das Kind beruhigt sich daraufhin sichtlich 
und verzichtet aufs Weinen. Kein Zweifel, daß hier dem Kind eine Libido- 
prämie geboten wird, ähnlich der, die ihm sonst in Form von Süßigkeiten 
oder sonstigem Eßbaren zu teil wird. Daß das Urinieren gerade den Schreck- 
efifekt so gut ableitet, mag daran liegen, daß es dem Kinde eine der Plötz- 
lichkeit des Schreckens adäquate plötzliche Erleichterung (Vergnügen) 
verschafft. Ferenczi. 

Ein analerotisches Sprichwort. 

Ein aus Erdely (Siebenbürgen) stammender Patient erzählt mir, daß in 
seiner Gegend von einem, den ein unwahrscheinliches Glück trifft (der z. B. 
im Spiele, auf der Lotterie i?ewinnt), gesagt wird: „Der hat ein Glück, als 
hätte er in seiner Kindheit Dreck gefressen." Ferenczi. 

3. 
G. H. Schuberts ^Die SymboUk des Traumes", 1814. 

Besprochen von Dr. Theodor Reik (Wien). 

Gotthilf Heinrich Schubert (geboren 1780 in Hohenstein) steht als Na- 
turphilosoph in innigen Beziehungen zur deutschen Romantik. Sein 1814 er- 
schienenes Buch „Die Symbolik des Traumes^ hat allenthalben Aufsehen ge- 
macht.*) In einem Briefe an Gerb, von Kugel gen (zitiert nach Dr. F. Mer- 
kel, „Der Naturphilosoph Gotthilf Heinrich Schubert und die deutsche 
Romantik", München 1912, S. 63) schreibt der Verfasser: „Die Bildersprache 
habe ich in meiner Symbolik des Traumes ganz wieder in ihre ursprüng- 
liche Würde einzusetzen gesucht. Du weißt doch, daß überhaupt der Traum 

*) Ich zitiere nach Merkels Bach (s. o.) einige Briefstellen, welche den tiefen 
Eindruck der Schubertschen Schrift bezeugen : Am 21. Oktober 1814 schrieb 
Baader an Schubert (a. a. 0. S. 253): „Ihre Schrift, Symbolik der Träume (!), 
hat, wie ich selbst in der Sphäre meiner Bekannten erfuhr, viel Gutes gewirkt, und 
die darin enthaltenen Fermente werden schon mit Gottes Hilfe fortwirken.'* Schubert 
schreibt an Köthe: „Meine Symbolik wird freilich durch ihre Form bei vielen (auch 
sonst verwandten Männern) anstoßen müssen. Männern wie Franz Baader hat sie 
indes besser gefallen nnd tiefer geschienen als alles, was ich bis jetzt geschrieben 
habe ..." — , Ohnehin möchte wohl das Buch Spott nnd Feindseligkeiten in Menge 
erregen, und mir bei den Facultäten vollends den Hals brechen.** (Brief vom 21. Juni 
1814) Am 4. September 18 1 4 fügt Fouqaöe seinem Brief an v. Miltitz noch die 
Bemerkung hinzu: „Noch muß ich Dir ein Bach nennen, von wie verschiedenartiger 
Gestaltung es auch übrigens sein mag: Schuberts Symbolik des Traumes. Man 
schaut in die innere Welt hinein, wie durch klare Meeresfläcbe auf wanderreichen, 
höchst schauervoUen Grund. Du mußt es durchaus lesen.** (0. C. Schmidt, Foaqu^e, 
Apel, Miltitz, Beiträge zur Geschichte der deutschen Romantik. Leipzig 1908, 
S. 126 f.) Seh ellin g schreibt darüber am 28. Februar 1815 (Plitt, II, S. 363): 
„Ich maßte nämlich aufrichtig bekennen, daß mich die Sache and die Gedanken mehr 
angezogen als die Art der Behandlung, die ich, wenn sie allgemeiner werden sollte, 
für einen Verderb anserer eigentümlich deutschen, ernsten and strengen Wissenschaft- 
lichkeit halten müßte." 



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296 Mitteilungen. 

alles oder fast alles in Bildern zn uns spricht und dafi diese Bilder meist 
eine eigene Bedeutung haben, z. B. Eins bedeutet Verdruß, das andre 
Freude usw. Nun ist es merkwürdig, dafi diese Bedeutung bei allen Völkern 
und Individuen, bei den Nordamerikanem wie bei den Deutschen und Fran- 
zosen dieselbe ist. Man erkennt also in jener Bildersprache des Traumes 
eine dem menschlichen Geiste eigenthümliche und angebohrene Sprache, die 
der Mensch nicht erst zu lernen braucht wie die Wörtersprache." 

Schubert war praktischer Arzt und versuchte in diesem Buche, die 
physiologischen Vorgänge der Traumarbeit in Verbindung mit romantischen 
Ideen zu bringen, wie sie ihm von seinen Lehrern Schellin g. Rittner 
und St. Martin nahegebracht wurden. Für die Vorgeschichte der Traum- 
deutung kommt das Buch Schuberts deshalb in Betracht, weil es (neben 
einer Fülle abstrusesten und mystischen Inhaltes) sehr verständnisvolle Be- 
merkungen über den Sinn und die psychische Bedeutung des Symbols im 
Traume enthält. 

Schubert ist der Ansicht, daß die Traumsprache, ^ jene Abbreviaturen- 
und Hieroglyphensprache, der Natur der Seele in mancher Hinsicht aogeeig- 
neter erscheine aus unsere gewöhnliche Wortsprache". ^) Die Wortsprache 
müssen wir erlernen, die Traumsprache dagegen ist uns angeboren. Bedeutsam 
erscheint Schuberts Hinweis auf die Allgemeinheit der Traumsprache : ^Sie 
hat die Eigenschaft, daß sie nämlich der Natur der Sache nach, nicht eine 
bei den verschiedenen Völkern verschiedeue, sondern bei allen Menschen so 
ziemlich dieselbe, höchstens dem Dialekt nach etwas anders lautend ist. Das 
Bild einer höhern, heiteren Gegend, deren blühende Bäume und Beete voller 
Lilien, deren grünende Wiesen voller ruhender Lämmer, so eben die übers 
Gebirge her leuchtende Sonne hell beleuchtet, würde in der Seele des Irokesen 
so wie in der des gebildeten Brahminen ähnliche und verwandte Vorstellungen 
erregen, möchte auch ihre Wortsprache jene Gegenstände durch noch so ver- 
schiedene Laute bezeichnen." In interessanter Art weiß Schubert die Traum- 
sprache mit jenen pathologischen Fällen zu verbinden, wo der freie Gebrauch 
der Wortsprache aufgehoben scheint: „Menschen, welche diesen Zustand an 
sich erfuhren, hatten öfters das Bild der Sache, die sie nennen wollten, deut- 
lich vor der Seele, sie konnten nur das rechte Wort nicht finden, sprachen 
z. B., wenn sie Wasser nennen wollten, ein ganz anderes, etwas ganz Ver- 
schiedenes bezeichnendes Wort, was mit dem Begriff von Wasser schlechter- 
dings in keine Beziehung gesetzt werden kann, wie etwa Beil oder Blatt : 
oder, wenn ihnen vorzüglich nur eine Versetzung und Verwechslung der Buch- 
staben zugestoßen war, Messer statt Wasser." Nach Schuberts Erfahrungen 
scheint es, „als wenn der Wahl der Bilder, womit die träumende Seele ge- 
wisse Dinge bezeichnet, eine Art von Witz zu Grunde läge, der von tiefem 
Sinne ist^. „Durch diesen wit^ähnlichen Zug des Traumes wird denn auch in 
anderen Fällen, durch irgend ein Bild, etwas davon sehr Verschiedenes, ja 
scheinbar ganz Entgegengesetztes angedeutet." Unsere alten Oneiromantien 
scheinen diese Verkehrung in der Traumsprache gekannt und zu ihren aber- 
witzigen Deutungen benützt zu haben. Wirklich aber werden der träumenden 
Seele „zuweilen die im Innern herrschenden Leidenschaften und Begierden, 
unter dem Bilde häßlicher oder furchtbarer Tiere (die von dem Träumer auf 
dem Schöße oder sonst wie gehegt werden) versinnlicht usw.". Schubert ist 
von der psychischen Vollwertigkeit des Traumes ganz überzeugt; dem ver- 
steckten „Poeten in uns" scheint „Manches erstaunlich lustig vorzukommeo, 

') Ich zitiere das Buch nach der zweiten Auflage (1821). 



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Dr. Theodor Reik: G. H. Schuberts „Die Symbolik des Traumes." 297 

was uns sehr lustig macht, und umgekehrt scheint er über viele unserer Freuden 
sehr ernste Ansichten zu haben ; ein Zeichen, daß er sich überhaupt in unserm 
jetzigen Zustande nicht so ganz behaglich befinde". Jenes rätselhafte Organ 
in unserem Innern, was im Traumzustande vorzüglich tätig ist, ist „Eins mit 
dem, was der eigentliche Sitz unserer Neigungen und Begierden ist und was 
die Schrift Herz des Menschen nennet. Selbst im Traume von einer andern, 
schlimmeren Seite kennen lernen, als die ist, welche sie im wachen Zustande 
zur Schau tragen (die durch die Dressur der Erziehung und der Lebensver- 
hältnisse gebildete), wie die scheinbar Sanften im Traume aufbrausend, zornig, 
ja grausam sind usw., so scheint überhaupt die träumende Natur in uns, ur- 
sprünglich keine große Freundin von jenem Licht von oben, vor welchem alle 
nächtlichen Schatten schwinden". Der archaische Charakter der Traumsprache 
wird von Schubert klar erfaßt, wenn er sie mit der Bibelsprache, der 
Bildersprache der Poesie in Parallele bringt und in ihr die unvollkommenste 
Form einer „Ur- und Naturspracbe der menschlichen Seele" erblickt. Auch 
in der Sprache der Propheten wird wie in der des Traumes unter denselben 
Bildern immer das Nämliche verbtanden. Schubert findet die Gegensatz- 
relation des Traumlebens in der Natur wieder : „Schmerz und Lust, Lust und 
Schmerz sind auf dieselbe Weise verbrüdert." Er bezieht sich auf die Auf- 
stellung von Phallen auf Gräbern als sichtbares Zeichen, daß auch die Antike 
diese Gegensätzlichkeit geahnt habe. Die von ihm angenommene menschliche 
Zweiseitigkeit läßt ihn auch den Traum mit dem Gewissen in Verbindung 
setzen : „Jene Bilder- und Gestaltensprache, deren sich das einstige Organ 
der ursprünglichen Sprache, im Traume und in der poetischen und prophetischen 
Begeisterung bedient, finden wir auch in seinen ersten und unmittelbarsten 
Äußerungen als Gewissen wieder . . ." Nach Schuberts Meinung besteht 
der seltsame Kontrast der menschlichen Natur in dem ursprünglich Göttlichen 
und dem sekundär Tierischen des Seelenlebens. Er verfolgt im Zusammen- 
hange mit dem Traumerleben die Äußerungen dieses Kontrastes durch die 
verschiedenen Mythen, deren wollüstigen und grausamen Charakter er als 
eine spätere Depravation ihres ursprünglich reinen Sinnes betrachtet. Ein ur- 
altes Mißverständnis hat das Niedere (die Sinnlichkeit) zum Beherrschenden 
gemacht. Es bleibt trotz allem theologischen Dogmatismus interessant, bei ihm 
Erklärungen zu finden, welche der Abelschen Theorie vom „Gegensinn der 
Urworte" analog sind und durch den Hinweis auf Traum und Mythos über 
sie hinausgehen. „Eine neuere, tiefer gehende Sprachforschung hat jene alte 
Verwechslung selbst überall in der artikulierten Sprache und der Verwandt- 
schaft ihrer Worte untereinander nachgewiesen. Zuerst zeigte sich häufig, daß 
die Worte, welche ganz entgegengesetzte Begriffe bezeichnen, aus einer und 
derselben Wurzel hervorgehen, als wenn die sprechende Seele anfangs mit den 
Worten nicht die äußerlichen, einander entgegengesetzten Erscheinungen, son- 
dern das doppelsinnige Organ bezeichnet hätte, das zum Auffassen dieser 
Klasse von Erscheinungen geeignet ist.** Schubert reiht nun einige Beispiele 
an und weist, zum Mythos übergehend, auf das Wort hin, das Erkennen und 
Zeugen bedeutet, auf den Baum der Erkenntnis und der Sünde und auf das 
Lingamsymbol. Er weiß auch, daß die Traumsprache die Schlange als Symbol 
der Sinnlichkeit benützt wie der Mythos. Sogar das Auge als Geschlechts- 
symbol ist ihm bekannt; es wird im Mythos seiner Anschauung ,: nach „auf 
der einen Seite zur bauenden, schaffenden Hand, auf der anderen, zugleich 
mit der Hand, gleichbedeutend mit dem Organ der körperlichen Erzeugung^. 
Seine Hypothese von der Art dieser Mythenumwandlung ist nun freilich eine 
phantastische; indem er nämlich als ursprünglich eine göttlich unsinnliche 



