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Full text of "Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse Band III Heft 6"

&/d,S' 



ISTERNATIOSÄLE ZEITSCHRIFT ^,.,^ 

FÜR 7-5 



ZZ-Cr-'' 



ÄRZTLICHE PSYCHOANALYSE 

OFFIZIELLES ORGAN 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 

HERAUSGEGEBEN VON 

PROF. DR. SIGM. FREUD 

REDIGIERT VON 

DR. S. FERENCZI DR. OTTO RANK 

BUDAPEST WIEN 

PROF. DR. ERNEST JONES 

LONDON 



UNTER STÄNDIGER MITWIRKUNG VON: 

Dh. KARL ABRAHAM, BERLIN. ~ Dr. LUDWIG BlNSWANQBR, KrBUZLINGBM. — 

Dr. POüL BjERRE, Stockholm. — Dr. a. A. Brill, New York. — Dr. Triqant 
BURRow, Baltimore. — Dr. M. D. eder, Londoh. — Dr. J. van Emden, Haag. — 
Dr. M. EitinooNjBkrun. — Dr. Paul federn, Wien, — Dr. Eduard Hitschmann, 
WiKiL — Dr. H. V. HUQ-HELLMUTH, WiEN. — Dr. L. Jekels, Wien. — Dr. FRIEDR. 
S.KRAUSS,WiKN. — Dr. J.T.MAC CURDY, New York. — Dr. J. Marcinowski, Sibl- 
BECK. — Prof. Morichau-Beauchant, Poitiers. — Dr. C. R. Payne, Wadhams, N. Y. 
— Dr. OSKAR PFiSTER, ZiJrich. — Prof. James J. putnam, Boston. — Dr, Theodor 
REiK, Berlin. — Dr. R. Reitler. Wien. — Dr. Hanns Sachs, Wikn. — Dr. J. 
Sadger, Wien. — Dr. A. Stärcke, Den Doldkr. — Dr. M. Stegmann, Dresden. 
— Dr. Victor tausk, Wirn. — Dr. M. Wulff, Odessa. 

III. JAHRGANG, 1915 
HEFT 6 




1915 

HUGO HELLER & ClE. 

LEIPZIG UND WIEN. I. BAUERNMARKT 3 



Googl 



Original from 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



ALLE UNREGELMÄSSIGKEITEN IM ERSCHEINEN UND IM UM- 
FANGE DIESER ZEITSGHRIFT, WELCHE DURCH DIE KRIEGSLAGE 
BEDINGT SIND, WOLLEN DIE P. T. ABONNENT?EN FREUND- 
LICHST ENTSCHULDIGEN. DAS VERSÄUMTE WIRD NACH WIE- 
DERKEHR NORMALER ZUSTÄNDE NACHGEHOLT WERDEN. 



BEIHEFTE 

zur Internationalen Zeitschrift ftir ärztliche Psychoanalyse 

herausgegeben von Prof. Dr. Sigra. Freud. 
L Heft: 

UNBEWUSSTES GEISTESLEBEN 

Vortrag, gehalten zum 339. Jahrestage der Leidener Univerditat 
am 9. Februar 1914 

▼om 

Rector Magnificus 

G. Jelgersma, 

ProfMior d«r PiToMatrie mi der UnifeniULt Leiden . 

Preis M. 1.50. — Für Abonnenten der Zeitechrift M. L— . 

Ais zweites Heft erscheint demnächst : 

ALLGEMEINE GESICHTSPUNKTE ZUR PSYCHO- 
ANALYTISCHEN BEWEGUNG. 

Von 

James J. Putnam^ 

ProL etnerit. «a der Hftnrard Medic«! Bcbool, Boston. 



AU American and Engliah commnnicati<»is and oontribntions shonid be 
sent (typewritten) to Dr. Emest Jones, 69 Portland Coort, London W. 



Alle Manuskripte sind vollkommen druckfertig einzusenden. 

Sämtliche Beiträge werden mit dem einheitlichen Satz von K 50. — 
pro Druckbogen honoriert. 

Von den „ Originalarbeiten ** und „Mitteilungen" erhalten die Mitarbeiter 
je 50 Separatabzüge gratis geliefert. 



Geschmackvolle Original-Einbanddecken 

mit Lederrüeken für den IL Jahrg. sind zum Preise von M. 3. — =K 3.60 
durch jede gute Buchhandlung sowie direkt vom Verlag zu beziehen. 



Copyright 1915. Hugo Heller & Cie., Wien, L Bauemm. 3. 



■' r^nonf'^ Originalfrom 

})f\^KJ^^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Mitteilung eines der psychoanalytischen Theorie 
widersprechenden Falles von Paranoia. 

Von Signi. Frend. 

Vor Jahren ersuchte mich ein bekannter Rechtsanwalt um Begut- 
achtung eines Falles, dessen Auffassung ihm zweifelhaft erschien. Eine 
junge Dame hatte sich an ihn gewendet, um Schutz gegen die Verfol- 
gungen eines Mannes zu finden, der sie zu einem Liebesverhältnis be- 
wogen hatte. Sie behauptete, daß dieser Mann ihre Gefügigkeit mißbraucht 
hatte, um von ungesehenen Zuschauern photographische Aufnahmen ihres 
zärtlichen Beisammenseins herstellen zu lassen; nun läge es in seiner 
Hand, sie durch das Zeigen dieser Bilder zu beschämen und zum Auf- 
geben ihrer Stellung zu zwingen. Der Rechtsfreund war erfahren genug, 
das krankhafte Gepräge dieser Anklage zu erkennen, meinte aber, es 
komme so viel im Leben vor, was man für unglaubwürdig halten möchte, 
daß ihm das Urteil eines Psychiaters über die Sache wertvoll wäre. Er 
versprach, mich ein nächstes Mal in Gesellschaft der Klägerin zu 
besuchen. 

Ehe ich meinen Bericht fortsetze, will ich bekennen, daß ich das 
Milieu der zu untersuchenden Begebenheit zur Unkenntlichkeit verändert 
habe, aber auch nichts anderes als dies. Ich halte es sonst für einen Miß- 
brauch, aus irgend welchen, wenn auch aus den besten Motiven, Züge 
einer Krankengeschichte in der Mitteilung zu entstellen, da man un- 
möglich wissen kann, welche Seite des Falles ein selbständig urteilender 
Leser herausgreifen wird, und somit Gefahr läuft, diesen letzteren in 
die Irre zu führen. 

Die Patientin, die ich nun bald darauf kennen lernte, war ein 
SOjähriges Mädchen von ungewöhnlicher Anmut und Schönheit, sie schien 
viel jünger zu sein, als sie angab, und machte einen echt weiblichen Ein- 
druck. Gegen den Arzt benahm sie sich voll ablehnend und gab sich 
keine Mühe, ihr Mißtrauen zu verbergen. Offenbar nur unter dem Drucke 
des mitanwesenden Rechtsfreundes erzählte sie die folgende Geschichte, die 
mir ein später zu erwähnendes Problem aufgab. Ihre Mienen und Affekt- 
äußerungen verrieten dabei nichts von einer schamhaften Befangenheit, 
wie sie der Einstellung zu dem fremden Zuhörer entsprochen hätte. Sie 

Zeltwchr. f. ftrjrtl. PfjohomnÄlyse. III/6. 21 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



322 Sigm. Freud. 

stand ausschließlich unter dem Banne der Besorgnis, die sich aus ihrem 
Elrlebnis ergeben hatte. 

Sie war jahrelang Angestellte in einem großen Institut gewesen, 
in dem sie einen verantwortlichen Posten zur eigenen Befriedigung und 
zur Zufriedenheit der Vorgesetzten innehatte. Liebesbeziehungen zu 
Männern hatte sie nie gesucht ; sie lebte ruhig neben einer alten Mutter, 
deren einzige Stütze sie war. Geschwister fehlten, der Vater war vor 
vielen Jahren gestorben. In der letzten Zeit hatte sich ein männlicher 
Beamter desselben Bureaus ihr genähert, ein sehr gebildeter, einnehmender 
Mann, dem auch sie ihre Sympathie nicht versagen konnte. Eine Heirat 
zwischen ihnen war durch äußere Verhältnisse ausgeschlossen, aber der 
Mann wollte nichts davon wissen, dieser Unmöglichkeit wegen den Ver- 
kehr aufzugeben. Er hielt ihr vor, wie unsinnig es sei, wegen sozialer 
Konventionen auf alles zu verzichten, was sie sich beide wünschten, worauf 
sie ein unzweifelhaftes Anrecht hätten, und was wie nichts anderes zur 
Erhöhung des Lebens beitrüge. Da er versprochen hatte, sie nicht in Ge- 
fahr zu bringen, willigte sie endlich ein, ihn in seiner Junggesellen- 
wohnung bei Tage zu besuchen. Dort kam es nun zu Küssen und Um- 
armungen, sie lagerten sich nebeneinander, er bewunderte ihre zum Teil 
enthüllte Schönheit. Mitten in dieser Schäferstunde wurde sie durch ein 
einmaliges Geräusch wie ein Pochen oder Ticken erschreckt. Es kam 
von der Gegend des Schreibtisches her, welcher schräg vor dem Fenster 
stand ; der Zwischenraum zwischen Tisch und Fenster war zum Teil von 
einem schweren Vorhang eingenommen. Sie erzählte, daß sie den Freund 
sofort nach der Bedeutung des Geräusches gefragt und von ihm die Aus- 
kunft bekommen hatte, es rühre wahrscheinlich von der kleinen auf dem 
Schreibtische befindlichen Stehuhr her; ich werde mir aber die Freiheit 
nehmen, zu diesem Teil ihres Berichtes später eine Bemerkung zu machen. 

Als sie das Haus verließ, traf sie noch auf der Treppe mit zwei 
Männern zusammen, die bei ihrem Anblick einander etwas zuflüsterten. 
Einer der beiden Unbekannten trug einen verhüllten Gegenstand wie ein 
Kästchen. Die Begegnung beschäftigte ihre Gedanken; noch auf dem 
Heimwege bildete sie die Kombination, dies Kästchen könnte leicht ein 
photographischer Apparat gewesen sein, der Mann, der es trug, ein Pho- 
tograph, der während ihrer Anwesenheit im Zimmer hinter dem Vorhang 
versteckt geblieben war, und das Ticken, das sie gehört, das Geräusch 
des Abdrückens, nachdem der Mann die besonders verfängliche Situation 
herausgefunden, die er im Bilde festhalten wollte. Ihr Argwohn gegen 
den Geliebten war von da an nicht mehr zum Schweigen zu bringen; 
sie verfolgte ihn mündlich und schriftlich mit der Anforderung, ihr Auf- 
klärung und Beruhigung zu geben, und mit Vorwürfen, erwies sich aber 
unzugänglich gegen die Versicherungen, die er ihr machte, mit denen er 
die Aufrichtigkeit seiner Gefühle und die Grundlosigkeit ihrer Verdäch- 



.. f^^r^^.^fu Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Mitteilung eines Falles von Paranoia. 323 

tigung vertrat. £ndlich wandte sie sich an den Advokaten, erzählte ihm 
ihr Erlebnis und übergab ihm die Briefe, die sie in dieser Angelegenheit 
von dem Verdächtigten erhalten hatte. Ich konnte später in einige dieser 
Briefe Einsicht nehmen; sie machten mir den besten Eindruck; ihr 
Hauptinhalt war das Bedauern, daß ein so schönes, zärtliches Einver- 
nehmen durch diese „unglückselige krankhafte Idee" zerstört worden sei. 

Es bedarf wohl keiner Rechtfertigung, daß ich das Urteil des Be- 
schuldigten auch zu dem meinigen machte. Aber der Fall hatte für mich 
ein anderes als bloß diagnostisches Interesse. Es war in der psycho- 
analytischen Literatur behauptet worden, daß der Paranoiker gegen eine 
Verstärkung seiner homosexuellen Strebungen ankämpft, was im Grunde 
auf eine narzißtische Objektwahl zurückweist. Es war ferner gedeutet 
worden, daß der Verfolger im Grunde der Geliebte oder der ehemals 
Geliebte sei. Aus der Zusammensetzung beider Aufstellungen ergibt sich 
die Forderung, der Verfolger müsse von demselben Geschlecht sein wie 
der Verfolgte. Den Satz von der Bedingtheit der Paranoia durch die 
Homosexualität hatten wir allerdings nicht als allgemein und ausnahms- 
los gültig hingestellt, aber nur darum nicht, weil unsere Beobachtungen 
nicht genug zahlreich waren. Er gehörte sonst zu jenen, die infolge ge- 
wisser Zusammenhänge nur dann bedeutungsvoll sind, wenn sie Allge- 
meinheit beanspruchen können. In der psychiatrischen Literatur fehlte 
es gewiß nicht an Fällen, in denen sich der Kranke von Angehörigen 
des anderen Geschlechts verfolgt glaubte, aber es blieb ein anderer Ein- 
druck, von solchen Fällen zu lesen, als einen derselben selbst vor sich 
zu sehen. Was ich und meine Freunde hatten beobachten und analysieren 
können, hatte bisher die Beziehung der Paranoia zur Homosexualität 
ohne Schwierigkeit bestätigt. Der hier vorgeführte Fall sprach mit aller 
Entschiedenheit dagegen. Das Mädchen schien die Liebe zu einem Mann 
abzuwehren, indem sie den Geliebten unmittelbar in den Verfolger ver- 
wandelte ; vom Einfluß des Weibes, von einem Sträuben gegen eine homo- 
sexuelle Bindung war nichts zu finden. 

Bei dieser Sachlage war es wohl das Einfachste, die Parteinahme 
für eine allgemein gültige Abhängigkeit des Verfolgungswahnes von der 
Homosexualität und alles, was sich weiter daran knüpfte, wieder auf- 
zugeben. Man mußte wohl auf diese Erkenntnis verzichten, wenn man 
sich nicht etwa durch diese Abweichung von der Erwartung bestimmen 
ließ, sich auf die Seite des Rechtsfreundes zu schlagen und wie er ein 
richtig gedeutetes Erlebnis anstatt einer paranoischen Kombination an- 
zuerkennen. Ich sah aber einen anderen Ausweg, welcher die Entschei- 
dung zunächst hinausschob. Ich erinnerte mich daran, vne oft man in 
die Lage gekommen war, psychisch Kranke falsch zu beurteilen, weil 
man sich nicht eindringlich genug mit ihnen beschäftigt und so zu wenig 
von ihnen erfahren hatte. Ich erklärte also, es sei mir unmöclich, heut« 

21* 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



324 Sigm. Fread. 

ein Urteil zu äußern, und bitte sie vielmehr, mich ein zweites Mal zu 
besuchen, um mir die Geschichte ausführlicher und mit allen, diesmal 
vielleicht übergangenen Nebenumstanden zu erzählen. Durch die Ver- 
mittlung des Advokaten erreichte ich dies Zugeständnis von der sonst 
unwilligen Patientin ; er kam mir auch durch die Erklärung zu Hilfe, 
daß bei dieser zweiten Unterredung seine Anwesenheit überflüssig sei. 

Die zweite Erzählung der Patientin hob die frühere nicht auf, 
brachte aber solche Ergänzungen, daß alle Zweifel und Schwierigkeiten 
wegfielen. Vor allem, sie hatte den jungen Mann nicht einmal, sondern 
zweimal in seiner Wohnung besucht. Beim zweiten Zusammensein ereig- 
nete sich die Störung durch das Geräusch, an welches sie ihren Verdacht 
angeknüpft hatte; den ersten Besuch hatte sie bei der ersten Mitteilung 
unterschlagen, ausgelassen, weil er ihr nicht mehr bedeutsam vorkam. 
Bei diesem ersten Besuch hatte sich nichts Auffalliges zugetragen, wohl 
aber am Tage nachher. Die Abteilung des großen Unternehmens, bei 
welcher sie tätig war, stand unter der Leitung einer alten Dame, die sie 
mit den Worten beschrieb : Sie hat weiße Haare wie meine Mutter. 
Sie war es gewöhnt, von dieser alten Vorgesetzten sehr zärtlich behandelt, 
auch wohl manchmal geneckt zu werden, und hielt sich für ihren be- 
sonderen Liebling. Am Tage nach ihrem ersten Besuch bei dem jungen 
Beamten erschien dieser in den Geschäftsräumen, um der alten Dame 
etwas dienstlich mitzuteilen, und während er leise mit dieser sprach, 
entstand in ihr plötzlich die Gewißheit, er mache ihr Mitteilung von 
dem gestrigen Abenteuer, ja, er unterhalte längst ein Verhältnis mit ihr, 
von dem sie selbst nur bisher nichts gemerkt habe. Die weißhaarige, 
mütterliche Alte wisse nun alles. Im weiteren Verlauf des Tages konnte 
sie aus dem Benehmen und den Äußerungen der Alten diesen ihren Ver- 
dacht bekräftigen. Sie ergriff die nächste Gelegenheit, den Geliebten 
wegen seines Verrates zur Rede zu stellen. Der sträubte sich natürlich 
energisch gegen das, was er eine unsinnige Zumutung hieß, und es ge- 
lang ihm in der Tat, sie für diesmal von ihrem Wahn abzubringen, so 
daß sie einige Zeit — ich glaube einige Wochen — später vertrauens- 
voll genug war, den Besuch in seiner Wohnung zu wiederholen. Das 
Weitere ist uns aus der ersten Erzählung der Patientin bekannt. 

Was wir neu erfahren haben, macht zunächst dem Zweifel an der 
krankhaften Natur der Verdächtigung ein Ende. Unschwer erkennt man, 
daß die weißhaarige Vorsteherin ein Mutterersatz ist, daß der geliebte 
Mann trotz seiner Jugend an die Stelle des Vaters gerückt wird, und 
daß es die Macht des Mutterkomplexes ist, welche die Kranke zwingt, 
ein Liebesverhältnis zwischen den beiden ungleichen Partnern, aller Un- 
wahrscheinlichkeit zum Trotze, anzunehmen. Damit verflüchtigt sich aber 
auch der anscheinende Widerspruch gegen die von der psychoanalytischen 
Lehre genährte Erwartung, eine überstarke homosexuelle Bindung werde 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Mitteilimg eines Falles von Paranoia. 325 

sich als die Bedingung zur Entwicklung eines Verfolgungswahnes heraus- 
stellen. Der ursprüngliche Verfolger, die Instanz, deren Einfluß man sich 
entziehen will, ist auch in diesem Falle nicht der Mann, sondern das 
Weib. Die Vorsteherin weiß von den Liebesbeziehungen des Mädchens, 
mißbilligt sie und gibt ihr diese Verurteilung durch geheimnisvolle An- 
deutungen zu erkennen. Die Bindung an das gleiche Geschlecht wider- 
setzt sich den Bemühungen, ein Mitglied des anderen Geschlechts zum 
Liebesobjekt zu gewinnen. Die Liebe zur Mutter wird zur Wortführerin 
all der Strebungen, welche in der Rolle eines „Gewissens" das Mädchen 
bei dem ersten Schritt auf dem neuen, in vielen Hinsichten gefährlichen 
Weg zur normalen Sexualbefriedigung zurückhalten wollen, und sie er- 
reicht es auch, die Beziehung zum Manne zu stören. 

Wenn die Mutter die Sexualbetätigung der Tochter hemmt oder 
aufhält, so erfüllt sie eine normale Funktion, welche durch Kindheits- 
beziehungen vorgezeichnet ist, starke, unbewußte Motivierungen besitzt 
und die Sanktion der Gesellschaft gefunden hat. Sache der Tochter ist 
es, sich von diesem Einfluß abzulösen und sich auf Grund breiter, ra- 
tioneller Motivierung für ein Maß von Gestattung oder Versagung des 
Sexualgenusses zu entscheiden. Verfällt sie bei dem Versuch dieser Be- 
freiung in neurotische Erkrankung, so liegt ein in der Regel überstarker, 
sicherlich aber unbeherrschter Mutterkomplex vor, dessen Konflikt mit der 
neuen libidinösen Strömung je nach der verwendbaren Disposition in 
der Form dieser oder jener Neurose erledigt wird. In allen Fällen werden 
die Erscheinungen der neurotischen Reaktion nicht durch die gegen- 
wärtige Beziehung zur aktuellen Mutter, sondern durch die infantilen 
Beziehungen zum urzeitlichen Matterbild bestimmt werden. 

Von unserer Patientin wissen wir, daß sie seit langen Jahren vater- 
los war, wir dürfen auch annehmen, daß sie nicht bis zum Alter von 
30 Jahren frei vom Manne geblieben wäre, wenn ihr nicht eine starke 
Gefühlsbindung an die Mutter eine Stütze geboten hätte. Diese Stütze 
wird ihr zur lästigen Fessel, da ihre Libido auf den Anruf einer eindring- 
lichen Werbung zum Manne zu streben beginnt. Sie sucht sie abzu- 
streifen, sich ihrer homosexuellen Bindung zu entledigen. Ihre Dispo- 
sition — von der hier nicht die Rede zu sein braucht — gestattet, daß 
dies in der Form der paranoischen Wahnbildung vor sich gehe. Die 
Mutter wird also zur feindseligen, mißgünstigen Beobachterin und Ver- 
folgerin. Sie könnte als solche überwunden werden, wenn nicht der 
Mutterkomplex die Macht behielte, die in seiner Absicht liegende Fern- 
haltung vom Manne durchzusetzen. Am Ende dieser ersten Phase des 
Konflikts hat sie sich also der Mutter entfremdet und dem Manne nicht 
angeschlossen. Beide konspirieren ja gegen sie. Da gelingt es der kräf- 
tigen Bemühung des Mannes, sie entscheidend an sich zu ziehen. Sie 
überwindet den Einspruch der Mutter und ist bereit, dem Geliebten eine 



.. f^^r^^.^fu Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



326 ^^' Freud. 

neue Zusammenkunft zu gewähren. Die Mutter kommt in den weiteren 
Geschehnissen nicht mehr vor ; wir dürfen aber daran festhalten, dafi in 
dieser Phase der geliebte Mann nicht direkt zum Verfolger geworden war, 
sondern auf dem Wege über die Mutter und kraft seiner Beziehung zur 
Mutter, welcher in der ersten Wahnbildung die Hauptrolle zugefallen war. 

Man sollte nun glauben, der Widerstand sei endgültig überwunden 
und das bisher an die Mutter gebundene Mädchen habe es erreicht, einen 
Mann zu lieben. Aber nach dem zweiten Beisammensein erfolgt eine neue 
Wahnbildung, welche es durch geschickte Benützung einiger Zufällig- 
keiten durchsetzt, diese Liebe zu verderben, und somit die Absicht des 
Mutterkomplexes erfolgreich fortführt. Es erscheint uns noch immer be- 
fremdlich, daß das Weib sich der Liebe zum Manne mit Hilfe eines para- 
noischen Wahnes erwehren sollte. Ehe wir aber dieses Verhältnis näher 
beleuchten, wollen wir den Zufälligkeiten einen Blick schenken, auf 
welche sich die zweite Wahnbildung, die allein gegen den Mann ge- 
richtete, stützt. 

Halb entkleidet auf einem Divan neben dem Geliebten liegend 
hört sie ein Geräusch wie ein Ticken, Klopfen, Pochen, dessen Ursache 
sie nicht kennt, das sie aber später deutet, nachdem sie auf der Treppe 
des Hauses zwei Männer begegnet hat, von denen einer etwas wie ein 
verdecktes Kästchen trägt. Sie gewinnt die Überzeugung, daß sie im 
Auftrage des Geliebten während des intimen Beisammenseins belauscht 
und photographiert wurde. Es liegt uns natürlich ferne zu denken, wenn 
dies unglückselige Geräusch sich nicht ereignet hätte, wäre auch die 
Wahnbildung nicht zu stände gekommen. Wir erkennen vielmehr hinter 
dieser Zufälligkeit etwas Notwendiges, was sich ebenso zwanghaft durch- 
setzen mußte wie die Annahme eines Liebesverhältnisses zwischen dem 
geliebten Manne und der alten zum Mutterersatz erkorenen Vorsteherin. 
Die Beobachtung des Liebesverkehrs der Eltern ist ein selten vermißtes 
Stück aus dem Schatze unbewußter Phantasien, die man bei allen Neu- 
rotikern, wahrscheinlich bei allen Menschenkindern, durch die Analyse 
auffinden kann. Ich heiße diese Phantasiebildungen, die der Beobachtung 
des elterlichen Geschlechtsverkehrs, die der Verführung, der Kastration 
u. a. Urphantasien und werde an anderer Stelle deren Herkunft 
sowie ihr Verhältnis zum individuellen Erleben eingehend unter- 
suchen. Das zufällige Geräusch spielt also nur die Rolle einer Provo- 
kation, welche die typische, im Elternkomplex enthaltene Phantasie von 
der Belauschung aktiviert. Ja, es ist fraglich, ob wir es als ein „zufalliges** 
bezeichnen sollen. Wie 0. Rank mir bemerkt hat, ist es vielmehr ein 
notwendiges Requisit der Belauschungsphantasie und wiederholt entweder 
das Geräusch, durch welches sich der Verkehr der Eltern verrät, oder 
auch das, wodurch sich das lauschende Kind zu verraten fürchtet. Nun 
erkennen wir aber mit einem Male, auf welchem Boden wir uns befinden. 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Mitteilung eines Falles von Paranoia. 327 

Der Geliebte ist noch immer der Vater, an Stelle der Mutter ist sie 
selbst getreten. Die Belauschung muß dann einer fremden Person zu- 
geteilt werden. Es wird uns ersichtlich, auf welche Weise sie sich von 
der homosexuellen Abhängigkeit von der Mutter frei gemacht hat. 
Durch ein Stückchen Regression; anstatt die Mutter zum Liebesobjekt 
zu nehmen, hat sie sich mit ihr identifiziert, ist sie selbst zur Mutter 
geworden. Die Möglichkeit dieser Regression weist auf den narzißtischen 
Ursprung ihrer homosexuellen Objektwahl und somit auf die bei ihr 
vorhandene Disposition zur paranoischen Erkrankung hin. Man könnte 
einen Gedankengang entwerfen, der zu demselben Ergebnis führt wie 
diese Identifizierung: Wenn die Mutter das tut, darf ich es auch; ich 
habe dasselbe Recht wie die Mutter. 

Man kann in der Aufhebung der Zufälligkeiten einen Schritt weiter 
gehen, ohne zu fordern, daß ihn der Leser mitmache, denn das Unter- 
bleiben einer tieferen analytischen Untersuchung macht es in unserem 
Falle unmöglich, hier über eine gewisse Wahrscheinlichkeit hinauszu- 
kommen. Die Kranke hatte in unserer ersten Besprechung angegeben, 
daß sie sich sofort nach der Ursache des Geräusches erkundigt und die 
Auskunft erhalten habe, wahrscheinlich habe die auf dem Schreibtisch 
befindliche kleine Standuhr getickt. Ich nehme mir die Freiheit, diese 
Mitteilung als eine Erinnerungstäuschung aufzulösen. Es ist mir viel 
glaubhafter, daß sie zunächst jede Reaktion auf das Geräusch unter- 
lassen, und daß ihr dies erst nach dem Zusammentreffen mit den beiden 
Männern auf der Treppe bedeutungsvoll erschienen ist. Den Erklärungs- 
versuch aus dem Ticken der Uhr wird der Mann, der das Geräusch 
vielleicht überhaupt nicht gehört hatte, später einmal gewagt haben, als 
ihn der Argwohn des Mädchens bestürmte. „Ich weiß nicht, was du da 
gehört haben kannst ; vielleicht hat gerade die Standuhr getickt, wie sie 
es manchmal tut." Solche Nachträglichkeit in der Verwertung von Ein- 
drücken und solche Verschiebung in der Erinnerung sind gerade bei der 
Paranoia häufig und für sie charakteristisch. Da ich aber den Mann nie 
gesprochen habe und die Analyse des Mädchens nicht fortsetzen konnte, 
bleibt meine Annahme unbeweisbar. 

