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Full text of "Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse Band IV 1917 Heft 5"

DITERNATIOHÄLE ZEITSCHRIFT |^4'f 

FÜR -^'r-"' 

ÄRZTLICHE PSYCHOANALYSE 

OFFIZIELLES ORGAN 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 

HEBAOSGEGEBEN VON 

PROF. DR. SIGM. FREUD 

REDIGIERT VON 

DR. S. FERENCZI DR, OTTO RANK 

BUDAPEST WIEN 

PROF. DR. ERNEST JONES 

LONDON 
UNTER STÄNDIGER MITWIRKUNG VON: 

Dr. KARL ABRAHAM, BbrUN. — Dr. LUDWIG BlNSWANQER, KjlKaZLIKGBR. — 

Da. A. A. BRiLLr, NEt^T York. — Dr, Triqant Burrow, Baltoiorb. — Dr. J. van 
EMDEN, HiUko. — Dr. M, Bxtingon, Bbrun. — Dr. Paul Federn, Wibk. — - 
Dr. Eduard Hitschmann, Wirr. — Dr. H. t. Hug-hbllmuth, Wibn. — Dr. L. 
JEKELS, WiKR. — Prof. FRiedr. S. Krauss, Wien. — Dr. J. T. Mac Curdy, Nkw 
York. — Dr. i. Marcxnowski, Sielbbck. — Prof. MorichaUi-Beauchant, Poitibrs. 

— Dr. J. H. W. van Ophuusen, Haag. — Dr. C. r. Paynb, Waohams, N. Y. — 

— Dr. Oskar ppister, Zürich. — Prof. James J. Putn am, Bostor. — Dr. Theodor 
RBiKy Berli». — Dr. a. W. van Renterghem, Amsterdam. — Dr. Hanns 
SACHS, Wien. — Dr. J. Sadger, Wien. — Dr. a. StArckb, Den Doldsr. — Dr. M. 
STBomann, Drisdkr. — Dr. Victor Tausk, Wien. — Dr. M. Wulff, Odessa. 

IV. JAHEGANG, 1916/17 
HEFT 5 




1917 

HUGO HELLER & CIE. 

LEIPZIG UND WIEN, L BAUERNMARKT 3 



Goo 



^1..^ Original from 

UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Inhalt des V. Heftes. 

S«iU 

Originalarbeiten. 

I. Dr. Ferenczi: Von ICrankheita- oder Pathonenrosen 219 

n. Dr. Tausk: Zur Psychologie des Deserteurs (Fortsetanng u, Schluß) 229 
ni. J. H. W. van Ophtiijsen: Beitr&ge zum Männlichkeitskomplex der Fraa 241 

Mitteilungen. 

1. Dr. Abraham: Das Geldausgeben im Angstzustand 252 

2. Dr. J. Sadger : Ein merkwürdiger Fall von Nachtwandeln und Mondsucht 254 

3. Dr. Ferenczi: Die psychischen Folgen einer „Kastration** im Eindesalter 268 

4. Dr. Ferenczi: Symmetrischer Berührungsawang .266 

5. Dr. M. Kardos: Aus einer Traumanalyse 267 

6. Leutnant Henrik Hai mann: Eine Fehlhandlung im Felde 269 

Kritiken und Referate. 

S. Freuds Serualpsychoanalyse (Dr. S. Ferenczi) ; . 270 

Prof. Dr. E. Heiniich Kisch: Die sexuelle untreue der Frau (Dr. H. von 
Hug-Hellmuth) 272 

Zur psychoanalytischen Bewegung ,.,..., 274 



r^no'^'-^ Original from 

-^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 






Originalarbeiten . 
Von Krankheits- oder Pathoneurosen. 

Von Dr. S. Ferenczi (Budapest). 

Ein 22jähriger Student suchte mich mit der Klage auf, viel mit 
„sadistischen" (z. T. masochistischen) Phantasien zu tun zu haben. Nebst- 
bei teilte mir der Patient mit, daß ihm vor kurzem ein Hode wegen 
tuberkulöser Entartung operativ entfernt wurde. Monate später kam er 
nochmals und fragte mich, ob er, dem Rate eines Chirurgen folgend, 
auch den zweiten, nun auch erkrankten Hoden entfernen lassen soll. 
Es fiel mir auf, daß die Stimmung des Patienten nicht, wie zu er- 
warten war, deprimiert, sondern eingenartig erregt, gleichsam gehoben 
war. Unpassend zur Tragik der Situation schien mir auch seine Bitte, 
ihn nach der Operation in psychoanalytische Behandlung zu nehmen, 
„da ja nach Ausschaltung der organischen Libido die pathologischen 
Verschiebungen der Psyche leichter, ungestörter rückgängig gemacht 
werden könnten*'. Diese Idee faßte er nach der Lektüre einiger psycho- 
analytischer Werke. — Die Kompetenz zur Entscheidung über den Ein- 
griff mußte ich dem Chirurgen abtreten ; den Nutzen einer Psychotherapie 
verneinte ich. Die Kastration wurde an einem der nächsten Tage voll- 
zogen. 

Nach kurzer Zeit erhalte ich vom Vater des Patienten einen ver- 
zweifelten Brief, in dem er von einer so auffälligen Veränderung des 
Charakters und der Gebarung seines Sohnes berichtet, die in ihm den 
Verdacht einer geistigen Erkrankung aufsteigen ließ. Er benehme sich son- 
derbar, vernachlässige seine Studien und auch die Musik, die er bis dahin 
eifrig pflegte, sei unpünktlich, wolle seine Eltern nicht sehen; zur Er- 
klärung seines Benehmens berufe er sich auf seine Verliebtheit in ein 
Mädchen, Tochter eines angesehenen Bürgers seiner Stadt. 

Zweimal hatte ich Gelegenheit, den jungen Mann nach diesen Vor- 
gängen wiederzusehen. Das erstemal standen bei ihm Züge von Eroto- 
manie und Beziehungswahn im Vordergrund. Jenes Mädchen sei in 
ihn verliebt (das sieht er aus verschiedenen kleinen Anzeichen). Doch alle Welt 
schaue auf sein Genitale, manche machen anzügliche Bemerkungen, so 
daß er einen jungen Mann deswegen zum Duell forderte. (Diese Tat- 
sache wurde vom Vater bestätigt.) Er werde den Leuten schon zeigen, 
daß er ein Mann ist ! — Seine Kenntnisse aus der psychoanalytischen Li- 

Z«i«8ohr. f. ftrstt. PsjchoanalTse. rV/6. ^O 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



220 Dr. S. Ferenczi. 

teratur verwandte er dazu, die Krankheit auf andere Personen, beson- 
ders auf die Eltern zu wälzen. „Die Mutter ist in mich unbewußt ver- 
liebt, darum benimmt sie sich mir gegenüber so sonderbar." Zum nicht 
geringen Schreck der Mutter weihte er sie sogar in dieses Geheimnis 
ein. Der Patient hatte zu dieser Zeit, wie das bei der Paraphrenie 
manchmal vorkommt, eine Art Selbstwahrnehmung der in ihm vor sich 
gegangenen Veränderung. Nicht nur die Menschen haben sich verändert, 
auch er sei anders geworden. Seine Liebe zu jenem Mädchen habe nicht 
mehr die Kraft wie früher, aber „durch Selbstanalyse ** wolle er die Sache 
zurechtrücken. 

Nach wenigen Wochen sah ich ihn zum letztenmal. Der Prozeß 
hat inzwischen starke Fortschritte gemacht und näherte sich auffallig, 
nur für ihn selbst unbemerkt, dem Kern jeder paranoischen Erkrankung, 
der Homosexualität. Er fühle sich von Männern „beeinflußt". Dieser 
Einfluß sei es, der seine Gefühle zum geliebten Mädchen verändert habe. 
Den Einfluß denkt er sich, wie die meisten Paraphreniker, als „Gedanken- 
übertragung". Er drückt es zuerst nicht mit klaren Worten aus, läßt 
aber bald erraten, daß ihm von aller Welt Homosexualität zugemutet 
wird. Ausführlich erzählt er die Szene, bei der er die Selbstbeherrschung 
schließlich verlor. Er reiste im Eisenbahnabteil, ihm gegenüber saß ein 
kleiner lächerlicher Mann, der ihn höhnisch anschaute, als wollte er 
sagen, „dich kann ich ja koitieren". Die Idee, daß sogar der kleine un- 
männliche Mann ihn für ein Weib nimmt, erregte ihn sehr, und zum 
erstenmal kam ihm der Rachegedanke: „dich kann auch ich noch koi- 
tieren". Trotzdem verließ er fluchtartig den Eisenbahnzug bei der näch- 
sten Station, ließ sogar sein Gepäck im Stiche, das längere Zeit ver- 
schollen blieb. (Ich verweise hier darauf, daß uns aus der Traumdeutung 
das „Gepäck" als Genitalsymbol bekannt ist, so daß das Verlieren des 
Gepäcks hier als Hinweis auf die stattgefundene Kastration gedeutet 
werden kann.) 

Der Patient mußte alsbald in eine Anstalt gebracht werden, so daß 
mir von seinem weiteren Schicksal nicht viel bekannt ist. Ich höre, daß 
er immer mehr der Demenz verfällt. Doch auch das wenige, was wir 
vom Falle wissen, ist wichtig genug, um uns damit eingehender zu be- 
schäftigen. 

Das nächste, was einem dabei auffällt, ist die Prägnanz, mit der 
in den Wahnideen des Patienten die sonst meist nur mittels Deutung zu 
erschließende homosexuelle Basis des psychischen Leidens zum Vorschein 
kommt. Immerhin wurden solche Fälle bereits von mir und M o r i c h a u- 
Beauchant (Poitiers) veröffentlicht. Der Paranoiker mit ursprünglich 
ganz unklaren Beziehungs- und Beschuldigungswahnideen kann schließ- 
lich unter anderem auch der eigenen Homosexualität, allerdings in Form 
einer ungerechten Beschuldigung, bewußt werden, gleichwie der Zwangs- 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Von Krankheits- oder Fathoneorosen. 221 

neurotiker, dessen Leiden m sinnlosen Zwangsvorstellungen sich äofiert, 
mit der Zeit den ganzen realen psychischen Hintergrund seines Leidens 

— aber in Form eines Zwangszeremoniells, also seinem Ich wesensfremd 

— zur Schau tragen kann. 

Ein viel tieferes Problem sieht man aber in diesem Falle stecken, 
wenn man ihn von dem Gesichtspunkte aus betrachtet, ob hier das 
psychische Leiden, die Paranoia, traumatisch von der Kastration 
ausgelöst werde. Die Kastration des Mannes, die „Entmannung", ist aller- 
dings hier recht geeignet, feminine Phantasien zu erzeugen, oder solche 
aus der verdrängten bisexuellen Kindheitserinnerung wiederzubeleben, 
die dann in den Wahnideen Ausdruck finden. 

Der Fall steht übrigens auch diesbezüglich nicht vereinzelt da. 
Vor mehreren Jahren veröffentlichte ich einen Fall von „Reizung der 
analen erogenen Zone als auslösende Ursache der Paranoia". Es han- 
delte sich dort um einen Mann, der, nachdem an ihm vom Arzte eine 
Operation am Mastdarm ausgeführt wurde, dem Verfolgungswahnsinn 
verfiel. Auch der Eingrifif am Mastdarm war sehr danach angetan, Phanta- 
sien von einem erlittenen homosexuellen Akte zu erregen oder wieder- 
zubeleben. 

Die ursprüngliche psychoanalytische Traumatheorie der Neurosen hat 
sich bis auf den heutigen Tag bewährt. Sie wurde durch die Theorie 
Freud s von der Sexualkonstitution und deren dispositioneller Bedeut- 
samkeit bei der Neurosenbildung nicht beseitigt, sondern ergänzt, so 
daß wir im Prinzip nichts gegen die Möglichkeit einer traumatischen 
Paranoia einzuwenden haben, bei der trotz normaler Sexual- 
konstitution gewisse Erlebnisse den Anstoß zur Entwicklung dieser Neuro- 
psychose geben. 

Vom Standpunkte der Sexualkonstitutionslehre Freuds betrachtet, 
ist die Paranoia eine narzißtische Neuropsychose, Es erkranken daran 
Personen, deren Sexualentwicklung an der Übergangsstelle vom Nar- 
zißmus zur Objektliebe eine Störung erlitt, so daß sie zur homosexuellen, 
also der narzißtischen näheren Objektwahl zu regredieren geneigt 
bleiben. 

In seiner „Einführung des Narzißmus" gedenkt nun Freud u. a. 
auch meiner Annahme, daß die eigenartigen Veränderungen im Liebes- 
leben körperlich Kranker (die Zurückziehung der Libido vom Objekt und 
die Konzentrierung alles egoistischen wie libidinösen Interesses im Ich) 
mit dafür sprechen, daß hinter der Objektliebe des erwachsenen Normal- 
menschen versteckt ein großer Teil des früheren Narzißmus fortlebt und 
nur auf die Gelegenheit wartot, sich geltend zu machen. Eine körper- 
liche Erkrankung oder Verletzung kann also ganz gut eine traumatisch 
zu nennende Regression zum Narzißmus, eventuell deren neurotische Va- 
riante zur Folge haben. 

15* 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



222 ^'- S. Ferenczi. 

Die Beobachtungen über das libidinöse Verhalten körperlich Kranker 
haben sich inzwischen um einiges vermehrt, und ich benutze diese Gre- 
legenheit, über die Neurosen infolge von organischer Erkrankung oder 
Verletzung, die ich Krankheits- oder Pathoneurosen nennen 
möchte, einiges mitzuteilen. 

Es stellte sich heraus, daß in sehr vielen Fällen die von der Außen- 
welt zurückgezogene Libido nicht dem ganzen Ich, sondern hauptsächlich 
dem erkrankten oder beschädigten Organe zugewendet wird, und an 
der verletzten oder erkrankten Stelle Symptome hervorruft, die man auf 
eine lokale Libidosteigerung beziehen muß. 

Leute, die einen hohlen Zahn oder Zahnschmerzen haben, sind im 
stände, nicht nur — was begreiflich — ihr ganzes Interesse von der Außen- 
welt ab- und der schmerzhaften Stelle zuzuwenden, sondern sie benützen 
jene Stelle auch zu eigenartigen Lustbefriedigungen, die man nicht an- 
ders, als libidinös bezeichnen kann. Sie lutschen, ziehen, saugen am kranken 
Zahn und der Zunge, stochern im hohlen Zahn mit Instrumenten herum, 
wobei sie selbst zugeben, daß diese Manipulationen von ausgesprochenen 
Lustgefühlen begleitet sind. Man kann nicht anders sagen : infolge der 
von der Krankheit gesetzten Reize hat hier eine Körperstelle, ähnlich 
wie bei der Hysterie auf Grund spezieller Disposition, Genital- 
qualitäten angenommen, sie wurde „geni talisiert". Auf Grund 
eines von mir analysierten Falles kann ich behaupten, daß diese Zahn- 
parästhesien ausgesprochene oralerotische und kannibalische Phantasien 
zur psychischen Folge haben können, d. h. auch die Psychosexualität in 
entsprechendem Sinne verändern. Einen ähnlichen Reizzustand der 
Oralerotik können — wie Freud mir mitteilte — langdauernde Zahn 
behandlungen, Zahnregulierungen etc. zur Folge haben. 

Ein Magenkranker, dessen ganzes Interesse von der Verdauung in 
Anspruch genommen war, tat den charakteristischen Ausspruch, daß 
ihm „die ganze Welt schlecht schmeckt"; es schien, als sei auch seine 
ganze Libido um den Magen zentriert. — Vielleicht gelingt es einmal, 
die spezifischen Charakterveränderungen bei organischen Krankheiten als 
Reaktionsbildungen des Ich auf solche Verschiebungen der Libido zurück- 
zuführen. Man sagt, die Magenkranken seien „cholerisch", „bissig", man 
spricht von einem Phthisicus salax, usw. 

Von Kinderäzten weiß ich, daß nach einem Keuchhusten trotz 
Abheilung des Infektionsprozesses jahrelang nervöse Hustenanfälle vor- 
kommen können ; auch dieses kleine hysterische Symptom möchte ich 
aus der Libido Verschiebung auf ein erkrankt gewesenes Organ erklären. 

Das Wiederaufleben der Analerotik nach einem Darmleiden, 
meist in neurotischer Verkleidung, ist ein bei Analysen häufig zu beob- 
achtendes Vorkommnis. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Von Krankheits- oder Pathonenrosen» 223 

Diese Beispiele ließen sich gewiß noch vermehren, aber für unsere 
Betrachtungen genügen sie. Wir ersehen aus ihnen, daß organische 
Krankheit nicht nur eine narzißtische, sondern eventuell eine, das libi- 
dinöse Objektverhältnis noch beibehaltende, j,übertragungsneurotische" 
(hysterische) Libidostörung zur Folge haben kann. Ich möchte diesen 
Zustand Krankheitshysterie (Pathohysterie) nennen, im Gegen- 
satz zur Sexualneurose Freuds, bei der die Libidostörung das 
Primäre, die organische Funktionsstörung das Sekundäre ist. (Hysterische 
Blindheit, nervöses Asthma.) 

Schwieriger ist die Abgrenzung dieser Zustände von der Hypo- 
chondrie, der dritten Aktualneurose Freuds. Der Unterschied 
ist hauptsächlich der, daß bei der Hypochondrie nachweisbare Verän- 
derungen in den Organen fehlen und überhaupt nicht vorhanden waren. 

Die traumatische Neurose ist die Folge einer starken see- 
lischen und körperlichen Erschütterung ohne erhebliche Körperverletzung. 
In ihrer Symptomatologie mengen sich narzißtische Regression (Auf- 
lassang eines Teiles der Objektbesetzungen) mit konversions- resp. angst- 
hysterischen Krankheitszeichen, die wir bekanntlich zu den Übertragungs- 
neurosen rechnen.^) 

Wann aber wird die Krankheit oder Beschädigung eine weiter- 
gehende Regression in den Narzißmus zur Folge haben und einen 
^Krankheitsnarzißmus" oder eine echte narzißtische Neurose erzeugen? 
Ich meine, dies könnte ijnter drei Umständen der Fall sein. 1. Wenn 
der konstitutionelle Narzißmus — sei es auch nur latent — schon vor 
der Schädigung allzu stark war, so daß die kleinste Verletzung eines 
Körperteiles das ganze Ich trifft ; 2. wenn das Trauma lebensgefährlich ist 
oder für solches gehalten wird, d. h. die Existenz (das Ich) überhaupt bedroht; 
3. kann man sich das Zustandekonmien einer solchen narzißtischen 
Regression oder Neurose als Folge der Beschädigung eines 
besonders stark libidobesetzten Körperteils vorstellen, mit 
dem sich das ganze Ich leicht identifiziert. Nur mit .dieser letzten Even- 
tualität will ich mich hier beschäftigen. 

Wir wissen, daß die Libidoverteilung im Körper keine gleichmäßige 
ist, daß es erogene Zonen gibt, an denen die libidösen Energien hoch- 
gespannt, gleichsam verdichtet sind, während dies an anderen Körper- 
teilen in viel geringerem Maße der Fall ist. Es ist von vornherein an- 
zunehmen, daß die Verletzung oder Erkrankung dieser Zonen viel eher 
von tiefgreifenden Libidostörungen begleitet sein wird, als die des übri- 
gen Körpers. 

Während meiner kurzen, nur wenige Monate dauernden augenärzt- 
lichen Praxis im Krankenhause konnte ich feststellen, daß Psychosen 

*) Siehe: Ober zwei T3rpeii der Kriegsnenrose. Diese Zeitschrift, 1917, Nr. 3. 
(Vom Verf.) 



.. f^^r^^.^fu Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



224 ^^' S. Ferenczi. 

nach Augenoperationen nicht zu den Seltenheiten gehören, diese 
Tatsache wird übrigens auch in den Lehrbüchern der Augenheilkunde her- 
vorgehoben. Nun ist das Auge eines der mit Libido am stärksten besetzten 
Körperorgane, wie dies nicht nur die Psychoanalyse der Neurosen, son- 
dern auch die reiche Folklore vom Wert des Augapfels beweist. Es ist 
zu verstehen, wenn der Verlust des Auges oder dessen Gefahr das ganze 
Ich in Mitleidenschaft zieht, oder eine narzißtische Krankheitsneurose 
auslöst. 

Auf die von mir geleitete Nervenabteilung eines Barackenspitales 
wurde im Laufe eines Kriegsjahres von der chirurgischen Abteilung ein ein- 
ziger Kranker zur Beobachtung seines Geisteszustandes transferiert. Es war 
dies ein etwa SOjähriger Mann, dem eine Granate fast den ganzen Unter- 
kiefer zerstörte. Sein Gesicht war durch den Defekt furchtbar entstellt. 
Das auffällige an seinem Benehmen war nur ein naiver Narzißmus. Er 
verlangte, daß an ihm die Pflegeschwester täglich und regelrecht eine 
Manikür vornehme, wollte von der Spitalskost nicht essen, da ihm viel 
feinere Speisen gebühren und wiederholte diese und ähnliche Wünsche 
unablässig nach Art der Querulanten. Also ein Fall von wirklichem 
„Krankheitsnarzißmus". Erst nach längerer Beobachtung konnte man bei 
ihm neben diesem anscheinend harmlosen Symptom auch Andeutungen 
von Verfolgungswahn feststellen. 

Gerade beim Niederschreiben dieser Arbeit las ich ein Referat über 
eine Arbeit v. Wagners vom Seelenzustand nach schweren Gesichts- 
verletzungen. Der Autor findet, daß das Gemüt nach solchen Ver- 
letzungen viel schwerer deprimiert ist als nach noch so schweren 
Verletzungen anderer Körperstellen. Alle Verletzten äußerten sich in dem 
Sinne, daß sie viel lieber einen Arm oder ein Bein verloren hätten. Es sei 
auph auffällig, wie oft sich die Gesichtsverletzten im Spiegel anschauen. 

Nun kann man das Gesicht nicht eigentlich als erogene Zone be- 
zeichnen, aber als Schauplatz eines sehr bedeutsamen Partialtriebes, der 
normalen Exhibition, spielt es — als auffalligster unbedeckter Körper- 
teil — eine eminent sexuelle Rolle. Es ist ganz gut denkbar, daß die 
Verstümmelung dieser so bedeutsamen Körperstelle auch ohne besonders 
starke Prädisposition zur narzißtischen Regression führen kann. Einen 
Fall von vorübergehender paraphrenieartiger Gefühlsstumpfheit konnte 
ich auch bei einem schönen jungen Mädchen nach einer Operation am 
Gesichte beobachten. 

Die Identifizierung des ganzen Ich mit den Gesichtspartien ist etwas 
allgemein Menschliches. Es ist mir warscheinlich, daß die in der Subli- 
mierungsperiode vor sich gehende Verdrängung libidinöser Regungen „von 
unten nach oben ^ (Freud) die zunächst nur exhibitionistische Sexualrolle 
des Gesichtes — wahrscheinlich mit Hilfe der lebhaften Gefaßinnervation 
— sekundär „genitalisiert". (Unter Genitalisierung einer Körperpartie 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Von Krankheits- oder Pathonearosen. 225 

verstehe ich mit Freud die periodisch gesteigerte Hyperämie, Durch- 
feuchtung, Turgeszenz, von entsprechenden Nervenreizen begleitet.) 

Der andere Körperpol, der Anus und der Enddarm, behält, 
wie bekannt, zeitlebens einen großen Teil seiner Erogeneität. Mein oben 
zitierter Fall von der Reizung der Änalzone als auslösende Ursache einer 
Paranoia spricht dafür, daß der Weg zum Krankheitsnarzißmus und 
seiner neurotischen Variante auch von hier aus gangbar ist. 

Eine ganz besondere Stelle unter den erogenan Zonen nimmt das 
Genitale ein. Seit Freud wissen wir, daß es schon frühzeitig das 
Primat aller erogenen Zonen übernimmt, so daß sich die erogene Funk- 
tion aller übrigen Zonen zu Gunsten der Genitalzone einschränkt. 
Hinzufügen muß man, daß sich dieses Primat auch darin äußert, daß 
jede Erregung einer erogenen Stelle sofort auch das Genitale in Mit- 
leidenschaft zieht, so daß das Genitale als erotisches Zentralorgan aich 
zu den übrigen Zonen wie das Gehirn zu den Sinnesorganen verhält. 
Die Ausbildung eines solchen, die übrigen Erotismen zusammenfassenden 
Organes dürfte überhaupt die Vorbedingung der von Freud postulierten 
narzißtischen Stufe der Sexualität sein. Mit Bestimmtheit können wir 
annehmen, daß zwischen dem Genitale und dem narzißtischen Ich 
(Freud) zeitlebens die allerintimsten Beziehungen bestehen bleiben, ja 
daß das Genitale vielleicht überhaupt der Kristallisationskern der nar- 
zißtischen Ichbildung ist. Als psychologische Bestätigung dieser An- 
nahmen dient uns die weitverbreitete Identifizierung des Ich mit dem 
Genitale in Träumen, in der Neurose, in der Folklore und im Witz. 

Nach alledem würde es nicht vnindemehmen, wenn es sich heraus- 
stellte, daß Krankheiten oder Verletzungen der Genitalien besonders dazu 
geeignet sind, die Regression in den Krankheitsnarzißmus hervorzurufen. 
Ich verweise zunächst auf die sogenannten Puerperalpsychosen, die 
sicher nicht auf „Infektion^ oder banale „Aufregung^, sondern auf die 
bei der Geburt unvermeidliche Verletzung der zentralen erogenen Zone 
zurückzuführen sind. Wie bekannt, gehört eine große Zahl dieser Psy- 
chosen zur Gruppe der Paraphrenien (Dementia praecox). Aber auch 
andere Krankheitszustände des Genitales, Gonorrhöe, Syphilis, etc., können 
besonders beim männlichen Geschlechte tiefe Gemütsalterationen hervor- 
rufen, das ganze Ich in Mitleidenschaft ziehen. Die übertriebene Be- 
hauptung eines italienischen Gynäkologen, daß alle Geisteskrankheiten 
der Frauen auf Genital- und Adnexerkrankungen zurückzuführen sind, 
ist die ungerechtfertigte Verallgemeinerung der Möglichkeit einer geni- 
talen Pathoneurose. Die an das Ausscheidungsorgan (hier die Vagina) 
geknüpfte schmerzliche Lust wird zum Teil auch auf das Ausscheidungs- 
produkt (das Kind) übertragen. So wird es erklärlich, daß so viele Mütter 
gerade ihr „Schmerzenskind ** bevorzugen, Freud machte mich auf diese 
Analogie aufmerksam. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



226 Dr. S. Ferenczi. 

Nun ist es zuzugeben, daß die Läsion der genitalen oder einer 
anderen der erwähnten Zonen ebensowohl eine hysterische, also nicht 
narzißtische Neurose zur Folge haben kann, aber ceteris paribus sind 
diese Stellen eher als andere dazu geneigt, auf ihre Erkrankung oder 
Verletzung narzißtisch zu reagieren. Wir glauben also berechtigt zu sein, 
auch im eingangs mitgeteilten Fall von Paranoiaerkrankung nach Kastra- 
tion der Verletzung der Genitalzone nicht nur eine banale „aus- 
lösende", sondern eine spezifische ätiologische Bedeutung beizumessen. 