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298 IfitteüttngeiL 

Gnindlage vermutet. Auf Grund dieser moralidereDden Anschanimg gelangt 
er zu dem Schlosse, dafi nur jetzt ^dieselbe Zuneigung des Gemüts f&r den 
höchsten wie für den niedrigsten Gegenstand empfänglich wird . . . Wenn Traum, 
Poesie und selbst Offenbarung noch immer mit uns, der ursprünglichen Orga- 
nisation des Geistigen gemäß, die Spraciie des Gefühles, der Liebe reden, so 
erwecken sie leider in uns, zugleich mit dem ewigen und göttlichen Sehnen 
oder selbst anstatt desselben die Welt sinnlicher Neigungen und Lüste". Im 
Traume erscheint nicht unsere beste Seite, „sondern vielmehr die partie 
bontease unseres armen zerlumpten Selbst, die hier neben uns, als werktätige 
(bildende) Seele an den Karren geschmiedet ist. Wir lernen sie nur zu gut 
kennen, sobald sie, wenn auch nur auf einzelne Augenblicke, aus ihren Ketten 
losgelassen wird. Ich erschrecke, wenn ich diese Schattenseite meines Selbst, 
einmal im Traume in ihrer eigentlichen Gestalt erblicke^. Wir dürfen es als 
eine voranalytische Ahnung des wahren Zusammenhanges begrüßen, wenn 
Schubert nun diese Eigenheiten des Traumes mit den Neigungen und 
Wünschen; wie sie das Nachtwandeln, der Wahnsinn und die Zwangsneurose 
zeigen, in Parallele setzt. £r erkennt im Traume ein „prophetisches Vermögen, 
nicht bloß für die Zukunft, sondern auch für die Vergangenheit'^, denn im 
Traume „werden wir öfters an längst vergessene Begebenheiten aus der frü- 
hesten Kindheit erinnert^. Er zeigt, dafi im Traume wie im späten Alter 
vergangene Dinge emporkommen, die man längst vergessen glaubte, und fragt, 
wo sich denn die Reihe scheinbar ganz erloschener Erinnerungen verberge. 
Als Erklärung behauptet er in einer der Verdrängungstheorie nahestehenden 
Hypothese, daß sich Objekte nur in dem Grade unserer Erinnerung einzu- 
prägen vermögen, als sie mit unserem Affektleben zusammenhängen. Er muB 
am Schlüsse zugeben, daß „die ganze Region unserer Gefühle von zweideutiger 
Natur sei und daß uns gerade mitten im Glück, selbst unserer höchsten und 
geistigsten Genüsse, Regungen von ganz entgegengesetzter Natur am leichtesten 
beschleichen". Diese Gedanken über die Tranmsprache und ihre Verbindungen 
mit anderen seelischen Produkten, an deren Bildung das Unbewußte hervor- 
ragendsten Anteil habe, verdienen es, daß dem vergessenen Werke des Na- 
turphilosophen einige Aufmerksamkeit geschenkt werde. Es ist freilich nicht 
leicht, sie aus dem Wust theologisch-mystischer Betrachtungen und morali- 
sierender Exkurse herauszulösen. Vielleicht hat das Schubertsche Bach 
einen berechtigten Anspruch darauf, neben den Werken Scherners u. a. 
als Vorläufer der von der Psychoanalyse auf wissenschaftlicher Basis erbauten 
Traumtheorie seinen Platz einzunehmen. 



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Kritiken und Referate. 

Adolph F. Meyer (Nervenarzt im Haag, Holland): He behandeling 

von zenuwzichen door Psycho-Analyse. — Een overzicht von 

Freuds Theorie en Therapie voor Arteen on Studenten. (Amsterdam, 

Scheltema & Holkema's Boekhandel.) 

Es war meine Absicht, mit der Verfassung dieses Buches eine EinftLhmng 
in die Psychoanalyse zu schreiben, in großen Umrissen ein Bild von ihren 
Eigentümlichkeiten zu entwerfen. 

Am dienlichsten zu diesem Zwecke schien mir eine gedrängte Übersicht 
ihrer Entwicklungsgeschichte. Wie ich in der Einleitung des Werkes anführe, 
bekonmit man am besten Einsicht in den heutigen Stand der Psychoanalyse, 
indem man die Wandlungen verfolgt, welche sowohl die Methode als gleichzeitig 
die theoretische Erklärung der von ihr gefundenen Tatsachen erfuhr. Man sieht 
dann, wie Methode und Theorie nicht plötzlich entstanden sind, noch weniger 
am Schreibtisch konstruiert wurden, sondern die Früchte langjähriger Forschung 
und Beobachtung sind ; man sieht dann, wie beide in allmählicher und wechsel- 
seitiger Entwicklung entstanden sind. 

Diesen Entwicklungsgang versuchte ich in seinen Hauptlinien zu skizzieren, 
unter möglichster Fortlassung von Details. Dabei wurde immer die Neurosen- 
behandlung als Leitfaden beibehalten ; von den Ergebnissen der Methode 
wird also nur dasjenige angeführt, was zum Verständnis von Struktur und 
Ätiologie der Neurosen dienen kann oder für die Therapie von Wichtigkeit 
ist. Von der Anwendung der Psychoanalyse in den Geisteswissenschaften wird 
daher vollständig geschwiegen. 

Weil die Mehrzahl der Ärzte noch immer meint, die Psychoanalyse sei 
Katharsis, weil für viele die ganze „Freudsche Methode" in den „Studien über 
Hysterie" enthalten ist, darum habe ich die kathartische Methode in einem 
besonderen Kapitel abgehandelt. Dadurch wünsche ich schon äußerlich anzu- 
deuten, daß Katharsis und Analyse verschiedene Methoden sind. 

Im ersten Kapitel wird zunächst die bekannte Geschichte vom Entstehen 
der Katharsis behandelt und weiterhin die Änderungen, welche Freud bei ihrer 
Handhabung nach und nach einführte. Anschließend werden die Entdeckungen 
beschrieben, welche Freud dabei auf ätiologischem Gebiete machte, bis er 
zuletzt erkannte, daß alle Psychoneurosen einer aktiven Verdrängung ihr 
Dasein verdanken. 

Im zweiten Kapitel wird dann gezeigt, wie diese letztere Entdeckung 
für Freud die Veranlassung wurde, die kathartische Methode zu verlassen. Es 
war ihm ja klar geworden, daß nicht das psychische Trauma die Ursache der 
Neurose ist, sondern die Mechanismen, welche die Erinnerung an dasselbe 
verdrängen. Daher versuchte er weiterhin, durch eine psychische Analyse den 
Ursachen der Verdrängung nachzusptlren und sie womöglich zu heben. 



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300 Kritiken nnd Referate. 

Es wird dann beschrieben, wie er längere Zeit meinte, die spezifische 
Ursache der Verdrängung in einem infantilen sexuellen Trauma gefanden zu 
haben, wie aber später sich herausstellte, daß dasselbe von einigen Kranken 
bloß phantasiert wurde. Daher mußte eine spezifische Disposition zur Verdrän- 
gung angenommen werden und fiel jede Traumatheorie. 

Des näheren wird dann ausgeführt, wie beim Nachspüren dieser Dispo- 
sition immer tiefer in das Unbewußte des Kranken eingedrungen wurde, wie 
dabei die Bedeutung von S\ mptomhandlungen und Träumen entdeckt wurde, 
wie eine Trennung von Unbewußt und Vorbewußt notwendig war. — Aus- 
führlich werden die unbewußten Mechanismen, die Verdichtung, die Ver- 
schiebung und deren Einfluß auf die Symptombildung behandelt. 

Schließlich wird erörtert, wie zuletzt die Disposition zur Neurose in der 
starken Verdrängung der Sexualität gefunden wurde, wobei selbstverständlich die 
Freud sehe Auffassung derselben beschrieben wird. 

Nachdem noch die „Übertragung" und besonders deren Bedeutung für die 
Therapie erörtert sind, werden die Meinungsverschiedenheiten zwischen Freud 
und Jung in ihren Hauptsachen besprochen. Dabei gebe ich meiner Meinung 
Ausdruck, daß dieselben meistens nicht auf tiefgehenden Differenzen beruhen, 
sondern mehr auf Verschiedenheiten in Betrachtungs- und Ausdrucksweise. 

Im letzten Kapitel, das von der therapeutischen Anwendung der Psycho- 
analyse handelt, werden zuerst die Indikationen und Kontraindikationen besprochen. 
Dabei habe ich betont, daß die Analyse an den Kranken hohe Anforderungen 
in verschiedener Hinsicht stellt ; dafür leistet sie aber auch erheblich mehr als 
irgend eine andere Methode. Sie wirkt nicht bloß symptomatisch, sie befreit den 
Kranken nicht bloß von den Hemmungen und Ängsten, welche seine Leistungs- 
fähigkeit beeinträchtigen, sie verursacht eine Umstimmung seines inneren Wesens. 

