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Full text of "Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse Band IV 1918 Heft 6"

V^; 



INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT ^j:^ 

FÜR ' ■ -' 

ÄRZTLICHE PSYCHOANALYSE 

OFFIZIELLES ORGAN 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 

HERAUSGEGEBEN VON 

PROF. DR. SIGM. FREUD 

REDIGIERT VON 

DR. & FERENCZI DR. OTTO RANK 

BUDAPEST WIEN 

PROF. DR. ERNEST JONES 

LONDON 
UNTER STÄNDIGER MITWIRKUNG VON: 

DfU KARL ABRAHAM, BsRUN. — Dr. LUDWIQ BINSWANQBR, KrKUZURGKR. — 

Da, A. A. BRiLL, N«w York. — Dr. Triqant Burrow, BALTWORt. — Dr. J. van 
EMDEN, Haag. — Dr. M. Eitinoon, Bbrlir. — Dr. Paul federn, Wibh. — 
Dr. Eduard Hitschmann, Wikr. — Dr. H. t. Huq-Hellmuth, Wien. — Dr. l. 
JBKELS, WiBN. — Prof. friede. S. Krauss, Wirr. — Dr. J. T. Mac curdy, Nkw 
York. — Dr. J. Marcinowski, Siklbrgk. — Prof. Morichau-Beauchant, Poitisrs. 

— Dr. J. H. W. van ophuijsen, Haag. — Dr. C. r. Paynb, Wadravs, N. Y. — 

— Dr. OSKAR PFiSTER, ZiJRiCH. — Prof. James J. putnam, Bostoh. — Dr. Theodor 
RBiK, Bkrlir. — Dr. A. W. van Renterghem, Amsterdam. — Dr. Hanns 
SACHS, WiKN. — Dr. J. Sadqer, Wirr. — Dr. A, Stärcke, Drr Doldrr. — Dr. M. 
stbomann, Drrsdkii. — Da. Victor Tausk, Wibn. — Dr. m. Wulff, Odima. 

IV. JAHRGANG, 1916/17 

HEFT 6 




1918 

HUGO HELLER & QE. 

LEIPZIG UND WIEN, I. BAUERNMARKT 8 



Goo 



. . ... f ij\-^l Original from 

UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Inhalt des VI. Heftes. 
Originalarbeiten. 

I, Sigm. Freud: Metapsycbologisohe Erg&nzong zur Traumlehre ... ^7 

n. Sigm. Freud: Trauer und Melancholie 288 

ni. Adolph F. Meyer: Dr. C. 0. Jungs Psychologie der unbewußten Prozesse 302 

Hitteilungen. 

1. Dr. Viktor Tausk: Bemerkungen zu AbrÄhams' Aufsatz „Über E^ja- 
culatio praeeox" 815 

2. Dr. S. Ferenczi: Pecunia — ölet E27 

3. Th.Reik: Yom Seelenleben eines zwoijäl^rigon Knaben . 329 

4. Dr. M. K.: Der Beginn eines Verfolgungswahnes ......... .330 

Kritiken und Referate. 

Prof. Dr. C. W i n k 1 e r : Het Stelsel van Prof. Sigmund Freud (Dr. J. van Emden) 332 
J. H. vanderHoop: De psycho-analy tische Methode (Autoreferat) .... .S40 

Nederlandsch Tijdschrift voor Geneeskunde (van Ophuysen) . 342 

Prof. Dr. J. Jelgersma: Ken geval van hysterie psychoanalytisch behandelt 

(vän Ophuysen) » . . . ä42 

J. H, W. van Ophuijsen: Prof. Winkler en de psycho-analyse (Eigenbericht) 343 

Adolph T. Meyer: Winkler contra Freud (Eigenbericht) 348 

Dr. Oskar Pf ist er: Was bietet die Psychoanalyse dem Erzieher? (Dr. v. 

Hug-HeUmutb) . . . 844 

Prof. Ed. Clapar^de: BSve satisfaisant un d^sir organique (Ferenczi) . . 345 
Dr. med. Georg Groddeck: Die psychische Bedingtheit und psychoanaly- 
tische Behandlung organischer Leiden (Ferenozi) ...».«.... 846 

Zur psychoanalytischen Bewegung .....%.... .348 



Goo 



Original from 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Originalarbeit en . 

I. 
Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre.') 

Von Sigm. Freud. 

Wir werden bei verschiedenen Anlässen die Erfahrung machen können, 
wie vorteilhaft es für unsere Forschung ist, wenn wir gewisse Zustände und 
Phänomene zur Vergleichung heranziehen, die man als N o r m a 1 v o r- 
bilder krankhafter Affektionen auffassen kann. Dahin gehören Affekt- 
zustände wie Trauer und Verliebtheit, aber auch der Zustand des Schlafes 
und das Phänomen des Träumens. 

Wir sind nicht gewöhnt, viele Gedanken daran zu knüpfen, daß der 
Mensch allnächtlich die Hüllen ablegt, die er über seine Haut gezogen 
hat, und etwa noch die Ergänzungsstücke seiner Körperorgane, soweit 
es ihm gelungen ist, deren Mängel durch Ersatz zu decken, also die 
Brille, falschen Haare, Zähne usw. Man darf hinzufügen, daß er beim 
Schlafengehen eine ganz analoge Entkleidung seines Psychischen vornimmt, 
auf die meisten seiner psychischen Erwerbungen verzichtet und so von 
beiden Seiten her eine außerordentliche Annäherung an die Situation 
herstellt, welche der Ausgang seiner Lebensentwicklung war. Das Schla- 
fen ist somatisch eine Reaktivierung des Aufenthalts im Mutterleibe mit 
der Erfüllung der Bedingungen von Ruhelage, Wärme und Reizabhal- 
tung; ja viele Menschen nehmen im Schlafe die fötale Körperhaltung 
wieder ein. Der psychische Zustand des Schlafenden charakterisiert sich 
durch nahezu völlige Zurückziehung aus der Welt der Umgebung und 
Einstellung alles Interesses für sie. 

Wenn man die psychoneurotischen Zustände untersucht, wird man 
veranlaßt, in jedem derselben die sogenannten zeitlichen Regres- 

^) Die beiden nachstehenden Abhandlangen stammen ans einer Sammlniig, 
die ich ursprünglich nnter dem Titel „Zur Vorbereitung einer Metapsychologie" in 
Buchform veröffentlichen wollte. Sie schließen an Arbeiten an, welche im III. Jahr- 
gang dieser Zeitschrift (Heft 1 — 5) abgedruckt worden sind. („Triebe und Trieb- 
schicksale" — „Die Verdrängung" — „Das ünbewoßte**.) Absicht dieser Reihe ist die 
Gärung und Vertiefung der theoretischen Annahmen, die man einem psychoanalyti- 
schen System zu Grunde legen könnte. 

ZeitiobT. f.'lrttl. Psychoanftlyte. lV/6. 19 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



278 Sigm. Freud. 

sionen hervorzuheben, den Betrag des ihnen eigentümlichen Rück- 
greifens in der Entwicklung. Man unterscheidet zwei solcher Regressionen, 
die der Ich- und die der Libidoentwicklung. Die letztere reicht beim Schlaf- 
zustand bis zur Herstellung des primitiven Narzißmus, die erstere 
bis zur Stufe der halluzinatorischen Wunschbefriedigung. 

Was man von den psychischen Charakteren des Schlafzustandes 
weiß, hat man natürlich durch das Studium des Traumes erfahren. Zwar 
zeigt uns der Traum den Menschen, insoferne er nicht schläft, aber er 
kann doch nicht umhin, uns dabei auch Charaktere des Schlafes selbst 
zu verraten. Wir haben aus der Beobachtung einige Eigentümlichkeiten 
des Traumes kennen gelernt, die wir zunächst nicht verstehen konnten und nun 
mit leichter Mühe einreihen können. So wissen wir, der Traum sei ab- 
solut egoistisch, und die Person, die in seinen Szenen die Hauptrolle 
spiele, sei immer als die eigene zu agnoszieren. Das leitet sich nun leicht 
begreiflicher Weise von dem Narzißmus des Schlafzustandes ab. Narziß- 
mus und Egoismus fallen ja zusammen; das Wort „Narzißmus" will nur 
betonen, daß der Egoismus auch ein libidinöses Phänomen sei, oder, um 
es anders auszudrücken, der Narzißmus kann als die libidinöse Ergän- 
zung des Egoismus bezeichnet werden. Ebenso verständlich wird auch 
die allgemein anerkannte und für rätselhaft gehaltene „diagnostische"* 
Fähigkeit des Traumes, in welchem beginnende Körperleiden oft früher 
und deutlicher als im Wachen verspürt werden, und alle gerade aktu- 
ellen Körperempfindungen ins Riesenhafte vergrößert auftreten. Diese 
Vergrößerung ist hypochondrischer Natur, sie hat zur Voraussetzung, 
daß alle psychische Besetzung von der Außenwelt auf das eigene Ich 
zurückgezogen wurde, und sie ermöglicht nun die frühzeitige Erkennung 
von körperlichen Veränderungen, die im Wachleben noch eine Weile un- 
bemerkt geblieben wären. 

Ein Traum zeigt uns an, daß etwas vorging, was den Schlaf stören 
wollte, und gestattet uns Einsicht in die Art, wie diese Störung abge- 
wehrt werden konnte. Am Ende hat der Schlafende geträumt und kann 
seinen Schlaf fortsetzen; an Stelle des inneren Anspruchs, der ihn be- 
schäftigen wollte, ist ein äußeres Erlebnis getreten, dessen Anspruch 
erledigt worden ist. Ein Traum ist also auch eine Projektion, eine 
Veräußerlichung eines inneren Vorganges. Wir erinnern uns, daß wir 
die Projektion bereits an anderer Stelle unter den Mitteln der Abwehr 
begegnet haben. Auch der Mechanismus der hysterischen Phobie gipfelte 
darin, daß das Individuum sich durch Fluchtversuche vor einer äußeren 
Gefahr schützen durfte, welche an die Stelle eines inneren Triebanspru- 
ches getreten war. Eine gründliche Erörterung der Projektion sparen 
wir uns aber auf, bis wir zur Zergliederung jener narzißtischen Affek- 
tion gekonunen sind, bei welcher dieser Mechanismus die auffälligste 
Rolle spielt. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Metapsychologische Ergänzung znr Traumlehre. 279 

Auf welche Weise kann aber der Fall herbeigeführt werden, daß 
die Absicht zu schlafen eine Störung erfahrt? Die Störung kann von 
innerer Erregung oder von äußerem Reiz ausgehen. Wir wollen den min- 
der durchsichtigen und interessanteren Fall der Störung von innen zu- 
erst in Betracht ziehen ; die Erfahrung zeigt uns als Erreger des Trau- 
mes Tagesreste, Denkbesetzungen, welche sich der allgemeinen Ab- 
ziehung der Besetzungen nicht gefügt und ihr zum Trotz ein gewisses 
Maß von libidinösem oder anderem Interesse behalten haben. Der Nar- 
zißmus des Schlafes hat also hier von vornherein eine Ausnahme zu- 
lassen müssen, und mit dieser hebt die Traumbildung an. Diese Tagesreste 
lernen wir in der Analyse als latente Traumgedanken kennen und 
müssen sie nach ihrer Natur wie zufolge der ganzen Situation als vor- 
bewußte Vorstellungen, als Angehörige des Systems Vbw. gelten lassen. 

Die weitere Aufklärung der Traumbildung gelingt nicht 
ohne Überwindung gewisser Schwierigkeiten. Der Narzißmus des 
Schlafzustandes bedeutet ja die Abziehung der Besetzung von allen 
Objektvorstellungen, sowohl der unbewußten, vrie der vorbewußten An- 
teile derselben. Wenn also gewisse „Tagesreste" besetzt geblieben sind, 
so hat es Bedenken anzunehmen, daß diese zur Nachtzeit soviel Energie 
erwerben, um sich die Beachtung des Bewußtseins zu erzwingen ; man 
ist eher geneigt anzunehmen, daß die ihnen verbliebene Besetzung um 
vieles schwächer ist, als die ihnen tagsüber eigen war. Die Analyse über- 
hebt uns hier weiterer Spekulationen, indem sie uns nachweist, daß diese 
Tagesreste eine Verstärkung aus den Quellen unbewußter Triebregungen 
bekommen müssen, wenn sie als Traumbildner auftreten sollen. Diese 
Annahme hat zunächst keine Schwierigkeiten, denn wir müssen glauben, 
daß die Zensur zwischen Vbw. und Ubw. im Schlaf sehr herabgesetzt, 
der Verkehr zwischen beiden Systemen also eher erleichtert ist. 

Aber ein anderes Bedenken darf nicht verschwiegen werden. Wenn 
der narzißtische Schlafzustand die Einziehung aller Besetzungen der 
Systeme Ubw. und Vbw-. zur Folge gehabt hat, so entfällt ja auch die 
Möglichkeit, daß die vorbewußten Tagesreste eine Verstärkung aus den 
unbewußten Triebregungen beziehen, die selbst ihre Besetzungen an das 
Ich abgegeben haben. Die Theorie der Traumbildung läuft hier in einen 
Widerspruch aus, oder sie muß durch eine Modifikation der Annahme 
über den Schlafnarzißmus gerettet werden. 

Eine solche einschränkende Annahme wird, wie sich später ergeben 
soll, auch in der Theorie der Dementia praecox unabweisbar. Sie kann 
nur lauten, daß der verdrängte Anteil des Systems Ubw. dem vom 
Ich ausgehenden Schlafwunsche nicht gehorcht, seine Besetzung ganz 
oder teilweise behält und sich überhaupt infolge der Verdrängung ein 
gewisses Maß von Unabhängigkeit vom Ich geschaffen hat. In weiterer 
Entsprechung müßte auch ein gewisser Betrag des Verdrängungsaufwan- 

19* 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



280 Sig™- Freud. 

des (der Gegenbesetzung) die Nacht über aufrecht erhalten werden, 
um der Triebgefahr zu begegnen, obwohl die Unzugänglichkeit aller Wege 
zur Affektentbindung und zur Motilität die Höhe der notwendigen 
Gegenbesetzung erheblich herabsetzen mag. Wir würden uns also die 
zur Traumbildung führende Situation folgender Art ausmalen : Der Schlaf- 
wunsch versucht alle vom Ich ausgeschickten Besetzungen einzuziehen 
und einen absoluten Narzißmus herzustellen. Das kann nur teilweise ge- 
lingen, denn das Verdrängte des Systems übw. folgt dem Schlafwunsche 
nicht. Es muß also auch ein Teil der Gegenbesetzungen aufrecht erhal- 
ten werden und die Zensur zwischen Ubw. und Vbw., wenngleich nicht 
in voller Stärke, verbleiben. Soweit die Herrschaft des Ichs reicht, sind 
alle Systeme von Besetzungen entleert. Je stürker die ubw. Trieb- 
besetzungen sind, desto labiler ist der Schlaf. Wir kennen auch den 
extremen Fall, daß das Ich den Schlafwunsch aufgibt, weil es sich un- 
fähig fühlt, die während des Schlafes frei gewordenen verdrängten Re- 
gungen zu hemmen, mit anderen Worten, daß es auf den Schlaf ver- 
zichtet, weil es sich vor seinen Träumen fürchtet. 

Wir werden später die Annahme von der Widersetzlichkeit der ver- 
drängten Regungen als eine folgenschwere schätzen lernen. Verfolgen wir 
nun die Situation der Traumbildung weiter. 

Als zweiten Einbruch in den Narzißmus müssen wir die vorhin 
erwähnte Möglichkeit würdigen, daß auch einige der vorbewußten Tages- 
gedanken sich resistent erweisen und einen Teil ihrer Besetzung fest- 
halten. Die beiden Fälle können im Grunde identisch sein; die Resi- 
stenz der Tagesreste mag sich auf die bereits im Wachleben bestehende 
Verknüpfung mit unbewußten Regungen zurückführen, oder es geht 
etwas weniger einfach zu, und die nicht ganz entleerten Tagesreste 
setzen sich erst im Schlafzustand, dank der erleichterten Kommuni- 
kation zwischen Vbw. und Ubw., mit dem Verdrängten in Beziehung. 
In beiden Fällen erfolgt nun der nämliche entscheidende Fortschritt der 
Traumbildung: Es wird der vorbewußte Traumwunsch geformt, welcher 
der unbewußten Regung Ausdruckgibt in dem Material der 
vorbewußten Tagesreste. Diesen Traumwunsch sollte man von 
den Tagesresten scharf unterscheiden ; er muß im Wachleben nicht be- 
standen haben, er kann bereits den irrationellen Charakter zeigen, den 
alles Unbewußte an sich trägt, wenn man es ins Bewußte übersetzt. 
Der Traumwunsch darf auch nicht mit den Wunschregungen verwech- 
selt werden, die sich möglicherweise, aber gewiß nicht notwendigerweise, 
unter den vorbewußten (latenten) Traumgedanken befunden haben. Hat 
es aber solche vorbewußte Wünsche gegeben, so gesellt sich ihnen der 
Traumwunsch als wirksamste Verstärkung hinzu. 

Es handelt sich nun um die weiteren Schicksale dieser in ihrem 
Wesen einen unbewußten Triebanspruch vertretenden Wunschregung, die 



r^no'^'-^ Original from 

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Metapsychologische Erg&nznng zur Traumlehre. 281 

sich im Vbw. als Traumwunsch (wunscherfüllende Phantasie) ge- 
bildet hat. Sie könnte ihre Erledigung auf drei verschiedenen Wegen 
finden, sagt uns die Überlegung. Entweder auf dem Wege, der im Wach- 
leben der normale wäre, aus dem Vbw. zum Bewußtsein drängen, oder 
sich mit Umgehung des Bw. direkte motorische Abfuhr schaffen, oder 
den unvermuteten Weg nehmen, den uns die Beobachtung wirklich 
verfolgen läßt. Im ersteren Falle würde sie zu einer Wahnidee mit 
den Inhalt der Wunscherfüllung, aber das geschieht im Schlafzustande 
nie. (Mit den metapsychologischen Bedingungen der seelischen Prozesse 
so wenig vertraut, können wir aus dieser Tatsache vielleicht den Wink 
entnehmen, daß die völlige Entleerung eines Systems es für Anregungen 
wenig ansprechbar macht.) Der zweite Fall, die direkte motorische Ab- 
fuhr, sollte durch das nämliche Prinzip ausgeschlossen sein, denn der 
Zugang zur Motilität liegt normalerweise noch ein Stück weiter weg 
von der Bewußtseinszensur, aber er kommt ausnahmsweise als Som- 
nambulismus zur Beobachtung. Wir wissen nicht, welche Bedingun- 
gen dies ermöglichen, und warum er sich nicht häufiger ereignet. Was 
bei der Traumbildung wirklich geschieht, ist eine sehr merkwürdige 
und ganz unvorhergesehene Entscheidung. Der im Vbw. angesponnene 
und durch das Ubw. verstärkte Vorgang nimmt einen rückläufigen Weg 
durch das Ubw. zu der dem Bewußtsein sich aufdrängenden Wahr- 
nehmung. Diese Regression ist die dritte Phase der Traumbildung. 
Wir wiederholen hier zur Übersicht die früheren: Verstärkung der vbw. 
Tagesreste durch das Ubw. — Herstellung des Traumwunsches. 

Wir heißen eine solche Regression eine t o p i s c h e zum Unterschied 
von der vorhin erwähnten zeitlichen oder entwicklungsgeschichtlichen. 
Die beiden müssen nicht immer zusammenfallen, tun es aber gerade in 
dem uns vorliegenden Beispiele. Die Rückwendung des Ablaufs der Er- 
regung vom Vbw. durch das Ubw. zur Wahrnehmung, ist gleichzeitig 
die Rückkehr zu der frühen Stufe der halluzinatorischen Wunsch- 
erfüllung. 

Es ist aus der „Traumdeutung" bekannt, in welcher Weise die Re- 
gression der vorbewußten Tagesreste bei der Traumbildung vor sich geht. 
Gedanken werden dabei in — vorwiegend visuelle — Bilder umgesetzt, 
also Wortvorstellungen auf die ihnen entsprechenden Sachvorstellungen 
zurückgeführt im ganzen so, als ob eine Rücksicht auf Darstellbar- 
keit den Prozeß beherrschen würde. Nach vollzogener Regression er- 
übrigt eine Reihe von Besetzungen im System Ubw., Besetzungen von 
Sacherinnerungen, auf welche der psychische Primärvorgang einwirkt, 
bis er durch deren Verdichtung und Verschiebung der Besetzungen 
zwischen ihnen den manifesten Trauminhalt gestaltet hat. Nur wo die 
Wortvorstellungen in den Tagesresten frische, aktuelle Reste von Wahr- 
nehmungen sind, nicht Gedankenausdruck, werden sie wie Sachvorstel- 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



282 ^igm- Freud. 

langen behandelt und unterliegen an sich den Einflüssen der Verdich- 
tung und Verschiebung. Daher die in der Traumdeutung gegebene, seit- 
her zur Evidenz bestätigte Regel, daß Worte und Reden im Traum- 
inhalt nicht neugebildet, sondern Reden des Traumtages (oder sonstigen 
frischen Eindrücken, auch aus Gelesenem) nachgebildet werden. Es ist 
sehr bemerkenswert, wie wenig die Traumarbeit an den Wortvorstellun- 
gen festhält; sie ist jederzeit bereit, die Worte miteinander zu vertau- 
schen, bis sie jenen Ausdruck findet, welcher der plastischen Darstellung 
die günstigste Handhabe bietet.^) 

In diesem Punkte zeigt sich nun der entscheidende Unterschied 
zwischen der Traumarbeit und der Schizophrenie. Bei letzterer werden 
die Worte selbst, in denen der vorbewußte Gedanke ausgedrückt war, 
Gegenstand der Bearbeitung durch den Primärvorgang ; im Traume sind 
es nicht die Worte, sondern die Sachvorstellungen, auf welche die Worte 
zurückgeführt wurden. Der Traum kennt eine topische Regression, die 
Schizophrenie nicht ; beim Traum ist der Verkehr zwischen (vbw.) W^ort- 
besetzungen und (ubw.) Sachbesetzungen frei ; für die Schizophrenie bleibt 
charakteristisch, daß er abgesperrt ist. Der Eindruck dieser Verschieden- 
heit wird gerade durch die Traumdeutungen, die wir in der psycho- 
analytischen Praxis vornehmen, abgeschwächt. Indem die Traumdeutung 
den Verlauf der Traumarbeit aufspürt, die Wege verfolgt, die von den 
latenten Gedanken zu den Traumelementen führen, die Ausbeutung der 
Wortzweideutigkeiten aufdeckt und die Wortbrücken zwischen verschie- 
denen Materialkreisen nachweist, macht sie einen bald witzigen, bald 
schizophrenen Eindruck und läßt uns daran vergessen, daß alle Opera- 
tionen an Worten für den Traum nur Vorbereitung zur Sachregres- 
sion sind. 

Die Vollendung des Traumvorganges liegt darin, daß der regressir 
verwandelte, zu einer Wunschphantasie umgearbeitete Gedankeninhalt als 
sinnliche Wahrnehmung bewußt wird, wobei er die sekundäre Bearbei- 

^) Der Rücksicht auf Darstellbarkeit schreibe ich auch die von Silberer be- 
tonte und vielleicht von ihm überschätzte Tatsache zu, daß manche Träume zwei 
gleichzeitig zutreffende und doch wesensverschiedene Deutungen gestatten, von denen 
Sil berer die eine die analytische, die andere die anagogische heißt. Es han- 
delt sich dann immer um Gedanken von sehr abstrakter Natur, die der Darstellung 
im Traum große Schwierigkeiten bereiten mußten. Man halte sich zum Vergleich 
etwa die Aufgabe vor, den Leitartikel einer politischen Zeitung durch Illustrationen 
zu ersetzen ! In solchen Fällen muß die Traumarbeit den abstrakten Gedanken text erst 
durch einen konkreteren ersetzen, welcher mit ihm irgendwie durch Vergleich, Sym- 
bolik, allegorische Anspielung, am besten aber genetisch verknüpft ist, und der nun 
an seiner Stelle Material der Traumarbeit wird. Die abstrakten Gedanken ergeben 
die sog. anagogische Deutupg, die wir bei der Deutungsarbeit leichter erraten ah 
die eigentlich analytische. Nach einer richtigen Bemerkung von 0. Rank sind ge- 
wisse Kurträume von analytisch behandelten Patienten die besten Vorbilder für die 
Auffassung solcher Träume mit mehrfacher Deutung. 



CoOQle Original from 

KjKJU^ik. UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre. 283 

tung erfahrt, welcher jeder Wahrnehmungsinhalt unterliegt. Wir sagen, 
der Traum wünsch wird halluziniert und findet als Halluzination den 
Glauben an die Realität seiner Erfüllung. Gerade an dieses abschließende 
Stück der Traurabildung knüpfen sich die stärksten Unsicherheiten, zu 
deren Klärung wir den Traum in Vergleich mit ihm verwandten patho- 
logischen Zuständen bringen wollen. 

Die Bildung der Wunschphantasie und deren Regression zur Hallu- 
zination sind die wesentlichsten Stücke der Traumarbeit, doch kommen 
sie ihm nicht ausschließend zu. Vielmehr finden sie sich ebenso bei zwei 
krankhaften Zuständen, bei der akuten halluzinatorischen Verworrenheit, 
der Amentia (Meynerts), und in der halluzinatorischen Phase der 
Schizophrenie. Das halluzinatorische Delir der Amentia ist eine deut- 
lich kennbare Wunschphantasie, oft völlig geordnet wie ein schöner 
Tagtraum. Man könnte ganz allgemein von einer halluzinatorischen 
Wunschpsychose sprechen und sie dem Traume wie der Amentia 
in gleicher Weise zuerkennen. Es kommen auch Träume vor, welche aus 
nichts anderem als aus sehr reichhaltigen, unentstellten Wunschphanta- 
sien bestehen. Die halluzinatorische Phase der Schizophrenie ist minder 
gut studiert; sie scheint in der Regel zusammengesetzter Natur zu sein, 
dürfte aber im wesentlichen einem neuen Restitutionsversuch entspre- 
chen, der die libidinöse Besetzung zu den Objektvorstellungen zurück- 
bringen will.') Die anderen halluzinatorischen Zustände bei mannigfaltigen 
pathologischen Affektionen kann ich nicht zum Vergleich heranziehen, 
weil ich hier weder über eigene Erfahrung verfüge, noch die Anderer 
verwerten kann. 

Machen wir uns klar, daß die halluzinatorische Wunschpsychose — 
im Traum oder anderwärts ^— zwei keineswegs ineinander fallende Lei- 
stungen vollzieht. Sie bringt nicht nur verborgene oder verdrängte Wünsche 
zum Bewußtsein, sondern stellt sie auch unter vollem Glauben als er- 
füllt dar. Es gilt dieses Zusammentreffen zu verstehen. Man kann keines- 
wegs behaupten, die unbewußten Wünsche müßten für Realitäten ge- 
halten werden, nachdem sie einmal bewußt geworden sind, denn unser 
Urteil ist bekanntermaßen sehr wohl im stände, Wirklichkeiten von noch 
so intensiven Vorstellungen und Wünschen zu unterscheiden. Dagegen 
scheint es gerechtfertigt anzunehmen, daß der Realitätsglaube an die 
Wahrnehmung durch die Sinne geknüpft isi Wenn einmal ein Gedanke 
den Weg zur Regression bis zu den unbewußten Objekterinnerungs- 
spuren und von da bis zur Wahrnehmung gefunden hat, so anerkennen 
wir seine Wahrnehmung als real. Die Halluzination bringt also den 
Realitätsglauben mit sich. Es fragt sich nun, welches die Bedingung für 
das Zustandekommen einer Halluzination ist. Die erste Antwort würde 

') Ais ersten solchen Versuch hahen wir in der Abhandlung über das »Un- 
be wußte*' die Überhesetzong der Wortvorstellungen kennen gelernt. 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



284 Sigm- Freud. 

lauten : Die Regression, und somit die Frage nach der Entstehung der 
Halluzination durch die nach dem Mechanismus der Regression er- 
setzen. Die Antwort darauf brauchten wir für den Traum nicht lange 
schuldig zu bleiben. Die Regression der vbw. Traumgedanken zu den 
Sacherinnerungsbildern ist offenbar die Folge der Anziehung, welche diese 
ubw. Triebrepräsentanzen — z. B. verdrängte Erlebniserinnerungen — 
auf die in Worte gefaßten Gedanken ausüben. Allein wir merken bald, 
daß wir auf falsche Fährte geraten sind. Wäre das Geheimnis der 
Halluzination kein anderes als das der Regression, so müßte jede genug 
intensive Regression eine Halluzination mit Realitätsglauben ergeben. 
Wir kennen aber sehr wohl die Fälle, in denen ein regressives Nach- 
denken sehr deutliche visuelle Erinnerungsbilder zum Bewußtsein bringt, 
die wir darum keinen Augenblick für reale Wahrnehmung halten. Wir 
könnten uns auch sehr wohl vorstellen, daß die Traumarbeit bis zu solchen 
Erinnerungsbildern vordringt, uns die bisher unbewußten bewußt macht 
und uns eine Wunschphantasie vorspiegelt, die wir sehnsüchtig empfin- 
den, aber nicht als die reale Erfüllung des Wunsches anerkennen wür- 
den. Die Halluzination muß also mehr sein als die regressive Belebung 
der an sich ubw. Erinnerungsbilder. 

Halten wir uns noch vor, daß es von großer praktischer Bedeu- 
tung ist, Wahrnehmungen von noch so intensiv erinnerten Vorstellungen 
zu unterscheiden. Unser ganzes Verhältnis zur Außenwelt, zur Realität, 
hängt von dieser Fähigkeit ab. Wir haben die Fiktion aufgestellt, daß 
wir diese Fähigkeit nicht immer besaßen, und daß wir zu Anfang unseres 
Seelenlebens wirklich das befriedigende Objekt halluzinierten, wenn wir 
das Bedürfnis nach ihm verspürten. Aber die Befriedigung blieb in 
solchem Falle aus, und der Mißerfolg muß uns sehr bald bewogen haben, 
eine Einrichtung zu schaffen, mit deren Hilfe eine solche Wunschwahr- 
nehmung von einer realen Erfüllung unterschieden und im weiteren ver- 
mieden werden konnte. Wir haben mit anderen Worten sehr frühzeitig 
die halluzinatorische Wunschbefriedigung aufgegeben und eine Art der 
Realitätsprüfung eingerichtet. Die Frage erhebt sich nun, worin 
bestand diese Realitätsprüfung, und wie bringt es die halluzinatorische 
Wunschpsychose des Traumes und der Amentia u. dgl. zu stände, sie 
aufzuheben und den alten Modus der Befriedigung wiederherzustellen. 

Die Antwort läßt sich geben, wenn wir nun daran gehen, das dritte 
unserer psychischen Systeme, das System Bw., welches wir bisher vom 
Vbw. nicht scharf gesondert haben, näher zu bestimmen. Wir haben 
uns schon in der Traumdeutung entschließen müssen, die bewußte Wahr- 
nehmung als die Leistung eines besonderen Systems in Anspruch zu 
nehmen, dem wir gewisse merkwürdige Eigenschaften zugeschrieben haben 
und mit guten Gründen noch weitere Charaktere beilegen werden. 
Dieses dort W. genannte System bringen wir zur Deckung mit dem 



.. f^^r^^.^fu Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre. 285 

System Bw., an dessen Arbeit in der Regel das Bewußtwerden hängt. 
Noch immer aber deckt sich die Tatsache des Bewußtwerdens nicht 
völlig mit der Systemzugehörigkeit, denn wir haben ja erfahren, daß 
sinnliche Erinnerungsbilder bemerkt werden können, denen wir un- 
möglich einen psychischen Ort im System Bw. oder W. zugestehen 
können. 