Ich könnte es wagen, in der Zersetzung der angeblich realen „Zu- 
fälligkeit" noch weiter zu gehen. Ich glaube überhaupt nicht, daß die 
Standuhr getickt hat, oder daß ein Geräusch zu hören war. Die Situation, 
in der sie sich befand, rechtfertigte eine Empfindung von Pochen oder 
Klopfen an der Clitoris. Dies war es dann, was sie nachträglich als Wahr- 
nehmung von einem äußeren Objekt hinausprojizierte. Ganz Ähnliches 
ist im Traume möglich. Eine meiner hysterischen Patientinnen berichtete 
einmal einen kurzen Wecktraum, zu dem sich kein Material von Ein- 
fällen ergeben wollte. Der Traum hieß: Es klopft, und sie wachte auf. 
Es hatte niemand an die Tür geklopft, aber sie war in den Nächten 



.. f^^r^^.^fu Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



328 Sigm. Freud. 

vorher durch die peinlichen Sensationen von Pollutionen geweckt worden 
und hatte nun ein Interesse daran, zu erwachen, sobald sich die ersten 
Zeichen der Genitalerregung einstellten. Es hatte an der Clitoris geklopft. 
Den nämlichen Projektionsvorgang möchte ich bei unserer Paranoika an 
die Stelle des zufalligen Geräusches setzen. Ich werde selbstverständlich 
nicht dafür einstehen, daß mir die Kranke bei einer flüchtigen Bekannt- 
schaft unter allen Anzeichen eines ihr unliebsamen Zwanges einen anf- 
richtigen Bericht über die Vorgänge bei den beiden zärtlichen Zusam- 
menkünften gegeben, aber die vereinzelte Clitoriskontraktion stimmt wohl 
zu ihrer Behauptung, daß eine Vereinigung der Genitalien dabei nicht 
stattgefunden habe. An der resultierenden Ablehnung des Mannes hat 
sicherlich neben dem „Gewissen" auch die Unbefriedigung ihren Anteil. 

Wir kehren nun zu der auffälligen Tatsache zurück, daß sieh die 
Kranke der Liebe zum Manne mit Hilfe einer paranoischen Wahnbildung 
erwehrt. Den Schlüssel zum Verständnis gibt die Entwicklungsgeschichte 
dieses Wahns. Dieser richtete sich ursprünglich, wie wir erwarten durften, 
gegen das Weib, aber nun wurde auf dem Boden der Paranoia 
der Fortschritt vom Weibe zum Manne als Objekt voll- 
zogen. Ein solcher Fortschritt ist bei der Paranoia nicht gewöhnlich; 
wir finden in der Regel, daß der Verfolgte an denselben Personen, also 
auch an demselben Geschlecht fixiert bleibt, dem seine Liebeswahl vor 
der paranoischen Umwandlung galt. Aber er wird durch die neurotische 
Afifektion nicht ausgeschlossen; unsere Beobachtung dürfte für viele 
andere vorbildlich sein. Es gibt außerhalb der Paranoia viele ähnliche 
Vorgänge, welche bisher nicht unter diesem Gesichtspunkt zusammen- 
gefaßt worden sind, darunter sehr allgemein bekannte. So wird z. B. 
der sogenannte Neurastheniker durch seine unbewußte Bindung an 
inzestuöse Liebesobjekte davon abgehalten, ein fremdes Weib zum Objekt 
zu nehmen, und in seiner Sexualbetätigung auf die Phantasie einge- 
schränkt. Auf dem Boden der Phantasie bringt er aber den ihm ver- 
sagten Fortschritt zu stände und kann Mutter und Schwester durch 
fremde Objekte ersetzen. Da bei diesen der Einspruch der Zensur ent- 
fällt, wird ihm die Wahl dieser Ersatzpersonen in seinen Phantasien 
bewußt. 

Die Phänomene des versuchten Fortschritts, von dem neuen meist 
regressiv erworbenen Boden her, stellen sich den Bemühungen zur Seite, 
welche bei manchen Neurosen unternommen werden, um eine bereits 
innegehabte, aber verlorene Position der Libido wieder zu gewinnen. Die 
beiden Reihen von Erscheinungen sind begrifflich kaum voneinander zu 
trennen. Wir neigen allzusehr zu der Auffassung, daß der Konflikt, welcher 
der Neurose zu Grunde liegt, mit der Symptombildung abgeschlossen sei 
In Wirklichkeit geht der Kampf vielfach auch nach der Symptombildung 
weiter. Auf beiden Seiten tauchen neue Triebanteile auf, welche ihn fort- 



.. f^^r^^.^fu Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



MitteiluDg eines Falles yon Paranoia. 329 

führen. Das Symptom selbst wird zum Objekt dieses Kampfes; Strebungen 
die es behaupten wollen, messen sich mit anderen, die seine Aufhebung und 
die Herstellung des früheren Zustandes durchzusetzen bemüht sind. Häufig 
werden Wege gesucht, um das Symptom zu entwerten, indem man das Ver- 
lorene und durch das Symptom Versagte von anderen Zugängen her zu ge- 
winnen trachtet. Diese Verhältnisse werfen ein klärendes Licht auf eine 
Aufstellung von C. G. Jung, demzufolge eine eigentümliche psychische 
Trägheit, die sich der Veränderung und dem Fortschritt widersetzt, die 
Grundbedingung der Neurose ist. Diese Trägheit ist in der Tat sehr 
eigentümlich ; sie ist keine allgemeine, sondern eine höchst spezialisierte, 
sie ist auch auf ihrem Gebiet nicht Alleinherrscherin, sondern kämpft 
mit Fortschritts- und Wiederherstellungstendenzen, die sich selbst nach 
der Symptombildung der Neurose nicht beruhigen. Spürt man dem Aus- 
gangspunkte dieser speziellen Trägheit nach, so enthüllt sie sich als die 
Äußerung von sehr frühzeitig erfolgten, sehr schwer lösbaren Verknüp- 
fungen von Trieben mit Eindrücken und den in ihnen gegebenen Objekten, 
durch welche die Weiterentwicklung dieser Triebanteile zum Stillstand 
gebracht wurde. Oder, um es anders zu sagen, diese spezialisierte „psy- 
chische Trägheit** ist nur ein anderer, kaum ein besserer Ausdruck für 
das, was wir in der Psychoanalyse eine Fixierung zu nennen ge- 
wohnt sind. 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



II. 
über Vaterschaft und Narzißmus. 

Von Dr. Theodor Reik. 

Unter den Gründen, welche zur Annahme eines primären Narziß- 
mus zwingen, müssen nach Fr eud^) auch biologische Rücksichten geltend 
gemacht w^erden : Das Individuum führt nämlich eine Doppelexistenz „als 
sein Selbstzweck und als Glied in einer Kette, die es gegen, jeden- 
falls ohne seinen Willen dienstbar ist. Es hält selbst die Sexualität für 
eine seiner Absichten, während eine andere Betrachtung zeigt, daß es 
nur ein Anhängsel an sein Eeimplasma ist, dem es seine Kräfte gegen 
eine Lustprämie zur Verfügung stellt, der sterbliche Träger — vielleicht 
— unsterblicher Substanz, wie ein Majoratsherr nur der jeweilige Inhaber 
einer ihn überdauernden Institution ist". 

Die Psychoanalyse, welche es sorgsam vermeidet, nichtpsychologische 
Methoden auf ihr Arbeitsgebiet anzuwenden, kann doch gewisser bio- 
logischer Voraussetzungen nicht entraten (z. B. der Hypothese der Bi- 
sexualität). Anderseits darf sie hoffen, durch eine Synthese der von ihr 
erforschten psychologischen Probleme einiges Licht auf biologische Grund- 
rätsel zu werfen. In den vorstehenden Sätzen Freuds ist nun zum 
erstenmal das Problem des Fortpflanzungstriebes von Seiten der Psycho- 
analyse berührt worden. Die Frage, ob es einen Fortpflanzungstrieb gibt, 
der neben den großen Triebströmungen des .Selbsterhaltungstriebes und 
der Libido als abtrennbarer, angeborener Teil des menschlichen Trieb- 
lebens angesehen werden muß, ist eines der großen Grenzprobleme der 
Biologie und Psychologie. Es ist verständlich, daß wir in den fol- 
genden Bemerkungen, die den bescheidenen Anspruch eines Versuches 
erster Orientierung keineswegs überschreiten wollen, psychologische Ge- 
sichtspunkte in den Vordergrund rücken werden. 

Wir sind genötigt, eine innige Beziehung des in Frage stehenden 
Fortpflanzungstriebes mit dem Sexualtriebe anzunehmen. Diese Beziehung 
ist eine so enge, daß manche hervorragende Autoren, wie He gar, Eulen- 
burg, Naecke und Löwen fei d, sogar die Definition des Geschlechts- 
triebes als eines Impulses zur Fortpflanzung angenommen haben. Have- 
lock Ellis hat mit Recht dagegen geltend gemacht, daß die Fort- 
pflanzung als Ziel bei keinem Lebewesen als Teil des Geschlechtstriebe« 

*) Zur EinftLhrung des Narzißmus. Jahrbach der Psychoanalyse 1914. S. 5. 



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Ober Vaterschaft und Narzißmus. 331 

eine Rolle spielt^) Die Psychoanalyse darf diesem Argument zwei andere 
hinzufügen: sie hat uns gezeigt, daß das einzige Ziel des Sexualtriebes 
die Sexualbefriedigung ist, und kann besonders auf die Perversionen hin- 
weisen, deren Verständnis sich erst unter diesem Gesichtspunkte er- 
öffnet. Sie hat femer aus den an Kindern gemachten Beobachtungen 
erkannt, daß schon im frühesten Kindesalter — streng genommen, von 
Geburt an — sexuelle Strebungen wirksam sind, deren Ziel unmöglich 
die Fortpflanzung sein kann. Man braucht nur an die Säuglingsonanie 
und an andere autoerotische Betätigungen an verschiedenen erogenen 
Zonen zu erinnern, um dies zu erweisen. 

Da es besonders bei der Erforschung des infantilen Sexuallebens 
klar wurde, daß das einzige Ziel des Sexualtriebes in der Befriedigung 
der Sexuallust zu suchen ist, müßte man annehmen, daß sich der Fort- 
pflanzungstrieb plötzlich — etwa am Ende der Pubertät — einstelle. 
Wir werden jedoch Havelock Ellis Recht geben müssen, wenn er 
sagt, daß es von großer Verständnislosigkeit für die Entwicklungskon- 
tinuität zeugen würde, wenn man annähme, ^daß ein so fundamentaler 
und unwillkürlicher Prozeß plötzlich revolutioniert werden könne". Selbst 
wenn wir bereit wären anzunehmen, daß in einem bestimmten Zeit- 
punkte beim Individuum Impulse zur Fortpflanzung rege werden, könnten 
wir diesen Tendenzen die Bezeichnung Trieb als eines Grenzbegriffes 
zwischen Somatischem und Seelischem nicht zugestehen. Die Psycho- 
analyse hält daran fest, daß den Trieben die Eigenschaft der Kontinuität 
zukomme. Diese Kontinuität ist eine zweifache : die beiden Triebströme 
(Hunger und Libido) sind in wechselnder Stärke bei jedem Menschen 
vorhanden und sie begleiten den Menschen sein ganzes Leben lang.^) 

Wir glauben gezeigt zu haben, daß die Annahme der Existenz 
eines primären Fortpflanzungstriebes auf zwei gewichtige Bedenken stößt : 
es gibt keinen Fortpflanzungstrieb im kindlichen Seelenleben und es gibt 
keinen allgemein-menschlichen Fortpflanzungstrieb. Denn es wird niemand 
behaupten, daß jeder Mensch das Bedürfnis, sich fortzupflanzen, verspüre. 
In keinem Menschen macht sich ein der elementaren Gewalt des Hungers 
und der Liebe vergleichbares Streben nach Fortpflanzung geltend, das 

') Das Geschlechtsgefühl. Deutsche Ausgabe von Dr. Hans Karella. 2. Aufl. 
Würzbnrg 1909. S. 19 ff. 

*) Wir sprechen wohl auch von altrnistiBchen, sozialen, ja sogar moralischen 
und ethischen Trieben, obwohl diese Regangen schon komplizierte and sekand&re 
Prozesse bedeuten. Dies ist freiUch nicht nur ontogenetisch, sondern phylogenetisch 
za verstehen: es sind Regangen, za denen die Menschheit durch psychische Ver- 
drftngongs- und Sublimierungsleistungen, durch Transformationen und Yerlötungen 
der beiden Urtriebe vieler vorangegangener Generationen gelangt ist. Es ist wahr- 
scheinlich, daß wir dergleichen Regungen in uns deshalb als prim&re betrachten, weil 
sie durch die Entwicklungsgeschichte unserer Ahnen pr&formiert sind und wir nur 
ihre Wirksamkeit verspüren. 



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332 ^^' Theodor Reik. 

gebieterisch Befriedigung verlangt und auf ihr Ausbleiben mit mehr oder 
minder schweren organischen und seelischen Störungen reagiert. 

Wir werden gewiß nicht so weit wie Nietzsche gehen, der den 
Fortpflanzungstrieb in die ^reine Mythologie" verweist, sondern wir 
begnügen uns mit der Auskunft, daß hier ein rein biologisches Problem 
waltet, das ähnlich wie das der Periodizität der Brunftzeit bei Tieren 
oder der Zusammensetzung der Sexualstoffe seiner Lösung harrt. Was 
wir von der psychologischen Seite her, ohne teleologische Hypothesen 
und Fiktionen aufzustellen, bemerken können, ist nur die Wirksamkeit 
der Selbsterhaltungs- und Sexualtriebe, die Wirksamkeit zärtlicher Ge- 
fühle für das Kind, also für das Produkt des Sexual Verkehres und das 
Vorhandensein eines bewußten, nicht triebhaft starken Willens zur Fort- 
pflanzung, der nur bei wenigen Menschen konstatierbar ist. 

Wir müssen aber zugeben, daß es auch intensive Wünsche und 
Strebungen im menschlichen Seelenleben gibt, die dazu verführten, einen 
primären Fortpflanzungstrieb anzunehmen. HavelockEllisz. B. räumt 
ein, daß bei manchen Frauen Verlangen nach einem Kinde besteht, ohne 
das Verlangen nach einem Liebhaber. In diesem Falle ist nach Ellis 
„eben ihr mütterlicher Instinkt erwacht, während ihr Geschlechtsinstinkt 
noch schlummert; ein neben diesen beiden Instinkten noch bestehender 
„Fortpflanzungsinstinkt" darf nicht angenommen werden". Wir halten 
freilich diese Erklärung nur für eine unzureichende und provisorische, 
denn sie verschiebt die Aufhellung des Tatbestandes, indem sie uns nicht 
sagt, von welcher Art der „mütterliche Instinkt" ist. Wir werden ver- 
suchen, dieser Frage später auf Grund der F r e u d sehen Trieblehre näher- 
zukommen. 

Wir haben früher Versuche verschiedener Autoren erwähnt, die 
Phänomene des Geschlechtstriebes durch die Annahme eines primären 
Fortpflanzungstriebes zu erklären. Wenn wir, in der Erwartung, aus der 
psychoanalytischen Forschung nähere Aufklärungen über die Psychogenese 
der Fortpflanzungstendenzen zu erhalten, den umgekehrten Weg ein- 
schlagen, werden wir sorgsam darauf bedacht sein müssen, den bedeut- 
samen Anteil der Ichtriebe nicht zu vernachlässigen. 

Der Wunsch nach Kindern hat, soweit er von Männern empfunden 
wird, neben den bewußten und oft angeführten Gründen (Freude ani 
Familienleben usw.) noch unbewußte Motive. Unter ihnen ist vielleicht 
die Identifizierung mit dem eigenen Vater die bedeutsamste. Dieser Pro- 
zeß setzt nicht erst im Lebensalter des erwachsenen Mannes ein, sondern 
hat eine weit zurückreichende Geschichte. Die Identifizierungstendenz 
stammt aus der dem Vater zugewendeten Bewunderung und Zärtlichkeit 
des Kindes. Das mächtige Agens der Ödipustendenzen vertiefte und ver- 
stärkte den Wunsch, an die Stelle des Vaters zu treten, im unbewußten 
Seelenleben. In der Pubertätszeit hat der Identifizierungswunsch eine 



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Ober Vaterschaft und Narzißmus. 333 

hervorragende Stellung im phantasierten Familienroman dieser Jahre. 
Der Held dieser Phantasie ist das Ich des Träumers ; der Knabe träumt, 
er sei als Sohn sehr vornehmer Eltern (z. B. eines Königspaares) geboren. 
Im engsten Zusammenhange damit steht die Rettungsphantasie, die in 
bestimmten typischen Traumsituationen auftaucht: z. B. der Träumer 
rettet seine Mutter aus dem Meere, in das sie gefallen ist. Die psycho- 
analytische Traumdeutung hat erkannt, daß diese Träume Geburtsträume 
sind, die dechiffriert ungefähr den folgenden Sinn geben : Der Träumer 
tritt in Geschlechtsverkehr mit der Mutter und erzeugt ihr ein Kind, das 
seine eigenen Züge zeigt. Wie man sieht, ist der Träumer in dieser Si- 
tuation zweimal enthalten : erstens als Vater und zweitens als Kind ; er 
ist sein eigener Vater. Wir müssen das zweimalige Vorkommen des 
Träumers historisch erfassen : das Kind, das seine eigenen Züge trägt, 
verrät uns den Durchbruch der primären Libidobesetzung des Ich, die 
aus dem narzißtischen Triebstadium stammt, während die eigene Vater- 
schaft wesentlich dem Identifizierungswunsche mit dem Vater entspricht. 
Der Träumer, der sich an die Stelle des Vaters setzt, wünscht ein Kind, 
weil dies zum Wesen des geliebten Vaters gehört. Wir bemerken schon 
hier eine innige Verbindung zweier Libidokomponenten : des Narzißmus 
und homosexueller Strömungen ; dieselbe Verbindung, auf deren Bedeu- 
tung uns die Analysen Freuds und Sadgers bei Pervertierten und 
Neurotikern aufmerksam gemacht haben. 

Mit der Durchführung der Objektwahl — legal gesprochen : mit 
der Heirat — und mit dem Älterwerden des Mannes gehen nun im 
Seelenleben des Mannes tiefgreifende Veränderungen vor sich. Von den 
psychischen Momenten, die für unseren Zusammenhang in Frage kommen, 
sind folgende bemerkenswert: Im Liebesleben des Mannes herrscht eine 
funktionelle Beziehung, was die Objektwahl in männlicher und weib- 
licher Richtung betrifft. Wenn z. B. eine Störung in der Relation zum 
Weibe eintritt, ist sie auch immer mit einer Störung in den Beziehungen 
des Mannes zu anderen Männern verbunden und umgekehrt. Der Er- 
wachsene nun, dessen auf das weibliche Libidoobjekt gerichteten Bedürf- 
nisse befriedigt sind, sucht unbewußt die zeitweise unterbrochene oder 
zumindest gelockerte Beziehung zum gleichen Geschlecht wiederherzu- 
stellen. Er wird nun von einer Ersatzperson der Mutter, nämlich von 
seinem Weibe geliebt, doch wünscht er in einer partiellen Regression 
auf das narzißtische (und bisexuelle) Stadium der Libidounterbringung, 
auch die Liebe, Anerkennung und Bewunderung des Vaters zu ernten. 
Anders ausgedrückt : er wünscht ebenso geliebt und bewundert zu werden, 
wie er den Vater geliebt und bewundert hat. Doch diese Gefühle kann 
ihm nur das eigene Kind zuwenden. 

Als Voraussetzung dieser psychischen Konstellation muß es dienen, 
daß der Besitz des Weibes einer partiellen Übertretung des väterlichen 



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334 I^- Theodor Reik. 

Inzestverbotes gleichkommt. Um diese Übertretung zu vervollständigen, 
bedarf es der eigenen Vaterschaft. Psychoanalytisch ließe sich die Sach- 
lage etwa so formulieren : durch den Besitz des Weibes hat der Mann 
den einen Teil seiner infantilen Urwünsche erfüllt: er hat die Mutter 
(deren unbewußte Ersatzperson das Weib ist) erobert. Es bleibt ihm nun 
der andere Wunsch zu erfüllen: den Vater hinwegzuräumen und sich 
selbst an seine Stelle zu setzen. Die Annullierung des Vaters und die 
Inthronisierung des eigenen Ich an seiner Stelle kann aber für das Un- 
bewußte nicht radikaler geleistet werden als durch die Erreichung der 
eigenen Vaterschaft. Wir sehen, daß die eigene Vaterschaft einerseits zum 
Triumph über den Vater wird; sein Inzestverbot wurde so vollständig 
übertreten, daß man selbst Vater wurde; anderseits wird sie aber zum 
Triumph des Vaters, indem der Ehrgeiz des Sohnes danach ging, Vat^r 
zu werden.^) Man könnte diese Triumphsituation sogar weiter speziali- 
sieren : die infantile Masturbation begegnete der väterlichen Kastrations- 
drohung, die auf das Kind den tiefsten Eindruck machte. Auf die Rech- 
nung ihrer Nachwirkung konnten die psychoanalytischen Ärzte zum 
großen Teil die Genese psychischer Impotenz setzen. Im Knaben bildet 
sich im Gefolge dieser Drohung und in dumpfer Angst vor den Folgen 
seiner Masturbationsphantasien (die sich oft als inzestuöse erkennen 
lassen) Angst vor bevorstehender Impotenz. In dem Glücksgefühl des 
Vaterwerdens mischt sich nun, deutlich genug, auch die Befriedigung 
über die eigene Potenz, der die väterliche Kastrationsdrohung nichts 
anhaben konnte. 

Fassen wir zusammen, was wir bisher erfahren haben, so dürfen 
wir sagen: die Sehnsucht nach Kindern im Leben des Mannes stellt sich 
uns als eine umgewertete Fortsetzung jener Gefühle dar, welche wir im 
Familienroman der Pubertätszeit als wirksam erkannten. In ihr haben 
wir deutlich drei Gefühlszüge bemerkt, die vielfach ineinander übergehen : 
feindselige Gefühle gegen den Vater, von dem das Inzestverbot und die 
Kastrationsdrohung der Kinderzeit ausgegangen sind; zärtliche — wir 
dürfen sagen homosexuelle — geg^n denselben Mann, die aus der Zärt- 
lichkeit und Bewunderung des Kindes stammen, und ein Rest der nar- 
zißtischen Ichbesetzung, die sich unter anderem in dem Wunsche äußert, 
geliebt zu werden wie der Vater. 

Eine nähere Betrachtung lehrt uns, daß es hauptsächlich die Fort- 
setzungen dieser drei Gefühlszüge sind, welche die fernere Beziehung 
des Vaters zu seinem Sohne regeln: 

1. feindselige Gefühle, ursprünglich dem eigenen Vater wegen der 
von ihm ausgegangenen Sexualhemmung gewidmet, werden unbewußt in 
der Form der Vergeltungsfurcht dem eigenen Sohne zufließen. Denn die 

*) Dieser Kompromißcharakter der Vaterschaft entspricht der dem eigenen 
Vater gewidmeten Ambivalenz der Gefühlsregungen. 



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Ober Vaterschaft und Narzi^mns. 335 

Durcliftthrang derselben Inzestwünsche, die einst unbewußt gehegt wurden, 
wird nun vom eigenen Sohne gefürchtet; 

2. homosexuelle Impulse, ursprünglich aus der Zärtlichkeit des 
Kindes für den Vater stammend, werden wirksam in der Form der Liebe 
und Zärtlichkeit für das eigene Band, als wäre das Kind sein wieder- 
auferstandener Großvater.^) Diese Regungen äußern sich oft in späteren 
Jahren als der Wunsch, sich im Sohne einen Mitarbeiter und Freund zu 
erziehen ; 

3. die narzißtische Ichbesetzung zeigt sich nicht nur in dem 
Wunsche, vom Sohne geliebt zu werden, sondern auch, wie Freud in 
seiner oben erwähnten Arbeit dargelegt hat, in der Behandlung des 
Sohnes als eines zweiten Ich, als einer Fortsetzung der eigenen Persön- 
lichkeit. Durch die Hoffnung auf das Kind wehrt sich das Ich auch 
gegen die Drohung der Sterblichkeit. 

Wir haben früher bemerkt, daß die Fortpflanzungstendenz sich als 
affektiv umgewertete Fortsetzung des Familienrom anes der Pubertätszeit 
erweist. Tatsächlich können wir diese Entwicklung deutlich verfolgen: 
der Knabe, der phantasiert, von vornehmen Eltern geboren zu sein, hat 
durch diese Geburtsphantasie seinen Vater durch einen anderen, besseren 
ersetzt; der zum Mann und zum Vater Gewordene hält sein Kind für 
das schönste und vollkommenste. In dieser Objektüberschätzung ist als 
in einem ambivalenten Gebilde ebenso wie in jenem Vaterersatz nicht 
nur die extreme Zärtlichkeit bemerkbar; das Avancement enthält auch 
die unbewußte Absicht des Wegschaffens des gegenwärtigen Objekts. Die 
Gegenseite wird eben durch die narzißtische und homosexuelle Libido- 
besetzung gebildet, die am stärksten in jener Überschätzung des eigenen 
Kindes zu Tage tritt. 

Eine Bemerkung zu Freuds Ausführungen über den exquisit nar- 
zißtischen Charakter der Elternliebe sei noch gestattet. Die Bedeutung 
der Idealbildung im Leben des Einzelnen und ihr Zusammenhang mit 
dem primären Narzißmus läßt folgende Ableitung zu : Der Mensch sucht 
die verlorene narzißtische Vollkommenheit seiner Kinderzeit in der neuen 
Form des Ichideals wiederzugewinnen. Die Sexualüberschätzung des Ob- 
jekts ist eine Idealisierung desselben, auch die Oberschätzung der eigenen 
Kinder. Das Kind wird aber auch zur Fortsetzung des unter dem sanften 
Zwang narzißtischer Voraussetzung aufgenommenen Ichideals; es liegt 
also ein Fall spezieller Idealisierung vor, der sich uns als Idealbildung 
des Subjekts und Idealisierung des Objekts darstellt. 

*) Die völkerpsychologische Analogie dieses Verhaltens ergibt sich ans der Ana- 
lyse des Seelenwandemngsglanbens primitiver Völker, z. B. der meisten Stämme Au- 
straliens. Vgl. J. G. Frazers„The belief in immortality and the worship of the dead". 
I. Bd. London 1913, nnd meine Arbeit „Die Gonvade nnd die Psychogenese der Ver- 
geltungsfarchf*. Imago. November 1914. 



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336 ^' Theodor Reik. 

Wir kennen auch dorch Frends Aufsatz die näheren Beziehongen 
des Ichideals zu den Prozessen der Verdrängung und Sublimierung. Die 
Idealbildung ist die Bedingung der Verdrängung von seiten des Ichs. Da 
aber die Idealisierung sowohl auf dem Grebiete der Ichlibido als 
auch der Objektlibido möglich ist, verstehen wir es, daß die meisten 
Eltern nichts von der Existenz der infantilen Sexualität wissen wollen. 
Hier liegt ein Widerstand vor, der in den Gesetzen der ewigmenschlichen 
Natur und in den Bedingungen der Kulturentwicklung wurzelt; die 
Annahme einer infantilen Sexualität würde nicht nur ihre elterliche 
Objektsidealisierung des Kindes stören, sondern auch jenes große Stück 
Narzißmus abtragen, das ihrer Elternliebe zu Grunde liegt, also die Ich- 
idealbildung. Der Vater, der sein aktuelles Ich am Ichideal mißt, wird es 
sorgsam vermeiden, jene wundeste Stelle des aktuellen Ichs, nämlich die 
Sexualität, dort zu sehen, wo sein Ichideal seine lebendige Projizierung 
und Fortsetzung gefunden hat, nämlich an seinem eigenen Kinde. 