Zur Stütze letzterer Behauptung kann außer den angeführten, zum 
Teil theoretischen Erwägungen eine sehr häufige psychiatrische Beobach- 
tung herangezogen werden. An Paraphrenie (Dementia praecox) leidende 
Patienten beklagen sich sehr oft über eigenartige Empfindungen in ein- 
zelnen Körperpartien, z. B. : ihre Nase sei schief, ihre Augen von ver- 
änderter Stellung, ihre Kopfform entstellt usw., obzwar an den betref- 
fenden Körperstellen auch die genaueste Untersuchung keine objektive 
Veränderung feststellen kann. 

Es kann nun kein Zufall sein, daß sich diese hypochondrischen 
Empfindungen so häufig gerade am Gesicht, am Auge (nicht selten an 
den Genitalien) melden, also an denselben Körper stellen, deren nar- 
zißtische Bedeutsamkeit wir soeben hervorgehoben haben. Noch auf- 
fälliger ist es, daß Paraphreniker so häufig Selbstverstümmelungen gerade 
an diesen erogenen Zonen begehen: sich kastrieren, sich das Auge aus- 
stechen, usw., oder den Arzt auffordern, an ihrem Gesichte, an der 
Nase eine kosmetische Operation vorzunehmen. 

Wir wissen nun von Freud, daß solche lärmende Symptome der 
Paraphrenie im Dienste der Selbstheilungstendenz stehen, müssen also 
auch in den Fällen von Selbstblendung und Selbstentmannung annehmen, 
daß sich der Patient mittels des brutalen Eingriffs von hypochondrisch- 
narzißtischen Parästhesien obenerwähnter Art befreien wollte. Jeden- 
falls spricht die Tatsache allein, daß eine rein psychogene Paraphrenie 
derartige Parästhesien gerade in den erogenen Zonen hervorzurufen ver- 
mag, und daß der Patient als Reaktion darauf gerade zum Mittel der 
Selbstverletzung greift, entschieden für die Möglichkeit, daß dieser Prozeß 
auch umgekehrt gangbar sein, daß also eine traumatische oder pathologische 
Störung dieser narzißtisch wichtigen Körperstellen eher als die anderer 
eine narzißtische Pathoneurose nach sich ziehen kann. 

Solche Reziprozität zentraler und peripherer Reizzustände ist uns 
auch sonst wohl bekannt. Eine Hautwunde z. B. kann jucken, aber ein 
rein zentrales Jucken kann zum Kratzen, mit anderen Worten zum 
Setzen von Hautwunden an der juckenden Stelle, also zu einer Art Selbst- 
verletzung Veranlassung geben. 

Auf welche Art eine Körperverletzung oder krankhafte Organ- 
störung die Libidoverteilung verändern mag, ist noch ganz unersichtlich, 



.. f^^r^^.^fu Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Von Erankheits- oder Pathonenrosen. 227 

wir müssen uns zunächt mit der Konstatiemng der Tatsache selbst be- 
gnügen. 

Wenn aber ein Hund seine verletzte Pfote stundenlang zärtlich leckt, 
ist es eine unangebrachte Rationalisierung, anzunehmen, daß er damit 
eine medizinische Heilwirkung, die Desinfektion seiner Wunde, etc. er- 
zielen will. Viel plausibler ist die Vermutung, daß sich seine Libido dem 
verletzten Gliede in erhöhtem Maße zuwendet, so daß er es mit Zärt- 
lichkeiten bedenkt, wie sonst nur seine Genitalien. 

Nach alledem ist es nicht unwahrscheinlich, daß an verletzten oder 
erkrankten Körperstellen sich nicht nur weiße Blutkörperchen „chemo« 
taktisch" zusammenrotten, um ihre reparatorische Tätigkeit zu ent- 
falten, sondern daß dort auch eine größere Libidomenge aus den übrigen 
Organbesetzungen zusammenströmt. Vielleicht hat diese Libidosteigerung 
sogar an den in Gang gesetzten Heilvorgängen seinen Teil. „Mit wol- 
lüstigem Reiz schließt sich die Wunde geschwind.*^ (Mörike.) 

Wenn sich aber das Ich dieser lokalisierten Libidosteigerung mittels 
der Verdrängung erwehrt, so mag eine hysterische, wenn es sich mit 
ihr vollkommen identifiziert, eine narzißtische Pathoneuros e, 
eventuell einfacher Krankheitsnarzißmus die Folge der Verletzung 
oder Erkrankung sein. 

Es ist zu erwarten, daß die weitere Erforschung dieser Vorgänge 
etwas Licht auf einige sexualtheoretisch noch sehr dunkle Probleme, 
besonders auf das des Masochismus und der weiblichen Geni- 
talität werfen wird. 

Der Schauplatz der masochistischen Betätigung, mag sie später 
noch so komplizierte und sublimierte Formen annehmen, ist nach Freud 
ursprünglich immer die Hautdecke des Körpers. Es scheint, daß unver- 
meidliche Hautverletzungen bei jedem Menschen lokalisierte trauma- 
tische Libidosteigerungen verursachen, die — zunächst reine Autoero- 
tismen — später unter entsprechenden Umständen den Kern eines 
echten Masochismus ausmachen können.^) Soviel ist mindestens zu be- 
haupten, daß beim Masochismus in ähnlicher Weise Libidosteigerungen 
an verletzten Körperstellen entstehen, wie wir sie in den angeführten 
Fällen von Krankheits- oder Pathonenrosen angenommen haben. 

Was die weibliche Genitalität anbelangt, wissen wir von 
Freud, daß die anfangs ganz virile, aktive, an die Clitoris gebundene 
Genitalfunktion des Weibes erst nach der Pubertät einer weiblichen, 
passiven (vaginalen) weicht. Vorbedingung des ersten vollweiblichen 



^) Ich weiß aus mündlichen Mitteilnngen Freuds, daß der Masochismns 
immer auf KastrationsdrohnDg zurückzuführen ist; xmd vermute, daß dabei ein 
zweiter , nunmehr neurotischer Vorgang zur Verdrängung der normalen 
Qenitaltriebe und zur regredienten, allerdings bereits genitalisierten Wiederbelebung 
des oben erwähnten Hautmasochismus, d. h. des Urmasochismus, fOhrt 



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228 ^^- ^- ^erenczi : Von Krankheits- oder Pathoneurosen. 

Sexualgenusses scheint aber gerade eine Körperverletzung; die Zer- 
reißung des Hymen und die gewaltsame Dehnung und Streckung der 
Vagina durch den Penis zu sein. Ich vermute, das diese Verletzung, die 
ursprünglich keinen Sexualgenuß, nur Schmerz bereitet, nach Art der 
Pathoneurosen die Verlegung der Libido auf die verletzte Vagina sekundär 
mit sich bringt, gleichwie die Kirsche, an der ein Vogel genagt hat, 
eher Süße und Reife erlangt. 

Es ist wahr, daß diese Verlegung der Libido von der Clitoris 
(Aktivität) auf die Vagina (Passivität) sich im Laufe der Phylogenese 
bereits organisiert hat und mehr — minder auch ohne jenes Trauma zu 
stände kommt. In einem der von Freud beschriebenen Typen des 
Liebeslebens aber — der Frau, die den ersten Überwinder haßt und 
nur den zweiten lieben kann — scheint uns noch die ursprüngliche 
Zweizeitigkeit des Prozesses, die zur weiblichen (passiven) Genitalität 
führte, erhalten zu sein, nämlich die primäre Haßreaktion auf die 
Körperverletzung und die sekundäre Verlegung der Libido auf die ver- 
letzte Körperstelle, aufs Instrument, das die Wunde gesetzt hat, und auf 
den Träger dieser Waffe. 



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Zur Psychologie des Deserteurs. 

Von Ldst.-Ob.-Arzt iur. et med. Dr. Victor Tan^k. 

(Fortsetzung und Schluß.) 

M. H.! Die große Entdeckung Freuds, die im Grunde den 
wesentlichen Inhalt der Psychoanalyse vorstellt, lautet : Der Mensch 
stammt aus seiner Kindheit. Ich bitte Sie, diesen Gemeinplatz als 
blutige Neuheit der Psychologie anzunehmen. Denn so faßt ihn der 
allergrößte Teil der lesenden Menschen auf, die Gelehrten mitinbegriffen. 
Man kann diesem Teil der Menschheit nichts Neueres und Befremdenderes 
sagen, als daß ihre würdigen Persönlichkeiten aus Resten ihres Kinder- 
lebens bestünden, die teils unverändert, teils nach bestimmten Gesetzen 
verändert, zu ihrem gegenwärtigen, anscheinend erwachsenen Bild, zu- 
sammengetreten sind. Der Erwachsene liebt es, das Kind als etwas an- 
deres anzusehen, als wofür er sich selbst hält. Er hält das Kind nicht 
für kindlich, sondern für kindisch, das heißt, er nimmt die Affekt- und 
Triebäußerungen des Kindes gewöhnlich nicht ernst, er nimmt sie für etwas 
Provisorisches, für etwas, was mit Sicherheit dem Schicksal des „Er- 
wachsenseins" entgegengeht und gegenwärtig nur die Aufgabe stellt 
abzuwarten, bis es vorüber ist. Die Psychoanalyse aber hat nachge- 
wiesen, daß es nicht „vorüber" geht, sondern „eingeht" in das Bild der 
erwachsenen Persönlichkeit, die ganz und gar als Resultat der Trieb- 
schicksale des Kindes aufzufassen ist. Das Kind hebt und haßt wie der 
Erwachsene, zumeist auch noch mit viel größerem Ernst und stärkerer 
Kraft als der Erwachsene, vor allem aber als der Erwachsene unserer 
abgeflachten Lebenskultur. Diese Abflachung, sofern sie Konvention, Ver- 
schwommenheit und Kleinlichkeit des Gefühlslebens bedeutet, ist indessen 
ein unerwünschter, wenn auch bei der Beschaffenheit des menschüchen 
Materials unvermeidlicher Erfolg sehr wichtiger Prinzipien der Soziali- 
sierung und Orientierungsreifung des Menschen in der Außenwelt. Eben 
der große Ernst und die große Intensität des kindlichen Seelenlebens 
sind die Objekte, an denen sich diese Prinzipien betätigen, um aus 
Kindern Erwachsene zu machen. Und es liegt nicht an den Prin- 
zipien, sondern an den Menschen, die sie handhaben, seltener an denen, 
an denen sie geübt werden, wenn die Erwachsenen mit den Lehren, 
die sie bekommen haben und weitergeben, so unsicher und unbe- 
friedigt leben. 



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230 ^^' Victor Tausk. 

Was das Triebleben des Kindes vor allem auszeichnet, ist die Un- 
fähigkeit, die Befriedigung von Wünschen auf spätere Zeit aufzuschieben 
oder gar auf sie Verzicht zu leisten. Das Kind lebt nach dem Lust- 
prinzip, es soll zum Realitätsprinzip erzogen werden. Diese zwei 
gegensätzlichen Prinzipien der psychischen Entwicklung des Menschen 
hat Freud als die Faktoren gekennzeichnet, aus deren innerem Kampfe 
das Endbild der Einzelentwicklung hervorgeht. Das Kind verlangt nicht 
nur eine unaufschiebUche [Erfüllung seiner Wünsche, es verlangt auch 
die Erfüllung von an und für sich unerfüllbaren Wünschen oder von 
solchen, die seiner Umgebung oder ihm selbst jetzt oder später Schaden 
bringen könnte. Eine Einschränkung der Triebbefriedigung empfindet 
das Kind als harten persönlichen Insult. Es kann auf den Lusterwerb, 
auch wenn er Gefahren in sich birgt, nicht verzichten. Doch muß es 
dazu erzogen werden, seine Lustbedürfnisse nach der realen Welt, d. h., 
nach den unter den gegenwärtigen Menschen und Verhältnissen möglichen 
und die geistige und körperliche Gesundheit förderlichen Arten zu be- 
friedigen. Schon wenn es nach dem Mond greift, muß es die Erfahrung 
machen, daß der Besitz dieses Dinges in der realen Welt nicht zu 
haben ist. Wenn es seine Geschwister beherrschen will, muß es lernen, 
daß es nicht mehr Rechte habe als jene, und es muß daher diesen 
Wunsch entweder aufgeben oder die Oberflügelung der Geschwister in 
einer Art versuchen, die von der menschlichen Gesellschaft wenn auch 
nicht immer gefördert, so doch auch nicht immer gehindert wird, indem 
es sich etwa eine geistige Überlegenheit durch tüchtiges Lernen erwirbt. 
Auf diese Weise sublimiert es, wie die Psychoanalyse sagt, seine 
groben tyrannischen Wünsche. Und es erwirbt dadurch in seiner Gei- 
stigkeit eine Lustquelle, die die versiegte Lustquelle der häuslichen Ty- 
rannei ersetzt. Wenn das Kind schon so groß sein will wie Vater oder 
Mutter, um sich Dinge erlauben zu dürfen, die sich die Eltern erlauben, 
muß es warten lernen. Kurz, es darf nicht alles und nicht alles auf der 
Stelle haben wollen. Es muß auch darauf verzichten, daß ein kleiner oder 
großer Nebenmensch sterbe, weil es ihm in der Maßlosigkeit] der kindlichen 
Wut den Tod wünscht. Es muß darauf verzichten, die Liebe der Eltern 
allein für sich zu besitzen, aus keinem anderen Grunde allein besitzen 
zu wollen, als weil es im kindlichen Egoismus die Existenzrechte der 
anderen Geschwister nicht versteht und daher nicht duldet. 

Bei manchen Kindern versagt diese Erziehung zum Verzicht und 
Aufschub, die Kinder bleiben an den Kinderwünschen unbewußt hängen. 
Sie bringen es nicht fertig, sich einen tauglichen Ersatz für die ver- 
sagten Befriedigungen anzuschaffen, denn sie wollen überhaupt keinen 
Ersatz haben. Sie wollen die alten Wünsche in ihrer Urform befriedigen. 
Einige von diesen Wünschen werden aber alsbald aus äußeren oder in- 
neren Gründen in der ursprünglichen Form vollkommen unerfüllbar, wie 



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Zar Psychologie des Deserteurs. 231 

etwa die Phantasiewünsche des kindlichen Ehrgeizes, die Todeswünsche 
und die Sexualwünsche gegen die nächsten Angehörigen. Von beson- 
derer Bedeutung sind unter diesen Wünschen der Todeswunsch gegen 
den Vater und der Sexualwunsch auf die Mutter, die wir die Wünsche 
des von Freud beschriebenen Ödipuskomplexes des männlichen 
Kindes nennen. Ich werde Ihnen jetzt nicht mehr darüber sagen, als daß 
diese Einstellung gegen die Eltern zu den Urerlebnissen des männlichen, 
und mutatis mutandis, mit der Liebe zum Vater und dem Todeswunsch 
gegen die Mutter, des weiblichen Menschen gehört. Solche Kinder, die 
von ihren kindlichen Wünschen nicht wegkommen können, nennt die 
Psychoanalyse „Fixierte'^, an diese Wünsche oder Objekte fixierte. Sie 
finden keinen tauglichen Ersatz für die ihnen entzogenen Befriedigungs- 
möglichkeiten, aber sie versuchen es immer wieder, einen Ersatz zu finden. 
Diese Versuche müssen notgedrungen immer mißlingen, denn im Un- 
bewußten — dieser ganze Prozeß verfällt im Laufe seiner Abwicklung 
dem Unbewußten, weshalb er auch unverständlich und unlösbar wird 
für das betroffene Individuum — wollen diese Menschen immer nur 
den alten Befriedigungswunsch realisieren. Die Folge davon ist, 
daß sie sich nie mit der realen Welt ausgleichen, in der die gewünschten 
Dinge eben nicht zu haben sind, und daß sie in ihrer Flucht vor allem, 
was sie erreichen können, immer nur dokumentieren, daß sie etwas 
anderes wollen, als was sie tun und haben können. 

Wenn wir uns unsere Deserteure der zweiten Kategorie ansehen, 
so zeigen sie uns, daß sie an den alten Wunsch, dem Zwang der Fa- 
milie zu entfliehen, fixiert sind. Da ihnen dieser Wunsch unbewußt ge- 
worden ist, wird in ihnen mit jedem Abhängigkeitsverhältnis, in das sie 
geraten, die unbewußte Auflehnung gegen den Familienzwang wach, ohne 
daß jedoch mit dem Auflehnungsgefühl zugleich das Bild der Familie, 
der die Auflehnung im Grunde gilt, ins Bewußtsein träte. Sie empfinden 
jeden Machthaber, jeden der ihnen gebieten kann oder will, nur weil sie 
seine Macht fühlen, als ein Stück Familie. Gewöhnlich ist dieses Stück 
der Vater, der ja in der Familie die Macht und das Gebieten hatte, der 
den Sohn durch Befehle, Strafen, durch Auferlegung von Verzicht und 
Aufschub der Wunschbefriedigung vom Lust- zum Reahtätsprinzip 
zu leiten hatte. Für diesen Sohn wird der Lehrer, der Meister und der 
Feldwebel zum Vater. Und so wie der Sohn seinem Vater entlaufen 
wollte und entlief, so entläuft er der Schule, dem Meister und dem 
Militär, das jetzt die Vaterstelle vertritt. 

Die Auflehnung gegen den Vater hat sich im Unbewußten auf die 
Nachfolger in der Macht des Vaters verschoben. Da aber diese Ver- 
schiebung nur einen unvollkommenen Ersatz gibt, wird nur das Auf- 
lehnungsgefühl allein maßgebend, der Anlaß mag noch so läppisch sein. 
Wenn er nur das Auflehnungsgefühl aktiviert, das sich leicht, wie es 



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232 Dr. Victor Tausk. 

das Individuum gewöhnt ist, in einen Fluchtimpuls verwandeln kann, 
kann es zur Tat kommen. 

Ist das etwa nicht unwiderstehlicher Zwang, wenn man unter einer 
so gearteten psychischen Konstellation steht? Aber freilich, das Gesetz 
kennt diese Kategorie von Schuldausschließungsgrund nicht. Diese Lehre 
der Psychoanalyse von der Fixierung und Verschiebung infan- 
tilerWünsche führt uns weit hinein in das Problem des freien Willens 
und der Verantwortlichkeit des Menschen vor seinen menschlichen, psycho- 
analytisch ungeschulten Richtern. Wir werden dieses Problem auch keines- 
wegs jetzt zu lösen versuchen. Wir wollen uns nur merken, daß unsere 
Deserteure der zweiten Kategorie am psychischen Infantilismus 
leiden, daß es infantile Motive sind, die sie zur Fahnenflucht veranlaßt 
haben, daß wir es nicht mit vollwertigen Erwachsenen zu tun haben. Wir 
wollen es jedoch unterlassen, das Maß der ihnen gebührenden Verant- 
wortlichkeit für das begangene Verbrechen zu bestimmen. 

M. H. ! Ich habe mich in die Erörterung dieser Kategorie von Deser- 
teuren sehr breit eingelassen, und dies könnte den Anschein erwecken, 
als wären sie unter meinen Fällen besonders zahlreich vertreten. Dem ist 
jedoch nicht so. Sie geben nur einen mäßigen Bruchteil der Fälle ab. 
Aber diese Kategorie ist wegen ihrer einfachen psychischen Konstruktion 
zur Einführung der psychoanalytischen Prinzipien sehr geeignet, die wir 
in den nächstfolgenden Kategorien nach dieser breiten Ausführung auch 
immer nur kurz und andeutungsweise heranziehen werden. 

Bei der dritten Kategorie von Deserteuren finden wir als 
Motiv der Fahnenflucht die Angst vor Strafe für begangene 
Delikte. Aber es sind durchwegs geringfügige Delikte, um die es hier 
geht, und wenngleich die Strafen, die das Kriegsrecht verhängt, auch 
für geringere Vergehen relativ schwere sind, so haben sie doch kein 
Gewicht gegenüber der Strafe, die auf Desertion steht. Aber auch gegen- 
über den schweren Leiden und Ängsten, die die Desertion selbst nach 
sich zieht, stehen sie oft in keinem Verhältnis. Am charakteristischesten 
ist wohl der Fall des schon erwähnten deutschen Deserteurs, der von 
Warschau nach Lublin wanderte. Er war geflüchtet, weil er sich eine 
Gonorrhöe zugezogen hatte. Der Kommandant seines Truppenkörpers 
hatte der Mannschaft angedroht, er werde jeden, der sich eine Geschlechts- 
krankheit holt, strafen, „daß die Schwarten krachen". Die Angst vor 
dieser Drohung hatte den Mann, da ihm das Unglück widerfahren war, 
geschlechtlich zu erkranken, zur Desertion veranlaßt. Jedermann sieht 
ein, daß eine Drohung im Kasernhofyathos nicht allzuernst, in der aus- 
gesprochenen Formulierung aber gewiß nicht wörtlich genommen werden 
muß. Die Flucht des Mannes muß uns zum mindesten übereilt er- 
scheinen. Der arme Teufel war — so wie übrigens fast alle Deserteure 
dieser Kategorie — eine wahre Jammergestalt. Die psychische Minder- 



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Zur Psychologie des Deserteurs. 233 

Wertigkeit stand ihm deutlich auf die Stirn geschrieben. Sein Blick war 
erwartungsvoll ängstlich; wenn er ein wenig angeschrien wurde, 
geriet er ganz aus der Fassung. Von Beruf war er Bäckergehilfe, sein 
Vater war ein kleiner Unternehmer für Straßenpflasterung. Seine Lebens- 
geschichte paßt, mit geringen Änderungen, bei denen jedoch das seelische 
Verhältnis zwischen Vater und Sohn stets das gleiche bleibt, auf alle 
seine Leidensgenossen dieser Kategorie. Der Vater war ein strenger Mann, 
das heißt, er war mit seiner Familie sehr streng. An sich selbst hat er 
offenbar nicht die gleichen moralischen Forderungen gestellt. Er kam 
oft betrunken nach Hause und mißhandelte in seiner bierseligen Wut 
Weib und Kinder. Wenn sein Schritt im Hausflur hörbar wurde, erstarb 
den Kindern das Wort auf den Lippen. Er strafte für alles und jedes, 
und da er von einem Rausch zum anderen oft vergaß, daß er schon 
gestraft hatte, nicht aber, daß es etwas zu strafen gebe, geschah es oft, 
daß die Kinder einige Tage nacheinander für dasselbe, oft geringfügige Ver- 
gehen, geprügelt wurden. Die Angst vor dem Vater gab der ganzen 
Lebensführung unseres Deserteurs den Charakter. Der Mann war in der 
Schule und in der Lehre, in allem was er tat, unsicher und unselb- 
ständig und stets einer Strafe gewärtig, auch wenn er sich nicht eben 
eines Vergehens bewußt war. Seine beiden Hauptmerkmale waren: er 
war leicht aus der Fassung zu bringen und er hatte eine atemraubende 
Angst vor Strafe. Wenn er von den Ängsten sprach, die er vor den 
Mißhandlungen des Vaters ausstehen mußte, war er stets so erschüttert, 
daß er weinte. 

Wir sehen auch hier wieder, wie in der vorigen Kategorie, in der 
Lebensgeschichte des Deserteurs ein Mißverhältnis zwischen Vater und 
Sohn. Wir sehen auch, wie sich dieses üble Verhältnis auf die Ersatz- 
gestalten des Vaters, zuletzt auf den militärischen Vorgesetzten ver- 
schiebt. Nur die Reaktion des Sohnes ist in diesen beiden Kategorien eine 
verschiedene. Die Söhne der vorigen Kategorie sind Ausreißer geworden, 
sie fliehen ihr ganzes Leben hindurch vor dem Vater (resp. vor der Fa- 
milie) ; die Söhne der letzten Kategorie haben sich nicht bis zum Grad 
der Auflehnung emanzipiert, daß sie es wagen könnten, dem Vater ent- 
fliehen zu wollen. Sie sind ihm vielmehr ganz unterlegen, haben jede 
Freiheit gegen ihn eingebüßt und leben in steter hilfloser Angst vor ihm. Und 
wenn es der eine oder der andere schließlich zu einem Fluchtversuch 
vor der angedrohten und gefürchteten Strafe bringt, dann kann er als 
Deserteur aufgegriffen werden. Wieder eine Fixierung des Menschen an 
seine infantile Einstellung. Vielleicht werden einige meiner Hörer aus 
diesen beiden Beispielen von Fixierungen auch schon ihre Schlüsse auf 
das anscheinend normale Leben ihrer Mitbürger gezogen und bemerkt 
haben, in welchem Maße das Schicksal des Mannes in der menschlichen 
Gesellschaft von seiner Einstellung zum Vater abhängig ist und ab- 



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234 ^^' Victor Tausk. 

hängig sein muß, resp. in welchem Maße der Mensch die Schicksale, die ihm 
seine Familie mitgegeben hat, mit seinem Leben austragen muß. 

Das Problem vom Umfang des juristischen Begriffes des unwider- 
stehlichen Zwanges und von den Grenzen der menschlichen Verantwortlich- 
keit klafft hier noch deutlicher als bei der vorhergehenden Kategorie. 

