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Full text of "Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse Band II Heft 5"

INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT , / '";? 

FOR ■'... . • 

iRZTLICHE PSYCHOANALYSE 

OFFIZIELLES ORGAN 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHO ANALYTISCHEN VEREINIGUNG 

HERADSQEGEBEN VON 

PROF. DR. SIGM. FREUD 

REDIGIERT VON 

DR. a FERENCZI DR. OTTO RANK 

BUDAPEST WIEN 

PROF. DR. ERNEST JONES 

LONDON 
DNTER STlNDIGER MITWIRKUNG VON: 

DR. KARL ABRAHAM, BERLIN. — Dr. LUDWIQ BlNSWANQER, KreUZLINGEN. — 

Dr. Poul Bjerre, Stockholm. — Dr. a. A. brill, Nrw York. — Dr. Trigant 
Burrow, Baltimore. — Dr. M. D. Eder, London. — Dr. J. van Emden, Haag. — 
Dr. M.Eitinqon, Berlin. — Dr. Paul federn,Wibn.~ Dr.Edu ard hitschmann, 

WlRN. — Dr. H. ▼. HUG-HELLMUTH, WlEN. — Dr. L. JEKELS, WlEN. — Dr. KRIEDR . 

S. Krauss, Wien. — Dr. J.T.Mac Curdy,New York. — Dr. J. Marcinowski, Siel- 
bbck. — Prop. Morichau-Beauchant, Poitiers. — Dr.C R.Payne, Wad hams, N. Y. 
— Dr. Oskar Pfister, ZOrich. — - Prof. James J. Putnam, Boston. — Dr. Theodor 
Reik, Berlin. — Dr. R. Reitler, Wirn. — Dr. Hanns Sachs, Wien. — Dr. J. 
Sadger. Wien. — Dr. A. StArcke, Den Doldbr. — Dr. M. stegmann, Dresden. 
— Dr. Victor Tausk, Wien. — Dr. M. Wulff, Odessa. 

II. JAHRGANG, 1914 
HEFT 5. SEPTEMBER 




1914 

HUGO HELLER & CIE. 

LEIPZIG DND WIEN, I. BADERNMARKT 3 



JAHRUCH 6 HEFTE BEI 40 BOGEN STARK M IS.— = K 21.60 

f^nkOn!^ Original from 

by ^-UU^lt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



ALLE UNBEGELMASSIGKEITEN 1M ERSCHEINEN UND IM UM- 
FANGE DIESER ZEITSCHRIFT, WELCHE DURCH DIE KRIEGSLAGE 
AUFERLEGT SIND, WQLLEN DIE P. T. ABONNEXTEN FREUND- 
LICHST ENTSCHULDIGEN. DAS VERSADMTE WIRD NACH WIE- 
DERKEHR NORMALER ZDSTANDE NACHGEHOLT WERDEN. 



BEIHEFTE 
zur Internationalen Zeitschrift fiir arztliche Psychoanalyse 

herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. Freud. 

Die Beihefte sollen einerseits Themata von allgemeiner Bedeutung bringeD, die 
atif einen weiteren Leserkrois rechnen konnen, anderseits groBere Abbandlangen 
selbstandigen Charakters, die durch Inhalt, Darstellung oder Umfaug den engeren 
Rahmen der „Zeitschrift u ftberscbreiten, sich aber durch Beziehung zur arztlichen 
oder theoretischen Psychoanalyse doch innig genug daran schlieflen. 

Die in zwangloser Folge erscheinenden Beihefte, von dehen jedes for sich 
abgeschlossen ist und selbstandigen Wert hat, werden in ihrer Kontinnitat, insbesondefe 
durch die Mitwirkung hervorragender auslandischer Fachgelehrter, ein Stuck Geschichte 
der psychoanalytischen Bewegung repiasentieren. 

Ala erstos Heft wurde soeben ausgegeben: 

UNBEWUSSTES GEISTESLEBEN 

Vortrag, gehalten zum 339. Jahrestage der Leidener Universitat 
am 9. Februar 1914 

vom 

Rector Magnificus 

G. Jelgersma, 

Professor der Pajchiatrie an der Universitat Leiden. 

Preis M. 1.60. — Fur Abonnenten 4er Zeitschrift M. L— . 

Ala zweites Heft erscheint demnachst: 

ALLGEMEINE GESICHTSPUNKTE ZUR PSYCHO- 
ANALYTISCHEN BEWEGUNG. 

Von 

James J. Putnam, 

Prof, emerit. an der Harvard Medical 8chool, Boston. 



All American and English communications and contributions should be 
sent (typewritten) to Dr. Ernest Jones, 69 Portland Court, London W. 



Alle Manuskripte sind vollkommen druckfertig einzusenden. 

Samtliche Beitr&ge werden mit dem einheitlichen Satz von K 50. — 
pro Druckbogen honoriert. 

Von den n Originalarbeiten a und „Mitteilungen a erhalten die Mitarbeiter 
je 50 Separatabzftge gratis geliefert 

Copyright 1914. Hugo Heller & Cie., Wien, I Bauernm. 3, 

n- v ^ik r^r\r^nli-- Original from 

by ^-UUVLL UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Originalarbeiten. 

I. 
Uber die Umwandlungen des Affektlebens. 1 ) 

Von Dr. M. Weissfeld. 

1. Begriff der Affektivitat. — II. Die Tatsache der Umwandlungen des Affektlebens. — 
III. Cber die Moglichkeit der Affektsumwandlnngen. — IV. Mein Versuch. 

I. 

Es ist lehrreich, das Problem der Umwandlungen, denen das Affekt- 
leben unterworfen ist, an der Hand einer kritisch-vergleichenden Gegenuber- 
stellung der betreffenden Ansichten Freuds und Jungs 2 ) zu behandeln. 
Bevor ich aber an die Erorterung der in Betracht kommenden Fragen 
gehe, mochte ich eine terminologische Frage behandeln. Sehen wir von 
den Lustgef iihlen ab, so bleibt ein grofies Gebiet von emotionellen Er- 
lebnissen ubrig, dessen einzelne Teile durch verschiedene Ausdriicke, 
wie z. B. Affekte, Wille, Unlusterlebnisse, Triebe usw. bezeichnet 
werden. Die Psychologie besitzt kein Wort, das dieses groBe Gebiet 
umfas8en konnte, und man ist daher gezwungen, Ausdriicke, die einzelne 
Teile jenes groBen Gebietes bezeichnen, in erweiternder Weise auf das 
ganze Gebiet anznwenden. Es konnen daher alle inneren Erlebnisse, 
so fern sie nicht mit den Lusterlebnissen zusammenfallen, als Wille, oder 
Affektivitat, oder Triebleben usw. bezeichnet werden. Wenn ich daher 
von Umwandlungen des Willens oder der Affektivitat spreche, so meine 
ich eben jenen weiten Sinn dieser Ausdriicke. 

Man muB den Begriff der Affektivitat von den Begriffen anderer 
Erscheinungen, die mit ihm verwechselt werden konnten und tatsachlich 
verwechselt werden, streng unterscheiden. Oben habe ich die Lustgefiihle 
den affektiven Erlebnissen gegeniibergestellt, indem ich von der Voraus- 
setzung ausging, daB die Strebungen, die Leidenschaften, die Affekte, 
die Gefiihle der Unlust usw. eine Kategorie von Erscheinungen bilden, 
die von den Gefiihlen der Lust verschieden sind. Was mich bewegt, 

*) Vortrag, gehalten in der Sitznng der Berliner Ortsgrnppe der Internationalen 
Psyohoanalytischen Vereinigung am 17. J&nner 1914. 

*) Jang, Versuch einer Darstellang der psychoanalytischen Theorie, , Jahrbuch 
ffir psychoanalytische und psychopathologisohe Forschungen", Bd. V, 1. Halfte. 

27* 



rv r ^ik r^r\r^nli-- Original fronn 

6 y VliH UNIVERSITY OF MICHIGAN 



420 Dr - M - Weissfeld. 

diese beiden Kategorien von emotionellen Erscheinungen von einander 
zu unterscheiden, ist eben der Umstand, dafi den Unlusterlebnissen, den 
Trieben, Strebungen usw. der Charakter des Tendierens nach etwas, 
des Sich-Hinneigens, des Drangens zu etwas eigen ist, wahrend jede 
Lust in sich geschlossen ist und sich selber geniigt. 

Die Affekfdvitat (oder der Wille) ist aber nicht nur von den Lust- 
gefiihlen, sondern auch von den vegetativen Phanomenen, die sich 
im tierischen oder pflanzlichen Korper abspielen, zu unterscheiden. 
Gerade in diesem Punkte begeht Jung einen grofien psychologischen 
Fehler, indem er psychische und vegetative Phanomene mit einander 
vermengt. Wenn Freud von hysterischen Phanomenen, Sexualitat, 
Traumen u. dergl. spricht, so meint er diejenigen Phanomene, die mit 
dem Ausdruck ^psychische Erscheinungen" bezeichnet zu werden pflegen. 
Und zwar sind affektive psychische Erscheinungen dasjenige Gebiet, 
welchem sein Interesse gilt. Anders verfahrt Jung. Wenn er von den 
Wandlungen der „Libido" (oder des Willens) spricht, so meint er zwar 
auch die Wandlungen der seelischen Erscheinungen, allein er begreift 
darunter auch die vegetativen Prozesse. So z. B. spricht er, indem er 
sich auf den phylogenetischen Standpunkt stellt, davon, dafi der Wille 
(oder die Libido) Millionen Eier und Samen aus einem kleinen Geschopfe 
heraus erzeugte. 1 ) Nun aber ist die Erzeugung von Eiern und Samen 
etwas anderes als das Leid, die Triebe, die Affekte usw. Wollen wir uns 
Uberzeugen, dafi die vegetative „ Kraft" wirklich etwas ist, was nicht 
mit den Trieben und Affekten zu identifizieren ist, so mufi man in 
Betracht ziehen, welch grofier Unterschied zwischen dem sexuellen Trieb, 
als einer von uns erlebten Erscheinung, und denjenigen physiologischen 
Erscheinungen, durch welche die Erzeugung von Samenzellen bedingt 
ist, besteht. Die vegetativen Phanomene der Ernahrung, des Wachstums 
und der Erzeugung bilden ein dem psychischen Leben koordiniertes 
Erscheinungsgebiet. Diese zwei Gebiete sind streng von einander zu 
unterscheiden, und die Psychologie hat daher schon langst den Stand- 
punkt der Vermengung dieser beiden Gebiete iiberwunden und verlassen. 

Dafi aber Jung diese Vermengung begeht, ist fur jeden Leser 
seiner letzten Arbeiten klar. So z. B. sagt er: „Wenn wir schon einmal 
zu der kuhnen Annahme gekommen sind, dafi Libido (Wille), die ur- 
spriinglich der Ei- und Samenproduktion diente, nunmehr auch in der 
Funktion des Nestbaues fest organisiert und keiner anderen Verwendung 
mehr fahig auftritt, dann sind wir auch genotigt, jedes Wollen tiber- 
haupt, also auch den Hunger, in diesen Begriff einzubeziehen. Denn wir 
haben dann keinerlei Berechtigung mehr, das Wollen des Nestbauinstinkts 
von dem Essen wollen prinzipiell zu unterscheiden." Wohl haben wir keinen 



J ) Jahrbuch IV, 1, S. 180. 



rv v ^ik r^f^ruTlf Original from 

6 y VliH UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Ober die Umwandlungen des Affektlebens. 421 

Grund, das Wollen des Nestbauinstinktes vom Wollen zum Essen zu 
unterscheiden, aber wir miissen jedes Wollen von der Ei- und Samen- 
produktion und ahnlichen Vorgangen unterscheiden. Sonderbar ist es 
aber, dafi Jung gar keine Grunde angibt, die den Psychologen ver- 
anlassen konnten, diese zwei verschiedenartigen Erscheinungen — Wollen 
und vegetative Prozesse — zu identifizieren. 

Die Verschiedenheit dieser beiden Erscheinungsgebiete laBt sich 
folgendermafien formulieren : Erstens werden die Emotionen iiberhaupt, 
wie die affektiven Phanomene insbesondere, innerlich e r 1 e b t, wahrend 
die vegetativen Vorgange nicht erlebt werden. Es ist hier nicht not- 
wendig, dieses innere Erleben naher zu definieren. Man „erlebt u , man 
„fuhlt u , z. B., Kummer, wahrend die Samenzellenerzeugung als solche 
auBer dem Bereiche unseres Erlebens steht. Sie wird von uns ebenso 
wenig erlebt, wie die Bewegungen der Gestime. 1 ) 

Zweitens, wenn die vegetativen Phanomene unter gewissen Um- 
standen erlebt werden, so sind sie auch dann nicht mit den affektiven 
Phanomenen zu identifizieren. Starkes Herzklopfen wird gespiirt. Dann 
aber ist dieses „Spuren u , als ein gewisses unangenehmes Erlebnis, mit 
einer affektiven Emotion zu identifizieren, nicht aber das Objekt des 
„Spurens a , d. i. das Herzklopfen selber. Das letztere ist in keinem 
Falle eine Emotion zu nennen. Wenn die Samenzellenproduktion „spurbar u , 
d. i. erlebbar ware, so ware man gezwungen, dieses Spiiren oder Er- 
leben zum Gebiete der Affektivitat zu zahlen. Allein auch in diesem 
Falle ware die Produktion von Samenzellen nur der Gegenstand jenes 
affektiven Spiirens, nicht aber dieses affektive Spiiren selber. Das 
affektive Erlebnis ist Iiberhaupt mit seinem Objekte nicht zu identi- 
fizieren. Der Zorn, z. B., fallt nicht mit dem Gegenstande zusammen, der 
den Zorn erregt. 

Mit diesen wenigen Worten wollte ich darauf hinweisen, dafi die 
Affektivitat und die vegetativen Phanomene toto genere verschieden sind. 

II. 

Wenn nun Jung die vegetativen Vorgange und die Affektivitat 
unter einen und denselben Begriff subsumiert, so ware es doch zu 
wtinschen, dafi er die differentia specifica angibt, die die affek- 
tiven und die vegetativen Phanomene charakterisieren. Das tut er aber 
nicht. Wir gehen daher zu einer anderen Frage fiber, — zu der Frage 
namlich, ob sich ein Trans formationsverhaltnis dieser beiden 
Erscheinungsgebiete konstatieren lieBe, ob sich ein affektives inneres 
Erlebnis in ein vegetatives Phanomen (und umgekehrt) verwandeln konne. 



') Unter „Erlebt werden" verstehe ich aber nicht „Bewufltwerden" und mochte 
nberhanpt nicht die Frage aber die Emotionen, als „erlebte" Erscheinungen, dnrch 
die Frage uber das BewuBte and UnbewaBte komplizieren. 



n- r ^ik r^r\r^nli-- Original from 

6 y VliH UNIVERSITY OF MICHIGAN 



422 Dr. M. Weisafeld. 

Das Affektleben ist ein System von ineinander verwandelbaren 
Grofien. Jedem, der nur ein wenig mit der psychoanalytischen Literatur 
vertraut ist, ist diese Ansicht bekannt. Ein verdrangter sexueller Trieb 
verschwindet nicht, — im wortlichen Sinne dieses Ausdrucks, — sondern 
kommt in der Form irgend welcher anderer Erlebnisse zum Vorschein, — 
z. B. in der Form eines Traumes, einer symptomatischen Handlung, 
einer Neurose. Und umgekehrt, Freud lehrte, an gewissen Erscbeinungen 
nur Verwandlungsformen ganz anderer seelischer Erscheinungen zu er- 
kennen. Das seelische Leben stellt sich somit als ein sich ewig verwandeln- 
der Chamaleon dar. Ich will nicht sagen, dafi F r e u d s Psychologic nur 
diesen einen Standpunkt — ich meine die Verwandlungen des Affekt- 
lebens — erhartet. Diese Psychologie ist sehr reich an Motiven, und es 
wiirde sich lohnen, die letzteren systematisch aufzuzahlen und dar- 
zustellen, ihr wechselseitiges Verhaltnis aufzuweisen, sowie ihre konkrete 
Durchfiihrung in Freud s System aufzuzeigen. Die Affektwandlungen 
bilden jedenfalls einen der Grundsteine der Lehre Freud s. Zugleich 
ist dieses Motiv seiner Lehre eine seiner originellsten Leistungen, denn 
vor ihm sprach man nur gelegentlich von einigen Gefuhlsverpflanzungen. 

Ich werde unten noch genauer fiber den Sinn der Affektwandlungen 
(oder Affekttransformationen) sprechen. Hier ist nur so viel zu sagen, 
dafi die Triebe (oder Affekte) nach Freud nicht blofi kausal — im 
Sinne einer Sukzession von zwei selbstandigen Erscheinungen — 
zusammenhangen, sondern auch ineinander verwandelbar sind. 

Demselben Gedanken begegnen wir auch bei Jung und eine seiner 
letzten Arbeiten tragt geradezu den Titel „Wandlungen und Symbole 
der Libido". Freud und Jung stimmen also uberein, dafi das Affekt- 
leben Umwandlungen unterworfen ist. Jung erweitert aber das Gebiet 
dieser Umwandlungen, indem er, wie aus den obigen Zitaten zu ersehen 
ist, auch zwischen den affektiven und vegetativen Phanomenen ein 
Transformationsverhaltnis herstellt. Allein Jung teilt uns seine Grfinde 
hieftir nicht mit und man hat auch keinen sonstigen Anlafi, ihm bei- 
zupflichten. Wohl finden wir ein stetiges Hiniiberfliefien aus einer Form 
der Affektivitat in die andere Form, allein das vegetative Leben steht 
aufierhalb dieses Prozesses der Affektverwandlungen. Es bekommt von 
den Affekten nichts und gibt ihnen nichts. Welche Tatsache konnte 
man denn anfuhren, um die Moglichkeit zu beweisen, dafi die Kraft, die 
sich einst in der Erzeugung von Eiern und Samen aufierte, sich nach 
einem gewissen Zeitraume in Triebe, Affekte u. dergl. verwandelte? 

Wenn die Behauptung, dafi sich vegetative und affektive Phano- 
mene ineinander tranformieren konnen, das uns zugangliche empirische 
Tatsachengebiet fiberschreitet, so wird andererseits die gesicherte Tat- 
sache der Transformationen innerhalb der Affektivitat durch sie so sehr 
umgedeutet, dafi man ernste Grlinde hat, an ihr zu zweifeln. Die Trans- 



Original fro nn 

Vjuuy K. UNIVERSITY OF MICHIGAN 



fiber die Umwandlungen des AfFektlebens. 423 

formationen innerhalb des affektiven Lebens sind nur moglich, weil in 
beiden Transformationsgliedern etwas Gemeinsames enthalten ist. 
So z. B., wenn sich eine sexuelle Regung in einen hysterischen Schmerz 
verwandelt, so haben wir hier das affektive Leben als eine konstante 
Grofie, die sowohl mit der sexuellen Regung als auch mit dem 
Schmerze zusammenfallt, so fern man diese beiden Erlebnisse als 
innere Erlebnisse betrachtet. Allein im ersteren Falle richtet sich die 
Affektivitat auf sexuelle Objekte, wahrend sie sich im zweiten Falle auf 
gewisse organische Zielpunkte richtet. Wir wollen dies durch folgendes 
Schema veranschaulichen : 

Der Wille oder die Affektivitat (X) richtet sich etwa auf gewisse 
Objekte sexueller Art (A). Insofern er dies tut, nennen wir ihn ^sexuelle 
Regung". 

Unter gewissen Umstanden muB sich aber die Affektivitat von 
ihrem ursprtinglichen Objekte (A) losreifien. Sie wirft sich dann auf 
Objekte organischer Art (I?), und diese Verknupfung der Affektivitat mit 
einem organischen Objekte nennen wir Schmerz. Man sieht, dem 
Schmerz und der sexuellen Regung ist etwas Gemeinsames eigen, und 
zwar die Affektivitat (X), die sich nur von einem Objekt (A) auf ein 
anderes (B) verschiebt. Die Affektivitat ist die konstante Grofie. 

Setzen wir aber voraus, dafi sich affektive Erlebnisse auch in vege- 
tative (oder auch umgekehrt) verwandeln. Wo haben wir hier das Ge- 
meinsame zwischen diesen beiden Erscheinungen ? Was ftbernimmt das 
vegetative Phanomen von dem affektiven? Oder — was iibernimmt 
die affektive Erscheinung von der vegetativen? Wir vermissen hier die 
konstante Grofie. 

Freilich wird man behaupten konnen, dafl die Transform ationen 
uberhaupt keine konstante Grofie notwendig voraussetzen. Dann ware 
die Umwandelbarkeit der vegetativen und der affektiven Phanomene in 
einander wohl ermoglicht, aber was bedeutete denn dann der Begriff der 
Umwandelbarkeit? Wir hatten dann mit der vagen Behauptung zu tun, 
dafi eine Erscheinung zu einer anderen Erscheinung „fuhrt u , sie „hervor- 
bringt" usw. Eine gewisse vegetative Erscheinung z. B. ware dann die 
„Ursache u von einer affektiven Erscheinung. Wir hatten hier zwei 
selbstandige Erscheinungen vor uns. Ich will nicht leugnen, dafi in 
unserem Leben auch solche auflerliche Zusammenhange yorkommen. Die 
Einsicht in die letzteren gehort vielmehr zum altesten Besitztum der 
Psychologie und der praktischen Menschenkunde. Allein diese Einsicht 
hat nichts mit den Umwandlungen zu tun, von denen Freud spricht 
und die eine — in den beiden Transformationsgliedern bleibende — 
Grofie voraussetzen, welche nur ihre Richtung auf die Objekte andert 



i^r^nlf* Original from 

Vjuuy K. UNIVERSITY OF MICHIGAN 



424 Dr. M. Weissfeld. 

Vollends ist die aufierlich-kausale Betrachtung abzulehnen, wenn man 
sie auf das ganze Gebiet des affektiven Lebens anwenden will. Dann 
durfte man zweifeln, dafi eine sexuelle Regung zu einem hysterischen 
Scbmerze „fuhre u , wahrend wir jetzt genau wissen, dafi sich eine 
sexuelle Regung in einen Schmerz konvertieren kann. 

Ich will aber absehen von den vegetativen Phanomenen und ihrer 
von Jung behaupteten Transformationsgemeinschaft mit den Affekten 
und* das Problem der Affektivitatsverwandlungen weiter betrachten. 

III. 

Die Wandlungen der Affektivitat — und nur der Affektivitat, nicht 
aber auch der vegetativen Prozesse — gehoren zu den unbezweifelbaren 
psychologischen Tatsachen. Wir stofien aber hier auf das Problem der 
Moglichkeit solcher Affektverwandlungen. Wenn irgend ein ur- 
spriinglicher Trieb, z. B. eine Komponente des Sexualstrebens, sich in 
einen hysterischen Schmerz oder in einen Traum umgewandelt hat, so 
fragt es sich: wie sind denn solche seelische Obergange moglich? Wie 
ist es zu erklaren, dafi ein gewisser Trieb in einer ganz neuen Form 
wieder erscheint? Ich glaube, dafi das Staunen, das man fur den Anfang 
der Philosophie halten wollte, hier am Platz sei. 

Wir begegnen bei Freud keinen Erorterungen, die eine direkte 
Beziehung zu diesem Problem hatten. Hiermit soil aber nicht gesagt 
werden, dafi Freuds Psychologic nichts mit dem Problem der wissen- 
schaftlichen Erklarung des Phanomens der Affektumwandlungen zu 
tun hat. Vielmehr drangt Freud, indem er die mannigfaltigsten Wand- 
lungen der Affektivitat aufweist, indirekt zu jenem Problem hin. In 
Freuds Denken liegt schon die Tendenz, dieses Problem aus der 
Mannigfaltigkeit der speziellen AiFektwandlungen herauszulosen. 

Dieser Tendenz gibt Jung nach. Um die Wandlungen des Affekt- 
lebens oder, wie er sich ausdruckt, die Verschiebung der psychologischen 
Kulissen erklaren zu konnen, fuhrt er den Begriff der „ Libido" oder des 
Willens uberhaupt ein. 

Durch diesen Begriff wird aber das Problem der Affektwandlungen 
nicht nur nicht gelost, sondern sogar verwirrt. Ich will noch weiter gehen 
und sagen, dafi Jungs Lehre vom Willen uberhaupt diejenige Tatsache, 
die sie erklaren soil, und zwar die Wandlungen im Affektleben, un- 
moglich macht. 

Unter „Libido a versteht Jung das Begehren oder das Wollen 
uberhaupt, das sich in den einzelnen Trieben manifestieren soil. Ich 
mochte hier hervorheben, dafi Jung sich auf das Gesetz der Erhaltung 
der Energie beruft, das er auf das Gebiet des Willens anwenden mochte. 
Inwiefern aber liefie sich dieses Gesetz auf das Affektleben anwenden? 
Beriicksichtigt man den Sinn der Jungschen Auseinandersetzungen, 



n- v ^ik r^r\r^nli-- Original fronn 

6 y VliH UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Ober die Umwandltmgen des Affektlebens. 425 

so mufi in die Augen fallen, dafi er den Willen iiberhaupt durch drei 
Merkmale charakterisiert. Erstens ist der Wille etwas Energetisches. 
„Wir schlieBen uns damit", sagt Jun g, ^blofi einer machtigen Zeitstromung 
an, welche die Welt der Erscheinungen energetisch begreifen mochte. 
Der Hinweis darauf, daC alles, was wir apperzipieren, nur als Kraft- 
wirkung verstanden werden kann, moge gentigen." 1 ) Zweitens, bleibt die 
Summe des Willens immer dieselbe. „ Diese etwas kiihne Annahme lehnt 
sich, wie ersichtlich, an das Modell des Gesetzes der Erhaltung der 
Energie an, wonach die Summe der Energie immer dieselbe bleibt." 2 ) 
Diese beiden Behauptungen werden uns hier nicht interessieren, obwohl 
sie wohl verdienten, in irgend einem anderen Zusammenhange kritisch 
beurteilt zu werden. Drittens, der Wille ist eine Einheit, die den ein- 
zelnen Trieben eigen ist, wahrend die letzteren nur Anwendungsmoglich- 
keiten des einheitlichen Willens sind. „Wie die Lehre von der Erhaltung 
der Energie den Kraften den Elementarcharakter nimmt und ihnen den 
Charakter der Manifestationsform einer Energie verleiht", 3 ) so soil auch 
Jungs Auffassung des Willens, als einer einheitlichen Kraft, den ein- 
zelnen Trieben die Elementarbedeutung nehmen. Diese dritte Behauptung 
Jungs interessiert uns hier. 

Es ware falsch, anzunehmen, daB Freud s Psychologie auf der 
Annahme vieler selbstandiger Triebe, deren jeder einen Elementarcharakter 
besitzt, fufit. Gerade dies bildet ja den eigenartigen Zug der Freud- 
schen Psychologie, daB sie von einem ewigen Ineinanderlibergehen der 
verschiedenen Formen der Affektivitat spricht. Allein wer von Wand- 
lungen der Affektivitat spricht und somit den einzelnen Affekten jegliche 
Elementarbedeutung aberkennt, der ist noch nicht gezwungen, Jungs 
Auffassung des Willens, als einer einheitlichen Kraft anzunehmen. 
Inwiefern kann aber der Wille iiberhaupt „einheitlich a genannt werden? 
Und inwiefern sind die einzelnen Triebe als „Anwendungsmoglich- 
keiten" des Willens iiberhaupt anzusprechen ? Wir miissen hier alle 
moglichen Bedeutungen der Jungschen Auffassung verfolgen. 

a) Es ist nicht anzunehmen, daB Jungs „Libido u oder der Wille 
iiberhaupt quantitativ aufzufassen sei. Die Ansicht, daB die ganze 
Welt oder wenigstens die Gesamtheit der wollenden Wesen nur Ein 
gleichartiges Wesen ist, spielte freilich eine gewisse Rolle in der Geschichte 
des philosophischen Denkens. Schwerlich aber lafit sich behaupten, 
daB Jung eben diese Ansicht vertritt. Denn er leugnet ja nicht die 
Existenz von vielen Trieben, die er eben als die „Anwendungs- 
moglichkeiten" des Willens bezeichnet und die im Laufe der Entwicklung 
entstehen sollen. Er anerkennt also in dem Willenleben einen Pluralismus. 



*) Jahrbach V, I, S. 342-343. 
«) Jb. S. 333. 
*) Jb. S. 329. 



n- v ^ik r^f^ruTlf Original from 

6 y VliH UNIVERSITY OF MICHIGAN 



426 Dr- M. Weissfeld. 

b) Oder konnte man seine Worte, daB die einzelnen Triebe nur „phe- 
nomenologischen" Wert haben,im Sinne jener monistischer Ansicht deuten? 
Die Vielheit der einzelnen Triebe gehorte dann nur zur Welt der „Erschei- 
nungen" (im Kantischen Sinne), im Grande aber existierte ein einziger 
Wille iiberhaupt. Die Behauptung, dafl die vielen Triebe nur n pheno- 
menologischen" Wert haben, konnte noch auf eine andere Weise gedeutet 
werden. Man konnte eben meinen, daB unsere Triebe, die sich quali- 
tativ von einander zu unterscheiden scheinen, nur Erscheinungsformen 
jenes Willens iiberhaupt ist, der qualitativ ganz andersartig beschaffen 
ist. Wir brauchen uns aber nicht mit dieser willkiirlichen und frucht- 
losen Ansicht, die den „Schein" dem „Sein u gegeniiberstellt, zu befassen, 
urn so mehr als Jung uns die Griinde nicht mitteilt, die ihn zu ihr 
fiihren. 

c) Wir mussen dann einen anderen Weg betreten. Ist nicht an- 
zunehmen, daB die „Anwendungsmoglichkeiten a des Willens iiberhaupt 
nichts anderes sind, als eben dieser Wille, der nur auf besthnmte Objekte 
gerichtet ist? Der Wille iiberhaupt ware dann objektlos, wahrend die 
einzelnen Triebe auf Objekte gerichtete WillensauBerungen waren. 
Es ist aber nicht zu vergessen, daB Jung einen geschichtlich-genetischen 
Standpunkt einnimmt. Danach miifiten wir annehmen, daB es eine Zeit 
gab, da der Wille noch objektlos war, und daB er sich erst allmahlich 
auf verschiedene Objekte warf und sich auf diese Weise in „Anwendungs- 
moglichkeiten" verwandelt hatte. Allein man kann sich gar keinen 
objektlosen Willen vorstellen. Jeder Wille ist immer auf ein Objekt 
gerichtet, jeder Wille ist also schon eine w Anwendungsmoglichkeit c . 

d) Es bleibt also iibrig anzunehmen, daB der Wille iiberhaupt, nach 
Jung, ein bestimmt gearteter Wille ist, dessen im Laufe der 
Zeiten, — und nicht etwa als blofie „Phanomena a , — entstandenen 
„ An wendungsmoglichkeiten" anders geartete WillensauBerungen 
sind. Die Einheitlichkeit des Willens iiberhaupt soil dann einen qual i- 
t a t i v e n Sinn haben : wie die physikalische Energie immer d i e s e 1 b e 
bleibt, ob sie sich in Bewegung oder in Warme aufiert, so bleibt die 
Qualitat des Willens immer d i e s e 1 b e, ob er sich so oder anders mani- 
festiert. Gerade der Vergleich mit dem Gesetz der Erhaltung der Energie 
veranlaBt uns, zu denken, daB Jung dem Willen irgend eine — sich 
immer gleichbleibende — Qualitat beimifit. Nun aber spricht Jung von 
einer Hungerlibido, einer sexuellen Libido usw. und halt sie somit auch 
fur etwas qualitativ Bestimmtes. Wahrend aber einzelne „Anwendungs- 
moglichkeiten" des Willens verschieden sind, bleibt sich die Qualitat 
des ihnen zu Grande liegenden Willens immer gleich. 

