■-1
INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT
IRZTLICBE PSYCHOANALYSE
OFFIZIELLES ORGAN
DEK
INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG
HEBÄÜSaEGEBEN VON
PROF. DR. SIGM. FREUD
EEDiaiEaT VON
DR. S. FERENGZI . DR, OTTO RANK
BUDAPEST WIEN
PROF. DR. ERNEST JONES
. LONDON
ÜNTEE STlNDIÖEB MITWniK.ONG VON:
Dr. KARL ABRAHAM, BeHLIH. — Dr. LUDWIG BINSWAMQER, KhEUZLINGEK. —
Dr. Poul bjerre, Stockholm. — Dk. a. a, brill, NKw-Yoaic — Da. Trigant
BURROW, Baltimorb. — Dr. M. D. Eder, London. — Dr. J. van Emden, Haas. —
Dk. M. EiTiNGON, Berlin. — Db. Paül federn, Wibh. — Da. Eduard Hitschmann,
WiKH. — Dn.L.JEKELS, Wien. — Dr.Friedr. S.KRA08S, Wibn. — Db. Alphonse
MAEDER,ZDRIGH.-DR.J.MARCINOWSK:,SlKLBBCK.-PR0F.MORICHAU-BBAUCHANr,
POITIHRE. — Dr. ÖSKAR PFISTER, ZÖRICH. — FrOP. JAMES J.PUTNAM, BOSTOH. —
Dr. R. REiTLER. Wien. — Da. Franz riklin, Zürich. — Dr. Hanns Sachs, Wien. —
Dr. J. SADGER, Wien. — Dr. L. seif.MüBCHKPi. — DK.A.STÄRCKE.HDiBTER-HöflB. -
Da.A.STBGMANN, DaESDsn. — Dr. M.Wulff, Ooebsa.
I. JAERÖAHG, 1913
HEFT 6. NOVEMBER
1913
HUGO HELLER & ClE.
LEIPZIG UND WEN, I. BAUERNMARKT 3
JÄHRJJCH 6 HEFTE BEI 40 BOOEN STARK M 18.- =^ K 21.60
dieser jungen Wissenschaft zu nnternchten , ^
erläutert und bestätigt werden sollen. ^ ., . -. -..^^ „weiten
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Copyright 1913. Hugo Heller & Cie.. Wien, I.Bauenua.3.
■
Originalarbeiten. . ^->.
I.
Die Disposition zur Zwangsneurose.
' ^ Ein Beitrag zum Problem der Neurosenwahl.
Von Sigui, Freud.
(Vortrag auf d.m psychoanalytischen Kongreß zu München 1913.)
Das Problem wai'um ,and wieso ein Mensch an einer Neurose er-
.ortet .erden sollen. Es .t ^^^^jf "^;,i^\trn' .n^^
erst über ein anderes und spezielleres wirrt gegeoen
^ber das Problem, warum diese und ^ene ^-^ ^^^^ J, ^^^-^t
bestimmten Neurose, und an keiner anderen, erkranken muli.
das Problem der Neurosenwah! Eigentlich ist hier
Was bissen wir b.s J^*^;;^tXt^^X^^^^ die für
nur ein einziger allgemeiner batz f ^^7'!^. . ;,_3,,5,,„ i^ solche, die
die Neurosen in Betracht kommenden K^^^^^^f^'^^^^^ ^.^ ,, ib„ her-
der Mensch ins Leben mitbringt .-/^/.f;^^'^^^^^^"« Zusammenwb^^
anbringt, konstitutionelle und akzidentelle, durch d^en / ^^^^
erst in der Regel ^^^.^^f^^^'^ZtoL^^^
besagt der eben angekündigte S^^^;/;^^^ ^ ^ ^^, ^.,,_ .j,, ,on der Natur
der Neurosenwahl durchwegs ''^.'^ ^^l^''^^^^^
der Dispositionen und unabhang^^^^^^^
Worin -f " -:,/;^,^;^X^^^^ Betracht kommenden psychischen
rtr '"'" vraS^m'dt slalfunktion, aber «benso verschiedene
Funktionen — voi auem ui« Vfimnlizierte Entwicklung
wichtige fcMunküonen -- e,.e lange ^\^^^^^^^^ Erwachseneu
d„rch.umache„ baten, te s,e .u dem fm den no ^^ ^^^^
charaUeristischen Z;*"*^;^;^^-^-^ J^;;t";:Len, daß die gesamte
Lrch äußerliche Störung regi-edieren kann.
INTERNATIONAL
PSYCHOANALYTIC
UNIVERSITY
DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN
526 Sigm. Freud. ..V<
Unsere Dispositionen sind also Entwicklungshemmungen. Die Ana-
logie mit den Tatsachen der allgemeinen Pathologie anderer Krankheiten
bestärkt uns in dieser Auffassung. Bei der Frage, welche Faktoren solche
Störungen der Entwicklung hervorrufen können, macht aber die psycho-
analytische Arbeit Halt und überläßt dies Problem der biologischen
Forschung.^)
Mit Hilfe dieser Voraussetzungen haben wir uns bereits vor einigen
Jahren an das Problem der Neurosenwahl heraiigewagt. Unsere Ärbeite-
richtung, welche dahin geht, die normalen Verhältnisse aus ihren Stö-
rungen zu erraten, hat uns dazu geführt, einen ganz besonderen und un-
erwarteten Angriffspunkt zu wählen. Die Reihenfolge, in welcher die
Hauptformen der Psyehoneurosen gewöhnlieh aufgeführt werden: Hysterie, W
Zwangsneurose, Paranoia, Dementia praecox entspricht (wenn auch
nicht völlig genau) der Zeitfolge, in der diese Affektionen im Leben ^5
hervorbrechen, Die hysterischen Krankheitsformen können schon in der
ersten Kindheit beobachtet werden, die Zwangsneurose offenhart ihre
ersten Symptome gewöhnlich in der zweiten Periode der Kindheit (von
6 — 8 Jahren an) ; die beiden anderen, von mir als Paraphrenie und Paranoia ^
bezeichneten Psyehoneurosen zeigen sich erst nach der Pubertät und
im Älter der Reife. Diese zuletzt aufti'etenden Affektionen haben sich
uun unserer Forschung nach den in die Neurosenwahl auslaufenden
Dispositionen zuerst zugänglich erwiesen. Die ihnen beiden eigentüm-
lichen Charaktere des Größenwahns, der Abwendimg von der Welt der
Objekte und der Erschwerung der Übertragung haben uns zum Schlüsse
genötigt, daß deren disponierende Ifixierung in einem Stadium der Libido-
entwicklung vor der Herstellung der Objektwabl, also in der Phase des
Autoerotismus und des Narzißmus zu suchen ist. Diese so spät auf-
tretenden Erkrankuugsformen gehen also auf sehr frühzeitige Hemmungen
und Fixierungen zurück.
Demnach würden wir darauf hingewiesen, die Disposition für Hysterie
und Zwangsneurose, die beiden eigentlichen Übertragungsneurosen mit
frühaeitiger Symptombildung, in den jüngeren Phasen der Libidoent-
wickluug zu vermuten. Allein worin wäre hier die Entwicklungs-
hemmung zu finden und vor allem, welches wäre der Phasenunterschied,
der die Disposition zur Zwangsneurose im Gegensatz zur Hysterie be-
gründen sollte? Darüber war lange nichts zu erfahren, und meine früher
unternommenen Versuche, diese beiden Dispositionen zu erraten, z. B.
daß die Hysterie durch Passivität, die Zwangsneurose durch Aktivität im
infantilen Erleben bedingt seiji sollte, mußten bald als verfehlt abgewiesen
werden.
'■) Seitdem die Arlieiten vou W. Fliess die Bedeutung beaUmmter Zeitgrößen
far die Biologie aufgedeckt Iiaben, ist es denkbar geworden, daß sich Entwicklnngs-
störnng auf zeitliche Abänderung von EntwioklongsschUben zurückf&iirt.
Die Disposition zur Zwangsneurose.
527
Ich kehre nun auf den Bodeu der klinischen Einzelbeobaehtung
zurück. Ich hahe lange Zeit hindurch eine Kranke studiert, deren Neu-
rose eine ungewöhnliche Wandlung dui-chgemaeht hatte. Dieselbe begann
nach einem traumatischen Erlebnis als glatte Angsthysterie und behielt
diesen Charakter durch einige Jahre bei. Eines Tages aber verwandelte
sie sich plötzlich in eine Zwangsneurose von der schwersten Art. Ein
solcher Fall mußte nach mehr als einer Richtung bedeutsam werden.
Einerseits konnte er vielleicht den Wert eines bilinguen Dokuments
beanspruchen und zeigen, wie ein identischer Inhalt von den beiden
Neurosen in verschiedenen Sprachen ausgedrückt wird. Anderseits drohte
er, unserer Theorie der Disposition durch Entwicklungshemmung über-
haupt zu widersprechen, wenn man sieh nicht zur Annahme entschließen
wollte, daß eine Person auch inehv als ei]ie einzige schwache Stelle in
ihrer Libidoentw ick lang mitbringen könne. Ich sagte mir, daß man kein
Eecht habe, diese letztere Möglichkeit abzuweisen, war aber auf das
Verständnis dieses Krankheitsfalles sehr gespannt.
Als dieses im Laufe der Analyse kam, mußte ich sehen, daß die
Sachlage ganz anders wai-, als ich sie mir vorgestellt hatte. Die Zwangs-
neurose war nicht eine weitere Reaktion auf das nämliche Trauma, welches
zuerst die Angsthysterie hervorgerufen hatte, sondern auf ein zweites
Erlebnis, welches das erste völlig entwertet hatte. (Also, eine — aller-
dings noch diskutierbare — Ausnahme von unserem Satze, der die Unab-
hängigkeit der Neui'osenwahl vom Erleben behauptet.)
Ich kann leider — aus bekannten Motiven — auf die Kranken-
geschichte des Falles nicht so weit eingehen, wie ich gern möchte,
sondern muß mich auf nachstehende Mitteilungen beschränken. Die
Patientin war bis zu ihrer Erkrankung- eine glückliche, fast völlig be-
fi-iedigte Frau gewesen. Sie wünschte sieh Kinder aus Motiven infantiler
Wunschfixierung und erkrankte, als sie erfuhr, daß sie von ihrem aus-
schließend geliebten Manne keine Kinder bekommen kömie. Die Ängst-
hysterie, mit welcher sie auf diese Versagung reagierte, entsprach, wie
sie bald selbst verstehen lernte, der Abweisung von Versuehungs-
phantasien, in denen sich der festgehaltene Wunsch nach einem Kinde
durchsetzte. Sie tat nun alles dazu, um iliren Mann nicht erraten zu
lassen, daß sie infolge der durch ihn determinierten Versagung erkrankt
sei. Aber ich habe nicht ohne gute Gründe behauptet, daß jeder Mensch
in seinem eigenen Unbewußten ein Instrument besitzt, mit dem er die
Äußerungen des Unbewußten beim anderen zu deuten vermag ; der Mann
verstand ohne Geständnis oder Erklärung, was die Angst seiner Frau
bedeute, kränkte sieh darüber, ohne es zu zeigen, und reagierte nun
.seinerseits neurotisch, indem er — zum erstenmal — beim Eheverkehce
versagte. Unmittelbar darauf reiste er ab, die Frau hielt ihn füi- dauernd
impotent geworden und produzierte die ersten Zwangssymptome an dem
Tage vor seiner erwarteten Rückkunft.
--.. *
628 Sigm. Freud.
Der Inhalt ihrer Zwangsneurose bestand in einem peinliehen Waseh-
uud Eeinlichkeifszwang und in höchst energischen Scbutzniaßregeln gegen
böse Schädigungen, welche andere von ihr zu befürchten hätten, also in
ßeaktionsbildungeu gegen analerotisehe und sadistische Regungen.
In solchen Formen mußte sich ihr Sexualbedürfnis äußern, nachdem ihr
Genitalleben durch die Impotenz des für sie einzigen Mannes eine volle
Entwertung erfahren hatte.
An diesen Punkt hat das kleine, von mir neugebildete Stückchen
Theorie angeknüpft, welches natürlich nur scheinbar auf dieser einen
Beobachtung ruht, in Wirklichkeit eine große Summe früherer Eindrücke
zusammenfaßt, die aber erst nach dieser letzten Erfahrung fähig wurden,
eine Einsieht zu ergeben. Ich sagte mir, daß mein Entwicklungssebema
der libidinösen Funktion einer neuen Einschaltung bedarf. Ich hatte zu-
erst nur unterschieden die Phase des Autoeroti-smusj in welcher die ein-
zelnen Parti altriebe, jeder für sich, ihi-e Lustbefriedigung am eigenen
Leibe suchen, und dann die Zusammenfassung aller Partialtriebe zur
Objektwahl unter dem Primat der Genitalien im Dienste der Fort-
pflanzung. Die Analyse der Paraphrenien hat uns wie bekannt genötigt,
dazwischen ein Stadium des Narzißmus einzuschieben, in dem die Objekt-
wahl bereits erfolgt ist, aber das Objekt noch mit dem eigenen Ich zu-
sammenfallt. Und nun sehen wir die Notwendigkeit ein, ein weiteres
Stadium vor der Eudgestaltung gelten zu lassen, in dem die Partialtriebe
bereits zur Objektwahl zusammengefaßt sind, das Objekt sieh der eigenen
Person schon als eine fremde gegenüberstellt, aber das Primat der
Geui talzonen noch nicht aufgerichtet ist. Die Partialtriebe
welche diese prägenitale Organisation des Sexuallebens beherrschen
sind vielmehr die analerotischen und die sadistischen.
Ich weiß, daß jede solche Aufstellung zunächst befremdend kliugt.
Erst durch die Aufdeckung ihrer Beziehungen zu imserem bisherigen
Wissen wird sie uns vertraut, und am Ende ist ihr Schicksal häufig,
daß sie als eine geringfügige, längst geahnte Neuerung erkannt wird.
Wenden wir uns also mit ähnlichen Erwartungen zur Diskussion der
„prägenitalen Sexualordnung".
a) Es ist bereits vielen Beobachtern aufgefallen und zuletzt mit be-
sonderer Schärfe von E. Jones hervorgehoben worden, welche außer-
ordentliche KoUe die Regungen von Haß und Analerotik in der Synjpto-
matologie der Zwangsneurose spielen. ^ Dies leitet sich nun unmittelbar
aus unserer Aufstellung ab, wenn es diese Partialtriebe sind, welche in
der Neurose die Vertretung der Genitaltriebe wieder übernommen baben,
deren Vorgänger sie in der Entwicklung waren.
E. Jones: Haß und Analerotik in der i^wangnenrose. (Internat. Zeitsclir. f.
ärtzl. Ps.-A., I, 1913, H. 5.)
Die Disposition zur Zwanganeutose. 529
Hier fügt sich nun das bisher zurückgehaltene Stück aus der
Krankengeschichte unseres Falles ein. Das Sexualleben der Patientin
begann im zartesten Kindesalter mit sadistischen Schlagephantasien.
Nach deren Unter drückmig setzte eine ungewöhnlich lange Latenz-
zeit ein, in welcher das Mädchen eine hocbreichende moralische Ent-
wicklung durchmachte, ohne zum weiblichen Sexualempfinden zu er-
wachen. Mit der in jungen Jahren geschlossenen Ehe begann eine
Periode normaler Sexualbetätigung als glückliche Frau, die durch eine
Reihe von Jahren anhielt, bis die erste große Versagung die hysterische
Neurose brachte. Mit der darauf folgenden Entwertung des Genital-
lebens sank ihr Sexualleben, wie erwähnt, auf die infantile Stufe des
Sadismus zurück.
Es ist nicht schwer, den Charakter zu bestimmen, in welchem sich
dieser Fall von Zwangsneurose von den häufigeren anderen unterscheidet,
die in jüngeren Jahren beginnen und von da an chronisch mit mehr
oder weniger auffälligen Exazerbationen verlaufen. In diesen anderen
Fällen wird die Sexual Organisation, welche die Disposition zur Zwangs-
neurose enthält, einmal hergestellt, nie wieder völlig überwunden; in
unserem Falle ist sie zuerst durch die höhere Entwicklungsstufe abge-
löst und dann durch Regression von dieser her wieder aktiviert worden.
h) Wenn wir von unserer Aufstellung aus den Anschluß an bio-
logische Zusammenhänge suchen, dürfen wir nicht vergessen, daß der
Gegensatz von männlich und weiblich, welcher von der Fortpflanzungs-
funktion eingeführt wird, auf der Stufe der prägenitalen Objektwahl noch
nicht vorhanden sein kann. An seiner Statt finden wir den Gegensatz
von Strebungen mit aktivem und passivem Ziel, der sich späterhin mit
dem Gegensatz der Geschlechter verlöten wird. Die Aktivität wird vom
gemeinen Bemächtigungstrieb beigestellt, den wir eben Sadismus heißen,
wenn wir ihn im Dienste der Sexual ftmktion finden ; er hat auch im
vollentwickelten normalen Sexualleben wichtige Helferdienste zu ver-
richten. Die passive Strömung wird von der Analerotik gespeist, deren
erogene Zone der alten, undifferenzierten Kloake entspricht. Die Be-
tonung dieser Analerotik auf der prägenitalen Organisatiousstufe wird
beim Manne eine bedeutsame Prädispositiou zur Homosexualität hinter-
lassen, wenn die nächste Stufe der Sexualfunktion, die des Prunats der
Genitalien, erreicht wird. Der Aufbau dieser letzten Phase über der vorigen
und die dabei erfolgende Umarbeitung der Libidobesetzungen bietet der
analytischen Forschung die interessantesten Aufgaben.
Man kann der Meinung sein, daß man sich allen hier in Betracht
kommenden Schwierigkeiten und Komplikationen entzieht, wenn man
eine prägenitale Organisation des Sexuallebens verleugnet und das
Sexualleben mit der Genital- und Fortpflanzungsfunktion zusammenfallen,
wie auch mit ihr beginnen läßt. Von den Neurosen würde man dann
34
Zaiiaehr. t. Srall. PsychosnalyBB.
530
Sigra. Freud.
mit Rücksicht auf die nicht mißverständlichen Ergebnisse der analytischen
Forschung aussagen, daß sie dui-ch den Prozeü der Sexualverdränguug dajzu
genötigt werden, sexuelle Strebungen durch andere nicht sexuelle Triebe aus-
zudrücken, die letzteren also kompensatorisch sexualisieren. Wenn man so
perfährt, hat man sich aber außerhalb der Psychoanalyse begeben. Man
steht -wieder dort, wo man sich vor der Psychoanalyse befand, und muß
auf das durch sie vermittelte Verständnis des Zusammenhanges zwischen
Gesundheit, Perversion und Neurose verzichten. Die Psychoanalyse steht
und fällt mit der Anerkennung der sexuellen Partialtriebe, der erogencn
Zonen und der so gewonnenen Ausdehnung des Begriffes „Sexualfunktion"
im Gegensatz zur engeren „Genitalfunktion". Übrigens reicht die
Beobachtung der normalen Entwicklung des Kindes für sich allein hin,
um eine solche Versuchung zurückzuweisen.
c) Auf dem Gebiete der Charakterentwicklung müssen wir denselben
Triebkräften begegnen, deren Spiel wir in den Neurosen aufgedeckt
haben. Eine scharfe theoretische Scheidung der beiden wird aber durch
den einen Umstand geboten, daß beim Charakter wegfällt, was dem
Neurosenmechanismus eigentümlich ist, das Mißglücken der Verdrängung
und die Wiederkehr des Verdrängten. Bei der Charakterbildung tritt die
Verdrängung entweder nicht in Aktion oder sie erreicht glatt ihr Ziel
das Verdrängte durch Reaktionsbildongen und Sublimierungen zu er-
setzen. Darum sind die Prozesse der Charakterbildung undurchsichtiger
und der Analyse unzugänglicher als die neurotischen.
Gerade auf dem Gebiete der Charakterentwicklung begegnet uns
aber eine gute Analogie zu dem von uns beschriebenen Krankheitsfälle
also eine Bekräftigung der prägenitalen sadistisch-analerotischen Sexual-
organisation. Es ist bekannt und hat den Menschen viel Stoff zur Klage
gegeben, daß die Frauen häufig, nachdem sie ihre Genitalfunktionen auf-
gegeben haben, ihren Charakter in eigentümlicher Weise verändern. Sie
werden zänkisch, quälerisch und rechthaberisch, kleinlich und geizig,
zeigen also typische sadistische und analerotische Züge, die ihnen vorher
in der Epoche der Weiblichkeit nicht eigen waren. Lustspieldichter und
Satiriker haben zu allen Zeiten ihre Invektiven gegen den „alten Drachen"
gerichtet, zu dem das holde Mädchen, die liehende Frau, die zärtliche
Mutter geworden ist. Wir verstehen, daß diese Charakterwandlung der
Regression des Sexuallebens auf die prägeuitale sadistisch-analerotische
Stufe entspricht, in welcher wir die Disposition zur Zwangsneurose gefunden
haben. Sie wäre also nicht nur die Vorläuferin der genitalen Phase, sondern
oft genug auch ihre Nachfolge und Ablösung, nachdem die Genitalien
ihre Funktion erfüllt haben.
Der Vergleich einer solchen Charakterveränderung mit der Zwangs-
neurose ist sehr eindrucksvoll. In beiden Fällen das Werk der Regression,
aber im ersten Falle volle Regression nach glatt vollzogener Verdrängung
'-' "---irwi
Die Diaposition zur Zwangsneurose.
m.
(oder Unterdrückung); im Falle der Neurose: Konflikt, Bemühung, dio
Kegression nicht gelten zu lassen, Keaktionsbildungen gegen dieselbe und
Symptdmbildungen durch Kompromisse von beiden Seiten her, Spaltung
der psychischen Tätigkeiten in bewußtseinsfähige und unbewußte.
d) Unsere Aufstellung einer prägenitalen Sexualorganisation ist nach
zwei Richtungen hin unvollständig. Sie nimmt erstens keine Rücksicht
auf das Verhalten anderer Partialtriebe, an dem manches der Erforschung
und Erwähnung wert wäre, und begnügt sich, das auffällige Primat von
Sadismus und Analerotik herauszuheben. Besonders vom Wißtrieb ge-
winnt man häufig den Eindruck, als ob er im Mechanismus der Zwangs-
neurose den Sadismus geradezu ersetzen könnte. Er ist ja im Grunde
ein sublhnierter, ins Intellektuelle gehobener Sprößling des Bemächtigungs-
triebes, seine Zurückweisung in der Form des Zweifels nimmt im Bilde
der Zwangsneurose einen breiten Raum ein.
Ein zweiter Mangel ist weit bedeutsamer. Wir wissen, daJ3 die
entwickl«ngsgeschichtliehe Disposition für eine Neurose nur dann voll-
ständig ist, wenn sie die Phase der lehentwicklung, in welcher die Fi-
xierung eintritt, ebenso berücksichtigt wie die der Libidoentwicklung.
Unsere Aufstellung hat sich aber nur auf die letztere bezogen, sie enthält
also nicht die ganze Kenntnis, die wir fordern dürfen. Die Entwickln ngs-
stadien der Ichtriebe sind uns bis jetzt sehr wenig bekannt; ich weiß
nur von einem vielversprechenden Versuch von Perenczi, sich diesen
Fragen zu nähern.') Ich weiß nicht, ob es zu gewagt erseheint, wenn
ich den vorhandenen Spuren folgend die Annahme ausspreche, daß ein
zeitliches Voraneilen der Ichentwicklung vor der Libidoentwicklung in
die Disposition zur Zwangsneurose einzutragen ist. Eine solche Vor-
eiligkeit würde von den Ichtrieben her zur Objektwahl nötigen, während
die Sexualfunktion ihre letzte Gestaltung noch nicht erreicht hat, und
somit eine Fixierung auf der Stufe der prägenitalen Sexualordnung
hinterlassen. Erwägt man, daß die Zwangsneurotiker eine Übermoral
entwickeln müssen, um ihi'e Objektliebe gegen die hinter ihr lauernde
Feindseligkeit zu verteidigen, so wird man geneigt sein, ein gewisses
Maß von diesem Voraneilen der lehentwicklung als typisch für die
menschliche Natur hinzustellen und die Fähigkeit zur Entstehung der
Moral in dem Umstand begründet zu finden, daß nach der Entwicklung
der Haß der Vorläufer der Liebe ist. Vielleicht ist dies die Bedeutung
eines Satzes von W. St ekel, der mir seinerzeit unfaßbar erschien, daß
der Haß und nicht die Liebe die primäre Gefühlsbeziehung zwischen den
Menschen sei.*)
') Ferenczi: Entwicklunga stufen des Wirklicht ei tssinnes. (Internat Zeitschr
£. ärzÜ. Pa.-A., I, 1913, H. 2.)
=) W. Stekel: Die Sprache des Traumes, 1911, S, 536,
34*
532 Sigm. Freud.
e) Fiip die Hysterie erübrigt nach dem Vorstehenden die innige Be-
ziehung zur letzten Phase der Libidoeutwicklung, die durch das Prinaat
der Genitalien und die Einführung der Fortpflanzungafunktion ausge-
zeichnet ist. Dieaer Erwerb unterliegt in der hysterischen Neurose der
Verdrängung, mit welcher eine Regression auf die prägenitale Stufe nicht
verbunden ist. Die Lücke in der Bestimmung der Disposition infolge
unserer Unkenntnis der Ichentwicklung ist hier noch fühlbarer als hei
der Zwangsneurose,
Hingegen ist es nicht schwer nachzuweisen, daß eine andere Re-
gression auf ein früheres Niveau auch der Hysterie zukommt. Die Se-
xualität des weiblichen Kindes steht, wie wir wissen, unter der Herrschaft
eines männlichen Leitorgans (der Khtoris) und benimmt sich vielfach wie
die des Knaben. Ein letzter Entwicklungsschub zur Zeit der Pubertät
muß diese inännliche Sexualität wegschaffen und die von der Kloake ab-
geleitete Vagina zur herrschenden erogenen Zone erheben. Es ist nun
sehr gewöhnlich, daß in der hysterischen Neurose der Frauen eine Reak-
tivierung dieser verdrängten männlichen Sexualität statt hat, gegen welche
sich dann der Abwehrkampf von seiten der ichgerechten Triebe richtet.
Doch erscheint es mir vorzeitig, an dieser Stelle in die Diskussion der
Probleme der hysterischen Disposition einzutreten.
n.
Die Psychopathologie eines Falles von Phoble.O
Eine klinische Studie.
Von Mort-on Prince, M. D. Professor Em. Tufts Kollege Medical School, Boston.
Der Fall von Phobie, den diese klinische Studie behandelt, bezog
sich auf Türme von Kirchen und beliebigen anderen Gebäuden. Patientin,
eine Frau von etwa 40 Jahren, ängstigte sich davor undbemiihte sich infolge-
dessen, den Anblick zu. vermeiden. Wenn sie an einem solchen Turm
vorbeikam, trat eine sehr heftige Gemütsbewegung bei ihr ein, indem sie
stets ein Gefühl von Schreck oder Beklemmung empfand, das von den
gewöhnlichen, deutlieh ausgeprägten körperlichen Symptomen begleitet war.
Zuweilen konnte schon die Erwähnung eines Turmes diesen Affekt
komplex hervorrufen, was sich äußerlich in ihrem Gesieht spiegelte,
wie ich selbst bei verschiedenen Gelegenheiten beobachten konnte. Wenn
man bedenkt, wie häufig man im täglichen Leben auf Kirch- und Schul-
haustürme trifft, kann man sich leicht vorstehen, welche Unannehm-
lichkeit aus einer solchen Phobie entstand. Bevor das Geheimnis ent-
rätselt war, vermochte sie keinerlei Erklärung über Ursprung oder Be-
deutung dieser Phobie anzugeben und konnte sie mit keiner Episode
ihres Lebens in Verbindung bringen, ja nicht einmal angeben, wie weit
zurück sie in ihrem Leben reichte. Sie hatte eine vage Erinnerung, daß
sie schon bestand, als sie etwa 14 Jahi-e alt war, und vielleicht schon
vor dieser Zeit vorhanden war. Es muß nun bemerkt werden, daß die
Vorstellung von einem Turm mit Glocken in ihrem Geistesleben keinerlei
Bedeutung hatte, die die Angst erklären konnte. Sie hatte nicht mehr
Bedeutung für sie als für jeden anderen. In ihrem Bewußtseinsinhalt
fand sich nur die Perzeption plus dem Affekt, aber keine entsprechende
Bedeutung. Daher suchte ich Ursprung und Bedeutung der Phobie durch
die sogenannte psychoanalytische Methode aufzudecken.
') Nach einem Vortrag gelialten auf dem „Foiirth Annual Meeting of tlie
Psychopathological Association at Washington, May 8, 1913. Die Diskusaion über
diesen Vortrag erschien im Journ. of abnormal Psychnlogy, Vol. VIZI.
534 Prof. Morton Prince.
Als ich daranging, durch diese Methode die assoziierten Eriünei-ungeii
ans Tageslicht zu bringen, versetzte sie die bloße Erwähnung von Glocken
in einem Turm in einen Aufregungszustand, in dem Angst, „Zusammen-
fahren" und heftige Schweißausbrüehe besonders hervortraten. Vor der
Analyse hatte ich mir eine Theorie zu recht gelegt, daß die Phobie vor
Glocken in einem Turm auf ein sexuelles Symbol hinweisen müsse;
dazu wurde ich teilweise durch das Objekt selbst mit seiner deutliehen
Anregung geführt, teils durch die Tatsache, daß ich Symbole sexueller
Art in ihren Träumen gefunden hatte. ^)
Die Analyse wurde sehr lang ausgedehnt und Erinnerungen, die
ein weites Feld von Erfahrungen in sich schlössen, ans Licht gebracht.
Bei dem Verlangen, an Glocken in einem Turm oder an jeden dieser
Gegenstände für sich zu denken, trat zunächst eine vollkommene Ge-
dankenabsperrung ein, bei der ihr Geist wie ein umbeschriebenes Blatt
wurde. Später kamen in das Bewußtseiusfeld Erinnerungen, die sich
zum großen Teil, wenn auch nicht ausschließlich, um ihre (verstorbene)
Mutter als zentrales Objekt bewegten und in verschiedener Beziehung
zu dieser standen. Nichts aber trat zu Tage, das, selbst bei den wildesten
Interpretationen, für die Phobie auch nur die leiseste Erklärung liefern
konnte. Die Patientin, die von anderen Ärzten häufig hypnotisiert worden
war, hatte die Tendenz, während der Analyse in einen Zustand unge-
wöhnlich tiefer Benommenheit zu verfallen, und zwar bis zu einem
solchen Grade, daß sie sich beim Abbruch der Analyse nicht mehr auf
die hervorgerufenen Erinnerungen, mit Ausnahme der allerwichtigsten,
besinnen konnte. Eine solche Benommenheit ist bereits eine Hypnose.
Schließlich, als alle Bemühungen, die Entstehung der Phobie durch
die Analyse aufzudecken, umsonst waren, versuchte ich es mit einer
anderen Methode. Wahrend sie sich in der Hypnose befand, gab ich ihr
einen Blei.ytift in die Hand, in der Absiebt, die gewünschte Aufklärung durch
automatisches Sehreiben zu erlangen. Während sie mir einige un-
wichtige Erinnerungen an ihre Mutter erzählte, schrieb ihre
Hand hastig folgendes : „G. M.-Kirche und mein Vater brachte meine
Mutter nach Bi. . . . , wo sie starb, und wir kamen nach Br. . . .
und sie nahmen meine Mutter unter das Messer. Ich bat und weinte
die ganze Zeit, sie möge am Leben bleiben, und die Kirchenglocken
läuteten immer fort und ich haßte sie,"
Als sie zu dem letzten Teil dieser Aufzeichnung kam, wurde sie
niedergeschlagen, traurig, ja geänstigt; Tränen flössen über ihre Wangen
und sie schien fast verzweifelt. Mit anderen Worten, es machte den
Eindruck, als durchlebte sie im Unterbewußtsein wieder die von ihr be-
schriebene Zeit. Ich sage, im Unterbewußtsein, denn sie wußte nicht,
') Ich war also bei der Analyse innerlich keineswegs im Gegansata zu der
Freudsclien Hypothese,
Die Psychopathologie eines Falles von Phobie. 535
was ihre Hand schrieb, oder weshalb sie voU Angst war. Während des
ersten Teiles der Niederschrift sprach sie von anderen Erinnerungen,
während des letzten Teiles hörte sie auf zu sprechen.
Nachdem sie aus der Hypnose erwacht und ihr geistiges Gleich-
gewicht wieder hergestellt war, berichtete sie auf mein Verlangen von
den Ereignissen, auf die sich die Aufzeichnung hezog. Sie hatte sie in
klarer Erinnerung, da sie sich zutrugen, als sie etwa 15 Jahre war. Es
zeigte sich, daß sie sich zu jener Zeit in Gr . . . M , . ., einer englischen
Stadt befanden, Ihre Mutter, die ernstlich krank war, wurde zu einem
bedeutenden Chirurgen gebracht, um operiert zu werden. Sie selbst litt
schwer unter der Angst, daß ihre Mutter nicht genesen würde. Sie ging
zweimal täglich zur Kirche, um für die Heilung ihrer Mutter zu beten,
und erklärte in ihrer Bedrängnis, sie würde nicht länger an Gott
glauben, wenn ihre Mutter nicht genese. Die Glocken des Kirchturms,
der nahe ihrem Hotel war, läuteten jede Viertelstunde; sie gingen ihr
auf die Nerven; sie haßte sie; sie konnte es nicht ertragen, sie zu hören,
und wenn sie betete, vermehrten sie ihre Beängstigung. Seit jener Zeit
hatte Glockengeläute nie aufgehört, in ihr ein Angstgefühl hervorzurufen.
Diese Erzählung war, ungleich dem automatischen Schreiben, von keiner
Gemütsbewegung begleitet.
Es kam nun heraus, daß es das Läuten der Kirchenglocken war,
oder das im Geist vorausgenommene Läuten der Glocken, das
ihre Furcht hervorrief, und nicht der Anblick eines Turmes an sich. Wenn
sie einen Turm sah, so fürchtete sie, die Glocken könnten läuten. Das
war der Gegenstand ihrer Phobie,^) Sie konnte nicht erklären, wieso
sie niemals vorher ihre Phobie mit der von ihr beschriebenen Episode
in Zusammenhang gebracht hatte. Dieser Assoziationsmangel ist, wie wir
wissen, häufig und stand offenbar in diesem Fall in Verbindung mit
dem Entschluß, eine mit so viel Pein verknüpfte Episode aus dem Be-
wußtsein zu verdrängen. Es hatte durch Jahre ein mehr oder minder
') Icli wÜDSche, diesen Punkt besonders hervoraulieben, weil gewisse Forscher
die wohl bekannte nnd behauptete sesnakjmbolische Bedentung von Kirchtürmen
und Türmen überhaupt aiinehmen. und diese Erkläning in die Phobie hineinieaen
worden, es auch bereits getan haben. Tatsächlich wurden zwar diese Gegenstände
ursprünglich von der Patientin selbst als Objekt ihrer Furcht angegeben, aber
es geschah gedankenlos, als Resultat einer ungenauen Selbstprnfung. Späterhin er-
kannte sie deutlich das wahre Objekt. Die angegebenen Türme waren nicht mehr
Objekt als die Kirchen und Schulhüuser selbst. Sie waren nur die Träger einer bei-
läufii'en Assoziation und wiesen nur auf ein Element der ursprünglichen Episode hin.
Noch auch waren die Glocken als Glocken das Objekt ihrer Phobie, sondern das
Glocken''eläute der bestimmten Art, das sie an den Tod ihrer Mutter mahnte. Mit
anderen Worten, sie fürchtete sich vor Glocken uiit einet bestimmten ISedeutung.
Auch war die An^st nicht nnbedingt auf Tormglockcn bescliränkt, denn es kam
heraus, daß die Patientin infolge ihrer Phobie darauf verziehtet hatte, in ihrem Hause auf
dem Lande, wie m gewünscht hätte, eine Alarmglocke (für Feuer etc.) anzubringen.
536 Pf'Of- Morton Prince.
beharrlicher innerhcher Konflikt mit ihrer Phobie bestanden. Die Patientin
hatte sich hemfilit, an Glocken-, Kirchen-, Schulliaus- oder andere Türme nicht
zu deiikenj sie nicht zu sehen, das Läuten ihrer Glocken nitht zu hören
und über sie nicht zu sprechen. Sie hatte versucht, sich zu schützen,
indem sie solche Vorstellungen von ihrem Bewußtsein fern hielt. Vor
der weiteren Analyse des Falles möchte ich die Aufmerksamkeit auf zwei
Punkte lenken, die das wohl wert sind.
1. Als die Patientin die ursprüngliche Kindheitsepisode durch auto-
matisches, vom Unterbewußtsein ausgehendes Sehreiben schilderte, entstand
hei ihr eine heftige Gemütsbeweguugj — Furcht — , die in ihr Bewußt-
sein gelangte, ohne daß sie ihre Ursache kannte. Anderseits, als sie
später au.s ihren bewußten Erinnerungen dasselbe Erlebnis beschrieb, trat
die Bewegung nicht ein. Mit anderen Worten, diese Bewegung äußerte
sich nur dann, wenn die aufbewahrten Besiduen des Erlebnisses
unterbewußt und automatisch als ein dissoziierter, unabhängiger Prozeß
funktionierten. Solange die Erinnerungen vom Standpunkt des Bewußtseins
einer reifen und erwachsenen Person aus beschrieben wurden, gab es keinen
Affekt, Als unterbewußter Prozeß aber blieben sie unverändert durch
diesen Standpunkt. Dies legt den Gedanken zumindest nahe, daß, wenn
die Phobie durch den AnbHck oder die Vorstellung eines Turmes erregt
wurde, auch dies auf einen unterbewußten Prozeß zurückzuführen war,
und zwar auf den gleichen, der die Experimentalphobie herbeiführte.
2, Die Phraseologie der Niederschrift ist bemerkenswert: Der Bericht
ist gerade so, wie ein Kind ihn geschrieben haben würde. Er lautet so,
als ob die aufbewahrten Gedanken eines Kindes erwacht und unter-
bewußt tätig wären.
Aus dieser Geschichte, ao weit sie bis jetzt wieder gegeben wurde,
folgt deutlich, daß die Psychose in einer Hinsicht eine wiederkehrende
fi'ühere Erfahrung oder Erinnerung ist, aber nur eine Teilerinnerung. Das
ganze Erlebnis taucht nicht wieder auf, sondern nur der Affekt in Asso-
ziation mit dem G lockenläuten. Der Eest des Erlebnisses, d, h. die Vor-
stellung von dem möglichen Tod der Mutter mit dem dazugehörigen
Schmerz und Jammer, die mit dem Kirchenbesuch verknüpft war, das
Gebet um Heilung und schließlich der wirkliche Eintritt des traurigen
Endes, all das, was ursprünglich die Angst hervorgerufen hatte und
dem Läuten der Turmglocken erst Bedeutung verlieh, war
als Niederschlag im Unbewußten aufbewahrt. Daß der Rest des Erleb-
nisses aufbewahrt war, zeigte die Tatsache, daß er nicht allein durch
automatisches Sehreiben zurückgerufen werden, sondern auch, allerdings
nicht durch Herstellung einer Assoziation mit der Phobie, in bewußte
Erinnerung gebracht werden konnte. Von diesem Standpunkt aus kann
die Angst vor dem Glockeniäuten als Wiederkehr der ursprünglichen
Die Psychopathologie eines Falles 7011 Phobie.
537
Äugst, — vor dem Tode ihrer Mutter — die jetzt von einem unterbewußt
wirkenden Niederschlag stammt, angesehen werdeii. Das Kind hatte
Angst gehabt, seinen Kummer ins Auge zu fassen, und die herangereifte
Erwachsene hatte dieselbe , Angst.
Von einem anderen Gesichtspunkt aus kann das Glockenläuten als
Darstellung oder Symbol von ihrer Mutter Tod, mit dem es so eng asso-
ziiert war, angesehen werden, und dieses Symbol erweckte dieselbe Angst,
wie ursprünglich die Vorstellung des Todes selbst. Ein Gegenstand kann
immer noch als Symbol für einen anderen dienen, wenn auch die Asso-
ziation zwischen den beiden nicht zurückgerufen werden kann. (Die
Affektübertragung von einem Erlebnis auf einen Teil desselben ist häufig;
z. B. die Angst vor Messern bei jemandem, der einmal fürchtete, Selbst-
mord zu begehen.)
Die Entdeckung des früheren Kindheitserlebnisses verleiht also dem
Läuten der Glocken eine zunächst unverdächtige Bedeutung. Es ist eine
Bedeutung, die mise en scene einer Tragödie von Schmerz und ein
Symbol dieser Tragödie. Aber war diese Schmerzenstragödie die
wirkliehe Erklärung für des Kiudes Angst oder vielleicht richtiger
gefragt, war sie die ganze Erklärung? Und ist es auch noch für die
erwachsene Frau die Erklärung? Kann die bloße Fortdauer einer pein-
lichen Erinnerung ihre immerwiederkehreode, unterbewußte Wirksamkeit
während 25 Jahren, in das Leben der Erwachsenen hinein erklären, so daß
der Affekt des Kindes wiedererweckt werden soll, wann immer ein Element des
ursprünglichen Erlebnisses (Glocke, Turm) dem Bewußtsein entgegentritt ?
Noch mehr, kann das Andauern der bloßen Assoziation eines Affektes mit
einem Objekt, unabhängig von einem unterbewußten Prozeß eins solche
Psychose erklären? Eine dieser beiden Voraussetzungen ist augenscheinlich
unhaltbar, wenn man sie der Erfahrung der großen Masse der Mensehen
gegenüberstellt Die überwiegende Majorität hat irgend einmal im Laufe
der Zeit aufregende, traurige oder furchteinfloßende Erlebnisse gehabt,
aber es zeigt sieh nicht, daß sie deshalb für Jahre nachher irgend einen
Gegenstand oder eine Vorstellung, die sich auf dieses Erlebnis beziehen,
nicht ins Auge fassen können, ohne von demselben Affekt übermannt
zu werden. Ein solcher Affekt läßt im Laufe der Jahre nach und stirbt
endlich. Nm- wenige, relativ gesprochen, leiden auf diese Weise und das
nennt man dann eben, weil es der gewöhnlichen Erfahrung widerspricht,
eine Psychose.
Wir müssen also in dem zu prüfenden Fall einen anderen adäquaten
Faktor suchen. Bei der Beschreibung der Episode in der Kirche gab die
Patientin an, daß sie es bei irgend einer Gelegenheit unterließ, in die
Kirche zu gehen und zu beten, und daß ihr der Gedanke kam, wenn
ihre Mutter stürbe, wurde es von dieser Unterlassung kommen und ihre
538 Prof. Morton Prince.
Schuld sein. Sie glaubte buchstäblich, daß das Auge Gottes^) bei all
ihrem täglichen Tun und Treiben über ihr sei, und als ihre Mutter wirkHcIi
starb, dachte sie, es sei eine Sti-afe Gottes für sie, dieses einen Vergeliena
wegen. Folgerichtig meinte sie, daß sie wegen ihrer Mutter Tod
anzuklagen, daß der Tod ihrer Mutter ihre Schuld wäre.
Sie fürchtete, den Tod ihrer Mutter ins Auge zu fassen, nicht aus
Kummer, das war eine AusBucht, sondern weil sie dachte, daß sie
deshalb anzuklagen sei; und sie fürchtete, Türmen mit Glocken zu be-
gegnen, oder vielmehr dem Läuten von Glocken, weil sie den Tod ihrer
Mutter symbolisierten oder darstellten (ebenso wie ein Grabstein ihn
darstellen würde), und wenn sie sich diese Tatsache vor Augen hielt, so
mußte sie sich auch ihre eingebildete Schuld und ihre Selbstvorwürfe
vor Augen halten und das brachte sie nicht über sich. Das war die
wirkliehe Furcht, die Furcht vor ihrer eigenen Schuld. Der Affekt
war also nicht nur eine Wiederkehr des mit der Kirchenepisode ver-
bundenen Affekts, sondern eine Reaktion auf ihre Selbstvor-
würfe. Um ein wenig metaphorisch zu sprechen, das Gloekengeläute
mahnte sie, wie Banquos Geist Macbeth mahnte.
All dies war des Kindes Anschauungsweise,
Aber ich fand, daß die Patientin, eine reife Frau, noch immer
glaubte und eigensinnig daran festhielt, daß der Tod ihrer
Mutter ihre Schuld war. Sie hatte niemals aufgehört, daran zu glauben
Woher kam das? Wieso war der naive Glaube des Kindes nicht durch
die reiferen Jahre verändert worden? Es schien nicht wahrscheinlich daß
der angeführte Grund des Kindes auch der wirkliche Grund der Erwach-
senen zu Selbstvorwürfen war. Ich glaubte es nicht. Eine Frau von
40 Jahren konnte sich nicht aus solchen Gründen Vorwüi-fe machen. Und
selbst wenn dieser Glaube ursprünglich die wahre Ursache gewesen so
war sie tatsächlich dem religiösen Glauben des Kindes entwachsen ; ' sie
war eine vollkommene Agnostifcerin. Weitere Nachforschung brachte fol-
gendes zutage:
1} Diese Torstellung h^tte ihren Ursprung in einem Kindormärchen und wurde
Ton der Gouvernante genährt, als Hilfsmittel, um ein artiges Betragen zn erzielen.
Dag Kmd, indem es das Märcben als wahr liinnahm, glaubte, daß das Auge Gottes
immer über ihr and jedem auf der Welt sei und die Taten and Unterlassungen aller
Menschen -überwache. Das Milrchen erregte ihre Phantasie und sie dachte "oft dar-
über nach und fragte sich, wie Gott nur sein Auge Über ah die vielen Menschen
halten könne, die auf der Welt sind. In einem noch irülioren Alter, als sie
etwa 8 Jahre war, hatte sie auch gedacht, daß der Tod ihres kleinen Bruders ihre
Schuld sei, weil sie eines Nachts, während seiner KrankJieit, als das Au^e Gottes Über
ihr war, es vernachläasigt hatte, ihre Gebete zu sagen. Lange Zeit hernach qtiülte
sie sich mit Selbst vorwürfen. Es ist interessant, das Aufhören dieser Selbst vorwürfe
beim Heranreifen mit der Fortdauer der späteren zu vergleichen, die offenbar die im
Text angegebenen Ursachen hat.
DiB Paj-cliopatliologie eines Falles von Phobie. 539
Drei Jahre vor dem Tode ihrer Mutter hatte die Patientin, damals
13 Jahi-e alt, infolge ihrer Unachtsamkeit und ihres Ungehorsames gegen
die Vorschriften ihrer Mutter sich eine „Erkältung" zugezogen, die als
beginnende Phthise diagnostiziert worden war. Auf den Bat der Ärzte
nahm ihre Mutter sie zu einer „Kur" nach Europa und wurde hier zwei
Jahre zurückgehalten (ihrer Meinung nach), alles um des Kindes Gesund-
heit willen. Am Ende dieses Zeitraumes zeigte es sich, daß ein schweres,
chronisches Leiden, an dem ihre Mutter schon lange litt, sich so ver-
schlimmert hatte, daß es eine Operation auf Tod und Leben nötig machte.
Die Patientin glaubte noch zur Zeit der Behandlung und argu-
mentierte, daß, hätte ihre Mutter nicht mit ihr fort müssen, sie daheim
unter ärztHcher Aufsicht geblieben, um vieles früher operiert worden und
aller Wahrscheinlichkeit nach nicht gestorben wäre. Ferner, da die Pa-
tientin sich unvorsichtig und ungehorsam der Erkältung ausgesetzt und
dadurch das Leiden herbeigeführt hatte, das den Aufenthalt in Europa
nötig machte, so war sie verantwortlich für die Folge der Umstände, die
so tragisch endigten.
AU dies war, wenn die Tatsachen der Darstellung entsprachen,
durchaus logisch und richtig. Hier also lag der wahre Grund für den
Glauben der Patientin, daß sie Schuld am Tode ihrer Mutter sei, und
für ihre konstanten Selbstvorwürfe. Eskaraheraus, daßalldies
schon auf dem Gemüt des Kindes gelastet und daß das
Äind ebenso daran geglaubt hatte. So hatte das Kind zwei
l^ruude sich selbst Vorwürfe zu machen. Erstens weil es sein Gebet
vernachlässigt hatte, zweitens weil es die indirekte Ursache der tödUchen
S- W !S ^7r" ^^^- ^ ^^'^^ e^^«^^ «« f««t. Über den ersten,
ZI ^ I "' """"^ "^"^^ ^°^*^^" "»^^i«^ ^ar, war sie hinaus-
gewachsen, aber der andere blieb bestehen.
_ Fassen wir unsere Untersuchung bis zu diesem Punkt zusammen : AUe
diese Erinnerungen, umfassend Kummer, Leiden, Selbstvorwiu-fe, die
G ecken, die Mutter bildeten einen Niederschlag im Unbewußten, der den
Glocken der lürme ihre Bedeutung gab und Anteil an der Funktion
hatte, das psychische Gesamtbild zu formen. Die bewußte Psychose bestand
zunächst nur ,m Auftauchen zweier Elemente im Bewußtsein, nämlich
der Perzeption und des Affekts; und die Angst war eine Reaktion ihrer
Selbstvorwurfe, war die Angst davor, sich selbst verurteilen zu müssen
Nun aber, selbst wenn der Tod der Mutter logiseherweise durch
eine Kette von zufälligen Umständen die Schuld der Patientin war, war-
um legte sie, sonst eine intelligente Frau, soviel Gewicht auf das Beneh-
men eines unmündigen Kindes. Das Kind hatte sich, alles in allem nicht
anders benommen als andere Kinder. Die Leute tadeln sich nicht
bewußt im späteren Leben für die äußersten Konsequenzen kindlicher
Fahrlässigkeit,
540 Prof. Morton Prince.
Der allgemeinen Erfahrung nach dauern solche Selbstvorwiirfe nicht
bis in das Leben der Erwachsenen ohne irgend einen beständig wirken-
den Faktor.
