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Full text of "Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse Band III Heft 3"

INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT 



FÜR 7.^ 



ÄRZTLICHE PSYCHOANALYSE 

OFFIZIELLES QRGAN 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 

HERAUSGEGEBEN VON 

PROF. DR. SIGM. FREUD 

REDIGIERT VON 

DR. S, FERENCZI DR. OTTO RANK 

BUDAPEST WIEN 

PROF. DR. ERNEST JONES 

LONDON 



UNTER STÄNDIGER MITWIRKUNG VON: 

Dr. KARL ABRAHAM, BbKLIN. — Dh. LUDWIG BlNSWANGER, KrEDZLIÄGEN. — 

Dr. Poul Bjerre, Stockholm. — Dr. A. A. Brill, New York. — Dr. Trigant 
BURROW, Baltimorb. — Dr. M. D. Eder, London. — Dr. J. van Emden, Haag. — 
Dr. M.EiTiNGON, Berlin. — Dr. PAULr federn, Wien.— Dr. Eduard HITSCHMANN, 
Wien. — Dr. H. v. Hug-Hellmuth, Wien. — Dr. L. Jekels, Wien. — Dr. Friedr. 
S. KRAUSS, Wien. — Dr. J.T.Mac Curdy, New York. — Dr. J. Marcinowski, Siel- 
beck. — Prof. Morichau-Beauchant, Poitiers. — Dr. C. R. Payne, Wadhams, N. Y. 
— Dr. OSKAR Pfister, Zürich. — Prof. James J. Putnam, Boston. — Dr. Theodor 
REiK, Berlin. — Dr. R. Reitler. Wien. — Dr. Hanns ayns, Wien. — Db.. J. 
Sadger, Wien. — Dr. A« Stärcke, Den Dolder. — Dr. M. ^tegmann, Dresden. 
— Dr. Victor TXüsk, Wi^n, — Dr. M. Wulff, Odessa, 

III. JAHEGANG, 1915 
HEFT 3 




1916 

HUGO HELLER & QE. 

LEIPZIG UND WIEN, I. BAUERNMARKT 3 



.. /^^j^-,1..^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



ALLE UNREGELMÄSSIGKEITEN IM ERSCHEINEN UND IM UM- 
FANGE DIESER ZEITSCHRIFT, WELCHE DURCH DIE KRIEGSLAGE 
BEDINGT BIND, WOLLEN DDE P. T. ABONNENTEN FREUND- 
LICHST ENTSCHULDIGEN. DAS VERSÄUMTE WIRD NACH WIE- 
DERKEHR NORMALER ZUSTÄNDE NACHGEHOLT WERDEN. 



BEIHEFTE 
zur Internationalen Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse 

herausgegeben von Prol Dr. Sigm. Freud. 

L Heft: 

UNBEWUSSTES GEISTESLEBEN 

Vortrag, gehalten zum 339. Jahrestage der Leidener Universität 
am 9. Februar 1914 

▼om 
Eector Magnificns 

G. Jelgersma, 

Professor der Ptjoblattle an der Unirecsit&t lielden. 

Preis M. 1.50. — Fttr Abonnenten der Zeitschrift M. 1.—. 
Als zweites Heft erscheint demn&chst: 

ALLGEMEINE GESICHTSPUNKTE ZUR PSYCHO- 
ANALYTISCHEN BEWEGUNG. 

Von 

James J. Pntnam, 

Prof. emerit. «n der Harraxd Medic«! Bchool, Boston. 



All American and English commnnications and contribntions shonld be 
sent (typewritten) to Dr. Emest Jones, 69 Portland Court, London W. 



Alle Manuskripte sind vollkommen druckfertig einzusenden. 

Sämtliche Beiträge werden mit dem einheitlichen Satz von K 50. — 
pro Druckbogen honoriert. 

Von den „Originalarbeiten*^ und ^Mitteilungen" erhalten die Mitarbeiter 
je 50 Separatabzüge gratis geliefert. 



Geschmackvolle Origpinal-Einbanddecken 
mit Lederrticken ftir den II. Jahrg. sind zumPreise von M. 3.— = K 3.60 
durch jede gute Buchhandlung sowie direkt vom Verlag zu beziehen. 



Copyright 1916. Hugo Edler & de., Wien, X. Bauemm. 3« 



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- ^^^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



A>S. — h~^ f K. 



I. 
Die Verdrängung. 

Von Signi. Freud. 

Es kann das Schicksal einer Triebregung werden, daß sie auf 
Widerstände stößt, welche sie unwirksam machen wollen. Unter Be- 
dingungen, deren nähere Untersuchung uns bevorsteht, gelangt sie dann 
in den Zustand der Verdrängung. Handelte es sich um die Wirkung 
eines äußeren Reizes, so wäre offenbar die Flucht das geeignete Mittel. 
Im Falle des Triebes kann die Flucht nichts nützen, denn das Ich kann 
sich nicht selbst entfliehen. Später einmal wird in der Urteilsverwerfung 
(Verurteilung) ein gutes Mittel gegen die Triebregung gefunden 
werden. Eine Vorstufe der Verurteilung, ein Mittelding zwischen Flucht 
und Verurteilung ist die Verdrängung, deren Begriff in der Zeit vor den 
psychoanalytischen Studien nicht aufgestellt werden konnte. 

Die Möglichkeit einer Verdrängung ist theoretisch nicht leicht ab- 
zuleiten. Warum sollte eine Triebregung einem solchen Schicksal ver- 
fallen? Offenbar muß hier die Bedingung erfüllt sein, daß die Erreichung 
des Triebzieles Unlust an Stelle von Lust bereitet. Aber dieser Fall ist 
nicht gut denkbar. Solche Triebe gibt es nicht, eine Triebbefriedigung 
ist immer lustvoll. Es müßten besondere Verhältnisse anzunehmen sein, 
irgend ein Vorgang, durch den die Befriedigungslust in Unlust ver- 
wandelt wird. 

Wir können zur besseren Abgrenzung der Verdrängung einige andere 
Triebsituationen in Erörterung ziehen. Es kann vorkommen, daß sich 
ein äußerer Reiz, z. B. dadurch, daß er ein Organ anätzt und zerstört, 
verinnerlicht und so eine neue Quelle beständiger Erregung und Span- 
nungsvermehrung ergibt. Er erwirbt damit eine weitgehende Ähnlichkeit 
mit einem Trieb. Wir wissen, daß wir diesen Fall als Schmerz emp- 
finden. Das Ziel dieses Pseudotriebes ist aber nur das Aufhören der 
Organveränderung und der mit ihr verbundenen Unlust. Andere, direkte 
Lust kann aus dem Aufhören des Schmerzes nicht gewonnen werden. 
Der Schmerz ist auch imperativ ; er unterliegt nur noch der Einwirkung 
einer toxischen Aufhebung und der Beeinflussung durch psychische Ab- 
lenkung. 

Zeitichr. f. ftr«tl. Psychoanalyse. III./3. " 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



130 Sigm. Freud. 

Der Fall des Schmerzes ist zu wenig durchsichtig, um etwas für 
unsere Absicht zu leisten. Nehmen wir den Fall, daß ein Triebreiz wie 
der Hunger unbefriedigt bleibt. Er wird dann imperativ, ist durch nichts 
anderes als durch die Befriedigungsaktion zu beschwichtigen, unterhalt 
eine beständige Bediirfnisspannung. Etwas wie eine Verdrängung scheint 
hier auf lange hinaus nicht in Betracht zu kommen. 

Der Fall der Verdrängung ist also gewiß nicht gegeben, wenn die 
Spannung infolge von Unbefriedigung einer Triebregung unerträglich groß 
wird. Was dem Organismus an Abwehrmitteln gegen diese Situation ge- 
geben ist, muß in anderem Zusammenhang erörtert werden. 

Halten wir uns lieber an die klinische Erfahrung, wie sie uns in 
der psychoanalytischen Praxis entgegentritt. Dann werden wir belehrt, 
daß die Befriedigung des der Verdrängung unterliegenden Triebes wohl 
möglich und daß sie auch jedesmal an sich lustvoll wäre, aber sie wäre 
mit anderen Ansprüchen und Vorsätzen unvereinbar; sie würde also 
Lust an der einen, Unlust an anderer Stelle erzeugen. Zur Bedingung 
der Verdrängung ist dann geworden, daß das Unlustmotiv eine stärkere 
Macht gewinnt als die Befriedigungslust. Wir werden ferner durch die 
psychoanalytische Erfahrung an den Übertragungsneurosen zu dem Schluß 
genötigt, daß die Verdrängung kein ursprünglich vorhandener Abwehr- 
mechanismus ist, daß sie nicht eher entstehen kann, als bis sich eine scharfe 
Sonderung von bewußter und unbewußter Seelentätigkeit hergestellt hat, 
und daß ihr Wesen nur in der Abweisung und Fernhaltung 
vom Bewußten besteht. Diese Auffassung der Verdrängung würde 
durch die Annahme ergänzt werden, daß vor solcher Stufe der seelischen 
Organisation die anderen Triebschicksale, wie die Verwandlung ins Gegenteil, 
die Wendung gegen die eigene Person die Aufgabe der Abwehr von 
Triebregungen bewältigen. 

Wir meinen jetzt auch, Verdrängung und Unbewußtes seien in so 
großem Ausmaße korrelativ, daß wir die Vertiefung in das Wesen der 
Verdrängung aufschieben müssen, bis wir mehr von dem Aufbau des 
psychischen Instanzenzuges und der Differenzierung von Unbewußt und 
Bewußt erfahren haben. Vorher können wir nur noch einige klinisch 
erkannte Charaktere der Verdrängung in rein deskriptiver Weise zu- 
sammenstellen auf die Gefahr hin, vieles anderwärts Gesagte ungeändert 
zu wiederholen. 

Wir haben also Grund, eine Urverdrängung anzunehmen, eine 
erste Phase der Verdrängung, die darin besteht, daß der psychischen (Vor- 
stellungs-) Repräsentanz des Triebes die Übernahme ins Bewußte versagt 
wird. Mit dieser ist eine Fixierung gegeben; die betreffende Reprä- 
sentanz bleibt von da an unveränderlich bestehen und der Trieb an sie 
gebunden. Dies geschieht infolge der später zu besprechenden Eigen- 
schaften unbewußter Vorgänge. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Die VerdräDgung. 131 

Die zweite Stufe der Verdrängung, die eigentliche Verdrän- 
gung, betrifft psychische Abkömmlinge der verdrängten Repräsentanz, 
oder solche Gedankenzüge, die, anderswoher stammend, in assoziative 
Beziehung zu ihr geraten sind. Wegen dieser Beziehung erfahren diese 
Vorstellungen dasselbe Schicksal wie das Urverdrängte. Die eigentliche 
Verdrängung ist also ein Nachdrängen. Man tut übrigens unrecht, wenn 
man nur die Abstoßung hervorhebt, die vom Bewußten her auf das zu 
Verdrängende wirkt. Es kommt ebensosehr die Anziehung in Betracht, 
welche das Urverdrängte auf alles ausübt, womit es sich in Verbindung 
setzen kann. Wahrscheinlich würde die Verdrängungstendenz ihre Ab- 
sicht nicht erreichen, wenn diese Kräfte nicht zusammenwirkten, wenn 
es nicht ein vorher Verdrängtes gäbe, welches das vom Bewußten Ab- 
gestoßene aufzunehmen bereit wäre. 

Unter dem Einfluß des Studiums der Psychoneurosen, welches uns 
die bedeutsamen Wirkungen der Verdrängung vorführt, werden wir geneigt, 
deren psychologischen Inhalt zu überschätzen, und vergessen zu leicht, 
daß die Verdrängung die Triebrepräsentanz nicht daran hindert, im Un- 
bewußten fortzubestehen, sich weiter zu organisieren, Abkömmlinge zu 
bilden und Verbindungen anzuknüpfen. Die Verdrängung stört wirklich 
nur die Beziehung zu einem psychischen System, dem des Bewußten. 

Die Psychoanalyse kann uns noch anderes zeigen, was für das 
Verständnis der Wirkungen der Verdrängung bei den Psychoneurosen 
bedeutsam ist. Z. B. daß die Triebrepräsentanz sich ungestörter und 
reichhaltiger entwickelt, wenn sie durch die Verdrängung dem bewußten 
Einfluß entzogen ist. Sie wuchert dann sozusagen im Dunkeln und flndet 
extreme Ausdrucksformen, welche, wenn sie dem Neurotiker übersetzt 
und vorgehalten werden, ihm nicht nur fremd erscheinen müssen, sondern 
ihn auch durch die Vorspiegelung einer außerordentlichen und gefähr- 
lichen Triebstärke schrecken. Diese täuschende Triebstärke ist das Er- 
gebnis einer ungehemmten Entfaltung in der Phantasie und der Auf- 
stauung infolge versagter Befriedigung. Daß dieser letztere Erfolg an die 
Verdrängung geknüpft ist, weist darauf hin, worin wir ihre eigentliche 
Bedeutung zu suchen haben. 

Indem wir aber noch zur Gegenansicht zurückkehren, stellen wir 
fest, es sei nicht einmal richtig, daß die Verdrängung alle Abkömmlinge 
des Urverdrängten vom Bewußten abhalte. Wenn sich diese weit genug 
von der verdrängten Repräsentanz entfernt haben, sei es durch An- 
nahme von Entstellungen oder durch die Anzahl der eingeschobenen 
Mittelglieder, so steht ihnen der Zugang zum Bewußten ohne weiteres 
frei. Es ist, als ob der Widerstand des Bewußten gegen sie eine Funktion 
ihrer Entfernung vom ursprünglich Verdrängten wäre. Während der Aus- 
übung der psychoanalytischen Technik fordern wir den Patienten unaus- 
gesetzt dazu auf, solche Abkömmlinge des Verdrängten zu produzieren, 

9» 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



132 Sigm. Freud. 

die infolge ihrer Entfernung oder Entstellung die Zensur des Bewußten 
passieren können. Nichts anderes sind ja die Einfälle, die wir unter Ver- 
zicht auf alle bewußten Zielvorstellungen und alle Kritik von ihm ver- 
langen, und aus denen wir eine bewußte Übersetzung der verdrängten 
Repräsentanz wiederherstellen. Wir beobachten dabei, daß der Patient 
eine solche Einfallsreihe fortspinnen kann, bis er in ihrem Ablauf auf 
eine Gedankenbildung stößt, bei welcher die Beziehung zum Verdrängten 
so intensiv durchwirkt, daß er seinen Verdrängungsversuch wiederholen 
muß. Auch die neurotischen Symptome müssen der obigen Bedingung 
genügt haben, denn sie sind Abkömmlinge des Verdrängten, welches 
sich mittels dieser Bildungen den ihm versagten Zugang vom Bewußt- 
sein endlich erkämpft hat. 

Wie weit die Entstellung und Entfernung vom Verdrängten gehen 
muß, bis der Widerstand des Bevnißten aufgehoben ist, läßt sich allgemein 
nicht angeben. Es findet dabei eine feine Abwägung statt, deren Spiel 
uns verdeckt ist, deren Wirkungsweise uns aber erraten läßt, es handle 
sich darum, vor einer bestimmten Intensität der Besetzung des Un- 
bewußten haltzumachen, mit deren Überschreitung es zur Befriedigimg 
durchdringen würde. Die Verdrängung arbeitet also höchst indi- 
viduell; jeder einzelne Abkömmling des Verdrängten kann sein be- 
sonderes Schicksal haben ; ein wenig mehr oder weniger von Entstellung 
macht, daß der ganze Erfolg umschlägt. In demselben Zusammenhang 
ist auch zu begreifen, daß die bevorzugten Objekte der Menschen, ihre 
Ideale, aus denselben Wahrnehmungen und Erlebnissen stammen wie die 
von ihnen am meisten verabscheuten, und sich ursprünglich nur durch 
geringe Modifikationen voneinander unterscheiden. Ja, es kann, wie wir's 
bei der Entstehung des Fetisch gefunden haben, die ursprüngliche Trieb- 
repräsentanz in zwei Stücke zerlegt worden sein, von denen das eine 
der Verdrängung verfiel, während der Rest, gerade wegen dieser innigen 
Verknüpftheit, das Schicksal der Idealisierung erfuhr. 

Dasselbe, was ein Mehr oder Weniger an Entstellung leistet, kann 
auch sozusagen am anderen Ende des Apparates durch eine Modifikation 
in den Bedingungen der Lust-Unlustproduktion erzielt werden. Es sind 
besondere Techniken ausgebildet worden, deren Absicht dahin geht, solche 
Veränderungen des psychischen Kräftespiels herbeizuführen, daß dasselbe, 
was sonst Unlust erzeugt, auch einmal lustbringend wird, und so oft 
solch ein technisches Mittel in Aktion tritt, wird die Verdrängung für 
eine sonst abgewiesene Triebrepräsentanz aufgehoben. Diese Techniken 
sind bisher nur für den Witz genauer verfolgt worden. In der Regel 
ist die Aufhebung der Verdrängung nur eine vorübergehende; sie wird 
alsbald wiederhergestellt. 

Erfahrungen dieser Art reichen aber hin, uns auf weitere Charak- 
tere der Verdrängung aufmerksam zu machen. Sie ist nicht nur, wie eben 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Die Verdrängung. 133 

ausgeführt, individuell, sondern auch im hohen Grade mobil. Man 
darf sich den Verdrängungs Vorgang nicht wie ein einmaliges Geschehen 
mit Dauererfolg vorstellen, etwa wie wenn man etwas Lebendes er- 
schlagen hat, was von da an tot ist ; sondern die Verdrängung erfordert 
einen anhaltenden Kraftaufwand, mit dessen Unterlassung ihr Erfolg in 
Frage gestellt wäre, so daß ein neuerlicher Verdrängungsakt notwendig 
würde. Wir dürfen uns vorstellen, daß das Verdrängte einen kontinuier- 
lichen Druck in der Richtung zum Bewußten hin ausübt, dem durch 
unausgesetzten Gegendruck das Gleichgewicht gehalten werden muß. Die 
Erhaltung einer Verdrängung setzt also eine beständige Kraftausgabe 
voraus und ihre Aufhebung bedeutet ökonomisch eine Ersparung. Die 
Mobilität der Verdrängung findet übrigens auch einen Ausdruck in den 
psychischen Charakteren des Schlafzustandes, welcher allein die Traum- 
bildung ermöglicht. Mit dem Erwachen werden die eingezogenen Ver- 
drängungsbesetzungen wieder ausgeschickt. 

W^ir dürfen endlich nicht vergessen, daß wir von einer Triebregung 
erst sehr wenig ausgesagt haben, wenn wir feststellen, sie sei eine ver- 
drängte. Sie kann sich unbeschadet der Verdrängung in sehr verschiedenen 
Zuständen befinden, inaktiv sein, d. h. sehr wenig mit psychischer Energie 
besetzt oder in wechselndem Grade besetzt und damit zur Aktivität be- 
fähigt. Ihre Aktivierung wird zwar nicht die Folge haben, daß sie die 
Verdrängung direkt aufhebt, wohl aber alle die Vorgänge anregen, welche 
mit dem Durchdringen zum Bewußtsein auf Umwegen einen Abschluß finden. 
Bei unverdrängten Abkömmlingen des Unbewußten entscheidet oft das 
Ausmaß der Aktivierung oder Besetzung über das Schicksal der ein- 
zelnen Vorstellung. Es ist ein alltägliches Vorkommnis, daß ein solcher 
Abkömmling unverdrängt bleibt, solange er eine geringe Energie re- 
präsentiert, obwohl sein Inhalt geeignet wäre, einen Konflikt mit dem 
bewußt Herrschenden zu ergeben. Das quantitative Moment zeigt sich 
aber als entscheidend für den Konflikt; sobald die im Grunde anstößige 
Vorstellung sich über ein gewisses Maß verstärkt, wird der Konflikt 
aktuell und gerade die Aktivierung zieht die Verdrängung nach sich. 
Zunahme der Energiebesetzung wirkt also in Sachen der Verdrängung 
gleichsinnig wie Annäherung an das Unbewußte, Abnahme derselben wie 
Entfernung davon oder Entstellung. Wir verstehen, daß die verdrängenden 
Tendenzen in der Abschwächung des Unliebsamen einen Ersatz für dessen 
Verdrängung finden können. 

In den bisherigen Erörterungen behandelten wir die Verdrängung 
einer Triebrepräsentanz und verstanden unter einer solchen eine Vor- 
stellung oder Vorstellungsgruppe, welche vom Trieb her mit einem be- 
stimmten Betrag von psychischer Energie (Libido, Interesse) besetzt ist. 
Die klinische Beobachtung nötigt uns nun zu zerlegen, was wir bisher 
einheitlich aufgefaßt hatten, denn sie zeigt uns, daß etwas anderes, was 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



134 Sigm. Freud. 

den Trieb repräsentiert, neben der Vorstellung in Betracht kommt, und 
daß dieses andere ein Verdrängungsschicksal erfahrt, welches von dem 
der Vorstellung ganz verschieden sein kann. Für dieses andere Element 
der psychischen Repräsentanz hat sich der Name Affektbetrag ein- 
gebürgert ; es entspricht dem Triebe, insofern er sich von der Vorstellung 
abgelöst hat und einen seiner Quantität gemäßen Ausdruck in Vorgängen 
findet, welche als Affekte der Empfindung bemerkbar werden. Wir 
werden von nun an, wenn wir einen Fall von Verdrängung beschreiben, 
gesondert verfolgen müssen, was durch die Verdrängung aus der Vor- 
stellung und was aus der atf ihr haftenden Triebenergie geworden ist 

Gern würden wir über beiderlei Schicksale etwas allgemeines aus- 
sagen wollen. Dies wird uns auch nach einiger Orientierung möglich. 
Das allgemeine Schicksal der den l'rieb repräsentierenden Vorstellung 
kann nicht leicht etwas anderes sein, als daß sie aus dem Bewußten 
verschwindet, wenn sie früher bewußt war, oder vom Bewußtsein ab- 
gehalten wird, wenn sie im Begriff war, bewußt zu werden. Der Unter- 
schied ist nicht sehr bedeutsam; er kommt etwa darauf hinaus, ob ich 
einen unliebsamen Gast aus meinem Salon hinausbefördern oder aus 
meinem Vorzimmer oder ihn, nachdem ich ihn erkannt habe, überhaupt 
nicht über die Schwelle der Wohnungstür treten lasse. ^) Das Schicksal 
des quantitativen Faktors der Triebrepräsentanz kann ein dreifaches sein, 
wie uns eine flüchtige Übersicht über die in der Psychoanalyse gemachten 
Erfahrungen lehrt: Der Trieb wird entweder ganz unterdrückt, so daß 
man nichts von ihm auffindet, oder er kommt als irgendwie qualitativ 
gefärbter Affekt zum Vorschein, oder er wird in Angst verwandelt. Die 
beiden letzteren Möglichkeiten stellen uns die Aufgabe, die Umsetzung 
der psychischen Energien der Triebe in Affekte und ganz besonders 
in Angst als neues Triebschicksal ins Auge zu fassen. 

Wir erinnern uns, daß Motiv und Absicht der Verdrängung nichts 
anderes als die Vermeidung von Unlust war. Daraus folgt, daß das 
Schicksal des Affektbetrages der Repräsentanz bei weitem wichtiger ist 
als das der Vorstellung, und daß dies über die Beurteilung des Verdrängungs- 
vorganges entscheidet. Gelingt es einer Verdrängung nicht, die Ent- 
stehung von Unlustempfindungen oder Angst zu verhüten, so dürfen wir 
sagen, sie sei mißglückt, wenngleich sie ihr Ziel an dem Vorstellungs- 
anteil erreicht haben mag. Natürlich wird die mißglückte Verdrängung 
mehr Anspruch auf unser Interesse erheben als die etwa geglückte, die 
sich zumeist unserem Studium entziehen wird. 



^) Dieses für den Yerdrängungsvorgang brauchbare Gleichnis kann auch ftber 
einen früher erwähnten Charakter der Verdrängung ausgedehnt werden. Ich brauche 
nur hinzuzufügen, daB ich die dem Gast verbotene Tür durch einen st&ndigen 
W&chter bewachen lassen muß, weil der Abgewiesene sie sonst aufsprengen würde. (S. o.) 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Die Verdrängung. 135 

Wir wollen nun Einblick in den Mechanismus des Verdrängungs- 
vorganges gewinnen und vor allem wissen, ob es nur einen einzigen 
Mechanismus der Verdrängung gibt oder mehrere, und ob vielleicht jede 
der Psychoneurosen durch einen ihr eigentümlichen Mechanismus der 
Verdrängung ausgezeichnet ist. Zu Beginn dieser Untersuchung stoßen 
wir aber auf Komplikationen. Der Mechanismus einer Verdrängung wird 
uns nur zugänglich, wenn wir aus den Erfolgen der Verdrängung auf 
ihn zurückschließen. Beschränken wir die Beobachtung auf die Erfolge 
an dem Vorstellungsanteil der Repräsentanz, so erfahren wir, daß die 
Verdrängung in der Regel eine Ersatzbildung schafft. Welches ist 
nun der Mechanismus einer solchen Ersatzbildung, oder gibt es hier auch 
mehrere Mechanismen zu unterscheiden ? Wir wissen auch, daß die Ver- 
drängung Symptome hinterläßt. Dürfen wir nun Ersatzbildung und 
Symptombildung zusammenfallen lassen, und wenn dies im Ganzen an- 
geht, deckt sich der Mechanismus der Symptombildung mit dem der 
Verdrängung? Die vorläufige Wahrscheinlichkeit scheint dafür zu sprechen, 
daß beide weit auseinandergehen, daß es nicht die Verdrängung selbst 
ist, welche Ersatzbildungen und Symptome schafft, sondern daß diese 
letzteren als Anzeichen einer Wiederkehr des Verdrängten ganz 
anderen Vorgängen ihr Entstehen verdanken. Es scheint sich auch zu 
empfehlen, daß man die Mechanismen der Ersatz- und Symptombildung 
vor denen der Verdrängung in Untersuchung ziehe. 