Wir haben uns danach die geschichtliche Entwicklung des Willens 
folgendermafien zu denken. In den Anfangsstadien seiner Entwicklung 
hatte er diese oder jene bestimmte Qualitat. Spater aber verwandelte 



.■\r*fslr> Original from 

v,uu d k UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Ober die Umwandlungen des Affektlebens. 427 

er sich in Hunger, in sexuelles Streben usw., — kurz, in Erscheinungen, 
die eine ganz andere Qualitat haben. Ebenso verwandelt sich die physi- 
kalische Energie in Warme, Elektrizitat usw., unterscheidet sich aber 
qualitativ von diesen speziellen Energiemanifestationen. 

Es fragt sich aber, wie ist denn der Obergang von dem qualitativ 
eigenartigen Willen iiberhaupt zu den qualitativ ebenfalls eigenartigen 
Trieben oder „Anwendungsmoglichkeiten u des Willens zu denken? Wie 
kann eine Qualitat in eine andere Qualitat ubergehen? Wie kann der 
Wille iiberhaupt, dessen Qualitat etwa durch a bezoichnet werden soil, 
sich in das Streben zum Essen oder in den sexuellen Trieb umsetzen, 
dessen Qualitat durch b bezeichnet werden soil? Wohl ist ein kausales 
(im oben angedeuteten Sinne), auBerliches Verhaltnis zwischen zwei ver- 
schiedenen Erscheinungen moglich, indem eine Erscheinung zu einer 
anderen „fiihrt a , sie „hervorbringt a usw., allein zwei verschiedene Er- 
scheinungen konnen sich nicht in einander verwandeln. 

Sofern also ein Obergang von dem Urwillen, als einer qualitativ 
bestimmten Erscheinung, in die „Anwendungsmoglichkeiten a , als ebenfalls 
qualitativ bestimmte Erscheinungen, behauptet wird, wird die unbezweifel- 
bare Tatsache der Affektwandlungen wieder aufgehoben und in Zweifel 
gesetzt. Wie Schopenhauer die Entwicklung des Willens und seine 
jedesmalige Form nur postulieren, nicht aber wissenschaftlich erklaren 
ionnte, so vermag auch Jung nicht, uns zu zeigen, wie der Wille 
iiberhaupt in irgend einen speziellen Trieb ubergehen konnte. Setzen 
wir also voraus, daB am Anfang der phylogenetischen oder ontogene- 
tischen Entwicklung der Wille iiberhaupt stand, so ist die Geschichte 
der Affektivitat abgeschlossen und es folgt diesem Anfangsstadium 
kein Hunger, kein sexueller Trieb usw. Aus den oben auseinander- 
gesetzten Griinden kann die ganze Geschichte nicht ins Rollen kommen. 

Ist aber nicht Freud in denselben Fehler, wie Jung, verfallen? 
Ich glaube, diese Frage verneinen zu diirfen. Denn wenn Freud etwa 
von Sexualitat spricht, so involvieren seine Erorterungen keineswegs 
schon die Behauptung, dafi der sexuelle Trieb, als inneres Erlebnifl, 
bestimmte Qualitaten hat, die ihn eben zu einem sexuellen Trieb 
stempeln. Er konnte auch sagen, dafi nicht der Trieb als solcher, son- 
dern seine Objekte sexueller Natur seien. Ich mochte hier auf folgende 
Stelle in den „Drei Abhandlungen zur Sexual theorie" (2. Aufl., 1910, 
S. 12—13) aufmerksam machen. Dort sagt Freud: „daC wir uns die 
Verkniipfung des Sexualtriebes mit dem Sexualobjekt als eine zu innige 
vorgestellt haben. Die Erfahrung an den fur abnorm gehaltenen Fallen 
lehrt uns, daB hier zwischen Sexualtrieb und Sexualobjekt eine Verlotung 
vorliegt, die wir bei der Gleichformigkeit der normalen Gestaltung, wo 
der Trieb das Objekt mitzubringen scheint, in Gefahr sind zu iibersehen. 
Wir werden so angewiesen, die Verkniipfung zwischen Trieb und Objekt 



,., n L Original from 

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428 Dr. M. Weisafeld. 

in unseren Gedanken zu lockem. u Wenn nun diese Verbindung zwischen 
dem Objekt und dem auf dasselbe gerichtete Trieb zu „lockern a ist, ist 
daraus nicht zu schliefien, dafi der Trieb an sich, d. h. unabhangig von 
seinem sexuellen Objekt, ohne sexuelle und uberhaupt ohne irgend welchfr 
Eigenschaften zu denken ist? Jedenfalls involvieren Freuds Lehren 
uber die Wandlungen des Affektlebens keine prinzipiell-psychologische 
Annahme dariiber, dafi den Trieben, als inneren Erlebnissen, irgend 
welche Eigenschaften zukommen. Anders ist es bei Jung. Er stellt 
die speziellen Triebe dem Willen uberhaupt gegeniiber. Diese Gegen- 
iiberstellung soil darauf hinweisen, dafi der Wille uberhaupt, im Gegen- 
satz zu den verschiedenen Einzeltrieben, „einheitlich a sei, dafi er eine, 
sich immer gleichbleibende, Qualitat habe, wie denn auch die physikalische 
Energie ihre Qualitat in alien ihren Anwendungsmoglichkeiten behalt. — 

Setzen wir aber voraus, dafi es dem Willen uberhaupt gelungen 
ist, sich in irgend einen speziellen Trieb zu transformieren. Ich frage 
nun weiter: wenn die einzelnen Triebe qualitativ bestimmt sind, wie 
konnen sie ineinander ubergehen? Wenn ich nun fruher zweifelte, 
dafi sich der Wille uberhaupt etwa in einen ^Hunger- Willen" verwan- 
deln konnte, so zweifle ich jetzt, dafi sich ein Hungerwille in einen 
sexuellen Willen verwandeln konnte. Denn diese Anwendungsmoglich- 
keiten des Willens sollen ja qualitativ bestimmt sein. Und Jung muC 
sie fur qualitativ bestimmt halten, denn er halt auch den 
Willen uberhaupt fur etwas qualitativ Bestimmtes. Nut 
soil die Qualitat des letzteren „einheitlich" sein, wahrend die Qualitaten 
der einzelnen Triebe verschiedenartig sind. 

Es folgt daraus, dafi Jungs Ansichten die unumstofiliche Tatsache 
der affektiven Obergange, oder der Affektum wandlungen nicht nur nicht 
erklaren kann, sondern sie eigentlich aufhebt. 

Anders ist es bei Freud. Er spricht nicht von einem Willen, der 
immer einheitlich bleibt, d. i. qualitativ derselbe in alien seinen 
Modifikationen ist. Daher zwingt er uns auch nicht, die einzelnen Triebe 
fur qualitativ-bestimmt zu halten. Die Affektwandlungen, von denen 
er im neutralen Sinne spricht, mussen erst erklart werden. Aber sie 
miissen so erklart werden, dafi sie selber nicht verschwinden. 

e) Endlich mochte ich noch auf folgende Formulierung hinweisen. 
Jung sagt, dafi der Wille (oder die Libido), „nicht nur nicht konkret oder 
bekannt sei, sondern geradezu ein X ist, eine reine Hypothese, ein Bild 
oder Rechenpfennig, ebensowenig konkret fafibar wie die Energie der 
physikalischen Darstellungswelt" (342). Ich finde, dafi einige dieser Pra- 
dikate mindestens unklar sind ; die anderen aber zu dem Subjekte selber 
im Widerspruch stehen. Was sollen denn die Worte bedeuten, dafi der 
Wille geradezu ein X ist? Soil dies heifien, dafi man den Willen uber- 
haupt nicht kennt? Was fur Anlafi hat dann aber Jung, zu sagen, es 



rv v ^ik r^f^ruTlf Original from 

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Cfber die Umwandlnngen dee Affektlebens. 429 

gibt doch einen Willen iiberhaupt! Wenn nun Jung weiter sagt, der 
Wille sei blofi ein Bild, ein Rechenpfennig, so darf erwidert werden, dafi 
in diesen Pradikaten eigentlich eine Kritik des Subjektes enthalten ist : 
das Subjekt „ Wille" existiert nicht, und jedes Gerede von ihm ist nur 
ein Bild usw. 

IV. 

Wir haben also Grund, zu bebaupten, dafi Jungs ^Libido" oder 
Wille iiberhaupt die „Verschiebung der psychologiscben Kulissen" nicht 
zu erklaren vermag. Ich glaube aber, dafi diese Erklarung wohl moglich 
ist. Ich will hier nur andeuten, wie ich mir die Moglichkeit dieser Er- 
klarung denke. 

Zunachst liegt kein Grund vor, den Willen iiberhaupt den speziellen 
Anwendungsmoglichkeiten des Willens gegeniiberzustellen. Wohl aber 
mufi der Wille (oder die Affektivitat) als solcher, d. i. als inneres Er- 
lebnis, von seinen Objekten oder Zielpunkten unterschieden werden. 
Der Wille ist fahig, sich von einem Objekt auf ein anderes zu verschieben. 
Die Objekte stellen die verschiebbare Grofie dar, nicht aber der Affekt, 
als inneres Erlebnis, das sich auf jenes Objekt bezieht. Wenn z. B. von 
einer Verwandlung des sexuellen Triebes (oder seiner Komponente) in 
irgend einen anderen Affekt gesprochen wird, so ist zu beriicksichtigen, 
dafi sich hier der Wille nur von einem sexuellen Objekt auf irgend ein 
anderes Objekt verschoben hat. Wenn es nun feststeht, dafi nicht die 
Affekte, als innere Erlebnisse, sondern nur ihre Objekte verschiebbar 
sind, so fragt es sich weiter, wie ist ein Ubergang von einem Objekte 
(^1) zu einem anderen Objekte (B) moglich. 1 ) Hier haben wir das eigent- 
liche Problem der Moglichkeit der Affektverwandlungen. Die Losung 
dieses Problems dreht sich um zwei Punkte. 

Erstens, sind die Affekte (oder Willenserlebnisse usw.), als innere 
Erlebnisse, qualitatslos. Qualitatslosigkeit ist aber mit Objekt- 
losigkeit nicht zu verwechseln. Jeder Affekt, jedes Unlusterlebnis, 
jedes Streben bezieht sich auf irgend ein Objekt, und es ist kein objekt- 
loser Affekt usw. moglich. Allein wenn auch der Zorn eines Menschen 
sich notwendigerweise auf ein gewisses Objekt (z. B. eine Handlung des 
anderen Menschen) bezieht, so hat er doch selber, abgesehen von seinem 
jeweiligen Objekte, keine Eigenschaften. Wohl hat das Objekt des Zor- 
nes, — ? z. B., eine gewisse Handlung des Anderen, — diese oder jene Eigen- 
schaften, die man beschreiben kann. Der Zorn aber selber hat in sich 
nichts „Zornhaftes a . Er ist bios ein D ran gen und nichts mehr. Ein 
anderes Beispiel; der Apfel, den das Kind haben mochte und nach dem 
es die Hande streckt, ist rot, grofi, frisch usw., allein das Wollen des 

J ) Ich lasse hier die Frage offen, ob das Objekt B wirklich ein neues Objekt 
sei oder ob es als ein Reprasentant des Objektes A zn betrachten sei. 



rv v ^ik r^f^ruTlf Original from 

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430 D* M- Weissfeld. 

Kindes, sein inneres Drangen hat gar keine Eigenschaften. Anders aus- 
gedruckt, die Affekte haben immer Objekte, sie haben aber in sich kein 
„Was u . Ein „Was a besitzen nur ihre Objekte. Diese Qualitatslosigkeit 
der Affekte annuliert aber nicht ihr Sein Sie sind etwas, obwohl sie 
kein Wesen haben. Es kommt ihnen keine essentia, wohl aber die 
existentia zu. Eben die Abwesenheit von einem „Was" ermoglicht 
es, dafl der Affekt sich auf ein neues Objekt wirft, denn sonst ware 
es ihm unmoglich, sich mit seinen Qualitaten, die ja an das voran- 
gegangene Objekt angepafit sind, an das neue Objekt anzupassen. 

Zweitens, sind die AfFekte (oder Willensvorgange usw.) durch die 
Natur ihrer jeweiligen Objekte nicht bedingt, und eben darum konnen 
sie sich von ihren alten Objekten losreifien, um sich auf neue Objekte 
zu werfen. Sie werfen sich allerdings nicht auf beliebige neue Ob- 
jekte, sondern nur auf irgendwie mit den alten Objekten in Beziehung 
stehende Objekte. 1 ) Daraus ist aber nicht zu schliefien, daB sie durch 
die Natur dieser „alten a Objekte bedingt sind. Sie sind nur mit den 
letzteren sozusagen eng verlotet. Man darf aber nicht sagen, dafi 
von zwei verloteten Gegenstanden einer den anderen bedingt und hervor- 
bringt. 

tfbrigens lassen sich hier diese Ansichten nur andeutungsweise 
darlegen. 2 ) Ich wollte nur zeigen, dafi die Moglichkeit der Affekt- 
wandlungen durch diese Prinzipien geniigend erklart wird. Ich meine 
also folgende Prinzipien : erstens richten sich alle affektiven Erlebnisse 
auf Objekte oder Zielpunkte ; zweitens sind die affektiven Erscheinungen 
qualitatslos, sofern man von ihren Objekten absieht und sie blofl als 
innere Erlebnisse betrachtet; drittens sind sie von der Natur ihrer Ob- 
jekte unabhiingig. Diese Prinzipien reichen aus, um die Wandluugen 
des affektiven Lebens verstandlich zu machen. Jungs Ansichten aber 
entsprechen den wissenschaftlichen Anforderungen nicht, — allerdings 
nicht darum, weil ihnen jene richtigere Ansichten entgegengesetzt werden 
diirfen, sondern weil sie an einer inneren Unzulanglichkeit leiden. 

*) Die Wanderungen oder Wandlungen der Affektivitat geschehen somit inner- 
halb eines beschr&nkten Ereises. 

2 ) Siehe meinen Aufsatz „Freuds Psychologie als eine Transformationstheorie. 
Beitrag zu einer Willenstheorie" im „Jahrbuch for psychoanalytische und psycho- 
pathologische Forschungen", Bd. V, 2. H&lfte. Man vergleiche auch mein Bach 
n Strebungen und Gefahle", das unl&ngst in russischer Sprache erschienen ist. 
(,Stremlenia i tschuwstwa. Psichologitscheskoe issledowanie", Petersburg, Verlag 
„Obraiowanie a ). 



n- r ^ik r^f^ruTlf Original fronn 

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n. 
Rechts und links in der Wahnidee. 

Von A. Starcke, den Dolder (Holland). 

Ein Paranoiker klagt in der 88 8ten Stunde fiber Kribbeln im Ohre, 
das jedesmal ohne bestimmte Veranlassung auftritt. Weiter aufiert er 
eich folgendermafien daruber: 

„Bisweilen, wenn man sitzt und etwas liest, das nichts damit aus- 
zustehen hat 

Oder wenn was gesagt wird, eine Anspielung, um es noch deut- 
licher zu machen, um mich aufmerksamer zu machen, dafi es eine An- 
spielung ist. 

Dafi dort auch die Wahl zwischen rechts und links einigermafien 
durchgefuhrt ist. 

Wenn du das eine nicht gestehen willst, wird man dich in Ver- 
dacht des anderen bringen. 

Wenn das Kribbeln im rechten Ohr auftritt, dann will das sagen: 
Gib mal acht, gestehe mal, dafi du das Madchen geschandet hast!" (Er 
meint, von der ganzenWelt verfolgt zu werden, um ihn zum Gestandnis 
einer — in Wirklichkeit nicht vollzogenen — Notzucht an einem 
bestimmten Madchen zu zwingen.) 

„Und wenn das Kribbeln am linken Ohr auftritt, das ist dann 
alles was wir hier besprochen haben : der Sadismus, dafi ich meine Frau 
nicht koitiert habe, Homosexualitat und all diese Dinge. 

Dann wirst du davon in Verdacht kommen. a 

Zur Erklarung findet er aufier dem Hinweise, dafi man die Kinder 
lehrt, die rechte Hand an erster Stelle zu benutzen, dafi ein Madchen 
fragen, auch heifit: um ihre Hand fragen, und dafi man bei der Heirat 
einander die rechte Hand geben soil, und den Trauring an der Rechten, 
den Verlobungsring links tragt, nur eine tatsachliche Erinnerung. 

In der Turnstunde hatte er Schwierigkeit, im Gedachtnis zu 
behalten, ob er mit dem rechten oder mit dem linken Bein 
die Obung beginnen sollte. Darauf hatte die Mutter erfunden, 
ihn in der rechten Hosentasche sein Taschentuch tragen zu lassen, das 
ihm dann als mnemotechnisches Hilfsmittel diente. — Schon damals ist 



rv v ^ik r^r\r^nli-- Original fronn 

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432 A - Stftrcke. 

er ein Zweifler zwischen rechts und links, zwischen Aktivitat und Pas- 
sivitat, zwischen Mann und Weib gewesen. 

Man soil erwarten, daB eine dergleiche isolierte, scheinbar unwich- 
tige Erinnerung eine Deckerinnerung darstellt, hinter welcher sich andere, 
affektvollere, verbergen, deren Art vielleicht aus dem Folgenden erraten 
werden konnte. 

Einige Tage spater traumte er folgenden Traum: 

Wir hatten „Theorie a gehabt in der Kaserne, ich 
glaube vom Leutnant P. Dieser befahl, die Banke wegzu- 
stellen. Im Begriff, dabei zu helfen, fiihlte ich plotzlich, 
nicht weiter zu konnen und rief: „Jetzt schlaftmein rechtcs 
Bein auch! a Der Leutnant sagte: „Gehen Sie nur nach 
Hause". Darauf wandte er sich zu den anderen Mann- 
schaften, sagend: „Die Parole isthierfortwah rend Jesus." 
Dann mir nachkommend, schlug er mich auf die Schulter 
(bei der ersten Wiedergabe: Riicken.) Unter den Mannschaften 
hatte ich ein paar erkannt. Beim Aufstehen von den 
Banken wenigstens sagte ich: Das sind die Bruder von 
Rote n. 

Nachtrag: Im Traume sa6 ich auf solchen langen 
Banken, mir gegenuber sah ich ein paar Mannschaften. 

Um den vielen Bedeutungen von „rechts" und „links" gerecht zu 
werden, bin ich genotigt, auf diesen Traum etwas ausfuhrlicher einzu- 
gehen. Wir sehen sie dann in einen einzigen Knoten auslaufen. 

In diesem Traume klingfc zuerst eine oberflachliche Schicht an, die 
sich auf die Analyse bezieht. Die langen Banke stehen darin fur den 
langen Stuhl, worauf der Kranke sitzt; die Kaserne ist die Stelle, wo 
er zum erstenmale theoretischen Unterricht in der Sexualitat aus den 
Erzahlungen seiner Zimmergenossen schopfte, auch ich gebe ihm jetzt 
Unterricht darin, zu seinem Bedauern aber nur theoretisch. In den wei- 
teren Assoziationen liegt noch mehr Hohn : die Liederlichkeit in 
der Kaserne ist das Hauptthema. Der Leutnant bin ich, in noch 
mehreren Punkten stimme ich mit diesem auch mir bekannten Offizier 
uberein. 

In dieser Obertragungsperson l ) liegt nun, wie meist, ein Haupt- 
knotenpunkt, der zu tieferen Schichten fiihrt. „Gehen Sie nur nach 
Hause u sagte der Leutnant im Traume, damit seinen sehnlichen Wunsch 
erfullend, aus der Analyse fortlaufen zu diirfen. Zugleich bezieht es sich 
auf den Umstand, daB ich ihn zur Befriedigung seiner Sexualitat auf 

2 ) DaB der „ Leutnant" eine phallische Obertragungsperson darstellt, druckt er 
sehr schSn aus in der Assoziationsserie : Leutnant, Lieutenant, Stadthalter, Stamm- 
halter. 



rv v ^ik r^r\r^nli-- Original from 

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Bechts and links in dw Wahnidee. 433 

seine Gattin gewiesen, und ihm geraten hatte, die seelische Masturbation 
einzustellen, sobald ihm das ohne innere Not moglich ware. 1 ) 

Friiher im Traume befahl der Leutnant : die Banke wegzustellen. 
Diese Banke seien lange Banke gewesen, ohne Lehne, wie man sie nur 
in Schulen und in Turnsalen sieht ; diese waren wie jene in der Kaserne 
unangestrichen und besonders lang. Dann fallen ihm andere Banke 
ein, Gartenbanke, die weifien englischen Banke, wie man sie jetzt 
viel sieht. 

Ich sehe mich veranlafit, den Kranken an einen friiheren Traum zu 
erinnern, wo von einer Treppe ohne Gelander die Rede war. „Gelander u 
und „Lehne a sind in der hollandischen Ubersetzung gleichlautend. Jene 
Traumtreppe befand sich in der namlichen Schule, die dem Kranken 
zum Bild der langen Banke einfiel; in diesem friiheren Traum bezog sich 
das „ohne Gelander" auf den beim Partner schmerzlich vermiBten Penis. 

Zu „Gartenbanke u ist in Erinnerung zu bringen, dafi „Garten u ein 
vom Kranken, ebenso wie im Altertum, oft benutztes Symbol fiir das 
weibliche Organ ist; die Bedeutung des „Englisch" dabei ubergehe ich, 
da sie mich auf Abwege fiihren wiirde. 

Die Banke sollten fortgestellt werden, sagt der Kranke, damit das 
Zimmer oder der Saal wieder zum gewohnlichen Zustande zuriickkehre ; 
zu „Saal a fallt ihm „Sattel" ein, man reitet darauf. Man konnte an ein 
Turnlokal denken, sagt er, nach der Vorstellung sollen die Banke 
fortgeraumt werden. 

Dann bringt er eine Ausbreitung des Traumtextes: 

„Ich mufite mithelfen die Bank fortzutra gen, dann 
war plotzlich mein rechtes Bein gefiihll o s, oder es ging 
schlafen, ich strauchelte, und konnte nic ht weiter mehr," 

Zu dieser Stelle fallt ihm zuerst ein, daC die Idee von rechts und 
links zum Ausdruck gekommen. Rechts schlagt immer auf das Nor- 
male, normaler Geschlechtstrieb, normaler Koitus. Das rechte Bein 
bedeute vielleicht den Penis. 

Da ich weiB, daB er, nachdem er eine Zeit vollig potent gewesen, in 
der letzten Zeit ein paarmal Impotenz produziert hat, getraue ich mir, 
ihn zu fragen, ob das auch vielleicht bei seinem letzten Versuch der Fall 
gewesen. Nach einer Weile bejaht er diese Frage, in der Tat, das letzte 
Mai ging es wieder nicht. Was p die Banke fortstellen" bedeutet, will er 
noch nicht wissen; am Ende sagt er, „die Banke" bedeuten den Penis. 
Das Glied muB fortgestellt werden, damit das „Zimmer u oder der „Saal" 
wieder gewohnlich werde. 

l ) Solche suggestive Ratschl&ge nfttzen den Patienten kaum, die Analyse mufi 
sich damit begntlgen, die n innere Not" zu beheben ; gelingt ihr das, so wird der Pa- 
tient die seelische Masturbation und die Homosexuals tat, insofern sie ihm lastig sind 
von selbst einstellen. (Anm. d. R.) 

Zeitschr. f. Irtti. Ptjchoanalyae. II. 28 



rv r ^ik r^r\r^nli-- Original fronn 

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434 A. St&rcke. 

Zu der vom Leutnant gegebenen Parole „ Jesus" meint er, das 
bedeute Spott. Er wird als unbrauchbar fortgeschickt, weil er Jesus im 
Munde fiihrt, 1 ) nicht in den Taten befolgt. Solange einer seine Sunde 
nicht eingestehen will, kann man an seinen religiosen Ernst nicht glauben. 
Siinde verdient Strafe, diese sei ausgedriickt in dem Schlagen auf die 
Schulter. Ich machte ihn dann aufmerksam auf die Obereinstimmung des 
Strauchelns mit der Bank im Traume mit einer Episode des Kreuzganges, 
wozu auch die Parole „ Jesus" gut stimmt. Der Unterschied ist, dafi Jesus 
mit dem Kreuz sich wieder erhebt. der Traumer mit der Bank nicht; 
wenn er also sagte, „Jesus u bedeute hier Spott, dann gelte dieser Spott 
wohl auch diesem Kontraste. (Dafi in der Identifizierung mit Jesus schon 
der Keim des zukiinftigen Grofienwahnes liegt, sei nur angedeutet; das 
darauf beziigliche Stuck der Analyse, das den Narzismus, und somit das 
vielleicht interessanteste Problem der Paranoiafrage betrifft, mufi hier 
fortgelassen werden, um nicht allzu weitlaufig zu werden.) 

Mit der Bedeutung der „ Banke" als Membrum ist aber immer noch 
nicht aufgeklart, warum der Traum den Leutnant, d. h. mich, befehlen 
lafit, die Banke fortzustellen. An diese Bemerkung kniipft der Kranke 
weitere Assoziationen. Die Bank ist etwas, das im Wege steht, das fort- 
geraumt werden mufi, das ware also die Krankheit. Der Leutnant befahl, 
die Banke fortzustellen, bedeute dann : der Doktor wunscht, dafi ich mehr 
Eifer zeige, dafi ich besser mitarbeiten solle usw. Mit dieser Deutung 
bin ich noch nicht ganz zufrieden und verlange weitere Aussprache. 

Dann kommt er nach einer Pause auf die empfangnisverhutenden 
Mittel (Pessarium occlusivum und Spermathanaton) zu sprechen, die ich 
ihm angeraten. Er empfindet die dadurch notwendigen Vorbereitungen 
als unangenehm; zwar verursachen sie seine Impotenz nicht, aber sie 
tragen vielleicht dazu bei. Sie seien ein Hindernis. 

Da hatten wir die Bank, die aus dem Wege geschafft werden soil, 
damit das Zimmer wieder normal werde. Jetzt war noch die spezielle 
Betonung der Lehnlosigkeit der Erklarung bediirftig. 

Dazu bemerkt der Kranke, die Banke im Traume seien besonders 
niedrig gewesen, besonders einfach, ungestrichen, und haben parallel an- 
einander gestanden. Auf meine Bemerkung, dafi am Ende des Traumes 
doch etwas Farbe darauf war: die Brtider von Roten, nickt er, und 
fahrt fort, er denke jetzt an die Fo Iter bank, dann an rot als die 
Farbe der Sozialdemokraten, dann an die Fakultatsfarben. . . . Endlich, 
nach einer langen Pause, sagt er zogernd : Man konne an das Gesafi 
denken. 

Damit stimmen auch die Assoziationen aus dem fruheren Traum 
der gelanderlosen Treppe ; die Bank ist auch dasjenige, worauf man 



l ) Anspielung auf Fellatio. 



i^r^nlf* Original from 

Vjuuy K. UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Rechts und links in der Wahnidee. 435 

sitzt. Die besondere Art seiner masturbatorischen Phantasien, die Fla- 
gellationsszenen enthalten, hat auch viel mit diesem Kapitel zu tun ; die 
Autoritatsperson, die ihn davor gewarnt hat, erscheint auch wieder im 
Traum : der Leutnant befahl, dafi die Banke fortgestellt werden sollten. 
Im Traume gehorcht er, dann geht es aber nicht, er kann sie nicht ent- 
behren. 

Zu „mir nachkommend" (hollandisch „achteropkomend", buchstab- 
lich iibersetzt: „hinten aufkommend") sagt der Kranke sofort : r ja, das 
kann dann den abnormalen Koitus bedeuten, den analen Koitus." Zu 
dieser Auffassung konnte noch der Umstand beitragen, dafi im ersten 
Traumtext „Riicken u steht, im zweiten „Schulter", also eine fortschrei- 
tende Verschiebung nach oben; die latente Bedeutung wird noch weiter 
unten zu suchen sein. 

Die allgemeine Bedeutung dieses Traumes (wenn wir den sado-ma- 
sochistischen Faktor bei Seite lassen — „Englisch", „von Roten") war 
nach dem Vorstehenden etwa: Das Weib befriedigt mich nicht, ich will 
mich lieber auf andere Weise befriedigen lassen. Noch allgemeiner: Ich 
gebe der hinteren erogenen Zone iiber die vordere den Vorzug. 

