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Full text of "Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse Band IV 1917 Heft 4"

INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT :l'.tf 

FÜR A^~ S^ 

ÄRZTLICHE PSYCHOANALYSE 

OFFIZIELLES ORGAN 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 

HBR4DSGEaEBEN VON 

PROF. DR. SIGM. FREUD 

REDIGIERT YON 

DR . S. FERENCZI DR. OTTO RANK 

BUDAPEST WIEN 

PROF. DR. ERNEST JONES 

LONDON 
UNTER STÄNDIGER MITWIRKUNG VON: 

Dr, KARL ABRAHAM, BbrUN. — Dr. LUDWIG BlNSWANOBR, KRBUZUnGBn. — 

Dr. poul Bjbrrb, STOCKHOLM. — Dr. a. A. Brill, Nkw York. — Dr, Trioant 

BURROW, BaLTDIORB. — Dr. M. D« EOBRy LONDOR. — Dr. J, VAN filMlDBN» HaAG. — 

Dr. M. Extinqon.Bbrlir. — Dr. Paul Pbdbrn, Wibn«-- Dr.Bduard Hitschmann, 
WiKH. — Dr. H. ▼. HUQ-HELLMUTH, Wirr. — Da. L. Jekels, Wikk. — Prof. Friedr. 
s. KRAUSE, Wien. — Dr. J.T.MAC Cürdy,Nkw York. — Dr. J. Marcinowski, Siel- 
beck. — Prof. Morichau-Bbaüchant, PonriBRs. — Dr. C. R. Payne, Wadhams, N, t. 
— Dr. OSKAR PPiSTER, ZÜRICH. — Prof. James J. putnam, Boston . — Dr. Thb odor 
REIK, BsBLin. — Dr. R. Reitlbr, Wien. — Dr. Hanns Sachs, Wieh. — Dr. J. 
SADO£R> Wien. — Dr. A. StArckb, Den Doldbr. — Dr. M. Stbqmann, Dresdbr. 
— Dr. Victor Tausk, Wie». — Dr. M. Wulff, Odessa. 

IV. JAHRGANG, 1916/17 

HEFT 4 






1917 

HUGO HELLER & QE. 

LEIPZIG UND WIEN. I. BAUERNMARKT S 



Googl 



Original from 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Inhalt des IV. Heftes, 

B€it« 

Originalarbeiten. 

I. Dr. Abraham: Ober Ejaculatio praecox 171 

II. Dr. Ferenczi: PoUation ohne orgastischen Traum und Orgasmus im 
Traume ohne Pollution 1B7 

m. Dr. TaiLsk: Zur Psychologie des Deserteurs 193 

Mitteilung^. 

1. Dr. Reit 1er: Eine anatomischktinstlerische Fehlleistung Leonardos da 
Vinci * ... 205 

2. Prof. Davidson: Ejrkliirung eint^ Aiptraumes . ... . . 207 

3. Dr. Ferenczi: Träume der Ahnungslosen . . . . . ... . . . . .208 

4. Dr. Sachs: Strindberg hber Eifersucht und Uomosexualitftt 210 

Kritiken und Referate. 

Dr. Placzek: Freundschaft und Sexualität (Dr. H. v. Hug-Hellmuth) . . 212 
Dr. Pf ister: Das Kinderspiel als Frühsymptom krankhafter Entwicklung, 
zugleich ein Beitrag zur Wissenschaftspsychologie (Dr. H. ¥. Hug- 
Hellmuth) 213 

Prof. Dr. Fischer: Untergründe und Hintergründe des Bewußtseins (Dr. 
Hanns Sachs) 214 

Zur psychoanalytischen Bewegung 216 



Goo 



Original from 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Originalarbeiten. 
Über Ejaculatio praecox. 

Von Dr. Karl Abraham. 

Unter den Störungen der männlichen Potenz kommt in der nerven- 
ärztlichen Praxis keine so häufig zur Beobachtung wie die Ejaculatio 
praecox. Der Vorgang selbst ist nicht nur Ärzten, sondern auch Laien 
wohlbekannt: die Samenentleerung tritt beim Geschlechtsakt vorzeitig, 
d. h. alsbald nach der Immissio penis oder gar schon vorher ein, 
während zugleich die Erektion schwindet. Diese Beschreibung wird jedoch 
der Affektion nur ganz im Groben gerecht. Wohl hat die Ejaculatio 
praecox auch eingehendere Bearbeitungen gefunden, doch auch diese 
erfassen ihr eigentliches Wesen nicht ; am wenigsten klären sie uns über 
die Entstehung des Leidens auf. 

In der psychoanalytischen Literatur hat die Ejaculatio praecox 
bisher keine gesonderte und gründliche Bearbeitung gefunden. Sie wurde 
bisher nur mit den anderen Störungen der Potenz gemeinsam behandelt. 
Dies gilt auch für die Schriften von Steiner und Ferenczi. Der 
erstere Autor gibt eine gedrängte Übersicht der psychoanal3rtischen Er- 
fahrungen auf diesem Gebiet. Eingehender befaßt sich Ferenczi mit dem 
Ursprung der Störungen. In seinem Aufsatz kommen die unbewußten 
Ursachen der Impotenz zu voller Geltung. Eine spezielle Untersuchung 
der Ejaculatio praecox fehlt aber auch hier. 

Und doch enthält die psychoanalytische Literatur bereits die Grund- 
lagen, auf welchen eine genauere Untersuchung des Gegenstandes fußen 
kann. Neben den Werken Freuds hebe ich hier wichtige Mitteilungen 
von Sadger*) hervor; ich werde im folgenden auf diese Quellen des 
öfteren zu verweisen haben. 

Ich hatte Gelegenheit, die Ejaculatio praecox bei einer Reihe von 
Neurotikem zu behandeln. Es ist nicht meine Absicht, hier den einen 
oder anderen dieser analysierten Fälle zur Darstellung zu bringen; viel- 
mehr sollen die Ergebnisse meiner einschlägigen Psychoanalysen, soweit 
ich ihnen allgemeine Gültigkeit zusprechen darf, in gedrängter Kürze 
zusammengefaßt werden. 



*) Ober Urethralerotik. Jahrb. f. psychoanalyt. Forschungen. 
Zeiteohr. f. ärztl. Psychoanalyse. IV/4. 12 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



172 D^* ^^^ Abraiiam. 

1. Die Urethra als bevorzugte erogene Zone. 

Wie schon erwähnt wurde, ist die übliche Beschreibung der Eja- 
culatio praecox nach verschiedenen Richtungen unvollständig. Hat man 
Patienten, welche sich gut beobachten, und folgt man aufmerksam ihren 
Schilderungen und ihren freien Assoziationen, so wird man mit einer 
Tatsache bekannt, die keine genügende Beachtung gefunden hat. Man 
erfährt nämlich, daß bei den Kranken die Samenentleerung nicht durch 
rhythmische Ausstoßung erfolgt, sondern daß ein kraftloses Abfließen 
stattfindet. Geschieht demnach der Vorgang nicht unter energischen 
aktiven Körperbewegungen und maximaler Erektion noch unter rhyth- 
mischen Zusammenziehungen der Dammuskulatur, und erfolgt das Ab- 
fließen des Samens gar schon „ante portas" , so erinnert nur noch 
das Sperma als Stoff an die normale Entleerung der 
Geschlechtsprodukte. Um so auffälliger wird die Ähnlichkeit der 
Ejaculatio praecox mit einem anderen physiologischen Vorgang: der Harn- 
entleerung. Diese geht bei körperlicher Ruhe, nicht erigiertem Gliede 
und unter gleichmäßigen (nicht rhythmischen) muskulären Zusammen- 
ziehungen vor sich. 

Man kann die Ejaculatio praecox somit als eine Verquickung zweier 
Prozesse auffassen : Hinsichtlich des entleerten Stoffes ist sie 
eine Ejakulation, hinsichtlich desModus de r Ausstoßung 
dagegen eine Miktion. 

Es ist überraschend, mit welcher Regelmäßigkeit die Assoziationen 
der Patienten früher oder später zu diesem Ergebnis führen. Ehe man 
zu ihm gelangt, erfährt man eine Fülle von Tatsachen, die alle auf 
einen besonderen Lustwert der Harnentleerung und eine stark betonte 
Erogeneität der Urethra bei dieser Gruppe von Neurotikern schließen 
lassen.^) 

Man wird aber einen erheblichen Unterschied zwischen Ejaculatio 
praecox und Harnentleerung nicht übersehen dürfen, auf welchen man 
ebenfalls durch die Assoziationen der Patienten geführt wird. Die Urin- 
entleerung erfolgt jenseits der frühen Kindheit zwar unter dem Zwange 
eines Reizes, der auf die Dauer nicht zu überwinden ist; der Zeitpunkt 
der Entleerung ist jedoch in ziemlich weitem Umfang von der Willkür 
abhängig. In gewissem Umfang gilt das gleiche auch für die normale 
Ejakulation. 

Die vorzeitige Ejakulation hingegen i^t im wesentlichen unabhängig 
vom W^illen des Patienten. In seinem Bewußtsein wünscht er sich den 
normalen Ablauf des Geschlechtsaktes. Von dem vorzeitigen Eintreten 
der Samenentleerung wird er jedesmal wieder überrascht, wie von einem 
Ereignis, das sich überstürzt vollzieht. Viele Patienten schildern, daß 

^) Vgl. hieza Sadgers zitierte Abhandlung. 



.. f^^r^^.^fu Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Ober Ejaculatio praecox, 173 

sie im Augenblick der vorzeitigen Entladung ein Schamgefühl empfinden, 
das sich mit Angst oder Herzklopfen verbindet. 

Die Ejaculatio preecox findet also wider den bewußten Willen des 
Individuums statt. Erinnerte uns der Vorgang zunächst an die normale 
Harnentleerung, so werden wir diese Anschauung jetzt etwas modifizieren 
müssen. Wir werden zum Vergleich die Form des ürinabgangs heran- 
ziehen, wie sie der ersten Kindheit eigen ist. Das passive Fließenlassen 
des Samens, wie es bei der Ejaculatio praecox geschieht, lehnt sich in 
vollkommener Weise an die dem Willen entzogene Urinentleerung der 
ersten Kindheit an, die sich bekanntermaßen bei Neurotikern bis in 
spätere Lebensperioden in größerem oder kleinerem Umfang zu erhalten 
vermag. 

Die freien Einfälle des Patienten pflegen ein Material zu liefern, 
das uns in eindringlicher Weise auf diese Lösung hinführt. Folgen wir 
ihnen ohne jedes Vorurteil, so erhalten wir anamnestische Daten, die 
einander von Fall zu Fall erstaunlich ähneln. Wir erfahren — abge- 
sehen von solchen Reminiszenzen, die sich auf starke Lustbetonung der 
willkürlichen Harnentleerung in der Kindheit beziehen — , daß die 
Kranken schwer an Reinlichkeit zu gewöhnen waren, daß sie selbst bis 
ins erwachsene Alter öfter Urin in kleineren oder größeren Mengen un- 
freiwillig verloren, daß sie bis in späte Kindheitsjahre an Bettnässen 
litten, daß sie auf Erregungen aller Art sehr leicht mit einem unwider- 
stehlichen Harndrang reagieren. Die gleichen Menschen, welche die nor- 
male Beherrschung der Blasenfunktion erst spät oder überhaupt nur 
unvollkommen erwarben, neigen auch zum vorzeitigen, überstürzten 
Samenabfluß. Sie geben auch an, daß die körperliche Empfindung der 
Ejaculatio praecox mit der des unbeherrschten Urinabflusses für sie iden- 
tisch sei. Auf andere, sehr wichtige Kindheitserinnerungen wird später 
einzugehen sein ; sie beziehen sich auf die exhibitionistische Lust an der 
Urinentleerung vor den Augen einer anderen Person und auf deren Hilfe- 
leistung bei dieser Verrichtung. 

Die in Rede stehenden Neurotiker sind nach dem bisher Gesagten 
auf einem bestimmten Punkt der Libido-Entwicklung stehen geblieben. 
Sie ziehen in infantiler Weise Lust aus dem Abfließenlassen körperlicher 
Produkte. Die Ejaculatio praecox hat jedoch für sie gleichzeitig Lust- 
und Unlustbedeutung. Außer stände, auf dem Wege kraftvoller männ- 
licher Aktivität die. höchtse Lust zu erwerben, sind sie der für sie 
stärksten Lust des passiven Fließenlassens hingegeben. Anderseits ist 
die Ejaculatio praecox für sie die Quelle starker Unlust. Sie leiden 
unter quälenden Insuffizienzgefühlen, empfinden beim Eintritt "der vor- 
zeitigen Ejakulation nervöse Angst, nicht selten auch etwas wie Selbst- 
vorwürfe. Dieser Zustand der Ambivalenz muß besonders hervorgehoben 
werden, weil in der Regel der Lustcharakter der Ejaculatio praecox ganz über- 

12* 



.. f^^r^^.^fu Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



]^74 ^^- ^^ Abraham« 

sehen wird. Bei dem einen Patienten ist die Lustbetonung, bei dem 
anderen die Unlustbetonung vorwiegend. 

Schon aus dem bisher Gresagten ist ersichtlich, daß die Libido der 
Neurotiker, welche an vorzeitiger Ejakulation leiden, der durchgreifenden 
männlichen Aktivität ermangelt. Wir werden hier mit einer weiteren 
Eigentümlichkeit im Geschlechtsleben dieser Neurotiker bekannt; wir 
müssen aber zunächst von der Verfolgung dieser Spur absehen und uns 
der EIxkretionslust der Patienten nochmals zuwenden, werden aber als- 
bald die verlassene Spur wieder auffinden. 

Ist die Urethrallust übermäßig betont, so wird diesem „Zuviel" ein 
„Zuwenig" an anderer Stelle entsprechen. Die Untersuchung einer 
Reihe von einschlägigen Fällen ergibt — trotz vieler noch zu er- 
wähnender individueller Abweichungen — , daß bei allen Patienten 
die Genitalzone (im strengen Sinne des Wortes) nicht zur 
Leitzone geworden ist. Es muß hier an die grundlegenden Aus- 
führungen Freuds erinnert werden, wie sie schon in der ersten Auf- 
lage der „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie ** enthalten sind. Beim 
männlichen Kinde wird mit dem Eintritt der Pubertät der Primat der 
Genitalzone aufgerichtet, indem die übrigen erogenen Zonen dieser tri- 
butär werden. Sie liefern die Vorlust, während die Reizung der Genital- 
zone (insbesondere der Glans penis) zur Befriedigungslust führt. Beim 
weiblichen Geschlecht muß die höchste Erogeneität im Pubertätsalter 
auf die Vagina übergehen; hier ist die Etablierung der Leitzone oft 
dadurch gestört, daß von der Kindheit her die vorwiegende Erregbarkeit 
dter Clitoris bestehen bleibt, desjenigen Organs also, welches das weib- 
liche Analogon des Penis darstellt. Durch Übergang der stärksten 
erogenen Bedeutung von der Clitoris auf den Scheideneingang gibt, wie 
Freud es ausgedrückt hat, die weibliche Sexualität einen männlichen 
Zug auf. Bleibt jedoch der Vorrang der Clitoris erhalten, dann ist die 
Unerregbarkeit des Weibes beim Geschlechtsakt, die sogenannte Frigi- 
dität, die Folge. 

Tatsächlich ergibt sich nun in sehr vielen Fällen von Ejaculatio 
praecox, daß bei den Patienten die Oberfläche der Glans penis 
mangelhaft erregbar ist. Sehr häufig ist bei ihnen die Intoleranz 
gegen die Verwendung von Kondoms; die deckende Schicht nimmt den 
Nervenendigungen der Schleimhaut auch noch den Rest von Erreg- 
barkeit. 

Ein Teil der Fälle scheint dieser Erfahrung auf das schroffste zu 
widersprechen. Es sind diejenigen Neurotiker, bei welchen die geringste 
Genitalberührung mit dem weiblichen Körper — besonders aber die 
geringste manuelle Berührung von Seiten des Weibes — genügt, um 
einen überstürzten Samenabfluß hervorzurufen. Diese Übererregbarkeit der 
Genitalzone ist aber keineswegs ein Zeichen ihres Primates, sondern im 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



über Ejacnlatio praecox. 175 

Gegenteil der Ausdruck ihrer Ohnmacht. Die eigentlichen männlichen 
Genitalfunktionen -- Erektion, Immission, Reibung der weiblichen Teile 
— kommen vollständig in Wegfall. Ehe es auch nur zum Beginn der 
Erektion kommt, tritt ein Samenabfluß ein, der von uns bereits als 
einem ürinabgang gleichwertig erkannt ist. Erst später wird uns dieser 
Vorgang restlos verständlich werden. 

Während also bei der weiblichen Frigidität die Glans clitoridis so- 
zusagen alle Erregbarkeit an sich gerissen hat, ist bei der Ejaculatio 
praecox des Mannes das Umgekehrte der Fall. Die Glans penis hat ihre 
normale Erregbarkeit verloren; die Sexualität dieser Männer 
hat damit ihren eigentlich männlichen Charakter ein- 
gebüßt. 

Ejaculatio praecox und weibliche Frigidität entsprechen einander 
sogar in noch weiter gehendem Maße. 

Neben der mangelhaften genitalen Empfindlichkeit besieht nämlich 
bei den Patienten häufig eine besondere Erogeneität des Dammes und der 
rückwärtigen Partien des Skrotums. Diese Gegend entspricht aber ent- 
wicklungsgeschichtlich dem Introitus vaginae und seiner Umgebung. Das 
Verhältnis zwischen Ejaculatio praecox und weiblicher Frigidität wftre 
nunmehr so zu formulieren : Die dem Geschlecht entsprechende Leitzone 
hat die ihr zukommende Bedeutung an diejenige Körperpartie abgegeben, 
welche das Äquivalent der Leitzone des anderen Geschlechtes darstellt. 

Derjenige Teil der männlichen Harnröhre, in welchem die Lust- 
empfindungen der Ejaculatio praecox lokalisiert sind, liegt übrigens im 
Damm. Besondere Beachtung verdient ferner die Muskulatur des 
Dammes, die der Samenausstoßung dient. Ihre Funktion vollzieht sich 
normalerweise in Form rhythmischer Zusammenziehungen ; bei vorzeitiger 
Ejakulation findet dagegen ein Erschlaffen statt, ganz wie bei der Blasen- 
entleerung. Es ist nun bemerkenswert, daß die Muskeln des Dammes 
sich bei einem Teil unserer Patienten gelegentlich spontan kontrahieren. 
Dieser Vorgang aber hat die Wertigkeit eines vom Bewußtsein unab- 
hängigen neurotischen Symptoms. Ich meine die von den Patienten öfter 
geschilderten Dammkrämpfe. 

Der Auffassung der Ejaculatio praecox, wie sie sich uns bisher auf 
Grund psychoanalytischer Untersuchungen gestaltet hat, scheint eine Tat- 
sache zu widersprechen. In der weitaus überwiegenden Zahl der Fälle 
tritt nämlich die vorzeitige Ejakulation nur beim Versuch des Geschlechts- 
aktes, nicht aber bei masturbatorischer Reizung ein. Man darf fragen, 
warum in diesem Falle jenes von uns angenommene Kompromiß zwischen 
Ejakulation und Miktion nicht zu stände kommt. Wir können diesem 
Einwand vorläufig mit der Vermutung begegnen, daß eben das Zusammen- 
treffen mit dem Weibe die neurotische Störung hervorrufe; es erwächst 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



176 i>r* Karl Abraham. 

uns dann aber die Aufgabe, die Einstellung der uns beschäftigenden 
Neurotiker zum weiblichen Geschlecht genauer zu untersuchen. 