Es ist klar, daß die Spekulation hier weiter nichts zu suchen hat, 
sondern durch die sorgfältige Analyse der bei den einzelnen Neurosen 
zu beobachtenden Erfolge der Verdrängung abgelöst werden muß. Ich 
muß aber den Vorschlag machen, auch diese Arbeit aufzuschieben, bis 
wir uns verläßliche Vorstellungen über das Verhältnis des Bewußten zum 
Unbewußten gebildet haben. Nur um die vorliegende Erörterung nicht 
ganz unfruchtbar ausgehen zu lassen, will ich vorwegnehmen, daß 1. der 
Mechanismus der Verdrängung tatsächlich nicht mit dem oder den Mecha- 
nismen der Ersatzbildung zusammenfällt, 2. daß es sehr verschiedene 
Mechanismen der Ersatzbildung gibt, und 3. daß den Mechanismen der 
Verdrängung wenigstens eines gemeinsam ist, die Entziehung der 
Energiebesetzung (oder Libido, wenn wir von Sexualtrieben 
handeln). 

Ich will auch unter Einschränkung auf die drei bekanntesten Psycho- 
neurosen an einigen Beispielen zeigen, wie die hier eingeführten Begriffe 
auf das Studium der Verdrängung Anwendung finden. Von der Angst- 
hysterie werde ich das gut analysierte Beispiel einer Tierphobie wählen. 
Die der Verdrängung unterliegende Triebregung ist eine libidinöse Ein- 
stellung zum Vater, gepaart mit der Angst vor demselben. Nach der 
Verdrängung ist diese Regung aus dem Bewußtsein geschwunden, der 
Vater kommt als Objekt der Libido nicht darin vor. Als Ersatz findet 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



136 Sigm. Freud. 

sich an analoger Stelle ein Tier, das sich mehr oder weniger gut zum 
Angstobjekt eignet. Die Ersatzbildung des Vorstellungsanteils hat sich 
auf dem Wege der Verschiebung längs eines in bestimmter Weise 
determinierten Zusammenhanges hergestellt. Der quantitative Anteil ist 
nicht verschwunden, sondern hat sich in Angst umgesetzt. Das Ergebnis 
ist eine Angst vor dem Wolf an Stelle eines Liebesanspruchs an den 
Vater. Natürlich reichen die hier verwendeten Kategorien nicht aus, um 
den Erklärungsansprüchen auch nur des einfachsten Falles von Psycho- 
neurose zu genügen. Es kommen immer noch andere Gesichtspunkte in 
Betracht. 

Eine solche Verdrängung wie im Falle der Tierphobie darf als eine 
gründlich mißglückte bezeichnet werden. Das Werk der Vordrängung 
besteht nur in der Beseitigung und Ersetzung der Vorstellung, die Un- 
lustersparnis ist überhaupt nicht gelungen. Deshalb ruht die Arbeit der 
Neurose auch nicht, sondern setzt sich in einem zweiten Tempo fort, 
um ihr nächstes, wichtigeres Ziel zu erreichen. Es kommt zur Bildung 
eines Fluchtversuches, der eigentlichen Phobie, einer Anzahl von Ver- 
meidungen, welche die Angstentbindung ausschließen sollen. Durch 
welchen Mechanismus die Phobie ans Ziel gelangt, können wir in einer 
spezielleren Untersuchung verstehen lernen. 

Zu einer ganz anderen Würdigung des Verdrängungsvorganges nötigt 
uns das Bild der echten Konversionshysterie. Hier ist das Hervor- 
stechende, daß es gelingen kann, den Affektbetrag zum völligen Ver- 
schwinden zu bringen. Der Kranke zeigt dann gegen seine Symptome 
das Verhalten, welches Charcot „la belle indifference des hyst^riques*" 
genannt hat. Andere Male gelingt diese Unterdrückung nicht so voll- 
ständig, ein Anteil peinlicher Sensationen knüpft sich an die Symptome 
selbst, oder ein Stück Angstentbindung hat sich nicht vermeiden lassen, 
das seinerseits den Mechanismus der Phobiebildung ins Werk setzt. Der 
Vorstellungsinhalt der Triebrepräsentanz ist dem Bewußtsein gründlich 
entzogen ; als Ersatzbildung — und gleichzeitig als Symptom — findet 
sich eine überstarke — in den vorbildlichen Fällen somatische — Inner- 
vation, bald sensorischer, bald motorischer Natur, entweder als Erregung 
oder als Hemmung. Die überinnervierte Stelle erweist sich bei näherer 
Betrachtung als ein Stück der verdrängten Triebrepräsentanz selbst, 
welches wie durch Verdichtung die gesamte Besetzung auf sich ge- 
zogen hat. Natürlich decken auch diese Bemerkungen den Mechanismus 
einer Konversionshysterie nicht restlos auf; vor allem ist noch das Mo- 
ment der Regression hinzuzufügen, das in anderem Zusammenhang 
gewürdigt werden soll. 

Die Verdrängung der Hysterie kann als völlig mißglückt beurteilt 
werden, insofern sie nur durch ausgiebige Ersatzbildungen ermöglicht 
worden ist ; mit Bezug auf die Erledigung des Affektbetrages, die eigent- 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Die Verdrängung. 137 

liehe Aufgabe der Verdrängung, bedeutet sie aber in der Regel einen 
vollen Erfolg. Der Verdrängungsvorgang der Konversionshysterie ist dann 
auch mit der Symptombildung abgeschlossen und braucht sich nicht wie 
bei Angsthysterie zweizeitig — oder eigentlich unbegrenzt — fortzusetzen. 

Ein ganz anderes Ansehen zeigt die Verdrängung wieder bei der 
dritten Afifektion, die wir zu dieser Vergleichung heranziehen, bei der 
Zwangsneurose. Hier gerät man zuerst in Zweifel, was man als die der 
Verdrängung unterliegende Repräsentanz anzusehen hat, eine libidinöse 
oder eine feindselige Strebung. Die Unsicherheit rührt daher, daß die 
Zwangsneurose auf der Voraussetzung einer Regression ruht, durch welche 
eine sadistische Strebung an die Stelle der zärtlichen getreten ist. Dieser 
feindselige Impuls gegen eine geliebte Person ist es, welcher der Ver- 
drängung unterliegt. Der Effekt ist in einer ersten Phase der Verdrängungs- 
arbeit ein ganz anderer als später. Zunächst hat diese vollen Erfolg, der 
Vorstellungsinhalt wird abgewiesen und der Affekt zum Verschwinden 
gebracht. Als Ersatzbildung findet sich eine Ichveränderung, die Steige- 
rung der Gewissenhaftigkeit, die man nicht gut ein Symptom heißen 
kann. Ersatz- und Symptombildung fallen hier auseinander. Hier erfahrt 
man auch etwas über den Mechanismus der Verdrängung. Diese hat wie 
überall eine Libidoentziehung zu stände gebracht, aber sich zu diesem 
Zwecke der Reaktionsbildung durch Verstärkung eines Gegensatzes 
bedient. Die Ersatzbildung hat also hier denselben Mechanismus wie die 
Verdrängung und fällt im Grunde mit ihr zusammen, sie trennt sich 
aber zeitlich, wie begrifflich, von der Symptombildung. Es ist sehr wahr- 
scheinlich, daß das Ambivalenzverhältnis, in welches der zu verdrängende 
sadistische Impuls eingetragen ist, den ganzen Vorgang ermöglicht. 

Die anfänglich gute Verdrängung hält aber nicht stand, im weiteren 
Verlauf drängt sich das Mißglücken der Verdrängung immer mehr vor. 
Die Ambivalenz, welche die Verdrängung durch Reaktionsbildung ge- 
stattet hat, ist auch die Stelle, an welcher dem Verdrängten die Wieder- 
kehr gelingt. Der verschwundene Affekt kommt in der Verwandlung zur 
sozialen Angst, Gewissensangst, Vorwurf ohne Ersparnis wieder ; die ab- 
gewiesene Vorstellung ersetzt sich durch Verschiebungsersatz, oft 
durch Verschiebung auf Kleinstes, Indifferentes. Eine Tendenz zur in- 
takten Herstellung der verdrängten Vorstellung ist meist unverkennbar. 
Das Mißglücken in der Verdrängung des quantitativen, affektiven Faktors 
bringt denselben Mechanismus der Flucht durch Vermeidungen und Ver- 
bote ins Spiel, den wir bei der Bildung der hysterischen Phobie kennen 
gelernt haben. Die Abweisung der Vorstellung vom Bewußten wird aber 
hartnäckig festgehalten, weil mit ihr die Abhaltung von der Aktion, die 
motorische Fesselung des Impulses, gegeben ist. So läuft die Verdrängungs- 
arbeit der Zwangsneurose in ein erfolgloses und unabschließbares 
Ringen aus. 



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138 Sigm. Freud. 

Aus der kleinen hier vorgebrachten Vergleichsreihe kann man sich 
die Überzeugung holen, daß es noch umfassender Untersuchimgen bedarf, 
ehe man hoifen kann, die mit der Verdrängung und neurotischen Symptom- 
bildung zusammenhängenden Vorgänge zu durchschauen. Die außerordent- 
liche Verschlungenheit aller in Betracht kommenden Momente läßt uns 
nur einen Weg zur Darstellung frei. Wir müssen bald den einen, bald 
den anderen Gesichtspunkt herausgreifen und ihn durch das Material 
hindurchverfolgen, solange seine Anwendung etwas zu leisten scheint 
Jede einzelne dieser Bearbeitungen wird an sich unvollständig sein und 
dort Unklarheiten nicht vermeiden können, wo sie an das noch nicht 
Bearbeitete anrührt; wir dürfen aber hoffen, daß sich aus der endlichen 
Zusammensetzung ein gutes Verständnis ergeben wird. 



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IL 

Ist die Brandstiftung ein archaischer Subiimierungsversuch ? 

Von Oskar Pfister in Zürich. 

Daß ein tiefgreifendes wissenschaftliches Prinzip, indem es eine Welt 
neuer Erscheinungen erschließt, auch eine Menge von einander abwei- 
chender Hypothesen ins Dasein ruft, ist zu verstehen und zu begrüßen. 
Wenn sich von der durch Freud ins Leben gerufenen psychoanalyti- 
schen Bewegung Sezessionen abzweigten, so kann ich es keineswegs be- 
dauern, sofern aus der veränderten Sachlage die richtigen Folgerungen 
gezogen werden. Als solche betrachte ich verschärfte Sorgfalt in der An- 
wendung der Methode, fortwährende Erweiterung des Beobachtungsfeldes, 
vorsichtige Yergleichung der gewonnenen Erfahrungen mit vorangegangenen 
und von anderen gemachten, rücksichtslose Zurücknahme vorläufiger Ver- 
allgemeinerungen, kritische Sichtung und Abklärung der aufgestellten 
Begriffe und Hypothesen, verständnisvolle Abfindung mit den Ergebnissen 
der nicht Analyse treibenden Forscher. Für die gefährlichsten Fehler 
angesichts der bestehenden Verhältnisse halte ich es, das empirische Ma- 
terial leichtfertig zu bearbeiten, sich auf eine vorgefaßte Meinung zu 
versteifen, die Phänomene nur darauf hin anzusehen, ob sie in ein mit- 
gebrachtes Schema passen, sich an irgend eine Autorität anzuklammern, 
richtige Einsichten falsch zu verallgemeinern und in ihrer Bedeutung auf- 
zubauschen, im Streben nach wissenschaftlicher Selbständigkeit mög- 
lichst viel Prioritätsrechte zu beanspruchen und zu diesem Zwecke die 
verwandten Richtungen falsch zu verstehen und ihre Funde zu verkleinern. 

Wir Anhänger der Psychoanalyse müßten die Stufe des Mensch- 
tums überwunden haben, wenn wir uns vor diesen Gefahren nicht 
zu hüten brauchten. Es ist daher unsere Pflicht, daß wir einander unsere 
Fehler und Irrtümer vorhalten, nicht um den Richter zu spielen, son- 
dern um der guten Sache zu dienen. Vielleicht wird eine derartige leiden- 
schaftslose und rein sachliche Aussprache der Verständigung und gegen- 
seitigen Annäherung am besten dienen. Und daß eine solche nicht nur 
wünschbar, sondern auch möglich sei, ist noch heute meine Überzeugung. 

In den von Jung herausgegebenen „Psychologischen Abhand- 
lungen" ^) wendet sich Dr. Hans Schmid dem interessanten Problem der 



») Deuticke, Wien 1914. 



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X40 Oskar Pfister. 

Brandstiftung zu. Mit Hilfe der Justizbehörden des Kantons Waadt ge- 
langte er in den Besitz eines überaus umfangreichen Materials. Nicht 
weniger als 52 Fälle von Brandstiftung konnte er persönlich untersuchen, 
in 159 anderen Fällen standen ihm wertvolle Akten zur Verfügung. Zu 
diesem weiten Umfang steht die Intensität der analytischen Durchdrin- 
gung in einem starken Mißverhältnis. Während der Vorzug der psycho- 
analytischen Arbeitsweise gerade in der bisher unerreicht eingehenden 
Aufklärung des Einzelfalles besteht und ihre Beurteilung sich auf die 
genaueste Kenntnis der überaus zahlreichen Determinanten aufbaut, fallt 
diese Detailkasuistik bei Schmid recht dürftig aus. Warum gab der 
fleißige und in der Analyse wohlbewanderte Verfasser nicht ein paar 
durchsichtige, sorgfältig ausgeführte Proben? Eine noch so große 
Menge oberflächlicher Erscheinungen kann den Mangel an empirischem 
Tiefenmaterial nicht ersetzen. Der kritische Leser bedauert in S c h m i d s 
Ausführungen auf Schritt und Tritt, daß die ausschlaggebenden Tat- 
sachen ihm vorenthalten werden. Wir werden dies an einigen Beispielen 
feststellen müssen. 

Zu den Vorzügen der Arbeit Schmids gehört die gewissenhafte 
Benutzung der vorhandenen Literatur. Ihr entnimmt er wichtige Hin- 
weise auf die Bedeutung des Alters, die sonstige (auffallend geringe) 
Kriminalität, die Geständigkeit, die Alkoholintoxikation des Brandstifters, 
sowie auf andere belangreiche Umstände, Die Angaben über zeitliche 
Nähe epileptischer oder hysterischer Anfälle, über Menstruation, Bett- 
nässen, Suizidversuche, Träume oder Erlebnisse, in denen das Feuer 
eine Rolle spielt, werden sorgfältig festgestellt und um eigene Beobach- 
tungen bereichert. 

Der folgende Abschnitt unterzieht die bewußten Motive der 
Brandstiftung einer genauen Sichtung. Es ergibt sich, daß sie alle zur 
begangenen Tat in einem auffallenden Mißverhältnis stehen, Geldgier, 
Rache, Mutwillen, Größensucht, Heimweh, und was sonst etwa vorge- 
schoben wird. Diesem ganzen Abschnitt ist ohnew^eiters beizupflichten. 

Erst die Aufsuchung der unbewußten Motive fordert zur kriti- 
schen Auseinandersetzung auf. Schmid knüpft an an S t e k e 1 s These, daß 
die Brandstiftung symbolisch einen verdrängten Wunsch verwirkliche. 
Diese einfache kausale Erklärung scheint, wie Schmid zugibt, in ein- 
zelnen Fällen gut zu passen, erweist sich aber bei einer genaueren Prü- 
fung als zu einfach (S. 109). Verdrängung entsteht nach Freud aus dem 
Konflikt einer Wunschregung mit den sonstigen Wünschen, den ethischen 
und ästhetischen Ansprüchen der Persönlichkeit. Allein der Drang nach Bei- 
schlaf verträgt sich mit solchen Ansprüchen viel eher als die Brand- 
stiftung; bei einem Brandstiftung verübenden Bauernknecht z. B. 
könnten ethische und ästhetische Motive sexuelle Wünsche nicht ver- 
drängen, wohl aber mag dies der Fall sein bei Hysterischen, die dann 



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Ist die Brandstiftang ein archaischer Sublimierungsversuch ? 141 

Brandstifterinnen werden. Daß dem Verbrechen Beischlaf voranging, soll 
in zwei angeführten Fällen zeigen, daß verdrängte sexuelle Stauungen 
wohl kaum vorlagen. 

Ich muß diesen Ausführungen S c h m i d s Bedenken entgegenhalten. Die 
kausale Erklärung soll zu einfach sein. Die Wissenschaftstheorie belehrt 
uns, daß die einfachste Erklärung die besteist. Offenbar will Schmid 
sagen, daß sich nicht alle Fälle unter die von Stekel aufgestellte, in 
Freuds Geist gehaltene Formel subsumieren lassen. Der Nachweis ist 
nicht erbracht. Den Begriff der Verdrängung hat Freud nicht so eng 
gefaßt, wie das in Gänsefüßchen angeführte Zitat zu behaupten scheint. 
Schmid hat die Stelle aus dem Zusammenhang gerissen, unrichtig 
gedeutet und durch eine frei erfundene Einleitung entstellt. Offenbar 
handelt es sich um den Passus, der in Freuds Vorträgen über Psycho- 
analyse (S. 20) steht. Während Freud beginnt: „Bei all diesen Erleb- 
nissen (NB. der kathartischen, also voranalytischen Behandlung) hatte es 
sich darum gehandelt, daß eine Wunschregung aufgetreten war, welche 
in scharfem Gegensatz zu den sonstigen Wünschen des Individuums 
stand, sich als unverträglich mit den ethischen und ästhetischen Ansprüchen 
der Persönlichkeit erwies." Schmid zitiert: „Wenn eine Wunschregung 
auftritt, welche in scharfem Gegensatz ..." Diese direkt entstellende Art 
desZitierens halteich für unerlaubt. Freud nennt noch andre Konflikte 
als Verdrängungsursache. S. 54 der erwähnten Vorlesungen spricht er sich 
aus: „Wir sehen, daß die Menschen erkranken, wenn ihnen infolge 
äußerer Hindernisse oder inneren Mangels an Anpassung (NB. !) die Be- 
friedigung ihrer erotischen Bedürfnisse in der Realität versagt ist." Die 
Erkrankung beruht aber nach Freud bekanntlich auf der Verdrängung. 

Aber auch wo es sich um ethischen Konflikt handelt, denkt Freud 
nicht an einen derartigen, wie Schmid annimmt. Bekanntlich fordert 
Ersterer nicht Verdrängung des Wunsches nach Beischlaf, wie sein 
Kritiker ihm unzweifelhaft hier imputiert, 'sondern Verdrängung der 
I n z e s t begier, und da diese bekanntlich recht tief im Unbewußten ver- 
borgen steckt, hätte die Kritik tief eindi-ingen müssen. Einem großen 
Gegner gegenüber ist nur eine große Kritik gut genug. Hier, wie andern- 
orts, hat Schmid Freud in keiner Weise verstanden. 

Wie man aus der bloßen Tatsache des vollzogenen Koitus darauf 
schließen kann, daß kein sexueller Wunsch verdrängt wurde, ist mir un- 
begreiflich. In einem Beispiel Schmid s wurde die Brandstifterin nach 
dem Beischlaf vom Geliebten verstoßen. Und da soll Befriedigung der 
sexuellen Wünsche vorhanden gewesen sein? Ist nicht vielleicht die Be- 
gierde erst recht aufgelodert ? Im anderen Fall hatte sich der Brandstifter mit 
seiner Mätresse abgegeben, nachdem er sich aus Verzweiflung über die 
Absage seiner Braut drei Tage und Nächte in Bordellen herumgetrieben 
und betrunken hatte. Auch da soll keine Stauung der Begierde mög- 



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142 Oskar Pfister. 

lieh gewesen sein? Bekanntlich hat gerade Freud den Gemütsanteil am 
Liebesleben als den wichtigsten Faktor genannt, während Schmid das 
Periphere als das allein Entscheidende voraussetzt. 

Der erste Schritt, den die Polemik gegen Freud unternimmt, er- 
weckt daher nicht den Eindruck einer solid induzierenden Untersuchung. 
Zum Überfluß könnte noch daran erinnert werden, daß ein Widerspruch 
auch darin liegt, daß zuerst ein Knecht keine ethischen Motive verdrangt 
haben soll, bevor er Brandstiftung beging, während später Schmid 
selbst mit größtem Nachdruck betont, daß der Widerstand gegen eine 
zugemutete ethische Mehrforderung den Brandstifter (einmal ist es auch 
ein Knecht) in die Regression treibt, daß folglich doch der Konflikt 
moralischer und amoralischer Tendenzen auch hier vorliegt. 

Seine eigene Auslegung der in Frage stehenden Phänomene stützt 
Schmid auf Jungs Libidotheorie, welche bekanntlich die Libido als 
rein energetischen Begriff faßt. Da ist es denn von vornherein auffallend, 
daß die beiden so grundverschiedenen Bedeutungen des Wortes bei 
Schmid fortwährend miteinander kollidieren. Bald gebraucht die hier 
besprochene Psychologie der Brandstifter das Wort ;,libidinös" imFreud- 
schen Sinne auf eine sexuelle Verrichtung bezogen, z. B. lOS, 104, 113, 
bald rein energetisch im Sinne Jungs. So entsteht eine terminologische 
Verwirrung, die man vermeiden sollte. 

Die Libidotheorie führt Schmid mit folgenden Worten ein : „Ent- 
gegen dem deskriptiven Standpunkt der Freud sehen Schule, die alle 
Manifestationen der Libido rein kausal zu erklären versucht, indem sie 
nach den Ursachen derselben im Leben des Individuums sucht, stellt sich 
Jung auf den genetischen Standpunkt. Während Freud und die Wie- 
ner Schule das rein formale Funktionieren der Libido beschreiben (und 
da sie von der Psychologie Erwachsener ausgehen, darin nur sexuelle 
Funktionen sehen), erklärt Jung die Wirkungsweise der Libido als eine 
energetische. Er sieht in den Manifestationen nicht Wechselwirkungen 
einander koordinierter Seelenkräfte, sondern nur verschiedene Erschei- 
nungsformen einer Energie. So kann Jung sich mit bloß kausalen Er- 
klärungen nicht mehr begnügen, seine energetische Arbeitsmethode zwingt 
ihn auch, finale Erklärungen zu machen (S. 113)." 

Diese inhaltsschweren Sätze, welche die Kluft zwischen Freud 
und Jung aufdecken wollen, müssen wir ganz besonders sorgfaltig be- 
trachten. Der deskriptive Standpunkt der Freud sehen Schule will also nach 
Schmid alle Manifestationen rein kausal erklären, indem er nach den 
Ursachen derselben im Leben des Individuums fragt, Jung aber steht auf 
dem genetischen Standpunkt. Ich finde in diesen Worten einerseits logische 
Fehler, anderseits einen Widerspruch zu den Tatsachen. Schon die Behaup- 
tung ist streng genommen widersprechend, daß Freud deskriptiv sei 



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Ist die Brandstiftung ein archaischer Sublimierxmgs versuch ? X43 

und doch kausal erklären wolle. Reine Beschreibung kann, wie der Em- 
piriokritizismus bekanntlich betonte, nicht kausal sein, da man Kausa- 
lität nicht beschreiben kann. Avenarius führte deshalb den Begrifif der 
Funktion ein. Aber abgesehen von dieser kleinen Ungenauigkeit, was 
soll man mit der Beifügung anfangen, daß die Aufsuchung der Ursachen 
aller Manifestationen im Leben des Individuums dem genetischen Stand- 
punkt Jungs gegenüberstehe? Wer mit Freud aufsucht, wie die 
Erscheinungen entstanden sind, sucht eben ihre Genese auf. Schmid 
verstößt hier offenbar gegen die Logik. Tatsächlich ist zu sagen, daß keiner 
so heiß sich bemüht hat, das Werden und Wachsen des menschlichen 
Seelenlebens aufzudecken wie Freud. Mögen seine Ergebnisse der Ver- 
besserung fähig sein — Freud selbst hat sich ja oft korrigiert — so 
darf doch kein objektiver Historiker Freud das Verdienst absprechen, 
mit großartiger Kühnheit und Ausdauer den Weg genetischer Seelen- 
forschung gewandelt zu sein. Niemand bestreitet, daß Jung, indem 
er mit kecker Überschreitung der Erfahrung die Kausalketten über 
das Individuum hinaus in die Phylogenese verfolgte, weiter ging, 
als der Begründer der Psychoanalyse, und daß er im Einzelleben 
weiter zurückgehen zu können glaubt als dieser; aber daß ein ab- 
soluter Unterschied zwischen einem rein deskriptiven Standpunkt 
Freuds und einem genetischen Jungs bestehe, trifft in keiner 
Weise zu. 

Der folgende Satz Schmids leidet an ähnlichen Unklarheiten. 
„Während Freud das rein formale Funktionieren der Libido beschreibt, 
. . . erklärt Jung die Wirkungsweise der Libido als eine energetische." 
Ich denke, daß diese rein energetische Fassung Jungs mit ihrem Ver- 
zicht auf inhaltliche Beschreibung der Libido noch viel eher eine rein 
formale Beschreibung ist als diejenige, welche mit Freud sehr genaue 
Angaben über die qualitativen Bestimmungen der Libido macht. Hinzu 
kommt, daß Schmid auch hier die beiden Libidobegriffe wiederum 
zusammenwirft und damit zeigt, wie Jungs Benennung die Verständi- 
gung erschwerte. Was er unter Libido versteht, ist nun einmal etwas 
ganz anderes, als was Freud damit bezeichnet. Jener faßt das Wort im 
ganz und gar transempirischen, also metaphysischen Sinn, während Freud 
innerhalb der Erfahrung zu bleiben bestrebt ist. Darum versteht sich 
von selbst, daß sie von zwei stark verschiedenen Dingen reden. Ob 
übrigens Freud den Gedanken einer fortlaufenden Differenzierung des 
Lebensdranges ablehnt, ob seine „Parti altriebe" absolute Elementartriebe, 
oder nur vorläufige Endstationen seines auf die Erfahrung sich einschrän- 
kenden Denkens seien, will ich hier nicht ausmachen. Wenn Weiß fei d 
die Ausführungen Freuds über diesen Gegenstand richtig versteht — 
und dies ist nach einer brieflichen Mitteilung Herrn Prof. Freuds 
der Fall — , so ist der Gegensatz beider Forscher — erfreulicher- 



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144 Oskar Pfißter. 

weise — lange nicht so groß, als auf Seiten der Jungschen Schule 
behauptet wird.^) 

Ich will mich nur kurz darüber aussprechen, wie es mit S c h m i d s 
„Manifestationen als Wechselwirkungen einander koordinierter Seelen- 
kräfte" bei Freud stehe. Nachdem Schmid selbst erklärte, daß die 
Verdrängung nach Freud auf einem Konflikt von Wunschregungen, 
unter denen auch die sexuellen, primitiven begriffen sind, mit ethischen 
und ästhetischen Ansprüchen beruhe, so anerkennt F r e u d die ihm zuge- 
schriebene Entstehungsweise der Manifestationen nicht für alle Fälle. Es 
können auch sublimierte und primäre Ansprüche zusammenstoßen. 

