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Full text of "Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse Band V 1919 Heft 1"

INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT 

FÜR 

ÄRZTLICHE PSYCHOANALYSE 

OFFIZIELLES ORGAN 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 

"HERAUSGEGEBEN VON 

PROF. DR. SIGM. FREUD 

REDIGIERT VON 

DR. KARL ABRAHAM DR. s. FERENCZ1 

BERLIN BUDAPEST 

DR. EDUARD HITSCHMANN DR. ERNEST JONES 

WIEN LONDON 

DR. OTTO RANK 

WIEN 

UNTER STÄNDIGER MITWIRKUNG VON: 

Dn. LUDWIG BINSWANGER, KllKÜZLINGKN. - Dr. A. A. BRILL, NkW YoRK. — 

Dr.Trigantburrow, Baltimore. —Dr. J. van Emden, Haag. — Dr. M.Eitingon, 

BRRLIN. - Dr. PAUL FEDERN, WlRN. — Dn. H. t. HUG-HELLMUTH, Wikn! 

— Dr. L. Jekels, Wien. — Prof. Kriedr. s. Krauss, Wien. — Dr. J. T. Mac 
Curdy, New York. — Dr. J. Marcinowski, Sielbrck. — Prof. Morichau- 

BEAUCHANT, PoiTIERS. — Dr. J. H. W. VAN OPHUIJSEN, HäAC. — Dr. C. R. PAYNE- 

Wadiiams, N. Y. — Dr. Oskar pfister, Zürich. — Dr. Theodor Reik, Wirk. 

— Dr. A. W. van renterghem, Amsterdam. — Dr. Hanns Sachs, Wien. — 
Dr. J.Sadger, W.kn.- Dr. A. Stärcke, Den Doi.der.-Dh. M. Wulff, Odessa. 

V. JAHRGANG 1919. 




INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG GES. M. B. H. 

LEIPZIG UND WIEN. 


















Dmok- und Vorlagihau« Kiul l'rouluuku, TmoIioo 






Inhaltsverzeichnis. 
Originalarbeiten. s«ho 

Abraham Karl, Dr. (Berlin): Über eine besondere Form des neurotischen 
Widerstandes gegen die psychoanalytische Meüiodik 173 

Van der Ghijs A.. Dr. (Amsterdam^: Ober Halluzinationen und Psycho- 
analyse 27i 

Ferenczi S., Dr. (Budapest): Technische Schwierigkeiten einer ITysterie- 
analyse 34 

— — Zur psychoanalytischen Technik jgj 

Freud Sigm., Prof. Dr. (Wien): Wege der psychoanalytischen Therapie . 61 

„Ein Kind wird geschlagen" 1&1 

Hol lös Stephan, Prim. Dr. (Budapest): Die Phasen des Selbstbewußtsoins- 

aktes 93 

Jones Ernest, Dr. (London): Über analerotischo Charakterzüge .... 69 
Professor Dr. James Jackson Putnam •; 23,-5 

— — Die Theorie der Symbolik 244 

Pfister Oskar, Dr. (Zürich): Über die verschiedenartige Psychogenität. 

der Kriegsneurosen 288 

Starcke August, Dr. (den Dolder): Die Umkehrung des Libidovorzeicbens 

beim Verfolgungswahn 285 

Tausk Victor, Dr. t (Wien): Über die Entstehung des „Beeinflussungs- 

apparates" in der Schizophrenie ] 

Mitteilungen. 

Ferenczi S., Dr. (Budapest): Denken und .Muskelinner vation 102 

Die Nacktheit als Schreckmittel 303 

Klinische Beiträge. 

Abraham Karl, Dr. (Berlin): Bemerkungen zu Ferenczis Mitteilung über 
,Sonntagsneurosen" • 203 

Deutsch Helene, Dr. (Wien): Ein kasuistischer Beitrag zur Kenntnis des 
Mechanismus der Regression bei Schizophrenie 41 

Eisler Josef, Dr. (Budapest): Ein Fall von krankhafter „Sehaiusucht'' . 193 

Ferenczi S., Dr. (Budapest): Sonntagsneurosen 4<> 

Hitschmann E., Dr. (Wien): Über eine im Traume angekündigte Remi- 
niszenz an ein sexuelles Jugenderlebnis 20ö 

Radö S., Dr. (Budapest): Über eine besondere Äuüerungsform der Knstra- 
tionsangst 206 

StSrcke August, Dr. (den Dolder): Ein einlacher Lach- und Weinkrauipf 199 

Aus dem infantilen Leben. 

B., Dr.: Zur infantilen Sexualität lir > 

— Zur Idiosynkrasie gegen Speisen 117 



IV 



Inhaltsverzeichnis. 



Srllo 

Deutsch Helene, Dr. (Wien): Der erste Liebeskummer eines zweijährigen 

Knaben 111 

Forenczi S., Dr. (Budapest): Ekel vor dem Frühstück 117 

— — Cornelia, die Mutter der Grauchen 117 

Frost, Frau, Prof. (Bonn): Aus dem Kinderlobcn 109 

Härnik J., Dr. (Budapest): Nachtrag BUT Kenntnis der Rettungsphantasie 

bei Goethe 180 

Kulturgeschichtliches zum Thema: lieldkomplex und Analerotik . 121 

Ilitschmann Ed., Dr. (Wien): Über einen sporadischen Rückfall ins Rett- 

ntlsscn bei einem vierjährigen Kinde 116 

van Raalte Frits (Arnhoini: Äußerungen von Sexualität bei Kindern . 108 

Beitrage zur Traumdeutung: 

Kieler Josef, Dr. (Budapest): Das Hermesmotiv im Traume 296 

„Das Labyrinth" 297 

- — Das zeitliche Geschehen wird im Traume durch ein räumliches 

dargestellt 2!»K 

K. E., Dr.: Zur sexuellen Deutung des Prüfungstraumos 3(K> 

Großmann Josef, med.: Zur Deutung der Wuckcrtrllume 801 

Kar dos M., Dr. (Budapest): Zwei Inzest träume 2'.l!l 

Zur Stiegensymbolik im Traume 300 

Zur Symbolik: 

Härnik J., Dr. (Budapest): Belege zur Symbolik „des ausgelöschten Lichtes'' 122 

Kritiken und Referate. 

Adler Alfred, Dr.: Das Problem der Homosexualität (Dt. Paul Fudern) 220 

Becker Rafael, Dr.: Die Nervosität bei den Juden (K. W.) 211 

Die jüdische Nervosität, ihre Art, Entstellung und Bekämpfung | K. \V.) 211 

Bleuler E.: Dio psychologische Richtung in der Psychiatrie (Dr. E Ilitsch- 
mann) 807 

Dessoir Max: Vom Jenseits der Seele (Dr. F.. II. [gg 

Flatau Georg, Dr.: Kursus der Psychotherapie und des llypiiotismus(K.\V.) 212 
Forel August: Der Ilypnotismus oder die Suggestion und die Psychotherapie 

(Dr. Nepalleck) 218 

Frank Karl, Dr.: Die Parteilichkeit dos Volks- und Kasscabcrgliiubischen 

(Dr. Paul Federn) 221 

Giese Fritz: Deutsche Psychologie (Dr. Siegfried Bernfeld i 121» 

Häberlin Paul: Über das (lewissen (Dr. II. Hiig-IIellmuth) 218 

Mennig R.: Lektüro-Vorstollungsbilder und ihre Fntstehung (Dr. Hermann) 217 
Hirt Walter, Dr.: Ein neuer Weg zur Erforschung der Seele (Dr. II. Hug- 

Hellmuth) 2 Hl 

Hoffmann W., Dr.: Über Nervosität im Kindesalter (Dr. .1. K. Friedjung) 21b 
Maeder A.: Heilung und Entwicklung im Seelenleben (Dr. F.. Ilitschmann) 20H 
Marcinowski J., Dr.: Ärztliche Brsiehungokunst und Charakterbildung 

(Dr. Nepalleck) 8QQ 

MarcuseMax, Dr.: Wandlungen des Fortpflanzungsgedankens und Willens 

(Dr. Paul Federn) 21H 

Moisel-Heß Grete: Das Wesen der Geschichtlichkeit (Dr. Hennino von 

Hug-Hellmuth) K12 

Oczeret Herbert: Die Nervosität alB Problem des modernen Meunlieii 

(Dr. H. Hug-Hellmuth) 21u 



Inhaltsverzeichnis. V 

Beilo 

P fister Oskar, Dr.: ..Wahrheit und Schönheit in der Psychoanalyse" . . 207 

„Ein neuer Zugang zum alten Evangelium" (Dr. E. Hitschmann) . 207 

Pick Friedel, Prof.: Über Sexualstörungen im Kriege (Dr. E. H.) ... 50 
Pötzl Otto, Dr.: Experimentell erregte Traumbilder in ihren Beziehungen 

zum indirekten Sehen (Abraham) 121) 

Über einige Wechselwirkungen hysterieformer und organisch zere- 
braler Störung8inechanismen (Abraham) 222 

Räh ini L.: Die Dauer der Anstaltsbehandlung der Schizophrenen (Dr. 0. 

Ptister) HO« 

Silber er Herbert: Durch Tod zum Leben (Dr. II.) 50 

Simmel Ernst, Dr.: Kriegsneurosen und „Psychisches Trauma" (Dr. H. L.) 125 
Utitz Emil, Prof. Dr.: Psychologie dor Simulation (Dr. II. Hug-Hellmuth) 215 
Wagner v.Jauregg: Erfahrungen über Kriegsneurosen (Dr. E. Hitschmann) 49 
Ziehen Theod. : Die Geisteskrankheiten des Kindesalters (Dr. J. K. Friedjung) 214 

Zur psychoanalytischen Bewegung. 

f James J. Putnam ..,-, 

Internationaler psychoanalytischer Verlag und Preiszuteilnngen für psycho- 
analytische Arbeiten (Freud) 137 

Lehrkurse über Psychoanalyse jgg 

Neue Erscheinungen y^ 

f Dr. Victor Tausk -,•'■> 

Personalia und Literarisches 22g 

Sprechsaal. 

Zur Frage der Beeinflussung des Patienten in der Psychoanalyse. Von 
Dr. S. Fercnczi 140 

Varia 3Ü7 

Berichtigung 232 

Bibliographie 313 

Korrespondenzblatt der „Internationalen Psychoanalytischen 
Vereinigung" 52( 142,230, 32« 









'J 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Originalarbeiten. 

i. 
Über die Entstehung des „Beeinflussungsapparates' 

in riP.r 3f>hi7nnhronia 



in der Schizophrenie. 

Von Dr. Victor Tausk. 

1. 



Ich gründe meine Ausführungen auf ein einziges Beispiel eines 
„Beeinflussungsapparates", dessen Konstruktion von allen anderen mir 
bekannten Apparaten, über deren Verfolgungen ein gewisser Typus von 
Schizophrenen klagt, wesentlich abweicht, dessen Einzelheiten jedoch 
dem psychoanalytischen Denken Zugänge zum Versuch einer Erklärung 
über die Herkunft und den psychischen Zweck dieses wahngebildeten 
Instrumentes gestatten. 

Mein Beispiel ist eine Variante, eine sehr seltene Variante des typischen 
Beemflussungsapparates. Doch bin ich in der Frage der Häufigkeit oder Sel- 
tenheit der von mir gefundenen Varietät leider ganz auf meinen eigenen 
gewiß nicht allzu großen Erfahrungskreis angewiesen, was ich aus vielen 
Gründen bedauern muß. Ich fürchte dem Einwand zu begegnen, daß es über- 
eilt sei, aus einem einzigen Beispiel so allgemeine Schlüsse zu ziehen wie ich 
sie hier vortragen werde. Es wäre in Ordnung, der Wissenschaft ein größeres 
kasuistisches Material vorzulegen. Für mich muß es aber als Recht- 
fertigung gelten, daß ich eben nicht mehr Fälle zu Gesicht bekam, auf 
die ich meine Ausführungen gründen könnte. Und soweit meine Er- 
innerungen in die psychiatrische Literatur zurückreichen, habe ich nir- 
gends Einzelfälle von Beeinflussungsapparaten, auch nicht typische 
detailliert beschrieben gefunden. Meines Wissens beschreibt die psych- 
iatrische Literatur den Apparat immer nur im allgemeinen, indem sie 
seine gewohnlichen Bestandteile und Funktionen exemplikativ aufzählt 
Die klinische Psychiatrie legt, da sie nur auf die Beschreibung komplexer 
khnischer Bilder ausgeht, keinen Wert auf die Bedeutung der einzelnen 
Symptome für die Anschauung über die Mechanik dos Seelenlebens Her- 
kunft und Zweck des Symptoms kommen für die Klinik nicht in Be- 

7.»ii«o!ir. f. Ina. Parcho»naly«o. Vi. i 



Dr. Victor Tausk. 



tracht, weil sie, da sie sieh der psychoanalytischen Forschungsmethode 
nicht bedienen will, auch gar keinen Anlaß findet, diese Probleme zu 
stellen. Prinzipiell aber ist es zulässig, von abweichenden Typen, von 
Varianten, auf die Konstruktion des allgemeinen Typus zu schließen. 
Varianten und Mischformen geben oft erst den Anlaß zur Forschung 
nach den Quellen und Entstehungsbedingungen der Erscheinungen. Die 
Gleichmäßigkeit typischer Fälle kann wie eine Mauer wirken, die jedem 
Auge Halt gebietet, während die Abweichung vom Typus wie ein Fenster 
in der Mauer wirkt, durch das man einen Blick in das verschlossene 
Getriebe gewinnen kann. Eine Variante läßt auf veränderte Entstehungs- 
bedingungen schließen, eine Mischform nötigt zu der Annahme, daß die 
Erscheinungen verschiedener Herkunft sein können. Erst wenn etwas in 
der Welt auch einmal anders sein kann, findet man einen Anlaß zur 
Prüfung, warum es sonst gleichmäßig unverändert erschienen ist oder 
doch so geschienen hat. Die Forschung nach akzidentellen Entstehungs- 
bedingungen führt zur Forschung nach den allgemeinen. 

Ich habe nur zu wünschen, daß die Variante, die ich zur Grund- 
lage meiner Ausführungen genommen habe, ein glückliches Exemplar sei 
und daß ich ihre Entstehung und Bedeutung richtig erfaßt hätte. 

H. 

Der schizophrene Beeinflussungsapparat ist eine Maschine von 
mystischer Beschaffenheit. Die Kranken vermögen seine Konstruktion 
nur andeutungsweise anzugeben. Er besteht aus Kasten, Kurbeln, Hebeln, 
Rädern, Druckknöpfen, Drähten, Batterien u. dgl. Gebildete Kranke 
bemühen sich, mit Hilfe der ihnen verfügbaren technischen Kenntnisse 
die Zusammensetzung des Apparates zu erraten und es zeigt sich, daß 
mit dem Fortschritt der Popularität der technischen Wissenschaften 
nach und nach alle im Dienste der Technik stehenden Naturkräfte zur 
Erklärung der Funktionen des Apparates herangezogen werden, daß 
aber alle menschlichen Erfindungen nicht ausreichen, um die merk- 
würdigen Leistungen dieser Maschine, von der sich die Kranken verfolgt 
fühlen, zu erklären. 

Die hauptsächlichen Wirkungen, die der Beeinflussungsapparat 
produziert, sind folgende; 

1. Er macht den Kranken Bilder vor. Dann ist er gewöhnlich eine 
laterna magica oder ein Kinematograph. Die Bilder werden in der 
Fläche, an den Wänden oder Fensterscheiben gesehen, sie sind nicht 
dreidimensional wie die typischen visuellen Halluzinationen. 

2. Er macht und entzieht Gedanken und Gefühle. Das geschieht 
mittels Wellen oder Strahlen oder aber mittels geheimer Kräfte, für die 
der Kranke mit seinen Kenntnissen aus der Physik keine Grundlage finden 
kann. In solchen Fällen wird der Apparat oft auch „Suggestionsapparat" 



Über die Entstehung des „Beeinflussungsapparates" in der Schizophrenie. 3 

genannt. Seine Konstruktion ist unerklärlich, aber seine Funktion ist 
die Übertragung oder Entziehung von Gedanken und Gefühlen durch 
den oder die Verfolger. 

3. Er macht motorische Körperaktionen, Erektionen, Pollutionen. 

Diese letzten dienen gewöhnlich dem Zweck, dem Kranken seine Mannes- 
kraft zu entziehen, ihn zu schwächen. Das geschieht auch entweder 
durch Suggestion oder durch Ströme von Luft, Elektrizität, Magnetismus, 

X-Strahlen. 

4. Er macht Sensationen, die zum Teil nicht beschrieben werden 
können, weil sie dem Kranken ganz fremd sind, zum Teil als elektrische, 
magnetische oder Luftströme empfunden werden. 

5. Er ist auch an anderen Vorgängen am Körper des Kranken 
schuld: so an Hautausschlägen, Furunkeln und anderen krankhaften 
Prozessen. 

Der Apparat dient der Verfolgung des Kranken und wird von den 
Feinden gehandhabt. So viel ich weiß, sind es ausschließlich Feinde 
männlichen Geschlechtes, die das Instrument gebrauchen, und besonders 
häufig sind die Verfolger die Ärzte, von denen der Kranke behandelt 
wurde. 

Auch die Bedienung des Apparates geht in dunkler Weise vor sich. 
Der Kranke macht sich selten eine annähernd klare Vorstellung davon, 
wie mit dem Apparat umgegangen wird. Man drückt auf Knöpfe, setzt 
Hebel in Bewegung, dreht Kurbeln. Die Verbindung mit dem Kranken 
wird oft mit unsichtbaren Drähten hergestellt, die in das Bett des 
Kranken geleitet sind, und dann steht der Kranke unter dem Einfluß 
des Apparates nur, wenn er im Bette liegt. 

Es fällt indessen auf, daß eine Anzahl von Kranken 
über alle diese Unbilden klagen, ohne sie der Einwirkung 
eines Apparates zuzuschreiben. Manche Kranke nehmen als 
Ursache aller dieser von ihnen teils als fremd, teils als feindlich emp- 
fundenen Veränderungsgefühle des eigenen Körpers und der eigenen 
Seele schlechtweg nur einen fremden seelischen Einfluß an, eine Sugge- 
stion, eine telepathische Kraft, die von den Feinden ausgeht. Es steht 
nach meinen und anderer Autoren Beobachtungen ganz außer Zweifel 
daß diese Klagen ohne Beziehung auf die Einwirkung eines Apparates 
dem Symptom des Beeinflussungsapparates vorangehen und daß der 
Apparat eine spätere Krankheitserscheinung sei. Sein Auftreten habe, 
wie mehrere klinische Autoren erklärt haben, den Zweck, eine Ursache 
lur die den Kranken beherrschenden und offenbar unangenehm und 
fremdartig empfundenen pathologischen Veränderungen des Gefühls- und 
Empfindungslebens zu suchen und zu finden. Nach dieser Anschauung 
ist der Beeinflussungsapparat eine Schöpfung des dem Menschen imma- 
nenten Kausalitätsbedürfnisses. Diesem selben Kausalitätsbedürfnis ist 

1* 




Dr. Victor Tausk. 



auch die Annahme von Verfolgern, die ohne Apparat, nur suggestiv und 
telepathisch wirken, zuzuschreiben. Die Klinik erklärt das Symptom 
analog wie die Verfolgung in der Paranoia (die ja auch vom Kranken 
zum Zwecke der Rechtfertigung seines Größenwahnes erfunden wird) 
und nennt es „paranoia somatica". 

Nun gibt es aber eine Gruppe von Kranken, die ganz auf die 
Befriedigung dieses Kausalitätsbedürfnisses verzichtet und einfach über 
Veränderungsgefühle und befremdende Erscheinungen an der eigenen 
leiblichen und seelischen Person klagt, ohne für sie die Draal he 
in einer fremden oder feindlichen Macht zu suchen. Ins- 
besondere kann man von manchen Kranken hürcn, # daß ihnen die Milder 
nicht „vorgemacht" werden, sondern daß sie sie einfach, zu ihrem 
großen Befremden, sehen. Auch andere dieser Veriindonmg.sgefühle 
kommen ohne Angabe eines Urhebers vor. So insbesondere die Kl.i ■■■■ 
über Gedanken und Gefühlsverlust, Gedanken und GefühLsvcränderuni:, 
ohne daß die Kranken meinen, es werden ihnen die Gedanken oder 
Gefühle „entzogen" oder „gemacht". Dann auch die Klage über Yer- 
änderungsgefühle in der Haut, im Gesicht, in der Empfindung der Glied- 
maßen. Diese Gruppe von Kranken klagt nicht über Einwirkungen 
einer fremden feindlichen Macht, sondern über das Gefühl der Ent- 
fremdung. Sie werden sich selbst fremd, sie verstehen sich nicht 
mehr, ihre Glieder, ihr Gesicht, ihr Gesichtsausdruck, ihre Gedanken 
und Gefühle sind ihnen entfremdet. Es steht außer Zweifel, daß die 
Symptomatik dieser Gruppe von Kranken dem Frühstadiuni der dementia 
praecox angehört, wenngleich sie zuweilen auch bei fortgeschrittenen 
Stadien noch zu beobachten ist. 

In manchen Fällen läßt es sich mit Sicherheit, in anderen mit 
großer Wahrscheinlichkeit feststellen, daß aus den mit dem Gefühl der 
Fremdheit einhergehenden urheberlosen Vcründerungsgefühleii Verlob/une 
gefühle entstehen, in denen das Veränderungsgefühl einer fremden per- 
sönlichen Einwirkung zugeschriebeu wird, einer „Suggestion" oder einer 
„telepathischen Beeinflussung". In anderen Fällen sieht man die Ver- 
folgung}- und Beeinflussungsidee in die Konstruktion eines Bccinllussungs- 
apparates münden. Es liegt daher nahe anzunehmen, daß der 
Beeinflussungsapparat das Endstück einer [Entwicklung 
des Symptoms sei, das mit einfachen Ver und c r ungs- 
gefühlen angefangen hat. Ich glaube zwar nicht, daß diese ean/e 
Aufeinanderfolge in der Entwicklung des Symptoms bisher jemals bei 
einem einzelnen Kranken zusammenhängend beobachtet werden konnte. 
Aber ihren Zusammenschluß über zwei Stadien habe ich fraglos sicher 
gesehen (ich will in dieser Arbeit auch ein Beispiel dafür geben) und 
ich stehe nicht an zu behaupten, daß die ganze Serie der Entwicklung 
stücke unter besonders günstigen Umständen auch bei einem einzelnen 



Über die Entstehung des „BeeüiHussungsupparates'' in der Schizophrenie. 5 

Krankon festgestellt werden könnte. Einstweilen befinde ich mich in der 
Lage des Plasmodienforschers, der verschiedene pathologische Gebilde in 
den Blutkörperchen als Entwicklungsstadien einer zusammenhängenden 
Entwicklung agnosziert, obgleich er in jedem Blutkörperchen stets Hin- 
ein einzelnes Stadium sehen kann und nicht im stände ist, die ganze 
Entwicklang des Plasmodiums in einem einzelnen Blutkörperchen zu 
verfolgen. 

Die Agnoszierung dieser verschiedenen Symptome als Stadien eines 
einheitlichen Entwicklungsprozesses wird nicht allein durch Beobachtuugs- 
fehler und durch die Umnitteilsamkcit der Kranken, sondern auch da- 
durch erschwert, daß die Kranken, je nach den übrigen krankhaften 
Bereitschaften ihrer Seele, einzelne Stadien in sekundäre oder korrelative 
Symptome emhüllen, indem sie die Veränderungsgefühle mit einer gleich- 
zeitig oder konsekutiv produzierten Psychose oder Neurose einer anderen 
klmi-schen Krankheitsgruppe verdecken, mit einer Melancholie, Manie, 
Paranoia, Zu an.L'sneurose, Angsthysferie, Amentia, so daß diese Krankheits- 
bilder in den Vordergrund treten und die viel zarteren Stücke der Ent- 
wicklung des Beeinflussungswahnes den Augen des Beobachters und 
wohl auch denen des Kranken entziehen. Es ist auch leicht möglich, 
daß nicht alle Kranken jedes Entwicklungsstadium ins Bewußtsein 
bringen, daß das eine und das andere Stück im Unbewußten abläuft 
und die im Bewußtsein verfolgbare Entwicklung Lücken aufweist. Je 
nach der Schnelligkeit des Krankheitsprozesses und nach der individuellen 
Neigung zu anderen psychotischen Bildungen kann manches Stadium 
wohl auch einfach übersprungen werden. 

Ee kommen wohl alle Beeinflussungsideen der Schizophrenie sowohl 
als Wirkung des .Beeinrlii.ssungsapparat.» als auch ohne diesen vor. 
DafÄr, daß die elektrischen Ströme, die typisch der Einwirkung des 
BeeindiKMingsapparates zugeschrieben werden, auch ohne diesen, ja 
selbst ohne Unterschiebung einer feindlichen Macht vorkommen, habe 
ich jedoch nur ein Beispiel (und zwar in der Belgrader neurologisch- 
psychiatrischen Abteilung) notiert. Es handelt sich um einen 34jährigen 
Maurer, namens Josef H., der schon einen Teil seines Lebens in Irren- 
anstalten zugebracht hat. Er fühlt sich von elektrischen Strömen durch- 
strömt, die durch seine Beine in die Erde gehen. Diese Ströme erzeugt 
er, wie er mit einem gewissen Stolz behauptete, selbst in seinem Innern. 
Da- i»t eben seine Kraft. Wie und wozu er das macht, will er nicht 
verraten. Als er die Ströme zum erstenmal bei sich entdeckte, war er 
wohl ein wenig erstaunt, aber er kam bald darauf, daß es mit ihm eine 
besondere Bewandtnis habe und daß die Ströme einem geheimnisvollen 
Zwecke dienen, über den er aber keine Auskunft geben will. 

Ich trage noch einen besonderen Fall von paranoia somatica vor, 
der für die Annahme des vermuteten Entwicklungsprozesses im weiteren 



6 



Dr. Victor Tausk. 



Verlaufe dieser Arbeit einen eigenen Wert bekommen .soll. In einem 
anderen Zusammenhange ist dieses Beispiel schon von Freud zitiert 
worden. Fräulein Emma A. fühlte sich von ihrem Geliebten in einer 
ganz ungewöhnlichen Weise beeinflußt, Sie sagte : Ihre Augen süßen 
nicht mehr richtig im Kopfe, sie seien ganz verdreht. Das käme daher, 
daß ihr Geliebter ein schlechter, verlogener Mensch, ein Augenverdreher 
sei. In der Kirche spürte sie einmal plötzlich einen Huck, als würde 
sie verstellt werden, was seinen Grund darin hatte, daß ihr Geliebter 
sich verstelle und .sie schon ganz verdorben und sich gleich gemacht habe. 