Hier wird vielleicht auch eines jener Motive zu suchen sein, welche 
die von der ödipuskonstellation geschafifene Gefühlsdifferenz vertiefen 
helfen. Der Vater will im Sohne sein Ichideal wiederfinden und jedes 
aktuelle Hindernis der Idealisierung wird, wenn möglich, unbewußt über- 
sehen. Ist aber die durch die ödipuskonstellation hergestellte Spannung 
schon weit vorgeschritten und sind die aktuellen Hindernisse der Ide- 
alisierung so groß, daß eine Verleugnung nicht mehr möglich ist, so 
werden die Mängel des Kindes mit um so größerer Erbitterung verursacht, 
weil sie dem Narzißmus des Vaters (in der Form der Ichidealbildung) 
einen argen Stoß versetzen. So kommt es, daß Väter an ihren Söhnen 
eine ungleich schärfere Kritik üben können als an sich selbst bei 
denselben Fehlern. Diese Kritik aber wird vom Sohne, der kraft 
seines Narzißmus Mängel an sich selbst nur unscharf zu erblicken 
vermag, als übertrieben, ja oft genug ungerechtfertigt angesehen. 
Es mag als Bestätigung der hier vertretenen Ansichten über die 
Spaltung des aktuellen Ichs und der in das eigene Kind projizierten 
Idealbildung dienen, daß viele Väter mit Vorliebe jene Mängel und Fehler 
an ihren Kindern tadeln, von denen sie selbst sich gerne frei wissen 
wollen. Man hat oft geltend gemacht, daß die Gefühlsdifferenz zwischen 
Vätern und Söhnen im Unterschiede ihres Alters, ihrer Anschauungen usw. 
begründet sei. Man wird den wichtigen Faktor des väterlichen Narzißmus 
hier ebensowenig übersehen dürfen wie in der Motivierung der Sexual- 
heramungen, die dem Sohne vom Vater entgegengestellt werden.*) Hier 
wie dort behält freilich der Ödipuskomplex in positiver und negativer 



*) Wir gelangen so zu der Erkenntnis, daß die psychische Ahlösnng des 
Vaters von seinem Sohn nicht von geringerer persönlicher und sozialer Be- 
deutung für das Leben des heranwachsenden Sohnes ist als die umgekehrte Ablösang 
des Sohnes vom Vater. 



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über Vaterschaft und Narzißmus. 337 

Formung — als Inzestwunsch und -abwehr — seine führende Rolle. Der 
Faktor, der das aktuelle Ich des Erwachsenen an seinem Ichideal mißt, 
ist derselbe, den wir als den Traumzensor kennen. (Freud.) Im Vater 
ist — neben bewußten Überlegungen — derselbe Faktor auf dem Qui 
vive, der das Tun und Treiben des Sohnes unausgesetzt beobachtet und 
es am eigenen Ichideal mißt. 

Wir haben früher die Ansicht Havelock Ellis' erwähnt, der 
einen selbständigen, mütterlichen Instinkt annimmt, der unabhängig von 
der Sexuallibido, im Weibe wirken kann und es nach dem Kinde ver- 
langen läßt. Sicherlich gibt es Frauen, die sich nach einem Kinde sehnen, 
ohne zugleich bewußt einen Liebhaber zu wünschen. Allein Havelock 
E 1 1 i s selbst muß zugeben, man könne auch bei Frauen „mit starkem 
mütterlichen Instinkt" feststellen, „daß, solange ihre geschlechtliche 
Leidenschaft auf der Höhe ist, unter normalen glücklichen Verhältnissen 
der Gedanke an Nachkommenschaft im Hintergrunde steht". Um aber 
jene Fälle erklären zu können, wird man zuerst auf dieselben psychischen 
Faktoren (Identifizierung mit der Mutter usw.) hinweisen, die wir im 
Seelenleben des Mannes als wirkend erkannten und die auch — mutatis 
mutandis — beim Weibe zu finden sind. Die Analyse wird ferner in der 
Lage sein, bei vielen dieser Frauen nachzuweisen, daß der Wunsch nach 
dem männlichen Sexualobjekt in ihnen unbewußt lebt und verdrängt 
wurde. Als Ersatz dieses ursprünglicheren Wunsches hat sich im Be- 
wußtsein der Wunsch nach Kindern eingestellt. Schließlich wird man zur 
ausreichenden Erklärung die Differenzen zwischen männlicher und weib- 
licher Objektwahl heranziehen müssen, die Freud geltend gemacht hat. 
Im w^eiblichen Gefühlsleben kommt es meistens mit der Pubertätszeit zu 
einer Steigerung des primären Narzißmus. Den Weg, der diese Frauen 
zu voller Objektliebe führt, bezeichnet nun Freud mit folgenden Worten : 
„In dem Kinde, das sie gebären, tritt ihnen ein Teil des eigenen Körpers 
wie ein fremdes Objekt gegenüber, dem sie nun vom Narzißmus aus die 
volle Objektliebe schenken können." Wir finden also auch hier die nar- 
zißtische Libidokomponente als eines der wesentlichsten Motive der Fort- 
pflanzungstendenz. 

Dasselbe Moment aber in seiner innigen Beziehung zur Ichideal- 
bildung können wir auch dort nachweisen, wo allgemeinere, überindivi- 
duelle Werte herrschen. Es ist noch in der Mahnung Nietzsches: 
„Nicht fort sollt ihr euch pflanzen, sondern hinauf!" als grundlegend 
aufzuzeigen. 



Zeitschr. f. Ilrell. Psjohoanalysc, 111/6. 



22 



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ffl. 
über vermeintliche Fehlhandlungen. 

Von Dr. S. Fereuczi (Budapest). 

Eine besondere Art von Fehlleistung ist es, irrigerweise zu meinen. 
daß man eine Fehlhandlung begangen habe. Solche „vermeintliche" Fehl- 
handlungen sind gar nicht so selten. Wie oft passiert es einem, der ein 
Augenglas trägt, daß er die Brille unter dem Tisch suchen will, obzwar 
sie ihm auf der Nase steckt ; wie häufig vermeint man, seine Brieftasche 
verloren zu haben, bis man sie — nach eifrigem Suchen — an der Stelle 
findet, wo man sie zuerst hätte suchen sollen, um vom „Verlieren" und 
„Wiederfinden" der Speiskammerschlüssel durch unsere Hausfrauen gar 
nicht zu reden. Jedenfalls ist diese Art Fehlleistung typisch genug, so daß 
man dahinter einen speziellen Mechanismus und Dynamismus suchen darf. 

Der erste solche Fall, den ich analytisch durchschauen konnte, war 
eine etwas komplizierte Doppelleistung an Fehlhandlungen. 

Eine junge Dame, die sich für die Psychoanalyse theoretisch sehr 
interessiert (ihr habe ich die Beobachtung des „kleinen Hahnemannes"* 
zu verdanken), pflegte mich in der Ordinationsstunde hie und da auf- 
zusuchen. Einen ihrer Besuche mußte ich mit dem Bedeuten abkürzen, 
daß ich sehr viel zu tun habe. Die Dame empfahl sich und ging, — kam 
aber nach einigen Sekunden wieder und sagte, sie hätte ihren Regen- 
schirm im Zimmer gelassen, was aber durchaus nicht der Fall sein konnte, 
da sie ja den Schirm — in der Hand hielt. Sie blieb dann noch einige 
Minuten und wollte unvermittelt die Frage an mich richten, ob sie nicht 
an einer Entzündung der Ohrspeicheldrüse (ungarisch: fültomirigy) 
leidet; sie versprach sich aber und sagte: fültßürügy, d. h. Ohrspeichel- 
Vorwand. Die im Deutschen so unähnlichen Worte „Drüse" und „Vor- 
wand" sind eben im Ungarischen phonetisch ziemlich ähnlich lautend, 
(mirigy, ürügy). Die Dame gestand mir auch auf einiges Befragen, daß 
sie gerne noch länger bei mir geblieben wäre, so daß ihr Unbewußtes 
das vermeintliche Vergessen des Regenschirmes als Vor wand zur Ver- 
längerung des Besuches benützt haben mag. Leider war es mir in diesem 
Falle nicht möglich, mit der Analyse tiefer zu dringen, so daß es unerklärt 
bleiben mußte, warum das intendierte Vergessen nicht wirklich, sondern 
nur vermeintlich zu stände kam. Eine versteckte Tendenz (oder ein Vor- 
wand) ist eben für alle Fehlleistungen gleicherweise charakteristisch. 



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über vermeintliche Fehlhandlangen. 339 

Weit eingehender untersuchte ich folgenden Fall von vermeintlicher 
Handlung. Ein junger Mann war in der Sommerfrische der Gast seines 
Schwagers. Eines Abends versammelte sich dort eine lustige Gesellschaft; 
die Zigeunerkapelle war auch bald bei der Hand, man tanzte, sang und 
trank im Freien bis spät in die Nacht hinein. Der junge Mann war das 
Trinken nicht gewöhnt, geriet bald in pathologische Rührseligkeit, be- 
sonders, als die Zigeuner das traurige Lied : „Aufgebahrt im Hofe liegt 
die Leiche" zu spielen begannen. Er weinte bitterlich, mußte er doch 
an seinen noch nicht allzu lange begrabenen Vater denken, an dessen 
Tod die lustigen Zecher ebensowenig denken, wie auch die im Hof auf- 
gebahrte Leiche im Lied „von niemand, niemand beweint" wird. Unser 
junger Mann zieht sich denn auch sofort aus dem lustigen Kreise zurück 
und begibt sich auf einen einsamen Spaziergang zum nahen, in Nacht 
und Nebel gehüllten See. Einem — ihm nachträglich unerklärlichen — 
Impulse folgend (er war, wie gesagt, selber etwas „benebelt"), zieht er 
plötzlich die volle Brieftasche aus der Tasche und wirft sie ins Wasser, 
obzwar das Geld, das sie enthielt, ihm nur zur Aufbewahrung übergeben 
wurde ; es gehörte der Mutter. Was er später tat, weiß er nur summarisch 
zu erzählen. Er kehrte zu den Freunden zurück, trank noch mehr, schlief 
ein, wurde schlafend zu Wagen in die Stadtwohnung befördert. Er er- 
wacht spät morgens in seinem Bette. Sein erster Gedanke ist — die 
Brieftasche. Er ist verzweifelt über seine Tat, verrät sie aber niemand 
und läßt einen Wagen holen ; er will zum See, obzwar er nicht die ge- 
ringste Hoffnung hat, das Geld wiederzufinden. In diesem Momente kommt 
das Stubenmädchen und überreicht ihm die Brieftasche, die sie unter 
dem Kissen im Bette des vermeintlichen Verlustträgers gefunden hat. 

Die Komplikation mit dem Alkoholrausch macht auch diesen Fall 
dazu ungeeignet, mit ihrer Hilfe etwas Allgemeingültiges über die ver- 
meintlichen Fehlhandlungen auszusagen. Die psychoanalytische Unter- 
suchung zeigte immerhin, daß hier — wie so oft — der Alkohol das 
Symptom nicht eigentlich schuf, sondern nur einem stets bereitstehenden, 
affektbetonten Komplex zum Durchbruch verhalf. ^) Die Brieftasche mit 
dem ihm anvertrauten und weggeworfenen Geld war die symbolische 
Vertretung der Mutter selbst, die er — der so stark an den Vater 
fixierte — in seinem Unbewußten förmlich ertränken wollte. In die Sprache 
des Bewußten hätte man diese Handlung mit den Worten übersetzen 
können: „Wäre doch lieber die Mutter gestorben und nicht der Vater.***) 

*) S. meinen kurzen Aufsatz „Alkohol und Neurosen", Jahrbuch ftlr Psycho- 
analyse, ni. Bd., 2. Hälfte, 1912. 

^ Die Fülle der Brieftasche war Anspielung auf die Urquelle des Mutterhasses 
beim Patienten. Die Ehe seiner Eltern war ungemein fruchtbar, fast jedes Jahr brachte 
ihm ein neues Geschwister. Das Geld zugleich Hinweis auf die infantil-anale Geburts- 
theorie; das Ertränken ein Gegenstück zur Rettung aus dem Wasser usw. 

22* 



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340 ^^' S. Ferenczi. 

Der Patient mußte sich den Vorfall so zurechtlegen, daß er, als er sich 
im benebelten Zustande beim See herumtrieb und die Brieftasche über 
dem Wasser nur hin- und herschwang ; offenbar steckte er aber dann die 
Tasche schön wieder em, versteckte sie beim Auskleiden vorsorglich 
unter dem Kissen, traf also alle Vorsichtsmaßregeln, um sie ja nicht 
zu verlieren, vergaß aber gerade diese Handlungen und erwachte mit 
der sicheren Erinnerung an seine Missetat. Psychoanalytisch gesprochen 
handelte es sich bei der Fehlhandlung um eine Äußerung seiner Ambi- 
valenz. Nachdem er die Mutter — in der ubw. Phantasie — umbrachte, 
legte er sich mit ihr zu Bett und behütete sie sorgsam. Auch die übermäßige 
Trauer um den Vater war bei ihm „doppelwertig" zu deuten, sie hatte 
auch die Aufgabe, seine Freude darüber zu verdecken, daß er endlich 
das väterliche Gut (und das wertvollste Gut, die Mutter) geerbt hatte. 
Von den ambivalenten Tendenzen durfte sich nur die positive (zärtliche) 
in die Tat umsetzen, während sich die negative nur in Form einer Er- 
innerungsfälschung, also in einer viel harmloseren und ungefährlicheren 
Form durchsetzen durfte. 

Ein anderer, ähnlich zu erklärender Fall, der den Vorzug hat, durch 
exogenen Einfluß (wie der obige durch Alkoholrausch) nicht kompliziert 
gewesen zu sein, ist folgender: 

Einem Mediziner, der einem Kranken die Medikamente zu verab- 
reichen hatte, schießt plötzlich die Idee durch den Kopf, er habe seinem 
Pflegebefohlenen nicht die richtige Medizin eingegeben und ihn vergiftet. 
Er verabreichte Gegenmittel. Seine unbeschreibliche Angst schwand erst, 
als die genaue Nachforschung die Unmöglichkeit der Sache erwies. Der 
mit einem überstarken „Komplex der feindlichen Brüder" Behaftete hat 
sich hier — in seiner Phantasie — eines Rivalen erledigt, während er 
in der Realität nur Schutzmaßregeln zu seiner Rettung traf; ein Glück, 
daß er mit diesen nicht geschadet hat. 

Ähnlich erging es mir selbst, als ich einmal spät nachts geweckt 
wurde, um eine Patientin zu besuchen, der es sehr schlecht gehe. Sie 
war am Nachmittag desselben Tages bei mir gewesen, klagte — nebst 
anderen unbedeutenden Beschwerden — über Kratzen im Halse. Die 
Untersuchung ergab nichts Organisches, wohl aber eine „kleine Hysterie**. 
Die Vermögenslage der Patientin verbot es mir, ihr eine so kostspielige 
Kur, wie die Psychoanalyse, vorzuschlagen, darum begnügte ich mich 
mit der üblichen Beruhigung und schenkte ihr zur Linderung ihrer HaJs- 
schmerzen eine Schachtel „Formamint"-Pastillen, die mir der Fabri- 
kant zur Probe zugesandt hat; sie soll davon täglich 3 bis 4 Stück 
nehmen. 

Auf dem Wege zur Patientin steigt die qualvolle Idee in mir auf, 
ob ich die Patientin nicht mit den Pastillen vergiftet habe. Das Prä- 
])arat war mir bis dahin unbekannt, es wurde mir eben am selben Tasre 



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über vermeintliche Fehlhandlungen. 34 X 

zugesandt. Ich dachte mir, es könnte eine Formol verbindung, viel- 
leicht ein Form-Amin (sie!) sein, d. h. ein stark giftiges Desinfiziens. 
Die Patientin fand ich mit etwas Magenschmerzen, aber sonst so be- 
ruhigend aussehend, daß ich ziemlich erleichtert nach Hause ging. Uöter- 
wegs fiel mir erst ein, das Formamint könne doch nur ein harmloses Mentha- 
Präparat sein, was sich Tags darauf auch bestätigte. Die ganze Ver- 
giftungsphantasie erwies sich analytisch als der Ausdruck meines Ärger- 
nisses über die nächtliche Ruhestörung. 

Es scheint nun wirklich, als stäken hinter dieser Sorte von Fehl- 
handlungen besonders gefahrliche Aggressionstendenzen, deren Zugang 
zur Motilität sorgfältig abgesperrt sein muß, während sie die innere 
Wahrnehmung noch fälschen dürfen. 

Normalerweise beherrscht bekanntlich das Bewußtsein den Zu- 
gang zum motorischen Ende des psychischen Apparates. In diesen Fällen 
scheint aber schon im Unbewußten dafür gesorgt gewesen zu sein, daß 
die vom Bewußten verpönten Handlungen unter keinen Umständen zu 
stände kommen ; um so sicherer konnte sich dann das Bewußtsein mit den 
— allerdings negativ betonten — aggressiven Phantasien beschäftigen. 
Dieses Verhalten erinnert an die Phantasiefreiheit des Träumenden, bei 
dem der Schlafzustand überhaupt jedes Handeln lähmt. ^) 

Es besteht eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den beschriebenen 
Fehlhandlungen und der Grübelsucht; hier wie dort wird eine soeben 
begangene Handlung nachträglich kritisiert, nur daß der Grübler un- 
sicher darüber wird, ob er die intendierte Handlung auch richtig 
ausgeführt hat, während der „vermeintlich Fehlhandelnde" dessen fälsch- 
licherweise sicher ist, daß er unrichtig gehandelt hat. Es handelt 
sich hier um feine Unterschiede des Mechanismus der Realitätsprüfung, 
die wir uns metapsychologisch noch gar nicht vorstellen können. Die 
Analogie dieser Fehlhandlungen mit zwangsneurotischen Symptomen 
bestärkt uns übrigens in unserer Annahme, daß die vermeintlichen Fehl- 
handlungen — wie auch die Zwangserscheinungen — als Ventile ambi- 
valenter Strebungen fungieren. 

Den Mechanismus dieser Art Fehlhandlung kann man auch als 
Gegensatz zur Symptomhandlung beschreiben. Bei der vermeintlichen 
Fehlhandlung vermeint das Bewußtsein eine (aus dem Unbewußten stam- 
mende) Handlung begangen zu haben, während die Motilität in Wirk- 
lichkeit ordentlich zensuriert war. Bei den sogenannten Symptomhand- 
lungen setzt sich dagegen die unterdrückte Tendenz — unbemerkt vom 
Bewußten — zur motorischen Aktion durch. Symptomhandlung sowohl, als 



*) Mein Freund Dr. Barthodeiszky machte mich, mit Recht, darauf auf- 
merksam, daß , vermeintliche Fehlhandlungen ** am häufigsten bei berufsmäßigen oder 
sonstwie gut eingetlbten Hantierungen vorkommen, die „automatisch", d.h. unbewußt 
und doch verläßlich sind. 



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342 Dr. S.Ferenczi. 

vermeintliche Feblhandlung haben aber das Gemeinsame, daß bei beiden 
eine Diskrepanz zweier Funktionen des Bewußtseins : der inneren Wahr- 
nehmung und des Behütens des Zuganges zur Motilität vorhanden ist, 
während sonst beide Funktionen gleichmäßig richtig oder gleicherweise 
beeinträchtigt zu sein pflegen. 

Die Technik der „Fehlhandlung an der Fehlhandlung" ist auch 
mit der des ^Traumes im Traume" vergleichbar. Beide schützen sich 
durch eine Art Reduplikation gegen allzu verpönte Äußerungen des Un- 
bewußten. Das Fehlhandeln an einer Fehlhandlung ist ja eo ipso — 
ein Korrektivum, gleichwie das Träumen im Traume einem Teile des 
Trauminhaltes den Traumcharakter benimmt. Weiß man, daß man träumt, 
so träumt man eigentlich nicht mehr wie sonst, wo man das Geträumte 
für wahr nimmt ; und wenn man etwa eine Fehlhandlung auszuführen — 
vergißt, so' kommt sie eben gar nicht zu stände. 

Das Tendenziöse an der „vermeintlichen Fehlhandlung" ist am 
besten im folgenden burschikosen Scherz dargestellt : „Entschuldigen Sie, 
daß ich Sie gestoßen habe!" — sagt ein Student im Vorbeigehen einem 
Passanten. „Sie haben mich ja gar nicht gestoßen!" antwortet jener. 
„Das kann ich ja nachholen" — sagt darauf der Student und versetzt 
ihm einen tüchtigen Rippenstoß. 

Der Witz aber läßt die demaskierte Tendenz der vermeintlichen 
Fehlhandlung nachträglich zur Tat werden, während man sich sonst nur 
freut, seinen Irrtum erkannt zu haben und einer eingebildeten Gefahr 
entronnen zu sein. 



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Mitteilungen 



1. 

Ein Beitrag zur Psychopathologie des Alitagslebens. 

Von Hans Blüher. 

Die Fälle von Psychopathologia domestica sind so häufig, daß es sich 
nicht mehr recht lohnt, jeden zu notieren. Wenn aber einmal einer geeignet 
ist, den Mechanismus dieser Alltagsneurose recht klar zu zeigen, so dürfte 
es wohl angebracht sein, ihn genau wiederzugeben und die Analyse soweit 
wie möglich und nötig durchzuführen. Einen solchen Fall aus meinem eigenen 
Leben möchte ich hier anführen. Ich brauche nicht erst zu versichern, daß 
die Mitteilung höchst persönlicher und mir wichtiger Dinge auf einigen 
Widerstand stößt, dessen Überwindung mir wohl nur durch die Tatsache 
ermöglicht wird, daß mir der Fall Gelegenheit zur Darstellung der theore- 
tischen Seite dieser Vorgänge bietet. Zu einer anonymen Veröffentlichung 
konnte ich mich nicht entschließen, da dies meinen literarischen Gepflogen- 
heiten nicht entspricht. 

Es handelt sich um einen Fall von Verlesen. Ich las vor einigen 
Tagen aus der Sammlung „Schriften aus der angewandten Seelenkunde" die 
Monographie von A. J. Storfer „Zur Sonderstellung des Vatermordes". Ich 
besitze eine ziemlich erhebliche Empfindlichkeit für Stil und Architektonik im 
Aufbau eines Buches und schätze es besonders hoch ein, wenn die Anfangs- 
partie eine in möglichst knappen Sätzen gehaltene Themastellung enthält. 
Nun ist dies bei dem ebengenannten Buche nicht gerade der Fall, und der Erfolg 
war für mich ein baldiges Erlahmen der Aufmerksamkeit. Da auf einmal 
kam eine Stelle, die eine starke Lusterregung hervorrief, und zwar eine, die 
außerhalb des Themas lag ; als ich schon einige Zeilen darüber hinaus war, 
verspürte ich immer noch das Nachklingen der erregten Affekte, das sogar 
eher stärker, als schwächer zu werden drohte. Ich hielt daher mit dem 
Lesen inne und nahm die pathogene Stelle noch einmal vor. Sie lautete 
(Seite 6): „Großartig in dieser Hinsicht ist die Gestalt des blöd- 
sinnigen Amandas in Halbes „Jugend" mit den so oft wieder- 
kehrenden Worten »der Fremde«, mit seiner Antipathie, deren 
Epilog der Versuch ist, den Fremden zu töten/ — Ich habe in der Wieder- 
gabe der Schriftstelle alle diejenigen Worte gesperrt, an denen nach meiner 
nachträglichen Analyse die Lustbetonung mehr oder weniger haftete. Dieses 
Mehroderweniger müßte man ja freilich graphisch anders darstellen, etwa in 
der Form einer Kurve; da die Verschiedenheit der Betonungsstärke indessen 
für das Zustandekommen des Verlesens selber unwichtig ist, kann ich es 
übergehen. Nur schätzungsweise möchte ich angeben, wo die Hauptbetonungen 
lagen, und dazu die unbewußten Wurzeln aufdecken. Am stärksten lustbetont 



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344 Mitteilungen. 

war das kritische Wort „Amandas'' selbst ; ich las es statt „Amandus^ ; dies 
wird bei der Analyse untersacht werden. Von den flankierenden Nebenreizen 
stand offenbar an der Spitze das Wort „Gestalt", das wieder von » großartig" 
und „blödsinnig" flankiert wurde. Diese drei Worte gehören zusammen. 
Die Analyse ergibt folgendes: „Gestalt** war frtiher einmal ein Spitzname 
von mir, den ich als Junge mit großem Stolz trug. Er hatte in meinen 
Flegel-, Indianer- und Wandervogel jähren den Wert eines nomme de guerre. 
„Großartig" und „blödsinnig" ist mehrfach bestimmt. Zunächst einmal wurde 
ich deshalb Gestalt genannt, weil ich als Junge sehr dürr and eckig aussah. 
Hier fügt sich die Vorstellung „Ritter von der traurigen Gestalt" = gDon 
Quichote" ein und bildet die Überleitung zu einem bizarr-romantischen Wesen, 
das mir in diesen Jahren gleichfalls eigen war. Ich wurde daher sehr ver- 
schiedenwertig beurteilt: einerseits als großartig, anderseits als verrückt, 
blödsinnig. Also der Kern des Ichkomplexes ist hier berührt. Aber die 
Worte „großartig" und „blödsinnig" haben noch eine andere Bedeutung für 
mich, die kausal mit dem Ichkomplex zusammenhängt. Ich neige noch heute 
za einer starken Geringschätzung des Durchschnittlichen, da, wo es mit dem 
Großartigen in Konkurrenz zu treten versucht. Ich neige dazu, die Menschen 
nach dem Schema „hie Held, hie Herdenvieh" zu beurteilen, und benutzte 
diese Einstellung früher häufig, um einfache Menschen, die ich nicht leiden 
mochte, herabzusetzen. — Anderseits] habe ich wieder eine besondere Vor- 
liebe für Menschen, die unter dem Mantel des Blödsinns tiefsinnig sind: 
der Narrentyp, der Zyniker, Hamlet. 