Allein die Behandlung dieser Schwierigkeit darf wiederum auf- 
geschoben werden, bis wir das System Bw. selbst als Mittelpunkt unseres 
Interesses einstellen können. Für unseren gegenwärtigen Zusammenhang 
darf uns die Annahme gestattet werden, daß die Halluzination in einer 
Besetzung des Systems Bw. (W.) besteht, die aber nicht wie normal von 
außen, sondern von innen her erfolgt, und daß sie zur Bedingung hat, die 
Regression müsse so weit gehen, daß sie dies System selbst erreicht und 
sich dabei über die Realitätsprüfung hinaussetzen kann.^) 

Wir haben in einem früheren Zusammenhange (Triebe und Trieb- 
schicksale) für den noch hilflosen Organismus die Fähigkeit in Anspruch 
genommen, mittels seiner Wahrnehmungen eine erste Orientierung in 
der Welt zu schaffen, indem er „außen" und „innen" nach der Be- 
ziehung zu seiner Muskelaktion unterscheidet. Eine Wahrnehmung, die 
durch eine Aktion zum Verschwinden gebracht wird, ist als eine äußere, 
als Realität erkannt; wo solche Aktion nichts ändert, kommt die Wahr- 
nehmung aus dem eigenen Körperinnern, sie ist nicht real. Es ist dem 
Individuum wertvoll, daß es ein solches Kennzeichen der Realität besitzt, 
welches gleichzeitig eine Abhilfe gegen sie bedeutet, und es wollte 
gerne mit ähnlicher Macht gegen seine oft unerbittlichen Trieban- 
sprüche ausgestattet sein. Darum wendet es solche Mühe daran, was 
ihm von innen her beschwerlich wird, nach außen zu versetzen, zu 
proj izieren. 

Diese Leistung der Orientierung in der Welt durch Unterscheidung 
von innen und außen müssen wir nun nach einer eingehenden Zerglie- 
derung des seelischen Apparates dem System Bw. (W.) allein zuschrei- 
ben. Bw. muß über eine motorische Innervation verfügen, duirch welche 
festgestellt wird, ob die Wahrnehmung zum Verschwinden zu bringen ist 
oder sich resistent verhält. Nichts anderes als diese Einrichtung braucht 
die Realitätsprüfung zu sein.^) Näheres darüber können wir nicht 
aussagen, da Natur und Arbeitsweise des Systems Bw. noch zu wenig 
bekannt sind. Die Realitätsprüfung werden wir als eine der großen In- 
stitutionen des Ichs neben die uns bekannt gewordenen Ze nsu ren 
zwischen den psychischen Systemen hinstellen und erwarten, daß uns die 

*) Ich füge ergänzend hinzu, daß ein ErklÄrungsversnch der Halluzination nicht 
an der positiven, sondern vielmehr an der negativen Halluzination angreifen müßte. 

*) Über die Unterscheidung einer Aktualitäts- von einer Realitatsprüfung siehe 
an späterer Stelle. 



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286 Sigm. Freud. 

Analyse der narzißtischen Affektionen andere solcher Institutionen auf- 
zudecken verhilft. 

Hingegen können wir schon jetzt aus der Pathologie erfahren, auf 
welche Weise die Realitätspriifung aufgehoben oder außer Tätigkeit ge- 
setzt werden kann, und zwar werden wir es in der Wunschpsychose, 
der Amentia, unzweideutiger erkennen als am Traum: Die Amentia ist 
die Reaktion auf einen Verlust, den die Realität behauptet, der aber vom 
Ich als unerträglich verleugnet werden soll. Darauf bricht das Ich die 
Beziehung zur Realität ab, es entzieht dem System der Wahrnehmungen 
Bw. die Besetzung oder vielleicht besser eine Besetzung, deren beson- 
dere Natur noch Gegenstand einer Untersuchung werden kann. Mit 
dieser Abwendung von der Realität ist die Realitätspriifung beseitigt, 
die — unverdrängten, durchaus bewußten — Wunschphantasien können 
ins System vordringen und werden von dort aus als bessere Realität 
anerkannt. Eine solche Entziehung darf den Verdrängunsvorgängen bei- 
geordnet werden; die Amentia bietet uns das interessante Schauspiel 
einer Entzweiung des Ichs mit einem seiner Organe, welches ihm viel- 
leicht am getreuesten diente und am innigsten verbunden war.^) 

Was bei der Amentia die „Verdrängung** leistet, das macht beim 
Traum der freiwillige Verzicht. Der Schlafzustand will nichts von der 
Außenwelt wissen, interessiert sich nicht für die Realität oder nur inso- 
weit, als das Verlassen des Schlafzustandes, das Erwachen, in Betracht 
kommt. Er zieht also auch die Besetzung vom System Bw. ab, wie von 
den anderen Systemen, dem Vbw. und dem Ubw., soweit die in ihnen 
vorhandenen Positionen dem Schlafwunsch gehorchen. Mit dieser Unbe- 
setztheit des Systeöis Bw. ist die Möglichkeit einer Realitätsprüfung auf- 
gegeben, und die Erregungen, welche vom Schlafzustand unabhängig den 
Weg der Regression eingeschlagen haben, werden ihn frei finden bis 
zum System Bw., in welchem sie als unbestrittene Realität gelten 
werden.*) Für die halluzinatorische Psychose der Dementia praecox 
werden wir aus unseren Erwägungen ableiten, daß sie nicht zu den Ein- 
gangssymptomen der Affektion gehören kann. Sie wird erst ermöglicht, 
wenn das Ich des Kranken soweit zerfallen ist, daß die Realitätsprüfong 
nicht mehr die Halluzination verhindert. 

^) Man kann von hier ans die Yermntnng wagen, daß anch die toxischen 
Hallazinosen, z. B. das Alkoholdeliriam, in analoger Weise zn verstehen sind. Der 
nnerträgliche Verlust, der von der Realität auferlegt wird, wäre eben der des Al- 
kohols. Znfühmng desselben hebt die Hallnzinationen auf. 

*) Das Prinzip der ünerregbarkeit unbesetzter Systeme erscheint hier für das 
Bw. (W.) außer Kraft gesetzt. Aher es kann sich um nur teilweise Aufhebung der 
Besetzung handeln, und gerade f&r das Wahmehmungssystem werden wir eine An- 
zahl von Erregungsbedingungen annehmen müssen, die von denen anderer Systeme 
weit abweichen. — Der unsicher tastende Charakter dieser metapsychologichen Erörte- 
rungen soll nattLrlich in keiner Weise verschleiert oder beschönigt werden. Erst wei- 
tere Vertiefung kann zu einem gewissen Grad von Wahrscheinlichkeit führen. 



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Metapsychologische Ergänz ang zur Traumlehre. 287 

Zur Psychologie der Traumvorgänge erhalten wir das Resultat, daß 
alle wesentlichen Charaktere des Traumes durch die Bedingung des 
Schlafzustandes determiniert werden. Der alte Aristoteles behält mit 
seiner unscheinbaren Aussage, der Traum sei die seelische Tätigkeit des 
Schlafenden, in allen Stücken recht. Wir konnten ausführen: Ein Rest 
von seelischer Tätigkeit dadurch ermöglicht, daß sich der narzißtische 
Schlafzustand nicht ausnahmslos durchsetzen ließ. Das -lautet ja nicht 
viel anders, als was Psychologen und Philosophen von jeher gesagt 
haben, ruht aber auf ganz abweichenden Ansichten über den Bau und 
die Leistung des seelischen Apparates, die den Vorzug vor den früheren 
haben, daß sie auch alle Einzelheiten des Traumes unserem Verständnis 
nahe bringen konnten. 

Werfen wir am Ende noch einen Blick auf die Bedeutung, welche 
eine T o p i k des Verdrängungsvorganges für unsere Einsicht in den 
Mechanismus der seelischen Störungen gewinnt. Beim Traum betrifft die 
Entziehung der Besetzung (Libido, Interesse) alle Systeme gleichmäßig, bei 
den Übertragungsneurosen wird die vbw. Besetzung zurückgezogen, bei 
der Schizophrenie die des übw., bei der Amentia die des Bw. 



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IL 

Trauer und Melancholie. 

Von Sigm. Freud. 

Nachdem uns der Traum als Normalvorbild der narzißtischen Seelen- 
störungen gedient hat, wollen wir den Versuch machen, das Wesen der 
Melancholie durch ihre Vergleichung mit dem Normalaffekt der Trauer zu 
erhellen. Wir müssen aber diesmal ein Bekenntnis vorausschicken, welches 
vor Überschätzung des Ergebnisses warnen soll. Die Melancholie, deren 
Begriffsbestimmung auch in der deskriptiven Psychiatrie schwankend ist, 
tritt in verschiedenartigen klinischen Formen auf, deren Zusammenfas- 
sung zur Einheit nicht gesichert scheint, von denen einige eher an so- 
matische als an psychogene Affektionen mahnen. Unser Material be- 
schränkt sich, abgesehen von den Eindrücken, die jedem Beobachter zu 
Gebote stehen, auf eine kleine Anzahl von Fällen, deren psychogene 
Natur keinem Zweifel unterlag. So werden wir den Anspruch auf allge- 
meine Gültigkeit unserer Ergebnisse von vornherein fallen lassen und 
uns mit der Erwägung trösten, daß wir mit unseren gegenwärtigen For- 
schungsmitteln kaum etwas finden können, was nicht typisch wäre, 
wenn nicht für eine ganze Klasse von Affektionen, so doch für eine 
kleinere Gruppe. 

Die Zusammenstellung von Melancholie und Trauer erscheint durch 
das Gesamtbild der beiden Zustände gerechtfertigt.^) Auch die Anlässe 
zu beiden aus den Lebenseinwirkungen fallen dort, wo sie überhaupt 
durchsichtig sind, zusammen. Trauer ist regelmäßig die Reaktion auf 
den Verlust einer geliebten Person oder einer an ihre Stelle gerückten 
Abstraktion, wie Vaterland, Freiheit, ein Ideal usw. Unt«r den näm- 
lichen Einwirkungen zeigt sich bei manchen Personen, die wir darum 
unter den Verdacht einer krankhaften Disposition setzen, an Stelle der 
Trauer eine Melancholie. Es ist auch sehr bemerkenswert, daß es uns 
niemals einfällt, die Trauer als einen krankhaften Zustand zu betrachten 
und dem Arzt zur Behandlung zu übergeben, obwohl sie schwere Ab- 
weichungen vom normalen Lebensverhalten mit sich bringt. Wir ver- 

^) Aach Abraham, dem wir die bedeutsamste unter den wenigen analytischen 
Studien über den Gegenstand verdanken, ist von dieser Vergleichung ausgegangen 
(Zentralbl, f. Ps. A., U, 6, 1912). 



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Trauer und Melancholie. 289 

trauen darauf, daß sie nach einem gewissen Zeitraum überwunden sein 
wird, und halten eine Störung derselben für unzweckmäßig, selbst für 
schädlich. 

Die Melancholie ist seelisch ausgezeichnet durch eine tief schmerz- 
liche Verstimmung, eine Aufhebung des Interesses für die Außenwelt, 
durch den Verlust der Liebesfähigkeit, durch die Hemmung jeder Lei- 
stung und die Herabsetzung des Selbstgefühls, die sich in Selbstvor- 
würfen und Selbstbeschimpfungen äußert und bis zur wahnhaften Er- 
wartung von Strafe steigert. Dies Bild wird unserem Verständnis näher 
gerückt, wenn wir erwägen, daß die Trauer dieselben Züge aufweist 
bis auf einen einzigen; die Störung des Selbstgefühls fällt bei ihr weg. 
Sonst aber ist es dasselbe. Die schwere Trauer, die Reaktion auf den 
Verlust einer geliebten Person, enthält die nämliche schmerzliche Stim- 
mung, den Verlust des Interesses für die Außenwelt — soweit sie nicht 
an den Verstorbenen mahnt — , den Verlust der Fähigkeit, irgend ein 
neues Liebesobjekt zu wählen — was den Betrauerten ersetzen hieße — , 
die Abwendung von jeder Leistung, die nicht mit dem Andenken des 
Verlorenen in Beziehung steht. Wir fassen es leicht, daß diese Hemmung 
und Einschränkung des Ichs der Ausdruck der ausschließlichen Hingabe 
an die Trauer ist, wobei für andere Absichten und Interessen nichts 
übrig bleibt. Eigentlich erscheint uns dieses Verhalten nur darum nicht 
pathologisch, weil wir es so gut zu erklären wissen. 

Wir werden auch den Vergleich gutheißen, der die Stimmung der 
Trauer eine „schmerzliche" nennt. Seine Berechtigung wird uns wahr- 
scheinlich einleuchten, wenn wir im stände sind, den Schmerz ökonomisch 
zu charakterisieren. 

Worin besteht nun die Arbeit, welche die Trauer leistet ? Ich glaube, 
daß es nichts Gezwungenes enthalten wird, sie in folgender Art darzu- 
stellen : Die Realitätsprüfung hat gezeigt, daß das geliebte Objekt nicht 
mehr besteht, und erläßt nun die Aufforderung, alle Libido aus ihren 
Verknüpfungen mit diesem Objekt abzuziehen. Dagegen erhebt sich ein 
begreifliches Sträuben, — es ist allgemein zu beobachten, daß der Mensch 
eine Libidoposition nicht gerne verläßt, selbst dann nicht, wenn ihm 
Ersatz bereits winkt. Dies Sträuben kann so intensiv sein, daß eine Ab- 
wendung von der Realität und ein Festhalten des Objekts durch eine 
halluzinatorische Wunschpsychose (s. die vorige Abhandlung) zu stände 
kommt. Das Normale ist, daß der Respekt vor der Realität den Sieg 
behält. Doch kann ihr Auftrag nicht sofort erfüllt werden. Er wird nun 
im einzelnen unter großem Aufwand von Zeit und Besetzungsenergie 
durchgeführt und unterdes die Existenz des verlorenen Objekts psy- 
chisch fortgesetzt. Jede einzelne der Erinnerungen und Erwartungen, in 
denen die Libido an das Objekt geknüpft war, wird eingestellt, über- 
besetzt und an ihr die Lösung der Libido vollzogen. Warum diese Kom- 



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ViUi> UNIVERSITYOF MICHIGAN 



290 Sigm- Freud. 

promißleistung der Einzeldurchführung des Realitätsgebotes so außer- 
ordentlich schmerzhaft ist, läßt sich in ökonomischer Begründung gar 
nicht leicht angeben. Es ist merkwürdig, daß uns diese Schmerzunlust 
selbstverständlich erscheint. Tatsächlich wird aber das Ich nach der 
Vollendung der Trauerarbeit wieder frei und ungehemmt. 

Wenden wir nun auf die Melancholie an, was wir von der Trauer 
erfahren haben. In einer Reihe von Fällen ist es offenbar, daß auch 
sie Reaktion auf den Verlust eines geliebten Objekts sein kann ; bei 
anderen Veranlassungen kann man erkennen, daß der Verlust von mehr 
ideeller Natur ist. Das Objekt ist nicht etwa real gestorben, aber es ist 
als Liebesobjekt verloren gegangen (z. B. der Fall einer verlassenen Braut). 
In noch anderen Fällen glaubt man an der Annahme eines solchen Ver- 
lustes festhalten zu sollen, aber man kann nicht deutlich erkennen, 
was verloren wurde, und darf um so eher annehmen, daß auch der 
Kranke nicht bewußt erfassen kann, was er verloren hat. Ja, dieser 
Fall könnte auch dann noch vorliegen, wenn der die Melancholie ver- 
anlassende Verlust dem Kranken bekannt ist, indem er zwar weiß wen, 
aber nicht was er an ihm verloren hat. So würde uns nahe gelegt, 
die Melancholie irgendwie auf einen dem Bewußtsein entzogenen Objekt- 
verlust zu beziehen zum Unterschied von der Trauer, bei welcher nichts 
an dem Verluste unbewußt ist. 

Bei der Trauer fanden wir Hemmung und Interesselosigkeit durch 
die das Ich absorbierende Trauerarbeit restlos aufgeklärt. Eine ähnliche 
innere Arbeit wird auch der unbekannte Verlust bei der Melancholie 
zur Folge haben und darum für die Hemmung der Melancholie verant- 
wortlich werden. Nur daß uns die melancholische Hemmung einen 
rätselhaften Eindruck macht, weil wir nicht sehen können, was die 
Kranken so vollständig absorbiert. Der Melancholiker zeigt uns nun noch 
eines, was bei der Trauer entfällt, eine außerordentliche Herabsetzung 
seines Ichgefühls, eine großartige Ichverarmung. Bei der Trauer ist die 
Welt arm und leer geworden, bei der Melancholie ist es das Ich selbst. 
Der Kranke schildert uns sein Ich als nichtswürdig, leistungsunfahig 
und moralisch verwerflich, er macht sich Vorwürfe, beschimpft sich und 
erwartet Ausstoßung und Strafe. Er erniedrigt sich vor jedem anderen, 
bedauert jeden der Seinigen, daß er an eine so unwürdige Person ge- 
bunden sei. Er hat nicht das Urteil einer Veränderung, die an ihm vor- 
gefallen ist, sondern streckt seine Selbstkritik über die Vergangenheit 
aus; er behauptet, niemals besser gewesen zu sein. Das Bild dieses — 
vorwiegend moralischen — Kleinheitswahnes vervollständigt sich durch 
Schlaflosigkeit, Ablehnung der Nahrung und eine psychologisch höchst 
merkwürdige Überwindung des Triebes, der alles Lebende am Leben fest- 
zuhalten zwingt. 



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Trauer and Melancholie. 291 

Es wäre wissenschaftlich wie therapeutisch gleich unfruchtbar, dem 
Kranken zu widersprechen, der solche Anklagen gegen sein Ich vorbringt. 
Er muß wohl irgendwie recht haben und etwas schildern, was sich so 
verhält, wie es ihm erscheint. Einige seiner Angaben müssen wir ja 
ohne Einschränkung sofort bestätigen. Er ist wirklich so interesselos, 
so unfähig zur Liebe und zur Leistung, wie er sagt. Aber das ist, wie 
wir wissen, sekundär, ist die Folge der inneren, uns unbekannten, der 
Trauer vergleichbaren Arbeit, welche sein Ich aufzehrt. In einigen anderen 
Selbstanklagen scheint er uns gleichfalls recht zu haben und die Wahr- 
heit nur schärfer zu erfassen als andere, die nicht melancholisch sind. 
Wenn er sich in gesteigerter Selbstkritik als kleinlichen, egoistischen, 
unaufrichtigen, unselbständigen Menschen schildert, der nur immer be- 
strebt war, die Schwächen seines Wesens zu verbergen, so mag er sich 
unseres Wissens der Selbsterkenntnis ziemlich angenähert haben, und 
wir fragen uns nur, warum man erst krank werden muß, um solcher 
Wahrheit zugänglich zu sein. Denn es leidet keinen Zweifel, wer eine 
solche Selbsteinschätzung gefunden hat und sie vor anderen äußert -- 
eine Schätzung, wie sie Prinz Hamlet für sich und alle anderen bereit 
hat — V? ^^^ ist krank, ob er nun die Wahrheit sagt oder sich mehr 
oder weniger Unrecht tut. Es ist auch nicht schwer zu bemerken, daß 
zwischen dem Ausmaß der Selbsterniedrigung und ihrer realen Berech- 
tigung nach unserem Urteil keine Entsprechung besteht. Die früher 
brave, tüchtige und pflichttreue Frau wird in der Melancholie nicht 
besser von sich sprechen als die in Wahrheit nichtsnutzige, ja vielleicht 
hat die erstere mehr Aussicht, an Melancholie zu erkranken, als die andere, 
von der auch wir nichts Gutes zu sagen wüßten. Endlich muß uns 
auffallen, daß der Melancholiker sich doch nicht ganz so benimmt wie 
ein normalerweise von Reue und Selbstvorwurf Zerknirschter. Es fehlt 
das Schämen vor anderen, welches diesen letzteren Zustand vor allem 
charakterisieren würde, oder es tritt wenigstens nicht auffällig hervor. 
Man könnte am Melancholiker beinahe den gegenteiligen Zug einer auf- 
dringlichen Mitteilsamkeit hervorheben, die an der eigenen Bloßstellung 
eine Befriedigung findet. 

Es ist also nicht wesentlich, ob der Melancholiker mit seiner pein- 
lichen Selbstherabsetzung insoferne recht hat, als diese Kritik mit dem 
Urteil der anderen zusammentrifft. Es muß sich vielmehr darum han- 
deln, daß er seine psychologische Situation richtig beschreibt. Er hat 
seine Selbstachtung verloren und muß guten Grund dazu haben. Wir 
stehen dann allerdings vor einem Widerspruch, der uns ein schwer lös- 
bares Rätsel aufgibt. Nach der Analogie mit der Trauer mußten wir 



*) „üse every men after his desert, and who should scape whipping?' 
Hamlet, II, 2. 



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292 Sigm. Freud. 

schließen, daß er einen Verlust am Objekt erlitten hat; aus seinen Aus- 
sagen geht ein Verlust an seinem Ich hervor. 

Ehe wir uns mit diesem Widerspruch beschäftigen, verweilen wir 
einen Moment lang bei dem Einblick, den uns die Affektion des Me- 
lancholikers in die Konstitution des menschlichen Ichs gewährt. Wir 
sehen bei ihm, wie sich ein Teil des Ichs dem anderen gegenüberstellt, 
es kritisch wertet, es gleichsam zum Objekt nimmt. Unser Verdacht, 
daß die hier vom Ich abgespaltene kritische Instanz auch unter anderen 
Verhältnissen ihre Selbständigkeit erweisen könne, wird durch alle wei- 
teren Beobachtungen bestätigt werden. Wir werden wirklich Grund finden, 
diese Instanz vom übrigen Ich zu sondern. Was wir hier kennen lernen, 
ist die gewöhnlich Gewissen genannte Instanz; wir werden sie mit der 
Bewußtseinszensur und der Realitätsprüfung zu den großen Ichinstitutionen 
rechnen und irgendwo auch die Beweise dafür finden, daß sie für sich allein 
erkranken kann. Das Krankheitsbild der Melancholie läßt das moralische 
Mißfallen am eigenen Ich vor anderen Ausstellungen hervortreten : körper- 
liche Gebrechen, Häßlichkeit, Schwäche, soziale Minderwertigkeit sind 
weit seltener Gegenstand der Selbsteinschätzung; nur die Verarmung 
nimmt unter den Befürchtungen oder Behauptungen des Kranken eine 
bevorzugte Stelle ein. 

Zur Aufklärung des vorhin aufgestellten Widerspruches führt dann 
eine Beobachtung, die nicht einmal schwer anzustellen ist. Hört man 
die mannigfachen Selbstanklagen des Melancholikers geduldig an, so 
kann man sich endlich des Eindrucks nicht erwehren, daß die stärk- 
sten unter ihnen zur eigenen Person oft sehr wenig passen, aber mit 
geringfügigen Modifikationen einer anderen Person anzupassen sind, die 
der Kranke liebt, geliebt hat oder lieben sollte. So oft man den Sach- 
verhalt untersucht, bestätigt er diese Vermutung. So hat man denn den 
Schlüssel des Krankheitsbildes in der Hand, indem man die Selbstvor- 
würfe als Vorwürfe gegen ein Liebesobjekt erkennt, die von diesem weg 
auf das eigene Ich gewälzt sind. 

Die Frau, die laut ihren Mann bedauert, daß er an eine so un- 
tüchtige Frau gebunden ist, will eigentlich die Untüchtigkeit des Man- 
nes anklagen, in welchem Sinne diese auch gemeint sein mag. Man 
braucht sich nicht zu sehr zu verwundern, daß einige echte Selbstvor- 
würfe unter die rückgewendeten eingestreut sind; sie dürfen sich vor- 
drängen, weil sie dazu verhelfen, die anderen zu verdecken und die Er- 
kenntnis des Sacth Verhalts unmöglich zu machen, sie stammen ja auch 
aus dem Für und Wider des Liebesstreits, der zum Liebesverlust geführt 
hat. Auch das Benehmen der Kranken wird jetzt um vieles verständ- 
licher. Ihre Klagen sind Anklagen, gemäß dem alten Sinne des 
Wortes ; sie schämen und verbergen sich nicht, weil alles Herabsetzende, 
was sie von sich aussagen, im Grunde von einem anderen gesagt wird ; 



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Trauer und Melancholie. 293 

und sie sind weit davon entfernt, gegen ihre Umgebung die Demut und 
Unterwürfigkeit zu bezeugen, die allein so unwürdigen Personen gezie- 
men würde, sie sind vielmehr im höchsten Grade quälerisch, immer wie 
gekränkt und als ob ihnen ein großes Unrecht widerfahren wäre. Dies 
ist alles nur möglich, weil die Reaktionen ihres Benehmens noch von 
der seelischen Konstellation der Auflehnung ausgehen, welche dann 
durch einen gewissen Vorgang in die melancholische Zerknirschung über- 
geführt worden ist. 

Es hat dann keine Schwierigkeit, diesen Vorgang zu rekonstruieren. 
Es hatte eine Objektwahl, eine Bindung der Libido an eine bestimmte 
Person bestanden; durch den Einfluß einer realen Kränkung oder 
Enttäuschung von selten der geliebten Person trat eine Erschüt- 
terung dieser Objektbeziehung ein. Der Erfolg war nicht der normale 
einer Abziehung der Libido von diesem Objekt und Verschiebung der- 
selben auf ein neues, sondern ein anderer, der mehrere Bedingungen für 
sein Zustandekommen zu erfordern scheint. Die Objektbesetzung erwies sich 
als wenig resistent, sie wurde aufgehoben, aber die freie Libido nicht 
auf ein anderes Objekt verschoben, sondern ins Ich zurückgezogen. 
Dort fand sie aber nicht eine beliebige Verwendung, sondern diente dazu, 
eine Identifizierung des Ichs mit dem aufgegebenen Objekt herzu- 
stellen. Der Schatten des Objekts fiel so auf das Ich, welches nun von 
eiuer Instanz wie ein Objekt, wie das verlassene Objekt, beurteilt werden 
konnte. Auf diese Weise hatte sich der Objekt verlust in einen Ichverlust 
verwandelt, der Konflikt zwischen dem Ich und der geliebten Person in 
einen Zwiespalt zwischen der Ichkritik und dem durch Identifizierung 
veränderten Ich. 

Von den Voraussetzungen und Ergebnissen eines solchen Vorganges 
läßt sich einiges unmittelbar erraten. Es muß einerseits eine starke 
Fixierung an das Liebesobjekt vorhanden sein, anderseits aber im 
Widerspruch dazu eine geringe Resistenz der Objektbesetzung. Dieser 
Widerspruch scheint nach einer treffenden Bemerkung von 0. Rank zu 
fordern, daß die Objektwahl auf narzißtischer Grundlage erfolgt sei, so 
daß die Objektbesetzung, wenn sich Schwierigkeiten gegen sie erheben, 
auf den Narzißmus regredieren kann. Die narzißtische Identifizierung mit 
dem Objekt wird dann zum Ersatz der Liebesbesetzung, was den Er- 
folg hat, daß die Liebesbeziehung trotz des Konflikts mit der geliebten 
Person nicht aufgegeben werden muß. Ein solcher Ersatz der Objekt- 
liebe durch Identifizierung ist ein für die narzißtischen Affektionen 
bedeutsamer Mechanismus; K. Landauer hat ihn kürzlich in dem 
Heilungsvorgang einer Schizophrenie aufdecken können.^) Er entspricht 
natürlich der Regression von einem Typus der Objektwahl auf den 

^) Internat Zeitachr. f. Psychoanalyse, II, 1914. 

Zeitechr. f. ftrztl. Psychoanalyse. IV/6. 20 



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294 öig"^- Freud. 

ursprünglichen Narzißmus. Wir haben an anderer Stelle ausgeführt, daß 
die Identifizierung die Vorstufe der Objektwahl ist und die erste, in 
ihrem Ausdruck ambivalente, Art, wie das Ich ein Objekt auszeichnet. 
Es möchte sich dieses Objekt einverleiben, und zwar der oralen oder 
kannibalischen Phase der Libidoentwicklung entsprechend auf dem Wege 
des Fressens. Auf diesen Zusammenhang führt Abraham wohl mit 
Recht die Ablehnung der Nahrungsaufnahme zurück, welche sich bei 
schwerer Ausbildung des melancholischen Zustandes kundgibt. 

Der von der Theorie geforderte Schluß, welcher die Disposition 
zur melancholischen Erkrankung oder eines Stückes von ihr in die Vor- 
herrschaft des narzißtischen Typus der Objektwahl verlegt, entbehrt 
leider noch der Bestätigung durch die Untersuchung. Ich habe in den 
einleitenden Sätzen dieser Abhandlung bekannt, daß das empirische Ma- 
terial, auf welches die Studie gebaut ist, für unsere Ansprüche nicht 
zureicht. Dürften wir eine Übereinstimmung der Beobachtung mit un- 
seren Ableitungen annehmen, so würden wir nicht zögern, die Regres- 
sion von der Objektbesetzung auf die noch dem Narzißmus angehörige 
orale Libidophase in die Charakteristik der Melancholie aufzunehmen. 
Identifizierungen mit dem Objekt sind auch bei den Übertragungs- 
neurosen keineswegs selten, vielmehr ein bekannter Mechanismus der 
Symptombildung, zumal bei der Hysterie. Wir dürfen aber den Unter- 
schied der narzißtischen Identifizierung von der hysterischen darin er- 
blicken, daß bei ersterer die Objektbesetzung aufgelassen wird, während 
sie bei letzterer bestehen bleibt und eine Wirkung äußert, die sieh 
gewöhnlich auf gewisse einzelne Aktionen und Innervationen beschränkt. 
Immerhin ist die Identifizierung auch bei den Übertragungsneurosen 
der Ausdruck einer Gemeinschaft, welche Liebe bedeuten kann. Die 
narzißtische Identifizierung ist die ursprünglichere und eröffnet uns 
den Zugang zum Verständnis der weniger gut studierten hyste- 
rischen. 

Die Melancholie entlehnt also einen Teil ihrer Charaktere der 
Trauer, den anderen Teil dem Vorgang der Regression von der narzißti- 
schen Objektwahl zum Narzißmus. Sie ist einerseits wie die Trauer 
Reaktion auf den realen Verlust des Liebesobjektes, aber sie ist über- 
dies mit einer Bedingung behaftet, welche der normalen Trauer abgeht 
oder dieselbe, wo sie hinzutritt, in eine pathologische verwandelt. Der 
Verlust des Liebesobjekts ist ein ausgezeichneter Anlaß, um die Ambi- 
valenz der Liebesbeziehungen zur Geltung und zum Vorschein zu brin- 
gen. Wo die Disposition zur Zwangsneurose vorhanden ist, verleiht darum 
der Ambivalenzkonflikt der Trauer eine pathologische Gestaltung und 
zwingt sie, sich in der Form von Selbstvorwürfen, daß man den Ver- 
lust des Liebesobjekts selbst verschuldet, d. h. gewollt habe, zu äußern. 
In solchen zwangsneurotischen Depressionen nach dem Tode geliebter 



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Trauer und Melancholie. 295 

Personen wird uns vorgeführt, was der Ambivalenzkonflikt für sich allein 
leistet, wenn die regressive Einziehung der Libido nicht mit dabei ist. 
Die Anlässe der Melancholie gehen meist über den klaren Fall des Ver- 
lustes durch den Tod hinaus und umfassen alle die Situationen von 
Kränkung, Zurücksetzung und Enttäuschung, durch welche ein Gegen- 
satz von Lieben und Hassen in die Beziehung eingetragen oder eine 
vorhandene Ambivalenz verstärkt werden kann. Dieser Ambivalenz- 
konflikt, bald mehr realer, bald mehr konstitutiver Herkunft, ist unter 
den Voraussetzungen der Melancholie nicht zu vernachlässigen. Hat sich 
die Liebe zum Objekt, die nicht aufgegeben werden kann, während das 
Objekt selbst aufgegeben vrird, in die narzißtische Identifizierung ge- 
flüchtet, so betätigt sich an diesem Ersatzobjekt der Haß, indem er es 
beschimpft, erniedrigt, leiden macht und an diesem Leiden eine sa- 
distische Befriedigung gewinnt. Die unzweifelhaft genußreiche Selbsf- 
quälerei der Melancholie bedeutet ganz wie das entsprechende Phänomen 
der Zwangsneurose die Befriedigung von sadistischen und Haßtendenzen, ^) 
die einem Objekt gelten und auf diesem Wege eine Wendung gegen 
die eigene Person erfahren haben. Bei beiden Affektionen pflegt es den 
Kranken noch zu gelingen, auf dem Umwege über die Selbstbestrafung 
Rache an den ursprünglichen Objekten zu nehmen und ihre Lieben durch 
Vermittlung des Krankseins zu quälen, nachdem sie sich in die Krank- 
heit begeben haben, um ihnen ihre Feindseligkeit nicht direkt zeigen 
zu müssen. Die Person, welche die Gefühlstörung des Kranken hervor- 
gerufen, nach welcher sein Kranksein orientiert ist, ist doch gewöhn- 
lich in der nächsten Umgebung des Kranken zu finden. So hat die 
Liebesbesetzung des Melancholischen für sein Objekt ein zweifaches 
Schicksal erfahren; sie ist zum Teil auf die Identifizierung regrediert, 
zum anderen Teil aber unter dem Einfluß des Ambivalenzkonflikts auf 
die ihm nähere Stufe des Sadismus zurückversetzt worden. 