In diesem Falle brachte ein Forschen im Unbewußten die fixe Idee ans
Licht, daß, wenn etwas in ihrem Leben unglücklich ausging, es ihre Schuld
sei. Diese Idee war wieder und wieder hervorgesehossen aus Anlaß von
entsprechenden und auch nicht entsprechenden Tatsachen. Die Patientin
war z, B. bei vielen Gelegenheiten tatsächlich nicht im stände gewesen,
ihr Haus zu Vergnügungsausflügen zu verlassen, aus Angst, es konnte
sieh daheim ein Unfall ereignen uud folglich unter ihr Verschulden
fallen; und wenn sie fern war, fürchtete sie fortwährend, es könnte
etwas geschehen, wofür sie verantwortlich wäre. Es war nicht dio Angst
vor dem, was geschehen konnte, — ein Unfall der Kinder beispielsweise
— sondern, daß es ihre Schuld wäre. Ich habe sie, wenn eine Angele-
genheit von offenbar geringer Bedeutung schlecht ausgegangen wai-,
plötzlich ausrufen gehört: „War es meine Schuld?", wobei ihre Stimme
und ihre Züge eine Bewegung ausdrückten, die sich bis zu heftigem
Schreck steigerte. Als ihr Bruder starb (noch früher, vor dem Tode
ihrer Mutter), hatte sie sieh seihst wegen dieses Todes verurteilt wie
später beim Tode ihrer Mutter, ans denselben religiösen Ursachen. Diese
Selhstvorwürfe wegen Ereignissen, an denen sie sich einbildete, Schuld
zu haben, äußerten sich häufig in ihren Träumen, Es würde uns zu
weit abseits führen, dieser Vorstellung bis auf ihren Ursprung und ihre
Psychogenese nachzugehen. Es möge genügen, daß sie sieh bis in ihre
frühe Kindheit, als sie fünf oder sechs Jahre war, zurück verfolgen läßt
Sie war ein einsames, unglückliches Kind, Sie hielt sich für häßlich
nicht anziehend und unbeliebt, und meinte, das werde ihr Leben lang
so bleiben und sei nur ihre Schuld, weil sie, wie sie meinte, häßlich war.^)
') Ein anderes Beispiel dieser Idee nnd der Art, wie sie die Psychose herbei-
fahrte, ist folgendes: Sie hatte eine heftige Abaeignng gegen den Klan™ von
fließendem Wasser. Dieser Laut flülite ihr ein intensives Gefühl von Elend und
Einsamkeit ein. Dies Gefühl war so lebliai't, daß, wo immer sie den Klang von
fließendem Wasser hörte, sie sich davon kh entfernen sucMe. Das Geräusch einea
Brunnens z. B. oder des Regenwassers aas einer Dachrinne konnte ihr solches Unbe-
hagen verursachen, daß sie ihr Schlafzimmer verlegte, nra davon loszukommen. Kben-
ao war ihr das Rinnen des Wassers zur Füllung der Badewanne so peinlich, daß sie
darauf bestand, die Tür zu schließen, um das Oerüusch nicht hereindringen zu
lassen. Sie konnte keine Erklärung für diese Psychose geben. Anf folgende Weise
wurde sie aufgedeckt, Sie hatte gewünscht, die Ursaclie herauszufinden und wir
hatten den Gegenstand erörtert. Ich hatte ihr versprochen, icli würde die Sache
seinerzeit, nach der Heilung der anderen Phobie, enträtseln. Hierauf hypnotisierte ich
sie und in der Hypnose, gerade nachdem wir mit dem anderen Problem fertig gewor-
den waren, bemerkte sie, daß eine mit dem fließenden Wasser assoziierte Erinnerung
im Begriffe wäre, in ihrem Gedächtnis aufzutauchen. Eine Weilo konnte sie sie
nicht fassen, dann nach einiger Anstrengung tauchte sie plötzlich anf. Sie beschrieb
--- Il-ILJ _ . JII.ILJ i-.i. ^^
Die Psychopathologie eines Falles von Phobie. Kii
Der Instinkt der Selbsterniedrigung (Mc. DougaIl)i) oder des negativen Selbst-
gefühls (Eibot) belierrschte ihre Persönlichkeit als stärkster Instinkt und
bildete infolge seiner Intensität innerhalb des Gefühls der Selbstliebe
(Mc. Dougall), ein Gefühl der Selbstgeringachätzung. Sie wünschte, geliebt
zu werden, und hielt es für ihre Schuld, daß sie es, wie sie sich einbildete,
nicht war und niemals sein würde, und sie machte sich dementsprechend
Vorwürfe. Dieses Gefühl der eigenen Geringschätzung mit seinen
Impulsen zu ungerechten Selbsvorwürfen hat, wie bei vielen Leuten, ihr
ganzes Leben hindurch bestanden und wurde durch unkluge und gedan-
kenlose Kritik noch genährt. Die Andauer dieses Impulses zu Selbstvor-
würfen bis auf den heutigen Tag zeigt sich in folgender Beobachtung:
Vor ganz kurzer Zeit begann unsere Patientin an allgemeiner Müdig-
keit, Schlaflosigkeit, quälenden Träumen, hysterischem Weinen, unbe-
stimmter Angst und Pseudodämmerzustanden oder Zuständen äußerster
Benommenheit zu leiden. In diesen Zuständen vergaß sie ihre Umge-
bung, hörte nichts von dem Gespräch um sie herum und antwortete
nicht, wenn man sie direkt ansprach. Dies wurde so auffallend, daß sie
zum Gegenstand des Spottes ihrer Umgebung wurde. In diesen Zustän-
den war ihr Geist stets mit Träumereien (nicht Phantasien) beschäftigt,
sie folgendermaßen : „Es war in Bar Hai-bor. Ich war etwa acht Jahre alt. Dort gab
es einen Bach namens Duck-Erook. Dia älteren Mädchen pflegten dort an Sonntagen
mit den Knaben spazieren zu gehen. Ich ging eines Sonntags mit ihnen, begleitet
von der Gouvernante, und stand mit einem Knaben am Bach. Es war ein sehr lär-
mender Bach, da sein Wasser den Bergahhang hinabrann. Während ich am Bach
stand und das fließende Wasser beobachtete, verließ mich der Knabe, um den an-
deren Mädchen xtx folgen, die fortgegungen waren, Ich dachte, daß es im Leben
immer so gehen werde; daß ich häßlich sei nnd man nie bei mir bleiben werde. Ich
fühlte mich einsam nnd imgläcküch. Wahrend dos Sommers wollte ich an Veran-
staltungen dieser Art nicht teilnehmen, aus Angat oder in dem Gefühl, daß der Vor-
fall sich wiederholen würde. Ich blieb aUein zu Hanse nnd wenn ich mich weigerte
mitzugehen, hielt man es für Verdrossenheit. Sio kannten meine wirklichen Gründe
nicht. Seitdem kann ich das GerKusch von fließendem Wasser nie ertragen und es
bewirkt, daß ich mich unglücklich und allein fühle, so we ich es damals tat. Ich dachte
damals, es wäre aUes nur meine Schuld, weil ich häßlich wäre." Ich bemühte mich
nun, der Patientin ziemlich ausführlich darzulegen, daß sie jetzt, wo sie aUe Tat-
EHchea kenne, die ans „volle Licht des Tages" usw. gebracht worden seien, natürlich
nicht mehr die früheren, peinlichen Empfindungen beim Geräusch des fließenden
Wassers haben würde. Um darauf gleich die Probe zu machen, streckte ich die
Hand aus und goil etwas Wasser aus einer zufällig danebenstehenden Flasche in ein
Glas, wobei ich das Wasser aus einer gewissen Höhe herabfallen ließ, nm ein Geräusch
hervorzurufen. Sogleich verriet sie Unbehagen und suchte mich mit der Hand
zurückzuhalten. Offenbar maßte die Grundlage geändert werden. Dies war leicht
dadurch geschehen, daß ich sie zu der Einsicht brachte, dafi sich die Voratellongen
ihrer Kindheit durch die Erfahrungen des Lebens als falsch erwiesen hatten. Als ihr
dies klar wurde, lachte sie über sich selbst ojid die Psychose war mit einem Male
verschwanden,
*) Social Psychology.
542 Prof. Morton PrJuce.
die ihr meist als angenehm galten und eine sehr nahe Verwandte be-
trafen, die etwa ein halbes Jahr vorher gestorben war. Auch ihre quä-
lenden Träume beschäftigten sich mit dieser Verwandten. Es schien
daher angesichts der Symptone wahrscheinlich, daß sie auf irgend eine
Weise in Beziehung zu dem Tode dieser Verwandten standen.
Es stellte sich nun heraus, daß, wie ich bereits wußte, die Ver-
wandte unter ziemlich tragischen Umständen gestorben war, und daß
unsere Patientin während der letzten Krankheit ungewöhnlich viel
Schmerz und Beängstigung erlebt hatte. Sie konnte, so behaup-
tete sie, es nicht ortragen, von diesem Erlebnis zu spre-
chen oder auch nur daran zu denken, und hatte sich oft
und oft geweigert, dies zu tun, und esaus ihrem Gedächt-
nis verdrängt. Sie behauptete ferner, daß die Ursache für
dieses Gehaben die qualvolle Natur der Ereignisse sei,
die sie mitmachen mußte.
Nun, ich glaubte nicht, daß dies der wahre Grund sei, wenn er auch
in gutem Glauben angeführt wurde. Es war offenbar unwahrscheinlich.
Zu sagen, daß eine längst erwachsene Frau, eine Frau von 40 Jahren
nicht können soll, was jede Frau kann, nämlich traurige Erinnerungen
ertragen, nur deshalb, weil sie traurig sind, und daß sie sie gewaltsam
aus ihrem Gedächtnis verdrängen muß, ist Unsinn. Es muß ein anderer
Grund vorhanden sein.
Ais ich einen ihrer Träume untersuchte, fand ich ihn in einer Hin-
sicht eigenartig. Er war keine Schöpfung der Einbildungskraft oder
Phantasie, sondern ein detailliertes und genaues Wiedererleben der
Szenen an dem Totenbett : das heißt, es war eine Art von somnambulem
Zustand, Bei der Erinnerung an diesen „Traum"') konnte sie sich eine
Zeitlang nicht auf den Schluß besinnen. Endlich „brach er durch"
wie sie sieh ausdrückte. Der Traum lautete folgendermaßen: Zuerst
kamen zahlreiche Einzelheiten von ihrer Wache während der letzten
Krankheitsnacht. Dann ging sie in ihr Zimmer und zu Bett, um einige
Augenblicke Schlaf zu erhaschen ; sie wurde geweckt durch das Erschei-
nen des Gatten der sterbenden Verwandten in ihrem Zimmer. Er saß
am Bande ihres Bettes uud sagte ihr: „Es ist alles vorüber". Bis zu
diesem Punkt entsprachen die Traumgeschehnisse bis ins Detail den
wirklichen Geschehnissen, wie sie sich zugetragen hatten; hier aber
brachte der Traum eine Tatsache zur Darstellung, die bei dem wirk-
liehen Erlebnis nicht vorgefallen war. Im Traum nämlich setzte sie sich
plötzlich im Bett auf und rief: „Um Gottes willen, dann hätte ich also
um den Arzt schicken sollen".
Hier war der Schlüssel für die Unerträglichkeit der Erinnerungen
an die Kran kheit der Verwandten und die Szene am Totenbett. Folgen-
') Dies geschah in der Hypnose: im Wachzustand war der Traum vergesser.
m
Die Psychopathologie eines FaUes von Phobie. 5.3
stl'itVf "'tT''- 'u '"'"^ ^"•^'" ^'^^'"^ '^-- K-nkheit hatte
sich die Frage erhoben, ob man einen Arzt aus London zur Konsulta-
tion kommen lassen aollte. Die Kosten wären infolge der Entfernung
betrachtheb gewesen. D:e ganze Verantwortung und Entscheidung stanf
bei unserer Patientin Entgegen der Meinung der anderen Verwandten
hatte s,e entschieden, daß es nicht rätlich wäre. Nach dem traurigen
Ende war die Frage wieder aafgetaueht, ob sie nach dem Consilials
hatte senden sollen, und sie wurde von Zweifeln gepeinigt, ob sie recht
gehandelt hatte: war der unglückliche Ausgang ihreSchuld?
Obwohl sie es siah selbst begründet hatte, daß ihre Entscheidung auf
richtigem Urteil beruhte, hatte doch in ihrem Innern stets ein Zweifel
gelauert. Sie war auch ein wenig verstört bei dem Gedanken, was wohl
die Ansicht des Gatten darüber sei.
Die wahre Ursache, weshalb sie den Gedanken an die letzte Krank-
heit dieser Verwandten nicht ertragen konnte, und die Psycbogeuese der
Symptome waren nun klar: es wai- nicht Kummer, sondern Selbstvor-
wm-f mit seinem Trieb zur Selbsterniedrigung. Die Erinnerungen brachten
sie auf den Gedanken, die Schuld sei die ihre und damit kamen die
Selbstvorwuife. Vor diesen Selbstvorwürfen hatte sie Angst
und wollte ihnen nicht begegnen; und diese Tatsache erkannte
sie und gestand sie freimütig nach Schluß der Analyse ein
Nun zum therapeutischen Ergebnis. Die fcankheit der Verwandten
war zu beginn kemeswegs gefährlich und die vorgeschlagene Konsulta-
tion hatte mit der Frage der Lebensgefahr nichts zu tun Der Tod
wax ausschheßhch infolge eines zufällig hinzugekommenen Faktors einge-
treten und konnte nicht vorhergesehen werden. Als ich ihr in der
Hypnose ausführlieh erklärte und versicherte, daß ihre Entscheidung
medizinisch durchaus richtig war, wie es auch zutraf, machte es
Freude, den Wechsel ihrer Stimmung zu sehen. „War es nicht meine
Schuld war es nicht meine Schuldi" rief sie voll Erregung. Beängsti-
gung, Schrecken und Niedergeschlagenheit machten der Heiterkeit und
Freude Platz. Hierauf erwachte sie, innerlich vollkommen erleichtert
und behielt dasselbe Gefühl der Freude, ohne die Ursache zu kennen'
Die Erklärung wurde ihr im Wachzustand wiederholt und sie erkannte
vollkommen (wie sie auch in der Hypnose getan), daß ihre frühere
Ansicht eme reine Ausflucht gewesen, und nahm die Bichtigkeit der auf-
gedeckten Ursache für ihre Unfähigkeit, den peinlichen Erinnerungen
ms Auge zu sehen, voll an. Die Dämmerzustände, die Schlaflosigkeit
die qualenden l>äume, die Beängstigung und andere Symptome ver-
schwanden mit einem Male.
Kehren wir nun zu der Gloekenphobie zurück, so wird es im
Lichte aller dieser Tatsachen deutlieh, daß der Glaube der Patientin an
ihre Schuld am Tode ihrer Mutter und die daraus folgenden Selbstvor
= ^ Prof. Morton Prince.
Würfe nur ein besonders konkretes Beispiel einer das ganze Leihen an-
dauernden, den Eriebnissen der Kindheit entspringenden Affektstrebung,
sieb selbst zn tadeln, war^ diese Strebnug aber war das Bemühen, sieb
Geltung zu verschaffen, des Instinktes der Selbsterniedrigung mit dem
Trieb nach Selbstnnterwerfung der, im „Gefühl der Selbstliebe" (Mc.
Dougall) eingeschlossen, so stark ausgebildet war und eine so große Rolle
in ihrem Leben spielte. In der Tat, dieser Instinkt hatte ihr Gefühl
der Selbstliebe fast beherrscht und häutig Selbstvorwürfe wegen zufäl-
liger Ereignisse hervorgerufen. Jetzt entschied er speziell ihre geistige
Einstellung gegenüber der Kette von Ereignissen, die iu fortwährender Stei-
gerung zu dem unglückliehen Ende führten, und bestimmte ihr Ui-teil,
das Selbstverdammnis und Selbst Vorwurf war. Letzterer erhielt höchst
wahrscheinlich vermehrte Affektstärke durch die zahlreichen peinlichen
Assoziationen, die in früheren Erlebnissen (meist solchen aus der Kind-
heit) wurzelten und Gefühle der Selbstliebe, Selbsterniedrigung und
Selbstvorwürfe in sich sehlossen.i) Nichtsdestoweniger handelte
es sich um die Furcht vor einem ganz bestimmten, kon-
kreten Selbstvorwurf. Die allgemeine Tendenz war nur so weit
von Bedeutung, als sie den Standpunkt in dem bestimmten Fall erklärte
und noch andere Selbstvorwürfe herbeiführte.
Das Hauptresultat dieser Untersuchung dürfte darin bestehen, daß
wir für die Phobie eine umfangreichere Grundlage anzunehmen haben
als die üthmei-zlichen Ereignisse beim Tode ihrer Mutter. Der unbe-
wußteS) Komplex schloß den Glauben an ihr tadelnswertes Verhalten
und die Selbstvorwürfe in sich und das Ganze" gab dem Geläute von
Turmglocken eine bessere Deutung. Die Angst war nicht nur eine wieder-
kehrende Assoziation, sondern auch die Reaktion auf die im Unterbe-
wußtsein festgesetete und hier erregte Einbildung und Selbstanklage.
Die Angst bezog sich, wenn sie auch durch Kirch- und andere Türme
1) Zum Beispiel: Als ich zur Therapie kam, fand ich wahrend ihres Däromer-
ETiStandes, daß die Ptttientin nicht geneigt war, ihren Standpunkt aufzugeben, „denn«,
so sagt« sie, ,or bietet mir einen Vorwand, so daß i«h, wenn ich mich einsam fühle
und sonst kein Grund dazu vorhanden ist, auf diese Erinnerung und diese Anschau-
ung zurückkommen kann, als auf etwas, das mein Weinen und mein Gefühl des
Alleinaeins und der Traurigkeit rechtfertigt."
Wenn sie sich jetzt traurig fühlt und weint, wie ea zuweilen geschieht, und
sie sich nach dem Warum fragt, so kehrt Bio im Geiste zu ihrer Kindheit zurück
und erinnert sich, wie einsam sie war, und dann weint sie noch iieftiger. Dann kommt
ihr die unklare Idee, daß der Tod ihrer Mutter ihre Schuld sei. Es ist ihr also ^
genehm, daran festzuhalten, wie an eiaem Kagel, an den sie jedes gegenwärtige Ge-
fühl von Trauer und Einsamkeit hängen kann.
ä) Ich unterscheide zmschen unbewußt und unterbewußt, so daß erat eres (nach
meiner Terminologie) eine üntorahteilang von letztereni ist und sich nur auf dje lu»-
hewahrten Residuen früherer Erlebnisse und Prozesse bezieht, die ''«'." P^y^J"^"^'^^^'
Äquivalent haben, w&hrend unterbewußt außer diesen auch noch mitbewuüi ^
scioos) Prozesse in sich schließt.
■
'
Die Psychopathologie eines Fallea von Phobie. 545
erregt wurde, tatsächlich auf ihre Selbstvorwürfe. Kirchtürme Türme
überhaupt und Glocken symbolisierten nicht nur in einer Hinsieht
den Tod ihrer Mutter, sondern auch ihre eigene Schuld. In diesem Sinne
und aus diesem Grund vermochte sie derartige Gegenstände nicht zu er-
tragen. Das Bewußtsein und das Unbewußte bildeten ein psychisches
Ganzes. ')
Nachdem wir nun zu diesen Schlußfolgerungen gelangt sind, wollen
wn- sehen, welchen Weg mr zurückgelegt haben, Ausgehend von eine.-
Phobie, die sich dem Ansehen nach auf Türme bezieht, iinden wir, daß
sie richtiger das Glockenläuten zum Objekt hat, aber ohne bewußte
Assoziaüon; dann kommen wir zu einer Kimlheitstragödie; es folgen die
Selbstvorwürfe aus religiösen Gründen ; dann der Glaube an einen Fehler
im Benehmen als Kind, der sich au einem lebenslänglichen Selbstvor-
wurf steigerte, — hier der ursächliche Faktor und psychologisch das
wahre Objekt der Phobie, und zwischen diesem letzten Selbstvorwurf und
der Phobie keine bewußte Assoziation,
Das therapeutische Vorgehen und die Resultat,e sind lehrreich
Da die Angst durch den Glauben an einen eingebildeten Fehler herbei-
geführt wurde, der sich zu einem Selbstvorwurf entwickelte, hätte offen-
bar der Selbstvorwurf weichen und die Angst schwinden müssen, als
man diesen Glduben zerstörte. Die Patientin nun erkannte, wie es ja
meist geschieht, als alle Tatsachen ans Licht gebracht waren, ihre Wahr-
heit an, Sie erkannte auch voll und ganz die wahre Natur der Angst
als Folge von Splbstvorwnrf und Selb.stverurtGilung. Kein Zweifel blieh in
ihr zurück, und doch wurde die Phobie nicht dadurch geheilt, daß die
Tatsachen, „an das volle Licht des Tages" gebracht wurden. Als erster
Schritt in der Therapie wurde ihr gezeigt, daß es dem gesunden Menschen-
verstand widerspreche, sich einer kindlichen Unachtsamkeit wegen an-
zuklagen; daß alle Kinder ungehorsam seien; daß sie eine kleine Zier-
puppe gewesen wäre, hätte sie zu den stets gehorsamen Hindern gehört,
daß sie nie ein anderes Kind getadelt |hätte, das sich unter ähnlieben
Umständen ähnlieh benommen hätte usw. Sie sagte einfach, daß sie
') Ich zweifle nicht daran, daß manoUa darauf bestehen werden, in Türmen mit
Clocken ein Sesnalsymbol und in dem Selbstvorwurf eine P.enktion auf einen ver-
drängten inrantilen oder anderen sexuellen Wanach au sehen. Aber ich kann dieser
Ansicht nicht beitreten, 1, weil Ttlrme nicht das tatsächliche Objekt der Phobie sind,
ja nicht einmal das von der Patientin angeführte, das vielmehr im LUuten der
Glocken bestand, 2. weil es ein unnötiges Postulat ist, das durch die Zeugnisse nicht
gestützt wird, und 3. weil tatsächlich die assoziativen Erinnerungen aus dem früheren
Leben offenbar frei von sexuellen Kenntnissen, Wünschen, Neugierde, Erlebnissen und
Phantasien waren, ich auch trotz erschöpfender Untersuchung kein Zeugnis für einen
sogenannten Vuter-, Mutter- oder sonstigen sexuellen Komplex «nden\onnte. Die
Impul.se der nicht sexuellen Instinkte genügen, um ein psvcliisches Trauma, eine fixe
Idee und einen Affekt berbeiaufüliren. An etwas anderem festzuhalten, heißt, ein Do"ma
an Stelle der aus der Erfahrung geschöpften Beweise setzen.
Zeitaclir. f. Urill, Psych oanalyae. oe
546 Prof. Morton Piince.
das alles verstandesmäßig als wahr erkennej daß sie diesen Stand-
punkt bei einem anderen Menschen in ilirer Lage eiimelimen würde, daß
jedoch ihre Einstellung sich selbst gegenüber dadurch nicht im minde-
sten geändert werde. Mit anderen Worten, ihre Phobie wurde dadurch,
daß die Tatsachen an das volle Licht des Tages kamen, nicht geheilt.
Es war nötig, die Grundlagen ihres Glaubens zu erschüttern. Dazu
mußten entweder die beigebrachten Tatsachen als falsch
erwiesen, oder neue angeführt werden, die ihnen eine neue
Bedeutung gaben. Dies geschah, um es kurz zu berichten, folgender-
maßen:
Sie wurde in eine leichte Hypnose versetzt, damit genaue und de-
taillierte Erinnerungen aus ihrer Kindheit zu Tage gefördert werden könnten.
Dann wurde durch ihre eigene Erinnerung dargelegt, das heißt, die
Patientin selbst legte dar, daß es sehr zweifelhaft sei, ob sie
überhaupt jemals eine Phtise hatte ; daß sie nicht in die gewöhnliehen
„Kurorte" fm- Lungentuberkulose gebracht wurde, sondern sieh in den
lustigen und unterhaltenden Städten und Badeorten Europas aufhielt-
daß ihre Mutter in Wirklichkeit in Europa blieb, weil es ihr Vergnügen
machte, und daß sie den Gesundheitszustand ihrer Tochter als Ausrede
gebrauchte, um nicht heimkehren zu müssen, daß sie jederzeit hätte zu-
rückkehren können, aber nicht wollte, und daß die Schuld, wenn über-
haupt eine vorhanden war, an dem Arzt daheim lag. Als dies zum Vor-
schein kam, bemerkte die Patientin: „Wirklich, jetzt sehe ich es
Meine Mutter blieb nicht meiner Gesundheit zuliebe in Europa, sondern
weil es ihr Vergnügen machte, und sie hätte jederzeit zurückkehren
können, wenn sie es gewünscht hätte. Ich habe das früher nie bedacht.
Es war durchaus nicht meine Schuld". Als die Patientin aus der Hyp-
nose erwachte und die Tatsachen, die ihr entlockt worden waren, ihr
vorgehalten wurden, sagte sie wiederum wie schon in der Hypnose, daß
sie jetzt alles deutlich einsehen könne, und ihre ganze Anschauungsweise
war verwandelt.
Die Therapie bestand also darin, der Patientin zu zeigen, daß die
von ihr angeführten Tatsachen, auf denen ihre logischen Schlüsse be-
ruhten, falsch waren. Dadurch wurde die Grundlage geändert und den
realen Dingen eine neue und richtige Bedeutung gegeben. Das Resultat
war, daß Kirch- und andere Türme keine Angstzustande mehr hervor-
riefen, die Phobie hörte mit einem Male auf, — eine augenblickliche
Heilung, 9
') Es ist bemerkenswert, daß auch, nachdem die durch die Analyse herbeige-
schafften Tatsachen ans „volle Licht des Tages" gebracht wai-den, ganze anderthalb
Jahre vergingen, ehe die Heilung eintiat; während dieser Zeit dauerte die Phobie an.
Die „Heilong" wurde m einer Sitzung herbeigeführt. Die ui'sprangliche Untersuchung
■wurde aus rein psychologischen Gründen antern o mm en; die Knr, am die Untersu-
chung zu vervollständigen.
HI.
Das Stottern eine Psychoneurose und seine Behandlung durch
die Psychoanalyse.
Von Dr. M. D. Eder (London), ')
Geheimnisse sind störend und man soll sie vermeiden, lassen Sie
mich daher gleich zu Beginn erwähnen, daß unter Psycho-Neurose hier
em Leiden zu verstehen ist, bei dem eine Störung der sexuellen Funk-
tion in Freuds Siüu die führende Rolle spielt:
Die Verdrängung gewisser Gedankeurichtungen aus dem Bewußt-
sein bildet den Hauptfaktor beim Stottern; die Verzögerung des Kehl-
kopf- und Mundmechanismus geht zurück auf den Wunsch, nicht zu
sprechen, der unbewußt bleibend mit Gedankenrichtungen, die zum
praktischen Ausdruck drangen, in Konflikt gerät. Mancher Normale
stottert in gewissen Situationen, zum Beispiel, wenn er irgend eines
Gedankens beschuldigt wird, mit dem er gespielt hat, ohne es sich selbst
einzugestehen, — hieher gehört die schwere und stammelnde Antwort
des Mädchens, wenn man um sie wirbt; ein Zeuge vor Gejicht stottert,
wenn seine Antwort ihn selbst oder andere belasten kann, — er will
etwas verbergen. Das ist die gewöhnliche Lage, in der der Stotterer sich
findet. Er hat etwas zu verbergen und muß befürchten, daß seine Worte
ihn bloßstellen; denn die gestotterte Eede verbirgt die Gedanken nicht
genug, er würde lieber überhaupt nicht sprechen. Die momentane Ver-
zögerung gewährt dem Stotterer einen Vorteil, denn sie bewahrt ihn
davor, mit seinem ersten Gedanken sozusagen herauszuplatzen. Er macht
jedesmal ein Jungsches Wortassoziationsexperiment durch. Der Gewohn-
heitsstotterer fühlt instinktiv, daß ihm aus seinem Gebrechen Vorteile
entstehen ; in der Schule kann sein Versagen dem Sprachfehler anstatt
seiner Unwissenheit zugeschrieben werden, während der Lehrer aus Un-
geduld oft beim Ausfragen einen stotternden Knaben übergehen wird;
als Zeuge gewinnt der Gewohnheitsstotterer Zeit, seine Antwort vorzu-
bereiten. Damit soll nicht gesagt sein, daß der Stotterer nicht man-
>^
') Vortrag, gehalten in der Psychiatrischen Settion am 17. Internat. Kontn-eß
für Medjain, London, August 1913.
35»
548 DJ^- M. D. Eder.
cbci-lei Nachteile zu ordnlden li.it; aber der scheinbar schwerste, der ihn
immer in eine untergeordnete Stellung ziehen wird, seine voHkommene
Gleichberechtigung in der Gesellschaft hindert und ihn teilweise untaug-
hch zum Lebenskampf macht, kommt seinen unbewußten Wünschen ent-
gegen. Er kanu im Leben nur die zweite VioUne spielen und das Stot-
tern bildet, wenn er sich von der realen Welt zurückziehen will, eine
einleuchtende Enfachuldigung für ihn. Ebenso wie der Phthisiker in der
Selbsttäuschung lebt, daß ihm nicht viel fehlt und daß alles gut wäre,
wenn er nur Befreiung von seinem peinigenden Husten fände, so macht
der Stotterer glauben, daß er vollwertig wäre, wenn die kleine Sprech-
störung in Ordnung gebracht würde.
Bei einer solchen Betrachtung des Stott-erns, bei der die Störung
als Symptom der verborgenen seelischen Einstellung zur Welt angesehen
wird, kommt natürlich der physischen Behandlung nur wenig Bedeutung
zu; ich behaupte einfach, daß Fehler der Zunge, flor Zähne, des Mundes,
oder Kehlkopfes kein Stottern hervorrufen, wenn sie auch eine gute
Artikulation verhindern. Bei Erwachsenen mögen zuweilen Stimmübungen
notwendig sein, wenn einmal die psychischen Hindernisse des Sprechens
beseitigt sind. Alle Spezialkuren hängen im weitesten Maße von persön-
lichen Faktoren ab und Stotterer, deren Zustand in der Schule tadellos
ist, beginnen einige Monate darauf wieder zu stottern, — nicht weil sie
die gelernten Eegehi vernachlässigen, sondern, weil die Suggestion nicht
länger wirksam ist. Ich habe keine persönliche Erfahrung in den Resul-
taten von Hypnose und Suggestion beim Stottern, aber diese Behand-
lungsmethode, wie wirksam auch immer sie sein mag, hiitte nicht die
verborgenRu Faktornn im Gßistusleben der beiden Patienten aufgedeckt,
deren Krankengeschichten ich jetzt vortragen will.
Es wurde kaum ein Versuch gemacht, sich mit dem Symptom direkt
zu beschäftigen, wenn auch natürlich beim Eingehen auf die Neigungen
des Patienten spezielle Hemmungen zum Thema der Stunde gemacht
wurden.
ErsterFall. Mr. A. Z., ein Mann von 32 Jahren, hatte von Kind-
heit an gestottert. Im Aller von zehn Jahren wurde er in eine Spezial-
schule geschickt und seitdem von zahlreichen Spezialisten Englands und
des Kontinents ohne irgend welche dauernd günstige Kesultate behan-
delt. Der Patient schrieb seine psychische Depression und seinen Miß-
erfolg im Leben zum großen Teil dem Stottern zu, denn er meinte, daß
ihn die Angst, er könnte stottern, stets daran hindere, seine Rechte gel-
tend zu machen. Mit seinem tatsächlichen Stottern verband sich also die
Furcht vor dem Stottern, d. h. er stand unter dem Eindrucke, er werde
in entscheidenden Momenten stottern müssen. Der Patient hatte seit
seiner Kindheit an einem chronischen Ekzem gelitten, das am Scrotum
und Anus begann und sieh in späteren Jahren auf Arme und Schenkel
Das stottern eine Psj'clioneuroae und eeiae Behandlung darch die Psychoanalyse. 549
ausdelinte. Auch litt er von klein auf an einem Ausfluß aus dem Ohr,
von dem er erst mit etwa 18 Jahren geheilt wurde.
Infolge seines Ekzems wurde ihm verboten, sieh an körperliehen
Spielen zu beteiligen, bis ei mit 14 Jahren darauf bestand, Fußball zu
spielen, weil er noch mehr darunter litt, von anderen Knaben abzustechen,
als unter der durch das Ekzem verursachten Belästigung. Der Pa-
tient hatte mehrere Geschwister und seine Eltein nahmen, soweit man
dies von außen beurteilen konnte, alle Rücksieht auf ihn. Erst als er sehr
nahe an 20 war, wiu'de er sich der Idee bewußt, daß sein Vater ihn un-
gerecht oder hart behandelt habe; aber während seiner ganzen Kindheit
litt er unter dem Gefühl, ein kränkliches und unglückliches Kind zu
sein ; wenn er etwas Verbotenes getan, sei es sicherlich herausgekommen,
während seine Geschwister alle Gebote der Kinderstube straflos brechen
konnten. Seine frühesten Erinnerungfin betrafen die Vorliebe seines Vaters
für seine Schwestern. So entsinnt er sich aus dem Alter von vier Jahren
daß er und seine Schwester jeder auf einem Knie des Vaters saßen, der
ihnen ein Bilderbuch zeigte ; der Vater setzte den Knaben zur Erde
mit den Worten „du hältst nickt stili", „während doch die ganze Zeit",
80 setzte der Patient fort, „meine Schwester sich unruhig benahm".
Verletzt und gekränkt zog sich das Kind in sich seibat zurück.
Solche Szenen, die auf eine überempfindliche Anlage deiiten, gab es
viele. Schließlich scheute er sich, in Gegenwart seiner Eltern überhaupt
etwas zu tun, da sie es ihm ja doch nur als Torheit oder Ungeschick-
lichkeit anrechnen würden.
Im Alter von acht Jahren war diese Abkehr von seiner kleinen
Welt so stark, daß er sich dadurch tröstete, daß er bei Nacht die Worte
wiederholte: „Kommt zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid".
Dennoch hatte das Kind ungewöhnlich viel Interesse und Achtung für seinen
Vater. Ei- war ein Wundermann, der die seltsamsten Dinge vollbringen
konnte und eifrig lauschte der Kleine auf die Gespräche seines Vaters
und bemühte sich, ihn in jeder Kleinigkeit nachzuahmen. So z. B. eilte
er, sobald er von seinem Vater lesen gelernt hatte, in die Kinderstube
und bemühte sich, es seiner zweijährigen Schwester beizubringen, oder
er wiederholte ihr die Gespräche über Politik, die er gehört hatte. Der
Vater stotterte. Vater und Sohn haben jeder gewisse Laute — die ge-
wöhnlichen Laute der Stotterer. Eine der Hauptschwierigkeiten bildete
der Laut 1 und damit ist ein Vorfall aus seiner Kindheit verknüpft. Er
erinnert sich, daß er mit viereinhalb Jahren ein kleines Mädchen, namens
L. L., mit dem er spielte, niederwarf und ihre Genitalien betrachtete ;
auch daß er damals überrascht die Unterschiede der zwei Geschlechter
bemerkte. Aber er fühlte, daß er etwas Unrechtes imd Verbotenes getan
hatte und konnte den Namen der Mutter des Kindes, Mrs. L,, nicht aus-
sprechen. Der Buchstabe 1 spielt eine große Rolle in der Jugendgeschichte
550 '^^ M- ^- ^'i^'^-
des Kindes. Ich besitze eine große Zahl von Namen von Personen, Häu-
sern usw., welche die Analyse zu Tage gebracht hat. Dennoch ist die Wich-
tigkeit nur eingebildet. Der Patient stottert nicht deshalb bei dem Buch-
Stäben 1, weil mit ihm dieses oder jenes psychische Trauma verknüpft
ist; derartige Episodeu sind im Leben fast jedes Kindes häufig. Derar-
tige Reminiszenzen gehören zu den von Freud sogenannten „Deekei-inne-
rungen", die dem Patienten selbst als Vorhang dienen, um einen tie-
feren Widerstand zu verbergen. Der Einfluß des Vaters auf unseren Pa-
tienten ist so übermächtig, daß er ihn auch in seinen Sch-wächen nach-
ahmt; er stammelt bei denselben Lauten. Ich möchte es möglichst klar
aussprechen, daß kein sexuelles Trauma die Stotterneurose hervorrief,
und es ist durchaus typisch für den Neurotiker, sich an solche pein-
liebe Episoden zu klammern, und sie zu Repräsentanten seiner Unfähig-
keit, mit dem Lehen fertig zu werden, zu machen, wie Loge auf die
Anklage wegen Balders Tod antwortet: „Nicht ich tat es, die Nornen
weben das Schicksalsgewebe jedes Menschen."
Es ist leichter für das Unbewußte, diese Szenen, so peinlich sie
sind, zuzugeben, als einzuräumen, welche fLlhrende Rolle der Vater im
Leben des Kindes spielte. Er war bei den Annäherungen seiner Brüder
und Schwestern an den Vater so eifersüchtig, als wäre er seines Vaters
Liebhaber gewesen, — er benahm sieb, als wäre er seines Vaters Lieb-
haber — er war, könnte man sagen, seines Vaters Liebhaber, wenn man
will, mit dem bitteren Gefühl eiiieg abLewiesenen Liebhabers,
Die bekannte Tatsache, daß weitaus die größte Zahl der Stotterer
männlichen Geschlechtes ist, sollte mit der von der Mutter eingenom-
menen Stellung in Beziehung gebracht werden. Von der Frau des Hauses,
von der Mutter, empfängt das Kind natürlich die erste Aufmunterung
zum Sprechen, und ihr gelten seine ersten Anstrengungen. Die Liebe
zwischen Mutter und Kind entsteht zuerst, und wenn in einem unge-
wöhnlich frühen Älter der Vater die Hauptrolle zu spielen beginnt,
kann sich wohl ein Widerstand gegen alles von der Mutter Gelernte er-
heben, vor allem gegen das Sprechen,
Der Einfluß des Vaters zeigte sich nicht allein in direkter Nach-
ahmung, sondern auch in des Sohnes übertriebener Opposition im .späteren
Leben. So war der Vater ein ordnungsliebender Mann, pünktlich bei
seinen Verabredungen, achtsam in Geldangelegenheiten. Mein Patient
konnte niemals eine Verabredung einhalten, er führte keine Rechnungen,
wußte nicht, wieviel er ausgab oder wieviel seine jährlichen Einkünfte
betrugen.
Im Alter von 21 Jahren hatte er zaerst geschlechtlichen Umgang
mit Frauen, weil er meinte, es sei „für seine Gesundheit vorteilhaft". Er
fühlte kein sexuelles Vergnügen bei dem Akt, ja er wußte niemals, wann
er vollendet war. Um seine eigenen Worte zu gebrauchen, es war das-
Das Stottorn eine Psychonenrose und seine Behandlung dnroh die Psychoanalyse. 551
selbe, wie auf das Klosett zu gehen, und dementsprechend ging er aus
denaelben Gründen hin, wie auf das Klosett.
Skatologiöche Phantasien und AnaleroHk spielen eine große Rolle
in des Patienten Lebensgeschichte. Durch die Hautkrankheit, an der er
litt, wurde seine Aufmerksamkeit frühzeitig auf die Analzone konzen-
triert. Das Ekzem vou Scrotum und Anus war eine ständige Quelle der
Belästigung für ihn und er suchte Erleichterung durch heftiges Kratzen.
Im Alter von fünf Jahren erwachte ein lebhaftes Interesse in ihm,
seinen Vater beim Waschtisch zu beobachten und ihm dahin zu folgen.
Diese Erinnerung erwachte in ihm durch einen Traum ; „Der König, von
einem Eber verfolgt., fällt ins Wasser, da vrird er gerettet. Ich ent-
kleidete ihn und brachteihn zu Bett".
Seine Einbildung beschäftigten fortwährend Phantasien unangenehmer
Situationen, die auf die Änalzono Bezug hatten. Wie lächerlich würde
er sich ausnehmen, wenn ihm im Gespräch mit einer jungen Dame eine
Rolle Klosettpapier aus der Tasche fiele. Er hatte eine Art Sehnsucht,
einen Eisenhahntoiletteraum gerade in dem Moment zu benützen, wo der
Zug die Station verließ. Auf diese Weise wurde sein Wunsch erfüllt,
anderen Leuten ein Unrecht zu tun, während er streng genommen kein
Vergehen begangen hatte, da der Zug die Station ja verließ.
Das Interesse des Schulknaben am Flatus blieb auch im Leben des
Erwachsenen. Mit anderen bei Tische sitzend empfand er, noch mit tfO
Jahren, großes Vergnügen, die Konsternatioa zu beobachten, wenn er
einen Flatus ließ, — wieder konnte niemand wissen, woher er kam.
Dieses Vergnügen, anderen geistige Pein zuzufügen, diese sadistische Ten-
denz, wurde mehr als aufgewogen durch Träume, in denen ihm eine
erniedrigende Stellung zufiel. In einem Traum beugte er sich nieder und
em Hund begann gegen sein Hinterteil zu mastarbieren ; ehe er Zeit
hatte, den Hund wegzustoßen, öffnete sich die Tür und sein Vater
trat ein.
Dieser Patient empfand niemals volle sexuelle Befriedigung und war
daher bis zu einem gewissen Grade impotent. Physisch kann er als hetero-
sexuell betrachtet werden und von Masturbation war nichts zu hören.
Aber seine Träume und Phantasien zeigen erotische Wünsche, worin der
Vater der Partner war ; die Träume vom Eber und vom Hund sind Bei-
spiele dafür.
Er hatte keinerlei ideale Gefühle den Frauen gegenüber; für ihn
waren sie nur „scbmut.zige Tiere, die man zur Gesundheit braucht" ;
er kannte keine verfeinerten sexuellen Wünsche den Frauen gegenüber
und hatte niemals eine Neigung zu einer Frau gefühlt. Er war nie ver-
liebt gewesen und zweifelte, ob es so etwas, abgesehen von der rein
sexuellen Seite, geben könnte. ,jWozu eine Frau küssen, — das heißt
nur ein Stück Fleisch gegen ein anderes reiben". Der Einfluß des Vaters
552 Dr. M. D. Eder.
zeigte sich in der Abneigung, in dessen Gegenwart auch nur im Gespi-äcli
mit einer Fran gesehen kh werden.
So wie ein anderer Jüngling in .meiner Lektüre vielleiciit durch das
Bild eines reizenden Mädchens gestört wird, so wurde dieser Mann durch
das Auftauchen gewisser peinlicher Phantasien gestört, für die ich Bei-
spiele angeführt hahe.
Psychische Homosexualität — wenn ich diesen Ausdruck gehrau-
chen darf — und Analerotik, zusammen mit dem übermäßigen Einfluß
des Vaters, waien die Elemente, die den Patienten in eine falsche Stel-
lung zum Leben brachten und die Wurzeln seines Stotterns bildeten.
Es kam ein Stadium in dür Behandlung, wo die Träume und Phan-
tasien durch andere ersetzt wurden, die dem Alter und Zustand des
Patienten viel besser entsprachen. Er uuiarinte und küßte darin irgend
ein junges weibliches Wesen seiner Bekanntschaft oder er verheiratete
sich. Des Patienten Stellung zu dieser Veränderung bestärkt Freuds An-
sicht, daß die Hauptschwierigkeit, die zu überwinden ist, in dem Wider-
stand des Kranken gegen die Heilung liegt. Er liebt seine Ketten. Der
Mann wurde mit der Tätigkeit seines Unbewußten unzufriedener als je;
ein skatologisches, homosexuelles Unbewußtes war schlimm genug, aber
das irgend ein Teil seines Ich ern.stlieh an Frauen und Heiraten denken
soUtej das war das Unverzeihliche,
Dieser Patient hatte keine Neigung für Frauen, aber er konnte
sexuellen Verkehr mit ihnen unterhalten. In dem nun folgenden Fall
hatte der Kranke starke Leidenschaft für Frauen, aber er war ab.solut
impotent und war es immer gewesen.
B. X. war ein Mann von 30 Jahren, der seit seiner Kindheit ge-
stottert und verschiedene Behandlungsarton, einschließlich Hypnose und
Suggestion ohne irgend welchen Nutzen durchgemacht hatte. Er war ein
illegitimes Kind und wurde bis zum Alter von fünf JabL'cn von seiner
Mutter erzogen, die dann einen Witwer mit zwei Kindern heiratete. Der
Patient litt an leichter Varicocela und schrieb dem anfangs seine sexuellen
Unzulänglichkeit zu. Zwei Jahre bevor er in meine Behandlung kam, hatte
ihm ein Arzt, wenn auch natürlich keiner, der mit der Psychoanalyse
auch nur entfernt bekannt war, bedeutet, daß die Abstinenz schädlich
sei, und seitdem hatte sich die Depression des Patienten, ebenso wie
sein Stottern, stets verschlimmert. Eine seiner ersten Fragen war, ob
ich nicht dächte, diiß sexueller Verkehr die Varicocela verschlimmern
würde, und ob er nicht deshalb daran Recht getan habe, den erwähnten
Bat abzuweisen. Dieser Patient, der sich bitter über die unerfreulichen
Beziehungen zu seiner Familie beklagte, war in großer Verlegenheit, als
er erklären sollte, weshalb er weiter daheim lebe, da er doch finanziell
unabhängig war. Er hatte in der Tat ein- oder zweimal den Versuch
gemacht, vom Hause wegzugehen. Einmal wandte er sich nach Amerika,
itai.^-3
Daa Stottern eine Psychonearose und seine BeLaadlimg durch die Psychoanalj-ae. 553
wo er bald einen „nervösen Zusammenbruch" erlitt und heimkehrte,
um sieh pflegen zu lassen.
Eö gab da eine lange Geschichte von ■wechselseitiger Masturbation
mit einem Knaben seines Alters, die von seinem 12. bis zu seinem
18. Jahre fortgesetzt wurde, und von Selbatmasturbation, der der Patient
sieh noch hingab, als er zu mir kam. Während der Pubertät wurde er
sexuell erregt durch den Anblick von badenden Männern und Knaben
und er hatte die Gewohnheit, Schwimmbäder und andere Plätze aufzu-
suchen, wo er Männer mehr oder minder nackt stjhen konnte. Gleichzeitig
machte er den Versuch, seine eigenen Organe beim Baden usw. zu ver-
bergen; er schämte sieh der Varicocela wegen, Soldaten in ihren kurzen
Jacken erregten ihn, besonders, wenn sie marschierten. Seine ersten
Träume waren ausgesprochen homosexuell und häufig von einer Ejatula-
tion begleitet.
Im Gegensatz dazu steht seine Gewohnheit, sich in Tagträumen und
Phantasien alle nur mügliehen Situationen zwischen ihm und Frauen aus-
zumalen, wobei er das, was man sehr „fortgeschrittene" Ansichten nennt,
bewies. Er sah nicht ein, warum Männer und Frauen heiraten sollten, konnte
nichts Schlimmes im außerehelichen Sexualverkehr finden usw. ; über alle
diese Themen ließ er sich weitläufig mit seinen Freunden aus, und
sprach mit glühendem Neid von ihren Liebschaften. Er fand große Be-
friedigung in den sekundären Sexualanreizen — Küssen, Umarmungen usw.
Er hatte nur einmal, kurz bevor er zu mii- kam, sexuellen Verkehr rer-
sueht und war vollkommen impotent (die Schuld der Varicoeela !]. Dies
hinderte ihn nicht daran, in allen möglichen Verführungsphaiitasien zu
schwelgen. Diese Bilder brachten die Erregung zuwege, weiche die Wirk-
lichkeit sogleich zerstörte. Es ist, als wäre der Patient physisch homo-
sexuell und psychisch heterosexuell.
Die Analerotik war in diesem Fall ebenso scharf ausgeprägt wie
im früheren und konnte bis in die früheste Kindheit zurückverfolgt werden.
Eine Theorie der Geburt durch den Anus hatte der Kranke mit drei-
einhalb Jahren.
Die Art, wie das Kind aufgezogen wurde, war geeignet, die nor-
male Disposition in Bezug auf den Mutterkomplex zu verstärken. Das
Kind war bis zum Alter von fünf Jahren fortwährend um seine Mutter-
es gab kein anderes männliches Wesen in dem Haus und auch keine Kinder.
Er schlief im Bette seiner Mutter und bildete den ausschließlichen Inhalt
ihres Interesses; er war tatsächlich der Tyrann der Mutter. Dann erfolgte
die Heirat. Zwei ältere Kinder und ein Gatte kamen ins Haus. Das Kind
mußte von seinem Platz in der Mutter Schlafzimmer weichen, viel von
der früher ihm allein geltenden Liebe, Neigung und Sorge mußte nun
auf die Familie verteilt werden.
554 Dr. M. D. Eder.
Der Konflikt zwischen den auf die Mutter gerichteten Wünschen
und dem neuen Weg, den er einschlagen sollte, endete mit der Abkehr
VOQ den Frauen. Da die Mutter ihn in jenen Tagen, da er noch keinen
Rivalen hatte, gelehrt hatte zu lallen, gebraucht or weiter die Sprech-
weise dieser frühen Zeit. Andere Ursachen für sein Stottern sind die
Geheimnisse, die der Patient zu bewahren hat, — seine Masturbation
die homosexuellen Neigungen, Impotenz bei Fraue» und die illegitime
Geburt.
Seine späteren Phantasien in Bezug auf Frauen sind zum Teil das
Resultat intellektueller Prozesse, teils zeigen sie den Konflikt zwischen
seinem ethischen Selbst und den Vorstellungen, die im Unbewußten haften
blieben.
In diesen beiden Fällen nun, deren Darlegung ich zu einem ganz
knappen Auszug zusammendrängen mußte, hätte das Stottern wohl durch
irgend einen Übungskurs bei einem geschickten Lehrer geheilt werden
können, aber offiinbar wäre durch eine solche Behandlung die Neurose
nicht berührt worden. Ich gehöre nicht zu denen, die es als unverzeih-
liche Sünde ansehen, ein Symptom zu behandeln und die zu Grunde lie-
gende Störung auf sich beruhen zu lassen. Das Lehen ist kurz und
noch kürzer sind die Geldbörsen, — es ist oft in der l'raxis unmöglich, die
Wurzel eine.s Leidens zu entdecken, uud alle Praktiker müssen wissen,
daß das Leben oft dadurch erträglich gemacht wurde, daß man einige
schwere Symptome milderte und nicht versuchte, mehr zu tun.
Die Patienten, deren Geschichte ich berichtet habe, waren nicht
allein unfähig zu sprechen, sondern auch nicht im stände den gewöhn-
lichen Lebenspflichteii nachzukommen, und dabei, was die Lage beson-
ders schwierig macht, waren sie voll Sehnsucht danach, diese Aufgaben
zu vollbringen. Heirat, Vaterschaft, Selbstvertrauen, das den Menschen
dazu bringt, sich unabhängig zu machen, waren ihnen unmüglich, und ihre
Unfähigkeit zeigte sich in den gewöhnlichsten Einzelheiten des Lebens.
So konnte der eine Patient in keinen Laden gehen, um etwas für sich
zu kaufen; der andere war nicht im stände, eine Seite zu lesen, ohne
daß seine Aufmerksamkeit wanderte, zerstreut durch sexuelle Phanta-
sien; sein Leben war ein fortwährender Kampf zwischen diesen und
seinen idealistischen Trieben.
Diese oder ähnliche Schwierigkeiten liegen jedem Fall von Stottern
zu Grunde, Sie in der Psychoanalyse aufdecken, heißt sie überwinden.
Das Stottern verschwindet gleichzeitig mit den vielen anderen
Symptomen. Die Beseitigung der zu Grunde liegenden Bedingungen
ermöglicht es dem Individuum, seinen Platz in der realen Welt wieder
einzunehmen. So heiratete einer meiner Patienten, nachdem ich ihn ent-
lassen hatte, was für ihn eine wahre Sublimierung bedeutete.
Das Stottern eine Psych oneur 039 und seine Behandlang durch die Psychoanalyse. 555
Die sehr häufige Einwendung gegen die Psychoanalyse, nämlich,
daß sie unmäßig viel Zeit in Anspruch nehme (ein Einwand, den ich
vollkommen gelten lasse), trifft Jn Fällen wie den unserigen auf die Tat-
sache, daß die Patienten talsächUeh ihr ganzes Leben mit verschiedenen
Behandlungsarten verbracht hatten, ohne daß sie dadurch für die allge-
meine Lebensführung irgendwie tauglicher wui-den.
Mitteikingeu.
Natürliche Symbolik und Kosmogoiiie.
Von Prof. E. Bleuler, Burgliülzli,
Bubi ist vor kurzem dreijährig geworden, hat der Welt in einem fort
Neues zu verkünden, hat aber eine Abneigung gegen das Wort ^gehtern" und
braucht dafür gern „morgen", weswegen er natürlich von den Geschwistern
ausgelacht wird. Nun findet er eines Tages, es sei doch merkwürdig: morgen
sei litwos, und wenn es da soi, so sei es nicht mehr morgen, und wenn etwas
heut sei, so sei es auf einmal gestern. Das Problem muß ihn weiter be-
schäfiigt haben, denn er fragt auf einmal iVIama: „Gelt J\lama, mitten aus
dem Abend wächst der Morgen heraus ?"!) Audi hier gebiert also die Nacht
den Tag, aber noch nach Art der Pflanze. Die Ileikunft der Tiere kennt Bubi
noch nicht ; die der Pdanzon aber hat er schon vor einiger Zeit auf den Menschen
Uhertragen. Er möchte gern groß werden, und eines Tages hat er das Mittel
gefunden: er wird ein Zauberer, dann sagt er nur: „Knospe gehe auf ! Knotpe
gehe auf!" und dann wird er ein großer Bub. Erkundigungen ergeben daß
er das nirgends gehört haben kann.
2.
Ein Fall von Pavoi- uoctuiims mit subjektiven Liclitei-scheinunge«.
Von Dr. Paul Federn.
Ein im allgemeinen vorsichtiger und ängstlicher Püticiit, der mitunter ais
Knabe nichts desto weniger in manchen Lehenslagen Mut und ''J'ollhiihnheit
bewiesen hatte, bekommt Anfalle von Ängstlichkeit, die sich y.a wahrem Giausen
und Schrecken steigern können und von bestimmten Phantasien in bewußter
"Weise begleitet waren. Diese Phantasien bezogen sieb auf Erdbeben, Stürme,
Unwetter und kosmische Katastrophen. Bei einem wirklichen Erdbeben ge-
ringen Grades, welches andere ängsiliche Menschen sehr erschreckte, blieb er
angstlos und behielt seine Geistesgegenwart. Ebensowenig hatte er Gewitter-
angät bei wirklichen Gewittern. Sein Zustand ist also nicht als Phobie zu be-
zeichnen, weit die Verbindung der angstbetonten Vorstellung mit dem wirk-
lieben Gegenstande nicht hergestellt war und der wirklidie Vorgang weder
A.ngst provozierte, noch Schutzmaßregeln gegen die Angst auslöste. Diese war
nicht zuerst bei Erlebnissen von Gewittern, Erdbeben oder Stürmen ent-
senden^ war also keine einfache furcbtbetonle Keminiszenz. Patient hat sich
^) Sein Dialekt trennt „morgen" (am folgenden Tag) durch eine besondere
Wortform von der Tageszeit „Morgen".