Natürlich lassen sich die Lustbetonungen der hier erwähnten Worte, 
sowohl der drei analysierten wie der anderen, noch viel weiter verfolgen. 
Sie bieten aber für das engere Thema nichts Wesentliches und würden den 
geübten Psychoanalytiker, der so etwas alle Tage erlebt, nur langweilen. 
Aber das Verlesen „Amandas" statt „Aman du s^^ selbst ist wichtig. Ich 
bemerkte schon, daß hier die stärkste Lusterregung steckte. Ich verwunderte mich 
sehr darüber, daß dieses Wort, das ich zum erstenmal in meinem Leben hörte — 
„Amandus" — mir auf einmal die Augen hell vor Freude machte, wie 
einem, der eben auf einen guten Gedanken gekommen ist. Ich habe eine 
doppelte Determinierung gefunden, was nicht ausschließt, daß es noch mehr gibt 

Die erste Determinierang, die mir in den Sinn kam, hat offenbar die 
Farbe der Lustbetonuiig abgegeben. Ich überlegte mir, was mir zu gAmundus" 
einfiel, und zerlegte sofort das Wort in zwei Bestandteile A — mundus. Das 
heißt zu deutsch (woh mir, wenn das ein Philologe liest!) „der Welt lose". 
Diese Übersetzung? fiel mir sofort ein. Also ein Name oder Zuname. Dazu 
assoziierten sich die Worte: „Nur keine Welt..! Nur keine Welt!" und es 
stand eine bestimmte Tragödienfigur vor mir. — Um dies verständlich zu 
machen, muß ich ein Stück meines eigenen geistigen Schicksals verplaudern, 
was mir übrigens schwerer fällt, als die Verplauderung der sexuellen Deter- 
minanten der Verlesung. Ich hatte von Jugend auf eine herrschende Neigung 
zur Dichtung und betrachte auch heute noch meine wissenschafthchen 
Arbeiten als Um- und Abwege. Da nun auf dichterischem Gebiete etwas 
zu leisten ganz erheblich viel schwerer ist, als auf wissenschaftlichem, wo es 
achtbare Fach- und Nebenarbeiten gibt, so ist der ganze Komplex für mich 
äußerst empfindlich und voller Zweifel und Domen. Wenn ich nun die 
Themen durchgehe, die mir von früher her als Pläne durch den Kopf 
gegangen sind, so finde ich fast durchwegs vorherrschend das Untergangs- 
raotiv, also eine Motivgebung, bei der die Haupt- oder eine wichtige 



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Hang Blüher: Ein Beitrag zur Psychopathologie des Alltagslebens. 345 

NebeopersoD immer am Rande des Abgrundes geht und auch meistens abstürzt. 
Schopenhauer nennt diese geheime Bereitschaft für ein bestimmtes Thema 
den Trick des Künstlers. Seit ich die Psychoanalyse kenne, weiß ich auch, 
was dieses Untergangsthema mit meinem persönlichen Leben für einen Zu- 
sammenhang hat. Denn hier scheint mir das große Fragezeichen überhaupt 
zu stecken, das die Künstlernatur stets hinter sich führt. Ein paar Spaten- 
stiche tiefer werden hier schnell ein wenig Licht bringen können. Mir fallen 
hiebei zwei Erlebnisse ein, die, mehrere Jahre auseinanderliegend, ungefähr 
dieselbe Bedeutung haben. Als ich noch ein halber Knabe war, äußerte ein 
Bekannter meines Vaters einmal zu diesem: „Ihr Junge wird entweder mal 
was ganz Besonderes, oder er endet im Straßengraben." („großartig — 
blödsinnig '^ !) Diese Bemerkung hatte damals schon einen großen Eindruck auf 
mich gemacht. Sie war mir stets einleuchtend und ich erkannte in ihr die 
ganze Gefährlichkeit meiner Lebenslage. Im letzten Grund steckt etwas Sexu- 
elles dahinter: auf der einen Seite die Neigung zum Laster („Straßengraben"), 
auf der anderen der Wille zum objektiven Geist („was Besonderes"), Jene be- 
kannten zwei Seelen in einer Brust, die von jeher den Menschen in Kampf- 
situationen gedrängt haben. Ein anderes Erlebnis, das sich später zutrug, ist 
bereits reifer und deutlicher gerichtet. Ich ging als junger Student nach dem 
ersten Semester nach Italien. An den Ruinen des Poseidontempels zu Paestum 
traf ich einen jungen deutschen Bildhauer, der hierhergekommen war, um sich 
den Weg zu seiner Kunst zu suchen. Nachdem er viel davon gesprochen hatte, 
daß die meisten sogenannten Künstler nur Schwärmer seien, die wohl etwas 
von Kunst verstünden, aber es in ihr nie zu etwas brachten, sagte er am 
Schlüsse: „Kunst kommt von Können.** Auch dieses Erlebnis blieb in mir 
haften und mahnte mich stets an meinen eigenen Kampf. Und wiederum steckt 
dahinter eine sexuelle Parallele, die dann später hinzugekommen ist. „Können'^ 
heißt ja potent sein, und der Könnende in der Kunst steht zum Schwärmer 
und Ästheten in demselben Verhältnis wie der potente Mann zum schmach- 
tenden Sexualfeigling. Nun war es mir einmal passiert, daß ich mich einem 
Weibe gegenüber sexuell blamiert hatte, und obwohl ich später genügend oft 
die Scharte auswetzte, konnte ich mich doch manchmal eines sexuellen Minder- 
wertigkeitsgefühles nicht ganz erwehren. Dieses hypochondrische Gefühl der 
sexuellen Minderwertigkeit setzte sich nun offenbar auch in dem ewigen Zweifel 
am künstlerischen Können fest und folgte ihm auf Schritt und Tritt. Ganz los 
wird man beides wohl niemals. Ich wage die Vermutung auszusprechen, daß 
das berühmte Unverheiratetsein von Künstlern und überhaupt von Menschen, 
die viel mit dem Wertzweifel zu tun haben, seine letzte Ursache in einer 
zeitweisen oder auch nur einmal aufgetretenen Potenzstörung hat. Jedenfalls 
möchte ich meinen, daß der „Untergang", den so viele Dichter als Thema 
lieben, nie ganz ohne Beziehung zur Potenzfrage ist. 

Dieses Untergangsthema hat sich nun bei mir in allem Möglichen niederge- 
schlagen, in Novellen, Gedichten, Romanplänen, besonders stark aber in den letzten 
Jahren in einem Tragödienstoff, der mir viel Kopfzerbrechen gemacht hat. 
Der Held dieses Stückes entzieht sich den Konsequenzen seines tragischen 
Konfliktes durch eine Flucht in den Pessimismus. Er weist die Welt als 
Ganzes ab, da er ihr in einer einzelnen Situation nicht gewachsen ist. Die 
äußere Lage ist so, daß er als F r e m d e r in seine Vaterstadt zurückkehrt, und 
zwar als heimlicher Eroberer in einem Religionskriege. Er wird aber gefangen 
und muß einem Beschluß des Rates gemäß hingerichtet werden. Während der 
Gerichtsverhandlung bricht sein lange vorbereiteter Pessimismus aus und er 



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346 Mitteilongen. 

ruft die immer wiederkehrenden Worte: „Nur keine Weltl ..." „Nur 
keine Welt! ..." Er benimmt sich überhaupt wie ein Narr, der für blöd- 
sinnig gehalten wird, aber doch Weisheiten über die Welt ausspricht. Hier 
also sind die Determinanten deutlich zu sehen. 

Hier schließt sich aber noch ein Nebenast dieses ersten Determinanten- 
komplexes an. Zu „Amundus" fällt mir ein Spittelers „Extramnndana" 
und damit der ganze religiöse und philosophische Begriff „Welt" ein. Dieser ist 
für mich höchst affektbesetzt. Ich hatte als I4jähriger Knabe die evangelische 
Konfirmation sehr ernst genommen. Wenige Jahre später wurde ich ungläubig 
und mit 21 Jahren Dissident, was ich auch heute noch bin. Konfirmiert wird 
bekanntlich in den Ängsten der Pubertät, und die Konfirmation bedeutet einen 
gewaltigen Druck auf die Sexualität. Die „Welt" wird mit einem großen 
Fragezeichen versehen. Bei mir aber setzte sie sich durch, ich habe nur iu 
jener kurzen Zeit den „grünen Blick" für die Sexualität gehabt. Aber die 
Abkehr von der Religion hatte nicht zur Folge, daß die Stimmung, die wir 
Frömmigkeit nennen, einfach vernichtet wurde, sondern sie blieb; nur das 
Objekt ging verloren. Ich wurde zwar Atheist im Sinne des Christentums, 
aber die fromme Einstellung dem Weltphänomene als Ganzen gegenüber, blieb 
unversehrt. Und so habe ich auch stets ein sehr starkes Gefühl für Menschen, 
denen die Welt als Ganzes zum Probleme geworden ist, so für den indischen 
Veda-Menschen, für Schopenhauer, Byron und Hamlet, und so 
auch für jene Tragödienfigur, die mein Unbewußtes bei jener Verlesung mit 
dem Namen Amundus belegte. 

Um urteilen zu können, welches Lustgefühl mir mit der durch das Ver- 
lesen erzielten Wortbildung „Amundus" verschafft wurde, muß man wissen, 
welche Pein es für den Schöpfer einer Dichtung bereitet, für seine Gestalten 
Namen zu finden. Die Gestalten tauchen nämlich in der Phantasie zuerst 
konkret und anonym auf und haben stets eine erhebliche psychische Macht 
über den, dem sie erscheinen (weil sie eben zum Teil Verdichtungen unJ 
Idealisierungen selbst erlebter Gestalten sind). Man möchte sie nun am lieb- 
sten in diesem Rohstoffe erhalten und ihnen gegenüber ganz das Lustprinzip 
walten lassen (hier steckt das Problem des „Raffaels ohne Hände''), denn 
man kennt ja auch ihr Schicksal und ihren Charakter ; aber man hat noch 
nie über sie geurteilt und sie noch nie angeredet. Dies aber ist natiirhch 
nötig, um aus dem Pandämonium der affektbesetzten Phantasiewelt ein objek- 
tives Kunstwerk zu schaffen. Aber mit der Namengebung beginnt bereite die 
Trivialisierung, die, wenn überhaupt, erst durch eine wirklich gelungene Ar- 
beit am Kunstwerk wieder rückgängig gemacht wird. Will man den ano- 
nymen Gestalten nun einen Namen geben, so kommt man in die bittere Lage, 
sie entweder durch einen alltäglichen zu beleidigen, oder ihnen durch einen 
hochtrabenden, der ins Reich allegorischer Nomenklatur gerät, das warme 
Leben zu nehmen. Außerdem ist das freie Finden eines Namens auch deter- 
miniert und man rührt dabei stets an die peinlichsten persönlichen Komplexe. 
Jedenfalls also ist das Namensuchen eine ewige Qual, und man hilft sich dann 
gewöhnlich damit, daß man einen Atlas aufschlägt und Ortsnamen wählt. 
So hatte ich es denn auch gemacht und dadurch endlich Ruhe bekommen. 
Aber ich hatte meinem Helden gegenüber doch immer das Gefühl: Du 
hättest einen ganz geistreichen Namen selbst erfinden sollen, so etwa wie 
Simplizissimus, in dem so viel steckt ! Vergeblich. Als mir nun das Un- 
bewußte den Namen „Amundus" reichte, empfand ich ein wohliges Gefühl, 
weil ich eben an diese Figur erinnert wurde. Gebrauchen konnte ich den 



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Hans Blüher: Ein Beitrag zur Psychopathologie des Alltagslebens. 347 

Namen freilich nicht mehr, weil Umtaufen genau so peinlich ist wie das 
Namengeben selber. 

Die zweite Determinante hat eine kürzere Geschichte. Ich hatte die 
Analyse nach der Auffindung der ersten unterbrochen und setzte sie nach 
einigen Stunden fort. Da fiel mir zu Amundus sofort Mund ein und ich 
steckte mitten in einer Perversionsphantasie mit dem Motiv : „ore pro vagiua 
uti''. Ein Mädchen hatte mir bei einer gewissen Gelegenheit gesagt, sie sei 
sehr pervers, sie „könnte alles". Sie ließ durchfühlen, daß ihr die Inan- 
spruchnahme des sadomasochistischen Komplexes angenehm sein würde. Ich 
lenkte ab, da ich hiefür nicht inkliniere. Dagegen ging ich hinterher, als ich 
allein war, alle möglichen Perversionen durch und unter diesen erschien mir 
die Benutzung des Mundes pro vagina am annehmbarsten. Daran anschließend 
Tagtraum und ebenso voller Traum in der Nacht vor dem Verlesen. Aju 
selben Tage hatte ich von meinem Balkon herunter durch die Zweige eines 
Kirschbaumes ein junges Mädchen Kirschen pflücken gesehen. Auf ihrem 
Munde glitzerte die Sonne. Wiederum Anschlagen des Perversionsthemas. 

Man sieht, durch was für heterogene Elemente unsere Fehlleistungen 
produziert werden und wie sie, so unbedeutend sie scheinen, oft bis in die tiefsten 
Tiefen unseres Charakters hineinführen. Die Psychoanalyse, die wie keine 
andere Wissenschaft zur Wahrheitsliebe erzieht, kann darum mit Recht den 
Anspruch erheben, die langgesuchte wissenschaftliche Charakterologie zu werden. 

Was mich aber veranlaßt hat, diesen Fall zu veröffentlichen, war, wie 
gesagt, nicht der Wunsch, einen neuen zu erzählen, sondern ein methodisches 
Interesse. Wenn man «lie psychoanalytische Literatur durchgeht, so stößt 
man sehr oft auf Fälle, in denen das Unbewußte höchst zweckvolle Lei- 
stungen fertig bringt, so daß der Eindruck erweckt wird, als sei es em% 
Art heimlich leitendes Schicksal. Sicherlich kann man im Sinne von „ge- 
wissermaßen" davon reden, aber man muß dann vom Leser erwarten kön- 
nen, daß er den wirklichen Vorgang, seinen Mechanismus, genau kennt ; 
tut er das nicht, so hat er eine willkommene Gelegenheit, im Falle feind- 
licher Einstellung gegen die Psychoanalyse, seinen Spott an dem neuen 
Schicksalsglauben auszulassen. Und dies ist gerade in der letzten Zeit in 
der Tagespresse häufig genug geschehen. Es ist daher wertvoll, wenn 
sich typische Fälle bieten, einmal zu zeigen, was das Unbewußte ist und wie 
es funktioniert. 

Damit die Psychoanalyse das Recht hat, sich eine exakte Wissenschaft 
zu nennen, muß sie beweisen können, daß ihr Objekt, nämlich die um das 
Unbewußte bereicherte Psyche, wirklich wissenschaftlich erschließbar ist. Es 
ist wesentlich, zu zeigen, daß hier wirklich ein „Mechanismus" vorliegt, der 
dem Kausalgesetz unterworfen ist, und daß das Unbewußte nicht etwa, wie der 
mittelalterliche Christengott, die Welt von außen stößt, wie es ihm beliebt 
(diesmal ist es dann von innen). Der exakte Wissenschaftsbegriff unterscheidet 
sich vom scholastischen dadurch, daß er für die Erkenntnis des Weltgeschehens 
die durchweg begründete Verstehbarkeit voraussetzt und das Walten eines in 
die Reihe der Erscheinungen einzuschaltenden, sich selbst bewußten Sonder- 
wesens nicht anerkennt. Gäbe es ein Unbewußtes, das waltet und leitet, 
so hätten wir in dieser theistischen Version ein un verstehbares Zwischenglied, 
und die Wissenschaft hörte auf. Dem ist es natürlich nicht so. Das Un- 
bewußte zeichnet sich vielmehr dadurch aus: 

1. daß wir selbst unmittelbar nichts von ihm wissen, 

2. daß es auch von sich selbst nichts weiß. 



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348 Mitteilangen. 

Es hat also keinen Zweckwillen, und wenn es etwas Zweckvolles leistet 
(wie in unserem Falle das Auffinden eines Namens in lateinisch-griechischer 
Ohersetzong), so ist dieses zweck volle Endziel nur durch ein günstiges Zosam- 
mentreffen der Faktoren, also zufällig erreicht. Ebenso schafft ja auch die 
übrige Natur, deren zweckvolle Formen nichts anderes sind als die Resultate 
zahlreich wiederholter Versuche. — Was ist das Unbewußte aber seinem I n- 
halte nach? Ich schlage folgende Formel vor: Affekt plus Vorstellung 
minus Denken ; also 

Ubw = L(ibido) -f- I(mago) — R(atio). 

Alle unsere bewußten Vorstellungen, mögen wir sie als reale Objekte 
vor uns haben, oder als Phantasien, zeichnen sich dadurch aus, daß sie aus 
einem sinnlichen und einem gedanklichen Element bestehen ; wir reden von 
intellektueller Anschauung im Gegensatz zur früheren sensationalistischen Auf- 
fassung, die unsere Anschauung als eine reine Angelegenheit der Sinnesorgane 
verstand. Habe ich nun eine lustvolle Vorstellung, z. B. die eines Sexual- 
objektes, so steckt außerdem noch Libido dahinter (die am Wesen der Vor- 
stellung selbst, erkenntnistheoretisch genommen, natürlich nichts ändert). 
Denke ich nun in einem folgenden Zeitteil an etwas anderes, z. B. an einen 
Kreis, so muß für diese Zeit die erste Vorstellung weichen, weil man niemals 
in einem Zeitteil an zwei Objekte denken kann, die erste Vorstellung wird 
verdrängt. Diesmal nun nicht durch eiue Zensur, sondern einfach, sagen 
wir, aus Raummangel. Die Libido aber, von der die sexuelle Vorstellung 
getragen wurde, bleibt, und zwar in einem ganz besonderen Zustande. Die 
Vorstellung ist von ihr fortgenommen, aber sie hat eine Spur hinterlassen, 
^ie hat sie geprägt, imprägniert. Übrig geblieben ist ein Vorstellungs- 
stumpf, eine blinde Vorstellung — die es sonst gar nicht gibt — , es ist 
eine unbewußte Phantasie geworden, die je nach Stärke und Gelegen- 
heit sich, sobald sie kann, wieder ins Bewußtsein durchsetzen wird. Man 
hüte sich vor Ausdrücken, wie „unbewußte Ged anken", „unbewußt es Schuld- 
bewußtsein'^; wenn man sie auch richtig gemeint hat, so sind sie doch im 
hohen Grade mißverständlich. Das Unbewußte ist eben seinem ganzen Wesen 
nach Trieb und nicht Gedanke. Also, wenn wir dies auf unseren Fall an- 
wenden, so müssen wir sagen: ich habe in verschiedenen Zeiten meines Le- 
bens einmal bestimmte affektbesetzte Vorstellungen in meinem Bewußtsein 
gehabt, so die dem narzißtischem Komplex angehörigen „Gestalt^ = ., Ich" 
mit den fraglichen Prädikaten „großartig — blödsinnig" ; femer die Tragödien- 
figur mit dem anschließenden Zweifel am „Können" (in Kunst und Sexualität). 
die Vorstellung der Mundperversion und anderes mehr. Alle diese bewußten 
Vorstellungen sind ihres gedanklichen Bestandteiles beraubt worden, weil an- 
dere Gedanken an ihre Stelle getreten sind, im Augenblicke der Gedanken- 
gang des gelesenen Buches. Sie bestehen aber trotzdem, weil eben die Libido 
an ihnen hängt, aber sie bestehen nicht als Vorstellungen im gewöhnlichen Sinne, 
sondern als unrationelle Vorstellungen. 

Das Unbewußte ist aber auch seinem ganzen Wesen nach psychisch, 
weil es auf bewußte psychische Reize reagiert; es hat eine psychische Affinität. 
die es ermöglicht, die unbewußte Phantasie zur Bewußtheit zu erheben. Die 
unbewußten physiologischen Vorgänge haben eine solche Affinität keines- 
wegs. Niemals wird die Peristaltik der Gedärme durch irgend eine psychische 
Assoziation bewußtseinsfähig und beherrschbar, wie dies mit den unbewußten 
Phantasien geschieht. Aber natürlich hat das unbewußt Psychische stets eine 



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Dr. M. Eitingon: Ein Fall von Verlesen. 349 

Verkettung mit physiologischen Vorgängen, worauf hier nicht eingegangen 
zu werden braucht. 

Wenn man von dieser Grundlage ausgeht und nun irgend ein psycho- 
pathologisches Phänomen deutet, so wird mau auch dem Femerstehenden die 
völlig lückenlose Kausal Verkettung klarmachen können und die Phänomene 
stehen trotz ihrer scheinbaren Absichtlichkeit und Zweckbewußtheit ganz 
wunderlos und begreiflich da. Gehen wir also wieder auf unseren Fall zurück 
und folgen dem Vorgange Schritt für Schritt. Ich lese in einem Buch ; das 
normale Lesen sollte so geschehen, daß der Gedankengang des Schriftstellers 
genau vom Leser aufgenommen und nachgedacht wird. Durch diese höchst 
gespannte Aufmerksamkeit werden alle anderen Gedanken verdrängt. Nun war 
aber meine Aufmerksamkeit sehr locker, da der Stil mich nicht zu fesseln 
vermochte. Statt des gerichteten Denkens trat die Neigung zum Phan- 
tasieren ein. Diese Phantasien waren zunächst noch unbewußt, da ich 
nicht zu gleicher Zeit an zwei Dinge denken kann. Die Komplexe, die mich 
in den letzten Tagen besonders beschäftigt hatten, bestanden 1. in dem un- 
vollendeten Drama und seinen Gestalten (deren Urbilder sich bis in meine Kind- 
heit zurückführen ließen) und 2. die Mundperversion. Beide Komplexe lagen 
ganz dicht und sehr frisch unter der Bewußtseinsschwelle, während oberhalb 
ihrer noch der Sinn des Gelesenen herrschte. Aber der Grenzwall war sehr 
dünn; das, was im Bewußten herrschen sollte, war nicht stark genug, um die 
unbewußten Phantasien tief hinunterzudrücken. Auf einmal werden Worte 
gelesen, die heftige Anspielungen auf den Inhalt der unbewußten Phantasien 
enthalten. Es ist von einem dramatischen Dichter die Rede, von einem 
Fremden, der großartig und blödsinnig zugleich ist und immer 
wiederkehrende Worte sagt. Hier beginnt schon ein heftiger Kampf 
zwischen Bewußtem und Unbewußtem, diesen beiden durch eine spanische Wand 
getrennten psychischen Reichen; ich merke deutlich, wie mich das Anklingen 
der Dramen Phantasie angenehm berührt; da kommt auf einmal eine Silbe 
„mand", sofort schießt das Wort für die Perversionsphantasie, das so ähnlich 
aussieht, an diese dünnste Stelle und — das Verlesen ist geschehen. Ich 
lese für Amandus Amundus. Von Willkürlichkeit keine Spur. 



2. 
Ein Fall von Verlesen. 

Von Dr. M. Eitingon, z. Zt. am k. u. k. Reservespital Iglo (Ungarn). 

Leutnant X., der sich mit einer kriegstraumatischen Neurose in unserem 
Spital befindet, liest mir eines Tages den Schlußvers der letzten Strophe eines 
Gedichtes des so früh gefallenen Dichters Walther He ymann^) in sichtlicher 
Ergriffenheit folgendermaßen vor: 

„Wo aber steht's geschrieben, frag' ich, daß von allen 

Ich übrig bleiben soll, ein andrer für mich fallen? 

Wer immer von euch fällt, der stirbt gewiß für mich; 

Und ich soll übrig bleiben? warum denn nicht? 

Durch mein Befremden aufmerksam gemacht, liest er dann, etwas be- 
treten, richtig: 

„Und ich soll übrig bleiben? warum denn ich?" 

M W. H e y ma n n : Kriegsgedichte und Feldpostbriefe, p. 11 : „Den Ausziehenden". 



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350 Mitteilungen. 

Dem Fall X. verdanke ich einigen analytischen Einblick in das psychische 
Material dieser „Traumatischen Neurosen des Krieges^ und da war es mir 
möglich, trotz der unserer Art zu arbeiten so wenig günstigen Verhältnisse 
eines Kriegslazarettes mit starkem Belag und wenig Ärzten, ein wenig über 
die als „Ursache* hochbewerteten Granatexplosionen hinauszusehen. 

Es bestanden auch in diesem Falle die schweren Tremores, die den aus- 
gesprochenen Fällen dieser Neurosen eine auf den ersten Blick frappante 
Ähnlichkeit verleihen, Ängstlichkeit, Weinerlichkeit, Neigung zu WutanfäJlen 
mit konvulsiven, infantilmotorischen Entäußerungen und zu Erbrechen („bei 
geringsten Aufregungen"). 

Gerade des letzteren Symptoms Psychogeneität, zunächst im Dienste 
sekundären Krankheitsgewinnes, mußte sich jedem aufdrängen: Das Erscheinen 
des Spitalskommandanten, der von Zeit zu Zeit die Genesenden sich ansieht, 
auf der Abteilung, die Phrase eines Bekannten auf der Straße: „Sie schanen 
ja prächtig ans, sind gewiß schon gesund," genügen zur prompten Auslösung 
eines Brechanfalls. 

„Gesund . . . wieder einrücken . . . warum denn ich? . . ." 



Ein unbewußter Richterspruch. 

Von Dr. S. Spielrein. 

Eine etwas ängstliche Dame teilte mir folgendes mit: 
Sie stieg die Treppe in einem Hotel, das sie bewohnte, hinauf und 
grübelte darüber nach — wie es geftlhrlich sei, mit so vielen Lungenkranken 
in der Pension beständig zusammen zu sein; dabei hielt sie unwillkürlich das 
Taschentuch vor die Nase. In diesem Augenblick kam ihr ein junger lungen- 
kranker Hotelbewohnor entgegen und sie machte sich strenge Vorwürfe wegen 
ihres rücksichtslosen Benehmens, welches der Herr bemerkt haben mußte. Sie 
beschleunigte die Schritte und glaubte ihr Zimmer erreicht zu haben, als sie 
zu ihrer Verwunderung die Zimmertür verschlossen fand. Sie klopfte an — 
es antwortete niemand. Da sah sie nach der Zimmernummer und entdeckte, 
daß sie sich in der Etage geirrt hatte und vor der Tür des eben begegneten 
Kranken stand. „Verzeihung!" rief sie verlegen und eilte auf ihr Zimmer, 
das sie nun ohne weitere Fehlhandlungen erreichte. 

Die Fehlhandlung vom Standpunkte des Bewußtseins war im unbewußten 
Seelenleben determiniert: Die Dame warf sich das rücksichtslose Benehmen 
vor und suchte durch Beschleunigung der Schritte das Vorgefallene eher zu 
vergessen, allein es arbeitete weiter im Untergründe und der unbeachtete 
Richter sprach sein Urteil: „Gehe zu dem Herrn, klopfe an seiner Tür an 
und bitte um Verzeihung**, was sie auch, ohne es zu wissen, befolgte. 

4. 

Die Dehistorisierung in der Psychoanalyse. 

Von Dr. Oskar Pfister (Zürich). 

Bekanntlich haben mehrere Psychoanalytiker und einstige Psychoanaly- 
tiker den an sich verdienstlichen, aber meines Erachtens zu negativem Ergeb- 
nis führenden Versuch unternommen, die sexuellen Phantasien und ihre patho- 



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Dr. Oskar Pfister: Die Dehistorisierung in der Psychoanalyse. 351 

logischen Rückwirkungen als rein symbolischen Ausdruck asexueller Strebungen, 
als bloßes „Als ob" zu deuten oder, besser gesagt, zu überdeuten. Im Zusammen- 
hang damit sah man sich genötigt, auch die historischen Figuren, die in den 
Manifestationen zum Ausdruck kommen, ihrer geschichtlichen Bedeutung zu 
entkleiden und als Autosymbole zu deuten, d. h. als sinnbildliche Andeutung 
gewisser dem Subjekt angehöriger Triebrichtungen. Der im Traum vorkommende 
Vater ist dabei vielleicht das Haften an der Autorität, die Mutter das Gemüt 
oder das Zärtlichkeitsbedürfnis, der Haß gegen den Vater Ausdruck des Eman- 
zipationsgelüstes, der Inzest mit der Mutter verrät den Wunsch nach psycho- 
logischer oder sittlicher Wiedergeburt usw. 

Ich bedaure, daß zur Begründung solcher Thesen gerade diejenige Instanz 
außer acht gelassen wird, die allein das entscheidende Wort zu reden ver- 
mag, die Erfahrung. Man kann ja allgemein-psychologisch dartun, daß histo- 
rische Gestalten für uns nur in Betracht kommen, wenn sie zu unserem 
Lebenspensum in Beziehungen stehen, und somit aus dem historischen Stoff 
eines Menschen auf seine innere Beschaffenheit geschlossen werden kann. 
Allein von diesem Zugeständnis bis zur Verwandlung des Historischen in eine 
bloße Versinnbildlichung subjektiver Strebungen ist noch ein weiter Schritt. 
Und über die Berechtigung dieses schweren und verwirrenden Schrittes kann 
nur das Studium der Einzelfälle Aufschluß erteilen. 

Ich möchte hier zwei Beispiele darbieten, welche die Dehistorisierung 
auszuschließen scheinen, ohne damit die Frage anzuschneiden, ob nicht bei 
veränderter Komplcxlage die ätiologisch reale und zuvor im eigentlich sexuellen 
Sinne gemeinte Inzestphantasie zum Ausdruck eines kulturellen Wunsches um- 
gedichtet werden könne, so daß die ursprünglich sinnliche Phantasie vergeistigt 
würde. 

Ich sah unlängst einen 27jährigen Angstneurotiker, der von mir analysiert 
sein wollte, aber aus Zeitmangel abgelehnt werden mußte. Nur eine einzige 
Besprechung konnte ich ihm widmen. Er war mit 15 Jahren erkrankt, als 
er den Entschluß gefaßt hatte, Tierarzt zu werden. In derselben Zeit hört 
er eine einfältige Spukgeschichte, nach welcher jemand im oberen Stock 
herumlief und eine Wand zersprang, als jemand starb. Nach mehreren Tagen 
objektloser Angst schreckte ihn die Obsession, die Menschenseele sei unsterb- 
lich. Den jungen Mann wunderte das Zusammentreffen der Angst mit dem 
Entschluß, Zahnarzt zu werden. 