Entnehmen wir dieser Traumdeutung nur den Hinweis, daB „rech- 
tes Bein" sicher „Glied u bedeutet, wozu ich dem Kranken noch auf den, 
vom Jus primae noctis stammenden Brauch weisen konnte, daB der Guts- 
herr das Recht hatte, einen FuB in das Bett der Neuvermahlten zu 
legen, dann kann die isolierte Kindheitserinnerung aus der Turnstunde 
auch anders iibersetzt werden. Auch die „ Banke" hatten iibrigens etwas 
mit der Turnstunde zu tun. 

Als ich diese Erwagungen dem Kranken vorlegte, fing er nach 
einigem Nachdenken zu erzahlen an : „Als ich eben auf die Volksschule 
kam, weifi ich wohl, wufite ich nicht gut, es gab dort solch ein Pissoir, und 
ich wuBte nicht gut, was das war, und wie ich damit sollte, und so 
habe ich mich schon darauf gesetzt, so ein Porzellanbecken. Dann habe 
ich es zu Hause erzahlt, und sie haben gelacht, und sagten mir, dafi es 
schon auch andere Vorrichtungen geben wiirde, fur diese Sachen. — Es 
steht in Zusammenhang mit dem Anus und dem Penis ; ich habe es fur 
das anale Bediirfnis benutzt, es war aber fur den Penis bestimmt. — 
Man wiirde sagen konnen, daB ich damals noch nicht wuBte, daB ich 
ein Knablein war, mich noch nicht als Kniiblein zu benehmen wuBte. a 

Ob er in dieser Richtung sich nochmehr erinnere, fragteich. ^Ja", 
sagte er, „einmal war ich mit dem Onkel auf Spaziergang, da muBte 
ich urinieren, der Onkel nahm mich mit, aber konnte mir nicht helfen, 
denn meine Hosen offneten auf die Seite und nicht vorne. — Da rechts 
das Mannliche ist, wird links die Hinterseite bedeuten, den Anus. 

DaB es fur mich nicht so scharf getrennt war, das Urinieren und 
das Auswerfen der Fakalien . . . kannte Pissoirs noch nicht . . . ja> 

28* 



rv v ^ik r^f^ruTlf Original from 

6 y VliH UNIVERSITY OF MICHIGAN 



436 A- St&rcke. 

das ist doch nicht richtig, das wufite ich doch wohl . . . kleines Geschaft, 
grofies Geschaft." 

Dieselbe Bedeutung von rechts und links kommt auch in anderen 
Traumen des Kranken vor. So z. B. : „Es war in einem Korridor der 
Anstalt, und da stand Herr B. Und der sagte: soil ich eine Strecke mit- 
gehen, dann ging die andere Person fort, um eine Schwester zu rufen 
urn die Tiir zu offnen. Aber indem Schwester „Love a rechts um V. hin- 
ging, lief B. die andere Seite herum wieder herein". 

Schwester „Love" = die Schwesterliebe, der Schwesterinzest. Herr 
B. steht fur den Kranken selbst (phallisch); „die andere Seite", sagt er 
selbst, ist wieder die Seite der Homosexualitat. 

Der Schwesterinzest bedeutet die Rettung aus der Anstalt, die 
Homosexualitat wird ihn aber krank halten. Damit ist dieser Traum 
sicher nicht erschopfend gedeutet ; es sind aber die iibrigen Bedeutungen 
in der Analyse nicht aufgeklart worden. — 

Bei der allgemeinen Betrachtung der vom Kranken gegebenen sym- 
bolischen Deutung von rechts und links mufi es zuerst auffallen, dall in 
dem zuletzt erwahnten Traume der Komplex des Schwesterinzestes mit 
der rechten Seite in Verbindung gedacht wird. Doch wir sind gewohnt, 
im Traume die Andeutung „links" oft als die Zugehorigkeit des be- 
treffenden Traumdetails zum Inzestkomplex zu finden. Jener Traum 
scheint von der Stekelschen Regel abzuweichen. Auch die An- 
spielungen der Verdachtigung des Hauptwahnes werden durch Kribbeln 
im rechten Ohre unterstrichen, und dieser Wahn wird ebenfalls leicht 
als Schwesterinzestgedanke entlarvt. 

Nun ist aber einmal der Unterschied ein relativer: links deutet 
auf das am tiefsten Verdrangte, rechts auf besser bewuBtseinsfahiges 
Material. 

Dann hat man sich wohl zu merken, dafi die psychoanalytische 
Auffassung, die Wahnvorstellung, einer Notzucht an einem Madchen 
verdachtigt zu werden (das sich als zum Gedankenkomplex der Geschwister 
gehorig erweist) sei eigentlich ein Schwesterinzestwunsch, eine Unge- 
nauigkeit enthalt. Sie e n t h a 1 1 diesen Wunsch, aber mit etwas Anderem 
verwoben, das eben die BewuCtseinsfahigkeit bedingt. Eisenrost ist kein 
Eisen, sondern enthalt Eisen. 

Drittens mufi zwischen Mutter- und Schwesterinzest unterschieden 
werden. Der Obergang von der Mutter zu der Schwester steht bei un- 
serem Kranken in einem gewissen Zusammenhang mit dem Obergang 
von der hinteren zur vorderen erogenen Zone. 1 ) Beide Entwicklungs- 
gange sind in gleichem Mafie bei ihm gestort. Vielleicht hat der Umstand, 
dafi beim Umgang mit der Mutter als Schofikind faktisch die hintere 



% ) Auch im Sprachgebrauche : Anns heifit auch altes Weib. 



n- r ^ik r^f^ruTlf Original fronn 

6 y VliH UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Bechts and links in der Wahnidee. 43 f 

Zone des Kindes aktiv ist, etwas damit zu tun ; in diesem Zusammenhang 
ware noch zu erwahnen, dafi die Entwertung der Mutter-Imago, die zu 
der Schwestertibertragung den Anlafi lieferte, sicher bei diesem Kranken 
mit Defakationsbildern der Mutter im Zusammenhang stand. Es ward 
dadurch die Mutter-Imago gewissermaBen gespalten. Die zartliche 
Mutterliebe glitt auf die Schwester ab; am Bilde der tierischen Mutter 
blieb die tiefste, von der Reinlichkeitsschranke verdrangte Portion 
seiner Sexualitat fixiert, welche zum guten Teile analerotischer Her- 
kunft war. 

Die Homosexuality im UnbewuBten dieses Kranken ware dann 
komplizierter Natur ; einmal entsprache sie Reaktionsneubildungen von der 
verdrangten, an die Mutter fixierten Analerotik ausgehend, auf dem Wege 
der „Ruckkehr des Verdrangten" nahm dann aber die Reaktionsbildung 
schliefilich Ahnlichkeit mit dem Verdrangten an. 

Wahrend beim Normalen im Streite der konkurrierenden weiblichen 
(Mutter-) und mannlichen (Vater-) Imagines die abgespaltenen Faktoren 
der primitiven Erotik sich unter EinfluB der nach der Latenzperiode neuen, 
die Onanieschranke durchbrechenden Belebung der Genitalzonen wieder 
zur Mutter-Imago ordnen und dieser den Sieg gewahren, haben sie sich bei 
unserem Kranken der Vater-Imago zugesellt, sind damit aber nicht gut 
verschmolzen, und fiihren zu zeitweilig verschiedenen KompromiB-Ima- 
gines. Beim Zerplatzen dieser Mischideale fiihren sie dann wieder ein 
selbstandiges Dasein als zur sozialen Verwendung ungeeignete Fremd- 
korper der Seele. 

Jedenfalls war, zu unserem eigentlichen Thema zuriickkehrend, die 
Wahl zwischen r e c h t s und links, woriiber der Kranke redet, urspriing- 
lich wohl eine Wahl zwischen vorne und h in ten. 

Zur weiteren Determinierung dieses Abgleitens der Symbole konnen 
vielleicht die folgenden Umstande beigetragen haben. 

Der Kranke hat nur in seine n ersten Lebensjahren allein geschlafen; 
spater, bis tief ins erwachsene Alter hinein, hater das Bett miteinem seiner 
Geschwister teilen miissen, und zwar von zirka fiinf Jahre an mit seiner 
um zwei Jahre alteren Schwester, spater mit seinem jimgeren Bruder. 
Da er dieses Zusammenschlafen unangenehm fand, kehrte er dem Bruder 
immer den Riicken zu, schlief immer auf der rechten Seite. So konnte 
wohl ein assoziativer Zusammenhang zwischen linker Extremitat und 
Hinterseite entstanden respektive aufgefrischt sein. 

Die Ubiquitat der rechts- und links - Symbolik l ) zwingt uns aber, 
diesem individuellen Umstande keine allzugroBe Bedeutung beizulegen. 
Vielmehr wird die groBere Aktivitat von rechts und vorne das ver- 
mittelnde Zwischenglied darstellen. 

*) So erz&hlte mein Schneider mir, wenn ein Kunde links B tr&ge a bringe das 
ihn bei ihnen m den Verdacht der Inversion. 



i^r^nlf* Original from 

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438 A. St&rcke. 

Der Grund zur Veroffentlichung dieses Analysenfragmentes lag mir 
vornehmlich darin, dafi der Kranke ganz aus eigenem Antriebe alle sym- 
bolischen Bedeutungen fur rechts und links aussagte, die bei der Traum- 
analyse erst nach miihsamer Arbeit herausgebracht werden. Eine neue 
Bestatigung davon, dafi Wahn und Traum mit derselben Symbolik arbeiten, 
die beim Wahne bewufit werden kann, weil der Mechanismus der Pro- 
jektion sie von ihrer, die Sexualtiberschatzung der eigenen Person ver- 
letzenden Wirkung beraubt: er denkt ja nicht so, man macht ihn so 
denken. Weil die aufdringenden Krafte aus dem UnbewuBten als „Ver- 
folger" in die Aufienwelt hineinprojiziert werden, ist gegen die Bewufit- 
werdung ihrer Art nicht mehr ein so groCer Widerstand erforderlich. 
Ich bin nicht weit davon entfernt zu meinen, dafi so gerade der Narzifl- 
mus der Grund ist fur den bei der Paranoia zu solch enormer Bedeu- 
tung gelangenden Mechanismus der Projektion. 

Unser Kranke ist auch mit den Arbeiten uber rechts- und links- 
Symbolik unbekannt ; er hat von Freud nichts gelesen als die Psycho- 
pathologie des Alltagslebens, in welcher von rechts und links nur an 
einer Stelle die Rede ist, wo namlich der Gegensatz: Doktor der Rechte, 
Doktor der Linke beilaufig zur Sprache kommt. 1 ) 



*) DaB diese Stelle sich dem Kranken wohl eingepr&gt hat, geht fibrigens 
aus dem folgenden Traum hervor, den er etwas spater hatte: 

Ich war in einem grofien Zimmer, es glich einem Schulzimmer. Wenigstens 
gab es eine Tafel, worauf, glaube ich, ein Teil der Erdkugel. Ober einen Stock bei 
dieser Tafel hangte ich meine Hosen, die schmutzig waren. Dann kam Herr E. und 
sagte mit heftigen Gebarden etwas von einem „T6pfchen w , nnd daB ich, wenn ich 
auch Doktor der Rechte ware, trotzdem einen „ Christ uskneifer" bekommen 
wiirde. Ich sah jetzt, daB auf den Schulbanken einige Madchen safien. Eines davon 
sagte: „ Davon kannman wohl sterben a , wahrend ich ein anderes als Frl. P. erkannte, 
aberihr Antlitz war vergroBert, und zur Karrikatur geworden. Angstlich lief ichhin 
und her. 

Dann sah ich die Hand meines Vaters (Ring mit grunem Steine). Ich liefdurch 
allerlei Sale, vielleicht einer Krankenanstalt, vielleicht einer Kaserne, unter den Man- 
nern die sich zu Bett begaben, meinte ich anfanglich Dr. B. spater meinen Schwieger- 
bruder zu erkennen. Ein anderer sagte: „Ja, ich habe unten auch schon an alle Turen 
klopfen gehort u . Ich ward uber eine Kluft geschoben und horte sagen: „ Jetzt noch 
unten uber die Stiege, an den Baumen entlang. Wahrend des Hinuntergehens (holl. 
„afgaan u = sowohl „Hinuntergehen u als „Stuhlgang u ) ward ich aufgehoben und 
schwebte in der Luft, mitunter Kopf hinunter. Noch h6rte ich sagen: „Das dachtest 
Du nicht, wie? u 

Wahrend des Schwebens hatte er Orgasmus und Pollution. 

Die komplette Deutung dieses Traumes wurde die Mitteilung so ziemlich der 
ganzen Lebensgeschichte des Kranken erfordern. Fur unser Thema ist von Interesse, 
daB der ganze Traum von Anal- und Pygeal-Erotik strotzt. Die anfangliche Beschrei- 
bung der Szenerie geht auf das Untersuchungszimmer ; ein dort hangendes firanzd- 
sisches Bild, „Le masque de la science", ist die Tafel, darauf steht ein gelehrter Esel 
bei einer Erdkugel. Ich habe Grund fur die Vermutung, daB er mich damit beschimpft. 
Unter diesem Bilde steht der Analysenstuhl, wo der Kranke seine schmutzige Wasche 



i^r^nlf* Original fronn 

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Rechts nnd links in der Wahnidee. 439 

Die vom Kranken vertretene symbolische Deutung findet sich dort 
mcht. 

Wohl hat er einmal friiher einen Traum erzahlt, worin von rechts 
und links die Rede war. Der Traum lautete wie folgt: 

Da traumte ich, daB ich in U. aus dem Zuge trat, und 
dachte, ich mu6 eigentlich in V. sein, aber dachte gleich, 

zu trocknen h&ngt, d. i. seine Gestandnisse macht Die Schulbanke, worauf die Mad- 
chen sitzen, kennen wir schon, auch das vergrdflerte und zur Karrikatur gewordene 
Antlitz des Frl. P. ist wieder das GesaB. Auch die „ Gestandnisse" haben wieder mannig- 
fache symbolische Bedeutungen. „Gestehen tt bedeutet die sexuelle Tat, aber auch die 
verschiedenen analen Funktionen. Wenn der Kranke z. B. eine Tur offnen sieht, 
dann, sagt er, will man damit auf die geoffnete W-C-Tur anspielen, und das enth&lt 
wieder eine Einladung zum Defakations-Akt, d. h. man ladet ihn ein, zu „gestehen tf , 
man verfolgt ihn also. 

Wir wurden sagen, wenn der Kranke uns sagt, „man a lade ihn einzu „geste- 
hen", drucke er eigentlich damit aus, daB die unbewuBte Libido ihn zu verschiedenen 
Handlungen, die er sich aus anderen Griinden verbietet, oder einschrankt, treibt, und 
daher aile assoziativen Verbindungen dieser Wunsche, auch die oberflachlichen, mit 
besonderem Affekt belegt. Wir konstatieren dann denselben symbolischen Zusammen- 
hang, aber deuten ihn in der umgekehrten Richtung. Wir konnen diese Erscheinung 
die Reziprozitat der Symbole nennen, und erinnern uns, daB diese Reziprozitat 
der Primarzustand sei, und erst durch Einffihrung der Zensur der Polaritat der Sym- 
bole Platz macht. — Die Erdkugel auf der Tafel ist ihm auch Vorwand zu pygeal- 
erotischen Betrachtungen, um so mehr, als die Fassung sie zu einer Hemisphere macht, 
die andere ist fast unsichtbar. 

Im Zentrum des Traumes steht der sonderbare Gegensatz zwischen „ Doktor 
der Rechte u sein, und „doch einen Christuskneifer bekommen". 

„ Christuskneifer" ist eine komplizierte Verdichtung; erstens ist „Christus" der 
Phallos, und der Christuskneifer eigentlich also ein Masturbant, mit spezieller Beriick- 
sichtigung seiner individuellen Masturbation sart. Weiter denkt sich dabei der Kranke ein 
schmerzhaftes Klysma, um den Alvus herauszubefordern. „Christus" ist in dieser Be- 
ziehung das Entstehende, das Neugeborene. Der Gegensatz lost sich, indem „Doktor 
der Rechte" auf den normalen Umgang mit der Gattin hindeutet, wahrend „ Christus- 
kneifer - zur Onanie, zu der Anal-Erotik, und zum Sadomasochismus Beziehungen hat, 
kurz, zu alien Abnormitaten, die der Kranke zur 1 i n k e n Seite in Beziehung bringt 
Es sollte eigentlich der Traum besagen, daB er eigentlich ein Christuskneifer sei. 
Der Wortlaut ist aber: einen Christuskneifer bekommen. Das ist nun wieder eine 
Anspielung auf eine schmerzhafte Balanitis in der Jugend, die der Kranke wohl als Strafe 
fur und Folge von der Masturbation aufgefaBt hat. Als Knabe hat er sich wahrend 
eines ganzes Jahres gefurchtet, man konne von der Masturbation ein Kind bekommen ; 
er hatte dadurch oft Leibschmerzen, und sah sich in angstlicher Erwartung seinen 
Bauch an. In dieser Beziehung heiBt Doktor der Rechte sein und doch einen Christus- 
kneifer bekommen: ein Mann sein, und doch ein Kind bekommen. Christus ist das 
Kindlein. Das ,Kneifen tf ist aber auch die Analyse und der Kneifer bin ich; der 
Traum enth&lt so eine Klage, dafi er jetzt auf normale Weise mit seiner Gattin um- 
geht, und doch die Analyse fortsetzen mufl ; im Freud schen Beispiel heiBt: Dok- 
tor der Linke" ja Doktor der Medizin. 

Zu obiger Analyse bemerke ich noch, daB diese Deutungen nicht etwa von mir 
ausgebrutet, sondern der Hauptsache nach vom Kranken gegeben sind, und durch 
massenhaftes Material gestutzt werden, das hier, diskretionshalber fortgelassen werden muB. 



i^r^nlf* Original from 

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440 A. St&rcke. 

nun, ich kann hier auch wohl meine Einkaufe (hollandisch 
gleichlautend mit Geschafte) machen. Dann ging ich zum 
Ausgang — es war dort wie in A. die Galerie, dafi man 
rechtshin und linkshin kann, und dann nahm ich den 
rechten Ausgang, denn links, da stand ein Knablein, ein 
Diens tjunge. 

Zu „rechts" und „links" stockten die Einfalle; die Antwort kam 
einige Zeit spater in Form der beschriebenen Wahnidee. 



rv v ^ik f^r\r*nl^ Original from 

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III. 
Spontanheilung einer Katatonie. 

Yon Dr. Karl Landauer, Wien. 

I. Vorbemerkungen. 

Heilungen von schweren Katatonien sind Seltenheiten. 1 ) Stets treten 
sie ohne Mitwirkung des Arztes auf und haufig ganz plotzlich. Eines 
Tages ist der Kranke, der bisher wie tot dalag, beweglich, nimmt an 
den Vorgangen der Aufienwelt sichtlich mit Verstandnis teil und die 
Symptome sind — bis auf mehr oder weniger groBe Riickstande — wie 
weggeblasen. Meist drangen dann die Geheilten und noch mehr deren 
Angehorige auf Entlassung aus der Anstalt und der Arzt bekommt sie 
fast nur bei einem eventuellen Riickfalle zu Gesicht. 

Der Mechanismus der Genesung und von ihm zuruckschauend der 
gesamten Erkrankung kommt daher kaum je zur Beobachtung. Mir vvenig- 
stens ist keine einzige, derartige Arbeit bekannt geworden. Man wird 
es daher entschuldigen, wenn ich an die Publikation der Katamnese 
Marie N.'s gehe. Trotz ihrer Unvollstandigkeit. Denn einmal bin ich mir 
dariiber klar, dafi ich iiber die somatischen Vorgange nichts weiB. Ich 
kann nur berichten, dafi die Analysantin derzeit 23 Jahre alt, mittelgroC 
und von gesunden inneren Organen ist. 

Ihre Muskeln weisen bei der passiven Bewegung eine leichte Rigi- 
ditat auf; bei aktiver wird keine Erschwerung empfunden, wohl weil 
der Zustand seit vielen Jahren, zumindestens seit sechs (soweit liegt 
namlich die schwere Psychose zuruck) besteht. Besonders hervorstechend 
ist dieses katatonische Symptom in dem hubschen Gesicht, das hiedurch 
eine gewisse Starre erhalt. Es erinnert, wenn ich einen Vergleich wagen 
soil, an die Kopfe eines Meunier, die mit breitem Messer aus der Bronze 
herausge8chnitten scheinen. 

Die Pupillen sind gleich groB, kreisrund, reagieren auf Licht und 
Akkomodation ausgiebig, jedoch etwas verlangsamt. 

Ferenczi 2 ) hat in einer Arbeit mehrere Falle von katatonischer 
Starre angegeben und sie als psychisch bedingt bew r iesen. Ich glaube nun 

>) Nach Kraeplin 13%. 

8 ) Zeitschrift fflr arztliche Psychoanalyse, Janner 1914. 



,., n L Original from 

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442 Dr. Karl Landauer. 

zwar auch bei dem zu beschreibenden Falle an eine psychische Bedingung 
der Form des katatonischen Zustandes. Ein primares, korperliches Ent- 
gegenkommen aber glaube ich nach dem heutigen Befunde trotz B 1 e u 1 e r *) 
annehmen zu miissen. 

Dem Psychoanalytiker dagegen diirfte die Mitteilung einiges zu 
bieten haben, wenngleich sie sich nicht auf eine Analyse stutzen kann. 
Wenigstens nicht auf eine Analyse im strengen Sinne. Das, was ich er- 
fuhr, habe ich nur in vielstundigen Gesprachen erhalten. Es handelt 
sich also fast ausschlieUlich um BewuBtes. Giinstige Umstande, die im 
Laufe der Arbeit deutlich hervortreten werden, ermbglichen trotzdem 
eine reiche Ausbeute und schranken das, was wir aus unserem Wissen 
analoger Erkrankungen zum vollen Verstandnis hinzufugen miissen, er- 
heblich ein. 

SchlieClich ist noch zu sagen, dafi der Weg, den unsere Patientin 
aus ihrer Krankheit fand, nicht der einzig mogliche war. Er ist — ich 
hebe dies ausdriicklich hervor — einer von vielen. Aber wir konnten 
hier wenigstens erkennen, wie so ein Weg aussehen kann und wie ihn 
die Genesende ging. 

Und diese Erkenntnis, unserem geringen bisherigen Wissen gegen- 
ubergestellt, ist die Entschuldigung fur die Publikation. 

II. Genese der Eatatonie und ihrer Heilung. 

Marie war bis voriges Jahr Schauspielerin an einem Theater ihrer 
Muttersprache. Da sie sich aber durch die engbegrenzten Moglichkeiten 
ihrer Nationalist 2 ) gehemmt fiihlte, ging sie zum Kino iiber, wozu sie 
ihrer scharfgeschnittenen Gesichtszuge wegen besonders geeignet erschien. 

Sie lebt derzeit in der Familie einer Tante, welche drei kleine 
Kinder zu Hause hat. 

Mariens dritte Mutter ist in der Heimat zuruckgeblieben. Sie steht 
in kaum einer Beziehung zu ihr, aufier daB sie das kleine Vermogen 
verwaltet. Konflikte ergeben sich mit dieser wenig alteren Person der- 
zeit nicht, da Marie stets mit dem zur Verfugung stehenden Gelde 
auskam. 

Mariens Mutter starb bei der Geburt. Der um ein Jahr altere 
Bruder wurde damals zu den GroBeltern gegeben. Sie hat ihn seither 
kaum gesehen und nur einmal griff er unliebsam in ihre Geschicke ein, 
als die Tilgung seiner Schulden die Vermogenslage ihres Vaters ver- 
schlechtern half. Damals wanderte er aus und sie hort kaum mehr von 
ihm. Ein Jahr nach dem Tode der ersten Frau heiratete ihr Vater zum 



*) ^Dementia praecox oder Gruppe der Schizzophrenien". Deuticke 1911. (Ab- 
achnitt: Theorie d. kataton. Sympt.) 

*) Es handelt sich um eine der grofien Nationalitaten Osterreich-Ungarns, die 
aufierhalb der Doppelmonarohie keine Stammesgenoaaen hat. 



n- r ^ik r^r\r^nli-- Original fronn 

6 y VliH UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Spontanheihmg einer Katatonie. 443 

zweitenmal. Diese Ehe dauerte bis zu Mariens 15. Jahre. Nach wiederum 
einem Jahr heiratete ihr Vater zum drittenmal eine bedeutend jungere 
Frau, die sehr schon und kokett war. Hier begann das Elend der Fa- 
milie : Der damals schon tief in den Funfzigern stehende Mann, in der 
steten Angst, seine Frau an jungere, potentere Konkurrenten zu ver- 
lieren, hoffte sie durch pekuniare Macbtmittel an sich zu fesseln, sie, die 
einmal rucksicbtelos geaufiert haben soil, sie habe ihren Mann nur des 
Reichtums wegen geheiratet. In der Folge spielte er an der Borse, ver- 
lor sein Vermogen und muflte nun noch erfahren, dafi ihn seine Frau 
-betriige. Das war zuviel! Eines Nachts um 11 Uhr machte er seinem 
Leben durch einen SchuB in die linke Schlafe ein Ende. 

Durch den Knall aufgeschreckt, stiirzte die Siebzehnjahrige herbei, 
ergriff die Pistole und verletzte sich durch einen Schufi an derselben Stelle. 
Die zu Hilfe eilenden Leute fanden sie lachend, und mit starrem Gesichts- 
ausdrucke im Zimmer herumspringend, immer vor sich hinsingend : „Tot 
ist er! Tot ist er! 11 Uhr!" Sie wurde in ein Sanatorium gebrachtund 
verblieb dort acht Wochen, stets in demselben Zustande: Kein Wort 
sprechend, starr im Bette liegend, vor sich hingrinsend und ab und zu 
summend: „Tot ist er! Tot ist er! 11 Uhr!" — Mit einem Schlage war 
der Zustand behoben und Marie kehrte, von da ab gesund, ins Leben zuriick. 

Gezwungen, sich einen Beruf zu erwahlen, ging sie mit 18 Jahren 
in die nahe GroBstadt zum Theater. Sie lebte sehr zurtickgezogen und 
hatte keine Verehrer. Als sie in den Sommerferien kurz vor Vollendung 
ihres 19. Jahres nach Hause kam, suchte sie auch ^ihren vaterlichen 
Freund", den mit ihrem Vater fast gleichaltrigen Hausarzt, einen Juden, 
auf. Charakteristisch fur ihr Verhaltnis zu diesem Manne war, dafi sie 
zu ihm „Sie u sagte, wahrend er sie duzte. Trotz der Gegenwart ihrer 
Mutter setzte sie sich ihm „wie friiher" auf den SchoB und hatte eine 
Riesenfreude, als sie merkte, dafi er hiedurch sexuell gereizt wurde. 
Andern Tages kam sie, obwohl nicht ermuntert durch ihn, erneut auf 
sein Zimmer. Diesmal allein. Wieder setzte sie sich ihm auf den SchoB 
und, obgleich gewarnt von ihm, reizte sie ihn durch Streicheln, Kitzeln, 
usw. Es kam zum Verkehr. Seitdem ist sie stets mit ihm auf gutem 
FuBe, sieht ihn jedesmal, wenn sie die Heimat aufsucht; zum Verkehre 
<iagegen kam es nur noch wenigemal im Anschlusse an den ersten. Bei 
6pateren Besuchen zu Hause niemehr. 

Sie gibt ohne weiteres zu, dafi sie ohne besondere Neigung zu eben 
•diesem Manne sich ihm hingegeben habe. Sie sei schon lange schrecklich 
neugierig auf den Verkehr gewesen, habe sich nur aus Vernunft bis 
dahin so zuriickhaltend benommen, da sie wufite : Wenn sie erst einmal 
angefangen, wurde sie es toll treiben. 

Bis dahin hatte sie sich auf eine allerdings exzessive Onanie 
beschrankt. 



n- v ^ik r^f^ruTlf Original from 

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444 D*» &**! kandatter. 

In der neuen Saisoh anderte sie ihr sexuelles Verhalten: Sie hatte- 
nunmehr stets einen Freund, immer nur Juden, hatte ab und zunoch 
nebenher oder zwischendurch ein „Pantscherl". Vor einem ausgespro- 
chenen Dirnenleben bewahrte sie bisher wohl weniger ihr Verstand, ata 
ibr Glflck, das allerdings seine tiefere psychologische Begrtindung in 
ihr hat. 

Damals gewann sie auch eine Freundin, eine Kollegin. Trotz wieder- 
holter Aufmunterang von dieser, wie von anderer Seite kam es jedoch nifr 
zum homosexuellen Verkehr. Die Freundin starb an den Folgen eines 
kriminellen Abortus. An ihre Stelle trat die urn zwei Jahre jtlngere 
Schwester Margarete. 

Margarete bildete sich am Eonservatorium fftr Harfe aus. Sie ist 
eine zierliche, wenn auch nicht sonderlich htibsche, sehr kindlich aus- 
sehende Person. Ihr Freund Bubi, mit dem sie durch drei Jahre ein 
Verhaltnis hatte, zog sich, als dieses Folgen zeigte, in ziemlich uhge- 
schickter Weise zuriick. Margarete begab sich nach Wien, wo ein Arzt 
wegen Schwangerschaftsnephritis den Abort einleitete. Schon vor her 
hatte Margarete alles getan, um die Schwangerschaft zu einem vorzei- 
tigen Ende zu bringen: Sie hatte sich gar nicht in Acht genommen: 
trank, tanzte, was Marie furchtbar erregte und sogar einen Bruch zwi- 
schenbeiden Freundinnen herbeiftthrte. „Ich kann gar nicht begreifen, dafl 
man sich kein Kind wiinscht. Ich wiirde alles tun, um eines zu bekom- 
men und bin jedesmal traurig, wenn die Periode eintritt. „Einmal 
machte Marie mir sogar den Vorschlag, wenn ich schon nicht mit ihr 
verkehren wolle, ihr wenigstens ein Kind auf Dtfderleinsche Weise zu 
verschaffen." 1 ) 

Wenn es auch weder mit ihren Freundinnen, noch sonst je zu 
homosexuellem Verkehre kam, fehlen doch nicht homosexuelle Handlun- 
gen. Sie legt ein deutliches Interesse an den Tag fur Entblofiungen bei 
Frauen, 2 ) geht gerne ins Vari6te, wo sie sehr begierig ist, ob bei Tanz 
oder akrobatischer Auffuhrung von Frauen „etwas zu sehen a ist. Ein- 
mal berichtet sie mir ganz erregt, sie habe am Vortage bei einer die 
Schamhaare gesehen; desgleichen sitzt sie, wenn es regnet, stundenlang 
am Fenster eines Cafes und sieht auf die Beine der voriibergehenden 
Frauen. Auch hat sie es wiederholt so eingerichtet, da6 sie bei ihrer 
Freundin, oder umgekehrt, ubernachtete und dann in einem Bette mit ihr 
schlief, wobei sie sich immer viel herumwarf. 