Diese Kranke fühlt sich nicht einfach von einem Feinde verfolgt 
und beeinflußt. Es liegt hier vielmehr eine Beeinflussung durch Identi- 
fikation mit dem Verfolger vor. Wenn wir uns an die von Freud 
und mir vertretene Behauptung erinnern, auf die wir im Laufe dieser 
Erörterungen noch zurückkommen werden, daß die Identifikation in der 
Mechanik der Objektwahl der eigentlichen Objektsetzung, der Objekt- 
wahl durch Projektion vorausgeht, dann können wir den Fall des Frl. 
Emma A. als jenes Stadium in der Entwicklung des Beeinflussungs- 
wahnes ansehen, das der Projoktion des Beeinflussungsgefühls in einen 
distanzierten Verfolger der Außenwelt vorangeht. Die Identifikation ist 
offenbar ein Versuch, die Veriinderungsgefühle in die Außenwelt zu pro- 
jizieren, sie stellt die Brücke zwischen den ohne fremden Urheber als 
fremd empfundenen Gefühlen der Persönlichkeitsveränderung und der 
Zuschreibung dieser Veränderungen zur Macht einer außenstehenden 
Person dar, ein Zwischenstück zwischen der Selbstentfremdung und dem 
Beeinflussungswahn, durch welches die Auffassung von der Entwicklung 
des Symptoms bis zum Abschluß mit dem Beoinflussungsapparat nach 
der psychoanalytischen Denkweise besonders beweiskräftig abgerundet 
und gestützt wird. Es handelt sich hier freilich um die Findung, resp. 
Erfindung eines feindlichen Objektes, aber für den intellektuellen 
Prozeß ist es gleichgültig, ober feindliche oder freundliche Objekte kon- 
statiert, und der Psychoanalytiker wird der Gleichsetzung von Liebe 
und Feindschaft in diesem Falle gewiß keinen Widerstand entgegen- 
bringen. 

Ich will bei der Aufzählung von Beispielen für die verschiedenen 
Formen, resp. Stadien des Beeinflussungswahnes nicht am Fall Stauden- 
mayer vorbeikommen, dessen Autobiographie vor einigen Jahren von 
einem Mitglied der psychoanalytischen Vereinigung zur Kenntnis ge- 
bracht wurde. 

Staudenmayer, der, wenn ich nicht irre, als deklarierte Para- 
noia gilt, jedenfalls aber von mir als solche angesprochen wurde, schil- 
derte die Empfindungen bei der Bewegung seines Darminhaltes vom 
Anfang bis zum Ende des Darms und schrieb die einzelnen peristal- 
tischen Bewegungen, die ihm krankhafterweise zum Bewußtsein kamen, 



Über die Entstehung des „Beeinflussungsapparates" in der Schizophrenie. 7 

der Tätigkeit eigener Dämonen zu. die im Darm säßen und die einzelne 
Bewegungen auszuführen hätten. 

Wir können also die Erscheinungen, die wir hei gewissen Kranken 
als Wirkungen des Apparates, bei anderen jedoch auch ohne Einfluß 
dieses Apparates beobachtet haben, in folgendes Schema bringen: 

1. Einfache Veränderungsgefühle, anfangs ohne, später mit Fremd- 
heitsgefühl, ohne Angabe eines Urhebers. (Veränderungen an den eigenen 
psychischen und physischen Funktionen und den eigenen Körperteilen.) 
In vielen Fällen wird dieses Stadium der Krankheit wahrscheinlich 
schon in einem sehr jugendlichen Alter, vor der Pubertät, durchlaufen. 
Da die Menschen in diesem Alter über die eigenen Zustände noch keine 
richtigen Auskünfte zu geben vermögen und da sie in dieser Zeit auch 
noch die Möglichkeit haben, ihre krankhaften Veränderungeu mit infan- 
tilen, schwer zu beurteilenden Eigenarten zu kompensieren oder sie in 
solche umzusetzen (in Schlimmheit, Aggressivität, verborgene Phantasien, 
Onanie, Verschlossenheit, Begriffsstutzigkeit, u. dgl.), so verläuft dieses 
Stadium meistens für die Erzieher unerkannt, für die Kranken ungenannt 
oder mit falschen Namen genannt. Erst die Pubertät, die eine besondere 
Anpassung des Individuums an die Kulturwelt erfordert und es zwingt, 
diese groben Ausdrucksmittel seiner abnormen psychischen Verfassung 
äußerlich und innerlich aufzugeben, läßt dann die Krankheit manifest 
werden und gibt zugleich Anlaß zur weiteren Entwicklung des Sym- 
ptoms, das wir dann in einer fortgeschritteneren Form zu Gesicht 

bekommen. 

2. Veränderungsgefühle in der Form abnormer Sensationen mit 
Angabe eines Urhebers, der der Kranke selbst ist (Fall Josef H.). 

3. Veränderungsgefühle mit Angabe eines Urhebers, der im Kranken 
selbst, aber nicht der Kranke selbst ist (Fall Staudenmeyer). 

4. Veränderungsgefühle mit halluzinatorischer Projektion des in- 
neren Vorganges nach außen, ohne Angabe eines Urhebers, anfangs ohne, 
später mit Fremdheitsgefühl (Bildersehen). 

5. Veränderungsgefühle mit Angabe eines äußeren Urhebers im 
Wege der Identifikation (Fall Emma A.). 

6. Veränderungsgefühle mit Projektion des inneren Vorganges nach 
außen und Angabe eines Urhebers nach der paranoischen Mechanik 
(Bilder vormachen, suggeriert, hypnotisiert, elektrisiert werden, Ge- 
danken und Gefühle machen und entziehen, Körperbewegungen machen, 
die Manneskraft schwächen, Erektionen, Pollutionen machen, etc.). 

7. Veränderungsgefühle, die der Einwirkung eines Beeinflussungs- 
apparates, der von Feinden bedient wird, zugeschrieben werden. Die 
Feinde sind dem Kranken anfangs gewöhnlich unbekannt und unbestimm- 
bar, später kann er sie bestimmen, weiß wer sie sind und dehnt ihren 
Kreis nach dem Vorbilde des paranoischen Komplotts aus. Auch die Kon- 



8 



Dr. Victor Tausk. 



struktion des Beeinflussungsapparates ist dem Kranken anfangs ganz 
unerklärlich, er bildet sich die Vorstellung von seiner Beschaffenheit erst 
nach und nach. 

Wir lösen also zunächst den Zusammenhang zwischen den Beeiu- 
flussungsideen und dem Beeinflussungsapparat, und wellen nun den 
Beeinflussungsapparat ohne Rücksicht auf seine Wirkungen betrachten. 

Die laterna magica, die Bilder vormacht, wollen wir jedoch von 
vornherein außer acht lassen, weil ihre Konstruktion zu gut zu der ihr 
zugeschriebeneu Wirkung paßt und keinen anderen Denkfehler aufweist, 
als daß sie nicht existiert. Dieser rationelle Überbau ist ganz undurch- 
sichtig. Wir brauchen schadhafte Gebäude, durch deren geborstene 
Wände man hindurchsehen kann, um wenigstens einen Anfang zum Denken 
zu gewinnen. 

a) Der gewöhnliche Beeinllussungsapparat ist also von ganz dunkler 
Konstruktion. Ganze Stücke aus ihm sind nicht vorstellbar. In den Fällen, 
in denen der Kranke, das Gefühl hat, die Konstruktion des Apparates 
genau zu verstehen, ist es offenbar, daß er ein dem Träumer analoges 
Gefühl hat, bei dem eben nur das Gefühl dos Verständnisses, nicht 
aber das Verständnis selbst vorhanden ist, wovon man sich leicht über- 
zeugen kann, wenn man sich den Apparat vom Kranken Bebildern läßt. 

b) Der Apparat ist, soweit ich mich erinnere, immer eine Maschine, 
eine komplizierte Maschine. 

Der Psychoanalytiker wird keinen Augenblick daran zweifeln, daß 
diese Maschine ein Symbol sein muß. Diese Behauptung ist jüngst auch 
ausdrücklich aufgestellt worden. Freud hat in seinen Vorlesungen er- 
klärt, die komplizierten Maschinen stellen im Traum immer Geni- 
talien vor. 

Ich habe schon vor langer Zeit Maschinenräume analysiert und 
muß Freuds Behauptung vollkommen bestätigen. Ich kann aber hin- 
zufügen: Die Maschinen stellen nach meinen Analysen stets die Geni- 
talien des Träumers selbst vor und sind Onanieträume. Ober 
diese Träume kann ich folgendes berichten : Sie haben den Charakter 
der Fluchtträume von dem Typus, den ich in meinem Aufsatz über 
Alkoholdelirien beschrieben habe. 1 ) In diesem Aufsatz zeige ich, wie 
der Onaniewunsch, besser gesagt, die Pollutionsbereitschaft, stets, wenn 
sie an eine die Entladung begünstigende Traumvorstellung gekommen 
ist, diese eiligst durch eine andere ersetzt findet, wodurch eine neue 
Hemmung für einen Augenblick eingefügt und die Entladung des Spermas 
verhindert ist. Der Traum begegnet dem abgelehnten Entladungswunsch 
mit sukzessivem Symbolwechsel, 



') Zur Psychologie des alkohol. Boscliaftigungsdelirs. (Intern. Zeitschrift für 
iirztl. Psychoanalyse, Heft 4, III. Jahrg. 1915. Verl. Hugo Heller & Co., Wien.) 



Ober die Entstehung des „Beeiuflussungsapparatcs" in der Schizophrenie. 9 

Der Maschinenraum hat ein© analoge Mechanik, nur daß die ein- 
zelnen Maschinenbestandteile nicht immer unter gleichzeitigem Ver- 
schwinden der schon vorgestellten eingeführt werden und an deren Stelle 
treten, sondern diesen einfach sukzessive hinzugefügt werden. So ent- 
steht die unentwirrbar komplizierte Maschine. Das Symbol wird zur 
Verstärkung seiner HemmungsfunktLon kompliziert anstatt ersetzt, und 
das leistet denselben Dienst wie der Ersatz. Jede Komplikation zieht die 
Aufmerksamkeit des Träumers auf sich, weckt sein intellektuelles und 
schwächt in gleichem Maße sein libidinöses Interesse und wirkt so als 
Triebhemmung. 

Bei Maschinenträumen erwacht der Träumer mehr als einmal mit 
der Hand an den Genitalien, wenn er an der Maschine zu manipulieren 
träumt. 

Demnach könnte man auf die Vermutung kommen, der Beein- 
flussungsapparat sei eine in die Außenwelt projizierte Darstellung der 
Genitalien des Kranken, analog entstanden, wie die Maschine im Traum. 
Die häufige Klage der Schizophrenen, daß der Apparat Erektionen macht, 
Sperma abzieht, die Manneskraft schwächt, könnte diese Vermutung 
nur bestärken. Jedenfalls ist damit, daß man das Symptom einem Traum- 
produkt gleichstellt und die Krankheit auf das psychoanalytisch zugäng- 
liche Niveau der Traumdeutung setzt, ein Schritt über das Rationalisieruugs- 
und Kausalitätsbedürfuis hinaus zurückgelegt, mit dem die Klinik die 
Einführung des Beeinflussungsapparates in der Schizophrenie begründet. 

Nun aber muß ich mein Beispiel vorführen, das uns nicht 
nur in dieser Annahme bestärken, sondern sie noch bedeutend er- 
weitern wird. 

Der Patient ist Frl. Natalija A., 31 Jahre alt, ehemals Studen- 
tin der Philosophie. Sie ist seit vielen Jahren infolge einer bösartigen 
Mittelohreiterung stocktaub und verständigt sich nur schriftlich. Sie be- 
richtet, daß sie seit 6'/ 2 Jahren unter dem Einfluß eines elektrischen 
Apparates steht, der in Berlin erzeugt wird, trotzdem er von der Polizei 
verboten wurde. Er hat die Gestalt eines menschlichen Körpers, u. zw. 
die Gestalt der Kranken. Aber nicht ganz genau. Auch ihre Mutter und 
ihre männlichen und weiblichen Freunde stehen unter dem Einfluß 
dieses oder solcher Apparate. Über die anderen Apparate gibt sie keine 
Auskunft, nur über den, dem sie selbst unterliegt. Nur daß für Männer 
ein männlicher Apparat, d. h. eine männliche Gestalt, und für Weiber 
eine weibliche benützt wird, scheint ihr gewiß. Der Rumpf hat die Form 
eines Deckels, wie ein gewöhnlicher Sargdeckel, mit Samt oder Plüsch 
überzogen. Über die Gliedmaßen bekam ich zweierlei, für meine Aus- 
führungen sehr bedeutsame Auskünfte. Bei der ersten Zusammen- 
kunft schilderte sie die Gliedmaßen als ganz natürliche, körperliche Ge- 
bilde. Einige Wochen später waren die Gliedmaßen auf dem Sargdeckel 



10 



Dr. Victor Tuusk. 



nicht mehr körperlich angebracht, sondern flach aufgezeichnet, in der 
Lage, in der sie im natürlichen Zustand dem Körper anliegen. Den 
Kopf sieht sie nicht — sie sagt: weiß sie nicht genau. Sie weiß nicht, 
ob ihr Apparat ihren Kopf trägt. Überhaupt kann sie über den Kopf 
nichts angeben. 

Wie man den Apparat handhabt, weiß sie nicht deutlich, auch 
nicht, wie er mit ihr verbunden ist. Irgendwie telepathisch. Das Wich- 
tigste ist : man manipuliert an dem Apparat auf irgend eine Weise, und 
alles, was an dem Apparat geschieht, vollzieht sicli tatsächlich an ihr. 
Wenn in den Apparat hineingestochen wird, dann fühlt sie den Stich 
an der entsprechenden Stelle des eigenen Körpers. Das Lupnsgeschwür. 
das sie auf der Nase hat, wurde mit entsprechenden Mitteln auf der 
Nase des Apparates erzeugt, woraufhin sie selbst daran erkrankte. 

Das innere des Apparates besteht aus elektrischen Batterien, die 
die Form der inneren Organe des Menschen haben dürften. 

Die Missetäter, die denvApparat handhaben, schaffen ihr durch ihn 
Schleim in die Nase, ekelhafte Gerüche, Träume, Gedanken, Gefühle. Sie 
stören sie beim Denken, Reden und Schreiben. Früher hat man ihr, 
durch Manipulationen an den Genitalien des Apparates, auch sexuelle 
Empfindungen gemacht. Nun aber hat der Apparat seit einiger Zeit 
keine Genitalien mehr. Wie und warum die weggekommen sind, kann 
sie nicht sagen. Jedenfalls aber hat sie selbst, seit der Apparat keine 
Genitalien mehr hat, auch keine geschlechtlichen Empfindungen mehr. 
Die Konstruktion des Apparates, von dem sie schon früher etwas 
gehört zu haben glaubt, ist ihr durch die langen Erfahrungen und durch 
das Sprechen der Leute — es handelt sich natürlich um Stimmen- 
halluzinationen — nach und nach bekannt geworden. Der Mann, der sich 
des Apparates bedient, um die Kranke zu verfolgen, handelt aus EilW- 
sucht. Er ist ein abgewiesener Freier, ein Universitätsprofessor. Bald 
nachdem sie seine Werbung abgewiesen hatte, fühlte sie, daß er ihr 
und ihrer Mutter suggeriere, sie sollen mit seiner Schwägerin Freund- 
schaft schließen, womit er offenbar bezweckte, sie durch den Einfluß der 
Schwägerin zu einer nachträglichen Annahme seiner Werbung zu ver- 
anlassen. Nachdem ihm aber die Suggestion mißlang, brachte er sie unter 
die Einwirkung des Apparates. Aber nicht nur sie, auch ihre Mutter, ihre 
Ärzte, ihre Freunde, alle Menschen, die ihr wohlwollten und ihr bei- 
standen, kamen unter den Einfluß der teuflischen Maschine. Die Folge 
war, daß die Arzte ihr falsche Diagnosen stellten, indem der Apparat 
ihnen andere Krankheiten vorspiegelte, als sie wirklich hatte; daß sie 
sich mit ihren Freunden und Verwandten nicht mehr vorständigen 
konnte, sich mit allen Menschen verfeindete und von überall fliehen 
mußte. 



Ober die Entstehung des „Beeinflussungsapparates" in der Schizophrenie. H 

Mehr konnte ich von der Kranken nicht in Erfahrung bringen, 
•denn als ick sie das dritte Mal besuchte, zeigte sie sich verschlossen 
und behauptete, auch ich stehe unter der Einwirkung des Apparates, 
sei ihr feindlich gesinnt und sie könne sich mit mir nicht mehr ver- 
ständigen. 

Diese Krankengeschichte spricht vor allem ein entscheidendes 
Wort für die Behauptung, der Apparat sei ein Entwicklungsstadium 
eines Symptoms, das wir auch ohne das VVahngebilde von der Maschine 
finden können: des Beeinflussungswahns. Die Kranke sagt ausdrücklich, 
daß ihr Verfolger sich des Apparates erst bediente, nachdem ihm der 
Beeinflussungsversuch durch Suggestion mißlungen war. Daß sie glaubt, 
von dem Apparat schon früher gehört zu haben, spricht zum Psycho- 
analytiker nicht minder deutlich. Wie die Tatsache, daß der Verliebte 
seine Geliebte schon immer gekannt zu haben glaubt, dafür spricht, daß 
er in ihr eine alte Liebesimago wiedergefunden hat, so spricht dieses un- 
sichere Wiedererkennen des Apparates dafür, daß er bei der Kranken 
Wirkungen hervorruft, die ihr schon früher, ehe sie in die Macht des 
Apparates geriet, bekannt waren, daß sie die Beeinflussungsgefühle, für 
die sie nun den Beeinflussungsapparat verantwortlich macht, schon früher 
empfunden hat. Wir werden allerdings später erfahren, wie weit die 
Zeit ihres Lebens zurückliegt, in der die Kranke zum erstenmal derlei 
Gefühle hatte. 

Aber die . eigenartige Konstruktion des Apparates schließt sich in 
einer ganz besonderen Weise den Vermutungen an, die ich über die 
Bedeutung des Maschinensymbols als einer Projektion der eigenen Geni- 
talien angeführt habe. Der Apparat stellt zwar nicht die Genitalien der 
Kranken dar, wohl aber offenbar ihre ganze Person. Rein physisch ge- 
nommen, stellt er eine Projektion, den in die Außenwelt proji- 
zierten Körper der Kranken vor. Das ergibt sich ganz eindeutig 
aus den Mitteilungen der Kranken : Der Apparat hat vor allem eine 
menschliche Gestalt, die trotz den von der menschlichen Form ab- 
weichenden Eigenheiten zweifellos zu erkennen ist, und was das wich- 
tigste ist, von der Kranken als solche erkannt wird. Er hat ungefähr 
die Gestalt der Kranken. Alle Manipulationen, die am Apparat vor- 
genommen werden, empfindet die Kranke an der entsprechenden Stelle 
des eigenen Körpers und in der gleichen Qualität. Auch treten die am 
Apparat gesetzten Wirkungen am Körper der Kranken ein. Der Apparat 
hat keine Genitalien mehr, seit die Kranko keine Geschlechtsempfindungen 
mehr hat, und er hatte Genitalien, solange die Kranke sich solcher 
Empfindungen bewußt war. 

Mit der Technik der Traumdeutung können wir noch einige 
Stücke hinzufügen : Die Tatsache, daß die Kranke den Kopf des Apparates 
nicht genau weiß, vor allem nicht angeben kann, ob es der ihre ist, 



12 



Dr. Victor Ttuuk. 



spricht dafür, daß er es ist. Die Person, die man im Traume nicht 
sieht, ist der Träumer selbst. Und im „Traum von der Klinik" habe ich 
ein Beispiel gezeigt, in dem die Träumerin sich dadurch charakterisiert, 
daß sie den Kopf der Traumgestalt, die zweifellos ihre eigene Person 
darstellt, nicht sieht.') Daß das Deckelgewölbe mit Plüsch oder Samt 
überzogen ist, kann auch zur Bekräftigung dieser Auffassung beitragen. 
Man hört es von Frauen, daß die autoerotische Liebkosung ihrer eigenen 
Haut dieses Gefühl hervorruft. 

Daß die Eingeweide des Körpers in der Form von Batterien dar- 
gestellt sind, läßt zunächst eine oberflächliche Deutung zu, der jedoch 
später eine tiefergehende folgen soll. Diese oberflächliche Deutung nimmt 
die aus dem Schulunterricht den Kindern anhaftende Vorstellung, daß 
das innere des Körpers und der ganze Organismus oiner geheimnisvollen 
Maschine zu vergleichen sei, zum Anlaß, um die Darstellung der inneren 
Organe als sinnliche und wörtliche Darstellung dieser infantilen Auf- 
fassung zu erklären. 

Die Darstellung, die die Kranke von ihrem Beeinflussungsapparat 
gibt, läßt aber nicht nur einen Schluß auf die Bedeutung des Apparates. 
sondern auch auf seine Ontogenese zu. 

Wir erinnern uns, daß die Kranke anfangs angab, die Gliedmaßen 
seien am Apparat in natürlicher Form und Weise angebracht. Wenige 
Wochen später jedoch erzählte sie, die Gliedmaßen seien auf den 
Deekel eingezeichnet. Ich hin nun der Meinung, daß ich hier Zeuge eines 
bedeutsamen Entwicklungsprozesses des Wahngebildes war. Es handelt 
sich offenbar um ein Stück eines fori schreitenden Entstellungsprozesses, 
dem der Apparat zugeführt werden soll, indem er Stück für Stück die 

') „Traum von der Klinik" (Intern. Zeitschrift für ärztl. Psychoanalyse. II. Jaliru. 
1914, S. 4G6). 

Fräulein N. träumt: Ich sitze in der obersten Iiankreiho des chirurgischen 
Hörsaales. Unten wird eine Frau operiert. Sie liegt mit dem Kopf zu mir, den Kopf 
sehe ich aber nicht mehr, als ob mir sein Anblick durch dio untoron Bankreihen 
verdeckt wäre. Ich sehe dio Fruu nur von der Brust abwärts, und zwar seho ich 
über den Oberschenkeln ein Gobausch von weißen Tüchern und Wasche. SonBt sehe 
ich nichts deutlich. 

Deutung: Die Träumerin sieht sich selbst im Traum in der Gestalt jener Frau, 
die operiert wird. Wenige Tage vorher war dio Träumerin nlimlich bei einem fangen 
Arzt zu Besuch gewesen und diesor hatte eine erotische Attacke gegen sie unter- 
nommen. Bei dieser Gelegenheit lag sie auf dem Divan. Der Arzt hatte ihr die Höcko 
aufgehoben und während er „unten" an ihr herumoporierto. sah sie über ihren Ober- 
schenkeln das (iebausch ihrer weißen Unterwäsche. Genau so viel, wie sie in diesor 
Situation von ihrer eigenen Person sah, sieht sie auch von der Frau im Traum, und 
sie sieht deren Kopf nicht mehr, so wie sie ihren eigenen Kopf nicht Heben konnte. 

Nach Freud bedeutet die „Frau ohne Kopf" im Traum dio Mutter. Ober 
die Grundlagen dieser Deutung will ich hier nicht sprechen. Nur daß sie nn einer 
Stelle dieser Arbeit von besonderer Bedeutung soin wird, Bei voraus erwähnt. 



Ober die Entstehung des „Beeinflussungsapparates" in der Schizophrenie. 13 

Merkmale, die seine menschliche Form charakterisieren, verlieren und 
sich zu einer typischen, unverständlichen Beeinflussungsmaschine aus- 
bilden soll. Als erstes Opfer dieses Prozesses finden wir im Bewußtsein 
der Kranken die Genitalien, als zweites die Gliedmaßen. Den Modus, 
durch den die Genitalien entfernt worden sind, kann die Patientin aller- 
dings nicht angeben. Die Gliedmaßen aber werden in der Weise ent- 
fernt, daß sie ihre dreidimensionale Körpergestalt verlieren und in die 
zweidimensionale Fläche zusammenschrumpfen, in die Fläche projiziert 
werden. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn ich einige Wochen später 
von der Kranken die Auskunft bekommen hätte, der Apparat habe über- 
haupt keine Gliedmaßen. Auch hätte es mich nicht wundergenommen, 
wenn die Patientin dabei behauptet hätte, er habe niemals Gliedmaßen 
gehabt. Denn es ist sicher, daß das Vergessen der einzelnen Entwick- 
lungsstadien des Apparates bei seiner sukzessiven Konstruktion eine 
ebensolche Rolle spielt, wie das Vergessen der Entstehung von Traum- 
bildern. Und nun hoffe ich, daß an dieser Stelle der Rückschluß nicht 
mehr zu kühn erscheinen wird, daß auch die Sargdeckelform des Kör- 
pers des Apparates und seines Innern ein Produkt einer solchen suk- 
zessiven Entstellungsarbeit sei und ursprünglich ganz und gar einem mensch- 
lichen Gebilde, dem Ebenbilde der Kranken, geglichen habe. 

Warum dieser Entstellungsprozeß vor sich geht, können wir aus 
unserem psychoanalytischen Vorrat von Erkenntnisquellen vermuten. Diese 
Entstellung wird sicherlich, wie jede Entstellung psychischer Gebilde, 
einer Abwehr zu verdanken sein, die das Auftreten oder Bestehenbleiben 
von unverhüllten Vorstellungen zum Schutze des bewußten Ich verhin- 
dert. Die Kranke hat offenbar eine Ablehnung gegen die Agnoszierung 
ihrer eigenen Person im Beeinflussungsapparat, und darum nimmt sie 
ihm nach und nach alle Merkmale der menschlichen Gestalt weg, da sie 
vor der gefürchteten Agnoszierung um so sicherer ist, je weniger das 
Wahngebilde einer menschlichen Gestalt überhaupt, geschweige denn der 
ihren, gleicht. Woher diese Ablehnung stammt, werden wir noch zu er- 
fahren trachten. 

Ich nehme also an, daß ich den Beeinflussungsapparat des Frl. 
Natalija A. in einem bestimmten Entwicklungsstadium angetroffen habe ; 
daß ich außerdem das Glück hatte, einen Entwicklungsschub, den der 
Gliedmaßen, selbst zu beobachten und über einen anderen, der die Geni- 
talien betraf, von der Kranken selbst eine eindeutige Auskunft zu be- 
kommen. Ich nehme an, daß das Endschicksal dieser Entwicklung 
die typische, der Klinik bekannte Beeinflussungsmaschine sei. Aber ich 
will nicht behaupten, daß dieser Apparat den ganzen Entwicklungs- 
prozeß bis zum Schluß durchmachen werde. Es ist sehr gut denkbar, 
daß er auf einer Zwischenstufe stehen bleiben könnte. 