Von der Darstellung der von Schmid übernommenen Libidotheorie 
bleibt uns noch der letzte Satz übrig. „So kann Jung sich mit bloO 
kausalen Erklärungen nicht mehr begnügen, seine energetische Arbeits- 
methode zwingt ihn auch, finale Erklärungen zu machen.*' Als ob die 
finale Betrachtungsweise gänzlich neu wäre! In Freuds und Jungs 
Psychologie kann man ebenso gut kausal als final fragen. Die Frs^ 
nach den Entstehungsursachen eines Hauses oder eines Organes ist ebenso 
berechtigt wie die nach ihrem Sinn oder Zweck. In Wirklichkeit fragte 
Freud längst nach dem Zweck und Sinn der Manifestationen, als Jung 
die Psychoanalyse noch unbekannt war. Jede Traumdeutung geht kausal 
auf die Entstehungsursachen des Traumes, seine Veranlassung, seine 
assoziativ gewonnenen Erinnerungsinhalte und ihre Verarbeitung aus, sie 
fragt aber auch final nach der im Traume ausgedrückten Absicht. 
Jung gibt wenigstens nur an, daß Freuds Auffassung beinahe rein 
kausal sei, im Gegensatze zu der Adlers, die rein final gehalten sei — 
auch Adler geschieht damit unrecht (Jung und Loy, Psychother. 
Zeitfragen, 31)—, wie die Erinnerung an seine Minderwertigkeitstheorie 
zeigt. Der Unterschied zwischen Freud und J u n g liegt vielmehr in der 
Aufsuchung und Beurteilung des Finalen. Freud spricht vom Zweck 
und Plan der Unlustvermeidung, vom Krankheitsgewinn, von Abwehr, 
mißglückten Heilungsversuchen u. dgl., ohne damit ein- für allemal alles 
angeben zu wollen, was hierüber zu sagen ist. Er ist der Erste, der den 
Sinn im Unsinn aller Manifestationen suchte, also auch das Finale, denn 
Sinn setzt Absicht voraus. Jung geht darin über ihn hinaus, daß er im 
Inhalt jeder (oder nur fast jeder?) Manifestation einen geheimen An- 
passungsplan niedergelegt finden will. 

*) Zu Gunsten der polyphyletischen Auffassung sprechen S&tze wie: ^Hieraus 
können wir einen Wink entnehmen, dafi vielleicht der Sexualtrieb selbst nichts Ein- 
faches, sondern aus Komponenten zusammengesetzt ist, die sich in den Perrersionen 
wieder von ihm ablösen" (Drei Abh., S. 25). Daneben redet Freud von einem an 
sich nicht sexuellen Trieb, der erst durch Erregung der erogenen Zonen sexuellen 
Charakter erlangt (S. 30). Mit der Lehre, da£ die Triebe qualit&tslos seien und ihre 
Verschiedenheit erst aus ihrer Herkunft (Quelle) stamme, erweist sich ein großer, ja 
wohl der wichtigste Teil der Jungschen Libidotheorie als Freuds geistiges Eigentum. 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Ist die Brandstiftang ein archaischer Sablimierongsversach ? 145 

Auch im Inhalt der Manifestationen hat Freud lange vor Jung 
geheime Absichten vorgefunden. Die „vorübende, vorbereitende Funktion 
des Traumes" liegt enthalten in Freuds Bestimmung der „ankündigen- 
den Träume". Es liegt auf der Hand, daß eine prospektive Tendenz 
nicht nur da vorhanden zu sein braucht, wo sie durch spätere Ereig- 
nisse bestätigt wird, sondern auch in Fällen, bei denen spätere Ereignisse 
die Ausführung der im Traum enthaltenen Strebung durchkreuzen. Hier 
sei auch erinnert an Freuds Deutung der Symptomhandlungen, z. B. 
des unwillkürlichen Abziehens des Eherings (Zur Psych, d. Alltags, 96). 
Zugegeben ist, daß Jungs Beurteilung des Traumes als einer die vom 
Unbewußten geforderte Leistung angebenden symbolischen Selbstdarstellung 
die Finalität anders faßt als Freud, der sich vorsichtiger ausdrückt. 
Aber dies berechtigt noch lange nicht dazu, Freuds Verdienste um die 
Ergründung der Finalität des Traumes zu leugnen, wie S c h m i d es tut 
Um nicht mißverstanden zu werden, bemerke ich ausdrücklich, daß auch 
ich Träume und andere Manifestationen in ziemlicher Anzahl fand, 
die nach der Art der „ankündigenden" Funktionen Freuds oder des 
autosymbolischen Anpassungsversuches nach Jung zu deuten waren. 
Aber ich hätte mir geschmacklose Künsteleien, welche den Wert der 
gesamten Analyse aufs Spiel gesetzt hätten, herausnehmen müssen, 
um deshalb alle Lösungen des Manifestationsrätsels in dieses Schema 
zu pressen. « 

Hat Schmid die Differenz zwischen der grundsätzlichen Orien- 
tierung Freuds und Jungs unrichtig angegeben, so ist es ihm selbst- 
verständlich auch nicht möglich, über die Fragestellung in betreff der 
Brandstiftung korrekt Bericht zu erstatten. Wenn er glaubt, das Freud 
den Aktualkonflikt verkenne, so befindet er sich im Irrtum. Schon 1909 
sprach Freud den bereits zitierten Passus: „Die Menschen erkranken, 
wenn ihnen infolge äußerer Hindernisse oder inneren Mangels an An- 
passung die Befriedigung ihrer erotischen Bedürfnisse in der Realität 
versagt ist." In seinem Aufsatz „Über neurotische Erkrankungstypen** 
(Zentralblatt H, 297 ff.) nennt er als Erkrankungsanlässe die Versagung, 
die innere Veränderung zum Zweck der Anpassung an die Realforderung, 
die Entwicklungshemmung und die Libidostauung ohne äußere und in- 
tellektuelle innere Veränderungen (das Wort „Libidostauung" stammt von 
Freud, nicht, wie Schmid S. 115 angibt, von Jung). 

Zur Lösung seines Problems sucht Schmid alle diese vier Mög- 
lichkeiten auf eine einzige zu reduzieren : Die Libidostauung infolge der 
Unfähigkeit, sich einer gegebenen neuen Situation anzupassen. ^Die 
Libido (des Brandstifters) staut sich, weil ihr durch Nichtanpassung an 
die neuen Verhältnisse der richtige Abfluß gesperrt wird (S. 115)." In 
dieser Allgemeinheit halte ich den Satz nicht für glücklich. Voran- 
gegangen ist ja, wie wir (S. 114) hören, eine Wendung im Leben, die 

ZelUohr. f. ftrztl. Fsjchoanalyse. IlJ/3. 10 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



146 Oskar Pfister. 

eine neue Situation schuf. Vergleichen wir mit Freud die Geschichte 
der Libido mit einem Strome, so werden wir also sagen, der bisherige 
Ablauf des Stromes sei durch ein in sein Bett geworfenes Hindernis, 
etwa einen Felsen oder Damm, gestaut worden. Was sagten wir nun zu 
dem Ausdruck: Das Wasser des Flusses staut sich, weil durch Nicht- 
anpassung an den hineingeworfenen Felsen oder aufgeworfenen Damm 
der richtige Ablauf gesperrt wird ? Wohl niemand wäre von dieser Aus- 
drucksweise entzückt. 

Ja, wenn etwa oberhalb des Hindernisses eine Schleuse angebracht 
gewesen wäre, und man hätte unterlassen, sie zu öffnen, dann könnte 
man für die eingetretene Überschwemmung die Nichtanpassung an die 
durch die Stauung gegebenen Verhältnisse verantwortlich machen. Im 
Falle des Brandstifters wäre also zu fragen, ob eine Anpassung überhaupt 
möglich und vernünftigerweise zu erwarten war. Dieser Frage weicht 
Schmid aus. Er zitiert einfach Jungs Satz: „Erlaubt das Individuum 
bewußt oder unbewußt, daß die Libido vor einer gewissen notwendigen 
Aufgabe ausweicht, dann verursacht die nicht angewendete (sogenannte 
verdrängte) Libido allerhand innere und äußere Zufalle, Symptome jeg- 
licher Art, welche sich dem Individuum in peinlicher Weise aufdrängen" 
(S. 115). Der springende Punkt ist nun eben die Begründung dieser Er- 
laubnis zum Ausweichen vor der notwendigen Aufgabe. In seinen ame- 
rikanischen Vorträgen nennt Jung die Trägheit als Motiv. Schmid 
gibt in unserem Zusammenhang ein Beispiel von einem Mädchen, das an 
Heimweh leidet, infolge von Suizid den Vater verliert, ihn einigemal 
halluziniert, um hierauf einige Versuche zur Brandstiftung zu unterneh- 
men. Die Erklärung soll lauten: Das zu Hause verwöhnte Mädchen 
hatte nicht gelernt, sich neuen Situationen anzupassen ; der innig geliebte 
Vater hatte sich den zur Anpassung an die Realitität nötigen Opfern 
entzogen, indem er sich selbst opferte ; die Tochter nahm ihn zum Vor- 
bild und reagierte mit etwas Ähnlichem (?), indem sie sich nicht selbst, 
sondern die Realität opferte (S. 116). 

Das Beispiel überzeugt nicht. Man müßte doch wissen, in welcher 
Weise das Mädchen sich der Anpassung entzog. Erfüllte es die ihm über- 
tragenen Pflichten nicht freiwillig? Oder besteht die Unterlassungssünde 
darin, daß es den tragischen Tod des geliebten Vaters innerlich nicht 
überwand? Was hat letzteres damit zu tun, daß es nicht gelernt hatte, 
sich mit der Realität abzufinden? Es gibt unverwöhnte Kinder, die einen 
derartigen Schlag nur schwer verwinden könnten. Gewiß wäre die Brand- 
stiftung nicht erfolgt, wenn das Mädchen der durch das Unglück geschaf- 
fenen Lage sich einfach angepaßt hätte, wie die Fensterscheibe nicht 
zerbrochen wäre, wenn sie sich dem faustgroßen Stein, der gegen sie 
geschleudert worden war, angepaßt hätte. Sollen wir nun sagen: Die 
Scheibe zerbrach nicht infolge des Steinwurfs, sondern infolge mangeln- 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Ist die Brandstiftaog ein archaischer Sablimiernngsversuch ? 147 

der Anpassung an ihn? Schmid vorenthält die entscheidenden Deter- 
minanten und beweist nicht, was er beweisen möchte. 

Im zweiten Fall verlor ein 39j ähriger Landwirt den Vater, der ihn 
wie ein Kind behandelt hatte, und übernahm ein verschuldetes Heim- 
wesen. Aus Verzweiflung begann er sich dem Trunk zu ergeben. Vier- 
zehn Monate später, einen Monat vor dem Verbrechen, bemerkt er an 
sich Impotenz. Er schläft deshalb allein in der Kammer und wird Brand- 
stifter. Auch hier soll der Tod des Vaters die Libidostauung zu stände 
gebracht haben. Der Alkoholgenuß läßt die Libido ins Infantile zurück- 
strömen. Die Impotenz erhöhte die Stauung, und so kam es zum Delikt. 

Daß ein Sorgenbeladener sich mit Alkohol zu betäuben sucht, ist 
allbekannt, hat aber mit Verdrängung und Neurose unter Umständen 
nichts zu tun. Dagegen ist die wichtigste Frage, um deren Beantwortung 
sich Schmid auffallenderweise nicht im geringsten zu interessieren 
scheint, ob der Mann wirklich nur infolge der Trunksucht impotent 
wurde. Kennen nicht wir alle genug Alkoholiker, die über ausgiebige 
Sexualfunktionen verfügen? Eine sorgfaltige psychologische Untersuchung 
des Falles müßte doch erst uns überzeugen, daß psychogene, unbewußte 
Determinanten der Impotenz fehlten, daß der Mann kein Neurotiker war, 
bevor er zum Brandstifter wurde. War er zuvor schon Hysteriker, so 
liegt es nahe, auch die Brandstiftung auf jene innere Bindung zurück- 
zuführen und die Impotenz nur als Gelegenheitsursache, als auslösendes 
Moment in Betracht zu ziehen. Ich vermisse hier, wie so oft bei 
S c h m i d s Untersuchung, die Gründlichkeit, die in solchen Fragen einzig 
und allein Eindruck macht. 

Wieviel einfacher und damit richtiger ist es somit, die auslösende 
Ursache der Brandstiftung in S c h m i d s Beispiel zunächst einfach in einer 
Versagung zu suchen, welche in die Regression trieb und unbewußte 
Motive zur Herrschaft erhob! Die Angabe, ein Mensch regrediere, weil 
er zur notwendigen Anpassung an die Realität zu träge sei, genügt nicht. 
An anderer Stelle^) führte ich aus, daß sehr energische, tatenlustige 
Menschen bei einer relativ geringfügigen Leistung versagen und versagen 
müssen, weil eben eine Fixierung bereits vorhanden ist und aus einer 
Mücke einen Elefanten macht. Es wäre direkt falsch, hier mit Jung 
nur die Trägheit für die notorische Unfähigkeit zur betreffenden Hand- 
lung verantwortlich zu machen. 

In gleicher Weise wird unsere Wißbegierde in bezug auf ein schö- 
nes poetisches Paradigma Schmids getäuscht. Wedekinds Held verkehrt 
mit allen Mädchen von Egliswyl ohne tiefere Gefühle. Er lernt aber ein 
edleres Liebesobjekt kennen xmd entbrennt in höherer Neigung zu dem 



*) Psychanalyse und Jugendforschung. Berner SeminarblÄtter 1915, S. 200 ff. 
(übersetzt The American Journal of Psychology, Jan. 1915, VoL XXVI, 138— 140> 

10» 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



148 Oskar Pfister. 

Mädchen, so daß Heiratspläne in ihm aufsteigen ; doch wie er den Wider- 
stand der Geliebten überwindet, ist er impotent. In rasender Aufregung 
stürzt er von dannen und fühlt an Händen und Füßen nichts, während 
er sich über die Felsen hinunterstürzt. Wie Flammen kommt es über ihn, 
er steckt sein Dorf in Brand und freut sich des immer röter werdenden 
Himmels, während das Feuer in der Brust erloschen ist. 

Hinter diesen Tatsachen findet S c h m i d folgende Kausalbeziehung : 
Der bisherige Lüstling wird impotent, weil er seine bisher roh verwen- 
dete Libido (das Wort hier offenbar wieder im Sinne Freuds) nicht 
auf ein verehrtes Objekt übertragen konnte. Er beherrschte sie nicht, da 
er sie nicht domestiziert hatte. Er hätte ein Opfer bringen sollen, dessen 
er nicht fähig war (S. 123). Letzteres zeigt sich aus dem Geständnis : 
„Hätte mich damals (vor dem Verbrechen) einer geschlagen, ich hätte 
ihm dafür danken wollen bis an mein Ende.** Er wollte sich also züch- 
tigen lassen, „wie jeder, der einer von ihm geforderten Leistung aus- 
weicht." Er wollte nicht einen Teil seiner Persönlichkeit (gemeint ist 
die rohe, undomestizierte Persönlichkeit) opfern, darum empfindet er 
noch vor der Brandstiftung Suizidideen. Aus demselben Grunde freut er 
sich sadistisch, daß der gefrorene Feuerweiher keine Hilfe gewährt, denn 
der Sadist opfert andere, weil er vor dem selbstgeforderten Opfer 
zurückweicht. 

Freud hatte 1912 erklärt: „Die Grundlage des Leidens (der psy- 
chischen Impotenz) ist hier wiederum — wie sehr wahrscheinlich bei 
allen neurotischen Störungen — eine Hemmung in der Entwicklungs- 
geschichte der Libido bis zu ihrer normal zu nennenden Endgestaltung. 
Es sind hier zwei Strömungen zusammengetroffen, deren Vereinigung ersi 
ein normales Liebesverhalten sichert, zwei Strömungen, die wir als die 
zärtliche und sinnliche voneinander unterscheiden können." (Jahrb. IV, 
41.) Soweit geht Schmid mit Freud abgesehen von der Terminologie 
in gewissem Sinne einig, namentlich auch darin, daß eine Entwicklungs- 
hemmung und ein Hiatus zwischen primitiver Trieb Verwertung und 
höherer Gemütsleistung vorliegen. Dagegen sucht Freud den subli- 
mierten Betrag im Zärtlichkeitshunger, Schmid in der „domestizierten 
Libido". Letzterer Ausdruck, der mit domus zusammenhängt und zunächst 
auf Haustiere angewendet wird, läßt sehr zu wünschen übrig, denn die 
angeblich nicht domestizierte Libido ist nur zu sehr ans Haus gebunden. 

Woher die Widersetzlichkeit des sinnlichen Naturtriebes und seiner 
Exekutivorgane gegen den ethischen Liebeswillen stamme, vernehmen 
wir aus dem Munde Schmids nicht. Wir hören nur: Er hätte ein 
Opfer bringen sollen, dessen er nicht fähig war; dieses Opfer betrifft 
die undomestizierte Persönlichkeit und wird durch Suizidideen wenigstens 
symbolisch dargebracht. Wollten wir dem Verfasser mit der Münze zahlen, 
die er im Handel zwischen den ethischen Ansprüchen der Bauernknecbte 



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Ist die Brandstiftung ein archaischer Sublimierungsversuch ? 149 

und der Sexual Verdrängung benutzte, so könnten wir fragen : Was hätte 
der jetzt besprochene Liebhaber, der seine Geliebte heiraten will, ihr 
einen Ring kauft und seine Liebe auf einen viel höheren Ton einstellt 
als die früheren Sexualverhältnisse, denn noch mehr tun sollen? Wir 
konstatieren jedoch gerne, daß für Schmid das Opferobjekt ganz und 
gar im Unbewußten liegt. Doch wie soll denn jener Teil der Persönlich- 
keit geopfert werden? Daß nach Schmid die Symbolik des Selbstmordes 
es abbildet, deutet auf eine Abtötung der rohen Sinnlichkeit. Wie? So 
hätte er die mortificatio carnis im Sinne des Mönchstums nicht voll- 
ziehen wollen, wie er eigentlich sollte ? Dies kann doch unmöglich die An- 
sicht S c h m i d s sein. Was fangen wir dann aber mit seiner Psychologie 
der Suizidimpulse an? Und wie ist das Opfer gemeint? Als Verzicht auf 
die rohe Einstellung des Unbewußten? Allein das Bewußtsein hat ja 
schon auf die Roheit verzichtet, und wie kann man das ein Opfer nennen, 
was man hergeben soll, ohne es auch nur zu kennen?^) Auch an ein 
„unbewußtes Opfer" denkt Schmid nicht, sagt er doch: „Die Aufgabe 
stand klar vor unserm Knecht, er wollte das Mädchen heiraten, konnte 
sie darum nicht mehr als bloßes Lustobjekt behandeln, denn die Frau 
besitzt einen höheren Wert (Kultur wert) als nur den des Lustbefriedi- 
gungsobjektes. Um diesen Weg aber anerkennen zu müssen, hätte er auf 
dem richtigen Weg, den er eingeschlagen hatte, als er den Ring kaufte, 
weiter gehen sollen. Er hätte zum Manne werden sollen, der nicht be- 
gehrt, sondern gibt" (S. 123). Allein kann ein Bauernknecht, der, um an 
Schmid zu erinnern, den sexuellen Verkehr zumal bei Heiratsgedanken 
als legitim betrachtet, diese Abstraktion zwischen Kultur wert und 
Sexualwert, reinem Geben und Begehren, vollziehen? Ich bin fünf 
Jahre lang Bauernpfarrer gewesen und glaube, vom Liebesleben der 
Knechte einiges zu wissen. Die uns vorgelegten Distinktionen S c h m i d s 
sind nach meinen Erfahrungen viel zu akademisch, um einem Knechte 
imputiert werden zu können. 

Das Rätsel, weshalb die Brandstiftung von Egliswyl zu stände kam, 
bleibt daher teilweise ungelöst. Daß eine symbolische Ersatzhandlung 
für den ersehnten Liebesakt vorliegt, steht allerdings fest. Nur wissen 
wir noch wenig über ihre speziellen Entstehungsbedingungen. Bevor wir 
uns nach ihnen umsehen, verweilen wir noch einen Augenblick bei 
Schmids Polemik gegen Freuds Deutung der Impotenz. Nach dieser 
fand der Liebende von Egliswyl in seinem letzten Objekt ein Wesen, 



^) Die anch von Freud anerkannte Notwendigkeit des Opfers bei der Neu- 
rosenheilnng, wie bei der sittlichen nnd reh'giösen Wiedergeburt erklärt sich anfs ein- 
fachste nach dem von mir aufgestellten Beziehangsgesetz (Gesetz der Komplex- 
xmidichtung, vgl. m. Buch: Die psychanalytische Methode, S. 393 f.). Dem began- 
genen Unrecht muß eine analoge Handlang mit negativem Vorzeichen gegenüber- 
gestellt werden. 



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150 öskar Pfister. 

das ihn an die Mutter erinnerte und vor die Inzestschranke führte. Er 
überschätzte das Mädchen und fand sich nicht mit dem Inzest ab. Hätte 
er letzteres getan und in dem Mädchen statt einer Göttin ein gewöhn- 
liches Mädchen gesehen, so wäre er potent geblieben. Freud sieht 
nach S c h m i d in der Inzestschranke etwas das gesunde Leben Hindern- 
des, Jung dagegen will nicht die Frau entwerten, um die Potenz zu 
retten, sondern die infantile Einstellung ihr gegenüber opfern (S. 123). 
In diesem letzteren Punkte gebe ich Jung und S c h m i d durchaus recht, 
indem ich allerdings bekenne, daß ich bezweifle, ob sie Freud richtig 
verstehen. Die „inzestuöse Fixierung" ist doch eben eine Hemmung, die 
durch die Analyse überwunden werden soll, liegt doch ihr Hauptwert in 
der Lösung solcher Infantilbande. Freuds perhorreszierter Satz: „Wer 
im Liebesleben wirklich frei und glücklich werden soll, muß den Respekt 
vor dem Weibe überwunden, sich mit der Vorstellung des Inzests mit 
der Mutter oder Schwester befreundet haben," ist sicher aus dem Zusam- 
menhang auszulegen. Zuvor war bei Freud die Rede von der leidigen 
Tatsache, „daß das Liebes verhalten des Mannes in der heutigen Kultur- 
welt überhaupt den Typus der psychischen Impotenz an sich trägt" 
(Jahrb. IV, 45), indem die Ehe gewöhnlich nicht volle Sexualbefriedi- 
gung gewähre, was aus intensiver inzestuöser Fixierung der Kindheit und 
realer Versagung der Jünglingszeit erfolge. Der inkriminierte und miß- 
verständliche Satz bezieht sich also auch auf die große Menge, nicht 
auf den analysierten Einzelnen. Andernfalls müßte ich hier Freud die 
Gefolgschaft versagen, was aber gewiß nicht nötig ist. 

Ganz unrichtig ist Schmids Behauptung, für Freud sei die In- 
zestliebe nur etwas das gesunde Leben Hinderndes, für Jung dagegen etwas 
zur höchsten Entwicklung Zwingendes. Gerade in der von S c h m i d kri- 
tisierten Arbeit führt Freud aus, daß die (durch den Inzest) bewirkte 
Sexualhemmung „zur Quelle der großartigsten Kulturleistungen" werde 
und jeden Fortschritt erst ermögliche (S. 50). Ebensogut weiß Jung, daß 
Impotenz durchaus nicht immer zum Kulturfortschritt zwingt. Ich ver- 
stehe in keiner Weise, weshalb so oft Gegensätze zwischen Freud und 
Jung konstruiert werden, wo glücklicherweise keine vorhanden sind, 
und zu welchem Ende man bestehende Differenzen übertreibt. 

Bevor ich zum letzten belangreichen Thema übergehe, erwähne ich 
noch ein Geständnis, das Schmid mit Recht ablegt. Beim Abschied 
von Wedekinds Brandstifter findet sein Bearbeiter noch einmal, die Er- 
klärung, das Delikt bilde einen symbolischen Ersatz für den verdrängten 
Sexualakt, sei zu einfach. Dagegen fußt er auf der Hypothese, das Ver- 
brechen sei eine Symbolhandlung, die der gestauten Libido Abfluß ver- 
schaffe (S. 125). Nun, gerade dies hat Freud ja st^ts behauptet! (S.o. 
S. 141 u. 145.) Warum dann die Polemik ? F r e u d s Erkenntnis ist ebensogut 
kausal, als final orientiert. Also auch hier künstliche Scheidewände! 



