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Full text of "Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse Band IV 1917 Heft 3"

INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT ^"i 

FÜR /'- :; ■ 

ÄRZTLICHE PSYCHOANALYSE 

OFFIZIELLES ORGAN 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 

HERAUSGEGEBEN VON 

PROF. DR. SIGM. FREUD 

REDIGIERT VON 

DR. S. FERENCZI DR. OTTO RANK 

BUDAPEST WIEN 

PROF. DR. ERNEST JONES 

LONDON 
DNTER STÄNDIGER MITWIRKUNG VON: 

Da. KARI. ABRAHAM, BbRLIN. — Dr. LUDWIO BINSWANOER, KRSDZLUfGRH. — 

Da. POUL BjBRRB, Stockholm. — Dr. A. A. BRIll, Nbw York. — Dr. Trioant 
BURROW, Baltüiorb. — Dh, M. D, Eder, Londom. — Dr. J. van Emden, Haag. — 
Dr. M.Eitinqon, Berlin. — Dr. Paul federn, Wikm. — Db. Eduard Hitschmann, 
Wnut. — Dr. H. ▼. HUO-Hellmuth, Wikn. — Dr. L. Jekels, Wien. — Prof. Kriedr. 
3. KRAUSS, Wirk. — Dr. J.T.Mac Curdy, New York. — Dr. i. Marcinowski, Sikl- 
BBCK. — Prof. Morichau-Beauchant, Poihers. ~ Dr.C. R.Payne,Wadhams,N. Y. 
- Dr. OSKAR Pfister, Zürich. — Prof. James J. putnam, Bostok, — Dr. Theodor 
R£iK, Beruh. — Dr. R. Reitler, Wikh. — Dr. Hanns Sachs, Wieb. — Dr. J. 
Sadoer, Wie«. — Dr. A. Stärcke, Den Dolder. — Dr. M. Steqmann, Drksobh. 
— Dr. Victor tausk, Wien. — Dr. M. Wulff, Odessa. 

IV. JAHRGANG, 1916/17 
HEFT 3 




1917 

HUGO HELLER & QE. 

LEIPZIG UND WIEN, L BAUERNMARKT 3 



r^r\onlf* Orfgfnaffrom 

:3y V.iUUglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Inhalt des m. Heftes. 
Originalarbeiten. 

I. Prof. Fread: Ober Triebumsetzungen insbesondere der Analerotik . . 125 

IL Dr. Ferenczi: Über zwei Typen der Eriegsneurose 131 

ni. Dr. Ferenczi: Mischgebilde von erotischen und Charakterzügen . . . 146 

IV. Dr. R e i k : Beitrag zur psychoanalytischen Affektlehre 148 

Mitteilungen. 

1. Dr. Abraham: Einige Belege zur Gefühlseinstellung weiblicher Kinder 
gegenüber den Eltern 154 

2. Dr. Ferenczi: Schweigen ist Gold 155 

3. Dr. Tausk: Zur Psychopathologie des Alltagslebens 156 

4. Dr. Sachs: Drei Fälle von „Kriegs ''-Verlesen 159 

5. J— s. : Aus einem Briefe Heines 159 

Kritiken und Referate. 

Prof. Putnam: The work of Adler (Dr. Ferenczi) 161 

V. Tausk: Diagnostische Erörterungen (Dr. Hitschmann) . 163 

E. Bleuler: Lehrbuch der Psychiatrie (Dr. Hitschmann) 164 

A. Eulenburg: Moralität nnd Sexualität (Dr. Hitschmann) 164 

A. Kutzinski: Bemerkungen zur Psychopathologie der sogenannten In- 

testinalneurosen (Dr. Hitschmann) 165 

Stuchlik Jar.: Über Psychoanalyse (Autoreferat) 165 

— — Einige statistische und psychologische Betrachtungen (Autoreferat) . 166 
Über Psychosebegriff (Autoreferat) 167 

Sprechsaal. 

Ostwald über die Psychoanalyse. Von Dr. Ferenczi 169 

Zur psychoanalytischen Bewegung 170 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



1 



Originalarbeiten. 
Über Triebumsetzungen insbesondere der Analerotik. 

Von Sigm. Freud. 

Vor einer Reihe von Jahren habe ich aus der psychoanalytischen 
Beobachtung die Vermutung geschöpft, daß das konstante Zusammen- 
treflfen der drei Charaktereigenschaften: ordentlich, sparsam und 
eigensinnig auf eine Verstärkung der analerotischen Komponente in 
der Sexualkonstitution solcher Personen hindeute, bei denen es aber im 
Laufe der Entwicklung durch Aufzehrung ihrer Analerotik zur Aus- 
bildung solcher bevorzugter Reaktionsweisen des Ichs gekommen ist.^) 

Es lag mir damals daran, eine als tatsächUch erkannte Beziehung 
bekanntzugeben; um ihre theoretische Würdigung bekümmerte ich mich 
wenig. Seither hat sich wohl allgemein die Auffassung durchgesetzt, daß 
jede einzelne der drei Eigenschaften : Geiz, Pedanterie und Eigensinn aus 
den Triebquellen der Analerotik hervorgeht oder — vorsichtiger und voll- 
ständiger ausgedrückt — mächtige Zuschüsse aus diesen Quellen bezieht. 
Die Fälle, denen die Vereinigung der erwähnten drei Charakterfehler ein 
besonderes Gepräge aufdrückte (Analcharakter), waren eben nur die 
Extreme, an denen sich der uns interessierende Zusammenhang auch 
einer stumpfen Beobachtung verraten mußte. 

Einige Jahre später habe ich aus einer Fülle von Eindrücken, ge- 
leitet durch eine besonders zwingende analytische Erfahrung, den Schluß 
gezogen, daß in der Entwicklung der menschlichen Libido vor der Phase 
des Genitalprimats eine „prägenitale Organisation" anzunehmen ist, in 
welcher der Sadismus und die Analerotik die leitenden Rollen spielen.^) 

Die Frage nach dem weiteren Verbleib der analerotischen Trieb - 
regungen war von da an unabweisbar. Welches wurde ihr Schicksal, 
nachdem sie durch die Herstellung der endgültigen Genitalorganisation 
ihre Bedeutung für das Sexualleben eingebüßt hatten? Blieben sie als 
solche, aber nun im Zustande der Verdrängung, fortbestehen, unterlagen 
sie der Sublimierung oder der Aufzehrung unter Umsetzung in Eigen- 
schaften des Charakters, oder fanden sie Aufnahme in die neue vom 
Primat der Genitalien bestimmte Gestaltung der Sexualität? Oder besser, 
da wahrscheinlich keines dieser Schicksale der Analerotik das ausschließ- 
liche sein dürfte, in welchem Ausmaß und in welcher Weise teilen sieb 
diese verschiedenen Möglichkeiten in die Entscheidung über die Schick- 
sale der Analerotik, deren organische Quellen ja durch das Auftreten 
der Genitalorganisation nicht verschüttet werden konnten? 

') Charakter und Analerotik, 1908, wiederabgedruckt in der zweiten Folge der 
Sammlung kleiner Schriften zur Nearosenlehre 1909. 

*) Die Disposition zur Zwangsneurose: Internat. Zeitschr. f. ärztl. Psycho- 
analyse I, 1913. 

ZeiUohi. f. fttstl. Pgychoanalyse, IV/3. 9 

f^nonl^ Orrginaffnonn 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



126 Sigm. Freud. 

Man sollte meinen, es könnte an Material für die Beantwortung 
dieser Fragen nicht fehlen, da die betreffenden Vorgänge von Entwicklung 
und Umsetzung sich bei allen Personen vollzogen haben müssen, die Ge- 
genstand der psychoanalytischen Untersuchung werden. Allein dies Material 
ist so undurchsichtig, die Fülle von immer wiederkehrenden Eindrücken 
wirkt so verwirrend, daß ich auch heute keine vollständige Lösung des 
Problems, bloß Beiträge zur Lösung zu geben vermag. Ich brauche 
dabei der Gelegenheit nicht aus dem Weg zu gehen, wenn der Zusam- 
menhang es gestattet, einige andere Triebumsetzungen zu erwähnen, welche 
nicht die Änalerotik betreffen. Es bedarf endlich kaum der Hervorhebung, 
daß die beschriebenen Entwicklungsvorgänge — hier wie anderwärts in 
der Psychoanalyse — aus den Regressionen erschlossen worden sind, zu 
welchen sie durch die neurotischen Prozesse genötigt wurden. 

Ausgangspunkt dieser Erörterungen kann der Anschein werden, 
daß in den Produktionen des Unbewußten — Einfällen, Phantasien und 
Symptomen — die Begriffe Kot (Geld, Geschenk), Kind und Penis 
schlecht auseinander gehalten und leicht miteinander vertauscht werden. 
Wenn wir uns so ausdrücken, wissen wir natürlich, daß wir Bezeich- 
nungen, die für andere Gebiete des Seelenlebens gebräuchlich sind, mit 
Unrecht auf das Unbewußte übertragen und uns durch den Vorteil, 
welchen ein Vergleich mit sich bringt, verleiten lassen. Wiederholen wir 
also in einwandfreierer Form, daß diese Elemente im Unbewußten häufig 
behandelt werden, als wären sie einander äquivalent und dürften ein- 
ander unbedenklich ersetzen. 

Für die Beziehungen von „Kind" und „Penis* ist dies am leichtesten 
zu sehen. Es kann nicht gleichgültig sein, daß beide in der Symbol- 
sprache des Traumes wie in der des täglichen Lebens durch ein gemein- 
sames Symbol ersetzt werden können. Das Kind heißt wie der Penis 
das „Kleine". Es ist bekannt, daß die Symbolsprache sich oft über 
den Geschlechtsunterschied hinaussetzt. Das „Kleine", das ursprünglich 
das männliche Glied meinte, mag also sekundär zur Bezeichnung des 
weiblichen Genitales gelangt sein. 

Forscht man tief genug in der Neurose einer Frau, so stößt man 
nicht selten auf den verdrängten Wunsch, einen Penis wie der Mann zu 
besitzen. Akzidentelles Mißgeschick im Frauenleben, oft genug selbst 
Folge einer stark männlichen Anlage, hat diesen Kinderwunsch, den wir 
als „Penisneid" dem Kastrationskomplex einordnen, wieder aktiviert und 
ihn durch die Rückströmung der Libido zum Hauptträger der neurotischen 
Symptome werden lassen. Bei anderen Frauen läßt sich von diesem 
Wunsch nach dem Penis nichts nachweisen; seine Stelle nimmt der 
Wunsch nach dem Kind ein, dessen Versagung im Leben dann die 
Neurose auslösen kann. Es ist so, als ob diese Frauen begriffen hätten, 
— was als Motiv doch unmöglich wirksam gewesen sein kann — daß 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



über TriebiunsetzTingen insbesondere der Analerotik. X27 

die Natur dem Weibe das Kind zum Ersatz für das andere gegeben hat, 
was sie ihm versagen mußte. Bei noch anderen Frauen erfahrt man, daß 
beide Wünsche in der Kindheit vorhanden waren und einander abgelöst 
haben. Zuerst wollten sie einen Penis haben wie ein Mann, und in einer 
späteren, immer noch infantilen Epoche trat der Wunsch nach einem 
Kind an die Stelle. Man kann den Eindruck nicht abweisen, daß akzi- 
dentelle Momente des Kinderlebens, die Anwesenheit oder das Fehlen von 
Brüdern, das Erleben der Geburt eines neuen Kindes zu günstiger Lebens- 
zeit, die Schuld an dieser Mannigfaltigkeit tragen, so daß der Wunsch 
nach dem Penis doch im Grunde identisch wäre mit dem nach dem Kinde. 

Wir können angeben, welches Schicksal der infantile Wunsch nach 
dem Penis erfährt, wenn die Bedingungen der Neurose im späteren 
Leben ausbleiben. Er verwandelt sich dann in den Wunsch nach dem 
Mann, er läßt sich also den Mann als Anhängsel an den Penis gefallen. 
Durch diese Wandlung wird eine gegen die weibliche Sexualfunktion 
gerichtete Regung zu einer ihr günstigen. Diesen Frauen wird hiemit 
ein Liebesleben nach dem männlichen Tjrpus der Objektliebe ermöglicht, 
welches sich neben dem eigentlich weiblichen, vom Narzißmus abge- 
leiteten, behaupten kann. Wir haben schon gehört, daß es in anderen 
Fällen erst das Kind ist, welches den Übergang von der narzißtischen 
Selbstliebe zur Objektliebe herbeiführt. Es kann also auch in diesem 
Punkte das Kind durch den Penis vertreten werden. 

Ich hatte einigemal Gelegenheit, Träume von Frauen nach den ersten 
Kohabitationen zu erfahren. Diese deckten unverkennbar den Wunsch 
auf, den Penis, den sie verspürt hatten, bei sich zu behalten, entsprachen 
also, von der libidinösen Begründung abgesehen, einer flüchtigen Regres- 
sion vom Manne auf den Penis als Wunschobjekt. Man wird gewiß 
geneigt sein, den Wunsch nach dem Manne in rein rationalistischer 
Weise auf den Wunsch nach dem Kinde zurückführen, da ja irgend 
einmal verstanden wird, daß man ohne Dazutun des Mannes ein Kind 
nicht bekommen kann. Es dürfte aber eher so zugehen, daß der Wunsch 
nach dem Manne unabhängig vom Kindwunsch entsteht und daß, wenn 
er aus begreiflichen Motiven, die durchaus der Ichpsychologie angehören, 
auftaucht, der alte Wunsch nach dem Penis sich ihm als unbewußte 
libidinöse Verstärkung beigesellt. 

Die Bedeutung des beschriebenen Vorganges liegt darin, daß er ein 
Stück der narzißtischen Männlichkeit des jungen Weibes in Weiblichkeit 
überführt und somit für die weibliche Sexualfunktion unschädlich macht. 
Auf einem anderen Wege wird nun auch ein Anteil der Erotik der 
prägenitalen Phase für die Verwendung in der Phase des Genitalprimats 
tauglich. Das Kind wird doch als „Lumpf" betrachtet (s. die Analyse 
des kl. Hans), als etwas, was sich durch den Darm vom Körper löst; 
somit kann ein Betrag libidinöser Besetzung, welcher dem Darminhalt 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



128 Sigm. Freud. 

gegolten hat, auf das durch den Darm geborene Kind ausgedehnt werden. 
Ein sprachliches Zeugnis dieser Identität von Kind und Kot ist in der 
Redensart : ein fiand schenken erhalten. Der Kot ist nämlich das erste 
Geschenk, ein Teil seines Körpers, von dem sich der Säugling nur auf 
Zureden der geliebten Person trennt, mit dem er ihr auch unaufgefordert 
seine Zärtlichkeit bezeigt, da er fremde Personen in der Regel nicht 
beschmutzt. (Ähnliche, wenn auch nicht so intensive Reaktionen mit dem 
Urin.) Bei der Defakation ergibt sich für das Kind eine erste Ent- 
scheidung zwischen narzißtischer und objektliebender Einstellung. Es gibt 
entweder den Kot gefügig ab, „opfert" ihn der Liebe, oder hält ihn zur auto- 
erotischen Befriedigung, später zur Behauptung seines eigenen Willens, 
zurück. Mit letzterer Entscheidung ist der Trotz (Eigensinn) konstituiert, 
der also einem narzißtischen Beharren bei der Analerotik entspringt. 

Es ist wahrscheinlich, daß nicht Gold — Geld, sondern Ge- 
schenk die nächste Bedeutung ist, zu welcher das Kotinteresse fort- 
schreitet. Das Kind kennt kein anderes Geld, als was ihm geschenkt 
wird, kein erworbenes und auch kein eigenes, ererbtes. Da Kot sein 
erstes Geschenk ist, überträgt es leicht sein Interesse von diesem Stoff 
auf jenen neuen, der ihm als wichtigstes Geschenk im Leben entgegen- 
tritt. Wer an dieser Herleitung des Geschenkes zweifelt, möge seine 
Erfahrung in der psychoanalytischen Behandlung zu Rate ziehen, die 
Geschenke studieren, die er als Arzt vom Kranken erhält, und die 
Übertragungsstürme beachten, welche er durch ein Geschenk an den 
Patienten hervorrufen kann. 

Das Kotinteresse wird also zum Teil als Geldinteresse fortgesetzt, 
zum anderen Teil in den Wunsch nach dem Kinde übergeführt. In 
diesem Kindwunsch treffen nun eine analerotische und eine genitale 
(Penisneid) Regung zusammen. Der Penis hat aber auch eine vom Kind- 
interesse unabhängige analerotische Bedeutung, Das Verhältnis zwischen 
dem Penis und dem von ihm ausgefüllten und erregten Schleimhautrohr 
findet sich nämlich schon in der prägenitalen, sadistisch-analen Phase 
vorgebildet. Der Kotballen — oder die „Kotstange" nach dem Ausdruck 
eines Patienten — ist sozusagen der erste Penis, die von ihm gereizte 
Schleimhaut die des Enddarms. Es gibt Personen, deren Analerotik bis 
zur Zeit der Vorpubertät (10—12 Jahre) stark und unverändert geblieben 
ist; von ihnen erfährt man, daß sie schon während dieser prägenitalen 
Phase in Phantasien und perversen Spielereien eine der genitalen analoge 
Organisation entwickelt hatten, in welcher Penis und Vagina durch die 
Kotstange und den Darm vertreten waren. Bei anderen — Zwangs- 
neurotikern — kann man das Ergebnis einer regressiven Erniedrigung 
der Genitalorganisation kennen lernen. Es äußert sich darin, daß alle 
ursprünglich genital konzipierten Phantasien ins Anale versetzt, der 
Penis durch die Kotstange, die Vagina durch den Darm ersetzt werden. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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über Triebumsetzungen insbesondere der Analerotik. 



129 



Wenn das Kotinteresse in normaler Weise zurückgeht, so wirkt 
die hier dargelegte organische Analogie dahin, daß es sich auf den Penis 
überträgt. Erfahrt man später in der Sexualforschung, daß das Kind 
aus dem Darm geboren wird, so wird dieses zum Haupterben der Anal- 
erotik, aber der Vorgänger des Kindes war der Penis gewesen, in 
diesem wie in einem anderen Sinne. 

Ich bin überzeugt, daß die vielfaltigen Beziehungen in der Reihe 
Kot — Penis — Kind nun völlig unübersichtlich geworden sind, und 
will darum versuchen, dem Mangel durch eine graphische Darstellung 
abzuhelfen, in deren Diskussion dieselbe Material nochmals, aber in 
anderer Folge gewürdigt werden kann. Leider ist dieses technische Mittel 
nicht schmiegsam genug für unsere Absichten, oder wir haben noch nicht 
gelernt, es in geeigneter Weise zu gebrauchen. Ich bitte jedenfalls, an 
das beistehende Schema keine strengen Anforderungen zu stellen. 