Erst dieser Sadismus löst uns das Rätsel der Selbstmordneigung, 
durch welche die Melancholie so interessant und so — gefährlich wird. 
Wir haben als den Urzustand, von dem das Triebleben ausgeht, eine so 
großartige Selbstliebe des Ich erkannt, wir sehen in der Angst, die bei 
Lebensbedrohung auftritt, einen so riesigen Betrag der narzißtischen 
Libido frei werden, daß wir es nicht erfassen, wie dies Ich seiner Selbst- 
zerstörung zustimmen könne. Wir wußten zwar längst, daß kein Neurotiker 
Selbstmordabsichten verspürt, der solche nicht von einem Mordimpuls 
gegen andere auf sich zurückwendet, aber es blieb unverständlich, durch 
welches Kräftespiel eine solche Absicht sich zur Tat durchsetzen kann. 
Nun lehrt uns die Analyse der Melancholie, daß das Ich sich nur dann 
toten kann, wenn es durch die Rückkehr der Objektbesetzung sich selbst 

*) Ober deren Unterscheidung s. den Aufsatz über „Triebe und Trieb- 
schicksale ". 

20» 



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296 Sigm. Freud. 

wie ein Objekt behandeln kann, wenn es die Feindseligkeit gegen sich 
richten darf, die einem Objekt gilt und die die ursprüngliche Reaktion des 
Ichs gegen Objekte der Außenwelt vertritt. (S. Triebe und Triebschick- 
sale.) So ist bei der Regression von der narzißtischen Objektwahl das 
Objekt zwar aufgehoben worden, aber es hat sich doch mächtiger er- 
wiesen als das Ich selbst. In den zwei entgegengesetzten Situatio- 
nen der äußersten Verliebtheit und des Selbstmordes wird das Ich, 
wenn auch auf gänzlich verschiedenen Wegen, vom Objekt überwältigt. 

Es liegt dann noch nahe, für den einen auffalligen Charakter der 
Melancholie, das Hervortreten der Verarmungsangst, die Ableitung der 
aus ihren Verbindungen gerissenen und regressiv verwandelten Anal- 
erotik zuzulassen. 

Die Melancholie stellt uns noch vor andere Fragen, deren Beant- 
wortung uns zum Teil entgeht. Daß sie nach einem gewissen Zeitraum 
abgelaufen ist, ohne nachweisbare grobe Veränderungen zu hinterlassen, 
diesen Charakter teilt sie mit der Trauer. Dort fanden wir die Aus- 
kunft, die Zeit werde für die Detaildurchführung des Gebots der Re- 
alitätsprüfung benötigt, nach welcher Arbeit das Ich seine Libido vom 
verlorenen Objekt frei bekommen habe. Mit einer analogen Arbeit kön- 
nen wir das Ich während der Melancholie beschäftigt denken; das öko- 
nomische Verständnis des Herganges bleibt hier wie dort aus. Die 
Schlaflosigkeit der Melancholie bezeugt wohl die Starrheit des Zustandes, 
die Unmöglichkeit, die für den Schlaf erforderliche allgemeine Einziehung 
der Besetzungen durchzuführen. Der melancholische Komplex verhält 
sich wie eine offene Wunde, zieht von allen Seiten Besetzungsenergien 
an sich (die wir bei den Übertragungsneurosen „Gegenbesetzungen" ge- 
heissen haben) und entleert das Ich bis zur völligen Verarmung; er 
kann sich leicht resistent gegen den Schlafwunsch des Ichs erweisen. — 
Ein wahrscheinlich somatisches, psychogen nicht aufzuklärendes Moment 
kommt in der regelmäßigen Linderung des Zustandes zur Abendzeit zum 
Vorscheine. An diese Erörterungen schließt die Frage an, ob nicht Ich- 
verlust ohne Rücksicht auf das Objekt (rein narzißtische Ichkränkung) 
hinreicht, das Bild der Melancholie zu erzeugen, und ob nicht direkt toxische 
Verarmung an Ichlibido gewisse Formen der Affektion ergeben kann. 

Die merkwürdigste und aufklärungsbedürftigste Eigentümlichkeit 
der Melancholie ist durch ihre Neigung gegeben, in den symptomatisch 
gegensätzlichen Zustand der Manie umzuschlagen. Bekanntlich hat 
nicht jede Melancholie dieses Schicksal. Manche Fälle verlaufen in 
periodischen Rezidiven, deren Intervalle entweder keine oder eine nur sehr 
geringfügige Tönung von Manie erkennen lassen. Andere zeigen jene 
regelmäßige Abwechslung von melancholischen und manischen Phasen, 
die in der Aufstellung des zyklischen Irreseins Ausdruck gefunden 
hat. Man wäre versucht, diese Fälle von der psychogenen Auffas- 



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Trauer und Melancholie. 297 

sung auszuschließen, wenn nicht die psychoanalytische Arbeit gerade 
für mehrere dieser Erkrankungen Auflösung wie therapeutische Beein- 
flussung zu stände gebracht hätte. Es ist also nicht nur gestattet, 
sondern sogar geboten, eine analytische Aufklärung der Melancholie auch 
auf die Manie auszudehnen. 

Ich kann nicht versprechen, daß dieser Versuch voll befriedigend 
ausfallen wird. Er reicht vielmehr nicht weit über die Möglichkeit einer 
ersten Orientierung hinaus. Es stehen uns hier zwei Anhaltspunkte zu 
Gebote, der erste ein psychoanalytischer Eindruck, der andere eine, man 
darf wohl sagen, allgemeine ökonomische Erfahrung. Der Eindruck, 
dem bereits mehrere psychoanalytische Forscher Worte geliehen haben, 
geht dahin, daß die Manie keinen anderen Inhalt hat als die Melan- 
cholie, daß beide Affektionen mit demselben „Komplex" ringen, dem 
das Ich wahrscheinlich in der Melancholie erlegen ist, während es ihn 
in der Manie bewältigt oder beiseite geschoben hat. Den anderen An- 
halt gibt die Erfahrung, daß alle Zustände von Freude, Jubel, Triumph, 
die uns das Normalvorbild der Manie zeigen, die nämliche ökonomische 
Bedingtheit erkennen lassen. Es handelt sich bei ihnen um eine Ein- 
wirkung, durch welche ein großer, lange unterhaltener, oder gewohn- 
heitsmäßig hergestellter psychischer Aufwand endlich überflüssig wird, 
so daß er für mannigfache Verwendungen und Abfuhrmöglichkeiten 
bereit steht. Also zum Beispiel: Wenn ein armer Teufel durch einen 
großen Geldgewinn plötzlich der chronischen Sorge um das tägliche 
Brot enthoben wird, wenn ein langes und mühseliges Ringen sich am 
Ende durch den Erfolg gekrönt sieht, wenn man in die Lage kommt, 
einen drückenden Zwang, eine lange fortgesetzte Verstellung mit einem 
Schlage aufzugeben u. dgl. Alle solche Situationen zeichnen sich durch 
die gehobene Stimmung, die Abfuhrzeichen des freudigen Affektes, und 
durch die gesteigerte Bereitwilligkeit zu allerlei Aktionen aus, ganz wie 
die Manie und im vollen Gegensatz zur Depression und Hemmung der 
Melancholie. Man kann wagen es auszusprechen, daß die Manie nichts 
anderes ist als ein solcher Triumph, nur daß es wiederum dem Ich ver- 
deckt bleibt, was es überwunden hat und worüber es triumphiert. Den 
in dieselbe Reihe von Zuständen gehörigen Alkoholrausch wird man 
— insoferne c^r ein heiterer ist — ebenso zurechtlegen dürfen; es han- 
delt sich bei ihm wahrscheinlich um die toxisch erzielte Aufhebung von 
Verdrängungsaufwänden. Die Laienmeinung nimmt gerne an, daß man in 
solcher maniakalischer Verfassung darum so bewegungs- und unter- 
nehmungslustig ist, weil man so „gut aufgelegt" ist. Diese falsche 
Verknüpfung wird man natürlich auflösen müssen. Es ist jene erwähnte 
ökonomische Bedingung im Seelenleben erfüllt worden, und darum ist 
man einerseits in so heiterer Stimmung und anderseits so ungehemmt 
im Tun. 



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298 S'g^- Freud. 

Setzen wir die beiden Andeutungen zusammen, so ergibt sich: 
In der Manie muß das Ich den Verlust des Objekts (oder die Trauer 
über den Verlust oder vielleicht das Objekt selbst) überwunden haben, 
und nun ist der ganze Betrag von Gegenbesetzung, den das schmerz- 
hafte Leiden der Melancholie aus dem Ich an sich gezogen und gebun- 
den hatte, verfügbar geworden. Der Manische demonstriert uns auch 
unverkennbar seine Befreiung von dem Objekt, an dem er gelitten 
hatte, indem er wie ein Heißhungriger auf neue Objekt besetzungen ausgeht. 

Diese Aufklärung klingt ja plausibel, aber sie ist erstens noch zu 
wenig bestimmt und läßt zweitens mehr neue Fragen und Zweifel auf- 
tauchen, als wir beantworten können. Wir wollen uns der Diskussion 
derselben nicht entziehen, wenn wir auch nicht erwarten können, durch 
sie hindurch den Weg der Klarheit zu finden. 

Zunächst: Die normale Trauer überwindet ja auch den Verlust 
des Objekts und absorbiert gleichfalls während ihres Bestandes alle 
Energien des Ichs. Warum stellt sich bei ihr die ökonomische Be- 
dingung für eine Phase des Triumphes nach ihrem Ablaufe auch nicht 
andeutungsweise her ? Ich finde es unmöglich, auf diesen Einwand kurzer- 
hand zu antworten. Er macht uns auch darauf aufmerksam, daß wir 
nicht einmal sagen können, durch welche ökonomischen Mittel die Trauer 
ihre Aufgabe löst; aber vielleicht kann hier eine Vermutung aushelfen. 
An jede einzelne der Erinnerungen und Erwartungssituationen, welche 
die Libido an das verlorene Objekt geknüpft zeigen, bringt die Realität 
ihr Verdikt heran, daß das Objekt nicht mehr existiere, und das Ich, 
gleichsam vor die Frage gestellt, ob es dieses Schicksal teilen will, 
läßt sich durch die Summe der narzißtischen Befriedigungen, am Leben 
zu sein, bestimmen, seine Bindung an das vernichtete Objekt zu lösen. 
Man kann sich etwa vorstellen, diese Lösung gehe so langsam und 
schrittweise vor sich, daß mit der Beendigung der Arbeit auch der für 
sie erforderliche Aufwand zerstreut ist.^) 

Es ist verlockend, von der Mutmaßung über die Arbeit der Trauer 
den Weg zu einer Darstellung der melancholischen Arbeit zu suchen. 
Da kommt uns zuerst eine Unsicherheit in den Weg. Wir haben bisher 
den topischen Gesichtspunkt bei der Melancholie noch kaum berück- 
sichtigt und die Frage nicht aufgeworfen, in und zwischen welchen 
psychischen Systemen die Arbeit der Melancholie vor sich geht. Was 
von den psychischen Vorgängen der Affektion spielt sich noch an den auf- 
gelassenen unbewußten Objektbesetzungen, was an deren Identifizierungs- 
ersatz im Ich ab? 



^) Der ökonomische Gesichtspunkt ist bisher in psychoanalytischen Arbeiten 
wenig berllckdchtigt worden. Als Ausnahme sei der Aufsatz von V. Tausk, Ent- 
wertung des Verdrängungsmotives durch Rekompense, Int. Zeitschrift für Psycho- 
analyse I., 1913, hervorgehoben. 



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Trauer und Melancholie. 299 

Es spricht sich nun rasch aus und schreibt sich leicht nieder, 
daß die „unbewußt« (Ding-) Vorstellung des Objekts von der Libido 
verlassen wird". Aber in Wirklichkeit ist diese Vorstellung durch 
ungezählte Einzeleindrücke (unbewußte Spuren derselben) vertreten, und 
die Durchführung dieser Libidoabziehung kann nicht ein momentaner 
Vorgang sein, sondern gewiß wie bei der Trauer ein langwieriger, all- 
mählich fortschreitender Prozeß. Ob er an vielen Stellen gleichzeitig 
beginnt oder eine irgendwie bestimmte Reihenfolge einhält, läßt sich ja 
nicht leicht entscheiden; in den Analysen kann man oft feststellen, daß 
bald diese, bald jene Erinnerung aktiviert ist, und daß die gleichlauten- 
den, durch ihre Monotonie ermüdenden Klagen doch jedesmal von einer 
anderen unbewußten Begründung herrühren. Wenn das Objekt keine so 
große, durch tausendfältige Verknüpfung verstärkte Bedeutung für das 
Ich hat, so ist sein Verlust auch nicht geeignet, eine Trauer oder eine 
Melancholie zu verursachen. Der Charakter der Einzeldurchführung der 
Libidoablösung ist also der Melancholie wie der Trauer in gleicher Weise 
zuzuschreiben, stützt sich wahrscheinlich auf die gleichen ökonomischen 
Verhältnisse und dient denselben Tendenzen. 

Die Melancholie hat aber, wie wir gehört haben, etwas mehr zum 
Inhalt als die normale Trauer. Das Verhältnis zum Objekt ist bei ihr 
kein einfaches, es wird durch den Ambivalenzkonflikt kompliziert. Die 
Ambivalenz ist entweder konstitutionell, das heißt sie hängt jeder Liebes- 
beziehung dieses Ichs an, oder sie geht gerade aus den Erlebnissen 
hervor, welche die Drohung des Objektverlustes mit sich bringen. Die 
Melancholie kann darum in ihren Veranlassungen weit über die Trauer 
hinausgehen, welche in der Regel nur durch den Realverlust, den Tod 
des Objektes, ausgelöst wird. Es spinnt sich also bei der Melancholie 
eine Unzahl von Einzelkämpfen um das Objekt an, in denen Haß und Liebe 
miteinander ringen, die eine, um die Libido vom Objekt zu lösen, die 
andere, um diese Libidoposition gegen den Ansturm zu behaupten. Diese 
Einzelkämpfe können wir in kein anderes System verlegen, als in das 
übw., in das Reich der sachlichen Erinnerungsspuren (im Gegensatz zu 
den Wortbesetzungen). Ebendort spielen sich auch die Lösungsversuche 
bei der Trauer ab, aber bei dieser letzteren besteht kein Hindernis da- 
gegen, daß sich diese Vorgänge auf dem normalen Wege durch das Vbw. zum 
Bewußtsein fortsetzen. Dieser Weg ist für die melancholische Arbeit gesperrt, 
vielleicht infolge einer Mehrzahl von Ursachen oder des Zusammenwir- 
kens derselben. Die konstitutive Ambivalenz gehört an und für sich dem 
Verdrängten an, die traumatischen Erlebnisse mit dem Objekt mögen 
anderes Verdrängte aktiviert haben. So bleibt alles an diesen Ambivalenz- 
kämpfen dem Bewußtsein entzogen, bis nicht der für die Melancholie 
charakteristische Ausgang eingetreten ist. Er besteht, wie wir wissen, 
darin, daß die bedrohte Libidobesetzung endlich das Objekt verläßt, aber 



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300 Sigm. Freud. 

nur, um sich auf die Stelle des Ichs, von der sie ausgegangen war, zu- 
rückzuziehen. Die Liebe hat sich so durch ihre Flucht ins Ich der Auf- 
hebung entzogen. Nach dieser Regression der Libido kann der Vorgang 
bewußt werden und repräsentiert sich dem Bewußtsein als ein Konflikt 
zwischen einem Teil des Ichs und der kritischen Instanz. 

Was das Bewußtsein von der melajicholischen Arbeit erfährt, ist 
also nicht das wesentliche Stück derselben, auch nicht jenes, dem wir 
einen Einfluß auf die Lösung des Leidens zutrauen können. Wir sehen, 
daß das Ich sich herabwürdigt und gegen sich wütet, und verstehen so 
wenig wie der Kranke, wozu das führen und wie sich das ändern kann. 
Dem unbewußten Stück der Arbeit können wir eine solche Leistung eher 
zuschreiben, weil es nicht schwer fällt, eine wesentliche Analogie zwischen 
der Arbeit der Melancholie und jener der Trauer herauszufinden. Wie 
die Trauer das Ich dazu bewegt, auf das Objekt zu verzichten, indem es 
das Objekt für tot erklärt und dem Ich die Prämie des Amiebenbleibens 
bietet, so lockert auch jeder einzelne Ambivalenzkampf die Fixierung 
der Libido an das Objekt, indem er dieses entwertet, herabsetzt, gleichsam 
auch erschlägt. Es ist die Möglichkeit gegeben, daß der Prozeß im 
Ubw. zu Ende komme, sei es nachdem die Wut sich ausgetobt hat, sei 
es nachdem das Objekt als wertlos aufgegeben wurde. Es fehlt uns dfr 
Einblick, welche dieser beiden Möglichkeiten regelmäßig oder vorwie- 
gend häufig der Melancholie ein Ende bereitet, und wie diese Beendiguns: 
den weiteren Verlauf des Falles beeinflußt. Das Ich mag dabei die Befriedi- 
gung genießen, daß es sich als das Bessere, als dem Objekt überlegen 
anerkennen darf. 

Mögen wir diese Auffassung der melancholischen Arbeit auch an- 
nehmen, sie kann uns doch das eine nicht leisten, auf dessen Erklärung 
wir ausgegangen sind. Unsere Erwartung, die ökonomische Bedingung 
für das Zustandekommen der Manie nach abgelaufener Melancholie aus der 
Ambivalenz abzuleiten, welche diese Affektion beherrscht, könnte sich auf 
Analogien aus verschiedenen anderen Gebieten stützen ; aber es gibt eine 
Tatsache, vor welcher sie sich beugen muß. Von den drei Voraus- 
setzungen der Melancholie: Verlust des Objekts, Ambivalenz und Re- 
gression der Libido ins Ich, finden wir die beiden ersten bei den Zwancrs- 
vorwürfen nach Todesfällen wieder. Dort ist es die Ambivalenz, die un- 
zweifelhaft die Triebfehler des Konflikts darstellt, und die Beobachtung 
zeigt, daß nach Ablauf desselben nichts von einem Triumphe einer 
manischen Verfassung erübrigt. Wir werden so auf das dritte Moment 
als das einzig wirksame hingewiesen. Jene Anhäufung von zunächst 
gebundener Besetzung, welche nach Beendigung der melancholischen Arbeit 
frei wird und die Manie ermöglicht, muß mit der Regression der Libido 
auf den Narzißmus zusammenhängen. Der Konflikt im Ich, den die Me- 
lancholie für den Kampf um das Objekt eintauscht, muß ähnlich wie eine 



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Trauer und Melancholie. 301 

schmerzhafte Wunde wirken, die eine außerordentlich hohe Gegenbesetzung 
in Anspruch nimmt. Aber hier wird es wiederum zweckmäßig sein, Halt 
zu machen und die weitere Aufklärung der Manie zu verschieben, bis wir 
Einsicht in die ökonomische Natur zunächst des körperlicüen und dann 
des ihm analogen seelischen Schmerzes gewonnen haben. Wir wissen 
es ja schon, daß der Zusammenhang der verwickelten seelischen Pro- 
bleme uns nötigt, jede Untersuchung unvollendet abzubrechen, bis ihr 
die Ergebnisse einer anderen zu Hilfe kommen können. 



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III. 
Dr. C. G. Jungs Psychologie der unbewußten Prozesse. 

Von Adolph F. Meyer, Nervenarzt im Haag.') 

In früheren Diskussionen stellte sich jedesmal eine große Unsicher- 
heit über die Meinungen Jungs heraus, welche die Verständigung dar- 
über erschwerte. 

Da erschien vor kurzem ein Werkchen von seiner Hand unter dem 
Titel : „Zur Psychologie der unbewußten Prozesse '^j in welchem er seine 
Ideen genau beschreibt und besonders seine Meinungsverschiedenheiten 
mit Freud betont. Jetzt haben wir also mehr Gewißheit bezüglich 
seiner Meinungen und eine festere Basis für die Diskussion, 

Ich werde mit einem gedrängten Überblick des Buches anfangen. 
Dabei werde ich versuchen, möglichst objektiv die Hauptsachen zu be- 
schreiben. Nachher werde ich dann meine kritischen Bemerkungen folgen 
lassen. Nach einleitenden Betrachtungen über die Entwicklung der 
Psychoanalyse teilt Jung mit, daß seine Arbeit der letzten Jahre sich 
auf die Frage konzentriert hat, in welcher Weise er der psychischen 
Energie, welche durch die Analyse freigemacht wird, zur nützlichen 
Anwendung verhelfen könne. Er meint, daß wir diese Energie nicht 
nutzbar machen können, solange es uns nicht gelingt, „ein Gefalle 
herzustellen«. (S. 72.) 

Auf der Suche nach einem solchen Gefälle hat seine Forschungs- 
arbeit einen langen Weg zurückgelegt, welcher in Etappen eingeteilt vrird. 

Die erste Etappe dieser Arbeit war die Erkenntnis, daß die 
Theorien von Freud und von Adler beide nur einen beschränkten 
Geltungsbereich haben. Die Sexualtheorie ist bis zu einem gewissen 
Punkt durchaus richtig, aber einseitig. (S. 43.) Denn für Freud 
handelt es sich im wesentlichen um verdrängte Sexual wünsche, die mit 
unserer heutigen Sexualmoral kollidieren. (S. 38.) Der unmoralische 
Mensch, der seiner Triebnatur ungezügelt lebt, müßte demnach gegen 
die Neurose völlig gefeit sein. Dieser unmoralische Mensch kann aber 
ebenso gut neurotisch sein; bei ihm ist dann einfach die An- 
ständigkeit in Verdrängung geraten. (S. 40.) 



') Nach einem Vortrage, gehalten im Niederlandischen Verein für Psychoanalyse. 



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Dr. C. G. Jungs Psychologie der unbewußten Prozesse. 303 

Den Verdienst Adlers erblickt Jung in der Betonung der Rolle 
der Ich-Triebe. Seine Theorie ist ausschließlich auf das Machtprinzip 
aufgebaut. Er sieht daher in der Neurose ein „Arrangement", das final 
bedingt ist, dessen Ziel immer die Beherrschung des Anderen ist. 

Jung meint, daß diese Theorien sich absolut widersprechen und 
daher nicht zu einem Ganzen vereinigt werden können. 

Die zweite Etappe der Jung sehen Arbeit bestand dann in der 
Erkenntnis, daß diese zwei Theorien zwei entgegengesetzten psycho- 
logischen Typen entsprechen. Die Grundfunktion des einen ist das 
Fühlen, die des anderen das Denken. Den einen nennt er den 
extravertierten Typus, weil er sich gewissermaßen herauswendet 
ans Objekt; er fühlt sich in das Objekt ein. Der andere heißt der 
introvertierte Typus, weil er sich in sich selber zurückzieht und 
über das Objekt denkt. (S. 58.) Die Sexualtheorie ist ein Produkt des 
extravertierten Typus, die Machttheorie aber geht vom Denkstandpunkt aus. 

Außer dieser Einseitigkeit der beiden Theorien, welche also jede 
nur für einen bestimmten Menschentypus gelten, haften ihnen noch 
andere Fehler an. Vorerst erklären beide nur die Entstehung der Neu- 
rose. Dann haben beide einen sehr unangenehmen Charakter; die 
Sexualtheorie ist unästhetisch und intellektuell wenig befriedigend, die 
Machttheorie ist entschieden giftig. (S. 60.) Außerdem sind beide 
destruktiv und reduktiv. Jung vergleicht sie mit kaustischen Mitteln, 
welche in der Hand des erfahrenen Arztes nützlich sein, sonst aber 
vielen Schaden bringen können. 

Jung verspürte darum das Bedürfnis, eine völlig neue Theorie der 
psychogenen Störungen zu formulieren, und erreichte damit seine dritte 
Etappe. Diese neue Theorie sagt aus, daß der neurotische Kon- 
flikt immer stattfindet zwischen der angepaßten Funk- 
tion und der nicht differenzierten und größtenteils im 
Unbewußten befindlichen Neben funktion. 

Beim Introvertierten entsteht also ein Konflikt zwischen Denken 
und unbewußtem Fühlen, beim Extravertierten aber zwischen Fühlen 
und unbewußtem Denken. (S. 77.) Der neurotische Konflikt bricht aus, 
wenn die Person in eine Situation kommt, in welcher nur die nicht 
differenzierte Nebenfunktion eine Anpassung ermöglichen würde. 

Was Jung mit alledem meint, erläutert er mit dem Beispiel eines 
Geschäftsmannes, der neurotisch erkrankte, nachdem er sich reich ge- 
arbeitet hatte und sich aus den Geschäften zurückzog, um mit vollen 
Zügen von seinem Gelde zu genießen. Dieser Mann war, nach Jung, 
introvertiert, denn er hatte immer alle Gefühlsrücksichten im Hintergrund, 
d. h, im Unbewußten gelassen. (S. 78.) Als er nun Rentier war, wurde 
er neurotisch, weil zum erstenmal in seinem Leben diejenige Situation 



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304 Adolph F. Meyer. 

eintrat, mit der man nur mittelst eines differenzierten Fohlens etwais 
anfangen konnte. 

Für die Therapie bringt diese Theorie die Forderung, immer den 
unbewußten Teil der Persönlichkeit zum Bewußtsein zu bringen und 
jetzt auch diesen Teil am wirklichen Leben teilnehmen zu lassen. Die 
im Unbewußten schlummernde Energie soll betätigt werden. Nach 
Jung findet sie aber diese Betätigung nicht aus sich selber. Auch 
genügt es nicht, wenn man ihr eine bestimmte Richtung zeigt. Sie 
geht ihren eigenen Weg. 

Bei der Behandlung der Neurotiker ist es am besten, wenn diese 
Energie ihren Weg zum behandelnden Arzt sucht. Man spricht dann 
von „Übertragung" auf den Arzt. 

Es werden so auf den Arzt alle möglichen infantilen Phantasien 
übertragen; er wird Vater, Mutter, Lehrer usw. In der Behandlung 
sollen alle diese Phantasien bewußt gemacht werden. 

Zuletzt gibt aber der Arzt noch zu ganz anderen Phantasien An- 
laß; er wird zur Gottheit oder zum Teufel oder Dämon gemacht. Dann 
beruhen solche Phantasien nicht mehr auf persönlichen Reminiszenzen, 
die von bestimmten Beziehungen zu Personen der Umgebung herrühren 
und auf den Arzt übertragen wurden. 

Diese Phantasien sind allgemein verbreitete „urtümliche" Bilder, 
welche zu den Geheimnissen der allgemeinen menschlichen Geistes- 
geschichte gehören. (S. 85.) 

Mit dieser Entdeckung setzte die vierte Etappe des Jung- 
schen Erkenntnisprozesses ein. Diese führte zur Unterscheidung unseres 
Unbewußten in ein persönliches und ein un- oder überpersön- 
liches Unbewußte. (S. 8().) 

Dieses unpersönliche oder über persönliche Unbewußte ist 
vom Persönlichen losgelöst und ganz allgemein. Seine Inhalte werden 
in allen Köpfen gefunden ; die Bilder, welche es enthält, sind die ältesten 
und allgemeinsten und tiefsten Gedanken der Menschheit überhaupt. 
Man kann es daher auch absolutes oder kollektives Unbewußtes 
nennen. Die darin enthaltenen Bilder sind ebensowohl Gefühl als Ge- 
danke, man könnte sie darum auch „u r s p r ü n g 1 i c h e s F ü h 1 d e n k e n ^ 
nennen. 

Zu diesem Unbewußten kehrt die Libido zurück, nachdem sie aus 
der persönlich-infantilen Übertragungsform befreit war. 

Aber dort kann sie nicht bleiben. Was soll dann weiter mit ihr 
geschehen ? 

Das hat Jung gefunden und damit erreichte er die fünfte 
Etappe seines Erkenntnisfortschrittes. Die Auseinandersetzung mit 
dem unpersönlichen Unbewußten ist ein Prozeß, eine eigenartige Technik 
und Arbeit, die ^ den Namen transzendente Funktion erhalten hat, 



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Dr. C. ü. Jungs Psychologie der unbewußten Prozesse. 305 

da sie eine Funktion darstellt, die sich auf reale und imaginäre (oder 
rationale und irrationale) Daten gründet, und damit die klaffende Lücke 
zwischen den rationalen und irrationalen Funktionen der Psyche über- 
brückt. (S. 95.) 

Diese transzendente Funktion hat ihre methodologische Basis in 
einer neuen Behandlungsweise der psychologischen Mate- 
rialien. Die Theorien Freuds und Adlers gründen sich auf ein 
ausschließlich kausal-reduktives Verfahren, welches Träume und 
Phantasien in ihre Keminiszenzbestandteile und die zugrundeliegenden 
Triebvorgänge auflöst. (S. 95.) Jungs Theorie gründet sich auf ein 
synthetisches Verfahren, welches das Symbol des absoluten Un- 
bewußten zu einem allgemeinen und verständlichen Ausdruck integriert. 
S. 96.) 

Das kausal-reduktive Verfahren ist analytisch, denn es zerlegt 
den Trauminhalt in Reminiszenzkomplexe, welche auf Realkonditionen 
bezogen werden; die Traumausdrücke werden als mit realen Objekten 
identisch gesetzt. Jung nennt das eine Deutung auf der Objekt- 
stufe. (S. 101.) 

Das synthetische oder konstruktive Verfahren bezieht jedes 
Traumstück, z. B. alle handelnden Personen, auf den Träumer selbst. 
Er nennt das eine Deutung auf der Subjektstufe. 

Das synthetische Verfahren wird erläutert an einem Beispiel. Es 
ist das der Traum einer Patientin, welche gerade im kritischen Grenz- 
punkte stand zwischen der Analyse des persönlichen Unbewußten und 
der beginnenden Reproduktion des absoluten Unbewußten. (Die Behand- 
lung von Jung scheint also in zwei geschiedenen Perioden stattzu- 
finden.) Der Traum lautet (gekürzt) : Patientin ist im Begriff, einen 
Bach zu überschreiten, da faßt sie ein großer Krebs, der im Wasser 
verborgen lag, am Fuß und läßt sie nicht mehr los. Sie erwacht mit 
Angst. (S. 96.) 

Nach Jung lautet die Deutung auf der Objektstufe also: Pa- 
tientin wünscht das Verhältnis zu einer Freundin, mit welcher sie zu- 
sammen wohnt, aufzugeben, wird aber daran verhindert durch unbewußte 
homosexuelle Wünsche auf diese Freundin. 

Die Deutung auf der Subjektstufe fängt an mit der Be- 
hauptung: es ist der Patientin unbewußt, daß in ihr selber das Hin- 
dernis Hegt, das zu überwinden wäre, eine Grenze, die schwer über- 
schreitbar ist. Es ist aber möglich; in diesem Augenblick droht eben 
eine besondere Gefahr, etwas „Tierisches", das rückwärts und in die 
Tiefe geht. (S. 102.) Später wird aus den Einfällen der Patientin de- 
duziert : dieses Tierische sei ein heftiger, schwärmerischer Liebesanspruch, 
von dessen Leidenschaftlichkeit sich die Patientin überwältigt fühlt, 
also ein „nicht erzogenes, nicht differenziertes, nicht vermenschlichtes 



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306 Adolph F. Meyer. 

Stück Libido, das noch zwangsartigen Triebcharakter besitzt". — An 
Krebs (Karzinom) assoziiert die Patientin weiter eine Frau X., welche 
ein Verhältnis mit einem Künstler hatte. Aus der Identifikation gehen 
ihre leichtsinnigen und künstlerischen Wünsche hervor. In der Phantasie 
ist sie Frau X. und der Künstler. Sie spielt den Künstler gegenüber 
ihrer Freundin. Sie spielt die Rolle der Frau X. gegenüber Jung. 