Ihre wichtigste homosexuelle Betatigung aber ist folgende : Sie setzt sich 
in ein mondaines Caf6. Lafit sich am Nebentische eine Frau nach ihrem 



*) An die Abtreibung kntipft eine An2ahl von Tr&omen an, die ebenaowenig 
wie die ubrigen Tr&ume betr&chtliche Anfechlttsse brachten. — Seither f&hrt Marga- 
rete ein dirnenhaftea Leben. 

*) Man beachte den starken Schautrieb. 



rv v ^ik f^r\r*nl^ Original from 

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Spontaubetfung eine* Katatonie. 



44& 



<jeschmacke nieder, so fixiert sie sie so lange, bis diese aufmerksam 
wird und spielt mit ihrer Zunge sichtbar zwischen ihren Lippen. Merkt 
sie, dafi die Frau reagiert, so wird sie stets sehr stark sexuell erregt: 
^Ich mufi es mir dann immer so einrichten, daB ich dann gleicb zu 
-einem Mann kommen kann; ich bin dann immer ganz verruckt." (Man 
beachte hier die Geschicklichkeit, mit der die homosexuelle Erregung 
-stets in heterosexuelle Geleise gelenkt werden kann.) 

Hier fiigen sich zwanglos die anderen Vorbereitungsspiele des Ver- 
kehres ein: Eines haben wir schon bei der Szene mit dem Hausarzt 
kennen gelernt. Sie sucht den Mann aufs hochste zu reizen, schiebt 
den Akt moglichst lange hinaus und wehrt immer und immer wieder 
-den Mann ab. Je erregter der Mann ist, desto grofiere Freude hat sie. 
Nicht etwa wegen der zu erwartenden hoheren Potenz; nein, rein die 
Erregung des Mannes zu beobachten und ihn durch das Hinausziehen 
zu qualen, schafft ihr Lust. Bei den Vorbereitungszeremonien spielen 
«inige eine grofie Rolle, die dem Psychoanalytiker als Symbole mann- 
licher Sexualbetatigung wohl bekannt sind : z. B. ins Ohr oder in die 
Nase zu blasen, aktive Zungenkusse u. dgl. 

Eine grofie Rolle spielen die sexuellen Phantasien, nicht nur als 
Vorlust, sondern auch als Hauptlust. 1st nach einer der oben beschrie- 
benen Kaffeehausszenen kein Freund zur Hand oder hat sie zu Hause einer 
pikanten Lektiire gefront, so greift sie zur Onanie. Sie legt sich dann 
meist so ins Bett, dafi sie den Vorgang im Spiegel beobachten kann und 
onaniert mit der rechten Hand, auf der linken Seite liegend. Auch beim 
Verkehre spielt die linke Seite und der Spiegel eine wichtige Rolle; sie 
hevorzugt diese Lage gegentiber der normalen sowohl wie der oben, zumal 
wenn sie den Verkehr im Spiegel beobachten kann. 

Wie man sieht, ist der Schautrieb aufs aufierste entwickelt. Dies 
geht so weit, dafi sie noch heute manchmal dem Zwange nicht wider- 
stehen kann, nachts aufzustehen und am Schlafzimmer von Onkel und 
Tante zu lauschen — wie sie mit Bedauern berichtet, bisher vergebens. 

Ohneweiters gibt sie zu, dafi sie schon als Kind mit grofier erregter 
Neugier gehorcht habe, was zwischen ihren Eltern vorging. Das elter- 
liche Schlafzimmer hat sie zwar niemals geteilt, dafiir aber bei geoff- 
neter Ttir im angrenzenden Zimmer geschlafen. Aufgefordert entwirft sie 
folgende zu erwartende Skizze. 



Bett d. 



Vaters 



Mutter 



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Marieos | Bett 
j Spiegel 



der Eltern 

Schlafzimmer 
Mariens 



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UNIVERSITY OF MICHIGAN 



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Y-a-xsc rx >gr.^ Mgga . Saiac -r- ssoaiL-jig afrer «srhftmt znnachst, 
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iarm i»fiimfrcs>p^rH ~*~jiitr^Luit* -tr^iaxn. vixr»>i wir doen sons* gewohnt 

jjl aH«vr SurLt* tt: -boh r*aiDS3niiir iter dies VeriuLhnis von 
JLj^tf rr u in Pjcz^ t*hil Sviiua men wwrrgra lEnatHi der ersten 
V infr-jiL.rinir i^ilt^ si.i ±-jh* ifear :£uri* icsizit* tTSgtragrmg. Ich war 
i^rx -t.n star ^r^t^itn-T^ f :_viiE^ "-jr-annrs* xi ic<& r**i iofierst gun- 
^r^* 3»*n inrin^ a n jut Z^a ^dusi -rmf ii*a irx^ Ites Joden wird 
zn J.^siflinitf'X.i.inir xxt :~xl S. k> — lct ">^r ttttj .Vto- mccn ansfahriich ra 
j^^xii:^! *»il r?t 3*-^r ir-inir :e^ Ajrr??s u?r ir — xx»£ wohl inch uns — 
a.TW^irHr^ ; itm :~x lztzi Jf*n^ ^~lDsrxOiHr FrvHrxc* erklirt. 

7*^4 5:nr*i>^ 7**r**-.r-r iar r^r Zz^Lijhi xnji t:c iH-e-ai das Yer- 
▼^ a i*i£ -a^-i i:^ia^t-a x>t-^a^^ii -rint* zrrfc Iiht«iziT«e Befriedignng ; 
^ :a^ . x'Srs- :.*«^i 7 . .'i~> ar-x xx: xr^-^f: Tih-q iea Error? xn gen des 
a>>u ^> lkl^- rxr Jr^ix^. j"i xa j^iaucxD??^ ^:»^lt enLnal, wie sie 
3iv i \ ij^j : ;-> :r:>.: ^-is rur.x 2^: ^x ;ec rnsc ax S*si ifcc&en Tisch- 

>..! : tiiii'^a i*?t-r raii^; s.^. hi s** 3Ka Ix^rasse ffkm^t hatte v 
xiv ::v ..t»>t icvr "« : ^>c^ :^ -in X rur ^:a mr i^if iifts» W«^e erlangen 

>c^ :^ i : -,^-* i "v r t s^a l:^ -rt-LOi^atfr r^b^inui. iu5 ice Kinder 
;vi y t • x>^v £>*c :l^m i^ ^it? 2**ii^3**n« ia^issea xxd sehen dies 
.w^ ^t.'rt; v irc> -t s*tL>.ii^^tc xnu luts.'cXi^c^^:a»a , r^ci^rxu aji. Es wird 
i.:> v^f i.v.:^ »xr>n. ^* r a Aart? 3a iunHU iiut a* reaih. is^ An Er- 
s.^.:.;.:c.i rt*-s >5iO'--nik3Jvai5^^s^at*a ijnm^x^sw So scinr>»Iirc sie in 
:*:u»v-i«^^a a ?^;^>-*i>5«rt?x. , ^r:e*?L ^u 5\nv;iil iai iknT^n wie den 
•♦iis^i' >4 ".-I Kvcn-axi^a virra imt *^jiKiL i«tDj L i. sen ihjg Gene- 

t: v ^-^i ^-K \ a livur >t*vvii^ ^Vinr iatn*r»niii^ s?t sue nur Zu- 
>^ !.,,.vo--.i lt -^ : . xxx ^i^-iswnwn. im Air^rKEL ^orweder Terschie- 

' r KkHh ss i^s ww I ^oair: xn LtHhua^biMi Xaoeas erkannt, 
;.«i ^v -r rt-.n "-.rs-ir :u^ jr^itu} 77jrmB^dui:k^ En Lkht aaf 

. t^** i^;s-vii\;xjj ^u^s^uv ^xrrr x iirwmiy irnin^ranff : In inxem fonfien 
>^> Ntva^-.t .,ot^.wi^ a.*L>t? ^b >iux in juuin 3t*dnrr^CMe inxes Vaters 



r\r^nl^ Original from 

6 y VliH UNIVERSITY OF 4 ^ 




Spontanheilang einer Katatonie. 447 

zu konnen. Da im Nebenzimmer alles still war, habe sie hineingelugt 
und das Bett ihres Vaters leer gesehen. Ihre Mutter 1 ) dagegen sei im 
Bette bei einem Spiegel aufgesessen und habe sich gepudert, sodann ihr 
Genitale gewaschen, sich kokett zurechtgelegt und habe sich dann schlafend 
gestellt. Hierauf sei ihr Vater, nur mit Hemd und Unterhose bekleidet, 
ins Zimmer gekommen, und habe die Mutter durch Kiisse geweckt. Sie 
hatten dann miteinander verkehrt. Marie selbst aber sei wiitend fort- 
gelaufen und sei an diesem Tage nicht zu bewegen gewesen, den Vater 
zu begluckwiinschen. 

Ich kann nicht umhin, hier die Vollstandigkeit der Analyse — soweit 
uberhaupt diese Beobachtung den Namen Analyse verdient — anzu- 
zweifeln. 

Marie hat mir wiederholt erzahlt, dafi eine, diesem Vorgange sehr 
ahnliche Szene in einem obszonen Buche „Die Memoiren einer Tanzerin" 
vorkommt. Ich konnte nun leider nicht in den Besitz dieses Buches 
gelangen, trotzdem Marie mir wiederholt versprach, es mir zu bringen, 
und die Angaben, sowie die Ahnlichkeiten mit anderen Vorgangen nicht 
uberprtifen. Dagegen verdanke ich der Liebenswiirdigkeit Dr. Nepal- 
leks die Kenntnis eines Buches „Aus den Memoiren einer San- 
ger in" (2Teile, Boston, Renigald Chesterfield), das ganz auffallige Ahn- 
lichkeiten mit den Erzahlungen Mariens zeigt. Die Szene am Geburtstag- 
morgen findet sich I. Teil, pag. 16 bis 35, mit den wichtigsten Details 
(Verhalten der Mutter, Spiegel usw.) wieder, jedoch ist sie hier ins 14. 
Lebensjahr des Madchens verlegt. Auch fehlt die von Marie erzahlte 
Reaktion auf das Kind. Von sonstigen Analogien mOchte ich noch her- 
vorheben: die Onanie vor dem Spiegel (I. Teil, pag. 139) und auf Seite 
132 des I. Teiles den Satz: „Alle (sc. Frauen) genieflen .... aus Freude 
an der Wollust des Mamies". Wir haben also Grund anzunehmen, dafi 
tatsachlich manches aus Mariens Berichten jenem Buche nachgebildet ist. 
Wir vermogen jedoch die grofie Wirkung, die diese Szene auf Marie 
gemacht hat, nicht anders zu erklaren, als durch die Annahme, dafi tat- 
sachlich ein ahnliches Geschehnis im Leben Mariens sich ereignet hat 
und verdrangt wurde, fur die jene Szene im Buche die willkommene 
Deckerinnerung abgab. Wir begegnen hier dem fur Marie so charakteri- 
stischen Identifikationsmechanismus. Eben die Leichtigkeit, mit der er 
gehandhabt wird, ermoglicht hier Dinge, die anderwarts stark verdrangt 
sind, ins BewuDtsein zuruckzubringen. Und dort konnen sie sichhalten, 
da immer eine (wohl unbewufite) 2 ) Erkenntnis vorhanden ist, dafi das 



*) Unter Matter ist hier, wie im folgenden, wenn nichts aasdracklich erw&hnt 
wird, stets die zweite Fran ihres Vaters zu verstehen, die sie auch tatsachlich bis 
zu ihrem 14. Jahre far ihre richtige Matter gehalten hat. 

*) Man bedenke, die Symptomhandlungen der Titel&nderong and des wieder- 
holten Vergessens des Baches. 



n- r ^ik r^r\r^nli-- Original from 

6 y VliH UNIVERSITY OF MICHIGAN 



448 Dr. Karl Landauer. 

Geschehnis nicht wahr sei. Wir konnen jedoch bier, wo es nicht auf 
therapeutische Zwecke ankam, ruhig wie mit einer, aus dem Unbewuflten 
geholten Erinnerung arbeiten. 

Ich habe im Vorhergehenden die Betonung gelegt auf gegenwartige 
Identifikation mit der M u t ter. Dies war aber nicht immer der Fall. Vielmehr 
ging dem jetzigen Zustande eine Epoche fast volliger Gleichsetzung Maries 
mit dem Vater voraus, namlich die Zeit der Psychose. Wir haben den 
Vorgang, der sie in die schwere Erkrankung stiirzte, bereits kurz ange- 
geben. Es war der Selbstmord des Vaters. Damals war es, als sie sich 
an derselben Stelle, mit derselben Pistole verletzte, mit der ihr Vater 
den todlichen Schufi auf sich abgegeben hatte. 

Aus der psychiatrischen Krankengeschichte des Sanatoriums, l ) in 
dem Marie untergebracht war, ist naturlich von all dem nichts zu lesen. 
Hier findet sich nur, dafi Marie wahrend der ganzen acht Wochen in 
unveranderter Lage im Bette gelegen sei : Den Korper ganz steif, den 
Kopf in jener bekannten, rechtwinkligen katatonischen Abhebung von der 
Unterlage. Es bestand wachserne Beweglichheit. Auf Fragen wurde nicht 
reagiert, iiberhaupt sprach sie nicht, sang nur manchmal lachend vor sich 
hin: „Tot ist er! Tot ist er! 11 Uhr". Ober den Wundverlauf finden 
sich mehrfach Notizen, die beweisen, dafi er vollig normal war und ohne 
Fieber einherging. 

Auch nach ihrer plotzlichen Genesung konnten die Arzte nichts 
iiber die inneren Vorgange jener Zeit erfahren. Selbst meinen Fragen 
gegeniiber verharrte Marie lange Zeit in ihrem Stillschweigen, das um so 
seltsamer war, als sie bereits die Vorgeschichte und das zweite Trauma, 
das zur Heilung fiihren sollte, des ausfiihrlichen besprochen hatte. Nicht 
etwa, dafi jene Geschehnisse alle unbewufit waren oder wurden. Wir 
wissen fiber den Grund des langen Widerstandes nur zu sagen, dafi sie 
den Bericht mit dem Ausrufe schlofi : „Ich schame mich so ! Jetzt bin 
ich ganz nackt vor Ihnen! a2 ) 

Jene acht Wochen sind ausgefullt mit Phantasien, in denen sie 
sich im Verkehre mit ihrer Mutter sieht. All die Kleinigkeiten des All- 
tages werden wieder an der Seite „meiner schonen Marni" 8 ) duxchlebt. 

Es ware eine Arbeit fur sich, bei all diesen libinose Wurzeln an- 
dem Leuten klar zu legen, Marie namlich sind sie vollig selbstverstandlich. 
Sie ist es, die mich spontan auf die zahlreichen Symbole der Genitalien 
aufmerksam macht, sie, die mir in tausenderlei Verrichtungen dieBezie- 

x ) Ich verdanke der liebenswftrdigen Vermittlung Mariens eine Abschrift des 
Krankenblattes. 

*) Man wird spater ersehen, wie charakteristisch jeneWorte fQx die starke Ver- 
drangnng des Zeigetriebes sind. 

*) Auch andere Frauen spielen eine Rolle ; so besonders die Grofimatter (Mutter 
der Mutter). Diese ist stets Storerin sexaeller Last, was aus einer spater erw&hnten 
Deckerinnerong klar wird. 



.■\r*fslr> Original fronn 

v,uu d k UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Spontanheilang einer Katatonie. 449 

hungen zum Koitus, aber auch zur analen Verrichtung und dem Saug- 
akt dartut. Besonders haufig sind auch sadistische Spiele, die sie an der 
Mutter vollzieht. Eines fur viele sei als typisch hergestellt: 

„Ich fahre mit dem kleinen Finger der rechten Hand in das miitter- 
liche Genitale und reiCe mit einem Ruck die Bauchwand bis zum Nabel 
auf, und heraus springe ich ; ich bin aber so klein wie dieser Finger" 
(sie zeigt ihren kleinen Finger vor). 

Eines ist auffallig und ihr, die sonst ein so tiefes Verstandnis fllr 
Symbolik, Traum und Phantasie zeigt, vollig unerklarlich: „Wieso habe 
ich nie vom Vater phantasiert ? Ich wollte doch sterben, um bei ihm zu 
sein." Erst auf meinen Einwurf, dafi sie doch bei der Mutter weilte, 
erkennt sie den Grund ihres seltsamen Freudenausbruches : „ Tot ist er! u 
Endlich waren ja die unbewufiten kindlichen Todeswunsche gegen den 
Vater in Erfullung gegangen ; nicht mehr also wird er sie storen im Be- 
sitze der schonen Mami. Jetzt wird ihr auch klar, warum sie an jenem 
Geburtstage ihm nicht gratulieren konnte. Wie hatte sie ihm auch Gliick 
wiinschen konnen, ihm, der fern sein und immer fern bleiben sollte. 

Fllr den HaB des Kindes gegen den Vater ist vielleicht folgende 
Geschichte aus dem siebenten Jahre ganz charakteristisch : Marie war 
bei den GroCeltern zu Besuch auf dem Lande. Wegen eines Streiches 1 ) 
wurde ihr gedroht, man schicke siezumVater nachHause. Dies war ihr 
so entsetzlich, dafi sie beschloB lieber zu sterben. Sie entfernte sich vom 
Hofe und hielt sich, da ihr der Mut fehlte, sich in den naben Flufi zu 
stiirzen, 17a Tage splitternackt im Schilfe auf, denn ihre Kleider 2 ) hatte 
sie an ihrer statt ins Wasser geworfen. Trotzdem sie die Rufe der Su- 
chenden horte, kam sie nicht hervor und ertrug geduldig den Hunger. 
In der zweiten Nacht schlich sie sich ins Haus und kletterte in ihr 
Parterre gelegenes Schlafzimmer. In aller Friihe erhob sie sich, legte 
sich in die Hiitte des groBen Hofhundes, der sofort zu bellen begann, 
ihr aber, trotzdem er sehr bissig war (was sie wiederholt betont), nichts 
zu Leide tat. Ihr Vater, der auf die Nachricht von ihrem Fehlen aus 
der Stadt herbeigeeilt war, zog sie hervor und herzte sie, und sie 
wurde nicht bestraft. 

Durch viele Jahre hatte der Hafi unbewufit geschlafen. Sie hatte 
ihn sogar soweit vergessen, dafi sie nach dem Tode der Mutter an deren 
Stelle hatte treten wollen; ganz und gar hatte die Funfzehnjahrige das 
Hausmutterchen gespielt, so gut, dafi ihr Vater sie oft zum Scherze „sein 
Frauerl" nannte. Da fiel der erste Schlag: Ihr Vater verliefi sie und 
heiratete die andere, die ihr deshalb vom ersten Tage ab verhafit war. 
Aus der Hausfrauenstelle verdrangt, bemuhte sie sich, ihrem Vater im 



2 ) Worum es sich handelte, ist unbewufit. 

*) Man beachte die Gleichung: Kleider = Ich, deren spater noch Sfter zu ge- 
denken sein wird. 

Zeitsohr. f. ftntl. Psjchoanalyse II. ^9 



n- r ^ik r^r\r^nli-- Original from 

6 y VliH UNIVERSITY OF MICHIGAN 



450 D** Kari Landauer. 

Bureau behilflicb zu sein und suchte sich wenigstens hier unentbehrlich 
2U machen. Aber Entt&uschung auf Enttauschung brach herein ! Er, der 
Reiche, Grofie hatte Unglftek an der B6rse und schliefilich betrog ibn 
seine Frau ganz offenkundig. Ibr Heros Vater war lacherlich geworden! 
Marie will selbst ihm mit geheuchelter Naivitat einen Beweis in die 
Hand gespielt haben. Hoffte sie noch, dafi er zu ibr zur&ckkehre? Ein 
Schufi, der 11 Ubr nacbts im Bureau fiel, zeigte ibr, dafi er sie auf 
ewig schnode verlassen batte. Und jetzt setzt sie sich an des Vaters 
Stelle, jenes geliebten Vaters ibrer Jugend. Als Vater kebrt sie zurfick 
zu ihrer Kindheit, zu ihrer schonen Mami. 

Wir haben mitbin zwei Funde erschlossen, die wohl geeignet sind, 
uns das Ratsel von Mariens Psychose zu losen : 

1. den Hafi gegen den Vater, 1 ) 

2. die Liebe zur Mutter. 

Beim Tode des Vaters besteht ein gewaltiger unbewufiter Konflikt 
zwischen Liebe und Hafi dem Vater gegeniiber. Dem Konflikte entzieht 
sich Marie, indem sie sich mit dem Vater identifiziert. Damit regrediert 
sie auf Mechanismen, die der frllhesten Kindheit eigen sind und vom 
Narzifimus ausgehen (Freud 2 ). Diese ldentifikation kommt jetzt aber dem 
Hinwegschaffen des Vaters gleich. Anstatt die Trauer zu erledigen, was 
Sache der Liebe ware, lafit sie die Liebe im Stich und greift auf die 
primitive fiir den Narzifimus charakteristische Form der Objektwahl 
(Freud 2 ) und Tausk 3 ). Damit setzt sie Hafi und Liebe in ihre einheit- 
liche narzistische Vorstufe (Freud 2 ) um. 

Diese Erkenntnis ermoglicht es uns, diesen Fall mit unserer Auf- 
fassung (Freud 2 ) der gesamten Dementia praecox in Deckung zu bringen : 

Mariens triumphierender Aufschrei „tot ist er a entspricht einem Sieg 
des verdrangten Hasses, geht also von der Objektstufe aus (Uberrest 
aus der Zeit der Gesundheit). Das Symptombild des Totseins ent- 
spricht der narzistischen ldentifikation (Regression). In ihren Phan- 
tasien vollzieht sie von der narzistischen Stufe aus eine erneute Objekt- 
wahl und zwar eine homosexuelle, die sich nicht geeignet zeigt, Marie 
den Anforderungen des Lebens anzupassen (Mifigliickter Heilungs- 
versuch). 

*) Vgl. zu dem immer wiederkehrenden Ausruf „11 Uhr tt die Tagebuchstelle 
Leonardo da Vincis „ Adi 9 di Luglio 1504 macoledi a ore 7 mori Ser Piero da Vinci, 
notalio al palazzo Potesta, mio padre, a ore 7. Era d'eta d'anni 80, lasci6 10 figlioli 
maschi e 2 femmine". (Zitiert nach Freud, Eine Kindheitserinnemng des Leonardo 
da Vinci), sowie die dort aus der Wiederholung des „a ore 7 a gezogenen Schlusae, die 
auch auf unseren Fall vollig zntreffen. 

9 ) Meist mnndliche Mitteilnngen und aus Disknssionsreden, die in der Wiener 
psychoanalytischen Yereinignng gehalten wurden. 

8 ) Auf die Bedentung des Identifikationsmechanismus for den Charakter des 
Narzifimus und die Yorbereitung der Objektwahl hat zuerst Tausk in einem auf 
dem Munchener psychoanalytischen Kongrefi gehalten en Yortrag hingewiesen. 



( "r\r\n]c Originalfrom 

v,uu d k UNIVERSITY OF MICHIGAN 



SpontanheQung einer Katatonie. 451 

Jedoch ist die Identifikation mit dem Vater — selbst wahrend der 
Psychose — nicht die einzige: Marie spielt die Tote. 

Aber auch die Mutter ist ja tot. Sie identifiziert sich auch mit ihr. 
Eben hier mufi die Heilung einsetzen : Das Oberwuchern jenes sekun- 
daren Komplexes, der im Vater des Partner der sexuellen Geniisse sucht 
und zu dem heutigen noeh immer vorwiegend narzistischen Sexualleben 
ffthrt. Wieder lafit uns die Krankengeschichte im Stich. Sie besagt nur, 
dafi Marie wegen Selbstmordgefahr auf dem Schwerkrankensaale lag. 
Eines Morgens habe sie plotzlich mehrfache Versuche gemacht, das Bett 
zu verlassen. Eurz darauf habe sie mit dem Arzt vollig zusammenhan- 
gend gesprochen, allerdings keinen Grund fiir einen erneuten Selbst- 
mordversuch gewufit. (Nur nach einem solchen war offenbar geforseht 
worden.) Von da ab sei das Benehmen normal gewesen. 

Marie aber hilft uns sofort weiter. Auf die Frage, mit wem sie das 
Zimmer geteilt habe, berichtet sie folgende Szene : 

„Im Bette nebenan lag eine sehr erregte Kranke, die immer fort- 
laufen wollte. An dem Morgen, wo ich gesund wurde, raufte sie sogar 
mit der Pflegerin. Da sprang ich auf und wollte auch fortlaufen, aber die 
Pflegerin hielt mich. Ich mufi damals Fieber gehabt haben, denn mir 
war ganz heifi." 1 ) 

Von der Pflegerin weifi Marie noch zu berichten, dafi sie groB war. 
Lachend fiigt sie hinzu: „Sie hatte auch einen Anflug von Bart". 

Damit wird Marie (und auch wohl uns) die Identifikation mit einer 
Frau klar: die Raufszene mit dem Mannweib Pflegerin zeigt sie deut- 
lich: Hier ist Marie wieder Frau, wieder die Mutter. 

Es unterliegt wohl keinem Zweifel, dafi sich in Marie die Wen- 
dung (wohl schon langere Zeit) vorbereitet hatte und dafi das berichtete 
Erlebnis nur den aufieren Anlafi zur Genesung gab. Es ist also nicht 
das wirkliche Trauma. Wohl aber zeigt es uns paradigmatisch, wiejetzt 
die Symbole des erlauschten elterlichen Koitus verwertet werden. S i e 
identifiziert sich nicht mehr einzig mit dem Vater son- 
dern auch — u. zw.inder Hauptsache — mit der Mutter. Sie 
ist damit noch immer in der narzistischen Objektwahl und 
beim Narzifimus geblieben. 

Wen den wir uns zunfichst den Oberresten der Psychose, der Iden- 
tifikation mit dem Vater, zu: Gefordert wird dieses Weiterbestehen da- 
durch, dafi der Partner in der Raufszene eine Frau, wenn auch ein 
Mannweib, ist. So wird uns das leichte Gelingen der Umschaltung vom 
Homo- zum Heterosexuellen bei Marie klar. 

Eine wichtige Erleichterung bietet ihr, der Christin, hiebei die 
Wahl der Liebesobjekte, die — wie gesagt — stets Juden sind. Dafi es sich 

*) Das Elrankenblatt versichert das Gegenteil. Hingegen besteht bei Marie zu 
Zeiten sexueller Erregung starkes Hitzegefahl, wie ich selbst bei Mariens Onanie am 
Tischrande beobachten konnte. 29* 



i^r^nlf* Original fronn 

^ uu d ,L UNIVERSITY OF MICHIGAN 



452 Dr* K&rl L&ndauer. 

hier um einen Kompromifl zwischen Mannern und Kastrierten = Frauen 
handelt, zeigt der Ausspruch : „ Wer beschnitten ist, ist zurHalfte kastriert." 1 )*) 
Wie schon in friiher Kindheit das Weib von ihr als kastrierter Mann 
betrachtet wird, ersieht man aus folgender Deckerinnerung des 3. oder 
4. Jahres: 3 ) 

„Ich liege mit meinem Onkel, der nur um ein bis zwei Jahre alter als 
ich ist, imBette. Ich habe kurz geschorenes Haar, das ich aber in 
Wirklichkeit nie getragen habe. Meine Groflmutter steht dabei und 
schimpft. Sie mochte es nie leiden, dafi ich beim Onkel lag." 4 ) 

In diesem Zusammenhang wird auch eine Sendung klar, die ich 
eines Tages von Marie erhielt: Es handelte sich um einen Zeitungsaus- 
schnitt folgenden Inhaltes: Ein Mann habe sich einer Nasenoperation 
unterzogen, spaterhin jedoch die beteiligten Arzte, obwohl der Eingriff 
gelungen war, in gemeinster Weise beschimpft und auch sonst gescha- 
digt. In tiefster Entrftstung schlofi das Blatt, daB der Mensch verhaftet 
sei und bald einer gerechten Strafe zugefuhrt wiirde. Marie verstand 
den Unglticklichen besser. Auf dem Rande fand sich die lakonische 
Bemerkung: „Ich mochte Ihnen stuckweise den Penis abbeifien." 

Ich will an dieser Stelle noch mit einigen Worten auf das merk- 
wtirdige Verhalten Mariens der Symbolik gegeniiber eingehen. Mit einer 
Selbstverstandlichkeit beherrscht sie die sexuelle Bedeutung, man kann 
wohlsagen, der ganzen Umwelt. Sieistsehr erstaunt, dafi ich mich uber diese 
ihre Kenntnis wundere und kann z. B. bei dem letztgenannten Falle gar 
nicht begreifen, wieso das nicht die ganze Welt sieht. Wir werden da 
unwillktirlich an eine Bemerkung Bleulers erinnert, dafi der Schizzo- 
phrene gar nicht ahne, dafi er Unsinn spreche. Er findet den tieferen 
Sinn seiner Sprache so klar, dafi er es nicht fur der Mtihe wert halt, 
sich anders, gemeinverstandlich, auszudriicken. Ist nun Mariens Kenntnis 
nur ein Beispiel jener allgemeinen Tatsache? Besitzt sie diese nur als 
Katatonika oder handelt es sich um eine individuelle Eigenart Mariens? 
Haufig finden wir derartige, wenn auch wohl nie so weitgehende Ein- 
stellung zur Symbolik bei gesunden Leuten, die grofie Freude am Witz, 
zumal am obszonen, haben. Dies trifft auf Marie nicht zu. Sie bevorzugt 
vielmehr die ernste Unterhaltung. 