1^ 



Objektstufe 

Aus der Analerotik geht in narzißtischer Verwendung der Trotz 
hervor als eine bedeutsame Reaktion des Ichs gegen Anforderungen der 
anderen ; das dem Kot zugewendete Interesse übergeht in Interesse für 
das Geschenk und dann für das Geld. Mit dem Auftreten des Penis 
entsteht beim Mädchen der Penisneid, der sich später in den Wunsch 
nach dem Mann als Träger eines Penis umsetzt. Vorher noch hat sich 
der Wunsch nach dem Penis in den Wunsch nach dem Kind verwandelt, 
oder der Kindwunsch ist an die Stelle des Peniswunsches getreten. Eine 
organische Analogie zwischen Penis und Kind (punktierte Linie) drückt 
sich durch den Besitz eines beiden gemeinsamen Symbols aus („das 
Kleine"). Vom Kindwunsch führt dann ein rationeller Weg (doppelte 
Linie) zum Wunsch nach dem Mann. Die Bedeutung dieser Triebum- 
setzung haben wir bereits gewürdigt. 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



130 Sigm. Freud : Ober Triebomsetzmigen insbesondere der Analerotik. 

Ein anderes Stück des Zusammenhanges ist weit deutlicher beim 
Manne zu erkennen. Es stellt sich her, wenn die Sexualforschung des 
Kindes das Fehlen des Penis beim Weibe in Erfahrung gebracht hat. 
Der Penis wird somit als etwas vom Körper Ablösbares erkannt und 
tritt in Analogie zum Kot, welcher das erste Stück Leiblichkeit war, 
auf das man verzichten mußte. Der alte Analtrotz tritt so in die Kon- 
stitution des Kastrationskomplexes ein. Die organische Analogie, derzu- 
folge der Darminhalt den Vorläufer des Penis während der prägenitalen 
Phase darstellte, kann als Motiv nicht in Betracht kommen; sie findet 
aber durch die Sexualforschung einen psychischen Ersatz. 

Wenn das Kind auftritt, wird es durch die Sexualforschung als 
„Lumpf" erkannt und mit mächtigem analerotischen Interesse besetzt. 
Einen zweiten Zuzug aus gleicher Quelle erhält der Kindwunsch, wenn 
die soziale Erfahrung lehrt, daß das Kind als Liebesbeweis, als Geschenk 
aufgefaßt werden kann. Alle drei, Kotsäule, Penis und Kind, sind feste 
Körper, welche ein Schleimhautrohr (den Enddarm und die ihm nach 
einem guten Wort von Lou Andreas-Salomö gleichsam abgemietete 
Vagina)^) bei ihrem Eindringen oder Herausdringen erregen. Der infantilen 
Sexualforschung kann von diesem Sachverhalt nur bekannt werden, daß 
das Kind denselben Weg nimmt wie die Kotsäule ; die Funktion des Penis 
wird von der kindlichen Forschung in der Regel nicht aufgedeckt. Doch 
ist es interessant zu sehen, daß eine organische Übereinstimmung nach 
so vielen Umwegen wieder im Psychischen als eine unbewußte Identität 
zum Vorschein kommt. 



*) „Anal** und „Sexual" Imago IV., 5. 1916. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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über zwei Typen der Kriegsneurose/) 

Von Dr. S. Ferenczi, d. Z. Regimentsarzt des k. u. k. Maria- VeJeria-Barackenspitals 

(Nervenabteilang) in Budapest. 

Fern liegt mir die Absicht, über das wichtige Thema der Kriegs- 
neurosen nach verhältnismäßig so kurzem Studium Abschließendes zu 
sagen. Ich leite die Nervenkrankenabteilung dieses Spitals erst seit zwei 
Monaten und hatte etwa zweihundert Fälle unter meiner Beobachtung. 
Diese Zahl ist zu hoch, die Beobachtungszeit zu kurz gewesen ; hat uns 
doch die Psychoanalyse gelehrt, daß in der Neurosenlehre nicht von der 
statistischen Bearbeitung vieler, sondern vor der vertieften Erforschung 
einzelner Fälle Fortschritte zu erwarten sind. Diese Mitteilungen wollen 
also als vorläufige gelten und nur die Eindrücke wiedergeben, die ein 
Psychoanalytiker bei der Massenbeobachtung von Kriegsneurosen empfangt. 

Der erste Eindruck, den der mit Kriegsneurotikern gefüllte Kranken- 
saal auf mich machte, war ein verwirrender, und wenn Sie einen Blick 
auf die vor Ihnen stehende, sitzende und liegende Krankengruppe werfen, 
werden wohl auch Sie diesen Eindruck teilen müssen. Sie sehen hier 
etwa fünfzig Kranke vor sich, die fast alle den Eindruck von Schwer- 
kranken, wenn nicht von Krüppeln machen. Viele sind außer stände, 
den Ort zu wechseln, bei den meisten ruft der Versuch des Ortswechsels 
'ein so heftiges Zittern der Kniee und der Füße hervor, daß meine Stimme 
das Geräusch, das die beschuhten zitternden Füße verursachen, nicht 
übertönen kann. 

Bei den meisten zittern, wie gesagt, nur die Füße, doch gibt es 
einzelne, bei denen — wie Sie sehen — jede Intention der ganzen 
Körpermuskulatur von Zittern begleitet ist. Am auffälligsten ist der 
Gang der Zitterer ; er macht den Eindruck der spastischen Parese ; aber 
die wechselnde Mischung von Zittern, Starre und Schwäche bringt ganz 
eigenartige, vielleicht nur kinematographisch-reproduzierbare Gangarten 
zu stände. Die Mehrzahl der Patienten gibt an, daß sie nach einer in 
ihrer Nähe erfolgten Granatexplosion erkrankten, eine ziemlich große 
Minderzahl beschuldigt heftige und plötzliche Erkältung (Sturz in eis- 
kaltes Wasser, Durchnäßtwerden im Freien) als Krankheitsursache, die 
übrigen erlitten Unfälle anderer Art oder erkrankten angeblich nur durch 
Überanstrengung im Felde. Die von der Granatexplosion Erschütterten 



^) Nach einem Vortrag, gehalten in einer wissenschaftlichen Yersammlimg der 
Spitalsärzte. 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



132 Dr. S. Ferenczi. 

reden vom „Luftdruck", der sie umgeworfen hätte, andere sind von Erd- 
massen, die das explodierende Geschoß aufwühlte, zum Teil verschüttet 
worden. 

Die Übereinstimmung der Krankheitssymptome und -Ursachen 
bei so vielen Kranken hätte hier wohl jedem die Annahme einer 
organischen Hirn- oder Rückenmarksschädigung nahegelegt. Auch ich 
hatte zunächst den Eindruck, daß dieses sonderbare, bisher in der 
Pathologie unbekannte Symptomkomplex auf irgend welche organischen 
Veränderungen des Zentralnervensystems, auf zentrale Lähmung und 
Reizung zurückzuführen sein wird, die wir bisher nur darum nie beob- 
achten konnten, weil Erschütterungen, wie sie dieser Krieg die Soldaten 
erleben läßt, im Frieden nicht vorgekommen sind. Diese Eventualität ließ 
ich lange nicht fallen, auch dann nicht ganz, als ich mich durch die 
Untersuchung der einzelnen Fälle überzeugen konnte, daß hier die bei 
zentralen organischen Läsionen nie fehlenden Symptome, insbesondere 
die Zeichen einer Läsion der Pyramidenbahn (spastische Kniereflexe, 
Babinskysches Zeichen, Fußklonus) nicht auslösbar sind,^) Dann mußte 
ich mir aber sagen, daß nicht nur das Fehlen dieser Charakteristika, 
sondern auch das Gesamtbild der einzelnen Fälle, besonders die ungemein 
variablen und ungewöhnlichen Innervationsstörungen als starke Argu- 
mente gegen eine organische, auch nur „molekulare" oder „mikroorga- 
nische" Veränderung des Nervengewebes ins Gewicht fielen. 

Der Eindruck der Sonderbarkeit und Unbekanntheit zerteilte sich 
erst, als ich eine kleinere Gruppe von Kranken, bei denen nicht der 
ganze Körper, sondern nur einzelne Körperteile von der Krankheit be- 
fallen schienen, einer näheren Untersuchung unterzog. Das Verständnis 
dieser monosymptomatischen Fälle ermöglichte erst die richtige 
nosologische Einordnung der ganzen Krankheitsgruppe. 

Hier sehen Sie zwei Kranke. Bei beiden ist — nebst der nicht 
sehr ausgesprochenen Gehstörung (von deren Beschreibung ich jetzt ab- 
sehe) — das fortwährende oszillierende Zittern des Kopfes auffällig 
verursacht durch die alternierende rhythmische Kontraktion der Hals- 
muskeln. Dieser dritte Kranke hält seinen rechten Arm im stumpf- 
winkliger Kontraktur des Ellbogengelenkes; diese Extremität ist 
zu aktiver Bewegung anscheinend unfähig, der Versuch jeder aktiven 
oder passiven Bewegung ruft in der Muskulatur des Armes heftigstes 
Zittern, dabei gesteigerte Pulsfrequenz hervor. Die Schmerzempfindlich- 
keit des Armes ist herabgesetzt, die Hand ist zyanotisch. Weder in der 
Gesichtsmuskulatur noch in der der Unterextremität sind Spuren einer 
Parese nachweisbar. Strengt sich der Kranke sehr an, so kann er die 
steife Haltung unter heftigstem Zittern einigermaßen verändern. Diesem 

^) Ich sehe von der Berücksichtigimg von Fallen^ in denen das Erankheitsbild 
durch organische Herdsymptome kompliziert war, grundsätzlich ab. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



über zwei Typen der Kriegsneurose. 133 

sehr ähnlich ist der Fall dieses anderen Patienten, nur daß dessen rechter 
Arm im Ellbogen spitzwinklig kontrakturiert und der 
Oberarm spastisch an den Brustkorb angedrückt erscheint. 
Bei einem anderen Kranken zeigt sich das krankhafte Symptom in der 
Schultergegend. Sie sehen die linke Schulter dauernd hoch- 
gehoben, nebstdem zeitweise ticartiges Zucken dieser Schulter. 

Da sitzt ein Kranker, vollkommen ruhig; bei der Aufforderung, 
aufzustehen, treten am linken Fuß — und nur am linken — heftige 
klonische Zuckungen auf. Nach der Entkleidung stellt sich als einziges 
Krankheitssymptom ein Dauerkrampf in der Muskulatur der 
linken Wade, gleichsam ein perpetuierter Crampus heraus. Erst beim 
Versuch, die Spitzfußstellung aktiv oder passiv zu verändern (Aufstehen), 
kommt es zu den klonischen Zuckungen, die aber nicht den Charakter 
eines typischen „Fußklonus" haben (auch fehlen die übrigen Symptome 
der Pyramidenläsion). Die Fortdauer des Krampfes ließ sich wochenlang 
beobachten, ein Nachlaß dessen war (im Wachen) niemals festzustellen 
Dieser andere Kranke hat Kontraktur und Zittern beider rechten 
Extremitäten, die linke Körperhälfte bleibt verschont. 

Die genauere Anamnese dieser Fälle und deren Verhältnis zu den 
Einzelsymptomen läßt sie nun mit Sicherheit als „funktionale" — 
richtiger: als Psychoneurosen erkennen. Fragen wir z. B. diesen 
Mann mit Halbseitenkontraktur (der linken Körperhälfte), wie 
er zu seinem Leiden gekommen ist, so sagt er uns, daß links von 
ihm eine Granate einschlug und explodierte, so daß er vom „Luftdruck'^ 
links getroffen wurde. — Hätte nun der Luftdruck wirklich eine orga- 
nische Veränderung im Gehirn des Soldaten verursacht, so hätte diese 
(wenn wir vom Fall des Contre-coup absehen) die linke Gehirnhälfte zu- 
mindest stärker betroffen, die Symptome müßten aber dann auf der 
kontralateralen (rechten) Seite, die hier ganz verschont ist, gewiß aus- 
gesprochener sein. Die Annahme, daß es sich um einen psychogenen 
Zustand, um die traumatische Fixierung des psychischen Akzents an eine 
Körperstelle, d, h. um Hysterie handelt, ist viel plausibler. 

Diese Plausibilität wird zur Gewißheit, wenn wir die Anamnese 
aller soeben vorgestellten Fälle berücksichtigen. Der Mann, dessen rechter 
Arm stumpfwinklig kontrakturiert ist, erlitt die Granaterschütterung, als 
er eben — das Gewehr in der „Balancen-Stellung — vor- 
rückte. Diese Stellung entspricht aber vollkommen jener, die durch die 
Kontraktur nachgeahmt wird. Der andere, der die Schulter an die Seite 
gedrückt und den Ellbogen spitzwinklig fixiert hat, perpetuiert gleich- 
falls die Situation, in der ihn die Explosion traf; er lag damals, legte 
das Gewehr an und zielte — dazu mußte er aber den Arm an die 
Seite drücken und den Ellbogen spitzwinklig beugen. In diesen Fällen 
sind organisch - zentrale Herde als Folgen der Kommotion auszu- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



134 ^^' S. Ferenczi. 

schließen. Es ist unvorstellbar, daß eine zerebrale Läsion in verhältnis- 
mäßig so vielen Fällen die Zentren gerade der Muskeln angreifen könnte, 
die im Moment des Traumas in Aktion gewesen sind. Viel näher liegt 
die Annahme, daß es sich in diesen Fällen um eine Fixierung der 
im Moment der Erschütterung (des Erschreckens) gerade 
vorherrschenden Innervation handelt. Der Patient mit der 
halbseitigen Kontraktur setzt die — wahrscheinlich' als Fluchtreflex zu 
deutende — Innervation der zunächst bedrohten Körperhälfte unaus- 
gesetzt fort. Die beiden anderen perseverieren in der unmittelbar vor 
der Erschütterung innegehabten Stellung der Arme, („Indiebalance"- 
Stellung, Schießstellung.) Für die Richtigkeit dieser Auffassung kann ich 
eine bekannte Tatsache aus dem Alltagsleben und eine weniger be- 
kannte aus der Psychoanalyse anführen. Bei plötzlichem Schreck kann 
man oft beobachten, daß einem die Füße in der zufällig eingenom- 
menen Stellung „festwurzeln", ja die letzte Innervation des ganzen 
Körpers — der Arme, der Gesichtsmuskeln — eine ganze Weile starr 
fixiert bleibt. Die Schauspieler kennen diese „Ausdrucksbewegung" und 
verwerten sie mit Erfolg zur Darstellung des Schreckaffekts. 

Es gibt aber eine, als solche weniger bekannte Abart der Aus- 
drucksbewegungen. Seit Breuer und Freud wissen wir, daß das Wesen 
der hysterischen Reiz- und Lähmungserscheinungen eigentlich in der 
dauernden Umwandlung, in der Konversion eines Affekts in eine Körper- 
inner vation besteht. Die Psychoanalyse kann jeden solchen Fall von 
„Konversionshysterie" auf eines oder mehrere AfFekterlebnisse 
zurückführen, die zwar selbst unbewußt oder „vergessen" (wie wir heute 
sagen : verdrängt) bleiben, aber ihre Energie gewissen mit jenen Erleb- 
nissen gedanklich assoziierten körperlichen Vorgängen leihen, die gleich- 
sam als Gedenksteine der in der Tiefe begrabenen Erinnerungen — 
starr und unabänderlich wie so ein Denkmal — in die Gegenwart hin- 
einragen. Es ist nicht hier der Ort, auf die Bedingungen einzugehen, die 
nebst dem beschriebenen psychischen Trauma gegeben sein müssen, 
damit das Symptombild einer Konversionshysterie zu stände kommt 
(Sexualkonstitution); es genügt hier festzustellen, daß die soeben vorgestellten 
Fälle der Kriegsneurose auf Grund ihrer Anamnese als Konver- 
sionshysterien im Sinne Breuers und Freuds aufzufassen sind. 
Der plötzliche, psychisch nicht zu bewältigende Affekt (der Schreck) 
setzt auch hier das Trauma; die im traumatischen Moment gerade 
herrschenden Innervationen, die als Krankheitssymptome dauernd fest- 
gehalten werden, sind die Anzeichen davon, daß im unbewußten 
Seelenleben noch immer unerledigte Teile jener Affektregung am Werke 
sind. Mit anderen Worten : Ein solcher Patient hat sich von jenem 
Schreck immer noch nicht erholt, auch wenn er daran bewußt gar nicht 



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OrfgfrTaffrom 
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tfber zwei Typen der Kriegsneorose. 135 

mehr denkt, ja zeitweise lustig und gut gelaunt ist, als wäre seine Seele 
von keiner so schrecklichen Erinnerung geplagt. 

Nach diesen Überlegungen hat es mich nicht mehr überrascht und 
wird es auch Sie nicht überraschen, daß auch die übrigen hier vorge- 
stellten „monosymptomatischen" Fälle durch die eingehendere Erhebung 
der Anamnese verständlich wurden. Dieser Soldat mit der Dauerkontraktur 
der linken Wade erzählt, daß er eben behutsam von einem steilen Berge 
in Serbien abstieg und d e n linken Fuß nach unten vorstreckte, 
um eine Stütze zu finden, als er, durch die Explosion erschüttert, hin- 
unterkollerte. Also auch hier ein „Starrwenden" vor Schreck in der 
gerade eingehaltenen Körperstellung. Von den zwei Kranken mit Zittern 
des Kopfes erzählt der eine, daß er im kritischen Moment den Kopf an 
die Wand der Deckung anschlug, der andere, daß er, als er das charak- 
teristische Pfeifen der nahenden Granate hörte, „sich duckte". Der 
Patient mit dem fortwährenden Zucken der linken Schulter erlitt bei 
der Explosion eine leichte Verwundung an der jetzt „spasmo- 
philen" Körperstelle. (Die Narbe ist nachweisbar.) 

Die ersten dieser anamnestischen Daten erhielt ich von den Pa- 
tienten, ohne daß mir oder ihnen ihre Bedeutung bei der Symptom- 
bildung bekannt gewesen wäre, so daß suggestive Fragen meinerseits 
ausgeschlossen waren. Später allerdings lenkte ich die Aufmerksamkeit 
der Patienten absichtlich auf die Umstände ihrer Erschütterung, ohne 
es erkennen zu lassen, welche Bedeutung ich ihrer Antwort beimesse. 

Ich bin darauf gefaßt, daß von Ihnen ein Einwand gegen diese 
Erklärungsversuche erhoben wird. Sie werden sagen, der Patient könne sich 
in jenem kritischen Moment die wirkliche Situation nicht so gut gemerkt 
haben, diese anamnestischen Daten sind also vielleicht nur nachträgliche 
Erklärungsversuche des Patienten selbst, denen wir einfach „aufgesessen" sind. 

Hierauf ist folgendes zu erwidern : Sicher war der Soldat unmittel- 
bar vor der Erschütterung bei vollem Bewußtsein ; er kann auch der 
nahenden Gefahr gewärtig gewesen sein (dies wird von vielen, die 
trotz der Explosionsnähe gesund geblieben sind, zugegeben). Er mag 
dann im Moment der Erschütterung selbst sein Bewußtsein verloren 
und später sogar eine retroaktive Amnesie entwickelt haben: die Ge- 
dächtnisspur der Situation vor der Erschütterung war einmal gesetzt und 
konnte dann — aus dem Unbewußten — die Symptombildung beein- 
flussen. Der Verdacht einer „Irreführung" durch den Patienten aber und 
das Mißtrauen gegen seine Angaben, dies waren die Ursachen der bis vor 
kurzem herrschenden tiefen Unwissenheit der Ärzte in bezug auf alle 
Fragen der Neurosenpsychologie. Erst seitdem Breuer, dann besonders 
Freud die Nervösen anzuhören begannen, fanden sie den Zugang 
zum geheimen Mechanismus ihrer Symptome. Selbst im Falle, daß die 



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OrfgfrTaffrom 
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136 I>r. S. Ferenczi. 