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Jst die Brandstiftung ein archaischer Sublimierungs versuch? 151 

Beiläufig sei noch erwähnt, daß ich auch der Psychologie des Heim- 
wehs, wie sie Schmid vom Brandstifter aus darstellt, nicht beipflichten 
kann. Die Behauptung, in Irren- oder Strafanstalten kommen Brandstif- 
tungen darum äußerst selten vor, weil die Aufgabe der Anpassung an 
die neue Umgebung nicht so groß und Gelegenheit zur Libidostauung 
nicht vorhanden sei, stimmt keineswegs mit der Wirklichkeit. Die 
mannigfachen Versagungen des Anstaltslebens, die Fühlung mit dem Per- 
sonal, die Einfindung in die neue Lage erfordern gewaltige Stauungen 
und Anpassungsleistungen, wie die häufigen Gefängnispsychosen deut- 
lich genug bekunden. 

Großes Interesse verschafiFt sich die Fragestellung: „Wieso kommt 
die Brandstiftung dazu, als Ausdrucksform der plötzlichen Libidoentspan- 
nung gewählt zu werden?" Schmid erinnert an die bekannte erotische 
Deutung der Feuermanifestationen. Über Freud hinaus geht er jedoch 
darin, daß er mit Jung annimmt, die Feuererzeugung sei eine archaische 
Regressionserscheinung, entstanden aus einem Widerstand gegen die 
Sexualität, der aus der Anlage und inneren Nötigung zur Sublimierung 
zu erklären sei. Somit folgert Schmid, und hierin gipfelt seine Arbeit: 
„Ich möchte die Brandstiftung . . auffassen als einen archaischen, 
durch Regression bedingten, verfehlten Sublimierungsversuch." Es 
ist mir nicht gelungen, Jungs Hypothese von der Entstehung der Feuer- 
erzeugung aus der Sexualität zu der meinigen zu machen. Die sprach- 
lichen Argumente würden mich ebensogut nötigen, auch das Pflügen als 
larvierten Sexualakt anzusehen. Ein künftiges Geschlecht, dem unsere 
Kultur ungefähr so wenig bekannt wäre, wie uns die altindische, könnte 
ebenso das Pfeifenrauchen, das Violinspiel und andere Leistungen, die im 
Sexualjargon auftreten, in diesem Sinne genetisch erklären.^) 

Vollends für S c h m i d s Zutat fehlt mir jedes Gefühl der Billigung. 
Gesetzt auch, die Feuer e r z e u g u n g wäre eine Sublimierungstat — eine 
hohe Kulturleistung ist sie gewiß — ist denn das Wesentliche und Reiz- 
volle an der Brandstiftung, die der gestauten Libido Abfluß verschaffen 



') Anstatt aaf nns in ihrer Entstehung erst recht rätselhafte archaische Er- 
scheinungen zurftckzogreifen und das unbekannte aus noch Unbekannterem zu erklä- 
ren, halte ich es für richtiger, auf uns zugänglichen Tatsachen und Gesetzen zu fußen. 
Unter den Determinanten^ die zur Wahl des Feuersymbols führen, scheint mir beson- 
ders wichtig die Aufbauschung der bei starken erotischen Erregxmgen nie fehlenden 
Wärmeempfindungen, die schon durch Ausdrücke, wie „heiße Liebe", „glühende Eifer- 
sucht", „brennende Sehnsucht" usw., festgestellt werden. Welch hervorragenden Ein- 
fluß die Aufbauschung in der Manifestation ausübt (vgl. die Psychologie der Perver- 
sität, die hysterische Verstärkung schwacher Empfindungen zum lebhaften Schmerz 
bei starker Libidobesetzung, die Vergrößerung des Vaters zum Gott oder Teufel 
u. dgL Erscheinungen), verdiente einmal in einer Monographie behandelt zu werden. 
Die Symbolik des Hauses, die heterosexuelle Aggression sind ebenso sorgfältig zu 
beachten. 



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152 Oskar Pfister. 

soll, die Feuer er Zeugung? Offenbar nicht. Sie ist gleichgültig. Der 
Brandstifter nimmt das Feuer, wo er es vorfindet, oder zündet ein Streich- 
hölzchen an, was heute auch keine großartige Kulturtat mehr ist und jeden- 
falls mit dem Feuerreiben und seiner Koitussymbolik nichts mehr gemein 
hat. Alles Interesse des Brandstifters hängt an der kri- 
minellen Handlung und ihren Folgen. Und da soll von Subh- 
mierung geredet werden können? Schmid scheint der Brandstiftung 
ebenso wie der Feuerbereitung das Prädikat des Sublimen verleihen 
zu wollen. Er hält es nicht einmal für nötig, zu untersuchen, inwiefern 
die soziale Schädigung, die in der Brandstiftung liegt, archaisch genannt 
werden darf. 

Da Jung in einer Auseinandersetzung, die in mir ebenfalls nichts 
mitklingen läßt, die Feuererzeugung als ursprünglich eine am Objekt 
dargestellte quasi onanistische Betätigung faßt, wundert uns nicht, daß 
Schmid auch die Brandstiftung als etwas Ähnliches hinstellt (S. 133). 
In den meisten Fällen ging zwar in seinen Fällen ein heterosexuelles 
Versagen voraus. Aber Schmid findet doch einige Fälle, welche für die 
Erweiterung der Jungschen Hypothese sprechen sollen. Ein Imbeziller 
onanierte während der Brandstiftung und des Verhöres. Was beweist dies 
mehr, als daß die sexuelle Stauung durch die symbolische Ersatzhand- 
lung nicht genügend beseitigt wurde ? Dasselbe gilt von dem zweiten Bei- 
spiele Schmids. In einem dritten gelang die Ableitung der Libido durch 
die Brandstiftung. 

Am Schlüsse gibt unser Autor zu, daß zur Erklärung mancher der- 
artiger Delikte auch die entgegengesetzte Bedeutung der Feuersymbolik 
herbeizuziehen sei: Feuer als Ausdruck der Empörung. „Es scheint, als 
sei in einer weniger tief gelegenen Schichte unserer Psyche das Feuer 
mehr Symbol der Empörung gegen die Autorität, während in der Tiefe 
die Bedeutung der Libidoentspannung bestehen bleibt (S. 138)." Allein 
liegt in der kriminellen Auflehnung gegen die Autorität nicht auch offen- 
bar eine Libidoentspannung? Und kann die Wut nicht auch eine 
sexuelle Erregung erzeugen, angesichts welcher auch die revolutionäre 
Brandstiftung ebenso gut wie die erotische als ein archaischer Sublimie- 
rungsversuch bezeichnet werden müßte? 

Zu meinem lebhaften Bedauern kann ich somit nicht einsehen, daß 
Schmid unser Verständnis für die Psychologie der Brandstiftung geför- 
dert habe. In methodischer Hinsicht fehlt seiner Arbeit die lückenlose 
Stringenz der Beweisführung, die Strenge der logischen Folgerung, die 
Reinlichkeit der Begriffe. Die Erscheinungen werden höchst willkürlich 
gedeutet und in ein unpassendes Schema gepreßt, auf unsichere H}T)othesen 
kommen noch unsicherere Schlüsse zu ruhen, wodurch die Unzuverlässigkeit 
eine Potenzierung erfährt. Zu diesen methodischen Fehlern gesellt sich 
ein unverkennbares Bestreben, Freud zu verkleinern und Jung zu er- 



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Ist die Brandstiftung ein archaischer Snblimierungsversuch? 153 

heben. Anders läßt sich das falsche Zitieren und die unrichtige Beschrei- 
bung Freud scher Gedanken nicht erklären. Gegen beide geistreichen 
und bedeutenden Männer enthält dieses Verfahren eine Ungerechtigkeit. 
Die Lehre, daß nicht nur vielen, sondern sogar allen Manifestationen 
neben der Finalität noch eine höhere Teleologie, ein Anpassungsplan 
innewohne, gewinnt aus Schmids Abhandlung keine Empfehlung. Soll 
die psychoanalytische Bewegung aus der eingetretenen Differenzierung 
der Anschauungen den rechten Gewinn nach innen und außen ziehen, 
so muß sie sich vornehmer Gerechtigkeit, komplexfreier Objektivität und 
sorgfältiger Induktion befleißen. Wir sündigen wohl alle zuweilen gegen 
diese Forderungen. Ich wenigstens möchte mich von der angegebenen 
Schuld nicht ausschließen. Darum glaubte ich im Interesse einer förder- 
lichen Arbeitsgemeinschaft meine Bedenken aussprechen zu müssen. 



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Mitteilungen. 



1. 

Die typische Eifersucht auf jfingere Geschwister und Ähnliches. 

Yon Dr. Josef K. Friedjung (Wien). 

Jeder vorurteilsfreie Beobachter kennt die Eifersucht, mit der erst- 
geborene Kinder einem nachgeborenen Geschwister begegnen. Der Zwang, sich 
in die Liebe der Eltern und Pflegerinnen, tlber die sie bis dahin allein ver- 
fügen konnten, nunmehr mit einem zweiten teilen zu müssen, führt zumeist 
zu einer Einstellung, die sich oft in naiven Äußerungen des Hasses gegen den 
Eindringling kundgibt. Ist der Altersunterschied groß, d. h. etwa 5 Jahre 
oder mehr, so zeigt diese Einstellung meist bald einen ambivalenten Charakter : 
Das größere Kind, besonders ein Mädchen, findet rasch auch Pflegerinteressen 
an dem kleinen und zieht so bald auch Lustgewinn aus der anfangs nur pein- 
lich empfundenen Änderung seiner Lage. Unverkennbar also wird das psychische 
Verhalten und mit der Zeit der Charakter des älteren Kindes durch die Ge- 
burt des jüngeren Kindes beeinflußt, und zwar in einer typischen Richtung. — 
In den Beobachtungen, die ich kurz mitteilen möchte, war dieser Eindruck 
besonders aufdringlich : 

1. Das nicht ganz sechsjährige Töchterchen eines gesunden jüdi- 
schen Ehepaares bekommt einen Bruder. Für einige Tage aus diesem 
Anlasse bei einer Tante untergebracht, ist das sonst fügsame Kind auffällig 
ungebärdig. Es weint: „Man wird das Kind in mein Bett legen.** Die Tante 
äußert in richtiger Voraussicht: „Mit der wird man es jetzt nicht leicht 
haben. ^ In der Tat begegnet das Mädchen dem kleinen Knaben anfangs mit 
feindseliger Eifersucht, namentlich will es nicht erlauben, daß der Kleine in 
„ihrer** Wanne gebadet werde. Im ganzen ist sie viel „schlimmer** als früher. 
Daneben zeigt sie jedoch auch bald liebevolles Interesse für den Bruder. Nach 
acht Monaten wird an dem Knaben eine Operation notwendig, elf Tage muß 
er in einem weit entfernten Krankenhause bleiben. Die Mutter darf ihn nur 
zweimal in der Woche für kurze Zeit besuchen. Das Mädchen ist mit einem 
Schlage fügsam geworden, braver denn je. Als der Kleine aber wieder heim- 
geholt wird, ist sie ebenso plötzlich schlimmer als je vorher, und die Mutter, 
von einer bloß durchschnittlichen Intelligenz, deutet ihren Zustand selbst als 
den der Eifersucht. 

2. Das sechsjährige einzige Söhnchen eines robusten christlichen Ehe- 
paares bekommt einen Bruder und begegnet ihm mit offensichtlicher Feind- 
schaft. Zunächst schlägt es den Eitern vor, den Neugeborenen auf der Boden- 
stiege auszusetzen. Nach dem Fehlschlagen dieses einfachsten Konfliktslösungs- 
versuches bleibt die feindselige Einstellung. Jetzt noch, nach 10 Monaten, darf 
man den Knaben nicht mit dem Kleinen allein lassen, da er ihn sofort schlägt. 



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Dr. Josef K. Friedjung: Die typische Eifersucht auf jüngere Geschwister. 155 

Auf meine Frage, warum er das tue, antwortet er : „Ich mag ihn nicht*^ ; 
eine Motivierung kann ich von ihm nicht erlangen, immer nur die eine Ant- 
wort. Hier findet sich keine Spur von Ambivalenz, nur kalter Haß des sonst 
durchaus durchschnittlichen Kindes. Ich habe Grund anzunehmen, daß hier das 
Verhalten der Erwachsenen besonders fehlerhaft war und daher auf den Knaben 
so tief wirkte. 

Ich möchte übrigens erwähnen, daß sich so eine Eifersucht auch auf 
Tiere richten kann. Ein vierjähriger einziger und sehr verwöhnter Sohn einer schö- 
nen Mutter, der auch Zärtlichkeiten des Vaters der Mutter gegenüber nicht 
duldet, bekommt zwei Kanarienvögel zum Geschenke. Wenn sich die Mutter 
mit ihnen zu schaffen macht, ist er aufs höchste empört und wirft nach den 
Vögeln, was immer er bei der Hand hat. 

Alle diese Beobachtungen, die sich fast beliebig vermehren lassen, sind 
mit den von Freud gegebenen Aufklärungen zwanglos zu deuten. Es ist nicht 
auffällig, daß sich die Kinder so benehmen wie Erwachsene, da sich doch die 
Erwachsenen gerade im Affekt meist so benehmen wie Kinder. 



2. 
Schamhaftigkeit als Maske der HomosexuaHtät. 

Von Dr. Josef K. Friedjung (Wien). 

Das etwa zweijährige Kind eines galizischen jüdischen Flüchtlingspaares, 
ein Knabe, zeigt alle Züge des neuropathischen einzigen Kindes : es ist ängst- 
lich,, schläft sehr unruhig, ist geistig seinem Alter weit voraus und tyrannisiert 
die Eltern. Habituelle Anorexie und Obstipation vervollständigen das Bild. 
Die Eltern, Intellektuelle — beide haben akademische Studien absolviert — , 
verwöhnen den Knaben über die Maßen, besonders der Vater. Dieser, ein 
39jähriger Mann, bringt meinen erzieherischen Winken volles Verständnis ent- 
gegen, erklärt jedoch, sie jetzt, als Flüchtling, nicht befolgen zu können. Na- 
mentlich müsse das Kind mit ihm das Bett teilen, da man sonst keinen Platz 
habe. Das trifft jedoch nicht zu, da die drei Personen ein geräumiges Zimmer 
bewohnen. Dieser auffällige Widerspruch zwischen Verstehen und Wollen, bei 
Frauen in dieser Lage recht häufig, fiel mir auf. Ich sah zunächst nur, daß 
die Frau ein kleines, reizloses Geschöpf war. Da gestattete mir der Zufall 
einen Blick in des Mannes Triebleben : Er sollte zur Musterung gehen ; die 
Begeisterung war nicht groß. Ich begriff und vermutete die gewöhnlichen 
Gründe, als er zu meiner Überraschung sagte : „Es ist mir so peinlich, mich 
in meinem Alter auskleiden zu müssen, um begutachtet zu werden wie ein 
Vieh." Als ich einwendete, daß er sich doch, wenn er sich etwa im Interesse 
seiner Familie versichern lasse, ebenso genau müsse untersuchen lassen, lehnte 
er entschieden ab: Das habe er nie getan, würde es auch in Zukunft nicht 
tun, denn auch da wäre es ihm peinlich, sich vor dem Arzte entkleiden zu 
müssen. Als ich verwundert tat, erklärte er: „Das Peinliche liegt darin, daß 
der Arzt bei der Untersuchung angekleidet bleibt; wäre auch er nackt, so 
fiele das Peinliche der Situation weg." 

Diese restlose Aufklärung einer befremdenden Schamhaftigkeit mit der 
kaum verhüllten homosexuellen Einstellung scheint mir an sich nicht uninter- 
essant. Sie läßt mich aber vermuten, daß auch das Verhalten des Vaters zu 
seinem Sohne hier seine Erklärung finden könnte : daß er das Kind verwöhnt, 
wie sonst nicht oft ein Vater, daß er namentlich trotz meiner wiederholten 



r^no'^'-^ Original from 

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156 Mitteilungen. 

Mahnung nicht darauf verzichtet, sein Bett mit dem Kinde zu teilen, könnte 
damit verständlicher werden. Trifft das zu, so zeigt es zugleich, welche Hin- 
dernisse sich dem Kinderarzte entgegenstellen, auch wenn er sich gewöhnt hat, 
bisher vernachlässigte psychische Zusammenhänge bei seinem Wirken zu be- 
obachten. 

3. 

Urethralerotik und Ehrgeiz. 

Von Emest Jones. 

Ein an leichter Zwangsneurose leidender Patient mit außerordentlich 
starkem Ehrgeizkomplex war immerwährend von dem Wunsch gequält, irgend 
einen Rivalen, besonders in seinem Beruf oder in erotischen Angelegenheiten 
zu tibertreffen, und verbrauchte den größten Teil seiner Energie, um sich direkt 
dieser selbstgestellten Aufgabe zu widmen. Dasselbe Bestreben zeigte sich auch 
in Kleinigkeiten, so z. B. war er unfähig, irgend jemandem zu gestatten, 
daß er ihn beim Spazierengeben oder -fahren tiberhole usw. 

Eines Tages berichtete er mir folgenden Zwang. Sooft er in ein öffent- 
liches Pissoir eintrat, beeilte er sich, den ersten leeren Platz in der Reihe 
zu besetzen (er zählte als Homosexueller von links, d. h. der erste Platz 
links war Nummer eins, der „erste dran**. War es ihm gelungen, den 
ersten Platz zu erlangen, so murmelte er vor sich die Worte hin: „der Erste 
vor allen " ; war es die zweite Stelle, die er sich bemtihte zu erlangen (da der 
erste Platz meist besetzt war), so murmelte er „Keinem nachstehend"; war es 
der dritte, „unter den ersten drei" usw.; war es der letzte, so waren die Worte 
„last but not least" (der Letzte, aber nicht der Geringste). Mit anderen 
Worten, der Ehrgeizkomplex loderte in Zwangsform auf im Moment des Urinierens 
in Gesellschaft anderer Männer. Der Zwang war zugleich eine SchutzmaÄ- 
regel (Adlers Sicherungstendenz), denn er litt an einem ausgesprochenen 
Minderheits- und Impotenzkomplex (Kastrationsangst), der besonders den Haupt- 
sitz desselben, das Genitalorgan, betraf. 

Die Erklärung, die gewöhnlich für den sonderbaren Zusammenhang von 
Urethralerotik und Ehrgeiz gegeben wird, ist der vom kleinen Kind erfahrene 
Stolz, wenn es die Funktion der Sphinkters beherrschen lernt. Ich finde, dies 
bezieht sich mehr auf das vom Kind dareingesetzte Vertrauen, daß es die 
exkretorischen Funktionen allein, ohne Mithilfe der Erwachsenen ausführen 
kann, d. i. eine wahrscheinlich der Selbstkontrolle folgende Stufe der Ent- 
wicklung. Der erste Traum, den mir der Patient als Beispiel erzählte, lief darauf 
hinaus, daß er beim Hinaufklettern auf einen steilen Felsen, ohne Hilfe von 
den umstehenden Leuten zu erfahren, einen glühenden Stolz fühlte über die 
erfolgreiche Ausführung dieses schwierigen Kunststückes ohne fremde Unter- 
stützung. Es muß jedenfalls ein weiterer Grund sein, warum die in Frage 
stehende Verbindung in engerer Beziehung mit dem Urinsphinkter als mit dem 
des Rektums steht. Ich möchte dies, wenigstens teilweise, folgenden drei Um- 
ständen zuschreiben: erstens erfolgt das Urinieren (insbesondere beim Manne) 
viel häufiger in Gesellschaft als die Defäkation, so daß die Möglichkeit der 
Vergleichung und eventuell der Konkurrentschaft sich viel leichter ergibt 
Unser Patient brachte eine für diesen und den früher erwähnten Punkt be- 
zeichnende Erinnerung: als er gegen 11 Jahre alt war, hatte er Gelegenheit, 
einen kleinen Jungen aufs Klosett zu begleiten und half ihm die Hose auf- 
knöpfen und den Penis herausnehmen. Dies gab ihm ein deutliches Gefühl 



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Dr. Otto Rank: Ein determinierter Fall von Finden. 157 

von Überlegenheit über das hilflose Kind. Zweitens kann infolge der anato- 
mischen Unterschiede zwischen der Urethra und dem Rektum (wieder beson- 
ders beim männlichen Geschlecht) der Akt im ersteren Falle in viel größerem 
Ausmaße variabel gemacht werden als im zweiten. Dies führt zu dem wohl- 
bekannten Wetteifer zwischen Knaben (woran dieser Patient auch verschiedene 
Erinnerungen hatte) in bezug auf die Entfernung, bis zu der der Urinstrahl 
gespritzt werden kann, das Ausmaß, in welchem derselbe lenkbar ist, und die 
Höhe, die er erreichen kann. 

Ein weiterer, zu den vorhergehenden Betrachtungen beitragender Punkt 
ist folgender. Sadger hat die Aufmerksamkeit auf die häufige Verwandt- 
schaft zwischen Impotenz und ürethralerotik gelenkt. Indem wir ebensowohl 
an die Abhängigkeit der Impotenz von der Kastrationsangst (möglicherweise 
in allen Fällen) erinnern, verstehen wir, warum viele von diesen Patienten, 
wenn sie zuerst das Fehlen des Penis beim Mädchen bemerken, insbesondere 
mit Geringschätzung von der daraus folgenden Unfähigkeit Kenntnis nehmen, 
den Urinstrahl willkürlich zu lenken. Der Stolz auf diese Fähigkeit gehört 
zu den wesentlichen Bestandteilen der ganzen Gefühlseinstellung des Kindes in 
betreff des Penis und das Fehlen dieses Organs bezeichnet unter anderem 
auch das Fehlen dieser Fähigkeit, dem psychischen Prototyp der späteren 
sexuellen Leistungsfähigkeit. 

Fehlleistungen aus dem Alltagsleben. 

4. 

Ein determinierter Fall von Finden. 

Mitgeteilt von Dr. Otto Rank. 

Ein materiell von seinen Eltern abhängiges junges Mädchen will sich 
ein billiges Schmuckstück kaufen. Sie fragt im Laden nach dem Preise des 
ihr zusagenden Objekts, erfährt aber zu ihrem Betrtiben, daß es mehr kostet, 
als ihre Ersparnisse betragen. Und doch sind es nur zwei Kronen, deren 
Fehlen ihr diese kleine Freude verwehrt. In gedrtlckter Stimmung schlendert 
sie durch die abendlich belebten Straßen der Stadt nach Hause. Auf einem der 
stärkst frequentierten Plätze wird sie plötzlich — obwohl sie ihrer Angabe 
nach tief in Gedanken versunken war — auf ein am Boden liegendes kleines 
Blättchen aufmerksam, das sie eben achtlos passiert hatte. Sie wendet sich um, 
hebt es auf und bemerkt zu ihrem Erstaunen, daß es ein zusammengefalteter 
Zweikronenschein ist. Sie denkt sich: das hat mir das Schicksal zugeschickt, 
damit ich mir den Schmuck kaufen kann, und macht erfreut kehrt, um diesem 
Wink zu folgen. Im selben Moment aber sagt sie sich, sie dürfe das doch 
nicht tun, weil das gefundene Geld ein Glücksgeld ist, das man nicht aus- 
geben darf. 

Das Stückchen Analyse, das zum Verständnis dieser ^ Zufallshandlung" 
gehört, darf man wohl auch ohne persönliche Auskunft der Betroffenen aus 
der gegebenen Situation erschließen. Unter den Gedanken, die das Mädchen 
beim Nachhausegehen beschäftigten, wird sich wohl der ihrer Armut und ma- 
teriellen Einschränkung im Vordergrunde befunden haben, und zwar, wie wir 
vermuten dürfen, im Sinne der wunscherfüllenden Aufhebung ihrer drückenden 
Verhältnisse. Die Idee, wie man auf leichteste Weise zu diesem fehlenden 
Geldbetrag kommen könne,wird ihrem auf Befriedigung ihres bescheidenenWunsches 
gerichteten Interesse kaum ferngeblieben sein und ihr die einfachste Lösung 



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X58 Mitteilungen. 

des Findens nahegebracht haben. Solcherart war ihr Unbewußtes (oder Vor- 
bewußtes) auf „Finden" eingestellt, selbst wenn der Gedanke daran ihr — wegen 
anderweitiger Inanspruchnahme ihrer Aufmerksamkeit („in Gedanken ver- 
sunken^) — nicht voll bewußt geworden sein sollte. Ja, wir dürfen auf Grund 
ähnlicher analysierter Fälle geradezu behaupten, daß die unbewußte „Such- 
Bereitschaft" viel eher zum Erfolg zu führen vermag als die bewußt gelenkte 
Aufmerksamkeit. Sonst wäre es auch kaum erklärlich, wieso gerade diese eine 
Person von den vielen Hunderten Vorübergehenden, noch dazu unter den er- 
schwerenden Umständen der ungünstigen Abendbeleuchtung und der dicht- 
gedrängten Menge, den für sie selbst überraschenden Fund machen konnte. 
In welch starkem Ausmaße diese un- oder vorbewußte Bereitschaft tatsächlich 
bestand, zeigt die sonderbare Tatsache, daß das Mädchen noch nach diesem 
Fund, also nachdem die Einstellung bereits überflüssig geworden und gewiß 
schon der bewußten Aufmerksamkeit entzogen war, auf ihrem weiteren Heim- 
weg an einer dunklen und einsamen Stelle einer Vorstadtstraße ein Taschen- 
tuch fand. 



FehlhandluDg und Traum. 

Mitgeteilt von Dr. Otto Rank. 