14 



Dr. Victor Tuusk. 



III. 

Indessen, ich muß noch einer zweiten Hypothese Raum geben, auf 
die frühere Andeutungen aufmerksam gemacht hüben könnten. Der Be- 
einflussungsapparat des Frl. Natalija A. ist vielleicht trotz alledem eine 
unerklärliche Ausnahme. Die komplizierte, unbesehreibbare, oder mit aller 
Phantasie nachkonstruierte Maschine, die sonst von den Kranken be- 
schrieben wird, ist vielleicht diejenige, an der die Forschung anzusetzen 
hat und von deren Erklärung man erst eventuell auf die Erklärung des 
Beeinflussungsapparates des Frl. N. übergehen darf. 

Da wir zur Begründung dieser Hypothese kein anderes Material 
zur Verfügung haben als den Traum von der Maschine, versuchen wir 
es mit der Annahme, der BooinHussungsapparat sei eine Projektion, eine 
Darstellung der Genitalien des Kranken. 

Ich weiß, wieviel ich meinen Lesern mit dem Anerbieten dieser 
zweiten Hypothese neben oder an Stelle der ersten zumute. Ich wäre nicht 
erstaunt, aus einem strengen Munde den Vorwurf des Leichtsinns oder der 
Scharlatanerie zu hören. Ich selbst war sehr unangenehm überrascht als 
ich diese zweite Möglichkeit nach meiner eigenen Denkmethode für gleich 
wahrscheinlich entdeckte wie die erste, womit natürlich beide, da sie 
sachlich ganz verschiedene Inhalte haben und konsequent zu ganz ver 
schiedenen Theorien fuhren müßten, gleich unwahrscheinlich und wort- 
los werden müßten. 

Da kam mir ein Stück Theorie zu Hilfe und dieses scheint mit 
einem Schlage beide Auffassungen über die Bedeutung des BeeinHusuungs- 
apparates miteinander auszugleichen. Doch muß ich zu dieser Dar- 
legung weit ausholen und ich werde sie erst nahe am Schluß dieser 
Arbeit abrunden könnon. 

Ich muß zunächst auf ein Symptom der Schizophrenie aufmerksam 
machen, welches ich schon vor längerer Zeit mit dem Namen „Ver- 
lust der Ichgrenzen" bezeichnet habe und auch heute noch so be- 
zeichnen will. Es handelt sich um das Symptom, daß die Kranken dar- 
über klagen, alle Leute wüßten ihre Gedanken, ihre Gedanken seien 
nicht in ihrem Kopf eingeschlossen, sondern grenzenlos in der Well, so 
daß sie sich zugleich in allen Köpfen der Menschen abspielen. Der 
Kranke hat das Bewußtsein verloren, ein psychisches Sondcrwesen, ein 
Ich mit eigenen Grenzen zu sein. Eine löjährigc Patientin auf der Kli- 
nik Wagner pflegte stets, wenn ich sie nach ihren Gedanken fragte, 
lustig zu lachen. Katamnestisch gab sie an, sie habe gelacht, weil 
sie gedacht habe, ich scherze mit ihr, da ich doch ohnehin ihre Ge- 
danken kennte, denn sie seien ja zugleich in meinem Kopfe. 

Das infantile Stadium, in dem die Auffassung herrscht, die Anderen 
wüßten die Gedanken des Kindes, kennen wir. Die Eltern wissen alles, 















Über die Entstehung des „Beeinflussungsapparates- in der Schizophrenie. j_5 

auch das Verborgenste, und sie wissen es so lange, bis das Kind seine 
erste Lüge erfolgreich durchsetzt. Später taucht diese Auffassung im Ge- 
folge des Schuldgefühls eventuell wieder auf, wenn das Kind einmal bei 
einer Lüge ertappt worden ist. Der Kampf um das Recht, Geheimnisse 
vor den Eltern zu haben, gehört zu den stärksten Faktoren der Ich- 
bildung, der Abgrenzung und Durchsetzung eines eigenen Willens. Wir 
müssen nun das Entwicklungsstadium feststellen, das mit der Zeit zu- 
sammenfällt, in der das Kind diesem Recht noch nicht auf die Spur ge- 
kommen ist, von ihm noch nichts weiß und noch nicht daran zweifelt, 
daß die Allwissenheit der Eltern und Erzieher auf einer Tatsache 
beruhe. ') 

Das Symptom, „dem Kranken werden Gedanken gemacht", geht 
rückläufig konsequent aus der Auffassung hervor, die anderen wüßten 
seine Gedanken. Es ist ja nur ein verstärkter und in der kindlichen 
Situation eines noch früheren Lebensalters begründeter Ausdruck 
der Tatsache, daß das Kind nichts allein aus sich seihst kann, sondern 
alles von den anderen Menschen empfängt., den Gebrauch der Glied- 
maßen, die Sprache, die Gedanken. In jener Zeit wird dem Kinde tat- 
sächlich „alles gemacht", jede Lust und jedes Leid, und es ist gewiß 
nicht in der Lage zu erfassen, wieviel Anteil es selbst an den eigenen 
Leistungen hat.*) Die Entdeckung, daß es etwas ohne Hilfe der anderen 

') Das wäre also die Zeit vor der ersten gelungenen Lüge. Wer Kinder beob- 
achtet hat, weiß, wie nahe diese Zeit oft an den Lehensanfang grenzt. Kinderlügen 
im ersten Lebensjahre sind nichts Seltenes. Ich beobachtete sie besonders bei Kindern 
die sich gegen die zimmerordnungsgemäße Entleerung der Körperabgange renitent 
vorhalten und mit Mienen, Gesten und noch lallenden Worten bei den Erziehern den 
Schein zu erwecken versuchen, sie hatten den Stuhl, zu dessen Entleerung sie sich 
nur ungern verstehen wollen oder den sie lieber ins Bett als ins Töpfchen absetzen 
bereits vorschriftsmäßig erledigt. Der Erzieher, der sich in diesem Falle vom Kinde 
täuschen läßt, kann zur Rettung seiner Autorität nur noch die Allwissenheit Gottes an- 
rufen, um das Kind zur Wahrheit zu verhalten, wenn es zum Schutz eines verbotenen 
Lustgewinnes ein Interesse an der Lüge findet. Und zu dieser Appellation an die 
höchste Instanz der Allwissenheit kommt es sehr bald. Die Einführung des allwissen- 
den Gottes in den Erziehungsplan wird umso eher eine Notwendigkeit, als die Kinde 
die Lüge eigentlich von den Erziehern gelernt haben, die mit falschen Vorspiegelungen 
und mit unerfüllten Versprechen die Kleinen zur Erfüllung der Erzieh ungs<:ebote zu 
veranlassen suchen und sie so den falschen Schein zur Verdeckung der wahren Ab- 
sichten gebrauchen lehren. Solchen Erziehern bleibt nichts übrig, als die Autorität der 
Allwissenheit, deren sie sich selbst entäußert haben, zur Rettung der Erziehungs- 
erfol^e an Gott abzugeben, dessen unfaßbares Wesen gegen einen Täuacliungsverauch 
für lange Zeit nicht in Betracht kommt. Aber viele Kinder machen auch vor dieser 
Instanz nicht Halt, sie versuchen Gott, sie prüfen ihn auf seine Allmacht und All- 
wissenheit und vielen gelingt es, ihn als Phantom der entthronten elterlichen, vor 
allem der väterlichen Macht, zu entlarven. 

*) Bei der Diskussion dieser Arbeit in der .Wiener Psychoanalytischen Ver- 
einigung" betonte Freud insbesondere das Sprechenlernen des Kindes als Quelle 
dieser von mir behaupteten Auffassung des Kindes, daß die Anderen seine Gedanken 






16 



Dr. Victor Tausk. 



allein kann, wird vom Kinde mit einer großen, freudig erstaunten Ge- 
mütsbewegung begleitet. So läge es also nahe, in dem Symptom eine 
Regression in jene Kinderzeit zu sehen. 

Aber jene Kinderzeit selbst ist nun ein Problem. Wie weit reicht 
sie zurück? Woher bringt sie den Anlaß mit, in Reaktion auf die Außen- 
welt zur Ichbildung zu schreiten, zur Bildung der Ichgrenzen, die das 
Bewußtsein einer unvertauschbaren psychischen Einheit, einer bestimm- 
ten psychischen Persönlichkeit geben? 

Wir können theoretisch den Anfang der Ichbildung nicht früher 
annehmen, als den Beginn der Ohjektlimlung. Die Ohjektfindung geht 
auf dem Wege der Triebbefriedigung und Lustversagung vor sich und 
schafft so das Bewußtsein, daß es eine Außenwelt gibt, die sich von den 
Wünschen in hohem Maße unabhängig benimmt. Ich kann nicht an- 
nehmen, daß an der Schaffung dieses Bewußtseins zunächst dar Sexual- 
trieb einen größeren Anteil habe als der Nnhrungstrieb, aber es wird 
ihm bald eine ganz besondere Rolle zu teil, die wir zu würdigen haben 
werden. Zunächst aber konstatieren wir: Es gibt eine Zeit, in der es für 
den Menschen keine Objekte der Außenwelt, d. h. keine Außenwelt und 
kein Objekt gibt, und demgemäß das Ich und das Subjekt hewußtsein 
nicht vorhanden ist. 

Aber in dieser Zeit gibt es trotzdem Wünsche und Triebe und 
eine Art, sich der Dinge, die die Sinnesorgane reizen, zu bemächtigen. 
Das Stadium, das der Objektfi ndu n g vorausgeht, ist das 
der Identifikation. Dies wurde aus den Analysen von Neurotikern 
erschlossen, in denen es offenbar wurde, daß die mangelhafte Objekt- 
position der Kranken, ihr Unvermögen, sich in erfolgreicher Weise um 
den Besitz von Befriedigungsobjekten oder um die Erreichung von Be- 
friedigungszielen zu bemühen, in vielen Fällen darauf beruhe, daß sich 
die Kranken mit ihren Objekten identifizieren. Sie sind einfach selbst 
das, was ihnen in der Außenwelt gefällt, und darum haben sie den Weg 
in die Außenwelt, die Objektposition, nicht gefunden, und in den betrof- 
fenen Beziehungen ihres Seelenlebens — es sind das ausschließlich libi- 
dinöse Beziehungen — kein Ich ausgebildet. Diese eigenartige Einstel- 
lung der Libido wurde die narzißtische genannt. Die Libido ist, 
wie der Name besagt, auf die eigene Persönlichkeit gerichtet, sie häng! 
am eigenen Ich, nicht an den Objekten der Außenwelt. Beobachtungen 
und theoretische Erwägungen (vor allem die Forschungen Freuds) haben 
die Annahme begründet, daß diese Libidoposition in den Anfang der 
Entwicklung des Seelenlebens zu setzen sei, in die „objekiloso" Zeit, 

wüßten. Denn mit der Sprache bekommt das Kind zugloicli die Gedanken von don 
Anderen, und seine Meinung, die Anderen wüßton seine Gedanken, erscheint dadurch 
tatsächlich begründet, elienso wie das Gofühl, daß ihm die Anderen die 
Sprache und mit ihr die Godanken „gemacht" haben. 






Ober die Entstehung des „Beeinflussungsapparates" in der Schizophrenie. 17 

und daß diese Libidoposition jedenfalls als Korrelat, wenn nicht als Ur- 
sache der „Objektlosigkeit" aufgefaßt werden muß. Dieser Libidoposition 
entspricht also das Stadium der Intellektsentwicklung, in dem der Mensch 
alle Sinnesreize, die er erhält, für endogene und immanente hält. Daß 
es zwischen dem reizgebenden Objekt und der Reizempfindung eine zeit- 
liche und räumliche Distanz gibt, ist in jener Zeit noch nicht psychisch 
konstatiert. 

Die nächste Entwicklungsstufe ist dann die der Aus wärtsproj ek- 
tion des Reizes und seine Zuschreibung zu einem distanzierten Objekt, 
also die Distanzierung und Objektivierung von seiten des Intellektes, und 
korrelativ damit die Übertragung der Libido in die entdeckte oder viel- 
mehr selbstgeschaffene Außenwelt. Als kritische Instanz der Objektivität 
bildet sich, zur Sicherung dieser psychischen Errungenschaft, zugleich 
das Unterscheidungsvermögen zwischen Objektivität und Subjektivität aus, 
das Realitätsbewußtsein, wodurch das Individuum befähigt wird, die' 
inneren Vorgänge als solche und in ihrer Beziehung zu den äußeren 
Reizen zu erkennen, mit anderen Worten, die inneren Vorgänge für 
innere zu halten und nicht mit den Objekten der Reizempfindung zu 
verwechseln. 

Dieser korrelative Entwicklungsprozeß kann sowohl auf Seite 
des Intellektes oder, wie wir sagen, des Ich, dessen hauptsächlichste 
Waffe der Intellekt ist, als auch auf Seite der Libidoübertragung, an 
verschiedenen Stellen, in verschiedenen Stadien der Entwicklung und 
mit sehr mannigfaltigen Resultaten der Beziehungen des Ich zur Libido, 
Hemmungen erfahren. Die Hemmungsmomente nennen wir nach Freud 
Fixierungsstellen. Es scheint in der überwiegenden Mehrzahl der 
Fälle der Schaden und das ursächliche Moment für die Ichstörungen in 
den Läsionen der Libido zu liegen. So wird dies besonders für die 
Paranoia aus Freuds Auffassung klar, daß sie eine Reaktion auf ver- 
drängte Homosexualität sei. Wir müssen uns vorstellen, daß das Ver- 
bot, der homosexuellen Regung ein Objekt zu geben, also die Hem- 
mung in der Übertragung der homosexuellen Libido, zu einer Pro- 
jektion jener Regungen führt, die bei einer richtigen Libidoeinstellung 
als innere und innenbleibende erkannt werden sollten. Diese Projektion 
ist eine Abwehrmaßregel des Ich gegen die aus der Verdrängung an- 
stürmende, abgelehnte homosexuelle Libido. Der Libidohemmung ent- 
spricht also eine Intellektshemmung, die sich als Urteilsstörung oder 
Verrücktheit äußert. Ein innerer psychischer Prozeß wird infolge fal- 
scher Placierung, unangebrachter Projektion, für einen äußeren gehalten. 
Es handelt sich um eine mehr oder minder große „affektive Urteils- 
schwäche- mit allen den Reaktionen der Psyche, die dem quantitativ und 
qualitativ bestimmten Krankheitsprozeß entsprechen. 

Zeitactr. f. Intl. PnychosnMy». Vi. 2 



18 



Dr. Victor Tausk. 



Wir können also sagen, bei einer krankhaft veränderten 
Libido findet das Ich eine, verrückte Welt zu bewältigen 
und darum benimmt es sich verrückt. 1 ) 

Bei den Neuropsychosen, * 1 i *; unzweifelhaft nach einer Zeitspanne 
relativer, jedoch annähernd vollkommener geistiger Gesundheit erst in 
einem späteren Lebensalter auftreten, können wir ohne weiteres kon- 
statieren, daß die Krankheit der Libido die Krankheit des Ich erst ver- 
ursacht. Bei den aus der frühesten Kindheit einschleichenden Psychosen 
können wir anstatt der zeitlichen Aufeinanderfolge in der Erkrankung 
von Libido und Ich zum Teil eine korrelative Hemmung der Ent- 
wicklung annehmen. Die eine Triebgruppe geht nicht, normal vorwärts 
und dem entspricht ein Zurückbleiben der Funktionen der anderen 
Triebgruppe, mit gleichzeitiger Ausbildung der sekundären Reaktionen, 
die als Selbstheilungs- und Anpassungsversuche an die Funktionsstörung, 
als ihre Kompensationen und Überkompensatiouen anzusehen sind. Zum 
anderen Teil handelt es sich um Regressionen normal entwickelter 
Funktionen, die in einem gewissen Lebensmomont, wenn ein besonderes 
Mißverhältnis zwischen dem kranken und normalen Anteil der Psyche 
eintritt, ihr Niveau verlassen und aus Anpassungsgründen auf das 
Niveau der kranken Funktionen zurückweichen. Unterwegs auf dem 
Rückweg kann es zu verschiedenen provisorischen oder dauernden 
Symptombildungen kommen, die verschiedenen klinischen Bildern zuge- 
hören, wodurch die Mischforiuen in den psychischen Krankheiten ent- 
stehen. Wir müssen auf das Bestehen dieser Partialprn/.esse und auf die 
Möglichkeit ihrer unterschiedlichen Nivellierung in bestimmten Zeit- 
momenten scharf achten. 

Bei der Betrachtung der Triebheiuinungcn ist stets im Auge zu be- 
halten, daß sich alle gehemmten Triebe in Angst umwandeln oder als 
Angst abführen lassen wollen, so daß „in einem gewissen theoretischen 
Sinne gesagt werden kann, daß Symptome nur gebildet werden, um der 
sonst unvermeidlichen Angstentwicklung zu entgehen". (Freud.) 



IV. 

Wir haben die Projektion der homosexuellen Libido in der Para- 
noia durch Freud als eine Abwehrmidiregel des Ich p-geii eine nicht. 
zeitgemäße und gegen die soziale Kultur des Individuums verstoßende, 
aus dem Unbewußten hervordrängende geschlechtliche Neigung kennen 
gelernt. 

Könnte es mit der Projektion des eigenen Körpers im lalle des 
Frl. Natalija nicht eine analoge Bewandtnis haben? 



>) Die Fälle, in denen die Hommung primär den Intellekt betrifft, sind der 
Demenz zuzurechnen. 



Ober die Entstehung des „Beeinflussungsapparates" in der Schizophrenie. Jp, 

Natürlich müßte diese Projektion analog im Dienste der Abwehr 
jener Libido stehen, die dem eigenen Körper zugehört und die entweder 
zu groß oder zu unzeitgemäß geworden ist, als daß das Individuum sie 
als zu sich gehörig dulden könnte. Es würde auch konsequent sein an- 
zunehmen, daß es nur die dem Körper zugehörige Libido ist, die in 
dieser Projektion untergebracht ist, und nicht auch die dem psychi- 
schen Ich gehörige/) und daß diese dem psychischen Ich zugewendete 
Libido vielmehr die Abwehr der Körperlibido veranlaßt hat, weil sie sich 
ihrer sozusagen schämt. Daß aber zum Zwecke dieser Abwehr die Pro- 
jeküonsmechanik überhaupt, also eine Mechanik gewählt wird, die zu 
den Anfangsfnnktionen der Psyche bei der Objektfindung gehört, läßt 
uns vermuten daß es sich hier um eine Libidoposition handelt, welche 
zeitlich mit den Anfängen der intellektuellen Objektfindung zasammen- 
fallt mag es dazu nun im Wege der Regression gekommen sein oder 
durch Persistenz einer Resterscheinung (Freud), die einige Jahre lan ß 
bis zum manifesten Ausbruch der Krankheit gut kompensiert oder ver- 
steckt war. Bei Regressionen handelt es sich aber jedesmal um ein Auf- 
suchen der früheren ungehemmten Libidopositionen. Die Regression bei 
der 1 aranoia reicht i„ eine Zeit, in der die homosexuelle Objektwahl 
noch nicht unter dem Verbot des Ich stand und wo es daher freie 
homosexuelle Libido gab, die erst unter den Kulturbedingungen des 
spateren Ic h der Verdrängung unterworfen wurde. 

n nsitinn Die .f r ,° j ; kti0 " d " dem Psychischenlch zugekehrten Libido- 
pos.t on gibt die Symptome der entfachen Paranoia, deren Mechanik Freud auf- 
gedeckt hat Im folgenden se. davon abgesehen, daß die dem Ich anhangende Libido 
notwendig «ü» homosexuelle, weil dem Geschlecht, das man selbst vorstellt, zu- 
gebende , st Ks soll nur e,n Mechanismus, der aus ihrer Stellung im Gegensatz zur 
Objekthbido hervorgeht und für dessen Aufzeigung die Symptomatik des Frl. Natalija 
A. einen Anlaß gibt, kurz bezeichnet werden. 

Die Kranke berichtet: Nachdem sie den Freier abgewiesen hatte, fühlte sie, 
daß er ihr und ihrer Mutter suggeriere, sie sollten mit seiner Schwägerin Freund- 
schaft schheßen, womit er offenbar bezweckte, sie zu einer nachträglichen Annahme 
seiner Werbung zu veranlassen. Was hier als Suggestion des Freiers erscheint ist 
nichts anderes, als die Projektion der eigenen, unbewußten Neigung der Patientin 
zur Annahme des Heiratsantrages. Die Kranke hatte die Werbung nicht konfliktlos 
abgelehnt, sie hat zwischen Annahme und Ablehnung geschwankt. Die Ablehnung 
ließ sie zur Tat werden, die Neigung zur Annahme projiziert sie in das Objekt ihres 
konfhktuosen Wunsches und läßt sie als die Empfindung eines Beeinflassungsversuches 
von selten des Objektes in die Erscheinung der Symptome treten. Die Patientin ist 

ET, dl" 1 '" re ; er , a " biva,ent ein S esteIlt °» d »••• Projiziert die eine Seite des Kon- 
fliktes die positiv hb.d.nöse, während sie die negative Valenz, die Ablehnung, als zu 
hrem Ich gehör ,g, m ,t der Tat vertritt. Die Wahl der Valenz, die zur Projektion ge- 
langen soll wird in verschiedenen Fällen auch umgekehrt ausfallen können. Es soll 
hier nur auf die Mechani k der partiellen Projektion ambivalenter Nei- 
gungen aufmerksam gemacht werden. 

Einen besonderen Beitrag z „ dieser Projektionstechnik, durch den ich auch 
auf dieses Prinzip aufmerksam wurde, brachte Dr. Helene Deutsch in der Dis- 



2* 



20 



Dr. Victor Tnusk. 



Die Libido zur eigenen Person, deren sich das Ich durch Pro- 
jektion des eigenen Körpers erwehren will, muß folgerichtig in einer 
Zeit liegen, in der sie mit den Forderungen anderer Liebesobjekte auf 
Zuwendung von libidinösein Interesse noch nicht im Widerspruch stehen 
konnte. Diese Zeit muß mit jenem Entwicklun».sstadium der Psyche 
zusammenfallen, in dem die Obj ektf indu ng noch am eigenen 
Körper vor sich ging, da der eigene Körper noch als 
Außenwelt betrachtet wurde. 

Ich unterscheide geflissentlich Objektwahl und Objektfin- 
dung. Mit dem ersten Ausdruck will ich nur die libidinöse Be- 
setzung der Objekte bezeichnen, mit dem zweiten die intellektuelle 
Konstatierung ihres Vorhandenseins. Ein Objekt wird vom Intellekt ge- 
funden, von der Libido gewählt. Diese Prozesse mögen zeitlich zusammen- 
fallen oder aufeinander folgen, sie sind für meine Zwecke gesondert zu 
betrachten. 

Die Projektion des eigenen Körpers wäre also auf ein Entwick- 
lungsstadium zurückzuführen, in dem der eigene Körper Gegenstand der 
Objektfindung war. Das muß die Zeit sein, in der der Säugling Beinen 
eigenen Körper stückweise als Außenwelt entdeckt, da er nach seinen 
eigenen Händen und Füßen wie nach fremden Gegenständen hascht. In 
dieser Zeit „geschieht" ihm alles von seinem eigenen Körper, seine Psyche 
ist Objekt der Reize, die von seinem eigenen Körger wie von fremden 
Gegenständen auf sie ausgeübt werden. Diese disjecta membra werden 
dann zu einem zusammengehörigen Ganzen, das unter der Kontrolle 
einer psychischen Einheit steht, der alle Lust- und Unlustempfindungen 



kussion dieser Arbeit in der „Wionor Psychoanalytischen Vereinigung", ''-ine schizo- 
phrene Patientin hatte die Empfindung, dal! alle ihre Freundinnen die Arbeit nieder- 
legen, sobald sie selbst zu arbeiten beginnt, dali sich alle sotzen, wenn sie aufsteht, 
kurz, daß die anderen stets des Gegenteil davon machen, was sio tut. Die Patientin 
hatte nur diese Empfindung: sehen konnte sie es nicht, denn Bie war blind. Die Re- 
ferentin deutete das Symptom als die Projektion der einen von den beiden, bei jeder 
Tätigkeit der Kranken stets konfliktuos gleichzeitig auftretenden Neigungen der 
Kranken, etwas zu tun und es nicht zu tun. Diese Deutung wurde von anderen Teil- 
nehmern der Diskussion mit noch anderen Beispielen gerechtfertigt. 

Insbesondere gab Freud bei dieser Gelegenheit die Formel, daß die Ambi- 
valenz es sei, die die Projoktionsmec han ik voranlaßso. Dies erscheint, 
nachdem es ausgesprochen ist, als selbstverständlich. Es fügt sich glatt an eine zweite 
Freud sehe Formel, daß die Ambivalenz die Vordrangung veranlasse, 
und erscheint als natürliche Konsequenz der letzten Formol, da ebon nur Verdräng- 
tes projiziert wird, wo noch Grenzen zwischen Unbewußtom und Bewußtem erhalten 
sind. Die ganze Problemstellung rechtfertigt in besonderer Weise den von Bleuler 
geprägten Namen „Schizophrenie" und spiegelt sich in der auf H. 27 (Fußnote 1) 
erörterten Auffassung Pötzls. 

Die vorliegende Arbeit zeigt, daß ich, wenngloieh unbewußt, die Freudsche 
Formel in meinen Erörterungen durchgeführt habe. 



Ober die Entstehung des „Beeinflussungsapparates" in der Schizophrenie. 21 

von diesen Bestandteilen zufließen, zu einem Ich zusammengelesen. Dies 
erfolgt auf dem Wege der Identifikation mit dem eigenen 
Körper. Dieses so gefundene Ich wird mit der vorhandenen Libido be- 
setzt, es stellt sich mit Bezug auf den Psychismus des Ich der N ar- 
zißmus her, mit Bezug auf die einzelnen Organe als Lust- 
quellen der Autoero tismus. 

Aber wenn die früher herangezogenen psychoanalytischen Theorien 
richtig sind, muß schon dieser Objektfindung an den eigenen Organen, 
die als Stücke der Außenwelt nur im Wege der Projektion angesehen 
werden können, jenes Stadium vorausgehen, das der Projektion zwecks 
F.ndung der außerselbstlichen Objekte vorausgeht - nämlich die Iden- 
tifikation mit einer narzißtischen Libidopositiön, ») und wir müßten daher 
zwei aufeinanderfolgende Phasen von Identifikation und Projektion an- 
nehmen. Die Projektion, die bei der Objektfindung an den eigenen Or- 
ganen beteiligt war, wäre demnach das zweite Stück der vorangehenden 
Phase, bei der wir den Teil, der auf die postulierte Identifikation ent- 
fällt, noch suchen müssen. 