Patienten die Situation bei der Erschütterung nachträglich erfunden haben, 
mag dieses y,Erfinden" von den unbewußt gewordenen Gedächtnisspuren 
des wirklichen Herganges bestimmt gewesen sein. 

Ob in diesen Fällen nebst dem Trauma auch irgend welches 
„körperliches Entgegenkommen" als dispositionelles Moment mitgewirkt 
hat, ließe sich nur durch eine regelrechte Psychoanalyse der Einzelfälle 
ausschließen. Es ist aber ganz gut denkbar, daß die im Moment der 
Erschütterung gerade aktive Innervation an und für sich einen „disposi- 
tionellen Faktor^, „ein körperliches Entgegenkommen" abgibt und die 
Fixierung der affektiven Erregung (die wir ob ihrer Stärke als be- 
wußtseinsunfähig denken müssen) gerade an der innervierten Körper- 
stelle verursacht. Solche „Affektverschiebungen" auf eine indifferente, 
aber im kritischen Moment gerade gangbare Körperinnervation sind uns 
aus der Psychoanalyse der Konversionshysterie wohlbekannt. 

Ich bin leider nicht in der Lage, diese Einzelheiten mit der Psycho- 
analyse der Fälle zu bekräftigen. Ich muß mich also darauf beschränken, 
auf Grund der anamnestischen Daten allein diese „monosymptomatischen" 
Kriegsneurosen in die Gruppe der Konversionshysterien einzureihen. 

Wenden wir uns nun der zweiten, wie sie sehen, viel größeren 
Gruppe von Kranken, denen mit allgemeinem Zittern und mit 
Gehstörungen, zu. Auch hier müssen wir von dem spezialisierteren 
Symptom, von der Gehstörung, ausgehen, wenn wir das Gesamtbild 
verstehen wollen. Sehen Sie sich z, B. diesen ruhig daliegenden Patienten 
an ; sobald er aufzustehen versucht, fangen seine Unterextremitäten in den 
Fuß- und Kniegelenken zu zittern an, das Zittern steigert sich immer 
mehr, seine Elongationen werden immer größer, bis schließlich das 
statische Gleichgewicht des Körpers so stark gestört ist, daß der Patient 
hinfiele, finge man ihn nicht auf; setzt oder legt er sich, so hört 
der Tremor sofort von selbst auf. (Ich wiederhole: organische Krank- 
heitszeichen fehlen vollkommen.) Dieser andere kann, auf zwei Stöcke 
gestützt, gehen, doch ist sein Gang unsicher und wir hören beim Auf- 
setzen des rechten Fußes ein Doppelgeräusch ; seine rechte Ferse berührt 
den Fußboden bei jedem Schritt zweimal, bevor sich der Kranke getraut, 
sich ganz auf sie zu stützen. Ein dritter geht wie ein Tabiker breit- 
spurig, der vierte neben ihm, als wäre er vollkommen ataktisch — und 
doch ist bei ihnen in liegender Stellung keine Spur einer wirklichen 
Ataxie, geschweige denn einer Rückenmarkskrankheit nachzuweisen. Die 
Gangart zweier der hier vorgestellten Kranken wird man am besten als 
„Stechschrittgang" bezeichnen können; sie heben die Beine ohne Knie- 
beuge und lassen sie mit starkem Geräusch niederfallen. Am schwersten 
ist wohl dieser andere hier befallen, beim Gehversuch artet das Inten- 
tionszittern in generalisierte Krämpfe der ganzen Körpermuskulatur aus, 
auf deren Höhe auch das Bewußtsein des Kranken gestört ist. 



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über zwei Typen der Kriegsneurose. 137 

Dieses letztere Symptom mahnt uns, auch den Begleiterscheinungen 
dieser Gehstörung größere Beachtung zu schenken. Ausnahmslos bei allen 
diesen Kranken tritt beim Gehversuch oder beim Versuch, ohne Stütze zu 
gehen, heftiges Herzklopfen und Steigerung der Pulsfrequenz auf, die meisten 
schwitzen stark, besonders von der Achselhöhle, auch von der Stirn, 
die Gesichtszüge drücken Angst aus. — Beobachten wir sie genauer, so 
erfahren wir, daß bei ihnen außer der Gehstörung auch Dauersymptome 
vorhanden sind. Fast alle Sinne sind überempfindlich,^) bei den meisten 
ist besonders das Gehör, doch auch das Gesicht empfindlich. Infolge 
dieser Hyperakusis und Photophobie sind sie dann sehr schreckhaft; die 
meisten klagen über allzu leisen Schlaf, der von ängstlichen, schreck- 
haften Träumen gestört ist. Die Träume wiederholen meist die im Felde 
erlebte gefährliche Situation. Fast alle klagen überdies über ihre ganz 
gelähmte oder sehr stark herabgesetzte Sexuallibido und Potenz, 

Bevor wir uns entschließen, dieses Symptombild diagnostisch zu klassi- 
fizieren, müssen wir auch hier, wie früher bei den „monosymptomatischen" 
Fällen, die Anamnese genauer berücksichtigen. Die meisten geben an, vom 
^Granatdruck" berührt, einige auch von Erde verschüttet worden zu sein. 
Sie verloren das Bewußtsein sofort und kamen erst in einer Sanitäts- 
anstalt hinter der Linie zu sich. Dann waren sie tage-, meist wochen- 
lang — einzelne ein bis zwei Monate lang — vollkommen „gelähmt". 
Das Zittern trat bei den ersten Gehversuchen auf, nachdem 
die Bewegungsfähigkeit im Bett längst hergestellt war und anscheinend 
keine Lähmungserscheinungen mehr bestanden. In einzelnen Fällen diente 
der Soldat nach der Granaterschütterung weiter und erkrankte später bei 
einem ganz geringfügigen — rein psychischen — Schreck. Dieser Freiwillige 
z. B. wurde am Tage nach einer Granaterschütterung bei Nacht auf 
Vorposten geschickt ; unterwegs stolperte er über einen Graben, erschrak 
davon und erkrankte erst nach diesem Erlebnisse. Noch auffälliger ist 
die „Summation der Krankheitsursachen" in jenen recht häufigen Fällen, 
in denen anamnestisch überhaupt keine Granatexplosion, sondern schreck- 
liche Erlebnisse anderer Art, ja nur die Gesamtheit der übermensch- 
lichen Anstrengungen und Entbehrungen und die fortwährende ängst- 
Uche Spannung im Kriege als Erkrankungsursache zu ermitteln ist. 
An Häufigkeit den Granaterschütterungen fast gleich sind die ana- 
mnestischen Angaben über plötzliche oder oft wiederholte, manchmal durch 
ihre Dauer unerträglich gewordene Abkühlungen (Sturz in eiskaltes 
Wasser besonders beim Überschreiten von Flüssen im Winter, Regen- 
güsse und Schneefälle beim Lagern im Freien). An einem Tage wurden 
zwölf Soldaten desselben Regiments mit dem Symptombilde der früher 
beschriebenen Gehunfähigkeit in unser Spital eingeliefert; alle erkrankten 

^) Die Berührungsempfindlichkeit ist manchmal so groß, daß die Untersuchung 
der Kniereflexe die heftigsten Abwehrbewegungen hervorruft. 



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138 ^^^ S. Ferenczi. 

beim selben Anlaß, einer Flußüberschreitung nach tagelangem Mar- 
schieren in Schnee und Regen. Auch bei diesen ging dem jetzigen Zu- 
stande eine „Lähmungsperiode" voraus, die ziemlich rasch vorüberging, 
um bei den ersten Gehversuchen dem jetzigen Zustandsbilde 
Platz zu machen. 

Ich brauche wohl nicht zu wiederholen, daß ich auch hier genau 
— und erfolglos — nach organischen Symptomen gefahndet habe. 

Bei vielen dieser Erkältungsfälle erfährt man, daß der Zustand 
in spontaner Besserung begriffen war, bis man sie wegen ihres vermeint- 
lichen „Rheumatismus" mit heißen Bädern zu behandeln begann oder 
zur Nachbehandlung zu einer unserer natürlichen heißen Quellen 
(Trencs6n-Teplitz, Pösty^n) schickte, wo sie rezidivierten. 

Resümieren wir das Gesagte : Es erkranken Soldaten nach plötz- 
licher Erschütterung oder nach wiederholten kleineren oder größeren 
Erschütterungen. Dem (nicht immer eintreffenden) Bewußtseinsverlust 
folgt ein lähmungsartiges Stadium, das nach mehr minder langer 
Dauer spontan vergeht, um bei den ersten Gehversuchen oder aus Anlaß 
gewisser therapeutischer Bemühungen einem chronischen Zustandsbilde 
Platz zu machen. Dieses letztere ist aus gewissen Allgemeinerschei- 
nungen und einer organisch nicht begründeten Gehstörung zusammen- 
gesetzt. Es besteht ein bestimmtes Verhältnis zwischen den Innervations- 
störungen bei den Gehversuchen und den Allgemeinerscheinungen, indem 
letztere durch die Gehversuche gesteigert, z. T. überhaupt erst ausgelöst 
werden. Es bestehen außerdem gewisse Dauersymptome, von denen die 
Überempfindlichkeit aller Sinne das Hervorstechendste ist. 

Nun kennen wir schon aus der Psychoanalyse einen Zustand, bei 
dem der Versuch, gewisse Handlungen auszuführen, Allgemeinerschei- 
nungen hervorruft. Es ist dies die Angsthysterie Freuds, die 
in vielen Fällen dadurch gekennzeichnet ist, daß der Versuch der Orts- 
veränderung, die versuchte Innervation zu Stehen oder zu Gehen, 
mit heftiger Angst verbunden ist, die den Patienten zwingt, bestimmte 
Bewegungsversuche zu vermeiden und ihre ganze Lebensweise in diesem 
Sinne zu verändern. Diese Vermeidungen sind als Phobien von den 
Nervenärzten schon lange bemerkt, aber nie verstanden worden. Man 
benannte die Innervationsstörungen als Astasie (Stehunfähigkeit) oder 
Abasie (Gehunfähigkeit) und die genannten Vermeidungen erhielten 
nach gewissen unwesentlichen Äußerlichkeiten ihre Namen (Agoraphobie, 
Claustrophobie, Topophobie etc.). 

Erst die Psychoanalyse vermochte dieses sonderbare Krankheitsbild 
aufzuklären. Es stellte sich heraus, daß bei diesen Kranken die Affekt- 
wirkungen gewißer psychischer Traumen, meist Erlebnisse, die das 
Selbstvertrauen herabzusetzen geeignet waren, ins Unbewußte ver- 
drängt wurden und von dort aus die Handlungsfähigkeit des Kranken 



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Ober zwei Typen der Kriegsnenrose. 139 

beeinflussen. Sie führen bei jeder Gefahr der Wiederholung des 
pathogenen Erlebnisses zu Angstentwicklung; der Patient lernt 
es dann, diesen Angstzuständen auszuweichen, indem er jede Handlung 
vermeidet, die irgendwie zur Wiederholung der für ihn pathogenen Situa- 
tion führen könnte. Die Astasie-Abasie ist nur die höchste Ent- 
wicklungsstufe dieses Systems von Vermeidungen ; sie verhindert über- 
haupt jede Lokomotion, um eine bestimmte Situation um so sicherer 
zu vermeiden. Daß die Wurzel jeder neurotischen Angst eine sexuelle 
ist (Freud) und daß es auch eine konstitutionelle Disposition zur Topo- 
phobie gibt (Abraham), kann ich hier nur andeuten. 

Nun entsprechen auch bei unseren Patienten die „allgemeinen" 
Symptome vollkommen dem Symptombilde der Angst. Ich sagte, daß 
bei unseren Kranken jeder Versuch, die scheinbare Lähmung zu über- 
winden und den Ort zu verändern, Herzklopfen, gesteigerte Puls- 
frequenz, Schwitzen, Verzerrung der Gesichtszüge, sogar einen ohnmachts- 
ähnlichen Zustand zur Folge haben kann. Dieses Bild entspricht aber 
in allen Zügen jener plötzlichen Angstentwicklung, wie sie uns sowohl 
aus dem gewöhnlichen Leben als auch aus der Krankengeschichte der 
Patienten, die an Angstneurose leiden, wohl bekannt ist. Auch die 
als Dauersymptome beschriebene Überempfindlichkeit aller Sinne und die 
Schlafstörung durch Angstträume entspricht der fortwährenden „ängst- 
lichen Erwartung", in der sich die Angstneurotiker befinden. Die Störung 
der Sexuallibido und Potenz können wir erst recht als eine neurotische 
auffassen. 

Ich glaube, daß wir nach alledem das Recht haben, jeden zu dieser 
Gruppe der Kriegsneurosen gehörigen Fall als Angsthysterie anzu- 
sehen und die Bewegungsstörung als Ausdruck von Phobien auffassen, 
die den Zweck haben, die Angstentbindung hintanzuhalten. Speziell 
können wir also die meisten hier gezeigten Fälle mit dem Namen 
„hysterische Astasie- Abasie" belegen; für diesen einzelnen 
Fall aber, in dem, wie Sie sehen, auch vollständige Unfähigkeit zu 
sitzen besteht, müßten wir noch die Bezeichnung „hysterische 
Anhedrie" prägen. 

Wir wollen es nun versuchen, uns ein Bild davon zu machen, wie 
die anamnestisch erhobenen Erschütterungen solche Erkrankungsbilder 
erzeugen konnten. Dieser Versuch kann nur sehr unvollständig gelingen, 
da uns systematische Psychoanalysen, wie gesagt, nicht zur Verfügung 
stehen. Immerhin verschafi'te mir der tägliche Verkehr mit den Pa- 
tienten und die kurze psychoanalytische Befragung einzelner einiges 
Material, das ich zur vorläufigen Beantwortung dieser Frage benützen kann. 

Es fiel mir auf, daß so viele unter den ängstlich gewordenen 
Soldaten höhere Auszeichnungen aus Anlaß früherer Verdienste und 
wegen tapferen Verhaltens vor dem Feinde erhalten hatten. Auf die 



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Orfgmaffrom 
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140 Dr- S. Ferenczi. 

Frage, ob sie auch früher ängstlich gewesen seien, antworten sie zu- 
meist, daß sie weder jetzt noch auch früher etwas von Angst verspürt 
hätten, ^Im Gegenteil," sagten mir einige, „ich war immer der erste, 
der sich meldete, wenn es sich um eine gefährliche Unternehmung 
handelte/ — Von Fällen, die ich etwas eingehender analysierte, kann 
ich Ihnen nur weniges berichten: Ein ungarischer Bauer, seit frühester 
Kindheit vaterlos, mußte schon sehr früh in der Wirtschaft, die Arbeiten 
der „Großen" verrichten. Aus Gründen, deren analytische Erforschung 
nicht mehr möglich war, wurde er sehr ehrgeizig, wollte alles ebensogut 
machen wie die Großen und war sehr empfindlich, wenn man an seiner 
Arbeit etwas aussetzte, oder — was oft vorkam — ihn sogar verspottete. 
Er hatte später mit den Nachbarn und auch mit der Ortsgendarmerie 
manchen Kampf zu bestehen, schließlich „fürchtete er sich vor niemand", 
wie er sich ausdrückt. Er erlitt im Felde eine Granaterschütterung und 
Sturz von großer Höhe, seitdem hat er den Zittergang (dazu ein Konver- 
sionssymptom, den Wadenkrampf), ist rührselig, weint bald, hat aber ge- 
legentlich auch Wutausbrüche, z. B. als er erfuhr, daß er noch weiter in 
Behandlung bleiben muß. — Der andere, den ich genauer verhören konnte, 
war ein ungarisch-jüdischer Techniker; er war in der Schule immer 
sehr strebsam, führte große Pläne im Schilde (Entdeckungen, Reich- 
werden etc.) ; früher religiös, gelangte er allmählich dazu, auch ohne Gott 
auszukommen, auch war er im Begriffe, seine seit sechs Jahren be- 
stehende Verlobung mit einem Mädchen rückgängig zu machen, weil er zur 
Überzeugung kam, daß er für das in zarter Jugend gegebene Versprechen, 
dessen Eanhalten seine Karriere gefährden würde, nicht mehr einzustehen 
hat. Er kam als Freiwilliger ins Feld und erinnert sich sehr gut an die 
Einzelheiten seiner Erkrankung. Seine Kompagnie stand einmal in 
heftigem Granatfeuer; als er das Pfeifen der Granate hörte, die dann 
neben ihm einschlug, gelobte er sich innerlich, die Braut doch zu 
heiraten, wenn ihm nichts geschieht; auch murmelte er eine he- 
bräische Gebetformel („Schema Israel") vor sich hin. Nach kurzer 
Betäubung war er wieder bei Sinnen, merkte aber bald, daß er geh- 
unfähig geworden ist. Er geht in der Tat eigenartig, macht ganz kurze 
Schritte (ohne Zittern), stützt sich auf einen Stock, hat fortwährend 
Angst hinzustürzen, lehnt sich also möglichst an die Wand oder ein 
Möbelstück an. Auch sonst ist er ziemlich kleinlaut geworden, ist ungemein 
bescheiden, seine Stimme ist leise, seine Kede kurzatmig, hastig, die 
Schrift fast unleserlich. Den Verkehr mit der Braut hat er halb und 
halb wieder aufgenommen, aber (seitdem es ihm etwas besser geht) hat 
er sein Verhältnis zu Gott wieder gelöst. 

Es ist nicht schwer, in diesen beiden Fällen die Bedingungen wieder- 
zuerkennen, unter denen es, wie früher erzählt, zur Produktion einer 
Angsthysterie mit Phobien kommen kann. Beide Patienten haben es an 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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über zwei Typen der Eriegsneurose. 141 

Selbstschätzung, vielleicht Selbstüberschätzung ziemlich weit gebracht. 
Die Begegnung mit einer überstarken Gewalt, dem Granatluftdruck, die 
sie wie ein Nichts zu Boden warf, mag ihre Selbstliebe aufs äußerste 
erschüttert haben. Die Folge eines solchen psychischen Shoks kann 
sehr gut die neurotische Regression gewesen sein, d. h. der Rück- 
fall in eine (phylo- und ontogenetisch) längst überwundene Entwicklungs- 
stufe. (Eine solche Regression fehlt niemals in Symptomatologie der 
Neurosen, da auch anscheinend ganz überwundene Phasen ihre An- 
ziehungskraft nie ganz einbüßen und sich bei günstiger Gelegenheit 
immer wieder geltend machen.) Die Stufe nun, auf die diese zwei Neu- 
rotiker regredierten, scheint das infantile Stadium des ersten Lebensjahres 
zu sein, einer Zeit, in der sie noch nicht ordentlich gehen und stehen 
konnten. Wir wissen, daß dieses Stadium auch ein phylogenetisches 
Vorbild hat; ist doch der aufrechte Gang ein ziemlich später Erwerb 
unserer Vorfahren in der Säugetierklasse. 