Einen Fingerzeig gibt uns hier wohl die Gleichung Kleider = Ich, 
die wir in einer Jugenderinnerung fanden. Damals hatte Marie 
offenbar in bewuflter Identifikation ihre Kleider, d. h. einen Teil ihres 

') Fast wortlich so auch eine Patientin mit starken homosexaellen Neigangen, 
die ebeDfalls Christin, nur judische Liebespartner hatte. 

s ) Auch hat Marie eine grofie Freude daran, dafi man allgemein wegen ihres 
Namens glaubt, sie sei Judin. Ferner hat sie, die von klein auf vdllig ungl&ubig ist, 
wiederholt erwogen, zum Judentume uberzutreten. 

*) Eine ganz analoge bringt obige Patientin. 

4 ) Yergleiche die Rolle der Grofimutter in den Phantasien wah rend der Psy chose. 



rv r ^ik r^r\r^nli-- Original fronn 

6 y VliH UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Spontanheilnng einer Katatonie. 453 

Ichs, an Stelle ihres Ichs geopfert. Nun ist aber bei Marie der Identifi- 
kationsmechanismus — wie uberhaupt der NarziBmus, fiir den er charak- 
teristisch ist — bewufit. Bewufit identifiziert sie fast jeden Gegenstand 
mit sich oder wenigstens mit dem wichtigsten Teile ihres Ichs, dem 
Genitale. 

Dr. Rank macht mich nun, wie mir scheint mit Recht, darauf auf- 
merksam, dafi wir es in diesem Falle, wo das symbolisch Auszudriickende 
noch bewufit ist, gar nicht mit Symbolen, sondern mit deren Vor- 
stufen (der Identifikation) zu tun haben. 

Und um derartige Vorstufen (leider fehlt uns hiefur ein passender Ter- 
minus) handelt es sich bei Marie und wohl auch bei all jenen Schizzo- 
phrenen, die sich analog verhalten. 1 ) 

Ohneweiters ist klar, wie sehr uns eben dieser Umstand unsere vor- 
liegende Arbeit erleichtert, ja uberhaupt erst ermoglicht hat. Einmal war 
es uns nie notig, eine Erklarung, die Skeptiker dann als eine Beeinflussung 
ansehen konnten, zu geben, dann aber brachte sie uns ganz unverhlillt 
sexuelle Jugenderinnerungen. Da, wo wir sonst gewohnt sind, scheinbar 
harmlose Deckerinnerungen in monatelanger Arbeit ihrer Umkleidung zu 
berauben, bringt sie nackte Tatsachen. 2 ) Trotzdem bleibt unsere Arbeit 
sehr luckenhaft. 

Denn, wahrend als treibende Kraft zur Identifizierung mit dem 
Vater der HaB gegen diesen erkannt wurde, fehlen hier der Mutter gegen- 
uber die feindseligen Gefuhle. Dies diirfte aber nur scheinbar sein ; in 
Wirklichkeit wird wohl eine betrachtliche Lticke unseres Wissens uber 
Marie vorliegen. Die Hafiregungen miissen aufierst stark verdrangt sein. 
Hat doch Marie sogar alles, was mit der Krankheit und dem Tode der 
Mutter zusammenhangt, vergessen und beantwortet die Frage nach der 
Todesursache mit einem scharf abweisenden „Ich weifi nicht". Marie 
will nichts wissen von ihrer Eifersucht auf die geliebte Mutter und 
nichts von ihren fruheren Todeswunschen gegen sie. 

Um so deutlicher aber sind die Konsequenzen der Mutteridentifika- 
tion sichtbar, jene sekundaren Gebilde, die manchmal wie normale 
Objektwahl imponieren, haufiger autoerotischen Charakter haben. Diese 
Art des Aufbaues mag erleichtert worden sein durch die Tatsache, daB 
hier eine echte Raufszene das Symbol des elterlichen Koitus war. Immer- 
hin aber bleibt das, was wir fiir die Psychose als charakteristisch er- 
kannten, der NarziBmus mit den fiir ihn charakteristisch en Mecha- 
nismus der Objektwahl: der Identifikation bestehen. Da jedoch 



2 ) Es muB noch offen bleiben, ob diese Deutung allgemein zutrifft, d. h. ob 
alien Schizzophrenen der Identifikationsmechanismas bewufit ist (oder war nnd erst 
wieder sekund&r — bei einem Heilungsversuch — verdrangt wurde). 

*) Dafi es sich trotzdem oft nur um Deckerinnerungen handelt, tut dem hier 
keinen Eintrag. 



rv r ^ik r^f^ruTlf Original fronn 

6 y VliH UNIVERSITY OF MICHIGAN 



454 D r - Karl Landaner. 

die nunmehr von ihm ausgehende sekundare Objektwahl Marie eine 
Anpassung an die Realitat ermoglicht, sind wir berechtigt von einer 
He i lung zu sprechen. 

III. Der Zeigetrieb. 

Im Vorhergehenden gelang es bei der Besprechung von Mariens 
Leben, auch Wurzeln ihres Schautriebes und ihrer Homosexualitat, ihres 
Sadismus und Masochismus aufzudecken. Diese Triebe fanden sich ebenso 
wie die Anal-, Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik, ganz bewufit: als 
Perversionen. Eines aber fiel auf: Der Zeigetrieb, dieses fast selbstver- 
standliche Gegenstiick des starken Schautriebes, wollte sich nicht zeigen ; 
ja es stellte sich sogar heraus, daD er aufierst kraftig verdrangt ist. 

Dies erhellt am klarsten aus Mariens Stellung zur heutigen Mode. 
Diese ermoglicht, wie wohl ohne weiters verstandlich ist, in ziemlich groBem 
Umfange eine EntbloBung u. zw. vor allem durch die Kompromiflbildung 
des scheinbaren Verhullens. Marie nun kleidet sich im Gegensatz zur 
Halbwelt, der sie gesellschaftlich nahesteht, mit mondaner Einfachheit 
und halt sich gleich entfernt der EntbloBung (Decolletes, diinne StofiFe) 
wie auch deren Kontrastbildung, dem Kleiderprunk. 

Als charakteristisches Detail mochte ich anfuhren, daB Marie meist 
mit aufgestellten Fiifien sitzt. Wenn sie jedoch die Beine kreuzt, so 
geschieht dies mit so weichen und geschickten Bewegungen, daB der 
Rock sofort folgen kann und niemals mehr vom Beine sehen lafit, als 
bis zum Knochel. Nie habe ich wahrend der vielen Stunden unseres 
Zusammenseins jene so haufige kurze EntbloBung der Wade bemerken 
konnen, der ein halb unwillktirliches, halb kokettes Zurechtstreifen des 
Rockes folgt. Eine weitere Bedeutung hat wohl auch Mariens Frisur und 
Hiitewahl. Sie tragt stets das Haar iiber das Ohr frisiert. Um zu prufen, 
ob meine Vermutung, das Ohr symbolisiere hier bei Marie — wie so oft — *) 
das Sexualorgan, richtig sei, machte ich einmal die scherzhafte Bemer- 
kung, Marie habe wohl recht groBe Ohren zu verhullen. Sie aber ant- 
wortete errotend : es schicke sich doch nicht, die Ohren zu entbloBen. 

Endlich sind noch einige Worte iiber Mariens FuBbekleidung zu sagen : 
Sie legt den gr5Bten Wert darauf, daB ihr FuB moglichst klein erscheine, 
tragt aber sehr hohe Absatze. Man konnte nun diese Lust an hohen 
Absatzen als ein Mittel ansehen den FuB moglichst klein erscheinen zu 
lassen, ist aber dann nicht im stande, die Bemerkung Mariens „etwas mtisse 
doch die Frau haben a zu erklaren; meiner Ansicht nach stellt der Ab- 
satz eine Kompensation dar fOr die Kastration, die in der Verkleinerung 

*) Man mdge sich hier aneh erinnern, welehe Bedeatang in Mariens Sexoalleben 
das ins Ohr blasen bildet 



i^r^nlf* Original fronn 

^ uu d ,L UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Spontanheilang einer Katatonie. 455 

des Fufies symbolisiert ist. 1 ) Ubrigens diirfen Manner bei Marie grofie 
Fiifie haben. 

Cber die Drsachen der Verdrangung haben wir nichts Greifbares 
aufdecken konnen. Wir sind hier nur auf Vermutungen angewiesen. 
Dagegen ist ganz klar ersichtlich, wie sich bei Marie trotz der Verdran- 
gung der Trieb aufiert. 

Zunachst liegt es nahe, ihn sowohl in jenen Szenen der Onanie vor 
dem Spiegel zu suchen, wie auch dann, wenn Marie sich wahrend des 
Koitus im Spiegel beobachtet. Liegt doch neben der Organlust bei 
der Onanie beidemale nicht nur ein Sich-beschauen (im Sinne der Schau- 
lust wie des Narzifimus) vor, sondern auch ein Sich-zeigen, eine Ent- 
blofiungslust vor sich selbst. Aber gerade hier wird die Verdrangung 
besonders klar: Nie spricht Marie davon, sondern stets nur vom Sich- 
beschauen. 

Auf diesen merkwiirdigen Umstand aufmerksam gemacht, erhalten 
wir von Marie die verbluffend einfache Antwort: „Das habe ich doch 
nicht notig. Ich bin doch Schauspielerin." 

Auf den ersten Blick scheint Marie damit tatsachlich das Ratsel 
gelost zu haben: Wenn sie auf der Buhne steht, zeigt sie sich wirklich 
alien Blicken. Aber sofort taucht der Ein wand auf: Wenn der Zeigetrieb 
so wie hier einer Hemmung anheimgefallen ist, wieso bleibt dann seine 
offenkundige, fur das sonst so schamhafte Madchen vollig bewufite 
Aufierung von der namlichen Hemmung frei? Warum tritt bei ihrkeine 
der so haufigen Berufshinderungen ein? 

Wir konnen dies nur verstehen, wenn der verdrangenden Kraft eine 
mindestens gleich starke Lust, die aus anderen Quellen geschopft wird, 
entgegensteht. Dies ist tatsachlich der Fall : Wie auch schon bei jenen 
Spiegelszenen, haben wir es hier mit einer starken AuCerung des Narzifimus 
zu tun. Berauscht sich doch der liber die Menge hinaus auf die Buhne 
gehobene Kunstler ganz offensichtlich an den Erfolgen seiner Person. 
Allerdings bedarf er immer wieder des Beifalles eben jener Menge, die 
ihn versichern muC, daB sein Ich sich mit seinem Ideal-Ich 2 ) (das ja auch 
ein Produkt der anderen Menschen ist) deckt. 

Noch deutlicher wird uns jene Stellung der Schauspielerin zum 
Narzifimus, wenn wir uns vor Augen halten, daB ihr ganzes Schaffen 



*) In einer Sitznng der Wiener psychoanalytischen Vereinigung habe ich auf 
diese Tatsache hingewiesen nnd damit die Sitte der vornehmen Chinesinnen, ihre 
FftBe za verkruppeln, in Zasammenhang gebracht. (Ich mufi diese Behauptnng dahin 
einschranken, daB dies wohl die psychische Warzel der Erhaltang der Sitte ist. 
Entstanden dnxfte sie aus anderen Komplezen herans sein.) Dagegen stellen die 
japanischen Kunstler, bei denen die Exhibition keiner Verdrangung unterliegt, Frauen- 
fufie grofl dar. 

*) Freud, Einfuhrung in den Narzifimus (Jahrbuch VI, 1914). 



n- r ^ik r^r\r^nli-- Original fronn 

6 y VliH UNIVERSITY OF MICHIGAN 



456 Dr. Karl Landauer. 

auf dem Idendifikationsmechanismus basiert, d. h. auf standiger narzisti- 
scher Objektwahl. 

Halten wir una schliefilich die Ontogenese von Maries schauspieleri- 
scher Betatigung vor Augen: Einmal identifiziert sie sich ganz offen- 
kundig mit ihrer Mutter, die sie vor dem Spiegel schauspielernd ange- 
troffen. Anderseits liegt, wie das bei Marie gar nicht anders zu erwarten 
ist, auch eine Identifikation mit dem Vater vor. So berichtet sie, dafi sie 
besonders gerne Hosenrollen spiele. Nicht aber sind es Knaben- oder 
Liebhaberrollen, die sie reizen. Nach einer Auffuhrung der „Monna Vanna a 
bemerkte sie z. B., daB sie gerne den Mann der Heldin geben wurde. 
Auf meine Frage, ob nicht auch den Prinzivalli, verneintsie energisch: 
„Nein! Nicht den Jungen!" 

Wenn Marie aber schon bei ihrer schauspielerischen Tatigkeit sich 
auch mit dem Vater identifiziert, ihn also letzten Endes verdrangt, wird 
es uns nicht wundem, dem Vater feindliche Impulse beim Spiel zu finden. 
Ihr Werdegang zeigt sie uns deutlich: 

Wir konnen an alien Kindern beobachten, dafi die ersten schau- 
spielerischen Versuche der Karikatur der Eltern, also feindseliger Impulse 
dienen. So auch bei Marie ! Sie berichtet, wie gerne sie als Kind einige 
Eigenheiten des Vaters, z. B. heftiges Tiirzuschlagen, Herumwerfen von 
Hut und Oberrock u. dgl. kopiert habe und stets, wenn sie zur Rede 
gestellt wurde, sich auf das Vorbild des Vaters berufen habe. 

Man konnte nun einwenden, dafi das Grofi-Sein-Wollen, die Iden- 
tifikation mit dem Liebesobjekt allein gentige, diese Tatsache zu erklaren, 
die aufierdem noch alien Kindern eigen ist. Aber sie selbst hat erkannt, 
dafi es sich fast stets urn unangenehme Eigenschaften gehandelt hat, dafi 
sie sich freute, wenn sie von der Mutter zurechtgewiesen wurde, und 
nun den Tadel auf den Vater abwalzen konnte. 

Was den anderen Einwand betrifft, dafi namlich alien Kindern 
diese Eigenschaft zugehort, so ist zu sagen, dafi das vollkommen zutrifft. 
Aber in einem ganz andern Sinne, als der Vorwurf gemacht wurde, nam- 
lich, dafi kunstlerische Betatigung Gemeingut aller Kinder ist. Nicht der 
oder jener wird Kunstler, sondern die meisten Menschen verlieren nur 
spaterhin die Moglichkeit sich kanstlerisch auszudrticken. Es wird wohl 
keinen Menschen geben, der nicht zumindesten in seiner Kindheit 
gedichtet hat, d. h. dafi er Gedanken, die er sonstkaum in sich hatte 
aufkommen lassen, bewufit zu denken und zu sagen sich getraute, wenn 
die Sprache ihm die Recompense des Rhythmus oder Reimes gab. 1 ) Auch 
wird man mir wohl kein normales Kind aufzeigen konnen, das nicht ge- 



*) In diesem Zusammenhange l&fit sich so zu sagen als Zusammenfassung der 
Arbeit von Dr. Weiss „Vom Reim nnd Refrain, Imago, Dezember 1913", die allge- 
mein bekannte Tatsache anfuhren, dafi jeder Knnstler im Leben mehr oder weniger 
Kind ist 



i^r^nlf* Original from 

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Spontanheilung einer Katatonie. 457 

malt oder gezeichnet, modelliert und gebaut, noch Geschichten oder 
Spiele erfunden hatte. 

Wenn wir dies tiberdenken, so finden wir einen innigen Zusammen- 
hang zwischen den Perversionen, die ja auch alien Kindern eigen sind, 
und kiinstlerischer Betatigung, was uns umso weniger iiberraschen kann, da 
beide sehr haufig in einer Person vereinigt sind. Nicht aber kennen wir 
vorderhand die allgemeinen Bedingungen, unter denen sich die Sexualtriebe 
in kiinstlerischer Betatigung oder vielmehr in Perversionen oder Neu- 
rosen oder Psychosen auBern mtissen. Bei Marie konnen wir auf Grund 
der vorhergehenden Untersuchungen folgenden Zusammenhang annehmen : 

Der Zeigetrieb wurde verdrangt. Er findet jedoch 
vor allem durch die Konkurrenz mit dem stark lustbe- 
tonten Narzifimus eine Betatigungsmoglichkeit in dem 
schauspielerischen Wirken. Die Analogie mit neurotischen, 
z. B. hysterischen Symptomen, liegt nahe. Auch hier betatigt sich ein 
verdrangter Trieb in verhullter Form (im Falle der Hysterie mittels Kon- 
version) jedoch nur, wenn ein Krankheitsgewinn (d. h. ein Lustgewinn 
aus anderer Quelle) ihm die Zensurschranke durchbrechen hilft. 

Eine zweite sozial gleichgiiltige, aber ftir den Libido-Haushalt 
mindestens ebenso wichtige Gelegenheit dem Exhibitionsbediirfnis nach- 
zugeben, erlangt Marie wiederum mit Hilfe des NarziCmus u. zw. ver- 
moge der leichten Handhabung des Identifikationsmechanismus. Wir 
kamen wiederholt auf die Gleichung Kleider = Ich zu sprechen. Es er- 
hellt ohneweiters, dafi Marie (da die Kleider ihr Ich bedeuten) in Kleider 
gehullt, ihrer Zeigelust ungestort fronen kann. 

IV. Prognose. 

Im Vorigen haben wir gefunden, dafi der verdrangte Zeigetrieb 
vor allem in der, nach Art eines hysterischen Symptomes gebauten, 
kunstlerischen Betatigung seinen Ausdruck findet. Wir haben uns nun- 
mehr die Frage vorzulegen, ob ahnliches auch bei den anderen perver- 
sen Geliisten Maries der Fall ist, oder ob sie wirklich den r einen 
Charakter kindlicher Lustgewinne an sich haben. 

Bei den Schilderungen, die Marie von ihrem Liebesleben bot, war 
mir wiederholt aufgefallen, dafi ihm etwas ZwangsmaCiges anhaftet. 
Sie gebrauchte sehr haufig den Ausdruck „Ich muC" z. B.: „Ich mufi 
manchmaljWenn ich in einem Caf6 eine hubsche Frau sehe, mit der Zunge 
zwischen den Lippen spielen", „ich m ufi oft meinem FreundinsOhrblasen" 
usw. Es erweckt den Eindruck, als habe man es mit Zwangsperversio- 
nen 1 ) zu tun. Die Grunde hiefiir sind leicht verstandlich : Die kind- 
lichen Perversionen haben sich nicht in kontinuierlicher Weise von klein 



J ) In Analogie von Ferenczis „Zwangshomoerotik u (Zeitschrift filr arztliche 
Psychoanalyse, J&nner 1914.) 



i^r^nlf* Original fronn 

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458 Dr. Earl Landauer. 

auf erhalten. Vielmehr haben sie sich lange Zeit, der natiirlichen Ent- 
wicklung entsprechend, in Verdrangung befunden. Vor all em durch das 
Trauma, das zur Heilung der Psychose fuhrte 1 ), sind sie erst wieder ins 
BewuBtsein zuruckgekehrt. Nicht aber sind die frfihesten Betatigungen 
kindlicher Libido aus der Zensurschranke entwichen; hochstens Ereig- 
nisse des eigenen Lebens, die sich als Deckerinnerungen eigneten. An 
zweiter Stelle wurden Erzahlungen anderer (z. B. desBuches: „ Aus den 
Memoiren einer Sangerin") zu Deckerinnerungen adaptiert. 

Dies ist kein fur Marie allein charakteristisches Geschehnis, viel- 
mehr beruht die ganze Heilbarkeit der Perversionen eben 
darauf, dafi es sich bei Ihnen eigentlich um Zwangsneu- 
rosen handelt. Waren es blofie Entwicklungshemmungen, so waren 
sie psychoanalytisch nicht angehbar. 

Es konnte demnach scheinen, dafi der Fall Mariens heute dieselbe 
Prognose bietet, wie all die anderen Zwangsperversionen, d. h. dafi sie 
gesund werden konnte, wenn eine tiefgriindige Analyse die letzten Wur- 
zeln ihrer Triebbetatigung aufdeckte. Voraussetzung dazu ware, dafi sie 
sich einer Behandlung unterziehen wiirde. Dazu aber besteht fiir Marie 
derzeit keine Notwendigkeit. Sie fuhlt sich vollig gesund und gewahrt 
auch, wenn man nicht tief in ihr Seelenleben eindringt, ganz den Anblick 
einer Gesunden. Sie leidet weder subjektiv an ihren Perversionen, noch 
haben sich diese je in ihrem sozialen Verhaltnis als storend bewiesen. 
Im Gegenteil: Ihren Liebespartnern sind die kleinen Anomalien sogar 
sehr angenehm. 

Wie sie hervorhebt, war sie namlich in der Wahl ihrer Sexual- 
objekte bisher stets gliicklich. Dies diirfte kein Zufall sein. Vielmehr 
fast allgemeine Giiltigkeit beanspruchen, da leichte Perversionen — man 
konnte fast sagen — normal sind. Wie geschickt das UnbewuUte die 
dazu passenden Perversionen des Partners zu erkennen weiB, zeigtdeut- 
lich ein Traum des Liebhabers der mehrfach erwahnten stark homo- 
sexuellen Patientin, der folgendermafien beginnt : „Du lagst auf mir und 
hattest ein kleines Peniserl. . . . u 

Eine wichtige Frage ist es aber : Werden ihre perversen Triebe, vor 
allem der Sadismus, sie nicht doch einmal zu verbrecherischen Hand- 
lungen verleiten, wie uns jene Bemerkung „Ich werde Ihnen stuck- 
weise den Penis abbeiBen" fast farchten laBt. Schon nach dieser Richtung 
hin wird die Prognose recht zweifelhaft. 

Aber auch die Gefahr, Marie konnte wieder einmal bei Libido- 
stauungen der Psychose anheimfallen, ist nicht von der Hand zu weisen. 
Zeigen sich die vielen sexuellen Betatigungsarten manchmal doch nicht 
als vollig ausreichend : Es gibt immer noch Falle, wo durch aufiere Not* 
wendigkeit bedingt, kein Freund zur Stelle und die Onanie gerade aus- 

J ) Vgl. obige Einschr&nkung. 



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Spontanheilnng einer Katatonie. 459 

-geschlossen ist. In diesen Augenblicken miissen wir vermuten, dafi zu- 
nachst ein Angstanfall einsetzen werde. Das ist wirklich der Fall: Es 
tritt als Aquivalent der Angst Hitzegefuhl und Kopfweh 1 ) auf. Aber es 
bleibt nicht bei dem Anfall; tagelang halt der Kopfschmerz an und 
selbst die sexuelle Befriedigung wahrend dieser Zeit bringt ihn nicht 
^um Schwinden. Hingegen spielen dann immer die Phantasien eine 
grofie Rolle ; sie badet sich — wie sie sich einmal ausdrtickte — in Blut 
und, wo sie hinsieht, ist der Vater. Aufierdem ist Marie nach einem der- 
artigen Ereignis langere Zeit verstimmt, nimmt an nichts, wie es sonst 
ihrem lebhaften Temperamente eigen ist, rechten Anteil. Doch halt sich 
all dies noch im Rahmen des Normalen. Hochstens konnte man von 
einer leichten Sexualneurasthenie reden : Sind doch die uns bekannten 
Komplexe hier angstneurotisch, das ist somatisch rationalisiert und wu- 
•chern nur dann, wenn ein korperlicher Anlafi vorhanden ist, zu immer- 
hin noch kurzlebigen Symptomen auf. 

Noch zwei prognostisch wichtige Umstande habe ich zu berichten : 
Es besteht bei der immissio penis ein leichter Vaginalkrampf, der jedoch 
nicht mit Schmerzen verbunden ist. Immerhin aber zeigt er, dafi der 
sehr starken Libido Mariens fur das natiirliche Sexualobjekt eine Hem- 
mung entgegentritt, eine psychische Hemmung, deren reichliche Griinde wir 
bei der Beobachtung erkannt haben. Des weitern lafit er uns erkennen, 
<lafi die Sexualbefriedigung eben doch keine vollkommene ist, dafi ihre 
Freunde stets nur mehr oder weniger gute Surrogate fiir das Ersehnte 
sind. In diesem Zusammenhange erhalt das Hinausschieben des Eoitus 
•eine neue Beleuchtung. 

Ferner leidet Marie stets beim Eintritt der Menses an Krampfen. 
Dabei ist sie jedesmal sehr traurig dartiber, dafi sie wieder nicht Mutter 
geworden ist. Einmal aufierte sie direkt, als sie unter diesen Schmerzen 
Jitt : 7,Ach wenn es nur wirkliche Wehen waren!" 

Wir haben es als ein Prinzip des Heilungsvorganges im Falle Ma- 
Tiens erkannt, dafi er eine Identification mit der Mutter brachte. Immer 
aber steht noch der letzte, wichtigste Punkt aus: Dafi sie selbst Mutter 
-werde. Ein Kind wiirde ihr dann auch die normale Abfuhrmoglichkeit 
der narzistischen Libido bieten. 

So aber schwebt sie in standiger Gefahr wieder der Psychose an- 
heimzufallen, d. h. dem Abzug der Libido vom normalen Sexualobjekt 
•(der Vaterimago) zu Gunsten des eigenen Ichs: Des Narzifimus. 

J ) Dessen Determination mir nnbekannt ist. 



n- r ^ik r^f^ruTlf Original fronn 

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Mitteilungen. 

Beitrage zur Traumdeutung. 

1. 

Traume vom Kahlwerden. 
Von Isidor H. Coriat, M. D. (Boston). 

Im Verlaufe einiger psychoanalytischer Untersuchungen von Angsthysterie- 
wurde meine Aufmerksamkeit anf eine Reihe von Tr&umen gelenkt, welche 
nicht nur fur die Aufklttrung der pathologischen Angst von Bedeutung waren, 
sondern anch an einen auff&liigen Zng in der Simsonsage erinnerten. l ) Ich 
werde zunftchst die Trfiume und die ihnen zu Grnnde liegenden, analytisch 
gewonnenen Tranmgedanken mitteilen, und dann zu zeigen versuchen, in 
welcher Beziehang sie zu dem verborgenen Sinn des Mythas stehen. 

Ein j anger Mann litt jahrelang an einer Angsthysterie mit Schweift- 
anfallen, heftigem Errdten und Zittern der H&nde. W&hrend der Analyse 
prodazierte er folgenden 

Traum: Es schien ihm t daft er sein Haar verliere und kahl wlirde ; er 
versuchte, das Kahlwerden zu verhindern und den Haarwuchs durch ein tonisches 
Mittel wieder herzustellen. 

Die Analyse ergab Folgendes: Seit der fruhesten Eindheit hatte 
Patient ein GefUhl von Angstlichkeit und Minderwertigkeit, verschuldet, wie 
er glaubt, durch das autreizende Benehmen seiner Mutter gegen inn. Infolge- 
dessen ftlhlte er sich, im Verkehr mit gleichaltrigen Kameraden, immer ge~ 
reizt. Um das achte Lebensjahr, als er bei verschiedenen Gelegenheiten mit 
einer um zwei Jahre ftlteren Schwester scblief, erwachte er im Laufe der 
Nacht mit dem GefUhl sexueller Erregung. Das fiihrte zu exzessiver Mastur- 
bation und endlieh, als er deutlich spurte, daB die Schwester seine Libido so 
reizte, trat eine Wendung der Masturbationsphantasien zur Homosexual! t&t ein 
und spttter im Laufe der Reife masturbierte er mutuell mit gleichaltrigen 
Jiinglingen. SchlieBlicb wurde die Ablehnung gegen Madchen unzweideutig 
und die Phantasien fixierten sich auf einen bestimmten Freund, eine Art von 
genuiner homosexueller Liebe. Um diese Zeit begannen die pathologischen 
Angst- und Errotungszust&nde im Gefolge von Versuchen, seine Homosexualit&t 
zu unterdrticken und zu verbergen. Anfangs traten die Anf^lle nur in Gegen- 
wart von Mannern auf, weil er ftlhlte, daB sie um seine sexuellen Gedanken 
und Bet&tigungen wtifiten ; endlieh aber entwickelten sie sich bis zu einem 
solchen Grade, daB sie auch in Gegenwart von Frauen auftraten, unterstutzt 
durch das GefUhl von Scham, das sich an die seine Schwester betrefienden 
Sexualpbantasien kntlpfte. Yersuche, in einer Knabenschule zu unterrichten, 
wurden bald aufgegeben, da in Gegenwart der Schuler ein bestandiger psychischer 



J ) Buch der Richter, Kap. XIII-XVI. 



.iir^nl^ Original fronn 

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Isidor H. Coriat: Traume vom Kahlwerden. 4gj 

Konflikt entstand und angstliche Bemiihungen, das krankhafte Erroten zu 
unterdriicken. Das Errtften zeigte ihm an, dafi er unbewufit seine Gedanken 
und Aufierungen in erotischer Weise auf die Knaben richtete. 

In dem Traum war er entsetzt durch die Tatsache des Haarverlustes, 
weil er glaabte, dafi dies — in Verbindung mit dem Erroten — seine aufiere 
Erscheinung noch auffalliger verandern wiirde und so dazu dienen konnte, 
anderen seine sexuelle Perversion zu verraten. Er hatte seit jeher Manner 
und Frauen mit vollern Haar bewundert, da ein starker Haarwuchs ihm immer 
Lebenskraft und Starke bedeutete. Seit er fuhlte, dafi Menschen mit viel 
Haar physisch starker und mehr selbstvertrauend — also auch sexuell an- 
ziehender — wareu, verglich er sich unbewufit — zu seinem eigenen Nach- 
teil — mit solchen Leuten (besonders seit er wirklich sein eigenes Haar ver- 
lor) und das steigerte sein Geftihl von Minderwertigkeit. Zu dieser Zeit hatte 
er einen Traum, in welchem er sich mit den Handen durch die Haare fuhr 
und sich qualte wegen der beginnenden Kahlheit (welche wahrscheinlich der 
Traumanlafi war). Von Bedeutung war das Gefiihl, dafi der Wechsel in 
seinem Aussehen, der durch den allmahlichen Haarausfall eintrat, ein Zeichen 
von korperlicher Schwache sei, verursacht durch die friiher begonnenen sexuellen 
Verirrungen, 1 ) also Masturbation und homosexuelle Phantasien. Haarfulle war 
im Denken des Patienten enge verknupft mit Starke, speziell sexueller Potenz. 
Kahlheit, die bei ihm ziemlich frilh eintrat, bedeutete ihm daher vorzeitiges 
Altern und in der Ubersetzung die frlihe Abnahme der sexuellen Potenz. 
Diese Vorstellung von der Verringerung seiner Libido, die er als junger Mann 
wieder empfand, hatte ihre Wurzel in den SexualauBerungen seiner Kindheit. 
Das im Traum verwendete tonische Haarwuchsmittel symbolisierte seinen 
Wunsch, den eingebildeten Verlust seiner sexuellen Kraft zu ersetzen. Der 
Traum stellte also seinen geheimen Wunsch nach sexueller Potenz dar. 