Eine vierte Kategorie von Deserteuren begründet die Flucht mit 
der Unfähigkeit, die Strapazen des Dienstes zu ertragen. 
Sie fühlen sich zu schwach. Aber sie nehmen die elendsten Strapazen 
des Flüchtlingslebens beinahe mit Gleichmut und mit zäher, unver- 
drossener Ausdauer auf sich. Diese Art von Deserteuren ist in sehr 
starker Zahl vertreten. Es sind dies meist ältere Bauern, und man kann 
sie wohl alle für mehr oder minder schwachsinnig erklären. Diese Leute 
haben auch zu Hause immer schwer gearbeitet, sie arbeiten beim Militär 
oft nicht schwerer, aber hier ist ihnen alles zu schwer. In diesen Fällen 
muß man nicht viel nach einer Ätiologie suchen. Es handelt sich ein- 
fach um kindische Bauern von der denkbar geringsten Kultur und Bil- 
dung, die für andere als für die gewohnten Tätigkeiten ihres Dorflebens 
kein Interesse aufbringen. Sie sind beinahe ausnahmslos Analphabeten. 
Ihre Beziehungen zu den Ideen des Staates gehen nicht weiter, als daß 
sie es stets als eine Ungerechtigkeit empfunden haben, Steuern zahlen 
zu müssen. Den Zusammenhang zwischen ihrer militärischen Tätigkeit 
und den allgemeinen Zielen des Staates vermögen sie auch nicht anders 
aufzufassen. Ihr Interessekreis ist vollkommen infantil. Die Übertragung 
ihrer Tätigkeitsliebe auf Aufgaben, deren Früchte sie nicht handgreiflich 
nach Hause bringen können, gelingt ihnen nicht. Sie haben am Staats- 
leben niemals teilgenommen, sie können es nicht verstehen und nicht 
lieben und sie sehen nicht ein, daß sie in einer ihnen fremden Aktion 
Opfer für etwas bringen sollen, was man die Allgemeinheit nennt. Diese 
Fremdheit ist es, die sie die Strapazen des Dienstes überschätzen läßt, 
gleichwie Kinder alles Fremde und Ungewohnte bald im guten, bald im 
bösen Sinne überschätzen. Die Strapazen der Flucht jedoch, die im 
wesentlichen in der Realisierung primitiver, angeborener Selbsterhaltungs- 
fahigkeiten liegen, in der Aufsuchung von Verstecken, in der Beschaffung 
von Nahrung, sind ihnen nicht fremd und nicht zu groß, auch wenn sie 
viel größer sind als die, die ihnen der Dienst auferlegt. 

Zu den Problemen von der Verantwortlichkeit in der Ausübung der 
Pflichten gesellt sich hier noch eines, das aus dem besonderen Charakter 
dieses Krieges fließt. Dieser Krieg hat Menschenmassen in den Dienst 
gezogen, deren Verwendbarkeit längst auch schon von den Kriegern in 
Frage gestellt worden ist. Diese Leute, die hier als Deserteure auftreten, 
füllen anderweitig die Spitäler als Erschöpfte, Hypochonder, Simulanten, 
Spitalsbrüder. Sie finden also Formen, sich der Dienstpflicht zu entziehen, 
ohne sich mit dem Strafgesetz in Konflikt zu setzen. Und es sind nur 



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Zar Psychologie des Deserteurs. 235 

die Dümmsten unter ihnen, die sich zu einer richtigen Desertion ent- 
schließen. Im Spital fallen sie durch ihre läppische Hypochondrie und 
ihre unbestimmten Klagen über alle möglichen Krankheiten auf. Sie 
bringen die Ärzte stets zum Ärger oder zum Lachen mit der dumm- 
schlauen, so leicht zu entlarvenden Krankheitsgeste. 

Die fünfte Kategorie von Deserteuren, die ich kennen lernte, 
zählt nicht zahlreiche Vertreter. Es sind Neurotiker im engeren 
Sinne des Wortes. Sie leiden an verschiedenen Angst- und Zwangs- 
vorstellungen, deren Provenienz aus dem unbewußten Sexualleben für den 
Psychoanalytiker unverkennbar ist. Einer dieser Fälle bot das Bild der 
typischen Angst vor jedem Anfang einer Tätigkeit und vor jeder Änderung 
einer Situation. Diese Angst nahm ihre Zuflucht auch oft zu Zwangs- 
handlungen aller Art. Meine Vermutung, daß der Mann an sexueller Im- 
potenzangst leide, bestätigte sich. Die Angst vor dem Neuen oder dem 
Beginnen ist eine typische Verschiebung der sexuellen Impotenzangst 
auf nicht sexuelle Tätigkeiten und Objekte. Über die Verschiebbarkeit 
des Sexualtriebes auf nicht erotische Situationen können Sie sich durch 
näheres Studium der Psychoanalyse leicht unterrichten. Der Mann deser- 
tierte, als seine Kompagnie einen neuen Kommandanten bekam. „Er 
konnte sich nicht vorstellen, wie es mit dem neuen Kommandanten 
gehen werde", und dieser Gedanke irritierte ihn so heftig, daß er sich 
zur Flucht entschloß. „Wie es gehen werde, ob es gehen werde", ist 
die typische Frage, die der an Impotenzangst Leidende sich vor jedem 
sexuellen Anspruch stellt. In welchem Maße auch unbewußte homosexuelle 
Neigungen dieseNeurose mitbestimmten, vielleicht auch der ausschlaggebende 
Grund für die Impotenzangst waren, will ich nicht weiter erörtern. Zur 
selben Kategorie will ich auch noch den Deserteur aus verletztemEhr- 
geiz zählen. Auch er ist selten vertreten. Seine Ambitionen gehen nicht 
hoch, die Kränkungen seines Ehrgeizes, die ihn zur Desertion brachten, 
erscheinen uns auch nicht sehr bedeutend. So desertierte ein Pferde- 
wärter, weil er angeblich von der Charge „sekkiert" worden ist. Aber 
es stellte sich heraus, daß der Mann es nicht vertragen konnte, daß 
man seine Arbeit nicht so gut fand wie die seines Kameraden. Er bot 
übrigens eine Reihe von ausgesprochenen neurotischen Symptomen, was 
mich veranlaßt, ihn in diese Kategorie einzureihen. Daß sein Benehmen 
kindisch, infantil war, nehmen Sie ohne weiteres an. Daß die Neurose 
überhaupt ein mißlungener Überbau über den psychischen Infantilismus 
ist, kann ich Ihnen im Rahmen dieses Vortrages nur mit diesen Worten 
andeuten. 

Sehr zahlreich kommen die Deserteure der nächsten, der sech- 
sten Kategorie vor. Ihr Desertionsmotiv ist das Heimweh. 
„Der Knabe, der das Schallhorn blies, 
Der trägt die Schuld daran'', 

/«itgchr. f. Ärztl. Psychoanalyae. rV/6. IB 



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236 I>r. Victor Tausk. 

wie es mit einfachster Richtigkeit im Volkslied „Zu Straßburg auf der 
langen Brück" steht. Im übrigen spielt das Heimweh fast bei allen 
Kategorien von Deserteuren eine größere oder geringere Rolle. Wenn 
es dem Menschen schlecht geht, wenn er die beherrschte Führung 
seines Lebens verliert, dann flüchtet er, wirklich oder mit der Phan- 
tasie, in eine Situation oder Zeit zurück, in der es ihm gut gegangen 
ist, da er nicht allein und auf sich selbst angewiesen, die Unbilden 
der Außenwelt bekämpfen mußte, da er sich geborgen und geschützt 
fühlte, weil er sich geführt und gestützt wußte. Es gibt für jeden 
Menschen eine solche Situation und eine solche Zeit. Er hat sie als Eand 
bei seiner Mutter erlebt. Dieses Verhältnis zur Mutter ist bei den aller- 
meisten Menschen von unverbrauchbarer Dauerhaftigkeit, wie uns die 
Sage vom Antheus berichtet. Und tatsächlich haben alle diese Deser- 
teure, ich habe keine Ausnahme notiert, ihre Flucht zur Mutter ge- 
nommen. Manchmal auch zur Gattin oder Geliebten, die, wie die Psycho- 
analyse zeigt, in gewissem Sinne, sicher aber bei allen infantilen Men- 
schen, als Mutterersatz aufzufassen ist. Niemals zum Vater oder zum 
Freund. Ich habe keinen solchen Fall gesehen. Heimweh heißt typisch 
„Heimweh nach der Mutter ".Es wirkt als Schutzhofifnung mitbestimmend bei 
der Erwägung der Flucht, oder es gibt den letzten Anstoß zum Ent- 
weichen. Aber es kommt auch sehr oft als ausschließliches Desertions- 
motiv vor. Die Leute dieser Kategorie sind traurige Menschen. Sie ge- 
hören allen Gesellschaftsklassen an und sind gewöhnlich sehr jung. 
Meistens aber sind es Bauern, weil wohl die meisten Soldaten Bauern 
sind und weil wohl die meisten Bauern kindlich sind, das heißt, sie 
haben ein besonders starkes Zugehörigkeitsgefühl zum Heim und zur 
Scholle, zur Mutter und zur Erde, was in der Symbolik auch eines 
und dasselbe bedeutet und im Wort „Mutter Erde" zusammengezogen er- 
scheint. Diese Leute leiden an dem Gefühl der Vereinsamung und der Ver- 
lassenheit. Der Widerspruch zum Gebot der Militärdienstpflicht, welches 
wie in der Bibel lautet: „Du sollst Vater und Mutter verlassen", wird 
hier besonders kraß und wirklich unlösbar. Diese Leute haben keine 
andere Krankheit, als daß sie nicht tun wollen, was dieser Bibelspruch 
des Militärgesetzes verlangt. Aber sie verweigern den Gehorsam nicht 
aus Trotz, sondern aus leidvollen Kindergefühlen. Sie sind eben kind- 
lich geblieben. Es ist schwer, dem Gesetz zuzumuten, daß es auf das 
Heimweh Rücksicht nehme ; aber der Psychologe kann nicht umhin, diese 
psychische Erscheinung ernst zu würdigen. 

Ich kann mich jedoch bei dieser Gelegenheit einer anderen Ver- 
mutung nicht verschließen. Ich habe im vorigen Jahr in einem Auf- 
satze über Kriegspsychosen^) dargelegt, wie das Vereinsamungsgefühl in 

^) „Diagnostische Erörteningen auf Grund der sogenannten Kriegspsychosen." 
(Wiener med. Wochenschrift, Nr. 38 und 39 ex 1916.) 



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Zur Psychologie des Deserteurs^ 237 

der Form von Depressions- und Angstzuständen oftmals schweren gei- 
stigen Erkrankungen vorangeht und zum Teil auch als deren Ursache anzu- 
sehen ist. Die schwere, sehnsüchtige Depression, die vielen dieser Deser- 
tionen aus Heimweh voranging, läßt mich glauben, daß manche Fahnen- 
flucht nur als unbewußte Flucht vor einer drohenden Geistes- 
krankheit, einer ^Vereinsamungspsychose" unternom men wurde. 
Die Flucht aus der Einsamkeit ins Heim, wo es nie einsam ist, ist 
vielleicht die Rettung vor dem drohenden Wahnsinn. Freilich, der Mann, 
der der Scylla entrinnen wollte, gerät durch die Fahnenflucht in die 
Charybdis. 

Der Vollständigkeit halber will ich eine siebente Kategorie 
von Deserteuren anführen, die ich jedoch nicht persönlich kennen gelernt 
habe. Ich meine die Deserteure aus rein politischen Motiven. Sie 
bieten sicherlich auch ein allgemeines psychoanalytisches Interesse, aber 
ich weiß von ihnen nichts Spezielles auszusagen. 

Ich kann die mir bekannt gewordene Serie von Kategorien Fahnen- 
flüchtiger mit einer achten Kategorie beschließen, wenn ich Ihnen 
noch erzähle, daß ich einige wenige Fälle sah, in denen als Desertions- 
motiv Uninteressiertheit an den Zielen des gegenwärtigen 
Krieges oder Gegnerschaft gegen den Krieg überhaupt 
vorkommt. Wir können uns vorstellen, daß ein geistig intakter, mit 
hohem Bewußtsein und großen moralischen Qualitäten ausgestatteter Idea- 
lismus mit einer solchen Einstellung gegen die von allen übernommene 
Pflicht, und unter Verzicht auf die Rettung der eigenen Existenz, vor- 
kommen kann. Unter den Opfern ihrer Überzeugung gab es zu allen 
Zeiten solche Menschen, die sicherlich der Einreihung in ein patho- 
logisches Register entzogen sind. Ich glaube aber nicht, daß diese Men- 
schen eine ganze Zeit lang irgend einen Etappendienst versehen hätten 
und dann eines Tages, verwüstet durch die Zwischenfälle einer beschwer- 
lichen Selbstrettungsunternehmung, dem Psychiater zur Begutachtung 
ihres Geisteszustandes vorgeführt werden könnten. Die wenigen Fälle, 
die ich zu Gesicht bekam, waren unbedingt pathologisch, zeigten schwach- 
sinnige Verstiegenheiten kindlicher Ideen, religiöses Sektierertum, Angst 
und ausgesprochene Züge von Beachtungs- und Verfolgungswahn. Ich 
muß die Fälle der Gruppe der Dementia praecox zurechnen. 

Ehe ich meine Ausführungen mit einigen Sätzen allgemeiner 
psychologischer Folgerungen beschließe, muß ich noch auf ein juristisches 
Moment zurückkommen. 

Das Gesetz versteht unter Desertion die Flucht mit der Absicht, 
sich dauernd der Dienstpflicht zu entziehen. Nun kann ich behaupten, 
daß diese für den subjektiven Tatbestand des Verbrechens unerläßliche 
Absicht nur in wenigen Fällen im Bewußtsein des Fahnenflüchtlings 
vorhanden ist. Im Bewußtsein des Deserteurs herrscht gewöhnlich nur 

16* 



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238 ^' Victor Taask. 

die Absicht, der peinigenden Situation und den quälenden Gefühlen, die 
die Flucht veranlaßt haben, zu entrinnen. Alsbald gesellt sich die Angst 
vor der Strafe für die Desertion hinzu und dann dominiert diese Angst 
und ertötet auch noch den Entschluß, sieb wieder zu stellen, wenn sich 
dieser Entschluß, was nicht selten vorkommt, nach dem Abflauen der 
ersten stürmischen Affekte, die zur Flucht getrieben haben, einstellt. In 
einigen Fällen kommt wohl auch die Absicht der dauernden Entziehung 
nachträglich ins Bewußtsein als dolus superveniens, sobald der Deser- 
teur aus den ersten gelungenen Schritten der Flucht die Hoffnung auf 
Erfolg der weiteren schöpft. 

Im Strafgesetz findet sich nirgends die Formulierung, daß der zur 
Begehung eines Verbrechens geforderte böse Vorsatz auch unbewußt 
sein dürfe. Hingegen lassen viele Bestimmungen des Strafgesetzes darauf 
schließen, daß nur der bewußte Vorsatz den subjektiven Tatbestand 
des Verbrechens ergibt. 

Die Rechtsprechung über das Verbrechen der Desertion nimmt 
indessen auf dieses Moment keine Rücksicht. Sie geht so vor, als sei 
jede Desertion auf der bewußten Absicht, sich dauernd der Dienst- 
pflicht zu entziehen, begründet. Ich will als Psychoanalytiker ausdrücklich 
erklären, daß diese Rechtsprechung den wirklichen psychischen Sach- 
verhalt richtig triift. Ich habe kaum jemals einen anderen Eindruck ge- 
wonnen, als den, daß die Desertion mit der, meist allerdings unbewußten, 
Absicht unternommen wurde, sich der Dienstpflicht dauernd zu ent- 
ziehen. Das Gesetz, welches auf der alten psychologischen Auffassung 
fußt, daß nur das Bewußte seelisch zu nennen sei, weiß nichts davon, 
daß alles, was Vorsatz, Absiebt, Wunsch heißt, seine Wurzeln, seine Vor- 
bereitung, seine Ziele und somit alle Merkmale dessen, was als bewußter Vor- 
satz imponiert, im unbewußten Seelenleben hat. Die Psychoanalyse 
stellt mit dieser Erkenntnis den unbewußten Vorsatz dem Bewußten 
gleich. Inwiefern jedoch der Mensch für seine unbewußten Absichten zur 
Rechenschaft gezogen werden kann, ist eine andere Frage. Bei der for- 
mellen Annahme des unbewußten Vorsatzes als eines Differential- 
kriteriums des subjektiven Tatbestandes der Desertion ergibt sich nun 
für das Strafgesetz eine juristische Lage, die ihr Gegenstück in den Be- 
stimmungen über das Verbrechen des Totschlages findet, die ich Ihnen 
schon zitiert habe. Die Psychoanalyse würde wohl in den meisten Fällen 
von Totschlag für die mangelnde bewußte Mordabsicht die sicher vor- 
handene unbewußte setzen. Nicht so das Gesetz, welches den bewußt 
nicht beabsichtigten Erfolg milder bestraft und auf eine mögliche un- 
bewußte Absicht, den eingetretenen Erfolg zu erzielen, keine Rücksicht 
nimmt. Die Konsequenzen der psychoanalytischen Psychologie für die 
Gestaltung eines künftigen Strafgesetzbuches wären sehr weittragende, 
wenn diese Gleichstellung der bewußten und der unbewußten Absicht 



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Zar Psychologie des Deserteurs. 239 

für die Beurteilung des bösen Vorsatzes durchdränge. Es gäbe eine 
schwierige Arbeit, diese Auffassung mit der Geschichte der Strafrechts- 
entwicklung und der gegenwärtigen allgemeinen Lebensführung in Ein- 
klang zu bringen. Wir müssen das einer noch nicht existierenden Rechts- 
psychologie überlassen. 

M. H.I Indem ich Ihnen die Desertionsmotive, die ich bei meinen 
Untersuchungen fand, aufzählte, habe ich Ihnen ebenso viele mensch- 
liche Charaktertypen dargestellt. Ich habe versucht, Ihnen zu zeigen, 
daß die Deserteure, die ich kennen lernte, ganz abgesehen davon, daß 
sie zu einem großen Teil mehr oder minder schwachsinnig, zu einem 
kleinen Teil neurotisch oder psychotisch sind, alle unter dem gemein- 
samen Merkmal des psychischen Infantilismus zusammengefaßt werden 
können. Ich will aber noch hinz uf ügen, daß die Psychoanalyse auch die 
Psychosen unter diesem Gesichtspunkt verstehen gelernt hat. Sie haben 
auch sicherlich bemerkt, wie der Begriff des Infantilen einerseits un- 
merklich in unsere Vorstellung von der normalen, anderseits in die von 
der pathologischen Psyche tibergeht. An diese Darstellung konnte ich 
die juristische Diskussion der Verantwortlichkeit des Menschen für seine 
Handlungen anknüpfen. 

Den Begriff des Infantilen haben wir an gewisse Eigenschaften der 
kindlichen Seele geknüpft: An die Unfähigkeit, die Befriedigung der 
Wünsche aufzuschieben oder auf sie zu verzichten. Als Grundlage dieser 
Einstellung ist zunächst die Heftigkeit der kindlichen Wünsche anzusehen ; 
dann das Unvermögen, fremdes Interesse neben dem eigenen zu verstehen 
und gelten zu lassen ; als drittes schließlich die Unkenntnis der erwach- 
senen Lebensführung, der den Erwachsenen vorbehaltenen Genüsse und 
Aufgaben, für die sich aufzusparen das Kind keinen Anlaß hat. Zu alledem 
muß es erst erzogen werden. Es muß zum Eintausch des Lustprinzipes, 
durch welches uns das Kind egoistisch erscheint, gegen das Realitätsprinzip, 
durch welches es sozial wird, bewogen werden. Dieser Erziehungsplan ver- 
sagt oft aus mannigfaltigen Gründen, die wohl meistens in der Erziehungs- 
art zu suchen sind. Wo er versagt, bleibt der Mensch infantil, asozial, er 
behält seine kindlichen Wünsche teils in bewußter, meistens aber in un- 
bewußter Form, wodurch er für eine Eingliederung in das Gemeinleben 
des Menschen, auf das der einzelne naturgemäß angewiesen bleibt, 
(„stellt er sich auch auf ellenhohe Socken"), in größerem oder gerin- 
gerem Maße untauglich wird. Je größer das Maß dieser Untauglich- 
keit, je größer und tiefer in die Kinderzeit hineinragend die Menge 
seiner Fixierungen ist, desto näher grenzt der Infantilismus an die 
Geisteskrankheit. 

Auch unsere Deserteure sind durch ihren Infantilismus asozial mit 
Rücksicht auf das gemeinsame Schicksal, welches die menschliche Ge- 
sellschaft jetzt in diesem Kriege getroffen hat. Ich weiß nicht, wie viele 



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240 ^^' Victor Tausk: Zur Psychologie des Deserteors, 

von meinen Zuhörern aus innerem Bedürfnis an diesem Kriege teilnehmen, 
ich weiß aber, daß viele es nur deshalb tun, weil sie es verstehen, sich 
einem Zwang, der alle trifft, unterzuordnen. Obgleich die meisten wohl 
in ihrer materiellen Existenz und in ihrem Gemütsleben durch die mili- 
tärische Dienstpflicht schwere Einbuße erleiden, desertieren sie dennoch 
nicht. Sie verzichten teils auf die Befriedigung ihrer persönlichen Wünsche, 
deren Wichtigkeit sie der Wichtigkeit der allgemeinen Lage hintan- 
zustellen wissen, teils schieben sie die Befriedigung für später auf, aus 
einer realen Voraussicht, die auf einer realen Einsicht begründet ist. Sie 
benehmen sich wie Erwachsene. 

Erlauben Sie, meine Herren, daß ich meine ernst gemeinten Aus- 
führungen mit einem ernst gemeinten Scherz abschließe. Es gibt in diesem 
Kriege eine Gruppe von Menschen, die, wie die Kinder, auf die Befriedigung 
ihrer Wünsche nicht verzichten können und alles und noch mehr haben 
wollen, als ihr Herz begehrt. Diese Menschen verstehen es auch, sich -dem 
allgemeinen Leid zu entziehen, aber nicht zum eigenen Schaden, wie die 
Deserteure, sondern auf Kosten der Allgemeinheit. Diese Leute sind aber 
nicht asozial, sondern antisozial. Wir wollen sie nicht mit dem 
Namen der Deserteure ehren, die — Kriegswucherer ..... 



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Beiträge zum Männlichkeitskomplex der Frau.') 

Von J. H. W. van Ophuijsen (den Haag). 

In seinem Aufsatz über : Einige Charaktertypen aus der 
psychoanalytischen Arbeit (Jmago, Jahrg. IV, Heft 1) schreibt 
Prof. Freud (S. 321): „Wie wir aus der psychonalytischen Arbeit er- 
fahren, betrachten sich die Frauen alle als infantil geschädigt, ohne ihre 
Schuld um ein Stück verkürzt und zurückgesetzt und die Erbitterung 
80 mancher Tochter gegen ihre Mutter hat zur letzten Wurzel den Vor- 
wurf, daß sie sie als Weib anstatt als Mann zur Welt gebracht hat". 
Diese Zeilen kamen mir gerade unter die Augen, als die Wirksamkeit des 
darin genannten Vorstellungskomplexes sich in einer kleinen Reihe von 
Fällen meiner Aufmerksamkeit aufgedrängt hatte und ich in einem Falle 
auch einige seiner Entstehungsbedingungen festgestellt zu haben glaubte. 
Diesen Befund möchte ich im folgenden mitteilen. 

Mit dem Kastrationskomplexe der Frau hat der in Rede stehende 
Komplex gemeinsam den Glauben an die Möglichkeit des Besitzes eines 
männlichen Genitales. Der Hauptunterschied liegt darin, daß zum Kastra- 
tionskomplex das Schuldgefühl gehört : der Verlust oder die Verkümme- 
rung oder die mangelhafte Entwicklung des Genitales soll die Folge 
eines begangenen Fehlers, manchmal die Strafe für ein sexuelles Ver- 
gehen sein. Das Schuldgefühl fehlt in den Fällen, von denen hiernach 
die Rede sein wird — wohl nicht immer vollständig, jedoch sind das 
Gefühl des Zurückgesetztseins und die dazu passende Reaktion der Er- 
bitterung stets sehr stark entwickelt. Auf Grund des gemeinsamen 
Charakteristikums wollen wir beide Komplexe zum Männlichkeitskomplex 
rechnen, von dessen zweiter Gattung, in welcher der Protest überwiegt, 
jetzt hauptsächUch die Rede sein wird. 

Selbstverständlich ist die Entstehung des Männlichkeitskomplexes 
zurückzuführen auf das Sehen eines männlichen Gliedes, entweder beim 
Vater oder beim Bruder oder sonstwie, und in der Geschichte der meisten 
weiblichen Patienten, ausnahmslos bei solchen mit einem stark ausge- 
prägten Männlichkeitskomplex, findet man die Erinnerung an eine solche 
Beobachtung und an das Vergleichen des eigenen Körpers mit dem einer 
männlichen Person. 



^) Nach einem Vortrag, gehalten im Niederländischen Verein für Psychoana- 
lyse am 23. Juni 1917. 



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242 J. H. W. van Ophnijsen. 

In einem von mir analysierten Fall gibt die Patientin D. mir 
genau an, daß der Wunsch, ein Knabe zu sein, in der Form: wie ein 
Knabe urinieren zu können, entstanden ist, nachdem sie einen 
Knaben einmal hat urinieren sehen. Dieses Ereignis hat die Art ihrer 
sexuellen Befriedigung durch Masturbation bis auf heute bestimmt. Eine 
andere Patientin H. hat die Beobachtung machen können an Vater und 
Onkel, welche sich nicht genierten, vor dem Mädchen zu urinieren. 

Es fragt sich jedoch, von welchen Trieben die Männlichkeitsphan- 
tasie genährt wird, wie es möglich ist, daß diese, trotz späterer Er- 
fahrung und Belehrung, nicht nur weiter besteht, sondern sogar bewirken 
kann, daß die Frauen sich manchmal benehmen, wie wenn sie ein männ- 
liches Genitale besäßen. — Patientin P. gab mir an, daß sie seit längerer 
Zeit nicht mehr sitzend auf dem Topf uriniere, angeblich weil ihre 
Hüftgelenke dazu zu steif geworden waren, sondern im Stehen. Auch 
pflegt sie sich hinzusetzen, wie wenn sie sich in acht zu nehmen hätte 
dabei ihr Genitale — männlich gedacht! — nicht zu quetschen. 