Daß unbemerkt vor sich gehende Fehlhandlungen (meist Verluste) dem 
Unbewußten bekannt sein und sich im Traume zum Bewußtsein bringen können, 
ist uns bereits aus mehreren analysierten Fällen bekannt.^) Ein einfaches 
Beispiel dieser Art sei hier noch mitgeteilt. Einem Maschinschreibfräulein wird 
eines Abends in brü^er Weise von ihrem Chef mit dem Bemerken gekündigt, sie 
brauche schon am folgenden Tage nicht mehr ins Bureau zu kommen. Den ihr für 
die Kündiguugszeit gebührenden Gehaltsanteil bemißt der Chef mit K 20, die er 
dem Mädchen in etwas unhöflicher Weise zuschiebt. Dieses Benehmen mißfällt ihr 
im höchsten Grade, ebenso wie sie mit der Höbe der „Abfertigung* nicht 
zufrieden ist und sie verspürt im ersten Augenblick den Impuls, ihm das Geld 
„hinzuschmeißen^, sagt sich aber sofort, daß sie dann nicht einmal das Not- 
wendigste hat und „betteln gehen" müßte. Am nächsten Tage wechselt sie 
die Banknote und geht abends in verzagter, verdrossener Stimmung nach Hause. 

In der Nacht hat sie folgenden Traum : Ein Kind — wie beschützt durch 
die Gottesmutter (undeutlich) — bettelt sie an, sie will ihm etwas geben, merkt 
aber, daß sie selbst nichts hat. 

Am nächsten Morgen bemerkt sie, daß ihr von dem gewechselten Gelde 
ein Zehukronenschein fehlt ; sie erzählt es im Hause — ebenso wie den 
wunderbaren Traum — und es stellt sich heraus, daß die Hausbesorgerin beim 
Reinemachen die Banknote vor der Tür der Dame gefunden hatte. Es setzt 
sich in diesem „Verlieren" der Impuls, das Geld „hinzuschmeißen**, es nicht 
über ihre Schwelle zu lassen, in so geschickter Weise durch, daß auf der 
anderen Seite doch noch die Möglichkeit, es wiederzubekommen, offen gelassen 
wird und die Freude über den Wiedergewinn des verlorenen Geldes die Art 
seiner Erwerbung tatsächlich übertönt. Außerdem hat sie nun das Geld nicht 
mehr von dem unanständigen Chef, sondern von dem ehrlichen Finder emp- 
fangen und ist so mit dem Besitz ausgesöhnt. 



^) Vgl. meine Mitteilungen Zentralblatt für Psycho- Analyse I, S. 450; H, S. 266 
und diese Zeitschrift I, S. 262. 



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Dr. Otto Rank: Unbewußter Verrat durch Symptomhandlung. 159 

Daß das Unbewußte schon vor der Feststellang des Verlustes denselben 
kennt, ist in Analogie mit anderen Fällen sehr wahrscheinlich, aber nicht zu 
erweisen, da der Traum ebensowohl die Reaktion auf den Verlust der An- 
stellung („betteln gehen") wie auf den des Geldes sein kann. Allerdings hätte 
er im ersten Falle schon in der ersten Nacht (nach der Kündigung) geträumt 
sein können, während er sich tatsächlich erst unmittelbar an den Verlust an- 
schließt. Ilübsch ist das Flüchten zur Mutter, als der kostenlosen Ernährerin, 
und die Art, wie die Person der Träumerin das hilfsbedürftige Kind von sich 
„abspaltet", indem sie sich mit der schützenden Mutter identifiziert. 



Unbewußter Verrat durch Symptomhandlung. 

Mitgeteilt von Dr. Otto Rank. 

In einer mir befreundeten Familie wird als aufregendes Ereignis der 
letzten Tage besprochen, wie sich das in der Familie beschäftigte Hausfräulein 
durch einen Fehlgriff beinahe in schwere Lebensgefahr brachte, indem sie 
statt einer Flasche mit Fruchtsaft eine solche mit Spiritus ergriff und daraus 
trank. Die wegen dieses Vorfalles erregte Hausfrau fügt ihrer Mitteilung hinzu, 
es geschehe dem verträumten „Ding^ schon recht; sie benutze ihre ganze 
freie Zeit zum Lesen und habe immer nur ihre Romane im Kopfe. Auch der 
Unfall ist auf die Weise geschehen, daß das in die Lektüre vertiefte Fräulein 
von Durst gequält nach dem Fruchtsaft gegriffen, aber die falsche Flasche 
erwischt habe. Durch einen Zufall finde ich den unheilvollen Roman noch auf- 
geschlagen in ihrem Zimmer liegen und beginne, neugierig geworden, an der 
betreffenden Stelle zu lesen. Der Inhalt der ominösen Stelle berechtigt zu 
der Vermutung, daß dieses „Vergreifen" nicht „zufällig* gewesen sein könne, 
wenngleich die engere Beziehung zum persönlichen Schicksal des Mädchens 
mangels einer Analyse unaufgeklärt bleiben mußte. Es handelte sich an der 
betreffenden Stelle des Romans um einen Mann, der das bei ihm aufwachsende 
Kind seiner früheren (verstorbenen?) Geliebten beseitigen will, um eine Heirat 
einzugehen. Er überlegt, auf welche Weise er dies am unauffälligsten tun könne, 
und kommt schließlich zu einem uns nicht weiter interessierenden Plan, den 
die Leserin bei Verübung ihrer Symptomhandlung auch nicht kannte. Dagegen 
gibt sie spontan an, bei der Lektüre selbst verschiedene Erwägungen über 
die Tötnngsart des Kindes angestellt zu haben und zu der Überzeugung ge- 
kommen zu sein, daß der Mann es vergiften werde. Plötzlich sei sie, von 
einem quälenden Durst getrieben, in einer Art Taumel an den Schrank ge- 
gangen, um ein wenig von dem — erst seit wenigen Tagen dort befindlichen — 
Fruchtsaft zu trinken, habe jedoch schon beim ersten Schluck ihren Irrtum 
gemerkt. 

Von der Hausfrau erfuhr ich, daß ihr offizieller Anbeter seit Monaten 
im Felde steht und sie um sein und ihr Schicksal sehr besorgt ist. Wie weit 
bei ihrer Identifizierung mit dem zu tötenden Kind Schwangerschaftsphantasien 
(Vergiftung) oder -Befürchtungen beteiligt waren, ließ sich begreiflicherweise 
nicht feststellen. 



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160 Mitteilungen. 

7. 

Ein vergessener Name. 
Von Dr. L. Jekels. 

Ich unterhalte mich mit meinem Tischgenossen über Träger deutscher 
Namen, welche in der politischen und Kulturgeschichte Polens eine Rolle 
gespielt haben. Er führt an: Puttkammer, Manteuffel usw., worauf ich : ,Auch 
der bedeutende zeitgenössische Schriftsteller, — ach, wie heißt er denn nur? 
der Verfasser so vieler bekannter Werke? Verwandt mit der hervorragenden 
Familie X?" 

Ich mühe mich redlich ab, mir den Namen ins Gedächtnis zu rufen, 
doch vorerst ganz vergeblich, zumal auch der von mir Befragte — dem ich 
offenbar zu wenig Anhaltspunkte hiefür geboten — trotz meiner wiederholten 
Aufforderung mir nachzuhelfen, gleichfalls versagt. 

Das bekannte ünlustgefühl, der ständige Begleiter eines derartigen Ver- 
gessens, stellt sich alsbald gleichfalls ein; nicht minder aber auch der Zwang, 
dem entfallenen Namen nachzuspüren, so daß ich immer wieder zu demselben 
zurückkehre, obwohl vnr schon längst das Thema mehrmals gewechselt haben. 
Auf dieser Suche nach dem entfallenen stellen sich als Ersatznamen ein: 
zuerst Tetmayer (ein bekannter polnischer Dichter und Schriftsteller), 
den ich jedoch als den unrichtigen sofort verwerfe, dann Mauthausen — 
der Name eines Gefangenenlagers in Oberösterreich. 

Hier reißt jedoch die Assoziationskette ab und ich finde von da weder 
weitere Ersatzeinfälle, noch auch sonst einen begrifflichen Übergang zum 
gesuchten Namen, der mir nach wie vor verborgen bleibt. 

Das quälende Gefühl treibt mich endlich dazu, einen Bekannten beim 
Nachbartisch zu befragen. 

Ich bekomme zur Antwort: Josef Weißenhof.^) 

Kaum aber im Besitze des Namens, erkenne ich sofort den Mechanis- 
mus seines Vergesseus; ich erfasse momentan, dasselbe sei von dem Namen 
Weißenburg ausgegangen, welchem ursprünglich die Tendenz des Ver- 
gesseus gegolten habe; dadurch wird mir auch das Motiv der Fehlleistung 
evident. 

Denn der Name Weißenburg hat sich genau so wie der mit ihm begriff- 
lich so eng assoziierte Name Mauthausen recht tief und unangenehm meinem 
Gemüt in den letzten Wochen eingeprägt. 

Zu Beginn des Krieges wurde ich einer der großen militärischen Kranken- 
anstalten Wiens zugeteilt, an der ich mich fleißig betätigte, vermeinend, dadurch 
sowie durch mein Alter vor irgend welcher unangenehmeren Verwendung mei- 
ner Person geschützt zu sein. Aus dieser behaglichen Sicherheit wurde ich 
jedoch vor einigen Wochen herausgerissen, als ich zufällig den Besuch eines 
mir ferner stehenden Kollegen empfing, der mir vorjammerte, er sei nach 
mehrnionatlicher Verwendung in einem der Wiener Spitäler plötzlich — ins 
Gefangenenlager nach Mauthausen kommandiert worden, von dessen Elxistenz 
ich damals erst erfuhr, ebenso wie von der dort herrschenden Flecktyphus- 
endemie, der in kurzer Zeit sogar einige dorthin beorderte Ärzte zum Opfer 
gefallen sein sollen. 



^) Wird eigentlich Weyßenhof geschrieben. 



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Dr. L. Jekels: Ein vergessener Name. IQl 

Den Kollegen tröstete ich zwar, indem ich ihm Mut zusprach ; doch seit 
jener Zeit hat sich in meiner Seele die Angst, ich könnte von dem gleichen 
Schicksale betroffen werden, festgenistet, — die mich nunWochen hindurch nicht mehr 
verließ. Sie wurde in mir während dieser Zeit noch verstärkt durch die Unmittelbar- 
keit des Erlebens; ist doch ein anderer, mir wohl bekannter Kollege, der in 
ein anderes Konzentrationslager kommandiert ward, dort nach kaum vier- 
tägiger Anwesenheit an Flecktyphus erkrankt und wurde währenddessen von 
mir sogar wiederholt ärztlich besucht 

Was Wunder, daß unter so getanen Umständen „Mauthausen" für micli 
zum Schreckgespenst wurde, zu einer Eventualität, wie sie nicht mehr schlim- 
mer sein könnte. 

Nach einigen Wochen jedoch, als ich von keiner weiteren Komman- 
dierung dorthin hörte und auch sonst von informierten Kollegen beruhigt 
wurde, — ist diese Vorstellung aus dem Zentrum meines Bewußtseins gewi- 
chen und verlor nach und nach ein gut Stück ilirer Überwertigkeit. Ich ward 
ruhiger geworden. 

Kaum jedoch daß ich dies erreicht, da erfahre ich eines Tages, ein 
gleichfalls seit längerer Zeit am gleichen Spitaie unter gleichen Bedingungen 
tätiger, überdies mir recht nahestehender, auch in der psychoanalytischen Be- 
wegung und Literatur sehr bekannter Kollege sei Knall und Fall gleichfalls in 
ein Gefangenenlager — Weißenburg — beordert worden und bereits dort- 
hin abgereist. 

Es ist nicht schwer za erraten, wie nahe mir diese Nachricht ging und 
wie sie mich erschütterte I Da rückte ja die Gefahr in greifbare Nähe, da 
drohte ja wieder das gefürchtete Geschick sich erfüllen zu wollen ! 

Und nun erfolgt seitens des seelischen Apparates als Abwehr der Ver- 
such, durch Verdrängung des Namens sich auch der durch ihn repräsentierten, 
so peinlichen Vorstellung zu entledigen. 

Dieser Versuch mußte jedoch offenbar angesichts der Leibhaftigkeit und 
Greifbarkeit der in keinerlei Weise wegzuleugnenden Tatsachen kläglich schei- 
tern; der Inhalt der Vorstellung wird von ihm kaum tangiert, und als sein 
einziger und teilweiser Erfolg resultiert bloß — eine Entstellung des Namens. 

Denn der Ort, den ich mir niemals recht merken konnte und den 
ich sogar noch jetzt während der Niederschrift, bald als Weißen b ach, bald 
als Weißen b er g zu bezeichnen nicht übel Lust habe — heißt, wie ich es 
erst nach durchgeführter Analyse und nur mit Mühe — denn erst nach 
wiederholtem Befragen und mittelst Bleistiftnotiz — mir merkte, gar nicht 
Weißenburg sondern Wieselburg (a. d. Erlaf) — , woraus erst die 
verdrängende Tendenz auf recht läppische Weise fast durch bloße Umstellung 
der Silben, den ersten Namen gezimmert hat. 

Und derselben gegen das ominöse Wieselburg — Weißenburg gerichteten 
Verdrängungstendenz ist nun, wie so oft unter Benützung der äußeren Asso- 
ziation, auch der Name Weißenhof zum Opfer gefallen. 

Den bis nun veröffentlichten, meistens so subtilen und komplizierten ein- 
schlägigen Analysen gegenüber würde die vorliegende kaum eine Erwähnung 
verdienen, wenn nicht der Umstand, daß sie so besonders deutlich und 
plastisch uns das Vergessen als Werk und Erfolg der Verdrängung aufweist. 
Zu diesem Nachweis genügt m. A. nach auch diese so unvollständige Analyse, 
deren tiefere psychologische Erörterung, welche uns die Wahl der Namen 
Weyßenhof und Tetmayer erklären würde, infolgedessen hier außer acht 
bleiben kann. 

Zeitachr. f. ftratl. PajchoanaljM. III/3. 11 



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Kritiken und Referate. 

Psychologische AbhandlangeD. Hrsg. von Dr. C. G. Jnng. I. Band. 
Leipzig und Wien, Fraoz Denticke. 1914. 

„Die gegenwärtige Lage der Psychologie scheint es empfehlenswert za 
machen, daß Schulen und Richtungen ihre eigenen Publikationsorgaue haben'' 
. . . . „die Gemeinsamkeit der Anschauungsweise kann durch die Veröffent- 
lichung am gleichen Orte zu eiuem entsprechenden Ausdruck gelangen.' Mit 
dieser durchaus richtigen Bemerkung motiviert der Herausgeber das Erscheinen 
des neuen Publikationsorgans, das der Leser mit um so größerem Interesse zur 
Hand nahm, als er hoffen durfte, endlich einmal klare und unmißverstäDd- 
liehe Auskünfte über die Anschauungen und das Arbeitsprogramm jener Schule 
oder Richtung zu erhalten, die sich unter Jungs Führung von der Psycho- 
analytik abgespalten hat. Daß diese Hoffnung des Lesers einstweilen nicht 
erfüllt wird, daran ist wohl der Umstand schuld, daß die eigentlichen Führer 
der Gruppe zu diesem ersten Band keine eigenen Arbeiten beitrugen und daß 
der größere Teil der Veröffentlichungen in den strittigen Fragen entweder gar 
nicht oder nicht scharf genug Stellung nimmt. 

Dr. Josef B. Längs Arbeit »Zur Bestimmung des psycho- 
analytischen Widerstandes** gehört in jene Serie von zum Teü sehr 
verdienstvollen Untersuchungen über die Assoziation, die Bleuler, Jung, 
R i k 1 i n u. a. anstellten. Wir müssen aber gleich dem ersten Satze der 
Arbeit widersprechen, wonach die Züricher Schule eine Assoziationslehre 
ausgebildet hätte. Die Züricher haben allerdings interessante diagnostische 
Assoziationsstudien getrieben, die wertvolle Bestätigungen zur Freud sehen 
Psychologie des Unbewußten brachten und die Anwendung der Psychoanalyse 
auch bei solchen Geisteskranken ermöglichten, die sonstigen Untersuchungs- 
methoden unzugänglich waren. Die Assoziations 1 e h r e aber, die sich mit Hilfe 
dieser Methode ergab, war keine neue, sondern gleichsam nur der Nachweis en minia- 
ture derselben Assoziationsregeln, die sich schon bei der Breuer-Freud sehen 
kathartisch-hypnotischen Methode und später bei Freuds freier Assoziation „ en 
gros'' als gültig erwiesen. Es soll damit nicht geleugnet werden, daß die Ein- 
führung des Terminus „Komplex** zur Bezeichnung des aus dem Unbewußten wir- 
kenden psychischen Materials ein Verdienst der Züricher ist, wenn auch die 
spätere unterschiedslose Verwendung dieses Wortes zur Bezeichnung bewußter 
und unbewußter Inhalte diesem Verdienste einigen Abbruch tat. 

So hoch übrigens der Wert mancher der bisher veröffentlichten komplex- 
psychologische Arbeiten anzuschlagen ist, so wenig können wir uns mit einigen 
ihrer neuesten Abzweigungen, die sich in mathematische Spekulationen verlieren, 
befreunden. Zu diesen gehört aber auch J. B. Längs Arbeit. — Wollen 
wir den Leser über deren Inhalt orientieren, so müssen wir ziemlich weit 
ausholen. Bekanntlich verwendet Jung bei seinen Assoziationsuntersuchungen 
100 entsprechend variierte Worte, auf die der Explorand möglichst rasch mit 



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Kritiken und Referate. 163 

dem nächstbesten Einfall reagieren soU. Der Experimentator untersucht dann 

— nebst den inhaltlichen und formalen Charakteren — besonders die zeit- 
lichen Verhältnisse der Reaktionen. Die Reaktionszeiten — in Bruchteilen einer 
Sekunde ausgedrückt — werden einerseits summiert, und die Summe durch die 
Zahl der Reaktionen dividiert, die Zahl, die sich so ergibt, ist das arithme- 
tische Mittel der Reaktionszeiten. Anderseits werden die Reaktionszeiten 

— voran die kürzeste, dann der Reihe nach die längeren und die längsten — 
aufgeschrieben; das mittlere Glied dieser Reihe ist, das wahrschein- 
liche Mittel der Reaktionszeiten. — Soweit ist die Anwendung der in der 
Statistik allgemein gültigen Regeln vollauf gerechtfertigt; mit ihrer Hilfe kann 
man tatsächlich gewisse pathologisch oder charakterologisch bezeichnende 
Eigenheiten der Untersuchten feststellen. Jung begnügte sich aber damit 
nicht, sondern spielte mit den Zahlen weiter. Er berechnete die Differenz 
zwischen dem arithmetischen und dem wahrscheinlichen Mittel und behauptete 
(mit ziemlich fadenscheiniger Begründung), daß diese Zahl Rückschlüsse auf 
die .,Inten8ität der Gefühle der Versuchsperson" gestatte; er nannte auch diese 
Zahl den „Gefühlskoeffizienten". Binswangers Bericht über einen 
Fall, in dem der „ Gefühlskoeffizient " eine negative Größe darstellte, bereitete 
den Experimentatoren einige Verlegenheit. Daraufhin fiel J. B. Lang ein, 
„den Quotienten (und nicht die Differenz) des arithmetischen und wahr- 
scheinlichen Mittels der Reaktionszeiten ins Auge zu fassen, d. h. . . . das 
arithmetische Mittel durch das wahrscheinliche zu dividieren . . Diese 
Zahl (von Lang Gefühlsq uotient genannt) wird nun nie mehr eine 
negative Größe**. Ohne Mathematiker zu sein, behaupte ich, daß eine 
solche willkürliche Änderung der Zahlenbehandlung nur zu dem Zwecke, da- 
mit man einer Verlegenheit entgehe, unerlaubt ist; sie zeigt aber, auf welch 
schwankendem Boden die weiter an diese Operation sich anknüpfenden psycho- 
logischen Spekulationen stehen und daß hier eigentlich nur der Schein der 
Exaktheit vorgetäuscht wird. Lang behauptet dann — und will es mit 
einer Reihe von Krankengeschichten erhärten — daß dieser Quotient „vielleicht 
einen Maßstab für die Größe des Widerstandes zwischen der Versuchs- 
person und dem Experimentator" darstellt. 

Abgesehen von den angeführten mathematischen Bedenken sind aber 
diese Krankengeschichten so dürftig und oberflächlich ausgefallen, daß die 
Wahrscheinlichkeit der These auch durch sie nicht erbracht wird. Die 
Kurven, die die einzelnen Fälle illustrieren sollen, müssen übrigens schon 
darum einen falschen und irreführenden Eindruck machen, weil an deren 
Abszissenachse, die die Zeitdauer ausdrücken soll, dieselbe Länge — an einer 
und derselben Kurve — bald nur Wochen, bald ganze Monate bedeutet. 

Viel verblüffender als diese Arithmetik wirkt die biologisierende „Exakt- 
heit" der Lang sehen Arbeit. Man denke sich: der Autor macht nach dieser 
mathematischen Exkursion plötzlich ein Saltomortale und wirft die Frage auf, 
ob die Fortschritte einer psychotherapeutischen Kur sich nicht an Veränder- 
ungen der Blutviskosität wiederspiegeln. Er beantwortet diese Frage 
gleich in positivem Sinne und behauptet, daß die unternormale Höhe der 
Blutviskosität sich bei Nachlaß des Widerstandes gegen den Arzt dem Normal- 
werte nähert. Die graphische Darstellung seiner Untersuchungsresultate (die 
gleichfalls an den vorerwähnten Mängeln leidet) zeigt denn auch in jedem 
Behandlungsfalle zwei in entgegengesetzter Richtung verlaufende Kurven : 
bei günstigem Verlaufe sinkt die Kurve des Widers tandsquotienten, während 
die der Blutviskosität steigt; bei ungünstigem Stande der Kur verhalten sie 
sich umgekehrt. 

11* 

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164 Kritiken und Referate. 

Abgesehen davon, daß die Übertragung auf den Arzt durchaus nicht immer 
Besserung des Zustandes bedeutet — wie der Autor es zu meinen scheint, wenn 
er es auch nicht ausdrücklich betont — , muß man diese Art von Aufeinander- 
beziehung vollkommen inkommensurabler Dinge, wie der Blatviskosität und 
des psychischen Widerstandes, von vornherein ablehnen. Niemand wird die 
Tatsache, daß physikalisch-chemische (toxische) Veränderungen des Blutes auf 
die Psyche — , und daß psychische Vorgänge auf das Blut einwirken können, 
bestreiten. Die Anhänger Freuds gewiß nicht; sie stehen ja theoretisch 
gerade auf dieser Grundlage. Während aber Freud mit Recht bestrebt ist, 
die psychischen Vorgänge solange es irgend möglich aus anderem 
Psychischen zu erklären und während er nur die ürelemente des psychischen 
Geschehens auf physiologische Vorgänge zurückzuführen gestattet, begeht hier 
Lang den Fehler, komplizierte, hochzusammengesetzte psychische Gebilde 
einfach mit groben Veränderungen der Körpersäfte in Beziehung zu bringen. 
Daß ich dem Autor mit dieser Auffassung seiner Arbeit nicht unrecht tue, 
beweist die gegen den Schluß der Arbeit befürwortete These, wonach auch 
die Veränderungen der „prädikativen" Einstellung (was in der Jungschen 
Terminologie die Neigung zur Eigenbeziehung bedeutet) sich in der Höhe der 
Viskosität des Blutes spiegehi soll. Eine solch verwickelte psychische Tat- 
sache, wi9 die krankhafte Eigenbeziehung, einfach mit einer physikalischen 
Eigenschaft des Blutes in Beziehung zu bringen, heißt: auf die primitivste 
Humoralpathologie zu regredieren und auf den Stand der Psychologie zurück- 
zusinken, in dem Blut, Galle, Schleim und deren Mischungsverhältnis die 
Grundlage der Charakterologie des Menschen bildete. 

Mit der — nach dem Gesagten nicht mehr überraschenden — Ober- 
flächlichkeit spinnt dann der Autor seine Phantasien weiter fort. Einerseits 
sieht er in diesen Untersuchungen genügende Gewähr für die Annahme, daß 
gewisse Neuropsychosen einer diätetischen — entgiftenden — Therapie zu- 
gänglich sein dürften. Anderseits findet er, daß seine Beobachtungen die von 
Jung 1906 und 1908 verfochtene toxische Theorie der Demenz bestätigen. 
Er vergißt aber dabei, sich mit der neuen Jung sehen Libidotheorie der De- 
menz, die auf ganz anderen, rein energetischen und phylogenetischen — An- 
nahmen beruht, auseinanderzusetzen. Und doch scheint er auch den modern- 
sten Züricher Ansichten nicht abhold zu sein, wie es sich besonders an einer 
Stelle zeigt, wo für eine Patientin der Mann »das Symbol der Lebens- 
forderung** bedeutet haben soll. 

Alles in allem kann uns diese Arbeit als warnendes Beispiel dienen ; 
sie zeigt uns, daß nicht nur die philosophische, sondern auch die sich im 
Wahne der Exaktheit wiegende mathematische und physiologische Spekulation 
die Psychologie auf Abwege führen kann. 