2. Die Schicksale der männlich-aktiven Triebregungen. 

Die Neurotiker, welche an vorzeitiger Ejakulation leiden, kann 
man in zwei Gruppen teilen, die freilich nicht scharf gegeneinander 
abzugrenzen sind. Man findet das Symptom zunächst bei solchen Män- 
nern, deren gesamtes Wesen schlaff, energielos, passiv, kurz — unmänn- 
lich erscheint. Anderseits begegnen wir ihm bei erethischen, überleb- 
haften, beständig hastenden Männern. Der Widerspruch, der hier vor- 
zuliegen scheint, löst sich für den Psychoanalytiker unschwer auf. Jede 
Aktivität, die nur in Hast und Überstürzung zu ihrem Ziele zu gelangen 
vermag, ist durch Widerstände bedroht. Der hastende Neurotiker ist 
auf der Flucht vor den in ihm liegenden unbewußten Widerständen; 
er muß seine Vorsätze m fieberhafter Eile zur Ausführung bringen, ehe 
seine Widerstände zum Durchbruch kommen und ihn zu völliger Re- 
signation zwingen. Der schlaffe Neurotiker hat den Kampf gegen diese 
Kräfte aufgegeben; der erethische setzt sich ihnen gegenüber noch zur 
Wehr. 

Männer mit vorzeitiger Ejakulation sind solche, welche mit starken 
— teils unbewußten, teils bewußten — Widerständen gegen die 
spezifisch männlichen, aktiven Leistungen behaftet sind. 

Die Neurotiker mit vorwiegender Schlaffheit äußern in der Regel 
einen ganz bewußten Widerwillen gegen jede geschlechtliche Aktivität ; 
ja, sie haben das direkte Verlangen, die weibliche Rolle zu übernehmen. 
Ein solcher Patient, den ich beobachtete, bevorzugte die Rolle des 
Succubus und gab für diese Vorliebe einen rationellen Grund an : wenn 
er ein Mädchen bezahle, wolle er nicht obendrein noch die Anstrengung 
haben; vielmehr solle das Mädchen für das Geld auch „arbeiten". Es 
ist klar, daß Neurotiker mit diesem Höchstmaß von Bewegungsunlust 
nicht eben günstige Objekte der ärztlichen Behandlung sind, zumal 
dann, wenn sie für ihre Abnormität bewußt Partei nehmen. Die ge- 
schlechtliche Befriedigung ohne aktive Anstrengung zu er- 
reichen, ist ihr Hauptinteresse. 

Die erethischen, in dauernder Hast lebenden Neurotiker erblicken 
meist im Koitus eine lästige Aufgabe, die schnell abgemacht 
werden muß. Sie verlieren ihre nervöse Hast auch nicht im Zusammen- 
sein mit dem Weibe. Unbewußte Faktoren bewirken dann, daß für diese 
Neurotiker der Geschlechtsakt sein überstürztes Ende erreicht, ehe er 
eigentlich begonnen hat. 

Der Widerwille gegen aktive, motorische Leistungen greift auf 
andere Gebiete über. Ich erwähne nur das Verhalten solcher Patienten 



.. f^^r^^.^fu Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Ober Ejacalatio praecox. 177 

gegenüber dem Sport. Viele haben einen ausgesprochenen Widerwillen 
gegen jede Muskelarbeit; andere betreiben einen Sport mit übertriebenem 
Ehrgeiz und in übereifriger, überhasteter Art, um bei einem Mißerfolg 
plötzlich ganz zu resignieren. 

Die Schlaffheit und Passivität dieser Neurotiker ist aber, wie jede 
Psychoanalyse aufs neue lehrt, eine reaktive Erscheinung. Es 
läßt sich erweisen, daß sie an die Stelle allzu heftiger, sadistisch-gewalt- 
tätiger Antriebe getreten ist. 

Die Neigung zur Ausfälligkeit in Worten, zum Jähzorn, zu gewalt- 
tätigen Handlungen, ist bei diesen Neurotikern außerordentlich groß, so- 
weit sie nicht gelähmt wird durch einen anderen, ebenfalls höchst be- 
zeichnenden Charakterzug : die Feigheit. Übertriebene Zornmütigkeit und 
Lähmung der normalen männlichen Angriffslust finden sich hier in naher 
Nachbarschaft beieinander. Auch das bei dieser Gruppe von Neu- 
rotikern häufige Nebeneinander von übergroßem Ehrgeiz und schweren 
Arbeitswiderständen mag an dieser Stelle erwähnt sein. 

Mit der soeben gegebenen Schilderung haben wir zwar eine Reihe 
von wichtigen Erscheinungen berührt, welche sich bei Neurotikern neben 
der Ejaculatio praecox vorzufinden pflegen, wir sind aber nahe an der 
Oberfläche der Erscheinung geblieben. Lassen wir uns von den Asso- 
ziationen der Patienten leiten, so erfahren wir, daß ihre Libido ur- 
sprünglich keineswegs einer sadistischen Komponente entbehrte. Im 
Gegenteil lehrt uns die Psychoanalyse in den meisten Fällen, daß neben 
der unmännlich-passiven oder überhastet-aktiven Einstellung zum Weibe 
im Unbewußten der Kranken eine andere, aggressiv-grausame 
EinstellungzumWeibe besteht. Aus Träumen und anderen Phantasie- 
produkten der Kranken erfahren wir sehr häufig von der Vorstellung, 
das Weib durch den Koitus zu töten. In diesen Phantasien ist der Penis 
die Waffe des Sadismus. 

Die reaktive Umwandlung solcher Triebregungen führt zu einem 
Ergebnis, welches wir bei den Patienten oft genug konstatieren können. 
Das männliche Genitale wird seiner Gefährlichkeit beraubt ; es darf dem 
Weibe gegenüber nicht mehr in den Zustand geraten, in welchem es dem 
Sadismus dienen könnte. Vorzeitige Erschlaffung und Ejakulation besei- 
tigen diese Gefahr. Darüber hinaus haben viele der Patienten vor Aus- 
führung des Geschlechtsaktes eine ausgesprochene Angst, dem Weibe 
Schmerzen zuzufügen. Ein Rest von Potenz bleibt ihnen nur, wenn sie 
der vollkommenen Einwilligung des Weibes sicher sind ; ihre aggressiven 
Regungen sind dermaßen unterdrückt, daß ihnen jede sexuelle Initiative 
im strengen Sinne des Wortes abgeht. Manche vermögen überhaupt 
keinerlei Beziehungen zu weiblichen Personen aus eigener Initiative an- 
zuknüpfen ; andere sind zwar fähig, eine Beziehung einzuleiten, verlieren 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



178 I>r- Kftrl Abraham. 

aber ihre Aktivität in dem Augenblick, da sie zur körperlichen Aktion 
übergehen sollen. 

Einer meiner Patienten war im Anfang seiner Ehe im allgemeinen 
impotent. Er fühlte eine feindlich-aggressive Einstellung zu seiner Frau. 
Der geringste Streit mit ihr hatte bei ihm völlige Impotenz zur Folge. 
Er beobachtete jedoch bei sich eine verhältnismäßig gute Potenz, wenn 
er sich mit seiner Frau gerade ausgesöhnt hatte. War also für den 
Augenblick der äußere Anlaß zur Feindseligkeit und Rache geschwunden, 
so war ihm eine vorübergehende geschlechtliche Aktivität gegönnt. 

Die Assoziationen der Kranken führen aber weit.er zu dem Er- 
gebnis, daß für ihr Unbewußtes die Ejaculatio praecox das extreme Gegen- 
teil den Tötens bedeutet An die Ejaculatio praecox knüpft sich mit 
großer Häufigkeit die unbewußte, nicht selten sogar bewußte Vorstellung 
des eigenen Todes. Sie ist ein kraftloses Ersterben; manche Kranke 
gebrauchen den Ausdruck, daß sie sich hinschwinden, zerfließen fühlen. 
Bezeichnend ist ein nicht selten mit der vorzeitigen Ejakulation ver- 
bundenes Ohnmachtsgefühl. 

Der Verlust der männlichen Aktivität zeigt sich des weiteren in 
dem Affekt der Angst, welcher die Ejaculatio praecox häufig begleitet. 
Namentlich diejenigen Patienten, deren Leben sich in dauernder Hast 
abspielt, produzieren solche Angst. 

Ihre Hast und Angst erinnert uns von neuem an das Verhalten 
frigider Frauen, die nach unserer Erfahrung sich ständig in Hetze be- 
befinden. Die diesen Frauen eigentümliche Angst, „nicht fertig zu 
werden*^, die sich auf alle Aufgaben des täglichen Lebens ausdehnt, 
findet sich bei unseren männlichen Neurotikern wieder. Sie erledigen 
ihre geschlechtlichen Funktionen in Hast, als drohte jeden Augenblick 
eine Störung. Diese Angst vor dem Gestörtwerden ist im Unbewußten 
der Kranken eng verknüpft mit ihrer Einstellung zum Vater. Sie äng- 
stigen sich vor dem allsehenden Auge des Vaters und vor seiner stra- 
fenden Hand. Wir befinden uns hier auf gut bekanntem Boden; die 
Kastrationsangst, deren Bedeutung im Seelenleben des kleinen 
Knaben und im Unbewußten des erwachsenden Mannes Freud erkannt 
hat, entfaltet ihre Wirkung auch in der Psychogenese der Ejaculatio 
praecox. 

Die nämlichen Patienten empfinden eine ausgesprochene Angst 
vor dem weiblichen Genitale. Es trägt für sie den Charakter des Un- 
heimlichen. Regelmäßig bestätigt uns die Psychoanalyse, daß der Mangel 
des Penis beim Weibe es war, der die Kastrationsangst ursprünglich 
hervorgerufen hat. Die körperliche Annäherung an das Weib erweckt 
dieses Grauen in den Patienten jedesmal von neuem. 

Dieser Angst nahe verwandt ist eine zweite : durch den Geschlechts- 
akt selbst den Penis zu verlieren. Nicht selten bringen die Patienten 



.. f^^r^^.^fu Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



über Ejacnlatio praecox. 179 

dem Arzt die Mitteilung von einer Angst entgegen, die seit dem Puber- 
tätsalter nicht von ihnen gewichen ist. Es handelt sich um die Phobie, 
den Penis nicht wieder aus dem Körper des Weibes zurückziehen zu 
können, sondern ihn darin zurücklassen zu müssen. Die Angst lehnt 
sich an eine der infantilen Sexualtheorien an, welche in der Pubertät 
neu belebt werden. Nach dieser Theorie beraubt das Weib bei der ersten 
und einzigen Vereinigung den Mann seines Genitalorgans durch Ab- 
reißen oder Einklemmen desselben. Die Angst vor einem solchen Vor- 
gang liefert einen weitern Beitrag zur Erklärung der Tatsache, daß bei 
unseren Patienten vielfach zunächst Libido und Erektion vorhanden 
sind, daß aber gleich nach der Immissio oder schon im Augenblick der 
körperlichen Annäherung die Erektion schwindet. Der Patient bringt 
sich aus solchen unbewußten Motiven im letzten Augenblick in Sicher- 
heit; bewußt reagiert er auf diesen unmännlichen Rückzug mit leb- 
haften und peinigenden Insuffizienzgefühlen. 

In einigen Fällen lieferten die Assoziationen der Patienten den 
Beweis, daß sie sich durch den Vorgang der Ejaculatio praecox vor den 
Augen des Weibes gleichsam selbst entmannten. Phantasien dieser Art 
werden später ihre Aufklärung finden. 

Die mangelnde sexuelle Aktivität unserer Patienten findet ihren 
Ausdruck noch in anderer Form. Es ist uns geläufig, daß neurotische 
Widerstände gegen eine Verrichtung sich oftmals als Ungeschicklich- 
keit bei ihrer Ausführung kundgebenjl Neurotiker, die mit vorzeitiger 
Ejakulation behaftet sind, legen beim geschlechtlichen Verkehr stets 
eine deutliche Ungeschicklichkeit an den Tag. Typisch ist für sie die 
Unfähigkeit zur Immissio penis ohne Hilfe des weiblichen Partners. 
Hauptsächlich aus diesem Grunde fürchten sie den Verkehr mit einem 
sexuell unerfahrenen Weibe, das ihnen in solcher Weise entweder 
nicht beispringen kann, oder dem sie eine solche Hilfeleistung nicht 
zumuten dürfen. Eine weitere Erklärung dieses Verhaltens wird sich 
übrigens noch späterhin ergeben. 

3. Der Narzißmus als Quelle der Sexualwiderstände. 

Die bisherige Untersuchung hat keinen Zweifel darüber gelassen, 
daß bei unseren Patienten die Entwicklung der Libido eine Hemmung 
erfahren hat. Sie haben die normale Einstellung des Mannes zum Weibe 
nicht erreicht; ihre Sexualität weist vielmehr eine große Zahl infantiler 
Züge auf. Genauer gesagt: sie empfinden insoweit normal, daß ihre 
Libido sich bewußtermaßen — wenn auch nicht ausschließlich, so doch 
in der Hauptsache — auf die normalen Geschlechtsbeziehungen zum 
Weibe richtet. Wohl ist einem Teil der Patienten schon die Anknüpfung 
mit dem Weibe sehr erschwert; diese Eigentümlichkeit teilen sie aber 



.. f^^r^^.^fu Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



180 ^^' ^sltI Abraham. 

mit anderen Neurotikern. In einer abnormen, für sie spezifischen Weise 
reagieren sie erst in dem Augenblick, da sie ihre sexuelle Aktivität im strengen 
Sinne des Wortes zeigen sollen. Gegen ihren bewußten Willen macht sich 
dann eine Störung bemerkbar, die von unbewußten libidinösen Gegen- 
strömungen herrührt. Wir haben bereits erfahren, daß diese Strömungen 
infantiler Art sind. Ihre Tendenz ist, den Geschlechtsakt im eigentlichen 
Sinne des Wortes nicht zur Ausführung kommen zu lassen. Statt seiner 
findet eine kraftlose, dem unwillkürlichen Harnabfluß des Kindes ähn- 
liche Samenentleerung statt. Das aktiv-motorische Verhalten des Mannes 
ist durch gänzliche Passivität ersetzt. 

Es ergibt sich dann die Frage, welcher Art und Herkunft die un- 
bewußten Widerstände seien, durch welche das Individuum gehindert wird, 
sich normal zum anderen Geschlecht einzustellen. Meine Psychoanalysen 
verweisen in dieser Hinsicht übereinstimmend auf den Narzißmus; nicht 
im Sinne einer völligen Regression der Libido auf dieses infantile Stadium, 
so wie sie Freud für die paranoischen Erkrankungen nachgewiesen hat. 
Vielmehr handelt es sich um störende Einflüsse verdrängter narzißtischer 
Tendenzen, die zu keiner völligen Herrschaft gelangen. Ihre Macht be- 
w^eisen sie immerhin dadurch, daß sie dem Individuum gewisse Kom- 
promisse aufzwingen, zu denen auch die uns beschäftigende Potenz- 
störung gehört. 

Bei einem Teil der an Ejaculatio praecox Leidenden legt schon die 
flüchtige Beobachtung diese Auffassung nahe. Unsere Patienten lassen 
schon in ihrer Kleidung und ihrem Auftreten ein ungewöhnliches Maß 
von Eitelkeit erkennen. Die geringste kritische Bemerkung eines anderen 
Menschen kann sie in maßlose Heftigkeit versetzen. Sie verlangen, von 
ihrer Umgebung bewundert zu werden, sind überhaupt von einem krank- 
haften Ehrgeiz erfüllt. 

Die Psychoanalyse deckt den Narzißmus der Patienten vollends auf. 
Sie erweist regelmäßig eine ganz mangelhafte Objektliebe; sein eigent- 
liches Liebesobjekt ist der Kranke selbst. Und ganz entsprechend den 
von Freud mitgeteilten Erfahrungen finden wir bei jedem unserer 
Kranken eine besonders hohe und mit abnormen Afifektäußerungen ver- 
bundene Wertschätzung des Penis. Sie äußert sich unter anderem in der 
übermäßigen Angst vor Verlust oder Beschädigung des Organs,^) von 
der bereits die Rede war. 

Die Psychoanalyse jedes Falles von Ejaculatio praecox macht uns 
aber mit einer Fülle anderer Erscheinungen des Narzißmus bekannt. 
Um sie richtig zu würdigen, bedarf es eines kurzen Rückblicks auf die 
entsprechenden Phänomene im Kindesalter. 

Das Kind erlebt die ersten Befriedigungen seiner Libido bei Gelegen- 
heit körperlicher Funktionen, wie der Nahrungsaufnahme und der Ex- 

>) Freud, Zur Einführung des Narzißmus. Jahrb. der Psychoanalyse, 1914. 



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über Ejacnlatio praecox. X81 

kretionsvorgänge. Seine erste Sympathie wendet das Kind den Personen 
zu, welche ihm Nahrung, Pflege usw. angedeihen lassen. Da sie sich 
hiebei mit seinem Körper befassen müssen, rufen sie beim Kinde gleich- 
zeitig durch Reizung erogener Zonen Lustempfiudungen hervor. Das 
Kind nimmt diese letzteren wie Geschenke entgegen. 

Dieses Stadium der Libidoentwicklung, in welchem das Kind sich 
selbst der Mittelpunkt seiner noch engen Welt ist und in welchem es 
Liebesbeweise von anderen Personen ohne Gegengabe in Empfang 
nimmt, bezeichnen wir als Narzißmus. 

Die Beziehungen zum Liebesobjekt entwickeln sich weiter, indem 
das Kind anfängt, der anderen Person vom Seinigen zu geben. Die Pro- 
dukte des eigenen Körpers — sie sind in der Vorstellung des Kindes 
Teile des Körpers — stellen in erster Linie die Münze dar, mit welcher 
das Kind bezahlt. Diese Stoffe unterliegen der narzißtischen Überwertung. 
Hier sei nur ein Bespiel gegeben. Es ist eine öfters zu bestätigende Erfahrung, 
daß ein Kind, wenn es etwa im Familienkreise von Hand zu Hand ge- 
reicht wird, mit einer den Angehörigen rätselhaften Auswahl immer 
eine bestimmte Person mit seinem Urin benäßt. Das ist einer der pri- 
mitivsten Liebesbeweise, weit ursprünglicher als Kuß oder Umarmung, 
die das Kind erst durch Nachahmung lernt. Wir werden an die Be- 
grüßungsformen mancher primitiver Völker erinnert. Gibt man einem 
anderen Menschen von den eigenen Körperprodukten, z. B. Speichel, so 
will das bedeuten: ich gebe dir vom Meinigen, das mir doch kostbar 
sein muß, also meine ich es gut mit dir! 

Wir konnten aus der Vorgeschichte unserer Patienten den beson- 
deren Lustwert der Harnentleerung feststellen, ferner aber auch die über 
das gewohnte Maß des kindlichen Narzißmus hinausgehende Wert- 
schätzung des Penis. Der ersteren Tatsache liegt augenscheinlich eine 
konstitutionelle Eigentümlichkeit zu Grunde. Wird nun schon normaler- 
weise im Stadium des kindlichen Narzißmus dem Penis eine hohe Wert- 
schätzung;zu teil, die sich sowohl auf die Berührungslust als auch auf 
die Exkretionslust gründet, so sind die möglichen Folgeerscheinungen 
einer konstitutionell verstärkten Urethrallust einleuchtend. Das 
Individuum wird zu einer Zeit, da es sich längst der normalen Objekt- 
liebe zugewandt haben sollte, einen starken Anlaß zum Verweilen im 
Narzißmus in sich tragen. Ferner wird sich in den Vorstellungen des 
Kindes die Überwertung des Penis als Organ der Harnfunktion in be- 
sonderem Maße fixieren. Tritt später an das Organ die Anforderung der 
eigentlichen Geschlechtsfunktion heran, bo weigert es sich nun 
dieser. Die Folge ist dann jenes Kompromiß, als welches wir die Ejacu- 
latio praecox bereits erkannt haben. 

Erst jetzt vermögen wir das den Patienten unbewußte Sexualziel 
der Ejaculatio praecox zu begreifen. Das normale Sexualziel ist eine 



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Ig2 Dr. Karl Abraham. 

körperliche Vereinigung mit dem Weibe; der Mann hat dabei eine mo- 
torische Leistung zu vollbringen, die ihm selbst, gleichzeitig aber auch 
dem Weibe, Befriedigung bringen soll. Die Tendenz der Ejaculatio praecox 
ist völlig anderer Art. 