Nun, ich nehme das Bestehen dieser beiden aufeinanderfolgenden 
Phasen von Identifikation und Projektion bei der Objektfindung und 
Objektwahl am eigenen Körper tatsächlich an. Es widerspricht nicht der 
psychoanalytischen Auffassung, wenn ich sage, der Mensch kommt als 
eine organische Einheit zur Welt, in der Libido und Ich noch gar nicht 
getrennt sind, alle vorhandene Libido an jener organischen Einheit 
hängt, die den Namen Ich, d. h. einer psychischen Selbstschutzorgani- 
sation, nicht in höherem Maße verdient, als die Zelle. Der Mensch ist 
in diesem Zustand in gleichem Maße Geschlechts- und Individualwesen, 
wie die Zelle durch bloße Ernährung, also eine der Ichfunktion analoge 
Tätigkeit, zugleich auch ihre Geschlechtsfunktionen erfüllt, indem sie 
sich bis zu dem Stadium ernährt, bis sie in zwei Wesen zerfällt. Dieses 
Stadium des Neugeborenen ist bis zum Stadium der Konzeption bio- 
logisch, und bis zu einem unbestimmbaren Fötalstadium, in dem eine 
gewisse Gehirnentwicklung schon vorhanden ist, psychologisch in den 
Mutterleib zurückzudenken. Von Seite der Libido gesprochen heißt das, 
der Neugeborene ist ganz Geschlechtswesen. Ich begegne mich wohl mit 
Freud in der Annahme, daß der erste Verzicht des Menschen, der auf 
den Schutz des Mutterleibes, ein Verzicht ist, der der Libido auferlegt 
wird und dessen unvollkommene Leistung mit dem Angstschrei nach der 
Geburt beantwortet wird. Nachdem aber dieses erste Trauma vorüber 

') Freud hat schon in seiner Seh reber-Biographie angedeutet, daß die Libido 
in der Schizophrenie noch hinter der Autoerotik zurückliegt. Nun kommo ich auf 
anderen Wegen zum gleichen Schluß, was ich immerhin als ein Argument für die 
Richtigkeit der Freud sehen Behauptung zur Geltung zu bringen wage. 



22 



Dr. Victor Tausk. 



ist und keiii Unbehagen den Säugling zu einer Auseinandersetzung mit 
sich und der Welt veranlaßt, ist er ganz identisch mit sich, hat seine 
ganze Libido bei sich und weiß nichts von einer Außenwelt, auch 
nichts von der, die er an sich selbst alsbald wird entdecken müssen. 

Das ist das Stadium der Identität im Individuum, dem die erste 
Projektion zum Zwecke der Objektlindung am eigenen Körper folgt. 
Dieses Stadium ist nicht erst durch eine aktive psychische Tätigkeit ent- 
standen, die man Identifikation nennen darf, sondern ist mitgebracht; 
aber ihr Resultat ist dasselbe wie bei der aktiv hergestellten Identität: 
eitel Zufriedenheit mit sich selbst, keine Außenwelt, keine Objekte. 
Nennen wir dieses Stadium das des angeborenen Narzißmus. 
Von diesem Zustand aus wird die Libido ausgesendet, besetzt zunächst 
den eigenen Körper auf dem Umwege der Projektion und kehrt auf dem 
Wege der Selbstentdeckung wieder zum Ich zurück, das indessen durch 
diese ersten psychischen Regungen, die man Erfahrungen nennen darf, 
bedeutend verändert wurde und nunmehr von der Libido wieder besetzt 
wird. Nennen wir diesen Narzißmus den erworbenen. Er findet ein 
großes Stück des angeborenen vor, auf den er sich aufsetzt. Der Zustand 
des angeborenen Narzißmus bleibt normalerweise für alle Zeit an den 
Organen und ihren Funktionen bestellen und tritt in einen Kampf mit den 
verschiedenen Stadien der weiteren Ichentwicklung, die unter dem Schutze 
der jeweils inzwischen erworbenen psychischen Errungenschaften, durch 
Angst und Urteil gestützt, vor sich geht. Dieser Kampf spiel) sich an- 
fangs hauptsächlich an den Exkrctionslünktionen und den autoerotischen 
Lustquellen ab, da diese am schwersten in Beziehung zur Außenwelt 
gebracht werden. Doch müssen wir ein für allemal vor Augen behalten 
daß die Ichentwicklung unter stetem Wechsel der narzißtischen Libido« 
Position bis zum Tode des Menschen vor sich geht, daß der Mensch im 
Kampf ums Dasein immer wieder genötigt ist, sich selbst von neuem zu 
finden und anzuerkennen, und daß der Prozeß des Krwcrbens des Nar- 
zißmus ein der Kulturpsyche immanenter und nur auf der Itasis des un- 
geschädigten angeborenen Narzißmus, von der er seine Nahrung und seine 
Regeneration empfängt, denkbar ist. Dieser stete Kampf um sich selbst 
vollzieht sich in verschiedenem Ausmaß an den verschiedinen Trieb- 
anteüen, er betrifft für sich die Homo , für sich die lleterosexualität 
für sich jede Libidokomponente, zu verschiedenen Zeiten in verschiedenem 
Maß, und er provoziert, dieser psychischen Mannigfaltigkeit gemäß, ver- 
schiedene und zur selben Zeit verschieden entwickelte Reaktionen, Kom- 
pensationen, Überbaue und Eliminationen, und die Mannigfaltigkeit dieser 
sekundären psychischen Gebilde tritt wieder in Heziehungen untereinander. 
ergibt unentwirrbare dynamische, Qualitäts-, Relations- und Modalitäts- 
verhältnisse, wodurch sich die Mannigfaltigkeit der Charaktertypen und 
der Krankheitssymptome erklärt. Sowohl die Entwicklung des Ich als 



Über die Entstehung des „Beeinflussnngsapparates" in der Schizophrenie. 23 

auch die der Libido kann für sich und in Beziehung zu einander an 
ebensoviel Stellen fixiert werden und -Regressionsziele schaffen, als es 
solche primäre, sekundäre, tertiäre etc. Beziehungs- und Entwicklungs- 
moraente gibt. Das ganze Problem wird noch durch Zeit und Raum 
kompliziert und unzugänglich gemacht. 

Nehmen wir also an, die Projektion des eigenen Körpers sei eine 
pathologische Wiederholung jenes psychischen Stadiums, in dem das 
Individuum seinen eigenen Körper auf dem Wege der Projektion ent- 
decken wollte. Nun wäre es nicht zu kühn, das Problem so fortzu- 
setzen, daß, so wie die Projektion in der normalen ursprünglichen Ent- 
wicklung darum erfolgt ist, weil die angeborene narzißtische Libido- 
position wegen des Ansturms der äußeren Reize aufgegeben werden 
mußte, auch die pathologische Projektion darum erfolgt, 
weil sich eine der ursprünglichen analoge, aber unzeit- 
gemäße, regressive oder testierende Anhäufung von nar- 
zißtischer Libido zugetragen hat, deren Charakter dem 
des angeborenen Narzißmus gleich ist, d. h. das Indivi- 
duum von der Außenwelt aussperrt. Die Projektion des 

eige nen Kör per s wäre also eine Abwehr gegen eine Libido- 
position, die der des Endes der fötalen und des Anfangs 
der extrauterinen Entwicklung entspricht. Auch Freud 
ist in seinen „Vorlesungen" nicht vor dem Hinweis, daß die psycho- 
logische Problemstellung bis in den Uterus zurückzuverfolgen sei, zurück- 
gewichen. 

Von hier aus läßt sich der Versuch der Erklärung verschiedener 
schizophrener Symptome anbahnen. Könnte die Katalepsie, die flexibilitas 
cerea, nicht jenem Stadium entsprechen, in dem der Mensch seine Organe 
nicht, als eigene empfindet und sie, als nicht zu sich gehörig, der Gewalt 
fremden Willens überlassen muß? Als Gegenstück dazu das Symptom, 
daß dem Kranken Bewegungen der Gliedmaßen gemacht werden. Dieses 
Symptom wiederholt besonders auffallend die Situation, in der der 
eigene Körper für den Kranken fremd und Außenwelt war und von 
äußeren Mächten beherrscht erschien. Könnte der katatone Stupor, der 
eine vollkommene Ablehnung der Außenwelt darstellt, nicht eine Zu- 
rückversetzung in den Mutterleib sein? Sollten diese schwersten 
katatonen Symptome nicht das ultimum refugium einer Psyche sein, 
die auch die primitivsten Ichfunktionen aufgibt und sich ganz auf 
den fötalen und Säuglingsstandpunkt zurückzieht, weil sie bei dem 
gegenwärtigen Stand ihrer Libido auch die einfachsten Ichfunktionen, 
die eine Beziehung zur Außenwelt unterhalten, nicht mehr brauchen 
kann? Das katatone Symptom, die negativistische Starre des Schizo- 
phrenen, ist nichts anderes als eine Absage an die Außenwelt, in „Organ- 
sprache" ausgedrückt. Spricht nicht auch der „Säuglingsreflex" im End- 



24 



Dr. Victor Tausk. 



Stadium der progr. Paralyse für eine solche Regression zum Säug- 
lingsleben? 1 ) 

Das psychische Analogon zur flexibilitas ccrea und somit, zu jenem 
Stadium, in dem der Mensch sich selbst für einen Teil der Außonwolt 
hält, des Bewußtseins eines eigenen Willens und eigener Ichgrcnzen ent- 
behrt, ist das Gefühl, daß alle Menschen die Gedanken des Kranken 
wissen und haben. In jener Zeit, deren Situation hier pathologisch 
wiederholt wird, gibt es zwar noch keine Gedanken, aber auch die 
Gedankenbildung unterliegt, wie ich schon ausgeführt habe, demselben 
Prozeß, daß sie zunächst als von außen kommend betrachtet wird, ehe 
sie dem Ich als seine Funktion zugezählt wird ; daß sie in das Bewußt- 
sein der Icheinheit erst einbezogen werden muß, ehe sie als automa- 
tische Ichfunktion ablaufen kann. Dies kann sie erst, bis der Intellekt 
zum Stadium der Erinnerungsvorstellungen vorgeschritten ist. 
Freud hat uns gelehrt, daß auch dies ein späterer Prozeß ist und daß 
ihm das Stadium der Halluzinationen der Erinnerungsbilder voran- 
geht, also ein Stadium, in dem die Vorstellungen tatsächlich in der 
Außenwelt auftreten und nicht als innere Vorgänge erkannt werden. Und 
auch dieses Stadium der halluzinatorischen Vorstellungsfuiiktion, dio 
schon eine Art Objektivierung, übjektfindung und Objektwahl vorstellt, 
fällt in jene erste Lebenszeit. Die Regression geht natürlich nicht in 
allen psychischen Momenten und Beziehungen gleichmäßig vor sich. Die 
Fähigkeit, Gedanken in der Form von Erinnerungsvorstellungen zu haben, 

] ) Manchen Kranken wird diese Regression in dio Säuglingszeit und sogar bis 
in die Fötalzeit — das letzte wohl nur als Drohung mit einer Konsequenz der Krank- 
heitsentwicklung — sogar bewußt. Ein Patient sngto mir: „Ich fühle, daß ich immer 
jünger und kleiner werde. Jetzt bin ich vier Jahre alt. Dann komme ich in diu Win- 
deln und dann in die Matter zurück." 

Dr. Helene Deutsch berichtete bei der Diskussion dieser Arbeit in der 
„Wiener Psychoanalytischen Vereinigung" von einer ttljUhrigcn schizophrenen Patientin. 
die Stahl and Urin ins Bett ließ und dies damit begründete, „daß man sie zum 
Kinde mache". 

Freud machte in derselben Diskussion, unter boRonderer Beziohung auf den 
Beeinflussungsapparat der Patientin Natalija A. und das Wechselvorhllltnis zwischen 
Sexualität und Tod, auf dio Bedeutung und Bostattungsart der ägyptischen Mu- 
mien aufmerksam. Das Einsargen der Mumie in eino Hülse von mon sch- 
licher Gestalt entspricht der spateren Vorstellung von dor Rüokkohr des Menschen 
zur „Mutter Erde", d. h. einer Rückkehr in den Mutterleib durch den Tod. 

Dieser Hinweis Freuds zeigt, wie die Menschen als Entschädigung für den 
bitteren Tod die Seligkeit des Lebens im Muttorloibo annehmen. Die Phantasie von 
der Rückkehr in den Mutterleib ist also eino atavistisch vorgebildete, sie kann den 
von Freud angenommenen „Urphantasion" des Menschen als vierte zugezahlt werden 
and sie tritt, als pathologische Realität dor sich zurückbildendon Psyche, in der 
Schizophrenie symptomatisch auf. Die Mumie kehrt durch den leiblichen, der Schizo- 
phrene durch den geistigen Tod in den Mutterleib zurück. (Mutter luibaph an- 
taste. Der Ausdruck stammt meines Wissens von Gustav Orlinor.) 



Über die Entstehung des „Beeinflussungsapparates" in der Schizophrenie. 25 

ist noch erhalten, die Libido ist schon auf den Säuglingsstandpunkt re- 
grediert und setzt sich nun zu der Denkfähigkeit, die sie vorfindet, in 
Beziehung. Das Persönlichkeitsbewußtsein ist verlorengegangen, und der 
Verlust zeigt sich darin, daß der Kranke sein intaktes psychisches 
Material nicht zu placieren weiß. Der Kranke, der sagt, seine Gedanken 
und Gefühle seien in den Köpfen aller, drückt mit Worten und Be- 
griffen, die er seinem G edächtni s vorrat einer späteren Ent- 
wicklungsstufe entnimmt, nur aus, daß seine Libido sich auf einer 
Stufe befindet, auf der er sieh noch mit der Außenwelt identifizierte, 
noch keine Ichgrenzen gegen die Außenwelt gesetzt hatte, und daß er 
deshalb auch jetzt genötigt ist, die normalen intellektuellen Objekt- 
beziehungen, soweit sie von der regredierten Libidoposition abhängen, 
aufzugeben. 

Diese Gefühle und diese Ausdrucksweise hängen davon ab daß 
das Vermögen der Psyche, mit Erinnerungsvorstellungen zu operieren 
noch erhalten ist. Auch dieses Vermögen kann regredieren. *) Der Kranke! 
halluziniert dann. Die Libido ist dann hinter das Identifikationsstadium 
zurückgewichen, der Intellekt sieht keinen Weg mehr, auch den der 
Identifikation nicht, um eine Beziehung zur Außenwelt herzustellen. Die 
Psyche nähert sich immer mehr dem Mutterleib. 

Und sollte das „Bildersehen in der Fläche" nicht vielleicht ein 
Stadium der Entwicklung des Gesichtssinnes vorstellen, das auch noch 
hinter dem halluzinatorischen zurückliegt? Die Psychologen behaupten, 
der Mensch sehe, ehe er dreidimensional apperzipiert, in der Fläche, in 
zwei Dimensionen. 

V. 

Ich habe gesagt, die narzißtische Selbstfindung und Selbstwahl 
wiederhole sich bei jedem Neuerwerb des Ich, u. zw. so, daß unter der 
Kontrolle des Gewissens und des Urteils der Neuerwerb entweder ab- 
gelehnt oder aber mit Libido besetzt dem Ich zuerkannt wird. 

Nennen wir diesen Narzißmus den psychischen und stellen wir 
ihm den organischen gegenüber, der im Unbewußten die Einheit und 
Funktionsfähigkeit des Organismus garantiert. Ich sage mit dieser An- 
nahme nichts Neues, wenn ich daran erinnere, in wie hohem Maße die 
physische Gesundheit und selbst das Leben von einer Erscheinung ab- 
hängt., die man einfach die Liebe zum Leben nennt; daß man sicherlich 
an „gebrochenem Herzen" sterben kann; daß Ostwaldt die Beobachtung 

') Näheres siehe bei Freud: „Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre''. 
(Intern. Zeitschrift f. ärztl. Psychoanalyse. IV. Jahrgang 1916/17, Heft 6.) Diese Arbeit 
Freuds erschien wahrend der Korrektur des vorliegenden Aufsatzes. Ich verweise 
mit Genugtuung auf die zahlreichen Übereinstimmungen meiner hier vorgetragenen 
Aufstellungen mit den Fron dachen in der angeführten Arbeit, von deren Bestehen 
und Inhalt ich keine Kenntnis hatte. 



26 



Dr. Victor Tausk. 



in seinen „großen Männern" bringt, daß emeritierte Universitätsprofessoren 
gewöhnlich bald nach ihrem Ehrenjahr, das sie in bester Gesundheit 
absolviert haben, sterben, nicht etwa wogen ihres hohen Alters, .sondern 
darum, weil sie die Liebe zum Leben verlieren, wenn sie es nicht mehr 
so führen können, wie sie es geliebt haben. Auch Freud hat vor Jahren 
von einem berühmten Musiker erzählt, der in einer Krankheit merk- 
würdig hilflos zu Grunde ging, weil er mit seiner bisherigen Kunst- 
produktion gebrochen hatte. 

Wir müssen annehmen, daß die Libido den ganzen Körper durch- 
strömt, vielleicht wie ein Stoff (nach Freuds Annahme), und daß das 
Zusammenhalten des Organismus von einem Libidotonue bedingt ist, 
von dessen Schwankungen, die natürlich in hohem MalJe von den 
Schwankungen des psychichen Narzißmus und der Objekt libidn abhängen,') 
zum Teil die Widerstandskraft des Organismus gegen Krankheit und Tod 
abhängt. Die Liebe zum Leben hat manchen gerettet, den die Ärzte auf- 
gegeben haben. 

Wenn nun eine Stauung des organischen Narzißmus an einzelnen 
Organen erfolgt, die aus irgend einem Grunde eine Prädilektionsstelle 2 ) 
abgeben, dann könnte, analog, wie die vom psychischen Narzißmus und 
von der Objektliebe libidinös besetzten Objekte gegenständlich ins Be- 
wußtsein treten, wenn die Libidobesetzung eine gewisse Stärke erreicht 
hat, auch ein Bewußtwerden von Organhczichimgcn und organischen 



') Die Krankheit, deren Mechanik im Zorfall des psychischen Nur/.iU 
mus, im Aufgeben der Liebe zum psychischen Ich besteht, llt die Moluncholie. 
Sie ist in reiner Form das Paradigma für die Abhängigkeit des organischen Nar/.iU- 
rnus vom psychischen. Die Ablösung der Libido vom oigenen psychischen Ich, d. li. 
die Ablehnung und Verurteilung der Existenzberechtigung der eigenen psychischen 
Person, zieht die Ablehnung der eigenen physischen Person, die Tendenz dir leib- 
lichen Selbstvernichtung nach sich. Das heiüt, os vollzieht sich konsekutiv eine Ab- 
lösung der Libido von jenen Organon, dio die PunktionstUchtigkeit und den Wert 
des physischen Individuums als oines Artwosens garantieren, durch welche Ablösung 
die Organfunktion beeinträchtigt oder aufgehoben wird. Darum versagen Appetit, 
Stuhlgang, Menstruation nnd Potenz, und zwar durchaus im Dienste unbewußter 
Mechanismen. Dieses Versagen ist auf den Zerfall der rospektiven organischen Libido- 
positionen zurückzuführen, diu ihrem engsten Wosun nach vegetative, d. h. unbewußte 
sind, und streng von der bewußten, absichtlichen Selbstinordteiidenz zu unterschei- 
den, die sich etwa in der Nahrungsverweigerung oder in einer das Lcbon gefähr- 
denden Tätlichkeit gegen sich selbst äußert. 

Die Melancholie ist die Verfolgungspsychose ohno Projektion, ihre Konstruktion 
ist einer eigenen Identifikationsmechanik zu verdanken. (Näheres in meinem Aufsatz 
„Diagnostische Erörterungen auf Grund der Zustnndsbilder der sogen. Kriegspsychosen". 
Wiener med. Wochenschrift, Nr. 37 und »8 ex 1916. W&hrond dor Korrektur der 
vorliegenden Arbeit erschien Freuds Aufsatz „Trauer und Melancholie" |IIeft <>, 
Jahrgang IV, 1916/17 dieser Zeitschrift], auf den ich in diesem Zusammenhang hin woise.) 

*) Hier handelt es sich um das Froudsche Prinzip der Erogonität der Organe, 
der erogenen Zonen. 



Über die Entstehung des „Beeinflussungsapparates" in der Schizophrenie. 27 

Funktionen auftreten, die im normalen Leben dazu verurteilt sind, un- 
bewußt zu vegetieren. Diese Libidostauung ist es, die die Aufmerksam- 
keit auf das Organ lenkt und das Bewußtsein der Veränderung des 
Organs oder seiner Funktionen, das Veränderungsgefühl gibt. Das ist der 
von Freud beschriebene Mechanismus der Hypochondrie. Auf die 
Libidostauung erfolgt die Abkehr des Ich von dem krankhaft mit Libido 
überladenen Organ oder seiner Funktion, die Entfremdung. 1 ) Diese 
ist als eine Abwehrmaßregel gegen die mit der Hypochondrie verknüpfte 
hypochondrische Angst aufzufassen. Fremdheit ist ein Schutz gegen 
libidinöse Objektbesetzung, gleichgültig, ob es sich um Objekte der 
Außenwelt oder um die eigene Person oder Teile derselben handelt. 
Freilich, die Entfremdung hebt die unbewußte Libidoposition nicht auf 
sie .ist bloß ein Verleugnen, keine Vernichtung der pathologischen 
Libidobesetzung, eine Vogelstraußpolitik des Ich, die sehr leicht ad 
absurdum geführt werden kann und dann durch Einführung anderer 
oder stärkerer Abwehrmaßregeln ersetzt werden muß. 

') Dr. Otto Pötzl brachte bei einer Gelegenheit die Vermutung, (von der ich jetzt 
nicht anzugeben vermag, ob er sie als eigene These oder im Anschluß an Theorien anderer 
brachte), daß die katatone Starre der Ausdruck der Unfähigkeit des Kranken sei, die durch 
Spaltung des Willens in seine agonistischen und antagonistischen Anteile zerfallenen 
motorischen Inipulse gegeneinander so zu dosieren, daß wieder eine zielbewußte Aktion 
zu stände kommen könnte. (Gleichsam wie der Tausendfuß in Meyrinks geistvoller 
Novellettc r Der Fluch der Kröte" kein Glied zu rühren vermag, sobald er seine Auf- 
merksamkeit der Tätigkeit jedes einzelnen von seinen tausend Füßen zuwendet.) 

Die Pöt zische Auffassung vertrügt die psychoanalytische Erklärung, daß 
die regressive narzißtische Libido bei der Besetzung der einzelnen Funktionen der 
Psyche und der Organe eine pathologische Verteilung erfährt, so daß die agonistischen 
und antngonistischen Anteile der zielstrebigen Gegensatzkräftepaare durch 
die Störung des Gleichgewichtes zwischen den ihnen zweckmäßig ge- 
bührenden Libidoquantitäten einzeln in den Bereich der Aufmerk- 
samkeit gebracht und damit der automatischen Funktionsfähigkeit beraubt werden. 

Das wäre ein Spezialfall der Hypochondrie und Entfremdung, auf die Kräfte- 
gegensatzpaare bezogen, mit den spezifisch entsprechenden Folgeerscheinungen. An 
der Stellung des Falles in der Theorie von der Ausschaltung der Außenwelt infolge 
regredierter narzißtischer Libido, ändert die Pötzlsche Auffassung nicht nur nichts, 
sondern sie gestattet sogar eine Fortführung des Hypocliondrioproblems auf weitere 
Einzelverhältnisse der psychophysischen Konstruktion des Menschen. Sie gibt sogar 
die Möglichkeit der hypothetischen Annahme, daß es eine, gewiß nicht näher zu be- 
stimmende, vielleicht nur potentiell vorhandene Zeit im Leben des Menschen gegeben 
hat, in der auch die Tätigkeit der Gegensatzkrüftepaare noch keine automatische war, 
entdeckt und gelernt, der eigenen Person wie einer fremden Außenwelt abgerungen 
werden mußte. Diese Zeit mag in der Ontogenese nur als „Engramm" phylogenetischer 
Stadien vorhanden sein, dio die Entstehung der heute schon komplizierton motorischen 
Organe aus einfachsten, einstrebig arbeitenden Formen umfaßten. Die Regression der 
Schizophrenie ginge dann also auf jene Engl amme aus ältesten Zeiten der Art zurück 
und die Theorie müßte fordern, daß jenen phylogenetischen Funktionsresten die 
Fähigkeit der Reaktivierung erhalten blieb. Wir müssen vor dieser Hypothese nicht 
zurückschrecken. Sie gibt uns eine weitere Denkmöglichkeit bei der Problemstellung 



28 



Dr. Victor Tausk. 



Wenn in der Paranoia das Fremdheitsgefühl diesen Sc hui/dienst 
versagt, wird die libidinöse Regung, die dem homosexuellen Objekt gilt, 
in dieses selbst projiziert, und sie tritt in verkehrter Richtung, als 
Agression gegen den Liebenden, als Verfolgung, auf. Aus Fremden 
werden Feinde. Die Feindschaft ist ein neuer stärkerer Versuch des 
Selbstschutzes gegen abgelehnte unbewußte Libido. 

So mag es sich auch mit der narzißtischen Organlibido bei der 
Schizophrenie verhalten. Das entfremdete Organ — in unserem Falle der 
ganze Körper — erscheint als äußerer Feind, als Apparat, mit dem dem 
Kranken Leid zugefügt wird. 

Wir haben also in der Entwicklungsgeschichte des Heeinflussungs- 
apparats drei Hauptstadien zu unterscheiden: 

1. Das Veränderungsgefühl, hervorgerufen durch Libidostauung 
am Organ (Hypochondrie). 

2. Das Entfremdungsgefühl, hervorgerufen durch die Ab- 
lehnung, die das Ich dem krankhaften Organ zu teil werden läßt, indem 
das krankhaft veränderte Organ oder seine Funktion vom Ich gleichsam 
verleugnet als nicht in den vom Ich anerkannten Zusammenhang der 
vollkommen oder relativ gesund gebliebenen Organe und Funktionen 
gehörig, ausgeschieden wird. 