Dr. Patd Federn: Ein Fall To^ Pavor nocturnos mit subj. Lichteracheinungen. 557
aucli als kleines Kind nicht vor Gewittern gofürclitefc. Ausgolüst wurden die
Angstaufalle durcfi bestimmte Beleuchtungen oder Schwüle, wie sie vor Gewittern
auftreten, aber auch bestimmte Farbennuancea oder andere ZusamnienhänKe
d.G sich auf die Wohnung während der ersten Kinderjahre bezogen Die Vor-
stellungen konnten derartige Gewalt über den Patienten gewianea. daß er
incht allein bleiben konnte und fürchtete, er, das Hans, in dem er wohnte,
die Stadt, ]a die ganze Welt sei dera sofortigen Untergang verfallen
Diese Angstvorsteiluiigen waren durch einen kleinen Umstand merkwürdig
determiniert. Patient hatte, wo immer er war, die Em].findnng, daß das Un-
T^tZtZ h"'p ,^^f "^■"^^■^ "«--g« herkomme, welcher in der Nähe der
JiS .i 1 r*'V'=,- ^" '^'''' Vorstellims kntipften sich die weiteren
li,mlalle, dis dem Patienten kamen
.efilhi?.' nS"%'^''^ ^"''* ^^T'' ■?''^ ^''' Angstanfälle mit schweren Schuld-
dS L Y. ^T^' 7^'"t'^,''",^^"°'^'''^" ^mammenhingen, welche mittelbar
duicb d<e Vorstellung der drohenden Katastrophe erfüllbar werden sollton
Aber erst nach langer Dauer der Analyse, nachdem schon die sexuelle
Einsfellung .11 den Eltern aftektlos bewußt war, kam dem Patienten zu Be-
wulitsem, daß die erwähnten Angstvorstelluu-en mit anderen bereits sanz ver-
gessenen grauenhaften Bildern zn.ammenhiagen. Das Wledererweckeu dieser
vergesseneu p^vclnsclien Vorgänge war von so starkem AiTekte begleitet daß
die psycho-analytiscbe Aufdeckung, die durch einen Zeitraum von 18 Jahren
von^ dem ersten Auftreten der schrecU haften Erscheinungen getrennt war, beim
Patienten schweren Angstschweiß, Sträuben der Haare und mächtige Anffst-
gefdlile provozierte. ^
Zunächst ei'innerte er sich, im Alter vom etwa fünf bis sieben Jahren
zuerst im Zimmer der Eltern und später bei offener Verbindungstür im Neben-
mmnier gesciaafea zu habon. Dann fiel ihm ein, hänfig wie in einem fieber-
haften Zustaml mit Flimmern vor den Augon schlaflos da gelegen zu sein.
Ich teile jetzt briichstüclc weise die Eeproduktioiien des Patienten mit :
Jch hege im Bette (im Zimmer meiner Eltern), ich halte den Kopf unter
den Decken, es ist mir schwül. Ich habe das Gefühl, daß etwas Fürchter-
liches außerhalb der Decke geschehe. Wenn ich den Kopf herausziehen würde
würde ich heftig erschrecken .... '
„ . - . . Oft beim Einschlafen Angst vor Erdbeben, da stecke ich so-
fort den Kopf unter die Decken und rolle mich zusammen, i)resse meine
Augen in den Winkel des Ellenbogengeleukos, so daß ich nichts sehen kann.
Unter den Decken ist mir schwül, ich schwitze oft, aber es ist mir auch kalt'
Schaudergefülile. Die Decken scheinen mir wie ein Berg. Die Decke, unter
der ich mich verstecke, schließt um mich einen Raum ein, aus dem' meine
Phantasie eine finstere Bergeshölile oder eine Grotte macht, in welche ich
mich geflüchtet habe, um Sicherheit zu finden. Die Angstgefülde uad das
Zusammenkauern unter der Docke haben mich stark sexuell aufgeregt
„ - . . . Das Gefühl, als ob sieh etwas in der Lnft zusammenziehen
würde (zu vergleichen mit dem Alaungeschmack), es i^t wie eine Fläche die
netzartig gezeichnet ist, die Fläche wird bald größer, bald Ideiuer, die Bänder
entfalten sich oder schrumpfen — ich folge mit Schaudern diesen Bewegungen
meine Haare sträuben sich, es ist mir bald kalt, bald heiß, es ist mir -ivie
zum Ersticken (mitunter ist mir, als ob so wie die Fläche sich etwas in
meiner Käse bewegen würde). Das ganze hat braune Farbe. Dann ziehe ich
den Kopf aus den Decken heraus, ich glaube zu schauen oder nach meiuer
Mutter zu rufen, die bei mir schläft. Alles klärt sich, ein süßes Gefühl der
Ruhe und der Lösung. (So wie nach einer Ohnmacht bei dem Gefühle daß
das Leben wieder zurückkehrt) ....
OOö Mitteil Engen.
„ .... Oft habe ich Angstträume gehabt mit Katastrophen Inhalt Erd-
beben, der Himmel fällt Lorunter, alles wird leer. Der Mond wird größer
nähert sich der Erde, alles wird rot (wie ein Kordliciit), Feier sprüht aus
dem Meere. Die Angst geht vielleicht über in ein Gefühl, daß jetzt alles
erlaubt sei, die Welt gehe ja unter ....
„ .... Die sich verändernde Fläche schwebt in der Luft, sie hat un-
regelmäßige Ränder, die sich verschieben, bald schmäler, hald breiter werden
(dabei die Eraplinduug, um das Leben kämpfen zu müssen) Angst Hitze'
Fiebergefüble, kalter Sehweiß .... / e . ,
;,-... Dieselbe Situation im Bette. Ich sehe den ganzen Himmel ror
den Augen, die Bewegung besteht darin, daß der Himmel bald hohler, bald
Eacher wird. Der Himmel ist rot und feurig, Sturm, Wasserhosen, Grau-
werden der Atmosphäre und fahles, übernatürliches Licht . . . ."
A * T," 'u' ■ ■ ■^"'^ ^''^^™ ^^"^^^ '" ^^'^ ^'^^^^ meiner Vaterstadt kommt eine
Art Drache; grun und schwarz ist er; er ist am Himmel und will alles auf-
fressen ; er ist ungeheuer groß, er reicht vom Berge bis zn unserem Hause,
er hat Kjallen. Als der Dracbo kommt, verstecke ich mich unter die Decken
. . . mem Vater . . . Angst, ich habe das Gefühl, als ob der Drache mich
suchte ....
„ .... Ich schlief im Zimmer neben den Eltern und war krack Man
hochto abends für mich Tee, auf dem Nachtlicht stand die Kanne das Nacht-
licht hat ein Gestell, das durchlöchert war wie eine Art Turm mit Schiolä-
seharteii, Diese Löcher projizierten lichte Flecken auf die Wand Vor diese»
hellen bald runden, bald ovalen Flecken hatte ich eine sehr große Ana.t
Da pflegte ich auch den Kopf unter die Decken zu stecken
K- "i ".; • 'J''^ /',®. !^- Nebenzimmer mit Angst; der Baum um mich
schien bald großer, bald kiemer zu werden. Ich schlich ins finstere Zimmer
der Eltern, tastete nach der Hand der Mutter, ergriff aber die Hand des
Vaters, die mir haarig und unangenehm in JErinnerung ist. Ein anderes Mal
weckte ich sie nicht, sah aber die Gestalten im Halbdunkel in dem Bette "
Auf meine Frage teilte der Patient noch mit, daß die einzelnen Be-
wegungen der Lichteracheinungen langsamer als die Atmung war. Das ein-
malige An- und Abschwellen der lichten Fläche dauerte drei- bis fünfmal so
lange als eine Atmung. Die Erweiterung des Feldes ging fast immer langsam
vor sich, die Verkleinerung setzte plötzlich ein und verlief sehr rasch. Während
der ersten Phase stieg das Gefühl von Angst und Hilllosigkeit wie ins End-
lose, mit der raschen zweiten Phase erfolgte eine Erleichterung.
Die Anfälle von Pavor nocturnus dauerten bis zum elften Lebensjahr doch
bestanden sie spater nur in schreckhaftem Aufwachen und in der Furcht
allem im Finsteru zu sein. Die Angstvorstellungeu, die bei Tag auftraten'
setzten bald nach dem Aufhören des Pavor nocturnus ein.
Der Fall zeigt, wie eine so fern abliegende Angst auf die Vorgänge im
/immer der Eltern, welche der kleine Knabe mit Neugier, Schuldgefühl und
Grauen wahrgenommen hatte, zurückging. Die von der Kinderangst provo-
zierten subjektiven Lichterscheiunngen gaben Veranlassung zu Halluzinationen.
Dieselben knüpften wohl an beobachtete Himmelserscheinungen, zum größeren
Teile aber an Erzählungen') an. Interessant ist, wie trotz der gelungenen
Rationalisierung der Angst, da doch Erdbeben und furchtbare Unwetter tat-
sächlich angsterregend sind, die symbolische Bedeutung der angsterregenden
') Er erinnert besonders ein Einderbuch, in welchem eine rUhrende Geschichte
eines Mädchens erzählt wurde, and speziell eine Illuatration mit der Darstellung eines
Vnlkanausbruches und fliehender Menschen.
Dr. M. Wulff: Ein interessanter Zosammeohang von Tranm etc. 559
U.ac.e des pavo. .0. J^. arBetLctS^^^^t/V^,;- ^^^^^^^^^^^^^
Kmd, ausgingen, verriet sich nur mehr durch die merkwürS^r Ijr .-
a.f de. Berge der iin.er „:it de. Va.er ass^^iieTt^d ' Die S^S^^^^
|es alt des Drachens, der van diesem Berge, respektive aus em zLm dt;
f^T.f ? Knaben losgmg und den Vater, respektive das männliche Organ
repräsentierle, war volikomrnen verdrängt worden
...,J^r- ""'" """'i' J'^'"'''^^^^''' ^ie »hinter so woh! rationalisierten Zu-
der nnhp r 7^' ""t ""' ^^»^^'■«"g^t oder Berg und Gewitterangst
InOW^. . Zusammenhang mit der Schwüle unter der Decke und mit der
Auttassung dieser Decke als Berg sich verbarg
iwb if '1 "^lirsclieinlicli, daß abnorme Angst vor kosmischen Vorgängen
auch la anderen Fällen eine ähnliche Ätiologie verraten werde.
3.
Eine interessanter Zusammentiang von Traum, Symbolhandlung
und Kranliheitssymptom.
Von Dr. M. Wulff, Odessa.
Ein Xeurotiker, der unter anderen Symptomen auch an psychischer
Impotenz leidet, bringt mir eines Tages den folgenden Traum-
n.oi. ^"'? ? ^- ^'"^ ^^^^^^ herunter dem Markt zu. Die Frau E. und
er ITI" R l? u ''*' ^'"'"' ^'^ ""' '"''■ e^''^"' ^P^'«'=l^«° ^^'^r Ö-' daß
die S.nP ^"'*''^"^*^^ ''' ""^ gut verdient. Neben dem Markt überholß ich
Tß Z f , '■^'' ''■' "^^ ^''"^'^ »»«'^«s O-^kels mich nähere, merke ich,
delnd !'-n'"''"/"''° '^''^^"* ^■'^^ "°*i ''«^ Eingang zum Laden, jetzt be-
f^^^Zif 7 ' .J''^'*^'' ""^^ ™'* °''^^° ^«'■«° '•^'«gt' einen gemeinsamen Ein-
sirTrl" T I 1 "'^"^ö"'ga"g bildet und die Ladeutüre nebeu den Haustüren
hi Ti , ^S'"^^^ S^ra (die Tocliter des Onkels), sie antwortet mir aber
nicnt icli frage: „Warum sind Sie mir böse?" nnd dann sagt sie: ,lch bin
niciit böse, ich weiß ja, daß Sie heute etwas grob und roh sind-" — und sie
reicht nur die Hand. Dann kommt Joseph (ihr Mann). Ich erzähle ihm von
der Sage. Er hebt ein Brett vom Boden auf und macht eine Kelleröifnuug
auf. Dort arbeitet man und braucht eine Sage. Ich habe einen kranken
Fmger und kann in den Keller nicht heruntersteigen, weil ich Ang^t habe
den Fmger zu drücken. Josephs Sohn und Tochter versuchen in den Keller
herunter zu steigen, Laben aber Angst. Ohne lange zu überlegen, greife ich
mit der einen Hand den einen Band der Kelleröffnuiig, mit der anderen —
den anderen Rand und springe herunter in einen großen Keller. Dort arbeiten
Leute. Am Boden liegt viel Kohl."
Es Wäre zu viel, die ganze Traumaiialyse hier zu bringen. Genug wenn
ich sage, daB die durch die Analyse aulgedeckteo rezenten Traumgedanken sieh mit
erotischen Beziehungen zu einem Mädchen (mit der Sara identifiziert) beschäf-
tigen, dem gegenüber Patient Annäherungsversuche machen möchte, aber sein ganzes
Leben flüchtete er vor der Frau und zögert auch jetzt, angeblich wegen seiner
Impotenz, Deshalb will er im Traum die Säge, die den Penis nach der Ana
lyse symbolisiert, mithaben. Am Abend faßt er den Entschluß, am nächsten
Tag dem Mädchen einen Besuch abzustatten und nachts sah er den Traum
Auf diesen Entschluß bezieht sich die Traumstelie : „Ohne lange zu über-
toQ Mitteilungen.
le"en, greifö ich mit der einen Hand einen Kand der KclleröfEnung, mit der
anderen — den anderen Rand and springe horuiiter in einen großen KeUer,
d. h. er entschließt sich endlich -mm Koitus, denn nach der Analyse symboli-
siert der Keller die Vagina. Kun muß ich nach angeben, dafl ' ^,^'^» ' "
Buchhalter ist und viel schreibe.! muß. Aber während der ganzen Zeit (um.e
Monate), die er in meiner Behandlung ist, leidet erfas ^""f ^"'! . ^"
PanaritSn an den Fingern seiner rechten Hand und ich habe il'°, .'«deiholt
darauf aufmerksam gemacht, daß hinter den lortwahreuden „zuial igen Un-
glücken" mit der Hand wohl eine nnhe^vußte Absicht stecken müsse, eine
Symptomhandlnng, aber er reagierte darauf nicht Der Traum S'^ ni>r end
lieh Aufklärung, denn auf diese kranken Finger bezieht sich d>e r.aumstelle .
„Ich habe einen kranken Finger und kann in den Ke Her nicht heruntor
Ligen, weil ich Angst habe, den Finger zu drUcken. " D.e Ana yse hat den
„kranken Finger", ah Symbol des ,,iinpotonten Penis" entziffert. Und nun
erzählt mir Patient, daß ihm heute, beim Aufsteigen der Treppe zu mo ner
Wohnung plötzlich der Gedanke kam: „es ist doch w.rkl.ch nicht schon und
unangenehm zum Doktor immer mit dem Verband auf d'^f/J^"'» ^" »^7'":;': ."
und er riß den Verband vom Finger herunler. So kiär e sich auf, daß sein
kranker Finger, wegen dessen er „nicht arbeiten konnte", seinen impotenten
Penis svmboL^rte. Die Beziehung zwischen dem Ivraidd..its^;mptom-Impoten.
dem Ti-aom und der Symbolhaudlung - der früheren „.uialhgen« Verwnu-
dung des Fingers und dem jetzigen IlernutcrreiBen des Verbandes ist,
glaube ich, sehr klar.
4.
Darstellung epileptischer Anfälle im Tnium.
Dr. Margarete Stegniann, Dresden.
Traumstuck: „loh bin im Theater, gehe nicht mit den anderen
Zuschauern hinaus, sondern schlafe dann ein. Ich erwache und bemerke das
stets erst, wenn die Mädchen das Theater rcinigeL, Ich schäme mich dann so
sehr, sie sehen alle lachend zu mir Jiin, und ich suche mich hinauszuschleichen.
Zur Vorgeschichte: Die Patientin leidet an hysterischen Kramplen
seit ungefähr dem 20. Jahr. Im Alter von ungefähr 30 Jahren hatte sie im
Anschluß an ein Wochenbett (nicht im Wochenbett} Krflmple, die sich von
den anderen durch kurze Dauer, BewuBtseinverlust, Urinabgang und Zmigenl-iii
unterschieden; diese Krämpfe wurden damals von den Ärzten für cpileptisclie
erklärt. Es sind deren in größeren Intervallen vielleicht drei vorgekommen,
seit mehr als zehn Jahren keiner mehr, während die hysterischeu Krämpfe
nicht aufgehört haben.
Zur Analyse: Die Patientin hatte anfänglich gar keine Einfälle; als
einzige JJeziehung zur >Virklichkeit erzählte sie, die Theater würden doch
icdes'iual nach den Vorstellungen gekehrt und dus müsse sie vielleicht einmal
gesehen haben, Geschlafen habe sie nie im Tlieater, aber sie habe einmal m
einem Lustspiel einen Anfall bekommen, so daß os ihr unjuüglich gewesen sei,
zu sprechen oder zu lachen; sie habe mit unbeweglichem Gesicht dasitzen
müssen, trotzdem sie brennend gern gelacht hätte. Ich bezweifelte, daß sie,
die doch fast nur in großen Städten das Theater besucht habe, jemals habe
beobachten können, daß nacli der VorstcHung die Madchen das Theater
reinigten. Sie meinte darauf gedaEkenvoll : „es waren meine Mädchen, die
mit Besen usw hereinkamen.'^ Damit gab sie mir den Schlüssel zur Bedeutung
1
I
Dr. Margarete Stegmann: Identifiziernng mit dem Vater. 5ßi
dieses TraumstLickes und aJs ich ihr darauf antwortete : „Dann war es auch
Ihr Theater", da tauchten viele Erinnerungen auf an Anfälle, die sie gehabt
hatte. Geschlafen hatte sie nur nach den ei)ileptischen Anfällen und nach
diesen hatte sie sich auch beim Erwachen jedesmal sehr geschämt, wenn die
Mädchen das Bett reinigen und in Ordnung bringen mußten. Daß die Mädchen
sie lachend ansahen, daß sie sich hinauazuschleichen suchte, geht auf infantile
Erinuornngen zurtick, auf die ich hier nicht eingehen kann.
Das Traumstack ist also eine symbolische Darstellung ihrer AnfäUe
und soweit es sich mn hysterische Krilmpfe handelt, so könnten sie
nicht besser charakterisiert werden, als wie die Patientin es selber tut : sie
ist im „Theater" und geht nachher nicht mit den „anderen Zuschauern"
hinaus. Sie selbst ist also auch Zuschauerin; and sieht sozusagen objektiv den
Leistungen ihres Unbewußten zu. Es ist aber ja, eine Darstellung ihrer , epi-
leptischen" Krämpfe, bei denen sie das Bewußtsein jeweilen verloren hatte
Der Traum ist die Äußerung des Unbewußten; bei ihren epileptischen Krämpfen
scheint demnach das Unbewußte Zuschauer gespielt zu haben bis sie ein-
schlief. Das erinnert mich an eine Vermutung, die ich während meiner Asai-
stenteuzeit in der Schweizerischen Anstalt für Epileptische von meinem Chef
(Dr. A. Ulrich in Zürich) äußern hörte. Er pflegte in bezug auf Patienten,
bei denen hysterische Anfälle mit solchen abwechselten, die wir nach allen
gültigen Kriterien für epileptische erklären mußten, zu sagen, es komme ihm
vor, als handelte es sich nur um einerlei Anfälle, die sich nur dadurch von
einander unterschieden, daß bei der zweiten Art, den sogenannten epilepti-
schen, den Patienten anscheinend die Herrschaft über sich verloren ginge,
gleichsam als glitte einem Eeiter der Zügel über sein wild gewordenes Pferd
aas der Hand.
Der Traum meiner Patientin scheint mir diese Ansicht zu stützen ; ob
sich an eine AUgemeingüIfigkeit für alle epileptischen Anfälle denken läßt,
b eibe emstweilen dahingestellt, doch ist es jedenfalls interessant, zum Ver-
gleiche die Resultate Wegen ers mit der Abderhaldenschen Reaktion bei
ILpilepsie heranmziehen (siehe Referat in der vorigen Kummer dieser Zei^
Echnft).
5.
Identifizierung mit dem Vater.
Ton Dr. Margarete Stegmann, Dresden.
Ein neunjähriger Junge, dessen Vater Trinker ist und die Familie ver-
nachlässigt, tut sein möglichstes, um der Mutter den Vater zu ersetzen Er
nimmt ihr alle Arbeit ah, die er kann ; er gibt sich Mühe, mit Botengängen
n. dgl. Geld zu verdienen ; er ist sehr verständig, weiß über alle Verhältnisse
Bescheid, mischt sich aber auch in alles und will überall mitbestimmen. So
sehr die Mutter über seinen Fleiß und seine Fürsorglichkeit gerührt ist, so
drollig findet sie seine Einmischungen und so unangenehm empfindet sie einige
andere Eigentümlichkeiten, die der Junge an den Tag legt, Eigentümlich-
keiten, die dem Kundigen sicher verraten, daß er sich mit dem Vater
identifiziert : Er läßt sieh von der Mutter nichts befehlen, sondern will als
reifer Mensch behandelt sein und ist stets bereit, ihr vorzurechnen, daß er
ja selbst „verdient"' und deshalb auch selber wissen muß, was er zu tun hat
Das Mißverhältnis zwischen der Unzulänglichkeit seiner paar Groschen Ver-
dienst" und der Wichtigkeit, die er daraus herleitet, ist auffallend genug und
kontrastiert auch mit der sonstigen Intelligenz des Jungen ; es ist kaum ein
Zettaabi. L Bnll. SsjohoauBiyae. 3g
562 Mitteilnngen.
Zweifel, daß er damit von seinem Vater die Eigenschaft kopiert, die ihm,
dem kleinen AbstiDenten, der im ubrigeD eine gewisse tjberlegenbeit über den
Trinker fühlt, doch imponiert: Die typische, hohle Großmannesucbt des
Alkoholikers.
In dem, womit das Tun des Vaters der Mutter schadet, kompensiert
er und das, was nach seiner Meinung dem Vater die Überlegenheit über die
Mutter gibt, kopiert er.
Wo keine Söhne zu Hause sind, sieht man sehr häutig auch Mädchen
bei der verwitweten Mutter die Kollo dos leitenden und beschützendcu Vaters
spielen. Für einen sehr hübschen Beleg der Identifizierung der Tochter mit
dem Vater möchte ich folgendes Gedichtchen von Rückort halten.
Lied der Braut.
Mutter, Mutter, glaube nicht,
Weil ich ihn lieb allsosehr,
Daß imn Liebe mir gebricht,
Dich m lieben wie vorher.
Multer, Mutter, seit ich ihn
Liebe, lieb' ich erst dich sehr,
Laß mich an mein Herz dich ziehn
Und dich küssen wie mich Er !
Daß du mir das Sein verliehu.
Das mir ward zu solchem Cclanz.
6.
Generations-Umkehruiigsphajitasie.
, . Von Ernest Jones.
Seitdem ich in einem jüngst veröffentlichten Artikel ^) die Aufmerk-
samkeit auf diese infantile Theorie gelenkt habe, bin ich auf die folgende
interessante Erörterung darüber gestoßen, die in einem „Children's Ways"
betitelten Buch von James Sully, Professor der Philosophie in London,
enthalten ist (pag. Ö4 — 66):
„Bei einer größeren Anzahl von Kindern habe ich die sonderbare Vor-
stellung gefunden, daü gegen das Lebensende ein Prozeß des Zusaramen-
schrumpfens einsetzt. Von den alten Leuten wird angenommen, daß sie
wiederum klein werden. Eines der erwähnten amerikanischen Kinder, ein
kleines Mädchen von drei Jahren, sagte einmal zu seiner Mutter: „Wenn ich
ein großes Mädchen bin und du ein kleines Mädchen, daun werde ich dich
gerade so hauen, wie du mich jetzt gebaut hast." *) . , . Ich habe /ahlreiche
ähnliche Beobachtungen gesammelt. So pflegte z. E. ein kleiner Knabe meiner
Bekanntschaft, als er etwa dreieinhalb Jahre alt war, öfters za seiner Mutter
mit dem größten Ernst zu sagen: „Wenn ich groß bin, dann wirst du klein
sein, dann will ich dich herumtragen und anziehen und zu Bett bringen."
Und ein kleines Mädchen fragte mit Hinblick auf eine alte Person ihrer Be-
kanntschaft : „Wann wird sie anfangen klein zu werden?" Ein anderes kleines
'} Internationale Zeitschrift für ärztl. Psychoanalyse, Jahrg. I, Heft 3, S. 220.
") Dies bestätigt meine Ansicht (Loo. oit,), daß einer der Faktoren, durch
welche diese Phantasie determiciert ist, von Feind seligksit und RachewÖnsohen gegen
die Eltern gebildet wird-
Emest Jones : Die Bedeatg, d. ftühesten Eindrücke 1 d. Erzeugg. von Vorliebe etc. 563
Mädchen fragte ihre erwachsene Cousine, die ihr etwas von einem alten
"Weibe vorlas: „Werden die Leute wieder Iddne Kinder, wenn sie ganz alt
werden?"
Eine andere interessante Tatsache, die hier erwähnt werden muß, ist
der feste Glaube mancher Kinder, daß die Menschen, naehdem sie gestorben
und in den Himmel gekommen sind, als kleine Kinder zur Erde zurück-
kehren. Eine Dame schreibt mir aus Amerika, daß zwei ihrer Söhne ihren
Weg zu dieser Vorstellung unabhängig von einander fanden. So bemerkte
einer von ihnen, als man ihm erzählte, daß ein Spielkamerad, der ertrunken
war, in den Himmel gekommen sei: „Dann wird Gott ihn zurückkommen
und wieder ein kleines Kind sein lassen,"
Es ergibt sich die Frage, was die Erklärung dieses seltsamen Kinder-
gedankens sein kann? Ich halte es für wahrscheinlich, daß er auf ver-
schiedene Weise hervorgerufen wird. Mao muß im Äuge behalten, daß die
Erwachsenen verbältnisiriäßig kleiner werden, wenn das Kind wächst.
Auch gehen alte Leute oft gebückt und scheinen dadurch kleiner; ferner
hören die Kinder in ihren Geschichten oft vom „kleinen, alten" Männlein
oder Weihlein. Ich vermute jedoch, daß in ein^seinen Fällen ein feinerer
Gedankenznsammenhang besteht. Der Gluiiben der beiden Bruder an die Rückkunft
vom Himmel legt die Annahme einer Verbindung der Vorstellung des Zusammen-
schrumpfensmit jener von Geburt und Tod nahe. Könnte es nicht sein, daß die nacli-
denklicher gearteten Kinder so folgein: Die kleinen Kinder, die vom Himmel
geschickt werden, müssen dort etwas gewesen sein ; und wenn sie gestorben
sind, müssen die Leute im Himmel fortfahren, irgend etwas zu sein. Dann
sind also die „toten Leute", die dorthin gehen, dieselben wie die Kinder,
die von dorther kommen. Um diese Theorie mit anderem Wissen in Ein-
klang zu setzen, muß die Vorstellung des Einschrumpfens. sei es vor, sei es
nach dem Tode zu Hilfe gerufen werden. Daß dies vor dem Tode geschieht,
wird durch die oben aufgezählten Beobachtungen wahrscheinlich gemacht und
wohl auch durch die Schilderung, die man den Kindern oft gibt, daß die
Menschen nach dem Tode von Engeln zum Himmel emporgetragen werden,
genau so wie die kleinen Kinder zur Erde heruntergebracht werden
sollen. "
7.
Die Bedentuug der frühesten Eindrücke für die Erzeugung von
Vorliebe und Abneigung.
Von Erneat Jones.
Einet zitiert in seinem interessanten Essay „Le Fetichisme dang
L'Amour" (pag. 9, 10} bei der Erörterung der Fähigkeit der frühesten
Eindrücke, Zu- und Abneigungen hervorzubringen, xur Unterstützung ssiner
Ansicht die Erfahrung des Descartes, „qui conserva toujours du goöt pour
les yeux louches, paree que la premiere personne qu'il avait aim<Se avait ce
d^faut". Descartes führt, wahrscheinlich indem er seinen eigenen Fall
generalisiert, zahlreiche Aversionen auf diesen Ursprung zurück. Er schreibt
z.B.; ^L'^deur des roses peut avoir cause un grand mal de tete h un enl'ant
lorsqu'il *5tait encore au berceau, ou bien un chat le peut avoir fort ^pouv-
antö, Sans que personne y ait pris garde, ni qu'il en ait eu ajires aucune
mfjmoire, bien que l'idc'e de l'aversion qu'il avait alors pour ces roses et
pour ce Chat demeure imprimee en son cerveau jasqu'ä la fiu de sa vie",
36*
fLoA Mitteilungen.
Binet fügt als l.'ußnote liiuzu: „Voilä le point important.. et Descartes
n'a pas maiiime de le recomiaitre". Daß eia Mensch bis zu seinem Lebens-
ende von einem Eindruck seither KiDdorjahre, den er vollständig vergessen
hat, beherrscht werden kann, die^e Tats;u:be wird von unseren Gegnern als
phantastische Erfindung verschrien und doch ist sie einem so strengen Deuter
wie Descartes offenbar volUcoinmen vernünftig erschienen.
Zur unbewußten Determination des Denkprozesses.
Eine Seibatbeobachtung.
Von Siegfried Bernfeld.
Im Jahre 1912 war ich mit Studien zur Lehre von der Ideenassozia-
tion beschäftigt; ich halte schwere Bedenken g*-gen die üblichen Auflassungen
vom Verlauf der Vorstellungen, ohne daß es mir gelingen wollte, meinen
verschwommenen und unanschaulichen Gedanken eine präzise und douthche
Fassung zu geben. Da faßten sich mir meine Gedanken eines Tages plützlict
zu einem Bild von seltener Deutlichkeit zusammen -. ich sali dio Psyche, das
Bewußte und das Unbewußte, als die Mantelfläche eines Kegels aufgerollt,
dessen Spitze das liewußtsein darstellt, von dem aus Helligkeitsstrahlen sich
den Mantid hinunter bewegen. Da es sich hier nicht um die Darstellung
jener wisseuschaftlicbeu Gedanken handelt, so mag die Beschreibung dessen
genügen, was ich sah, Zugleicli hatte ich das Gefühl, eine wertvolle und
bedeutungsvolle Ent.leckung gemacht zu haben ; wertvoll und bedeutend zu-
nächst für die Ökonomie meines Geistes und dann, hoffte ich, aucli für die
Wissenschaft. Die Erregung, die micü ergriff, war beträchtlich und dauerte
lange an Das Bild lieli mich lange nicht los. Ich habe sehr selten deutlicbe
visuelle Vorstellungen ; von eigentliclien Bildern kann ich fast nie sprechen :
ich sehe innerlich gar nichts. Nur äußerst selten erlebe ich eine wirklich
sichtbare Vorstellung. Es sind das regelmiißig bedeutsame Edebmsse, die
zum Ausgangspunkt für irgend eine geistige Produktion werden. So verhielt
es sich auch hier. Dieses Bild wurde — so wenig es irgend jemandem
anderen dem ich es mitteilte, etwas bieten konnte — zum Mittelpunkt einer
Anzahl 'von Gedanken, durch die ich mich in meinen Studien zur Assoziations-
lehre bedeutsam gefördert fühlte.
Zur gleichen Zeit war ich mit der Niederschrift einer psychologischen
Theorie der Schundliteratur beschäftigt. Ich war bereits gegen das Ende
gekommen, als ich nicht recht vorwärtsrücken konnte. Das Kapitel über
Lesertypen, vor dem ich stand, konnte nicht niedergeschrieben werden, trotz-
dem der gedankliehe Inhalt völlig klar und bereits oft durchdacht war; es
gelang nicht die Gedanken zu ordnen und wollte nicht gelingen, einen Aus-
druck zu finden für ein deutlich gefühltes Wechsel verhültnis zwischen den
verschiedenen Lesertypen und vor allem für die Rückwirkung des höchsten Typus
auf die Niedrigeren. Da bot sich plötxlich, bei anders gearteter Lektüre,
mit Vehemenz und ich möchte sagen mit strahlender Schönheit wieder jenes
Bild vom Kegel, aus dessen Spitze Licht über die Mantelflächen strahlt. Ich
sah die Lesertypen in diesem Bild des Kegels zusammengefaßt von den
niedrigsten zu den höchsten in Rangordnung gebracht, ihr Wtdiselverhältnis
und vor allem die Wirkung des höchsten auf die anderen ausgezeichnet dar-
gesteUt Das war wenige Tage nach dem ersten Auftreten des Bildes. Nach-
Dr. Otto Bank: Der „Familienroman" in der Psychologie des Attentäiers, 565
dem sich die Erref^uug durch einiges Hin- und Hergehen gelegt hatte, gelang
die Ordnung der Gedanken für jenes Kapitel viud zugleich die Niederschrift
in genügender Weise. Überdies ordnete sich das Gedankenmaterial der
letzten Abschnitte der Arbeit und der neu hinzagekominenen Idee für einen
zweiten Teil ebenfalls unter demselben Gesichtspunkt : die Disposition nahm
die Form eines Kegels ^) an.
Noch in der Aufregung bei diesem zweiten Erscheinen des Bildes war
mir der ganze Vorgang äußerst merkwürdig aufgefallen, ich fand aber erst
in einer Pause bei der Arbeit des Niederschreibens Zeit, dies näher zu be-
achten und zu untersuchen. Ich versuchte an das Bild des Kegels „frei ku
assozieren". Mir löste sich dieses Bild sofort in ein anderes auf, das sozu-
sagen in den Kegel als Rahmen hineinkomponiert war: Egmont Hegt (im
V. Akt des Goetheschen Dramas) horixoatal auf einem Kubehett (Durch-
messer der Kegelbasis); über ihm schwebt Klärchen und neigt den Kopf zu
ihm (Kegelspitze) und von ihr geht ein hellster Glanz aus, der kegelförmig
in Strahlen herunterrinnt. Mir war sofort mit Erschrecken klar, wer Klärchen
ist und ich wurde mir der folgenden Gedanken bewußt, die in dieser Zeit
latent in mir waren : Nicht zum geringsten, um mit begonnenen Arbeiten zu
Ende zu kommen, aber auch aus inneren Gründen, hatte ich längere Zeit
den Umgang mit meinem Klärchen entbehrt; ich hoffte diese Entbehrung
später kompensiert zu finden in besonderem Lob und erneuerter Liebe Klär-
chens. (Die Ergebnisse der noch ein Stück weiter geführten Analyse kommen
hier nicht in Betracht. Nur das sei bemerkt, daß „Egmont" — „Besuch
des Egmonts im Theater im Alter von elf bis zwölf Jahren" — in eine sehr
gefühlsbetonte Gegend führt.)
Das "Wesentliche dieser Beobachtung ist, zusammengefaßt: Latente
Gedanken und Tendenzen, die typisch für die augenblickliche Konstitution
des Unbewußten sind, finden einen vollkommenen Ausdruck ihres Inhaltes in
einer Szene aus einer Dichtung, die ihrerseits für die gegenwärtige Lage
bedeutungsvoll ist. Sie manifestieren sich aber nicht in dieser Form, sondern
in einem der augenblicklichen Geistestätigkeit und bewußten Geistesi-ichtung
gemäßeren, abstrakten und stereometrischen Gebilde, das in die Ketla der
Gedanken sich als äußerst bedeutungsvolles Glied einschiebt und den weiteren
Verlauf des Denkprozesses determiniert. Ein wesentlich Neues fügt unsere
Beobachtung dem bereits Bekannten hinzu : Die Manifestierung jener latenten
Gedanken geschieht nicht (wenigstens nicht nur) als Hinzufügung eines Inhaltes
an die bereits vorhandenen Inhalte — in unserem Fall etwa als neue, origi-
nelle psychologische oder philosophische Idee — sondern als ein formales
Prinzip, als Ordnungsprinzip der vorhandenen Gedanken, als Disposition der
wissenschaftlichen Untersuchung, die gerade tinternommen wird.
' 9.
Der „ Familienroman " in der Psychologie des Attentäters.
Von Dr. Otto Rank.
In meiner Abhandlung über den „Mythus von der Geburt des Helden"
(1909) habe ich darauf hingewiesen, daß der von Freud im Phantasieleben
der Neurotiker aufgedeckte „Familienroman" von hoher Abkunft, unehelicher
■) Ich bemerke, daß sich für meine Vorstellung die Teile eines Aufsatzes nicht
flächig aufeinander folgen, sondern räumlich!
566 Mitteilungen.
Geburt und VerfülguDg durch dia Eltern, der einer bei verschiedenen Völkern
^[iisch wiederkehrenden mythischen Erzählung zu Grunde liegt, sich in den
Größen- und Verfolgungsidi'eo der Paranoiker wiederfindet und vom Attentäter
m der Hoalität zar DarstelluDg gebracht wird. Später konnte ich diese Auf-
fassnog an Uand der Jiiojjraphie des AnarchistcD Luccheni, der anfangs
September 1898 in Genf die Kaiserin von üsterreich ermordete, bestätigen')
und möchte nun noch weiteres Material, das mir seither bekannt geworden
ist, unter diesem Gesichtspunkte betrachten.
Am 14. Märzlitl2 versuchte der italienische Anarchist D alba ein Attentat
auf den Küßig und die Königin von Hallen zu verüben, als sie ku einer Seolenraessö
für den von Anarchisten ermordeten König Humbort fuhren. Bei der am 8. Ok-
tober 1912 in Uom durchgeführten Schwurgorichtsverhandlung „erklärte Dalba
stolz, er sei ein Vaterlacdsloscr, glaube an nichts und sei individualistischer Anarchist.
Am 13. März habe er gelesen, der König würde am nächsten Tag ins Pantheon
^hren. Kr Labe gedacht, da er ein Vaterlandsloser sei, müsse er den
Vater des Vaterlandes, während dieser sich unter Kürassieroskorte ins
Pantheon begebe, töten, um zu zeigen, wessen ein Anarchist fähig sei. Auf
die Frage eines Geschworenen erwiderte der Aogoklagte, er sei Anarchist ge-
worden, da er ein Gegner der Nation, der Uourgeoisie und des Reichtums
sei und bestand darauf, daß seine Antwort im Protokoll vermerkt werde.
Die Arbeitsgenossen Dalbas gaben noch an, daß Dalba immer schweig-
sam gewesen sei und liie liinsamkeit geliebt habe. Sein Lehrer sagte aus,
Dalba habe sich in der Schule schlecht aufgeführt. Nach seiner Ansicht sei
der^ Angeklagte geistig minderwertig gewesen." Von größerem psycho-
logischen Interesse ist aber für uns die Tatsache, daß der Attentäter wegen
Mißhandlung seiner Eltern vorbestraft ist. Mehr war zum Verständnis
seiner Tat und ihrer Beweggründe aus den ZeitUQgsnachrichten nicht zu ont-
nelimen. Als bemerkenswert für die unbewußte Korrespondenz der Strafjustiz mit
den gleichen Motiven dos Verbrechens mag vielleicht der umstand gelten, daß
die italienische Regierung anläßlich dieses Attentats „die Wiedereinführung
der Todesstrafe für Vater- und Königsmörder" beschloß.
Ein zweiter interessanter Fall ereignete sich am 18. August 1912, dem
Geburtstag des Kaisers, in Wien. Ein ITjäbriger Bursche, Hermann
Prinz, verübte auf den Weihbischof Dr. Pfluger, als er sich eben zum liocli-
amt in die Stephanskirche begeben wollte, ein Mcsserattentat. Über das Vor-
leben und die Persönlichkeit des Attentäters wissen die Zeitungen zu berichten-
„Prinz ist, wie_ gleich von vornherein betont werden möge, unzweifelhaft
geistesgestört. Sem bisheriges Leben hat er abwechselnd hinter den Mauern
des Kerkern oder des Irrenhauses verbracht. Als Findelkind geboren,
hat er seine Eltern n.e gekannt und wurde bei fremden
Leuten erzogen.*) Im Alter von sieben Jahren kam er in die Landes
erziebungs- nnd Besserungsanstalt nach p«„„„i ,. ^'^""^^
14. Lebensjahre verblieb. Es wurde SLestlinr T '' b.s zu seinem
Knabe Brandstiftungen in Ernstbrunn E'^^^^^ sechsjähnger
Angehörigen und der Gemeinde als S hr^k.n r m"'""*'" '''°''
Besserun^anstalt geko.nmcn ist. Dann w S et tro '^1^; W ""° '" ■'''
Angehörigen, ihn zu übernehmen, entlasse" Mit 4 .ahl "^"T^ iT""
,kam ich zu einem Sattlermeister in die Lehrr lii .. '. ''u'^'-''' ""'
davon und ging nach Wien. loh wollte die M't er 1 "^'J ''^l ^f*^'"
""^ Mutter besuchen, fand sie
") Zcntralbl. f. Paa,., L Jahrg. ]gil_ g 3^5,
-) Genau wie Lucchenil
Dr. Otto Rank: Der „Familienroman" in der Psychologie des Attentäters. 507
aber nicht und ging in die Hofburg, wo ich bat, man möge micb in die
Bessernngsanstalt zurückscbiclcen. " „Er wurde damals in der Hofburg ange-
halten, weil er nach seiner Angabe zum Kaiser geben wollte,
tun die Bitte vorzubringen. Er trat bei Bauern in Dienst und sebon im Alter
von 16 Jaliren wurde er wegen einer Veriintreuung, die er an seinem Bienst-
geber begangen hatte, zum erstenmal mit Kerker in der Dauer von zwei
Monaten bestraft. In der darauf folgenden Zeit wurden in Emstbrnnn fünfzehn
Brandstiftungen begangen. Prinz wurde als Täter eingezogen und legte ein
Geständnis ab. Er zeigte weder Reue noch Aufregung uud sagte, er könne
nicht anders. Am 20. Dezember 1902 stellte er sich in Ybbs mit der Selhst-
anzeige, daß er eine Scheuer ans Rache in Brand gesteckt habe, weil die
Tochter des Besitzers sich geweigert habe, ihn „fensterln" zu lassen. Im
Februar 1902 wurde er wegen dieser Tat vom Kreisgerichte in Konieuburg
zn drei Jahren schweren Kerkers verurteilt. Während seiner Haft traten epi-
leptische Anftillc bei ihm auf. Auch sonst zeigte er Spuren von Geistes-
zerriittung. Diese Umstände führten nach achtzehn Monaten zu seiner Be-
gnadigung. Vor sieben Jahren hat er sich eines Nachts in der Adlergasse
ganz entkleidet. Er wurde angehalten und als geistesgestört der psychia-
trischen Klinik übergeben. Dort stand er längere Zeit in Untersuchung und
kam nach amtsärztlichem Gutachten in die Heilanstalt Gugging. Nur mit ge-
ringen Unterbrechungen war er seither immer in irrenärü tlicher Be-
handlung. So kam er in die Heil- und PHegeaiistalt Ybbs. Im Jahre 1911
war er in der niederösterreichischeii Landesheil- und Pflegeanstalt am Steinhof.
Er wurde in die Beobaclitungsabteilung gebracht und verhielt sich ruhig und
gelassen. Außer leichten epileptischen Anfällen, die stets rasch vorübergingen,
wies er keine weiteren Symptome einer schweren Geistes-
krankheit auf. Auch den Wärtern gab er nie zu irgendwelchem Ärgernis
Anlaß. Er geliörte zur Gruppe der ruhigen Patienten. Noch Ende des Jahres
1911 wurde Prinz vom Steinhof wieder der Heil- und Pflegeanstalt in Ybbs
Überstellt. Dort blieb er bis zum 13. d.*) in Behandlung. An diesem Tage
wurde er aus der Anstalt als geheilt, aber mo raliscb defekt entlassen.
Man gab ihm auf den Weg 15 Kronen mit."
„Prinz sah sich kaum in Freiheit, als sein wirrer Geist sich abermals
mit verbrecherischen Plänen belaßte. Er suchte sich ein Opfer aus und seine
Wahl fiel auf den Fursterzbischof Dr. Nagl, "Welche Ideenverbiadung
dabei im Spiele war, wird wohl schwerlich erforscht werden
können. Noch an demselben Tage seiner Entlassung aus der Anstalt traf
Prinz in Wien ein, um hier Arbeit zu suchen. Er frug im städtischen
Arbeitsvermittlungsamt auf dem Neubaugürtcl vergebens nach und entfernte
sich. Nun blieb Prinz noch bis zum 15. d. in Wien und lebte von dem ge-
ringen Betrage. Obwohl er Geld hatte, übernachtete er im Freien. Am 15. d.
fuhr er nach Ernstbrunn zurück und wendete sich an das Bürgermeister-
amt seiner Ileimatsgemeinde, um von dort aus Arbeit zu finden. Aber auch
dort wurde ihm ein abweislicher Bescheid gegeben. Am Samstag kam Prinz
mit den ihm verbleibenden sieben Kronen nach Wien zurück. Er ging in
das Massenqnartier in der Novaragasse und verbrachte die Nacht dort.
Gestern früh verließ er das Quartier, in dem man ihn kaum kennt, und
be^ab sich zu Fuß in die Stadt. Dort verübto er das Attentat auf den Weih-
bischof. Er bereitete seinen l'lan ganz systematisch vor, erkundigte sich genau,
durch welches Tor der Bischof zum Hochamt schreiten werde und schaiFte
sich dann die Mordwaffe an, mit der er gestern vormittags auf sein Opfer
') Fünf Tage vor dem Attentat !
5Ö8 Mitteilungen,
lauerte. Als Dr. Pfluger zu dieser kritischen Zeit im Bischofsornat über den
Platz Kur Kirche schritt, hielt ihn der Verbrecher für den erwarteten Fürst-
erzbischof, stürzte sich auf ihn uod stach auf ihn los.')"
„Prinz, der anfangs auf alle Fragen die Antwort schuldig blieb, hat
dem ihn verhaftenden Sicherheits Wachmann und dorn Amtsarzt, der ihn
untereuchte, nur mitgeteilt, daß er es auf den Kardinal Für^terzbischof
1)r. Nagl abgesehen gehabt habe. Er ließ sich ohne Widerstand festnehmen
nnd rief nur: ^Mein Leben ist ohnehin verpfuscht; es hat so kommen
müssen ! ''
Faßt man zusammen, daß der Attentäter als Findelkind herangewachsen,
seine Eltern nie kannte und, als ergänzendes Stück des Familienromans, ein
besonderes Interesse für hochgestellte Persötlichheiten zeigte, so wird seine
Tat, wenn auch nicht menschlich begreiflich, so doL-h psychologisch verständlicher.^)
Man glaubt einzusehen, warum er gerade au Kaisers Geburtstag das Attentat
begeht und warum er in Abwesenheit des Mouarclien einen hohen Kirchenfürsten
dazu wählt (den er allerdings dann verwechselt) : Es ist dies gleichsam die
diesen Menschen eigene Art, den von ihnen phantasierten resp. als Verfolger
halluzinierten Vater zu bezeichnen. Und mit Kücksicht auf die von Stekel")
und Abraham)* aufgezeigte „determinierende Kraft des Namens" wäre es im
Bahmen des den Ehrgeizphantasien des Sohnes dienenden Familienromans nicht
ohne weiteres abzuweisen, wenn anch auf den ominösen Namen des Mörders
ein Akzent gelegt würde.^)
Einen letzten Fall, der dadurch ausgezeichnet ist, daß der „Familien-
roman" sich innerhalb seiner ursprünglichen Sphäre abwickelt, ohne in das
„vornehme Milieu" überzugreifen, entnehme ich Näckes Abhandlung ,über
Familienniord durch Geisteskranke" (Marhold, Hallo 1908, S. 77): „Fall 33:
Th-, Weber, geb. 1880, ledig. Bruder des Großvaters entleibte sich. Gut be-
gabt, als Kind verschlossen, reizbar, aber solid, kein Trinker. 1901 zeigte er
sich eigentümlich, ging auf Wanderscliaft ; vor Weihnachten fiel er noch mehr
anf. Jänner 1902 merkten es auch die Eltern. Er war schlaflos, mißtrauisch,
schwindelig, hörte auf zu arbeiten, oft aufgeregt. Halluzinationen, Wahnideen,
drohte den Eltern einmal mit Erschießen. Sagte, er sei ein
Findelkind. Irrenanstalt; am 3. März holte ihn der Vater heraus. Wieder
das alte Spiel; wiederholt soll er den Vater gepackt haben; ara
11. Märi: zerriß er Bettüberzüge, schlich der Mutter früh elf Uhr
in den Keller nach, erschlug sie mit einem Hammer und zeigte
dies seinen nebenan wohnenden Schwestern ruhig an. Heuelos. Sagte s])ilter,
das sei nicht seine Mutter gewesen; er sei der Kaiser. Anfangs
April wieder in der Anstalt, Im Mai erzählte er den W^ärtem zynisch den
Mord. Et habe „das Luder" erschlagen, weil es so dreckig gewesen sei. Wenn
') Es ist beachtenswert, daB Prinz sich schon einige Jahre früher eines Mordes
(an der Köchin Marie Maier) beschuldigt und die Behörde vor dem „AnaxchiBten"
Prinz selbst gewarnt hatte.
^) Auch Charlotte C orday, die am IS. Juli 17!)3 den Revolutionär Marat
dnrch einen Dolchstoß tütete, setzte sich über die Tatsache, daß ihr Vater ein ver-
armter Edelmann war, durch Phantasien ihrer hohen Abkunft von sagenhaften
Kcbottiaehen Königen hinweg. Ihr jüngster Biograph Henri d'Almeras (Charlotte
Cordaj, Paria 1912), der diese nnd ähnliche Züge anführt, faßt ihre Tat als Ausfluß
hysterischer Stimmung.
») Zeitschr. f. Psychotherapie u. mediz. Psychologie. Bd. III, Haft 2, 1911.
*) Zentralhlatt f. Pfia., U, Jahrg. 1912, S. 133f.
^) Ans der Haft richtete der Attentäter Eeuebriefe an sein Opfer, ans denen
der Amblvalenzkonflikt deutlich spricht; diese Schreiben sind immer unterzeichnet:
-Prina Hermann".
Dr. E. Hitachmann : Goothe als Vateraymbol. 569
er lierauslittme, würde er dasselbe tun. Zeigte sich oft explosiv verworren, un-
zugänglich, agitiert. Dementia praecox,"
Auch hier vermag die Diagnose uns weder das psychologische Verständ-
nis zu ersetzen, noch auch uns von der Bemühung um dasselbe abzuhalten.
Ebensowenig kann dies Daheliegenden Einwänden gelingen, die sich darauf be-
rufen wollten, daC zum Verständnis der kriminellen Entwicklung von Findel-
kindera etc. die sozialen Momente der mangelnden Fürsorge, Elternliebe und
Erziehung allein ausreichend seien. Ohne daß wir den Einfluß dieser Bedin-
gungen unterschätzten, müssen wir einerseits die auffällige Korrespondenz
dieser sozialen Momente mit ganz bestimmten Formen der Krimina-
lität (Anarchismus u. ä.) als Berechtigung für unsere Auffassung anfuhren,^)
anderseits dürfen wir aber auch das theoretische Argument ins Treffen führen,
daß eine scheinbar ausreichende Motivierung aus naheliegenden manifesten
Motiven eine tiefere unbewußte Motivierung nicht nur nicht ausschließt, sondern
— entsprechend der Kompliziertheit psychischer Produkte — zu deren vollem
Verständnis geradezu erforderlich ist.
10.
Goethe als Vatersymbol.
An Träumen demonstriert von Dr. E. Hitsehmann (Wien).
Es stehen mir drei Träume zur Verfügung, denen ich zwar keine ans-
flihrliche Deutung beigeben kann, welche aber sichtlich die Gestalt Goethes
als cachierendes DarsteJluugsmittel für den Vater verwenden.
I. Muttersohn, einziger Sohn. Berufsinsuffizienz. Rela-
tive psych. Impotenz. Ehehemmnng. Anal-Charakter, Klein-
niTit (kleiner Penis); Pseudosicherheit und -arroganz. Hae-
morrhoidarius,
Tr. (16. Lebensjahr, erinnert 35. Jahr): Ich bin zur Kaiserin ge-
rufen worden, Sie stand in einem kleinen Zimmer, an einem Tischchen. Sie
sagte, sie freue sich über mein Go et he -Interesse ; Goethe sei ein bedeutender
Mensch gewesen. Bei diesen Worten bekomme ich vor Ergriffenheit eine Ohn-
macht (nicht ohne das Gefühl des Komödiemachens). Ich kam dann wieder zu
mir, die Kaiserin beruhigte mich und sprach von Goethe. Ich solle nur wieder-
kommen, sie stehe zu meiner Verfügung, Sie schickte mich im Hofwagen
nach Hause. Ich dachte, was mögen die anderen denken über mich Eindringling!
