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Full text of "Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse VIII. Band 1922 Heft 4"

Ori^inalarbeiten. 

Perversion und Neurose. 

Von Dr. Otts Rank.' 



Wie Kreud uns in seiner Analyso der t^hantasie „Ein Kinil 
wird goscblagen"'- gezeigt hat, entspricht diese typische Schlage- 
vorstellung einer infantilen Libidositiiation, die in einer bestimmten 
Phase der Ödipuseinslellung und Ihrer Verdrängung manirestiert 
war. Das Kind sucht in seinem Libidohunger zunächst seine um 
die Liebe der Eltern mit konkurrierenden Geschwister durch die 
Phantasie Vorstellung ihres üesch lagen werdens, d. h. wohl Krschlagen- 
werdens, von seiton des geliebten HUterntoiis auszuschalten. Bald 
aber wendet es diese Regung, deren libidinöse Wm-zehi 
unbewußt bleiben und die darum al.^ grausam-egoistisch im 
Sinne des Ichideals vom Bewußtsein verpönt wird, mit Hilfe 
des Schuldbewußtseins als Strafe gegen die eigene Person, die 
nunmehr auf diese Weise zum Objekt der Schlagepliantasie 
geworden ist Dieses zweite Stadium wird dann schließlich tertiär 
— aus der sogenannten „sadistischen" Auffassung des Geschlechts- 
akt*« libidinisit'rt und auf diese Weise gegen die vom Ich 
ausgehende l'nlust widerstandsfähig gemacht Diese libidinöse 
Fixierung der zweiloo Entwicklungsphase der Phantasie „Ein Kind 
wird geschlagen" als Lust am eigenen Goschlagenw erden, kann 
zum Bild das typischen „Masochisten'* führen, dessen komplizierLe 
Geneso Freuds lückenlose Darstellung in gewohnter Klarheit 
und Anschaulichkeit vermittelt. 

Ich möchte nun versuchen, den allgemeinen Gesichtepunkt, 
der der Kren d sehen Auffassung dpr Perversionshildung zugrunde 



' Vortrag auf dem VII. Internat. Psa. KuciKreU in tJorlin am '25. Si-p- 
tamber 1»22. 

- Internal. Zoltschr f. I'fia. V, 1919. 

iDltroKt. Zfilielir. f. l'iriliouiKljae, VHU. Vi 



u 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSVCHOANALVTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



398 Dr. Otto Rank 

liegt, hei-auszuhoben und zu sehen, wie weit er sich auf die 
Pcrversionen überhaupt und ihre Genese anwenden lillit. Das 
Verständnis der masochistischen Perversion ergil)t sieh Freud 
scheinbar als bloßes Nebenprodukt seiner Arbeit, denn er analysiert 
eigentlich die Phantasie „Ein Kind wird geschlagen", die sich 
zweifellos Oberaus häufig in vorschiodenon Formen auch des 
normalen Seeleniebons findet.' Aber von dort her wilro ein Ver- 
ständnis ihrer eigentlichen Kednutung ebensowenig zu erlangen 
gewesen wie von der voll ausgebildeten i'ervorsion her, abgesehen 
davon, daLi diese normalen, bezw. perversem Formen der Libido- 
befriedigung eher geeignet erscheinen, das Ich von einer Analyse 
abzuhalten als ihr zuzuführen. 

Wie uns jedoch die psychoanalytischen Forschungen bereits 
am Beispiel der Homosexualität gelehrt haben, stuuinit d;us erste 
und wichtigste Verständnis auch dieser Perversion aus der Neu- 
rosenpsychologie, d. h. aus der Analyse solcher Menschen, welche 
es nicht zur voll ausgebildeten Perversion gebracht haben, sondern 
auf dem Wege dazu sozusagen in der Neui'ose stecken geblieben 
sind. Wenn sie dann die Hilfe des Psychoanalytikers aufsuchen, 
zeigt sich oft genug, daß er durch Lösung dos neurotischen Kon- 
fliktes der gehemmten Pervorsionstendenz den Weg frei gemacht 
hat und manchmal auch nach Beseitigung der lebenstörendon 
neurotischen Hemmungen keinen besseren Ausweg für das Sexual- 
leben des Patienten sieht, als die bereits vorgebildete Perversion 
sozusagen zu sanktionleren. Allerdings muß dies nicht immer, ja 
nicht einmal in der Mehraaiil der Källe der analytische Ausgang 
sein; der ideale Fall besteht darin, dali zugleich mit den Ursachen 
der Neurose und ihrer Symptonibildung auch die Ursachen zur 
Fixierung der Porvorsion aufgedeckt und unschädlich gomachl 
werden, wobei natürlich die analytische Notiregelung der Libido- 
ökonomie des Patienten von ausschlaggebender Bedeutung ist. 
Im eigentlich analytischen Verständnis derselben ist aber zugleich 
auch die einzige Quelle für ein befriedigendes Versirmduis der 
Verursachung, Bedeutung und Behebung der Pervorsionon zu finden. 
Wir sagen damit natürlich nichts Neues, wiederholen im Gegen- 
teil eine sehr frühe analytische Kinsicht, die Freud in den „Drei 
Abbandlungen zur Sexualthoorie" (1905) dahin formulierte, dali 
die Neurose als Negativ der Perversion bötrachtot worden künno. 
Wir betonen diesen bekannten Gesichtspunkt hier darum wieder, 



' Vergl. dazu Anna Freud: Scblageplianlaaie und Tagtrauni. imago 
vni, 3, 1922. 



Perversion und Neurose 399 

weil der Sinn dieser knappen Korinuliornng teils unverstanden 
fffibüeben ist, teils railivers landen wnrde und dadurch allmählich 
.sop-ar zu einer Verwaschuns: gerade der Begriffe g-eführt hat, dereü 
immer schärfere Abgrenzung^ um so wünschenswerter g-ewesen 
wäre, als sie nicht bloli ein Stück F'ortschritt unseres Wissens, 
sondern auch unseres therapeutischen Künnens bedeutet hätte. 
So aber hören wir noch immer beispielsweise von „Homo- 
sfxuaütüt" bei Patienten sprechen, die niemals eine Spur von 
manifester Inversioiisneiffung gezeigt haben, sondern etwa in der 
Analyse verdrängte Züge von feminin-passiver Libidoeinstellung 
zum Vater verraten; wir lesen von „Exhibitionismus" bei patho- 
log-isch prüden Frauen, deren EntblÜljungrshist die stärkste Ver- 
drängung bis zur neurotischen Symptombildnng erfahren hat, und 
sollen Auüenstehendo etwa an „Sadismus" glauben lassen, wo 
sich auch dem analytischen Beurteiler zunächst nichts als masochi- 
Ktische Wünsche (etwa nach Geschlagen werden) aufdrängen. 

Es mag besonders Ihnen allen scheinen, als ob ich ollene 
'l'üi-on einrennen und Ihnen den Unterschied zwischen bewußt und 
nnbewiilit, bezw. zwischen manifester und verdrängter Phantasie- 
hil(hn)g nahebringen wollte. Aber abgesehen davon, daß es nie 
schadet, sich an das Abc unserer so kompliziert gewordenen 
„Grundsprache" zu erinnern, habe ich es zu viele Male gerade in 
analytischen I>iskussionen und Publikationen erfahren, daß diese 
unscharfe oder wie wir in Wien sagen würden „schlampige" — 
Hegrifl'siiozolchung mehr als das ist, nämlich ein Ausdruck der 
Hilflosigkeit gewissen Phänomenen gegenüber, deren Klärung mir 
durch ein paar einfache Überlegungen möglich scheint. 

Kine erste Schwierigkeit kommt wohl daher, daß die Analyse 
die Bezeichnung für die Perversionen, mit denen sie sich aus 
therapoutiwchen drundcn beschäftigen mußte, aus der deskriptiven 
Psychiatrie (Krafft-Ebing) entlehnte, die zu ihrer Zeit mit 
der Samnihmgr, Sichtung und Benennung dieser früher der 
(Jeheimlitcratur vorbehaltenen Phänomene gewiß eine auch heute 
noch nicht zu unterschätzende Leistung vollbracht hat. Da aber 
diese Entlehnung nun einmal geschehen ist und auch die wenigen 
Versuche, diese teilweise populäre Terminologie (Sadismus, 
MasochismiLS etc.) durch eine wissenschaftliche zu ersetzen, fehl- 
geschlagen sind (.Algolagnie etc.), so würde sich vor allem emp- 
fehlen, diese eingebürgerten Termini wenigstens nur zur Bezeichnung 
dessen zu verwenden, was sie vorher auch schon bedeutet hatten : 
nämlich die manifesten Äußern ngs formen der '^letreffenden Per- 
versionen. Sie werden aber dann sogleich die Frage stellen, wie 



400 [>r. ütto iUiil! 

wir denn tiie durch Aualys« im Ünlnswulitün iiufgedeckten Spuren 
und Zeichen dieser Perversionen hei ilon Menschen nennen sollen, 
die kein i)erverses Soxnallehon im SiiiiH! dii>ser strengen Tormino- 
logie aufweisen. Vielleiclil worden niaiiclu* hei «lern l>equemen 
Auswet,' hieiben wollen, jeweilen vtm „unliewuliier", hezw. „ver- 
drängter" Homosexualität, ICxhihitionismns, Masochisnius etc. zu 
sprechen. Nun meine ich aher, dali wir din^li nicht so ohne weitere.^ 
das Recht hahen, diese aus der Deskriplion slaninienden Pervei'sions- 
i)ezeichnunffon auf das Unhowutito anzuwendi^i, in dessen Hereich bc- 
kanntlicii andere Gesetze herrschen und wo wir f^erado diu Kiemente 
auffinden können, aus denen die manifesten Phänomene hervorgehen. 
Ich iialte daher vor allem eine Klilrunf? der hinter unserer 
eingebürgerten Nomenklatur verhorgeneii Probleme für wünschens- 
wert, wobei sich iiacii iUmlichun Krfalnimireii vernuitlich «eigen 
dürfte, dali das, was wir gewohnhoitsmiUüg unter dem Namen 
„Perversionen" zusammenfassen, im Sinne unserer Motapsyehologie 
höchst verschiedonartigc Mechanisnittn und ganz nngleichw ortige 
Libido hefriodigungen darstellt. In diesem Sinne ist der termino- 
logische Ausgangspunkt imserer Oherlegungen viel allgemeiner 
■/.{} fassen, da wir damit an der Suhsumiorung diaser ver- 
schieden dimeiisionalen AuL^cfUtigsrotinen der Libido unter eine 
rein deskriptive Kcffrinshesliininuiig rilttclii. Was die Psychiatrie 
unter dein liegrifl' der „l'erveisionen" ziisanimonfaüt,, erweist .sich 
hei entsprechend tieigeliender Analyse als ganz verschiedenen 
Kvolutionsschichteii und den ihnen entsprechenden Systemen dos 
Seelenlebens entspringend. AnLlerdem hekoitim(!n dami diese (j)uellen 
und Strömungen ganz verschiedenartige ZuIIQkso und münden 
schließlich auch an verschieden(>n Stellen der psychischen Ober- 
lläche in die uns (Ivurh die Beschreilning beltannton Kormen. "^ 

U. 

.\us Freuds Analyse der Schlagephantasic können wir 
nicht nur die unhewnßten Vorstufen und Materialien der 
masochistischen Pervorsionsbildung erkennen, stmdern auch die 
wichtige, oft aus begreillichen Widerständen vernachlässigte Ein- 
sicht, dat,i das, was uns als angohoi'one Liltidobofriedignng des 
Perversen imponieren mag, der KndprozoÜ einer Ühoraua kompli- 
zierten Lihidoentwicklung und Verdrilngnngsarhcit ist, die häufig 
in Neurose ausgeht, jedenfalls hänllg genug, um uns die Wege 
der PerversionshLliluiig und -fixiernng viu-foigen und verstehen 
zu lehren. Dabei erfahren wir, daß es sich mit den Pervorsionen 
ähnlich verhält, wie mit dem schwimmenden Kiaberg, dessen aller- 



FerversioB und Neurose 401 

kl(»insler und unperälirlicli8(,er Teil sichtbar ist, während sein 
Schwergewicht gleich dem dos bedrohten Schiffes - - unter der 
Ohpriläche verliurgeii. durch seine ungeheure Wasserverdrängung- 
öherhaupt erst den Auftrieb der Spitze ermöglicht, um dann beim 
ZusammeDstoli mit dem Hindernis die ganzen in ihm gebundenen 
Eiern ontarkräfU' zu entfalten. 

Da es sich in meinem Vortrag nur um die Betonung einiger 
prinzipieller Gesicht-spunkte liandelt. muß ich es mir versagen, an 
der Hand von durchanalysierten Beispielen für alle Perversionen 
KU zeigen, ans welcher vorzeitlichen IJhidoevolution sie als 
erstarrte Niederschlage in das bowulite Sexualleben des Individuums 
hineinragen. Auch ist mir ja diese Aufgabe durch die psycho- 
analytischen Arbeiten, die seit und auf Grund 1^'roiids „Sexual- 
Iheorie" geleistet wurden, zum größton Teil erspart. Wir brauchen 
uns beispielsweise nur an die fast erschöpfende Aufklärung der 
Homosexualität zu erinnern, die wir der Neurosenanaly.se verdanken, 
iini zu erkennen, daß es eher gerechtfertigt wäre, die manifeste 
Homosexualitiit nach den „Komplexen" oder richtiger nach den 
Mechanismen zu benennen, aus denen sie jeweils entstanden ist, 
als - wie es bis jetzt vielfach gaschioht - umgekehrt diese 
Komplexe und Mecbaiib^men in einer vorhängnisvoll werdenden 
Nachlä-ssigkeit als „homosexuell" zu bezeichnen. Für die Fixierung 
der Inversion können wir unter anderem den simplen Mechanismus 
der sogenannten Inzestlluclit, der natürlich auf Grund einer 
besondoreu Kinstellung möglicherweise auch einer speziellen 
Veranlagung zur Abwendung vom andersgeschlechtlichen und 
zur Verlötung an das gleichgeschlechtliche Objekt führt. Ich 
denke, ich brauche diese Mechanismen, die für beide Geschlechter 
in gleicher Weise Gettimg haben, hier nicht mehr näher zu 
beschreiben,' möchte aber nochmals darauf hinweisen, daß wir 
ihre Kenntnis den manifest nicht homosexuellen Neurotikern ver- 
danken, bei denen die gleichen Mechanismen besonders der 
für die HomosexnalitSt so bedeutsame der Identifizierung — in 
der Symptombildung stecken geblieben und so der Analyse 
zugänglich geworden sind. Wenn ich noch die weibliche Homo- 
sexualität erwähne, deren Genese aus der Ödipuseinstellung 
uns Freud an einem Falle gezeigt hat (Z. VI, 1920), so 
geschieht es darum, weil die Sicherheit der meisten Analytiker 
in bezug auf den Mechanismus der weiblichen Inversionsneigung 
mangels genügender Erfahrung nicht so groß zu sein scheint wie 

• Siehe die koappa Zusammenfassung Freuds in .Neurotische Mecha- 
nißmen bei Eifersucht, Paranol« und Homosexualitiit' (Zeitschr. VIII, 3, 1922). 



402 Dr. Otto Rauk 

bei der männlichen Homosexualität. Ich selbst kann aus oiiier 
Reihe weiblicher Neurosonanalyson, untnr dnnoii sich auch einis:o 
mit deutlich manifesten „hümuscxiKillun" '/A\gm\ helindon, nur den 
einen fundamentalen Mociianismus der sogenannten „Inzestabwohr" 
bestätigen, der aus der iirsp rundlich iiormal-ffoschlechtliolion 
Ödipuseinsteilunt? durch AIl'eklA' er kehrung von Liebe und llali in 
beziig- auf die boid(m Geschlechter (Vater und Mutter) den Ansciiein 
„homosexueller'" üefühlsbinduntr entstelRTi lULlt, die sich durch 
Bowulitmachen und Abreagieren des dahinter wirkenden Schuld- 
gefühls lösen läßt. Oft verleitet die rnauifeste Süu-rlieit einer 
solchen Libidovorschiebung, die eine Folge des Abwehrmechanismus 
ist, manche Beobachter auch untei- den Analytikern immer wieder 
dazu, die anscheinende Dnantrustbarkeit dieser Libidolixiornng zu 
einem wissenschaftlichen und therapeutischen Dogma zu erheben. 

Gilt dies heute noch vielfach für neurotische Fixierungen, 
welche auf das gleiche Goschlocbt Hozug haben und kurzweg mit 
der Etikette „homosexuell" abgetan werden, olnie dati ihi'o tiefere 
Genese und Auflösung auch nur versucht würde, um wie viel 
mehr für andere, wonig^or grümilich studierte Arten der perversen 
Libidobefriedigung. Nach dem bisherigen Tempo der Aufnahme 
und Verarbeitung analytiscboi- lükenntnisso dürfte es noch einige 
Zeit dauern, bis beispielsweise die Ki-eudscho Aufklärung der 
„masoch istisch" genannten Kinstelhmg sich in der Terminologie, 
Technik und Tiierapio (hnxhgesetzt haben wird. Man sollte nichts 
von vornherein masoch istisdi ncsnnen und als solches behandeln, 
ehe man es nach der Froudschen Anleitung in den allgemeinen 
Libidokreislauf eingeschaltet hat, wnl)ei sicii meist die T^otwendig- 
fceit, es als „masochistisch" zu klassifizieren, erübrigen düi'fte.' 

Noch doutliclicr ist dies heim lüxliibitionismus, der analytisch 
am wenigsten durchforscht ist,* obwohl - oder weil - er am 



' Man darf dabei auch nicht d«nni vergessen, tJiiÖ rrjjelnillßij; ein SifJck 
Krankheitsgewinn iius den LeidenSi^y»ii)(onieQ „ninsochislischer", diis heilil 
spezifisch libidinÖEer Natur ist, und daß dieser KrankheitBRewina bei der 
Analyse irgendwo vom Patienlen hcreingcbrürhl werden iiuiß. llio Linie, liinpts 
deren das in ausgiebiger Weise erfolfrl, ist der Widerstand, der ja der Aul- 
deckung des Symptoms vorgeschaltet ist und es ermöglichl, duHsen „maso- 
chistische" Befriedigung durch das Leiden In der AniiiyKö zu erselxon. 

- Trotz der fleiliigen und ehrlichen Arbeit Sadgera (l'Bychopalhia 
sexualis auf psychoanalytischer Grundlage, Wien und Lelpisig 1921), die bei 
iilJeo Vorzügen gegenüber rrfllicren Darstellungen diescH Thenins daran leldel, 
daß sie nun in der analytischen Deakription »lecken bleibt und 
die dynamischen wie die Ökonom i sehen Gcäiehtapunkle (Schich(ungl) allzu 
sehr vernachlässigt. 



Ferversion und Neurose 4Uit 

besten geeignet scheint., die hier vertretene Auffassung zu 
illustrieren. Der klassische Exhibitionismus erweist sich bei Analyse 
seiner unbewuliten und neurotischen Vorstufen als letzter, weit 
entfernter Ausläufer ■ oder wenn man will, mit Rücksicht auf das 
infantile Moment, als Wiederkehrer — einer überaus komplizierten 
Libidoentwickhmg. die sich zwischen die infantile Entblößungslust, 
welche in der Perversion wiederkehrt, und diese selbst einge- 
schaltot hat. Der ganze Prozeli. den wir in den entsprechenden 
Neurosen voll bewußt maclien können und müssen, verbleibt bei 
der Perveifiion im Unbewußten; die Perversion selbst stellt einen 
aus den verschiedensten LibidüStröniungren verdichteten Befriedi- 
gungsmechanismus dar. hinter dessen Fassade sich alle möglichen, 
nicht nur exhibitionistische Regungen verbergen künnen. Bei der 
.\nalyse von „exhibitionistischen" Zügen wird es unzweifelhaft, 
daß die sogenannten „Perversionen", ganz ähnlich wie der Traum, 
nur Kormen zur b'nteri}ring:ung von Ubidobefriedigungen dar- 
stellen, deren Inhalt oft genu<r durch Verschiebung, Verdichtung, 
sekundäre Bearbeitung und insbesondere Darstellung durchs 
Gegenteil' erst zur Unterbringung in die betreffende Perversions- 
form geeignet g-eroacht worden sind 

HI. 

Ehe wir daran gehen, daraus einige Konsequenzen für unsere 
Auffassung abzuleiten, möchte ich ganz kurz — mehr zur 
Illustration als zur Instruktion — aus der Analyse einer Hysterika 
die Gesichtspunkte herausheben, die zum Verständnis der Wurzeln 
führen, aus denen der Kxhibilionisnnis unter bestimmten Voraus- 
setzungen erwaclisen kann. 

Die Patientin, ein Mädchen, das seit Jahren an verschiedenen 
Kunversionssyniptomen litt, brachte in die Analyse wirklich 
exhibitionislisch zu nennende Träume mit, itt denen sie sich immer 
wieder vüUig wibekUtdci — meist auf der Straße — liegen sieht, 
bemüht, die Blicke der zahlreichen vorübergehenden Männer auf 
sich zu lenken, was ihr aber nicht gelingen will, in ihrem eigent- 
lichen perennierenden Haupttraum, der seit vielen Jahren die 
einzige Sexualbefriedigung des unberührten jungen Mädchens 
darstellt, ist ihre unter größtem Widerstreben geschilderte Stellung 
nach Art des arc de cercle ein Hochwölben des Rückens mit 



' ICs scheint mir auch von diesem Gesichtspunkt her bedeulungsvoil, 
daü im Traume so häufig die „Homosexualitaf durch „Umgekehrles" dargestellt 
wird, weil nümlich der Mechanismus der homciaexuellen Einstellung eine 
Umkehrung des ÜdipuBaflektes voraussetiEt. 



404 Dr. Otto Rank 

Hervorkehren des Genitaloa, wobei sexueller Orf^asmus und 
Befriedigung: eintritt' Also die volle manifeste Porversion 
als m a n i f e s t e r T ra u m i n li a 1 1, bei so weitgrehnndor bewußter 
Verdrängung der exhibitionistischen Regungen, daß Patientin diese 
im Ijaufe der Analyse sich wandelnden Traumsituationen nur 
tinter den denkbar grüßten Widorstilndou. von viortelstunden- 
langem Stillschweigen unterbrochen, schildern konnte und sich 
dabei - einer umgekehrten Saloiiie illinÜrl] — mit siebenfachen 
Mänteln und Decken verhüllte. Dieser wirklich „exhibitionistische" 
Traum läßt im GegonKat/ kuui typi.schen Nacktheitstraum des 
Normalen, aber im Einklang mit dem Pt^vorsen, die Empfindung 
der Scham vermissen und vorrlit. dali sich die Zoigolust im 
Traumzustand voll auslebt, währond die zugehörige Verdrängung 
sich im Sinne der Neurose als Widerstand manifestiert, der zugleich 
den Lustgewinn in „masochistisclier" Form in die Analyse zu 
retten sucht, welche als „seelische" Kxhibition die glolobe Libido- 
hesetzung erfahren hat. 

Dürfen wir also im Sinne unserer analytischen Einsichten 
die Perversion als den manifesten Au.sdriick für verschiedene 
verdrängte Libidostrebimgon auffassen, so vormag uns der 
erwähnte Exhibitionstraum geradezu als klassisches Paradigma 
zum Studium der unbewußten Wurzeln des Exhibitionismus 
dienen, wenn os uns gelingt, seinen latenten Inhalt zu 
rekonstruieren- Der Schlösse! zum VerslAndnis dieses Traumes 
ergab sich hei etwas fortgeschrittener Analyse aus den Wurzeln 
der Neurose in der infantilen Ödipusninsiellung. Die Assoziationen 
führten immer wieder zu einer Kinderszone ans dem zweiten 
Lebensjahr der Patientin zurück, wo der Vater die ältere Schwester 
mit einem Stock auf die Nates geschlagen hatte. Dieses frühe 
und harmlose Erlebnis hatte — offenbar im Zusammenhang mit 
dem bewegten Familienleben der Patientin ~ später eine besondere 
Wirkung zu entfalten vermocht. Als sie ein .lahr alt gewesen 
war, starb ihre Mutter und ihr Vater heiratete bald darauf wieder 
fStiefmutter); ins zweite Lebensjahr fällt dann die obenerwähnte 
Szene, im jungen Leben der Patientin bereits das zweite Trauma 
einer Libidoversagung (Bevorzugung der Schwester). Als sie 



^ Gerade während dar Niederachrift dieser Zeilen kommt mir ein 
Zeitangsbericht in die Hände, in welchem die Verhnflung eines Exhibilionisten 
gemeldet wird, der zahlreiche junpe Mfldchen zu iinzdchtiRen Schau- 
tänzen engagierte, unter denen das oben Kesehilderte „Brückestellen" 
die Hauptrolle spielte. Ea scheint eich dabei also tatsüchlich um eine allgemein 
verbreitete typische Exhibitionsstellung zu handeln. ' 



I'eneraion und Neurose 405 

zwischen drei und vier Jahren war, starb ihr Vater (neuer 
Libidoverhirtt) und im Alter von fünf Jahren heiratete ihre Stief- 
mutter wieder, ans welcher Khe sie dann noch eine Stiefschwester 
bekam. FOr ein fünljährig-es Kinderloben genug der schweren 
KrechQtternnfren. Auch ihre späteren Erlebnisse sind nicht gerade 
ffflnstig, oi)W(>hl «ie selbst — gleicli einer traumatischen Neurose 
— immer wieder die Situnlion der Zurücksetzung (durch den 
Vater) herzustellen oder zu übertreiben sucht, die in der Schlage- 
azene der Kindheit in libidinOser Korm realisiert war. Ihre eigent- 
liche Neurose brich! denn auch in der Pul>ertät aus, als der Pfarrer 
ihre Schwester ganz offenbar vor ihr bevorzugt, also in dem 
Moment, in dem sich sozu.«agen die Kealität erlaubt, doiii heran- 
gereiftem Individuum eine infantile Situation entgegenzustellen, 
deren Wiederholung sich das Unbewußte in Form von Wunsch- 
phanlasien vorbehalten hatte.' 

Ohne auf die Kntwicklung der Neurose aus dieser Ödipus- 
konstellation einzugehen, möchte ich nur die Bedeutung: der das 
Sexualiebon der Patientin repräsentierenden Exhibitionsträume und 
ihre entsprechende Wandlung im Verlauf der Analyse aufzeigen. 
Kin erstes VeratÄndni.s der unbewußten Wurzeln des manifesten 
Exhibitionstraumos ergab sich durch Ümkehrung der auf- 
dringlichen genitalen Kntblößung im Traume in eine anale Entblößung, 
eine Deutung, welche durch den direkten Zusammenhang mit der 
reproduzierten Kinderszene und die daran geknüpften Assoziationen 
nahegelegt wurde. Die vielen Männer ersetzen wie gewöhnlich 
den einen Ubidinfls betonten Mann (Geheimnis mit dem Vater), und 
ihr Wunsch, daß der Vater s i e (statt der Schwester) beachten 
(anschauen) möge, ist zugleich mit der Position ins trotzige 
Gegenteil verkehrt worden (er schaut sie nicht an). Dabei entspricht 
die Verkohrung der frühen anal-libidinösen Entbößung in die 
genitale dem Entwicklungsschub der reifenden Libido, aber 
mit der für Noiu-ose wie Perversion charakteristischen Rückkelu" 
auf eine frahinfantile autoerotische Befriodigungsstufe und ihrem 
Effekt, der Infant ilisierung der Genital funktion. 



'Ich vermute, diiS die patiiogeiie Kralt der sogenannten trauma- 
tigcheo Erlebnisse der äpannungsdifferenz entsprich!, zwischen dem 
Vereagungs- beziehan^s weise Schuld momeat, das die reale Wiederholung mit 
sich bringt (zum Beispiel wirklicher Tod einea Elternteiles etc.) und den» 
Wunsch moment, welches der phantasierten Wiederholung zugrunde liegt. Mit 
anderen Worten, daß nur die — meist typischen — Erlebnisse traumatisch 
wirken, welche den — auch meist typischen — unbewußt gewordenen 
Phantasien entsprechen. 



406 Dr. Ollo Kanli 

Dementsprccheml kehren die Trihiino iloi* l'ntionün im laufe dor 
Analyse von der passiven Enlblüiünnf^slust yau- aktiven Entblößung; 
der trüliGSton Phase (Roinigiing;, MiisdiHKition) zurück, die fjenitiil, 
und zwar maskulin betont Ist {hubenhiiites Uriniprep). Diese 
Phase ihrer analytischen Entwicklunn: kulminiert-e in nachstehendem 

Traum : 

Ein Bub (aus vmcr ,i(roJJen StJurr von Knaben) hat i/t'i^tn 
mich urinicrl. ich habe tlnen Regaischinn dagegen auf gespannt . 
aber es war noch Frau W. dabei, die sich auch schützen wollte. 
Ich sagte, es geht nicht, da ein Sturm war, der den Schirm immer 
an der Seite um legte, und ging weg. 

Frau W. hatte bei ihr spiUer wirklich Mutterstelle vertreten 
und Patientin erinnert zu ilu- eine Kinderszene, wo sie nicht im 
Klosett urinieren wollte, weil es „zu hoch" sei und ihre Stiof- 
mutter sie rief, um ihr die Höschen herunter?,iilasson, wobei sie 
böse wurde, da sie naü waren. Sie will also urinieren wie iirin 
Bub, es geht aber nicht. An diesem l'unlU der t)(Hitung: filllt ihr 
ein aweiter vergessen ffewosener Traum derselben Macht ein. 

Ein Buh. dessen Anzug (rüchwärtsf) zu kurz war 
und der sich bemühte, die dadurch entstandene Blöße zu verdecken. 
Er s a h die Mutter n ichi {oder sie konjiie ihn ti ic kt s e h e «). 

Der Traum bringt deutlich «Ion kindlichen Wunsch wieder, 
den Hüben «floich zu sein, und die Scham, keinen Penis zu halien, 
diesen Mangel zu verbergen, der normalerweise das Mohr an 
Schamgefühl determiniert, das wir als weibliche Tugend schätzen 
und das im Exhibitionismus aufs äußerste verleugnet wird. Dieser 
Zusammenliang des l'^xbibiLioiiismus mit dor Kasti-ationsphantasie 
macht es verständlich, daß der klassische (Oenit^ih) Exhibitionismus 
vorwiegend beim Manne zu finden ist, wähi-end sich die Frau 
normalerweise gestattet, alle anderen Koize zur Schau zu 
stellen, was aber im Sinne dor Pervorsion höchstens dun Namen 
eines Exhihitionsersatzos verdient Der liosprochono Analysentraum 
ist nun ein typischer Nacktlieitstraum mit der zugehörigen 
Schamempfindung — und üirer Quelle, der Kastra- 
tionsphautasie^ — und zeigt, daß die zahlreichen Knaben, 
mit denen sie sich in der Kindheit idontillziort hatte, in ihren 
späteren Träumen zu den Znschaupin geworden sind, deren Auf- 
merksamkeit sie auf sich lenken will. Im Traum sieht sie diese 
Knaben nicht — nur den einen, der uriniert, ebenso' wie im zweiten 



^ Daher kaiia die Nacktheit, im Trimm oft durch einen k le ioo u 
Defekt in der Kleidung, etwa das Fehlen eines Knopfes, vertcelen sein. 



l'erversiOQ und Neurose 4U7 

Traum der andere exhihierende Knabe von der Mutter nicht gesehen 
whxl. Hinr kommt zugleich mit dem Schamg-efiihl das Verbots- 
und Hchuldmoment zum Vorschein, das in der infantilen Schla^e- 
szeno und der daraus entwickelten „masocbistisclion" Einstellung: 
kulminiert. Während aber diese libidinösen Fhaiitasien in ihre 
neunttisehen Symptome münden, die in Itückenschmerzen (Schlagen 
anales Kind), Kopfschmerzen (Vatcridentiliziorung) und Üblich- 
keiten (Scbwatifjerschafl) bestanden, aweigb der Ansatz zu ihrem 
latenten Kxhibitionismus deutlich an anderer Stelle ab, und zwar 
von der tröbinfantilen (narxililischen) Genitalbetonung, die in der 
Iteo^el vor der (femininen) Objektlibido in Ponisnoid und Kastrations- 
an^st dominiert Das kleine Mädciien mac-ht nach P' r e u d s 
BeobachtunKfn' rogelmäliis eine IMiase durch, wo es die Knaben 
um den l'enis beneidet. Diese Phase wird normalorweiso von der 
Idontifiziorung- mit der Mutter bei gleichzeitiger Libidoübertragung 
auf den Vater abgelöst: das Zwischenstatliiim ist die Verlegung 
der Libido auf die bisexuelle Analznne (siehe die GIcichsetzung von 
Kind -Kot Penis), die schlielilirh vom normalen Koitus- und 
Kinderwutisch iHiib!) abgfdöst wii-d. 

Bei unserer Patientin zoigto sich die analytische Auffassung 
,bestntigt. daii es woniger ein von Haus aus übejstarfcer Penis- 
wunsch als die zahlreichen und frühzeitigen intensiven fjlbido- 
versagunjrr'ii waren, welche sie nötigten, auf frühere narzißtische 
Befriedjgiingen zurückzugreifen und sie so am Peniswunscli fixiert 
hatten. Auch in einer anfangs ganz normalen weiblichen Entwicklung 
kann der bereits überwundene Penlswunsch wieder aktiviert werden, 
sobald eine aktuelle Libidoenttäuschung (z. li, im Vaterverhältnis) 
eintritt. Der MÜnnücld^eitswunsch bedeutet dann aber regelmäßig 
nicht nur einen libidinösen — Protest („ich brauche dich 

nicht"), sondern gleichzeitig in einer tieferen Schichte die Identi- 
fizierung mit dem geliebten Vator, dessen Verlust man auf diese 
Weise ersetzen will. Unsere Patientin hatte nun vor allem tatsächlich 
— nicht bloli libidinös — den Vator verloren, was sie zur vorzeitigen 
Identifizierung drängte, ehe noch der normale Penisneid von der 
femininen Einstellung zum Vater aufgezogen worden war. Diese 
beiden Mumentc — sowohl inhaltlicher wie zeitlicher Natur — 
veranlaliton, so weit ich sehen konnte, die Fixierung des Penis- 
neides, damit aber auch seine Isolierung, die ihn vor der weiteren 
Verarbeitung, auch in der Neurose, schützte. Eine solche 
vorzeitige Isolierung einer infantil narzißtischen 

' .Das Tabu der Virginitai". Sammig. kl. Sehr., IV. Folge. S. 245 ff. 



44>H Dr. Ollo Rank 

Libidos! tuation schein t abordorl'or vcrsioiishildungr 
günstig zu sein, diß jodorli bfti unserer Patientin nur his zu den 
latenten Ansätzen fjfedieliün ist. 

Man könnte sagen, ihr keimender Kxhibitionisnius wurde 
vorzeitig neurotischen, d. li. (Iberslarlien objoktlibidinösen l'endenzen 
dienstbar gemacht und zeigt dalier pBoudn-exliiliitionistisclte 
neurotische Verwendungen. Von diesnr Seite betrachtet, verrat, ihre 
Exhibitionslibido den Siiui, die Aui'meiksamkeit des Vaters auf 
sich zu ziehen : er soll mich beachten, nicht moino Konkuri-entin, 
und zwar anal, wie meine KonkiUTontin (Schwester - Mutter), 
damit ich ein Kind bekomme wie sie (die Mutter); und zwar auch 
(iurcli Schlagen (wie die SchwestiM-).' Dies ist die eine (objokt-) 
Übidinöse Strömung aus der Öiiipuseinslolhmg. Die andiMt^ entspricht 
der Verleugnung dieser Tendenzen aus der trotzig akzeptierten 
Versagnng von Seiten des ich (MJlnnlirlikeitskoni])lex): Der Vater 
hal. mich nicht beachtet, also brauchen es auch die anderen 
Männer nicht (die Männer in ihrem Traum können die Augen 
nicht auf sie wenden), und zwar damit sie nicht sehen, data ich 
weiblich bin ; denn ich will m ii n n I i c h sein, will gar kein Kind vom 
Vater, sondern einen Penis und schäme miiih dei' Kastration. Es 
ist der Patient in also nicht gelungen, den frliiiinrantil-narzilitisclien 
Pcniswunsch durch den nbjoktlibidiniison Kindeswunscli /.u ersetzen, 
was wohl mit dem vorzeitigen Wegfall dcts Vaters und der Libido- 
enttäuschung am Olyokt zusamnuHihilngt. Als Ausdruck dieses 
Konfliktes spielte in der Analyse ein von der Patientin eriiniortes 
Bild eine grolie Rolle, auf dem eine Hegende (tote) l^Yau ein Kind 
auf ihrem SchoiS sitzen liat, das nach den Worten der l*ationtin 
den Eindruck eines P(mis macht. 

Nach alledem kann man die latente Kxhibitionsneigung unserer 
Patientin als überbetontes Detail einer stark verdrängten Schlage- 
phantasie aulTasson, das als einzige libidinOse Dauerbefriedigung 
in der Verdrängung festgehalten wird. IWit lier Schlagephantasie 
ist der (weibliche) Kindeswunsch verdrängt wordert, Kugunslen 
des (männlichen) Peniswunsches, der aber aiich - in unseren) 



' Die Scli1agepliaiitu8ie entli.'Ut iiaUiriitli zupicieh den Ausdnick von 
Schuldgefülil ucd Strafe, Patientin liiitte si(:h in der Schule m«nchnini etwais 
indezeut benommen (RöuUe xu hoch gehoben elc), um g«Bc!ilaRoii zu werden. 
Während der Analyse träumle sie, sie stehle in einem Lndon Damenunlßr- 
hoRen, die eine Art fetischistischer Becienluni; «uh der Kinderazeae des 
Schlagens für sie behalten hatten. In anderen Triltimen mat^hle nie in infantiler 
Weise die Hose naß, um hIcIi entblößen nnd dip Strafe daftlr empfangen t-u 
kSnnen. 



PerversiOD uod Neurose 409 

Falle — nicht so weit dominiert, um zur vollen Perversion der 
narzißtischen KntblöÜiuiK 7.u führen.^ Ks zeigt sich, daß die objekt- 
libidiniisen Tendenzen diircli die vom narzistischen Ich aus- 
gehenden „perversen" ritrebungen gestört und teilweise paralysiert 
werden, daß aber bei unserer I^atientin keiner von beiden ein 
voller Sieg beschioden war. Dies macht den Fall so kompliziert, 
verleiht ihm aber auch den inslniktiven Charakter, der uns in 
den IvonJlikt zwischen narzißtischer und Übjektlibido unmittelbar 
Kinbiick gewälirf. 

IV. 

Wir scheinen so auf dem Umweg Über unsere Analysen 
zu der banalen Auffassung der I'erversionen zurfick zu kommen, 
welche sie als Libido befriedigungen mit Ausschaltung des normalen 
Sexualzicles charakterisiert Freud hat diesen Charakter der 
Perversionen aus ihrem infantilen Ursprung verständlich gemacht 
Sie entsprochen Fixierungen, bzw. Regressionen auf Entwicklungs- 
phaficn, in denen nicht nur das nurmale Sexualziel, sondern auch 
dessen Voraussetzung, der Unterschied der Geschlechter, dem Kind 
noch unbekannt oder von ihm nicht akzeptiert sind. In dieser Zeit 
macht das Kind keinen Unterschied in der libidinOsen Beziehung 
zum gleichen und zum anderen üeschlecht („Homosexualität"), findet 
daher auch noch volle Lust in der Entblößung vor anderen, 
ebenso wie in der vorwurfsfreien Äußerung seiner egoistischen 
und grausamen Regungen (Schlagen). Merkwürdig und wie mir 
scheint nicht gleichgültig für den Mechanismus der Fixierung 
dieser ungehemmten TriebSußerungen zur Perversion ist aber der 
folgende, aus der Neurosenpsychologie bekannte Tatbestand. 
Während das Kind auloorotische (und narzißtische) Befriedigung 
aus der ungchemuiton TriobbetiUiguug jeder Art gewinnt, kennt 
es schon unglaublich frühzeitig auf Grund des Identifizierungs- 
mechanismus ein Ziel der Libido befriedigung, das der Erwachsene 
gerne bewußterweise als sein eigentliches Sexualziol hinstellt, 
nämlich das Kinderbekommen. Tatsächlich können wir bei der 
Entwicklung des Kindes beobachten, wie sehr bald die auto- 
erotischen Triebäußerungen in den Dienst dieser „erwachsenen" 
Tendenz gestellt werden, und je nachdem, ob, bzw. inwieweit 
diese Verschmelzung gelingt können wir in ihrem Ergebnis die 



' Auch iü awei anderen analyaierleu Fällen erwies sich der .verdrüngte" 
oder nicht zur Katwicklung gekommene Exbibiüonismus als ein Rest der 
Schlagephimlaaie und stand in deren Dienst. 



410 Dr. Otto Rank 

V^omussetzung: für die Kntwicklunp zu PorvorRinnon odor Neurose 
— oder Normalität erkennen. 

Das Kind wird, huld naclulGiii os sich (hircli die Uebiirt aus 
dem mikrokosmischen Kroisliiuf dos Hiologischon bofroit und seine 
Triebe auf die Selbslerhaltung einstellen gelernt hat, .sofort wieder 
in den großen bioloffischen Kreislauf hiiioinfrozwiinKt, indem es 
durch die — auch der Selhstentwicklunp: dienoude ■ - Idonti- 
lizierun? vorzeitig ein hiolüfi:isches Koxualziol der Rrwachsonen in 
sein unfertiges Sexualsystoni aufnimnil. Min Kind vom Vater zu 
bekommen — so wie die Muttor — , sich also, um der ersehnten 
ausschließlichen Liebe des Vaters tcilhaftijr zu werden, mit der 
Mutter zu idontilizioron, ist tatsächlich das oft nur schüchtern 
eingestandene, regolmäßig aber sehr bald intensiv verdrängte 
Libidoziel des Kindes beiderlei rJeschlechts. Von diesem analytisch 
aufgedeckten Konilikt her erhiilt die infantile l.ibidoentwicklung 
ihren pathogenen Kinscblag {„Üdipuskom|)Iex"), der je nachdem 
zu den verscliiedenen Formen von Neurose oder Perversion 
iüliren kann. 

Das Kind scheint biologisch dazu vorurteilt und unsere 
konventionelle Erzieiiung tut noch das ihrige dazu . das 
erwachsene Sexualzicl, ein Kind, zu wünschen, lange oho es über- 
haupt begreifen kann, woher die Kinder kiunnien, und lange, ehe 
es das begreifen will, weil ihm selbst ilio l''ahigkeit dazu abgelil. 
Die berühmte Frage, woher die Kiinioi- kommen, die das Kind 
bekanntlich lange vor ihrer bowuliten h'orniulierung in vielfachem 
Fragedrang stellt, ist nichts anderes als ein Ausdruck dieses 
Kontlihtes und heißt eigentlich: ich kann mir nicht vorstellen, 
woher die Kinder kommen, weil ich selbst keines bekonune oder 
bekommen kann. Aus einer solchen Kiiislellimg wird auch die 
negative Heaktien gegen bereits vorhandene oder neuankommende 
Geschwister verstilndlich, denen das Kind oinfacii die Exisl«nz- 



ein 



berechtigung abspricht, weil es ihre Herkunft nicht kennt 

Vorgang, den bekanntlich unsere liehörden wiederliolen, für die 

nur der existiert, der dies durch einen Geburtsschein beweisen 
kann. 



Eine Patieatin erklärte, sie liutie nach einer Hühwaren üotiurl, die eine 
lange Narkose erforderte, ihr Kind Rar nicht als das iliriKD empfunden, weil sie 
bewußtlos gewesen sei. Sie hat nitht oiumal in dieHcr Ranz erwachaonen 
Situation ihren alten Kiiiderwunscli erfüllen küiinen, endlich wlrldich zu 
erfahren, woher die Kinder Itommen. — Dieser üesiohlspunkt rnng vielleicht 
ein Licht auf inanclte scheintiiir nur physiologiscbe frobleine des Oeburtg- 
vorganges werfen. 



Pervereion und Neurose 411 

Dieses „gefährliche Altfr" des Kindes kann man vielleicht 
am einfachsten charakterisieren, wenn man es hiologisch als den 
Zusarameiisioli der individuellen und generativen Tendenzen, 
psychologisch als den ersten Zwang der Libido in den Dienst der 
Kortptlanzungsidee beschreibt. 

Die Fortplianzung selbst ist zweifellos ein biologisches 
Faktum, ja geradeKii das Hiologisclio selbst im engeren Sinne. Das 
darf uns abor nicht hindern, in ihrer übertriobcnen Betonung, die 
ein Produkt unserer Kultur ist. die wissenschaftliche Formulierung 
einer infantilen Sexualtheorie zu erkennen.^ Für den Erwachsenen ist 
in der Regel weder das Kind noch die Fortplianzung das bewußte 
Sexualziel, sondern der in der Vereinigung der Geschlechter bestehende 
Sexualakt. der selbst wieder nur tieferen narzißtischen Libidobe- 
friedigungen dient. Die Aufiassung, daß der Sosualakt der Fort- 
plianzung diene, ist ein Schluß post hoc, den bereits das Kind in völ- 
liger Unkenntnis aller Prflinissen und logischen Gesetze allein aus dem 
Augenschein und auf Grund der libidinösen Identifizierung zieht. Da 
dem Kind der .\kt der Vereinigung von Vater und Mutter unbe- 
kannt bleibt, setzt es naiverwelsc das vermutete Produkt desselben, 
das Kind, an die Stelle dos Aktes und bleibt so am Kindeswunsch 
libidiniis fixiert, der im Gegensatz zum Sexualwunsch etwas Greif- 
bares und Gestattetes repriLscntiert und so die Phantasiebiidung 
der Kinderjahro beherrscht. Wie das Kind psychologisch den 
Eltern die Befriedigung sowohl narzißtischer (Ichcrweiterung) wie 
auch ohjektlibidinöser Regungen gestattet, so ist es selbst 
biologisch der deutlichste Repräsentant des KonOiktes zwischen 
Ich und Gattung, und diese großartigen Eigentümlichkeiten machen 
dann den von den Eltern Übernommenen Kindeswunsch zu einem 
so vollwertigen Libidosymbo! für das Unbewußte. Die Resistenz 
dieses frühinfantilen Kindorwunsciios erklärt sich, abgesehen von 



' Es ließe sich manches UuHui^eschichtlich Interessante auch über die 
nntorwissenschn «liehe Erkenntnis der Forlpflanzungs Vorgänge und die dabei 
wirksam gewesenen unbewußlen Verddingungsmotive sagen, die unsere Auf- 
fassung illuBtrieren würden. Jedenfalls ecbeiut es mir ira Sinne der obigen 
Ausführungen bemerkenswert, daü die Nalurfor-scliung im Begriff ist, diese 
.infantilen Sexualtheorier" stOckweise zu überwinden. So haben neuere 
l''or8Cliung«n Ober die Sexualität der Pilze (vom Würzburger Botaniker Hans 
Kniep und der tranzösisohen Forscherin Mathilde BenBaitde) nicht nur 
besUlIigU daß die Koppelung des Sexualaktes mit Fortpflanzungs- und Vei- 
mehruncaeinrichlungeii im wesentlichen auf die höber entwickelten Organismen 
beschrankt ist, sondern unzweideutig erwiesen, daß Fortpflanzung und 
Vermehrung mehr oder weniger unabhüngig vom eigent- 
lichen Sexualakt verlaufen. 



■H2 Dr. Olto KHQh 

diesen) bioWg^isch begründeten UreiiaraktLT, aus der Tatsache der 
üuiDÖglichkeit seiner Kealisiorunff für ilaa Kind. I'> ist so dazu 
verurteilt, der intensivste Wunsch zu bleiben, weil er das uu- 
iiberwindlichsto Hindernis der vollkommenen Idontitizierung: mit 
den Erwachsenen (Eltern) war. Am Kindeswunsch .scheitert so in 
der Regel - man möchte saj^en: KÜlcklichorweise — die 
Identiflzierungstendenz des Kinde« und nötigt e.s bis zur Zeit der 
Reife zur Ichcntwickhing, die durch Kü^tlnilten am verdrängten 
Kindeswunsch bedroht, in die Neurusu ausgeht' 

Im Sinne dieser angedeuteten AulTaMsungeu kann man den 
Kimteswunsch, der sich dann später als Kortptlanzungsiduo breit 
im Bewuütsoin etablieren darf, als ein Siiblimiorung.sprodukt der 
Inzestlibido betrachten luid viotloicht beliMt dio Libido von dieser 
ersten biologisch motivierten Vorsciiiebung neben anderen, gleich 
zn erörternden Eigentümlichkeiten auch den Charakter der Unbe- 
friedigbarkeit, der dem homo sapiens ein wesontjichos Stück seiner 
liigonart verleiht. Wie in allen infantilen Sexualthoorien steckt 
natürlich auch in der erwähnten, wonach die Libido nur Mittel 
/um Kinderkriegen sei, ein Kern von Wahrheit, der aber von den 
Erwachsenen nur zu gerne als dio gauzo ausschlicliliche Wahrheit 
hingestellt wird, was sie wede]- biologiscli, noch weniger aber 
psychologisch ist. 

Wenn wir uns nun erinnern, daß der erwachsene Perverse 
mit seiner Perversion zu einer Form der infantil-narzißtischen 
Libidobefriedigung zurückkehrt, wenn er nicht überliaupt daran 
fixiert geblieben ist, so müssen wir doch wohl fragen, was der 
Sinn dieser Regression sein mag. Bereits auf der Stufe der unge- 
hemmten Triebbefriedigung, wo also das Kiud nach dem Aus- 
druck von Freud sich sozusagen „polymorph-pervors" bonimnit, 
hat es, wie uns die Analysen überdoutlich zeigen, ein erwachsenes 
Sexualziol mehr oder weniger ausgebildet, das in dorn Wunsch 
gipfelt, dem Vater ein Kind zu schenken und auf diesem Wege in 
das Geheimnis der Zeugung einzudringen, das allein den tiefsten 
Sinn der berühmten Kinderfrage ei-schließt. Der Nin-malo behillt 
diesen infantilen Kindeswunsch ziemlicli unverändert bei, nur 
schiebt er bis zur Zeit der Reife an dio Stolle der lihidinöson 



' AndererseitB Üegl im KiDdeawunech selbst auch ein wesentlicheß StUvk 
der Ichect Wicklung befichlossen, was besonders deuUich in der Payiihologie 
einziger Kinder i« negativer Form zu beobjichlen ikI, willirend bei Geschwistern 
die von außen gciorderten Ichein hclniinkiingon dem Kinde sowohl die leh- 
bildung erleichtern, als auch die harmonischere iintwicklung der geuerativon 
Ijbido, die im Kindeswunsch Au^jdruck fiadel. 



Pervarsion und Neurose 413 

Ideale, die der Vater- beziehiing-s weise Muttei^Idciitifizieriin^ ent- 
sprechen, das betrejTendf' Ichideal der „Männlichkeit*' oder der 
„Weiblichkeit", ilas sich später leicht wieder mit dem inzwischen 
zurückgestellten Kindeswunsch vereinbaren lälBt. 

Den Perversen finden wir dagegen in einer Phase der Libido- 
entwicklung fixiert, die sicii wieder die rein narzißtische Befrie- 
digung einzelner Partialtricbe henimunglos gestattet, mit .\ns- 
Schaltung gerade des einen infantilen Libidozieles, welchem diese 
Triebkomponenten so frühzeitig dienstbar gemacht worden waren: 
nämlich des Kindeswunschos. — Der Perverse hat also die vor- 
zeitige \'erliltung der auf auioeretischen Uistgewinn arbeitenden 
Partiallripbe mit dem l''ortpflanzungsgodanken wieder gelöst, 
während der Neurotiker ihn so stark an diese Partialtriehe selbst 
fixiert, dafi für die spatere norniaie Einschaltung der Genitalftmktion 
in diesen Mechanismus kein Raum bleibt. Die Neurotiker beiderlei 
Geschlechtes — auch wenn sie die Gonitaliunktlon scheinbar 
normal entwickelt haben — wünschen in ihren Symptomen immer 
noch das Kind vom Vater auf ilem extragenitalen Woge der Infan- 
tilität (Befruchtung durch den Mund, Geburt durch den Anus), 
während gleichzeitig ihr unbewußtes Schuldgefühl, das sie an die 
ÜdipiLslibidü fixiert haben, sowie ihr erwachsenes Ichideal diese 
verdrängten Phantiisipn verdammen. Die Perversen haben den 
hifanlilen Wunsch naclidem Kinde vollkommen ausgeschaltet; was 
sie charakterisiert, ist die Vermeidung des Sexualaktes, ja oft 
genug ein Abscheu davor, der dem neurotischen verwandt sein 
mag. Dagegen setzen sie aber die Befriedigung der entsprechenden 
Partiallriebe hemmungslos im narzißtischen Sinne fort (Fellatio, 
Päderastie). Der Hemmungsmechanism«.'; ist also beim Neurotiker 
gegen die autoerotisch-narzißtische Befriedigung gerichtet — daher 
vielleicht auch sein starkes Obertrag ungsbedürfnis — , beim Perversen 
gegen die generative Libido, auch in ihrer infantilen Form, wie 
sie im vorzeitigen Kindeswunsch durchgebrochen und dann radikal 
ausgeschaltet worden war. -Als einzige Nai'be die.ser radikalen Ver- 
drängung bleibt die feminine Libidoeinstellung des Perversen 
bestehen, sozusagen als bloße Geste des Kmpfangenwollöns vom 
Vater mit Ausschaltung des seinerzeitigen Zieles. Die Femi- 
ninität des Homosexuellen braucht nicht erst bewiesen zu 
werden, ob er nun wirklich in dßr femininen Einstellung zum 
Vater die passive Rolle spioU oder sich in der scheinbar aktiven 
Liebe für den Jüngling mit der Mutter identifiziert, bei narziß- 
tischem Festhalten einer eigenen Entwickhingsstufe. Ebenso genügt 
es, auf die analytisch aufgedeckte Wurzel des Masochismus in der 

iDternat. Zpllachr. f. PsjrchoBnsl}'*«. VIII 4 37 



414 Dr. Otto Rank 

passiv-feniininon Schlagephantasie hinzuweisen; bei den Mundper- 
versionen ist die (weibliche) Befruchtun{,nssymbolik klar, beim Exhi- 
bitionismus der (feminine) Kastrationskoniplox, wührond Feti- 
schismus und Kleptomanie sicli mehr den neurotischen Abwehr- 
mechanismen der Kastrationsangst annaiiern, also sozusagen im 
Vorstadium der Pervorsionsbildung stocken geblieben sind: der 
Fetischist hält einen idealisierton Teil des Sexual Objektes, d(jr ihm 
fehlt, an Stelle des ganzen fest, der Kleptomane bemächtigt sich 
eines ihm vorenthaltenen Dinges, mit charakteristischer Ver- 
schiebung vom sexuellen auf das soziale Gebiet (Verbot, Strafet)- 

V. 

Ehe wir schlielilich auf den entscheidenden Faktor hinweisen, 
der die Entwicklung nach der einen oder anderen Richtung 
bestimmt, müssen wir noch einen flüchtigen Blick auf eine Art 
der Libidobefriedigung werfen, die geeignet erscheint, in dem 
Konflikt zwischen autoorotischer und generativer Lihidobefrio- 
digung einen Kompromili anzubahnen, und der auch normalerweise 
die Aufgabe zufällt, die Phase der autoorotischen Partialtrieb- 
bofriodigung in die unter dem Genitalpriniat stehende generative 
Libidobefriediguiig überzuleiten. Diese Zwischonstellung erklilrt es, 
warum wir seit Freud die Masturbation als UeprJlsentanten 
der gesamten infantilen Libido auffassen dürfi-n. 

Schon die erste Phase der infantilen Fi-iilnnasturbation stellt 
sich uns als ein Zuröckgreifen auf ursprünglich autoerotische 
Lustquellen infolge der natürlichen Versagung in der vorzeitigen 
Objektlibidü (Ödipusphantasie) dar, die als Wunschpliantasio den 
lu'sprünglich autoerotischen Akt begleitet, ihn aber bereits au 
einer narzißtischen Befriedigung macht, da das Kind dabei gleich- 
zeitig beide Objekte libidinös daratolit. Die Frühmasturbation ist so 
die sekundäre Wiedorbesetzimg der ursprünghch rein autoero- 
tischen Lustempflndungen, auf die den Kltorn zuliebe durch Über- 
tragung libidinöser Strebungon auf sie, teilweise verzichtet worden 
war. Die notwendige Versagung der vorzeitigen übjektlibido in 
der Ödipussituation ist es, welche die Wioderbosetzung veranlaßt, 
und je nach der Verdrängungsphaso, in die das fällt, wird die 
Schuld an der Enttäuschung dem gleich- oder dem and oi'S geschlecht- 
lichen Eltornteil zugeschrieben. Davon hängt wieder die Kollo ab, 
die das Ich in der Idontifizierungssituation der Masturbations- 
phantasie spielt, und davon in weiterer Folge sowohl die charak- 
teristische Form der Onanie als auch die besonders für die Symptom- 
bildung wichtigen Abwehrmochanismon dagegen. 



