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Full text of "Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse I. Band 1913 Heft 5"

INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT 

FÜK 

iRZTLlCHE PSYCHOMALYSE 

OFFIZIELtES ORGAN 

DEK 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 

HERAUSGEGEBEN VON 

PROF. DR. SIGM. FREUD 

REDIGIERT VON 

DR. S. FERENCZI DR. OTTO RANK 

BUDAPEST WIEN 

PROF. DR. ERNEST JONES 

LONDON 

ÜNIER STÄNDIGER MITWIEKONQ TON: 
Dk. Karl Abraham, Beblin. — Dr. Ludwig binswanger, Kredzlimgkh. — 
Dil Poul Bjerre, Stockholm. — Dr. a. a. Brill, Sew-York. — Da. Triqant 
BuRRow, BALTmoBE. — Dr. M. D. Eder, London. — Db. J. van EMDEN, Haag. — 
Dr. M. EmNQon.BEHLm. — Dr. Paul feder n, Wien. — Dr.eduard hitschmann, 
WiBM. — DR.L.jEKELa,WiEN. —DOZ.C.G.JUNG, Zürich, —Db. FRIEDE. S.KRAUSS, 
Wien. — Du. Alphonse MaEder, Zürich. ~ De. 1. Marcimowski, Sielbecb. — 
Prof. moeichau-Beauchant, Poitibhb. — De. Oskar pfister, Zühich. — Prof. 

JAMES J. POTNAM, BoSTON. — Db. E. REITLEE, WieM. — DR.FRAI^Z RIKLIN, ZÜRICH. 

— Dr. HANNS SACHS, WiBp. ~ Db. J. Sadger. Wieh. — Dr. L. SeiP, MöhChen. — 

DK.A.STÄRCKE,HmSTER-HEroB.-DB.A.STEGMANN,DHESDeN.-DR.M.WULFF,ODESSA. 

I. JAHBGANG^lBia 
HEFT 5. SEPTEMBER 




1913 

HUGO HELLER & CIE. 

LEIPZIG UND WIEN, I. BAUERNMARKT 3 



■} 



JÄHRXJCH ö HEFTE BEI 40 BOGEN STARK M J8.- ^ K 2h60 



Die ^Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse" stellt sich 
die Aufgabe, dem Anfänger durch didaktische Aufeätze eine Ein- 
führung in das Wesen und die Übung der Psychoanalyse zu geben, den 
Vorgeschrittenen Gelegenheit zum Austausch ihrer Erfahrungen zu bieten 
und sie durch Kritiiten und Keferate fortlaufend von der Entwicklung 
dieser jungen Wissenschaft zu unterrichten. 

Die Zeitschrift bringt Originalarbßiten zum Abdruck, von 
denen eine Erweiterung unserer psychoanalytischen Erkenntniaee zu er- 
warten ist, und Mitteilangen, durch welche die bekannten Lehren 
erläutert und bestätigt werden sollen. 

Es erscheinen jährlich sechs Hefte der Zeitschrift, jeden zweiten 
Monat abwechselnd mit „Imago", im Gesamtumfang von ca. 36—40 
Druckbogen zum Jahrespreiß von M 18. — = K 21.60. 

Auch wird ein gemeiasamea Abonnement auf die beiden ■ psychö- 
analytiechen Zeitschriften zum ermäßigten GesarntjahreHprei» von M 30. — 
= K 36.— eröffnet , 



Daa rege Interesse, das iösbesondere Amerika und England 
an der Entwicklung and Ausbreitung der paychoanalyüschen Lehren 
nehmen, laßt einen engeren Kontakt mit den Forschern und Ärzten 
dieser Länder wonachenawert erscheinen. Die Zeitschrift wird von 
nnn an diesem Zweige der psychoanalytisdien Literatur besondere 
Aufmerksamkeit widmen und hat sich zur Fßrdemng dieses Zweckes 
die redaktioneUe Mitwirktuig ihres geacbätzten Mitarbeiters Dr. Bmest 
Jones in London, Prof essor« , dör\P8ychiRtTie , 4n der Univcrsitfit In 
Toronto, gesichert 



Für die Bedaktion bestimmte Zuschriften und Sendungen an : 
Dr. S. Ferenczi, Budapest. VH. Elieabethrmg 54. 



All American and Eoglish «ommnnications and contribntious shoold be 
aent (typewritten) to Dr. Krneat Jones. 69 Porfland Court, London W. 



Alle .Manuskripte sind vollkommen druckfertig einzusenden. 
Sämtliche Beiträge werden mit dem einheiüichen Satz von K 50— 
pro Druckbogen honoriert. 

■ .^ ^r ***° " O^ginalarbeiten" und „Mitteilungen" erhalten die Mitarbeiter 
je 50 heparatabzüge gratis geliefert. 

Copyright 1913. Hugo HeUer & Cie.. Wien, I. Bauenuu. 8. 



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Originalarbeiten. 



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Haß und Atialerotik in der Zwangsneurose.') 

Von Professor Ernest Jones, London. 

In einem jüngst entstandenen Beitrag zu dem Thema der Zwangs- 
neurose^), zu welchem das folgende eigentlich einen Nachtrag bildet, 
schildere ich die bemerkenswert wichtige Rolle, welche die Analerotik 
bei dieser Krankheit spielt und die Erfahrung anderer Psycho- Analytiker, 
bei denen ich Nachfrage hielt,^) deckt sich in diesem Punkte mit der 
meinigen. Es ist ja bekannt, daß Freud in seiner bedeutungsvollsten 
Arbeit zu diesem Thema*) die Aufmerksamkeit speziell auf den vor- 
herrschenden Einfluß, den der Haß auf die Entstehung des Leidens aus- 
übt, gelenkt und darauf hingewiesen hat, daß die abwechselnde Wirkung 
von Liebe und Haß und das Gegeneinanderstreben derselben die charak- 
teristischen Züge von Zwang und Zweifei in hohem Maße bedingt und 
mit ihnen im Verhältnisse der strengsten Korrelation steht. Wenn sich 
f also mein Fund bewahrheitet, so ist anzunehmen, daß ein innerer Zusam- 

■ menhang zwischen Haß und Analerotik besteht, u. zw. mit Sicherheit 

bei der Zwangsneurose, vielleicht überhaupt. 

Von der Psychologie des Hasses ist nicht allzuviel bekannt. Daß 
er oft in nahet Verwandtschaft zum Sadismus steht, ist eine vertraute 
Erfahrungstatsache, obgleich es nicht an Anhaltspunkten mangelt, um 
zu bezweifeln, daß dieselbe ursprünglich sei. Meiner Einsicht zufolge 
scheint der Entstehung des Hasses ein früherer, undifferenzierter Zustand 
voranzugehen, in welchem Unlust, Verdruß und vielleicht Ärger von dem 
Kind empfunden werden, wenn es findet, daß seine Wünsche nicht 
sogleich befiiedigt werden, und insbesondere, wenn die Befriedigung durch 
aktives Eingreifen verhindert wird. Wir können von Ärger nur dann 
sprechen, wenn Gefühle dieser Art an einzelne bestimmte Personen geknüpft 

1) Vortrag, gehalten bei dem III. J all reskon gieß der „American Paycho-Ana- 
lytic Association" am 9. Mai 1913. ^ ^ _ 

*) Jahrbuch, Bd. IV. u. V. ' ' ' ' " , , ^. ^,. 

=) Insbeaondere möchte ich H. Dr. Ferenczi und S. Dr. Seif für die Mit- 
teilungen hinsichtUch ihrer Erfahrung danken. 

*) Freud, Jahrbuch, 8d. I. 



jr^' 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




f 

i 



426 l'rof. Emest Jones. 

werden, doch darauf allein kann sieh der Haß nicht gründen. Für 
die Entstehung des Hasses ist vielmehr notwendig, daß eine dauerhafte 
Affektvetbindung zwischen den beiden Personen hergestellt sei, oder daß 
wenigstens die gehaßte eine Ersatzperson für jemand anderen ist, auf 
den sich diese Verbindung bezieht. So wie alle affektiven Bindungen ".V 

ist auch diese ursprünglich positiv und bleibt so im Unbewußten. Sie 
kann früher einmal im Bewußtsein als Liebe aufgetreten sein und dann 
haben wir den bekannten Fall vor uns, daß sich Liebe in Haß verwan- 
delt, oder es kann nur ein unbewußter Versuch stattgefunden Iiaben, 
eine Liebesverknüpfung herzustellen, dem aber der Erfolg versagt blieb. 
Jedenfalls ist der Haß als Ausdruck verschmähter oder verhinderter 
Liebe aufzufassen. Auch scheint bei der Entstehung des Hasses eine 
gewisse Beimischung von Furcht regelmäßig gegeben zu sein, doch ist 
diese keineswegs immer bewußt. Wir hassen niemale eine Person, die 
nicht in irgend einer Weise, oft ganz unauffalHg, stärker ist als wir 
oder uns doch in irgend einer Hinsicht in ihrer Macht hat. So z, B. 
können wir ärgerlieh sein, auf einen Untergebenen, einen Fremden, auf 
jemanden, der uns völlig gleichgültig ist, aber um hassen zu können, 
müssen wir auf einen Menschen treffen, der uns irgendwie überlegen ist, 
mit dem wir viel in Berührung kommen, und von dem wir gehofft hatten, 
ihn lieben zu können. Diese Bedingmigen werden am häufigsten erfüllt, 
wo es sich um jemanden handelt, der uns eng verbunden ist, insbeson- 
dere um ein Familienmitglied, und es ist wahrscheinlich, daß der Haß, 
wie das Mitleid, im eigenen Heim beginnen und ihr späteres, nach der 
Außenwelt zu gerichtetes Auftreten nur eine Veränderung ihrer ursprung- 
hchen Form ist. 

Wenn wir nun die Frage nach der Natur des Hasses zurückstellen 
und uns jener nach seinem Ursprung zuwenden, müssen wir die Gele- 
genheiten im frühesten Kindesleben in Betracht ziehen, bei denen die 
eben aufgezählten Bedingungen zutreffen. Für das kleine Kind ist Liebe 
von Seiten der Eltern oder anderer Personen seiner Umgebung gleich- 
bedeutend mit der Gewährung von Lust. Das Kind fühlt sich geliebt, 
wenn jemand seinen Befehlen gehorcht, seine Wünsche erfüllt oder 
es wenigstens unterläßt, ihre Erfüllung zu verhindern. Jedes Benehmen 
gegenteiliger Art von seiten irgend eines Menschen, an den das Kind 
Ansprüche macht, wird sogleich als Zeichen von ungenügender Liehe, 
oder sogaj von Feindseligkeit aufgefaßt und wird in späteren Jahren 
die Grundlage solcher Phänomen, wie es das Gefühl des Zurückgesetzt- 
werdens und im Irrsinn der Verfolgungswahn sind. Wohl das best- 
gekannte Beispiel dieser Tendenz im kindlichen Seelenleben ist die 
_Ödip US-Situation, wo der Elternteil desselben Geschlechtes entweder als 
passives oder aktives Hindernis für das Begehren des Kindes nach Bei- 
sammensein mit dem anderen Elternteile wirkt. Der Verdruß und Ärger 



i Haß nnd Analerotik in der Zwanganenrose, 497 

I . 

jl^ des Kindes, die natürlich nicht besänftigt werden können, sind die Vor- 

; stufen für den dauernden Haß, sei es nun bewußt oder verdrängt ; die 

■weitgehenden Folgen davon im späteren Leben sind zu gut bekannt, 
als daß ich sie hier erwähnen müßte. Wir haben hier einen 
■ typischen Illustrationsfall der Bedingungen, die für die Entwicklung des 
Hasses notwendig sind: ein Wesen, welches der Betreffende zu lieben 
bereit war, das stärker ist als er selbst und als Hindernis zur Erlangung 
von Lust wirkt, wodurch es sowohl Furcht als Haß erregt. 
\ Es wird jedoch manchmal vergessen, daß es eine noch frühere Situation 

r gibt, die zu demselben Resultat führen kann und unter gewissen Um- 

h ständen nicht minder bedeutungsvolle Konsequenzen hat. Dies ist die 

P Situation, in der sieh das Kind zum erstenmal in einem ernstlichen 

|i Widerstand mit der Außenwelt findet, nämlich die Erziehung der Sphinkter. 

1' Es besteht kein Zweifel, daß in jenen Fällen, wo die Analerotik uuge- 

7 wohnlich stark betout ist und das Kind sich weigert, die eigenmächtige 

Bestimmung der betreffenden Funktionen aufzugeben, dieser Konflikt die 
^ größte Bedeutung erhalten kann, da die Einmischung der Wärterin oder 

Mutter äußerst übel aufgenommen wird. Der dauernde Effekt dieser 
j frühen Erfahrung Avurde von einem meiner paraphrenischen Patienten 

[ drastisch illustriert, einem 25jährigen Mann, dessen hauptsächlichste Wahn- 

I idee es war, daß seine Mutter sich in jeder möglichen Weise in seine 

Beschäftigungen einmenge. Die Analerotik war bei ihm sehr ausgebildet, 
und sobald er auf das Klosett ging, bekam er Gesichtahalluzinationen, 
j^ daß seine Mutter zugegen sei und ihn störe; er brauchte durchschnittlich 

. eine Stunde, um mit dem Defäkationsakt fertig zu werden ; den größten 

Teil der Zeit verwendete er auf die Ausführung verschiedener Zeremo- 
nien, um die Halluzination zu exorzisieren. Ich brauche kaum hinzu- 
zufügen, daß er gegen seine Mutter die Einstellung des offenen Hasses 
hatte. Der Konflikt infolge der Einmenguug seiner Mutter in seine 
Analerotik muß als eine der wichtigsten Quellen für dauernden Haß 
angesehen werden; es ist in diesem Zusammenhang von Interesse zu 
erwähnen, daß Federn in seiner eingehenden Abhandlung über das- 
selbe Thema') der Rolle, die analerotisehe Sensationen (abgesehen vom 
Konflikt) bei der Entstehung des Sadismus spielen, große Bedeutung 
zuschreibt. Sadismus ist aber mit Haß oft engstens verbunden; bei 
einem Fall, den Brill-) bei unserer letzten Versammlung beschrieben 
hat, waren die Vorstellungen der Defäkation und der Grausamkeit im 
Seelenleben des Patienten so innig miteinander verschmolzen, daß er den 
Akt nur mit Zuhilfenahme sadistischer Phantasien und Symptomhand- 
lungen auszuführen vermochte. 



1) Federu, Zeitschrift, Heft 1, S. 42—44. 

') Brill, Journal of Abnormal Psychology. August 1912. Gase III. Reprinted ia 
„Psfchnualysis" 1912. 



4 



428 . Prof- Ernest Jones. 

Beiden Zwangsneurosen ist die eben bescLriebene Verbindung zwisclien 

Haß und Änalerotik sicherlich sehr häufig, da sie im Bereich meiner 
Erfahrung regelmäßig zu finden war, und ihre Aufdeckung scheint mir 
einiges Licht auf den Aufbau der Krankheit selbst zu werfen. Der 
Hauptcharakterzug in der Psychologie dieser Neurose ist, wie bekannt, 
die gegenseitige Aufhebung der von Liebe und Haß ausgehenden Strebungen, 
und die daraus entstehende Abwechslung zwischen Zwang und Zweifel. 
Dieses seltsame Phänomen wird verständlicher, wenn wir uns erinnern, 
daß der Haß zufolge der hier entwickelten Anschauung zunächst gegen 
die Imago aller späteren Liebesohjekte entwickelt wird, auch ßegen die 
Mutter selbst, so daß die Liebesfähigkeit schon bei ihrem Ursprung 
gehemmt oder vernichtet wird. Es kann nicht anders erwartet werden, 
als daß ein Mensch, dessen Liebe zu seiner Mutter von Anfang an mit 
Haß abwechselte, diese Abwechslung auch für alle späteren Liebesobjekte 
beibehält. Eine solche Überlegung erklärt vielleicht auch, warum die Zwange- 
neurosen so viel häufiger bei Männern auftreten, als bei Frauen, oder 
es zeigt zum mindesten die Gegenwart eines weiteren Faktors außer den 
bereits nachgewiesenen an. Denn der Effekt des von der Analerotik 
hergeleiteten Konflikts ist bei Frauen in Übereinstimmung mit dem inze- 
stuösen, während er bei den Männern ihm entgegengesetzt ist. Er bringt 
ein Mädchen dazu, die Mutter nur etwas früher und etwas gründlieber 
zu hassen, sei es nun bewußt oder unbewußt — während er bei einem 
Knaben eine weit verwickeitere Situation schafft; er ist aus anderen 
Gründen gegen den Vater feindlich eingestellt und von dem uns vor- 
liegenden dazu geführt, die Person zu hassen, die ihn die Natur am 
meisten zu liehen antreibt, seine Mutter. Die Lähmung der Liebesfähig- 
keit ist deswegen beim Mann notwendigerweise größer und man kann 
es kaum vermeiden, dies mit der viel größeren Häufigkeit der Zwangs- 
neurose beim männlichen Geschlecht in Zusammenhang zu bringen. 

Ein anderer Gegenstand, auf den die oben dargelegte Verbindung 
mehr Licht wirft, ist die Trotzeinstellung gegen Stärkere, die einen 
wesentlichen BestandteQ des Hasses bildet. Da die Analerotik die 
Hauptqnelle für Trotz im allgemeinen ist, welcher ja der Dreiheit 
der von Freud beschriebenen Charaktereigenschaften angehört, so läßt 
sieh vermuten, daß von ihr der Trotz ausgeht, den man bei Zwangs- 
neurosen stets findet, so wie es nach Feder ns') Ansicht bei dem als 
Begleitung zum Sadismus auftretenden Trotz der Fall ist. Bei dieser 
Neurose wird er am häufigsten auf den Vater übertragen, der aus 
Gründen des Ödipus-Komplexea das geeignetste Objekt für ihre Auf- 
nahme bildete; begünstigend wirken dabei die homosexuellen Tendenzen, 
die bei dieser Krankheit immer abnorm betont sind. 



>) Federn, Op. cit. S. 42. 



Haß und Änalerotik in der Zwangsneurose. '4iS9 

Ehe ich schließe, will ich noch einige weitere Gedanken über die 
von der Analerotik bei der Entsteliimg der Zwangsneurosen gespielte 
Rolle hinzufügen, insbesondere mit Hinsicht auf das Machtgefühl, Es ist 
bekannt, daß die Vorstellung von Macht, ebenso wie die verwandten 
von Verachtung und Geld nait diesem Instinkt innig zusammenhängen, 
was Federn'} durch den Gebrauch, den die Kinder davon machen, um 
ihre Macht über die Personen der Umgehung zu zeigen, erklärt. Dies 
dient für unser Verständnis der Frage, wieso die Machtidee zu 
bestimmten Personen in Beziehung tritt, aber es bestehen tiefere Zusam- 
menhänge zwischen dieser Idee und der Änalerotik selber. In seiner 
letzten Arbeit üher Animismus-} stellt Freud das Allmachtsgefühl mit 
der narzißtischen Entwicklungsphase zusammen, die bekanntlich durch 
das Verschmolzen und Zusammenwirken der verschiedenen autoerotischen 
Triebe entsteht, unter denen die Analerotik sicherlich der wichtigste 
ist. Ferenczi^) schreibt: „Die psychoanali-tische Erfahrung erklärte 
mir nun das Symptom des Allmachtsgefühls als eine Projektion der 
Wahrnehmung, daß man gewissen unwiderstehlichen Trieben sklavisch 
gehorchen muß." Die Anwendbarkeit dieser Feststelhing ist bei der 
Änalei-otik auffalliger als bei irgend einem anderen Teil des mfantilen Sexual- 
hungers (Libido) und ich möchte das neurotische Gefühl des Zwanges, 
das bei seiner Entstehung durch das Allmachtsgefühl bedingt wird, der 
übermächtigen Gewalt zuschreiben, mit welcher ein analecotisches Be- 
gehren auftreten kann. 

Daa AUmachtsgefühl zeigt sieh bei den Zwangsneurosen am typi- 
schesten in dem Glauben an das, was treffend „Allmacht der Gedanken" 
genannt wurde; diese Tatsache wird völlig verständlich, wenn wir 
uns erinnern, daß die Sexualisierung der Denkprozesse für diese Neu- 
rose im höchsten Jlaße charakteristisch ist. Nun habe ich aaderen- 
ortes*) darauf hingewiesen, daß die Vorstellungen von Gedanken und 
Sprache im Unbewußten mit der des Flatus assoziiert sind, die sie im 
Bewußtsein oft. als Symbol vertreten, und ich bin geneigt anzunehmen, 
daß die Entstehung des Glaubens des einzelnen an die Allmacht seiner 
Gedanken dadurch bedeutend beinflußt wird. In einem neuen und außer- 
ordentlich aufklärend wirkenden Essay'') hat Fere nczi die Entwicklung 
des Realitätsinnes in vier Stadien geteilt, die auch die fortschreitende 
Reihe von Anstrengungen repräsentieren, welche das Kind macht, um 
so weit als möglich sein primäres angeborenes AUmachtsgefühl zu erhalten. 
Das dritte dieser Stadien nennt Ferenczi die „Periode der AUmachtmit 
Hilfe magischer Gebärden". Während dieser muß das Kind gewisse 

') Federn, Op. cit. S. 41. 
S) Freud, Imago. Jalirg. II. Heft I. 
^ Ferenczi, Zeiisclmft, Heft L S. 125. 
*) Jahrbuch, Bd. IV und Imago, Jahrg. II. 
') Ferenczi, Op. cit. 



430 - Prof. Emeat Jonaa. 

jjSigiiale" für die Personen seiner Umgebung geben, um die Veränderungen 
in der Außenwelt, die es wünscht, hervorzubringen. Dies müssen ent- 
weder sichtbare Bewegungen sein, hauptsächlich mit den Händen, oder 
hörbare Geräusche, und die letzteren sind offenbar wichtiger, sei es auch 
nur deshalb, weil sie auch im Dunkeln bemerkt werden können. 
Unter diesen Signalen spielt der Flatus eine Rolle, die an Bedeutung nur 
hinter jener der Stimme zurücksteht, mit audeien Worten, er ist für das 
Kind eines der Hauptmittel, zur Behauptoug des Allmachtsglaubens ; 
diese Überlegung wh-ft Licht auf die oben erwähnte Verbindung zwischen 
diesem Glauben und der Analerotik bei den Zwangsneurosen. Das vierte 
Stadium heißt bei Ferenczi ^die Periode magischer Gedanken und 
magischer Worte", weil in ihr die signalgebenden Gesten bereits durch 
die beginnende Sprache ersetzt werden und in dem hier behandelten Zu- 
sammenhang gewinnt es besonderes Interesse, daß der Autor an dieser 
Stelle an eine seiner früheren Arbeiten erinnert, in welcher er den Nachweis 
führte, daß der Glaube an die Allmacht der Gedanken und Worte im 
Leben der Erwachsenen in Hinsiebt auf obszöne Worte in viel höherem 
Maße bewahrt wird, wie sonst. Mit Rücksicht auf diese Überlegungen, 
auf Sperbers^) Werk über den sexuellen Ursprung der Sprache und 
auf die dem Geruch während der Brunstzeit (auf deren Erscheinungen 
Sperber den Ursprung der Sprache zurückführt) zukommende Bedeu- 
tung, wage ich die Vermutung auszusprechen, daß der Akt des Flatus- 
lassens für die Entwicklung der Sprache, beim Individuum sowohl wie 
bei der Art, von Wichtigkeit ist. Diese Frage führt uns jedoch zu weit 
von dem Zweck der gegenwärtigen Ausführungen ab, der nur darin 
bestand, die Aufmerksamkeit auf die hervorragende Bedeutung der Anal- 
erotik für die Zwangsneurose hinzulenken und womöglich ihre Verbin- 
dung mit dem Haß ein Stück weit aufzuklären. 

') Imago, Jahrg. I, Heft 5. 



n. 

Über das Symbol und die psychischen Bedingungen für sein 
Entstehen beim Kinde.) 

Von Dr. Eeaurain (Zakopane). , 

In der psychoanalytischen Literatur -wird das Symbolproblem setr 
häufig erörtert; es wäre daher interessant, seine psychologische Be- 
deutung noch näher kennen zu lernen. 

Wie bekannt, ist nach den Anschauungen von Freud und seiner 
Schule die symbolische Ausdrucksweise dem archaischen Denken eigen, 
somit eine archaische Denkform. 

Ist nun diese Ansicht richtig, so müßte in der Ontogenese die Be- 
stätigung der phylogenetischen Evolution zu finden, somit während der 
Geiatesentwicklung des Kindes die symbolische Periode aufzeigbar sein. 

Ich fasse hier den Begriff „Symbol" in seiner weitesten Ausdehnung 
auf, und verstehe darunter eine Substitution bestimmter Vorstellungen 
durch andere, welche mit den zu substituierenden durch Ähnlichkeit 
assoziiert sind, mag dieselbe auch noch so weit entfernt und einseitig 
erscheinen. 

Das Assoziieren ist die allgemeinste Form einer loaen Anreihung, 
es stellt eine primäre psychische Funktion dar, welche das Rohmaterial 
der psychischen Erlebnisse automatisch registriert. Nehmen wir ein klas- 
sisches Beispiel, eine Beobachtung von Charles Darwin; Ein Kind sah 
eine Ente auf dem Wasser und nannte diese Kuak ; es ist dies eine ono- 
matopoetische Bezeichnung der Gesamtwahrnehmung. Von da an nannte 
es alle fliegenden Wesen Kuak: Vögel, Insekten, insbesondere Stuben- 
fliegen, ferner auch alle Fl&ssigkeiten, Wasser und Wein-, endiich, als 
ihm einmal ein Sou gezeigt wurde, nannte es auch diesen Kuak. Kuak 
bezeichnet also schließlich so verschiedene Dinge, wie Fliege, Wein und 
Münze. Ist dies nun eine fortschreitende Wortverallgemeinerung, die von 
einem schon von Hause aus allgemeinen Wortbegriif ausgeht? Diese von 
den älteren Autoren angenommene Deutung wurde von E. Meumann 

') Vortrag, getaltea am II. polniachen NeTirologen-, Psychiater- und Paychologen- 
Kongreß Jn Krakan, 20,-23. Bezember 1912. 



r 



432 



Dr. Beanrain. 



zurückgewiesen. „In der Tat," sagt er, „es zeigt sich vielmehr, daß der 
Wortsinn des Kuak ein völlig konkreter ist ! Das Kind gewann dieses 
Wort beim Anblick der Eute auf dem Wasser, es benennt damit Flüssig- 
keiten und fliegende Wesen; was liegt also näher als die Auffassung, 
daß bei der Wortgewiuuung nur zwei Bestandteile des bezeichneten 
Wahrnehmungskomplexes erfaßt wurden : Flüssigkeit und geflügelt? Diese 
sind mit dem Worte Kuak assoziiert worden. Überall nun, wo diese 
Teilerscheinungen in ähnlicher Weise wiederkehren, reproduzieren sie 
die Benennung Kuak. Auch hier braucht von einem bewußten Erfassen 
der Ähnlichkeiten (Wein; Wasser, Fliege: Vogel) nichts vorbanden zu 
sein. Das der Psychologie wohlbekannte Gesetz der Reproduktion der 
gleichen Vorstellung (in unserem Falle des Wortes Kuak) durch ähn- 
liehe Wahrnehmung genügt vollkommen, um die Reproduktion des Wortes 
bei Anlässen zu erklären, die so wenig Ähnlichkeit haben wie Fhege 
und Vogel. Der Sinn des Wortes ist also ein ganz konkreter, er ent- 
hält nur die beiden Teil Wahrnehmungen : geflügeltes Wesen und Flüs- 
sigkeit. Wenn dann weiter das Wort auf die Münzen ausgedehnt wird, 
so ist auch das nicht etwa „begriffliche Verallgemeinerung", sondern die 
den Psychologen geläufige assoziative Übertragung, Die Münze tritt zu- 
gleich mit dem Adler, der Kuak genannt wird, in den Blickpunkt des 
Bewußtseins; daher dehnt sich die Assoziation des Adlers mit Kuak auf 
die simultan wahrgenommene Münze und kann nun auch von dem Au- 
bliek einer Münze her das Kuak reproduziert werden." Der Umfang des 
kindlichen Bewußtseins ist sehr eng, das Kind apperzlpiert nicht die 
Fülle der versokiedenen Eigenschaften der Gegenstände, deswegen treten 
emzelne Eigenschaften, Teilwahruelimungen in einem Wahrneh- 
mungskomplex deutlich hervor, wogegen von den übrigen zu apperzipie- 
renden Eigenschaften abgesehen wird. Dieser Prozeß kommt durch eine 
sehr geringe psychische Leistung zu stände und bildet eine primitive 
Vorstufe der niederen, psychologischen Abstraktion.^) 

So findet ein lünd etwa ÄhnKchkeiteu, welche einem Erwachsenen, 
der über große Apperzeptionsmassen verfügt, inadäquat und unbegreiflich, 
im besten Falle ganz unerwartet erscheinen. So unerwartet erscheint 
z, B. die Äußerung eines Kindes, das Sodawasser schmecke wie ein- 
geschlafene Füße. Die meisten Witze, besonders Volkswitze, verwenden 
wenig gebahnte Assoziationen. Eine allgemeine Beobachtung stellt fest, 
daß das Auffassen der Ähnlichkeiten eine unvergleichbar geringere 
Leistung darstellt, als das Merken der Unterschiede. Ein Reisender, der 
in China landet und zum erstenmal von der fremden Volksmenge um- 
ringt wird, ist kaum im stände unter ähnlichen Gesichtern etwas Indi- 
viduelles zu unterscheiden. 



') E. Meumana, Die Sprache des Kindes, Zürich 1903; Tb. Ribot, L'uvo- 
lation des idees gönöralea; G. J. Somanea, Mental eTOlution of mau. 



über das Symbol und die psych. Bediognngen fElr sein Entstehen beim Kinde. 433 

Die logischen Futiktioneii, die Abatraktionsfähigkeit, brauchen beim 
Kinde eine sehr lange Zeit zu ihrer Entwicklung. Das Rechnen z. B. 
bleibt lange Zeit konkret, Nimmt man einem Knaben, der mit zehn Blei- 
soldaten spielt, einen Bleisoldaten weg, so merkt der Knabe seinen Ver- 
lust sehr bald, obwohl er die abstrakte Zahl seiner Soldaten nicht kennt. 
Er bemerkt aber sofort das Fehlen des Soldaten mit der abgebrochenen 
Bajonettspitze oder desjenigen mit der Stumpfnase. Die psychische 
Leistung besteht hier im Zusammenstellen der konkreten 
Voratellungen, Vom konkreten bis zum arithmetischen Rechnen 
findet man mehrere Zwischenstufen, die bei den wilden und halbwilden 
Völkern am besten zu beobachten sind. Viel verbreitet ist die Sub- 
stitution durch typische Vorstellungen, So beißt die Zahl 1 
Sonne oder Mond, die Zahl 2 heißt Augeu oder Füße als paarige Organe. 
Viele Wilden kennen die Zahl 3 als Ganzes nicht, nur als Zusammen- 
setzung von 2-j- 1, die Zahl 4 kommt oft nur als 2 -|- 2 vor. Das 
Rechnen an den Fingern, wobei ein Finger als Ersatz eines Gegenstandes 
erscheint, gehört schon zu den höheren Vorstufen des abstrakten Rechnens. 
Wir vergessen allzu leicht die aufgewandte Mühe, sobald wir das Ziel 
erreicht haben! 

Das Abstrahieren einer Eigenschaft von dem Gegenstand selber ist 
eine schwere Leistung. Deswegen erscheint das Adjektiv in der Sprach- 
entwicklung erst spät. So finden wir in der Sprache der Tasmanier kein 
Adjektiv, nur dessen Substitution vermittels einer konkreten Vorstellung, 
So sagen die Tasmanier ; „wie ein Stein", eine stellvertretende Redens- 
att für das Adjektiv „hart", „wie ein Fuß" heißt „lang", „wie eine 
Kugel" oder „wie ein Mond" heißt „rund". 

Eine andere Art der Substitution wird gefunden, indem ein neuer 
Name gebildet wird, um eine gewisse Eigenschaft eines Gegenstandes 
speziell auszudrücken. So gebrauchen die Araber nicht weniger als 500 
Namen für einen Löwen, um seine verschiedenen Eigenschaften zu be- 
zeichnen, etwa 200 Namen für eine Sehlange und 5744 Namen für ein 
Kamel! Am Ende wird ein solcher Reichtum zu einer wahren Last. In 
ähnlicher Weise haben die Australier eine Bezeichnung für einen Himde- 
schweif, eine andere für einen Kuhschweif, eine weitere für einen Schaf- 
schweif usw., man vermißt aber eine Bezeichnung für einen Schweif im 
allgemeinen. Ebenso findet man in derselben Sprache einen Namen, um 
eine weiße Kuh zu bezeichnen, einen anderen für eine braune Kuh, einen 
dritten für eine rote Kub, aber keine Bezeichnung für eine Kuh im 
allgemeinen. Also lauter Bäume und kein Wald nach dem trefflichen 
Sprichwort! 

Eine Übergangsstufe beobachtet man bei den Lappen. Ihre Sprache 
hatte je einen Namen für jeden einzelnen Finger, Den weiteren Fort- 
schritt konnte man verfolgen, indem der spezielle Name für den 

Zoileobr. f. Still, Psych onnelyM. 28 



434 



Dr. Beaurain. 



Daumen eine Verallgemeiiiörung erfuhr und allmählicli zur Bezeiuhimng 
aller Finger gebraucht wurde. 

Beim Kinde ist der Entwicklungsgang natürlich sehr zusammen- 
gedrängt, dazu kommt noch die ständige Korrektur durch den Verkehr 
mit den Erwachsenen. Ein Blick in die kindlichen Vokabularien ist lehr- 
reich! Ein Erwachsener braucht durchschnittlich 607o Snbstant.iva, 207^ 
Adjektiva, 117o Verba. In den kindlichen Vokabularien bleibt der 
Prozentsatz der Substantiva wesentlich derselbe, dagegen finden wir 20"/n 
j^erba und nur 11% Adjektiva, somit ein starkes Überwiegen der kon- 
kreten Verba auf Kosten der abstrakten Adjektiva. Ferner zeigt sieh der 
logisch unentwickelte Geist des Kindes iu dem Fehlen der Konjunktionen. 
Das Kind hat noch keinen Sinn für Gegensätze, Einschränkungen usw. ; 
seine Gedanken entwickeln sich in der Form von Sukzession, ganz 
ähnlich wie wir es im Traume sehen. 

Wenn wir jetzt unsere Analyse der kindlichen Psyche kurz und 
bündig zusammenzufassen versuchen, so finden wir folgende Haupt- 
merkmale ; 

I. Neigung zur Substitution der assoziierten Vor- 

s tellungen. 
n. Konkretismus der Vorstellungen. 

III. Apperzeptive Schwäche (Teilwahrnehmungen). 

IV. Mangelnde Abstraktionsfähigkeit. < 

Ad I. Die Leichtigkeit, mit welcher die i^soziierten Vorstellungen 
substituiert werden, bedingt die Vieldeutigkeit (Überdeterminierang, Ver- 
dichtung) des Symbols. „Ein Symbol hängt nie an einem einzigen Faden." 
(S i 1 b e r e r). Ein und derselbe Gegenstand kann durch verschiedene 
Symbole bezeichnet werden, ebensogut läßt ein Symbol verschiedene 
Deutungen zu. Hieher gehört auch die Bipolarität der Symbole : ein 
Symbol deutet gleichzeitig auf einen Mann und auf ein Weib, auf Tod 
und auf Leben. 

Ad II. und IV. Konkretismus der Vorstellungen treibt zur bild- 
lichen Darstellung der Gedanken, Die Unfähigkeit des Kindes zum Ab- 
strahieren stellt den negativen Faktor dar, welcher aber gleichfalls 
wesentlich in obigem Sinne wirkt. 

Ad in. Hier gilt die von C, G. Jung ausgesprochene Meinung: „Die 
apperzeptive Schwäche drückt sich in einer verminderten Deutlichkeit 
der Vorstellungen aus. Sind die Vorstellungen undeutlich, so sind auch ihre 
Unterschiede undeutlich."^) 

Als einfache Folge dieses psychischen Zustandes ergibt sich die sub I. 
erwähnte, beim Kinde auffallende Neigung zur Substitution der asso- 
ziierten Vorstellungen. 

*) Dementia praecox, S. 72. 



über das Hyiiibol und die psych, Bedingungen für sein Entstehen beim Kinde. 435 

Unsere möglichst objektiv vorgenommene Analyse führt zu einer 
vollkommenen Ubereinstimmimg mit den sonstigen Ergebnissen der Ana- 
lytiker, die auf anderen Wegen dieses Problem zu erforschen suchten.. 
So schreibt H. Silber er: „Ich entferne mich durchaus nicht von der 
Mehrzahl der Autoren, wenn ich die hauptsächlicJiste und allgemeinste- 
Bedingung der Symbolbildung, die sowohl den normalen als den krank- 
haften Phänomenen in der Individual- wie in der Völkerpsychologie ge- 
recht wird, in einer Unzulänglichkeit des Auffassungsvermögens seinem 
Gegenstande gegeuüber oder, wie man auch sagen könnte, in einer ap- 
perzeptiven Insuffizienz erblicke",') 

Beachtenswert ist ferner der von H. Silberer vertretene Stand- 
punkt: „Den Symbolen, die sich dem Psychoanalytiker bieten, wohnt 
Notwendigkeit inne. Sie sind nach strengen Gesetzen gebildete Natur- 
produkte." Konsequenterweise schließt Silberer von seinem Begriffe 
die „verwässerten", das ist solche Symbole aus, welche auf willkürlicher 
Konvention beruhen. So plausibel diese, wenigstens für manche Symbol- 
bildung unbedingt zutreffende Auffassung erscheinen mag, so sind unsere 
Forschungen auf diesem Gebiete nicht weit genug geführt, um spruch- 
reif zu sein. 

Eine planmäßige Bestimmung der Symbole nach ihrem Alter, ge- 
wissermaßen analog der Bestimmung geologischer Schichten, erseheint 
mir als wünschenswert und für theoretische Forschungen förderlich. 

Dieses Thema behalte ich für eine weitere Mitteilung vor. 

') }. f. psa. B. lU, S. 680 : „Über die Symbolbüdang". 



28' 



III. 



Zur Ontogenese der Symbole. 

Von Dr. S. Ferenczi (Budapest). 



] 



: 



Die Bemerkungen Dr. E e a u r a i n a ') über die Wege, auf denen das 
Kind zur Bildung der ersten AIIgeiueinbegrifFe gelangt:, kann jeder, der 
die geistige Entwicklung des Kindes unmittelbar oder durch Vermittlung 
der Eltern mit psychologisch geschärftem Blicke zu verfolgen Gelegen- 
heit hat, vollauf bestätigen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß das Kind ^ 
(wie das Unbewußte) zwei Dinge auf Grund der geringsten Ähnlichkeit ■? 
identifiziert Affekte vom einen auf das andere mit Leichtigkeit ver- 
schiebt und beide mit demselben Namen belegt. Ein solcher Name ist 
also der hoehverdichtete Repräsentant einer großen Anzahl von grund- 
verschiedenen, aber irgendwie (wenn auch noch so entfernt) ähnlichen 
und daher identifizierten Einzeldingen. Die Progression in der Kealitiits- 
erkenntnis (der Intelligenz) äußert sich dann beim Kinde in der fortschrei- 
tenden Auflösung solcher Verdichtungsprodukte in ihre Elemente, im Er- 
lernen der Unterscheidung der in einer Hinsicht ähnlichen aber sonst 
verschiedenen Dinge von einander. Diesen Vorgang haben schon viele 
richtig erfaßt und beschrieben; die diesbezüglichen Mitteilungen Sil- 
berers und Beaurains brachten dazu weitere Bestätigungen und ver- 
tieften die Einsicht in die Einzelheiten dieses geistigen Entwicklungs- 
prozesses. 

Alle diese Autoren sehen in der infantilen Unzulänglichkeit des 
Unterscheidungs Vermögens die Hauptbedingung für das Zustandekommen 
der onto- und phylogenetischen Vorstufen der Erkenntnisvorgänge. 

Einen Einwand mochte ich hier nur gegen die Benennung aller 
dieser Erkenntnis -Vorstufen mit dem Worte pSymbol" erheben; auch 
Gleichnisse, Allegorien, Metaphern, Anspielungen, Parabeln, Embleme, 
indirekte Darstellungen jeder Art können im gewissen Sinne als Produkte 
solcher unscharfer Distinktionen und Definitionen aufgefaßt werden und 
doch sind sie — in psychoanalytischem Sinne — keine Symbole. Symbole 
im Sinne der Psychoanalyse sind nur solche Dinge (resp. Vorstellungen), 



^) Siehe den vorangehenden Aufsatz in dieser Nninmer der „Zeiteohrift". 



< Zar Ontogenese der Symbole. 437 

denen im Bewußten eine logisch unerklärliche und unbegründete Affekt- 
besetzuDg zukommt und von denen analytisch festzustellen ist, daß sie 
dißse affektive Überbetonung der unbewußten Identifizierung mit 
einem anderen Dinge (Vorstellung) verdanken, dem jener Affektüberschuß 
eigentlich angehört. Nicht alle Gleichnisse sind also Symbole, sondern 
nur jene, bei denen das eine Glied der Äquation ins Unbewußte ver- 
drängt ist.^} In demselben Sinne fassen Rank und Sachs das Symbol 
auf:'') „Wir verstehen darunter" heißt es bei ihnen, „eine besondere 
Art der indirekten Darstellung, die durch gewisse Eigentümlichkeiten 
von den ihr nahestehenden des Gleichnisses, der Metapher, der Allegorie, 
der Anspielung und anderer Formen der bildlichen Darstellung von Ge- 
dankenmaterial (nach Art des Rebus) ausgezeichnet ist", „es ist ein 
stellvertretender anschaulicher Ersatzausdruck für etwas Verborgenes," 

Nach alledem ist es vorsichtiger, die Entstehungsbediugungen des Sym- 
bols nicht ohneweiters mit denen der Gleichnisbildung überhaupt gleich- 
setzen zu wollen, sondern für diese spezifische Art der Gleichnisbildung 
spezifische Entstehungsbedingungen vorauszusetzen und darnach zu forschen. 

Die analytische Erfahrung zeigt uns nun in der Tat, daß, obzwar 
auch bei der Bildung wirklicher Symbole die Bedingung der intellek- 
tuellen Insuffizienz erfüllt sein muß, die Hauptbedingungen zu ihrem 
Zustandekommen nicht intellektueller, sondern aifektiver Natur sind. 
Ich will das an einzelnen, z, T. schon anderwärts mitgeteilten Beispielen 
aus der Sexualsymbolik zeigeu. 

Die Kinder kümmern sich ursprünglich, solange sie die Not des 
Lebens nicht zur Anpassung und damit zur Wirkliehkeitserkeiintnis 
zwingt, nur um die Befriedigungen ihrer Triebe, d. h. um die Körper- 
stellen, an denen diese Befriedigung stattfindet, um die Objekte, die diese 
hervorzurufen geeignet sind und um die Handlungen, die diese Befriedi- 
gung tatsächlich hervorrufen. Von den sexuell erregbaren Körperstellen 
(erogenen Zonen) z. B. interessiert sie der Mund, der After und das 
Genitale ganz besonders. „Was Wunder, wenn auch ihre Aufmerksam- 
keit in erster Liniedurch solche Dinge und Vorgänge der Außenwelt erregt 
wird, die auf Grund einer noch so entfernten Ähnlichkeit an die ihnen 
liebsten Erlebnisse erinnern" 3). So kommt es zur „Sexual i.siernng des 
Alls". In diesem Stadium benennen kleine Knaben alle länglichen Gegen- 
stände gerne mit der kindlichen Bezeichnung ihres Genitalorgans, in 

') Siehe dazu meine dieabeztigl. Bemerkangen in frilherea ÄufsJLtzen: Die 
Onanie (Diskass. der Wiener psychoanalyt. Vereinigung}. Bergmann, Wiesbaden, 1912, 
p. 19). Zur Augensymbolik (Diese Zeitschrift, I. Jahrg., 2. Heft.) Enwicklnngs- 
stufen dea Wirklichkei tasin nea. (Ibidemi.) Siehe auch mein Referat Über 
Jungs Libidoarbeit (diese Zeitschrift, I. Jahrg., 4. Heft, p. 393). 

') Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Geiste swiasen- 
Bchaften. Löwenfeldsche Sammlung. Bergmann 1913. p. 11 ff. 

") Ferencai, Entwicklungsstufen usw., S. 132. 



^gg Dr. S. Ferenczi. t,. 

jedem Loch sehen sie einen Anus, in jeder Flüssißkeit Harn und in jßdem 
halbweiehen Stoffe Kot. 

Ein etwa anderthalbjähriger Knabe sagte, als man ihm zum ersten 
Mal den Donaostrom zeigte: „Wie viel Speichel!" Kin zweijähriger 
Junge benannte alles, was sieh öffnen läßt, eine Türe, u. a. aucli die 
Beine seiner Eltern, da er auch diese öffnen und schließen (ab- und 
adduzieren) konnte. 

Eine ähnliche Ingleichnissetzung erfolgt auch innerhalb der Körper- 
organe: Penis und Zahn, After und Mund werden gleichgesetzt ; viel- 
leicht findet das Kind für jeden affektiv wichtigen Teil der unteren 
KörperhälfteeinÄquivalentan der oberen (besonders an Kopf und Gesicht). 

Diese Gleichsetzung ist aber noch nicht Symbolik. Erst von dem 
Momente an, wo infolge der kulturellen Erziehung das eine (u. zw. das 
wichtigere) Glied des Gleichnisses verdrängt wird, gelangt das andere 
(früher unwichtigere) Glied zur affektiven „Überbedeutung" und wird ein 
Symbol des Verdrängten. Ursprünglich wurden Penis und Baum, Penis 
und Kirchturm bewußterweise gleichgestellt ; aber erst mit der Ver- 
drängung des Interesses für den Penis erlangte Baum und Kirchturm 
die — unerklärliche und scheinbar unbegründete — Interessebetoiiung; 
sie wurden zu Penisaymbolen. 