Die zweite Arbeit J. B. Längs: „Eine Hypothese zur psycho- 
logischen Bedeutung der Verfolgungsidee" gelangt auf sehr müh- 
samem assoziationsstatistischen Wege zu einer Hypothese, deren wesentliche 
Punkte schon vor ihm von Freud, allerdings nur auf dem Wege der Beob- 
achtung und des Nachdenkens, gefunden wurden. Die Verfolger sind, wie 
Lang sagt (und wie es Freud längst gesagt hat), nur „Objektivationen de^ 
Familientypus". Während aber nach Freud die Verfolger hauptsächlich die 
gleichgeschlechtlichen Respektspersonen darstellen, scheint nach Lang das Ge- 
schlecht der zum Verfolger gewählten Person keine Rolle zu spielen. Im letzten 
Grunde richtet sich die Verfolgungsidee gegen einen Teil der eigenen Persön- 
lichkeit. (Siehe Freuds Paranoia- Arbeit und seine „ Einführung des Narzißmus. '^) 
Dieser Teil der Persönlichkeit ist nach Lang „die allzu feste Bindung an den Fami- 



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Kritiken und Referate. 165 

lientypus" (Freud würde sagen : der sich familiär betätigende erotische Infantilis- 
mus). Der V^erfolgungswahn ist ein Heilungsversuch (dies wörtlich nach Freud), 
der darum mißlingt, weil er statt auf der Subjektstufe noch auf der Objekt- 
(Projektions)stufe geführt wird. Ich finde, daß dieser Nachsatz, der eine Hypo- 
these sein soll, nichts anderes ist, als die Wiederholung (keinesfalls aber 
die Erklärung) der bekannten Tatsache, daß der ' Paranoische gewisse Gefühle 
nicht als ihm eigene ertragen kann, sondern sie zu objektivieren genötigt ist. 
Wie in der eingangs besprochenen Arbeit für eine Patientin der Mann 
„das Symbol der Lebensforderung" ist, ist nach Lang für den Paranoischen der 
Vater das Symbol der Forderung der Anpassung an die Realität. Man muß 
hier denn doch fragen, ob denn nacli Ansicht der neuen Schule der Vater 
und seine gleichfalls väterlichen Nachfolger (Lehrer, Vorgesetzte usw.) nicht 
auch als solche Realitäten sind? Oder sind sie am Ende alle nur die wesen- 
losen symbolischen Vertreter einer platonischen Idee, der „Anpassung an die 
Realität" ? — Meint es der Autor so, so tragen wir leichten Herzens seinen 
etwas unhöflich gemeinten Vorwurf, daß unsere Neurosen- und Traumdeutungen 
auf der infantilen Objektstufe stehen bleiben, d. h. daß wir nicht geneigt sind 
die ganze Realität in Autosymbolismen aufzulösen. 

Prof. J. Vodoz (Zürich) bespricht a^^poleons Novelle: Le 
masque proph^te", in der der damals 1 9jährige die markantesten Chaiak- 
terzüge des späteren Eroberers schon erkennen lassen soll. Die angefühlten 
Tatsachen sind interessant genug, um über das wenig Überzeugende der 
Beweisführung hinwegzutäuschen. Vodoz behauptet (trotz der von ihm 
selbst hervorgehobenen großen Beeinflussung Napoleons durch die herrschsüchtige 
Mutter), daß die Schaffung dieser Dichtung nicht so sehr etwas durch die 
infantilen Erfahrungen Determiniertes, als vielmehr eine gelungene Formulie- 
rung des (ererbten) inneren Strebens ist. — Die Forderung Freuds, daß 
man Ererbtes und Erfahrenes nicht mehr als Alternativen, sondern als zusam- 
menwirkende Agentien betrachten soll, scheint also immer noch nicht Gehör 
gefunden zu haben. — Überdies entspricht es den mystischen Neigungen der 
neuen Schule besser, das infantile Moment, das der Untersuchung eher zugänglich 
ist, zu Gunsten des — entfernteren also undeutlicheren — phylogenen Mo- 
mentes zu vernachlässigen und überall statt der psychischen Determinierung 
prospektive Tendenzen und Funktionen zu suchen. Yielleicht würde eine 
Analyse des jungen Napoleon — in der Art, wie sie Jekels (in , Image" III. 
Jahrgang) unternommen hat — oder wenigstens eine solche des Autors der 
vorliegenden Abhandlung etwas von der zu Grunde liegenden analytischen 
Determinierung erkennen lassen. 

Von Dr. med. Hans Schmid (Basel) wird eine 100 Seiten lange 
Studie „Zur Psychologie der Brandstifter*^ abgedruckt, deren Inhalt 
in Dr. Pfisters Kritik („Brandstiftung ein Sublimierungsver- 
such?" Diese Nummer der „Zeitschrift") genügend charakterisiert ist, so 
daß wir den Leser darauf verweisen können. Schmid scheint einer der 
Starresten und streitbarsten Kämpfer der neuen Züricher Richtung zu sein; seine 
Ausführungen zeichnen sich denn auch durch den vollständigen Mangel jeder 
Objektivität aus. (S. dazu die Bemerkungen Pfisters.) 

Die letzte Arbeit der Serie ist Dr. C. Schneiters Mitteilung über 
„Archaische Elemente in den Wahnideen eines Paranoiden". Wir ver- 
danken bekanntlich die Idee der Vergleichung eines individualpsychologischen 
Produktes mit einem völkerpsychologischen ursprünglich Freud und Abraham. 
Doch erst die überraschenden Funde von Hone gger und Jung, die in denPro- 



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Igg Kritiken and Referate. 

duktionen der Dementen und Paranoiker die weitestgehenden Analogien zu 
den uns in den Mythen und Märchen erhaltenen archaischen Denkarten und 
Yorstellungsinhalten nachweisen konnten, gestatteten uns den his in die Ein- 
zelheiten verfolgbaren Parallelismus der psychischen Onto- und Phylogenie als 
unerschütterliche Tatsache festzulegen. 

Den im gleichen Sinne wertvollen Arbeiten von Hon egg er, Jung, 
Nelken, Itten und Spiel rein reiht sich Schneiters Arbeit würdig an, 
obzwar sie nichts Neues, sondern nur Bestätigungen bringt. Leider wird uns 
die Lektüre der Mitteilung und die Würdigung ihres Inhaltes dadurch er- 
schwert, daß sie sich nicht mit der Konstatierung der Tatsachen begnügt, son- 
dern jede einzelne Feststellung in das Prokrustesbett der Jungschen Libido- 
Symbolik zu zwängen versucht. Ferenczi. 

C. 6. Jung. Der Inhalt der Psychose. Zweite, durch einen Nachtrag 
ergänzte Auflage. Leipzig und Wien 1914, Franz Deuticke. 
Der seinerzeit in den „Schriften zur angewandten Seelenkunde" (Heft 3, 
1908) erschienene lehrreiche Vortrag ist nun in zweiter Auflage als selbständige 
Broschüre unverändert wieder abgedruckt, aber durch einen „Nachtrag" er- 
gänzt worden, der zu einigen Bemerkungen herausfordert. 

Jung bemüht sich darin, seine inzwischen stark gewandelten An- 
sichten darzulegen und das Verlassen des psychoanalytischen Stand punktS; auf 
dem diese Schrift seinerzeit fußte, zu rechtfertigen. Dem „analytisch-reduk- 
tiven" Verfahren wird als einem historischen „Verstehen nach Rückwärts" 
zuerst als notwendige Ergänzung, dann sogar als der weitaus wichtigere Teil 
das „konstruktive* „Verstehen nach Vorwärts" gegenübergestellt. Die erste Me- 
thode begreife das Seelische nur als ein Gewordenes und reduziere die Mannig- 
faltigkeit der Erscheinungen auf wenige einfache allgemein-menschliche Dmge, 
während die zweite Methode das Seelische synthetisch, als ein Werdendes er- 
fassend, „Komplizierteres und Höheres erlaboriere". Auf welche Weise sie 
dabei zu verfahren habe, wird zwar nicht verraten, dagegen mit anerkennens- 
werter Offenheit eingestanden, welcher Art ihr Resultat ist, und dieses Be- 
kenntnis verdient nicht nur als der klarste sondern auch überzeugendste Punkt 
der Jungschen Ausführungen hervorgehoben zu werden. Während nämlich 
Freuds psychologische Erklärungsmethode im Prinzip als „streng wissen - 
schaftlich ** bezeichnet wird, ist sich der Autor bewußt, daß seine „konstruk- 
tive Methode" als ein „subjektives Verstehen" nicht wissenschaftlich sei, 
ja er setzt sogar einen deutlichen Stolz in diese seine Absage an den Eausalis- 
mus und Empirismus der Wissenschaft. Namentlich aber für die Psychologie 
bestreitet er nicht nur die Berechtigung, sondern sogar die Möglichkeit eines 
„objektiven" Verstehens, denn das „Subjektive** lasse sich seinem Wesen nach 
nur subjektiv, d. h. konstruktiv verstehen und beurteilen. Schon in diesem 
Punkte zeigt sich Jungs Urteil nicht nur der psychoanalytischen Lehre, sondern 
auch ihrer Methode und ihren Ergebnissen gegenüber stark getrübt, denn sonst 
könnte er nicht vergessen, daß es gerade der Psychoanalyse zu verdanken 
ist, wenn uns Methodik, Wege und Ansätze gegeben sind, das Seelische als 
Objekt der Erkenntnis zu fassen und so zu einer „Metapsychologie^ zu 
gelangen. — Ähnlich verhält sich Jung in anderen Punkten. Wenn er meint, 
Freuds Arbeit über Schrebers autobiographisch beschriebenen Fall „beschränkt 
sich im wesentlichen darauf, jene überall und unterschiedlos vorkommenden 
Grundlagen, aus denen sozusagen jede psychologische Bildung historisch empor- 
wächst, aufzuzeigen**, so hat er Freuds Arbeit überhaupt nicht verstanden 
oder zu Gunsten seiner Polemik nicht verstehen wollen. Denn Freud bemüht 



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Kritiken und Referate. 167 

sich hier, wie auch sonst in seiner Neurosenlehre, gerade die jeweilig beson- 
dere Art der Reaktion (oder Abwehr) auf diese allgemein-menschlischen 
Grundlagen, d.h. die für die verschiedenen Erkrankungsformen charakteristischen 
Mechanismen aufzuzeigen. 

Wenn Jung zur Illustrierung der Notwendigkeit seines Erklärungs- 
prinzips zum Verständnis des Seelischen auf Goethes „Faust" verweist, der 
mit der historischen Zurückführung des Stoffes auf Allgemein-Menschliches 
noch nicht wirklich verstanden sei, so sind wir in diesem Punkte mit ihm 
völlig einer Meinung ; ja wir möchten sogar neben den anderen möglichen und 
geforderten Deutungen noch auf eine weitere Quelle zum Verständnis des 
Werkes verweisen, die uns der Dichter in dem Text selbst zur Verfügung 
gestellt hat und die uns auch ohne konstruktive Methode „zum wirklichen 
Begreifen des Faust" zu leiten vermag. Wenn nun der Autor meint (S. 29 f.): 
„das Allgemein-Menschliche können wir überall sehen. Wir wollen aber gerade 
im Faust finden, wie dieser Mensch sich zur Besonderheit erlöst hat" (die 
mystische „Erlösung" kehrt noch an anderen Stellen wieder), so vergißt er 
wieder — was er an anderer Stelle als Verdienst Freuds betont (S. 33) — daß die 
Psychoanalyse gerade die Bedeutung des Subjektiven und Individuellen im 
Seelenleben ausgiebig als Erklärungsprinzip benützt hat. Den Gipfel erreicht 
aber diese Art der Argumentation mit dem auf S. 31 ausgespielten teleologi- 
sierenden Trumpf, daß selbst, wenn es gelänge, Goethes Werk auf die denk- 
bar einfachste Vorlage zu reduzieren, damit nichts für das Verständnis ge- 
wonnen sei: denn hat „Goethe zu diesem Zweck sein Werk aufgebaut?" 
Vielleicht müßte man aber doch annehmen, er habe es in der sicheren 
Voraussicht der einstigen Entdeckung des „konstruktiven Verstehens nach 
Vorwärts" aufgebaut, wenn ihm dieses so völlig gerecht zu werden vermag 
wie Jung meint. 

Will man mit dieser ihrem Wesen nach als subjektiv erklärten Methode 
Ernst machen, so muß man sich scliließlich doch zu einer objektiven Betrach- 
tung bequemen, „denn, wenn man ganz subjektiv verführe, so würde man in der 
Sprache und im Geistesumfang des Patienten weiter konstruieren" und ander- 
seits auch nicht die Möglichkeit der Mitteilung an eine andere Person haben. 
Ebenso kann das konstruktive Verfahren nicht darauf verzichten, zu analysieren, 
wobei es aber nicht reduziert, oder wenn, so doch bloß auf allgemeine Typen, ^) 
nicht aber auf ein allgemein induktiv oder deduktiv gewonnenes Prinzip. 
Worin aber dann noch der Unterschied von dem historischen und objektiven 
Verstehen der analytischen Methode liegen soll, wäre nicht ganz klar, wenn 
nicht der Autor versicherte: eben im Resultat. Denn das konstruktive Ver- 
stehen, das mit der subjektiven Spekulation identisch sei, erhebe überhaupt 
keinen Anspruch auf objektive Gültigkeit und liefere auch als nächstes Resul- 
tat gar nicht das, was man eine wissenschaftliche Theorie nennen könnte. 
Dieses wiederholte Bekenntnis mag zeigen, wie Ernst es Jung mit seiner 
Absage an die Wissenschaft ist. 

Es ist gut, daß uns in einem Schlußabsatz ausdrücklich versichert wird, 
die Ausgabe dieser zweiten Auflage erfolge „in einem Moment des Übergangs zu 
neuen Anschauungen^, so daß man die begrifflich und terminologisch durchaus 
verworrenen, in sich selbst widerspruchsvollen und der Analyse gegenüber halt- 
losen Anschauungen, die der Autor aus Mystik, Theologie und philosophischer 
Spekulation zusammengebraut hat, diesem zeitlichen Umstand zu gute halten kann. 



*) Hier ist es wieder Jungs konstruktives Verfahren, welches das Privileg hat, 
auf allgemeine Typen zu reduzieren. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



168 Kritiken und Referate. 

Sollte es dem Referenten nicht gelangen sein, den Inhalt der Jung sehen Aas- 
fübrungen in Kürze wiedergegeben zu haben, so darf er wenigstens helfen, daß es 
ihm gelungen ist, ein Bild von der darin herrschenden Verwirrung zu geben. 

Rank. 

Amerikanische und englische Literatur. 

Referiert von Ernest Jones. 

Angnst Hoch. PrecipitatingMentalCausesinDementiaPraecox. 
Amer. Journ. of Insanity. Jan. 1914. 

Eine interessante Studie über die Vorgänge unmittelbar vor dem Aus- 
bruch der Paraphrenie. Ohne die wichtige Bedeutung tieferer Faktoren zu leug- 
nen, hält Hoch die Ansicht aufrecht, daß auch triviale Zwischenfälle den Aus- 
bruch auslösen können und daß deren Untersuchung eine Verwandtschaft zwi- 
schen ihnen und ganz bestimmten psychogenen Komplexen, die im Seelenleben des 
Kranken an der Arbeit sind, aufzuweisen vermag. Er schildert eine Anzahl überzeu- 
gender Beispiele und faßt seine Anschauung in den folgenden Worten zusam- 
men : „Es scheint mir, daß wir im stände waren, zwei Typen auslösender Ur- 
sachen zu finden: Erstens solche, welche unverhüllt sexuelle Ansprüche dar- 
stellen, denen der Kranke nicht gerecht werden konnte, und zweitens solche, 
welche starke unbewußte Wünsche in Erregung bringen. Es gibt natürlich 
auch noch andere Ursachen und ich hoffe ihnen bewiesen zu haben, daß die 
Untersuchung der auslösenden Ursachen vom Standpunkt psychoanalytischer Prin- 
zipien aus ein wichtiges Feld psychiatrischer Forschung darstellt, das, wie 
bemerkt, uns zu einer besseren Einsicht über die wirkenden Kräfte hilft, als 
wir gegenwärtig von irgend einer anderen Zufahrtsstraße her erreichen können.** 

Mac Curdy. The Productions in a Manie- Like State Illustrat- 
ing Freudian Mechanisms, Journ. of Abnormal Psvchol. 
Vol. VIII. 

Hier wird die Darstellung eines Falles von Paraphrenie gegeben, bei 
welchem der Patient in einem Zustand chronischer Erregung eine Fülle 
der „wildesten" denkbaren Symbolik hervorbrachte und unaufgefordert erklärte. 
Fast jede Form inzestuöser, koprophiler und anderer infantiler Phantasien 
konnte in ihrer Urgestalt aufgezeigt werden. Jede Möglichkeit von Sugge- 
stion ließ sich, nach der Natur des Falles wie auch nach der Art der Hervor- 
bringung ausschließen. Es ist wohl der Mühe wert, die Darstellung im Ori- 
ginal nachzulesen. Sie bildet, als objektives Beweisstück für die Richtigkeit 
der psychoanalytischen Erklärungen^ ein wertvolles Dokument. In der Diskus- 
sion wurde darauf hingewiesen (durch Ref. und andere), daß das Material des 
Falles ein recht gutes Abbild des normalen Unbewußten gebe. Der Aufsatz 
wurde bei der Versammlung der Amerikanischen psychopathologischen Assoziation 
vorgetragen. 

J. T. Mac Cnrdy. A Psychological Feature of the Precipita- 
ting Causes in the Psychoses and its Relation to Art. 
Journ. of Abnormal Psychology. Vol. IX. 

Mac Curdy teilt die Aufzeichnungen von sieben Fällen mit, die die 
Wirkungsweise der auslösenden Anlässe von Geisteskrankheiten beleuchten. 
In vielen Fällen enthält der Inhalt einer Psychose die Reaktion auf diesen 
auslösenden Anlaß und es läßt sich dann feststellen, daß seine Eigenart der 
eines unbewußten infantilen Komplexes entsprach, welcher durch ihn zu er- 
neuter Tätigkeit erweckt wurde. Es ist auffallend, daß der äußerliche Faktor 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Kritiken und Referate. 169 

oft nur eine verhältnismäßig geringe Bedeutung zu Laben scheint, die auf eine 
normale Person kaum irgend einen Einfluß haben könnte. (Dies ist an- 
scheinend einer der Gründe, warum sie von den Psychiatern nie in Rechnung 
gestellt wurden. Ref.) 

Der Autor schreitet dann dazu, die aus der Psychopathologie gewonnene 
Erkenntnis der unbewußten Komplexe auf das Verständnis der Kunst anzu- 
wenden, oder richtiger gesagt, des Eindruckes, den die Kunst bei denjenigen, 
die ihn empfangen, hervorruft, nicht der schöpferischen Tätigkeit. Er ent- 
wickelt die wohlbekannte These, daß die Meisterstücke der Kunst auf uns 
durch ihren Appell an verdrängte Wünsche, die wir nicht kennen, zu wirken 
wissen. Der Artikel ist fesselnd geschrieben und verdient im Original gelesen 
zu werden. 

Coriat. Some Hysterical Mechanism in Children. Journ. of Ab- 
normal Psychology. Vol. IX. 

Der Autor berichtet die Analyse von zwei Fällen mit der Absicht, nach- 
zuweisen, daß die psychologischen Mechanismen der Hysterie bei Kindern 
dieselben sind wie bei Erwachsenen. Er nimmt nebenbei die zweifelhafte 
Konstatierung vor, daß die Konversionshysterie bei Kindern häufiger ist als 
die Angstbysterie. Der erste Fall war der eines elfjährigen Mädchens, welches 
an hysterischer Amblyopie mit großer Einschränkung des Gesichtsfeldes und 
zentralen Skotomen, ferner an allgemeiner Herabsetzung der Sensibilität an der 
rechten Körperhälfte litt. Beobachtungen an der Patientin und ihren Träumen 
deckten eine stark betonte Eifersucht auf ihre jüngeren Brüder und Schwestern 
auf. Die Blindheit war gekommen, nachdem ihre Mutter für einige Wochen 
weggefahren war, um einen Besuch zu machen, und dem Kinde die Fürsorge 
für die jüngeren Geschwister anvertraut halte, wodurch seine Betätigung im 
Spiel eingeschränkt wurde. Durch eine Behandlung auf Grund der Methode 
von Lohn und Strafe wurde die Patientin schnell wiederhergestellt. Erogener 
Faktoren in bezug auf das Sehen wird keine Erwähnung getan. 

Der zweite Fall war der eines elfjährigen Knaben, der an Anfällen 
heftiger abdominaler Schmerzen und einer vollständigen Erstarrung, die eine 
Stunde und länger dauerte, erkrankt war. Der Nachweis des Vorliegens eines 
Ödipuskomplexes wird vollständig erbracht; diesem schreibt Coriat die Krank- 
heit zu, ohne jedoch darauf einzugehen, warum gerade diese Symptome und 
keine anderen hervorgerufen werden mußten. Der Autor scheint die psychische 
Determination nicht allzu ernst zu nehmen. 

Williams. A Contrast in Psy choanalysis : Tree Gases. Journ. of 
Abnormal Psychology. Vol. IX. 

Dieser Vortrag, der bei dem Kongreß der „American Psychopatho- 
logical Association" gehalten wurde, interessiert uns wegen der wertvollen Dis- 
kussion, die er hervorrief. Die Absicht des Autors war es, nachzuweisen, daß 
auch bei einer vollständigen Analyse die Heilung mißlingen könne, während 
sie durch bloße Erklärung erzielbar war. Es lag jedoch kein Anlaß vor anzu- 
nehmen, daß er eine der Psychoanalyse auch nur ähnliche Methode ange- 
wendet habe. 

Die Diskussion wandte sich hauptsächlich der Frage zu, wie weit man 
es dem Patienten überlassen dürfe, nach Beendigung der Analyse seinen 
eigenen Weg zu weiterer Sublimierung zu finden, ob es nicht besser wäre, 
ihn auf Grund der Kenntnis, die der Analytiker von seinem besonderen Fall 
und von der Sublimierung im allgemeinen besitzt, zu unterweisen und anzu- 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



]^70 Kritiken und Referate. 

leiten. Pierce Clark, Ernest Jones, Brill und Emerson sprachen ihr 
volles Mißtrauen in den Wert der von Williams vorgeschlagenen Pläne 
zur Sublimierung aus und erklärten, daß ein solches Vorgehen den selbstän- 
digen Entschluß des Patienten aufhalte. Clark faßte die Situation folgender- 
maßen zusammen: „Ich hege nicht den geringsten Zweifel daran, daß nur die 
als geheilt zu betrachten sind, die selbständig ihre Anpassungsleistungen vor- 
nehmen können." Putnam hielt dem entgegen, daß wir keine scharfe Grenze 
zwischen Psychoanalyse und Erziehung kennen und „jedes moralische und 
intellektuelle Wachstum gesunder Art bei dem Patienten" ermutigen sollen. 
Nach dieser Anschauung wäre das Urteil des Arztes darüber, was ein „Wachs- 
tum gesunder Art" darstelle, mit voller Überlegung als Faktor der Neu- 
erziehung des Kranken zugelassen ; eine solche Einstellung ist nach Ansicht 
des Eeferenten allen Einwürfen wegen der Subjektivität des Analytikers 
und der Abhängigkeit des Patienten ausgesetzt. 

Meyer Solomon. A Contribution to the Analysis and Inter- 
pretation of Dreams based on the Motive ofSelf-Preser- 
vation. Amer. Journ. of Insanity. July 1914. 

Nachdem er eine kurze Darstellung von Freuds Traumtheorie gege- 
ben und der „wertvollen neuen Psychologie", die durch Freud dargestellt 
wird, das höchste Lob gezollt hat, fährt der Autor mit folgenden Worten 
fort : „Ich beabsichtige in diesem Artikel einen, wie ich glaube, neuen Weg 
der Traumdeutung einzuschlagen, der nicht verfehlen kann, der Schule Freuds 
von unendlichem ( ! ) Nutzen zu sein und der sonderbarerweise von allen 
Schülern Freuds übersehen wurde." Alle großen Erwartungen, die hiedurch 
in dem Leser erweckt werden, sind leider zu früher Enttäuschung verurteilt. 
Die große Entdeckung, die Solomon mitteilt, besteht einfach darin, daß 
Träume nicht nur auf den „Art-Erhaltungs-Instinkt" (d. h. sexuelle Befriedi- 
gung) beruhen können, sondern auch auf dem „Selbsterhaltungsinstinkt". Die Ana- 
lysen von sieben Träumen werden mitgeteilt; ihr Stehenbleiben bei den ersten 
Elementen geht aus dem folgenden Beispiel zur Genüge herv^or: Ein junger 
Mann, von dem ein Artikel bei einer Zeitung angenommen worden war, schrieb, 
da er die Korrekturen nicht erhielt, dem Redakteur und erkundigte sich nach 
dem Grund der Verzögerung. Er träumte, daß ihm der Briefträger die ver- 
mißten Korrekturen aushändige. Der Traum wird nach seiner Oberfläche beur- 
teilt, die einzige Information, die hinzugefügt, wird, ist die, daß der Träumer 
ehrgeizig sei; darauf gründet sich denn die Behauptung, daß der Traum ein 
Ausdruck seines Selbsterhaltungstriebes sei (schreiben — Ehrgeiz-Ruhm). Wie 
man nach diesem Beispiel erwarten darf, ist Solomon auch der Ansicht, 
daß Träume ebensosehr durch Befürchtungen erzeugt werden können, wie 
durch Wünsche. 

Meyer Solomon. The Analysis and Interpretation of Dreams 
Based on Various Motiv es. Journ. of Abnormal Psvchology. 
Vol. VIIL 

J, J. Putnam. Dream Interpretation and theTheory of Psycho- 

analysis. Ibidem. Vol. IX. 
Meyer Solomon. On „The Analysis and Interpretation of Dreams 

Based on Various Motives." Ibidem. Vol. IX. 
Meyer Solomon. A Few Dream Analyses. Vol. IX. 