3. Das Verfolgungsgefühl (paranoia somatica), entstanden 
durch die Projektion der krankhaften Veränderung in die Außenwelt, 
und zwar: a) durch die Zuschreibung ihrer Urheberschaft zu einer 
fremden feindlichen Macht, resp. b) durch die Konstruktion des He- 
einflussungsapparat.es als Zusammenfassung der nach auswärts projizierten 
Gesamtheit der krankhaft veränderten Organe (des ganzen Körpers) oder 
nur einzelner dieser Organe. Unter diesen mögen die Genitalien als An- 
laß zur Projektionstechnik eine bevorzugte Stellung einnehmen. 

Mit der Annahme einer Libidostauung an einzelnen Organen in 
einem physiologischen Sinne des Wortes muß durchaus ernst gemacht 
werden. So lassen sich die besonders bei der Schizophrenie oft beobach- 
teten vorübergehenden Schwellungen einzelner Organe, ohne Knt- 

in der Schizophrenie: vielleicht hesteht diese merkwürdige Krankheit oben darin, daß 
die phylogenetischen Funktionsresto bei manchen Individuen eine so außerordentliche 
Wiederbelebungspotenz behalten haben? Die Psychoanalyso müüto dieser Auffassung 
um so eher ein Asyl gewähren, als sie selbst schon an vielen Stollen die Wurzeln 
der Symptome in der Geschichte der Art aufgespürt hat Von hier geht vielleicht 
Qber die Ontogenese ein Weg zur Krklärung dor gehoimnisvollon „elektrischem Ströme", 
über die die Kranken klagen. Diese L'arilsthesio mag einmal die Kmplindung ge- 
wesen sein, die die ersten Nerven- und Muskelfunktionen begleitete. Sio ist violleicht 
eine Reminiszenz an die Empfindung des Neugeborenen, der in das ungewohnto 
Luftmedium der Außenwelt oder in die erste Wasche aus dor wohligen Ilfkllo dos 
Mutterleibes gerät. Das erste Bett der Außonwolt ist vielleicht jenes, wolchon dorn 
Kranken zum Bewußtsein kommt, wenn or sich, im Bette liegend, durch unsichtbare, 
ins Bett geleitete Drähte elektrisiert fühlt. 






Ober die Entstehung dos „Beeinflussungsapparates" in der Schizophrenie. 29 

zündungsprozeß und ohne Ödem im engeren Sinne, dann einfach als 
Erektionsäquivalente erklären, hervorgerufen auf die gleiche 
Weise, wie die Erektionen des Penis und der Klitoris, das heißt durch 
Säfteüberfüllung des Organs infolge libidinöser Ladung des Organs. 1 ) 

VI. 

Es soll uns nicht wundern, daß der feindliche Apparat von solchen Per- 
sonen bedient wird, die dem objektiven Betrachter als Liebesobjekte erschei- 
nen müssen: von Freiern, Liebhabern, Ärzten. Alle diese Personen bedienen 
die Sinnlichkeit, den Körper, und verlangen eine Libidoiibertragung, die 
ihnen normalerweise auch gewährt wird. Aber die narzißtische Libido 
muß, wenn sie zu stark fixiert ist, den Anspruch auf Übertragung feind- 
selig, das Objekt, das zur Übertragung herausfordert, als Feind "empfinden. 

Dabei ist zu beachten, daß eine andere Gruppe von Liebesobjekten 
der Kranken : die Mutter, die sie gegenwärtig behandelnden Ärzte, einige 
nahe Freunde der Familie, von der Kranken nicht zu den Verfolgern 
sondern zu den Verfolgten, die ihr Schicksal teilen müssen und unter 
die Einwirkung des Beeinflussungsapparates geraten, gerechnet werden. 
Wir finden, umgekehrt wie bei der Paranoia, nicht die Verfolger son- 
dern die Verfolgten sozusagen zu einem passiven Komplott systemisiert. 
Dafür könnte folgende Erklärung versucht werden : 

Zunächst fällt auf, daß die Verfolger lauter Personen sind, die in 
räumlicher Entfernung von der Kranken leben, die Verfolgten solche, 
die zum nächsten, räumlich nicht geschiedenen Bekanntenkreis der 
Kranken gehören, und — einschließlich die Ärzte, die ja außerdem 

Imagines des Vaters sind und schon dadurch zur Familie gehören 

eine Art stets persönlich gegenwärtiger Familie der Kranken vorstellen. 
Nun sind die Familienmitglieder jene Liebesobjekte, die, weil sie am 
ersten Anfang des Lebens der Kranken gestanden haben, auch der nar- 

') Die Tor Jahren von F aaser in Stuttgart gemachte Mitteilung, daß sich 
bei der Dem. praecox mittels des Abderhaldenschen Dialysiervorfahrens eine Über- 
schwemmung des Blutes mit Sexualsekret nachweisen lasse, würde sich, sofern sie 
auf Richtigkeit beruht, als kraftige organologische Stütze dieser aus der Psychologie 
stammenden Annahme einfügen. 

Neuo und wichtige Aufschlüsse in dieser Richtung sind von den Steinachschen 
Vorsuchen zu erwarten. (Nach Abschluß dieser Arbeit erschien in der „Münchner 
med. Wochenschrift" Nr. 6 ex 1918 unter dem Titel „Umstimmung der Homosexuali- 
tät durch Austausch der Pubertätsdrüsen" ein sehr interessanter und bedeutungs- 
voller Aufsatz von St ei nach und Lichtenstern, der einen Teil dieser Erwartung 
realisiert.) 

Nach Abschluß dieser Arbeit erschien ferner in Heft 5 des IV. Jahrganges der „Inter- 
nationalen Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse" ein Aufsatz von S. Ferenczi, 
„Von Krankheits- und Pathoneurosen", in dem die Annahme der Libidobesetzung 
einzelner Organe in dem oben erörterten Sinne besonders fruchtbar angewendet 
erscheint. 



30 



Dr. Victor Tuusk. 



zißtiscben Objektwahl durch Identifikation unterworfen waren. An diesen 
Personen übt die Kranke eben auch heute noch diese Form der Objekt- 
wahl, indem sie sie ihrem eigenen Schicksal unterwirft, uch mit ihnen 
identifiziert. Der Anspruch aof Übertragung der Libido wird bei Familien- 
mitgliedern auch normalerweise nicht als einer empfunden, der die Über- 
windung einer großen Distanz, eine starke Entfernung von sich selbst, 
einen bedeutenden Verzicht auf den Narzißmus erfordert. Die Krank« 
geht, indem sie bei diesen Personen die Identifikation vollzieht, einen 
gut ausgefahrenen Weg, der ihrem Narzißmus nicht so gefährlich er- 
scheint, daß sie sich gegen die libidinöse Besetzung dieser Objekte auf- 
lehnen, sie als feindlich empfinden müßte. Anders verhält es sich mit 
den Liebhabern und Freiern. Diese bedrohen die narzißtische Position mit 
ihrer Forderung nach Objektlibido in sehr hohem Maße und werden 
darum als Feinde abgewehrt. Die räumliche Entfernung dieser Personen 
wirkt dabei als Erreger eines Distanzgefühls für die Libido. Die Über- 
tragung auf Distanz wird als ein besonders starker Anspruch zur An- 
erkennung einer Objektposition, zur Selbstcntäußerung empfunden. Auch 
im normalen Leben. Räumliche Entfernung von geliebten Personon ge- 
fährdet die Objektlibido oder veranlaßt den Menschen sogar, sie wieder 
auf sich zurückzuziehen, das Objekt aufzugeben. Der Anspruch auf die 
Distal« zu lieben ist oft eine harte Aufgabe, die nur unwillig getragen 
wird. Unsere Kranke kann aber ihre Liebesobjekte nicht einfach in nor- 
maler Weise aufgeben, weil sie sie nicht in normaler Weise besetzt hat. 
Sie kann die anspruchsvolleren nur durch die paranoische Mechanik, die 
weniger anspruchsvollen nur durch Identifikation erledigen, 

Daß als Verfolger, die den Heciiiflutisiiiigsupparui bedienen, nach 
meinen Erfahrungen ausschließlich Männer vorkommen, kann ich nicht 
erklären. Dies mag an Fehlern der Beobachtung oder an Zufälligkeiten 
des Materials liegen, das mir unterkam. Darüber werden weitere Unter- 
suchungen Aufschluß geben. Dali jedoch heterosexuelle Objekte als Ver- 
folger auftreten können, entgegen der auf Ausschießlichkeit Anspruch 
machenden Theorie Freuds von der homosexuellen Genese der Para- 
noia, läßt sich, ohne mit Freud in Widerspruch zu geraten, damit er- 
klären, daß der Beeinrlussungsnpparat ei nein regressiven psychischen 
Stadium entspricht, indem nicht der Gegensatz d a r (i I si h I ech- 
ter, sondern nur der der narzißtischen und Objektlibido 
in Betracht kommt, und jedes Objekt, welches Anspruch auf Ober- 
tragung erhebt, ohne Unterschied des Geschlechtes, als feindlich empfun- 
den wird. 

VII. 
Nach diesem langen Umweg, dessen Lehren wir uns nicht ver- 
geblich merken sollen, kehren wir zu der Frage zurück, wie sich dio Auf- 
fassung begründen ließe, daß auch der gewöhnliche, der klinisch he- 



Über die Entstehung des „Beeinflussungsapparates" in der Schizophrenie. 31 

kannte Beeinflussungsapparat in der typischen Form der Maschine, eine 
Projektion des Körpers der Kranken sein könnte, wie der Apparat des 
Frl. Natalija. 

Ich denke, daß das nun nicht sehr schwer fallen dürfte. Wenn 
wir nicht annehmen wollen, daß die Maschine durch sukzessiven Ersatz 
der Bestandteile des Bildes des eigenen Körpers entstanden ist, wie 
Fuchs aus alopex, und darauf bestehen, die am Maschinentraum be- 
hauptete Erfahrung, daß die Maschine Genitalien vorstelle, auch bei der 
Erklärung des typischen Beeinflussungsapparates in der Form der Maschine 
angewendet zu wissen, dann haben wir folgende Überlegung zur Ver- 
fügung : 

Die Regression der Libido zu jenem frühinfantilen Stadium be- 
dingt auch die Rückwandlung der inzwischen genital zentriert gewesenen 
Libido in die prägenitale Libidoposition, in der der ganze Körper 
Libidozone ist, der ganze Körper ein Genitale. Man findet 
solche Phantasien auch in narzißtisch stark geladenen, sexuell sehr in- 
fantilen Neurosen. Ich habe selbst welche beobachtet. Die Phantasie 
entstammt dem Mutterleibskomplex und hat gewöhnlich zum Inhalt daß 
der Mann ganz in das Genitale hineinkriechen will, aus dem er ge- 
kommen ist, und mit weniger keine Befriedigung finden kann. Der 
ganze Mann ein Penis. Auch die Bahn der Identifikation mit dem Vater 
(Penis des Vaters) wird überdeterminatorisch bei männlichen Kranken 
zu dieser Symptombildung betreten. Das Symptom ist auch in der Neu- 
rose als Regression zu einem Stadium diffuser narzißtischer Organlibido 
aufzufassen und es ist meistens mit der genitalen Impotenz verbunden. 
Das Genitale ist also aufgegeben. 1 ) Auch das Fehlen der Genitalien am 
Beeinflussungsapparat des Frl. N. spiegelt die gleiche Situation wieder. 
Die Mutterleibsphantasie und die Identifikation 2 ) mit der Mutter finden 

: ) Dieses Aufgeben der Genitalien empfindet der mllnnliche Schizophrene als 
Verlust der Manneskraft, die ihm „abgezogen" wird, oder aber als direkte Umwand- 
lung in ein Weib, entsprechend der infantilen Vorstellung der Knaben, daß es nur 
eine Art von Genitalien gebe, nämlich die, die sie selbst haben, und daß das Weib durch 
Kastration, also durch Verlust der Genitalien schlechtweg, entstanden sei. Der 
Kastrationskomplex schweißt sich oft auch noch mit der infantilen, aus der 
Urethral- und Harnexkretionserotik stammenden Identifikation von Sperma mit Urin 
zusammen. So sah ich einen Faroxysmus von Kastrationsangst auftreten, als ich einen 
Schizophrenen, der seine Blase nicht entleeren wollte, katheterisierte. Er behauptete, 
daß ich ihn mit dem Katheter koitiere und ihm das ganze Sperma abgelassen habe. 
Damit erscheint auch seine Urinverhaltung als eine Weigerung, das die Männlichkeit 
repräsentierende Sperma herzugeben, erklärt. Aus der narzißtisch begründeten Auf- 
fassung, daß Kot und Crin Teile des eigenen Körpers seien, ergibt sich die Erklärung 
für das Spielen mit den Exkrementen bei diesen Kranken von selbst. Die Kopro- 
phagie findet schließlich keine Hemmung bei der Vorstellung, daß die Exkremente 
nicht weniger seien als der Leib, dem sie entstammen. 

*) Der aus der Symbolsprache stammende Beweis für diese Identifikation ist 
in der „Frau ohne Kopf erbracht (Siehe Faßnote auf Seite 12.) 



32 



Dr. Victor Tausk. 



vielleicht ihren Ausdruck in der gewölbten Deckelfurin des Rumpfes, 
der vielleicht den schwangeren Mutterleib darstellt. Die darin unter- 
gebrachten Batterien vielleicht das Kind, das die Patientin selbst ist. 
Daß das Kind in Form von Batterien, also einer Maschine gedacht ist, 
spricht wieder für die Auffassung, daß der ganze Mensch sich als Geni- 
tale fühlt, und dies um so mehr, als das gleichzeitige Fehlen der Geni- 
talien das prägenitale, in einem gewissen Sinne genitallose, Stadium 
vorstellt. 

Die Bildung des Beeinflussungsapparates in Form der Maschine 
spricht also für eine Projektion de« eigenen Körpers, der als ganzer 
Genitale ist. 

Wenn die Maschine im Traum nur eine Darstellung des zum Pri- 
mat erhobenen Genitales ist, so widerspricht das keineswegs der Mög- 
lichkeit, daß sie in der Schizophrenie eine Darstellung des ganzen Kör- 
pers im Sinne eines Genitales, also eine Darstellung aus der priigenitalen 
Zeit ist. Das Vorstollungsmaterial des bisherigen Lebens ist ja dein 
Kranken nicht verloren gegangen. Das Bild des Genitales als dos Re- 
präsentanten der Sexualität ist im Vorstellungsvorrat erhalten. F.s wird 
daher zur Darstellung benützt, als Ausdrucksmittol, als Sprache, mit der 
Erscheinungen mitgeteilt werden sollen, die es vor der Existenz des Aus- 
drucksmittels gegeben hat. Hier ist das (ienilnle nur Symbol einer Sexu- 
alität, die älter ist als die Symbolik und als jedes zum Verkehr mit 
Menschen geeignete Ausdrucksmittel, und die daher keinen zeitgenös- 
sischen Ausdruck zur Mitteilung haben kann. Das Bild heißt dann in 
der Sprache des aus der genitalen Zeit entstammenden Vorstellungs- 
und Wortvorrates nichts anderes als : Ich bin ganz Sexualität. Der 
Text aber lautet: Ich bin ganz Genitale. Dieser Text muß eben in die 
Sprache übersetzt werden, die den tatsächlichen Libidoverhältnissen an- 
gepaßt ist. 

Es könnte also sein, daß der gewöhnliche Beeinflussungsapparat 
in der Form der Maschine einfach dem zu verdanken ist, daß seine Vor- 
stadien nicht sukzessive gebildet wurden, weil der Krankheitsprnzeß zu 
eilig in jene entlegene Gegend des Lebens vorgestürmt ist. Ks kann 
auch sein, daß die Vorstadien von den Beobachtern nicht bemerkt, 
von den Kranken nicht mitgeteilt oder aber nicht als Vorstadien er- 
kannt und gewertet worden sind. So mag der Zusammenhang zwischen 
dem Beeinflussungsapparat des Frl. N. und dem gewöhnlichen, in der 
Form der Maschine, für die Wissenschaft verloren gegangen sein. 

Aber der Widerspruch zwischen den zwei Auffassungen : einerseits, 
daß der Beeinflussungsapparat in der Form der Maschine durch suk- 
zessive Entstellung jenes Beeinflussungsapparateß, der oine Projektion 
des Körpers darstellt, entstanden sei, und andererseits, daß der Beeinllus- 
sungsapparat in der Form der Maschine, gemäß dem Maschinentraum, 



Über die Entstehung dos ..Becinflussungsapparates" in der Schizophrenie. 33 

eine Projektion der Genitalien darstelle, erscheint nun aufgehoben. Das 
Fortschreiten der Entstellung des menschlichen Apparatgebildes zum 
Bilde einer Maschine entspricht als Projektion dem Fortschritt des 
Krankheitsprozesses, der aus einem Ich ein diffuses Sexual- 
wesen macht, oder, in der Sprache der genitalen Zeit des Menschen 
ausgedrückt, ein Genitale, eine Maschine, die von den Absichten des 
Ich unabhängig ist und gleichsam einem fremden Willen unterliegt. 1 ) 
Denn es fügt sich dem Willen des Ich nicht und beherrscht es. Auch 
an dieser Psychologie finden wir eine Reminiszenz in dem Erstaunen 
der Knaben, die zum erstenmal ihre Erektionen bewußt bemerken. Und 
die Tatsache, daß die Erektion alsbald als ein besonderes und geheim- 
nisvolles Kunststück aufgefaßt wird, spricht auch nur für die Annahme 
daß sie als etwas vom Ich Unabhängiges und nicht restlos Bewältigtes" 
als ein Stück Außenwelt, empfunden wird. 

") Sind ja doch die Maschinen, die der Witz der Menschen geschaffen hat, 
nach dem Vorbild des menschlichen Körpers geschaffen, eine unbewußte Projektion 
der eigenen leiblichen Konstruktion. Der Witz der Menschen kann seine Beziehung 
zum Unbewußten eben nicht aufgeben. 



Zeltiohr. t. trttl. Psychoanalyse. V; 1 



II. 

Technische Schwierigkeiten einer Hysterieanalyse. 

(Zugleich Beobachtungen über larvierte Onanie und „Onanie-Aquivalente".) 
Von Dr. S. Peronczi (Budapest). 

Eine Patientin, die mit großer Intelligenz und viel Eifer den Vor- 
schriften der psychoanalytischen Kur zu entsprechen bestrebt war und 
es an theoretischer Einsicht nicht mangeln ließ, machte nichtsdestoweniger 
nach einer gewissen, wohl der ersten Übertragung zuzurechnenden 
Besserung ihrer Hysterie lange Zeit hindurch keine Fortschritte. 

Als die Arbeit überhaupt nicht von statten ging, griff ich zum 
äußersten Mittel und bestimmte einen Termin, bis zu dem ich sie noch 
behandeln will, in der Erwartung, daß ich hiedurch in ihr zureichendes 
Motiv zum Arbeiten schaffe. Auch dies half nur vorübergehend; bald 
fiel sie in die bisherige Untätigkeit zurück, die sie hinter der Über- 
tragungsliebo versteckte. Die Stunden vergingen mit leidenschaftlichen 
Liebeserklärungen und Beschwörungen ihrer- und mit fruchtlosen An- 
strengungen meinerseits, ihr die Übertragungsnatur ihrer Gefühle beizu- 
bringen und sie zu den realen, aber unbewußten Objekten ihrer Affekte 
zurückzuführen. Nach Ablauf des angesagten Termines entließ ich sie 
ungeheilt. Sie selbst war mit ihrer Besserung ganz zufrieden. 

Viele Monate später kam sie in ganz desolatem Zustande wieder; 
ihre früheren Beschwerden rezidivierten mit der alten Heftigkeit. Ich gab 
ihrer Bitte nach und nahm die Kur wieder auf. Schon nach kurzer 
Zeit, sobald der bereits erreicht gewesene Grad der Besserung hergestellt 
war, begann sie das alte Spiel wieder. Diesmal waren äußere Umstände 
die Ursache des Abbrechens der Kur, die also auch diesmal unbeendigt blieb. 

Eine neuerliche Verschlimmerung und die Beseitigung jener Hinder- 
nisse führten sie zum drittenmal zu mir. Auch dieses Mal kamen wir 
lange Zeit hindurch nicht vorwärts. 

Im Laufe ihrer unermüdlich wiederholten Liebesphantasien, die sich 
immer mit dem Arzte beschäftigten, machte sie öfters, wie beiläufig, die 
Bemerkung, daß sie dabei „unten fühlt", d. h. erotische Gonitalempliu- 
dungen hat. Doch erst nach so langer Zeit überzeugte mich ein zu- 



Technische Schwierigkeiten einer Hysterieanalyse. 35 

fälliger Blick auf die Art, in der sie auf dem Sofa liegt, daß sie die 
ganze Stunde über die Beine gekreuzt hält. Dies führte uns — nicht 
zum erstenmal — zum Thema der Onanie, die ja von Mädchen und 
Frauen mit Vorliebe in der Weise ausgeführt wird, daß sie die Beine 
aneinander pressen. Sie negierte, wie auch schon früher, aufs ent- 
schiedenste, jemals derartige Praktiken getrieben zu haben. 

Ich muß gestehen — und das ist bezeichnend für die Langsamkeit, 
mit der eine sich schon regende neue Einsicht zum Bewußtsein durch- 
dringt — daß es immer noch längere Zeit dauerte, bis ich auf den 
Einfall kam, der Patientin diese Körperhaltung zu verbieten. Ich er- 
klärte ihr, daß es sich dabei um eine larvierte Art der Onanie handelt 
die die unbewußten Regungen unbemerkt abführt und nur unbrauch- 
bare Brocken ins Material der Einfälle gelangen läßt 

Den Effekt dieser Maßnahme kann ich nicht anders als foudroyant 
bezeichnen. D.e Patientin, der die gewohnte Abfuhr zur Genitalität 
verwehrt blieb, war m den Stunden von einer fast unerträglichen körper 
liehen und psychischen Rastlosigkeit geplagt; sie konnte nicht mehr 
ruhig daliegen, sondern mußte die Lage fortwährend wechseln Ihre 
Phantasien glichen Fieberdelirien, in denen längstvergrabene Erinnerung- 
brocken auftauchten, die sich allmählich um gewisse Ereignisse der 
Kindheit gruppierten und die wichtigsten traumatischen Anlässe der Er- 
krankung erraten ließen. 

Der hierauf folgende Besserungsschub brachte zwar einen ent- 
schiedenen Fortschritt, aber die Patienten — obzwar sie jene Maßregel 
gewissenhaft befolgte — schien sich mit dieser Art Abstinenz abzufinden 
und machte es sich auf dieser Stufe der Erkenntnis bequem. Mit anderen 
Worten : Sie hörte wieder auf zu arbeiten und flüchtete sich auf die 
Rettungsinsel der Übertragunpsliebe. 

Durch die vorhergegangenen Erfahrungen gewitzigt, konnte ich 
aber nun die Verstecke aufstöbern, in die sie ihre autoerotische Be- 
friedigung rettete. Es kam heraus, daß sie zwar in der Analysen- 
stunde die Vorschrift befolgt, sie aber in den übrigen Stunden des 
Tages fortwährend verletzt. Wir erfuhren, daß sie die meisten Betäti- 
gungen der Hausfrau und Mutter zu erotisieren verstand, indem sie 
dabei die Beine unmerklich und ihr selbst unbewußt aneinander preßte; 
natürlich erging sie sich dabei in unbewußten Phantasien, die sie so 
vor dem Entlarvtwerden schützte. Nachdem der Verbot auf den ganzen 
Tag ausgedehnt wurde, kam es zu einem neueren, aber immer noch 
nicht definitiven Besserungsschub. 

Der lateinische Satz : Naturam expellas furca, tarnen ista recurret, 
schien sich hier zu bewahrheiten. Ich bemerkte an ihr im Laufe der 
Analyse oft gewisse „Symptomhandlungen", spielerisches Drücken und 
Zerren an den verschiedensten Körperstellen. Nach dem allgemeinen 



36 



Dr. S. Foronczi. 



und ausnahmslosen Verbot der larvierton Onanie wurden diese Symptom- 
handlungen zu Onanieäquivalenten. Ich vorstehe darunter harmlos 
scheinende Reizungen indifferenter Körperteile, die aber die Erogoneität 
des Genitales qualitativ und quantitativ ersetzen. In unserem K;ille war 
die Absperrung der Libido von jeder anderen Abfuhr eine 80 totale., daß 
sie sich zeitweise an jenen harmlosen Körperstellen, die von Natur aus 
durchaus keine hervorragenden erogenen Zonen sind, zu förmlichem 
Orgasmus steigerte. 

Erst der Eindruck, den diese Erfahrung auf sie machte, konnte die 
Patientin dazu bringen, meiner Behauptung, daß sie in jenen kloinen 
„Unarten" ihre ganze Sexualität vergeudet, (Hauben zu .schenken und 
darauf einzugehen, der Kur zuliebe auch auf diese seit Kindheit geübten 
Befriedigungen zu verzichten. Die Plage, die sie so auf sich nahm, war 
groß, aber sie lohnte der Mühe. Die Sexualität, der alle abnormen Ab- 
flußwege versperrt waren, fand von selbst, ohne hiezu der geringsten 
Anweisung zu bedürfen, den Rückweg zur ihr normal zugewiesenen 
Genitalzone, von der sie in einer bestimmten Zeit ihrer Entwicklung 
verdrängt, gleichsam wie aus der Heimat in fremde Länder vorwiesen 
wurde. 

Dieser Repatriierung stellte sio noch als Hindernis die vorüber- 
gehende Wiederkehr einer in der Kindheit durchgemachton Zwangsneurose 
in den Weg, die aber schon leicht zu übersetzen war und ihr auch ohne 
weiteres verständlich wurde. 

Die letzte Etappe war das Auftreten eines unmotivierten und zu 
Unzeiten auftretenden Harndranges, dem nachzugeben ihr gleichfalls 
untersagt wurde. Eines Tages überraschte sie mich dann mit der Mitteilung, 
am Genitale einen so heftigen Reiz verspürt zu haben, daß sie sich 
nicht enthalten konnte, sich durch heftigstes Reiben der Vaginalschleim- 
haut etwas Befriedigung zu verschaffen. Meine Erklärung, sie habe 
hiedurch die Bestätigung meiner Behauptung erbracht, daß sie eint* 
infantile aktive Mas turbationsperiodo durchmachte, konnte sie 
zwar nicht unmittelbar annehmen, sio brachte aber bald Einfälle und 
Träume, die sie überzeugen konnten. Diese Masturbationsrozidive währte 
dann nicht mehr lange. Parallel mit der Rekonstruktion ihres infantilen 
Abwehrkampfes erlangte sie nach so vielen Mühsalen die Fähigkeit, im 
normalen Sexualverkehr Befriedigung zu linden, was ihr — obzwar ihr 
Mann ungewöhnlich potent war und mit ihr schon viele Kinder zeugte 
— bis dahin versagt blieb. Zugleich landen mehrere der muh unge- 
lösten hysterischen Symptome in den nunmehr manifest gewordenen 
Genitalphantasien und -erinnerungen ihn* Erklärung. 