So wurden auch die Augen Symbole von Genitalien, mit denen sie 
Ei-üher einmal — auf Grund äußerlicher Ähnlichkeit — ■ identifiziert 
gewesen sind; so kommt es zur symbolischen Überbetonung der oberen 
Körperhäifte überhaupt, nachdem das Interesse für die untere verdrängt 
wurde, und so dürften überhaupt alle Genitalsymbole (Krawatte, Schlange, 
Zahnreißen, Schachtel, Stiege, usw.), die in den Träumen einen so breiten 
Baum einnehmen, ontogenetisch zustande gekommen sein. Es würde mich 
auch nicht wundern, wenn in einem Traum des oben erwähnten Knaben 
die Türe als Symbol des elterlichen Schoßes wiederkehrte, und in dem 
des andern der Donaustrom als Symbol von Körperflüssigkeiten. 

Mit diesen Beispielen wollte ich auf die überwiegende Bedeutung 
affektiver Momente beim Zustandekommen echter Symbole hinweisen. 
Diese müssen in erster Linie berücksichtigt werden, wenn man sie von 
anderen psychischen Produkten (Metaphern, Gleichnissen, usw.), die 
gleichfalls Verdichtungsleistungen sind, unterscheiden will. Die einseitige 
Berücksichtigung formaler und rationeller Bedingungen bei der Erklärung 
psychischer Vorgänge kann leicht in die Irre führen. 

Man war z. B, früher geneigt zu glauben, daß man Dinge ver- 
wechselt, weil sie ähnlich sind; heute wissp.n wir, daß man ein Ding 
mit einem anderen nur verwechselt, weil gewisse Motive dazu vorhanden 
sind; die Ähnlichkeit schafft nur die Gelegenheit zur Betätigung jener 
Motive. Ebenso muß man sagen, daß die apperzeptive Insuffizienz allein, 
ohne die Berücksichtigung der zur Gleichnisbildung treibenden Motive, 
die Bildung der Symbole nicht zureichend erklärt. 



IV. 
Einige Bemerkungen zur Trieblehre. 

Von Dr. Ludwig Jekels.i) 

Wir verdanken bekanntlich der psychoanalytischen Erforschung der 
Neurotiker ganz ungeahnte Einblicke in das Triebleben des Menschen. 

Dennoch vermisse ich, sowohl in den zusammenfassenden und 
grundlegenden „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" Freuds, als auch 
in den späteren Detailarbeiten, einen Gesichtspunkt, den ich am ü. Neuro- 
logen- und Psychiater-Kongreß in Krakau im Zusammenhang mit dem 
Thema der „psychischen Bisexualität" abgehandelt habe, und den ich 
hier, — wenn auch nur in Kürze — isoliert betrachten möchte. 

Da diese meine Betrachtungen eine Elementaruntersuchung sein 
sollen, ist es wohl natürlich, daß ich von dem Preüdsehen Begriff des 
Partialtriebes ausgehen werde, „Neben einem an sich nicht sexuellen, 
aus motorischen Impulsquellen stammenden „Trieb", unterscheidet man 
an ihnen einen Beitrag von einem Beize aufnehmenden Organ (Haut^ 
Schleimhaut, Sinnesorgan). Letzteres soll hier als erogene Zone be- 
zeichnet werden, als jenes Organ, dessen Erregung dem Trieb den se- 
xuellen Charakter verleiht." (Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie.) 

Ist durch diese Definition Freuds die den Sexualcharakter des 
Triebes bestimmende Rolle der exogenen Zone festgelegt, so erscheint 
mir derselbe noch nach einer anderen Richtung hin unlösbar an die ero- 
gene Zone gebunden, nämlich in bezug auf sein Ziel. (Nach Freud: 
die Handlung, nach welcher der Trieb drängt.) 

Nach dem Ki'iterium seiner Ziele beurteilt, unterscheiden wir be- 
kanntlich bei dem an und für sich geradezu paradigmatisch aktiven 
Sexualtrieb, aktive und passive Triebe ; begrifflich und sprachlieh rich- 
tiger : Triebe mit aktiven und passiven Zielen. Ich bin nun der Ansicht, 
daß auch dieser Charakter des Zieles (ob aktiv oder p assiv) 
dem Triebe gleichfalls von seiner erogenen Zone ver- 



•) Aus einem am II. polnischen Neurologenkongreß in Krakau gehaltenen 
Vortr^, 



440 



Dr. Ludwig Jeltele. 



liehen wird, und zwar durch die Form des jeweilig als ero- 
gene Zone fungierenden Organs. 

Icli bin wohl zur Zeit nicht im stände, dieses Prinzip durchgängig 
an sämtlichen (Partial-) Trieben nachzuweisen ; auch dürfte es vielleicht 
genügen, wenn es mir gelänge, dasselbe von zwei größeren Gebieten der 
menschlichen vita sexualis abzuleiten. 

Ich meine da die normale männliche Sexualität und die Homo- 
sexualität. 

Bezüglich der ersteren bin ich in der Lage, mich anf Vorarbeiten 
beziehen zu können; ich verweise da auf Freuds „Infantile Sexual- 
theorien", denen ich die Bemerkung entnehme i „Mit dieser (Pents)-Er- 
regung sind Antriebe verbunden, ..... dunkle Impulse zu gewaltsamem 
Tun, zum Eindringen, Zerschlagen, irgendwo ein Loch aufnsißen." 

In der ersten Nummer dieser Zeitschrift hebt anch Federn (Bei- 
träge zur Analyse des Sadismus und Masoehismus), „die spezifische mo- 
torische Impulsität (Drang) des männlichen Zeuglingsgliedes" hervor, und 
weist nach, wie sich in der Kinderzeit aus derselben, — unter Mit- 
wirkung unbewußter Mechanismen — der Sadismus xai' s£''Xt,v heraus- 
bilden kann. 

Daß aber solche par exeellence aktive Strebungen nur von einem 
muskulösen, einen Zapfen, Vorsprung darstellenden und als solcher emp- 
fundenen Organ ausgehen können, — erscheint mir ohne weiteres klar. 

Ist nun auf diese Weise der engste Zusammenhang zwischen dem 
aktiven Triebziel, — das ich hier vereinfacht nach Preud als Draug zum 
Eindringen formulieren möchte, — und der (Zapfen-)Form des diesen 
Drang produzierenden Organs von vornherein plausibel, so sind wir 
in strenger Analogie hiezu gezwungen anzunehmen, der Inhalt des pas- 
siven Triebzieles sei der Drang, „etwas aufzunehniuii, hineingesteckt zu 
bekommen", — daß somit die Passivität eines Triebes an die 
Höhlen form der erogenen Zone geknüpft, ja direkt durch 
dieselbe bestimmt werde. 

Betreffs der Vaginalhöhle, welche für diese Art der Betrach- 
tungen natürlich an erster Stelle in lieh-aeht käme, stehen mir leider 
nur vereinzelte Mitteilungen zu Gebote, wo der Drang, etwas in die Va^ 
gina hineingesteckt zu bekommen, dem Individuum voilbewußt, — und 
dies sowie die Aufnahme des Ejaculates, als das befriedigende und be- 
sehgende Moment direkt angesprochen wurden. 

Ich werde daher die Stützen für meine obige Behauptung noch auf 
einem anderen GebietSj nämlich in der Homosexualität, suchen. 

Über das Wesen und die Passivität des Triebzioles bei der passiven 
Homosexualität hat seit jeher vollkommene Klarheit und Übereinstimmung 
anter den Autoren geherrscht; ebenso darüber, daß bei derselben die 
Analhöhle die Bedeutung einer erogenen Zone besitze. Dies letztere 



6SE=-='5=^ 



lamr^ 






Einige Bemerkungen anr Trieblehre. 441 

ist namentlich von Kraf ft-Ebing, M o 1 1 {konträre SexualempfinLtuug), 
auch Sadger in seiner gleichnamigen Publikation betont worden, und 
ist dies ohne weiteres einleuchtend. 

Für meine Beweisführung wäre aber durch diese Konstatierung kaum 
etwas gewonnen; denn es bleibt noch ein sehr ansehnlicher und dem 
Ansehein nach kaum unter obigen Gesichtspunkten aufzuklürender liest 
übrig; nämlich die aktive Homosexualität, bei der die Aktivität ihres 
Zieles meines Wissens noch , niemals in Frage gestellt wurde, und die 
anscheinend mit Analerotik nichts zu schaffen habe. ^) 

Und doch glaube ich, daß wir genügend Anhaltspunkte besitzeUj 
um in diesem Punkte den entgegengesetzten Sachverhalt anzunehmen, 
nämlich, daß die aktive Homosexualität nur scheinbar aktiv, de facto 
jedoch passiv sei, so daß aa überhaupt keine andere Homosexualität als 
die passive gebe; sowie, daß auch bei der sogenannten aktiven Homo- 
sexualität die Analhöhle die das Triebzie! bestimmende erogene Zone ist. 

Zum Nachweis dieser Behauptungen bediene ich mich der uns von 
Freud und von Sadger (Ein Fall multipler Perversion im Jahrbuch 
für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen) mitgeteilten 
Resultate der psychoanalytischen Erforschung Homosexueller. Nach diesen 
Untersuchungen wurde festgestellt, „daß die später Invertierten in den 
ersten Jahren ihrer Kindheit eine Phase von sehr intensiver aber kurz- 
lebiger Fixierung an das Weib (Mutter) durchmachen, nach deren Über- 
windung sie sich mit dem Weib identifizieren und sich selbst zum Sexual- 
objekt nehmen, d. h. vom Narzismus ausgehend, jugendliclie und der 
eigenen Person ähnliche Männer aufsuchen, die sie so lieben wollen, 
wie die Mutter sie geliebt hat." (Freud, Drei Abhandlungen zur Sexua- 
lität). Ahnlich Sadger in der oben erwähnten Arbeit. 

Darnach hätten wir folgende Situation: Beim Liebesakt übernimmt 
der Homosexuelle beide Rollen, er ist sowohl Subjekt als Objekt; infolge 
der Identifizierung ist er die Mutter ; gleich2eitig aber sieht er in seinem 
Liebesohjekt seine eigene, in die Kindheit rückversetzte Person. Und der 
Zweck dieses Arrangements? In Ansehung der Situation wohl kaum 
etwas anderes, als, um durch die in der Rolle der Mutter bewirkte 
Reizung der Analhöhle des Objekts, — die jedoch zufolge der 
Identifizierung mitdemselben zu seinereigenen geworden 
ist, — sieb dieselbe Lust zu verschaffen, die ihm in der Kindheit zu 
Teil wurde, als die Mutter seine Analerotik befriedigte. 

Ist nun diese Auffassung, — eigenUich nur eine Fortsetzung und 
Konkretisierung der Freudschen Deutung, — richtig, so wären wir vor 
die unabweislicbe Notwendigkeit gestellt, der aktiven Homosexualität die 



') Dem Gedanken, daß die Analerotik mö^-lich erweise bei jeglicher Homo- 
sexQalJtltt eine Rolle spiele, hat Koll. Wulff (Odessa) im Zentralbktt für Psycho- 
analyse Ausdruck segeben, — ohne ihn jedoch bu stuften oder näher auszuführen. 



..n Dr. Ludwig Jekela. 

Aktivität gänzlicii abzuerkennen, sie gleicbfaUs als passive Inversion 
aufzufassen, und den bis nun unübeLbrüekbar seheinendpn Unterschied 
zwischen der aktiven und passiven Form fallen zu lassen. 

Der dieser Inversionsform anhaftende und die Forscher so beirrende 
Anschein der Aktivität, — der unter anderem wahrscheinlich auch auf 
der kindlichen Vorstellung des Weibes (Mutter) mit dem Penis fundiert 
ist, scheint mir, — wofür wohl gerade das Vorkommen von rein pas- 
siven Form-en spricht, — kein unerläßliches Eequisit bei diesem Bestreben 
nach infantilem Lusthezug zu sein. Ich meine, die Hauptsache bei 
beiden Inversionaf ormen sei der Drang nach analero- 
tischet Befriedigung, und vielleicht stellt die aktive Homosexualität 
• bloß eine vollständigere und mit reicherer Ausstattung durchgeführte In- 

szenierung dar. 

Im guten Einklang mit obiger Auffassung befindet sich die Klinik 
der Homosexualität; bei zahlreichen Autoren finde ich, — was ich auch 
einer mündlichen Mitteilung des auf diesem Gebiete gewiß sehr erfah- 
renen Magnus Hir Sehfeld entnahm, — daß wohl sehr zahlreiche 
wenn nicht die meisten aktiven Homosexuellen, sich auch der passiven 
Rolle unterziehen. 

Ich glaube wohl kaum noch hervorheben zu müssen, der Umstand, daß 
bei der Inversion die immissio penis in anum nicht ihr einziges, ja nicht 
einmal ein sehr häufiges Ziel darstellt, — könne wohl kaum als Gegen- 
argument in die Wagschale fallen, denn wir müssen der homosexuellen 
Libido die Möglichkeit derselben Modifikationen, Abtönungen, Zielhem- 
mungen und Einschränkungen zusprechen, wie der heterosexuellen. 

Stellt man sich nun auf den Boden der hier vertretenen Ansicht, 

daß jede Inversion eine Strehung mit passivem Ziel ist, so können wir 

. nicht umhin, das für ihre Pas5i\ität bestimmende Moment in der Anal- 

I höhlenerotik zu erblicken, die wir doch schwerlich anders definieren 

f'- können, als den Drang, etwas in die Analhöhle aufzunehmen, in dieselbe 

hineingesteckt zu bekommen, 

Für den innigsten Konnex der Höhlenform der erogenen Zone mit 
der Passivität des Triebes scheint mir noch ein anderes Moment aus- 
gezeichnet zu sprechen; es ist dies die bei Invertierten so häufige Ver- 
wendung auch anderer Körperhöhlen (z. B. mutiielle Reizung der Nasen- 
löcher und des äußeren Gehörganges), welche wohl auf dem uns von den 
Neurosen bekannten Wege der Verschiebung, eigentlich ein Ersatzobjekt 
für die Analhöhle darstellen. 

Einen schönen Beleg sowohl für die hier aufgestellte Kategorie der 
Analhöhlenorotik, als auch für die, offenbar durch die Gemeinsamkeit 
der Höhlenform bedingte Ersetzbarkeit der Körperhöhlen unter einander 
in Bezug auf Erogeuität, finde ich ferner in dem mir von T a u s k mit- 
geteilten Falle eines noch nicht fünfjährigen Knaben, der, durch das 



K 



Einige Bemerkungen znr Trieblehre. 



443 



(^ 



Vorbild des Hahnes angeregt, den Hennen Strohhalme in die Analöffnung 
eingeführt hat, dabei ausdrücklich die Empfindung der Passivität hatte, 
d. h. sieh mit der Henne identifizierte, — und dann unter Persistenz 
der passiven Gefühlseinstellung sieh selbst Strohhalme in die Urethra 
und Anus einführte, wobei die Phantasie eine Henne zu sein, fortgeführt 

wurde. 

Zum Schluß möchte ich noch erwähnen, daß die hier entwickelten 
Gesichtspunkte uns möglicherweise einige Ausblicke in das bis nun vage 
und dunkle Gebiet der psychischen Bisexualität ermöglichen könnten, 
vfas ich jedoch für eine eventuelle spätere Mitteilung vorbehalte. 



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Zur Psychologie der Kindersexualität. 

Von Dr. Vilttor Tausk (Wien). 

Man darf beim Versuch, sich über die Sexualität der Kinder zu 
infonnieren, nicht übersehen, daß die Mitteüsamlieit der Kinder in diesen 
Dingen auch beim denkbar besten Vertrauen zu den Eitern eine be- 
dingte ist. Der Abgewühaungsprozeß der kindlichen Sexualbptätignng 
bringt es trotz der mildesten Erziehung mit sich, daß über allen Bezie- 
hungen, die an Sexualität anklingen, ein gewisses A'erbot liegt, welches 
außerdem durch zwei Momente verstärkt wird : das erste ist jenes poin- 
tierte Stillschweigen über alles, was Sexualität heißt und das nur bei 
t besonderen Anlässen dui-chbrochen werden darf; das zweite ist die ein- 
deutige Ablehnung, die der Sexualität in der Schule geboten wird. Die 
Erfahrung der meisten psychoanalytischen Versuche mit Kindern lehren, 
daß diese Widerstände auch bei den freimütigsten Kiudern immer nocli 
groß genug sind, um zu einer Abschwächung und Verfälschung der Be- 
kenntnisse zu führen. Ganz abgesehen davon, daß es im Familien- 
leben von Schulkindern, die schon zimmerrein und manierlich sind, 
kaum jemals einen. Anlaß gibt, um ein Examen über sexuelle Phanta- 
sien anzustellen, ohne die Gefahr heraufzubeschwören, daß die Auf- 
merksamkeit des Kindes für das Sexuelle in besonderem Maße isoliert 
werde. Diese Gefahr wird vermieden, wenn die Kinder die sexuellen 
Phantasien im Verlauf einer anders gearteten, unverdächtigen und zu- 
gleich interessanten persönlichen Mitteilung preisgeben können, wie dies 
bei der Analyse von Träumen möglich wird. Die Kinder sind dann ganz 
und gar mit dem Vorgang der Analyse und der Assoziationen beschäf- 
tigt und führen den Analytiker auf dem Wege dos denkbar geringsten 
Widerstandes in ihre Geheimnisse ein. Wie erfolgreich diese Arbeit sein 
kann, sollen die zwei folgenden Beispiele darlegen. 

Beide Träume stammen von einem zehnjährigen Knaben, Schüler 
der vierten Volksschulklasse, Die Traumanalyse konnte in dorn zu de- 
monstrierenden Maße nur darum gelingen, weil der Träumer, ein unge- 
wöhnlich intelligentes Kind, ein sehr reifes und kluges Interesse für 



^— A^.^ „^ _ . 



Zur Psychologie der Kindersesualität. 445 

kausale und assoziative Zusammenhänge, oftmals auch spontan, an den Tag 
legte, und weil das nahe verwandtschaftliche Verhältnis des Analytikers 
zum kleinen Träumer in der genauen Kenntnis der Lebensführung des 
Knaben eine Tatsachenkontrolle garantierte. 

I. 
Traum von der „Kategorie". 

Der Traum wurde in drei Absätzen erzählt. Sowohl der zweite als 
auch der dritte Absatz war zunächst während der Reproduktion des 
ersten Absatzes vergessen gewesen, und wurde erst, nachdem ein Stück 
der Analyse jeweils die assoziative Möglichkeit zur Eeproduktion geboten 
hatte, sukzessive erinnert. 

Erstes Tr aumstiick. Ich hatte einen komischen Traum. Ich 
habe die Aufnahmsprüfung ins Gymnasium gemacht und das hat ge- 
heißen ^.Kategorie". In das Prüfungszimmer ist man über mehrere Stiegen 
durch mehrere Gange gegangen, da waren viele Türen und viele Tafeln. 
Auf einem weißen Steckschild hat mit roten Buchstaben gestanden 
^Kategorie". Wie es in dem Zimmer ausgeschaut hat und wer mein 
Professor war, weiß ich nicht mehr, 

Assoziationen. 

Fritz, dies der Name des Träumers, der beim Traum von der 
„Kategorie" die zweite Traumanalyse in seinem Leben erfährt — der 
ersten hatte er sich sechs Monate früher unterzogen — hat es von vorn- 
herein verstanden, zwang- und tendenzlos zu assoziieren. Die Aufforde- 
rung „was fällt dir dazu ein'', hatte er wörtlich befolgt und spontan 
seine Verwunderung darüber ausgedrückt, daß „einem wirklich etwas 
einfalle, was manchmal dazu gehört und manchmal nicht". Nun stellt 
er sich wie ein zweites Subjekt zu seinen eigenen Einfällen und interes- 
siert sich sehr objektiv dafür, wie sie ausfallen und was sie bringen 
werden. Wenn ein Einfall „nicht dazu paßt", so unterschlägt er ihn 
nicht, sondern begnügt sich, nachdem er ihn mitgeteilt hat, mit der 
Konstatierung „da ist nichts drin". Die Analyse wird Satz für Satz vor- 
genommen. 

Ich habe die Aufnahmsprüfung ins Gymnasium ge- 
macht, 

Fritz möchte schon gern ins Gymnasium gehen. Zur Aufnahme ins 
Gymnasium ist eine Prüfung abzulegen. Diese Aufnahmsprüfung hat er 
im Traum schon abgelegt, er hat sich den lobhaften Wunsch erfüllt, 
Gymnasiast zu werden. 

Das hat geheißen „Kategorie". 

In der Zeitung steht unter den Annoncen : Weibliche Kategorie, 
offene Stellen. Das steht darum, damit man es schneller findet. Wie die 



446 Dr- Viktor Tamk. 

Frau Lehrerin in M. (bei der Fritz und sein Bruder in Kost waren) ein 
Dienstmädchen gesucht hat, hat sie diese Annoncen gelesen. 

In das PrüEungszimmer ist man über mehrere Stie- 
gen und mehrere Gänge gegangen, da waren viele Türea 
und viele Tafeln. 

Das war genau so, wie im Gemeindehaus, Dort war ich zweimal. 
Das erstemal mit der Tante Ella, um unser Dienstmädchen Anna an- 
zumelden. Das zweitemal mit der Mutter, wie der Bruder iu die Schule 
aufgenommen werden sollte. Im Gemeindehaus war nämlich der Schul- 
arzt, und bei dem hat sieh der Bruder vor der Äufuahma in die Schule 
untersuchen lassen müssen, ob er gesund ist. 

Auf einem weißen Steckschild hat mit roten Buch- 
staben gestanden „Kategorie", 

Die Tür und das Steckschild ist das vom Schularzt. Nur das Wort 
„Kategorie" paßt nicht, 

Frage des Analytikers: Was ist denn das mit der „Kategorie"? 
Einmal ist es ^weibliche Kategorie", ein anderes Mal ist es die Auf- 
schrift über der Tür des Schularztes ? 

Fritz. Da fällt mir ein, es war noch eine Fortsetzung vom Traum, 
da kommt Kategorie noch einmal vor. 

Zweites Traumstuck. Ich bin dann noch einmal in die Volks- 
schule gegangen. Die Buben haben einander gefragt : „Hast du schon 
kategoriert ?" Ich bin zufällig in der ersten Bank von vorn, nicht auf 
meinem Platz, neben einem Buben, der voriges Jahr bei uns war, gesessen. 
Der Bub heißt Kohn. 

Assoziationen zum zweiten Traumstück. 

Ich bin zufällig heißt Koho. 

In Wirklichkeit liat früher auf dem Platz, auf dem ich im Traum 
saß, der Berg gesessen, Der Kohn ist während des Unterrichts immer 
zum Berg gerutscht und hat ihn gezwickt. Darauf hat der Berg aufge- 
zeigt. Der Lehrer hat gesagt; „Berg, also wähle für den Kohn selbst 
eine Strafe". Darauf mußte der Kohn fünf Zeilen Strafe schreiben, 

Analyse. 
Es war auffallend, daß Fritz zu der merkwürdigen Verwendung des 
Wortes Kategorie in verbalerForm („kategoriert") keine Assoziation brachte. 
Die Vermutung des Analytikers, daß die merkwürdige Entstellung des Fremd- 
wortes durch ein obszönes Motiv bewirkt sein konnte, schien in der Remini- 
szenz von den schlimmen Buben in der Schulbank eine Bestätigung zu finden. 
Die analytische Erwägung veranlaßte zu der Deutung, daß die im Traum 
vorkommende Tatsache, daß Fritz neben einem schhmmen Jungen, neben 
dem er sonst nicht sitzt, sicli befand, soviel bedeuten könnte wie, daßi 



Znr Psychologie der Xindersexnalitiit. 447 

er sich mit dem scbümmen Jungen vergleiche,. Für die Tatsache, an Stelle 
des Berg gekommen zu sein, also des gepeinigten und mitleidigen Jun- 
gen, der seinem Peiniger nur eine so geringe Strafe zudiktiert (fünf 
Zeilen), fand eich aus dem Yerhalten des Knahen gegen seinen eigenen 
Bruder' eine Analogie. Fritz befindet sieh gegenüber seinem Bruder in 
einer ähnlichen Lage wie Berg gegen Kohn: er wird von seinem gewalt- 
tätigen und eifersüchtigen Bruder mißhandelt und gepeinigt, reagiert aber 
darauf aus homosexuellen Gründen, die weiter nicht erörtert werden 
sollen, sehr milde, und es tut ihm sehr leid, wenn der Bruder seinet- 
halben eine Strafe erdulden soll. Soviel an ihm liegt, sucht er die Schuld 
des Bruders abzuschwächen und es wärii ihm am liebsten, wenn der 
Bruder straflos bliebe. Die Traumstelle, daß Fritz in der Bank neben 
Kohn sitzt, könnte demnach bedeuten, er vergleiche sich mit Kohn, der 
ein schlimmer Junge ist: er ist also auch ein schlimmer Junge. Er 
wünscht, wie Berg, daß Kohn nur eine geringe Strafe bekomme: er 
wünscht also eigentlich, daß Kohn darum eine geringe Strafe bekommen 
soll, weil Kohn nicht schlechter ist als Fritz. Womit gesagt ist, daß er 
für sich selbst für- eine geringe Strafe plaidiert. Der allgemeine Gedanke, 
die Milde gegen Vergehen anderer lasse sich aus dem Schuldbewußt- 
sein ableiten, folgt konsequent aus dieser Argumentation für diesen spe- 
ziellen Fall und findet, wenn man davon absehen will, daß er nicht nur 
psychoanalytisch, sondern auch auf den Wegen verschiedener philosophi- 
scher Denker gefunden worden ist, ans der Fsyclioanalyse des Verhält- 
nisses zwischen Fritz und seinem Bruder noch eine besondere Bestäti- 
gung. Fritz ist der ältere von beiden und er hat die Ankunft des zwei 
Jahre jüngeren Bruders nicht gern gesehen. Feindselige Äußerungen gegen 
den kleinen Ankömmling, der die Mutter für lange Zeit ganz und gar 
in Anspruch nahm, fanden ihren Ausdruck und der Knabe schwentte 
nach kurzer Zeit deutlich von der Mutter, von der er sieh vernachläs- 
sigt fühlte, zum Vater hinüber, der ihm uneingeschränkte Zärtlichkeit 
und somit einen homosexuellen Ersatz für die unbefriedigte Liebe zur 
Mutter bot. Als dann zwei Jahre spater der Vater für lange Zeit das 
Haus verließ, übernahm Fritz die Vaterrolle über seinen jüngeren Bruder: 
er wurde fürsorglich, fühlte sich als Beschützer und brachte dem Bruder 
ein Herz voll Zärtlichkeit und Liebe entgegen. Auf diese Weise kom- 
pensierte er die Feindseligkeit, die er ursprünglich gegen den jüngeren 
Bruder als Rivale empfand. 

Die Deutung des Traumstückes von der Schulbank lautet also: 
Fritz plädiert dafür, daß er milde bestraft werde, d. h. er hat also 
etwas Verbotenes getan oder gewünscht, worauf eine Strafe stehen mag. 
Der Anschluß dieses Traumstückes an den Satz : „hast Du kategoriert" 
läßt die Verstümmelung des Wortes in Beziehung zu dieser vermuteten 
Strafharkeit Fritzens treten. Wir erinnern uns nun, daß das Wort „kate- 



448 



Dr. Viktor Tauafc. 



gorie" im ersten manifesten Traumstüek wie Im zweiten, in unmittel- 
bare Beziehung zu Schulangelegenheiten gebracht wurde. „Kategorie" 
heißt einmal „Prüfung" und das zweitemal steht es als Aufschrift über 
einem Zimmer, das der Triiumer als das des Schularztes, worin sein 
Bruder untersucht, also gepr üft wurde, agnosziert. Wenn es erlaubt 
ist, prüfen und untersuchen als gleichwertig zu setzen — uud es wird sich 
erweisenj daß dies erlaubt ist, — dann darf man erwarten, in der Beziehung 
von „untersuchen" imd „Kategorie" das gleiche Scbuldmoment zu finden, 
welches wir auch im zweiten Traumstüek in der Aufeinanderfolge von 
„kategoriert" und einer Schulszene (Kategorie — Prüfung vor dem Ein- 
tritt ins Gymnasium — Untersuchung des Bruders vor dem Eintritt in 
die Volksschule — Schularzt ~ Schule — Reminiszenz an schlimme 
Schuljungen) zu finden meinen. Koch eine dritte Beziehung des Wortes 
„Kategorie" ist im ersten Traumstück gegeben. Wir erinnern uns, daß 
das Haus, in dem der Schularzt amtierte, das Gemeindehaus ist, und 
daß Fritz in einer anderen Amtsstube dieses Hauses mit seiner Tante 
gewesen war, um die Aufnahme eines neuen Dienstmädchens anzumelden. 
Auch hier handelt es sich wieder um eine „Aufnahme", wie bei der 
Aufnahmsprüfung ins Gymnasium und bei der Untersuchung des Bruders 
zwecke Aufnahme in die Volksschule. Die Vorstellung vom Dienstmädchen 
assoziiert sieh an die Eeminiszenz von der Kostfrau in M,, die ein Dienst- 
mädchen aufnehmen wollte und zu diesem Zweck in den Aimoncen unter 
„weibliche Kategorie, offene Stellen"') suchte, Nun wird das Wort 
„Kategorie", zur Brücke zwischen zwei Aasoziationszentren. Die eine 
Assoziationsreihe geht nach der Kichtuug der Vorstellung „Dienst- 
mädchen", die andere nach der Richtung der Vorstellung „Schule". Mani- 
fest gemeinsam ist beiden Assoziationsreihen die Vorstellung „Aufnehmen" 
(in den Dienst — in die Schule). In der Richtung „Aufnahme in die 
Schule'^ schiebt sich in der Bedeutung einer Bedingung die Vorstellung 
„Prüfung" oder „Untersuchung" ein. Diese bedingende Vorstellung ist 
zunächst in der Richtung „Dienstmädchen" nicht assoziiert worden. Aber 
in dieser Beziehung hat das Wort „Kategorie" eine Determination be- 
kommen durch die Bestimmung, daß es sich um die „w e i b 1 i e h e 
Kategorie" handelt. 

Die Beziehung der Vorstellung „Prüfen" und „Untersuchen" zu der 
von „weibliche Kategorie" konnte au dieser Stelle der Deutungsarbeit 
aus der persönlichen Kenntnis des Lebens des Träumers, die der Ana- 
lytiker besaß, hergestellt werden. 

Das Dienstmädchen Anna hat für Fritz und seinen Bruder eine 
bedeutende Rolle gespielt. Die beiden Knaben, die keine Schwester 

■) Fritz befindet sich hier in einem Irrtum. Die Lelirerin konnte stu ihrem 
Zweck nicht die Rubrik , Offene Stellen" sondern nur die „Stellengoauolie" gelosen 
haben. Dieser Irrtam könnte von Belang Bein als EntatelluiigsraBultat der Zensur, er 
wurde aber nicht weiter analysiert 



Znr Psychologie der Kindersexualität. 



449 



hatten, waren der Meinung gewesen, daß alle Menschen, auch die Frauen, 
männliche Genitalien besitzen. Eines Tages äußerten sie diese Meinung 
im Laufe eines Gespräches mit dem Analytiker, der sie über den rich- 
tigen Sachverhalt aufklärte. Die Folge dieser Aufklärung war, daß die 
Brüder von nun an auf das lebhafteste bestrebt waren, diesen Unter- 
schied der Geschlechter durch eigene Anschauung kennen zu lernen und 
sie teilten dies Bestreben bei einer nahen Gelegenheit dem Analytiker 
mit.^) Dabei kam zu Tage, daß die Knaben ihr Interesse darauf gespannt 
hatten zu sehen, wie man mit diesem „Spalt" oder „Loch" uriniere und 
sie wollten den merkwürdigen Apparat beim Dienstmädcheu Anna unter- 
suchen. Die Keihe „Kategorie — weiblich— untersuchen — verbotene Hand- 
lung" bekonunt also duxeh diese Heranziehung der dem Analytiker per- 
sönlich und nicht aus dieser Traumanalyse bekannten Tatsachen ein 
zusammenhängendes Gerüst. 

Die Zusammenfassung dieser durch Deutung gewonnenen Reihe 
brachte den Analytiker zu folgender Erwägung: „Kategorie" heißt aller 
Wahrscheinlichkeit nach „weihliches Genitale". Da Fritz nun längst wiß- 
begierig war zu sehen, wie dieses Genitale, das von dem seinen so ver- 
schieden sein sollte, funktioniert, so könnte „kategorieren" die Funktion 
von „Kategorie" bedeuten, diejenige Leistung, die mit diesem Organ aus- 
geführt wird, so wie „hämmern" die Tätigkeit ist, die mit dem Hammer 
ausgeübt wird. „Kategorieren" könnte .urinieren" bedeuten. 

Diese Deutung wurde dem Träumer vorgeschlagen, worauf er über- 
rascht und vergnügt antwortete : „Ja, es kommt noch ein Stück vom 
Traum, das ich vergessen hatte." 

Drittes Traumstüct. 
Wie ich dann aus der Schule gegangen bin, ging ich durch die 
S . . . gasse in der Richtung zur P . . . gasse. Ungefähr in der Mitte der 
S . . . gassß ist ein Kanalgitter und da standen mehrere Männer auf der 
Straße bei hellichtem Tag und urinierten in das Gitter. Ich ging mit der 
Anna und sagte : „Da schau, die genieren sich nicht." Ich habe dann 
noch später reden hören, ich weiß nicht von wem: „Wenn man kate- 
goriert, bekommt man Durst." „Es ist mir im Traum so vorgekommen, 
daß damit gemeint ist, man muß aufs Klosett gehen." 

Assoziationen zum III. Traumstück. 

Das Kanalgitter in der S... gasse. Dieses Gitter existiert 
wirklich. Von dort aus sieht man das Klosett an der Mündung der 
S . . . gasse in die P . . . gasse. 

M~SiehB auch den nächsten Traum. Um dift bemfenen Personen niclit 
von Kiaderanalysen abzuschrecken, will icli betoueu, daß diese Neugier der Knaben 
alsbald abflaute uud der Ruhe des erlernten Wissens wich. Die Kinder haben sich später- 
hin durch dieses Wissen in keiner Beziehung mehr irritiert gefühlt und die störende 
Bedeutung der Geschlechtsnengier konnte dem auf das Peraönliche gerichteten Inter- 

esae Platz muchen. 

29 

Zathchr. f. Infi, FsjoboiHBilyae. 



' V • rr-T''X~~ "'-■^TST^ 



"y*^ 



450 



Ur. Viktor Tau&k. 



Ich habe in Graz im Sommer in der yetwimmanstalt gebadet. Meine 
Schwimmhose war zerrissen und wir haben gesagt, sie sieht aus wie 
ein Gitter. 

Zwei oder drei Tage vor dem Traum hat der Emil (der Bruder des 
Träumers) in der Küche gebadet Auch seine Schwimmhose war zerrissen 
und er wollte nicht, daß der Onkel Heinz in die Küche komme, weil er 
sich vor dem Ookel wegen der zerrissenen Schwimmhose geniert hat. 
Man bat durch die Hose alles durchgesehen. Die Tante hat den Onkel doch 
in die Küche gelassen. Der Emil hat sich darüber geärgert, aber die 
Tante hat ihm gesagt: „Männer unter Männern genieren sich nicht." 

Nach dieser Erzählung des Träumers, die im letzten Stück übrigens 
auch die Szene von den am Kanalgitter urinierenden Männern assoziativ 
determiniert, wird man verstehen, daß der Analytiker sich entschließen 
dui'fte, dem Knaben folgendes zu sagen: 

„Also vveil sich Männer unter Männern nicht genieren, darum ge- 
niereu die sich nicht vor einander am Kanalgitter zu urinieren. Mir 
seheint, du wünschest dir, daß sich die Leute nicht genieren sollen, da^ 
mit da sehen kannst, wie die Männer urinieren." 

Fritz, Ja, das ist wahr. Wie der Onkel Heinz einmal am Klosett 
war, hat er die Tür offen gelassen und da habe ich mir gewünscht zu 
sehen, wie er uriniert. 

Frage des Analytikers. Warum wünschest du das? 

Fritz. Ich mochte sehen, wie groß das (der Penis) bei den Er- 
wachsenen ist. 

Frage des Analytikers. Wünschest du nur zu sehen, wie 
Männer urinieren? 

Fritz. Auch bei Frauen wünsche ich es zu sehen, bei der Anna 
und bei der Tante Ella. Aber weil ich es sowieso nicht zu sehen be- 
komme, habe ich mir gedacht: „Ich pfeif drauf." 

Man kann sich kaum ein schöneres Beispiel für den Verdräagunga- 
prozeß in statu naseendi vorstellen als dieses freimütige und einfache 
Kindergeständnis. Zugleich aber bekommt man Einblick in den Mei^ha- 
nismus der Ablösung des heterosexuellen Interesses, das deutlieh unter 
dem Verbot steht, und dessen Übertragung auf das homosexuelle erotische 
Objekt, Die pädagogischen Konsequenzen dieser Einsicht zu erörtern, muß 
hier unterlassen werden. 

Es erübrigt nur noch eindeutig zu beweisen, daß „kategorieren" im 
Traum wirklich „urinieren" heißt. Wenn man davon absieht, daß die An- 
nahme des Analytikers von der Bedeutung dieses Wortes zur Repro- 
duktion des dritten Traumstückes und der sich anschließenden Assozia- 
tionen geführt hat, und wenn man auf diese Anerkennung des Traum- 
satzes: „Es ist mir im Traum so vorgekommen, daß damit gemeint ist, 
man muß aufs Klosett gehen" als ein die Deutung sicherndes Stück ver- 



Zar Psychologie der Kindersexnalität. 451 

ziehtet, dann führt uns ein anderer bekannter Traummechanismus in 
der Übersetzung des seltsamen Wortes weiter: 

Ich habe dann noch später reden hören, ich weiß nicht 
von wem.... 

Die Person, die mau im Traume nicht sieht, ist der Träumer selbst. 
Wenn Fritz also nicht weiß, wer die nachfolgenden Worte gesprochen 
hat, so ist er wohl selbst der Sprecher, die Rede ist sein eigener laut ge- 
wordener Gedankengang. Die Richtigkeit dieser Erkenntnis bestätigt sich 
sogleich folgendermaßen : 

Frage des Analytikers. Was heißt das: „wenn man kate- 
goriertj bekommt man Durst?" 

Fritz: „Immer wenn ich Wasser trinke, bekomme ich Urindrang." 
und lachend fügt er hinzu: „Das ist auch eine Wasserleitung, auch da 
ist ein Hahn, auch eine Röhre, das Wasser fließt auch von oben nach 
unten." 

Frage des Analytikers. Also muß der Satz umgedreht werden : 
wenn man Durst hat, „kategoriert" man. 

Fritz. „Ja, ich bin ein Umdrehteufel. Ich spreche immer die Um- 
drehsprache. " 

Die „Umdrehspraehe" ist ein eigenes Kapitel aus Fritzens Leben 
In seinem achten Lebensjahre begann er spontan sich eine Geheimsprache 
zu bilden, zugestandenermaßen aus dem Grunde, weil seine Eltern in 
Gegenwart der lünder über gewisse Angelegenheiten sich in einer fremden, 
den Kindern nicht verständlichen Sprache unterhielten. Da die Eltern 
eine Geheimsprache vor den Kindern hatten, revanchierte sich Fritz so 
daß auch er sich eine Geheimsprache erfand, damit die Eltern fühlen 
sollten, wie das ist, wenn man nicht verstehen kann, was die Leute 
reden. Fritz brachte diese Sprache mit dem Aufgebot aller seiner Lehr- 
föhigkeit dem Bruder bei und die Knaben sprachen, sobald es ging, über 
alle ihre Angelegenheiten in der selbsterfundenen Sprache. 

Die Technik dieser Sprache ist für die Psychologie der beiden 
Brüder von wesentlicher Bedeutung. Sie bestand darin, daß die deutschen 
Worte von hinten nach vorn gelesen wurden {z. B, ßetav ^ Vater) und 
die Knaben gewannen in dieser Sprache eine derartige Übung, daß sie 
ohne Stocken mit größter Geläufigkeit von hinten nach vorn deutseh 
sprachen. An der Wortfolge selbst wurde nichts geändert (z. B. „der Vater 
ist nicht da" hieß: Red Retav tsi thcin ad). 

Die Bedeutung des Umkehrens und Umdrehens in den Leistungen 
des Unbewußten wurde von der Psychoanalyse als die einer homosexu- 
ellen Tendenz festgelegt. Sie findet ihre Bestätigung auch in der Deu- 
tung des vorliegenden Traumes, dessen latente Traumgedanken keinen 
Zweifel übrig lassen, daß der Träumer den homosexuellen Weg ein- 
geschlagen habe, indem er verzichtet hat, das weibliebe Genitale zu sehen 

29* 






453 



Dr. Viktor Tausk. 



und sein Interesse nunmehr dem mUnnlichen zuwendet. Auch andere 
Beohachtungen aus der Lebensführung Fritzens bestätige» dies. Der 
Satz „wenn man kategoriert, bekommt man Durst" ist demuach folgender- 
maßen zu deuten: kategorieren heißt urinieren. Das Wort selbst reprä- 
sentiert, wie aus seiner assoziativen Genese hervorgeht, ein weibhehes 
Genitale (weibliche Kategorie). Die inhaltliche Umkehrung des Satzes 
bedeutet die Umkehrung der sexuellen Neigung, so daß die Wunsch- 
erfüUung, Männer urinieren zu beben, auf diese Weise diis infantile Voyeur- 
tum zum Befriedigiingsmittel einer echten sexuellen Inversion macht. 
Eine Andeutung dieser Inversion findet sich übrigens schon im ersten 
Traumstück, wo nach dsm Thema , weibliche Kategorie" das Fremdwort 
als Aufschrift über dem Zimmer des Schularztes erscheint, in welchem 
der Bruder, dessen Bedeutung als Sexualobjekt für Fritz außer Zweifel 
steht, untersucht wird. Zur Vervollständigung der Deutung erübrigen noch 
drei Momente. 

Das erste ist die Frage, warum auf dem Steckschild diia Wort 
Kategorie mit roten Buchstaben geschrieben steht. Die Deutung der ruten 
Farbe an dieser Stelle wurde im Traum vom „Mädelaboi-t" (S. 457 A. 1) nach- 
getragen. Wie dort ersichtlich ist, hatte Fritz im Sommer vordem Traum 
das klaffende Genitale einer kleinen Spielkollegin flüchtig gesehen. Er 
konnte wegen der Ungunst der Situation die Formen nicht deutlich ent- 
nehmen, die rote Farbe der Schleimhaut jedoch hatte sich seinem Ge- 
dächtnis eingeprägt. Diiß diese rote Farbe, die ja eigentlich zum weib- 
lichen Genitale gehört, über dem Zimmer des Schularztes steht, in wel- 
chem der Bruder untersucht wird, mag bedeuten, daß Fritz in seiner 
Geschlechtswahl noch oszilliert, was im Traum vom „Mädelabort" noch 
deutlicher werden soll. Im übrigen aber könnte die Lokalisation der 
Farbe auch einfach auch den Umstand zurückzuführen sein, daß der 
Schularzt nicht nur Knaben, sondern auch Mädchen untersucht. 

Das zweite zu erörternde Moment gibt ein Detail aus der Technik 
der Traumdeutung. Im ersten Traumstück finden wir eine zweifache Art 
der Schilderung von Räumlichkeiten mit Bezug auf die Deutlichkeit des 
Traumgesichtes. Die Stiegen, Gänge und Türen, die zum Untersuchungs- 
zimmer führen, sieht der Träumer deutlich. Wie das Uutersuchuiigs- 
zimmer selber ausgesehen hat, kann er nicht angeben. Der Autor kann 
sich nun dar aufberufen, daß i n seinen Analysen die undeut- 
liche Darstellung von Räumlichkeiten einer bestimmten 
Traumtechnik entspricht. Diese undeutlichen Räumlichkeiten 
sind ein Produkt der sekundären Traunibearbeitung, sie gehören zur 
Fassadenbildung des Traumes, und dienen einfach dazu, damit ein 
durch die Tranmarbeit entstellter Vorgang durch Ilinzu- 
fügung der Räumlichkeit, in die erder manifesten Dar- 
stellung nach placiert werden könnte, rationalisiert werde. 



Zur Psychologie der Kinderaexualität. 453 

Im vorliegenden Fall ist folgende Erörterung zu geben: der manifeste 
Traum erzählt von einem Prüfungszimmer, die latenten Traumgedanken aber 
und die Deutung decken die Identität von Schulprüfung mit Untersuchung 
des Genitales auf. Das Traumerlebnis selbst endet im ersten Traumstuck 
damit daß der Träumer die Kategorie in roter Farbe sieht. Die Portführung 
des Traumes nach der Richtung, auch noch das Prüfungszimmer selbst 
deutlich vorzustellen, zeigt nur noch den Versuch, das Traumstück als 
Schulmilieu zu Ende zu denken. Für die Wunscherfüllung selbst wd 
dieses letzte Stück der Traumleistung überflüssig. Man muß diese Art 
der Darstellung von Räumlichkeiten von der symbolischen Terwendung 
der Raumbilder im Traume unterscheiden. Kaumbilder in symbohacher 
Bedeutung verlieren selten - nach der Erfahrung des Verfassers sogar 
niemals - etwas von ihrer visuellen Schärfe. Bei der Traumdeutung 
ist daherauf Räumlichkeiten, die nur gewußt oder genannt 
aber nicUgesehen werden, kein Gewicht zu legen. Die m 
diesem Traum deutlich gesehenen Gänge und Stiegen entsprechen dem 
realen Vorbild als Erinnerungsbilder. Ob_ sie symbolisch zu erklaren 
wären, wurde in dieser Analyse nicht ermittelt. 