Diese Artikelserie, die zusammen etwa 108 Seiten ausmacht, enthält 
eine Kritik von Freuds Traumtheorie durch Solomon und eine Verteidi- 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Kritiken uüd Referate. 171 

gung durch P u t n a m. In der ersten Arbeit berichtet S o 1 o m o n die Ana- 
lysen von sechs Träumen, mit der Absicht, nachzuweisen, daß viele, auch sehr 
komplizierte Träume, selbst von Erwachsenen, in ihrer Entstehung der 
Sexualität vollkommen fremd seien. Er erklärt, kein persönliches Vorurteil 
gegen die theoretische Bedeutung der Sexualität zu haben, er ist sogar „über- 
zeugt, daß ursprünglich und im Grunde der Mensch eine bisexuelle und poly- 
morph perverse sexuelle Prädisposition hat", aber die Rolle der Sexualität 
in den Träumen wird seiner Ansicht nach von den Psychoanalytikern stark 
übertrieben. Seine Methode der Untersuchung bei den vorliegenden Träumen 
war die, den Träumer zu veranlassen, den ganzen Traum und die damit asso- 
ziierten Gedanken aufzuschreiben und dann das Material noch einmal mit ihm 
durchzugehen, wobei er ihn aufforderte, seine eigene Deutung und Analyse 
jedes Bestandteiles zu geben. „Sobald ein Traum nicht vollständig und leben- 
dig zurückgerufen werden und der Träumer sich nicht jedes Zwischenfalles 
und der genauen Folge der Ereignisse erinnern konnte, wurde dieser Traum 
zurückgewiesen." „Sobald der Träumer nicht vollkommen der Richtigkeit seiner 
Erklärungen und Erinnerungen sicher war, wurden diese ausgeschaltet. ** Die 
Methode war also eine subjektive Introspektion, ohne Zulassung einer von 
außen kommenden Kritik und die Bedeutung des Zweifels, der teilweisen und 
vollständigen Amnesie wurde ganz beiseite gelassen. Es ist klar, daß unter 
solchen Bedingungen nicht mehr erreicht werden konnte, als eine gewisse 
Menge von „Traumraaterial", und die Schlußfolgerungen des Autors sind so 
weit richtig, als sie sich darauf beziehen. Aber kein Psychoanalytiker hat je 
behauptet, daß solches Material notwendigerweise sexuelle Gedanken oder 
Wünsche enthalten müsse (ihre Häufigkeit ist bei verschiedenen Subjekten 
sehr verschieden), denn Freuds Theorie bezieht sich ausschließlich auf den 
latenten Inhalt. Die hauptsächlichsten von Solomons Schlußfolgerungen 
laufen darauf hinaus, daß das Gesetz der Determination auch auf die Träume 
Anwendung findet; daß sie nicht notwendigerweise vom infantilen und sexuellen 
Material abhängig sind, außer insoweit, als der normale Inhalt des Wach- 
bewußtseins — von dem die Träume nur eine Fortsetzung sind — davon abhängt; 
Symbolik muß nicht vorkommen; Träume können von Sexual-, Selbsterhal- 
tungs- oder jedem anderen Trieb hervorgebracht werden z. B. vom ehelichen, 
elterlichen, kindlichen (sie). Die Einwendungen gegen seine Untersuchungs- 
methode voraussehend, sagt er : „Die infantile und Kindheitserfahrung und 
die vollständige, auch entfernte, frühe Geschichte der sexuellen Entwicklung 
wurde nicht aufgedeckt, die Aranesieu nicht durchforscht und die freie Asso- 
ziation sowie die Wortassoziations-Prüfung wurden nicht angewandt, weil sie 
sich in diesen Fällen als unnötig herausstellten. Ich bin tiberzeugt, daß durch 
diese Methoden in den hier mitgeteilten Fällen nichts weiter zu erreichen war. '^ 
Dies die eigenen Worte ! 

Putnam stellt eine freundlichgesinnte Kritik von Solomons Auf- 
satz bei, die in seinem fließenden und unnachahmlichen Stil geschrieben ist. 
Er weist zunächst auf die Einwendungen gegen Solomons Methode, als abge- 
schlossene Untersuchung genommen, hin und beginnt dann eine groß angelegte 
Verteidigung einer weiteren Auffassung der Sexualität, die den größten Teil 
seiner Arbeit ausmacht. Leider wird unnötigerweise das Verständnis dieses 
Teiles erschwert durch die Vermengung mit philosophischen Problemen und 
die Herausarbeitung ist durchaus nicht so klar, als man wünschen möchte. 
Er scheint der Ansicht zu sein, daß die Frage, ob gewisse Strebungen in 
Freuds, Bergsons oder Adlers Weise zu betrachten sind, in erster Linie 
von dem Gesichtspunkt und dem besonderen Bedürfnis der Untersuchung abhänge. 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



172 Kritiken und Referate. 

betont jedoch, daß die Anschauung Freuds hinsichtlich ihrer sexuellen Natur 
durch klinische und tatsächliche Gründe gerechtfertigt ist. 

Putnams Kritik hat eine lang ausgesponnene Erwiderung von Solo- 
mon hervorgerufen, welche sich infolge ihrer allgemeinen Haltung weuig zu 
einer abgekürzten Wiedergabe eignet. Er erwähnt keinen neuen Punkt, den 
nicht ältere Kritiker schon zur Sprache gebracht haben, und wandert über das 
ganze Feld der Psychoanalyse. (Nebenbei: er widmet ein eigenes Kapitel den 
Gründen, warum der Ausdruck Psychoanalyse zur Bezeichnung jeder Form 
von geistiger oder psychologischer Analyse benutzt werden sollte.) In einem 
weiteren Artikel berichtet er noch vier Träume, die er auf die geschilderte 
Art und Weise untersucht hat. Abgesehen von dieser Serie, hat er neuerdings 
auch zwei andere ausfühliche Artikel über Traumanalyse in „International 
Clinics" und im „American Journal of Insanity" veröffentlicht", so daß er 
zumindestens als ein Forscher gelten muß, der sich mit dem Thema emstUch 
beschäftigt. 

S. C. Kohs. The Association Method in its Relation tothe 

Comp lex and Complex Indicators. Amer. Journ. of Psycho- 

logy. Oct. 1914. 

Eine bis ins einzelne gehende Besprechung des Themas, die auch eine 
vollständige Bibliographie mit einschließt und so ein wertvolles Hilfsmittel für 
jene liefert, die sich über den Gegenstand orientieren wollen. Es werden darin 
nicht weniger als 46 Complexmerkmale aufgezählt. Die Folgerungen, zu denen der 
Verfasser gelangt, sind der Psychoanalyse günstig, aber er unterläßt jede 
selbständige Hinzufügung zu unserem Wissen. Eine nützliche Unterscheidungs- 
linie wird zwischen „Konstellation'^ und „Komplex" gezogen: „Die Differenz zwi- 
schen den beiden ist eine Differenz der Affektbetonung. . . Die Konstellation 
wird ein Komplex, wenn der affektive Inhalt vom Gefühl zur Erregung an- 
steigt." Der Autor ist offenbar der Ansicht, daß ein Komplex in Konflikt mit 
„ethischen und ästhetischen Prinzipien^ geraten kann, aber nicht muß; tat er 
es, so wird er voraussichtlich verdrängt und gelangt ins Unbewußte. 

Bekanntlich ist aber gerade dies der wunde Punkt des Züricher Kom- 
plextheorie, daß sie die psychoanalytisch erkannten und markierten Grenzen 
zwischen Bewußtem und Unbewußtem nicht in befriedigender Weise zu respek- 
tieren vermag und so eine durch mühsame Erfahrung gewonnene Einsicht zu 
Gunsten einer verwirrenden Annahme aufgibt, 

Troland. The Freudian Psychology and Psychical Research. 
Journ. of Abnormal Psycho!. Vol. VIII. 

Carrington. A Rejoinder to the above. Vol. IX. 

Nachdem er eine kurze Darstellung jener Teile von Freuds Psycho- 
logie gegeben hat, die mit dem behandelten Thema zusammenhängen — die 
Lehre von der Verdrängung, der unbewußten Aufbewahrung von Gredächtnis- 
spuren, der unbewußten Wahrnehmung usw. — befaßt sich T r o 1 a n d mit einigen 
spiritistischen Phänomenen, unter denen er besonders die Telepathie, Erschei- 
nungen Verstorbener und die Beobachtungen an Medien auswählt. Ohne viel Neues 
zu bringen, legt er Gewicht auf die Paramnesien, Todeswünsche, Träume und 
die Tendenz, sie zu vergessen (so daß der Träumer ihre Häufigkeit unter- 
schätzt), und andere Möglichkeiten, die Phänomene auf natürliche Weise zu 
erklären. 

Carrington, ein wohlbekannter Spiritist, antwortet in ärgerlichem Tone 
daß die Fehlerquellen, auf die Troland hinweist, schon in Rechnung gestellt 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



ELritiken und Referate. 173 

wurden und daß auf diese Weise nDiuöglich mehr als ein kleiner Teil der 
Phänomene erklärt werden könne: Er knüpft daran einen wütenden Angriff 
auf die Psychoanalyse im allgemeinen und schließt mit dem Satz, daß „der 
Versuch, supemormale Phänomene psychischer Forschung mit den Mitteln der 
Freudschen Analyse zu erklären, selhstverständlich (!) reiner Unsinn ist". 

Theodate L. Smith. Paramnesia in Daily Life. Amer. Journal of 
Psychology. Jan. 1913. P. 52—65. 

Der Ausdruck „Paramnesie" wird hier in dem weiteren Sinne für jede 
Gedächtnisfälschung benützt. Der Autor berichtet eine Anzahl von Fällen, bei 
denen er sich hauptsächlich mit der deskriptiven Seite befaßt, darunter auch 
zwei solche von dejk vu. Folgendes Beispiel verdient es, angeführt zu werden: 
Ein Professor der Psychologie trug im Laufe einer Vorlesung über Psycho- 
analyse einen Fall vor, der ihm zur Freudschen Literatur zu gehören schien. 
Er war jedoch nicht im stände, einen Hinweis zu entdecken, bis er später 
herausfand, daß es eine entstellte Wiedergabe von „Nathan der Weise" war, 
den er seit fUnfunddreißig Jahren nicht gelesen hatte. Die Änderung bestand 
in der Schilderung des geliebten Retters der Eecha, der nicht als unerkannter 
Bruder wie im Drama, sondern als ein ihrer Liebe unwürdiger Mensch von 
niedrigem Charakter auftrat. Der Autor übersieht hier wie sonst die Tendenz 
zur Verfälschung, die recht klar zu Tage tritt ; im Drama wird die Vereinigung 
der beiden durch die Entdeckung, daß sie Bruder und Schwester sind, ver- 
hindert, in der Nacherzählung durch den Umstand, daß der Mann als Böse- 
wicht geschildert ist; es wäre interessant, etwas über die Einstellung des 
Professors zu seinen Schwestern zu hören. Der Autor folgert, daß die Paramnesie 
sich auf eine teilweise Amnesie der Assoziationsvorgänge zurückführen i^läßt, 
in deren Folge das Gedächtnisbild entstellt wird und dann falsch erscheint. 
Die Amnesie kann bestehen in dem Ausfallen eines oder mehrerer Eindrücke 
als Erfolg der geschwächten oder abgezogenen Aufmerksamkeit während der 
ursprünglichen Aufnahme oder durch den Verlust der Zeit- und Raumassozia- 
tionen. Die Paramnesie ist also nicht schon an und für sich ein abnormaler 
Geistesprozeß, da sie durch die Schwächung und Verwischung entsteht, welche 
charakteristische Erscheinungen der Gedächtnisbilder sind, aber sie kann alle 
Abstufungen aufweisen, von den leichten Abweichungen, welche in verschiedenem 
Grade bei allen normalen Reproduktionsvorgäugen unterlaufen, bis zu jenen 
äußersten Fällen, wo die fehlenden Assoziationsglieder und die dadurch ent- 
stehende Vermischung von objektiven und subjektiven Erfahrungen, die ganze 
Geistestätigkeit vollkommen aus dem Geleise bringen können. 

Obemdorf . SlipsoftheTongueandPen. Journ. of Ahn. Psych. Vol. VIIL 

Frink. Three Examples of Name Forgetting. Ibidem. 

Analysen einiger interessanter Beispiele für die Psychopathologie des 
Alltags. 

Emerson. The Psy chopathology of the Family. Journ. of Abnormal 
Psychology. Vol. IX. 

Emerson zeigt, daß, „wenn mit der grundlegenden Familienbeziehung, 
der sexuellen, etwas nicht in Ordnung ist, die einzelnen Familienmitglieder, 
Eltern und Kinder eingeschlossen, schwer darunter leiden. Manchmal kann 
eine Kette von Ursachen und Folgen nachgewiesen werden, die von Unregel- 
mäßigkeiten im Sexualleben der Eltern ausgehend in den schwersten Hysterien 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



174 Kritiken nnd Referate. 

und anderen Psychoneurosen bei den Kindern endigt". Er teilt vier Fälle 
mit, um diesen Satz zu beweisen. „Plato dachte, daß er in der Gesellschaft 
ein vergrößertes Bild des Individuums sehe. Im Kind oder überhaupt in der 
Persönlichkeit sehen wir ein zusammengedrängtes Bild der Familie." 

Helene Kuhlmann. The Father Complex. Amer. Journ. of Insanity. 
April 1914. 

Die Verfasserin gibt eine bis ins einzelne gehende Darstellung von acht 
Fällen, größtenteils von Wahnsinn, bei welchen der Beweis einer sexuellen 
Bindung an den Vater (die Patienten waren alle weiblichen Geschlechts) mit 
aller Deutlichkeit hervorging. Sie legt Gewicht auf die Bedeutung der Inzest- 
wünsche in Beziehung auf krankhafte geistige Entwicklung. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Aus Vereinen und Versammlungen, 

New YorkNeurological Society, Sitzung vom I.Dezember 1914.^) 

Psychologische Stadien aber Natur und Pathogenese der Epilepsie. 

Von L. Pierce Clark, M. D. 

Dr. Clark berichtet über die Auffassungen, wonach die genuine Epilepsie 
entweder eine degenerative organische Erkrankung des cerebralen Cortex oder 
eine Neurose im eigentlichen Sinne, eine funktionelle Krankheit des Nerven- 
systems sein soll, ohne feststellbare oder regelmäßig vorhandene Verletzungen. 
Beide Gesichtspunkte haben ilire Stützen und ihre besonderen Verteidiger. Es 
genügt, darauf hinzuweisen, daß eher weniger als die Hälfte aller Fälle von 
genuiner Epilepsie allgemein anerkannt erweise eine gröbere oder mikroskopische 
Pathologie o4er konstante Verletzung aufweist. Anderseits hat die chemisch- 
toxische Theorie der Krankheit noch weniger positive Beweise zu bieten. Auch 
die experimentelle Verwendung dieser toxischen Mittel erzeugt nicht regel- 
mäßig konvulsive Symptome. Die Epilepsie, wie wir sie klinisch kennen, kann 
experimentell nicht erzeugt werden. 

Angesichts der gegenwärtigen unbefriedigenden anatomischen Pathologie 
dieser Krankheit und dem entsprechenden Versagen der chemotoxischen Patho- 
genese erscheint es angemessen, das klinische Gesamtbild der Epilepsie genauer 
zu studieren. Unter diesem Gesichtspunkt unternahm Dr. Clark vor zwei 
Jahren die Analyse der epileptischen Anlage und des Charakters vor Beginn 
der Anfälle. Natürlich wurden die Fälle zum Zwecke dieses Studiums aus 
einer Reihe von Individuen ausgewählt, die wohl schon epileptisch waren, aber 
bei denen es möglich war, die Entwicklungsspuren des Charakters zu ver- 
folgen, bevor die in Anfallsform auftretenden Erscheinungen die Persönlichkeit 
kompliziert hatten. Etwa 25 Fälle wurden nun sorgfältig in dieser Art unter- 
sucht. Vor allem wurden Fälle von Schwachsinn völlig ausgeschlossen und die 
Mehrzahl der so ausgewählten Patienten war über ihre Schulbildung intelligent. 

Im folgenden sei eine Zusammenfassung der Ergebnisse gebracht: Es 
ergab sich, daß der epileptisch Veranlagte regelmäßig ein übernormales Aus- 
maß von Energie besaß, welche dauernde und schöne Entwicklungsresultate 
hen^orbrachte, soweit das organische Gesamtbild beteiligt war. Auch waren 
die Äußerungen der egoistischen Tendenzen wenig verdrängt und schwach ge- 
hemmt. Diese Kennzeichen einer pathologischen Selbstliebe waren weit entfernt, 
an eine rein physiologische Variation gebunden zu sein. Regelmäßig war der 
zur Epilepsie Disponierte schlecht an seine Umgebung angepaßt und nicht 



*) Dem im „Journal of Nervous and Mental Disease" Vol. 42, Nr. 4, April 1915 
erschienenen vollständigen Sitzungsbericht der „New- Yorker Neurologischen Gesell- 
schaft" vom 1. Dezember 1914 entnehmen wir obiges unsere Leser gewiß interessierende 
Einzelreferat samt Diskussion. 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



J[76 -^^5 Vereinen und Versammlungen. 

im Stande, dieselbe leicht zu wechseln. Er arbeitete schlecht mit in sozialen 
und ökonomischeu Angelegenheiten. Meistens war er offen ; Feinheit des Geistes 
ihm nicht eigen. Im Gegensatz dazu zeigte er einen einfachen kindlichen Zu- 
stand seines Gefühlslebens. Er hat niemals die Skrupel oder Zweifel, die den 
Zwangsneurotiker kennzeichnen ; ungehindert durch die Verbote und Gebote 
dieser letzteren Kranken, gestattet er sich oft, den niedrigen animalischen In- 
stinkten und Leidenschaften nachzugeben. Mit seinen geringen Hemmungen 
und der tiberbetonten Schätzung seiner eigenen Bedeutung und Fähigkeiten 
steht der Epileptische ununterbrochen im Konflikte mit der Außenwelt. Während 
das normale IndiWduum seinen infantilen Kampf mit der Realität besteht, 
indem es im Leben Kompromisse macht, nimmt der zur Epilepsie disponierte 
Jüngling den eiteln Kampf auf. Daher seine tiefwurzelnde Abneigung, ja sein 
Haß gegen die Außenwelt. Individuen mit epileptischer Konstitution fehlt ein 
wirklich allgemeines Interesse. Die Libido ist starr, egozentrisch und roh. 
Auch haben sie nur geringe religiöse Einstellung ; Sinn und Zweck des Lebens 
geht dem epileptisch Veranlagten selten nahe. Ihre Freundschaften vernach- 
lässigen sie ; die egoistischen Züge verhindern eine freie Entfaltung der Ge- 
fühlsregungen. 

Eine elterliche Zuneigung der zur Epilepsie Disponierten zu ihrem eigenen 
Geschlecht fand sich regelmäßig und fiel besonders bei Mädchen auf. Die 
Liebesfixierung an die Mutter war in der Mehrzahl der Fälle mehr oder 
weniger deutlich durch das ganze Leben. Ihr Verhalten gegen das andere Ge- 
schlecht war außerordentlich bezeichnend ; es fehlten meist die Kennzeichen 
höherer Liebe und ihre Entwicklung erhebt sich selten über die einfachsten 
oder gröbsten sexuellen Wünsche. Die Tatsache allein, unabhängig von den 
hinzukommenden Anfallsstörungen, läßt die Heirat zwischen Epileptischen meist 
unweigerlich mißlingen. 

Seit einiger Zeit ist es für den Psychiater üblich geworden, sich zu 
fragen, welchen Vorteil der Psychotiker aus seiner Krankheit zieht? In welcher 
Absicht die psychischen Symptome und Zustände dem Unbewußten und den 
instinktiven Wünschen der so betroffenen Person dienen. Derartige Studien 
haben die Untersucher dazu geführt, vieles von der bewußten Gestaltung des 
manifesten Inhalts der Psychose zu verwerfen und tiefer hineinzublicken in 
die unbewußten Strebungen, wie sie sich im symbolischen Denken und Handeln 
äußern. Mit dieser veränderten Einstellung zu den psychischen Störungen hebt 
eine neue Ära der Psychiatrie an, die psychischen Symptome treten als un- 
bedeutend oder unwichtig zurück zu Gunsten einer neuen Bedeutung und Auf- 
fassung. Diese Arbeitsweise hat Dr. Clark, wie er sagte, angeregt, das Stu- 
dium der epileptischen Anfälle von neuem aufzunehmen, was er nun seit 
zwei Jahren betreibt. Er habe nunmehr das Material von über einem Dutzend 
von Fällen genuiner Epilepsie, einen Auszug seiner Ergebnisse, die er kurz 
auseinandersetzt. 

Gleichmäßig ergab sich in allen Fällen, daß der Anfall einer unbewußten 
Befriedigung der Libido diente. In Traumanalysen, in der Analyse mehrerer 
kleinerer und einiger großer Anfälle erwies sich diese unbewußte Strebung 
oft als eine ofi'ene Sexualäußerung; in anderen Fällen war es eine Entladung 
angehäufter Lustaffekte, welche beim epileptischen Individuum lange gestaut 
worden waren. 

Das wesentliche Motiv bei allen genuinen 'epileptischen Anfällen scheint 
letzten Endes das unbewußte Streben von selten des Epileptischen zu sein, 
zum Intrauterinleben in die Mutter zurückzukehren, in einen Zustand voll- 
kommenen Friedens und Allmacht, mit dem ihm innewohnenden Drang zum 



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Aus Vereinen und Versammlungen. I77 

Anfall, bedingt durch eine Stufe der Libidofixierung in der Kindheit, welche 
bisweilen so gesteigert sein kann, daß sie sich zur Homosexualität, seltener 
ins heterosexuelle Leben erstreckt. 

Wir haben also mehr oder weniger bestimmt angegeben, welcher Art 
das Motiv vom unbewußten Mechanismus des Anfalls in Wirklichkeit ist, aber 
wie können wir Natur und Charakter des klassischen und eigentümlichen 
Typus von Muskelkrampf im großen Aufall verstehen? Bei einer anderen Ge- 
legenheit hofft Dr. Clark auf Grund detaillierter vergleichender Studien zu 
zeigen, daß die Typen muskulärer Bewegung aus der infantilen Periode stammen, 
zu welcher die unbewußten Regungen das Unbewußte zurückzukehren drängen, 
nämlich zur inti-auterinen Periode und womöglich den ersten Monaten der 
extrauterinen Existenz. Die in Rede stehenden Bewegungen sind Punkt für 
Punkt identisch mit den impulsiven Bewegungen des Fötus und denen der 
frühesten Säuglingsperiode. Im normalen Verlauf der Entwicklung werden diese 
Muskelbewegungen allmählich, aber entschieden unterdrückt, in dem Maße als 
sich Wille und Bewußtsein entfalten ; bei der Epilepsie werden diese impul- 
siven Bewegungen der frühesten Kindheit vom Bewußtsein realisiert und von der 
Willkür beherrscht und damit die fötalen respektive infantilen Befriedigungs- 
möglichkeiten dieser ersten Lebenszeiten wiederhergestellt. 

Schließlich berichtet Redner noch über den kolossalen therapeutischen 
Gewinn, den wir durch den Einblick in den epileptischen Mechanismus ge- 
winnen können im Lichte der Therapie, die er in seinem Bericht kurz er- 
wähnt. Die hygienische Übuugsbehandlung, die Erziehungs- und Anpassungs- 
therapie erhalten eine neue und klarere Bedeutung durch diese Hypothese ; 
sie macht ausgezeichnet die große Mehrheit der Epileptiker verständlich, die 
nicht geheilt werden können, und zeigt gleichzeitig einen bestimmteren und er- 
folgreicheren Weg, auf dem wir im stände sind, die weniger schweren Fälle von 
Epilepsie zu heilen, indem wir ihre Gesundheit wiederherstellen, was sich 
durch die Möglichkeit ergibt, die Anfälle zu verhindern oder zu heilen. 

Diskussion. 

Dr. August Hoch findet den Vortrag von Dr. Clark sehr interessant, 
als einen sehr bedeutsamen Beitrag nicht nur zum Verständnis der Epilepsie, 
sondern zur Analyse abnormer Geisteszustände überhaupt. Mit Rücksicht auf 
die vorgeschrittene Stunde möchte er für seinen Teil sich auf wenige Bemer- 
kungen über die allgemeine Methodik derartiger Untersuchungen beschränken, 
die in solcher Kürze berichtet und außerhalb des Zusammenhangs mit ver- 
wandten Studien der Neurosen und Psychosen, es oftmals an Verständnis 
fehlen lassen oder, bis zu einem gewissen Grad, nicht überzeugend wirken. 
Der wichtigste Gesichtspunkt von Dr. Clarks Studie ist, daß bei der Epi- 
lepsie, wie sonst in den Fällen von Psychose und Neurose, das, was wir „in- 
fantile Motive" nennen können, eine große Rolle spielt. Solche infantile Mo- 
tive sind das Ergebnis einer unvollkommenen Entwicklung der Instinkte. 
Diese Motive hat Freud mit Hilfe seiner psychoanalytischen Methode bei 
den Neurosen aufgezeigt. Bei den Psychosen sind sie in ganz hervorragender 
Weise beteiligt und, was noch bedeutsamer ist, ganz klar zu sehen. Sie ver- 
raten sich selbst meist in Täuschungen und Halluzinationen der Patienten, 
welche wir früher nicht verstehen konnten, weil die Patienten sie nicht in 
reifer logischer Form produzieren und weil wir keine Idee hatten von der 
Tatsache, daß eine wirklich instinktive Entwicklung solche Motive erzeugen 

ZeitBchr. f. äiztl. Paychoanalyse. III/3. ^2 

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178 ^^^ Vereinen und Versammlangen. 

kann. Aber seit dies bekannt ist, sind viele von den Äußerungen der Kranken 
überraschend verständlich geworden und erfordern nicht die komplizierte, 
schwierige und ia der Hand des Unerfahrenen zweifelhafte Methode der Aus- 
legung, weil die Patienten ihre infantilen Wünsche ganz offen kundtun. Die 
interessanten persönlichen Studien an Epileptischen, wie sie Dr. Gl a r k macht, 
liefern uns, wie alle derartigen Untersuchungen, eine interessante Bestätigung 
der Voraussetzung, daß die Epileptiker unvollkommen entwickelte Instinkte 
besitzen. Aber wir müssen auch beistimmen, daß es schwierig ist, die An- 
nahme anzuerkennen, Patienten mit konstitutionellen Störungen zeigten eine 
allgemein gesteigerte Neigung zu den Eltern, in welche gerade sexuelle Fak- 
toren eintreten ; aber die Sache wird ganz überzeugend, wenn wir finden, daß 
diese Motive, mit fast ermüdender Monotonie, in den Täuschungen und Hal- 
luzinationen der Psychosen wiederkehren. Noch absurder scheint auf den ersten 
Blick der Wunsch, in den Mutterleib zurückzukehren, aber wenn wir dies 
unter dem Gesichtspunkt des Wunsches nach vollkommenem Schutz betrachten — 
denn dies ist die fundamentalste Entsagung der Anpassung an die Realität — 
so erscheint es schon verständlicher und die spezielle Gestaltung, die wir in 
Phantasien und Träumen finden, eine Gestaltung, die sich meist auf den wirk- 
lichen Mutterleib bezieht, scheint größtenteils eine sekundäre geistige Bear- 
beitung zu sein. Jedenfalls kann dieses Motiv als eine bestehende Tatsache 
angenommen werden, abgesehen davon, in welcher Weise wir es zu erklären 
suchen. 