Die Erinnerung an den Männlichkeitskomplex ist nicht immer be- 
wußt vorhanden, jedenfalls nicht in der primitiven Form des Glaubens 
an die Möglichkeit des Besitzes eines männlichen Gliedes. Manchmal wird 
die Erinnerung erst wach beim Besprechen der sogenannten männlichen 
Einstellung überhaupt. In jedem Falle aber kostet es eine schwere Arbeit 
festzustellen, daß die Wirksamkeit des Komplexes in der ursprünglichen 
Fassung trotz Verdrängung oder Belehrung nicht aufgehoben ist. 

Die kleine Reihe von Fällen, welche mich auf den Komplex erst 
recht aufmerksam gemacht hat, besteht aus fünf Patientinnen, deren 
Neurose eine Psychasthenie mit Zwangserscheinungen, eine Zwangsneurose 
war. Vier von ihnen habe ich während längerer Zeit beobachten können, 
die fünfte gab die Analyse sehr bald auf. 

Diese Fünfte kam übrigens zu mir in Behandlung, als ich schon 
gelernt hatte, auf die Phantasie des Männlichseins genügend zu achten, 
und man wird mir zugeben müssen, daß in einem Zusammenhang, der 
die Tatsache ahnen läßt, welche in den oben zitierten Zeilen Freuds 
formuliert worden ist, die Mitteilung der Patientin, „manchmal, als 
sie unruhig war und nicht wußte, was anzufangen, war es 
ihr, als sollte sie ihre Mutter bitten, ihr etwas zu geben, 
was diese ihr doch nicht schenken konnte**, kaum mißza- 
verstehen ist. 

Eine der vier anderen Patientinnen hatte mir schon lange nur durch 
ihr Benehmen die Auffassung nahegelegt, es handle sich auch bei ihr um 
den Einfluß des unbewußten Wunsches, männlich zu sein. Ihre Zwangs- 
bewegungen beim Sichhinlegen oder Sichhinsetzen sind nämlich derart, 
daß sie den Eindruck wecken, Patientin müsse um den Besitz des 



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Beiträge zum Männlichkeitskomplex der Frau. 243 

Sofas oder des Sessels usw. werben, etwa so, wie es der Hahn mit 
seinen Hühnern macht. Erst sehr kürzlich sagte sie mir: „es ist, wie 
wenn ich mit dem Sofa kokettierte^. 

Es dürfte vielleicht nicht ohne Bedeutung sein, daß drei der fünf 
Patientinnen mir spontan mitteilten, daß sie eine Hottentottenschürze 
besitzen und diese schon sehr früh beobachtete Tatsache sie zu der Über- 
zeugung führte, anders zu sein wie die anderen, wiederum in Zusammen- 
hang mit dem Männlichkeitskomplexe. Eine stark ausgeprägte sogenannte 
männliche Einstellung, etwa verbunden mit männlichem Äußern und 
Auftreten, Männerverachtung, Vorliebe für männliche Betätigungen, fand 
ich in keinem der Fälle vor. Vielmehr könnte man die vorhandene Ein- 
stellung formulieren als eine Konkurrenz mit dem männlichen Geschlecht 
auf intellektuellem und artistischem Gebiete. Eine ausgesprochen homo- 
sexuelle Komponente ändert hieran weiter nichts, da sich die hieraus 
resultierende Konkurrenz auf sexuellem Gebiete nur in Symptomen und 
Symptom band lungen äußert. 

Kehren wir jetzt zur oben gestellten Frage zurück : 

Wird die Erinnerung einer Beobachtung oder eines Ereignisses von 
einem Menschen festgehalten und benützt als Ausgangspunkt für ein 
neues Phantasiesystem (Deckerinnerung), so sind wir bereits durch die 
Erfahrung belehrt worden, daß es sich in solch einem Falle um die Rück- 
kehr verdrängter Wünsche in neuer Entstellung handelt. Die Vermutung 
einer solchen Rückkehr aus dem Unbewußten liegt also nahe, wenn ein 
Mädchen auf das Erlebnis des Schauens oder Betrachtens eines männ- 
lichen Genitales reagiert mit dem zornigen, erbitterten Gedanken: „Warum 
habe ich denn nicht ein solches" oder „Ich hätte doch auch so eines 
haben sollen!'^ oder mit der Erwartung: „bald wird mir auch so eines 
aus dem Körper herauswachsen" oder dagegen mit dem ängstlichen Ge- 
danken und Schuldgefühl: „Ich hätte auch so eines haben können", 
„wie schade, daß ich mich dermaßen schädigen mußte!" Es sind dies 
nur Beispiele einer solchen Reaktion, deren es noch eine ganze Anzahl 
anderer Art gibt, und mit diesen wechselt das Bild des fast nie fehlenden 
körperlichen Symptoms. Anstatt des heißgewünschten Gliedes ist meisten» 
eine „Wunde" da, welche schmerzt oder reizt, je nach der Art, wie das 
Fehlen des Organes von der Patientin aufgefaßt wird. — 

Welche sind nun die verdrängten Triebäußerungen, welche sich in 
der nach dem Trauma des Schauens des männlichen Gliedes neu auf- 
tauchenden Vorstellung des Besitzes eines solchen Organes durchsetzen 
können? Man darf annehmen, daß diese eine gewisse Übereinstimmung 
oder Ähnlichkeit zeigen werden mit dem Inhalte der MännUchkeitsvor- 
stellung. Andeutungsweise sprechen die Patientinnen schon selbst davon, 
wenn sie in vagen Ausdrücken, was oft geschieht, ihre männliche Seite 
den weiblichen Neigungen, welche sie doch auch ganz gut kennen, gegen- 



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244 J. H. \V. van Ophuijsen. 

überstellen wollen. Auch wenn sie dabei nicht das gesuchte Objekt er- 
wähnen, sind die gewählten Sätze dem Analytiker recht verständlich. 
Denn meistens heißt es da, daß sie den Wunsch hegen, sich einer Person 
au bemächtigen — anstatt sich einem Menschen hingeben oder unter- 
werfen zu wollen; oder, daß sie das Empfinden haben, als möchten sie 
in jemanden eindringen — anstatt sich ihm zu öffnen; oder, daß eine 
in ihnen vorhandene Spannung erst aufhören würde, falls sie sich aus- 
schütten könnten — anstatt in sich aufzunehmen. Solche Redensarten 
werden dann in übertragenem Sinne gebraucht, aber nicht selten liefern 
Einfälle zu diesem Thema das Beweismaterial dafür, daß sie eigentlich 
teilweise auch buchstäblich aufgefaßt werden sollten — einer der ver- 
schiedenen Wege, auf welchen man in der Analyse auf den Männlich- 
keitskomplex geraten kann. 

Im Mittelpunkte der Kindheitserinnerungen einer meiner Patien- 
tinnen, welche ich H. nennen werde und aus deren Analyse ich die 
ausführlichsten Mitteilungen machen werde, steht die folgende, welche 
aus der Periode um das vierte Jahr herum stammt, als sie noch im 
Schlafzimmer der Eltern schlief. Es träumte ihr — vielleicht ist es auch 
bloß eine Phantasie — daß sie im Bette lag und ihre Mutter neben ihr 
»tand. Sie hatte eine überraschend angenehme und schöne körperliche 
Empfindung und ihre Mutter sagte ihr, es sei recht so, es dürfe sein. 
Darauf erlebte sie eine Art Orgamus und erwachte. Zu ihrer entsetz- 
lichen Enttäuschung bemerkte sie alsdann, daß sie ins Bett gemacht hatte. 
Sie rief die Mutter, welche ihr half, ohne böse zu werden. Seit dieser 
Zeit ist Patientin immer scheu geblieben, hatte nachts Angst, litt in zu- 
nehmendem Maße an Schlaflosigkeit und so hat sich allmählich eine 
Neurone entwickelt, welche sich außerordentlich verschlimmerte, als sie im 
13. Lebensjahr die Mutter, und wiederum, als sie im 19. Lebensjahr den 
Bruder verlor, eine Neurose, deren Hauptsymptom Menschenscheu ist. 
Wir dürfen annehmen, daß die Empfindungen, welche Patientin im Traum 
gehabt hat, von der gefüllten Blase herrühren und daß die Entleerung 
dem Orgasmus im Traume entspricht. Die Scham und die Enttäuschung 
nach dem Erwachen beweisen uns, daß das Mädchen eigentlich schon 
gelernt haben sollte, die Blasenfunktion zu beherrschen. Als Gegensatz 
enthält der Traum die Rückkehr zu einer früheren Periode, als sie diese 
Beherrschung noch nicht besaß, assoziiert mit der Vorstellung der Er- 
ziehungsmaßnahmen: die Mutter neben dem Bette, welche ihr zuredet, 
sie solle es nur geschehen lassen, ist wohl die Mutter, welche sie ver- 
anlaßt, ins Töpfchen zu machen. Das Urinieren auf dem Topf hat eine 
große Bedeutung für sie gehabt : auch der Vater half ihr auch später 
oft dabei und machte ihr dann das Geräusch vor, um sie zur Blasen- 
entleerung zu veranlassen. In der frühen Jugend hat sie außerdem oft 
das Geräusch des Urinierens des Vaters im Nebenzimmer gehört. 



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Beiträge zum Mäniilichkeitskoinplex der Frau. 245 

Patientin ist musikalisch hochbegabt und komponierte schon als 
kleines Kind. Manchmal geschah das so, daß sie auf dem Klosett sitzend 
einen Wasserstrahl aus einem Hahn laufen ließ, um aus diesem Geräusch 
heraus Melodien zu hören. Wenn sie in einem Konzerte spielt, ist es ihr 
manchmal, wie wenn sie dazu da wäre, der Spannung, welche sie im 
Publikum oder in einem einzelnen Zuhörer spürt, einen Ausweg zu 
bereiten durch ihr Spiel — die Stelle des Publikums wird hie und da 
auch vom Komponisten eingenommen. Gelingt es ihr, die Sachlage so zu 
empfinden, dann spielt sie gut. Aus den Einfällen ergab sich die Analogie 
mit der kindlichen Situation, in der sie, dadurch, daß sie uriniert, das 
Geräusch hervorbringt, was der Vater ihr entweder mit dem Munde oder 
durch Urinieren im anderen Zimmer vorgemacht hat: sie überträgt also 
auf den Komponisten dieses Detail ihres Vaterkomplexes — die selbst 
empfundene oder auch unbewußt vorhandene Spannung wird in das 
Pubhkum oder auch wieder in den Komponisten hinein verlegt. Es 
kommt noch dazu, daß der Vater ihren Ehrgeiz auf musikalischem Ge- 
biete immer angefacht hat und dazu mitgewirkt hat, daß Patientin sich 
auf diesem Gebiete mit ihm identifiziert und sich als Ausführerin seines 
Willens betrachtet. Eine sehr primitive Äußerungsform dieser Identifi- 
kation ist die Vorstellung: das Genitale des Vaters zu sein. ^) Man er- 
innere sich ihrer eben besprochenen Einstellung in Konzerten: sie soll 
das Organ sein, durch welches die Spannung, welche sie im Publikum 
spürt, sich einen Ausweg bereitet. Die Assoziation Musik — urinieren 
führte auf genannte Phantasie. Übrigens hatte sie schon vorher das 
Symptom der Kongestionen (erworben beim Pressen wegen Stuhlver- 
ßtopfung) in Zusammenhang gebracht mit der geröteten Eichel, welche 
sie am Genitale des Bruders beobachtet hatte, und ihre Weinkrän^pfe als 
Ejakulationen gedeutet. Das Schluchzen und Seufzen, welches einen 
solchen Weinkrampf begleitet, erinnert sie an das, was sie im Schlafzimmer 
der Eltern hörte. — 

In diesem Zusammenhang ist auch noch folgende Tatsache wichtig : 
Patientin stand vor der letzten Prüfung am Konservatorium und hatte 
große Angst davor. In ihrer Not rettete sie eine „Vision'^, wie sie sie 
nennt : In der Nacht spricht jemand, der neben dem Bette steht, zu ihr 
über ihre Einstellung zur Musik und zur Prüfung; sie soll sich selbst 
vergessen, sich den Absichten des Komponisten unterwerfen und sich 
vollständig gehen lassen. Nach der Vision lebt sie in einer Exaltation, 
schläft nicht mehr, aber spielt bei der Prüfung sehr gut. Die Überein- 
stimmung dieser Vision mit dem Kindheitstraum muß wohl jedem auf- 
fallen; es tritt hier außerdem die oben angedeutete Vateridentifikation 
zu Tage. 

*) Diese Phantasie hängt mit infantilen Befruchtnngstheorien zusammen. 



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246 J. H. W. van Ophuijsen. 

Es ist begreiflich, daß das Hören bei dieser Entwicklung des Inter- 
esses der kleinen H. eine große Rolle spielt. Das Zuhören, wenn jemand 
im Zimmer oder im Nebenzimmer uriniert, haben wir schon erwähnt. 
Die Patientin litt schon früh an Schlaflosigkeit. Immer mußte sie nachts 
zuhören, wenn im Hause musiziert wurde, oder, ob Einbrecher im Zimmer 
wären, oder, was die Eltern an der einen Seite der Wand, an der auch 
ihr Bett stand, miteinander sprachen. Dieses Zuhören hat angefangen, 
nachdem sie nicht mehr im Schlafzimmer der Eltern schlief. Wenn ich 
auch nicht den Beweis vorbringen kann, daß sie einmal oder mehrere- 
mal den Koitus der Eltern beobachtet oder zu beobachten versucht hat, 
so geht aus dem oben Gesagten hervor, daß sie sich in hohem Maße 
interessiert hat für das, was im Schlafzimmer der Eltern respektive in 
ihrem Bette vorging. Es war die Wißbegierde, welche eine solche Span- 
nung erzeugte, daß sie sie nicht schlafen ließ. 

Patientin meint selbst, daß der Kindheitstraum die Folge einer 
Wahrnehmung des elterlichen Koitus sein könnte, und daß sie sich 
mit dem Vater identifiziert haben soll. Tatsächlich wiesen viele Einfalle 
auf eine solche Möglichkeit hin — die Erinnerung daran kam jedoch der 
Patientin nicht zum Bewußtsein. Daß bei Kindern manchmal die Vor- 
stellung besteht, der Mann uriniere in die Frau hinein, ist uns bekannt ; 
der Traum könnte demzufolge als homosexueller Koitustraum aufgefaßt 
werden. Freilich ist das Darstellungsmaterial der Wunscherfüllung, die 
Mutter zu koitieren oder, besser gesagt, mit der Mutter zu machen, was 
Patientin meint, das der Vater macht, einer früheren Periode entnommen. 

Eine ganze Reihe von Erinnerungen spricht von der infantilen In- 
timität mit der Mutter, ganz besonders vom gemeinsamen Aufsuchen des 
Klosettes ; auch die Mutter verrichtete dann ihr Bedürfnis, und eine Vorstute 
der späteren Wißbegierde darf man wohl annehmen in dem Wunsche des 
Kindes, zu sehen, wie die Mutter aussieht und wie sie es macht. — Auch 
die Darmfunktion machte der kleinen H. manchmal Schwierigkeiten ; sie 
litt an Verstopfung und erinnert sich deutlich daran, daß ihre Mutter 
ihr, wenn sie sich sehr viel Mühe gab, fest zu pressen, sagte, das solle sie 
nicht tun. Beim Pressen hatte sie eine eigentümliche Empfindung im Kopfe, 
eine Art Schwindel, welche wir später bei der Menschenscheu wieder- 
finden. Auf die Situation, in der die Scheu sich ihrer bemächtigt, wird 
dann die infantile Klosettsituation übertragen. Eine Verschiebung nach 
oben, auf welche ich hier nicht eingehen möchte, hat aus dem Munde 
einen Anus gemacht, und was aus dem Munde herauskommt, die Sprache, 
ist Kot und Flatus. Zum Beispiel muß sie, wenn sie mit jemandem spricht, 
sich Rechenschaft davon geben, ob die betrefifende Person aus dem Munde 
riecht. Auch was mit der Blasenfunktion zusammenhängt, wird in ähn- 
licher Weise übertragen und der Kampf gegen Weinkrämpfe, welcher auch 
zum Symptom der Menschenscheu gehört, ist davon abzuleiten. 



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Beiträge zum Männlichkeitskomplex der Frau. 247 

Der Intimität mit der Mutter wurde ganz plötzlich ein Ende be- 
reitet; sie durfte nicht mehr mit aufs Klosett usw. Auch die Beziehung 
zum Vater auf diesem Gebiete wurde plötzlich stark gestört. Als sie 
schon an Schlaflosigkeit litt, etwa im Anfang des fünften Lebensjahres, 
war es eine Gewohnheit geworden, die Eltern zu rufen, und dann half 
man ihr aufs Töpfchen. Als sie nun in einer Nacht wiederum gerufen 
hatte, kam der Vater böse herein und gab dem ahnungslosen Mädchen 
eine Ohrfeige. Darüber war sie sehr erbittert und versprach sich, nie mehr 
zu rufen. Um die Aufmerksamkeit der Eltern auf sich zu lenken, resp. 
um sie zu stören, ersann sie dann das Mittel, mit ihrem Bette zu schütteln. 

Das plötzliche Aufgebenmüssen eines infantilen Vergnügens, ohne 
daß dafür ein Ersatz gefunden werden kann, könnte sehr wohl trau- 
matisch eingewirkt haben — eine Einstellung der Erbitterung hervor- 
gerufen haben, welche bei gleichmäßigerem Vorgehen der Eltern in ihrer 
Erziehung hätte vermieden werden können. Etwas Ähnliches begegnet 
uns wiederum, wenn wir jetzt diese Periode des Lebens unserer Patientin 
verlassen und uns daran machen, sie in der darauf folgenden Periode 
der Kleinkinderschule und der ersten Klassen der Primarschule zu be- 
obachten. Sie ist gezwungen worden, in die Schule zu gehen, und wiederum 
wurde, wenigstens ihrer Empfindung nach, das Gebot ganz unerwartet 
erteilt. An einem verhängnisvollen Tage benahm sie sich unruhig, legte 
sich auf einen Tisch, wälzte sich darauf herum, ohne zu wissen, was 
sie eigentlich suchte. Da hieß es auf einmal : jetzt ist es nötig, daß du 
in die Schule gehst. Dieses Benehmen der Mutter hat sie immer als 
große Ungerechtigkeit empfunden und es sind Groll und Angst nach- 
geblieben, und zwar Angst ob der Ungewißheit, was auf einmal wieder 
für Unangenehmes geschehen könnte, wenn sie ahnungslos irgend etwas 
tun oder sagen würde. Es war, als wäre ihr etwas genommen worden, 
was sie selbst nicht bestimmt angeben könnte — gegen erzieherische 
Maßregeln hat sie sich aber von dem Tag an innerlich gewehrt, auch 
wenn sie nachzugeben und sich zu fügen schien. Die Vorstellung der 
Kleinkinderschule ist verknüpft mit der Erinnerung an einige verbotene 
Sachen, deren ich zwei nennen will. Die Mutter hatte ihr untersagt, in 
der Schule aufs Klosett zu gehen, das hat sie aus Neugierde trotzdem 
doch einmal getan. Die Neugierde in bezug auf Blasen- und Darmfunktion 
und das Interesse für Exkremente ist übrigens nie gänzlich verschwunden, 
was in Übereinstimmung ist mit dem oben Gesagten. Zweitens hat sie in 
der Bank sitzend mit dem Genitale gespielt. Aus Angst, man könnte 
den Geruch an der Hand entdecken, hat sie die Finger dann nachher 
abgeleckt, bis nichts mehr zu riechen war. Es ist auffallend, daß die 
Patientin nicht anzugeben weiß, ob sie auch schon früher mastur- 
biert habe. Gewißheit hat die Analyse über diesen Punkt auch 
nicht bringen können. Es ist aber nicht unmöglich, daß der Kindheits- 



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248 J« H. W. van Oplinijseii. 

traum eigentlich den Anfang, das erste Empfinden der Klitorissensationen 
bedeutet. Denn das Gefühl der Befriedigung war, wie Patientin ausdrück- 
lich mitteilt, bis dahin, unbekannt und sie fühlte sich nach dem Erlebnis 
anders wie vorher, wie wenn sie etwas besonderes besäße, eine Art Ge- 
heimnis, welches sie von jetzt an von den anderen unterschied. Eine 
Verbindung zwischen Blasenfunktion und Klitorisfunktion entsteht über- 
haupt sehr bald, was teilweise von den anatomischen Verhältnissen ab- 
hängig sein dürfte. Freud hat einmal den Zusammenhang zwischen stark 
entwickelter Harnerotik und Ehrgeiz betont. Auch unsere Patientin war 
ehrgeizig in jeder Hinsicht; der Ehrgeiz wurde außerdem von den Er- 
wartungen des Vaters ob ihrer musikalischen Begabung genährt und 
gipfelte in eine Phantasie, auf die ich hier nicht weiter eingehen möchte, 
die sogenannte Krankenhausphantasie, in der sie gewissermaßen ein 
Heiland war, jedoch die Menschen mit außerordentlich grausamen Mitteln 
kurierte. Der Ehrgeiz wurde ebenfalls genährt durch die Konkurrenz mit 
der um ein Jahr älteren, weniger begabten Schwester. Es gelang ihr auch, 
scheinbar in fast jeder Hinsicht ihrer Schwester überlegen zu sein, da- 
für aber war sie in mancher Beziehung besonders auch dem Vater 
gegenüber gehemmt und unfrei und scheu. In späteren Jahren hat die 
Konkurrenz sie dazu veranlaßt, sich mehr dem um einige Jahre jüngeren 
Bruder anzuschließen, zuerst als Schulgefahrtin, nachher, nach dem Tode 
der Mutter, auch in mütterlicher Hingabe. 

Sie hörte oft sagen, daß die Eltern vor ihrer Geburt sich einen 
Knaben gewünscht hatten und etwas enttäuscht waren, als wiederum 
ein Mädchen geboren wurde. Auch entging es ihr nicht, wie stolz sie 
auf ihren Sohn waren. Und auch diese Ungerechtigkeit hat sie nie ver- 
gessen. Ob er schon damals aufgetaucht war, weiß sie nicht anzugeben, 
jedenfalls aber war der Gedanke ihr nicht fremd, daß sie auch ein 
Knabe hätte werden können, wenn sie bloß etwas später geboren wäre. 
Als zu früh geboren betrachtete sie sich. Dieselbe Erbitterung zeigte 
sich in der Analyse in auffallender Weise, als ich aus bestimmten 
Gründen das Ende der Behandlung fixierte — ich ließ sie also auch 
ziehen, bevor sie fertig war. Die Vorstellung, zu früh geboren zu sein, 
hängt, meine ich, irgendwie zusammen mit der mehrfach gemachten Er 
fahrung der Patientin, daß man ihr etwas gebot oder verbot, ihr einen 
Verzicht auferlegte oder die Erfüllung einer Pflicht verlangte, bevor sie 
lange genug die infantilen Befriedigungsarten genossen hatte. Natürlich 
kann hier auch der Wunsch vorliegen, eine Befriedigungsform so lange 
wie möglich festzuhalten, eine Einstellung, entstanden aus einer stark 
entwickelten Analerotik. 

Die Beobachtung des männlichen Genitales machte Patientin haupt- 
sächlich beim Bruder, aber auch beim Vater und einem Onkel, in den 
sie sich viele Jahre später verliebte; diese mißlungene Liebesgeschichte 



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Beiträge zam M&nnlichkeitskomplei der Frau, 249 

wurde der direkte Anlaß zur Verschlimmerung ihrer Krankheit und zur 
Behandlung. Sie stellte damals Vergleiche an mit dem eigenen Geschlechts- 
organ und die bekannte Erwartung, daß ein Organ aus der Tiefe heraus- 
wachsen würde, fand ich auch bei ihr wieder. Verstärkt wurde diese 
Erwartung durch die Hottentottenschürze, welche Patientin schon sehr 
früh beobachtet und als etwas Eigenartiges aufgefaßt hatte. Die Über- 
zeugung, auch in dieser Hinsicht eine Ausnahme zu sein, fand schon 
genügendes Beweismaterial vor. 

Die oben genannte Erwartung, daß ein Penis aus der Tiefe heraus- 
wachsen würde, wurde zeitweise auch auf den Darm übertragen, wie ich 
es mehrmals zu beobachten Gelegenheit hatte bei Mädchen, welche den 
Koitus von Hunden beobachtet hatten. Es bestehen dann auch Phantasien 
von einem autoerotischen Koitus, wobei das Rektum die Vagina, der Kot 
den Penis ersetzen. Die Feststellung solcher Phantasien hat mir die 
Frage nahegelegt, ob nicht die später zu entwickelnden Sensationen in 
der Scheide von den analen Gefühlen abzuleiten wären. Daß Patientin 
intensive homosexuelle Neigungen entwickelte, kann uns nicht verwun- 
dern. Zuerst die Intimität mit der Mutter und später die IdentifikatioH 
mit dem Vater lieferten dafür einen überaus günstigen Boden. Natürlich 
war ihr aber die Befriedigung dieser Neigungen ebenfalls verboten oder 
sie wurden immer gehemmt durch starke negative Gefühle. Nur als ihre 
Inzestliebe für den Onkel sie, zu Beginn ihrer Krankheit, zu überwältigeM 
drohte, flüchtete sie sich in ein homosexuelles Verhältnis, aus dem sie 
nach kurzer Zeit eine akute Verwirrtheit davontrug. 

Faßt man zusammen, was über die Patientin mitgeteilt wurde, so 
kann man kurz sagen, daß es sich um einen Fall handelt, in dem die Vor- 
stellung, männlich zu sein, auf Grund einer Identifikation mit dem 
Vater oder dem Bruder das Bild beherrscht. Identifikation mit und Ver- 
liebung in den Vater haben einen narzißtischen Boden. Die Männlichkeits- 
vorstellung, welche mit der Klitoriserotik eng verknüpft ist, findet 
einen günstigen Nährboden in der Verdrängung der stark entwickelten 
Blasen- und Urethralerothik. Das Mißlingen einer dauerhaften und be- 
friedigenden Übertragung auf homosexuelle und heterosexuelle Objekte 
bedingt eine Regression auf die autoerotische Stufe der Libidoentwick- 
lung, hauptsächlich der Harnerotik. 