(Der Traum war so affektvoll, daß P. woclienlang an ihn dachte und
sich für die reelle Kaiserin zu interessieren begann, Ihr Tod berührte ihn sehr
und er las über sie.) Ödipusträume oft (Reisen mit Motter, mit Mutter
im Hotel), aber nie so affektvoll.
^) Einige Monate nach Abschluß dieser Notiz stellt mir Herr Kollege Storfer
die folgende Bemerkung von Eduard Bernstein überden bekannten Anarchisten
Most zur Verfügung: „Was ihm fehlte, war der innere Halt, ein Mangel, der vielleicht
darauf zurückzuführen ist, daß er als Knabe sehr früh die
Mutter verlor, die Stiefmutter haßte und im Vater den Komödi-
anten verachtete. So mißlich es ist, aus persönlichen Erfahrungen und seien
ihrer noch so viele, allgemeine Schlüsse zu ziehen, ho kann ich doch die Bemet-
kuno nicht unterdrücken, daß so oft mir auf meinem Lebensweg Person Uchkeiten be-
gegneten, die am gleiolien Mangel litten, nähere Dnterhaltung über ihre Jugend
st°ets ergab, daß sie mit den Eltern in keiner seelisch enEeaiehung
gestanden hatten." (Aus einem Artikel „Einige Erinnerungen an August Bebel-
in der „Frankfurter Zeitung" vom 24. August 1Ü13.)
570 Mitteilungen.
II. Ütierspaiintes, e lirgeizig os, dilettantisch cliclitendes
Mädchen in den t'Iegeljahren, mit heftigem Mutterkaiupf.
Häufige Ödipusträmae.
Tr. (15. Lebensjahr): Es war ein heller Strand. Viele elegant ge-
kleidete Menschen lustwandelten. Plützlich sah ich meinen Ookcl, ich
lief ihm entgegeu und es kam mir vor, als wenn es der Goethe wäre. Er
küßte mich und da sah er wirklich so auK, wie Goethe, der Olympier. Und
die Leute beglückwünschten mich und sagten, ein Kuß Goethes sei mehr wert,
als alle Schätze der Welt.
III. Zwangsneurotiker, Dichter, ehrgeizig. Enormer Vater-
haß; Sadist, Analcharaktor.
Älterer Tr. : Ich bin in der Wohnung Goethes, der gestorben ist.
Seine Witwe hat ein Verhältnis mit meinem Cousin und Freund Fritz. Sie
führt mich in der AVohnuug umher und zeigt mir Kcliiiuicn (Manuskripte,
auch Eilder). Sie zeigt auf ein Bild (ein RuisdaelV): links steht sie, rechts
mein Cousin, Ich sehe die Frau und alles an und sage:
„So ein Scimipfer, was der für ein Glück hat. Der hat ein Verhältnis
mit der Witwe Goethes!"
(P. deutet selbst den Traum als Inzesttraum ; mit dem Cousin ging
er oft auf den Liehespfad, doch bedeutet er wohl auch den älteren Bruder,
der von der Mutter, nach seiner Ansicht, vorgezogen wurde.)
In allen drei Trilumen ist die Wahl der Darstellung des Vatcra durch
Goethe durch Persönliches des Träumens bedingt. Es handelt sich zweimal
um literarisch interessierte Personen. — Goethe dürfte als Vatersymbol
sichere Geltung haben: er ist ein Oberster, ein Diehtcrkönig, ein starker,
alles könnender, sinnlicher Mann etc. Goethes Statur erscheint, obwohl im Lehen
mittelgroß, auf Statuen groß. (Die Vater aller drei Träumer sind groß
gewachsene Männer.) Es handelt sich allerdings nicht um ein internationales
oder auch in Deutschland allgemeines Symbol. Jedenfalls ist es ein neuer
Beweis für die hohe und imposante Wirkung, die von Goethes Persön-
lichkeit ausgeht. Man vergleiche hiezu z. B. die Worte aus E.Engels Goethe-
Biographie :
„Wenn wir die Vorstellung von Goethe in seinem Volke, ja bei den
gebildeten Völkern des Erdrundes prüfen, so finden wir weit weniger die ge-
naue Kenntnis seiner Werke als das Bild eines Ehrfurcht einflößenden macht-
vollen Mannes im Iteiche der Geister, dessen Antlitz, dessen Gestalt, vor
allem dessen Aage den Menschen heilig und vertraut geworden ist , . Vom
alten Fritz und von Goethe weiß das nicht buchergebildete Volk nichts
Greifbares ; wohl aher fühlt es sie als Verkörperer der Volksseele, ihrer
Tatenfülle, ihrer Gedankenhöhe und blickt zu ihnen als Ahnherren des
Geschlechtes empor."
Ferenczi hat mit Kecht aus einem Briefe Schopenhauers an Goethe
folgenden allgemeinen SatÄ abgeleitet: „Nebst Gott, König und Nationai-
helden sind eben auch Geistesheroen wie Goethe „Revenants" des Vaters
für zahllose Menschen, die alle Gefühle der Dankbarkeit und Achtung,
die sie einstmals ihrem leiblichen Vater zollten, auf diese übertragen" (Imago,
I, 279).
I
Dr. L. Jekels: Ein gehaItsol]er Witz.
571
11.
Ein gehaltvoller Witz.
Vou Dr. L. Jekels.
Frau X zn Fraa Y: Ach, wissen Sie, mein Mann ist impotent ge-
wordea '■
Darauf diese: Ah, da gratuliere ich. — Ist wohl mehr als kaiser-
licher Rat?
Diese Antwort, die stets lebhafte Heiterkeit erregt, wird einer Dame der
reichen Wiener Gesellschaft in den Mund gelegt ; ähnlicii wie viele andere
derartige Witze soll er der Charakteristik der betreifenden Dame dienen, die
aus düi-ftigen und ganz einfachea Verhältnissen zu großem Reichtum und ge-
sellschaftlicher Geltung emporgestiegen ist. Vielleicht ist sie ein Racheakt
der weniger vom Schicksal Bevorzugten, diese Verspottung der Dame, bei
welcher der materielle und der geistige Besitz in solch' einem krassen Miß-
verhältnisse zueinander stehen sollen.
Doch außer dieser Spotttendenz scheint mir dieser Vfitz einen ungleich
tieferen Gehalt zu besitzen, weshalb ich ihn hier einer kleinen Analyse
unterziehe.
Ich gerate in Verlegenheit, wenn ich, der Freudschen Einteilung
folgend, diesen Witz nach seiner Technik klassifizieren und einreihen will.
Dieselbe besteht hier oft'eobar darin, daß zwei völlig heterogene, ganz ver-
schiedenen seelischen Gebieten ungehörige Vorstellungen zueinander in eine
Relation gebracht werden. Ich meine nun, daJi uns vorerst diese verblüffende
Technik scbon abmahnen sollte, das Wesen und die Wirkung dieses Witzes
von der, der prätentiösen Dame zugemuteten Unkenntnis des Fremdwortes
abzuleiteo. Dagegen spricht überdies der Umstand, daß solche Ignoranzwitzö
gewöhnlich auf der Verwechslung von zwei ähnlich klingenden Fremdwörtern
beruhen (z. B. Irrigator statt Aligator, SyphiÜde statt Sylphide), ferner, daß sie
wohl selten einen derartigen Lacherfolg haben, wie der hier besprochene.
Iq unserem Witze wird aber der Dame nicht eine Unkenntnis, wohl aber
ein Mißverstehen des Fremdwortes zugesehrieben. Denn die beiden zu-
einander ia Relation gebrachten Vorstellungen stehen, so recht betrachtet,
eigentlich im Verhältnisse eines gewissen Gegensatzes zu einander; die eine
repräsentiert einen Mangel, einen Defekt, ein Gebresle, wogegen die andere
eine Erhöhung, eine Auszeichnung, Ein wesentlicher Teil der Wirkung dieses
Witaes — etwa der Vorlust entsprechend — besteht somit darin, daß seine
unfreiwillige Verfasserin ein ausgesprochenes Minus für etwas Überwertiges,
für ein Plus nimmt.
Seine überwiegende Lustquelle bin ich indessen geneigt in einem anderen
Umstände ^u erblicken, nämlich darin, daß er in schlagender Kürze uns eine
nicht oft und nicht gerne eingestandene Wahrheit verrät, die bei näherer Be-
trachtung der beiden hier verglichenen VorstelJungeu offenbar wird.
Denn der sehr verbreitete Titel „Kaiserlicher Rat" bedeutet im allge-
meinen nicht etwa eme auf Grund bestimmter Qualifikationen erworbene Be-
förderung oder eine Auszeichnung iür wirkliche Verdienste. Eber gilt er als
Befriedigungsmittel für den kleinen Ehrgeiz von Leuten, die die anfänglichen
Existenzsorgen zum großen Teile bereits überwunden haben, bei denen der
Kampf und das Ringen an Schärfe bereits nachgelassen hat, und die nun das
etwa bereits in Sicht befindliche Otium cum dignitate — eines kaiserlichen Rates
genießen möchten.
573 Mitteilangen.
Wenn nun unser Witz gerade diese Art der Erhöhung zusammenstellt
mit einem aQsgesprouhenen Dal'ekt an anderer Stelle: enthüllt er uns nicht
mit ätüender Schärfe etwa, daß ein derartiger Ehrgeiz lediglich dem Ersatz
für etwas Mangelndes, der Verdei'kung einer Minderwcrtigiceit dient, — mit
anderen Worten, den uns Analytikern so wohl bekannten Kompensations-
mechauismus unserer Psychei'
Dieselbe Anspielung linde ich in den Worten eines bekannten Wiener
Komikers :
Ein Herr wird Kaiserlicher Rat. '
Warum er um den Titel bat (mit bedeutsamer Geste)
Das frage ich nicht !
Doch glaube ich, daß die Ausbeute hier, besonders für uns Analytiker,
noch eine viel reichere ist. Wir können es dodi unmöglich als Zufull hin-
nehmen, daß die die Minderwertigkeit repräsentierende Vorstellung dem Ge-
biete der Sexualität entnommen ist; vielmehr muß uns gerade dieser Umstand
außerordentlich bedeutsam erscheinen. Damit sagt ja dieser Witz geradezu
mit nicht mißzuverstehender Deutlichkeit — was uns Analytikern schon lange
nicht mehr verborgen ist — , wo der letzte Grund eines solchen zur Kompen-
sation aaf]Jeitschenden Minderwertigkeitsgt'fuhles zu suchen sei ; wie auch in
diesem Detail ein deutlicher Hinweis auf die, das ganze psychische Leben
dominierende und dasselbe bestimmende Kolle der Sexualität enthalten ist.
Als eine Art Gegenprobe auf die Richtigkeit meiner Interpretation
würde es sich empfehlen, die beiden Vorstellungen, deren Spezifizitöt ich hier
so hervorgehoben habe, durch andere, weitaus weniger Bpezifische, zu ersetzen;
und da muß man mir wohl zugeben, daß weder etwa Landesgeriehtsrat oder
Legationssekretär an Stelle der einen Vorstellung, noch auch etwa indolent,
insolvent usw. an Stelle der anderen, auch nur einen annähernd so großen
Lacherfolg hervorbringen würden, wie die ursprüngliche Fassung dieses Witzes.
Kritiken und Referate.
Prof. E. Bleuler: „Eine intellektuelle Komponente des Vater-
komplexes." (Jahrbuch für psychoanalytische und psychopatho-
logische Forschungen, IV. Band, 2. Hälfte.)
Ein kleines, vierjähriges Mäiicbeu äußert den Wunsch, Köchin m
werden und 20 Kinder zu haben. Mamas Frage nacli dem Vater der Kinder
iiQdet die Kleine ganz unnötig. „Ich habe ja einen Papa," sagte sie und
auch nach der Aufklärung Mamas: „Das ist doch dein Papa und der gehört
mir, beharrt sie doch bei ihrer Einstellung : „Das ist unser Papa, mein
Papa und dein Papa und meinen Kindern ihr Papa." Und auch am folgen-
den rage bleibt sie dabei: „Der Papa gehört uns allen Dreien".
Bleuler erklärt diese Auffassung der Kleinen dadurch, daß fdr ihre
UQklare Begnfisbildung der Papa innerhalb jeder Familie „der Vater über-
haupt ist, weil ihm überiiaupt die Vaterrolle zukommt, Der Papa ist eben
der Papa, wie der Eßtisc'h eben der Eßtisch ist für alle Leute ; vom Unter-
schiede im persönlichen Verhältnis wird abgesehen. Der Denkfehler ist em
ähnhcher, wie wenn auf einer früheren Stufe das Kind das Wort „ich" nicht
anwenden kann, weU dieses je nach dem Sprechenden bald die eine, bald die
andere Person bezeichuet."
^"°^ Thema der Schwierigkeit, die dem Kinde ans dem Erfassen des
Ichbegriffes erwächst, kann ich eine recht charakteristische Beobachtung mit-
teilen, die dasselbe Problem nur etwas sprachlich modifiziert zum Inhalte hat.
Em zweieinhalbjähriges Mädchen wird aus irgend einem Grunde von seiner
Mutter aufgefordert, die Puppe, mit der es eben spielt, ihr für einen Moment
zu übergeben. Als die Kleine zuerst zögert und sich schließlich direkt weigert,
sagt die Mutter tröstend: „Wenn du mir die Puppe auch für einen Augen-
blick gibst, so gehört sie ja doch dir." Worauf das Kind mißtrauisch fraßt-
„Dir oder dir?" ^ '
Derartige Eegriffsunklarheiteo kommen wohl sicher — und Bleuler
betont es auch — nur auf einer relativ frühen Entwicklungsstufe der Kinder
vor, und auch das vierjährige Mädchen, das den Papa für sich und die
ganze Familie reklamiert, wird jene primitiven Denkfehler, die sich auf das
„ich, mem und dein" beziehen, schon längst korrigiert haben. Daß aber
diese Vierjährige die Korrektur nicht auch bei dem Vaterbegriffe durchführen
konnte, ist scheinbar eine rätselhafte Inkonsequenz und doch meiner Meinung
nach wohl recht einfach zu erklären. Die Mutter hat nämlich seihst durch
falsche Anwendung des Wortes „Papa" den Irrtum hervorgerufen und weiter
wirksam erhalten, denn sie wird sicher so wie alle anderen Mütter, wenn sie
den Kindern gegenüber von ihrem Manae spracii, den irreführenden' Ausdruck
„der Papa" oder „unser Papa'' usw. gebraucht haben. Wenn also die Mutter
selbst ihren Mann immer „Papa" nennt, so ist es nicht vervmnderlich, wenn
die Kleine für ihre eigene Person die Erlaubnis daraus ableitet, ihrerseits den
gi^^ Kritikeu und Referate.
Papa zu ihrem Manne zu matliCD, denn auch die Mutter konfundiert ja
sprachlich .Ehemann" und ,I'apa". Überdies wird die Schwierigkeit, den
Unterschied im persönlichen Verhültnis zu begreifen, für das Kind zweifellos
auch noch durch erotische Momente wesentlich verstärkt. Bleuler erwähnt
ausdrücklich, daß man bei diesem Mädchen „das hoterosexuelle Verhältnis
zum Vater schon sehr früh angedeutet finden konnte. Als die Mama ein
Brüderchen erwartete und nachher, als sie es hatte, konnte Emmy, damals
dreijährig, einen gewissen Neid nicht verbergen, Neid nicht dem Brüderchen,
sondern der Mama gegenüber, die ein Kind bekommen konnte". Sie fühlte
sich also als Rivalin der Mutter, und von diesem Gesichtspunkte aus wird es
begreiHich, daß die fehlerhafte Identifizierung: „Papa = Ehemann" einem
böchstwahrsclieinlich sogar ganz bewußten Wunsche entsprach und daß_ daher
die Korrektur gerade dieses Denkfehlers einem ganz besonderen, speziell de-
terminierten Widerstand begegnen mußte. Der Fall dieses kleinen Mädchens
steht sicher nicht veieinzelt da und er kann auch tatsächlich kern Ausnahms-
fall sein, wenn man nur die Prämissen in llechoung zieht und bedenkt, wie
fast ganz allgemein der Mann von der Frau „Papa" genannt wird und wie
sehr dieser falsche Sprachgebrauch den Wünschen der Kleinen entgegen-
E leuler ist ebenfalis der Meinung, daß diese felilerhafte Auffassung
wenn nicht bei allen Kindern, doch gewiß noch sehr oft vorkommen muß".
Und er fügt hinzu: „Für dun, der weiß, wie weit die inlantile Auffassung
ins spätere Denken (namentlich ins autistisclie) hineinspielt, ist es selbstver-
ständlich, daß sie nicht ohne Einfluß auf den späteren Elternkomples sein
kann".
Durch diese Erkenntnis gewinnt der von Bleuler mitgeteilte Fall
eine Bedeutung für die Allgemeinheit, deren "Wert sicher nicht unterschätzt
werden darf. Dr. Rudolf Ueitler,
W. Ffenninger. Untersuchungen über die Konstanz und den
Wechsel der psychologischen Konstellation bei Nor-
malen und Frühdemenlen (Schizophrenen). Jahrbuch für
psychoanalytische und psychopatliologische Forschungen. lU. Band,
2. Hälfte.
Pfenninger verarbeitete in dieser Studie ein Assoziationsmaterial, das
er mit folgender Versuchsanordnung gewonnen hat: bei je vier männlichen
und je vier weiblichen ungeliildeten Normalen (Wäi-törn der Anstalt) nahm er
nach dem Jungschen Reizwörterschema je 100 Assoziationen auf und notierte
Reaktion, Reaktionszeit, Reproduktion samt allfälligen Störuugserscheinuugen
(Ünruhigwerden, Lachen usw.). Dieses Experiment wiederholte er bei allen
Versuchspersonen in wöchentlichen Intervallen achtmal mit den gleichen Reiz-
worlen. Der ganz gleiche Versuch wurde auch bei sechs männlichen und
fünf weihlichen Kranken in sicheren und reinen Fällen von Dementia praecox
angestellt. Er benutzte dann daneben auch noch Assoziationen, die auf die
gleiche Weise, aber von einem weiblichen Experimentator an weiblichen
Dementia i)raecox-i'ällen gewonnen wurden.
Wir können im folgenden aus der anregenden Arbeit, die eine Fülle
von neuen Fragestellungen aufzwingt, nur das Wichtigste hervorheben und
müssen im Übrigen auf die Arbeit selber verweisen. .
Der Autor fand, daß das wahrscheinliche Mittel der Reaktionszeit bei
den normalen Männern in den einaelticn Wiederholungsserien sehr langsam
bis zur vierten Serie abnimmt, bei dieser sowie bei der fünften Serie steigt
Kritiken und Referate. ^1^ j
es wieder etwas au, um dann koatinuierlich bis zum Ende abzufallen. Bei
deu normalen Frauen ist der Abfall am Anfang ein selir steiler, er wird dann
immer flacher, um in der siebenten Serie wieder leicht anzusteigen. Pfen-
ninger sieht nun mit Recht in der Grüße des wahrscheinlichen Mittels der
Reaktionszeit einen Maßstab für die Große des "Widerstandes der Versuchs-
person zum Experimentator : so geben die oben angedeuteten Kurven ein
charakteristisches Bild vom Übertragungsverlauf des normalen Mannes und
der normalen Frau auf den männlichen Versuehsleiter. Die Kurve der Ee-
aktionszeit der kranken Männer zeigt nun einen prinzipiell ähnlichen Verlauf
derjenigen gesunder trauen, wäbrend die kranker Frauen bei männlichem
Evperunentator der gesunder Männer entspricht. Es findet also in der Dementia
praecox emeUmkehrungderpsychosexuellen Einstellung gegen
den Experimentator statt. Daß dies nicht etwa auf Zufälligkeiten
beruht, beweist der Umstand zur GenUge, daß die Kurve der weiblichen
Dementia praecox-Kranken bei weiblichem Versuchsleiter der Kurv q
der gesunderFrauenbei männlichem Experimentator prinzipiell
gleicht.
Auch in der Verteilung der Anzahl der Komplexmerkmalc auf die ver-
scliiedenen Wiederbolungsserien ergeben sich prinzipiell die gleichen Verhält-
nisse bei den fünf Gruppen, wie bei den Reaktionszeiten, was natürlich auch
im oben angedeuteten Sinne erklärt werden muß.
Der Verfasser untersucht dann die psychologische Bedeutung des Re-
aktionswechsels, worunter er „die Veränderung der Reaktionen in den Wieder-
holungsserien versteht". Dieser Reaktionswechsel hängt in keinerlei Weise
mit Elldung oder Intelligenz zusammen, sondern muß als ein wesentlich aftek-
tives Phänomen aufgefaßt werden : die Zahl und die Verteilung der Wechsel
gehen der Grolle der Reaktionszeiten parallel : eine Reaktion, die in der
ersten und zweiten Serie ein oder mehrere Komplexmerkmale aufweist, hat
in den übrigen Serien mehr Reaktionswechsel, als wenn sie nicht durch
Komplexmerkmale ausgezeichnet ist ; ist die Reaktionszeit in der ersten Serie
erhöht, so ist in einer der nächsten Serien ein Wechsel zu erwarten, und
zwar um so früher, je mehr die Reaktionszeit das allgemeine wahrscheinliche
Mittel übersteigt: die Reaktionszeit unmittelbar vor einem Wechsel steht
durchschnittlich über dem allgemeinen wahrscheinlichen Mittel, bei fileich-
bleibender Reaktion meist darunter ; bei nicht veränderter Reaktion erreicht
die Durchschnittszeit das allgemeine wahrscheinliche Mittel nicht, umgekehrt
wird aber diese bedeutend überschritten durch eine veränderte Reaktion ;
oftmaliger Wechsel kündigt sich in der ersten und zweiten Versuchsserie durch
Vermehrung der Komplexmerkmale an: der Reaktionswechsel kann
also als ein neues Kompiexmerkmal angesehen werden. Ich
möchte hier an eine Bemerkung Freuds in der Traumdeutung erinnern, wo
er sagt, daß, wenn man einen Traum zum zweitenmal erzählen läßt, an
gewissen Stellen der Wortlaut (analog dem Reaktionswechsel) verändert wird
und diese Stellen bezeichnet er als die schwachen Stellen der Traumver-
kleidung. ')
Es zeigte sich, daß in der zweiten Versuchsserie entschieden eine
plastischere Heraushebung der komplexen Assoziationen sich ergibt als in der
ersten Exposition. Der Grund davon wird in der größeren Experiment-
erregung des ersten Versuches und damit einer schlechteren Apperzeption der
') Traumdeutung, 11. Auflage, pag. 317.
,„r- Kritiken and Referate.
Reize zu suchen seiD, worauf schon Jung und Petersen i) aufmerksam
gemacht haben. Jos. B. Lang, Zürich.
Esther Aptckmann. Experimentelle Beiträge zur Psychologie
"^^ del'pl'ho-gal.anischcn Phänomens. Jf buch für psycho-
analytische und psychopathologische Forschungen. III. Kand. 2. Hallte.
Im ersten Teile ihrer Arbeit stützt sich die Autoriü auf folgendes Asso-
.iationsmaterial: 1. wurde auf 50 Reizwörter ^^^rend sechs Wochen ede
Woche einmal reagiert. Die Versuchspersonen waren vier Ungebildete (\^ arter ,
2 wurde auF25 Reizwörter zu gleicher Zeit während sieben Tagen .glich
reaTert Uezu waren die Yersuchspersouen fünf Wärter wovon vier die
gerchen, w^e bei der wöchentlichen Repetition^ _ Es --'^-.^^^J^^f ^„"' ^^^ '
Suchsreihen hei den einzelnen l^^P^ti^'«"«^ ,?'^^«l^«\t°,Sn,^Pit R
Wörter vorgelegt. Neben den gewöhnlichen NoLierungen (Real.tioiis.eit._ Re-
^roduktloifui.) wurde auch 'noch der g^^-nische Auss^lag na^^^^^^^
lieaktion gemessen. Diese Versuche wurden von emem männlichen Experi
oientator gemacht _^ ^^.^^^ ^^^^^^^_^^^ ^^^^_..^^^^^ Arbeit l^czü^lich
Eeal-tionsze t KomplexmerU malen und psychologischer Bedeutung des Eeaktions-
S rSfund^^^ iconnt* die Autorin voll und gan« bes^fgen, soweit
Tr rs oiSmateri;i diese Buchprüfung zuließ. Bei tüghcher Repeütion
?er Versuche Sgten sich prinzipiell die gleichen Resultate wie bei wocheu -
iichen Expositionen, nur verringern die rascher aufeinanderfolgenden W eder-
Sn^eadrEmotionsgröße der Reize und finden die früheren Reaktionen
^^•''■^'wlfnt^rpr/chogalvauischeu Erscheinungen anbetrifft, .eht
beiden wöchentlichen Repetitionen die Größe des gaWsdien Aus-
scilal dem wahrscheinlichen Mittel der Reaktionszeiten aufhilhgerweiBe
nicht parallel: während die Reaktionszeit be_i der mtcn Exposiüon am
erößten ist und dann bedeutend abnimmt, um in der vierten und fünften
Wiederholung gleichzubleiben respektive zuzunehmen, zeigt _ der galvanische
Ausschiag sein Maximum in der .weiten Exposition, s eigt a so von der
trs n z.r zweiten Serie, um erst nachher kleiner zu werden, allerdings ist
dieAbnahme in der vieken und fünften Serie, ähnlich dem Verha ten der
Reaktonszeit, eine relativ recht geringe. Dieses Ausemandergehen von
Reaktionszeit und galvanischem Aufschlag in der ersten und ^^'«'teB Sc„e
erklärt die Autorin aus der durch die in der erstmaligen Vornahme des Ver-
suches besonders stark aultretenden Experimenterregung (man erinnere sich,
daß es ungebildete Versuchspersonen sind !), was eine voihge Apperzeption
der Reizworte verhindert nud natürlich eine mangelhafte psyc hopby siscne
Reaktion zur Folge haben kann, während anderseits durch diesen Dauer-
affekt des Experimentalkomplexes die Länge der Reaktionszeiten vermehrt
werden muß In der zweiten Darbietung der Reizwörter ist die Expenment-
erreeung bedeutend schwächer, so daß jetzt die Bedeutung der Reizworter
besser apperzipiert wird, was etwaige Komplexe zum stärkeren Mitschwingen
bringt und dadurch den galvanischen Ausschlag vergrößert, während das wahr-
scheinliche Mittel der Reaktionszeiten infolge der Einübung begreif licher-
^^^^^ Z täglicher Repetition zeigen nun auffälligerweise Reaktionszeit und
galvanischer Ausschlag einen völlig parallelen Yerlauf: beide haben
^) Psycho-physicEtl Inveatigations. Brain, Vol. 30, 1907,
■'^
r^gy
Eritiken and Referate.
577
ihr Maximum in der ersten DarMetung und bei beiden zeigt sicli in der
vierten Serie Mieder ein deutlicher Aufstieg. Die Autorio konstatiert nur
dieses Abweichen von den Ergebnissen der wöchentlichen Kepetitionen. Nach
der Auffassung des Referenten dürfte sich dieser Widerspruch folgendermaßen
befriedigend erldäron lassen : wie wir gesehen haben, wurden beide (wöchent-
liche und tagliche Repetitionen) Versocbsreihen bei den gleichen Ver-
suchspersonen mit einer einzigen Ausnahme gemacht. Wenn nun, was
leider in der Arbeit nicht mitgeteilt ist, zuerst der erste wöchent-
liche und erst nach diesem der erste tägliche Versuch vor-
genommen wurde, so hätten wir wohl beim ersten wöchentlichen
Experiment die oben auseinandergesetzte Experimenterregung zu erwarten
welche wohl ein langes wahrscheinliches Mittel der ileaktions-
zeit, aber iufolge der Ap]ierKeptionshemiuung eine mangelhafte psycho-
physische Wirkung zur Folge haben muß, die dann erst in der zweiten
Exposition auftritt, beim ersten täglichen Versuch aber wäre keine
das gewöhnliche Maß übersteigende Experimenterregung mehr m
erwarten (weil ja schon em Versuch vorangegangen ist) und da würde die
neue Reizreihe gleich bei der ersten Exposition sowohl auf die Reaktions-
zeit wie aut den galvanischen Ausschlag die ihr innewohnende Heil-
wirkung ausüben, was auch tatsächlich der Fall ist ^)
_ Warum tritt nun in der vierten respektive fünften Exposition sowohl
wieder eine Zunahme der lleakiionszeit. ^ie auch eine erhöhte psycbophj-
sische M.rkung auf? Die Autorin führt es auf „ein Aufspringen neu r
Komplexbedeutungen oder Wieder er wachen alter Dedeutungen" zurück
Nach der vorstehend referierten Arbeit von Pfenninger scheint ,1er tiefere
Grund in einem wachsenden Widerstand der Versuchsperson .um Experimeu-
nt"l? ."^'o '^■"v Z'''"'^'' ^''" '''''"''^' ^'^'^^i"«" ^i<^'' die Versucbs-
personeu des Persönlichen ihrer Reaktionen bewußt 211 werden oder wenigstens
etwas von dieser Art zu fühlen, was sie offenbar v.ur Zeit der ersten Ver-
suche nicht so empfanden" (Pfenniuger loc. dt., pag. 488.) Auch ist ja
diese Kurve den gesunden Miinnern und vielleicht auch den Dementia
R^^r /'"?,^"'-'^^°""'^^"'° Experimentator eigen. (Soviel
Referent wedi, smd bis jet^t noch keine galvanometrischen Repetitionsver-
suche bei Dementia praecox- Frauen angestellt respektive veröffentlicht.)
Sowohl bei den wöchentlichen wie hei den täglichen Repetitions versuchen
zeugte das "Verhalten des galvanischen Ausschlages deutlich für die von
Pfenninger gefundene komplexe Natur des Reakt iouswech se Is
Im zweiten Teile der Arbeit wollte die Verfasserin den Einfluß des
Experimentators auf die Ergebnisse des Experiments untersuchen. Sie
hat zu diesem Zwecke mit Herrn Dr. C. G. Jung abwechselnd an sechs
Frauen und sechs Mannern Assoziationen in Kepetitionsversuclien und mit
Messung des galvanischen Ausschlages vorgenommen. Die Versuche ergaben
daß wob! das Geschlecht des Experimentators einen meßbaren Effekt
habe, daß aber in diesem speziellen Falle die affektive Wirkung des männ-
lichen Experimentators die größere war und sich diese Versuchsanordnung als
„ein experimentolles Hilfsmittel der Persönli chkoi tsbest°ira-
raung, jedoch nicht der Versuchsperson, sondern des Experimen-
tators erweist". Beim gleichgeschlechüichen Esperimentator war mehr der
soziale Komplex eingestellt, beim ungleichgeschlechtlichen mehr der ero-
*) Wiö mir Herr Dr. C. G. Jung staS meine Anfrage mitteilt, war die Ver-
suchaanordmmg tataächhch ao, wie ich sie aus den Veraach aresnltaten oben ab-
leitete.
ZBlbMJlir. f. ÜTEtl. r»rcho«nal,vaB. 87
578
Kritiken and Referate.
tische- Eino weitere Ausdehnung gerade dieser letzten Versuche scheinen
vielversprechend zu sein, z. B. könnten sie auch über die wichtige und noch
so unjilai-e Frage der Wirkung der „GegenUbertragung" niaoclien wert-
vollen rund zu Tage fördern. Jos. B. Lang, Zürich.
L'encßphale. Journal de Neurologie et de Psychiatrie. Organ ofiiciel de la
societe de psychiatrie de I'aris. Nr. 2— G. 1913.
Das monatlich erscheinende Organ der Pariaer psychiatrischen Gesell
Schaft hat sich in diesem Jahre sehr eifrig mit der Psychoanalyse beschäftigt.
Zwei große Artikel „Nevrose et sexualitd" des Genfer Arztes Louts Ladame
sind fast ausschließlich der Darstellung und Kritik der Freud sehen Neurosen-
lehre gewidmet. Ladame geht von Chareots Ansichten aus und weist auf
die notweudigen Ergänüungen und Berichtigungen der Lehren des französischen
Meisters hin. Er gibt eine "Übersicht über Formen und spezielle Ätiologie
der Psychoneuroseii vom Standpunkte der Psychoanalyse. Der Autor wendet
sich gegen den angeblichen Mißbrauch des Begriffes „Sexuell" in der Psycho-
analyse, Der Wortsinn hängt seiner Ansieht nach nicht von uns ab, sondern
führe ein selbständiges Leben. Es dürfte dem Autor schwerfallen, von diesem
seinem Standpunkte aus den Bedeutungswandel, die Umfangserweiterungen und
-Verengungen zu erklären. Es hat zuerst den Anschein, als stimme Ladame
Freuds Ansichten über die sexuelle Ätiologie der Psychoneurosen zu.Wenigstens
tehrt er sich gegen Opp enheims Standrede, in welcher die Psychoanalyse als
moderne Tortur bezeichnet wird ; seine persönlichen Erfahrungen lassen ihn
oft dazu kommen, die sexuelle Pathogenese der Neurosen zu erkennen. (So
behandelte er einen Ängstneurotiker, der mit seiner Frau mutuelle Onanie
trieb, weil sie einen Herzfehler hatte und er durch religiöse Skrupel gehindert
war, Anlikonzeptionsmittel zu gebrauchen.) Man ist erstaunt, daß Ladame
gegen Ende seiner Ausführungen entschieden Stellung gegen die Psychoanalyse
nimmt und kann es nur verstehen, wenn man genau verfolgt, welchen Weg
sein Protest einschlägt. Einer seiner Hauptuinwäado richtet sich gegen den
Wunsch Freuds, daß der Menschheit bald em sicheres, ungefährliches und
nicht störendes Antiltonaoptionsmittel geschenkt werde. Diese Entdeckung wäre
nicht eine Wohltat für die Menschheit, sondern „im Gegenteil der sichere
Anfang ihres sicheren und unheilbaren Unterganges". Er begrüßt die Be-
strebungen der Eugenik, als wären sie ein heilsames Gegengift gegen die
Psychoanalyse. Er beachtet gar nicht, daß Freud sich mit seinem Wunsche
nicht dem Malthusianismus an geschlossen liat, sondern lediglich solche Änti-
tonzeptionsmittel angewendet wissen will in Fällen, wo der normale Ge-
schlechtsverkehr aus gesundheitlichen Rücksichten ausgeschlossen ist und die
gestörte, durch Aufmerksamkeitsspaltung gehinderte Triebbefriedigung endlich zur
Angstneurose führt. Eine tatsächliche Berichtigung erscheint hier am Platze.
Dr. Neutra, dessen „Briefe an nervöse Frauen" Ladame zitiert, gehört
nicht zur psychoanalytischen Schule. Niemals hat ein Arzt, der die Psycho-
genese der Neurosen als Psychoanalytiker studiert hat, Neurotikern das sexu-
elle Ausleben schlechtbin geraten und geglaubt, die Krankheit dadurch beheben
zu können. Freud selbst hat einen solchen Rat, als er einer Patientin von
unberufener Seite erteilt wurde, strenge gerügt. („Über wilde Psychoanalyse,"
Zentralblatt für Psychoanalyse, 1912.) Auch das alte Lied von dem einem
sexuellen Dämon unterworfenen Wien müssen wir wieder hören (mit einer
Variation über den Fall Otto Weininger). Die affektiven Gründe zur Ab-
lehnung der Psychoanalyse treten bei Ladame allzu deutlich zu Tage und
werden von ihm auch mit aller wünschenswerten Klarheit zugegeben, so daß
Kritiken und RefeiHte. r-jQ
eine erasthafle Dif^bussion nicht geboten erscheint. Ganz anders liegt die Sache
mit der Ärtikelreihe, welche Professor E. Regis uud sein Assistent A, Hes-
nard in den Heften 4, 5 und 6 derselben Zeitschrift über die „Lehre
Freuds und seiner Schule" erscheinen ließen. Eine kurze Einleitung würdigt
die Psychoanalyse als die „wichtigste wissenschaftliche Bewegung« in der
Psychologie unserer Zeit. Die beiden Autoren beklagen sich darüber, daß die
Lehren Freuds iu Frankreich so wenig gekannt werden. Indem sie diesem
Ubelstaud abhelfen wollen, geben sie zunächst eine Revue der Entstehung
nnd -weiteren Entwicklung der psychoanalytischen Forschung seit dem Er-
seheinen der ,Studien über Hysterie". Der Plan ihrer Arbeit, die sich auf
nahezu 90 Seiteu erstreckt, ist folgender: im ersten Teile setzen sie die
ganzen Lebren Freuds so unparteilich als möglich auseinander. Es folgt
eine Darstellnng der Anwendungen der Theorie, wobei naturgemäß der Haupt-
wert auf die neurologische und psychiatrische Seite gelegt wird. Der dritte
Teil bringt eine Kritik der Freudscheu Theorie. Ein großer bibliographi-
scher Index auf zehn Seiten, welcher fast alle Werke Freuds und seiner
Schüler verzeichnet, bildet den Abschluß der Arbeit. In einem ,,E.\pose eyn-
thetiqne" wird die Lehre Freuds ebenso klar wie übersichtlich und ver-
ständnisvoll dargestellt. Die Erklärung schwieriger theoretischer Begrifle wie
„Komplex", „Verdrängung" usw. kann geradezu als mustergültig bezeichnet
werden. Die Autoren charakterisieren die Psychoanalyse glücklich als „Fsycho-
dynamisme". Sie vergleichen die Arbeit unseres seeliseheu Apparats mit
emem System antagonistischer Kräfte, Komponenten und Resultierenden. Mit
Recht machen sie aufmerksam, daß die Metaphern, welche Freud zur Ver-
anschauliclmng seiner Psychologie verwendet, mit Vorliebe aus dem wissen-
schaftlichen Sprachschatz der Physik und Mechanik entlehnt sind. Als die
Quelle des „Psychodynamisme" wird der „ Pansexualisme " bezeichnet. (Objektiv
mit Unrecht, denn die Psychoanalyse hat den Anteil der khtriebe nie ge-
leugnet.) Eine „Geschichte des Sexualtriebes'* verfolgt die infantilen Äußerun-
gen der Sexualität und deren spätere Umbildungen. Die Beziehungen der
Sexualität zu den Neurosen werden kurz erörtert. Eine ausführliche Dar-
stellung der psychoanalytischen Methode, in welcher der Traumdeutung und
dem Assoziationsexperiment der größte Raum gewidmet ist, gibt dem fran-
atSsischen Leser ein zutreffendes Bild des Heilverfahrens. Der nächste Ab-
schnitt beschäftigt sich kurz, aber alles Wichtige umfassend, mit den An-
wendungen der Psychoanalyse auf Gebiete der Massen- und Individualpsycho-
logie. (Religionsgeschichte, Mythenforschung, Witz, Literaturgeschichte und
Philosophie.) Mit großem Verständnis geben die beiden Autoren die psycho-
analytischen Ansichten über Ätiologie und Mechanismen der Neurosen wieder.
Viele Beispiele aus der psychoanalytischen Literatur beleben und veranschau-
lichen hier ihre lichtvolle Darstellung. Die hauptsächlichsten Einwände der
Psychiater gegen die Psychoanalyse werden von ihnen mitgeteilt und abge-
wogen. Ein großer Teil davon ist nach ihrer — und unserer — Meinung
von vornherein zurückzuweisen. „Es sind nämlich alle diejenigen, welche Be-
trachtungen gefühlsmäßiger Art, moralischer, ethischer, religiöser usw. in die
Debatte mengen." Die Worte, welche nun gegen deutsche Gelehrte fallen,
sind wahrhaft danach angetan, diese in ihrer pöbelhaften Art des Angriffes
stutzig zn machen: ') „Die Attacken dieser Art, hauptsächlich von
Hoche, Förster, Kurt Mendel usw. gelenkt, werden uns nicht
zurückhalten. Wir glauben, daß sie auf dem Boden, auf den
'} Vom Referenten hervorgehoben.
37'
680
Kritiken und Referate.
Wir uns stellen, uicht in Roclinung kommcD diirfen: nämlich
aaf wissenschaftlichem Gehieto. Wir Usson o l.enso alle kr.-
tiken beiseite, welche an die Lacl>Iust appellieren und die
Ideen Freuds ins Komische zu ziehen suchen D^« «'^^^'';
schaftliche Kritik paßt sieh schlecht diesem ^1""^«^^='°;. j^^»"
versteht hei dieser Gelegenheit, wie peinlich os einem gioßen
Geiste wie dem Begründer der l'sjclioana yse ^^'° "^'^/■/J";;
er das Werk, dem er sein Leben gewidmethat, Gegenstaudso
bin .er Scherze werden sieht." So sprechen wissen^cliatt liehe Gegner
Freu d'^ Welch ein Unterschied! Hier spürt man wenigstens die gute Jir-
ziehunE 'und man muß vor solchen Gegnern den Hut ziehen. Ihre eigene
Sk läSt an Schärfe nichts vermissen. Sie geht von ^^»«'^^/'-«-P'«» .?«■;:
Freud sehen Lehre aus: sie wirft die Frage auf, ob de l^y"^hooeuro lU
dara,. evkranken, daß sie gewisse Tendenzen verdrängen. D>e Antwort laute ^
nein, denn wir alle verdrängen vieles, das pathogeno Moment ^^r Neu o e
liegt im Mißlingen der Verdrängung. Für die beiden Autoren ist die letzte
Ursache der Neuroscnbildung anato.nisch-physiologi scher Art ; sie verweisen
auf toxische und chemische Veränderungen des Organismus S.e wissen selbst
nnd Tühren es auch an, dnß Freud die Kolle der To.une ,n be timmten
Krankheiten ausdrücklich anerkannt hat. Die liedeutung des loxischen Mo-
ments schließt indessen die Verdrängungstbeorie nicht aus. 1-orner «<= »f' «^ es
den Autoreu, als würden durch Freuds Theorien die spezifischen 1-ormen
der Symptomenbildung nicht erklart werden. Wenn sie die letzten Arbeiten
Freuds aufmerksam lesen, stoüen sie auf das Problem der Neurosenwahl
und erhalten die Auskunft, daß die spezielle Neurosenform von zwei Be-
dinanneen abhängt: von der individuellen psychosexuellen Konstitution und
von der Zeit in "welcher die pathogenen Hemmungen einsetzen. Richtig ist
indessen daß hier noch genauere Untorsuchungen fehlen. Das zweite Prinzip,
das ihnen in der Psvchogenese der Neurosen angreifbar erscheint, ist jenes,
welches die sexuello'Xatur der pathogenen Tendenzen behaupt;et. Sie sagen
Telbst daß die Psvchoneurotiker der Mehrzahl nach ihre sexuellen Sorgen ge-
stehen, ihre sexuelle Kot beklagen. Doch wollen sie die sexuelle Ätiologie
nicht gelten lassen, sondern aehen in der Sexuahtiit nur Außerungslormen
der neurotischen Unfähigkeit, zu handeln und .u denken w,e „normale
Menschen. Es ist nicht einzusehen, warum gerade das sexuelle Gebiet es sein
sollte auf dem sich diese ^incapacite" so besonders und auffallend ilußern
sollte In dieser Erklärung steckt - wie in den Adle rächen Konzeptionen —
so viel Gekünsteltes und Gez-wungenes, daß es aussieht, als wäre darin m^ehr
eine Flucht vor der sexuellen Ätiologie als eine theoretische Auseinander-
setzung zu suchen. Die Psychoanalytiker hatten keine Vorliebe für sexuelle
Themen a priori, sondern die Erfahrung au dem Krankenmatenal zwang sie,
die sexuelle Ätiologie der Psychoneurosen v.u behaupten. Die beiden Autoren
wollen indessen, auch wenn sich die sexuelle liolle in den Neurosen als nicht
richtig herausstellen sollte, nicht leuguen, daß die Psychoanalyse das „groLle
wissenschaftlidie Verdienst hat, eine vollständig unbekannte Welt erforscht zu
haben'' Die Psyciiologie der sexuellen Perversioneu scheint ihnen z. H. selir
vernünftig, auf viele Tatsachen und wenig Postulate aufgebaut, mit einem
Worte genial und befriedigender als alle anderen Theorien. Ihre schwersten
Bedenken sprechen sie gegen die psychoanalytische Methode aus. Besonders
die Symbolik reizt sie zum Widerspruch. Sie lassen dabei völlig außer acW,
daß es sich um eine primitive Form der seelischen Arbeitsleistung handelt,
die sich nicht nur im Sceleuleben der Keurotiker, sondern auch m Rudi-
Kritiken und Referate. 581
Dienten in dem des Normaleu findet. Wir verweisen auf die ForscbuDgen in
der Mythengeschichtu und Dichtung. Sie glauben, daß die Symbolik sich nach
den Tendenzen des Analysierenden, nicht nach denen des Patienten richtet.
Immerhin müssen sie anerkennen, daß die Psychoanalyse „zum Glück für ihre
wissenschaftliche Zukunft, auf Konzeptionen beruhe, welche für den Geist be-
friedigender sind, und daß man nicht auf Grund solcher Details, welche um
so schwacher schein™, als die Kritiker sie isoliert darstellen, den Gesamtwert
der Theorie beurteilen dürfe". Ihre Bedenken über den Nutzen der Methode
selbst auf tlierapeui ischem Gebiete lassen sich nicht kurzer Hand erledigen.
Wie überall im Leben und insbesondere in der Medizin kann hier nur der
Erfolg entscheiden und daran fehlt es nicht. Wir konnten hier nicht alle
Einwände der beiden Gelehrten entkräften, da der Raum mangelt. Wir
■wollen aber nachdrücklich feststellen, daß alle in so wissenschaftliiher, be-
scheidener und achtungsvoller Form auftreten, daß wir diesen Gegnern gern
wieder begegnen wollten. (Es ist vielleicht nur eine tournure de phrase, wenn
man liest „Es ist erlaubt, zu fragen . . .,' aber nach dem rüden Ton
deutscher Kritiker eiupliiidet man es doppelt angenehm, so unbefangen und
unvoreingenommen kritisiert zu werden.)
Ein Resümee siiricbt die Stellung der Autoren zur Psychoanalyse aus:
die Freud sehe Lehre scheint ilmcn noch hyiiothetiscb zu sein, aber sie fol-
gern daraus nicht, dali man sie veiurteilen dürfe. Vielmehr denken sie, daß
es für die „science classiriue" von großem Interesse wäre, sie aufzunehmen
und ihr Studium zu begünstigen. „Sie erklärt in befriedigender Art den Inhalt
vieler Psychüneurosen nnd scheint uns mit diesem Anspruch zu einer schönen
Zuliunft auf dem Gebiete der Psychiatrie berufen. Sie läßt uns die wahrhaft
verkannte Häufigkeit und Uedeutung sexueller Konflikte auf dem Grunde der
Kerven- und Geisteskrankheiten erkennen. Sie macht uns mit dem subjektiven
Aspekt der Psychoneuroscn bekannt, dessen Erforschung wegen der zahlreichen
Fehlerquellen gefährlich, aber notwendig ist. Sie setzt sich hartnäckig in
Widerspruch zu den extremen und vereinfachenden Theorien der Degenerierung,
indem sio die erste ätiologische Bedeutung den Ereignissen der individuellen
Triehentwickluns; zuweist- Sie erinnert uns daran, daß die Geisteskrankheiten
häutig eine affektive Basis haben ; daß, tifter vielleicht als man glaubt, der
Xeuropaih ein ungekanniea und unboiriedigtes Affektwesen ist und der Geistes-
kranke manchmal ein Träumer, der sich uninteressiert von der Realität zurück-
zieht, «ad daß sie uns in der Zukunft mit einer Psychotherapie beschenken
könnte, welche zwar fast ganz noch zu finden wäre, aber auf die viel zu
wenig Ärzte botl'en." Rr. Theodor Reik.
Die Anwendung der Psychoanalyse auf Kindheit und Jugend- Ein Pro-
test von William Stern. (Mit einem Anhang; Kritik einer Freudschen
Kiudesanalyse von Klara und William Stern.) Verlag von Johann
Ambrosius Barth, Leipzig 1913.
Einer der Herausgeber der Zeitschrift für angewandte Psychologie hat
soebeu als Sonderdruck einen Protest gegen die Freud sehe Schule erscheinen
lassen. Im Mittelpunkte des Aiigriües .steht die Methode der Psychoanalyse
selbst, daim wendet er sich noch gegen einzelne Vertreter derselben, so gegen
.lung, H. V. Hug-Hellmutb und den Unterzeichneten. Es kommt nicht
im mindesten darauf au, jeden einzelnen Angriff, der durch die Presse geht,
zu erwidern, wohl aber scheint es mir angebracht, gewisse typische Angriffs-
formen zurückzuweisen. Von diesen bringt Herr Prof. Steru eine gute Aus-
wahl. Da ist es zunächst diejenige, die sich auf den Sexualitätsbegriff
Egg Kritiken und Referate.
gründet Wer die Freud sehe Auffassung von Sexualität genau kennt, der
weiß (iäß iD ibr, man könnto sagen, eine wissenschaftsgesdii.btlicbe \\ende
für die Bedeutung dieses Begriffes lißgt. Die Sexualität ist für t reud mcht
mehr jene bestimmte eng begren:^te, von einem festen Z.it|,unkt ab auftre-
tende Lusterscheinuns — so faßte de die alte Sexuologenschule - sondern diese
engere Sexualität wird bei ihm nur als ein Spezialfall in der gaDzen sexuelien
Konstitution des Menschen hegriflen, die ihm von der Geburt his ^um fode
anhaftet. Es ist eine Um Wandlung dos Sexualitätsbegnffes durch Freud ein-
getreten, die Iceineswegs, wie man so gern meint, willkürhch-nominalistisch ist
sondern die durch die Tatsachen und durch deren Kenntnis, Prüfung und
Wertung erzeugt wird. Auf Grund dieser Auffassung besteht natürlich eine
Sexualität des Kindes, wobei aber gar nicht die auch von anderen fochulen
zu-eeebenen einzelnen pathologischen Fälle von pritpuberer bexualitat geinem
sind fdiese gibt es außerdem noch), sondern eine bei allen Menschen prinzipiell
vorhandene Modifikation der Sexualität. Diese ist auf das kmdbche Seelen-
leben projiziert diesem eben genau das, was die andere, bisher nur bekannte,
Modifikation für den erwachsenen Menschen ist. Sie verhalten sich etwa zu-
einander, wie in der Cbemie die Steinkohle zum Diamanten, die beide durchaus
vollwertige Modifikationen ein und desselben Kohlenstoties sind. Auch hier ist
es gleichgültig, oh man etwa einen Diamantsplitter zufilllig in der anderen
Kohlenstoffmodifikation findet. Man kann also auch nicht orwarlen daß die
sexuellen Aktionen des Kindes einfach denen des Erwachseneu gleichen (dies
Würde man auch vom Freudsclien Standiiunkte aus als anormal bezeichnen^,
wohl aber, daß sie mit ihnen in Korrespondenz stehen ; und daß dies eben
durchaus der Fall ist, beweißt jede Psychoanalyse, und auch jeder Nichtarzt,
der die Augen auftut, kann sie feststellen, wenn er sich z. B. mit der Gatten-
nahl, mit den Nachwirkungen infantil-sexueller Familientixierungen usw. be-
schäftigt. Diese theoretische Neuordnung erfordert gewiß keine geringe Um-
wälzung der überkommenen Auffassungen und Andeutungen und erfordert eben
hiezu noch einen erheblichen Aufwand an Ehrlichkeit und Rücksichtslosig-
keit. Man wird aber auch einsehen, wie außerordentlich billig und banal es
ist diese Umwandlung einfach zu übersehen, mit den alten Bedeutungen der
verschiedenen Termini, die jeder Halbgebildete in irgend einer Zeitung einmal
gelesen hat, weiter zu wirtschaften, und oben mit ihnen die neuen Bedeutungen,
die von so außerordentlicher Wichtigkeit sind, lächerlich zu machen i)as
Publikum kennt z. B. die Ausdrücke „Sadismus", ,Masochismus% „Fetiscms-
mus", „Homosexualität" usw. nur in Anwendung auf ausgesprochen perverse
Charaktere, es kennt aber nicht die BeitrU;!e, die jeder von all diesen ine-
ben hat ; infolgedessen muß es zu der Anschauung kommen, als ob Freud das
Kind und überhaupt den Jugeudliclien einfach im Sinne des vollendeten per-
versen Charakters versteht. In der Schrift des Herrn Prof. Stern finden sich
genügend Beispiele für diese Art der Kampfeinstellung. Wer in diese kerbe
haut, kann erwarten, die Lacher stets auf seiner Seite zu haben, nur meine
ich dürfte ein solcher Applaus doch ein wenig beschämend sein.