Die Handhabung der Analyse stellt aber auch sehr hohe Anforderungen 
an den Arzt. Vorerst soll er die Methode erlernen. Dies erfordert zunächst ein 
eingehendes Studium ihrer Literatur. Wie schwierig diese Aufgabe ist, erhellt 
am besten, was ich an verschiedenen Beispielen demonstriere, aus allem Unsinn, 
welcher von den Gegnern niedergeschrieben ist und welcher nur erklärt werden 
kann aus oberflächlichem Lesen und uugentigendem Verständnis der Werke 
Freuds. 

Fast noch schwieriger aber ist die praktische Erlernung der Analyse. 
Denn diese ist nicht in Laboratorien oder in der Klinik zu erwerben, sondern nur 
an eigener Seele. Zur Erlernung der Analyse soll man sich selbst einer Analyse von 
einem erfahrenen Analytiker unterziehen. Diese Analyse seines Innern ist jedoch 
noch aus anderen Gründen notwendig. Denn die Person des Analytikers hat 
eine besondere Bedeutung in der Analyse, sie ist das Instrument, mit dem er 
arbeitet. Und man soll doch sein Instrumentarium kennen ! 

Auch die Anwendung der Analyse stellt hohe Ansprüche an den Ant. 
Erstens ist es selbstverständlich, daß er der absoluten Offenherzigkeit, welche 
er vom Kranken verlangen muß, eine ebenso absolute Verschwiegenheit — 
gegenüberstellen soll. Aber auch des absoluten Vertrauens des Kranken soll 
er sich würdig zeigen ; von alledem, was ihm anvertraut wird, soll er in keiner 
Weise Mißbrauch machen. — Gerade in der Psychoanalyse ist diese letzte 
Forderung besonders schwer, aber zugleich unbedingt notwendig. Denn durch 
die Übertragung werden zahllose Wünsche dem Arzte entgegengebracht, sucht 
manches Verlangen bei ihm seine Befriedigung. Diese Wünsche soll er aber 
nicht erfüllen, sondern nach ihren Wurzeln weiter forschen. 



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Kritiken und Referate. 301 

Nur auf diese Weise kann er den Zweck der Analyse erreichen, welcher 
ist, die fehlerhafte Verteilung der Libido, wodurch diese zum größeren Teil 
in unnützer innerlicher Reibung verloren geht, zu verbessern und damit die 
ganze Libido für praktischen Gebrauch zur Verfügung zu bekommen. Auf 
diese Weise macht die Analyse aus dem innerlich gehemmten Neurotiker einen 
normalen Menschen. 

Autoreferat. 

Felix Krüger: Über Entwicklungspsychologie. Ihre sachliche und 

geschichtliche Notwendigkeit. Arbeiten zur Entwicklungspsychologie. 

L Band, I. Heft, Leipzig 1915, 232 S. 

Man hat zuweilen — freilich nur nebenbei — die völlig ablehnende 
Haltung der psychologischen Wissenschaft gegenüber der Psychanalyse aus 
affektiven Hemmungen heraus zu verstehen versucht. Zweifellos bestehen diese. 
Aber wenn wir uns vergegenwärtigen, daß die Psychanalyse alle ihre prak- 
tischen und theoretischen Erfolge auch vor Fe ebner hätte erreichen können 
und daß die psychanalytischen Kreise mit all ihrem Können und Wissen ein 
Sonderleben in splendid isolation führen, ohne auch nur eines der Probleme 
zu berühren, um die in der experimentellen Psychologie so heiß gestritten 
wird, so erkennen wir, daß hier auch sachliche Unterschiede bestehen müßten. 
Der Grund dieser ausschließenden Fremdheit ist, daß sich in Psychologie und 
Psychanalyse zwei verschiedene „Erkenntnisideale"* gegenüberstehen. 
Seit kurzem entwickelt sich in der Psychologie eine Tendenz, die dem künf- 
tigen Historiker so interessant sein wird, wie sie uns Miterlebenden erfreulich 
ist. In der Psychologie beginnt eine heftige Kritik an ihrem eigenen bis- 
herigen Erkenntnisideal und jeder Schritt zu seiner Überwindung bringt sie 
den Problemen, den Interessen, Fragestellungen und Ergebnissen der Psych- 
analyse näher. 

Krügers Buch ist, von hier aus gewert^t, bei weitem das wichtigste der 
letzten Jahre. Auch er bringt noch keine Umwertung der Psychanalyse, aber 
er bereitet sie weiter ausholend und tiefer fundierend vor als irgend wer vor 
ihm. Seine Kritik an der Methode der modernen Psychologie wird um so 
nachhaltiger sein, als Krüger zu ihren unbestrittenen wissenschaftlichen Ver- 
tretern gehört. Man denkt bei seinem Namen au die Korrelationsrechnung, 
und wer ihn nur von dieser Seite kennt, hätte alles andere erwartet als eine 
Kritik, die so den Nerv aller Verirrungen der experimentellen imd der physio- 
logischen Psychologie zerschneidet. Besonders in Deutschland war dieses 
Buch notwendig, wo man die amerikanische „genetic psychology" zwar viel 
lobt, aber so wenig kennt und so gar nicht nachahmt. 

Auch Krüger hat erlebt, was Jeder Psychologe der Gegenwart immer 
wieder erfährt, im akademischen Unterricht, im Gespräch mit Vertretern an- 
grenzender Gebiete, daß seine Wissenschaft keine irgend befriedigende Ant- 
wort weiß auf wohldurchdachte, eindeutige, psychologische Fragen. Noch 
bedenklicher ist, daß die Wege der modernen Forschung an diese Fragen gar 
nicht heranzuführen scheinen ...**. (Seite 3.) Diese Tatsache ist ihm ein 
Symbol für die problematische Lage der gegenwärtigen Psychologie, für ihre 
Krisis. Bei Betrachtung der Pädagogik, der Sprachwissenschaft, der Völker- 
kunde und der Wirtschaftslehre in ihrem Verhältnis zur heutigen Psychologie, 
zeigt sich überwiegend immer dasselbe: „daß der wissenschaftlichen Psychologie 
jetzt einige Nachbarwissenschaften ablehnend oder gleichgültig, in jedem Fall 
unklar gegenüberstehen, — wo eine geordnete Arbeitsgemeinschaft sachlich 



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302 Kritiken nnd Referate. 

gefordert scheint und auch früher von maßgehenden Forschem erstreht wurde . . . 
In allen . . . Fällen wächst die Gefahr, daß aufeinander angewiesene Zweige 
der Forschung ihre organischen Beziehungen verlieren. Und jedesmal stießen 
wir auf verwandte Ursachen der kritischen Lage. Innerhalb der wissenschaft- 
lichen Psychologie scheinen diese Ursachen wesentlich darin zn Heiden, difi 
sie gewisse reale Bedingungszasammenhänge des psychischen Geschehens, n&m- 
lieh die genetischen und die sozialen, in auffallendem Maße vernachlässigt... 
So sehen wir von recht verschiedenen Seiten uns zu der Frage gedrängt, ob 
die gegenwärtig herrschenden Yerfahrungsweisen der Psychologie den eigenen 
notwendigen Aufgaben dieser Wbsenschaft ganz genügen ; ob nicht das Ziel 
einer allgemeinen Theorie des psychischen Geschehens eine Erweiterung der 
Fragestellung und der Methoden erfordert . . . ". (Seite 16.) Die tiefere 
BesiuQung auf die methodischen Grundlagen, auf denen sich die gegenwärtige 
Psychologie — den Forschern selbst im allgemeinen unbewußt — aufbaut, 
ergibt: allen scheint als Ziel vorzuschweben, daß sich die „wissenschaftliche 
Seelenielire auf eine Mechanik des Psychischen beschränken soll. Das bedeutet 
genauer: auf gesetzliche Notwendigkeiten des Geschehens im entwicklungs- 
los gedachten Individuum". (Seite 38.) Als die Ps-ychologie begann, sich 
aus bloßer Spekulation zur Wissenschaft zu erheben, leuchtete ihr ^als erstes 
großes Beispiel strenger und zugleich systematischer Naturerkenntnis*" die 
Arbeit Keplers, Galileis, Newtons, die „mit wunderbarer Folgerichtigkeit die 
mathematische Theorie von den Bewegungen der Körper" geschaffen hitteo. 
So entfaltete sich „mit weitgehender, analogischer Übertragung dieser selben 
Begriffe zuerst in Großbritannien die Assoziationspsychologie als Lehre von 
den gesetzlichen »Bewegungen« der »Ideen«. Als die konstanten und passiven 
Träger der psychischen »Bewegung« wurden »einfache Ideen«, nach dem Muster 
der Atome, . . . hypostasiert . . . Nun lassen die körperlichen Vorgänge, 
auf deren Erforschung die Mechanik sich beschränkt — die Bewegungen im 
Räume — , das jnnere Wesen der bewegten Körper ganz unbertlhrt. Auch 
diesem Beispiel folgte die britische Seelenlehre . . . und suchte von allen 
Qualitätsunterschieden der psychischen Inhalte und ihrer Beziehungen grund- 
sätzlich zu abstrahieren ... Sie konnten es wagen, jeden Komplex von 
Bewußtseinsinhalten, jede geistige Anlage, jeden Funktionszusammenhang 
psychischen Geschehens, ja die Seelen selbst, theoretisch auf »Bündel von 
Vorstellungen« zu reduzieren, die nur durch die immer gleiche Kraft der 
»Anziehung« mehr oder weniger fest zusammengehalten würden''. Diese 
intellektualistische und mechanistische Auffassung des Seelenlebens ist um so 
hartnäckiger stehen geblieben, als die Idee der psychischen Größeneinheit und 
der Möglichkeit psychischer Messung aufgetaucht war und viele der besten 
Köpfe fasziniert hatte. Dazu kommt, daß die folgende methodologische Über- 
legung nicht vorgenommen wurde : „Die physikalische Mechanik erkauft doch 
die hohe Allgemeingültigkeit ihrer Ergebnisse grundsätzlich durch eine weit- 
gehende Reduktion der Wirklichkeit: sie abstrahiert systematisch von 
all den Eigenschaften und Beziehungen schon des körperlichen Geschehens, 
die sich nicht als Bewegungen toter Masse im Raum begreifen lassen . . . 
Aber was dadurch an Tatsachen aus dem Begriffssystem der Mechanik immer 
vollständiger ausgeschieden wird, bedarf um so offensichtlicher einer wissen- 
schaftlichen Beschreibung und begrifflichen Bearbeitung anderer Arten, wie 
sie . . . zuletzt als psychologische sich tatsächlich entwickelt haben . . . 
(Seite 41.) Noch wichtiger als diese mechanische Tendenz, mit ihr innig 
zusammenhängend, ist die individualistische. Sie hat auf der einen Seite die 
Psychologie um alle Fragestellungen verarmt, die sich auf die soziale Gruppe, 



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Kritiken und Referate. 3Q3 

auf ihre psychische Struktur, beziehen ; sie hat auf der anderen Seite zu 
Fehlergebnissen geführt, indem das Dogma von der Isoliertheit des individuellen 
psychischen Geschehens die Deutungen experimentell festgestellter Tatsachen 
beeinflußte. Aber die experimentelle Methode, ursprünglich die Hochburg 
jener Anschauungen, beginnt über sie und sich selbst hinaus zu führen. Krüger 
fordert von hier aus energisch ihre Ergänzung durch andere Methoden, um 
die Absicht zu erreichen : die Psychologie auf die Erforschung des Emotionalen 
und der Entw icki ung seelischen Geschehens im Einzelnen und der Gruppe 
als auf ihre zentralen und eigentlichen Probleme hinzuweisen. 