Der Leichtsinn und das Künstlertum waren also beide auf der 
Subjektstufe angelangt; sie sind in der Patientin entdeckt. Der Künstler 
hatte aber auch etwas Unheimliches und Faszinierendes; wo steckte 
dieses ? 

Das fand sich auf Jung übertragen. Aber das ist dann wieder 
Objektstufe. Um nun die Subjektstufe wieder zu erreichen, erklärt 
Jung sich für ein Bild von etwas Dämonischem in der Patientin und 
sagt ihr das. Und wirklich, die Patientin hat sofort „ein entsetzliches 
Gefühlj so etwas Unmenschliches, Böses, Grausames", das auch in ihrem 
Mienenspiel zum Ausdruck kommt. (S. 112.) 

Aber die Patientin kann doch nicht annehmen, daß sie selber ein 
böser Dämon sei. Ebensowenig darf sie das aber von Jung annehmen. 
— Ein solch unannehmbares Stück beweist, daß hier keine menschlich 
persönlichen Qualitäten im Spiele sind, sondern mythologische. 
„Zauberer" und „Dämon" sind mythologische Figuren. Solche At- 
tribute zeigen immer an, daß Inhalte des überpersönlichen 
oder absoluten Unbewußten projiziert werden. (S. 114.) 

Für diese im Unbewußten vorhandenen Möglichkeiten ist man aber 
persönlich nicht zurechenbar. Es ist darum unbedingt geboten, eine 
möglichst scharfe Trennung zwischen dem persönlich Zurechenbaren 
und dem Unpersönlichen durchzuführen. 

Früher wurden diese Bilder als Götter und Dämonen projiziert. 
Jetzt, da wir nicht mehr religiös sind, wird das Unbewußte durch den 
Rückfluß der Libido, der vorher im Kult des Götterbildes investiert war, 
außerordentlich verstärkt, so daß es anfängt, mit seinen archaischen 
Kollektivinhalten einen gewaltigen, zwangsmäßigen Einfluß auf das Be- 
wußtsein auszuüben. (S. 116.) 

Das kollektive Unbewußte ist ein Bild der Welt, das sich seit 
Äonen gebildet hat. In diesem Bilde haben sich gewisse Züge im Laufe 
der Zeit herausgearbeitet, welche Jung Dominanten nennt. Diese 
Dominanten sind die Herrschenden, die Götter, d. h. Bilder dominie- 
render Gesetze und Prinzipien. (S. 117.) Eine dieser Dominanten ist 
der „Zauberische Dämon", von vorwiegend unheimlicher Wirkung. Das 
Bild dieses Dämons ist die unterste und älteste Stufe eines Gottas- 
begriflfes. Es ist die Dominante des primitiven Stammzauberers. (S. 119.) 

Mit der Erkenntnis der Dominanten des absoluten Unbewußten ist 
ein bedeutender Schritt nach vorwärts getan. Die magische oder dä- 



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Dr. C. G. Jungs Psychologie der unbewußten Prozesse. 307 

monische Wirkung des Nebenmenschen verschwindet damit, indem das 
unheimliche Gefühl auf eine definitive Größe des absoluten Unbewußten 
hingewiesen ist. Dafür aber haben wir jetzt eine ganz neue Aufgabe 
vor uns, nämlich die Frage, in welcher Weise sich das Ich mit diesem 
psychologischen Nicht-Ich auseinandersetzen muß. Wollte man den 
Kranken einfach mit der Kenntnis der Dominanten nach Hause schicken, 
so wäre ein beständig dissoziierter Zustand geschaffen, ein Zwiespalt 
zwischen der Individualpsyche und der Kollektivpsyche im Subjekt. 
Wir hätten dann das differenzierte und moderne Ich neben einer Art 
von Negerkultur. Solche Dissoziation fordert sofort Synthese. (S. 120.) 

Ich bedauere sehr, daß Jung hier abbricht mit dem Versprechen, 
in einer späteren Publikation zu erzählen, wie er diese Synthese mittels 
seiner transzendenten Funktion ausführt. 

Er schließt das vorliegende Buch mit einigen Bemerkungen über 
die Entwicklung der eingangs genannten psychologischen Typen im 
analytischen Prozeß und zuletzt mit der trostreichen Versicherung, daß 
wir uns das Unbewußte nicht als etwas Störendes oder Gefährliches zu 
denken brauchen Es ist nur gefährlich, solange wir uneins da- 
mit sind. Wenn es uns gelingt, die transzendente Funktion herzu- 
stellen, so ist das Uneinssein aufgehoben und wird das Unbewußte 
günstig. Dann gibt es uns alle jene Förderung und Hilfe^ welche die 
Weisheit der Erfahrung ungezählter Jahrtausende darin niedergelegt 
hat. (S. 132.) 

Oberblicken wir den Entvricklungsgang Jungs, welchen ich im 
vorstehenden genau und möglichst mit seinen eigenen Worten zu skiz- 
zieren versucht habe, so werden wir gestehen müssen, daß er wirklich 
große Fortschritte gemacht hat. 

Statt zweier, nur in bestimmten Fällen anwendbarer Theorien 
wird eine, alle nervösen Krankheiten umfassende Neurosentheorie 
gegeben. 

Statt einer kaustisch wirkenden, reduktiven Analyse der Gemüts- 
konflikte der Kranken wird eine konstruktive Synthese ihrer zer- 
stückelten Seele beabsichtigt. 

Träume werden nicht bloß gedeutet in ihrer Beziehung zu ver- 
schiedenen Personen und Ereignissen, sondern es wird fortan auch ihre 
subjektive Bedeutung für den Träumer gewürdigt. 

Im Unbewußten, woher diese Träume und Konflikte stammen, 
werden nicht mehr bloß persönliche Erinnerungen gefunden, sondern es 
wird daselbst ein ganz neues Gebiet entdeckt, eine Erfahrung von Jahr- 
tausenden, ja sogar eine vollständige Ur-Religion. 

Bringt dieser Entwicklungsfortschritt Jungs jedoch auch für uns 
etwas Neues? Eröffnet er uns ungeahnte Einblicke in unsere unbe- 
wußten Prozesse? Fördert er unsere theoretischen Anschauungen und 



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308 Adolph F. Meyer. 

unsere analytische Technik? Würde Jungs Entwicklung zugleich einen 
Fortschritt der Psychoanalyse bedeuten? 

Ich meine, daß alle diese Fragen verneinend beantwortet werden 
müssen. Ich kann in Jungs Entdeckungen nichts anderes sehen als 
andere Worte zur Benennung von Begriffen, welche schon längst von 
Freud gefunden sind. Die Traumdeutung auf der Subjektstufe, das 
unpersönliche Unbewußte, die synthetische Methode, sogar die „tran- 
szendente Funktion" waren mir aus Freuds Arbeiten hinlänglich be- 
kannt. Von der Einführung dieser überflüssigen Termini fürchte ich 
nur Verwirrung. 

Daß es für die Leser der jüngsten Jungschen Publikation den 
Anschein haben kann, als habe Jung etwas anderes und Besseres 
gegeben als Freud, findet hauptsächlich seinen Grund in seiner mangel- 
haften Wiedergabe der Meinungen Freuds. 

So sagt z. B. Jungs „neue" Auffassung aus, daß der neurotische 
Konflikt „zwischen der angepaßten Funktion und der nicht differen- 
zierten und größtenteils im Unbewußten befindlichen Nebenfunktion" 
stattfindet. — Aber das ist doch nur eine unscharfe Umschreibung von 
Freuds fundamentaler Theorie, daß der neurotische Konflikt „zwischen 
vorbewußten psychischen Kräften und unbewußten Wunschregungen" 
stattfindet oder mit anderen Worfen, zwischen dem Ich und gewissen 
mit dem Ich unverträglichen Strebungen. 

Das Wesentliche der Freud sehen Theorie wird hingegen nicht 
getroffen in Jungs Behauptung, daß nach ihr der Konflikt auf einem 
Streit zwischen Sexualität und Moral beruhe. 

So wird der Schein, für die Therapie etwas Neues geliefert zu haben, 
gestützt durch die folgende Beschreibung der „bisherigen" Methode: 
„Es herrschte bisher die Annahme, daß die durch die Analyse gewon- 
nene freie, aber indifferente psychische Energie dem Patienten zur be- 
wußten Disposition stehe, so daß er sie in beliebiger Weise verwenden 
könne. Insofern gedacht wurde, die Energie sei nichts anderes als die 
geschlechtliche Triebkraft, so sprach man von ,sublimierter' Anwendung 
derselben, unter der Annahme, es sei dem Patienten ohne weiteres 
möglich, die als sexuell gedachte Energie überzuleiten in eine ,Subli- 
mierung', d. h. eine nicht sexuelle Anwendungsweise. Nach dieser 
Auffassung hatte der Patient die Möglichkeit, arbiträr oder aus 
Neigung zu entscheiden, wohin sich seine Energie zu 
sublimieren habe." Einer solchen Karikatur der analytischen 
Therapie gegenüber muß die „synthetische Methode" als die weit bessere 
erscheinen. Es ist uns aber schon längst bekannt, daß Freuds Methode 
nie etwas anderes beabsichtigt hat als eine allmähliche Synthese. 

So macht Jungs Traumdeutung den Eindruck eines großen Fort- 
schrittes, wenn man sie vergleicht mit der Deutung, welche als die „re- 



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Dr. C. G. Jungs Psychologie der unbewußten Prozesse. 309 

duktive" von ihm vorgeführt wird, denn diese ist wirklich höchst un- 
befriedigend und stümperhaft. Legt man aber Jungs „konstruktive" 
Deutung neben ein Traumdeutungsmuster Freuds, z. B. dessen Analyse 
von den Träumen der Dora, so wird man keinen wesentlichen Unterschied 
finden. 

In den neuen Züricher Bürgern kann ich also nur alte Bekannte 
aus Wien sehen, welche andere Visitenkarten bei sich tragen. Und darum 
hätte ich beinahe meine vor zwei Jahren geäußerte Meinung ungeändert 
niedergeschrieben : „Zwischen den Meinungen Freuds und J u n g s ist kein 
essentieller Unterschied. Sie sagen dasselbe mit anderen Worten. Ihre 
Meinungsverschiedenheiten beruhen hauptsächlich auf verschiedener Be- 
trachtungsweise." Aber das Studium der vorliegenden Jungschen Arbeit 
hat mich endgültig zur Einsicht geführt, daß wirklich zu große Ver- 
schiedenheiten bestehen, um dieses Urteil aufrecht zu erhalten. 

Jetzt würde ich meine Meinung folgenderweise zusammenfassen: 
Jung ist in seinem Entwicklungsgange weit hinter Freud zurück- 
geblieben. Zwar kennt er schon vieles von demjenigen, was Freud ge- 
funden hat, z. B. den Begriff der Übertragung. Es fehlen ihm aber noch 
sehr wichtige Begriffe, in erster Linie fehlt ihm die Einsicht in 
die Bedeutung der Verdrängung. 

Durch die Kritiker der bisherigen Publikationen Jungs ist schon 
darauf hingewiesen worden, daß er immer so sonderbar mit den Begriffen 
„Verdrängung" und „Unbewußtes" umspringt. Er rührt sie nur im Vorüber- 
gehen an, gibt nie genaue Beschreibungen von ihnen, geht rasch an ihnen 
vorüber. Ich habe mir jedoch nicht denken können, daß es Jung an 
dem Begriff der Verdrängung ganz fehlen sollte. Seine sonderbaren 
Äußerungen darüber schrieb ich der Ungenauigkeit zu, mit der er sich 
öfters ausdrückt. 

Aber aus der vorliegenden Arbeit Jungs kann ich keinen anderen 
Schluß ziehen, als diesen : daß Jung den Begriff der Verdrängung nicht 
kennt. 

Jetzt ist mir begreiflich, daß Freud sein Werk nicht als Psycho- 
analyse anerkennt. Denn auf der Lehre der Verdrängung beruht ja die 
ganze Psychoanalyse. Es war mir bisher auch nie eingefallen, daß 
einem Analytiker wie Jung dieser Begriff fehlen könnte. Jetzt muß ich 
annehmen, daß dies Unglaubliche die Wirklichkeit ist. 

Aber jetzt wird mir auch klar, warum Jung, besonders in dem 
Büchlein, dem wir jetzt unsere Aufmerksamkeit widmen, solche sonder- 
bare Vorstellungen von Freuds Theorien und Meinungen gibt. Es wird 
mir auch klar, weshalb er meint, bessere gefunden zu haben. 

Übersieht man nämlich die grundlegende Idee der Verdrängung 
und damit den Kern der Freudschen Theorie, so wird es begreiflich, 
daß man als erste Etappe eines Entwicklungsganges meinen kann, diese 

Zeitachr. f. ftrxti. Psychoanalyse, IV/6. 21 



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310 Adolph F. Meyer. 

Theorie sei einseitig und passe nur für einzelne Fälle. Des weiteren ist 
es dann begreiflich, daß man in Adlers Theorie eine Ergänzung zu 
Freuds Auffassungen sehen kann, während doch faktisch Adler nur 
ein philosophisches System erbaut hat, in dem er die analytisch ge- 
fundenen Tatsachen vom Standpunkt des „Willens zur Macht" zu er- 
klären versucht. 

Dann wird es auch begreiflich, daß man vom Unbewußten ganz 
verschwommene Vorstellungen haben muß. Denn Freuds „Unbewußtes*^ 
ist die Folge der Verdrängung. Nach Jung jedoch würde das Unbe- 
wußte nur bestehen aus psychischen Elementen, welche „im Hintergrund 
gelassen sind", und aus vergessenen persönlichen Reminiszenzen. Kein 
Wunder also, daß er, als er bei seiner vierten Etappe mit dem Freud- 
schen Unbewußten Bekanntschaft machte, in der Meinung war, etwas 
Neues gefunden zu haben, und das zu erklären suchte. 

Wenn man dann die Verdrängung nicht kennt, muß man wohl 
zum uralten Dämonenglauben zurückkehren. Dann muß man das Un- 
bewußte wirklich verspüren als etwas Fremdes, als etwas »außer uns". 
Und wenn man dann zudem nicht mehr religiös ist, wenn man also 
die Götter und Dämonen nicht mehr als objektive Realitäten annimmt, 
sondern sie als „psychische Realitäten" anerkennen muß, dann nimmt 
man leicht eine transzendente Erklärung an. 

Ebenso macht ungenügende Kenntnis der Verdrängung es begreiflich, 
daß man für die Therapie mit der Analyse nicht auszukommen meint. 
Es fehlt dann eben die Einsicht in die befreiende Wirkung der Überwindung 
der Widerstände. Es fehlt dann der Sinn für die Dynamik der Neurosen, 
für das, was Freud in letzter Zeit ihre ökonomischen Verhält- 
nisse nennt. Für Jung schafiFt die Analyse nur eine bessere Einsicht 
in die psychischen Elemente, „welche in dem Hintergrund belassen sind", 
und holt allmählich einige vergessene Erinnerungen herauf. Aber dann 
dringt die Analyse auch nicht zum Unbewußten vor, sondern sie ist 
im Vorbewußten stecken geblieben. 

Sogar jetzt, nachdem Jung endlich auf das Unbewußte gestoßen ist, 
wird es nicht von ihm analysiert, sondern es wird ganz ruhig als 
ein psychischer Inhalt hingenommen, an dem nichts zu ändern ist, mit 
dem wir nun einmal zur Welt gekommen sind, und mit dem wir ver- 
suchen müssen, in Übereinstimmung zu geraten. 

Ich bin sehr gespannt auf eine spätere Publikation, um daraus zu 
lernen, wie Jung diese Übereinstimmung zu erreichen versucht. 

Aber indessen ist es klar, daß er die Synthese, welche die natürliche 
Folge von Freuds Analyse ist, nicht gesehen hat. Wiederum, weil er 
die dynamische oder ökonomische Bedeutung der Verdrängung nicht 
schätzt. Für jeden, der das Kräftespiel in unserer Psyche verstanden hat, 
ist es klar, daß durch die Analyse, durch die allmähliche Überwindung 



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Dr. C. G. Jungs Psychologie der unbewußten Prozesse. 311 

der Widerstände, jedesmal ein wenig der Verdrängung aufgehoben wird, 
daß dadurch jedesmal ein Teilchen des Verdrängten in das Vorbewußte 
eintritt und in den normalen psychischen Haushalt aufgenommen wird. 
In dieser Weise wird die „dunkelhäutige Bestie" ganz allmählich und 
unbemerkt assimiliert. 

Dagegen denkt Jung sich anscheinend eine Art Konferenz zwischen 
diesem „dunkelhäutigen Mongoloiden" und dem zivilisierten Europäer 
unter seinem Präsidium. 

Es ist selbstverständlich, daß diese Verkennung der Verdrängung 
und damit der Basis der ganzen Freudschen Erkenntnis auch zur 
Geringschätzung von Freuds Traumdeutung führt. Daher meint Jung, 
mit seiner „Deutung auf der Subjektstufe" etwas Neues geleistet zu 
haben. Zur Unterstützung dieser Meinung schreibt es Freuds Verfahren 
die folgenden Nachteile zu: 1. Vor allem berücksichtigt es nicht genau die 
Einfälle des Patienten. 2. Die Tatsache der eigentümlichen Symbolwahl 
bleibt im Dunkeln. 3. Das kausal-reduktive Verfahren vergißt, daß der 
Traum ein gänzlich subjektives Phänomen ist. (S. 100.) „Aber da hört 
sich doch alles auf!" dachte ich, als ich diese Zeilen las. Kann einer, 
der die „Traumdeutung" gelesen hat, behaupten, daß Freud nicht genau 
alle Einfälle des Träumers berücksichtigt? Kann es ihm einfallen, daß 
F r e u d vergißt, daß der Traum vollkommen subjektiv ist? Solche Enor- 
mitäten sah ich noch selten gedruckt. 

Ich glaube, daß ich nicht ausführlicher zu sein brauche. Aus dem 
ganzen Buche geht hervor, daß Jung sich bis jetzt eine vollkommen 
fehlerhafte Vorstellung von Freuds Meinungen machte. Es geht glück- 
licherweise auch daraus hervor, daß er jetzt damit beschäftigt ist, ver- 
schiedene Sachen, welche Freud schon längst gefunden hat, zum zweiten 
Male zu entdecken. Das schenkt mir einige Hoffnung, daß er auch das 
noch Fehlende entdecken wird. 

Indessen habe ich mir vergebens den Kopf über die Frage zer- 
brochen, wie es doch zu erklären sei, daß Jung, der sich doch lange Jahre 
mit der Psychoanalyse beschäftigte, die Basis der Analyse noch nicht 
verstanden hat und mit großem Aplomb längst bekannte Tatsachen mit 
neuen Worten als eigene Entdeckungen beschreibt. 

Wie schon bemerkt, hatte ich dies bis jetzt nicht glauben können. 
Die scharfen Kritiken Abrahams und Ferenczis schienen mir über- 
trieben. Aber jetzt hat Jungs neueste Arbeit mich überzeugt, daß es 
wirklich Tatsache ist. Eine Lösung des Rätsels habe ich indessen nicht 
finden können. 

Man hat mir gesagt, die abweichenden Einsichten Jungs seien die 
Folge vom Ausgangspunkte seiner Forschungen. Indem er mit dem 
Studium der Dementia praecox anfing, wurde seine Aufmerksamkeit mehr 
von den Ichtrieben gefesselt. Aber das könnte doch nur erklären, warum 

21* 



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312 Adolph F. Meyer. 

die Ichtriebe bevorzugt werden, nicht daß die ganze Dynamik der Ver- 
drängung übersehen wird. Ich habe diesen verschiedenen Ausgangspunkt 
gewürdigt, als ich vor zwei Jahren schrieb : ^) „Die Meinungsverschieden- 
heiten zwischen Freud und Jung scheinen mir hauptsächlich darin zu 
bestehen, daß Freud bei seinen Auseinandersetzungen das Verdrängte 
betont, hingegen Jung das Verdrängende." Das ist aber noch kein Motiv, 
den Zusammenhang zwischen Verdrängtem und Verdrängendem nicht zu 
erkennen. 

Wahrscheinlicher kommt es mir vor, daß auch in dieser Ange- 
legenheit Freud wiederum recht haben wird, wenn er meint, es bestehen 
bei Jung starke Widerstände, welche ihm nicht bewußt sind und welche 
ihm eine tiefere Einsicht verwehren. In seinem Aufsatz „Zur Geschichte 
der psychoanalytischen Bewegung" sagt er, er habe erfahren, daß es 
bei Psychoanalytikern ebenso gehen kann wie bei den Kranken in der 
Analyse, daß sie nämlich unter der Herrschaft eines starken Wider- 
standes alles Erlernte in den Wind schlagen und sich wehren können 
wie in ihren schönsten Neulingstagen. Die Widerstände Jungs würden 
dann aus seiner religiösen Erziehung herrühren und ihn daran verhindern, 
die Entstehung von Ethik und Religion aus der Sexualität zu akzeptieren. 

Mit dieser vor drei Jahren geäußerten Meinung Freuds stimmt 
es vortrefflich, daß Jung in seiner jüngsten Arbeit die Religion zu 
etwas Unpersönlichem, zu etwas Kollektivem erhebt. Die Gestalten der 
Götter und Dämonen werden zwar nicht mehr als objektive Realitäten, 
nicht mehr als Personen betrachtet, sie werden aber auch noch nicht 
als Produkte der Persönlichkeit erkannt. Sie nehmen eine Ausnahms- 
stelle ein. Sie sind wohl in deren Unbewußten anwesend, sind aber 
auf transzendente Weise hineingelangt. 

Die Widerstände in Jung scheinen sich also zumeist dahin zu 
äußern, daß er die Dominanten des kollektiven Unbewußten nicht als 
seinen Besitz erkennen will. Die Dominante, gegen welche er sich in 
seiner großen Krebstraumanalyse wehrt, ist die des „zauberischen Dämons'^. 
Es ist fast belustigend zu lesen, wie er in allen Tonarten beteuert, eine 
solche Figur passe doch nicht zu ihm und noch weniger zu seiner Pa- 
tientin. Sie ist eine „mythologische Figur", sie flößte der Patientin ein 
„unmenschliches" Gefühl ein, sie ist doch keine „persönliche Reminiszenz", 
man soll sie doch trennen vom „persönlich Zurechenbaren", usw. 

Es war vor allem diese verzweifelte Abwehr, welche mir die 
Augen öffnete und die Einsicht brachte, daß Jung die Verdrängung 
nicht verstanden hat. Denn dieser dämonische Zauberer ist doch ein 
guter Bekannter jedes Analytikers. Mir wenigstens ist er in zahlreichen 
Analysen begegnet. Zwar hatte er nie die Gestalt eines uralten Stamm- 

*) In meinem Buche : „De Behandeling van Zenuwzieken door Psycho-analyse* 
(Die Behandlang Nervenkranker mittels Psychoanalyse). 



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Dr. C. G. Jangs Psychologie der unbewußten Prozesse. 313 

Zauberers; meistens zeigte er sieh als Satan, öfters in der mehr mo- 
dernen Verkleidung des Mephistopheles. 

Bei näherer Bekanntschaft stellt sich dann heraus, daß dieser 
Dämon der Aspekt ist, unter welchem die verdrängten Mächte im Pa- 
tienten den Arzt sehen, wenn dieser versucht, ihnen die unbewußten Wunsch- 
regungen bewußt zu machen. Er ist dann der teuflische Verführer, 
welcher dem Patienten die bösen Wünsche einzuflüstern versucht, welche 
dieser ja nicht zu hegen meint. Er versucht es also, den unschuldigen, 
engelreinen Patienten in den Abgrund von Sünde und Bosheit zu stürzen. 
Bei weiterer Analyse findet man sodann, daß alles nur Projektion 
auf den Arzt ist, nämlich die Projektion eben dieser verdrängten Wünsche. 
Daß also dieser Dämon schließlich einer der Aspekte ist, unter welchen 
das Verdrängende das Verdrängte sieht, nämlich als das Verführerische. 

Die sonstigen Dominanten werden von Jung nicht behandelt, es 
wird aber das ganze ^unpersönliche Unbewußte", als nicht zur Person 
gehörig, abgewiesen. Also eben der Mechanismus der Verdrängung: 
Wünsche und Regungen, welche mit der Persönlichkeit „unverträglich" 
sind, werden abgewehrt. 

Jung ist sogar noch nicht zufrieden damit, diesen ganzen kom- 
promittierenden Besitz als eine unangenehme Erbschaft der Urmenschen 
zu betrachten, er geht noch einen Schritt weiter und bürdet einen Teil 
der Schuld seinen tierischen Vorfahren auf. (S. 121.) Dadurch wird erst 
recht das „Unmenschliche" dieser Eigenschaften verständlich. Auch wird 
dadurch sehr geistvoll erklärt, warum das Unbewußte Tiere als Symbole 
hat, in ca3u einen Krebs. 

Weil die Patientin im Momente, als Jung ihr sagt, es stecke ein 
böser Zauberer in ihr, ein Gefühl hat, das „unbeschreiblich unheimlich 
ist, so etwas Unmenschliches, Böses, Grausames", so kommt es mir 
wahrscheinlich vor, daß ihre sadistischen Regungen hier zum Vorschein 
kommen. Dabei wird weiter mitgeteilt, daß sie ihrer Freundin gegenüber 
männlich fühlt und öfters in einen Streit mit ihr gerät, weil sie sie zu 
beherrschen sucht ; sie weist also stark aktive, sogar aggressive Tendenzen 
auf. Es kommt mir deshalb vor, daß Jung in erster Linie die Ver- 
drängung der sadistischen Regungen nicht erkennt, so daß man schließen 
könnte, seine Widerstände kämen vorzüglich aus diesen Trieben. 

Eine Analyse aus der Ferne wage ich indessen nicht. Es scheint 
mir schon genügend zu konstatieren, daß Jung sich der Erkenntnis 
des ganzen Unbewußten widersetzt, als logische Folge seines Mangels 
an Verständnis für die Verdrängung. 

Es drängt sich mir für diesen Mangel eine Erklärung auf,- welche 
ich kaum auszusprechen wage. Nämlich: hat Jung sich selber wohl 
je genügend analysieren lassen? Hat er je selber die Kraft gefühlt 
welche die unbewußten Regungen entfalten? Es macht mir den Eindruck, 



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314 Adolph F. Meyer: Dr. C. G. Jungs Psychologie der unbewuBten Prozesse. 

als stehe Jung bloß objektiv den Ergebnissen der Analyse gegenüber. 
Daß einer, welcher subjektiv die Kraft des Unbewußten empfunden hat, 
es als ein unpersönliches Erbstück seiner Höhlen bewohnenden Vor- 
fahren betrachten kann, scheint mir nicht möglich. 

Ein solcher Mangel an Einsicht in die tiefsten Gründe der eigenen 
Seele würde auch mitbringen können, daß Jung in sich Neigungen 
übersehen hätte, welche bei Adler deutlich hervortreten. Wir wissen, 
daß Adlers Theorie zum Teile Gefühlen ihren Ursprung verdankt, welche 
er Freud gegenüber in den Worten äußerte: „Glauben Sie denn, daß 
es ein so großes Vergnügen für mich ist, mein ganzes Leben lang in 
Ihrem Schatten zu stehen?" 

Solche Gefühle sind so allgemein menschlich, daß auch Jung sie 
wohl besitzen wird. Aber Jung hat auf mich immer den Eindruck der 
Aufrichtigkeit gemacht, und deshalb glaube 'ich nicht daran, daß er be- 
wußt die Verdienste F r e u d 8 herabsetzen will. Seine ganze Arbeit mutet 
jedoch an, als wolle er möglichst Freud erniedrigen und sich selber 
erhöhen. Auch diese Tendenz ist nach meiner Meinung unbewußten 
Wünschen zuzuschreiben und bedingt einen der Widerstände gegen die 
Erkenntnis der Verdrängung. 

Ich schließe daher in der Hoffnung, aus einer folgenden Publikation 
zu entnehmen, daß Jungs transzendente Funktion nicht nur zur 
Heilung seiner Patientin, sondern in erster Linie zur tieferen Einsicht 
in seine eigene Seele geführt hat. Nur dann scheint es mir möglich, 
daß er dereinst das Ganze der Freudschen Entdeckungen verstehen 
wird. Nur dann wird er zur Erkenntnis kommen, daß er immer hinter 
Freud zurück war, während er meinte, ihm weit voraus zu sein. 



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Mitteilungen. 



1. r 

Bemerkungen zu Abrahams Aufsatz „Über Ejaculatio praecox'^ 

Von Dr. Viktor Tansk. 

Abrahams sehr lehrreiche Arbeit^) verdient eine aufmerksame Dis- 
kussion. Zu seiner Aufstellung, daß die Ejaculatio praecox auf eine überstarke 
Erogenität der Urethra und eine Fixierung der Libido an die Hamexkretion 
zurückzuführen sei, möchte ich jedoch einige Einschränkungen und Ergänzun- 
gen nachtragen. 

Zur sichtbaren Absteckung des Umfanges, in dem meine folgenden Aus- 
führungen als Ergänzung der Abraham sehen Arbeit gelten sollen, gestatte 
ich mir eine kritisch gehaltene Zusammenfassung der ätiologischen Momente 
and Sjmdrcme vorauszuschicken, die der Autor für wesentliche Bestandteile 
in der Entstehungsgeschichte und im klinischen Bild der Krankheit hält. 

Abraham geht von der Beobachtung aus, daß bei den an E. p. 
leidenden Kranken „die Samenentleerung nicht durch rhythmische Ausstoßung 
erfolgt, sondern daß ein kraftloses Abfließen stattfindet". In dieser Erscheinung 
sieht Abraham eine Analogie zur ürinentleerung in der frühesten Kindheit, 
in der der Mensch seine Blasenfunktion gar nicht oder nur in sehr unvoll- 
kommener Weise beherrschen kann; und indem er auf die Tatsache hinweist, 
daß die Enuresis in diesen Krankengeschichten eine große Rolle spielt und 
daß der sexuelle Lustwert der Harnentleerung der kleinen Kinder durch die 
ps}xhoanalytische Forschung außer Zweifel gestellt wurde, kommt er zu dem 
Schluß, daß die an E. p. leidenden Neurotiker auf dem infantilen Libido- 
standpunkt stehen geblieben sind, „daß sie aus dem Abfließenlassen körper- 
licher Produkte Wollust ziehen". 

Als Konsequenz dieser Libidofixierung ergibt sich ein Mangel , der durch- 
greifenden männlichen Aktivität bei diesen Kranken^. Die Fixierung an die 
Urethralerotik und die Lust an der Harnentleerung bewirkt, ^daß die Genital- 
zone im strengen Sinne des Wortes nicht zur Leitzone wird. Dies ist auch 
daraus ersichtlich, daß bei vielen dieser Kranken die Oberfläche der glans 
penis mangelhaft erregbar ist und daß sich häufig eine besondere Erogenität 
des Dammes und der rückwärtigen Partien des Skrotums findet, also jener 
Gegend, die entwicklungsgeschichtlich dem introitus vaginae und seiner Um- 
gebung entspricht. Die Sexualität dieser Männer hat damit ihren 
eigentlich männlichen Charakter eingebüßt." 

Soweit erscheint der Gedankengang der Arbeit psychoanalytisch unan- 
fechtbar. An dieser Stelle führt Abraham jedoch die weibliche Fri- 

*) Intern. Ztschrft. f. ärztl. Psychoanalyse, IV. Jahrg., Heft 4. 



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316 Mitteilnngen. 

gidität als das weibliche Äquivalent der E. p. in die Darstellang 
ein, indem er bemerkt, daß beim frigiden Weibe an Stelle des introitus va- 
ginae allein die Klitoris erregbar ist, daß also auch hier, wie bei dem an E. p. 
leidenden Manne, „die Genitalzone im strengen Sinne des Wortes nicht zur 
Leitzone geworden ist" und daß sich aus diesem Vergleich ein Argument er- 
gibt, welches die sachliche Gleichstellung der E. p. mit der Frigidität des 
Weibes ohne weiteres gestattet, indem nämlich in beiden Fällen „die dem 
Geschlecht entsprechende Leitzone die ihr zukommende Be- 
deutung an diejenige Körperpartie abgegeben hat, welche 
das Äquivalent der Leitzone des anderen Geschlechtes dar- 
stellt«. 