Ein zweiter Vorwurf ist der beliebte der „Entharmlosung". Durch dio
Psychoanalyse werde die sogenannte Naivität, der Schmelz, der Charme der
Jugend verdorben. Auch diese Art des Angriffes vorspricht stets Applaus, denn
jedermann weiß, daß besonders der Deutsche, wenn man ihn an der temUts-
seite packt, schnell rührselig und dann auch bald fanatisch wird. Aber man
vergißt im Falle Psychoanalyse, daß die „Enüiarmlosung" ein richtiges Divi-
sionsexempel ist. Das heißt: die Sexualität ist durcU eine jahrtausendelang
wirkende Bovkottieruog im Geistesleben um ein Anhängsel bereichert worden,
Kritiken und Eeferate.
583
„ «i,r„i. hie: ins tiefste Innere des Charakters eingedrangen ist: die
^ag das aufzuhalten se.n^ Der f^^^^'^^^^ ^,^^ ^uft .nd änßert sich in
?ref U«e t. SaSuSn, die vom gewöhnlichsten Witz über die
jener ^^^^^^J^^^^^^t his zq den schwereren Neurosen reichen. Man ge-
^t^Sla zuS den Spieß nmzndrehen und gerade diese große Kon-
.^nnZclt alsdie eigentliche „Entbarmlosung" der Sexualität anzusehen,
r Te Psychoan%se,'die eben ust znr rechten Zeit einsetzt, wenn ein be-
timmte VeSgungsznstaod unerträglich wird, dasjenige, was ihn wieder
SSgig macht und die darunterliegende Sexualität - verharmlost. Denn
wir Sen ja heute, daß reine Sexualität, von der man etwas weiß nicht nui
SnezSch unschädliche, sondern sogar eine sehr wohltatige Macht ist Sie
St an sich so harmlos, wie ein gutgenährtes Raubtier Sie kann memats durch
bloßes Wissen „hypertrophiert" werden, wie Herr Prof. Stern memt Es
wird zu ihr nicht das Geringste hinzugetan, wenn man sie ms Bewußtsem hebt,
wohl aber werden störende Ersatzbildungen, die die Folge einer durch Irü-
derie und Verschweigung entharmlosten Sexualität sind, gewissermaßen fort-
dividiert Sie macht Biehls weiter, als einen Erkenntmsprozeß durch, olme
damit um einen Deut sexueller zu werden. Und selbstverständlich sehließt sieh
bei jedem einigermaßen wohlgeratenen Menschen sofort eine neue ^aivisierung
der Sexualität an, die aber eben durch dasWissen gegangenist. ^alvltät
ist durchaus nicht gebunden an Nichtwissen, sondern sie ist ein selbstän-
diger Stil, eine besondere Art Pathos des Lebens. Das alte nichtsahnei.de
Gretchen aus dem Faust ist beute nnmöglich, das neue Gretchen weill_ alles
und ist doch naiv ; aber in einer höheren und vornehmeren Art. Um einmal
das Wandervogel-Beispiel zu erwähnen, das Herrn Prof. Stern beson-
ders am Herren liegt, so möchte ich ihm erwidern, daß die ganze Erfahrungs-
losiglceit eines jugendfremden Fachgelehrton dazu gehört, zu behaupten, daß
die Wandervogel - Jugend seit dem. Eulenburgprozeß ihren Freundschaften
„harmlos" gegenübergestanden hätte. Er hat wohl niemals die Flugblatter
mit homosexuellem Untergründe gelesen, die, voller sehr uunaiver Anspie-
lungen als Drucksachen von Führern verschickt wurden und die in die Hände
von Halbkindern kamen. Und er würde es wohl für harmlos und naiv aus-
geben, wenn man sich etwa verabredet hätte, eines schönen Tages „nicht mehr
davon zu reden^ Wenn ihm diese Harmlosigkeit wünschenswert erscheint, so
möchte wohl mancher ihn mit diesem Wunsche allein lassen. Daß, nachdem
einmal die Angelegenheit ins klarste Bewußtsein gehoben wurde, eme Zeitlaug
VerwiiTuncr herrscht, war vorauszusehen. Jeder Organismus, den man zwmgt,
Unbewußtes herzugeben, reagiert mit Unlust. Und ebenso, wie mit dem Wander-
vogel steht es natürlich mit jedem anderen Miliou, daß der barmlose Gemuts-
ine°nsch für unsexuell bäU und in dem doch die heftigsten Konflikte toben. Em
solches Milieu ist die vorgeblich unsexuelle Kinderstube.
Ein dritter Vorwurf, der so gern gegen die Psycboanalj se erhoben wird
ist der daß sie auf Suggestion beruhe. Daß Psychoanalyse ihrem Wesen nach
und mit Notwendigkeit das gerade Gegenteil von Suggestion sein muß, können
natürlich nur die einsehen, die sich die selbstlose Mühe gegeben haben, sie
kennen zu lernen. Da sie nun aber einmal historisch aus der Suggestiv- und
Hv],nosebehand]ung stammt, kann man sich nicht verwundeni daß sich n o cU
innerhalb ihres eigenen Werdeganges Reste dieser Motbode f.ndeii. Wer aber
di EnXicklung verfolgt hat, weüä, daß jetzt der Klärungsprozeß ungefähr be-
eidet S und mit ihm die Suggestion ausgeschaltet. Bei Arbeiten aber, die
*ll
gg^, Kritiken und Referate.
viele JaLre zurlicldiegtu, so bei Freuds „Psyclioaualyse der Pliobie eines
funljaLrigeii Knaben", wird man ohne Verwundern Reste der Suggestion linden
dürfen. Herr Prof. Stern übergelit diese Erwägung freilieb. Aber um einmal
ein Beispiel seiner eigenen Jlethoile au:(urQhren, mit der er diu „Suggestion"
angreift, lese man eine Stelle auf S. 27 seiner Sclirii't. Er kritisiert dort
liic eben erwähnte Arbeit Freuds über die Phobie eines fünfjftlirigen Knaben
(des berühmten „Kleinen Hans«, der nacb Fruuds Aussage ein iiu übrigen
völlig Eoroiaiea um! gesundes Kind ist). Stern referiert:
„üci einer Unterbaltan^ über Pferde hatte Hans unter anderem er-
zählt, daß er friiber einmal Pferde gern geneckt und einmal geschlagen habe.
In der folgenden Uuterhaliun^;, die sich nuuäehst weiter um Pferde dreht,
wird nun plötzlich vom Vater die Frafie eingestreut: „Wen möchtest
du eigentlich gern schlagen, die Mammi, die Hanna oder
micli;'"
IJaiis: die Mainnii.
Vater: Warum ?
Hans: Ich möchte sie balt schlagen.
Dies Suggcstivprodukt nennt nun Freud eine „sadistische Anwandlung."
"Wie ist nun der Tat^aclieuvcrlaufV Hans hat Pferde geaociit und ge-
schlagen. Dies erzählt er freiwillig ohne Suggestion. Nun weiß heute ein jeder,
daß diese Schlayelnst bei Kindern nichts anderes ist, ala die Grundlage zu
dem, was man im Falle eines perversen Charakteis Sadismus nennen würde.
Der Sadist zeichnet sich vom Normalen nur dadurch aus, daß sich bei ihm
die ganze Sexualität nach dieser schmerze uftlgendon Komponente hin orientiert
und sich schließlich in sie versackt hat. Wir finden nun heim kl. Hans, wie
hei jedem Kinde, diese Komponente vor, (Darüber ?.a spotton, daß Freud hier
mit Recht von sadistischer Anwandlung spricht, gehört unter die Kategorie
der am Anfang dieses Aufsatzes l)erl)lirten billigen und banalen Angriffstaktik.)
Aber noch melir. Der Vater weiß (Herr Prof. Stern uiL-ht), daß hier das
Objekt ^Pfcrd*^ nicht das ursprüngliche ist, sondern daß sieh die sadistische
Anwandlung eben von dem primären Sexualobjekt des Kindes, der Mutler
auf dieses l^erd übertragen, und nun natürlich eine ganz andere Farbe er
halten hat. Er fragt nun, um dies dem Knaben zum IJewußtsciu zu führen:
■„Wen möchtest du gern schlagen, die Mammi, die Hanna, oder mich ?" Also
er gibt eine Aaswabl von drei Objekten! Und nun antwortet der Knabe
promi}t: ,Diö Mammi". Man miilS fragen, wo in aller Welt denu hier
die „Suggestion" stecken soll, wenn drei Möglichkeiten gegeben werden und
davon eine angenommen ! Daß der Knabe die Mutter wählt, ist natürlich kausal
bedingt, aber nicht durch eine von außen kommende Suggestion, sondern durch
die endopsychische Einstellung der Kindes auf die Mutter.
Koch eine Angrifl'sart, die typisch ist, sei hier erwähnt. Man erreicht
wiederum für einen Moment einen gtnistigen Applaus, wenn man hin und
wieder einmal das Wort „Dilettant" einßicht. Herr Prof. Stern macht es der
Psychoanalyse zum Vorwurf, daß sie sich niclit nur auf pathologisches Ma-
terial beschränke, sondern weiter gehe. Dies scheint uns indessen gerade ein
Vorzug, wobei nicht verkannt werden soll, daß die üefiihr der „Vei-wilderung"
damit wächst. Wenn es Herr Prof. Stern dagegen für einen Vorzug ansehen
will, mit recht vielou möglichst engen Fachgelehrtenhorizonten m arbeiten, so
wird ihm niemand diesen Geschmack streitig machen. Wir werden ihn auch
nie darum beneiden, wenn er eine so wichtige Arbeit, wie die Jinträtsclung
der Glossolalio durch den „Dilettanten" Pftster eben als Dilettanten arbeit
hochmütig zu übersehen im stände ist. Nur daran erinnern kann man ihn, daß
r
:-
Kritiken und Refetate.
öHö
Fachgelehrte wie Dilettanten schüeßlicli nnd letzten Endes doch nur allein
danach beurteilt werden, was sie wirklich leisten, wie sie wirken und mit
welchen Mitteln des Verstandes und der Umsicht sie aufzutreten vermögen.
Auch werden gebildete Menschen wenig Eindruck davon haben, wenn Herr
Prof. Stern der Frau Dr. II. von Hug-IIellmuth iu spöttischer Weise
den Vorwurf macht, daS sie nicht der erwartete Onkel, sondern eben die Taute
des Aaaiyseobjektes ist, — dies um so mehr, als Herr Prof. Stern selber die
Mitarbeit einer Frau nicht verschmälit hat. „ t. i -. i
Hans U lull er.
Dr. David Forsyth: Psychoanalysis. (British Medical Journal, 5, Juli
1913.)
In dem sehr klar geschriebenen Referat wird ausgeführt, daß die Psycho-
neuroseu klinisch in drei Gruppen einteilbar sind 1. Hysterie, 2. Phobien, 3. Zwangs-
neurose. Ihre Entstehungsursacbe ist ausschließlich psj'chisch und Freuds
Auffassung ihrer Voraussetzungen gibt gleichzeitig den Schlüssel zu ihrem
Wesen und einen Weg zu ihrer Heilung. Die Mechanismen der Verdrängung,
der Zensur und der Konversion werden geschildert. Die Sexualität spielt bei
der Verursat^hung unzweifeliiaft die Hauptrolle, aber „es wäre unrichtig an-
/.unehmen, daß jede Psychoneuroso notwendigerweise bis zn öinem infantil-
sexuellen Ursprung üurückverfolgt werden muß, um die Heilung zu ermög-
lichen". Forsyth zitiert den Fall der Miß Lucy R., um seine Behauptung
zu stützen, erwähnt aber nicht, daß dies einer von Freuds früheren Fällen
war und von ihm nicht als Analyse veröffentlicht wurde. Forsyth schildert
Jungs Assoziationsexperiment, das er benützt, nachdem ihm die Lebeas-
geschichte, soweit sie ihm der Patient anvertrauen will, mitgeteilt wordcu ist.
Diese Methode dient dazu, die Assomtionen aufzuzeigen, denen der Arzt
folgen soll, obwohl sie über die Natur der Komplexe niclits verrät. Wenn
anfangs dem Erhalten der Assoziationen Schwierigkeiten entgegenstehen, ver-
wendet Forsyth Freuds frühere Methode, d. h. er drückt seine Hand auf
die Stirn des Patienten und verlangt die dabei auftauchenden Bilder und
Gedanken. Er teilt zwei kurze Fälle von Phobien mit, die durch Psycho-
analyse geheilt wurden. EineDunkelheitsangst boieiner Frau, die bis auf die Be-
lausoliung eines Gespräches zwischen den Eltern in ihrer Kindheit zurück-
vcrfolgt wurde. Diese sprachen damals von einem Mord, der in einem Tunnel
begangen worden war und seither bestand bei ihr die Angst, daß sie an einem
dunklen Platz ermordet werden könnte. Damit scheint die Analyse geendigt
zn haben, da die Phobie, nachdem dieses Ereignis erinnert worden war, ver-
schwand. Die andere Patientin litt an neurotischer Angst vor dem Tod und
dem Lebendigbegrabenwerden. Sie träumte, daß sie ihre Mutter tot Hegen
gesehen habe ; sie betrachtete diesen Anblick mit der größten Ruhe. Ähn-
liche Träume waren bei ihr in einem Zeitraum von 20 Jahren häutig vor-
gekommen. Als vier- oder fünfjähriges Kind war sie veranlaßt worden, die
Leiche eines alten Mannes anzurühren. Danach fürchtete sie, die Mutter konnte
alt werden und sterben. Sie wurde jede Nacht durch diesen Gedanken be-
unruhigt und als ihre Mutter erkrankte, hatte sie jenen Traum, daß die
Mutter tot sei.
Es ist ersichtlich, daß der erste Teil des Aufsatzes verdienstvoller ist
als die Originalbeiträge zur Traumdeutung und zur Psychopathologie der Angst.
M. D. Eder.
586 Kritiken nnd Referate.
Captain 0. Berkely-HUl: Über Aualerotik. (The Indian Medical Ga-
zette, August 1913,)
Freud hat klar gemacht, daß die „PerversioDen" und die „Inversionen"
dem normalen sexuellen Leben des Kindes angehören ; man soll diese in
jeder psychischen Krankheit erkennen lernen. Die erogene Zone des Aqus
entwickelt sich aus seiner körperlichen Lage; durch Darmkafarrh nimmt itre
Empfindlichkeit zu. Daher der Grund für das Sprichwort, daß Kiuder, die an
Durchfall leiden, später „nervös" werden. In Tamil sagt man häufig von einer
Person, die übel gelaunt ist, sie „leidet an Hämorrhoiden". Pruritus ani hat
wahrscheinlich oft die Quelle in einer Perversion aus der Kindheit. Ein Fall
von Erill illustriert die Freudschen Begriffe von Anal erotik und -cliarakter.
M. D. Eder.
Georg Pei-itz: „Die Spasmophilia der Erwachsene])." (Zeitschr. f.
kiin. Med., 1913. 77, Bd., S. 190.)
Der Verfasser beschreibt eine Konstituliousanomahe, welche die Grund-
lage (Disposition) für verschiedene Erkrankungen abgibt, denen gemeinsam die
Übererregbarkeit des neuromuskulären Systems sei : Dahin gehören Fälle von
Epilepsie, der Tic, myalgische Erkrankungen, vasomotorische Neurosen, Fälle
von Migräne, von Asthma bronchiale und Angstneurosen,
Die Zeichen der Spasmopliilie, unter denen elektrische Übererregbarkeit,
ein eigenartiges Blutbild, kalte, livide Hände und Füße, das Chwosteksche
Symptom n. a. eine Rolle spielen, seien im Original nachgelesen.
Dr. E. Hitschmaun.
Dr. Lißttiann, Nervenarzt (München): Ein seltener Fall von Potenz-
störung (Münch. M. W. 20/13).
Ein 4üjähriger protestantischer Pfarrer, seit acht Jahren kinderlos ver-
heiratet, koitiert normal, docii hat er trotz bis zu gegenseitiger Erschöpfung
fortgesetzter Friktionen keine Ejakulation. Onanie 2— 3mal vor dem 15.
Lebensjahr, dann bis zum 32. Jahre aus sittlichen Gründen Totalabstinenz.
Während dieser Zeit vereinzelte nächtliche Pollutionen mit erotischen Träumen
und Orgasmus. In der Ilochneitsnacbt bestand Erektionsscbwäche, so daß die
DeUoratio unmöglich war ; nach einigen Tagen Besserung, so daß normaler
Verkehr stattfinden konnte. Beim Koitus hat er niemals lyakulation, dagegen
bei Masturbation. Das Ejakulat ist normal und enthält lebendige Spermatozoen.
Organische Ursachen, als: Obliteration des Duct. ejaculat, Stricturen,
Deviation der Samenleiterausgänge, Veränderungen am Collie, seminalis aus-
geschlossen, keine Spermatorrhoe. Die Diagnose lautet daher auf nervösen
oder psychischen Aspermatismus, der (nach Oriowski) angeboren sein oder
(nach Moll) von Frigidität wegen Nichtgebrauch herrühren kann. Zwischen
den Ehegatten besteht große gegenseitige körperiiche und geistige Sympathie.
Verfasser behandelte den Patienten mit epiduralen Injektionen von Johimbin
mit Kochsalz ; das Resultat war null.
Er veröftentlicht den Fall wegen seiner Seltenheit und wegen der Mög-
lichkeit, Therapievorscbläge zu erhalten. Die dürften ihm werden, sofern er
CS nicht verschmäht, die psychanalytische Literatur zur Kenntnis zu nehmen:
Die Vorgänge in der Hochzeitsnacht, die Anamnese weisen auf die psychischen
"Wurzeln hin und die psychanalytische Therapie dürfte indiziert sein.
Dr. Margarete Stegmann, Dresden.
Kritiken und Referate. 587
Dr. KriiBt Tobiaa (Berlin): Die physikalische Therapie der sexu-
ellen Impotenz. (Deutsche niediziu. Wochenschrift Nr. 20/13.)
Verfasser kommt zum Schluß, daß die physikalische Behandlang hei
einzelnen Zweigen der sexuellen Impotenz (oämlich bei den psychischen) wenig
oder gar nicht wirksam sei. Er erinnert an die große Bedeutung der Prophy-
laxe. „Schon vor der Puhertätszeit, namentlich aber während dieser, müssen
die aufzuklärenden Eltern im Vereine mit dem Hausarzt — nicht nur wenn
hereditäre Belastung vorliegt — ein wachsames Auge auf die heranwachsende
Jugend werfen und durch Abhärtung, Schwimmen, Turnen, Sport sowie durch
zweckentsprechende Ernährung und Kleidung den jugendlichen, in der Ent-
wicklung befindlichen Körper zu stählen Sachen. Was weiterhin erforderlich
ist, kann in der Gesamtbezeichnung der sexuellen Aufklärung zusammen-
gefaßt werden."
Verfasser zählt die verschiedenen Situationen auf, in denen psych.
Impotenz vorkommt: Ehekandidaten, welche bezweifeln, oh sie den ehelichen
Pflichten genügen küiinen ; Männer, die der eigenen Frau gegenüber versagen,
fremden gegenüber aber nicht, Impotenz bei Anwendung von Schutzmitteln
Impotenz, weil ein Akt mißglückt ist usw., aber ohne den psychologischen
Wurzeln des Leidens nachzugehen. Freuds Beiträge zur Psychologie des
Licbeslebeos und die anderen Erkenntnisse, mit denen Freud die WUsenschaft
bereichert bat, erwähnt er nicht.
Wenn wir aber seinem Rufe nach Proplivlaxe beistimmen wollen und clas
müssen wir wohl — wir werden sogar den Beginn der prophylaktischen Bestrebungen
nocli weiter zurückverlegen, als er — , so entsteht die ernsthafte und einer
eingehenden Bearbeitung würdige Frage, inwieweit die F r e u d sehen Lehren ge-
eignet Bind, in den Dienst der Volksaufklärung und Erziehung gestellt zu
werdeD. \on Seite der Fachliteratui- wird der psychanalytiscLen Wissenschaft
scüon jo.zt der \orwurf gemacht, daß sie sich zu sehr popularisiere; ander-
seits kann die Wünschbarkeit ihrer praktischen Verwertung iu Erziehung und
Leben nicht geleugnet werden. Vielleicht übernimmt einmal eine berufene Feder
die Beantwortung dieses Problems.^) Margarete Stegmann, Dresden.
Havelock Ellis: Rassenhygiene und Volksgesundheit (Deutsche
Originalausgabe veranstaltet unter Mitwirkung von Dr. Hans KureUa
AVürzburg, Verlag von Gurt Kabitzseh 1912.)
Man kennt Havelock Ellis von seinen sexualpsychologischen Schriften
her als emen Forscher, der große Belesenlieit in mehreren Sprachen vereint
mit einer selten zu findenden Objektivitilt und Urteilsreife in Sacheu des Ge-
schlechtstriebs. In „Geschlecht und Gesellschaft" versuchte er eine Soziologie
des Sexualtriebes, um dann iu dem jetzt vorliegenden Bande als Sozialreformer
und Eugeniker hervorzutreten. Wie weit er den Kreis seiner Erörterungen
spannt, lehrt eine kurze Inhaltsangabe. Die zwölf Kapitel dieses Buches be-
handeln nicht bloß die Stellung der Frau, die Bedeutung der sinkenden
Gebartenzifter, Rassenhygiene und Liebe, Sexualhygiene in der Erziehung, die
Keligion und die Erziehung des Kindes, sondern auch die Hebung der Sittlich-
keit durch Sittengesetze, das Problem einer internationalen Sprache und den
Kampf gegen den Krieg, zu welchen Kapiteln Hans Kurella noch aus
Eigenem beisteuerte : Die Wohnung als Milieu- und als Selektionsfaktor.
') Inzwischen ist das Buch von Dr. Marim. Steiner: „Die pavchischen
Störungen der männlichen Potenz" erschienen, das dem von unserer Refe-
rentin geäußerten Wunsche fiechnang trägt. Anm der Red
588 Kritiken und Referate.
Die Darstellung hat aJIe bekannten Vorzüge der Ellis'sclien Sehreibweise
deren schomter vielleicht i.t die all.eit wolilwollende Objektivilüt de! uT
tals, die nur n.ancln,.al so weit gd>t, re.bt mäßigo Begabungeu nicht alV.u
fc.ef uuter d.e Gemes zustellen. Wer .o gern and so viel lobt wie Havelock
Eins, dem bleibt nicbt viel übrig für die wirldicli (iroßen im Reiche des
Geistes Iinmerhiu ist die.e Form der Kritik noch immer ansprechender als
das so haufage Aburteilen, zumal bei einer so heiklen Matorio. Im einzelnen
bleibt dem Keferenten nicht allzuviel zu bemängeln. Das Kapitel über die
sexuelle Aufldarimg unserer Kinder düukt mich, so treffend das Gesagte S
doch nicht erschöpfend. So ist z. li. keine Itücksicht genommen auf jene
;tl!f^ 7^:. ^ '' '^1""' '^'''''' ^^"■"'^''''^' ß*^'"^" "^"'*' «»■' «r schon in
ruhen kinde^abren nach seiner Herkunft fragt. Wie solche Anfklärnng mi"
der besten Wirkung zu verteilen ist, hat uns beispielsweise das KlL^r
Scupin ,0 seinem Buche „Bubis erste Kindheit" glänmid gezeigt. Ich Zbe
ZTVu '\' ^'r^'^^^^-^^^-^ - Deutschland keineswegs „rech eig ntUcb"
eme Mutterschaftsbewegung ist. Das ist sie unter unaern zweifellos auch und
eine Spe^ialrichtung derselbe» geht allerdings dalun, Anderseits aber sind ihre
übrigen Richtungen keineswegs zurückgetreten. Endlich noch ein Wort über
die Koedukation Für sie hat Eins nur Worte des J.ohes, die Erfahrung jedoch
JJ" "ff, ^'=^^,^^^,0"^-^"'°° aufgedeckt, daß jenes Land, weiches sie am
eisten einführte, die Vereinigten Staate., von Nordamerika, jetzt eben im Be
gnft ist, sie um derentwillen wieder abzuscbaflen.
l.l^r,r„^^! J'T .^eanstäudigmigen, wie manches, was man noch aussetzen
könnte, helretten im Grunde nur Kleinigkeiten und tun im übrigen dem Werte
des Buches kernen Eintrag. Auch dem letzten Werke des geist undTenutnis!
reichen En,lönders kann man nur viele und recht vei.tändfgo LeSwüSien.
Dr. J. Sa dg er.
"'"'A^uSriaia")" P^^*^»"^^^"»^^^« Forderungen. (.Sexualprobleme,
/'«lie'-- dei- sich mit der Erforschung der erotischen Wurzeln der
Waudervogelhewegang beschäftigt hat („Die deutsche Wandervogelbewegnng als
eiotisches Phänomen" von Hans B 1 ü b o r), knüpft an an eine Arbeit W. St c k c 1 s
über Larvierte Onanie" und verbindet dessen Schlußfolgerungen mit den Re-
sultaten seiner eigenen Forschungen zu einem Versuche, die Ergebnisse .u
psjxbosanitären Forderungen zu formulieren. Die Homosexualität ist das Eud-
LTfr-hT^'f «^'n^"'"''""'™'"^'' ^'" ™°^'"" ""«""Südlich aufsteigt.
?ereniun. ?f 1 . ^'V" ^'■«""■'^'^"^f* ^is zur gleichgeschlechtlichen
I T. w if' ,. ^^' '^"' P'-°^entsatz der Inversionsnoigung, um so i.r<>ßer
M^nfor r'^'-f eines KonHikts. Der Mechanismus seiner lOnts ehung
n orifnilr;. l^öl-verstarkung in diesen innigen Freundschaften, die wiP
in orgamsieterl-orm namentlich in Jugcndbünden (Wandervogel!) luden ist
tauch dsbalb die Frage auf, ob da mcht eine Verbindung mit der Homo"
sexcahtat bestehe; das Bewußtsein weicht aus, es setzt die Verdrängung eh,
ne,trn''"'^f "*T?" fr'l^""'"'^'''^''""^' '^' neurotischen Ei3ge,' d
Sr ih. 7f 7- r ' ;^^""^' '^'^"° '"^ ^""' .Verfolguugstyp- führen der
dn Schauplatz des Kampfes aus seinem Inneren heraus in die Außenwelt pro-
stehet austobt. '" '"''' ""^''''■' '" "" ^"''^'^"^ '^'' Froundeserotik
Verfasser zählt zu den Menschen mit verstärkter Inversion — zwischen
- akolut heterosexaelJ. und unendlich = ausgesprochen homosexuell -^
Kritikeil nnd Referate. ko-
die Zensur gem.ldert werde: Die Lehre vo« der InvenLmSsei^Vo^
bewußtsein dringe« und die unnötige Härte gegen di. Homorralität ihit
vidnen, auch im juristischen Sinne, hat er dabei weniger im Auge als die
jenigen, deren orgastische Wünsche auf die Frau gehe^rdie aber im ' stS keren
Grade am eigenen Geschleckte hängen, als der Durchschnitt
Kecht interessant ist, wie Verfasser aus diesen VoraussetzunEren die Pr
seinen Beohaclitungen in Jugendbünden verdankt, das Auf re ten d"; a^^^^
ableitet: Manner m.t stärkerer In vemonsneigung tragen alle ihre feineren
Liebesäußeningen zum eigenen Geschlecht, ohne daß sie Iber dort einen pAlu
dialen Charakter - als Vorläufer sexueller Handlungen - haben in oT^e
ab rveH^n"r"i'''''"'-'l''" ''''''' '^'^""S''"' '^' ^*«^« feinern liflernngen
hlben rJ ^"^'.^^'^S*' ^«^ «i« ^-^l^«« dem eigenen Geschlecht gegeben
haben so müssen sie vom realen Objekt abrücken und sich mit Phantasie
geschopfen beschäftigen, mit a. W. zur Onanie greifen. Nennfsteke 1 die
Onauie den Träger aller Schuldgefühle, so bezeichnet sie Biiher a?s den
^Z:Z.£^'^''''^fff'T''- ^'^^'^^^'^^^ ''' «--^^ -. auch n ;
In dtse? ,^^ 1 ' V^^ ^" li^gression in den Autoerotismus der Kindheit.
sieht Terflfr. ^«'■l^.l'^g^^telle des Autoerotismus »it dem AUerotis.nus
eine Inf r- ' .«'S^^^liche psychische Gefaiir der Onanie, denn e. folgt
Lnstir^^r ''"'"^^/'f-^'^^'''''*^^^ ^^^^"^' «^"° f'^^S<^^^t'^t nur die infantilen
ä Llb erS > " v'^; ^''**'° """^ ^'^ ^'"'^^ ^'' Unterdrückung verfallen.
nnfn?» !i ^ 1 ^«^,7«^f^^««^ ««>nB 2weite psycho sanitäre Forderung : Die
werZ .^°"«"'^''«" Menschen nicht als etwas verabschenenswürdiges hingestellt
werden alle Vorstelluagsinhalte sollen bei der Onanie dem Bewußtsein zu-
gänglich seni, damit die Regression in den infantilen Autoerotismus nicht
Die Arbeit des Verfassers ist verdienstvoll, wie alle Vereacbe, die Lebren
der Sexualwissenschaft dem praktischen Leben nutzbar zu machen Ob die
Änderung der Anschauungen allein seine zerfahrenen, neurasthenischen Jngend-
erzieher klar und kraftvoll zu machen im stände sei, möchte man aber mit Kue
bezweileln : viel wichtiger wird es sein, daß ilinen von berufener Seite gezeigt
wird, daß Ihre Inversion im letzten Grunde Überkonipensierung einer Ab-
neigung, und Verdrängung der Liebe zum andersgescMechtlichen Eltemteii ist
Auch scheint mir eines im Zeitalter der Popularisiernng der Sexualwissen-
schaften leicht übersehen zu werden: daß ohne Arbeit an sich selb rlnf-
klarnng und Analyse kaum jemandem helfen können.
Margarete Stegmann, Dresden.
LadislausNap: Psychologie des kindlichen Interesses. (Pädago-
gische Monographien, herausgegeben von Dr. E. Meumann, IX. Bd.)
Der Titel des Buches deckt sich nicht mit dem Inhalte. Hütte ihn der
Autor um ein einziges Wort erweitert, indem er von der Psychologie des ge-
lenkten kmdlichen Interesses spräche, dann würde man die gänzliche Außer
590 Kritiken und Referate.
acMiassungr wichtiger für die Kinderseele spezifischen natürlichen loteresse«-
spharen Dicht als Mangel empfinden, sondern die Arbeit als wertvollen Bei-
trag zur reinen Scliuipädagogik, wie sie an Lehrerseminarien und verwandten
AEstalten betneben wird, anerkennen. Derjenige aber, der die Entwicklung
der kindiicheQ Seele beobachtet, ohne die Kritik des Erlaubten und des An-
stoßigen zur Basis seiner Untersuchungen zu machen, kann sich damit nicht
einverstanden zeigen, aus dem Interessengebiete des Kindes alles verwiesen
zu sehen, was in der Wirklichkeit gerade den breitesten Raum einnimmt
Gewiß äußern sich 8-Ujährige Kinde.- - anf solche erstrecken sich zum'
größeren leil Nagjs Beohachtungen — nicht mehr so unbefangen über ihre
innersten Gedanken und Gefühle, wie die Kleinen, und am wenigsten tun sie
das m relativ fremder Umgebung. Wir dürfen in der Tat nicht erwarten, daß
die 20 von Nag y beobachteten Zöglinge einer Ferienkolonie ihr Seelen-
bmnenleben dem Leitungs- und Aufsichtspersonal hüllenlos dargeboten hätten
Aber es ehlt auch für ältere Kinder nicht an Gelegenheiten, wo sich ihr
Sinnen und Fühlen unverfälscht in Wort und Gebärde ansspricbt. Jn solchen
Augenblicken bietet sich dem, der gewohnt ist, auch fiüchtigen triebhaften
Äußerungen des faeelenlebens bis zu ihrem Ursprünge nachzuforschen
reichliches Material zum Studium des kindlichen Interesses. Nagy
knüpft seine Beobachtungen über die Entwicklung des kindlichen Interesses
an gemeinsame Spaziergänge mit dun Knaben und mit den Mädchen an Be-
suche von Droschtennen und SchmieJewerkstälten. Er schildert eingehend
welchen Wandel das Interesse an diesen Objekten bei seinem Neffen und seiner
Nichte in einem Zeitraum von fünf Jahren (im Alter von 5^1,-10% resp.
/^rj 1^ Jabre) erfahren hat, wie die Zöglinge der Ferienkolonie hierauf
reagierten, welche Dinge sie in Wald und Feld besonders fesselten, an welchen
sie achtlos vorübergingen, und wodurch sich dies erklären lasse. Immeraberist
es das künstliche Interesse, das der Autor zur Grundlage seiner Uiiter-
suchungen macht, und auch dieses erscheint immer nur so weit verfnWt ik
llTfw r^";/^;"^'^^ ^-^ ''- Unternchtsstande'bek^nde'^S a'ziet
gängo m Waid und Feld bieten so viel des Reizvollen für das natürliche
Interesse des Kindes, daß es wohl lohnte, dies eingehend zu studieren. Wenn
z. B. nnter den zehn Mädchen der Kolonie gerade ein einziges ein so be-
sonderes Interesse dafür an den Tag legt, wie die „Säuberung" des Getreides
vollzogen werde, so läßt dies auf Verdrängung und Verschiebung eines starken
analerotisclien Interesses in der frühen Kindheit schließen. Ebenso geben die
eitrigen Gespräche der Knaben der Kolonie mit den Knaben in einein Gehöfte
über Kastrierung der Haustiere einen Fingerzeig, auf welchen Gebieten sich
verstand und Gemüt des Kindes bei unbeeinflußter Wahl Bereiclierung suchen
uie Zöglinge einer Ferienkolonie bezüglich ihrer Iiiteressensrichtungen zu
studieren, ist gewiß ein äußerst dankbares Unternehmen; nur dürfen die Be-
obachtungen nicht an zu diesem Zwecke vorgegebene Ereigdsse geknüpft
werden. Sie müssen vielmehr während des Ablaufs des tägHch(!n Lebens in
ungezwungener Weise erfolgen, wie denn gemeinsame Mahlzeiten, Spiele,
bpaziergänge reichlich Stoff zum Studium des natürlichen kindlichen Interesses
so gut wie des gelenkten böten. '
Das gänzliche Übersehen der sexuellen Komponente in der kindlichen
Gedanken- und Gefühlssphäre fällt besonders in dem zweiten Kapitel, Ent-
wicklang des Interesses", und dem dritten, „Motiv e des Interes"se8"
in die Angen. So ist der Autor z. B. der Meinung, daß das geschlecht-
liche Interesse erst im „Alter der Organ isation uod der Bewertung"
auftrete ; daß gerade das kleine Kind seine Ideale aus der Familie holt, darin
Kritiken xmd Heferote. 591
f^äe^'^^Zc^tt^'^'^Tr' ^'^ gesellschaftuchen Sinnes dos
tar diese?bpVw. ?E'^"'^''"^S der Motive des Interesses geht der Ver-
d^ ^0^1^ S.^'^'- ^T '' '■ ^- ^'^ ^'''''^''' ^'' kindlichen Tierliebe
f.rnP.T.n r ^'r^^^Seü der Tiere ansgehenden lebhaften Reize betrachtet,
K.Tnf n.? . r"^-^;' /'" "'* '"^^'- ^"^^^ ^«"*g«^ Bewußtsein geweckten
Kan.pf and das Gefuhl der Angst oder des Mitgefühls", so übersieht
ZCZl T l ^'^''"''.^''f''' ''i^^^'- 2«neiguDg, das sexuelle Interesse,
welches das Kind gerade beim Tiere leichter befriedigen kann als an dem
Menschen, auf den es sich im (Jrunde bezieht. In dem Verhältnisse des Kindes
mm Tier kommt ferner der aktive und passive Sadismus, das Gefühl, dem
Iior überlegen zu sein, es daher mindestens bis zu einem gewissen Grade
selber quälen oder von anderen gequält sehen ^u können, ebenso zum Aus-
druck, wie das spannende Interesse, Angriff und Kampf und Jagd der Tiere
^u beobachten. A a g y beobachtet wohl die zärtliche Fürsorge der Mädchen
dt.. 7Th- .", . ^«f esondere junge Tiere, ohne auf den innersten Kern
dieser Zärtlichkeit, den Muttertrieb, einzugehen, noch rlie Beziehungen
des Liebkosens Streichelns usw. zur Hauterot ik zu beleuchten. Auch das
leidenschaftliclie Interesse des Kindes für das Waten im Wasser, Kot, Morast"
fdirt er nicht auf urethral- und analerotische Motive zurück, sondern
begnügt sich mi der emfachen Konstatierung der Tatsache und eines ihr zo Grnnde
liegenden Gefuhlsmotivs, „der ursprünglichen Anziehung der Kinder zum Wasser"
In einem Abschnitte von nur wenigen Zeilen erörtert Nagy den Ein-
K/n . ?,''l'^'"^^''^''^'™"e^" des sozialen Triebes. Welche
Ereignisse ,m gesellschafthchen Leben des Erwachsenen das Kind besonders
tsonL! ;>! 'T^'""^""- '" ^'^^^'^''^- ^^ ^^r .Organisation«, die ins-
Siie nl S ^"^'^f .feen, kommt nach Nagy die Gemeinschaftsidee zum
h S TJ ''{dividuellen Egoismus. Er vergißt bei dieser Ansicht, daß
5?H.rS .''f*'^-,'/''!*"'*'" "^'^ ^""'"'^'^^^ g«^^°= Sadismus in der Form
elT. ^Z7^^ ' ^^^'°'^''T' '" '^^' ^"^^ '^'^^ f^«'"^lig Unterwerfens, sexu-
elle Anziehung zum eigenen Geschlecht usw.
In den Beobachtungen über das Fragealter des Kindes vortritt der
Autor die richtige Ansicht, daß es sich dem Kinde häufig nicht so sehr am
den Inhalt", als um den „Rahmen" der Frage handelt. Doch führt er die
tiefsten Gründe dieser Tatsache, das stete Verlangen des Kindes nach Liehe
und Aufmerksamkeit der Umgebung, sowie die ürfrage aller kindlichen Spe-
kulation; Woher kommen die Kinder :•■ nicht an. Er ist vielmehr der Meinunn
dieses Verhalten stamme lediglich aus den „triebmäßigen Kräften der locischen
Formen«, aus den logischen Instinkten, wenn schon er kurz darauf
hervorhebt, daJä in den ersten Interesseiivorgangeii des Kindes die Gefühle
die Haiptrolje spielen. Zum Beleg dieser letzten an sich treffenden Bemerkung
wiederholt Nagy nur leider abermals das zu Tode gehetzte Bei.nifil vnm
Verhalten der Kinder in der Dreschtenne und der Schmiede
■ ,. J™ "'«^^en Kapitel, „Das Interesse des Kindes und der Unter
rieht , gibt Nagy eine Reihe heherzigungswerter Katschläge für dpn T ..hrep
die wie wohl nicht neu, doch nicht oft genug wiederholt werden kLen um
endhch aus der Theorie in die Praxis übersetzt zu werden '
Das letzte Kapitel, „Die Individualität des Kindes undM«.
Interesse«, ließe sich — auf der Basis der Freudschen I eh ""'*''^*'
vieles tiefer fassen und enthielte dann wohl manche Aufklä™ a- """
Nagy schuldig bleibt. Daß der Autor, wie er eingangs seiner AS^emei?
sich während der Untersuchungen nicht als Pädagog verleuenen k "^Z"^'^*'
vielleicht der tiefste Grund der Einseitigkeit seines Buches. K<*°nte, ist
^^- "•'■ Hug-Helimuth.
Aus Vereinen und Versammlungen.
Internationaler Kongreß für Medizin. London, August 1913.
Eines der Themen, welche für die Diskussion in der Psychiiitri sehen
Sektion dieses Kongresses gewählt wurden, war die Psychoimaljse. _ Die Ko-
referenten >^■aren Pierre Janet (Paris) nnd C. G. Jung (Zürich ; ihre
Berichterstattung hg gedruckt vor und wurde vorher verteilt nicht bei der
Versiimmlung vorKütragon. Janet gab auf 52 Seiten eine Schilderung der
Psychoanalyse, wie er sie aufgefaßt hatte, samt einer Dar egung ihrer Be-
ziehungen .0 seinem eigenen Werk und hielt dahei seine \eruchtung ihrer
Fehler und Schwächen nicht zurück. Den gröläten Teil seines Berichtes nahm
die Eeschreihung seiner eigenen Anschauungen der Neurosen ein, wobei
mehrere Fälle aus Publikationen, die ein Viertel, ahrhuudert ^"rückliegon, mit
allen Einzelheiten wiedergegeben wurden. Sein Leitsatz war daß alles Uichtige >n
der Psychoanalvse F r e u d von ihm entlehnt habe, und daß a les, was nicht auf
diese Weise entlehnt wurde, auch nieht richtig sei. Er behauptete da seine
Arbeiten Freud „inspiriert" hätten, bedauerte aber zugleich, daß dieser sie
unkritisch aufgenommen" habe. Wir wollen die folgende Stelle zitieren, um
zu zeigen worauf sich diese Selbsttäuschung gründet : „Tout au plus ces
auteurs (Breuer und Freud, in den Studien, wohlbemerkt) changeant-ils
fiuekjues mots dans leur descriptioa psychologhiue : ila appelaient psycho-
analyse ce que j'appelais analyse psychologi.iue, ils nommaient ,complexus' ce
Cae i'avais nomm^ ,systeme psychologique' . . . ; ils baplisaient du nom de
catbarsis' ce que je d^signais comnie une dissociation des idßes fixes ou comme
une d^sinfeetion morale. Les noms ötaient diflörents mais toutos les conceptions
essentielles, meme celles q«i etaicnt encore sujettes ä la discussion, comme celle
du ,systeme psychologique', ßtaieiit aecepttea sans modiftcation. Encore au-
iourd'hui si on laisse de cCt^ les discussions aventureuses et si ou examine
seulement les observations pubWes par des Kleves de M. Freud h propos
des Souvenirs traumaliques, ou retrouve encore des descnptions trfe analogues
ii Celles que Je publiais autrefois. En considdraut ces premiöres doctnnes et ces
observations on a quelque peine h comprendre en quoi la psycbo-analyse diflere
tellement de l'analyse psychologique et oii se trouve, lo poiut de vue nouveau
qu'elle a apportö k la psychiatrie." , a a
Wir brauchen unsere Leser wohl kaum daran zu erinnern, daJi das
Wort l^sychoaualyse" in den „Studien" nicht zu finden ist und der Ausdruck
Komplex- zehn Jahre nachher aus Zürich und nicht aus Wien gekommen ist.
Jaiiet's Ki-itik zeigt weoig Neuheit. Die Methodik der freien Assoziation
in einem Zustand physischer Abspannung ist „un procöde m^diocre et uu peu
naif- Er schildert das, was er für die Technik der Psychoanalyse ansieht
und fügt den Kommentar hinzu: ,Tont cela est excellent dans un cours fi ( e
ieunes ^tudiants, mais vraiment je n'aiirais Jamals os6 douner cos bons eonseil.
ä des medecins alienistes." Die Resultate der Behandlung sind die Folgen
Ana Vereinen nnd Tersanünlungen. 503
von „suggestions puissantes" ; ^les malades sont fiers que lenrs observatioiis
servent t ötablir nne miSthode m^dicale qni guerira tous les maux du genre
humain (!) ils epronvent un legitime orgueil h. la pensöe qu'iis oollaborent
avec nn grand homme k la rönovation de la nit5decire." Jane t aeheint davon
auszugehen, dsß nur Professor Frend mit der Psychoanalyse gnte Resultate
erzielen kann. Er macht sich nach bewährten Mustern über die sexaellen
Deutungen lustig: „Avec un pen d'interprötation, de deplacement, de drama-
tisation, d'41ahoration et avec tr^s peu d'esprit critique on peut gi^n^ralieer
de cette maniöre n'importe quoi et faire rentier tout dans tout. Les növroses
ötaient hier toutes des suggestions, aujonrd'hui elles sont toutes des tronbles
sexuele, demain elles seront toutes des troubles du sens moral ou da sens
artistiqce. Et pourquoi B'arrc'ter aux nevroses? Je me fais fort de deniontrer
de la meme maniöre que la tuberculose et le Cancer sont des consequences
indirectes et inattendues de la masturbation des petits enf'anta. Je ne crois
pas qu'il y alt rien de bien interessant dans tous ces jeux de mots."
Jan et betont zu wiederholten Malen, daß die psychoanalytische Deutung
nur die blinde Befolgung eines a priori feststehenden Dogmas (betreffs der
Sexualität) sei. Als Antwort auf eine Eritik von meiner Seite bemerkt er:
„Helas! M. Jones a raison, je n'ai pas fait la psycho -anal yse, c'est-ä-dire que
je n'ai pas intorprfjfe des dires des malades dans le sens d'un dogma arrOte
d'avance et je ne pouvais pas le faire, justeraent parce que je ne croyais pas
au dogme et que je cherchais k constater sa verite. M. Jones raisonne
comme les troyants qui n'admettent pas la critique de leur religion : ,J'ai lu
les livres sacres, dit lo sceptique, et j'ai trouve en eux bien des contradictiona
et dos iacohereüces. — C'est que vous u'aviez pas la Foi, lul röpondra le
croyant; si vous aviez lu ces livres avec les yeux de laFoi vous n'auriez pas
vu ces contradictions.' Hölas, je vois bien qu'il faut avoir la foi pour bien
comprendre les interpr^tations symboliques de la Psychoanalyse." Eine Ein-
wendung von noch mehr elementarer Natur, die der Anhänger machen könnte,
wäre die, daß es notwendig ist, die Bücher zum mindesten zu lesen, sei es
mit oder ohne „Glauben" und die Tatsachen zu prüfen, ehe man sich ein
Urteil bildet und dali beide Vorarbeiten voa Herrn Prof, Janet vernachlässigt
worden sind. Ein anderer Punkt seiner Kritik, dem er viel Raum widmet,
betrifft, wie er es nennt, „le language vague et mi!taphorique de la Psycho-
analyse". „Tous les termes ont nn sens h demi-mystique ou plutöt ils ont un
double sens et nous ne savons jamais comment il faut les Interpreter ....
Si nous nous permettons de prendre litteralement les mots masturbation, co'it
reserv^, satisfaction sexuelle insuffisante on nous montera du doigt en nous
accusant de „wilde Psychoanalyse ^ II faut que nous deviniocs que dans certains
cas , masturbation et coit incomplet', cela signifie ,maaque de satisfaction
esth^tique'. (Wo hat Janet diese Notwendigkeit gefundenl-*) Schließlieb erhebt
er den Einwand, daß die Psychoanalyse eine in der klinischen Medizin übel
angebrachte Metaphysik und I'hilosopliie sei : ,A moins de vouloir retourner h
la tour de Babel nous ne devons pas appliquer ä des observations et k des
^tudes medicales des conceptions philosophiques que nous imaginons ä plaisir
et que les philosophes eux-memes n'ont aucune em-ie d'adopter. La Psycho-
analyse est avant tout une philosopbie, interessante peut-Gtre si eile etait
prßsentee ä des philosophes." Diejenigen, die darüber besser nnteirichtet
sind als Prof. Janet, werden wohl wissen, daß es nicht gerade dieser Einwand
ist, den Prof. P u t n a m und andere gegen die Psychoanalyse ins Feld führen
wüi-den. Es ist bemerkenswert, daß dies das einzige Neue in seiner Kritik
ist. Wenn man an Freuds extremen Empirismus denkt, an seine klare und
ZeitEchr. f, ftratl. Paj(.hoan»l)-Ba. 38
-g , Ans Vereinen nnd Versn-mmlangeti.
bestimmte AasdmcksWse and seine Fromdheit der Philosophie gegenüber, so
kann man Janets Kritik, die ihn dogmatisch, ungenau und metaphysisch nennt,
keinpswetrs dücklich gowiililt finden. -r, ■ i ^
Die wesentlidisten Hinweise auf psydioanalytisehe Schriften, die der Bericht
enthält sind enKlisclicn und amorikanischen Autoren entnommen, selbst der
nT.l von Freuds Arbeiten wird auf Grund von Referaten in nmenkanischen
Zeitunaeu wieL-gegeben. Daß sich dies in Janets Fall nicht als der noh ige
?V T- g"--' Auffassung erwiesen hat, möge durch die o'^-^- ^^^f ^"^
in denen er das Thema darzulegen sucht, gezeigt werden: 1 M F.eud ne
paraU pas se prdoccaper, comme fout tnnt d'antres auteurs, de. trou^cs de
k Lmoire qu transibrment tant de reves et de la systcmat-sa tion que Ic suje
:^^tnsJ ri^-es Ai.. <iu^ü est reveill^." Mao wundert .ch, wieJaoet
„ohl den Sinn der „sekunderen Uearbeitung" als emer der vier Ilaupt-
mechauismen hei der Trauniarboit verstanden haben mag. 2. J-"«t^7?S
Mangel an praktischer Vertrautheit mit der Funktionsweise ^erd. mg er
St eSn^en zeigt sich durch seine Annahme der verbreiteten Ansicht, daß
so che Übungen durch die Verdrängung zei-stürt und nicht bloß aus dem
iewumsein ged'r.ngt werden: „La bitte contre nos <-'!--- J- -J'-'^uä
se manifcslcr. de se dövelopper et par la mcme eile 1 es i .duit peu ä
Ten les annihile. Si ponr des raisons de sante je veuK resister h
L ma- i « 1-bitude de fumer, Je n'arriverai pas >V fumer _ subcon -
ciemment eu somnambuHsme, je ferai disparai.re la tendauce a. umcr
yoilä tont « Er biilt dies oftenbar für ein Beispiel der \crdrangung .^. Jn
seinem Artikel über psychogene Sehstörung zieht Freud als Analogie die
Strafe des ,Peeping Tom" in der Godiva-Legende hemn. Lies wird m .Taue ts
Darlegung folgendermaßen wiedergegeben, ohne daß der wesentliche 1 unKt
auch nnr erwähnt wird. ,C'est ainsi (|ue la h'-gendo de Lady Godiva^ nous
exnlique tres clairement !a cecit»^ bystörique. Gelte helle damo avait t^te con-
damn^c a passer noc au travers des rues, les habitants de la ville s'iraposerent
l'obligation de clore leurs volets, de fermcr ics yeux pour ne pas la voir: Ha
se rendaient aveugles par une delicate coui-toisio. Qui douc pourrait r&istei
ä une explication aussi po.-tique." 4. „Un de. grauds avantagcs de ces
demonslrations symboliqucs, c'est que l'on peut (res ais.ment les vaner ä
l'iulini " 5 51 Freud nous dit quo dans tous ces cfls nous devons tüu,]0urs
consid^rer les troubles sexuels comme primordiaux et essciitiels simplement [.)
parce nu'on peut voir une certaiue analogie outrc les symptomes de la mala, le
et des phenomenes sexuels, ainsi l'angoisso ressemble dans que quos-unes de
ses manifestations ext<5rieures ii la jonissance du coYt, done (!) 1 angoisse doit
etre un trouhle sexuel. Do vagues analogios de ce geuro n ont jamais 6te
admises comme des preuvea süffisantes d'un d-Hcrmunsine. 6. .Uien entenau
la dccouverte de l'agent causal sp6cifique des ncvroses a pour conseqneiice
une th<^rancutiquo simple et pr<^cise. Un coit normal et ri^guher sullira
toujours pour gucrir tous les troubles növropalbiques (!). Malheureusemcnt
cette excellente ordonnance m<:'dicale n'est pas tonjours facile a "PPM"«^'';
M Freud lui-mt>me remarque avec tristesse qu'nne grande diiticuitc
d'anulication se trouvo dans le danger de la conception trop freiiuente des
enfants qui gSue la prati.juo du coYt normal et regulier. Les precautious
pri':es eontre la fecondation, les pratiques peu naturelles, l'usage des divers
iireservatifs tous di'plorables, sont toujours nefastes et suppnment tous los
bons effetsdu cott normal et regulier. Oruello .^nigme ! M. Freud pne les me-
deeins de vouer toute leur force et leur intclligence h trouver un preseivatif
qui puisse satisfaire ä toutes les exigences d'un col't sans dommage pour la
Ans Vereinen und Versanimlangen. 595
jonissance et Bans danger, preservant !i coup sür des miiladiea et de la con-
ception". 7, ,La psycho-analjse semble utiliser deux procedes de traitement.