Es ist nicht unbedingt notwendig, daß die Selbstliebe aller dieser 
Kriegsneurotiker derart übertrieben groß gewesen sei. Beim sogenannten 
Normalmenschen kann ein entsprechend großes Trauma im gleichen 
Maße auf das Selbstvertrauen erschütternd wirken und ihn so ängstlich 
machen, daß schon der Versuch des Sitzens, Stehens oder Gehens — 
wie beim eben gehen lernenden Kind — von einem Angstausbruch be- 
gleitet ist. (In dieser Anschauung bestärkte mich der naive Ausspruch 
einer meine Pflegerinnen bei der Morgen visite : „Herr Doktor, der geht 
ja wie ein Kind, das gehen lernt.") Neben diesem regressiven Zug, der 
die Patienten ans Bett fesselt oder ihre Freizügigkeit beeinträchtigt, mag 
in vielen, vielleicht in allen Fällen auch die „Sekundär"-Funktion der 
Neurose am Werke sein. Es ist verständlich, daß die Aussicht, nach dem 
Gesund werden wieder ins Feld geschickt zu werden, wo es ihnen ein- 
mal so schlecht ergangen ist, auf diese Kranken abschreckend wirkt und 
die Heilung — mehr minder unbewußt — verzögert. 

Betrachten wir noch einige der beschriebenen Symptome. Das auf- 
falligste von allen ist gewiß das Zittern, das in den meisten Fällen 
das Krankheitsbild beherrscht. Die soeben behandelten Gehstörungen 
werden ja fast stets durch ein klonisches Zittern der Unterextremitäten 
bewerkstelligt. Auch beim Symptom des Zitterns ist der regressive Zug 
unverkennbar. Aus einer mannigfach innervierbaren Extremität mit kom- 
plizierter Bewegungskoordination wird bei diesen Neurotikern ein bei 
der Intention zwecklos zitternder, zu höheren Leistungen unbrauchbarer 
Fortsatz des Körpers. Die Vorbilder für diese Reaktions weise müssen 
wir — ontogenetisch — in der frühesten Ejndheit, phylogenetisch aber 
weit zurück in der tierischen Ahnenreihe suchen, wo das Lebewesen 
auf Reize noch nicht mit Veränderungen der Außenwelt (Flucht, An- 
näherung), sondern nur mit Veränderungen des eigenen Körpers ant- 

ZoiUchr, f. »ratl. Paychoanaljse. IV/S. 10 



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142 r>r. S. Ferenczi. 

wortete. — Ich meine also, daß es sich bei diesem „neurotischen" Zittern 
um dieselbe Innervationsstörung handelt, die uns auch aus dem Alltags- 
leben als Zittern vor Angst — vielleicht eher aus Furcht — bekannt ist. 
Jede Muskelinnervation kann durch die hemmende Innervierung der Anta- 
gonisten gehindert oder verhindert werden. Ist diese Innervierung der Ago- 
nisten und Antagonisten synchron, so kommt es zur spastischen Starre, er- 
folgt sie rhythmisch alternierend, so wird das innervierte Glied zittern. In 
unseren Fällen finden wir alle möglichen Kombinationen von spastischen 
und Zitterzuständen. So kommt es zu dieser eigenartigen Gehstörung, bei 
der trotz aller Gehanstrengung keine Ortsveränderung erzielt wird und 
die wir am besten als „nicht vom Fleck kommen" (pi6tiner sur place) 
bezeichnen könnten. Auch diese Koordinationsstörung wird gleichzeitig 
zur Schutzvorrichtung, die den Kranken vor dem Wiedererleben der 
Angst bewahren will. Es mag hier erwähnt werden, daß bei den ge- 
wöhnlichen Astasien. Abasien, wie wir sie aus der Friedenspraxis 
kennen, diese Kombination der Gehstörung mit dem Zittern fehlt. Die 
topophobischen Zustände werden dort einfach durch Schwächezustände, 
durch Schwindel gefühle etc. bewerkstelligt. 

Das andere auffällige Dauersymptom dieser Kriegsneurosen ist die 
mehr minder hochgradige Hyperästhesie aller Sinne, die 
Photophobie, die Hyperakusis und die passive Berührungsangst. (Letztere 
ist meist nicht mit Hauthyperästhesie verbunden — die Hautempfind- 
lichkeit kann sogar herabgesetzt sein oder fehlen; es handelt sich nur 
um überstarke Abwehrreaktionen gegen Berührung.) Zur Erklärung dieses 
Symptoms müssen wir folgende Annahme Freuds heranziehen. Wenn 
man auf eine Erschütterung, auf das Herannahen einer Gefahr gefaßt ist, 
so vermögen die bei der Erwartung mobilisierten Aufmerksamkeits- 
besetzungen den Reiz der Erschütterung zu lokalisieren und das Zustande- 
kommen jener Fernwirkungen der Erschütterung, wie wir sie bei der 
traumatischenNeurose sehen, zu verhindern. Ein anderes Lokalisa- 
tionsmittel der Wirkungen der Erschütterung ist — nach Freud — 
eine schwere, reale, der psychischen Erschütterung adäquate Schädigung 
des Körpers beim traumatischen Anlaß. Bei den hier gezeigten Fällen von 
traumatischer Angsthysterie trifft keiner dieser Umstände zu: es 
handelt sich um eine plötzliche, meist unerwartete Erschütterung ohne 
schwere Körperbeschädigung. Doch selbst in den Fällen, in denen das 
Herannahen der Gefahr gemerkt wurde, mag die Erwartungsbesetzung 
der tatsächlichen Reizstärke der Erschütterung nicht adäquat gewesen 
sein und das Abströmen der Erregung in abnorme Bahnen nicht ver- 
hindern haben können. Es ist wahrscheinlich, daß sich das Bewußtsein 
vor solch überstarken Erregungen zunächst überhaupt automatisch ver- 
schließt. — Wir können annehmen, daß nach dem Trauma eine gewisse Dis- 
krepanz zwischen dem von der Erschütterung relativ verschonten Bewußt- 



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über zwei Typen der Kriegsneurose. 143 

sein und dem übrigen Teile des neuropsychischen Apparats besteht. Zu 
einer Ausgleichung kann es hier nur kommen, wenn auch das Bewußt- 
sein der Unlusterregungen teilhaftig wird; dies wird eben dann durch 
eine gewisse „traumatophile" Einstellung, durch die Überempfindlichkeit 
der Sinne besorgt, die dann dem Bewußtsein allmählich, in kleinen 
Dosen, gerade so viel ängstliche Erwartung und Erschütterung zuführt, 
als es sich bei der Erschütterung ersparen wollte. In den immer und 
immer sich wiederholenden kleinen Traumen, bei jeder Berührungser- 
wartung, bei jedem kleinen Geräusch oder plötzlicher Helle, müßten wir 
also — der Freudschen Auffassung folgend — eine Heilungstendenz, 
die Tendenz zur Ausgleichung einer gestörten Spannungs Verteilung im 
Organismus sehen. 

Ähnlich deutet Freud die ängstlichen Träume der traumatisch- 
neurotischen, in denen der seinerzeit erlebte Unglücksfall immer wieder- 
erlebt wird. Hier wartet die Psyche nicht einmal auf einen äußeren Reiz, 
um darauf übertrieben zu reagieren, sondern schafft sich selber das Bild, 
von dem sie dann erschrecken kann. Auch dieses unangenehme Symptom 
dient also dem Selbstheilungsbestreben. 

Als krasses Beispiel der „traumatophilen" Überempfindlichkeit 
zeige ich Ihnen diesen granaterschütterten Mann, dessen ganzer Körper 
— wie Sie sehen — sich in steter muskulärer Unruhe befindet, ohne 
daß er intendierte Bewegungen ausführen könnte. Seine Augen sind so 
überempfindlich, daß sie, um das Tageslicht zu fliehen, stets nach oben 
gerollt gehalten werden; der Patient rollt in kurzen Intervallen — ein 
zweimal in der Sekunde — das Auge so weit nach abwärts, daß er das 
Bild der Umgebung flüchtig betrachten kann, sonst sind seine Pupillen 
hinter dem rasch blinzelnden Oberlid versteckt. Seine Gehörshyperästhesie 
ist — wenn möglich — noch größer, sie erinnert an die Hörempfind- 
lichkeit der von Tollwut Befallenen. Im gemeinsamen Saal kann er 
wegen des Lärms bei Tag überhaupt nicht existieren, wir mußten ihn 
im Zimmer des Wärters allein schlafen lassen. Es war nun auffällig, 
daß der Patient sofort verlangte, bei Nacht im gemeinsamen Saale 
schlafen zu dürfen. Um den Grund seiner Bitte befragt, antwortete 
er wörtlich : „Im gemeinsamen Saale schrecke ich allerdings sehr oft bei 
Nacht auf, aber das Alleinschlafen ist noch ärger; in der großen 
Stille kann ich überhaupt nicht einschlafen, weil ich 
stets angestrengt aufpassen muß, ob denn doch kein 
Geräuscli zu hören ist." — Dieser Fall bestätigt die oben dar- 
gelegte Auffassung, wonach die wiederholten Schreckaffekte und die 
Steigerung der Sinnesempfindlichkeit Dinge sind, die die Traumatisch- 
neurotischen unwillkürlich selbst suchen resp. aufrechterhalten, weil 
sie einem Heilungsbestreben dienen. 

10* 



C^ no n 1 ^ Orrg I n a f f no m 

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144 ^^- S. Ferenczi. 

Dieses Verhalten der Traumatisch-Neurotischen erinnert trotz aller 
Tragik an die Situation jenes Hotelgastes, der von seinem Zimmernachbar, 
der einen Schuh beim Auskleiden gegen die Verbindungstur schleudert, 
aus dem besten Schlafe aufgeschreckt wird und, nachdem er vergeblich 
einzuschlafen versuchte, den unruhigen Nachbar flehend ersuchen 
muß, doch auch den zweiten Schuh gegen die Tür zu werfen, damit 
er einschlafen kann, — Ähnlich benehmen sich — wie es Abraham 
zuerst feststellte — manche, die in der Kindheit Opfer von Sexualatten- 
taten waren. Sie haben später den Zwang, sich neuerdings ähnlichen 
Erlebnissen auszusetzen, als suchten sie durch das nachträgliche bewußte 
Erlebnis das ursprünglich unbewußte und unverstandene zu bewältigen. 

Es ist nicht unmöglich, daß auch die Erfolge, die manche Neuro- 
logen bei der Behandlung der Kriegsneurosen mit schmerzhaften 
elektrischen Strömen erzielten, darauf zurückzuführen sind, daß diese 
Schmerzen die unbewußte Traumatophilie der Patienten befriedigen. 

Die Theorie Freuds, daß es sich bei den Neurosen nicht um 
Gleichgewichtsstörungen der Energien im banalen Sinne, sondern um eine 
Störung speziell der libidinösen Energien handelt, wurde von vielen mit 
dem Argument abgetan, daß das gewöhnliche Trauma, „das ja sicher keine 
Sexualstörungen macht", Neurosen hervorrufen kann. Nun sehen vrir 
aber, daß die an sich gewiß nicht sexuell zu nennende Erschütterung, 
die Explosion einer Granate, in sehr vielen Fällen gerade das Fehlen 
der Sexuallibido und sexuelle Impotenz zur Folge hat. Es ist 
also nicht ausgeschlossen, daß auch gewöhnliche Erschütterungen 
auf dem Wege der Sexualstörung zur Erkrankung an Neurose 
führen. Das scheinbar unwesentlichste Symptom der traumatischen Neu- 
rose, die Impotenz, kann also* bei der näheren Erklärung der Patho- 
genese jenes Leidens noch zu Ehren kommen. Als vorläufige Erklärung 
dient uns Psychoanalytikern die Annahme, daß es sich bei diesen 
Traumen um eine Ich-Verletzung, um eine Verletzung der Selbst- 
liebe, des Narzißmus, handelt, deren natürliche Folge die Einziehung 
der „Objektbesetzungen der Libido", d. h. das Aufhören der Fähigkeit ist, 
jemand anderen als sich selbst zu lieben. 

Ich glaube nicht, daß ich in Ihnen die Erwartung geweckt habe, 
daß sie von mir eine Erklärung der psychopathologischen Vorgänge bei der 
traumatischen oder der Kriegsneurose hören werden. Mein Ziel ist erreicht, 
wenn es mir gelang, Ihnen gezeigt zu haben, daß die vorgestellten Krank- 
heitsbilder wirklich zu jenen zwei Krankheitsgruppen gehören, die die Psycho- 
analyse mit demNamen Angsthysterie und Konversionshysterie 
bezeichnet Ich bin auch nicht in der Lage, Ihnen im einzelnen zu er- 
klären, warum im einen Falle Angst, im anderen Konversion, im 
dritten ein Gemenge beider zur Entvdcklung kam. So viel glaube ich 



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über zwei Typen der Kriegsnenrose. 145 

aber gezeigt zu haben, daß die psychoanalytische Untersuchung auch 
bei diesen Neurosen zumindest die Wege weist, auf denen die Erklärung 
gesucht werden muß, während die übrige Neurologie sich in der De- 
skription und in Namengebungen erschöpft. 



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Mischgebilde von erotischen und Charal(terziigen. 

Von Dr. S. Ferenczi (Budapest). 

In einer ganzen Reihe von Fällen kann man die Wahrnehmung 
machen, daß gewisse Charakterzüge gerne auf die erotische Vorstufe — 
deren Sublimierungsprodukte sie eigentlich sind — regredieren, wobei 
Mischgebilde von erotischen und Charakterzügen zu stände kommen. 

1. Ein Knabe gestand vor dem Jugendgericht in Pozsony, aus einer 
Sammelbüchse Papiergeld auf die Art entwendet zu haben, daß er lange 
Stäbe mit den eigenen Exkrementen beschmierte und mit ihrer Hilfe die 
daran anklebenden Banknoten aus der Büchse herauszog.^) 

Es ist sicherlich kein Zufall, daß der Knabe, als er über Mittel 
nachsann, seine auf Geld gerichtete Habsucht zu befriedigen, auf diese 
Idee verfiel. Der Analcharakterzug des Geldsammeins brauchte dazu nur 
die ihm selbst zu Grunde liegende Analerotik (Koprophilie) wiederzubeleben. 
Es ist dies eine Art Wiederkehr des Verdrängten im Verdrängenden. 

2. An „Hausfrauenpsychose" leidende betätigen ihre unzähmbare 
Reinigungswut mit besonderer Vorliebe an Aborten. (Kombination von 
Reinlichkeit [Analcharakter] und Koprophilie [Analerotik].) 

3. In mehreren Fällen konnte ich einen ausgesprochenen Geiz 
konstatieren, der sich aber gegen ganz spezielle Ausgaben richtete: 
gegen Geldausgabe für Wäschereinigung oder für Klosettpapier. Sehr 
viele sonst wohllebige Menschen sparen auffällig mit dem Wechsel der 
Wäsche und können sich zum Kaufe reinen Klosettpapiers für ihren 
Haushalt nur schwer entschließen. (Geiz — Analcharakter -f- Schmutz 
— Analerotik.) 

4. In einer früheren Arbeit teilte ich schon den Fall mit, in dem 
ein Kind, das schön glänzende „goldene" .Kreuzer haben wollte, die 
Kupfermünzen schluckte und sie aus dem Kot wirklich glänzend geputzt 
hervorsuchte. Die chemischen Säfte des Darmkanals lösten den Rost von 
den Münzen. (Kombination zweier Charakterzüge: Geldliebe und Rein- 
lichkeit, mit der ursprünglichen Analerotik.) 

5. Die Pedanterie vieler Anal Charaktere ist in nichts so streng, als 
in bezug auf die Pünktlichkeit der Stuhlentleerungen. 

6. Trotz ist bekanntlich ein typischer Analcharakterzug. Ein sehr 
populäres Ausdrucksmittel des Trotzes ist aber das Entblößen des Hin- 
tern und die Aufforderung zu koprophiler Betätigung. In diesem Aus- 
drucksmittel lebt die ursprüngliche Analerotik auf. 

*) Mitgeteilt von H. Jur. Dr. M. Sisa. 



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Dr. S. Ferenczi: Mischgebilde von erotischen und Charakterzügen. 147 

7. Die Analyse vieler Neurotiker und die Beobachtung des Treibens 
der Kinder zeigt uns, daß das „Zündeln", die Freude an Bränden, ja 
auch die Neigung zur Brandstiftung, ein urethralerotischer Charakterzug ist. 
Viele Brandstifter waren eben über die Norm hinaus Bettnässer und die 
Ambition, die sich aus dieser Minderwertigkeit entwickelte, wählt (aus 
noch unbekannten Gründen) gerne die herostratische Art des Ruhmes. 
In einer kriminalistischen Sammlung von Brandstiftungs fällen fanden 
sich nun eine ganze Anzahl, in denen Brandstifter gerade ihre Betten 
anzündeten und damit gleichsam auf die immer noch ergiebige enure- 
tische Urquelle ihres pyromanischen Charakterzuges hinwiesen. 

8. Ein Herr, der sich der infantilen Insuffizienz seiner Blase noch 
wohl erinnert, wurde später leidenschaftlicher freiwilliger Feuerwehrmann, 
was uns nach dem oben Gesagten nicht wunderninmit. Ist aber auch 
schon das Feuerlöschen ein Mischgebilde von herostratischem Charakter 
und Urethralerotik, so zeigte sich das Fortleben der Urethralneigungen 
noch deutlicher in der Berufswahl dieser Person. Er wurde Arzt und 
wählte die Urologie zum Spezialfach, in dem er sich fortwährend mit 
der Blasenausscheidung — anderer beschäftigen kann. 

Bedürfte es überhaupt noch eines Beweises, so könnte diese Be- 
obachtungsreihe als Argument gegen die Falschheit der Jungschen 
Auffassung dienen, wonach die sich in der Analyse ergebenden erotischen 
Regungen nicht mehr „real", sondern nur „symbolisch" zu nehmen seien. 
Die fortwährende Einmengung erotischer Tendenzen in die scheinbar 
schon „abgeklärten" Charakterzüge zeigt uns, wie nichts, wie lebendig 
wahr jene unbewußten erotischen Regungen immer noch sind und wie 
sie jede Gelegenheit wahrnehmen, um sich in irgend einer — wie wir 
sehen, oft sehr durchsichtigen — Verkleidung zu realisieren. 



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Beitrag zur psychoanalytischen AfTektlehre. 

Von Dr. Theodor Reik (im Felde). 

Wenn wir von der Beobachtung der Menschen ausgehen, können 
wir — zu deskriptiven Zwecken — zwei Typen als Extreme unterscheiden, 
die durch eine ganze Reihe von Zwischentypen voneinander getrennt und 
miteinander verbunden sind : Menschen, welche ihren Afifekten freien 
Lauf lassen, und solche, welche jeden Affektausbruch zurückdrängen. 
Wir bleiben uns dessen natürlich bewußt, daß in der Realität weder der 
eine noch der andere Typ vorhanden ist, sondern nur Annäherungen an 
beide zu finden sind. Die Beziehungen dieser beiden Typen zu den Grenz- 
fällen des kranken und gesunden Menschen bleibe vorläufig unerörtert. 

Wir vergegenwärtigen uns vielmehr den heftigen Affektausbruch 
eines Menschen, etwa einen Wutanfall und seine psychischen Konse- 
quenzen für das Ich ; wir wollen ferner versuchen festzustellen, welche 
seelischen Reaktionen sich ergeben, wenn ein solcher Ausbruch, z. B. 
durch äußere Umstände schon im Keime erstickt, unterbleibt. Dabei 
sehen wir von den psychogenen Vorbedingungen solcher Affektäußerungen, 
beziehungsweise Affektenthaltungen, wie wir sie durch die Psychoanalyse 
kennen gelernt haben, noch ab und beschränken uns darauf, die psy- 
chische Situation selbst zu beobachten. 