Das dritte Stück, dessen Deutung nachzutragen ist, ist der Satz 
des zweiten Traumstückes: „hast du kategoriert". Diese Rede wurde, wie 
alle Reden die im Traum vorkommen, {mit Ausnahme mancher Falle, 
in denen die Sprecher nicht gesehen werden und die Deutung die Rede 
als lautgewordenen Gedanken des Träumers aufdeckt), in Wirklichkeit 
gehalten. Ihre reale Provenienz wurde jedoch erst im Traum vom Mädel 
abort(S. 457 ad 7) festgestellt. Der Lehrer des Träumers gestattete nämlich 
nicht, daß die Kinder während des Unterichts aufs Klosett gingen. Sie 
mußten dieses Geschäft vor der Schulstunde erledigen. Aus diesem Grunde 
kam es dazu, daß die Knaben einander vor dem Unterricht fragten : 
warst du schon draußen? im Traum dargestellt mit: hast du katego- 
riert? d h uriniert An dieser Stelle wird der letzte und unzweifelhafte 
Beweis dafür geliefert, daß kategorieren urinieren heißt. Aber auch die 
Deutung des Umstandes, daß Fritz im Traum neben Kohn sitzt, -was 
wir im Sinne eines Schuldgefühls gedeutet haben (S. 447) - findet 
hier durch eine zweite Determination eine endgültige Bestätigung. Auf 
Hinausgehen während des Unterrichts war nämlich Strafe gesetzt und 
Fritz hatte solche Strafe erleiden müssen. Im Zusammenhang zwischen 
der Frage: hast da kategoriert? und dem im Nebenemandersitzen mit 
Kohn durchgeführten Vergleich Fritzens mit dem strafbaren, schlimmen 
Jungen wird die Zugehörigkeit von „Kategorie" zu einem verbotenen 
Unternehmen eindeutig. 

In kurzen Worten zusammengefaßt, verrät uns dieser Traum daß 
der Träumer seine Sexualität auf die homosexuelle Bahn gebracht hat 
nid dl er die Neigung hat, seinen Sexualtrieb m infantiler Schau- 



..Aa'iH~ . M*bl . 



«^ u"-^ • *. / " 



454 



Dr. Viktor Tauak. 



lust ZU befriedigen, was er jedoch als etwas Verbotenes empfindet und zu 
verdrängen im Begriff ist. ' 



Der Traum vom Mädelnbort. 

Dieser Traum, der die psychische Situation des vorigen in allen 
Punkten getreu wiederspiegelt, kam sieben Wochen nach dem Traum 
von der „Kategorie" zur Analyse, Frita unterbreitete ihn dem Analytiker 
spontan mit der Bemerkung, er habe schon wieder dasselbe geträumt, 
nur anders. Die Deutung dieses Traumes wird wogen seiner großen 
Klarheit und Übersichtlichkeit kurz gefaßt sein, und sie soll im Wesent- 
lichen sich auf Hinweise in der Übereinstimmung zwischen dem vorlie- 
genden und dem früheren Traum beschränken. Zur leichteren Übersicht 
sollen die in sich geschlossenen Traumteile und die zu ihnen gehörigen 
Assoziationen mit Ziffern versehen werden. 

1. -Ich war in der Schule, Der Lehrer hat gesagt : „Wer verzetzt') ist, 
muß ein Mädel werden." 2. Dann hab ich mir gedacht: „jetzt kannst 
du dir den Abort von den Mädeln bißl anschauen". Wie wir dann aus 
der Schule gegangen sind, 3. sind uns die Mädeln entgegengekommen. 
Bevor die Mädeln gekommen sind, hat mir jemand gesagt — Korrektur: 
hab ich auf einmal gewußt — daß auch die Mädeln Buben werden müssen. 
Wie die Mädeln uns entgegenkommien, 4. seh ich schon eine, die hat 
rotes gestutztes Bubenhaar und kurze graue Hosen, die nicht bis zu den 
Knieen reichen, und ein graues Jackett. Wie wir dann beim Tor hinaus- 
gekommen sind, war vor dem Tor schon 5. Glatteis, Wie wir schon 
den halben Weg nach Hause waren, hab ich mir gedacht, jetzt könnt ich 
zurückgehen und mir den Abort von den Mädeln anschauen. Ich hab den 
Weg zurück gleich angefangen zu schleifen. Indessen 6, hat mich aber 
der Lehrer abgefangen und hat gesagt; 7. „Da geht man früher". Der 
Lehrer hat mich aufgefangen, indem er mir deu vorgestreckten Arm 
entgegengehalten hat. 



Assoziationen und Analyse. 

Ad 1. a) Die Tante Ella sagt uns immer: nicht einmal Mädeln 
sind so verzetzt wie ihr, 

h) Der Lehrer sagt uns immer: wenn die Mädeln viel plauschen, 
sagt man, sie sind Gänse, Was soll man von euch sagen? 

Deutung: ein Mädel ist etwas gering Eingeschätztes. Zur Ergän- 
zung des Gedankens siehe die homosexuelle Neigung des Träumers im 
Traum von der „Kategorie". Auf diese, beziehungsweise auf den in ihr ent- 



') Verzetzt bedeutet im Wiener Jargon: verwöhnt, verrannzt, vorweich licht. 



Zur Psychologie der KinderBexnalität. 



455 



halten.n narzißtischen Anteil (Pomsstolz) i.t die Geringschätzung des 
weiblichen Geschlechtes begründet. ') 

Ad 2. Ich wünsch mir oft, dea Abort von den Mädeln .u sehen. 
Finmal wollt ich ihn mir schon anschauen, wie ich Bibliotheksbücher in 
d B M dllUas tragen mußte. Da war aber der Franz nnt nur, und so 
konnte ich nicht. Ich habe dem Franz damals gesagt komm .chauen wir 
ZTäen Abort von den Mädeln an, er hat aber nicht zugehor 

Deutung, wir sehen den Sexualtrieb als Schautneb m Aktion und 
,war auf d^ Exkretionsgeschäft gerichtet. Ein Gleiches hat uns der 
T^aL von der Kategorie verraten. Was uns jedoch dort nur durch die 
D^g niöglich wurde, erfahren wir hier mühelos. DaJJFntz_h-r seine 
S banl^st ai das weibliche Geschlecht gerichtet hat zeigt wieder ddä 
seine sexuelle Einstellung noch oszilliert. Auch der frühere Traum be- 
ginnt ja mit der heterosexuellen Neugier. Aber gleich wie dort em Ab- 
schwenken zum gleichen Geschlecht folgt, so sehen wir auch hier eine 
Deprczierung des Weibes, was unter 4. noch deuüicher werden oR 
Es sei hier die Bemerkung zugelassen, daß die Unsicherheit der sexuellen 
Neigung wahrscheinlich erst in der Pubertät nach der einen oder der 
anderen Richtung entschieden wird, und daß bis zu diesem Zeitpunkt Be- 
einflussungen der Sexualentwicklung, trotzdem abnorme Triebe even- 
tuell schon deutlich zum Ausdruck kommen, nicht ausgeschlossen sein 

mögen. 

Ad 3. Die Mädchen sind direkt zur vierten Klasse gegangen, wo 
sie doch nichts zu suchen hatten. Sie sind mir entgegengekommen. 
(Fritz besucht eine Volksschule für Knaben und Mädchen. Die beiden 
Trakte sind durch einen Korridor verbunden.) 

Deutung; Es fällt auf, daß Fritz als Assoziation nur eine schärfere 
Darstellung der Traumsituation bringt, und keine Erinnerung aus der 
Realität. Die verwunderte Kritik, die er an der Situation mit den Worten 
übt: die Mädel seien ihm zur vierten Klasse entgegengekommen, wo 
sie doch nichts zu tun hätten (die vierte Klasse ist Fritzens Schullokal), 
zeigt, daß dieses Entgegenkommen einen anderen Sinn ^abe als den dar- 
gestellten räumlichen. Es handelt sich einfach um eine bildhafte Dar- 
stellung des Begriffs „Entgegenkommen" im psychischen Smne. Das 
Gefühl der Verwunderung drückt aus, daß es sich m Wirkhchkeit um- 
gekehrt verhalte, daß ihm die Mädel nicht entgegenkommen. Diese 
Iblehnung der Mädchen ist indessen in die Psyche des Träumers selbst 
zu verlegen denn in Wirklichkeit mögen ihn die Mädchen, da er 
ein hübscher Junge ist, sehr. Aber sie hatten nichts bei ihm zu suchen, 
weil er bei ihnen nichte zu suchen hat. Wir gewinnen wieder an der 

iT^e Bemerkung sei zugleich ab eine polemische gegea die AufeteUnng 

, . 1 VM«? der die Tendenz, ein Mann .eta zu wollet., als „mäunhchen Protest" 

ira::T'rWeL. der i^chlecMer oder au. den. Maeht^Uen uud nicht 
aas Triebneigangen erklSrea will. 



456 



Dr. Viktor Tausk. 



tritischen homosexuellen Stelle durch die Umkelirung eines Satzes das 
abnorme Element, gleichwie im Traume von der Kategorie an der 
Stelle: wenn man kategoriert hat mau Durst (S. 451). 

Für die jedenfalls aktive Neigung des Träumws, das weibliche 
Genitale zu sehen, bedeutet das Entgegenkommen im Traum eine Wunsch- 
erfüllung. Fritz hat keinesfalls mit dem weiblichen Geschlecht voll- 
ständig gebrochen, und die noch in der tiefsten Schicht des Unbewußten 
ruhende homosexuelle Entscheidung ist einstweilen nicht im stände, seine 
Neugier für das weibliche Genitale gegenstandslos zu machen. 

Ad 4. Rotes Haar, aber nicht kurzes, hat die Marie F. aus der 
fünften Klasse. Sie ist Schwester von meinem Mitschüler. Kurz ge- 
stutztes rotes Haar und so einen Anzug wie das Mädel im Traume, hat 
mein Mitschüler Karl ; den kann ich uicht leiden. 

Deutung: Der letzte Satz sab 3. „da hab ich auf einmal gewußt,') 
daß auch die Mädel Buben werden", wird in dem als Knabe gekleideten 
Mädchen realisiert. Die IdentiHkation eines Mädchens mit einem schlecht- 
gelittenen Mitschüler bedeutet die Ablehnung des Mädchens (Homo- 
sexualität). Eine Determination erfordert nur der Umstand, daß das 
Mädel in Buheukleidern erscheint. Anschließend an den Satz zu 1, wo 
gesagt ist, daß die Buben Mädeln werden, ersehen wir aus der Ver- 
kleidung des Mädchens nunmehr eine vollständige Verkehrung aller 
geschlechtlichen Verhältnisse. Eine in höherer Schicht gelegene Detei'^ 
mination der Verkleidung liefert Fritz mit der nachträgliuhen Be- 
merkung: „wenn ich ein Mädel war, dürft ich mir den Miidelabort 
anschauen." Der Analytiker erlaubt sich hier den Schluß, daß die 
Verkleidung des Mädchens im Traum den Zweck habe, Fritzens Wunsch 
nach dem Prinzip von dem Berge der zu Mohammed kommt, zu ent- 
sprechen. Da er kein Mädel werden kann, kommt ihm das Mädel als 
Bub entgegen. Wie wenig ihm in Wirklichkeit damit gedient ist, da 
doch die Dinge im Wesentlichen unverändert bleiben, ist auch in der 
Bemerkung ausgedrückt, daß die Mädel bei der vierten Klasse nichts 
zu suchen hätten. Daß die Hosenrolle keine Lösung sondern eine Be- 
hinderung des Problems ergibt, tritt im folgenden Gespräch zwischen 
Fritz und dem Analytiker hervor. 

Frage des Analytikers : hast du schon "ein Mädel in Bubenkleidern 
gesehen? Fritz; Ja, die Josephine. Sie hat geturnt und damit mau ihr 
nicht unter die Röcke schauen kann, hat sie sich darunter eine schwarze 
Bubenhose angezogen. Einmal hat eiu Mädel auf dem schiefen Stein im 



') Es sei auch hier auf die Traumtachrik wie auf S. 451 verwioiiüii. l'ritz 
korrigierte den Satz: ,Da hat jemand gusagt" in: „Da hali ich auf einmal gowuDt" 
(siehe oben). Er sieht den Spreuher nicht und or bestätigt in der Korrektur sogleich, 
was wir S. 451 durch Deutung hestinimt haben, daß Reden die von eiuem unsicht- 
baren Sprecher herrühieu, Gedanken dea Träumers eiad. 



i 



Zur PsTchologio der Kindersesaalität. 457 

Park gerutscht und sie tat keine Hosen angehabt, da hat man ihr unter 

die Röcke geschaut. ^ , , r u 

Ad ö. „Ich möchte schon gern Schhttschuh lauten. 
Deutung- Der Traum stammt aus einem frostlosen Januar. Das 
Glatteis ist zunächst die Erfüllung eines Tageswunsches. In Wirklichkeit 
enthält es das Verbotsmoment, da den Knaben strenge untersagt ist, 
auf der Straße vor dem Schulgebäude zu schleifen. Deutlich wird das 
Verbotsmoment auch aus dem Umstand, daß Fritz die Gelegenheit be- 
nützt da schon alle aus der Schule sind, auf dem Glatteis zuruckz«- 
schleifen, um sich jetzt, weil ihn vermutlich nunmehr niemand stören 
wird den Mädelabort anzuschauen. Auf dem Glatteis schleifen heißt 
also ' auf verbotenen Wegen gehen. Eindeutig geht dies ans dem 
unmittelbar folgenden hervor. 

Ad 6. ö.) Ini Hyrtlachen Waisenhaus sind einmal zwei Buben 

durchgegangen. Die sind von der Polizei abgefangen und bestraft worden. 

h) „Ich hätte schon oft gern in den Mädelabort hineingeschaut, ich 

hab mich aber gefürchtet, es könnte ein Mädel drin sein und das könnte 

mich anzeigen. 

Ad 7. „Da geht man früher." Das sagt der Lehrer, wenn wir 

in der Stunde hinaus verlangen. 

Deutung; Dieses Stück enthält gleichfalls ein Verbotsmoment. ^) 
Die Geste mit der ihn der Lehrer aufhält, mag Fritz bei den Polizei- 
männern gesehen haben, die mit ausgestrecktem Arm an Straßen- 
kreuzungen die Fuhrwerke auffangen. Sie bedeutet: Nicht weiter 
fahren. 

Theoretische Bemerkungen. 

Die hier vorgelegten Traumanalysen geben uns Einblick in das 
Sexualleben der Knaben in der Latenzperiode. Wir finden den Schautrieb 
und den korrelativen Exhibitionismus in Tätigkeit, und wir stellen die 
Tatsache fest, daß die in diesen Träumen schon eindeutig ausgesprochene 
Objektwahl zu ihrer Entwicklung auch auf der Bahn der Exkretions- 
libido fortschreitet. Auch diese prinzipiell aut^erotische Libido wird 
in den Ühertragungsprozeß hineingearbeitet, und es scheint, daß dies 
durch zwei Bedingungen möglich wird. Die eine Bedingung liegt offenbar 
in der Größe des Anteils, mit dem die Libido an spezifische Organe 
geknüpft ist (durch welche Organe sie zugleich als eine spezifische Organ- 
libido quahfiziert wird). Es könnte sein, daß nicht alle Libido, die beim 
Exkretionsgeschäft mobilisiert wird, speziHsch von den Exkreüonsorganen 
geliefert ist, und daß ein Teil dieser Libido undifferenziert, von einem 

^^ dieser Gelegenheit holte sich Fritz den Eindruck von der Böte der 
GeniUlselileimhaat. (Siehe S. 452.) 

») Siehe Tramn von der Kategone S. 453. 



458 



Dr. Viktor Tauak. 



Organ auf das andere verschiebbar und demgemäß auch auf ein fremdes 
Objekt übertragbar ist, sobald uud sofern dieser verschiebbare Libido- 
anteil eine erogene Zone besetzt, die biologischerwetse zu einer anderen 
als der autoerotische ii Objektwahl bestimmt ist. 

Ist diese Bedingung gegeben, dann wird die Übertragharkeit der 
Exkretionslibido durch ein zweites Moment, das im Mittel der Objekt- 
wahl gelegen ist, endgültig möglich gemacht, indem das Auge (oder ein 
anderes) wesentlich auf die Beherrschung der Außenwelt gerichtetes 
Organ, in den Dienst der autoerotischen Exkretionslibido (bezw. ihres 
verschiebbaren Anteils) gestellt wird, so daß der sexuelle Schautrieb, 
indem er sich am Exkretionsgeschäft anderer Personen betätigt, auf der 
Bahn der Exkretionslibido zur Objektwahl beiträgt. 

Die Stellung dieses Problems zu dem des Narzißmus, d. h, dem 
Problem der Übertragbarkeit der Libido kat exochen, soll an anderer 
Stelle erörtert werden. Es sei hier nur noch bemerkt, dali die l'ro- 
jektion der Exkretionsiibido zugleich der Weg ihrer Ve rdr ängiiug 
ist, indem der autoerotische Lusthezug dadurch wertlos (oder wenigstens 
ersetzlich) wird, daß die asoziale Exkretionslust dem Subjekt auf dem 
Umweg des sozialen Schautriebes in einer Form wieder zufilllt, die sich 
als gleichwertig mit allen anderen Arten von erotischer VVerfschiitzung 
nichtautoerotischer Objekte erweist. Wenn im Lauf der von anderen 
erogenen Zonen und vom Ich bestimmten Entwicklung des Geschlechts- 
triebes die speziiische Lust am Exkretionsgeschäft des Liebeaobjekts 
dadurch wertlos geworden ist, daß die Exkretionsorgane — einem 
besseren Wissen gemäß — nur noch als spezifische Geschlechtsmerkmale 
geschätzt werden, dann hat der Entwicklungsprozeß der Exkretionslibido 
seinen normalen Abschluß gefunden. Wird er unterwegs fixiert, dann 
ergibt er die dem Fixieruugsmoment entsprechenden Perversitäten 
(Voyeurlust, Exhibitionismus, Koprophilie usw.). 

Zum Schluß will ich noch erwähnen, daß Beobachtungen mir die 
Anschauung aufdrängen, daß das Sexualleben der Knaben in der Latenz- 
periode vorwiegend den Charakter der Schaulust am Exkretionsgeschäft 
trägt, und daß diese Körperfunktion, weil sie die Beschäftigung mit den 
Genitalien in eine dem Wissen des Knaben entsprechende und vom 
erzieherischen Milieu notgedrungenerweise erlaubt« Beziehung bringt, den 
größten Teil der sexuellen Phantasien der Latenzperiode abgibt. 



!»■ iV^". t 



'^ 



Mitteilungen. 

Das Wesen des Traumes in der Beurteilung der talmudischen 
und rabbinischen Literatur. 

(Ein Beitrag zur Geschichte der Psychologie des Traumes.) 

Von Dr. phil. Ch. Lauer in Basel. 

Neuerdings ist infoige der Freudschen Traumliypotlieso das Traum- 
wesen Gegenstand eifriger Diskussion geworden. Die Theorie dieses Forschers 
geht dahin, den Traum als eine Wunscherl'üllung zu erklären. Es ist nicht 
unsere Absicht, an dieser Theorie Kritik zu üben. Wir wollen nur in folgender 
Abhandlung vom Standpunkte der historischen Entwicklung der Traumlehre 
zeigen, daß schon in der talraudisch-rabbinischen Literatur zum Teil der Freud- 
schen Gedankenrichtung ähnliche, zum Teil ihr widersprechende Anschauungen 
zum Ausiirack gelangen. Unsero Abhandlung soll auch einen Beitrag zum 
ersten Kapitel ,die wissenschaftliche Literatur der Trauinprob lerne" des rühm- 
lichst bekannt gewordenen Freudachen Werkes „Die Traumdeutung", 
2. Aufl. 1909, liefern. 

Nachzuweisen, daß die Spuren einer nenv erkündeten Theorie liie und da 
in der Literatur der Alten zu finden sei, will allerdings nicht viel beißen. 
Denn alles vernünftige ist schon einst gedacht worden. Der Lorbeerkranz 
gebührt nicht demjenigen, der eine neue wissenschaftliche Theorie erdacht hat, 
sondern demjenigen, der sie zum Durchbrucbe und zur Anerkennung bringt. 
Allein es ist auch kulturhistorisch interessant m erfahren, wie zu verschie- 
denen Zeiten auch in der talmudisch -rabbinischen Literatur das Wesen des 
Traumes vom pbysiologiachenj psychologischen und religiösen Standpunkte aus 
beleuchtet wurde, und daß auch in dieser Literatur die modernste Traum- 
hypothese direkt und indirekt Erwähnung findet. 

Bevor wir an unsere eigentliche Aufgabe gehen, wollen wir vorerst die 
in neuerer Zeit geäußerten Ansichten über den Traum anfuhren. 

Das eigentliche Wesen des Traumes zu erforschen, ist eines der schwie- 
rigsten Probleme der Physiologie und Psychologie. Solauge wir den Zustand 
der Ruhe des Gehirns, den wir Schlaf neuneu, nicht genügend erforscht 
haben können wir auch das wahre Wesen des Traumes, das mit dem des 
Schlafes auf das innigste verknüpft ist, nicht recht erfassen und begreifen. Un- 
sere Kenntnisse über den Schlaf aber sind sehr dUrftig. Es ist hier auch 
nicht der Ort auf die verschiedenen Hypothesen, welche über das Wesen des 
Schlafes konstruiert wurden, nitber einzugehen. Wir wollen hier nicht die 
physiolonsche Funktion, sondern die Entstehung, Bedeutung und Beschafieu- 
heit der" Träume ins Auge fassen. Von den zahlreichen Autoritäten, welche 
sich mit diesem Problem befassen, möchten wir hier die Meinung zweier, 
die im Vordergrund stehen, vernehmen. 



p 



460 Dr. phil. Uh. Lauer. 

Nach Hagcmann (Psycho!. S. 83) ist die IJesohaffenlicit der Träume 
bedingt: a) Dnrcli organisclie Reize, die wäbründ düs Kclilufes auf dio Seole 
einwirken. Die l'liantasie bemächtigt sich dieser Empliiidung und sihaflt daraus 
bald heitere, bald schreckliche TraumgeijÜde. b) Durch Vorstellungeu und Ge- 
fühle, welche uns vor dem Einschlafen btschäftigen. c) Durch heitere oder 
trübe Stimmung, welche uns im Wachen beherrschte. 

Vielfach kommen in den Träumen Wünsclic zur Geltung. So repräsentiert 
der Traum nach Freud (Der Witz S. 136 11". und in mehreren seiner Schrifiun) 
eine „Wunschert'ülluDg". Er ist „ein meist sehr hornjiH/iertes Gefüge von 
Gedanken, welches während des Tages aufgebaut worden it.t und nicht zur 
Erledigung geführt wurde — ein Tagesrest — hält auch wilhrend der Nacht 
den von ihm iu Ans^iruch genomnieiien Energiebetrag — dus Interesse — 
fest und droht eine Störung des ScblaCes. Dieser Tagesrest wird durch die 'i'raura- 
arbeit in einen Traum verwandelt und fUr den Schlaf unschädlich grniacht. Um der 
Traumarbeit einen Angritts]mDkt zu bieten, ii)uß der 'i'ugcsrcst wunschbililungs- 
fähig sein, . . . Der aus dem Traumgeduiilitn hervorgehende Wunsch bildet 
die Vorstufe und spüter den Kern des 'J'rauniea". „Sein Inhalt ist", sagt 
ferner Freud (Traumdtutnng p. 85), „. .. eine Wuntcherfülluiig, sein Motiv 
ein Wunsch''. — „Ein im Optativ stehender Gedanke ist durch 
eine Anschauung im Präsens ersetzt." (Freud, Über den Traum, 
Wiesbaden 1901, p. 318.) 

Um einen Traum licbtig deuten zu künnen, ihn ku verstehen, niufler 
vorerst im Frcudschcn Sinne analysiert werden. Der 'J'raum will nicht den 
Schleier der Zukunft lüften, sondern Vergangenes mitteilen, Erlebtes berichten, 
„Wünsche" „erfüllen", den Charakter des Träumers in verkleideter Form 
schildern u, dgl. 

Ähnliche Gedanken tiber das Wesen des Traumes finden wir im Talmud 
und in der ra.hhinischen Literatur entwickelt. Während mau im Altertum und 
besonders im Orient den Ursprung des Traumes in dep himmlisdieu Sphären 
zu suchen gewöhnt war, sind einige jüdische Philosopiien und zum 'l'cil auch 
der Talmud hemüht, ihn in der Tiefe des Magens zu linden. 

Im Talmud babli (Traktat Beracholh 55 a) sagt 11. Ilisdn: -leder 
Traum bedeutet etwas,') ausgenommen ein solcher, der durch Fasten kommt." 
Offenbar, weil ein solcher Traum seine Entstehung nur einem Magenprozeß 
zu verdanken hat. Hier hat der Traumerreger meislens seinen Wohnsilz. 

Saadja Gaon (892—942) sagt in der EinleituDg zu seinem Huche 
„Emanoth wedeoth" : Manchmal sehen wir im Traum Gegenstände, welche uns 
des Tags beschäftigen, worauf sich Xobcleth (5, 2) bezieht ; Der Traum kommt 
von vieler Beschäftigung." Manchmal wieder entstehen Träume durch Speisen, 
ihre Wärme oder KälLe und ihre Quantität, worauf Jesaja (29, 8) hinzielt; „Wie 
der Hungernde träumt, er esse, aber erwacht und sein Hunger ist nicht gestillt ; 
wie der Durstende träumt, er trinke, aber aufwacht und «icho, er ist orinattct, 
seine Seele schmachtet." Ein andermal endlich entstehen Träume, wenn in der 
natürlichen Wärme des Korpers Unregelmäüigkeitori auftreten. Wärme und 
Feuchtigkeit z, B. bilden Freude und Schmerz, Kälte und Trockenheit hin- 
gegen machen Trauer und Sorgen, worauf lliob (7, 14) hindeutet; „Du ängstigst 
mich mit Träumen und mit Gesiclitern erschreckst du mich." Jedoch gibt 
Saadja zu, daß zuweilen auch eine höhere Andeutung sich in die Träume 
meugt. 

Bachja b. Ascher aus Saragossa (1291) sagt in seinem Pentateuch- 
kommentar (Gen. 41): Drei Ursachen der Trä,umo sind vorhanden: Speisen, 

') Vgl. Siphro Koracli, pisq 119, p. 39 b, der Ed. Friedmann, Wien 18C4. 



Das Wesen des Traumes in der Beurteilang der talnmd. n. labbin. Literatcr. 4Q]_! 



Gedanken und Seelenstärke. Die Speisen treiben Düosto ins Gehirn, und da- 
durch cntstaadeue Träume sind leere, unnüUe Dinge, Die Gedanken, welche 
den Menschen bei Tag stets beschäftigen, siebt er auch in der Nacht usw. 
Wahr ist, meint Bachja, derjenige Traum, der die Seeionstärke zur Ursache 
hat : wenn die Einbildungskraft die in wahrem Zustande wohl aufgefaßten 
Dinge im Schlafe, wo alle sinnlichen Kräfte ruhen, derart erscheinen läßt, als 
sähe er sie in Wirklichkeit, 

„Ähnlich äußert sich der Agadaerklärer Isaak b. Jedaja (siehe „En 
Jakob" zu Berachoth 55) über das Entstehen des Traumes: Die Träume richten 
sich nach den Ahendspeisen. Hat mau viele und schwere Speisen gegessen, 
so dringt der schwere Dunst vom Magen in das Gehirn und verursacht schlechte 
und erschreckende Träume ; ist aber der Magen nicht überladen, dann sind 
auch die Trduiue richtiger. 

Auch Menacheni b. Zeraeh (starb 1374) and Menasse b. Israel 
(1604 — llij?) seilen im Verdauungsprozeß die Ursachen des Traumes, ken- 
nen aber auch von der Vorsehung inspirierte Träume.^) 

Der Traum verwandelt nach Freud den Tagesrest durch Traumarheit 
in eino Handlung. Der Stoff wird zumeist der nächsten Umgebung des Traumes, 
den Gedanken, die den Menschen tagsüber bpschgftigen, entcomraeu. So lehrt 
im Talmud babli (Tr. Berachoth 55 b) U. Samuel b. Nachmani im 
Namen des 11. Jonathan: ,Man zeigt dem Menschen im Traume nicht etwas 
anderes, als die Gedanken seines Herzens"*), was auch gleichzeitig 
besagen will, daß der Traum der Spiegel des mensclilichea Charakters ist, 
eine Lehre, die besonders von Schopenhauer, R. Ph, Fischer, Haff- 
ner, Scholz und Pfaff (vgl. Freud, Traumdeutung, p. 4G/47) verfochten 
wird. Die Träume sind einfache oder auch komplizierte Reproduktionen des 
im wachen Zustande Gedachten und Erlobten. 

lt. Samuel will, wie gewohut, seioe Lehre in der Bibel bestätigt 
finden. Hier (Daa. 2, 29) heißt es: „Du o König, deine Gedanken steigen 
dir auf dem Lager auf", ferner: (ibid. 2, '60} „die Gedanken deines Herüens 
wirst du wissen". Entsprechend dieser talmudischen Versdeutung sagt Sal omo 
b. Isan,k (1040 — 1105), „Raschi", zuweilen auch „Jarchi" genannt, in seinem 
Bibelkommentar zur Stelle ; „Was du während des Tages gedacht hast, daa 
wiederholt der Traum." 

Ähnliche Bemerkungen macht hier der bedeutendste und einliußreichste 
spanische Exeget und Graramatilter Abraham ihn Esra (starb ] 167). 
Dieser berichtet uns auch die Auffassung der Geonim, daß der König Nebukad- 
nezar selber wohl den Inhalt des Traumes gewußt habe, wollte ihn aber ver- 
heimlichen, um dadurch die Weisheit seiner Gelehrten zu prüfen, nämlich ob 
sie ahnen, wovon und worüber ein König träume oder — was auf dasselbe 
herauskommt — welche Gedanken ein gekröntes Haupt beschäftigen könnten. 

Für Raba (Talmud b. ibid.) ist die oben angeführte Lehre Samuels 
so selbstverständlich, daß sie gar keiner Bestätigung in der Bibel zu finden 
beiiarf. „Du kannst es dir denken", sagt er, ,,man zeigt ja einem weder 
eine goldene Palme, noch einen Elephanten, der durch ein Nadelöhr geht.''^) 

■) Vgl. „Zeda la Derech", Ed. Sabjoneih 46 b, „Niacbinath Chajim in, 5 und 
Löwinger in Grunwalds Mitteilnngen 1908, IV. HO f. f. 

'-) Wörtlich: „meharhure libo", von den Begierden seines Herzens. In der 
talmudischen Ausdrucks weise glaube ich das Wort harher besser mit „wünschen", 
„leidenschaftliche Begierden liegen" übersetzen zu dürfen, vgl. Talmud babli T. Chulin 
37 b, Levy, Neuhebr.-Chald. Wörterb. Bd. I. p. 492,'9ii. 

") Man beachte die Variation dieses Gleichnisses mit dem des N. T. Matthäi 
19, 24, Marc. 10, 25, Luc. 18, 25, wo es heißt: ,Es ist leichter, daß em Kamel 



462 



Dr. phil. eil. Lauer. 



im 



Eeunruliigende Träume produzieren Ängstträume. So wird 
Talmud bablL (Beraclioüi 56 b) berichtet; „Der Kaiser sprach m U. Jßho- 
sua b. K. Hanina: Ihr sagt, dü0 ibr sebr weiso seid,so sage mir, was ich 
in meinem Traume seben werde. Dieser erwiderte: Du wirst seben, dafldie 
Perser dicli zum Frohndiensto einziehen, dich berauben und dii-b grÜuHche 
Tiere mit emem goldenen Stab weiden lassen. Kr dachte den ganzen Tag 
daran, und nachts träumte er dies." 

„Der König Sapor sprach au Samuel: Ihr sagt ja, daß ihr sehr 
weise seid, so sage mir, was ich in meinem Traume seben werile. Dieser 
erwiderte : Du wirst sehen, daß die Römer liommen, dieb gefangen nobinen 
und ditrb harte Kerrie in einer goldenen Mühle mahlen lassen. Kr dachte 
den ganzen Tag daran, und nachts träumte er dies." 

Also Bilder, die tagsüber die Gedanken dieser Fürsten beschäftigt und 
ihnen Furcht eingefliist haben, sind ihnen im Traume erschienen. Diesis Trilume 
waren demnach das Resultat einer Suggestion. 

Xicht nur die Beeinflussung der Entstehung, sondern auch die Erfüllung 
des Traumes beruht vielfach auf einer Suggestion durch den Deuter (vgl. 
Preuss a. a, 0.) Diese talmudische Auffassung wird durch eine Er/iililung 
bestätigt, wie Sebülyr des K. Elasar in Abwesenheit ihres Lehrers einer 
Frau einen Traum dahin auslegten, ihr Gatte würde sterben, und II. Elasar, 
von dem Geschehnen unterrichtet, ihnen vorwurfsroll zuruft: „ihr habt einen 
Mann umgebracht! (Talmud .Terusalmi, Maas, Seh. IV., 55 c. 20). 

Daher erklärt sich auch der Ausspruch im Talmud bahli (Berachoth 55 b): 
Alle Träume gehen je nach der Deutung in Erfüllung, und von einem Traume 
können in dieser "Weise 24 Auslegungen richtig sein. Je nach der Besoldung 
der Deuter richtet sieb die Traumerfüllnng. Für ein angemessenes Honorar bekam 
man eine gute, ohne ein solches eine schlechte Deutung, ßabba und Ab- 
baja, so berichtet der Talmud, haben dieses Vorgehen bei dem Traumdeuter 
BarHedja ausprobiert und festgestellt. Preuss (ibid. ji. Ißli) meint, 
Bar Hedja bähe gelegentlich durch ein „corriger la fortune" für das Ein- 
treffen seiner Auslegungen selbst gesorgt. Bar Hedja deutet einen Traum 
für Rabba: Morgen wird man in den Schatz des Königs einbrechen und dich 
als Dieb verhaften, und es geschab so. 

Wohl auf Selbstsuggestion wird folgender Traum, der in Aboth de R. 
Nathan I, v. 17 (Ed. Schlechter) erzühlt wird, zurückzuführen sem. Ein 
Mädchen geriet in Gefangenschaft und wurde in das Haus eines Griechen 
gebracht. Da kam zu ihm der Baal hachalom (Traumengd) und befahl 
das Mädchen freizulassen. Als er aber auf Wunsch seiner Gattin nicht gehorchte, 
wiederholte der Baal hachalom seinen Befehl unter Androhung dos Todes, 
und das Mädchen gewann seine Freiheit. Oflenbar waren es Gewissensqualen, 
welche diesen Traum produzierten. 

Nicht anders als durch Autosuggestion entstanden, künnen wir uns den 
bekannten Traum des R. Simon b. Jochai erklären. Als er nümUch eine 
Reise nach Rom unternahm, um den Kaiser Marc Aurel zur Zurückziehung 
des verhängnisvollen Verusschen Ediktes zu bewogen, erschien ilmi der Dä- 
monenkönig Ascbmodaj im Traume und erklärte ihm. 



ihm, er sei von Gott 



durch ein Nadelöhr geht usw." Im Talmud Tr. Baba Mezift 38 b lantet eine Stolle 
„Da bist rieUeicht aus Pumbeditha, dessen Einwohner in ihrer Spitz fio<iigkoLt einen 
Elephanten durch das Nadelöhr bringen." Die verschiadenB Ausdrucliswoisö dieaoB 
ahrigena aus derselben Quelle stammenden GlDicIiniseoa, weist auf die VerechiBdunheit 
der eeoErapbiscben Latze der Orte hin, wo dicsea ausgesprochen wurde, waa L u w i ii |j e r 
(a. a. 0. S. 31) nnd Preuss (Bibl.-lalm. Medizin, Berlin 1911, p. 157) ""■" 
beachtet haben. 



nicht 



Das Wesen des Traumea in der Beurteilnng der talmud. u. rabbin. Literatur. 453 

gesandt, um durch Wunder den Erfolg der Mission zu fördern („Beth hami- 
drasch-' IV, 117; ttraetz, Gesch. IV, 191 ff., vgl. Talrn. babli Meila 17 b). 
Ebenfalls auf Autosuggestion werden wolil die Träume des R. Ganiliel 
(Berachoth 28), R. Nachmaß b. Isaak {Joiua 22 b), ßabba (Menachoih 
67 a), R. Aschi (Sauhedrin 102 b), R. Jannaj (Jebamoth 93 b), R. Ela- 
sar (Mena»;loth 84 b, Berachoth ö a und 56 b) u. a, m. zurücküu führen 
eein ; jedoch würde es uns zu iveit führen und zum Teil von unserem Thema 
ablenken, wollten wir all diese Träume hier ausfuhrlicb behaudeln. 

Für die Freudsche Wunscherf üllungstheorie und seiuen klas- 
sischen Lehrsatz: „Ein imOplativ stehenderGedanke istdurch 
eine Anschauung im Präsens (im Traume) ersetzt" finden wir im 
Talmud jerusalmi, auch palästinensischer Talmud genannt, (Ed. Krotoschin, 
1866, ]). 55 a) folgende interessante Parallele: „Wenn iemand% so heißt es 
dort, „sieh über das Geld, das ihm sein Vater zurückließ, grämt, und es 
erschien ihm im Traume : es sei (das Geld) so und soviel, es befiodet sich 
auf diesem uml jenem Orte, — [diese Stelle wird auch im Talmud babli (Tr. 
Sanhedrin 30 a) zitiert und hier heißt es ferner : „es sei vom zweiten Zehnt* 
was bekanntlich nach jüdischem Gesetze an die Armen verteilt werden muß] 
— einst ereignete sich so etwas und die Sache kam zur Verhandlung vor die 
Weisen. Diese sprachen : Träume bringen weder Nutzen noch Hchaden. 
K. Jona fragte: er grämt sich (das zu erfahren, ob sein Vater das Geld 
vom , zweiten Zehnt" besonders bestimmt, sielit den wahren Sachverhalt sodann 
im Traume) und ihr entscheidet darüber so abfällig':' Ihm antwortete R, .1 s i : 
Ist es dir denn nicht einleuchtend (daß eio Traum nichts bedeutet und gericht- 
lich nicht entscheidet)? Er ist schon für denjenigen belanglos, der sich nicht 
uin so etwas zu wissen, grämt, geschweige noch für denjenigen, der diesen 
Traum zu sehen wünschte ; denn in welcher Lage der Mensch sich befindet, 
darüber (seinem Wunsche eiit^iprecbend) träumt er."^) 

Zu dieser Stelle lesen wir in einer anonymen Kandbemerkung, welche 
bereits dem Talmud jerusalmi Ed, Krakau 1609 beigedruckt ist, folgendes: 
„Sein Grämen und Nachgrübeln haben ihm diesen Traum veranlaßt". Also 
auch hier sehen wir diese Ansicht vertreten, daß der Traum ein in eine 
„Wunscherfüllung" verarbeiteter Tagesrest sei. 

Dieser Ansicht ist auch Isaak henArama^) in seinem trofllichen 
Werke „Akedath Jizschak (Ed. Lemberg IÖ68, Bd. I. Kap. 29 Fol. 208 a ff.). 
Seine interessante Ausführung verdient, obwohl sie eigentlich zur Bibelcxegese 
gehört, hier wiedergegeben zu werden. Obwohl, sagt Arami, Gott dem Erz- 
vater Jakob das Vers]irechen gab: „Und siehe ich bin mit dir und will dich 
behüten, wo du hinziehst und will dich wieder herbringen m dies Land, denn 
ich will dich nicht verlassen, bis ich tue, was ich dir versprochen habe" 
(Gen. 28, 15), schien Jakob diesem göttlichen Versprechen nicht recht getraut 
zu haben ; denn er rief sodann aus : , Wenn Gott mit mir sein wird und mich 
heiiüten wird auf dem Wege, den ich reise, und Brot zu essen und Kleider anzu- 
ziehen mir geben wird und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater 
bringen wird, so soll der Herr mein Gott sein, und dieser Stein, den ich auf- 

') Wörtlich: „k' ma d' bar nasch hawi hu chalim", .was und wie der Mensch 
ist, so träumt er", was augleich besagen will, daß der Trauna den Charakter dea 
Tr&umers schildert, wovon noch ap&ter die Rede sein wird. 

") Isaak b. Ärama lebte in Zamora, Tarragona, Frag», Bai atayud, nach der 
Vertreibnng der Juden aus Spanien in Salonichi, starb vor 1500, sein predi^tartiger 
Pentateuchkommentar „Akedath Jizchak-* {daher der Verfasser öfter als „Baal 
Äkeda" angeführt) ist noch in Spanien verfaßt wordea und zeigt den Verfasser als 
einen vielseitig gebildeten Manu, der auch mit profanen Wissenschaften wohlvertrant war. 



464 



Dr. phil. Ch, Lauer. 



eerichtet habe zum Denkmal, soll ein Gotteshaus werden, und von iiUüin, wiis 
du mir gibst, >^■ill ich dir deu Zehnten geben" (ibid. 20—22). l>er fromme i-rz- 
vater drückt damit ein Mißtrauen aus, er spricht in einem ione do ut des, 
Worte die seiner unwürdig erscheinen ; er macht dem lieben (iott »edin- 
Kun"en Daraus schließt Araraa, daß Jakob selber daran gezweilot habe, 
ob diesü herrliche Vision, welche er auf der Fhicbt vor seinem Briider gehabt 
hat wirklich eine prophetische Erscheinung, eine von Gott selbst inspirierte i-m- 
gebung, darstelle oder ob nur ein Tiiuschungsbild dem müden Wanderer zum 
Tröste als verraeintüdie WunscherfüUüng — der Wunsch i.st der \ ater des 
Gedankeos - vorgeführt worden sei, da er auf der Flucht während des 
ganzen Ta-es Gott um Schutz angclieht und stets an seine Uettung gedacht UaDe, 
Daher sprach Jakob: wenn all diese Versprechungen und Verheißungen m 
KrfUliung gehen werden, erst dann werde ich die Überzeugung gewinnen, daü 
dieer Traum nicht eine Reproduktion des am vorhergehenden Tag Gedachten, 
keine gewöhnliche Erscheinung, sondern eine wahre göttliche Inspiration gewesen sei 
Diese Ansicht, daß Jakob wohlbegrUndet mit einem uineren Zweifel 
gekämpft habe, scheint auch 11. Abuha im Midrasch v. 68 zu teilen. Zu 
Geu. 28, 12 bemerkt er das uns schon bekannte Wort: „fräumo bringen 

weder Schaden noch Kutzen." . ^ , 

Nicht nur der Jakobstraum, sondern auch die Träume Josefs werden 
von vielen Bibelexegeteu dahin gedeutet, düß sie im Verdaclit Htanden, auto- 
suggestiert worden zu sein und ganz im Sinne der „Wunscherfüllungstheorie' 
vom Träumer selbst hervorgerufen worden wären. .So bemerkt z.B. Sa lernen 
Ephraim Lentschütz (gest. in Trag 1619) in seinem Pentateuchkommon- 
tar „Keli Jakar" (Ed. Amsterdam 1767, Fol. 19 b) zu Gen. 37, 8 folgen- 
des: Die Bibel er^.ählt uns, Josef teilt seine Traume den Brüdern mit. Diese 
sprachen (Gen, 37, S) : „Solltest du unser König werden und liber uns 
herrseben? und sie wurden ihm noch mehr feind um seines Traumes und 
seiner Hede willen". „Seine Träume", sagt Lentschütz, „vermuten 
Josefs Bruder, seien nichts anderes als eine Folge seiner Rede, seiner 
Gedanken, and seines Tagesgesehwätzes, indem er stets den Wunsch hegt, 
über seine Brüder zu herrschen ; denn die Träume sind nur eine Iteproduktion 
der Tagesgedanken, Gespräche und Erlebnisse." ') 

Ahnliches führt J a k b Mecklenburg in seinem Pciitateuchkomnieutar 
„Hßkethab wehakabliala", „Schrift und Tradition" (4. Aud., Frankfurt a. M. 
1880, Bd. I, p. 69) zu Gen. 37, 19 aas: „Die Brüder sprachen: , Sehet, 
der Herr der Träume (Baal bachalomotli) kommt daher.' Die BrUder 
behaupteten, Josef sei der Herr, der Meister, seiner Triiume. Diese seien 
ihm nicht ohne weiteres gekommen, sondern er selber habe sie durch seine 
Gedanken, durch seine Herrschsucht hervorgerufen." — Sage mir, was du 
träumst, so sage ich dir, wer du bist. 

Der Traumdeuter, so fordert der Talmud und die rabbinischen Auto- 
ritäten, muß ein guter Psychologe sein, um einen Traum richtig analysieren, 

" ') Nach Bunge (Physiol. I, p. 247 f. f.) trUumt man nicht humor geradezu 
von Diagen, die maS am Tage vorher erlobt hat, Kr madit fo gmdo interuSBante 
Beobachtung: „Träume ich von Dingen, die ich vor langer Zeit erlebt habe, so mibe 
ich richtig Md fest geschlafen, denn ich fühle mich gesttlrkt. Imniiie ich Im. gegen 
von Erlebnissen der letzten Ta^e, so habe ich unruhig geschlafen; icli bleibe mtlde 
nnd abgespannt-. Dies erklärt er im Zusammenhang mit seiner Äuflussiing vom Weaen 
des ScWafea, woraaf wir liier nicht eingehen können. Ebenso Bohr interoaBant ist 
seine Hypothese vom Wesen des Traumes (p, 2ft7), die sich "!>7«%«" '■'=''°" „fj* 
SchopenLauera philosophischer Anschauung (die Welt als Wille und Vorateltnng) deckt 
womit wir aber, weil nicht streng zum Thema gehörend, uns hier nicht heachllftigen 
dürten. 