L'un ne peut guere etre explitjue en di5tail et pour cause : il consiste ä con-
seiller au malade un coit normal et riSgulier avec l'usage d'un preser-
vatif ideal. Cctte pratique paifaite de la sexualitt; restera Ig plus souvent,
d'apres ces auteurs, le seut et le v^'ritable remede. L'autrc procMe semlile
plus susceptible d'un enseigneraent mcthodique : il consiste, si je ne me
trompe, ä geoeraliser l'application d'uii proct'sdö d'examen que j'avais indique
ffioi-meme dans mes premiures iHudes." 8. Das Folgende ist eine Schilderung
von Freuds Aufsatz über wilde Psyclioanalyse. „II y a (j;uelques anniies, une
femme separii de son mari avait eprouvii de la depression et de i'angoisse et
avait demaiidß conscil ä un jeune nn'decin, disciple de M. Freud.') Ce
jeune riK'dedn, en bon elfeve qu'il ötait'), röpondit ii cette personne que
tous Ics troubles proveiiaient d'une insuffisance des satisfacüons sexuelles et
redigea une ordoncance tres simple : „Eeprendre imnu^diatement son man ou
prendre un amant." Je dois avouer k ma grandc honte (jue ce jeune coufrere
ne me parait pas avoir t'te si mal avisf^ et qu'il me semble avoiv applique
trfes correctemeiif ia doctrine <)u'on lui enseignait.') Malbeureusement
la malade pretcndit ne pouvoir appliqner Tordonnance et se plaignit d'avoir
et6 troublee par ce conseil. M. Freud accueülit ses doleances et daus un
aiticle vigoureux vltupdra son eltve trop docile et coiupromettant,"')
Ich bin an den Gebrauch des Wortes „Jünger" nur im religiösen Sinne
gewohnt uud habe mich oft gewundert, was es eigentlich in wissenschaftlichen
Zusammenhang verwendet zu bedeuten habe, z, B. in der F.'iychoanalyse. Wie
es hier von M, Jane t gebraucht wird, läßt es sich als Bezeichnung eines Trof,
Freud persönlich unbekannteo Menschen definieren, der die Fähigkeit hat, die
einfachsten Sätze aus dessen Arbeiten mißzuversteheu, uud dies ist wohl ein
merkwürdiger Begriffsinhalt von zweifellos weitgehender Anwendbarkeit. Dabei
ist es Jan et, der gegen Freud auf das heftigste den Vorwurf der unriclitigen Be-
nützung und unerlaubten Ausdehnung allgemein gebräuchliclier Ausdrücke erhebt!
Wir haben hier mehrere Einzelheiten aus M. J a n e t s BericJit wiedergegeben,
um für alle Mal die Frage zu beantworten, ob sein Werk zu dem Freuds in
Bo engen Beziehungen steht, wie dies oft behauptet wird. Janet faßte seine
Meinung über Freuds Theorie der Hysterie im Jahre 1907 in Amsterdam in
den Worten „une mauvaise plaisauterie" zusammen und es steht dem Leser
frei, darüber zu urteilen, wieviel Fortschritt sein Verständnis der l'sycho-
analyse seit jener Zeit gemaclit hat. Es scheint, tlaß aueli der ausgezeichnetste
Psychologe in Frankreich nicht vollkommen frei von gewissen menschlichen
Schwächen ist.
Jung, dessen Bericht ■ — in englischer Sprache abgefaßt — nur sechs
Seiten lang war, gab eine notwendigerweise kurz gefaßte Dar.stellung der
psychoanalytischen Theorie und seiner Ahweicliungen davon. Hinsichtlich der
letzteren sagte er: „Ich muß konstatieren, daß eine rein sexuelle Ätiologie
der Neurosen mir viel zu eng erscheint ....Deshalb schlage ich vor, die psycho-
analytische Theorie von dem rein sexuellen Gesichtspunkte zu befreien." Er
stellt die Bedeutung von Inzestphantasien sowohl in der Kindheit des Ein-
zelnen, als auch in jener der Kasse in Abrede; in Hinsicht auf Freuds
AnschauuDi^en über das Inzesttabu beim primitiven Menschen sagt er -. „Dieses
Tabu ist nur eines unter den zahlreichen Tabus aller Art und auf die typi-
') Im Original nicht gesperrt. In dem bez^igliclien Aufsatz erwähnte Freud
dreimal, daß der Arsit ihm ganz fremd war. Man sieht also, da.3 Janet sieh hier
einer tendenziösen Erfindung schuldig macht.
696
Aus Vereinen and Veraammlnngen.
sehe, abergläubische Angst des primitiven Menschen zurückzuführen, eine Angst,
die unabhängig vom Inzest und aoinem Verbote besteht/ Inftintile Eindrücke
und Wünsche haben bei den Neurosen „Iceiuo ütiologisdia üedeutung, da sie
hauptsäckiich sekundäre und Regressiviihänomene, bloße Reaktionen siad".
Die primäre Ursaclie dieser ßegression und deshalb auch der Neurose ist
„kongenitale Sensitivität".
Die Diskussion über die Berichte wurde von Ernest Jones (London)
eröffnet. Er kritisierte scharf Janets Darritetliing des Gegenstandes und
protestierte gegen die zahlreichen unrichtigen Wiedergaben von Tatsachen,
die darin enthalten waren, wobei er mehrere der oben erwähnton anführte
und widerlegte. Eine wesentliche Voraussetzung jeder Kritik sei die Kenntnia
dos zu kritisierenden Gegenstandes.
Coriat (Hosten), den Jane t wiederholt in seinem Berichte als Gegner
der Lehren Freuds zitiert hatte, erklärte kategorisch, daß diese zitierten
Bemerkungen nur seinen alteren Arbeiten entnommen seien, welche auf der
Urundlage seiner ersten Eindrücke von diesem Gegenstand entstanden wären.
In seinen späteren Aufsätzen, die ,lanet niuht erwälmte, liabe er seine Zu-
stimmung zu den Lehren Freuds in ihrer Gänze mit Entschiedenheit ausgo-
.^iirochcn, da ihn die grüßero Ausbreitung seiner Erfahrung von ihrer Kifhtigkeit
überzeugt habe. Nur durch wirkliche Erfalirmig könne die Probe gemacht werden.
Forsyth (London) kritisierte Janets Einwand, daß die psychoana-
lytische TheoriB außerlialh der Sphäre der eigentlichen Medizin anwendbar
sei. Er kenne keinen wissenschaftlichen Kauoii, der dahin ginge, daß eine
Theorie notwendigerweise auf die Sphätre beschränkt bleiben müsse, in weklier
sie entdeckt wurde. Die Tatsache, daß sie in anderen Diaziplinon sich frucht-
bar erweise, sei weit entfernt davon sie zu diskreditieren, wie es nach Janets
Meinung geschehen sollte, sondern bedeute für ihn einen erhöhten Beweis
ihrer Richtigkeit und ihres Wertes. Er sprach ferner von seiner praktisciion
Erfahrung auf dem Felde der psychoanalytischen Behandlung, wo die Melhode
sich als liöchst wertvoll erwiesen habe.
"Williams (Washington) crklüitc, die Psychoanalyse sei nicht in allen
Fällen anwendbar.
Franki-liochwart (Wien) stimmte zu, daß ein Kern von Wahrheit
in der psycho iiualytisclien Theorie steclco, aus der wir alle viel lernen können.
Er zeigte sich jedoch weniger befriedigt mit den praktischen Aussichten (der
Behandlung). Die Suhwäcbc hier bestehe darin, daß keine Statistik der erzielten
Resultate je verüifontlicht worden sei und ehe dies gesehchon, sei es unmög-
lich, zuverlässige läehauptungou aufzustellen. In Wien sei öfters von schlechten
Resultaten zu hören gewesen und er empfahl deshalb eine sorgfältige Aus-
wahl der Patienten. Viele Neuropathea seien nur allzu sehr geneigt, sich mit
sexuellen Themen zu beschäftigen, so daß es hesser wäre, ihre Aufmerltsam-
keit davon abzulenken.
M. D. Eder (London) griff eiüe Anzahl von Janets Behauptungen
an, deren Ungenauigkeit beweise, daß statt der wUnSL-hens werten Objektivität
eine starke Affektoinstellung bestehe. Die psychoanalytische Theorie sei
keineswegs ein a priori-Dogma, sondern eine Reihe von Schlußfolgerungen,
die aus der Beobachtung zugänglichen Tatsachen abgeleitet worden seien.
Walsh (New York) njaehto sich Über die psychoanalytische Bewegung
lustig, welche er dem Enthusiasmus einer älteren Generation hinsichtlich der
Behandlung der Neurotikor mit der Leydener Flasche verglich, Die Lösung
des sexuellen Problems der Gegenwart bestehe darin, daß mehr Kinder er-
zeugt werden, um den Frauen weniger Zeit zum Grübeln zu lassen.
Aas Vereinen und Versammlangen. 597
B4rillon (Paris) sprach über die Rolle, welche die Snggestiou bei der
Behandlung spiele. (In einer privaten Unterredung zeigte M. Berillon an
dem Gegenstand großes Interesse und begrOßle ihn sympathisch ; er beklagte,
daß eich in Paris niemand befindet, der davon ausreichende Kenntnisse besitzt.)
Sir George Savage, der Obmann der Yersammlung und der Senior
der englischen Psyt^hlater, faßte die Diskussion zusammen und sprach die
Hoffnung ans, sie werde hierlands „für eine buchst bedeutsame Forschungs-
niethode, die viel verspecb ende Möglichkeiten aufweist", mehr Beacbtuug er-
wecken. Ein großer Teil von Freuds "Werk scheint ihm sehr ansprechend,
da er es mit den Kindriicken seiner eigenen langjährigen Erfahrung überein-
stimmt. So ist es schon längst seine Überzeugung, daß Geisteskrankheit wesent-
licli ein krankhaftes geistiges Wachstum sei, dessen Psychogenese und ins-
besondere die Entwicklung des betreffenden Individuums während der ersten
Kidderjahre im Detail zu untersuchen, ein unternehmen von der größten Be-
deutung ist. Er sprach seine Überzeugung aus, daJä das Geheimnis dieses'
krankhaften geistigen Wachsturas in den vier ersten Lebensjahren verborgen
liege, die er mit dem unsichtbaren, unterirdischen (:= vergessenen) Fundament
eines Gebäudes verglich, von dem die Festigkeit des Überbaues abhängt. In
diesem Teile des Lebens sind die Hauptsache einfache Lust- und Unlustgefühle.
Er hieß die psychoanalytische Forschungsmelhode von Herzen willkommen
und meinte, als alter Mann könne er den Eat geben; „Wir wollen uns vor
dieser neuen, seltsamen, wertvollen Lehre nicht trotzig verschließen." Hin-
sichtlich der Ausführungen Prof. Janets riet er den Zuhürern, sich davor
zu hüten, seiner Beredsamkeit allzuviel Folge zu leisten, da diese ein ge-
fährliches Geschenk sei.
JanetwarinseinerReplikiiicht imstande, auf die Kritiken, die an seinem
Beferat geübt worden waren, zu erwidern. Er entschuldigte sich wegen der
darin enthaltenen unrichtigen Behauptungen, an denen seine mangelnde Ver-
trautheit mit dem Deutschen schuld sei und sprach seine hohe Bewunderung
für Freuds groGartige Leistung aus.
Jung erwiderte kurz auf die Einwürfe Frankl-Hochwarts und
machte einige abscbließende Bemerkungen.
Man sieht, daß die Opposition gegen die Psychoanalyse nicht von großem
Gewicht war und daß mehr als die Hälfte der Redner sich ihr günstig gesinnt
zeigten. Ans der Haltung der Zuhörerschaft und den unmittelbar folgenden Ge-
sprächen gewann Referent den Eindruck, daß im allgemeinen freundliche Emp-
findungen und sympathisches Interesse vorherrschten, jedenfalls nicht jene un-
duldsame Feindseligkeit anzutreffen war, wie bei den deutschen wissenschaft-
lichen Versammlungen. _ , ,
Ernest Jones.
Dr. M.D. E der (London) hielt in der Jahresversammlung derBritish
Medical Association am 25. Juli 1913 einen Vortrag : „The present
Position of Psycho-Analysis". (British Medical Journal, Nov. 8, 1913.)
Nach einem historischen Resüme der Traumatheorie Freuds werden
Beine jetzigen Ansichten über den Widerstand und das IJnhewaßte dargelegt.
Cnrch Freud soll das Bewußte in ähnlicher Weise von der früheren Über-
schätzung in der Psychologie abgesetzt worden sein, wie das Gehirn in der
gegenwärtigen Physiologie. Die durch die Analyse aufgefuudenen Elemente
sind sexuell Jung hält aber diese Analyse, wenngleich er dieselben Kompo-
598 Abb Vereineu und Veraammlungon .
nenten bei vielen Patienten findet, für zu wenig tief. Kacli einer Darlegung
von Jungs Auffassung wird besonders seine Eiiergietiieorie eljenso wie die
Adlers auseinaiidergeseti:t, Adlers organische Minderwertigkoit stellte eine
Rückkehr zuFrouds ursprünglicher Traumatheorie dar, nur daß statt eines
psychischen ein physisches Trauma voriianden sei.
Der Vortrag cntliiilt nichts Neues für die Leser der Zeitschrift,
Autoreferat,
Jah resversammlung des Inte rnationalenVereinesfürmedizinische
Psychologie und Psychotherapie am 13. und 20. September 1913
in Wien.
Die unter Bleulers Vorsitz tagende zweite Versammlung hatte auch
einige psychoanalytische Themen auf dem Programm.
In seinem programmatischen EröHuungsv ortrag betonte Prof. Bleuler
die Notwendigkeit einer grüiKllicheii und systematischen psychologischen Aus-
bildung der Mediziner und empfahl ku diosoni Zwecke dio Errichtung be-
Eonderer Lehrkanzeln und Kollegien für niodiz. Psychologie oder psycholog.
Medizin, ein Vorschlag, dessen praktische Duruliiulirbarkeit von mehrereu
Diskussionsrednern in Zweifel gezogen wurde.
Eine Diskussion über Verdrängung itnd Konversion wurdo
eingeleitet von L. Frank, ZüriiOi, der eine tenninologischo Klärung der
beiden Begriffe anstrebte. Nachdom er den uraprüngliclien Bogrifl' der ab-
sichtlichen Verdrängung erwähnt halte, stellte er die irrige und von keinem
Diskussionsredner korrigierte Beliaiiptung auf, „daß sieh schließlich der Begriff
der Verdrängung lediglich mit der Verdrüagung sexuell betonter Vorstellungen
deckte".
„Die so verdrängten Affekte, nahm man au, können unterbewußt auf-
gespeichert und dann zur Neubesetzung frähor erlebter körperlicher krankliafter
Zustände benützt werden. Diese Neubesetzung wurdo mit dem Ausdruck der
Konversion ins Körperliche bezeichnet".
Redner wies sodann auf die Unklarheiten und Schwierigkeiten in der
Lehre von den Affekten hin und schlug zur vorläufigen Verständigung die in
der Diskussion bemängelte Formel vor: „Afl'ektc sind psychische Vorgänge,
bei denen uns Gefühle bewußt werden".
Im weiteren Verlaufe trug F r a n k eine Hypothese von der Akkumnlieruug
der Affekte vor, wobei der Sexualaffekt dio Uauptiiuolle liefere, aber andere
Affekte nicht ausgeschlossen wären.
„So können wir eine Reihe von psychoneurotischen Zustanden, von den
einfachsten Angstzustünden bis zu den kompliziertesten Zwangsneurosen nur
dann verstehen — und ihre Heilung bringt uns den Schlüssel zum Verständnis
— wenn wir annehmen, daß die iu vielen Fällen niemals bewußt gewordene
Libido akkumuliert wurde und die treibende Kraft für die pathologischen
Erscheinungen gebildet bat. So wie es nna gelungen ist, die Hemmungen des
freien Ablaufes der Libido zu beseitigen und dio zu Angst konvertierte Libido
zum Abreagieren zu bringen, fallen sänitlicbo krankhaften Erscheinungen dahin.
Das sind ganz alltägliche Fälie, dio wir zu beobachten und zu behandeln
Gelegenheit haben",
„Aber bei eiuer nicht geringen Anzahl von Fällen, besonders von Angst-
nenroson, können wir mit Sicherheit dio sexuelle Ätiologie ausschliefen und
-L ■ « Jj ■ I
Aus Vereinen und Yersammltjugen. 599
doch findet eine Äkknmulierung statt. Hier sind es hauptsäcblich die Fälle,
bei denen eine Verdrängung durch den aktiven Willen stattfindet. So bei den
zahlreiclicn Angstzuständen, wo der Patient, der vom Arzt wie von den An-
gehörigen für willenlos gehalten wird, Jahre und Jahrzehnte hindurch die in
ihm aufsteigende Angst durch den "Willen niederringt, d. h. verdrängt. Meine
Beobachtungen sprechen unzweifelhaft dafür, daß durch diese Vorgänge allein
schon eine Akkumulier iing stattfindet. Aber es ist dies nicht nur hei der Angst,
sondern auch bei anderen Affekten, wie Wut, Ärger, Eifersucht, innere Unruhe,
Müdigkeit, Verlegenheit wie Befangenheit der Fall. Häufig, ja in den meisten
Fallen beobachten wir in dem nämlichen Krankheitszustand das Zusammen-
wirken mehrerer Affekte. Diese Akkumulierung zeigt sich uus besonders bei
der Katharsis im Halbschlafzustand",
, Wenn Freud früher nur von einer Konversion ins Körperliche sprach,
und damit das Hervorrufen, das Erwecken lediglich körperlicher Symptome
verstand, dürften weitere Beobachtungen dazu fähren, diesen Begriff anders
zu fassen. Wir kommen dazu, anzunehmen, daß jeder Affekt aus nichts anderem
als aus Erregungen besteht, aus Dynamlsmen, ilie bald den einen, bald den
anderen Affekt hervorrufen und verstärken können. . . . Wir können sehen
.... wie ein direktes Vikariieren der einzelnen Affekte Platz greifen kann".
Wie man sieht, ist Frank auf einer relativ frühen Entwicklungsstufe
der Psychoanalyse stehen geblieben und bemüht sich nun, diesen Standpunkt
mit seinen Erfahrungen in Einkliing zu halten.
Die darauf eingeleitete Diskussion über Verdrängung und Konversion,
in der sonderbarerweise zu allererst die Frage zugelassen wurde, „ob
der Begriff der Verdrängung aufrecht zu erlialteu sei oder nicht", verlief
kläglich und war nicht nur ergebnislos, sondern offenbarte die gründliche
Unkenntnis der meisten iledner in Sachen der Psychoanalyse und ihre völlige
Unvertrantheit mit den primitivsten Voraussetzungen und Begriffen derselben.
Auch Dr. V, Hattingberg (München), der sich wiederholt bemühte, klärend
in die von Anfang an verfahrene Debatte einzugreifen, war seiner Sache selbst
zu wenig sicher, um erfolgreich wirken zu können. Doz. Ranschberg
(Budapest) erklärte die Verdrängung für einen wichtigen und bedeutsamen Vor-
gang des gesamten psychischen Lebens und findet den Bogriff unentbehrlich.
Dr. Adler (Wien) sprach über Kinderpsychologie und Neu-
rosenforschung und legte süine bereits bekannten Theoreme dar; seine
Spekulationen, die ihn beieits weit von der Psychoanalyse abgebracht haben,
enthielten für uns nichts Eeraerkeuswertes. In der Diskussion wandte sich
Bleuler gegen die Überschätzung der Zielstrebigkeit sowie das Unter-
schieben von Wertschätzungen beim Kinde.
Doz, Paul Häberliu (Basel) erstattete ein beachtenswertes Ueforat über
Psychoanalyse und Erziehung, worin er nach Skizzierung des Wesens
der Psychoanalyse u, a. folgendes ausführte :
„Au aller Erziehung muß man das oberste, leitende Ziel und die
Methode unterscheiden. Das Ziel gründet zuletzt stets in Gefühlsnormen, die
nicht in irgend welcher Erkenntnis begründet sind. Die Methode, d. h, der
Gang der Erziehung und ihre Mittel ist an diesem Ziel — das natürlich in-
dividuell verschieden sein kann — orientiert, richtet sich aber anderseits nach
empirischen „Verhältnissen", welche selbstverständlich der wissenschaftlichen
Erfahrung zugänglich uud durch sie zu erweitern und zu präzisieren sind.
Daraus geht zunächst hervor, daß Psychoanalyse als Forschung und An-
schauung mit irgend einem Erziehungsziel nichts zu tun hat. Denn kein
empirisches oder wissenschaftliches Verfahren oder Erkennen hat die Kompetenz,
00 Ans Vereinen and Veraammlungen.
letzte Nonnen und oberste Ziele des Handelns aufzustellen oder zu alterieren.
Es kann dadurch nie das Ziel, sondern höchstens die Methode beeinflußt
werden. Wir untersuchen im folgenden die naögliclien Beziehungen der Psycho-
analyse (nach ihren drei Seifen 1. als psychologische I'orschungsmothode, 2. als
psychologische Theorie und 3. als therapeutisclio Methode) zur Methode irgend
einer Erziehung mit besonderer Rücksicht auf ihre Tauglichkeit zur Befruchtung
pädagogischen Vorgehens.
1. Der Psychoanalyse als ForscLungsmethode kaan zunächst insofern
pädagogiBcb-methodische Bedeutung nicht abgesprochen werden, als sie in
besonderen Fällen schärfere Einblicke in die Psycho des Zögüngs möglich
macht. Indessen ist eine psychoanalytische Durchforschung mindestens jüngerer
Zöglinge nicht ohne weiteres zu empfehlen, weil eine pädagogisch „falsche*
Psychoanalyse der Erziehung trotz besserer Kenntnis des Zöglings mehr schadet
als nützt. Vor allem soll Psychoanalyse während der Erziehung nur angewendet
werden, wo man bei ausgesprochenen Hemmungen ohne ausführliche Durch-
forschung des Unbewußten psychologisch und püdagogisch nicht weiter kommt,
also nur in „Notfällen", Denn alles unnötige Heden und Herumarbeiten am
Zögling schadet — abgesehen davon, daß für ein gewisses Alter das Unbewußt-
bleiben mancher Dinge — sofern es oben nicht entschieden stört, direkt gut
ist. Auch wo sie notwendig wird, erfordert aber die „pädagogische" Psycho-
analyse auBerordeotlich viel Vorsicht und Takt; pädagogische Eignung ist
dabei ebenso wichtig wie psychologisches Verständnis. Im ganzen ist für
Kinder eine modifizierte ,, vereinfachte " , mehr seelsorgerliche Analyse zu
empfehlen. Es besteht die Gefahr, daß ungenügend qualifizierte Pädagogen aus
der Psychoanalyse einen pädagogischen Sport machen; dies „Modewerden"
kann nicht energisch genug bekämpft werden.
2. Auch 5ofem Psychoanalyse einen Komplex psychologischer Erkenntnisse
und Theorien bedeutet, vermag sie der Erziehung zu dienen, wenn man
kritische Vorsicht walten läßt. Es ist ohne Zweifel bleibend Wahres darunter,
nnd jede Aufhellung psychischer Gesetzmäßigkeit, ja schon jeder theorien-
mäßige Anstoß dazu, kann pädagogisch wertvoll werden. Nur besteht die
Gefahr der Dogmenhildung, wie Ulierall, und des kritiklosen Unverstandes.
Die Verwertungsmöglichkeit der psychoanalytischen Anschauungen setzt eben
bei den Erziehern einen nicht gewöhnlichen Grad von Bildung im höheren
Sinne voraus.
3. Die psj'choanalytische Therapie ist mit der psychoanalytischen
Forschung zwar enge verbunden, erschöpft sich aber nicht in ihr. Vielmehr
fügt sie zur Erforschung und Bewußtmachung noch eine eigentliche Er-
ziehung. Freilich hat diese psychoanalytische „Erziehung" kein anderes
Ziel als die Gesundheit des Patienten. Gerade darum kann sie selbstverständlich
nicht Erziehung überhaupt ersetzen, sofern Erzielmug vom Zögling noch mehr
will als nur 'Gesundheit, Sie vormag aber pädagogisch wertvoll zu sein, als
sie mit der Beseitigung krankhafter Hemmungen bessere Bedingungen für die
Erziehung schafft, und als in der psychoanalytischen Therapie, wenn sie richtig
durchgeführt wird, auch allgemein erzieherische Elemente enthalten sind,
welche über den bloßen therapeutischen Erfolg hinauszureichen vermögen".
Dr. V. Hattingberg (München) sprach zur Psychologie des kind-
lichen Eigensinns. Er unterschied drei Typen desselben:
1. Bei dem vorwiegend aktiven Eigensinn wird der Inhalt des schon
primär vorhandenen eigenen WoUens nach dem Entschluß zum Scheinziel. Ea
wird deshalb am Entscliluß festgehalten, weil das Umwollen, die Aufgabe des
Aus Vereinen iznd Versammlnngen. QQl
Entscblusses die Schätzung der Umwelt und damit die Selbstschätzung zu
gefährden scheint.
2. Beim reaktiven Eigensinn erzeugt erst die Forderung -von außen
eine Orientierung gegen dieses Soll, die auch hier dazu dient, andere fast
immer unbewußte Tendenzen zur Geltung zu bringen.
Diese können sein feindlich aggressive beim Trotz, Herrschtriebe, ein
Bedürfnis des Selbstschatzes — die Furcht vor der eigenen Suggestibiütät,
aber auch Liebesteudenzen, manchmal sogar masochistisehe etc.
3. Der wesentlich passive Eigensinn, der sehr oft mit dem reaktiven
kombiniert auftritt, kommt dann zustande, wenn die Angst last die Ursache
ist, daß die eigensinnige Situation nicht aufgegeben wird.
Die Angstlust entsteht bei disponierten Personen, wenn über einen
konstitutionell begründeten, wohl physiologischen Zusammenhang die ängstliche
eine meist suhliminale sexuelle Erregung mit auslöst und mit ihr zu einem
Mischaffekt verschmilzt,
Die einzelnen Eigensinns typen können auch Äußerungsformen des
eigensinnigen Charakters darstellen, der für eine dynamische Be-
trachtungsweise eine genetische Einheit sein kann,
Dr. Stekelsprach zur Psychologie des Fetischismus und führte
an zwei Beisjiieleü aus, daß die B inet sehe Theorie von der Fixierung eines
starken infantilen Eindruckes zur Erklärung nicht hinreiche. Indem er sich
mit einem fliicbtigen Hinweis auf die von Freud und Abraham versuchte
ZurUckführung auf die Partialverdrängung einzelner besonders verstärivter
Triebregungen begnügte, gelangte er zu einer Auffassung, die darin gipfelte,
daß das scheinbar von raffinierten sexuellen Begierden gestaltete System nur
dazu diene, „um die Keuschheit der Fetischisten zu schützen und sie vor
dem Weibe, welches als Inkarnat der Sünde erscheint, zu sichern. Der Fe-
tischismus erweist sich als ein kunstvoller Gedankenbau, ein Arrangeracnt,
welches dem iLuflcrlich von der Religion Abgefallenen eine Fortsetzung der
Frömmigkeit ermöglicht. Diese neue Religion dient dazu, um sich durch allerlei
Entbehrungen und Leiden, also durch asketische Tendenzen, Straflosigkeit für
die vermeintlichen Sünden der Jugend und ewige Seligkeit zu sichern. Beide
Kranke zeigten deutlich den Typus, den ich als „Christusneurose" bezeichnet
habe."
flDie geheime Keligiosität erweist sich als der wichtigste Faktor in der
Dynamik der Neurosen. Erst durch diese innere Frömmigkeit wird das
Schuldbewußtsein geschaffen, und erhalten ilie sexuellen Traumen ihre Bedeutung,
wie alle Erlebnisse, welche das Individuum mit seinem inneren Gotte in
Konflikt bringen."
In der Diskussion verwies Frank auf die von Neurose freien Fälle
von Fetischismus und wandte sich auch für die anderen Fälle scharf gegen
den von St ekel in den Vordergrund geschobenen religiösen Überbau. Auch
Sanitätsrat 51 o 1 1 (Berlin) nahm Stellung gegen S t e k e 1 s Aufstellungen, die seinen
Erfahrungen völhg widersprächen.
Wenn S t e k e 1 den hier betretenen Weg — von der Psychoanalyse weg —
fortschreitet und nicht nur die Religion, sondern auch alle anderen psychischen
und geistigen Bildungen als letzte, psychologisch nicht weiter reduzierbare
Urpbänomene auffassen gelernt haben wird, mag er zu einer recht einfachen
Auifassuüg aller, auch der kompliziertesten seelischen Phänome gelangen.
Zur psyclioanaly tischen Bewegung.
Unser geschätzter Mitarbeiter Prof. J. J. Putnam in Boston hat sich
von seiner Klinik und Lelirtätigkeit zurückgezogen, aus wolcliem Anlaß die
Neurologische Abteilung der IIarv;ird Mudiual Schooi in Boston einen mit dem
wohlgetroffent'n Bild des Gelehrten gesuhniiidtten Sammelbiind lierausgiht,
der die verstreuten Abhandlungen desselben vereinigt. Der stattliche Band enthält
auiih eine Keibe von psyclioanalytischen Aufsätzen, die den Lesern der Zeit-
schrift größtenteils bekannt sein dürften.
Das ,,ü ritisb Medical ,1 unrnal'* bringt in der Nummer vom
5, Juli 1913 außerdem an anderer ytoüe (S. 585) angezeigten Artikel von
Forsytb über Psychoanalyse noch einen redaktionellen Artikel hber dasselbe
Thema, der sich in teils anerkennender, teils kritischer Weise mit den Lehren
Freuds auseinandersetzt.
Dr. T. Ilatherley I'ear (London) sprach in einem „Meeting of the
Psychology Suhsection of Pliysiology" über „Currcnt Tlieories of Dream
Interpretation", wobei er hauptsilcblich die Freu d sehe Lehre darstellte. (Auszug
bringt die „Times" vom 17. September 1013.)
in der Zeitschrift „ Grundfragen der Psychologie und Pädagogik", III. Jahr-
gang, Nummer 10, schreibt Prof. Dr. Dürr über Gemiitsbiidüng, Er
Bebildert, wie die Haß- und nac!]etri('l)e durch gewaltsame Unterdrückung zu
verdrängten Komplüxcn füliren. Dann fahrt er fort: „Der überwiegend
and auf ungenügende (d. h. für normale Menschen nicht genügende) Ver-
anlassung hin in negativen Gemütsstimnumgcn lebende Mensch leidet au einer
kranken Seele. Er bedarf vor allein der Heilung und kann mit anderen
Arten der erzieherischen Beeinflussung wenig oder nichts anfangen. Be-
sonders Versuche der sittlichen Sellisterzieliung pflogen einer solchen armen
Seele kläglich zu mißlingen. Um so erfreulicher sind die Erfulge, die Seel-
sorger, Ärzte und ErKieher mit Hilfe der psychoanalytischen Methode der
Behandlung der an verdrüngten Komplexen J-eidcnden aufzuweisen haben,
und es ist begreiflich, daß Pädagogen, die gerade auf dem Gebiete der üe-
mütshildung bisher kaum anderes zu lehren wußten, als die billige und oft so
unfruchtbare Weisheit der Moral padagogik, sich mit großer Begeisterung der
neuen Richtung anschließen. Aber so wichtig die Ileil])ädagogik und speziell
der auf psychoanalytische Forschung gegründete Teil derselben innerhalb des
Ganzen der Erzieh iingslehro ist, so darf man doch nicht vergessen, daß Bil-
dung doch etwas anderes ist als Heilung,"
In Kummer 11 (vom 1. August iyi3) nennt Dürr das eben erscbionene
Werk von 0. Pfister „Die psychoanalytische MoLbodo" „eine der bedeut-
samsten Erscheinungen der pädagogischen Literatur der letzten Jahre, ja man
kann sagen der letzten Jalirzchnte",
Prof. Dr. Dürr, Ordinarius der Berner Uuiversitiit, ist Verfasser einer
vortrefflichen „Einführung in die Pädagogik", (Seit Einsendung dieser Notiz
hat die Wissenschaft den aUm frilhcn Tod des au^gozeicbneteii Forschers zu
Zar psychoanalytischen Bewegang. gno
seiner
beklagen. Wir bringen in der nächsten Kummer eine Würdigung t,uij]t;r
Leistungen mit besouderer Rücksicht auf sein Eintreten für die PsychoaEalyse
aus der Feder von Dr. Oskar Pfister.)
Dr. Victor Tausk hält auch in diesem Semester einen Kurs über
Kiemente der l's.vchoanalyse (mit Übungen) für Ärzte und Studierende Der
Kurs findet jedeu Douuerstag, vuo S bis l(i Uhr abemis, im „Institut für nervöse
Gehstörungen" des Herrn Dr. Karl Weiß, Wien, IV., Sehwindgasse 12 statt.
Herr Dozent C. G. Jung bat seinen Namoa von der Mitarbeiterliste
dieses Plattes zurückgezogen.
Vom akademischen Komite für Schulreform, einer Vereinigung von
StQdenen z. Z der Hochschulen Berlin, Freiburg, Greifswaid, Heidelberg
Jena Leobeu München, Prag. Wien, wird die Gründung eines „Archivs fit'
Jngendkultur« anges rebt. dessen Aufgabe u. a. ist. „Materialsamnilungen zur
Erforschu„g des Problems der Gcmeinscbaftsbilduug der Jugend, des R-oblems
fXnTit ,-''*'r'f ■ T"^ ^'' ^'^"''^^•"^ ^'' Jugendlichen Geschlechts-
?uz e dl'' Ssotdir"' ''r^^'^«'^'^""ft' dem Archiv gelegUich Material
tSIZZu^JT^Z Z """^ ""' "" psycbanalysierende Ärzte und
LnSrSbZ ? ; r^', "™ ^^^^■■l«^^«"g ^-9« Analysenprotokollen und Kran-
kengeschichten Jugendlicher, und um die Überlassung jener Teile aus den
klärtrsin/r "■ '" '"' ""' ^^^"^^'^ ''' ^■"'^■^'^"^■''- ^'-™"^ -"
sHiPr ^S!JT^ ^^l^ ^T^^'''^ ^'" '"°''^' psychologisches Archiv in frauzösi-
scher Sprache unter dem Titel Et «des de Psychologie puhl par
A. Michotte, Prof. de Psych, k l'üniv. de Louvain. ^
MeiJr^^'h^'-^r"^ ''''''^"' ^'' "^""« ^«^Se" der „Sammlung
L!t fo^I^elm 'l^^^^^^^ ^^eurosenlehre" (im Verlage Deuticke, Wieo^
I. Analyse der Phobie eines ftlnfjährigen Knaben
II. Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose.
III. Pychoanalytische liemerkungen über einen autobiographisch beschrie-
benen Fall von Paranoia (Dementia paranoides).
3^' ^'^^''trag zu dem autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia
(Dementia paranoides).
V. Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens.
\l. „Über den Gegensinn der Urworte,"
VII. Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie.
VIII. Über „wilde'; Psychoanalyse.
IX. "Über neurotische Erkrankungstypen.
S. Die psychogene Sehstörung in psychoanalytischer Auffassung.
Ferner erschien von Freud: Totem und Tabu Einige Über-
einstimmungen im Seelenlehen der Wilden und der Neuro-
t i k e r (im Verlag H. Heller & Cie., Wien) mit folgendem Inhalte :
I, Die Inzestscheu.
II. Das Tabu und die Ambivalenz der Gefühlsregungen.
Iir. Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken. °
IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismus.
Die „Scientia" bringt eine Abhandlung von Prof. Freud: Das
Interesse an der „Psychoanalyse", deren erster Teil im Band Xiv' Jahr
gang 7, 1913, Nr. XXXI-5, soeben erschienen ist. ' '
604 Znr psychoanalytischen Bewegung,
Freuds ,Psychopatli ologie des A lUagsIebons" erschien
soeben in polnischer Übersetzung von Dr. L. Jeltols nnd Ilolene Ivdnka.
Tom „Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische For-
schungen" enthält der kürzlich erschienene erste Halbband des V Jahrganges
(1913) folgende Beiträge:
Itten: Beiträge zur Tsychologie der Dementia praecox.
Jones: Einige Fälle von Zwangsneurose.
Pf ist er: Kryptolalie, Kryptographie und unbewußtes Vexierbild bei
Normalen.
Sadger: Über den sado-masochistiscben Komplex.
Stärcke: Neue Traumexperimento im Zusammenhang mit alteren und
neueren Traumtheonen.
Jung: Versucli einer Darstellung der psychoanalytischen Theorie.
Bleuler: Der Sexual widerstand.
Maeder: Zur Frage der teleologischen Traumfunktion.
Das Oktober-Heft (Nr. 5 des H. Jahrganges, 1913) von „Imago" enthält:
Lou Andreas-Salorac: Von frühem Gottesdienst.
Prof. Ernest Jonos; Andrea dül Bartos Kunst und der Einfluß
seiner Gattin.
Dr. Oskar Pf ister; Die Entstebung der kilnsllerischcn Inspiration.
Kinderseele redigiert von Dr. II. v. Hug-lle llmuth.
Ton Dr. Rank und Sachs erschien: Die Bedeutung der
Psychoanalyse für die Geis teswissenschaf ton (Grenzfragen des
Nerven- und Seelenlehens, herausgegeben von Hofrat Löwenfeld, Nr. 98) mit
folgenden Abschnitten :
I. Das Unbewußte ußd seine Ausdrucksfonnen.
H. Mythen- und Jlärchouforachung.
ni. Religionswissenschaft.
IV, Ethnologie und Linguistik. '■ ■ ■
T, Ästhetik und Künstlerpsychologie.
Tl. Philosophie, Ethik und Recht.
TU, Pädagogik und Charakterologie.
Varia.
Eduard von Hartraanns
Gesetz der von unbewuUten Zielvorstelluiigen geleiteten
Assoziationen.
Gelegentuch der Erörterung der Eolle des ünbewnßten im künstlerischen
Schaffen (Philos. d. Uabew.Bd. I., Absch. B, Cap, V) hat Edaard voa H art-
in ann das Gesetz der von unbewiiflten Zielvorstellungen geleiteten Itleenasso-
ziation mit klaren Worten ausgesprochen, ohne sich jedoch der Tragweite
dieses Gesetzes bewuBt zu sein. Ihm ist es darum zu tun, au erweisen, daß
„jede Kombination sinnlicher Vorstellungen, wenn sie nicht rein dem Zufall an-
heimgestellt wird, sondern zu einem bestimmten Ziele führen soll, der Hülfe
des Unbewußten bedarf" und daß das bewußte Interesse au einer bestimmten
Gedankeuverbmdung ein Antrieb für das Unbewußte ist, unter den unzähligen
möglichen Verstellungen die zweckentsprechende herauszutinden. „Es ist das
Unbewußte, welches den Zwecken des Interesses gemäß wählt: und das gilt
für die Ideenassoziation beim abötraliten Denken, als sinn-
lichem Vorstellen oder künstlerischem Kombinieren' und
beim witzigen Eiufall. Daher ist eine Einschränkung der Ideenassozia-
tion auf die hervorrufende und die hervorgerufene Vorstellung im Sinne der
reinen Assoziationspsychologie nicht aufrechtzuerhalten. Eine solche Einschrän-
kung wäre „nur dann tatsächlich gerechtfertigt, wenn Zustände im mensch-
lichen Leben vorkommen, in denen der Mensch nicht nur von jedem bewußten
Zweck, sondern auch von der Herrschaft oder Mitwirkung jedes unbewußten
Interesses, jeder Stimmung frei ist. Dies ist aber ein kaum jemals vorkom-
mender Zustand, denn auch, wenn man seine Gedankenfolge anschei-
nend völlig dem Zufall anheimgibt, oder wenn man sich ganz
den unwillkürlichen Traumon der Phantasie überläßt, so
walten doch immer zu der einen Stunde andere Hauptinter-
essen, maßgebende Gefühle und Stimmungen im Gemüt als zu
der anderen, unddiese werden allemal einen Einfluß auf die
Ideenassoziation üben". (Philos. d. Unbew. 11. Auli., I., 246). Bei halb
unbewußten Träumen kommen immer nur solche Vorstellungen, die dein augen-
blicklichen (unbewußten) Hauptinteresse entsprechen (a. a. 0). Die Hervor-
hebung des Einflusses der Gefühle und Stimmungen auf die freie Gedanken-
folge läßt nun das methodische Verfahren der Psychoanalyse auch vom Stand-
punkte der Hartmannschen Psychologie als durchaus gerechtfertigt erscheinen.
In der „Modernen Psychologie" (S. 132 f.) kommt Hartmann auf die
Stimmungen und Interessen noch einmal zurück und führt hier folgendes aus :
Die , Philosophie des Unbewußten" . . . führt die Vorstellungsassoziation auf
eine Kooperation materieller und psychischer Ursachen zurück. Die materiellen
Ursachen liegen teils in deu molekularen Gehimprädisposilioneu, welche durch
606 "Varia.
Wiederholung iiljnlidier Funktionen cingegralien sind und das "Wicderauf treten
der gleiclien Funktion bei der Erregung dnrcli ilhnliehc Rcixo erleichtern und
begünstigen, teils in körperlicli bedingten Stimmungen ... die
psychischen Ursachen liegen in den Interessen und Willensrichtungen, welche
der Auswahl unter den möglicherwcisG hervor/urufendon Vorstellungen be-
stimmte Ziele stecken und die unbewußte Intellelctualfuiiktion zur
zweckiniißigen Auswahl der Mittel zur Erreichung dieser Ziele antreiben,"
Auch hier hat Hartmann die Ideen ossoziaüon beim abstrakten Denken im
Auge. Wenn aber selbst bei diesem die kör|)erlicli bedingten Stimmungen von
Einfiuße auf das Kesultat sind, so muß dies in noch viel hülierem Grade bei
der freien Assoziation der Fall sein. Wie nun die kflrperlidic Bedingtheit der
Stimmungen zu verstehen ist, erläutert Ilartuiann im 111. Bande der „riiilo-
sophie des Unbewußten'^ (,.das Unbewußte und der UarwiniHinus" S. 104):
„So werden ■/.. B. boi ge-schlechtliebeiu Erregungszustand alle Vorstellungen,
welche dem Bewußtsein vorschweben, durch die Jdeenasso^iation solche Kach-
folger herbeizuziehen bemüht sein, welche mit dem Geschlechtsleben in nähe-
rer Beziehung stehen". Und was das (bewußte oder unbewußte) Interesse an-
betrifft, so muß dessen Einfluß kiirpcrlii;h vermittelt gedacht -werden, insofern
dabei die Aufmerksamkeit mitwirkt. „Diese ist aber ein Innervalionsstrom,
welcher die Wirkung hat, dio von ihm bet rofl'encii Teile (des Gehirns) für
jede Art von Reizen erregbarer zu machen, als sie im rubeiKien, normalen
Zustande sind" (S. 105). ^\%i aber der körrerliche Vorgang dabei nur Ver-
mittlung, so muß sie doch Verniittlung von etwas Un körperlichem sein. Dies
ist elien das Willcnsinteresse" (S. 123). Körpcrliclio Bedingtheit, Vermittlung
bedeutet keineswegs, daß das Bedingte, das Vermittelle selbst körperlich ist.
Es ist nun selbstverständlich, daß sobald einmal der Einfluß der Ge-
fühle, Stimmungen, Interessen auf die Idecnasso/iation anerkannt ist, man
diesen nicht bloß im positiven Sinne annehmen liann. iJio unbewußten Fak-
toren werden ja nach ihrer Beschaffenheit einmal die Ideen assoziation begün-
stigen, ein anderes Mal hemmen, z. B. uulustbetonte psychische Inhalte nicht
zum Vorschein kommen lassen. Hier ist der Punkt, wo das von Ilartmann
erkannte Gesetz in den Freudschen Begriff der „Verdrätigimg" mündet. Da
Hartmann sich mit den Konsoijuonzcn dieses Gesetzes nicht weiter beschitftigt
hat, so mögen vorliegeude Bemerkungen sowohl für den Psychoanalytiker als
auch für Freunde der Hartman nschen Philosophie vielleicht von einigem Inter-
esse sein. Dr. k. E. Po ho rill es.
Goethe über Verdpüngiing iiiid Abreagieren.
Wir begegnen bei Goethe einer Bemerkung, die an Freuds Gedanken-
gang in der „Psychopathologie dos Alltagsiebens" erinnert. In „Wilhelm Mei-
sters theatralischer Sendung", der ältesten Form von „Williolm Meisters Lehr-
jahren", die 1910 aufgefunden wurde, Jiußert sich Goethe, den inneren Zu-
stand Marianes schildernd, unter anderem folgendermaßen :
„Wilhelms Verehrung und Herzlichkeit machte sie (Mariane) anfangs
verlegen. Sie Jiatte in ihren ersten Jahren gar zu bald die kindlichen Freu-
den der Liebo von sich weggescheucht gesehen, sie war so mancher Ernied-
rigungen bewußt, denen sie sich in den Armen eines und des anderen hatte
hingeben müssen, auch gegenwärtig opferte sie sich den hoimliclicn Vergnü-
gungen eines reichen und unausstehlich platten Muttersuliuchens auf, und da
sie von Natur eine gute Seele war, ward's ihr niemals rocht wohl, wenn Wil-
helm ihr die Hand mit treuem Herzen hielt und küßte, wenn er ihr mit dem
Varia.
607
vollen reinen Blick jugendlidier Liebe iu die Angeii sali ; sie konnte den
Blick nicht aushalten, sie fürchtete, er möchte Ertahrenheit in dem ihrigen
lesen ; verwirrt schlug sie die Augen nieder, und der glückliche Wilhelm
glaubte Ahndung, liebliches Geständnis der Liebe zu finden, und seine Sinne
gingen durcheinander wie Saiten auf dem Psalter . . . Itlariane hatte ge-
liebt, war Uebefähig, und vor Wilhelm hatte sie, wie vor einem fremden
Wesen, ein Gefühl, das der Ehrfurcht glich. Sie wußte sich halb natürlich,
halb theatralisch in die Stiramuüg zu verictzen, in der er ivar . . . ; sie kam
sich seihst in seiner (iegenwart besser vor, sie erinnerte sich wenig glück-
licher reiner Stunden ihrer Jugend, und die ganze Liebe, mit der Wilhelm
sie umi'aßte, der hohe Wert, den diese gute Seele auf sie legte, ihre eigene
Keigung zu ihm, verwischte bald, besonders in seiner Gegenwart, alles widrige
Gefühl ihrer ün Würdigkeit. Ihr anderer Liebhaber war abwesend, und sie
schob das Verhältnis mit ihm im Gediiehtnisse seitwärts, wie
man das Andenken von irgend einer Schuld ans dem Reiche
der lebhaften Erinnerungen in das Fach der liistoriselien
Kenntnisse versclienchf' (Wilhelm Meisters theatralische Sendung, heraus-
gegeben von Harry Mayne 1911, 1. Buch, IG. Kapitel).
Goethe unterscheidet hier — wenigstens in bezug auf das Gedächtnis
— zwei Gebiete des seelischen Lehens: das Reich der bewuUtcn, „lebhaften"
Erinnerungen — einerseits, und das Reich der unbewußten, ,,seilwärs gescho-
benen", „versclienchten", „historischen" Erinnerungen — anderseits. Indem
er aber den Anlaß zum „Seitwärtsschioben", zur Unterdrückung, in dem Ge-
fühl der Schuld erblickt, schreibt er diesem Prozeß einen zweckmäßigen
Charakter zu. Denn durch die Unterdrückung der mit dem Bewußtsein der
Scliuld behafteten Verstellung des abwesenden Liebhabers wird etwas Zweck-
mäßiges — die innere Ruiie, die Freiheit von Gewissensbissen u. dgl, —
ß'Teitht. Dr. M, Weissfeld.
In Beantwortung eines Kondolenzbriefes, den er von Schiller aus Anlaß
des Todes eines kaum 14 Tage alten Knaben erhielt, sclireibt Goethe nnter
anderem: ,Ich erhalte Ihren liehen Brief und danke für den Anteil, dessen
ichschon versichert war. Man weiß insolchenFiillennicht, ob manbcsser
tut, sich dem Schmerz natürlich zu überlassen, oder sich durch
die Bey hülfen, die uns die Kultur anbietet, zusammen zu
nehmen. Entschließt man sich zu dom letzton, wie ich es immer
thue, so ist man dadurch nur für einen Augenblick gebessert
und ich habe beracrlrt, daß die Natur durch andere Krisen
immer wieder ihr Kecht behauptet." [Briefwechsel zw. Schiller und
Goethe. 1. Bd. S. 155, Reclam.] Ferenczi.
Multatali über Hysterie.
Der feine Psychologe und scharfsichtige Menschenkenner, hat in seinen
,,Iäeen'' (deutseh : „Die Abenteuer des kleinen Walter'" überset:it vonSpohr)
den Zusammenhang schlecht verdrängter Sexualität mit der Hysterie fast rest-
los aufgedeckt.
, Unsere Sitten haben einen künstlicJieu Abscheu gegen den Geschlechts-
trieb zur Geltung gebracht und sie erlauben elier eine aufgedrungene Luge als.
eine philosophische Wahrheit, die nicht „anstSndig" sein würde. Wer aber seinen
,, Anstand" in der Wahrheit sucht, erkennt, daß hysterische Anwandlungen zu
allen Zeiten eine Hauptrolle spielten in der Geschichte der Menschheit und der
608
Varia,
Menschen. Man denke an den Phallusdienst, an die Anbetung des schaffenden Ur-
jirinzips, an die Lielesmable der ersten Christen, an die schmachtende Verehrung
des lieben Jesus durch die Noonen, der — immer schüncn und immer
jugendlichen Jungfrau Maria durch die Münche. Überall sieht mau,
daß die Sucht nacli Ucbhiiben, Anhängen, Einssein eine Hauptrolle spielt,
auch da, wo die, die sie zeigen, nur die unbewußten Werkzeuge dieser
Neigung sind. Wenn der Mann die Frau nicht lieb gehabt hätte, wäre das
l'aradiesgebot nicht ühertreten worden, Fausts hochfliegonde Wünsche liefen aus
in eine ziemlich platte Liebesgeschichte, Walter verwechselte seine himmlische
Fancy mit der alltäglichen Fcmke
Eine natürliche Folge dieser Gleichheit in allerlei Hinsichten ist, daß
bei Mädchen wie Femke die sehr sonderbare und unnatürliche Halbweisheit
in bezug auf die Mysterien des Geschlechtslebens nicht besteht, die wir bei
der weiblichen Jugend in anderen Stünden antreffen ... Sie war in der Tat
unschuldig, aber — ohne die geringste Einfältigkeit, .und hierin liegt just die
Negativität, die ich zu beschreiben hätte. Denn sie wußte nicht, was Un-
schuld war, und wäre sehr erstaunt gewesen, hiitte ihr jemand ku erkennen
gegeben, daß ihr Wissen dieser Unschuld im Wege stünde . . . Unschuld kann
uomöglich ausschließlich im (Sefolge von Unwissenheit sein. Dann wäre doch
jede verheiratete Frau schuldig. — Femkes Gemüt war in der hier bezeich-
neten Hinsicht nicht durch Lügen verdorben. Sie würde, wo es am Platze
gewesen wäre, mit der größten Einfachheit gewisse Dinge beim Namen ge-
nannt haben ... die sie von sehr jung in dem bißchen Natur wahrgenommen
hatte, das sich ohne den mindesten Deckmantel von Anständigkeit ihr gezeigt
haue, und die in ihrer Umgebung stets mit der größten Einfachheit besinochen
waren.
Um nun fortzufahren in der Zergliederung der Eindrücke, die das
Mädchen beherrschten, liabe ich das Wort „Hysterie'- nütig. Und dies
beschwert mich einigermaßen, weil es so scliwierig ist, eine IScBtimmnng des-
selben zu geben. Weder EtymoloKon, noch Heilkundige können hier mit
Frucht zu Kate gezogen werden, weil auch dies Wort wiederum so häufig ge-
mißljraucht ist und nach dem Staudjiunkle des Sprechers vordreht, daß es
beinahe ungeeignet geworden ist für den Gebrauch im gesunden Sinn. Ich
habe mitzuteilen, daß Femke hysterisch war. Wie muß ich os nun an-
stellen um zu verhindern, daß man sie sich vorstelle als ehiu schmachtende,
bleiche, schwindsüchtige, interessante, dabei unbeachtet gebliebene KrankeV
Als eine wurmstichige Blumenknospe, vor der Erschließung verwelkt? Dies
war sie nicht! Sie war ein frisches Mädchen, an Körper und Seele gesund
und in der Verfassung alles zu werden, was ein Mensch im besten Sinne des
Wortes werden kann. Sie war hysterisch, ja, aber ae war dies nicht mehr
und nicht anders, als sie es in Harmonie mit ihrem Alter sein mußte. Sie
schmachtete nicht nach Wollust — und sie dachte selbst nicht daran ! — aber
im all ergesundesten Sinne übte der unbewußt erwachende Goschlechtstrieb Ein-
fluß aus auf ihr sittliches Empfinden, Sie litt nicht an Heißhunger, doch sie
wurde zum Guten getrieben durch natürlichen, normalen Appetit, diese erste
und wichtigste Äußerung von Geschlechtstrieb sowohl als von der Liebe, die
bisweilen — ■ d. h. im günstigsten Falle — damit verbunden auftritt. Daß
diese Wahrheit den meisten von meinen Lesern unerhört vorkommt, ist meine
Schuld nicht. Wie überall, so wird auch in dieser Sache die liebe, wohltätige
Natur besudelt mit den Abscheulichkeiten, die eine Folge sind unserer Not-
züchtigung der Natur.