PerversioD und Neurose 415 

Man kann sagen, dal^ in den verschiedenen, schubweise auf- 
lebenden Masturbationsporioden, oft bis weit in die Pubertät hinein, 
der im frühesten Kindesaltor entfachte KonHikt zwischen Autoero- 
tismus und Objektlibido, zwischen Ich- und Sexualtrieben, zwischen 
Individuum und Gattung' immer neu und heftiger aufflammt, um 
schließlich im Komprümiß des sogenannten normalen Sexuallebens 
eine Krlodigung zu finden, während die vorzeitige Verdrängung 
der autüeroti.sch-körperliclion Kumponente zur Neurose, ihre Über- 
betonung auf KosU.-n der generativen Objektlibido zur Perversion 
führen kann.- 

An der Onanie, die ihrer Natur und Tendenz nach eigentlich 
selbst zu den Perversionen zu zählen wäre, wenngleich sie das 
Objekt in der Phantasie ersetzt, läßt sich nun mit aller Sicherheit 
der Faktor erkennen, der ihr endgültiges Schicksal und damit das 
der gesamten infantilen Libido bestimmt. Es ist das Schuldgefühl, 
das, dunkler Herkunft, aus den letzten eng verschlungenen Wurzeln 
der ich- und Seiuallriobo stammend, die Aufgabe zu haben scheint, 
die organischen und kulturellen Verdrängungsleistungen nach 
beiden Seiten liin zu sichern, indem es übermäßige Ichforde- 
rungen durch Hinweis auf die Ansprüche der Gattung herabdrückt, 
andererseits öberstarke Gattungsansprüche nicht zuläßt, wenn sie 
individuelle Lustquellen hemmen. Normalerweise wird dieses Schuld- 
gefühl, das man je nachdem in ein biologisches und soziales 
scheiden könnte, zu den ethischen, gesellschaftlichen und ver- 
mutlich auch ästhetischen Hemmungen, beziehungsweise Wer- 
tungen verarbeitet, die überhaupt erst ein Znsammenleben so zahl- 
reicher Iche und in weiterer Folge die Sublimierung ermöglichen. 
In den Neurosen aber haben wir die mißglückten Exemplare vor 
Augen, die vielleicht durch ein Zuviel an Trieblust, jedenfalls aber 
durch ein Vielzuviel an ungebundenem Schuldgefühl charakterisiert 
sind. Mau kann ruhig sagen, daß Art und Grad des Schuldgefühles 
auch Art und Grad der psychischen Gesundheit oder Krankheit 
bestimmen und im Falle der letzteren auch Art und Grad der 



' Die trotzige Verleugnung der GaUungslibido, die unzweifelhaft in der 
Masturbation steckt, bat in der Bcheinbar irrefüfarenden IJezeichnung dieser 
UbidobefriediguDg als „Onanie" berechtigten Ausdruck gefunden, da jader 
biblische Onac gerade als ein V er nachlässiger der menschlichen Generations- 
verpflichlung dargestellt ist. 

- Iq der Masturbation selbst liegt neben der Regression auf den infantilen 
Autoerotisnius ein bedeutsamer psycho-biologischer Fortschritt In der Richtung 
der Gestatlung oder Hejahuag der Sinnlichkeit, den wir im Hiublick auf die 
Neigung der Neurotiker, gerade die sinnlich-icörperliche Komponente zu ver- 
drängen, als psychisch „gesund" bezeichnen dürfen. 

BT 



41(i Dl". Ülto Itank 

lieiiiflussungs-, bcziclumyswüise lleihmH-wiiitlfrlJc-hkc'it. I'^ilr die Neu- 
rosen liiit j;i jedoi- vdii Union, wio ich nicht, zwciftüln kiitin, 
selbst Beispiele in Krinneriins;, da juder i^iiizülnc riclitig analy- 
sierte ¥ii\[ zu diesem Kernpunkt Kurückluhron muß, von dem 
die Symptümbildung ihren Ausß:an{>- s:on(nninen hat. iJonn zu ihm 
vielen Formeln für die l'syclioaiiulysc, dio ilire vorsdiiedoiuirtii;en 
Aspekte s:estatten, liit'it sich viiin tlicniiKUttiscIien HUintlpunkt jils 
die vielleicht bodeiitsLiin.ste hinziiliitren: üt'rn'iun^' vum Hdmld- 
i^efühl, oder besser yesiigt vom Zuviel dos Scliuldfi^efühles. iinl«r 
dessen Normaldruck wir ja alle in unserem Kulturmiliou leben. 

VI. 

Zur Erroichiin^^ dieses therapeutischen Zieles miili man aller- 
dings zumeist bis in die Analyse der lelibildun;; vinxlrinj^en, aiis 
der letzten Kndes daä S(;huld<<vruiil ku stammen scheint, das 
sich vorwiegend 8:ef^eii die libidinOsen Ansprilcho richtet, indem 
es aus der N'erdräiif^un;^ ilei- als ,,porvers" liezoicimeten, suzial 
unverwendbaren Triobkompononten, ^jewissor maßen aU Sicherunjj 
des Ichs j,'eg:on deren Wiederkehr, hei'vorijelit, Heim Neumtiker ist 
dieser Schutz nur so stai-k aus.^craliou, daß er sot,'ar jede VVcitei"- 
entwickhinj^ dei' Libid<i hemmt, sOKiisafjon mit Solbstbestrarung 
belegt (Symptombildunt-j. 

Bei den Porversen seilen wirdas^ej^ondas umKokehrte Mrji'elmi'^ 
in Erscheinung: treten. HctViedijrunjr \'on Partialtrieben auf Kostun 
des Generatioiistriebes, oiine ilemnumj,'' von Seite des Schuld- 
geltlhls. ]>ie Perversioiion vermögen so die analytische Erfahruntr 
zu bekrilliifxcn. dal,) das beste Mittel zur AullOsunn: des iiounitischen 
Schuldg^elühles zunäclistdie narzißtische LibidobolVeiun}! ist, die auch 
tatsächlicii mit der analytischen Bindung: des zur Symptombildunitr 
verwendeten ScluUdf^eluliles Hand in Hand ;;eht. Die l'erversionen. 
welche nicht nur ilie (■rwachsene (iün(!iati()nsiibi(lo ausschließen, 
sondern, wie wir ei>en zu zeis"'" versuchen, auch ilir infantiles 
Vorstadium direkt verleii^'msn wollen, entsprechen also einem 
umgekehrten Auso^angdesfreschilderton Konfliktes wiedio Noiirosen: 
diese zeigen das übermächtige SchuKlfrefiilil und die unvoll- 
kommene Verdrängung der Partialtriobe. die im Symptom Befrie- 
digung-, beziehungsweise Bestrafung linden; jene zeigen die unge- 
hemmte Hefnedigung der i'artialtriebe, (dine Stürung durch Schuld- 
gefühl, ja beruhen, wie sich zeigen läßt, geradezu auf der Ver- 
leugnungdesselben,w;isorronl)ar die Bedingung für das Kesthalten 
an der narzißtischen Lilndobefiiedigung ist. 



Per\'ersioii und Xeurose 417 

Khe wir xu zeigen versuchen, wie diese Berücksichtigung' 
des Ichanteils an dem Zustandekommen der Perversionen den 
Mechanismus der Perversionsbildurif:^ aticii im einzelnen verständlich 
macht, scheint es nötif::. einen schcinitaren Einwand und eine 
wirliltche Sciiwioriffkeit hervor/,nliel>cii. beziehung'sweise zu besoi- 
tiffen. Wenn wir linden, dali die Ausübung^ der Perversion der 
Verleug-nnnEdesinder Neurose dominierenden Schuldgefühles ihre 
Möfrlirhkeit verdanke, so scheint eine der vorbreitetston Per- 
versionen, der Masochisinus. dieser Knrmuliorung: dii-ekt zu wider- 
sprechen, da ja der Masochismiis k;"" nichts anderes als d a s Schuld- 
gefrdil repriksentierl. das Bindunfr und Abfuhr (Befriedigung) auf 
litiidinösom Wege sucht. Nun er.scheint uns dies aber gerade als 
Bekräftigung unserer Auffassung. Jedenfalls aber als ein offen- 
kundiger Beweis für den engen Ziisamnionhang von „Perversion" 
und Schuldgefühl. Die schoinbare Schwierigkeit verschwindet, 
wenn wir unserer Untersuchung selbst, wie eingangs angedeutet, 
die Kompetenz einräumen wollen, erst die Ivriterien fdr das fest- 
zustellen, was wir Perversion in unserem Sinne nennen wollen. 
Dann würden wir im Masochismus mit Reclit eine infolge Durch- 
itruches des neurotischen Schuldgefühles niifigiückte „Perversions- 
hildung" erkennen, deren geglücktes Pendant uns als Sadismus 
Wühlbekannt ist. Tatsächlich scheint es. als ob auch praktisch 
Masochismus ohne Neurose nicht vorkäme, während dies beim 
Sadismus häufig der Kall ist, wie ja dessen extreme Äuße- 
rungen direkt zu verbrecherischen Handlungen führen können. 

Wir haben also in den Perversionen den Versuch einer 
Verleugnung des Schuldgefühles zu erblicken und können bei ent- 
S|)rpchend tiefgehender Analyse auch in den gelungenen Fällen 
von wirklidier Perversionsbildung das dazugehörige Schuldgefühl 
auffinden; die therapeutische Wirkung besteht dann darin, daß wir 
dieses abgetrennte Schuldgefühl wieder mit den zugehörigen 
Libido- und !cht4>ndcnzen. denen es entstammt, verschmelzen und 
den Perversen sozusagen durch dieses nenrotisch-frühinfantile 
Stadium hindurch zu einer besseren ökonomischen Libidover- 
tcilnng führen. 

Hätten wir soweit den scheinbaren Widerspruch des Maso- 
cliismus mit unserem Perversionsmechanismus beseitigt, so erübrigt 
noch ein Wort Ober den S a d i s m \i s, den wir als gelungenes Gegen- 
stück hingestellt haben, ja, der in bezug auf den typischen Mangel 
an Schuldgefühl als die Perversion katexochen anzusehen wäre. 
Es ist klar, dali der Sadismus mit diesem Hinweis auf seinen 
manifesten Oegensata. den Masochismus, nicht erledigt ist, 



418 Dr. Otto Rank 

vielmehr eine Würdigung und lliiiorsuclmiig für sich allein bean- 
sprucht Es wäre aber voreilig, daraus auf eineii Mangel der 
vorgetragenen Theorie schliolion /.u wollen; olier darauf, dali der 
Sadismus, wie Freud längst angedeutet liat, eine von den 
Libidoäulierungen zu sein scheint, deren Voratilndnis von einer 
ganz anderen Ebene unseres seelischen (lesciiehons aus zu 
suchen ist, als das der anderen sogenannten Perversionen. Wenn 
wir uns der Kreudschen Vermutung erinnern, daß es sich 
dabei um den nach auüon gewendeton Ucstrnktionstrieb handeln 
könnte/ so wäre damit vor allem die starke Ichbetoillgung am 
Sadismus betont, während der mit ihm gowuhnheitsmaiiig gepaarte 
Masochismus mit seinem iibenviegond neurotischen l^ibiduanteil und 
Schuldgefühl gerade am anderen Endo der PerverRionsreiho stünde. 
Es scheint darum auch kaum KuRillig, wenn die Analyse schon 
sehr frühzeitig im Masochismns zunächst einen wieder nach innen, 
gegen die eigene Person gewendeten Sadismus erkannte, der die 
ursprüngliche üestrnktionstendonz wieder ins Ich ?.urückzuver- 
legen sucht, wobei allerdings das bei diesen Uuiforuningsprozessen 
gebundene soziale Schuldgefühl aus seiner neurotischen Stauung 
eine Abfuhr am Objekt l)enötigt, die wir eben als „Pervorsion'' 
kennzeichnen. Der gleiche Zirkel von Projektiiin und Introjoktion 
scheint übrigens auch im einzoliiGu perversen Akt rortziiwirhcu, 
da die Analysen uns ?.. B. zeigen, wie der (ieschlagone („Masochist") 
das dem Schlagenden („Sadisten") feldondo Schuldgefühl gewisser- 
maßen immer wieder auf sicli ninuut, um es immer wieder durch 
die Fortsetzung der Strafe aufs neue binden (i. e. befriedigen) zu 
lassen, während der „Sadist" mitunter nacli dem Akt Schuld- 
gefühl vorrät. 

Wenn wir nach diesem vorbereitenden Exkurs die Haupt- 
perversionen auf ihr Verhältnis zum Schuldgorühl und den Mechanis- 
mus seiner Abwehr prüfen, so ergeben sich folgende Gesichtspimkto : 

Der Homosexuelle scheint einer inneren Anklage seines 
Schuldgefühles gegenüber zu versichern: ich will Ja gar nicht die 
Ödipuslibidü und das Kind vom Vater ! Im (Jegonteil : gleich- 
geschlechtlicho (narzißtische) Libido und kein Kind! Der Masochist 
schreit gleichsam dieselbe Verieugiuing hinaus, nur mit dor 
modiflzierten Entschuldigung, er wolle Strafe für den verbotonon 
Ödipuswunsch ! Der Exhibitionist entblößt in narzißtischer Weise 
sein Genitale, dessen supponierte fileichhoit die Müglichkoit dos 
(inzestuösen) Sexualaktes und des Kindes gleiclifatls verleugnen 



' „Jenseils des l^ustprinzips". 



J 



Perversion und Neurose 419 

soll! Zugleich setzten sie aber alle dabei die infantile Zeugiings- 
und Geburtstheorie, an der der Neurotiker im Unbewußten fest- 
hält, in die Realität um, mit der entscheidenden Modifikation, daß 
sie das Kind nicht bekommen, sondern selbst sein 
wollen, oder besser gesagt sind : der Homosexuelle, indem er den 
Geschlechtsunterschied vernachlässigt, der Masochist, indem er 
sich in kindlicher Weise schlagen läßt, der Exhibitionist, indem 
or sich mit infantiler Schamlosigkeit lustvoU entblößt, was gleich- 
falls die unbewußte Negierung des Geschlechtsunterschieds zur 
Voraussetzung hat. 

Nur protestiert der Homosexuelle gegen das Objekt 
— indem er es ins Gegenteil verkehrt - der Exhibitionist 
gegen das Organ — indem er es nivelliert, der Masochist 
gegen den Akt — indem er ihn zui* Strafe degradiert, der 
Sadist gegen die Libido selbst — indem or sie als Haß und 
Grausamkeit äußert, üomontsprechend enthält der Masochismus 
am meisten ungebundenes Schuldgefühl, weil er — wie Frexids 
Analyse gezeigt hat - auch am meisten infantil-unbewußte 
Wunscherfüllungen zuläßt; der Sadismus fast gar kein Schuldgefühl, 
weil er es in der Grausamkeit gebunden, gewissermaßen gerecht- 
fertigt hat, und die Libido vollständig zu verleugnen sucht. 

Alle aber scheinen sich dabei am anderen Geschlecht rächen 
zu wollen, indem sie ihm die eigentliche Genitallibido entziehen, 
während aber gerade die intensive Verleugnung des Objekt- imd 
Kindeswunsches, die wü- im Perversionsmechanismus zu erkennen 
glauben, darauf hinweist, daß ihre Rachetendenz einer aus Ent- 
täuschung ins Gegenteil gewendeten üdipusphantasie entsprungen 
ist, der ursprünglich auch der intensivste Kindeswunsch zugnmde 
gelegen ist. 

Die Auffassung, daß der Perverse in narzißtischer Beharrung 
oder Regression das Kind selbst spielen, statt in femininer Ein- 
stellung vom Vater bekommen will, mag durch die Erfahrung aus 
der Neurosenpsychologie gestützt werden, wo eine Phase des 
Heilungsvorganges regelmäßig zeigt, wie der Patient das infantile 
Kind nicht mehr bekonunen, sondern selbst sein will. Er zeigt 
damit, daß er auf dem Wege ist, ein Stück seines im Schuld- 
bewußtsein untergegangenen normalen Narzißmus wiederzufinden, 
mit anderen Worten, daß er sich gewisse verdrängte narzißtische 
Libidohofriedigungen wieder gestattet, deren konstantes Ausleben 
der Pervei'se zum dauernden und einzigen Sexualziel erhoben hat, 

Wollte man die besprochenen Gesichtspunkte einer allge- ■.- 
meinen Theorie der Perversionen zugrunde legen, so dürfte man 



420 Dr. Otto Ranli 

nicht versäuiiioii, auf die violleidil j,a'ößte Gruppe doi- Perversioiien 
iiberhaupl hinzuweiseu, deren Scliilderung: Jiufli in der Litoratiii" 
einen breiten Kaum einnimmt: nänilich die sogenininten kopro- 
phileu, die — hiiuüij mit Voyeurtnm (sexuelle Noug-iorde) ver- 
bunden — auch im analytischen Sinne als die Porversion kat- 
exochen gelten dürfen, da sie einen Hau|)li)Oweis dafür bilden, daß 
es talsächlich das \' erdrän gu n gssch ic ksal dos analen 
Kindes ist, das die Form der Perversion bestimmt, während 
ihr M e c h a n i s m u s aus dorn im analen Kind sozusagen boleidigtou 
biologischen Schuldgefühl vorstllndlich wird. Die große Gruppe 
der koprophilen Perversienen zeigl, das Moment des Analen, 
in dem die ganze Bisoxualit&t psychobinlogisch beschlossen liegt, 
in primitivster Form erhalten (siohc die Gleiclning: Stuhl Penis — 
Kind), während Homosexualität, Masocliismus und ]!:xhibitit)nismus 
die Analorotik auf die genitale Stufe xn heben bomtlht sind, also 
schon Konflikts Produkte, d. h. Kompi-omisso darstellen' : die Homo- 
sexualität, welche direkt eine Kompromißbehiedigung von analer 
und genitaler Zone zu roalisioren sucht, der Mnsocliisnius, der den 
Genitalakt durch das anale Schlagen ersetzen will und der lixhibi- 
tionismus, der auf der (Jrundlage des Kastrat ionskoniplexcs anale 
und genitale Erotik (Zeigen) verschmilzt. 

Während also der Neurolikor mit seinem Obormaß an Objokt- 
libidü und der Fixierung an den Kintlcswunsch der (latlung zu 
viel Konzessionen auf Kosten seiner narzißtischen Ichbefriedigung 
macht, versucht der Perverse in kindlichem Trotz jede Gattungs- 
gemeinschaft zu vorleugnon. Wenn die Gesellschaft die Pervorsionon 
ächtet und teilweise sogar noch nntoi- Strafe stellt, so zeigt sie 
damit zwar eine richtige Kinschätzung der sozialen Opposition, 
die in ihnen steckt, die aber durch Strafandrohungen nur noch 
heftiger werden muß. Die Art aber, wie die Perversen selbst 
darauf reagieren, zeigt deutlich, daß ihnen das durch eine kühne 
Regression glücklich verleugnete Schuldgefühl in Form der sozialen 
Ächtung aus der Realität wieder entgegentritt. 



' Ferenczi Iml gelegentlich schon darauf hinge wiesen, daß die Por- 
versionen bereits genilalisierte (infantile) Erolisnien ßind und iila solche 
nicht so sehr Gegenstücke zu den noiirotischen Symptomen nis sullist Symptome. 
(.Zur Nosologie der münnlichen Hoinosexualitftt." Diese Zeitschr. ll» 1914.) 



über das Zeitgefühl. 

VoQ Or. Stafan HoII6b (Budapest). 

Kin ;!4jälirist'r gewesener Kadetten zögling, der das fypischo 
Bild eines ncffativistischon Dementia praecox-Kranken darbot^ gab. 
nach Koinoni Alter befragt, die Antwort, er sei 24 Jahre alt. Anf 
ciio Entg-cgnung. ob or sich nicht irre, wiederholt er diese Angabe 
auf das bestimmteste. Auf die Frage, wann er geboren sei. 
antwortet er prompt: „Am 7. Mai 1886." Er nimmt ohneweiterw 
als das lanfende Jahr 1920 an. Ich lasse ihn 1886 von 1920 sub- 
trahieren, da stockt er eine kaum bemerkbare Weile und schreibt 
dann als Resultat 24 nieder. Auf deu Rechenfehler aufmerksam 
gemacht, es blieben doch 34, gibt er die Antwort: „Dieser Einser 
bleibt weg und es kann nicht mehr sein als 24." Die Untev- 
siichung, die ich im Jänner 1920 anstellte, wurde im April des- 
selben .lalires mit demselben Erfolg wiederliolt. Ich ließ ihn auch 
die Zahlen 1S8Ü und 24 addieren; er löste die Aufgabe richtig 
mit der Zahl 1910, setzte aber hinzu, jetzt schreibe man 1920 und 
er sei 34 Jahre alt. 

Bei einer späteren Gelegenheit sagte er, es kommt 34 heraus, 
aber das „von Wert" sei 24 Jahre. Nun muß hervorgehoben 
werden, daß der Betreffende vor zehn Jahren erkrankt, also zur 
Zeit seiner Erkrankung 24 Jahre alt gewesen ist. 

Auf die merkwürdige Täuschung aufmerksam gemacht, prüfte 
ich auch andere Kranke in dieser Richtung. 

Ein 41 jahriger Paraphreniker gab an, er sei 33 Jahre alt. 
Derselbe war zuerst im Jahre 1912 in eine Anstalt gekommen 
und stand damals tat-sächlich in seinem 33. Lebensjahr. 

Ein 51 jähriger Privatheamter, seit seinem 26. Lebensjahr 
krank mid also 25 Jahre in der Anstalt imtergebracht, macht 
die Subtraktion seines Geburtsjahres von dem laufenden Jahre 
ganz richtig, es kommt M heraus, sagt aber dann folgendes: „Mit 



422 Dr. Stefan Hollös 

kurzen Jahreszahlen ist es soviel, in Wirklichkeit aber sind es 26. 
Die Rechnung, wobei 51 herauskomml, nnilA olno irrige sein!" 

AU (Hgsg Ivi'ankcn boflnden sich nwhv mler weniger in jenem 
Zustande, welcher kurzweg als DoKorientiortheit, Verwirrtheit 
bezeichnet wird, sind daher in ihren Aulierungon infolge einer 
typischen Redensart, ihnen eigenen Neologismen oft schwer ver- 
ständlich, trotzdem sind die Altorsl)esliminiingeii ständig in einem 
und demselben Sinn gefälscht, und zwai' in dem der Fixierung des 
Lebensalters an den Zeitpunltt der Krkranknng. 

Ganz überraschend zeigte sich das bei einem Schizophrenen, 
der fast immer nur inkohärente Worte vor sicli hinfaselte, jedocli 
bei einer Gelegenheit die Frage nach seinem Aller doch erfaßte 
und kurz hervorstieß: „Ich sage 24 .iahre.'" Er ist jetzt 28 .lahre 
alt und in seinem 24. .lahre orkraiikL. Ich iiafte die (lolegenbeit, 
einen Mittelschulprofessor zu beobachten, der an Paraphrenie litt, 
jedoch während der nun siebenjährigen Dauer seiner lü-ankheit 
in jeder Hichtimg geordnet war, seit einigen Monaten aber mit 
immer verwickeiteren Wahnideen einei- zeitlichen Desorientiertheit 
zuzusteuern schien. Anfangs verschob er .sein GoburtHJahr, später 
hatte er wahrgenommen, dali eigentlich zweierlei Zeitrechnungen 
laufen. Die Differenz zwischen diesen beiden Zeitrechnungen beläuft 
sich auf sieben Jahre. Er meinte, manche Leute ziÜilen 1921, 
andere aber sieben Jahre wenigci', Kv neige diesen letzteren 
zu. Er ist, wie oben bemerkt, voi- sieben Jahren <Tkrankt und 
hob diesen Umstand bei Gelegenheit dieser Äußerung selbst hervor. 

Nebst dieser Fixierung des Alters wii-d die Krankheitsduiier, 
Anstaltsaufenthalt gänzlich vernachlässigt oder, wie bei dem 
Kranken, der 25 Jahre in der Anstalt verblieb, auf ein Minimum, 
IV2— 1 Jahr reduziert, 

Man kann auch nachweisen, besonders klar ersichtlich bei 
dem Fall, der nach sieben Jahren zwei Zeitr(^clinungon aufstellt, 
daß diese zeitliche Kiilschnng sich später einstellt, wobei dann das 
Alter retrospektive auf das Aller der Erkrankung zurückversetzt 
und die Dauer der Erkrankung uder des Anstaltsaufenthaltes aus- 
geschaltet wird. 

Diesen Fällen gegenüber will Ich vorderhand nur kurz auf 
jene gegensätzlichen hinweisen, in welchen die Krankon das GefOhl 
haben, während einer kurzen Spanne Zell, viele Monate oder Jahre 
durchlebt zu haben. Außer den wahnhafton und oft variablen 
Vorstellungen von Geisteskranken, welche die Dauer dos Anstalts- 
aufenthaltes auf viele Jahrhunderte schätzen, will ich dieses 
Symptom nach Delirien (Fieberdelirien nach Typbus, Alkohol- 



über das Zeitgefühl i2'i 

delirien usw.) besonders hervorgehoben haben. Wir worden dieses 
sonst bekanntere Symptom später genauer würdigen. Ich möchte 
hier nur durch die tiegenübersteUnng die zwei Extreme beleuchten; 
da-s eine, in welchem der Zeitlauf verlangsamt oder gar eingestellt, 
und da.s andere, in welchem derselbe beschleunigt erscheint. 

Die Fixierung des Alters der Erkrankung könnte eine ein- 
fache Krklärung (inden, wenn wir sie nur als eine Art der Wahn- 
idee auffassen und uns mit der Erkläning- begnügen wollen, daß 
sie eine Manifestation der Wunscherfülhmg sei. Der Kranke 
flxiert das glückliche Zeitalter, in welchem er nicht verfolgt war, 
wo er aulier der Anstalt frei leben konnte. Er verwirklicht für 
sich auch in diesem Sinne die „gute, alte Zeit", daß er jung 
bleibt, wie in jedem Menschen dieser Wunsch tief wurzelt und oft 
auch mitten in den Widerwärtigkeiten des Leben.s aufblitzt Die 
psychische Krankheit .selbst ist ja eine Regression auf frühere 
kindliche Stufen der Ichentwicklung. Bezeichnend dafür ist ein 
Fall eines Schizophrenen, der sich als Kind gebärdet und bei jeder 
Gelegenheit erkltirt, er sei ein .Jahr alt. 

Eine tiefere Einsicht wird die Überlegung allein auch nicht 
bringen können, dati mit dem Rückzug der Objektlibido in der 
Psychose auch das Interesse an der Außenwelt, an der Zeitfolge 
und den Daten denselben zurückgezogen wird, Wir sehen ja aiich 
Kranke, die in bezug auf die Zeitrechnung auf dem laufenden sind, ilir 
Alter aber falsch angeben. Besonders bezeichnend ist der Fall, in 
dem der Kranke gerade bezüglich der Zeitrechnung ins Schwanken 
gerät \ind die.so seine Unsicherheit mit einer Wahnidee zu 
rationalisieren trachtet, indem er ein Nebeneinanderlaufen von 
zwei Zeitrechnungen annimmt, von denen ihm diejenige, laut 
welcher sein Lebensalter um sieben Jahre zurückgeschoben ist, 
als die richtige erscheint. Das Wissen des Datums ist mit der 
Regression des Lebensalters verträglich. AUenüngs sind Fälle, in 
welchen das laufende Datum zurückgestellt oder zumindest ver- 
nachlässigt wird, die häufigeren. 

Wie geht es aber in dieser Hinsicht in jenen Fällen zu, wo 
ein Zeitraum nicht verkürzt, die Zeitfolge nicht zum Stillstand 
gebracht, sondern im Gegenteil der Zeitlauf rasend beschleunigt 
erscheint? 

Wenn der Schizophrene mit der Einziehung der Libido die 
Aufmerksamkeit von der Außenwelt abzieht und die Zeitfolge 
einstellt, so wenden der Manische und der Delirante — im 
schi'offslen Gegensatz zum ersteren — ihre Aufmerksamkeit fast 
ausschließlich der Außenwelt zu und mit dieser abnorm ver- 



424 Dr. Stefan Hollös 

gTÖlicrten AiirniorksanikeilrSbostitzung' ktinntx' ;inr,h dio Vor- 
grrößeriiny des Kindriickes dps vorstiiclu-tu^n Zoit.raumcs erklärt 
werden {Auch dio H:illu/.itiationcii sind, woini ;iiirh nur scheinbare 
Wahrnehmung'en v(iii au!.W>n). IJicso auNwi^hliciilicho Jriteresse- 
hesetzung der AiilSonwolt und die damit, ninherpehcnden uuissen- 
haften äußeren Wahineiiniunfrcn worden eine Dcudintr nahelegen, 
laut welcher die Eindrücke v<m abnorm Vielem in einer /eit^'inhoit 
es verursachen, dali diese Zciteiniieil verlilnpert erscheint. 

Dieses Gefühl kennen wir Ja auch im normalen Leben. Wenn 
man zum Beispiel während einer im Küzu}; durchwachten Nacht 
massenhafte Kindrücke gewonnen hat, dio in ganz ungewohntem, 
raschem Nacheinander über einen herbrachen, hat man des Min-gens 
oft eine irrige Vorstellung von dem Zeitpunkt der Altreise. Man 
hat das Gefühl, als nl) man seit vielen Tagen auf tlei- Keiso sei. 
Wenn diese ErkUiriiiig auch etwas Wahres an sicli hat, wird sie 
allein die Frage nicht ersclWlpfen. Diese Krkl;li-nii;r allein, dali die 
Erscheinung der Verlängcn-ung eines Zeitraumes ausschließlich 
infolge der Häufung der Wahrnehmungen entstehe, wie die Ver- 
kürzung infolge einer \'erniiiHierting derselben, ist uuzuliluglich. 
Allenfaits ist in dieser Erklärung die psychisclie Erschoiuung mit 
rational-philosophischen Konstruktionen in adäipuiter Weise ver- 
quickt, wo die philosophische „Zeit" ais Maß dei- Hewegung an 
Stelle des Zeitgefühles gesetzt wurde. 

Bevor wir aber weitersrhrei((;n. wird es ratsam sein, in den 
sich aufdrängenden Begrifl"en Ordnung zu schalTen. 

Wir haben einen Zeitsinn, ein Zoithewu ßtsoi n und 
ein Zeitgefühl zu unterscheiden. Z e i t a i n n wünio am 
geeignetsten als die Fähigiceit Itenamil, \ver<len. die die Zeitaitstände 
abschätzt, lins Z e i t b e \v u b t s e i n dien! /.u unserer zeit liehen 
Orientierung; einen Paktor seiner Entstehung würde die beob- 
achtende Substanz abgeben, welche, wie Freud hemerkt, 
das Zeitmomont in sich fassen könnte (Zui- Einführung des Nar- 
zilimns). Beide gehörendem Hewußtsoinssystem an uiul führen ihre 
Arbeit einerseits mittels der Wahrnehmung, andererseits mittels 
einer Selbstbeubachtung, dio die Wahrnelinumg mit den l-j-innernngs- 
spuren in Beziehung bringt. Es ist eine Art Healität.sprürung. Wir 
sehen aiier gerade im Laufe der vorigen Ki-Ürternngen. daß auch 
in Fällen, wo Zoitsinn und Zeithewnßtsein, also Orientierung, 
ungestört, ilire Arbeit weiterführen konnten. gleichzeitig 
Täuschungen, ja Wahnvorstellungen, Fixierung dos Zeitlaufes in 
Erscheinung treten. 

Wir werden zu der Annahme gedrängt, daß außer diesen 



über das ZeitgefUbl 435 

bewußten Insfaiixon des psyvhischen Zeitgebildes eine dritte Instanz 
bestehen tnulj. (iio nicht beiviiüt ist und als Zcitgofühl zu 
bezeichnen wäre. 

Das Zeitgefühl gibt jene unbewußte Grundlage ab, vermitteiK 
welcher ein zeitliches Krtasseu oder das Erfassen der Veränderungen 
in Zeitlichkeit überhaupt ernuiglicht wird. Wir müssen hier auch 
der abstrakten Zeitvors toi lung gedenken, die, wie es Freud 
(Jenseits des Lustprinzips, Ö. 2ü) vermutet, dem zeitlich nicht 
geordneten ünbewuüten gegenüber von dem System W. BW. 
hergeholt sei. DIo Anknüpfung unseres Themas über das Zeitgefühl 
an die Zeitvorstolbing uiuü für eine andere Gelegenheit aufgespart 

werden. 

Die l'sychiatrie macht grundlegende Unterscheidungen zwischen 
jenen Zeitstörungen, die aus Wahnideen stammen (wie die in der 
Kinleitung mitgeteilten Fülle), und zwischen jenen, wo der Zeit- 
sinn gestört erscheint, wo also die krankhafte Abschätzung eines 
Zeitraumes besteht. Dieser Unterschied ist aber ein künstlicher. 
Keines dieser Symptome könnte allein aus einer Wahnidee oder 
aus Verminderung oder Vermehrnng der Wahrnehmungen ent- 
stehen, wenn nicht eine gemeinschaftliche Unterlage der zeitlichen 
Kr.srheinung. das Zeitgefühl, gestört wäre. 

Versuchen wir. diesem Zeitgefühl näher zu kommen. Ich 
muli jedoch da.s Feld der praktischen ßeobachtungGii verlassen imtl 
theoretische Hrwügungen verfolgen, bis vielleicht die Schlüsse 
derselben mit den Erfahrungstatsachen sich verknüpfen lassen. 



Ich lehne mich an August Stärckes höchst anregende Arbeit 
(Psyclioanalyse und Psychiatrie. Beiheft der Internationalen Psycho- 
analytischen Zeitschrift) an, wo er die Entwicklungsphasen der 
psychischen Motilität beschreibt. Nach seiner Auffassung kommen 
die durch die Ichfriebe zurückgehaltenen (aufgespeicherten) Reize 
an der untersten Stufe durch die tonische Abfuhr zur Entladung; 
die nächst höhere Stufe ist die epileptische, die darauffolgende 
höhere die rhythmische, dann folgt die reaktive und endlich die 
höchste, die reaktive Abfuhr mit Verschiebung (die idealistische 
Stufe, Denkarbeit). Diese Stadien bezeichnen den Werdegang der 
psychomotorischen Entwicklung der l^bewesen überhaupt, wie 
auch untugenetiscb die Entwicklung dos Einzelnen. Ja, es sind in 
den physiologischen Erscheinungen des Menschen noch alle Stufen 
dieser Entwicklung als in Rückstand gebliebene Einrichtungen in 
der Art der archaischen oder primitiven .\bfuhr wojterwirkend 



426 Dr. StefHH Hollös 

aufzufinden. So ist die touischo Rntladiing-sart in dor genitalen Vorlust 
und den viszeralen Spannungen, die opileptisclio in der MotililUt der 
g:enitalen Endlnst, im Lachen, Nioscii, die rliytiimischo in den Puls- und 
Atombewegungen erhalten geblieben. Von der Stufe der rhythmisch 
wiederkehrenden Motilitätsabfiihr sind als auflUlligstß Reste die 
Herz- und Atembewegungen, das Saugen des Neug(tborenen usw. 
bestehen geblieben. Auf die Abfuhrsarton der reaktiven Wieder- 
holung und Wiederholung mit Vorschiebung werden wir später 
eingehend zurückkehren. 

An dieser Stelle wollen wir nur eine Notiz aus der ange- 
führten Arbeit hervorheben, welche auch zur Klärung des Zeit- 
gefühles wichtige Andeutungen onthäll, indem der besagte tonische 
Abfluß eigentlich auch eine rhythmische Abfuhr sei, und zwar mit 
sehr hoher Frequenz', weiters: üio weitere Entwicklung 
der Motilität besteht aus einer Abnahme der Fre- 
iiuenz." Diese Tatsache muß für die Entwicklung des 
Zeitgefühles von auMsch!aggel)ondor Bedeutung sein.'' 

Wir können diese Andeutung über das Zeitgefühl und deren 
entscheidende Bedeutung nicht lioeh genug schiltzon, doch müssen 
wir vorderhand den Gedankengang StUrckes auf eigene itochnung 
weiterführen. 

Wie soUon wir uns die Oenoso dieser Urformoii der Heiz- 
abfuhr vorstellen? Vor allem können wir in diesen vorschiodonon 
Verlaufsarten leicht und zwanglos ein Oonieinsanies auflinden. Dies 
wäre nach meiner Meinung das in all diesen vorNcliiodenen Abfuhr- 
formen zutage tretende, allen gemeinschaftliche Moment der 
Rhythmizitilt. Auch Stärcke sagt, daß die Kntwickhing der 
Motilität in der Abnahme der Fre(iu6nz des Rhythmus besteht. Die 
tonische Abfuhr ist nur eine Rhythmizitilt mit hoher Frequenz; die 
epileptische zeigt stellenweise auch einen Biiythmus.der walu'schein- 
lich durch eine Interferenz unterbrochen wird. Dann folgt dio rhyth- 
mische Abfuhr. Die reaktive Abfuhrart ersclieint von einem Rhyth- 
mus unabhängig und von akzidentellen Jlulieren Reizen bedingt. Doch 
in Wirklichkeit ist sie auch nicht allein von JlulSoren Kinwirkungen 
bestimmt und daher nicht vom inneren Rhythmus unabhängig. 

' Ferenczisagt in sftiner Arbeil: „l'schoanalyllsches Uhur den Tic" 
(Zeitschrift für Paychoanalyse 1921, I) von der Katiitoni«: Die tonische Starre 
würde sich Mer also aua der SummaUon un/JUiÜRur, kloniHchcr Abwehr- 
xuckungon ergeben, die Katatonie wäre nur die SteiRürunft der Kat«klonie 
<des Tic). 

^ Von StHrcIte gesperrt. 

' Von mir gesperrt 



Ober das ZeitgeffihI 427 

Wovon sie mitbestimmt wird, das ist die Bereitschaft zur 
Abfuhr, denn ohne diese, wie wir das zum Beispiel im Falle der 
Ermüdung; sehen. Ullt die Reaktion aus. Diese Bereitschaft ist 
aber wieder nur nach einer gewissen Zeit, nach einer gewissen 
tonisch -rhythmischen Aufspeicherung: vorhanden. Die reaktive Abfuhr 
ist eine plötzliche Kntladunpr rhythmisch aufgehäuft-er Libidomongoa. 
Sie ist okkasionell, die Müg:liclikeit zu dieser Entladung aber wird 
allein durch ein rhythmisches Anwachsen des Reizes bis zur Ent- 
ladungsscliwelle gegeben. Wenn dies bei der reaktiven Entladung 
der Fall ist, so gilt das nämliche für diese Abfuhrart auch in der 
Verschiebung. Dies gilt hier um so mehr, weil bei der höchsten 
Stufe der Abfuhr (Denkarbeit) kleine Entladungen, und wie wir 
es von Kreud wissen, ProbeUandeln mit kleinen Quantitäten 
bestehen. Dali aber in der Denkarbeit eine Rhythmizität nachzu- 
weisen ist, dafür spricht auch ein Mechanismus, der die rhythmisch 
funktionierenden Organe und die Denkarbeit in Wechselwirkung 
verbindet und dessen KoUe ich später behandeln werde. 

Wir erkennen da einen universellen Charakter der motorischen 
Abfuhrarten, wobei die einfaclisto Form der Rhythmizität in den 
immer höheren Entwicklungsstufen der Ichtriebe eigentlich nur 
quantitativ abgeändert wird. Wir könnten auch sagen, daß der 
Trieb zur Libidoentiadung auf jeder Stufe der 
Ichentwicklung die Urform der Rhythmizität zu, 
wiederholen trachtet und diese nur in der Frequenz 
in der Gleichniäliigkett der Schwingungen Abände- 
rungen erleidet. 

Wenn diese universelle Erscheinung der Rhythmizität tat- 
sächlich besteht, so wirft sich von selbst die Frage auf, woher 
und auf welche Weise gerade diese Form entstanden sei? 
Unwillkürlicb müssen wir daran denken, daß die ersten, primitivsten 
rhyt,hmischen Entladnngsarton auch schon nur so zu erklären 
wären, wie alle anderen triebartigen Abläufe. Diese sind auch nur 
l*]rlcdigungsarten. die vorher schon so gebahnt worden sind, die 
aber einmal zu allem Anfang doch keine Wiederholungen 
waren, .sondern als Reaktionen auf eine äußere Aktion auf- 
treten muliten. Diese äußere Aktion mußte eine der- 
artige sein, welche sich in rhythmischen Abständen 
wiederholte. Anfangs mußte also ein äußerer, sich 
rhythmisch wiederholender Reiz seine Einwirkung 
auf das l'rbläschen ausübe n. Es sind kosmische, inersterReihe 
solariscUe Einwirkungen, worauf ich hier ziele, welche heliotropische 
Bewegungen im Urplasma hervorriefen. Diese rhythmischen Wieder- 



428 



Dr. Stefim Hollen 



holungeii der kosmischen Vei-andorimg'ön — Achsondroliunfj clor Erde, 
Tag und Nacht, Sonne- und Mondphasen, Jaln-eswondun^ um die 
Sonne usw. zogen reaktive rliytlmiischo Hewogungon jiach sich, 
die dann später in den höher organisierte» ljel)Oweson der Wieder- 
holung-stendenz entsprechend weiter In KrsclieinuiiK traten, ja in 
gewissen Organen als rückständige Uehjlde fixiert wurden. .Icdo 
Drehung der Erde, respektive jede Kinwirkiing dos Sonnenlichtes 
und der Wärme uiüfite eine tonische l'^ntladung, also holiotropische 
Bewegung hervorruren und jede Nacht einen Kückzug dieser 
Bewegung oder eine Khckstauuiig zur Kolge haben. Wie die 
Urplasmen Jahrniillionen hindun;li auf diesen stetigen Tag- und 
Nachtwechsel mit einei- l'Intladiing und oinor Slaiiung reagierton, 
so wiederholte sich da« dann indou höheren lAtheweaoii in einem 
Pulsieren in kürzeren individuellen Zoitab.stiVnden.' 

Die höheren Urganisationonwunlou von diesen aiisschlioiilichen 
Veränderungen infnlgo kosmischer Kintlilsse gerade dur-h die rück- 
drängenden Ichtriebe stufenweise uji abhängiger. Ks entstanden 
reizaiifnehniende oder reizaiiswählendo liiilktn (Kroud: Jenseits 
des Uistprinzips), durch weiclio die luinmehr hotorogenen (und 
nicht nur solaren) Heize dem Icii neue Aufspeichorungstondonzon 
nnd höhere Ichschwelion zur Abfuhr der Motilität aufnötigten. 
Uoch dürfen wir nicht vergessen, daß in allen, selbst den höchsten 
Organisationen Rudimentoder Uifunncn, des Motilitätsabllusses, also 
auch solche der kosmischen lieaktion piiylogenetisch hosLehon 
biieben. Wie wir sehen, sind dies in erster Reihe dio Herz- 
bewegungen, der Puls und somit wiire jede Zelle an dieser Reaktion 
beteiligt, da sie von der Blutwello bespült wird. Unser ganzer 
Körper scheint su in seinen Klomenten eine vom 

' Demnach würde Jeder FulöSL-hlag einer SonneuwirkunR einem Tage 
in der Ontogenese entsprechen. Jeden PulHschlag für «ini-n Tn« beroehnel. ergibt 
ihre Summe in einem Menschenleben von rȟ Jjiiiren zirka seclia Mlllionon 
.lahre — welciier Zeilraam für den Zeilraum der Menschwerdung keine 
Absurdität in den sonst vagen Daten der GeoIOHio zu nennen ist. 

Bemerltenswert ist der UniBland, djiß in der Kntwicklnng des Men.whcn 
vom uterinalen Zustande bi« zur vollen Heile naeh <ler Oolinrt ein Wachsen 
der Organe, eine Steigerung der KiinUtionen zu beobachten ist, mit Ausnahme 
des Puisselilages, der von ItiO bis ins hohe Alter auf 00 sinicL Dieser stete 
Abfall k5nnte der allmählichen VerhingsainunR der Achsendrehung dm- Erde 
entsprechen, die sich von den sechs Stunden auf den VierundzwanziRstundentag 
verlängerte. DerGedanlje erscheint kühn, muß aber nusfiefprcchen werden, daß 
die Phasen der Reizenlladung nls entwicklungegeflchichlicbe Etjiiipen geeignet 
sind, auf jene geologischen und ko-imischen Veränderungen ein Licht tu werfen, 
unter welchen dieae Phasen enstehen millittn. 



über das Zeitgefühl 429 

Leben untrennbareReaktionsfunktion aufzuweisen 
die eigentlich eine Wiederholung der infolge kos- 
mischer Reize einst entstandenen solaren Reaktions- 
bewegung der Libido im Urpiasma ist 

Diese solare Reaktion ist nnser ureigenstes Erbe, das wir 
seit der Urzeit des primitivsten Lebens mit uns führen und scheint 
auch der älteste mnomische Besitz unseres Organismus zu sein. 

Wie kompliziert auch ein Organismus sich gestalten mag, bleibt 
die Gesetzmäßigkeit der Reizaufspeicherung und Abfuhr doch 
bestehen. 

Beim Menschen, wo die motorischen Entladungen als durch 
das Ich verschobene Reaktionen erscheinen, wird die Objektlibido' 
von kosmischen Kinlifissen ganz imabhrmgig und wird größtenteils 
durch die Denkarbeit gehemmt, sublimiert oder zur Entladung 
zugelassen. Es besteht somit ein arrhythmisches, irreguläres, von 
dem solaren Wechsel fast ganz unabhängiges Einziehen und Aus- 
senden der Objektlibido und der narzißtischen Besetzung. 

Wenn wir aber auch die durch Denkarbeit regulierte Objekt- 
libido als von kosmischen Einflüssen unabhängig betrachten, dürfen 
wir nicht vergessen, daß auch in den mannigfaltigsten Abfuhr- 
arten des Denkens und Handelns sich ein gewisser Rhythmus 
kundgibt. Dies zeigt sich in der Aufmerksamkeitsbesetzung, in dem 
periodischen Absuchen der Objektwelt (Freud) und in den von 
den zwei Flächen des Bewußtseins ausgehenden alternierenden 
Richtungsänderungen der Aufmerksamkeit. 

Wie ich von den Phasen des Selbstbewußtaeinsaktes mitteilte 
(Die Phasen des Selbstbewußtseinsaktes. Int. Zeitschr. f. Psa. 
Bd. V, H. 2), besteht in den Aufmerksamkeitsrichtungen nach 
„außen" und „innen" ein periodisch-rhythmisch sich ablösender 
Wechsel. Auch hatte ich manche Beziehungen beobachtet, durch 
welche eine Störung dieses Alternierens mit den Körperfunktionen 
in Wechselwirkung tritt. Hier möchte ich die Wichtigkeit dieses 
Zusammenhanges hervorheben. Die sonst rhythmische Atem- 
bewegung stockt, wenn die Aufmerksamkeitsbesetzung in einer 
Richtung, z. B. in der äußeren Wahrnehmung zu lange aufgehalten 
wird (ganz auffallend z, B. im sogenannten Gaffen) oder auch, wenn 
jemand sich zu lange in seine Gedanken (innere Wahrnehmung) 
versenkt. Der Atem bleibt stehen und gerade diese Stockung— als 
Unlust -- weckt den „Träumenden", daß er sich „umsehe" (äußere 
Wahrnehmung), orientiere und so den Rhythmus psychisch einhalte, 
kOrporlicherseits aber dem Rhythmus mit einem tiefen Aufatmen 
nachkomme. 

Intarnat. ZciUchr. t. Pa^chouialyse, Villi*. gg 



430 Dr, SlefftQ HoUöB 

Das MerkwürdigG an dieser Erschoiniing ist die in ihr 
zutage tretende r o g ii I a t o r i s c h Wirkung d r rhyth- 
mischen Körperfunktionen: daß die rhythmisch 
funktiünierenden Kürperurgano auch jenen lint- 
lad II ngs form on (Denkarbeit) als Regulatoren dienen, 
welche sonst olne unablillngig verschobene Reak- 
tion aufweisen. 

Wir sahen, daß gerade diu'ch das Stoi-kon des Atmens ein 
zu langes Versinken in die Denkarbeit unterbrochen und so die 
extrarhytliinische Abfuhr in der Dynkarboit zur Kiickkohr /aim 
Grundrhythmus gezwungen wird. Der Vorgang kann mit der 
' polyphonen Musik verglichen werden, wo der Bali einen büsUinmten 
Takt einhält und die Violine in diesem, sagen wir Dreivierteltakt 
die verschiedensten und bis zu einer Grenze die liingsten Läufe 
einschaltet, ohne den Takt zu Überschreiten. Physikaliscli aus- 
gedrückt: es müssen die verschiedenen Wollonliingen inter- 
ferierende Punkte haben. 

Wir sehen aber im Küri)er außer den Herz- und iaingon- 
hewegnngen auch sonstige rliytliniisthe und periodische Lobens- 
äulierungen, die ja alle, wenn auch mittelbar, den höheren Ent- 
ladungen gewisse Schranken setzen. Wir weisen aufdie Menstruation, 
Ovulation, Gravidität, Brunstzeit, Winterschlaf, Magen- und Darm- 
arbeit, Ausscheidungen, Entleerungen usw. hin. 

Die alterwicbtlgsLo Erscheinung dieser Art ist jedoch der 
Schlaf des Nachts, der den solarLMi Rhyüunusdor Libido-Einziehung, 
die narzilitische Besetzung im Menseben ontogenullsch wiederholt. 
Der Schlaf des Nachts und das Wachen tagsüber 
sind das klassische Korrelat aller rhythmischen 
Lib id o bewogungsphasen, die vom ürplasma bis 
zum denkenden Menschen zu beobachten sind. 

Die Zusanunenfassung des bisher Kestges Lullten können wir 
also in folgendem formulieren: 

1. Die motorische Keizentladting weist in allen Phasen eine 
Rhytbmizität mit allmilhlichem Nachla.ssen tiei' l''ri'(]iien/, und Ver- 
schiebung der Abfuhr in den höheren Hlufen auf. 

2. Die Urform der rbyl.bniischen Rel/AMitlaiinngen war eigent- 
lich eine reaktive i5ntgegnung auf die täglichen Kinwiikungen der 
Sonne. Die Libido gewinnt so eine geolugisch-phylogonetische 
Unterlage und eine tiefere Beziehung zum ih'Iiotropismus. 

3. Die entwickelten Organismen weisen Organe auf, in welchen 
diese primitivste kesmisch-rhythmische Enlladungsart phylo- 
genetisch weiterwirkt, in erster Roiho das Herz und die Lunge, 



Ober das ZeilgefUhl 431 

4. Die primitiv-rhythmischen Organe üben eine rhythmisierend- 
rcgulatorische Wirkung auf die höheren arrhythm lachen Abfuhr- 
Vorgänge aus. 



Nach diesen Auseinandersetzungen können wir es versuchen, 
dem Zeitgcrühle näherzukommen. 

Wir haben oben festgestellt, daß das Zeitbewußtsein sich auf 
Grundlage der Erkenntnisdaten aufbaut. Man erlernt den Wechsel 
der Tage, der Wochen, und orientiert sich darin mit Hilfe der 
konventionellen Zeitrechnung. Wenn wir die Fortschritte dieses 
Erlernens im jungen Menschenkind verfolgen, so sehen wir, daß 
diese Kenntnisse anfangs nur Worte bedeuten, die als Dinge 
behandelt werden und nicht im mindesten jenen Begrifl' der Zeit 
decken, den wir in der Zeitbestimmung kennen. „Heute", „morgen" 
und „gestern" werden einfach verwechselt. Auch machen die 
Kinder bei den Zeitwörtern keinen Unterschied zwischen Präsens, 
Perfektum und Futurum. 

Das Bezeichnende jedoch ist, wie die Kinder sich an eine 
Erscheinung klammern, um das ihnen Unverständliche zu erfassen. 
Diese Erscheinung ist das Schlafen. Das Kind weiß nur, es 
muß noch zweimal schlafen, dann ist übermorgen, „dann kommt 
Papa!" Ein vierjähriges Kind sagte in diesem Falle: „Heute kommt 
Papa — heute ist übermorgeni" Ein Kind sagt aber auch nach 
einem tiefen Nachmittagsschlafe: „Jetzt ist morgenl" Ich meine 
aber, dies sei keine einfache Konstruktion, sondern ein Geiühl, 
welchem die alternierende Veränderung der Libidoverteilung in 
seinem Innern mit Schlaf und Wachsein zugrunde liegt. Der 
regelmäßige Nachtschlaf und das rhythmisch sich 
wiederholende Aufwachen scheint einen unbe- 
wußten Kontakt zu ergeben, einesteils mit der in 
uns phylogenetisch unbewußt fortwirkenden solaren 
Rhythmizität, anderenteils mit der aktuellen 
bewußten solaren Periodizität. Auf Grundlage dieses, 
die Unbewußtheit mit der aktuellen Veränderung 
verbindenden Kontaktes allein wäre das Zeitgefühl 
zu verstehen. 

Wir können auch sagen, das Zeitgefühl sei eine endo- 
psychische Wahrnehmung der Fluktuation der Libidoverteilung, 



' Der Dauerschlaf der Säuglinge, der allniühiicb io einen periodischec 
NacblscblaT übergebt, kennte dem Dauerschlafzusland der Urzeittiere ent- 
Bprecbeo. 



ES" 



432 



Dr. Stefan Hollös 



bezogen auf gewissermaßen analoge reale Veränderungen im 
Ivosmos. Wir können auch vormutoii, daß oin Zottgefülil ohne jene 
Basis der ihythmischen Organbowegungon solaren Ursprunges 
ebensowenig entstehen könnte wie ohne Erfahrungen des aktuellen 
solaren Wechsels. Das Zeitgefühl beruht nicht allein 
auf einem Erkennen, sondern auf einem Gefülil des 
Wiedercrkennons, ebenso ^wio jedes überzeugte Wissen auf 
Wiederholung und Wiedererkennen aufgebaut ist. 

Dynamisch aufgefaßt entspricht das Zeitgefühl einer 
Spannung zwischen Abstrümuiigsdifl'orenzon oder, näher 
bestimmt, zwischen den zwei extremen Enden des Vorlaufes des 
Reizstromes. Die zwei Enden zeigen eine iiuantiUitivo Veränderung 
des Rhythmus — auf der höchsten Stufe zeigt sich die größte 
Abnahme der Frequenz. Damit findet auch die Richtigkeit der 
Andeutung Stärckes, laut welcher diese Abnahme der Frequenz 
für die Entwicklung dos Zeitgefühls von ausschlaggobonder 
Bedeutung sei, ihre Bestätigung. Diese Spannung bildet 
nicht nur die dynamische Unterlage des Zelt- 
gefühls, sondern sc li eint auch eine wirkende Kraft 
zu sein, die das Unbewußte mit der Denkarbeit 
verbindet, die nötige Rhytlunisiorung auch des 
freien Ablaufes der fjihido besorgt und somit die 
Normalität in der Zeitauffassung erhält. 



Die Normalität der Zeitauffassung würdo somit dui'ch eine 
gewisse Spannung erhalten. Was bedeutet diese Spannimg? Sie 
setzt eine strömende Kraft voraus, die an Kwoi Enden 
einer Entladungsreiho mit vorschlodonen Widerständen 
zur Abfuhr kommt. 

Das eine Ende, dasjenige der rliythmi-schon Abfuhr, ist das 
phylogenetisch durch Jahrmillionen Festgesetzte, Unveränderliche, 
das Zeitlose, das Stabile \ das andere ist das Aktuelle, Ver- 
änderliche, Zeitliche, Labile. Die Spannung hängt von der 
strömenden Kraft und von der Größe des Widerstandes ab. Das 
physikalische Gesetz besagt, daß die Spamuing das I'rodukt dieser 
beiden Faktoren sei. 



• Der Gedanke der stabileo Abfuhr führt von zwei Seiton zum Thema 
des Unbewußten. Erstens von der Zeitlosi^kelt aus, zweitens von einem 
Charakterzug der schizophrenen Kranken, von der Orgunsitruche, .welche eine 
körperliche Innervation (vielmehr deren EmpfinduHg) xum luhuli hut." Frond; 
Das Unbewußte. KI. Sehr. IV. 



über das Zeitgefühl 433 

Die Spannung (Libidotriebkraft X Widerstand) kann auf 
zweierlei Arten gestört worden: Erstens kann der Widerstand an 
dorn labilen Ende des Apparates anwachsen, infolgedessen die 
Libido die niederen Abnuläwogo (narzißtisch-autoerotisch) besetzt. 
Mit der Überbetoniing dieser niederen Hhytlimizität imd dem Ver- 
schluß der aktuellen Entladung verliert das Stabile, Ünver- 
änderiiclie den veränderlichen Inhalt. Es ist der 
Raum ohne Objekt, es ist die Zeitlosigkeit ebenso wie die 

Ewigkeit^ 

Es kann aber zweitens der Widerstand am labilen Ende 
vermindert werden, der aktuelle Abfluß der Libido gewinnt 
eine Cberbcsetzung (Halluzinationen), womit die Spannung fällt und 
die rhythmisch regulierende Fähigkeit des stabilen Endes (Nach- 
lassen der Spannung) nicht mit der nötigen Intensivität zum 
aktuellen Ende reicht 



Nun wollen wir diese Ausführungen, die Gefahr laufen, sich 
in eine reine Spekulation zu vertieren, wieder mit den Tatsachen 
in Verknöpfung bringen. An die am Anfang mitgeteilten Fälle 
möchte ich vor allem noch die markanten und den Tatbestand 
fast blitzartig erleuchtenden Äußerungen eines Feldpaters, der an 
einer traumatischen Kriegspsychose litt, anreihen. 