Das Rätsel löst sich sehr einfach: Noch vor der Primarschule wußte 
er, daß seine in unglücklicher Ehe lebende Mutter ein Liebesverhältnis mit 
einem Zahnarzt hatte. Die Einwendung, daß dies unwahrscheinlich sei, weist 
er entschieden ab und versichert, seinem Gedächtnis vollkommen vertrauen 
zu können. Falls er im Unrecht ist, ändert dies für die Ätiologie in psycho- 
logischer Hinsicht nichts. Die Angst wird so leicht erklärlich : Der Entschluß, 
Zahnarzt zu werden, geht auf den vollkommen unbewußten Inzestwunsch, an 
die Stelle jenes Liebhabers der Mutter zu treten. Die Verdrängung dieser 
Begierde erklärt die Angst, deren sexuelle Verursachung auch die religiöse 
Angstvorstellung bestätigt. Der Kranke hatte seit der Kindheit Furcht vor 
der Erektion. Er masturbiert und ejakuliert ohne Erektion. Die resurrectio 
carnis im dogmatischen Sinne ist ihm ein Qualgedanke wie im sexuellen. 

Auf Einzelheiten kann hier nicht eingetreten werden. Bemerkenswert 
ist, daß die Neurose eintritt, wie er eine an sich sehr vernünftige Einstellung 
auf die Wirklichkeit, eine kulturelle Mehrleistung übernimmt, indem er sich 
für einen Beruf entscheidet, zu dem seine Anlagen nicht übel passen. Aber 



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352 Mitteilungen. 

er wird durch die Biodung a tergo zurück gerissen in die Infantilität und 
Nearose. Auch die sexuelle Absonderlichkeit geht nicht auf Widerstand 
gegen eine innerlich gebotene Anpassungsleistung, sondern auf sexuelle Trau- 
men zurück. 

Das zweite Beispiel betrifft eine bisher tadellos beleumundete Dame, die 
sich zum Erstaunen ihrer Bekannten zu einer verbrecherischen Handlung hin- 
reißen läßt. Sie entnimmt nämlich dem nicht unbeträchtlichen Vermögen 
ihrer Kinder eine sehr erhebliche Summe und übergibt sie ihrem seit Jahren 
in Geldnöten steckenden Bräutigam, nicht damit er damit Geschäfte mache, 
sondern damit er seine Schulden abzahlen könne. Auch ihr eigenes Ver- 
mögen spielt sie ihm in die Hände. So verschleudert sie fast das ganze Ver- 
mögen ihrer beinahe erwachsenen Kinder. Erschwerend kommt hmzu, daß 
sie den letzteren, die den Bräutigam für einen Gauner halten, auf ihr drin- 
gendes Bitten hin ihr Wort gegeben hatte, sie werde dem Geliebten kein 
Geld aushändigen. 

Auf Befragen erzählt sie mir: Ihr Vater lebte allezeit in Geldnöten. 
Seine Ehe war unglücklich. Oft war von Scheidung die Rede. Der Bruder 
trat in des Vaters Fußstapfen als stets bedrängter Geschäftsmann. Blutjung 
lernt sie einen bedeutend älteren Mann kennen und heiratet ihn bald darauf. 
Auch er ist ein schlechter Kaufmann, der durch unverständige Handlungen 
zerstört, was der Fleiß ihm einträgt. Ein Jahrzehnt ist sie Witwe. Da tritt ihr 
wieder ein schlechter Geschäftsmann entgegen, der bereits zweimal gerichtlich 
geschieden ist. Sie verliebt sich in ihn, wiewohl sie von allen Seiten gewarnt 
wird. Die Zumutung, sie solle wenigstens die gerichtlichen Scheidongsurteile 
besichtigen, lehnt sie ab. Ihrer Leidenschaft opfert sie die Vernunft, das 
Gewissen, Ehre, das eigene Vermögen und die Zukunft ihrer Kinder, wobei sie 
fest überzeugt ist, nur ein edles Werk begangen zu haben. 

Liegt da nicht auf der Hand, daß die sonst rechtschaffene Dame an 
der historischen Gestalt des Vaters hängen blieb ? Wäre der Vater für 
sie nur die Autorität oder das Autoritätsbedürfnis, so wäre sie nicht Ver- 
brecherin geworden. 



Die psychiatrische Schule von Bordeaux über die Psychoanalyse.*) 

Besprochen von Dr. S. Ferenezi (Budapest). 

Am 1. Mai 1914, also unmittelbar vor Torschluß, gewährten die ange- 
sehenen Leiter der psychiatrischen Klinik in Bordeaux der Psychoanal}*se 
durch die Herausgabe eines Buches gleichsam offiziell den Einlaß in die 
französische Literatur, in der sie bis jetzt — abgesehen von kleineren Pu- 
blikationen — nur durch die oberflächliche Kritik Janets vertreten war. Die 
Autoren scheinen sich aber schon damals der Gewagtheit ihres Unternehmens 
— einer deutsch geschriebenen Wissenschaft das Wort zu reden — bewußt 
gewesen zu sein und bringen gleich in ihrem Vorwort einige Gründe vor, die 
sie vor dem Vorwurfe des „wissenschaftlichen Germanismus" schützen sollen. 
Es ist wohl schon ein Vorzeichen der inzwischen eingetretenen traurigen Ver- 
hältnisse, wenn es die Verfasser eines wissenschaftlichen Werkes für nötig 



*) E. R^Ris, Professeur, et A. H^snard, Assistant de clinique psycbiatrique 
a r Uni versitz de Bordeux: La Päychoanalyse des N6vroses et des Psychose«. 
ses applications mddicales et extramödicales. Paris, Librairie F. Alcan. 
1914. 384 Seiten. 



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Dr. S. Ferenczi: Die psychiatrische Schule von Bordeaux etc. 353 

«rächten, darauf hiazuweisen, daß die „Unabhängigkeitstendenz" in der Wissen- 
schaft nicht zu Fremdenhaß ausarten dürfe. Die „pensee Freudique" sei 
— heißt es weiter — (abgesehen von ihren Übertreibungen) „bei weitem 
nicht ohne Größe", ja sie enthalte „einige grundlegende, fruchtbringende Ideen, 
die an die allerklassischesten Bestrebungen der heutigen Psychologie und 
Psychiatrie gemahnen", darum hoffen sie, daß ihr (der Psychoanalyse) in 
Frankreich „ein maßvoller Empfang und die ihr gebührende gewissenhafte 
Prüfung" zu teil werden wird. 

Hat schon der Mut der Autoren, sich — in der Wissenschaft — vom 
Chauvinismus loszusagen, sympathisch berührt, so erweckten diese letzteren Worte 
die Erwartung, daß sie sich auch sonst als Freidenker erweisen werden — 
frei nicht nur von nationalen, sondern auch von wissenschaftlichen Vorurteilen. 

In der zweiten Vorrede wird auf die ins Ungeheuere angewachsene 
Literatur der Psychoanalyse und auf den Mangel hingewiesen, daß ihre in 
verschiedenen Arbeiten zerstreuten Prinzipien nirgends systematisch zusammen- 
fassend dargestellt wurden. Dies sei ein großes Hindernis der Verbreitung 
der neuen Seelenlehre besonders in Frankreich, „wo die Geister, obwohl sie 
jede neue Hypothese mit Neugierde betrachten, von einer kennen zu lernen- 
den Theorie verlangen, daß sie synthetisch und klar ausgedrückt werde". ^) 
Nur solche und ähnliche methodologische Bedenken wären — nach Regis 
und H^snard — imstande, die Franzosen vom Studium einer wissenschaft- 
lichen These abzuhalten, niemals aber gefühlsmäßige, sittliche oder religiöse 
Motive ; dazu hätten die Franzosen — wie allbekannt — einen viel zu wei- 
ten Gelsteshorizont und großen Abscheu vor jeder Dissimulation. 

Um nun dem französischen Geiste entgegenzukommen, stellen sich die 
Autoren die Aufgabe, in diese „ziemlich formlose Sammlung von ingeniösen 
und unzusammenhängenden Hypothesen" etwas von ihrer „lateinischen Sorg- 
falt und Klarheit und Harmonie hineinzubringen*^. Unbekümmert um die 
historische Entwicklung der Lehre und um die Proportion, in der der 
Begründer der Methode und seine Schüler die einzelnen Glieder der Lehre 
bearbeiteten, wollen sie hier „jene abstrakte Synthese wiedergeben, die sich in 
jedem französischen Geist beim vertieften Studium der Lehre von selbst bildet".^) 

Wir können nicht umhin, diesem Arbeitsplane der Kritiker gleich hier 
eine antikritische Bemerkung beizufügen. Wir glauben, daß die Psychoana- 
lyse, als eine werdende Wissenschaft, deren Strombett durch immer neue, un- 
erwartete Zuflüsse erweitert wird, recht daran tut, sich möglichst lange mit 
der Sammlung von Tatsachen und der Verknüpfung des Nächstliegenden zu 
befassen und von jeder starren Abstraktion und Definition abzusehen. Die 
vorschnelle Systemisierung, die nach Rögis und Hesnard der lateinische 
Geist erfordern soll (sie sagen ja, daß es diesem Geiste widersteht, sieh mit 
«iner nicht klar ausgedrückten Theorie überhaupt zu beschäftigen), ist unserer 
Ansicht nach eine Scheinexaktheit und verbirgt eine Umkehrung der Tat- 
sachen. Die Exaktheit ist eine scheinbare, da sie den titsächlich vorhan- 
denen Schwierigkeiten und Unklarheiten nicht Rechnung trägt, und sie 
kehrt die Tatsachen um, indem sie so tut, als wäre man von allem Anfange 
an im Besitze der klaren Grundbegriffe gewesen, aus denen die Einzeltatsachen 

')„.... surtoat en France, oa les esprits, quoique curieax de toutes les 
noavelles hypoth^ses, exigent, poar accepter de coanaitre uae th^orie, qa'elle seit 
synth^tiquement et clairement exprim^e". (F. IX) 

2) „. . . . la avnthose abstcaite qa'^voque dans toat esprit francais IMtude 
Approfondie de la doctrine." 

Zeitachr. f. Änll. Psychoanalyse. Hl/Ö. 23 



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354 Mitteilungen. 

wie selbstverständlich folgten. In Wirklichkeit erlebt man, wenn man eine 
wissenschaftlicbe Doktrin in statu nascendi verfolgt, so viele Überraschungen, 
daß man immer neue und neuere Definitionen bilden muß, bis man es schließ- 
lich überhaupt aufgibt, sich um dieses Prokrustesbett jeder Entwicklung zu 
kümmern, und sich höchstens ausnahmsweise zum zeitweiligen Gebrauche 
solche allgemeine und darum inhaltsschwache Formulierungen zurechtlegt. Doch 
seien auch wir mit unserer Abweisung nicht voreilig und hören wir zu, oh 
es den Autoren denn doch nicht gelingt, uns eines Besseren zu belehren. Be- 
tonen müssen wir aber, daß die Psychoanalyse die Yerantwoitung für diese 
Reglementierung nicht auf sich nehmen kann ; jedes Lob und jeder Tadel 
für diese Formulierungen fällt auf ihre Autoren zurück. 

Das stattliche Buch zerfällt in zwei sehr ungleiche Teile; die ersten 
SOO Seiten enthalten eine sehr eingehende Darstellung der Theorie und 
der Anwendung der Psychoanalyse, die letzten 100 Seiten die eigentliche kri- 
tische Stellungnahme der Autoren. 

/ Dem geplanten systematischen Charakter des Werkes entsprechend, he- 
ginnt die Darstellung mit der Definition der Psychoanalyse, einer Leistung, 
die — in der Tat — bis jetzt niemand versucht hat. Wir wollen sie hier 
wörtlich wiedergeben : „ Die Psychoanalyse ist eine psychische Untersuchungs- 
nnd Behandlungsmethode der Pbychoneurosen, abgeleitet (inspir^e) aus einem 
weiten Erklärungssystem der meisten normalen und krankhaften Tätigkeits- 
formen der menschlichen Seele und charakterisiert durch die Analyse der 
affektiven Strebungen und ihrer Wirkungen, wobei diese Strebungen zum 
größten Teile als vom Sexualtrieb abstammend betrachtet werden." 

Eine gute Definition könnten auch wir — wie gesagt — schwerlich vor- 
schlagen, aber daß diese Beschreibung eine mangelhafte ist, merken wir 
auf den ersten Blick. Aus einer Begriffsbestimmung der Psychoanalyse dürfte 
z. B. die Betonung des Unbewußten — dieses integrierenden Bestandteiles 
der Lehre — nicht fehlen. Wir finden aber diesen Fehler der Autoren ver- 
zeihlich ; ist es doch ein schweres Kunststück, eine solche Menge von Erfah- 
rungen in eine einzige, wenn auch noch so lange, Periode zu komprimieren. 
Der andere Einwand erhebt sich gegen die Behauptung, daß die Psycho- 
analyse die affektiven Strebungen zum größten Teile vom Sexualtrieb 
ableitet. Niemals hat es die Psychoanalyse gewagt zu entscheiden, wieviel 
von den seelischen Strebungen sexuellen und wieviel anderen (z. B. egoisti- 
schen) Ursprunges ist. Sie behauptet nor, daß sexuelle Triebkräfte eine viel 
größere und mannigfachere Rolle im Seelenleben spielen, als man es bisher 
annahm, daß sexuelle Momente wahrscheinlich bei fast jeder Tätigkeit mit- 
spielen und oft als Vorbilder fungieren; zwischen dieser Annahme und der 
Behauptung, daß die Psychoanalyse fast alles vom Sexuellen ableitet, ist aber 
ein so großer Unterschied, daß er von den Kritikern nicht hätte vernach- 
lässigt werden dürfen. Diese verhängnisvoll irrtümliche Aulfavsung zieht 
übrigens wie ein roter Faden durch das ganze Buch ; wir werden noch darauf 
zurückkommen müssen. 

Nach kurzgefaßter Darstellung der Geschichte der Psychoanalyse und 
ihrer Verbreitung kommen die Autoren nochmals auf die wenigen französischen 
Arbeiten über Psychoanalyse zurück. Es folgt dann der Hinweis auf die kli- 
nische Anwendung der Methode, die die Autoren versucht und deren Resul- 
tate sie mitgeteilt haben. (Im „Enc^phale" 1913.) Leider ist diese Mitteilung 
zurzeit dem Referenten nicht zugänglich, so daß er gerade die Grundlagen, 
auf die R. und H. ihre Ansichten aufbauten, auf Tragfestigkeit nicht unter- 



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Dr. S. Ferenczi : Die psychiatrische Schule von Bordeaux etc. 355 

suchen kann. Es ist zu bedauern, daß die Autoren verschmäht haben, dieses 
so sehr theoretische Werk durch die — wenn auch abgekürzte — Mittei- 
lung ihrer Erfahrungen mit etwas Realität oder, sagen wir besser, mit etwas 
Konkretem zu beleben. Wie es ist, besteht ihr Werk nur aus Theorie und 
Kritik und läßt die Neugierde der Leser bezüglich der persönlichen Erfahrungen 
der Autoren unbefriedigt. 

Wann immer das erste Lehrbuch der Psychoanalyse geschrieben werden 
wird, muß sein Autor an den Verfassern dieser Arbeit ein Beispiel nehmen. 
Es ist interessant, wie sehr sie sich bei der Darstellung der Psychoanalyse in 
ihnen fremde, ja vielfach unsympathische Gedankengänge zu vertiefen, wie 
sorgfältig sie den auf hundert verschiedenen Orten versteckten prinzipiellen 
Aussagen Freuds nachzuspüren, wie geschickt sie die zerstreuten Fäden zu 
einer fertigen Theorie zu verweben im stände sind. Es kommt den Autoren 
dabei der von ihnen mit Recht gepriesene französische Hang zu Sauberkeit und 
Ordnung gewiß zu statten. 

Das Kapitel „Le psychodynamisme" ist bestrebt, die im Wesen dynamische 
Auffassung Freuds über die Seelenvorgänge geordnet darzustellen. (Der ge- 
lungene Terminus ^Psychodynamismus" stammt von den Autoren ; bis jetzt 
sprachen wir eher von ,,dynamischer Psychologie". Wir sind den Autoren für 
diese Neuprägung dankbar, bemerken aber, daß sie an anderer Stelle Freud 
seine „Vorliebe für die Heterogeneität des wissenschaftlichen Wortschatzes und 
den unmäßigen Gebrauch zusammengesetzter psychologischer Kunstausdrücke* 
vorwerfen.) — Den Psychodynamismus Freuds stellen sie der psycho- 
statischen Auffassung Jan et s gegenüber und heben mit Recht als einen 
der allerwesentlichsten Charaktere der Psychoanalyse hervor, daß sie sich 
„das psychische Leben als ein in fortwährender Evolution begriffenes System 
elementarer, antagonistischer, zusammenwirkender oder resultierender Kräfte** 
vorstellt. 

Selten noch hat jemand die Art, wie Freuds Unbewußtes zu 
verstehen ist, so richtig erfaßt wie die Autoren. Das Unbewußte ist tat- 
sächlich weder das Gegenteil des Bewußten, wie es Lipps meint, noch das 
Unterbewußte der Philosophen, sondern die innere Realität der Seele „le röel 
psychique", „den die innere Wahrnehmung ebenso schwer und unvollständig 
erfassen kann wie die Sinneswahrnehmung die Außenwelt". Weniger gelungen 
ist die Definition des „Vorbewußten" (Pr^conscient). Dieses soll eine inter- 
mediäre Zone zwischen Bewußtem und Unbewußtem sein und „alle 
Phänomene der Träumerei, der Zerstreutheit, der Inspiration, der nächt- 
lichen Träume in sich fassen, die für uns die subjektive Enthüllung der 
ungekannten inneren Realität bedeuten, gleichsam Sendboten des »inneren 
Realen« oder seine Reflexe, sein Echo sind". Diese recht unklare Beschrei- 
bung vergißt er hervorzuheben, daß die „große Zensur" — und der große 
psychische Unterschied - nicht zwischen Vorbewußtem und Bewußtem, sondern 
zwischen Unbewußtem und Vorbewußtem zu suchen ist, und daß die psychologischen 
Charaktere des Vorbewußten mit dem des Bewußten — mit Ausnahme der 
Bewußtheitsqualität — voll übereinstimmen. Das Vorbewußte funktioniert also 
nicht nur bei Träumereien und ähnlichen halbbewußten psychischen Tätigkeiten, 
sondern auch bei den höchsten und geordnetsten Leistungen der Psyche. 

Nach der richtigen Erklärung des Zensurbegriffes folgt die recht gute 
Wiedergabe des Freudschen Schemas der psychischen Tätigkeit, dann der 
„Komplexe** und deren affektiver Bedeutung. Von den Affekten führt der Weg 
— vollkommen logisch — zur Darstellung der von der Psychoanalyse besonders 

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356 Mitteilxugen. 

stark betonten Sexaalgefühle und -Vorgänge. Wenn aber die Autoren, ihre 
Aversion gegen psychologische Mischworte nochmals überwindend, die Sexual- 
Psychologie der Analytiker „Pansexualismus" und dieses Wort als ^expres- 
sion ingenieuse^ bezeichnen, so geben sie damit einen neuerlichen Beweis ihres 
diesbezüglichen Mißverständnisses. „Der Begriff Sexualität umfaßt bei Frend 
eine enorme Menge der verschiedensten Vorstellungen" — heißt es auf S. 29 
— „und erreicht beinahe den Sinn des Triebes im allgemeinen oder der 
„Energie affective dn^tique^. Nun aber hat Freud niemals etwas Ähnliches 
ausgesprochen; im Gegenteil: er sagte oft und ausdrücklich, daß die Sexua- 
lität von anderen Triebbetätigungen — besonders von den egoistischen — 
grundsätzlich zu unterscheiden ist ; diese unerlaubte Verallgemeinerung brauchen 
also die Kritiker nicht ihm, sondern sich selber vorzuwerfen, höchstens etwa 
noch einigen früheren Schülern Freuds, die gerade infolge der Wei- 
gerung Freuds, die „energetische" Verallgemeinerung des Libidobegriffs mit- 
zumachen, von ihm abgefallen sind, R. und H. kennen die Literatur der 
Psychoanalyse zu gut, als daß ihnen dies hätte entgehen können, so daß wir 
sie in diesem Punkte — entgegen ihrer versprochenen Objektivität — eines 
gewissen Sophismus zeihen müssen; sie bekämpfen hier etwas, was ihr Geg- 
ner niemals behauptet hat. Es ist gleicherweise ihre eigene und von ihnen 
fälschlich Freud zugeschriebene Auffassung, wenn sie sagen, daß nach der 
Psychoanalyse „der Sexual- oder Fortpflanzungstrieb die aktuelle dynamische 
Grundlage unserer normalen und pathologischen Geistestätigkeit sei, weil der 
andere fundamentale Trieb des Menschen, der Trieb der Ernährung und Selbst- 
erhaltung . . . heutzutage unfähig wäre, auf den psychischen Organismus eine er- 
hebliche Wirkung auszuüben, da er unter der Einwirkung der sozialen Umwelt 
und der Zivilisation eine ererbte Verkümmerung (Atrophie) erfahren hätte". 

Hätten die Autoren bei der Darstellung der Psychoanalyse den aufrich- 
tigen historischen Weg nicht um der glänzenderen, aber täuschenden Deduktion 
willen verlassen, so hätte ihnen selbst und jedem Leser ihres Buches die Un- 
richtigkeit dieser Behauptung eingeleuchtet. Von einer „AtiTophie des Selbst- 
erhaltungstriebes" ist in Freuds Werken nicht ein Wort zu finden, für 
diese abstruse Phantasie sind einzig und allein R. und H. verantwortlich. 
Ebenso unrichtig ist es zu behaupten, daß Freud a priori aufs Sexnelle 
losging und nicht durch die Wucht der Tatsachen — und nach langen 
Kämpfen — zu dieser Erkenntnis gelangt ist. 

Auf den nun folgenden 30 Seiten geben uns die Autoreu eine sehr gute 
Übersicht über die Entwicklungsgeschichte der Sexualität, wie sie in den „Drei 
Abhandlungen Freuds" gegeben ist, dann wird die Verdrängung erklärt und 
die Beziehungen zwischen Neurose und Perversion im einzelnen durchgesprochen. 

Bei der Besprechung der psychoanalytischen Methode heißt es: 
„Die Psychoanalyse, die ursprünglich dazu diente, um die pathogene Formel 
jeder Psychoneurose aufzudecken, enthüllte allmählich die Tiefen des Unbe- 
wußten. Von da an entwickelte sie sich selbständig und — an der Vielsei- 
tigkeit ihrer Hilfsmittel erstarkend — wurde sie bereits eine zu großen Hoff- 
nungen berechtigende psychiatrische Untersuchungsmethode. " 

Die treffende Gharakterisieruug der psychoanalytischen Technik wollen 
wir hier wörtlich wiedergeben : 

Die psychoanalytische Untersuchungsmethode „besteht darin, daß man 
sich in das Intimste der zu untersuchenden Psyche versenkt, gleichsam für 
einen Moment die Persönlichkeit des Untersuchten mit der des Untersuchen- 
den verschmelzt und sich dann die Frage stellt: warum sich (bei der freien 



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Dr. S. Ferenczi: Die psychiatrische Schule von Bordeaux etc. 357 

Assoziation) an diesen oder jenen Gedanken oder an eine Vorstellung 
gerade dieser oder jener andere Gedanke oder die bestimmte Vorstellung 
assoziiert, was ist die rein psychologische Entstehungsart dieser Verkettung 
und bis zu welcher Urquelle läßt sie sich verfolgen. Die ärztlich-psychologische 
Untersuchung wendet sich hier gleichsam um eine kurze Anleihe an die Indi- 
vidualpsychologie. Anstatt zum Beispiel — wie es in der allgemeinen Patho- 
logie sonst üblich — gegenständlich gegebene Tatsachen zu untersuchen (den 
Nachlaß oder die Veränderung dieser oder jener Tätigkeit infolge dieser oder 
jener Gehimveränderung) und aus diesen Tatsachen zu erklären, warum das 
zu untersuchende psychische Faktum im Bewußtsein des Kranken gegenwärtig 
ist; anstatt dann die objektiven klinischen Charaktere dieses Faktums zu 
analysieren (ob es von der bewußten Persönlichkeit angenommen wird oder 
nicht, oder bis zu welchem Grade; ob man es als Delir, als Halluzination, 
als Größenidee oder als impulsive Reaktion klassifizieren kann usw. usw.): 
statt dessen eignet der Psychoanalytiker die beim Kranken angetroffene Idee 
für einen Moment sich selber an, als wäre sie ihm selbst eingefallen, und sucht 
dann nach ihrer unmittelbaren Quelle. Diese findet er dann notwendigerweise 
in einer anderen assoziierten oder spontanen Idee, die die Erinnerungen des 
Untersuchten liefern. Er rekonstruiert so die zeitliche Folge der Psycho- 
genese jener untersuchten psychischen Tatsache und gelangt schließlich zu einem 
ursprünglichen Faktum, von dem es sich herausstellt, daß es immer eine mehr 
minder verdrängte Strebung der Kinderzeit ist. 

So gelingt es der Psychoanalyse, die Regellosigkeit der Ideenassoziatio- 
nen des Untersuchten und die stets wechselnde Flut seiner Bewußtseinszustände 
in ein gewisses verhältnismäßig einfaches psychisches Netzwerk einzuordnen, 
das ihn dann, über immer tiefere Schichten seiner Psyche, schließlich zum 
Herd des unbewußten affektiven Dynamismus hinleitet. Dieses Netzwerk wird 
von der Gesamtheit der Erinnerungen, Ideen, Erregungen, Wortbildem, 
dinglichen oder abstrakten Vorstellungen usw. gebildet, die untereinander durch 
die Gesetze des Gedächtnisses und der unbewußten psychischen Gedankenver- 
knüpfung verbunden sind. Dieses Netz kann demnach als Leitfaden betrachtet 
werden, der den Arzt — wenn er ihm folgt — vom Symptom ausgehend 
bis zu dessen infantiler psychischer Ursache hinführt". 

Diese anschauliche und eindrucksvolle Beschreibung wird wahrscheinlich 
vielfach Interesse für die Psychoanalyse erwecken; sie ist wie jede Simplifika- 
tion pädagogisch unschätzbar, natürlich ist sie aber auch mit den Mängeln 
der Schematisierung behaftet. Die heutige Psychoanalyse ist sehr weit davon 
abgekommen, das neurotische Symptom auf eine bestimmte infantilpsychische 
„Ursache" zurückzuführen ; sie faßt das Symptom als eine Resultante gewisser 
konstitutioneller und bestimmter akzidenteller Bedingungen auf. In sehr vielen 
Fällen findet sie allerdings auch heute noch die akzidentellen Momente der- 
art überwiegend, daß — für diese Fälle — die von den Autoren gegebene 
Beschreibung auch jetzt noch zu Recht besteht. 

Die äußerst sorgfältige Wiedergabe der Freudschen Traumdeu- 
tung, die dieses Kapitel beschließt, bedarf hier keiner ausführlicheren Be- 
sprechung, ebensowenig, wie die Beschreibung des Assoziationsexperimentes, 
der Psychopathologie des Alltagslebens usw. Ihren Eindruck über die Arbeits- 
behelfe und Methoden der Psychoanalyse fassen die Autoren im Satze zusam- 
men, daß die Psychoanalyse wohl „eine der schwierigsten Methoden der psycho- 
logischen Untersuchung ist; das erklärt auch, warum sich so wenige ihrer 
Kritiker auf persönliche Erfahrung berufen können". 



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358 MitteUangen. 