Das zweite Beispiel ist ein Fall von Angstneurose (Angsthysterie ?) als 
Folge des seit Jahren geubten coitus interruptus, mit der dargelegten Zwangs- 
idee eines Verlustes der Sexualkraft, der auf die unnaturliche Art der Sexual- 
befriedigung zurtickgefuhrt wurde. Wahrend der Analyse erschicn folgender 

Traum: Er glaubte in einen Spiegel zu sehen und bemerkte zu seiner 
tiberraschung, dafi er ganz kahl war, obgleich er nicht alter als in Wirk- 
lichkeit (z. Z. der Analyse) zu sein schien. 

Analyse: Der Patient hat reichlichen Haarwuchs. Nach seiner Meinung 
ist dicbtes Haar nicht blofi ein Kopfschrauck, sondern auch ein Zeichen korper- 
licher Kraft und sexueller Mannlichkeit. Er glaubt, dafi Kahlheit durch 
sexuelle Exzesse verursacht wird, ebenso wie durch Geschlechtskrankheiten 
{wie Syphilis) und er fuhlt, dafi seine unnatlirliche Art der Sexualbefnedigung 
in fruheren Jahren, korperliche Schwache und die Verminderung seiner Potenz 
verschuldet habe. Er sieht sich in dieser Meinung bestarkt durch die Tat- 
sache, dati seine sexuelle Potenz gegenwartig geringer ist als friiher. Sein 
Kahlheitstraum symbolisiert also den Verlust der Potenz. 

Die Beziehung der in den beiden Traumen verwendeten Symbolik zur 
Simsonsage ist auffallend. Simson verliert seine Kraft mit dem Verlust seiner 
Haare und sobald sein Haar wieder wachst, kehrt auch die Kraft zuriick. 
Simson ist ein Symbol des zeugenden Sonnengottes der altsemitischen Mythologie, 
der wie Apollo, mit langem Haar dargestellt wird, und die Sonne selbst ist 
das Symbol der naturlichen Zeugungskraft. Diese Symbolik der Simsonsage 
wird von alien Forschem zugegeben, welche das Thema vom Standpunkt der 
vergleichenden Mythenforschung untersucht haben. Tatsachlich fuhrt Stein- 

') tlbrigens ein allgemeiner Volksglaube. 



,., n L Original fronn 

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462 Mittrilangen. 

thai an, daft das Haar bei den Semite n als Symbol der sommerlichen Hitze- 
galt. 1 ) 

Eine interessante Verschiebung and Verdichtung betrifft sowohl den 
My thus als den Traum, in welchem der Yerlnst des Haares fttr den Verlust 
der Potenz nnd der Wnnsch nach Haarwuchs fttr den Wnnsch der Riickkehr 
der Potenz steht. Diese Traume bestatigen also neuerdings, ahnlich wie der 
Odipus- oder der Nacktheitstraum, die enge Beziehnng zwischen Tranm nnd 
Mythns.*) Die psychologische Struktur nnd der Sinn (Wnnsch) dieser beiden 
Traume nnd des Mythns sind dieselben. Ein Mythns ist ein Tagtraum, eine 
Phantasic und die aus allgemein-mensehlichen Regungen entstehenden Tranm- 
prodnktionen bilden die sog. typischen Traume. Die gleichen allgemein mensch- 
lichen Regungen ftthren zur Entstehung der typischen Volkermytben. Die Ana- 
lyse der typischen Traume bildet daher die beste Quelle znm Verstandnis der 
Mythen und Sagen. So liefert der Wnnsch nach Wiedererlangung der nor- 
malen Potenz — der h5chste Wunsch des Mamies — dessen Sublimierung 
zn alien mftglichen anderen Wtinschen ftthrt — das latente Material zn den 
Kahlheitstraumen wie zur Simonsage. Diese Symbolik wurzelt im Umbewuftten. 
Beim einzelnen ftthrt diese unbcwuflte Symbolik zu Traumen, bei Volkern 
und Gemeinschaften zu Mythen, Sagen und Marchen. Der Mythns ist daher 
ein Stuck des untergegangenen Seelenlebens eines Volkes (Abraham). 

Simson ergab sich dem sexuellen Vergnttgen und wurde darum als 
Symbol der Fruchtbarkeit und Zeugungskraft aufgefafit. Steinthal ftthrt 
aus: ^Simsons Haar ist der Sitz seiner Kraft. Aber in der Sage ist das Haar 
nicht dargestellt als ein bloftes Ideal gftttlicher Heiligung, sondern als die 
wirkliche Quelle der Kraft. So ist also in der Sage der Yerlnst des Haares 
nicht ein Symbol fttr den Abfall von Gott, sondern das Haar selbst ist die 
Kraft und es zu schneiden ist dasselbe wie die Verstttmmelung der Kraft. Es 
mufi jedenfalls in Israel eine Zeit gegeben haben, wo Haar und Fulle korper- 
licher Kraft eine identische Vorstellung bildeten, es war die Heidenzeit. a 
Sirason ist also eine symbolische Verdichtung von Haar und Energie oder 
Libido. Daraus folgt, dafi im Traum und in der Sage nicht so sehr eine Ver- 
schiebung wie eine Verdichtung vorliegt. 

Ob Simson ein Sonnenheld oder, wie andere meinen,' eine historische 
Person ist, hat kaum Einflufi auf die psychoanalytische Deutung. Nachdem 
Simson durch den Verlust seiner Haare seine sexuelle Kraft verloren haite, hat 
er mit Delilah nichts mehr zu tun. Es ist ferner von Interesse, daft der 
Name der verraterischen Delilah, die Simson seiner Starke oder Libido beraubt, 
symbolisch ist und „einen schwachen oder entkraften" bedeutet (Cams). 
Steinthals Deutung bringt den Namen Delilah in Beziehnng mit den psycho- 
analytischen Ergebnissen. Nach Steinthal ist der Name eine Kombination 
von Astera (der GSttin der Liebe) und Derketo, welche nur eine Modifikation 
von Astarte ist, der semitischen Mond- oder Liebesg6ttin, die der griechischen 
Hera entspricht, dem Typus des Weibes und der Mutter. Durch einen Ver- 
dichtungsprozeft symbolisiert das „ einen entkraften a die physische Liebe, welche 
Simson seiner sexuellen und auch seiner korperlichen Kraft beraubt. Der 
Traum und der Mythus symbolisieren beide den Wunsch nach Wiedererlangung 
der sexuellen Kraft. 



! ) Abraham: Dreams and Myths, 1913. — Paul Car us: The story of Samson, 
1907. — E. Renan: History of the Poeple of Israel. Vol L — H. Steinthal: The 
Legend of Samson, 1877. 

') Die Wiederholnng der kindlichen Nacktheit mit Schamgefahl im Traum des 
Erwachsenen bildet die Grandlage der Sage vom Paradies. 



rv r ^ik r^r\r^nli-- Original fronn 

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Dr. Theodor Reik: Der Nacktheitstraum des Forschungsreisenden. 463 

2. 

Der Nacktheitstranm des Forschungsreisenden. 
Von Dr. Theodor Reik (Berlin). 

Professor Dr. Karl von den Steinen machte in den Jahren 
1887 — 1888 eine Expedition, urn die Naturvolker Zentralbrasiliens aufzusuchen 
and ihre anthropologischen Differenzen, ihre Sitten und Gebr&uche nsw. kennen 
zu lernen. In seinem 1893 erschienenen Werke *) schildert er auch den Ein- 
druck, den die vollige Nacktheit der Bakairi auf ihn machte. Man beachtet 
sie nach einer Viertelstunde gar nicht mebr und „wenn man sich ihrer dann 
absichtlich erinnert und sich fragt, ob die nackten Menschen: Vater, Mutter 
und Kinder, die dort arglos umherstehen oder gehen, wegen ihrer Scham- 
losigkeit verdammt oder bemitleidet werden sollen, so mafi man entweder 
dartiber lacben, wie liber etwas uns&glich Albernes oder dagegen Einspruch erheben 
wie gegen etwas Erbiirmliches." Die Bekleidung von denSteinens und 
seiner Begleiter schien diesem auf primitiver Stufe stehenden Indianerstamm 
merkwurdig und der Gelehrte mufite es sich gefallen lassen, dafi Manner und 
Frauen ihn zum Baden begleiteten und seine Kleider auf das genaueste unter- 
suchten. „Fur das peinliche Gefuhl, das ich ihrer Neugierde gegenuber zu 
empfinden wohlerzogen genug war, fehlte ihnen das Verst&ndnis." 

Der Forscher erzahit nun zum Beweise, ,,mit welcher Schnelligkeit man 
sich bis in die Regionen des Unbewufiten hinein u an die nackte Umgebung 
gewohnen kann, einen Traum, den er vom 15. auf den 16. September und 
ebenso in der folgenden Nacht tr&umte. Er sah sich darin in der 
deutschen Heimat und alie Bekannten nackt wie die Bakairi : „Ich selbst 
war im Traum erstaunt dartiber, aber meine Tischnachbarin bei einem Diner, 
an dem ich teilnahm, eine hochachtbare Dame, beruhigte mich sofort, indem 
sie sagte : jetzt gehen ja alle so'." 

Wir werden annehmen, dafi dieser Nacktheitstraum an Gedankeng&nge 
am Tage vorher ankniipfte, welche eine Protesteinstellung des Gelehrten gegen 
die Prttderie der Kulturgesellschaft verraten. (Vgl. die vorstehenden Be- 
trachtungen des Forschers Qber die Nacktheit.) Anderseits konnte er selbst 
der Hemmungen, die sich bei seiner gelegentlichen Nacktheit (beim Baden) ein- 
stellten nnd deren Wirksamkeit sein Schamgefiihl gegentiber den BakaYri zeigte, 
nicht ilberwinden. An der Beobachtung der nackten Bakairi gewann der in- 
fantile Exhibitionswunsch eine willkommene Gelegenheit, sich in der Traum- 
darstellung zu realisieren. (Tagesrest.) Der Kinderwunsch, sich selbst nackt 
zu zeigen und andere Personen nackt zu sehen, erweist sich seiner Natur 
nach als verdr&ngt durch den im Traume auftretenden Affekt. Der Traumer 
berichtet zwar, dafi er im Traume erstaunt gewesen sei, doch der Umstand, dafi 
eine Dame ihn „beruhigte a , l&fit darauf schliefien, dafi das Gefuhl im Traume 
eher das des Schreckens, der Besttirzung (also ein unbewufit reprasentatives 
ftir die bewufite Hemmung) gewesen sei, das sich in der Erinnerung nach dem 
Erwachen abschwftchte. Ein affektloses Erstaunen bedarf keiner Beruhigung ; 
wir werden den scheinbar deplacierten Ausdruck auf den in der Erinnerung 
verloren gegangenen Affekt im Traume beziehen und ihn zur Deutung des 
latenten Trauminhaltes verwenden. Der kleine Zug, dafi gerade eine hoch- 
achtbare Dame es ist, welche den Gelehrten solchermafien beruhigt, weist auf 



l ) Dnter den NatorvSlkern Zentralbrasiliens; Reiseschilderunff und Ercebnisse 
der zweiten Schingu-Expedition, Berlin 1893 (bei Dietrich Reimer), II. Aufl., 1897. 



n- r ^ik r^r\r^nli-- Original fronn 

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404 Mitteilungen. 

den sexuellen Ursprung des Nacktheitswunscbes bin. Es ist noch zu bemerken, 
dafi der Affekt im Traume durch die Versicberung, die Nacktheit sei nun 
eine allgemeine („jetzt geben ja alle so"), seine sehlafstorende Wirkung ver- 
liert. Die Angst wird durch den Hinweis auf den allgemein menschlichen 
Cbarakter des als „unanst&ndig" Empfundenen entwertet. 

Wabrend yon den Steinen nun keinerlei Aufierung von Scbamgeftihl, 
das sich anf die Genitalien bezog, bei den BakaXri kennen lernte, beobachtete 
er ein ganz deutliches Schamgefilhl bei alien Aniassen des Essens. Als er ein 
Stack Fiscb verzehren wollte, blickten alle anwesenden Manner in peinlicher 
Yerlegenbeit vor sicb nieder oder wandten sich ab. Bot er einem der Bakairi 
etwas zum Essen an, so giug der Beschenkte zu seiner Htttte, urn ungesehen 
zu essen. Es konnte in von den Steinen kein Zweifel dariiber entstehen, 
dafi er sich in den Augen der BakaYri unanst&ndig benommen hatte, als er 
offentlich afi. 

Der Forscher stellt nun eine amtisante Parallele auf, indem er fordert, 
wir Europfter sollten uns in die Seele eines Bakairi versetzen, der sich 
vor Scham nicht zu helfen wufite, wenn er die ftirchterlich unanstandigen 
Europaer bei einer Table d'hote vereinigt sahe. In den folgenden Zeilen zeigt 
von den Steinen nicht nur voiles Verstandnis fur den Wunschcharakter 
des Traumes, sondern er berechtigt uns auch, seinen oben zitierten Traum 
als eine Darstellung verdrangter Schau- und Zeigelust anzusehen. Denn jener 
an eine Table d'hote versetzte Bakairi wtirde sich, sagt der Forscher, rasch an 
die abweichende Sitte gewShnen n und sich vielleicht in der nachsten Nacht 
an den Kunisehu zurUcktraumen, dort alt und jung gemtltlich zusammen beim 
Scbmaus eines Tapirbratens finden und erstaunt sich von dem Hauptling be- 
lehren lassen : „Wir essen jetzt immer miteinander. " 



3. 

Kleine Beitrage zur Traumdeutung. 

Von Dr. Viktor Tausk (Wien). 

Kleider und Farben im Dienste der Traumdarstellung. 

Kleider und Farben kommen oft als Mittel zur Darstellung von Namen 
und personlichen Eigenschaften vor, wie man an den folgenden ausgewfihlten 
Traumbruchstiicken ersehen kann. 

1. 

A. traumt, er sehe seine fruhere Gouvernante im schwarzen Ltister- 
kleid, das tiber dem Gesafi straff anliegt. In diesem Kleid kam sie ihm 
schlank vor. 

Deutung. Die Gouvernante ist in Wirklichkeit dick, der Traumer 
liebt aber nur schlanke Frauen. Uber das Gesafi straff gespannte Kleider 
reizen ihn. Er hat immer vermutet, dafi die Frauen die Kleider darum straff 
uber das Gesafi spannen, weil sie zeigen wollen, dafi sie la stern sind. Er 
meint auch, dafi die Frauen, die ihr Kleid vor ibm so tragen, es auf ibn 
abgesehen haben. Er insinuiert also im Traum seiner Gouvernante, dafi sie, 
urn ihm zu gefalleu — zu diesem Zweck erscheint sie im Traum schlank, 
wie es der Traumer liebt — das Kleid tiber dem Gesafi straff spannt. Sie 
ist also 1 Us tern, welche Eigenschaft dadurch ausgedriickt ist, dafi sie mit 
Luster angetan im Traum erscheint. 



rv v ^ik r^f^ruTlf Original fronn 

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Dr. Viktor Tausk : Kleine Beitrage zor Traumdeutung. 4(55 



B. traumt von einer grofien schwarzen und einer kleinen weifien Ratte. 
Die kleine Ratte hat rosa Schnauze, Ohren und Pfotchen. 

D e u t u n g. B. vergleicht im Traum zwei Frauen miteinander, die er in 
gewissen Beziehungen ahnlich iindet. Die eine, Frau Schwarz mit Namen, 
ist grofier gewachsen, die andere, ein Madchen namens Roserl, ist von 
kleinerer Statur. Die grofie schwarze Ratte ist Frau Schwarz, die 
kleine weifie, mit rosa Schnauze, Ohren und Pftftchen ist das kleine 
Roserl. Dafi die kleine Ratte weifi ist, findet seine Dentung darin, dafi 
Roserl noch Madchen ist. (Weifi als Farbe der Unschuld.) DaB die Frauen 
als Ratten dargestellt werden, ist mit homosexuellen, analen und Kastrations- 
tendenzen des Traumers begriindet. 



C. sieht im Traum auf der X-er LandstraBe ein Madchen, von weifi em 
Licht umflossen und mit einer weifien Bluse bekleidet. 

Deutung. Der Traumer hat auf jener LandstraBe mit einem Fr&u- 
lein Weifi die ersten Intimitaten ausgetauscht. Sie war spaterhin ftir den 
Traumer ein Ideal von Sinnlichkeit und Zftrtlichkeit. Zur Zeit des Traumes 
sehnte er sich nach dieser Geliebten, die inzwischen einen anderen Mann 
geheiratet hatte, zurUck. (Ideal — lichtumflossen ; Fr&ulein WeiB — weifie 
Bluse, von weifi em Licht umflossen.) 



Frau D. traumt, sie sehe den alteu Blasel 1 ) in voller Rttstung auf dem 
Divan liegen. Dann springt er ilber Tische und Stuhle, zieht seinen Degen, 
sieht sich dabei im Spiegel und fuchtelt mit dem Degen in der Luft herum, 
als kampfe er gegen einen eingebildeten Feind. 

Deutung. Die Traumerin hat ein alt es Blase nle id en. Sie liegt 
bei der Analyse auf dem Divan, und wenu sie sich im Spiegel sieht, dann 
kommt sie sich insgeheim trotz ihren Jahren und ihrer Krankheit noch sehr 
r Us tig vor. Die Traumerin identifiziert sich mit dem alten Blasel, dessen 
Riistigkeit und kcrperliche Behendigkeit sie so sehr bewundert hat, dafi sie 
sich gewflnscht hat, in seinem Alter — der Mann hat das 80. Lebensjahr 
Uberschritten — auch so rttstig zu sein wie er. Den Namen des Schauspielers 
verwendet sie, urn sich selbst als eine Person darzustellen, die eben ein altes 
Blasenleiden hat. Also sie selbst sieht sich im Spiegel und findet, dafi sie, 
trotzdem sie der alte Blasel ist, das heifit ein altes Blasenleiden hat, noch 
in voller Rtistung, das heifit vollrtistig ist und dafi sie sich alle 
Schrecknisse des Alters nur einbilde, dafi sie gegen eingebildete Feinde kampfe. 

Es sei darauf hingewiesen, dafi die Person, die sich im Traum im 
Spiegel sieht, mSglicherweise immer den Traumer vorstellt, 
weil der Spiegel jenes Gerat ist, in dem man immer sein eigenes Ebenbild sieht. 

II. 

Plotzlicher Wechsel der Ortlichkeit des Traumbildes. 

Ein typisches Traumgesehehen ist es, dafi die Traumhandlung plfltzlich 

und unvermittelt die flrtliche Szene wechselt. Die plStzlich in das Traumbild 

eingefilgte neue Ortlichkeit hat die Bedeutung einer Reminiszenz, deren Vor- 

stellungsinhalt mit jenem, der im Traum vor dem Szenenwechsel abgewickelt 



') Ein Wiener Komiker. 
Zeitachr. f. ftrctl. Psychoanalyse. EI. 



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466 Mitteilungen. 

wurde, verglichen and identifiziert wird. Die ganze neue Szene dient oft nur 
zur Darstellung einer eiazigen Vorstellung oder eines einzigen sprach lichen 
Ausdruckes und ist grammatikalisch in der Ubersetzung des Traum es als 
Nebensatz zu placieren 1 ). Im folgenden ein Beispiel flir viele. 

Traumbruchstuck. 

Fraulein N. traumt : Ich sitze in der obersten Bankreihe des chirnrgischen 
Hdrsaales. Unten wird eine Fran operiert. Sie liegt mit dem Kopf zn mir, den 
Kopf sehe ich aber nicht mehr, als ob mir sein Anblick durch die nnteren Bank- 
reihe n verdeckt wftre. Ich sehe die Frau nur von der Brust abwarts, nnd zwar 
sehe ich tiber den Oberschenkeln ein Gebausch von weifien TUchern and Wasche. 
Sonst sehe ich nichts deutlich. Plotzlich wechselt die Szene, die Ortlichkeit ist 
nicht mehr der Horsaal, sondern die Einfahrt nnter einem grofien Torbogen 
im AUgemeinen Krankenhaus. Der Fuflboden besteht aus Steinfliesen .... 

Deutung. Die Trftumerin sieht sich selbst im Traura in der Gestalt 
jener Frau, die operiert wird. Wenige Tage vorher war die Traumerin nam- 
lich bei einem jungen Arzt zn Besuch gewesen und dieser hatte eine erotische 
Attacke gegen sie unternoromen. Bei dieser Gelegenheit lag sie auf dem Divan. 
Der Arzt hatte ihr die Rocke aufgehoben und wahrend er „unten" an ihr 
herumoperierte, sah sie fiber ihren Oberschenkeln das Gebausch ihrer weifien 
Unterwasche. Genau soviel, wie sie in dieser Situation von ihrer eigenen 
Person sah, sieht sie auch von der Frau im Traum, und sie sieht deren 
Kopf nicht mehr, so wie sie ihren eigenen Kopf nicht sehen konnte. Dafl die 
Szene im Horsaal der chirurgischen Klinik spielt, der ja der Operationssaal ist, 
hat nur die Bedeutung, um fur den Vorgang des „Operierens", was ja im 
vulgaren Sprachgebrauch fur Manipulieren gebraucht wird, ein plausibles bild- 
haftes Milieu zu schaffen. Plotzlich wechselt die Szene, die Handlung setzt 
sich unter einem bestimmten Torbogen des AUgemeinen Krankenhauses fort, 
Unter diesem Torbogen hatte die Traumerin kurzlieh eine kleine Gefahr iiber- 
standen. Sie wollte einem mit Stroh hochbeladenen Fuhrwerk, das den Tor- 
bogen fast ganz ausfullte, ausweichen, und ware dabei fast gefallen. 
Dieser Ausdruck „fast gefallen" ist es, der durch die neue Ortlichkeit im 
Traumbild dargestellt werden soil. So wie die Traumerin unter jenem Tor- 
bogen ins GedrSnge geraten war und fast gefallen ware, so war sie auch bei 
jenem Arzt in Bedrangnis gewesen und ware „fast gefallen", wenn sie 
sich nicht mit ailer Kraft zusammengenoramen und der Vercuchung wider- 
standen hatte. In einem Satz ausgedruckt lautet die t)bersetzung des Traumes: 
ich befinde mich bei dem Arzt in der gleichen Gefahr wie damals unter dem 
Torbogen des Krankenhauses, namlich in der Gefahr „zu fallen 8 . 

Es sei in diesem Traum noch auf eine higher nicht publizierte besondere 
Technik der Traumdarstellung hingewiesen. Ich habe zu wiederholten Malen 
Gelegenheit gehabt, Traumszenen, die sich unten imRaum auf einem tiefer 
gelegenen Raumniveau abspielen, als Darstellung des Genitales zu deuten. 
Die Moglichkeit zu dieser Darstellung bielet der Sprachgebrauch, der fur 
Genitale, um den Korperteil nicht beim Namen zu nennen, einfach n unten u 
einsetzt. Unten im Raume heiCt im Traum so viel wie: unten am Korper d. h. 
am Genitale. In unserera Traumbeispiel ist diese Technik besonders deutlich; 
8 unten wird eine Frau operiert*, heifit so viel wie: „der Arzt hat unten an 
mir herumoperiert", welche UberseUung sich unter Substitution der andern, 
von uns durch Deutung gewonnenen Traumelemente, ohne weiteres als der 
Realitat entsprechend ergibt. 

2 ) Vgl. Freud s B Traumdeutung tt . 3. Aufl. S. 263. 



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Kritiken und Referate. 

Mensendieck Otto: Zur Technik des Unterrichts und der Er- 
ziehung w&hrend der psychoanalytischen Behandlung. 
Jahrbuch fur psychoanal. und psychopathologische Forschungen, V. Band, 
2.Halfte 1913. 

Auf Grand seiner Erfahrungen an neurotischen Jugendlichen im Sana- 
torium Dr. B ire hers in Zurich stellt der Verfasser zwei Hauptgrunds&tze auf, 
nach welchen der erziehende Unterricht neurotischer SchUler, die in psycho- 
analytiscber Behandlung stehen, einzurichten ist, und berichtet in Ktirze Uber 
die Art des Zusammenwirkens von seiten des Arztes und des Lehrers und Er- 
ziehers, das geeignet ist, das neurotische Symptom der Lernunfahigkeit zu be- 
seitigen. In der ersten Hauptforderung, der Wiedererziehung des Zog- 
lings zu Pflichterfiillung und Gehorsam begegnen wir den Leitsatzen, welche 
die groflen Padagogen der Aufklarungszeit aufstellten: das unerbittliche Be- 
st ehen auf einmal geforderten Leistungen. An dem Beispiel eines 15jfthrigen 
Gymnasiasten, dessen faules, widersetzliches Wesen in der Anstalt die Wieder- 
holung der hauslichen Situation ist und im Grunde nichts anderes bedeutet, 
als die Aufmerksamkeit der Umgebung zu erzwingen, zeigt Mensendieck, 
wie wichtig far den Lehrer die Kenntnis der „Reaktionsformel u jedes 
einzelnen Schlilers ist. „Wie diese in jedem einzelnen Falle entstanden und 
beschaffen ist, mufi die Analyse ergeben. Aufgabe des erziehenden Unter- 
richtes aber ist es, die Furcht vor den Forderungen schwinden und die ver- 
trauensvolle Ein- und Unterordnung an die Stelle der eigensinnigen und un- 
zweckmafligen Lebenserhaltung treten zu lassen." Der Autor bringt hieftir 
ein sehr interessantes Beispiel eines 14jahrigen Enaben (pag. 461), den die 
tibergroflen Anforderungen des vom Sohne bewunderten Vaters, die Erwartungen 
der Mutter, die ihrem Gatten wenigstens scheinbar blind ergeben ist, nach 
erfolglosem Bemilhen dahin bringen, dafi er schliefilich in der Schule vollstandig 
versagt. 

Die B Wiedererziehung a , die Mensendieck ftir notwendig halt, 
damit der Schuier nicht trotz der Analyse in der alten Gewohnheit stecken 
bleibe, darf nach seiner Erfahrung nicht auf Strafen und Strafarbeiten im 
alten padagogischen Sinne verzichten. Die Bemerkung, dafi das neurotische 
Kind durch ihre Leistung gezwungen werde, Freude am eigenen Konnen zu 
gewinnen, scheint mir, da Mensendieck sich liber Form und Ausmafl der 
Strafarbeiten nicht naher ausspricht, nicht ganz einwandfrei. Ist doch der 
Charakter der Strafarbeit — zumal in der Schule — nicht danach angetan, 
dafi ein normales Kind, das aus, ich mdchte sagen, natttrlicher Faulheit in 
der Pflichterfiillung s&umig ist, durch sie zu groDerer Lernfreudigkeit an- 
gespornt wiirde, geschweige denn ein neurotisches, das jeden Zwang als eine 

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468 Kritiken und Referate. 

Demiitigung und einen Angriff gegen das eigene Ich empfindet. Zudem spricht 
M. nicht von Kindern, sondern wenigstens in den angeftihrten Beispielen 
durchwegs von Zoglingen zwischen 14 bis 18 Jahren, die also mitten in der 
Pubertatsgarung stehen, dem Alter, in welchem eine strafende Beeinflussung 
auch beim Normalen in der Regel nur Trotz gebiert. Es wird uns auch 
schwer zu glauben, daB der neurotische Schiller, solange er unter der Herr- 
schaft seiner krankhaften Faulheit, Frechheit usw. steht, fur den Zwang der 
Wiedererziehung dankbar sei. M. begrtindet diese etwas kiihne Voraussetzung 
mit der Sehnsucht jedes Menscben nach Ordnung und Gehorsara. Auch dies 
gilt selbst bei normaler Entwicklung kaum fur die Jahre der Reife. Der 
neurotische junge Mensch benimmt sich wohl oft wie ein Kind, aber er will 
und darf nicht als solcbes behandelt werden. Vielleicht ist aber der Eindruck, 
dafl die groBe Verschiedenheit der friiheren Knabenjahre und der Puberttits- 
zeit hinsichtlich ihrer Behandlung und der Reaktion auf diese zu wenig be- 
tont ist, nur durch die gedr&ngte Form der Arbeit bedingt. Mit trefflichen 
scharfen Worten zieht der Verfasser gegen die sogenannte Ordnung in Schule 
und Haus, die keine Ordnung, sondern bloB Willktlr und Laune ist, und gegen 
„das schroffe unvorsichtige Eingreifen in den dem Wesen vorgeschriebenen 
Bildungs- und Entwicklungsgang" zu Felde und schildert die Irrwege, die 
eine solche mifileitete Seele nimmt. 