Ich war bestrebt, aus der höchst komplizierten Analyse nur das 
technisch Interessante hervorzuheben und den Wog zu beschreiben, auf 
dem ich zur Aufstellung einer neuen analytischen Kegel gekommen bin, 



Technische Schwierigkeiten einer Hysterieanalyse. 37 

Diese lautet: Man muß während der Kur auch an die Möglichkeit der 
larvierten Onanie und der Onanieäquivalente denken, und wo man deren 
Anzeichen bemerkt, sie abstellen. Diese scheinbar harmlosen Betätigungen 
können nämlich sehr gut zu Verstecken der aus ihren unbewußten Be- 
setzungen durch die Analyse aufgescheuchten Libido werden und in 
extremen Fällen die ganze Sexualbetätigung einer Person ersetzen. Merkt 
dann der Patient, daß diese Befriedigungsmöglichkeiten dem Analytiker 
entgehen, so heftet er alle pathogenen Phantasien an diese an, verschafft 
ihnen auf kurzem Wege immer wieder die Abfuhr in die Motilität und 
erspart sich die mühe- und unlustvolle Arbeit, sie zum Bewußtsein zu 
bringen. 

Diese technische Regel bewährte sich 'mir seither in mehreren 
Fallen. Langdauernden Widerständen gegen die Fortsetzung der Arbeit 
wurde durch ihre Berücksichtigung ein Ende bereitet. 

Aufmerksame Leser der psychoanalytischen Literatur werden viel- 
leicht einen Widerspruch zwischen dieser technischen Maßnahme und 
den Urteilen vieler Psychoanalytiker über die Onanie ») konstruieren 

Auch die Patienten, bei denen ich diese Technik anwenden mußte 
versäumten es nicht, ihn mir vorzuhalten. - ,Sie behaupteten doch « 
sagten sie, „daß die Onanie ungefährlich ist, und jetzt verbieten Sie sie 
nur. Es ist nicht schwer, diesen Widerspruch zu lösen. Wir brauchen an 
unserer Meinung von der relativen Harmlosigkeit, z. B. der Not-Onanie, 
nichts zu ändern und können doch auf der Forderung dieser Art Abstinenz 
bestehen. Es handelt sich hier nämlich nicht um eine generelle Ver- 
urteilung der Selbstbefriedigung, sondern um eine provisorische Maß- 
nahme für die Zwecke und die Dauer der psychoanalytischen Kur. Die 
günstig beendigte Behandlung macht übrigens diese infantile oder juvenile 
Befriedigungsart sehr vielen Patienten entbehrlich. 

Allerdings nicht allen. Es gibt sogar Fälle, in denen die Patienten 
während der Kur — wie sie angeben, zum erstenmal in ihrem Leben 
— dem Drange nach masturbatorischer Befriedigung nachgeben und mit 
dieser „mutigen Tat a die beginnende günstige Wandlung in ihrer Iibi- 
dinösen Einstellung markieren. 

Letzteres kann aber nur von der manifesten Onanie mit bewußtem 
erotischen Phantasietext gelten, nicht aber von den so verschiedenartigen 
Formen der „larvierten" Onanie und ihrer Äquivalente. Diese sind von 
vorneherein als pathologisch zu betrachten und bedürfen jedenfalls der 
analytischen Aufklärung. Diese ist aber, wie wir sehen, nicht anders 
zu haben, als um den Preis der zumindest vorübergehenden Auflassung 
der Betätigung selbst, wodurch ihre Erregung auf rein psychische Bahnen 
und schließlich zum Bewußtseinssystem gelenkt wird. Hat der Patient 
erst das Bewußtsein seiner Onaniephantasien zu ertragen gelernt, so darf 

') Ober Onanie. Diskussion in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. 



38 Dr- S- Foroncii. 

man ihm die Freiheit, darüber zu verfügen, wiedergeben. In den meisten 
Fällen wird er nur im Notfalle davon Gebrauch machen. 

Ich benutze diesen Anlaß dazu, von den larvierteti und vikariieren- 
den Onaniebetätigungen noch einiges mitzuteilen. Ks gibt viele sonst 
nicht neurotische Menschen, besonders über viele Neurastheniknr, die 
sozusagen ihr ganzes Leben lau«.' fast ohne l'nterlaß unbewußt onanieren. 
Sind sie Männer, so hallen sie ihre Hände den ganzen Tag in der 
Hosentasche und man merkt an den Bewegungen der Hände und Finger, 
daß sie dabei an ihrem Penis zupfen, drücken oder reiben. Sie denken 
sich dabei eigentlich „nichts Schlimmes", im Gegenteil, sie sind viol- 
leicht in tiefsinnige mathematische, philosophische oder aber in geschäft- 
liche Spekulationen vertieft. Ich meine aber, mit der „Tiefe" ist es hier 
nicht so weit her. Jene Probleme fesseln allerdings die ganze Auf- 
merksamkeit, aber die eigentlichen Tiefen des Seelenlebens (die unbe- 
wußten) sind inzwischen mit primitiv-erotischen Phantasien beschäftigt 
und verschaffen sich auf kurzem, gleichsam somnambulem Wege dio ge- 
wünschte Befriedigung. 

Das Herumbohren in den Hosentaschen ersetzen andere durch ein 
für die Mitmenschen oft sehr lästiges klonisches Zitternlassen der Waden- 
muskulatur, während Frauen, denen die Art ihrer Kleidung, wie auch 
die Wohlanständigkeit solche auffällige Bewegungen verbilde), die Beine 
aneinanderpressen oder übereinanderschlagen. Besonders während den 
die Aufmerksamkeit ablenkenden Handarbeiten verschaffen sie sich gern 
solchen unbewußten „Lustnebengewinn". 

Doch auch abgesehen von den psychischen Folgen kann man dieses 
unbewußte Onanieren nicht für ganz harmlos erklären. Obzwar oder 
gerade weil es hier nie zum vollen Orgasmus kommt, sondern immer 
nur zu frustranen Erregungen, können sie sich am Hervorbringen angst- 
neurotischer Zustände beteiligen. Ich kenne aber auch Fülle, in denen 
diese kontinuierliche Reizung von sehr häufigen, wenn auch minimalen 
Orgasmen (bei Männern auch von Prostatorrhoe) begleitet ist, die diese 
Leute am Ende neurasthenisch machen und ihre Polen/, beeinträchtigen. 
Die normale Potenz besitzt nämlich nur derjenige, der die libidinösen 
Regungen längere Zeit hindurch in Latenz erhallen und anhäufen, bei 
Vorhandensein entsprechender Sexualziele und Objekte aber kraftvoll 
zum Genitale abströmen zu lassen versteht. Dieser Fähigkeit tut aber 
das fortwährende Vergeuden kleiner Libidoquantitäten Abbruch, (Von 
der bewußt gewollten periodischen Masturbation gilt dies nicht In dem 

Maße.) 

Ein zweites Moment, das in unserer Betrachtungsweise früher ge- 
äußerten Ansichten zu widersprechen scheint, ist die Auffassung der 
Symptomhandlungen. Wir lernten von Freud, daß diese. Äuße- 
rungen der Alltagspsychopathologie als Zeichen verdrängter Phantasien 



Technische Schwierigkeiten einer Hysterieanalyse. 3Q 

in der Kur verwertbar, also bedeutungsvoll, sonst aber vollkommen 
harmlos sind. Nun sehen wir, daß auch sie von der aus anderen Posi- 
tionen verdrängten Libido intensiv besetzt und zu nicht mehr harm- 
losen Onanieäquivalenten werden können. Es ergeben sich hier Über- 
gänge von den Symptomhandlungen zu gewissen Formen des Tic con- 
vulsif, über den wir bisher allerdings keine psychoanalytischen Auf- 
klärungen besitzen. Meine Erwartung geht dahin, daß sich bei der 
Analyse viele dieser Tics als stereotypisierte Onanieäquivalente entpuppen 
werden. Die merkwürdige Verknüpfung der Tics mit der Koprolalie 
(z. B. bei Unterdrückung der motorischen Äußerungen) wäre dann nichts 
anderes, als der Einbruch der von den Tics symbolisierten erotischen — 
meist sadistisch-analen — Phantasien ins Vorbewußte mit krampfhafter 
Besetzung der ihnen adäquaten Worterinnerungsreste. Die Koprolalie 
verdankte so einem ähnlichen Mechanismus ihr Entstehen wie der 
mittelst dessen die von uns versuchte Technik gewisse bis dahin in 
Onanieäquivalenten abgeführte Regungen zum Bewußtsein durchdringen läßt. 

Doch kehren wir nach dieser Abschweifung ins Hygienische und 
Nosologische zu den viel interessanteren technischen und psychologischen 
Überlegungen, zu denen uns der eingangs mitgeteilte Fall anregen kann, 
zurück. 

Ich war in diesem Falle gezwungen, die passive Rolle, die der 
Psychoanalytiker bei der Kur zu spielen pflegt und die sich auf das 
Anhören und Deuten der Einfälle des Patienten beschränkt, aufzugeben 
und durch aktives Eingreifen in das psychische Getriebe des Patienten 
über tote Punkte der analytischen Arbeit hinwegzuhelfen. 

I)as Vorbild dieser „aktiven Technik" verdanken wir Freud selbst. 
In der Analyse von Angsthysterien griff er — wenn es zu ähnlicher 
Stagnation kam — zum Auskunftsmittel, die Patienten aufzufordern 
gerade jene kritischen Situationen aufzusuchen, die bei ihnen Angst 
auszulösen geeignet sind, nicht etwa, um sie an die ängstlichen Dinge 
zu „gewöhnen", sondern um falsch verankerte Affekte aus ihren Ver- 
bindungen zu lösen. Wir erwarten dabei, daß die zunächst ungesättigten 
Valenzen dieser zum freien Flottieren gebrachten Affekte vor allem die 
ihnen qualitativ adäquaten und historisch entsprechenden Vorstellungen 
an sich reißen werden. Auch hier also, wie in unserem Falle, das 
Unterbinden angewöhnter, unbewußter Ablaufswege der Erregung, und 
das Erzwingen der vorbewußten Besetzung und bewußten Überbesetzung 
des Verdrängten. 

Seit der Kenntnis der Übertragung und der „aktiven Technik" 
können wir sagen, daß der Psychoanalyse außer der Beobachtung und 
der logischen Folgerung (Deutung) auch das Mittel des Experiments zu 
Gebote steht. Wie man etwa beim Tierexperiment durch Unterbinden 
großer arterieller Gefäßbezirke den Blutdruck in entfernten Gebieten 



40 



Dr. S. Ferenczi: Technische Schwierigkeiten oinor Hysterieanal y«e. 



heben kann, so können und müssen wir in geeigneten Fällen die unbe- 
wußten Abflußwege vor der psychischen Erregung absperren, um durch 
die so erzielte „Druckerköhung" der Energie das Überwinden des Zensur- 
widerstandes und die „ruhende Besetzung" durch höhere psychische 
Systeme zu erzwingen. 

Zum Unterschied von der Suggestion nehmen wir aber dabei auf 
die neue Stromrichtung keinen Einfluß und lassen uns von unerwarteten 
Wendungen, die dabei die Analyse nimmt, gern überraschen. 

Diese Art „Experimentalpsyckologie" ist wie niebts geeignet, uns 
von der Richtigkeit der Freu dachen psychoanalytischen Neurosonlohre 
und von der Stichhaltigkeit der auf sie (und auf die Traumdeutung) 
gegründeten Psychologie zu überzeugen. Insbesondere lernen wir dabei 
den Wert der Freudschen Annahme von den einander übergeordneten 
psychischen Instanzen schätzen und gewöhnen uns daran, mit 
psychischen Quantitäten wie mit anderen Energiemengen zu 
rechnen. 

Ein Beispiel, wie das hier Mitgeteilte, zeigt uns aber von neuein, 
daß bei der Hysterie nicht banale „psychische Energien", sondern libi- 
dinöse, genauer : genitale Triebkräfte am Werke sind und daß die Sym- 
ptombildung nachläßt, wenn es gelingt, die abnorm verwendete Libido 
wieder dem Genitale zuzuführen. 



Mitteilungen. 



i. 

Ein kasuistischer Beitrag zur Kenntnis des Mechanismus der 
Regression hei Schizophrenie. 

Von Dr. Helene 'Deutsch. 

Ein von mir beobachteter Fall von Schizophrenie bietet in mancher 
Beziehung eine Bestätigung der in dieser Nummer dargelegten Anschauungen 
Tausks (über die Entstehung des Beeindussungsapparates in der Schizo- 
phrenie) und dürfte auch durch gewisse Eigenartigkeit des Bildes Interesse 
erwecken. 

Es handelt sich um ein 34jähriges Mädchen, das laut ihrer eigenen 
Angaben und laut erhobener Informationen zwischen ihrem 2. und 3. Lebens- 
jahr durch Verbrennung vollkommen blind geworden ist. Sie wurde im 
Blindeninstitut, wo sie sich seit ihrem 6. Lebensjahr befand, erzogen, und in 
der gewohnten Weise in manueller Geschicklichkeit ausgebildet. Über ihre 
Familienanamnese ließ sich nichts anderes eruieren, als daß sie in ihrer ersten 
Kindheit heinilos geblieben ist, daß sie unter fremdes Menschen erzogen, nie 
von ihren Angehörigen etwas gewußt hat. 

Ihre Umgebung verlegt den Beginn ihrer Erkrankung drei Jahre zurück. 
Sie hatte zwar immer ein merkwürdig zurückgezogenes stilles Wesen gehallt, 
doch wurde sie in letzten Jahren noch stiller, noch zurückgezogener. Sie 
sprach fast gar nichts, verlor jeden Kontakt mit ihrer Umgebung. Eines 
Tages — wie erzählt wrd — stand sie plötzlich auf und verlangte : 
„Führt's mich zu meinem Bruder." Als man ihr zu erklären versuchte, daß 
sie kchien Bruder habe, geriet sie in stärkste Erregung, meinte: „Alle 
Vögel am Dache zwitschern schon davon." „Man spricht allgemein." — Als 
man ihre Angaben nicht akzeptieren wollte, verschloß sie sich noch mehr in 
sich und äußerte keine weiteren Wahnideen mehr. Nur ihr Benehmen wurde 
„merkwürdig". Sie hörte entweder ganz zu arbeiten auf oder machte es unter 
allerlei „Faxen". Beschäftigte sich nur, wenn sie allein war, hie und da sprang 
sie auf, zerriß unmotiviert ihre Kleider, kroch am Boden, gab auf Fragen 
keine Antworten, grimassierte. In der letzten Zeit ließ sie Stuhl und Urin 
unter sich, was zur unmittelbaren Ursache ihrer Internierung auf die psychia- 
trische Klinik wurde, wo ich Gelegenheit hatte, sie zu beobachten. 

Bei der ersten Bekanntschaft machte die Patientin den Eindruck einer 
stillen, feinen, intelligenten Person, deren verträumtes insichselbst vertieftes 
Wesen sich nicht wesentlich von dem anderer lange Blinden unterschied. Sie 
war in den ersten Tagen ihrer Internierung zwar verschlossen, aber zutraulich, 



42 



Mitteilungen. 



ging ziemlich willig auf ein Gespräch ein, unterhielt sich mit mir über allorloi 
Dinge. Ich konnte bald eino gewisse Vertrautheit und Sympathie ausnützen, 
um hinter ihren verschlossen gehaltenen psychischen Inhalt zu kommen. Was 
ich von ihr erfahr, ist das Resultat nur einiger, weniger Gespräche. Patientin 
bemerkte bald meine Absichten ; mit ungewöhnlicher Intuition erfaßte sie, was 
an ihrem Wesen als „normal", was als „krankhaft" beurteilt werden kann 
und verwehrte mir bald jede Einsicht in ihr inneres Wesen. Sio vorliol in 
einen stuporösen Zustand ; nur hio und da gelang es mir, denselben für einen 
kurzen Augenblick zu durchbrechen und ein wenig Hinsicht in ihr Inneres 
zu bekommen. 

Sie erwies sich bald als eine starke Tagträuraorin — sio benutzte selbst 
diesen Ausdruck und benannte richtig das, was sie damit sagen wollte. Kinos 
Tages sagte sie mir: sie denke viel darüber nach, wio schön es wäre, wenn 
sie einen Bruder hätte und von diesem ein Kind kriegen würde — . Sie 
wisse, daß es sonst nicht üblich ist, vom eigonen Bruder ein Kind zu be- 
kommen. Schön wäre es aber doch. Bie Inzestphantasio, die sie „Tagtraum* 
nannte, erwies sich als eine Wahnidee, an deron Realität sio fest glaubte. 
Sie habe einen Bruder und habe ein Kind von ihm — sie habe dieses Kind 
schon seit sehr vielen Jahren, es ist beinahe so alt wio sio — . Sie sei ein 
kleines Mädchen gewesen, als sio das Kind geboren habe. Über dio Beden 
tung dieser Wahnidee kann ich nichts genaueres angeben. Eine Analyse 
erwies sich immer undurchführbar. Dio Rollo dos Bruders spielen zwei blinde 
Kameraden von ihr, die sie zn einem verdichtet, dor dio Merkmale beider 
trägt. Auch die Ehegattinnen dieser beiden Männer verdichten sich nach Art 
der Traumarbeit. 

Anfangs froh über ihre Interniorung, teilte sio mir mit, daß sie glück- 
lich sei, von ihrer Umgebung weggekommon zu sein. Sie konnte es nicht mehr 
aushalten : Alle hatten sich gegen sio verschworen, um mit ihr merkwürdige 
Dinge zu vollführen. Sie habe selbst keine Erklärung für das, was sie be- 
merkte, alles sei so „merkwürdig«, so »mysteriös" gewesen. Es soi zwischen 
ihr und den anderen Blinden eine Wechselwirkung eingetreten, die sio sich 
nicht zu erklären weiß: Wenn sio zu urbeiten anfing, senkten die anderen 
müßig ihre Hände und erst ihre Mäßigkeit brachte dio Hände anderer zur 
Arbeit. Wenn sie aß, hungerten dio anderen, wonn sio trank, konnten es die 
anderen nicht tun, wenn sie sich niedorlegto, standen dio anderon auf. Mi 
bemerke dabei, daß dio Patientin andauernd das typische negativistisch-amlii- 
valente Verhalten der Schizophrenie bot. 

Ich glaube, diese Angaben dor Patientin lassen sich aus dem Verlust der 
Ichgrenzen in Verbindung mit der Ambivalenz der Regungen erklären. Bas, 
was im Normalen unterdrückt ist, wird hier nach außen verlegt. Patientin, 
bei der jeder Impuls, jede Willensäußerung mit einer ambivalenten kontraren 
Regung verbunden ist, projiziert diesen Teil der Ambivalenz, als wesensfremd 
empfunden, nach außen. 

Es zeigt sich hier, daß von den beiden gleichzeitig in der Ambivalenz 
vorhandenen Impulsen der unterdrückte, nicht ausgelöste es ist, der nunmehr 
in der Psychose in den Außenraum jenseits dor Ichgrenzen verlegt wird. 

Die in ihrem Wesen geordnete, intelligente, nicht vorwirrto Patientin 
ließ im Spital wie daheim Stuhl und Urin unter sich. Sie reagierte selbst 
auf dieses Verhalten mit größter Verzweiflung, versicherte, sie sei 
daran nicht schuld, es geschehe ohne ihren Willen. Nach mehreren Tagen, 
bei kurzdauernder Durchbrechung ihrer sprachlichen Hemmung, sagte sie mir 
spontan, als ich dabei war, sie wegen ihrer Inkontinenz zu trösten: „wenn 



Dr. Helene Deutsch: Ein kasuistischer Beitrag zur Kenntnis des Mechanismus etc. 43 

ich das mache... die machen mir das, die machen mir alles vor... den 
Drang. . . und daß es mir so angenehm wird. . . und als ob ich es verrichten 
sollte,... die machen mir so, als wenn ich ein Kind wäre, den Stuhldrang 
und das andere und das geht weg. . . die machen mich einfach zum Kinde,. . . 
dann muß ich mich vor Frau Dr. schämen — ich weiß nicht, wer mir das 
macht... alle". Das ist die wörtliche "Wiederholung der nachgeschriebenen 
Angabe. Durch diese Angabe sagt Patientin nichts anderes als das, was die 
tiefere psychoanalytische Beobachtung bei jeder Schizophrenie ergibt, was 
Tauslc in seiner Arbeit* so eingehend besprochen hat — sie sagt es aber 
in einer so klaren, unzweideutigen Weise, die jede Erklärung unnötig macht 
und jeden Zweifel an die Richtigkeit der psychoanalytischen Auffassung zer- 
stört, daß ich es für wichtig halte, auch darüber zu berichten. Sie sagt uns 
ja direkt, daß sich für ihr bewußtes Erleben auch die Sensationen des Stuhl- 
dranges als etwas von außen Zugefügtes darstellen und es scheint diesmal, als 
ob Spannung wie Lösung des Innervationsdranges gleichmäßig nach außen 
verlegt wäre und als ob mit dieser Passivität zusammen ein Lustgefühl ein- 
treten würde: liier liegt die einfache Deutung nahe, daß sich in ihr die 
Regression zu jener Zeit der nazistischen Libidoposition vollzogen hat, in der 
zwischen den Impulsen des eigenen Ich und den Eingriffen der Außenwelt 
keine scharfen Unterschiede bestehen, indem das Kind nichts von sich selbst 
kann, in dem ihm alles von anderen gemacht wird. Patientin verlegt die 
autoerotische Funktion des Exkretionsgeschäftes nach außen, bringt diese un- 
willkürliche „stark libidinös besetzte Funktion" wie Tausk sagt und wie die 
Patientin in ihrer Angabe ,es ist mir angenehm", bestätigt, in Verbindung 
mit einer außerhalb ihr gelegenen Macht, d. h. sie projiziert sie nach außen 
in den Beeinllussungsapparat bezw. in eine Modifikation oder Vorstadium 
desselben. 

Patientin geht in ihren Angaben noch weiter. Sie trachtet uns die 
Sache besonders beweisend zu machen, indem sie zum Schluß sagt : „ich werde 
zum Kind gemacht." 

Aus der Wahntätigkeit der Patientin will ich nun noch kurz erwähnend 
berichten, daß sie in ihrem Wahne Kinder gebärt, dio nach der Lumpf- 
theorie des kleinen Hans ') zur Weit kommen — indem sie nach dem Ab- 
setzen des Stuhles behauptet, sie habe ein Kind durch den Anus geboren — , 
daß sie die Kastration am Manne vornimmt, indem sie behauptet, der Unter- 
schied zwischen Mann und Frau beruhe nur in sekundären Gcschlechtscharakteren. 

Was an diesem Fall besonders interessant erscheint, was ihn eigentlich 
besprechenswürilig macht, ist die außerordentlich merkwürdige Tatsache, daß 
die Patientin, die seit 30 Jahren blind ist, gar keine visuellen Erinnerungs- 
bilder besitzt, für die die Zeit ihres optischen Kontaktes mit der Außonwelt 
weit zurück, außerhalb ihres Bewußtseins liegt, zuweilen behauptet, jetzt erst 
im Traum optische Bilder zu produzieren. Ich werde diesbezügliche Angaben 
der Patientin wörtlich wiederholen. 

Am 26. XII. Spontan: Ich schlafe hier gut, das ist das einzige Gute, 
aber ich merke in meinen Träumen, daß ich jetzt untor Sehenden bin, 
ich weiß nicht, wie das kommt. Ich habe früher nur verworrenes, gehörtes 
Zeug, ein Durcheinander geträumt, z. B. daß jemand unter das Bett gekrochen 
ist, das hab ich nicht gesehen, nur vernommen. Hier habe ich im Traume 
Häuser gesehen, die waren weiß und braun gestrichen. Ich habe im 



>) Freud: Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben, Jahrbuch für psycho- 
analyt. und psychopath. Forsch. I, B. 



44 



Mitteilungen. 



Traume so geschaut, als wenn ich eine Sehende wäre, irh wußte 
da nichts von meiner Blindheit Früher in den Träumen habe ich mich auf 
das Gehör verlassen können und wußte dabei, daß ich blind bin. Früher ist 
im Traume so viel geschehen, so ein Durcheinander, jetzt mir Bilder, laut er, 
schöne Bilder, Farben — ich kann mir Farben nicht vor teilen. Als ich 
erwachte, wußte ich, daß ich alles geträumt und im Traume gesehen habe. 
Ich habe an das Getrüumte keine Erinnerung, ich kann sie nicht in meiner 
Vorstellung denken. 

Es ist selbstverständlich alles, was die I'atientin in Bezug auf das Sehen 
im Iraume vorbringt, vieldeutig und es liegt mir ferne, hier irgendeine ein- 
sauge Deutung behaupten zu wollen. Viel eher mochte ich zur Diskussion 
stellen, welche der hier möglichen Deutungen der psychoanalytischen Be- 
trachtung ihrer Äußerungen die plausiblesto erscheint. Dio Patientin äußert, 
daß sie jetzt unter Sehenden ist — offenbar im Gegensatz d../.u, daß sie 
früher unter Blinden war, sie hat sich von den Blinden hceinllußt gefühlt und 
ihrerseits geglaubt, auf das Tun und Lassen der Blinden Einlluß zu nehmen. 
.Ls hegt nahe, daß dieso Betonung, sie sei jetzt unter Sehenden, andeuten will, 
daß nun das Tun und Lassen der Sehenden auf sie Kinlluß übt und vice versa. 
Darauf deutet auch ihre folgende Äußerung hin: „Ich habe im Traum so 
geschaut, als wenn ich eine Sehende wäre." 

Man kann annehmen, daß diese Äußerung ein Ausdruck für ihr QefQbJ 
ist, als sei das Sehenkönnen ihrer Umgebung auf sie übergegangen. Dies ist 
vorläufig nur ein weiteres Beispiel für den auch im früheren besprochenen 
Mechanismus, läßt aber noch offen, was in ihrem inneren Erleben diesem 
Gefühl des Sehenkönnens entspricht. Nun kommen die folgenden Äußerungen : 
Früher in den 1 räumen habe ich mich auf das Gehör verlassen und wußte, 
daß ich bhnd bin." Sie spricht als sei ihr hier weggenommen wurden, was 
früher ihr fester psychischer Besitz war: das Bewußtsein ihrer Blindheit 
— ganz nach der Art, wie Schizophrene typisch sagen : man habe ihre Ge- 
danken oder sonstigen psychischen Besitz eingezogen. 