Die Darstellung der extramedikalen Anwendung der Psychoanalyse (allg. 
Psychologie, Religionspsychologie, Ästhetik usw.) ist nicht minder gelungen. 
Nur einer einzigen Behauptung müssen wir energisch widersprechen, der näm- 
lich, daß die Psychoanalyse, indem sie auch „den Wert von Kunstwerken tiber- 
l)rüft, authört, Wissenschaft zu sein*^, „sie durchbricht hier den ihr zu engen 
Rahmen der hergebrachten Literarpsychologie und wird zur Philosophie '^. Da 
aber die Autoren selber sagen, daß die Psychoanalyse „es nicht wagt offen 
(franchement) über den literarischen Wert eines Werkes zu urteilen** (wie sie 
denn auch keine einzige Stelle in Freuds Werken aufzeigen könnten, die 
sich mit ästhetischen, moralischen oder dgl. Welturteilen beschäftigt), so müssen 
wir die Meinung der Autoren, daß die Psychoanalyse vielleicht insgeheim 
(anders als „ franchement") Anspruch darauf macht, einen ästhetischen morali- 
schen Kodex oder dgl. zu statuieren, als einen durch nichts gestützten sub- 
jektiven Eindruck charakterisieren. Die Kerntruppe der Psychoanalytiker, die 
bis jetzt Freud in jeder Hinsicht Gefolgschaft leistete, hat die Ästhetik und 
Philosophie stets nur als Objekte der Psychoanalyse behandelt und es immer 
und immer wieder abgelehnt, sie selbst eine Philosophie, Ästhetik oder Moral- 
lehre werden zu lassen. 

Ebenso ungerechtfertigt ist es, den Kampf des Lust- und des Realitäts- 
prinzips bei Freud nicht einfach als zusammenfassende Beschreibung empi- 
risch gewonnener Tatsachen, sondern als eine Art »philosophisches System zur 
Erklärung der Destimmung des Menschen" hinzustellen. Allmäh lidi mehren 
sich also doch die Zeichen, daß R. und H. — die die schwierigen Fragen der 
psychoanalytischen Technik, ja sogar das „Unbewußte", an dem die meisten 
stolpern — richtig erfaßten, in Sachen der Ästhetik, Philosophie, Moral (6quit^) 
und ihre beabsichtigte wissenschaftliche Gerechtigkeit einbüßen und der 
Psychoanalyse Meinungen andichten, die ihr stets fremd waren, ja vor denen 
sie stets ausdrücklich gewarnt hat. Denn wenn auch Ästhetiker, Pädagogen, 
Sozialpolitiker die psychoanalytischen Erkenntnisse zu Fortschritten auf 
ihrem Spezialgebiet benützen wollen (und dieses Recht kann ihnen niemand 
streitig machen), die Psychoanalyse als solche bleibt tendenzlose Wissenschaft, 
gleichwie die Botanik niclit aufhört, Wissenschaft zu sein, auch wenn Küchen- 
gärtner oder vegetarianische Wanderprediger die botanischen Kenntnisse in 
ihiem speziellen Sinne verwerten. Wenn aber der Psychoanalytiker, dem die 
Anwendungsmöglichkeiten seiner Methode naturgemäß zuerst auffallen müssen, 
sich auf ihm ursprünglich fernliegende Spezialgebiete begibt, so geschieht dies 
nur „faute de mieux", weil er nicht so lange warten will, bis sich die Fach- 
leute so viel psychoanalytisches Wissen erwerben, daß sie dieser Aufgabe ge- 
wachsen sind, gleichwie auch der Botaniker zum Küchengärtner wird, wenn 
er — wie Robinson — auf einer verlassenen Insel leben und die Vorteile 
der Arbeitsteilung entbehren muß. 

Die medizinische Anwendung der Psychoanalyse (Behandlung der Neu- 
rosen und Psychosen) nimmt natürlich den breitesten Raum im Werke ein. 
Wiedergabe und Gruppierung der diesbezüglichen Literatur ist auch hier rich- 
tig und anschaulich. Es fällt einem aber bei der Lektüre des Buches all- 
mählich die etwas forcierte Unparteilichkeit der Autoren, ja ihre volle Absti- 
nenz vor jeder Meinungsäußerung auf, obwohl hie und da eine gewisse Ten- 
denz — wie wir sahen — die affektlose Serenität der Darstellung doch wie 
ein Wetterleuchten durchbricht. Im allgemeinen erinnert diese Ruhe an die 
Windstille vor dem Sturm und läßt nichts Gutes ahnen. Aus der Darstellung 
der Neurosenlehre brauchen wir nur wenig hervorzuheben, so z. B. die recht 
gelungene Gegenüberstellung der Ansichten Freuds und Janets. 



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Dr. S. Ferenczi: Die psychiatrische Schule von Bordeaux etc. 359 

Das Kapitel über die Psychoanalyse der Neurosen schließt mit folgen- 
dem Satze: „Laut der Psychoanalyse — da sie ja die letzte Ätiologie bei 
allen (Neurosen) gleichsetzt — verlieren die nosologischen Einstellungen, 
durch die die klassischen Autoren Scheidewände zwischen den verschiedenen ner- 
vösen Erkrankungen errichten, ihre Wichtigkeit." Vor einer solch unstatt- 
haften Simplifizierung des Tatbestandes hat aber die Psychoanalyse ihre allzu 
ungeduldigen Adepten immer i^ir gewarnt. Es genügt, auf die Zähigkeit hin- 
zuweisen, mit der F r e u d um die Erklärung der Neurosenwahl und der verschie- 
denen Mechanismen bemüht war, um zu begreifen, daß ihm nichts ferner liegt, 
als die Scheidewände zwischen den Krankheitsformen abzuschaffen. Gerade die 
typischen Unterschiede der SymptombilduDg wurden ja für ihn zur ergiebig- 
sten Erkenntnisquelle. Und wenn auch schließlich die Klassifizierung F r e u d s 
von der hergebrachten abweicht, das allein bedeutet keinen Abfall von den 
„klassischen" Methoden, deren Vertreter diesbezüglich auch untereinander 
nicht übereinstimmen und die allerverschiedensten Einteilungspläne befür- 
worten. Damit will ich nicht gesagt haben, daß Freud nicht tatsächlich in 
manchem anderen wesentlichen Punkte von den „Klassikern" der Psychiatrie 
— unserer Ansicht nach höchst vorteilhaft — abweicht. 

In der Darstellung der Psychoanalyse der Psychosen bewährt sich das 
didaktische Talent der Autoren von neuem. Ich habe hier nur den Irrtum, 
daß sie lutrojektion mit Introversion verwechseln, anzumerken, gebe 
aber ohne weiteres zu, daß es besser wäre, wenn die Bezeichnungen für diese 
so grundverschiedenen Begriffe einander lautlich unähnlicher wären. 

Ein viel ernsteres Mißverständnis ist es, wenn die Autoren bei der Be- 
sprechung der therapeutischen Wirkungsweise die Verurteilung unzweck- 
mäßiger Strebungen als eines der therapeutischen Hilfsmittel der Psycho- 
analyse erwähnen. Diese sowohl wie die Sublimierung sind nicht Heil- 
behelfe, sondern Erfolge der Behandlung und müssen während und infolge 
der Analyse spontan und ohne die Suggestion des Arztes zu stände kommen, 
sollen sie nicht ins Seelenleben des Kranken eingeschmuggelte Fremdkörper, 
sondern dauerhafte, eigene Erwerbung des Kranken sein. 

Die kurze, aber alles Wesentliche enthaltende Zusammenfassung der Li- 
teratur über die Übertragung beschließt dieses Kapitel; es ist zugleich der* 
Schluß des darstellenden Teiles. 

Der nun folgende kritische Teil der Arbeit wird mit einer sehr bemer- 
kenswerten kleinen Abhandlung, betitelt „La psychoanalyse et les cri- 
tiques", eingeführt. Einen großen Teil der bisherigen Kritiken der Psychoanalyse 
„kann man getrost von vornherein zurückweisen" — heißt es hier u. a. — „Es sind 
dies jene, die gemütsmäßige: moralische, ethische, religiöse usw. Gesichtspunkte 
walten lassen. Alle diese sind maßlos. Entweder stellen sie Freud als einen ver- 
achteten oder verkannten Apostel dar und verraten viel eher den mystischen 
und überschwänglichen Jünger als den überzeugten Schüler. Oder aber 
trachten sie ihn als einen Erleuchteten, einen Träumer, wenn nicht gar 
als einen gefährlichen, bösen Geist hinzustellen, der die Adepten in eine Art 
Wahnsinnsansteckung verstrickt. Man erkennt unter diesen Kritikern den 
Moralisten, der in seiner methodischen Unkenntnis der Sexualvorgänge gestört 
wird, den übertrieben Religiösen, der seine Prinzipien verteidigt und den er- 
schrockenen Pädagogen, den es vor einer solchen Gedankenfreiheit graust.* 
„Angriffe dieser Art, wie sie besonders von Hoche, Förster, K. Mendel 
usw. dirigiert werden, dürfen auf dem Gebiete, auf das wir uns stellen, näm- 
lich auf wissenschaftlichem Gebiete, nicht in Betracht gezogen werden. Wir 
lassen auch alle Kritiken beseite, die auf die gute Laune appellieren 



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360 Mitteilangen. 

und Freuds Ideen lächerlich zu machen streben. Die wissenschaftliche 
Kritik verträgt sich schlecht mit dem Scherz. — Man kann sich Yorstellen, 
wie peinlich es einen so großen Geist, wie der Begründer der Psychoana- 
lyse ist, berühren mag, wenn er sieht, dafi das Werk, dem er sein Leben 
geweiht hat, zum Gegenstand solch leichtfertiger Witze gemacht wird." Wir 
können diesen antikritischen Bemerkungen der Autoren fast in allem zu- 
stimmen, bedauern aber, daü sie die Namen ^ener Autoren, die Frend aus 
religiösen, ethischen, moralischen etc. Gründen verteidigen, nicht nennen. 
Uns sind nämlich solche — von den Autoren mit Recht abgelehnte — Kri- 
tiken nicht bekannt. Wenn aber ein Schüler hie und da in der Äußerung 
seiner Dankbarkeit überschwenglich wird, so finden wir das verzeihlich, 
solange er in merito seine Fachkritik bewahrt. Jedenfalls ist es für einen 
solchen Schüler eine zu harte Strafe, wegen dieser mehr stilistischen Ver- 
gehen in einem Atem mit Hoche, Mendel usw. genannt zu werden. 

Viel unerklärlicher — ja etwas verstimmend — wirkt es weiter, wenn 
die Autoren unter den ernsthaften Kritikern Freuds neben den allseits 
geachteten Namen Janet, Ladame, Dubois, Bleuler — auch den des 
hierorts besser gekannten Friedländer erwähnen! Wir machen übrigens 
in diesem Werke auch die Bekanntschaft des hier wenig bekannten Kosty- 
leff, eines Autors, dem gemäß die Psychoanalyse Beweise für die Richtig- 
keit der psychologischen Theorie von den „zerebralen Reflexen" erbracht 
hätte. Kostyleff scheint schon viel über die Psychoanalyse in französischer 
Sprache veröffentlicht zu haben. — Mit Recht heben es die Autoren schließ- 
lich hervor, daß „der größte Teil der Kritiker es unterließ, die von Freud 
vorgeschlagene Technik in einigermaßen anhaltender und geduldiger Weise 
anzuwenden". „Manche von ihnen, z. B. Is s e r 1 i n, weigern sich sogar, sie über- 
haupt zu versuchen, da sie ihnen von vornherein logisch unannehmbar erscheint' 

Die Verfasser versprechen nun, ihrerseits die Psychoanalyse ohne Vor- 
eingenommenheit zu beurteilen. Da sie es für untunlich erachten, die neue 
Lehre in Bausch und Bogen anzunehmen oder abzulehnen, wollen sie die 
Theorie im allgemeinen und speziellen nochmals durchsprechen und sich über 
jedes einzelne Faktum besonders äußern. 

Man war schon durch gewisse Mißverständnisse des darstellenden Teiles 
darauf vorbereitet, daß auch das Urteil der Verfasser durch die irrtümliche 
Auslegung wichtiger Teile der Psychoanalytik getrübt sein wird ; es geschieht 
dies aber in einem Maße, daß es bei dem sonst ungewöhnlichen Verständnis 
der Autoren für gewisse Feinheiten der Theorie und Methodik sowie nach 
ihren umständlichen Vorbereitungen zur Sachlichkeit und Unparteilichkeit — 
einigermaßen befremdend wirkt. Nur einigermaßen — sagen wir — da wir 
es ja oft erleben, daß sich ausgezeichnetes Verständnis für die Psychoanalyse 
mit Unfähigkeit zur Überzeugung vergesellschaftet. Wir wollen nun die wich- 
tigsten Einwendungen der Verfasser hervorheben und glauben, daß sich unsere 
Leser selbst ein Urteil darüber bilden werden, ob wirklich die Fehler der 
Lehre und Methode, oder mehr die der Kritiker schuld daran waren, dal 
sie sie in den wichtigsten Punkten ablehnen zu müssen glauben. 

„Wir waren bestrebt" — so beginnen sie den allgemeinen Teil ihrer 
Kritik — „in dieser Arbeit eine wesentlich systematische Übersicht über das 
Werk der Psychoanalyse zu geben. Von diesem Standpunkte gesehen; ist sie 
mit keinem anderen medizinischen Werke vergleichbar und überrascht durch so 
ausgesprochene philosophischen Allüren, daß man sie mit Recht gewissen meta- 
physischen Systemen der Psychologie verglichen hat. Das heißt, sie ist mit allen 
Vorzügen und Mängeln eines Systems behaftet ; die theoretischen Vorzüge sind : 



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Dr. S. Ferenczi: Die psychiatrische Schule von Bordeaux etc. 361 

Klarheit, Einheit, HarmoDie, die den Geist des Dilettanten befriedigen und 
ihn von der Last jener Einzeluntersuchungen, jener geduldigen Sammlung von 
Einzeltatsachen, die sonst die in der Medizin gültige Währung bedeuten, befreit ; 
sie hat aber den praktischen Nachteil, daß sie — infolge der rein hypothe- 
tischen Natur der Theorie — im ganzen vollkommen unbeweisbar ist." 

Wie verträgt sich nun diese Anklage mit dem anfangs zitierten anderen 
Vorwurf der Autoren, wonach die Psychoanalyse eine „formlose Sammlung 
von ingeniösen Hypothesen" ist, in die erst die Autoren „Synthese und System 
bringen mußten, um dem Ordnungssinne ihrer Leser entgegenzukommen" ? 
Solange die Autoren entweder den Vorwurf der Systemlosigkeit oder den der 
unberechtigten Systemisierung nicht zurückziehen, können wir keinen der bei- 
den Vorwürfe ernst nehmen. 

Und wenn die „geduldige Sammlung von Einzeltatsachen" das Charak- 
teristikum des Nichtdilettanten ist, so kann der Psychoanalytiker, der oft 
jahrelang an einem einzelnen Falle arbeitet und nur aus mehreren gründlich 
untersuchten Fällen Schüsse zu ziehen sich gestattet, sich gegen den Vorwurf 
des Dilettantismus sicher immun fühlen. 

Gerne akzeptieren wir dagegen Kraepelins als Schimpfwort gemeinte 
Bezeichnung der Psychoanalyse : das Wort „Metapsychiatrie"* (die 
übrigens nur eine Variante der von F r e u d früher geprägten „Metapsy cho- 
logie** ist). Wir geben zu, daß das Unbewußte, als solches unbeweisbar, 
eine Annahme, eine Interpolation in die bisherige Kluft zwischen physiologi- 
schen und bewußt- psychischen Vorgängen bedeutet. Sie ist aber nicht minder 
berechtigt, als Hypostasen ähnlicher Art auf anderen Wissensgebieten, — z. B. 
in der Physik die Hypostasieruug des Substanzbegriftes. Die Frage ist im- 
mer nur die, ob eine solche Annahme einen heuristischen Wert hat, ob sie 
bisher unerklärliche Vorgänge verstehen lehrt; wir glauben, daß der Begriff 
des „Unbewußten" in diesem Sinne wertvoll und daher aufrechtzuerhalten 
ist. Keinesfalls gentigt aber die Tatsache einer solchen Hypostase dazu, um 
zwischen der Psychoanalyse und der Mystik eine Parallele zu ziehen, wie es 
die Autoren unternehmen. 

Wir erlauben uns, hier darauf hinzuweisen, daß dieselben Autoren, die 
die Psychoanalyse „mystisch" nennen, weil sie das Unbewußte „nicht experi- 
mentell nachweisen, nicht mit Maßeinheiten messen kann", mit großer Hoch- 
achtung von der sogenannten klassischen Psychiatrie sprechen, die — wie wir 
es oben zitierten — Größenideen und andere psychische Störungen mit 
bestimmten Gehirnveränderungen in Zusammenhang bringt. Und doch ist es 
noch niemandem gelungen, diesen Zusammenhang objektiv und experimentell 
nachzuweisen, z. B. eine Größenidee an einer Gehirn Veränderung zu messen; 
die Annahme ist also im Sinne der Autoren eine nicht weniger „mystische" 
als die des Unbewußten. 

Die Psychoanalyse ist viel liberaler; sie hat nichts gegen die Annahme 
des Zusammenhanges von Gehirnveränderungen bestimmter Art mit gewissen 
Seelenveränderungen. Sie verlangt aber auch für sich das Recht, der Wahr- 
heit auf neuen Wegen nachzuspüren, und es zu versuchen, mittels Unter- 
suchung rein psychologischer Mechanismen eine Bewegung in die stagnierenden 
Gewässer der Psychologie und Psychiatrie zu bringen. Da die Wahrheit 
schließlich nur eine ist, wird ja am Ende die physiologische Wahrheit mit der 
psychologischen zusammenfallen. Einstweilen muß man aber die — bisher 
arg vernachlässigte — psychologische Methodik unbeeinflußt durch die Physio- 
logie selbständig aasarbeiten. Das vollständige Versagen der anatomischen 



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362 Mitteilangen. 

Psychiatrie entschuldigt übrigens jeden, auch einen viel weniger fandierten 
Versuch, als die Freud sehe „Metapsychiatrie" es ist; jedenfalls müßte es die 
Vertreter der „klassischen* Richtung in ihren Ansprüchen etwas mäßiger, in 
ihrer Kritik etwas milder stimmen. 

Der Vorwurf der Autoren, daß die Psychoanalyse ihre Krankheits- 
formen als rigide ^Krankheits- Wesenheiten* (entit^s morbides) ansieiit, steht 
erstens wiederum im Gegensatz zu einem früher zitierten Vorwurf, daß hier 
die Krankheitsformen keine Rolle mehr spielen, da ja doch schließlich alles 
aufs Sexuelle hinausläuft; anderseits ist es eine Entstellung der Tatsachen, 
da die Psychoanalyse die Krankheitsformen nie als etwas Letztes, weiter nicht 
Analysierbares beschrieb, sondern im Gegenteil immer als noch weiterer Analyse 
bedürftige, in letzter Linie auf elementaren Vorgängen beruhende, im Laufe 
der ontogenen und phylogencn Entwicklung allerdings gewissermaßon erstarrte 
Funktionsarten. Es wäre interessant zu erfahren, welche Teile der Lehre 
die Autoren derart mißverstanden haben, daß sie der Psychoanalyse solche 
ihr vollkommen fremde Tendenzen in die Schuhe schieben konnten. Es dürfte 
den Autoren nicht 'gelingen, auch nur eine einzige Stelle bei Frend zq 
zitieren, in der eine Neurose als ein „weiter nioht zerlegbaras Wesen* 
dargestellt wäre. Die beabsichtigte Gerechtigkeit der Psychoanalyse gegen- 
über scheint sich also in der Darstellung erschöpft zu haben und reichte zum 
kritischen Teil nicht mehr hin. 

Nun kommt der Vorwurf der T el e o l o g i e. Das Unbewußte, die Zensur, 
der Sexualtrieb, die Psychoneurose, der Traum usw. seien hier „von der 
uralten Doktrin der Endursachen beeinflußt". „Sie setzen in der mensch- 
lichen Natur eine Art Vorsehung voraus, die dem psychischen Wesen die ver- 
schiedensten und sinnreichsten Werkzeuge zur Verfügung stellt, damit es 
seiner Bestimmung (destinee) gehorchen und seine Endzwecke erfüllen könne." 
Die Neurose sei „hier nicht der Effekt einer Lebensstörung, wie die Zersetzung 
eines Körpers bei der chemischen Reaktion, sondern ein Mittel, um einer all- 
zu peinlichen Realität zu entgehen^. 

Hierauf ist folgendes zu erwidern : Die Psychoanalyse hat eine Anzahl 
zweckmäßiger Abwehrmechanismen der Seele outdeckt und sie bei den 
Neurosen in Funktion gefunden. Mit dieser Entdeckung hat sie sich aber 
nicht außerhalb der bisher gangbaren wissenschaftlichen Anschauungsweise 
gestellt, ist es doch allbekannt, daß auch nach der von den Autoren — mit 
Recht — hochangesehenen biologischen Forschung solche Abwehrvorgänge 
auch in der Physiologie und Pathologie eine bedeutende Rolle spielen. Die 
Symptome des Typhus werden heutzutage nicht mehr einfach als Symptome 
der „perturbation vitale'^ angesehen, sondern sie setzten sich aus Ausfalls- 
erscheinungen und Abwehrtendenzen zusammen. Auch die Psychoanalyse meint 
es nicht anders. 

Die Behauptung aber, daß Freud diese Zweckmäßigkeit in dem Sinne 
meint, daß sie das mystische Streben nach einer „Bestimmung" und nicht 
eine biogenetisch zu erklärende Anpassungserscheinung ist, ist grundfalsch 
und zeugt — leider — von der unverzeihlichen Oberflächlichkeit, deren 
sich die Autoren bei der willkürlichen Auslegung — richtiger: Entstellung 
— mehrerer Ideen Freuds, wie wir sahen, schuldig machten. Die fina- 
listische Auslegung der psychoanalytischen Tatsachen durch Jung wurde von 
Freud energisch abgelehnt und ward der Anlaß zu Jungs Ausscheidung 
aus dem Freudschen Kreise. — „Die Psychoanalyse muß selber wie eines jener 
Kunstwerke beurteilt werden, die sie zu erklären versucht; sie ist ein Sym- 



r^no'^'-^ Original from 

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Dr. S Ferenczi: Die psychiatrische Schule von Bordeaux etc. 363 

bol " — Einverstanden! Der Psychoanalytiker muß konsequent genug sein, 
zuzugeben, daß — wie zu jedem Schaffen — so auch zum Psychoanalytischen 
spezielle unbewußte und analytisch nachzuweisende Determinanten einen wich- 
tigen Beitrag liefern. Der echte Psychoanalytiker weiß das so sicher, dass er 
eben darum nie aufhören darf, sich zu analysieren und mittels der Selbstanalyse 
seine Resultate korrigieren. Nur findet er, daß die Psychoanalyse auch nach 
Abzug des Persönlichen zu Recht besteht und auf Realität Anspruch machen 
darf. Den Beweis des Gegenteils sind uns die Autoren schuldig geblieben. 
Bei dieser Gelegenheit konstatieren wir übrigens mit Vergnügen, daß die 
Autoren, indem sie ein Symbol (die Psychoanalyse) durch unbewußte Mecha- 
nismen (Selbstprojektion) erklären, für die Anwendbarkeit der psychoanalytischen 
Anschauungsweise und Technik in der „rein wissenschaftlichen" Kritik Zeugen- 
schaft ablegen. 

Bei der Kritik des „Psychodynamismus" wird — nachdem auf die 
französischen Vorgänger Freuds nachdrücklichst hingewiesen wird — der sorg- 
fältigen Bearbeitung der „Verdrängung" durch Freud einiges Lob gespendet. 
„Freuds und seiner Schüler sehr realer Verdienst ist es, die Verdrän- 
gung als ein großes Gesetz der Psychopathologie dargestellt zu haben." Es 
wird dann auch zugegeben, daß es mittels Psychoanalyse gelingen kann, der 
„Ideogenese" (wieder ein gutes, dankbar quittiertes griechisches Kunstwort!) 
eines pathologischen Symptoms nachzuspüren. Damit hätte aber Freud nur 
die Genese nicht die Ursache eines Symptoms erklärt ! — Ohne uns 
weiter in philosophische Diskussionen einzulassen, müssen wir doch be- 
merken, daß die volle Aufklärung der Genese, d, h. der ganzen Entwick- 
lungsgeschichte eines Vorganges, das Forschen nach weiteren Ursachen über- 
flüssig macht; da sie doch die Kenntnis aller Bedingungen in sich schließt und die 
„Ursache" nie etwas anderes ist als die Summe der Entstehungsbedingungen. 
Unter diesen Bedingungen hat aber Freud biologischen Faktoren stets die 
grundlegende Bedeutung zugestanden, so daß die Vehemenz der Autoren, mit 
der sie die toxische Grundlage der Psychopathien der Psychogeiiese entgegen- 
halten, vollkommen überflüssig ist. Sie vergessen offenbar, was sie bei der 
gewissenhaften Darstellung der Theorie der Psychoanalyse selbst geschrieben 
haben: „Die Psychoanalyse betrachtet in letzter Analyse alle Neurosen und 
alle schweren Geistesstörungen als die Folgen chemischer Ursachen, der Ver- 
giftung des Nervensystems durch endogene Toxine". Mit dem Nachweise der 
Psychogenese der Neurosen hat Freud allerdings eine neue Seite des Pro- 
blems beleuchtet, die von der Anatomie und Chemie des Gehirns her wohl 
niemals zugänglich geworden wäre, von der sogar — unseres Erachtens — 
auch die Biologie zu lernen haben wird. 

Hören wir nun, was die ps} chiatrische Schule von Bordeaux, die die 
Autoren dieses Werkes würdig repräsentieren, der psychoanalytischen Auf- 
fassung der Neurosen als die eigene entgegenhalten kann : „Wir unserseits" 
— sagen sie — „sehen die Ursache der Psychoneurose in einer Unzuläng- 
lichkeit, einer Veränderung der psychischen Funktion, abhängig von materiel- 
len Veränderungen der Gehirnphysiologie, der zerebralen Phänomene der Er- 
regung und der affektiven Störung." 

Wir finden, daß in dieser Definition die Betonung der Zerebralität — wie 
wir sahen — keinen Gegensatz zur Psychoanalyse bedeutet ; die Worte aber, 
mit denen die psychische Seite des Problems berührt wird, sind ebenso selbstver- 
ständlich, aber auch ebenso nichtssagend, wie alle ähnlichen Versuche der vor- 
psychoanal>iischen Psychiatrie. Erklärungen, die von der Zerebralität direkt 



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364 Mitteilungen. 

aafs Bewußt-psychische hinführen wollen, verpuffen eben wie ein elektrisdier 
Kurzschluß ; ein dauerhaftes Licht auf das psychische Problem zu werfen 
vermögen sie sicherlich nicht. Übrigens wird hier das Lob, das die Autoren 
der „ideogenetischen*^ Forschungsmethode zollen, größtenteils wieder rück- 
gängig gemacht, die assoziative Verknüpftheit von Einfällen bedeute nicht 
die Ursächlichkeit ihrer Aufeinanderfolge ; dies anzunehmen wäre ein Beispiel 
des berüchtigten „post hoc ergo propter hoc". 

Nun glauben wir, daß das ;,post hoc" als Beweis des ursächlichen Zn- 
sammenhanges überhaupt nicht zu verachten ist; sehr bedeutende Physiker 
mußten es zugeben, daß für die Ursächlichkeit eigentlicb kein anderer Beweis 
als das unausbleibliche Auftreten einer Erscheinung nach gewissen anderen 
Erscheinungen möglich ist und nicht umsonst heißt die „Wirkung'^ anf 
deutsch: „Folge", — auf französisch „cons^quence". Indem die Autoren die 
psychisch-kausale Bedeutsamkeit der Assoziations - Aufeinanderfolge ablehnen, 
berauben sie sich der einzigen Möglichkeit, mit dem psychologischen Deter- 
minismus je Ernst zu machen. 