Das Wesen des Traumes in der BeurteiLong der tiümud. u, rabbin. Literator, 



465 



„deuten", und damit auch auf den Charakter des Träumers schließen zu 
können. Auch muß der Traumdeuter wissen, daß der Traum gerne Korrekturen 
vornimmt, und daß stets ein Uest im Traum bleibt, der niclit „gedeutet", 
„gelöst" werden kann. Folgende Stellen mögen als Beweise dienen: 

Talmud babli (Tr. Berachoth 55a): „R. Hisdasagt: Ein uugedeateter 
Traum gleicht einem ungelesenen Brief." Weder ein guter noch ein schlechter 
Traum, lehrt dieser Rabbi, geht ganz in Erfüllung. Der Kern des Traumes 
muß vorerst von der vielen ihn umgebenden Spreu gesäubert werden, Ein 
Prophet, der einen Traum hat, verkünde den Traum, der aber mein Wort 
hat, verkünde mein Wort in Wahrheit, was soll das Strob beim Korn"? spricht 
der Ewige (Jer. 23, 28). Was haben Korn und Stroh mii dem Traume zu 
tan? Vielmehr sagte R. Johanan im Namen des R. Simon b. Jochaj: 
Wie es kein Korn ohne Stroh gibt, so gibt es keinen Traum ohne eitle Worte 
usw." (ibid.). 

Folgeode Talmudstelle ist besonders wegen ihrer Parallele im Midrasch 
Echa I und ihres Sj-mbolcharakters der Traumbilder beachtenswert, Sie 
zeigt eine perfekte Deutung nach offenbar einem Kreise von eingeweihten, ge- 
läufigen Regeln. Diese Stelle (Tr. Berachoth 56b) lautet: 

„Ein Minäer sprach zu R. Jismael: Ich sah, daß ich Olivenhäume 
mit Olivenöl begoß. Dieser erwiderte ihm: Er hat seine Mutter beschlafen. i) 
Jener sprach: Ich sah, daß ich einen Stern ausrifl. Dieser erwiderte ihm: Du 
hast einen Israeliten gestohlen. Jener sprach; Ich sah, daß ich einen Stern 
verschlang. Dieser erwiderte : Du hast den Israeliten verlcauft und den Erlös 
verzehrt- Jener sprach : Ich sah, daß meine Augen einander berührten. Dieser 
erwiderte : Er hat seine Schwester heschlafen. Jener sprach : Ich sah, daß ich 
den Mond küßte. Dieser erwiderte : Er hat die B>au eines Israeliten be- 
schlafen. Jener sprach : Ich sah, daß ich in den Schatten einer Myrte trat. 
Dieser erwiderte : Er hat eine verlobte Jungfrau heschlafen. Jener sprach : Ich 
sah den Schatten über mir und mich selbst unten. Dieser erwiderte : Er hat 
sein Lager umgewandelt (d. h. einen unnatürlichen Beischlaf ausgeübt). Jener 
sprach : Ich sah Raben auf mein Bett zukommen. Dieser erwiderte : Deine 
Frau hat mit rielen Männern gebuhlt. Jener sprach : Ich sab Tauben auf mein 
Bett zukommen. Dieser erwiderte : Du hast viele Frauen befleckt. Jener sprach : 
Ich sah, daß ich zwei Tauben hielt und sie fortflogen. Dieser erwiderte : Du 
hast zwei Frauen geehlicht und sie ohne ScJieidehrief fortgeschickt. Jener 
sprach : Ich sah, daß ich Eier schälte. Dieser erwiderte : Du hast Leichen be- 
raubt. Jener sprach : Alles ist an mir, dieses aber nicht. Währenddessen kam 
eine Frau heran und rief ihm zu : Das Gewand, das du anhast, gehört 
jenem Manne, der gestorben ist, du hast ihn beraubt. Jener sprach ferner: 
Ich träumte, daß man mir erzählte : Dein Vater hinterließ dir Güter in Kappa- 
dozien. Dieser sprach; Hast du Güter in Kappadozien? Jener erwiderte: 
Nein. Dieser sprach; Ging dein Vater nach Kappadozien*? Jener erwiderte: 
Nein. Dieser sprach! Wenn so (dann bedeutet Kappa einen Balken-) und 
Deca (heißt) zehn^); gehe hin, untersuche den ersten der zehn Balken, der 
voll Susim ist. Er ging und fand, daß er voll Susim war," 

') Dor Talmud beliandelt, wie jedes wissenschaftliche Werk, alle Fragen ohne 
Rücksicht auf eine ästbetiiche Form, 

^) Nach Levy (a. a. 0.) bedeutet das aram. Wort Kuppa Stange. 

») Daß man mit dieser Etjraologie schon früher nichts anzufangen wußte, be- 
merkt Löwinger (a. a. 0., p, 74) mit Recht, beweist, daß nach einer Version zehn 
{= S^xa), nach der anderen zwanzig (^ xazTia) Balken an zählen siad. Der hebräiache 
Buchstabe 3 ^ '/- bat nämlich den Zahlenwert von zwanzig. Entweder bedeutet xaincK 
Balken oder äiri. 

Bciioolir. r. Bnll. PnjohOBu»!)-»«. 30 



46e „ Dr. pliil. Ch. Lauer. ^. 

Ein dem letzteren Falle ähnliches Kunststück, durch einen Traum ver- 
borgene Schätze oder hinterlassene Erbschalt ausfindig zu machco, wird auch 
von dem berühmten Geisterseher Swedenborg (1ÜÖ8— 177;j) urziihlt. Eine 
gewisse Frau Marteville habe sich an ihn gewendet, als man vou ihr eine 
Summe Geldes forderte, die ihr verstorbener Mann schon bezalilt hatte. 
Swedenborg versprach zu helfen, und wirklich triiumte die Frau, wo sich 
die Quittung befinde, welche am angegebenen Orte auch gefunden wurde. Uen- 
selben Traum hatte auch Swedenborg in derselben Nacht.') 

Eine ähnlich interessante Geschichte erzählt Jeliuda der Fromme 
illGQ — 1224) in seinem Buche „Scpher Chassidirn", 353. 

■Während in der eben angeführten Talmudsteile erzählt wird, daü alle 
diese Träume von einer Person geträumt wurden, werden sie in Midrasch 
Eeba and im Talmud jerusaimi^) Tr. Maas. Seh. IV als von verschiedenen 
geträumt angeführt. Sowohl der Midrasch wie anch der Talmud j. weisen in 
der aus dem babylonischen Talmud antjelührten Erzählung mehrere Versionen 
auf, die unsere Aulmerksamkeit besonders verdienen. Elf Träume, darunter 
diejenigen, welche wir bereits kennen gelernt haben, werden im Miiirastih von 
R. Jismael gedeutet und vier von K. Jochanan. 

Besonders beachtenswert im Midrasch ist die Einleitung; „Ein Sama- 
ritaner," so wird hier erzählt, „gab sich als Traumdeuter aus. Dies hörte 
R. Jismael b. Dosa und sprach: Ich will hingehen und mir diesen Karren 
ansehen ; denn es gibt keiuen Samaritaner, der die Menschen (psychologiscli) 
durchschauen könnte."^) Vor diesen Samariter, so wird hier weiter erzäldt, 
kamen nun einige Personen und berichteten ihm ihre Träume, die der Traum- 
analysator zu deuten suchte, R. Jismael verspottete ilm und gab ihnen diu 
richtige Lösung. 

Hieraus schlielät Isaak b. Arama (a.a.O. 251a), daß R. Jismael 
bereits die Ansicht vertrat, daß der Traumdeutor ein guter Psychologe und 
genau mit dem Charakter des Träumers vertraut sein müsse. Es kommt wohl 
darauf an, wer vom Weine träumt, ob ein Gelehrter, ob ein Öüufer, sagt 
ß. Jochanan (Talmud babli Tr. Berachoth &7, Talmud j. a. a. 0. 55 b 
und Midrasch r. zu Gen. Kap. 89). Isak b. Arania (a. a. 0.) fordert des- 
halb, daß der Traumtleuter auch ein kundiger und gelehrter Mann sei» soll, 
der aus den verschiedenen Umständen und Verhältnissen des Tröuraers die 
VFahrheit herauszufinden versteht. Zwei ganz ähnliche Träume, wie die der 
beiden Beamten Pharaos^) können daher entgegengesetzte Bedeutungen haben. 
Es ist ein großer unterschied, wenn ein Räuber träumt, man habe ihn gehängt, 
und wenn dasselbe ein Gelehrter trituuit, wie z. B. 11. Chanina im Traume 
sah, man Labe Rah an einen Baum gehängt, woraus er — wie es auch in 
Erfüllung ging — folgerte, er werde Schuloberhaupt werden (Joma 87 b). 

^) Vgl. Lehmann, Aberglaube und Zauberei, ins Ungai-ische Übersetzt von 
Ranachhurg I, 348, zitiert bei Löwinger a. a. 0,, p. ö8. 

=) Bekanntlich ist der Talmnd jerusalmi hundert Jalire früher als der Talnind 
babli zum Abschluß gebraclit worden. Anch ist der Text des erateren in jeder Hin- 
sicht zuverlfiseiger als dec des letzteren. 

^) Wörtlich beißt ea: d' inalfi b'brajatha", „der die Menschen untersuchen 
(durchsuchen, durchprüfen, durchschauen) könnte." Diosus Vorbam „pola" wird mit 
aram. „paalum", „wunderbares Vorzeichen, Oinon", verbunden. Bern hcbr. fetamm 
„pelal" entspricht nach Targum 1. Sam. 2, 25 das araui, „paU" oder „afli" im Sinne 
von richten", „entscheiden" und im Arabischen in der Bedentung „unterauclion, er- 
forschen, durchdenken, die Sache durchprüfen, die Leute genau mit den Augen durcli- 
schauen" (vgl Barth. Etym. Stud. H, I, p. 6 n. 71). , , ,, .- 

*) Wir werden später noch die Gelegenheit haben nachzuweisen, daU diese 
swei „filinlichen'' Träume ihrem Inhalt nach geradezu entgegengesetzt sind. 



Das Wesen des Traumes la der Beutleilung der talmud. u. rabbin. Literatur. 457 

Im Talmud j. (a. a. 0.) deutet ß. Jose b. Clialafta für zwei Per- 
sonen einen und denselben Traum, weil sie denselben zu verscLiedeneu Jahres- 
zeiten geträumt haben, ganx verschieden. Nach seiner Auffassung, soll der 
Traumdeuter bei seiner Traumanalyse PersoUj Zeit uDd vermutlich auch Ort 
des zu losenden Traumes berücksichtigen. 

Freud {Traumdeutung, 2. ÄuH. p. 74) sagt: Ich bin vielmehr gefaßt 
darauf, daß derselbe Trauminhalt hei verschiedenen Personen und in verschie- 
denem Zusammenhang aui'h einen anderen Sinn verbergen mag. 

Parallel deyi Feuerbachsehen Lehrsatz; „Der Mensch ist, was 
er ißt', können wir nach den Aussagen von Talmud, Midrasch und der 
rabbinischeo Literatur den Lehrsatz aufstellen: „Der Mensch träumt, was er 
ist UVV." Aus den Träumen eines Menschen können wir nicht nur auf 
seinen Charakter, sondern auch auf das Milieu, in welchem er sich behndet, 
schließen. Pharao, heißt es im Jalkut Riiuheni 66 b, habe deshalb die sieben 
guten und die sieben schlechten Jahre in sieben guten und sieben schlechten 
Kühen pcrsanitiziert gesehen, weil er Kalbanbeter war. Als Überpriester seines 
Götterkultus konnten vermutlich Ochsen, Kühe und Kälber seine Gedanken 
tagsüber besehilftigt haben. 

Die Methode, aus den Träumen den Charakter des Träumers zu er- 
forschen und somit auf dessen Schuld, bezw. Unschuld zu schließen, scheint 
nach der Bibel in weitgehendem Maße Josef angewandt zu haben. Yon 
diesem Motiv scheint er bei der Auslegung der Träume des Oberschenks 
und des Oberbäckers in Ägypten, sie auf ihr gutes und böses Gewissen zu 
prüfen, geleilot worden zu sein. Diese Vermutung, so sagte mir im Herbst 
1902 Herr Provinzialrahbiner Dr. M, Cahn in Fulda, ist bereits in einem 
hebräischen Werke, dessen Titel, wie er mir jüngst mitteilt, er sich nicht 
mehr erinnern kann, ausführlich besprochen. Hingegen hat Herr Dr. C, in 
einem Jahresbericht (Gen.-Vers. d. V. f. d. jüd. Interesseu Klieinlands, Mainz, 
Wirtbsche Ilofbuchdruckerei, 1902, p. 16 ff.) dieses Thema ausführlich be- 
handelt und ich folge hier seinem Gedankengang, 

C. führt u. a, aus: Wie oft liegt im Naturlauf ein Beweis empfundener 
Schwäche, die, der Erreichung des guten Zwecks mißtrauend, mit sicli über- 
stürzender Zahl in allzu großen Sprüngen die Schwierigkeiten zu überwältigen 
trachtet. Und wie oft geschieht es dabei, daß der allzu Hastige an ein 
nicht mehr zu vermeidendes Hemmnis anprallt, und sein Unternehmen in die 
Brüche geht! Dieser Gedanke eröffnet sich uns in den Träumen der beiden 
ägyptischen Hofbeamten und der Deutung, die sie durch Joseph erfuhren, 

Die beiden Träume stellen sich dem oberflächlichen Blick, abgesehen von 
der durch die Verschiedenheit des Berufes der beiden Beamten gegebenen 
Ungleichheit des Stoffes — hier Wein, dort Backwerk —als gleichartig in der 
Form dar, indem dem Oberschenk drei Beben, dem Oberhäcker drei Körbe 
mit Backwerk erschienen. Auch die Deutung hebt zunächst das Gleichartige 
der beiden Träume hervor, daß nämlich die drei Reben sowohl, wie die drei 
Körbe je drei Tage bedeuten, um aber dann in den vollendetsten Gegensatz 
aus/uklingen, indem dem Oberschenk Freiheit und Lehensglück, dem Ober- 
häcker hingegen ein jäher Tod verkündet wird. Diese gegensätzliche Deutung 
entspringt aber nicht der Willkür des Deutenden, sie hat vielmehr in dem 
Wesen der Träume ihre gute Begründung, wie dies der Oherschenk später 
dem Pharao ausspricht in den Worten (Gen. 41, 11—12): ,Da träumte uns 
beiden in einer Nacht, einem jeglichen sein Traum, dessen Deutung ihn 
betraf . . . , Und er deutete uns unsere Träume, einem jeglichen nach 
seinem Traum". Bei näherer Betrachtung zeigt sich uns dieser Gegen- 

30» 



468 



Dr. pbil. Ch. Lauer. 



satz in den Träumen selbst mit unverkennbarer Deutlichkeit. Was erschaut 
der Obersclienk? Einen Weinstiick, an dem drei Reben sind; es bilden sich 
Blüten, aus welchen Tranben reifen, die er in den Kelch des Pharao preßt, 
um den süßen Most seinem Herrn ku kredenzen. 

Ein natürliüher Entwicklungsiirozeß ist es, der sii^ii da vor unseren 
Äugen abspielt, von der liebe bis zum Weingenuli hat alles Beinen regel- 
rechten Verlauf; wir sehen, wie es wächst, blüht und zur Reife und Oenuß- 
fähigkeit gedeiht. 

Der Traum des Oherselienks, der ein Bild orgaiiischei; Entfaltung zeigt, 
läßt auf die Gesinnung, die den Mann erfüllt, zurücksch ließen. Das Prinzip 
des stetigen Vorwärtsschreite ns ant der Bahn gesunder Entwicklung ist's, das 
seinen Geist beherrscht. Bei solchem Denken und Streben kann os nicht fehlen, 
daß momentane Charaktersi'b wankungen Überwunden werden und schließlich 
Heil und Glück emporbliihen. 

Wie ganz anders ist das Traumbild des Überbäckers geartet! Drei 
Körbe voll des feinen Gebäcks sind mit einem Schlage da I Kein Acker, der 
bestellt, kein Getreide, das geenitet und gemahlen, kein Mehl, das gebacken 
und zum Genüsse dargereicht wird. Das genußfertige Feingebiick wird viel- 
mehr dargeboten. Da haben wir die Charakteristik eines Menschen, der die 
mühevolle, unverdrossene Arbeit scheuend, mit einem Satze, mit kühnem 
Sprunge den vollen Lebensgenufl erjagen rauchte. Das kann nimmermehr zum 
Guten führen; da droht ein plötzlicher Bruch, das nimmt ein Ende mit 
Schrecken, wie dies dann auch nach Josefs Verkündigung gar bald eintriift. 

In dem Traum des Oberschenks llußert sich ein berechtigter Wunsch, 
der von seinem guten und reinen Gewissen produziert wird, in dem dos Ober- 
bäckers eiue berechtigte Befürchtung; sein böses Gewissen läßt iliii das 
Schlimmste ahnen. Aus den vorhandenen Umständen nun, aus deiu vurschie- 
denen Charakter der Träume schließt Josef auf den guten bezw. bösen Cha- 
rakter der Träumer und verkündet ihnen das, was unvermeidlich kommen muH 

Also aucli hier erscheinen die Traume als positive bezw. negative') 
„ WunscherfüUungen '• und sind ihrem Inhalt nach Reproduktionen des im 
wachen Zustande bereits erlebton. In die Humesche Sprache („Treatise on 
the human natura" und „Enquiry concerning the Immun undorstand") über- 
setzt, sind Träume Kopien von Impressionen, Erlebnissen, Gedanken und 
Vorstellungen und der Spiegel, mit dessen Hilfe der Mensch seinen eigenen 
Charakter untersuchen kann. 

Aber auch gerade wegen der Auffassung, daß Träume nur Reproduk- 
tionen der am Tage gehegten Gedanken sind, hören wir aus dem Munde eines 
der größten Tanaira, R. Melr (Talmud babli. Tr. Horjoth 13 b und üitin 52 a) 
eine geringschätzige Äußerung über die Bedeutung eines Traumes. Anläßlich 
eines nach einer aufgeregten Szene selbst gehabten Traumes ruft er aus ; 
jjTräume bringen weder Schaden noch Nutzen" („Träume sind Schäume"), 
womit er sich in Widerspruch zu Eeinem Kollegen R. Nathan setzte. 

Von diesen beiden Gelehrten R. Meir und R. Nathan wird im Tr. 
Horjoth (a. a. 0.) erzählt, sie konspirierten gegen den Nasi Simon b. 
Gamiiel und worden deshalb aus dem Lehrhause ausgeschlossen. Da 
tränmien beide, sie müßten den in seiner Ehre gekränkten Nasi um Ver- 
zeihung bitten. K. Nathan war hiezu geneigt, R. Meir hingegen wies 
den Kat mit Hinweis auf den envähnten Ausspruch zurück, ohne darauf 

^) unter „negative Wunscherfnllung" verstehe ich den Angsttraum. Auch die 
Beiiiagung der Angstträume bringt Freud (Traumdeutung p. 115) mit seiner Wunacli- 
«rfililuugstlieorie in Zusammenhang, 



Das Wesen des Traumes in der Beurleiliing der talmiKl. u. rabliin. Literatur. 469 

KU achten. Als E. Meir die Auordoung eines Vormundes in betreff 
(les Vermögens der Weisen nicht gnt heißen wollte, wurde ihm, wie in Gitin 
(a. .1. 0.) erzfihlt wird, im Traume ein Vorwurf gemacht, was er aher mit 
Berufung auf seine Jlcinung wieder gleichgültig aulnahm, 

Auch Sirach (31, 1) sagt : , Karren verlassen sich auf Träume"; 
jedoch kennt er auch solche', die von Gott stammen und deshalb beachtet 

werden müssen. t -r^ f 

Eine sehr interessante, mehr dichterische Anschauung über tlie ü.nt- 
stehunc und das Wesen des Traumes verrät uns der Midrasch Thilim 11, 6 
(IJethamid rasch V, 45). Hier heißt es: .Die Seele des Menschen gleicht einer 
Art geflü-clter Heuschrecke, an deren Fuö ein Kettcheu gchunden ist ; sie 
hängt an dem Faden der Wirbelsäule (dem Uücltenmark). Schläft der Mensch, 
so geht seine Seele lünans und schweift in der Welt umher, und das sind die 
Träume die der Mensch sieht. Darum kann mau auch einon schlafendeo 
Menschen noch so oft rufen, ohne daß er antwortet; er antwortet aber sotort, 
sobald man ihn berührt." (Vgl. J. Preuß, a. a. 0., p. 151.) 

Ähnliches ist auch iu dem kabbalistischen Hauptwerke Sohar J, 83 a 
und III 183 a zu linden. Nach Talmud babli und jerusalmi (Beraehoth 10 h, 
Maas-Sch. 5 und Sauhedrin 3Ü a) ist es der Baalhachalomotb auch 
Eaalhachalom, nach Salomo b. Isaak ein Engel oder Geist (Sar) der 
die Tränme in der Nacht vermittelt. Der Engel des Traumes spricht mit dem 
Träumer. So lehrt R. Ghana (Beraehoth 10h): „Wenn der Baal hacha- 
lomoth dir sagt, du wirst morgen sterben, so entziehe dich nicht dem Ge- 
bete. In der Heiligen Schrift ist es sogar Gott selbst, der im Traume mit 
Propheten und Unberufenen spricht (Löwinger a. a. 0., p. 25). _ 

Wie interessant es auch sein mag /.a untersuchen, wie die Bibel, ins- 
besondere das Wesen des Traumes auffaßt, müssea wir uns hier mit der Ilm- 
weisua- auf den 'frattm'' von v. Orelti in der Realenzyklopädie für pro- 
testantische Theologie Bd. 20, S. 13, wo man auch die nötigen Literatur- 
cmeliea zusammengestellt findet, begnügen. In dieser Abhandlung haben wir 
uns mehr darauf beschränkt, die talmudisch-rahbinische Ansicht über das 
Wesen das Traumes mitzuteilen, was iu dem genannten Artkel von Orelli 
selbstverständlich keine Berücksichtigung finden konnte. 



J *. 



II. 
Beiträge zur Traumdeutung. 

1. 

Kinderträume. 

Von Dr. H, v. Hug-Helliimth, Wien. 

"'■■ Mein kleiner Neffe Max, von dem ich im Zentrallilatt fUr Psycho- Anii- 
Ij-Be') schon zwei Träume mitgeteilt habe, erzählte neuerlich eines Morgens nacli 
dem Erwachen seiner Mutter folgenden vierteiligen Traum und wiederholte 
seinen Bericht mir gegenüber mehrere Stunden später in unveränderter Form. 

I. „Es waren zwei runde Tische da und darauf stand die Laterna 
ma^ca und alle anderen Apparate, die du (nämlich seine Tunte Ilermine) hast", 

II. „Es waren eine Menge Sportnigarretten, das waren lauter Miinner ; 
sie waren ganz weiß angezogen, weißt du, das war das weiße l'apicr. Und 
jeder hat Augen und einen Mund und eine Nase und Haare geliubt ; oben ist 
bei jedem viel Tabak herausgeliangen, das waren die Ilaare. Ich habe aio 
alle mit dem Ärmel umgeworfen und sie sind llhor die Stiogo hinuntor- 
geliollort und ein jiaar sind in der Mitte abgebrochen und ein paar haben 
aich zu Ballen zusammengeballt," 

III. ,,Eia Kisenbabnzug, ein riesig langer, fälirt vorbei mit sehr viel 
Leuten; die Tante Eerta war auch drin. Es war der Zug nach Würishufen, 
und ich habe auch die Station und die Tafel Würisliofeii gesehen." 

IV. ,,Da waren wieder so viele Sportzigarrctten, aber huiter Frauen mit 
roten gekreuzten Schlafröcken, so daß sie ganz ineinander ,gezickt' waren 
und sich nicht rühren konnten. Ich habe sie auseinanciorgorissen, aber es ist 
gar nicht gegangen, so waren sie verrammelt. Dann sind sie aiidi Ulier die 
Stiege hinuntergekollert und die Schlafröcke waren ganz zerrissen, so daß sie 
halbnackt waren; (nach einer kleinen Pause) von den einen bat man die 
Schultern, von den anderen die Arme «nd die Brust und (mit weit ausholen- 
der Gebärde) den ganzen Körper gesehen." — Darnach lacht er verschmitzt. 

Deutung des Traumes: Diesmal trägt der kleine .Junge — ohne 
irgendwelche Aufforderung — selbst zur Losung des Traumbildes bei. So 
deutet er in seinem Berichte spontan das weiße Papier der Zigarretten als 
Kleidung der Männer, den heraushängenden Tabak als Haare, Als er bei der 
Wiedergabe des IV. Traumstückes die erwähnte Pause macht, wirft seine 
Großtante ein: „Na, na, jetzt dichtet er ein wenig". Darauf erfolgt seine Ant- 
wort: ,,0 nein, es war wirklich so. Das kommt doch oft vor, daß ma» 

') Band n. Heft 3. 



Hr. H. V. Hng-Hellmath : Kinderträame. 471 

gerade das 'Wichtigste vergißt, und dann muß man's halt hinter- 
drein sagen". Die Kritik, die der kleine Ma.^ an der "Wichtigkeit der einzel- 
nen Traumteile übt, ist ein Fingerzeig, wo der Kernpnnkt des Traumes zu 
suchen ist und wie die ersten drei Teile sozusagen bloß das Vorspiel zum 
Ilauptstücke, dem vierten Abschnitte, bilden, öeit dem dritten Lebensjahre 
ist des Knaben größtes Interesse auf den nackten weiblichen Körper 
gerichlet. Mit kaum zwei Jahren pflegte er sich auf den Fußboden zu legen, 
um seinem Rinderiraulein unter die Röcke r.u sehen, und war glücklich, wenn 
es ihm gelang, ihr auf den nackten Arm, das Knie oder die Brust zu greifen; 
solche Uerührungen begleitete er mit verschmiztem Laehelu und dem selbst 
erfundenen Wort , Uo-ut", im Gegensatz zur Haut der Hände und des 
Gesichtes. Als besonderes Vergnügen galt ihm im selben Alter, klemen Mad- 
chen beim Schaukeln zuzusehen, wobei er sich wieder platt auf den Boden 
legte. Mit drei Jahren hatte er Gelegenheit, ein neunjähriges Mädchen, das 
sich mit ihm ins «adezimmer eingeschlossen haben soll, nackt zu sehen, und 
dieser Anblick prägte sich ihm tief ein. Zur selben Zeit hörte seine Mutter, 
wie er ein gleichalteriges Mädchen im Garten mit den Worten: „Erna, zeig' 
mir deinen I'opo, dann zeig' ich dir meineu" aufforderte, die Genitalien zu entblößen. 
Dieser Wunsch lebt fort in dem nun bald Sechsjährigen, nur dehnt sich die 
Schauinst auf eine größere Zahl von Objekten ans; als vor einigen Wochen 
das Dienstmädchen wegen starker Influenza, die sich bei ihr besonders m 
Magen- und Baacherscbeinnngen üußerte, vom Arzte untersucht wurde, bat Max 
Sic in rührenden Tönen, unter Versprechungen, ihr alles zu tun, was sie nur 
wolle sie möge ihm sagen, wo der Arzt sie untersucht, ob sie sich dazu 
hätte 'nackt ausziehen müssen usw. Endlich riet er seiner Tante, die auch an 
Influenza erkrankt war, dringend zur Kaltwasserbehandlung und meinte naiv: 
Ja ja, laß dich nur einpacken, der Herr Doktor und wir, werden es schon 
machen!" Schließlich sei noch eines Fangspieles erwähnt, das er sich für seine 
Zwecke abgeändert. Er, das „Jungil^' (-Junge) rutscht und hüpft auf allen 
Vieren im Zimmer, seine Tante muß ihn fangen, wobei er gern versucht, 
zwischen ihren Beinen sich durchzuzwängen und die Röcke in die Höhe zu 
schlagen Diese scheinbar harmlose List, zu entwischen, wurde jedoch bald 
von dorn Kinde, dem Verstellung noch fremd, als ein Mittel, seine Schaulust 
zu befriedigen, entlant. Als ihm nänilicli das anscheinend unabsichthche 
Zurückschlagen der Kleider verboten wurde, entschuldigte sich der kleine 
Sünder mit den Worten: „Aber nein, ich schau' ja nicht." Seine zeit- 
weise Vorliebe für Puppen entspringt gleichfalls dem brennenden Wunsche, 
etwas vom weiblichen Körper zu erspähen. Mit drei Jahren erhielt er zwei 
Püppchen Steirer und Steirerin, von denen ihn besonders diese interessierte. 
Für sie erbat er sich bei der Großtante andere Kleider und war sehr ent- 
täuscht als ihm gesagt wurde, er müsse die neuen Kleider über die alten 
ziehen,' da sich diese Puppe nicht auskleiden lasse. Zwei Jahre später wünschte 
er sich zum Christfeste eine Puppe, die man ganz ausziehen könne, mit 
der Bemerkung: „Weißt, sonst hab' ich ja nichts davon!" Daß nicht der 
Bosch äftigucgstrieb allein diesen Wunsch diktierte, ist bei dem kleinen Voyeur 

sicher. — , . . . 

I. Die unmittelbare Tagesanknüpfung bildet zunächt eine Laterna magica, 
ein Weihnachtsgeschenk seines dauernd abwesenden Vaters, die er nicht bloß 
der lusügen Bilder halber, sondern insbesondere als vermeintlicheu Liebes- 
beweis seines Papas hoch bewertet und uns unaufhörlich quält, sie ihm vor- 
zuführen. „Alle anderen Apparate" sind Eigentum seiner Tante und werden 
gelegentlich zu seiner großen Freude in Aktion gesetzt, so ein Elektrophor 



472 Beiträge zur Traruudeutung. 

mit HanteJmann (den er konsequent den „nackten Mann" nennt, obwohl ihm 
eine zum Teil bunte Kleidung gemalt ist), eine Schlange aus SuniiciiWiiinen- 
mark, deren schnellende Bewegungen er unbewußt niitmacJit, einen olektrischen 
Hagel u. dgl. mehr. Auch »lacht es ihm -viel Spaß, selbst aus dem Klektro- 
phor Funken zu i^iehen. Vor allem aber ist ihm der Umstand viiu Wert 
daß seine l'anto bei dieser Unterhaltung sich ihm ganz allein widmet, duß 
er sich dabei so recht als Hauptperson fühlt; denn sein LiebesvcrJiiiigen ist 
als das eines einzigen Kindes unersättlidi. Die „zwei runden Tische" 
knüpfen an einen kleinen Scherz an; mehrere Tage vor dem Traume tjlitt er 
auf dem glatten Pari; etthoden des Zimmers aus und war nalm dejn Weinen, 
weil er dabei ein paar Kartonh ansehen zerdrückt Latte. Um ihn zu beru- 
higen, baute die Tante, während er noch auf dem Boden lag, auf den beiden Hügeln 
seiner Kehrseite aus einigen heil gebliebenen Häusern eine Stadt, die dlinn 
durch ein „Erdbeben" zerstört wurde. So war das Leid bald vergossen, die 
zwei runden Tische im Traume aber dfirl'ten die Nates ifedenten: violleicht 
spielt auch die Erinnerung an ein ländlich primitives „Doppelhlüsett" eine 
Rolle, das er bei seinem Aufenthalt in M. oft genug gesehen. 

H. Die „SportKigaretten" finden ihr Original in Chokoladozigaretten, 
deren Hülsen häufig als Verzierung Männerköpfe oder -gestalten zeigen; dos- 
halb erscheinen sie ihm auch als Männer. Oh der weiße Anzug auf eine 
Erinnerung an seinen Papa in weißer Unterkleidung zurückgeht, ist bloß eine 
Vermutung. Auch ist es möglich, daß dem Kleinen sein eigenes Bild vor- 
schwebte, da ihm seine weißen Unterhosehen im Gegensatz zu den gewöhn- 
lichen grauen Trikothosenleibchen als echt luäDnliL'he Kleidung sehr impo- 
nieren; mit einem „jetzt schau' ich aus wie ein Mann", zeigt er sich gern 
den Famüienmitgliedern. Gleichzeitig lOßtsich diese Äußorung gut mit obiger Ver- 
mutung in Einklang bringen. „Und dann ist bei jeder viel Tabak 
herausgehangen, das waren die Haare": neben dieser vom Kindo 
selbst gefundenen Bedeutung liegt wohl aueh eine Verschiebung von unten 
nach oben vor; der heraushängende Tabak symbolisiert wahrscheinlich zugleich 
semen eigenen Penis, mit dem er, besonders früher, gern exliihitiooiertc Es 
ist auch nicht unmöglich, daß er, vom Kinderfräulcin oft ins Bett genommen, 
zufällig einmal deren crines pubis betastete, was auch eine Erklärung für 
seinen Abscheu vor den Achselhaaren giibe. "Wenn diese Vermutung zuLrilft, 
so bedeutete dieser zweite Traurateil eine Vorarbeit des Unbewußten für die 
Realisierung des Tageswnnsches durch das letzte Traumstück „Ich habe 
sie alle mit dem Ärmel, umgeworfen", zeigt, dali die Zigarrelten, 
1. e. der Penis, aufrechtstanden, und durch den Ärmel, soll heißen durch das 
Höschen, niedergedrückt wurden. Gleichzeitig tut er im Tiaum ungerilgt, wo- 
mit er täglich bei Tisch viel Ärgernis erregt: er lümmelt gern mit den Armen 
auf dem Tische und hat dabei zum Verdruß seiner Großtante wiederholt 
Gläser umgeworfen. „Sie sind über die Stiege hinuntergokollert 
und ein paar sind in derMitto abgebrochen und ein paar 
haben sich zu Ballen zusammengebaut." Dieser ganze Passus 
rührt von der Analerotik des Jungen her. Auf Klosetts mit schwach funk- 
tionierender SiiQiung horcht er eifrigst auf das Geräusch der horabkollernden 
Exkremente, ebenso weist das Abbrechen der Zigaretten, sowie das Zusammen- 
ballen einiger auf sein intensives Interesse an der Defäkation. 

HI. Hie Eisenbahn spielt für ihn eine ebenso wichtige Kolle wie für 
alle Kinder. Stets wünscht er, noch mehr Waggons zu bekommen, damit sich 
der Zug recht „schlängeln" kann. Daß dieser unbewußt als Phallussymbol 
empfunden wird, scheint mir bei meinen kleinen Neffen noch dadurch sicher, 



Dr. H. T. Hug- Hellmuth : Kinder träume, 473 

■weil CT beim Spiele trotz aller Belehrung niemals den Zug aüeiu fahren läßt, 
sondern stets mit der Hand dirigiert (also eine Onaniebetätigung im übertra- 
genen Sinne ausfuhrt). „Es war der Zug nach Wörishofen nnd die 
Tante Berta war auch drin." Mit dieser Weuduug rückt der Traum wieder 
nm einen Schritt näher an die ersehnte Wunscherfüllung, Der kleine Max 
hat von seiner Tante Berta, die alljährlich die "Wörishol'ner Kur gebraucht 
und die er auch im Traume in dem Zug nach W, sieht, über das Badeleben 
daKolhst erzählen gehört, hat photogr.iphische Aufnahmen vom „Wassertreten" 
gesehen, an welchen ihn die hochgeschürv-ten Damen höchlich belustigten. 
Hier bricht sich also im Traume sein sehnlicher Wunsch, eine erwachsene 
weibliche Person nackt zu sehen, bereits Bahn. Wieviel Verdriingungsarbeit 
er aber auch in seinem Tagesleben schon leisten muß, läßt sich an der 
starken Maskierung seines Wunsches im Traume erkennen. Er sieht deutlich 
Station und Wegtafel „Wörishofen", weil ihm dort bei der größeren XJnge- 
bundciiheit des Hadelebens eher die Kealisierung seines Verlangens möglich 
erscheint als in der Großstadt. Auch die „vielen Leute im Zuge nach W." 
entbehreo nicht der Bedeutung im Traume. In W.. wo so viele Tersonen in 
mangelhafter Bekleidung herumgehen, muß sich doch Gelegenheit finden, 
endlich „etwas zu sehen", und dort kann es wohl auch nicht als so Schreck- 
liches verboten werden. 

IV. „Da waren wieder so viele Sport Zigaretten, aber 
lauter Frauen mit roten gekreuzten Sc bra fr öckon'. Der Traum 
steuert immer deutlicher auf die Wunscherfüllung zu, er wandelt die Männer 
des zweiten Teiles bereits in Frauen, die er in rote gekreuzte Schlafröcke 
kleidet. In einem roten Reform-Hauskleid (-Schlafrock) spielte ich, wie schon 
erwähnt, früher oft mit Max das beliebte „Jungil"-Spiel und das Gekreuzte 
bedeutet ein Bolerojäckchen, dessen beide Teile der Junge mir geni fest Uber- 
einanderspannt, vermutlich um die Körperformen zu fühlen. Wenn mir beim 
Ankleiden gelegentlich das Jäckchen mit den Ärmeln des Kleides in Kollision 
kommt, beeilt sich der Kleine immer, mir aus dem „Wurschtel"' heraus- 
zuhelfen, naturlich wieder mit dem bekannten heimlichen Sehnen, etwas zu 
sehen oder zu greifen; diese Yerv,-ick]uog der Kleidungsstücke gibtjhm im 
Traume Anlaß, den Ausdruck ^.ineinander gezwickt" zu bilden. Übrigens 
erinnerte er sich im Traume offenbar auch einer Begebenheit, die er wenige 
Tage zuvor auf der Straße beim „Spiel" zweier Hunde gesehen. Die wenn 
auch unverstandenen Bemerkungen der Passanten und ihr Gelächter bei den 
vergeblichen Bemühungen, die Tiere zu trennen, mochten in dem Kinde doch 
eine Ahnung, daß es sich hier um Sexuelles d.h. in der Kinderspracbe „Unan- 
stäniliges", handle, heraufbeschworen haben. Daher auch die Fortsetnung des 
Traumes: „ich habe sie auseinandergerissen, aber es ist gar nicht 
gegangen, so waren sie verrammelt." Bei der Erzählung dieser Stelle 
zeigt die Miene des Kindes einen stark grausam wollüstigen Ausdruck, ein beredtes 
Zeichen des in ihm schlummernden Sadismus. „Dann sind sie auchüber die 
Stiege hinuntergekoHert und die Schlafröcke waren ganz zer- 
rissen, so daß sie halb nackt waren". Das Wörtchen auch bildet die 
Brücke zum scheinbar asexuellon zweiten Traumstück. Indem Herabkollern über die 
Stiege ein Koitussymbol zu erblicken, erscheint mir bei Max untunlich, da er 
nie im Schlafzimmer der Eltern schlief. Auf Grund der Aufzeichnungen meh- 
rerer Autoren über die seelische Entwicklung von Kindern^) neige ich vielmehr 

') Milicent Shinn. The biography of a child, E. u. G. Scupin, Bubis erste Kind- 
heit und Bubi vom 4—6, Lebeusjahre. 



474 Beiträge zur Traumdeutanf. 

der Ansicht zu, daß Tr eppentr äume in sehr jugendlichem Alter auf lust- 
volle Muskelbetätigung und Verlangen darnach zurückgehen. l>as unorniildiiche 
Auf- und Abklettern auf Stiegen, wie dies Shinu vou ihrer kleinen Nichte Uuth 
berichtet und wie dies in einem gewissen Alter an jedem physisch normalen 
Kinde zu beobachten ist, bliebe psychisch unerklärt, wenn man nicht in der kraftigen 
Muskelbetatigung eine Quelle starker sexueller J-iist anerkennte. Natürlich ist 
bei dieser Auffassung der Ausdruck „herunterkollem" mit „von Stufe zu 
Stufe springen" zu übersetzen, während er sich wörtlich genommen auf die 
im zweiten Traumteile gegebene Deutung bezieht. In der Wendung ,,die 
Schlafrock e waren ganz zerrissen, so daß sie hnlb nackt 
waren" zeigen sich Traumwunscli- und -erfliUung unverhüllt. Srlirittweise 
gewährt die Traumzensur, was keimendes Schamgefühl am Tage verjiönt. Von 
den harmlosen Körperteilen, Schulter, Arm, ausgehend, lüßt der Traum 
schließlich die Entblößung des ganzen Körpers zu. — Das verschmitzte Lachen 
des Buben aber sagt uns : ,,Seht, es nUtzt Kuch alles nichts, ich habe Euch 
doch nackt gesehen." — 

Von einer Dame wurde mir folgender Traum, den Ihr Knabe in seinem 
7, Lebensjahre wiederholt hatte, mitgeteilt. 

Die beiden Brüder Fritz und Jlans besuchten gleichzeitig die L Klasse 
einer Privatvolksschule. Beide waren ihrer jungen Lehrerin sehr zugetan, 
besonders Hansens Neigung war voll Eifersucht gegen alle Mitschüler und 
Mitschülerinnen, vor allem aber gegen seinen Uruder. Wiederholt trüunite er 
in diesem l. Schuljahr: 

,, Fritz ist krank, muß zu Hause bleiben; er (llans) geht allein zur 
Schule." 

Seine Mutter glaubte in dem Traum den Wunsch zu erkennen, o r 
selbst möchte gern von der Schule fortbleiben. Doch verhielt sich die Sache 
wahrscheinlich anders. Der Traum stellte sich regelniüßig in der Naclit vom 
Mittwoch zum Donnerstag ein; auf diesen Tag fiel die Turnstimdo, in welcher 
die junge Lehrerin bei Übungen an Geräten den Kindern Hilfe und Stutze 
gewährte. Nun will der kleine Hans seinen Uruder von diesen als Liobes- 
beweis empfundenen Berührungen ausschließen. Kr weiß auch redit gut, daß 
bei den tibungen umso öfter an ihn die Reihe kommt, je weniger Schiller anwe- 
send sind, umso öfter hat er dann Gelegenheit, die Hand der golioblcn Leh- 
rerin auf der seinen zu fühlen, was jedesmal von einer Glutwelle über das 
ganze Antlitz und glückseligem Augenblinzeln begleitet wird. 

Gleichzeitig wünscht der Knabe in seinen Traum dem Bruder durch die 
Krankheit etwas Böses, weil ihm dieser einen Teil der Liebe raubt. 

Dieser Traum, der in den verschiedensten Variationen auftritt, ist für 
Schulkinder typisch. Sowie ein Kind fllr eine Lehrkraft schwärmt, in sie vor- 
liebt ist mit ^len Freuden und Schmerzen der Liehe Erwachsener, stellen 
sich solche Traumerlebnisse ein. Der 'J'raum gibt dem Kiudo die Freiheit, 
sich der gefährlichen Rivalen, der wirklichen oder eingebildeten Lieblinge der 
Lehrperson zu entledigen, sei es, daß die Phantasie_den Nebenbuhler erkranken 
oder zu spät zur Schule kommen läßt oder ihm Unarten andichtet, die ihm 
die Liebe der Lehrkraft entziehen. Ilüiilig bleibt im Traume die Mehrzahl 
der Schüler infolge von Elementarereignissen vom Unterrichte weg, denn ein 
solches Zusammenschmelzen der Schülerzahl gibt dann den wenigen, die doch 
gekommen, die willkommene Gelegonhoit, sich eng an den geliebten I^ohrer 
oder die Lehrerin anzuschließen, Daß solche Träume tatsäclilich einem all- 
gemein verbreiteten Kinderwunsch entspringen, geht aus einer Bemerkung 
her\-or, die von Lehrkräften der verschiedensten Schulkategorien Uberoinstira- 



Dr. L.: Ein Großvatortraum. 475 

mend gemacht wird, wie nämlich in derartigen realen Ausnahmefällen bei den an- 
wesenden Schülern eine besonders animierte Stimmung, ein auffällig großer 
Lerneifer zti finden sei. Mir selbst fiel es wiederholt auf, daß sogar an der 
Universität eine scheinbar unmotivierte Heiterkeit platzgreift, wenn vor Weih- 
nachten oder Semestersühluß in Vorlesungen oder in Seminarstunden das Audi- 
torium auf ein Minimuio reduziert ist, das dem berühmten n^^^^ faciunt colle- 
gium" nicht aiku fem steht. Woher die übergroße Heiterkeit beim Eintritt 
des Professors, wenn nicht in der Hörerschaft Erinnerungen und Wünsche aus 
der eigenen Kindheit auftauchten? 



Ein Großvatertraum. 

Mitgeteilt von Dr. L, 

Karl, ein sehr intelligenter Junge von sieben Jahren, bekommt vor 
einigen Monaten einen ihm scheinbar erwünschten Bruder. Nach der Geburt 
ist Karl tagelang aufgeregt, beinahe schlaflos. Er ist zärtlich mit dem Brü- 
derchen, fordert von jedem Besuclier, daß er dem Kinde seine Reverenz 
mache ; gibt dabei gut acht darauf, daß der Kleine gut versorgt, nur Zeit 
gestillt wird usw. Die Mutter wird von Karl außerordentlich verehrt, mit dem 
Vater steht er seit einiger Zeit auf einem kameradschaftlichen Fuße ; früher 
waren auf die Mutter bezügliche Eifersüchteleien awischeu ihnen auf der 
Tagesordnung. 

Vor einigen Tagen mußte der Vater auf eine Woche verreisen ; die 
Mutter erlaubt Karl, während dieser Zeit im Bett des Vaters zu schlafen. 
Der Schlaf Karls wird auffallend besser als früher. Eines Morgens 
erwacht er mit einem tiefen Seufzer und ist sehr betrübt. Auf die Frage 
der Mutter erzählt er, daß er etwas sehr Trauriges geträumt habe: Er sei 
in der Unterwelt (seine Lieblingslektüre ist die griechische Mythologie) spa- 
zieren gegangen und hätte dort den Großvater (Vater der Mutter) getroffen 
und mit ihm eine sehr interessante Unterhaltung geführt. Er fügt der Traum- 
erzähluiig hinzu, daß er sehr traurig darüber sei, daß der Großvater nicht 
mehr lebt, er könnte sehr viel von ihm lernen. 