Gegen diese Aufstellung drängen sich einige Einwände auf: 

1. Die E. p. wird ja vom Autor im letzten Grunde auf die infantile 
Urethalerotik zurückgeführt. Wenn sie ein Äquivalent der weiblichen Frigi- 
dität ist, dann muß für diese letzte der Nachweis der überbetonten Urethral- 
erotik geführt werden. Abraham hat mit keinem Worte angedeutet, daß 
dieser Nachweis geführt werden könnte. Ich würde einen solchen Versuch 
auch nicht für aussichtsvoll halten. 

2. Die weibliche Frigidität ist ja einfach die Impotenz des Weibes. Wir 
kennen keine andere Form der weiblichen Impotenz. Ist nun die weibliche 
Impotenz stets auf die Urethralerotik zurückzuführen oder nur in den Fällen, 
in denen das Weib nur von der Klitoris, nicht auch von anderen Zonen er- 
regbar bleibt? 

3. Wenn die Frigidität des Weibes am introitus vaginae der K p. 
gleichzusetzen ist, so heißt das, mit dem Argument für die Ätiologie der 
E. p. belegt, nichts anderes, als daß die Impotenz des Weibes und 
des Mannes stets auf die fixierte Urethralzone und die Lust an der Harn- 
exkretion zurückzuführen sei. Das kann der Autor nicht ernsthaft behaupten 
wollen. 

4. Die Fixierung der dem anderen Geschlecht zugehörigen Leitzone ist 
eine Form der Homosexualität und für die Entwicklung des Sexuallebens vom 
Gesichtspunkte der Gleichgeschlechtlichkeit von größter Bedeutung, beim Manne 
sowohl wie beim Weibe. Die Leidensgeschichten der männlichen und weiblichen 
Impotenten liefern reiches Material, das eine Stellungnahme zum Problem der 
Homosexualität bei der Impotenz erzwingt. Auch die Krankengeschichten der 
an E. p. Leidenden zeichnen sich durch derartiges Material in großer Fülle 
aus. Abraham hat dieses Thema unberührt gelassen. 

Die einfache Gleichstellung von Frigidität des Weibes mit der E. p. in 
der Abraham sehen Fassung erscheint mir an der Hand dieser Einwände 
als unauflösbarer Fehlgriff. 

Als spezifisch zum Thema der Urethralerotik und Exkretionslust gehörig 
führt Abraham weiter folgendes aus: 

Die Kranken setzen Sperma und Urin gleich und benehmen sich in ihrer 
E. p. wie seinerzeit in der Kindheit mit der Harnentleerung. Sie besudeln 
das Weib aus Liebe mit Sperma, wie sie in der Kindheit geliebte Personen 
zum Zeichen ihrer Liebe mit Urin besudelt haben. Dies ist auf die infan- 
til-narzißtische Auffassung zurückzuführen, daß das Exkret 
ein Teil des eigenen Körpers sei und als solches als Liebesgabe sehr 
geeignet erscheint. Die unmännliche Einstellung zum Weibe hat jedoch eine 
trotzige Ablehnung des Weibes zur Folge und nach dem Gesetze der Ambi- 
valenz in der Symptombildung dient die E. p. auch dem Ausdruck der Feind- 
schaft gegen das Weib, indem durch sie dem Weibe der Empfang des erwar- 



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Dr. Viktor Tausk: Bemerkungen zu Abrahams Aufsatz „Ober Ejaculatio praecox". 317 

teten Spermas und die Empfängnis des Kindes verweigert wird. Auch dieser 
Anteil des Symptoms erscheint in der Gleichsetzung von Sperma und Urin und 
in der Auffassung der Entleerungsprodukte als Teile des eigenen Körpers be- 
gründet. Der Penis erscheint in seiner Bedeutung als Harnexkretionsorgan 
fixiert. Auf die infantile Lust an der Harnentleerung weist auch die Lust der 
Kranken bei der Berührung des Penis durch die Hand des Weibes hin. Dies 
ist ein Rest der kindlichen Gepflogenheit, mit Hilfe der Mutter zu urinieren 
und mit dem Urinieren vor der Mutter zu exhibieren. Die ganze Gruppe dieser 
Symptome basiert auf der Exkretionslust als einer Äußerung des Nar- 
zißmus, der also bei diesen Kranken überstark fixiert er- 
scheint und die mangelhafte Objektliebe der Kranken ver- 
schuldet. Als die narzißtische Absiebt, dem Weibe das Sperma zu versagen, 
ist auch die impotentia ejaculandi zurückzuführen. Daß die E. p. nur 
beim Versuch des Geschlechtsaktes mit dem Weibe, nicht auch bei masturba- 
torischer Reizung eintritt, ist aus dem Widerstand gegen die spezifisch männ- 
liche Aktivität zu erklären. Die Kranken suchen eine Befriedigung ohne An- 
strengung oder eine rasche Erledigung der ihnen lästigen Aufgabe des Koi- 
tierens. Hinter dieser Schlaffheit und Passivität verbirgt sich aber eine reak- 
tive Erscheinung gegen eine grausam-sadistische Einstellung zum 
Weibe. Diese dokumentiert sich auch in einem starken Kastrationskom- 
plex der Kranken, die den Penis, der als gefährliches Werkzeug verbotener 
grausamer Triebregungen benützt werden soll, zu verlieren fürchten und ihn 
darum nicht in die Vagina einführen wollen. Am Zustandekommen des Ka- 
strationskomplexes beteiligt sich auch die Angst vor dem Vater, der den Sohn 
vom Verkehr mit der Mutter ausschließen will ; femer die Reaktion auf die 
Vorstellung, daß der Koitus ein grausamer Akt des Vaters an der Mutter sei, 
zu dem der Sohn sich nun, um den Vater bei der Mutter auszustechen, als 
unfähig produziert. 

Ich habe in dieser Rekapitulation der Ab rahamschen Arbeit versucht, 
seine Symptomatologie der E. p. derart darzustellen, daß zunächst die zum 
Thema der Urethral- und Exkretionserotik gehörigen Symptome im unmittel- 
baren Zusammenhang mit der für sie vom Autor angenommenen Ätiologie 
gruppiert und innerhalb dieser Gruppierung nach der Distanz ihres Zusammen- 
hanges mit der Ätiologie geordnet erscheinen, und daß andererseits die typi- 
schen akzidentellen Momente des Milieus, die bei der Symptombildung be- 
teiligt sind, als solche an deutlich abgegrenzter Stelle placiert werden. Ich 
hojQfe, daß ich dabei den Intentionen des Autors kein Unrecht zugefügt habe. 
Dies angenommen, möchte ich behaupten, daß Abrahams Darlegungen den 
Weg nicht zeigen, den die Urethral- und Exkretionserotik im Verein mit einer 
„Passivität" mit Sadismus, Kastrationskomplex, Inzest etc. gehen muß, um 
zur E. p. zu führen, da wir alle diese Erscheinungen in beinahe allen Neu- 
rosen und so oft ohne E. p. finden. Wir werden darum zum Verständnis der 
E. p. auch noch andere Momente aus den Krankengeschichten heranziehen 
müssen. Ich verweise auf einige in meinen Krankengeschichten nie vermißte 
Bedingungen und Syndrome der E. p., die in den folgenden Bruchstücken von 
Krankengeschichten sehr deutlich auffallen : 

Der Patient ist im Zivilberuf ein höherer Ministerialbeamter, seit drei 
Jahren als Offizier im Krieg, 41 Jahre alt, verheiratet, Vater von zwei Mäd- 
chen im Alter von sechs und neun Jahren.*) Der Patient hat unter großen 



^) Das ältere Kind onaniert seit dem ersten Lebensjahre und leidet an Enuresis. 
Die Erblichkeit und vor allem die Tatsache, daß nur eines der Kinder mit Enuresis 



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318 Mitteilungen. 

äußeren nnd inneren Schwierigkeiten in seinem Beraf eine angesehene Stelle 
erreicht. Er stammt aus einer wenig bemittelten Familie und mußte sein 
Studium zum größten Teil durch eigenen Erwerb bestreiten. Der Vater war 
sehr streng und vom Patienten sehr gefürchtet. Patient zeigt auch heute noch 
eine starke Abhängigkeit von Vorgesetzten und Autoritäten. 

Aus dem mir vom Patienten zur Verfügung gestellten autobiographischen 
Manuskript, in welchem er charakteristischerweise, solang er von seiner 
ersten Kindheit erzählt, von sich selbst in der dritten Person spricht, entnehme 
ich wörtlich die folgenden Zeilen: 

„Einsames Kind. Eigensinnig will er immer auf dem Töpfchen sitzen 
und Stuhl absetzen. Wenn der Vater früh morgens mit Mutter und Kind 
in den Wald geht, sucht er besonders einen hohlen Baumstamm, damit das 
Kind zum Stuhl sitzen kann. Einmal hat der Kleine die Füße mit Stuhl be- 
schmutzt, vom Töpfchen aufstehend, die ganzen Räume bekleckst und der Vater 
immer drohend und verzweifelt hinter ihm her. 

Mit fünf Jahren kommt das Kind mit der Mutter in den Badeort £. 
Die Mutter steigt mit dem Hemde bekleidet in die Badewanne und nimmt den 
Sohn mit. Dabei spielt sie mit ihm, indem sie Luftblasen unter dem Hemde 
auffängt und den Sohn darauf klatschen läßt. Ich glaube auch, daß der Sohn 
mit den mammae gespielt hat. Es bleibt eine große Freude für die Polster- 
zipfeU), die zum Teil zum Lutschen verwendet werden, zum Teil derart 
zwischen die Beine genommen werden, daß sie Freude machen. 

Als sich eine beleibte Tante einmal das Mieder auszieht und den Busen 
zeigt, sieht das Kind mit noch einem Jungen zu, freut sich und wird strafend 
abgewiesen. 

Ich habe immer mit Bettnässen zu tun gehabt. Ein guter Schläfer, lag 
ich jahrelang auf einer harten Sofamatratze. Ich konnte nachts vom Sofa 
auf den Erdboden kollern und dort urinieren ohne zu erwachen, nachdem ich 
schon das Bettuch durchnäßt hatte. Bis zum 15. Lebensjahre war dies mein 
größter Kummer. Endlich kam die Masturbation und die half. Im Anfang 
war die Masturbation für mich der mit Erfolg gekrönte Ver- 
such, von der Enuresis befreit zu werden. 

Ich wurde dauernd zu häuslichen Arbeiten in der schulfreien Zeit heran- 
gezogen und folgte nur widerwillig. Staub abwischen, Geschirr abtrocknen, 
um 5 Uhr morgens Semmeln und Milch holen, die kleine Schwester im Wagen 
fahren, Stricken lernen, das alles waren mir verhaßte Dinge. ^) 

Mit neun Jahren kam ich zu den Ferien nach K. Spielend mit Jungen 
und Mädchen, zeichnete ein größeres, kräftiges Mädchen einmal abends 
augenscheinlich Genitalien aufs Papier — ich habe keine genaue Erinnerung. 
Wohl aber weiß ich, wie sie, auf mich deutend, bedauernd sagte: 

„Der ist ja noch ein Kind, der versteht das nicht und darf es auch 
nicht wissen." 

Im zweiten Gymnasium kam die Onanie, zu der mich ein Schulkamerad 
verleitete. Ich hasse auch heute noch keinen Menschen auf der Welt so wie 

behaftet ist, spricht für die konstitutionelle Grundlage des Leidens im Sinne von 
Abrahams Annahme. Im Alter von zwei Jahren, als das Kind einmal mit der Matter 
badete, sagte es, mit einer Geste auf die Genitalien weisend: „Papa bimbnm, Mam» 
bimbum nein.*^ Ein Beitrag zur „sexueUen Interesselosigkeit*' der Kinder. 

^) Wir wissen aus anderen Analysen, daß der Polsterzipfel den Penis vertritt 
Aber auch Identifikationen zwischen mammae und Penis sind uns bekannt. Der Patient 
setzt demnach alle drei Stücke gleich, was auch nicht selten vorkommt. 

') Der Patient wird künstlich verweiblicht. Die Erziehungsmethode flült auf 
einen gut vorbereiteten Boden. 



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Dr. Viktor Tausk : Bemerkungen zu Abrahams Aufsatz „Über Ejaculatio praecox". 319 

ihn. Im Sommersemester begann dann die mutuelle Onanie mit den Nachbarn 
durch die Hosentasche. Heute noch fühle ich die ungeheuere freudige Erregung, 
die mir das Berühren des Penis von der Hand eines Fremden machte Nichts 
erzeugt rascher eine Erektion bei mir, als wenn meine Frau den Penis in 
die Hand nimmt. 

Im Jahre darauf onaniere ich wohl zehnmal täglich. Dabei bin ich 
kräftig, unterziehe mich gern jeder Tour ohne Rücksicht auf Länge, Berg- 
höhe, Durst und Hunger. Bei der Ernte helfe ich den Bauern fleißig. Im 
Kampf mit der Enuresis mache ich die Erfahning, daß die Onanie sie beseitigt. 

Ein 17 jähriges, schönes Bauernmädl sieht mich im Bad mit einer Erek- 
tion und erklärt, „der sei noch viel zu klein für sie". Hätte mich das Mäd- 
chen damals erhört, ich wäre vielleicht gerettet gewesen.*) 

In der Singstunde wurde enorm mutuell onaniert. Ein Junge, der einen 
sehr großen Penis hatte und lange onanieren konnte, ohne zu ejakulieren, war 
immer mein geheimer Neid. Ich hatte einen viel kleineren Penis und eine 
Phimose, so daß ich Schmerzen beim Onanieren hatte und sehr bald ejaku- 
lierte. 

Nach einem Ausflug erwartete ich den Freund wie eine 
Geliebte im Bette und dann onanierten wir in den großen 
Betten der Eltern. 

Immer nach dem Onanieren große Lebenslust, Singen, Vollbringen 
schwerster Arbeiten, Lernen der unangenehmsten und für das Gedächtnis un- 
möglichsten Dinge. 

Damals hatte ich eine Zeit von enormer Lügenhaftigkeit und Stehlsucht. 

Eines Tages wurde die Phantasie in ungeheuere Aufregung versetzt, als 
ich im Schreibtischkasten des Vaters ein kleines, obszönes Büchelchen und 
obszöne Gedichte in Handschrift fand, wobei ich mich herauszufinden bemühte, 
ob die Handschrift die des Vaters oder der Mutter war. 2) Nun kam der 
Kampf um die Schlüssel. Der Vater dürfte argwöhnisch geworden sein, gab 
die Dinge in andere Fächer, schließlich in den Bücherkasten, und immer wußte 
ich die Schlösser zu erbrechen und die Dinge zu finden. Längerer An- 
blick von Adam und Eva, dazu die Lektüre der obgenannten Dinge 
führte nach langanhaltenderErektion zu ganz kurzem Onanieren 
und Ejakulation. Noch Jahre lang konnte ich im Bette vor dem Ein- 
schlafen mir den Text jener Schriften so lebhaft vor Augen 
führen, daß es auf leichten Druck der Decke oder Einklem- 
mung des Penis zwischen die Oberschenkel zumOrgasmus kam. 

Damals fing ich an. Fliegen auf den Oberschenkeln, Penis, Glans laufen 
zu lassen (Venus mit der Fliege am Oberschenkel).^) 

Eines Nachmittags ging ich mit der Mutter zu den Großeltern, dort war 
es sehr heiß und ich bekam spontan eine Erektion. Der erigierte Penis drückte 
durch die Sommerhose durch. Die Mutter tritt zu mir, packt das Ding hart 
an und sagt: „Was hast du denn schon wieder in der Tasche?" Ich schäme 

*) Dergleichen hört man oft von den Kranken und es spricht vieles dafür, dafi 
die Kranken recht haben können. 

*) Natürlich war diese Literatur Eigentum dee Vaters. Auch einer von den 
, strengen*' Vätern, die ahnungslose Söhne haben wollen. 

^ Die mythologische Parallele stammt vom Patienten selbst. Daß die Fliege auf 
der Venus den Penis vorstellt, unterliegt wohl keinem Zweifel. Die Deutung auf den 
Patienten angewendet, deklariert seine Homosexualität und wohl auch die Bedeutung 
des krabbelnden Getiers als männlicher Genitalien, was als Beitrag zur Erklärung der 
Tierhalluzinationen im Delirium tremens notiert werden kann. 



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320 Mitteilungen. 

mich tief, sie sieht mich an, den wahren Sachverhalt wohl durch das Tast- 
gefühl hegreifend, spricht kein Wort, ist aher eigentümlich lastig. 

Jedenfalls flammte damals der fast zornige und mir gerecht erscheinende 
Wunsch auf: warum, wenn meine Mutter das weiß, läßt sie mich nicht bei 
sich schlafen ? Dann wäre ich erlöst. Sicher verbietet das der Vater. Und nun 
fing ich heimlich an, alle Verwandten zu lieben, die Tanten, selbst die Groß- 
mutter, das Dienstmädchen; alle, glaubte ich, müßten erkennen, daß sie mich 
erlösen können. 

Welche Aufgeregtheit mich im 14. und 15 Lebensjahre beherrschte, 
zeigt auch, daß ich in S. unseren weiblichen Rattlerhund zu koitieren ver- 
suchte. Viele Jahre später, als ich meinen Freund, einen Assistenten der 
Frauenklinik in J., besachte, versuchte ich, da der Freund nicht im Institut 
und der Raum leer war, ein präpariertes weibliches Becken zu koitieren, ließ 
es aber schließlich sein, da das Präparat zu hart war. 

In den letzten drei Jahren des Gymnasiums gelingt es zeitweilig, durch 
lebhaften körperlichen Sport und wissenschaftliche Betätigung die Onanie zu 
unterdrücken. An der Universität onaniere ich beiläufig nur noch einmal 
wöchentlich. Neben meinen juristischen Studien treibe ich mich auch auf der 
Medizin herum. Der Anblick der rasierten weiblichen Leiche bringt eine Ent- 
täuschung. Heute noch sind für mich Crines pubis und Achselhöhlenhaare, be- 
sonders wenn sie durch eine dünne Bluse hindurchschimmern, mächtig er- 
regend.^) 

Im 22. Lebensjahre gehe ich zum erstenmal zu einer Prostituierten. 
Es kam vor der Immission zur Ejakulation und die E. p. bin ich mit wenigen 
Ausnahmen seither nicht mehr los geworden. 

Im 30. Lebensjahre lerne ich meine Frau kennen. Die Onanie hört 
auf, wohl aber mehren sich in erschreckender Weise die Pollutionen. Ein 
Jahr später heirate ich. Die E. p. bleibt Regel, ein normaler Koitus 
wird jedoch beim zweitenmal durchführbar. Oft tritt in derselben 
Nacht oder in der nächsten eine Pollution ein. Die Erwartung des 
Koitus ist aber so erregt, daß ich eine Art Schüttelftost mit Zähne- 
klappern bekomme,^) in der Erwartung, bei meiner Frau sein zu dürfen. Dann 
kommt eine rasche Hitze und die Ejakulation ante oder intra portas. 

Der Krieg hat mich die sexuellen Abstinenzerscheinungen wenig fühlen 
lassen, da ich jede Woche zwei Pollutionen habe." 

Als seine hervorstechendsten Charaktereigenschaften bezeichnet der Pat. : 
»Ehrgeiz und Arbeitswiderstand, Neigung zu heftigen Wutausbrüchen mit 
beleidigenden Worten, Mangel an Schlagfertigkeit, enorme Empfindlichkeit 
gegen die geringsten persönlichen Kränkungen, im allgemeinen das Gefühl 
der Knabenhaftigkeit." 

Zu den nicht ganz durchsichtigen Bemerkungen des Manuskriptes über 
die Beziehungen zwischen Onanie, Pollution und Enuresis wird aus der 
mündlichen Analyse nachgetragen : Als der Patient zu onanieren anfing, hörte 
die Enuresis auf. Auf Onanieabstinenz stellte sie sich wieder ein. Ebenso 
traten Pollutionen für Enuresis und Onanie und umgekehrt ein. 

Ich füge noch einige charakteristische Pollutionsträume des Pat. hinzu. 

1. Ich schmiege mich an ein Weib. Wer sie ist, kann ich mich 
nicht erinnern. Ein Mann, der Vater, sieht zu. Endlich schiebt sich eine 

^) Auf die symbolische Bedeutung von Haar für Penis habe ich schon an anderer 
Stelle hingewiesen. 

*) Die Erwartung als vorläufige Libldohemmung schlägt wohl einfach in Angst um. 



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Dr. Viktor Taosk : Bemerkungen zu Abrahams Aufsatz „Über Ejaculatio praecox", 321 

große Decke über nns, und nun drücke ich mich energisch an das Weib.^) 
Pollution und Erwachen. 

2. Eine ganze Reihe von Träumen, die der Fat. aufgezeichnet hat, 
endet mit der Bemerkung: „Erwachen mit Erektion infolge Urindrang.** 

3. Ich träume, daß man nach links und rechts pollationieren kann and 
erwache mit Pollution.*) 

4. Unter den Traumaufzeichnungen des Pat. findet sich die Bemerkung : 
„Warum habe ich bei frischem Bettzeug so häufig Pollutionen?"^) 

Diese Krankengeschichte kann ich, wenn ich die mir bekannten Fälle 
von E. p. überblicke, als eine typische bezeichnen. Sie bestätigt gewiß in 
sehr ausgiebiger Weise Abrahams Aufstellung von der hervorragenden Be- 
teiligung der urethralen Erogenifät und der Harnexkretionslibido bei der 
Entstehung des Leidens, und sie gibt anch einige wesentliche, von Abraham 
vermerkte Charakterzüge dieser Kranken wieder. Zur Frage der urethralen 
Erogenität bei der E. p. will ich noch hinzufügen, daß die Krankheit 
sich manchmal an eine Tripperbehandlung anschließt. 

Wenn ich nicht etwa durch Zufall nur Krankengeschichten vom gleichen 
Typus in die Hand bekommen habe,*) — was schwer anzunehmen ist — 
dann wundere ich mich, daß Abraham der Onanie uud den Pollutionen, die 
einen so breiten Raum in meinen Krankengeschichten einnehmen, keine Auf- 
merksamkeit geschenkt hat. Ich habe nur einen einzigen Kranken kennen 
gelernt, der an E. p. litt und versicherte, nie onaniert za haben, „weil er 
beizeiten aufgeklärt worden sei". Dafür aber litt er an fast täglichen Pollu- 
tionen. Alle anderen meiner Patienten waren jahrelang starke Onanisten, und 
die meisten sind es bis ins vierte und fünfte Jahrzehnt ihres Lebens geblieben, 
und alle haben außerdem wenigstens eine, wenn nicht gar mehrere Perioden 
gehäufter Pollutionen durchgemacht. 

Während uns die erzählte Krankengeschichte Bescheid gibt über die 
große Rolle, die Onanie und Pollutionen in den Leidensgeschichten der an 
E. p. Erkrankten spielen, soll uns ein Stückchen Autobiographie über gewisse 
innere Zustände dieser Kranken aufklären. Ich entnehme die folgenden Zeilen 
der Handschrift eines 36 jährigen dramatischen Schriftstellers. Der Patient ist 
verheiratet, lebt jedoch mit seiner Frau, von der er ein Kind hat, in Un- 
frieden, — wie man in seinem Bekanntenkreise allgemein annimmt, — wegen 
der zahlreichen Liebschaften, die er neben seiner Ehe unterhält. In seiner 
Kunst ist er nicht ohne Erfolg geblieben, wenngleich er mit großen Arbeits- 
widerständen zu kämpfen hat und nur den kleinsten Teil seiner Pläne zu 
Papier bringen kann. Da er seine geistigen Vorräte also nicht aufarbeiten 
kann, wird es uns nicht wundern, daß er Im persönlichen Verkehr und mit 



*> Das Weib stellte sich als Mutter heraus. Unter einem „Deckmartel" steckt 
der Pat. mit der Mutter ^unter einer Decke" sobald der Vater nicht mehr zusehen 
kann. Reminiszenz an Onanie unter der Bettdecke mit Inzestphantasie. Zudem hat 
der Pat. lange Jahre im Bett der Mutter geschlafen, während der Vater im Elhebett 
daneben la^^. 

') Pat. erinnert sich an das Links- ujid Rechtsurinieren, das die Knaben als 
Sport getrieben haben. 

*) Die sexuelle Besudelungsabsicht, analog der Besudelung geliebter Personen 
und wohlgefälliger Gegenstände mit Urin, wie sie bei Kindern beobachtet wird, ist 
ersichtlich. 

*) Während der Korrektur dieses Aufsatzes kam mir das Buch von L. Löwen- 
feld „Sexualleben und Nervenleiden" (VerL J. F. Bergmann, Wiesbaden, 1906) zur 
Hand. Auf S. 351 d. w. findet sich eine als , Beobachtung 89" beschriebene Kranken- 
geschichte, ha der die von mir hier hervorgehobenen Momente deutlich hervortreten. 



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322 Mitteilungen. 

sich allein viel begabter und klüger ist, als in seinen Werken. Das Geheimnis 
seiner Arbeitshemmungen und seiner schlechten Ehe wird uns aus folgenden 
Zeilen seines Tagebuches klar werden: 

„ Wo ist die Frau, die ich umarme? Ich halte sie nackt an 

mich gepreßt und suche sie dennoch. Plötzlich bemerke ich, daß ich mit ge- 
schlossenen Augen daliege.^) Da kann ich sie ja nicht sehen! Ich öffne 
also die Augen. Wirklich, sie ist hübsch. Aber ist das alles, wenn man 
eine liebe Frau in den Armen hält, eine, die sich „aufgelöst, hingegeben 
hat", für mich gegeben hat? Ich denke: Es ist ein Mensch, ein menschliches 
Wesen, ein menschliches Weibchen, das neben mir liegt. Ich bin ein Mensch, 
ein menschliches Männchen, das eben erreicht hat, was ein menschliches 
Männchen erreichen kann, was sich alle menschlichen Männchen wünschen, in 
Liedern besingen, wofür sie schuften und stehlen und morden! Und alles das 
denke ich mir, wohlgemerkt, denke ich mir, muß ich mir denken, mir 
zurecht legen, mir erst zum Bewußtsein bringen! Ist das die Liebe? Ich 
muß mir die Liebe denken ! Welch namenloses Unglück ! Welch unmenschliches, 
dürres, leeres Unglück, das so wenig menschlich ist, daß es nicht einmal den 
Namen Unglück verdient." 

Eine spätere Seite des Tagebuches berichtet in ruhigerer Prosa: 

„Seit ich denke, bin ich sexuell iritiert. Ich bin kaum eine Minute 
des Tages ohne sexuelle Phantasie. Wenn ich zum Weibe 
komme, habe ich alles schon vorweggenommen. Ich setze nur 
den feuchten Schluß in ihrer Türe ab. Oft, zu oft, tue ich es 
auch allein, weil ich nicht warten kann. Die gierigen Phantasien 
machen den Kopf dumm und dumpf. Die Hoffnungslosigkeit, daß es das 
hnnderterstemal besser gelingen würde als die hundertmal bisher, schlägt das 
Ziel tot, auf das es sich zu warten lohnt. Sperma ist Gift im eigenen Leibe. 
Ich will es der Frau schenken, ich erobere sie, sie kommt. Bis dahin aber 
habe ich sie auf tausend Arten genossen, in den wildesten Vorstellungen. 
Wenn ich sie an mich drücke, möchte ich nichts mehr von allem tun, was 
ich vorher gedacht habe. 

Ihr Genitale ist mir immer fremd. Ich sehe es nicht gerne. In der 
Phantasie lecke und beiße ich es. In der Wirklichkeit ekelt es mich. Es 
riecht und ist häßlich." 

„ ich betrüge sie mit meinem Geiste. Mein Geist erobert 

sie, meine schönsten Phantasien locken durch jede Bewegung meines Körpers. 
Meine Liebe ist eine Kunst, aber meine Kunst ist die Liebe nicht. ,Welch 
ein Mann zu diesem Geist ! denkt sie.* Aber dieser Mann hat Geist, dieser 
Geist keinen Mann. 

Ich verspritze ja auch mein geistiges Sperma an allen Straßenecken. 
Warum merkt sie es nicht? Es hängt doch eines mit dem anderen zusammen. 
Die Frauen sind dumm. Die Klugen halten sich an Lakaien und Husaren."^ 

„ nur wenn ich lange tief und ernst geistig gearbeitet habe, 

ohne mich an meinen Phantasien zu begeilen, dann ist der Weg länger bis 
zum ,feuchten Schluß*. Geistig zurückhalten können, nicht vorzeitig hergeben, 
ernst und bewußt den Schlußstein auf das mühsam errichtete Gebäude setzen, 
das wirkt zurück auf den Körper und formt sich ihn. Aber daß ich so 



') „Ich liege mit geschlossenen Augen und denke an tausenderlei Dinge, ohne 
es sogleich zu merken, daß meine Gedanken ganz fem von der Frau sind, die neben 
mir liegt. Ich dichte oder denke an andre Frauen und alte oder bevorstehende 
Liebschaften." (Mündlicher Nachtrag.) 



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Dr. Viktor Tausk: Bemerkongen zu Abrahams Aufsatz „Ober Ejaculatio praecox". 323 

selten zu diesem geistigen Sieg kommen kann, daß ist der Körper 
schuld "* 

Als Tatsachenmaterial zur zweiten Krankengeschichte ist nachzutragen : 
Der Patient war schon in zweiten Lebensjahr „zimmerrein" und er hat der 
Erziehung zur Reinlichkeit keine besonderen Schwierigkeiten entgegengesetzt. 
Die Analyse konnte bei ihm nur zwei Fälle von Bettnässen nach dem zweiten 
Lebensjahre nachweisen. In seinem zwölften Lebensjahre nämlich hatte der 
Patient einmal nachts ins Bett genäßt, als er träumte, eine Ziege trinke aus 
einem Teller Milch. Die Traumanalyse machte es wahrscheinlich, daß die 
Ziege die Aufgabe gehabt habe, die Milch, welche Urin bedeutete, wegzu- 
schaffen, daß der Traum geträumt wurde, nachdem das Malheur schon ge- 
schehen war, und daß es nun durch die Ziege ungeschehen gemacht werden 
sollte. Immerhin konnte ein Pollutionsmotiv für diesen Traum nicht ausge- 
schlossen werden. Ein zweites Mal benäßte der Patient in einem früheren, 
jedoch nicht näher bestimmbaren Zeitpunkte seines Knabenalters das Bett, 
als er träumte, er sei am Abort und verrichte seine Notdurft. Dies war ein 
einfacher Bequemlichkeitstraum. 

Wichtig für den Fall jedoch ist, daß der Patient in seiner Ehe niemals 
an E. p. gelitten hat, sondern stets nur — und das auch nur beim ersten 
Koitus, der zweite gelang stets in normaler Weise — bei ehebrecherischen 
Exkursionen. Als Motiv der E. p. ergab die Analyse dieser Fälle Angst vor 
Infektion und Angst vor unehelicher Schwängerung. Und in jedem Falle war 
eine länger dauernde, oft sehr qualvolle, mit wüsten Phantasien erfüllte Er- 
wartung des Koitus vorangegangen. Aus dem allgemeinen Charakterbild ist 
das auffallend ambivalente Verhalten gegen den Mann als Rest der nicht 
überwundenen Homosexualität zu notieren. Auch die von Abraham bemerkte 
Neigung zu verbalen Aggressionen. Daneben aber eine zähe Energie und Aus- 
dauer in den schwierigsten Lebenslagen, wobei allerdings die Schlauheit oft 
die Stelle des überlegenen Urteils zu vertreten hatte. Der ursprünglich starke, 
selbstbewußte, in geistigen Zielen aufgearbeitete Narzißmus, zeigte nach eini- 
gen unbefriedigenden Liebeserlebnissen die melancholische Reaktion des Selbst- 
mißtrauens und der Selbstverachtung. 

Unter den masturbatorischen Praktiken fällt Onanie im After und Durch- 
stoßen von Papier mit dem erigierten Penis (Deflorationsphantasie) auf. Der 
Versuch der Onanieabstinenz im fünfzehnten Lebensjahre wurde mit einer 
quälenden, viele Monate andauernden Pollutionsperiode beantwortet. 

Aus diesen Krankengeschichten, denen ich noch andere mehr oder min- 
der ähnliche an die Seite stellen könnte, ergeben sich zwanglos einige wesent- 
liche Merkmale der E. p., die Abraham teils gar nicht gewürdigt, teils, 
meiner Meinung nach, im Krankheitsbilde nicht an die richtige Stelle gesetzt hat. 