In der Hirnpathologie ist aus den Anton Bolivianischen Füllen der 
NichtWahrnehmung der Blindheit bei cerebraler Erkrankung die Tatsache 
bekannt, daß Blinde das sichere Gefühl der Blindhell verlieren können. All 
besonderes Beispiel möge hier oin bekannter Bchrifurteller dienen, der an 
labes mit Blindheit nach Atrophie des Sehnerven litt and nachdem er nach- 
her an progressiver Paralyse erkrankte, zu glauben anling, daß er sein Augen- 
licht wieder gewonnen hat und sagte: „Die grünen Matten Tirols haben mir 
das Augenlicht wieder gegeben." Bei der progressiven Paralyse, boi der das 
Gefühl des Beeinflußtwerdcns in der Hegel ja fehlt, geht 'der Verlust dor 
Wahrnehmung der Blindheit ohne des Gefühls dos Erleiden«, ohne die Sensa- 
tionen des äußeren Zwanges vor sich. Wollte man annehmen, daß boi dor 
Patientin jenes Bewußtsein der Blindheit verloren ging, so «Uro die Art ih.-r 
Äußerung wohl typisch für die schizophrenen Mechanismen. Es bleibt daher 
zu überlegen, ob diese Äußerung tatsächlich auf den passiveren Verlust des 
Bewußtseins der Blindheit zurückzuführen ist. 

Sie berichtet dann weiterhin derartiges, daß man nach dorn Wortlaut 
wohl annehmen könnte, sie habe nun visuelle Traumbilder. Am .'10. XII. 
berichtet sie weinend: „Ich werde mir nicht einbilden, daß ich sehe, aber 
ich habe heute wiederum geträumt. Wiederum schöne Bilder. Ein goldenes 
Kornfeld, sehr weit reichend, — Bäume, Menschen mit braunen Gesichtern, 
— wie junge Burschen — in schwarzer Kleidung, ich habe sie gezählt, — 
es waren ihrer zwanzig -." Wiederum die Versicherung, sie könne sich 



Dr. Helene Deutsch: Ein kasuistischer Beitrag zur Kenntnis des Mechanismus etc. 45 

visuell das Geträumte nicht reproduzieren. Sie erwachte in der Früh mit dem 
Bewußtsein, sie träumte anders wie immer — sie sah im Traume. 

So klar der Wortlaut auch erscheinen mag, so ist bei den vielfachen 
und komplizierten Ersatzvorstellungen, die der Blindenutiterricht und die Be- 
rührung mit der Außenwelt dem Blinden bringt, schwer zu entnehmen, wie 
diese Traumbilder eigentlich von ihr erlebt worden sind. Ich bemerke nur, 
daß, wenn man sich an die einfache Diktion hält, wohl der Eindruck präva- 
lieren könnte, daß hier optische Elemente mitgewirkt haben. Wenn dies der 
Fall gewesen ist, so könnten es bei den hier vorliegenden Verhältnissen nur 
Regressionen aus dem ersten oder zweiten Lebensjahre sein. 

Selbstverständlich ist nicht mit Sicherheit festzustellen, ob dieses hypo- 
thetische Sehen zweidimensionell oder dreidimensionell gewesen ist. 

Sie weiß von Bildern, berichtet dazu, sie könne sich die Gegenstände 
nur nach ihren Formverhältnissen vorstellen. Wie sich die Formen im Traum 
verhielten, weiß sie nicht, sie kann nur angeben, daß sie im Traum dachte ' 
„wie einfach ist das alles und wie stark sind die Farben." 

Bei allen nachfolgenden Untersuchungen dissimulierte Patientin hart- 
näckig ihre visuellen Träume, sie selbst als pathologisch beurteilend. 

Von Freud selbst haben wir bereits eine Erklärung der halluzina- 
torischen Tätigkeit der Psychose: als eine Regression zu jenem Stadium, in 
dem die Vorstellungen nicht als innere Vorgänge ablaufen, sondern in der 
Außenwelt auftreten. Die Vermutung Tausks, daß das Bildersehen in der 
Fläche bei der Schizophrenie ein vorhalluzinatorisches Stadium der Entwicklung 
dos Sehens darstellt, erscheint mir absolut annehmbar. Ist es nun zu kühn 
zu vermuten, daß die regressive Arbeit der Psychose und des Traumes es 
vermochte, Erinnerungsbilder zu mobilisieren, die irgendwo in tiefem Unbe- 
wußten vergraben zum Leben erwachen durch die Bedingungen, die die 
Psychose mit Zuhilfenahme der Traumarboit schafft? Ist es nicht zu er- 
warten, daß die Patientin, die in das Stadium der Freud sehen „halluzina- 
torischen Vorstellungsfunktion 4 zu regredieren vermag, weil sie dieses Stadium 
der Intellcktsontwicklung durchgemacht hat, auf demselben Wege zu ihren 
Halluzinationen kommen kann, wie jeder sehende halluzinierende Schizophrene:-' 
Warum sie trotz ihrer Blindheit im Wachen nicht halluziniert, warum sie 
diese Leistung nur im Traume zu vollbringen vermag, ist mir unklar. Viel- 
leicht handelt es sich um einen Vorposten, eine Ankündigung einer halluzina- 
torischen Fähigkeit, die vorderhand unter dem Schutze dos Traumes künftighin 
im Wachzustand zu Tage treten wird. 

Auf jeden Fall, wenn die Annahme gewagt werden darf, daß hier durch 
Rogressiou visuelle Traumbilder in der Psychose wieder erschienen sind 
werden diese als etwas durch äußere Beeinflussungen Gemachtes wie von der 
Umgebung auf sie Übergegangenes empfunden. Es wäre somit wieder das 
Langunterdrückte, Tiefvergrabene, das mit seinem neuerlichen Aufsteigen zu- 
gleich in die Außenwelt verlegt worden wäre, wenigstens seinen Ursachen, 
wenn nicht seinem Geschehen nach. 

Über das Traumleben der Blinden wissen wir nur wenig. — Daß aber 
vor dem dritten Lebensjahr Erblindete, die im Wachen keine optischen Er- 
innerungen besitzen, es nicht vermögen, visuelle Erinnerungen im Traume zu 
mobilisieren, Vermitteltuns derblinde F. II i tschmann, der behauptet, weder an 
sich, noch an anderen frühzeitig Erblindeten diese Fähigkeit beobachtet zu haben. 

Ich hoffe, in Bälde die Möglichkeit zu haben, Näheres darüber zu be- 
richten. Bis dahin muß ich die an unserer Patientin beobachtete Tatsache 
als eine Leistung ihrer Psychose betrachten. 






46 



Mitteilungen. 



II. 



Somitagsncuroseii. 

Von Dr. S. Ferenczi (Budapest). 

Wir kennen aus der Psychiatric Krankheitszustäiido, deren Verlauf aus- 
gesprochene Periodizität zeigt; es genügt wohl, wenn ich an diu periodische 
Manie und Melancholie erinnere. Auch wissen wir es seit Freuds psycho- 
analytischer Feststellung, daß die Psychoncurotikor — von denen bekanntlich 
so viele an verdrängten Erinnerungen leiden — gerne den Jahrestag oder die 
Jahreszeit gewisser für sie kritischer oder bedeutsamer Erlebnisse mit der 
Steigerung ihrer Symptome feiern. Aber von Neurosen, deren Sytnptuin- 
sehwankungeu vom jeweiligen Wochentage abhängig wiircn, hat meines Wissens 
noch niemand Erwähnung getan. 

Und doch glaube ich die Existenz dieser eigenartigen Periodizität be- 
haupten zu können. Ich behandelte mehrere Neurot iker, deren spontan er- 
zählte oder während der Analyse reproduzierte Krankhcitsgcschichto die An- 
gabe enthielt, gewisse nervöse Zustände hätten sich bei ihnen — zumeist in der 
Jugendzeit — an einem bestimmten Wochentage, dann aber regelmäßig eingestellt. 

Die Mehrzahl verspürte dio periodische Wiederkehr der Störungen an 
Sonntagen. Zumeist handelte es sich um Kopfschmerzen oder 
Magendarmstörungen, die sich ohne besondere Ursache au dic-cin Tage 
einzustellen pflegten und den jungen Leuten den einzigen freien 'lug der Woche 
oft gründlich verdarben. Ich brauche wohl nicht zu versichern, dal ich dabei 
die Möglichkeit rationeller Ursachen nicht außer acht lioß. Auch dio Patienten 
selbst bemühten sich — scheinbar mit Erfolg — um eine sinngemäße Er- 
klärung dieser sonderbaren zeitlichen Bestimmtheit ihrer Zustünde und wollton 
es mit der diätetischen Sonderstellung des Sonntags in Zusammenhang bringen. 
Am Somitag schläft man länger als sonst, darum hat man Kopfschmerzen, 
sagten die einen; Sonntags ißt man so viel und so gut, darum verdirbt man 
sich so leicht den Magen, sagten die anderen. Ich will auch die Wirksamkeit 
dieser rein somatischen Momente in der Hervorrufung der sonntäglichen 
Periodizität nicht in Abrede stellen. 

Manches spricht aber dafür, daß diese physiologischen Momoiito den 
Tatbestand nicht erschöpfen. Der Kopfschmerz l, IS. kommt auch, wenn die 
Schlafdauer am Sonntag von der der übrigen Tage der Woche nicht ver- 
schieden war und diu Magenbeschwerden melden sieh auch, wenn die Umgehung 
und der Patient selbst schon gewarnt waren und dio Dittt »in diesem Tage 
prophylaktisch einschränkten. 

In einem der Fälle, diu mir bekannt wurden, bekam der kleine Junge 
jeden Freitag Abend Schüttelfrost und Erbrechen. (Es war ein Judonknnbo, 
für den am Freitag Abend dio „Sonntagsruhe" begann.) Er und dio ganze 
Familie führten den Zustand auf den Fischgenuß zurück ; es gab namlieb fast 
keinen Freitagabend ohne ein Fischgericht Es nützte aber Dicht, daß er sich 
den Genuß dieser Speise versagte ; dio Störungen meldeten sloh nach wie 
vor; diesmal wurden sie vielleicht auf dio Idiosynkrasie gegen den Anblick 
der gefährlichen Speise zurückgeführt. 

Das psychologische Moment, das ich nun zur Erklärung dieser lie tminit- 
heit in der zeitlichen Wiederkehr der Symptome als lldfsfaktor oder manch- 
mal auch als alleinige Ursache heranziehen möchte, ist in den Verhältni sen 
gegeben, die den Sonntag, auch abgesehen vom läugeren Schlaf und dem 
besseren Essen, kennzeichnen. 






Dr. S. Ferenczi: Sonntagsneurosen. 47 

Der Sonntag ist der Festtag der heutigen Kulturmenschheit. Man 
täuscht sich aber, wenn man glaubt, daß der Festtag nur die Bedeutung eines 
körperlichen und seelischen Ruhetages hat ; zur Erholung, die er uns gewöhn- 
lich verschafft, tragen Gemütsiuomente eminent bei. Nicht nur, daß wir an 
diesem Tage unsere eigenen Herreu sind und uns von allen Fesseln, die uns 
die Pflichten und der Zwang der Verhältnisse von außen auferlegen, befreit 
füllten ; es geht in uns — damit parallel — auch eine Art innerliche Be- 
freiung vor sich. Wir hörten von Freud, daß die inneren Mächte, die unser 
Denken und Handeln in logisch, ethisch und ästhetisch einwandfreie Bahnen 
lenken, nur triebhaft reproduzieren, was einst den Menschen äußere Not auf- 
gezwungen hatte. Was Wunder, wenn beim Nachlaß des aktuellen äußeren 
Druckes auch ein Teil der sonst schon dauernd unterdrückten Triebe frei wird. 
Der Nachlaß der äußeren Zensur zieht eben auch die innere in Mitleidenschaft 

Für den Fernstehenden ist es immer merkwürdig, ia beobachten, wie 
sich das Niveau einer Menschengruppe bei festlichen Anlässen verändert 
„Auf der Alm, da gibt's ka' Sund'," sagt der Steirer und meint damit daß 
an einem Sonntagsausflug auf die Alm eben alles erlaubt ist. Erwachsene be- 
nehmen sich wie Kinder, die Kinder aber geraten außer Rand und Band und nicht 
selten lassen sie sich zu Streichen hinreißen, die dann die Strafe der 
autoritativen Personen provozieren und der überguten Launo ein jähes und 
trauriges Ende bereiten. Nicht immer ist es so, denn die Erwachsenen sind bei 
solchen Anlässen von merkwürdiger Langmut, als fühlten sie sich von einer 
geheimen und unausgesprochenen Konvention gebunden, die den Schuldigen 
eine temporäre Straffreiheit zusichert. 

Aber es ist nicht jedem gegeben, seinen festlichen Übermut so frei und 
natürlich auszutoben. Dur neurotisch Veranlagte wird gerade bei solchen An- 
lässen zur Affektverkehrung geneigt sein, entweder weil er allzugefährlicke 
Triebe zu bändigen hat, die er besonders dann scharf behüten muß, wenn ihn 
das böse Beispiel der anderen lockt; oder weil sein überempfindliches Gewissen 
auch kleine Verfehlungen nicht passieren läßt. Außer der zur Unzeit sich 
einstellenden Depression dieser „ Spielverderber" können sich aber ihre durch 
das Fest aktivierten unterdrückten Regungen samt den dagegen mobilisierten 
Selbstbestrafungsphantasien in kleinen hysterischen Symptomen manifestieren. 
Und als solche muß ich auch die eingangs erwähnten sonntäglichen Kopf- 
schmerzen und Magenerscheinungen qualifizieren: der „lange Schlaf, das 
„viele Essen" etc. sind nur Anlässe, deren sich diese kleine Neurose bedient 
und mit denen sie ihre wahren Beweggründe rationell verhüllt. 

Ein Indizienbeweis für die Richtigkeit dieser Auffassung ist, daß es 
außer der periodischen, aber rasch vorübergehenden „Sonntagsueuroso" auch 
protrahierter^ „Ferialneurosen" gibt. Die damit Behafteten sind während 
ihrer Schul- oder Amtsferien stets von mohr-minder lästigen psychischen 
Zuständen geplagt. Abgesehen von den oben erwähnten „kleinen Hysterien" 
ist hier eine eigenartige Stimmungsveränderung recht häufig. Ich meine eine 
gewisse spannungsvolle Langeweile, die die Betreffenden mit keinerlei 
Zerstreuung hindern können, gepaart mit einer für sie selbst qualvollen 
Arbeitsunfähigkeit. „Faulheit mit Gewissensbissen", „eine Faulheit, deren man 
sich nicht erfreuen kann", mit diesen Ausdrücken versuchto ein von ihr Be- 
troffener diese Stimmung zu charakterisieren. Ein anderer sprach von einer 
Sehnsucht nach etwas Unbestimmtem und erinnerte sich, schon als Kind seine 
Muttor stundenlang mit der sehr allgemein gehalteten Bitte geplagt zu haben : 
„Mutter, gib mir etwas!" Was ihm damals die Mutter auch gab, ließ ihn 
aber unbefriedigt, er raunzte weiter, bis er tüchtig ausgeschimpft oder gar 



48 Mitteilungen. 

geprügelt wurde: dann gab er sich zufrieden. 1 ) Sollton hinter den Sonntngs- 
neurosen auch solche unbefriedigten Wunschregungen »lecken? Und wenn ja, 
was ist wohl der Inhalt dieser Wünsche? Woher das schlechte Gewissen, die 
Straftendenz der Symptome und die merkwürdige, übrigens den Kitern wohl- 
bekannte therapeutische Wirksamkeit der Strafe ? 

Beim zaletzt erwähnten Patienten konnte die Psychoanalyse boira 
besten Willen, endlich einmal etwas Abwechslung in die tiefston Motivo 
menschlichen Handelns zu bringen — wiodor nur Komponenten der odipus- 
Phantasie als versteckten Inhalt der unbewußten strafbaren Wünsche delek- 
tieren : Gewalttätigkeit gegen die Autorität und DoniUchtiguiigsimputso dem 
gegengeschlechtlichen Klternteil gegenüber. Bis mir dio Erfahrung nichts 
besseres lehrt, muß ich auch für die übrigen Festtagsnouroson diese Moti- 
vierung der Symptomo gelten lassen. 

Bei dem Knaben mit den Magonstörungen am Freitag Abend kann man 
der Determinierung der Symptome weiter nachgehen. Ks ist bekannt, daß 
für fromme Juden am Freitag Abend nicht nur das Fischo-Esson, sondern — 
auch die eheliche Liebe obligat ist; so wird wenigstens von sehr vielen, be- 
sonders den ärmeren Juden dio von der Bibol geforderte Heiligung dos Sab- 
baths ausgelegt. Wenn dann der Junge infolge Unachtsamkeit der Kltorn 
hievon mehr als ihm zusagt, erfahren oder erlauscht hat, so mag sich in ihm 
eine stabile Assoziation zwischen dem Fruchtharkeitssymbol Fisch und jenen 
aufregenden Vorgängen gebildet haben. Seine Idiosynkrasio wäre so erklärlich ; 
aber auch das Erbrechen wäre dann nur dio »Materialisation" der Vorgänge, 
deren Zeuge er gewesen ist. Die Gestalt dos Fisches genügt, um dio Asso- 
ziationsbrücke hiezu abzugeben. 

Die Sehnsucht der Menschen nach Festtagen ist nicht goringor als die 
nach Brot. Panem et circenses ! Freud zeigto uns in seinem „Totem und 
Tabu", warum die Totem-Clans an gewissen Tagen den Drang fahlen, ihr 
sonst mit heiliger Scheu angebetotes Totomtior in Stücke zu reißen. Auch 
die Bacchanalien und Saturnalien haben boi allen Volkern, auch den heute 
lebenden, ihre Analoga. Selbst dio Kirchweihfeslo und das l'uriinfost 
der Juden enthalten Züge davon. Wir können annehmen, daß bescheidene 
Reste dieser atavistischen Befrciungstendonz sich auch in die allwöchentliche 
Feiertagsstimmung einschleichen und boi bosotidors empfindlichen Gemiltorn 
die periodischen „Sonntagsneurosen" verursachen. Den den Festtagen auf den 
Fuß folgenden »Katzenjammer" oder »blauen Montag" könnte man als 
Andeutung eines auch hier zu Tage tretenden zyklischen Ablaufes, d. h. als eine 
passagere Melancholie auffassen. 

Wenn aber am Festtage, beim Nachlassen dos ttußoron Druckes dor 
Lasten und Pflichten, dor Mensch den Drang fühlt, sich auch sexuell zu ent- 
laden, so folgt or vielleicht nur der Spur der biologischen Vorgänge, die 
die Menschheit allezeit zu Festveranstaltungen nötigten. 

Die Periodizität der genitalen Vorgängo wäre so das Ur- und Vorbild sowohl dos 
normalen Bedürfnisses, dio Plagen dos Alltags zeitweise mit Freiheil .leiern abwech- 
seln zu lassen, als auch der periodischen „Fostlagsiiouroson", möglicherweise auch 
des zyklisch alternierenden Krankhoitsvorlaiifes heiin manisch-depressiven Irresein. 

') Der ungarische Diclitor Vörösma rty orzähll in seinem köstlichen, humo- 
ristischen Gedichto „Petiko 4 , wie sich diu Muttor umsonst bemüht, ihren von 
düsterer Traurigkeit befallenen Jungen mit Geschenken, Leckerbissen usw. iiui/.u 
heitern: erst beider Erwähnung der Nachbaratochter .1 D 1 i'.ka sagt der hin dahin DM lti< 
vistische Kleine mürrisch: „Sie möchte kommen!" Dooli da diirchiiohuut ihn die 

bisher besorgte Matter, witscht ihm ein hißoheiidcn Kopf und schickt ihn in die Shulc 



Kritiken und Referate. 

Wagner v. Jaaregg, Erfahrungen über Kriegsneurosen. 

Wagner ist gegen den allzu ausgedehnten Gebrauch des Wortes „psy- 
chogen" und ist nicht der Ansicht, daß alle hysterischen Erscheinungen psy- 
chogen seien.. Mögen einige hysterische Kriegserscheinungen psychogen ausge- 
löst sein, so seien sie doch nicht psychogen determiniert. Dagegen spreche 
vor allem, daß durch bestimmte Schädlichkeiten mit großer Häufigkeit ganz 
bestimmte Symptomgruppen ausgelöst wurden. Namentlich der Mutismus nach 
Granatexplosion sei viel eher auf den plötzlichen Reiz auf Ohr, Sprachzentrum, 
Trigeminus und Vagus und die Gehirnerschütterung zurückzuführen, als auf 
den Schreck. Der Schreck sei endlich auch eine physische, nicht nur psychische 
Erscheinung. Wagner fallt in seinem Sinne bestärkend auch auf, daß der 
Mutismus auf dem Wege zur Heilung noch in Stottern übergehe, das doch 
gewiß im Sprachzentrum lokalisiert, übrigens durch Üben heilbar sei. Für den 
Mutismus, der im Hinterland — ohne Explosion — entsteht, muß die rein 
psychogene Herkunft freilich zugegeben werden. Hier spiele aber mehr weniger 
unbewußte Nachahmung oft die Hauptrolle. Daß all diese Fälle auf psychische 
Einwirkung heilbar seien, sei kein zwingender Beweis für psychische Ent- 
stehung. In weiterem Verfolgen der Entwertung des Psychogenen hebt der 
Autor hervor, daß auch funktionelle Störungen durch Schußverletzungen des 
Schädels oder Gehirnes bemerkenswerterweise zu dem Gehirnzentrum, das man 
als geschädigt annehmen mußte, in Beziehung standen. 

Ähnliche, nicht psychogene Entstehungsweisen supponiert v. Wagner 
den Bewegungsstörungen, namentlich der unteren Extremitäten, wie sie auf 
eine Granatexplosion, Schußverletzung oder ein anderes physisches Trauma 
zurückzuführen sind. 

Auch hier sind nun Erkrankungen ohne Frontdienst oder Granatexplo- 
sion sehr häufig, also sicher psychogene, und zwar durch Zweckvorstellungen 
(ähnlich den Unfallneurosen) bedingt. Doch meint Wagner, daß diese Zweck- 
vorstellungen in vielen Fällen nicht ganz unbewußt sind oder bleiben; die 
„Verdrängung" der Zweckvorstellungen ins Unterbewußtsein gelingt auch den 
Hysterischen nicht immer vollständig und damit sind fließende Übergänge 
zwischen dem Nichtwollenkönnen und Nichtkönnenwollen geschaffen. Über die 
Zweckvorstellungen fuhrt Wagner näher aus, daß dieselben vielfach nicht 
nur auf die Außenwelt, sondern auch auf das Individuum selbst wirken sollen: 
man kann, wenn man z. B. an den Beinen gelähmt ist, vor dem eigenen 
Bewußtsein ein Held bleiben und muß sich nicht sagen, man habe nur nicht 
das Zeug zum Helden; „man ist leider durch die Krankheit behindert, sein 
Heldentum zu beweisen." Die Zweckvorstellungen schonen hier die Eigenliebe 
und befriedigen das Bedürfnis nach Selbstachtung. Nicht ohne Zögern und 

■/.fHtrhr f. «rrtl PirchOHndx»*. ▼/!. 



50 Kritiken und Referate. 

Einwände hat sich also die offizielle Neurologie von der Psychogonität ein- 
schlägiger Symptome ungern überzeugt. An der Psychologie dos Entsteh ons 
der Symptome aber geht Wagner vorüber und bestätigt mit seinen Zwock- 
vorstellungen nur, was wir den „Krankhoitsgewinn" nennen, die Vorstellungen, 
welche den Kranken gern bei seiner Störung verharron lassen. Die Kriegs- 
neurosen sind (wie die traumatischen) vom Gesichtspunkt der Psychoanalyse 
als narzißtische Neurosen zu bezeichnen und sind Folge der schweren 
Bedrohung des Ich, wie sie durch dio Unfähigkeit zur Verarbeitung 
der unvorbereitet erfahrenen Itoizmengen entstehen. Da Einzclannlysen noch 
fehlen, zu denen reine Fälle auszuwählen wären, so läßt sich Näheres über 
den zur Neurose disponierten Charakter, für den sein psvcho-scxueller Status 
nicht ohne Bedeutung sein kann, nicht aussagen. Möge das nach Wagner 
»überreiche" Material der Wiener Klinik in dor Richtung der gründlichen 
Einzelanalyse ausgewertet werden! Dr. E. Hitschmann. 

Prof. Friedel Pick, Über Sexualstörungon im Kriege (Wioner 
Klin. Wochenschrift, S. Nov. 1917.) 

Bei einer nicht geringen Anzahl von Kriegsteilnehmern, überwiegend 
Offizieren, findet sich auch im Hinterland anhaltende Abschwäehung des Sexual- 
triebes und Impotenz. Der Autor führt sie auf Neurasthenie, Anstrengungen 
und Erschütterung des Nervensystems durch Granaten oder Lawinen zurück 
und vernachlässigt leider ganz den Gesichtspunkt des Psychogenen, z. H. der 
starken Ablenkung durch die Sorgen um das eigene Loben sowie des fast 
rein homosexuellen Milieus. Dr. K. II. 

Herbert Silberer, Durch Tod zum Loben. Beiträge zur Geschichte der 
neueren Mystik und Magie, (Leipzig, lülö. Willi. Heims.) 

Wir haben in Freuds „Totem und Tabu" gesehen, wie wertvoll eine 
vergleichend ethnologische Kompilation, die, Naturvölker an Stelle von Ur- 
Völkern setzend, bis in der Menschheit Urzeit vordringt — für die Deutung 
gegenwärtiger psychologischer Phänomene werden kann. Der um Traum und 
Mystik verdiente Autor meistort das Instrument jonor ethnologischen For- 
schung und verwendet es hier, um das Problem der „Wiedergeburt*, die auch 
in der modernen Theosophisterei eine Kollo spielt, als nltos und weitverbrei- 
tetes Menschheitsproblem uns näher zu bringen. Weniger ansprechend scheint 
mir Silberers aus seinen Untersuchungen alter Gebräuche und Aberglauben 
abgeleiteter Trost — über die unendlichen Bliitopfor diosoH Weltkrieges. 
Hingegen ist sein Kampf gegen wichtige Hestandstücke der Theosophiele.hre, 
besonders die Wiedergeburt, ein wertvoller. Dio Weltbilder dor Thoosophi« 
zeigen ihm „regressiven Charakter, der zum Wahnsinn wird, wenn er sich in 
einem Individuum allzusehr festsetzt". Der Autor glaubt sich mit Freimark 
vollberechtigt, die ethischen Ziele vieler moderner Thcosophistenlolircn anzu- 
zweifeln und ist von dem Zag ins Infantile, dor ewigen Verwechslung von 
subjektivem und objektivom Geschehen, dem konstanten Vermutet ialisieren des 
Geistigen durch Hrpostasierung immer neuer Kmptindungsleiber etc. abgestoßen. 
Der moderne Okkultist schöpft nicht etwa Belehrung ans dein Keichtum früherer 
Geister, indem er ihre Werke liest, sondern will — wie der Wilde in der 
Unterwelt — die Geister wirklich antreffen (Astralroich). Dio tiefe Abneigung 
des Wissenschaftlers gegen diesen mystischen Tummelplatz der Mindergobiide- 
ten spricht aus Silberers Arbeit, die jedoch — Worte des Evangeliums gläubig 
zitiert. Der Kampf gegen die Mystik wird auch Individualunalvscn erfordern, 
um zu zeigen, wie der Einzelne das Bodürfnis nach mystischer Befriedigung 



Kritiken und Referate. 