Derselbe befand sich vier Jahre hindurch in einem 
maniakalisch-halluzinatorisciien, nachher eine Zeitlang in einem 
depressiv-stupurösem Zustande. Später konnte er über beide 
Zustände folgende Auskunft geben. 

„Nach allgemeiner Zeitrechnung bin ich vier Jahre hindurch 
in der Privatanstalt gewesen, aber das waren nach richtiger Zeit- 
rechnung 4000 .lahre ... die ungeheuer lästigen vier Jahre waren 
4000 ... ob es für die Menschen so viel waren, das weiß Ich nicht, 
aber für mich waren es so viel ... Da icli viermal erlebt habe, wie 
die Welt zusammenbrach, viermal habe ich den Anfang und das 
Ende der Welt erlebt. In der Privatanstalt habe ich riesenhafte 
Erlebnisse gehabt, ich habe große Mengen Menschen gesehen . . . 
ich habe gesehen, wie der Erzengel Gabriel mit einem südlichen 
Heere gekämpft hatte und ich hörte jene Stimmen, die ich in 
Rußland gehört habe ... Ich hatte fünf bis sechs solche Kämpfe 
mitangesehen .... Dann sah ich in der Umgebung von Debrecen 
König Matthias kämpfen mit seinem schwarzen Heere, ich sah 
menschliche Kadaver und geschmolzene Gebeine . . . Die Knochen 
haben sich herumgeworfen und viele Böcke sind über der Anstalt 



434 Dr. Stefan Holl6s 

weggeflogen ... als ob RiesengoRÜrno westlich gegen dio Stadt 
gezogen wären ... Damals war die Krdo im lintstohon und befreite 
Gase ergaben dio Dichtigkeit der Luft, weil damals noch die 
Granaten- und Schrapnellgoschosso sehr primitiv waren . . . und os 
flogen Kometen herum, zehn bis filiifzohn in einer Nacht . . . Am 

Morgen sah ich Kisenbahnzügo in der Luft als ob sie auf 

drahtlosen Telegraphen gefahren wären . . . ,\ll dies kam von den 
Riesenmengen von Verstorbenen, doren Geboino in eins .schmolzen 
und verfaulen mußten, und der Gestank koimto dann diese wimder- 
baren Gesichte hervorbringen . . .'\ 

DieserZustand charakterisiert die traumatischen Erkrankimgen. 
Da die ungeheure Menge der in Angst verwandelten Libido, die 
durcli das Trauma entbunden wurde, keine enlsprechcndo Abfuhr 
gewinnen kann, muli sie inten.>^iv und bcstlindig dio Erinnorungs- 
spuren des Traumas bis zur Wahrnebmiingsstärko besetzen, 
Halluzinationen hervorrufen, um auf diese Weise die nötige 
motorische Abfuhr zu orrcichon. Ks entsteht eine einseitige Libido- 
beladung auf Kosten der normalen Spannung (eine Abspannung) 
und damit eine Ausschaltung des rhythmischen und rhythmisierenden 
Urphän Omens. 

Derselbe lO-anke spricht aber auch von einem Zustand, in 
welchem die Zeit stehen bleibt. 

„Die Zeit kann auch stillstehen. Wenn Ich so auf einem 
Platz sitze und bedenke, wie sich dio Menschen imi mich herum 
bewegen und an das Stadtleben da draußen denke, so Übermannt 
mich ein fürchterliches, würdevolles Scliwindclgerübl und Ich fühle, 
wie mein ganzer Körper .sich ausdehnt und fühle, als ob 
die Leute in mir um her wandeln würden und in 
meinem Kopfe gingen und ich höro da drinnen wie ein 
Ticken der Uhr, aber ich kann nicht, glauben, daß ich eine Uhr 
geworden bin . . . Ich vorspüre einen likitdrang in den Leuten, der 
die Adern mit Lebenskraft versieht, und diese Uhitandrllngo ver- 
spüre ich auch in mir . . . und auch, wie das Blut in den Körper, 
sagen wir, in dio Adern der Seele überilicßl und sich ergießt. 
Wenn Ich in diesem Zustand an die Gestirne denke, Ist es, als ob 
diese ihren Kreislauf gleichmäßig erfüllen würden.*' 

In diesem Zustand wird alles Goschehen in das Ich Introiziort, 
„der Körper dehnt sich aus", und dio Welt, Menschen miU Gostirno 
werden empfunden gleich einem Ticken der Uhr und alles ist nur 
ein Pochen des Blutes. Das aktuelle Labile regrediert zu dem 
Stabilen des UrphUnomens. Es ist ein unermeßlich tiefes, endo- 



Ober das Zeilgefübl 435 

psychisches Erfassen, dessen allein die Geisteskranken und die 
primitivston Völker fähig sind.' 

Ein Paraphreniker rationalisiert die falschen Daten folg-ender- 

weise : 

„Die Zeitpunkte werden in mir verquickt, da in mir drei 
Menschen leben und all das, was die erlebt haben, scheinen meine 
Erlebnisse zu sein.'* Die Emplindung- dieser „Inkorporationen", wie 
er sie selbst nennt, ist eine Folge jenes Rückzuges der Libido 
und der Introjektion, von welcher wir sprechen und mittels 
welcher die Bindung vom Realen abgelöst und die Zeitbestimmung 
dem Primärvorgang überantwortet wird. 

Besonders oft sprechen Psychotiker von einer Wiedergeburt, 
mit welcher eine neue Zeitrechnung beginnt. Der Tod ist der 



' Gleichwertige Otfonbarungen nnden wir bei den Dichlern. Ich ieile 

hier einige l'oenie mit, auf die mich Krau Dr. Marie Takäcs aufmerksam 

macbte : 

1. Die Uhr. 

{Gabriel Seidl.) 

Ich trage, wo ich gehe, 
Stets eine Uhr bei mir, 
Wie viefd geschlagen habe, 
Geanu seh' ich an ihr. 

Es ist ein großer Meister, 
Der künstlich ihr Werk gefügt, 
Wenngleich ihr Gang nicht immer 
Dem törichten Wunsche genügt. 

Ich wollte, sie wfire rascher 
Gegangen an manchem Tag, 
Ich wollte, sie hätte manchmal 
VeriOgert den raschen Schlag. 

In meineD Leiden und Freuden, 
Im Slurm und in rfer Ruh', 
Was immer geschah im Leben, 
Sie pochte den Takt dazu. 

Sie schlug am Sarge des Vaters, 
Sie schlug an des Freundes Bahr', 
Sie schlug am Morgen der Liebe, 
Sie schlug am Traualtar! 

Sie schlug an der Wiege des Kindes, 
Sie schlägt, will's Gott, noch oft, ■ 
Wenn bessere Tage kommen, 
Wie meine Seele es hofft! 



436 



Dr. Stefan Hollös 



größte narzißtische Kückzugr dor Libido, ähnlich dem Schlafe. Mit 
ihm wird ein Zeitlauf zum Abschluß gobracht. Im stabilen, unver- 
änderlichen ewigen Lauf der Zeit ist eigentlich dor Rückzug und 
die Aussendung der Libido das Maß, mittels welchem die Zeit 
erfaßt wird. 

In der Mytiiologio wird Holios oft so dargestellt, daß er 
nachtsüber in einem beilügelten goldenen Bette schlafend davon- 
getragen wird. Ebenso bezeichnend ist die viel Mtoro Vorstellung, 
daß die Sonne sich des Nachts in eine Höhle ziirilckzieht; Schlaf, 
Tod und Aufenthalt in der Höhlo — Mutterleib — ebenso wie 
Erwachen imd Wiedergeburt sind eigentlich Projektionen der 
Libidobewegungen. Und von diesem mythologischen Symbole 
können wir ebenso wie von allen Symbolen erklären, daß sie 

Und ward sie auch mannhnijils trJtper 
Und drohte zu stocken ihr Lauf, 
So zog der M«iater Immer 
Großmütig sie wieder auf. 

Doch stiindo sie einmal stille, 
Dann wilr's um Bie gesdieh'n, 
Kein and'rer, als der sie fügte, 
Bringt die Zerstörte lum GeU'n. 

Dann müßt' Ich s:um Meister wandern, 
Er wohnt um Ende wohl w»;ll, 
Wohl draußen jenseits der Erde, 
Wohl dort in der Ewigkeit! 

Dann geh" ich sie ihm zurücke 
Mit dankbar kindliuhem Fleh'n: 
HerrI Ich hab' nichts verdorben, 
Sie blieb von selber ateh'nl 



2. Die Einsamkeit des Blute h. 

(E. A. Reinhardt.) 

Ohne Erinnerungr, fledermausschwirrend, 

Gehen die geleblen NficUte, die endgtlltigen, 

Durch daa beklommene Blut, 

Frage schwankt ihnen nach, holt sie ein — 

Und der entstellte Genius steht Rede: 

Du Linden über blühter, Waldtrunkoner, Slornwaudler, 

Du fragst!? 

Dein Blul, daa nicht vergossen ward, 
Dein Fleisch, das noch nicht aulgezchrt, 
Dein Sinn, der sich in Bildern birgt, 
Mag reden I 



Ober das Zeitgefühl 437 

einst Realität waren. Die rhythmische, stabüo Abfuhr ist eine 
Realität, die phyloffonetiach mit den solaren, respektive den Erd- 
bewegungrcn zusammen fällt. 

Weitere Bestätigung unserer Ausführmigen ergeben auch jene 
Fälle, die in der psychiatrischen Literatur über Zeitstürungen 
mitgeteilt und mir zugänglich waren, v. Bechterew („Über 
Störungen des Zeitgefühls bei Cieisteskranken'" Zentralblatt f. Neur. 
und Psych. 1903, XX Vll, S. G20) beschreibt einen Ivranken im Zustande 
schwerer Depression, der z. B. nach einer einstündigen Fahrt die 
Empfindung hatte, daß nur eine Minute vergangen, demgegenüber 
einen alkoholisch-halliiztnatorischen Irren, dorn eine Fahrt von 
sieben Kilometer hundort Jahre zu dauern schien. Strümpell' 
berichtet „Cber das Zeitbewußtsein und über eine eigentümliche 
Wahnbildung des Zeitbewußtseins bei schweren Typhuskranken" 
u. a. von einer SGjährigen Krankon, die nach einem Fieberdelirium 
von nahozu zwei- bis dreiwöchentlicher Dauer erklärte, sie wolle 



Und ich, in Abgelebtem verslürt, 

Und ich, in Kommendem immer noch, 

Rausche Sinn und Anlwort. 

Da fallen die leisten Gesetze liin 

Und das Gleichnis verwest um dis Luat, 

Daa GnadeLose, das lebl und stirbt, 

Das beblommen ist, wenn der Geist vergeht, 

Daa redet: 

im Blute aind Schatten, geht Geschmack von Zeit. 

Dnd das Ewlf^e kostet davon, 

Im Blut ist Verworfnes und Gutes bereit, 

Und gibt, abgelebt unier Zeit und Kleid, 

Dem Rauschen den nieerdunklen Ton. 

Denkmal stClrzt hin und Gnade und Glanz. 

Einsamkeit ist nur noch ein Wort. 

Stillen im Leben geheimnislos 

Verblutet das Blut in sich selber, 

Und das Ewige hSlt einen nachlässigen Sinn 

In sein Fallen, holt Schatten, Geruch von Zeit, 

Und laßt es allein und rauschen. 

3. Aus dem ungarischen Gedicht .Demütiges Gebet' 

von Frau A. L e s z n a i. 

Obersetzt von Dr. Marie T a k ä c s. 



Erbarm' dich unser . . . 
Des eig'nen Blutes Pochen 
Bemißt und bespület 
Die Grenzen unseres Daseins. 



) NenroloR. Zentralblalt, Bd. 1919, S. 642. 



438 



Dr. Stefun Hollös 



nun endlich nach Hause, donn sie sei schon IT.Tahro im Krankon- 
hause. Nacli ihrem Alter befragt, gab sio 4;J Jahre an (2ü+17). 
Die Wahnidee hielt etwa zwei Wochen an, bis sio niich kurzer Zeit 
allmählich die richlig-o Zeitoinschätzunff g:ewann. 

S tr ü m pe 1 1 erklärt diesen Znstand einfach aus der Bewußtseins- 
störung, dem Fortfall der nötiffon Daten und der durch die typhöse 
Intoxikation bedingte allg-emoiiie AbschwUctuuiffdcr Urtoilsfähigkoit. 
Daß diese Störung sich in einer exzessiven lUierschatKung der 
im Delirium verlaufenen Zeit kundsribt, wird mit der Ungeduld 
erklärt, infolge welcher „einem bottljlgerig schworen Kranken die 
Zeit dos Krankseins sehr lang vorkommt." 

Maximilian Rosonborg („Ober Störungen der Zeit- 
schätzung" Zeitschr. f. die ges. Nour. und Psycli., IJd. IJ, S. 208) 
kommt zum Resultat, daß ein Plus an Erinnerungsbildern ein Plus 
der Zeit, — ein Fehlen der Erinnorungsbikier eine Horahsrliiltzung 
der Zeiträume bedeutet. Diese Ansicht, wie jene S t r ü m p o 1 1 s, 
daß die „Zeitlichkoit immer nur aus der Wechselwirkung gegen- 
wärtiger Bewußtsoinsinhalto mit dem aus dem früheren Krwerh 
unseres Bewußtseins stammendon Vorstellungen und l*>innerungen" 
entsteht, entspricht der ausschließlichen Bowußtsoinspsychologie 
und gibt nur eine einfache Deskrlption. 



Wir kamen zu dem Schlüsse, daß die Störung dos Zeitgefühles 
bei den Kranken durch eine Veriinderimg der Libidovorteilung in 
der Motililätsabfuhr bedingt sei. 

Wie ist aber der Umstand zu orklilron, daß nicht alle Fälle 
dieser veränderten LIbidovertoilung eine Störung des Zeitgofühlos 
verursachen? Welche sind die weiteren Bedingiuigen dieser speziellen 
Erscheinung? Der Frage ist eher von praktischen Fällen aus, als 
mittels Erwägungen nülier zu kommen, ohzwar ich hnkonnon 
muß, daß eine erschöpfende Hoantwortmig mir nicht gelingt. 

Wir finden bei Parannikei'u nur in den soitcnsten Füllen 
Täuschungen in der Zeit. Im Gegenteil, es ist fast als ein patho- 
gnomostisches Zeichen zu verwerten, wenn ein Kranker die Daten 
bis in die unwesentlichsten Kinzolheiten auf das genaueste anzu- 
geben weiß. Kine Erklärung gibt uns dazu 1'' r o u d .s Auffassung 
Über den Mechanismus der Paranoia. Die in Angst verwandelte, 
freigewordene Libido zieht sich auf das Icli zurück und der Größen- 
wahn entspricht dann der „psychischen Bewältigung dieser Lihido- 
menge" (Zur Einführung dos Narzißmus). Dem Vorsagen dieser 
psychischen Leistung entspricht die Hypochondrie der Paraphrenie. 



über das Zeitgerühl 439 

Nur im letzteren Falle erfolgt also die Libidnbesetzting der Körper- 
organe, d. h. jener stabilen Abfuhrstellen der Motilität, die dadurch 
im Zeitgefühle zum Übergewicht kommen. Bezeichnend ist, daß 
bei allen unseren Kranken, die eine Zeitlosigkoit äußern, hypochon- 
drische Züge zu verzeichnen sind. — Aber auch der Paraplireniker 
wird niclit in jedem Kall Zeitstörungen aufweisen, — da „diese 
Angst durch weitere psychische Bearbeitung ablösbar ist, also 
durch Konversion, Ueafctionsbildung, Schutzbildung". Nur wenn 
auch diese scheitern, könnte die Tendenz zur Geltung kommen, 
die Angst durch Hindung an Körperorgano zu beheben. 

Wie dies bewerkstelligt wird, ob hier vielleicht die Spannung 
durch die mindere Differenz der rhythmisclien Phasen, also durch 
die kleinere Froquenzdifferenz eine wesentliche Änderung erfährt, 
oder ob die Interferenz der l^hason gestört ist, kann aus den bis- 
herigen Erwägungen nicht erschlos-sen werden. 
i Wir wissen nur, daß das Zeitgefüiil gestört wird und können 

nach all diesen Erörterungen auch etwas über die Zeit selbst 
noch hinzufügen. Am klarsten sprach darüber unser kranker Feld- 
pater, indem er einst sagte: „Es gilit keine Zeit... ich 
verspüre, wie die Blut wolle durch Körper und Seele 
strömt und wie die Gestirne ihren Kreislauf erfüllen, 
Die runden Zeitniassen. die sich die Menschen vor- 
stellen, geben als Summe die Zeit vom Anfang bis 
Ende der Welt. Dies Weltall ist voll von den Lebens- 
altern vieler Menschen." 

Nicht die Zeit ist aprioristisch, sondern die Zeitlosigkeit ; allein 
durch den Rhythmus der Libido wird die Ewigkeit in Abstände 
geteilt und gemessen. 



i 



Psychoanalyse eines Falles von nervösem Asthma. 

Von Dr. E, WalB (Triest). 

Ein schwer neurotischer Patient reproduziorto im T-aufe dor 
psychoanalytischen Bcliandlung nöX'vüses Asthma, welcjies Symptom 
er zu Beginn anamneslisch angegohon liatto; es setzt« mit einer 
solchen Heftigkeit und Hartnäckiglioit ein, wie niemals vor der 
Behandlung. 

Da die Komplexe, ans welchen es hervorffing, auch in anderen 
Symptomen repräsentiert waren, fdllt mir die Isolierung seiner 
Herkunft von der anderer Symptome sehr scliwor. Übrigens kann 
gerade die Würdigung der Stellung eines Symptoms zu den 
anderen, mit welchen es verllochten ist, interessante Gesichts- 
punkte beim komplizierton Aufbau einer neurotischen Persönlich- 
keit orgeben. 

Ein 40jäliriger, akademisch gol>ildoter Mann, von verwalir- 
lostem Aussehen, unsauberer und unordonllichor Kleidung, trotz 
seiner günstigen materiellen Verhältnisse. Er konnte kein Interesse 
fftr irgend etwas aufbringen; ökonomisch gesprochen, war er jeder 
freien Libido bar. Der enorme ökonomische Aufwand, der für eine 
Verdrängungsarhoit geleistet wurde, lUhuito seine Aufmerksamkeit 
und Merkfahigkeit: Er konnte nicht mehr die Roclinungen seiner 
täglichen Ausgaben machen, er versuchte noch ab und zu, eine 
Zeitung in die Hand zu nehmen, las darin einige y^oilon auto- 
matisch, um dann zur Besinnung zu Itommen, duli er den Inhalt 
dos Gelesenen nicht erfaßt hatte. Kr begaiui nocli vier- bis fünf- 
mal denselben Abschnitt zu lesen, doch immer mit demselben 
Mißerfolg, bis er schließlich das Lesen ganz aufgeben mußte. 
Nicht nur, daß er seine Korrespondenz nicht mehr erledigen 
konnte, sondern er Öffnete nicht mehr seine Post. Seinen elementaren 
Lebensverrichtungen, wie Essen, Schlafengehen usw., ging er rein 
automatisch nach. 

Dabei war er nichts weniger als gleichgültig, er litt vielmehr 
unsäglich unter seinem Zustand. Es sei gleich bemerkt, daü er 



Psj'choaaalyse eiaea Falles von nervöaein Asthma 441 

keine Spur von Apathie hatte, wie sie etwa bei dor Schizophrenie 
vorkommt. Diese Affektion war von allem Anfang- an auszii- 
schlielien, da sich bei ihm eine sehr leistungsfähige Übertragung 
für den Arzt herstellte, sein Denken war koheront, wenn auch 
stark gehemmt, es zeigte sich keine Spur von einer Überbesetzung- 
vorbewußtor Ausdrucksvorstellungen: der Verkehr zwischen Vor- 
bewulitem und Unbewußtem war frei. Auch bestand bei ihm kein 
echt melancholischer Mechanismus, da sein Gewissen nicht jene 
typischen pathologischen Veränderungen aufwies, welche diese 
AEfektion charakterisieren: kein Kloinhoitswahn, keine Solbst- 
anklagen. Sein depressiver Zustand war ausschließlich durch den 
enormen Aufwand an Besetzungsenergio zu erklären. Diese 
Depres.sion zeigte keine ausgeprägten Phasen, sondern mit leichten 
Schwankungen, die meistens in den äußeren Lehens bedingungen 
des Patienten ihre pjkl&rung fanden, hatte sich der Krankheits- 
zustand kontinuierlich seit der frühen Jugend verschlechtert und 
seit etwa 20 Jahren hatte ihn die Neurose arbeitsunfähig gemacht 

Es sei hervorgehoben, daß er einen ausgesprochenen anal- 
erotischen Heaktiunscharakter hatte. Seine Libido Verarmung machte 
es ihm aber unmöglich, seiner Reinlichkeits- und pedantischen 
Ordnungsliebe nachzukommen, denn er fühlte sich wie gelähmt 
und litt dabei sehr unter seiner Unordnung. Von seinen stark aus- 
gebildeten analerotischen Sublimierungen sei vor allem sein aus- 
gesprochener Sammoltrieh erwähnt. 

Eine große Rolle spielte bei ihm die Verarmungsangst. Sein 
Pessimismus war ohne Grenzen. Jedes Ereignis deutete er in 
pessimistischem Sinne, ja er fürchtete sich sogar, wenn sich ihm 
jemand gutgesinnt zeigte, denn er konnte den Gedanken, daß sich 
etwas für ilm günstiges ereignen könnte, nicht einmal fassen. Die 
einzige Erlösung aus seiner unlustvollen Lage erblickte er im 
Tode, wonach er sich schon seit seinem 15. Lebensjahre sehnte. 
Er glaubte schon fest entschlossen zu sein, diesen Schritt zu tun, 
doch, einem llat eines befreundeten Nervenarztes folgend, beschloß 
er, noch eine psychoanalytische Behandlung zu versuchen. Er 
setzte schon keine Hoffnungen mehr auf einen Erfolg und war 
der festen Überzeugung, daß sein Suicid nur aufgeschoben sein 

würde. 

Was sein Sexualleben anlangte, konnte er sich an keine 
heterosexuelle Empfindung erinnern. Seit den ersten Knabenjahren 
fühlte er nur stark homosexuell, er hat nie dem Weib Beachtung 
geschenkt. Er empfand aber gegen die Sexualität im allgemeinen 
den größten Widerstand, er wollte davon überhaupt nichts wissen. 



442 



Dr. E. Weiß 



Mit 15 Jahren hatte er zum erstenmal einen homosexuellen 
Kontakt, doch vor lauter Angst hatto er zu keiner Bofriedig-ung 
kommen können. Dagegen kam er im reiferen Alter trotz seiner 
Angst dreimal zur sexuellen Befriedigung im homosexuellen Ver- 
behr, jedesmal aber waren ihm die homosexuellen Partner ent- 
gegengekommen. Seine Übergewissenhaftigkeit und seine Be- 
fürchtungen, weiche ihn stets mißtrauisch machten, erlaubten es 
ihm nicht, an eine regelmäßige Beft'iedigung seiner homosexuellen 
Triebe zu denken. Von den ersten Pubertlltsjaliren bis zu seinem 
25. Lebensjahr betrieb er fast tägliche Onanie, der Drang dazu 
war unwiderstehlich und die onanistischo Betätigung war stets 
von Selbstvorwürfen und ScliuUIgefühl begleitet. Um die Onanie 
zu bekämpfen, machte Patient die anstrengendsten Touren, er gab 
an, bis 60 Kilometer in einem Tag zurückgtilegt zu haben, und 
außerdem machte er noch Hunger- und Kaltwasserkuren. Und so 
gelang es ihm, in seinem 25. Lebensjahre die Onanie los zu 
werden. Seitdem onanierte er nicht mehr und auch während der 
psychoanalytischen Behandlung ist niemals das Verlangen darnach 
aufgetreten. 

Sein Charakter trug markant analoroUscho Züge, er war 
unnachgiebig und trotzig, intolerant gegen die geringfügigsten 
Ungerechtigkeiten und unnachsichtig. Er litt auch an Zwangs- 
irapulsen, welche aber bei ihm keine große Rollo spielten. In der 
Vergangenheit hatte er auch mancherlei hysterische Symptome, 
wie zum Beispiel Platzangst gehabt, welche aber spontan gewichen 
sind. 

Zu Beginn der Behandlung machte er in seinen maßlosen 
Befürchtungen und Hemmungen den Eindruck eines geängstigten, 
verirrten und zu Tode gehetzten Wildes; er suchte sicli an irgend 
jemanden anzuklammern, doch rein instinktiv, donn seine ängstliclie 
Erwartung und sein grenzenloser Pessimismus, die ihn bestürzten 
und koptlos machten, erlaubten es ihm nicht, den Gedanken an 
eine wirkliche Hilfe zu erfassen. Als er nun im Laufe der Psycho- 
analyse noch Bronchialasthma bekam, verlieh dieses seinem psy- 
chischen Zustande einen charakteristischen, zu seinem ganzen 
Wesen passenden Ausdruck der Hilflosigkeit und Unnachgiebigkeit 

Gleich zu Beginn der Behandlung stellte sich eine mäßige, 
günstige Übertragung ein, so daß Patient der Analyse soviel Auf- 
merksamkeit und Libido zuwenden konnte, daß diese ganz gut 
vonstatten ging. 

Patient hatte bereits das fünfte Lebensjahr überschritten, als 
sein Vater starb. Dieser ist, an progressiver Paralyse erkrankt. 



Psychoanalyse eines Falles von nervösem Asthma 443 

vier Jahre lang von der Mutter des Patienten im Hause g-epflegt 
worden. 

Die Mutter war geizig, streng und engherzig. Den Patienten 
trieb sie rücksichtslos durch alle nur denkbaren Mittel, durch 
allerlei Drohungen zur Sexualverdrängung. Als das Kind die 
Schule besuchte, war ihr einziger Wunsch, er möge unter seinen. 
Mitschülern hervorstechen, sie wollte durch ihn nur ihren Ehrgeiz 
befriedigen. 

Etwa seit dem Schulbeginn setzt für den Patienten ein nicht 
zu beschreibendes Martyrium ein. Während er bis zur Gymnasial- 
zeit von der Unfehlbarkeit der tatsächlich hochbegabten und 
tätigen Mutter überzeugt war, beginnt er allmählich die Zweck- 
mäßigkeit ihres Benehmens ihm gegenüber nicht mehr zu erfassen. 
Unzählige Widersprüche findet er bei ihr vor, ein inkonsequentes, 
ungerechtes und strenges Benehmen; Strafen und Prügel kommen 
an die Tagesordnung, oft ohne daü sich Patient einer Schuld 
bewußt wäre. Als er beispielsweise mit zehn .Tahren an Meningitis 
erkrankte, beschuldigte sie ihn, er wäre wegen seiner Schweinereien 
— sie meinte damit die Onanie — erkrankt. Sie gebrauchte Aus- 
drücke, wie z. B. er werde so ein Schwein werden wie sein Vater. 
Wenn sie bei ihm gerötete Ohren, Gesichtsblässe, erschwertes 
Atmen, das schon mit zwölf Jahren auftauchte, oder sonst etwas 
für sie Verdächtiges wahrnahm, da gab es Prügel und Vorwürfe, 
denn all dies deutete sie als untrügliche Anzeichen der Onanie oder 
sexueller Phantasien. Er bat nie ein Spielzeug genießen können, er 
hatte keine Spielkameraden, seine Reinlichkeit wurde stets ver- 
nachlässigt Als er älter wurde, entdeckte er bei seiner Mutter 
einen lügenhaften, falschen, heuchlerischen Charakter; sie sprach 
nie über einen Menschen Gutes, außer in der Gegenwart des 
BetrelTonden, hinter dem Rücken eines jeden wußte sie aber die 
unglaublichsten Ausstellungen zu machen. Der wahrheitsliebende, 
gerade Charakter des Patienten empfand den Widerspruch zwischen 
den theoretischen Erziehungslehren der Mutter und ihrem wirk- 
lichen Benehmen höchst schmerzlich, doch war er außerstande, 
diesen Widerspruch zu lösen, weil — wie es erst in der Analyse 
hervorging — er an der Mutter nichts verlieren wollte. Von 
seinen Schulkameraden wurde er immer wegen seiner auffallenden 
und unordentlichen Kleidung gehänselt. Schon in den ersten Klassen 
des Gymnasiums zeigten sich bei ihm starke Denkliemmungen. 

Daß die Kinder vom Weibe geboren werden, erfuhr er erst 
mit 15 Jahren, woran er sich erst in der Analyse erinnerte; vom 
Beischlaf dagegen erfuhr er erst mit 18 Jahren aus dem Kon- 



444 



Dr. E. Weiß 



versatiouslesikoii. Ungefähr um diese Zeit erfuhr er auch, daß 
Mann und Frau normalerweise eine gog-enseitige geschlechtliche 
Anziehung verspüren, was or aus eigener Erfahrung als Homo- 
sexueller nicht wissen konnte. 

Von den Schwierigkeiten, die sich in dor Analyse einstellten, 
war eine größer als die andere. Dreimal während der Behandlung 
war er nahe daran, zur Selbsttotung zu greifen, doch dank der 
leistungsfähigen Übertragung gelang es mir, ihn davon abzuhalten. 
Wie alle Symptome, so erreichte auch der Lebensüberdruß wahrend 
der Analyse eine größere Intensität als je vorher. Eine Zeitlang 
zog er sogar den Tod der Genesung vor. 

Schwer war das Eingehen auf seine Gefühlseinstellung zur 
Mutter, welche zwei Jahre vor Beginn der Behandlung in hohem 
Alter gestorben war. Er hatte sich gerade in einer anderen Stadt 
befunden und hatte es vermieden, zu ihrem Sterbebette zu reisen, 
teils weil er wußte, daß ihr das gleichgültig sein würde, teils um 
es zu vermeiden, noch eine letzte Lüge, eine letzte Heuchelei zu 
vernehmen. Aber einige Jahre vorher hatte er sie während einer 
langen Erkrankung mit wahrer Selbstaufopferung gepflegt und 
hat das als selbst verständlich empfunden. 

Ihr Tod hat ihn gleichgültig gelassen, er fühlte sich eigent- 
lich von ihr erlöst. Er hatto keine Spur von Trauer, ab und zu 
besuchte er ihr Grab und fühlte sich in ihrer Nähe wohl, er liebte 
sie als Tote. Überhaupt hat or niemals einen Toten betrauern 
können, der Tod hat ihm stets als ein Idealzustand der Ruhe ge- 
golten. Er hatte also schon längt die Mutter aufgegeben, nicht aber die 
Liebe zu ihr, Vielleicht geht man in der Annahme nicht irre, daß 
die homosexuelle Disposition ihn vor einer Melancholie bewahrt hat. 

Von seiner stark ambivalenten Gefühlseinstellung zm- Mutter 
kamen unter großem Widerstand zuerst die feindseligen Regungen 
zum Bewußtsein. Immer neue Erinnenmgen an erlittene Unbilden 
tauchten ihm auf, wobei er dieselbe luivcrminderte Empörung 
empfand wie zur Zeit ihrer Vorfälle. Er erzählte darüber in 
schreiendem Tone und konnte den Eindruck davon keiner 
Erledigung zuführen; auch konnte er sich nicht vorsteUen, in 
welcher Weise er diese Erledigung erzielen könnte. Bei jeder 
Gelegenheit kamen ihm die erlittenen Ungerechtigkeiten in den 
Sinn, wie um ihn zu quälen. Sein Masochismus äußerte sich so 
wie bei den meisten Zwangsneurotikern, welche nur das Unlust- 
volle ihrer Erinnerungen an erlittenes Unrecht angeben können, 
während das Triebhafte ihrer Selbstquälereien für den wissenden 
Beobachter immer deutlich zum Ausdruck kommt. 



FsycboaQalyse eines Falles von nervösem Asthma 445 

Eine Zeitlang schien es mir, daß seine ohnmächtige Protest- 
einstellung:, vielleicht auch gepaart mit einer masochistischen 
Einstellung:, bei der Genese des Asthmas eine wichtig-e Rolle 
spielen sollte. Im Laufe der psychoanalytischen Behandlung- trat 
nämlich das erstemal Asthma auf, als seine Haushälterin in seinem 
Garten ein Immergrün, eine Zierde seines Gartens, trotz seines 
Verbotes, abgesägt hatte. Darüber im höchsten Maße beunruhigt, 
trat Asthma auf, als ob es ein direkter Ausdruck seines ohnmächtigen 
Protestes dagegen sein sollte. 

Zur Identifizierung dieses Falles von Asthma mit dem von 
den Klinikern beschriebenen Bronchialasthma erwähne ich, daß 
Patient intern und rhinologisch untersucht worden ist, wobei der 
Befund nichts Erwähnenswertes ergab. Der einmal vorgenommene 
mikroskopische Befund des Sputums lautete: Vereinzelte Cursch- 
mannsche Spiralen, keine Charcotschen Kristalle und keine eosinophile 
Zellen. Die Atemnot war sowohl in- als exspkatorisch, vielleicht 
exspiratorisch au.sgesprocheaer. Nach etwas längerer Dauer traten 
bronchitische Erscheinungen mit höchst quälenden, an Keuchhusten 
erinnernden Hustenanfallen auf. Manchmal ersetzte ein hartnäckiger 
Bronchialkatarrh das Asthma. Durch das Rauchen von Stramonium- 
zigaretten wurden die Anfälle günstig beeinflußt. 

Ich glaubte anfangs, daß der machtlose Protest gegen eine 
erlittene Ungerechtigkeit, ein nicht wieder gutzumachender, ihm 
zugefügter Schaden mit Vorliebe Asthmaanfälle auslösen könnten. 
Seine Empörung über den eben zitierten Vorfall mit seiner Haus- 
hälterin ließe sich vielleicht als Auflehnung oder Protest gegen 
die Kastration auffassen. Und auch anamnestisch schien es mit 
voller Deutlichkeit zu resultieren, daß ungerechtfertigte Ein- 
mischungen von Seiten seiner Mutter in seine Angelegenheiten, ihm 
zugefügte Ungerechtigkeiten und Beleidigungen iiurerseits Asthma- 
anfälle zur Folge gehabt hatten. Als einmal seine Mutter einen an 
ihn gerichteten Brief, hinter dem durchaus nichts versteckt war 
(Patient war bereits 35 Jahre alt), geöffnet hatte und er auf seine 
Frage, warum sie das getan hatte, von ihr einen strengen Ver- 
weis erhielt, da trat ein heftiger Asthmaanfall mit Erstickungs- 
anßUen auf, so daß Patient über einen Monat das Bett hüten mußte. 

Die Analyse deckte bei ihm eine überaus starke analerotische 
Komponente auf. In den ersten Kinderjahren mußte ihn die Mutter 
öfters klistieren, da er an Stuhl Verstopfung litt. Analerotik, 
Sadismus und Eigensinn kamen ja in der Analyse in Hülle und 
Fülle zum Vorschein, und diesbezüglich konnte sich Patient an 
ganz vergessene Erlebnisse erinnern, welche bis in die früheste 

Internftt. Zoitachr. f. Psrchüaaaljsc, VIII/4. BS 



446 Dr. E. Weiß 

Kindheit, sogar bis zum zweiten Lebensjahr zurückgingen. Der 
analerotischo Protest hatte im Proteste gegen die Kiistration seine 
natürliche Fortsetzung gefunden. ICein Wunder, daß das inkon- 
sequente und ungerechte Benehmen der Mutter ihm gegenüber 
seine ProtesteinstelUmg fortwährend aufschürte. 

Allmählich konnte das Material von mir nur durch die Hilfs- 
vorstelhing gedeutet werden, daß das Asthma als Ketontion, analog 
der Zurückhaltung des Stuhles beim Analerotiker aufgefaßt werden 
könnte. Als eine eigenartige Verschiebung nach oben; Atemluft- 
retention statt Stuhlretention, und zwar als Ausdi'uck dos Protestes 
imd der Unnachgiebigkeit. Ein anderes Mal zeigte das Asthma 
einen Zusammenhang mit der Verarmungsangst: Patient wurde 
einmal auf dem Wege zu mir von einem starken Asthmaanfall 
befallen, ohne eine Veranlassung desselben angeben zu können. 
Als er in der Analyse zu jener Stelle, wo das Asthma ein- 
gesetzt hatte, assoziierte, erinnerte er sich, dort den leeren 
Handelshafen gesehen zu haben, wobei ihm eine starke Besorgnis 
um die wirtschaftliche Lage des Landes gekommen sei und die 
Befürchtung, er konnte mittel- und hiUlos bleiben. Sofort nach 
Bewußtmachung dieses Gedankens in der Analyse hörte das Asthma 
auf. Als ihm im Laufe der Analyse bereits besser wurde und er 
sich um eine Verdienstquelle umsehen konnte, wurde er jedesmal 
von Asthma befallen, sobald eine HolTnung, eine solche gefunden 
zu haben, scheiterte. In viel tieferen Schichten aber lagen weitere 
Determinierungen des Symptoms. 

Wie schon erwähnt, kamen ihm die foindseligen Impulse 
gegen die Mutter zuerst zum Bewußtsein". Soine Beziehung zu ihr 
war noch dadurch kompliziert, daß sie teilweise die väterliche 
Autorität repräsentierte. Es wiire zu weitläufig, auf seine Beziehung 
zum Vater einzugehen. Er konnte sich schließlich an ganz manifeste 
Todeswünsche gegen die Mutter erinnern, ja sogar an ihren 
Zusammenhang mit Todeswünschen für die eigene Person. Lange 
Zeit hat er sich beim Gedanken nicht beruhigen können, die Mutter 
durch den eigenen Tod nicht bestraft zu haben. Er machte sich 
auch bewußt, daß die Asthmaanfälle oft rächend die Mutter 
getroffen hätten. 

Erst viel später, unter ÜberAvindung eines noch viel größeren 
Widerstandes, tauchten endlich die Liohosregungon zu ihr auf Das 
diesbezügliche Erinnerungsniaterial war sehr groß. Während er 
zu Beginn der Behandlung nur von der Pubertätszeit aufwärts 
zu erzählen wußte und seine früheste Kindheit in völliges Dunkel 
gehüllt war, konnte im Laufe der Analyse die früheste Kindheit, 



Psychoanalyse eines Falles von nervösem Asthma 447 

zum Teil auch vor seinem zweiten Lebensjahr, aufg:edeckt werden. 
Er erinnerte sich mit größter Deutlichlseit an vollkommen ver- 
drängte Erlebnisse, so wie wir es gewöhnlich bei Hysterikern 
sehen. Es kamen ihm Einzelheiten in Erinnerung, wie gerne er 
als kleines Kind mit ihr spazieren ging, wie gerne er mit ihr 
spielte, und als er manchmal von ihr vernahm, sie werde einmal 
sterben, so konnte er den Gedanken, ohne sie leben zu müssen, 
gar nicht fassen. Und ich begriff immer deutlicher, daß er auch 
jetzt noch die Mutter nicht vermissen könne. 

Und da trat während der Analyse etwas von mir ganz 
Unerwartetes ein: Es kamen nämlich bei ihm bewußt heterosexuelle 
Regungen zum Vorschein. Schon zu Beginn der Behandlung 
glaubte ich ihm sagen zu müssen, daß angesichts seines vorge- 
schrittenen Alters die Analyse in ihm keine heterosexuellen Trieb- 
regungen mehi" erwecken könne. Auch war ich während der 
Analyse bestrebt, bei ihm den bewußten Konflikt zwischen seiner 
bewußten Homosexualität und seinem Gewissen zu beseitigen 
und habe bei jeder Gelegenheit in diesem Sinne zu wirken 
getrachtet. 

Nun kamen ihm aber seine infantilen Sexualregungen zur 
Mutter zum Bewußtsein. Zuerst erinnerte er sich, als älteres Kind 
mit großem Widerwillen von der Mutter gehört zu haben, daß er 
als Säugling ihre Brust mit den Kiefern stark gepreßt hätte. Eine 
Deekerinneriing lautete ferner, er liege als kleines Kind mit seiner 
Mutter im Bette und lege ihr ein Bein auf den Bauch ; da sage 
ihm die Mutter, daß ihr das wehe tue, worauf er ganz erschrocken 
das Bein zurückziehe. Er erinnerte ferner, eine starke sexuelle 
Neugierde für sie empfunden zu haben, sie im Klosett belauscht 
zu haben, um ihren Penis zu sehen, den er sich sehr groß vor- 
stellte und dergleichen mehr. 

Da geschah es, daß er im Laufe der Behandlung eines Nachts 
einen Pollutionstraum hatte, des Inhaltes, er liege im Bette, es 
komme die Mutter zu ihm, küsse und umarme ihn. Das war der 
erste unverhüllte heterosexuelle Pollutionstraum. Sonst konnte er 
sich nur an homosexuelle Pollutionsträume erinnern und hat auch 
nur solche im Laufe der Behandlung produziert. Interessant ist 
ein Pollutionstraum, den mir Patient längere Zeit nachdem er ihn 
geträumt hatte, erzählte. Er hatte ihn auch, bevor er in meine 
Behandlung kam, aufgeschrieben, doch hatte er die Aufzeichnung 
davon nicht finden können. Wie der Traum in seinem Gedächtnis 
geblieben ist, lautete er: Es kommt eine Lokomotive an, auf 
welcher sich zwei halbnackte, ganz berußte Heizer befinden. 

29* 



448 Dr. E. Weiß 

Patient nimmt einen Kübel Wasser und einen Schwamm und 
wäscht mit Wollust die beiden Heizer, bis er mit einer l^ollution 
aufwaclit. In der Deutung-, die icli ihm g-ab, erlilärto ich ihm, daß 
er sich an die Stelle der Mutter gesetzt und sicli mit den beiden 
Heizern identiflziert hätte. Nun, längere Zeit darnach, fand er seine 
damalige Aufzeichnung des Traumes und konnte mir berichten, 
mir einen falsch erinnerten Traum erzählt zu haben. Nicht er 
hatte die beiden Heizer abgewaschen, sondern eine Frau ist es 
gewesen. Die ErinnerungsfiUschung: war niclits anderes, als eine 
weitere Entstellung des latenten Inhaltes. Vor dem früher berich- 
teten Pollutionstranm mit der Mutter, hatte er natürlich in ver- 
kappter, symbolischer Form aucli andere heterosexuelle PoUutions- 
träurae gehabt, daß er beispielsweise seinen erigierten Penis in 
einen Aschenbecher steckt. Der früher erzählte Traum aber war 
der erste unverhüllte heterosexuelle Pollutionstrauni. 

Noch bevor die heterosexuellen Regungen der Verdrängung 
entrissen wurden, wurde es deutlich, daß er auch mit Asthma- 
anfällen reagierte, wenn sich von ihm die Mutter oder eine sie 
ersetzende Person entfernte. Als er im Laufe der Behandlung 
durch einige Tage wegen allzu schwerem Astlmia das Haus nicht 
verlassen konnte und folglich auch nicht zu mir kam, besuchte 
ihn eine bekannte Frau aus der Mutterreihe, an welche er 
psychisch gebunden war, um sich nach seinem Befinden zu 
erkundigen. Sie war kaum in das Zimmer eingetreten, als das 
Asthma vollkommen verschwand. 

Er war hauptsächlich in jener Phase an die Mutter fixiert, 
in welcher eine libidinose Besetzung jener Ziele vorliegt, welche 
ursprünglich von den egoistischen Trieben angestrebt worden 
sind: Er weilte Schutz, Nahrung und Versorgung als libidinÖse 
Befriedigung haben. Er sehnte sich nach einem mütterlichen 
Neste, wo er nichts von der Außenwelt zu belurchten hätte. Die 
Analyse galt ihm als Ersatz für die vorsorgliche Mutter. Als ich 
einmal zu spät nach Hause kam, wälirend Patient auf mich 
wartete, bekam er einen heftigen Asthmaanfall, aus Angst, ich 
würde diesen Tag nicht kommen. Sofort bei meinem Erscheinen 
legte sich der Anfall. Der einzige Aufenthalt der Ruhe und 
Sicherheit war ihm die analytische Stunde. Als er einmal seine 
volle Insuffizienz für die geringfügigen Manipulationen in seiner 
Vermögensverwaltung fühlte, wollte er sich unter meine Kuratel 
stellen, was ich natürlich abschlug. Immer klarer wurde es mir 
im weiteren Verlaufe der Behandlung, daß er auf eine Trennung 
von der Mutter, von welcher er absolut nicht ablassen wollte, mit 



Psychoanalyse eines Falles von nervösem Asthma 449 

Asthma reagierte. Im weiteren Verlaufe der Analyse konnte fest- 
gestellt werden, daß das Gefühl, untergebracht zu sein, nicht auf 
sich selbst angewiesen zu sein, als Ersatz für das Gefühl der 
mütterlichen Versorgung aufgefaßt werden durfte. Die Angst, 
mittellos, im Trockenen zu bleiben, umkommen zu müssen, ent- 
sprach der Trennung von der Mutter; ebenso die Situation, in 
einer Angelegenheit nicht fertig werden zu können, nicht recht- 
zeitig anzukommen, zurück- und folglich isoliert zu bleiben. 
Es bildete sich in mir folgender Gedankengang : 
Daß man mit Atembeschwerden auf die Trennung von der 
Mutter reagieren könne, könnte ja allein für sich schon ein- 
leuchten. Inwieweit seine asphyktisehe Geburt, die er nach Berichten 
gehabt zu haben scheint, als disponierendes Moment angenommen 
werden darf, entzieht sich ganz meiner BeurteUung. Ferner könnte 
man vielleicht annehmen, daß der Ausdruck des Unwillens und 
des Protestes von der psychischen Situation des schon geborenen 
Kindes herstammen könne — per analogiam der Auffassung der 
Angst nach Freud. Das schreiende, hilflos zappelnde, im Gesicht 
blutrot injizierte Kind, stellt doch ein unwilliges, protestierendes 
Geschöpf dar, das sich im Schlafe beruhigt, das heißt beim 
Erreichen seines früheren Zustandes. Es protestiert — sit venia 
verbo — gegen die stattgefimdene Herausbeförderung aus dem 
Mutterleibe. Vielleicht geht man in der Annahme nicht irre, daß 
diese Einstellung, als Antezedenz, später, sagen wir beim anal- 
erotischen Protoste, reaktiviert wird, wobei erst dann, in dieser 
neuen hysterischen Phase des Protestausdruckes, andere Einzel- 
heiten als Ausdrucksraittel aufgenommen werden, wie zum Beispiel 
Inkontinenz- respektive Retentionsakte. Die Frage, ob es die 
analerotische Retention ist, welche beim Bronchialasthma sich auf 
den Respirationstrakt verschoben kundgibt, miiß ich offen lassen. 
Für das Zustandekommen dieser fraglichen Verschiebung könnte 
die Tatsache von Bedeutung sein, daß Patient einen gut ent- 
wickelten Geruchssinn hat, welcher auch beim Sexualleben, als es 
im Laufe der Kur auftauchte, eine wichtige Rolle spielte. Er 
verhält sich ungefähr wie das Nasentier, das mit dem Geruchssinn 
das mütterliche Nest aufsucht. 

Die früher erwähnten asthmogenen, das heißt asthma- 
erzeugenden Situationen der ohnmächtigen Protesteinstellung 
enthalten nun sämtlich die Komponente, von der Mutter im Stich 
gelassen zu sein, und sind vom Gefühl begleitet, daß auf sie kein 
Verlaß mehr sei. Und dieses Gefühl, von der Mutter verraten worden 
zu sein, wm-do vom Patienten selbst als asthmogen anerkannt. 






450 Dr. E. Weiß 

Um zu seiner Sexualität zurückzukehren, zeigte er den 
allergrößten Widerstand bei der Berücksiclitigung seiner eventuellen 
realen Sexualbefriedigung-. Er untordrückto jede sexuelle Trieb- 
regung (einstweilen war er bewußt nur homosexuell), er ärgerte 
sich jedesmal, wenn er sexuelle Regungen veispürte. Er wollte 
asexuell bleiben und konnte sich mit dem Gedanken, als Asexueller 
nicht gesund werden zu können, nicht befreunden. Die mühevolle 
Beseitigung seiner Vorurteile, das langsame Verlassen der Gegen- 
besetzungen seinerseits, bewirkten eine fortwährende Besserung 
seines Zustandes. immer vollkommener konnte seine früheste 
- Kindheit rekonstruiert werden, immer neue Erinnerungen tauchten 
auf. Er erinnerte sich an seine infantile Onanie : wio er mit fünf 
bis sechs Jahren sich mit Wollust den Penis an einem Fauteull 
rieb. Aus einem Erlebnis zwischen dem neunten und zehnten 
Lebensjahre ging hervor, daß er schon damals gewußt habe, daß 
die Kinder vom Weibe geboren werdon, wobei der Mann auch 
eine Funktion hat. Ja schon mit sechs Jahren wußte er, als ihm 
die Mutter von der Arche Noahs vorlas, daß zur Fortptlanzung 
ein Mann und eine Frau notwendig seien. All dies ist von ihm 
verdrängt worden, und als er mit fünfzehn Jahren zum zweiten- 
mal von der Geburt erfuhr, nahm er dies als eine ganz neue 
Kenntnis auf. 

Mit fortschreitender Analyse trat allmählich eino Umwandlung 
seiner Gefühleinstelkmg zum Manne ein: Während er sich vor 
der Behandlung immer nur zu homosexuellen Männern hingezogen 
gefühlt hatte (und zwar gefielen ihm immer Männer mit virilem 
Habitus), wurden ihm im Lauf der Analyse bisexuelle Männer 
anziehender, er fing an, es zu vermissen, wenn einem Manne die 
Liebe zum W^eibe abging. Noch später zog er rein heterosexuelle 
Männer vor. Seine heterosexuellen Triebrogungen wurden indes 
nur als Sublimierungen der Verdrängung entrissen. Patient wurde 
bereits etwas arbeitsfähig, Besetzungsenergie wurde frei, die 
Depression nahm ab. Doch diese Besserungen zeigten einen 
periodischen Verlauf, denn sobald durch Anwachsen der Trieb- 
regungen die Sublimierungen nicht mehr aufreclit erhalten werden 
konnten, wurden die Triebregungen sofort verdrängt. Nach mehr 
als einjähriger Behandlung begann er zum erstenmal in seinem 
Leben einer jungen Frau Interesse entgegen zu bringen. Er 
sprach sehr gerne mit ihr, sie gefiel ihm und im Gespräche mit 
ihr vergingen ihm die Stunden wie Minuten. Er wandte aber auch 
Libido, und zwar nicht nur sublimierte, auch ihrem, ihm sehr 
sympathischen Manne zu. Dieses Eheglück war für ihn eine wahre 



Psychoanalyse eines Falles von nervösem Asthma 451 

Freude, und als es leider unter seinen Augen g-estört wurde, 
trotzdem er sich aufopfernd, aber vergeblich eingesetzt hatte, um 
es zu rotten, erlitt er einen schweren seelischen Schlag. Pessi- 
mismus, Ijebensüberdruß und Todeswünsche kamen wieder z;um 
Vorschein. Immer fürchterlicher wurde ihm der Gedanke, allein 
zu wohnen, und es kostete ihn täglich eine große Selbstüber- 
windung, sein Haus zu betreten, wo ihn niemand liebevoll 
erwartete. Dazu assoziierte er immer, daß er zu Lebzeiten seiner 
Mutter den größten Widerstand hatte, nach Hause zu gehen, weil 
er täglich einen ungerechten Vorwurf oder irgend eine Schlechtigkeit 
von ilirer Seite erwartete. 

Als er noch mit dem erwähnten Ehepaar in freundschaftlicher 
Beziehung stand, wurde er jedesmal von Asthma befallen, wenn 
Ihm die Befiu-chtung kam, daß diese Verbindung kein glückUches 
Ende nehmen werde. Jedesmal, wenn er sich in der Analyse die 
Veranlassung des Asthmas klarmachte, legte sich dieses sofort. 
Interessant ist, daß er schon leichte Atembeschwerden beim 
Verkehre mit diesen Eheleuten bekam, noch bevor er den be- 
fürchteten Ausgang dieser Ehe vermuten konnte. Erst später 
verstand ich, daß diese Atembeschwerden als prognostisches 
Zeichen für den Ausgang dieser Verbindung verwertet werden 
konnten. Sein Unbewußtes hatte nämlich schon Anzeichen der Dis- 
harmonie zwischen den beiden Eheleuten aufgenommen und diesen 
durch Atembeschwerden Ausdruck gegeben. Man könnte sagen, 
er habe eine feine Spürnase gehabt. Überhaupt erwies sich oft das 
Asthma als eine sehr empfindhche Reaktion, bei weitem die bewußte 
Wahrnebmung der Situation übertreffend. 

NatürHchkonnteauch in denmeisten anamnestisch angegebenen 
Asthmaanfällen oft eine, mit den angeführten übereinstimmende 
Veranlassung aufgefunden werden. Vor der psychoanalytischen 
Behandlung war Patient eine Zeitlang in einer Anstalt unter- 
gebracht, wo er sich sehr gut aufgehoben fühlte. Bei der Kunde, 
er müsse binnen kurzem die Anstalt verlassen, in welcher er 
von den Schwestern des Roten Kreuzes eine herzliche Pflege 
genossen hatte, deren Wert er in seiner ganzen Größe empfand, 
bekam er einen starken Asthmaanfall. 

Die folgende und letzte Etappe seines psychoanalytischen 
Erlebens ist durch das Interesse gekennzeichnet, das er einem 
Fräulein entgegenbrachte, das er schon 15 Jahre kannte, mit ihr 
zwar freundschaftlich verkehrte, natürlich ohne jemals die leiseste 



452 Dr. E. Weiß 

Sexualempfindung für sie gehabt zu haben. Er erwärmte sich 
immer mehr für sie, das Interesse für sie wuchs täglich, allmählich 
brach die Liebe zu ihr die Schranken der Sublimierung und nach 
zweijähriger Analyse begehrte der bereits 42jährige Mann zum 
erstenmal in seinem Leben ein Weib leidenschaftlich sexuell. Er 
begann deutlich zu empfinden, daß ein Zusammenleben mit ihr 
ihm das Leben nicht nur erträglich, sondern auch lebenswert 
machen würde. Er wui'de sein- arbeitsfäiiig und ordentlich, 
seine pessimistische Einstellung wich vollltommen. Der ewige 
Zweifler war jetzt überzeugt, sich in ihrer Beurteilung nicht zu 
irren, und da seine Liebe zu ihr aufrichtig erwidert wurde, ver- 
lobte er sich mit ihr. Bevor er aber so weit gekommen war, 
ist er jedesmal von Asthma befallen worden, als er den 
Weg zu ihr sich erschwert sah. Durch ihre Gegenwart wurde 
es stets behoben. • 

Ungefähr vor einem Jahre unterbiach ich die Behandlung, 
als er beschlossen hatte, zu heiraten. Diese Etappe schien mir bei 
gegebener Situation fast erwünscht, auch fühlte ich selbst das 
Bedürfnis, diese aufreibende Behandlung wenigstens eine Zeit- 
lang auszusetzen. Sein Status war: Vernünftig optimistische Ein- 
stellung, große Arbeitsfähigkeit, er konnte ohne Anstrengung 
seiner Ordnungsliebe und seinem Reinllchkeitshedürfnis nachgehen, 
er zeigte Lebensfreude (als er sich zu dieser ;ioit zu einem Leichen- 
begängnis begab, so war ihm die Vorstellung des Toten höchst 
peinlich, und am liebsten wäre er davongegangen, während er 
immer vorher, wie erwähnt, jeden Toten nur beneidete). In der 
Ehe war er immer sehr potent und hatte volle sexuelle Genuß- 
lahigkeit. Die sexuelle Liebe zu seiner Frau war viel stärker als 
je vorher für Männer. Er schenkte Männern keine Beachtung mehr, 
aber auch anderen flauen nicht, er ist bis jetzt streng monogam 
geblieben; seine starken heterosexuellen Wünsche richten sich nur 
gegen seine Frau. Seine übertriebenen analerotischen Reaktionen, 
welche seinem Charakter ein spezifisches Gepräge gegeben hatten, 
haben sich im Laufe der Behandlung sehr gelegt 

In diesem verflossenen Jahre der Ehe hat sich sein Zustand 
Dicht geändert, er ist eigentlich seiner Frau noch viel anhänglicher 
geworden und findet in ihr immer neue Vorzüge. Dagegen hat er 
mit seinem Asthma noch viel zu leiden gehabt. Er hat als Ziel 
seiner Hochzeitsreise Wien gewählt, um Herrn Professor Freud 
seinen Fall vorzustellen. Gleich nach Verlassen des Haustores in 
der Berggasse wurde er von einem heftigen Asthmaanfall be- 



Psychoanalyse eines Falles von nervSsem Asthma 453 

fallen, welcher bis in die Nacht hinein andauerte. Dazu fiel ihm 
sofort ein, daß ihm der Herr Professor unter anderem gesag-t 
hätte, die Knr wäre einstweilen zu unterbrechen, weil Patient 
einstweilen nur von seiner Frau sprechen würde. Er führte seinen 
Anfall auf den Gedanken zurück, sich von der Kur trennen zu 
müssen, welche ihm gleichsam als Ersatz für eine fürsorgliche, 
behütende Mutter war. Doch der Anfall legte sich spontan. Als 
seine Frau in andere Umstände kam, machte ihm dies einige 
Besorgnis, da sie schon die erste Jugend überschritten hatte und 
diese ihre erste Geburt werden soltte. Mit dem Herannahen des 
Geburtstermins wurde seine Besorgnis um sie immer größer und 
schließlich kam diese Besorgnis mit Bronchialasthma zum Aus- 
druck. Er stand natürlich nicht mehr in analytischer Behandhing; 
es half kein medikamentöses Mittel, um es symptomatisch zu 
bekämpfen, und mit kurzen, unvollständigen Pausen dauerte es 
monatelang bis zur Niederkunft seiner Frau. Es hatte schwere 
bronchitische Erscheinungen zur Folge, mit schweren, quälenden 
Hustenanrällen und schwerer, zäher Expektoration. Es scheint, daß 
seine Frau die psychische Herkunft des Asthmas geahnt habe, 
denn sie fragte ihn oft, was sie nur machen könnte, um ihm 
zuhelfen. Als sie eines gesunden kräftigen Bubens entbunden 
worden war, hörte sofort das Asthma und die bronchitischen 
Erscheinungen auf. Während eines starken Asthmaanfalles hatte 
er sich einmal versprochen und anstatt sie beim Namen zu rufen, 
rief er zu ihr ; Mutter ! 