Der Traum ist so aufzufassen : Karl will offenbar andeuten, daß er den 
abwesenden Vater an die Stelle des verstorbenen Großvaters wünscht. Zwei 
Momente sprechen für die Richtigkeit dieser Deutung. 

1. Die Mutter ist stark an den -verstorbenen Großvater fixiert, erzählt 
den Kindern sehr viel von ihm, 

2. Das Kind ist oft auffällig besorgt um den eigenen Vater, wenn er 
nicht zur Zeit zu Hause ist, „Vielleicht ist ihm ein Unglück geschehen" hat 
er fräher einmal gesagt. Der noch lebende Großvater (Vater des Vaters) hat 
Karl sehr gerne; sein Benehmen dem alten Herrn gegenüber ist so artig, 
innig, wie ich es bei einem Kinde noch nicht gesehen habe.^) 



') Dieser Kindertraom ist eine hübsche Hlnstration jener Auffassung des 
.GroSvaterkompleies", wie sie in der vorletzten Nummer der Zeitschrift beschrieben 
wurde, Anmkg. d. Red, 



r 



470 Beiträge zur Traumdeutung. 

3. 

Weitere Mitteilung von Kintlheitsträumeii mit speziellei' Bedeutung.') 
' Von Dr. Kdnaril Uitsciiiiiaun. 

Ein SOjäbriger, von der Onanie nicht losgekommonev, auch homosexueit 
empfindender, psychisch impotenter lediger Mann, der anläßlich eines Korbes, 
den er von einer Umworbenen erhielt, an S'erstimmnng erliriinkte, zeigt einen sehr 
starken Vaterkomplex, welcher sich seitdem vor einigon Jahren erfolgten Tod des 
Vaters besonders prägnant u. a. dadurch keimüeichnot, daß der Patient morgens und 
abends eine Art Halluzination des Gesichtes df's Kaisers (Vatorsymbol) wahrnimmt. 

Er berichtet ans seinem vierten bis fünften Lebensjahr folgenden wieder- 
holt geträumten, eindrucksvollen Angsttrauin : 

„Ich sah im dunklen aiteu Waschtisch, in seinem mitt- 
leren Fach, eine feurige Kugel liegen, die sich langsam von 
ihrem ursprünglichen Platz in dar linken lOclco rhythmisch 
hin und her bewegte. Es war wie ein feuriger Hall, wie eine 
Glut mit Ausötrahl ungen. Ich fühlte mich wie gebannt, hatte 
große Angst, nicht entfliehen zn kennen und, daß ea mir, ich 
weiß nicht was, antun würde. Ich empfand es drohend, so wie 
etwa den Mumu, mit dem man die Xinilor schreckt." 

Zur näheren Ergänzung gibt der Patient noch folgende Schilderung : 
,,Der ganze Kasten ist erfüllt wie von scliwefeligom Licht, die Kugei gallert- 
artig. Es ist, als ob ich es durch die geschlossenen Kastentüren beobailileto. 
Was es ist, weiß ich niclit zu sagen. Es erinnert mich an ein Tier in Scbün- 
brnnn im Käfig, desgleichen an einen Polypen, der die Augen ausstreckt. 
Audi erinnert es mich an die BihlerbUcher-Sonne. Es hat aucli etwas wie 
Gesichtszuge, die verzerrt sind ; man sieht einen Mund und es sind iiuch un- 
deutliche Augen in der Kugel zu sehen, von denen die Strahlen tiiiHgohen. 
Doch ist das Gesicht nur schwach angedeutet, wie etwa bei einem Fiscli oder 
dergleiclien.'^ 

Patient erinnert aus jener Zeit auch andere Angstträume, in denen -r.. B, 
ein oder mehrere Einbrecher in Großvaters Zimmer schleichen, im Ofen l'euer 
machen, so daß das Zimmer ausbrennt, während Patient Jieinilich nachge- 
schlichen ist, um zuzusehen. In jene frühe Zeit iäilt auch die denUwIirdijie Prügol- 
szene, wo der sonst gütige Vater ihn mit verzerrtem Gesiclit rücksichtslos 
im Jähzorn fortprügelte, wiflirend der Knabe immer raclisdclitig schrie : 
„Ich werfe dich in den Brunnen !" Patient erinnert sich ferner, wahrsclieinlich 
aus einer Zeit, die diesem Angsttraum folgte, einer wirkliclion Angst im 
Bette, als man ihn etwa Sjährig, anläßlich eines die Ordnung des Hauses 
störenden Festes, mit samt seinem Schwesterchen für eine Naclit in die Eltem- 
hetten legte. Über einem nahen Stuhl lag ein, an diesem Tage dem Gi'oflvaler 
als Geschenk ins Haus gebrachtes, Eisbilrenfell, Der Knabe erwachte im Halb- 
dunkel, geriet vor dem Fell in mächtige Angstund nahm diese in deu Scidaf 
mit. Der Patient gibt wiederholt an, den oben genaimten, ersten Angsttraum 
als sehr wichtig für seine Neurose /a empfinden. 

Der Waschtisch, den Patient heute noch deutlich vor sich sieht, wenn 
er an ihn denkt, stand ursprünglich im Elternschlafüimmer, sjiäter im benach- 
barten Kinderzimmer. Patient meint, er habe, als er den Traum hatte, im 

') Vgl. die Anfrage von Prof. Freud und die erste darauf eingoliingtü Mit- 
teilung in Heft I dieser „ZGltEchrift" S. 79. — Die Sammlung und Publikation solcher 
Träume wird fortgesetat. (Die Bed.} 



r 



Dr. Eduard Ilitschmann ; Weiterö Mitteilung von Kindheitaträumen. 477 

Zimmer der Eltern geschlafen ; der Waschtisch staud aber damals bereits im 
Nebenzimmer {'gemeinsames Kinderzimmer, wo sich Patient wusch). Jener 
Traum sei schon nach dem vierten Lebensjahr geträumt. Vom siebenten bis 
zehnten Ijebensjahr erinnert Patient bestimmt, am Fußende der Elternbetten 
auf einem Divan geschlafen zu haben ; er ist unsicher, ob er auch schon vom 
zweiten bis zum vierten Lebensjahr im Eltei-nzimmer geschlafen habe. 

Im Verlaufe der Kur gibt Patient — wie erwäbat — noch folgendes 
Phänomen an. Er sieht morgens, seltener abends das Gesicht des Kaisers vor 
sich, es ist aber auch nianchmalso, wie wenn es nur der Begriff des Kaisers wäre. Die 
Halluzination habe eine gewisse Ähuliciikeit mit jener loucbtendon Kugel 
im Waschtisch, wenn sie auch nicht einem Angst-, sondern einem sympathischen 
Zusiande entspreche. Er weiß nicht bestimmt, ob diese Halluzination erst 
mit Vaters Tod begonnen habe, aber weiß, daß ihm in frabeten Jahren 
moi-geos zur selben Zeit, nämlich wenn er in die Wanne steigt, ein Mäd- 
chen oder das Geschäft oder eine Verabredung oingel'allen sei. Es müsse 
jcdeufalls eine Art Wunschphantasie sein, meist eine erotische; er habe auch 
gelegentlich dabei onaniert : auch waren Selbst vor würfe dabei. Er hatte 
frülier oft den Tagtraum, Minister werden zu wollen oder des Kronprinzen 
Freund oder doch, hoch zu stehen durch die Gnade des Kaisers. Später wurde 
er thooretisclier Sozialist, debattierte mit Vorliebe heftigst mit dem Vater über 
Politika, verachtete jeden Ordensannehnier und gab sieh zum besonderen Ärger 
des jüdischen Vaters als Antisemit. Mehrmals fällt in den Ausdrücken des 
Patienten der Hinweis auf Strahlen und in dem weiter unten wiedergegebenen 
Traum des erwachsenen Senrotikers die Heranziehung der Sonnenstrahlen auf, 
womit die uns sonst auch aus den Mythen bekannte Beziehung zwischen 
Vater und Soune Übereinstimmt. (Vgl. auch Schrebers Paranoia.) 

Die Stellung des Patienten zum Vater war in der Kindheit eine deutlich 
liebesbedürftige. Durch jene Prügelszene kam aber gewiß eine Haßkomponente 
zur Verstärliuug. Die spätere Jugend verlief, namentlich in dem Gefühl, der 
filtere Bruder sei der bevorzugte, in Überhebung und Streitsucht. Erst der 
Tod des gefürchteten und mit un verhältnismäßiger ZärtUcldieit geliebten 
Vaters läßt wie in nachträglicher Pietät das Bild des Vaters verklärt und er- 
höht als Kaiser erscheinen. Die ablehnende, als Angst in Erscheinung tre- 
tende Kehrseite dürfte sich des Raubtieres {Eisbärenfell) als Vatersymbol 
bedienen. Der Kindertraum, von dem man ja unmöglich leugnen kann, daß 
er mit dem Vater in Beziehung steht, zeigt als auffallendstes Moment die 
rhythmische Bewegung, die für den Bären der Menagerie charakteristisch, 
vielleicht wieder den Zusammenhang mit jenem Eishären des Großvaters 
(weißes Haar) herstellen mag. Ausgezeichnet würde dazu stimmen, daß der 
Körper des Vaters dem Patienten unsympathisch war, weil er wie ein Tier behaart 
war.^) Die Beobachtung des „Phänomens" durch die geschlossene (Kasten-) 
Türe erinnert an die häufigen neugierigen Kinderbeobachtungen des Liebes- 
lebens der Eltern im Nebenzimmer (vgl. das heimliche Nachschleichen im 
Kindertraum). Wird durch den Vergleich mit dem Bären quasi die 
tierische Seite des Vaters symbolisiert, so paßt dazu um so besser die 
von den Kindern so häutig sadistisch ausgelegte, unvollkoramene Koitus- 
Eeobachtung. Übrigens könnte die Unfähigkeit des Patienten für den Koitus 
in der genannton abstoßenden Grausamkeit desselben eine Wurzel gehabt 
haben. 



') Widerwille gegen Behaarung findet sich oft hei m&iinlichen Homosexuellen, 
besonders auch gegen Gosichtsbehaarung. Aach dieser Patient trug keineclei Bart. 



478 Beiträge zur Tranmdeutang. 

Im Verlaufe der erfolgreichen Kur hatte Patient einen lltngenin Traum 
mit folgendem an jenen Kindertraum gemahnenden Bild: „Kr Leobaclitot 
über der Btadt eiti Himmelsphänomeii: Kiu duiiklei- Hall uns 
Wolken wird feurig, als ob die Stadt brenne, es ist aber 
klar, daß es sich nur um ein meteorologisebos l'hänoinen 
handelt. Eine sichtlich aus den Charakteren des Vaters 
und des Arztes komhinierto Person beruhigt ihn dureJi eine 
Erklärung dieses Phänomens, das durch die Sonnenbe- 
strahlung von Staub zu diesem feurigen Anschein gelangt 
sei." Patient empfindet selbst, daß dieser Traum, in dem er tlbrigens 
keine Angst hat, eine rationalisierende Auflösung jener Kinderangst bedeute, 
und hat im Traum das dunkle Gefühl und nach dem Krwaclien die Er- 
kenntnis von der Analogie dieses Traumes mit dem Kiniiertraum. 

4. 
Killderträume und Favor Nocturiius. 

Von IMts van lioalte. Ariihem (Holland). 

Das Studium der Kinderpsychologie gibt mir dann und waun üelegeuheit, 
Träume von Kindern y.a analysieren. 

Ich will hier einige Beispiele von Kinderträumen anführen, in welchen 
man ähnliche Elemente findet, wie die Psychoanalyse sie analysiert bei Er- 
wachsenen aufdeckt. 

L Traum von Anna, 

einem achtjährigen, gut veranlagten Mädchen aus der Volksklasse, (N, B. der 
Traum wurde vom Mädchen selbst geschrieben.) 

„Mein Herr, ich träumte, daß ich eine Puppe weggenom- 
men hatte und ich lief schnell davon. Der Polizeidiener 
setzte mir nach und da lief ich ins Haus meiner Tante und 
da wußte der Polizeidiener nicht, wo ich war." 

Auf meine Fragen erklärt sie, daß sie die Puppe aus einem Puppen- 
laden nahm. 

Der Polizeidiener ist dem Jansen (dor auch Polizeidiener ist) ähnlich. 
Sie sieht ihn oit in der Straße, er ist immer sehr liebenswürdig und sagt: 
, adieu du Kleines!" Deshalb liebt sie ihn sehr. 

Als ich weiter fragte, ob sie öfter träume, gesteht sie, oft zu träumen, 
daß ihr Männer nachsetzen. 

Anna ist ein sehr heiteres, tolles Kind mit orhübtor Kitzelomplind- 
hchkeit. 

Da die Erklärung des Traumes leicht ku durchschauen ist, kann ich auf 
die Analyse verzichten. 

Daß Kinderträume in ihrem manifesten Inhalt sehr klar die Wunsch- 
erfüllung erkennen lassen, geht hervor aus dem folgenden 

Traum von Jan Esvolt. 

Jan ist neun Jahre alt und hat seine Lehrerin sehr lieb, Innütton 
des Semesters bekommt er eine neue Lehrerin, Mit diesem Wechsel ist er 
so wenig einverstanden, daß er zu seiner Mutter sagt, er wolle nieht mehr 
in die Schule geben. Nach einigen Tagen begngnet er seiner frUbcreu Lelircrin 
und erzählt folgenden Traum, den er nachher auf ihre Bitte niederschreibt : 

„Ich träumte, daß das Fräulein zu uns in die Klasse 
kam und den Hut auf das Pult legte, so wie das Fräulein go- 



Frits van ßaalte: Kinderträume und Pavor Nootamtia. 479 

TTohnt ist. Da kam das neue Fräulein und da sagte unser 
Fräulein, das neue Fräulein müsse fortgehen, denn sie selbst 
sei 2 u r ü c k g e k 111 m e n. " 

Ebenso unverkennbar ist die Wunsch erfüUung im Traume eines zehn- 
jährigen Mädchens, das sieb mit Recbt von ihren Spielgenossen sehr wenig 
geliebt weiß. Einige Tage, bevor sie mit ihren Eltern nach Deutschland ver- 
reisen soll, um dort zu bleiben, träumt sie; Ihre Mutter kam in die 
Schule, um zu sagen, daß sie nach Deutschland tibersiedeln 
sollten und da fingen alle Kinder an zu weinen. Und der 
Oberlehrer und die L ehrer lachten, weil die Kinder 
weinten. 

Klar leuchtet die Wunscherfullung hervor aus diesem wie auch aus dem 
folgenden Traum eines zwölfjährigen, sehr lebhaften und intelligenten Mäd- 
chens, das seit langem im Kinderkrankenhaus liegt. 

Auf meine Bitte schreibt sie folgenden Traum für mich nieder. 

„Ich träumte, daß ich mit der Direktrice spazieren ging. 
Die Direktrice hatte gesagt, wir sollen mit der D ampfstraßen- 
bahn nach Oosterbeek fahren. Als wir im Tram saßen, 
mußte die Direktrice bezahlen: als sie aber in ihre Tasche 
griff, bemerkte sie, daß sie ihr Portemonnaie nicht hatte. 
Da sagte der Kondukteur, wir müßten aussteigen und da er- 
wachte ich." 

Zu diesem Traum erklart das Kind, sie sei früher einige Male mit der 
Frau Nachbarin nach Oosterbeek spazieren gegangen, und dann war es 
immer ihr Wunsch gewesen, einmal mit der Dampfstraßenbahn fahren zu 
könuen. 

Es passiert ihr sehr oft, daß sie etwas verliert: Armhand, Brosche, 
Einge. 

Dreimal schon hat sie ihr Portemonnaie mit Geld verloren. Das letzte Mal 
kam sie in einen Laden, um 75 Cent zu bezahlen. Sie mußte aber „aus- 
steigen", weil sie ihr Geld verloren hatte. Offenbar identifiziert das Mädchen 
sich im Traume mit der Direktrice, die sie sehr liebt. 

Wie schon von anderen Unlersuchero gezeigt wurde, sind Träume vom 
Tod hei Kindern häufig. Einige Paradigmata dieser Art sind: 

1. (Niedergeschrieben von einem zehnjährigen Mädchen, Marie B.) 
„Ich träumte, daß meine Schwester tot war. Ich sagte 

zu meinem Vateri „darf ich mit Josefine beerdigen?" „Nicht 

doch, das geht nicht." Zwei Tage nachher nahm der Vater den 

Sarg unter den Arm, legte ein Tuch darüber und fuhr auf i 

seinem Fahrrad mit dem Sarge nach dem Friedhof." i 

2. Der folgende Traum rührt von demselben Mädchen her. * 
„Meine Schwester kam nach Hause und sagte: ich habe 

ein bißchen Kopfschmerzen und da sagte sie: ich gehe gleich 

zu Bett und als sie morgens erwachte, war es viel schlimmer 

geworden. Einige Tage nachher sagte der Doktor, daß ihre 

Krankheit sie bald zum Tode führen werde. Und einen halben 

Tag später war sie tot. Bevor sie starb, sagte sie: „ich 

werde noch lang an euch denken!" und wir alle weinten 

heftig und einige Jahre später dachte ich noch immer: was 

war sie doch ein drolliges Mädchen. Ich wollte, sie lebte 

noch." 

* * 



i 



480 Beiträge zur Traumdeutung. 

Ifli lial)o die Kinderträume nicht analysiert, da icli der Meinung bin, 
daß Kinderträurae im allgumeinen uacli ihrem manifesten Inhalt erklärt werden 
müssen, ohne die Traumelemente symbolisch deuten zn wollen, 

A- priori muß man aüiiehmeo, daß das Unbewußte sii'h bei Kiiidoru um 
viel Minder manifestieren kann als bei Envachsenen, schon weil der Inhalt 
des Unbewußten bei Kindern bedeutend ärmer ist an latenten Vorstellungen, 
was auch die Ideenassoziation des Kindes lehrt. 

Auffallend ist auch, daß Kinder meiner Krfaiirung nach oft geneigt .sind, 
ihre eigenen Träujue m deuten, natürlich aus dem manifesten Inhalt, ohne 
zu einer Erklärung aufgefordert zu sein. Und so oft iiürt man s)ionlane 
oder durch ein einziges Wort angeregte Tiaumerklärungen von Kindern und 
sie wissen so genau die Deutun;; der Traumdetaile zu bostiintnen, daß man 
an ein inhärentes, etwa instinktmüßiges Deutungbverlangeu glauben müchto. 

Allerdings gibt es Träume, die unerklärlich sclieineu in ihrem Zusani- 
menhaug mit dem psychischen Lebeu. So z, L. folgender Schwebetraiini 
eines zehnjährigen Mädchens, Margarete II, 

„Ich träumte, daß ich in einem Luftballo n saß und in 
die Höhe stieg und da rief ich: hernuterlassen, boruiiter- 
lasseii.und da sagten sie: Hast du Angst? Ich sagte; ja, und 
sie ließen den Ballon fallen. Da erwachte ich und es drehte 
sich mir alles vor den Augen als säße ich noch im Ballon." 

Es konnte mir nicht gelingen, durch Assoziationen Iierauszuiinden, was 
dieser Traum heißen sollte und an die Elemente knüpft sich keine einzige 
Erinnerung. 

Es ist selbstverständlich, daß Träume von neurotisch veranlagten Kindern 
wesentlich anderen Inhalt haben müssen als solche normaler Kinder. 

Dazu kommt, daß das Kind, wenigstens bis zu seinem achten Lebens- 
jahr, seine Träume oft lur reelle Fakta hält und etwa am Morgen noch die 
Schokolade oder das Spielzeug sucht, wovon es geträumt hat. 

Besonders die unlustbetonten Träume lassen eine so eingeprägte visuelle 
Vorstellung zurück, daß das ]£ind das Residuum für eine Wahrnehmung hält, 
nachdem es erschreckt und im Schweiß gebadet erwacht ist. Oft projiziert 
es die innere Wahrnehmung außer sich, wie etwa eine Ilalluainatioo. Der 
Vater des laut schreienden Kindes nühert eich seinem Bette, weil das Kind 
wieder so übel geträumt hat und fragt, wer da ist. Das Kind erzählt, daß 
wieder die drei Männer dort sind mit ihren Äxten und der große kräftige 
Vater gebietet drohend den drei bösen Männern davonzugehen. Und oft 
genug verschwindet nun erst die Halluzination. 



Die folgenden Träume wurden mir von einem zehnjährigea, an Pavor 
Nocturnus leidenden Knaben, niedergeschrieben. 

.1. Traum. 
„Ich träumte, daß ein Hund mir in die Beine biß und da 
sprang ich plötzlich auf. Auf einmal dachte ich an das 
ßheinbad und ich glaubte, daß ich in ein großes Wasserfiel." 

2. Traum. 

„Ich träumte, daß ich ins Kinderheim ging und daß ein 
Knabe dort war beim Schusterl aden und der Knabe hatte 
dort einen großen Haufen toter Knaben und Mädchen liegen 



Frita van Raalte: Kindertr&uine und Pavor Noctumaa. 4gj^ 

und da sagte er: wen werde ich nun einmal töten. Und ich 
kam zum Schusterladen und da war ich bei einem großen 
Geliäude und da lief ich eine kurze Strecke und er sah mich. 
Ertötete einen Knaben; die getöteten Knaben lagen ganz 
still mit verschlossenen Äugen. 

3. Traum. 

„Ich träumte, daß ein großer Knabe micli in eine tiefe 
Grube warf; und da kam ein anderer und hob mich heraus 
und stellte mich in eine Flugmaschine. Da fiel ich heraus 
und ich war tot und dann wurde ich wieder lebendig. Und 
da war es als ob der ganze Bettkasten in die Höhe flog und 
im Kreise herum ging." 

4. Traum. 

,lch träumte, daß ich in einen Teich fiel. Es kam ein 
großer Knabe und der schwamm mir nach. Ich war triefnaß 
als er mich ergriffen hatte. Als ich nach Eause gehen wollte, 
begegnete ich einem Herrn. Das war Herr v. H. mit einem 
Kniff in seinem Hut und einem Höcker auf dem Kücken. Und 
da erwachte ich.' 

5. T räum- 
lich träumte, daß ein Junge wollte, daß ich ein Feuer 

anzünde. Das wollte ich nicht machen. Da sagte er: ich 
haue dich mit dem Stuhl auf den Kopf und ich sagte: nein, 
ich mache es nicht. .Geschwind', sagte der Knabe, du sollst. 
Und da habe ich es gemacht, Und da sagte der Knabe: hier 
hast du eine Flinte, wenn du es noch einmal machst . . . . 
Nein, sagte ich, ich tue es nicht. Nun, sagte er, jetzt darfst 
du einmal scliießen. Da wollte ich schießen; nachher bekam 
Ich ein großes Geschwür auf der Hand, Da sagte der Knabe: 
wenn du es jetzt nicht mehr machst, schlage icli das Geschwür 
von der Hand. Da habe ich esnocheinmalgetan. Da erlöschte 
das Feuer und da wurde es stichdunkel. Nun erst ließ er 
mich fortgehen." 

* * * 

Das sind die Träume, die den Inhalt seines Pavors bilden. Der Knabe 
sagt, daß er immer Furcht im Dunkel habe. Er glaubt immer, daß ein 
Totenschädel im Hauso liegt. Er hat wohl einmal eme Abbildungeines 

Toteükopfes gesehen. 

Weiter leidet er an Phantasmagorien ; er sieht dann und wann ein 
Kleidungsstück, das im Zimmer hängt, für ein Tier an. Auch hat er Furcht, 
daß Heinzelmännchen im Hause sind oder kommen werden. 

Als er ausgefragt wird, ob es auch jemand gebe, vor dem er Fureht 
hat, sagt er: niemaud. Auf die Frage, ob er auch jemand gern habe, nennt 
er den Namen eines Mädchens, das er seit etwa drei Jahren kennt. Wie 
er meint, ist sie etwas älter als er. Er spielt gern und viel mit ihr, nach- 
laufen, angreifen usw. 

Icli habe es absichtlich unterlassen, weiter danach zn fragen, um keine 
falsche Suggestion auszuiiben ; ich habe etwaige eingeklemmte Affekte und 

KellHliiF. f. ixuÜ. 7irohDJ>n»lfU. 31 



482 Beitrage zur Traamdeutung. 

Verdrängungen nicht bewußt machen wollen, weil iisydio-therapeutische Be- 
handlnng eicht zu meiner Arbeit gehört. 

*. * , 

Die Anamnese dieses Knaben Jehrt, daß er iiiomals krank geweson ist ; 
er hat damals Masern gehabt. 

Als er iVi Jahre alt war, bekam er iliircli einen Fall ein Trauma 
Capitis. Als er vier Jahre war, fiel er auf einen Topfdeckel, wodurch eine 
große Fleischwunde zwischen den Augenbrauen entstand ; alK er 6 Jahre war, 
warf ein Mann, den er beschimpfte, mit einem Stein nach ihm, wodurch er 
zum dritten Mal eine Wunde bekam, iliosmal ttber der linken Augenbraue. 
Kach dem Berichte seiner Mutter war er immer sehr <iuiilerisch und viulleicht 
ist sein böses Gewisseti einer der Gründe seiner Phobie. Als er klein war, 
somnambuHerte er dann nnd wann. Er schlief immer sehr unruhig (auch 
jetzt). Bei Tag ist er sehr rührig, hat große Mühe, still m sitxcn. Er ist 
etwas debil und konzentriert seine Aufmerksamkeit nur mit großer Anstrengung. 
Er sieht nicht binokulair, sein rechtes Auge ist heinahe blind. Er ist sehr 
furchtsam, dabei wahrscheinlich hyperilsthetisch nnd hat große Furcht vor 
körperlichen Schmerzen, wenn z. B. einer seiner Gespielen ihn hauen will. Im 
Kinderheim ist er berüchtigt wegen seiner Verlogenheit. Wird er vom Lehrer 
in der Klasse getadelt, so schneidet er Gesichter gegen seine Nachbarn. 

Seine Eltern leben geschieden. Der Vater behandelte seine Kniu oft 
roh, was die Kinder tief schmerzte. Der Knahe wünscht oft, daß sein Vater 
zurückkomme. 

Als der Knabe das dritte Mal zu mir kommt und mir seinen Traum 
erzählt, sagt er, er habe letzte Nacht, bevor er einsehlief, wieder Angst 
gehabt. Als ich ihn fragte, weshalb, antwortet er: „Gott sollte wohl 
bei sich selbst denken können: Du sprichst nun so ohne 
Furcht von Totenschädel und Heinzelmännchen, nun werde 
ich eins liiulegeu. 

Seine Mutter sagt, daß der Knabe kürperlich und geistig seinem Vater 
gleicht und das Verlangen nach dem Vater hat sich im Unbewußten in Angst 
umgewandelt, so daß alle seine Träume Schreckelemente enthalten : Wasser, 
Feuer, Flinte, Geschwür, Grube, Teich, Hund usw. 

Ich habe keine vollstlindigen Assoziationsexperimente /u seineu Traum- 
eleraenten vorgenommen. Von einzelnen oft wiederkehrenden Details gebe 
ich hier die Reaktionen. 

^oß: großer Mann — ^ßiese — große Schritte — Däumling. 

stechen: daß eine Biene mich sticht. 

Grube: daß ich in eine tiefe Grube falle. 

Höcker : auf dem Rücken — (ein Ladenbesitzer aus seiner 

Straße). 
lang: langer Mann (IIoll. lange man =: großer Mann) Vater — 

gehauen. 
Flinte: mich erschießen — ein Soldat. 
Mädchen: mit Mädchen spielen — Jenneke. 

(X. B. das Mädchen, mit dem er gespielt hat. Seine Angabe, daß 

er mit ihr spielt, ist anachronistisch. Seine Mutter und die Direktrice 

des Kinderheims sagten mir, daß er schon mehr als ein Jahr nicht mit 

ihr spielt.) 
Schiff: scheitern — Robiasou Crusoe. 



Frits van Raalte: KindertrÄnme und Pavor Koctnmns. 4U3 

Hund: daß er mich in die Beine beißt. 

Fiuffinascliinp : jemand fällt herunter- — Olieslagers. 

Geschwür: auf dem Finger — Junge schießt auf den Finger 

{siehe Traum 5). 
freundlich: ein freundlicher Mann — Großvater. 
tot: eil) toter Mensch. 

Heinzelmännchen: kann zaubern — daß man eine Fliege wird. 
Vater: daß ich einen lieben Vater habe — der sorgt so gut 

für mich. 

(N. B. Die Mutter, welche der Untersuchung beiwohnt, sagt, daß 

er die letzten acht Jahre seinen Tater selten gesehen hat, der ihn 

übrigens ziemlich roh und derb behandelte.) 
Tier: (abnorra. lange Reaktionszeit) Wolf in Nederl. Ost-Indien. 
Meer: sehr großes Meer — hineinfallen — daß ein Knabe mich 

hineinstoßt, weil ich so drollig bin. 
Dunkel: dunkle Lnft — Gewitter — ängstlich. 
kochen : daß Mutter Essen kocht — ein Kalb kochen — ein Kalb 

opfern (Erinnerung ans der religiösen Sonntagsschule). 
Nadel: daß ich mich steche mit einer Nadel. 
Sünde: Sünde tun — stehlen (im Kinderheim unterschlug er einmal 

einen Cent). 
Licht; daß es wetterleuchte! und donnert. 
hart: hartes Eisen — Wurzel. 

Es ist auffallend, daß er zu verschiedenen Zeiten auf das Reizwort 
„hart" stereotyp mit Wurzel reagierte. 

Alle Reaktionen zeigen, daß sein Denken egozentrisch ist. Bei „hauen" 
z. E. gaben sehr viele andere Kinder an; „Stock", er assoziiert, ,daß sie 
mich hauen". 

Bei „Blut" nicht „rot" oder „Feuer" wio 40 andere Kinder, sondern : 
,dnß ich blute". 

Ein anderes Mal f^Ut ihm zu: 

„Zunge" ein: ^eine verwundete Zange". 

Zu „Mann": „Straläenräuber, der mich mitführen will," 

Zu „helfen" : ,daß sie mir helfen, wenn ich einmal ins 
Wasser fall e". 

Ein harmloses Wort, wie „-warm", das bei normalen Kindern niemaJs 
unlusthetonte Gedanken wachruft, veranlaßt ihn zu denken: „daß ich mich 
brenne am heißen Ofen". 

Eine fürchterliche Lebensangst erhebt ihren Gespensterkopf hinter jedem 
Wort, das in sein Bewußtsein tritt. Er weiß, daß seine Furcht grundlos ist, 
daß der Hund, der ihn jedesmal im Traum und in den Visionen beißen \yill, 
in Wirklichkeit ihm nichts Böses tun will, denn er spielt oft mit dem Hund 
seines Nachbarn. 

Die toten Kinder und Menschen seiner Träume haben vielleicht 
die, den Psych oanalytikern wohlbekannte Bedeutung. Weiter ist noch zu 
erwähnen, daß er auf „schlaff" reagierte mit: „eine schlaffe Wurzel". 

Was das häufige Vorkommen von Tieren in seinen Träumen betrifft, 
zitiere ich Dr. M. Wulff (Zentralblatt für Psychoanalyse, 2. Jahrgang, 
Heft 1): „solche Phobien (Pferdephobien, Hundephobien, Katzen, Hühner und 
„andere Haustiere) sind, glaube ich, im Kindesalter mindestens ebenso ver- 
, breitet wie der Pavor noctnrnns und lassen sich in der Analyse fast immer 
,als eine Verschiebung der Angst vor einem der Eltern anf die Tiere ent- 
, puppen", 31* 



4g4 Beiträge zur Traamdouttiiig. 

5. 

Traum vom „Pater Freudenreich". 

Mitgeteilt von Dr. S. Spiciroin. 

Patientio Lene wurde mir von Herrn Prof, F r o u d zur Hehimdluiig empfohlen. 
Patientin besdiäftigt sicli viel mit Singen und niiuiiit daher Symbole aus 
diesem ihr zur Verfügung stehenden Gebiete. Eines TaKos träumt sie;') „Ich 
gehe zu einer Dame tnid einem i'die.reti lieirii. Diesen bitte ich um MnlijlÖck- 
chen, aber er gibt sie mir iiidd." 

Hier hat Patientin Widerstände gegen das weitere Erzählen. Dies 
äußert sich darin, daß sie nichts mehr geträumt m haben glaubt, weil die 
Mutter sie an dieser Stelle geweckt liahe, allein bald erinnert sie sich, dal5 
dies nicht der Fall war: „Nein/" meint sie, ^,lch träumte mclt, ich irollte 
zum Pater Freudenreich .... oder Heideureieh .... {'i'eiß es iiicld mehr) 
damit er mich protegiert. Frl. Minna (eine Beliaiinte) sagte — gehen Sie die 
weite Halle und die Stufen Innau/.^) Ich ging in die Halle zuriic/: und hörte 
migtii und klingen. Minna sagte, ich soll stark aniclopfen: er singt den ganzen 
Tag und Iiört nicht." 

„Was hat er den gesungen?" fragte ich. — Er sang — , Klinge, Glöck- 
lein, klinge, bring mir das Mädchen mit,' Dann hal er auch gcpliffeii." 
Ich: „Hat jemand in Wirklicbkeit so gesungen?" Pat. ; „Dns Glöcklein liat 
der Papageno. Es ist eins, wie man es den kleinen Kindern gibt, viele (Jlöch- 
lein auf einem Stück : die Pfeiferl hat Tamino . . . Dem Papageno wurde 
ein Mädchen gebracht; das war dann eine Hex, die sich dann in ein scliünes 
junges Mädchen verwandelte. Die sollten dann ein Kind kriegen ; sie wiegte 
das Kind im Spiele schon ein — ■ — — Sie singen ,du wirst dann Papa 
Papageno'". 

>!;«n hat es uns Patientin erklärt ; Pater Freudenreich wurde im Triiuiu 
dem Papageno nachgebildet, welcher mit Singen und Klingen sein Mädchen 
erobert. Papageno ist ein älterer Herr und heißt ins Deutsche Übersetzt 
„Der zeugende Vater" (Papa genos)"). Der Name weist darauf liin, wie der 
Dichter selbst diesen Typus aufgefaßt hat. Audi Patientin hebt die vätcriiche 
Bedeutung Papageuos hervor, indem sie das Lied vom Papa-Papagono orwälint 
und indem sie das Glöcklein mit dem Glöcklein für kleine Kinder vergleicht. 
Papagenos Mädchen war eine Zeit laug verhext. Patientin Lcno pllcgt in 
ihren Träumen und Einfällen während der Analyse sich selbst als Hexe rosp. 
als Wahnsinnige darzustellen. Sie ist ein uneheliches Kind und wurde von 
ihrem, wie sie behauptet, recht vornehmen Vater nicht anerkannt. Im Traume 
sucht sie der Papa genos mit seinem Glöcklein, d, h. mit seiner Liebe, auf: 
Das Glöcklein Papagenos ist ja nichts anderes, als ein Wcrkneug im Dienste 
der Liebe. 

Was im ersten Teile der ältere Herr mit den Frilhlingshlumen Mai- 
glöckchen war, entpuppte sich im zweiten Teil als Papagenos mit seinem 



^) Um die Analyse nicht zu komplizieren, teile ich den vorhergehenden Traam- 
abachnitt nicht mit. 

') Hier erwähnt Patientin eine Eeihe bekannter Symbole, die ich der VoU- 

ständigkeit halber unten anführe. So träumt sie von ZündhölKclien (Feixor der Liebe), 
von ihrem weiten zerrissenen Täschchen (vgl. die weite Halle), vom Korzauaton Ilaar, 
von einer Vorhalle „halb wie ein Kloster, halb wie eine Kaserne aMsschond. In dieser 
Vorhalle exerzieren Soldaten. Sie reiten herum. Man sagt, dies seien Quadrülspiele. 
Dann träumt sie wieder vom Pater (sioho oben). 
=) Stekel: „Die Sprache des Traumes." 



l 



Dr. S. Spielrein; Traum Tom „Pater Freuden reich". 485 

Liebeswerkzeng. Im ersten Teile wollte ihr der Horr nichts von seiner Liehe 
(Maiglöckchen) geben. Im zweiten Teile sagt ihr Minna, sie solle nur stark 
ankloiifen. weil der Pater wegen des beständigen Singens (= andauernde 
Liebeswerbung) nichts hört. So wird die voripe Unfreundlichkeit des Herrn 
entschuldigt, zugleicli darf Patientin die Hoflbung in sich nähren, daß sie 
endlich doch in ihrer Sehnsucht erhört wird. 

Warum wird der Papageno im Traume von der Patientin bald „Freuden- 
reicli" balJ .Heidenreich- getauft? Sagen ihr diese Namen was? Warum 
diese Unsicherheit bei der Erinnerung, wie wir sie an stark gefühlsbetonten, 
vom Bewufätsein verworfenen psycblschen Inhalten kennen ? 

Was sagen Ihnen diese N'amon : Freudenreich und Heidenreich ? 

frage icli. 

„Reich an Freaden. Keicher Heide" fällt es Patientin dam ein. 

"Haben sie irgendwo ähnliche Xamen gehört?" 

Ich war sicher, daß Patientin hier als ersten Einfall den von uns beiden 
oft erwälinten gleichklingenden Namen „Freud" bringen wird, allein die 
Widerstände ließen sie nicht direkt m dem nächstliegenden gelangen, vielmehr 
mußte sie den weiter entfernten symbolischen Weg betreten. So memt sie : 
„Baldreich, Cousin, Cousine, Tante. Einer ^sagte — ,ich will mcht mehr 
so heißen, jetzt bin ich fröhlich, bin glllcklich."^ ^ ^ ,. 

Patientin merkt nicht, daß sie bereits „Siegmund Freud" spricht: sie 
führt ja die Worte Siegmunds aus dem Nibelungenliede an, welcher jetzt 

frühlich ist, .^ - t, i- .- c- 

Woher haben Sie diese Worte?" frage ich. Darauf Patientin: ,Sie 
fra.^t— wie heißt dn?' — .Wehwald hieß ich, ein Wälsung bin ich, W-ölfling 
wenl' ich genannt. Jetzt heiß ich Siegmund.-O Patientin bat meine Frage 
woher sie diese Worte hat, als ein ,Wie heißt du?" aufgefaßt, weil sie sich 
noch (iie ganze Zeit mit der Frage, wie er wohl heißen mag, bescbältigt. 
Wer heißt Siegmund?'^ fragte ich. Patientin: „Freud. Das ist ein fetaram 
wie die Asra (denkt also wicdernm an den Wälsung Siegmund) welche 
sterben, wenn sie lieben. Wie kann das sein? Dann würde ja der ganze 
Stamm aussterben?'' , ,^ ^ l , 

Es ist ungeschickt, daß ich hier die Assoziationsketto unterbrochen 
habe: „wer ist der Heide ?'^ erkundigte ich mich (Patientin assoziierte, wie 
erwähnt zu .Heidenreich'- — „reicher Heide"). 

Patientin: „Ich bin eigentlich auch eine Heidin, denn ich zweifle ja 

an dem, was in der Schule gelernt wurde." 

Dieses ich auch" weist auf eine Identihbation mit jemand hin, welch 
letzterer der dgentliche Heide ist. Mit wem ?-- Das hat uns Patientin bereits 
indirekt gesagt: Siegmund ist doch ein Heide und i,iegraund Freud, als Jude, 
ist ebenfalls ein Ungläubiger. Übrigens geht es auch aus dem Namen 
Freu<len-reich, Heiden-reich hervor,^) Beiden Namen gemeinsam ist die S.ibe 
reich" Die differenteu Wortteile ergehen zusammengenommen : („Der) Heide 
Freud"'oder im ganzen, mit der Silbe reich: „(Der) reiche Heide Freud, 
Pater Freudenreich hat sieb ja als Herr Professor Freud erwiesen. Um sieh 
dem unghiubi-on Vater Freud ähnlicher zu machen (bekannte Identihkation 
mit dem Geliebten) hebt Patientin ihre eigene Ungläubigkeit in der Schule 
hervor. Später sehen wir noch einen Grund dafür. 

i\ Wie heiat du?- fragt Sieglinde (im Nibelungenliede) ihren Gehebten. Dar- 
auf Siei^u«d: „Wehwald, hieß ich, «in Wälaun» bm ich. Wölfhng werd ich genannt. 
Jetzt" Tda er so glücklieh ist, nach Fat. .frühhcV) he,ß ich Siegmand- 

"^J Patientm zerlegte die Wgrte in „Reich an Freuden" und „reicher Heide". 



486 BeitrELge zur Traumdeutung. 

Die Übertragung ist stets, wie die Erfahrung lehrt, ein zweiBchneidij,'es 
Sehwert: nebeo der LiBbeseinstelluiig wird auch die llaßeiiistelluiig übarlragen. 
Hier trifft es ebenfalls zu. „Gottlos" oder „Heide" sind Schinipfworte im 
Munde eines glliubigen Christen, namentlich im Unbewußton, das ngdi an der 
Vergangenlieit klebt. Patientin aber glaubt trotz der Zweifel auch bewußt 
an Gott, Wie ihr reicher Vater, hat ihr der reiche Heide Freud weder von 
seinem Geld«, noch sonst von seiner Liebe was gegeben. Er hat sie auch 
nicht selbst behandeln wollen, sondern hat sie mir zugewiesen. Dementsprechend 
will ihr der ältere Herr im Traume von seinen Maiglöckchen (Liebe) nichts 
geben. Die feindselige Einstellung der Patientin äußert sieh forner in Todea- 
vorstellungeni sie betont es, daß Siegraund sterhon mußte: Unmittelbar nach 
dem Namen Freud sagt sie: , Und mein Stamm sind jene Asra, welche sterben, 
wenn sie lieben " Freilich vertrete ich die Anschauung, daß im Wesen des 
Werdeinstiüktes auch die Zerstörung liegt: das Alte muß zerstört werden, 
damit das Neue entsteht.^) Patientin hat viele sowohl passive als auch aktive 
DestruktioQsvorstellungen. Zu den aktiven gehört bei ihr z. J3. die Vorstellung 
der Kastration des Mannes beim Koitus. In der Liebe selbst liegt die Quelle 
der Feindschaft. Gewöhnlich aber treten die aktiven Todesvorstellungen nicht 
so in den Vordergrund, namentlich bei der viel mehr passiv veranlagten Frau 
ist das auffallend und laßt auf eine starke JRacheeinstelluag schließen, welche 
Sühne verlangt.'^ 

„Du sollst in Liebe zu mir vergehen, der du mich verlassen wolltest", 
sagt das aul's tiefste verletzte Mädchen ihrem geliebten Vater und Arzt, 

Bei der nächsten Analyse erinnert sich Patientin, daß ihr geliebter 
Schulpfarrer, der sie ebenfalls gern hatte und stets verteidigte, Hoidenreich 
hieß. Diese neue Erkenntnis macht die bisherigen analytischen Ergebnisse 
nicht ungiiUig. Um den Namen „Freudenreich' zu bilden, mußte Patientin: erstens 
den Namen oder das Wort „Freud" resp. Freude zur Verfügung haben; zweiteDS 
mußte sie den Namen , Heidenreich '^ nicht als Ganzes verwenden, sondern 
es in „Heide" und „reich" zerlegen. Sie verwendete im Traume den ihr gut 
vertrauten Namen „Heidenreich", weil sich ihre Gedanken mit dem roichen 
„Vater", mit dem „Heiden", mit ^.SiegmundFreud" beschäftigten. Hiezukommt: 
der Name Heidenreich war um so mehr zu verwenden, als er einer geliebten 
Person gehört, einem Priester, einem Tröster, wie der Vater Freud. Die 
Identifikation beider Personen geht soweit, daß l'atientin nicht sagen kann, ob 
der Pater im Traume Heidenreich oder Freudenreich hieß. Der Traum ge- 
währt einen schönen Einblick in die jediiii Analytiker gut vertrauten Seelcn- 
Torgänge : Vater und Mutter sind die ersten Liebesohjekte des Kindes, welche 
auch vom Erwachsenen nie mehr vermißt worden können. Jedes neue Liebes- 
objekt, nach dem man sieh später sehnt, ist nur ein Ersatz für das zuerst 
geliebte, das uns im Umfange der unbewußten Phantasien nie erreichbar war. 

Ein Vexierti'aum. 

Von Dr. 3Iapg. Stegmaiin, Dresden. 

Über die Unterscheidung der Phantasien von den Erinnerungen wirk- 
lieber Vorkommnisse in der Tranmdarstellung sagt Freud in der Tratim- 

>} Spielrein. Destruktion ah üraache des Werdens. Jahrb. f. psychoanalyt. 
nsw. Forschungen, Bd. IV. i- j j 

^) Ich habe es noch aicht erwähnt: nachdem mir Patientin antwortet: „Ich 
bm eigenthch auch eiae Heidin" tUlH ihr „Sampson und Dalila" «in. Bukunntlich 
wird Sampson seiner Kraft beraubt, indem ihm Dalila (ich glaube, im Schlafe) das 
Haar abschneidet (Analogon der Kastration). 



Dr. Marg. Stegmann: Ein Vexiertraum. ^7- 

deutuiig folgendes: ,Dafl es Phantasien und nicht Erinoerongen der tat- 
Bächliclien Vorgänge sind, die so im Traume dargestellt werden, zeigt die 
Trau [udeut uns selbst nicht an; dieselbe liefert ans nur einen Gedanteuinhalt 
und überläßt es uns, dessen Realitätswert festzustellen. Wirkliche und phan- 
tasierte Begebenheiten erscheinen hier — und nicht nur hier, auch bei der 
Schöpfung wichtigerer psychischer Gebilde — zunächst als gleichwertig.« Es 
dürfte nicht ohne Interesse sein, im nachstehendeD einen Traum kennen zo 
lernen in dem die Thantasie durch die Darstellung selbst als solche gekenn- 
zeichnet ist Vexier träum nenne ich ihn, weil er gerade mit der dar- 
gestellt™ Phantasie die Absiebt verfolgt haben dürfte, die Arztin aufs Eis zu 
fuhren und sie lächerlich zu machen, in dem, was ihr die Patientin gern vorwarf : 
in ihrem „Forschen" nach sexuelleu Erlebnissen. 