Die geistreichen und wichtigen Erörterungen, die diesen positiven Teil 
bilden, können hier nicht einmal angedeutet werden. Uns muß genügen, 
auf das Buch nachdrücklich hinzuweisen. Die wissenschaftliche Gesinnung, die 
in ihm ausgedrückt ist, die Grundanschauung des Seelischen, die in ihm lebt, 
ist ähnlich der, die zur Psychanalyse geführt hat. Krüger selbst fühlt diese 
Verwandtschaft. „Die sogenannte »psychoanalytische« Methode Freuds und 
seiner Schüler, die auf exakte Experimente fast ganz verzichtet, ist durchaus 
beherrscht von den beiden genannten Tendenzen. Sie bemüht sich, phäno- 
menologisch und begrifflich zergliedernd die Entstehungsgeschichte einer jeden 
geistigen Erkrankung möglichst vollständig zu rekonstruieren und dabei vor 
allem die Gefühlserlebnisse als Komponenten sowie als Bedingungen des Ge- 
schehens ans Licht zu bringen. Wahrscheinlich macht diese Schule gelegent- 
lich von der Anamnese des Patienten und von seiner wiederholten Befragung 
einen etwas unkritischen Gebrauch ; sicherlich ist sie ferner nicht frei von 
theoretischer Einseitigkeit in der Richtung auf sexuell- erotische Zusammen- 
hänge und ihre dialektische Umdeutung. Aber ihre Ergebnisse hätten den 
weitgehenden Einfluß auf das psychologische Denken, den sie tatsächlich besitzen, 
nicht gewinnen können, ergänzten sie nicht bedeutsam die früher üblich ge- 
wesenen Betrachtungsweisen ..." (Seite 111.) Vielleicht wird Krüger der 
Psychanalyse späterhin noch ausführlich gerecht werden. Vorläufig notieren 
wir diese Sätze als eines der vielen Symptome für die Wandlung auch in der 
deutschen Psychologie. 

Dr. Siegfried Bernfeld. 

Havelock Eilis: Sexo-Aesthetic Inversion. The Alienist and Neuro- 
logist. Vol. XXXIV. Nr. 2 und 3. 

In diesem 45 Seiten zählenden Aufsatz erörtert Ellis die Natur der 
von Hirschfeld unter dem Namen Transvestiten beschriebenen Fälle. 
Er wendet gegen diese Bezeichnung und auch gegen die weiterhin von Hirsch- 
feld gebrauchte (Verkleidungstrieb) ein, daß die Frage der Kleidung nicht 
das Wesentliche trifft, da sie nur den Teil eines größeren Komplexes bildet. 
Vier Fälle werden beschrieben, davon zwei ziemlich ausführlich. 

Ellis' Anschauungen über die Natur und Bedeutung der Anomalie sind 
die folgenden : Der wesentliche Zug darin ist, dali eine Person, z. B. ein 
Mann, fühlt, er habe das Gefühlsleben und die ästhetischen Eigenschaften, 
die gemeiniglich dem anderen Geschlecht zugehören. Er kann sich von Mit- 
gliedern des eigenen Geschlechtes sexuell angezogen fühlen oder nicht, — 
Ellis betont durchaus, daß dies, wenn es geschieht, bloß sekundär ist und 
ohne inneren Zusammenhang mit dem Zustand. Es mag infolge der Geschmacks- 
verwandtschaft dieser männlichen Person mit Frauen geschehen, daß das Be- 
dürfnis nach Bewunderung durch Männer emi)funden wird, damit so die weibliche 
Einstellung verwirklicht werde. (Eine schöne Rationalisation. Ref.) Doch dies 



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304 Kritiken nnd Referate. 

Gefühl stammt nur aus der Einbildungskraft und ist eine späte und sekundäre 
Entwicklung. Indem er so die Erklärung des Zustandes als eine Form der 
Homosexualität abweist, stellt E 1 1 i s die Behauptung auf, daß es sich tatsäch^ 
lieh um eine „Modifikation einer normalen Heterosexualität handle, die einige 
dem Fetischismus und Narzißmus verwandte Züge aufweist". Er unterscheidet 
zunächst ein doppeltes Verhalten beim normalen Mann. „Im normalen Liebes- 
werben muß der Mann zwei Impulse erfahren, die an der Oberfläche einander 
auszuschließen scheinen. Einerseits muß er kraftvoll und kampfbereit sein ; er 
muß den Gegenstand seiner Sehnsucht überwältigen und besitzen. Anderseits 
muß er sich abwartend und mitfühlend verhalten ; er muß sich dem Gefühls- 
leben der Geliebten anpassen und sich sogar ihrem Willen unterwerfen. Der 
Liebende muß gleichzeitig ein entschlossener Eroberer und ein unterwürfiger 
Sklave sein.... Im Liebeswerben der Kulturmenschheit besteht das Bestreben, 
die erste, aggressive Komponente des Sexualtriebs unterzuordnen und der 
zweiten, mitfühlenden eine besondere Bedeutung zu verleiben." Dann, nach- 
dem er der Unterscheidung Lipps zwischen Einfühlung und Nachahmung 
Rechnung getragen hat, spricht er die Ansicht aus, daß in dem vorliegenden 
Falle der erstgenannte dieser beiden Vorgänge sich zu dem zweiten ausge- 
dehnt hat: „In seiner Bewunderung der Geliebten genügt es ihm nicht, sich 
auf das normale Element der Einfühlung zu beschränken ; er tibernimmt ihre 
gesamte ästhetische Einstellung, indem er sich dem Nachahmungstrieh überläßt. 
Er gelangt bis zu einer vollständigen Affektidentifizierung, die sexuell abnorm 
aber ästhetisch korrekt ist." 

EUis schlägt vor, den Typus „ästhetische Inversion" oder „D' Eonismus" 
(nach dem wohlbekannten Beispiel des Chevalier D^Eone, der diesen Zustand 
in höchst ausgeprägter Form zeigte) zu benennen. 

Es ist klar, das Ellis die Auffassung der geschlechtlichen Inversion auf 
die manifesten Formen beschränkt, wo ihr Vorhandensein von dem Träger 
selbst anerkannt wird. Eine Durchforschung der unbewußten Zusammenhänge 
würde wohl in jedem der in Frage kommenden Fälle den unzweideutigen 
Beweis der homosexuellen Grundlage der Anomalie erbringen. Deutliche Hin- 
weise darauf lassen sich sogar in den vorliegenden Beschreibungen finden. Im 
ersten Fall handelt es sich um eine Frau, die außer in Träumen niemals 
irgend eine sexuelle Erregung erfuhr, bis sie im Alter von 27 Jahren heiratete. 
Vom elften Jahre an hatte sie intensiv erotische Träume, durchschnittlich jeden 
Monat einmal. „Die Träume haben die merkwürdige Eigenart, daß die 
Träumerin regelmäßig träumt, daß sie selbst ein junger Mann sei, der cir. 
junges Mädchen umwirbt. Sie hatte nie einen normalen erotischen Traum. 
der einen Mann betraf. Im Gegenteil, in allen besonders lebhaften Träumen, 
selbst in jenen ohne erotischen Charakter, träumt sie von sich in dieser männ- 
lichen Gestalt. Die einzige Ausnahme ist ein Alptraum, der sie manchmal befällt: 
in diesem behält sie ihre eigene, weibliche Persönlichkeit und wird von 
Zimmer zu Zimmer von einem widerwärtigen Weib verfolgt." Mit anderen 
Worten, ob sie sich selbst als Mann oder Frau sieht, in beiden Fällen ge- 
hört das Sexualobjekt dem eigenen Geschlechte an. Das ist sicherlich die 
Erscheinung, die wir „Inversion" zu nennen gewohnt sind, wenn wir das 
Wort auf die Inversion des Objektes, nicht auf die Inversion der Einstellung 
einschränken. Interessant an diesem Falle ist es, daß die sexuelle Anomalie 
nur im Traum aufritt. Im Wachleben empfindet diese Frau weiblich und fühlt 
sich zu Männern hingezogen ; „sie hatte niemals irgend welche homosexuelle 
Impulse und betrachtet derartiges mit Abscheu". Sie glaubt, daß sie früher 
einmal ein Knabe gewesen sein müsse, und fühlt im Traum, daß ihr Körper 



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Kritiken nnd Referate. 305 

männliche Attribute (wahrscheinlich einen Penis) hat. Kurz : Verdrängte Homo- 
erotik mit Penisneid. 

Ein anderer Fall ist jener eines Mannes mit außerordentlich starken 
narzißtischen und exhibitionistischen Impulsen, die sich auf den ganzen Körper, 
nicht bloß auf den Penis bezogen. Er ist in seinem Fühlen weiblich und hat 
äußerst hohen, fetischistischen Genuß an Frauenkleidern, ob sie nun von ihm 
selbst getragen werden oder von Frauen, oder selbst nur in einer Auslage 
liegen. Sein Sexualleben ist fast ausschließlich narzißtisch. Sein Interesse für 
Frauen scheint sich auf ihre Kleider zu beschränken, obgleich er gelegentlich 
zum Geschlechtsverkehr imstande ist. Es sagt : Zuzeiten, wo ich zur letzten 
Höhe weiblicher Begierde gesteigert bin, befinde ich mich manchmal in einem 
Zustand der Sehnsucht nacb einem männlichen Liebhaber statt einer weiblichen 
Geliebten . . . Ich empfinde wie ein Weib, und dann scheint es mir, als be- 
dürfe ich eines Mannes, um ihm die Reize meiner Person und meiner Kleider 
zu zeigen, mich von ihm küssen und liebkosen zu lassen, bis ich mich ihm 
in ich weiß nicht welcher wahnsinnigen Orgie von wollüstigem Genuß hingebe . . . 
In meinen rahigeren Augenblicken denke ich über die grenzenlose Verworfen- 
heit solcher Begierden nach und ermesse die Tiefe meines Sturzes.'* Ellis 
schließt aus diesem „tiefsitzenden Abscheu vor homosexuellen Verbindungen", daß 
es äußerst unwahrscheinlich sei, daß aus diesem Menschen je ein sexuell Inver- 
tierter werde. Dies mag seine Richtigkeit haben, soweit es manifeste Betätigung 
anlangt, die Ellis' Hauptkriterion zu sein scheint, aber der Widerwille selbst 
zeugt für die verdrängte Homosexualität ebenso wie die zitierten Äußerungen. 