Neben die erste Forderung der Wiedererziehung des jugendlichen 
Neurotikers stellt er als zweite die Selbstkenntnis des Lehrers. Auch 
dieses „Erkenne dich selbst! 8 rufen die groBen Padagogen des 18. und des 
19. Jahrhunderts als Kardinalforderung dem Erzieher und Lehrer zu. Dafl 
neurotische Kinder das scharfste Auge fiir die Schwachen, d. h. die Komplexe 
ihrer Lehrer haben, ist jedem bekannt, der je mit „nervOsen" Kindern zu 
tun gehabt. M. stellt zwei typische Formen auf, in denen der Egoismus des 
Lehrers seine Befriedigung fiiidet. „Der innerste Trieb, geliebt zu werden," 
verleitet den Padagogen dazu, auf die Individualist des Schtilers allzusehr 
einzugehen und ihm mehr Liebe zu schenken, als der Erziehung fiJrderlich 
ist. „Der innerste Trieb, zu herrschen und einen anderen beiseite zu schieben," 
laflt den Lehrer im tjbermafle auf Gehorsam und Ordnung dringen. Diese 
zwei Mittel, der eigenen Individuality gerecht zu werden, die kaum in losem 
Zusammenhang mit dem wahren Erziehungswerk stehen, wecken in dem 
Schliler die Frage, die er vordem Vater und Mutter gegenubergestellt : Wird 
es ihm (dem Lehrer) gelingen, seine Sucht nach Liebe oder nach Macht zu 
befriedigen? Dieses stete Auf-der-Lauer-liegen des Kindes ist gewifi eines 
der schwersten Hindernisse, der jungen Seele nahe zu kommen. Deshalb 
stellt Mensendieck die Kardinalforderung, der analytisch geleitete Unter- 
richt mttsse objektiv sine ira et studio die Forderungen des Lebens reprasen- 
tieren. Die Schwierigkeit dieser Aufgabe sieht Mensendieck wesentlicu 
erleichtert durch das wissenschaftliche objektive Interesse des Lehrers an den 
Komplexauflerungen seiner in psychoanalytischer Behandlung stehenden Zog- 
linge. So faflt der Erzieher die groBen und kleinen Untugenden nicht als person- 
liche Angriffe, Beleidigungen und Racheakte auf ; die Fehler regen vielmehr die 
Frage an, „warum der Schiller sich so unzweckmaBig benehme, was er damit 
sagen wolle, welche Wunsche sich in dieser verzerrten Form manifestieren, 
welche Reaktionsformeln sich dahinter verbergen tt . Sie werfen endlich ein 
Licht auf die falschen und die sogenannten „dummen a Antworten des Schiilers, 
die ihm vom psychoanalytisch ungeschulten Lehrer als Frechbeit angekerbt 
werden. Hiefiir bringt Mensendieck zwei interessante Falle, in welchen 
die Komplexe des Schiilers ihn beim Erlernen fremder Sprachen fiir die Auf- 



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Kritiken und Referate. 469 

fassung gewisser grammatischer Forme n (z. B. das Femininum von fraternel 
ketone man nicht bilden, denn es heifie „schwesterlich u ), ja sogar der Zeiten 
vollstftndig versagen lassen. Dieser Schtiler ist in der Identification mit dem 
Vater ein leideDschaftlicher Rechner ; in den Sprachen sehen wir Verdr&ngung 
der auf die auslfindische Mutter gerichteten Libido. Ein anderer kann trotz 
seiner 18 Jahre infolge eines stark en negativen Vaterkomplexes Frage- und 
Befehlss&tze infolge der starken Mutterbindung and eines verfruhten Sexual- 
verkehrs Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft nicht unterscheiden. 

Die Arbeit enthftlt so viel Wichtiges und Wertvolles filr den erziehenden 
Unterricht, dafi es nur zu wunschen wfire, dafi viele, viele Erzieher und Lehrer 
auch normaler Kinder diese Winke lfisen und beherzigten. 

Dr. H. von Hug-Hellmuth. 

Marcinowski: Die Heilung eines schweren Falles von Asthma 
durch Psychoanalyse. Jahrbuch far psychoanalytische und psycho- 
pathologische Forschungen. Band V, II. HaMfte. 

Marcinowski hat aufs neue Sen Satz bewiesen, dafi Asthma eine 
reine Psychoneurose ist. Vor allem scheint mir wichtig, dafi es das h&ufige 
Emphysem, die katarrhalische Darmreizung und die andern kSrperlichen Sym- 
ptome, deren man sonst gar zu leicht urs&chliche Bedeutung beimifit, als 
Folgeerscheinungen nachgewiesen hat, die von selbst verschwinden, wenn die 
prim&re, psychische Erkrankung behoben ist. Aber gerade weil ich mit den 
Resultaten, zu denen ja vorher auch Sadger, Stegmann, Stekel und 
Wulff gelangten, voll einverstanden bin, mufi ich um so mehr Betonung darauf 
legen, dafi mir der Weg, den Marcinowski einschlug, nicht mehr rein 
analytisch zu sein scheint. 

„Die Technik .... war folgende: Sie (Patientin. D. Ref.) wurde des 
Abends eingeschlafert und schlief dann fest die ganze Nacht durch. Wir 
fanden sie meist genau in derselben Kdrperhaltung, in der wir sie am Abend 
verlassen hatten, wieder. Dann wurde sie zum Sprechen aufgefordert Sie 
brachte dann die Einfftlle zur letzten Sprechstunde nebst den Trfturoen der 
Nacht, die sofort eine ziemlich eingehende Analysierung gestatteten. Die Affekte 
waren dabei eher noch unverhtillter als im Wachen. Meine Assistentin steno- 
graphierte meine Gespr&che mit der Scblafenden. Zum Schlufi wurde die 
Kranke geweckt und war in der Regel vollig erinnerungslos fur alles Er- 
Orterte. Je nachdem es uns gut dunkte, haben wir das so belassen oder „be- 
wnfit" weitergefuhrt." (S. 555). 

Freud, der selbst frliher durch lftngere Zeit eine hypnotische Technik 
(die kathartische) anwandte, aber lfingst verlassen hat, hat gezeigt, dafi dieser 
Weg nicht zu vflllig beiriedigenden Resultaten ftihrt. Der Widerstand 
wird so nicht hinweggeschafft ; die Zensnrkrafte weichen nur vor dem Hyp- 
notiseur zurtick bis zu einer Stelle, wo sie schliefilich unttberwindlich 
sind. Anders in der wirklichen Psychoanalyse: Hier wird jeder Vortrupp 
da gepackt und niedergerungen, wo man ihn trifft. So ist die Hauptstellung, 
wenn wir an sie gelangen, schw&cher verteidigt und angehbar. Der Gang von 
Marcinowskis Analyse scheint mir dies aufs neue zu best&tigen. Ich will 
dabei gerne zugeben, dafi er, wie er S. 618 sagt, mehr von dem Fall weifi, 
als er wiedergegeben hat. Aber ich glaube, dafi er doch etwas mehr von den 
tiefsten Trieben gesagt hatte, wenn er es b&tte sehen konnen. 

Besonders bedenklich erscheint mir, dafi Marcinowski nach Gut- 
dtinken n bewufit a macht oder nicht. Wie waren die Kriterien seines Vor- 
gehens? Aufierdem: was hilft es, die in Hypnose gesprochenen Worte dem 



,., n L Original from 

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470 Kritiken und Reterate. 

Patienten vorzuhalten? Sind sie ihm dann doch meist so fremd, als hatte er 
das nie geredet. 

Schliefilich mfichte ich Doch auf einen Widerspruch M.'s rait sich selbst 
hiDweisen : Marcinowski legt stets rait vollem Recht den grbfiten Wert 
darauf, dafi die t)bertragung auf ihren Ursprung (in diesem Falle : den Vater) 
zuriickgefuhrt, die Patientin in ihre Schranken zurtickgewiesen wird. Er 
droht ihr sogar niit Entzug des spateren freundschaftlichen Verkehres. Wie 
kann er dies damit vereinigen, dafi er ihr die Hypnose gewahrt, „die ihr in 
typischer Weise als ein Symbol volliger, willenloser Hingabe gait, also ein 
Koitusersatz dunkt." (Ubrigens eine sehr gute Beobachtung.) 

Trotzdem ist die Arbeit sehr lehrreich. Zumal ein Anf&nger wird hier 
ein wahres Svmbolworterbuch finden. (Besonders hinweisen mochte ich aof die 
eingeflochtene Geschichte der Tochter der Patientin.) (S. 603 ff.) Er wird aber 
auKerdem einen kleinen Einblick in die Genese einer psychischen Erkrankung 
gewinnen nnd einen nachhaltigen Eindruck von der Gewalt des Inzestes nnd 
der Ubertragung. Vor allem in letzterem Sinne begrufie ich die Arbeit, denn 
leider besteht heute noch ein ziemlicher Mangel an Moglichkeit, sich hiertiber 
zu informieren. Dr. Landauer. 

Paul Bjerre (Stockholm): Bewufltsein kontra Un bewuBtsein. (Jahr- 

buch far psychoanalytische und psy chopathologische Forschungen, Y.Band, 

2. Halfte.) 

Bjerre gelang es in drei Stunden, eine seit zehn Jahren in ihren Haus- 
arzt platonisch verliebte, sich aber ihrem Gatten eingestehende Frau von ihren 
ambivalenten Griibeleien und den zwangshaften urn den Geliebten spielenden 
Phantasien zn befreien. Die Methode bestand darin, dafi sich an die der Pa- 
tientin mitgeteilte Deutung ihrer Liebe als Neuauflage ihrer Vaterliebe, ein 
Sermon anschloB, der ein Weitergehen „im Erschaffen ihres realen Daseins" 
und Riickkehr in die Ehe empfahl : „Wenn sie auch bisher nicht die voll- 
standige Befriedigung habe bringen konnen, so sei dies doch gar nicht fur die 
Zukunft ausgeschlossen" . . . „Wenn ihr Mann ihr mit Verstandnis ftir ihr 
Leiden entgegenkomme, so werde er die Leere ihres Lebens ausfiillen 
konnen. u Soweit ein dithyrambischer Brief an B i e r r e nach 1 1 / 2 Jahren zeigt, 
war die Frau gesund geblieben. — Wir konnen Bjerre, der an derselben Stelle 
schon ilber eine Heilung einer Paranoia durch „Radikalbehandlung" berichten 
konnte(die Diagnose wird allerdings angezweifelt !), nur begluckwunschen. Er mSge 
sich aber eingestehen, dafi der Erfolg vor Allem seiner Personlichkeit, die als 
Vater-Imago den Geliebten ausstach, zu danken ist, und der das eklatante 
Argument von der Vaterliebeiibertragung zustatten gekommen sein mag. Was 
sich dann in der Ehe und Lebensfuhrung geandert hat, bleibt verborgen : wir 
wissen aber, wie oft das Triebmoment, Organisches, u. a. hinter den Kulissen 
hochtonender Phrasen und affektierter Gefuhle die Akteure sind. Es unterliegt 
keinem Zweifel, dafi diese sehr ethisch veranlagte Frau auch durch Dubois 
oder im Beichtstuhl zu heilen gewesen ware — bei gleich grofier tTbertragung ! 

Bjerre benutzt die Gelegenheit, um sich von der Psychoanalyse abzu- 
wenden und der Jungschen Reaktionsbewegung anzuschliefien, und wird bei 
seinem Furor sanans gewifl weiter Erfolge haben, namentlich in Fallen wie 
diesem, „wo die Krankheit noch nicht zur eigentlichen Symptombildung vor- 
geschritten war." So wunschenswert es erscheint, erfolgreiche Psychoanalysen 
in klirzerer Zeit abzuschliefleu, als es bisher bei schweren Fallen gelang — 
Wunsch und Hoffnung darauf, nach noch umfassenderen Forschungen und Er- 
fahrungen, hat Freud selbstlangst geauBert — , Bjerre s Vorschlag, dafi 
„man sich darauf beschrankt, um so viel heraufzuholen, als absolut notwendig 



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Kritiken und Referate. 47 \ 

ist, om die unbewufiten Zusammenh&nge in grofien Ziigen zu sehen", erscheint 
verfriiht willkiirlich, und ist auf Angst vor dem UnbewuBten aufgebaut. Diese 
Angst entspringt, soweit sie nicht subjektiv ist, dera Irrtum, als ob befreite unbe- 
wufite Regungen starker wiirden, wahrend sie tats&chlich, bewufit geworden, 
verblassen. Bjerre widerspricht sich, wenn er einerseits zweifelt, dafi die 
echte Psychoanalyse — seine Analyse ist auch nach seiner Ansicht nicht mehr 
Psychoanalyse — nicht so voraussetzungslos getrieben werde, wie sie prin- 
zipiell werden sollte, und anderseits seine bewufite Hinlenkung auf den 
^Weg der Realit&t", auf „zukunftige Wesentlichkeiten", auf „Gewinnung der 
Machktellung dem Leben gegeniiber" so tiberschatzt. Jede psychoanalytische 
Behandlung eines Leistungsf&higen wird unter der mehr oder weniger still- 
schweigenden Voraussetzung unternoinmen, leistungsfiihig und pflichterfullend 
zu machen, der Angstvolle will — mutig werden, der durch Zwang Gehemmte 
— ungeheramt tatig werden. 

Diese 40jahrige, seit 16 Jahren in vierkindiger Ehe lebende Frau 
ihrem Gatten zu erhalten, war bei ihrer guten Fahigkeit zum Sublimieren 
und schon bewiesenen (masochistischen) Neigung zum Opferbringen, fur B j e r r e, der 
\om haufig geiibten Hypnotisieren her die rasch einsetzende Ubertragung wohl zur 
Wirkung zu bringen versteht, nicht allzuschwer. Dr. E. Hitschmann. 

Derselbe, Das Wesen derHypnose. (Zeitschrift fiir Psychotherapie und 
medizinische Psychologic. IV. Band, I. Heft. April 1914.) 

Bjerre findet die ErklSrung der Erscheinungen der Hypnose in einer 
Regression der Psyche auf den fotalen Zustand. Die Idee einer solchen 
Regression ist — wie es den Lesern dieser Zeitschrift noch erinnerlich sein 
dlirfto — zuerst vom Referenten ausgesprochen worden, allerdings nicht be/.Ug- 
lich der Hypnose, sondern in bezug auf den Schlaf zustand. Die Hypnose 
dagegen — insoweit sie die Hervorrufung eines Zustandes durch eine andere 
Person bedeutet — kann naturgemafl nur die Reproduktion extrauterin 
erlebter Beziehungen sein ; in utero ist namlich ein Zwiegesprach (selbst unter 
Zwillingen) nirht mbglich. Die Hypnotesierbarkeit wurde denn auch (von Freud 
und dem Referenten) auf extrauterine, infantile Erlebnisse, auf die erotischen 
Beziehungen zwischen Eltern und Kindern zuriickgefuhrt. 

Indem also Bjerre den hypnotischen S chlaf zustand als Regression 
ins Fotale auffaBt, hat er zwar Recht, sagt aber nichts Neues, da die Fotal- 
theorie des Schlafes auf verschiedene Arten des Schlafzustandes anwendbar ist. 
Insoferne er aber die hypnotische Beeinflussung durch eine andere Person 
„f6tal u erklftren will, irrt er gewaltig. — Es ist gewifi eine interessante und 
noch der Lbsung harrende Aufgabe, die Unterschiede des gewohnlichen und 
des hypnotischen Schlafzustandes auf der gemeinsamen Grundlage der F6tal- 
theorie darzulegen. Die Psychoanalyse hat schon einiges Material zur Losung 
dieses Problemes geliefert und wird es — nach Ansicht des Referenten — 
in absehbarer Zeit wirklich Ibsen. Auch die Arbeit Bjerres bringt dazu 
einige brauchbare Beitrage. 

Es ist zu verwundern, dafi Bjerre die uberdeutliche Ahnlichkeit — man 
mochte fast sagen : IdentitSt — seiner Theorie mit der des Referenten derartig ver- 
kennt, dafi er letztere fur einen „MifigrifP erklaren kann. Ferenczi. 

Rohleder Hermann: Monograph ien liber die Zeugung beim 
Menschen. Bd. Ill: Die Funktionsstbrungen der Zeugung beim 
Manne. Bd. IV: Die libidinbsen Funktionsstbrungen der Zeugung beim 



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472 Kritiken und Referate. 

Weibe. (Leipzig 1913—1914, Georg Thieme Verlag. Bd. Ill brosch. 

K 580, geb. K 6*80; Bd. IV brosch. K 2'80, geb. K 380.) 

Yon den im III. Bande des nanmehr vollst&ndig vorliegenden Werkes 
von Rohleder behandelten Funktionsstorungen der Zeugung beim Marine 
(1. Erankhafte Samenverluste; 2. Die Impotenz des Mannes [impotentia coeuDdi] 
und 3. Die Sterilit&t des Mannes [impotentia generandi]) wollen wir bier nor, 
indem wir weitere Interessenten auf die Darstellnng selbst verweisen, auf die 
Darlegangen tiber Masturbation und ihre Folgen, sowie die psychische 
Impotenz etwas naher eingehen. 

Die fur die Sch&dlichkeit der Onanie im Vergleich zum Eoitus ange- 
ftlhrten Grtinde : frtibzeitiger Beginn vor der Geschlechtsreife, leichtere und 
darum b&ufigere Ausiibung, Anforderungen an das Pbantasieleben sind gewifi 
zutreffend, ebenso die daraus folgenden Schaden somatischer Natur, wie for 
Gemtitsbildung und Charakter (Heimlichkeitskramer, Ltigner usw.). Auch die 
psychische Depression des Onanisten, die den Abwehrkampf begleitet, wird — 
am treffendsten mit einem Ausspruch Griesingers — charakterisiert : „Jener 
Kampf gegen den Trieb, der schon ttbermachtig geworden, jenes stetige Unter- 
liegen, jener verborgen gehaltene Zwiespalt zwischen Scham, Reue, gutem Vor- 
satz und zwischen dem gebieterischen Reiz ist nach nicht wenigen Gestand- 
nissen von Onanisten unbedingt wichtiger als das somatische Moment" (S. 25). 
Aber tlber die Deskription dieser Tatsachen vermag auch die Darstellung 
Rohleders sich nicht zu erheben. Hatte er versueht, dies zu tun und 
wftre — wie die psychoanalytische Forschung 1 ) — auf den Inhalt der Onanie- 
phantasien eingegangen, so hatte er sich auch bei der psychischen Impotenz 
nicht mit der Auskunft zufrieden geben kftnnen, dafi die Patienten impotent 
werden durch den Gedanken an Impotenz (S. 101), sondern weiter forschen mtissen, 
woher diese Angst vor Impotenz stammt und was sie bedeutet. 2 ) Mit dem 
Hinweis auf Schuchternheit, Unerfahrenheit, vorhergegangenen coitus interruptus 
und die durch Abstinenz — zweifellos — erworbene Unfahigkeit ist nicht 
viel geleistet, besonders wenn man den richtigen Hinweis von Finger nicht 
wdrdigt, dafi auch „eine zu grofie Verehrung ftir das weibliche Wesen c ein 
Grund zur psychischen Impotenz sei (S. 103). Auch bei der Therapie 
mtifite Rohleder nicht seine ganze Hoffnung auf Yohimbin setzen, wenn er 
von der Psychoanalyse nicht gerade nur das ihm Genehme akzeptierte, sondern 
sich belehren liefle, dafi die psychische Impotenz eine Psychoneurose ist, die 
durch Analyse gtinstig beeinflufit werden kann und wenn er zur Beurteilung 
der analytischen Therapie nicht gerade die undankbarsten Faile (von Homo- 
sexualitftt) wahlte (S. 135), sondern die dankbarsten, zu denen eben die 
psychisch Impotenten gehoren. 

Der IV. Band behandelt „die libidin5sen FunktionsstSrungen der Zeugung 
beira Weibe", wie der Autor im Vorwort betont, zum ersten Male in der 
Literatur. Es ist dies zweifellos ein verdienstliches Unternehmen, wenn man 
bedenkt, wie wenig der praktische Arzt im allgemeinen Uber diese Dinge in- 
formiert ist und welche Schwierigkeiten brauchbaren Sexualanamnesen ent- 
gegenstehen. Dafi der Verfasser vielfach oberflachlich bleibt, beeintrachtigt 
diesen informatorischen Zweck seiner Arbeit nicht besonders, denn es ist be- 
kannt, dafi gerade auf dem Gebiete des Sexuallebens einerseits das Banale 
und „allgemein Bekannte" meist unausgesprochenes Geheimnis ist, anderseits 

2 ) Die Onanie. Vierzehn Beitrage zu einer Diskussion der Wiener psychoanaly- 
tischen Vereinigung. Bergmann, Wiesbaden 1912. 

*) Die psychoanalytische Auffassnng und Behandlong der Impotenz hat Dr. Maxim. 
Steiner in seinem kurzlich hier besprochenen Buche dargesteUt 



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Kritiken und Referate. 473 

manche fundamental Tatsache, von der man glauben sollte, dafi jeder sie 
wisse, wirklich nicht gewufit wird. Die Leistung des Forschers, der diese 
offentlichen Geheimnisse und geheimen Selbstverstandlichkeiten zur Anerkennung 
bringen will, besteht dann eben darin, die ricbtige Auswahl und Einschatzung 
zu treffen; aber Wiederholungen so falscher und nichtssagender Gemeinpiatze 
wie: „Der Mann liebt vorwiegend mit dem Verstand, die Frau mit dem 
Herzen" (S. 11), sollten in einem ernste Beachtung beanspruchenden Werke 
doch nicht als wissenschaftliche Unterscheidung zwischen m&nnlicher und weib- 
licher Liebe anerkannt und vertreten werden. 

Nach R o h 1 e d e r k5nnen — abgesehen von den in das Gebiet des 
Gynakologen fallcnden Erkrankungen der weiblichen Genitalorgane — folgende 
Storungen des Geschlechtstriebes zu FunktionsstCrungen der Zeugung ftihren: 

a) Quantitative: 

1. Der mangelnde und mangelhafte Geschlecbtstrieb (Anaphrodisia unci 
Frigiditat); 

2. die mangelhafte Geschlechtsempfindung (Dyspareunie); 

3. der iibermaBige Geschlechtstrieb (Nymphomanie); 

4. der Scheidenkrampf (Vaginismus). 

b) Qualitative: 

5. Die Hysterie und Hysteroneurasthenie; 

6. die geschlechtlichen Abnormitaten und Perversionen; 

7. die relative Sterilitat (Sexuelle Antipathie). 

Die naheren Ausfuhrungen Uber diese verschiedenen Formen von Zeugungs- 
storung beim Weibe, insbesondere ihre therapeutische Chance und forensische 
Bedeutung, sind im Originale nachzulesen. 

Wir mc-chten hier nur auf zwei, dem Psychoanalytiker nahegehende Ab- 
schnitte hinweisen: auf die Ausfuhrungen liber den coitus interruptus und die 
Hysterie. Die psychischen und nervosen Folgen des fur die Frau unbe- 
friedigend verlaufenden Aktes, wie sie Freud 1895 beschrieben hat, werden 
hier von Ro hie der als richtig anerkannt (S. 5) und durch seine eigenen 
Erfahrungen bestatig.t. „Jedenfalls werden die Fiauen mit der Zeit miirrisch, 
leicht reizbar, launenhaft, so bilden sich selbst melancholische, hysterische Be- 
schwerden aus. Schwere psychische Depressionszustande sind bei sexuell 
normal empfindenden bezw. uberempfhidlichen Frauen nichts Seltenes." Bei 
diesen „schafft das standige Gefiihl der sexuellen Kichtbefriedigung die Hysterie 
resp. Hystero-Neurasthenie ..." (S. 6). 

Das fuhrt bereits auf den zweiten zu besprechenden Punkt (Abschnitt 5), 
in welchem Rohleder zugesteht, „dafi gerade in der Hysterie Freuds 
Ansichten zu einem grofien Teil den Nagel auf den Kopf treffen" (S. 65). 
Nachdem auf die antike Auffassung der Hysterie als einem Suffokationszustand 
der Gebarmutter hingewiesen wurde, zeigt der Verfasser, dafi eine Reihe 
neuerer Autoren — die Ellis angibt — dem Zusammenhang des Sexual- 
lebens mit der Hysterie wieder Geltung zu verschaffen wufiten. Lonyer, 
Villermay, Foville (1833) undLandanzy (1846) haben gezeigt, „dafi 
die haufigste Ursache der Hysterie Entbehrungen von den Freuden der Liebe 
sei a (S. 63). In Deutschland hat zuerst Hegar (1885) die Meinung ver- 
treten, dafi die Hysterie ebenso wie die Anaraie unbefriedigten sexuellen 
Trieben entspringe" (S. 64). Ferner hatlcard in seinem Werke „La femme a 
gezeigt, „dafi auch bei den Tieren bei Nichtbefriedigung der sexuellen Triebe 
nervbse Symptorae ausgelost werden, die denen der Hysterie ahneln, und in 
neuesterZeit hat...Eulenburg darauf hingewiesen, dafi die Hysterie Folge 



i^r^nlf* Original fronn 

^ uu d ,L UNIVERSITY OF MICHIGAN 



474 Kritiken and Referate. 

sexueller Nichtbet&tigung sein kann a (S. 64). Der wesentlichste Anteil an der 
Durchsetzung and Durchftthrung dieser Anffassnng wird aber Freud and 
Breuer zugesprocben 1 ) (S. 64 ff.). Wenn auch Fread insbesondere die 
„ infantile * Sexualit&t ubersch&tze, so miisse doch zugegeben werden, dafi es 
sich bei der Hysterie „tatsachlich vielfach am eine Sexual verdrftngung handelt, 
and zwar deshalb, weil, wie Freud richtig angibt, bei der Hysterie vielfach 
^ine uberm&fiige Ausbildung des Sexualtriebes verdeckt ist. Hier ist tat- 
sachlich einerseits eine zu weit getriebene Sexual verdr&ngung, insbesondere 
durch die falsche Erziehung, andererseits ein uberm&fiiger Sexualtrieb . . . 
Selbst Gegner wie Hoche mlissen zugeben, dafi bysterische Symptome durch 
die psychoanalytische Methode filr kiirzere Oder l&ngere Zeit beseitigt wurden, 
wenn er auch meint, dafi gerade bei der Hysterie die Erfolge kein Beweis 
fur den Wert der Heilmethode sind . . . Jedenfalls, soviel ist sicher, die 
Hysterie ist gleichsam ein Kampf mit der Sexualit&t (und im Anschluli an 
ein Zitat aus Freuds v Sexual theorie u ) . . . Die Symptome geben eine Ent- 
lastung der sexuellen Spannung, aber keine voile . . ." (S. 66). Auch die 
Freud sche Auffassung des hysterischen Anfalles als Koitus&quivalent findet 
Bestatigung in der Tatsache, „dafi bei hysterischen Anfallen Kohabitations- 
empfindungen auftreten, ja bisweilen selbst vdlliger Orgasmus empfunden wird a . 
(„So meinen v. Krafft-Ebing, Schlile u. a., dafi der Geschlechtstrieb 
hier oft krankhaft gesteigert ist, und Kisch, dafi es hier bis zu Koitus- 
halluzinationen komme 8 .) (S. 69.) — Ebenso wird die Bedeutung, die Freud 
dem Traumleben beimifit, wenigtens fUr die Sexualit&t mehrfach anerkannt 
(S. 65/66, 79, 84). 

Die Anerkennung der Freudschen Hysterieauffassung will Rohleder 
nur in einem Punkte eingeschr&nkt bezw. korrigiert wissen: „Meines Erachtens 
ist es nicht verdrangte infantile Sexuaiitat, die zur Hysterie fiihrt, sondern 
verdr&ngte, erwachte ausgebildete Sexualitat wfthrend der Pubertal". 
(S. 65). Dafi gerade darin die Freudsche Leistung und sein Verdienst 
gegeniiber den Vorgangern liegt, hat Rohleder entweder gar nicht oder 
nur zu gut verstanden, sonst konnte er diesen Satz nicht ernsthaft vertreten. 
Die Psychoanalyse aber wird sich an diese Art der Assimilierung gewdhnen 
und daroit trflsten mttssen, dafi dies vielleicht der Anfang zu einem besseren 
Verst&ndnis ist, und dafi sie selbst auch diese Irrttimer tiberwinden mufite, um 
das zu werden, was sie ist. Dr. 0. Rank. 

J. H. Schultz :DiePsychoanalyse. Theologische Literaturzeitung, Leipzig, 

17. Januar 1914. 

Eine vdllig verstandnislose „kritische Betrachtung 8 der Psychoanalyse in 
einem Tone, der den schSrfsten Protest herausfordern mufi. Es lohnt sich 
einem solchen Gegner gegeniiber nicht, die Banalit&t und Unsinnigkeit seiner 
Argumente zu erweisen. Dr. Theodor Reik. 

Dr. Oskar Pfister: Psychoanalyse und Theologie. Theologische 

Literaturzeitung, 6. Juni 1914. 

Pfarrer Pfister bringt hier eine Entgegnung auf den Artikel, in welchem 
Bchultz die Psychoanalyse angriff. Es ist zu sagen, dafi diese Verteidigung 

l ) Der Verfasser wird wohl in spateren Auflagen richtigstellen, dafi an der 
Sammlung kleiner Schriften (1906) Breuer keinen Anteil hat — aufier der aus 
-den „Studien a (1895) wieder ab^edrackten „Vorl&ufigen Mitteilung" — und ebenso 
berichtigen, dafi die psychoanalytische Methode nicht „spater von Breuer ,kathar- 
tische' genannt" (S. 72), sondern umgekehrt die Breuer sche kathartische Methode 
spater von Freud zur psychoanalytischen ausgebaut wurde. 



rv v ^ik f^r\r*nl^ Original fronn 

6 y VliH UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Kritiken and Referate. 475 

•der Psychoanalyse deshalb so schwach und dtirftig ausfallt, weilPfister sich 

nur halb zu Freud bekennt und seiner Sache selbst nicbt sicher ist. Ein 

zweiter Grund fur die Unwirksarakeit seines Artikels liegt darin, dafi er be- 

standig nur seine eigenen Arbeiten als Beispiele der Anwendung der psycho- 

analytischen Metbode auf religiosem Gebiet heranzieht. wahrend in erster 

Linie Freud s so aufschluBreicher Artikel iiber „Zwangsneurose und Religions- 

tibung" sowie das letzte Werk „Totem und Tabu" ins Treffen gefuhrt werden 

miifiten. In einer „Verteidigung a der Psychoanalyse liest man mit Ver- 

wunderung folgenden Satz : „Es liegt rair daran festzustellen, dafi ich 1. sehr 

viele wichtige Hypothesen Freuds offen lieB oder gegen sie Stellung nahm, 

obwohl ich Freud fur einen der genialsten Entdecker auf dem Gebiete der 

Seelenkunde halte; 2. seine Sexualpsychologie grofienteils ablehne ..." Pfister 

"betont, er habe sich Mtihe gegeben zu zeigen, daB „der Mensch keineswegs 

nur ein Sexualwesen hoherer Ordnung" sei, sondern daB ihm auch wirklich 

bunter Geistesreichtum und adelige Eigenart zukomme. „Nur taktlose Analyse 

kann das Schamgefiihl verletzen. Wo Sexuelles zur Sprache kommen muB, 

handelt es sich immer nur darum, vorhandene Phantasien, soweit sie Schaden 

stiften, zu entfernen, und zwar so zartfuhlend als moglich." Es ist doch 

selbstverstandlich, daB der Arzt seine Patienten anstiindig behandelt ! Gibt 

es in unscrer Zeit Vorschriften fttr den Chirurgen, die Kranken nicht roh an- 

zufassen? Man braucht die von Pfister auferlegte Vorsicht nicht einmal 

\ora Standpunkte des Taktes zu nehmen, sie erledigt sich schon dadurch, 

-dafi das, was er Takt und Zartgefuhl nennt, in seiner Betatigung einfach 

ein Stiick der psychoanalytischen Technik ist. 