Der Affektausbruch bringt nicht nur eine Erleichterung, eventuell 
Lösung der momentanen öeelischen Spannung, sondern auch ein Kraft- 
gefühl, dessen Herkunft uns nicht zweifelhaft sein kann. Nehmen wir 
einen konkreten Fall : A. wurde von B. beleidigt und entlädt seinen 
Zorn in der eines gebildeten Europäers so unwürdigen Art: er gibt B. 
eine Ohrfeige. Die psychische Folge ist für A. zweifellos ein Gefühl der 
Genugtuung, in dem der Befriedigung sadistischer Tendenzen eine gewisse 
Rolle zukommt. Doch die Handlung selbst löst in A. ein Selbstgefühl 
aus, das durch diese Triebbefriedigung nicht völlig erklärt wird. Dieses 
Selbstgefühl hat eine Wurzel in der bewußten Wahrung der eigenen 
Persönlichkeit vor Beleidigungen, seelischen Beeinträchtigungen des Ich 
und wenn wir der Fortsetzung dieser Gefühle ins Unbewußte folgen, 
stoßen wir auf den Restbestand des primären Narzißmus, der sich so 
seiner Existenz wehrt. War jene Ohrfeige der handgreifliche Ausdruck 
des verletzten Narzißmus (sit venia verbo), so ist das gesteigerte Selbst- 
gefühl nachher ein Zeichen seiner Wiederherstellung. 

Doch nehmen wir einen anderen Fall : wir geben unserem Schmerze 
über den Tod eines teuren Verwandten durch heftiges Weinen Ausdruck. 



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Beitrag zur psychoanalytischen Affektlehre. I49 

Neben den vielen, starken Gefühlen, die in diesem Augenblick ihre 
Wirksamkeit erweisen und die, wie die Analyse gezeigt hat, keineswegs 
einheitlicher Natur sind, wird noch Raum für ein Gefühl der Genug 
tuung sein, welches nicht nur aus der Befriedigung unbewußter feind- 
seliger Regungen stammt, sondern wenn man es (grob) in die Sprache 
des Bewußtseins übersetzte, etwa so ausgedrückt werden müßte : „Ich 
bin doch ein braver oder edler Mensch, daß ich den Toten so betrauere;^) 
ich bin solcher starker Liebesgefühle fähig." Dadurch werden die auf- 
steigenden feindlichen Regungen abgewehrt, ihnen gleichsam ihr Gewicht 
genommen; neben dieser Beschwichtigung aber ist es so, als hätte sich 
das Ich durch jenen AflFektausbruch seines Wertes versichert. Es scheint, 
als wäre die innere Überzeugung, starke Objektliebe fühlen zu können, 
für den Einzelnen gewissermaßen ein Zeichen dafür, daß seine ethische 
Persönlichkeit intakt ist. Es kommt freilich vor, daß jenes Gefühl der 
Genugtuung durch eine Wiederkehr des Verdrängten gestört wird, indem 
in dem Trauernden die Frage auftaucht, der Zweifel rege wird: „Aber 
betrauere ich ihn wirklich so, hab' ich ihn denn wirklich lieb gehabt." 

Der gefährdete Narzißmus hat durch den Affektausbruch gleichsam 
eine Bestätigung seiner Existenzberechtigung gewonnen. Wir haben be- 
reits bemerkt, daß das gesteigerte Selbstgefühl nach dem Affektausbruch 
der Index für die Wiederherstellung des Narzißmus ist. Es läßt sich leicht 
(auch aus der Mimik) beobachten, daß in diesen und ähnlichen Fällen 
eine Steigerung des Persönlichkeitsbewußtseins, also der bewußtseins- 
fahigen Repräsentanz des Narzißmus, erfolgt. Wir können sagen: das 
ursprüngliche, narzißtisch begründete Gefühl der „Allmacht der Ge- 
danken", das dem primären Lustprinzip folgte, hat sich einen geheimen 
Zugang ins Leben der Erwachsenen zu schaffen gewußt, indem es zu 
einem freilich kurzen Gefühl der „Allmacht der Tat" wurde, die vom 
Ich ausgeht. Wird nicht etwa in A., der jene Beleidigung so impulsiv 
gerächt hat, das Gefühl aufsteigen: „Ich brauche mir gar nichts gefallen 
zu lassen. Ich haue drein. Dem hab' ich's aber gegeben!" Alle seelische 
Anpassung an das Realitätsprinzip, aller Triebverzicht versinkt für einen 
Augenblick und was zurückbleibt, ist ein selbstverliebtes, eitles Band, das 
den Erwachsenen spielte. 

Wir sind gewöhnt, die Vorbildlichkeit der Vita sexualis für das 
ganze übrige Leben des Individuums zu postulieren und es erscheint 
deshalb nicht allzukühn, wenn wir uns zu behaupten getrauen: der 
elementare Affektausbruch bringt dem Individuum dieselbe, dem Be- 
wußtsein zum Teil zugängliche Erhöhung seines Narzißmus, die ihm der 
lust volle Sexual verkehr gewährt. 



*) Der Ton ruht auf dem „doch** so wie in dem Ausrufe des Marquis von 
Posa: „0 Königin, das Lehen ist doch schön!" 



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OrfgfrTaffrom 
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150 I^r. Theodor Reik. 

Ein Einwand hindert hier unser Vorschreiten : es gibt Fälle genug, 
in denen einem Affektausbruch schwere Beeinträchtigungen des primären 
Ich zu folgen scheinen, indem nämlich Gewissensbisse oder Selbstvor- 
würfe eben wegen jenes Affektes wach werden. Dies ist allerdings richtig, 
doch wird dadurch unsere Beobachtung, daß der Affektausbruch als 
solcher eine länger oder kürzer dauernde Steigerung des individuellen 
Selbstgefühls zur Folge habe, nicht entkräftet. Denn jene Reaktions- 
erscheinungen stellen sich gewöhnlich erst einige Zeit später ein, nachdem 
z. B. Überlegungen über die Folgen dieses Affektausbruches oder diesem 
gegensätzliche Gefühlsregungen (etwa reaktiv verstärkte Reue- und Zärt- 
lichkeitsgefühle nach einem Zornanfall) geltend gemacht haben. Ander- 
seits darf nicht vergessen werden, daß auch solche psychische Reaktionen 
nicht völlig der Beziehung zum Narzißmus entbehren. Hat z. B. der 
Affektausbruch Schuldgefühle im Gefolge, so können sich diese auf das 
lehideal stützen, welches sich unter dem Drucke der nicht völlig ge- 
glückten Triebverdrängung gebildet hat. Die Ableitung der Ichideal- 
bildung aus dem Narzißmus ist uns seit Freuds Artikel über diese Stufe 
der Entwicklung bekannt. 

Wenn wir nun zur Betrachtung der Affektenthaltung übergehen, 
bietet sich uns eine Reihe psychischer Erscheinungen, die dem Psycho- 
analytiker wohl bekannt sind. Hieher rechne ich das von A. Adler so 
•oft herangezogene Minderwertigkeitsgefühl der Neurotiker. Ein solches 
besteht tatsächlich oft im Bewußtsein der Kranken und seine Entstehung 
haben die Analysen der Psychoneurosen auf verschiedene Ereignisse und 
Gefühlskonflikte früher Kinderzeit zurückgeführt. Was aber A. Adler in 
seinem System völlig übersieht, ist, daß diese bewußten Minderwertig- 
keitsgefühle einen hypertroph ausgebildeten Narzißmus verdecken und 
wohl auch verdecken sollen. Wenn ein Vergleich gestattet ist, könnte 
man sagen : die Neurotiker benehmen sich in dieser Hinsicht wie jene 
reichen Leute, die bestandig wegen ihrer Armut klagen, aus Furcht, ihr 
Reichtum könnte bekannt werden. 

Wenn wir unsere Frage nach den Folgen der Affektenthaltung 
wieder aufnehmen, getrauen wir uns zu sagen, daß so wie die elemen- 
tare Affektäußerung zu einer Steigerung des bewußten Selbstgefühles 
führt, die Affektenthaltung eine unbewußte Steigerung der narzißtischen 
Ichbeset^ung zur Folge hat. Diese Änderung kann, wie z. B. beim Neu- 
rotiker, mit Insuffizienzgefühlen durchaus Hand in Hand gehen, ja es ist 
sogar ein gewöhnlicher Fall, daß Selbstvorwürfe und Depressionen nach 
Affektenthaltung eintreten — dennoch darf man die Behauptung von 
einer Steigerung der unbewußten Ichbesetzung aufrecht erhalten. 

Wieder sei auf unser erstes Beispiel verwiesen : A. sei von B. schwer 
beleidigt worden. Seine Erziehung sowie seine ganze seelische Einstellung 
verbiete ihm die adäquate Befriedigung seiner Rachewünsche, also die 



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Beitrag zur psychoanalytischen Affektlelire. 151 

sofortige Vergeltung der Beleidigung durch die Tat und das Wort. Der 
durch jene Beleidigung verletzte Narzißmus wird nun reaktiv verstärkt, 
um 1. der durch den Ausfall der motorischen Befriedigung der Rache- 
gelüste bedingten Depression das Gleichgewicht zu halten und 2. die 
Beleidigung innerlich zu entkräftigen. Es ist in solchen Situationen wohl 
möglich, daß die Rachsucht trotz der strengen Zensur einen Notausgang findet. 
Sie schließt gleichsam einen Vertrag mit dem Torwächter des Bewußt- 
seins: ^ Der Mann kann mich gar nicht beleidigen!" sagen wir uns dann 
wohl und bemerken nicht, daß in dieser Überlegung durch die Herab- 
setzung des Gegners die eigene Erbitterung durchdringt und auch der 
reaktiv verstärkte Narzißmus durch die Erhöhung der eigenen Persön- 
hchkeit darin zum Ausdrucke kommt. 

Das schweigende Ertragen einer Demütigung oder Kränkung hat 
wie die Affektabfuhr eine seelische Genugtuung zur Folge. Hier bewußte 
Steigerung des Selbstgefühls, dort unbewußte Steigerung des Narzißmus. 
Der Unterschied ist ein qualitativer: wenn z. B. die Affektabfuhr als 
sofortige Reaktion nach jener Beleidigung lustvoll empfunden wird, weil 
sie sich auf sadistische Tendenzen stützen kann, so kann die Affekt- 
enthaltung in unserem Falle Lust aus masochistischen Triebkomponenten 
schöpfen — ohne deshalb etwa auf sadistische Triebmobilisierung zu 
verzichten. Diese aggressiven Impulse können außer in den dem Gegner 
geltenden Wünschen auch in dem heftigen Protest gegen eine herrschende 
Weltanschauung, die uns elementare, affektive Reaktionen verbietet, zur 
Geltung gelangen. Auch eine Zeitdifferenz in der Wirksamkeit der er- 
weckten Gefühle darf nicht übersehen werden: es liegt im Wesen der 
adäquaten Affektabfuhr, daß die affektive Erregung darin ihr definitives 
oder zumindest vorläufiges Ende findet. Dagegen wird der Affekt 
desjenigen, der keine elementare Abreaktion vornimmt, ein länger- 
dauernder, ja unter Umständen unvergänglicher sein. Wenn wir bei 
der elementaren Affektäußerung von einer augenblicklichen „Allmacht 
der Tat" gesprochen haben, so wirkt die „Allmacht der Gedanken" 
bei denen, die sich keine Affektäußerung erlauben, um so mächtiger. Bei 
der Ersetzung der Tat durch die Gedankenbefriedigung geht eine be- 
deutsame Veränderung des Charakters jener ursprünglich intendierten 
Tat vor sich : sie wird in der Phantasie vergrößert, verschärft, feiner, 
unter Umständen grausamer und fast immer komplizierter. A., der sich 
so schwer beleidigt gefühlt hat und jede Affektäußerung unterdrückt hat, 
wird sich in seiner Rachephantasie nicht etwa mit einer Ohrfeige be- 
gnügen : er wird den Gegner schwerer treffende Vergeltungen aussinnen : 
er wird also wünschen, ihn zu töten, ja ihm vorher Qualen und Mar- 
tern zuzufügen. Es ist auch kein Aufgeben der Rache, die er großmütig 
vornimmt, sondern nur ein Aufschieben. Seine Rachephantasien werden 
sublimierter : ein Kind, dem der Vater angeblich schweres Unrecht tat, 



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152 Dr. Theodor Reik. 

trug sich mit Selbstmordabsichten und sah in der Phantasie, wie schwer 
es den Vater treffen würde, wenn man es sterbend nach Hanse tragen 
und es dem Vater sein Unrecht vorhalten wurde. Auch derjenige, der 
feurige Kohlen auf das Haupt des Gegners sammelt, übt Rache und in 
seiner Phantasie schmerzensreichere, als wenn er seine Kränkung sofort 
elementar vergelten könnte. Wir sehen, daß die Affektenthaltung oft 
größere Lust entbindet als die Affektabfuhr. Von diesem Standpunkte 
aus, also im Sinne des Lustprinzips, wird man jenes Wort verstehen, 
das da verkündet, Unrecht erleiden sei seliger als Unrecht tun. 

Es sei nur kurz darauf hingewiesen, daß sich uns hier das Problem 
der Affektaufschiebung (nicht Affektverschiebung!) entgegenstellt, dessen 
Beziehungen zu libidinösen und Ichtendenzen noch biologischer und 
psychologischer Erklärung bedürfen. Es bleiben ferner die feineren 
Mechanismen zu ergründen, die von der (temporären) Affektaufschiebung 
zu Affektverschiebungen und Affektverdichtungen führen. Im Zusammen- 
hange mit diesen Problemen werden wohl die vielfachen, eigenartigen 
Beziehungen zu erörtern sein, die zwischen Affektenthaltung — genauer : 
Enthaltung von Affektäußerung — und den Exkrementalvorgängen vor- 
handen sind. Wir würden auf diesem Wege z. B. zu einer Ökonomie der 
Haßregungen kommen, deren Relation zur Analerotik uns seit den 
Forschungen Freuds, Jones und Ferenczis bekannt ist.^) In Freuds 
Arbeit über Analerotik ist als einer der späteren, charakterologischen 
Eigenheiten auch der Trotz angeführt. Es ist klar, daß der Trotz zu 
der typischen Enthaltung jeder heftigen Affektäußerung paßt, denn Trotz 
stellt sich nur dann ein, wenn seelisch schwer empfundene Beeinträch- 
tigungen des Ich nicht ihre adäquate Affektreaktionen finden. Der Zu- 
sammenhang der Affektenthaltung und Affektaufschiebung mit den Vor- 
gängen des Sexuallebens ist, wie ich meine, noch nicht völlig ergründet. 
Der Fall, daß ein Mann seinen heftigen Ärger gegen seine Frau oder 
seine Geliebte unterdrückt oder seine feindseligen Regungen gegen sie 
verdrängt und später mit Ejaculatio praecox oder Impotenz reagiert, ist 
keineswegs selten. Ja es kommt vor, daß der Mann sich keine Affekt- 
abfuhr erlaubt, weil er Rücksicht auf die Frau nimmt (sie!) und seine 
unbewußte Rache auf so raffinierte Art nimmt: die Mühlen unserer 
Haßregungen mahlen langsam, aber sicher. Auch hier führt uns der 
Weg ins Kinderland zurück: die frühinfantile Gleichsetzung von Urin 
und Sperma ist uns bekannt; noch ist Rolle der Scham und ihre Ver- 
knüpfung mit der sich später entwickelnden Schamhafi-igkeit, starke 
Gefühle zu äußern, zu studieren. Es scheint, als würde die elementare 
Affektäußerung, das Herausschleudern von Wut- und Haßregungen innig 
verbunden sein mit normaler Ejakulation und Exkretion; Affektauf- 

^) £s ist mir hier im Felde leider nicht möglich, genaue Literatorangaben zu 
machen. 



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Beitrag zur psychoanalytischen Affektlehre. 153 

Schiebung und Affektenthaltung mit pathologischen oder zumindestens 
abnormalen Vorgängen im Gebiete des Sexuallebens und im Exkremen- 
tellen. So würden auch hier körperliche Symptome zum Spiegelbild 
psychischer Vorgänge. 

Wir sehen, welche Fülle ungelöster, schwieriger und gewiß inter- 
essanter Probleme hier verborgen sind : sie zu lösen ist, wie ich meine, 
die Psychoanalyse berufen. 



C^ nonl^ Orrgmaf fnom 

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Mitteilungen. 



Einige Belege zur GefflhlseinstelluDg weiblicher Kinder gegenüber 

den Eltern. 
Von Dr. Karl Abraham. 

Eine Mutter berichtet mir von ihrer vierjährigen Tochter: „Sie hängt 
mit besonderer Liebe und Zärtlichkeit an ihrem Vater. In letzter Zeit spielt 
sie mit Vorliebe , Vaters Frau*. Als ich sie nun fragte, warum sie Vaters Frau 
sein wollte, meinte sie : ,Ich möchte so gern wissen, wie das ist ; und dann 
kann ich auch endlich mal probieren, wie Kaffee schmeckt'. Auf meine Ein- 
wendung, wo ich denn dann bleiben solle, hatte sie die Antwort bereit: ,Du 
bist dann eben unser Kind!'" 

„Einmal" — so fährt der Bericht der Mutter fort — „erzählte die 
Kleine ihrer älteren Schwester eine selbsterdachte Geschichte ; die fing an : 
,Es war einmal ein Zwerg, der hatte sieben kleine Zwerglein, und die Mutter 
davon war schon längst gestorben.' Ich fragte, warum denn die Mutter ge- 
storben sei, und erhielt zur Antwort : ,Ach, die war ja schon über 100 Jabre 
alt und sehr krank.'" 

„Vor einigen Monaten blieb E. ... im zoologischen Garten vor dem 
Wild seh weinkäfig stehen, in dem sich eine Sau mit vielen Jungen befand. 
Voll Entzücken rief E. : ,Sieh mal, da ist ein Vater Schwein mit seinen 
Kindern !* Ich erklärte ihr, das sei die Mutter ; darauf sie : ,Nein, der Vater.' 
Als ich nochmals versicherte, es sei die Mutter, fragte sie : ,Aber wo ist dann 
der Vater?' Erst als ich sagte, der sei wohl nur einmal ausgegangen, nahm 
ihr Gesichtchen wieder einen zufriedenen Ausdruck an." 

„Eines Tages sprach E, davon, ,wenn sie erst einmal eine Braut wäre'. 
Ich fragte: ,Wer soll denn dein Bräutigam sein?* Da kam prompt die Antwort: 
,Nun, natürlich mein Geliebter, der Vater !' Einige Wochen danach sagte sie 
zum Vater, als er sich verabschiedete : ,Adieu, mein geliebter Mann!*" 

Dies ist nur eine Auswahl aus zahlreichen ähnlichen Äußerungen des- 
selben Kindes. Sie lassen alle in übereinstimmendem Sinne erkennen, wie die 
vierjährige Kleine ihre Liebe vorwiegend dem Vater zuwendet, ihn sozusagen 
der Mutter fort nimmt und ihn als ihren Mann bezeichnet; wie sie ander- 
seits die Mutter kurzerhand beseitigt oder aber sie zum Kinde macht (die 
Rolle also mit ihr tauscht). Die Beseitigung geschieht in den mitgeteilten 
Beispielen freilich nur in einer indirekten Form : nicht das Kind selbst, wohl 
aber die Zwerge oder die Schweinchen haben keine Mutter, sondern nur 
einen Vater ! 