Der letzte Fall ist der eines ängstlichen, feigen und zurückgezogenen 
Mannes, der in ästhetischer sowohl wie in Affektbeziehung invertiert war, 
d. h. er empfand sich selbst als Weib. Dieses Gefühl war auch auf die Ge- 
nitalien ausgedehnt. Er schreibt: „Die männlichen Organe erscheinen mir 
häßlich, unzweckmäßig und fast unnatürlich . . . Die Vorstellung der Ka- 
stration schien mir nie unnatürlich oder abstoßend, sondern nur als merk- 
würdige und vielleicht interessante Erfahrung und ich hätte mich ihr nach dem 

Tod meines Weibes unterzogen, wenn ich sie unentdeckt hätte ausführen können 

Ich schlief oft mit den ganzen Genitalorganen hinter meinen Schenkeln ein- 
geklemmt, außer Seh- und Reichweite von vorne. . . . Als unser Sohn geboren 
wurde, verursachte mir der Gedanke, daß ich dies Erlebnis nicht selbst durch- 
machen, nicht einmal währenddessen an der Seite meines Weibes bleiben 
durfte, den tiefsten Schmerz, den ich je in meinem Leben gefühlt habe, und 
ich war vier Monate lang nicht im stände, ihn zu überwinden." 

Es ist klar, daß die in dieser Einstellung lebenden Personen zu dem 
gehören, was Ferenczi „Subjekt-Homoerotik" nennt (Zeitschrift II, 133). 
Zur Aufklärung der Genese dieser Abnormität habe ich, unter Hiuzunahrae der 
kongenitalen Prädisposition und anderer Faktoren, auf das Moment exzessiver 
Identifikation mit der Mutter in ihrem Verhältnis zum Vater verwiesen (nicht, 
wie bei dem gewöhnlicheren ,,Objekt" Typus, Identifikation mit ihr in ihrem 
Verhältnisse zum Kind) (Jahrb., V, 71, 115). Viele Hinweise auf die Identi- 
fikation mit der Mutter sind in dem hier mitgeteilten Material enthalten, zum 
Beispiel der zuletzt erwähnte Neid auf das Kindergebären. Wir stimmen also 
mit Ellis überein, wenn er den Faktor der Identifikation, Einfühlung, betont, 
aber weichen von ihm ab, wo er versucht, die Sexualität in die zweite Linie 
zu stellen. Für uns ist sie der Mittelpunkt des ganzen Komplexes. Das 
Material in Ellis' Artikel ist auf alle Fälle von bedeutendem Wert für jeden, 
der derartige Probleme studiert. Ernest Jones. 

Zeitechr. f. ärrtl. Paychoanalyse. III/6. 20 



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306 Kritiken und Referate. 

HaxScheler: Zur Phänomenologie nnd Theorie der Sympathie- 
gefühle und von Liebe und Haß. Halle a. S. 1913. 

Es würde den dieser Zeitschrift gesteckten Rahmen weit überschreiten, 
wollte ich diese interessante und bedeutungsvolle Schrift in ihrem vollen In- 
halte würdigen. Hier möge nur Platz finden, was vom Standpunkte des Psycho- 
analytikers über Schelers Darstellung und Kritik der Frendschen Libido- 
theorie gesagt werden muß. Bei der Besprechung der Mitleids- und Liebes- 
gefuhle unterscheidet der Autor vier Theorien, welche er als „die naturali- 
stische Theorie der Liebe^ zusammenfaßt: 1. die Theorien, die Liebe aas 
dem Mitgefühl erklären, 2. die Theorien, welche das Mitgefühl aas dem 
sozialen Instinkt verständlich machen wollen, 3. die vom Positivismas (zaerst 
von L. Feuerbach) aufgestellte geschichtsphilosophische Gedankenreibe and 
4. die „ontogenetische Theorie der Liebe, welche Freud geschaffen hat „and 
die — wäre sie wahr — alles, was wir sagten, illusorisch machen würde'^. 
Die naturalistische Theorie habe ihren Schlußstein und ihre einheitliche Ge- 
schlossenheit durch die Psychoanalyse erhalten. Ihr diesbezügliches Hauptwerk 
sei die Arbeit Freuds „ Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie"." Neaerdings 
wende sich die Schule wieder zu ihrem geschichtsphilosophischen Aasgangs- 
punkte zurück, sofeme sie ihre Grundsätze „auch zum historischen Verständ- 
nis der Mythen, der Religion, der Rechtsbildungen anwendet". Hier liegt von 
Seiten Schelers ein zweifacher Irrtum vor: erstens hat die Schule Freads 
keinen geschichtsphilosophischen Ausgangspunkt, sondern einen empirischen 
(Beobachtung und Analyse an Kranken und Gesunden), und zweitens wollen 
die psychoanalytischen Arbeiten über Mythos, Religion und Recht kein rein 
historisches, sondern vielmehr ein psychologisches Verständnis eröffnen, h 
Schelers Darstellung liegt ferner ein Mißverständnis : gewiß behauptet Freud 
nicht, daß der „Geschlechtstrieb" (im strengsten Sinne des Wortes: als Trieb 
nach einem andersgeschlechtlichen Objekt) angeboren sei, wohl aber die Seiual- 
triebe. Freud behauptet ja: „Der Mensch ist polymorph-pervers" geboren. Es 
ist nun notwendig, Schelers Kritik der Begriffe Geschlechtstrieb und Libido 
aufmerksam zu folgen, da er an diesen (gleichsam als an den Wurzeln der 
psychoanalytischen Theorie) die Axt anlegt. Wir müssen dabei von vornherein 
zurückweisen, die phänomenologischen Gesichtspunkte auf dem Gebiete der 
Psychoanalyse gelten zu lassen. Der Kernfehler aller naturalistischen Theorien 
besteht nach Schelers Ansicht eben darin, daß sie die ürsprtinglichkeit der 
„geistigen" und „heiligen" Liebe ebensowohl wie die der „beseelten Indivi- 
dualliebe* übersieht. Sie seien diesen Tatsachen gegenüber einfach blind. In 
dieser Liebe aber trete „eine nicht nur unserer faktischen Lebensorganisation, 
sondern eine dem Wesen alles Lebens, ja (in der „heiligen Liebe'') einer so- 
gar dem Wesen aller „seelischen" Ordnung überlegene Schicht von „Akten and 
Werten" in die Erscheinung. Es ist nicht leicht, sich vorzustellen, was Sehe 1er 
unter „geistige" und „heilige Liebe" versteht: man darf vielleicht vermuten, 
daß er darin jene Liebesart findet, welche dem Objekt den höchsten Wert 
zuschreibt und von ihm keine Sexualbefriedigung (im groben Sinne) begehrt. 
Ist dem so, so hat die Psychoanalyse einen solchen Typus des Liebenden wohl 
gesehen und seine ürsprünglichkeit ist gerade durch ihre Theorien hinfällig 
geworden. Entspricht aber unsere Annahme (daß Sehe 1er dieses meine) nicht 
der Wirklichkeit, so muß doch diese Art der „geistigen" und ,seeüschen 
Liebe" zum Vorschein, in die „Erscheinung" treten. Wie sonst konnte 
Sc hei er erklären, daß sie bestehe? Sollten die Psychoanalytiker, welche doch 
wahrhaft mitten im Leben stehen und nicht ihre Theorien aus dem Boden 



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Kritiken und Referate. 307 

der Studierstube emporwachsen sehen, sollten sie gerade diese geheimnisvolle 
Liebe nicht erblickt haben ? Ferner : was hat der Psychologe, der seelische 
Vorgänge erkennen und verstehen will, mit „tieferen Wertstufen" zu tun? 
Absolut nichts; werten ist seine Sache nicht. £r hat dies dem Ethiker und 
Ästheten zu tiberlassen. Sehe 1er gibt zu, daß die „heilige Liebe" selten ist, 
und selbst dann, wenn sie da sei, können sie nur wenige erfassen, und dieses 
Erkennen sei selbst an die Kongenialität der Jüngerschaft gekntijift. Immer- 
hin gibt Sehe 1er zwei Beispiele: Buddha und Franciscus von Assisi. Die 
„Sublimierung" reiche zur Erklärung solcher singulärer Erscheinungen nicht 
ans. Die Idee der Monogamie sei aus naturalistischen Voraussetzungen nie 
zu erklären. Sie ist vielmehr eine Tatsache, welche darauf beruht, daß 
zwischen zwei Individuen als solchen ein Wesenszusammenhang besteht, „so 
daß alle empirischen Zufälligkeiten in dem Sichfiuden der Paare, nach Zeit, 
Ort, gemeinsamer Gesellschaft usw. — nur als Wege zur Gewinnung dieser 
die Ehe erst rechtfertigenden Einsicht" aufzufassen sind. Alles andere hat 
nur pragmatische Bedeutung. Gegentiber solchen metaphysischen Hypothesen 
hält die Psychoanalyse an der Empirie und den aus ihr gezogenen Schlüssen 
fest. Tatsache ist, daß die Psychoanalyse einen pragmatischen Standpunkt 
einnimmt, indem sie erklärt : Wirklich ist, was wirksam ist. Von hier aus 
müssen wir jede phänomenologische Reduzierung ablehnen. Wir übergehen 
die weiteren Hypothesen Schelers, welche von derselben Art sind (also 
rein phänomenologisclv und philosophisch) und gehen zu seiner speziellen 
Kritik Freuds über. 

Das Unternehmen einer Ontogenie der sympathischen Gefühle, wie es 
Freud unternommen hat, ist ein eminent verdienstliches. „Betrifft es doch 
eine Aufgabe, welche bisher so gut wie völlig tibersehen worden ist." Sc hei er 
würdigt insbesondere die therapeutische Seite der Analyse. Die Psychoanalyse 
hat die Vorstellungen von der ' seelischen Kausalität überhaupt gefördert und 
sie vermag vielleicht einmal dies Eigentümliche einem Verständnis näherführen, 
was wir das „Schicksal" eines Menschen nennen. Die nun folgenden Erör- 
terungen Schelers über das menschliche Schicksal und die Wichtigkeit na- 
mentlich des kindlichen Erlebens für die weitere individuelle Entwicklung sind 
uns als vorzügliche Bestätigungen unserer Anschauungen, welche von ganz an- 
deren Gesichtspunkten ausgingen, sehr willkommen. Prinzipiell befindet sich 
hier die Psychoanalyse auf demselben Boden wie er. 