Obwohl dieses Symptom noch nicht beseitigt wurde, so glaube 
ich doch, einen Einblick in dasselbe gewonnen zu haben. Eine 
Änderung ist insoferne eingetreten, als es früher ein Symptom 
war, dessen Zusammenhang mit dem Psychischen dem Patienten 
ganz verborgen war — er wußte nicht, von wo es kam, es war 
wie ein internes Leiden — , jetzt nimmt es sich etwa wie ein 
Affektausdruck aus, wie etwa das Weinen, das Schamerröten oder 
das Lachen. Wenn ich dem Patienten jetzt, wenn er Asthma 
bekommt, frage, warum er es hat, kann er mir sofort die 
asthmogene Situation, und zwar immer der erwähnten Art, 
angeben. Zu erwähnen wäre noch, daß Asthma oft sehr plötzlich 
beim Schlafen in der Nacht sich ciastellte, aber da konnte jedesmal 
als Tagesrest ein Eindruck von der beschriebenen Art gefunden 
werden, imd zwar immer mühelos. Durch das Nachlassen 
der Zensur während des Schlafes hatte sich das vorbewußte 
Material mit dem verdrängten verbunden und sich mit Asthma 
ausgedrückt. 



454 Dr. E. Weiß 

Doch seit einem Monat wurde die Ansilyse wieder auf- 
genommen, imd ich hoffe, noch tiefere Einblicke in d:is Symptom 
gewinnen zu können.^ 

Zusammenfassung. 

Bei diesem Patienten hat das Asthma einen, dem phobischen 
sehr ähnhclien Mechanismus gezeigt. Es würe zu weitläufig, wenn 
ich hier erklären wollte, wie ich mir dieses Symptom meta- 
psychologisch vorstelle, um auf seinen Unterschied mit der Phobie 
hinzuweisen. Es tritt als Reaktion auf die Tronnimg von der 
Mutter auf, an welche Patient stark fixiert ist, und zwar haupt- 
sächlich in der Phase der passiven Schutzeinstellung. Mehrere 
Situationen, wie zum Beispiel die des N ich tzurechtkom mens, 
stellen- und mittellos zu bleiben, sowie von der Mutter im Stich 
gelassen zu sein, namentlich wenn diese die Kastrationsdrohung 
übernimmt, welche sonst vom Vater ausgeht, und andere ähnliche 
Situationen spielen etwa als VorschiobungaersatK eine der Gegen- 
besetzung ähnliche Rolle. Ferner scheint die Analorotik eine große 
Rolle zu spielen. Die Frage, oh die analerotische Retontion sich 
nach oben zum Respirationstrakt verschoben liat, muiS offen 
gelassen werden. Eine eigenartige masochistische Einstellung spielt 
sicher auch beim Asthma eine nicht zu unterschätzende Rolle. 
Als disponierendes Moment müchte ich endlich einen gut ent- 
wickelten Geruchssinn annehmen, so daß man vielleicht von einer 
Geruchs- oder Inhalationserotik sprechen darf Daß die Goruchs- 
erotik mit der Analerotik und mit der Munderotik in enger Be- 
ziehung steht, Hegt auf der Hand. 

* * 

* 

Ich bekam die psychoanalytische Literatur des Bronchial- 
asthmas erst in die Hand, als dieser Vortrag bereits vollendet 
war. Im Zentralblatt für Psychoanalyse 1911 erschienen zwei 

^ Bei Korrektur der Druckbogen: Ich will nicht versäumen, mitzuteilen, 
daß in den seither verflossenen Wouhen dus Asthma eich nicht nur nicht 
besserte, sondern eine empfindliche Verschlechterung erfuhr. Es muß hervoi> 
gehoben werden, daß PaUent sich wegen des Asthma.'? der Psychoanalyse nicht 
unterzogen hätte, dieses nur nebenbei eiwflhnt hatte, da er früher nur ver- 
einzelte Anfalle in langen Intervallen hatte. Die Analyse wird gerade gegen- 
wärtig starker, geschickt verborgener Widerstünde habhaft und es enthüllt 
sich mit voller Deutlichkeit sein trotziger, unnachgiebiger Charakter, sowie 
seine komplizierte, interessante, bisher noch nicht genügend ertorscfate 
Beziehung zur Mutter. Todeswünsche tauchen, trotz seines starken Leidens, 
nicht mehr auf. Er hifngl sehr an seiner Fraii, die er sehr verehrt, und an 
seinem Kind. Die schon erzielten Resultate zeigen sich als unerschütterlich. 



^ 



Psychoanalyse eines Falles von nervösem Asthma 455 

Aufsätze von Sadger und Stegman, worin die Psychogeneität 
des Asthmas gezeigt wird. Ebenso in einem Aufsatze von Wulff, 
erschienen in derselben Zeitschrift im Jahre 1913. Endlich muß 
ich noch einen langen Bericht über eine Analyse erwähnen, 
welche Marcinowski im Jahrbuch des Jahres 1913 publiziert 
hat. Er kommt darin zur Schlußfolgerung, daß das Asthma zu 
den Psychoneurosen gehört und eine Teilerscheinung der Angst- 
hysterie sei. In keiner dieser Arbeiten aber kamen die Autoren 
zu einem ähnlichen Befunde, wie ich in dem berichteten Fall. 
Aber ich konnte auch keinen Widerspruch zu meiner Auffassung 
finden. Hingegen hat Federn (diese Zeitschrift, Jahrgang I, S. 303, 
Korrospondenzblatt, Sitzungsbericht der Ortsgruppe Wien) unter 
dem Titel „Beispiel von Libidoverschiebung während der Kur", 
über die Heilung eines Asthma bronchiale berichtet, in welchem 
der Asthniaanfall wie in meinem Falle als Reaktion auf Trennung 
von der Mutter und deren Imagines auftrat. „Im Unbewußten war 
es noch immer die Mutter, nach der der Kranke wie in der Kind- 
heit bis zur Atemlosigkeit schrie." „Bei unserem Patienten erhielt 
sich dieses infantile Unglücksgefühl als die Stimmung des 
sofortige Hilfe vor einem Publikum erbettelnden, erschreienden, 
ertrotzenden und verzweifelnden Kindes." Auch von Federn 
wurde die Prävalenz des Geruchssinnes und der Mundzone als 
konstitutionellen Faktors hervorgehoben. 



Mitteilungen. 



Zwei narzißtische Typen. 

(Ergänzende Bemerkungen zu Dr. AI exa nd ers „Kastrationskomplex und 
Clmrakter", diese Zeitschrift, ]f)22/2.) 

Von Dr. Wilhelm RaiEh (Wien). 

I. 
Die uns von Alexander gelieferte Beschreibung und Abgrenzung 
des „neurotischen Charakters" mit seinen diffusen von der Neurose mit ihren 
„lokalisierten" Symptomen, ist vollinhaltlich zu beatäligen. Eine in der Arbeit 
aufgeworfene Fnige steht hier zur Diskussion: „Ks ist schwer, die dynamische 
Frage zu beanlworten, ob der Druck des krankheilaverursiichenden Moments 

— die Libidoatauung — nicht groß genug ist, um in neuen Bahnen, in 
Symptomen abgeführt zu werden, oder ob die Abwehrreaktion des OrganiemuB 

— die Verdrängung — niuht ausgiebig genug ist, um die realen 
Befriedigungen ganz zu versperren." So formuliert, trifft die Frage nicht den 
Kern des Problems. Es ist kein Zufall, daß Alexander bei Analyse des 
neurotischen Charakters so tief in die psychologischen Verhältnisse gerade 
des Kastration skomplexes geführt wurde. Es muß zu denken geben, daß man 
in allen Fällen neurotischen Charakters auf einen die gesamte Persönlichkeit 
umfassenden Kaslraiionskomplex und dahinter (was von Alexander zu 
wenig betont wurde) regelmäßig auf eine auffallend stiirke narzißliacha 
Konstellation stößt, die sich letzten Endes als Resultat einer konstilutionelLen 
Überbetoutheil der wichtigsten erogenea Zonen — der analen, oralen und 
urethralen — darstellt. Wir müssen annehmen, daß eine solche Überbetontheit 
nicht nur die Ichlibido bedeutend stärkt, sondern gleiehzeilig eina erhöhte 
Irritabilität der Gesamlpersöiilichkeil schalft, die schon auf 
geringen Anstoß hin Störungen involvieren kann. Wir sind in konsequenter 
Verfolgung der in den letzten Jahren gemachten Erfahrungen über Tiefe und 
Heichweite des Kastrations komplexes geneigt, diesem Begriff die Weite zu 
geben, welche aus seinen Konstituenten erfließt : ihn als den Ausdruck 
der verletzten Integrität einesTeiies oder der gesamten 
Persönlichkeil (im Unbewußten gilt Penis gleich Geaamlich) zu begreifen. 

Es ist dabei für diese Frage gleichgüllig, ob der Kastrationskomplex 
der verletzten Integrität des Geuilnle im engeren Sinne entspringt (etwa durch 
Drohung des Penisabschneidens, Inzeslstrafe etc.) und sich von hier aus auf 
die Gesamlpersünlichkeit erstreckt oder an der sexuellen Peripherie ansetzt 
und sich sekundär gegen das Genitale hin konzentriert. Alexander 



n 



m 



Mitteilungen 457 

bemerkt sehr richtig, daß der Kastrat tonskotnpl ex assoziativ durch daB 
Trauma der Brustwarzenentziehung und des Kotverlustes von vornherein 
verankert ist, da Kot und Brustwarze für das Kind Teile des eigenen Körpers 
sind. Daß die narzißtische Irritabilität auf heterogenste Slöße (Verletzung 
der Objektlibido oder Ichlibido, organische Verletzung oder Erkrankung) 
ansprechbar ist, ist Belbstverständlich. 

Der AugriFEspunkt der „Verletzung" kommt aber gegen die endgültige 
Lokalisation kaum in Betracht, die dort statthaben muß, wo die entsprechende 
Libidobesetzung vorwaltet; wenn eine Hysterica ihren obiektlibidinösen, 
verdrSnjjten Wunsch in das scharf umschriebene, von der übrigen Persön- 
lichkeit abgegrenzte Symptom des hysterischen Erbrechens konvertiert, so ist 
diese scharfe Abgrenzung dem Umstände zuzuschreiben, daß vorwiegend die 
Objektlibido belroffen wurde. Je mehr Ichlibido in die Störung 
einbezogen wird, desto weitreichender, diffuser die 
Symptome. Die Abgrenzung gegen die übrige Persönlichkeit ist unmöglich, 
eben weil Ichlibido die libidinöse Gesamtstrebung zum Gesamtich bedeutet. 
Eine scharfe Trennung kann in praxi natürlich nicht aufrechl erhalten werden; 
es kann nur an ein Vorwiegen der objektlibidinösen oder ichlibidinfisen 
Störung' gedacht werden. Im Grunde gibt es keine noch so scharf umschriebene 
Neurose ohne Spuren von Störungen der GeBamtperBönliehkeit Das Minder- 
wertigkeitsgefühl, die Begleiterscheinung sümtlicher Neurosen, die „narzißtische 
Narbe" (Marci now sk y), ist der konstante Ausdruck dieser Störung. 

Wir meinen also, daß nicht die mangelnde Gewichtigkeit der Libido- 
stauuDg oder Verdrängung das den neurotischen Charakter von der Neurose 
dynamisch Differenzierende ist, sondern das Vorwiegen der Störung 
in der Ichlibido (= neurotischer Charakter) oder Objekt- 
libido (= Ne u rose). Es kann daher auch der Ansicht Alexanders 
nicht zugestimmt werden, daß der neurotische Charakter eine Mittelstellung 
zwischen Gesundheit und Neurose einnimmt, sondern er muß, trotz mancher 
der Neurose fehlender Befriedigungsmögüchkeiten, an Schwere vor die 
Neurose gestellt werden. Jeder Analytiker weiß, daß therapeutisch die Prognose 
bei der Neurose im allgemeinen viel günstiger zu stellen ist, als beim 
neurotischen Charakter. Die von Alexander so trefflich geschilderte 
Umwandlung des neurotischen Charakters in eine passagere Neurose während 
der Kur, muß als ein therapeutischer Erfolg gebucht werden : die schwerere 
Krankheilsform ist in eine leichtere übergegangen. 

Es ist von Alexander nicht erwähnt worden, aber unserer Erfahrung 
nach setzt die Umwandlung dann ein, wenn die Übertragung auf den Arzt 
wirksam wird, die narzißtische Abgeschlossenheit dieser Charaktere von der 
objekIlibidiDösen Einstellung überwuchert wird. (Man darf sich bei solchen 
Patienten durch ihre oft sebr lärmenden Manifestationen der Objektlibido 
nicht Über den wichtigen narzißtischen Hintergrund hinwegtäuschen lassen. 
Die objektlibidinösen Kämpfe sind zumeist Versuche, die Störungen der 
Ichlibido zu nivellieren.) Dieser Kampf zwischen Objekt- und Ichlibido, der 
sich vor unseren Augen abspielt, bringt die zensorische Instanz des Gewissens 
wieder zur Geltung und bewirkt dadurch Versagungen aller Art und sekundär 
die Lokalisation der Symptome. 



I Maßgebend für die vorwieg'cndo Lokaüsation ist unter anderem der ITmstana, in 
wclcliem Stadium der LibidoeDtwicklung die Piiierun^ Htattgefundeii hat, beziehnngs weise 
bis EU welchem Sladium die Regression voIIiogcD wurde. 



460 Miiteilungea 

schwung zum Besseren zu erzielen. Gilt es beim ersten Typ, den latenten 
Narzißmus manifest zu machen, so hier das latente Minderwertigkeitsgefühl; 
ich ließ den Patienten, wührend er, wie er es später nannte, wieder einmal 
aufs schönste .geistig onanierte", das Ruhebett verlassen und sich mir gegen- 
über auf einen Sessel setzen.^ Die Wirkung war frappant: der soiiat kerzen- 
gerade, bewegungslos und vornehm daliegende, stets in gleichmüßigera Tonfall 
selbstgefällig konvergierende Patient stockte solort, errötete, wand sich buch- 
stäblich vor Verlegenheit, getraute sich nicht, mir in die Augen zu sehen. 
Plötzlich bat er: „Herr Doktor, lassen Sie mich wieder in meine Burg (auf das 
Ruhebett) zurück!" Ich ging natarlich darauf nicht ein, sondern ergriff die 
Gelegenheit, um ihn durch gütlichen Hinweis auf seine Verlegenheit zur Ein- 
sicht zu bringen, daß er sich im Grunde sehr minderwertig fühle usw. Im 
Laufe der nüchsten Wochen kam die gnnze wichtige (seine Impotenz 
bedingende) Kasirationsungst mit Erlebnisdetaila und Affekt zum Vorschein. 

Zur Entwicklung dieser zwei narzißtischen Typen ist folgendes zu sagen: 
beide machen in der Kindheit ein Stadium starker inzestuöser Bindung mit 
resultierender Kastrationaangst und Minderwertigkeilsgefühl durch. Die auto- 
erolische Basis ist hei beiden vorwiegend anal und urethral (Ehrgeiz— Neid), 
die orale Komponente ist weder typisch noch konstant, doch immerhin häufig 
überbetont. la der Mehrzahl der Fälle ist eine in der Kindheit durchgemachte 
Enuresis nocturna zu konstatieren. An einem entscheidenden Punkte ihres 
Lebens erfährt der Inzestwunsch starke Verdrängung; soviel konstatiert werden 
konnte, beim ersten Typ mit dem Resultat einer bleibenden passiv-femininen 
Einstellung zum Vater und Idealisierung der Frau, beim zweiten Typ mit 
Abwendung von der Mutter und Wendung zum Manne in aktivem Sinne 
(manifest oder latent). Die inzestuöse Periode ist beim zweiten Typ kürzer 
und intensiver. (Soviel kann über das sie differenzierende ausgesagt werden.) 
Später bleibt im Gegensatz zum ersten Typ eine dauernde Geringschätzung 
der Frau, wie überhaupt dieser Typ zur narzißtischen Objekiwahl, zur 
manifesten Homosexualität neigt (ihm gehören z.B. viele aktive Olliziere und 
Couleurstudenten an). Im Gegensatz zur manifesten masochistischen Haltung 
des ersten Typ weist letzterer sadistische Züge auf. 

Zur Übeisicht der Übereinstimmungen und Verschiedenheiten diene 
folgendes Schema : 

Erster Typ. Zweiter Typ. 

Manifestes Minderwertigkeitsgefühl. Latentes Minderwerligkeltagefühl 

(Kaslralions k ompl ex) . 

Latenter Narzißmus. Manifester kompensierender Narziß- 

mus. 

Anal-urethrale Disposition. Anal-urethrale Disposition. 

Starke inzestuöse Bindung, dauernd. Kurz dauernde inzestuöse Bindung 

mit Abwendung. 

Überschätzung der Frau. ünterschHtzung der Frau. 

Passiv-feminin, - Aktiv-homosexuell (latent oder mani- 
fest). 

1 Eine Bcnierkunpr m Hattinfrhörßa auf dem lotitcn KonjfrelS noinaehtcn Vor- 
echtuß', den Patifnten immer sitzen 211 lassen, mit der AbBicht, »wischen Ant und Patienten 
ein rreundaehartlicliCH Vfifhültnia aufltommen zu JaBucn; ich kunn mir nicht vorstellen, wie 
Hs-ttingbcrif durch solchi-s Aufffolicn der DlBtanz jemals tu ivlrlilicli analytischer 
Heilung, d. h. lur Liiaung der ÜbertragUDg golangen kwin. 



Mitteilungea 461 

Latent sadistisch, maDifest maso- Umgekehrt, 
chistiscb. 

Exhibitionstendenz verdräDgt, Scham. ünverdrängt , vom Genitale auf 

eesueile und sonstige Leistungen 

übertragen. 

Befriedigung am Ichideal. Befriedigung am Realich durch Ober- 

schätzung. 

Übertragung positiv. Minimal. 

Prognose günstig. Fraglich. 

Wir sehen beide Typen einander in bezug auf Dynamik ihres Unbe- 
wußten und Verhalten der polaren Partialtriebe durchaus polar gegenüber- 
stehen. Gemeinsam ist ihnen die anal-urethrale Disposition, der starke 
Inzestwunsch in der Kindheit und der mächtige Kastrationskomplex. 

Wir können es mangels an Erfahrung durch Analyse eSnm großen, 
beweisenden Anzahl von Fällen nicht wagen, an Hand dieser beiden Typen 
einen Beitrag zum Problem der Differenzierung gleicbfar Dispositionen, zur 
Spezifität der Neurosenwahl und Charakterbildung zu geben. Wir können es 
uns aber nicht versagen, einige Beobachtungen, die in diese Richtung führen, 
mitzuteilen. Es bleibe Aufgabe weiterer Untersuchungen, die Weite des Rechtes 
zur Verallgemeinerung zu bestimmen. 

Es ist auffallend h&ufig, wie überraschend Vertreter des manifesten 
MinderwertiRkeitsgefühles gerade Häusern der oberen Gesellschaftsschichten 
mit vielen Kindern und strenger Erziehung entstammen. Im Gegensatz dazu 
enthüllen Vertreter des zweiten Typs eine ziemlich nachlässige Erziehung; 
sie sind entweder ohne Geschwister als einziges Kind aufgewachsen und 
„verzogen" worden oder entstammen Eltern aus niedrigeren, arbeitenden Volks- 
schichten und haben es durch günstige Umstände zu einer höheren Position 
gebracht, die ihnen ,zu Kopf gestiegen ist", daher die Herkunft aus der unteren 
Schichte einen wesentlichen Beitrag zum latenten Minderwertigkeitsgefühl und 
zrur kompensierenden Tendenz liefert Das Erreichen einer höheren Position 
scheinen endogene Bedingungen mitzubestimmen : auf das Versagen des Inzest- 
begehrens regredieren die Verlreler beider Typen auf frühere Stufen, zumeist 
auf die Höhe der zwangsneurotischen Disposition, auf das Anale und Sadistische. 
Kinder, die eine strenge Erziehung mitmachen, finden aber den Regreseions- 
weg versperrt, bleiben also an die Mutter fixiert und beleben die frühere 
Stufe, z. B. die sadistische durch den masochistischen Gegensatz, wozu ja 
auch das bei ihnen durch die Erziehung geförderte Schuldbewußtsein sehr 
viel beiträgt. Die analen, verdrängten Triebkräfte werden in neurotischen 
Symptomen aller Art wiederbelebt und fundieren die passiv-feminine Ein- 
stellung zum Vater. 

Ein Vertreter des zweiten Typs zeigte mir die Verhältnisse der 
Regression bei diesem ziemlich deutlich: er war einziges, uneheliches Kind, 
ohne Vater aufgewachsen und hatte nach Verdrängung des Inzeatwunsches 
(seine Mutter war Bedienerin auf dem Lande) den Weg zu analen und 
sadistischen Betätigungen als „Gassenjunge" frei gefunden. Er konnte sie, da 
die entsprechenden Partialtriebe ünverdrängt waren, zum Teil zur Sublimierung 
bringen. Die Abwendung von der Mutter war dadurch erleichtert, durch die 
Sehnsucht nach dem unbekannten Vater mitbestimmt. Aus den sublimierten 
Anteilen der analen Erotik ging das Realich hervor (er wurde Schriftsetzer) 

Internat. Zeltschr. f. Psych oanalfae, VIir4. 30 



463 Mitteilungen 

das im Spiegel des Gegensatzes zu seiner sozial niedrigen Stellung als Kind 
durch Übersuhät'iung den Kastrationskomplex und das Minderwertigkeitsgefühl 
niederhielt. Es ist anzunehmen, daß eine durch Prügel gehaltene strenge 
Erziehung in bey.ug auf Konstil uieruog von Kasirationskoniplex und Minder- 
wertigkeitsgefühl weniger zu bedeuten hat, als die Art der Einordnung des 
GeprUgeltwerdens in das sonstige VerhäiUnis zu Eltern und Geschwistern 
sowie zu freien oder versperrten Regressionawcgcn. Wir kennen sowohl 
manifest narzißtische als auch Minderwertigkeiistypen, die sehr viel geprllgelt 

wurden. 

Bei den Vertretern des ersten Typs füllt die Überschätzungsmöglichkelt 
des Realich mangels des Gegensatzes zu früher niedriger sozialer Stellung 
weg. Sie müssen ein Ichideal errichten, aus dessen Spannung das manifeste 
Minderwertigkeitsgefühl gespeist wird. 

Wir sind uns dessen bewußt, daß das über die differenzierenden 
Momente Gesagte äußerst unklar und unausgearbeitet ist. Wir können nicht 
mehr aussagen, denken aber, daß dunkle AnsätKe wertvoller Bind als klare, 
aber falsche AufstellungeD. Resultat unserer Untersuchung über das die beiden 
Typen Differenzierende ist: Versperrtsein (manifestes Minder- 
wertigkeitsgefühl) oder Freisein (kompensierender Nar- 
zißmus) der Regressionswege auf das Anale und 
Sadistische nach der Verdrängung des Inzeatwunschea. 
Sind die Analitfit und die sadisfischen Aß(>ressionaiendenzen einer heftigen Ver- 
drängung entgangen, so verharrt das Kind zwar lünger in diesem Stadium, hat 
aber spüter unter günstigen Bedingungen freiere Verfügung über diese Trieb- 
kräfte, Unter dem Drucke des Kasirationskomplexes wird jedoch die unein- 
geschränkte Verfügbarkeit gehemmt, es resultiert das krampfhaft niedergehaltene 
Minderwertigkeitsgefühl, das sich später in dem einen oder anderen Symploni 
durchsetzt. 



Analyse eines Zwangssymptoms, 

Von Dr. Michael Josef Eisler (Budapest). 

Die Patientin, deren Fall ich im folgenden zur Darstellung bringe, wurde 
mir von ihrem Bruder, einem jungen Handel-sgehilfen, mit den Worten vor- 
gestellt, daß sie an einer „Zwangskrankheit" leide. Ich hatte ein neunzehn- 
jähriges Mädchen vor mir, das ein äußerst wortkarges und verschlossenes 
Wesen zeigte und auf die üblichen Fragen nur zügernd untwortete. Mit einem 
sonderbaren konzentrierten Ausdruck in den Gesichtszügen gab sie an, dali sie 
fortwährend an eine Sache denken müsse, wovon sie sich nicht frei machen 
könne. Der Aufforderung, diesen Gedanken doch genauer zu be/eichnen, ver- 
mochte sie nicht tn befriedigender Weise nachzukommen. Trotzdem gewann 
ich aus dem Gesamteindruck die Überzeugung, daß der Bruder die Natur ihres 
Leidens richtig herausgefunden habe. Als ich ihm dies .vorbrachte und unter 
Anspielung auf seinen Stand meine Verwunderung darüber aussprach, woher 
denn diese seine Sachkenntnis stamme, gab er mit einem verlegenen Lächeln 
zurück, er hätte über solche Krankheiten manches nachgelesen und sein Wissen 
von dort geholt. Im übrigen bemerkte er, daß die Krankheit, welche das sonst 
heitere Naturell seiner Schwester für alle Familienangehörigen bemerkbar ver- 
ändert habe, erst seit drei Wochen bestehe. Seit dieser Zeit wäre ei© unfähig, 



^ 



Milteilungen 463 

ihrer gewohnten Tngesbeschäfligung nachzugehen. Die Patientin selbst fügte 
noch der Schilderung ihres Zustandes unter Weinen hinzu, daß sie überzeugt 
sei, man merke ihr aul der Gasse ihre Krankheit an. 

Dies waren die vorläufigen Ermittlungen, auf Grund welcher die psycho- 
analytische Behandlung eingeleitet wurde. 

Meine ersten Bemühuagen galten zunächst der Feststellung des eigentlichen 
Zwangssyniptonis. Es war nicht leicht, aus den unsicheren und häufig zurück- 
genommenen Angaben der Patientin folgenden Tatbesland zu erheben: Ihre 
Krankheit hatte mit einer großen Unruhe im Bureau begonnen, woselbst sie 
beschäftigt war. Nach Hause gelangt, bemerkte sie später, daß ihre Handtücher 
weggekommen waren, Sie hielt nämlich stets zwei dieser Tücher zum Gebrauch 
bereit, wovon das eine für den Oberkörper, das andere zum FUßeabtrocknen 
und dergleichen bestimmt war. Nachher kam die wichtige Erinnerung, daß das 
letztere ein Loch besaß. Ihre Unruhe hatte jetzt einen Gegenstand gefunden, 
den sie festhalten konnte. In großer Erregung fing sie an, die Handtücher zu 
suchen, wobei sie forlwahrend darüber nachgrübelte, warum denn diese fort- 
gekommen waren. Die Tücher blieben trotz jedes Nachsuchens tmerklärlieher- 
weise verschwunden. Seit damals läßt sie der Gedanke nicht mehr zur Ruhe 
kommen und geht ihr immer im Kopfe herum. 

So viel war also hier zu Recht festgestellt worden, daß es sich um das 
zwangsartige Denken an einen verlorenen Gegenstand handelte. Die Analyse 
durfte sich dieses Fundes bemächtigen und in der Präzis ierung der mitspielenden 
Umstünde weiterschreiten, Hiebei kam jedoch eine merkwürdige Tatsache zum 
Vorschein. Es gelang — auch im weiteren Verlauf der Analyse — nicht, die 
wirklichen Verbältnisse, unter welchen die Symptombildung vorgefallen war, 
aus den Erinnerungskomplesen richtigzustellen. Alle Aussagen der Patientin 
verloren sieh bei diesem Punkt ius Ungewisse- Es wilre sicherlich von Nutzen 
für die Analyse gewesen, genau zu erfahren, ob siedle Handtücher selbst ver- 
legt hatte oder das Verschwinden derselben auf eine fremde Intention sich 
zurückführen ließ. Auf welcher Seite war da ein Zufall oder eine bestimmte 
Absicht im Spiel gewesen? Welche Rolle fiel dem Seelenzustand der Patientin 
und welche der Umgebung zu? Wo ließ sich da ein logischer Zusammenhang 
herausfinden? Wie gesagt, alle diese Fragen wurden niemals in konkreter 
Weise und zur Befriedigung des Bedürfnisses nach Kausalität gelöst. Das Symptom 
schien gleichsam in eine Atmosphäre von Unbestimmtheit getaucht und verlor 
bei jedem neuen Versuch, es richtig zu fassen, an Klarheit und Deutlichkeit. Dabei 
hatte man noch die Empfindnng, daß die Kranke erst unter dem Druck der 
Unnachgiebigkeit von Seile des Arztes dazu kam, sich mit dem präzisen Wort- 
laut bes. Symptoms zu beschäftigen.^ 

Die charakteristischen Merkmale jedes Zwangssymptoms — der Wider- 
sUiud gegenüber den regulativen Kräften der Vernunft einerseits und die 
psychische Unbestimmtheit in bezug auf die Begleitumstände andererseits — 
waren hier klar ausgebildet. Die Unerschütterlichkeit des Zwanges schien 
zugleich auf einen latent vorhandenen und ebenso resistenten Zweifel hin- 
zuweisen, der zwar nicht in den Vordergrund trat, jedoch im Gesamtbilde der 
Neurose durchaus fühlbar blieb. Auch sonst war das Symptom völlig isoliert 
und drückte sich als krankhaftes Seelenprodukt allein schon durch seine ver- 



irrend: Bemerknneen aber oinenFaJI von Zwangsneurose. Klein« Scliriften, tll. F. 
Seite 176. 

so' 



464 Mitteilungen 

einzelte Phänomen alität aus. Die übrigen psychischen Inhalte standen dem 
Symptom gleichsam fremd gegenüber, und jeder Versuch, eine Brücke zwischen 
beiden zu schlagen, führte zunächt das erwünaehte Verständnis nicht herbei. 

Die analytische Forschung hat das Wesen jedes Zwangssymptoms dahin 
erfaßt, daß es durch Verschiebung als Ersatz für eine dem Bewußisein uner- 
trägliche Vorstellung zustandeltonimt, wodurch die letztere ihren Affektbetrag 
ableitet oder aufhebt. Ein peinliches Erlebnis mit hohem Affeidindex, dessen 
völliger Einbruch in das bewußte Seelenleben eine empfindliehe Gleichgewichts- 
störung hervorrufen könnte, sucht sich auszugleichen, indem es sozusagen auf 
ein Nebengeleise lüuft, wo es mit Hilfe von falschen Analogieschlüssen sich 
auszuwirken strebt. In der Regel mißlingt der Versuch, denn die Affekt- 
heziehungen sind auch nach vollzogenem Standwechsel der seelischen Inhalte 
stark genug, um den verdrängten psychischen Komplex in ihren Bannkreis zu 
halten. Dadurch gewinnt das Symptom an Haltbarkeit und kann sich verfestigen. 
Die Arbeit, welche hiebe! vom Denken geleistet wird, darf als eine archaische 
aufgefaßt werden und ist für die Kenntnis der psychischen Prozesse ebenso 
wichtig, wie etwa die der Wahnvorstellungen^. 

Der Erklärung des Zwangssymptoms aus dem zugehörigen psychischen 
Material, die sich später ohne eigentlichen Schwierigkeiten ergab, stellte sich 
noch in der ersten Phase der Behandlung ein scheinbares Hindernis entgegen. 
In Wirklichkeit aber wurde hier der Weg betreten, auf welchen nachmals die 
Auflösung des Symptoms eingeleitet wurde. Dia Kranice trug viele Wochen 
hindurch eine schwere Depression Kur Schau, die wahraebeinlichseit dem Aus- 
bruch der Neurose unverändert fortbestand und den Einblick In ihren Seelen- 
zustand sehr erschwerte. Es lag der Gedanke nahe, daß die liefe, pathologisch 
gefärbte Verstimmung mit dem unmittelbaren Anlaß der Kra nk ho it zusammen- 
hing und sich" möglicherweise auf einen Vorfall aus jüngster Zeit bezog. Hiefür 
sprachen die akuten Erscheinungsforraen der Depression. Diese war also gleichsam 
der Vorbau des Zwangssymptoms, — Allmählich kam zum Vorschein, daß die 
Patientin unter dem schmerzvollen Eindruck einer großen Liebesenttäuschung 
stand. Sie hatte etwa sechs Monate vor Ausbruch ihrer Krankheit die Bekannt- 
schaft eines Mannes gemacht, der ihr ausnehmend gefiel. Wohl im geheimen 
Bewußtsein Ihrer Unsicherheit gewährte sie ihm, wie sie vorgab, nur ein 
Zusammentreffen auf der Gasse. Die gemeinsamen Spaziergänge wußte der 
Mann jedoch auszunützen, um das Mädchen immer mehr und mehr zu ent- 
waffnen. Erst durch ein höflich werbendes Weseu, dann durch Anspielung au 
die Möglichkeit eines angenehmen Liebesverhältnisses, schließlich durch ver- 
schiedene ADZüglichkeilen,die oft zynisch genug waren, aber auf das Mädchen 
stark wirkten. So stellte er gelegentlich die Frage, ob sie noch unberührt sei, 
und als sie dies mit Bestimmtheit und wiederholt bejahte, begann er sie 
scherzhaft, wie nm einen Zweifel auszudrücken, „kleine Jungfrau" zu nennen- 
Nachher sagte er plötzlich: „Ich möchte Ihre Öffnung sehen 1" Wiewohl sie sich 
den imgehührlichen Ton sofort verbat, brach sie die Beziehung zu dem Manne 
doch nicht ab. Früher schon halte er ihr deutlich zu wissen gegeben, daß er 
sie niemals heiraten werde, da ihm eine Prau allein nicht genüge. Aus ihr 
unerklärlichen Gründen hielt sie an der BekanntschaEl auch weiterhin fest. 
Trotzdem kam es bald darauf zu einem Bruch zwischen ihnen, und zwar ver- 
ließ sie der Mann in unerwarteter Weise. Die Angabendes Mädchens hierüber 



I Dio grnndJEgenden Anschanungen sind dor iitlorten Arbeit Frouds entnommen. 



^ 



Mitteilungen 465 

waren sehr ungenau und zurückhaltend — ein Grund mehr fttr die Behandlung, 
diese Tatsache nicht aus den Augen zu lassen. 

Die erinnerte und durch die Analyse in alle Einzelheiten verfolgte Liebes- 
entlfiusehung steigerte zunächst die neurotischen Erscheinungen. Wahrend die 
Kranke jede Phase im Gedanken nochmals zu erleben hatte, traten angst- 
hysterische Symptome von wechselnder Färbung auf. Bald hatte sie die 
Empfindung ihres nahen Todes (Schuldgefühl), weshalb sie eine Zeitlang an 
der Seite der Mutter im Bett des Vaters schlafen mußte, wo sie gleichsam 
Schutz zu finden glaubt; bald fürchtete sie, irrsinnig zu werden {Angst vor 
unverantwortlichen Handlungen und aggressiven Antrieben). Es waren dies 
passagere Erscheinungen, die nur teilweise durch die Analyse selbst herauf- 
beschworen wurden. In Wirklichkeit zeigte sich die Kranke in den ersten 
Monaten der psychoanalytischen Behandlung völlig unfähig, ihre Gedanken von 
der erlittenen Liebesenttäuscbung abzulauken, Sie hatte das Bild des Mannes, 
der sie durch seine plötzliche Abkehr so tief verletzte, in immenser Seelen- 
arbeil Stück für Stück zu entwerten, um solcherweise eine innere Befreiung 
von ihm zu suchen. Dieser psychische Prozeß hätte sich auch ohne Hinzutreten 
der Analyse allmählich vollziehen müssen. — Nach dem Abklingen der angst- 
hysterischen Erscheinungen traten dann immer deutlicher Haß- und Rache- 
impulse gegen den Mann auf, die ihre kindliche Natur durch eine unaus- 
führbare Phantastik verrieten. Sie lenkten zugleich die Aufmerksamkeit der 
Familienmitglieder auf den Vorfall, wovon diese bis dahin keine Kenntnis 
besaßen. Dieser Zug — Selbstverrat — soll uns noch einmal beschäftigen. Eine 
gewisse Aktivität war hiemit im Zustand der Kranken eingetreten und machte 
sie für den beratenden Arzt zugänglicher. 

Indem die Neurose sich wieder dem vorgeblichen Verursacher zuwandte 
und ein neues Stück aus dem Seelenleben der Kranken preisgab, schien die 
Zeil für ein Geständnis gekommen, womit die Patientin bislaug nicht ohne 
Grund zurückgehalten hatte. Betrat es doch ein für sie schmerzvolles und 
beschämendes Erlebnis, das zweifelsohne den unmittelbaren Anlaß zu der 
Erkrankung bot. Sie war ein einzigesmal der Verlockung ihres Bekannten gefolgt 
und hatte ihn eines Sonntags auf seinem freien Bureau besucht. Nach Ihrem 
Kommen sperrte er die Türe ab und zeigte unverhohlen die Absicht, sie zur 
Geliebten zu machen, Sie wehrte sich heftig, legte eine große Angst an den 
Tag und schrie aus vollem Halse, während er sie auf ein Sofa brachte. Ihr 
kiKftiges und lautes Sträuben machte den Mann unsicher, so daß er den Akt 
übereilt vollzog. Mit einem unklaren Gefühl vom Geschehenen befreite sie sich 
sofort, ergriff ein naheliegendes Handtuch und stürzte zum Waschbecken. Sie 
wusch sich in großer Hast die Hände, die wahrscheinlich mit dem GUede des 
Mannes in Berührung gekommen waren, als sie sich vorhin zu schützen ver- 
sucht hatte, warf darauf das Handtuch zornig vor den Mann hin und forderte, 
daß er aufsperre und sie fortlasse. Er begleitete sie noch auf die Gasse, unterließ 
oder vergaß es, sie Über das Vorgefallene zu trösten und nahm mit einer 
kurzen Entschuldigung Abschied, als ein Straßenbahnwagen gerade vorüberkam. 
Er halte sie also in beleidigender Weise stehen gelassen, ohne auch nur eine 
neuerliche Zusammenkunft von ihr zu erbitten. Es war ihr letztes Beisammensein. 
Die Krankheit brach kurz darauf aus, nachdem sie einmal auf der Straße 
bemerkt hatte, daß er ihr geflissentlich aus dem Wege ging, (Es ist eine besondere 
Aufgabe des Analytikers, über fernstehende Personen, die im Leben der Kranken 
eine Rolle spielen, mit Vorsicht zu urteilen. In diesem Falle kann es sich um 



-^ 



466 MitteilungeD 

einen wenig skrupulösen, aber auch um einen entmutigten Verführer handeln, der 
nicht gehofft hatte, sich einem unberührteo, schreiend sich wehrenden Mädchen 
gegen überzufinden und deshalb vor einer ihm unbequemen Liebschaft eilig 
die Flucht ergriff.) 

In dieser Bureauszene sind alle die Momente enthalten, die uns zur Auf- 
lösung des Zwangssymptoms eine Handhabe bieten. Wir durften es zur Kenntnis 
nehmen, daß in ihr als nebensächliches Requisit ein Handtuch vorkommt. Wie 
ist nun dieses in Beziehung zum Zwangssymptora zu bringen? Unsere erste 
Feststellung hatte dahin gelautet, daß die rastlosen Gedanken der Patientin 
auf einen verlorenen Gegenstand gerichtet waren. In der Verführungs-, 
richtiger Defloratiousszene war aber tatsächlich ihre Virginität verloren 
gegangen. Dieser unerträgliche Gedanke verschob sich auf die verlegten Hand- 
tücher (wovon das eine durchlöchert war) und nahm die dem ursprünglichen 
Erlebnis anhaftenden Gefilhlsreaktionen mit, vor allem den Zweifel, ob sie 
auch wirklich ihrer Jungfräulichkeit verlustig geworden war? 

Es war nun ein leichtes, der Patientin den ursächlichen Zusammenhang 
nahezulegen, welcher durch das Eingeständnis der vorgefalleaen Szene nach 
allen Seiten hin ausgebaut und vervollständigt werden konnte. Vor allem war 
evident geworden, daß die Defloration den Kernpunkt der Zwangskrankheil 
abgab. Die Entlastung des Bewußtseins von einer ihm unerlräglichen Vorstellung 
erfolgte durch Versehiebnn g auf einen Gegenstand, welcher nur in einer 
entfernteren Beziehung zum Haupterlebnis gebracht war^ Die scheinbare 
Sinnlosigkeit der Zwangsidee, ihre Isoliertheit im Bilde der Gesamtpersön- 
lichkeit ist damit aufgehoben und läßt im Gegenteil einen lückenlosen 
Zusammenhang in der letzteren durchscheinen. Wir werden sehen, daß die 
logische Verkettung noch tiefer, durch alle Schichtungen der Bewußtseiosarten 
reicht. Auch die im Beginn der Analyse aufgetretenen krankhaften Affekt- 
reaktionen waren vom zentralen Erlebnis her bestimmt und gingen zurück, 
als das Symptom verstanden wurde. Eine merkwürdige Steigerung erfuhren 
die Haßregungen gegen den Verführer, je mehr Einblick die Patientin in die 
Neurose gewann. Sie hatte ernstlich den Vorsatz gefaßt, ihn auf irgendeine 
Weise für die ihr angetane Schmach büßen zu lassen, dabei gestand sie sich, 
jedoch, daß er auch weiterhin ihre Zuneigung besaß. Ihre Rachephantasien 
waren durchaus infantiler Natur, die niemals verwirklicht wurden. — Ich habe 
an dieser Stelle zu berichten, daß der eingangs erwähnte Bruder meiner 
Patientin etwa zwei Jahre vorher ebenfalls Zwangssymptome produziert hatte 
(Händewaschen und Beten), deren sich die Schwester genau erinnern konnte. 
Sie waren von kurzer Dauer. Auf dem Umwege über die eigene Erkrankung 
errieten die Geschwister das verwandte Leiden, Es war mir nicht möglich, 
näheres über diesen Fall zu erfahren. 

Ich komme jetzt auf ein ungemein wichtiges Moment zu sprechen, 
welches für das Verständnis dieser Neurose von ausschlaggebender Bedeutung 
war. Eines Tages glaubte die Patientin sich dunkel zu erinnern, daß sie bereits 
ein Jahr vor der rezenten Erkrankung (also auch vor der Bekanntschaft mit 
dem erwähnten Manne) eine ähnliche Zwangsidee an sich beobachten konnte. 
Damals handelte es sich — wie sie nach langem Nachsinnen bemerkte — um 



■ Aus lahlreiclien Trau man alysen wissen wir, daB Gewebe, Stoffe nnd deryleiehen 
(aUo dlo Materie) ein Symbol der weiblichen Genitalien sind. Die Wahl des Zwangsaymptom« 
ist aach hiedarcli determiniert. 



J 



Mitteilungen 467 

ein verlorenes Band. Das Symptom war sowohl in bezug auf seinen 
Inhalt, wie auf seine Dauer sehr undeutlich und löste sich spontan auf. 

Diese Bekanntgabe seitens der Patientin war zweifelsohne geeignet, die 
gesicherten Ergebnisse der bisherigen Analyse zu entwerten und sie als über- 
eilte gedankliche Konstruktionen erscheinen zu lassen. Wenn die Kranke tat- 
sächlich ein ähnliches Zwangssymptom schon vor der Deflorationsszene hervor- 
gebracht hatte, so war der „Sinn", den wir jenem unterlegten, ein eitles 
Gespinst, welches Ursache und Wirkung zu einem falschen Schluü verband. 
An diesem Itritischen Punkte, der sicherlich auch über die wissenschaftliche 
Dignitüt der hier angewandten Methode entschied, war eine strenge Prüfung 
aller Umstände und Tatsachen geboten. Zur nüchslen Rechtfertigung durften 
wir uns sagen, daß die Analyse ja noch nicht zu Ende geführt war ; die Eigen- 
tümlichkeit des Falles lag darin, daß allein schon die im Vordergrund stehenden 
Momente einen deutlichen Zusammenhang verrieten,' für sich jedoch konnten 
sie die Neurose nicht bedingen. Hiezu waren, nach den niemals widerlegten 
Erfahrungen der Psychoanalyse, auch Motive aus der infantilen Seelenentwicklung 
und der Disposition vonnöten. Die weitere Untersuchung hatte sich daher mit 
diesen zu beschäiftigen. Auch die bereits eingetrelene Besserung im Zustande 
der Patientin sprach — abgesehen von dem Einfluß der Übertragung — nicht 
gegen den Wert der bisherigen analytischen Kläirungsarbeil. Wenn wir also 
die Wahrheit selbst noch nicht aufgefunden hatten, so war uns zumindest der 
Schein der Wahrheit geblieben. 

Die Verknüpfung unserer ErmilUuiigen mit der letzten Angabe der 
Patientin, daß sie nümlich schon ein Jahr vor der eigentlichen Erkrankung 
ein flüchtiges Zwangssymplom entwickelte, ergab sich in ungezwungener 
Weise durch die folgende Erinnerung. Eine jungverheirfltele Freundin hallo 
ihr wiederholt intime Einzelheiten aus ihrer Brautnacht crzflhll, insbesondere 
aber die fast unerträglichen Schmerzen geschildert, womit ihrer Ansicht nacli 
jede Defloration verbunden sei. Die Phantasie dea Mädchens, auf eine solche 
Tatsache eingestellt, nahm den Eindruck mit geheimem Schreck auf und sie 
entschloß sich innerlich, niemals zu heiraten. Die Vorstellung eines Erlebnisses, 
welches sie nachträglich sozusagen unerwartet traf, also eine Art Erwarlungs- 
augst, löste bei ihr ein krankhaftes Symptom — die Zwangsidee vom verlorenen 
Band — aus. Diese Erkenntnis war von der größten Wichtigkeil für die 
Patientin ; sie bildete die Richtschnur zu einer Reihe von Eindrücken und 
Empfindungen sehr vager Natur, die einen verwandten Inhalt hatten und in 
ihre Kindheit zurückreichten. Die bedeutendsten Momente ihrer Seelen- 
entwicklung, in rückläufiger Linie /.unöchat die Menstruation, weiterhin die 
inzestuösen Objekthaftungen am Valer und dem uns bekannten Bruder, waren 
innigst mit der Vorstellung der Defloration verknüpft und wurden zugleich 
von einem dunklen, begrifflich kaum faßbaren Gefühl begleitet, das den Kern 
der späteren Zwangsidee abgab. Dieses seelische Verhalten ist nach Freud 
eine typische Erscheinung. Er führt unler anderem an, „daß bei der Zwangs- 
neurose gelegentlich die unbewußten Vorgänge in reinster, unenistelller Form 
zum Bewußtsein durchbrechen, daß der Durchbruch von den verschiedensten 
Stadien des unbewußten Denkprozesses her erfolgen kann, und daß die 
Zwangsvorstellungen im Momente des Durchbruches meist als längst bestehende 



1 im GcKeiiBatz lur Myaterio läöt eich jedes ZwnnBaBymptom in der Regel kua dea 
IcaDSBlen Zaaammenblliig'cn seiner Entsteh ung^ieit erlüUreD. 



468 Mitteilunge 

Bildungen erkannt werden können. Daher die auffüllige Erscheinung, daß der 
Zwangskranke, wenn man mit Ihm dem ersten Auftreten einer Zwangsidee 
nachforscht, dieselbe im Laufe der Analyse immer weiter nach rückwärts ver- 
legen muß, immer neue erste Veranlassungen für sie findet".^ 

Als realer Ausgangspunkt dieser Vorstellungskreise, die am Ende ins 
Pathologische übergingen, wurde ein Erlebnis aus dem fünften Lebensjahr der 
Patientin eruiert. Damals lockte sie ein junger Mann, der Bruder einer Spiel- 
kameradin, zu sich, setzte sie auf sein Schoß und begann mit ihren Genitalien 
zu spielen. An einen direkten Geschlechtsangriff weiß sie sich nicht mehr zu 
erinnern, nur daran, daß es ihr durch Schreien gelang, frei zu werden. Dieser 
Vorfall hängt zeitlich mit dem Einsetzen der infantilen Sexualforschung 
zusammen, welche dadurch in traumatischer Weise gefördert wurde und noch 
gegenwärtig im mißtrauischen und verschlossenen Wesen der Kranken Spuren 
hinterlassen hat 

Es ist unverkennbar, wie sehr diese erste Verführungsszene der viel 
späteren, welche das Zwangssymptom veranlaßte, den ähnlichen Ausgang 
vorgeschrieben und ihn zu einem peinvollen Erlebnis gestempelt hat. Doch 
handelt es sieh hier nicht allein um die Erfüllung eines vorbestimmten Schemas 
mehr (Wiederholungsewang), denn inzwischen wurden andere seelische Motive 
wirksam, die sich in das erste Erlebnis eintrugen und den pathologischen 
Endeffekt mitbedinglen. Aus den vielfach verknüpften Motivationen der Neurose 
werde ich unter Weglassung aUzu geläufiger Inhalte nur das Wichtige, und 
auch dieses summarisch zu Wort kommen lassen. Vor allem war in einem 
latenten Partialtrieb von nicht unerheblicher Stärke, dem Exhibitionismus, 
das eine veranlassende Moment der Neurose zu erkennen gewesen. Die 
Formen, unter welchen dieser Trieb im Verlaufe der Analyse sich äußerte, 
verdienen eine kurze Erwähnung. Wir haben noch nicht vergessen, daß die 
Patientin zu Beginn der analytischen Behandlung die Klage führte, daß man 
ihr ihr Leiden selbst auf der Straße anmerke. Da die Analyse sich hierüber 
zunächst ausschwieg, verlangte die Patientin wiederholt, körperlich untersucht 
zu werden, ob sie nicht etwa geschlechtskrank sei; ja sie verstand die 
Behandlung dahin zu beeinflussen und die tatsachlichen Zusammenhänge vor- 
übergehend eo weit zu verschleiern, daß die Notwendigkeit einer solchen 
Untersuchung einmal erwogen wurde. Es war, auch aus den Träumen, evident, 
daß dieser Trieb auf das Genitale hinzielte, dessen Beschädigung (Defloration) 
sodann die Neurose hervorrief. Als eine besondere Auswirkung des Exhibi- 
tionismus ließen sich gewisse Fehlhandlungen, wie das Verlieren oder Verlegen 
von Briefen und Photographien, erkennen, die den Zweck verfolgten, die 
Aufmerksamkeit der Familienmitglieder auf die verborgene Ursache ihrer 
Krankheit zu lenken. Unter dem Diktat eines dämonischen Zwanges verriet 
sie gerade das, was am tiefsten zu verheimlichen ihr allererstes Interesse 
gebot. Im Übrigen ist das Verlieren oder Verlegen der Handtücher gleichfalls 
unter diesen Aspekt zu nehmen.'^ 

Die bedeutende Rolle des Exhibitionstriebes wurde durch den soge- 



■ Bemerlmiigen über einen Fall von ZwanKenearose. Kl. SohTiften, III. Folge, S. ISl. 

' Insbesondere durch das Verlieren eines Drohbriefoa orfolifte der SelbsLvorrat nnd 
die Alarmicrnng der Familie. Briefe voll flontimentalen Inhalte, daß man sie nic)it gonügfend 
«iuBcbäUe, waren eino Spezialität der Patientin. In ihren Tr&umen bedeuteten Briefe die 
Virg-initSt (aie werden vor dem Leeen aufgerissen). 



Mitteilungen ^ 469 

nannten „Kaslrationskomplex" unterhalten/ dessen tiefreiehende Wirkungen 
in ihm gleiclisara aufgehoben werden sollten. Wir haben es hier — abgesehen 
von der Disposition, die uns noch beschäftigen wird — mit dem eigentlichen 
veranlaHsenden Moment der Neurose zu tun. Die Kranke gehörte zu jenen 
zahlreichen Neurotischen, die einen Hanptteil ihres Trieblebens gegen die 
ihnen von der Natur vorgeschriebene Aufgabe aktivieren und es später nicht 
mehr erlernen, ganz Weib zu sein. Ihre Gefühlseinstellung zum Manne ist 
daher, wo nicht offen ablehnend, in betonter Weise ambivalent, und zwar mit 
Überwiegen der feindseligen Komponente.'^ Unter solchen Prämissen kann 
die Defloration zugleich alle jene Haßregungen und Racheimpulse hervorrufen, 
die nach Freud bei gewissen unzivilisierten Völkern sogar zur primitiv- 
gesellschaftlichen Erscheinung erhoben sind,^ 

Im Zwangssymptom des liier erörterten Falles machte sich der Kastrations- 
komplex eben durch seine Beziehung zur Delloration geltend, indem er die 
dem unbewußten Denken geläufige Gleichsetzung vom Verlust der Virginität 
und Kastration in Wirksamkeit treten ließ. Weder die Intensität des Symptoms 
noch seine relative Hartnäckigkeit ist ohne diese unbewußte Gieichsetzung 
erklärbar. Es ist interessant zu sehen, auf welche Weise der den Zwang 
begleitende und mitbestimmende Zweifel hier seine Aufgabe löste. In bezug 
auf den rezenten Anlaß der Neurose gipfelt er in der Frage : „Bin ich ein Weib 
geworden?" Auf den tieferl legenden Kastrationskomplex anspielend, sucht er 
eine unliebsame Tatsache durch die infantile Phantasie einfach aus der Welt 
zu schaffen: ,Bin ich überhaupt ein Weib?" Wenn wir genau nachschauen, 
werden wir eine ähnliche typische Schichtung des ganzen Komplexes wohl in 
allen Fällen von weiblicher Zwangsneurose nachweisen können.^ 

In letzter Hinsicht ist diese einschneidende Wirkung des Kastralions- 
komplexes beim Weibe durch die Festlegung des zwangsneurotischen Charakters 
auf die sadistisch-anale Entwicklungsstufe bedingt. Die Regression erfolgt durch 
eben jene Kräfte, die eine Ablehnung der Weiblichkeit diktiert haben. Wir 
durften aber auch sehen, daß die sadistischen Regungen bei unserer Patientin 
fast bis zur Schwelle der Bewußtheit gediehen waren und ihre Beziehungen 
zum Manne v>'eitgehend beeinflußten. Dieser Umstand läßt uns tiefer als die 
anderen mitwirkenden Motive in das Wesen des Zwangssymptoms selbst Einblick 
nehmen. Statt in eine aggressive Handlung einzumünden, deren Folgenschwere 
unberechenbar wäre, verschiebt sich der zu pathologischer Stärke angewachsene 
Impuls auf die Bahnen des Gedankens, wo er festgehalten wird. Beide der 
Außenwelt zugewandten seelischen Akte — das Denken und Handeln — sind 



' VorB'- A braliam ; Äußcrnngaformen des weiblichen KaBtrationskompleiCH. 
InternB,!. Zeitachr. f. Paa., VII. Jalirg:., i. Heft. 

' F p e u il hat die Gefühlsainbivaleni ale eine Grün deig an Behalt bBatimmf er Charaktcro 
bezeichnet, die vom Analytiker nicht weiter beeinflußt werden liann. Indem wir die letztere 
Tatsache xagehtn, ist ea nna dennoch inöglich, die paycholofische Wurzel der Amhivalanl 
weiter zu verfglgen und einen graduellen Ahban derselben in die Wege zu leiten. Ea ist 
die jedesmalige Aufgabe der Ambitaienz, das Verhältnis zum Liohesobjctt (in orater Instanz 
BUIB in«eHtu5Bcn Objekt) zo lockern und solcherart die Übertragang vorzubereiten. Sie iat 
also gleichsam die archaische Vorstufe der Ühertragnng ; individuell ist ihre tJberwindung 
fast unniHglich, indessen es der Gattung im Dorehnitt gelungen iat, dieselbe zu leisten. 

' Das Tabu der Virginität. Kl. Schriften etc., VI. Folge, S. 329. 