Das Beispiel eines anderen Mädchens zeigt die gleichen Tendenzen, nur 
ist der Todeswunsch gegen die Mutter und das erotische Empfinden gegenüber 
dem Vater noch unverhüllter erkennbar. 

Die vierjährige H.... gab einmal, als sie in Abwesenheit der Mutter 
mit dem Vater zu Mittag aß, ihren Gefühlen Ausdruck wie folgt : „Es ist 



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Dr. S. Ferenczi: Schweigen ist Gold. 155 

doch schön, daß die Mama heute nicht zu Hanse ist." Auf die Frage des 
Vaters, warum sie denn darüber erfreut sei, antwortete die Kleine : »Dann 
kann sie uns doch nicht dazwischen reden, wenn wir uns unterhalten". Einige 
Wochen später wurden diese Beseitigungswünsche noch deutlicher. H. stellte 
jetzt ihrer Mutter die Frage: ^Mama, wann stirbst du eigentlich?" Sie be- 
ruhigte sich mit dem erhaltenen Bescheid nur scheinbar. Schon nach wenigen 
Tagen hieß es: ,,Mama, ... in zehn Jahren, lebst du da immer noch?^ 
Während eines Zeitraumes von mehr als einem Monat wiederholten sich diese 
Fragen viele Male ; doch galten sie stets nur der Mutter, niemals dem Vater, 
Als die Mutter einmal replizierte : ^Wenn ich aber sterbe, dann hast du doch 
keine Mama mehr !", erfolgte prompt die Antwort: „Dann habe ich doch noch 
den Papa !" 

Im gleichen Alter äußerte die Kleine eines Tages während der Mittags- 
mahlzeit: „Papa, ich könnte dich doch mal nackt sehen." Dergleichen kam 
nur dieses eine Mal in so ausgesprochener Form vor. Dem Kinde gelang es 
anscheinend leichter, auf die Erfüllung dieses Wunsches zu verzichten als auf 
seine feindselige Einstellung zur Mutter. 

Aus dem Verhalten älterer Kinder und Erwachsener hat Freud den 
Schluß gezogen, jene primitiven Regungen seien der Verdrängung und 
Sublimierung verfallen ; er hat auch auf die so häufige Umwandlung ursprüng- 
licher Triebregungen in Impulse entgegengesetzter Art hingewiesen. („Reak- 
tionsbildung.") Es ist nun gewiß von Interesse, diesen Umwandlungsprozeß 
bei einem Kinde direkt zu beobachten, so wie es in dem Falle der kleinen 
H. . . . möglich war. 

Die Todeswünsche gegen die Mutter waren eine Zeitlang ungehemmt 
geäußert worden. Dann vernahm man einige Wochen hindurch weder Äuße- 
rungen besonderer Feindschaft noch besonderer Liebe gegenüber der Mutter. 
Eines Tages begann H., auf Spaziergängen ihre Mutter zu bitten, mit ihr an 
alle möglichen Schaufensterauslagen heranzutreten. Sie fragte dann — je nach 
den ausgestellten Waren — : „Welcher Hut gefällt dir am besten?" „Welches 
Kleid möchtest du haben?" so wie sonst Erwachsene Kinder zu fragen pflegen. 
Zeigte die Mutter dann, welches Objekt ihr am besten gefiel, so folgte jedes- 
mal die Versicherung der Kleinen: „Wenn ich groß bin, schenke ich dir 
diesen Hut" [oder sonstigen Gegenstand]. Geschenke sind in den Augen des 
Kindes besonders wichtige Liebesbeweise. H. hatte also bereits die Todes- 
wünsche tiberwunden und tiberhäufte nun die Mutter mit Liebesbeweisen. 
Freilich konnte sie nur Versicherungen für künftige Zeiten geben. Aber gerade 
darin zeigte sich eine bemerkenswerte Kompromißbildung. H. verlangte nicht 
mehr, daß die Mutter tot sein solle, wenn sie selbst „groß** geworden sei. 
Sie begnügte sich mit dem Rollentausch, den ich vorher bei der kleinen E. . . . 
erwähnte. Sie drückte durch ihr Verhalten den Gedanken aus: Wenn ich 
groß bin, habe i c h das Geld, weil ich Vaters Frau bin ; dann bist du unser 
Kind and mußt dir von m i r etwas kaufen lassen ! 

2. 

Schweigen ist Gold. 
Von Dr. S. Ferenczi. 

Ein zwangsneurotischer Patient — sonst manchmal wortkarg und zögernd 
in der Assoziation — zeigt sich in einer Stunde auffallend redselig. Hierauf 
aufmerksam gemacht, konstatiert er selber das Ungewöhnliche seiner Rede- 
weise, beklagt dies aber mit der ihm eigenen Selbst Verspottung, da doch 



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OrfgfrTaffrom 
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156 Mitteilungen. 

„Schweigen Gold" sei. — Auf diesen Einfall hin verweise ich auf die sym- 
bolische Identität von Gold und Kot und sage ihm, daß er offenbar mit den 
Worten, wie mit dem Gold und Kot, zu geizen pflege und heute nur aus- 
nahmsweise in verschwenderischer Stimmung sei. Ich erkläre ihm übrigens, 
dafi sein Einfall auch die psychoanalytische Erklärung des Sprichwortes vom 
„goldenen Schweigen" ermögüche, Schweigen ist nur darum „Gold**, weil das 
NichtSprechen an und für sich eine Ersparnis (an Aufwand) bedeutet. Bei 
dieser Bemerkung bricht der Patient in ein unbändiges Lachen aus und 
erzählt mir, daß er am selben Tage — ausnahmsweise — einen sehr 
ergiebigen Stuhl gehabt habe, während er sonst — wenn auch ziemlich regel- 
mäßig — doch immer nur kleine Quantitäten zu entleeren pflegte. (Der 
aktuelle Anlaß zur Redseligkeit und Verschwendung war die plötzliche Be- 
freiung von einem äußeren Zwange ; es wurde ihm ermöglicht, eine Reise, die 
er sehr ungern gemacht hätte, zu unterlassen.) 

Ein anderer Patient (Hysteriker) leidet u. a. an zwei Symptomen, die 
immer gleichzeitig und in gleicher Intensität auftreten : Stimmritzenkrampf und 
Krampf des Sphincter ani. Ist er in gehobener Stimmung, so ist seine Rede 
laut und frei, sein Stuhl ergiebig und „befriedigend". Bei Depression (ins- 
besondere aus Anlaß irgend einer Unzulänglichkeit) oder beim Verkehr mit 
Vorgesetzten und Höheren treten Stimmlosigkeit und Tenesmus zu gleicher 
Zeit auf. 

(Die Analyse dieses Patienten ergibt u. a., daß er zu jenen nicht sehr 
seltenen Menschen gehört, die ihren Stuhl zurückhalten, weil sie davon eine 
„Stärkung** [in physischer und psychischer Hinsicht] erwarten, während sie 
von der Entleerung „geschwächt** zu werden fürchten. — Nach meiner bis- 
herigen Erfahrung ist diese innige assoziative Verknüpfung von „Stärke** und 
„Zurückhaltung** auf infantile Unfälle zurückführen, in denen die Patienten 
„zu schwach** waren, den Stuhl zurückzuhalten. Diese Tendenz zur Zurück- 
haltung strahlt dann auch auf psychische Gebiete aus und führt zur Zurück- 
haltung möglichst aller Emotionen, aller „ Gefühlsergüsse ** ; ein Gefühlsaus- 
bruch, der nicht mehr zurückgehalten werden konnte, kann ähnlich starkes 
Unglücksgefühl zur Folge haben, wie seinerzeit die anale Inkontinenz.) 

Daß es zwischen Analerotik und Sprache gewisse Beziehungen gibt, wußte 
ich schon von Prof. Freud, der mir von einem Stotterer erzählte, bei dem 
alle Einzelheiten der Sprachstörung auf analerotische Phantasien zurückzu- 
führen waren. Auch Jones wies in einer Arbeit vielfach auf die Möglichkeit 
der Libidoverschiebung vom Analen aufs Phonetische hin. Schließlich konnte 
auch ich in einer früheren Arbeit (über obszöne Worte) auf die Beziehungen 
zwischen musikalischer Stimmbildung und Analerotik hinweisen. 

Die Mitteilung obiger Fälle schien mir begründet, da sie die Annahme 
rechtfertigen, daß Stimm- und Sprachbildung sowie Analerotik nicht nur 
zufällig und ausnahmsweise, sondern gesetzmäßig miteinander verknüpft sind. 
Das Sprichwort: „Schweigen ist Gold** könnte als volkspsychologische Be- 
stätigung dieser Annahme gelten. 

3. 

Zur Psychopathologie des Alltagslebens. 
Von Dr. Viktor Tausk. 

1. 

Ein Sohn verspricht sich. 

Ein junger Landsturmoffizier, der wegen verschiedener nervöser Be- 
schwerden, vor allem wegen großer „innerer Unruhe*', meine ärztliche Hilfe 



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OrfgfrTaffrom 
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Dr. Viktor Tausk: Zur Psychopathologie des Alltagslebens. 157 

in Anspruch nehmen wollte, berichtete unter anderem : „Nach dem Tode 
meines Vaters übernahm meine Mutter das Geschäft des Vaters, ein großes 
gewerbliches Unternehmen. Zu dieser Zeit war ich Rechtshörer und stand vor 
der ersten Staatsprüfung. Obgleich meine Mutter eine umsichtige und tat- 
kräftige Frau ist, deren Energie und Überlegenheit wir Kinder deutlich 
kennen gelernt hatten, konnte ich das Gefühl des Mißtrauens gegen ihre 
Fähigkeit, ein so großes Unternehmen zu leiten, nicht abwehren. Für der- 
gleichen großzügige Arbeit muß man ein Mann sein. Die Mutter kann un- 
möglich ein vollwertiger Ersatz des Vaters sein. 

Mir wurde bange um das Schicksal des Geschäftes, das der Vater zu 
hohem Ansehen gebracht hatte. Von dieser Sorge gepeinigt, fühlte ich mich 
im Studium gehemmt und mußte das Lernen schließlich ganz aufgeben, da 
ich in eine ganz unbestimmte innere Ruhelosigkeit verfiel, die es mir unmög- 
lich machte, über den Büchern zu sitzen. Ich habe die Staatsprüfung, die so 
nahe bevorgestanden hatte, nicht ablegen können und bin seither, d. i. seit 
vier Jahren, im Studium nicht mehr weiter gekommen. Ich verbrachte meine 
Zeit in Kneipen und Vergnügungslokalen. Deshalb geriet ich in harte Kon- 
flikte mit der Mutter, die mich nun dadurch zu einer anderen Lebensführung 
zu bestimmen versuchte, daß sie meine Geldbezüge einschränkte. Der Erfolg 
dieser Maßregel war, daß sich meine Nervosität noch bedeutend steigerte und 
meine Arbeitslust, sofern dies überhaupt noch möglich war, verminderte. 

Ich bin jedoch mit meiner Untätigkeit keineswegs zufrieden. Ich weiß, 
daß mir ernste Arbeit wohl täte. Aber ich kann keinen Entschluß fassen, ich 
finde kein Arbeitsgebiet, das mir Befriedigung verspricht." 

^Auch nicht im Geschäft Ihres Vaters ?*" fragte ich. 

„Da müßte ich mir die Mutter als Chef gefallen lassen," antwortete 
der Patient, „denn sie gibt die Leitung nicht aus der Hand. Und in eine 
solche Stellung könnte ich mich nicht fügen." 

„Da bleibt Ihnen also nichts übrig, als sich den Tod der Mutter zu 
wünschen, damit Sie die Stelle Ihres Vaters, auf die Sie offenbar Anspruch er- 
heben, antreten können."" 

„Den Tod der Mutter? Was fällt Ihnen ein, Herr Doktor! Meine 
Mutter ist mir der liebste Mensch unter der Erde — wollte sagen, unter 
der Sonne — ." 

Ich muß hinzufügen, daß der Patient aufrichtig genug war, sein Ver- 
sprechen ernst zu nehmen. 



Falsche Fahrtrichtung. 

Ich war aus dem Felde auf Urlaub nach Wien gekommen. Ein alter 
Patient hatte von meiner Anwesenheit Kenntnis bekommen und ließ mich 
bitten, daß ich ihn besuche, da er krank zu Bette lag. Ich leistete der Bitte 
Folge und verbrachte zwei Stunden bei ihm. Beim Abschied fragte der Kranke, 
was er schuldig sei. 

„Ich bin auf Urlaub hier und ordiniere jetzt nicht," antwortete ich. 
„Nehmen Sie meinen Besuch als einen Freundschaftsdienst." 

Der Kranke stutzte, da er wohl das Empfinden hatte, er habe kein 
Recht, eine berufliche Leistung als unentgeltlichen Freundschaftsdienst in An- 
spruch zu nehmen. Aber er ließ sich meine Antwort schließlich gefallen, in 
der von Lust an der Geldersparung diktierten respektvollen Meinung, daß ich 
als Psychoanalytiker sicher richtig handeln werde. 

Zeitoobr. f. ftretl. Psychoanalyse. IY/8. H 



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158 Mitteilongen. 

Mir selbst stiegen schon wenige Augenblicke später Bedenken über die 
Aufrichtigkeit meiner Noblesse auf, und, von Zweifeln — die kaum eine zwei- 
deutige Lösung zuließen — erfüllt, bestieg ich die elektrische Straßenbahn- 
linie X. Nach einer kurzen Fahrt hatte ich auf die Linie Y umzusteigen. 
Während ich an der Umsteigestelle wartete, vergaß ich die Honorarangelegen- 
heit und beschäftigte mich mit den Erankheitssymptomen meines Patienten. 
Indem kam der von mir erwartete Wagen und ich stieg ein. Aber bei der 
nächsten Haltestelle mußte ich wieder aussteigen. Ich war nämlich statt in 
einen Y-Wagen versehentlich und ohne es zu merken in einen X- Wagen ein- 
gestiegen und fuhr in der Richtung, aus der ich eben gekommen war, wieder 
zurück, in der Richtung zum Patienten, von dem ich kein Honorar annehmen 
wollte. Mein Unbewußtes aber wollte sich das Honorar holen. 



Der Glauben der Väter. 

„Da meine Braut Christin war", erzählte Herr A., „und nicht zum 
Judentum übertreten wollte, mußte ich selbst vom Judentum zum Christen- 
tum übertreten, um heiraten zu können. Ich wechselte die Konfession nicht 
ohne inneren Widerstand, aber das Ziel schien mir den Koufessionswechsel zu 
rechtfertigen, und dies um so eher, als ich nur eine äußere Zugehörigkeit zum 
Judentum, keine religiöse Überzeugung, da ich eine solche nicht besaß, ab- 
zulegen hatte. Ich habe mich trotzdem später immer zum Judentum bekannt 
und wenige meiner Bekannten wissen, daß ich getauft bin. 

Aus dieser Ehe entstammen zwei Söhne, die christlich getauft wurden. 
Als die Knaben entsprechend herangewachsen waren, erfuhren sie von ihrer 
jüdischen Abstammung, damit sie sich nicht, durch antisemitische Einflüsse 
der Schule bestimmt, aus diesem überflüssigen Grunde gegen den Vater kehrten. 

Vor einigen Jahren wohnte ich mit den Kindern, die damals die Volks- 
schule besuchten, zur Sommerfrische in D. bei einer Lehrerfamilie. Als wir 
eines Tages mit unseren, übrigens freundlichen Wirtsleuten bei der Jause 
saßen, machte die Frau des Hauses, da sie von der jüdischen Herkunft ihrer 
Sommerpartei nichts ahnte, einige recht scharfe Ausfälle gegen die Juden. 
Ich hätte nun tapfer die Situation deklarieren sollen, um meinen Söhnen das 
Beispiel vom „Mut der Überzeugung" zu geben, fürchtete aber die unerquick- 
lichen Auseinandersetzungen, die einem solchen Bekenntnis zu folgen pflegen. 
Außerdem bangte mir davor, die gute Unterkunft, die wir gefunden hatten, 
eventuell verlassen zu müssen und mir und meinen Kindern so die ohnehin 
kurz bemessene Erholungszeit zu verderben, falls unsere Wirtsleute ihr Benehmen 
gegen uns, weil wir Juden waren, in unfreundlicher Weise verändern sollten. 

Da ich jedoch erwarten durfte, daß meine Knaben in freimütiger Weise 
und unbefangen die folgenschwere Wahrheit verraten würden, wenn sie noch 
länger dem Gespräch beiwohnten, wollte ich sie aus der Gesellschaft entfernen, 
indem ich sie in den Garten schickte. 

„Geht in den Garten, Juden — " sagte ich und korrigierte schnell: 
„Jungen". Womit ich also durch eine Fehlleistung meinem „Mut der 
Überzeugung'* zum Ausdruck verhalf. Die anderen hatten zwar aus diesem 
Versprechen keine Konsequenzen gezogen, weil sie ihm keine Bedeutung zu- 
maßen, ich aber mußte die Lehre ziehen, daß der „Glauben der Väter" sich 
nicht ungestraft verleugnen läßt, wenn man ein Sohn ist und Söhne hat.^ 



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Dr. H. Sachg: Drei F&lle von »Kriegs^^-Verlesen. 159 

Drei Fälle von ^Kriegs"- Verlesen. 

Von Dr. Hanns Sachs (Wien). 

I. 

Ein naher Bekannter hatte mir wiederholt erklärt, er werde, wenn die 
Reihe an ihn komme, keinen Gebrauch von seiner, durch ein Diplom be- 
stätigten Fachausbildung machen, sondern auf den dadurch begründeten An- 
spruch auf entsprechende Verwendung im Hinterlande verzichten und zum 
Frontdienst einrücken. Kurz bevor der Termin wirklich herankam, teilte er 
mir eines Tages in knappster Form, ohne weitere Begründung mit, er habe 
die Nachweise seiner Fachbildung an zuständiger Stelle vorgelegt und werde 
infolgedessen demnächst seine Zuteilung für eine industrielle Tätigkeit er- 
halten. Am nächsten Tage trafen wir uns in einem Amtslokal. Ich stand 
gerade vor einem Pulte und schrieb; er trat heran, sah mir eine Weile über 
die Schulter und sagte dann: „Ach, das Wort da oben heißt »Druckbogen' 
— ich habe es für ,Drtickeberger* gelesen." 

U. 

In der Tramway sitzend, dachte ich darüber nach, daß manche meiner 
Jagendfreunde, die immer als zart und schwächlich gegolten hatten, jetzt die 
allerhärtesten Strapazen zu ertragen im stände sind, denen ich ganz bestimmt 
erliegen würde. Mitten in diesem unerfreulichen Gedankenzuge las ich im 
Vorüberfahren mit halber Aufmerksamkeit die großen schwarzen Lettern einer 
Firmatafel: „ Eisenkonstitution ^. Einen Augenblick später fiel mir ein, daß 
dieses Wort für eine Geschäftsaufschrift nicht recht passe; mich rasch um- 
drehend, erhaschte ich noch einen Blick auf die Inschrift und sah, daß sie 
richtig , Eisenkonstruktion" laute. 

m. 