Dagegen erscheinen uns seine Bedenken gegen den Freud sehen Begriff der 
Libido nur auf einem Mißverständnisse zu beruhen. Er kann es sich nicht erklären, 
was das Wort Libido bezeichnet, sofern darin nicht die Tatsache des Geschlechts- 
triebes vorausgesetzt wird. Libido entsteht nach den Anschauungen Freuds 
nicht erst auf Grund der Erfahrung von Wollustempfindungen, sondern sie ist 
eine beim Säugling ebenso ursprüngliche Tatsache wie der Hunger. Nicht eine 
zufällige mechanische Reizung der erogenen Zonen ist der Ursprungsort der 
Libido, sondern sie ist als Trieb von vornherein gegeben und jene Reizungen 
erregen sie schon, ja es kommt nur zu solchen Reizungen, insofern dies Impulse 
dazu ihr entstammen. Freilich muß man dann unter Libido nicht den Gechlechts- 
trieb im Speziellen verstehen, sondern die Triebkraft aller Sexualkomponen- 
ten. „Es ist", schreibt Sehe 1er, „für die Entwicklung der Freud sehen 
Theorie ein charakteristischer Vorgang gewesen, daß der Begriff der »Libido«, 
je mehr er für die Erklärung der verschiedenartigen Liebesbeziehungen 
leisten sollte, immer mehr einer Formalisierung anheimfiel. So bemerkt 
Freuds Schüler Jung einmal, man dürfe unter Libido eigentlich nichts 

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308 Kritiken nnd Referate. 

anderes verstehen, als das »Streben« schlechthin. Daß mit einem solchen 
Begriff, der alles Charakteristische eingebüßt hat, wenig auszurichten ist, ist 
wohl selbstverständlich." Auch hier sind wir, was die Formulierung der Libido 
durch Jung anbelangt, durchaus mit S c h e 1 e r einig und es ist uns unbe- 
greiflich, wie ihm, der doch sichtlich die psychoanalytische Literatur aufmerk- 
sam verfolgt, entgangen ist, daß die Psychoanalyse (wir verstehen darunter 
die Lehre Freuds) den Libidobegriff Jungs als inhaltlos abgewiesen hat. 
Es wurde schon früher darauf verwiesen, daß Freud nicht, wie Scheler 
wiederholt behauptet, annimmt, daß die Libido durch Zusammentreffen äußerer 
mechanischer Umstände entstehe. Auch mit dem von dem Autor gemachten 
Zugeständnisse, es gäbe vor der Objektperiode eine andere, in welcher die 
Triebregung auf die bloßen Werte der Andersgeschlechtlichkeit gerichtet ist, 
dürfen wir uns nicht begnügen. Denn die früheste Periode infantiler Sexual- 
betätigung ist polymorph-pervers, sie hat überhaupt keine ausgesprochene 
Neigung zur Objektwahl und selbst später besteht noch ein Schwanken 
zwischen gleichgeschlechtlichem und andersgeschlechtlichem Objekt. Einen 
Geschlechtstrieb als solchen (ohne Entwicklung aus vorhergegangenen Stadien) 
anzunehmen, wie Scheler dies tut, verbietet uns die Beobachtung. Wenn der 
Autor behauptet, Freuds Theorie von der polymorph-perversen Natur des 
Säuglings werde gerade durch die Perversionen widerlegt, in denen noch die 
Triebrichtung auf das andere Geschlecht erhalten ist, so beruht dieses Urteil 
auf einem Fehlschlüsse, den wir S c h e 1 e r s Scharfsinn nicht zugetraut härten. 
Denn diese andersgeschlechtliche Richtung der Perversen findet sich doch nur 
bei Erwachsenen oder dem Säuglingsalter zumindest Entrückten und niemand 
hat behauptet, daß sich nicht auch bei ihnen Ansätze zur außergeschlechtlichen 
Objektwahl in der Kindheit gezeigt hätten. Ja im Gegenteil, Freu d und 
S a d g e r konnten sogar für den Fetischismus und die Homosexualität dies io 
ihren Analysen zeigen. Die tiberreiche Menge von Beobachtungen sollte dem 
Autor auch gezeigt haben, daß die inzestuöse Einstellung im Kindesalter keine 
krankhafte Abirrung des Trieblebens ist, sondern ein allgemein-gültiges, durch- 
aus normales Stadium der Libidogeschichte. Es bestehen durchaus von vorn- 
herein keine ursprünglich verschiedenen Qualitäten der Liebe zu den Eltern 
und einem nicht der Familie angehörigen Objekt. Freud macht sich keines 
methodischen Fehlers schuldig, wenn er annimmt, daß die „normalen* Fälle 
in diesem Punkte dieselbe Einstellung hatten wie die ^anormalen^, denn seine 
Annahme wird durch die Beobachtung und Analyse jener Fälle, welche 
Scheler die normalen nennt, vollkommen gestützt und bekräftigt. Nicht die 
Freud sehe Theorie, sondern ihre Kritik durch Scheler ist „als durchaus 
mißlungen zu betrachten". Theorien müssen auf Tatsachen, Beobachtungen, 
Analysen aufgebaut sein, keine noch so schöne metaphysische Hypothese 
kann uns „zeigen", was Scheler zeigen will, daß Liebe nicht auf Sexualität 
zurückzuführen ist. Er wundert sich darüber, wie es unter den Freudschen 
Voraussetzungen überhaupt zu einer Sublimierung im Kindesalter kommen 
kann. Freud hat dies doch, wie uns scheint, deutlich genug ausgesprochen, 
daß dafür organische Bedingungen sowie von außen den Individuen auferlegte 
„moralische Vorstellungsmassen" entscheidend sind. Es sei ferner schwer 
begreiflich — wenn die Libido „schließlich (wie bei Freud)" den Charakter 
der seelischen Gesamtenergie überhaupt in Anspruch nehme — es aus ihr 
zum Aufbau jener Mächte kommen soll, welche zur Verdrängung der Libido 
Anlaß geben. Noch weniger könne man verstehen, woher denn die moralischen 
Vorstellungsmassen kommen, welche die Libido einschWlnken. Dagegen ist 
erstens zu sagen, daß Freud der Libido niemals die Fassung einer seelischen 



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Kritiken und Referate. 309 

Gesamtenergie schlechthin gegeben hat und daß also die moralischen Vorstellungs- 
massen aus dem Konflikte zwischen Sexualtrieben und Ichtrieben emporwachsen 
können. »Um diese »Sublimierung« aber ihrerseits verständlich zu machen, 
setzt Freud voraus, es gäbe eine Moral, kraft deren Geboten eine Ver- 
drängung der Libido und damit ihre mögliche Zuleitung an »höhere Auf- 
gaben« könne geleistet werden." Ja, eine solche Moral gibt es auch, sie wird 
dem Kinde von seinen Eltern gelehrt und ihre Aufnahme dadurch begünstigt, 
daß das Kind den Eltern zärtliche und libidinöse Regungen widmet. Wie es 
zur Entstehung und zum Aufbau dieser Moral in der Entwicklungsgeschichte 
der Menschheit kommt, hat Freud in „Totem und Tabu** gezeigt. 

Freud entfalte eine geistige Alchimie, durch deren Künste aus „Libido" 
Denken und Güte werde ; hier erübrige sich aber eine Diskussion, denn eine 
solche Alchimie sei uns bisher absolut unbekannt geblieben. Wenn man die 
Entstellung der Freudseben Gedanken, die hier vorliegt, abzieht, so muß 
gesagt werden, daß eine Diskussion durchaus nicht von der Höhe akademischer 
Schulweisheit abgelehnt werden darf. Ein solcher Zusammenhang ist uns 
bisher unbekannt geblieben und deshalb ist er falsch ? Wie töricht ! Es gilt 
also, umzuleiten, zumal es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die 
uns bisher unbekannt geblieben und nichtsdestoweniger wahr und wirklich 
sind. Natürlich müssen spezifische Begabungen vorausgesetzt werden. Kein 
Psychoanalytiker will die Begabung Napoleons als Stratege aus der Sexu- 
alität ableiten. Es ist mir ganz unverständlich, wie Sehe 1er solche Einwände 
ins Feld führen kann : die Psychoanalyse hat ausdrücklich erklärt (vergleiche 
Freuds Artikel in Scienzia), daß die Fragen der spezifischen Begabungen 
dem Forschungsgebiete der Biologie angehören und von der Psychoanalyse 
nicht beantwortet werden sollen und können. Der Psychoanalytiker ist kein 
Tausendkünstler; er begnügt sich mit der Aufdeckung des Anteils unbewußter 
Regungen im individuellen Leben. Die weiteren Ausführungen Schelers 
beziehen sich auf das Wertbewußtsein und die Höherwertung der „geistigen" 
Güter. Wir wenden uns von diesen ethischen Fragen, welche die Psycho- 
analyse nicht zu beantworten hat, dem Einwände zu : man vermisse bei 
Freud bestimmtere Angaben, worin sich denn eine berechtigte und notwendige 
Beherrschung der Libido von einer Verdrängung unterscheidet, die „nach ihm 
eine Hauptquelle für die Nervenkrankheiten darstellen soll". Doch die Ver- 
drängung als solche ist keine Hauptquelle der Krankheit, sondern das Miß- 
glücken der Verdrängung. Die Beherrschung unterscheidet sich von der Ver- 
drängung, das ist ohne weiteres klar, durch den Charakter des Bewußten, den 
sie trägt, durch die Qualität der bewußten Verwerfung dessen, was, unbewußt 
wirkend, pathogen wurde. Sehe 1er vermißt auch die Angabe der differen- 
tiellen Bedingungen, welche einmal in die Richtung der Sublimierung, ein 
andermal in die Richtung der Erkrankung führen sollen. Der Hinweis auf 
die individuelle psychosexuelle Konstitution und die Lebensschicksale des 
Individuums möge hier statt langer Erörterungen genügen : aus dem Zusammen- 
wirken dieser beiden Faktoren ergeben sich die difi'ereutiellen Bedingungen. 

Hier, wie sonst oft, bemerkt man, daß viele Einwände und Bedenken 
von Seite der Gegner der Psychoanalyse unterblieben wären, wenn ein längeres 
nnd intensiveres Studium der Psychoanalyse dem Angriff vorausgegangen 
wäre. Darüber wird sich auch der Autor nun klar werden. Denn auch vor 
eine fruchtbare Kritik haben die Götter (außer der Begabung, welche ihm 
ohne Zweifel in erhöhtem Maße zugesprochen werden muß) den Schweiß gesetzt. 

Dr. Theodor Reik. 



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310 Kritiken und Referate. 

Friedrich v. Müller: Spekulation und Mystik in der Heilkunde. 

Rektoratsrede. J. Lindauer, München 1914. 

Die medizinische Wissenschaft hat vor Jahrzehnten u. a. in München, 
wo der angesehene Internist Müller derzeit wirkt, eine dunkle Vergangenheit 
gehabt, in der eine spekulativ-mystische Richtung herrschte. Wenn auch noch 
kein Rückfall in der Medizin droht, so gewinnt derzeit im Volk bis weit 
in die Kreise der Gebildeten hinein — nicht nur in München — diese 
Richtung wieder mehr Anklang. Der Okkultismus mit seinen Materialisations- 
phänomenen blüht trotz aller Entlarvungen, die Astrologie kehrt in Lehr- 
büchern wieder, und die Horoskope klingen verläßlicher, weil doch — 
Radiumstrahlen von den Sternen ausstrahlen. Voltakreuz und Elektrohomöo- 
pathie machen gute Geschäfte 1 Der Autor gibt mit au diesen Verirrongen 
schuld der Vernachlässigung und Verkennung der psychischen Ursachen 
mancher Krankheitszustände und dem mangelhaften Verständnis für 
die seelischen Bedürfnisse des Kranken. Der therapeutische Nihilismus treibe 
die Kranken in die Hände derjenigen, welche den Bedürfnissen der Armen 
am Geiste mehr entgegenkommen. 