• Vergl. die zw« FüUo von Frend ans den „VoriesanRen inr Einfßhrung in die 
Paychoanalyse", S. 293 usw. Im erstcren deutet die ganze Situation darauf hin — unter- 
bliebene Delloration, — im zweiten ist der Komplex evident gemacht und in Beziehung 
luin Syinptnni gebracht worden. 



n 



470 Mitteilungen 

ja, wie wir wissen, an das Vorbewußte gebunden, woselbst über sie ent- 
schieden und ihre ÄuBerLing letztlich geformt wird. Der Wechsel erfolgt, wie 
Freud bemerkt, aus ökonomischen Gründen im psychischen Haushalt und 
als Resultat haben wir dio „Gedanken, die regressiv Taten vertreten müssen".! 

Die anale Komponente der vorgenitalen Entwicklungsstufe spielt in den 
Fällen von weiblicher Zwangsneurose nicht jene wichtige Holle, die wir bei 
den Kranken des männlichen Geschlechts jedesmal verfolgen künuen. Durch 
die Spaltung der genitalen Strebungen in einen aktiven und passiven Anteil 
ist ein Verbleib bei der ursprünglichen Triebriclilung ermöglicht und wird die 
Sltere aktive (männliche) Richtung bevorzugt. Immerhin deutete auf eine auale 
Regression die ausgesprochene Vernaehliissigung in ihrem Äußeren, welche 
die Patientin während der Krankheit an den Tag legte. Als Folge einer mangel- 
haften Körperpflege trat auch eine ausgebreitete Akne-Eruption auf, die gleich- 
zeitig mit der psychischen Störung schw^and. Sonatige körperliche und psychische 
Erscheinungen aus dem Umkreis der analeroiischen Symptomatologie wurden 
nicht beybaehtet. 

In die Charakteristik des hier behandelten Falles ist noch autzunehmen, 
daß die Neurose mit der einen Zwangsidee abgeschlossen und stabilisiert war. 
Das Symptom selbst präsentierte sich als Ersatzbildung zahlreicher psychischer 
Tendenzen, zugleich ließ es einen weitverzweigten Zusammenhang mit der 
Gesamtpersönlichheit der Patientin durchscheinen. Hat die Analyse schon 
in diesem Krankheitsfall, der zu keinem weiteren Symptom geführt 
hat, manche Schwierigkeiten zu Ißsen, so werden wir leicht begreifen, 
daß die klinischen Fälle, in welchen der Prozeß der Syniptombildung eigentlich 
niemals ruht und noch während der Behandlung neue mannigfache Äußerungen 
schafft, strukturell nur teilweise durchleuchtet und dem analytischen Ver- 
ständnis nicht restlos zugeführt werden konnten. 

Ois Spinne als Traumsymbol. 

Von Dr. Karl Abraham (Uerlin). 

Jedem unter uns Psychoanalytikern ist gewiß in den Träumen der 
Patienten gelegentlich die Spinne als Symbol begegnet. Verwertbare 
Mitteilungen über die Bedeutung dieses Symbols fehlen aber in unserer Literatur 
fast voUsländig. Freud erwähnt einmal, die Spinne repriisentiere die Mutter, 
und zwar die böse, vom Kinde getürchtele Mutter. Es ist aber nicht ersichtlich, 
warum gerade die Spinne solche Eigenschaften einer Mutter verbildlichen soll. 
Man könnte daran denken, daß die Spinne kleineie Tiere einfängt und tötet, 
and kleinere Tiere stellen im Traum ja oftmals Kinder dar. Aber es gibt genug 
andere Lebewesen, die Jagd auf wehrlose, kleinere machen ; warum also gerade 
die Spinne zum Symbol der bösen Mutter erheben? Die Spinne gehört somit 
zu denjenigen Traurasymbolen, deren Sinn wir — wenigstens in einer 
Bedeutung— zu verstehen glauben, ohne doch zu wissen, warum ihnen 
solche Bedeutung zukommt. 

In der Praxis macht man aber die Erfahrung, daß die erwähnte Bedeutung 
der Spinne nicht für alle Fälle paßt oder doch nicht allein ausreicht — wie 
uns ja die Mehrdeutigkeit der Symbole auch sonst geläufig ist. Und nun suchen 
wir vergeblich nach weiterem Rat in unserer Literatur. St ekel (.Die Sprache 
des Traumes", S. 135) erwähnt allerdings die Spinne als phallisches Symbol; 



■ Bemerlcnn^en über einen Pall von ZwanjrsnoucQBc. Kl. Sclirlfton, III, Folee, S. IM. 



I 



Mitteilungen 471 

die von ihm angeführten Traumbeispiele werden aber in so oberflächlicher 
Weise abRetan, daß man keine weitere Belehrnng von diesem Autor empfängt. 
Nur in einem der angeführten TrKume sind die langen Beine einer Spianenart 
einleuchtend als phallische Symbole gedeutet. Doch gebort diese Spinnenart 
(Phalangium) zu denjenigen, welche kein Netz spinnen. Es bleibt dann unklar 
welche Bedeutung nun den Spinnen zukommt, -welche keine langgestreckten 
Beine haben, außerdem aber ein Netz herstellen. 

Unter diesen Umstünden sind wir genötigt, jede Einzelerfahrung sorgfältig 
zu registrieren. Mehrere Träume, die mir ein Patient zu verschiedenen Zeiten 
seiner Behandlung geliefert hat, versetzen mich in die Lage, zur Aufklärung 
der Spinnenträiume einen Beitrag zu liefern. 

Der erste Traum erfolgte wenige Tage nach Beginn der Behandlung. 
Ein Ergebnis der ersten psych onnalytischen Stunden, welches auf den Patienten 
den stärksten Eindruck machte, war die Aufdeckung seiner Einstellung zur 
Mutter gewesen. Es erwies sieh, daß seine Fixierung an die Mutler sich in 
einer übermäßigen Abhängigkeit von ihrem Willen und ihren Ansicliten äußerte. 
Sie hatte in der Ehe der Eltern zweifellos das Übergewicht, hatte auch zu 
einem Teil die Sorge für den Unterhalt der Familie übernommen und spielte 
in vielen Be7.iebiingeD im Leben des Patienten eine Vaterrolle. Die Ambivalenz 
seiner Gefühle ihr gegenüber JUißerte sich neben der erwähnten Abhängigkeit 
in einer heftigen Auflehnung, die aber bis zur Zeit der Psychoanalyse in 
ergebnislosen Affektausbrüehen verpuffte. Später ergab sich, daß die normale 
ödipuseinstellung des Patienten eine Unikehrung erfahren hatte. Die Mutter 
figurierte im Unbewußten des Patienten als männliches Wesen, war also mit 
männlichen Attributen ausgestattet, indessen der Patient in dieser Schicht 
seiuer unbewußten Phantasien weiblich- passiv der Mutter gegenüberstand. 

Der erste Traum lautet: „Ich bin in einem Schlafzimmer, das zwei 
Betten enthält. Zwei Dienstmädchen sind mit Reinmachen beschäftigt. Das 
Mädchen, welches links von mir steht, und ich enldecken plötzlich eine häßliche 
Spinne au der Decke des Zimmers. Das Mädchen hebt einen laugen Besen 
auf und obgleich ich ihr noch sage, das Tier könne auch in milderer Weise 
beseitigt werden, zerdrückt sie es." 

Der Träumer erinnert sich, daß am Tage vor dem Traum eine Spinne 
in die Badewanne gefallen war. Seine Frau wollte sie ertrinken lassen, er 
rettete die Spinne aber und ließ sie zum Fenster hinaus. Der Traum führt zu 
dem entgegengesetzten Elesultat: die Spinne wird getötet. Allerdings geschieht 
im manifesten Trauminhalt die grausame Tötung nicht durch den Träumer, 
sondern durch das „linke" Dienstmädchen. In diesem wird die Frau des 
Patienten erkennbar, die ja am Vortage die Spinne hatie ertrinken lassen 
wollen und die im wirklichen Leben für den Patienten den Gegensatz zur 
Mutter bedeutet. Durch seine Ehe mit ihr ist er der Mutter sozusagen 
untreu geworden. Zugleich haben wir in den zwei Mädchen die zwei im 
Patienten wohnenden Tendenzen zu erkennen : die mutterfeindliehe (linke) 
und die mutlerfreundliehe (rechte). Die erstere gewinnt im Traum die Oberhand. 
Rasch offenbart sich nun die Bedeutung der Spinne als Muttersymbol. Die 
besondere Art der Tötung — Zerdrücken — erklärt sich aus der sadistischen 
Theorie des Koitus. Übrigens gipfeln gewisse Tagträiime des Patienten im 
Zerquetschen einer Menschenmenge. Assoziativ ergibt sich die Bedeutung des 
langen Besens als phänisches Symbol, so daß die latente Wunscbreguug, die 
Mutter im Koitus zu töten, unverkennbar hervortritt 



ti 



472 



Mitteilungen 



Der zweite Traum ereignete sich ungefähr zwei Monate später. Er lautet : 

„Im Bureau stehe ich mit meiner Mutler oder meiner Frau an einem 
Schrank. Als ich ihm einen Stoß Akten entnehme, fällt mir daraus eine große, 
behaarte, längliche Spione zu Füßen, Ich freue mich, daß sie mich nickt 
berührt hat. 

Später Eehen wir die Spinne auf den Fußboden sitzen, fast noch größer 
und abscheulicher als vorher. Dann fliegt sie auf und kommt in einem großen 
Bogen auf mich zu geschwirrt. Wir flüchten durch die Tür ins Nebenzimmer, 
Gerade als ich die Tür zureißen will, erreicht mich das Tier ungefiihr in der 
Höhe meines Gesichtes. Ob es ins Nebenzimmer hereinkam oder im Bureau 
blieb oder von der Tür zerdrückt wurde, weiß ich nichl." 

In den Wochen, welche diesem Traum voraufgingen, waren die Wider- 
stände des Patienten gegen das weibliche Geschlecht, genauer gesagt, gegen 
das weibliche Genitale, zum Vorschein gekommen, mitsamt der Tendenz, 
sich selbst auf dem Wege der Kastrationsphantasien zum Weibe, die Mutter 
hingegen zum Manne zu machen. Er brachte mir eine Zeichnung der Spinne, 




s^^^^U^-^ 




wie sie ihm im Traum erschienen war, und war selbst überraseit, als er in 
dieser Zeichnung die länglich-ovalo Form der äußeren weiblichen Genitalien 
und ihre Behaarung, in der Mitte der Zeichnung aber (Körper der Spinne) 
ein Gebilde von unleugbarer Penisähnlichkeit erkannte. 

Die im Traum herabfallende Spinne ist der der Mutter angedichtete 
Penis, der bei Annäherung des Paüenten an den Schrank (Muttersymbol) sich 
ablöst. Die Freude des Patienten, nicht mit diesem mütterlichen Genitale in 
Berührung geiiommen zu sein, entspricht seiner Inzestscheu, Im wirklichen 
Leben hat er die größte Scheu vor dem Anblick, noch mehr aber vor manueller 
Berührung des weiblichen Genitales. Die nachherige Vergrößerung der Spinne, 
die sich zum Überfluß noch erhebt und im Bogen durch die Luft fliegt, ist 
ein durchsichtiges Symbol der Erektion. Der mütterliche Phallus greift den 
Träumer an, Bezeichnend ist am Schluß des Traumes der Zweifel, ob die 
Spinne im Türspalt zerdrückt sei. Wir finden hier eine Phantasie von der 
Zerqnetschung des Penis, wie sie uns sonst in den Phantasiege bilden neurotischer 
Frauen mit ausgeprägtem Kastrationskomplex begegnet. Ferner erinnert uns 
diese Einzelheit aber an den ersten Traum, in welchem die Spinne zerquetscht 
wurde. 

Wir gewinnen so die Einsicht, daß der Spinne eine zweite, symbolische 
Bedeutung zukommt. Sie stellt den der Mutter zugeschriebenen, im weiblichen 
Genitale eingebetteten Penis dar. Ich ziehe hier zur Stütze dieser Auffassung 
den Traum eines anderen Patienten heran. Der Trüuraer versuchte in ein 



Mitteilungea 473 

bestimmtes dunkl&s Zimmer einzudringen, in welcliem sich eine Anzahl kleiner 
Tiere befand. Gewisse Anspielungen im manifesten Trauminhalt, besonders 
aber die Einfülle des Patienten ließen keinen Zweifel darüber bestehen, daß 
das Zimmer den Mutlerieib repräiaentierte. Beim Betreten des Zimmers kam 
ihm mm ein S ch m etter II n g entgegen. Der Kürze wegen erwähne ich 
nur, daß die Flügel des Sehmetlerlings hier wie in anderen Träumen weibliche 
Genitaibedeutung hatten ; die symbolische Verwertung stützt sieh hier unter 
anderem auf die Beobachtung der sieh öffnenden und schließenden Flügel. 
Der Körper des Schmetterlings, der inmitten der Flügel verborgen ist, war 
unverkennliar ein männliches Genitalsymbol. Auch in den neurotischen 
Phantasien dieses Patienten ließ sich die Vorstellung vom versteckten weibliehen 
Penis nachweisen. 

Die „böse" Mutter, welche nach Freuds Annahme durch die Spinne 
dargestellt wird, offenbart sich uns nun als eine verraännliehte Mutter, vor 
dereu niiinnlichem Glied und männlicher Angriffslust der Knabe sich ängstigt, 
ganz nach Art der angstbetouten Einstellung unerwachsener, weiblicher 
Personen zum Manne. Am besten bezeiclmet man wohl das Gefähi des Patienten 
gegenüber der Spinne als dasjenige des Unheimlichen. 

Weitere Aufklarungen vermag uns ein dri 1 1 er Traum zubringen, 
der dem zweiten nach zwei weiteren Monaten folgt. 

„Ich stehe an einem Bett. Über dem Bett hUngt in der Luft eine Spione' 
an einem oder mehreren Fäden. Die Spinne trägt an jedem Oberschenkel ein 
Büschel gelber Haare. Da die Spinne sich an ihrem Faden hin und her 
schaukelte, so bestand die Gefahr, daß sie mich berührte oder auf mich 
herüberkietlerte. Meine Frau, die zu meiner Linken stand, warnte mich davor. 
Ich sliefi nun mit der rechten Hand gegen den Hauptfaden, an dem die 
Spinne hing und verhinderte so, daß sie mir zu nahe kam. Dies wiederholte 
sich mehrmals, so daß ich gewissermaßen mit der Spinne spielte oder sie 
neckte. Ich sagte stolz zu meiner Frau: Nun weiß ich, auf welche Art ich 
der Spinne überlegen bleibe I 

Die Spinne verschwand dann aus dem Traum. Ich hatte sie endgültig 
beseitigt und senkte meine Hand auf das Bett Da bemerkte ich zu meinem 
Entsetzen, daß ich meine Hand gerade auf ein dort befindliches Spinnengewebe 
gelegt hatte, das so g'oß war wie eine Hand, länglich rund und etwas konvex. 
Dies war das Nest einer Spinne, vielleicht voll von kleinen Spinnen. Ich zog 
die Hand zurück und lief in den Korridor ; ob meine Hand mit kleinen Spinnen 
in Berührung gekommen war oder ob solche sich darauf gesetzt hatten, weiß 
ich nicht. In der Eile konnte ich nicht nachsehen, rief aber meiner Frau zu, 

sie solle nachsehen." 

Die hängende Spinne und der Faden repräsentieren wieder das männliche 
Genitale der Mutter; die schaukelnde Bewegung und die Annäherung an den 
Träumer bedeuten Erektion und sexuellen Angriff, ganz ähnhch wie gewisse 
Symbole des zweiten Traumes. Den Haarbüscheln kommt ebenfalls phallische 
Bedeutung zu; ihre Mehrzahl ist charakteristisch als Darstellung von etwas, 
das in Wirklichkeit fehlt Im Laufe der Traumszene wird dann der Träumer aktiv 
gegenüber der Spinne; seine Angst vor dem phantasierten Penis der Mutter 
schwindet Andere Einzelheiten dieses Traumteiles bedürfen keiner näheren 
Betrachtung. 

Sogleich folgl nun die Berührung mit dem Spinnennetz. Seine Größe 
und Form lassen unschwer erkennen, daß es das weibliche Genitale 



474. Mitteiluiigen 

vertritt. Jetzt triff also die Angst vor dem wirklichen weibJichen Genitale 
(das heißt vor dem Fehlen des Penis) au die Stelle der vorherigen Angst vor 
jenem phantasierten Attribut. Wieder erkennen wir die Scheu vor dem Berühren 
dieser Körperstelle des Weibes. Die kleinen Spinnen, die der Träumer dort 
vermutet, sind typische Symbole für Kinder; der Patient ist der Älteste unter 
seinen Geschwistern. 

Zusammenfassend dürfen wir sagen, daß die obigen Träume uns nach 
drei Richtungen über die Spinnensymbolik iiufzuklüren vermögen. Die Spinne 
stellt zunäichat die böse (vormiinnlichte) Mutter dar, sodann das ihr angedichtete 
mannliche Genitale. Das Spinnengewebe reprüsentiert die weibliche Schara- 
behaaruBfr; der eiuzelne Faden hat miinnlich-genitale Bedeutung. 

Die Talsache, daß jeder der drei Träume eine besondere Verwendung 
der Spinneasymbolik enthält, lUßt vermuten, daß dem Symbol vielleicht noch 
■weitere Bedeutungen zukommen. Vielleicht regt diese Mitteilung zur Ver- 
ölfentliehung ähnlicher und ergänzender Analysen an. 

Die Bedeutung der Spinne in der Volkspsychologie ist von psycho- 
analytischer Seile noch kaum gewürdigt. Dali sie sowohl als glückbringendes 
wie als unglückbringendes Zeichen gilt, darf wohl als Ausdruck einer allgemein 
verbreiteten ambivalenten Einstellung der Menschen zu diesem Tier angesehen 
werden. Für viele Menschen trägt die Spinne ohne Zweifel den Charakter des 
„Unheimlichen".! Die Vermutung erscheint berechtigt, daß das Gefühl des 
Unheimliclien hier den gleichen unbewußten Quellen entstamme wie bei dem 
oben geschilderten Neurotiker. 

Nachtrag. 

Die am Schluß des vorstehenden Aufsatzes ausgesprochene Vermutung, 
daß die symbolisebe Bedeulung der Spinne in ihm nicht erschöpfend behandelt 
sei, hat raseh ihre Bestätigung gefunden. Als ich in einer Sitzung der Wiener 
Psychoanalytischen Vereinigung meine Ergebnisse vorlrug, teilte Dr. Nunberg 
in einer Dislmssionsbemerkung mit, was er aus der Analyse einer Spinnen- 
phobie über die Bedeutung des Symbols erfahren hat. Die Spiune war auch in 
seiner Beobachtung die gefährliche Mutler, aber in einem besonderen Sinn. Die 
unbewußten Phantasien des Patienten richteten sich auf die Gefahr, von der 
Muller im inzestuösen Verkehr getötet zu werden. N u n b e r g betonte, daß 
die Spinne ihr Opfer durch Aussaugen töte, und daß eben dieses Aussaugen 
in seinem Falle als Kastrationssymbol diente, d. h. also der typischen 
Phantasie vom Verlust des Penis im Geschlechtsakt Ausdruck gab. 

Ich bemerke, daß ich ähnlichen Zusammenhängen von Anfang an auf 
der Spur war. Da sie aber aus den Assoziationen meines Patienten nicht zu 
belegen waren, so beschiänkle ich mich in meiner Mitteilung auf das unanfechtbare, 
weil assoziativ gewonnene Material. Die Psychoanalyse meines Patienten ist 
aus äußeren Gründen unterbrochen worden; wenn sie später ihre Fortsetzung 
findet, werde ich vielleicht den sehr interessanten Befund von Nunberg 
bestätigen können. Er bildet die notwendige und einleuchtende Ergänzung 
zu meiner Analyse. 

In der gleichen Diskussion machte Prof. Freud auf eine merkwürdige 
biologische Tatsache aufmerksam, die mir nicht bekannt war. Ob mein Patient 
— bewußt oder unbewußt — Kenntnis von ihr hatte, weiß ich nicht und kann 
es gegenwärtig auch nicht ermitteln. 

' Vgl. Freud, „luiajjo'- Bd. 5, 191a. 



1 



Mitteilungen 475 

Die weibliche Spinne ist an Größe und Kraft der männlichen weit 
überlegen. Das Männchen kommt bei der Begattung in größte Gefahr, vom 
Weibchen gelölet und verschlungen zu werden. Ks besteht also eine auffällige 
Übereiostimmung zwischen dem Vor Stellungsinhalt der von N u n b e r g 
analysierten Phobie und einer naturwisseDSchafllichen Talsache. Einen Versuch 
zur Erklärung dieses Talbestandes muß ich mir versagen. Vielleicht werden 
spätere Untersuchungen Licht in diesen Zusammenhang bringen. 

Die Traumform als Inhaltsdarstellung. 

Von Monroe Meyer (New York). 

Der Traum, über welchen ich hier berichten möchte, ist ein treffendes 
Beispiel für die von Freud^ besprochene Verwendung der Form des Traumes 
oder des Träumers zur Darstellung eines Stückes des verdeckten Inhaltes. 

Während eines Nachmittagsschlafes träunole der Analysierte wiederholt 
— vier-, fünf- oder sechsmal — die Zahl war ihm zunächst unklar — folgenden 
Traum: Er sei im Begriff ein Beefsteak zu essen, wobei er 
einen zu großenBjssen in seinenMund führe und daran 
ersticke. Er greife in seinen Mund und ziehe das Fleisch- 
stück heraus. Im Traum empfand er Druck- und Atmungs- 
beschwerden, auch Angstgefühle, mit welchen er nach der 
sechsten Traumwiederholung erwachte. 

Außerdem kamen in diesem Traum zwei eingeschobene Szenen vor. Der 
TrSnmer wulite nicht, zwischen welchen Traumwiederholungen sie einzureihen 
wären, vielleicht, sagte er, die erste Szene zwischen der vierten und fünften 
Wiederholung, die zweile Szene zwischen der fünften und sechsten. 

Die erste eingeschobene Szene entwickelt sich folgendermaßen: Es 
erschien en plötzlich zwei Kellner, die den Träumer ver- 
spotteten, da er unfühig schien, sein Beefsteak, ohne zu 
ersticken, zu essen. 

Die zweite eingeschobene Szene lautet: DerTrUumer befand sich 
in einer Vorlesung. Über seinen Kopf hinweg setzten zwei 
ausländische Studenten ein Gespräch fort, das in einer 
Ursprache oder vielleicht ungarisch geführt wurde. Er 
beklagte eich beim Vortragenden, er könne wegen des 
störenden Gesprächs nichts von der Vorlesung hören, und 
er bat um Abstellung desÜbels. Darauf begannen die zwei 
Studenten ihn zu mißhandeln, und zwar zu zwicken und zu 
schlagen. 

In diesem als Material in einer Analyse beigebrachten Traum möchte 
ich die besonders bemerkenswerte, von Freud' als äußerst selten bezeichnete 
sechsmalige Wiederholung betonen. 

Der Traum wurde einer vollkommenen Analyse unterzogen und wies 
viel Merkwürdiges auf, das einerseits mit der ganzen Analyse, andererseits mit 
den Kindheilserlebnissen des Betreffenden im innigsten Zusammenhang steht. 
Um den Leser über den Sachverhalt rasch zu orientieren, eine Aufgabe, welche 
bei Anaiysebruchstücken dem Verfasser immer gewisse Schwierigkelten auf- 



' Fread : Traum den lnnK, VL Aufl., S, BBT, 
= persönliche MiUeilanK. 



476 Mitteilungen 

bürdet, muß ich sowohl den Traumanschlufi als auch den Traumanlaß erwHhnen. 
Was deu Anschluß des Traumes an die Analyse betrifft, begnüge ich mich 
damit, zu notieren, daß der Analysierte eiüh in einem Stadium der Analyse 
befand, in der man sich mit der femininen Einstellung dem Vater gegenüber 
beschäftigte. Der Anlaß des Traumes war der, daß dem Analysierten infolge 
Erkrankung eines anderen Patienten des Analytikers am Trauintag die frei- 
gewordene AnaJysestundo für den nöchsten Tag angetragen wurde. 

Die Aufmerksamkeit des Träumers wurde auf die eigentümliche Form 
des Traumes, d. h. auf die Wiederholungen und auf die eingeschobenen 
Szenen eingestellt. Die unter der Festhaltung dieser Ausgangsvorstellung 
gewonnenen Einfälle ordnen sich in natürlicher Weise in zwei Gruppen. Die erste 
Gruppe verzeichnet die Facta, welche zu der gegenwärtigen Situation gehören, 
die zweite Gruppe behandelt die angeknüpften Kindheilserlebnisse. Beide 
Gruppen lassen sich ungezwungen in zwei Untergruppen einteilen, deren erste 
das Wiederholungsraotiv, deren zweite das Einschiebungsraotiv enthält. 

Ich möchte zunächst die dem gegenwärtigen Wiederfaolungswunsch 
zugehörigen Einfälle erwähnen. Der Träumer sagte: Er ist einer in der Gruppe 
von fünf Konnationalen, die beim selben Analytiker in der Analyse stehen. Die 
Ankunft seiner Landsleute in Wien vor mehreren Monaten hatte zur Folge, daß 
ihm eine Analysestunde weggenommen wurde. Durch die zufällige Erkrankung 
elnee von ihnen hat er jetzt diese ihm sozusagen enteignete Stunde zurück- 
erhalten. In einer bewußten Phantasie des Traumlages freute er sich darüber, 
und seine verdrängte Eifersucht äußerte sieh darin, daß er sich der geschenkten 
Stunde wegen bevorzugt dünkte. Die egoistische Konkurrenzbefriediguug verrät 
6ich weiter in bezug auf die zwei in der zweiten eingeschobenen Szene 
vorhandenen Studenten, die eine fremde Sprache sprechen. Er erinnert sich 
daran, daß vor fünf oder sechs Jahren, als er einem Kursus in qualilativer 
chemischer Analyse beiwohnte, zu seinen beiden Seiten zwei chinesische 
Studenten arbeiteten, die tortwübrend ihre Muttersprache verwendeten und den 
Träumer viel störten. Er meint, daß zwei von seinen gegenwärtigen Konkurrenten 
in der Analyse Auffassungen über deren Begriffe haben, die ihm ebenso 
befremdend und unverständlich seien, wie die in seinen Ohren komisch Idingende 
chinesische Sprache. Seine Eifersucht auf die Konkurrenten entschädigt sich 
durch die Betonung einer angeblichen aktuellen Bevorzugung durch den 
Analytiker. Er sagt weiter, er sei einer von fünf Konnationalen, die Vorlesungen 
über die Psychoanalyse hören. Er möchte, der Krankheitsfall solle sich fünfmal 
wiederholen, und zwar an jedem einzelnen Konkurrenten, infolgedessen würde 
der Träumer das einzige Objekt der Libido und der sämtlichen Vortragenden 
sein. Der Traurawunsch, das Ereignis möge sieh wiederholen, ist deutlich 
durch die Form des Traumes, die sechsmalige Wiederholung, dargestellt. 

Die mit dem Einschiebungsraotiv im Zusammenhang stehenden Einfäll© 
lauten: Er hat diesen Traum in einer eingeschobenen Schlafstunde geträumt; 
es ist nicht seine Gewohnheit, nachmittags zu schlafen. Er hat diesen Traum 
in einer eingeschobenen Analysestunde vorgebracht. Er denkt an die im 
Traum .vorhandenen Zahlen vier, fünf, sechs. Die eingeschobene Analj-sestunde 
ist am Freitag, iniolgedessen ist sie die fUnfte Stunde der Woche, also 
zwischen der vierten und der gewöhnlichen fUnfien eingeschaltet. Diesmal 
besteht die Analysewoche nicht ans fünf, sondern aus sechs Tagen. Er setzt 
fort, der Analytiker schiebt oder steckt analytische Kenntnisse In den Kopf 
des Trfiumers hinein. Es ist, als ob er vom Analytiker koiliert werde. 




Mitteilungen 477 

An dieser Stelle möchte ich der VolUtändiglieit halber und um keine 
das Verständnis des Traumes störenden Lüclien aufltommen zu lassen, die den 
infantilen Traumwunsch erweisendea Einfälle des Träumers heranziehen. 

Das vom TrSumer als „rund", „lang" und „rötlich" beschriehene 
Beefsteakstück scheint ihm ein in seinen Mund eingeführtes männliches 
Genitale zu sein. Er denkt jetzt an die nur eine Körperöffnung besitzenden 
Infusionstierchen (Hydra, Paramoeciam u. dgl,), bei welchen ein undifferen- 
ziertes Mundloch die sämtlichen Funktionen des Darmeinganges und des 
Darmausganges auf primitive Weise versieht. Der Träumer meint: die beiden 
in den infantilen Gebfirtheorien vorkommenden Körperteile (Mund und Anus) 
sind hier zu einem einzigen verdichtet; das Fleischstiicl^- wird in der Gestalt 
eines neugeborenen Kindes aus seinem Mund herausgezogen, Als er vier 
Jahre alt war, wurde sein Bruder geboren, d. h. m das Milieu des Träumers 
eingeschoben. Um dieses Kind, auf welches der Träumer sehr eifersüchtig 
war, zu erzeugen, mußte der Vater sein Glied in die Mutter einschieben oder 
einstecken. Eigentlich wollte er damals selbst das Kind vom Vater erhalten 
und war deswegen auf die Mutter, auch auf den um die Liebe der Eltern 
konkurrierenden neuen Ankömmling eifersüchtig. In der Tat wünschte er, daß 
die Mutter beim Gebären sterben solle. Im Traum aber wendet er den Todes- 
wunsch seines aus dem Ödipuskomplex herstammenden Schuldbewußtseins 
gegen sich selbst als Strafe und erstickt. Der Traum stellt eine Empfängnis- 
und Gebärphantasie dar und schildert eine von Eifersucht auf die Mutter 
begleitete feminine Einstellung dem Vater gegenüber. 

Um den ganzen Sachverhalt kurz zusammenzufassen, dürfen wir sagen : 
der Träumer mächte jetzt das einzige Objekt der Liebe des Analytikers "sein 
und verrat unbewußte Eifersuchtsregungen und Rachepliantasien gegen seine 
Konkurrenten. Dabei wiederholter eine vor 25 Jahren erlebte Kindheitssituation, 
in welcher er ähnliehe Gefühlsregungen, gegen die Mutter und den neugeborenen 
Bruder gerichtet, hatte. Das Heranziehen des infantilen Materials zeigt, daß 
der Traum einen latenten Wunsch des Tages mit Hilfe eines infantilen 
unbewußten Wunsches als erfüllt darstellt. Zum Schlüsse betone ich noch das 
Einsehiebungs- und Wiederholungsmotiv, welches talsächlich in der Form des 
Traumes (zwei eingeschobene Szenen, die sechsmalige Wiederholung) erschien, 
um dessen verdeckten Wunsch auszudrücken. 



Internat. ZBitaclir. f. PsyoTioanalyHe. Vni/4 31 



1 



r 



Bericht über den Vll. internationalen Psyctioanalytisclien 
Kongreß in Berlin (25.-27. Sept. 1922). 

Das Arbeitsprogramm des diesjährigen Kongresses, der unter dem Vorsitz 
von Dr. Ernest Jones, Loadon, Ende September in Berlin statlfand, war auf 
drei reichlich ausgefüllle Tage verteilt. Bereits am Vorabend, dem 24. September, 
wurden die Teilnehmer des Kongresses durch die Berliner rsychoanaly tische 
VereiniguiiE; im Kongreßlokal (Kurfürstenstraße 115—116: Haus des BrÜder- 
vereines) inoffiziell empfangen und herzlich begrüßt,' 

Am nächsten Tage eröffnete Präsident Dr. Jones die wiasenschaftlich© 
Arbeit mit einer kurzen Ansprache und ging dann tu die bei der Fülle des. 
Materials mit anerkennenswerter Umsicht angeordnetete Vortragsordnung ein, 
die wir hier folgen lassen, wobei wir die Autoreterate der Vortrageaden 
— soweit sie eingelaufen sind — gleich einschalten:- 

Vortragsordnung : 

Montag, den 25. September 1922. Vormittag. 

Präsidium : Dr. K. Jones. 

Dr, S. F e r e n c z i, Budapest : Versuch einer Genitaltheorie. 

Psychoanalytische Beobachtungen bei der genitalen Impotenz, des Mannes 
gestatten eine gewisse Einsicht in die normalerweise ver-*täikten Komponenten 
der Begaitungsfunktion. Verfasser unterscheidet neben der von Abraham 
isolierten „urethralen" Form der Funktionsstörung (Ejac. praecox) eine „anale" 
Impotenz mit vorwiegend retardierenden Tendenzen (ejac. retardata, aspermie). 
Diese zwei Innervationsstörungen (die immer auch von entsprechendem psychi- 
schen Überbau begleitet sind), kommen aber oft auch nebeneinander oder 
abwechselnd zum Vorschein. Besonders diese letztere Abart führte Ver- 
fasser zur Hypothese, daß auch der norm ale Ejaliulationsvorgang als der 
Endprozeß eines feinen, daher unkenntlichen Inein andergreif ens urethraler 
(die Ausscheidung befördernder) und analer (die Ausscheidung hemmender) 
Innervationen aufzufassen ist. Ähnliche alterniernd anale und urethrale Ten- 
denzen könnten aber auch dem Hin und Her des Friktions Vorganges zugrunde 



1 Dio Toilnehmenahl betrae 2BG — d&von 112 Mitßlitdor dor Intovnntionaleii Payoho- 
analytischen Vereinigung — , wElohOBiclianf die cinielnen Länder (Sltidtc) wie folgi vcrtoilon ; 
Amerika 11, Ilclffißii 3, Berlin 91, Deutschland 39, Eng-land bl, Holland 1), Indien 2, Italien i, 
Japan 1, I'ariB 1, Riga 2, Schweiz 20, Tscliecho-Slowakei 1, Ukraine 3, Ungnrn 22, Wion E8. 
— Von der peruanischen ReRiorung wurde Dr. Honorio K. Dol|;ado (Lima) als ürfiiioller 
Vertreter zum KongroC entsandt, t.raf aber infolffe SchirrsvcraiiiLtung nicht rechtzeitig ein. 

= Die mit Stern (") yersehonen Arbeiten sind zur VurUffuotlJcliuiiB »n ttitonna lioi der 
Redaktion bereits oingelanKt, 





Kongreßbericht 479 

gelegt werden (ImmiSBiOD = areiliral, Reirakiion = anal). Die paftologisclien 
Veränderungen der Ejakulation wären demnach die Folgen der Störung dieses 
feinen Ineinandergreifene durch massiges, gleichsam ataktisches Eingreifec der 
hemmenden oder der fördernden Innervation. Analogie mit dem Vokal- und 
dem Konsonanten-Stottern und Beschreibung der Impotenz als „Genitalstoltern". 
Eignung des Penis zur Vereinigung analer und urethraler Triebbetätigungen 
infolge embryologischer Herkunft dieses Organs aus der urethro-analen Kloake. 
Verfasser nennt eine solche Verquickung urethraler und analer Autoerolismen 
eine Amphiraixie und vermutet, daß der von der Freudschen Sexual- 
theorie geforderte Aufbau der Genitalilät aus ursprünglich gesonderten Ero- 
'^i _ -tisinen auf solche amphimiktische Prozesse zurückzuführen ist. Diese Arophi- 

misis zwischen Urethral- und Analerotik scheint schon vor dem Primat der 
Genilolzone zustandezukommen. Die anfänglich vorwiegend retardierende Trieb- 
rtchlung der Darmfunk+ion und die vorwiegend ejakulierende der Blase, 
gleichen sich im Laufe der „Kulturentwicklung" des Kindes aus, indem ein 
teilweiaer Auslausch der Innervationsmechanismen zwischen Blase und Darm 
stattfindet. (Verlegung von Analqualität auf die Blase und vcn Urethralqualitat 
au! den Darm.) Meta psychologische und physiologische Möglichkeit solcher 
^Verschiebung von Qualitäten", (Im Gegensatz zur bisher ausschlielilich ange- 
nommenen Verlegung von Quantitaien im psychophysiologischen Mecha- 
nismus.) Die Entwicklung des Primats der Genitalzone findet also bereits eine 
fertige iirethro-anale Amphimixis vor. Andere Beispiele amphimikfischer Ver- 
schmelzung von Erolismen (.Summation der Genüsse"): die Kombinierung 
von oralen, nasalen, analen, von HauteroHsmen, Voyeartum, Sadismus, Maso- 
chisraus usw. untereinander. Kinderbeobaehtungen. Beispiele für die „Verlegung 
von erotischen Qualitäten" (Verlegung der Klitoriserotik auf die Vagina, der 
Erektililät auf Nasenmuscheln und auf die Brustwarzen usw.) Die Amphimixis 
ist wahrscheinlich auch das physiologische Vorbild für die psychische Tatsache 
der vtrschiedenen Synästhesien. Beschreibung des ganzen Genitalaktes 
als amphimiktischer Vorgang. Kurze Wiederholung der Sexualen! wickln ngs- 
reihe bei jedem einzelnen Begatlungsakfe. Das Genitale als Saramelreservoir 
aller Autoerolismen entlaslet den übrigen Organismus von Libido und macht 
ihn zu nützlichen Leistungen geeigneter (Steigerung der Anpassungsfähigkeit 
onto- und pbylogeuelisch). Die Entwicklung besonderer Begatlungsorgane bei 
höheren Tiere» vielleicht eine Vorbedingung höherer Intelligenzslufe. Jdenti- 
fizierungsprozesse" bei der Begattung: 1. Durch die „ Brücke nbildungea" 
(Küssen, Umarmen, Immissio penis) identifizieren (inlrojizieren) sich die sich 
Begattenden gegenseitig; 2. Identifizierung des Penis mit dem ganzen Körper 
(dem ganzen „Ich") des Mannea; 3. Identifizierung des Penis mit dem Ejakulat. 
Das Resullat dieser Prozesse ist eine halluzinatorische, symbolische und reale 
Regression in die Mntterleibsituation (real nur von den männlichen 
Geschlechtszellen erreicht). Begattung ein gelungenes Kompromiß zwischen 
der Ich- und dieser Regressionssirebung; vom Standpunkte des Ich ist die 
Begattung nur Befreiung von lästiger Spannung und Ausscheidung spannendet 
Körperprodukte; vom Libidost»ndpunkt Regression zur iolrauterinen Situation. 
Letztere erklärt biologisch die Allgemeingültigkeit des Ödipuswunsches. 
Zusammenhang der Entwicklung der Begattungsfuniftion mit der letzlen großen 
geologischen Katastrophe: Der Eintrocknung der Meere. Diese Katastrophe 
wiederholt sich autogenetisch bei jeder Geburt und die Begattung macht 
sie halluzinatoriäch, symbolisch und zum Teil auch realrüekgängig. 

81* 



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ii| 



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480 KongreÜbericht 

Dr. E. Simmel, Berlin: Psy eh oiiaalytLscheBe trachtungen 
ftberKrankheitsentstehung und Kiankheitsverlauf. 

Einblicke in die stufenweise priigenitale Entwicklung der Icblibido — 
gewonnen aus kasnistischen Erfahrungen — im Vergleich mit klinischen 
Beobachtungen berechtigen zu der auch schon von anderer Seite ausge- 
ßprochenen Anschauung von der Identität des physio- wie psychopathologischen 
Geschehens. Jede Krankheit, nicht nur die Neurose, ist eine soziale Störung. 
Es besteht eine gerade Verbindungslinie vom Zellindividuum in der Zell- 
gemeinschatt „Mensch" bis zur Individuaizelle in der menscblieben Gemeinschaft. 

* Dozent Dr. Felix Deutsch, Wien ; Über die Bildung des 
Konversionssymptom s- 

Der Vortragende versucht darzulegen, daß der ftir die Erscheinung der 
Bildung somatischer Störungen aus verdrängten Affekten von Freud geprügte 
Begriff des Konversionssymptoms einer Erweiterung und Anwendung 
auf verschiedene Symptome bei organischen ICrankheiten fsihig ist. 

Bevor es zum Auftreten des Konversionsymptoms kommt, bedarf es 
nicht nur einer bis ins kleinste gehenden Vorbereitung im I'sychisf;hen, sondern 
auch im Organischen. Die Veränderungen am Organ, au dem konvertiert 
wird, gehen häutig vollkommen unbemerkt vor sich und sind daher der Unter- 
suchung im Entstehnngsstadium oft nur schwer oder gar nicht zugänglich, 
weshalb sie leicht übersehen werden. Ihre gelegentliche Aufdeckung — wie 
an einem Beispiel deutlich gezeigt wird — vermag den Beweis zu liefern, daß 
die Umbildung von Psychischem in Organisches keineswegs plötzlich vor sich 
geht und kein unvermittelter sprunghafter Übergang bei der Konversion 
erfolgt. Durch diesen Beweis wird dem Konverlierungsprozeß etwas von seiner 
Rätselhaftigkeit genommen. Der Versuch einer restlosen Aufklärung dieses 
Prozesses führt ins Metabiologische, an die Bei ührungspunkte von Psychischem 
und Physischem und ist nur dann aussichtsreich, wenn er von den einfachsten 
Zellvorgängen ausgeht. Die noch nicht volliiommene Kenntnis einfachster 
biologischer Vorgänge setzt diesem Vorhaben gewisse Schranken, die vorr 
läufig nur durch Spekulation zu überwinden sind. 

• Dr. F. Alexander, Berlin : Über den biologischen Sinn 
psychischer Vorgänge. 

Die beiden letzten Werke von Freud als zwei Entwicklungsrichtungen 
der psychoanalytischen Forschung. Der biologische Weg (mikroskopische 
Betrachtung) und der soziologische. (Makroskopische Betrachlungen. Analogien 
aus der Geschichte der Naturwissenschaften.) Das Ich zeigt in seinem Aufbau 
verschiedene Stufen. Diese entsprechen den verschiedenen Organisalionsstufen 
der Gesellschaft. Eine biologische Perspeklive Über die verschiedenen Systeme: 
Zellataat, Familie, Nation, übernationale Einheit. Jedem entspricht eine Stufe 
im Ich. UrnarzißrauB, Narzißmus, Ichideal, Nationalismus, Pazifismus. Ähnlich 
führt eine Reihe in die unbewußte Richtung, in die Tiefen des biologischen 
Geschehens. Urnarzißmus, Zellnarzißmus. Das Zusammenwirken von Ödipus- 
komplex und Narzißmus bei der Zwangsneurose. Das unbewußte Wissen. 
Beruhen die konstanten Symbole, Urphantasien auf phylogenetischer Erfahrung 
oder auf unbewußtem Wissen? Eine afrikanische Novelle (Sammlung Leo 
Frobenius), die die unbewußte Kenntnis der Organ isationsstufen zeigt. 
Endopsychische Wahrnehmung im Traum. Ein Traum über die Zensur. Die 
organische Erkrankung. Schlußergebnis ; Es gibt eine Art unbewußten Wissens. 




Kongreßbericht 481 

(Körper-Erinnerungssystem von Ferenczi.) Eine erweiterte biologische 
Wertung des analytischen Materials. 

' Dr. S. R a d o, Budapest : Die Wege der Naturforschung im 
LichtederPsychoanalyae. 

Der Vorlragende bespricht die Wendung der physikalischen Forschung 
vom Kausalitätsprinzip zum staiistiächen Postulat, verweist auf die affektive 
Bedeutung des determinislischen Denkens und versucht dessen seelische 
Herkunft aufzuklären. Er zeigt, daß die kausale Naturwissenschaft durch eine 
seelische Revolte aus der religiösen Weltautfassung hervorging; die 
polyenergetische Physik ist eine Neuauflage des animistisch- 
polyiheistischen Weltbildes, während in der Konzeption des natur- 
wissenschaftlichen Monismus die Charaktere des Mono th ei smu s voll- 
inhaltlich wiederkehren (Laplacescher Geist). Den prähistorischen 
Ursprung der Kausalifätsidee findet er in der von Freud rekonstruierten 
ürhordensituation, in der realen Allmacht des Urvaters über die Söhne 
der Horde. 

Die deterministische Wissenschaft befriedigt die archaisch-infantile 
Sehnsucht des Menschen nach Gedanken all macht; die Statistik verzichtet auf 
die Kausalität und verlangt vom Forscher die Einschränkung seiner narziß- 
tischen Allmachtspbautasie. 

Dann verallgemeinert der Redner das Ergebnis seiner Untersuchung, 
indem er die materialislische Naturwisaensehafl auf ihre animistischen Grund- 
lagen zurückführt. Dabei findet er Gelegenheit, einige forsch ungspsychologische 
Probleme zu streifen, gibt eine knappe Darstellung der Erkenntnisarbeit 
und würdigt die Rolle der Wissenschaft für das menaehliche Seelenleben. 
Zum Schlüsse erörtert er das VerhSltnis der psych oapalytischen Forschung zur 
deterministischen Voraussetzung. (Erscheint gleichzeitig in „Imago°,Bd, Vni/4.) 

Dr. J. Hermann, Budapest ; Die neue Berliner psycho- 
logische Schule und die Psychoanalyse. 

Von der neuen Berliner psychologischen Schule, vornehmlich von 
M. Wertheimer und W, Köhler, sind in den letzten Jahren scharf 
formulierte Prinzipien einer psychologischen Gestaltlheorie aufgestellt worden. 
Diese Prin2ipien gehören ihrem Inhalte nach zum Inventar der psychoanalytischen 
Theorien : 1. Die neue Schule bekämpft theorelisch die «Bünde 1"-, „M o s a i k"- 
These der alten Psychologie : es ist aber gerade die psychoanalytische 
Forachungsrichtung, welche keine „Empfindungseleniente" aufsuchen will, 
sondern stets alles Seelische auf Triebe und Ko mplexe zurückzuführen 
bestrebt ist 2. Die von der neuen Schule angegriffene Assoziationsihese 
der alten Psychologie wurde wiederum durch die Psychoanalyse infolge ihrer 
Voraussetzung des verborgenen Sinnes auch manifest sinnloser Ver- 
knüpfungen umgeslofien. 3. Von der neuen Schule wird eine Theorie physikalisch- 
physiologischer Gestallen entwickelt -»mit Hilfe der Begriffe ,ein System", 
Topographie des Systems und mit Inanspruchnahme eines physikalischen 
Minimumgesetzes arbeitend: man muß hier die Vorbildlichkeit der 
Freudschen Metapsychologie erkennen. 

Die Köhlerscheu Beobachtungen au Menschenaffen bieten dem 
psychoanalytisch Geschulten Gelegenheit, einzelne Thesen der Freudschen 
Sexualtheorie und Massenpsychologie zu verifizieren, diese 
Beobachtungen enthalten eine Menge von Beispielen, welche die Wirksamkeit 
der Primär Vorgänge vor die Augen führen. 



482 Kongreßbericht 

Der Vortrag über die neue Berliner Schule — sie nennt sich Schule der 
Gestnlttheoretiker — bot dem Vortragenden Gelegenheit, eine psycho- 
analytisch fundierte Ges ta 1 1 1 he o r i e wenigstens skizzenhaft zu 
entwickeln. Die enge Verknüpfung von psychoanalytischer und psychologischer 
Gesfalttheorie wiid schon dadurch klargemacht, doß selbst den 
sexnellen Trieben das sogenannte Ehrenfelssche Gestalt-Kriterium, die 
Transponierbarkeit, als eine ihnen wesentliche Eigenscliaft BUge- 
schrieben werden muß. 

Nachmittag. 

Prfisidium: Prof. Dr. S. Freud. 

* Dr. Olto Rank, Wien: Perversion und Neurose. 

Auf Grund der Freudschen Analyse der Phantasie „Ein Kind wird 
gesehlagen", welche die masochistlsehe Einstellung auf eine bestimmte Phase 
der ödipussituation und ihre Verdriingung zurüeltfiihrt, wird versucht, auch 
die anderen sogenannten „Perversionen" als Ausdiucksformen für bestimmte 
infiinlüe Libidosituationen im Sinne des Ödipuskomplexes verständlich zu 
machen, wobei das Verdrängungsschicksal der Pliantasie vom analen Kind 
den IiJialt bestimmt, während am Mechanismus das Schuldbewußtsein 
entscheidenden Anteil hat, (Erscheint in diesem Heft.) 

* Frau Dr. H o r n e y, Berlin ; Zur Genese des weiblichen 
KastratioDskomplexes. 

Nachdem wir die vielgestaltigen Erscheinungsformen und die intensive 
Wirksamkeit des weiblichen Kastrationskoinplexes für die Bildung von Charakter 
und Neurose kennen gelernt haben, drUngt sich das Problem auf, welche 
Faktoren denn zusammenwirken, um diesem Komplex zu der Häufigkeit seines 
Vorkommens und zu der Mächtigkeit seiner Wirkung zu verhelfen. 

Für beides, Häufigkeit und Wirkungsbreite des Komplexes, läßt sich 
aus der Betrachtung der Kind beitsentw ick lung vou einer Reihe solcher 
weiblicher Patienten, in deren Neurose der Kastralionskomplex eine überragende 
Rolle spielt, ein gewisses Verständnis gewinnen. Denn es zeigt sich, daß es 
mächtige und vor allem typische, überindividuelle Quellen sind, aus denen 
er entspringt, und zwar : 

1. Aus der autoerotisch-narzißtischen Phase. 

Ausgehend von der vielleicht häufigsten direkten Äußerungslorm des 
ursprünglichen Penisneides, dem Wunsch des kleinen Mädchens, so zu 
urinieren wie ein Mann, laßt sich zeigen, daß dieser Wunsch sich aus drei 
Anteilen zusammensetzt, deren Bedeutsamkeit im einzelnen Fall verschieden 
groB ist, nämlich 

a) der Anteil aus der Harnerotik selbst. Die Intenailiil des aus 
dieser Quelle stammenden Penisneides wird begreiflieh, wenn man sich die 
narzißtische Überwertung der ExkretionSvorgänge vergegenwärtigt ; 

b) der Anteil aus der aktiven und passiven Schaulust. Der 
Knabe kann beim Urinieren sein Genitale erlaubterweise ansehen und zeigen ; 
er kann wegen der Sichtbarkeit seines Genitals seine Sexualneogierde am 
eigenen Körper weitgehend befriedigen, während dem kleinen Mädchen alle 
diese direkten BeCriedigungsmöglichkeiteu versagt sind; 

c) der Anteil aus dem Masturbationswunsch. Die Tatsache, 
daß der Knabe beim Urinieren sein Genitale anfassen darf, wird, insofern als 
weitere Benachteiligung empfunden, als dieses Berühren dem Mädchen auf 




KoDgreßbericht 483 

alle Fälle versagt ist: der Knabe darf gewissermaßen offiziell das Masturbatioos- 
verbot überschreiten. 

So sind es also drei wichtige Triebgebiete, in denen sicli das kleine 
Mfidchen gegenüber dem Knaben offensichtlich zurückgesetzt fühlen muß ; und 
aus der großen Bedeutung, die diese Gebiete für die kindliche Psyche selbst 
haben und durch spätere regressive Verstärkung für die Neurose erhalten 
könnea, erhellt, daß hinter dem Penisneid Bchon auf dieser Stufe eine nicht 
unbelrächlliche dynamische Kraft stecken muß. 

Ob dieser so erworbene Komplex nun mehr oder weniger glücklieh 
Überwunden oder ob er fixiert wird und eine pathogene Wirksamkeit erhält, 
hfiogt — hier wie überall — von der Gestaltung des Ödipuskomplexes ab. 

2. Die Bedeutung des Ödipuskomplexes für die Genese etc. 
Mau kann bei den erwähnten Patientinnen häufig eine Entwicklung des 

Ödipuskomplexes verfolgen, die zeitlich und inhaltlich grob schematisiert, sich 

etwa so daratellt : 

I. Phase: Das Mädchen identifiziert sieh mit der Mutter und nimmt 
gleich ihr den Vater zum Liebesobjekt. Auf dieser Stufe hat sie auf Grund 
der Mutleridentifizierung die bekannten zwei Möglichkeiten, den Penisneid zu 
überwinden, indem sich der narzißtische Wunsch nach dem Glied umsetzen 
kann in das weibliche Verlangen nach dem Mann (= Vater) und in das 
mütterliche nach dem Kind (vom Vater). 

Kommt es dnrch die reale Versagung — der schwerst wiegende oder 
jedenfalls durchsichtigste Fall ist eine Schwangerschaft der Mutter — zu einer 
Enttäuschung in dieser Liebesbeziehung, so kann in einer IL Phase der 
Vater als Liebesobjekt aufgegeben werden und die Objektliebe regressiv durch 
eine Identifizierung ersetzt werden (s. Freud : Trauer-Melancholie, sowie: Über 
einen Fall von weiblicher Homosexualität). Dieser Vorgang, selbst ia größerem 
Umfang vielleicht erst ermöglicht durch einen stärker entwickeilen Penisneid- 
komplex, führt nun seinerseits notwendig eine mächtige Reaktivierung und 
Verstärkung dieses Komplexes herbei. 

An dieser Stelle setzen nun auch die Grübeleien über das Warum des 
Penismangels, respektive -Verbleibes ein; der Kaslrationskomplex sensu str. 
Diese Grübeleien pflegen nun in ihrer einen Hauptlinie unter dem Druck der 
Schuldgefühle auf das in der L Phase „Erlebte": die Vergewaltigung = 
Kastration durch den Vater hinzuführen. 

Dieser Umstand, daß solcherart ein wichtiges Stück verdrängter 
Weiblichkeit aufs innigste mit dem Kastrationskomplex verknüpft wird, ist 
für seine weitere Ausgestaltung entscheidend wichtig. 

3. Die Bedeutung der Schuldgefühle für die Genese etc. ist 
hiermit nicht erschöpft. Vielmehr erhält der Komplex einen gewaltigen Zuschuß 
aus den vielfachen, ans Genitale lokalisierten Schuldgefühlen — die Frau hat 
gewissermaßen ihren Genitalkomplex wie der Mann den seinen - -, so daß vieles 
unter dem Bilde des Kastrationskomplexes erscheint, was mit irgendwelchen 
Männlichkeitsphantasien gar nichts zu tun hat. 

• Dr. S. Feldmann, Budapest: Ober P u erp eralneuros en. 
Vortragender besprach neurotische Erscheinungen, die mit der Gravidität 
in Zusammenhang stehen. 

Es handelt sich um solche Fälle, bei denen entweder infolge der 
vorhandenen Schwangerschaft solch schwere seelische Störungen auftrafen, 
die die Beseitigung der Gravidität notwendig machten, oder wo es gar nicht 



484 Kongreßbericht 

KU einem künstliehen Eingreifen kam, weil das die Gebärmutter selbst 
verrichtete, indem sie die l-'riicht auswarf. Das dritte Problem, mit dem sich 
der Vortr. beschäftigte, war die Unfruchtbarkeit. 

Alle drei Erscheinungen gehören zu einem Komplex. Im ersten Falle 
ist das Leben schon in Keime und es erhebt sich dagegen ein so starker 
seelischer Protest, daß die Schwangerschaft schon mit Rücksicht auf die 
Lebensgefahr beseitigt werden muß. Jm zweiten Falle vernichtet die Gebär- 
mutter selbst das keimende Leben, indem sie die Frucht auswirft, im 
dritten Falle wird dieses ultimum refugium überflüssig, weil sich die Gebär- 
mutter schon prophylaktisch von der Schwangerschaft ausschließt 

Aus der Analyse einer Gravid itätspsychose wird hervorgehoben, daß in 
der Seele der Patientin zwei Konflikte entstanden und ungelöst blieben. Der 
eine rief eine Überlragimgsneurose hervor, die in den Kahraen des Ödipus- 
komplexes gehört. Für die Kranke bedeutete das Kind ein noch im infantilen 
Alter ersehntes Kind, das sie von ihrem Vater zu bekommen wünschte. Auf 
diese Weise bedeutet die Geburt die Befriedigung eines Wunsches, den die 
Zensur nicht dulden kann. — Der zweite ist ein Orgaukonflikt, der eine 
narzißtische Neurose zur Folge hatte. Das zu gebärende Kind bedeutet eme 
Kompensation für den fehlenden Penis, die Geburl deshalb den Verlust dieser 
Kompensation und die Neurose ist ein Protest gegen diesen Verlust. Sie faßte 
das Gebären an und für sich als eine Kastration auf. Der dritte Gesichts- 
punkt, der bei der Neurose zu finden war, ist ein pathoueurotischer im Sinne 
Ferenczis. Die Patientin empfindet die GraviditÜt als eine Beschädigung 
der Gebärmutter. Die ganze Libidomeujre zentralisiert sich in der beschädigten 
Gebärmutter, erzeugt eine Spannung und in der Folge eine Neurose. 

Dann wurde eine andere Patientin geschildert, die sich in ihrer Ehe 
oiine IriCtigen Grund jahrelang unfruchtbar zeigte. Sie kam mit einer schweren 
Hysterie in Behandlung und es fand sich, daß bei ihr schon eine Gravidität — 
eine unbewußte - vorhanden war. Die Gebärmutter war seelisch gravid, 
deshalb m der Realität unempfänglich. Mit der Auflösung der unbewußten 
Gravidität wurde die Gebärmutter empfänglich, die l\itientin wurde gravid. 