Die Libido unserer Patienten verharrt in weitem Umfang im Stadium 
des Narzißmus. Wie der kleine Knabe die Mutter mit seinem Urin be- 
näßt, den er noch nicht zu halten vermag, so benäßt der Neurotiker 
durch vorzeitige Ejakulation das Weib, in welchem wir nunmehr mit 
voller Deutlichkeit den Mutter ersatz erkennen. 

Die Mutter oder Pflegerin ist genötigt, den kleinen Knaben am 
Genitale zu berühren, sowohl wenn sie ihm zur Urinentleerung behilflich 
ist, als auch beim Waschen und Trocknen des Körpers. Die Lust dieser 
Berührung offenbaren uns die aus dem Unbewußten schöpfenden Asso- 
ziationen der Patienten. Eines ihrer unbewußten Sexualziele ist es, vom 
Weibe am Genitale berührt zu werden^) und danach in einer der Urin- 
entleerung ähnlichen Weise zu ejakulieren. Auch hier wird die mütterliche 
Bedeutung des Weibes durchsichtig. Namentlich aber wird uns nun eine früher 
erwähnte Eigentümlichkeit unserer Patienten verständlich: ihre Neigung, 
sich vom Weibe bei der Immissio manuelle Hilfe leisten zu lassen. Die 
lustvolle Berührung des Penis war einer der frühen und bedeutungs- 
vollen Liebesbeweise von seiten der Mutter. Der an vorzeitiger Eja- 
kulation Leidende möchte, wie wir bereits wissen, nicht lieben, sondern 
nur Liebe entgegennehmen. Sein Unbewußtes versucht, zu diesem Zwecke 
die Wege der frühen Kindheit wieder gangbar zu machen. 

Unter diesen Wegen ist einer, den wir bisher nicht ins Auge ge- 
faßt haben, auf den wir aber durch die Einfälle der Patientan mit Nach- 
druck hinweisen werden. 

Die Abgabe von Produkten des eigenen Körpers ist nicht die 
einzige Liebesäußerung des Kindes im Stadium des Narzißmus. Eine 
andere Form des Liebesbeweises und des Liebeswerbens ist die Ex- 
hibition. 

Besonders in der zweiten Hälfte des dritten und in der ersten 
Hälfte des vierten Lebensjahres pflegen kleine Knaben gern vor der 
Mutter zu exhibieren, namentlich bei Gelegenheit der Urinentleerung, zu 
der sie nicht mehr der mütterlichen Hilfe benötigen wie in früherer 
Zeit. Ein Knabe, dessen Urethralerotik keineswegs die normalen Grenzen 
überschritt, fragte in dem genannten Alter öfter seine Mutter, ob er ihr 
seinen Penis zeigen solle. Er gebrauchte für diesen Körperteil übrigens 
eine selbsterfundene Bezeichnung. Hatte er Urin entleert, so fragte er 
öfters, ob es „viel" sei. Hier trat der Narzißmus, das Bedürfnis, für 
seine Leistung bewundert zu werden, mit besonderer Deutlichkeit her- 
vor. Als die Eltern einmal mit dem Kleinen in einem Seebad weilten, 

*) Hier ist wieder auf Sadgers Ausführnngen zu verweisen. 



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über Ejaculatio praecox. 183 

hatte er Lust daran, sein Bedürfnis in einem Augenblick zu verrichten, 
wenn gerade eine Flutwelle herankam. Auf eine Frage, warum er das 
tue, gab er zur Antwort: ^Damit es recht viel Wasser ist." Der Nar- 
zißmus des Kleinen fand offensichtlich eine besondere Befriedigung in 
der Vorstellung, daß das ganze Meer sein Produkt sei. 

Diese narzißtische Eitelkeit auf die Menge der entleerten Stoffe, 
die sich bei Neurotikern in mancherlei Formen äußert, kommt auch bei 
der Ejaculatio praecox zur Geltung. Wie bereits erwähnt wurde, sind 
einzelne Patienten stolz auf die Ejakulation, die sie nicht im weiblichen 
Körper, sondern gewissermaßen vor den Augen des Weibes stattfinden 
lassen. 

Der Ejaculatio praecox wohnt somit auch eine exhibitionistische 
Tendenz inne. In ihr setzt sich der mit dem infantilen Narzißmus ver- 
knüpfte Glaube fort, durch die eigenen Vorzüge — besonders durch den 
Penis und das Urinieren — einen unwiderstehlichen Reiz auf das Weib 
(die Mutter) auszuüben. 

Eine aus dam Narzißmus zu erklärende Selbsttäuschung wurde schon 
früher erwähnt. Einzelne unter den Patienten wiegen sich in den 
Glauben ein, die Ejaculatio praecox sei ein Zeichen ihrer besonderen 
Leidenschaftlichkeit. Zu dieser Selbsttäuschung gesellt sich gelegentlich 
noch eine zweite : die Ejaculatio praecox sei das Zeichen einer feineren, 
veredelten Männlichkeit, im Gegensatz zur aggressiven Roheit anderer 
Männer. Das aus verdrängtem Narzißmus hervorgegangene Symptom wird 
vom Patienten sekundär in einer narzißtischen Weise gerechtfertigt. Die 
Tendenz dieses Verfahrens ergibt sich leicht. Der Patient möchte den als 
gewalttätig und roh betrachteten Vater durch Feinheit übertreffen und 
ihn dadurch bei der Mutter ausstechen. Die Vorstellung von der Ge- 
walttätigkeit des Vaters entstammt gewissen Erlebnissen des Kindes : es 
hat den Verkehr der Eltern belauscht und ihn als einen Gewaltakt des 
Vaters aufgefaßt. Nach der eigenen Geschlechtsreife wirkt diese „sa- 
distische" Theorie des Koitus im Unbewußten des Sohnes nach. Der 
normale Geschlechtsakt erscheint dann als eine Roheit. Die Ejaculatio 
praecox wendet sich gewissermaßen an die weibliche Zartheit der 
Mutter; sie will ausdrücken: sieh, ich komme dir zarter entgegen als 
der Vater! 

Es darf aber keineswegs übersehen werden, daß dieses Exhibieren 
vor dem Weibe (der Mutter) einen ambivalenten Charakter trägt. Es ist 
nicht nur ein Liebesbeweis mit der Tendenz des Bewundert- und Be- 
rührtwerdenwoUens, sondern zugleich ein Zeichen der Ablehnung des 
Weibes. Nach meinen tibereinstimmenden psychoanalytischen Er- 
fahrungen handelt es sich um eine mit schweren Affekten betonte Feind- 
seligkeit, welche sich besonders als Verachtung des Weibes geltend 
macht. Die Feindseligkeit leitet sich aus infantilen Quellen her, vor allem 



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Ig4 ^^' ^^1 Abraham. 

aus kindlicher Eifersucht. Die Verachtung des Weibes erklärt sich zwang- 
los aus der Überwertung des Penis. Das Weib ist minderwertig, ver- 
ächtlich, weil ihm dieser Körperteil mangelt. Nicht wenige der an Eja- 
culatio praecox Leidenden sind Verächter der Frauen im allgemeinen ; sie 
können nicht genug über die „ün Vollkommenheit" des Weibes spotten. 
In manchen Fällen äußert sich diese Einstellung in einer mit heftigen 
Affekten betonten Gegnerschaft gegen die heutige Frauenbewegung. 

Wir kommen so zu dem eigentümlichen Ergebnis, daß die Eja- 
culatio praecox auch ein Ausdruck der Feindschaft und Verachtung ist, 
welche der Patient der Gesamtheit der Frauen wie der einzelnen Frau 
entgegenbringt. Verschiedene unter meinen Psychoanalysen klärten mich 
über diese von mir früher nicht erkannte Tendenz auf. Die Eja- 
culatio praecox — imd zwar kommt hier namentlich die ante portas 
geschehende in Frage — ist eine Besudelung des Weibes mit einem 
den Urin vertretenden Stoffe. Man muß sich hier den ambivalenten 
Charakter der Vorgänge vergegenwärtigen, welche in der Abgabe eigener 
Exkrete an eine andere Person bestehen. Wir lernten sie vorher als Aus- 
drucksmittel kindlicher Sympathie kennen. Eine Parallele aus der 
Völkerpsychologie wird hier klärend wirken. Das Anspeien einer anderen 
Person, das bei gewissen Völkerschaften eine freundliche Begrüßungs- 
form darstellt, wird mit fortschreitender Verdrängung, d. h. Kulturent- 
wicklung, zum Ausdruck stärkster Verachtung. Jedes Kind durchschreitet 
aber ein Stadium, welches der Auffassung jener Primitiven entspricht; 
es ist das Stadium des Narzißmus. Ein vierjähriges Mädchen bezeichnete 
einmal seinen Speichel, für den es eine von der Erziehung nicht gebil- 
ligte narzißtische Hochschätzung an den Tag legte, als „schönes, reines 
Zungenwasser". Was später als unschön und unrein angesehen wird, 
erscheint in diesem Stadium noch in einem ganz entgegengesetzten Licht. 
In dem uns beschäftigenden Zusammenhang sei darauf aufmerksam ge- 
macht, daß dem kleinen Kinde und den Primitiven auch der Ekel vor 
dem Urin durchaus abgeht. Man braucht nur daran zu denken, daß ge- 
wisse Negervölker ihre Kochgeschirre mit Urin reinigen. Bei ihnen 
herrscht noch in weitem Umfange die narzißtische Bewertung der 
Körperprodukte. 

Mit der unbewußten Absicht der Besudelung des Weibes ist eine 
andere Tendenz aufs engste verknüpft. Meine Psychoanalysen bestätigen 
von Fall zu Fall inmier wieder, daß das Benässen des Weibes auch eine 
Trotzhandlung darstellt. Die Mutter hat die Aufgabe, das Kind zur Rein- 
lichkeit, zur Beherrschung seiner Schließmuskeln zu erziehen. Wird die 
Mutter zum Objekt der Feindschaft und Verachtung, so setzt das Band 
ihren Bestrebungen einen heftigen Tjotz entgegen, der uns oft genug 
im Charakter des erwachsenen Neurotikers wieder begegnet. So haben 
wir in der Ejaculatio praecox auch einen trotzigen Bückfall in die 
unbeherrschte Entleerungsform des frühen Kindesalters zu erblicken. 



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über EjacTilatio praecox. 185 

Es wurde oben dargelegt, daß die Verunreinigung des Liebesobjekts 
mit Urin oder einem anderen Körperprodukt ein infantil-narzißtischer 
Ausdruck der Sympathie sei. Die tiefer eindringende Analyse zeigt uns 
aber gerade hier ein Beispiel ausgeprägtester Ambivalenz und lehrt uns 
von neuem den Kompromißcharakter der vorzeitigen Ejakulation kennen. 

Der zum Weibe ambivalent eingestellte Neurotiker gibt auf dem 
Wege der Ejaculatio praecox dem Weibe etwas von seinem körperlichen 
Besitz, aber er gibt nur scheinbar. In Wirklichkeit veranlaßt ihn seine 
feindselige Haltung, eifersüchtig über seinen Besitz zu wachen. Das 
Weib erhält nichts: er spart seine Körperkraft, er gibt seiner Part- 
nerin keine Lustempfindung ; er vergießt sein Sperma, gibt es aber nicht 
ihr, gibt ihr also auch kein Kind. Im Gegenteil erregt er in ihr Erwar- 
tungen und enttäuscht sie dann. 

Wie früher ausgeführt wurde, befindet sich jeder unserer Kranken 
in einer passiven Einstellung gegenüber dem Weibe. Er ist von der 
Mutter dauernd abhängig und kämpft gegen diese in seinem Unbewußten 
begründete Abhängigkeit. Der Abwehrkampf tritt in die Erscheinung als 
ein Kampf gegen das Weib. Der Patient verfügt aber in diesem Kampf 
nicht über die Mittel einer kraftvollen männlichen Aktivität. Er muß 
sich darauf beschränken, das Weib zu enttäuschen, und übt damit an 
jedem Weibe Rache für Liebesenttäuschungen, denen er als Kind von 
Seiten seiner Mutter ausgesetzt war und die sich ihm in späterem Alter 
wiederholen. 

Ein Hinweis sei hier noch gegeben auf häufige, neben der Eja- 
culatio praecox einhergehende, aus den gleichen Quellen stammende Er- 
scheinungen, die sich im ganzen sozialen Verhalten der Patienten gel- 
tend machen. Entsprechend dem Narzißmus und der Ambivalenz ihrer 
Gefühlseinstellungen schwanken sie zwischen vorschneller Übertragung 
und allzu ängstlichem Ansichhalten. Mancher dieser Patienten reagiert 
auf die abweichende Meinung, auf die Kritik eines anderen Men- 
schen usw. entweder mit einem Ausbruch von Wut und Jähzorn 
oder aber mit einem verbissenen Ansichhalten, durch welches er sich 
ganz in sich selbt zurückzieht. 

Das Zusammentreffen gewisser Charakterzüge ist für unsere Neu- 
rotikergruppe so typisch, daß man aus ihnen mit einer gewissen Wahr- 
scheinlichkeit auf das Bestehen der Ejaculatio praecox schließen kann. 
In einer Sitzung der Berliner psychoanalytischen Vereinigung wurden ein- 
mal in einem Vortrag abnorme Affektzustände eines Neurotikers be- 
sprochen. In der Diskussion äußerte ich auf Grund des vom Referenten 
geschilderten sozialen Verhaltens die Vermutung, daß der Patient an Eja- 
culatio praecox leide, was mir dann sofort bestätigt wurde. 

Endlich mag hier auf eine seltenere, in Ärztekreisen wenig bekannte 
neurotische Störung hingewiesen werden, die der vorzeitigen Ejakulation 



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186 Dr. Karl Abraham. 

als Phänomen entgegengesetzt, ilir innerlich aber nahe verwandt ist. Man 
kann sie alsimpotentia ejaculandi bezeichnen. Bei manchen Neu- 
rotikern erfolgt nämlich im Geschlechtsakt die Ejakulation überhaupt 
nicht. Auch hier liegt ein Zustand der Sexualablehnung vor, der aus dem 
Narzißmus hervorgeht. Bei diesen Patienten ist das ^Ansichhalten^ die 
überwiegende Tendenz. Der Effekt ist der gleiche wie bei der Ejaculatio 
praecox : der Narzißmus setzt sich durch und das Weib wird enttäuscht. 
Daß vom normalen Eintritt der Ejakulation zum vorzeitigen Eintritt 
einerseits, zum Ausbleiben der Samenentleerung anderseits fließende Ober- 
gänge bestehen, bedarf kaum der Erwähnung. Die retardierte Eja- 
kulation ist ein nicht seltenes Symptom mancher Neurosen. 



Es ist die Aufgabe der psychoanalytischen Behandlung, den Pa- 
tienten von seiner narzißtischen Einstellung zu befreien und ihm den Weg 
zur normalen Gefühlsübertragung zu zeigen. Gelingt es, seine narzißtische 
Ablehnung des Weibes aufzuheben, so ist die Bahn frei gemacht für 
den normalen Ablauf der Geschlechtsfunktionen; ganz analog gelingt es 
ja auch, das weibliche Analogon der Ejaculatio praecox — die Frigi- 
dität — zu beseitigen. 

Selbstverständlich sind verschiedene Fälle des Leidens von sehr ver- 
schiedener Wertigkeit. Leichteste Störungen dieser Art treten bei dispo- 
nierten Männern episodisch auf und können ohne jede Behandlung ver- 
schwinden; freilich ist die Gefahr des Rückfalls stets gegeben. Die 
Psychoanalyse bringt auch in schweren und hartnäckigen Fällen einen 
Heilerfolg oder doch mindestens eine Besserung. ^) Prognostisch sind die- 
jenigen Fälle am wenigsten günstig zu beurteilen, in denen die Eja- 
culatio praecox sich sogleich im Alter der Geschlechtsreife bemerk- 
bar gemacht hat und seither durch eine Reihe von Jahren vielemal 
hervorgetreten ist. Es handelt sich hier um Fälle mit außergewöhnlich 
starkem Vorwiegen der urethralen gegenüber der genitalen Erotik, in 
denen die Lust der Ejaculatio praecox die Unlust zu überwiegen pflegt. 

Die Behandlung des Leidens kann zu den technisch schwierigsten 
Aufgaben des Psychoanalytikers gehören, weil er den Kampf mit der 
bei diesen Kranken sehr beträchtlichen Macht des Narzißmus aufnehmen 
muß. Eine geduldige und konsequente Anwendung der Methode läßt 
ihn aber auch diese Schwierigkeiten überwinden. 

*) Auch in zwei Fallen von Impotentia ejaculandi ist es mir gelungen, auf 
psychoanalytischem Wege dauernd Heilung zu erzielen. 



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Pollution ohne orgastischen Traum und Orgasmus 
im Traume ohne Pollution. 

Von Dr. S. Ferenczi (Budapest). 

Oft erzählen einem die Patienten, daß sie im Schlafe eine Pollution 
gehabt haben, ohne daß der sie begleitende Trauminhalt einen sinnlichen 
Charakter gehabt oder überhaupt eine geschlechtliche Beziehung verraten 
hätte. Manchmal vermag die Analyse die Fäden aufzudecken, die von dem 
harmlosen bewußten Trauminhalt zu einer unbewußten Sexualphantasie 
führen, die die stattgefundene Samenergießung erklärlich macht. Immer- 
hin zeigt es von einer starken Fähigkeit zur Verdrängung, wenn jemand 
die Verschiebung vom Eigentlichen bis zum letzten Momente des or- 
ganischen Befriedigungsprozesses festzuhalten versteht. — Viel häu- 
figer sind natürlich Fälle, in denen der Traum — wie gewöhn- 
lich — mit Entstellungen und Verschleierungen der Phantasie beginnt, 
im Momente des Orgasmus aber unverhüllt die sexuelle oder genitale 
Begebenheit dem Träumenden bewußt werden läßt. 

Es gibt aber eine typische Form dieser Pollutionsträume ohne Or- 
gasmus, die ich bei einem jungen Manne längere Zeit hindurch fast 
täglich zu studieren Gelegenheit hatte. Er hatte jede Nacht eine Pollu- 
tion, aber niemals an einen sinnlichen Trauminhalt geknüpft. Es waren 
Beschäftigungsträume, die mit einem Samenerguß endigten; sie 
bestätigen also die Annahme Tausks, wonach der pathologische Be- 
schäftigungsdrang eine entstellte sexuelle Betätigung darstellt. 

Der junge Mann träumte z. B. von einer komplizierten mecha- 
nischen Entdeckung (er wollte Techniker werden), von einem fliegenden 
Automobil, das alle Vorzüge einer Flugmaschine und eines Automobils 
vereinigte. Die Arbeit ging schwer von statten, alle möglichen Hinder- 
nisse stellten sich ihm in den Weg, doch als die Maschine fertig war 
und sich in Bewegung setzte — erwachte er mit einer Pollution. — 
Andere Male träumte er von einer schwierigen mathematischen Aufgabe, 
deren Lösung mit einer Ejakulation einherging, usw. 

Da ich von Freud wußte, daß Pollutionen zumeist nächtlicherweise 
wiederkehrende Onaniebetätigungen (oder zumindest Onaniephantasien) 
sind, forschte ich bei diesem Patienten eindringlich nach der Geschichte 
seiner Masturbation und erfuhr, daß er einen besonders heftigen Abwehr- 
kampf auszustehen hatte. Seine Mutter gehörte zu jenen anscheinend 
sorglosen (im Unbewußten sehr sinnlichen) Personen, die das Heran- 

Zeltectr. f. Jtartl. Psychoanalyse. lV/4. 13 

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188 Dr. S. Ferenozi. 

wachsen ihres Sohnes nicht zur Kenntnis nehmen wollen, um mit ihm 
desto länger in körperlicher Intimität bleiben zu können. Um die sich dies- 
mal unverhüllt meldenden inzestuösen Phantasien abzuwehren, blieb dem 
jungen Mann nichts anderes übrig, als die Sexualität überhaupt in eine 
andere — möglichst harmlose — Sprache zu transponieren. Das tat er 
seinerzeit bewußt, als er in die Onanie rückfiel. Er onanierte „ohne 
Phantasien". Seit er die Wachonanie überhaupt unterdrückte, kehrt sie 
bei Nacht als Beschäftigungspollution wieder. 