Eine ärztliche Psychologie, die von den Grundsätzen der Naturwissen- 
schaft ausgeht und auch den Bereich des Unbewußten mitumfaßt, wird nach 
Müller berufen sein, Hilfe zu bringen. 

Trotzdem fürchtet Referent nach seinen Erfahrungen mit Internisten 
anderer Städte, daß Müller auch die ihm anscheinend fremde Psychoanalyse 
— zur Mystik rechnet; wir aber wissen, wie exakt unsere Methode ist, 
daß sie befähigt ist zu erklären, auch warum der Einzelne den mystischen 
oder den amystischen ^Komplex" hat. Sobald die seelische Determinierung 
der mystischen Bedürfnisse und der Neurosen klargelegt ist, werden sich auch 
Wege zur Eindämmung ergeben. Solang aber die offizielle Medizin Zwangs- 
neurosen durch — Kopfgalvanisation, Hysterien durch — Vielessen, Wasser 
und Brom heilen will, ist sie eine Zutreiberin der mystischen Scharlatanerie. 

Dr. E. Hitschmann. 

N. Braunshausen: Einführung in die experimentelle Psycho- 
logie. B. G. Teubner, Leipzig 1915. 

So erfreulich die hier durchgeführte Einreihung der Psychoanalyse unter 
die experimentellen Methoden ist, wie die Anerkennung des Autors, daß sie 
sich trotz scharfer Bekämpfung immer mehr durchsetzt, so kann doch dem 
Autor nicht das Verständnis dafür zugebilligt werden, von welcher Über- 
legenheit diese Seelen-Üntersuehungsmethode, voraussetzungslos betrieben, 
gegenüber der sterilen, physikalisch experimentierenden Periode sein wird. 
Bisher fast nur von Ärzten geübt, wird die Psychoanalyse — wagen sich 
erst die durch das Sexuelle verschüchterten Gelehrten heran — für Jahr- 
zehnte fruchtbarste Arbeit geben entsprechend Problemstellungen auf weiten 
Gebieten der Psychologie. Kann es eine einfachere Methode geben, als auf- 
zuhorchen, was das Versuchsobjekt sagt oder von seinen Träumen erzählt, 
nachdem es den Felsen von der Quelle weggehoben hat und alles sagt, was 
ihm einfällt, ohne Hemmung ! 

Freud hat, von der Psychopathologie kommend, auch das allgemein 
Psychologische mit Erfolg in Angriff genommen und erforscht. Traum und 
Gedächtnis, die Lehre vom Bewußtsein und Unbewußten, der Witz u. a. 
werden hoffentlich Forschungsgegenstände der experimentellen Psychologie 
werden. Die Schrott ersehe Arbeit über die Symbolik des Traumes war 
ein verheißungsvoller Anfang. Dr. E. Hitschmann. 



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Kritiken and Referate. 3^1 

M. Kossak : Die Vita sexaalis der Hysterischen. Zeitschrift für 

Sexualwissenschaft, 2. Band, 5. Heft. 

Die Verfasserin führt die falschen Vorstellungen, die über das Wesen 
der Hysterie bestehen, zum großen Teil darauf zurück, daß bisher nur Männer 
sich damit beschäftigt haben. Sie selbst „besitze eine Erfahrung über Hyste- 
rische, wie vielleicht nicht viele Menschen auf Erden, und habe der Sache 
viel Beobachtung und Studium gewidmet". Trotzdem suchen wir in dieser 
Arbeit vergebens neue Gesichtspunkte. Daß gut die Hälfte der von der Ver- 
fasserin Beobachteten an totaler, und die meisten übrigen an teilweiser Sexual- 
anästhesie litten, kann nicht als Novum gelten, ebensowenig wie die Konsta- 
tierung eines reichen sexuellen Phantasielebens. Die Verfasserin konnte von 
der Psychoanalyse lernen, wie eben diese scheinbar paradoxe Kombination 
durch Verdräni;ung entsteht. Auch die berichteten perversen und verbreche- 
rischen Züge sind bekannt. Zwei Eigentümlichkeiten noch hebt die Verfasserin 
bei ihren Fällen hervor : erstens hatten ihre Patientinnen Altstimmen ; wo 
die Anästhesie den höchsten Grad erreicht hat, da war die Stimme beim 
Singen kontraalt. (Sollte es sich nicht um einen Zusammenhang mit Inversion, 
respektive einen männlichen sekundären Geschlechtscharakter handeln V) 
Zweitens waren „sie oft sehr fleißig und sparsam, brachten es aber doch zu 
nichts, weil sie Geld und Sachen verzettelten". Es fand sich die geschlecht- 
liche Unempfindlichkeit nicht bei jenen Hysterischen, deren Zustand sich in 
epileptiformen Anfällen äußerte. — Referent hebt noch ein Detail heraus, das 
zur bekannten symbolischen Traumdarstellung des männlichen Gliedes durch 
ein Kleines, ein Kind, ein krasses Analogen bringt. Eine sexuell Anästhetische 
machte, über die Kinderlosigkeit der Ehe enttäuscht, das Membmm virile des 
Gatten zum Kinde. Sie malte ihm ein Gesicht, setzte ihm ein Häubchen auf, 
umhüllte es mit Windeln und hätschelte es wie ein Kind. „Gib acht auf unser 
Kind!*^ mahnte sie den Gatten, wenn er ausging ; ein Ausdruck ihrer heftigen 
Eifersucht. Dr. E. Hitschmann. 

Hans SchaffgaDz: Nietzsches Gefühlslehre. Felix Meiner, Leipzig 1913. 

Auch diese Schrift zeigt wieder, wie vielfach Nietzsches psychologische 
Betrachtungen, wie sie sich verstreut in seinen Werken vorfinden, Resultate 
der Psychoanalyse, die ganz unabhängig von jenen arbeitete, vorwegnehmen. 
Es war dies nur möglich, weil Nietzsche die Anregung zu seinen psychologischen 
Analysen unabhängig von Vorläufern, nur der Kraft, intuitiv die Probleme zu 
erfassen, verdankt. Die Grundlinien seiner Psychologie sind eine intuitive 
Analyse der Funktionen seines Gefühles. 

Das charakteristischeste Merkmal ist die relative Geringschätzung des Be- 
wußtseins, während die Bedeutung des Unbewußten klar zu Tage tritt. Der 
Verfasser betont ferner Nietzsches, aus dem eigensten Erleben seiner Per- 
sönlichkeit geschöpfte, Richtung auf die aktiven Zustände (aktive Lust), 
auf das Emotionale als Ursprung und Ziel aller Erlebnisse, das Beziehen 
auf Physiologie und Biologie. Als letztes Moment kommt die Riiihtung auf 
eine allgemeine Wertbestimmung und -setzung in Betracht, in Zusammenhang 
mit dem Ideale seiner Philosophie, der Ilöherbildung des einzelnen Menschen. 

Es ist hier nicht der Ort, auf das Problem Nietzsche näher einzugehen, 
doch sei die Gelegenheit benützt, um zur Psychoanalyse in Parallele zu brin- 
gende Stellen aus Nietzsches Werken dem besprochenen Buche bequem zu 
entnehmen. 



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312 Kritiken und Referate. 

Jener Trieb, welcher in den höchsten und gemeinsten Menschen gleich- 
mäßig waltet, der Trieb der Arterhaltung, bricht von Zeit zu Zeit als Ver- 
nunft und Leidenschaft des Geistes hervor ; er hat dann ein glänzendes Ge- 
folge von Gründen um sich und will mit aller Gewalt vergessen machen, dafi 
er im Grunde Trieb, Instinkt, Grundlosigkeit ist. 

Alles, was als Einheit ins Bewußtsein tritt, ist bereits ungeheuer kom- 
pliziert. Es ist das letzte Glied einer Kette, ein Abschluß.... Das eigentliche 

verknüpfte Geschehen spielt sich ab unterhalb unseres Bewußtseins unter 

jedem Gedanken steckt ein Affekt. 

Seinen Affekt besiegen heißt in den meisten Fällen ihn zeitweilig hemmen 
und aufstauen, also die Gefahr größer machen. 

Uat man seinen Geist verwendet, um über die Maßlosigkeit seiner Affekte 
Herr zu werden, so geschieht es vielleicht mit diesem leidigen Erfolge, daß 
man die Maßlosigkeit auf den Geist überträgt und fürderhin im Denken und 
Erkennen und Wollen ausschweift. 

Der Künstler ist ein zurückbleibendes Wesen, weil er beim Spiel stehen 
bleibt, welches zur Jugend und Kindheit gehört: dazu kommt noch, daß er in 
andere Zeiten zurückgebildet v^ird, denn die Empfindungen der ersten Lebens- 
stufen stehen denen früherer Zeitläufe näher als denen des gegenwärtigen 
Jahrhunderts. 

Die Entstehung eines Glaubens, einer starken Überzeugung bleibt ein 
psychologisches Problem, da wir geneigt sind, von den Dingen nur das zu 
glauben, was uns angenehm ist. 

Die Triebe sind viel schneller da und das Urteil ist immer nach einem 
fait accompli erst am Platze. 

Die Entwicklung der Sprache und die Empfindung des Bewußtseins 
gehen Hand in Hand. 

Der sogenannte Erkenntnistrieb ist zurückzuführen auf einen Aneignnngs- 
und Überwältigungstrieb: diesem Trieb folgend haben wsich die Sinne, die 
Gedanken, die Instinkte usw. entwickelt. 

Die längsten Zeiten hindurch hat man bewußtes Denken als das Denken 
überhaupt betrachtet : jetzt erst dämmert uns die Wahrheit auf, daß der aller- 
größte Teil unseres geistigen Wirkens uns unbewußt, ungefdhlt verläuft. 

Das Subjekt erscheint Nietzsche als Vielheit von Trieben — wir müssen 
einen Herrn annehmen, aber der ist nicht im Bewußtsein, denn dieses ist 
selbst ein Organ. 

Das bewußtwerdende Denken ist der oberflächlichste, der schlechteste 
Teil : denn allein dieses bewußte Denken geschieht in Worten, d. h. in Mit- 
teilungszeichen. 



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Kritiken und Referate. 313 

Die VeriDnerlichang entsteht, indem mächtige Triebe, denen mit Einrieb tang 
des Friedens und der Gesellschaft die Entladung nach außen versagt wird, sich 
nach innen schadlos zu halten versuchen, im Bunde mit der Imagination. 

Das ganze Handeln des Menschen wird durch die Antizipation der zu 
erwerbenden Lust oder Unlust bestimmt. 