Varia. 609
Sie war hysterisch, weil sie voUboinmen war. Kann ich es helfen,
daß man gewohnt ivorden ist, dieses Wort beinahe immei- angewendet zu
hören im Sinue von „übervollkoinmen" . . . Wir verlienncn andauernd den
Wert des stärksten Hebels, der zu allen Zeiten Mensch und Menschheit in
Bewegung brachte. Diese verhängnisvoUo Verrenkung der Wahrheit offenbart
sich nicht allein in negativeu Folgen, sondern schleppt bestimmt das Übel
nach sich. Der horror vacui, der in der sittlichen Welt sowohl wie in der
stofl'lichen besteht, bewirkt Erscheinungen, die — allergünstigst einwirken anf
die Füllung von Kirchen, Klöstern, Zuchthäusern, Irrenanstalten und noch
anderen EtabliFsements öffentlicher Art. Die Einricbtungen verdanken seit
Jahrhunderten ihre Blüte nicht dem lieben Geschlechtstrieb, sondern just der
ahscheulii-hen Schwächung urd Verstümmelung des Geäthlechtstriebes — nicht
Hysterie, sondern verkührt geleiteter Hysterie.
Femke nun war gesnnd-hystciisch. Einige Grade mehr — sie würde
bleich, unruhig, abwechselnd trag und übereifrig gewesen sein. Sie würde
alle möglieben Eigenschaften ■ — auch die widevsprecbendsten — gezeigt haben,
doch zu unrechter Zeit nnd auf unrechte Weise, so daß selbst das Gute —
also geoffenbart ! — verändert seiu wurde in etwas Yerkehrtes. Unge-
schickt gelenkter oder zurUnzeit geschwächter Geschlechts-
trieb leitet zu allem, selbst zum Widerwillen gegen Wollust,
ZI! etwas also, daß dem oberflächlichen Beschauer als Keusch-
heit erscheint. Und niemand ist weniger im stände als die
Schlaehtopfer selbst, all diese Ungereimtheit zu erklären,
llir Trübsinn, ihre Freude, ihre Angst, ihr Wünschen, ihr
Gehen, Kommen, Liegen, Sitzen — alles ist ihnen selbst ein
Rätsel. Sie unterliegen dem Einflüsse einer unbekannten
Macht, die keine Rechenschaft gibt von ihrer Willkür."
0. ßank.
Der Kirchenvater Hippolytos über die Polgen des
Coitua iiiteri'uptus.
In einem Fragment des Kirchenvaters llippoljtos (Kleine exeg. Schriften
ed. H. Achelis, Bd. I, Abt. 5, S. 94 der Serie griech.-christl. Schriftsteller,
hg- V. d. kgl. preuß. Akad. d. Wifss.}, das uns arabisch in einer sog. Catene
(in einer MUncliuer Hs. Monac. arab. 235) überliefert ist, wird die bekannte
Stelle Genesis 38, 9 fg., von der ein sexueller Abusus seinen populären Nameu
hat, ausführüch paraphrasiert. Nachdem der Kirchenvater den zur Vereitlung
des Zweckes der Leviratsehe von jenem Bibelhelden geübten coitus inteiruptus
genau geschildert hat, führt er fort; „Darum zürnte Gott dem Onau und tötete
ihn durch Angst."
Nach diesem Zeugnis hätte schon die antike — bezw. wenn das Eippol^^tos-
frugment unecht sein sollte — die mittelalterliche syrisch-arabische Medizin
die Ansicht vom Zusammenhang der Angstneurose mit dem coitus interru]itus
auf rein empirischer Grundlage gewonnen und vertreten,
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Korrespondenzblatt
der Internationalen Psjchoanaly tischen Vereinigung.
R edäktiou :
Dozent Dr. C. G. Jung, und Ür. F. Riklin,
ZenttaJpräsident, Zentral sekretar
ja Küsnacli bei Ztirich.
I.
Vereinsberichte.
1. Ortsgruppe Berlin.
Sitzungen :
November 1912 : Dr. Wcißfeld (Gast): Versuch einer pLilosophisclien
Ötellungualime zu den LehiTU Freuds.
Dezember: Diskusion zu obigem Vortrag.
Jänner 19l3 : Dr. Koerbor: Über die Erscheinungen des Widerstandes
in der psychoanalytischen Behandlung,
Februar: Dr. Abraham: rsychosexuelle Wurzeln des neurotischen
Kopfscbmerzes.
April: Dr. Marciuowski: Über deu Wiileu zur Krankheit (im
Anschluß an die Analyse gines Zwaogszeremoniells).
Juni : Dr. Abraham: Beobachtungen üher die Beziehungen
Bwischen iJahrangstrieb und Sexualtrieb.
2. Ortsgruppe Budapest.
Die Bndapester Ortsgruppe der I. Psa. V. hat sich am 19. Mai 1913
konstituiert, mit folgenden Mitgliedern :
Dr. S. Ferenczi (Obmaan), Budapest, VII., Elisabethring 54.
Dr. J. li 1 1 ö a, Chefarzt der Irrenanstalt in Nagy-Szeben,
U. Ignotus, Budapest, V., BAthory-Gasse 3.
Dr. L. l.ilvy, Budapest, V., Szalaygasse 3.
Dr. S. Rad 6, Budapest, L, Attilla-Gasse 50.
Dr. S. Ferenczi hält, wie alljährlich, einen Kurs über Psycho-
analyse für Mediziner. Im vorigen Semester hielt er zwei Vorträge in
der Freien Schule der S ozialwis senschaften und einen im B u d a-
pester Ärzte- Verein. Über Aufforderung des Fortbildungskurses
für Richter und Staatsanwälte liest er „über die juristische
und soziologische Bedeutung der Psychoanalyse".
i
/
618 Korrospondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Veroinigun".
3. Ortsgruppe München.
y itzunge n :
Sitznng vom 13. November 1912:
Dr. W. Wittenberg: Kasuistische Beiträge zur Traumdeutung.
Sitzung vom 27. November 1912:
Dr. E. Frhr, r. Gebsattcl: Kritische Besprechung von A. Adlers:
„Über den nervösen Charaicter".
Sitzung vom 18. Dezember 1912 :
Dr. L. Seif: Über Sublimierung.
Sitzung vom 29. Jänner 1913:
Dr. L. Sei£: Referat über; „Uie Onanie" (Heft 2 der Diskussionen
der Wiener Ps. A, V.).
Sitzung vom 26. Februar 1913:
Dr, L, Seif: Über Übertragung.
Sitzung vom 12. März 1913:
1. Dr. W, \Yittonborg: Eine Wiedergeburtsplmntasie ;
2. Dr. L. Seif: Über die Bedeutuiig des Sado-Masodiismus für die
CharaliterentwicIduDg.
Sitzung vom lü. April 1913:
Dr. L. Seif: Kasuistische Mitteilungen.
Sitzung vom 7. Mai 1913;
Dr. L. Seif: Analyse von Grun-Plitznors „Der arme Heinrich".
Sitzung vom 21, Mai 1913:
1. Geschäftlicher Teil: Jahresbericht und Neuwahl des Vorstandes.
Der bisherige Vorstand wird wiedergewählt.
2, Dr, E. Frhr. v. Gebsattel: Zum Phänomen der Libido.
Sitzung vom 11, Juni 1913:
Dr. W. Wittenberg: Beitrag zum Thema der sado-masochistischen
Phantasien.
Sitzung vom 25. Juni 1913 (letzte Sitznng vor den Ferien):
Dr. L. Seif: Über die Bedeutung der Symholilv für die analytische Technik.
Mitglie derverzeichnis .
Dr. A. Gallinger, München, Leopoldstraße 77.
Dr. phil. E. Frhr. v. Gebsattel, Mönclieu, Leopoldstraße 48.
Dr. phü. W. Haas, München, Königinstraße 9.
Dr. J. Hitfer v. Hattingherg, München, Rauchstraße 12.
Dr. A. Ludwig, München, Adalbertstraßo G.
Dr. W. Meitzen, Wiesbaden, Sonnenbergerstraße 20.
Dr. E. Rehm, kgl. Hofrat, München, Fürstenriederstraße 13^.
Dr. L. Seif, München, Franz Josef-Straße 21 (Vorsitzender).
Dr. K. Stillkrauth, kgl. Hofrat, llegenaburg, Maximilianstraße 1.
Dr. W. Wittenberg, München, Elisahethstraßo 17 (Schriftführer).
Korreapondenzblatt der Internationalen Psyelio an alyü sehen Voroinigimg. 619
In der Psychologischen Gesellschaft iu MUachen hielt am
5. Dezemher 1912 Dr. Seif einen Vortrag über „Psyuhopathologie der
Angst"; am 23. Jänner 1913 sprach ebenda Er, Frhr. v. Gebsattel
„Über Verdrängung".
Im Ärztlichen Verein München gelangte in diesem Winter zum
erstenmal die Psychoanalyse zur Diskussion. Zunächst wurde sie am 15. Jänner
1913 von Dr. Isserlin in einem Vortrag „Über Psychoanalyse" angegriffen,
worin der Vortragende die schon froher von ihm gemachten Einwendungen
zasammenfaßte. Am 12. Februar wies Dr. Seif in einem Vortrag: „Über
neue Wege der Neurosenforschung und -Behandlung" auf die überragende
Bedeutung der Freudschen Lehren hin. In der Diskussion dieses Vortrages
griif Prof. Kraepelin die Psychoanalyse heftig an; die Grundforderungen
wissenschaftlicher Methodik wurden von ihr schroff vernachlässigt ; man könnte
sie, meint Kraepelin ruhig dem Prozeß der Sulbsl Zersetzung überlassen,
wenn sie nicht zwei bedenkliche Seiten hätte: einmal führe sie zu einem
weitgehenden Verzicht auf die klinische Diagnostik ; zweitens sei das Ver-
fahren in seiner heutigen wahllosen Anwendung „recht geführücli". Es könne
nicht bewiesen werden, daß die Psychoanalyse meiir leistet als andere stark
wirkende Suggestivverfahreu ; daß sie aber unberechenbaren Sehaden anzu-
richten vermöge, hält Kr aepeli n nach seinen Erfahrungen für durciiiius
Eicher. Es ergriffen noch die Herren Dr. Löweufeld und Dr. v. Malaise
das Wort, ersterer in einem mehr vermittelnden Sinn ; worauf von unserer
Seite Dr. AVittonberg und im Schlußwort Dr. Seif den Kinwendungen
entgegentraten (siehe das ausführliche Ileferat in der Münthener Med. Wochen-
schrift, 1913, Nr. 17 und Nr. 22).
4. Ortsgruppe New- York.
(Bericht noch ausstehend.)
5. American Psycho- Analytic Association.
The Third Annnal Meeting of this Association was held in Washington
on May the 9'-, 1913, the President, Prof. J. J. Putuam, being in
the chair.
Dr. A. A. Erill read a paper entitled „Vairj Tales in Dreams", and
narrated several exaniples, which liad been gathcred bel'oro Freuds obser-
vations on the suhject had been published. He laid strcss on the distortiou
of the memory of the fairy tale that often occurs, the particular distortion being
of especial value in studylug the patieut's psychogenesis. Sadisrn plays a
very prominent part in the latent content of fairy tales. Sri 11 also gave
some instances of the way in which niaterial taken from fairy tales may be
woven into the phantasies underjying neurotic Symptoms, tbus determining in
part the form taken by these. Jelliffe raised the possibility of some of tlie
symbolisra mentioned being directly inveiited, as their type seemed so archaie.
Hoch mentioned the case üf a patient whose psycho:;is was precipitated Ihrough
reading a novel the theme of which strongly stimulated the pathogenic
complexes. The paper was also discussed hy Allen, Jones, Mc Curdy,
and Young.
Dr. Trigant Hurrow read a paper entitled „Character and Neurosls".
He outlined the neurotic character as described by Adler, but laid stresa
620 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigang,
an the social valiie of somo of the neurotic traits. Brill and Jones pointed
out that the type describeil was ooly one of tho types that may be met
witii, and warued against generalisiiig from it alone.
Dr. L. E. Emerson read a paperon „Psycho-Analysis and Hospitals".
He has been appointed official ]Jsycho-aiia!yst to tlie Massacbusetts General
Hospital, Eoston, aad gave au interesting accouut of bis experienccs and of
tiie special problems niefc witb in tbis form of practicc; he was optimistic as
to the i)ossibilities in trealing hospital palients.
Prof. Ernest Jones read a paper on „Ilate and Analerotism in the
Obsessional Neurosis". II will appear iu the Zeitschrift, tlie otber papers
probably in tbe Journal of Abnormal Psychology.
As officers in the next two years were elected ; President, Prof.
August Hoch; secretary, Prof. Ernest Jones; Council. Drs. Brill,
Emerson, and White.
The total memhership is now 29, the of following five new members
having beeu elected ; two of tbeni were already members of the New York
Society ;
Dr. A. Reginald Allen, Prof. IJ. Chase, Dr. Pierce Clark,
Dr. H. W. Frink, Dr. Douglas Singer.
Members of the American Psych o-Änalytic Association.
Dr. Rudolph Acher, State Xormal School. Valluy City. Xorth Dakota.
Dr. A. Reginald Allen, 2013 Spruce St. l'hiladelphin, Penn.
Captain O. Berkeloy-IIill, I. M. S. c. o. Messrs Cook's. Bombay. India.
Dr. A. A. Brill, 55 Central Park West. New York.
Dr. Trigant Burrow, 707 St. Paul St. Biiltimore. Md.
Dr. Macfie Campbell, Phipps Psychiatric Clinic. Baltimore. Md.
Prof. H. W, Chase, The University. Chajicl HU]. North Carolina.
Dr. Pierce Clark, 84 East 56'*' St. New York.
Prof. F. J. A. Davidson, 22 Madison Avenue, Toronto. Giinada.
Dr. Henry üeviue, West Riding Asylum. Wakelield. Yorkshire, England.
Dr. L. E. Emerson, 307^ Shepard St. Cambridge. Mass.
Dr. H. W. Frink, M West 8'i'-^- St. New York.
Prof. Stanley Hall, Glark University. Worcester. Mass.
Dr. Ralph C. Hamill, 15 East Washington St. Chicago. Illinois.
Prof. August Hoch, Psychiatric Institute. Ward's Island. Kow York.
Prof. S. E. Jelliffe, 64 West 56*'' St. New York,
Prof. Ernest Jones, 69 Portland Court. London W. England.
Dr. J. T. Mc. Curdy, Psychiatric Institute. Ward's Island, New York.
Prof. Adolf Meyer, Pliipps Psychiatric Clinic. Baltimore. Md.
Dr. C. E. Payne, Westport. N. Y.
Dr. Curran Pope, 115 West Chestnut St. Louisville. Kentucky.
Prof. J. J. Putnam, 106 Marlborough St, Boston. Mass.
Dr. Ralph W. Reed, 704 Elm St. Cincinnati, Ohio.
Dr. Douglas Singer, Staate Hospital. Kaukakee. Blinois.
Colonel Sutkerland, I. M. S. Civil Surgeon. Jubbalpore. C. P. . India.
Dr. Lane Taneyhill, 1402 Eutaw Place. Baltimore. Md.
Dr. J. S. Van Tesiaar, 378 Broadway. Cambridge. Mass.
Dr. G. A. Young, 424 Brandeis Building, ümaha. Nebraska.
Prof. W. A. Withe, Government Hospital for the Insane. Washington, D. C.
Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 621
6. Ortsgruppe Wien.
Als Mitglieder wurden aufgenommen:
Dr. H. V. Hug-Hellmuth, Wien, XVIII, Hofstattgasse 4.
Cand. med. Ed. Weiß, Wien, IX, Wäliringerstraöe 23.
Sitzungsberichte.
28. Sitzung am 7. Mai 1913;
Dr. Karl Weiß: Erziehnng und Neurose (Disk. „Gesellschaft
lind Neurose" IV).
29. Sitzung am 14. Mai 1913;
Cand. med. E, Weiß: Über Namen vergessen.
30. Sitaang am 21. Mai 1913 :
Dr. 0. Rank: Psychoanalytische Märchenforschung (er-
schien im Druck: Eank und Sachs, Die Bedeutung der Psycho-
analyse für die Geisteswisseaschaften. Kap. II).
31. Sitzung am 28. Mai lölS:
Kasuistische Mitteilungen und Referate.
32. Sitzimg am 4, Juni 1913:
Prof. Freud: Die infantile Wiederkehr des Totemismas
(erschien in „Imago", August 1913).
Käcliste Sitzung anfangs Oktober 1913.
7. Ortsgruppe Zürich.
In den Sitzungen vom 13. Jänner bis 14. März fand eine Diskussion
über Dr. J ungs Libidotheorie statt. Diibei wurden folgende Voten abgegeben :
Dr. A. Maeder.
Jung zeigt uns die Kontinuität im Psychischen nicht nur ausgedehnt
auf das individuelle Leben (das Verdienst Freuds), sondern auf das Leben
der Völker ; dadurch gibt er uns einen Weg zur tieferen Überwindung des
Anthropozentrisraus, als bisher möglich gewesen war ; wir werden von den
Interessen des Einzelnen auf diejenigen des Stammes, des Volkes gebracht.
Jung lehrt uns zum erstenmal systematisch das phylogenetische Den-
ke n im Psychischen einzuführen.
Die Psycho des Einzelnen wird zu einem bloßen Elemente der Volks-
psyclie ; die Psychologie des Helden, des Denkers, des Religionsstifters, des
Künstlers (sofern letzterer kein bloß ]iassiver Träumer ist, es gibt zwei
Haupttypen von Künstlern) wird uns dadurch viel klarer; diese Vorkämpfer
erhalten eine bestimmte Funktion in der Menschheitsentwicklung. Der
phylogenetische Standpunkt ist bedeutsam, indem er uns den tiefsten Sinn
des merkwürdigen „Inzestkomplexes'^, lickanntHch durch Freud als Kern
der Neurose bezeichnet, erschließt. Die Mutter darf nämlich nicht indivi-
duell psychologisch erfaßt werden, als Objekt, sie ist ein Symbol, welches
gedeutet werden muß ; sie ist für die regressive Lust eingesetzt ; de,^wegen
TOulS sie überwunden werden. Das Inzestpro blom verliert seine anthropo-
morphe Gestalt, um eine biologische Aupas sungsfraga zu werden.
622 KorrespondenzbJatt der laternationalen Psyelioanalytisclien Vereinigimg.
Das archaische Denken ira Menschen ist ein Äusdruclt des phylo-
genetischen Dcukuns.
Bei Freud wird die Libidofrago vom Staudpunkte des Individuellen
betrachtet, die I,i!)ido als eine Selinsucht nach Befriedigung eines sexuellen
Hungers. Für Jung ist die Libidofrage im Zusammenhang mit dem Pro-
pagationstrieb, wodurch der Antagonismus zwischen der Erhaltimg und
Selbsterhaltuns als etwas Episodisthes erkannt wird, ein subjektiver mensch-
licher, speziell neurotischer Standpunkt, Von einer höheren Warte aus,
gibt es einen solchen allgemeinen Antagonismus nicht. Der Mensch lernt die
Einfügung in die Naturaotwendigkeit einsehen und annehmen.
Jungs Arbeit bedeutet eine tiefere Durchdringung des Ent-
wicklungsgedankens in der Psychologie. Bedeutung der Biologie für unser
modernes Denken, Intensive Pflege derselben in unseren Gjinnasion, während
die Nachbarländer noch die humanistische Hilduog als die einzige Vorbereitung
zum mediüiuischeu und philosophischen Studium Lucrkennen.
Zwischen Jung und Freud ist noch ein tieferer Unterschied, als
letzter vorhanden. In der Geschichte einer jeden "Wissenschaft sind bekannt-
lich immer mindestens zwei Strömungeu vorlianden, welche sich behaupten und
bekämpfen. Manche sprechen von verschiedenen „nientalitt-s" : pL^sprit dyna-
mitjue, Pesprit cini^niatirpie, I'esprit statifpie. Ostwald spricht von awei
Typen Forschern: den Rüniantikern und don Klassikern. Referent heliauplet,
daß ein derartiger Unterschied zwisclicn Freud und Jung besteht. Es han-
delt sich um eine primäre (und notwendig auftretende) andersartige An-
schauung der Dinge. Dr. Jung weist in diesem Zusammenhang auf die zwei
Typen von James: tougb- and tcndei minded tyjies hin und betont, daß James
die Weltanscliauungssysteme der Philosophie nach diesen Tjpen, welche mit
dem „Temperament" Kusammenliängen, einteilt.
Unsere Psyche erlaubt uns eine ihr entsprechende Weltanschauung zu
gewinnen. Es gibt, in der Wissenschaft flieht mehr wie in anderen Gebieten,
ein absolutes Denken.
Die Neurose erscheint dem Eeferenten nach der Arbeit Jungs und
nach eigenen Auschauungcn, als eine Krisis in der Entwicklnng des
Psychischen [Referent behandelt diese h'rage in einer Arbeit über don
Heilungsvorgang, welche sich noch iu Vorbereitung behndet). — Die
Introversion und Regression gewinnen durch Jung eine biologische Bedeutung
im Entwicklungs- und Regen erationspro/cß — Parallelen aus der liiologte
(Embryonalstadium bei bestimmten Formen der Regeneration). Das Wieder-
geburtssymbol ist nicht spezitisch für den lleilungs Vorgang, es ist ein primi-
tives Bild der Genese des Psychischen.
Freuds Auffassung des Sexualtriebes ist polyphvletisch. Sie entspricht
der Auffassung der „ Präformiston " (Kinschachtlungstheorien !) ; Jung ist ein
Epigmatiker. Parallele aus der Goschiclito der Embryologie.
Die Beziehungen des pferproblemes für Domestizierung der archaischen
Libido werden referiert. Hinweis aaf die „Richtung" der Libido.
(Autoreferat.)
Dr. Riklin,
Eine vollständige Würdigung allef in Jungs Arbeit über „Symbole
nnd Wandlungen der Libido" enthaltenen Materialien und Gesichtspunkte ver-
mag ich in meinem heutigen Votum nicht zu geben. Hingegon möchte ich
den Wert einiger wichtiger Neuerungen hervorheben und so gut als möglich
aus meiner Erfahrung belegen, auch einige Einwände beschwichtigen.
Komspondenzbktt der Internationalen Psychoanalytischen Voreinigang. 623
Ein Einwand, den ich bisher gehört habe, gilt der Anordnung des
Stoffes um die Phantasien der Miß Miller. Mich persönlich plagt es wenic
an wölcher Kahraenerzählang die Arbeit sieh emporwindet. Ich vermag es
durchaus zu würdigen, daß das Rahmenraalerial ein modernes Aktualmaterial
ist. und nur das zu einem beträehtlichon Teil ersetzt, was andere an der
Arbeit vermissen: das kasuistische Material von Krankengeschichten. i) Wenn
nun auch das mythologische Fundament sehr wuchtig und breit ausgefallen
ist, so bin ich Jung in zwei Richtungen dankbar : Erstens für eine enorme
Vertiefung der analytischen Erkenntnis nach unten, und über die Individual-
geschichte hinunter in die Stammesgeschichte. Trotz der bisherigen mytho-
logischen Vorarboiten klebte die praktische Analyse noch zu sehr an den indi-
viduellen Epiphaenomena und blieb im Ausdruck oft in der Familientragödie
haften. Zweitens hat das breite mythologische Material den Vorzug, daß es
uns hinter all der Iiidividualformulierung des Unbewußten, der zufälligen All-
tagsgestaltung, sofort die allgemein mythologische zeigt, und nicht bIoi3 die
symbolische Beziehung zur individuellen Sexualität.
Ich will da gleich die Vorteile dieser Erweiterung für den Sublimierungs-
prozeß andeuten. Durch die Betrachtung des Symbols vom mythologischen
Standpunkt aus, statt von dem der Reduktion auf die individuelle Sexual-
hedeutung erhält es viel mehr Kraft. Es ist nicht bloß ein Gebilde der Se.>i.ual-
leaktion des Einzelnen, sondern der Gesamtroaktion seiner Persönlichkeit. Wir
stehen mit der mythologischen Symboldeutung sofort in einem großen sox-ialen
und kulturellen Zusammenhang und nicht nur in den Xöten unserer indivi-
duellen Sexualbefriodigung. Die Symbole, welche sagen : Gleichwie die Sonne
gleichwie der \ogeI Phönix, gleichwie der Feuer erfindende Prometheus eleich
wie alle HeldL-n aller Völker, gleich wie Christus, gleich wie alles und"' alle
was treibt und schafft, sind auch praktisch ein ganz anderer Ansporn zur
Entfaltung der eigenen Kräfte. Nicht durch die Reduktion aller reichen Mani-
festationen der P^ycbe auf die Sexualität wü-d der Ansporn zur Sublimierung
oder zur Aktivität m erster Linie gegeben ; durch die mythologische Deutung
hingegen saugt der Analysand seine eigene Kraft aus Natur und Umwelt; erst
so erschließt sich ihm die Kraft, die in den bereits sublimierten Gebilden liegt
die er durch TraditioE, RcligioD usw. eingesogen hat. 2) Die Reduktion auf
die Sexualbedeutung gibt ihm bloß Sexualität, aus der er zuerst alle Kultur
wieder aufbauen mußte. Die mythologische Deutung erleichtert ihnen diesen
Aufbau bedeutend und zeigt ihm melir als die Soxualarialyae : sie macht ihm
auch die Kultur verständlieh.
Wenn wir eine Wurzel des christlichen Kults in einem Vegetationszauber
entdecken, so haben wir die Mission des christlichen Mythus uatiirlicb noch
nicht erfaßt. Der Fortschritt liegt in der Würdigung des Symbols in alieu
Stadien seiner Eedentuug und nicht bloß in seiner Scxualanalyse.
Jung bat mit Recht darauf hingewiesen, daß die gleiche religiöse Sym-
bolik zweierlei Realisierung gestattet. Z. B. die volle kulturelle Erfassung 'des
religiösen (nehmen wir zum Vergleich den christlichen) Mytlios iu der kul-
turellen Anwendung auf die eigene Persou und andererseits eine rein regressive
Betätigung als sexuelle Orgie, wie es bei der Sektenbildung oft geschehen
ist. (Wiedertäufer; Diskussion über Zinzendorf.) Wenn wir den Begriff
') Es wäre albern, daraus don Schluß zuziehen, Jung habe das ganze Material
nicht mit der täglichen kasuistischen Erfahrung verglichen. Diese ist natärlich die Vor-
aussetzung der Jungachen Arbeit gewesen.
_ ") Sonst bann er mit diesem wertvollen traditionehen Verstell ungsmaterial
wenig Anfangen.
(j24 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung.
^Sexnalmaskeo'^ auf kulturelle Ent^\'ickluQgseräüheimingcii anwenden, auf die
Iskctci), die FJngellantpu, die religiösen Kitcn, so sind mv ihnen nicht im
kleinsten in ihrer Bedeutung geiedit worden. Sie tiaben doch nicht die
gleiche Bedeutung, wie die Prüderie.
Alle Heiligen, alle Helden, alle IN'curotikcr and dio ganze Kultur würde
sich danach tloß damit amüsieren, die Scxualwünsdie etwas -m maskieren, so
aus Scliicklichheit. Sie sehen sofort dio ungeheuerliche Kiiiseitigkeit dieser
Auffassung für die wir den Freudsclien Begriff der Verdrängung indes niclit
Yorantwortiicli machen ivoUen, Diese Art Darstellung läÜt sich durch einen
Vergleich kritisieren : Wir würden 7.. B. in der Histologie die Zähne oder
das Gehirn als eine Maske des Ektoderms auffassen. Dieses Beispiel zeigt
auch wie gut wir tun, zwisclien emhrjonaler Entstehung und Gleich wertmig
des ijiöeren zierten zu unterscheiden. Jung hat uns das sprach geschichtliche
Beispiel übermittelt, daß denken und lügen sprachlich dieselbe Wurzel hat,
nämlich im lateinischen montiri. Deswegen wissen wir im modernen Sprach-
gebiauche die beiden Begriffe wohl zu trennen. Gerade wegen der SubtilitUt
und Bilanzierung der ^Yortbcdeumng dürfen wir uns niemals durch feuille-
toiiistiscbe Begriffe und Schlagwörter versuciien lassen. ]\Ian bezeugt damit ejiio
Neigung zur ObcrHächlichkeit, die die kritiklose Menge faszinieren mag. Jeden-
falls" w'ird man so den Schwierigkeiten der Neurose, den lieferen Gründen
ihres Wesens, der Anpassuiigsnot nicht im entferntesten gerecht. Bei dieser
Auffassung hätte alle Not auf Erden ein Ende, wenn die Jlaske der Prüderie
fallen würde. Uns wifd man so etwas nicht vorsetzen wollen. Es ist jetzt
mancherorts Jfode, seine l'rüdcrielosigkeit heldenhaft ^.u demonstrieren, in der
Meinung, man habe damit seine Schuldigkeit getan und sei der Psyclioanalyse
gerecht geworden.
Ich möchte mit der Anrührung solcher Beispiele nur das Festsitzen auf
einem Gesichtspunkt herausheben, der in der Geschichte der Psychoanulyse
tatsächlich eine RoBe gespielt hat. Er war historisch berechtigt, aber wir
müssen weiter gehen. Ich möclite auuh nicht etwa Freuds Arbeit und Leistung
mit diesem Slandpuukt identitiy.iereii.
Aus der Diskussion mit anderen ersthuften, von den am besten arbeitenden
Analytikern habe ich in letzter Zeit aber doch gesehen, wie wenig weit sie
von diesem Standpunkte entfernt sind. Her eine v.. B. meinte allen Ernstes,
die Symbole wenigstens haben nur die Bedeutung der Verhüllung, der Mas-
kierung des Sexnalsinnes. Es käme also doch nur auf eine Wirkung der kul-
tarelleu Sexualmoral oder gar nur der Prüderie hinaus.
Ein anderer meinte, die Wurzel des Opformotivs lief doch emlacii auf
Selbstbestrafung wegen verbotener hizestwünschc hinaus. Hieran mag man er-
messen, welche Vertiefung der historisch-psychologischen Erkenntnis wir hier
in Zürich in den letzton Jahren edubt haben. Dio eben erwähnte Auffassung
kommt uns jetzt so sehr beschränkt voi'. indem sie nicht die Menschheitsent-
wicklnug, sondern nur eine Psychologie sieht, die sich auf ein Familienproblem
beschränkt ; die historische Bedeutung und Entwicklung der Strafe ist niclit
erfaßt, nicht analysiert. So bleiben bei aller Analyse die Begriffe in einer
engen modernen Bedeutung stecken. Gerade dio Termini und Begriffe bedürfen
weiterer Analyse, um das Problem nach allen Seiten zu verstehen.
Es ist hier ein für alluma! hervorzuheben, daß wir durch Jungs
Arbeit in vermehrtem Maße den Standiinnkt der Kulturanpassung in die Ana-
Ivse hineintragen, vor dem die Neurose versagt. Die Sexualsymbolik stoBt
sich auch in den Dienst dieser Knlturanpassung. Diß Symbole der Sexualität
und Sexualfreiheit stellen sich, je nach ihrem Rahmen uml Gefüge, auch dar
KorreBpondenzblatt der Intern aüooalen Paychoanaly tischen Vereinigung. (jSÖ
als Symbole der schwer zu erreichenden Anpassung und inneren Einigkeit (an
Stelle des Zwiespalts) und der Widerstand gegen diese Anpassung stellt sich
?.um Beispiel dar im Symbol eines gefäbrliehen, wüsten, mit Infektion drohenden
Sexualorgans.
Den Fortschritt im Symbolverständnis möchte ich damit bezeichnen, daü
es bei Jung nicht bloß in seiner regressiven Sexualbeziehung, sondern vor
allem auch in seiner vorwärtsschreitenden Entwicklung und Sublimierungstendenz
und als Ausdruck der vorwärts gerichteten Anpassangstenden z verstanden wird.
Das Symbol ist nicht mehr eine die wahre Bedeutung tendenziös mas-
kierende Allegorie, sondern eine Erscheinung des nach Anpassung und Um-
wandlung strebenden primitiveren Denkens. Und damit ist Jung dem Symbol
und dem Symboldenken in einer viel umfangreicheren Weise gerecht geworden
als es bis dahin geschehen ist.
Von manchem ist der Jung sehen Arbeit das Fehlen der medizinischen
Kasuistik vorgeworfen worden, d. h. der Torwurf ist mehr ein Wunsch, von
der Anwendung der neueren Auffassung mehr zu verstehen.
Ich nehme an, in diesem Vorwurf stecke nicht die alte Verehrung einer
Pseudoexaktheit ; das mythologische Material ist und muß auch analytisch so
wahr sein wie das rezente Denkmaterial unserer Patienten. Für die Reduktion
aufs Typische, id est mythologische, müssen wir sogar dankbar sein ; denn
das lehrt uns gerade in der zufölligeu Alitagsdarstellung das Wesentliche des
Libidoproblems zu sehen. Wenn Sie übrigens die Jungsche Arbeitsweise
kennen, so wissen Sie ja selbst, daß er gerade an Hand des kasuistischen Er-
fahrungsmaterials alles durchgeprüft hat, und daß gerade das letztere, das
lebende Material, die Bcdeutungssieherheit ergibt. Es ist aber immer ein Vor-
zug einer Arbeit, wenn sie uns das Wesentliche in einer gewissen Verarbeitung
vermittelt. Die Pseudowissenschal'tlichkeit in der Darstellung? art, die uns ein-
getrichtert worden ist, werden Sie doch alle bereits kritisieren gelernt haben.
Dann bleibt allerdings der Vorwurf, daß die Materie schwierig sei.
Davon können wir leider nicht befreit werden. Dieser Übelstand kann nur
durch Arbeit, Diskussion und erklärende Einzelbetrachtungen gehoben werden.
Ich glaube, daß hier gerade der springende Punkt vielen Unbehagens liegt,
dessen Zeuge wir in der letzten Zeit sind,
Aber wir dürfen denn doch nicht in die Fehler verfallen, die wir an
den Gegnern der Psychoanalyse so gern und scharfsüinig beobachten und rügen,
Icli glaube, daß mehr noch als die Sexualwiderstände die Unbequemlichkeiten
und Unfähigkeit der Anstrengung, des Umlernens und Umdenkens und was
alles damit zusammenhängt, der Psychoanalyse üur Gegnerschaft verholten
hat. Und bereits entdecken wir etwas Ähnliches unter uns Analytikern, wenn
es an die intensive Weiterarbeit geht: die Inertie der Libido angesichts der
Umwandlung. Es war bequem, die neue Errungenschaft Freuds rechtzeitig
zu verstehen und vom Meister in Pacht zu nehmen und etwa auch praktisch
ausKubeutcn. Nun ist es unbequem, sich schon wieder intensiv anstrengen zu
müssen. Aber die Entwicklung der Wissenschaft erträgt diesen Standpunkt
natürlich gar nicht, und es bleibt nichts übrig, als weiter zu lernen oder
zurückzubleiben.
Von großer Tragweite und prospektivem, treibendem Werte sind Jungs
Andeutungen über die Entwicklung des Denkens und der Sprache überhaupt.
Die biologische Betrachtung über das Denken als Differenzierung der Libido,
als Stauung und Anwendung als Denken, durch Erübrigen und Umwandlung
aus der Sexuallibido. Es wird zur Klärung der Theorie außerordentlich frucht-
bar sein, diese aus den Zeugnissen der Denk- und frühen Kulturgeschichte
Zeiiicb!. f. tLntl. Psycho analfBe. ^
626 Korreapondenzblatt der Internationaleu Psyclioanulytisülxen Vereinigung.
gewonoeaen Aiischauiiügen ^u verfolgen. Es wird auch sehr zum Verständnis
beitragen, weun zwischen der Libido selbst und deren Donksymbolen, welobe
meistens durcheinandergeworfen werden, ein lluterscbied gemacht wird. In
der Se-xualitätslolire wurde bis dahin dieser Unterschied leicht unterlassen.
Von hier an datiert sozusagen der Uoterschied von Körper und Geist
in all der Bedeutung dieser Begriffe.
Zu den gleichen wertvollen Bereicherungen gehören die Betrachtungen
Jungs über die Ausbildung der Realitätsfunktion ans der Urlibido durch die
Difierenzierung des Brutscbutzes. Durch eine weitere konsequente Verfolgung
des Eegressionsbegriffs, wie er in Freuds Arbeit über Schrebcr angedeutet
ist, gelang es, den wesentlichen Unterschied zwischen den Neurosen und der
Geisteskrankheit, der Dementia praecox- Gruppe, vorläufig befriedigend zu er-
klären.
Sie werden sich gerade bei der Arbeit, die uns Dr. II. Schraid aus
Cery') kürzlich vorgelesen hat: „Analyse einer Mörderin", überzeugt haben,
daß der Unterschied zwischen Neurose und Psychose eine Nüancierung und
■weitere Ausgestaltung des Libidobegrifi'es erfordert. Wir sahen liier einen Mord
cutstehen, für den die bloß deskriptive Ähnlichkeit mit dem Neurosenmechanis-
mu3 keine genügende Begründung für die Wucht der Erscheinungen bot. Erst der
Begriff der Regression der Uealitätslibido gestattet uns ein besseres Verständnis.
Jungs Anschauung über die Dementia praecox ist bis jetzt die einzig
psychologisch befriedigende und unser praklischea und analytisches Verständ-
nis in weitem Maße fordernde. Für die, welche das Schicksal durch die
psychiatrische Karrieie getrieben hat, sagt das außerordentlich viel.
Maeder hat Ihnen in der letzten Diskussion in klarer Weise den
Unterschied zwischen der doskripliven und dynamischen Auffassung der Libido
dargelegt, und indem ich seinen Ausführungen beipflichte, will ich sie nicht
wiederholen.
Hingegen möchte ich noch auf Eiazelprobleme zurückkommen.
Z, B. anf eine andere Verallgemeinerung des Libidubegriftes, wonach
die Libido überhaupt das ganze Trieblehen umfaßt und nicht mehr ein Gegen-
satz zwischen Libido und Ichtrieben besteht, sondern ein genetischer Zusammen-
hang und eine Umwandlungsmciglichkcit zwischen den Anwendungssystemco der
Libido besteht. So sehen wir die Libido tätig in allen Erscheinungen. Praktisch
heißt das, daß allen unseren Funktionen die Eigenschatten der Libido zu-
kommen, also nicht bloß der Sexualität, wo sie sich zu manifestieren anfängt,
sondern ancli dem Nahrungstrieb. Dadurch wird es möglieh, den dem Nabrungs-
trieb entnommenen Libidosyrabolen in ihrer Bedeutung und Differenzierung
vollständiger gerecht zu werden, als wenn wir bloß ihre Ähnlichkeit mit den
Sexualsymbolen erkennen. Für die Libidoamwaodlung, die wir Suhlimierung
nennen, und die vorher nie recht beschrieben worden ist, ist dies von großer
Bedeutung. Die sexuell differenzierte Libido wandelt sich nämlich nicht gerade-
wegs in sublimierte Anwendung um, sondern auf einem Umweg über ältere
Symbole, um in andere Systeme der Betätigung überzugehen. Da spielen die
Nahrungssymbole eine wichtige Rolle, wie uns die lleligionsgeschichte zeigt,
Dann wird eine Unnatürlich keit ausgeschaltet, die Sie kennen : die Aufwärts-
projektion der Säuglingsbefriedigung auf das Sexualsystem, und der Nabrungs-
symbolik ebenfalls auf das Sexualsystem.
Der Jungsche Begriff der Regression, eine Erweiterung des Freudschen,
wird einer ganzen Reibe von Beobachtungsverfeinorungen gerecht.
') Jetzt hl Basel.
läm
KorreBpondenzblatt der Internationalen PsyclioanalytiHchen Vereinignng. 627
Einmal der eben Renannteu Umwandlung von Sexuallibido in vorsexnelle
Erscheinungsform und Sublimierimg auf diesem Umweg,
Zweitens der Regeession der Realfunktion in der Dementia praecox, der
Regression auf kulturhistorisch ältere KeaUtionsweise, Ersatz von Wissenschaft
durch mytiiologisehe Realität, wie wir es bei der Psychose konstatieren können.
Er erlaubt uns im Verständnis des Inzestmotivs ganz wesentliche,
praktisch wichtige Kuoncierungen. Das Problem des regressiven Inzestwunsches
erhält ganz wichtige Erweiterungen. Er löst sich aus den engen Fesseln der
Auffassung als Realität: Beim Neurotilter erweist sich die Inzestsymbolik ge-
wöhnlich als Symbolik und nicht als Bealwuiisch.
In anderen Fällen muß ein Unterschied gemacht werden z^vischen sexuell
differenzierter Libido, die vor der Aktualanweiidung auf alte Imagines regrediert.
Ferner muß das Inzestmotiv aus den Fesseln der Soxualbedeutung über-
haupt befreit werden. Die rückwärts gewendete, aufs Muttersymbol gerichtete
Libido sucht nicht immer die Sexualanwendnug, sondern irgend eine andere
regressive Befriedigung am Mnttersymbol : Z.B. den Schutz, die Wahrung, die
Pflege, das Geborgensein, die Unnötigkeit des Käinpfens und der Verantwortung.
Schließlich muß es auch von der Zeit losgelöst werden.
Dem sogenannten „Inzestbildsymbol" ist nicht ohne weiteres anzusehen,
ob es der Vergangenheit oder der Zukunft gehört. Als Znkunft bedeutet es
gestaute Libido, die sich noch nicht an neue Anwendung wagt, als Vergangen-
heit die verbotene Rüekwärtswendung; als Ganzes ist das sogenannte Inzest-
symbol überhaupt ein psychologisches Zustardsbild der Libidostanang, die in
Unlust und Qual sich kundgibt. In Jungs Arbeit ünden sich unzählige Be-
lege für diesen Libidozustand, der an das sogenatinte „Inzestmotiv" gebunden
ist. Ich würde vorschlagen, dies als psychologischen Tabuzustand zu betrachten.
Im Tahuphanomen finden wir eine Projektion dieses Zustandes, der natürlich
im individuellen Leben wie in der Kultnrentwicklung sieh auf ganz verschie-
dene Probleme bezieht. Jede Umwandluogsnotwendigkeit versetzt uns in den
* psychologischen Tabuzusland mit der Schranke.
Was das Tabuobjekt seibat betrifft, so kann es dasjenige sein, das
wirklich im kulturfortschrittlichen Sinne zo vermeiden ist. Oder es kann nur
ein Symbol sein. Und als Symbol kann dann ein X dienen, z. B. um die
Flucht vor der Anstrengung zu rechtfertigen.
Es gibt eine Formel, die uns das psychologische Tabu- oder Inzestbild
in zwei Richtungen verständlich macht : Die RUckwärtsan wen düng ist zu
meiden, die Zukunftsanwendung aber ist zu wagen.
Inzwischen geschieht es z. B. beim Neurotiker, daß er sich symbolisch
eine Menge Dinge als Tabu verbietet, bis er in große Not gerät und als
Rettung nur noch den fortschrittlichen Weg einschlagen kann ; ich halte diese
letztere Auffassung Jungs für fruchtbar und in der Praxis als EeilungB-
tendenz der Neurose nachweisbar.
Hier wäre ein ganzes Kapitel über Katharsis und Religionsgeschichte
einzuschalten, um alle Beziehungen zu verstehen.
Man hat an der Jungsehen Arbeit kritisiert, daß sie einseitig das
Muttersymbol, speziell als Tabu, berücksichtige und nicht auch das Vater-
symbol. Nun kann ganz gut das eine oder andere Tabu sein (vgl. Freuds
Beispiel im „Nachtrag zur Analyse Schrebers"). Die MuttersjTnbolik scheint
aber eine ungleich weitere Verwendungsmöglichkeit als Libidosymbol zu er-
lauben ; denn es ergibt sich, daß bei der Darstellung der Rückzugs- und
Regressionstendenz nach dem Infantilen die Mutter als Ziel viel mehr
Möglichkeiten bietet als der Vater (Geborensein, Eingehen zur ewigen Ruhe
40*
- — -'- t^
628 Korrespondenzblatt der Icternationalen PsycLoanalyti sehen Vereinigang,
u. dgl.). Denu geboren werden wir alle voq der Mutter, genährt werden wir
direkt von ihr nrnl ihr A u wen dnugsuiu fang als Symbol reiclit weit ubor die
speziell sexuelle und namentlioh heterosexuelle hinaus.
Für ein, in der progressiven Umwandlungstendcnn der Libido liegendes
Motiv läßt sich nur das Mutters^eichen verwenden, für das der Wieder-
geburt. Nun scheint dies eine der ältesten und beständigsten Formulierun-
gen für die psychische Umwandlung zu sein, wie uns Jung überzeugend
nachweist.
Aus der regressiven Katharsis angesichts des Tabus scheint sich das
Motiv des regressiven Verzichts auf regressive Anwendung (Katharsis durch
Tragik im Ödipus) ausgebildet xu haben und als Ausdruck der Umwandlung
die Fortsetzung dieser sogenannten Inzestmotive in das Wiedergehurtsmotiv,
Nun liegt in der ÖdipustragÖdie bereits der Begriff des Opfers — die
rückwärtsgericbtete Tendenz geht qualvoll zu Grunde und wir müssen Jung
sehr dankbar sein, uns die ungeheure läedeutung dieser beiden Motive:
Rückkehr in die Mutter zur Wiedergeburt, also Umwandlung und Opfermotiv
mit der ganzen Wiclitigkeit für das Kultverständnis aufgezeigt zu haben.
Das ist eben der Wert der historischen Sj'mbolik,
Für die praktische Analyse ist dies von ganz ungeheurer Tragweite,
wie ich täglich erfahre. Vielleicht erkennen Sie gerade aus meinen Dar-
legungen, welch ein Unterschied ist zwischen der Konstatierung des sexuellen
Inzestmotivs und dem Verständnis all dieser Bedeutungen.
Der Vollständigkeit halber möchte ich mir noch den Hinweis erlauben,
daß das reale Inzestverbot ja selbst nur das Resultat einer speziellen Tabu-
einschränkung bildet, wie uns die Archäologen überzeugend dartun (vgl.
K ei nach), und daß es sich ja nicht etwa umgekehrt verhält.
In der Psychologie ist also, unter der Gefahr großer Mißgriffe, jeder
voreilige Könkrctismus zu vermeiden, er ist ja nicht an falsche Stellen in der
Vergangenheit zu placieren.
An dieser Stelle möchte ich nocli etwas vom Schuldbegriff und
ähnlichem sagen.
Bei der bisherigen Betrachtung des Iiizestmotivs ist das Schuldphänomen
schleclit berücksichtigt worden, ähnlich wie der Sublimierungsprozeß durch das
Opfer.
In seinem Aufsatz über das Tabu (in der Zeitschrift „Image") erst
sehen wir von Freud die Schuld näher betrachtet und in Analogie zur Angst
gebracht.
Vorher (siehe z. B. noch in der Onaniedebatto der Wiener psychoanaly-
tischen Vereinigung) bleibt die Erklärung des manifesten, ]iathologischen
Schuldgefühls durch die Uückführung auf ein berechtigtos Schuldgefühl beim
luzestwunsch stecken, weil da ein Verbot bestehe. Die weitere Reduktion
unterblieb. Nun ist Schuld offenbar so alt wie Libidostauung und Angst; das
Schuldgefühl entspricht wohl einem etwas komphzierteren Vorstellungsinhalt
oder einer größeren Basis niotorisclier Ansführungstendenz als die Angst.
Kurzum, wir haben Schuld weit vor die reale Inzestschranke zu setzen, Und
in der Pathologie gerade gilt gewöhnlich nicht der moderne Schuldbegriff des
aktuellen Moralsystems, sondern in erster Linie der ganz primitive der Libido-
stauung.
Noch eine Bemerkung, die nicht unnötig erscheinen mag: Das Nicht-
gewagte, aber Gesollte wird, dank seiner genetischen Verwandtschaft, häufig
mit dem anerkannt Verbotenen und Unmoralischen identifiziert. Da darf man
denn ja nicht hereinfallen. Umgekehrt ist zu bedenken, daß der Zustand der
Korrespondenzblatt der IntemationaleD Paychoanaly tischen Vereinigung. 629
angepaßten kulturellen Libidoanwenclung jeder Form, solange sie niclit er-
reicht ist, durch das Symbol der Sexnalfreilieit und des Sexualziels dar-
gestellt wird. Auch da hat der falsche Konkretismus iu die Irre geführt.
Der Gesichtspunkt, der zur Vermeidung von Irrtümern führt, ist gegehen
durch die natürlichen Aufgaben, die dem Individuum angesichts seines Alters
und seines Kulturniveaus in der Gegenwart bevorstehen und die seit so und
soviel Zeit nicht gelöst worden sind. Den Grad dieser Aufgabe können wir
aus dem Analysenmaterial des Analysanden annähernd bestimmen. Für die
KenrosenhoiluDg ist also das Aktnal prob lern maßgebend und iu der Krankheit
selbst ist zu unterscheiden zwischen Anlaf?e, Fixierung und ßegression. Der
Grad der Eegression ist keineswegs zu ermessen aus dem Grad der Fixierung.
Die kulturelle moralische Verdrängung bestimmt bei weitem nicht immer den
Umfang der Regression, die auch ohne die „Verdrängung" — in diesem alteren
und engeren Sinne vorhanden sein kann. Zwischen dem Aktualproblem
oder Anpassungsproblem und dem, was Freud den mehr zufälligen Aktual-
konflikt heißt, ist ein ziemlicher Unterschied zu machen.
Eine wichtige Neuerung bringt Jung in der Auffassung der Perver-
sionen.
In den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie " von 1905 faßt Freud
z. B. Sadismus und Masochismus, von der klinisch-deskriptiven Auffassung der
Psychiatrie ausgehend, als ursprüngliche und selbständige Partialtriebe der
Sexualität auf. Durch Regression wurden sie in der Neurose dann aufgebauscht
und traten an Stelle der normalen Sexualanwendung. In der Neurose wuiden
dann diese aufgebauschten Partialtriebe verdrängt und die Neurose wird ein
Negativ der Perversion u. s. f.
Nachträglich bedauern wir beinahe, daß die Entwicklung dieses Teiles
der Libidotheorie sich in Abhängigkeit von der bisherigen klinischen Psychiatrie
gemacht hat.
Viele Mißverständnisse wären vermieden worden. Die klinische Be-
schreibung bat nur die Degeneration gesehen und die Nomenklatur, hergenom-
men aus der bekannten, etwas anrüchigen Literatur, wo die perverse An-
wendungsform die normale ersetzt, ist dem Phänomen in seiner individuellen
und kulturhistorischen Bedeutung gar nicht gerecht worden.
Sadismus und Masochismus sind Ergebnisse der Libidostauung und Re-
gression, der Umwandlung in Qual (Qualform der Libido) bei unzweckmäßiger An-
wendung (angesichts der normalen, durch das Aktualproblem bestimmten Aufgabe).
Die Höllenmotive zeugen genügend davon: Tantaliis, Danaiden, Dar-
stellungen im Camposanto in Pisa. Das gleiche Symbol Licht-Feuer z. B. ist
ambivalent. Man ist in der Qual, bis die Libido ihre zweckmäßige Anwen-
dung findet.
Es gibt nun zweierlei Qual : die bleibende Hölle bei Nichtanwendung der
Libido, also eine verdienstlose Qual, und eine im Dienste der Umwandlung
und Anpassung, das Quälen und Abtöten der alten, infantileren, zu untaug-
lich gewordenen Adaption. Dieser Libidoqnalzustand kann regressiv zum Er-
eignis werden: Man quält ein Objekt, statt sich selber umzuändern. Das
sehnlich Gewünschte, aber nicht Erreichte wird gepeinigt, ebenso das sehnlich
Begehrte, aber zu Opfernde. (Beispiele.)