Es scheint also, daß das Thema der nichtorgastischen Pollution 
überhaupt innig mit der Onanie ohne sinnlichePhantasien, von 
der einem so oft erzählt wird, zusammenhängt. Solche Angaben Erwach- 
sener müssen wir mit der größten Reserve aufnehmen; nur bei ganz 
kleinen Kindern können wir im Zeitalter der „primären Onanie" die 
Möglichkeit einer rein lokalen Genitalreizung ohne Mitbeteiligung der 
übrigen Psyche zugeben. — Nach einiger Zeit erfährt man auch von den 
Erwachsenen sicher, daß sie, wenn auch keine sinnlichen Phantasien, 
doch gewisse „Gedanken" während der Onanie bekommen. Diese 
Gedanken sind oft eigentümlich. Mathematische oder mechanische Pro- 
bleme (wie beim obigen jungen Mann); fortlaufendes Zählen, ja — in 
einem Falle — das Vorsichhinsagen des hebräischen Abc, kommen vor. 

Dem Psychoanalytiker wird hier die Analogie mit Zwangsgedanken 
und Zwangshandlungen nicht entgehen. Die Onanie ist eine Art Zwangs- 
handlung, der durch die Verknüpfung mit gewissen sinnlosen oder in der 
gegebenen Situation unsinnigen Gedanken die eigentliche Bedeutung be- 
nommen werden soll. 

Die nähere Analyse des Patienten, der beim Onanieren das he- 
bräische Alphabet hersagte (und von dem es sich herausstellte, daß 
er die Onanie manchmal mit hebräischen Gebeten begleitete), ergab fol- 
gendes: Wieder handelte es sich um eine unbewußte inzestuöse Onanie- 
phantasie, deren verpönter Inhalt durch das Hersagen der heiligen Gebete 
(oder deren Reste: des hebräischen Alphabets) gleichsam exorziert 
wurde. 

Ein anderer einähriger Knabe stellte sich bei der Masturbation 
religiöse Szenen ohne jeden sinnlichen Inhalt vor. Am häufigsten be- 
schäftigte er sich dabei mit der Erscheinung der heiligen Maria, was 
um so verständlicher war, als ja seine Mutter Marie hieß. 

Die Verbindungsbrücke, die die Verschiebung der Phantasie von 
einer genitalen Betätigungsart auf die scheinbar so sehr entfernte Tätig- 
keit des Betens erleichtert, dürfte der Automatismus sein, der beiden 
gemeinsam ist. 

Das automatische Hersagen der Gebete, das sogar mit rhythmisch- 
automatischen Körperbewegungen verbunden sein kann (Vor- und Rück- 
wärtsbeugungen bei manchen jüdischen Sekten, komplizierte rhythmische 



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Pollntionstrftnine ohne Oigasmos. IgQ 

Körperbewegungen bei den ^tanzenden Derwischen", rhythmisches Schla- 
gen an die Brust etc.), eignet sich gerade infolge dieses Automatismus zur 
entstellten Darstellung eines anderen rhythmischen Automatismus, des ge- 
nitalen. Dasselbe kann vom automatischen Hersagen des Alphabets und 
vom automatischen Zählen gesagt werden, denen natürlich auch das 
vollkommen „Abstrakte", alles sinnlichen Gedankeninhaltes Bare, bei der 
Flucht vor der bewußten Sexualität zu gute kommt, (Ich verweise in 
diesem Zusammenhange auf die Arbeit Freuds über „Zwangshandlungen 
und Religionsübung".) 

Die Pollutionen oder Wachonanien, in denen — wie im oben be- 
schriebenen Fall — die Ejakulation bei der Lösung einer schweren Auf- 
gabe erfolgt, sind Miniatursymptome einer Angstneurose. Freud zeigte 
uns, daß ein großer Teil des von den Menschen als Angst empfundenen 
Affekts, wie auch der Angstträume, neurotischen Ursprungs sind : die bewußt- 
seinsunfähige (verdrängte) Libido kehrt eben bei den dazu Disponierten 
in den körperlichen und psychischen Symptomen der Angst zurück. 
Es sind also Angstpollutionen, um die es sich da handelt, wie sie 
manchmal bei Knaben auch im wachen Zustande vorkommen. Die Angst- 
erzeugung durch Libido ist eben ein umkehrbarer Prozeß. Auch große 
Angst kann libidinösen Reiz auslösen. (Auf diese Libidoquelle wird in 
den Werken Freuds oft hingewiesen, solche sind „Drei Abhandlungen 
zur Sexualtheorie", „Traumdeutung".) 

Eine dritte Gruppe von anorgastischen Pollutionsträumen können 
wir anscheinend nur mit Zuhilfenahme der Synästhesie erklären. 
Es werden nächtliche Pollutionen mit Orgasmus gemeldet, deren psy- 
chische Begleiterscheinungen einfach schöne Landschaften waren, die 
etwa durch das Fenster eines Eisenbahnwaggons gesehen wurden, oder 
einfach helle Farben, Feuerwerk etc. Das charakteristische Beispiel dieser 
Art Träume lieferte mir eine Frau, die nach einer langen Reihe von 
harmonisch schönen Farbenerscheinungen plötzlich eine japanische Land- 
schaft vor sich sah, und im Momente, als es zu einer vulkanischen 
Eruption mit den wunderbarsten Licht- und FarbenefFekten kam, erfolgte 
auch die „Eruption" am Genitale, der Orgasmus. — Es ist, als ob in 
diesen Fällen die ganze Skala genitaler Empfindungsmöglichkeiten 
aufs optisch-ästhetische Gebiet transponiert wäre. Ähnliche Ver- 
quickungen heterogener Sinnesgebiete sind uns als „Synästhesien" be- 
kannnt. (Audition coloree, odoröe etc.) 

Nun wissen wir aber aus der Psychoanalyse, daß das optische Emp- 
finden an und für sich nicht frei von erotischen Beimengungen ist und 
daß die Schaulust einen bedeutenden — in gewissen pathologischen 
Fällen den einzigen — Beitrag zur sexuellen Erregung liefert. Nimmt 
man noch hinzu, daß „Landschaften" im Traume zumeist Sexualgeo- 
graphie darstellen (Freud), so kann man Träume dieser Art einfach 

13* 



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190 Dr. S. Ferenczi. 

als entstellte Voyeur-Träume deuten, in denen die sexuellen Bilder durch 
optische Symbole ersetzt werden. Anstatt also die „Synästhesie" zur 
Erklärung dieser Erscheinung heranzuziehen, müßten wir solche Beob- 
achtungen bei der Erklärung der eigenartigen Erscheinung der Synästhesie 
verwerten. 



Pollutionsträume ohne manifest-sinnlichen Inhalt sind also, wie 
Sie aus dieser Reihe von Beispielen sehen, keine Seltenheit. Rank hat 
ja die These aufgestellt, daß sich jeder Traum, also auch der scheinbar 
gar nicht sinnliche, in einer gewissen Schichte seines Aufbaus einer 
orgastischen Wunscherfüliung nähert. Viel seltener sind unverhüllte 
Koitusträume mit vollem Orgasmus ohne die entsprechende physio- 
logische Begleiterscheinung, ohne Pollution. 

Ich hatte nur einmal Gelegenheit einen solchen Traum näher zu 
untersuchen, ich will ihn also ausführlicher mitteilen, so wie mir ihn 
der Patient erzählte. 

Traum: „Ein kleines Kind hat ins Bett gemacht, ein 
großer, breitschultriger Mann schaut zum Fenster hinaus, 
sieht absichtlich vomBette mit demKinde darin weg, als 
würde er sich des Kindes wegen schämen." 

Zweites Bild: „Ich liege mit meiner Geliebten im Bett, 
koitiere sie, habe volle Befriedigung davon; ich glaube, 
daß ich zweimal koitiert habe, einmal normalund einmal 
per a n u m. Als dunkle, unklare Begleiterscheinung dieses letzten Traum- 
stückes habe ich das Gefühl, ale ob ein Freund, für den ich sehr 
große Hochachtung hege und mit dem ich eine gemein- 
same geschäftliche Arbeit zu leisten hätte, im Nachbar- 
zimmer ist und sein Kind mit irgend einem Auftrag ins 
Schlafzimmer schickt,wo die Koitusszenen sich abspielen. 
Ich schäme mich natürlich, mich so zu zeigen, das Kind 
tut aber ganz ungeniert. Auch der Vater des Kindes 
scheint vom Sexualvorgang zu wissen. Ich erwachte ohne 
die Spuren einer stattgehabten Pollution." 

Die Vorgeschichte des Traumes ist folgende: Der Patient leidet 
u. a. an hartnäckiger Obstipation und pflegt den natürlichen Entleerungen 
mit Flüssigkeitseinläufen nachzuhelfen. Am Abend vor dem Traume pas- 
sierte ihm nun, daß die Wirkung des Klysmas sich so rasch meldete, 
daß er keine Zeit mehr hatte, den Abtritt seiner Wohnung aufzusuchen, 
sondern die Dejektion im Zimmer verrichten mußte. Es berührte ihn etwas 
unangenehm, daß er dann das Stubenmädchen rufen und — nach Er- 
klärung des Vorganges — sie ersuchen mußte, das Nachtgeschirr aus 
dem Zimmer zu entfernen. 



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PoUationBtr&iLme ohne Orgasmus. 191 

Weiß man das, so ist es nicht schwer, das erste Traumstück zu er- 
klären. Das kleine Kind, das sich so ungebührlich benahm, kann nach 
den Geschehnissen des Traumabends niemand anderer als der Träumer 
selbst sein. Doch auch das Schamgefühl, das das Benehmen des Großen 
darstellt, ist das eigene, im Schlaf nachwirkende Gefühl des Träumers. 
Es handelt sich also um eine „Auseinanderlegung^ der Person, die 
sicherlich wunscherfüllenden Tendenzen dient. Nicht er (der Große), son- 
dern das kleine Kind hat sich so ungebührlich benommen, heißt es im 
Traume. Der latente Traumgedanke hingegen würde lauten: Ich schäme 
mich, mich wie ein kleines Kind benommen zu haben. 

Nur das zweite Traumstück hat Beziehung zu unserem Thema ; hier 
haben wir es mit einem Falle von Koitustraum ohne Pollution zu tun. 
Sehen wir aber näher zu, so kommen wir zum Schluß, daß dieses 
Traumstück — wie so häufig — denselben Traumgedanken ausdrückt 
wie das erste, nur mit anderem Material, man kann auch mit Rank sagen, 
mit Material aus einer anderen, höheren Schichte des Seelenlebens. Hier 
ist die verpönte anale Entleerung von gestern in genitale Ejakulation um- 
gewandelt — gewiß eine wunscherfüllende Entstellung — , denn dieser 
Entleerung wegen braucht man sich nicht zu schämen, im Gegenteil, sie 
ist ein Zeichen, daß man „kein Kind" mehr ist, besonders wenn man 
den Akt zweimal nacheinander ausführen kann. Aus dem latenten Ge- 
danken hat sich immerhin etwas Anales in dieses Traumstück einge- 
schlichen, — darum wird wohl der Akt einmal „per anum** ausgeführt. 
— Nachhinkend, mit ganz anderem Material verknüpft, kommt dann 
auch das Gefühl der Beschämung und das Kind aus dem ersten Traum- 
stück zur Wiederholung. Die Scham darüber, daß er von der mit dem 
Geschäftsfreunde gemeinsam geplanten Arbeit noch nichts geleistet hat; 
eine andere, gleichfalls aktuelle Gene um seines Verhältnisses mit einer 
nicht mehr jungen Frau willen (obzwar er das Kind jenes geschätzten, 
väterlichen Freundes hätte heiraten können) : alle diese an sich sehr un- 
angenehmen Gedankengänge sind — wie es scheint — wunscherfüllende 
Verschiebungen der allerverpöntesten aller Triebregungen : der Analerotik. 
In diesem Traumstück ist das anale Malheur wenigstens auf das Niveau 
der Genitalität und der Objektliebe gehoben, mit Hilfe der symbolischen 
Identität aller organischen Dejekte (Kot, Samen). 

Was für eine Handhabe gibt uns nun die Analyse dieses Traumes 
für die Auffassung der Koitusträume ohne Pollution? 

Meiner Ansicht nach die folgende : In diesem Traume handelte es sich 
nicht (oder viel weniger) darum, die Sehnsucht nach der Geliebten zu 
stillen, als darum, den unangenehmen, selbst den Schlaf störenden Ge- 
danken an den beschämenden Vorgang am Vorabend zu verhüllen. 
Wenn auch das Material zu dieser Entstellung aus der Genitalsphäre 
genommen wurde, mochte ihm nicht jene impulsive Kraft innewohnen, die 



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192 I^r. S. Ferenczi: Pollutionsträume ohne Orgasmus. 

bei starker Sehnsucht nach der Frau sogar den organischen Genitalmecha- 
nismus in Gang zu setzen vermag. 

Die Deutung des zweiten Traumstückes hat ein bekanntes Vorbild. 
Wir erinnern uns alle jenes von Freud gedeuteten Traumes, in dem 
eine Dame, der ein Neffe bereits früher gestorben ist, vom Tode des 
nunmehr einzigen, von ihr innigstgeliebten Neffen träumt. Mit Recht 
wies sie den wunscherfüllenden Charakter des manifesten Traumes 
zurück, bis sie sich im Laufe der Analyse erinnerte, daß sie beim Tode 
des ersten Neffen den von ihr geliebten Mann zum letztenmal sah; der 
Tod des zweiten bedeutete also keine Befriedigung an sich, sondern die 
erhoffte Gelegenheit zu einer anderen Befriedigung (dem Wiedersehen mit 
dem Manne). 

Auch in unserem Traume lag die Wunscherfüllung nicht in dem 
Sexualverkehr selbst, sondern in der Situation, die den Unfall vom Vor- 
abend ungeschehen erscheinen ließ ; der Sexualverkehr war nicht Selbst- 
zweck, sondern ein Mittel zur Erreichung jenes anderen. 

Zusammenfassend könnten wir also sagen, daß im Falle der Pollu- 
tion ohne sinnlichen Traum der unbewußte Wunsch stark genug ist, um 
den organischen Genitalprozeß in Gang zu setzen, aber zu schwach, die 
allzu strenge Zensur zwischen Ubw. und Vbw. zu durchbrechen. Beim 
orgastischen Traum ohne Pollution dürfte hingegen der unbewußte 
Sexualwunsch an und für sich zu schwach sein, um einen Samenerguß 
zu erzeugen; er dient hier nur dazu, die Stelle eines dem Vbw. uner- 
träglichen Gedankens zu vertreten. Er findet die Pforten der Zensur 
diesmal weit offen und kommt gerade darum — trotz ihrer Schwäche 
— voll zur bewußten Geltung. — Nur der starke unbewußte Wunsch 
hat ja Zugang zur Körperlichkeit, während vorbewußte Wünsche nur 
psychische Vorgänge auszulösen vermögen. 

Es bedeutete keine Ausnahme von dieser Regel, wenn bei realer 
Schwäche der genitalen Exekutive solche orgastische Träume ohne Pol- 
lution vorkämen. Auch hier müßten wir nämlich den unbewußten An- 
teil der Libido als schwach, und den Traum mehr als die Erfüllung des 
Wunsches nach Lust ansehen. 



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Zur Psychologie des Deserteurs. 

Von Ldst.-Ob.-Arzt jur. et med. Dr. Victor Tansk. 
Vortrag, gehalten am 3. März 1917 in Belgrad, am IX. feld&rztlichen Referierabend. 

Meine Herren ! 

Die Ausfuhrungen meines Themas werden durch den Umstand, daß 
der Augenbhck einer Erörterung militärischer Einrichtungen und po- 
litischer Verhältnisse nicht günstig ist, in einigen Richtungen wesentliche 
Einschränkungen erfahren müssen. Die Armee hat einen anderen Aus- 
gangspunkt für die Beurteilung des Deserteurs als der Psychologe, den 
es nicht interessieren kann, ob die Konsequenzen, die seine Forschung 
nach sich ziehen soll, mit den praktischen Forderungen des militärischen 
Betriebes und der politischen Situation in Übereinstimmung stehen. 

Wie ich aus unmittelbaren Erfahrungen weiß, hat der bewaffnete 
Patriotismus ziemlich freimütig seine Einstellung zum Verbrechen der 
Desertion mit der Abschreckungstheorie begründet. Aus diesem praktischen 
Grunde ergibt es sich von selbst, daß für psychologische Erwägungen 
bei der Judizierung von Deserteuren nur in Ausnahmsfällen Platz ist, 
nur dann, wenn der Richter von dem Eindruck, daß er einen Geistes- 
kranken vor sich habe, überwältigt wird. Es ist vorauszusehen, in 
welchem Maße dieser Eindruck von der Beschaffenheit des Richters ab- 
hängt, der gewiß nur selten ein psychiatrisch geschulter Mann ist, und 
in welchem Ausmaße man damit rechnen kann, daß tatsächlich nur 
wirkliche Geisteskranke oder wirklich alle Geisteskranken dem Psychiater 
zur Beurteilung ihres Geisteszustandes vorgeführt werden. Ich fand auch 
manche Bestätigung für meine Vermutung, daß die Fälle, die dem 
Psychiater nicht vorgeführt werden, aus denselben unsicheren und 
schwankenden Urteilsgrundlagen für forensisch verantwortlich erklärt 
und verurteilt wurden, aus denen sie ein anderes Mal als geisteskrank 
oder einer Geisteskrankheit verdächtig zum Psychiater geschickt wurden. 
Doch eben dieser, oft vom besten Willen begleiteten Wahllosigkeit, ver- 
danke ich die große Mannigfaltigkeit des Materials, das mir zur Beobach- 
tung überlassen wurde, und ich kann dem Einwand, daß meine Be- 
obachtungen einseitig seien, weil sie ausschließlich auf pathologisches 
Material beschränkt sind, mit größter Ruhe begegnen. 

Meines Wissens hat mein Thema keine wissenschaftliche Vergangenheit. 
Eis ist mir nicht bekannt, daß eine Abhandlung über die Psychologie 
des Deserteurs aus früheren Kriegen oder aus dem gegenwärtigen hervor- 



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194 ^r. Victor Tansk, 

gegangen sei. Ich bedauere dies als einen Mangel meiner Ausfohrungen. 
Denn wenngleich ich sicher sein kann, daß für die Betrachtungsart, mit 
der ich das Thema angehe, für die psychoanalytische nämlich, 
eine Belehrung und Unterstützung aus etwa vorhandenen älteren Ab- 
handlungen nicht zu erwarten ist, wäre es mir sehr recht, wenn andere 
Beobachter wenigstens eine Beschreibung oder eine von einem beliebigen 
Standpunkt aus vorgenommene Einteilung von tatsächlichen Desertions- 
motiven veröffentlicht hätten. Dadurch wäre die Grundlage meiner Aus- 
führungen breiter, das Urteil, in welchem Maße meine Beobachtungen 
die wirklich möglichen oder wenigstens typischen Fälle umfassen, sicherer, 
gegen den Einwand einer voreingenommenen und etwa willkürlichen 
Einteilung widerständiger. Ich muß aber auf den Anspruch, eine voll- 
ständige Untersuchung zu liefern, auch aus anderen Gründen von vorn- 
herein verzichten und habe keine andere Absicht, als meine Zuhörer mit 
einem aktuellen und sehr tragischen Stoff und mit einer interessanten 
psychologischen Betrachtungsweise bekannt zu machen. 

Der Begründer dieser Psychologie, die von ihrem Autor Psycho- 
analyse benannt wurde, ist der Wiener Universitätsprofessor Freud. 
Seine Lehre, an deren Anfängen auch der Wiener Nervenarzt Dr. Josef 
Breuer in entscheidender Weise beteiligt ist, hat mehr, wenn auch 
nicht bessere Feinde denn Freunde gefunden. Sie finden eine große 
Literatur bereit, durch die sie sich über den ganzen Umfang dieser 
Wissenschaft unterrichten können. Ich werde Sie nur mit einigen wenigen 
Zügen der Lehre am Stoff meiner Untersuchung bekannt machen. 