Eine eigentliche Physio-Psychologie hat mit unbewußten Widerständen 
im Herzen des Forschers zu kämpfen. 

Die Träume sind sehr freie, sehr willkürliche Interpretationen unserer 
(nächtlichen) Nervenreize. Wer z. B. seine Füße mit zwei Riemen umgürtet, 
träumt wohl, daß zwei Schlangen seine Füße umringein. Daß aber die dichtende 
Vernunft heute und gestern so verschiedene Ursachen für dieselben Nerven- 
reize sich vorstellt, das hat darin seinen Grund, daß der SoufHeur dieser Ver- 
nunft heute ein anderer als gestern war, — ein anderer Trieb wollte sich 
befriedigen, betätigen. 

Der Traum, in dem sich ein uraltes Stück Menschtum fortübt, zu dem 
man auf direktem Wege kaum mehr gelangen kann, — bringt in die fernen 
Zustände der menschlichen Kultur wieder zurück und gibt ein Mittel an die 
Hand sie besser zu verstehen. 

Dr. E. Hitschmann. 



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Zur psychoanalytischen Bewegung. 

Die „Cornell University Medical Bulletin'* gaben als Nr. 1 
des Vol. Vim Juli 1915 einen Sammelband: ^^Studies from the Department 
ofPsychopathology" heraus, in welchem eine Anzahl psychoanalytischer Ar- 
beiten enthalten sind, die von 1911 bis 1915 in verschiedenen amerikanischen 
Fachblättem erschienen sind. Wir nennen davon: 
C. Macfie Campbell: The Form and Content of the Psychosis: The RoJe 

of Psychoanalysis in Psychiatry (From Review of Neurol. and Psych, 

IX, 469, Sept. 1911). 
The Application of Psychoanalysis to Insanity (From New York Med. 

Journ. XCV, 1079, May 25, 1912). 
John T. Mac Curdy: The Prbductions in a Manic-Like State. Illustrating 

Freudian Mechanism. (From the Jonm. of abn. Psychol. VII, 361, 

Febr.— March 1914). 
A Psychological Feature of the Precipitating Causes in the Psychoses 

and its Relation to art (ebenda IX, 197, Dec. 1914— Jan. 1915). 
Ethical Aspects of Psychoanalysis (From The Johns Hopkins Hosp. Bulletin 

XXVI, 169, May 1915). 

Aug. Hoch: The Problem of Toxic-Infections Psychoses (From New York 
State Journ. of Medicine, XII, 612, Oct. 1912). 

Dr. Josef K. Friedjung hielt in der Jahresversammlung des Monisten- 
bandes in Österreich (Ende August d. J.) einen Vortrag über ^Die Er- 
ziehung der Eltern", an den sich eine Diskussion schloß. Der Vortrag 
erscheint als Broschtlre im Druck. 

In der ^Wiener Urania** hielt Dr. Hanns Sachs am 29. Nov. 1915 
einen Vortrag „Über die Ursachen des Erinnerns undVerges- 



sens". 



Am 30. November sprach daselbst Herbert Silber er „Über Träume". 



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Varia. 

Elternbindung. 

Es seien hier zwei schöne Sonette von F. B. abgedruckt, die der Ab- 
lösung des heiratenden Sohnes von den Eltern edlen Ausdrack geben. 

Eltern. 

I. 

Oft denk' ich: weil ich eine Liebste hab', 
werden vielleicht die Eltern traurig sein. 
Denn — fair ich nicht treulos von ihnen ab, 
pflanz' ich mich nicht in neue Erde ein? 

Komm' ich nach Haus, was bin ich mehr als Gast? 
Nicht, weil mir Tisch und Schrank jetzt Fremde sind. 
Die Eltern sprechen leiser, schüchtern fast, 
seh'n mich so an, als war' ich nicht ihr Kind. 

— du, was bring' ich dir zum Opfer dar! 
Die Rührung um des Vaters weißes Haar, 
die Rührung um der Mutter linde Hand. 

Vergiß nicht, daß ich lange Knabe war. 

Ich habe Elternliebe nur gekannt. 

Liebe war warmes Licht. Nun ist sie Brand! 

n. 

Befremdet dich, daß ich so fragen kann? 

frag' dich selbst, wie dir das Scheiden tut! 

Ist nicht dein Vater auch ein alter Mann? 

und deine Mutter — reicht das Wort noch: »gut"? 

Lagst du nicht auch gern krank in ihrer Hut? 
War es nicht schön, in ihrem Schoß zu weinen, 
in ihren Augen besser zu erscheinen 
oder sehr schlecht vor Trotz und Übermut? 

— Mit unsem Wurzeln graben wir uns aus. 
Wir lösen uns vom angestammten Haus 

und sollten uns der wenigen Tränen schämen? 

Wir werden beide nicht mehr Kinder sein. 
Nun gilt es, fest sich an den Händen nehmen. 
Zu zwein' ist auch allein — ist sehr allein. 

Es wird nicht wundernehmen zu hören, daß die Ehe des Dichters als- 
bald geschieden wurde und derselbe neuerlich mit den Eltern die Wohnung 
teilt. Dr. E. Hitschmann. 



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316 Varia. 



Noch ein Beitrag znr Psychologie der Brandstiftung. 

In Gerhart Hauptmanns „Rose Bernd*' (Ilf. Akt) tritt der Maschi- 
nist Streckmann, dem ein ausgegangener Liebeshandel viel zn schaffen macht, 
anf und klagt: „Mir is aso kotzärschlich zu Mut, ich mechte was recht was 
Verwerrtes verrichta. — Kleenmagd, soll ich mich zu d'r legen ?** 

Kleinmagd: „Ich schlag' dir a Wetzsteen ieber a Schädel . . ." 
Streckmann: „. . . Meinsweg'n, Kleenmagd, schlag mich tut.^ 
Hahn: „Du kannste ja o ane Scheuer oazinda/ 
Streckmann, abwehrend : „Beileibe! Feuer is ei mir genug. August (der 
Bräutigam seiner Geliebten), doas is a glicklicher Mann ..." ... „(>ebt 
her ! Ma muß sich a Kummer versaufa ! — (Zu Rose, der verlorenen Ge- 
liebten:) Du brauchst mich nich ansehn, 's is abgemacht! — Ich geh! — 
Ich will nich dazwischentreten." 

Bemerkenswert ist, daß der Arbeiter Hahn dem zurückgewiesenen Lieb- 
haber eine Brandstiftung anrät und daß dieser sie ablehnt mit der Begrün- 
dung, in ihm sei Feuer genug. ^) Wedekinds Brandstifter von Egliswil beging 
nach erfahrener Impotenz jenes Verbrechen. (S. o. S. 147 ff.) Der Arbeiter 
Hahn phantasiert, indem er sich in die Lage des Maschinisten einfühlt, die 
Brandstiftung als symbolische Brunstverwertung, als maskierten Sexualakt, der 
sieggewohnte Don Juan zählt auf direkte Verwendung seiner Brunst bei einem 
anderen Objekt. Daß Hahn auf seine kriminelle Vorstellung kommt, weil er 
sich einer innerlich gebotenen Kulturleistung widersetzt, deutet Hauptmann 
nicht an. P fister. 

Das Symbol im Orakelspruch. 

In der psych analytischen Literatur ist meines Wissens noch nicht darauf 
hingewiesen worden, daß die Symbolik, deren sich der Traum, die Lyrik, das 
Märchen, der Mythus und andere Manifestationen bedienen, auch im Orakel 
gebraucht wird. Ein deutliches Beispiel überliefert uns Her od ot In der 
Übertragung von Hausrat und Marx (Griechische Märchen, Dietrich 1913, 
S. 133 f.) lesen wir wörtlich: „Periander hatte nämlich zu den Thesproten 
an den Acheronfluß Boten ans Totenorakel geschickt wegen eines Pfandes von 
einem Gastfreunde. Da erschien der Schatten Melissas (des ermordeten Weiber 
Perianders) und sagte, sie gebe ihm kein Zeichen und keine Auskunft, wo 
das Pfand liege, denn sie friere und sei ohne Kleider, denn die Kleider, die 
er ihr bei der Bestattung mitgegeben habe, hülfen ihr nichts, da sie nicht 
mitverbrannt worden seien. Und ein Zeugnis, daß sie die Wahrheit sage, solle 
ihm dies sein: Periander habe sein Brot in den kalten Ofen geschoben . . . 
Das Wahrzeichen war überzeugend für Periander, da er den Leichnam der 
Melissa beschlafen hatte." 

Die sexualpsychologische Bedeutung des Brotes und Ofens sind dem Ana- 
lytiker bekannt und auch in der Literatur gewürdigt worden. Das klassische 
Orakel zeigt auch gut den Anlaß zur Symbolbildung: Die Entstellung infolge 
Schamgefühls oder aus Schonung, jedenfalls das Bestreben, gleichzeitig etwas 
auszudrücken und zu verbergen. Pfister. 

') Man vgl. auch Hauptmanns Schauspiel „Der rote Hahn". 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Bibliographie. *) 



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Gatten gelösten Ehen. (Diss. Erlangen 1914. Junge & Sohn.) 
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Nr. 24 z. Voss. Ztg. Nr. 297 v. 13. VI. 1915.) 
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1, Jan. 1915.) 
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1914 in der Münchener Gesellschaft für Kinderheilkunde gehaltenen Vortrag. 

(Münchener Med. Wochenschr, 23. Juni 1914.) [Empfiehlt abwartende Stellung 

zur Psychoanalyse.] 
Groß Otto: Über Destruktionssymbolik. (Zentralbl. f. Psychoanal. IV. 11/12.) 



*) Diese Rubrik bringt vorläufig nur den Psychoanalytiker näher interessierende 
Literaturangaben. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



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Oberholzer: Erblichkeitsverh&ltnisse und Erbgang bei Dementia praecox. (Verein 

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Pfister 0.: Psychoanalysis sind the study of children and youth. (Americ. Journ. of 

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zerischer Irrenärzte. Zur 50. Jahresversammlung 1914.) 
Sadger J.: Ober Nachtwandeln und Mondsucht. (Schriften z. angewandten Seelen- 
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Ketzergedanken über Homosexualität H. Groß' Arch., Bd. 59.) 

Zur sexuellen Anästhesie des Weibes. (Fortschr. d. Mediz. 1914, Nr. 32.) 

Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal der Tochter. (Archiv für Frauen- 
kunde, Bd. I, S. 329 ff.) 

Neue Forschungen zur Homosexualität. (Berliner Klinik, 27. Jahrg., Heft 315, 

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Sexualität und Erotik im Kindesalter. (Mod. Mediz., 6. Jahrg., Heft 2/3.) 

Schauer Richard: Die psychanalytische Methode. (Päd. Ztg., BerUn, 9. April 1914.) 
Schilder P. u. II. Weidner: Zur Kenntnis symbolähnlicher Bildungen im Rahmen 
der Schizophrenie. (Zeitschr. f. die gesamte Neurologie und Psychiatrie, 31. Juli 
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