Traumstück- Gehe mit meinem Mann über eine eiserne Brücke, er- 
fasse ein Stuck Eisen und schabe an Rost und Farbe, daß das Abgekratzte 

'" ^'°Ein Maschinenschlosser kommt herzu, konstatiert, daß ich die Brücke 

Schreibt die Anklage, indem er mir gegenüber sitzt. Ich denke, wozu 
hat der Mann Watte quer über im Munde auf den Zähnen, es sucht gegen 
den schwarzen Vollbart so sehr ah. Bei näherem Hinsehen entdecke ich daß 
das Dicht Watte, sondern weiße Flüssigkeit ist, die im Munde Ihuft und bis 
auf den Bart kommt, aber stets zurückgeht. Ich lese die Änklageschnft 
und moquiere mich, daß er sich erlaubt hat, von mir als „Kunde zu reden, 
das sei erniedrigend für mich. Er meint nun, wenn ich eme Brücke zer- 
störte, EO sei das gerade passend. . n u n. *. 

Ich frage er wisse wohl nicht, daß man so etwas im Unbewußten tue, 
worauf mein Mann mir beipflichtet, daß ich da nichts dafür könne. Aber von 
einem solchen Manne könne man die Kenutnis nicht verlangen, der habe sem 
LebtaK noch nie von so etwas gehört. 

Zur Vorgeschichte: Patientin ist eine seit Jahren verheiratete 
Hysterica, die durch Krämpfe und Gehstörungen die ganze Zeit der Ehe hin- 
durch sich und ihrer Familie das Leben schwer gemacht hat. Die Haupturaache 
Ter Svmptome ist die Impotenz des Mannes; die Patientin versucht aber, 
dieselben durch eine in den ersten Jahren der Ehe nötig gewesene Operation 
einer Ovarialgoschwulst zu erklären. 

Beziehungen des Traumes zur Wirklichkeit: Der Mann ist 
Eisenbahniugenieur. Die „eiserne" Brücke kennzeichnet also seinen Beruf 

(Doppelsinn !) , . r, .- i.- 

Dem Maschinenschlosser im Traume gleicht der Bruder der Patientin 
durcb Statur und Vollbart. Ihr Sohn wollte Maschineningenieur werden ; er 
hat von unten auf angefangen und das Stadium des Maschinenschlossers auch 

durchgemacht. . 

Erniedrigend" fand es Patientin, daß ihre Schwiegermutter ernst 
ECklaKt hatte ihr Sohn habe eine so schlechte Heirat gemacht, da seine Frau 
üumer krank' sei Da sagte Patientin zu ihrem Mann, das wolle sie nun der 
Mutter aber schreiben, daß sie doch gar nicht schuld sei an der Krankheit ; 
sie könne ja nichts dafür, daß sie die schwere Operation habe durchmachen 
müssen und daß seither ihre Nerven so schwach seien. 

Eine Bekannte, mit der sie in einer Sommerfrische war, sagte ihr, als 
ihr Mann in die akademische Laufbahn trat, sie sei gerade „passend" zur 
Studentenmutter mit ihrer Frische und Lebendigkeit. ■, ...... 



I 

/ 



488 Beiträge zur Traumdeutung, 

In dieser Sommerfrische sah sie einst vom Fenster aas zu. win ihre 
Wlrtsleute sicli mit einem Juden, mit Nameo Moses, herumzankten, weil er 
von ihrem im Garten gedeckten Frülistücketiscli etwas Brot genommen hatte. 
Die Parteien beschimpften sich schließlich und l'atiüntiii uiuflle als Zeugin 
vor Gericht. Den Moses traf sie unterwegs ; er wollte sie beeinHiißon, damit 
sie zu seinen Gunsten aussage; sie entgegnete aber, ihm gehöre auch etwas, er 
habe sieh auch Schimpfereien zu Schulden kommen lassen. Auf ihre Aussage 
hin sollen beide Parteien bestraft worden sein. 

Später ging Moses an einem anderen Ort an ihr vorüber, wie sie mit 
ihrem Mann spazierte. Er kannte sie nicht mehr ; um ihn zu ärgern, rief sie, 
als er vorüber war, mit hoher Stimme; Moses! und freute sich sehr, wie er er- 
staunt und erschreckt herumfuhr, ohne zu bemerken, woher der Ruf kam. 

Die Watte im Mundo erinnert sie an Milch. Die Bezeichnung .Kunde" 
braucht ihr Sohn für Leute, die simulieren. Die Schwiegertochter braucht 
gleiche Ausdrücke wie ihr Mann, was Pntientin ihr oft verweist. Der IJrudor 
war ein Tunichtgut und hat durch Selbstmord geendet. Er war vom Vater 
verstoßen worden und hatte einmal nach Hause gesclirieben, ihm habe nur 
die Mutter gefehlt, was den Tatsachen nicht entsprach, aber von den Forde- 
rungen seines Unbewußten aus wohl richtig gewesen sein wird. Der Sohn 
hat in der Pubertät und vorher Streiche gemacht, die sie um so tiefer und 
schmerzlicher trafen, als die Erinnerung an ihren Bruder den Ereignissen 
ihre Affekte ]ieh. Gegen Tiere hat sich der Sohn in verschiedenen Fällen 
sehr gilt benommen ; ein Kutscher, dem er bessere PferdepHego anempfahl, 
warf ihm vor, er verstehe ja davon nichts. 

Deutung: Der Maschinenschlosser ist ciüe Verdichtungsfigur, liinter 
der sich der Bruder, der Sohn, die Schwiegermutter und auch der Mann 
und sie selbst verstecken. Die Milch im Munde deutet auf den Sohn der 
Vollbart auf den Bruder. 

In der Gerichtssache, in die sie verwickelt war, war sie nicht Angeklagte 
sondern Zeugin ; die Anklage, daß sie die Brücke zerstört habe, geht also 
wohl eigentlich auch nicht auf sie: ihr Bruder hat die Brücke (zum Vater- 
haus) selber zerstört; die Anklage der Schwiegermutter ist auch falsch- sie 
hat das Eheglück (die Brücke) nicht zerstört; sie war nicht schuld daran daß 
sie operiert werdea mußte ; und das Eheglück wurde erst durcli die Impotenz 
ihres Mannes recht vernichtet; soweit hierzu aber ihre hysterische Erkran- 
kung beigetragen Latte, war sie obenfalh unschuldig, denn „so etwas tut man 
im Unbewußten" ; ihr Mann selber erteilt ihr die Absolution dafür. Zum Teil 
ist auch ihr Sohn daran schuld, indem er durch seine Streiche eine Eiilfrom- 
dnng zwischen den Eltern veranlaßte. Gegen den Sohn scheint sie den Ver- 
dacht zu haben, daß er ihre Krankheit für simuliert hält. Darum erinnert 
sie sich wiederholt der Operation und macht im Traum dem Sohn den Vor- 
wurf, er wisse eben von den Taten des Unbewußten nichts. Hintor dem Ma- 
schmensch! osser stecke auch ich, denn ich suche immer nach dem fehlenden 
Stück m ihrer Erinnerung (Erinnerungsbrücke zerstürt), das uns die Ent- 
stehungsnrsache ihrer Krankheit zeigen würde. Auch dafür, daß sin mir dieses 
Stück nicht zeigen kann, wird das Unbewußte verantwortlich gemacht. Sie hat 
also überhaupt von keiner Seite eine Anklage verdient, von welcher Seite 
ihr aber doch eine gemacht würde, ist sie entschuldigt und reingewaschen. 

Sie reißt aber auch den Sohn heraus ; soweit sie ihn mit ihrem Bruder 
identifiziert, macht sie ihm Vorwürfe für seine alten Streiche ; aber indem 
sie seine hübschen Handlungen gegen Tiere erinnert, y.eigt sie sich gleichzeitig 
selber, daß er hesser ist als ihr Bruder und also auch nicht so enden wird, 



Dr. Hanns Sachs: TraumdarBtellungen analer Weckreize. 489 

wie dieser. Soweit noeli etwas an ihm aaszuset^^on ist, wird die Sctwieger- 
tochter verantwortlich gemacht: sie brauclit die gleichen burschikosen Aus- 
drücke wie er, statt daß sie versuchen würde, erzieherisch auf ihn einzuwirken. 
Das Stuck, durch dessen Wegnahme sie die BrUcke zerstört haben soll, 
ist so klein im Vergleich zur Brücke, daß die Anklage absurd erscheint. So- 
bald ich diese «nverhällnismäßige Kleinheit betone, sagt die Patientin, es müsse 
aber doch sehr wichtig gewesen sein, der Maschinenschlosser habe es doch 
gesagt; stutze ich mich dagegen darauf, das Stück sei für das Bestehen der 
Brücke wesentlich gewesen, so entgegnet sie: „aber es war doch so klein". 
Sie gibt damit selbst sehr schön dem Schwanken Ausdruck n-wischen der 
Sexualablelinung ihres Bewußtseins und der Sexualbetonung ihres Unbewußten ; 
denn das Stück Eisen erkennt sie selber als das Membrum ilires Mannes. Das 
Bewußtsein bestreitet seine Bedeutung, das Uubewuüte gibt ihm den richtigen 

Wert. 

Ihrer großen Sexualablehnuug wegen hielt ich mich zurück, bei der 
ansführlichen Deutung das Äquivalent für das Symbol „Tüte" zu gebrauchen; 
sie selbst aber unterbrach mich: „Warum setzen sie nicht statt Tüte den 
Fraueiileib':" Sie kennzeichnete damit selbst den Eingang des Traumes als 
sexuelle "Wunscherfüllung. 

Die weiße Flüssigkeit (Milch) im Munde des Maschinenschlossers, der 
sofort als Bruder agnosziert wurde, scheint dem infantilen Wunsche /u ent- 
spreclien. dem Bruder Mutter zu sein („es habe ihm nur die Mutter gefehlf^), 
was sie nur konnte, wenn sie die Frau des Vaters war. Der Bruder tragt 
ja aber einen Vollbart, ist also über das Säuglingsalter hinaus, demnach wird 
auch die weiße Flüssigkeit etwas anderes sein, als Milch. Nun kommt die 
beabsichtigte Vexiererei. Wie oben gezeigt, können die beiden Personen mit 
ihren Attributen vertauscht werden. Patientin, die nie etwas von Fellatio 
gehört haben will, bringt selber die richtige Deutung, was die Flüssigkeit 
sonst seiu künne. Daß es sich nur am eine Phautasie handelt, geht aus der 
Bemerkung hervor, ,daß man so etwas nur im Unbewußten ta6% also bloß 
phantasiere. Die Einnerung an den Scherz mit, dem .luden Moses verriet 
die Absicht, mich zu hänsehi. So wie der Moses herumfuhr und nach dem 
unerwarteten Rufer forschte, so sollte ich wohl auf den fetten Bissen losfahren, 
den ihr Traum da meinem , Forschen nach sexaellen Erlebnissen" hinwarf 
und ganz gleich wie damals hätte sie sich dann gefreut, wenn sie mir hätte 
sagen können, wie sehr ich in die Irre gegangen sei. 

Die mehrfach determinierte Bemerkung wegen dem Unbewußten, die ihr 
schon beim Erzählen ungeheuren Spaß bereitete, hatte mich aber rechtzeitig 
gewarnt. Bewundernswert ist es, wie es dem Unbewußten gelang, mit Hilfe 
der vorgeschobenen Absicht, mich zu vexieren, die anstößige Phantasie zur^ 
Darstellung zu bringen. 

7. 

Traumdarstelluiigen analer Weckreize. 

In seiner Untersuchung über „Die SymbolschicUtung im Wecktranm und 
ihre Wiederkehr ira mythischen Denken" ^) bringt Rank eine Fülle von 
Beispielen, die den typischen Ablauf des Traumes unmittelbar vor dem durch 
einen Leibreiz erzwungenen Erwachen demonstrieren. Es ist kein Zufall, 
daß in nahezu allen Fällen der in Aktion tretende Weekreiz der Harndrang 



') Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathejogische Forschungen, 
Band IV. 



490 Beiträge zur Traumdeatimg. 

ist, während der zweito cxkrementelle Leibroiz, dar Stulildraug, eino unter- 
geordnete Rolle spielt. Sclion der Umstand, daß der Harndrang am Sexuai- 
apparat empfunden wird, bringt ihn mit sexuelloii Vorstellungen in Jterillirung. 
Ranks Analyse weist dann nach, daß diesem äußiiren ZiisammeuhaTig eine 
innere Verknüpfung entspricht, die sowohl im unhewußten Soolonleben des 
einzelnen, wie in der kulturellen Vergangcnlieit wirksam ist. Es läßt sich 
aber wohl erwarten, daß auch für den Wockrei^ aus der Analüone, obgleich 
diesem die anatomische Voraussetzung mangelt, eine typische Symbolik mit 
ähnlicher Schichtung aufgefunden werden könnte. Zu diesem Zwecke müssen 
zunächst durch Sammeln und Vergleichen die typischen Elemente lestgostellt 
werden. Die Einsicht in die Schichtung dieser Symbole wird sich dann mit 
HUfe des von Rank gelieferten Vorbildes, unschwer auf/oigoii lassen. 

Die beiden Beispiele, die ich im folgenden gebe, genügen natürlich 
keineswegs, um irgend einem Stdck allgemeine Geltung xuKusprochen. Doch 
macht sie die Fähigkeit der darin enthaltenen Elemente, gleicli/eitig den 
rezenten Anlaß (Weckreiz) und eine damit in Zusammenhang gebrachte sexuelle 
Lustquelle darzustellen, hinreichend merkwürdig, um ihre Milteilung zu recht- 



fertigen. 



I. Beispiel. 



Eine Analyse war hier leider nicht durchzuführen. Nach dem Berichte 
des Träumers war er bei Nacht mit Stuhldrang erwacht, hatte aber das 
Bett nicht verlassen wollen. Es gelang ihm, wieder einzuschlafen und er 

träumte : 

„Eine lichtbraune, lederne Tasche wird mit einem Beil 
aufgeschlageu. Es sind Virginiazigarreii darin." 

Aus diesem Traume erwachte er mit Leibschmerzen und verstärktem 
Stnhldraiig, so daß er nun doch den Abort aufsuchen mußte. Es ist wohl 
völlig durchsichtig, daß die Tasche, welche geöffnet wird, den Leih dos 
Träumers darsteUt. Die gewaltsame Art der Ötlhung entspricht wohl der 
Anstrengung, mit der der Schlafende sich der Öffnung seines Leibes 
widersetzt. Die Beziehung der „hchtbraunen" Farbe bedarf keiner Erörterung 
Auffallend ist aber die Ähnlichkeit mit der Deflorationssymbolik — die Tasche 
als weibliches und die Axt als männliches Genital sind uns ja längst wohl- 
bekannt. Scheinbar nützt der Träumer die realen Schmerzen für seine weihlich- 
inasochistische Einstellung aus. Ob die Analyse diese Vermutung bestätigt 
hätte, muß dahingestellt bleiben. Die „Virgiiiiazigarren" sind ein sehr ge- 
schickt gewählter Treifpunkt für die beiden Phantasien: sie stellen den im 
Leibe (in der Tasche) befindlichen Stuhl dar, gliedern sich aber durch das Wort 
„Virginia" und wohl auch durch ihre Gestalt der Deflorationsphantasie an. 

IL Beispiel. 

(Bruchstück.) Eine Schneckenstiege, an der mehrere kleine 
Kammern liegen. Viele Leute. In den Kammern Priester im 
schwarzen Ornat, um Beichte zu hören. 

Der Analysand litt während des Traumtages an Diarrhoe und leichten 
Leibschmerzen, schlief infolge dieser Schmerzen auch bei Nacht unruhig und 
fahr am Morgen, früher als gewöhnlich, aus diesem Traum plötzlich empor. 
Die Ähnlichkeit der „kleinen Kammern" mit Aborten war ihm sofort auf- 
gefallen. • 



Dr. Hanns Sachs: Traumdarstellungen analer Weckreize. 491 

Die in der Analyse prodazierten Einfälle gebe ich im folgenden oline 
Zusätze, aber üborsichtl icher geordnet und mit Auslassung unwichtiger Details 

wieder. 

„Am Traumtagc war ich in ß., um dort eine Wohnung zu besichtigen; 
dort im Hause waren die Aborte von der Stiege aus zugänglich, statt in den 
Wohuungen, was mir unangenehm auffiel. In R. habe ich als Kind ge- 
wohnt. " 

Waren in ihrer damaligen Wohnung die Aborte im Stiegenhaus?" 

,Wir halten dort mehrere Wohnungen hintereinander. In einer war 
der Abort vor der WohnungsLür an der Stiege und dicht nebenan der Abort 
der Nachbjii-faniilie. — An diesen Abort und seine Einrichtung erinnere ich 
mich mit merkwürdiger Deutlichkeit. Bei unseren Nachbarn war ein Junge 
in meinem Altor, mit dem ich zu S]iielen pHegte. leb weiß noch ganz genau, 
daß mir eines Tages plötzlich der Verkehr mit diesem Jungen von meinem 
Vater strengstens verboten wurde. An den Anlaß dieses Verbotes kann ich 
mich aber absolut nicht erinnern.'' 

Wir dürfen wohl ohne allmviel Kühnheit annehmen, daß es irgend 
welche sexuelle Spielereien waren, die das vilterliche Verbot hindern wollte ; 
daß CS sich nicht um ein banales Moment handelt, bezeugt die intensive Ver- 
drängung und der Ersatz durch überdentliche Deckerinnerungen an das Innere 
des Abortes, der vermutlich der Schauplatz jener Handlungen war und an das 
Verbot, das sie nach sich zogen. 

Die Frage, ob die Stiegen von damals oder von gestern Wendeltreppen 
gewesen seien, verneint der Analvsand. Auf näheres Befragen entsinnt er 
sich daß seine Faiuilie zur Zeit seiner frühen Kindheit in K. eine Wohnung 
gehabt habe, deren Abort im Hofe unterhalb einer Wendeltreppe gelegen war. 

Er reprodnziert dann aus seinem Gedächtnis eine Aufzählung von 
Schneckenstiegen, unterbricht sich plötzlich und ruft: „Jetzt weiß ich, wie 
die Treppe im Traum ausgesehen hat: So wie die in den alten Hausern in 
der X Straße hier, in denen Prostituierte wohnen.'^ Daran schheßt sich em 
Protest, wie schmctzig und ekelhaft auch die besseren Prostituierten in Wien 
untergebracht sind, und das Bekenntnis, daß er nicht mehr im Stande sei, den 
Koitus mit Prostituierten auszuüben — nicht etwa aus moralischen Gründen, 
aber sein Reinlichkeitsgefühl sei in den letzten Jahren zu empfindlich gewor- 
den So kehrt die Aoalvse vom Sexuellen zum analen Thema zurück, da 
wir" das erhöhte Reinlichkeitsbedürfnis wohl als Reaktionsbildung aufzu- 
fassen haben. -.t- , t * a 

Das schwarze Ornat" scheint auch daran anzuknüpfen. „Viele Leute 
bedeuten nach Freud ein Geheimnis, wohl jene verdrängten Kindererlebnisse. 
Daran reiht sich das „Beichte hören^ (Beichtgeheimnis). Die sonst hie- 
hergehörigen Einfülle kann ich leider nicht mitteilen. Sie ergeben, daß der 
Träumer sich selbst als Beichtenden dachte, was die supponierte Kindheits- 
situation — zwei Personen männlichen Geschlechtes zu geheimnisvoUein Tun 
in einem kleinen Kaum von der Außenwelt abgeschlossen — vollkommen 
wiedergibt. Durch die Bezeichnung dieses Raumes — Beichtstuhl — ist 
eine Anspielung auf das Hauptthema, den Stuhldrang, gegeben. 

Dr. Hanns Sachs. 



■^ 



, , , III. 

Zur Symbolik. 

]. 

Zur Genital- und Sekret-Symbolik. 
Von Dr. RnrtoU Reitler (Wien). 

Patientin, 54 Jalire alt, verheiratet, Mutter von 5 Kindern, leidet seit 
über 20 Jahren an schwerer Konversionsliysterie. 

Sie hat achon als vierjähriges Kind Gonitalonanio getrieben und dies 
bis in ihr 30. Lebünsjahr, auch noch nach ihrer Verhoiratuug fortgesetzt öie 
■war beim Koitus immer anästhetisch. Die Elternkomplexe waren eigentlich 
nnr sehr wenig verdrängt worden. Es genügte eine kurze Aufklänuig, um 
das vollii Verständnis der Patientin zn erzielen. 

Gleich in den ersten Stunden teilte sie mir eine Phantasie mit die zu- 
erst mit kleinen Variationen wiederholt in Träumen und später dann' auch im 
Wachen zwangsarlig auftrat, 

Die Phantasie lautet: „Ich befinde mich am Grabe meiner 
Mutter und quäle mich, mit Händen und Fingernägeln die 
tote Mutter heraus zuwüh len. Der Vater steht dabei und 
lacht, bis ihm die Tränen kommen." Ich machte dio Patientin auf- 
merksam, daß ihr Vater lange Zeit vor der Muttor gestorben war, daß in 
Wirklichkeit also, die erst später gestorbene Mutter wohl am Grabe des 
Vaters stehen konnte, nicht aber umgekehrt, wie os die Phantasie zur Dar- 
stellung bringt. „Da scheint also ein Wunsch angedeutet zu sein." „Natürlich", 
sagte die Patientin, „habe ich mir, wenn ich mit der Mutter auf'dem Fried- 
hofe war, oft gedacht, daß lieber der Vater hätte am Leben bleiben und die 
Matter sterben sollen." 

Das ist also einer jener Fälle, bei denen schon der munifeste Traum 
einem Wunsehgedanken zum Ausdrucke verhilft, zwar einem konfliktbetonten 
aber immerhin doch einem klar bewußten. 

Natürlich war damit das Wesenllicho des latenten Traumiuhalles keines- 
wegs aufgedeckt ; erst die Analyse ergab die tieferen Schichten der Traum- 
gedanken und ich möchte gleich von vornherein im Interesse der Glaub- 
würdigkeit der Symboldcutung konstatieren, daß die nun folgende analytische 
Arbeit von der Patientin ganz selbstständig, ohne meine Mithilfe geleistet 
wurde. Zuerst kamen die Einfälle zu dem Traumstücke, in dem sie die tote 
Mutter mit den Nägeln aus dem (Jrabo wühlen will. Es fällt ihr dazu ein, 
daß sie, so oft sie schwanger wurde, immer einen künstlichen Abortus ein- 



Dr. Rudolf Reitler: Znr Genital- und Sekret-Symbolik, 49g 

leiten wollte, iadem sie mit dem ZeigetiDger mögliclist tief in die Scheide und 
sogar in die Gobärmutier einzudringen versuchte, 

Dalior also das ..Wühlen'-; und die ,,tote Mutter" bedeutet die 
anästhetische Gebärmutter. Die Empfindungslosigkeit heim normalen 
Geschlechtsverkehre rülirt nach der Überzeugung der Patientin von ihrer 
exzessiven CHtarisonaiiie her. Xicht nur bei masturbatorischen Akten, auch 
sonst hei bloß [isychogenen Sexualerregungen, fühlt sie eine fast schmerzhafte 
Spannung der mächtig erigierten Schwellkörper. Der „Vater der dabei 
steht und lacht", — iiian beachte die verräterische Ausdnicksweiee, — 
sj-mbolisiert die Clitoris. Sie - — die Clitoris — ist am Lohen gebliehen, 
ist munter und lustig, sie , .steht" und ,, lacht", während die Gebärmutter 
gestorben ist. 

Es ist ganz erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit die total unge- 
bildete Patientin die Analogie zwischen Penis und Oitoris allein durch eigenes 
Organe 111 pfindfn herausgefunden hat. Ja, noch mehr! Auf die Frage, was es 
bedeute, daß der Vater lacht .,bis die Tränen kommen", gab sie sofort 
die Antwort, daß ,, Tränen" das ,, Genitalsekret" bedeuten müsse, so- 
wohl das weiblicho als auch den männlichen Samen. 

Die Mitteilung der weiteren Analyse ist überflüssig. Es sollte bloß an 
einem beweiskräftigen Beispiele gezeigt werden, daß die Verwendung von 
Vater und Mutter als männliche und weibliche Genitalsymbole zweifellos fest- 
steht und daß aucli die Angabe Dr. Stekels, daß die Sexualsekrete durch 
andere barmlose Körperflüssigkeiten symbolisch ersetzt werden können, gerade 
durch diesen Fall umso einwandfreier als erwiesen angesehen werden kann, als 
die Patientin selbst die richtige Deutung ohne jede Mithilfe gefunden hat. 

Zum Schlüsse noch einige Bemerkungen über die Form, in der Dr. 
Stokol seine ErfahruDgen über Sekretsymbolik zusammen fassend darlegt. 
(„Die Öpraehe des Traumes", tieite 49.) 

„A 1 Ig So- und Exkrete sind einander gleich" schreibt St ekel. 
„Schleim (Nasenschleim, Cerumen u.s w.), Blut, Eiter, Urin, 
Stuhl, Sperma, Milch, Schweiß und Tränen sind einander 
gleich." 

Wer diese Aufzählung — (Stekel nennt sie eine „symboHsche Glei- 
chung") — liest, könnte leicht auf die Vermutung kommen, daß auch „Sperma" 
im manifesten Traume als Symbol verwendet werden könnte, denn es steht 
eingereiht mitten unter allen anderen, tatsächlich zu Symbolzwecken verwend- 
baren, harmlosen Se- und Eskreten. Es wäre für die Klarheit der Darstel- 
lung nur sehr vorteilhaft gewesen, wenn auf der einen Seite die zu sj-rabo- 
lisierenden Sexualsekrete, also , Sperma" — (und es gibt selbstverständlich 
noch viele andere, z, B. : Menstruations-, Detlorations- und Entbinduugsblut, 
Vaginalfluor, Urethralsekret usw.) aufgezählt und ihnen auf der anderen Seite 
die harmlosen Se- und Exkretsymbole gegenüber gestellt worden wären. 

Viel schwerer als diese mehr formale Darstellungsunklarheit fällt die 
Tatsache ins Gewicht, daß durch den Satz „alle Se- und Eskrete sind einander 
gleich' implizite die unumschränkte W a h I f rei h e it unter allen diesen 
„einander gleichen' Symbolen proklamiert wird. Gegen diese Annahme muß 
denn doch Stellung genommen und nachdrücklichst betont werden, daß in 
jedem einzelnen Falle für das zu symbolisierende Sexualsekret nicht jedes 
beliebige andere Sekret, — sofern es nur „harmlos" ist, — eintreten kann, 
daß vielmehr bei dieser Auswahl sowie überhaupt bei jedem Geschehen eine 
Determiniorung unbedingt vorhanden sein muß. 



494 Zar Symbolik. 

Diese kann möglicher Weisein den p ersönlichon Verhültnissen 
des Träumenden liegen. So wird zum Deispiel ein Mensch, der wie „Auch 
Einer", die Hauptperson in dem gloichnaniigeD llomaiio Th. F. Vischer's, 
beständig an quälendem Schnupfen leidet, wahrsf.hciDlieh gerade den Naseo- 
schieim auswählen, während ein anderer, der an profusen Nachtschweißen 
leidet, eben dieses Sekret als das seinen persönlii:hen Associationen am näch- 
sten liegende verwenden wird. 

Eine andere Determinier uugsmögllchkeit kann durch eine Neben- 
bedeutung des gewählten Sekretes gegeben sein. So hat zum Beispiele 
nach einer Mitteilung Prof. Freuds in den Träumen und auch im wachen 
Leben einer seiner Patientinnen das Naseiisekret nur deshalb eine dominierende 
Rolle gespielt, weil dieses sowie Sperma /war schleimig ist, aber keine Spor- 
matozoen enthält. Der Nasenschleim war also Sperma, aber mit der Neben- 
bedeutung : steril. 

Ferner kann die Tendenz der sekundären Trauniarhoit, das mani- 
feste Traumbild möglichst sinnvoll 7u gestalten, ebenfalls einen deter- 
minierenden Einfluß ausüben, so daß unter sonst gleichen Bedingungen 
dasjenige Sekret ausgewöhlt werden wird, welches gerade in die gclräumto 
Situation am bebten paßt. 

Selbstverständlich können noch unntlhlige andere Determinierangsniöglich- 
keiten gefunden werden ; — jedenfalls aber ist a priori daran festzuhalten, 
daß die Wahl der Symbole niclit eine beliebige sein, sondern nur so aus- 
fallen kann, wie sie muß. Zwischen tatsächlich „einander gleichen" Symbolen wäre 
eine Wahl — siehe Burridaus Esel — überhaupt unmöglich. Vielleicht hat 
Dr. Stekel das Richtige gemeint, aber gesagt hat er's nicht. 



2. 

Zur Wind- und Pistolensymbolik. 

Von Dr. Rudolf Reitier (Wien). 

Wenn für schon längst bekannte Symbolismen neuerdings Beispiele mit 
geteilt werden, so kann die Publikation nur durch die besondere Heweiskraft 
der Fälle gerechtfertigt werden. Ich glaube, daß die beiden folgenden Bei- 
träge zur Wind- und Schuß walfensyrabolik diese Entschuldigung für sich in 
Ansprach nehmen dürfen. 

Mein Sohn, stud. med,, der sein großes Interesse für die psychoanaly- 
tische Wissansehaft vorläufig nur durch eifriges Forschen nach Material aus 
dem Alltagleben betätigen kann, teilte mir unlängst in einem Briefe zwei 
Aussprüche einer jungen Dame mit, die ich am besten mit den Worten meines 
filiuB wiedergebe. Er schrieb mir: „Als ich mit ihr an einem seiir stürmischen 
Tag spazieren ging, kamen wir auf eine Wiese, über die der Wind besonders stark 
hinblies. Da streckte sie sich ihm entgegen, breitete die Anne aus und sagte: 
„Ah, der Wind ist herrlich, wunderbar! Auf den mußt du eifersüchtig sein!" 

„Zweitens: Ich wollte vor ihr mit meiner Pistole protzen, zeigte sie 
ihr, und, da sich der erwartete Beifall nicht einstellte, sagte ich selbst, wie 
schön sie sei und wie leistungsfähig (— eben jetzt fällt mir erst ein, was 
ich eigentlich damit gezeigt und gelobt habe ! — ), sie aber sagte verächtlich : 
,Ich weiß nicht, was daran schönes sein soll ; ich finde sie im Gegenteil 
ekelhaft und unappetitlich." 

Ich denke, derart naiv-eindeutige Aussprüche müßten wohl auch den Un- 
gläubigsten Kur ÄnerkenDung der Symbolik zwingen. 



i 



Dr. Bernhard Dattner: Gold and Kot. 405 

S. - . , , 

Gold und Kot. 

Von Dr. Bernliard Dattner, Wien, 

Es ist wohl nicht ohne Bedeutang, wenn Beobachtungen und Erfah- 
rungen, die uns die Analyse nervöser Erkrankungen nahe gelegt und auf- 
gedrängt hat, von der Sage uttd vom Sprachgebrauch her Bestätigung erhalten, 
umsomehr, wenn es sich um so befremdende Ant'kiärungeii handelt, wie sie 
Freud in einer Arbeit über „Charakter und Analerotik" ^) gegeben 
hat. Er fülirt an dieser Stelle des weiteren aus, daß ihm unter den l'erso- 
nen, denen er durch psychoanalytische Boniüliungen Hilfe zu leisten suchte, 
ein Typus aufgefallen sei, der durch drei Eigenschaften, nämlich durch 
besondere Ordnungsliebe, Sparsamkeit und Eigensinn ausgezeich- 
net gewesen sei. Es sei ihm nun, nicht etwa durch theoretische Erwartung, 
sondern durch gehäufte Erfahrung der Eindruck erwachsen, daß diese Per- 
sonen eine stürmische Epoche analerotischer Betätigungen, wie 'i. B. allerlei 
unziemliche Beschäftigung mit dem zu Tage geförderten Kot, hartnäckige, 
bis in späte Jahre fortgesetzte, absichtliche Stuhlverhaltung u, dgl. mehr 
überwunden hatten, indem sich die erogene Bedeutung der Afterzone im 
Laufe der Entwicklung allmählich abgeschwächt und schließlich ganz verloren 
habe, ,,so daß die Konstanz jener Trias von Eigenschaften im Charakter mit 
der Aufzehrung der Analeroiik in Verhindnng gebracht werden darf."' 

Freud versucht nun die innere Notwendigkeit dieses Zusammenhanges 
KU erhellen, indem er die Verknüpfungen der einzelnen Charaktereigenschaften 
mit den Defäkatiousinleressen ableuchtet. Bei dieser Beraubung setzten ihm 
„die BeziehuBgfiD, welelie sich zwischen den anscbeineud eo disparaten Kom- 
plexen des Geldinteresses und der Defäkatiün ergehen", den geringsten "Wider- 
stand entgegen. In der Analyse weicht nämlich der Abwicklung des Geld- 
komplexes die hartnäckigste Stuhlverstopfung, der Sprachgebrauch, der eine 
Person, die allzu ängstlich das Geld zurückhält, „schmutzig" oder „filzig" 
nennt, folgt dieser Beziehung. Sie hat, wie Rank in einer Arbeit über den 
Wecktranm (Jahrbuch IV/, ) ausführt, in manchen Redensarten, besonders der 
Geschäfts- und Börsensprache, ^"iederschlag gefunden. So sagt der Fachmann 
von einem Kapitalisten, der augenblicklich kein Geld „flüssig" hat, er sei ver- 
stopft. Überall, „wo die archaische Denkweise herrschend war oder geblieben 
ist, in den alten Kulturen, im Mythus, Märchen, Aberglauben, im unbe- 
wußten Denken, im Traum und in der jN'eurose, ist das Geld in innigste 
Beziehung zum Dreck gebracht." So verwandelt sich das Gold, das der Teufel 
seinen Buhleo schenkt, nach seinem Weggehen in Dreck, „bekannt ist ferner 
der Aberglaube, der die Auffindung von Schätzen mit der Defäkation zusam- 
menbringt und jedermann vertraut ist die Figur des „Dtikatenscheißers". Ja, 
schon in der altbabylonischen Lehre ist Gold der Kot der Hölle, Mammon = 
ilu manman." 

Slekel hat in seinem Werke „Die Sprache des Traumes" (J. F. Berg- 
mann, Wiesbaden 1911) bei Aufstellung seiner symbolischen Gleichungen 
diese Verwandtschaft im Auge. Dort heißt es, daß alle Sekrete und Exkrete im 
Traume und im Unbewußten gleich seien, aber unter anderem auch dem 
Gelde gleich gesetzt werden können. In der oben erwähnten Arbeit verweist 



') Erschienen in der psych .-neurolog. Wochenschrift IX. Jahrgang Nr. 5S, auf- 
genommen in der Sammlnng kleiner Schriften zur Neurosenlehre, II. Folge. 



496 Zur Symbolik. 

Rank auf Eduard Stucken, der in den „Astralmython" (Leipzig 1896 — 1907) 
dieselben raytliologiscben Gleichungen aurgestellt liat, in d«ncn Exkremente, 
ßheingold-Sperma einander ersetzen können. An dieser Stelle linden sich, 
□ach Rank, einige Belege zu unserem Thema zusammengestellt. 

Diese innige Verbindung erweist auch unsere im Volksmtinde übliche 
Bezeichnung ,, goldene Ader" für Hämorrhoiden. — 

In diesen Zusammenhang fügt sich nun eine Sago aus Uri ein, die 
Josef Muller im schweixcriscben Archiv für Volkskunde (XVI. Jahrgang, 
1. Heft, Basel) mitgeteilt hat. Sie lautet; 

Verschwundenes Gold. 

Ein Mann von Spiringen ging ins Brunuilal. Unterwegs war er genötigt, 
der Natur einen Tribut zu cutnebten. (Ar liett mießa d' Hosei cliechra). Zu 
diesem Zweck begab er sich in das ,GädemIi' in der sogenannten Alteiiriitti, 
Während seiner Verrichtung sah er auf einmal ungezählte gliin/ende Gold- 
stücke auf dem Boden herumliegen. Als or sich aber erhob und den Mam- 
mon sich aneignen wollte, da war die ganze Herrlichkeit verschwunden. 
Hätte er vorher noch schnell sein Skapnher dartiber geworfen, so wäre es 
nicht so mißlich gegangen." 

In die innere Bedeutung dieser Sage einzudringen, ist hier nicht 
am Platze. Bemerkenswert scheiut mir nur die in der Verwandlung angedeu- 
tete Verwandtschaft zwischen Gold und Kot, eine Verwandtscliaft, die uns 
manche in der Neurose unverständlichen Bindungen zwischen Geldkompiexen 
und Defäkationsinteresscn zu erklären vormag. 



Kritiken und Referate. 

Prof. Dr. Ernest Jones: Der Alptraum in seiuer Beziehung zu 

gewissen Formen des mittelaltßrliclien AberglauLens. 

Deutsch von Dr. E. II. Sachs (Leipzig und Wien, Franz Deuticke li)13). 

Das Bucli ist eine hervorragende Arbeit und entliiilt die Psychoanalyse 
der wichtigsten Formen des Aberglauhens, welche die Kultur des Abendlandes 
begleitet haben. In historischer Beziehung widerspricht der Titel dem Inhalt. 
Die ahergläubischen Gestalten und Systeme entstanden wohl aus vielfachen 
Quellen welche Jones mit Uilfe eines eindringenden uud weitausgreifenden 
Wissens darlegt, aus den Resten älterer liulte unter dem Einfluß der Kirche 
und kamen bereits im Mittelalter zur Entwicklung. Ihre Blute gehört aber 
größtenteils der Neuzeit an und sie sind offiziell als Tenfelsglanbe der kathü- 
iischen Kirche und inoftizieil als weitherrschender Aberglaube noch heute sehr 
lebendig Hexenprozesse gab es in Rußland nocli zu Ende «fs XIX Jahr- 
hunderts und die Inquisition dauerte in Italien bis 1SS9. Die Arbeit Jones 
entbehrt also durchaus nicht des aktuellen Interesses. In ethischer Hinsicht 
handelt es sich um die grauenhaftesten Produkte der menschhdien txrau- 
samkoit und des menschlichen Fanatismus. Ihre Entstehung gehört viel weniger 
zur Geschichte der menschlichen Dummheit, wie sie Kemmericü autlaüt, 
als zur Entwicklung der Zwangs- und der Augstsymptome, als welche sie 
Jones darstellt. Als solche haben sie auch eine eminente ärztliche Bedeutung 
und gehört ihre Besprechung in den Rahmen dieser Zeitschrift, während die 
kulturelle Seite der Frage, die Jones ausführlich darstellt, nur gestreift 

werden ^soH.^ hat folgende Gruppen der Psychoanalyse unterzogen. Den. 
Glauben an den Jukubus"^ ~ respektive den Sukknbus beun Manne - das 
sind jeae bösen Geister, die mit schlafenden Menschen sexuell verkehren. Da- 
mit in Zusammenhang wird die Inkubation, die geschlechthche Vereinigung 
mit reinen und heiligen unsterblichen Wesen besprochen Die weiteren Kapitel 
gelten dem Vampvr. dem Werwolf, dem Tenfelsglanben und der Hexen- 
opidemie. Alle diese Gruppen waren nicht voneinander schart getrennt. Die Vor- 
stellungen der Inkubi sind die einfachsten und werden mit anderen Phaütasie- 
Kebilden zu den folgenden verdichtet. Teufels- und Hexenglaube nehmen die 
anderen in sich auf und stellen ein kompliziertes System dar, an welchem die 
scholastisch geschulte Kirchenwissenschaft mit ungeheurem Aufwand von bub- 
tilität und Geistesschärfe einen solchen Grad von RationaUsierung zu stände 
Eebracht hat daß die unsinnigsten Behauptungen mit der damals herrschenden, 
verstandesgemäßen Auffassung der Wirklichkeit vollkommen harmonierten. 

Wir haben keine Berechtigung darüber zu staunen, denn die olh- 
ziellen Anschauungen über die Psyehoneurosen und die Kritiken der Psycho- 
analyse, haben, entsprechend der heute herrschenden Wissenschaft, die psycho- 
genen Störungen ebenso physiologisch und somatisch rationalisiert, wie sie von 

Z«(tw!lir. (. irril. P»rühoan»lrM, 3« 



498 Eiitiken and Eeferate, 

der Inquisition dämonologisch und kirchenstrafrechtlich rationalisiert wurden. 
Jones sagt diesbezüglich: „Die Beziehung unseres Themas z« dem Problem 
der Urteilsfällung ist ebenso bedeutsam. Für jemanden, der davon überzeugt 
ist, daß seine Anschauung über einen gefühlsmäßig gefärbten, d. h. sozialen 
oder religiösen Gegenstand unzweifelhaft die einzige richtige ist, ISßt sich keine 
gesündere Übncg denken, als darüber nachzusinnen, daß die fähigsten und 
schärfsten Denker des Mittelalters, Menschen, die ihm an geistiger Begabung 
wahrscheinlich nicht nachstanden, ohne Zögern die Wahrheit von Sätzen, die 
nns heute lächerlich scheinen, anerkannten." 

Darin, daJJ die mittelalterliche Wissenschaft, die vom Aberglauben ge- 
lieferten Objekte als real ansah und die Personen, welche die abergläubischen 
Erscheinungen hatten, nicht als krank, sondern als Diener, bezw. als Beute 
; des Bösen auffaßte, zeigte sich die Herrschaft der gleichen Komplexe im 

Glesnnden wie im Kranken. Der Gesunde hatte vor dem Kranken in betreff 
der Sicherheit, mit welcher er Vorstellungen von äußeren Sinneseindrücken 
unterschied, wenig voraus. Es ist dem Menschen langsam und schwer gelungen. 
Subjektives und Objektives mit Sicherheit zu unterscheiden. 
I Diese Schwierigkeit führt Jones in Anlehnung an frühere Autoren auf 

I , die Lebhaftigkeit mancher Träume zurück und er sieht speziell in den Alp- 

und Angsttränmen eine Hauptquelle der besprochenen Aberglauben, Er 
sagt zusammenfassend : „Träume haben eine wichtige Rolle gespielt beim 
Entstehen des Glaubens an eine freie Seele, die sich getrennt voiu Körper be- 
wegen kann, an fabelhafte und übernatürliche Wesen, an die Fortdauer der 
Seele nach dem Tode mit ihrer Macht, vom Grabe zurückzukehren und die 
Lebenden, besonders hei Nacht zu besuchen, an die Verbindung mit den 
Geistern der abgeschiedenen Vorfahren, woraus sich deren A'erohrung ergab, 
an die Möglichkeit, daß sich Menschen einerseits und Menschen und Tiero 
anderseits in einander verwandeln künnen, an die Identität der Geister von 
Tieren mit denen der Vorfahren und an die nächtlichen Fahrten in der Luft. " 
Diese Behauptung ist die eine grundlegende und auch wohl bewiesene 
These des Jonesscheu Buches. Die abergliiubischen Formationen sind zum 
großen Teil für objektiv gehaltene und zwar typische Traumgebilde. Jones 
begnügt sich nicht, die Ähnlichkeit und die Berührungspunkte zwischen den 
Gestalten des Albtraums und Aberglaubens zu finden und daraus auf einen 
genetischen Zusammenhang zu schließen, wie es frühere Autoren bereits ge- 
macht haben, sondern er zeigt, daß im Aberglauben Zusammenhänge, Mecha- 
nismen und Symbole festgehalten wurden, wie sie gerade für die Traumarbeit 
charakteristisch sind und nur im Albtraum sich finden. Zu diesem Punkte 
möchte ich kritisch einwenden, daß die „Darstellung durch das Gegenteil", 
welche Jones gleichfalls als charakteristisch für den Traummechanismus an- 
nimmt, überhaupt für die unbewußte Darstellung charakteristisch ist, nnd obenso 
beim Witz oder bei freien Einfällen vorkommt. Diese Darstellung durch das 
Gegenteil ist im Zeremoniell der Teufelsmesse bis zum Exzeß durchgeführt, 
woraus Jones einen weitereu Beweis dafür erblickt, daß der Teufel mit dem 
Nachtmahr, der nach Jones Dariegungon gewiß seine Existenz dem Albtraum 
verdankt, ein großes Stück gemein hat. Dieser Beweis ist Jones vollinhaltlich 
gelungen, aber die gehäufte Anwendung der Darstellung durch das Gegenteil 
ist regelmäßig als Darstellung der homosexuellen Perversität aufzufassen, welche 
ja eine Hauptquelle des Satanismus ist. 

Die zweite grundlegende These Jones' ist, daß alle diese Aberglauben 
emer psychoanalytischen Deutung zugänglich sind, d. h. außer dem manifesten 
einen latenten Inhalt besitzen. Dieser Inhalt enthält vor allem unterdrückte 



Kritiken und Referate. 499 

noricEle und abnorme sexuelle Wünsche. Diese Aberglauben sind Produkte der 

durcbbrocbenen Verdrängung und die Geschichte des Aberglaubens ist demnach 
eine Geschichte der Sexualverdrängang. Aus dem Bache Jones bekommt 
man einen mächtigen Kindruck von dorn aufreibenden Kampfe, den die Mensch- 
heit durchmachen mußte, bis sie ^u dem heutigen Grade der Verdrängung ge- 
langt ist, d h bis die normale Mehrzahl der Menschheit den kulturellen 
Grad der Sexualablehnung ohne Äugst und Aberglauben anshält. 