Ich werde über eine Problemstellung, die sich aus dem Tatsachen- 
bericht und der Betrachtungsweise von selbst ergibt, nicht hinauskommen, 
Außer der schon erwähnten militärischen und politischen Situation finden 
alle Lösungsversuche des Problems, vor allem der Versuch, eine Lösung 
noch für die Rechtsprechung dieses Krieges wirksam zu machen, ihre 
Grenzen in der lex lata, in der Tatsache, daß durch ein bestehendes 
Gesetz, dessen Änderung in nächster Zeit gewiß nicht zu erwarten ist, 
dem Richter in der Beurteilung des Verbrechens der Fahnenflucht ein 
Weg vorgeschrieben ist, von dem er nicht abweichen darf. Wenn aber 
eine künftige Gesetzgebung noch in die traurige Notwendigkeit versetzt 
werden sollte, über die Pflicht des Einzelnen zur Teilnahme an der Ver- 
nichtung von Menschen und menschlichen Werten zu richten, so wünsche 
ich, daß meine Ausführungen bei den Gesetzgebern Gehör finden mögen. 

Sie merken schon längst, daß ich die psychologischen Grundlagen, 
die der Jurisdiktion über das Verbrechen der Fahnenflucht vorgeschrieben 
sind, einer wenig wohlwollenden Kritik unterziehen will. Ich kann es 
verstehen, daß in Ihnen allen außer der praktischen Forderung nach 
Abschreckung vor der Begehung dieses Verbrechens auch ein „ideales" 
Gefühl mitspielt, das dem Deserteur wenig Sympathie gönnt. Der Deser- 



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Zur Psychologie des Desertenrs. 195 

teor will sich ja einer Pflicht und einer Not, die allen seinen Brüdern 
auferlegt ist, entziehen, er allein will heil aus der furchtbaren Verwüstung 
entkommen, die die Welt überzogen hat, und sie fragen sich unmutig, 
mit welchem Recht er sein eigenes Wohl vor allen Anderen in Sicherheit 
bringen dürfte. Sie finden seinen Wunsch eigensüchtig und feig. Ich 
will Ihnen das Recht zu einer solchen Kritik des Fahnenflüchtlings 
nicht absprechen. Ich will im Verlaufe meiner Ausführungen sogar 
ausdrücklich beweisen, daß diese Kritik den psychologischen Sachverhalt 
in einem gewissen Sinne durchaus trifft. Ich habe aber dennoch die 
Absicht, Sie zu bewegen, Ihr Urteil, das eine Verurteilung bedeutet, 
durch eine Erkenntnis zu ersetzen, in der mancher allgemeine menschliche 
Wert verborgen liegt, der dem Vaterlande von größerem Nutzen sein 
könnte als die Vertilgung einiger Deserteure. 

Ich hatte als gerichtlicher Sachverständiger für Geistes- und Nerven- 
krankheiten durch beinahe anderthalb Jahre fast jede Woche Gutachten 
über die forensische Zurechnungsfahigkeit von Deserteuren abzugeben 
und habe darum relativ sehr viele Fälle gesehen. 

Ich bin Ihnen nun Rechenschaft über den Ausgangspunkt meiner 
Betrachtungen schuldig, dieselbe Rechenschaft, die ich mir selbst ge- 
geben habe. 

Zunächst ging ich mit größtem Widerwillen an die Arbeit. Ich war 
der berufsmäßigen Not, über andere zu Gericht sitzen zu müssen, schon 
einmal mit Erfolg entflohen, und sah mich nun als Arzt in die Not ver- 
setzt, am Richteramt mitzuwirken. Es ist vielleicht manchem von den 
hier anwesenden Richtern bewußt, daß die scheinbar unpersönliche „An- 
wendung des Gesetzes'^ für viele einen unlösbaren persönlichen Konflikt, 
für andere den Vorwand für die Betätigung von Machtgelüsten verschie- 
dener Art bedeutet, und daß es zu wenig Richter gäbe, wenn nur die Ge- 
rechten richten dürften. Diese Einstellung zum Richteramt hat jedoch, 
wie ich bekennen will, auch eine ungesunde, sagen wir, sentimentale 
Seite, die nicht mitspielen sollte. Es gibt gewiß auch Richter — und 
es ist gut, daß es solche gibt, — die ihr Amt üben dürfen, ohne von 
dem Gedanken beschwert zu sein, wie viele psychologische und pädago- 
gische Aufgaben sie mit ihrem Urteil zum Tode verurteilen. Ich will 
auch zugeben, daß der Richter den Skrupel überwinden darf, daß er in 
der sicheren Stube über die Pflicht eines Menschen, im Trommelfeuer 
standzuhalten, Urteile fallen soll. 

Ein anderes Moment, das meine Lust an dieser Arbeit reduzierte, 
liegt nicht im Verhältnis des Richters zum Täter und zur Tat, und ist 
des persönlichen und darum unlösbaren Problems entkleidet. Es liegt 
vielmehr im objektiven Verhältnis zwischen Gesetz und der zu beurtei- 
lenden Tat, was die Diskussion weniger verfänglich und auch frucht- 
barer macht. Gesetze ändern sich nicht so schnell wie Lebensarten und 



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196 I>r. Victor Tauak. 

Anschauungen der Menschen, und manches vom Gesetz für ein schutz- 
bedürftiges Rechtsgut erklärtes soziales oder persönliches Gut der Men- 
schen erscheint uns einige Zeit nach dem Wirkungsantritt des Gesetzes 
als ein Gut, das der öffentlichen Regelung besser entzogen wäre, so daß 
der Gesetzeszwang für diese Angelegenheit als Anachronismus und un- 
berechtigte Einschränkung empfunden wird. So verhält es sich insbe- 
sondere mit einigen Angelegenheiten des Sexuallebens, ferner mit einigen 
Momenten, die überwundenen politischen oder sozialen Lebensformen in 
der Machtgliederung und Standesbewertung der Gesellschaft entspringen. 
Dann wieder müssen wir konstatieren, daß das Gesetz neu entstandene 
Werte der menschlichen Gesellschaft und des persönlichen Lebens nicht 
schnell oder nicht ausgiebig genug unter seinen Schutz nimmt, so daß 
uns die Macht des mit Zwangsbefugnis ausgestatteten Gesetzes oft zu 
weit und oft zu eng erscheint. Ich kann mir nicht versagen, Sie zu er- 
innern, daß unser Strafgesetz aus dem Anfang des XIX. Jahrhundert 
stammt, und Sie werden, auch wenn Sie nicht Juristen sind, trotzdem 
folgerichtig Ihre Schlüsse auf die mögliche Zulänglichkeit dieses Gesetzes 
bei einem Vergleich der sozialen Verhältnisse von damals und von heute 
ziehen. 

Bei der psychologischen Einstellung zum Verbrechen der Desertion 
ergeben sich diese Probleme und Zweifel auch noch im Anschluß an 
die historische Stellung dieses Verbrechens. Die Psychologie und die 
Bewertung dieses Verbrechens ist eine andere zur Zeit, da Heerespflicht ent- 
weder eine Vertragspflicht war, wie zur Zeit der Söldnerheere, und eine 
andere, da Heerespflicht eine allgemeine Pflicht gewisser, zum Waffen- 
dienst tauglicher Männer ist. Und bei der Betrachtung der allgemeinen 
Wehrpflicht ist wiederum auf die geschichtliche Gewöhnung des Volkes 
an die Phasen dieser Institution Rücksicht zu nehmen. Die große Masse 
der körperlich Mindertauglichen oder Untauglichen, die heute mit der 
Heerespflicht Krieg führen, hatte sich längst an den Gedanken gewöhnt, 
daß sie ein Recht auf Freiheit von dieser Pflicht habe, und im Bewußt- 
sein dieses Rechtes konnte dieser Masse die Anpassung an die gegen- 
wärtige überraschende Ausdehnung der Heerespflicht nicht ohne weiteres 
gelingen. Unser Gesetz, das mit der Form dieses Krieges selbstverständ- 
lich nicht rechnen konnte, stellt in seiner, auf dem juristischen Tat- 
bestand beharrenden Gerechtigkeit, Pflichten an Einzelne, die historisch 
zur Erfüllung dieser Pflichten nicht erzogen wurden. 

Dieses sind etwa die Vorurteile, die ich an die mir gestellte Auf- 
gabe herantrug, bis ich mich besann, daß ich nichts anderes zu tun 
habe, als zu urteilen, ob die mir vorgeführten Deserteure nach dem 
Gesetz zurechnungsfähig und strafbar seien oder nicht. 

Aber mit der Formulierung dieser meiner Aufgabe geriet ich so- 
gleich in einen neuen Konflikt. Er ergab sich bei der Betrachtung der 



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Zur Psychologie des Deserteurs. 197 

wenigen psychologischen Momente, für die unser mehr als hundertjäh- 
riges Gesetz bei der psychologischen Begründung des Tatbestandes, 
der Schuld- und Straffrage, Raum gefunden hat. § 1 des Strafgesetzes 
sagt, daß zu einem Verbrechen böser Vorsatz erforderlich sei. Die For- 
mulierung ist bestrickend einfach und beruhigt sicher auch die gewissen- 
haftesten und demütigsten Menschen. Aber schon im nächsten Paragra- 
phen kommt der Psychologe auf eine Vermutung, die ihn in lebhafteste 
Unruhe versetzt, eine Unruhe, die er bis zur letzten Zeile des Straf- 
gesetzes nicht mehr los werden soll. 

Böser Vorsatz wird nicht angenommen, sagt das Gesetz nämlich 
weiter, wenn der Täter ^ur Zeit der Begehung der Tat der Vernunft 
ganz beraubt war, oder die Tat im Zustande der Sinnesverrückung be- 
gangen hat, oder im Zustande der Volltrunkenheit, wenn er sich 
den Rausch nicht etwa eigens zum Zwecke der Begehung dieser Tat 
zugezogen hat; oder aber im Zustande ^gerechter Notwehr". Wir 
sehen in diesem Wortlaut des Gesetzes zwei psychologisch ganz disparat 
begründete Standpunkte zur Ausschließung des Schuldmomentes fest- 
gelegt. Die ersten Bestimmungen schließen die Schuld aus dem Grunde 
aus, weil sie einem Menschen, der seiner Sinne und seines Urteiles 
nicht mächtig ist, die Fassung eines Vorsatzes nicht zutrauen. Die 
Notwehrbestimmung läßt jedoch die Fassung des Vorsatzes wohl zu, 
schließt aber seine Qualifikation als böse aus. 

Wir stehen vor der Tatsache, daß das Gesetz ganz bestimmte An- 
schauungen über Gut und Böse hat. Die Kommentare zur Notwehrbe- 
stimmung lassen uns erkennen, daß diese Bestimmung psychologisch in 
die Kategorie des „unwiderstehlichen Zwanges" gehört, ( — die beiden 
Begriffe decken sich nicht, sie schneiden einander nur — ), und an anderen 
Stellen erfahren wir, daß „unwiderstehlicher Zwang" bei der Wahrung „ge- 
rechten" eigenen oder fremden Interesses vorliege. Dann erfahren wir wieder, 
daß beim Interesse anderer Personen, dessen Verteidigung als unwidersteh- 
Ucher Zwang gilt und die Schuld ausschließt, das Interesse geliebter Per- 
sonen eine bevorzugte Stellung einnimmt. Daß aber andererseits eine solche 
schuldausschließende Liebe doch nur zu gewissen Personen, zu nächsten 
Verwandten oder legitimen Liebespartnern, zugelassen wird, daß also der 
Jurist auch über die Möglichkeiten der Liebesbedingungen und -Wir- 
kungen sicheren Bescheid weiß. Daß die homosexuelle Liebe nicht nur 
nicht als Schuldausschließungsgrund unter dem Gesichtspunkt des un- 
widerstehlichen Zwanges, sondern sogar als Schuld an und für sich be- 
straft wird, ist Ihnen ja bekannt. Sie sehen, der Jurist greift mit merk- 
würdigen Voraussetzungen und Erfolgen in das Räderwerk der Natur. ^) 

*) Ich verfolge bei diesen juristischeii Ausführungen nur die sachlichen Zu- 
Bammenhänge. Es ist mir bewußt, daß ich den Wortlaut des Gesetzes mit Äußerungen 
Terschiedener Theorien und Praktiken der Rechtsprechung auf das gleiche Niveau stelle. 



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198 Dr. Victor Tauak. 

Alle diese Momente bringen uns in Verwirrung. Dem historisch 
denkenden Psychologen ist der Begriff von dem, was Böse ist, nicht so 
feststehend. Dieser Begriff hat bei denselben Völkern zu verschiedenen 
Zeiten und bei verschiedenen Völkern zur selben Zeit einen wechseln- 
den Inhalt. Ich muß die weitere Diskussion dieses Themas unterlassen, 
denn sie könnte in unabsehbare Banalitäten führen. 

Aber auch die Stellung des Gesetzes zur Frage des Vorsatzes 
zeigt gewisse Eigentümlichkeiten, die den Psychologen über die Ätiologie 
mancher Gesetzesbestimmungen denken machen. So stuft das Gesetz das 
Strafmaß und die Strafart je nach dem Alter des Missetäters ab, indem 
es den jüngeren Menschen bis zu einem gewissen Alter milder bestraft, 
als ob der jüngere Mensch des psychischen Aktes, den man Vorsatz 
nennt, nicht in gleicher Weise fähig wäre wie der ältere. Diese An- 
schauung ist aber gewiß unrichtig. Im allgemeinen sind schon sehr 
junge Kinder der Vorsatzbildung fähig, auch Kinder des Alters, die das 
Gesetz noch nicht für straf fähig erklärt. Es beruht ja auch die häus- 
liche Züchtigung durch die Erzieher auf der Erkenntnis, daß das Kind 
vorsätzlich handelt. Die Fähigkeit, Vorsätze zu fassen und folgerichtig 
auszuführen, geht den Kindern unter keinen anderen Bedingungen ab- 
handen als den Erwachsenen. Auf die mangelnde Gesetzeskenntnis, die 
das Kind schuldfrei machen könnte, darf man sich gewiß nicht berufen, 
denn Unkenntnis des Gesetzes schützt auch den Erwachsenen nicht vor 
den Folgen der gesetzwidrigen Tat. Und ich glaube, daß kein Kenner 
des Kindes ernstlich behaupten wird, daß dem Kinde der Begriff des 
Bösen abginge. Dergleichen kann man nur bei Kindern in den ersten 
zwei oder drei Lebensjahren annehmen, und auch dies nur in be- 
schränkten Beziehungen. Im allgemeinen haben die Kinder das Gefühl 
des Bösen in viel stärkerem Maße als die Erwachsenen, die die Allge- 
genwart des strafenden Gottes schon meistens lügengestraft haben. 
Und sofern „böse" nichts anders bedeuten sollte, als „boshaft", so sind 
Kinder sicherlich jeder Bosheit fähig. Keinesfalls hängt die Neigung zu 
dergleichen Gefühlen vom Alter des Menschen ab, und sie wird mit dem 
zunehmenden Alter eher geringer. 

Wenn wir psychologischerweise annehmen wollen, daß alle Mo- 
mente, die für die Straffähigkeit und Verantwortlichkeit des Erwach- 
senen maßgebend sind, auch beim Kinde vorhanden sind, bleibt uns 
für die Erklärung dieser verschiedenen Milderungen des Gesetzes für 
die Jugendlichen keine andere Annahme übrig, als daß die Gesetz- 
geber schlechte Psychologen waren. Die Annahme wird ihre Richtigkeit 
haben. Trotzdem werden wir uns nicht entschließen, junge Menschen 
mit demselben Maß zu messen wie alte, wenngleich die vom Gesetz an- 
genommenen Altersgrenzen zu Gunsten ihrer psychologischen Stand- 
festigkeit manche Verschiebung erfahren dürften. Wenn wir uns streng 



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Zur Psychologie des Deserteurs. 199 

fragen, was uns trotz unserer Psychologie zu dieser Milde veranlaßt, so 
werden wir vielleicht alle — ich will es zum Vorteil der Allgemein- 
gültigkeit meiner Ausführungen annehmen: alle ohne Ausnahme — ein- 
sehen, daß es unsere persönliche Liebe zu unseren Kindern und unserer 
eigenen Kindheit ist, die uns gegen den jugendlichen Gesetzesübertreter 
milder stimmt. Wir sind da von einem ganz subjektiven, ganz gefühls- 
mäßigen Moment beherrscht, daß sich auf den Schein der Objektivität, 
daß das Kind besserungsfähig sei, gewiß nicht in allen, vielleicht sogar 
in den wenigsten Fällen berufen darf.^) Schließlich hat ja auch der Er- 
wachsene Zeit zur Reue und Besserung nach begangenem Verbrechen, 
wenn er dieser Gefühle fähig ist, und trotzdem wird ihm die Buße nicht 
erlassen. ^) 

Wir wollen nicht vergessen, daß das Gesetz die Größe der Misse- 
tat bei der Strafart und beim Strafmaß in Betracht zieht. Aber es 
zieht einmal die Größe der beabsichtigten, ein anderesmal die 
der ausgeführten Tat in Betracht. Ein mißlungener beabsichtigter 
Mord wird als Mordversuch milder gestraft, hingegen eine feindselige 
Handlung, aus der der Tod des Angegriffenen erfolgt ist, auch wenn 
die Absicht dieser Feindseligkeit nicht tiefer ging, als man mit einem 
Fingernagel in die Haut dringen kann, wird als Totschlag bestraft. 
Wenn aber alle Todeswünsche der Kinder, auch nur die bewußten 
wut- und haßerfüllten, die sich in verschiedenen Aggressionen Luft 
machen, als Mordversuche bestraft werden würden, hätte der Staat als- 
bald nicht mehr Soldaten genug, um sich die Tötung seiner Feinde er- 
lauben zu dürfen. Daß die vorbedachte Tötung im Duell einst eine edle 
Tat war und auch heute noch eine Vorzugsstellung in unserem Straf- 
recht einnimmt, sei nur nebenher erwähnt. Und daß alle diese Probleme, 
die Ihnen bei der Diskussion der Delikte gegen das nackte Leben der 
Menschen durchsichtig erscheinen mögen, bei den Eigentumsdelikten 
ebenso scharf herauszuarbeiten sind, will ich auch ohne Weiterungen 
notieren. Es ist nicht die Stunde, um unsere wirtschaftliche Organi- 
sation aus den Angeln zu reden. 

M. H. ! Sie werden den Zusammenhang dieser Ausführungen mit 
meinem Thema vom Deserteur bald erfahren. Ich bitte Sie nur, den 
Eindruck des Wirrsals, das in den Beziehungen auch dieser einfachen 
Psychologie zum Gesetz herrscht, festzuhalten. Ich will Ihnen dann 
einige psychoanalytische Wege andeuten, auf denen zwar nicht der 



*) Diese frisch erhaltene Beziehung zu unseren Kindern und unserer Kindheit 
ist es wahrscheinlich auch, die manchen von uns unfähig macht, sich als Richter 
&ber andere niederzulassen. Und vielleicht gehen uns an diesen, die es nicht sein 
wollen, einige gute Richter verloren. 

*) Übrigens steht hier das österreichische Gesetz hinter manchen anderen Ge- 
setzen zurück, in denen sich stärkere oder schwächere Ansätze von Konsequenzen 
dieser Erwägungen bereits seit einiger Zeit vorfinden. 



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200 ^^^ Victor Tausk. 

Sache, wohl aber Ihrem Unbehagen über die Art, wie ich Sie Ihnen 
dargestellt habe, durch einige Wissenschaft abgeholfen werden soll. 

Als ich die psychiatrische Begutachtung der Deserteure übernehmen 
sollte, ging meine Vorstellung vom Deserteur nicht über die des patrio- 
tisch geschulten Gymnasiasten hinaus, dessen Frontdiensttauglichkeit 
vom Feuer noch nicht getauft war. Ein Deserteur, dachte ich mir, ist 
ein trotziger Bursch, der dem Kaiser den Gehorsam verweigert; oder 
ein Feigling, der für sein Leben zittert, trotzdem seine Brüder um ihn 
herum fallen und verbluten und ihr Leben und das ihrer Nächsten und 
Liebsten dem Vaterlande freudig zum Opfer bringen. 