Auch bei der anderen Patientin ist der Zusammenhang von Männ- 
lichkeitskomplex mit Harnerotik durchaus deutlich. 

Patientin D., von der ich schon erzählte, daß sich bei ihr der 
Männlichkeitskomplex in dem Wunsche äußerte, urinieren zu können wie 
ein Mann, sucht sich entweder die Mittel, die Harnröhre zu verlängern, 
indem sie z. B. durch einen Schlauch uriniert, oder sie uriniert in Ge- 
fäße hinein, welche für den Zweck nicht bestimmt sind. Solche Spiele- 
reien, angeregt von einer schon vorhandenen Sexualspannung, führen 



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Jß 



250 J' H. W. van Ophuijsen. 

dann regelmäßig zur Masturbation. Diese Patientin besitzt ausgesprochene 
homosexuelle Neigungen, welche sich in viel höherem Maße zeigen als 
die heterosexuellen Wünsche. Die letzteren beschränken sich auf zahllose 
schnell vorübergehende Verliebtheiten — im Grunde besteht eine feste 
Fixierung an eine kindliche Verliebtheit, welche als starke Hemmung 
weiterwirkt. Die psychasthenischen Symptome sind Zweifel- und Grübel- 
sucht. Diese sind wahrscheinlich abzuleiten aus einer stark entwickelten 
Wißbegierde, welche beim kleinen Mädchen gipfelt in der Frage: wie 
der Mann es macht? d. h., wie er (der Vater) defäziert? Patientin ist 
die einzige Tochter älterer Eheleute. Der Vater starb, als sie etwa sech- 
zehn Jahre alt war. In der Zeit hatte sie sich von ihm abgewandt, hatte 
Haß- und Todesgedanken gegen ihn, machte sich dann nachher Vorwürfe 
darüber, daß sie seinen Tod eher als Befreiung wie als Verlust empfand, 
und war in Zweifel, ob ihre Gedanken etwa den Tod hätten herbeiführen 
können. Später entwickelte sie auch negative Gefühle gegen die Mutter, 
fragte sich, ob sie schuld sei an der Krankheit der Mutter, eine Art 
arthritis deformans. Wir verstehen, was solche Wünsche bedeuten, wenn 
wir außerdem noch wissen, daß die Patientin der Mutter bei allem helfen 
muß, weil diese sich fast nicht rühren kann. Die Bindung an das in- 
zestuöse homosexuelle Objekt wird hier also nicht von Verboten von 
außen her bedroht und somit kann ein großes Stück infantil gebliebener 
Libido sich ausgiebig betätigen. Patientin hat nie an der Brust oder aus 
der Flasche gesaugt, sondern immer die Milch aus einer Tasse getrunken 
oder eingelöflfelt bekommen. Diese Tatsache verwendet sie nun selbst, 
um sich als Ausnahme betrachten zu dürfen. 

Eine dritte Patientin, P. genannt, erwähnte ich als Beispiel einer 
Frau, welche sich benimmt, wie wenn sie ein Mann wäre, resp. wie 
wenn sie ein männliches Genitale besäße. Den Zusammenhang mit der 
Harnerotik habe ich nicht in dem Maße feststellen können, wie in den 
anderen Fällen. Dies ist aber nicht sehr zu verwundern, weil es sich um eine 
etwas ältere Dame handelt Jedenfalls konnte für die mächtige Entwicklung 
des Männlichkeitskomplexes keine andere Form der infantilen autoeroti- 
schen Sexualbetätigung festgestellt werden und es gelang ohne viel 
Mühe, die Verknüpfung mit der früheren Masturbation festzustellen, 
welche meistens von homosexuellen Phantasien inzestuös-sadomaso- 
chistischer Art begleitet war. In diesem Falle aber hat sich der Männ- 
lichkeitskomplex noch lange bewußt erhalten. Als Kind knetete Patientin 
mit Vorliebe aus Brot oder Teig phallusartige Gebilde, welche sie auch 
als solche erkannte. Mit ihren Schwestern spielte sie noch im zehnten 
bis zwölften Lebensjahre eine Art Schattenspiel und liebte es dann, an 
dem eigenen Schatten an der Stelle des Geschlechtsorganes eine Ver- 
längerung zu fabrizieren. Ihr ganzes Symptom entstand aus dem Wunsche, 
ein männliches Genitale zu besitzen — oder vielmehr aus ihrem Neid 



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Beiträge zum Männlichkeitskomplex der Frau. 251 

gegen die Männer, welche eins besitzen und aus später kompensierter 
Erbitterung gegen die Mutter, welche ihr eins vorenthalten hat. 

Ich habe die Empfindung, daß es mir nicht gelungen ist, deutlich 
genug hervorzuheben, welchen starken Eindruck ich während der Ana- 
lyse von der innigen Verknüpfung zwischen Männlichkeitskomplex, in- 
fantiler Klitorismasturbation und Harnerotik bekommen habe. Ich habe 
mir auch gesagt, daß meine zeitlich zusammenfallenden Beobachtungen 
zufälliger Befund hätten sein können. Geführt von der Überzeugung, 
daß die Mitteilung einer jeden sorgfältig gemachten Beobachtung irgend- 
wie nützlich sein kann, habe ich mich dennoch zur Publikation ent- 
schlossen. 



Zeitechr. f. PtyohoanalTB«. IV,/i. ^^ 



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Mitteilungen. 



1. 

Das Geldaosgeben im Angstzustand. 

Von Dr. Karl Abraham. 

Das Verhältnis des Neurotikers zum Geldbesitz ist in der psychoanaly- 
tischen Literatur eingehend erörtert worden. Sowohl Freud als die Autoren, 
die sich nach ihm mit den ^analen'' Charakterzügen beschäftigt haben, be- 
handeln den neurotischen Geiz, das ängstliche Zurückhalten des Geldes ans 
unbewußten Motiven. Das gegenteilige Verhalten mancher Neurotiker hat, ob- 
wohl es dem Arzt in der Psychoanalyse keineswegs selten entgegentritt, nicht 
die gleiche Beachtung gefunden. Die Neigung zu übertriebenen Geldausgaben 
tritt bei manchen Neurotischen plötzlich, ja anfallsweise hervor und steht dann 
in einem auffälligen Gegensatz zu ihrer sonstigen Sparsamkeit. 

Es handelt sich, nach einer kleinen Reihe von Erfahrungen aus meiner 
psychoanalytischen Tätigkeit, um eine bestimmte Gruppe von Neurotischen : 
Kranke, welche sich in dauernder infantiler Abhängigkeit vom elterlichen 
Hause liefinden und von Verstimmung oder Angst befallen werden, so- 
bald sie sich von ihm entfernt haben. 

Die Patienten selbst behaupten, daß das Geldausgaben ihre Angst oder 
Verstimmung erleichtere. Sie haben auch rationelle Erklärungen dieser Wirkung 
zur Hand: das Geldausgeben erhöhe ihr Selbstgefühl, oder es lenke sie von 
ihrem Zustand ab. Die Psychoanalyse fügt dieser rein oberflächlichen Erklärung 
jedoch eine tiefere, das Unbewußte berücksichtigende hinzu. 

Wie jede Psychoanalyse eines derartigen Falles aufs Neue lehrt, ist es 
dem Kranken infolge der Fixierung seiner Libido verwehrt, sich räumlich von 
den Eltern oder den sie vertretenden Personen zu entfernen. Die Entfernung 
vom Hause bedeutet seinem Unbewußten eine Ablösung der Libido von ihren 
Objekten. Stets lassen sich zwei entgegengesetzte psychische Strömungen nach- 
weisen : eine konservative im Sinne der dauernden Fixierung und eine andere 
im Sinne der Hinwendung zu den Objekten der Außenwelt. 

Jeder Versuch der Übertragung der Libido auf neue Objekte ist bei den 
Kranken gerade darum mit so schwerer Angst verbunden, weil das unbe- 
wußte Verlangen danach besonders heftig und ungestüm ist. Es braucht nur 
daran erinnert zu werden, daß weibliche Kranke mit Straßenangst in be- 
sonderem Maße mit unbewußten, nicht selten auch mit bewußten Prostitutions- 
phantasien behattet sind. Ihr Unbewußtes will schrankenlose Hingabe an 
alle ; die im Bewußtsein herrschende Angst aber schränkt die Übertragung 
der Libido aufs äußerste ein. So werden die Kranken unfähig, von ihrer Libido 
freien Gebrauch zu machen, und zwar keineswegs nur im engen Sinne der 
eigentlichen Geschlechtsbeziehungen. 

Eine weitgehende Einschränkung der genitalen Geschlechtlichkeit fahrt 
zu ersatz weiser, stärkerer Betonung anderer erogener Zonen. Die anale Erotik 



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Dr. Karl Abraham: Das Geldansgeben im Angstzustand. 253- 

ersetzt die genitale in mehr oder weniger weitem UmfaDg. In manchen Fällen 
läßt sich mit großer Deutlichkeit feststellen, daß die krankhafte Fixierung der 
Patienten an den Vater oder die Mutter durch die Analzone vermittelt wird. 
Ein kleiner Ausschnitt aus einer Psychoanalyse möge das belegen. 

Die Patientin, welche an schwerer Straßenangst leidet, ist völlig an ihren 
Yater gebunden. Ihre immer wiederholten Versuche, die Fixierung zu lösen, 
sind mißlungen. Diese Fixierung ist vom Vater der Patientin während ihrer 
Jagend dadurch sehr gefördert worden, daß er sich im Übermaß um die 
Darmtätigkeit des Kindes ktimmerte, sehr häufig Klysmen verabreichte usw. 
Diese verkehrten Maßnahmen trugen zur Erhaltung kindlicher Abhängigkeit 
in verhängnisvoller Weise bei ; die Tochter konnte — mit einem Ausdrucke 
der Kindersprache gesagt — nichts ohne den Vater „machen", konnte nur 
unter seiner Aufsicht »abseits" gehen. Wie die Analyse ergab, ließen auch 
ihre Ablösungsversuche die anale Fixierung erkennen. Den Darm ohne väter- 
liche Aufsicht zu entleeren, bedeutete ihrem Unbewußten Selbständigkeit. 
Entfernte sich die Patientin vom Hause und wurde sie unterwegs von Angst 
befallen, so machte sie zur Abwehr der Angst allerhand Geldausgaben, die 
praktisch nicht zu rechtfertigen waren. Sie verausgabte GeldstattLibido. 
Daß aber das Geld diese ersetzende Bedeutung annehmen konnte, erklärt sich 
aus der im Unbewußten herrschenden Gleichwertigkeit von Geld und Kot. 
Bemerkenswert ist, daß die Patientin sich selbst verdächtigte, sie steigere 
manchmal ihre Angst, um sich einen Grund zum Geldausgeben zu schaffen. 

Bei dieser Kranken beobachtete ich, ebenso wie auch in zwei anderen 
Fällen, die Neigung, wahllos vielerlei zu kaufen, meist wertlose, nur für den 
Augenblick begehrte Kleinigkeiten. Sie täuschen sich auf diese Weise eine 
freie Beweglichkeit ihrer Libido vor, während diese doch in Wirklichkeit aufs 
äußerste fixiert und gehemmt ist. Das Kaufen von Gegenständen, die nur einen 
Angenblickswert haben, das schnelle Übergehen von diesem Gegenstand zu 
jenem, wirkt als symbolische Befriedigung eines verdrängten Begehrens : die 
Libido in rascher Folge auf unbegrenzt viele Objekte zu übertragen. Die 
Anspielung auf die Prostitution ist hier nicht zu verkennen ; auch dort ver- 
mittelt das Geld flüchtige, beliebig wechselnde Beziehungen. 

Die Auffassung der Patienten, sie gäben Geld aus, um ihr Selbstgefühl 
zu erhöhen, erfährt nun in gewissem Sinne eine Bestätigung. Das Geldausgeben 
täuscht sie über die Gebundenheit der Libido und damit über das peinigende 
Gefühl sexueller Insuffizienz für kurze Zeit hinweg. Anders ausgedrückt : die 
Kranken stehen unter einem abnorm strengen, von der Eltem-Imago aus- 
gehenden Verbot, ihre Libido frei zu verausgaben. Es kommt zum Kompro- 
miß zwischen Trieb und Verdrängung. Die Kranken verausgaben sich dem 
Verbot zum Trotz, aber nicht in sexueller Libido, sondern in analen Werten. 

Wir werden hier an das dauernde Verhalten gewisser Neurotiker erinnert, 
deren Libido gleichfalls übermäßig gebunden ist. Sie sind — teilweise oder 
ganz — unfähig zur sexuellen Liebe im seelischen und körperlichen Sinne. 
Sie wenden den anderen Menschen nicht Liebe, sondern Mitleid zu, sie werden 
zu Wohltätern und geben an Geldeswert oft im Übermaß. Sie sind auf diese 
Ersatzbefriedigung dauernd angewiesen. In der dunklen Wahrnehmung, quali- 
tativ nicht das Bichtige zu geben, übertreiben sie das Geben quantitativ. 
Uir Geldausgeben wirkt jedoch altruistisch, während in den vorher besprochenen 
Fällen diese Wirkung durchaus fehlt. Das Gemeinsame beider Gruppen liegt 
aber darin, daß das Geldausgeben einen Ersatz für die von der Neurose ver- 
botene Sexualübertragung bildet und zur Abwehr neurotischer Störungen dient* 

17» 



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254 Mitteilungen. 

2. 

Ein merkwardiger Fall von Nachtwandeln und Mondsucht. 

Von Dr. J. Sadger. 

Vor kurzem hatte ich Gelegenheit, bei einem 28jährigen Ingenieur eine 
wenn auch nur kurze Analyse zu machen. Ans meinen stenographischen Auf- 
zeichnungen will ich einiges hervorheben, das mir manch neues Streiflicht zu 
werfen scheint auf die Erscheinungen der Mondsucht, der Urethralerotik, der 
Tagespollutionen und das Problem des Selbstmordes. 

Vorauszuschicken wäre, daß diese Aufzeichnungen — ich fahre stets 
möglichst die Worte des Kranken selber an — nicht etwa einer einzigen 
Stunde entstammen, sondern einer ganzen Reihe von solchen, die sich über 
mehrere Wochen erstrecken. Zu seinen Erkenntnissen war Patient erst nach 
längerer Anfangsarbeit gelangt, die ihn seine wichtigsten Komplexe kennen 
gelehrt hatte. Und endlich habe ich zu leichterem Verständnis dem Sinne nach 
Zusammengehöriges auch dann zusammengestellt, wenn es zu verschiedenen 
Zeiten gewonnen. 

Aus dem Leben des Kranken ist zu erwäehnen, daß er dem strengen 
Vater stets schroff gegenüberstand. Hingegen hing er mit leidenschaftlicher 
Liebe an seiner Mutter, die er im Unbewußten auch allezeit geschlechtlich 
begehrte, wie die Psychoanalyse ergab. Mit den Eltern schlief er recht lange 
im nämlichen Räume zusammen, was ihm Gelegenheit gab, schon in frühester 
Kindheit deren Beilager wiederholt zu belauschen. 

„Meine Eltern erzählten mir,*' begann der Kranke, „zwischen sechs und 
zehn Jahren sei ich öfters in der Nacht aufgestanden, immer zwischen zehn 
und elf Uhr, im Zimmer herumgelaufen und habe irgend etwas gesucht. Das 
ist übrigens die nämliche Stunde, zu welcher in früheren Jahren die Eltern 
zu verkehren pflegten." — „Was oder wen suchten Sie eigentlich?" — „Ich 
weiß nicht, ob Mutter oder Vater. Vielleicht wollte ich dasselbe tun wie der 
Vater und mochten die Eltern mir nicht sagen, daß ich zur Mutter wollte." 
Nach einigem Nachsinnen: ,Ganz gewiß habe ich die Mutter gesucht. Sie 
schlief im linken Bett beim Fenster und, wie mir erinnerlich, lief ich immer 
gegen das Fenster zu. Auch habe ich ganz bestimmt ,Mutter !' gerufen. Wahr- 
scheinlich wollte ich zu ihr ins Bett. Wie ich aus einer späteren Bemerkung 
des Vaters weiß, hat er nach dem letzten überaus schweren Wochenbett der 
Mutter — das erfolgte in meinem siebenten Jahre — ihr nicht mehr bei- 
gewohnt. Ich aber wartete jede Nacht auf etwas. Als ich zehn Jahre zählte, 
bezogen wir eine andere Wohnung, in der ich fortab mit den Brüdern zu- 
sammen schlief. Von da ab habe ich nicht mehr gewandelt.** 

„Hingegen bekam ich vom 12., 13. Jahre ab Tagespollutionen/ — 
„Vielleicht haben diese den nämlichen Sinn: Verkehr mit der Mutter?" — 
„Ja. Ich hatte sie vier, fünf Jahre lang, bis ich regelmäßige Sexualbeziehungen 
begann. Ich bekam sie immer bei den französischen Schularbeiten aus Angst, 
nicht fertig zu werden. Als Kind hatte ich auch Angstzustände, da ich die 
Eltern verkehren sah und dabei ging mir auch Urin ab. Nachtpollutionen 
hatte ich in meinem ganzen Leben höchstens 10 — 15mal, bei Tag hingegen 
damals jede Woche zweimal, immer in der französischen Stunde, wo ich wenig 
gelernt hatte. Diese Sprache trug ein strenger und mir sehr unsympathischer 
Lehrer vor, der mich immer zittern machte gleich dem Vater, an den er 
mich auch erinnerte. In allen Gegenständen lernte ich gut bis auf Französisch, 



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Dr. J. Sadger: Ein merkwürdiger Fall von Nachtwandeln und Mondsucht 255 

trotzdem ich wufite, daß mir jedes ,Ungenügend* bei dem streogen Professor 
noch obendrein zu Hanse schwere Strafe vom Vater eintrug. Erst in den 
obersten zwei Klassen lernte ich bei einem anderen Professor etwas Französisch 
nnd da ließen die Tagespollntionen nach. Übrigens waren weder sie selbst 
noch die Angst bei den Pollutionen mir unangenehm ; im Gegenteil, ich darf 
rahig sagen, ich wartete sogar darauf, daß sie kommen, und war dabei sehr 
erregt im ganzen Körper. Die Tagespollutionen währten von meinem zwölften bis 
zum dreizehnten Jahre, mit siebzehn begann ich zu koitieren und hatte fortab 
höchstens vereinzelt Nachtpollntionen. Bei diesen träumte ich nie von Mädchen, 
sondern stets nur von einer verheirateten Frau. Die wird wohl für die Mutter 
gestanden sein. Vor etwa zwei Jahren war ich einige Monate impotent. Viel- 
leicht rührte dies daher, daß damals mein Mädchen einen anderen heiratete.'^ 
— aSie war Ihnen also ebenso untreu geworden, wie die Mutter mit dem 
Vater." — ^Ich glaubte dazumal, ich würde mein Leben lang impotent 
bleiben. Einmal aber war ich mit der Frau eines Freandes beisammen und 
da kam es mir wieder, die habe ich koitiert. Ich habe mir so gleichsam die 
Mutter wiedererobert.** 

Sehr lehrreich sind die Beziehungen zur Urethralerotik. „Bis zu meinem 
vierten Lebensjahre soll ich ein starker Bettnässer gewesen sein. Bei meiner 
ersten Tagespollution hatte ich — das blieb mir in Erinnerung — den Ein- 
druck, bloß uriniert zu haben. Vom vierten Jahre ab war ich nach Aussage 
der Eltern ein ,8ehr reines* Kind und habe bis zum zehnten, zwölften Jahre 
nur zweimal täglich uriniert. Ofienbar hielt ich es absichtlich zurück, weil mir 
die Überfüllong der Blase und der Druck der Flüssigkeit Lustgefühle machte. 
Das weiß ich heute ganz genau. Als Kind habe ich sehr gerne mit Wasser 
gepritschelt, häufig und sehr lange gebadet. Ganze Tage konnte ich am Brunnen 
spielen und mich immer mit Wasser beschäftigen. Wenn es regnete, legte ich 
kleine Teiche an. Manchmal wurde ich dabei bis auf die Haut naß, ohne mir 
etwas daraus zu machen. Später waren mir als Bauingenieur Wasserbauten 
stets die liebsten, wie Fluß- und Bachregulieruugen, Anlegen von Teichen, 
Errichten von Wassertürmen, Wasserturbinen und großen Wasserbassins und 
mit solchen habe ich auch viel mehr verdient und viel mehr Glück gehabt, als 
mit anderen Bauten, ganz bestimmt nur darum, weil ich sie mit ganz besonderer 
Lust machte. Ich bin ein Freund jedes Wassersports, zumal des Schwimmens, 
und leidenschaftiicher Skiläufer. Schnee ist ja auch Wasser. Es war mir am 
liebsten, im Winter irgendwohin zu fahren, wo recht viel Schnee lag. Ich bin 
auch sehr gern draußen, wenn es regnet. Kegcn ist mir viel lieber, als wenn 
die Sonne scheint. Ich zog bei Regen immer Lackschuhe an. Die wurden 
gleich naß und dann bekam ich nasse Füße, was ich offenbar wollte. Im 
Winter war mir nichts lieber, als in den Schnee zu fallen. Sogar Nebel habe 
ich gern, der ist ja auch nur Wasser. An schönen Seen konnte ich zwei, 
drei Stunden stehen und sie anschauen. Die Leute lachten mich immer aus, 
wenn ich bei strömendem Regen dorthin kam. Und ich kam regelmäßig nur 
bei starkem Regen hin. Sobald sich das Wetter wiederum besserte, fuhr ich 
zurück.** 

Die innigen Beziehungen zu seiner Mutter und der Zusammenhang mit 
Nachtwandeln und Mondsucht erhellen bereits aus Kindheitsträumen. „Mit 
fünf, sechs Jahren hatte ich häufig folgenden Traum : Ich bin gestorben, liege 
im Grabe und stehe jede Nacht auf, gehe zur Mutter und spreche mit ihr. 
Es war sehr schön im Grabe und mir sehr leicht zu Mute. Das ist offenbar 
ein Wunsch, zur Mutter zu kommen, und das Grab entspricht dem Bett, in 



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256 Mit teil an gen. 

dem ich mit der Matter zusammen liegen will. Ich träumte auch direkt, da£ 
Multer zu mir ins Grab kommt, und manchmal blieb sie so lange, bis es zu 
spät ward. Erst am nächsten Tage konnte sie wieder herausgehen. Das Herum- 
laufen bei Nacht heißt wohl: ich steige aus dem Grabe heraus, suche die 
Mutter und will zu ihr ins Bett. Und geträumt habe ich, ich steige heraus 
aus dem Grabe, rufe nach der Mutter, nehme sie mit und gehe mit ihr zurück 
ins Grab, um sie dort zu begatten. Drum war ich im Grabe auch so zu- 
frieden und hatte den Wunsch, die Mutter solle sterben. Einmal sah ich im 
Traum mein eigenes Begräbnis. Ich war gestorben, wurde in den Sarg gelegt, 
auf den Friedhof gefahren und ins Grab getan. Dabei war ich aber nicht 
bewußtlos, sondern habe alles gesehen, nur war ich steif. Im Grabe machte 
ich sofort den Sarg auf und setzte mich auf ihn. Bei Nacht ging ich dann 
heraus und zur Mutter, hatte kolossalen Hunger bei ihr, aß etwas ^) und 
endlich ging sie mit mir zartick ins Grab. Auch dieser Traum hat sich mehr- 
mals wiederholt. Bei diesen Träumen stand ich auf, lief herum und suchte 
die Mutter, jedoch ohne Bewußtsein. Und einmal sah ich ganz sicher das 
Mondlicht, ich hatte die Augen offen, als ich wandelte. Aber warum gerade 
damals? Ich wollte offenbar das Licht sehen, habe doch das Mondlicht viel 
lieber als die Sonne. Es ist auch ganz gut möglich, daß ich bei Mondlicht 
sah, wie die Eltern miteinander verkehrten." 

Wir sprachen über die Vorstellung des Kindes vom Sterben und da 
meinte der Kranke: „Sterben heißt beim Kinde auch das normale Schlafen- 
gehen am Abend.*) Es hat den Eindruck, heute muß es alles stehen und liegen 
lassen und schlafen gehen. Daß es am nächsten Morgen wieder beginnen kann, 
daran denkt es nicht, daher der Widerstand der kleinen Kinder gegen das 
Schlafengehen.* 

Nun zurück zu den Grabträumen. „Wenn ich im Traum aus dem Grab 
herauskam, sah ich immer Mondlicht und damals, wie ich offene Augen hatte, 
auch beim Wandeln. Diese Grabträume wiederholten sich fast jeden Tag. " — 
„Und bedeuteten wohl, 1. daß Ihr Wunsch, zur Mutter ins Bett zu kommen, 
Sie jede Nacht quälte, und 2. Ihre häufigen Todeswtinsche (Grab) auf die Mutter, 
für die wir ja auch anderweitige Bestätigung fanden." — „Damals, als ich 
mit offenen Augen wandelte und Mondlicht sah, erblickte ich es erst am Fuß- 
boden, dann erst draußen." — „Und das wissen Sie beides noch?" — j,Ja, 
aber es war nur nur ein Mal, daß ich weiß, ich habe den Mond in Wirk- 
lichkeit gesehen, nicht bloß in Träumen. Als vor zwei bis drei Jahren einmal 
Vollmond war, ging ich immer draußen spazieren. Ich lag im Bett und wollte 
etwas lesen. Nachdem ich aber sah, draußen scheint der Vollmond, stieg ich 
aus dem Bette heraus, zog mich an, ging hinaus spazieren und kehrte erst 
geilen vier Uhr morgens zurück, da der Mond schon untergegangen. Ich kann 
nicht angeben, warum mich das Verlangen packte, im Mcndlicht zu lust- 
wandeln. Fast immer ging ich zum Teich, in dem sich der Vollmond spiegelte 
und betrachtete dieses Bild. Es war wohl eine unbewußte Macht, die mich 
zwang, das Buch wegzuwerfen, aufzustehen, mich anzuziehen und draußen zu 
lustwandeln, doch geschah dies bei vollem Bewußtsein. Und immer trieb es 
mich nur zum Wasser, zum Bach oder am häufigsten zum Teich, in dem 
der Mond sich spiegelte. Einmal habe ich etwas gemacht, wovon ich bis heute 
noch nicht weiß, warum. Ich nahm einen Krug und ging Wasser holen im 



*) Essen = koitieren, bekannte Traumsymbolik. 