In den Abendblättern stand die inzwischen als unrichtig erkannte Reuter- 
depesche, daß Hughes zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt sei. 
Anschließend daran erschien ein kurzer Lebenslauf des angeblich Gewählten und 
in diesem stieß ich auf die Mitteilung, daß Hughes in Bonn Universitäts- 
studien absolviert habe. Es schien mir sonderbar, daß dieses ümstandes in 
den wochenlangen Zeitungsdebatten, die dem Wahltag vorangegangen waren, 
keine Erwähnung geschehen war. Nochmalige Überprüfung ergab denn auch, 
daß nur von der „Browne-Universität die Rede war. Dieser krasse Fall, bei 
dem für das Zustandekommen des Verlesens eine ziemlich große Gewaltsamkeit 
notwendig war, erklärt sich außer aus der Flüchtigkeit bei der Zeitungs- 
lektüre vor allem daraus, daß mir die Sympathie des neuen Präsidenten für 
die Mittelmächte als Grundlage künftiger guter Beziehungen nicht bloß aus 
politischen, sondern auch darüber hinaus aus persönlichen Gründen wünschens- 
wert schien. 

Aus einem Briefe Heines. 

^Der Zeitgeist** vom 27. Dezember 1916 enthält einen Aufsatz von 
Professor Dr. Friedrich Wir th (Wien), in welchem einige bisher ungedruckte 
Briefe Heinrich Heines mitgeteilt werden. In einem vom 2. März 1846 

11* 



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160 Mitteilangen. 

datierten, an den Verleger Campe gerichteten Schreiben beklagt sich der 
Dichter über die unwürdige Behandlung, der er seit dem Tode seines Onkels 
Salomon durch dessen Sohn und Erben Carl ausgesetzt gewesen sei. Die Rente, 
die er auf Grund der bindenden Zusage seines Onkels als sein Recht in An- 
spruch nehmen könne, sei ihm erst entzogen und dann unter demütigenden 
Bedingungen wie ein Almosen ausbezahlt werden. Der Zomausbruch Heines 
gipfelt in den Worten: „Soll ich doch einmal betteln, so will ich wenigstens 
nicht bey Feinden betteln, lieber bey Feinden . . . .^ Das Wort „Feinden" 
wurde also, als zur Stimmung des Dichters besser passend, beibehalten, ob- 
gleich es dem Sinne nach natürlich hätte lauten sollen „bey Freunden**. Auch 
der Verfasser des Artikels bemerkt den Schreibfehler; er knüpft die Anmerkung, 
die das fehlgeschriebene Wort richtigstellt, an das erste „bey Feinden", 
wodurch der Satz die Form erhält: „wenigstens nicht bey Freunden betteln, 
lieber bey Feinden"; aber auch die Fassung: „nicht bey Feynden betteln, 
lieber bei Freunden", ergäbe einen guten Sinn. Vielleicht ist das Schwanken 
zwischen diesen beiden Möglichkeiten eine Überdeterminierung neben dem 
Affekt des Briefschreibers, der die Bezeichnung „Feynde" beim Gedanken an 
seine sich so „famillionär" gebärdenden Verwandten nicht oft genug anwenden 
kann. J — s. 



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Kritiken und Referate. 

Prof. James J. Putnam (Boston). The work of Alfred Adler, con- 
sidered with especial reference to that of Freud. („The 
Psychoanalytic Review", Vol. III. April 1916, Nr. 2.) 
Dieser Vortrag, gehalten vor der New Yorker Psychoanalytischen Ver- 
einigung, ist nicht nur inhaltlich, sondern auch als menschliches Dokument 
wertvoll. Er enthält das wissenschaftliche Bekenntnis eines Gelehrten, der 
nach nicht geringen Kämpfen sich der Freud sehen Psychoanalyse ange- 
schlossen hatte und nun diese von einer Reihe früherer Anhänger angegriffen 
sah. Die neuen Theorien Adlers, eines früheren Freud-Schülers, wurden 
von Stanley Hall, einem früheren Förderer Freud scher Wissenschaft, rück- 
haltlos angenommen und als Befreiung von einem Vorurteil gefeiert, die neue 
Lehre von einer Anzahl von Jüngern diesseits und jenseits des Ozeans 
als Evangelium verkündet, wodurch das „Alte Testament" Freuds abgetan 
und überholt worden sei. Putnam ließ sich durch diese Strömung affektiv 
nicht beeinflussen, sondern unterzog sich der Mühe, alle Arbeiten Adlers 
gewissenhaft zu studieren, bevor er sich dazu entschlossen hätte, auf Grund 
dieser an seiner Einstellung zu den zuerst von Freud niedergelegten und 
im einzelnen wiederholt modifizierten Formulierungen etwas zu ändern. 
Er stellte sich die Frage, ob und wieviel Neues in Adlers Arbeiten ent- 
halten ist und ob diese Neuheiten eine vom bisherigen abweichende Beurtei- 
lung Freuds rechtfertigen. 

Das Ergebnis dieser Untersuchung wird der Arbeit vorangeschickt. Sie 
lautet — bei aller Anerkennung für das Interessante und Anziehende in 
Adlers Werken — im Wesen für dessen Theorien ungünstig. Nachdem er 
sich redlich bemüht hat, den Adler sehen Geist auf sich einwirken zu lassen, 
sieht sich Putnam gezwungen, seine frühere, im Wesen ablehnende Ansicht 
über Adlers Theorien zu wiederholen und sich bezüglich deren Bewertung 
im positiven wie negativen Sinne rückhaltlos Freud anzuschließen. 

Im Rahmen eines Referates ist es unmöglich, die interessanten kritischen 
Ausführungen des Autors im einzelnen wiederzugeben. Im allgemeinen müssen 
wir sein für uns günstiges Votum um so höher bewerten, als ja Putnam, 
trotz aller Anerkennung für die Psychoanalyse, seine eigenen philosophischen 
Überzeugungen ihr gegenüber stets nachdrücklichst betonte. 

Wir begnügen uns damit, einige charakteristische Stellen des Vortrages 
zu zitieren. 

Gleich zu Beginn drückt Putnam sein Bedauern darüber aus, daß es 
Adler verschmäht hat, mit seinen zum Teil wertvollen biologischen Ideen 
das Gebäude der Psychoanalyse zu stützen. „Anstatt sie zu ergänzen, glaubte 
er, unglücklicherweise, sich an ihre Stelle setzen zu müssen." Um das zu 
erreichen, behandelt Adler seine eigenen Erzeugnisse parteiisch. „Man kann 
nicht umhin, in ihm gleichsam den Advokaten zu sehen, der sich verpflichtet 
fühlt, den Fall seines Klienten zu vertreten." 



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OrfgfrTaffrom 
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162 KriÜkeii und Referate. 

Die freimütige Behandlung der Sexualität durch Freud „hat in vielen 
ge¥rissenhaften Forschern der menschlichen Natur die Sehnsucht erstarken 
lassen, sich Freuds Folgerungen irgendwie zu entziehen, ohne dem 
eigenen Sinn für wissenschaftliche Ehrlichkeit wehe zu tun". Solchen Personen 
sei Adlers Werk sehr gelegen gekommen. 

„Es ist sicherlich wahr" — wendet hier Putnam ein — „dafi es eine 
schwierige Aufgabe ist, sowohl das medizinische als auch das Laienpublikum 
zu überzeugen, und es ist vielleicht verständlich, wenn der Vertreter der 
Freudschen Sache es unterläßt, bei jeder möglichen Gelegenheit alles frank 
und frei auszusprechen, was er von der Bedeutung des Sexuallebens für 
wahr hält ... . Es ist aber ein anderes, sich aus einem oder dem anderen 

Grunde einer Sache zu enthalten, als eine Erklärung nur darum als den 

vollen Ausdruck der Wahrheit hinzustellen, weil dieser Ausdruck ,more 
pala table* ist." 

Der wissenschaftliche Wert der „Studie über die Minderwertigkeit der 
Organe" wird anerkannt. ^Diese Monographie ist ein glänzendes Werk, doch 
nicht frei von Fehlem," insbesondere dem, daß sie aus ungenügend gesicherten 
Prämissen allzu sichere Konsequenzen zieht. Putnam untersucht es nicht, 
wieviel von diesen — im Wesen sicherlich neuen — Gedankengängen Adlers 
geistiges Eigentum ist, er wendet sich nur gegen deren Einseitigkeit. „Wichtig, 
doch nicht erwiesen," ist das Urteil, das sich ihm bei deren Lektüre auf- 
drängt. 

Dem Werke „Über den nervösen Charakter** setzt Putnam u. a. seine 
philosophische Auffassung entgegen, wonach die „Inferiorität** allein nicht 
den ausschließlichen Impuls zur Entwicklung, zur Verbesserung geben kann, 
man müsse auch Tendenzen annehmen, die von vornherein aufs Gute gerichtet 
sind. (Auch die Psychoanalyse hält — wenn auch auf Grund ganz anderer, 
nicht philosophischer Argumente — die ganze Überkompensationstheorie 
Adlers für ein Luftgebäude.) 

„Es ist ein sehr ernster Mangel dieses Buches, daß der Autor den 
Wert der Arbeiten Freuds und seiner Anhänger nicht würdigt, nicht nur 
im allgemeinen, sondern auch in bezug auf die eigene wissenschaftliche 
Strebung." „Nicht nur, daß es ihm nicht gelungen ist, nachzuweisen, daß 
F r e u d s Verallgemeinerungen verständlicher werden, wenn wir sie von seinem 
(Adlers) Standpunkt ansehen, sondern er scheint auch vergessen zu haben, 
daß seine eigenen Vorschläge größtenteils schon in den Beobachtungen und 
Formulierungen seines ehrenwerten Vorgängers enthalten sind." 

Nach Be:^prechung der A d 1 e r sehen „fiktiven Leitlinie" und des y,männ- 
lichen Protestes** bemerkt Putnam: „Adler zeigt sich so geschickt und 
ingeniös in der Ausarbeitung dieses Prinzips, und der Gedanke, den er uns 
in seinem Enthusiasmus beibringen will, daß nämlich die einheitliche Ursache 
alles menschlichen Strebens gefunden ist, ist so verführerisch, daß man darüber 
vergißt, danach zu fragen, auf welcher Grundlage diese so bedeutsame Be- 
hauptung beruht und warum kein anderes Prinzip des Fortschrittes oder des 
Verhaltens zugelassen wird." 

Daß im Seelenleben neben der Sexualität auch andere Mächte wirksam 
sind, dasi, brauchen wir nicht von Adler zu lernen, „das hat Freud stets 
berücksichtigt und betont und das wissen auch die gründlichen Leser seiner 
Werke; nur feindliche oder unverläßliche Leser können das leugnen." 

Die „fiktive Leitlinie" (nur ein überflüssiger Ersatz für den Begriff 
„Phantasie**) vermag Freuds Libidotheorie bei weitem nicht zu ersetzen. 



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Kritiken und Referate. 163 

Und wenn die Sexualität (laut Adler) nur ein „Jargon" der Selbstbehaup- 
tung ist, so ist er an Wichtigkeit und Bedeutsamkeit im psychischen Leben 
dem , Willen zur Macht" mindestens ebenbürtig. Auch ist in Wahrheit „die 
sexuelle Sprache eine universelle und primäre, da ja die Reproduktion ein 
Lebensgesetz ist". 

Gegenüber Stanley Hall wird hervorgehoben, daß er einseitig nur die 
bewußten (und tatsächlich mehr egoistischen) Motive berücksichtigt, die unbe- 
wußten, sexuellen Ursachen der Angst hingegen vernachlässigt habe. 

Auch die ungebührliche Art, in der manche der A dl ersehen Richtung 
Reklame gemacht haben (Dr. Salomon Meyer), wird von P u t n a m energisch 
zurückgewiesen. 

Zu A d 1 e r zurückkehrend, sagt der Verfasser : „Wenn der erste Enthu- 
siasmus für das Werk eines großen Meisters vorüber ist und hinter ihm klei- 
nere Männer sich hervorzutun beginnen, ist es ein Leichtes, mittels scharfer 
Kritizismen und scheinbar originellen, aber in Wirklichkeit nur wie reflektiertes 
Licht scheinender Behauptungen, die Verdienste, die immer noch dem Meister 
gebühren, auf einen dieser Nachfolger zu übertragen." 

„Kurz gesagt: Freud ist auf seinem scharf umgrenzten (wenn auch 
weiten) Gebiete ein Beobachter von merkwürdiger Klarheit und Treue; Adler 
aber, obwohl ein scharfer Denker, scheint durch beengende Eigenkomplexe 
behindert zu sein." Dr. S. Ferenczi. 

Viktor Taask. Diagnostische Erörterungen auf Grund der Zu- 
standsbilder der sogen. Kriegspsychosen. (Wiener med. 
Wochenschr. Nr. 37 und 38 ex 1916.) 

Wohlvertraut mit dem Rüstzeug der Psychoanalyse und mit der ihm 
eigenen großen Intelligenz sucht Tausk durch die von Freud geschlagenen 
Lichtungen in das Dickicht der Kriegspsychosen einzudringen. Der Autor be- 
ruft sich auf die ihm in seiner psychiatrischen Abteilung in einem Etappen- 
spital gewordenen reichen Erfahrungen. Von der richtigen Anschauung aus- 
gehend, daß auch die Erscheinungen der Psychosen sich als sinnvolle erweisen 
und in ihrem psychischen Mechanismus durch Untersuchung des Unbewußten 
aufklärbar sein müssen, geht er daran, eine Gruppe von klinisch als Para- 
noia cum melancholia imponierenden Fällen zu untersuchen. Die Me- 
lancholie stellt sich bekanntlich nach Freud als eine pathologische Reaktion 
auf den Verlust von geliebten Objekten der Außenwelt dar, als eine Art 
pathologische Trauer. Die Selbstvorwürfe sind nach Tausks, übrigens von 
Freud bestätigter, Aufklärung nur scheinbar gegen das Ich des Kranken 
gerichtet; sie gelten vielmehr ursprünglich dem geliebten Objekt und werden 
nur durch Identifikation mit demselben zu Selbstvorwürfen. 

Bei der in der Melancholie abgelösten Libido scheint es sich dem Autor 
nur um heterosexuelle zu handeln. Die Disposition zur Melancholie träfe in 
Übereinstimmung mit Freud jene Personen, die nach dem narzißtischen Typus 
ihre Objektwahl durchführen und somit auch das heterosexuelle Objekt unter 
die Bedingung des homosexuellen bringen : Der Verlust des äußeren Liebes- 
objektes würde durch den der narzißtischen Konstellation eigenen Identifi- 
kationsmechanismus — als Verlust der Liebe zur eigenen Person empfunden 
und träte als melancholische Ichverkleinerung, d. i. Verlust des Selbstgefühls 
zu Tage. Da die von Tausk beobachteten Fälle auch an Paranoia litten, der 
katexochen narzißtisch-homosexuellen Krankheit, gewinnt die obgenannte Deu- 
tung der Melancholie an Wahrscheinlichkeit. Denn das militärische Milieu, 



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164 Kritiken nnd Referate. 

in dem diese Zustandsbilder eDtstehen, ist ein gleichgeschlechtliches: Eine 
dnrch dieses geförderte Yerstärknng der homosexuell-narzistischen Komponente 
zöge dann die Ablösung der heterosexuellen Libido nach sich. Diese Ablösung 
wäre z. B. auch verantwortlich für das Gefühl der Lieblosigkeit und des Verlustes 
des Naturgetühls in der Symptomatik der Melancholie. T a u s k meint aller- 
dings nur einen Teil der melancholischen Symptomatik von diesem Gesichts- 
punkt aus verstehen lehren zu können, indem er zugibt, daß die Melancholie 
gewiß noch verzweigtere Wurzeln habe. "Was die Angst und Hypochondrie im 
Symptomenkomplex dieser Fälle anlangt, so fänden dieselben entsprechend den 
von Freud aufgestellten Mechanismen gleichfalls eine Deutung. Ebenso die 
Klage dieser Kranken, daß sie sich nie hätten recht verlieben können, sowie 
das Zugrundegehen der Fortpflanzungsfunktionen in der Melancholie. 

Den paranoiden Anteil der Krankheitsbilder erklärt Tausk ent- 
sprechend der pa. Lehre als zu stände gekommen durch die von den homosexuellen 
Objekten abgezogene Libido, und kommt somit zur Annahme der Möglichkeit 
von korrelativen Partialprozessen, in denen spezifisch-charakterisierte Libido- 

anteile (narzißtische Libido — Objektlibido, homo heterosexuelle Libido, 

femer Libido unter dem Gesichtspankte des Ausmaßes, unter dem sie regre- 
diert ist) unter gewissen unbekannten Bedingungen spezifisch verschiedenen 
pathologischen Mechanismen verfallen. 

Auch auf Fälle, die sich durch mit hochgradiger Angst 
akut einsetzende Verfolgungsideen charakterisieren, macht Tausk 
aufmerksam und versucht an ihnen den Wert pa. Auffassung anscheinend 
erfolgreich zu erweisen. Er schließt seine geistreichen und dialektisch glän- 
zenden Ausführungen mit dem Appell, die Psychoanalyse endlich in größerem 
Kreis zur Deutung der Psychosen heranzuziehen, da eine Psychiatrie, die 
nicht die Mechanik des einzelnen Symptoms aus dem Unbewußten heraus za 
erklären vermag: die nicht das Problem des Infantilismus, des Narzißmus, der 
. unbewußten Hetero- und Homosexualität und der Reaktionen des Ich auf die 
Störungen in diesen Liebesbeziehungen heranzieht, sich nolens volens als de- 
skriptorische bescheiden muß. Dr. E. Hitschmann. 

E. Bleuler. Lehrbuch der Psychiatrie. Berlin 1916, J. Springer. 

Auf die Kräpelinsche Systematik der Psychosen gestützt, bat der viel- 
interessierte und -erfahrene Autor ein Lehrbuch geschrieben, das durch seine 
breite psychologische Einleitung, die auch das Unbewußte würdigt, als modern 
charakterisiert ist. Ein Lehrbuch für Mediziner ist nicht der Ort, wo strei- 
tende Lehrmeinungen gegeneinander auszuspielen sind: Wir hätten aber von 
Bleuler ein Ausführlicheres über die Möglichkeit des Sinnvollen in Traum, 
Neurose und Psychose erwartet sowie eine Würdigung von Freuds grund- 
legenden Arbeiten über Zwangsneurose und Paranoia. Die Platzansgt (Phobien) 
hätte man gern nicht unter den Zwangserscheinungen gefunden. Doch wird 
das wohlgeordnete und gut geschriebene Buch, wenn der lebendige Kranke 
dem Studenten als Illustration vorgeführt wird, denselben, wenn auch nicht zum 
psychologischen Forschen anregen, doch zum guten Diagnostiker und Progno- 
stiker heranbilden. Dr. E. Hit seh mann. 

A. Eulenbnrg. Moralität und Sexualität. Sexualethische Streifzüge im 
Gebiete der neueren Philosophie und Ethik. (Bonn 19 16, Marcus und Weber.) 