Unbeschadet der begründeten, sehr wichtigen Beobachtung des Autors, 
daß die meisten der an E. p. leidenden Kranken eine an die Harnexkretion 
stark fixierte Libido zeigen, gibt es eine. ganze Anzahl von solchen Kranken, 
bei denen die Fixierung dieser Libido nicht in höherem Maße nackzuweisen 
ist, als bei vielen anderen Neurotikern, die nicht an E. p. leiden. 

Die E. p. zeigt vielerlei Motive, eigentlich alle Motive, die auch bei 
anderen . Impotenzformen nachzuweisen sind. Der Kastrationskomplex (Angst, 
den Penis zu verlieren, Angst vor Infektion) sowie die Angst vor dem stren- 
gen Vater (mit der Ödipuseinstellung oder mit dem Geschwisterinzest im 
Hintergrund oder als Angst, „ein Kind zu machen", was man vor dem Vater 
verantworten müßte) stehen stark im Vordergrund. Eine überragende Rolle 
jedoch spielt bei dieser Impotenzform die Homosexualität. Der Kranke lehnt 



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324 Mitteilangen. 

einfach die „männliche Aktivität" ab, weil er sich als Weib fühlt, weil er 
selbst den Mann, den Penis, nicht aber die Vagina sucht. DerNarzißmns 
mit allen seinen Äußerungen gibt in diesen Fällen nur den 
Boden ab, auf dem die Homosexualität erwächst. Die Identifi- 
kation mit der Mutter ist ein nie vermißter Mechanismus in der Geschieht« 
dieses Leidens. Daher die „ Passivität*'. Die Ambivalenz gegen den Mann, 
sehr oft auch real betätigte Homosexualität, Afteronanie, Empfindlichkeit der 
„dem anderen Geschlechte zugehörigen erogenen Zonen*', sind nur Symptome 
der Homosexualität. 

Alle diese Hemmungen der aktiven männlichen Sexualität fuhren zu der 
Formel: Der Kranke will nicht und kann deshalb nicht normal koitieren. Von 
der Homosexualität abgesehen, durch die das ganze Weib als solches abge- 
lehnt wird, zeigen die anderen Fälle, daß die Ablehnung nicht gegen das 
Weib, sondern nur gegen den normalen Koitus gerichtet ist, wie auch Abra- 
ham bemerkt hat. Und diese Ablehnung kann durch jede Perversion ver- 
schuldet werden. Ich hatte einen Patienten, der beim Cunnilinguus keine E. p. 
hatte, sie jedoch sofort bekam, wenn er den Cunnilinguus vor der Ejakulation 
mit einem Koitus abschließen wollte. 

Zu den auffallendsten Stücken in den Krankengeschichten der E. p. 
gehören aber langdauernde, beinahe niemals aufgegebene, zu 
Zeiten exzessive Onanie und gehäufte Pollutionen, die, wie 
Freud bemerkt hat, als Onanieäquivalente anzusehen sind. Auch der 
unwillkürliche Samenabfluß beim Stuhlabsetzen, manchmal auch nach dem 
Urinieren, kommt bei diesen Kranken oft vor. Bei der Betrachtung dieser Er- 
scheinungen ergibt sich ein neues Moment zum Verständnis der E. p., bei 
dessen Erörterung Abrahams Aufstellung von der fixierten Urethral- und 
Harnexkretionslibido einen bestimmten, durch keine andere These ersetzbaren 
Platz einnimmt. 

Das Bekenntnis, unausgesetzt mit Sexual phantasien beschäftigt zu sein, 
das wir in der zweiten Autobiographie gefanden haben, können wir von jedem 
an E. p. leidenden Kranken ohne weiteres bekommen. Diese Phantasien sind 
meist ganz bewußte, von sehr mannigfaltigem Inhalt, vorwiegend jedoch mit 
der Vorstellung eines weiblichen Objektes verbunden. Sie sind auch ganz 
leicht als Einleitung zum normalen Koitusversuch nachzuweisen, da aber oft 
auch nur als unbewußte Phantasien. Ins Bewußtsein tritt dann gewöhnlich die 
Erwartungsangst vor dem Koitus, als Reaktion auf die zu Gunsten der real 
erwarteten Befriedigung zurückgedrängte Befriedigungsphantasie. Die E. p. 
stellt sich so zunächst als Abschluß einer Sexualphantasie 
dar, die Berührung des weiblichen Genitales ist nur ein Äquivalent der Schluß- 
intensität der onanistischen Phantasie, und zwar ein sehr taugliches Äquivalent, 
welches als greifbare Realität die mühevoll hervorgezauberte, selten ganz 
kritiklos und ungestört geschaffene Realität der Phantasie an Wirksamkeit 
weit übertrifft und daher die sofortige Ejakulation sehr leicht bewirken kann. 
Sie ist zugleich eine Abfuhr der Angst, ein Angstäquivalent, und ihre 
Beziehung zu der auch in der A b r a h a m sehen Arbeit vermerkten Angst, die 
der überstürzten Samenentleerung oft vorausgeht, wird dadurch deutlich. (Diese 
Auffassung stimmt auch mit der Freud sehen Angstäquivalenz jedweder Sym- 
ptorabildung überein.) 

Aus diesem Gesichtspunkt ist es zu verstehen, daß die E. p. gewöhn- 
lich nur beim ersten, nicht auch beim zweiten Koitus eintritt. Den Anreiz 
und die Vorlust zum zweiten Koitus schöpft der Patient gewöhnlich schon 
ganz aus dem Objekt, er hat es nicht mehr nötig, eine einleitende Phantasie 



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Dr. Viktor Tausk : Bemerkungen zu Abrahams Aufsatz „Über Ejaculatio praecox*'. 325 

za bilden, er bewirkt die ganze Ladung, die zur Explosion in der Endlust 
kommen soll, am Objekt und mit dem Objekt. Die Immissio und die Bewe- 
gung des Penis ist nicht in der Phantasie vorweggenommen, die Ejakulation 
tritt nicht an dem durch die Berührung der Genitalien bewirkten Schluß der 
Phantasie, sondern am Schluß eines real durch die entsprechenden Bewegungen 
ausgeführten Geschlechtsaktes ein. 

Für die Bedeutung der onanistischen Phantasie, „des Vorwegnehmens*', 
bei der Erklärung der E. p. sprechen die Praktiken, mit denen diese Kran- 
ken der E. p. vorzubeugen suchen. Diese Praktiken sind Versuche, die Phan- 
tasie mit dem Bewußtsein der Realität zu vertauschen, sich der Tatsache be- 
wußt zu werden, daß ja nunmehr ein reales Objekt da ist, ein Frauenleib, in 
den man eindringen kann und eindringt, der alles, was zum Genuß gehört, 
von Anfang bis zu Ende darbietet; daß es nicht nötig ist, etwas dazu zu 
phantasieren, weil alles fühlbar, greifbar, in Wirklichkeit erreichbar ist. Nur 
wenn die Ablehnung des Weibes oder des normalen Geschlechtsaktes (infolge 
Perversion, Angst etc.) so stark ist, daß das reale Weib überhaupt keinen 
Reiz zu geben vermag, endet auch der zweite Koitus mit einer E. p., da er 
sich bis zur Ejakulation in der Phantasie abwickelt. 

Die Einschaltung des Bewußtseinsversuches sich der Realität zu be- 
mächtigen, verzögert den Eintritt der Ejakulation und führt sogar oft zum 
Gegenteil, zur ejaculatio tardiva, oder sogar zur impotentia ejaculandi, womit 
der Beweis erbracht ist, daß der Kranke eben auf die Phantasie angewiesen 
ist, weil er an sie gewöhnt ist oder weil sie ihm Momente liefert, die das 
Objekt nicht zu liefern vermag. Daß die E. p. als Abschluß einer onanistischen 
Vorphantasie eintritt, ersieht man gut aus der Stelle der ersten Autobiographie, 
adaß schon eine einfache Berührung des Penis mit der Decke oder ein 
Schenkeldruck nach längerer Phantasietätigkeit die Ejakulation herbeiführt". 
Die Phantasie bat eben die Reizladung bis zur Schlußintensität bewirkt, jede 
körperliche Berührung kann diese Ladung zur Explosion bringen. 

Demgegenüber sind auch mir Fälle bekannt, in denen bei Masturbation 
oder Fellatio durch das Weib keine E. p. auftritt. Es handelt sich dabei um 
solche Kranke, die gegen derartige sexuelle Praktiken eine starke Hemmung 
haben, weil sie vorwiegend auf den normalen Koitus eingestellt sind, auch in 
der Phantasie, und denen Masturbation und Fellatio durch das Weib als un- 
würdige und unerwünschte Verschwendung des Spermas vorkommt. Die meisten 
von diesen Patienten haben bei solchen nicht normalen Versuchen sogar eine 
abnorm verzögerte oder aber gar keine Ejakulation. Sie halten das Sperma 
zurück, sie warten lieber auf den normalen Geschlechtsakt. Sobald sie ihn 
aber versuchen, tritt die E. p. ein. Es zeigt sich, daß sie trotz allen be- 
wußten Absichten nicht warten können. 

Wir entdecken hier ein Moment, auf das Freud bei der Erörterung 
der Onanie wiederholt aufmerksam gemacht hat. Die Kranken können 
nicht warten. Die Onanie ist eine jener bösen Taten, die fortzeugend 
Böses gebiert. Der Knabe begann zu masturbieren, weil er bis zur weit hinaus- 
gerückten Erlaubnis, sich an einem Objekt zu befriedigen, nicht warten konnte. 
Die Onanie verwöhnt ihn dann, nimmt ihm den Rest der Kraft zur Zurück- 
haltung. Der bekannte permanente Zustand der geschlechtlichen Überreizung 
durch Onanie tritt ein. Jede Annäherung an ein Weib entfesselt den Wunsch 
nach unverzüglicher Befriedigung. Eine wirkliche Berührung des Objektes, der 
reale Versuch zur Erreichung des sexualen Zieles, stellt sich als Schlußpunkt 
einer in der Phantasie abgewickelten Sexualaktion ein. Der Zustand verdient 
den wohlbekannten Namen der „reizbaren Schwäche*'. 

ZeltBchr. f. arztl. Piychoanalyae, IV/6. 22 



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326 Mitteilungen. 

Ohne Frage gehen gabei anch organische Schädigungen am Hemmongs- 
apparat des Ejakolationstraktes einher, wie die vollkommen genußlose, oft 
ganz unbemerkte Samenentleerung beim Stuhlgang beweist. 

Wenn ein spezifischer Vergleich zwischen E. p. und weiblicher Frigidität 
zu führen ist, dann findet sich das tertium coroparationis am ehesten in der 
Onanie. Denn es ist bekannt, daß Frauen, die die Klitorisonanie lange geübt 
haben, am introitus vaginae unempfindlich bleiben, während sie sonst eine 
ganz typische „reizbare Schwäche" gegen andere sexuelle Unterneh- 
mungen zeigen. 

Ein Hauptsymptom des „Nichtwartenkönnens", der Erwartungsschwäche, 
sind ja die Pollutionen, vor allem die gehäuften, an denen alle diese Kranken 
leiden. Sie vertragen, durch die Onanie verwöhnt, auch sehr geringe Sexual- 
reize nicht mehr, ohne sogleich mit der Entladung des Spermas zu reagieren. 
Und beim Pollutionstraum findet sich überdies eine Erklärung für Abrahams 
Beobachtung, daß die E. p. nur beim Versuch des normalen Koitus, nicht 
auch bei masturbatorischer Betätigung eintritt. Es gibt einen im übrigen sehr 
gut bekannten, nur von dem hier betonten Standpunkt aus noch nicht be- 
schriebenen Typus des Pollutionstraumes, der den Charakter der »Flucht 
vor der Pollution"^) hat. Der Traum beginnt etwa mit homosexuellen 
Traumbildern, produziert dann verschiedene Traummechanismen, die sich deut- 
lich als Fluchtversuche vor einer Sexualaktion erkennen lassen (Fahren ohne 
Ende, Türen suchen, sukzessiver Symbolwechsel, dabei häufig des Gefühl der 
Verwunderung) und endet schließlich mit Pollution bei einem Traumbild, 
welches einen Geschlechtsakt am Objekt, normaler oder perverser Natur, oder 
einen onanistischen Akt darstellt. Die Analyse zeigt, daß das die Pollution 
auslösende Traumbild dasjenige war, welches dem stärksten Sexualziel des 
Träumers entspricht; daß der ganze Traum nur die Absicht verfolgte, das 
Auftauchen dieses unbedingt wirksamen Sexualzieles und damit die Pollution 
zu verhindern und daß die Pollution mit dem Auftauchen dieses vor allen 
anderen erwünschten Sexualzieles unhemmbar eintritt. Der entscheidenden, 
adäquaten Zielvorstellung gegenüber hat der Träumer keine Kraft der Zu- 
rückhaltung mehr. Sobald dieses Ziel auftaucht, kann er nicht mehr warten. 

Die E. p. als Abschluß der eigentlich in Permanenz erklärten Onanie- 
phantasie dieser Kranken stellt ein volles Analogen zu diesem Pollutions- 
traum dar. 

V\rir können deutlich zwei entgegengesetzte Elemente in der Mechanik 
der £. p. unterscheiden : 

1. Der Kranke lehnt das weibliche Genitale ab, aus Homosexualität, 
Perversion oder Angst. 

2. Der Kranke wünscht das weibliche Genitale. 

Die vorzeitige Ejakulationsmechanik wird durch die vorhergegangene 
Phantasie in Bewegung gesetzt. Mit Rücksicht auf die im Grunde positive 
Einstellung zum normalen Koitus beim Vorwiegen des zweiten Momentes kann 
man von „Erwartungsschwäche" sprechen. Die E. p. ist als Pollutions- 
äquivalent anzusehen und in die gleiche Beziehung zur 
Onanie zu bringen wie die Pollution. Sofern dieEnuresis ein 
Onanieäquivalent ist, ist es die Pollution und die E. p. auch. 

Die Abraham sehe Aufstellung trifft nur diesen einen Typus. Für die 
Beschreibung dieses Krankheitsbildes hat die Psychoanalyse allen Grund, dem 



^) Vgl. auch meinen Aufsatz „Zar Psychologie des alkoholischen Besch&ftigungs- 
delirs«*. (Int. Ztschr. f. ärztL Psychoanalyse, m. Jahrg., Heft 4, 1915.) 



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Dr. S. Ferenczi: Pecnnia — ölet. 327 

Autor dankbar zu sein. Es handelt sich dabei um Kranke, die entweder über- 
haupt nicht aus der Enuresis herausgekommen sind, oder, und diese Fälle 
sind bei mir in der Mehrzahl vertreten, durch die Onanie zur Libido auf die 
Hamexkretion regredieren. Diese Kranken sind stark homosexuell und zeigen 
die von Abraham angegebenen Symptome, die vom narzißtisch-homosexuellen 
Komplex abzuleiten sind. Meine Erfahrungen gestatten mir nicht, die Harn- 
exkretion^libido als die ausschließliche Ursache der E. p. anzunehmen. 

Ich will zum Schluß noch bemerken, daß die E. p. bedeutend abnimmt 
oder ganz aufhört, wenn die Kranken die bewußten und unbewußten Onanie- 
phantasien aufgeben, woraus ich folgere, daß die E. p. ohne Würdigung der 
Onanie und der Pollutionen als verursachender Momente nicht ganz erklärt 
werden kann und daß sie als eine der sicheren von den viel um- 
strittenen schädlichen Folgen der Onanie anzusehen ist. 



Pecnnia — ölet. 
Von Dr. S. Ferenczi (Budapest). 

I. 

Ein junger Kaufmann war längere Zeit hindurch wegen seiner Zwangs- 
ond Angstzustände bei mir in Behandlung, die ich aber nicht ganz zu Ende 
führen konnte, weil die eingetretene Besserung, wie so oft, vom Widerstände 
als Motiv zum Abbrechen der Kur benützt wurde. Den aktuellen Anlaß zu 
seiner Erkrankung gab, wie es die Analyse bald aufdeckte, das Verhältnis 
zu seiner Frau. Ich mußte dem Patienten auf Grund sehr deutlicher An- 
zeichen klarlegen, daß er am Konflikt zwischen der Geldliebe (Analerotik) 
und der übrigen Sexualität scheiterte. Er heiratete eine mehr als wohlhabende 
Frau, in die er nicht verliebt war, während sein übw. von interesseloser 
Hingebung träumte; u. a. dachte er oft auch bewußt an ein ganz mittelloses, 
aber liebreizendes Weib, an dessen Seite er vielleicht das Glück, nach dem 
er sich sehnte, gefunden hätte. Ich mußte allerdings dem Patienten nahelegen, 
daß auch dieses Glück kein ungetrübtes gewesen wäre, da ja dabei seine 
nicht minder starke andere Leidenschaft, die Geldliebe, leer ausgegangen wäre. 

Bei einem unserer Gespräche brachte nun der Patient die meiner Ansicht 
nach entscheidende Bestätigung der vorausgegangenen Deutungen. Er erinnerte 
sich, daß er kurz nach seiner Verlobung, beim intimen Beisammensein mit 
der Braut, plötzlich von einem unangenehmen Geruch aus ihrem Munde er- 
schreckt wurde. Er entfernte sich unvermittelt, eilte zu einem Vertrauten 
und wollte die Verlobung sofort rückgängig machen. Man beruhigte ihn, und 
da der üble Geruch sich nicht mehr zeigte, ließ er von seinem Vorhaben ab, 
— die Heirat ging von statten. 

Diese Erinnerung mußte ich wie folgt erklären : Ein an sich offenbar 
unbedeutender Geruch aus dem Munde der Braut verknüpfte sich assoziativ 
mit der ursprünglichen Analerotik des Patienten, aus der die Geldliebe hervor- 
ging; er war nabe daran sich einzugestehen, daß er des Geldes wegen zu 
heiraten im Begriffe steht; vor dieser Möglichkeit wollte er mit derselben 
Angst die Flucht ergreifen, wie vor den eigenen schlecht verdrängten anal- 
erotischen Triebregungen. Es lag hier also ein Fall von Charakterregres- 

22« 



r^no'^'-^ Original from 

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328 Mitteilungen. 

sion vor, der Rückfall eines Charakterzuges (Geldliebe) auf seine erotische 
Vorstufe.^) Der ubw. Phantasie gelang es dann für einen Augenblick den 
Mund der Braut zur Analöffnung zu machen. 

Wer nicht viel Erfahrung in der Psychoanalyse hat, wird diese Erklärung 
außerordentlich gezwungen und gewiß sehr antipathisch finden. Er wird — 
wie ich es so häufig höre — fragen: „Warum muß denn hier wieder die 
sogenannte , Analerotik* eine Rolle spielen? Läßt sich der Fall nicht einfach 
aus der ganz verständlichen Aversion jedes Kulturmenschen gegen einen 
schlechten Geruch, der ja im gegebenen Fall vorhanden gewesen ist, ohne 
Zuhilfenahme der ,Charakterregression* einfacher erklären?" 

Anstatt mich auf diese Fragen einzulassen, will ich kurz einen zweiten 
Fall mitteilen. 

IL 

Einer Frau, die in ihren Mann leidenschaftlich verliebt zu sein wähnt, 
halte ich vor, daß bei ihr verschiedene Symptome darauf hindeuten, 
daß sie ihren Mann eigentlich aus Interesse geheiratet hat, und, da sie so- 
was mit ihrem Charakter für unvereinbar hält, ihre Leidenschaft zum Manne 
übertreibt. Nach längerem Widerstände mußte sie nun sich und mir ein- 
gestehen, daß sie zur Zeit der Verlobung eigentlich einen anderen jungen 
Mann ihrem späteren Manne vorgezogen hat, weiters, daß sie und ihre 
Familie sich damals in großer materieller Not befanden, schließlich, daß ihr 
Mann damals für einen reichen Erben galt. 

Ich wies, wie im obigen Falle, auf die Analerotik hin, worauf die 
Patientin sofort mit folgender Erinnerung reagierte : 

„Als ich den jungen Mann, in den ich früher verliebt war, nach meiner 
Verlobung zum erstenmal sah, ereignete sich folgendes: Er begrüßte mich 
und küßte mir die Hand; in diesem Augenblicke durchzuckte mich der Gedanke, 
daß ich kurz vorher am Klosett war und noch keine Gelegenheit hatte, mir 
die Hände zu waschen. Am Ende riecht er an meinen Fingern Kotgeruch! 
Meine Angst wurde so stark, daß ich sofort die Finger an die Nase führen 
und auf Geruch untersuchen mußte, wobei es mir vorkam, als ob eine anwesende 
Freundin ironisch lächelte." 

Natürlich deutete ich diesen Erinnerungseinfall als Bestätigung meiner 
schon erwähnten Annahmen und fügte hinzu, daß sie sich eigentlich davor 
ängstigte, der junge Mann könnte an ihr „riechen", daß sie aus Interesse 
heiratet. Hinter der Szene mußte ich übrigens die Wiederholung infantiler 
Kotspiele vermuten. Die Patientin erinnerte sich dunkel, solche Spiele mit 
ihrem Bruder im Klosett aufgeführt zu haben. 

Ich muß es dem Leser überlassen, die große Übereinstimmung zwischen 
den mitgeteilten beiden Fällen für Zufälligkeit zu erklären, oder ihr einen 
Sinn zuzugestehen, eventuell den Sinn, den ihr die Psychoanalyse zuschreibt. 
Betonen muß ich aber bei dieser Gelegenheit, daß die Psychoanalyse ihre 
Thesen niemals auf Spekulation, sondern immer auf die Häufung solcher 
Übereinstimmungen, also auf Tatsachen gründet. Die Beantwortung der Frage, 
woher diese Übereinstimmungen herstammen, ist eine andere Aufgabe; die 
Analyse wird die Antwort darauf gewiß nicht schuldig bleiben. Sie kann sich 
aber nicht dazu drängen lassen, Erklärungen zu geben, solange sie nur noch 



^) Vgl. „Passagfere SymptombUdungen während der Analyse.^ nl>^<^hgebilde von 
erotischen und Charakterzügen.** (Vom Verfasser in früheren J^irgängen dieser 
Zeitschrift mitgeteüt.) 



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Th. Beik: Vom Seelenleben eines zwe^&hrigen Knaben. 329 

über Tatsachen verfügt. Es ist jedenfalls ungerechtfertigt, die Nachprüfung 
von Tatsachen aus logischen Gründen abzulehnen. 

Das lateinische Sprichwort, das ich in veränderter Fassung zum Titel 
dieser Mitteilung wählte, erscheint nach den obigen Auseinandersetzungen in 
neuem Lichte. Der Satz: das Geld stinkt nicht, ist ein Euphemismus mittels 
Umkehrung. Im Ubw. heißt es sicherlich : P e c u n i a o 1 e t, d. h. : Geld = Kot. 



3. 

Vom Seelenleben eines zweijährigen Knaben. 
Von Th. Reik. 

I. Die Allmacht des Vaters. 

Dem jetzt zweijährigen Artur versprach sein Vater, mit ihm zusammen 
in einen Park nahe beim Bahnhof zu gehen. Beim Anblick des ersten ab- 
gehenden Zuges ahmte der Knabe fröhlich die Geräusche der Lokomotive 
nach, lachte und klatschte in die Hände. Als der Zug außer Sehweite war, 
rief er lebhaft: „Bitte, Papa, noch ein Schnellzug." 

IL Infantile Sexualforschung. 

Alles, WAS mit Urin und Fäzes in Verbindung gebracht werden kann, 
würdigt Artur großer Beachtung. Er verfolgt aufmerksam mit seinen Blicken 
das Strahlen der Pferde und ist schwer von seinem Platze wegzubringen, 
solange er Pferde bei diesem Vorgang beobachten kann. Als der Vater ihm 
Brennessel zeigte und ihn vor ihrer Berührung warnte, sagte er: „Brennessel 
auch Wiwimachen muß" — als würden sie erst mit dieser Betätigung in den 
Kreis der ihm vertrauten Objekte gezogen werden. Er versucht bei den 
Frauen seiner Umgebung, wenn sie im Neglig6 sind, plötzlich das Hemd auf- 
zuheben, und ist ganz böse, wenn man ihm das verweist. Als er einmal dafür 
bestraft wird, ruft er weinend: „Gambi suchen muß." („Gambi" ist sein 
Ausdruck für Penis, das Subjekt, das fehlt, ist natürlich er selbst.) 

HL Unverhüllte Kastrationsabsichten. 

Der Kleine betrachtete, als er zufällig in das Bett des Vaters geklettert 
war, dessen Penis mit großer Verwunderung. Zuerst blieb er wortlos, dann 
lachte er hell und rief: „Gambi!" Langsam und zögernd berührte er das 
Glied mit einem Finger, den er sofort wieder zurückzog. Er wiederholte 
einigemal dieses Spiel und sagte schließlich, leise und fast verlegen: „ Angst. "^) 
Der Vater blieb ruhig liegen, das Kind sah immer wieder auf den Penis und 
rief schließlich lebhaft: „A Messer!" Neugierig, was das Kind jetzt beginnen 
werde, gab ihm der Vater ein stumpfes Messer und nun fuhr der Knabe mit 
der Klinge an dem Penis des Vaters hin und her. „Was machst du da 
Bubi?" fragte der Vater. Die entschiedene Antwort lautete: „Gambi tot- 
stechen muß." 



^) Diese mit Sehen gepaarte Sucht, ein Objekt zu berühren, zeigt das Kind nur 
bei Fellen, Hunden und allen Tieren, die stark behaart sind. Wie alle anderen Kinder 
dieses Alters nimmt er sonst alle Gegenstände resolut in die Hand. 



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330 Mitteilmigeii. 

Der Beginn eines Verfolgungswahnes. 

Als eine Illustration der Frendschen Anffassung der Paranoia dürfte 
folgender Krankheitsfall angesehen werden, bei dem der Ausbruch einer per- 
sekutorischen Halluzinose sozusagen im statu nascendi beobachtet werden konnte. 
Der Vater des Patienten schildert in tiberschwenglicher Weise die 
Zärtlichkeit und Anhänglichkeit desselben, speziell ihm (dem Vater) gegenüber. 
Der Patient zeigt in der letzten Zeit ein verändertes Wesen, ist unruhig, kann 
es nirgend länger aushalten, ging einigemal durch, war einigemal so unbot- 
mäßig, daß der Vater ihn züchtigen mußte. Aus den Schilderungen des Vaters 
ging hervor, daß er an dem Patienten (dem ältesten von drei Kindern) mit ganz 
außergewöhnlicher Liebe hing, daß er ihn früher im höchsten Maße verzärtelte. 
Die Anhänglichkeit und die Zärtlichkeit dieses Sohnes sind dem Vater der 
einzige Trost und die einzige Hoffnung seines Lebens. 

Der Patient — ein großer, schlanker und hübscher 16^2 jähriger Jüng- 
ling von einnehmendem Äußern — fällt durch sein fortwährendes überlegenes 
Lächeln auf. Er ist ziemlich redselig : er besitze einige seltene Gaben : 
1. könne er jedem Menschen die Gedanken vom Gesichte ablesen, er sei 
Gedankenleser; 2. könne er jeden Menschen erheitern.. .. Deswegen allein 
sei er schon wert, gesund zu werden. Er sei zwar nicht krank, aber etwas 
nervös. Er weiß alles, kann das Richtige vom Unrichtigen unterscheiden . . . 
„Puncto geschlechtliche Sachen" sei er sehr klug .... Vor ^2 J^i^re ver- 
kehrte er mit einem Mädchen, das habe ihn sehr angestrengt, auch andere 
Mädchen waren in ihn verliebt .... Er hat auch sehr hübsche Cousinen, 
aber mit denen kann man doch nicht geschlechtlich verkehren .... Er sei 
sehr klug, viel klüger als sein jüngerer Bruder .... Jetzt sei er sehr müde, 
möchte nur Ruhe haben und gutes Essen .... 

In den nächsten Tagen erzählte der Patient, daß er schon seit zwei 
Jahren nervös sei, seitdem der Vater ihn — vor zwei Jahren eben — ge- 
schlagen habe. „Ich war vorher schlecht, habe Schlechtes mit meiner Schwester 
gemacht." Sie war damals 13 Jahre alt. Wir haben zusammen Dumm- 
heiten gemacht, wie es die Kinder machen ... ich erinnere mich nicht, was .... 
Er hat mich mit dem Stock geschlagen .... Das war gat und gesund, ich 
habe mich gebessert ... ich war nicht verrückt danach . . . damals war ich 
sehr aufgeregt, schlug um mich, ging gegen meinen Vater los. Ich habe so 
geschrien .... Patient betont öfters, der Vater sei der reichste und der 
mächtigste Mensch in ganz Ungarn, viel mächtiger als Tisza. 

Patient bekam gleich nach der Aufnahme eine ältere Pflegerin, er emp- 
fing sie mit Umarmungen und Küssen: „Sie werden mein Mütterchen sein, 
nicht wahr?!" Bald fing er an, die Pflegerin sexuell zu belästigen, biß sie 
in die Nase und ins Gesicht, zwickte sie in die Brüste, griff ihr verschiedene 
Körperteile ab, griff ihr unter die Röcke. Und als die Pflegerin ihm sein 
Benehmen tadelnd verwies, sagte er : „Mit der Mutter darf man alles machen." 
An einem der nächsten Tage wurde der Patient vom Professor X. besucht, 
der ihn schon einigemal gesehen hatte und dessen Aufsicht die Behandlung 
vom Vater anvertraut worden war. Der Vater hatte vor seiner Abreise dem 
Sohne mehrmals eingeschärft, dem Professor X. müsse er ganz besonders folgen, 
Professor X. wird ihn bestimmt gesund machen. Professor X. stellt den Pa- 
tienten wegen der Behelligungen der Pflegerin zur Rede und sagt: Ich habe 
plein pouvoir von Ihrem Vater, wenn Sie nicht aufhören, kommen Sie sofort 
ins Irrenhaus. 



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Dr. M. E. : Der Beginn eines Verfolgungswahnes. 33 1 

Diese Drohung nimmt der Patient anscheinend mit Ruhe entgegen, 
läßt die Pflegerin ganz in Rühe. Nur fällt der Pflegerin jetzt auf, daß der 
Patient manchmal in seinem Zimmer mit Spannung horcht. Am zweitnächsten 
Tag darauf fragt der Patient den behandelnden Arzt, ob er hier, in seinem 
Zimmer, nichts höre. Im Zimmer nebenan wohne ein alter grauer Herr, der 
aach seinem Leben trachte. Patient bittet den Arzt flehentlich, sich seiner 
nnzunehmen. Es geschehe ein Unglück. Im Laufe der nächsten Tage Steige- 
rung der Halluzinationen. „Wenn man ihn nicht rettet, wird die Welt zu 
Grunde gehen, wird ein zweiter, viel furchtbarerer Weltkrieg entstehen. ** 
Patient schaut fortwährend unter sein Bett. Unterm Bett in der Mauer sei 
ein Loch, durch welches jemand die Hand ausstrecke, um nach ihm zu greifen. 
Von da ab fortwährende Halluzinose von paranoidem Typus. Bald verwebt 
er auch den behandelnden Arzt in seinen Wahn, „der Doktor liegt in meinem 
Bett", „der Doktor ist verrückt". 



Wie aus der hier skizzierten Krankengeschichte hervorgeht, brach die perse- 
kutorische Halluzinose bei unserem paraphrenischen Patienten unmittelbar an- 
schließend an das machtvolle (plein pouvoir vom Vater) abschreckende 
Verbot der heterosexuellen Betätigung aus, welche letztere die deutliche Regression 
auf Inzestwünsche aufweist. Durch dieses Verbot erfährt die bei dem Patienten 
schon von Haus aus vorhandene überstarke Libidofixierung an den narzißtischen 
Typus der Objektwahl eine weitere Steigerung. Die persekutorische Hallu- 
zinose wäre als Abwehr des Ich auf diese übermäßige Steigerung zu verstehen. 
Das hohe Spannungsmaß der Ambivalenz in der Einstellung zum Vater dürfte 
in diesem Fall als begünstigendes Moment von außerordentlicher Tragweite 
angenommen werden. 

Dr. M. K. 



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Kritiken und Referate. 

Prof. Dr. C. Winkler, Het Stelsel van Prof. Sigmund Freud. 