Die Kirche arbeitete im Dienste der Sexualverdrängung, teils aus dem 
Geiste der christlichen Askese, teils benutzte sie die Sexualverdrängung im 
üLste ihres Hasses gegen auE erkirchliche Sekten, indem sie die Ketzer mit 
?erinkl« e derTeufLanbelung und des Hexenkultes verfolgte. Soziale und 
politische Motive waren die sekundären Funktionen der Hexenepidemie 

Wie bei jeder Xeurose die in der ersten Kindheit verdrängten Triebe 
an den manifesten Symptomen mitwirken, wenn in einer späteren Lebeus- 
«eriode die Verdrängung insuffizient ^ird, so wurden auch bei den Massen- 
nurosen. als welche' si?h die Aberglauben auffassen kssen regelmäßig auch 
die ältesten sexuellen Wünsche der Menschheit wieder lebendig. Jones sagt. 
Die Elemente, aus welchen sich die Erscheinungen zusammensetzten, waren 
alle Projektionen des verdrängten sexuellen Materials nach a^en An diesem 
Material sS vor allem zwei Eigenschaften bemerkenswert, das Hervortraten 
Stuö er Wü sehe und infantüer Züge. Die Phänomene können psychologisch 
als Phoben bezeichnet werden, deren latenter Inhalt verdrängte inzestuöse 
Wünlltbilden.- Hier hat Jones die Bezeichnung mbie m einem weiteren 
Sinne verwendet als Freud die Phobie aufgefaßt haben will. 

Im DetaU bringt Jones ein großes analytisches Deutungs-_ und Symbol- 
materii? S' neuer Gruppierung. Der interessanteste Te. sehe.^^^^^^^^^^^ 
Analv^ft des Teufel^ßlaubens, wobei er unter weitgehender JierucKSicntgung 

als Kern der iinkeTraBtcn Beziehnngen das infantile VerhäUms zum Vater 
h raaSäU «rauf bereits Jung hingewiesen tat ;^;;^^^"*'*»'^ , ' 

iZ vis n^d T^otz gegei ihn.« Dabei tanii der Tentel sowohl die bösen 

^'"^trarrlt^^^SSrSeinnngen f.It die enorme To. 
Wrscbaft d B s xnel en Momentes ant, das entweder wie beim He«nglaubo„ 

Te Hexen- und Werwolf- und Inkubusepidemien sind zweifellos psychoneuro- 
die aexen umi "»=' .^-.„.gige „leich zu setzen. Bei den Hexenprozessen 

tischen EP'd^'"'^; «;«l^f'/*^;;j^ «,-^ der Hysterie angehören, erhoben in- 
jr 'TLrit teriSben clrlereigenschaL und arc de cercle. „kurz 
k usive St'g3°e". ^j^^^^^^^^^ neuerdings erklärt hat, daß sie niemals 

J' P?3er wo ie durch Ärzte aus der Schule der Salpetriöre künstlich 
—Twurd n " D^nSefu^^^ haben in gewisser Einsicht die Hysterie 

ServeSande« ais die Neurologen, wenn sie an der Ansicht der Teufels- 
bSchaft festhielten. Die sexuelle Wur7.el der psychonenrotischen Pblüiomene 
hTMittelaker ist deutlicher als bei unseren Neurotikern, weil die Verdrängung 
seither wesentlich zugenommen hat, wie es Jones in einer kurzen, schla- 
genden Anah-se des Puritanismus in seinem Zusammenhang mit dem Aufhören 






. 



500 Kritiken und Befurate. 

der Hexenepidemie ausspriclit. Es ist iiiclit anzunelimeu, duß die Natur dos 
pS3'clioneurotiscIieii Prozesses sich geändert hat, uud so erscheiüt das Buch 
von .Tones auch als ein neues Beweisstück ftlr die sexuelle Ursache der 
Psychoneurosen vom psychoanalytischen Staadiiuukto besonders bemerkenswert. 

Dr. Paul Federn. 
Dr. H. von Hug-Helhimth, Aus dem Seelenleben des Kindes. 
Eine psychoanalytische Studie. Fünfiiehiites lieft der „Hchnften zur an- 
gewandten Seeleiikunde". Herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. Freud. 
Wenn jemals benüglich eines Werkes die abgedroschene Phrase, es 
j,fülle eine empfindliche Lücke aus", mit Ileeht angewendet wurde, — von 
der vorliegenden Arbeit der Frau Dr. v. Hug-HoUmuth kann es tatsäch- 
lich mit wissenschaftlicher Exaktheit behauptet und erwiesen werden. 

Wie viele Bände sind schon über das Seelenleben dos Kindes geschrieben 
worden, aber beinaiie keine einzige der umfangrüicUcii Arbeiten bat die 
Äußerungen des infantilen Sexualtriebes nach Gebühr in den Kreis ihrer 
Betrachtungen gezogen. Die notwendig auszufüllende LUcke war die wissen- 
schaftliche Erforschung und Darstellung des sexuellen Momentes, „das trota 
der Vordringlichkeit, mit der es sieh bemerkbar macht, \'on den Autoren 
übersehen oder mit Stillschweigen übergangen wird." 

Der Pfadfinder auf diesem Gebiete war, wie ja i)okannt, Prof. Freud; 
aber „wenn seine Lehren auch in einem Kreise von Fachmänuern und in der 
Welt der gebildeten Laien mächtig Wurzel schlugen, soweit sie von der 
Psyche der Erwaclisenen handeln, so tritt doch hier wie dort ein heftiger 
Widerstand zu Tage, sobald das Kind mit einbezogen erscheint in die Gesetz- 
mäßigkeit dieser Theorie. Das kleine Kind gilt als asexuell, mögen die 
Äußerungen seines Geschlechtstriebes eine noch so beredte Sjirache fahren." 
■■•■•■.-■ n Tu den „drei Abhandlungen zur Soxualtheorie" hozeichnet 
Freud die infantile Amnesie als einen der GrUndc für die auffallende Außer- 
achtlassung des sexuellen Momentes in den Schriften über das Seelenleben des 
Kindes, als einen anderen ein absichtliches Übergehen dieser Triebäußerung 
seitens der Autoren, veranlaßt durch konveutiouelle Rücksichten infolge ihrer 
eigenen Erziehung. „Es ist in der Tat kaum anzunehmen'^ sagt Frau Dr. v. 
Hug-Hellmuth, „das Forschern wie Preyer, Stern u. a. wirklich alle 
sexuellen Kegungen der von ihnen beobachteten Kinder entgangen würen, da 
dieselben doch deutlich genug hervortraten." 

Zur Zeit, als Prof. Freud seine „drei Abhandlungen zur Sexualtheorie'' 
schrieb, hatte er seine Erkenntnisse über die infantile Sexualität nur i;um 
klemeren Teile aus der direkten Kinderbeobachtung scIiöpFeu küunen ; geinllß 
semer wissenschaftlichen und beruflichen Tätigkeit ergab sich ihm das Material 
hauptsächlich aus den Analysen und Traumdeutungen Erwachsener, sowohl 
Kranker als auch Gesunder. Die auf die Kindersexualität bozUijlichcn Forschungs- 
ergebnisse waren demnach zum größeren Teile rekonstruktiv, sozusagen indi- 
vidualhistonsch gewonnen worden. Ihr absoluter Wahrheitswert wurde aber 
kurz darauf durch den denkwürdigen Fall des „kleinen Haus"') in joden 
Zweifel ausschließender Weise erwiesen. Ea war das geradezu ein „experi- 
mentum crucis" auf psycliologischem Gebiete. Es wurde nämlich das Kind 
nicht direkt analysiert, sondern ihm die Ergebnisse der bei anderen u, zw. 
erwachsenen Personen durchgeführten Analysen gewissermaßen als ein psy- 
chisches Antitoxin, das dem Seelenleben anderer entuommon war, /ur Untar- 

') Prof. Dr. S. Freud: Analyse der Phobie eiaes 5jährigon Knaben. Jahrb. 
f. psychoanalytische und psychopathologiache Forschungen. I. Band. 



Kritikan und Referat«. ÖOl 



stm/ung der eigenen Heilungetendeoz eingeimpft, und es ist doch sicher ganz 
zweifellos daß, wenn die \od (]en Krwacli&enen gewonnenen Erkenntnisse der 
infantilen' Sexualität nicht den kindlichen Einstellungen tatsächlich entsprochen 
hätten urmögliuh der erwartete Erfolg erzielt worden wäre, das heißt, daß 
die teilweise mißglückte Sexualverdrängung des Kindes keinesfalls hätte gelöst 

^^^ ''soSraus beweiskräftig der Fall des kleinen Hans auch ist, darf doch 
der Einwand nicht übersehen werden, daß die Beweiskraft dieses expenmea- 
tnm trucis sich streng genommen nur auf die Lehre von der infaEtilsexuellen 
ÄÜologie der Neurosen bezieht, nicht aber auf die Existenz des Sexualtriebes 

bei allen, auch bei normalen Kindern. , .- t i, , h^t 

Denn der kleine Hans ist zwar em ganz prachtiger Junge, aber er hat 

ia doch eine Phobie akquiriert, gehört also zu den zur Neurose konstitutionell 

Disponierten. Derselbe Einwand kann auch gegen jenes Materia erhoben 

werden das Freud durch die Analyse Erwachsener gewonnen hat. Zum uber- 

wiecendsten Teil {— ausgenommen die Traumdeutungen bei Gesunden —) 

handelt es sich nm Analysenergebnisse, die von psychosexuell Kranken gewonnen 

wurden, also um Resultate, welche an und für sich B.cht ohne -wmgend«n 

Grund auf das Gebiet des Normalen übertragen werden dürfen. Und doch 

hatte Freud absolut Recht, wenn er annahm, daß sich die SexuaJität jener 

Kinder welche später neurotisch werden, nicht wesenthch von der spate 

gesund bleibender Menschen unterscheidet. Die unwider egl.chen Beweise für 

die Kichtigkeit dieser Lehre wurden nämlich durch die Tatsache geliefert, daß 

f^Ue d r Anregungen Freuds von den verschiedensten Seiten Mitteilungen 

«her direkte Beobacttnngen an Kindern verötfeotlicht wurden, ß-f^-<^^^^^^-' 

die vorderhand zwar ein reiches Material von Mosaiksteinen lieferten, deren 

Zusanimenstellung zu einem Gesamtbilde aber als erste von Frau Dr von Hu g- 

HeHmuth auf Grund ihrer eigenen, reichen Erfahrung mit bestem Erfolge 

'^^'tt'LZl, des Stoffes der vorliegenden Arb^t ist in ganz or^i- 
neller Weise durch die Einteilung in die Perioden der S^-^S'^^^/-' ^P;^*- 
undLerizeitder Kinder durchgeführt. Das SäugUngsalter die Z«t ,n 
welcher das psychische Leben vorzugsweise in der lust- und unlustvol an 
EeaktloE auf L Vorgänge der Ernährung, die Körperpflege und den ange- 
messenen Wechsel von Schlaf und Wachsein besteht, wird m den letzten 
Monaten des een Jahres zur Vorst^e für die zweite Hauptpenode die 
CS Diese umfaßt die Jahre, .während derer dem Kinde bewuß er 
wieles zum Spiele und jedes Ding zum Spielzeug wird ; sie um- 
plnt dl Zeit vom Ende des ersten Lebensjahres bis zum Eintritt in die 
Schule dem bedeutsamsten Ereignisse im Leben des Kmdes 

Auf diese beiden ersten Zeitabschnitte beschränkt sich vorläufig der 
Inhalt der Publikation Dr. V. Hug-Hellmuths. , , . . , ^ „ . , ,.„ 

We Sänglingsperiode ist vor allem dadurch charakterisiert daß sich die 
erwachenden Sinnesfunktionen in den Dienst des Gefühlsleben stellen. 

Es werden die schon sehr bald nach der Gebort deutlich wahrnehm- 
baren Haut- und Muskelempfindungen in ihren Beziehungen zur 
Erotik dargestellt. Demzufolge ist die Haut- und Muskelerotik die Ursprung- 
^chsto Form sexuellen Empfindens. „Daß sie in der Tat schon in den aller- 
ersten Tagen in unverkennbarer Weise zutage tritt, zeigt sich m den starken 

KratzgelUsten vieler Säuglinge." „ - , , t,,. c • 

Dr V Hug-Hellmuth ziüert einen Bericht des Ehepaares Scupin 

über dessen" Sübnchen, das, ,am ersten Tage schon sein eigenes Gesicht zer- 



50S Erjtiken und Referate. 

kratzt und am zweiten seiner Großmutter, als diese sich zärtlich zu ihm herab- 
neigte, empfindliche Kratzwuudeu beigebracht hnbo uud die Fingerchen sich 
fest eingekrallt hätten. Im dritten Monate zerrt und kratzt der Knabe seine 
eigenen Händchen u. s, -w." und dies alles wird nach den Worten seiner 
Eltern mit , Leidenschaft" betrieben. „Was mit Leidenschaft goülit wird" sagt 
Dr. V. Hug-Hellmnth, „hat stets einen erotischen Untorton und tatsächlich 
fehlen dem Säugling, der in starker Muskelbetätigung eine Quelle von Lust 
findet, nicht die äußeren Anzeichen, die dem Erwachsenen als Merltmalo 
sexueller Erregung wohlbekannt sind, der erhöhte Glanz der Augen, die gerö- 
teten Wangen." 

Es folgt die Besprechung des Wonnesaugens oder Ludolns und 
dessen Einauß auf die spätere erotische Entwicklung. „Es ist bekannt, daß 
aus solchen Kindern Kußfuinschraecker und starke Raucher werden, auch daß 
sich insbesondere bei weiblichen Ludlern später große Naschhaftigkeit ent- 
wickelt, die erlischt oder minder stark zurücktritt, wenn der normale Geschlechts- 
verkehr aufgenommen wird." Im Zusammenhange mit der Betätigung der 
Lippen- und Mundzone steht auch die Entwicklung des Geruch sinnes, 
dessen Empfindungen ebenfalls bald einen erotischen Lustton erhalten. Es wird 
nun die vielbestritteae Säuglingsonanie besprochen, deren tatsächliches 
Vorhandensein angesichts des überwältigenden Beobachtungsmatorialos heute 
doch wohl kaani mehr in Abrede gestellt werden kann. Daß die Körpor- 
pflege zu sexuellen Erregungen des Säuglings führen muß, wurde von Prof. 
Freud wiederholt besonders hervorgehoben, und auch die Autorin widmet dieser 
Erkenntnis eine ausführliche Schilderung, die durch reiches eigenes und 
fremdes Beobachtungsmaterial gestützt wird. 

Exhibitionismus, Schaulust und Narzisraus sind die nächsten 
Folgen des Autoörotismns, ebenso wio der Sado-Masochismus der Kinder 
teilweise in der Muskel- und Hauterotik wurzelt. Der Schluß des eriten 
Kapitels enthält die mit instruktiven Beispielen belegte Darstellung der Ko- 
prophilie, der Anal- und Uretliralerotik. 

Den Inhalt des zweiten Absatzes bildet die psychologische Erforschung 
der ersten Willensäußerungen des Säuglings. „Der Wille manifestiert sich 
beim Kinde als Bewegung; fehlt ihm auch noch das beredte Mittel des 
Wortes, seinen Willen kundzutun, so vorsteht es doch durch Schreien, Weinen, 
Greifen, Tasten und Strampeln seinem Verlangen Ausdruck zu vorleihen. Der 
kindliche Wille ist Eigenwille im engsten Sinne des Wortes ; was iüm zuwider 
läuft, empfindet das Kind als unliebsame Einschränkung". Dadurch entsteht die 
Einstellung des Trotzes gegen die erziehlichen Maßnahmen der Umgebung, die 
gelegentlich sogar in Wut- und ZornausbrUchen ihren explosireu Ausdruck 
finden kann. Ihre Korrektur kann erst mit der Entwicklung dos Ver- 
standes einsetzen. 

„Die ersten Regungen des Verstandes stehen im Dienste der Urtrioba der 
menschlichen Seele, des Hungers und der Liebe im weitesten Sinne dos 
Wortes." Nahrungs-, Luft- und Liclithunger, ebenso wie das Zärtlichkeits- 
bedürfnis geben den ersten Anlaß zur Assoziationsbildung und umgekehrt : „je 
rascher die geistigen Kräfte sich entfalten, umso intensiver beginnt sich das 
Gefühlsleben des Kindes zu regen." Die Kinder beginnen nach und nach die 
G^egenstände der Außenwelt wieder zu erkennen, eine geistige 
Funktion, welche durch den erziehlich wichtigen Trieb der Neugier wesent- 
lich unterstützt wird. Von ebensolcher, wenn nicht noch von größerer Bedeu- 
tung für die intellektuelle Entwicklung dos Kindes ist der Nachahmungs- 
trieb; ohne ihn wäre es nnmöglich, das Kind sprechen zu lehren. Das 



Kritiken aad Beferate. 503 

Kind lernt aber nicht nur sprechen, es bildet sich eine Sprache 
selber, nnd gerade diese Bildungen sind unseres höchsten Interesses würdig. 
Leider weist die über dieses Thema bisher vorliegende Literatur wesentliche 
Lücken auf, die nur durch eine ia wissenschaftlichen AVerken ganz unau- 
Behrachte liezenz der Autoren erklärbar ist. 

Für jedes Kind ist die Befriadigang der natürUcheu Bedürfnisse nicht 
nur als Akt wie dies anch Compayrö zugesteht, eine Qoelle der Lust, 
sondern ebenso die Produkte derselben. Was aber so intensiv und dauernd 
den Geist des Kindes beschäftigt, dafür sucht er einen Ausdruck, einen Aa- 
men zu gewinneu, der selbstverständlich auch in keiner Kinderstube fehlt. 
Aus der Anal-Ürethralerotik stammt vielleicht der größte und frühest erwor- 
bene Teil des Laut- und Wortschatzes des ganz kleinen Kindes." 

Zu diesen auf Organ empfindungen sich beziehenden Lautbildungen 
kommt' noch ,die ganze Stufenleiter von Zärtlichkeitslauten«, welche 
den seelischen Gefühlen Ausdruck geben und von denen die Autorin scharf- 
sinniE vermutet, daß sie nur deshalb im Leben des Erwachsenen im Moment 
des höchsten Liebesgenusses wiederkehren, weil sie eben die Ermneniug an 
das wortarme, durch Gebärden und Lallen bekundete Liehosbedürfuis- und 
.Verständnis in der allerersten Kindheit darstellen. .^.\'^''' 'Z^""^' f^- 
wemi auch in ganz primiüver Form - sich altruistische Gefühle entwickelt 
haben müssen noch lange bevor dem Säugling der sprachliche Ausdruck 
seines emotionollen Lebens möglich geworden ist. Und dem ist tatsächlich so. 
ihon in frühester Zeit verrät das Kind durch Gesten nnd Mimik die 
Gefühle seiner Zu- und Abneigung. Wenn der Säugling auch _ wesentlich ego- 
zentrisch eingestellt ist, so wendet er doch gerade infolge seines Autoerotis- 
mus seine Zuneigung naturgemäß den Personen zu, die sich semer Pflege mit 
all- ihren lusterregenden Heizen widmen, in der Rege) also seiner Mutter. 
Die RroQo Bedeutung des ersten Liobesobjektes für die spätere Objektwahl des 
Erwachsenen wird an der Uand der Freud sehen Erkenntnisse eingehend 
geschildert und auch die schon im Säuglingsalternachweisbaren Eifersuchts- 
und Neidregungen mittelst instruktiver Beispiele erläutert 

Das höchste Interesse verdient das Kapitel über Sänglingsträume. 
Die mitgeteilten Beobachtungen lassen es als zweifellos erscheinen, daß schon 
in diesem frühen Alter der Traum dieselben Funktionen, wie im spateren 
Leben hat; er erfüllt Wünsche und dient zum Behüten des Schlafes 

Mit diesem Kapitel schließt die Autorin die Schilderung der Sauglmgs- 
neriode und es folgt nun die Darstellung der seelischen Entwicklung des 
Kindes während der Spielzeit. Die Gesichtspunkte, unter denen dieser 
Zeitabschnitt behandelt wird, sind so ziemlich dieselben, wie diejenigen, die 
für die Säuglingsperiode maßgebend waren; nur das Material wächst zu immer 
größerer Reichhaltigkeit an, denn alles, was m der Psyche des Säuglings nur 
kaum embryonal angedeutet war. erstarkt jetzt und wird komphzierter und mit 
der Zunahme sowohl des Intellektes als auch des schon der Subhmierung zu- 
eäncUchen Trieblebens werden dem Kinde neue seelische Gebiete erschlossen, 
neue Funktionsmöglichkeiten, welche im Prinzipe eigentlich nur mehr quan- 
titative Unterschiede von dem psychischen Leben des Erwachsenen erkennen 
lassen Eine der wichtigsten Neuerwerbungen ist die Fähigkeit des b ich- 
erinnern s Der Säugling kann während des ersten Halbjahres nur Objekte 
der Außenwelt wiedererkennen, die spontane Erinnerung ist erst einem spä- 
teren Lebensalter möglich. , ,,. . . „ . 

Die Determmierung der Gedächtnisleistung, warum das Kind üäutig 
scheinbar wichtige Dinge vergißt, dagegen äuflerüch ganz belanglose Erleb- 



504 Kritiken luid Referate. 

aisse im Gedächtnisse aufbewahrt, dieses psychologisch doch so äußerst inter- 
essante rroblem scheint die präaualytischen Erforscher der Kinderseelo gar 
niclit beunruhigt zu haben. Sie begnügen sich mit der trockenen Mitteilung des 
Beobachtungsmaterials, das — wenn es nicht in statu nascendi verarbeitet 
wird, für die Psychologie ebenso wenig verwendbar ist, wie etwa ein ausge- 
trocknetes Herbarium für die Pflanzenphysiologio. Xur ganz iiusnahmswcise 
kann man auch aus solch' einer „ausgetrockceten" Mitteilung noch etwas Brauch- 
bares herausholen, wie es z. B, Frau Ür. v. Hug- Hellinuth in folgendem 
Falle gelungen ist. W. u. C. Stern (Erinnerung, Aussage und Lüge in der 
ersten Kindheit, pag fi2) registrieren die Beobachtung, daß ihr Sühneben 
Günter im Alter von drei Jahren und zwei Monaton sich daran erinnerte, daß 
früher einmal die ganze Familie im Schlafziranier der krank xii Bette liegen- 
den Mutter das Mittagessen eingenommen habe. Stern bemerkt hienu nur 
daß diese Tatsache dreiviertel Jahre zurücklag, sonst niclits. Und doch 
hätte Stern ebensogut, ja noch viel leichter als Frau Dr. v. II ug -Hell- 
muth die psychische Begründung dieser wirklich ganz auffälligen Gedikblnis- 
leistung eruieren können. 

Frau Dr. v. H u g - II e 1 1 m u th macht nämlich dar anf aufmerksam daß gerade 
damals als dio Familie im Schlafzimmer der kranken Mutter zu Mittag alJ, ein Schwe- 
sterchen geboren worden war, (29. Dezcjnber 190-1), daß die Mutter also im 
Wochenbette lag und daß somit die Erinnerung nicht dem belanglosen 
Mittagessen galt, sondern einem Ereignisse, welches für jedes ältere Kind mit 
starken Affekten, besonders, denen der sexueJlen Neugier und auch mit Neid- 
und Eifersuchtsregungeu verknüpft ist. Dieses charakteristische Beispiel zeigt 
so recht deutlich den Unterschied zwischen einer bloß auf Tatsachen-Registratur 
sich beschränkenden Arbeit und einer auf analytisciier Methode fundierten 
See enforschung. Übrigens ist es Frau Dr. v. Hug-Hellmuth gelungen 
noch zwei weitere von S t e r n mitgoteUte Beobachtungen von Gediichtnisleistungcn 
seiner Kinder ebenfalls auf ihre psychosexuelle Wurzel zurückzuführen. Leider 
können diese Fälle. - so interessant sie auch sind — im Rahmen eines He- 
ferates nicht besprochen werden. 

Dass während der Spielzeit des Kindes, der wie gezeigt schon im Säug- 
lingsalter nachweisbare Sexualtrieb eine bewußt gewollte Ausbreitung und 
spielensclie Verwertung findet, wird heute wohl von unbefaageneu Beobach- 
tern schwerlich mehr geleugnet werden können. Die Masturba tion in 
all den verschiedenen Formen der polymorphen Perversionsbetäti- 
gnng Ihre beginnende Sublimierung ebenso wie die Abwehrreaktionen werden 
von Frau Dr. v. Hug-Hellmuth eingehend behandelt und ihre Bexiehnngen 
zar heranwachsenden Verstandestätigkeit, besonders aber zur Phantasie- 
bildung mit instruktiven Beispielen belegt und dargestellt. Mit der zuneh- 
menden Möglichkeit, Urteile zu fällen und Schlüsse zu ziehen, 
wächst auch die Schärfe der Begriffsbildung. Raum und Zeit, Worden und 
Vergehen fangen an, — zuerst nur verworren ~, später immer klarer dem 
Kmde verständlich zu worden und mit dieser intellektuellen Entwicklung geht 
auch die Vertiefung des Gemütslebens Hand in Hand. Die Aue- 
führungen über die Kunst im Leben des Kindes bilden einen der lesens- 
wertesten Abschnitte des Werkes, das mit einer Reihe tadellos analvsiorter 
Träume aus der Spielzeit des Kindes schließt. 

Die Publikation der Frau Dr. v. Hug-Hellmuth ist für die Psycho- 
logie ebenso wie für die Pädagogik eine gleich wertvolle Leistung. In ihr 
vereimgt sich gewissenhafte Beobachtung mit gründlicher psychoanalytischer 
Kenntnis. Wenn auch viele Sexualäußerungen der Kinder so unverhüUt sich 



Kritiken nnd Referate 5Q5 

offenbaren, iia£ noch so asexaell eingestellte Forscher der Kinderseole sie in ihren 
Publikationen wohl übergeben, aber nicht sie übersehen konnten, so steht doch 
die Tatsache zweifellos fest, daß erst durch die psyclioanalytischen ForsohuDgen 
die Möglichkeit geschaffen wurde, die autoBrotischen Komponoten auch jener 
Eetätigungen aufzudecken, die im Dienste des polymorphen Perversionstriebes 
an Kürperzonen ausgeübt ^'erden, die des manifesten sexuellen Charakters ent- 
behren. Hoffentlich ergänzt Frau Dr. v. Hug- Hellmuth recht bald ihr 
begonnenes Werk mit der Darstellung der letzten Periode des Kinderlebens, 
der „Lerazeit". U,. g^^^if Reitler (Wien). 

J. ilareiiiowski. Der Mut zu sich selbst. (Das Seelenleben des 
Nervösen nnd seine Heilung.) (Otto Salle, Berlin, 1912.) 
Der bekannte Autor zeigt in diesem seinem neuesten Werke gründliche 
Verlrautheit mit der Psychoanalyse, der er sich — früher ausübender An- 
bänger der hypnotischen und erzieherischen (Dubois'schen) Behandlungsmethoden 
— nunmehr voll und ganz zugewendet hat; Marcinowski repräsentiert ein 
wertvolles Beispiel, dafür zeugend, daß es nur vorurteilsloser, persünlicher 
Beschäftigung mit der Psychoanalyse bedarf, um sie weit über die andere 
Psychotherapie zu stellen. 

In gewandter Form bietet der Verfasser auf 396 Seiten eine leicht ver- 
ständliche Darstellung der Freud'sclieü Lehren über die Psych oneurosen, ohne 
sich in jedem Detail zu identifizieren. Einzelne Kapitel, wie das über das 
Unbewußte und das über die Sexualität des Kindes, sind Muster einer ge- 
winnenden und Qherzengenden Umschreibung kürzerer und spröderer ■wissen- 
schaftlich-systematischer Darstellung. Vielfach auf Beispiele aus der Eigen- 
erfahrung gestützt, wird Marcinowski in diesem Buch zu einem für den ärzt- 
lichen Leserkreis des Deutschen Reichs schätzenswerten Apostel der Analyse. 
Wir halten es jedoch nicht für angezeigt, den Kranken dergleichen Lebtüre 
wahllos in die Hand zu geben und sähen das Wesentliche des Inhalts gern 
von allzureichlichem Unwesentlichen befreit. Die Resultate der Psychoanalyse 
für objektiv haltend, sehen wir sie von subjektiven Weltanschauungen lieber 
separiert. Ein kleiner Detail- Einwand noch (statt mehrerer) : Daß die S y m b 11 k 
des Traumes zur Quelle verbrecherischer Neigungen werden könne, scheint 
nicht bewiesen: z. B. daß ein Traum durch Darstellung ;,des Zerfleischens 
der Kleinen" — symbolisch für Bearbeitung der Vulva — zum Kindesmord 
treiben könnte ! Der unbewußte Trieb liegt vielmehr dem Traum und dem 
Verbrechen gemeinsam zu Grunde. Damit sei nicht etwa jede Beeinflussung 
des wachen Zustandes durch den Traum geleugnet, aber wir wissen ja, daß 
selbst der posthypnotische Auftrag doch nur unter einer Zensur des Bewußten, 
also im Fall von Verbrechen gehemmt, zur Ausführung gelangt. 

Dr. E. Hitschmann. 

Prof. L. Boiuuan. Die Freudsche Psychoanalyse I. u. IL (Sonder- 
abdruck a. d. Psychiatrische und Neurologische Bladen 1912, Nr. 2, 5 n. 6.) 
Der ruhige, gemäßigte Charakter dieser Artikel, welche eine kurze Dar- 
stellung und Kritik der Freudscheu Lehre enthalten, ruft heim Leser ein 
lebhaftes Bedauern wach, daß der Autor offenbar nicht in der Lage war, sich 
durch persönlichen Kontakt mit Analytikern über die analytische Technik — 
deren öchwierigkeiten er selbst zugibt — näher aufzuklären. Seinen Wunsch, 
dieselbe nur aus der Literatur erlernen zu können (L S. 2), dürfen wir doch 
wohl kaum als berechtigt betrachten. Indem er sich jetzt einerseits bereit, 
zeigt, sich auch in der Frage der Psychoanalyse von seiner Erfahrung belehren 



i 



506 Kritikea and Referate. 

zu lassen (II. S. 2, 7 u. 12), ist es andererseits nur zu deutlich, daß ihm 
die Technik — wie er es übrigens wiederholt gesteht — iiiclit geläuüg ist. 
(ir. S, 8. „Für mich hat das zwanglose Assozierea die Bedeutung eines „Sich- 
gehenlosseus." ... Es waren [bei AnwenJuug der freien Assoziation] dann 
nicht die unbewußten, sondern die bewußten Vorstellungen, welche bereit 
lagen und nach einigen Zwischenassoziationou erreicht wurden." Ibid. S. 9. 
„Wenn ich auch schon über eine große Anzahl Träume Hysteriker und Nor- 
maler verfüge, muß ich doch gestehen, daß ich in Bezug auf deren Deutung 
noch keine genügende Erfahrung besitze. Wohl kamen dabei jedesmal Komplex- 
Vorstellungen zum Vorschein, doch ich fand diese relativ leicht . . ."), Ich 
hebe diesen Punkt als Hauptsache hervor, weil es mir scheint, daß sonst 
erstens seine Darstellung der-Freud'schen Lehre eine klarere gewesen wäre 
^ jetzt bezweifle ich sehr, daß Nicht-Eingeweihte sie erfaßt haben — 
zweitens einige sehr wichtige Sachen betont wordeu wären, welche jet/.t nicht 
genügend Beachtung fanden. Die Freudsclie Auffassung des Unbewußten, 
gänzlich verschieden von der ebenfalls genannten Bleulerschen (II. S. 12), 
hätte dann gewiß eine eingehendo Prüfung und Diskussion erfahren.' Ebenso 
hätte ohne Zweifel der Autor die Bedeutung der Freudsclien Libidotheorie 
für die Neurosenlehre — speziell in Bezug auf Trauma und Konversion — 
viel höher eingeschätzt. Jetzt war er gewissermaßen gezwungen bei der 
Traumatheorie stehen zu bleiben und in seinen persönlichen Versuchen nach 
pathogenen Komplexen zu forschen. Der Bogriff der Regression war wohl noch 
nicht näher formuliert, als er seine Artikel schrieb — die Rolle der Ubor- 
traguugseraciieinungen jedoch, welche der Autor mit keinem Worte erwähnt, 
hat in der analytischen Literatur genügende Berücksichtigung gefunden und 
es hätte dem Autor vielleicht gelingen können daraus zu erfahren, daß es sich 
nicht so sehr darum handelt Komplexe aufzufinden als eine [infantile! Ein- 
stellung" bewußt zu maclien. Von diesem Gesichtspunkt aus ließen sich die 
Zweifel, welche er gegen die unbewußte Leterminiernng, gegen die freie Asso- 
ziation als Methode -— z. E. bei der Traumdeutung (II S. 9) — erhebt 
leichter beseitigen. ' 

In bezug auf die „infantile Verdrängung*' und die „Latenzperiode" macht 
Prof. B. emige m. E. richtige Bemerkungen, welche ich nur nicht erwähne, 
weil auch schon im Kreise der Analytiker selbst an diesem Punkt eine Ver- 
tiefungsarbeit angefangen hat. 

Der Haupteindruck der Aufsätze ist der einer großen Vorurteilslosigkeit, 
welche bei Vervollkommnung seines technischen Könnens den Autor gewiß noch 
für viele der Freud'schen Auffassungen zugänglich machen wird. 

van Ophuijsen. 
Dr. Med. et. phü. Arthur Kronleld: „Freuds psychoanalytische 
Theorien." In „Die Naturwissenschaften" (I. 16 Julius Springer, Berlin.) 
Kronfeld definiert Fr euds Arbeit; „Eine Psychologie der indivi- 
duellen Inhalte" und gibt deren wesentlichste Züge ohne eisentliche kritische 
Erörterung wieder. Er beschränkt sich bloß auf die Feststellung, daß mau 
bei der Prüfung der Theorienbildungen Freuds „recht wenig gefunden hat, 
was in seiner jetzigen Fassung einer kritischen Überprüfung standhält" und 
bezieht sich hiebei außer auf die Isser lins che Kritik auf seine eigene 
aosführliche Publikation.') Die Argumente I sserlins sind bekanntlich von 
Bleuler beantwortet worden, Kronfelds theoretische Einwendungen hat 

') Arthor Kronfeld: Über die paychologiachen Theorien Freuda und ver- 
wandte Anachauungeo, Leipzig 1912. 



EriükMi und Referate. 



507 



Referent in einer ausführlichen Gegenäclirift^) erörtert, in der er zeigt, daß 
mit Ausnahme eines einzigen Punktes (der Theorie des Bewußtseins als eines 
Organs zur 'WahrnehmuDg psychischer Qualitäten) alle prinzipiellen Ein- 
wendungen Kronfelds gegen die Theorie Freuds nur auf fehlerhaften 
Schlüssen, bezw. Prämissen und auf Mißverständnissen beruhen und darum 
gum. hinfällig sind, womit natürlich keineswegs das Einverständnis des Referenten 
mit allen bisher bekannt gewordenen psychoanalytischen Deutungen und auch 
nicht mit der Art, wie diese zu stände liommen, gemeint ist. 

Da Kronfeld in dem vorliegenden Aufsatze keine neuen Argumente 
bringt, ist ein weiteres Eingeben darauf nicht notwendig, sondern es muß zur 
weiteren Orientierung auf die beiden genannten ausführlichereu Schriften ver- 
wiesen werden. Nur ein Moment sei hier hervorgehoben. Der Autor betont 
im vorliegenden Aufsatze den Mangel einer „methodologisch durch- 
gebildeten Theorie der inneren Erfahrung" und darin hat er natürlich recht. 
Aber dieser Mangel bedeutet etwas ganz anderes als eine prinzipielle 
Einwendunggegon jede psychoanalytische Erfahrung, wie sie in seiner früh er en 
Arbeit fünimJiert wurde, wo Kronfeld die Erfahrung nicht als Erfahrung 
anerkannte, sondern als pefitio principii deklarierte. Diese Ausicht wurde vom 
Referenten in der genannten Gegenschrift mit dem einfachen Hinweise darauf 
bekämpft, daß man psychoanalytische Erfahrungen auch auf nicht psycho- 
analytischen Wege veritizieren kann, woraus ohne weiters die Anfechtbarkeit 
jenes Argumentes resultiert. Aber trotzdem ist in vielen Fällen die Ent- 
scheidung darüber, was Erfahrung und was Deutung ist, ganz dem Gut- 
dünken überlassen und darin hat eben der Autor reeht,daß hier ein Mangel 
besteht ; dieser Mangel macht sich auch in vielen Diskussionen recht fühlbar. 
Nur ist eben dieser Maogel einer Methodenlehre nicht gleichbedeutend mit 
der methodischen Fehlerhaftigkeit aller psychoanalytischen Re- 
sultate, wie es Kronfeld in seiner ersten Schrift darstellte. 

Übrigens soll referiert werden, daß der Autor diesmal derFreudschen 
Lehre insoferne entgegenkommt, als er zugibt, „daß Freuds Lehre . . in 
ihrem Anspruch darauf, im Kreise individueller Erlebnisinhalte eine Reihe 
neuer Znsammenhänge aufgedeckt und (allerdings fehlerhaft) zu Gesetzen for- 
muliert zu haben, bestehen bleibt ; zwar nicht als wirkliche Naturtheorie der 
psychischen Dynamik, aber vielleicht als erster Keim, um in der Zukunft eine 
solche zu bilden. . . . Und währenddem bilden die Arbeitshypothesea . . . 
wie sie Bleulers bedeutendes Werk über die Dementia praecox zur Er- 
klärung der verschiedenartigsten psychotischen Zusammenhänge und Zustände 
nach Freudschen Gesichtspunkten aufstellte, eine zwar vorläufige, aber 
praktisch sehr bereichernde Erweiterung unseres Verständnisses kranker 
Menschen." Gaston Rosenstein. 

Berkely-Hill : Zwei mit Psychoanalyse erfolgreich behandelte 

Fälle. (Indian Medical Gazette, März 1913./ 

Der Autor des Artikels wurde von einem unverheirateten Mann wegen 
Schwäche der rechten Hand aufgesucht, die ihn fast arbeitsunfähig machte; 
doch war er auffallender Weise überall leistungsfähiger als gerade in seinem 
eigenen Burean. In fünf Sitzungen wurde die Ätiologie des Leidens ausfindig 
gemacht. Patient war stark homosexuell und masturbierte ; er wurde immer sehr 
«rregt, wenn er infolge Körperbeweguug schwitzende Soldaten sah, suchte aber 
den sexuellen Drang zu überwältigen. Die Schwäche der Hand konnte als 

') Oaston RosenBtein: Eine Kritik. Jahrbuch für psychoanalytische nnd 
payohopathologische Forschungen IV. , , 



I 

i 



ä08 Kritiken und Referate. 

Abwehr der Unaiiie gedeutet werdeo. (Patient ouarierto stets mit der Rechten.) 
Durch suggestive Beeinflussung gelang es, der geschwächten Hand ihre völlige 
Kraft und Leistungsfähigkeit wiederzugeben und seit 2 Jahren ist Patient gesund 
geblieben. Auch die Homosexualität hat sich hei ihm gebessert, er bat keine 
Sehnsucht mehr nach den alten Gewohnheiten und Barkley-llili hofft, daß der 
Patient bald im stände sein wird, seinen liöcbsten Wunsch m erfüllen, nämlich 
2U heiraten und Kiader zu bekommen. 

Der üweite Fall betrifft die mit Ekel verbundene VerdauungsslöruDg 
eines jungen Mannes, dessen Erkrankung mit einer Prügelstrafe in ursäch- 
lichen Zusammenhang gebracht werden konnte, die er in seiner ersten Kindheit 
vom Vater erhalten hatte (starker Vater-Komplex). Mit Hilfe suggestiver 
Maßnahmen blieb er drei Jahre lang gesund und bat seither geheiratet, i) 

Dr. M. D. Eder (London). 
Erich Wnlffen: Das Kind. Sein "Wesen und seine Entartung. 

Berlin, Dr. P. Langensclieidt, 1913. .''»42 Seiten. Mit einem Bildnisse 

des Verfassers. 

^ Der aus seinen psychologischen Studien rühmlich bekannte Autor bietet 
uns in seinem neuesten Werke eine in knappste Kürze gepreßte Darstellung 
eines so umfänglichen Stoifes, daß man vor allem dem umfassenden Wissen 
und einer ungewöhnlichen Belesenheit den Respekt bcKeigeii muß. Was hier 
in sechs ausgedehnten Kapiteln : Das Vorstellungsleben des Kindes, dag 
Gemütsleben des Kindes, das Sexualleben des Kindes, Gebrechen, Krankheiten 
und Geisteskranklieiten des Kindes, die Kittliche Erziehung des' Kindes die 
strafrechtliche Behandlung des Kindes — dargestellt wird, gäbe das Material 
zu einem großen Handbuche ah, das in unserer der Spezialisierung geneigten 
Zeit von 4 oder 5 Autoren zu bearbeiten wäre. Und darin ist auch der 
größte Fehler des Buches beschlossen : Es kann in manchen Teilen nur Ange- 
lesenes enthalten, so bei der Behandlung der Krankheiten des Kindesalters 
auf 6o Oktavseiten, es muß vielfach oherilächlich hloiben und da es an zabl- 
reicho Probleme rührt, ohne sie erschöpfen zu können, deniiocb aber fertige 
Urteile anstrebt (die sittliche Erziehung des Kindes), läßt es den Leser oft 
unbefriedigt. Nach der Feststellung dieser der Anlage des Buches nach wohl 
unvermeidlichen Fehler kann der Referent umso mehr an dem Werke rühmen 
Es enthält eine Fülle von wertvollem Material und eignet sich daher recht 
gut zum Nachschlagebuch. Die Darstellung der Psychologie des Kindes in 
den ersten drei Kapiteln beweist eine auf diesem Gebiete nicht allzu häufige 
Objektivität und ein tiefes Verständnis des kiudhchen Trioblebens. Instruktive 
Beispiele aus der Erfahrung des Autors und anderer Beobachter erläutern oft 
in gluckhcher Weise des Autors An- und Absichten. Und das führt mich zu 
einer neuen Seite des Werkes. Bei aller Fülle der objektiven Tatsachen, die 
es bnngt, ist es doch ein Tendenzbuch. Der Verfasser steht mit seinem 
warmen Wesen, das der Höberentwicklung seines Volkes und der Menschheit 
dienen will, überall sichtbar liintor eeinom Werke, sein elirliches Bemühen, 
eine klare Stellung xa den vielen großen Fragen unserer Zeit zu finden, und 
sein Bekenne rmut zwingen den aufmerksamen Leser oft innezuhalten, um seine 

|) Die Fälle des Captain Berkely-Hill zuigen in interessanter Weise, wie 
auc^ eme an sich tinvollkommene Analyse sich als Hilfsmittel anderer psychuthera- 
peuüscher Methoden (z. B. der Snggeation) bewähren kann. In Fällen, wo es sich 
darum handelt, rasch einigen Erfolg zu erzielen, mag solche Technik ausnahmsweise 
am IJatze aem; im aUgemeinen wird man aber von solcher die Analysen arbeit 
siorenüen VerquickuDg mit anderen psychotherapeutischen Metlioden Abstand nehmen 
\Anmj(g. d, Hed.) 



Kritiken uad Referate. QQQ 

eigene StelluDg zu sucben in dem Wirrsa! des Lebens, in das unsere Kinder 
hineingeboren werden. Eine ins Eiazelne gehende Kritik ist im Rahmen eines 
Referates nicht müglich. Umso dringender ist mein Wunsch, das Buch möchte 
viele Leser finden in all' den Kreisen, denen das Kind ein Gegenstand dea 
Benifs ist. ^r j^g ^ Friedjuug. 

M. Hirachfeld und E. Burchartl. Zur Frage der psychischen Im- 
potenz als Folgeerscheinung sexueller Totalabstinenz 
beim Manne, , Sexualprobleme", IX. Jahrg. 1913, S. 252. 

Die Mehrzahl der Fachleute hat den kausalen Zusammenhang mancher 
Impotenz mit bis in die reifen Mannesjahro hinein durchgeführter Abstinenz 
empirisch konstatiert. Die Autoren berichten hier über einen einschlägigen 
Fall, wo die Impotenz eines Ehegatten nach bis zur Ehe durchgeführter Ab- 
stinenz aisßclüst worden war durch psychische Momente : nämlich Grauen vor 
der besteheuden Genital blutung der Frau und Angst vor Schwängerung. Das 
erstmalige Fiasko hielt an, zumal die starke sinnliche Begehrlichkeit der Frau 
den Mann in der Folge abstieß. Hätten die Autoren tiefer anal3'siert, so 
wären sie wohl anf unbewußte infantile Momente gekommen, die sowohl die 
Enthaltsamkeit bis zur Ehe als das Versagen in derselben gemeinsam deter- 
minieren. Die relative Kleinheit des Penis des Patienten würde auch auf or- 
ganische Prädisposition hinweisen. j)j. g Hitschmann. 

C. Hudoverui^. Eine besondere sexuelle Neurasthenie in 

reiferem Alter. Med. Klinik, 1913. Nr. 13. 

Ältere Junggesellen, nahe dem 40. Lehensjahr, stellten sieh dem Verfasser 
kurz vor Abschluß einer erst spät projektierten Ehe mit Impotenz- oder Hypo- 
potenz-Angst vor, mit gleichzeitigen vasomotorischen Zeichen von „Angst- 
neurose", sowie Depression, Zweifelsucht usw. Auf kurzes Ausfragen verrieten 
die Patienten, daß das priraum moveus dieser psychischen Impotenz die uner- 
wartete Abnahme der geschlechtlichen Kraft gegenüber den 
gewohnten Prostitu ierten oder dgl. war, indem diese Objekte nun 
widerwärtig und infektionsgefährlich erschienen. Die Aufklärung 
der Patienten über diesen Zusammenhang und eine optimistische Suggestion 
helfen rasch, die residuale banale Neurasthenie wird bald darnach gleichfalls gut. 