Nicht die von mehr oder weniger weltfremden Philosophen formulierten 
Vorschriften oder Ansichten machen die Sexualethik einer Zeit aus, sondern 



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Kritiken und Referate. 165 

den Maßstab geben die großen Zahlen der Statistik, die staatlichen Gesetze 
humpeln nach. So wird die jetzt einsetzende Bevölkerungspolitik den Schutz 
der unehelichen Mutter und ihres Kindes wahrscheinlich fördern. Weitere 
Forderungen der hauptsächlich aus Frauenvereinen betriebenen Sexualethik- 
Reform: Anerkennung des Konkubinates, leichtere Auflösbarkeit der Ehe, 
Abschaffung der Prostitution — haben trotz ihrer Begründungen eine schlechtere 
Prognose. — Eulenburg untersucht mit deutscher Gründlichkeit die 
Stellungnahme der Philosophen und Ethiker von Kant über Schopenhauer und 
Nietzsche bis zu Scheler zu den genannten Problemen. Von den Erfahrungen 
der Psychoanalyse, die ein Gutteil der Neurosen und anderen menschlichen 
Unglücks auf die bisherige Sexualmoral zurückführen konnte, hat der Autor 
leider wenig Kenntnis genommen. Und doch sind die von der Psychoana- 
lyse gegebenen Aufklärungen über den Infantilismus als Richtunggeber der 
Sexualität, über die Folgen mangelnder Aufklärung, über die Bedeutung der 
Bisexualität, der Unfähigkeit zu und in der Ehe, der sexuellen Versagung etc. 
bedeutsam genug. Mögen die Medizinprofessoren in dieser Frage nicht hinter 
den Philosophieprofessoren vergessen werden ! 

Dr. E* Hitschmaun. 

Arnold KntzinskL Einige Bemerkungen zur Psychopathologie der sogen. 
Intestinalneurosen im Anschluß an Erfahrungen bei Soldaten. (Mon. f. 
Psych, und Neurol. 1916, H. 5.) 

Es gibt Fälle von nervöser Dyspepsie, in denen man von einem patho- 
logischen phycho-physischen Reaktionstyp sprechen kann ; diesem ist ein zweiter 
gegenüberzustellen, bei dem überwiegend Herz Symptome auftreten. Einen Hin- 
weis auf die Differenz der beiden Reaktionstypen scheint die Lokalisation der 
Angst (bei der einen Form in die Herz-, bei der anderen in die Magengegend) 
zu geben. Bei akut wirksamen Schädlichkeiten und bei überwiegend exogenen 
Zuständen — im Kriege — scheinen die intestinalen Symptome selten, die 
Herzsyraptome häufig aufzutreten. Die lokale Theraj^ie scheint bei der nervösen 
Dyspepsie mizweckmäßig. Dr. E. Hitschmann. 

Staehlfk Jar. Über Psychoanalyse. Vorgetragen in der „ Gesellschaft 
tschechischer Ärzte" am 25. Oktober 1915. Öasopis öeskych lekafüv, 
1916, p. 900 (böhmisch). I. Beitrag: Grundbegriffe, Arbeitsmethoden, 
erste Theorien. 

In der informierenden Arbeit, gleichen Themas der ersten in der böh- 
mischen Literatur — abgesehen von mehr oder weniger inhaltsarmen Refe- 
raten — wird versucht, auf der Basis der ersten Fälle von Breuer und 
Freud sowie eines eigenen Falles die Grundbegriffe und Grundprinzipien 
der psychoanalytischen Forschungs- und Behandlungsmethode zu erläutern. 
Sich historischer Methoden bedienend, werden die Prinzipien und Theorien 
der Kathartie geschildert, auf den hysterischen Mechanismus im Sinne Freuds 
hingewiesen, der Inhalt und die psychologische Bedeutung des Begriffes ,,ün- 
bewußtsein** erörtert, die als notwendige Folge der psychologischen Stellung- 
nahme sich aufzwingende analytische Behandlungsmethode in sämtlichen ihren 
Modifikationen von der Traumdeutung bis zu der Lösung kleiner Fehlleistun- 
gen eingehend beschrieben und an Beispielen demonstriert. 

Autoreferat. 



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166 Kritiken and Referate. 

Stachlfk Jar. Einige statistische und psychologische Be- 
trachtungen bei der diesjährigen Massenimpfung. Casopis 
deskych lekafüv, 1916, p. 1606 (böhmisch). 

Im psychologischen Teil der vorliegenden, auf mehr als 5000 vakzinierte 
Einzelpersonen jeden Alters und Standes sich beziehenden statistischen Arbeit 
wird versucht, die Grundlage und das Wesen folgender Erscheinung zu er- 
forschen : 

Auf 100 männliche Impflinge fielen von den weiblichen im Alter bis 
6 Jahren 105, von 6 bis 14 Jahren 100, von 14 bis 20 Jahren 227, von 
21 bis 25 Jahren 264, von 26 bis 35 Jahren 223, von 35 bis 45 Jahren 
123, von 46 bis 60 Jahren 86 und über 60 Jahren 33. Also ira vor- und 
schulpflichtigen Alter war die Beteiligung beider Geschlechter gleich; d. h. im 
Alter, in welchem das Individuum selbst nicht darüber entscheidet, ob es sich 
impfen lassen soll oder nicht, im Alter, das vom Kriege noch nicht betroffen 
wird, fand man unter den Impflingen das natürliche Verhältnis beider 
Geschlechter sich widerspiegeln. 

Ganz anders war es aber bei höherem Alter, am auffallendsten im 
Alter von 15 bis 35, also einerseits einem Alter, in welchem die männliche 
Bevölkerung vom Kriege direkt betroffen wurde, anderseits — es möge vor- 
ausgesagt werden — dem Alter der beginnenden und blühenden Sexualität 
(s. s.). Und da die Impfung nicht befohlen, sondern nur empfohlen wurde, 
also jedem frei blieb, sich impfen zu lassen oder nicht, zeigen die erwähnten 
Proporzen das Resultat freier Entscheidung. Es ist im Original aus- 
führlicher dargestellt — da möge nur die Schlußfolgerung notiert werden — 
dafi kein einziger von den Gründen, die auf den äußeren, außerpersönlichen 
Umständen basieren, haltbar ist, oder genügend die Erscheinung erklären 
könnte. Unter anderen die Absenz der Männer zu damaliger Zeit würde uns 
höchstens 25 bis 30% der Frauenmehrheit erklären können, so daß noch 
reichlich durchschnittlich 200% der Frauen im Verhältnis zu den Männern 
zu erklären bleiben. Da aber in äußeren Umständen der Grund dieser Er- 
scheinung nicht zu suchen ist, muß er in der Beschaffenheit der Men- 
schen liegen; denn tertium non datur. 

Und da die Beteiligung entweder durch Passivität der Männer 
oder durch übereifrige Teilnahme der Frauen oder durch Kombinierung 
beider Faktoren die oben beschriebene Form angenommen hat, ist man vor 
die Aufgabe gestellt, die Grundlage, das Wesen jedes dieser Faktoren 
zu untersuchen und ihre gegenseitige Proporz, wenn möglich, festzustellen. 

Die Analyse der Aussprachen und Begründungen der Männer selbst, am 
besten durch den Spruch eines Fabrik direkte rs : „Die Männer wollen den 
Frauen zeigen, daß sie sich vor der Krankheit nicht fürchten '^ charakterisiert, 
zeigt ohne jeden Zweifel, daß die Passivität der Männer tatsächlich eine 
Folge des unbewußt zur Schau tragenden männlichen Prinzips ist, also 
kurz auf sexueller Grundlage ruht. Dieses Nicht fürchten vor der 
Krankheit — von den Männern in verschiedensten Formen zugegeben — basiert 
auf einer Art des Heroismus, solches Heroismus, dem die Verschwen- 
dung der Energie eigen und mit welchem die durch den Extrazustand 
bedingte Originalität innig verknüpft ist. Die Urform dieses Heroismus 
zeigt uns schon die Natur in der Überproduktion und der unendlichen Ver- 
schwendung der männlichen Geschlechtselemente im Gegensatz zu den weib- 
lichen Formen derselben. Sie zeigt uns, wie dieser spezifisch männlich 
ist, und der konkrete diskutierte Fall demonstriert, bis in welche, auf den 



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Kritiken and Referate. 1()7 

ersten Blick meilenweit entfernte Erscheinungen derselbe seinen Einflnfi aus- 
übt Es sei noch bemerkt, daß nicht nur diese, man möchte sagen phyloge- 
netische Ergründang und Begreifong .der Männerpasivität ihre sexuelle Grand- 
lage zum Vorschein bringt, sondern auch die Tendenz dieses Zur-Schau- 
Tragens sexuell begründet wird: denn die Männer wollen es den Frauen 
zeigen. 

Die Befragung der Frauen nach der Grundlage ihrer großen Teilnahme 
an der Impfung liefert uns sehr wenig Material; meistens ein verlegenes oder 
kokettes Lächeln soll den Grund widerspiegeln. Den Mangel an Material 
muß man durch Analogienschlüsse ersetzen : wie bei den Männern ihre Passi- 
vität die Folge des männlichen Prinzips, Prinzips der Verschwendung war, so 
muß die Aktivität der Frauen ebenso in ihrer Natur liegen, im weiblichen 
Prinzip, dem Prinzip der Sparsamkeit. Geradeso wie die Frauen in ver- 
flossenen Zeiten Ärztinnen und gegenwärtig noch Kräutlerinnen sind, wie sie 
sich der Krankenpflege widmen, wie sie schon als Mütter die Pflege der 
Kinder zur natürlichen Pflicht haben, so sind sie auch gegenwärtig immer 
die ersten dort, wo es sich um einen Schutz sowohl des Individuums als 
der Gesellschaft, also um eine Ersparnis im breitesten Sinne des Wortes 
handelt. 

Diese Äußerung der weiblichen Natur würde wohl kaum genügen, den 
ganzen Überschuß der Frauen vollständig zu erklären. Die Äußerungen man- 
cher, noch mehr die Mienen fast aller, und dann die Eifrigkeit, sich drei- 
bis viermal nacheinander impfen zu lassen, die wir nur bei den jungen Weibern 
finden, oder die Präsentierung mehr] oder weniger heikler Körperteile für 
die Impfmsertionen, die auffällige Absenz alter Frauen und zahlreiche andere 
Erscheinungen zeigen uns, daß mit dem Impfakt selbst eine unbewußte 
Vorstellung verknüpft sein muß, deren sexuelle Natur unverkennbar 
ist. Da die Vorstellung zum Impfakte, der eine Veränderung des (weiblichen) 
Körpers darstellt, sich bezieht, muß die ürwurzel derselben in der Urform 
aller Veränderungen des (weiblichen) Organismus liegen; und diese Urform 
der Veränderungen, die ein Mann, den bei der Impfung der Arzt vertritt, 
einem Weibe antun kann, ist natürlich nur Koitus. 

Die sexuelle Grundlage der Teilnahme beider Geschlechter bei der 
freiwilligen Impfung läßt sich nicht verkennen. Sie würde sich überhaupt 
bei allen Taten und Entschließungen, bei welchen der Natur des Menschen 
die Entscheidung zufällt, leicht nachweisen lassen; der vorliegende konkrete 
Fall ist nur eine Demonstration dazu. Autoreferat 

Stachlfk Jar. Über Psychosebegriff. Vorgetragen im Ärztlichen Verein 
zu Nächod am 14. Februar 1915. Revue v neuropsychopathologii, 1915, 
p. 185 (böhmisch). 

In der somatischen Medizin basiert der moderne Begriff der Krankheit 
auf pathologisch-anatomischer Grundlage oder mindestens ist man bestrebt, 
solche Grundlage zu finden. Eine Ausnahme davon bildete die Gruppe der 
sogenannten Psychosen, bei welchen die Symptomatologie, und dazu noch nur 
ein Teil der Symptomatologie, bei der Aufstellung einzelner Krankheitsbegriffe 
maßgebend war. Die Unkenntnis der Grundlage der krankhaften Prozesse 
und deren Sitzes ist die Ursache dieser unhaltbaren Kompromißstellungnahme. 

Unabhängig von jeglichen Theorien über die Beschaffenheit des Psychi- 
schen läßt sich eine gewisse Selbständigkeit der psychischen Erscheinungen 



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168 Kritiken nnd Referate. 

nicht bestreiten. Mag man später wie immer über den Zosammenhang nnd 
eventnelle Abhängigkeit des Psychischen von dem Somatischen oder umgekehrt 
urteilen, mag man vielleicht den sekundären Charakter des Psychischen nach- 
weisen und mag man sich heute wie immer philosophisch zu dieser Frage 
stellen, soviel steht fest, dafi ein unserem Erfassungsvermögen und unseren 
Unterrichtsmethoden zugänglicher Tatsachenkomplex nicht bestreitbarer Selb- 
ständigkeit existiert, Gegenstand einer speziellen Wissenschaft, der Psychologie 
bildet, und neuerdings, durch die Psychoanalyse, in seiner tieferen inneren 
Beschaffenheit erforscht wurde. 

Es war gerade die Psychoanalyse, oder^ mag man vielseicht allgemeiner 
sagen, die Tiefenpsychologie, die die Selbständigkeit psychischer 
Mechanismen außer jeden Zweifel gestellt hat, und die daneben — was 
für behandeltes Thema von besonderer Wichtigkeit ist — betimmte Störungen 
dieses Mechanismus als Krankheitssymptome und weiter gefaßt als psychische 
Krankheiten selbst erkannt hat. So daß also, als notwendige Folge 
neuester psychologischer Errungenschaften, Psychose als eine Erkran- 
kung der Psyche, als eine Anomalität psychischer Mechanis- 
men betrachtet werden muß. Da es sich bei den Psychosen um psychi- 
sche Entitäten handeln wird, muß auch die Präzisierung nur auf psychischem 
Wege, d. h. psychologisch resp. psychoanalytisch geschehen. Als 
Muster wird in der besprochenen Mitteilung die Bleulersche Schizo- 
phrenie erwähnt. 

Die somatischen bezw. die pathologisch-anatomischen Merkmale, die wir, 
abgesehen von den sogenannten organischen Psychosen, eigentlich Cerebrosen 
— 8. V. V. — auch bei den in unserem Sinne aufgefaßten Psychosen finden 
würden, dürften — wie es gerade der heutige Zustand unseres Wissens über 
solche Befunde zeigt — nur untergeordnete Bedeutung besitzen. Mindestens 
sind sie noch absolut nicht dazu geeignet, uns, wie mancherseits vielleicht 
wünschenswert erschiene, als Basis für Definiernng und Klassifikation der 
Psyche-Erkrankungen zu dienen. 

Autoreferat. 



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SprechsaaL 169 

Sprechsaal. 

Ostwald über die Psychoanalyse. 

In der Besprechung einer unlängst veröffentlichten Sammlung von Arbeiten 
der a individualpsychologischen** Richtung wird in den Annalen der Natur- 
und Kulturphilosophie (XIII, 3) auch der F r e u d sehen Psychoanalyse 
Erwähnung getan, doch in einer Weise, die den Tatsachen nicht ganz, zum 
Teil gar nicht entspricht. 

Die Psychoanalyse wird in dieser Kritik als eine Anschauung beschrieben, 
nach der „die Nervenleiden im allgemeinen davon herrühren, dafi in früher 
Zeit . . . der Patient starke Stöfie psychologischer Art erfahren hat, die er 
nicht hat abreagieren können". Demgemäß bestehe die Freud sehe Behand- 
lungsmethode der Neurosen darin, „diese seinerzeit erfolgten Verletzungen zu 
ermitteln und durch Bewufitmachen und Abreagieren zu beseitigen**. 

Nun : das etwa waren tatsächlich die ersten vorläufigen Konstruktionen, 
mit denen es Breuer und Freud vor mehr als zwanzig Jahren 
gelang, die bis dahin ganz unverständlichen, ja für „sinnlos** gehaltenen Er- 
scheinungon der Neurose unserem Verständnis näher zu bringen. Im Laufe 
der seither verflossenen Zeit konnte aber Freud durch unermüdliche For- 
schung diese Vorläufigkeit so wesentlich ergänzen und auf Grund neuer Er- 
fahrungen derart „umändern**, dafi die von der Kritik gegebene Darstellung 
als eine veraltete, den Tatsachen lange nicht mehr entsprechende bezeichnet 
werden mufi, wenn auch vieles aus der ursprünglichen Fassung der Lehre 
in die seither entwickelte aufgenommen wurde. Wie aber könnte die 
Psychoanalyse die Bemerkung des Kritikers, dafi die Freudsche Lehre 
(obzwar im Grunde ^zweifellos richtig*^) bei ihrer „Einseitigkeit und Unzweck- 
mäfiigkeit ^einer „Umänderung** bedürftig ist, ernst nehmen, wenn sie konstatieren 
mufi, dafi der Kritiker ihre seit zwei Dezennien unausgesetzt fortschreitenden 
j, Umänderungen", d. h. ihre Entwicklung gar nicht kennt? 

An einer anderen Stelle wird der neuen psychologischen Richtung der 
wohlgemeinte und sicher sehr gute Rat erteilt, die Förderung nicht unaus- 
genutzt zu lassen, die auch die Psychologie von der Berücksichtigung des 
Haeckelschen biogenetischen Grundgesetzes erfahren könnte. 

Was aber der Kritiker bei der Individualpsychologie vermißt, das hätte 
er in der von ihr abgetanen Psychoanalyse Freuds reichlich berücksichtigt 
gefunden. Seit mehreren Jahren steht ja die psychoanalytische Forschung 
gerade im Zeichen des genialen Haeckelschen Naturgesetzes und verdankt der 
Berücksichtigung der onto- und phylogenetischen Parallele tiefe Einsichten in 
das Seelenleben des Kindes und der Geisteskranken. Ich verweise auf die 
letzten Jahrgänge des »Jahrbuchs für Psychoanalyse** [Deuticke, 
Wien und Leipzig] und besonders auf Freuds „Totem und Tabu** 
[Heller, Wien und Leipzig], 

Nicht ohne Bedauern mufi der Arbeiter der Psychologie bei diesem 
Anlasse auf die stiefmütterliche Behandlung hinweisen, die sogar in einem so 
unparteiischen Organ, wie Ost walds Annalen, seiner Disziplin zuteil wird. 
Es ist wohl ausgeschlossen, dafi in den „Annalen** je das Lebenswerk eines 
bedeutenden Chemikers auf Grund seiner ersten Arbeiten, ohne Berücksich- 
tigung der weiteren Fortschritte, beurteilt worden wäre. Noch unwahrschein- 
licher ist, dafi ihm die Kritik den Rat erteilt hätte, sich mit einer Richtung 
der Chemie zu beschäftigen, der er schon Jahre der Arbeit gewidmet hat. 

Dr. S. Ferenczi. 



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Zur psychoanalytischen Bewegung. 



NuDmehr ist der den Traum behandelnde IL Teil der „Vorlesungen zur 
Einführung in die Psychoanalyse" von Prof. Dr. S. Freud im Verlage von 
Hugo Heller & Cie. erschienen. 

Ferner erschien die 5. Auflage der , Psychopathologie des Alltags^ 
(Verlag S. Karger). 

Der im I. Heft des IV. Jahrgangs der „Imago" erschienene Aufsatz von 
Prof. Freud „Zeitgemäßes über Krieg und Tod" wurde von Dr. van Emden 
ins Holländische übersetzt und vom Verlage S. C. Van Doesburgh in Leiden 
unter dem Titel : „Beschouwingen over Qorlog en Dood** in Buchform ver- 
öffentlicht. 

In Belgrad hielt der gegenwärtig als Oberarzt in militärischer Dienst- 
leistung stehende Dr. iur. et med. Viktor Tausk einen Vortrag über „Die 
Psychologie des Deserteurs", der in dieser Zeitschrift veröffentlicht werden wird. 



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