Im Spätjahr von 1915 nnd im Laufe von 1916 wurden von Van 
Ophuijsen und Van Emden in Versammlungen der medizinischen Verei- 
nigungen im Haag je zwei Vorträge gehalten über „Psychoanalyse als The- 
rapie", „Psychoanalytische Bemerkungen über die sogenannte Frigidität", über 
„Infantile Sexualität und Neurose" und über „Die Traumdeutung in der 
Psychoanalyse^. Lebhafte Diskussionen fanden statt und große Widerstände 
wurden entfesselt, mit der Folge, daß Prof. Wink 1er aus Utrecht als be- 
kannter Gegner der Psychoanalyse eingeladen wurde, um in Februar dieses Jahres 
(1917) einen Vortrag „Contra" abzuhalten. Eine ungewöhnlich große Ver- 
sammlung, welche sich auf eine Zerfleischung der Psychoanalyse freute, war 
zugegen in nicht gerade wissenschaftlicher und würdiger Stimmung und, wie 
begreiflich, gelang es in der Diskussion den leider nicht mit Talent zur De- 
batte beschenkten anwesenden Psychoanalytikern nicht, die oft unkenntliche, 
sogar karikierte Darstellung der Psychoanalyse zu korrigieren. 

Der Vortrag „Über die Freud sehe Psychoanalyse" wurde nachher 
unter dem Titel: „Het Stelsel (Das System!) van Prof. Sigmund Freud" 
veröffentlicht. Winkler spricht nur ungern über diese unreife Frucht 
der Wissenschaft. Er glaubt, daß im Freudismus in einem Berge von Sand 
ein Körnchen Wahrheit versteckt enthalten ist, und schätzt das System (wieder- 
holt spricht er vom Ausbauen des Systems) als eine stark aufgeblähte, in der 
Sonne glänzende Seifenblase ein, von welcher nicht viel mehr wie ein Wasser- 
tropfen übrig bleiben wird. Zu gleicher Zeit hat er großen Respekt für den 
Scharfsinn des Mannes, der es zusammengesetzt hat. Freud hat seine 
völlige Sympathie für die felsenfeste Überzeugung, daß die nächste Triebfeder 
für unsere Handlungen nicht in unserem bewußten Geistesleben, sondern in 
der uns nicht bewußten Wirksamkeit des Nervensystems zu suchen sei. 

In der knapp zugemessenen Zeit muß W. sich darauf beschränken, aus 
der großen Verschiedenheit der Freudscheu Arbeiten einiges Zusammen- 
hängende, welches das Ganze verständlich machen kann, herauszugreifen. Er 
will nur über das Freudsche System sprechen und nicht über die Zürcher 
Schule, welche, um einige aparte Fehler des Freudschen Systems zu um- 
gehen, andere ebenso bedenkliche Fehlerquellen einführt. 

Er entschuldigt sich denjenigen, welche nicht täglich mit der Freud- 
schen Nomenklatur zu schaffen haben, gegenüber, daß er gewisser drastischer 
Ausdrücke sich nicht ganz enthalten könne : „Auch ich werde sprechen müssen 
vom Kinde, das zunächst autoerotisch, später, nachdem es polymorph-pervers 
geworden, in der Pubertät sadistisch, exhibitionistisch und masochistisch sym- 
bolisierende Träume träumt. Möge schon dem Laien davor schauem und möge 



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Kritiken und Referate. 333 

der nüchterne Arzt mit den Achseln zucken, es ist nicht so schlimm gemeint, 
wie es klingt, obschon es Ihnen bei meinen weiteren Ausführungen einleuchten 
wird, daß die Kritik davon nicht so einfach ist, wie es beim ersten An- 
blick den Anschein hat." 

In der ersten von Freud mit Breuer zusammen „Über den psy- 
chischen Mechanismus hysterischer Phänomene" veröffentlichten Arbeit er- 
blickt W. die Kombination der Konzeptionen Charcots mit denen der 
jüngeren deutschen Assoziationspsychologen, die Arbeit von einem, der die 
Apperzeption als Triebkraft der assoziativen Vorgänge aufgegeben und durch 
die Affekte ersetzt hat. Der Affekt steht im Vordergrund und an zweiter 
Stelle wird der Funktion unserer nicht bewußten Nerventätigkeit eine große 
Rolle zugemessen beim Urteilen und Entscheiden, obschon wir die Gewohnheit 
haben, beides als die am meisten bewußten unserer psychischen Funktionen 
zu betrachten. 

Nachdem W. das psychische Trauma, hypnoide Zustände, eingeklemmte 
Affekte und die kathartische Behandlung besprochen hat, fragt er : „Weshalb 
ist nun eigentlich das einem gewöhnlichen Keflexweg entlang, im Wachzustande 
oder in der Hypnose dem Arzt gegenüber geschehende mündliche Abreagieren des 
Affektes für den Patienten wichtiger als das Abreagieren in den bisweilen gewaltigen 
motorischen Äußerungen (Zappeln, Umsichschlagen usw.) des hysterischen 
Akzesses. Ist wohl das , Abreagieren' der heilende Faktor oder spielt der 
Arzt, ,der Beichtvater, bei dem man abreagiert', die viel wichtigere Rolle? 
Bleibt doch vielleicht alles beim alten und ist die Fassung Charcots ,c'est 
la foi qui gu^rit' auch in solchen Fällen noch vollgültig?'* 

Er polemisiert weiter gegen das, was er als die Lehre vom „frei rund- 
umher flatternden Affekte**, welche angeblich Affekte ohne Vorstellungen be- 
handelt, bezeichnet und gegen den hysterischen Gegenwillen, welcher nachW. 
etwas ähnliches ist wie der später in den Lehren Freuds eingeführte Wider- 
stand, welch letzter noch später wieder unter dem Namen „Zensur" auf- 
treten solle. Er stellt es dar, als ob Freud der Meinung wäre, daß der 
Willensakt an sich beim normalen Menschen im stände sei, den bewußten Vor- 
stellungsinhalt zu spalten : „Der Willen macht die Vorstellungsgruppe er- 
blassen, wischt sie aus dem Gedächtnis aus, macht sie unbewußt ; wenn auch 
der Willen nicht ändern kann, daß dieses Ereignis doch stattgefunden hat. 
Aber dem Affekte gegenüber hat der Willen nicht dieselbe Macht." Winkler 
setzt auseinander, daß der freigewordene Affekt sich einen Weg zur Peri- 
pherie freimachen und in hysterische Symptome konvertiert werden kann 
oder ohne nach außen sich zu äußern, bestimmter Vorstellungsgruppen sich 
bemächtigen kann und dazu von selbst Vorstellungen, welche zum heftigen 
Affekte passen, wählt oder ihnen seine Farbe gibt, und durch diese 
Transposition ängstliche Zwangsvorstellungen hervorruft. Das Surplus des 
Affektes kann sich aber verteilen, sich über verschiedene Vorstellungen mehr 
weniger gleichmäßig verbreiten und diese für den Betreffenden glücklichste 
Lösung sollte Freud als Sublimierung des Affektes bezeichnen! (Freud 
spricht nur von Sublimierung der Triebe, Ref.). 

„Auf diesem Kartenhaus von Hypothesen ist die Lehre der Abwehr- 
bysterie gegründet." 

Weiter heißt es: „Gradunterschied nur ist es, wodurch der Normale 
sich vom Neurotiker unterscheidet, ja mehr noch, es sind die Größe und die 
Eigenart des Affektes, welche bestimmen werden, ob der normale Mensch zum 
Neurotiker werden soll.'* 



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334 Kritiken und Referat«. 

„Denn in der Hypothese, daß der Willensakt mittels der Verdrängung 
einer Vorstellung im stände sei, einen mächtigen Affekt freizumachen, infolge- 
dessen ErsatzYorstellungen eintreten, liegt der Kern des Systems, welches 
Freud später ausbauen wird.*^ 

Um die Erfahrungstatsachen, welche Freud zu seinen Auffassungen 
genötigt haben, um den von Freud formulierten Begriff vom Unbewußten 
im psychoanalytischen Sinne, um die Übertragung, die Trieblehre und die 
Entwicklung der sexuellen Konstitution kümmert sich W. im ganzen Artikel 
nicht und er spricht jedesmal von kühnen, unerwiesenen Voraussetzungen. Und 
das ist begreiflich, denn W. hat die Untersuchungsmethode nicht erlernt und 
nicht einmal an einer größeren Reihe von Fällen geübt, da er der Mei- 
nung ist, daß deren Ergebnis:^e nur für einen, der von der Richtigkeit einer 
Assoziationspsychologie überzeugt ist, wertvoll seien. 

„Sobald" — schreibt er — „man praktisch mit der Methode weiter 
arbeitet, erfährt Freud, daß in kurzer Zeit schon der Augenblick da ist, in 
welchem der frei assoziierende Patient entweder mitteilt, daß ihm nichts mehr 
einfalle, oder daß er in einem Kreise herumassoziiert, oder daß er auf ein- 
geworfene Fragen ausweichend antwortet. Dies geschieht nicht, weil die 
Methode untauglich ist, sondern, weil etwas anderes mitspielt. Freud folgert 
hieraus, daß ein Widerstand auftritt, etwas Ähnliches wie das, was uns schon 

im hysterischen Gegenwillen begegnet ist, und da es Freud nur selten 

gelingt, den frei assoziierenden Patienten aus sich selbst heraus diesen Wider- 
stand überwinden zu lassen, muß er andere Hilfsmittel suchen, um dieses Wider- 
standes Herr zu werden." 

Der Wert dieser Hilfsmittel wird einer Kritik unterzogen: 

„Ich fordere jeden Psychoanalytiker auf, mir zu versichern, daß er bei 
der freien Assoziation, welche seine Patienten machen müssen, nicht helfend 
eingegriffen hat und also nicht das, was er gerne möchte, daß die betreffende 
Person erzählen würde, durch suggerierende Fragen ihm vorher aufgedrängt hat." 

Wenn Prof. Winkler in den einzelnen Fällen, in welchen er die 
Psychoanalyse versucht hat, mit solcher Technik gearbeitet hat, kann es uns 
nicht Wundernehmen, daß er sich hat abschrecken lassen. 

Nach W. zeigt sich die Methode der Psychoanalyse am besten in der Psycho- 
pathologie des Alltagslebens : er bespricht das Beispiel von Verschreiben — 
„Achol statt Alkohol" und bemerkt dazu, daß als Verschreibung anstatt 
„Acidum aceticum^ Achol nicht möglich wäre, nur zum Worte Alkohol ist es 
passend, wie einige andere Variationen der sieben Buchstaben auch passend 
sein könnten. 

Zum Beispiel „ Signorelli-Boltraffio" zitiert er den Satz Freuds: 
„Die Übereinstimmung Traffoi-Boltraffio nötigt mich anzunehmen, daß diese 
Reminiszenz trotz (von W. gesperrt) der absichtlichen Ablenkung meiner 
Aufmerksamkeit in mir zur Wirksamkeit gebracht worden ist" und bemerkt 
dazu: „Dieses trotz ist außerordentlich naiv. Wenn es der psychoanalytischen 
Methode gestattet ist, willkürlich Verdrängungserscheinungen durch AnfüUungs- 
erscheinungen zu ersetzen, so ist ihr Wert sehr problematisch geworden. 
Verfügt man über ein großes kombinatorisches Talent, dann kann man alles, 
was man will, in dieser Weise zum Vorschein bringen."^) 

„Ein derartiges Beispiel — so schreibt er weiter — ist es, wenn ein 
feuriger (vom Ref. gesp.) Freund Freuds eine Strophe des V i r g i 1 zitieren 

^) Auffallend, daß W. schreibt und drucken läßt Traffoi anstatt Trafoi und also 
die Übereinstinimnng (Ähnlichkeit) noch größer macht! Sollte er im Unbewußten 
vielleicht doch einverstanden sein? 



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Kritiken und Referate. 335 

soll und sich nicht auf das Wort „Aliquis" besinnen kann. Psychoanalyse 
lehrt, daß aliquis in a (alpha privativum) und liquor zerlegt wird. Einer, der gut 
zu durchschauen versteht, weiß dann beiläufig, wo es hin muß, aber es braucht 
eine lange Psychoanalyse, ehe das Bekenntnis herauskommt, daß der Freund 
von einer Dame, mit der ein Verhältnis hat, einen Brief empfangen hat 
(vom Ref. gesp.) mit der Mitteilung, daß die Menstruation ausgeblieben sei.'^ 

Ist es nur Zufall, daß in W.s Darstellung der Mann, mit dem Freud 
die Bekanntschaft erneuert, als „feuriger* Freund bezeichnet wird, und daß 
der Betreffende in Wirklichkeit keinen Brief empfangen hatte, sondern erst 
am Ende der Analyse der Gedanken an die Möglichkeit einer für beide 
unangenehmen Nachricht der Dame bei ihm auftauchte, ein Gedanken, welcher 
im Widerspruch mit der in der zitierten Wendung waltenden Wunschregung wäre ? 

Auch die Wiedergabe der Beobachtung des aus Brotkrumen Männchen 
knetenden Knaben ist nicht richtig : anstatt zu erzählen, daß in dem ent- 
scheidenden Augenblick er dem Männchen den Kopf abriß, läßt W. ihn den 
Klumpen wegwerfen. Um diese Beobachtung noch mehr zu entwerten, findet 
W. es befremdend, daß in Wien 12jährige (in der Publikation Freuds ein 
noch nicht 13 jähriger) Knaben schon so viel wissen sollten ! Als ob nicht 
schon in den ersten Gymnasialklassen solche Geschichten (Tarquinius Superbus 
und die Mohnköpfe) übersetzt werden! 

W. beendigt diesen Teil seiner Ausführungen in dieser Weise : „Wie 
fest meine Überzeugung betreffs der großen Rolle, welche unser unbewußtes 
Leben bei unseren täglichen Entscheidungen und Handlungen spielt, auch sei, 
so wird doch in der Psychologie des Alltagslebens nicht nachgewiesen, daß 
die unbewußte Nerventätigkeit an erster Stelle die Oppositionsrolle dem be- 
wußten Leben gegenüber auf sich nimmt Willkürlich ist eine Er- 
klärung, welche Bewunderung für Freuds reiche Phantasie erweckt, nieder- 
geschrieben worden. Aber sie enthält keine Spur eines Beweises." 

Mit der Traumdeutung befaßt sich Winkler kurz und seine Kritik 
lautet wieder, daß wir mitten in einem Felde von unerwiesenen Voraussetzungen 
stehen, daß wir jeden festen Boden vermissen, und daß beim Analysieren zu 
viel nachgeholfen wird. Zum Beispiel des Traumes vom Hut mit abhängenden 
Teilen sagt er : „Eine kleine derartige Hilfe genügt völlig für eine bestimmte 
Art nervenleidender Patientinnen, um sie dem Untersucher gegenüber willig 
zu machen und sie alles mitteilen zu lassen, was er gern hat, daß sie sagen 
sollen. " 

Etwas weiter heißt es : „Kurzum, so oft läßt die Psychoanalyse im Stiche, 
daß Freud sich genötigt fühlt, die Verdrängung im Kindesalter und dann 
besonders diejenige der Sexualität des Kindes zum speziellen Studiumobjekt 
zu machen, um die Traumdeutung fortsetzen zu können." 

„Keinen Eindruck macht ihm der Vorwurf, daß der Träumer sich ge- 
wöhnlich nur wenig an den Traum erinnert. Was macht das, antwortet Freud. 
Da, wo die Erinnerung fehlt oder unrichtig ist, entdeckt sie die Psycho- 
analyse wohl und berichtigt das Gefälschte Ebenso wenig geniert ihn 

die Einwendung, daß es so viele Menschen gibt, welche nicht träumen. Gib 
sie mir nur zur Psychoanalyse. Es beweist nur, wie trefflich die Zensur 

arbeitet Sagt man Freud, daß eine Anzahl seiner mythologischen 

Erklärungen weder gehauen noch gestochen, daß er sich nicht stören läßt, 
um z. B. den Zeus seinen Vater Kronos anstatt, wie gewöhnlich gelehrt 
wird, den Kronos dessen Vater üranos kastrieren zu lassen — so sind 
das kleine Irrtümer, Folgen von unbewußten Fehlhandlungen, welche in der 
Psychopathologie des Alltagslebens wohl erläutert werden. Aber eine Kritik 



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336 Kritiken und Referate. 

freilich hat Freud getrofien. Ich darf diese zusammeDfUgen als die Kritik 
über den sogenannten Ödipustraum." In welcher Weise W. die Theorie 
der infantilen Sexualität abfertigt, möge mit einigen Zutaten beleuchtet werden : 

„Das Kind besitzt die partielle Komponente, aus welcher der spätere 
Geschlechtstrieb werden soll. Dann beginnt nicht mehr eine neue Hypothese, 
aber ein entschieden logischer (vom R. gesp.) Fehler, wenn ganz allmählich 
und unmerklich, aber in immer größerer Ausdehnung der Begriff Libido 
sexualis ausgebreitet und erweitert wird. Am Ende wird er in einem Sinne, 
welchen niemand mehr mit dem Worte Geschlechtstrieb verbindet, angewendet." 

„Niemand besitzt das Recht, eine partielle Komponente, welche später 
am Aufbau des Geschlechtstriebes teilnehmen wird, an deren Stelle zu setzen. 
Jedoch geschieht dies äußerst unbefangen.^ 

W i n k 1 e r zitiert jetzt den Satz vom Kinde, das gesättigt von der Brust 
zurücksinkt, und bemerkt dann folgendes: „Sonderbar genug ist dies, soweit 
ich nachspüren kann, das einzige Mal, daß Freud versucht hat, die den 
Affekt begleitenden Ausdrucksbewegungen für die Bestätigung seiner Ansichten 
zu verwenden. Das ist ihm nicht gelungen. Ihm gegenüber steht das ,omne 
animal post coitum triste' der älteren Philosophen, und außer denjenigeD, 
welche durch dick und dünn mit ihm gehen, gibt es wohl niemand, der es 
gewagt hat, den Ausdruck der dem Geschlechtsakte folgenden Abspannung 
mit dem des befriedigten Hungergefühles des Kindes gleich zu setzen. Übri- 
gens, auch wenn einzelne Komponenten der Summe der das Hungergefühl 
bildenden Sensationen an der Zusammenstellung des Geschlechtstriebes teil- 
nähmen, selbst dann noch würde Freud das Recht entgehen, das Hun- 
gergefühl des Kindes mit dem Geschlechtstriebe des Erwachsenen zu identi- 
fizieren. " 

Nun hat Freud eben diese Identifikation nicht vorgenommen und es 
ist einleuchtend, daß Winkler die Ausführungen über die doppelte Funktion 
der erogenen Zonen — im Dienste der Selbsterhaltung einer- und der Libido 
anderseits — nicht verstanden hat. 

Auch gegen das, was er die Gleichsetzung von Mutterliebe und sexuelle 
Liebe nennt, polemisiert Wink 1er; er erwähnt die vitalen Sensationen 
Mittenzweis und sagt: „Normale Geschlechtsliebe fordert die Einstellung, 
auf ein Objekt mit dem Ziel, zur geschlechtlichen Vereinigung zu gelangen." 

Dies nun wird auch von Freud nicht bestritten, aber daß es nicht so 
ganz selten Abirrungen gibt, wo die genannte Vereinigung nicht nachgestrebt 
wird, könnte doch auch W. nicht ableugnen und gerade diese, welche wir bei 
den Perversen offenkundig, bei den Neurotikem im Negativ und beim Kinde 
in Andeutung antreffen, sind für die Neurosenentstehung so wichtig. 

Wink 1er unterrichtet weiter: „Wer diesen Fehler nicht sieht, wer 
der Frage ihrer Richter an Marie Antoinette in jeder Hinsicht beipflichtet, 
da Mutterliebe und sexuelle Liebe das nämliche ist, dem fehlen die ersten 
für eine richtige Begriffsuraschreibung unentbehrlichen Elemente des Nach- 
denkens.*' 

„Da liegt offen und klar der Fehler in Freuds Kinderpsychologie. Man 
nennt Geschlechtstrieb, was nicht Geschlechtstrieb heißen darf, auch dann 
nicht, wenn später eine der Sensationen des Kindes an der Bildung des Ge- 
schlechtstriebes teilnehmen würde. Aber, und das ist das Gefährliche in der 
Art, in welcher Frend seine Ansichten vorbringt: es werden freilich im 
Anfange die partiellen Komponenten des Geschlechtstriebes noch vom Ge- 
schlechtstriebe selbst unterschieden, später aber ist überall diese Unterschei- 
dung abhanden gekommen. Das Kind wird mit Lust- und Unlustempfindungen 



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Kritiken und Referate. 337 

(der Fähigkeit zu Lust- und Unlustempfindungen. Ref.) geboren, von der Haut, 
von den Eingeweiden, von den Augen aus können sie geweckt werden. Das 
ist so ziemlich alles, was wir mit Bestimmtheit von der Psyche des Säuglings 
wissen. Es ist möglich, aber unbewiesen, daß ein Teil dieser Sensationen 
später am Aufbau des Geschlechtstriebes mithilft, und daß sie also partielle 
Komponenten davon sind, ebenso, wie sie es von vielen anderen komplizierten 
Affekten sein werden. Keinesfalls dürfen diese Sensationen behandelt werden 
als wären sie die Libido sexualis. 

Hiemit wird der Grundsatz, als wären das Saugen, die Konstipation, 
die Säaglingsonanie Äußerungen des Geschlechtstriebes, hinfällig. Ein sehr 
komplizierter angeborener Reflex wie das Saugen, ein noch nicht genügend 
regulierter autonomer Reflex wie die Darmentleerung und deren Hemmung, 
ein durch periphere Hautreizungen regulierter Kratzreflex dürfen aber nun 
nicht behandelt werden, als wären sie Äußerungen des bewußten (vom Ref. 
gesp.) Geschlechtstriebes. 

Dennoch fordert der Gedankengang Freuds, daß das anfänglich auto- 
erotische Kind in gleicher Weise wie später der Erwachsene die Lustgefühle 
der Lippenzone, der analen Zone, der Geschlechtszoue verdrängen und durch 
partielle Sublimierung der Affektüberschüsse nachher latent sexuell werden 
soll. Daß das Kind von all dieser sexuellen autoerotischen Wollust im ersten 
Lebensjahr sich an nichts erinnert, daß nur im Traume später davon wieder 
etwas an den Tag kommt, wird ja doch als die Folge einer bewußten Verdrän- 
gung dieser Affekte, welche zum Unbewußten hinüberziehen, betrachtet. Die 
nächsten Veranlassungen der Verdrängung sind Schmerz und Ekel und be- 
sonders in der späteren Kindheit bringen die moralischen Gefühle das fertig. 
Das Surplus von sich transponierenden Affekten wird sich dann mit sehr ver- 
schiedenen Vorstellungsgruppen verbinden. Die polymorphe Transposi- 
tion macht das Kind, indem der eigentliche Geschlechtstrieb 
latent wird, in Wirklichkeit polymorph p e r v e r s (vom Ref. gesp.). " 

Dieser letzte Satz ist wirklich köstlich ; dem Kundigen fällt es auf, wie 
in dieser ganzen verschrobenen Darstellung der Unterschied zwischen Libido 
und genitale Sexualität von W. nicht berücksichtigt worden ist. Nach einigen 
Ausführungen über Perversion, in welchen er Freud Umkehrung von um- 
kehrbaren Sachen vorwirft, schreibt er ihm außerdem noch die Ansicht zu, 
daß jede kindliche Lustempfindung nicht anders sei als sexuelle Lust und daß 
jede kindliche Handlung ausschließlich und allein von sexueller Lust her- 
rühren sollte ! ! 

Ich kann mich nicht enthalten, auch Winklers Darstellung des Be- 
griffes der Vorlust zu zitieren : 

„Sobald die Pubertät erscheint, verdrängt sie in kurzer Zeit alle die 
alten Sensationen des sexuell latenten oder besser des polymorph perversen 
Kindes. Sie erscheinen dem außer sich selbst noch kein Geschlechtsobjekt 
kennenden Kinde in einem anderen Lichte. Sie werden zu einem Ganzen, die 
Vorlust, zusammengesetzt. Zu gleicher Zeit fangen jetzt soziale und mora- 
lische Erwägungen ihre Verdrängtingsarbeit an und der völlig umgeänderte 
Mensch bekommt andere Begierden, welche als Endlust des sexuellen Triebes 
aufgebaut werden. Ich übergehe die Details dieser Verdrängungsarbeit, aber 
als unbewußter Wunsch bleibt viel von dieser Vorlust hängen. An erster Stelle 
der sexuelle Drang zur Mutter, denn wie sehr das Kind auch autoerotisch 
war, das Nehmen der Mutterbrust wurde von . der Libido sexualis bestimmt 
und im gewissen Grade wird die Mutter entschieden als sexuelles Objekt be- 
handelt Von dieser Verlust bleibt also nicht am wenigsten der 



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338 Eritikeii nnd Referate. 

sexuelle Hang zur Mutter fortbestehen, an erster Stelle bei Mädchen, wodurch 

dann wieder ein Element von Homosexualität frei wird Die sexuelle 

Yorlust erzeugt ein unbewußtes System : sexueller Hang zur Mutter und Haß 
gegen den Vater." 

Wer die Ausführungen Winklers über die Vorlust liest, muß wohl 
den Eindruck bekommen, als bestünde nach Freud die Yorlust im Gegen- 
satze zur Endlust aus der Summe der verschiedenen Begierden und Befriedi- 
gungen in der Zeit vor der Pubertät. Daß Freud die Bezeichnung Vorlust 
eingeführt hat für die bei der Funktion der verschiedenen erogenen Zonen — 
welche in der Pubertät dem Primat der genitalen Zone untergeordnet werden 
— auftretenden Sensationen, welche allerdings auch vom Kinde schon empfun- 
den werden und deren Bedeutung für die Herbeiführung der End- oder Be- 
friedigUDgslust er betont, scheint W, entgangen zu sein. 

Betreffs des Ödipustraumes bemerkt W. u. a. folgendes: 

„Sogar der Traum jd^jä-vu* gehört noch zu den Ödipusträumen. Wir 
hören es von Freud. Uns allen war einmal Vorlust bekannt, wir alle haben 
diese in jener an sexuellen Lüsten so reichen Kinderzeit erlebt. Träumen wir 
jetzt, daß wir etwas sehen oder erleben, was wir früher auch schon einmal 
erlebten, so ziemlich gleichgültig was, so ist das fast immer eine Symbolisierung 
folgenden Gedankenganges : das allerbeste, die sexuelle Neigung zur Mutter 
ist uns schon bekannt, es kann uns in dieser Hinsicht nichts Neues geboten 
werden." 

Auf den Leser muß dies doch den Eindruck machen, als würde Freud 
zitiert. Es scheint aber nur eine sehr freie Übersetzung von dem auf die Be- 
sprechung der verkappten ödipusträume folgenden Passus aus der Traum- 
deutung zu sein: Es gibt Träume von Landschaften oder Örtlichkeiten, bei 
denen im Traume noch die Sicherheit betont wird : Da war ich schon einmaL 
Dieses ^dejä-vu" hat aber im Traum eine besondere Bedeutung. Diese 
Örtlichkeit ist dann immer das Genitale der Mutter ; in der Tat kann man 
von keiner anderen mit solcher Sicherheit behaupten, daß man „dort schon 
einmal war**. Winkler bestreitet weiter den Wert der Analyse des kleinen 
Hans und seiner Ansicht nach ist die Konstruktion des Ödipusromanes nicht 
richtig. Auch über „Charakter und Analerotik" referiert er ganz kurz und er 
bezeichnet die Ansicht Freuds als eine wohlfeile Analogie. 

Nach W.s Meinung ist in der Therapie der von der Psychoanalyse ange- 
stiftete Schaden größer als der Nutzen. Das bißchen Helfen bei der Methode soll 
für unendlich viele Mißverständnisse seitens des Patienten und für die reinste 
Willkür des Analytikers; die Tür öffnen, und wenn auch die Ansichten 
Freuds richtig wären, fragt W., ob der Arzt nicht besser getan hätte, die 
unbewußten perversen Wünsche seiner Patienten ruhig in der Gefangenschaft 
zu lassen. Als ein abschreckendes Beispiel zitiert er den Fall eines neur- 
asthenischen Kollegen, der in Holland analysiert wurde und sehr unglücklich 
zu ihm kam, weil aus seinem Traume sein inzestuöses Verlangen nach seiner 
Schwester gedeutet worden war und nachher ein anderer Traum den Beweis 
seiner nicht bestehenden Impotenz geliefert haben sollte. Es ist dem Beferenten 
bekannt, daß die gegebene Darstellung doch zu ungenau ist, da der erste 
Traum dem betreffenden Analytiker (der während der Behandlung Notizen 
macht) gar nicht gebracht worden ist, und weil der Anschein, als würde dem 
Patienten Impotenz eingeredet, falsch ist, da er mit der Hauptklage „Impotenz* 
Hilfe suchte. 

Für die langsam sich entwickelnden Formen der Hebephrenie, welcher 
Kahlbaum den Namen H e b o i e d gegeben hat, soll die Psychoanalyse, welche 



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Kritiken und Referate. 339 

gerade von diesen Kranken in großer Zahl gesucht wird, verderblich sein 
und die Nachteile der Behandlung fallen ihrer Umgebung zur Last. Verweigert 
der Vater, sie in ihrer Geldnot zu unterstützen, so heißt es: „des Vaters 
sadistische Vorstellungen schöpfen sexuelles Wohlbehagen an dem Leiden des 
knauserig behandelten Sohnes" und sie empfinden Hochgenuß, wenn der Vater 
über diesen Unsinn sich ärgert. 

Winkler wirfl der Psychoanalyse vor, daß der Analytiker sich nicht 
um die Anatomie und Physiologie des Zentralorgans und gewöhDÜch auch 
nicht um die Diagnostik kümmern soll, und diese anderen überläßt. Daß 
wiederholte Beschäftigung mit dem Körper des Patienten sich mit der Pycho- 
analy tischen Technik nicht gut verträgt und die Widerstände oft ins Un- 
mäßige steigert, kann W. wegen Mangel an persönlicher Erfahrung auch nicht 
wissen. 

Auch soll der noch vollgültige Satz Charcots „C'est la foi qui 
gu^rit" von den Analytikern vergessen worden sein. Im ganzen Artikel spricht 
er nicht von der für das Verständnis der Psychoanalyse so wichtigen Über- 
tragung, welche die bei dieser Heilung durch „la foi" waltenden psychischen 
Mechanismen wenigstens teilweise erkennen läßt. Auch das kann uns nicht 
wundem, wo nur größere eigene Erfahrung die Würdigung der Übertraguogs- 
phänomene bringen kann. 

Er beendigt seinen Artikel mit einer Zusammenfassung, in welcher er 
es Fr^ud als ein nicht kleines Verdienst anrechnet, daß er unsere unbewußte 
Nerventätigkeit einer detaillierten Untersuchung unterzogen hat und derselben 
eine Rolle bei allem, was wir tan, zugemessen hat. Aber bei der Ausarbeitung 
dieses Systems hat Freud die sich nicht bewährenden Voraussetzungen nicht 
aufzugeben gewußt, sondern, um sie passend zu machen, soll er immer mehr 
neue Hypothesen angehäuft haben. Die dreisteste dieser Nebenhypothesen war 
wohl, daß es nur ein einzelnes, den Grund für alles abgebendes Lustgefühl 
geben sollte, die Libido sexualis. Und sogar das Hungergefühl mußte dazu 
ihr untergeordnet werden! 

Bekanntlich hat Freud das nicht getan, obschon es den Gegnern 
immer wieder beliebt, das so darzustellen und es dann energisch zu bestreiten ! 

Die Vergleichung des Freudscheu Systems mit einer Seifenblase nahm 
W. vor um die unrechtmäßige Ausdehnung des Begriffes der sexuellen Lust 
zu kennzeichnen. Der Goldkern ist: „Es ist ein Anfang mit einer Unter- 
suchung über die Bedeutung von dem uns nicht bewußten Leben für unser 
alltägliches bewußtes Tun und Lassen gemacht worden." 

»Der Übertreibung und der Einseitigkeit der Ausarbeitung wegen wird 
nach meiner Überzeugung das jetzige System wieder ziemlich bald untergehen." 

Mit diesem Mindestmaß von Anerkennung seitens Prof. Wink 1er wird 
die Psychoanalyse sich wohl begnügen müssen und den prophezeiten Unter- 
gang gelassen abwarten, aber mit Zuversicht. 