Aus alldem schließt Verfasser, daß den Graviditälsneurosen zwei Konflikte 
zugrunde hegen: ein Übertragungs- und ein Organkonflikt. Die Folge kann 
em Abortus sem, um dem Konflikt auszuweichen. Die Untruciilbarkeit kann 
von emer unbewußten Gravidität determiniert sein, nach deren Auflösung die 
Sterilität aufhört. 

* Dr. J. M. Eisler, Budapest; Hysterische Erscheinungen 
am Uterus. 

In der offiziellen Neurologie ist bisher der Versuch noch nie angestellt 
worden, die Symptome der Hysterie einer sys t ema t is ch en Behandlui^ 
zu unterziehen. Diese Arbeit wäre sowohl vom klinischen wie vom theore- 
tischen Standpunkt wichtig. Der Vortrag gibt hievon ein engumgrenztes Stück, 
indem er die konversionshysterischen Erscheinungen eines einzigen Organs: 
der Gebärmutter, zur Diskussion stellt. Der anatomischen Struktur des Organs 
entsprechend werden die Symptome in zwei Klasseu geteilt: 

1. An der uterinen Schleimhaut findet die Hysterie eine ihr 
günstige Ansatzstelie und äußert sich in mannigfaltiger Form. Da ist zunächst 
die Amenorrhoe, welche oft psychogen determiniert erscheint und sich 
sodann psychoanalytisch auflösen läßt (Homosexualität, Perveraion usw.). Auch 
die Dysmenorrhoe ist in entsprechenden Fällen als ein hysterisches 




Kongreßbericht 4S5 

Symptom zu bewerten. Der Fall einer über fünf Jahre dauernden diskonti- 
nuierJichen und un periodischen Blutung wird auf seinen tieferen Mechanismus 
untersucht und erörtert 

2. Die Muskulatur der Gebärmutter zeigt ihre Abhängigkeit vom 
Affektleben gleich Talls in verschiedener Weise. Gewisse S chm er z-( Krampf-) 
empfindunjren zur Zeit derMenstruation lassensich als psychogen bedingt auf- 
fassen. Unter psychischen Eiaflüsseo, die von pathologisch verstärkten Trieben 
genfihrt werden, kann auch eine unzeilgemäfle Wehentätigkeit einsetzen und 
zur Unterbrechung der Schwangerschaft führen. Solche Fälle, deren psychischer 
Mechanismus an zwei Beispielen untersucht wird, verdienen den Namen „Medea- 
typen", wenn sie im Enderfolg den Tod der Leibesfrucht herbeiführen. — Auch 
eine retardierte Wehentätigkeit läßt sich in geeigneten Fällen als ein hyste- 
risches Symptom auffassen. Dies wird an einem instruktiven Beispiel erörtert 
und die enorme Beteiligung der Analerotik (.Zurückhalten") hiebei aufgeklärt. 
Dr. H. N u n b e r g, Wien : Über die Depersonalisation im 
Lichte der Libidotheorie. 

In der Depersonalisation (Fremdheitsgefühle) findet eine Libidoablösung 
statt. Das führt zu einer Verarmung des Ich, was als narzißtische Kränkung 
empfunden wird. Das aktuelle Ich empfindet die Unfähigkeit, seine Sexualtriebe 
zu befriedigen. Die Folge davon ist eine Störung des Selbstgefühls, 

Eine Libidoablösung findet nicht nur bei den narzißtischen Neurosen 
statt, sondera auch bei den Übertragungsneurosen. Bei den ersteren erstreckt 
sie sich jedoch bis auf die unbewußten Objekte, bei den letzteren nur auf die 
bewußten. In beiden Fallen erfolgt eine Schwächung des Ichs, demzufolge 
unbewußte Phantasien ins Bewußtsein einbrechen. 

Die Libidoabiffsung kommt, wenn auch häufig nur passagere, überall 
vor, leitet wahrscheinlich alle Neurosen ein, und wird nur in einzelnen Fällen 
als Haupfsymptom in l-'orm von Entfremdung festgehalten. 

Die weitere Entwicklung der einzelnen Krankheitsforraea hängt von der 
Disposition ab. 

Bei den Übertragungsneurosen geht die Libidoablösung (als Fremdheits- 
gefflhl) der eigentlichen Verdrängung voraus. 

* Dr. E. Weiß, Triest: Die Psychoanalyse eines Falles von 
nervösem Asthma (Bronchialasthma). 

Es werden die einzelnen Phasen der psychoanalytischen Behandlung 
eines schweren Neurolikers, der auch an Bronchialasthma leidet, geschildert. 
Der an schweren Depressionszusländen mit Selbsttötungstendenzen und 
pathologischen, meist zwangsneurotischen Charakterzügen leidende homo- 
sexuelle Patient wird nach mühevoller Freilegung seiner maßlosen Mutter- 
fixieruug sowohl von den Depressionszuständen, als auch von der Homo- 
sexualität und von den anderen Symptomen geheilt; es verblieb aber noch 
das Bronchialasthma, welches im Laufe der Psychoanalyse an Häufigkeit und 
Hartnäckigkeil slark zugenommen hatte, weswegen nach einjähriger Pause 
(seit einem Monate) die Behandlung wieder aufgenommen worden ist. 

Obwohl also dieses Symptom noch nicht beseitigt worden ist, konnte 
ein tiefer Einblick in seine Genese gewonnen werden. Das Asthma zeigte 
einen, dem phobischen analogen Mechanismus. Es tritt bei der Trennung des 
Patienten von der Mutter oder beim Verluste ihrer verläßlichen, mütterlichen 
Einstellung zu ihm auf. Eine wichtige Rolle spielt ferner der eigensinnige 
Retentionscharakter des Patienten und es ist wahrscheinlich, daß beim Asthma 



486 



Kongreßbericht 



eine Verschiebung von der analerotischen Retention nach oben vorliegt. Ebenso 
spielt beim Zustandekommen des Asthmas eine eigenartige masodÜHtlache 
Einstellung eine nicht zu unterschätzende Rolle. 

In der voiUegenden Analyse kommt einiges über die historische 
Entwicklung des Protestausdruckea zutage, welcher aus der Situation des eben 
geborenen — von der Mutter losgelösten — Kindes, außer, wie schon bekannt, 
aus dem Triebe, den Stuhl zurückzuhalten und aus der Auflehnung gegen die 
Kastration, geschöpft wird. (Erscheint in diesem Heft.) 

Dienstag, den 26. September 1922. Vormittag. 

Präsidium: Dr. S. Ferenczi. 

Professor Dr. S. Freu d, Wien: Etwas vom Unbewußten. 

Der Vortragende wiederholt die bekannte Entwicklungsgeschichte des 
Begriffes „Unbewußt" in der Psychoanalyse, Unbewußt ist zunächst ein bloß 
deskriptiver Terminus, der dann das zeitweilig Latente einschließt. Die dynamische 
Auffassung des Verdrängungsvorganges nötigt aber dazu, dem Unbewußten 
einen systematischen Sinn zu geben, so daß das Unbewußte dem Verdrängten 
gleichzustellen ist. Das Latente, nur zeitweise Unbewußte erhiilt den Namen 
Vorbewußles und rUckt systematisch in die Nähe des Bewußten. Die zweifache 
Bedeutung des Namens „Unbewußt" hat gewisse nicht bedeutsame und schwer 
zu. vermeidende Nachteile mit sich gebracht. Es zeigt sich aber, daß es nicht 
durch fiilir bar ist, das Verdrängte mit dem Unbewußten, daa Ich mit dem 
Vorbewußteu und Bewußten zusammenfallen zu lassen. Der Vortragende 
erörtert die beiden Tatsachen, welche beweisen, daß es auch im Ich ein 
Unbewußtes gibt, das sich dynamisch wie das verdrängte Unbewußte benimmt, 
nämlich den vom Ich ausgehenden Widerstand in der Analyse und das unbe- 
wußte Schuldgefühl. Er teilt mit, daß er in einer demnächst erscheinenden 
Arbeit ,Da3 Ich nnddasEs'den Versuch unternommen hat, den Ein- 
fluß zu würdigen, den diese neuen Einsichten auf die Auffassung des Unbe- 
wußten haben müssen. 

August Stärcke, Utrecht: Got tlose Urzeugung. 

In der Überzeugung, daß die Biologie in engeren Sinne bei einer Neu- 
orientierung auf Grund der Libido- und luhtrieblehre viel Gewinn davon- 
tragen könnte, betrachtet Verfasser in diesem ersten Beitrage das Problem des 
Lebens überhaupt. 

im Gegensatz zur Lehre K o h n a t a m m s, das Leben sei ein nnwahr- 
scbeinlicher Zustand, daher nicht durch Nur-Naturkräfte zu erklären, schließt 
Verfasser, daß das Leben notwendigerweise überaU und in jedem Augenblicke 
entstehen müsse. Daran schließt er eine vorlaufige Orientierung über die 
ersten Stufen der formativen Icht riebe an. Die dabei gesuctite 
Begegnung des Luslbegriffes führt zur Wiedereikennung der Libido als Todes- 
trieb, des Ichtriebes als das das Einzellebeu erhaltende Prinzip. 

Dr. P. Federn, Wien: Schema der Libidoaufnahme zur 
Begutaehtungundlndikationsstellung. 

Nach den Mitteilungen Steinachs ülier die Ligatur des Vaa deferens 
und S t e i n a c h und Holzknechts über die Röntgenisieruug des Teslikels 
bewirken beide Eingriffe, der erste mehr akut, der zweite allmählich eine 
gesteigerte Bildung von Sexualhormonen. Es war nun wichtig, diese Befunde 
auch am Menschen möglichst exakt zu prüfen. Deshalb habe ich am Institute 
des Herrn Professors Holzknecht (Wien) und auch an Fällen, welche Professor 




Kongreßbericht 487 

S t e i n a c h mir zur Begutachtung sandte, eine genaue Untersuchung der 
Libido in möglichst allen Äußerungen vorgenommen. Dabei hat sich ein 
Schema der Aufnahme herausgebildet, welches in mehreren Kopien der Ver- 
sammlung übergeben wurde und in der Zeitschrift veröffentlicht werden wird. 
In den meisten Fällen wurde eine steigernde Wirkung des Eingriffes beobaehtel, 
und zwar eine vorübergehende Steigerung unmittelbar nach dem Eingriff und 
eine Dauerwirkung. Diß oft schwierige Differentialdiagnose zwischen psychischer 
und organischer Impotenz verlangt die vollständige Libidoauf nähme zur Ver- 
meidung fehlerhafter Indikationsstellung hormonaler Eingriffe. 

Die lieobachlungen bestätigen in Art von Experimenten die Freudsche 
Auffassung der Aktualneuroseu, Besonders güastig wurde die im Kliraakierium 
so häulig auftretende Eintagsneurasthenie der Männer (Ferenczi) beeinflußi. 
Vorübergehende Angstsieigerung kam vor, aber nie in bedenklichem Ausmaße. 
Bei Frauen und Männern kehren Angstträume, die seit mehr als zwanzig 
Jahren ausgesetzt hatten, wieder. Eigentliche Psychoneurosen blieben unver- 
ändert. Auf Zwangsonanie wirkte die Operation öfters günstig. Wenn eine 
komplizierende Akiualneurose von der psychischen Behandlung nicht behoben 
werden kann, ist bei älteren Individuen und bei Individuen mit defektiver 
Keimdtüsenanlage der Versuch eines hormonalen Elogritfes berechtigt. Die 
Hauptindikation stellt die Impotenz bei vorzeitigem, partiellem Senium. Hiebei 
wirkt auch der Faktor der Sterilisierung in mehrfacher Art mit. Psychische 
Impotenz ist auch im Präsenium psychisch zu behandeln. Schwerste Zwangs- 
neurose kann in jedem Alter organische Impotenz vortäuschen. 

Dr. G. R ö h e i m, Budapest: Nach dem Tode des Urvaters. 

Einer mündlich geäußerten Ansicht Professor Freuds folgend, wird der 
Versuch gemacht, in der Urtrauer der Brüder nach dem Tode des Urvaters das 
Prototyp der Melancholie nachzuweisen. Nach dem Tode des Urvaters folgte 
der Krieg der Biüder untereinander und noch heute folgt auf jeden Tod Blut- 
vergießen am Grab. Dieser reelle Krieg nach dem Tode wurde introjiziert und 
setzt sich als Konflikt zwischen Ichideal und Aklual-Ich intrapsychiseb fort. 
Die Jchspallung entsteht eigentlich nach dem Tode des Urvaters; das Ichideal 
als verdrängende Instanz ist der getötete und aufgegessene Vater. Dies ist die 
eigentliche Sünde des Melancholikere und die Verweigerung der Nahrungs- 
aufnahme hier wie in den primitiven Trauerriten ist eine negative Form der 
Anthropophagie. Im Gegensatz zu der Trauer der Kulturvölker läßt sich bei 
den Primitiven auch die manische Phase regelmäßig nachweisen, die Trauer- 
periode (Melancholie) findet ihren Abschluß, indem die Ursünde, welche am 
Eingang der Trauer stand, an einem neuen Objekt, dem Stammeafremden, im 
Rachekrieg wiederholt wird. Die Manie folgt in der klinischen Praxis der 
Melancbolie, weil sie eigentlich nicht die Wiederholung der ürtat, sondern die 
Wiederholung einer Neuauflage der ürtat, nämlich des ersten Krieges ist. Der 
Wiederholungszwang ewiger Ödipuskämpfe wurde durch das Erscheinen einer 
fremden Horde durchbrochen, daher ist der Fremde auch phylogenetisch eine 
Eraatzfigur des Vaters. Dem Sadismus folgt die Objektliebe (Freud), dem 
Krieg die Exogamie, der Endophagie (Vater-essen) die Exophagie. Jenes Auf- 
essen des Vaters in der Urhorde ist auch Grundlage des Schamanentums; der 
aufgegessene Vater lebt als Schutzgeist (Ichideal) im Medizinmann weiter. Die 
Geister fressen den zukünftigen Medizinmann (d. h. er hat den Vater in der 
Urhorde gegessen) und sie geben ihm ein Krislall. Die Kristalle sind aber laut 
südaustraliscber Auffassung die Exkremente des Hjmmelgottes, daher wird die 



488 Kongreßbericht 

DifferenfierungsäteHe des primitiven Arztes in der anal erotischen Besetzung 
der aufgegessenen Valerleiche zu suchen sein. Der Arzt ist eine Verdrüngungs- 
form des bösen oder „schwarzen' Zauberers, der die Leute durch Verbrennen 
ihrer Exltremente lötet. Die ärztliche Wissenschaft entsteht geuau wie die 
Zwangsneurose aus der Verdrängung der sadistisch -analen Partialtriebe und 
wir itönnen demnach sagen, daß der erste Zwangsneurotiker auch der erste 
Arzt gewesen ist. Die wissenschaftliche Induktion entsteht aus der Gewohnheit 
des Medizinmannes, allerlei Exk rem enlalsyni hole in seinem Medizinsack zu 
sammeln und „magisch", d. h. libidinös zu besetzen, während die Theorie in 
der Grübelsucht des Zwangsneurotikers ihre Entsprechung findet. Aber auch 
der charakteristische Zug dieser Psychoneurose, eben das Zwangshafte, läßt 
sich beim Medizinmann nachweisen und auf seine anale Urform (Ferenczi) 
zurückverfolgen, 

Der Medizinmann wird von seinem Schulzgeist zu gewissen Handlungen 
gezwungen und zwingt seinerseits (Projektionsform) durch Riten die ganze 
Welt, seinem Willen zu gehorchen. Die Krankheitslheorie der Primitiven: ein 
Exkremenlalstoff wird in den Mensehen hineingeschossen und vom Medizinmann 
wieder herausgesaugt. Umkehrnngsform des natürlichen Vorganges: das Kind 
saugt Milch aus der Mutter und gibt es ihr In der Form von Exkrementen 
zurück. Der Medizinmann als Sauger regrediert in die erste ontogenetische 
Eni wickln ngsphase ; in dem hilflos daliegenden Kranken (Geschwulst =^ 
Schwangere = Mammae) sieht das Unbewußte die Mutier, der er nun, die 
ontogenetische Urszene umkehrend, das Leben rettet. Erhöhte Saugtittigkeit 
und Kannibalismus als konstante Eigenschaften des Medizinmannes. Indem die 
Brüder in der Urhorde den Vater getölet und gegessen hallen, regredierten sie 
auf die erste kannibaliBch-onilerolische Orgnnigalionsstufe (Abra hain). Sie 
entzogen nun Libidomengen dem genitalen Urziel (Mutter), um damit die auf- 
gegessene Leiche des Vaters zu besetzen und schufen somit auf Grundlage 
dieser in die orale und anale Organisation zurück verwandelten Libidomengen 
die erste Handlungshemmung als Vorstufe der späteren Verdrängung, Der 
Vater, den sie, wie einst als Säugling die Mutter, gegessen hallen, war für sie 
zur zweilen Müller geworden, von ihm wurden sie jetzt wiedergeboren und 
ihm zuliebe enthielten sie sich in der Trauer- oder Initiationsperiode des 
Geschlechlsveikehres mit der Mutter. Nach dem Tode des Urvaters bis zur 
Einsetzung des neuen Urvaters erfolgte eine kritische Periode des Überganges 
zwischen Massen- und Individualpsychologie für die Brüder, da die Massen- 
bindung nach dem Tode des Urvaters aufgehört halte und kein entsprechender 
Befnedigungsersafz geboten wurde. Sie reagierten mit gewissen Modifikationen 
ihrer psychosexuellen Einstellung auf die Traumata dieser Übergangsperiode 
und die so erworbenen Mechanismen leben noch heute in den hauptsächlichen 
Psychoneurosen fort. Dem Totemismus entspricht die infantile Angsthyslerie, 
der Trauer die Melancholie, dem Krieg die Manie, der Medizin die Zwangs- 
neurose und der Paranoia das Schamanentum. 

Dr. J. Varendonck, Ledeberg-Gand (Belgien): The fallacy in 
Silberers conception of threshold-symbols. (Über die Hin- 
fälligkeit der Silbererscheu Sehwellensymbohk.i) 



' Das Original- Au torcferat (Üpsgb in Englieclior Sprache golialtoiioii Vcirtrii({U« 
erscheint gltithzeilig- im Engliaclien KonKreßbericIit. im Internat. Journal ol Pöycho-Analyfis, 
Obiges Uefumt ist die von der Reduktion besorgtn Übersetzung;, 



Kongreß berieht 



489 



In meinen Untersuchungen „Über das vorbewußte phantasierende 
Denken" habe ich wiederholt auf die Rolle der Erinnerungstütigkeit im Geoen- 
satz zar assoziativen Denktätigkeit hingewiesen. Dort konnte ich auch fest- 
stellen, daß jede Gedankenketle mit einer Erinnerung einsetzt, gelegentlicli 
von halluzinatorischen Erinnerungen unlerbrochen wird, und ferner, daß man 
von einem Tagiraum während der Passivität des Intellekts zu erwachen pflegt, 
das heißt gerade dann, wenn man sich in einem durch die Erinnerungstätig- 
keit hervorgerufenen halluzinatorischen Zustand befindet 

In meiner eben erschienenen Arbeit „L'Evolution des Faculies 
Conscientes" habe ich mich nun eingehender mit den haJlnzinaiorischen 
Erinnerungen beschäftig!, welche den assoziativen Denkvorgang im Zustande 
des Bewußtseins oder Vorbewußlseins unterbrechen können, und habe nach- 
zuweisen versucht, aus welchen biologischen Gründen ganze Erinnerungsserien 
völlig unverändert wieder aus dem Gedächtnis auftauchen. Diese Art von 
Erinnerung (reduplizierende Erinnerung) habe ich als die primitivste Form 
von Seelentätigkeit bezeichnet. 

Während der Vorarbeiten zu dem letzterwähnten Buche war mir aufge- 
fallen, daß die unbewußte Symbolik diese reduplizierenden Erinnerungen im 
Augenblick des Einschlafens zu verwerten pflegt. Ein Beispiel dafür möge die 
nachstehende Beobachtung abgeben: 

Ich pflege fjist jeden Abend mit meiner Frau ein Puffspiel zu machen. 
Eines Abends war ich schon beinahe im Bett eingeschlafen, kam aber doch 
noch einmal zu mir und bemühte mich, zu beobachten, was in mir vorgegangen 
war. Es stellte sich heraus, daß ich im Augenblick des Eindämmerns die Vor- 
stellung gebildet hatte, mit meiner Frau zu spielen : Ich sah das Spielbrett 
uud die WUrfel vor mir und hatte auch ein (undeutlicheres) Bild von meiner 
Partnerin. Das Spiel stand so, daß mir ein rascher Sieg sicher war. Ich 
schüttelte die Würfel mit einem Gefühl von Erregung und wußte, daß ich mit 
einem glücklichen Wurf über meine Frau gesiegt haben müsse. Gerade in 
diesem Augenblick gelang es mir, wieder zum Bewußtsein zu kommen. Ich 
wußte sofort, daß das halluzinierte Spiel die genaue Kopie eines vor wenigen 
Stunden gespielten gewesen war. 

Ich verfüge noch über ähnliche Beobachtungen, die ich unter den 
gleichen Umständen anstellen konnte. Auch sie bestehen aus der getreuen 
Wiedergabe von Spielen (Kartenspiele, Domino usw.), von Arbeiten, die mlcli 
am Abend beschäftigt hatten, Zeitungslesen, Ausflügen usw. 

Wie soll man sich den Sinn dieser reduplizierenden Erinnerungen 
erklären, die regelmäßig eine Handlung knapp vor ihrem Abschluß 
Eur Darstellung bringen? Mir liegt die Annahme nahe, darin eine Beziehnag 
zum Schlafwunsch zu sehen. Ich pflege niimlich als schlechter Schläfer im 
Bett immer wieder zu mir selbst zu sagen: „Wenn ich nur einschlafen könnte, 
wenn ich nur aufhören könnte zu denken." In all jenen Beobachtungen aber, 
für welche die oben zitierte ein Beispiel ist, befinde ich mich im Begriff, 
etwas zu beenden. So scheinen also die Handlungen, an die ich mich vor dem 
Einschlafen erinnere, eine symbolische Befriedigung meines Schlaf wuneeh es 
darzustellen. 

Meine Beobachtungen scheinen auch der Silberer sehen Schwellen- 
symbolik zu entsprechen, sind aber durch das Fehlen aller Schwellen- 
symbole charakterisiert, d. h. der Bilder, in welchen nach S i 1 b e r e r s 



490 Kongreßbericht 

Zusaramenfassung eine Situationsäinderung, ein Übergang oder Untergang, das 
Beschreilen einer Schwelle das Charaltteristikum ist.^ 

Einige der von Silberer gebrauchten Bilder stimmen mit den meinen 
überein, die meisten der seinen aber (.das Abreisen und Ankommen, das 
Abschiednehmen und Begrüßen, das öffnen und Schließen usw.") können 
auch als der Abschluß einer Handlung, die Beendigung eines Vorganges 
gedeiiiet werden. Aus den Beobachtungen, auf die Silberer in der zitierten 
Arbeit seine Theorie gründet, gebe ich im folgenden Nr. 17 wieder, eine 
Beobachtung, die S i 1 b e r e r selbst .als ein schönes Beispiel von Über- 
delerminierung" bezeichnet: 

„Bedingungen: Abends, beim Einschlafen. Meine Aufmerksamkeit 
ist, wenn auch schwach {weil ich sehr müde bin), auf etwjijge Bilder gerichtet. 

SKCne: Ich steige jene Verbin dungsstraße empor, die von dem ,Hoch- 
weg* nächst dem ,HotBl Panhans* am Semmering über einen Wiesensattel zum 
Hotel jErzherzog Johann' führt." 

Für Si Iberer entspricht der Sattel einer Schwelle. Meiner Ansicht 
nach aber bedeutet das Erreichen des Hotels „Erzherzog Johann" die Beendigung 
des Spazierganges, ist also einfach eine reduplizierende Erinnerung im Sinne 
der von mir angeführten. 

Auf dieselbe Weise lassen sich noch viele der Silbererschen Beispiele 
ohne weitere Erläuterung deuten; andere hingegen lassen sich ohne Hinzu- 
fügungeu von seiner Seite nicht für meine Theorie verwerten. 

Nach Silberers Terminologie müßte man meine Beobachtungen 
unter die fu nktiona 1 en Phänomene einreihen. Da ich aber nicht nur 
S i 1 b e r e r s Auffassung von der Schwellensymbolik, sonderu auch seine 
Gruppierung in materiale, funktionale und somatische Phänomene verwerfe, 
möchte ich eine andere Theorie an Stelle der seinigen setzen. 

Dazu soll die folgende Beobachtung den Übergang herstellen; ich halte 
vor kurzem einen Traum von einem Löwen, der auf einem W. C. saß. Die 
Deutung, die mit Hilfe von Dr. Reik vorgenommen wurde, ergab, daß der 
Löwe eine symbolische Diirstellung meiner eigenen Person war. Einige meiner 
belgischen Freunde pflegten mich nämlich scherzhafl als „den flämischen 
Löwen" zu bezeichnen. 

Ferner erinnere ich mich, in Dr. Jones' „Papers on Psycho- Analysis" 
eine Theorie über die Entwicklung der Metapher gefunden zu haben. Als 
primitivste Form dieser figürlichen Rede wird dort das Beispiel der Wilden 
angeführt, die von einem mutigen Genossen sagen: „Er ist ein Löwe." 

Was also in diesem Fall eine Metapher ist, war in meinem Traum ein 
Symbol. Es ertsieht jetzt die Frage: Waruni war das gleiche Bild in dem 
einen Fall eine Metapher, im anderen ein Symbol, und welches ist der grund- 
legende Unterschied zwischen den beiden? 

Metapher: (Der Manu ist tapfer wie ein Löwe.) Er ist ein Löwel 

Symbol: (Ich bin in meinen Reden manchmal ungestüm wie ein Löwe.) 
Ich bin ein Löwel 

Wir können an den beiden bildlichen Darstellungen jedesmal drei Einzel- 
güeder unterscheiden, nämlich ein Subjekt (der Wilde oder ich), ein Objekt 

1 H. Silliecer: Symbolik dea Erwacticns und Schwellensymbnllk üborliaapt. Jahr- 
buch ni, S. 631. 



Kongreßbericht ■ 491 

(der Löwe) und ein Altribut (mutig, ungestüm). Wenn der Wilde einen Mann 
als Löwen bezeichnet, so will er damit ein Attribut ausdrücken und ist sich 
über das Subjekt, dem er das Altribut beiiegt, völlig im hlaren. Auch der 
Löwe ii'i Traum steht für ein Subjeiit (mich selber), nur ist dieses vor der 
Deutung des Traumes unbekannt; ferner wird die Identifizierung und die 
Subsliluierung auf Grund eines gemeinsamen Attributes {ungestüm) vorge- 
nommen. Wir erraten aber, daß im Faile des Symbols „Löwe" die Ereatz- 
vorstelliing nicht gewählt wird, um ein Attribut auszudrücken, sondern um 
eine Darstellung des Subjektes zu ermöglichen. 

Wir können aus dem Vorstehenden die folgenden Schlüsse ziehen: 

1. Der Haupt unterschied zwischen einer primitiven Metapher und einem 
Symbol ist die Frage der Bewußtheit. Demzufolge habe ich iu meinen 
.,Researcheg on aeslhetic symbolism" das Symbol als eine primitive Metapher 
definiert, von der uns nur ein einziges Glied bekannt ist. Das Subjekt und 
das 'fertiuni comparationis bleiben unter der Schwelle des Rewußtseins und 
sind dem bewußten Ich unzugänglich. Symbolisieren heißt, unwissentlich eine 
Vorstellung durch eine andere ersetzen, die mit der ersten Vorstellung ein 
Attribut gemeinsam hat, also bildlieh sprechen, ohne es zu wissen. Wir haben 
hier eine indirekte Darstellung auf Grund einer Analogie, von der das Bewußt- 
sein nicht in Kenntuis gesetzt wird. 

2. Wir können in dem angefahrten Fall ein Subjekt, ein Objekt und ein 
gemeinsames Attribut unterscheiden. An Stelle des Subjektes ist das Objekt 
getreten. Man könnte hier von einem Subjektsjmbol sprechen, wenn nicht 
dem Unbewußten der Begriff des Subjeldes fremd wäre; es behandelt, ebenso 
wie da.s Kind, das Ich als Objekt. Folglich ist erst nach Deutung der Objekt- 
symbole zu entscheiden, ob sie das Subjekt oder ein Objekt repräsentieren 
(let/.teres wie z. B. in dem Fall eines Mannes, für den im Traum ein Schiff 
die Frau symbolisiert). Ist es dagegen der Zweck eines Symbols, einem 
Attribut Ausdruck zu geben (wie im Fall eines Patienten, der, von Todes- 
wiinschen gegen seine Frau erfüllt, beständig ein Lied vor sich binsummt, 
das von einem abfahrenden Schiff handelt), dann haben wir ein Atlribut- 
symbol vor uns, wie z. ß, im Falle meiner reduplizierenden Erinnerungen vor 
dem Einsclüafen, in denen eine Handlung zum Abschluß gebracht wird, 

Wif können abschließend die folgende Behauptung aufstellen: so oft 
mir die Selbstbeobachtung vor dem Einschlafen gelingt, stellt sich heraus, daß 
mein Unbewußtes ausschließlich rein reduplizierende Erinnerungen auswählt, 
um in symbolischer Weise meinen Wunsch, einzuschlafen, das Denken zu 
beendigen, darzuslellen. Die verschiedenen Objektbilder, die während dieses 
Vorganges in meiner Vorstellung auftauchen, sind Ättributsym hole. 

Dr. G. Groddeck, Baden-Baden: Die Flucht in die Philosophie. 

Vortr. bespricht die Frage, ob der bisherige Begriff des Unbewußten zu 
den Zwecken der psychoanalytischen Behandlung ausreicht. Nach seiner 
Meinung existieren Kräfte im Mensehen, die durch den Ausdruck .Unbewußles", 
wie er bisher üblich ist, nicht hinreichend gedeckt werden. Er schlägt vor, 
diese bisher noch nicht bestimmten Kräfte mit dem Wort „Es" zu bezeichnen. 
Nach seiner Meinung sind alle Lebensäußerungen des Menschen, seine äußere 
Form, Aufbau, Veränderung uud Funktion seiner Organe, seine Handlungen 
und seine Gedanken, seine psychischen und physischen Erkrankungen, ja die 
Psyche und Physis selber nur verschieden© Erscheinungsformen, in denen sich 
das Es darstellt Sowohl das System des Bewußten wie des Vorbewußten, wie 



492 Kongreßberieht ' 

schließlieh auch des Unbewußten müssen nach Beiner Ansicht als Abkömmlinge 
und Unterableilungen des Es autgefaßt werden, und zwar als solche, die von 
den Absichten des Es abhängig sind, es aber auch ihrerseits beeinflussen, Die 
fortwährend wechselnde Sprache des Es zu entriitseln und der Analyse ver- 
ständlich zu machen, hiilt Vortragender für einen der vielen Wege, um Kranke 
zu behandehi. Er erkennt die Notwendigkeit einer Trennung psychoanalytischer 
Behandlungen von anderen Behandlungsarten nicht an. Während er es als 
selbstverständlich betrachtet, daß man ein gebrochenes Bein einrenkt und 
immobilisiert und nicht etwa erst den Unfall zu analysieren sucht, behauptet 
er, daß die Behandlung mittels Analyse sofort einzuseizen hat, sobald der 
Knochen eingerichtet ist. Der Einfluß der Analyse auf die Heilungsvorgänge 
sei evident. Er glaubt, daß die Psychoanalyse einen mindestens ebenso 
großen Einfluß auf die organischen Lebensäußerungen des Es hat wie auf 
die psychischen. 

Nachmittag. 

Geschäftssitzung. (Tagesordnung und Bericht siehe nach dem 
wissenschaftlichen Teil, S. 499.) 

Mittwoch, den 27. September 1922. Vormittag. 

Präsidium: Dr. J. E. G. van Emden. 

Dr. St. H o 1 1 d s, Budapest : Traumarbeit — Psychosearbeit. 

Nach einem kurzen Hinweis auf gewisse Wesensgleichheilen und anderer- 
seits Verschiedenheiten zwischen der Traumarbeit und einer Arbeit in der 
Psychose, wird auf Grund klinischer Beobachtungen der Versuch ange- 
stellt, jene, am augenfälligsten in den exogenen — toxischen — Delirien, 
zumeist aber auch in den endogenen Erkrankungen — Paraphrenie usw. ~ 
Sieh kundgebende Arbeit, die als nie endende Arbeit der Deliranten, immer 
erneuertes Kämpfen der Paraphreniker in Erscheinimg tritt, auf eine Störung 
des Libidohaushaltes im Zentralorgan zurückzuführen, welche in der infolge 
pathogener Einwirkung von Toxinen, Noxen erfolgten Ablösung der 
Libido vom Organ und dem darauffolgenden Heilungsbestreben mittels 
Wiederanheften der Libido — Proliferieren der Antitoxine, Phagozyten, 
Leukozyten — bestünde. 

Diese von den Kranken oft auch mit diesem Wort bezeichnete „Arbeit" 
könnte m ihrer Äußerung als Projektion einer e n d o p sy chi s ch en Wahr- 
nehmung des oben beschriebenen Prozesses betrachtet werden, welcher 
hiemit das formale Element der Psychoseerscheinungen abgäbe. Das inhaltliche 
Element (Wahnfabel, Inhalt der Delirien) wird von den Fixierungsstellen her 
geliefert, welche sieh im Laufe der lehentwicklung einesteils auf ver- 
schiedenen Stufen der biologischen Entwicklung (1. Ablösung vom Mutterleib; 
2. Ablösung des Körperichsyslems von der Umwelt; 3. Ablösung des Ichs- 
objekts vom Ichobjekt [Ichnmwelt]), anderenteils durch die Erlebnisvarianten 
bestimmt, gebildet haben. 

'■■ Dr. K. Abraham, Berlin: Neue Untersuchungen zur 
Psychologie der manisch-depressiven Zustande. 

Genauere Untersuchung über die Vorgänge des „Objektverlustes" und 
der „Iiitrojektion". Typisches in der Kindheitsneschichte der Manisch- 
Depressiveu. Der Wiederholungs zwang. Beziehungen der manisch-depres- 
siven Zustände zur oralen und sadistisch -analen Organisationsstufe der 
Libido. Stellung der manisch-depressiven Zustände zu anderen Krankheits- 



n 



r 



Kongreßbeiiclit 49B 

formen. Versuch einer Theorie der melaacholiechen Hemmung und der 
manischen Exaliation. 

■'■ Dr. A. Kielhol/, Königsfelden (Aargau, Schweiz); Zur Genese 
und Dynamik des Erfinderwahas, 

Anknüpfend an die Deutung des sogenannten Ceutrum natnrae 
oder Naturrad des Mystikers und Theoeophen Jakob Boehme wird 
versucht, einzelne Erfindungen oder Projekte zu solchen von sieben 
psychotischen Erfindern analytisch zu klären und zu zeigen, daß sie auf 
infantile Zeugungs- und Geburtstheorien zurückzuführen sind und die 
symbolische Darstellung der elterlichen Generationsorgane bezwecken. Wälirend 
der mehr passive Mystilcer diese nur zu schauen begehrt, will der aktivere 
Erfinder sie, in allmächtiger Tätigkeit begriffen, schaffen. 

* Melanie Klein, Berlin: Zur Fiü hanaly s e. (Über Entwicklung 
und Hemmung von Begabungen.) 

Von der Frage der Hemmungen ausgehend, suche ich an Material 
aus Kinderanalysen, speziell der Frühanalyse, folgendes nachzuweisen : 
Die Auflösung von Hemmungen, die immer nur Jibidinös besetzten leh- 
strebungen oder -betätigungen gelten, erweist sich in der Frühanalyse 
als eine Möglichkeit, Anlagen und Interessen, die als solche gar nicht in 
Erscheinung getreten waren, frei zu machen- Das Maß wirklich vorhandener 
Talente läßt sich also erst feststellen, wenn man die dagegen wirksamen 
Hemmungen analytisch aufgelöst hat. Es scheint aber gerade die libidinöse 
Besetzung von Ichstrebungen die Vorbedingung für die Entstehung eines 
Talentes zu sein. Damit schränkt sich der Begriff des konstitutionell mitge- 
brachten Momentes für die Begabung analogerweise ein, wie es Freud für 
die Entwicklung der Neurose nachgewiesen hat. Es tritt zu dem konstitutionellen 
die Bedeutung des akzidentellen Faktors. Das konstitutionell mitgebrachte 
Talent wäre schließlich bis zn einem gewissen Grade die Fähigkeit einer 
Ichstrebung, sich mit Libido besetzen zu lassen. Die Analogie zwischen Talent 
und Neurose wird (von den Fixierungsstellen ausgehend, die für Richtung und 
die Einzelheiten des Talentes ebenso determinierend sind, wie für die der 
Neurose) im einzelnen nachzuweisen gesucht. Die Fähigkeit, Tchstrebungen 
mit Libido zn besetzen und auf diese Weise schon frühzeitig überschüssige 
Libido unterzubringen, wäre die Sublimierung, die um so vollständiger gelingt, 
je unlösbarer und — auch für die einsetzende Verdrängung — unkenntlicher 
die Verbindung zwischen Libido und Ichstrebung sich vollzogen hat. Die dafür 
— ebenso für das Mißlingen oder Glücken der Verdrängung — wirksamen 
Faktoren werden einer näheren Untersuchung unterworfen, 

Dr. F. J. Farnel 1, Providence, K. 1. (Amerika): The influe nee of 
the psycho-analytic movement on American Psyehiatry. 

Professor Dr. M. Le vi-B ianchini, Nocera Inferiore (Italien): Über 
den heutigen Stand der Psychoanalyse in Italien.' 

Man kann behaupten, daß die anfängliche, mühsame Verbreitung der Psy- 
choanalysein Italien kaum seit 1915 datiert: das ist seit meiner ersten italienischen 
Übersetzung der bekannten fünf amerikanischen Vorträge Freuds, der gleich- 
zeitigen Begründung einer italienischen Bibliothek, innerhalb der heute bereits 
eine Anzahl psychoanalytischer Werke und Abhandlungen herausgegeben 



' Die ausführliche Mitteilang ist im „Arcbivio Generale di Neuroloffia, Ps[cliiatFia 
p PsicoanalLsi", Heft 1-3, luas, erschienen. 

Iiitornat. Zeitscbr. f. Pejchoanuljae, VllI/4. 32 



494 Kongreßbericht 

worden sind, und eines italienischen, von mir geleiteten Archivs für Neurologie, 
Psychialrie und Psychoanalyse. 

Vor dieser Zeit besaßen wir tatsJichlicli bloß sellöne, unvollkommene, 
sehr kurz gefaßte und nur aus 1908 her stammende Mitteilungen über psygho- 
analytische Denkvichhingen von Baron cini, Moden a, De Sanctis, 
Assagioli, Morselli und die ersten KinwSndo gegen die Sexualtheorie 
von mir. Ich bekenne aber mit großem Vergnügen, daß ich seither meine 
Ansichlen bedeutend geändert habe. Aber auch im allgemeinen hat sieb seither 
in Italien ein etwas besseres Vcrstiindnia der Psychoanalyse angebahnt: seit 
De Sanctis (1916) sich grtindlich über den Aufbau und die Analyse des 
Traumes, Assagioli (1921) über die Bedeutung der Sexualtheorie, Weiß 
(192Ü), mein treuer, sachkundiger Mitarbeiter, über die Dynamik der 
psychischen Vorgänge in unparleiischen, wertvollen Mitteilungen ausgesprochen 
haben. 

So können wir mit voller Befriedigung erwähnen, daß die Kenntnis der 
Freudschen Traumlehre im Fortschreiten begriffen ist; daß die Sexualtheorie 
der Libido in As-sagioli einen so überzeugten Untersucber gefunden hat (ich 
kann es mir nämlich nicht anders erkiJiren), daß wir bei ihm den Vorwurf 
lesen können, daß Freud selbst nicht den ganzen, Kweckmiißigen Umfang des 
Begriffes der Sublimierung anerkannt habe: daß endlich die Neurosenlehre 
im engeren Sinne noch keine rein klinische Widerlegungen oder Bestätigungen 
bekommen hat, so daß wir uns darüber mit der Zeit weitere Beiträge und 
Dokumentierungen in Italien erwarten dürfen. 

Ich komme daher zur Schlußfolgerung, dal3 trotz ergrimmter und 
gehässiger Einwände der meisten italienischen Psychiater gegen die Psycho- 
analyse doch Interesse für diese tiefe, umfassende Lehre auch bei italienischen 
Gelehrten sich festgesetzt und daß die Psychoanalyse auch in meiner Heimat 
Einlaß gefunden hat. 

Dr. G. Wanke, Friedrichroda : Über ambulatorische oder 
Anstalt fi- (Sanatorium s-)B ehandluoginder Psychoanalyse. 

Betrachtungen über die Frage, ob ambulatorische oder Anstalts- 
(Sanatoriums-)Behandlung in Ausübung der Psychoanalyse vorzuziehen sei. 

I 

Nachmittag, 

Präsidium: Dr. E. Ober holzer. 

Dr. E. Jones, LondoniPsyeho-Analysis oftheHoly Ghost. 
(Z urPsychoanalyse des Heiligen Geistes). 

Der Vortragende knüpft an die Beobachtungen Freuds über das 
Christentum an, denen zufolge dieses, aus lote mistischen Quellen stammend, 
die Überwindung des Vaters durch Unterwerfung und nicht durch Auflehnung 
erzielt. Es betont mehr die feminine, masochistische und homosexuelle Seite 
als die älteren Religionen. 

Die unbefleckte Empfängnis, die der Vortragende in einer kürzlich 
ergänzten Arbeit einer eingehenden Analyse unterzogen hat, bildet auch hier 
den Ausgangspunkt. Das Unnatürliche dieses Ereignisses deutet auf eine Ver- 
leugnung des Vaters. Die Ambivalenz dem Vater gegenüber kommt in der 
Wahl der Befruchtiingsmitlel zum Ausdruck, die zwischen typisch weiblichen 
und typisch männlichen Symbolen schwanken. Dies jedoch begegnen wir in 
vielen Mythen. Das für den christlichen Mythus Charakteristische ist erstens 
die Schärfe dieser Ambivalenz und zweitens die Ersetzung der Mutter in der 



1 






Kongreßbericht 495 

Dreieinigkeit; Vater, Mutier, Sohn durch die rätselhafte Figur des Heiligen 
Geistes- Warum ist die Mutter verdrängt und warum ist sie durch eine männ- 
liche Figur dargestellt? 

Der Heilige Geist repräsentiert das Zeugungsorgan des Vaters, und zwar 
auf dem Umweg der infantilen Zeugungslheorie. Der Atem Gottes, die Taube, 
die in Marias Ohr haucht, sind das gleiche wie der Icindliche Glaube einer 
Befruchtung diircb Gas, das aus dem Körper des Vaters in den der Mutter 
übergeht. Diese Befruchtungslheorie erweist sich in individuellen Analysen 
und auch in dem damit in Beziehung stehenden anthropologischen Material 
als ein Ausdruck der Idee der besonders großen väterlichen Macht. Der 
Heiiige Geist stellt sowohl die Muttergöltin als auch die Zeugungekraft des 
Vaters dar, daher die besondere Bedeutung der „unverzeihlichen Sünde", denn 
eine Beleidigung des Heiligen Geistes besagt eigentlich Inzest mit der Mutter 
und KastratioDswünsche gegen den Vater. 

Obgleich die Mutter Gottes durch den Heiligen Geist ersetzt ist, ist sie 
doch nicht aus der Religion versehwunden, sondern spielt eine wichtige Rolle, 
wenn auch nicht als Gottheit. Es ist richtiger, zu sagen, sie ist in zwei Figuren 
zerlegt, die Jungfrau und der Heilige Geist. Grund dieser Zerlegung sind 
unbewußte InzestwOnsche, wie in der wohlbekannten Spaltung Mutler— Dirne. 
Das erklärt Jedoch noch nicht den Wechsel vom weiblichen zum männlichen 
Geschlecht. Es muß dies etwas mit der Zeugung Jesu zu tun haben und hier 
werden wir an die Pubertülsriten der Wilden erinnert (Reik), die eine Wieder- 
geburl des Sohnes durch den Vater darstellen, um die Liebe des Sohnes von 
der Mutler auf den Vater zu lenken, eine heterosexuelle Bindung durch eine 
homosexuelle zu ersetzen. Anstatt aber wie in den Pubertätsriten der Wilden 
eine fiktive Wiedergebiu:t durch den Vater einzusetzen, kehrt das Christentum 
die Sachlage schon bei der Geburt um, indem es die Mutter durch eine 
männhche Figur ersetzt. 

Ebenso finden wir im Christentum eine Ersetzung des Mutterinzestes 
und des Vaterhasses durch die Liebe und Unterwerfung unter den Valer, 
zusammen mit einer starken Bruderliebe, ein klares Hervortreten der homo- 
sexuellen Komponente. Auf diesem Wege wird der Ödipuskonflikt gelöst. Das 
geschulte Auge erkennt unter diesem Schleier die Ähnlichkeit .mit dem 
totemistischen System mit dem Unterschied, daß im Christentum die feindliche 
Komponente einer stärkeren Verdrängung unterlegen ist. 

Dr. von Hattingberg, München: Zur Analyse der psycho- 
analytischen Situation, 

Für die analytische gilt wie für jede typische Situation „das Gesetz der 
Stelle", das heißt das Denken, Fühlen und Handeln der in ihr Begriffenen 
wird allein schon dadurch, daß sie in diese Beziehung eintreten, in einer 
typischen Weise gerichtet, und zwar größtenteÜB, ohne daß ihnen diese 
Beeinflussung zu Bewustsein käme. Eine Untersuchung der einfachen tech- 
nischen Frage, ob es besser ist, die Patienten nach Freuds Vorschrift 
liegen oder sich gegenüber sitzen zu lassen, macht deutlich, wie vielfältige 
Beziehungen dieser Art in der analytischen Situation zusammenlaufen. Die 
Analyse dringt tiefer, wenn man Freuds Verfahren, die Erscheinungen des 
normalen Seelenlebens unter dem Gesichtswinkel der Neurose zu betrachten, 
auf die analytische Situation anwendet. Die analytische Situation wird dann 
als die Neurose (als das „Kloster") des Analytikers gesehen, als eine Situation, 
die er sich schafft, um sich zu schützen: gegen sie dient die Abwehr gegen- 



496 Kongrelibericht 

über der unendlichen Aufgabe jeder Psychotherapie, ebenso wie der gegen die 
allzu nahe Berührung mit dem anderen und gegen die eigenen störenden Triebe. 
An der Stelle des uervöaen Symptoms sieht in der analytischen Situation die 
Theorie, das, was der Analylllter an Deutung und Theorelischem produziert. 
Die „Theorie" ist das, was er zwischen sich und den anderen bringt, sie ist 
der Ausdruck seines Widerstandes. Sie ist zugleich der Weg, auf dem sich 
verdrängte Triebe des Analytiicers ihre Befriedigung verschaffen können 
(Sadismus u. a.). Sie kann, wie das nervöse Symptom, gleicbeam als Selbst- 
zweck (ein Gedanlienspiel der theoretischen Abstralttion), der Erreichung 
eines .Lustnebengewinnes" dienstbar werden. Die Betrachtung macht also die 
Stellen deutlich, die in der analytischen Situation als Ausgangspunkte von 
Irrwegen angelegt sind. 

Dr. J. Plaget, Neuchätel: La pensöe s y mb o li q u e o ii imag^e 
etla pens6e de l'enfant. 

Frau Dr. S. S p i e 1 r e i n, Genf : Psychologisches zum Zeit- 
problem. 

Die Vortragende hat eich zur Aufgabe gestellt, einzelne Denkfunktioneu 
des VorbewußtselES in ihrem Wesen und Entwicklung au verfolgen, und zwar 
auf Grund der Beobachtungen der unterschwelligen Bildsprache, der kindlichen 
Sprache, der eprachwissenscbaftlichen Ergebnisse und der patliologi sehen 
Sprachstörungen. In diesem Vortrag handelt es eich um die Zeitbegriffsbildung. 
Hier unterscheidet Vortragende die Zeitdauer und die Zeitrichlung (= Richtung 
der Gegenwart, der Vergangenlieit und der Zukunft). Die UnlerBuchung ergab 
folgendes : 

1. Von den drei sogenannten Denkkalegorien, die keine a priori-, sondern 
a posteriori-Begriffe sind, entwickelt sich zuerst der Raumbegriff, dann der 
Kausalitätsbegrif f 1 und erst zuletzt der Zeitbegriff. 

2. Das Kind kennt zuerst bloß Gegenwart und unmittelbare Zukunft, die 
es wahrscheinlich bloß durch die Dauer voneinander trennt. Es ist das D a 
Sein. Mit der Zeit entwickelt sich die Vorstellung des Nicht-da-seins. Dieses 
Nicht-da-sein wird zuerst durchaus räumlich gedacht, „weit, weit weg, fort" 
In der Vorstellung des Nicht-da-seins liegt der Keim für den späteren Ver- 
gangenheitsbegriff. Zuerst entwickelt sich die Idee der Dauer ; die Idee der 
Richtung (Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft) folgt erst später. Die Zeitdauer- 
Bchätzung kommt noch viel später. 

3. a) Der Traum kann die Zeit als Richtung nicht darstellen. 

b) Die Richtung im Traum wird in eine Dauer verwandelt. 

c) Die Vergangenheit ist selbständiger in ihren Ausdruckamitleln und 
wird der Gegenwart und Zukunft, die mehr einen Block bilden, 
gegenübergestellt. 

ä) Die Vergangenheit im Traum ist keine richtige Vergangenheit, 
sondern ein N i c h t - d a - sein, respektive ein N i c h t - m e h r - 
da-sein. 

e) Das Zeitliche wird mittels des Räumlichen dargestellt. 

4. Das Vorbewußtsein ist sehr genauer Zeitdauerschätzung fähig. Diese 
Zeitdauerschätzung erfolgt aber nicht im Traum, sondern findet in einem dem 



i In eiiicin go^viascn Sinnß jcilcnfaUa. Eh kStmlD eich namlicli borausutonon, daJl auch 
der KauBJtlilitfEbegTiir fceiu cicheitlichcr Begriff ist, daß er sleli in eiitein (fßivisatn -Sinne 
Tür dem Zei(begri(f, in einem andfren Sijine nach dem ZcilbcgrilT ersl bildet. Dieaua bleibt 
vorbei] tkltonl 



Kongreßbericht 497 

bewußten Denken parallel verlaufenden Bilddenken statt. Das vorbewußte 
Denken ist in bezug auf die Zeitdauerschätzung dem bewußten Denken weit 
überlegen. Es handelt sich da um eine Fähigkeit, die unsere Vorfahren besser 
beherrschten als wir, die wir offenbar eingebüßt haben. In einem Falle, wo 
die Zeitdauerschätzung symbolisiert wurde, geschah dies mittels Raumschätzung 
(Weglängenschiitzung). 

5. Sprachwissenschaftliche Erfahrungen ergeben Überraschend ähnliche 
Kesullate mit der Traumforschung. Dieses spricht für die wesentlich unter 
schwellige Entstehung der Sprache. 

6. Der mangelnde Begriff der Zeilrichtung entspricht der Unfähigkeit, 
hier GegensJltze zu unterscheiden. Für jede neue psychische Funktion muß 
das Einbehalten von Richtung und Ausschließen von Gegensätzen neu erlernt 
werden. (An einem Aphasiefall wurde gezeigt, wie der Kranke, der sich in 
Zeit- und Rechenproblemen so gul orientierle, bei räumlicher Orientierung 
bcslimmter Art in ganz merkwürdiger Weise versagte, indem er in die Gegen- 
richtung verfiel.) 

Warum unterscheidet der Traum und das Kiod keine Gegensätze bei 
der Zeitrichtung? Weil beide zuerst bloß die finale oder ZukunftRrichtung 
brauchen; man könnte sagen, sie seien eins mit dieser Richtung, sie «leben" 
sie, daher bemerken sie sie nicht. Was man wünscht — ist eben da, in Wirk- 
lichkeit oder Phantasie. Die Realität zwingt das Kind, nach und nach auch 
die entgegengesetzte Richtung zu leben, auch die Veraagung und Vernichtung 
kennen zu lernen. Damit bildet sich die Idee eines Antagonisten und durch 
Unterdrückung dieses Antagonisten die Idee einer Richtung. 

* Dr. A. van der C h i j s, Amsterdam : Versuch zur Anwendung 
der objektiven Psychoanalyse auf die musikalischen 
Kompositionen. 

Die objektive Analyse der Kompositionen von zwei Patienten lieferte den 
Beweis daß die gedruckte Komposition, obwohl die Musik an sich nur Klang- 
erinnerungsbilder hervorruEt, genau so wie z. B. ein Gedicht oder aemSlde, 
mit den Einfällen und Assoziationen des Schöpfers zu analysieren ist. Beim 
ersten Patienten war in einem Lied mit Klavierbegleitung ein an der bezüg- 
lichen Stelle nicht schön klingendes Unisono aulfällig. Es hatie Beziehung 
auf ein Liebesverhällnis im Text, bedeutete eine Identifizierung des Patienten 
mit der im Text gemeinten Person und verriet eine deutlich homosexuelle 
Bindung. Die Singstimme und die Begleitung (er und der andere) haben beide 
dieselbe Melodie, und zwar mit genau denselben Tönen in derselben Oktave. 

Dieser Befund legte nahe, eine Verbindung zwischen Liebe, Homosexualität 
und Unisono anzunehmen. 

Beim zweiten Patienten wird in der von ihm selbst ausgewählten 
Komposition, einem Klavierstück, als erstes einer chronologischen Reihe, zwar 
keiu Unisono, aber ein Zusammengehen der beiden Stimmen in Terzen 
gefunden. Seine Einfälle zeigten, daß es hier das Glück einer Freundschaft 
mit einem Freunde galt, das aber gerade durch den Verlust eines anderen 
Freundes, wie alles Glück, als vergünglich, unvollkommen, vorgestellt wird. 
Das Unisono konnte deswegen auch nicht vollkommen sein. Seine jetzt folgende 
Komposition ist ebenfalls für Klavier. Sie enthält ein unverfälschtes Unisono, 
womit er, zufolge seiner Einfälle, sehr deutlich das Motiv der Homosexualität 
malt. Diese wurzelte in Inzestgedanken und in psychischem Infantilismus. Seine 
inneren Konflikte waren die treibenden Kräfte zur Komposition. 



498 



KoDgreQbericht 



Das dritte Klavierstück umfaßt viele Molive. Auch iiier wird das Unisono 
in einer schnell in die Höhe strebenden Passage angetroffen und malt die 
durch einen homosexuellen Akt hervorgerufene Ejakulation mit Orgasmus. 
Das ganze ist ein Heldenkampf. Er streifet gegen seine abnormen Neigungen, 
sucht und erwartet Hilfe vom Arzt (hier könnte man von einem Übertragungs- 
motiv reden) und findet schlielälich in der Gestalt einer Göttin den Lenz, seine 
Erlösung und die normale Liebe, seine "Wiedergeburt. All seine Arbeiten sind 
überfüllt von psychischen Konflikten und drücken das in der Musik aus. Die 
Analyse konnte in Melodie, Rhythmen, Tempo und Bau die Verdrängungen 
lösen und ergab einen sehr deutlichen Einblick In seine Psyche, besser als 
die vorangegangene Analyse ohne Zuhilfenahme seiner Geistesjiinder, wobei 
immer starke Widerstände auftraten. 

Die Frage, ob das Unisono pathogncmonisch für homosexuelle 
Äußerungen ist, wird angezweifelt und eher so aufgefaßt, daß das Unisono 
mit Vorliebe die Einheit in der Liebe im allgemeinen ausdrückt. 

Der therapeutische Effekt war bedeutend, nachdem die normale Liebe 
zur Entwicklung kam und die homosexuelle Freund.'schaft abgebrochen wurde. 

Dr. S- P f 6 i t e r, Budapest : Muslkpsyebologische Probleme. 

Der Vortrag behandelt zuerst die viel erörterten biologischen Beziehungen 
zwischen Musik und Sexualtrieb von psychoanalyliachen und metapsychologischen 
Gesichtspunkten. Es wird nn der Hand biologischer Talsachen versucht, den 
biologischea Fixierungspunkt der Freude an der Musik und ihre Eutstehungs- 
bedingungen festzustellen. Es mußte biologisch der Zeilpunkt gewesen sein, 
als die Tiere es zuatandegebracht hatten, anstatt im Wasser dauernd auf dem 
Lande leben zu können und sich aus dem ich- und körperfremden Stoff der 
Liitt einen körper- und icheigenen zu machen. Dies trifft zu bei den Fröselien, 
den ersten Singtieren. Die Luft wurde mit Ichlibido beselzt und als geeigneter 
Ersatzstoff statt des libidoerfüllten Plasma zwecks Abfuhr der narzißtischen 
Libidospannung ausgepreßt, und zwar durch eine erogene Zone, die Kehle, 
deren Muskelelemente in tonische Errejrung geraten siod, eben dadurch, daß 
zuvor vom Organismus noch der Versuch angestellt wurde, sich der 
narziuiischen, prasexuellen, zur ObjektWnduug noch nicht gereiften Libido- 
spannung durch lokale, tonische Rindung an erogene Zonen zu entledigen, die 
aber dem Ansturm der Sexualität nicht endgültig standhalten konnte. Der 
Anfang aller Musik fällt also psychologisch vor den Fortschritt der narzißtischen 
Ubido zur Objektsexnaliläl, die Musik ist eine Art Selbstzweck gewordene 
Vorlust, narzißtisch prägenital organisiert, eine Konversionserscheinung auf 
pragenitaler Stufe, nach dem Vorbild etwa der Analerotik. 