51 



erwirbt und wieso er — von der Gelegenheit abgesehen — die spezielle 
Form wählt. Vor der Religion als anthropomorphischerer und verbreiteterer 
Form wird nicht Halt gemacht werden können 

Die geschichtliche Betrachtung des Symbols „durch Geburt zum Leben" 
ergibt viel Nachlesenswertes, außerdem wird energisch für die Psychoanalyse 
eingetreten, die allein visionäre und traumhafte Erlebnisse in ihre psychischen 
Wurzeln verfolgen läßt. 

Die Pubertätsriten, nach denen die Knaben in isolierter Gruppe in As- 
kese leben, bis sie scheinbar aus dem Tod (einer Betäubung) erwachend als 
Männer aufgenommen werden, repräsentieren eine Art Vergeistigungsprozeß, 
dann zeremoniellen Tod und Wiedergeburt. Tod und Wiedergeburt sollen die 
wunderbare Gabe der Zeugungsfähigkeit erklären (Schurtz), der Tod des Jüng- 
lings ist aber auch eine Transferierung seiner Seele in sein Totem (Frazer), 
die Wiedergeburt ein Einfließen des Lebens vom Totem. 

Jedenfalls sind nach Silberer zwei Prinzipien in allen Interpretationen 
enthalten : Erhebung nach einer Umwälzung zu höherer Lebensauffassung und 
Beziehung zu den geheimnisvollen Mächten des Jenseits. Die Wiedergeburt 
ist ein ritueller Ausdruck des Bemühens um eine radikale Wesensverbesserung. 
— Reiks wertvolle Untersuchungen über Pubertätsriteu („Imago" 1916) sind 
hier noch nicht berücksichtigt. Dr. IL 


















Korrespondenzblatt 
der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 



KcilaktioD : 



Dr. Sändor Ferencei, 

ZantralpriUidtiit. 



Dr. Anton v. K round, 

Zmitrftl»«kr«tlr. 



Bericht über den V. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß 
in Budapest, 28.-29. September 1018. 

A. Vorgeschichte des Kongresses. 

Der Präsident der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung I)r. 
Karl Abraham in Alienstein erhiolt vom stellvertretenden .Sekretär der 
Wiener Ortsgruppe Dr. Hanns Sachs die Anregung, es möge der Vorsuch 
gemacht werden, nunmehr, nach fünfjähriger Pause, trotz Fortdauer des Welt- 
krieges, den in den Statuten vorgesehenen Internationalen Kongreß zu stände 
zu bringen; es wurde darauf hingewiesen, daß die Bedeutung dos Kongrosses 
für die gegenseitige Fühlungnahme der Ortsgruppen infolge der durch den 
Krieg hervorgerufenen Störungen des persönlichen Verkehrs und Gedanken- 
austausches erheblich zugenommen hat. Der Präsident erklärte sich mit der 
Anregung einverstanden und holte die Meinungon der Obmänner jener Orts- 
gruppen ein, deren Beteiligung au dem Kongroß im Bereiche der Möglich- 
keit lag. 

Da sämtliche sich zustimmend äußerten, wurde ein vorbereitendes Komitee 
eingesetzt, welches als Ort des Kongresses Breslau und als Zeitpunkt den 
21. und 22. September ins Auge faßte. 

Infolge verschiedener technischer und Vorkehrsschwiorigkeiton wurde 
anfangs September die Verlegung dos Kongresses nach Budapost, und zwar auf 
den 28. und 29. September beschlossen und nach Abschluß der notwendigen 
Vorarbeiten derselbe auch einberufen. 

B. Kongreßprotokoll. 

Der V. Internationale Psychoanalytische Kongreß fand unter Vorsitz des 
Präsidenten der Vereinigung Dr. Karl Abraham am 28. und 29. September 
1918 in Budapest im Sitzungssaal der Ungarischen Akademie der Wissen- 
schaften statt. 



KorreBpondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 53 



Als Kongreßsekretäre fungierten : Dr. Otto Rank und an Stelle des 
durch Krankheit verhinderten Dr. Hanns Sachs: Dr. Lajos Lcvy und 
Dr. Sandor Radö. 

Teilnehmer des Kongresses. 

I. Offizielle Delegierte: 
Oberbürgermeister Dr. Stefan Barczy und Magistratsrat Dr. Edmund von 

Wi hiner, in Vertretung der Hauptstadt Budapest; 
Oberstabsarzt Dr. Sandor Szepessy und Stabsarzt Dr. Ödön v. Nömeth, 

in Vertretung der ungarischen Regierung; 
Generalstabsarzt Dr. Adalbert Pausz und Oberstabsarzt Dr. Friedrich Valek, 

in Vertretung der österreichischen Regierung ; 
Stabsarzt Professor Dr. Casten und Stabsarzt Dr. Holm, in Vertretung der 

deutschen Regierung. 



II. Mitglieder der „Int. 
Dr. Abraham, Berlin, dzt. Allenstein. 
Dick M., Budapest. 
Dr. Eitingon, Berlin, dzt. Miskolcz. 
Dr. van Emden, Haag. 
Dr. Federn, Wien. 
Dr. v. Felszeghy, Budapest. 
Dr. Ferenczi, Budapest. 
Prof. Dr. Freud, Wien. 
Dr. v. Freund, Budapest. 
Dr. 11. üerstem, Hamburg. 
Heller H., Wien. 
Dr. Hitschmann, Wien. 
Dr. Hollös, Nagyszeben, dzt. Budapest. 
Ignotus-Veigelsberg H., Budapest. 
Dr. .lekels, Wien. 
Dr. Jellinek, Budapest. 



Ps.-An. Vereinigung" : 
Dr. Lövy, Budapest. 
Dr. Liebermann, Berlin, dzt. Allenstein. 
Dr. Nunberg, Wien. 
Dr. van Ophuijsen, Haag. 
Dr. Pfeifer, Budapest. 
Dr. Radö, Budapest. 
Dr. Rank, Wien, dzt. Krakau. 
Dr. Reik, Wien. 
Frau Dr. R6v«5sz, Budapest. 
Dr. Röheini, Budapest. 
Dr. Sachs, Wien. 
Dr. Sadger, Wien. 
Frau Dr. Sokolnicka, Warschau. 
Dr. Steiner, Wien. 
Dr. Szilagyi, Budapest. 
Dr. Tausk, Wien, dzt. Belgrad. 



III. 

Herr und Frau Dr. August Alcsuti. 

Herr Aladär Bälint. 

Herr Robert Bere"ny. 

Herr und Frau Dr. Daniel Brödy. 

Herr Dr. Georg Brödy. 

Frau Dr. Samu Brödy. 

Herr Dr. B. Buzay. 

Frau Sophie D6nes. 

Frau Sigmund Dönes. 

Frau M. Dick. 



Gäste: 

Herr Dr. Emil Dubovitz. 
Frau Dr. Hugo Dnbovitz. 
Herr Ladislaus Elek. 
Frau Aladär Erdös. 
Herr Dr. Ignacz Fekete. 
Frau Lajos Ferenczi. 
Frau Erzsebet Földes. 
Herr Lajos Földes. 
Frl. Anna Freud. 
Herr Ernst Freud. 



54 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 



Frau Prof. Dr. Sigm. Freud. 


Herr 


Frau Dr. Anton v. Freund. 


Herr 


Frau Jolän Garai. 


Ho IT 


Frau Prof. Dr. Karl Goldziher. 


Frau 


Herr Prof. Dr. Bernat Heller. 


Herr 


Frau Olga Hollös. 


Frau 


Herr Nändor Honti. 


Frau 


Frau Hugo Ignotus. 


Herr 


Frau Hedwig Jellinek. 


Herr 


Frau Dr. Arthur Klein. 


Herr 


Frau Lilli Kozma. 


Frau 


Frau Dr. Ludwig Levy. 


Frau 


Herr Josef Litvdn. 


Herr 


Frau Arthur Mai. 


Frau 


Herr Dr. Gustav v. Olah. 


Herr 


Frau Geza PaIos. 


Herr 


Frau Dr. J. Pfeifer. 


Herr 


Frau S. Polänyi. 


Horr 


Frau Josef Porges. 





Nikolaus Kajk. 

Franz v. Romdnyi. 

Arthur Renyi. 

Edith Renyi. 

Prof. Dr. Geza RcveM. 

Irene Schoor. 

Dr. 1-Vlix Schiller. 

Dr. Julius Schuster. 

Karl Sorbacic. 

Dr. Ernst Simraol. 

Dr. Mint Steiner. 

Dr. Laura Strickor-I'olfinyi. 

und Fruu Dr. Alex. Szabö. 

Dr. G. Szilagyi. 

Bela Szilnrd. 

Prof. Dr. Rüstern Vambery. 

Dr. Aloxandor Varjas. 

Dr. Hugo Zwillingor. 



Der Kongreß wird von den Vertretern der Hauptstadt Budapest will- 
kommen geheißen; Präsident Dr. Karl Abraham begrüßt die offiziellen 
Delegierten wie auch die übrigen Kongreßteilnehmer und spricht seine 
Freude darüber aus. daß es u'eluiigcn ist, die außerordentlichen Schwierig- 
keiten zu überwinden und auch Vereinsmitglieder aus dem neutralen Auslände 
als Teilnehmer und Mitarbeiter zu gowinnon, woboi or besonder, die erschienenen 
Vertreter der neugegründeten hollilndiscbon Ortsgruppe Dr. van Kmdon 
und Dr. van Ophuijson aus dem Haag apostrophiert. Fr berichtet von der 
telegraphischen Mitteilung Dr. Pfisters in Zürich — den ein Todesfall 
am persönlichen Erscheinen verhinderte — wonach auch in dor Schweiz eine 
neue Ortsgruppe der Internat. Ps.-An. Vereinigung in Bildung begriffen ist. 

Es werden die eingelangten Begrüßungsschreiben von Krau l.on A ndreas- 
Salom «5, Göttingen, Dr. L. Bins wanger, Kreuzungen, Univ.-l'rof. Dr. Knianucl 
Löwy, Wien, Dr. Nop alleck, Wien, von Herrn und Frau Dr. Oborholzer, 
Zürich, Pastor Dr. Pf ister, Zürich, verlesen. Schließlich gedenkt dor Prä- 
sident in warmen Worten der seit dem letzton Kongreß verstorbenen verdienst- 
vollen Mitglieder Dr. Stegmann, Dresden, Dr. Reitler, Wien, und Dr. 
J. Staercke, Utrecht. 

Das wissenschaftlich» PvognnÜU 

wurde eröffnet mit einer Diskussion über die Psy c h na niilyse dor 
Kriegsneu rosen. Hierbei fungierten als Referenten die Herren Dr. S. 
Ferenczi, Honved-Regiinentsarzt auf Kriogsdauer, Dr. Karl Abraham, 
leitender Arzt der psychiatrischen Station de« XX. Armeekorps in Allonstein, 






Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 55 

Ostpreußen, und Dr. Ernst Sinimel, kgl. preuß. Oberarzt, Vorsteher des 
Festungslazarettes Nr. XIX für Kriegsneurotiker in Posen, als Gast. 

An der Diskussion beteiligten sich: Stabsarzt Prof. Dr. Casten, Berlin, 
Dr. Federn, Wien, Professor Dr. Freud, Wien, Dr. II oll 6s, Zagreb, 
Dr. Liebermann, Allenstein, Dr. van Ophuijsen, Haag, Dr. Pfeifer, 
Budapest, Dr. Sadger, Wien, Dr. Tausk, Belgrad, worauf Hauptreferent 
Dr. Ferenczi zu einem kurzen Schlußwort und Vorsitzender Dr. Abraham 
zu eiuem Resume" das Wort nehmen. 

Als zweiter Teil des wissenschaftlichen Prograrames folgen die Vorträge: 
Dr. von Emden, Haag: „Analyse einer Sensation am Kopfe im Traum. " 
Univ. Prof. Dr. S. Freud, Wien: „Wege der psychoanalytischen Therapie." 
Dr. Morton Jellinek, Budapest: „Ethnologische Beiträge zur Psychologie 

der Freundschaft." 
Dr. van Ophuijsen, Haag: „Die Frigidität des Weibes." 
Dr. Otto Rank, Wien: „Mythus und Märchen." 
Dr. Gdza Rohe im, Budapest: „Das Selbst." Eine völkerpsychologische 

Studie. 
Dr. I. Sadger, Wien: „Neue Forschungen zum Kastrationskomplex." 
K. u. k. Oberarzt Dr. Viktor Tausk, Wien, dzt. Belgrad: „Psychoanalyse der 

Urteilsfunktion." 

Die geschäftlichen Besprechungen. 

fanden, ebenso wie die Generalversammlung der Internationalen 
Psychoanalytischen Vereinigung, in den Nachmittagssitzungen der 
Kongreßtage statt. 

Der Präsident Dr. Karl Abraham erstattet Bericht über die Tätig- 
keit der Liternationalen Psychoanalytischen Vereinigung seit dem letzten 
Kongreß in München im Jahre 1913. Im Anschluß daran wird der Beschluß 
gefaßt, daß alle Ortsgruppenpräsidenten eine genaue Namens- und Adressen- 
liste der Mitglieder anzulegen und bis zum 1. Januar 1919 dem Sekretär 
der Vereinigung einzusenden haben. Ferner wird beschlossen, daß sämtliche 
Ortsgruppen für jedes ihrer Mitglieder den vom Präsidium festzustellenden 
Betrag als Beitrag für die Internationale Psychoanalytische Vereinigung zu 
zahlen und auch alle in den letzten Jahren rückständig gewordenen Mitglieds- 
beiträge zum selben Termin an den Vereinssekretär abzuführen haben. 

Dr. van Emden erstattet Bericht über die psychoanalytische Bewe- 
gung in Holland und teilt einiges über die Verhältnisse in England und 
Amerika mit; es wird der vom Sekretär der holländischen Gruppe einge- 
sandte Beriebt über die Tätigkeit des 13 Mitglieder zählenden Vereines im 
Jahre 1917 verlesen. 

Professor Freud macht die Mitteilung, daß es einem Mitglied der 
Vereinigung gelungen ist, das Ergebnis einer zur Förderung internationaler 
kultureller Bestrebungen erfolgten Sammlung den Zwecken der psychoanaly- 



56 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 

tischen Bewegung zuzufahren, indem der über den gesammelten Betrag ver- 
fügende Oberbürgermeister von Budapest denselben ihm (Professor Freud) zur 
persönlichen Verfügung gestellt hat. 

Professor Freud gedenkt den Intentionen der Spender dadurch zu 
entsprechen, daß er den ihm zur Verfügung gestellten Fonds zur Forderung 
der wissenschaftlichen Publikationen, insbesondere zur wirksamen Ausgestaltung 
der Vereinszeitschriften verwendet. Er behält sich vor, über bedeutsamere 
Vorgänge dieser Aktion zeitweise entweder dem Präsidenten oder der (Jonoral- 
versammlung der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung Mitteilung 
zu machen. 

Des weiteren wird beschlossen, das Präsidium zu boauftragen, es möge 
in wirksamer Weise für die Regelung der Verhältnisse hinsichtlich der 
Vereinszeitschriften Sorge tragen, indem gleichzeitig dem Präsidenten weitest- 
gehende Vollmacht in dieser Richtung erteilt wird. Dr. Abraham urgiert 
das Wiedererscheinen des „Jahrbuchs für Psychoanalyse*, insbesondere mit 
Rücksicht auf die schon längst fälligen Sammolreferate, die sich besonders 
bewährt hätten. Prof. Freud weist auf die Schwierigkeiten der Buchdruck - 
indnstrie hin und beantragt, Dr. Abraham möge in dio Rodaktion der 
„Internat. Zeitschrift" eintreten, dio einstweilen auch dio Stelle des „Jahr- 
buchs" vertritt. Dr. Abraham nimmt dio Borufung an. 

Gleichzeitig wird ausgesprochen, daß künftighin auch „linngo" als offiziell© 
Vereinszeitschrift gelten und deron Abonneinentpreis (für Mitglieder) durch 
besondere Mitgliedsbeiträge der Ortsgruppen aufzubringen sein wird. Hierüber 
sollen den Ortsgruppen noch detaillierte Mitteilungen zukommen. An der 
Diskussion dieses Gegenstandes beteiligten sich Dr. Ldvy und Dr. Tausk. 
Über Antrag des Dr. Nunberg betreffend dio Modalitäton der Auf- 
nahme neuer Mitglieder in die Internationale Psychoanalytische Voreinigung, 
respektive deren Ortsgruppen, wird einstweilen kein Beschluß gefaßt; der 
Vorschlag des Dr. Federn über die Tagesordnung der nächsten Kongresse 
wird der Kompetenz des Präsidenten, oiuige von Dr. Tausk vorgebrachte 
Bemerkungen, den redaktionellen Teil dor Zeitschriften botrell'end, der Kom- 
petenz der Zeitschriftredaktion zugewiesen. 

Dr. van Emden ladet den Kongreß zu seiner nächsten Tagung nach 
dem Haag, Holland, ein. 

Hierauf findet die konstituierende Generalversammlung der 
Vereinigung statt. Über Vorschlag des bisherigen Präsidenten Dr. Karl Abra- 
ham, wird einstimmig Dr. Sändor Foronczi zum Präsidenten gewählt, dor 
die Wahl annimmt, und zum Vereinssekrotär Dr. Anton v. Freund bestimmt. 
Der neugewählte Präsident Dr. Forenczi regt an, daß die internatio- 
nalen Beziehungen möglichst bald wieder angeknüpft worden mögen, woran 
insbesondere die Ortsgruppen der neutralen Staaton mitwirkon können; er 
hofft, daß der nächste Kongreß wieder wirklich „international" sein wird. Ein 
Wunsch, der von allen Kongreßmitgliedern lebhaft akklamiort wird. 



Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 57 

Schließlich wird der von Dr. Ferenczi ausgehende Vorschlag, dem Vor- 
sitzenden des Kongresses Dr. Karl Abraham für die ausgezeichnete Amts- 
führung den Dank der Vereinigung auszusprechen, einstimmig angenommen. 

Mit einer Rede des scheidenden Präsidenten Dr. Karl Abraham, 
in welcher er seine Befriedigung über die erfolgreiche wissenschaftliche und 
organisatorische Tätigkeit des Kongresses und seinen Dank an die Budapester 
Ortsgruppe zum Ausdrucke bringt, schließen die Beratungen. 

C. Aufnahme des Kongresses in Budapest. 

Die Stadt Budapest hatte zur Unterbringung der Kongreßteilnehmer das 
neu erbaute Thermalbad Budapests, Hotel „Gell6rtfürdö", zur Verfügung ge- 
stellt ; im „Marraorsaale" dieses Hotels fand am Vorabend des Kongresses 
eine zwanglose Zusammenkunft der Teilnehmer statt. Am Abend des 
28. September waren die Kongreßteilnehmer Gäste der Stadt Budapest bei 
einem dem Kongreß zu Ehren veranstalteten Festmahl im Hotel Bristol, bei 
welchem Magistratsrat Dr. von Wildner namens der Haupt- und Residenz- 
stadt Budapest in einer geistreichen Tischrede das Wohl des Kongresses aus- 
brachte, worauf Dr. Eduard Hitschmann, Wien, namens der Kongreß- 
teilnehmer dankte. 

Zur Beförderung der Teilnehmer vom Hotel GelltSrtfürdö zur Akademie 
der Wissenschaften war an beiden Kongreßtagen von der ungarischen Fluß- 
und Seeschiffahrts-A.-G. ein Donaudampfer zur Verfügung gestellt. 



Offizielle Mitteilungen. 
A. Veröffentlichung der KongreUvorträge. 

Die Veröffentlichung der Kongreßvortrüge medizinischen Inhaltes soll in 
der „ Internationalen Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse* resp. als selb- 
ständige Broschüre, die der anderen Vorträge in der Zeitschrift für ange- 
wandte Psychoanalyse 8 Jmago u erfolgen. Die Herren Vortragenden Verden 
aufgefordert, die druckfertigen Manuskripte baldmöglichst an den Präsidenten 
Dr. Sändor FerenVzi, Budapest, VII. Krzsöbet-kö'rut •!.'>, einzusenden. 

Die Diskussion über Kriegsneurosen soll als selbständiges Kinzelhoft er- 
scheinen. Die Herren Referenten und Diskussionsteilnohmcr werden daher 
ersucht, ihre präzise gefaßten Äußerungen an obige Adresso dringend einzu- 
senden. 



B. .Mitgliederlisten- und Mitgliedsbeiträge. 
Die neue Leitung der Vereinigung beabsichtigt, möglichst rasch oino voll- 
ständige Liste der Mitglieder sämtlicher Ortsgruppen anzulegen. Zu diesem 
Zwecke werden die Präsidenten der Ortsgruppen dringondst ersucht, die 
Mitgliederlisten, und zwar sowohl den jetzigen Stand, als auch den zur 
Zeit vor Kriegsausbruch, dem Sekretär Dr. Anton v. Freund, Budapest, VI. 
Liszt Ferencz-ter (i, einzusenden. Ebenso ist es dringend nötig, daß dicOris- 
gruppenleitungen die diesjährigen BeitrÄgo für die Internationale Vereini- 
gung gleichfalls an obige Adresse abfuhren (10 Mark = K 16.— per Mit- 
glied flir das Vereinsjahr 1919). 



Ungarische psychoanalytische Vereinigung 

(Freud- Verein). 

Ungar. Ortsgruppe der Internationalen psychoanalytischen Vereinigung. 

Die Ungarische psychoanalytische Vereinigung hat ihre infolge des Kriegs- 
zustandes eingestellte Tätigkeit mit der am 17. März 1918 abgehaltenen 
Jahresversammlung wieder aufgenommen. Der Vorstand wurde wiedergewählt, 
Dr. G. Szilägyi zum neuen Kontrollor bestellt und auf Antrag des Vor- 
sitzendon der Beschluß gefaßt, daß die Vereinigung zu Ehren des Begründers 
der Psychoanalyse fortan auch den Untertitel „Freud-Verein" führen 
wird. Elf Mitglieder wurden gewählt. 

Gegenwärtige Mitgliederliste (31. Dezember 1918) : 
M. Dick, Budapest, VII. Erzsöbet-kö'rut 14. 
Dr. M. Eisner, Szeged, Dugonics-te"r 11. 
Dr. A. Fazekas, Budapest, IX. Üllöi-ut 89. 

Dr. B. von Felszeghy, Budapest, Ministerpräsidium (Nemzeti palota) 
Dr. S. Ferenczi, Budapest, VII. Erzsebet-körut 45 (Vorsitzender). 
Dr. A. Freund von Töszeg, Budapest, VI. Liszt Ferencz-ter 6 
Dr. J. Ilärnik, Budapest, VIII. Raköczi-ter 13. 
Dr. I. II ol lös, Chefarzt der staatl. Irrenanstalt Nagyszeben, Budapest 

Nagykorona utca 16. 
H. Ignotus-Veigelsberg, Budapest, II. Margit-körut 64/a. 
Dr. M. Jellinek, Budapest, II. Csalogäny-utca 50. 
Prof. Dr. E. Jones, London (Ehrenmitglied). 
Dr. L. LcSvy, Budapest, V. Szalay-utca 3. 
Dr. S. Pfeifer, Budapest, I. Nydrs-utca 3. 
Dr. A. Itadö, Budapest, IX. Ferencz-körut 14 (Sekretär) 
Frau Dr. E. R6v6sz, Budapest, VIII. Vas-utca 15/b. 
Dr. G. Robe im, Budapest, VI. Hermina-ut 36/a. 
Dr. G. Szilägyi, Budapest, VII. Damjanich-utca 28 
Prof. Dr. J. Varga, Budapest, VIII. Sändor-ter 4. 
Dr. A. Varjas, Budapest. I. Gellerthegy-utca 45. 

Vorsitzender: Dr. Ferenczi. 

Sekretär: Dr. Radö. 

Es wurden seit Mai 1918 folgende wissenschaftliche Sitzungen abge- 
halten : 

1. am 5. Mai: Dr. Ferenczi: Über hysterische Materialisationsphäno- 
mene; 

2. am 9. Juni: Dr. G. Rohe im: Ethnologische Beiträge zur Frage 
der Endogamie: 

3. am 28. November: Kasuistische Mitteilungen; 

4. am 11. Dezember: Dr. Ferenczi: Beiträge zur psycboanalyt. Technik ; 
o. am 27. Dezember: Dr. A. Varjas: Zur Psychoanalyse des National- 
gefühles. 

Aul Einladung des ungarischen „ Freud- Vereines" wurde der V. internatio- 
nale psychoanalytische Kongreß am 28./29. September in Budapest abgehalten. 



Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Ges. m.b.H.. taipri* "•"• Wten, I «miiansT!«!-«»*«» :j .V 



In Vorbereitung befinden sich : 



Diskussion 
über Kriegsneurosen 

gehalten auf dem V. Internationalen 
Psychoanalytischen Kongreß in Bu- 
dapest, 28.- 29. September 1918 

mit Referaten von Dr. Karl Abraham 

(Berlin), Dr. S. Feien czi (Budapest) und 

Dr. Ernst Simmel (Berlin). 



Dr. S. Forenczi 

Hysterie und 
Patnoneurosen. 

Inhalt : 

Von Krankheits- oder Pathouourosen. 

Hysterische Materialisationsphilnomeno. 

Technische Schwierigkeiten einer Ilystoiiennulysc. 

Erklärungsversuch einiger hysterischer Stigmata. 

Zwei Typen der Kriegshysterie. 

Psychoanalyse eines Falles von hysterischer Hypochondri«. 



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