Wir hätten also nur eine Form, die dem klinischen Eegriff etwa ent-
spräche, nämlich den Sadismus als Selbstzweck und Lustziel, als neurotischen
Koraproraißzustand,
Alles übrige ist in toto gequälte Libido mit der ümwaudlungstendenz :
Die Geißler, die Spartaner, welche die Jünglinge am Artemisaltar peitschten,
Ö30 Korrespondenzblatt i^er Intematiünalen Payciioiinalytisulien Voreinigang.
wollteu damit etwas, unii zwar etwas Besseres, als sadistische Lust befriedigen.
Es liandelt sich iini Opferraotive, also Urawandlungs- und Anpassuugs versuche
auch da, wo sie nur in regressiver, formelhafter Weise als Zeremonie znm
Ausdruck kommen. Es wäre für die Analyse von Vorteil gewesen, wenn sie
von diesem Funkle aus hätte ausgehen können.
Die mythologische Symbolik der Umwandlung zeigt uns noch eines:
eine natürliche Umwandln ngstendenz, von der die Psychoanalyse nur eine
f;pe2ielle und ledmiscli wohlausgebaute Anwendung ist.
Spontan ablaufend, bringt sie manclimal ein unvoUstüudiges UesuHat, je
nach der Stufe der völligen Identifikation mit der Ümwandlungssymlx.lik oder
dem bloß äußeren Ablauf der Symbolik. Beispiele wären da in großer Zahl
zu melden, Uieher gebort die HalbLeilung der Dementia praecox.
Vor allem sind die Heldenmjthen Vorbilder und Zeugen dafür.
Es ist hier noch dem A'orwand zu begegnen, wir predigen auf diese
Weise Askese. Kein, nur Anpassung an die eigene Aufgabe. Askese ist
Flucht vor Anpassung und real wertlos, symbolisch brauchbar. Opfer ist
Verzicht auf unzweckmäßige, infantile Gebitrdung und führt zur Freiheit und
Anpassung.
Wenn beide sich auch symbolisch ähnlich sehen und wahres und falsches
Heldentum gar gern verwechselt werden, so ist doch das Resultat eben
grundverschieden.
Ich betrachte es, kurz gefaßt, als großes Verdienst Jungs, durch seine
neuen Arbeiten, die Psychoanalyse vor allem in den Dienst der Kulturent-
wicklung gestellt 2U haben. Autoroferat.
L. Eins wanger beschränla sein Votum im wesentlichen auf Jungs
Libidotheorie („Über den Begriff und die genetische Tlieode der Libido«)
Er wendet sich vor allem dagegen, daß allein infolge der Unmöglichkeit den
Wirkhchkeitsverlust der Dementia praecox aus dem bisherigen Libidobegnff
zu erklären, gleich eia so komplizierter neuer Libidobegriff aufgestellt wird.
An der Stelle, wo Freud jenes Problem aufzeigt und von der Jung aus-
geht (S. 173),- sind ganz deutlich zwei Möglichkeiten erwähnt, die es erlauben,
um jene Schwierigkeit herumzukommen : Erstens die Möglichkeit der Verän-
derung des Libidobegriffes überhaupt (indem man Libidobesetzung mit Interesse
überhaupt zusammenfallen ließe), zweitens die Möglichkeit der Annahme von
Rückwirkungen der Libidostörungen auf die Ichbesetzuugen. Jung lehnt nun
^war wie Freud und Referent die Gleicbsetzung von Libido und Interesse
überhaupt ab, sucht aber sofort, nach einer anderen Möglichkeit, den Libido-
begrifl' zu verändern, während er jene zweite Möglichkeit, die der Rückwirkung
öer Libidostörungen (im hisberigen Sinne) auf eine entsprechende Störung in
den Ichbestimmungen außeracht läßt. Und doch scheint mir, daß diese durch-
aus naheliegende Möglichkeit erst genauer zu untersuchen wäre, bevor man
«en Libidobegriff in der Art Jungs genetisch erweitert und für die empirische
i^sychologie unbrauchbar macht. Denn mit dem psychogenetischen Libidobegrifl'
Jungs weiß Referent in der Ontogenese, mit der es die empirische Psycho-
%ie zu tun hat, nichts mehr anzufangen. Er wehrt sich entschieden gegen
die Hineintraguug eines „philosophischen" Begriffs in eine cmpiriscb-psycho-
'ogiBche Forschung. Aber auch nur dagegen. Gegen Jungs Libidobegriff an
*'cb, als eine höchst interessante und lehrreiche Spekulation, bat er nichts
^lozuwenden. Wenn aber dieser über die Möglichkeit der Erfahrung weit
■iinausgehende Begriff auf die Erklärung empirischer Tatsachen aus der Indi-
^'idualpsjcliologie, sei es der normalen oder der patJiologischen, angewandt
Korrespondenzblatt der Internationalen Paychoanaljtiselien Vereinigung. 631
werden soll, so versagt hier Referent seine Gefolgschaft. Wie aus der Arbeit
.Tungs klar hervorgeht, kann auch das Problem, von dem er aasgeht, auf
diese Weise gar nicht gelöst werden, es wird nur umgangen. Mit oder
ohne Jungs neue Lihidotheorie bleibt das psychologische Problem der
ErliläruDg des Wirklichkeitsverlastes (des „Weltunterganges") bei der Dementia
praecox aus dem Begriff der Libido allein ungelöst,
Referent wendet sich ferner im einzelnen dagegen, daß nur der Schizo-
phrene ein „intrapsychisehes ßealitätsäqoivalent" bilde, der Hysterische (vor
allem im Dämmerzustand, aber auch sonst) nicht; ferner gegen die wiederholte
Behauptang, daß phantastische Ersatzprodulcte, also psychische Inhalte, an
Stelle der Realitätsfuiiktion, also an Stelle einer psychischen Funktion
treten können. Diese begriffliche Unscharfe hätte sich leicht vermeiden lassen.
Vor allem vermißt Referent hei einer so komplizierten Untersuchung eine
kurze begrifilichc Analyse der „fonctioa du r<;el", da dieser Ausdruck bei
Jaaet nicht eindeutig ist. Jauet versteht dariuiter zwei ganz verschiedene
„Funktionen'^, nämlich erstens diejenige, die uns das Gefühl gibt, wirklich zu
sein, Kur Wirklichkeit der Welt zu gehören, zweitens diejenige, die bewirkt, daß
unsere psychischen Akte, sobald sie auf die reale Welt „appliziert" werden,
ungestört verlaufen.
Am lehrreichsten und interessantesten erscheinen ßefereuteu die Be-
ziehungen zwischen den schizophrenen Phantasien oder Roalitätsäquivalenton zu
den archaischen Denkprodukteu zu sein. Hier verdanken wir Jnng sehr viel.
Dr. van Ophuijsen sieht eine Schwierigkeit, die Jungsche Lihido-
theorie zu verstehen darin, daß dem Symbol „Mutter" ein neuer Inhalt ge-
geben wii-d. Bisher bedeutete das Streben nach der Mutter den Versuch, eine
infantile Situation wieder herzustellen, es war gleich dem Streben nach Lust.
Demgegenüber könnte, wie Dr. Menseiidieck iu seiner Hein earboit tat, der
„Vater" die Forderung der Anpassung an die Realität repräsentieren, „Vater"
und „Mutter" würden dann die beiden Richtungen des menschliclien Strebens
darstellen. Die Libidoarbeit beseitigt die Schwierigkeit;, die diese Spaltung des
Strebens in zwei gegensätzliche Tendenzen in der Praxis bot. Dagegen lehrt
sie ans den Symbolen des Traumes die Methode der Selbstentwicklung der
Libido heranszulesen, sowie in den RegressionspbäDomenen nicht ein passives
Zurüekgezogenwerden, sondern einen aktiven Anpassungs versuch zu sehen. —
Die Wahl des Muttersymbols erklärt sich daraus, daß jede Neuanpassung eine
Geburt ist, die nur aus einer Mutter stattfinden kann. Bei dieser Neugeburt
müssen frühere, primitivere ßetätigungsformen geopfert werden, um neue besser
angepaßte aufzubauen. Dies sogouanute Opfer erscheint in den Symbolen des
Traumes als Töten der Mutter, als Zerstören, als Grausamkeit usw Es sind
Äußerungen der geahnten Notwendigkeit des Verzichtens. Indem die Symbolik
auf Betätiguiigsformen einer früheren Entwicklungsstufe hinweist, almt der
Mensch, daß er es so nicht mehr machen darf, denn das Symbol stellt das
nach Anpassung strebende primitive Denken dar. Es enthält also nicht das
Verdrängte, vielmehi- hinter dem Verdrängten die noch nicht erkannte Auf-
ga,be. Der Unterschied zwischen Freud und Jung ließe sich daher wohl so
auffassen : Freuds Neurosenlehre basiert darauf, daß die primitivere Dar-
stellung als das Primäre angesehen wird. Jung siebt darin schon eine sekun-
däre Erscheinung, gegen welche sich erst die VerdränguQg kehrt. Wir sehen
daraus die teleologische Funktion der Verdrängung : sie steht im Dienste der
Regression, sie zwingt die Liljido in immer primitivere Formen, damit schließ-
lich die Sublimierung stattfinden kann. Freilich heißt es jetzt noch die Ver-
drängung aufheben, jedoch nicht in der Absicht, die Libido in der primitiven
632 itorreapondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung,
Form anzuwenden, sondern die nötige Regression bewußt und freiwillig vor-
zunelimen, um so den Aiipassungsprozeß zu verkürzen.
Dr. Jung wies in den t)isl;ussionen niehrfacli darauf hin, daß es sich
in der Libidotheorie um eine Weiterbildung der Freud sehen Theorie haadle,
indem zur kausalen Erklärung der Neurosen die finale hinzukomme, dabei
sei jedoch festzuhalten, daß der Introversionstypus mehr final, der hysterische
mehr kausal gefaßt werden müsse. Die finale Betrachtungsweise sei für die
psychoanalytische Praxis sehr wichtig. Denn rein kausal angesehen, scheint es,
als ob der Patient noch in den Regressivphänomenen stecke, und es wird dann
nicht beachtet, welche Bedeutung dieselben jetzt für seinen gegenwärtig en
Zweck haben. Mau müsse also nicht nur fj'agen, woher die Neurose stamme
sondern in dem neurotischen Sjinptom die Regression auf Vergangenes sehen'
weil gegenwartig ein Hindernis im "Wego ist. das der Patient nicht kennt
oder nicht kennen will. Er nimmt daher den infantilen modus vivendi an, um
allerhand Lobsprüche zu ernten und sich mit infantilem Erfolg über das 'Hin-
dernis hinwegzutäuschen. Also steht hinter der Neurose die Frage nach der
nicht erfüllten, selbst gesetzten Pflicht und die psychoanalytische Behandlung
zerfällt demnach in die zwei Teile der Aufdeckung der infantilen Wurzel und
der Aufdeckung der im Menschen selbst gewünschten Ziele.
Sitzung vom 14. Mäi'z.
Dr. med. Franziska Brock mann: Über „den nervösen Charakter''
von Adler.
Ref. beginnt mit einem Hinweis auf die Bedeutung der finalen Be-
trachtungsweise psychologischer Erscheinungen und die praktische Anwend-
barkeit derselben. In den Werken Adlers tritt das finale Moment in den
Vordergrund. Er geht von der Minderwertigkeit der Organe aus und wendet
die hier gewonnenen Gesichtspunkte auf die Psychologie des minderwertigen
Kindes an. Neurose und psydiopathologiseho Erscheinungen gehen hüufig bei
Kindern Hand in Hand mit organischen Uefokten und chronischen Kranklieits-
zuständen. Diese organischen Ursachen schaffen ein unerlrägliches Minder-
wertigkeitsgefühl ; das Bestrehen, ihm nu entgehen, ruft zuerst eine Anzahl
kompensatorischer Erscheinungen auf psychischem Gebiete hervor ; es entsteht
aber fernerhin eine Entfernung von der peinlichen Wirklichkeit mittels Hilfs-
konstruktionen, die dem Zwecke dienen, das herabgesetzte Persönlichkeitsgefühl
zu erhohen ; in diesen Hilfskonstruktionen spielen häufig die Eltern nament-
lich der Vater, als nächstliegende VerkÖr]icrung der Kraft, eine eminente
Kolle. In gleicher Weise entsteht auch der nervöse Charakter ; dabei kommen
dem Patienten häufig Eifahrungen aus der Kindheit zu Gute und veranlassen
Ihn, sich so zu verhalten, als ob er ein Kind wäre. Der Kampf gegen die
Unsicherheit verstärkt eine ganüe Anzahl von Charakterzügen, welche die Neu-
rose konstituieren, wie Ehrgeiz, Stolz, Mißtrauen, Neid, Rechthaberei, Kampf-
lust, Trotz, aber auch Impotenz jeder Art, die dann den Zweck hat, vor
entscheidenden Situationen und einer möglichen Niederlage zu schützen Die
nervösen Charakterzüge sind als Bereitschaften, fUr das bedrohte Persönlich-
keitsgelühl einzutreten, zu verstehen ; die nervösen Erscheinungen lassen sich
immer vom Gesichtspunkte einer fiktiven Leitlinie — der Persönlichkeitsidee
-_- erklären. Fiktionen kommen auch im Lehen jedes Normalen vor, sie sind
ihm sogar unentbehrlich; (Verfasser beruft sich oft auf Vaibingers „Philosophie
des Als ob"), sie dienen aber hier zur Orientierung in der Wirklichkeit und
werden nicht, wie vom Neurotikcr, falsch eingeschätzt und hypostasiert um
der quälenaen Realität zu entrinnen.
Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. (333
Das Denken des Neurotikers ist durch die Keigimg ausgezeieiinet, alles
nacli dein Schema eines Gegensatzes aufzufassen und zu werten. Da die ßolle
des Mannes vorgezogen wird, wird der Gegensatz Mann — Weib mit dem-
jenigenf.stark — schwach und oben — unten identifiziert; dementsprechend
findet man Gruppierungen nach dem Schema : minderwertig — unten — weiblich
einerseits, mächtig — oben — männlich anderseits, und der Sinn der Neurose
kleidet sich in die Form des Gegensatzes: ich bin ein Weib und will ein
Mann sein, ich muß so handeln, als ob ich ein ganzer Mann wäre (männlicher
Protest). Adler bestreitet die Auffassang der Libido als treibender Kraft in
der Neurose. Das Sexuelle in der Neurose ist auch bloß ein Symbol, welches
der leitenden Fiktion untergeordnet ist. Der sexuelle Inhalt in den neurotischen
Phänomenen stammt aus dem ideellen Gegensatz : „männlich — weiblich". Und
die Häufigkeit des Befundes von sexuellen Leitlinien in der Neurose erklärt
sich aus folgenden Gründen: 1. weil sie eine geeignete Ausdrucksform des
„männlichen Protestes" abgeben können ; 2. weil es in der Willkür des Patienten
liegt, sie als real zu empfinden. Verfasser bestreitet auch den Zwang der infantilen
Wünsche, indem sie selbst unter dem Zwange des fiktiven Endziels stehen sollen.
Den Traum faßt Verfasser als Versuch des Yorausdeukens auf, welches
zum Ziele bat zu einer Sicherung zu gelangen und vor gefährlichen Situationen
gewarnt zu sein.
An der Hand von Beispielen erörtert femer Kef. die Anwendung der
Adlerschen Grundgedanken auf Einzelfölle in der Praxis und die Deutung
der verschiedensten Züge des nervösen Charakters in diesem Sinne. Besonders
hervorgehoben wird, daß der Psychotherapeut selbst mit der Entwertungstendenz
des Minderwertigen zu ton haben kann, indem der Patient ihn um die Resul-
tate seiner Behandlung zu bringen bestrebt ist. Ruhiges, objektives Verhalten,
taktische und pädagogische Kunstgriffe sind dann nötig, um dieser oft sehr
schwierigen Situation Herr zu bleiben.
Zum Schluß betont Ref. die Einseitigkeit der Adlerschen Auffassung,
eine Einseitigkeit, die hei jeder neuen Theorie beinahe unvermeidlich ist.
Unbestreitbar ist aber die psychologische Tiefe des Buches, welche beim Ver-
ständnis gewisser Symptome and der psjxboanalytiscben Behandlung große
Dienste leisten kann. Die Adler sehe Auffassung der Neurose und diejenigen
von Freud und Jung schließen sich keinesfalls aus, ergänzen sich vielmehr
gegenseitig, indem in ihnen die beiden Grundmotive der Psj-cho, das Sexuelle
im weiteren Sinne des Wortes einerseits, die Persönlichkeitsidee anderseits
zum Ausgangspunkte genommen werden. Die Andeutung dieser zwei Motive
finden wir übrigens in den letzten Arheiteu von Freud und Jung Lichtriebe
und Sexualtrieb", „Lust-Ich und Real-Ich", „Lust- und Kealitätsprinzip" von
Freud, „Wirklichkeitsfunktion" von Jung berühren dieselben Probleme)
Ein prinzipieller Widerspruch im logischen Sinne besteht zwischen beiden
Autfassungen nicht, so daß man keinesfalls vor die Frage „entweder —oder'
gestellt wird. Antoreferat.
Sitzungen vom 2. Mai und 13. Juni.
Im Anschluß an das Referat von Dr, Franziska Erockmaun am
14. März und die Arbeiten von Adler im Zentralblatt, J, S. 214 ff. und 400if.,
nimmt Dr. Jung Stellung zu Adlers Hypothesen : Man kann organische Minder-
wertigkeit oicbt als Ausgangspunkt für die Beurteilung des Neurotikers nehmen,
um daraus die „fiktiven Leitlinien", die er sich konstruiert hat, herzuleiten.
Denn diese finden sich auch bei den sogenannten Normalen. Sie bilden also
nicht ein unterscheidendes Merkmal. Das für den Neurotiker Charakteristische
634 Korrespondenablatt der Intern atioaalon Fsjchoanalytiaclieii Vereinigung.
bestellt darin, daß bei ihm normale Vorgänge in Bisproportion sind, daß er an
der fiktiven Leitlinie haften bleibt. Die infantile Konstellation ist nicht ein
„Arrangement" zur Überwindung der Minderwertigkeit, sondern ein normaler
Zustand, der erst anormal, indem er beibehalten wird. — Adlers Terminologie
ist irreführend, weil sie in neurotisehen Symbolismen stecken bleibt, „Weiblich"
,.iiQlen'' usw. können nur symbolisciie Geltung haben, und dann bedeuten sie'
der Patient benehme sich, als ob er unten wäre, d. h. seine archaische und
infantile Libido läßt ihn nicht zur Entwicklung kommen ; die daraus resul-
tierende Angst ist nicht konstruiert, sondern sagt ihm, daß er auf diese Weise
biologisch unten bleiben werde. — Adlers Darstellung ist unvollständig. Er
schildert mcht den nervösen Charakter, sondern nur einen bestimmten Typus,
den von W. James als .londer minded" bezeichneten, die Introversionsneurose'
— Im übrigen ist anzuerkennen, daß Adler, durch seinen individuellen An-
passungsmodns veranlaßt, in der einseitigen Betonung des Finalen die not-
wendige Ergänzung zu F r e u d s kausaler Erklärung der Neurosen gegeben hat.
Sitzung vom 16. Mai.
Dr. phU. Mensendieck: Die Gral-Parzivalsage.
Das Referat bebaudolte folgende Hauptpunkte ;
1. Der Gral-Parzivalmythos enthält uraltes Menscheugut. Die Motive
entsprechen in der frühesten, uns bekannten Form dem Wunschziel der Ur-
triehe der primitiven Vulker, und zwar so, daß schon hier der Wunsch nach
Erfüllung und Erlösung des Schüpfertriebes zu erkennen ist.
2. Gral und Parzival sind ursprünglich in der Darstellung des Mythos
nicht vereinigt. Beide haben ilire separate Entwicklungsgeschichte
Die Entwicklung der Gralsage aus Motiven der christlichen Legende und
des keltischen Märchens, wobei das märchenhafte AVunschgefäß zum Spender
geistiger Güter wird, '^
Die Entwicklung des Parzivalroraans ans mannigfaltigen, bei den Kelten
zusammengesetzten Motiven.
3. Vereinigung von Gral- und Parzivalmotiv im Parzivalroman des XIII
Jahrhunderts, wobei das Motiv des Suchens nach dem Gral und die daraus resul-
tierende Willensent Wicklung bedeutsamer wird als die unwillkürlich gespendeten
Gaben des Grals. Aber sinnliches und sittliches Wünschen und Streben geht
noch nebeneinander her, materieller Genuß und Mitleidsfiage.
4. Wagners Parzival. In Wagners eigener Entwicklung sind Gra!- und
Parzivalmotiv ursprünglich ebenfalls getrennt. Erst in der Vereinigung beider
m seinem letzten Werk, einem Lebenswerk, bekommt der Gral seine nr-
sprüngUche Bedeutung, Richtungsziel der einheitlichen, schaffenden Kraft zu
sein, wieder, Die beiden Tendenzen der Psyche, die nach sinnlicher und sitt-
licher Erlösung, gehen ans einer und derselben Tendenz hervor, sind eine und
dieselbe Tendenz.
Es folgte eine eingehende Analyse des Parsival von Wagner, woraus
als Grundgedanke hervorging: als Tiefstes liegt in jedem Menschen das
.Sehnen, Sehnen." Das treibt Kl ingsor zur Kastration, das bringt Amfortas
die unschheflbare Wunde, das ist Kundrys „Fluch" und wird ihr , Sogen",
als Parzival nach Erleben der ganzen Entwicklung seines „Sehnens" nicht
nur ihrem Willen „trotzt", sondern hinter der Liebe als nur sinnlichem Begehren
die ganze Sehnsucht des Kundry fühlt nach Vereinigung in jedem, daher
auch im höchsten Sinne, wodurch er nun selbst Kum Erlöser wurde.
Autoreferat.
■fci,._~
Korrespondo..blatt der IntBmationd.a PsyolLoanalytUchea Verebigung. 635
Sitzung vom 30. Mai.
1. Jos. B. Lang. Zur Widerst andsbestimmung.
^■*. ,^f ^l^"!**. ™ Quotienten des wahrscheinlichen und arithmetischen
Mittels der Reaktionszeiten beim Assoziationsversndi einen praktisch brauch-
baren Indikator der Größe des Widerstandes der Versachsperson zum Ex-
perimentator gefunden zu haben. (Die Mitteilung erscheint im Jahrbuch.)
2. Dr. Eiklin: Zur psychoanalytischen Auffassung des
Sadismus. '^
Der Vortrag benutzt die sieh ans einer funktionalen und finalen Be-
. trachtungsweise ergebenden Erk-enutnisse zur Darstellung der RoUe welche
sadistisch-masochistische Tendenzen und Symbole im Dienste der geistiEreo
Entwicklung des Individuums und in der Kulturen t wickln ng spielen, indem sie
den Zustand eines ungelösten Problems und die Tendenz zur DurchdrinKuiiff
emes Widerstandes zur Darstellung bringen. Es wird an der Hand des Materials
einer Publikation („Betrachtungen zur christlichen Passionsgeschichte", Zürich
Zeitschnft „Wissen und Leben^ April i913j und an der Hand der Analyse von
Schaffners Novelle D.e Hündin" (Ans dem Band: „Die goldene Frat.eM
die Entwicklung des Opferprobletns in der Geschichte der Kultur und beim
modernen Menschen veranschaulicht. (Vergl. das im nächsten Kongreßbericht
erscheinende Autoreferat über diese Materie.)
Adressenänderung: Dr. Ewald Jung, WaUgasse 2, Bern.
Iscbaft für psychoanalytische Bestrebungen"
Oktober 1912 folgendes Programm erledigt:
H. Oczeret: Über die Berechtigung, Kunstwerke psycho-
analj^tisch zu betrachten.
E.Sumpf; Diskussion über den Opferbegriff, anschließend
an die LektUre einer Novelle von Jakobsen (Die Pest
in Bergamo).
H. Oczeret: Ursprung und Inhalt des Dramas.
Fortsetzung.
Dr. Jung: Die unbewußte Psychologie der Neger
Frl. Erismanu: Der russische Dichter Lermontoff
A. Wolff: Libidosymbolik in Grillparzers Goldenem Vließ
Dr. U 1 k 1 1 n : Kasuistische Erläuterungen zur Libidosymbolik
Fortsetzung.
Dr. Riklin: Passion and Opfersymbolik
H Oczeret: Die Umformung des OpferbegrifFs im Ablauf
der Geschichte.
A. Wolff: Über Wagners Parzival.
E. Sumpf: Bruchstücke ans Friedrich Hucba Werken
Diskussion eingegangener kasuistischer Fragen.
Pfr. Dr. 0. Pfister: Bewußte und unbewußte Moüvieruue
m Kunstwerken.
Dr. U. Schmid (Basel): Das Hamletproblem.
Die „Gesel
in Zürich bat seit
18. Oktober:
1. November:
15. November :
29. November :
13. Dezember ;
24. Jänner 1913
7. Februar:
21. Februar:
7. März:
28. März:
18. April:
9. Mai:
23. Mai :
20. Juni :
4. Juli:
18. Juli:
Au der Pfingstversammlung des Vereines schweizischer Irren-
ärzte, Mai 1913, in Pirminsberg, figurierte im Programm als psychoanalytisches
TJiema: Dr. Rikliu: Zur psychoanalytischen Auffassung des Sadismus
636 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung.
Für die näeliste dreijährige Amtsdauer wurde als Präsident Dr. Riklin,
Küsnacht-Ziirich, gewühlt. In dieser Wahl lag ein Zutrauensvotum für die
Sache der Psychoanalyse.
In dem soeben zu Ende gegangenen Internationalen Ärüte-Kongreß in
London war in der psychiatrischen Sektion die Psychoanalyse das Haupt-
diskussionsthema. Als' Referenten waren bestellt Prof. Ur. Pierre Janet von
Paris, die größte französische Autorität im Gebiete der Psychopathologie, und
Dr C. G. Jung von Zürich. Janet's Referat verhielt sich durchaus ablehnend
gegenüber der psychoanalytischen Methode. In der den Referaten folgenden
Diskussion zeigten Prof. Jones (Toronto) und Dr. K d e r (London) an Hand von
Beispielen, daß das Referat von Janet zum guten Teil aufgebaut war auf ganz
ungenügenden Referaten der deutschen Origiiialarbeiten in englischen und
französischen Journalen. Eine lauge Reihe von Mißverständnissen und Ent-
stellungen in Janet's Referat waren auf diese ganz, ungenügende Information
und auf vorgefaßtes Urteil zurückzuführen. Die Debatte war stark besucht
und ergab von Seiten der Gegner keinerlei haltbare Einwäinio gegen die
psychoanalytische Methode. Das Schlußwort des Präsidenten der psychiatrischen
Sektion Sir George Sa vage, des greisen Seniors der englischen Psychiatrie,
anerkannte die ■Wissenschaftlichkoit der psychoanalytischen Methode und unter-
strich besonders den Mangel an wissenschaftlichen Gegongründcn bei der
OpposiÜon. Dieser vollständige Sieg der neuen Methode verdient darum
besonders hervorgehoben zu werden, weil ihre Wissenschaftlichkeit nicht nur
von ärztlicher Seite, sondern auch von wenig kompetenten Laien in der
Tagespresse bestritten wurde,
Dr. Jung betonte in der Diskussion ganz besonders die von den Gegnern
meistens ignorierte Tatsache, daß die psychoanalytische Methode und die
Sexualtheorie der nervösen Krankheiten, die von Freud aufgestellt wurde,
zwei verschiedene Dinge sind, die man nicht niitoinander verwechseln darf.
Am 5. August hielt Dr. Jung eine Vorlesung über Psychoanalyse, speziell
über praktische Fragen derselben, vor der Psy cho-Medical Society
in London.
fflERMTIOMLE ZEITSCHRIFT
FÜR
ÄRZTLICHE PSYCHOANALYSE
OFFIZIELLES ORGAN
DER
INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG
HEEADSGEGEBEN VON
PROF. DR. SIGM. FREUD ^
REDIGIERT VON
DR. S, FERENCZI DR, OTTO RANK ,
BUDAPEST WIEN
PROF. DR. ERNEST JONES
LONDON
ÜNTEB STÄNDIGEE MITWIRKUNG VON:
Db. KARL ABRAHAM, BERLIN. — Dr. LUDWIG BlNSWANGER, KrEUZLIKGEN. —
Dr. Poul BJERRE, Stockholm. — Dr. A. A. Ekill, New- York. — Db. Trigant
BUREOW, Baltimore. — Db. M. D. Eder, Lohdom. — Db. J. VAN Emden, Haac. —
Dr.M.EiTINGON,BeRL1K. — Db. PAUL FEDERN, Wien. — Dk. EDUARD HITSCHMANN,
Wirk. — Dr. L.JEKELS, Wien. _ Dr. KRIedr. S.Krauss, Wien. — Dr. ALPHONse
MAEDER, ZÜRICH. -Da. 1. MARCINOWSKI.SlELBECK. - PhOF. MORICHÄU-BEAUCHANT,
FOITIERS.'— Db. OSKAR PFISTER, ZÜRICH. — PbOF. JAMES J. PUTNAM, BoSTON. —
Db R REITLer. Wien. — Db.franz Riklin, Zürich. — Db. Hanns Sachs, Wien. —
Dß! J.'sADGER, WiEM. — Db. L. Seif, Mühchen. - Dk. A.StäRCke,Hcister-Heide. -
Dr. A. Stegmann, Dbesdeh. — Dr. M. WULFF, Odessa.
I. JAHEGAUG, 1913
1913
HUGO HELLER & GIE.
LEIPZIG UND WIEN, 1. BAUERNMARKT 3
'.*•
K. u. K. HofbuohdruekerBi Karl Piochaaka in Tanoh.n.
.4
i
Inhaltsverzeichnis.
Originalarbeiten.
Abraham Karl: Emigo Bemerkungen über di« RoUe der Großeltern in
der Psychologie der Nenrosen . . „„.
Eurrow Trigant: Die psycholog. Analyse der sog. Ne'uraathlnL und 'ver- ^^
wandter Zustände
EderM D.: Das Stottern eine Psyciionenrose ' und seine Behandlung
dtirch die Psychoanalyse -j-
Federn Paul: Beitrage zur Analyse des' Sadismus ' und Masochis'mus.'
i- üie Quellen des männlichen Sadismus 28
Ferenczi S.: Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes . 124
Zum Thema „Großvaterkomplex" '228
Ein kleiner Hahnemann t,.(,
Zur Ontogenese der Symbole [ ^
Freud Sigm.i Weitere Ratschläge zur Technik der Psychöannlyse. 'l."znr"
Einleitung der Behandlung ,
---Zur Einleitung der Behandlung. - Die " Frage' der" ersten Mit-
teilungen. - Die Dynamik der HBilung . I39
Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten in der Psycho-
^iialyse ^^^
— — Die Disposition znr Zwangsneurose ' ' 535
Jekels Ludwig; Einige Bemerkungen zur Tri ebl ehre . ' 439
Jones Ernestr Die Beziehung zwischen Angstnenrose und Angsthysterie ." U
D,e Bedeutung des Großvaters für das Schickaal des Einzelnen . . 219
Der Gottmensch-Komples gio
Haß and Analerotik in der Zwangsneurose ... 435
Marcinowski J.: Die moralischen Wertschätz ungs urteile' Ils Hindernis'
m der psychischen Behandlung 3^.
Prince Morton: Die Psychopathologie eines Falles von Phobie 533
PutnamJ. J.: Bemerkungen über einen KrankheitsfaU mit Griselda-
Ihautasien
Bank Otto: „Die Matrone von Ephesus". Ein Deatungsv'ersuch der Fabel'
von der treulosen Witwe
^ Sadger J,: Über Gesäßerotik „.
Seif L, : Zur Psychopathologie der Angst jg
Tausk Viktor: Entwertung des Verdrängungsmoti vs durch Kecompense ' 230
Zur Psychologie der Kinderaexualität 444
Beiträge :
I, AuB dem infantilen Seelenleben.
Abraham Karl: Psychische Nachwirkungen der Beobachtung des elter-
lichen Geschlechtsverkehrs bei einem gjährigen Kinde . . . t . . Sfii
jy Inhalts verz ei chniB,
Seite
Ferenczi S.: Infantile Voratelliiiigen über das weibliche Genitn.lorgan , , 381
Kindliche Vorstellungen von der Verdauung 381
Ursache der Verschlossenheit hei einem Kinde 382
Frend Sigm.: Zwei Kinderlügen , 359
Friedjnng S. K.: Traum eines sechsjährigen Mädchens 71
Über verschiedene Quellen kindlicher Schamhaftigkeit 362
V. Hng-Hellmuth H.: Ein weibliches Gegenstück 371
— — Kinder vergehen und -nnarten 372
Jekels L.: Narzißmus bei einem kleinen Kinde 375
Analerotik 376
Jones Ernest: Die Bedeutung der frühesten Eindrücke fär die Erzeugung
von Vorliebe und Abneigung . , 563
— — Gonerations- Umkehrungsphantasie 562
Lorenz Emil: Aus einem Schülerhoft 70
Oberholzer Emil: Ein Kindererlebnis 69
Rank Otto: Ein Beitrag zur infantilen Sexualität 366
Steg mann Marg. ; Identifizierung mit dem Vater 561
II. Erfahrungen und Beispiele aus der auaJytiacIien Frazie 377
(Einzelnes siehe unter den speziellen Rubriken.)
in. KliniHche Beiträge.
Abraham Karl: Eine Deckerinneruug, betreffend ein Kindheitserlebnia von
scheinbar iitiologischer Bedeutung ^47
Zur Psychogencse der Straßenangst im Kindesalter 25G
Ferenczi S.; Ein passaguros Symptom. Position während der Kur . , . 378
Zwanghaftes Etymologisieren 378
— — Paräatkesion der Genitalgogend bei Impotenz . ■ 379
Freud Sigm.: Verschämte Füße (Schuhe) 380
— — Selbstkritik der Nenrotiker 381
^ Friedland Julius: Heilung eines hysterischen Symptoms mittels Selbat-
analyae 254
Hitschmann Eduard: Gesteigertes Triebleben und Zwangsneurose bei
einem Kinde 61
Paranoia, Homosexualität und Analerotik 251
Wulff H. : Ein interessanter Zusammenhang von Traum, Symbolhandlung
und Kranklieitssymptom 559
IV. Zar Fsychopathologie des Alltagslebens:
Deutsch Adolf: Symptom handlangen auf der Bahne ......... 269
Hitsohmann Ed.: Ein wiederholter Fall von Verschreiben bei der Re-
zeptierung 26&
— — Zwei Falle von Namen vergessen 266
Jekels L.: Ein Fall von Versprechen 858
— — Eine Symptomhandlung 260
U. Vf, : Ein Pechtag 264
Rank Otto: Ein Fall von Verlieren 262
— — Zwei witzige Beispiele von Versprechen 267
Weiß Karl: Strindberg über Fehlleistungen 268
V. Zur Symbolik:
Bleuler E. : Natürliche Symbolik und Kosmogonie 556
Dattner B.i Gold und Kot ' 495
Ferenczi S.: Zar Augensymbolik 161
Inhalts verzeichnia. V
Sbüb
Fereaczi S.: Symbolik der Bettwäsche 378
— — Der Drachenflieger als ErektionsBymbol 379
Frend Sigm.; Der Mantel als Symbol 379
Hitschmann Ed.: Goethe als Valersymbol 569
Eeitler Rudolf: Zar Augensymbolik 159
Zar Genital- und Sekret- Symbolik 492
— • ^ Zur Wind- und Pistolenaymbolik 494
Tl. Zur Tranmdentnag :
Eder M, D.; Angentränme 157
Federn Paul: Ein Fall von Favor nocturnus mit sabjektiven Licht-
erschelnangen 556
Freud Sigm.; Ein Tranm als Beweismittel 73
Märchenstoffe in Träumen 147
Traum ohne kennthchen Anlaß 377
— — Tageszeiten im Traaminhalt 377
— — Darstellung von Lebenszeiten im Traume 378
Position beim Erwachen ans einem Traum - . . 378
— — Zwei Zimmer und eines 379
Elicksicht auf Darstellbarkeit 38a
Träume von Toten 383
— — Fragmentarische Träume 382
— — Auftreten der Krankheitssymptome im Traume 382
Gincbnrg Mira: Mitteilnng eines Kindheitstraumes 79
V. Hug-Hellmuth H. : Kinderträume 470
Hitschmann Ed.: Weitere Mitteilung von Kindheitsträumen mit spe-
zieller Bedeutung 476
L. ; Ein Großvatertraum . . ; 475
Lauer Ch.: Das Wesen des Traumes in der Beurteilung der talmudischen
und rabbinischen Literatur 459
Raalte Frits van: Kinderträume und Pavor nocturnus . . . ■ . - . . . 478
Rank Otto: Eine noch nicht beschriebene Form des Ödipustrauraes . . 151
Sachs Hans: Ein Traum Bismarcks 80
Traumdar Stellungen analer Weckreize i89
Spielreim S.: Traum vom „Pater Freudenreich" 484
Steg mann Marg,: Ein Yeiiertraum 486
— — Darstellung epileptischer ÄnKlle im Traume 560
Taosk Victor: Darstellung der Lage des Träumers im Traum 378
TU. Terachiedenes.
Binswanger L,: Bemerkiingeu zu der Arbeit Jaspers': Kausale und
verständliche Znsammenhänge awischen Schicksal und Psychose bei der
Dementia praecox (Schizophrenie) . 383
Ferenczi S. : Der Flatus, ein Vorrecht der Erwachsenen 380
Jekels L.: Ein gehaltvoller Wita 570
Bank Otto: Die Rolle des Familienromans in der Psychologie des Atten-
taters 565
Sadger J.: Freudsche Mechanismen bei Hebbel 165
Kritiken und Referate.
Aptekmann Esther: Exporimentella Beiträge zur Psychologie des
psyohogalvanischen Phänomens (J. B. Lang) 576
InlialtsverzeiclmJB.
B-e«k E.: Prostata und Psjche (E. Hit.chmanni ■' ■' ^S
autiatiscJie Denken (R.Roitlor) . ,„*
;:»:r;:;Sr:;Jä:;:i-;:i2"«"-i^::::r
Fsicliological Mechnniamus of Paranoia ^
A few Remarks on the Teol.niqiie of Psycl.oanalysis im
Tho oiily or favorite Child in adult Life *^
- - Analerotism and Cbaracter (sän,tl. S. Fe'rc'ncz'i) JS?
685
- - Ä Caae of double Personality (E. Jo«.s) J^!
Hasamann O.undZingerl« " "
275
500
FolgeersdieirinngsexaelleVTofXbJ-"'^",''^'' P'^''^'"«''^'^" Impotenz «Is
(E. Hitsclfmann) ' Neuraathoni. in reiferem Alter
Jone. Erneut: PaperaonPs;ei;o:A.aiys^^^ ■ 509
Der Alptraum (P. Federn) ' ^^
K°r! "h °« """"'»»S" "■> S»-t»le dei Libido (a i-er«;;),- ' ' •,of
281
Inhaltaverzeichnis. ___
LUemann: Ein seltener Fall von Pot.nzstöra„g(M.SUginan„) ] ] \äG
Lowenfeld L.: Bewoßtsem und psychisches Geschehen (V Tausk) ■ 274
Lomer Georg: Igaatins von Loyola (J. Sadger) ' goa
Maeder A.: Sar lemouvementpsychanalytiqae (S. Ferencz'i) 04
Maronowski J.: Der Mut zu sich selbst (E. Hitschma,nn) . " .' .* '. mt
act8exuelavantlapnberte[H. Sachs)
Sterilisation aus sozialer Indikaüon
\ — — -"^"'"ujij
Nagy L.: Psychologie des kindlichen Interesses (Hus-Hellmn + M
Nelken J.: Änalyt. Beobachtungen tih.. P.....}.?.:^...^^;^'?.''^^^ " " '
Monchau-BeauchantR,: L'instinctsexuelavautla pnberte (H Sachsl 17fi
^M.' SttgTarnr '""^" ^" '*""^"" ^^O^JH^ '''
' .611
^rcto; ^;^^"^^'^'_«^^';-^tungen über PLant^i;^«!;;; sZ^pl^nen '''
' süg-rn'-^ °"""''^' ^-*^^^™^-g 'ode; Sterü-sler-onV CM.' ""
5JJ
Pfe"ni!re?w^"n'r"°f "' '" Erwachsenen (E. HiuJhm'a^n; .' .'586
i-fenninger W.: Untersuchungen überdie Konstanz und den Wachse der
Psycholog, Konstellation bei Nodalen und Frühden^enten (J B lIII 674
Prescott F C: Poctry and Drean^s (Author's Abstract) . 183
i;LVf "er ^r"""' "' ''"^ ^ '^*^™'^^^ ^^ ------
öeicings [h. cerenczi) . ,
^(a^rnkr" '" °" ^'-d's Psy;h;.Änalyti; Me'thod aad i^ Ev'oktion ^^'
- -- Comments on Sex Issues from the Frendian Standpoi.it (h! Sachs) 179
Hank 0.: Die Symbolschichtnnc Im nr^nV*,. j .-l... -.^
Symbolschichtong im Wecktraum und ihre Wiederkehr
im
mythischen Denken (E. Hitschmann) 00
Rentgerhem A. W van. Freud en zijn Seh«;! '(K. Ibr^hami - .' .' '274
Senf M R W^T ^ »^^ Ze.gung unter Blutsverwandten (0. Bank) . 280
Senf M. R.: Narzißmus (M. Stegmann) 277
Silberer Herbert: SpermatozoenträumeCE. Hitschmann) «9
^frl" A° ^■;^'« D^^'^tion als Ursache des Werdens (Paul^Federn) 89
Stärke August: Die Psychoanalyse vom theoretischen Standpunkt (van
Uphaiysen).. ^
■^ ' ' i'jig
Stern William: Die Anwendung der Psychoanalyse auf Kindheit 'und
Jugend (H. Blüher)
„ , > • ■ ööl
Tannenbaum S. Ä.: Some Objeotions to Psycho analysis considered
(U. Kank)
Tobias Ernst: PhysikaUsche Therapie der sexuellen Impo'teLz'fM 'ste'e- ^^^
mann) \ ■ 6
Traugott Richard: Der Tranm (0. Rank) qiü
Warrington W. B.: Review of Freud 's Views on abnormll "psychdoV
(M. D. Eder) . . igg
Wegoner: Serodiagnostik nach Abderhalden in der Psychiatrie (M Steg-
«laon) ■ ^
Wulffen E.: Das Kind (J. K. Friedjung) ' " " 508
Yöung G. A.: Report of a Gase of Verauchungsangst (E. Jones) . . . I8ß
„-_. InhaltBverzeiclmis,
S«tla
Aus Vereinen und Versammlungen.
Bericht über die lU. Jabressitzung des Internationalen Voreics für medi-
.iniscUe P.ycLologie und Psychotherapie am 8. und 9. September 1912 ^^_
Vom 1l"polilisIhen' Keilroloäe«- u.d'l'sjchiater-Kongreß in Kr.k.u (^0. bis
23. Dezember 1912). Von Dr. J. Jokels ■ ■ ■ ■ ■ • ■ ■ • ■
Meetins at the „Psyc.ho-Medical Society", London on Jan. 30, UU. Von ^^^
Dr. M. D. Eder ,' ' v j \ 404
Psycho-Medical Society, London (Prof. Jones Dr. Eder} . ... _ ■ ■ ■
Third Meeting of the „American Paychopatholog.cal Association", Boston, ^^^
May 29, 1812 (Dr. T. Burrow) •_ ■ ; ■ ' " ' '. ' .:
OpenLg beremonies of the Phipps Psychiatric Chnic, Baltnnore, Apnl ^^
17, 1913 (Prof. E. Jones) ,',','"
Jahrl^sversacmlang do« Dentnchen Vereines für Psychiatrie zu Breslau ^^
Mai 1913 {Dr. M. Eitingon) , ' ' ' d' i ,^J
Leitsätze zum Refer.t über die Bedeutung d<.r Psychoanalyse am Breslauer
Kongreß 19ia von Prof. E. Bleuler und Prof. A. H"''^« " ' " ■ ; '
Vierte Jahresversamminng der American Psychopatl.olog.cal Association ^^^
iTrof. E. Jones) , , * ' h<i9
Internat. Kongreß für Medizin. London. August 1913 (Prof, Jones) • ■ ■ ?^-
Dr M D Eder: Prosent position of Psychoanalyais (Autoref.) . ... - ■ J»'
IL 'Jahresversammlung des Internat. Vereins f. med. I'sychol. und Psycho-
therapio am 19. und 20. September 1913 in Wien ^^^
Sprechsaal i -qq
Psychoanalyse oder Psychanalyse? Von Dr. R. Sachs ■ • • •
Sollen wir die Patienten ihre Träume aufschreiben lassen? Von Ur. Jian ^^^
Abraham ' '
Eine Bemerkung zur Tauakschen Kritik der Nelkenschen Arbeit von Doz. ^^^
C. G. Jung 2gg
Der Vogel von Dr. F. ö. Krauß .■.■■*■; :. ' ■!
Übersetzungsvorschläge der gebräuchlichsten psa. Termm. von Prof. trnst ^^^
Jones und Dr. Alphonse Maeder .,.-.■
Vajia: „, .q^ on7 41c 602
Zur psychoanalytischen Bewegung l^^> ^'"' ''"'' '
Aus Dichtem (Barbey d'AureviUe, K. Ph. Moritz, Karl Immermann) ... 1^
Zum Familienkomplex (Inzest) ,^q
Homoaexualität nnd Paranoia ^^^
Spradüicher Rest eines magischen Brauches
Ans Benvenuto Cellinis Selbatbiographie
D'Aonunzio Über den Kuß .-„
Sexnalsymbolik in Bildern „
Sexualsymbolik in der Lyrik „ " " " ' i -1 J „*
Ed. v. Hartmanns Gesetz der von uubewuUten Zielvorstellungeu geleiteten ^^
Assoziationen . . ■ gOg
Goethe über Verdrängung und Abreagieren ■ " ' g^^
Multatnh über Hysterie .' ' ■\' ' \ ' am
Der Kirchenvater Hyppolytos über die Folgen des Coitus mterruptn. 609
Bibliographie: 1^5, 200, 29 , 419, 520, 610
Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen ^^^
Vereinigung '
Inhalt des VI. Heftes.
&25
Originalarbeiten.
m Dr M D Eder (London): Das Stottern ema PaychonenrOBe ..... 547
Mitteilungen. . ^=^
1 Prof E. Bleuler (ZuricTi): Natörlicbo Symbolik niid Eo^mogome : . 556
a nr Paul Federn (Wien): Ein FaU von pavor nocturnua ■ ■ - • • "»»^
3 Dr MWolH (Odessa): Ein interessanter Zuaatamenliang von Tranm, ^^^-
Symbolhandlting und Ejonkheitssi-mptom . . • _■ ■ ■ - • : •,: •■'
4.Dr.M.Steginann (Dresden): Darstellung epileptischer AnfiiUe im ^^^
5 Dr^Tsteemann (Dreiden): Identifizieräng mit dem Vater ■. . .,561
6 ?rkEruesf Jone. (London): G«-^at'r-^^t'r"f ^Ärü^k; 563
7 Prof. Emeat Jones (tondon): Di« B^d^^^nng der frühesten EiMr^^^^^ 5bd
«.Siegfried Bernfeld (Wien): Zur nnbowoÖtsn Determination des ^^
9.SÄankVien)': D^r ' ianiieWoman" ' i^ d^ ■p;y.;iiölo'sie de« ^^^
10.ÄSHit8chVa;n"6vicn):'GUhe;isWat;r;r;ibol" '■'•'■■ ^^^
ll.L. Jekels, Ein gehaltvollot "Witz
Kritiken und Referate.
Prof. E. Bleuler: Eine iatellektnolle Komponente des Vaterkomplexes ^^^
W^p'fe^nnÄglr? UnteV^ichnngen ül>;r-Konsi;n. ■u;d- We« ker ^^^
EsSlfA^Sfra^nTSt-ur-r^y^ölo^
Phänomens (J. B.Lang) 578
L'encöphale (Dr. Th.Ee!k) , ■■•■■,-••,• * " r Vindheit und
WilUam Stern; Die Anwendung der Psychoanalysp auf Kindheit una ^^^
Jugend (Dr. Biaiier). ■.■-.•■■ ^ V'if'^ ,J \ ! 585
Dr. David FoTsytli: Psyclioanalysis (V''- ^^r ^- .? Ii "Tr'.lnv^ 586
Captain O.Berkely-HiU: Über Analeroük (Dr M.Ö.Eder) . - , - .g^
Georg Peritz: SpasmoplüHo Dr. mtsehmann) . ,;, ; ' q'töffVannl 58S
Dr. LiÖmann: Seltener FaU von Poteuaetürcng (Dr. ^^^gjj^^^mann)
Dt Emst Tobias: Physikalische Therapie der sexuellen Impotena ^ur.
587
LadislausHagy: Psychologie des kindlichen Interesses (Ur. . _ ^^
Hellmuth)
Aus Vereinen und Versammlungen.
Internationaler Kongreß für Medizin. London, August 1913 (P^°^- J«^«=) g^f
DrM D Eder:Present Position of i'sychdaaalysis Autoie£erat)_._. . &«'
ILJt^resvelmmlung del internationalen Ver^mes für Tnedi.imHche
Psychologie und Psychotherapie am 19. und 20. September 1913 m ^^^
Wien . ,
Zur psydioanalytischen Bewegung 603
^^^^* Gesetz der von unbewußten Zielvorstellungen ^geleiteten Assoziationen 605
Goethe über Verdrängung und Abreagieren ^^
KL^i^irSoiytos'über ie' Folgen des Coitus -inWptos- '. 609
..... 610
Bibliographie
Korreapondenzblatt der laternationalen Psyctpanalytischen^^^
Vereinigung . ' '
1
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INSERATE
lllllllllSEBIillllllllllll
BUCHHANDLUNG HUGO HELLER & Cie.
WIEN, I. Bauernmarkt 3
Demnächst erscheint:
TOTEM UND TABU
Einige Obere in Stimmungen im Seelenleben
der Wilden und der Neurofiken
Von Prof. Dr. Sigm. Freud,
(Sonderabdruck aus »IMAQO«, Bd. I und H, 1912-13. Zeitschriff für An-
wendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften, redigiert von
Dr. Otto Rank und Dr. Hanns Sachs.)
VERLAG VON HUGO HELLER & de. IN WIEN.
IMAGO
ZEITSCHRIFT FÜR ANWENDUNG DER PSYCHO-
ANALYSE AUF DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN
Herausgegeben von Professor S. Freud.
Schriflleitung: Dr. Otto Rank, Dr. Hanns Sachs.
'^*'c™o.^"''!j!''-^" ':«>f«"'lc'; Iljalirganffes enthült noben'den ständigen Rubriken „KINDER-
SEELE" rcdigjerl von Dr.fi. v. Hag-Tiellmatli. uud „BÜCHER" folBendc Originülarijeiten :
Prof. S. I-reud: Über einige ObereinsHmmungeit im Seelenleben der WJden und der Neurotiber.
ili. Animismüs, Magie und Allmacht 4ei- Gedanken,
■r -r Das AloUv der Kästchenwah).
Dr.S.fermni: Aus der „Psychologie" von Hermann Lotze.
sJT.muani hitsüimana: Scliopenhauer. Versuch einer Annlyse des Philoaoplien.
n n» d!^-t^-\^ TJtanenmotiv In der allgemeinen Mythologie. Diirsfellimg und Analyse.
ßr.O«ff/imit. Die Nacktheit In Sage und Dichtung. 1.
nr S^'^c^l y"',"c*',l'J'?'"'^ "*=■■ Ocd«"l«en" bä Artur Schnitzler.
Dr. Hanns Sach-i: Karl Spitteler.
T: Tr.^''^ Motlvgcsloltiing bei Schnittler.
Dr.J.SadBer: Ober das Unbewußte und die TrSume bei Hebbel.
Ur. Alfyedfth. y. WintersMn: Payc ho analytische Anmerkungen zur Geschichte der PhlloBophle.
jährlich 6 Hefte Im Umfange von etwa 36 Bogen lum Preise von M 15.— = K 18.—.
Aück ist em gemeinsames Abonnement auf „Imago" und die „Internationale Zeitschrift HJr
arztliche Psychoanalyse" zum ermäßigten Oeaamüahresprsfs von M 30.— = K 36-— eröffnet.
Dr. MARCINOWSKI,
Sanatorium Haus Sielbeck a. Uklei bei Eutin (Ost-HoUtein)
Klinisch-analytische Behandlung der
Psychoneurosen.
E. u. K. Qofbaehdrocksni Eul RKiobAak& In Twdieo.