*) Ein zweiter Patient sagte mir aus freien Stücken: „Da ich ein Kind war 
stellte ich mir sterben vor als im Bette hegen. ** 



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Dr. J. Sadger : Ein merkwürdiger Fall von Nachtwandeln nnd Mondsacht. 257 

Mondlicht, nnd zwar bei vollem Bewußtsein, aber ich wnßte nicht, warum ich 
gehe und warum ich Wasser hole. Als ich zurückkam, war Mutter wach und 
lachte mich über mein Tun aus. Der Sonmier war damals sehr heiß und 
trocken und es herrschte bei uns Wassernot. Noch eins: ich weiß jetzt ganz 
bestimmt, daß ich die Eltern bei Vollmond koitieren sah. Wenn ich nämlich 
nachdenke, so sehe ich stets deutlich die roten Decken mit weißen Überzügen 
in den Betten der Eltern. Da kein Nachtlicht brannte, müssen sie vom Monde 
beleuchtet worden sein. Und jetzt schweben mir auch ganz deutlich seine 
Strahlen vor und der Schatten des Mondes in den Betten der Eltern. An 
meinem Fenster war die Jalousie unten, am zweiten, wo die Eltern schliefen, 
nicht. Um so besser also konnte ich alles sehen." 

„Zwischen zehn und vierzehn Jahren träumte ich manchmal, ich falle von 
großer Höhe herunter. Es währte immer so lange, bis ich unten war. Später 
passierte es mir oft, daß ich wirklich von einer Höhe herunterfiel, z. B. einer 
Stiege, einem Sessel und zuletzt von einem Hochofen." — „Wurden Sie als 
Kind von den Eltern gern in die Höhe geschupft?" — „Das ist sehr wahr- 
scheinlich. Bei meinem jüngsten Bruder taten sie dies sehr oft, also werden 
sie es auch bei mir getan haben. Jetzt fällt mir ein, wenn ich im Traum 
herunterfiel, hatte ich dieselbe Angst wie bei den Tagespollutionen. Niemand 
weiß, warum ich vor sieben Jahren vom Hochofen herunterfiel. Ich sprach 
mit zehn, zwölf Maurern, auf einmal trat ich zum Rand, sah hinunter und lag 
schon unten. Ich war damals eine halbe Stunde bewußtlos und leide seitdem 
an Kopfschmerz.* — „Es sieht so aus, als wollten Sie heninterfallen auf die 
Mutter Erde." — „Und in der Ziegelpraxis fiel ich fast jeden Tag von der 
Leiter herunter. Auch in den Teich bin ich dreimal hineingefallen vom Ufer, 
einmal im Winter und zweimal im Sommer. Ich weiß nicht, bekam ich einen 
Schwindelanfall ..." — „Oder wollten Sie hineinfallen." — „Das wäre auch 
ganz gut möglich. Als ich z. B. im Winter Schlittschuh lief, kam ich am 
Teich bis zum Luftloch für die Fische. Ich ging bis zum Rand und schaute 
hinein, trotzdem ich mir klar bewußt war, ich müsse hineinfallen. Und dann 
geschah es auch so." — „Dann haben Sie es also offenbar so wollen." — „Und 
im Sommer stand ich auf einem Stein, der so stark wackelte, daß ich wußte, 
ich muß ins Wasser fallen, was denn auch geschah." — „All das Bisherige ist 
ans der Sexualsymbolik unschwer zu deuten. Sie fallen aus der Höhe auf die 
Erde heißt : Sie wollen sich auf die Mutter stürzen, sie koitieren. Das nämliche 
bedeutet es, wenn Sie immer wieder ins Wasser fallen, gleich in die feuchte, 
nasse Vagina. Selbstredend hat da auch Ihre übermäßige Urethralerotik 
starken Anteil. Das Inswasserfallen könnte nebenbei noch das Gegenteil 
heißen: aus dem Wasser kommen, soviel wie geboren werden. Von der Mutter 
neu oder ?neder geboren werden." — „Ja, all dies leuchtet mir sehr ein, 
aus meinen sexuellen Gedanken heraus." 

„Vor SVg Jahren fiel ich einmal in den Teich. Ganz am Ufer führte 
eine Straße. Ich fuhr nun einmal mit dem Rad ganz am Rande ; plötzlich 
bekam ich einen Schwindel, es kann aber auch sein, daß es gar kein Schwindel 
war, und ich fiel mit dem Rade in den Teich. Damals hatte ich auch Todes- 
wünsche auf den mittleren und jüngsten Bruder, die ich von den Eltern be- 
vorzugt glaubte." — „Ob da nicht Ihre verschiedenen Stürze Selbstbestrafung 
waren, beabsichtigter und versuchter Selbstmord?" — „Ja, das stimmt. Ich 
habe auch wirklich einmal einen direkten Selbstmordversuch gemacht, weil es 
mich stets quälte, das Leben gibt mir zu wenig. Ich dachte immer : sobald 
ich fertig bin, werde ich einen herrlichen Posten bekommen. Zufrieden war 



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258 Mitteilungen. 

ich überhaupt nie. Andere haben mit weniger Mühe viel mehr erreicht. Und 
dann habe ich auch weniger Liebe von den Eltern bekommen.*^ — „Und 
drum versuchen Sie stetig, sich umzubringen, teils um die Eltern zu strafen, 
teils als Sühne für Ihre Todeswünsche." — „Mit elf Jahren bin ich einmal 
in den Fluß gesprungen, das war vielleicht auch ein unbewußter Selbstmord- 
versuch. Wenigstens hatte ich gar keinen Willen herauszusteigen. Die Poltern 
waren damals sehr unzufrieden mit mir, ich war sehr schlimm und habe die 
Geschwister immer geschlagen, vermutlich aus Eifersucht. Zu dieser Zeit hatte 
ich das Nachtwandeln nicht mehr, die Tagespollutionen begannen aber erst im 
nächsten Jahre. Vielleicht stellt mein Schlimmsein das Bindeglied dar zwischen 
Träumen, Nachtwandeln und Pollutionen. Von all diesem zog ich große Lust 
Damals aber, mit elf Jahren, hatte ich gar nichts, vielleicht war ich darum 
so schlimm. Wenn ich träumte, die Mutter kommt zu mir, war ich sehr 
glücklich. Damals, als ich in den Fluß sprang, spiegelte sich der Mond im 
Wasser. Ob mich das nicht so anzog? Als ich dann nach Hause kam, habe 
ich nichts gesagt." — „Sollte Sie das Mondlicht irgendwie an die Mutter 
erinnert haben?" — „Ja. Wenn ich mit vier, fünf Jahren die Mutter nach 
dem Verkehr im Bette liegen sah, war ihr Gesicht im Mondschein immer 
blaß wie der Mond selber." — „Also erinnert Sie das Mondlicht vielleicht 
an die Mutter, die verkehrt hat?" — „Ja, zweifellos!" — „Und vielleicht 
lockt Sie der Vollmond, sich selber auf die Mutter zu stürzen?^ — „Ja, 
gewiß habe ich den unbewußten Wunsch gehabt, zur Mutter hinunterzuspringen. 
Früher hatte ich Ersatz in Träumen, später in Tagespollutionen, damals aber 
hatte ich gar nichts. Vielleicht machte ich darum den Selbstmordversuch. Ob 
ich nicht damals auch eine Pollution bekam, als ich mich hineinstürzte? 
Warum denke ich immer daran? Wahrscheinlich hat eine solche stattgefunden. 
Vom Geschlechtsleben wußte ich nichts, erregt war ich aber und naß war ich auch 
im Wasser, ganz sicher habe ich damals eine Pollution bekommen." — „Fallen 
Ihre Selbstmordversuche zeitlich zusammen mit einer besonderen Steigerung 
Ihrer Lust auf die Mutter?" — „Für das erstemal mit elf Jahren kann ich 
es bestätigen. Damals war ich sehr trotzig gegen den Vater, während die 
Mutter sehr lieb zu mir war." — „Und wie war es später?" — „Auch so. 
Als ich z. B. vom Hochofen hinunterstürzte und damals, als ich in den Teich 
fiel, war ich immer in die Mutter sehr verliebt." 

Und jetzt kam eine Reihe entscheidender Aufklärungen. „Bei den Tages- 
pollutionen während der französischen Schularbeiten war immer Angst, aber 
auch etwas Lust dabei. In der sechsten, siebenten Realschulklasse habe ich 
die Pollutionen auch noch erwartet ; doch blieben sie aus, vielleicht darum, weil 
ich zu jener Zeit schon sexuell verkehrte." — „War in den unteren Klassen 
Ihr Verlangen nach der Mutter sehr groß?" — „Gewiß. Wenn ich auch vom 
Verkehr noch sehr wenig wußte, so kann ich doch sagen : unbewußt war es 
sehr stark. Ich habe immer an die Mutter gedacht, tat alles nur um der 
Mutter willen, um ihr Freude zu machen und ihre Liebe zu erwerben. In 
meinem ganzen Leben habe ich höchstens zwei- bis dreimal onaniert, in dem 
Jahre, als ich die Tagespollutionen nicht mehr hatte, doch noch keine nächt- 
lichen. Später habe ich manchmal drei bis vier Monate nicht koitiert, ohne Pollu- 
tionen zu bekommen. Und wenn ich ein Mädel hatte, war ich immer wirklich 
verliebt, auch wenn ich sie nicht heiraten wollte, und wac diesem Mädchen 
auch immer treu." — „Das ist einfach Muttertypus. In jeder Geliebten blieben 
stets Sie der Mutter treu, drum existierte zu dieser Zeit kein anderes Mädchen 
für Sie." — j,Ja, ja. Die Tagespollutionen habe ich immer schon mit Lust 



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Dr. J. Sadger: Ein merkwürdiger Fall von Nachtwandeln und Mondsucht 259 

erwartet. Und wenn ich ins Wasser gesprangen war, ließ ich mich ganz rohig 
wieder herausziehen oder kroch ruhig selber heraus, weil die ganze Geschichte 
för mich mit dem Hineinspringen erledigt war. Ich war ja ganz naß und 
ganz ruhig. Auch kann ich sagen: wenn ich ins Wusser sprang, hatte ich 
anch eine Pollution. Ich erinnere mich jetzt, daß ich dabei immer etwas im 
Gliede gespürt habe. Welche andere Lust konnte ich gehabt haben, als von 
einer Pollution?^ 

„Noch etwas: als ich beim Nachtwandeln den Krug nahm, um Wasser 
za holen, war es nicht aliein mein Bestreben, das nämliche zu tun wie die 
Mutter — Wasser war doch zu Hause — sondern ich hatte ganz unbewußt 
auch den Wunsch, in den Brunnen hineinzukriechen. Dieser war ja offen und 
damals just Vollmond. Femer war sehr wenig Wasser drin und, wenn ich 
Wasser herausschöpfen wollte, mußte ich mich stark vorbeugen. Da erwartete 
ich, ich werde hinunterfallen. Aber es passierte nichts und ich ging wieder 
zurück. Wandelte ich aber bei Vollmond draußen, wo das Gras immer naß 
ist, so werde ich vom Wasser erwartet haben, wieder eine Pollution zu be- 
kommen. Damals, wie ich bei den französischen Schularbeiten die Tages- 
pollutionen hatte, kann ich sagen: ich habe den ganzen Tag an die Mutter 
gedacht und die Angst vor dem Professor war nur Nebensache. Er erinnerte 
mich ja an den Vater und sein Koitieren mit der Mutter und darum hatte ich 
Angst. Hauptsache jedoch waren meine Gedanken auf die Mutter und, als 
diese mir nicht mehr so häufig kamen, ließen schließlich auch die Tages- 
pollutionen nach. Drum hatte ich allmählich gar keine und auch keine Nacht- 
pollutionen, obwohl ich noch nicht verkehrte mit 16 Jahren." 

„Zum Nachtwandeln fiel mir noch ein, daß ich es nicht bloß als Kiud 
übte, sondern auch noch zwischen 20 und 21 Jahren. Damals ging ich im 
Schlafe von meinem Zimmer in das der Mutter und zu deren Bett. Wahr- 
scheinlich wollte ich sie koitieren, denn sonst hatte ich dort nicht das ge- 
ringste zu suchen. Ich weiß nicht, haben die Eltern zu mir gesprochen oder 
geschah dies von selber, jedenfalls ging ich im letzten Moment wieder zurück. 
Das geschah zwei- bis dreimal, und zwar stets bei Vollmond." Tags darauf 
kam er mit folgender Ergänzung : „Mir fiel gestern spontan ein, daß der Vater 
zu mir sprach, mich bei der Hand nahm und in mein Zimmer zurückführte. 
Er' erzählte, ich sei in der Nacht zu ihnen gekommen und zum Bett der 
Mutter gegangen. Das sei so ähnlich gewesen, wie ich es als Kind auch tat, 
nur daß ich in der Kindheit auch ins Bett der Mutter hineinwollte, daß ich 
auch gesprochen und etwas gesucht habe. Was es war, weiß ich nicht, aber 
sicherlich war es die Mutter." 

„Mit 17 Jahren lief ich einmal ohne Grund aus dem Hause meines 
Vormunds weg und wanderte drei Nächte lang bei Vollmond in fast bewußt- 
losem Zustande — tagsüber schlief ich im Felde — bis ich endlich in 0. 
wieder zum Bewußtsein kam und zurückfuhr." — „Wo weilte Ihre Mutter da- 
mals?" — ^In G.** — „Lag das in der Richtung, in der Sie wanderten?** 
— „Ja. Man muß über 0. gehen. Da wollte ich wahrscheinlich zur Mutter 
bin." — „Und wie kam Ihnen in 0. wieder das Bewußtsein?" — „Ich war 
sehr müde damals. Das letzte Stück vor 0. ging ich mit einem alten Mann, 
der zu Markte wollte und mich für einen Handwerksburschen nahm. Ich 
schämte mich als Student sehr, dafür gehalten zu werden. Um 7 Uhr morgens 
kamen wir in der Stadt an. Wäre ich nicht da, sondern draußen am Lande 
gewesen, so hätte ich geschlafen, um dann in der Nacht weiter zu gehen. AIb 
ich aber früh in 0. ankam und sah, wie schmutzig ich war — ich hatte mich 



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260 MitteilaDgen. 

doch nirgends abputzen können — kam es mir auf einmal zum Bewußtsein, 
daß ich etwas Ungehöriges getan habe. Ich schämte mich, fortgelaufen zu 
sein, mich packte plötzlich die Angst, was die Eltern dazu sagen werden und 
so entschloß ich mich Knall nnd Fall, nach Hause zn fahren." 

„Auch da muß ich sagen: der Mond erinnerte mich immer an die 
Mutter. Diese habe ich nämlich einmal bei Vollmondlicht im Bette gesehen und 
in dieser Beleuchtung sah ihr Gesicht so blaß aus. Seitdem erinnert mich die 
blasse Mondscheibe immer an das Gesicht der Mutter, und auch wenn ich den 
Mond sich im Wasser spiegeln sah. Fließt aber das Wasser oder geht ein 
Wind, der das Wasser unruhig macht, so erscheint das Bild des Mondes ver- 
zerrt und gemahnt an die Haare der Mutter. Bei Vollmond ging ich auch 
gern nachts zum Teich fischen, viel lieber als am Tage. Fischen ist soviel 
wie Penis zeigen, koitieren, und da mich der Vollmond an die Mutter erinnert, 
so heißt das mit der Mutter koitieren. Bei Vollmond fischt sich's sehr gut, 
doch habe ich fast niemals etwas gefangen, weil ich nicht aufmerksam war 
und mehr auf das Spiegelbild des Mondes schaute als auf die Fische. Mich 
quälte eine innere Unruhe und Unaufmerksamkeit. Ich hatte das nämliche 
Gefühl wie damals, als ich die Mutter im Bade belauschte. Ich werde wohl 
innerlich, unbewußt die Mutter koitiert haben. Aus meinem 13. Jahre ist mir 
im Gedächtnis geblieben, da ging ich einmal bei dichtem Nebel in die Schule. 
Plötzlich erschien mir mitten im Nebel das Bild der Mutter, und zwar, wie 
ich sie mit vier, fünf Jahren gesehen hatte : im Nachthemd. Damals hatte ich 
Halsweh und sie kam nachts in bloßem Hemd zu mir und brachte mir Limo- 
nade und Gurgelwasser. So erschien sie mir auch im Nebel. Ich glaube, das 
hängt alles zusammen : das Urinieren ins Bett, das Belauschen im Bade, die 
Vollmondscheibe, die auch gleichsam im Wasser badet, und die Mutter im 
Nebel." 

„Wenn in der Nacht der Teich gefroren und ganz mit Eis bedeckt war, 
bin ich oft hinaus, Schlittschuh zu laufen, besonders bei Vollmond. Wenn kein 
Schnee liegt, glänzt das Eis wie ein Spiegel und man sieht den Mond wie im 
Spiegel. Einmal, als ich zurückkam, war Mutter auf und sehr böse über mein 
Fortgehen. Man macht nämlich Fischlöcher in das Eis und da hatte sie Angst, 
ich könnte hineinfallen. Etwas fällt mir auf. Mein Zimmer zu Hause hat einen 
separierten Eingang, außerdem kann man noch durch das Schlafzimmer der 
Eltern gehen. Trotzdem war es immer angenehmer — wir wohnten zu ebener 
Erde — durch das Fenster herauszusteigen und wieder hereinzukommen, 
warum, kann ich nicht sagen. Das Fenster ging nach Südost nnd gegen das 
Mondlicht, während das Haustor nach Nordnordwest lag, also im Schatten. 
Daß die Eltern mich nicht hören, war nicht maßgebend, weil ich ja einen 
Hausschlüssel hatte und von meinem Zimmer direkt ins Vorzimmer kam. Im 
Sommer ging ich auch sehr oft ohne Schuhe hinaus, vielleicht, um naß zu 
werden." 

Gegen Ende der Behandlung, als der Mutterkomplex schon ziemlich 
weit aufgelöst war und der Kranke in starker Übertragung auf mich stand, 
kamen noch zwei bezeichnende Vollmondträume, die vieles früher Gefundene 
bestätigten. Erster Traum: „Ich sitze abends in E. in dem Hotekimmer, 
das ich gewöhnlich bewohne. Langsam dringt Vollmondlicht in das Zimmer. 
Ich stehe auf, nehme meine Skis und laufe auf diesen zum Vollmond. Der 
Vollmond stand auf dem Berge etwa in der Höhe von 1^2 «» und etwa drei 
Stunden entfernt. Ich laufe dorthin. Es war sehr licht and herrlich schön 
und, als ich dort in die Nähe kam, dachte ich schon, ich werde beim VoU- 



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Dr. J. Sadger: Ein merkwürdiger Fall von Nachtwandeln and Mondsacht. 261 

moDd sein. Auf einmal fällt er hinter den Berg hinnnter und ist verschwunden. 
Plötzlich ward es draußen finster und ich stand bei der Baude und weinte, 
weil ich wußte, ich werde den Vollmond nicht mehr erreichen. Er war über- 
haupt total geschwumlen, nicht daß man glauben konnte, er werde wieder 
einmal kommen. Es war so finster und kalt und ich stand lange draußen fast 
bewußtlos, die Gedanken liefen mir im Kopfe herum, ich wußte nicht, woran 
ich denke. Auf einmal wurde mir so kalt, daß ich erwachte. Und da lag ich 
auf der Decke oben, nicht von ihr bedeckt. Ich fragte meine Umgebung, ob 
ich herumgewandelt sei. Wie war es denn möglich, daß ich plötzlich auf der 
Decke lag? Meine Nachbarn aber hatten nichts gesehen. Als ich im Traum 
beim Schutzhaus stand, habe ich mich langsam beruhigt, ich wußte, ich kann 
den Vollmond nicht erreichen, aber es wird etwas anderes kommen, was, weiß 
ich nicht. Ich habe im Traum den ganzen Weg durchgemacht, den ich auch 
in Wirklichkeit sehr oft ging. Als ich hinlief zum Vollmond und ihn schon zu 
erreichen dachte, bin ich zwei-, dreimal gefallen, machte mir aber nichts daraus, 
sondern stand auf und lief noch schneller. Ich hatte so müde Beine und auch 
beim Erwachen spürte ich das. Zur Deutung möchte ich sagen : es wird ganz 
bestimmt wieder etwas mit der Mutter sein, denn der Vollmond erinnerte mich 
immer an die Mutter. Ich sah sie ja einmal im Vollmondschein im Bette liegen, 
wo sie den Glanz im Gesicht hatte. Selbstverständlich will ich im Traum die 
Mutter haben und deshalb lief ich zum Vollmond. Mein Leben ist schon so 
weit aufgelöst, daß ich weiß, die Mutter kann ich niemals haben. Deshalb 
verschwindet der Vollmond hinter dem Berge. Ich weine und leide natürlich 
darum, aber langsam habe ich mich beruhigt, denn ich wußte, es wird etwas 
anderes kommen, wenn ich auch nicht recht zu sagen vermag, was." — „Das 
heißt wohl, Sie werden für die Mutter eine andere finden." — „Noch etwas: 
Gestern nachmittag, also vor dem Traum, hatte ich auch Bauchschmerzen wie 
mit sechs, sieben Jahren. Damals war der Schmerz so groß, daß ich die Knie 
beugen, mit dem Bauch auf sie drücken und Opium einnehmen mußte. Diesen 
Schmerz hatte ich immer um die nämliche Zeit, zwischen 3 und 4 Uhr und 
gestern auch. Als ich daran dachte, daß ich die nämlichen Schmerzen in der 
Kindheit hatte, verschwanden sie. Auch fiel mir gestern ein, ich werde jetzt 
bald gesund werden, oder daß ich es schon bin." — „Womit wären die Bauch- 
schmerzen der Kindheit etwa zu vergleichen?" — „Waren das Entbindungs- 
schmerzen und spielte ich vielleicht die schwangere Mutter? Ja, das kann 
sein. Als ich sechs Jahre zählte, bekam Mutter das letzte Kind, und zwar 
zwischen 3 und 4 Uhr nachmittags. Merkwürdig ist, daß ich gleich daran 
dachte: zwischen sechs und sieben Jahren hatte ich den nämlichen Schmerz, 
worauf er sofort nachließ." — »Und von wem bekommen Sie das Kind?" 
— »Von Ihnen, Herr Doktor. ** — „Drum geht es Ihnen auch so gut.** — 
„Und vielleicht lag ich auf der Decke, weil ich weiß, Frauen, die entbinden, 
liegen frei. Und weil ich nackt auf der Decke lag, hatte ich wohl den Frost. 
Möglicherweise spielte ich auch die fiebernde Mutter. Sie hatte bei der letzten 
Entbindung wirklich Fieber." — „Was ist mit dem zwei-, dreimaligen Fallen 
und der Müdigkeit?" — „Fallen wird soviel heißen wie koitieren und müde 
Beine sind wirklich eine Folge des Koitus." — „Das heißt also: im Nacht- 
wandeln bei Vollmondschein vollziehen Sie den Koitus mit der Mutter. Sie 
laufen aber nach dem Falle noch schneller." — ^Vielleicht hatte ich Angst, 
daß ich mit dem Fall viel Zeit verloren habe, und lief dann noch schneller. 
Bei den Tagespollutionen hatte ich immer Angst, ich werde mit der Arbeit 
nicht fertig werden." — „Mit anderen Worten: Sie werden den Koitus nicht 



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262 Mitteilungen. 

erreichen." — „Und jetzt ebenso, daß ich den Vollmond nicht kriegen, die 
Mutter nicht werde koitieren können.** 

In der Nacht darauf hatte er einen zweiten Vollmondtraum: „Im 
Vollmondlicht sah ich auf einer Wiese etwa zehn Mädel, vielleicht waren es 
Nymphen, in einem großen Ring tanzen. Sie waren leicht bekleidet und, wenn 
ich zu ihnen kommen wollte, mußte ich einen See oder Fluß übersch?rimmen. 
Ich stieg ins Wasser, weiß aber nicht, war ich angezogen oder nicht, jeden- 
falls habe ich mein Gewand nicht ausgezogen und schwamm auf die andere 
Seite. Als ich zum Ufer kam, stieß ich mit dem Bauch auf einen Stein und 
bekam große Schmerzen. Mit diesen erwachte ich und hatte eine Pollution. 
Der Mond hat sich nicht im Wasser gespiegelt. — Deutung : Es ist möglich, 
daß ich solche Mädchen im Theater oder Kino gesehen habe, sonst ist es 
wie gestern. Mond und Weib ist bei mir gleichbedeutend und sowie mich im 
ersten Traum der Vollmond zog, so diesmal die Nymphen im Mondlicht. Es 
war wie eine magnetische Kraft, die mich anzog. Der See oder Fluß war 
hübsch breit und ich mußte ein tüchtiges Stück schwimmen. Dieser Fluß wird 
wohl die Scheide der Mutter bedeuten und Nymphen heißen ja auch die 
kleinen Schamlippen. Dann stieß ich auf den Stein und die Schmerzen kamen 
wieder wie vor dem ersten Vollmondtraum, sie drückten so herunter. Sollten 
die drückenden Schmerzen im Bauche, der Stoß und die Pollution ein Kind be- 
deuten, das ich geboren habe, indem ich Mutter spiele? Das fiel mir wenigstens 
sofort ein." — „Von wem kriegt die Mutter das Kind?" — ,Ich glaube 
vom Vater.* — „Nun schwimmen Sie durch den See, koitieren also im Traume 
die Mutter. Sollte das vielleicht bedeuten, daß die Mutter von Ihnen ein Kind 
bekommt?" — „Kann auch sein. Hätte sich der Vollmond im Wasser ge- 
spiegelt, so würde ich das als sicher annehmen, weil mich der immer an die 
Mutter gemahnt." — „Und als Gegenwartswunsch vielleicht noch, daß Sie 
von mir ein Kind bekommen, worüber wir gestern schon sprachen." — „Da- 
zu würde stimmen, daß ich, als Sie jetzt hinausgingen, auch etwas wie diesen 
Schmerz verspürte. P'erner auch: ich bekomme ein Kind durch die Psycho- 
analyse, also durch Sie. Merkwürdig ist nur, daß der Vollmond sich im Wasser 
nicht spiegelte wie alle anderen Male im Traum, was mich immer an die 
Mutter erinnerte. Und weil das fehlte, hat also die Mutter keinen solchen 
Einfluß mehr auf mich. Als der Vollmond im Traume verschwand, habe ich 
geweint, mich aber dann beruhigt und etwas anderes erwartet." 