Dieses Referat ist etwas lange ausgefallen, aber es schien mir nicht 
ohne Literesse, den Lesern dieser Zeitschrift zu zeigen, in welcher Weise die 
Psychoanalyse von einer Autorität angegriffen wurde, die vielen Leistungen 
und Forschungen auf ganz anderem Gebiet ihren Ruf verdankt, aber 
sich allerdings für die Psychologie im allgemeinen schon wenig interessiert und 
von der es längst bekannt ist, daß ihr die Psychoanalyse ein Greuel ist. Es 
ist bezeichnend, wie W. jedesmal von unbewußter Nerventätigkeit spricht, 
womit er die unbewußten psychischen Prozesse eigentlich auszuschalten versucht. 

Eine ausführliche Widerlegung dieser Streitschrift wäre an dieser Stelle 
ganz unangebracht und was die der Psychoanalyse Fernerstehenden ang«ht, 



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340 Kritiken und Referate. 

welche ohne zu viel Mühe die Ansichten Freuds kennen lernen wollen, 
ihnen stehen seine jüngst erschienenen Vorlesungen zur Einführung in 
die Psychoanalyse, welche hald auch in holländischer Übersetzung er- 
scheinen werden, zur Verfügung. 



An einem gemeinsamen festlichen Abendessen nach dem Vortrag wurde 
Professor W i n k 1 e r vom Vorsitzenden der Vereinigung angeredet und wurde 
ihm Dank gesagt auch dafür, daß er der Psychoanalyse „den Kopf zerdrückt* 
hatte und daß also die Mitglieder es ihm verdankten, sich rehabilitiert und in 
freudiger Stimmung zu fühlen, weil sie nicht so schlecht und gemein seien, 
als sie nach den vorherigen Vorträgen über Psychoanalyse sich befürchten 
mußten. Aber er wollte auch die Herren Van Ophuijsen und Van Emden 
„herdeßken", welche den Anlaß dazugegeben hatten, daß wir das Vergnügen 
haben .... usw. Beim Worte „herdenken" (einen Nachruf halten) rief einer, 
daß man dieses Wort da, wo von Verstorbenen die Rede ist, anwendet!! 
Diese Wortwahl paßte also sehr gut zum Kopfzerdrücken. Gut für uns, daß 
die Allmacht der Wünsche wenigstens beschränkt ist. 

Dr. J. van Emden. 

J. H. van der Uoop, De psycho-analyti sehe Methode. Nederlandsch 
Tijdschrift voor Geneeskunde 1917, zweite Hälfte, 6. Heft. (Vortrag, 
gehalten im Ärzteverein Amsterdam.) 

Den vielen Mißverständnissen, die Psychoanalyse betreffend, gegenüber, 
welche zum Teil dadurch entstehen, daß man zuerst theoretische An- 
sichten hört und liest, ohne zu wissen, wie diese erworben worden sind, 
hat der Verfasser versucht, den holländischen Ärzten einen Eindruck zu geben 
von der Weise, in der jetzt die Psychoanalyse ausgeübt wird. Er stellt dabei 
voran, daß Freud vor allem ein Praktiker ist, der immer die Erfahrung an 
erster Stelle gewürdigt hat. 

Die praktische Regel, daß der Patient alle ihm einfallenden Gedanken 
ohne Rücksicht mitzuteilen habe, wird zuerst erläutert. Bei dieser Mitteilung 
werden die Begriffe Widerstand und Verdrängung zur Sprache gebracht. 
Dann wird an einigen Beispielen erklärt, wie die verdrängten Psychismen sich 
indirekt äußern können in Symptomhandlungen, in zufälligen 
Bemerkungen und in dem Traum. Die Reaktion der Patienten auf die 
Analyse dieser unverstandenen psychischen Äußerungen gibt dem Analytiker 
wichtige Anweisungen. (Die Bejahung des Unbewußten.) (Die Schwierigkeit, 
Beispiele zu geben, entsteht durch die Zusammengesetztheit des Materials, 
wodurch Beispiele meist einen etwas willkürlichen Eindruck machen, wenn 
man nicht ganz ausführlich sein kann.) Im Verlauf der Analyse führen die 
Einfälle und Träume von selbst in die Vergangenheit zurück und es zeigt 
sich, daß die jetzigen Probleme mit denen der Jugend zusammenhängen. 
Durch die bewußte Verarbeitung werden dann die Symptome zum Verschwinden 
gebracht. Neben dieser intellektuellen Seite der Analyse^ die in einer Auf- 
hebung der Widerstände besteht, wodurch der ganze assoziative Verband der 
Psyche frei wird, kann man die psychoanalytische Aufgabe auch von der 
Affektseite auffassen, da jeder psychische Prozeß diese zwei Seiten hat. Die 
Verdrängung sieht dann wie ein Geftihlskonflikt aus, worin der Analytiker ein- 
greift, indem er das Gewicht der auf ihn übertragenen Gefühle einsetzt. Der 
Unterschied mit der Suggestion besteht erstens darin, daß diese die Ver- 
drängung unterstützt, während die Analyse dem Verdrängten ans Licht hilft 



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Kritiken und Referate. 34]^ 

UDd 80 zu einer anderen Verarbeitung desselben zwingt. So verhilft sie den 
Patienten auch zur eigenen Persönlichkeit, während die Suggestion Fremdes 
aufzwingt. Zweitens wird bei der Analyse auch das inadäquate Gefühls- 
verhältnis zum Arzt analysiert, während der Suggerierende dieses nur zu be- 
einflussen sucht, und zwar so weit es ihm paßt. Das analytische Verfahren 
zeigt sich am deutlichsten gegenüber der Frage um Rat und gegenüber der 
Übertragungsliebe, wie Freud klar auseinandergesetzt hat. 

Freud ist durch seine objektive Einstellung den Gefühlen seiner 
Patienten gegenüber eigentlich als erster zu einer Psychologie der Affekte 
gekommen. Das merkwürdigste Ergebnis dabei ist die Übertragung, welche 
erklärt, weshalb soviele Gefühls Verhältnisse beim Neurotiker inadäquat sind, 
speziell die Kindheitsverhältnisse sind darin maßgebend, vor allem der Ödipus- 
komplex. Das Affektleben der Neurotiker wird entstellt durch Verschiebung, 
bei der Zwangsneurose mehr auf psychischem Gebiete, bei der Hysterie mehr 
auf organischem. Die Verschiebung ist Folge der Verdrängung und wird mit 
dieser allmählich aufgehoben. Dabei kommen die ursprünglichen Affekte während 
der Analyse zum Vorschein und ihr gegenseitiges Verhältnis gleicht sich all- 
mählich zu einem größeren Gleichgewicht aus. 

Man kann die intellektuelle Seite und die Affektseite der Analyse 
zusammenfassen, indem man den Gegensatz zwischen der Äußerung des Triebes 
in bewußten Gedanken und der als Handlung ins Auge faßt. In der Krankheit 
und im Widerstände äußern sich die Triebe in Handlungen oder Hemmungen, 
höchstens noch in Gefühlen, welche mit wenig klaren Vorstellungen verbunden 
sind. Während der Analyse ändern sich diese Äußerungen in bewußtes Denken, 
was allmählich die Verarbeitung zu neuen Handlungen ermöglicht. Das Be- 
denken, daß bei einigen Patienten die bewußte Verarbeitung allein ungenügend 
sein könne, um neue Wege zu finden, ist vielleicht nicht ganz abzuweisen. Die 
Zürcher Analytiker unter Führung Jungs meinen diese Seite nicht nur be- 
rücksichtigen zu müssen, sondern behaupten daneben, daß man im unbewußten 
Material auch Ansätze zu neuen Handlungen finden könne. Und zwar nicht — 
wie durch Freud schon lang erläutert war — nur Ansätze nach infantilem 
Beispiel, sondern wirklich Neues. Diese schöpferische Fähigkeit des Unbewußten 
wird von Freud vernachlässigt, obwohl sie auf anderen Gebieten, in Kunst, 
Religion und auch in der Wissenschaft mit Beispielen erhärtet werden kann. 
Die Zürcher meinen in dieser Weise einer Analyse Positives hinzufügen zu 
können, während bei der rein Freudschen Analyse das Neue nur durch 
immer wiederholte Verwerfung des Minderwertigen herauskommen kann. Noch 
eine andere Abweichung der Zürcher, welche auch die psychoanalytische 
Methode betrifft, wird erwähnt. Es betrifft die Deutung der Symbolik. Freud 
hat als Regel gegeben, daß, wo nicht genügend oder nur konventionelle Ein- 
fälle gegeben werden, man hinter einem Symbol ein sexuelles Bild zu suchen 
habe. Er hat diese Behauptung mit Beispielen aus Volkssymbolik, Märchen, 
Mythologie, Witz usw. erhärtet. Obwohl nun im allgemeinen der Zusammen- 
hang zwischen psychoanalytischer Methode und Sexualtheorie erst durch die 
Erfahrung entstanden ist und man die Methode sehr wohl getrennt von ihren 
Ergebnissen betrachten kann, so macht diese Deutung dabei eine Ausnahme. 
Auch wenn man die Genialität der Freudschen Einsichten — die manchmal 
ganz wirre Symbolik erklären können — anerkennt und diese in den meisten 
Fällen annimmt, so kann man doch verstehen, daß Deutungen ohne Assoziations- 
material vielen unerlaubt scheinen. Jung und seine Folger behaupten dem- 
gegenüber, daß man die Assoziationen der Patienten immer zu berücksichtigen 
habe, auch wenn sie konventionell scheinen, und daß die konventionelle Sym- 

Zeitrchr. f. ftrztl. Psychoanalyse. IY/6. 23 

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342 Kritiken und Referate. 

bolik in ihrer tieferen Bedeutung nicht nur nach sexuellen, sondern auch nach 
anderen, z. B. kulturhistorischen oder religiösen Seiten zu würdigen sei. Wenn 
man das Symbol durch immer mehr Assoziationen vertieft, mag die sexuelle 
Bedeutung manchmal klar hervortreten, aber nicht immer, und jedenfalls 
haben wir alle Assoziationen zu benützen. Auch scheint es einseitig, die 
sexuelle Erklärung immer als letzte Instanz der Erklärung zu betrachten. 

Übrigens ist die allgemeingültige Bedeutung der Symbole, die Freud 
als erster in der Psychologie gezeigt hat, sehr interessant, nicht nur, was 
die sexuellen, aber auch was die anderen mächtigen Triebe der menschlichen 
Natur betrifft. 

Die Indikationen und Kontraindikationen der analytischen Therapie 
werden dann behandelt und hiebei die von Freud gegebenen Regeln befolgt. 
Zum Schluß wird auf die wissenschaftliche Bedeutung der Analyse als Unter- 
suchungsmethode gewiesen. 

Die Psychoanalyse hat auf vielen Gebieten schon manches aufgeklärt 
und wird gewiß noch vieles zur Ergründung einer eigentlichen Seelenkunde 
leisten. Autoreferat. 

Nederlandsch Tijdschrift voor Geneesknnde. 1917, zweite Hälfte, 7. bis 

12. Heft. 

Die bedeutendste niederländische medizinische Zeitschrift enthielt eine 
Reihe von Artikeln, geschrieben aus Anlaß des Erscheinens der oben refe- 
rierten Abhandlung van der Hoops. Es läßt sich von dieser Diskussion 
sagen, daß sie keine der wesentlichen Probleme und Aufstellungen der Psycho- 
analyse berührt hat. Die Domäne der analytischen Therapie wurde am aus- 
führlichsten besprochen, wobei sich herausstellte, daß die Analytiker sich in 
der Indikationsstellung sehr vorsichtig und zurückhaltend benehmen. Der Um- 
stand, daß zuviel Unkenntnis bei den Bekämpfem oder sogar bei den mit der 
Analyse mehr oder weniger Sympathisierenden vorherrschte, machte die Dis- 
kussion nicht leicht und auch wenig fruchtbar. Es wird jedoch einen gewissen 
Nutzen gehabt haben, daß man einmal über die schweigende Feindseligkeit 
hinausgekommen ist. van Ophuijsen. 

Prof. Dr. G. Jelgersma, Eengeval van hysterie psychoanalytisch 

behandelt. Psychoanalytische Studies I. 

Verfasser hat sich zur Aufgabe gestellt, die Analyse eines Falles von 
Hysterie ausführlich mitzuteilen in der Absicht, zu zeigen, inwiefern die An- 
wendung der Freud sehen Methode dazu verhelfen kann, die Neurose zu er- 
klären, d. h., „das Krankheitssymptom auf den Einfluß der äußeren Lebens- 
umstände und die Wirkung der elementaren Eigenschaften der kranken Person 
zurückzuführen". Daß dieser Versuch in hohem Maße gelungen genannt werden 
darf, wird auch der Leser, der nicht für die Psychoanalyse eingenommen ist, 
gerne gestehen und auch diesem wird der Fortschritt von der früheren Behand- 
lung einer Hysteriekranken zu der in der Broschüre dargestellten Art, der 
aufmerksamen Untersuchung des kranken Seelenlebens einer solchen Patientin, 
wie eine Wohltat vorkommen. Der Anal3'tiker wird dem Verfasser seine Be- 
wunderung nicht vorenthalten dürfen für dasjenige, was er durch selbständiges 
Studium der Psychoanalyse erreicht hat, und für den Mut, sich bei der noch 
herrschenden Feindseligkeit der Analyse gegenüber zum Resultat der eigenen 
Erfahrung zu bekennen. Mit Genugtuung wird er sich davon überzeugen 
können, daß Jelgersma die sexuelle Ätiologie der Hysterie vollständig 
akzeptiert. Und dies um so mehr, weil der Verfasser nicht unterläßt, deut- 



r^no'^'-^ Original from 

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Kritiken nnd Referate. 343 

lieh za formulieren, in welchen Hinsichten seine Auffassungen von denjenigen 
Freuds abweichen. Jelgersma hat eine eigene Theorie des Unbewußten, 
welche man die Theorie des psychischen Kurzschlusses nennen könnte, und 
gelangt demzufolge zu anderen Erklärungsversuchen des Traumes, insbesondere 
der Rolle des rezenten Traummaterials, der Erscheinung der Übertragung usw. 
Es wird nur nicht recht klar, wie Verfasser die Verdrängung mit seiner 
Theorie in Einklang zu bringen vormag. Die Anwendung einer Technik, so 
wie sie Freud empfiehlt, würde ihn vielleicht dazu bringen, die ebengenannten 
Erscheinungen in einem anderen Lichte zu sehen und in einem anderen Sinne 
zu würdigen. Aber, wie gesagt, es paßt zu dieser Arbeit auf dem Gebiete 
der Individualpsychologie nur ein Wort des Lobes. van Ophuijsen. 

J. H. W. van Ophnijäen, Prof. Winkler en de psycho-analyse. 

Nederl. Tijdschr. voor Geneeskunde 1912, zweite Hälfte, 6. Heft. 

Referent greift die Winklersche Broschüre : Das System Freuds an 
m derselben Weise, wie er die von Prof. Winkler im Ärzteverein Haag 
gehaltene Rede gleichen Inhalts augegriffen hat. Er spricht dem Verfasser 
das Recht ab, sich ein Urteil über die Psychoanalyse . zu erlauben, da ihm, 
wie er selbst eingestanden hat und Referent an mehreren Beispielen zeigen 
kann, genügende praktische Erfahrung fehlt. Solange Verfasser sich weigert, 
die analytische Methode zu erlernen und korrekt anzuwenden, werden die 
Ergebnisse analytischer Forschung ihm selbstverständlich nur wie Phantasie- 
gebilde vorkommen. Eigenbericht. 

Adolph T. Meyer, Winkler contra Freud. Modisch Weekblad, Jahr- 
gang 24, Nr. 17. 

Verfasser beabsichtigt eine Warnung vor der soeben unter dem Titel 
„Het stelsel van Prof. Sigmund Freud ** (Das System von Prof. S. Freud) 
erschienenen Schrift von Prof. Dr. C. Wink 1er. 

Wer meinen sollte, aus dieser Schrift die Meinungen Freuds kennen 
zu lernen, wird sich betrogen finden. Denn die Vorstellung, welche Wi n k 1 e r 
sich davon gebildet hat, ist ein Zerrbild des Originals. Daher gehen auch 
die kritischen Bemerkungen, welche er dazu macht, an Freuds Arbeit 
vorüber. 

Eine ausführliche Berichtigung aller fehlerhaften Darstellungen Winklers 
würde zu einem stattlichen Bande werden. Hier können deshalb nur einige 
Stichproben behandelt werden. 

Erstens hat es nach Wink 1er s ganzer Darstellungsweise d^n Anschein, 
als habe Freud ein System erdacht und allmählich im Laufe der Jahre 
»ausgebaut". Von Freuds Erfahrungen ist keine Rede. Durchgehends 
wird gehandelt von Freuds „psychologischem System" und wird behauptet, 
es ruhe auf „unbewiesenen Voraussetzungen". Demgegenüber bemerkt Ver- 
fasser, daß Freud immer praktisch tätig war als Nervenarzt und seine 
Theorien nur aufstellte, um die von ihm gefundenen Tatsachen zu erklären. 
Dann wird bemerkt, daß auch die Einzelheiten des „Systems" unrichtig 
wiedergegeben sind. Sogar Winklers Darstellung der „Vorläufigen Mitteilung*^ 
ist schon falsch. Wink 1er beendigt dieselbe mit der Behauptung, Freuds 
Ansichten über die hysterische Phänomene beruhten auf der Lehre des „frei 
umherflatternden Affektes, welches frei und ungehemmt im bewußten Leben 
herrsche als aktiver Meister". Es wird demgegenüber vom Verfasser bemerkt, 
daß bei Freud nie von einem frei umherflatternden Affekte die Rede ist. 
Wohl sprach er einmaf von einem „gleichsam frei flottierenden Quantum 

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344 Kritiken und Befente. 

Angst''. Damit^ wurde indessen die Abtrennung der Angstneorose von den 
Psychonenrosen motiviert. Ein ^frei flottierender Affekt" ist daher sogar 
an verträglich mit Psychonenrosen. 

Später macht Verfasser die Bemerkung, daß Win kl er s Beschreibung 
der Psychoanalyse sich nur auf die Katharsis bezieht. Die ganze Entwicklung 
der Psychoanalyse wird gänzlich übersehen. 

Fast die Hälfte des Artikels wird schließlich einer Entgegnung auf 
Winklers Bedenken gegen die therapeutische Anwendung der Analyse ge- 
widmet. Seine Bedenken werden einzeln behandelt und es wird jedesmal gezeigt, 
daß dieselben auf falschen Vorstellungen von der Technik der Analyse be- 
ruhen oder sich gegen jede psychische Therapie, welche sich eingehend mit 
den Beschwerden der Kranken beschäftigt, richten. Eigenbericht. 

Dr. Oskar Pfister, Pfarrer in Zürich, Was bietet die Psychoanalyse 
dem Erzieher? Verlag Jul. Klinkhardt in Leipzig, 1917. Vorträge, 
gehalten vom 9. bis 14. Oktober 1916 am Ferienkurs der schweizeri- 
schen pädagogischen Gesellschaft in Sundlauenen bei Interlaken, Kanton 
Bern. 

Mit der Niederschrift seiner Vorträge hat Pfister die psychoana- 
lytische Pädagogik um eine wertvolle Arbeit bereichert; denn er stellt 
darin in kurzer, klarer Form alles zusammen, was der Erzieher wissen 
soll von dem Ablauf des unbewußten seelischen Geschehens, der Bedeutung 
dieser Vorgänge für das bewußte Leben, für den Aufbau der sittlichen, ästhe- 
tischen, religiösen Grundsätze im gewaltigen Kampf der Triebe gegen die 
Forderungen der Erziehung. 

Der Begriff Verdrängung und die an ihr beteiligten psychischen 
Faktoren, die unterschwelligen Wirkungen der Verdrängung und die Mani- 
festationen des Verdrängten im Alltagsleben werden dem Leser an der Hand 
vieler lehrreicher Beispiele aus der großen seelsorgerischen und pädagogischen 
Praxis Pfisters vorgeführt. 

Im Kapitel „Die Ausübung der psychoanalytischen Erzie- 
hung" stellt der Autor die uns geläufigen Forderungen der Einfachheit, 
der Gründlichkeit der Deutung, sowie der Vorsicht in der Verall- 
gemeinerung gefundener Symbolwerte zusammen und entrollt das 
Bild vom Gang der Analyse mit dem ihr unerläßlich notwendigen Auftreten 
der Übertragung. Im Abschnitt über die Einfügung der Psycho- 
analyse in die allgemeine Erziehung betont Pf. die Wichtigkeit der 
psychoanalytischen Erziehung in bezug auf die ethischen Bindungen, die jeder- 
zeit hinter den neurotischen Erscheinungen stecken. Diese „ethischen Bindun- 
gen" seien dem weltlichen und geistlichen Seelsorger von größter Bedeutung 
und auf diesem Gebiete liegt seine vornehmste Arbeit. Ob diese im gewohnten 
Milieu des Analysanden oder in einem Sanatorium die größere Aussicht auf 
Erfolg habe, möchte ich nicht mit Pf. kurzerhand entscheiden. 

Von besonderem Werte an Pf.s Vorträgen ist der Hinweis, daß neben 
die allgemein gültigen Grundsätze für die psychoanalytische Tätigkeit in der 
erziehlichen Analyse noch spezielle treten müssen, nämlich die Schonung 
der Schamhaftigkeit, der freien Pietät und Ehrfurcht vor 
den Eltern und die Anregung zu geeigneter Arbeit sowie zn 
opferwilligem Empfinden und Tun. Die Hervorhebung dieser für die 
Analyse jugendlicher Personen bedeutsamen Punkte scheint mir deshalb so 
wichtig und trefflich, weil gerade von hier aus die Gegner der Analyse in 
blinder Gehässigkeit ihre Geschosse abfeuern. 



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Kritiken und Referate. 345 

Pf. hat auch recht, wenn er betont, daß die Analyse des kranken 
Kindes nur über die Diagnose und unter der Aufsicht des Arztes vom Päd- 
agogen unternommen werden solle ; bleiben ihm doch alle jene Fälle zu freier 
selbständiger Arbeit vorbehalten, in denen offenkundige Krankheitssymptome 
fehlen, also das gesunde Kind, sowie jene Heranwachsenden, die, wenn auch im 
medizinischen Sinne gesund, doch infolge von starker Verdrängung in der 
Charakterentwicklung gehemmt sind. Nur, meine ich, dürfen wir uns auch in 
der erziehlichen Psychoanalyse „von wenigen Stunden" oder gar „Minuten" 
keinen zu optimistischen Erwartungen hingeben, denn wir wissen, wie mühe- 
voll und geduldreich die Arbeit des Psychoanalytikers ist, auch unter den gün- 
stigsten Vorbedingungen. Der Zugang zur jungen Seele ist wohl nicht selten 
un Augenblick offen, aber die negative Übertragung ist trotz stärkster An- 
schmiegung des Analysanden infolge äußerer und innerer Bedingungen in der 
Regel eine heftigere als beim Erwachsenen und deshalb wird ein dauernder 
Erfolg doch nur dort zu finden sein, wo eine erziehliche Beeinflussung durch 
längere Zeit statthat. Gerade Laien gegenüber kann dies nicht genug betont 
werden, da sie ohnehin zur Unterschätzung der psychoanalytischen Arbeit neigen. 

Endlich scheint mir der Vorwurf Pf isters, „daß in den Kreisen der 
Psychoanalytiker durch unvorsichtige und gewalttätige Deutung viel gesündigt 
worden ist", nicht bloß gefährlich vor einer der Forschung mehr oder minder 
fernstehenden Zuhörerschaft, sondern zugleich unberechtigt. Jeder ernste Ana- 
lytiker weiß, wie die Deutungsarbeit zu Ergebnissen führt, die selbst dem 
Beteiligten überraschend, ja verblüffend kommen ; der Außenstehende kann 
darüber kein Urteil fällen, wir müssen einfach den Tüchtigkeits- und Ehrlich- 
keitsglauben, den wir selber beanspruchen, auch den anderen zubilligen ; sonst 
hiufen wir Gefahr, zwischen Freund und Feind stehen zu kommen. 

Die Forderung Pf isters nach Gründung von Lehranstalten zur Aus- 
bildung praktisch bewährter Pädagogen zu Analytikern ist eine ernste For- 
derung unserer Zeit und wird ihre Erfüllung finden, wenn so dankenswerte 
Schriften wie die besprochene zur Verbreitung der psychoanalytischen Lehre 
beitragen helfen. Dr. v. Hug-Hellmuth. 

Prof. Ed. Claparede, Reve satisfaisant un d^sir organique. Archi- 
ves de Psychologie, T. XVI, No. 63. 

In einem Eisenbahncoupe, wo es heiß und stickig war und er zum 
Fenster nicht zukonnte, um es zu öffnen, träumte Cl., daß er im selben Coup6 
beim offenen Fenster sitzt und in tiefen Zügen die frische Luft einatmet. — 
Cl. klassifiziert den Traum richtig als „ Bequemlichkeitstraum ^ im Sinne 
Freuds, er irrt aber, wenn er meint, daß unter diesem Namen hauptsächlich 
Durstträume verstanden werden ; der Begriff „Bequemlichkeitstraum" umfaßt 
alle Arten von Träumen, die irgend welche Unbequemlichkeit provoziert. 

Cl. befürchtet auch mit Unrecht, daß ihm „die Psychoanalytiker vom 
reinsten Wasser" vorwerfen werden, diesen Traum nicht zu Ende analysiert 
zu haben, weil er nicht bis zu dessen infantilen Quellen zurückgegangen ist. 
Auch der Psychoanalytiker hätte im gegebenen Falle wahrscheinlich keinen 
Anlaß zum Weiterforschen gefunden, da die Lösung in der Situation einfach 
gegeben ist. Die Bequemlichkeitsträume sind nämlich an und für sich von in- 
fantilem Typus: sie sind einfache, unentstellte Wunscherfüllungen; ihre Mo- 
tive — meist körperliche Sensationen von beträchtlicher Intensität — brau- 
chen nicht vom infantilen Kapital zu borgen, um sich geltend zu machen. 
Damit soll aber nicht gesagt sein, daß es nicht auch Bequemlichkeitsträume 



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346 Kritiken und Referate. 

von größerer Kompliziertheit geben kann, deren Sinn nur durch eingehende 
Deutungsarbeit, die meist bis zum Infantilen zurückgreifen muß, erkannt wer- 
den kann. 

Cl. gibt übrigens zu, daß die Freud sehe Auffassung, wonach der 
Traum der Hüter des Schlafes ist, in seinem Traume vollauf bestätigt wird. 

Ferenczi. 

Dr. med. Georg Groddeck (Baden-Baden), Die psychische Bedingt- 
heit und psychoanalytische Behandlung organischer 
Leiden. (Verlag von S. Hirzel, Berlin 1917.) 

Dem aufmerksamen Leser psychoanalytischer Werke wird es nicht ent- 
gangen sein, daß wir das Unbewußte stets als eine dem Physischen nähere 
Schichte behandeln, die über Triebkräfte verfügt, die dem Bewußt- Psychi- 
schen gar nicht oder in weit geringerem Maße zu Gebote stehen. In 
den psychoanalytischen Krankengeschichten hören wir von Darmstörungen, 
Kehlkopfkatarrhen, Menstruationsanomalien, die als Reaktionen auf unter- 
drückte Wünsche entstanden sind, oder einen solchen Wunsch entstellt und 
dem Bewußtsein unkenntlich darstellen. Doch, obzwar die Verbindungswege 
von diesen Erscheinungen zur normalen und pathologischen Physiologie stets 
offengelassen wurden, (ich verweise nur auf die festgehaltene Identität der 
hysterischen und der Ausdrucksmechanismen), beschränkte sich hier die Psycho- 
analyse hauptsächlich auf die Würdigung gewisser seelisch bedingter Körper- 
veränderungen bei der Hysterie. 

Dr. Groddeck macht nun in dieser Broschüre als erster den mutigen 
Versuch, die Ergebnisse der Freudschen Lehre auf die organische Medizin 
anzuwenden. Und schon dieser erste Schritt verhilft ihm zu solch über- 
raschenden Ergebnissen, neuen Ansichten und weiten Perspektiven, daß dessen 
zumindest heuristischer Wert über jeden Zweifel erhaben scheint. Es liegt 
kein Grund vor, auch das zunächst Befremdende an den Behauptungen 
Groddecks a limine abzuweisen. Was er behauptet sind ja zumeist nicht 
Hypothesen, sondern Tatsachen. Er gibt an, daß es ihm gelungen sei, in einer 
großen Zahl vor rein organischen Krankheiten — Entzündungen, Geschwülsten, 
konstitutionellen Anomalien — nachzuweisen, daß die Krankheit als Schutz- 
maßregel gegen unbewußte „Empfindlichkeiten" entstanden ist oder sonstwie 
einer Tendenz dient. Ja es gelang ihm durch die psychoanalytische Arbeit, 
durch das Bewußtmachen dieser Tendenzen, organische Veränderungen schwerster 
Art (so z. B. einen Kropf, eine Sklerodermie, Fälle von Gicht und Lungen- 
leiden etc.) wesentlich zu bessern oder gar zu heilen. Groddeck will sich 
dabei keineswegs die Rolle des Zauberers anmaßen, er behauptet bescheiden, 
mittels Psychoanalyse nur günstigere Bedingungen zu schaffen „für das Es, 
von dem man gelebt wird". Dieses „Es" identifiziert er mit dem Unbe- 
wußten Freuds. 

Solche Tatsachen, ja Tatsachen überhaupt, sind nicht auf Grund von 
Überlegungen welcher Art immer von der Hand zu weisen, ihre Gültigkeit 
hängt einzig und allein davon ab, ob sie — unter den nämlichen Bedingungen 
nachgeprüft — sich bestätigen oder nicht. Übrigens liegt auch kein theore- 
tischer Grund vor, derartige Vorgänge für unmöglich zu erklären. 

Dr. Groddeck ist praktischer Arzt, der nicht von der Psychoanalyse 
ausging, sondern im Bestreben nach erfolgreicherer Behandlung organischer 
Störungen auf unsere Psychotherapie gestoßen ist. Das erklärt die weit- 
gehenden Unterschiede zwischen uns und ihm sowohl in der Auffassung als 
besonders in der Benennung einiger der in Rede stehenden Vorgänge und 



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Kritiken und Referate. 347 

Mechanismen. Es bestehen aber viel zu viel Gemeinsamkeiten, als daß man 
auf die Hoffnung verzichten dürfte, daß der Tunnel zwischen beiden einander 
ergänzenden Beobachtungsreihen bald gebohrt werden wird. Schon meldet 
man auch von rein psychoanalytischer Seite Beobachtungen und Betrachtungs- 
weisen, die den Grodd eckschen Aufstellungen merkwürdig nahekommen. 

Hervorzuheben ist die nüchterne, alles „finalistischen" Philosophierens 
bare Art, mit der Grodd eck die auch im Organischen nachzuweisende (wenn 
auch kausal bedingte) Teleologie behandelt. Er entgeht so recht glücklich 
den Klippen, an denen die Adler sehe Forschung nach verheißungsvollen An- 
fängen gescheitert ist. 

Auch die große Wahrheitsliebe, mit der der Autor für den wissenschaft- 
lichen Zweck die schwachen Punkte seiner eigenen körperlichen und geistigen 
Organisation preisgibt, flößt uns Achtung ein. 

Wir erwarten mit Spannung weitere Mitteilungen Groddecks und 
besonders: eingehende Krankheits- und Heilungsgeschichten. Ferenczi. 



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Zur psychoanalytischen Bewegung. 

In Warschan ist der erste Schritt zur Befestigung und Ausbreitung 
der Psychoanalyse getan worden, indem durch Initiative eines Mitgliedes der 
„Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung" eine „Gesellschaft für psycho- 
pathologische Forschungen" entstanden ist. In diesem Verein, der sich an 
das psychologische Institut angeschlossen hat, dessen Leiter Univ. Prof. Dr. 
Abramowski auch dem Vereine als Mitglied angehört, haben sich die bis 
nun vereinzelten Anhänger der Freudschen Lehre in Warschau getroflfen. Es 
ist zu hoffen, daß bald in Warschau eine neue Ortsgruppe der „Internatio- 
nalen Psychoanalytischen Vereinigung" zu begrüßen sein wird. 



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