Die einzige Stelle im Buche, an der die Autoren sich auf eigene psycho- 
analytische Forschungen berufen, ist die Kritik der Traumdeutung. Die 
Autoren finden, wie die meisten Traumdeuter, die Freud falsch verstanden 
haben, daß man im Traum nicht gerade „Wunscherfüllung", sondern die Rea- 
lisierung der verschiedensten Affekte erkennen kann. Sie vergessen, daß 
Freud es immer betont hat, daß der manifeste Traum — ja auch das 
latente Traummaterial — den allerverschiedensten Affekten — Haß, Furcht, 
Sorge, Selbstvorwurf usw. — Ausdruck verleihen kann ; auch ist nicht jedes ein- 
zelne Traumstück, gesondert betrachtet, eine Wunscherfüllung. Er behauptete, 
daß der Traum — nach vollzogener Analyse — im ganzen betrachtet, 
einen Sinn hat und dieser Sinn immer die wunscherfüllende Darstellung 
eines (oder mehrerer) am Vortage angeregter latenter Traumgedanken mit 
Hilfe stets unerfüllter unbewußt-infantiler Wunschregungstendenzen bedeutet. 
Nicht daß man Freuds Traumerklärung ungern akzeptiert, sondern dafi 
man seine, doch so klar und eindeutig ausgesprochenen Thesen immer und 
immer wieder mißdeutet, spricht dafür, daß bei der Beurteilung- der Psycho- 
analyse auch andere als rein intellektuelle Momente mitsprechen. Dies sei 
zugleich die Antwort auf die vielfach erhobene Beschuldigung, die Psychoanalyse 
mache sich die Sache allzu bequem, wenn sie die „Widerstände" ihrer Gegner 
für die Nichtannahme der Lehre verantwortlich macht. 

Die Autoren finden auch das unannehmbar, daß die grundlegenden Assozia- 
tionen im Traum und in der Neurose dieselben seien wie die des Wach- 
lebens; aber schon zwei Seiten weiter behaupten sie, daß der Traum den- 
selben Elementargesetzen der Affektivität gehorcht, wie das Wachleben; die 
Gründe, die sie für letzteres vorbringen, sind nicht stärker als die, mit denen 
die Psychoanalyse das erstere befürwortet, ohne es zu versäumen, auch auf die 
vielfachen Unterschiede hinzuweisen, die die Assoziationsweisen des Be- 
wußten und des Unbewußten voneinander trennen. Fast kein Kritiker 
versäumt es übrigens, darauf hinzuweisen, daß psychische Krankheitssymptome 
nicht mit Erscheinungen des normalen Geisteslebens in eine Reihe gestellt 
werden dürfen ; und doch lehrt uns die allgemeine Pathologie, daß Krankheit 
nichts anderes ist als „Leben unter veränderten Bedingungen". Es ist unge- 
rechtfertigt, dieses allgemeinste Gesetz nicht auch in der Psychopathologie 
gelten zu lassen. 

Die Verfasser finden, daß die .ideogene tische'"* Erklärung eines Krank- 
heitssymptoms noch anfechtbarer ist als die Suche nach dem latenten Traam- 



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Dr. S. Ferenczi: Die psychiatrische Schule von Bordeaux etc. 365 

material. „Die Untersuchung der Aneinanderreihung pathogener Erinnerungen 
ist zweifellos sehr interessant, aber manchmal ist diese Verknüpfung so merk- 
würdig kompliziert, äußert sich in so überraschender Annäherung ganz un- 
vergleichbarer Tatsachen (Wortspiele, oberflächliche Analogien, Symbole ex 
contrario usw.), daß man sich wohl fragen darf, wieso eine Tendenz, die 
stark genug ist, den Organismus schwer zu schädigen, durch eine so zarte 
und gebrechliche Brücke an das Symptom geknüpft sein könne. Es kostet 
einem zum Beispiel etwas Mühe sich vorzustellen, daß man zwischen einer 
veralteten Kontraktur und ihrer Ursache : einem starken, ins Unbewußte 
eingeklemmten Komplex, notwendigerweise ein so inkonsistentes und subtiles 
Mittelglied einschalten müsse, wie eine Reihe von Ideen, Bildern und Ge- 
fühlen, die aufs Geratewohl, durch einige Wortspiele miteinander ver- 
knüpft sind." 

Es ist zuzugeben, daß diese Tatsache unwahrscheinlich ist, daß sie noch 
jeden, der sie doch bestätigen mußte, überraschte. Die Kritik hätte sich aber 
nicht mit der Feststellung der Unwahrscheinlichkeit begnügen dürfen, sondern 
sie sollte durch genaue Untersuchungen festzustellen suchen, ob sie — trotz 
der Unwahrscheinlichkeit — am Ende doch nicht wahr ist ! Die verlangte 
Erklärung ist übrigens sehr leicht zu geben. Verdrängen heißt: die Quelle 
eines Affekts unbewußt sein oder werden zu lassen; ein Mittel dazu ist : den 
Affekt auf etwas Verwandtes, aber Unscheinbares zu verschieben. Gerade 
die Unscheinbarkeit macht also die Wortwitze, entfernte Analogien usw. zu 
den beliebtesten und sichersten Assoziationsbrücken der Verdrängung. Sind also 
diese Brücken noch so zart und brüchig, sie erfüllen ihre Aufgabe vollkommen, 
wenn sie nur das Bewußtsein von dem zu Verdrängenden auf etwas Harmloses 
ablenken. Was sie leisten, ist also keine „Kraftleistung"; ihre Arbeit ist der 
des Weichenstellers zu vergleichen, der mit ganz geringer Kraftentfaltung 
die dahinsausende Lokomotive auf andere Bahnen lenken kann. Daß diese 
Art der Ideenverknüpfung auch den Kritikern „unerwartet", „unwahr- 
scheinlich" — ja „unmöglich" erscheint? zeigt auch, daß sich ihrer die Ver- 
drängung als schwer demaskierbarer, gut versteckter — weil von niemand 
geahnter oder geglaubter — Brücken sehr wohl bedienen kann. 

Was die Autoren unter dem Titel „Critique du pansexualisrae" vor- 
bringen, ist die direkte Folge ihres schon besprochenen Mißverständnisses über 
die von Freud gelehrte Rolle der Sexualität im Seelenleben. Der Entwick- 
lungsgeschichte der Sexualität im Sinne Freuds werden einige anerkennende 
Worte gewidmet. Da solche Anerkennung auch heutzutage nur dünn gesät ist, 
wollen wir sie in extenso wiedergeben. „Die psychoanalytische Psychologie 
der Sexualentwicklung erscheint uns sehr interessant, besonders da sie den 
großen wissenschaftlichen Verdienst hat, eine vollkommen unbekannte Welt zu 
durchforschen — obzwar einige ihrer Einzelheiten nach unserer Ansicht eher 
vom aprioristischen Wunsch des Autors, in ihnen die Ursachen der Psycho- 
pathien wieder zu finden diktiert sind, als von einem gerechtfertigten Erkennt- 
nisdrang (souci legitime de connaissance). Die Psychologie der sexuellen Per- 
versionen erscheint uns — mit gewissen Einschränkungen . . — ziemlich rationell, 
auf vielfache Erfahrung und nur auf wenig Voraussetzungen gegründet, mit 
einem Wort sehr ingeniös und zufriedenstellender als viele andere Theorien 
über die Anomalien des Sexualtriebes.'' Für vollkommen hypothetisch erklären 
dagegen R. und H. den Freud sehen Satz, daß die Neurose ein Negativ der 
Perversion ist. Und doch könnten sie von der nächstbesten Hysterica mit 
Globus und Brechneigung, wenn sie sie nur halbwegs analysieren, eines Bes- 



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366 Mitteilungen. 

seren belehrt werden und die Symptome als negative Äußerungen des oral- 
erotischen Partialt riebes erkennen. — Doch handelt es sich liier nicht mehr 
um gegensätzliche Ansichten, sondern um Gegensätze in bezug auf Fakten. 
Solche sind aber nur durch die Erfahrung, nicht aber durch Diskussion zu 
erledigen. 

Eine Kopie der Adler sehen Minderwertigkeitstheorie der Neurosen ist 
die Annahme der Autoren, wonach gewisse Neurotiker die Sexualität nur 
instinktiv in den Vordergrund schieben, um Unzulänglichkeiten anderer Art zu 
motivieren. Alle — anderwärts und oft ausgeführten — Einwendungen gegen die 
Minderwertigkeitstheorie gelten natürlich auch dieser Behauptung gegenüber. 

^11 est imprudent d'admettre au point de vne sociale que nous sommes 
tous des incestueux ou des homosexuels en puissance" — erklären sie weiters 
und sie können es nicht akzeptieren, daß „die Zartfühlenden nur gezähmte 
Grausame, und die Grausamen Zartfühlende ohne Moral seien*. Letzteres hat 
allerdings kein Psychoanalytiker je behauptet ; die Grausamen — iosofeme 
sie es sind — haben ebensowenig mit dem Zartgefühl wie mit der Moral 
etwas zu tun. — In diesem Satze scheint eben der Drang nach wirkungs- 
voll aphoristischer Stilisierung den Sieg über die Objektivität davongetragen 
zu haben. 

Mischfälle eignen sich bekanntlich zur Diskussion nicht, sie kommen 
aber jemandem, der streiten will, sehr gelegen ; Fälle z. B., in denen Neurose 
und Perversion nebeneinander vorkommen, seien Argumente gegen die Gegen- 
sätzlichkeit beider Zustände. Tatsächlich ist aber die Einheitlichkeit der 
psychischen Entwicklung keine so totale, daß in einem und demselben Indi- 
viduum eine Perversion sich nicht positiv erhalten — eine andere sich nicht 
zu neurotischer Negativität entwickeln könnte. 

Aus der Schlußbemerkung dieses Kapitels erhellt übrigens, daß den 
Autoren besonders die Terminologie der Psychoanalyse mißfällt. Die Termini 
„Libido", „Sexualität" usw. in ihrer jetzigen Verwendung müßten überall 
durch das Wort „Affekt" ersetzt werden. Eine solche, der Psychoanalyse 
entlehnte, aber weiter gefaßte affektive Psychogenie der Psychoneurosen er- 
scheint sogar den Autoren möglich. — Für die Psychoanalyse wäre es aber ein 
Sacrificium intellectus, auf diese Verallgemeinerung einzugehen, solange sie 
nicht durch die Tatsachen gezwungen ist, ihre Erfahrung von der ursprüng- 
lich immer sexuellen Grundlage der Psychoneurosen zu korrigieren. 

Nochmals kommen dann die Autoren — diesmal ausführlicher — darauf 
zurück, die Psychoanalyse als Fortentwicklung der Vor - Freudschen moder- 
nen Psychologie, besonders der französischen, darzustellen. Charcots, Bern- 
heims und Janets Einfluß auf Freud ist von ihm selbst oft und mit 
Nachdruck hervorgehoben worden. Bergsons Spekulationen aber, die die 
Verfasser gleichfalls zum Vergleich heranziehen, haben nur stellenweise und 
in einzelnen psychologischen Details eine Ähnlichkeit mit der Psychoanalyse. 
Im Prinzip ist eher eine Gegensätzlichkeit zwischen beiden zu statuieren, als 
die von den Kritikern hervorgehobene Analogie. „Es wäre interessant für 
uns und schmeichelhaft für den Begründer der Psychoanalyse, aus all dem 
zu folgern, daß sein Werk ein mehr minder unbewußter Versuch ist, die 
Resultate der französischen psychologischen Analyse zu systemisieren. ' 
Es ist fraglich, ob diese Klassifizierung der Psychoanalyse — nach dem vielen 
Tadel und kargen Lob, mit dem sie die Autoren bedenken — geeignet ist, auch 
jene französischen Gelehrten schmeichelhaft zu berühren. Die Psychoanalyse 
kann diese Klassifizierung keinesfalls als richtig anerkennen. Sie macht darauf 



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Dr. S. Ferenczi: Die psychiatrische Schule von Bordeaux etc. 367 

Anspruch, dem Werke der französischeu Gelehrten neue Tatsachen heige- 
fligt und erst aus diesen den von ihr vertretenen neuenGedankeninhalt 
entwickelt zu haben. Der Kern, aus dem sich die Psychoanalyse entwickelte, ist 
ganz unabhängig von der französischen Literatur. Nicht Charcot, noch we- 
niger Jan et, sondern J. Breuer hat den Anstoß zur Bildung der neuen 
Lehre gegeben, für die sich tibrigens Charcot gar nicht interessierte und 
die Jan et gar nicht recht verstanden hat. 

Die medizinische Kritik der Psychoanalyse beginnt mit dem Vorwurf, 
die Psychoanalyse wolle sich in ihrem unbezähmbaren Eroberungsdrange die 
ganze Neuropsychiatrie unterwerfen. Gestern beschäftigte sie sich nur mit den 
Psychoneuroseu, heute betrachtet sie auch schon psychiatrische Krankheits- 
bilder, wie die Dementia praecox, als zu ihrer Domäne gehörig, morgen wird 
sie sich vielleicht auch die progressive Paralyse aneignen. — Die Tatsache dieses 
ungeheuren Anwachsens des medizinischen Gebietes, auf dem psychoanalytisch 
etwas zu holen ist, ist unbestreitbar. Aber die Autoren geben ja selbst zu, 
daß es Freud z. B. gelungen ist, die Verdrängung als ein großes Gesetz der 
Psychopathologie darzustellen. Unserer Ansicht nach hat die Psychoanalyse 
auch vieles andere >>'eue zur Psychologie und Pathologie beigetragen. Im I3e- 
sitze dieser Entdeckungen war es aber förmlich die Pflicht der Psychoana- 
lytiker, das ganze Gebiet der Psychosen und Psychoneuroseu zu revidieren. Und 
wenn es ihnen dann tatsächlich vielfach gelang, zum medizinischen Verständnis 
— leider nicht tiberall auch zur Heilbarkeit — von psychischen Krankheits- 
bildern beizutragen, dafür verdienen sie doch sicherlich nicht den in der 
Wissenschaft deplacierten Vorwurf der Ungenügsamkeit. Denn „genügsam'* 
sein in der Erforschung der Wahrheit ist in der Wissenschaft sicherlich keine 
Tugend. — Daß auch die Psychoanalyse organischer Psychosen wertvolle und 
neue Aufklärungen bringen kann, ist selbstverständlich ; diese Arbeit wird 
früher oder später geleistet werden müssen. Daraus folgt noch lange nicht, 
daß man diese Zustände schließlich auch für psychogene oder psychotherapeu- 
tisch zu behandelnde Krankheiten erklären müsse. Auch diese voreilige 
Schlußfolgerung widerspricht einigermaßen jener „Impartialität", deren sich 
die Autoren rühmen und die sich in mehreren anderen Teilen ihres Buches 
tatsächlich bewährt hat. 

Die Verfasser äußern dann — in der Kritik der psychoanalytischen 
Nosologie — ihren Zweifel über den von Freud behaupteten Zusammen- 
hang der Aktualneurosen mit Störungen der körperlichen Sexualhygiene, sie 
finden weiters, daß der Grundsatz der psychoanalytischen Rekonstruktion der 
Psychogenese krankhafter Seelenzustände zwar richtig ist, aber eine allzu 
subjektive Methode sei ; daß es eine Übertreibung ist, hinter absurden psycho- 
tischen Seeleninhalten einen versteckten Sinn zu suchen usw. — Man müßte 
ein neues Buch schreiben, zumindest den schon zu weiten Rahmen dieser Be- 
sprechung über Gebühr erweitern, wollte man auf alle Behauptungen repli- 
zieren. Übrigens sind alle diese Einwendungen schon oft vorgebracht und 
an ihrer Stelle entkräftet worden. Hier nur das eine : wenn die Verfasser 
es für denkbar annehmen, daß die Analyse wenigstens dem versteckten In- 
halte eines psychoneurotischen Symptoms psychogenetisch beikommen, also 
einen anscheinenden „Unsinn" als etwas Sinnvolles, Deutbares erkennen kann: 
warum vor dem „Wortsalat** des Psychotikers, d. h. einer anderen Art Unsinn 
Halt zu machen? Es scheint, daß die Verfasser den Unterschied zwischen 
Psychoneuroseu und funktionalen Psychosen für grundsätzlich ansehen, wo 
doch zwischen ihnen nur Unterschiede des Mechanismus und — allerdings — 



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368 Mitteilangen. 

auch der therapeutischen Boeinflußbarkeit bestehen. In Wirklichkeit sind die 
Psych oneurosen ein gleichberechtigtes Kapitel der Psychiatrie, sie wollen von 
denselben Gesichtspunkten beurteilt werden wie die übrigen Psychosen. Es 
liegt gar kein Grund vor, eine psychologische Untersuchungsmethode, die sich 
in der „Neuropsychose* bewährt, nicht auch bei anderen Psychosen anzu- 
wenden. 

Folgender Gedankengang leitet die Kritik der psychoanalytischen Therapie 
ein: . Angenommen, daß ein Individuum infolge eines verdrängten Komplexes 
leidet . . ., wäre es wohl nicht zweckmäßiger, ihn durch noch tiefere Ver- 
drängung verstummen zu machen, als ihn ans Tageslicht zu ziehen? • . . . 
Freudisch gesprochen, ist der Zustand der sexuellen Komplexe dann nor- 
mal, wenn sie durch moralische Kräfte im Unbewußten gehalten, nicht aber, 
wenn sie bewußt werden." 

Die Verfasser dürften es von einem Schüler Bernheims nicht voraus- 
setzen, daß ihm die Wirksamkeit der Methoden, die mit der Verstärkung der 
Verdrängung arbeiten (Hypnose, Suggostion), unbekannt ist. Freud hat auch 
nichts gegen die gelegentliche therapeutische Verwendung dieser Behandlungs- 
methoden einzuwenden. Er behauptet nur, daß 1. diese Methoden keine 
radikalen sind, da sie den Krankheitsherd nur zudecken, 2. daß sie bei sehr 
vielen — ja den meisten — Patienten überhaupt versagen. Die Unzufrieden- 
heit mit ihren Erfolgen, gab ja Breuer und Freud den Anstoß zur Schaf- 
fung der Psychoanalyse. Auch ist es durchaus nicht „Freudisch gesprochen'', 
wenn man sagt, daß die sexuellen Komplexe normalerweise verdrängt sein 
müssen. Ihre bewußte Kenntnis verträgt sich sehr wohl mit der Geistes- 
gesundheit, „Verdrängung", ist durchaus nicht das einzige und nicht immer 
das billigste Mittel, sie zu beherrschen. 

Die — zuzugebende — Schwierigkeit der psychoanalytischen Technik 
ist kein ernst zu nehmendes Argument gegen ihre Anwendung. Unter diesen 
Schwierigkeiten spielt die Subjektivität des Arztes eine große, aber bei 
weitem keine so überwältigende Rolle, wie es die Verfasser dieses Buches an- 
nehmen. Falsche Deutungen und falsch angewendete Techniken rächen sich 
ja von selbst durch Störung — oder vollkommene Stockung das Fortganges 
der Analyse. Die „Dozilität" der Patienten ist nämlich bei weitem nicht so 
groß, wie es die Verfasser sich denken. Der Vorschlag der Autoren aber, 
man lasse versuchweise dieselben Kranken durch mehrere Analytiker untersuchen, 
damit man ihre Resultate vergleichen kann, zeigt, daß sie nicht einmal ahnen, 
wie eine Psychoanalyse vor sich geht. Sonst müßten sie ja wissen, daß dieser 
Vorschlag undurchführbar ist, weil doch die Patienten wirklich alles, was 
ihnen einfällt — also auch alle Deutungen ihrer ersten Analyse — bei der zwei- 
ten erzählen müßten; tun sie das aber nicht und unterdrücken sie auch nur 
das Geringste, so sündigen sie gegen die psychoanalytische Grundregel und 
verfälschen das Resultat, das die Analyse ohne diese Heimlichkeit ge- 
zeitigt hätte. Jedenfalls entkräftet dieser unmögliche Vorschlag die Behaup- 
tung der Verfasser, wonach zum Erlernen der Theorie und Praxis der Psycho- 
analyse eine „verhältnismäßig kurze Zeit" genügt; die Zeit wenigstens, die 
sie zu dieser Arbeit verwendet haben, scheint nicht genügt zu haben. 

Nach dieser Probe zu urteilen, fällt die persönliche Erfahrung der Ver- 
fasser, die bezüglich der kurativen Wirkung der psychoanalytischen Symptom- 
forschung ungünstig lautet, wenig in die Wagschale. Nur auf zwei ihrer 
theoretischen Einwendungen möchten wir hier antworten. Die erste ist die, 
daß bei der Analyse vielleicht gar nicht die Methode, sondern nur die ^ Über- 
tragung" (die liebevolle Behandlung des Patienten) heilt. Daß dies unrichtig 



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Dr. S. Ferenczi: Die psychiatrische Schule von Bordeaux etc. 359 

ist, beweisen a. a. auch die rein passag^ren Erfolge, die man in den Sana- 
torien, wo man sich viel, sehr viel, aber ohne Methode, mit den Kranken 
beschäftigt, erzielt. Diese Erfolge schwinden bald nach der Entfernung aus 
dem „Übertragungsmilieu**. Die richtige Analyse aber (dies vergessen die 
Autoren hervorzuheben) löst die Übertragung allmählich und macht den 
Patienten vom Arzte unabhängig und entläßt ihn im Besitze einer psychischen 
Selbstkontrolle, die ihn auch vor Rezidiven schützt und vor Gefahren recht- 
zeitig warnt. 

Die andere theoretische Einwendung der Verfasser ist die, daß man ja 
Nervenkranke, besonders Zwangsneurotiker, dazu verhalten muß, sich mit ihren 
Krankheitssymptomen nicht zu beschäftigen, sich in sie nicht zu verbohren. 
Es bestehe die Gefahr, daß die Psychoanalyse, anstatt die Obsessionen 
zu heilen, Zwangs- und Wahnideen kultivieren wird. — Was würden die 
Verfasser von jemandem halten, der den Chirurgen den Gebrauch des Messers 
verbieten würde, weil ja das Hantieren mit einem schneidenden Werkzeug 
gefährlich sei. Und doch verlangen sie hier etwas Ähnliches ! Das Messer setzt 
nur Wunden in der Hand des Ungeübten, so auch das Sichselbstquälen eines 
Neurotikers. dem die Hilfe eines Sachkundigen nicht beisteht. Das ,, Hinein- 
bohren" in den Patienten wird aber zum Heilmittel, wenn es, von einer geüb- 
ten Hand geleitet, zum versteckten Herd des Übels hinführt, den die sterile 
Grübelei der Patienten nie gefunden hätte. 



So hätten wir uns auch durch den kritischen Teil des Werkes — wenn 
auch etwas mühsam — durchgearbeitet und können unseren Eindruck davon dahin 
präzisieren, daß die Verfasser vom Allerwesen tlichsten der Psychoanalyse so 
vieles unannehmbar finden, daß dadurch auch die lobende Anerkennung vieler 
Einzelheiten, deren Entdeckung gerade den von den Verfassern abgelehnten 
Gesichtspunkten und Methoden zu verdanken ist, fast jeden Wert verliert. Wir waren 
bestrebt, die beinahe unversöhnlichen Gegensätze zwischen der Auffassung der 
Verfasser und der Psychoanalyse darzustellen, verzichteten aber natürlich auf 
den hoffnungslosen Versuch, diese Gegensätze dialektisch zu beseitigen. Unser 
Augenmerk war auf die Punkte gerichtet, an denen die Gegnerschaft durch 
mißverständliche Auffassung und willkürliche Auslegung der „Freudschen 
Idee" zu stände kam. 

Die Inkonsequenzen, deren sich die Autoren schuldig machen, besonders 
die — von uns hervorgehobenen — Unterschiede zwischen dem darstellenden 
und dem kritischen Teile sind so enorm, daß sie schier unmöglich von einer 
Person herstammen können, so daß wir nicht umbin können, dem Verdachte 
Aasdruck zu verleihen, daß etwa die Kritik R^gis und die Darstellung H^snard 
zum Autor hat, und daß die Vereinheitlichung der Ansichten vielleicht infolge 
der doppelten Autorschaft mißlang. 

Um den unliebsamen Eindruck der Kritik zu mildern, verschafften wir 
uns das Vergnügen, den ersten, größeren und auch besser gelungenen Teil 
des Buches nochmals durchzublättern und konnten uns am feinen Verständ- 
nis, an der didaktischen Meisterschaft und am schönen Stil der Verfasser 
wieder erfreuen.^) 

') Dem Werke ist ein sorgfältiges und reichhaltiges Literatur Verzeichnis ange- 
hängt. Wir machen die Verfasser darauf aufmerksam, daß sie Frank, einen späteren 
Nachfolger Freuds, irrtümlich unter seinen Vorgängern nennen (p. 5). Die mei- 
sten Arbeiten der Referenten werden im Verzeichnis einem H. Feltmann zuge- 
schrieben ; wohl nur ein Druckfehler. 

Zeitaohr. f. ftntl. Fsjchoanalyse. III/6. ^^ 



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Kritiken und Referate. 

J. Kollarits: Zur Psychologie dos Spasses, des Spaßmachers 

und über scherzende Neurastheniker. (Journ. f. Psychol. und 

Neurol. Bd. 21, H. 5/6.) 

Von Freuds Buch, „Über den Witz und seine Beziehung zum Unbe- 
wußten" angeregt, berichtet Verfasser zunächst unter Beispielanführung über 
eigenartige Scherze, in welchen jemand sich selbst in den Mit- 
telpunkt stellt und sich selbst gewissermaßen persifliert. 
Solche Scherze müssen mit Mißtrauen angesehen werden, sie können (müssen 
nicht) Selbstbekenntnisse sein. Z. B.: Ein junger Mann erzählt sein 
verborgenes Liebesleben seinen Freunden im scherzhaften Tone derart, daß 
alle darüber lachen. Jedes Wort ist Wahrheit, aber die Geschehnisse wirken 
komisch, weil sie niemand für wahr hält und weil der Erzähler als Prahlhans 
erscheint. Die Hauptursache — neben Prahlsucht oder unentschiedenes 
Wünschen mit Sichselbstanimieren zur Tat — sei das Abschütteln der 
Unlustgefühle des ünterdrückens* und die Lust, einmal ohne 
Zwang seine Gefühle ausdrücken zu dürfen. Diese Witzbolde sind 
— wie gleichfalls Freud bereits angegeben — meist zwiespältige und 
zu nervösen Erkrankungen disponierte Persönlichkeiten: 
auch Depressive, Hypomanische findet Kollarits darunter, letztere oft 
begabt, immer euphorisch, manchmal genial. Im Gegensatz zu diesen durch 
die Witze mit ihrer Begabung glänzen Wollenden, finden sich Imbezille, die 
nur Lachen hören wollen, auch auf ihre eigenen Kosten. Zum Schlüsse findet 
sich noch eine Bemerkung darüber, warum man lacht, wenn jemand sich 
ungeschickt benimmt, z. B. fällt, geschlagen wird. Freuds Ansicht, es handle 
sich beim Erwachsenen um das „komische Gefühl" als Ersatz für Verlorenes, 
nämlich das infantile Überlegenheitsgefühl und die Schadenfreude, wird nicht 
für alle Fälle von K. akzeptiert; es gebe auch eine Schadenfreude des er- 
wachsenen Alters. Außerdem bringt K. eine lahme Erklärung: ein s. Z. 
aus Schadenfreude entstandenes Lachen könne sich ^später auch ohne 
Freude als Stereotypie oder später reflektorisch wiederholen, so wie eine 
wegen drückenden Kragens vollzogene Bewegung des Nackens mit der Zeit 
zur Tortikollis werden könne." Ein ganz unpsychologischer, banaler Irrtum I 
Denn hinter diesen Wiederholungen steckt gerade der unbewußte Affekt. 

Kollarits' Interesse scheint groß genug, um ihn bei der Psychoanalyse 
landen zu lassen, wenn er nicht das Fahrwasser dort benutzte, wo es am 
seichtesten ist. Dr. E. Hitschmann. 