„Wie mir der Vater erzählte, soll ich mit drei, vier Jahren bei Nacht 
im Schlafe versucht haben, das Fenster und die heruntergelassene Jalousie 
aufzumachen. Vater nahm mich dann und legte mich zurück. Ich nahm einen 
Sessel, stellte ihn zum Fenster, zog die Jalousie auf und wollte gerade die 
äußeren Fenster öffnen, da hielt er mich zurück. Ich weiß nicht, was ich 
beabsichtigte. Vielleicht wollte ich hinaus zum Fenster." — „Aber wohin?* 
„Zum Vollmond, in dem ich die Mutter sah. Das Fenster lag zu ebener Erde, 
höchstens ein Meter über der Straße. Später, als ich schon größer war und 
der Vollmond ins Zimmer schien, wurde ich wach, mußte aufstehen und den 
Mond beobachten, warum, weiß ich nicht. Eine magnetische Kraft hat mich 
dazu gezogen. Sollte dies darum sein, weil ich im Mond stets die Mutter sah ? 
Aber das scheint mir zu wenig." — „Dies wird nur eine der Ursachen sein.** 
„Als ich 12, 13 Jahre zählte, gab es eine Mondesfinstemis. Darüber war ich 
so unglücklich und gedrückt, ich kann nicht sagen, warum. Einmal, da ich 
noch keine Hqsen trug, also etwa im dritten, vierten Jahre, schlief ich nach- 
mittags und nach dem Erwachen spielte ich noch eine Weile. Dann ging ich 



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Dr. S. Ferenczi : Die psychischen Folgen einer „Kastration** im Kindesalter. 263 

in den Hof hinaus und sah schon den Mond, trotzdem es noch nicht ganz 
finster war. Ich ging nun in der Richtung des Mondes, wenigstens eine Viertel- 
stunde lang bis zum Viadukt, wo ich den Vollmond verlor, weil sein Licht 
verdeckt war. Dort saß ich dann und weinte eine halbe Stunde, bis ein Polizei- 
mann kam und mich fragte, was ich suche und dann auf die Wachstube brachte." 



Die psychischen Folgen einer „Kastration^ im Kindesalter. 

Von Dr. S. Ferenczi (Budapest). 

In der Arbeit über den „kleinen Hahnemann", der in frühester Kind- 
heit eine ganz geringfügige Verletzung des Penis erlitt, die dann seine ganze 
Triebrichtung und geistige Entwicklung entscheidend beeinflußte, mußte ich 
auf die große Bedeutung des Konstitutionellen bei der Kastrationsangst hin- 
weisen, zu der das Erleben nur als auslösendes Moment hinzutritt. 

Der Zufall führte vor etwa drei Jahren einen Patienten zu mir, der als 
Gegenstück zum „Hahnemann" betrachtet werden kann. Er erlitt nämlich, 
noch nicht ganz drei Jahre alt, wirklich die „Kastration". Natürlich war es 
nicht die Kastration im medizinischen Sinne, sondern eine andere Operation 
am Penis. Der Patient erinnert sich genau, vne es dazu gekommen ist. Er 
hatte Harnbeschwerden (sicherlich infolge einer Phimose), worauf es dem 
Vater, einem sehr energischen Herrn vom Lande, trotz seiner gutchristlichen 
Religion einfiel, statt des Kreisarztes — den jüdischen Schächter des Dorfes 
zu Rate zu ziehen, der eine vom medizinischen Standpunkte hier nur zu 
billigende Heilmethode, die Beschneidung vorschlug. Der Vater willigte sofort 
ein, der Schächter holte sein langes, scharfes Messer und vollzog am sich 
fürchterlich wehrenden und natürlich nur mit Gewalt festzuhaltenden Knaben 
die Entfernung der Vorhaut. 

Es handelt sich um Herrn L., einen kroatischen landwirtschaftlichen 
Beamten, der sich zur Behandlung seiner Impotenz an mich wendete. 
Er sei ledig geblieben, habe außer mit Prostituierten niedrigster Sorte, 
bei denen seine Potenz auch nicht sehr sicher sei, noch nie ernstlich mit 
Frauen zu tun gehabt. Es fehle ihm an dem hiezu erforderlichen Mut. — 
Bald stellte es sich heraus, daß dieser Mangel an Selbstvertrauen nicht nur 
sein Sexualleben, sondern auch seine übrige Existenz vollkommen beherrschte 
und schuld daran war, daß er trotz seiner nicht ganz gewöhnlichen Intelligenz 
es weder sozial noch materiell weit brachte. 

Da es die Stellung des Patienten nicht erlaubt, einen längeren Urlaub 
zu nehmen, kommt er nur in längeren Intervallen und stets nur für wenige 
(1 — 3) Wochen zu mir, was natürlich nicht nur den therapeutischen Erfolg, 
sondern auch die psychoanalytische Ausbeute des Falles bedeutend schmälert. 
Immerhin hat sich bei seiner Analyse im Laufe der Zeit genug des Charak- 
teristischen ergeben, das die Mitteilung des Falles rechtfertigt. 

In der ersten Session (so wollen wir den Zyklus der Analyse nennen) 
war es ungemein schwer, den Patienten zum Reden zu bringen. Der starke, 
kaum zu überwindende Widerstand rührte davon her, daß Patient reale 
Sünden zu beichten hatte. Er hatte den Hang, im Kartenspiel sein Glück zu 
korrigieren, und zwar nicht nur, wenn sich zufällig eine günstige Gelegenheit 
dazu bot, sondern auch wohlvorbereitet, durch entsprechende Machinationen 



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264 Mitteilungen. 

mit den Spielkarten. Nach solchen Betrügereien, die ihn oft in die größte Gefahr 
brachten, fühlte er sich aber nicht befriedigt, er vergeudete und vertrank das 
Geld und machte sich dann die grausamsten Vorwürfe. Den schlechten Ruf, den 
ihm das Bekanntwerden seines unfairen Spieles eingebracht hätte, dem er 
aber bis jetzt entging, verschaffte er sich auf andere Weise : er betrinkt sich 
oft, wird dabei gewalttätig und fraternisiert in der Trunkenheit mit niedrigem 
Gesindel (Musikanten, Kellnern etc.), derer Bekanntschaft er sich im nüchternen 
Zustande fürchterlich schämt. Die rückläufige Revision seines Sündenregisters 
bis zur frühen Kindheit ergab einige unbedeutende Diebstähle ; das Hervor- 
ragendste davon war das Stehlen der Geldbörse aus der Hosentasche des 
schlafenden Vaters. Dieser Vater war ein rabiater Mensch, der seinen Knaben 
mit der Reitpeitsche erzog, sich oft betrank und an Alkoholepilepsie starb. 
An dieser Stelle der Erzählung kam es zur Mitteilung der schon beschriebenen, 
in sehr roher Weise ausgeführten Operation. 

Nachdem der Patient durch diese Mitteilungen seine Seele einigermaßen 
entlastete, konnte sich die andere Seite seines Gemütslebens offenbaren und da 
kam ein rührseliger, lieben und geliebtwerden wollender Mensch mit dichte- 
rischer und wissenschaftlicher Begabung zum Vorschein. Ob er aber eine seiner 
Sünden zu bekennen, oder eines seiner Gedichte vorzutragen hatte, jedesmal 
sträubte er sich dagegen in einer eigenartigen Weise : seine Stimme wurde 
gepreßt, er fluchte unbändig, bäumte sich fast wie ein Hysteriker im 
Opisthotonus, alle seine Muskeln kontrahierten sich ad maximum, das Gesicht 
rötete sich, die Venen schwollen an, bis der Patient sich nach der kritischen 
Mitteilung plötzlich beruhigte und den Angstschweiß von seiner Stime wischen 
konnte. 

Er teilte dann mit, daß er bei solchen Anlässen eine starke Retraktion 
seines Penis fühlte und den Zwangsimpuls hatte, das Genitale des Mannes, 
zu dem er sprach, zu ergreifen. 

Ich konnte ihm vor dem Abschied erklären, daß er zeitlebens unter dem 
entmutigenden Bewußtsein seiner Verstümmelung lebte, dies war auch, was ihn 
feige machte und den Zwang begründete, sich gewisse Vorteile durch List und 
Betrug zu verschaffen. Der Diebstahl aus der Hosentasche des Vaters sei 
übrigens auch die symbolische Vergeltung für den an ihm begangenen Raub. 
Die Retraktion des Penis erinnere ihn bei jeder Gelegenheit, wo er für etwas 
einstehen müsse, an seine Entwertung; beim Zwangsimpuls, ein Hemdes Glied 
zu ergreifen, wolle er sich von der Qual dieser Vorstellung befreien, indem 
ihn seine Phantasie in den Besitz eines vollwertigen Genitales versetzt. 

Bei einer späteren Session gestand er unter den schon beschriebenen 
Qualen die eigenartigen ans Mythische gemahnenden Phantasien, die in ihm, 
wenn er ganz allein war, aufzutauchen pflegten. Er fühlte sich als Adler mit 
offenen Augen der Sonne entgegenschweben. Ohne die geringste Furcht flog 
er an die Sonne heran und biß ein Stück vom Sonnenrande mit seinem 
starken Schnabel ab, so daß ihr Glanz wie bei einer Sonnenfinsternis er- 
blaßte. — Dem Kundigen verrät der Patient mit dieser sonnensymbolischeu 
Phantasie den unstillbaren Rachedurst gegen den Vater (Sonne), an dem er 
durch eine Verstümmelung die von ihm verschuldete Flügellahmheit seiner 
Genitalität vergelten will. Die Adlergleichheit ist ein Wunschgebilde, das das 
Bewußtsein seiner Erektionsstömngen verdecken soll. Als sehr gelungene 
Bestätigung dieser Deutung der Sonne als Vater können wir die Klage des 
Patienten auffassen, daß seiner Potenz eine Sonnenbadekur am meisten ge- 
schadet habe. Als assoziatives Mittelglied zwischen Sonne und Vater fand sich 



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Dr. S. Ferenczi ; Die psychischen Folgen einer „Kastration** im Kindesalter. 265 

das glänzende, drohende Auge des Vaters, vor dem er seine eigenen Augen, 
im Gegensatz zum Wagemut in der Phantasie, als Kind immer senken mußte. ^) 

Bald klärte sich auch sein sonderbares Verhalten bei der Mitteilung un- 
angenehmer oder nach seiner Ansicht dem Arzte mißliebiger Einfälle. Die ge- 
preßte Stimme, das Fluchen, das Sichbäumen etc. war nichts, als das un- 
bewußte Wiedererleben der Kastration und seines Verhaltens bei diesem gewalt- 
samen Eingriff. Bei minder gefährlichen Mitteilungen verspürte er nur die 
Retraktion des Penis als Andeutung des Kastriertwerdons. Der frühzeitige 
psychische Shok hat (ähnlich wie ich es bei manchem erwachsenen Kriegs- 
neurotiker gefunden habe) eine dauernde psychische und nervöse Verbindung 
zwischen der verletzten Körperstelle und seinem Gefühlsleben hergestellt, so 
daß seine Gefühle als eine Skala von Retraktions- und Kastrationsempfin- 
dungen hätten beschrieben werden können. Alles spätere Fühlen erregte sofort 
den immer noch schmerzlichen wunden Punkt seiner Seele und des ent- 
sprechenden Teiles seines Organismus. 

Der Zwang, in der Angst ein fremdes, dem seinen überlegenes Genitale 
zu ergreifen, ließ mehrere Erklärungen zu. Er entsprang erstens dem schon 
erwähnten Wunsch, einen größeren Penis zu besitzen ; der Patient gebrauchte 
aber diesen Griff auch als Sicherung gegen die Wiederholung der Kastration; 
er hielt gleichsam den Penis seines vermeintlichen Gegners immerfort als 
Pfand in der Hand. (Seine ungewöhnlich lang fortgesetzte Onanie mußte ich 
ähnlich erklären. Er traute sich nicht, den Penis aus der Hand zu geben und 
einem fremden weiblichen, — vielleicht gefährlichen Individuum anzuvertrauen. 
Bei der allgemeinen Bedeutsamkeit des Kastrationskomplexes kann man an- 
nehmen, daß dieses Motiv bei vielen Onanisten eine Rolle spielt.) 

Schließlich deckte ich auch passiv-homosexuelle Phantasien hinter diesem 
zwanghaften Impulse auf: als Kastrierter betrachtete er sich als Weib und 
wollte wenigstens weiblicher Genitallust teilhaftig werden. 

Die Störung der Sexualentwicklung — wahrscheinlich gerade zwischen dem 
Narzißtischen und dem Genitalstadium — muß auch die Erklärung für seinen 
ungewöhnlichen Narzißmus und seine analerotischen Archaismen, die er bis 
auf den heutigen Tag pflegt, abgeben. Seine diesbezüglichen Einfälle waren 
oft von seltener ürsprünglichkeit. Ich will nur erwähnen, daß er am 
liebsten in einen Bach unweit des Wohnortes seine Defäkation verrichtete 
und gerne und längere Zeit die weiteren Schicksale dieser einstigen Bestand- 
teile seines Ich, von denen er sich nur ungern trennte, verfolgte. Für den 
aiialerotischen Ursprung des Geizes hat er einen besonderen Flair; als er 
z. B. fand, daß die Schwester ihm zu Ehren ein allzuschäbiges Mittagmahl 
bereitete, fiel ihm ein ^die Schwester habe die Faschingskrapfen aus ihrem 
Arsch herausgezogen*'. 

Der seines wertvollsten Besitzes (vermeintlich) Beraubte hatte Angst vor 
jederlei Geldausgabe; überall wähnte er sich betrogen, „verkürzt", daher 
auch seine Neigung, andere zu übervorteilen. Dem Schneider und dem Raseur 
gegenüber fühlt er hochgradige Idiosynkrasie. 

Ein nicht gut aufgeklärter Teil der Krankheitsgeschichte ist der Beginn 
seiner Neurose. Er litt als junger Mann mehrere Jahre lang an der Angst, 

^) Es ist denkbar, daß das väterliche Auge überhaupt als tertium comparationis 
bei der Sonnensjmbolbildong wirkt. Vergleiche dazu das bekannte .Auge Gottes", 
das von Sonnenstrahlen umgeben ist. Ich kenne einen bem&mäßigen Hypnotiseur, der 
seine Suggestivkraft den d archdringenden Augen zu verdanken vermeint. Er trotzte 
als Kind seinem strengen Vater und bemühte sich lange Zeit hindnrch, dem stechendsten 
Sonnenschein entgegenzublicken. 



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266 Mitteiiangen. 

epileptisch zu werden. Die Identifizierung mit dem alkohol-epileptischen Vater 
ist dabei wohl sicher anzunehmen, aber die gewiß polyvalente Bedeutung 
dieses Symptoms ist nicht genügend analysiert worden. 

Dieser Fall dürfte in der Freud sehen „ätiologischen Reihe" den 
äußersten Platz einnehmen ; es ist wahrscheinlich, daß ein solches Trauma auch 
ein gar nicht disponiertes Kind neurotisch machen kann. 

Als Leiter der Nerven abteilung eines Militärspitales hatte ich Ge- 
legenheit, bosnische Mohammedaner, die im Eindesalter zirkumzindiert wur- 
den, auszufragen. Ich erfuhr, daß die Operation dort an den meisten Kindern im 
zweiten Lebensjahre ausgeführt wird und keine nervösen Folgen, insbesondere 
keine Impotenz nach sich zieht. Bei den Juden wird die rituelle Beschneidung 
am achten Lebenstage des Kindes ausgeführt; auch hier fehlen Symptome, wie 
bei meinem Patienten. Es ist also möglich, daß dieser Eingriff nur im kritischen 
narzißtischen Alter von nachhaltiger, krankmachender Wirkung ist. 

In diesem und ähnlichen Fällen muß man wohl — wie es auch Freud 
tut — die hervorragende Wirksamkeit des „männlichen Protestes" bei der 
Symptombildung anerkennen. Der sehnlichste, treibendste Wunsch dieses 
Patienten ist in der Tat, ein Mann zu sein; allerdings nicht der „Überlegen- 
heit" wegen, sondern damit er, wie sein Vater, eine Frau lieben und Familie 
gründen könne. Bei der argen Läsion seines Narzißmus ist es übrigens kein 
Wunder, daß er nicht nur libidinöse, sondern auch egoistische Phantasien 
produziert, Phantasien einer durch die Beschneidung verletzten Selbstliebe. 



Symmetrischer Beruhrangszwang. 
Von Dr. S. Ferenczi. 

Eine ganze Anzahl nervöser, aber auch mancher sonst normale Mensch 
hat einen abergläubischen Zwang ; wenn sie einen Körperteil zufällig oder ab- 
sichtlich berührt haben, sind sie gezwungen, auch den symmetrischen Körper- 
teil in eben derselben Weise zu berühren. Z. B. wenn sie mit der rechten 
Hand ans rechte Ohr gegriffen haben, müssen sie sofort das linke Ohr mit 
der linken Hand in vollkommen identischer Weise anfassen. Unterlassen sie 
dies, so fühlen sie sich unruhig, wie es bei Verhinderung einer Zwangs- 
erscheinung der Fall zu sein pflegt. 

In einem Falle hatte ich nur Gelegenheit, ein Mädchen, das nebst an- 
deren neurotischen Symptomen auch an dieser Eigenheit litt (die sie aber 
subjektiv nicht als Leiden empfand) zu analysieren. Die direkte Befragung 
nach der Ursache dieses Symptoms brachte — wie gewöhnlich — keine Auf- 
klärung. Der erste assoziative Einfall führte zu Kinderszenen. Die recht strenge 
Kinderfrau, vor der sie große Angst hatte, soll beim Waschen sehr darauf 
bedacht gewesen sein, daß die Kinder sich immer beide Ohren, beide Hände 
etc. ordentlich reinigen und sich nicht etwa mit dem Reinigen der einen 
Körperhälfte begnügen. Man wäre bei dieser Auskunft geneigt gewesen, den 
„symmetrischen Berührungszwang '^ einfach als eine Art „posthypnotischen 
Befehlsautomatismus'' aufzufassen, der sich so viele Jahre nach der erhaltenen 
Mahnung immer noch durchzusetzen vermag. 

Wie immer, mußte man diese einfache Erklärung im weiteren Laufe 
der Analyse einer komplizierteren opfern. Dieselbe Kinderfrau nämlich, die 
auf das tüchtige Waschen und Reiben des Körpers sonst so großen Wert 



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Dr. M. Kardos: Aus einer Tranmanalyse. 267 

legte, nahm eine einzige Körperstelle, das Genitale, aus, dessen Waschen and 
jedwedes Berühren das Kind anf das Mindestmaß za beschränken unterwiesen 
wurde. Und doch ist gerade dies jener Körperteil, dessen Reiben und Waschen 
keine unangenehme Pflicht war, sondern Vergnügen bereitete. 

Ich kam zur Annahme, daß der Zwang zur Übertreibung beim Waschen 
oder Berühren symmetrischer Körperteile eigentlich Trotz bedeutet, der hier 
in die Form des Pflichteifers und Gehorsams gekleidet ist. Der Zwang zur Be- 
rührung symmetrischer Körperteile ist die Überkompensation des Zweifels, ob es 
nicht besser wäre, eine bestimmte Körperstelle in der Medianebene zu berühren. 

Die fast gleichaltrige Schwester der Patientin, die von der Neurose 
sonst verschont blieb, teilt nichtsdestoweniger mit ihrer Schwester dieses Sym- 
ptom des , symmetrischen Berührungszwanges^. 



Aus einer Tranmanalyse. 
Von Dr. M. Kardos. 

In dem nachfolgend mitgeteilten Fragment einer Traumdeutung ist selbst- 
verständlich nicht nur der Wortlaut der Einfälle, sondern auch die Reihen- 
folge ihres Auftretens mit größter Treue beibehalten worden. Wenn trotzdem 
der Eindruck gesetzmäßiger Entwicklung und lückenlosen Zusammenhanges, 
der die Traumdeutung für jeden, der sie ausführt, so unbedingt überzeugend 
macht, nicht erreicht wird, so trifft die Schuld die mehrfachen Auslassangen, 
zu denen ich mich genötigt sah. Mit dem einen Ideenkomplex, zu dessen 
Illustrierung mir das vorliegende Beispiel besonders geeignet schien, sind die 
Traumgedanken nämlich keineswegs erschöpft. Zahlreiche Einfälle^ die mit 
den mitgeteilten oft in engem Zusammenhang stehen, führen auf andere Gebiete 
des Seelenlebens des Analysanden. Diese Wechselbeziehungen, durch die erst 
der Nachweis der Determinierung und Überdeterminierung erbracht wird, ver- 
dienen volle Aufmerksamkeit. Aber einerseits macht ihre Mitteilung das 
Material unübersichtlich, anderseits verstieße sie zum Teil gegen die Pflicht 
der Diskretion, so daß die angestrebte Vollständigkeit doch nicht erreicht würde. 
Ich habe mich daher zu einer Auswahl der unmittelbar auf das Thema be- 
züglichen Einfälle und Deutungen entschlossen. 

Trauminhalt: Ich gehe in einen Branntweinschank, trinke 

dort irgend etwas Wie ich hinausgehen will, begegnet 

mir als Eintretender ein kleiner Mensch, ganz schwarz und 
beschmutzt und heruntergekommen, ein Säufer. Ich fühle 
mich beschämt über die Erniedrigung und Beschmutzung — 
daß ich aus demselben Glase getrunken habe, wie er.... 

Der erste Einfall des Analysanden ist die Erinnerung an einen Brannt- 
weinschank, den er vor nicht allzulanger Zeit mit seiner Frau betreten habe, 
um dort eine Flasche Schnaps zu kaufen. ,Ich habe bis zu meiner Verhei- 
ratung keinen Schnaps getrunken, auch nicht als Student, und sogar einen 
Widerwillen dagegen gehabt. Erst meine Frau hat es mir beigebracht und ich 
empfinde das, so lächerlich es klingt, als eine Bereicherung meiner Männlich- 
keit. Es sah so abgeschmackt aus, immer ablehnen zu müssen, wenn Schnaps 
angeboten wurde. Jetzt sagt meine Frau manchmal im Scherz, sie werde 
mir das Trinken wieder abgewöhnen müssen. — , Kleiner Mensch" das 
ist der Zärtlichkeitsausdruck einer Bekannten für ihr jüngstes Töchterchen. 

Zdtoohr. f. PtTohoaniOogi«. Tl^l. 18 



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268 Mitteilangen. 

„Beschmutzt", das bin ich selbst in letzter Zeit ; ich litt nämlich an Hämor- 
rhoidalblutnngen, und da das Nachthemd doch, wenn ich es die erste halbe 
Stande angehabt hatte, wieder schmutzig war und man jetzt mit der Wäsche 
sparen muß, so zog ich es trotz meines Ekels mehrere Näxjhte hintereinander 
an. Am Traumtag hatte ich mit großer Befriedigung das Aufhören der 
Blutungen konstatiert und mir beim Zubettgehen ein reines Nachtkleid ange- 
zogen, auch für den nächsten Tag reine Wäsche zurechtgelegt." Dazu fällt 
ihm später noch eine Reminiszenz aus Hauptmanns „Ratten" ein : Ein furcht- 
bar schmutziges Kindermädchen wird gefragt : „Was dachtest du denn, als 
du sahst, daß sie das Kind aus dem Wagen nahmen?" „Ich dacht' mir, 's kriegt 
mal reine Wäsche". — j^Heruntergekoramen", das kann sich auch auf mich 
beziehen, denn ich hatte am Traumtag die Schwierigkeit einer Zahlung, die mir 
für die nächste Zeit bevorstand, erwogen. — „Ein Säufer" so nennt mich 
meine Frau scherzweise. — 7,Daß ich aus demselben Glase getrunken habe*" — 
das bezieht sich bestimmt auf mich. Ich habe nämlich stets die größte Abscheu 
davor, aus demselben Glase mit einer anderen Person zu trinken ; das hat in 
meiner Kindheit und später noch, als ich bis zu meiner Verheiratung allein 
mit meiner Mutter bei Tisch saß, zu unangenehmen Szenen geführt. Von 
dieser Abscheu mache ich eine einzige Ausnahme bei meiner Frau, mit der 
ich immer aus einem Glase trinke. Da ich ihren Mund mit dem größten Ver- 
gnügen küsse, so ist ja kein Grund vorhanden, sich vor dem Gefäße zu ekeln, 
das ihr Mund berührt hat. (So einwandfrei, wie der Analysand es hier dar- 
stellt, ist seine Logik nicht. Ich weiß aus seinen Mitteilungen, daß er andere 
Frauen geliebt und geküßt hat, ohne für sie diese Ausnahme zu machen. 
Brauche ich noch ausdrücklicli hervorzuheben, daß er ein sehr großer „Kuß- 
feinschmecker" ist? Ich will auch gleich hier, zum besseren Verständnis des 
unmittelbar Folgenden einfügen, daß seine sexuelle Begierde durch nichts so 
stark erregt wird, wie durch den weiblichen Busen. Dabei bevorzugt er sehr 
mächtig entwickelte Brüste, auch wenn sie größer sind, als es sein ästhetisches 
Empfinden billigt.) Nach einigen Einfällen, die einem anderen Zusammenhang 
angehören, kehrt der Analysand zum Anfang des Traumes zurück und be- 
schäftigt sich mit dem Elemente „Branntweinschenke". Er streift den Roman 
„L'Assamoir" von Zola und erklärt schließlich, es sei ihm schon aufgefallen, 
daß in den Branntweinläden immer stark geschnürte Frauenzimmer mit sehr 
kräftiger Büste bedienen — wahrscheinlich ein Kunstgriff der Schanker, um 
Kunden anzulocken. Hier versiegen seine Einfälle. 