Dem Ursprung aus Narzißmus und Organlust (erogeoer Zonen) entspricht 
der Mangel der Musik an objektivem Inhalt, an Darslellung der Objekt- 
beziehungen, da die daran beteiligte Libido noch nicht bis zur Gbjektstufe 
entwickelt ist. Der Inhalt der Musik ist reine Libidosymbolik, vielleicht die 
einzige seelische Bildung, wo im Ausdruck nur die funktionale Seite des 
libidjnösen Geschehens in uns vertreten ist. Musik ist eben eine Kunst der 
Icherinnerungssysteme. 

Die eigenartige Wirkung der Musik besteht in der Induktion der oben 
erwähnten narzißtischen und erogenen Lust, aus der durch diese entstandene 
Regression und den dieser nachslrömenden sekundären, wunBcherföUenden 
Phantasien, weiterhin aus einem dem narzißtischen Charakter parallel gehenden 
animistischen Eindruck (Icheinstellung). Di© Begegnung mit der Objektwelt 



^ 



Kongreäbericlit 499 

kann in der Masik ebenfalls nur funkfioneU durch die StCrungen und 
Stauungen — Dissonanzen, Zurüekballungen, Arhythmien, Atonalität usw. — 
ausgedrückt werden. Die Entwicklcngsanstrengungen fallen meistens gleichfalls 
in die Richtung des Objektausdrucks, da die Musik auf dem Weg zur Objekt- 
besetzung der Libido entstanden ist, ohne diese erreichen zu können, denn 
dann würde sie Gefahr laufen, eine Art Sprache zu werden, ohne eine Kunst 

zu bleiben. 

Geschäfttiche Sitzung. 
Tagesordnung : 

1. Gruppenberichte der VorsHzenden. 

2. Bericht über die Berliner Poliklinik (Dr. M. Eitingon). 

3. Verlagsbericht (A. J. Storfer). 

4. Referatenwesen und Jahresbericht (Dr. Th. R e i b). 

5. Antrüge. 

6. Präsidentenwahl. 

7. Nächster Kongreß. 

Dr. Ernest J o n e s, Präsident der Internationalen Psychoanalytischen 
Vereinigung, als Vorsitzender. 

I. Die Protokolle der geschäftlichen Sitzungen des letzten Kongresses 
wevden als gelesen und richtig befunden bestätigt. 

II, Der Präsident erstattet folgenden 

Bericht 
über die Tätigkeit der Internationalen Psychoanalytisclien Vereinigung seit 
dem letzten Kongreß: 

Der Verfassung unserer Vereinigung zufolge ist es die Pllieht des Prä- 
sidenten, einen Bericht über die Geschehnisse seit dem letzten Kongreß zu 
geben. Es ist mir eine Genugtuung zu sagen, daß der Bericht, den ich zu 
geben habe, in allen wesentlicheo Punkten zufriedenstellend ist. Der Forlschritt, 
den die psychoanalytische Bewegung seit dem letzten Kongreß gemacht hat, 
ist sehr bedeutend, sowohl was die weitere Ausbreitung unserer Zweigvereine, 
das vermehrte Prestige unserer Wissanschaft in der Welt, die liierarische 
Tätigkeit in VerötEentlichuogen und Übersetzungen und, dos allerwichtigste, 
die Zunahme an wirklichem Wissen betrifft. 

Auf dem letzten Kongreß war es notwendig, die Ereignisse der ver- 
flosseneu sieben Jahre zu besprechen; lange Berichte wurden vorgelegt, von 
dem Präsidenten und auch von den Fütirern der verschiedenen Zweigvereine. 
Heute, nach einem so viel kürzeren Zeitraum, kann auch mein Bericht ver- 
hältnismäßig kürzer sein, um so mehr, als der engere Konfakt zwischen den 
verschiedenen Verainen es ermöglichte, die Neuigkeiten rasch der. ganzen Ver- 
einigung bekanntzugeben, 

Sie werden sich erinnern, daß auf dem letzten Kongreß der Wunach aus- 
gesprochen wurde, den nächsten Kongreß im folgenden Jahre abzuhalten. Bald 
darauf jedoch entdeckte der Zentralausschuß, daß der Erfüllung dieses Wunsches 
Schwierigkeiten entgegenstanden und ersuchte daher die Vereine, diese Frage 
aufs neue zu erwägen. Die Abstimmung in diesem Referendum ergab eine 
bedeutende Mehrheit für die Verschiebung des Kongresses auf das heurige 
Jahr und der Zentralausschuß traf demgemäß seine Entscheidung. Wir würden 
empfehlen, daß der Plan, einen Kongreß nur alle zwei Jahre abzuhalten, fest- 
gehalten werde; im anderen Falle würde der Zeitaufwand, den die Vor- 



500 Kongreßbericht 

bereitungen für einen Kongreß verlangen, mit den anderen Tätigkeiten der 
belreffenden Mitglieder in ernsten Konflikt geraten. 

Die Zahl der Mitglieder der Vereinigung ist seit dem letzten Kongreß 
von 191 auf 239 zurzeit gestiegen; der größle Zuwachs ist in der Britischen, 
der New Yorker und der Schweizerischen Gesellschaft zu verzeichnen. Der 
einzige Verein, der jetzt kleiner ist als vor zwei Jahren, ist der ungarische. 

Ich teile Ihnen mit tiefem Bedauern mit, daß wir in den letzten zwei 
Jahren die folgenden Mitglieder durch den Tod verloren haben: Dr. Rorschach, 
Vizeprüsidenten der Schweizerichen Gesellschaft, Dr. Skevirsky, Mitglied 
der New Yorker Gruppe, und Dr. Rivers, außerordentliches Mitglied des 
britischen Vereines. Dar Tod Dr. Rorschachs stellt einen schweren Verlust für 
die psychoanalytische Bewegung dar; obzwar er vorläufig noch verhältnis- 
mäßig wenig veröffentlicht hatte, war doch aller Grund vorhanden, von seinen 
großen vielversprechenden Fähigkeiten wertvolle Beiträge in der Zukunft zu 
erwarten. Ich fordere die Versammlung auf, sich zu Ehren unserer toten 
Mitglieder zu erheben. 

Ich habe das VergnBgön, Ihnen mitzuteilen, daß ein indischer psycho- 
analytischer Verein sich in Kalkutta gebildet hat, mit Dr. Böse als Präsi- 
denten und einer Milgliederzahl von zwölf . Da die Grundlagen der Organisation 
dieser Gesellschaft bemerkenswerte Sorgfalt zeigen und da wir mit Dr. Böses 
psychoanalytischem Wissen durch ein kürzlich veröffentlichtes ausgezeichnetes 
Buch vertraut sind, haben wir beschlossen, diesem Verein die vorläufige Auf. 
nähme als Zweigverein in die Vereinigung, um die er ersuchte, zu gewähren 
und ich möchte den Kongreß nun ersuchen, diese Entscheidung zu ratifizieren. 
Ein russischer psychoanalytischer Verein ist in Moskau gebildet worden 
und trotz der Verkehrsschwieriglieiten sind wir im Begriffe, mit ihm in Kontakt 
zu kommen. Neue Vereine sind auch in Leipzig und Cardiff entstanden, die 
sich ebenfalls um die Aufnahme in die Internationale Vereinigung bewarben. 
Wir fühlten jedoch, daß sie wissenschaftlich niclit weit genug vorgeschritten 
waren, um ihre Aufnahme gerechtfertigt erscheinen zu lassen und verschoben 
daher die Angelegenheit, um eingehende Erkundigungen einzuziehen. Da 
ähnliche Fragen sicherlich in Zukunft häufiger auftauchen werden, mäehte 
ich den Kongreß bitten, den dabei einzuhaltenden Modus zu diskutieren und 
habe zu diesem Zwecke eine Resolution ausgearbeitet, die ich baldigst vor- 
legen werde. 

Die folgenden Veränderungen in den Zweigvereinen haben 
stattgefunden: Dr. Lieber mann, der Sekretär des Berliner Vereines, war 
bedauerJicherweise aus gesundheitlichen Rücksichten gezwungen, sein Amt 
niederzulegen und seine Arbeit ist von Dr. Eitingon fortgeführt worden. 
Dr. R e i k wurde znm Mit-Sekretär des Wiener Vereines neben Dr. Rank 
ernannt. Dr. Oberndorf wurde an Stelle Dr. Brills zum Präsidenten der 
Amerikanischen Gesellschaft ernanni. Dr. A in e s und Dr. b e r n d o r f 
ersetzten Dr. O h erndo r f und Dr. B rill als Präsidenten respektive Sekretär 
der New Yorker Gruppe.^ 

Es ist unmöglich, an dieser Stelle die wiBsenschaftlichen Veröffent- 
lichungen der letzten beiden Jahre Revue passieren zu lassen, aber ich kann 
dieses Thema nicht verlassen, ohne besonders auf die zahlreichen und wert- 



■■ Einzelne von diesen Veränderungen, besondera in der New Yorker Umppe, orBcIioinen 
durcb den eben auiZoit dos KongresBUü vGrilffenllichion neuesten Korrcapondcnzblattberlctit 
bereits überholt (8ieh<i diese Zeitscbiift, laufender Jfthr^aug Heft B, Seite U91). 



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Kongreßbericbt 



501 



vollen Beitrüge der jttngeren Mitglieder des Ungarischen und Berliner Vereines 
hinzuweisen. Diejenigen unter uns, die, wie ich selbst, den weniger produk- 
tiven Vereinen angehören, können nur den hoben Maßstab der wissen- 
scbartlichen Beitrüge der genannten Vereine bewundern und sie herzlich 
beglückwünschen. 

Wie in der Zeitschrift veröffentlicht,' wurde der literarische Preis für 
die beste Arbeil auf dem Gebiete der arztlichen Psychoanalyse Dr. Stärcke 
für seine Veröftentlichuugen ,Der Kastration skomplex"^ und „Psychoanalyse 
und Psychiatrie"'' verliehen; der Preis für angewandte Psychoanalyse wurde 
Dr. Rßheim für seine Artikelserie „Das Selbst"* und seinen bisher unver- 
öffentlichten Vortrag „Über australischen Totemismus" verliehen. Wie ichhfire 
wird Professor Freud biild eine interessante Mitteilung über die Ange- 
legenheit der Preisverteilungen machen, 

leb komme nun zu dem Bericht, den der Zenlralauschuß im Auftrage 
des letzten Kongresses ausgearbeitet hat. Es war dies über die Fragen, ob es 
wünschenswert wiire, ein Diplom einzuführen und über die Bedingimgen der 
Aufnahme neuer Mitglieder in die Zweigvereine. Es ist Ihnen bekannt, daß 
die Fragebogen, die gewissenhaft von jedem Zweigverein beantwortet wurden, 
von dem Zentralausschuß verarbeitet wurden und unser Bericht, der die 
Ergebnisse und unsere eigenen Wünsche und Empfehlungen zusammenfaßt, 
ist den verschiedenen Zweigvercinen zur Zirkulation übergeben worden. Die 
ganze Frage steht als ein besonderer Punkt dar Agenden in der heutigen 
Sitzung und ich will daher in demjetzigen Bericht nichts weiter darüber sagen. 
Auch drei andere Angelegenheiten, die zu meinem Berichte gehören, werden 
besonders behandelt werden. Über den Fortschritt und die zukünftigen Pläne 
dog Verlages und dar Presse wird in der Sitzung von Herrn S t o r f e r berichtet 
werden; über den CinanKiellen Stand der Vereinigung wird unser Sekretär 
Herr Flügel berichten, und über den befriedigenden Fortschritt der Berliner 
Poliklinik Dr. E i t i n g o n. Zum Schlitsse ist es mir ein Bedürfnis, dem Wiener 
Verein zu gratulieren, daß er nach Überwindung bedeutender Schwierigkeilen 
zur lürrichlung einer Poliklinik sclireiten konnte. Wir hoffen auf dem nfichsten 
Kongreß KU hfiren, daß sie dem erfolgreichen Beispiel der Berliner Poliklinik 

gefolgt ist. 

III. Dr. van E m den, Dr. berh o 1 zer und Dr. Abrahamberichten 
über die Tätigkeit der Holländischen, Schweizerischen und Berliner Zweig- 
vereinigung. 

IV. Dr. Eitingon verliest einen Bericht über die Tätigkeit der 
Berliner Psychoanalytischen Poliklinik. 

Dr. Jones beantragt die Veröffentlichung dieses Berichtes in Zeit- 
schrift und Journal.'' 

V. Dr. H i t s c h m a n n berichtet über das Wiener „Ambulatorium". 

VI. Dr. Jones spricht einig© einleitende Worte zum Tätigkeitsbericht 
des Internationalen Psychoanalytischen Verlages. Er dankt Herrn StorferfÜr 
den Kalender, den der Verlag den auf dem Kongreß anwesenden Mitgliedern 
der Vereinigung zum Geschenk gemacht hat. Ferner beantragt er, daß allen 



'Siehe Jalir^. VII, Scito 3S1. 

> Siolie dicae ZoitBchrift Bd. VII, S. 9. 

» Boihcl't IV lu dieser Zeltschrift. 

•Iinniro VII, lB8i 

»Wird gloichieilitj- verSrfcntlicht, eiehe Seite 606. 



502 Kongreßbericht 

Mitgliedern, bei Beibehaltung des von ihnen gezahlten Abonnementspreises, 
die Wahl freistehen soJIe, Zeitschrift und Imago oder das englische Journal 
zu beziehen. Dieser Antrag wird angenommen. 

Vn. Dr. Otto Rank berichtet in Vertretung des plälzlich erkrankten 
Herrn Sforfer über die Tätigkeit des Verlages. Folgende von ihm beantragte, 
durch die Verhältnisse erforderte Änderung im System der Preisregulierung 
wird angenommen. Der Abonneraenispreis der beiden deutschen Zeitschriften 
wird in Hinkunft betragen: Für Mitglieder in der Schweiz pro Zeitschrift und 
Jahi^ang 14 Franken, in England 14 Shilling, in Holland 7 Gulden, in Amerika 
3 Dollar; für die Mitglieder in Deutschland, Österreich und Ungarn wird kein 
fixer Abonnementspreis festgesetzt, der Abonnementspreis für diese drei Lünder 
pro Zeitschrift und Jahrgang ergibt sich aus der Multiplikation der Grundzahl 
14 mit der am Zahlungstage gültigen buchhändlerischen Schlüsselzahl, abzüg- 
lich einer 25 prozentigen Ermäßigung, 

VIII, Professor Freud führt aus, daß es wünschenswert würe, den 
internationalen Charakter des „Journal" stärker zu betonen. Zu diesem Zwecke 
schlägt er vor, die Liste der Mitredakteure auf dem Titelblatt des „Journal" 
gleichlautend mit jener auf dem Titelblatt der „Zeitschrift" zu gestalten. Die 
Namen von Dr. Frink und Dr. B o s e sollen hinzugefügt und jede in Zukunft 
neu angegliederte Zweigvereinigung durch Aufnahme eines neuen Kamens (in 
der Regel der des Präsidenten) vertreten werden. 

Nach einer Diskussion, an der Mr, Flügel, Dr. Bryan, Dr. Frink und 
Mrs, Riviere teilnehmen, ändert Professor Freud seinen ursprünglichen 
Vorschlag dahin ab, daß auch alle Namen der jetzigen Mitredaklenre auf dem 
Titelblatt des „Journal" beibehalten werden sollen. In dieser veränderten Form 
wird der Antrag angenommen. 

IX. Dr. Jones legt den Bericht der Zentralieitung über die Fragen der 
Diplomerleitung und MÜgliederauf nähme vor; dieser Bericht wird bestätigt. 
Ferner legt er im Namen der Zentralleitung dem Kongreß den folgenden 
Beschluß zur Abstimmung vor: „Der VII. Kongreß der Internationalen Psycho- 
analytischen Vereinigung empfiehlt den Zweigvereinigungen, von allen Auf- 
uahmsbewerbern jenes entsprechende Maß von Kenntnissen zu verlangen, auf 
das die Zentral leitung in ihrem dem Kongreß vorgelegten Bericlit über die 
Fragen der Diplomerteilung, Mitgliederautnahme etc. hingewiesen hat." 

An der Diskussion beteiligen sich die folgenden Mitglieder: 
Dr, Sachs fragt, ob es für die Zweigvereinigungen eine Möglichkeit 
gäbe, die praktische Ausübung der Psychoanalyse zu beschränken? 

Dr. Jones meiut, daß die einzige Einflußnahme in dieser Hinsicht 
durch die Zurückweisung von Aufnahmsbewerbern ausgeübt werden könnte, 
die aus irgend einem Grunde zur Ausübung der psychoanalytischen Praxis 
nicht geeignet erscheinen. 

Dr. Simmel weist auf die Gefahren der „wilden Psychoanalyse" hin 
und beantragt, daß die Vereinigung auf irgend eine Weise zur Kenntnis des 
Publikums bringen solle, daß nur Mitglieder der Vereinigung die Qualifikation 
zur Ausübung der psychoanalytischen Praxis besitzen. 

Dr, Boehm unterstütst den Antrag Dr. Simmeis. 

Dr. L i e b e r ni .T n n beantragt, daß der Kongreß einen Beschluß in 
Unterstützung des Vorschlages von Dr, Simmel fai^sen und den Zweigver- 
einigungen empfehlen möge, die notwendigen Maßregeln nach eigenem Ermessen 
zu ergreifen. 



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KoDgreßbericht 



503 



Dr. Federn meint, daß sich einer Ausführung des Vorschlages von 
Dr. Simrael zu große praktische Hindernisse entgegenstellen. 

Dr. Sachs meint, daß die Zweigvereinigungen iu dieser Hinsicht bereits 
ihr möglichstes tun. 

Der Beschluß der Zentralieitung wird daraufhin zur Abstimmung gebracht 
und eiaetimniig angenommen. 

X. Professor Freud teilt mit, daß er den literarischen Preis des letzten 
Jahres für ürztlichePsychoanalyse Herrn Dr. Alexander für seine Arbeit „Kastra- 
tionskomplex und Charakter" zuerkannt hat,^ Er kündigt ferner an, daßdernächst- 
jährigo Preis der besten Arbeit über ein von ihm gestelltes Thema zuerkannt 
werden soll. Dieses Thema lautet; „Das Verhältnis der psychoanalytischen 
Technik zur psychoanalytischen Theorie".^ Bewerber müssen ihre Arbeiten 
bis längstens 1. Mai 1993 anonym an Professor Freud eingesendet haben. 
Dr. Abraham und Dr. E i t i n g o n werden Professor Freud bei der Beur- 
teilung der eingßsandlen Arbeiten unterstützen. Die Höhe des Preises betrügt 
20.000 Mk. (vom Werte der Kongreßzeit). 

XI. I^r. Flügel berichtet über die finanzielle Lage der Vereinignng und 
schtligt folgende vorlliufige Maßregel vor: ,Die Beiträge der österreichischen, 
ungarischen und deutseben Mitglieder für die Internationale Vereinigung sollen 
25 Prozent jener Betrüge ausmachen, welche diese Mitglieder ihren Zweig- 
vereinigungen im entsprechenden Zeitraum für rein interne Zwecke bezahlen 
(das heißt nach Abzug der Abonnementspreise für die Zeitschriften und der 
bisher an die Inter nationale Vereinigung gezahlten Beträge), 

Dr. Abraham unterstützt diesen Antrag, der daraufhin angenommen wird. 

XII. Dr. Jones teilt mit, daß zwei neue Vereinigungen, eine in Indien, 
die andere in Moskau um die Angliederung an die Internationale Psycho- 
analytische Vereinigung angesucht haben. 

Dr. Sachs verliest eine Übersetzung der Geschichte der Indischen 
Psychoanalytischen Vereinigung.^ 

Die vorläufige Aufnahme dieser Gruppe als eine der Internalionalen 
Vereinigung angegliederte Zweigvereinigung wird durch den Kongreß definitiv 
bestätigt. 

Professor Freud teilt mit, was ihm von der Moskauer Psychoanaly- 
tischen Vereinigung bekannt ist* und beantragt ihre Aufnahme als Zweig- 
vereinigung. 

Dr. Bryan wendet ein, daß diese Aufnahme vorläufig noch nicht 
stattfinden könne, da die Statuten der Moskauer Gruppe noch nicht — wie es 
Punkt XII der Statuten der Internationalen Vereinigung verlangt — in den 
Händen der Zentralleitung seien. 



> Siehe dicHO ZeilHctirifl^ Bd. VIII, S. ISl. 

' Erlilulcrung : „Ki soll unterBucbt ucrdon, inwiefern die Technik din Tbeorie 
beeinfJnDt hat, inwieweit die beiden einander lituto fBrdorn oder behindern." 

' Siehe unter PtJychöanulytiBclie Boweftane, crato Stelle. 

' Dio Moskauer Gruppe, über die bereits in dieser Zeitacbrift, lautender Jabrffauy, 
S. 238, vorlilufiK bericblet wurde, Mistiort bereits faktisch seit ungefäbi einem Jahr als eine 
beBondoro wiBBenechattlieho tirappo in dem Psyclio-Neurologiachen IiiBtitut m Moakao. Die 
Mitgliederliste — womit dio am anderen Orte pnbliiiorte lugleich ricbtiR gesteUl wird, 
lautet wie folKt, wobei Professor Ermakow Vorgitiender, Dr. Wu 1 fl Sekretär ist: Professor 
Dr. Iw, Ennaköw, Professor Dr. J. K a n n ab i c h, Dr. M. Wolff, Protassor Schmidt, 
Profeaior A. S y d o r o w, Professor A. G a b r i ta c h e w s k y, Professor S. Schatafcy, 
Dr. r., Belobnrndaw, Sctiriftatellcr A. Woronsky, Pädagoge G. Weiöbrrg-, Herr 
W. N e w s k y. 



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504 Kongreß bericht 

Professor Freuii schlägt daraufhin vor, der Kongreß möge die 
Zentralleilung ermächtigen, die Aufr.ahme der Moskauer Gruppe vorzunehmen, 
sobald die notwendigen Autnah msbedingungen erfüllt seien. Dieser Antrag 
wird angenommen. 

XIII. Dr. Jones bringt folgenden Zusatz zu den Statuten zur Abstimmung: 
,.Iede Zweigvereinigung soll {nach Zustimmung der Zentralleitung) berechtigt 
sein, kleineren Gruppen innerhulb ihres Landes den vorläufigen Anschluß an 
ihre eigene Ortsgruppe zu gewahren. Die Rechte und Pflichten der Mitglieder 
solcher angeschlossener Gruppen wären die folgenden: 

1. Das Hecht, den Sitzungen aller Zweigvereinigurigen wie auch dem 
Kongreß beizuwohnen. 

2. Das Recht, alle Veröffentlichungen des Verlages zu herabgesetzten 
Mitgüedspreisen zu beziehen und die Pflicht, unter denselben Bedingungen 
wie die Mitglieder auf die offiziellen Organe der Vereinigung zu abonnieren. 

3. Das Recht auf jede entsprechende Unterstützung seitens der über- 
geordneten Zweigvereinigung. 

In den Geschäftssitzungea der Zweigvereinigungen und der Inter- 
nationalen Vereinigung haben die Mitglieder solcher angeschlossenen Gruppen 
küine Stimme. 

Der Anschluß einer solchen Gruppe kann durch den Beschluß der 
helreffenden Zweigvereinigung jederzeit aufgehoben werden. 

Die Mitgliedschaft in einer solchen Gruppe schließt die Mitgliedschaft 
in der übergeordneten Zweigvereinigung nicht aus und umgekehrt." 

Professor Freud unterstützt den Antrag inhaltlieh, mächte aber betonen, 
daß ein solcher Anschluß nur im Falle kleiner lokaler Gruppen stattfinden sollte! 
Größere und bedeutendere Gruppen würden sich, seiner Meinung nach, weigern, 
einer schon bestehenden Zweigvereinigung untergeordnet zu werden. Dr. Jones 
meint, daß der Wortlaut des vorgeschlagenen Statutenzusatzes dieser Ansieht 
bereits genügenden Ausdruck verleiht. Dr. Spiel rein bespricht die 
Anwendung des neuen Statuts auf die Verhaltnisse in Rußland. Dr. van 
Ophuijsen gibt der Ansicht Ausdruck, daß man Personen, die eine der- 
artige Gruppe neu bilden oder in sie eintreten wollen, lieber zur Erwerbung 
der Mitgliedschaft in einer schon bestehenden Zweigvereinigung raten sollte- 
Dr. Jones erwidert darauf, daß die bestehenden Zweigvereinigungen solche 
Bewerber nicht immer bereitwillig als ordentliche Mitglieder aufnehmen. 
Dr. Oberholzer schlägt vor, derartige Gruppen der betreffenden Ortsgruppe 
nicht unter-, sondern neben zuordnen. 

Der vorgeschlagene Zusatz zu den Statuten wird daraufhin zur Abstimmung 
gebracht und einstimmig angenommen. 

XIV. Dr. R e i k verliest einen Bericht über das Referatenweaen im Rahmen 
der Internationalen Vereinigung und Vorschläge zur Reformierung desselben 
einschließlich des Jahresberichtes. 

Professor Freud beanlragt, die Ausführungen Dr. Reiks zu drucken 
Hnd in den Zweigvereinigungen zur Diskussion zu stellen. Die Zentralleitung 
möge diese Diskuasionsberichle dann sammeln und Dr. Re ik zur Einsicht- 
nahme übermitteln. 

Dieser Antrag wird angenommen. 

XV. Dr. Jones übergibt nunmehr den itellvertretendeD Vorsitz 
Dr. Oberholzer, der den Kongreß auffordert, zur Präsidentenwahl zu 
schreiten. 



KoDgreßbericht 



505 



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Professor Freud schlügt die Wiederwahl von Dr. Ernest Jones zum 
Präsidenten vor. Er fügt hinzu, daß es unter den gegenwärtigen Verhältnissen 
seiner Ansicht nach wünschenswert wäre, den Sekretär einer der in Mittel- 
Europa ansUssigen Zweigvereinigungen zu entnehmen. Kr rät Dr. Jones, 
Dr, Abraham zum Zentralsekretör vorzuschlagen 

Dr. Jones erwidert, daß er Dr. Abraham gerntf für das Amt eines 
Zentralsekrelärs in Vorschlag bringen möchte, daß eiu solcher Antrag aber 
mit Punid VJII der Statuten der Internationalen Vereinigung in Widerspruch 
treten würde. Er beantragt daher die Streichung der Worte „aus der Mitte der 
am gleichen Orte ansässigen Mitglieder' aus Punkt VIII der Statuten. Der 
Antrag wird angenommen. 

Hierauf wird Dr. Jones zum Präsidenten wiedergewählt, Dr. Abraham 
zum Zentral sekretür gewühlt. 

XVI. Dr. Jones überimmt neuerlich das Präsidium, dankt dem Kongreß 
für seine Wiederwahl und spricht seineu Mitarbeitern während der letzten 
Amtsperiode, insbesondere Mr. Flügel und Dr. Eitingon, den wärmsten 
Dank ans. Er betont ferner die Schwierigkeiten, welche die Abhaltung eines 
Kongresses im Monat Seplember mit sich bringt, und beantragt, den nächsten 
Kongreß zu Ostern 1924 abzuhalten. 

Dieser Autrag wird einstimmig aagenomraen. 

XVn. Dr. Jones eröffnet hierauf die Diskussion über den nächsten 
Kongreßort. 

Dr. Groddeck lädt den Kongreß nach Baden-Baden ein, Dr. Piaget 
nach Genf, Dr, Oberholzer unterstützt die letztere Einladung. 

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Professor Le vi-B ia n chi n i beantragt die Annahme der Einladung 
Groddeck 8. Dr. Federn schlägt Wien vor und beantragt, die Entscheidung 
noch offen zu liissen. 

Dr. Federn 3 Antrag wird zur Abstimmung gebracht und mit 22 gegen 
19 Stimmen angenommen. 

XVIIi. Dr. F e r e n c z i dankt dem Präsidenten für seine Arbeit im 
Dienste der Vereinigung. Dr. Jones erwidert, daß er diesen Dank auch seinen 
Mitarbeitern, besonders Mr. Flügel, Dr. Eitingon und Dr. Abraham, 
übermitteln möchte. 

Dr. Rildo spricht der Berliner Vereinigung den Dank für die aus- 
gezeichnete Organisierung des Kongresses aus. Dr. Abraham dankt in 
seiner Erwiderung allen Mitgliedern der Internationalen Vereinigung für ihre 
Teilnahme am Kongreß. 

Dr. Jones bemerkt abschließend, daß er hofft, für den nächsten 
Kongreß eiu kürzeres und weniger ermüdendes Programm zusammenstellen 
zu können und erklärt hierauf die Sitzung für geschlossen. 



Bericht aber die Berliner Psyctioanalytische Poliltlinik.^ 

(März 1920 bis Juni 1922.) 
Von Dr. M. ElUnaon 

I. 

Manche von Ihnen werden sich gewiß noch erinnern, daß wir bei der 
Gründung unseres Insütutes auf die Anregung verwiesen haben, die uns dnrch 
Professor Freuds Budapester Kongreß Vortrag „Über die Wege der psycho- 
analytischen Therapie' (1918) geworden ist. Er hatte uns damals gemahnt, uns 
auf den Moment vorzubereiten, wo das Gewissen der Gesellschaft erwachen 
und der Staates als dringende Pflicht ansehen würde, für seelische Hilfe ebenso 
zu sorgen, wie für sonstige lebensrettende und gesundheitsfördernde. Es würden 
dann Anstalten und OrdinationsiüStitute gegründet werden, welche das psycho- 
analytische Heilverfahren weiten Kreisen zugänglich zu machen haben würden. 
Als Freud diese Worte sprach, die halb Prophezeiung und halb Forderung 
waren, lebte noch jener unvergeßliche Mann unter uns, der mit kühnem Plan 
all diese ZukunÜshoffnungeu in großzügiger Weise der Verwirklichung näher zu 
bringen trachtete und es ist mehr als bloß kollegiale Pietät, wenn ich 
an dieser Stelle Dr. Anton von Freunds gedenke, mich anschickend, 
den Weg zu schildern, den wir seit der Gründung der Poliklinik zurüelf- 
gelegt haben. 

Die Psychoanalyse einem weiteren Kreis zugänglich zu machen, war seit 
jeher unser Wunsch, wie der so vieler unter uns, und als wir nach Beendigung 
des Krieges am Ende des Jahres 1918 an unsere Arbeitsstätten zurückkehrten, 
empfanden wir dies Bedürfnis immer dringender und unabwelslicher. Das 
neurotische Elend war maßlos gewachsen, mit ihm stiegen aber auch die 
Ansprüche des Publikums und damit auch gleichsam eine Art von wachsendem 
Vertrauen zu uns. Der beginnende Krieg schien in den ersten Jahren, wie so vieles 
andere von Wert, auch die Psychoanalyse verschlingen zu wollen. Es kam anders. 
Im Krieg und schließlich auch durch den Krieg gewann die Analyse mächtig 
an Boden; Die Kriegsneurosen demonstrierten auch den Blindesten und Ver- 
stocktesten Freudsche Mechanismen in der handgreiflichsten Weise und 
wir erlebten gegen Kriegsende in der damaligen österreichisch-ungarischen 



'Vorgetragen auf dorn VII. Internationalen Psyctoanalytischoii Kongreß in Berlin am 
SS. September lB2a. 



Bericht über die Berliner Poliklinik 507 

Armee die Aussichl, psychoanalytische Neuro tikerstationen au bekommen; 
unseren Kollegen in der deutschen Armee ging es ähnlich. Der V. analytische 
Kongreß in Budiipest sland ganz im Zeichen dieser Aussicht. Als mit dem 
Krjeßsende für Österreich und Deutschland der Umsturz kam, wurden jeue 
Aussichten zunichte, auch in Denlschland war von Staat und Behörde nichts 
mehr in dieser Hinsicht zu erwarten. Die alten wissenschaftlichen und gemein- 
nützigen Institute gerieten in Not und waren in ihrer Existenz bedroht, Neu- 
gcOaduugea wurden illusorisch, geschweige denn auf einem Gebiete, dem 
die wiKsenschafllichen Autorilaten des Faches — denn nicht allzuvlelo von 
den veralteten Autoritäten hatte der Umsturz bekanntlich beseitigt — trotz 
allem noch gänzlich ablehnend gegenüberstanden. Freuds Voraussicht hatte 
nicht getrogen. Private Initiative würde den Anfang zu machen haben. Das 
I mußte sie, wollte man nicht allzu lange warten, und das mußte sie bald, um 

J den günstigen Moment nicht zu verpassen. Unter uns hat keiner darüber 

gestaunt, daß die üußere schwere Zeit so allgemeinen Zusammenbruches der 
Psychoanalyse günstig war, Sie hatte keinen Anteil an den Illusionen, die 
nun verloren gegangen waren; sie hatte seit jeher auf die latenten seelischen 
Kräfte und die verborgenen Mechanismen der Einzel- wie Kollektivindividuen 
. aufmerksam gemacht, die nun nach dem Fallen und Reißen so vieler Hüllen 

um so nackter zutage lagen. Aus der Stimmung der Zeit heraus rief man 
lauter nach Psychotherapie und das, was sich so nannte, hatte nur Phrasen 
und Gemeinpinize zur Antwort und wußte keinen Weg, während der der 
Psychoanalyse unbeirrt durch Krieg und Misere inzwischen immer weiter 
ausgebaut worden war. Fest fundiert, gut gesichert und weitreichend lag 
er in jenem Momente da. Ihn gangbarer zu machen und für viele zugäng- 
lich galt es nun. Es brauchte nicht wenig Mut, großem BedOrlnis kleine 
Erfüllungsansätze gegenüberzustellen, vor kleinen Anfängen nicht zurück- 
zuschrecken. In langen Gesprächen mit meinem nächsten Mitarbeiter Doktor 
Simmel reiften uns rasch die Einzelheiten unseres Beginnens und klärten 
sich rasch die Organisation wie die Grundlagen unseres Institutes, die 
wir bei di;r Ausführung dann prinzipiell nicht mehr zu ändern brauchten; 
nur die Dimensionen des zu Beginnenden wuchsen uns gleich während 
des Plauens. 

Eines war uns vom ersten Anbeginn an klar: einer der wichtigsten 
Faktoren der analytischen Praxis ist die Zeit, die Stärke unserer Position ist 
das Gerüsteteein auf einen langen Weg. Sie wissen ja alle: Der Zeitlosigkeil 
des Unbewußten und den meist sehr weit zurückreichenden Regressionen 
müssen wir wirkliche Zeit entgegensetzen, Dauer, die wirkende Dauer unserer 
Bemühungen. Wollten wir ein irgend wie beträchtliches Quantum an Arbeit 
leisten, so brauchten wir ein beträchtliches Quantum Arbeitszeit, welches dazu 
noch ein möglichst kontinuierliches und konstantes sein mußte. Damit schied für 
uns der eine Weg der Gewinnung eines größeren Arbeitszeitquantuma von 
vornherein aus, obgleich er auf den ersten Blick der einfachere und leichtere 
zu sein schien, nämlich der, von einer größeren Anzahl von Mitarbeitern, 
Kollegen, kleinere, ganz freiwillige Zeitbeiträge zu erhalten. Das schien uns zu 
diskontinuierlich, überhaupt zu unsicher. Wir entschieden uns für den anderen 
schwierigeren, nur unter günstigen Bedingungen möglichen Weg, nämlich 
den, von einer Ideineren Anzahl Menschen einen größeren, vor allem regel- 
mäßigen, möglichst täglichen Teil ihrer Arbeitszeit für die Poliklinik zu ver- 
langen und statt der ganz freiwilligen Hergäbe eine auf Verpflichtung beruhende. 



508 Bericht über die Bediner Poliklinik 

Finanzielle Mittel für einen bescheidenen Beginn wurden uns von 
privater Seite auf eine Reihe von Jahren zur Verrügurig gestellt und im 
Sommer 1919 erbaten Keferent und Dr. E. Siramel von der Berliner Psyelio- 
aaalytischen Vereinigung d^s Mandat zur Eröffnung und Führung einer Poli- 
klinik. Unser Antrag begegnete nur geringer Skepsis und eroberte sich rasch 
wachsende Sympathien im Kreis unserer Berliner Kollegen. Wir gingen an 
die Vorbereitungen nnd konnten nach Überwindung diverser iiußerer Schwierig- 
keiteo schon im Februar nächsten Jahres, das ist 1920, unser Institut eröffnen. 
Drei stiindige Mitarbeiter waren es zunächst, neben dem Referenten Dr. Simmel 
undunsereAssistenliu Fräulein Dr. S m e 1 i a n s k y, mit Kusammen vierzehn- 
stündiger täglicher Arbeitszeit Einige Kollegen der VereiniguEig, besonders die 
DDr. Liebermann und Boehm, stellten uns sofort ihre Hilfe zur Ver- 
fügung und übernahmen einzelne Analysen; andere Vereinsmifglieder folgten 
ihnen alimithlich, so die Dl>r. C. und I.Müller, Frau Dr. Horney nnd 
später in bereitwilligster Weise die ans Budapest nach Berlin übersielelte Frau 
Dr. M. Klein. Den stabilen Kern machten aber die ständigen Mitarbeiter aus, 
deren Zahl wuchs. Im Dezember 1920 berieten wir Kollegen Dr. Harnikaus 
Budapest an die Poliklinik, im Herbst 1921 nahmen wir den in Berlin aus- 
gübildelen und in überraschend kurzer Zeit zum hochwertigen Analyliker 
herangewachsenen Dr. F. Alexander in die Zahl unserer Mitarbeiter auf und 
in diesem Jahre erfuhr unser polildinischer Stab eine weitere Bereicherung 
durch die Aufnahme des Fräuleins Schott für Kinderanalysen und 
des Herrn Dr. Lampl, der ebenfalls von uns hier in Berlin ausnebildet 
worden ist. 

In diesem Jahr waren wir bereits sieben ständige Mitarbeiter mit zirka 
fünfundzwanzig- bis achtundzwanzigstündigem täglichem Arbeitsquanlum ; nicht 
inbegriffen waren darin die poliklinischen Analysen deroberwähnten Vereins- 
mitglieder, zu denen in diesem Jahre auch unsere russische Kollegin Fräulein 
Dr. Naiditsch kam, ferner die unter unserer Kontrolle gemachten Analysen 
unserer Schüler, der psychoanalytischen Zöglinge der Poliklinik, die hier 
gleichsam ihr praktisches Jahr absolvieren, zurzeit fünf Ärzte und eine 
Psychologin. Von dieser Seite der Tätigkeit unseres Institutes, von der Poli- 
klinik als Lehranstalt der Psychoanalyse, werde ich im zweiten Teil meines 
Berichtes erzählen. 

Schon beginnen sich die fünf Behandlungszimmer unserer Poliklinik als 
ungenügend zu erweisen, es wächst der Aufgabenraum, aber die Wohnungsnot 
verhindert unser Hans sich auszudehnen. Darf ich nun mit knappen Strichen 
unsere Poliklinik noch einmal aeiehnen. Mit dem Wachsen des Institutes mußte 
die ganz demokratische Verfassung der ärztlichen Mitarbeiterschaft, unter Bei- 
behaltung der ursprünglichen Grundsätze, einer etwas strafferen Gliederung 
weichen. Die Leitung liegt nun in den Händen des ßeferenten, dem Kollege- 
Dr. Simmel beigeordnet ist, ihnen stehen drei Assistenten zur Seite, Fräulein 
Dr. Smeliansky und die DDr. Harnik und Alexander, ein 
weiterer Mitarbeiter Dr. Lampl und die Kinderanalytikerin Fräulein Schott. 
Die Mitarbeiter erhalten kleine Fixa, die, wie im Anfang so auch jetzt, noch 
in gar keinem Verhältnis zu ihren Leistungen stehen und zum Opfer, das 
sie bringen. Wir erwarten und akzeptieren dieses Opfer, weil ohne dasselbe- 
unser Werk nicht bestehen könnte; ihnen stets Dank dafür wissend, freuen 
wir uns andererseits konstatieren nnd dazu beitragen au können, daß die- 
immer offizieller werdende Stellung der Assistenten der Poliklinik ihnen im: 



Bericht über die Berliner PoÜldimk 



509 



Kampfe um ihre Existenz auch nützlich ist. Ich saßte schon oben, daß uns 
die notwendigsten finanziellen Mittel auf eine nicht terminierte Zeit zur Ver- 
fügung gestellt worden Bind. Wir arbeiten mit einem sehr bescheidenen Budget, 
was nicht nur unsere ausländischen Kollegen finden werden, 

Budget: 
Einrichtung im Jahre 1919: zirka Mk. 20.000 außer zahlreichen gespen- 



deten GegenstJlnden. 

Aus ga beo: 
1920 Februar— Oktober zirka Mk. 20.000 
1920/21 Oktober-Oktober zirka Mk. 60.000 
1921/22 Okiober— Oktober zirka Mk.150.000 



Einnahmen: 
Mk. 2.500 
Mk. 17.500 
Mk. 25.000 



Der vorläufige Voranschlag für das nächste Arbeifsjahr, soweit es sich 
voraussehen lilßt, beträgt zirka Mk. 250.000 bis 300.000. Unsere Ausgaben ver- 
teilen sich: • 

1. auf Gehälter, 

2. auf Miete und Bedienung, 

3. auf Anschaffungen und Betriebserhaltung. 

Patientenmaterial; 

In den zweieinhalb Jahren der bisherigen Existenz der Poliklinik sind 
über sechshundert Hilfe- und Ratsuchende durch dieselbe hindurchgegangen. 
Sie kamen auf das Schild hin, auf Rat von Freunden und Bekannten, anfangs 
vereinzelt, später immer hUufiger von Ärzten zu uns gesandt. Auffallend war 
es, wie lange nach der Eröffnung noch Patienten auf die Zeitungsnoüz der 
Eräffnungsankündigung hin gekommen sind. 2u inserieren oder sonst irgend- 
wie Keklame und Propaganda für uns zu machen, vermieden wir konsequent, 
den größeren Andrang fürchtend, mit dem wir auch bei unserem an sich 
nicht kleinem KrJifteautgebot nicht fertig werden würden. Gleich nach der 
Eröffnung des Institutes, das damals nur drei ständige Mitarbeiter hatte, begannen 
wir mit zirka zwanzig Analysen. Dem Wachstum der Analytikeranzahl ging 
das Wachstum der Annlysenanwärter immer weit voraus, im letzten Jahr 
hatten wir meist fünfzig bis sechzig Analysen immer gleichzeitig neben- 
einander lauten. Alle Mitarbeiter waren fast immer blockiert und wir mußten 
ständig darnach trachten, wie wir das Arheitszeilquantum vergrößern. Da 
Zugänglichermachung der Psychoanaly.se für uns nicht analytisches Massen- 
therapietreibenwollen bedeutete, war es uns sehr recht, daß der im Anfang 
recht lebhafte Patieutenzugang später eiwas abnahm und einem geringerem, 
aber dafür stetigem Zuspruch Platz machte. Unter den Patienten der ersten 
Zeit der Poliklinik waren sehr viele Chroniker, inveterierte Neurosen, alte 
organische Fälle und alte, auf Reste organischer Erkrankungen aufgepfropfte 
psychogene Bildungen; Patienten, die jahrelang von Klinik zu Klinik, von 
Kassenarzt zu Kassenarzt zu laufen pflegten und nun auch im neuen Institut 
vorsprechen mußten. Diese Kategorie wurde nach und nach seltener. In seiner 
Zusammensetzung war unser Material äußerst mannigfaltig in puncto Alter, 
Geschlecht, Beruf und sozialer Stellung (siehe Tabelle 1); vom sechsjährigen 
Kind bis zum siebenundsechzigjflhrigen Greis, vom Arbeiter und Dienstmädchen 
bis zur Generalstochter, zur Nichte eines Minislerpräsidenfeu (von nach dem 
9, November) und zu einem sehr einflußreichen Politiker. Im Laufe der Zeit 

Internitt. Zeilsclir. f. Psychoanalyse, Vlll/d. Qg 



1 



510 



Bericht über die Berliner Poliklinik 



traten aber die proletarischen Elemente zurück, die Intelligenz und der kleinere 
Mittelstand begann zu überwiegen. Neben der wachsenden Zahl der von Ärzten 
geschickten, sind es nun immer mehr die früheren Patienten, die andere in 
die Poliklinili weisen. Manchmal scheinen ganze Gruppen und Bekanntenkreise 
mit größerem pathologischen Einsehlag dnrch die Analyse zu wollen, woraus 
wir nur die dringendsten Fälle zulassen; unsere therapeutischen Ziele fest im 
Auge behaltend, lassen wir uns nicht gerne auf solche Sanierungsarbeiten ein, 
solange wir noch so gering an Zahl sind. 



Behandlung. 

Die Sprechstunde für alle neuen zur Poliklinik kommenden Patienten 
findet täglich mit Ausnahme des Sonntages und eines Wochentages statt, 
der einem anderen poliklinischen Zweck, der Lehrtätigkeit seiner Leiter, vor- 
behalten ist. Abgehalten wurde die Sprechstunde anfangs vom Referenten und 
Dr. Simmel gleichzeitig oder abwechselnd. Sehr bald aber erwies es sich 
als viel zweckmäßiger, alles durch eine Hand gehen zu lassen, und Referent 
übernahm im vergangenen Jahr die Sprechstunde ganz, so daß nun das 
gesamte Material leicht übersehen werden konnte. Aus Gründen der hier noch 
mehr als sonst beim Arzt geltenden Diskretion, vermelden wir es auch in den 
Vorbesprechungen tunliclist, mehr als einen Analytiker, das heißt hier den 
Sprechstunde haltenden, anwesend sein zu lassen. Hiilt vertretungsweise ein 
Assi.stent die Sprechstunde ab, so bestellt er uaeh Aufnahme einer eingehenden 
Anamnese den Patienten noch einmal für den Leiter, dem die Indikalions- 
stelluug zusteht. lu dieser waren wir nur in einer Hinaiciit streng : in der 
der Dringlichkeit. Ist infolge der v/irtscha ff liehen Unabhängigkeit der Poliklinik 
die Frage der Ermöglichung einer Analyse hier so unvergleichlich leichter als 
in der Privatpraxis, so müssen wir, wollen wir nicht überflutet werden, eine 
Art von Dringlichkeilsskala haben. Sonst haben wir bei Vorhandensein einer 
Neurose zur Analyse geraten, wenn die Patienten sie wollten oder sich bereit 
erklärten und wirklich zu wollen schienen. In der Tat sind denn auch bei 
uns vergleichsweifie kaum mehr Analysenversuche gescheitert, als es in der 
Privatpraxis zu geschehen pflegt. Von nicht geringem Belang ist es, daß wir 
in unserem Institut einen gewissen Spielraum haben bei der Wahl des 
Analytikers für den einzelnen Fall. Gewisse Richtlinien haben sich uns für 
die konkreten Verhältnisse unserer Praxis bereits herauskristallisiert, wenn 
es auch nicht leicht wäre, die große Fülle der Relationen in bestimmte 
Formeln zu bannen. Wie ich schon sagte, hatten wir eine fünfundzwanzig- bis 
achtundzwanzigslündige tägliche Gesamtarbeitszeit der ständigen Mitarbeiter, 
dazu kamen noch mehrere Stunden täglich seitens unserer obgenannten Hilfs- 
arbeiter, die zumeist ebenfalls in den Räumen der Poliklinik arbeiteten, nur 
ausnahmsweise und aus Zeitersparnisgründen bei sich zu Hause und ebenso 
viele, zeitweise noch etwas mehr Stunden unserer ScJiüIer. 

Von der anfangs gefaßten Absicht, die einzelne analytische Sitzung von 
einer Stunde systematisch und durchgehend auf eine halbe Stunde herabzu- 
setaen, mußten wir abgehen. Nur bei einer kleineren Zahl auch in und trotz 
der Neurose noch disziplinfähigen Menschen, wie man sie in Preußen-Deutsch- 
land unter Beamten und auch sonst nicht selten findet, konnten wir damit 
auskommen. Meist geben wir drei Viertel oder die klassische ganze Stunde. 
Die Patienten kommen drei- bis viermal wöchentlich, in schweren Fftllen 



Bericht aber die Berliaer Poliklinik 



511 



öfter. Mit diesem Apparat und Arbeilszeitquantum konnten wir, außer 
zahlreichen ganz klein enVersuchsanalysen, die stattliche Anzahl von 130 Analysen 
durchführeu. (Vergleiche Behandlungsliste 1 bis VI., S. 517 ff.). 

Für ein so langwieriges und eingreifendes Verfahren wie das unsrige 
doch wahrlich eine ganz imposante Zahll Und zum erstenmal kann hier die 
Analyse Stalistiklüsternen auch mit einer Statistik kommen, mit Zahlen, die 
an einem Orte in reltitiv nicht langer Zeit gesammelt sind. 

Fragt uns nun jemand nach unseren Erfolgen, so können wir mit ihnen 
durchaus zufrieden sein und können sie getrost neben die Erfolge anderer 
schwieriger Heilprozeduren, etwa bei schwereren somatischen Erkrankungen, 
setzen. 

Micht fertig gewordeo sind wir, auch in der Poliklinik, bis jetzt mit dem 
Problem der Zeit; sie abzukürzen, gelingt uns in den schwierigen Fällen 
nicht, wie Sie ja lierausgehürt haben werden aus den so wohlbekannten 
langen Analyaenzeiten, die auch wir hier so oft brauchen (Zeittabelle). 

Dabei war die Fr.ige der Beschleunigung, beziehungsweise Abkürzung 
der Analyse unser Hauplbealreben auf dem poliklinischen Boden und ein 
Gegenstand sUindiger Aufmerksamkeit. Bisher im wesentlichen ohne Ergebnis, 
trotz eifriger Ausnützung jedes förderlichen Momentes. Psychoaoalyse ist eben 
nur das, was von Freud so genannt, aus Freuds Händen hervorgegangen 
ist, oder es ist eben keine Analyse und in diesem Falle auch kein Erfolg. Die 
eine Budapester Prophezeiung von Freud, daß„wir bei der Massenanwendung 
unserer Therapie das reine Gold der Analyse werden legieren müssen", haben 
wir noch nicht realisieren können, aus dem einfachen Grunde, weil wir keine 
geeigneten Metalle zu solchen Legierungen gefunden haben. 

Das „Kupfer der direkten Suggestion" ist ganz unbrauchbar dazu, viel 
förderlicher schon ist die indirekte Suggestion des analysegesättigten Milieus 
und der Druck, unter dem die poliklinischen Patienten dadurch stehen, daß 
80 und so viele Vorgemerkte auf eine freiwerdende Analysenstunde warten. 
Schon daß sie im Wartezimmer nicht allein sind, wirkt, wie mir auch meine 
■ poliklinischen Kollegen oft bestätigt haben, günstig; in dem gefüllten Warte- 
zimmer mahnt die RealitÜt den Neurotiker daran, daß er nicht das einnige 
Kind der amtlichen Vaterschaft ist. Die persönliche materielle Üninteressiertheit 
des poliklinischen Analytikers am Patienten stärkt des ersteren Position ganz 
erheblich und macht manchen Widerstand sofort fadenscheinig. Ein Umstand 
der poliklinischen Behandlung hat manchem Kollegen intra muros et extra 
recht viel Pein und Sorge gemacht. Das ist unsere Handhabung der Honorar- 
frage. Man fürchtete, wir begäben uns eines wichtigen Druckmittels und einer 
guten Gelegenheit, entöcheidende Komplexe des Analysanden, wie etwa den 
anal erotischen, zum Vorschein kommen zu lassen. Wir haben uns sehr 
gewundert, daß diese Ängstlichen einen sehr interessanten Satz in jenen für 
uns weglcitend gewordenen Budapester Ausführungen Freuds überhört und 
übersehen zu haben scheinen. Freud, der doch die leisesten Tücken der 
Analysanden seele und die schal tenhaf testen Erschwerungen der Technik 
wahrlich rasch genug erkennt, sagt dort, von den zu gründenden psycho- 
analytischen Anstalten und Ordinalionsinstituten der Zukunft sprechend, mit 
der ihm eigenen souveränen Sicherheit einfach: „Diese Behandlungen werden 
unentgeltlich sein." 

Nun, wir haben nicht einmal dieses Prinzip der Dnentgeltlichkeit, Aue 
praktischen und auch erziehlichen Gründen wünschen und erwarten wir, daß 



33' 



512 Bericht über die Berliner Poliidinik 

die Aoalysanden zahlen, und zwar soviel oder so wenig als sie können oder 
zu können glauben und wir glauben ihnen selbst auch dann, wenn sie nichts 
zahlen zu liönnen angeben, analysieren sie natürlich auch dann, ünenfgeltliehe 
und jetzt auch ganz gut bezahlte Analysestunden lauten in dei- PolikliniU 
nebeneinander her und wir vermögen nicht zu sagen, daß hier, wo wir vom 
Analytiker abstrahieren können, das Moment der Bezahltheit oder Unbazahlt- 
heit den Verlauf der Analyse wesentlich beeinflusse. Eine günstige Neben- 
wirkung der Unabhängigkeit des poliklinischen Analytikers vom Honorar 
möchte ich aber hervorheben, weil sie doch vielleicht ein kleines Novum 
bedeutet, mich an tine mir vor vielen Jahren in einer mtindlichen Unter- 
haltung von Freud gezeichnete Zukunftsmöglichkeit unserer Technik erinnert 
und eine Art von „aktiver Therapie" darstellt, die aus den Ausführungen des 
Initiators der Aktivität in der Psychoanalyse, Ferenczi, nicht genügend 
herausgehört worden ist. Wenn wir nämlich als Vertreter des Institutes und 
doch wieder individuell dem unier neurotischen Konstellationen stehenden 
Patienten zunächst erlauben, wenig oder nichts zu zaiilen, &o spielen wir eine 
Zeitlang die Rolle (es ist meist die Vaterrolle, bei manclien aucfi die der 
Mutter), die Rolle also, die der übertragende Patient uns aufdrängt, spielen sie 
bis zum geeigneten Moment, wo wir dem Patienten dieses Spiel nehmen 
können. Bis daliin retten oder eEmBglichen wir aber nicht wenige Analysen 
die in der Privatpraxis unmöglich wären, weil das Leben so kostspielige 
Aktivität nur seilen erlaubt. Und wir erweitern so den Kreis der zur Analyse 
Kommenden. Freilich, zur „Massen therapie" werden wir auch damit nicht. Das 
kann eine Poliklinik nicht, das vermöchten auch viele nicht. Sie erinnern sich 
daß wir immer nur von Zugänglichermachung der Psychoanalyse sprechen 
und damit sagen, daß wir bei all unserer großen und, wie ich glaube, 
gerechten Befriedigung über die Leistungen unseres Institutes die poliklinische 
Anwendungsweise der Psychoanalyse nicht für den Superlativ unserer Therapie 
halten, wohl aber für einen sehr erfreulichen Komparativ derselben. 

Auf ein Weiteres noch möchte ich Ihre freundliche Aufmerksamkeit 
lenken, was an sich auch nicht neu ist, sich bei uns aber fester auskrislailisiert 
hat. Das ist das, was wir die fraktionierten Analysen nennen. Sie 
alle haben ja die Erfahrung gemacht, daß irgendwie durch äußere Verhältnisse 
notwendig werdende Unterbrechungen der Kur, wenn sie in eine günstige 
Phase der Analyse fallen, nicht schlecht wirken. Wir nun, die wir in aller- 
erster Linie praktisch-therapeutische und nicht Forschungsabsichten haben, 
machen, erfolgsfreudig wie wir hier sind und sein dürfen, ans diesem Umstand 
in geeigneten Fällen eine Art von Prinzip. Ist in dem Befinden des Patienten 
eine Besserung eingetreten, hat er, unter Klärung der inneren Situation 
natürlich, ein größeres Stück Leistungs- und Lebensfähigkeit erreicht, so unter- 
brechen wir an dieser Stelle manchmal die Analyse und verlangen, daß er das 
Erreichte erprobe und bewähre. Er darf und soll wiederkommen, wenn es zu 
wenig ist. Solches Wiederaufnehmen der Kur zeigt oft genug eine Beschleunigung 
des Tempos weiterer Besserung und schließlicher Heilung. Ich kann diesen 
Teil meines Berichtes nicht besser beschließen als wenn ich dankbar die Worte 
zitiere, in denen jener ofterwähnte Budapester Vortrag Freuds ausklingt: 
„. . ,Wie immer auch sich diese Psychotherapie fürs Volk gestalten, aus welchen 
Elementen sie sich zusammensetzen mag, ihre wirksamsten und wichtigsten 
Bestandteile werden gewiß die bleiben, die von der strengen, der tendenziösen 
Psychoanalyse entlehnt worden sind." 



1. 
1^ 



Bericht über die Berliner Poliklinik 51B 

II. 