Von diesen freudigen Opfern bekam ich eine leise Ahnung durch 
Soldaten, die an Stürmen teilgenommen hatten. Ich erfuhr nun, daß 
diese nichts opfern, und am allerwenigsten freudig, sondern daß sie 
selbst meistens Opfer einer irrsinnigen, besinnungslosen Angst sind, die 
kein Zurück weiß und das Vorwärts nicht sieht, sondern nur hört, und 
deren Heldentum im Überdauern eines unbegreiflichen Martyriums liegt. 

Was ein Deserteur ist, durfte ich aus eigener Anschauung fest- 
stellen. 

Drei Momente meiner Beobachtung sind es, die mich zu diesem Ver- 
such über die Psychologie des Deserteurs genötigt haben: 

Erstens, daß die weitaus überwiegende Mehrzahl von Deser- 
teuren gar nicht den kämpfenden Formation en angehören, 
daß diese Desertionen gar nicht von der eigentlichen und lebensgefähr- 
lichen Kampffront unternommen werden, sondern aus nichtkämpfenden 
Etappenformationen, aus Wach- und Arbeitsgruppen der Armee. 

Zweitens, daß die Deserteure auf ihrer Flucht oft Leiden er- 
dulden, die gewiß schlimmer sind als jeder militärische Dienst und jede 
Gefahr, und daß sie sich trotzdem nur in den seltensten Fällen wieder 
freiwillig ihrer Pflicht stellen. Ich habe Deserteure gekannt, die Monate 
lang wie die wilden Tiere im Walde gehaust haben, hungerten und 
froren, und die im Walde tausendmal dem elendsten Tode ausgesetzt 
waren, mit dem sie aber den Kampf lieber führten als mit ihrer Dienst- 
pflicht bei irgend einer Etappenkompagnie. Manche von ihnen schleichen 
nachts in die Dörfer, um sich bei barmherzigen Bauern einen Bissen 
Brot zu erbetteln, andere halten sich in den Dörfern selbst versteckt 
auf und leben in einer zerfleischenden Angst vor Entdeckung und 
Verrat. Einer, ein deutscher Deserteur, ist im strengsten Winter unter 
nicht zu schildernden Leiden und Ängsten zu Fuß von Warschau nach 
Lublin gewandert. Der Schluß, daß die Befreiung von den Aufgaben des 
militärischen Dienstes, insbesondere des Etappendienstes, alle diese Leiden 
aufwöge, ist sicher voreilig. Nehmen Sie noch hinzu, daß alle diese 
Deserteure, mit ganz wenigen Ausnahmen, den an schwere Arbeit ge- 
wöhnten unteren Volksschichten angehören, Bauern, Hilfsarbeiter, Hand- 



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Zur Psychologie des Deserteurs. 201 

werker sind, für die der militärische Dienst nicht allzuoft eine unge- 
wohnte Arbeitslast bedeutet, nicht allzuoft eine Einschränkung von 
Bewegungsfreiheit und Genußmöglichkeit, die in einem nicht zu be- 
wältigendem Gegensatz zur gewohnten bürgerlichen Existenzform stände. 

Drittens, daß wohl die Hälfte aller Deserteure, die ich zu sehen 
bekam, auf den ersten Blick als psychische Krüppel, als schwachsinnige, 
stumpfsinnige, kindisch urteilslose und kindisch empfindende Menschen 
auffallen. Dem Einwand, daß ich als Gerichtspsychiater eben nur solche 
Fälle zugewiesen bekam, will ich nochmals damit begegnen, daß der 
andere Teil dieser Deserteure diesen Eindruck von vornherein nicht 
machte und ebensogut für geistig gesund gelten konnte, wie etwa ein 
großer Teil der in den Spitälern dienenden kommandierten Mannschaft ; 
und daß andererseits verläßliche Leute mir versicherten, daß sich unter 
den justifizierten Deserteuren, die nicht von mir begutachtet wurden, 
ebenso viele Schwachsinnige befunden haben, wie anscheinend Geistes- 
gesunde, und daß — als extremer Fall sei es angeführt — einer 
unserer Prosektoren bei einem justifizierten Deserteur ein mikrozephales 
Gehirn konstatiert hat. 

Aus aller Mannigfaltigkeit der Eindrücke, die mir die Beschäftigung 
mit Deserteuren brachte, ließ sich ein großer gemeinsamer Eindruck ab- 
ziehen: Alles, was ich als fahnenflüchtig zu sehen bekam, war Elend, 
geknicktes Elend. Ganz ohne Sentimentalität. Es stände mir nicht an, um 
Mitleid für diese sozial beinahe wertlosen Individuen zu werben, da 
die Wertvollsten ohne Barmherzigkeit mir ihrem Fleisch und Blut die 
Erde düngen müssen. 

M. H. ! Der Ausdruck Psychoanalyse, für den ich Ihnen bisher 
noch keinen greifbaren Inhalt gegeben habe, sagt Ihnen rein sprachlich, 
daß sich unsere Wissenschaft nicht mit dem Zusammenfassen von 
Eindrücken, sondern mit dem Zerlegen der seelischen Erscheinungen 
in ihre Elemente beschäftigt. Das gemeinsame Elend aller dieser Deser- 
teure zeigte sich daher auch bei näherem Eingehen auf die Persönlich- 
keit des Deserteurs verschiedenartig begründet. Um dies herauszufinden, 
bedurfte es keiner gar großen Künste. Ich hatte nichts anderes zu tun, als 
den Deserteur nach dem Motiv seiner Entweichung zu fragen, um zu 
erfahren, daß es verschiedene Motive für Desertion gebe und daß sich 
also die Deserteure nach ihren Desertionsmotiven in verschiedene Kate- 
gorien einteilen lassen. Nehmen Sie noch an, daß es einer geübten und 
angepaßten Art des Ausfragens in den meisten Fällen gelingt, die lügen- 
haften Angaben zu entlarven und den Examinanden zur Mitteilung der 
Wahrheit zu bewegen; und dann, daß einige wenige Fälle trotzalle- 
dem für die Forschung unfruchtbar geblieben sind, weil die geistige 
Minderwertigkeit der Untersuchten auch den einfachsten Rapport mit 
dem Arzt behinderte, so haben Sie ungefähr die zwei gefährlichsten Ein- 



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202 I^r- Victor Tauak. 

wände gegen meine Schlußfolgerungen: den Einwand gegen die Ver- 
trauenswürdigkeit und den gegen die psychische Zugänglichkeit meines 
Materials, von vornherein beseitigt. Es bleibt nur noch der Einwand 
gegen die Tauglichkeit meiner Untersuchungsmethode, der den Wert 
meiner Mitteilungen in Frage stellen könnte. Ich werde Sie, indem ich 
Ihnen mein Material vorführe, ein wenig mit der Freudschen Psycho- 
analyse bekannt machen. Nur mit den wenigen Lehrsätzen dieser Wissen- 
schaft, die für die im ganzen grobe Untersuchung, um die es sich hier 
handelt, in Betracht kommen. 

Als erste Kategorie führe ich jene mit pathologischen seelischen 
Ausnahmszuständen an, mit hysterischen oder epileptischen 
Ausnahmszuständen, über die die Kranken meistens gar keine 
Auskunft zu geben wissen, von denen sie mitten in einer anscheinend 
normalen Lebensführung wie von einem fremden Ich befallen werden. 
Einige dieser Kranken behalten von den Begebenheiten, die sich im 
Ausnahmszustand zugetragen haben, überhaupt keine Erinnerung zurück. 
Sie wissen gar nicht, daß sie sich von ihrem Dienstort entfernt haben, 
jede bewußte Entweichungsabsicht ist ihnen absolut fremd, sie sind stets 
selbst erstaunt, daß sie plötzlich an einem ihnen fremden Ort wie aus 
einem Traum erwachen, ohne zu wissen, wie sie dahin gekommen sind. 
Einige wenige von ihnen verlieren ihr Gedächtnis für die Vorgänge im 
Ausnahmszustand nicht, aber sie begeben sich meist auf planlose Irr- 
fahrten, für die sie kein Motiv wissen, die sie ganz rechenschaftslos und 
triebhaft unternehmen. Man spricht in diesen Fällen vom pathologischen 
Wandertrieb. Ich muß diese ganze Kategorie von Deserteuren aus meinen 
Betrachtungen ausscheiden. Die Epileptiker sind nämlich nicht analysier- 
bar ; die Analyse von Hysterikern dieser Form kann aber in einem Kriegs- 
spital während einer kriegsgerichtlichen Untersuchung nicht mit Aussicht 
auf Erfolg unternommen werden. 

Auch die zweite Kategorie von Deserteuren besteht aus un- 
ruhigen, wandernden Seelen. Aber sie leiden weder an Verwirrtheits- 
zuständen noch an Gedächtnislücken. Sie haben ein volles Bewußtsein 
von ihren Handlungen, die sie logisch und planmäßig ausführen, und 
auch das Bewußtsein, daß sie ihren militärischen Posten widerrechtlich 
verlassen haben, geht ihnen nicht ab. Man findet bei ihnen zuweilen 
sogar eine trotzige Betonung der Auflehnung gegen ihre Soldatenpflicht 
und vielleicht auch Trotz gegen die gefährlichen Folgen ihres Unter- 
nehmens. Diese Leute gehören meist dem industriellen Arbeiterstande an. 
Zwei von ihnen waren Studenten. In der Vergangenheit dieser Deser- 
teure findet man oft Strafen wegen wiederholter eigenmächtiger Ent- 
fernung vom Dienstorte. Auf die Frage nach dem Motiv der De- 
sertion erfährt man eine Reihe von Antworten, die man teils als In- 
toleranz gegen Zwang überhaupt, teils als Abneigung gegen eine 



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Zar Psychologie des Deserteurs. 203 

den persönlichen Bedürfnissen nicht genügende oder widerstrebende Be- 
tätigung auffassen kann. Bei näherem Zuhören erweist sich diese letzte 
Auslegung auch nur als Vorwand, um dem Zwang überhaupt zu ent- 
rinnen. Als unmittelbaren Anlaß der Entweichung hört man etwa die 
Angabe, daß eine machtbewußte Charge die dienstfreie Zeit der Mann- 
schaft mit Exerzierübungen oder Arbeiten zu verkürzen pflegte. Einmal 
bekam ich die Auskunft, daß ein Feldwebel, ob mit Recht oder Unrecht, 
der barttragenden Mannschaft anbefohlen hatte, die Barte abzunehmen. 
aDas war der Tropfen, der das Glas überfließen machte." Ein dritter 
desertierte, weil er von der Schusterei zum Train übersetzt wurde. Ein 
vierter, der im Zivilberuf Roßknecht war, hatte sich auf irgend eine 
Weise bei einem deutschen Pferdetransport eingeschmuggelt, weil er sich 
in einer Beschäftigung, „die er gut versteht, würdiger fühlt". Durch 
Zufall wurde er zu seinem zuständigen Truppenkörper verschlagen und 
als Deserteur arretiert. Man wollte ihm sein „ideales" Desertionsmotiv gar 
nicht glauben. 

Angesichts des großen Zwanges, der jetzt die Welt drosselt, er- 
scheinen uns diese Beweggründe zur Desertion einfach läppisch. Wenn 
ich den Leuten vorhielt, daß ja auch ihre Kameraden unter den gleichen 
Einschränkungen und Opfern leben müßten und dennoch nicht deser- 
tieren, konnte ich auf volle Zustimmung rechnen. Oft sah ich das so- 
eben betonte Ent\yeichungsmotiv auf diesen Vorhalt hin die Umrisse ver- 
lieren und in ein verworrenes Staunen übergehen. Man hört etwa noch, 
daß es eben „alles zusammen" war, was zur Flucht gedrängt hat, und 
schließlich das Einbekenntnis, daß es dumm, übereilt war, „aber jetzt ist 
es schon zu spät." 

Das typische Stück Lebensgeschichte, das aus diesen Leuten heraus- 
zuholen ist, führt uns jedoch alsbald auf einen psychologischen Boden, 
dessen Beschaffenheit uns aus der Psychoanalyse sehr gut bekannt ist. 
Es zeigt sich, daß die kritische Tat nur „typisches Erlebnis* des Deser- 
teurs ist. Alle diese Leute sind schon seit ihrer Jugend „Ausreißer". Der 
eine und der andere ist ungezähltemal von seinem Elternhaus entflohen, 
der dritte und vierte hat sich auf keinem Arbeitsposten gehalten und 
ebenso viel ungezähltemal seinen Dienst gewechselt. Ein fünfter hat 
als Abenteurer die halbe Welt bereist und viele verschiedene Berufe aus- 
geübt. Diejenigen, die in die Schule gegangen sind, waren Schulstürzer 
und böse Beispiele für die Mitschüler. Diese Leute waren eben schon 
„immer so gewesen". Warum sie früher so gewesen sind? Der eine 
hatte einen strengen Vater gehabt, der andere eine Stiefmutter. Es hat 
sie nicht zu Hause gelitten. Der Lehrer war ungerecht gegen sie, darum 
wollten sie nicht in die Schule gehen. Der Vater ließ sie das Handwerk 
nicht lernen, das ihnen behagt hätte, sie mußten etwas lernen, was 
ihnen kein Vergnügen machte. Gegen den einen waren alle Meister 

Zeitochr. f. &rztt. PtychouiAljM. IV/4. 14 

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204 Dr. Victor Taußk, 

schlecht, gegen den anderen die Meisterinnen, gegen den dritten die 
Kinder des Meisters oder die Gesellen und Mitlehrlinge. „Ja, wenn ich 
das Geschäft meines Vaters hätte übernehmen können^, sagte mir einer, 
„dann wäre ich seßhaft geworden". Weil ihm aber der Vater das Ge- 
schäft nicht übertragen wollte, wollte er nicht zu Hause bleiben 
und wurde jede Weile von irgendwoher durch die Polizei nach Hause 
geschickt. 

Das, was uns diese Fälle zeigen, ist, daß bei den Deserteuren dieser 
Kategorie sowohl die Tat als das Motiv der Desertion aus der frühen 
Jugend stammt, daß es oft bis in die Kindheit zurückzuverfolgen ist, 
und daß das typische Erlebnis dieser Leute immer eine Flucht aus 
dem Familienzwang bedeutet, Sie müssen nur noch annehmen, 
daß der „Meister^ und „Lehrer" nichts anderes sind als Ersatz- 
gestalten für den Vater, die Meisterin ein Ersatz der Mutter, die Ge- 
sellen, Mitlehrlinge und Mitschüler ein Ersatz der Geschwister, um sich 
das Bild lückenlos vorstellen zu können. Um Sie zu dieser Annahme 
zu bewegen, muß ich Ihnen aber nun ein Stückchen Psychoanalyse 
vortragen. (Fortsetzung folgt) 



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Mitteilungen. 



Eine anatomisch-künstlerische Fehlleistung Leonardos da Vinci. 

Von Dr. Rudolf Reitler. 

Im 7. Hefte der „Schriften zur angewandten Seelenkunde" unterzieht 
Prof. Freud eine „Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci" einer ein- 
gehenden Analyse, deren Resultat die Feststellung ergibt, daß diese „Kindheits- 
erinnerung" eigentlich aus einer Phantasie des schon längst erwachsenen 
Künstlers entstanden ist, welche Leonardo als ein tatsächliches Erlebnis in 
seine Kindheit zurückprojiziert hat. 

Prof. Freud hebt besonders hervor, daß Leonardo „ein Beispiel von 
kühler Sexualablehnung war, die man beim Künstler und Darsteller der 
Frauenschönheit nicht erwarten würde". Solmi zitiert folgenden Ausspruch 
Leonardos: „Der Zeugungsakt und alles, was damit in Verbindung steht, ist 
so abscheulich, daß die Menschen bald aussterben würden, wäre es nicht eine 
althergebrachte Sitte und gäbe es nicht noch hübsche Gesichter und sinn- 
liche Veranlagungen." Nach Prof. Freuds Ansicht ist es „zweifelhaft, ob 
Leonardo jemals ein Weib in Liebe umarmt hat", das Sexualleben Leonardos 
habe sich vermutlich auf eine „ideelle Homosexualität" eingeschränkt. „Es ist 
bekannt," führt Prof. Freud des weiteren aus, „wie häufig große Künstler 
sich darin gefallen, ihre Phantasie in erotischen und selbst derb obszönen 
Darstellungen auszutoben ; von Leonardo besitzen wir zum Gegensatze nur 
einige anatomische Zeichnungen über die inneren Genitalien des Weibes, die 
Lage der Frucht im Mutterleibe, u. dgl." 

Eine Bestätigung der vorhergehenden Ausführungen findet sich in dem von 
Eduard Fuchs herausgegebenen Sammelwerke „Sittengeschichte", und zwar in 
dem Ergänzungsbande zur „ Renaissancezeit ^ auf Seite 21. Da ist eine Zeichnung 
Leonardos reproduziert, welche den Geschlechtsakt in einem anatomischen 
Sagittaldurchschnitte darstellt. Ebenso wie die von Prof. Freud erwähnten 
Zeichnungen ist auch diese keineswegs obszön. 

Aber sie ist unseres Interesses hauptsächlich deshalb würdig, weil sie eine 
Unzahl von Fehlleistungen aufweist, die wir nur mit Hilfe von Prof. Freuds 
Arbeiten über die „Psychopathologie des Alltagslebens" uns zu erklären ver- 
mögen. Die Zeichnung wird uns um so interessanter erscheinen, wenn wir 
uns ins Gedächtnis zurückrufen, daß Leonardo gerade dem Forschertriebe 
nicht allein seine Libido, sondern auch eines seiner größten Kunstwerke zum 
Opfer brachte. Das „Abendmahl" im Refektorium des Klosters Santa Maria 
delle Grazie in Mailand ist, wie sich Rosenberg, ein Biograph Leonardos, 
ausdrückt, durch seine „Experimentiersucht" zu Grunde gegangen. Leonardo 
begnügte sich nicht mit der allgemein angewendeten Freskotechnik, sondern 
versuchte als erster ein Wandgemälde mit Ölfarben zu malen. Er selbst mußte 
dann später noch den Beginn des Abbröckeins der Farbe erleben. 

14» 



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206 



Mittailungan. 



Und dieser übergroße Forsche rtrieb hat gerade hei der Darstelliing des 
Zeugimgsaktes ^ — selbst verständlich nur infolge seiner noch größeren Sexnal- 
Terdrängang — ganz und gar versagt. 

Der männliche Körper ist m ganzer Figur, der weibliche nur zum Teile 
gezeichnet. 

Wenn man einem nnbefangenen 
Beschauer die nebenstehende Zeich- 
nung in der Weise zeigte da& man 
mit Ausnahme des Kopfes alle unter- 
halb befindlichen Partien zudeckt, 
so kann mit Sicherheit erwartet 
werden, daß der Kopf für weib- 
lich gehalten wird* Die welligen 
Locken sowohl am Vorderhaupte, 
als anch die, welche den Rttcken 
entlang beilänüg bis zum 4, oder 
5. Dorsal Wirbel herab wallen, kenn* 
zeichnen den Kopf entschieden als 
einen mehr femininen als virilen. 