J. Kollarits: Über positiven Schmerz und negative Lust bei 
Neurasthenie und bei Schopenhauer. (Zeitschr. f. d. ges. 
Neurol. u. Psych., 29. Bd., 3.-4. Heft.) 
Viele Neurastheniker klagen, „das Leben habe keinen Zweck", „das 

Essen, die Defäkation mache ihnen kein Vergnügen", „sie hätten kein po- 



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Kritiken nnd Referate. 371 

sitives Vergnügen", „die Ejakulation sei ihnen nur etwas Negatives, wie 
jeder Genuß" und ähnliches: was etwa heißen solle, daß der Schmerz sehr 
peinlich sei, der Genuß aber wenig Freude mache. Schopenhauers 
Philosophie behauptet Analoges und der Autor sieht die gemeinsame, un- 
bewußte Ursache dieser Anschauungen in Depression ; Schopenhauer 
habe also aus dem Brunnen der Neurasthenie geschöpft. Charakter und 
Nervositätsart bestimmen sogar die abstrakten, wissenschaftlichen und speziell 
die philosophischen Gedanken des Gelehrten. „Viele Neurastheniker verfallen 
auf solche Grübeleien, die, reichlicher ausgestattet und vollkommen 
ausgearbeitet, einen Grundboden für höchste Philosophie abgeben können. 
Nicht-Neurastheniker grübeln selten über solche Fragen ..." „Es gibt also 
einen Unterschied zwischen philosophischer Wahrheit und wissenschaftlicher 
Wahrheit." Referent weist auf seine Psychoanalyse Schopenhauers 
(Imago, 1913) hin, eine Arbeit, die sich gründlicher bemüht, die Subjekti\1tät 
und Psychogenese von Schopenhauers Pessimismus, Willenslehre, Ethik 
und Metaphysik zu erweisen und den Trieb zur Philosophie überhaupt abzu- 
leiten. Sie begnügt sich nicht mit dem Begriff „neurasthenische Depression", 
sondern sucht auch diese Depression noch zu deuten. 

Dr. E. Hitschmann. 

Erwin Pulay : Zur Pathologie der multiplen Sklerose. (Deutsche 
Zeitschr. f. Nervenh., 54. Bd.) 

Der Verfasser konnte bei multipler Sklerose und in quantitativ weitaus 
geringerem Maße bei Hysterie eine Verschiebung der sogenannten 
sekundären Geschlechtscharaktere beobachten : Es finden sich 
aulfallend häufig sekundäre Geschlechtscharaktere des anderen Geschlechts. 
So bei Männern : besonders spärlicher Bartwuchs, geringe Behaarung der 
Axilla und der Brust, Unbehaartsein von Brust, Armen und Beinen, feminines 
Abschneiden der Genitalbehaarung, schmale Schulter und breites Becken, 
graziler Knochenbau, weiche, zarte Haut. Bei Frauen fanden sich hingegen : 
männlich gezeichnete Gesichtszüge, kräftig entwickelte Nase, derbes Kinn, 
Hervortreten der Jochbogen und Supraorbital -Pro tuberanzen, breite Schultern, 
enges Becken, derbe, behaarte Haut, Schnurrbart, mas^kuline Genitalbehaarung 
bis zum Nabel, Menstruationsstörungen, mindere Mamma-, stärkere Clitoris- 
Entwicklung. Es ergab sich also eine Verschiebung des Geschlechtlichen, ins 
3 Zwischenreich" gehörig, übrigens unter Betonung der linken Körperhälfte 
(Fließ). Dr. E. Hitschmann. 

E. Sokolowski: Die Willenstätigkeit bei Hysterischen und 
die funktionellen Phänomene. (Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. 
Psychiatr., 29. Bd., 3.-4. Heft.) 

Im Anschluß an eine Anzahl von kurzen Krankengeschichten Hysterischer, 
die so lange Krankheitssymptome aufwiesen, bis sie operiert waren, ohne daß 
Nierensteine oder Ai)pendizitis da waren; oder sich selbst verwundeten; oder 
Kotbrechen wie Selbstmord „veranstalteten"; oder eines Tages an Beinen und 
Armen Ankylosen aufwiesen — bemüht sich der Autor um eine „neue" 
Theorie und Definition der Hysterie; die lächerliche Maus, die geboren wird, 
lautet: „Hysterie ist Wille zum Kranksein". Damit glaubt er. Neues gesagt 
zu haben! Von einer Scheidung von Bewußtem und Unbewußtem findet sich 
keine Silbe, was nicht wundernehmen kann, da sich die Arbeit auf Adlers 
„nervösen Charakter" stützt, und überhaupt dort aufhört, wo die Probleme 
anfangen. Dr. E. Hitschmann. 

24* 



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372 Kritiken und Referate. 

E. Wegener: Zur Differentialdiagnose zwischen Paranoia nnd 
Dementia paranoides anf Grund des Abderhaldenschen 
Dialysierverfahrens. (Ferraentforschung, I. Jahrg , Nr. 3.) 
Die klinische Scheidung von Paranoia simplex chronica oder hallud- 
natoria chronica einerseits, und Dementia paranoides (zur Gruppe der De- 
mentia praecox gehörig) anderseits, wird an der Klinik Binswanger in Jena, 
aus der die Arbeit stammt, festgehalten. Erstere Krankheit führt nie zu 
wesentlichen Intelligenzdefekten, letztere — häufiger bei jüngeren Individuen, 
die Wahnbildungen inkohärent, sehr reichlich und unsinnig katatonische 
Symptome — führt nach mehr oder minder kürzerer Zeit zur Verblödung. 
Die Differentialdiagnose ist wegen fließender Übergänge oft nicht leicht und 
muß dann der weitere Verlauf der Krankheit abgewartet werden. Die Blut- 
serumuntersuchung nach Abderhalden nun zeigte bei der Dementia-paranoides- 
Gruppe den Abbautypus der Dementia praecox (Schizophrenie), d. h. es wird 
stets Geschlechtsdrüse und Gehirn oder Schilddrüse und Gehirn abgebaut 
Das Blutserum der Paranoia chronica zeigte diesen Abbautypus nicht. Die 
Hoffnung ist also berechtigt, daß durch die Blutuntersuchung frühzeitiger und 
mit größerer Sicherheit zu einer diagnostischen Scheidung der beiden Krank- 
heitsformen zu gelangen sein wird. Dr. E. Hitschmann. 

Dr. theol. G. J. Heering: Om de menschelijke ziel (De psychanalyse 
en het geestesleven). (Onze Eeuw, Januar und Februar 1915.) 
Dem belangreichen Artikel des offenbar tiefreligiösen Autors gebührte 
eigentlich eine ausführliche Widerlegung, welche jedoch in dieser Zeitschrift 
nicht am Platze wäre (und welcher leider die Redaktion von Onze Eeuw, 
wenn auch aus guten Gründen, keinen Platz einräumt). Da es also unmöglich 
ist, in Einzelheiten nachzuweisen, wie einerseits der Autor der Psychoanal}-se 
Anforderungen stellt, welche zu erfüllen sie gar nicht die Absicht hat, ander- 
seits ihr Ansprüche zuschreibt, welche sie nicht erhebt, wie er in vielen Hin- 
sichten über die analytische Theorie und Praxis nicht genügend orientiert ist, 
usw., sei nur erwähnt, daß er sich auf den Standpunkt stellt, daß, „wer die 
Äußerungen der Religion verstehen möchte, mindestens religiös sein sollte', 
(wobei nicht angegeben ist, was mit Religion, religiös usw. gemeint ist). Man 
bekommt den Eindruck, daß Verfasser etwas, die (seine) Religiosität sagen wir, 
zu schützen versucht und sie gegen Anfälle zu verteidigen sich bemüht, welche 
die Psychoanalyse gewiß nicht gegen sie richtet. Und es darf keinen wundem, 
wenn er zum Endergebnis kommt, daß die Psychoanalyse — trotz ihrer 
großen Bedeutung auf ihrem eigenen Gebiete — für die Erklärung und die 
richtige Einschätzung des (holl.: geestesleven = geistlichen Lebens) religiösen 
Lebens, wenig getan habe und wenig von ihr zu erwarten sei. Verfasser geht 
bei seinen Betrachtungen hauptsächlich aus von Pf isters: „Die psychana- 
lytische Methode", welchem Buche er neben vielen Einwänden eine ganze 
Reihe von höchst anerkennenden Bemerkungen widmet, van Ophuijsen. 

K. Meyer: Over droomen. (De Ploeg, Dezember 1914.) 

In dem sehr oberflächlich gehaltenen Artikel unterscheidet Verfasser 
drei Arten von Träumen : den verwirrten Traum, den vernünftigen Traum und 
den Glückstraum. Der verwirrte Traum ist die gewöhnliche Form; der Über 
gang zum zweiten Typus, welcher hauptsächlich die sog. prophetischen Träume 
umfaßt, wird vom Angsttraum gebildet, die dritte Kategorie ist gekennzeichnet 
durch die intensiven Lustgefühle, welche den Traum begleiten. Nur in Zu- 
sammenhang mit dem verwirrten Traum erwähnt Verfasser die Freudsche 



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Kritiken und Referate. 373 

Theorie, und zwar mit der BegründuDg, daß sie ausschließlich für diese Traum- 
form gelte und „nur zur Vorhalle des Palastes der TrHume Eintritt verleihe". 
Jeder, der die Freudsche Traumtheorie kennt, ersieht aus dem oben ange- 
gebenen Einteilungsversuch sofort, daß Verfasser sich nur mit dem manifesten 
Trauminhalt beschäftigt hat. Tatsächlich wird in seinem Artikel das Unbe- 
wußte bloß genannt ohne in bezug auf Inhalt und Wirksamkeit einer näheren 
Besprechung unterzogen zu werden. Von den beiden anderen Traumkategorien 
gibt Verfasser außerdem Beispiele, welche ihm jeder der Traumanalyse Kun- 
dige zu seiner vollen Befriedigung aufklären könnte, weil darauf die Fr eu d sehe 
Theorie erst recht anwendbar wäre. Wenn wir uns also mit seinen Ansichten 
nicht einverstanden erklären können, so dürfen wir ihm doch dankbar sein, 
daß er das interessante Traumproblem dem Laienpublikum vorgeführt hat, 
ohne den Namen F r e u ds zu vergessen. van Ophuijsen. 

Dr. med. D. Schermers: Het Droomleven van den Mensch. (Aus 
dem Organ der Christlichen Vereinigung niederländischer Physiker und 
Ärzte.) 

In den Vordergrund stellt Verfasser die Tatsache, daß während des 
Schlafes die Sinnesorgane nicht ganz zu funktionieren aufgehört haben und 
somit äußere Beize einen großen Teil des Materiales liefern, aus dem die 
Träume aufgebaut sind. Daneben spielen Reize aus dem Körperinnem eine 
große Rolle, während auch der Erinnerungsschatz wichtige Beiträge liefert zum 
Trauminhalt. Die Entstellung, welche alle diese Elemente im Traume erfahren, 
sowohl wie die bekannte Tatsache, daß man Träume meistens schnell vergißt, 
wenn man sie nicht sofort nach dem Erwachen fixiert, erklärt Verfasser aus 
der Änderung des Bewußtseins, welche im Schlaf besteht, welche er jedoch 
nicht genauer bespricht. Die Arbeit der Phantasie beim Reproduzieren der 
Träume wird erwähnt und es wird darauf hingewiesen, daß manchmal — be- 
sonders von Kindern xmd Wilden — der Trauminhalt für Wirklichkeit ge- 
halten und so zum Motiv für Handlungen — hie und da sogar verbrecherischen 
Charakters — wird. Verfasser wirft dann die Frage auf, ob man für den In- 
halt seiner Träume verantwortlich sei, welche er verneinend beantwortet, ob- 
wohl er annimmt, daß man bei genauer Überwachung seiner Gedanken am 
Tage und sofortiger Unterdrückung jeder sündhaften Neigung auch die sünd- 
haften Träume mehr oder weniger ausschalten könne. Nachdem die prophetischen 
Träume einer kurzen Besprechung unterzogen worden sind, geht Verfasser 
über zum Problem der Bedeutung des Träumens und der Träume. Zuerst be- 
schäftigt er sich mit den Träumen, welche in der Heiligen Schrift erwähnt 
werden, und mit dem, was dort über Träume gesagt wird. „Wenn wir also 
alles zusammenfassen," heißt es, ,,so haben wir gesehen, daß zwar in der 
Bibel auf das Eitle (?) des Traumes hingewiesen wird und auch vor dem 
Traum gewarnt, aber daß doch der Herr mehreremal sich des Traumes be- 
dient hat, um zu offenbaren, was für eine bestimmte Person oder ein ganzes 
Volk von Wichtigkeit war." Die Traumdeutung der Wilden und ihre Traum- 
theorie finden eine kurze Besprechung und auch auf die Bedeutung der 
Träume dieser Wilden für die Mission resp. für ihre Bekehrung wird hin- 
gewiesen. 

Unter den wissenschaftlichen Traumtheorien wird die F r e u d sehe Theorie 
ausführlich dargestellt. Leider hat Verfasser sich hiebei einige grobe Fehler 
und manche Undeutlich keit zu Schulden kommen lassen — es kommt Referent 
jedoch vor, daß hier nicht so sehr mangelndes Verständnis, wie Ungeschick- 
lichkeit im Darstellen der befremdenden Ansichten F r e u d s, im Spiele gewesen 



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374 Kritiken und Referate. 

sind. Der Unterschied zwischen manifestem und latentem Trauminhalt, der 
Wunscherfüllungscharakter des Traumes, die Zensur und die Traumarbeit : 
Verdichtung, Verschiebung usw., einige typische Träume, die Traumanalyse : 
die Hauptsachen der Trauratheorie findet man im Artikel zusammenhängend 
dargestellt. Gerne hätte man mehr über den Freud sehen Begriff des Unbe- 
wußten und der Sexualität erfahren. Die Einwände des Verfassers richten sich 
hauptsächlich gegen die Technik der Traumdeutung. Man darf nur wünschen, 
daß Verfasser sich dazu entschließen könnte, diese Technik während längerer 
Zeit anzuwenden — es will Referent scheinen, daß er sich dann bald weniger 
ablehnend gegen die Freud sehe Traum- (und Nearosen-)Lehre verhalten 
würde. van Ophuijsen. 

Max Scheler : Über Ressentiment und moralisches Werturteil. 
Ein Beitrag zur Pathopsychologie d. Kultur. (W. Engelmann, Leipzig 1913.) 
Der von Nietzsche geprägte Ausdruck Ressentiment bezeichnet einen 
dauernden psychischen Zustand, „der durch systematisch geübte Zurtickdrän- 
gung von Entladungen gewisser Affekte, die an sich normal sind und zum 
Grundbestande der menschlichen Natur gehören, entsteht und gewisse dauernde 
Einstellungen auf Arten des Welturteils zur Folge hat". Schon der Ausdruck 
weist darauf hin, daß es sich dabei um eine Antwortreaktion handelt, der 
wichtigste Ausgangspunkt der Ressentimentbildung ist der Racheimpuls. Bei 
Rache und Neid sind nach Scheler noch bestimmte Affektobjekte vor- 
handen, sie bedürfen bestimmter Anlässe, um zu erscheinen, und mit Aufhe- 
bung dieser Anlässe verschwinden sie. So z. B. hebe die gelungene Rache 
das Rachegefahl auf. Dies scheint nur so lange richtig, als man bei den 
bewußten seelischen Vorgängen verbleibt. Der unbewußte Racheimpuls ist in 
Wahrheit unzerstörbar. (Es ist hier überhaupt zu bemerken, daß Scheler 
in seinen wertvollen psychologischen Arbeiten das Unbewußte und seine Wir- 
kungen viel zu wenig würdigt.) Bei Nichtentladung der Affekte finde jener 
Vorgang statt, den Freud „Verdrängung" genannt hat. Es entstehe jene 
tiefe Gehemmtheit des Lebensgefühles, die wir Angst nennen. Scheler 
unterscheidet mit Recht die Verdrängung der Gegenstandsvorstellung, der der 
ursprüngliche un verdrängte Affekt zugehörte, und die Verschiebung der ver- 
drängten Affekte. Die Richtungsänderung affektiver Impulse wie im Selbsthaß 
und in der Selbstpeinigung läßt sich unseres Erachtens ohne die von der 
Psychoanalyse gegebenen Mechanismen sadistischer und masochistischer Trieb- 
komponenten nicht ausreichend erklären. Nur die analytische Erforschung 
des neurotischen und primitiven Seelenlebens kann uns die psychologische 
Erklärung der Affektumkehrung im Seelenleben der Wilden liefern. (Vgl. 
Freud, Totem und Tabu.) 

Seiner psychologischen Theorie des Ressentiment läßt Scheler eine — 
ungleich schwächere — Werttheorie folgen. Es ist ihm dabei selbstverständ- 
lich, daß das Ressentiment mit der Entwicklung echter Sittlichkeit nichts zu 
tun habe. „Diese beruht auf einer ewigen Rangordnung der Werte und dieser 
entsprechenden evidenten Vorzugsgesetzen, die so objektiv und so streng »ein- 
sichtig« ist wie die Wahrheiten der Mathematik," Hier spricht nicht mehr 
der Wissenschafter, sondern der normative Ethiker. Evidente Vorzugsgesetze 
der Sittlichkeit? Wem evident und wieso evident? Die Völkerkunde lehrt 
ebenso wie die Geschichte, daß es keine objektive, einzige Sittlichkeit gibt, 
sondern nur Sittlichkeiten. Die phänomenologische Ethik in der dogmatischen 
Art Schelers führt sich selbst ad absurdum. 



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Kritiken und Referate. 375 

Die weiteren Ausführungen Schelers über die Entstehung gewisser 
Werturteile aus Hessentimentgefühlen sind indessen bedeutsam und bilden 
einen schönen Beitrag zur Psychologie individueller Wertentstehung. Ihre 
Tiefe wird nur dadurch beeinträchtigt, daß überall nur die Ichtriobe berück- 
sichtigt sind, während die wichtige Rolle sexueller Komponenten (Narzißmus, 
sadistische Regungen, reale Versagung im Liebesleben usw.) nirgends erfaßt 
wird. Die von der Analyse aufgefundenen Triebgegensatzpaare haben sicher- 
lich ein Recht, zur Erklärung der Ressentimenturteile herangezogen zu werden. 
In dem von Sehe 1er berichteten Falle von Psychoanalyse handelt es sich 
nicht um ein aus dem Ressentiment geborenes Werturteil, sondern um die 
reaktive Verstärkung bewußter Liebesgefühle, um den unbewußt wirken- 
den, intensiven Haßimpulsen das Gleichgewicht zu halten. (Nebenbei bemerkt: 
die Psychoanalyse kennt kein „Ober- und Unterbewußtsein".) 

Immer stört es bei den Schelerschen Daduktionen, daß er sich auf 
eine angeblich existierende „ewiggültige Ethik" beruft; statt auf dem festen 
Boden psychologischer Forschung zu bleiben, unternimmt er Ikarusflüge ins 
Metaphysische. Wenn Scheler nun darüber nachdenkt; ob und inwieferne 
das Ressentiment an der Entstehung der christlichen Liebe beteiligt ist, so 
kann er zu schönen und philosophisch folgerichtigen Ergebnissen kommen, die 
nichtsdestoweniger falsch sind, weil sie sich nicht auf historische und psycho- 
genetische Arbeit stützen können. Dieser grundlegende Fehler wird besonders 
in seinen Ausführungen über das Opfer klar. Wieviel tiefere Aufklärungen 
hätte er gefunden, wenn er die psychoanalytische Methode angewendet hätte. 
Es kann hier nicht der Platz sein, auf Schelers Behandlung der christlichen 
Religion einzugehen, zumal er darin mehr theologische und moralische als 
psychologische Gesichtspunkte gelten läßt. Welche Früchte aber eine solche 
Vermengung transzendenter nnd psychologischer Betrachtung trägt, läßt sich 
in einer Erklärung erkennen: oft überkommt die „edelsten Naturen" in Gesell- 
schaft der „Guten" ein stürmisches Verlangen, zu den Sündern zu gehen. 
Psychisch soll dies nach Schelers Auffassung nicht etwa die Versuchung 
durch die mit der Sünde verbundenen Annehmlichkeiten, sondern Liebe und 
tiefes Solidaritätsgefühl mit dem Ganzen der Menschheit sein. Dieses aber 
„läßt es uns in den Augenblicken schrecklich und furchtbar erscheinen, daß wir 
so einsam mit diesen »Guten« gut sein sollen — und dies löst etwas aus wie 
Ekel an den Guten und einen inneren Ruf: weg von ihnen!" Bleibt. man 
selbst auf dem Boden einer solchen vereinfachenden und theologisierenden 
Psychologie, so darf man füglich fragen, woher denn ein Ekel an den „Guten" 
bei so großer Liebe und so tiefem Solidaritätsgefühl zum Ganzen der 
Menschheit kommen mag. Die Sc hei ersehe Argumentation erinnert lebhaft 
an jene ironische Lobpreisung Anatole Frances : das Gesetz in einer majestä- 
tischen Gleichheit verbietet es ebenso den Reichen wie den Armen Brot zu 
stehlen und unter Brücken zu nächtigen. Der Autor kommt zu einer Wert- 
unterscheidung zwischen solchen Kulturinstitutionen, die sich aus Ressenti- 
mentgefühlen entwickelt haben, und anderen, reineren, edleren, die sich auf 
sittlicher Grundlage aufbauen. Wir erkennen seinen hohen sittlichen Stand- 
punkt an, bleiben aber dabei, daß die wichtigsten, ja die edelsten Kultur- 
produkte, wenn nicht aus Ressentimentgefühlen, so doch aus der Besiegimg, 
Verdrängung und Sublimierung sogenannter „böser" Regungen und sexueller 
Komponenten hervorgegangen wird. Dr. Theodor Reik. 



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Korrespondenzblatt 

der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 

Ortsgruppe Wien. 

Das Vereinsjahr wurde am 13. Oktober mit einer Generalversammlung 
eröffnet, in welcher der bisherige Ausschuß wiedergewählt und verschiedene 
Mitteilungen sowie Personalberichte erstattet wurden. 

IL Sitzung am 3. November 1915 : Dr. Ed. Hitschmann „Über Gottfried 
Keller** (erscheint in „Imago"). 

III. Sitzung am 17. November : Fortsetzung. 

IV. Sitzung am I.Dezember: Dr. Hanns Sachs „ Über Schillers Jungfrau 
von Orleans". 

V. Sitzung am 15. Dezember: Kasuistische Mitteilungen und Referate. 

Eingetreten: Dr. Michael Kaplan, Wien, XIII. Vincenz Heßg. 29; 
Dr. H. Nunberg, Wien, k. u. k. Kriegsspital Nr. 1. 

Am 16. Oktober eröffnete Prof. Freud an der Universität einen 
Elementarkurs über Psychoanalyse. 



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Inhalt des VI. Heftes. 

Salto 

Originalarbeiten. 

\1, Prof. Sigm. Freud: Mitteilang eines der pqychoRnalytisohen Theorie 

widersprechenden Falles von Paranoia 321 

n. Dr. Theodor Reik: Über Vaterschaft und Narzifimas ....... 330 

in. Dr. S. Ferenczi: Ober vermeintliche Fehlhandlungen 338 

Mitteilungen. 

L Hans Blüher: Ein Beitrag zur Ps^rcbopathologie des Alltagslebens . 343 

2. Dr. M. Eitingon: Ein Fall von Verlesen 349 

3. Dr. S. Spielrein: Ein unbewußter Richterspruch ... . . ... . . 350 

4v Dr. Oskar Pfister: Die Dehistorisierung in der Psychoanalyse . . . 350 
5. Dr. S. Ferenczi: Die psychiatrische Schule von Bordeaux aber die 

Psychoanalyse 362 

]B[ritiken und Referate. 

J. Kollarits: Zur Psychologie des Spasses, des Spafimachers und über 
scherzende Neurastheniker (Dr. E, Hitsohn^ann) . . . ... . . ... 370 

J. Kollarits: Über positiven Schmerz und negative Lust bei Neurasthenie 
und bei Schopenhauer (Dr. E. HitSchmann) ............ 370 

Erwin Pulay: Zur Pathologie der multiplön Sklerose (Dr. E. Hitsohmann) 371 
E. Sokolowski: Die Willenst&tigkeit bei Hysterischen und die funktio- 
nellen Phänomene (Dr. E. Hitschmann) . ... , . . . . . . . . ^ 371 

E. Wegener: Zur Differentialdiagnose zwischen Paranoia und Dementia 
paranoides auf Grand des Äbderhaldenschen Dialysierverfiihrens (Dr. E. 

Hitschmann) .372 

Dr. J.Heering: Om de menscheHjke ziel (van Ophuijsen) 372 

K. Meyer: Over droomen (van Ophuijsen) . 372 

Dr. D. Schermers: Het Droomleven van den Mensch (van Ophuijsen) . 373 
M. S h e 1 e r : Ober Ressentiment und moralisches Werturteil (Dr. Th. Reik) 374 
£orrespondenzblatt der l^nternationalen Psychoanalytischen 

Vereinigung ; . 376 



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Vjuu^iv JNIVERSITYOF MICHIGAN 



Hugo Heller & Co. Verlag / Leipzig und Wien I 

Itnago 

Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften 

Herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. Freud 
Redigiert von Dr. Otto Rank u. Dr. Hanns Sachs 

«Image« erscheint sechsmAl jährlich im Gesaintumfang von 24—30 Bogen und kmn 
für M. 15.— =^ K 18.— pro Jahr durch jede Buchhandlung sowie direkt vom Verlag abonniert 
werden. Einzelne Hefte werden nicht abgegeben. 

Internationale Zeitschrift für 

Ärztliche Psychoanalyse 

Offizielles Organ der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 
Herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. Freud 

Redigiert von 
Dr. S. Fercnczi Dr. Otto Rank Prof. Dr. Emest Jones 

Budapest Wien London 

unter ständiger Mitwirkung zahlreicher ausländischer Psychoanalytiker 
Jährlich 6 Hefte im Umfange von 24 — 30 Bogen zum Preise von M. 18. - 
= K 21.60. Gemeinsames Abonnement mit »Imago« zum ermäßigten Gesamt- 
jahrespreis von M 30.— -= K 36-—. 

» ... ein sehr reichhaltiges, durchaus interessantes Material, dessen Lektüre für jeden, 
der sich für die weitere Entwicklunji: der Psychoanalyse und deren Ausbau interessiert, nn- 
g^emein wertvoll ist . , . Von großem Wert sind die kleineren, zahlreichen kasuistischen Mit- 
teilungen, die in ihrer Oesamtneit ein schätzenswertes Bild von den Leistungen der Psycho- 
analyse bieten." :Wr. k-lin. Rd^ch. 1913, Nr. 36. 

Totem und Tabu 

über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden u. der NeurotiVer 

Von Prof. Dr. Sigm. Freud 

Preis geh. M. 4.- ~= K 4.80, in Originalleinenband M. 5.— -= K 6.— 

Der Künstler 

Ansätze zu einer Sexualpsychologie 

Von Dr. Otto Rank 

Preis geheftet M. 2.- K 2.40 

Probleme der Mystik u. ihrer Symbolik 

Von Herbert Silberer 

18 Bogen, mit mehreren Abbildungen, geheftet M. 9.— = K 10.80, in Halb- 
franz geb. M. 12.— •- K 14.40 

INHALT. L Einleitender Teil: 1. Die Parabola. 2. Traum- und Märchei;deutune. -- 
II. Analytischer Teil: 1 . Psychoanalytische Deutung der Parabola. 2. Alchcmie. 3. Her- 
metische Kunst. 4. Rosenkreuzerei und Freimaurerei. 5. Das Problem der mehrfachen Dcutnog. 
— III. Synthetischer Teil: I. Introversion und Wiedergeburt. A. Verinnerlichung und Intro- 
version. B. Folgen der Introversion, C. Wiedergeburt. 2. Das mystische Ziel. 3. Könio^iichf 
Kunst. — Aiimerkimgen. - Quellen. — Index, 



K. u. K. Hofouchdruckerc: Karl Prochaska ui rcsciicn. 

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