Diese ganze Methode der Krankenuntersuchung hat vieles hinzugefügt 
zu unserem Verständnis der Symptomanalyse, des Aufbaues der klinischen 
Faktoren und der daran beteiligten Triebkräfte. Es sollte natürlich nicht be- 
hauptet werden, daß die so aufgedeckten Kräfte und die unvollkommene In- 
stinktentwicklung die letzte Ursache der Epilepsie sei. Derartige Untersuchungen 
geben keine Auskunft und beanspruchen auch keine zu geben über die or- 
ganischen Ursachen der konstitutionellen Defekte oder den organischen Anteil 
der abnormen Arbeitsweise des Instinktlebens. 

Dr. J h n T. M a c C u r d y , der sich für das Problem der Epilepsie seit 
Jahren interessiert, ist der Meinung, daß alle, welche die Epilepsie mit Hilfe 
der psychoanalytischen Methode studiert haben, darin einig sind, daß 
Dr. Gl a r k s Arbeit den vnchtigsten Fortschritt unseres Wissen in bezog auf 
diesen Gegenstand bezeichnet. Wir wissen aus unseren Angaben, in patho- 
logischer, klinischer und hereditärer Hinsicht, daß die Epilepsie eine niedrigere 
Stufe in der geistigen Anpassung einnimmt als die Dementia praecox. Bei 
dieser letzteren war der wesentliche Zug die Fixierung des Patienten an den 
gegengeschlechtlichen Elternteil. Dieses erfordert immerhin einen gewissen 
Grad von Interesse außerhalb der eigenen Persönlichkeit ; einen gewissen Grad 
von Objektiuteresse. Wenn die Epilepsie eine niedrigere Stufe der Anpassung 
repräsentiert, dann müssen wir die Fixierung des Zustandes des „mütterlichen 
Lebens" ins Auge fassen und dies eben hat Dr. Clark deutlich aufgezeigt. 
Er sagte, die Epileptiker wären stark egoistisch, was auf einen Mangel an 
Objektinteresse hinweist ; daß die Konflikte der Welt, was eine andere Folge 
des Egoismus ist, ihnen nicht nahe gehen ; und endlich konnte er die sehr 
interessante Beobachtung machen, daß ein bestimmter Wunsch besteht, in den 
Mutterleib zurückzukehren. Das ist wohl eine außerordentliche Behauptung, 
aber wir sehen dies auch in anderen Psychosen. Der Redner schließt mit der 
Bemerkung, daß er kürzlich einen Epileptiker sah, der während seines 
Krampfes in den Mutterleib zurückzugehen glaubte, was ihn außerordentlich 
erfreute. 



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Aus Vereinen und Versammlungen, 179 

Dr. Smith Ely Jeiliffe weist darauf hin, daß die „Mutterleibs- 
Phantasie" sich bei verschiedenen Phänomenen findet, ebensowohl im Zusam- 
menhang mit den epileptischen wie mit verschiedenen Konversions- und Zwangs- 
erscheinungen. Dr. Clark wollte augenscheinlich eine in der Psyche aller 
Menschen vorhandene allgemeine Situation anwenden zur Erklärung einer spe- 
zifischen Erscheinung. Es wäre von praktischem Interesse, bei der Analyse der 
epileptischen Erscheinungen zu sehen, durch welche Entwicklung eben das In- 
dividuum die allgemein gegenwärtige Ödipuseinstellung durch die individuelle 
Befriedigung der Muskelerotik zur Befriedigung gebracht habe. Es war keine 
Lösung zu erklären, diese Patienten zeigen einen Introversionstypus ihres Phan- 
tasielebens, denn das zeigen alle Menschen. Die Antwort wäre, zu zeigen, wie 
die Epileptischen ihre Phantasien ausführen, nicht in harmonischer Muskel- 
betätigung, sondern in der unstimmigen und unangepaßten epileptischen Ent- 
ladung. 

Dr. Clark erklärt in seinem Schlußwort, er habe die sicheren orga- 
nischen Fälle von Epilepsie aus seinen Untersuchungen ausgeschaltet und wie 
die Umstände liegen, wünsche er seine Auslegung des epileptischen Mechanis- 
mus auf die sogenannte idiopathische Gruppe zu beschränken. Gleichwohl 
möchte er sagen, daß er verschiedene Fälle von Epilepsie gesehen habe, die 
infantiler Cerebrallähmung folgten und in denen der Mechanismus des Anfalls 
genau identisch war mit jenen, welche er bei der eigentlichen in seiner Ab- 
handlung mit umfaßten Epilepsie studieren konnte. Er beruft sich auf die 
Tatsache, daß Binswanger, Gowers und Oppenheim daraufhingewiesen 
haben, das wesentliche Gesamtbild der Persönlichkeit und die bleibenden psy- 
chischen Stigmata der Krankheit seien in allen Absichten und Zwecken iden- 
tisch mit der der Cerebrallähmung folgenden Epilepsie im Vergleich mit der 
idiopathischen. Auf Grund dieser und anderer Data sei er bereit zuzugeben, 
daß die mögliche, wirkliche Genese des epileptischen Zustandes letzten Endes 
organischer Natur sein möge. Aber wo dauernde Anfälle auftreten, sei er 
überzeugt, daß die organische Schädigung dem epileptischen Mechanismus das 
Auftreten mehr erleichtere oder gestatte, was er sich bemüht habe, in seiner 
Untersuchung zu zeigen. 



12» 



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Varia. 
Völkerpsychologisches. 

Von Dr. Theodor Reik. 

Die Höhle als völkerpsychologisches Symbol des Franenleibes. 

Professor Freud hat die Ansicht ausgesprochen,^) daß die Symbol- 
beziehung des unbewußten Seelenlebens ein Rest und Merkzeichen einstiger 
Identität ist. „Was heute symbolisch verbunden ist, war wahrscheinlich in Ur- 
zeiten durch begriffliche und sprachliche Identität vereint." Diese Anschauung 
kann durch zwei Momente gestützt werden: Erstens durch die Verwendung 
derselben Symbole in den tiberlieferten Sagen, Mythen und Kulten antiker 
Völker und zweitens durch das Auftauchen dieser Symbole in den Sitten pri- 
mitiver Völker unserer Zeit. Das Symbol der Höhle für den Frauenleib, das 
in den Träumen häufig vorkommt, hat Rank in den Geburtssagen der Grie- 
chen und Juden wieder gefunden.^) Als Analogie aus den Anschauungen pri- 
mitiver Völker kann man auf folgendes Beispiel verweisen^): Der Stamm der 
Hidatsa in Nordamerika besitzt eine Höhle nahe dem Knife River, genannt 
Makadistati, das Kinderhaus. Diese Indianer behaupten, die Höhle dehne 
sich weit in die Erde hinaus, aber der Eingang sei nur eine Spanne weit. 
„Sie wird von kinderlosen Männern und unfruchtbaren Frauen besucht. Viele 
unter ihnen stellen sich vor, daß ihre Kinder aus der Makadistati kommen 
und die Zeichen der Kontusion bei einem Kinde, welches durch festes Ein- 
windeln oder andere Ursachen entstehen, werden ernsthaft den Stößen zuge- 
schrieben, welche es von seinen früheren Kameraden erhalten hat, als es aus seinem 
unterirdischen Heim hinausgeworfen wurde." Es ist klar, daß die Höhle mit 
dem Spannweiten Eingang (= Vagina) den Frauenleib repräsentiert. Eine ähn- 
liche Anschauung herrscht bei den südrussischen Juden, von denen S. Weissen- 
berg berichtet,*) daß nach ihrer Ansicht das Kind den Mutterleib höchst 
ungern verlasse, da es dort alle Weltgeheimnisse kennt. Sobald aber das Kind 
geboren wird, bekommt es von einem Engel einen Stoß gegen den Mund, wo- 
durch es alle im Mutterleibe gewonnenen Kenntnisse vergißt und zum gewöhn- 
lichen Menschen mit seinem Daseinsjammer degradiert wird. Die Rinne an der 
Oberlippe ist die Spur dieses Stoßes. 



*) Traumdeutung, 4. Auflage, S. 262 

*) Vgl. Otto Rank, Der Mythus von der Geburt des Helden. 

^) Annual Reports of the Bureau of Ethnology, Washington, Bd. XI, p. 516. 
Ebenso wie diese Höhle muß ein Hügel am Daly Diven im nördlichen Territorium 
von Australien aufgefaßt werden, der von den Eingeborenen Alalk-yinka (== der Platz 
der Kinder) genannt wird. Beispiele für ähnliche „Baby-factories" bei E. S. Hartland, 
Primitive Patemity, London 1909, Bd. I, S. 245 ff. 

*) Das neugeborene Kind bei den sÜd russischen Juden. Globus, 6. Februar 1908. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Varia. 181 

Zur Sexualsymbolik. 

Das Haus als Symbol des Frauenleibes wurde von der Psychoanalyse im 
Traume, Mythus, in Dichtung und Sage oft angeführt. Es stimmt zu den von 
der Psychoanalyse gemachten Voraussetzungen über die Psychogenese der 
Symbole, daß dieses Symbol nicht nur der Antike bekannt war, son- 
dern daß es auch die primitivsten Stämme der Australneger in derselben 
Bedeutung verwenden. So berichtet G. B am 1er in Richard Neuhaus' Werk 
„Deutsch -Neuguinea (Berlin 1911, Bd. III, S. 504), daß die Tami den Pu- 
bertätskandidaten folgendes Verbot auferlegen: „Stell dich nicht unter anderer 
Leute Häuser!", was nacji ihrer Erklärung soviel heißt wie: Verführe nicht 
fremde Frauen! 

Eine bildliche Darstellung des Inzestkomplexes bei den Wilden. 

In Niederländisch-Neuguinea wird das Männerhaus häufig mit dem Na- 
men „Rumsram" bezeichnet. Die Rumsrams, welche die Missionäre als 
Stätten heidnischen Götzendienstes — mit wenig Erfolg — zu beseitigen streben, 
erheben sich auf Pföhlen, die in Gestalt menschlicher Figuren geschnitzt sind. 
Das Männerhaus in Doreh beschreibt ausführlich van Hasselt (Tijdschr. Ned. 
Indie 32): Auf dem Hausflur steht eine Schnitzerei, die ein im Koitus begrif- 
fenes Paar darstellt: „Hinter ihnen steht ein kleiner Knabe, welcher erzürnt 
dem Mann (seinem Vater) einen Stoß gibt." 

Zur Auffassung der Wiedergeburtsphantasie. 

Die Euahlayi, deren Land das Grenzgebiet zwischen Neusüdwales und 
Queensland bildet, glauben an Wiedergeburt und Seelenwanderung (wie die 
meisten primitiven Stämme des australischen Kontinentes). Von diesem 
Stamme berichtet nun Mrs. Parker in ihrem Werke „The Euahlaji Tribe; 
a Study of Aboriginal Life in Australia (London 1905, p. 50—56): „Als 
Grund für die häufigen Heiraten zwischen jungen Männern und alten Frauen 
wird angegeben, daß diese jungen Männer schon früher auf der Erde weilten 
und diese selbe Frau liebten, doch vor erreichter Pubertätsweihe starben, so 
daß sie sie nicht früher heiraten konnten als jetzt in ihrer Reinkamation." 
Daß diese Heiratsform eine Ersatzbefriedigung inzestuöser Regungen darstellt, 
ist wohl klar. 

C. G. Jung erklärt^) dagegen, daß „die unterste Grundlage des „inze- 
stuösen" Begehrens nicht auf die Kohabitation, sondern auf den eigenartigen 
Gedanken hinausläuft, wieder Kind zu werden, in den Elternschutz zurück- 
kehren, in die Mutter hinein zu gelangen, um wiederum von der Mutter geboren 
zu werden. Auf dem Wege zu diesem Ziele steht aber der Inzest, d. h. die 
Notwendigkeit, auf irgend einem Wege wieder in der Mutter Leib hinein 
zu gelangen. Hier greift hindernd das Inzestverbot ein, daher nun die Sonnen- 
oder Wiedergeburtsmythen von allen möglichen Vorschlägen wimmeln, wie 
man den Inzest umgehen könnte." Wie nun, wenn wir erweisen könnten, 
daß es in manchen Fällen gerade umgekehrt ist, d. h. also daß die Wieder- 
geburtsphantasie — deren psychologische Motivierung hier unerörtert bleibe 
— der straflosen Durchsetzung inzestuöser Regungen diente? Müßte damit 
die Jungsche Theorie nicht bedenklich erschüttert werden? 



*) Wandlungen und Symbole der Libido. Jahrbuch für psychoanalytische For- 
schungen, 1912, S. 267. 



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182 Varia. 

Ein solcher Fall liegt aber in dem mitgeteilten Beispiel vor : Die Wieder- 
geburt und „Sublimierung der Infantilpersönlichkeit" kann nicht das Ziel dieser 
Maßregeln sein, denn die Wiedergeburt wird zum Vorwand für eine Lizenz 
der InzesterfüUung. 

Versuchen wir eine psychoanalytische Erklärung, so müßte sie von einem 
psychologischen Postulat ausgehen, das sich uns als der Niederschlag zahl- 
reicher Analysen an Neurotikem gebildet hat, nämlich daß die Wirkung 
unbewußter Vorgänge einen Schluß auf ihre Absicht zulasse. Die phanta- 
sierte Präexistenz der Euahlayimänner entspricht dem prähistorischen Zeitalter 
der Kindheit mit seinen intensiven Inzeblwtinschen. Das frtihere Leben ist das- 
jenige, welches in seinen Triebvorgängen der Verdrängung verfällt. Das Bei- 
spiel bietet eine bemerkenswerte Parallele aus dem Gebiete der Völkerpsycho- 
logie zu dem unbewußten Wissen, das die Neurotiker von den inzestuösen Re- 
gungen der Kinderzeit besitzen. 

Zum Kastrationskomplex. 

P. Albert Schweiger teilt in einer interessanten Artikelreihe „Der Ritus 
der Beschneidung unter den ama Xosa und ama Fingo in der Kafiraria, Süd- 
afrika" folgende Tatsachen mit (Anthropos, Heft 1, 2, 1914) : Wenn ein Bursche 
zur bestimmten Zeit nach der Beschneidung nicht geheilt ist, so versammeln sich 
die Männer und beschließen, daß er öffentlich vor einer großen Anzahl von 
Menschen seine Sünden zu bekennen habe. Will er sich nicht dazu bereit er- 
klären, so wird er so lange und so heftig geschlagen, bis er nachgibt und sich 
über seine Sünden anklagt, gleichgültig ob er sie begangen oder sie nur erdichtet 
hat. Die ama Xosa nehmen allgemein an, daß ein Bursche, der mit einer 
seiner Blutsverwandten geschlechtlichen Verkehr unterhalten habe, bei der 
Beschneidung zur festgesetzten Zeit nicht heilen könne. „Bula!" wird dem 
beschnittenen Burschen zugerufen, d. h. „Bekenne deine Blutschande!", wenn 
er nur langsam heilt. 

Wir haben in der Kastrationsangst (neben anderen Momenten) auch den 
neurotischen Ausdruck der Strafe für die Inzestphantasien infantiler Zeit er- 
kannt. Auch hier wird deutlich, daß die Beschneidung von den Primitiven 
unbewußt als Kastrationssymbol gewertet wurde. 

Zur Vorbildlichkeit des sexuellen Lebens. 

Bei den Kiwaiinsulanern in Britisch-Neuguinea ist es Sitte, daß die Heer- 
führer, bevor sie in den Krieg ziehen, mit ihren Frauen in den benachbarten 
Moguru (Beschneidung)-Wäldern den Koitus vollziehen ; wird der Penis steif, 
so glaubt man an einen sicheren Erfolg; wenn nicht, an einen Mißerfolg. 
Diesem ihrem Glauben geben die Heerführer auch Ausdruck, wenn sie, ins 
Dorf zurückgekehrt, nach dem Erfolg ihres Ausfluges gefragt werden. (Nach 
James Chalmers „Notes on the Bugilai, Britisch New Guinea'* in „The Jour- 
nal of the Anthropological Institute of Great Britaiu and Ireland^. London 
1903, Vol. XXXIII, S. 123.) 

Der Talmud über ein infantil-sexuelles Trauma. 

Die Psychoanalyse hat die infantile Belauschung des elterlichen Sexoal- 
Verkehres als ein traumatisches Moment in der Pathogenese der Neurose er- 
kannt. Im Talmud (Der babylonische Talmud, herausgegeben von Lazarus 



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Varia. 183 

Goldschmidt, Berlin 1901, IL Bd. S. 7, 16) findet sich folgende Stelle: „Die 
Rabbanan lehrten: Wenn jemand die Bettpflicht in einem Bette ausübt, in 
welchem ein Kind schläft, so wird dieses epileptisch." 

Eine völkerpsychologische Parallele zur infantilen Sexualtheorie, 

welche die Konzeption durch Essen entstehen läßt, findet sich im jüdischen 
Volksglauben: „Groß ist der Kummer, wenn sich der Kindersegen nicht recht- 
zeitig einstellt, und die Frau wendet verschiedene Mittel gegen dieses Unglück 
an, so genießt sie z. B. die Reste der ersten Mahlzeit, die einem neuver- 
mählten Paare vorgesetzt worden ist." (Das Kind bei den Juden von Regina 
Liliental, „Materyaly antropologiezno-archeologiczne i etnograficzne" der Aka- 
demie der Wissenschaften in Krakau, VII. Bd., 1904.) 

Gold und Kot 

Die Azteken, bekanntlich erst 1519 von Ferdinand Cortez entdeckt, 
hießen das Gold Teocuitla, zu deutsch „Götterdreck", und heißen es noch 
heute so. Man vergleiche damit manchen deutschen, englischen und französi- 
schen Sprachgebrauch. 



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Korrespondenzblatt der Internationalen 
Psychoanalytischen Vereinigung. 

Ortsgruppe Wien. 

Die Mitgliederliste vom 1. Jänner 1914 (diese Zeitschrift, II. Jahr- 
gang, S. 413) hat folgende Änderungen erfahren: 

Es fallen weg: Dr. Bernhard Dattner, Dr. Max Graf, Oberstabsarzt 
Dr. E. Hollerung, Generaldirektor Leopold Rechnitzer, Dr. Rndolf 
ürbantschitsch. 

Der Wiener Gruppe beigetreten ist Dr. Ludwig Binswanger in Kreuz- 
ungen (Schweiz), Bellevue ; Dr. Kaplan dzt. Wien XVIII. Stemwartestraße 33. 

Sitzungen im I. Semester: 
1914: 

1. am 7. Oktober: Generalversammlung. (Wahl des früheren Ausschusses.) 

Kleine Mitteilungen. 

2. am 21. Oktober: Kasuistik und Referate. 

3. am 4. November: Diskussion über Freud: Einführung des Narzißmus 

(Ref.: Dr. Federn, Dr. Tausk). 

4. am 18. November: Dr. Sachs: Londoner Eindrücke. 

5. am 2. Dezember: Kleinere Mitteilungen. 

6. am 16. Dezember: Dr. Reik: Über Pubertätsriten. 

7. am 30. Dezember: Dr. Tausk: Versuch einer psychoanaljüschen Expo- 

sition der Melancholie. 
1915: 

8. am 13. Jänner: Kasuistik und Referate. 

9. am 3. Februar: Kasuistik und Referate. 

Sitzungen im II. Semester: 

10. am 17. Februar: Kasuistik und Referate. 

11. am 3. März: Professor Freud: Eine Krankengeschichte (wird im 

Druck erscheinen). 

12. am 17. März: Professor Freud: Eine Krankengeschichte (Schluß). 

13. am 31. März: Kleine Mitteilungen. 

14. am 14. April: Dr. Kaplan: Zur Genese der traumatisch wirkenden 

Urphantasien. 

15. am 28. April: Dr. Sachs: Schillers Geisterschar (erscheint im Druck). 

16. am 12. Mai: Kasuistik und Referate. 

17. am 26. Mai: Kleine Mitteilungen. 

Schluß des II. Semesters. 

Die OrtsgruppeBerlin hat nur eine Sitzung, im Februar, abgehalten, 
in welcher der z. Z. im Felde stehende Vorsitzende, Dr. Abraham, über 
die Beziehungen der Zwangsneurose zur prägenitalen Organisation sprach. 
Ausgetreten sind Dr. Stockmayer, Dr. Voigtländer. 

DieO r tsg r upp eB udap est, deren Vorsitzender Dr. Fe renczi, auswärts 
Militärdienst leistet, sowie die Londoner Gruppe haben ihre Sitzungen 
suspendiert; von den anderen Gruppen, besonders den amerikanischen, liegen 
bisher keinerlei Nachrichten vor. 



r^no'^'-^ Original from 

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Bibliographie. 

Fortsetzung und Schluß vom vorigen Heft 2. 

Kronfeld Artur: Das Erleben in einem Fall von katatoner Erregung. Mit Bern. z. 

psychopathol. Mechanismus von Wahnbildungen (Monatsschr. f. Neurol. und 

Psychiatr. Bd. 35, H. 3). 
Krueger H.: Zur Frage nach einer vererbbaren Disposition zu Geisteskrankheiten 

und ihren Gesetzen (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. d. Psych. Bd. 24, H. 2—3, 

23. Apr. 1914). 
Ladame Paul: Inversion sexuelle et pathologie mentale (Acad. de MM. SeÄnce du 

21 Oct. 1913.) 
La morale sexuelle. Revue pedagogique. Paris, April 1914. Nr. 4. 
Lamanna E, : Mito e religione nelle dottrine socio-psycologice (Cultura filos., "VI, 1, 

1912). 
Landsberg J. F.: Die Seele des gesunden Kindes (Die Umschau, 23. Mai 1914). 
Laumonier M. J.: Le Pansexualis mede Freud (Gaz. des Hop. 1914, Nr. 33, S. 533). 
Laumonnier J.: Lestheories de Tinstinct sexuel. Gazette des Höpitaux 1. Aug. 1913. 
LegalDQ Fr. A.: Die Entwicklungsgeschichte des Bewußtseins auf physiol. Grundlage. 

(Leipzig 1914, W. Engehnann, M. 10—). 
Leppmann A.; Sexuelle Fragen und Kriminalität (Mitt. d. intern. Krim. Ver. 21, 

1914, S. 415-439). 
Levin L. : Organic and Psychogenic Delirium (New York Medical J., 21. März 1914). 
Lewin Robert: Traum und Kunst (März. München, 18. April 1914). 
Liebmann Alb.: Die physische Behandlung der Sprachstörungen (Berlin 1914). 
L iß mann: Zur Beh. d. sex. Impotenz (Neurol. Zentralbl. 1914, Nr. 7, 1. April). 

Zur Behandlung der Pollutionen (Med. Klinik 1913, Nr. 22). 

Loeb S.: Die Abderhaldensche Fermentreaktion und ihre Bedeutung f. d. Psychiatrie 

(Monatschr. f. Psych, und Neurol. XXXV, 4, April 1914). 
Löwenfeld L.: Jungfräulichkeit und Sexualität (Sex. Probl, Mai 1914). 
Mac. Dougall William : The Definition of the Sexual Instinct (Proceedings of the Royal 

Society of Medicin, April 1914, London; auch Lancet March., 11, 1914). 
Mandrila: Wechselbez. zw. Prostata und Hypophyse. Melancholie inf. Prostatitas 

(Wr. Med. Woch. 1913, Nr. 45). 
M a r b e K. : Zur Psychologie des Denkens (Fortschritte der Psychologie und ihrer 

Anwendungen, IIL Bd., 1. Heft, Teubner, Leipzig). 
Marchesini G.: Le basi incoscienti del dovere (Rivista di Filosofia, 1914, Nr. II). 
Marett R. R.: Magic or Religion? (The Edinburgh Review, April 1914.) 
Masseion: üne afTaire d*attentats k la pudeur (Ann. medicopsychol. D^c. 1913). 
Mayer 0.: Zur Kasuistik des hysterischen Stotterns (Joum. f. Psychol. u. Neurol. 

Mai 1914, Heft I). 
Meijere de J. C. H.: Zur Vererbung des Geschlechts und der sekundären Geschlechts- 
merkmale (Arch. f. Rassen- u. Gesellsch. Biologie X, 1913, H. 1—2). 



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185 Bibliographie. 

Meisel-Heß Qrete: Von Liebe und Liebesfreaadschaft (Die neae Generation X, ö, 

Mai 1914). 
Miller H. C. : Hypnotism. and Disease (Boston 1913). 
Moerclien Fr.: Tardive Homosexualität bei Tabikem (Zeitschrift f. Sex. Wiss. I, 3, 

Juni 1914). 
Moravczik E.: Onanie als Folge von Zwangsvorstellung (Allg. Zeitschr. t Psych, 

Bd. 71, 1914, H. 1, S. 46). 
Mumnynck M. de: Introduction generale a l'etude psychologique des ph^nomcn 

religieux. (Revue des sciences philosophiques et theologiques 20. Jan vier 1914). 
Münz er Arthur: Pubertas praecox u. psych. Entwicklung (Berl. klin. Woch. ÜI, 

1914, S. 448). 
Natonek H.: Psychoanalyse und Literatar (Die Wage, 11. April 1914). 
Newmark: Hysterical blindness (J. of. Amer. med. Assoc. Jan. 10, 1914). 
Oberholzer: Psych. Schock bei Katatonie (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psychol. 

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