Die weibliche Brust zeigt zwei 
Mängel, und zwar erstens in künst^ 
leriacher Beziehung, denn ihr Um- 
riJ3 bietet den Anblick einer tm- 
schÖD herabhängenden Schlappbrnst, 
und zweitens auch in anatomischer 
Hinsicht, denn der Forscher Leonar- 
dos war offenbar durch seine Sexual- 
abwehr verhindert worden, sich nur 
einmal die Brustwarze eines säugen- 
den Weibes genau anzusehen. Hätte 
er das getan, so müßte er bemerkt 
haben, dai die Milch aus yerschie- 
denen, von einander getrennten Aus- 
fOhrungsgängen herausströmt. Leo- 
nardo aber zeichnete nur einen ein- 
zigen Kanal, der weit in den Bauch- 
ranm hinuoterreicht und wahrschein- 
lich nach Leonardos Meinung die 
Milch aus der Cystema chyli bezieht, 
vielleicht auch mit den Sexualorganen 
In irgend einer Verbindung steht. Allerdings muß in Betracht gezogen werden, 
daS das Studium der inneren Organe des menschlichen Körpers in damaliger 
Zeit äujßerst erschwert war, weil das Sezieren von Verstorbenen als Leichen- 
schändung angesehen und strengstens bestraft wurde. Ob Leonardo, dem ja 
nur ein sehr kleines Sektionsmate rlal zur Verfügung stand, von der Existenz 
eines Lymphreservoirs im Bauchraum überhaupt etwas gewogt hat, ist somit 
eigentlich recht fraglich, obzwar er in seiner Zeichnung zweifellos einen derart zn 
deutenden Hohlraum darstellte. Daß er aber den Milchkanal noch tiefer nach 
abwärts bis zn den inneren Sexualorgauen reichend zeichnete, läßt vermuten, 
daß er das zeitliche Zusammenfallen des Beginnes der Milchabsonderung mit 
dem Ende der Schwangerschaft anch durch sinnflllige anatomische Zusammen- 




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Prof. Davidson: Erkl&mng eines Alptraumes, 207 

hänge darzustellen sachte. Wenn wir nnn auch des Künstlers mangelhafte 
Kemitiiisse der Anatomie mit Rücksicht auf die Verhältnisse seiner Zeit gerne 
entschuldigen wollen, so ist es doch auffallend, daß Leonardo gerade das 
weibliche Genitale so vernachlässigt behandelt hat. Man kann wohl die Vagina 
und eine Andeutung der Portio uteri erkennen, die Gebärmutter selbst ist aber 
in ganz verworrenen Linien gezeichnet. 

Das männliche Genitale hingegen hat Leonardo viel korrekter dargestellt. 
So zum Beispiel hat er sich nicht begnügt, den Testikel zu zeichnen, sondern 
hat auch ganz richtig die Epididymis in die Skizze aufgenommen. 

Äußerst merkwürdig ist die Stellung, in welcher Leonardo den Koitus 
vollziehen läßt. Es gibt Bilder und Zeichnungen hervorragender Künstler, die 
den Koitus a tergo, a latere etc. darstellen, aber einen Geschlechtsakt im 
Stehen zu zeichnen, da muß wohl eine ganz besonders starke Sexualverdrängung 
als Ursache dieser solitären, beinahe grotesken Darstellung vermutet werden. 
Wenn man genießen will, so pflegt man es sich so bequem als möglich zu 
machen. Das gilt natürlich für beide Urtriebe, für Hunger und Liebe. Die 
meisten Völker des Altertums nahmen beim Mahle eine liegende Stellung ein, 
und beim Koitus liegt man normalerweise heutzutage gerade so bequem, wie 
unsere Vorfahren es taten. Durch das Liegen wird gewissermaßen das Wollen 
ausgedrückt, in der erwünschten Situation längere Zeit hindurch zu verweilen. 

Auch die Gesichtszüge des femininen Männerkopfes zeigen eine geradezu 
unwillige Abwehr. Die Brauen sind gerunzelt, der Blick ist mit einem Aus- 
drucke von Scheu seitwärts gerichtet, die Lippen sind zusammengepreßt und 
ihre Winkel nach unten verzogen. Dieses Gesiebt läßt wahrlich weder die Lust 
des Liebespendens, noch die Seligkeit des Gewährens erkennen ; es drückt nur 
Unwillen und Abscheu aus. 

Die gröbste Fehlleistung hat aber Leonardo bei der Zeichnung der beiden 
unteren Extremitäten begangen. Der Fuß des Mannes sollte nämlich der rechte 
sein; denn da Leonardo den Zeugungsakt in Form eines anatomischen 
Sagittaldurchschnittes darstellte, so mtlßte ja der linke männliche Fuß ober- 
halb der Bildfläche gedacht werden, und umgekehrt sollte aus demselben 
Grunde der weibliche Fuß der linken Seite angehören. Tatsächlich aber hat 
Leonardo weiblich und männlich vertauscht. Die Figur des Mannes besitzt 
einen linken, die des Weibes einen rechten Fuß.^) 

Aus dieser anatomischen Zeichnung allein hätte man die den großen 
Künstler und Forscher beinahe verwirrende Libidoverdrängung erschließen 
können. Zuerst allerdings mußte beiläufig 4^2 Jahrhunderte später Prof. Freud 
seine j, Psychopathologie des Alltagslebens'' geschrieben haben, um dadurch 
der psychoanalytischen Forschung die Wege zu weisen, auf denen der- 
artige Fehlleistungen auf ihre tief verborgenen Motive zurückgeführt werden 
können. 

2. 

Erklärung eines Alptraumes. 

Von Professor Davidson (Toronto, Kanada). 

Somatische Erregung : Ein spätes Abendessen, mit nachfolgender Säure 
des Magens. 



') Bezüglich dieser VertanBchnng orientiert man sich am leichtesten, wenn man 
bedenkt, daß die großen Zehen der Iimenseite der Füße angehören. 



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208 MitteUungen. 

Mir scheint, als stehe ich in einer Passage, hinter einer gesdilosaeDen 
Tür, die einen runden Bogen hat. Jemand steht vor der Tür und will ker- 
eindringen. Ich bin erschrocken, doch gefaßt. Ich versuche aufzuschreien, um 
die Person wegzuscheuchen, kann aber nicht, und mit der Anstrengung er- 
wache ich. Im Augenblick dos Erwachens kommt mir der Namen „Hebbel- 
white" in den Sinn. 

Gleich daraufhin wurde mir die Analyse klar. 

Ereignisse des Traumtages : Im Blatt las ich zufällig den Namen 
Hebbel white, der bekanntlich eine Abänderung von Hepple white, dem Namen 
des berühmten englischen Möbelkünstlers ist. Im Laufe des Tages besuchte 
ich mein neues, sich noch im Bau befindende Haus, das gerade solche Türen 
mit rundem Bogen hat. Gleich vor dem Schlafengehen las ich eine Geschichte 
von Hausdieben. 

Analyse: Hebbel white ergibt zuerst debbil-white (debbil ist Neger- 
dialekt für devil, Teufel); dann white devil, also weißer Teufel. Dieser 
erklärt sich sofort als mein älterer Bruder, der sehr blond ist und der mich 
in meiner Kindheit recht teuflisch gequält hat. Mein Schlafzimmer im väter- 
lichen Haus war ursprünglich Teil eines Korridors gewesen, behielt also eine 
passageähnliche Form. Oftmals hat mein Bruder versucht, durch die Tür 
dieses Zimmers einzudringen, häufig auch mit Erfolg; dann pflegte er mich 
zu fassen, auf den Boden zu werfen und dort festzuhalten, indem er mir die 
schrecklichsten Drohungen ins Ohr flüsterte. Die Tür dieses Zimmers war 
hinten angebracht, vorn und an einer Seite waren Fenster. Die tiefere Analyse 
deutet ganz klar auf einen homosexuellen Analkomplex mit masochistisclier 
Färbung. 

3. 

Träume der Ahnungslosen. 
Von Dr. S. Ferenczi (Budapest). 

Wir wissen, welche Mühe es oft kostet, den Traum eines in psycho- 
analytischer Kur befindlichen Patienten zu deuten. Dieser ist gleichsam „ge- 
warnt" und hütet sich, Träume zu produzieren, die leicht zu übersetzen sind, 
und die er am Ende auch selber deuten könnte. Nicht so jene große Schar 
von Menschen, die von Psychoanalyse keine Ahnung haben. Diese er/ählen 
einander — beim gedeckten Tisch oder sonst im Geplauder — ihre sozusagen 
primordialen, von analytischer Kultur nicht beleckten Träume, und ahnen nicht, 
daß sie dabei dem sachverständigen Zuhörer ihre intimsten und geheimsten, 
oft vor sich selbst verheimlichten Wünsche verraten. Ich brachte einmal 
mehrere Wochen in einem Kurorte zu und konnte während der Mahlzeiten 
eine kleine Serie solcher leicht deutbarer Träurae sammeln. 

„Denken Sie, was mir heute geträumt hat", sagte eine Dame, die mit 
ihrer Tochter in der Pension weilte, zu ihrer Nachbarin : „Man hat mir heute 
nacht die Tochter geraubt ; — beim Spaziergang im Wald kamen uns Männer 
entgegen und schleppten mir die Tochter mit Gewalt weg. Es war fürchter- 
lich!" — Ich teilte dieses Urteil über den Traum nicht und dachte mir, die 
Dame möchte ihre mehr als mannbare Tochter schon los werden. — Die Be- 
stätigung ließ nicht lange auf sich warten. Schon Tags darauf beklagte sich die 
Dame darüber, wie viel lustiger die vorausgegangene Saison gewesen wäre, da 
seien eine ganze Menge junger Leute dagewesen, jetzt habe ihre Tochter gar 



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Dr. S. Ferenczd: Trftame der Alinangslosen. 209 

keine passende Gesellschaft, es seien lauter ältere Herren da. Am anderen 
Tage kündigte sie an, dafi sie bald abreisen wollen und sie taten es auch. 

Ein dort weilender Kollege sagt mir eines Morgens : „ Heute Nacht 
hab ich von dir geträumt, du kämpftest in einem Kanal mit einem Apachen, 
der dich unters Wasser drücken wollte. Ich lief zur Polizei, um dir Hilfe zu 
bringen". „Was habe ich dir getan, daß du mir so böse bist?", konnte ich 
mich nicht enthalten, den Kollegen zu fragen. „ Aber gar nichts ! Ich träumte 
nur so aufgeregt, weil ich die ganze Nacht heftige Kolikschmerzen hatte". 
„Das mag seinen Teil an der Traumbildung haben, entgegnete ich; der Ka- 
nal, in dem ich ersäuft werden sollte, mag eine Anspielung auf den 
Darmkanal sein, der also im Traume nicht dir, sondern mir weh tun soll. 
Ich wiederhole, du mußt mir wegen irgend etwas gram sein!* „Du meinst 
doch nicht, daß ich dich deswegen ertränken wollte, weil du mir gestern jene 
kleine Gefälligkeit versagen mußtest ? Das werde ich dir nimmer glauben ! " 
Für mich aber war der Traum als Rachephantasie hiedurch gedeutet. 

^Was bedeutet das, wenn man im Traume die Schuhe die ganze Nacht 
an- und auszieht?", fragt mich eine auffallend hübsche und junge Kriegswitwe 
bei Tisch. „Um Gotteswillen, fragen sie mich nicht so laut!'*, war meine ein- 
zige Antwort und es gelang mir, das Gespräch auf ein anderes Thema zu 
lenken. Die Träumerin ließ sich aber nicht so leicht abweisen. In der anderen 
Nacht setzte sie den Traum fort und wollte nunmehr die Bedeutung folgenden 
Traumes wissen: „Gestern träumte mir, daß ich einen älteren Herrn ge- 
heiratet habe, die Mutter hat mich dazu gezwungen. Nachher hatte ich eine 
Unmenge von Schuhen in allen Farben, die ich aus- und anzog, schwarze, 
braune, gelbe Schuhe ! " Sie hatte offenbar Freude am Besitze dieses Schuh- 
lagers, denn selbst bei der Erzählung lachte sie noch vergnügt. „Wem sah 
der alte Herr, Ihr Gemahl im Traume, ähnlich". „Ja, das ist merkwürdig, 
es war der Mann einer jungen Bekannten von mir, die wirklich einen älteren 
Mann heiratete. Ich finde solche Ehen unsittlich, sie sind direkt auf den Ehe- 
bruch berechnet". — Ich brauchte nicht weiter zu fragen, um die Bedeutung 
der vielfarbigen Schuhe zu verstehen, dachte mir nur: ältere Junggesellen 
müssen sich vor dieser Dame in acht nehmen. 

Inzwischen scheint sich das Gerücht, daß ich mich für Träume in- 
teressiere, im Hause doch verbreitet zu haben, denn eines Tages kommt die 
Krankenwärterin einer dort weilenden Patientin zu mir und erzählt fol- 
genden schauerlichen Traum : ^Ich sah in einem Zimmer einen Sack, darin 
lag die Leiche meiner verstorbenen Schwester, der Sack selbst befand sich auf 
einem hölzernen Geföß, in dem schmutziges Wasser, vielleicht von der Verwesung 
der Leiche stammend, sich ansammelte ; aber es roch gar nicht schlecht. 
Merkwürdigerweise vergaß ich immer wieder, daß meine Schwester tot ist 
und fing zu singen an, schlug mir aber dann immer zur Strafe auf den Mund. Als 
ich den Sack aufmachte, sah ich, daß die Schwester nicht tot, sondern nur 
sehr blaß ist. Neben ihr lag dieLeiche eines kleinen Kindes. 
Auf dem Gesicht der Schwester war ein häßlicher Ausschlag zu sehen." 

Zum Verständnis des Traumes muß man wissen, daß die Träumerin eine 
wohlgebaute, 38 — 39jährige Person ist, die trotz aller anscheinenden Eignung 
zur Mutterschaft ledig blieb und den Pflegerinnenberuf wählte. Die eigenartige 
Sarggeburtsphantasie, den Zweifel darüber, ob die Schwester tot ist oder lebt, 
mußte ich mir als die Identifizierung der toten Schwester mit einer lebenden 
Person deuten. Daß diese Lebende die Träumerin selbst sein mochte, hiefür 
sprach ihr eigenartig zweideutiges Benehmen der toten Schwester gegenüber: 



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210 Mitteilungen. 

sie freut sich über den Tod, — dann straft sie sich für diese Freude. Vielleicht 
beneidete sie einmal ihre (wie ich erfuhr, verheiratete) Schwester und hätte 
sich an ihre Stelle setzen mögen, damit auch sie Kinder bekommen könne. — 
Die Frage nun, die ich an die Träumerin richtete, war folgende : ,,Haben 
Sie nach dem Tode der Schwester nicht die Idee gehabt, daß der Schwager, 
wie das so oft vorkommt, Sie heiraten wird?" „Das nicht — antwortete sie 
— der Schwager hat allerdings um meine Hand angehalten, 
aber ich schlug -^ seine Bitte aus, weil ich die Sorge um die vier 
Kinder meiner Schwester nicht auf mich nehmen wollte.'^ 

Ich ließ mich nicht darauf ein, die Einzelheiten dieses Traumes ana- 
lytisch aufzuklären, soviel wurde mir aber schon aus dem Erzählten klar, 
daß die Träumerin die Entschiedenheit, mit der sie damals das Anerbieten 
des Schwagers zurückwies, innerlich bereut haben mag. Ob nebstdem nicht 
auch wirkliche Erlebnisse Anteil an der Traumbildung hatten — ich denke 
z. B. an einen Abortus — lasse ich dahingestellt sein ; ich hütete mich na- 
türlich, diesbezüglich Fragen zu stellen. Wenn wir aber auch die Frage : 
Phantasie oder Realität, hier vernachlässigen müssen — und dazu sind wir 
bei Problemen des Unbewußten berechtigt — so haben wir doch aus der 
einfachen Traumerzählung wichtige Regungen des Seelenlebens der Träumerin 
erfahren. 



Strindberg über Eifersucht und Homosexualität. 
Von Dr. Hanns Sachs (Wien). 

In der Aphorismen-Sammlung Strindbergs, die unter dem Titel : .Das 
Buch der Liebe* herausgegeben wurde, findet sich die folgende, mit der Warnung : 
„Spiele nicht mit der Liebe!" tiberschriebene Stelle: , Untreue ist ein kos- 
misches Verbrechen, das den einen oder den anderen Teil in ein perverses 
Verhältnis zu seinem eigenen Geschlecht bringt. Wenn der Gatte seine Gefühle 
auf ein anderes Weib richtet, ist die Gattin furchtbaren Wechselströmen aus- 
gesetzt : abwechselnd liebt und hafit sie das Weib, das ihre Nebenbuhlerin ist. 
Oft kann sie die Freundin der Geliebten des Mannes werden, öfter aber wird 
sie die Hasserin." Die „Wechselströme" knüpfen unmittelbar an Strind- 
bergs, von ihm selbst in „Inferno" geschilderten paranoischen Wahn an, in 
dem er sich von seinen zu Feinden gewordenen Freunden durch geheimnis- 
volle elektrische Ströme verfolgt glaubte. Die Verwendung dieser Vorstellung, 
deren wahnhafte Bedeutung inzwischen so weit abgeblaßt war, daß sie nur 
mehr im Sinne des okkultistischen Jargons gebraucht wird, in der oben 
zitierten Stelle weist deutlich darauf hin, daß die elektrischen Ströme nichts 
anderes sind, als die „Gottesstrahlen" des an Dementia paranoides erkrankten 
Schreber, deren Sinn Freud^) als die dinglich dargestellten, nach außen pro- 
jizierten Libidobesetzungen dargetan hat. Der intuitiven Erkenntnis des Dichters 
klebt so noch immer etwas Wahnhaftes an. Entkleidet man sie dieses Restes 
von Entstellung, indem man „Wechselströme" mit Libidobesetzung übersetzt 
und berücksichtigt, daß der Dichter die psychische Realität mit der in der 
Außenwelt vorhandenen und die Ursache mit der Wirkung vertauscht hat, so 
findet man ein wertvolles Stück psychoanalytischer Erkenntnis ausgesprochen, 



^) S. Freud, Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlebre. 3. Folge, S. 866. 



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Dr. Hanns Sachs: Strindberg über Eifersucht und Homosexualität. 211 

und zwar gerade jenes, das für Strindbergs Seelenieben, wie seine autobio- 
graphischen Romane beweisen, von entscheidender Bedeutung war, nämlich 
daß die Wurzel des Eifersuchtswahnes die verdrängte homosexuelle Verliebt- 
heit gegen die als Liebespartner der Gattin oder Geliebten verdächtigte Per- 
son ist. 



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Kritiken und Referate. 

Dr. Placzek, Freundschaft und Sexualität. 2., vermehrte Auflage; 

Bonn 1916, A. Marcus u. E. Webers Verlag. 

Konnte bei Besprechung einer früheren Arbeit ^) P 1 a c z e k s der 
Freimut gerühmt werden, mit dem der Autor, ohne die psychoanalytischen 
Lehren in ihrem vollen Umfange anzuerkennen, d. h. zu verstehen, 
jedes geringschätzige Urteil über die Freud sehe Schule zurückweist, so 
mutet das plötzliche Einstimmen in die gehässige Tonart der Gegner der 
Psychoanalyse natürlich besonders überraschend und peinlich an. Ja, man fragt 
sich, ob man eine Arbeit ernst nehmen solle, in welcher der Verfasser sich 
nachstehende Plattheiten erlaubt: 

Anknüpfend an Goethes Verse 

„Selig, wer sich vor der Welt 
ohne Haß verschließt, 
einen Freund am Busen hält 
und mit dem genießt'' 

witzelt Placzek: „Welche Fundgrube für einen Sexualforscher in den wenigen 
Versen, in deren Inhalt und Wort! ,Einen Freund am Busen hält.* Schon 
das Wort jBusen'. Was verrät das alles ! Und nun gar welch tiefgründige 
Perspektive, ob man den Freund am eigenen Busen hält, oder gar den Busen 
des Freundes berührt, also taktile Wollustempfindungen weckt! Endlich mit 
ihm in der Einsamkeit genießen! Gewiß der Gipfel sexueller Betätigung." 

Und nun zieht er mit schulmeisterlicher Entrüstung gegen die zu Felde, 
welche „die Schöpfungen des höchsten Genius in vorgefaßter Ideenrichtung 
durchsuchen und selbst einen homosexuell so unverdächtigen Poeten, wie 
Goethe, nicht unbehelligt lassen.'' Wäre PI. Literaturhistoriker und nicht 
Arzt, so könnte dies allenfalls die Empörung rechtfertigen, mit der er gegen 
die psychoanalytische Zergliederungstechnik und ihrer „neuartigen, wunder- 
wirkenden Deutungskunst, die ihrer Unfehlbarkeit sich rühmt", im Namen 
der Dichter und der zunftmäßig berufenen Kritiker Einsprache erhebt und 
ins Hörn des „feinsinnigen" Heinrich Lilien fein stößt, der „dieser 
Richtung und ihrer Deutungskunst eine scharfe Abfuhr zufügt und mahnend 
ruft: ,Hände weg' von dieser sexuellen Inquisition der Dichter ''. 