Ich halte mich für berechtigt, ihn aufmerksam zu machen, daß, da nach 
seinen Einfällen der eintretende „kleine Mensch ** ein Kind bedeute, er augen- 
scheinlich selbst dieses Kind sei. „Sie haben ja erzählt, daß Sie in den letzten 
Nächten sich über den Abscheu vor exkrementeller Beschmutzung der Nacht- 
wäsche hinweggesetzt, also notgedrungen die Situation des Säuglings wieder- 
aufgenommen haben, bei dem derlei gewöhnlich und legitim ist. Auch der 
,Heruntergekommene' und schließlich der , Säufer* sind Sie selbst. Hinter 
dieser scherzhaften Beziehung verbirgt sich die Realität der Kinderjahre. Was 
die Getränkeverabreicherinnen mit dem großen Busen bedeuten, brauche ich 
Ihnen nicht zu sagen. Ihre Frau, die wohl auch über den für Sie so wichtigen 
Reiz verfügt, hat Sie zum Trinken angelockt, in dieser Beziehung also Ihnen 
gegenüber Aramenfunktion übernommen. Schnaps, das Getränk, zu dem sie sich 
am spätesten entschlossen haben, steht hier an Stelle des ersten Getränkes, 
der Mich. Nur was es mit dem Ekel vor dem Glase auf sich hat, weiß ich 
noch nicht recht.* 



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Leutnant Henrik Haiman: Eine Fehlhandlung im Felde. 269 

Hier nimmt er den Faden wieder auf, indem er mich aufmerksam macht, 
dafi der Wortlaut des Traumes meiner Auslegung noch günstiger ist, denn 
dort heißt es: „trinke dort irgend etwas^ mit auffälliger Unbestimmtheit. Er 
fährt fort: „Wenn die Traumfigur ein Kind ist» so bedeutet ,als Eintretender' 
wohl soviel wie als Neugeborener. Wir haben in der Familie seit einiger Zeit 
einen solchen, eine Cousine meiner Frau hat den langersehnten Sohn bekommen. 
Er ist blond und war gleich nach der Geburt angeblich ganz weiß, während ich 
schwarz bin und krebsrot gewesen sein soll. Diese Cousine sieht meiner Frau 
sehr ähnlich, sie ist zwar nicht ganz ebenso htibsch, hat aber einen stärkeren 
Busen. Ich entsinne mich jetzt, daß mir bei einem Besuch, den ich ihr kurz nach 
dem Wochenbett abstattete, die Vergrößerung ihres Busens — sie nährt ihr Kind 
selbst — auffiel. Sie trug ein Hauskleid, das ziemlich ausgeschnitten war und 
dieser Anblick gab mir einen Augenblick ein sexuelles Reizgefühl, das mir un- 
angenehm war. Auch der Milch- und Exkrementalgeruch des Kinderzimmers war 
mir unangenehm. Man findet in der Familie, daß ich von dem Kleinen nicht 
genug entzückt bin, ich kann aber wirklich nichts Besonderes an ihm finden." 

Damit ist auch das letzte Element aufgeklärt. Als der Analysand den 
entblößten Busen der Cousine sah, wurde durch die Situation die seiner 
sexuellen Vorliebe für den Busen zu Grunde liegende infantile Wnnschregung 
besonders stark erweckt. Es entstand in seinem Unbewußten der Wunsch 
„herunterzukommen", noch einmal ein kleines Kind zu sein und an diesem 
schönen Busen zu saugen ; daher die Antipathie gegen den kleinen Konkur- 
renten und die Abneigung gegen den Milchgeruch. Diesen Wunsch, mit dem 
„kleinen Menschen", dem Säuglinge, aus demselben Gefäße, nämlich ans der 
Mutterbrust zu trinken, stellt der Traum als erfüllt dar ; da es sich aber um 
etwas Verdrängtes handelt, auf das das bewußte Ich seit der Entwöhnung mit 
Ekel reagiert, so kam jenes „Gefühl der Beschämung über die Erniedrigung 
und Beschmutzung " in den Traum, das sich ebenso wie der verdrängte Wunsch 
von der Kusine weg auch auf die eigene Frau erstreckt. Diese ist ein — 
offenbar durch einen gelungenen Kompromiß zwischen Unbewußtem und Ver- 
drängung — gestattetes Ammen- und Muttersurrogat. Hier aber, infolge des 
frisch aufgewühlten Konfliktes, wird der Kompromiß, der in der Freiheit, mit 
ihr ohne Ekel aus einem Glase zu trinken, seinen Ausdruck findet, rückgängig 
gemacht und der Ekel wieder eingesetzt. Die Bemerkungen des Analysanden 
über die Strenge, mit der er das Ekelverbot der Mutter gegenüber aufrecht 
erhielt, beweisen, daß es ihr gegenüber zu keinem Kompromiß kam. Die 
Festsetzung der Deutung scheint zu ergeben, daß er es der Mutter noch 
immer verargt, daß sie nicht wie jene Cousine ihren Sohn selbst gesäugt, 
sondern ihn einer plumpen und gemeinen Amme übergeben hat. 

6. 
Eine Fehlhandlung im Felde. 

Von Leutnant Henrik Haiman (dzt. im Felde). 

Ich werde aus der Lektüre eines fesselnden Buches herausgerissen, um 
für einen Moment den Aufklärungstelephonisten zu vertreten. Auf die Leitungs- 
probe der Geschützstation reagiere ich mit: Kontrolle richtig, Ruhe. 
Reglementmäßig sollte es lauten: Kontrolle richtig, Schluß. Meine Ab- 
weichung erklärt sich durch den Ärger über die Störung im Lesen. 



18» 



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Kritiken und Referate- 



S. FrendB Sezualpsychoanalyse. Kritische Einfühning für Gerichtsärzte, 
Ärzte und Laien von Dr. J. H. Schultz, Privatdozent an der Univer- 
sität and Assistenzarzt der psychiatrischen Klinik in Jena. Mit einem 
Vorwort von Geh. Rat Prof. Dr. O. Binswanger. Berlin 1917. Verlag 
von S. Karger (40 Seiten). 

Bekanntlich hat Frend den Terminas, den der Aator zum Titel seines 
Werkes gewählt hat, niemals gebraucht, er ist die Erfindung des Dr. Schultz 
selber und alle Verantwortung für die Einseitigkeit, die in dieser Namengebung 
steckt, fällt auf ihn selbst zurück. 

Den Lesern dieser Zeitschrift brauche ich nicht zu erzählen, daß 
Freud sich stets ausdrücklich gegen die ungebührliche Verallgemeinerung 
des Libidobegriffes verwahrte, daß er ängstlich bestrebt war, auch in der 
Ätiologie der Neurosen die sexuelle Komponente nur so weit gelten zu lassen, 
als es ihm die Erfahrung aufnötigte, und daß er die Wirksamkeit anderer als 
sexueller Triebkräfte immer und immer wieder betonte. 

Es lohnte sich nicht, bei dieser Arbeit zu verweilen, wäre sie nicht ein 
typisches Beispiel dafür, wie in neuester Zeit mit der Psychoanalyse verfahren 
wird. Nach den „schwärmerischen Anhängern' und den ^gehässigen Gegnern" 
kommen jetzt die sogenannten Objektiven zu Worte. Man verstehe hier 
unter Objektivität die Geschicklichkeit; die es zu stände bringt, den Anschein 
wissenschaftlicher Vorurteilslosigkeit zu wahren, ohne den erwähnten „gehässigen 
Gegnern*' — d. h. den leitenden akademischen Kreisen, allzuschroff zu wider- 
sprechen. Daß mich das nicht der Freudsche Kastengeist sagen läßt, möge 
der Leser selbst beurteilen. Ich will ihm hier einige Kostproben geben. 

„Es ist" — heißt es auf Seite 19 — „durchaus nicht notwendig, der 
berechtigten, aber einseitig-methodologischen Kritik, wie sie 
in besonderer Schärfe von Isserlin, Kronfeld, Spielmeyer, Hoche 
u. a. geübt wurde, folgend, die ganze „Traumdeutung^ als kritiklose Rätsel- 
ratemethode zu verwerfen. Man wird dem Studium der Träume auch mit 
Benutzung des einen oder anderen Freudschen Hilfsprinzipes gelegent- 
lich einen gewissen Wert zusprechen können." 

Wie kann nun eine methodologische Kritik einseitig und doch be- 
rechtigt sein? Wann und welchem Freudschen Hilfsprinzip kann man „ge- 
legentlich" einen Wert zusprechen? Von alledem erfahren wir vom Autor 
gar nichts, so daß die Psychoanalyse die vorsichtig formulierte Anerkennung 
des Autors einstweilen mit Dank ablehnen muß. 

„Freud hält die Wunschmechanismen auch für Psychosen anwendbar, 
eine Anschauung, der nicht prinzipiell widersprochen werden 
kann'^; auch bedeute die Psychoanalyse „nicht, wie manche Kritiker 



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Kritiken und Referate. 271 

meinen, einen Rückfall in die ,vorwissenschaftliche* Zeit^. 
y,Die Freudschen Mechanismen im engeren Sinne^ sind nur bei einem be- 
stimmten Menschen typas möglich^.^) 

Der Autor vergißt, daß da3 Nichtwidersprechen überhaupt keine 
Stellungnahme bedeutet, daß das Leugnen eines Rückfalls — diese zwei 
Negationen, auch eine Null zum Resultat haben und daß die Wissenschaft 
sich nicht mit Möglichkeiten, sondern mit Tatsachen beschäftigen, diese 
feststellen oder entkräften muß. So verdünnt die tibergroße Vorsicht diese 
ganze Abhandlung bis zur Wesen- und Inhaltslosigkeit. 

Einen interessanten Sophismus auf Seite 30 wollen wir uns aber nicht 
entgehen lassen. Bei Besprechung des Ödipuskomplexes scheint sich unseres 
Autors eine gewisse Erleuchtung zu bemächtigen, er nimmt einen Anlauf und 
strengt sich so weit an, zuzugeben, daß „die maßlosen Zärtlichkeiten sexuell 
unbefriedigter Mütter gegenüber ihren Kindern... bedenklich sind^, daß j,in 
der Anregung zum Studium dieser Beziehungen eins der größten Verdienste 
Freuds zu sehen ist ^ „... aber durch derartige Scheußlichkeiten, 
an denen die psychoanalytische Literatur ungemein reich ist... 
wird für die Allgemeingültigkeit einer kindlich-,sexuellen' Einstellung durch- 
aus nichts bewiesen*. — Es ist eine Beleidigung für den Leser, daß der 
Autor ihm nicht einmal so viel Scharfsinn zumutet, daß ihm die krassen 
logischen Mängel dieser seiner Behauptungen auffallen werden. Zunächst gibt 
er zu, daß ihm die Ödipusidee Freuds nur eine verdienstvolle Anregung 
zum Studium ist, während die Psychoanalyse dieses Studium längst in Angriff 
genommen hat und diesem verdankt sie ihre diesbezüglichen Formulierungen. 
Das Urteil des Dr. Schultz hat also höchstens den W^ert eines durch keine 
Tatsachen gestützten persönlichen — und aprioristischen — Eindruckes. Den 
anderen, minder unschuldigen Lapsus begeht der Autor, indem er die ^Scheuß- 
lichkeiten*' der ödipusbeziehungen mit einem stilistischen Kunstgriff der 
psychoanalytischen Literatur in die Schuhe zu schieben versucht. Daß aber 
die Ödipusbeziehungen nicht von der Psychoanalyse künstlich herausgestrichen 
sind, davon hätte sich der Verfasser leicht überzeugen können, hätte er einmal 
Ranks Werk „Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage*' zur Hand 
genommen, in dem mit unzähligen Beispielen bewiesen wird, eine wie große 
Bedeutung den blutverwandtschaftlichen Liebesbeziehungen in der Völkerpsyche 
und im künstlerischen Schaffen zukommt und immer zukam. Der Autor ver- 
gißt dabei auch, daß zwischen seinem Ausspruch, daß derlei Untersuchungen 
verdienstvoll sind, und dieser verächtlichen Aburteilung der Gegensatz unver- 
söhnlich ist. Übrigens paßte das Wort „scheußlich'' eher in den Mund eines 
auf die moralische Entrüstung appellierenden Staatsanwaltes, als in den Text 
der angeblich objektiven Untersuchung eines ärztlichen Sachverständigen. 

Der Staatsanwalt kommt gegen Ende der Broschüre noch unverhüllter 
zu Worte. Der Autor stellt sich die Frage, ob die Psychoanalyse am Ende 
nicht schädlich sein kann und beruft sich dabei auch auf entstellte Zeugen- 
aussagen. So werden u. a. meine harmlosen „passagären Symptom- 
bildungen" — (kleine Parästhesien u. dgl., die längstens in einer Stunde vor- 
übergehen) — als Beweismittel für die mangelnde Harmlosigkeit dieser The- 
rapie herangezogen. Einen anderen Zeugen, der zwar kein wilder, aber ein 
verwilderter Psychoanalytiker ist, führt er als speziellen Freudschüler 
ftu, der von ungünstigen Ausgängen der psychoanalytischen Kuren berichtet 
hätte. 



^) Die Hervorhebungen stammen vom Referenten, 



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272 Kritiken und Referate. 

Schließlich stellt sich Dr. Schultz die Frage, ob „strafrechtliche 
oder überhaupt gesetzliche MaßnahmeD gegen diese Mifi- 
stände möglich oder auch erwünscht sind". Nachdem er aber mit 
echt wissenschaftlicher Objektivität Gnade walten läßt und für eine milde Be- 
gutachtung der psychoanalytischen Tätigkeit eintritt, wendet er sich der Frage 
der gerichtsärztlichen Verwertbarkeit der psychoanaly- 
tischen Methode zu, die er nicht vollkommen leugnet, wenn er auch die 
j, Sexualpsychoanalyse" in dieser Hinsicht weit zurückhaltender beurteilen lassen 
möchte. Mit sicherem Griffe verfehlt er dabei eines der forensisch inter- 
essantesten psychoanalytischen Ergebnisse, indem er einfach erklärt, die Ambi- 
valenz „zeige keine direkte Beziehung zum vorliegenden Thema^. 

Welchen Begriff wird sich nun der Leser von der Orientiertheit des 
Autors in den Fragen des Psychoanalyse bilden, wenn er hört, daß er noch 
im unklaren darüber ist, ob er den Psychoanalytiker den Gerichten überant- 
worten oder aber seine Methoden als ein Mittel der Rechtspflege verwerten 
soll. Es ist, als ob ein Rechtsgelehrter in Ungewißheit darüber wäre, ob er 
ein Instrument als Corpus delicti sequestrieren oder als Folterinstrument selber 
gebrauchen soll. ^^ g Ferenczi. 

Prof. Dr. E. Heinrich Kisch, Die sexuelle Untreue der Frau. Eine 
sozial-medizinische Studie. Bonn 1917, A. Marcus' u. E. Webers Verlag. 
Der „Vaterrespekt" läßt schwer ein unbefangenes Urteil aufkommen, 
wenn der Autor in der Vorrede seines Werkes darauf hinweist, daß er sein 
Material einer mehr als fünf Dezennien umfassenden Forschungsarbeit 
verdanke. Gut, wenn eine solche Arbeit auch Vorzüge hat. So imponiert an 
der vorliegenden die große Belesenheit des Verfassers in der modernen und 
der älteren Literatur belletristischer, philosophischer und soziologischer Rich- 
tung, wodurch er die uns wohlbekannten, von vielen vertretenen Ansichten über 
die eheliche Treue der Frau durch fast tiberreiche Belage zu stützen vermag. 
Auch sucht Kisch nicht in gehässiger Einseitigkeit die Schuld der sexuellen 
Untreue der Frau bei ihr allein, sondern mißt einen großen Teil des Ver- 
schuldens dem Manne zu. Aber er geht nicht den tiefsten Quellen des tragi- 
schen Konfliktes nach, der die Frau zur Entgleisung und durch diese in neue 
Konflikte treibt, er weiß nichts von der Fixierung des Weibes an Vater und 
Bruder der frühesten Kindheit, der Identifikation mit der Mutter, einer Schwester 
oder anderen geliebten weiblichen Personen der ersten Kinderjahre. Er begnügt 
sich, die Ursachen der Untreue der Frau zu scheiden in solche, die dem Manne 
zur Last fallen, wie ein vorbildlich wirkendes ausschweifendes Leben, die Ein- 
weihung der jungen Gattin in die Mysterien der ars amandi, lüsterne Berichte 
über die Abenteuer seines Junggesellenlebens, männliche Eitelkeit, die sich in 
den Erfolgen der Frau bei fremden Männern sonnen will, sexuelle Impotenz 
usw. und Ursachen, die bei der Frau selbst zu suchen seien, wie ihre Eitelkeit, 
die Kinderlosigkeit der dem Muttertypus angehörigen Frau, Degeneration, 
„Wahlverwandtschaft" und „Keimfeindschaft" — alles ohne Rücksicht auf die 
tiefsten Wurzeln der psychosexuellen Entwicklung, die der Mensch im Eltern- 
haus in der frühesten Kindheit durch Milieu und Erlebnis erwirbt und zum 
kleineren Teil als Veranlagung von Vater und Mutter ererbt Was Kisch 
als Ursachen der sexuellen Untreue bezeichnet, sind bloß Anlässe zum Ausbruch 
längst vorhandener Bereitschaft. 

Kisch huldigt natürlich auch der recht allgemeinen Ansicht, daß der 
Ehebruch des Mannes von minder schweren Folgen begleitet sei als der der 



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Kritiken und Referate. 273 

Frau. Man unterschätzt da wohl in unbewußter Einseitigkeit die Konflikte der 
durch den Ehebruch des Gatten betroifenen Frau, die seelische Schädigung 
der Kinder, die materielle Frage, deren Lösung sich im Falle der Untreue 
des Familienoberhauptes in der Regel als viel schwieriger herausstellt. Die 
Dinge scheinen mir zu kompliziert, als daß sie sich mit einigen Zitaten abtun 
ließen. Man ist auch über das sonderbare, wahrscheinlich im Narzißmus wur- 
zelnde Vorurteil noch nicht hinausgekommen, bei einer Verletzung der ehe- 
lichen Treue durch den Mann oder die Frau immer nur in der einen 
Familie die Verwüstung zu suchen, indes sie wohl stets auch die dritte be- 
teiligte Person, respektive deren Familie trifft. 

Mir scheint überhaupt, der Begriff der sexuellen Treue sollte nicht für 
die gesetzlich sanktionierte Elie monopolisiert werden. Wo zwei fein kultivierte 
Menschen sich in Intimität gefunden haben, ist eine h e i m 1 i c h e Abschweifung 
ebenso gut ein Treuebruch wie in einer legalen Verbindung. Der Titel des 
Buches läßt auf diese weitere Auffassung schließen, der Inhalt aber enttäuscht 
uns. Für Kisch besteht die sexuelle Untreue nicht in der Verletzung des 
Zugehörigkeitsgefühles zwischen Mann und Frau, das im sexuellen Verkehr 
seinen Ursprung hat, sondern in der Verletzung des durch Religion und Gesetz 
geknüpften Bandes. 

Man muß auch nicht im Lager der extremen Frauenrechtlerinnen stehen, 
um die Meinung des Verfassers, der Sexualtrieb des Weibes sei von Natur 
aus schwächer, als der des Mannes, zu verneinen. Die Sexualität der Frau 
unterliegt bloß einer viel stärkeren Unterdrückung durch die Kulturforde- 
rungen, aber die Verschiedenheit der Stärke des Triebes ist bei ihr wie beim 
Manne individueller, nicht genereller Art. 

Dr. H. V. Hug-Hellmuth. 



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Zur psychoanalytischen Bewegung. 

I In Memoriam Johan Starcke. I 

Am 17. Mai machte ein plötzlicher Tod dem arbeitsamen Leben eines 
der eifrigsten Schüler Frends, des holländischen Arztes Johan Stärcke 
in seinem 35. Lebensjahre ein Ende. Zwar hatte sein Aussehen in der letzten 
Zeit Grund zu Bedorgnis gegeben, aber, daß ein schweres Leiden ihn so un- 
erwarteterweise wegrafifen würde, konnte niemand vermuten. Bis zuletzt war 
er derselbe tüchtige, muntere Mensch, den wir immer gekannt hatten. 

Die noch so junge Niederländische Vereinigung für Psychoanalyse ver- 
liert in ihm ihren fleißigen, unermüdlichen Schriftführer und eines ihrer 
treuesten Mitglieder. Seitdem Stärcke sich für die Psychoanalyse zu inter- 
essieren begann, hat er nicht aufgehört, seine Überzeugung durch Original- 
arbeiten,*) durch Übersetzungen*) und durch Vorträge auszusprechen. In 
seiner allgemeinen Praxis fehlte ihm die Gelegenheit, sich spezifisch psycho- 
analytische Erfahrung zu erwerben, um so mehr bewunderungswert war seine 
tiefe Einsicht in die Bedeutung der neuen Wissenschaft. Seine feinen und 
geistreichen Bemerkungen während der Diskussionen, nicht weniger wie seine 
persönlichen Eigenschaften machten ihn zu einem gern gesehenen Teilnehmer 
an den Sitzungen. 

Nur ganz vereinzelte, in Druck erschienene literarische Arbeiten legen 
Zeugnis ab von der künstlerischen Begabung Stärcke s, aber wir wissen, daß 
noch yieles der Veröffentlichung harrte und daß einer unserer größten Schrift- 
steller und Kritiker sich gern bereit erklärt hatte, dem seiner Zeit ein Be- 
gleitwort mitzugeben. 

Die große Schar von Patienten, die sich um seine letzte Ruhestätte 
versammelte, dürfte als Beweis dafür gelten, wie sehr Stärcke sich beliebt la 
machen verstanden hatte. An der offenen Gruft wurde in mehreren Reden 
seiner liebenswürdigen Eigenschaften und seines Interesses für das allgemeine 
Wohl gedacht. 

Dr. A. W. van Renterghem, Vorsitzender der Niederländischen Ver- 
einigung für Psychoanalyse, öffnete die Reihe der Redner, indem er schilderte» 
was die psychoanalytische Bewegung in Holland durch den zu frühen Tod des 

^) Nieuwe droomexperimenten in verband met ondere en nieawere droom 
theorien. Psychiatrische en Nenrologische Bladen, 1912, Nr. 2. — Nene Tranmexperi- 
mente in Znsammenhang mit älteren und neueren Tranmtheorien. — Psychoanalyse. 
De Beweging. Nov. 1914. — Sexaeele Opvoeding. Maatschappg voor goede en goed- 
koope lektaur. — Ans dem Alltagsleben. Internat Zeitschr. t ärztl. Psychoanalyse, 
IV. Jahrgang, 1916, Hefte 1 u. 2. 

*) Frend, Der Traum. 1913. (Zweite Auflage in Vorbereitung.) — Abraham, 
Traum und Mythus. 1914. — Freud, Zur Psychopathologie des AUtaglebens. 1916. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Zur psychoanalytischen Bewegung. 275 

begabten Kollegen und Mitarbeiters verliert. Ref. war es gestattet worden, 
den trauernden Hinterbliebenen im Namen von Prof. Freud zu sagen, wie 
tief er den Schicksalsschlag beklage und daß er sich immer mit Dank- 
barkeit erinnern werde, was sein begeisterter Schüler Stärcke für die Ent- 
wicklung der Psychoanalyse und den Fortschritt der psychoanalytischen 
Bewegung getan habe. van Ophuijsen. 

Übersicht über die Vereinstatigkeit der Wiener Ortsgruppe 
der Internationalen psychoanalytischen Vereinigung. 

I. Sitzung am 11. Oktober 1916. 

Geschäftliche Besprechung und Neuwahl der Funktionäre. 

II. Sitzung am 8. Oktober 1916. 

Vortrag der Frau Dr. v. Hug-Hellmuth: Aus den Lebensschick- 
salen dreier Urninden. 

III. Sitzung am 13. Dezember 1916. 

Kasuistische Mitteilungen. 

1. Frau Dr. Schmiedl: Ein Referat der Züricher Zeitung über 
Psychoanalyse. 

2. Dr. Tausk : Zwei Fehlleistungen. Ein Fall von Fundverheimlichung. 

3. Dr. Sachs: Zwei Fälle von Verlesen. 

4. Dr. Steiner: Ein Versprechen. 

5. Dr. Hit seh mann: Aus Goethes Jugend, von Bettina. 

6. Prof. Freud: Eine Jugenderinnerung Goethes. 

7. Dr. Hitschmann: Bettnässen einer 52jährigen Frau. 

8. Dr. Tausk: Ein klinischer Beitrag zur Melancholie. 

IV. Sitzung am 10. Jänner 1917. 

Vortrag des Dr. N u n b e r g : Beobachtungen an einem Fall von 
Hypochondrie. 
V. Sitzung am 7. Februar 1917. 

Gastvortrag des Dr. Ludwig Levy: Die Sexualsymbolik der bibli- 
schen Paradiesgeschichte. 
VI. Sitzung am 7. März 1917. 

Vortrag des Dr. Ludwig Jekels: Ein Versuch über „Macbeth". 
VII. Sitzung am 18. April 1917. 
Kasuistische Mitteilungen : 

1. Dr. Hitschmann: Kinderbeobachtung. 

2. Dr. Sachs: Eine Kinderszene aus Humboldts Briefen. 

3. Dr. Sachs: Ethnologische Parallele zu einer infantilen Sexual- 
theorie. 

4. Dr. Hitschmann: Bruchstück einer Analyse. 

5. Frau Dr. v. Hug-Hellmuth: Kinderbeobachtungen. 

6. Frau Dr. v. Hug-Hellmuth: Eine Fehlleistung. 

7. Dr. Federn: Narzißmus und Egoismus. 

8. Dr. Federn: Deutung einer hysterischen Parästhesie. 

9. Dr. Federn: Ein Fall sexueller Neurasthenie. 

10. Prof. Freud: Eine Analysenbeobachtung anschließend an die 
Kindheitserinnerung Goethes. 



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276 Zi^ psychoanalytischen Bewegung. 

Vni. Sitzung am 16. Mai 1917. 

Vortrag des Dr. Paul Federn: Das Frühstadiura einer Dementia 
praecox. 
IX. Sitzung am 6. Juni 1917. 

Gastvortrag des Doz. Dr. OttoPötzl: Experimentell erregte Traum- 
bilder als Illustrationen zur Freudschen Traumanalyse. 



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