Für den Erfahrenen bringt der Inhalt dieser Arbeit nichts Neues, der 
Verfasser findet es aber nötig, indem er sein Verfahren (das in einer Stunde 
oder in wenigen Tagen erledigt ist) „Psychoanalyse" nennt, — auf die wissen- 
schaftliche, gründliche Freudsche Psychoanalyse zu schimpfen und sie als 
schädlich zu diskreditieren. Niemand zweifelt, daß plötzlich eintretende psy- 
chische Impotenz meist auf jede suggestive Therapie reagiert. Es gibt aber Fälle 
von Impotenz, die wir — nach Mißlingen aller andern Methoden, — durch die 
psychoanalytische Methode dauernd heilen. Überdies erfahren wir die wirk- 
lichen psychischen Determiniernngen. Der Verfasser hat übersehen, daß das 
voreheliche "Sexualleben seiner Patienten und ihr langes Ledigbleiben, mit der 
Neigung zn Anfällen psychischer Impotenz, dieselben Determinierungen teilt, 
wie sich aus Fr euds „Bei trägen zur Psychologie des Liebes- 
lebens" (Jahrbuch 11) ergibt. Ehe die — derzeit für ungenügend Ver- 
traute paradoxen — Freu dschen Forschungsergebnisse trivial geworden sein 
werden wird noch viel so Oberflächliches publiziert werden. 

Dr, E. Hitschmann. 



I 



^10 Kritiken Tind Referate. 

K. Eonhocffer. über die Beziehung der Z wangsvorstelluDgen 
zum Manisch-DepresBivea. (Mon. f. Psych, u. Neur. Bd 33 H4) 
Die Ersdieiming der Periodizität des Auftretens von Zwangsvorstellungen 
ist schon einigen Beobachtern aufgefallen. Dm- Autor schließt aus diesem 
rezidmerenden Anftrcten auf außcrorclenllich enge innere Beziehungen dieser Fäile 
zur manisch-depressiven Anlage. Die Zwangsvorstellungen stellen lediglich das 
hymi) om dar das den an Depression Erkrankten am meisten beunruhige und 
deshalb von Ihm m den Vordergrund gestellt werde. Die psychische Depression 
(kleinheitsgefuhle, Entschlaiännfähigkeit, Gefühlsabstmnpfung, SelbstvorwUrfe u a ) 
sei — entgegen den Angaben der Patienten - nicht sekundär. Audi manische 
Züge wurden von B. bei Zwangsvorstellungskranken beobachtet, sowie bänfige 
periodische Depressionen und manisch-depressive« Erkrankungen in der Aszendenz 
SeSa 'r \ ^^' "ichtperiodisehe, von .Tugend auf Jahrzehnte lang 
bestehende chronische Zwangsdenken — wird mit den konstitutiondlpn 
Depressionen" in Analogie gebracht. Anscheinende HeileSige" rifu Sngs- 
kranken seien nur dann erzielbar, wenn die Krankheit nach den unbeklnTo 
ireseizen des endogenen Prozesses spontan ihrem Ende zuneige — Wpr ,IiA 
Aalklärungen verfolgt, welche die Psychoanalyse für die geoannten Zustände 
erbringt kann sich diesem pessimistisch-nihilistiscben Staudpunkt KeßeniiJiPr 
nur ablehnend verbalten und den Forschungen nach der Psychogenese der 
Zwangserscbemuugen und der Psychotherapie derselben weiter nachgehen. 

Dr. E. Hitschmann. 
Dr. Wegeuer. Jena (Binswangersche Klinik). Serodiagnostik nach 
Abderhalden in der Psychiatrie. (Münch. Med w 22/13) 

Es stellte sich heraus, daß das Serum weiblichftr nom^nt- 

„..,, Luetische und metaluetisc ho Erkrankungen ergaben in allen 
ZZi^'Z:Z''''-^ ^''' ™" -'- Organen. l^eurf?r:\alt; 

dne rlin ?■ ^ ^f '^^f ^"''^'"^' '''^^^*^«* ^'^^'^^ ^^ ^' ^i-^i dabei um 

S uns ai?o"''*'Tr' .^'^'■"."^"'^^ ^'^°^'''- Die Abderhaldensche Reaktion 
gibt uns also em Mittel an die Hand, das zirkuläre Irresein vom jugendlichen 
Irresein schon in den Anfangsstadien zu unterscheiden. genuncnen 

Ovarien tT°'V*''"^t''/"' ^^ ^"''"'''" '"■■ V«r%"°g = P'^^enta. Testikel. 
RüSenmaTk ' ' ^'^^^^''^'^^ L^-E«^- Ut^^us, Muskeln, Gehirn; 

Vprf«.? '^ yeröffcntlichung hat den Charakter einer vorläufigen Mitteilung- 
\erl-asser stellt eme ausführliche Arbeit in Aussicht. 

Für den Psychoanalytiker sind diese Versuche vom größten Interesse. 
^t demnach das manisch-depressive In^esein endgültig von den organischen 
rsyenosen abgetrennt, so ergibt sich für uns seine therapeutische Zugehörigkeit 

Rrtli l r^^'^ ""^ ^^ ''^'""^'' '^''^ Arbeiten von Abraham, Maeder, 
öriii ÖL Jones, die bereits einige Analysen von manisch-depressiven und 



Kritiken und Eeterat«. 511 

von bloß melancholischen Zuständen lieferten, recht viele Nachfolger finden, 
am so mehr als nach Abraham [„Ansätze zur psychoanalyt. Erforschung und 
Behandlnng des manisch-depressiven Irreseins", Zentralbl. f. Psy.A. 2. Jhrg, 6.Heft] 
die ersten therapeutischen Ergebnisse anf diesem Gebiet zu der Erwartung 
berechtigen, der Psychoanalyse werde es vorbehalten sein, die Psychiatrie von 
dem Alb des therapeutischen NihiUsraus zu befreien.' 

Wenn sich für die Epilepsie die bei Wegeners Versuchen gewonnenen 
Resultate [Abbau von Hirnsubstanz erst bei eingetretener Demenz] bestätigen, 
so spräche das dafür, daß die Epilepsie aus einer anfänglich nur funktionellen 
Erkrankung in eine organische übergeht und daß die beginnende Demenz den 
Eintritt dieses Stadiums anzeigt. Ob Initialfälle sich der psychoanalytischen 
Behandlung zugänglich und dankbar erweisen, wie demnach erwartet werden 
dürfte, bleibt dem praktischen Versuch zu demonstrieren iibng. So vieles m 
den Erscheinungsformen der AnföUe schreit ja geradezu nach psychoanalytischer 

Die von Bleuler stets vertretene Ansicht endlich, bei der Demen- 
tia praecox handle es sich primär um eine organische Störung, fandet m 
Wegeners Versuchen eine äußerst wichtige Stütze. 

Dr. Margarete Stegmann, Dresden, 

Friedel, Dr. Erwin: Die Steri lisierung Geisteskranker aus 
sozialer Indikatrion. Deutsche med. Wochenschrift Nr. 20 (Irf). 
Verfasser wendet sich gegen die Ansicht Ebermayers, daß die zwangs- 
weise Sterilisierung von Verbrechern und Geisteskranken eine krasse Negierung 
des Selhstbestimmungsrechtes darstelle. Für eine solche Negierung von 
Gesetzeswegen gebe es andere Beispiele, wie Impfzwang und lAehrpüicnt 
(IntemieruDgen, Ref.). Nach den bisherigen Erfahrungen seien keine^ un- 
günstigen Einwirkungen auf den Charakter zu erwarten. Zur Zeit sei lur 
deutsche Verhältnisse an seine obligatorische Sterilisierung aus sozialer Indi- 
kation noch nicht zu denken; umso dringender bedürfe die freiwilhge Stenli- 
sierung solcher Kranker der Erprobung und Durchführung. Verfasser denkt in 
erster Linie an weibliche Schwachsinnige und gibt einige Beispiele i'™ '^?_^T" 
facher unehelicher Schwängerung derartiger Personen, die ja bäufag an siaraeD 

erotischen Erregungszuständen leiden. -n^ac^on 

** * Dr. Margarete Stegmann, Dresden. 

Oberholzer, Emil, Dauernde Änstaltsversorgung oder Sterili- 
sierung. Schweiz. Zeitung für Strafrecht 25/1*!. 

MÜIIcr-Schürch, Kastration und Sterilisatioi, aus sozialer Indi- 
kation. Zeitschr. f. d. ges. Strafrechtswissenschaft 33/12. 

Besprechen den gleichen Gegenstand im Sinne der ^^^^f^^l.^'^^^^^^ 
rili.ltion Oberholzer erzählt einen auch aus psychoanalyt. Gesichtspunkten 
li^SJ sLen fIF wo Z Schwachsinniger erst die eine Schwester schwängerte, 
deSrlternlrt ZAe, und nach seiner Entlassung das gleiche mit der 
jüngeren Schwester tat. Dr. Margarete Stegmann, Dresden. 

Fmil Ohprholzer- Eigentumsdelikte und Sexualität (H. Groß' 
*V.Jfv S 50 1912). Über die Wirkung der Kastration 
aJf dieUMdo se.ualis. (Sexual-Probleme, ßez. 1912.) 

Der Verfasser Sekundärarzt an der Kantonalen Irrenheilanstalt Breitenau- 
Schaffbansen, berichtet in diesen zwei kleinen Arbeiten, die sich an eine 



513 Eiitiken und Referate. 

größere anschließen,') an Hand interessanter Beispiele über die Erfolge der 
Kastration an scliwer sexual-patliologischen Individuen, die durch einen Irüli- 
i-eifea, zeitweise nicht zu bewältigenden Sexualtrieb mit dem Strafgesetz in 
Konflikt gerieten. Der Eingriff wurde auf ausdrücklichen Wuüsch der Krimken 
vorgenommen, die mit Selbsthilfe gedroht hatten, wenn ihrem Verlangen nicht 
willfahrt wurde, und es ließ sich in zwei Fällen die eingetretene Vermeiduug 
von Strafdelikten mit dem Einfluß der Kastration auf die Libido sexualis in 
Zusammenhang bringen. Diese Beobachtungen scheinen dem Autor ,das Zu- 
sammentreffen von Eigeiitumsdehkten und anderen verbrecherischen Handlungen 
bei jugendlichen Individuen mit frühzeitig erwachtem, abnorm gesteigerten oder 
ungehemmten und perversen Sexualtrieb" zu erklären und die „Herkunft vieler 
anscheinend nicht sexueller Delikte aus der Geschleclitlicbkeit iiacJi Art eines 
Experimentes zu erweisen." Was den Geschlechtstrieb selbst nach erfolgter 
Kastration betrifft, so kommt der auf dem Standpunkt von Freuds „Sexual- 
theorie" stehende Verfasser unter Zugrundelegung der Mol Ischen Terminologie 
zu dem Schluß, daß das Schicksal des Koutrektationstdebes bei spaterer Ka- 
stration individuell verschieden sei. 

Verfasser betont mit Eecht, daß in manchen dieser Fälle vielleicht nicht 
eine pathologisch gesteigerte Intensität des Sexualtriebes vorliege, sondern eine 
Unzulänglichkeit der Wege resp. des Apparates, auf dem jene Verwertung im 
Sinne der Subliinierung Freuds stattlindet ; er beruft sich dabei auf die 
psychoanalytische Erfahrung, daß sog. Asexualität* bei Neurotikern durch ein 
Übermaß von Verdrängung und extreme Sublimierung 7.a stände komme. 

In einem Falle blieb die Sexualerregung bestehen und erwies sich in 
weitem Maße von der Produktion der Gescblechtsstoffe unabhängig wenngloicU 
bei dem Betreffenden eine immer weiter gehende Becinträchtiguug der Sexual- 
erregung zu konstatieren ist, die schließlich nur mehr vom Seelenleben aus- 
geht (Reproduktion erotischer Eindrücke und Erinnerungen), während sie für 
die von außen kommenden und an den erogenen Zonen anknüpfenden Reine 
unempfänglich ist. Auch nächtliche „Pollutionen" mit sexuellen Träumen hatte 
Patient noch ein Jahr post operationeiu, wobei reflektorische Entladung des an- 
gehäuften Prostatasekrets stattfund. 

Aucb über den Zusammenbang der Angst mit Libidostauung sowie 
manches andere Problem geben die interessanten Beobachtungen Obarholzors 
instruktive Auskünfte. 

Wir vermissen nur eine eingehendere Analjso des Seelenlebens der Pa- 
tienten, wobei sich ein Einblick in den Mechanismus der Beeinflussung 
von Eigentumsdelikten durch den Sexualtrieb eröffnet hätte und vielleicht 
auch ein Verständnis des auffälligen Wunsches nach Kastration (bei Drohung 
mit Selbstkastration) sowie der psychischen Wirkungen der realisierten 
Kastratiousphantasie auf den Patienten. jjj- Rank. 

') Vgl. E. Obetholzer: Kastration und Sterilisation von Geisteakranken 
in der Schweiz. Jurist.-psycliiatr. Grenafrageo, Bd. VIII, II. 1—3, Hall« a. S., 
C. Marhold, 1911. 



Aus Vereinen und Versammlungen. 

Vierte Jahresversammlung der American Psychopathological 

Association. 

Diese Versammlung fand in Washington am 9. Mai 1913 unter dem 
Vorsitze des Präsidenten Prof. J. J. Putnam statt. Sie wurde durch eine 
Ansprache des Präsidenten eröffnet, in welcher Putnam in klarer und fesselnder 
Weise seine Ansichten über die Bedeutung der Philosophie für die Psycho- 
pathologie darlegte, 

Stanley Hall hielt dann einen Vortrag unter dem Titel „Die Sexual- 
Symholik in der Psychologie Freuds". Der grüßte Teil war einer Darlegung 
der großen "Wichtigkeit dieses Gegenstandes gewidmet, die von dem Vortragenden 
in weitgehendem Maße gewürdigt wurde. £r nannte Freuds Werke den be- 
deutsamsteu Beitrag der, soweit seine Erfahrung reiche, jemals zur Psychologie 
geliefert worden sei und betonte seinen grofien Wert für alle künftigea 
Untersnchnngen auf dem Gebiete der iformal-Psychologie. Aber gerade der 
Erfolg und Wert des Werkes trage gewisse Gefahren in sich, auf welche er 
die Aufmerksamkeit lenken wolle. Man sollte die Exzesse älterer frucht- 
bringender Ideen z. B. jene dei- Astralmytlientheorie zur Warnung nehmen. 
Als Beispiel führte er ein Zitat aus dem Buche von Per6s an, in welchem 
das Lehen Napoleons als Sonnen-Mythos gedeutet wird. Auch möge man die 
Gefahr einer subjektiven Deutung nicht untersch ätzen, da jeder Psychoana- 
lytiker auf seine Patienten „Suggestion ausstrahlen" müsse. Der Erfahrung 
des Vortragenden^ nach, ist das Schema des Traumaufbaues, wie es Freud 
geschildert hat, sicherlich für viele Träumer richtig, aber nur bei einem be- 
stimmten T)-pus, nicht bei allen. Die Bedeutung des Sexualtriebes soll 
nicht überschätzt werden, denn dieser stand jederzeit gegen den Nalirungstrieb 
zurück: Alpdrücken z. B. kann durch Störungen des letzteren hervorgerufen 
werden. Er kritisierte im ungünstigen Sinne einige psychoanalytische Beiträge, 
darunter Kobitseks Artikel über den Benzolring, Abrahams Arbeit über 
Segantini, Jones' Untersuchung über das Salz nnd die Studien von Kank und 
Pfister : Silberers Deutung der Spermatozoenträume bezeichnete er als 
Zeichen einer abergläubischen Leichtgläubigkeit hinsichtlich des Unbewußten. ' 
Schließlich bestritt er die Genaaigkeit des Ausdruckes „Ödipus-Motiv", da 
kein Nachweis eines inzestuösen Wunsches in dieser Sage zu finden sei. 
Ödipus hat seine Mutter nie gekannt und seine spätere Reue entsprang nicht 
einem persönlichen Grunde, sondern der Anerkannung der sozialen Verurteilung 
seines Verbrechens. In der darauf folgenden Diskussion wies Jones bei Beant- 
wortung der vorgebrachten Kritik darauf hin, daß die Ödipus-Sage eine 
Mythe, aber nicht ein Zeitungsbericht über ein tatsächliches Vorkommnis sei 
und daß die Unwissenheit des Odipus hinsichtlich seiner Mutter darin ein- 

Zsitselir. f. ünÜ. Paj'clioiinalyäe. oa 



514 Aue Vereinen -und VeTsammlnngen. 

gefülirt worden sei, um die Abscheu vor der Grundidee abKuschwächcn. Hall 
gab daraufhin die mangelnde Beweiskraft seiner Kritik zu und zog dieselben 
unumwunden zurück. Eine solcbo Haltung eines licdners bei einer wissen- 
schaftlichen Versftmraluug und ein Zugestand nis, daß ihn die Diskussion von 
seinem Irrtum überzeugt habe, ist ein Vorkommnis, welches in des Referenten 
Erfahrung einzig dasteht, obwohl dieselbe in Bezug auf Versammlungen und 
Kongresse recht ausgedehnt ist. Die Seltenheit solcher Vorkommnisse regt 
zu Betrachtungen über die intellektuelle Unelirliclikeit der Menscheu an und 
die Aufrichtigkeit, die ein Mann von Stanley Halls überragender Bedeutung 
gezeigt hat, ist nmsomehr einer besonderen Hervorhebung wert. 

Symann Wells hielt einen Vortrag über „Formulierung in der 
Psychoanalyse," der, zusammen mit jenem Hianley Halls die Basis für ein 
Symposium über „einzelne Punkte der rsychoiogie Sigmund Freuds" bildete. 
Wells kritisierte und verwarf die psychoanalytische Formulierung der drei 
olgenden Auffassungen: 1. Wunsch. So sollte eigentlich nur ein überlegtes 
und bewußtes Begehren genannt werden^ und der Ausdruck wiire daher durch 
einen mehr allgemein gehaltenen zu ersetzen, wie etwa „innerer Antrieb" 
„Strebung" u. dgl. 2. Symbolik. Er erklttrte, eine assoziative Verbindung 
erbringe noch nicht den Beweis eines genetischen Zusammen banges zwischen 
zwei Vorstellungen und nur auf diesen Fall dürfe die Bezeichnung „Symbolik" 
angewendet werden. 3. Sexualität. Freud fasse sie in zu weitem Sinne. 
Ein Streben sei nur dann sexuell, wenn es sich gegen lebende Objekte mit 
der Eadabsicht, den Koitus auszuführen, richte; Masturbation sei oft nicht 
ein sexueller AIrt, sondern ein hedonistischer. 

Die Diskussion des Symposiums bewegte sich aul leicht erratbaren Bahnen. 
Da die Mehrheit der Anwesenden sich mit dem Studium und der Ausübung 
der Psychoanalyse aktiv hetittigte, war es unnötig, die Oherllächligkeit des 
größten Teiles der vorgebrachten kritischen Einwände, insbesondere jener von 
"Wells, ausführlich nachzuweisen. 

Morton Prince brachte „eine klinische Studie eines Falles von 
Phobie." Die Patientin, eine Dame mittleren Alters, litt viele Jahre hindurch 
au einer Phobie vor Kirchtürmen, die sich jedoch bei eingehender Beobach- 
tung als Phobie vor den Glocken in den Kirchtürmen erwies. Die Krankheit 
begann mit dem Tod ihrer Mutter und dem Klang der Eogräbnisglocken. Die 
Patientin war damals ein Kind und hatte von da an immer die Vorstellung, 
daß sie für den Tod ihrer Mutter verantwürtlii;h sei, da dieser infolge einer 
Lungenentzündung eingetreten war, an der die Muttor, nachdem sie das Kind 
aus dem Regen geholt hatte, erkrankte. Sie war niemals imstande, sich die 
Ungehorsamkeit zu verzeihen, durch welche sie indirekt den Tod ihrer Mutter 
verschuldet hatte. In der Diskussion knüpfte Jeliffe an die ungenügende 
Erklärung der ühermUßigen Iteue an und Jones bemerkte, daß bei Frauen 
die Vorstellung der Kircbenglocken unauflöslich mit joner von Heirat ver- 
bunden seien und folgerte darauf auf verdrängte Wunscbphantasien, welche 
durch die Symptome zweifellos symbolisch dargestellt wurden. 

Prince erwiderte, daß er außer stände gewesen sei, irgend eine Spur 
von Inzestphantasien bei der Patientin zu entdei;ken, obgleich er sie ein- 
dringlich über den Gegenstand befragt habe. 

Ernst Jones hielt einen Vortrag unter dem Titel „Der Fall Louis 
Bonaparte, König von Holland" in welchem ein Versuch gemacht wurde, sein 
Benehmen und seine Einstellung gegen seinen Bruder Napoleon durch eine 
psychopatbologische Untersuchung seiuer PerBÜnlichkoil zu beleuchten. 



Aas Tereben and Versammlnngeu. 5^5 

S. E. Jeliffe erörterte das Problem der Übertragung bei der Psycho- 
analyse UEd gab eine Anzahl interessanter persönllclier Erfahrungen. Er iegte 
besonderen Ton auf die Erwägung, daß, während die Übertragung bei allen 
Methoden der l'sychotlierapie vorkommt, die Psychoanalyse die einzige ist, 
die einen klinischen Thermometer (Traumdeutuog u. s. w.) besitzt, mit welchem 
die Identität der Übertragung genau gemessen und ihren täglichen Fluktuationen 
angemessen begegnet werden kann. 

A. A. Brill hielt einen Vortrag über „psyclioaualytiäche Fragmente einer 
Tagesarbeit", in welchem er die wichtigsten Gegenstände, die in jeder Stunde 
besprochen worden waren, beschrieb und eine kurze Si^hiideruog der einzelnen 
Fälle gab. Dies war ein außerordentlich glücklicher Gedanke Brill s und 
er er^iielte dadurch eine graphische Darstellung der Bestandteile, aus denen 
sich die tägliche Arbeit in der Psychoanalyse zusammensetzt, und der typischen 
Probleme, denen der Arzt gegenübertritt. 

E. E. Southard brachte „Bemerkungen über die statistische Seite der 
Sinnestäuschungen- und Tom, Williams „lüin Kontrast in der Psychoanalyse 
— drei Fälle". Keiner der beiden Vorträge braucht hier besprochen zu 
werden, denn obwohl das Wort Psychoanalyse darin häufig benützt wurde, 
hatten ihre Prinzipien nur wenig Berücksichtigung gefunden. 

Trigant Burrow sprach über „Die Bedeutung des psychischen 
Faktors ' , wobei er vom philosophischen Standpunkt das Verhältnis des 
Korpers zur Seele erörterte, 

J. T, Mc. Curdy hielt einen sehr wertvollen Vortrag über „Die Phan- 
tasien eines manischen Patienten". Der Patient, ein Paraphreniker, ließ ganz 
offen and unverhüllt allen möglichen Phantasien, die sonst nur durch müh- 
selige Analj-se aufgedeckt werden können, freien Lauf. In der Diskussion 
erklärten sowohl Hall wie Jones, daß der Bericht, der ohne jede Deutung 
abgefaßt worden war, das normale Unbewußte ziemlich genau wiedergebe. 

Es ist nicht möglich hier eine Darstellung der langen Diskussionen zu 
gehen, welche durch jeden dieser Vorträge hervorgerufen wurden ; ein Bericht 
darüber wird im „Journal of Abnormal Psychology' erscheinen. Das einzige 
Thema, das während des ganzen Kongresses besprochen wurde, war aus- 
schließlich die Psychoanalyse, was allein das Interesse beweist, das mau ihr 
in Amerika entgegenbringt. Wenn die Vorträge im Druck erschienen sind, 
wird eine ausführlichere Würdigung derselben 'in der Zeitschrift erfolgen. 

Ein Komitee, bestehend aus den Doktoren Hall, Hoch, Jones und 
Prince wurde eingesetzt, um die Frage der Einführung der klinischen Psy- 
choanalyse an das medizinische Universitätsstudium zu untersuchen. 

Ernest Jones. 



33* 
1 



Varia. 

Homosexualität und Paranoia. 
1. 

Eie von der psychoanalytischen Auffassung') vertretene Ansicht, daJl sich 
der Verfolgungswahn ursprünglich auf eine eheraais geschätzte nahestende Per- 
son bezieht, findet sich künstlerisch dargestellt in der meisterhaften Schil- 
derung einer Psychose in Arno Holz' Tragödie „ Sonnenfinsternis " (Berlia 1 908). 

Url: . . . Je mehr sich für ihn [Hoilrieder] die Anzeichen gehäuft 
haben, daß die Psychose seines früheren Schülers, Schützlings, oder wie sie 
sonst wollen, sich immer deutlicher gegen ihn richtet. . . . 

La bella Cenci: Wie ist das nur möglich? 

Url; Falls eine solche überhaupt vorhanden sein sollte ... mit 
Naturnotwendigkeit. (Auf ihr erneut fragendes Erstaunen.) Er stand 
ihm am nächsten. (S. 26.) 

Auch die von Freud (1. c.) aufgedeckte homosexuelle Geuese des para- 
noischen Wahnes scheint hier angedeutet, wenn der Psychotiker Musmann 
auf das Weib des Freundes eifersüchtig ist, es haßt, weil sie ihm den P'reund 
abspenstig macht: 

Hoilrieder: . . . Es braucht nur irgend 'n Weibsbild aufzutauchen, 
und das Dreh-dich ist bei dir fertig. 

Und in einem solchen Anfall verwüstet er das Gemälde des Freundes, indem 
er das Porträt des „Weibes" durchsticht. 



Anläßlich der Aufsehen erregenden Entlarvung des österreichischen 
Generalstabsobersten Redl als russischen Spion wurden in den Tagesblättem 
mit einer in unserer Publizistik seltenen Offenheit und Ausführlichkeit die 
homosexuellen Anlagen, Neigungen und Betätigung Redls geschildert. 

Mit dieser Tatsache läßt sich in Zusammenhang bringea, daß die rasch 
publik gewordene Affäre bei einer Reihe von Personen zum Ausbruch von 
Verfolgungswahn führte. Wenige Tage nach dem Selbstmord Eedls^) wurde 
um Mitternacht ein junger Mann mit zwei Schußwandun in der linken Brust- 
seite aufgefunden, die er sieh selbst mit einer Browningpistole zugefügt hatte. 
„Er gab an, der Advokaturskandidat und Reservekadett Dr.Wilhelm K., gegenwärtig 
zur Waffenübting eingerückt, zu sein. Er lieigte Spuren von Verfolgungswahn. Er bil- 

') ^gb Freud: Bemerkungen zu einem autobiographisch beachriebenen Fall 
von Paranoia. Jahrb. III. 

-) Es ist vielleicht auch von psycho logischem Interesse, dafl ang eblich der 
vater,_ein Bruder uud die Schwester Redls durch Selhsttoord en<ieten ; möglicher- 
weise ist hierin [Identifizierung} einer der Gründe zu euchen, die ihn, als er sich 
entdeckt sah, niuht an Flucht denken ließen. — Auch der angeführte Fall des Ka- 
detten zeigt deutliche Identifizierung durch Nachahmung des Selbstmords. 



Varia. 517 

dete sich nämlich ein, daß erunter dem Verdacht stehe, ein Helfershelfer 
KedlsundselbsteinSpionzusein.-wesbalbnjan ihn verfolge. Selbst 

Terständlicb tat der nnElüeliHche jange Mann, bisher Konzipient eines bekannten I 

"Wiener Advokaten, mit der Sache nicht das geringste zu tun, aber jedenfalls 
hat die Angelegenheit den Ansbrnch seiner geistigen Krankheit gefördert. Dr. 
K. glaubte sieh verfolgt. Er gab an, den Revolver und einen Geldbetrag 
von 100 Kronen einem Passanteß, der ihm Hilfe herbeizuholen versprad), 
eingehändigt zu haben. Es wurde auch keine Waffe bei ihm ßefuDden." — Korz 
darauf berichtete der „Napfzod*^ aus Lemberg, daß sich im dortigen Kranken- 
haus sechs Personen unter Beobachtung betinden, die unter dem Eindruck 
der Affiire Redl in Verfolgungswahn verfielen und sich als Spione verfolgt 
wähnen, — 

Daß die Verfolgung als Spion den Beflirthlungen der Paranoiker 
eine gute Rationalisierung bietet, spricht durchaus nicht gegen den von Freud 
aufgedeckten, unbewußten Einfluß abgewehrter homosexueller Kegungen. 

Dr. Rank. ^ 

Sprachlicher Eest eines magischen Brauches. 

In dem Roman E, T. A, Eoffmanns „Kater Murr" wird bei der 
Schilderung jener LebcnEepoche, in der der geniale Kater die Eurschenherr- 
lichkeit kennen lernt, ein Ausdruck der Studentensprache zitiert, der mir 
durch seine Unverstöndlichkeit sehen längst aufgefallen ist. Die Methode, den auf 
das Kntipen am nächsten Morgen folgenden Katzenjammer durch das Trinken 
einiger Scbnüp&e zu kurieren, wird als „Haare auflegen" bezeichnet. Durch 
Zufall bekam ich eines Tages die Erklärung in die Hand, nach welcher die 
Redensart einen letzten Überrest, ein „survival" einer bei den germanischea 
Völkern einst geübten Prozedur aus dem Bereiche der „kontagiösen Magie" ■ 
\yg[. den Aufsatz lonProf.FreudiiberdiesesThtmainlmago, H.rV,Jhrg. 1913) 
darstellte. Der Abstand scheint groß genug und läßt sich doch leicht überwin- 
den. Zunächst eiiitiert eine englische Version der Redensart, die den zu 

Grunde liegenden Gedanken schon weit besser erkennen läßt. Von einem, 3 

der die unangenehmen Folgen eines Trinkexzesses durch neuen Alkoholgenuß 
zu beheben sucht, sagt man: „He takes a hair of the dog that bit bim," 
„Er ninimi ein Haar von dem Hund, der ihn gebissen hat." In diesem Sinne 
kommt die Y'endung z. B. in Bemaby Rudgo von Ch. Dickens vor (Cap. 
LH). Die homöopathische Methode jener Kur wird also mit dem Fall in Pa- 
rallele gestellt, daß man gegen den Diß eines Hundes eines von seinen Haaren 
als Heilmittel anwendet Das wäre allerdings ein Musterfall der „konta- 
giösen Magic", aber es wäre wohl zu kühn, aus einer gleichnisweisen Redens- 
ait die ehemalige Realität des Gleichnisses abzuleiten. Den Beweis, daß es 
sich „weder um eine Methapher noch am eiEcn Scherz" bandelt, liefert der eng- 
lische Ethnologe Edward B. Tylor in seinem Werke: „Primitive Cultnre" 
(4. Aufl., S. 84.) durch Heranziehung einer Stelle des Hävamäl, jenes Edda- 
liedes, in welchem ■\Votan seine weisen Lehren erteilt. Dort heißt es (Hüv. 138) : 
„Hnndehaar heilt Hundebiß". 

Schließlich sei noch auf jene Fabel von Lessing hingewiesen, in der ein 
von einem tollen Hunde gebissener Mann dadurch geheilt werden soll, daß 
man ein Stück Brot auf die Wunde legt, von dem der Hund einen Teil ver- 
veri^elirt hat. Die Tendenz ist natürlich rein moralisierend — Warnung vor 
blindem Jähzorn — aber das Material entstammt wohl kaum seiner oder seines 
Vorbildes Erfindung, sondern einem ähnlichen uralten Rezepte der „kontagiösen 
Magie". Dr. Hanns Sachs. 



518 Varia. 

Benveimto Celliiii 

berichtet im vierteil Buche seiner Selbstbiograpliie Folgendes (Cap 9, zitiert 
nach der Übersetzung Goethes): „Auch war ein Teil meiner Besoldung 
rückständig geblieben und ich dachte nicht diesen Rest jemals zu erhalten, 
denn es waren schon drei Jahre verflossen, Aher der Herzog fiel in eine 
gefährliche Krankheit und konnte in 48 StuuJen das Wasser nicht lassen. 
Ais er nun merkte, daß ihm die Ärzte mit ihren Mitteln nicht helfen 
konnten, wendete er sieh vielleicht zu Gott und beschloß, daß jeder seinen 
Rückstand erhalten solle, da wurde ich denn auch bezahlt." — Wir werden 
es nicht für Zufall halten, daß der Fürst, dem so viele Wege Gottgefälliges 
zu tun, offen standen, gerade jenen wählte, bei dem er etwas allzulang 
Zurückgehaltenes von sich lassen, d. h. also das lang ersehnte Ereignis 
als bereits eingetreten darstellen konnte. Die symbolische Vertretung der Ex- 
kremente durch Geld und umgekehrt ist uns bereits durch zahlreiche Quellen — 
Traumdeutung, Märchen, Sprichwort, Volks- und Gaunerbräuche — hinrei- 
chend vertraut geworden. Bemerkenswert in unserem Fall ist die durch 
Sehmerzen und Todesangst bewn-kte Regression auf eine Symbolik, die dem 
Unbewußten angehört und sieh beün Erwachsenen sonst im Wachzustände nicht 
durchsetzen kann. n^ it„„ c i 

i-ii. Hanns Sachs. 

D'ÄimuiizJo 

sagt von einem ersten wollasügen Liebeskuß: „Ein Instinkt weckte in seiner 
Wollust etwas von der Idee des Saugens, etwas von jenem ersten Trieb des 
blinden neugeborenen Menschenkindes. Ihm war's, als stillte er zum erstenmal 
seine eigeae, tiefste Unschuld" („Vielleicht — vielleicht auch nicht«. S. 28). 

Sexualsymbolik in Bildern. 

Über den Maler Grenze findet sich in Muther's „Geschichte der Ma- 
lerei folgende die S e x u a 1 sy m b o li k i n 13 i I d e r n Greuzes betreffende Stelle ■ 

„Nicht die Freuden der SiunUchkeit malt er, sondern die Trauer um die 

verlorene Unschuld. Eatlos, wie ein auigoscheuchtes Reh blickt das anne 

Baby, dessen Krug zerbrochen ist. „Meine Unschuld gib mir wieder gib mir 

mein verlorenes Glück." Katlos, untrüstlicii blickt das junge Mädchen das 

Beinen Spiegel hat fallen lassen, auf die zerbrocliene Scheibe. Alles Lebens- 

glückes beraubt, tränenden Auges schaut ein anderes Kind auf sein gestorbenes 

Vögelchen. „Glaubt nicht", schrieb Diderot, „daß es um den Krug, den 

bpiegel oder das Vögelchen sich handelt. Die jungen Madchen beweinen mehr, 

und sie weinen mit Recht." r»- tr -n--* u 

iJr. H, Hitsehmann. 

Sexualsymbolik in der Lyrik. 

In einer moderneu Gedichtsammlung^) findet sich folgender Hymnus : 

Auf einen Taktstock. 
Hohe Scheiben spiegeln blank im Tagesschein, 
Zur Schau gebreitet liegen Geigen, Trommeln, Flöten, 
Inmitten ruht ein weißer Stab aus schmalem Elfenbein. 

^) „Eraat Lissauer, Der Strom." 



w 



Varia. 51 g 

Doch uDter meinem Blick beginnt er sich zu röten, 

Glut , ■ , . . 

Ist zitternd in ibm eingeschlossen, 

Er ist durchflössen 

Von wundertiit'gem Blut. , . 

Plötzlich umragen mich Wände und Bogen, 

Durch harrende Menge rauscht Rede und Lachen in wechselnden Wogen, 

Auf der Estrade verworm 

In das Klimpern von Geigen 

Schreit Klarinette und Hörn, — , 

Da pocht der Stab laut aof ; es wölbt sich hoch ein Schweigen; -■-"- 

Steil zündet er empor gleich einem Blitze, 

Aller Augen sehen gebannt nach seiner bannenden Spitze. ^ 

Er winkt, und trommelnde Schläge rannen, 
Er schwebt, klar blasen dunkle Oboön, 
Er streicht, und Celli und Bässe drohen, 
Er stößt, da dröhnt Feuer auf den Posaunen. 

Mannigfalt - - 

Über den Klängen wandelt sich seine Gestalt, ■ '■'' " ■'"■^■' ■''' ''''■- 

Er ragt, als Banner geschwungen hoch über festlichen Scharen, 
Er schreitet still als Kruzifix, getragen vor dem Trauerzug, 
Er wiegt über klingender See als Möwe den flimmernden Flug, 
Er blinkt als Pallasch vor reitenden Siegfanfaren, 

Er zuckt, er zaubert; seine Griffe ziehen 

Aus dem Orchester lange Melodien, 

Die sich als lichte Strähnen um ihn winden. 

Er herrscht und funkelt szepterlich, 

In Wink und Schlag und Strich 

Umgüldet TOD den glänzenden Gebinden. 



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die Geisteswissenschaften. 

Von Dr. Otto Rank und Dr. Hanns Sachs in Wien. 

(Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens, herausgegeben von 

Hof rat L Löwenfeld in München. Heft 93,) 

Preis M. 3.60 = K 4.32. 

Aus dem Vorwort der Verfasser: 

■■HS die F'rt^rdirMM^ri'.'"!^™'*''" T^t^''^^' ""! ,1'' Aussichten der ZukunH Errichtet, WObd 
am wkhSn IcWn In' rfP l der Problemste lung imd -Lösung anzuwenden sein wird, 
am wicnngslen seinen. In der Bemühung- um d eäes nrinz bdle Tliem.i surhlrn vuir r\m 
Prl^FT^^Tw^^, ß"^"'" "e-HE mil den Einzelprobil^e^n de?™ Bearbe Sn^^ir "n de von 



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Buchhandlung HUGO HELLER & Cie., WIEN, I.Bauernmarkt 3 . 

Demnächst erscheint; 

TOTEM UND TABU 

Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker. 
Von Prof. Dr. Sigm. Freud, 

(Sonderabdruck aus .IMAGO., Bd. I und II, igi2_13. Zeitschrift für An- 
Wendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften, redLert von 
D""' 0«o R ank und Dr. Hanns Sachs.) 

Neuere englische psycho-analytische Literatur. 

Prof. Dr. Sigm. Freud, LL D : 

THE INTERPRETATION OF CREAMS 

Autorisierte Übersetzung nach der 3. Auflage von 
Dr. A. A. Brill (New- York) 

{London 1913, George Allen & Co. Ltd.). 

Prof. Dr. Ernest Jones (London): 

PAPERS ON PSVCHO-ANALVSIS 

(London 1913, Baiiliere, Tindall & Cox.) 
Dr. A. A. Brill (New- York): 

g Psychoanalysis. Its Theory and practical Application. 

j (Philadelphia and London 1912. W. B. Saunders Comp.) 



Inhalt des V. Heftes. 

Originalarbeiten. seit<> 

L Prof. Emest Jones (London) : Haö und Analerotik in der Zwangsneurose 425 
n.,Dr, Beantain (Zakopane); Über das Sjfuabol und die psyctisolien Be- 
dingungen für aein Entstehen beim Kinde ....■..,...,. 431 

m. Dr. S. Ferenczi (Budapest): Zur Ontogenese der Symbole 436 

IV. Dr. Ludwig Jekela (Wien): Einige Bemerkangen zur Trieblehre . . . 439 
V, Dr. Tifctor Tausk (Wien): Zur Psychologie der Kindersexualiät . . . 444 

Bfitteilungen. 

L Ch. Laaer (Basel): Das Wesen des TranmeB in der Beurteilung 
der talmadlBchen nnd ralibiniaclien Literatur 459 

n. Beitrage zur Traumdeutung : 

l.Dr, H. V. Hng-Hollmuth (Wien): Kinderfraome 470 

2. Dr. L. ; Ein Großvatertraum . j 475 

b. Dr. Edoaxd Hitschmann (Wien); Weitere Mitteilung von Kindheifa- 

träamBn mit spezieller Bedentung 476 

4. Frita van RaaLte (Ämhem): Kinderträume nad Pavor Nbctumua . 478 
6. Dr. S. Spielroin (Berlin): Traum vom „Pater Freudenreich" . . . 484 

6. Dr. Marg. Stegmann (Dresden): Ein VesiertraBm 48S 

7. Dr. Hanns Sachs (Wien): Tranmdarstellungen analer Weckreiza . . 489, 

m. Zur Symbolik: 

1. Dr. Rndolf Eeitler (Wien): Zur Gienital- und Sekretsyinbolik ... 492 

2. Dr. Rudolf Beitier (Wien): Zur Wind- und Pistolensymbolik ... 494 

3. Dr. Bernhard Dattner (Wien): Gold und Kot 495 

Kritiken und Referate. 

Prof, Emeat Jones: Der Alptraum (Dr. Fadem) 497 

Dr. H. V. Hug-Hellmutli: Aus dem Seelenleben des Kindes 

(Dr. Eeitler) : 500 

Dr. J, Marcinowski: Der Mut zu sich selbst (Dr. Hitschmann) . 505 
Prof. L.BouiDann: Die Freudsche Psychoanalyse (Dr. van Ophuijsen) 505 
Dr. A. Kronfeld: Freuds ^ychoanaI>-t. Theorien (Eoaenstein) . . 506 
Berksly-HiU: Zwei mit FaFohoanalyse etfolereioh behandelte Fälle 

(Dr. Eder) . 507 

Dr. E. Wölffen: Das Bild (Dr. Friedjnng) . .;„.;..... ■: . . .508 
HirsobfeLd «. Bui-ckard: Zur Fh^ der paychisoben ImjMitenii als 

Folgeerscheinung sexneller Totalabatinenz beim Manne (Dr. E. H i t a e h- 

mann) ; ' ■ ^'^ 

C. EudoTernig: Eine besondere saittelle Neurasthenie in reiferem 

Alter (Dr. E. Hitschmann) ■ ■ ■ ^^9 

K. Bonhoeffer: Über die Beziehung der Zwangsvorstellungen zum 

Maniach-Depreasiven (De. E. Hitschmann) ; . ■ ■ ■ ■ 510 

Dr Wegenec: Serodiagnostüt nach Abderhalden in der Fsyctuatne 

(Dr. M. Stegraann) ■- ■ ■ ■ • • ■ ■ ■ öM 

Dr. E. Friedet: Die Steriljaieraag Öeisteakranker (Dr. M. btegmann) 611 
Dr. E OberhoUer: Dauernde iastaltsversorgung oder Sfcanliaiemng 511 
Maller-Schüroli: Kastration und Steriliaation aus aonalor Indikabon 

Dr. e" OberhoUer: Eigentumsdehite und Semalit&t Über die Wir- 
kung der Kastration aui die Libido serualia (Dr. Bank) ..... 511 

Ans Vereinen und Versammlungen. 

Vierte Jahresvoraarnmlung der American Psychopathological Aaaooiation 
(Prof. E. Jones) 513 ■- 

Varia. 

HomosexnalitÄt und Paranoia 516 

Sprachlicher Rest eines magischen Brauches 517 

Eenvenuto Cellini 518 

D'Annonzio 518 

Sexnabjmbolik in Bildern 518 

Serualfljmbolik in der Lyrik 518 

Bibliographie 680 



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INSERATE 



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VERLAG JULIUS KLINKHARDT IN LEIPZIG. 



Soeben erschien: ;' /'..-.,, 

Dr. Oskar Pf ister, Pfarrer und Setninar^ehrer in Zürich 

Die psychanalytische Methode 

Eine erfährungswissenschaftiich-systematische' Darstellung. 

(Methoden-Sammlung für Erziehung und Unferricht. Band I.) 

Preis: Geheftet M U.— , in Leinenband M 12.^0. 

.Ein sehr bedeutssimes Werk, auf den Ideen Prof. Dr. Freuds fußend, 
an dem kein Psycholose und kein Pädagoge wird vorüber^ehen^konnen.. 

.Eine der bedeutsamsien Neuerscheinungen der pädagog. Litemtur der 
Ipbten lahre ia man. kann sagen der letzten Jahrzehnte ist Pfisters Werk.« 
lernen janre, ]^™^^'f_'^';;Dü„f„ ^en .Onindtrug™ der Psychologie und PfidiuoEik.. 

/n W/en vorrätig bei Hugo Heiter & Ci'e., I. Bez. Bauernmarkt 3. 



VERLAG VON HUGO HELLER & Cie. IN WIEN. 



IMAGO 



ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHO- 
ANALYSE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTIEN 

Herausgegeben von Professor S. Freud. 
Schriftleitung; Dr. Otto Rank, Dr. Hanns Sachs. 

Das erste Halbjahr des iBnfenden II. lahrganees enthält n=^.en^en ständige ri Rubriketi „KINDER- 

S^LE" redigieil von £>»-. W. v. Hug-J/elTmutii, und „BÜCHER" folgende Origiiularlieitt^n : 
Prof S Freud- Ober einige Übenanstimmungen im Secicnlelicn der Wilden uadtdtr Neurotiker. 

^' IILAnimlsmu-, Äagle und Allmacht dei- Oedanken. , 

— — Das Motiw der K»Btch«nw«hl,, ., , . , . ' 

Dr S Fftrncil- Aus der „PaycholoÄle" von Hermann Lotie. l ■ 

Dr 7Ä^fii*rd"« fc&MfJ^?df; Tr««m. Je. Hebbel. ■ ^J- ' 
Dr;Ä/r^frkv.W7jrf«raW«-P«ycho"nBlytiache Anmerkungen iw 

■ ■ ■ .. — T 

jährlich « Hefte'Jm Umlange von etwa 36 Bogen lum Preise von M 15.- = K 18.-. 
Auch ist ein gemeinsames Abonnement auf „Imago^ und die „IntematiBnaie ZeltochrlH für 
JrrtHche Psychoanalyse" Eun: ermfiBIgten ÖesamtJahrc»pr*Is von M 30^- = K 36.- crSUneL 



-SP 



Dr. MARCINOWSKi;; 






Sanatorium Haus ^ielbcck a, Uklei bei Eutin (Ost-Holstein) 

Klinisch-analytische Behandlung der 

Psychoneurpsen- 



K. o. K. BoIbachdjTicterei Karl Procliaska in Tcatlicn.