Und weiters sieht PI. darin eine Ehrenpflicht, unter gewissenhafter 
Zitierung der von homosexueller Erotik triefenden Briefe, Briefchen, Stamm- 
buchverse aus verschiedenen Jahrhunderten deren Verfasser von dem Verdachte 
homosexueller Neigungen reinzuwaschen. Dem Wesen der Freundschaft auf 
den Grund zu gehen, hütet er sich wohl, sondern begnügt sich, die Meinungen 
anderer anzuführen, vornehmlich solcher, die ihm gleichgesinnt sind, und 
kommt zu der nicht eben neuen Ansicht, daß Freundschaft zwischen Mann 
und Frau — ausgenommen in abgeklärteren Lebensjahren — im wahren 

*) Selbstmordverdacht und Selbstmordverhütung. 



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Kritiken und Referate. 213 

Sinne des Wortes nicht existiere, daß Männerfreundschaften frei von jedem 
sexuellen Unterton sein können und dafi die Unaufrichtigkeit der Frauen gegen- 
einander im allgemeinen keine echte Freundschaft aufkommen lasse. Freundschaften, 
wie sie z. B. Ilse Frapan-Akunian und Esther Mandelhaum, die zusammen in 
den Tod gingen, verband, scheidet PL, wohl um dem Begriffe der Freund- 
schaft nichts von seiner „Reinheit'' zu nehmen; als perverse Neigug aus dem 
Grundbegriffe aus. So leicht sollte man sich eine wissenschaftliche Untersuchung 
doch nicht machen. Und nun gar die Spitzfindigkeit, da er im Kap. „Freund- 
schaft und Geschlechtsleben '^ sagt: ^Man denke auch stets daran, da£ von 
der homosexuellen Neigung zur homosexaellen Betätigung ein weiter Schritt 
ist, den selbst ausgesprochene Homosexuelle nicht immer zurücklegen, . . . ^ 
ändert das etwas an den Gefühlen? — und mahnt darum ^zur Vorsicht 
selbst bei schon auffallendster Innigkeit unter Männern, Vorsicht selbst bei 
der Vermutung homosexueller Artung"! 

Wenn Placzek, nachdem er bedauernd ausruft: „Ja, wenn wir untrügliche 
Unterscheidungsmerkmale zwischen Liebe und Freundschaft hätten ! '^ (m. £. 
wäre dann die Frage gelöst und der Autor wäre seiner Arbeit enthoben 
gewesen), zu dem Schiasse kommt: 

j, Unterscheidungsmerkmale, für jeden faßbar und anwendbbar, existieren 
wohl nicht ... Es kann daher das Urteil des Kritikers nur subjektiv sein 
und kann nur, je nach seiner persönlichen Stellung, ausfallen. Die 
Endentscheidung dürfte doch erst das persönliche ev. eidlich erhärtete Bekenntnis 
der Beteiligten und, wenn nötig und erreichbar, das Beobachtungsmaterial 
bringen'', so irrt er sehr. Das persönliche Bekenntnis ist ohne Aufdeckung 
des Unbewußten immer zweifelhaft und das Beobachtungsmaterial muß 
jedenfalls einem Beurteiler zufallen, der an dasselbe mit weniger vorgefaßten 
Meinungen herantritt als Placzek. 

Eine Stelle in Placzek s Arbeit regt uns zu freilich vergeblichem Suchen 
an; er spricht von „uns Sexualforschern, die gewöhnt sind, die 
Menschen zu nehmen, wie sie sind und sie nicht uns zu formen, wie 
sie soziale Normen zu gestalten suchen". Schade, daß der Autor nicht diesem 
einzig richtigen Bestreben des Sexaalforschers bei der Abfassung seines 
Büchleins ohne Scheu gefolgt ist. Dr. H. v. Hug-Hellmuth. 

Dr. Oskar Pfister, Pfarrer in Zürich, Das Kinderspiel als Früh- 
symptom krankhafter Entwicklung, zugleich ein Beitrag 
zur Wissenschaftspsychologie. Referat, gehalten am 14. Okt. 1916 
am päd. Ferienkurs d. schweizer, pädag. Gesellschaft in Sundlauenen. 
(Separatabdruck aus „Die Schulreform", Jahrg. X.) 
Pfister zeigt an einer seiner seelsorgerischen Tätigkeit entnommenen 
Psychoanalyse eines 25jähr. Kaufmannes, wie die kindlichen Spielneigungen 
wertvolle Schlüsse auf die seelische Entwicklung gestatten, wie sie krankhafte 
Anlagen verraten und wie durch ihre sorgfältige Beobachtung der Mensch vor 
manchem künftigen Schaden der Seele bewahrt werden könnte; dazu sei aber 
notwendig, daß man insbesondere auf die bedenklichen Züge des Kinderspiels 
achten lerne. Ein ernstes Eingehen auf den Ursprung der gewählten und 
erfundenen Spiele, das Bemühen, die im Spiele zum Ausdruck kommende 
Symbolsprache der Begabungen zu verstehen, führen den Erzieher 
in die sonst verschlossenen Bezirke des kindlichen Unbewußten. 

Es gelingt Pfister, die Motive und den Ursprung der z. T, recht eigen- 
artigen Kinderspiele seines Analysanden und ihren Zusammenhang mit dem 



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214 Kritiken und Referate. 

Verhältnis zu Mutter und Kameraden aufzudecken : die gesteigerte Phantasie- 
tätigkeit des Kindes, die Schaffung einer „eigenen, in einsamer Ferne 
liegenden Wunschwelt ^, die Sucht nach Entblößung, die überstark gefühls- 
betonte Neigung zum Rubrizieren und Systematisieren. An den eigentümlichen 
Strafphantasien des jungen Mannes versucht Pf ist er, den Wurzeln der Grau- 
samkeit nachzugraben. 

Sehr interessant sind die Ausblicke, die sich dem Autor aus den ge- 
wonnenen Erkenntnissen für die Psychologie der Wissenschaft er- 
geben. Die Eigentümlichkeit mancher Forscher, im Systematisieren stecken 
zu bleiben, führt er auf den der Phantastik des Neurotikers verwandten 
Abstraktionshang des Gelehrten zurück, in welche beide Denkformen sich 
einfach die Flucht vor der Wirklichkeit kleide. Femer weist er auf 
die Bedeutung der Triebverdrängung für die Entwicklung der Wissenschaft, 
sowie für die Entwicklung der führenden Geister hin und zieht wertvolle 
Schlüsse über die Wandlung des fruchtbaren schöpferischen Denkens zu einem 
in Formalismus und wirklichkeitsfeindlicher Obstruktion erstarrenden Intellektua- 

^^™"^- Dr. H. V. Hug-Hellmuth. 

Prof. Dr. Aloys Fischer, Untergründe und Hintergründe des 

Bewußtseins. (Deutsche Schule, Bd. XIX.) 

In dieser Schrift wird mit sorgfältigster Abwägung der Argumente der 
Beweis geführt, daß die Annahme eines seelischen Unbewußten für die Psycho- 
logie unausweichlich geworden ist, auch wenn die von der Psychoanalyse 
zur Entscheidung der Frage beigestellten Funde unberücksichtigt bleiben. Was 
dem Psychoanalytiker trotz der Einwürfe der Schulpsychologie längst unzwei- 
deutig gegeben erschien, wird hier ohne Heranziehung einer neuen Technik 
oder bisher unbekannten seelischen Materials auf Grund theoretischer Erörte- 
rungen und Erwägungen bejaht. 

In der Einleitung legt der Verfasser klar, daß die Einschränkung des 
Seelischen auf die Bewußtseinsvorgänge nur dadurch zu dem Ansehen einer 
grundsätzlichen Erkenntnis gelangte, weil sie die Reaktion gegen die aristo- 
telische Theorie von der Seelensubstanz war, durch deren Überwindung die 
moderne Psychologie als selbständige Wissenschaft erst möglich wurde. Dann wird 
eine Reihe von unbewußten Seelenphänomenen geschildert und zwar zunächst 
solche, die wir nach der von F r e u d geschaffenen Terminologie vorbewußte 
zu nennen gewohnt sind, das heißt solche, gegen deren Wiederkehr ins Be- 
wußtsein kein Widerstand besteht. Von da an aufsteigend werden in der 
dritten und vierten Gruppe, unter dem Namen des »Unerledigten" und „Un- 
eingestandenen* die Grenzen des Vorbewußten überschritten und dauernd zur 
Fernhaltung vom Bewußtsein bestimmte Vorgänge vorgeführt, bis endlich in 
der fünften Gruppe das „Verdrängte" mit seinem eigentlichen Namen hervortritt. 

^Das Bewußtsein ist eigentlich unproduktiv; es ordnet, kritisiert wohl, 
aber aller Inhalt, an dem es seine normierende Funktion betätigt, muß ihm 
vorgegeben sein, wird von ihm nicht erzeugt. Das unbewußte Seelenleben, 
d. h. das vor der Funktion des Normbewußtseins liegende ist (nicht nur das 
,wahre, echte Sein*, wie die Ethik der Natürlichkeit versichert, sondern auch) 
das eigentliche schöpferische Prinzip. Aus dem Unbewußten stammen alle Ein- 
fälle und Inspirationen, alle lebensgestaltenden Wunschziele und Begierden, 
alle instinktiven Schätzungen und Mißschätzungen.'' „Dasein, Arten und Gat- 
tungen und die Gesetzmäßigkeit des Unbewußten sind der eigentliche Gegen- 
stand einer tiefer dringenden Psychologie." Solcher Sätze, in denen der Ver- 



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Kritiken und Referate. 215 

fasser die Resultate seiner Untersachnng abschliefiend zasammenfaßt. darf sich 
ein Anhänger der Psychoanalyse wohl freuen ; er muß aber gleichzeitig darauf 
hinweisen, daß keine andere Disziplin bisher mit diesen Sätzen Ernst gemacht 
und einen Weg zur Erforschung der Gesetze des unbewußten Seelenlebens 
erschlossen hat. Er kann daher fordern, daß der Technik der Psychoanalyse, 
so mühevoll ihre Erlernung und so unerfreulich der Eindruck ihrer Resultate 
sein mag, der erste Platz in dem Interesse jener Forscher eingeräumt werde, 
die den Standpunkt dieser Untersuchung teilen. 

Dr. Hanns Sachs. 



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Zur psychoanalytischen Bewegung. 



Am Montag den 26. März 1917 starb Dr. Rudolf R eitler, der der 
Wiener psychoanalytischen Vereinigung seit ihrer Begründung angehört hatte, 
erst 52 Jahre alt ; schon drei Jahre vorher hatte die schwere Krankheit, der 
er nun erlegen ist, ihn aus seiner ärztlichen und wissenschaftlichen Tätigkeit 
gerissen. Wir verzichten darauf, ein Bild der Persönlichkeit des Verstorbenen 
zu entwerfen, deren Wesenszüge — vornehmste Lauterkeit der Gesinnung und 
echte, aus dem Herzen geschöpfte Liebenswürdigkeit — jedem, der zu ihm 
in Beziehung trat, den unvergeßlichen Eindruck einer höchst kultivierten 
und doch natürlich gebliebenen Menschlichkeit hinterließen. Auch die für einen 
einzelnen fast allzu große Zahl der Begabungen und Fähigkeiten, die er in 
sich vereinigte, dürfen wir nur kurz erwähnen : seine künstlerische Veran- 
lagung, die ihm noch in der letzten schweren Krankheit treu blieb, so daß 
er, der sonst als Zeichner und Landschaftsphotograph weit mehr als Dilletan- 
tisches geleistet hatte, die mikroskopischen Zeichnungen zu den bakteriologi- 
schen Veröflfentlichungen seines Sohnes trotz der zitternden Hand mit zartester 
Genauigkeit der Beobachtung und Linienführung ausführen konnte, wie er 
denn auch durch sein Klavierspiel und seine Liederkomposition in trübsten 
Tagen sich und seiner Umgebung Aufheiterung schenkte. Seine Beobachtungs- 
gabe wird wohl am besten durch den kleinen Aufsatz in dieser Nummer er- 
wiesen, der die scharfsinnige Aufdeckung einer Kette von Fehlhandlungen in 
einer Skizze Lionardo da Vincis zum Inhalt hat. Hoffentlich finden sich unter 
den Aufzeichnungen, die er in den leidensfreien Zwischenräumen seiner Krank- 
heit verfaßte, noch zur Veröffentlichung geeignete Fragmente. 

Die Seite seines Wesens, die vor allen anderen unsere Würdigung ver- 
dient, in der auch sein Charakter und seine Intellektualität am deutlichsten 
zum Ausdruck kam, ist seine Stellung zur Psychoanalyse. Als unsere 
Wissenschaft noch in den ersten Anfängen stand und in Fachkreisen besten- 
falls Hohn und Spott, meistens aber nur ein stummes, verächtliches Achsel- 
zucken hervorrief, hat Dr. Reitler die Richtigkeit ihrer Beobachtung, die 
Tragweite ihrer Grundsätze erkannt und sich entschlossen, ihr sein Lebens- 
werk zu widmen. Er gehörte zu jenen wenigen ersten Schülern, die sich um 
Prof. Freud sammelten und deren unerschrockenen wissenschaftlichen Eifer 
wir nächst dem Entdeckergenie Freuds am meisten für die Grundlegung der 
Prinzipien und Methode der Psychoanalyse zu Dank verpflichtet sind. Seit- 
dem er jenen ersten Schritt getan hatte, ist er in unwandelbarer Treue trotz 
aller Anfechtungen, denen die Psychoanalytiker in ihrem ärztlichen Beruf 
sowohl, wie als wissenschaftliche Forscher ausgesetzt waren, ausgeharrt bis za 
seinem Ende und hat den überraschenden inneren und äußeren Entwicklungs- 
gang unserer Wissenschaft mitgemacht, jeder Erweiterung, jedem wissenschaft- 
lichen Fortschritt willig folgend, ohne doch je einen ihrer Grundgedanken 
aufzugeben oder abzuschwächen. Die volle Bedeutung seiner Persönlichkeit 
kann in weiteren Kreisen wohl nie ganz gewürdigt werden : die therapeutischen 
Erfolge des Psychoanalytikers, die gerade bei ihm besonders groß waren ^ 



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Zar psychoanalytischen Bewegung. 217 

bleiben infolge der hier erhöht geltenden ärztlichen Diskretion meistens im 
Dunkel and seine Yeröffentlichungen, so inhaltreich und anregend sie auch sind, 
haben, wohl infolge seiner Bescheidenheit, der alles Vordrängen und Erfolg- 
haschen fremd war, nicht jene Zahl und jenen Umfang erreicht, der dem 
Gewicht seiner wissenschaftlichen Tätigkeit entspräche. Wir aber, die als seine 
langjährigen Mitarbeiter in den Yereinssitzungen seinen ungewöhnlichen Scharf- 
sinn, den so seltenen psychoanalytisch geschulten Blick eines geborenen Psycho- 
logen, den unermüdlichen Forschungseifer, die Eombinationsgabe und das 
Gedächtnis, mit denen er über sein Beobachtungsmaterial verfügte, die geist- 
voll zugeschliffene und doch so liebenswürdig humorvolle Form seiner Rede, 
mit der er in die Debatte eingriff, kennen und würdigen gelernt haben, werden 
ihn nicht nur als lieben Freund und Kollegen, sondern als einen der ersten 
and bedeutendsten Vorkämpfer der Analyse im Gedächtnis bewahren und ihm 
den verdienten Ehrenplatz in der Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 
sichern. 



Am 19. Mai 1917 starb in Amsterdam Dr. Johann Star cke, Sekretär 
unserer neu gegründeten Ortsgruppe in Holland. Wir werden das verdienst- 
volle Wirken unseres verstorbenen Mitarbeiters in einem Nachruf würdigen 
und verweisen einstweilen nur auf den interessanten Aufsatz aus seiner Feder, 
der in Nr. 1 und 2 dieses Jahrganges erschienen ist. 



Gründung: einer neuen Ortsgruppe der internationalen psycho- 
analytischen Vereinigung in Holland. 

Die Schriftleitung erhielt folgendes Schreiben, das sie mit Genugtuung 
über die durch den Krieg nicht völlig gehemmte internationale Ausbreitung 
der Psychoanalyse veröffentlicht: 



Amsterdam, 31. März 1917. 



Sehr geehrter Herr KoUega! 



Ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß auf der Versammlung im 
Februar dieses Jahres beschlossen wurde, daß von jetzt an die P. A. Gesell- 
schaft (die schon seit 3 Jahren monatlich ihre Versammlung hielt) die Form 
einer Vereinsorganisation annehmen solle. Deshalb ist der „Nederlandsche 
Vereeniging voor Psychoanalyse" (Niederl. Verein f. Psychoanalyse) 
jetzt errichtet. Er ist eine Abteilung der Internat, psychoanalyt. Verein. 

Zu Funktionären wurden gewählt : Dr. A. van Rhenterghem, Präsident, 
Dr. J. Star cke, Sekretär, Dr. A. van der Chys, Kassier. Weitere Mitglieder 
sind: Dr. J. E. G. van Emden, Dr. J. H. W. van Ophuysen, Dr. Ad. 
F. Meyer (den Haag), Prof. G. Jelgersma (Leiden), Dr. A. Stärcke 
(den Dolder), Dr. W. H. Cox (den Dolder), Dr. F. Muller (Haarlem), 
Dr. B. van de Linde (Hilversum), Prof. K. H. Bon man (Amsterdam),. 
Dr. J. H. van der Hoop (Amsterdam). 

Mit kollegialer Hochschätzung Ihr ergebener 

J. Star cke m. p. 



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218 ^^^ psychoanalytischen Bewegung. 

Nanmehr ist der dritte und abschließende Teil der „Yorlesungen 
zur Einführung in die Psychoanalyse* von Prof. Freud, welcher 
die Neurosenlehre behandelt, im Verlage von Hugo Heller & Cie. erschienen. 



Herr Pfarrer Dr. Oskar Pf ister aus Zürich hielt in Berlin im 
, Christlichen Verein für junge Männer" zwei Vorträge; er sprach am Mittwoch 
den 11. und Donnerstag den 12. April vor Psychologen, Theologen und 
Pädagogen über das Thema: „Was bietet die Psychanalyse dem 
Seelsorger?" und am Mittwoch den 11. April, abends, vor einem weiteren 
Kreise psychologisch interessierter Erzieher über „Das gefährdete Kind 
und seine psychanalytische Behandlung*. 



Im April 1917 hielt Dr. Hanns Sachs im Wiener Monistenbund einen 
Vortrag über „Die Traumtheorie Freuds*. 



In Boston erschien die englische Übersetzung einer Sammlung psycho- 
analytischer Aufsätze von Dr. S. Ferenczi unter dem Titel: Contribntions 
to Psycho-Analysis. By Dr. S. Ferenczi (Budapest). Authorized 
translation by Ernest Jones, M. D. (London). Contents: The Analytic 
Interpretation and Treatment of Psychosexual Impotence; Introjection and 
Transference ; The Psychological Analysis of Dreams ; On Obscene Words ; 
On the Part Played by Homosexuality in the Pathogenesis of Paranoia ; On 
Onanism ; Transitory Symptom — constructions during the Analysis ; Stages 
in the Developement of the Sense of Reality ; A little Chanticleer , Symbolism : 
I. The Symbolic Representation of the Pleasure and the Reality Principles in 
the Oedipus Myth. II. On Eye Symbolism. III. The Ontogenesis of Symbols ; 
Some Clinical Observations on Paranoia and Paraphrenia; The Nosology of 
Male Homosexuality (Homo-Erotism) ; The Ontogenesis of the Interest in Money. 
R. G. Badger, Publisher, Boston. 



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