Pfisters Stellungnahme zur Psychoanalyse in dieser Verteidigung ver- 

steht man erst, wenn man den Satz liest: „Im Gegensatz zu Freuds sexuell 

charakterisiertem Libidobegriff und seiner polyphyletischen Sexualtheorie 

pflichte ich der asexuellen, rein energetischen Auffassung Jungs, von der 

Libido und ihrer monophyletischen Ableitung bei ; die Sexualit&t erscheint im 

Lichte dieser Theorie als weit weniger dominierend und umfassend." — Es 

ist wahr, , ? daB man auch bei starkster Abneigung gegen sexuelle Motive" in 

unzahligen Storungen auf sexuelle Note stbflt. Doch der Psychoanalytiker — 

Dr. Pfister muB dies ja wissen — hat keine „starkste Abneigung gegen 

sexuelle Motive" in sich zu Uberwinden ; er siebt in ihnen nichts anderes als 

seelische Vorgange, die jenseits aller moralischer Wertung stehen, wenn es 

sich darum handelt, leidenden Menschen zu helfen. Tv „,. _ „ .. 

Dr. Theodor Reik. 

Dr. L. Scholz: Die Freudsche Psychoanalyse. (Die Guldenkammer. 
Mai und Juni 1914.) 

Ein Bremer Arzt gibt hier eine kurze Darstellung und Kritik der Ana- 
lyse. Kurz seien die Hauptirrtiimer des Artikels angedeutet : Verdrangte Affekte 
sind durchaus nicht stets sexuellen Ursprungs. Eine somatische Konversion 
ist nicht fUr alle Neurosen typisch. Die Bildung von Zwangszustanden stellt 
sich der Autor ziemlich einfach vor : „ Das UnbewuBte macht sich selbst etwas 
vor, weil es nicht wagt, Farbe zu bekennen und die Erotika einzugestehen". 
Das Beispiel, das der Verfasser von Zwangsvorstellungen gibt, ist ein Fall von 
Schulangst. Die kindlichen Sexualneigungen unterliegen nicbt nur moralischen 
Hemmungen, sondern auch den Verftnderungen des Organismus. Der Odipus- 
komplex kann unmoglich als ein „Vorgang" bezeichnet werden. — Die kom- 
plizierten seelischen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern werden kaum 
angedeutet. 



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476 Kritiken und Referate. 

Scholz behauptet nun, dafi das Unbewufite etwas Mystisches, Okkultes r 
Interessantes sei und daber die Laien anziehe. Die Wirkung der Analyse ist 
fur ihn auf das Konto der Sensationslust zu setzen. Wo Freud recht habe, 
sage er nichts Neues. Mit einem „Mag sein — der Beweis ist nicht zu er- 
bringen", gleitet Scholz an der Traumdeutung vorbei. So leicht hat es sich 
wohl kaum je ein Kritiker gemacht. 

Beztiglich der Therapie fragt Scholz: Wie konnen wir wissen, dafi 
keine Suggestivwirkung vorliegt, die von der Personlichkeit des Arztes aus- 
geht? Diese Frage allein berechtigt zu dem Schlusse, dafi der Autor die 
Psychoanalyse wenig verstanden hat. Denn er mtlfite sonst wissen, dafi die 
Methode alle Suggestion vermeidet und dafi sie tiberhaupt das Suggestions- 
problem durch die „t)bertragungsfrage u tiefer erfafit hat. Dr. Theodor Reik. 

W. Windelband : Die Hypothese des Unbewufiten. Festrede, gehaltenin 
der Gesamtsitzung der Akademie der Wissenschaften am 24. April 1914. 
Karl Winter, Heidelberg. 

Der beruhmte Heidelberger Philosoph hat sich nun auch tiber die Theo- 
rien des Unbewufiten ausgesprochen. Es ist verstandlich, wenn er die Hypo- 
thesen von Descartes bis Schopenhauer und Hartmann fuhrt ; un- 
verstandlich bleibt die Tatsache, dafi er dem von den Philosophen geschaffenea 
Begriff den psychoanalytischen anreiht, als w&re dieser von gleicher Art, ein 
metaphysisches Schemenbild. Ich will hier die S&tze anfuhren, welche ein 
in Deutschland hochgeschatzter Professor der Philosophie als Zusamraen- 
fassung seiner Meinung tiber die Psychoanalyse im Jabre 1914 aussprach : 
„Man schreckt kaum mehr vor der unheimlichen Vorstellung zurttck, dafi zu 
unserem seelischen Lebensbestand Inhalte, Regungen und Strebungen gehoren 
ktfnnen, von denen wir in dem klaren Ablauf unserer beruflichen Tfttigkeit 
nichts ahnen, dafi wir darauf gefafit sein miissen, aus dieser dunkleu Tiefe 
Machte in uns selbst aufsteigen zu sehen, denen unser rational bewufites Wesen 
nicht gewachsen ist. Was an Leidenschaft und Unvernunft aus unbekannten 
Grunden in das Menschenleben einbricht, das gilt als willkommene Bestatigung 
dieser Lebensauffassung, und alle irrationalen Neigungen der heutigen Welt- 
ansicht haben hier in der damonischen Macht des Unbewufiten ihren wiil- 
kommenen Sammelpunkt. Lassen Sie mich nur an die Auswiichse der so- 
genannten Psychoanalyse erinnern, um die bedenklichen Folgerungen zu kenn- 
zeiehnen, die sich daraus ergeben konnen." Doch dieser Gegner ist wenigstens 
ehrlich : er sagt freimtitig, dafi er als „Laie in der heutigen Psychologie" kein 
Recht habe, die Analyse zu beurteilen. Es erhebt sich die Frage, warum er 
es dann (trotz solcher Einsicht) tut. Dr. Theodor Reik. 

Ungarische psychoanalytische Literatur. 

I. 

Bis in die neueste Zeit wurde die ungarische psychoanalytische Literatur 
zum grofiten Teil und am wtirdigsten durch die vortrefflichen Schriften 
S. Ferenczis reprasentiert. Kfirzlich erschien ein Band seiner neuesten 
psychoanalytischen Studien („Ideges ttinetek keletkezese 6s eltttn^se" usw., Buda- 
pest, Mano Dick, 1914), der einundzwanzig, den Lesern dieser Zeitschrift 
wohlbekannte grOfiere und kleinere Abhandlungen enthaMt. Der stattliche Band 
wurde seinem Werte gemafi in den angesehensten Budapester Tagesbl&ttern 
und Zeitschriften ausfuhrlich und h(Jchst beifallig besprochen. Fttr die Ver- 
breitung des Interesses an der Psychoanalyse zeugt, dafi der vor einigen Jahren 



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Kritiken und Beferate. 477 

•erschienene erste Studienband Ferenczis, dessen wohlgelungener Zweck die 
Einftthrung in das Wesen der Psychoanalyse ist („Lelekelemzes ft ), dieser 
Tage die zweite Auflage erlebte (Budapest, M. Dick, 1914). 

Um die Popularisierung Freud scher Ideen bemliht sich der junge 
Philosoph Alexander Varjas. Seine erste hieher gehbrige Arbeit, liber „Die 
Freud sche Psychoanalyse 41 („Huszadik s/Azad, Februar 1912), fuflte zum 
grGflten Teile blofl auf den „Studien uber Hysterie", bertlcksichtigte u. a. die 
Sammlung kleiner Schriften in h6chst ungentigendem Mafle, bot daher nur 
«in uberaus liickenhaftes und daher auch irrefuhrendes Bild der Freud schen 
Neurosenlehre, obwohl der Verfasser die urawaMzende Bedeutung der neuen 
Erkenntnis gobUhrend hervorhob. Gleichfalls im „Huszadik sz£zad" (Mai, 
Juni 1912) erschien seine „Kritik des Freudismus", in der Varjas bestrebt 
ist, einige grundlegende Gedanken Freuds weiter zu entwickeln und Lticken des 
Systems auszufiillen. Diese Arbeit enth&lt zweifellos mehrere scharfsinnige 
Bemerkungen und originelle Beobachtungen, doch enthullt sie leider auch den 
Fehler Varjas', Kritik auszutiben, bevor er sich mit dem zu Kritisierenden 
geh6rig bekannt gemacht hat. Weit verdieustvoller ist die in der Kunstzeit- 
schrift „Mtiv6szet tt (Jahrgang 1912 und 1913) veroffentlichte Studienreihe, in 
der Varjas mit Glttck versuchte, die Prinzipien und Funde der Freud schen 
Tiefenpsychologie auf die Psychologic des Klinstlers, insbesondere des Malers 
und des Kunstgenusses anzuwenden, sowie eine in der Revue „Uj &et a (Okto- 
ber 1912) publizierte ausftlhrliche Wtirdigung derArzibaschew schen Novelle 
„Morgenschatten tt , in der Varjas ein grbfitenteils gelungenes Beispiel einer 
asthetischen und literarischen Kritik auf psychoanalytischer Grundlage bietet. 

In der an Re clams Universalbibliothek gemahnenden Sammlung ^Modern 
Kdnyvtar" (Moderne Bibliothek, Budapest, Athen&um, 1913) erschien aus seiner 
Federein Bandchen : „Az&lomrol, Freud Slomelmelete" (CberdenTraum. Freuds 
Traumtheorie) betitelt, das in der Hauptsache ein nicht immer gelungener, 
Miflverst&udnisse nicht vermeidender Auszug der Freud schen Traumdeutung 
ist. Der Verfasser bentttzt aufler den Beispielen Freuds auch einige ann- 
failige aus seiner eigenen Praxis. Am Schlusse seines Buches befaflt sich der 
Autor mit Adlers Theorie, Uber welche er ein gar eigentilmliches Urteil 
f&llt. Bald meint er, dafl dieser Theorie die Tatsachen, die Ergebnisse der 
Analyse widersprechen, bald betont er seltsamerweise ihre Wahrheit, doch 
gleichzeitig auch ihre Unbrauchbarkeit. 

Mit den „Wandlungen des Freudismus" besch&ftigt sich Varjas in den 
beiden Vortr&gen, die er (Frtihling 1914) in der Freien Schule der Sozial- 
wissenschaftlichen Gesellschaft hielt. In diesen Vortr&gen ist er bemUht, in 
gleicher Weise Freud und Adler gerecht zu werden, sozusagen zwischen 
beiden einen lauen Kompromifl zu schliefien, ein Unternehmen, das nattirlich 
nicht glticken konnte. 

Freud neuestes Werk, „Totem und Tabu u , hat Varjas in der soziolo- 
gischen Revue „Huszadik szdzad'* (Mai, 1914) und in der popuiaren natur- 
wissenschaftlichen Zeitschrift „Darwin lt (1. Mai 1914) besprochen. Er kommt zu 
dem Schlusse, dafl Freuds Theorie des Totem und Tabu, im Gegensatze zu 
den bisherigen Theorien, keine Vergangenheit, wohl aber eine Zukunft habe. 
Freuds Buch mufi als bahnbrechend betrachtet werden. 

Ein gewandter Popularisator der Psychoanalyse ist dor Nervenarzt und 
Journalist Dr. Imre D6csi, der im Tagblatt „Vil£g'* allsonntaglich mit groflem 
Eifer und nicht zu unterschatzendem Erfolg bestrebt ist, haupts&chlich die 
revolutionierenden Resultate der neuen Wissenschaft von der Seele dem groflen 
Publikum verstftndlich und mundgerecht zu machen. Seine nicht gewbhnliche 



rv r ^ik r^r\r^nli-- Original fronn 

6 y VliH UNIVERSITY OF MICHIGAN 



478 Kritiken and Befermte. 

stilistische Geschicklichkeit ermoglicht ihm aach schwierige psychoanalytische 
Probleme — wenn aach nicht immer ganz exakt — in den Gesichtskreis des- 
Laien in der Psychologic and Nearologie za rticken. Wir mttssen aber 
bemerken, dafi Decsi, in dem Bestreben, einen starren Dogmatismas za ver- 
meiden, manchmal in einen schwankenden Eklektizismas verf&llt, der ilia 
Wasserkaren mit Seelentherapie, Psychoanalyse mit Hypnotismas, alte Irrtumer 
mit neaen Erkenntnissen vermengen laflt. Sein vor Kurzem erschienener grofier 
Artikel liber Freud („Vilag u , 17. Mai 1914) zeagt von warmer Begeisterung 
fur die Grofie des Meisters, jedoch aach von Voreingenommenheit gegen die 
Wiener Scbale and zu Gunsten der Zuricher. 

J. Harnik, der den Lesern dieser Zeitschrift nicht anbekannt sein 
diirfte, verdanken wir in seiner im „Huszadik szazad" (Januar and Februar 
1911) erschienenen Studie Uber „ Grofie Manner* eine bei all ihrer Knappheit 
gut orientierende Einfuhrung in die Lehren der Psychoanalyse und deren An* 
wendung auf das Problem der grofien Manner. In derselben Zeitschrift (No- 
vember 1911) veroffentlichte Hdrnik einen an Staudenmaiers bekannte 
Versuche anknUpfenden Artikel Uber die Magie, in dem er, sich auf die Re- 
saltate der Psychoanalyse stutzend, den Ursprung der sogenannten magischen 
Gebilde in den affektbesetzten Vorstellungskomplexen des Unbewufiten sucht. 

Dr. Josef Brenner, ein strebsamer Psychiater der jUngsten Generation, 
liefi unter dem Titel „Az elmebetegsegek psychikus mechanismusa" (Der 
psychische Mechanismus der Geisteskrankheiten, Budapest 1912) ein acht Bogen 
starkes Buch erscheinen, zu dem der Verfasser, wie er selber betont, den 
Impuls von Breuers und Freuds Forschun^en erhielt. Den Hauptwert 
des Buches tinden wir in einem den Stoff tiberaus erschopfenden and sehr in- 
struktiven Bericht Uber einen Fall von Paranoia hysterica, der dem Verfasser 
hochst interessantes, stellenweise schier tiberraschendes Material zur Psychoanalyse 
geboten hat. Weniger zufriedenstellend ist die theoretische Einleitung, in der 
Brenner den Begriff der „Konversion" mit einem „abnormen endopsychischen 
Reflex" zu ersetzen sucht, den Begriff der Verdrangung, wie er irrttimlich 
meint, „zu vereinfachen", den der Zensur ohne hinreichenden Ersatz aus- 
zuschalten trachtet, mit dem Lustprinzip ein „Streben nach dem Lebeus- 
optimum" verquickt, das Ich gar zu schematisch in recht s&uberlich geschiedenfr 
Komplexe aufteilt and dabei den Begriff der Sexualitat viel zu eng fafit. Alles 
in allem : Brenner hat voriaufig als scharfsichtiger Beobachter and fleifiiger 
Sammler wohl mehr GlUck, denn als selbst&ndiger Tbeoretiker. 

Dr. Stefan Hollos forderte unsere Einsicbt in die Psychologie des 
dichterischen Schaffens mit der VerGffentlichung psychoanalytisch kommentierter 
Verse eines durch ihn behandelten Geisteskranken. Die an interessanten Auf- 
schlUssen and Perspektiven reiche Publikation erfolgte in der Zeitschrift „Nyngat a 
(I. Halbjahr 1914). 

Als charakteristisches Zeichen mufl registriert werden, dafi ein Eritiker 
(L. J.) der vornehmsten ungarischen soziologischen Rundschau „Huszadik 
sz&zad" (Jahrgang 1914) an dem „A szerelem" (Die Liebe) betitelten Werke 
Zoltdn Szasz* bloB das eine auszusetzen hatte, dafi der talentierte Autor die 
Resulte der Freudschen Schule nicht gentigend berucksichtigte. 

Es darf auch nicht vergessen werden, dafi die jung-ungarische Belletristik 
and literarische Kritik von Freudschen Ideen stark beeinflufit ist und sich vielen 
Errungenschaften der Psychoanalyse zu eigen gemacht hat. Es gilt dies viel- 
leicht am meisten von dem begabten Dichter und gl&nzenden Essayisten Hugo- 
Ignotus, dessen jUngste Studien und Feuilletons ein tiefes und liebevolles- 
Eindringen in die neue Wisscnschaft beweisen. (Haupts&chlich im Tagblatt 
„Vil£g a und in der Revue „Nyugat a .) 



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^ uu d ,L UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Kritiken nod Referate. 479 



II. 



Die offizielle nngarische arztliehe Wissenschaft, deren Vcrtreter auf 
Universitatskathedern und auf den Sttihlen der Akademie thronen, beginnt sich 
erst in neuester Zeit mit der Psychoanalyse zu befassen, natiirlich vorwiegend 
in hochst ablebnendem Sinne. Einige krasse Beispiele dtirften genUgen. 

Hofrat Prof. Dr. £. Jendrassik charakterisiert in seiner jUngst er- 
schienenen „Heilkunde der internen Krankheiten" und in seinen klinischen Vor- 
tragen die neue Wissenschaft knrzweg als Humbug, das klassische Werk 
Freuds fiber die Traumdeutung als „Traumdeuterei a . Als abschreckendes 
Beispiel zitiert er gerne die symbolische Gleichnng: Kirchturm-Penis. 

Der gewesene Adjunkt Jendrassik s, Privatdozent Dr. Jeno K 1 1 ar i t s 
befafite sich in seineu an der medizinischen Fakultat in Budapest gehaltenen, 
unter dem Titel „Charakter und Nervositat" auch in deutscher Sprache ver- 
fiffentlichten Vorlesungen (Berlin, Julius Springer, 1912) gleichfalls mit der 
Lehre von Freud. Auf vier Seiten seines Buches gibt er ein wttstes Zerr- 
bild der Psychoanalyse, die er eine „sich iiber Monate erstreckende Qoal u 
nennt. Er bebauptet ohne jede Begrtindung, dafi Freud und seine Patienten 
sich „gegenseitig a suggerieren, und er meint mit kCstlicher Bestimratheit, daft 
die Psychoanalyse oft nach monatelanger Arbeit auf Dinge komme, die man 
a priori mit einiger Menschenkeontnis voraussagen und wissen kflnnte. Zum 
Schlusse dekretiert der Verfasser, dafi heute die Freudsche Psychoanalyse 
zu den „Hilfsbedingungen der Nervositat" gerechnet werden mufi, und ergotzt 
sich mit dem schalen Witze, dafi die Analyse eine neue Abart der Untalls- 
neurose verursache. 

Einen noch vehementeren Angriff gegen Freud und seine Sch tiler leistete 
sich der als Zoologe und Histologe auch aufier Ungarn nicht unrtlhmlich be- 
kannte Professor an der Kolozsvarer (Klausenburger) Universitat, Dr. Stephan 
von Apathy. Anlafilich der Konstitnierung der eugenischen Sektion der 
Ungarischen soziologischen Gesellschaft (24. Januar 1914) nahm Professor 
Apathy leidenschaftlich Stellung gegen Freuds „durchweg unsinnige und 
unwissenschaftliche Schule, die unter dem Vorwande der wissenschaftlichen 
Methode der Psychoanalyse eine wurmstichige Weltanschauung verbreitet, 
welche tiberaus auffallig den am meisten charakteristischen Stempel unserer 
Zeit, das Zeichen der Genufisucht um jeden Preis, an sich tragt." In zwanzig 
Zeiien dichtete Apathy Freud und seinen SchUlern alle moglichen Missetaten 
an und bezicbtete sie u. a. der Verherrlichung aller Perversitaten, der ver- 
derblichen Befehdung jedweder gesunden Rassenverbesserung. Der Angriff 
A pa thy s blieb nicht ohne Widerhall. In zwei in den Spalten des ange- 
sehenen Tagblattes „Az Ujsag u (am 11. und 12. Marz 1914) erschienenen 
Artikeln wies Dr. Ge'za Szilagyi die ganzliche Unhaltbarkeit der Be- 
hauptungen Apathy shin, den er einer mit Unorientiertheit gepaarten mala- 
fides beschuldigte. Apathy lieB sich bezeichnenderweise in keine weitere 
Polemik ein. 

In wohltuendem Gegensatze zu den oberwfthnten Angriffen steht das 
wissenschaftlich objektive Verhalten des Professors und Direktors der psych- 
iatrisch-neurologischen Klinik der Budapester Universitat, Hofrates Dr. Ernst 
Emil Moravcsik, der in seinera, im vergangenen Jahre erschienenen psych- 
iatrischenLehrbuche („Elmek6r- es gyogytan", Budapest, Universitasverlag 1913) 
sich mit der Psychoanalyse saehlich beschaftigt. Das Hauptverdienst F r e u d s 
sieht er darin, dafi Freud uns mittels der psychoanalytischen Methode einen 
Einblick in den geheimnisvollen Mechanismus der normalen und pathologischen 



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6 y VliH UNIVERSITY OF MICHIGAN 



480 Kritiken und Referate. 

scelischen Vorg&nge zu verschaffen suchte. Obwohl nach der Ansicht 
Moravcsiks Freud und seine Schuler zu Cbertreibungen neigen und, wie 
er meint, den sexuellen Faktoren eine zu grofie Rolle zuteilen, betont er doch, 
dafi Freud s Schule eine neue Richtung der Forschung bedeutet. Moravcsik 
konstatiert, dafi Freud es war, der die in der Atiologie der Neurosen und 
Psychosen vernaehlassigten psychischen Ursachen wieder zu der grofien Geltung 
brachte, die ihnen unleugbar gebtlhrt. Sowohl in dem jetzt besprochenen Werke, 
als auch in dem fur das grofie Pubiikum bestiramteu Buche tiber „Die Neur- 
asthenic" (Budapest 1913) hat Professor Moravcsik den hierzulande uud 
heutzutage nicht zu unterschatzenden Mut, auch den therapeutischen Wert der 

Psychoanalyse anzuerkennen. _ „ , „ . _ , 

Dr. Geza Szilagyi. 



,., n L Original fronn 

^ uu d ,L UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Zur psychoanalytischen Bewegung. 
Wiener psychoanalytische Vereinigung. 

Die Wiener psychoanalytische Vereinigung veranstaltet im Winter- 
semester 1914/15 

Kurse tlber Psychoanalyse 
far Arzte und Studierende aller Fakult&ten, Damen und Herren. 

Die Kurse sind als Erg&nzungsvorlesungen zu den an der Wiener Uni- 
versitat von Herrn Prof. Freud abgehaltenen Kollegien vorgesehen und sollen 
Gelegenheit zur theoretischen und praktischen Ausbildung in der Psychoanalyse 
geben. Die einzelnen Kurse kOnnen, je nach der Anzahl der H5rer, die sich 
fur die eine oder die andere Modalit&t entscheiden werden, entweder tlber die 
ganze Dauer des Semesters oder nur tiber zehn Wochen erstreckt werden. 
Die Semestralkurse werden einmal wochentlich in zweistlindiger Vorlesung, 
die zehnwSchigen Kurse dreimal wdchentlich in zweisttlndigen Vorlesungen 
abgehalten werden, und zwar nach Ubereinkommen mit den Horern abends 
von 7 bis 9 oder 8 bis 10 Uhr. Das Honor ar betragt fur Arzte 60 K, 
fiir alle anderen Horer 30 K. Studierende mit ganzer oder halber Kollegien- 
geldbefreiung zahlen die Httlfte. Es sind vorgesehen: 

A) Ein Kurs fiir Vorgeschrittene (einige Kapitel Libidotheorie). 

B) Ein Kurs tiber arztliche Psychoanalyse mit tlbungen, nur fur Arzte 
und Studenten der Medizin. 

Anmeldungen werden nur bis zum 28. Oktober a. c. angenommen. Sie 
sind zu rich ten an den mit der Abhaltung der Kurse betrauten Dr. Viktor 
Tausk, Nervenarzt in Wien, 9. Bz., AlserstraBe 32. 

Es ist ausdrucklich anzugeben, ob die Teilnahme an einem Semestral- 
oder einem zebnwochigen Kurs erwiinscht ist und ob der Teilnehraer eventuell 
bereit ist, den einen Modus fur den anderen zu akzeptieren, falls eine solche 
Notwendigkeit sich ergeben sollte. 

Die psychoanalytische Vereinigung sowohl wie der Vortragende behalten 
sich bei Eintritt unabweislicher Bedingungen Programmanderungen vor. 



Am 3. Juli hielt Dr. Karl Abraham in der Arztlichen Gesellschaft 
far Sexual wissenschaft (Berlin) einen Vortrag ilber „Eigentumliche Formen der 
Gattenwahl, besonders Inzucht und Exogamie", in welchem er besondere 
Typen der Ehe darstellte und zeigte, welche unbewuBten Motivierungen in 
ihrer Genese wirksam sind. In der Diskussion erkl&rte sich Dr. Iwan B 1 o c h 
fiir die Gultigkeit der Freudschen Lehre tiber den Inzestkomplex, den ihn 
eigene Beobachtungen an Kindern annehmen lassen; ebenso Sanit&tsrat Dr. 

ZeitMhr. f. ftntl. PiyohoanalyM. II. 31 



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482 Zur psychoanalytischen Bewegung. 

Kflrber. Dr. Magnus Hirschfeld machte einige Einwendungen, welche 
Abraham, Liebermann und Reik leicht wiederlegen konnten. 



Dr. Earl Abraham: Traum and Mythus (Schriften z. angew. Seelenk., 
Heft 4, 1909) erschien klirzlich in holiandischer Obersetzung von Dr. 
Johan Star eke im Verlag S. C. van Doesburgh, Leiden 1914. 

Dr. Otto Rank: Der Mythus von der Geburt des Helden (Schriften, Heft 5, 
1909) erschien in englischer tlbersetzung von Drs. F. Rob bins und 
S. E. Jelliffe als 18. Heft der „ Nervous and Mental Disease Mono- 
graph Series", New York 1914. — 

Yon Prof. R^gis und seinem Assistenten A. Hesnard (Psychiatrische 
Klinik der Universit&t in Bordeaux) erschien ktirzlich : La Psychoanalyse 
desNevrosesetPsy chose s. Les applications medicales et extra-medicales. 
(Fdlix Alcan, Paris 1914, Fr. 3.50.) Auf den Inhalt dieser ersten Darstellung 
der Psychoanalyse in franzosischer Sprache kommen wir noch zurilck. 

Unter dem Titel B Jahrbuch der Psychoanalyse" erschien der 
VI. Band des „Jahrbuch filr psychoanalytische und psychopathologische For- 
schungen" unter der neuen Redaktion von Dr. Abraham (Berlin) und 
Dr. lytschmann (Wien) mit folgendem Jnhalt: 

Vorwort der Redaktion. 

Originalien : 
Freud: Zur Einftihrung des NarziBmus. 

Abraham: Uber Einschr&nkungen und Umwandlungen der Schaulust. 
Federn: Uber zwei typische Traumsensationen. 
Jones: Die Empfangnis der Jungfrau Maria durch das Ohr. 

Referierender Teil : 
Freud: Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. 
Bericht Uber die Fortschritte der Psychoanalyse in den Jahren 1909 — 1913. 



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Korrespondenzblatt der Internationalen 
Psychoanalytischen Vereinigung. 

Die Ereignisse in der grofien Welt haben auch auf die Tatigkeit 
unserer Vereinigung ihren EinfluJJ geubt. Die Vorbereitungen zum 
Kongrefi waren in vollem Gange, eine stattliche Anzahl von Meldungen 
zur Teilnahme lag vor, insbesondere war auch die Tagesordnung des 
Kongresses bereits mit einer Reihe von Vortragen besetzt, als Interessen 
anderer Art sich gebieterisch in den Vordergrund drangten. Unser Kongrefi 
mufite daher, gleich vielen anderen wissenschaftlichen Veranstaltungen, 
auf unbestimmte Zeit verschoben werden. 

Der interimistische Vorstand wird die Geschafte der Vereinigung 
in der bisherigen Weise erledigen, bis die internationalen Verbindungen 
wieder hergestellt sind. 

Die Vorstande der Ortsgruppen werden gebeten, fiir den Fortgang 
der wissenschaftlichen Arbeiten in ihrem Kreise Sorge zu tragen, soweit 
die Verhaltnisse es zulassen, und durch Berichte an die Zentrale die 
Beziehungen zur Gesamtvereinigung nach Moglichkeit aufrecht zu erhalten. 

Die „ Internationale Zeitschrift" wird den Mitgliedern weiter zu- 
gehen, soweit der Versand nicht durch den Krieg verhindert wird. Auch 
„Imago a erscheint weiter. Das „Jahrbuch u liegt seit Ende Juli zum 
Versand bereit, kann jedoch vorlaufig nicht befordert werden. 

Von Vorgangen innerhalb der Vereinigung ist zu berichten, dafi 
die Ortsgruppe Zurich am 10. Juli mit 15 Stimmen den Austritt aus 
der Vereinigung beschlossen hat. Der BeschluB wird damit begrtlndet, 
dafi die Freiheit der Forschung innerhalb unserer Organisation nicht 
mehr gewahrleistet sei. In gegenwartiger Zeit erscheint es nicht an- 
gebracht, dieser Behauptung eine Kritik entgegenzustellen. Wir durfen 
uns aber der Erwartung hingeben, dafi die Kontroversen, weiche namentlich 
unseren letzten Kongrefi in Mtinchen so empfindlich gestort haben, durch 
den erwahnten BeschluB der Ztiricher Gruppe beendigt seien. 

Der interimistische Vorsitzende: Dr. K. Abraham. 



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