Sie haben gemerkt, wie das Wachstum der Poliklinik eine fast kon- 
tinuierliche Vermehrung der Zahl unserer Mitarbeiter verlangte, dem galt auch 
unsere stUndige Bemühung, In brennendster Weise erwuchs uns die Frage des 
psychoanalytiecben Nachwuchses, das wichtigste praktische Problem unserer 
Bewegung, das immer dringlicher eine Lösung verlangt Gelegenheiten mußten 
geschaffen werden, analysieren zu lernen, sich zum Analytiker auszubilden. 
Dies war die zweite Absicht, mit der wir an die Gründung unseres Institutes 
herangegangen waren. Einführende Vorlesungen, orientierende Vorträge waren 
ja schon früher in den meisten Ortsgruppen veranstaltet worden, um die 
Kenntnis der Psychoanalyse zu verbreiten. Wir gingen sofort daran, in regel- 
mäßiger Weise systematische Lehr- und Ausbildungskurse zu halten. Mit 
Dr. A b r a h a m an der Spitze bildeten wir mit den Kollegen Dr. S i m m e 1 
und Dr. Sachs, unterstützt von unseren Vereinsmitgliedern Frau Dr. Horney 
und Dr. L i e b e r m a n n einen kleinen Lehrkörper zur Durchführung der Aus- 
bildung, für welche wir einen Zeitraum von mindestens 1 — IVg Jahren veran- 
schlagten. 

In den Ärbeitsjahren 1920/21 und 1921/22 hielt Dr. Abraham folgende 
Kurse an der Poliklinik: 

1Ö20 im Frühjahr: einen Einführungskurs in die Psychoanalyse; 

im Herbst : den gleichen Kurs (beidemal vor zirka 20 — 25 Teil- 
nehmern). 

1921 1— II: ein psychoanalytisches Seminar für Vorgeschrittene. Referate 

über neue psychoanalytische Arbeiten (zirka 12 Teilnehmer); 
V— VI: einen Einführungskurs (30 Teilnehmer); 
XI— XII: den gleichen Kurs (30—40 Teilnehmer). 

1922 I — II: wieder ein psychoanalytisches Seminar (20 Teilnehmer); 
V— VI: Einführungskurs über „Erfahrungen aus der psycho- 
analytischen Praxis" (30 Teilnehmer). 

Dr. Sachs behandelte in der gleichen Arbeitsperiode wiederholt die 
Fragen der Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften, die 
„Theorie der Traumdeutung' sowie die „Technik der Traumdeutung", „Sesnial- 
probleme aus der psychoanalytischen Praxis" und hielt seminaristische tJbungen 
aus dem Anwendungsgebiet der Psychoanalyse ab. 

Frau Dr. Horney und Dr. Simmel sprachen wiederholt über „Die 
psychoanalj-tischen Gesichtspunkte für den praktiaehen Arzt", Dr. Simmel 
ferner über „Peychoanalytische Technik". 

Referent hält, respektive beginnt im Verein mit Dr. Simmel drei- bis 
viermal im Jahre einen zeitlich nicht genau terminierten praktischen Kurs der 
„Einführung in die psychoanalytische Therapie", wobei für Lernende, die 
Analytiker werden wollen, die bereits abgeschlossene eigene Analyse Voraus- 
setzung ist, während wir von dieser Bedingung bei anderen absehen, bei 
Ärzten zum Beispiel, die sich nur genau über die Psychoanalyse orientieren 
wollen, ohne daran zu denken, sie selbst zu betreiben. 

Nachdem es nun unser aller feste und nur zu gut belegte Überzeugung 
ist, daß kein Unanalysierter fortan zu den Reihen der praklisch Psychoanalyse 



514 Bericht über die Berliner Polildinik 

Treibenden stoßen darf, nimmt die eigene passive Analyse eine ent- 
scheidende Stelle im Ausbüdungsgang ein und eie fällt bei uns in den 
zweiten Teil desselben, nach einer Zeit intensiver theoretischer Vor- 
bereitUDg durch Lektüre und Kurse. Um solches Analysiert werden durch 
einen uns kompetent dünkeuden Analytiker zu ermöglichen, haben wir 
Dr. Sachs zum Zweck dieser didaktischen Analysen an unsere Poliklinik 
berufen. 

Die Zahl der von ihm in diesen zwei Jahren ganz oder teilweise 
zum Zweck der Ausbildung Analysierten betrug 25 Personen. Es waren 
unter ihnen 13 Ärzte, 5 Ärztinnen, 1 Stnd. med., 5 pädagogische oder 
anderweitig praktische Anwendung Anstrebende, ferner ] Studentin der 
Ethnologie. 

Hievon wai-en 9 Ausländer: 1 Österreicher, 4 Ungarn, 1 HollSader, 
1 Amerikaner, 2 Engländer. Von diesen hatten sich vorher nur 8 mit der 
Analyse befußt, 4 von ihnen wurden seither ordentliche Mitglieder der Berliner 
Ortsgruppe, 10 stiindige Gäste derselben, 13 üben die Psychoanalyse praktisch 
aus, 12 zu Heilzweclcen, 1 als Kinderanalyse. Zwei von den Aualysanden, 
Dr. Alexander und Dr. Lampl, wurden nach Vollendung ihrer Ausbildung 
und kürzerer praktischer BetStigung bei uns als ständige Mitarbeiter unserer 
Poliklinik angestellt. 

Einen ganz besonders wichtigen Teil dieses von uns gehandhabten Aus- 
bildungsvorganges bildet die praktische Arbeit iu der Poliklinik, welche, durch 
letztere ermöglicht, ein Novum bildet. Es war nicht leicht, für diese Arbeit 
die richtige Form zu finden, obgleich uns wieder nur ein einziger Weg gangbar 
zu sein schien; was an ihm riskant erscheint, mildern wir durch eine wach- 
same Kontrolle. Den durch theoretisches Studium und Eigenanalyse bereits gut 
Vorgebildeten übergeben wir einen oder mehr uns ans den Konsullationen 
einigermaßen bekannte und für Anfänger geeignet liegende Fülle und lassen 
die jungen Analytiker daran sofort die ersten Schrille schon allein machen. 
An Hand genauer Protokolle, die die Lernenden führen müssen, folgen wir 
den Analysen genau und sind leicht in der Lage, die gemachten Fehler zu 
merken und allmählich abzustellen: das ganze Heer der Fehler, die der 
Unerfahrene macht infolge mißverständlicher Auffassung von Ziel und 
Weg und allzu geradliniger Einstellung auf einzelne Theoreme und Funde 
der Psychoanalyse. Ihnen unsere Erfahrungen darüber eingehender zu 
schildern, überschritte den Rahmen unseres Berichtes, denn die Technik 
dieses Unterrichtes ISuft ja im wesentlichen auf einen Unterricht in der 
Technik der Psychoanalyse hinaus und darüber kann nicht so nebenher 
gesprochen werden. 

Die den Anfängern übergebenen Kranken schützen wir dadurch, daß 
wir, die die Behandlung kontrollieren, jederzeit bereit sind, den Kranken, 
falls notwendig, dem Lernenden weg und selbst zu übernehmen. 

Auch mit den Erfolgen der Lehrtätigkeit unserer Poliklinik dürfen wir 
zufrieden sein, unsere Schüler haben in diesen zwei Jahren viel und gut 
gelernt, das beweist uns, daß unser Weg richtig ist. Nur führt er uns noch 
nicht weit genug, denn auch gute Ausbildungsmöglichkeiten sind nur ein 
Anfang. Fortbildungsmöglichkeiten aber sind noch zu schaffen. Helfen wir, 
daß auch das uns in unferner Zeit gelingt. 



---••j^ I 



Bericht über die Berliner Poliltlinik 



515 




Statistik 1920—1922. 



Jahr 



Art 



Gnaehlocfit 



Sumiiie 



Total 



MJinner 
] 'Valien 
Kinder 



1920 



Konsul t. 



40 



51 



98 



Bebandl. 



14 



26 



42 



140 



1921 



Kansult. 



Behandl. 



•ä8 



I 
731 7 



118 



30 



30 



69 



187 



1922 



Konsnlt- 



Behandl. 



M 



31 



56 



S9 



10 



21 



33 



122 



Summe 



163 

263 

23 



449 



Summe der Konsultationen 



305 



Altersklassen. 



Summe der BehaadluDgen 



144 



Unter 10 


10—15 


15—20 


20—30 


30 — »0 


<0— 50 


50—60 


Über BO 


























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7 



Berufs Ulassen. 



Gattung 


Männlich 


Weiblich 


Arbeilerklusae 


■^5 


35 


Angestellte 


22 


41 


Beamlo 


7 


3 


Lehrberuf 


16 


19 


Dienst- und Pflegepersonea 


— 


27 


Kaufleule 


23 


— 


Studenten ' 


12 


2 


Selbslündige Berufe^ 


\.<o 


59 


Verheiratet, ohne Beruf 


— 


63 


Witwen 


— 


6 


Ohne Beruf 


2 


8 



' D&ranter ü Hcdiiiner, 1 Modiiinerin. 

' l)B.TDiitBr I ÄHt, 11 nkadomi»ch Geliildate. 



516 



Bericht über die Berliner Poliklinik 
Statistik der Diagnosen 1920—1922. 

Diagnose Männlich Weiblich 

^y«te"e 10 95 

Angsthysterie 8 23 

Angstneurose 6 19 

Zwangsneurose 27 25 

Neurasthenie g 3 

Hypochondrie 3 5 

Kriegeneuroae 3 _ 

ßentenaeurose j 

Neurotischer Charakter 12 1 

Hemmungszustände 9 20 

Stottern 3 

DepressionszQstände '14 jg 

Hysterische Frigidität 4 

Psychogene Impotenz li' 

Psychopathie 4 i 

Latente Homosexualität e _ 

Manifeste Homosexualität ■ i 

Sadomasochismus 2 

Alkofaolismus 1 j 

Kleptoiaanie I „ 

Pseudologia phauiastica j j^ 

Zyklothymie j 

Paranoia und Paranoid - g jq 

Manie , 

Klimaklerische Beschwerden _ n 

Epilepsie ^ . 

Dementia praecox g „ 

Progressive Paralyse 3 _ 

Imbezillität j g 

Tic nerveux 1 1 

Multiple Sklerose 1 j 

Arteriosklerose 2 6 

Neurose mit Oi^anerkrankung i i 

Lues 

— 4 

Störung der inneren Sekretion _ j 

Basedow , 

1 I 

Organerkrankung ohne psychischen Befund . , , _ 7 



Bericht über die Berliaer Polildinik 



517 



Behandhings liste I. 



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r 












s 






u 








Bchand- 






E 
n 
y. 


c 


J3 


Beruf 




D i 2 (■ n q a e 


iunf^s- 


Ere'ebn.ia 










< 




daiier 




9.\ 


G. A. 


1 




Arbeiter 


19 


Stottern 


G Monate 


gebessert 


n 


H. B. 




1 


Hauarr&u 




Angsthyatcrie 


8 


wescntlicli gebessert 


31 


A. B. 


1 




Gyniiiasiu.fll 


1» 


Zn'aitgsnour. Charakter 


9 


g-Gbcsaeit 


32 


M. B. 




1 


Lelirerin 


33 


An)^lhysterio 


4 „ 


gebessott 


21 


H. S. 


1 




Rektor 




Entw. Hcnimg. d. Sexual. 


6 „ 


gebessert 


21 


K. S. 


1 




Bcaintor 




Zivanf^ncuroso 


s „ 


geheilt 


21 


G. S. 


1 




Kaufmann 




KonvereionBhysterio 


4 ,. 


gebessert 


Ü1 


F. W. 


1 




ouiid. med. 


23 


Xearotiaclicr Charakter 


3 „ 


gebessert 


21 


C. H. 




1 


KontoriBtiit 


28 


Ani^Btliyatorio 


1 


ausgeblieben 


?1 


R. K. 


1 




Leli rer 


3t) 


Latente HomoBei. 


7 


unverändert 


r>. 


L. <;. 




1 


Konto riatin 


17 


Triebhafter Charakter 


e „ 


unverändert 


21 


M. G. 




1 






Hyeteriacher Kopfaebincri 


4 ,. 


geheilt 


?2 


1. K. 


1 




Künstler 




ZwanesnEuroBO 


5 „ 


gebeaeert 


22 


J. P. 


l 




Student 


2t 


Eizoasive Onanie 


2 „ 


nicht abgeschlossen 


W 


E. M. 


1 




Boäintür 


33 


Kourotischer Charakter 


2'/. ., 


unverändert 


22 


H. S. 


1 




Gymnasiast 


IS 


Konvereionehyaterie 


1 >, 


unverändert 



Behandlungsliste 11. 



a 




cj 










Behand- 






U 


'2 


.= 


Berul 


■4 


ü i a g n o B p 


lungB- 


E r g e b n i ■ 


14 


B 

cd 




1^ 




4« 

3 




dauer 




?1 


H. S. 


1 




Dr. Juris 


33 


Cyclotbymie 


11 Monate 


gobesaert, nicht abg. 


?? 


V. B. 




1 


Genoralslocht. 


32 


Hochgrad. neur. Hemmg. 


10 „ 


nicht abgeschlosaen 


99. 


P. A. 


1 




BDamtor 




NourotJBcher Charakter 


1 ., 


gebessert 


91 


I. K. 




1 


Studentin 


24 


Hyslerio 


" 


gcbesserl, nicht abg. 


W) 


M. L. 




1 


ohne Beruf 




Zwangs neu rose 


18 „ 


wesentlich gebessert 


fli 


C. G. 




1 


Pflegerin 


31 


Hysterie, Entw. Hemmg. 


17 ,. 


stark gebessert 


n 


H. B. 


1 






28 


Kleptomanie 


5 ., 


aufgeklärt 


9.1 


G. S. 




1 


ohne Beruf 




Angathystcrio 


6 „ 


geheilt 


W 


M. K. 




1 


stntio 


35 


Sei. ErregiusL Paran. 


10 „ 


geheilt, gebessert 


W) 


F. S. 




i 


ohne Beruf 




Hysterie, Frigidität 


18 „ 


geheilt 


PI 


E. T. 


1 




Student 


24 


Nonrotiflcher Charakter 


3 „ 


gebessert 


?,1 


H. H. 


1 




Kapollineiater 




pseudolog. Phantast. 


3 


unverändert 


PI 


B. K. 


1 




Artist 


2e 


Neurotische Dspressiooeo 


s „ 


gebessert 


w. 


c. s. 


1 




Student 


22 


Zwangs nenrose 


4 „ 


geheilt 


20 


M. M. 


I 




Studeui 


23 


Angsthyat. Zwangsneurose 


3 „ 


gebessert 


Wl 


F. F. 




1 


ohne Beruf 


32 


Schwere Zwangsneurose 


8 „ 


unvoründert 


21 


J. K. 


1 




Scbrlflfit eller 


43 


Neurotischer Charakter 


B ., 


günstig beeinfluBt 


21 


M. 0. 




1 


ohne Beruf 


36 


Alkohol ism US 


3 „ 


abgebrochen 


21 


I,. Vt. 


1 




Student 


28 


Stottern 


4 „ 


wenig verändert 


20 


E. L. 




1 


ohne Beruf 


2B 


Hysterie 


9 „ 


geheilt 


31 


V. L. 




1 


ohne Beruf 




Angsthysterie 


2 „ 


abgebrochen 


21 


E. Z. 




1 


ohne Beruf 


SB 


Hysterie 


3 


wenig veriindort 


Kl 


M. W. 




1 


olmo Beruf 


25 


Hysterie 


2 „ 


günstig beeinflußt 


21 


W. R. 


1 




Student 




Psychische Impotenz 


1 


abgebrochen 


21 


H. B. 


i 




Beamter 


30 


Psyehog. Schwindel an fii IIb 




günstig beeinflußt 


K,^, 


*. 

















518 



Bericht über die Berliner Polikliuik 



Behandlung-sliste III. 

















Beliand- 










s 


Boruf 




Uiagnoäe 


lungs- 


Ergebnis 


i4 

-5 






^ 




< 


■ 


dauer 




21 


H. S. 






Kanfmann 


24 


Zwang'Bnenroso, Hb. 


20 Monate 


wesentlich gebcBsert 


•äi 


F. K. 






Student 


21 


Sadoniaaocliismus 


20 „ 


giinEti^ bCDinflnOt 


2U 


H. R. 






Sturieiit 


21 


Zwanifsncur. Impotenz 


20 


gebcaserl, nicht abjr. 


21 


H, H. 




1 


Kontorialin 


26 


Hyst. Infantil ismus 


11 „ 


wesentlich gcbcasort 


ai 


Jf. H. 






Mecha.iiikcr 


21 


Paranoide Melancholie 


4 „ 


gchesaert, Rückfall 


21 


F. H. 




l 


Ang;eatellto 


35 


Hyet. InfantilisinuB 


7 „ 


abgebrochen 


21 


W. W. 






Kellner 


26 


Angethysterio 


Ö » 


geheilt 


•ä) 


B. H. 






Referendar 


30 


Satyriusis 


s „ 


■QU VC rändert 


21 


K. U. 






MuBikor 


41 


AngHthysterle 


1 ., 


abgebrochen 


20 


A. S. 






Hauptmann 


40 


Paranoid 


' ,. 


abgebrochen 


20 


J. G. 






Arcliitukt 


32 


Psychische ImpotonB 


9 „ 


gebeBaort,abgchrochen 


2U 


E. G. 




1 


ohne Beruf 


bO 


Hysterie 


ao „ 


gehuBBert 


ai 


W. J. 






cand. med. 


21 


Stottern, Hysterie 


20 „ 


unverändert 


2Ü 


0. K. 






AngesteUter 


35 


Psychische Impotenz 


10 


unverändert 


2) 


K. B. 






Beamter 


62 


Ejacu). prnccox 


* „ 


■WBBenüich gefaesaort 


Ul 


H. V. 






Boztmtcv 


15 


Dr^prcssion a^aatändo 


B „ 


geheilt 


•ft 


E. B. 






Studenl 


23 


Paranoid 


ß „ 


a.bg üb rochen 



Behandlungsliste IV, 



l 

a 

1-3 



21 

21 
20 
20 
20 

20 
21 
20 
20 
20 
21 

21 

21 

21 

21 



S 



H, \K. 
H, S. 
W. R. 
H. W. 
E. R. 

E. K. 
I-. L. 

F. J. 

<;. H. 

F. G. 
H. P. 

s. w. 

N. S. 
K. S. 
P, S. 



Bcrul' 



Kontoriatin 
Maler 
ohne Beruf 
Schiller 
ohne Beruf 
ohne Beruf 
Maler 

Kaufmann 

Vork Rufer 

cand. med, 

ohne Beruf 
Angoatellter 
Monteur 



1 a j; n s o 



Konvoraionshysterio 

Zwangsonanie, Heiamg. 

Zwangsneurose 

Neu rot. Zwangehandetn 

Absencen 

Uemeutia praecox 

E rr eijn n gszu 8 tä nd e 

Neurose 

Kriegsneurose 

Neurotischer Charakter 

Krieeehystorie 

Nourot. Ex nnienH angst 

ZwangBcharafcter, Hyat. 

Angst u, lirregungezuBt, 

Kleptomanie 



Behand- 
lungs- 
dauer 



E r g « b n i s 



S Monate 

G 

1 

5 

2 

3 

5 

4 

3 

2 

3 

t! 
7 
2 



gebessert 

ivesentlich gebesaert 

abgebrochen 

wenig gehesBert 

gehesBcrt, goboilt 

□n verändert 

geheilt 

geh cB Bert 

unverändert 

abgebrochen 

gebessert 

günstig beeintlufit 

wesentlich gebeasort 

wesentlich gebeBsert 

abgebrochen 



Beriebt Über die Berliner Poliklinik 



519 



Bohandliingsliste V. 

















Behand- 




cd 


E 


"c 


ja 


Bornf 




Diagnose 


le ngs- 


E r t; b n i s 


■s 


CS 






< 




dauer 




21 


L. B. 






Schülerin 


IS 


Angsineurose 


12 Monate 


gebCBsert 


21 


H. B. 






Cttnd. med. 


21 


Neurotische Hemmangen 


9 


gebessert 


21 


H. F. 






Lehrerin 


40 


Angstnour. Hemmungen 


18 „ 


gebcBsert 


20 


F. G. 






AnReB tollte 


2i 


Angsthyst, Depression 


e ., 


geheilt 


21 


T. H. 






I'raktikaiilin 


« 


Nevirotiacho Depression 


6 Monate 


unverändert 


SO 


H. H. 






Stcnutyiiistin 


w 


Neurotische Hemmungen 


12 ,. 


geheilt 


20 


R. H. 






Ste nu typ i still 


2il 


Hysterie 


10 „ 


geheilt 


20 


H. L. 






Ilcbammo 


42 


Zwan^neurOBe 


2 .. 


geheilt 


20 


I. L. 






Schriftstellerin 


31 


Angsthysteric 


2 „ 


geheilt 


21 


N. L. 






ScliiKiidorin 


32 


Zwanj^neurosH 


i ., 


nn verändert 


20 


G. P. 






Angieatellto 


a? 


Paranoide Schiiophrenio 


B ., 


geheaaurt, Rückfall 


20 


M. S. 






Kontoriatin 


32 


Neurotische Hemmungen 


18 „ 


geb eilt 


20 


B. S. 






Bd&iiitin 


21 


AngBthystcrJo 


2* „ 


geh eilt 


21 


B. 8. 






ohiio Beruf 




Hysterie 


2 » 


Bnveränilert 


21 


G. T. 






LclirDrin 


30 


Zwanf^neurose 


a „ 


■wesentlich gebeaaert 


21 


N. V. 






ohne Beruf 


2(! 


Hysterie 


12 .. 


wesentlich gebessert 


22 


L. li. 






AnfifOfitellto 


23 


Psychop. Zwangagrüb. 


3 „ 


teilw. geb., n. nbg. 


20 


M. B. 






Buuintin 


38 


AnurslhyBtorifl 


2 » 


an verändert 


20 


H. B. 






Nühcrln 


33 


Hysterie 


2 .. 


nnvoründert 


20 


E. C. 






KonlorisKn 


25 


HyHl erie 


3 „ 


gebessert, RQckfall 


22 


N. F. 






An|;eB teilte 


45 


Hysterie 


3 ,. 


unveriLndert, n. abg. 


21 


H, F. 






Kindergärtn. 


21 


Zwangsneurose 


1 „ 


weacntlich gebesHOrt 


20 


N. G. 






olino Beruf 


30 


Herz neu rose, Hysterie 


2 ,. 


günstig beeinflußt 


21 


K. G. 






GyinnaHiftBlin 


15 


An^tfaysterie 


2 .. 


abgebrochen 


20 


D. K. 






ohne Beruf 


31 


Hysterie 


8 „ 


wesentlich gebessert 


20 


E. K. 






Gärtnnrin 


32 


Schizophrenie 


2 .. 


unverändert 


22 


H. M. 






ScliauBpiol<irin 


35 


Hysterie 


2 „ 


unverändert 


20 


F. R. 






Aiii^catcllte 


23 


Neurotische nepreasion 


2 


unverändert 


22 


H. S. 






Bounitin 


37 


NonroUsche Hemmungen 


2 ,. 


gebessert, nicht ahg. 


22 


C. T. 






obne Beruf 


45 


Neurose, Paranoid 


3 „ 


günstig boeinflnßl 


20 


E. V. 






Stenotypistin 


29 


Neurotische Hemmungen 


ß « 


gönatig beeinflußt 


2t 


F. Z. 






Lehrerin 


44 


Psychopathie, Paranoid 


3 „ 


unverändert 


21 


H. 0. 


1 




Gymnasiast 


15 


Angsthystcrie 


i » 


gebessert, geheilt 


20 


K. P. 






Ang'«atuUlo 


4Z 


Uepreesion, Perversitilt 


Ö „ 


geheilt 


22 


H. 8. 






Angostcllto 


24 


Hysterische Hypochondrie 


3 „ 


geh eilt 


21 


H. H. 






uhno Beruf 


50 


Hysterie, Kliin akt . 


* „ 


gebeaaert 


20 


H. B. 






Sphriflslellerin 


37 


Neurotische Depression 


3 


unvorfindert 


20 


A. Ci. 






uline Beruf 


41 


Hyuterie 


4 


gcbeeaert 


20 


L.. D. 






Anif estoll to 


17 


Neurose, Hyperthyr. 


3 ., 


ausgeblieben 


21 


S. h. 






Kindorfcürtn. 


28 


Zwangsneurose 


2 


wesentlich gebeesert 


21 


H. F. 






ohne Beruf 


55 


Hysterie 


2 „ 


wesentlich gehciBcrt 


21 


C. W. 






ohne Bcrnf 


48 


Hysterie 


1'/» „ 


ausgeblieben 

















520 



Bericht über die Berliner Poliklinik 



BehandlungsHste VI. 



22 
21 

21 
20 
20 
20 
21 
20 
20 
21 
21 
22 
21 
22 
21 
21 
31 
22 
22 
22 
22 
22 
20 
20 
20 
21 
20 



s 



H. B. 
W. G. 
K. G. 
E. L. 
M. B. 
H. F. 
M. H. 

E. M, 
O. K. 
L. B. 
G. S. 
M. R. 

F, B. 
J. V. 
P. J. 
K. K. 
E. K. 
A. S. 

E. K. 

F. D. 
E. S. 
E. M. 
R. G. 
E. S. 
H. N. 
K. K. 
E. L. 



Beruf 



Schaler 

Schiller 

Schülerin 

Kontoristin 

SchCIcr 

Angestellter 

rrarrcr 

Beamtin 

Kaurmaun 

ohne Beruf 

Ing-, asp. 

cand. med. 

Studentin 

Maler 

Statie 
Stutze 
Architekt 
obno Beruf 
Schmied 
Lehrerin 
Kunstgewerbe 
ohne Beruf 
ca.nd. med. 
ohna Beruf 
Lchrcri n 
Arbeiter 



D i a g u ü 9 



Neurotischer Charakter 

Kleptomanie 

Stottern 

DepressionszuiitÜnde 

Angsthysterio 

Epilepsie 

Z wanga n e uro B B 

Hysterie 

Latente Homosexualität 

Hysterische Weinanrdlle 

Hyst. Zwanj^fsnouroso 

Neurotische Hemmungon 

Neur. Hemmungszuatände 

Neurotische Hemmungen 

Kricg-soenrasc, epilept. 

Hyatorio 

Infantile Depressionen 

Potoniatörnngen 

Zwang'snearose 

Hcmmung-eu 

Angsthysterio 

Zwangs neuro so 

iic, Erregungazustündc 

tic nervcui 

Angsthysterie 

Hysterie 

Verminderte Potenz 



Baliand- 
lungs- 
daucr 



9 
2 
1 

2 
5 



4 
9 
2 
6 
e 

6 
4 
4 
2 
6 
2 
5 
4 
ß 
5 
2 



Monate 



Monate 



lü r g b n i 



wesentlich gebessert 

geheilt 

wesentlich gebessert 

leioht gebessert 

auBeebliehen 

unverändert 

wesentlich gebessert 

gebessert 

abgebrochen 

gebessert 

gebessert 

nicht abgesch lassen 

sehr gebessert 

abgebrochen 

unverändert 

gebessert 

gebessert 

unverändert, n. abg. 

gebessert 

abgebrochen 

wesentlich gebessert 

unveründert 

gebessert 

gebessert 

gebeesert 

gobesaert 

abgebrochen 



Statistik der Behandlungsdauer. 



Zeit 



Unter 3 Monaten 



Zahl 



3 — 6 Monate 



6—9 Monate 



9—12 Monate 
12—18 Monate 



Über IS Monate 



35 



49 



30 



13 



Zur psychoanalytischen Bewegung. 



Geschichte der Indischen Psychoanalytischen Vereinigung. 

Am 22. Jiiimer 1922 beriefen die Herren M. N. Baaerji, Dr. G. Böse, 
Dr. N. N. S. Gupta, H. Maiti und S, Mitra eine Versammlung in Kalkutta, 
Parsibagan U, ein, um die Gründung einer psychoanalytischen VereinigUDg 
zu erörtern und ihre Statuten auszuarbeiten. Außer den Genanntea waren die 
folgenden Herren erschienen: 

Rai Jaladhar Sen Hubadiir 

Mr. Gopeswar Pal, M. Sc. 

Mr. A. Miijumdar B. A-, B, L. 

Mr. R. C. Gbose, B. A- 

Dr. N. C. Milra, M. B. 

Mr. Govindchand Bora, B. A. ^ 

Capt. S. K. Ray, M. B., I. M. S. 

Dr. N. N, Sen Gupta wurde zum Vorsitzenden gewählt. 

Auf Ersuchen des Vorsitzenden setzte Dr. G. B ose die Ziele und Absichten 
der zu gründenden Vereinigung auseinander. Er führte aus, daß die psycho- 
analytische For3clning in Indien in wissenschaftlicher wie auch in therapeu- 
tischer Hinsicht die besten Resultate erhoffen lasse. Eine Behandlung psychischer 
Erkrankurgeu gJibe es bis jetzt so gut wie gar nicht und außerdem eröffne 
Indien dem Psychoanalytiker ein ungeheures Arbeitsgebiet mit seiner uner- 
schöpflichen Mannigfaltigkeit an sozialen und religiösen Sitten und Gebräuchen 
des verschiedensten Alters und der verschiedensten Herkunft und mit seinem 
Nebeneinander von Völkern auf allen Stufen der Kultur und Zivilisation. Der 
Widerstand, mit dem die Analyse in Indien zu rechnen habe, würde voraus- 
sichtlich eher von den einzelnen als von den sozialen Gemeinschaften ausgehen, 
da die religiöse Überlieferung der Hindus jede Prüderie bei Behandlung 
BCxiieller Fragen auBschliefle. Fast alle Komplexe, auf welche die Psychoanalyse i 

Licht geworfen hat, träten bei irgend einer der zahllosen religiösen Sekten 
Indiens imverhüUt in Erscheinung. Leider fehle es nur an Forschern und an 
Gelegenheiten zu gegenseitigem Gedankenanstausch. Dr. Böse führte ferner 
ans, daß im Jahre 1909, als er sich zuerst diesem Arbeitsgebiet zuzuwenden 
begann, der Name Freud in Indien noch so gut wie unbekannt war und 
kein anderer Arzt eich seines Wissens mit diesem Thema beschäftigte. Seitdem 
aber habe sich vieles günstig geändert. Das Interesse für die Psychoanalyse sei in 

ständigem Wachstum begriffen und eine beträchüiche Anzahl von Ärzten und ^ 

wissenschafthchen Forschern habe begonnen, der neuen Wissenschaft ihre ^J 



532 



Zur psychoanalytischen Bewegung 



M 



Aufmerksamkeit zuzuwenden. Im Jahre 1916 habe die Universität Kalkutta 
Seminare für experimentelle Psychologie mit einem Kursus über Psycho- 
pathologie eröffnet, im Jahre 1917 die Abhaltung von Vorlesungen Über Psycho- 
analyse begonnen. Im April 'des Jahres 1921 habe sich Dr. Böse mit Professor 
Freud und Dr. Ernest Jones in Verbindimg gesetzt, im Juli 1921 habe dann 
der Plan der Gründung einer psychoanalytischen Vereinigung in Kalkutta 
langsam Gestalt angenommen. Professor Freud wie auch Dr. Jones seien dem 
Projekt mit Sympathie gegenübergestanden; Dr. Jones habe vorgeschlagen, 
die Vereinigung als eine allgemeine indische entstehen zu lassen und außerdeni 
verschiedene wichtige Anregungen für die Ausarbeitung der Statuten gegeben, 
die in dem der Versammlung vorgelegten Statuteneniwurf Berücksichtigung 
gefunden haben. 

Nachdem Dr. Böse so den Zweck der Zusammenkunft auseinander- 
gesetzt hatte, wurde die Gründung der Vereinigung einstimmig beschlossen. 
Als Bezeichnung wurde der Name „Indische Psychoanalytische Vereinigung" 
(„The Indian Psycho- Analytical Sociely") festgesetzt. Das Ziel der Vereinigung 
solle die Pflege und Förderung der psychoanalytischen Wissenschaft in der 
von Freud begründeten Form sein, Hiezu sollen folgende Mitlei dienen : 

1. WissenschafUiehe Dislcussionen. 

2. Erleichterung wissenschaftlicher Arbeiten. 

3. Einrichtung von Vorträgen und 

4. Vorsorge für die Übersetzung der wichtigsten psychoanalytischen 
Arbeiten ins Englische und in die Volkssprache. 

Neun Mitglieder wurden autgenoninien. Dr. Böse wurde zum Präsi- 
denlen, Mr. Banerj! zum SekretSr, Dr. Sen Gupta und Mr. Bora zu 
weiteren Mitgliedern des Vorstandes ernannt. 

Ein formelles Ansuchen um Angliederung an die Internationale Psycho- 
analytische Vereinigung wurde an deren Präsidenten Dr. Ernest Jones 
gerichtet; im Mära 1922 langte die Verständigung von der vorläufigen 
Aufnahme in die Internationale Vereinigung an. Professor Freud und 
Dr. J n e s sandten ihre besten Wünsche für das Gedeihen der neugegründeten 
Gesellschaft. 

Die Vereinigung hat seif ihrer Gründung vier Zusammenkünfte abge- 
halten, in denen psychoanalytische Arbeiten vorgetragen und im Anschluß 
von den Mitgliedern erörtert wurden. 



Mitglieder Verzeichnis 
der Indischen Psychoanalytischen Vereinigung. (August 1922.) 

1. Girindrashekhar Böse, D. Sc, M. B., President, I. P. S.. 14, Parsibagan, 

Calcntla. 

2. Narendra Nath Sen Gupta, M. A-, Ph. D., Lecturer in Philosophy, and 

Lecturer in Charge of the Department of Experimental Psychology, 
Calcutta University. 11, Ghosh's Lane, Caicutta. 

3. Haripada Maiti, M. A., Lecturer in Philosophy and child and Educatiooal 

Psychology, Calcutta University. 8, Halsi Bagan Ed., Calcutta. 

4. Suhrit Ch.^ndra Mitra, M. A., Lecturer in Animal Psychology, Calcutta 

University, 16, Bhabanath Sen St., Calcutta. 

5. Gopeswar Pal, M. Sc, Lecturer in Experimental Psychology, Calcutta 

university, 7/1, Parsibagan, Calcutta. 



Zur psychoanalytischen Bewegung 



523 



6. Govlndehand Bora, B. A., Secretary, Jute Baiers' Association. 7/2, Hal- 

liday St., Caleiitta. 

7. Nibaran Chandra Mitra, M. B., Late Capt. I. M. S.. 46, Raja Dinendra St., 

Calcuttfl. 

8. Salya Kumar Kay, N. H., Captain, I. M, S.. 2, Amliersl St., Calcutta. 

9. Haridas Bh a 1 1 ac h ar y n, M. A., P. R. S., Reader in Philosophy, Dacca 

Universily. The Chiimmery, Ramna, P. 0. Dacca. 

10. Raagin Cbaudra H a 1 d a r, M. A., Lecturer in Psychology Patna Universily. 

B. N. College, Patna. 

11. Saraailnl Sarkar, M. A., M. B., Civil Surgeon. Maldah. 

12. Manmalha Nalh B a n e r j i, M. Sc, Secretary, I. P. S., Lecturer in Physio- 

logie»! Psychology, Calcutta University. 30, Tarak Chaterji Lane, 
Calcutta. 



Kasaner Psychoanalytische Vereinigung (RuGland). 

Sitzungsb ericht 

Die Kasaner Psychoanalytische Veieinigung hat im Herbst 1922 zwei 
Silzuu^en abgehalten. 

1 Am 7, September wurden xwei Vortrüge gehalten: 

1. A!. Luria: Der gegen (vär t ige Stand der Psycho- 
analyse, s 

Auszug: Die experi mentale ^Mosaik' -Psychologie, die nicht die 
Persanlicbkeit, sondern nur die eiazelnon Elemeute studierte, ist an ihre Grenze 
gekommen. Die Arbeiten der neuen Prfj'cbologen {wie es Professor Osw. Bumke 
in seinem Bericht Über die Psychologie und Psychiatrie — Klin. Woch. 1922, 
Nr. 5, konstatiert) wenden sich der Persönlichkeitsanalyse zu. Die Psycho- 
analyse ist eine von solchen Persön]ichkeils-{als Ganzen) analyse-Methoden 
und kann in dar letzten Zeit schon als klassisclie Methode beirachlet werden. 

Dr. H. Averbuch: Psychoanalyse ein es G eri chtsf alles. 
(Zur Konfiskation der Kirch enscLSIze in Ruiiland). 

Die Verstaatlichung der Kirchenschütze, die von der Räteregierung zur 
Bekämpfung der Hungersnot unternommen wurde, rief bekanntlich eine starke 
Unzufriedenheit in den Kirchen kreisen und unter den Gläubigen hervor. Das 
betreffende Dekret der Rifteregierung wurde von diesen Kreisen als eine neue 
Verfolgung der orthodoxen Kirche seitens der „gottlosen Macht der Juden" 
aufgenommen. 

Diese anfangs dumpfe und passive Unzufriedenheit verwandelte sich 
aber in einen taligen Widerstand, als Patriarch Tichon seinen Aufruf an die 
GlHubigen versandte, in dem er die Konfiskation der Kirchenschätze für eine 
Gotteslästerung erklärte und die Gläubigen zur „Verteidigung der Kirche" 
aufbot. Der Aufruf wurde zum Ausgangspunkt einer energischen Agitation 
gegen die Entnahme der Schütze und gegen die Räfemacht überhaupt, und 
fUhrto in einigen Fällen zu heftigen Zusammenstößen der fanatisierten Menge 
mit den Vertretern der Regierung. Diese Ereignisse wurden zum Gegenstand 
einer Reihe von Gerichtsverhandlungen. 

Besonderes Interesse verdient der Ende April 1922' zu Moskau statt- 
gefundene Prozeß gegen die Geistlichen Zabawon, Kedroff, Sokoloff und eine 
Anzahl anderer Personen, welche der Verbreitung des palriarchischen Aufrufes 



524 Zur psyctoanalytischen Bewegung 

und konterrevolutionärer Agitation beschuldigt waren. Unter den Angetdagten 
befanden sich einige Vertreter der Kunst und Wissenschafl, so: ein Professor 
der Medizin, ein Professor des Kriminalreehtes, ein Ingenieur, ein Student der 
technischen Schule und andere mehr. 

Es ist keine Alltagssache für russische Verhältnisse, dafl die sogenannten 
Intellektuellen sich der Kirchenangelegenheiten annehmen. Die Gleichgültigkeit 
der gebildeten Schichten der russischen Gesellschaft gegenüber der Staals- 
kirche ist eine bekannte Tatsache. Man solUe nur bedenken, daß diese Schichten 
einen seit Ende des XVIII. Jahrhunderts dauernden Kampf gegen das 
SeH)stherrschertum führten und daß sie immer in diesem Kampfe die orthodoxe 
Kttche an der Seite ihres Erbfeindes sahen. Eine starke religiösphilosophische 
Bewegung, die sich unmittelbar vor und besonders nach der Revolution 1905 
geltend machte, änderte kaum vieles in diesen Verhältnissen. Nur die Oktober- 
revolution vereinigte die verschiedenen bürgerlichen Parteien untereinander 
und mit der orthodoxen Kirche im Kampfe gegen die revolutionäre Macht 
der Sowjeten. 

Welche aber die sozialpoli lisch en Gründe dieser Verbrüderung sein 
mögen, in jedem Einzelfalle machen sich gewiß individuell psychologische 
Gründe geltend. In dieser Hinsicht sind die Aussagen eines der Angeklaaien 
im Moskauer Prozeß, Ingenieur B„ von einem ganz außerordentlichen Interesse 
Schon die dürftigen Zeilen eines Zeitungsartikels' bezeugen zur Genüge welch 
tiefe psych osexueüer Gründe ihn zur Verteidigung der heiligen Kirehengeräite 
bewegten. Profe.ssor B-, Ingenieur, Anhänger der energetischen Theorie, Ange- 
höriger der symbolistischen Dichterschule, Mitglied des Allrußliindischen Dichler- 
verbandes, wo er seinerzeit einen Vortrag über die mystische Bedeutung von 
Dantes Göttlicher Komödie gehalten hat, macht einen diirchans nervösen 
Eindruck, weint. 

.Meine Betätigung als Dichter- Symbolist" sagte er, „führten mich zu der 
Erkenntnis der tieferen Bedeutung der heiligen Symbole. Von diesem Stand- 
punkte aus, dachte ich, daß die heilige Energie des Symboles allein den 
innersten Grund jedes energetischen Wesens ausmacht. Das Symbol wurde für 
mich zur lebendigen Wirkliehkeif. Die heilige Symbolik der Kircheagerüte ver- 
wandelte sich für mich in den Urgrund der Dinge, Von diesem Standpunkte 
aus konnte ich nicht umhin, die onfologischen Folgen zu bedenken, welche 
sehr traurig für diejenigen ausfallen können, welche sich die unerlaubte 
Berührung dieser symbolischen Gegenstände gestatten werden." 

Die heilige Schale erscheint ihm als „der Schoß der heiligen Mutter 
Gottes, aus welchem der Leib Christi geboren wird, der allein den Urgrund 
jeder physischen Energie darstellt". 

Im Grunde genommen bedürfen diese Worte kaum einer näheren 
Deutung. Die Kirchengeräte sind für B. Sexualsymbole (die heilige Schale 
der Schoß der Mutter Gottes). Sie sind auch die Quelle der sexuellen Kraft 
(der Leib Christi ist der Urgrund jeder physischen Energie). Die unerlaubte 
Berührung dieser symbolischen Dinge führt zu traurigen ontologischen Folgen — 
dem Versiegen der sexuellen Energie. B. befürchtet für seine Mitmenschen 
dieselben Folgen der unerlaubten Berührung, an denen er zu leiden hat. 

In der Diskussion: Dr. Jurowskaja, P. Brodowsky, Dr. Friedland, 
M. Netschkina, AI. Luria, Dr. Rossiiansky. 



I Mark Krinitzky, Zwischen zwei Ufern, „Prawda", 9. Mai 1932, Nr. 101 (15J0). 



Zur psychoaualy tischen Beweguug 5^ 

2. Den 21. Okiober: 
1 AI. Luria:ZurP9ychoanaIysedßsKostümB, 

I Auszug: Die unbewußten Motive des Kostüms sind bei dem Weibe 

j und dem Manne verschieden. Die primitiven Motive, welche das Kostüm der 

Frau formieren, sind sexuell-passiver Art, beim Manne aber die sexuell (und 
sozial-) aktiven; die lypisch weiblichen Kostüme kljoDeo wir besonders in den 
Momeateu der Schwächung der Zensur, zum Beispiel dem Eamaval, dem 
Tanz, die lypisch mfinnlichen Kostüme besonders in der Armee, Revolution 
finden. Die Analyse des Kostüm.^ ist einer der Wege der psychologischen 
Symptomatologie. 

In der Diskussion: Brodowsky, Dr. Friedland, Dr. Friedmanii, 
Dr. Averbuch, Dr. Jurowskaja. AI, Luria, Schriftführer. 

Die Kasaner Psychoaaalytische Vereinigung wurde im Sommer 1922 orga- 
nisiert, Ihre Interessen liegen den theoretischen Problemen der Psychoanalyse 
und ihrer Anwendung auf dis Geist- und Sozialwissenschaften sowie auch 
' den therapeutischen nahe. Klirrfich hat sich die Kasaaer GeselischaEt auch 

mit der auf dem letzten Kongreß als offiziellen Ortsgruppe anerkannten Ver- 
einigung in Moskau in Verbindung gesetzt, 

Ihre Mitglieder sind gegenwiSrtig: 

R. A. Averbuch, Dr. med. 

R. I. Averbuch, PäiJagogin. 

M. R, Borok, Dr. med. 

P. K. Brodowsky, Stud., Pädagog. 
' M. O. l-'rjedland, Dr. med. 

G. M Gagajewa, Stud., Psychologe. 

M. A. Jurowskaja, Dr. med-, Psychologe, 

I. P. Krasnikow, Prof. d. Psychologie. 

E. I. Kurdjumowa, Dr, med. 

AI. R. Luria, Psychologe, PrJisideat der Assoziation für Sozialwisaenschaft, 

M. I, Ma.stbaum, Dr. med. 

M. W. Netschkina, Schriftstellerin, spez. f. Geschichte und Kunst. 

N, L, Rossiiansky, Dr. med. 

N. A. Werenzewa, Stud., Psychologe. 

Im Ärztlichen Verein zu Hamburg hielt am 20. Juli 1922 Dr. R. H, Foerster, 
Hamburg (Mitglied der berliner Ortsgruppe der Psychoanalytischen Vereinigung), 
einen Vortrag über die Psychopathologie der Angst. An Hand von 
Fällen an der psychoanalytischen Praxis wurde die psychische Struktur der 
Angst in ihren verschiedenen Äußerungsweisen aufgezeigt und interpretiert. 
Auf die Bedeutung der psycUoa na ly tischen Therapie wurde hingewiesen. Eine 
Diskussion fand unter reger Beteiligung statt Es wurden die üblichen Ein- 
wände gemacht, die teils als Widerstände sich zu erkennen gaben. Von der 
Hamburger Psychiatrischen Universitätsklinik sprach Professor Rittershaus 
für die Psychoanalyse; seine Rede wurde leider vom Vorsitzenden unter- 
brochen, als die gestatteten fünf Minuten verflossen waren. 

Von der spanischen Ausgabe der gesammelten Werke Prof, Freuds 
ist im Verlag der nBiblioteca Nueva*" Madrid, der zweite Band erschienen, 
der die drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, die fünf Vorlesungen über Psycho- 
analyse, die kleine Arbeit Über den „l'raum" und ^Jenseits des Lustprinzips" 
t enthält. 

Internat. ZelUcbr. f. Paycbuanalyao, VllI/4, g4 



■^r 



526 



Zur psychoanalytischeu Bewegung 



„Jenseits des Lustprinzip s" erschien in h o i I ü n d i s c li e r 
Sprache uuter dem Titel „Het Levensmysterie eii de Päycho-AniiJysc" (Verlag 
M. Querido, Amsterdam, übersetzt von Aiie Querido). 

Im Französischen {Verlag Payot, Paris) ist als zweiter iiand 
die „Psychopathologie des Alllagslebens" (übersetzt von Dr. JanlitSlevilsch) 
erschienen. 

Mercure de France (1. September 1922} bringt einen Artikel von 
Georges Dubujadous „Freud et son proeede sophisUque". 

Tschechische psychoanalyUsche Literatur 

(1918-1921). 

Das Verdienst, die tschechischen Ärzte naehdrücklicL auf die Bedeutung 
und den therapeutischen Wert der Psychoaualyse aufmerksam gemacht zu 
haben, gebührt vor allem Dr. Jaroslav Stuchlik, der in einer Reihe gründlicher 
Arbeiten und der psychoanalytiacheu Forschung gewidmeter Vorträge die 
Kenntnis der Neurosen Psychologie, der analyüschen Technik und der Hand- 
habung der Traumdeutung vermittelt hat.^ 

Seinen Bemühungen ist es auch zu danken, daß das Intecesse für eine 
psychologisch orientierte Richtung in der Psychiatrie immer mehr an Boden 
gewinnt und in dem Wunsche gipfelt, „an den medizinischen l^akiiltäten der 
tschecho-slowakischen Republik (etwa im Sinne der Bleulerschen Vorschläge) 
selbständige, gut dotierte Institute für medizinische Psychologie zu errichteu."- 

Zwei Jahre später wurde ein Vortrag veröffentlicht, der daa Tiienia ; 
„0 stavech podvSdomych a FreudovS psyehoanalyse (vom Unterbewußten [!] 
und Freuds Psychoanalyse) behandelt,^ Die Vortrageade gibt eine eingehende 
Würdigung der Entstehung und des gegenwärtigen Standes der psycho- 
analytischen Forschung und Therapie. In der anschließenden Diskussion wird 



' Vnrgl, st nnlililtä Anfaatzrcihe „O paychoanalyso" (Ober F'syulioanalyBc) im Jalirg. 1913 
des „Öttsopia coKkych lökatüv". An der Hand eines Kalles von sfliwcrer AiiKsf'iysti'no, bei 
doaEon aorBKiltii^Er Analyse Slutlilik bia zu den ersten Kliiderjaliren des Patiiiiüeji und bis 
zur Aufdeckung der Uraicne vordringt und den er vollkommener HeilunR nufüKron kounl.o, 
tritt er für den psychogenen Cliaraliter des liyMleriaehcii Symptoms, die Bodeutun;; des 
Ödipuskomplexes in der Ätiologie der NeuroHen ein und helifindelt auch Jen riilselbBttcn 
Vorg-ane der hysturischen Konversion. 

= Vergl. Dr. Kar] Hcrforl: „Psychologie a ISkarstvi". K reformi l<!kafskdlio studia, 
(PayeliDlogiy und Mediiiii zur Reform des ineiiizinisehen SEudiuras.) Casojiis c«Hkyol) Ii^kaMv, 
Jolirg. I'JIÜ, S. 30. In deii einführenden Worleu zu dieser .^ufeatireilie beruft »ieli Hprl'ort 
ausdrilcklicli auf die von Sluclilik erhaltime Anrcifuna;. Kurie Zeit durauf präzisiert Stuehlik 
Beine AiischauungDu auch der Kritik ffegcnübcrt „Das Wesentlirlie der Faychoaeu sind eben 
paychieche Störungen, die niclit auf snmatisciie luriickgeCührt iverden kliiiuen und die 
dalior vermittelst psycho logischer Methoden atmliert werden müBaen . . . Was nun die 
Psychoanalyse oder TiefonpsycholoE-Je koultrct belriltt, so slellt aio slcli nicht aul' den 
Standpunkt., daß es um absolute Wahrheiten gehe, fiondern vcrlcitt die Anöicht, dsD jene 
Methoden (d. i. die tiofenpsycholOKischen, wozu aaeli das Assozintionsoxpcrimunt uehürl) 
jedweden anderen empiriaohen oder oxpcrim enteilen Mi^lliodeii an Wert glüleh sind, gleich 
friiehtbar, wenn nicht noch ergebnisreicher sind -und daher auch gl eich berecht igt. Sie zu 
verurteilen oder zu verlachen ... ist entweder Beweis « issenschnniiclier KuriBichtifrticit 
oder Fuig'heit." — Die Idee eines psychologlecU (und ini engeren Sinne psychoanalytisch 
vertieften) klinlsehon Unterrichts hat inzwischen durch Prof. llr. Ol.to PÖtzl in Prag ihre 
Verwitklichung gefunden. 

= Erschienen in „Cyclus prednäsek lidake dusi" porädä jednola filOBoliekä" bv. l: 
Dr. B. Dratvovä : stavech usw. (Üyklus von VorfrHiren über die menschliciic Seele, 
veranstaltet ven der „Philoaophiechen Vereinigung", -1, Bä.) 



Zur psychoanalytischen Bewegung . 527 

mehrfach betont, daß die analytisch« Therapie, mit der so schöne Erfolge 
erzielt worden sind, hier viel zu wenig geübt werde. 

Zu erwähnen bleibt noch die Studie von .1. Vana: „K psyehologü mythu» 
(zur Psychologie des Mythus), und die Arbeiten von R. SouCek,- Viad. Hoppe^ 
und Fr. Hortvflt.* 

Wälirend Varia in der oben genannten Arbeit den Ödipuskomplex im 
Anschluß an Freuds und Ranks Forschungen bebandelt und die Ergebnisse der 
psychoanalytischen Forschung gegenüber den Anschauungen der Schul- und 
Bewußtseinspsjchologie verteidigt, stehen die beiden letztgenannten Arbeiten 
der Psychoanalyse ablehnend gegenüber. Hoppe, der die Entwicklung der 
tiefenpsychologischen Forschung nicht über „Traumdeutung" hinaus (1900) 
verfolgt zu haben acheint, glaubt Janet und anderen französischen Gelehrten 
die Prioritüt siehern zu müssen. 

Unser Überblick wdre unvollständig, wollte er nicht noch zweier wissen- 
BchafLlicher Publikationen in tschechischer Sprache gedenken, die in den 
letzten Jahren erschienen. In seiner Studie „Pnbuzenskö sflatky, jlch v^znam 
pro polomstvo a opravnenosf^ (1919) beruft sich Doz. Dr. KWeneck^ im 
Anschluß an die Ergebnisse der Freudschen Forschungen darauf, daß ein 
natürlicher Abscheu vor dem Inzest nicht bestehe und daß ein solcher erst 
sekundär nach Einsetzung der Inzestverbote aufgekommen sei, während sich 
die Inzestphantasie in die Dichtung und den ihr verwandten Traum geflüchtet 
habe. Die Schrift von Prof. Dr. Oltokar Fischer« hebt hauptsächlich die grund- 
legende Bedeutung der Ranksehen Forschungen für die Literaturpsychologle 
hervor und widmet der Psychoanalyse einen eigenen Abschnitt. 

Preisausschreibung. 

Auf dem VII. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß zu 
Berlin wurde von dem Unterzeichneten das Thema; Verhältnis 
der analytischen Technik zur analytischen Theorie 
als Preisaufgabe hingestellt. 

Es soll untersucht werden, inwiefern die Technik die Theorie 
beeinflußt hat und inwieweit die beiden einander geg-enwärtig 
fördern oder behindern. 

Arbeiten, welche dieses Thema behandeln, mögen bis zum 
1. Mai 1923 an die Adresse des Unterzeichneten geschickt werden. 
Sie sollen gut lesbar getypt und mit einer Aufschrift oder Motto 
versehen sein, während ein begleitendes Kuvert den Namen des 
Autors enthält. Die Sprache der Abfassung sei Deutsch oder Englisch. 

In der Beiu-teilung der eingesandten Arbeiten werden Dr. K. 
Abraham und Dr. M. Eitingon den Unterzeichneten unterstützen. 

Der Preis beträgt 20.000 Mark vom Wert der Kongreßzeit. 
Wien, IX., Berggasse 19. Freud. 

' ZoitHchrift „Kmen" 1921, S. SM fT. 

= „Paychoanalyaa" (Novo Atheneum) 1921, S. ft. 

» Kdo jost Tlastnfi pQvodcein psych oanalysy ? (Wer Ist eiK«nUich Schöpfer der 
Psychoanalyso ? Ruch fliosofickj 19ai, 

' StnchUkova psycho an alysa (StuchKks PaychoanaJyBB Casopls Eesk^ch IfkarAv 1919.) 

^ VerwandtschaftBohen, ihre Bedontang für die Nachkommoaachaft und ihre 
Berecbti(!'nne. 

Otiiiky literärnf paychologio (Fragen der Literaturpsycholoffie). Sammlung „dnoh a 
svßt" (Geist nnd Woll), Bd. 24. 

31« 



Korrespondenzblatt ; 

der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. 

Nr. 4 IK» i 

Berliner Psychoanalytische Vereinigung. 

ni. Quartalsb ericht. t 

In der Zeit vom Juli bis September 1922 fanden wegen der Ferien keine 
wissenschaftlichen Sitzungen statt; es wurden, die Vorbereitungen für den ' 

VII. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß getroffen, der vom 25. bis ^ 

27. September in Berlin tagte. 

IV. Quartalsbericht. J 

Im Monate Oktober hielt der aus Budapest berufene Dr. G. Röheim ) 

an der Poliklinik sechs Vorträge über „Psychoanalyse und Ethnologie". \\ 

Oktober. Geschäftssitzung: .■ 

Zur Stellvertretung des auf Urlaub befindlichen Schriftführers Dolrtor i 

M. Eitingon wurde cand med. W. Schmideberg bestimmt, der als 
Mitglied von der Wiener Ortsgruppe übernoramen wurde. ' 

Der jährliehe Mitgliedsbeitrag zur Internationalen Vereinigung wurde 
auf vier Goldmark festgesetzt. 

November. Kleine Mitteilungen: 

Dr. F. B o e h m : Theoretisches über Perversionen. [ 

Dr. E. S i m ra e 1 : Eine Beobachtung über das ^es" an einer Fehlleistung. 

Dr. J. Glover: Ein Fall von Alkoholismus. 

Dr. 0. Fenichel: 1. Die Libidoentwicklung im Traum. 2. Zur Angst 
vor dem Toten. 

Dr. I. Harnik: I. Zur Bedeutung der Uhr. 2. Der Einfluß der Analyse 
auf dritte Personen. 

Fräulein Schott: Sexualtheorien eines Kindes, 

Frau Dr. Bälint: Zum weibliehen Kastrationskomplex. 

14. Dr. I. Harnik: Das Zeitproblem. — Diskussion. 

28. Fortsetzung der Diskussion. 

Aus Leipzig erhielten wir die Nachricht, daß sieh unter dem Vorsitze 
des Herrn cand med. Voitel eine neue Vereinigung mehrerer kliniacher 
Studenten mit straffer Organisation zum Studium der Psychoanalyse 
gebildet habe. 



Korreepondenzblatt der loteruationulen Psychoanalytischen Vereinigung 529 

Im November— Dezember veranstaltete die Vereinigung folgende Kurse 
an der Poliklinik; 

1. Dr. Kall Abrabam: Einführung ia die Paychoanalye. I. Teil. Für 
Mediziner und Pädagogen. {Psychologie des Kindesalters, Trieblehre, Traum, 
allgemeine Neurosenlehre). (Hfirerzahl 75). 

Ferner für Fortgeschrittene: 

Dr. Hans Sachs: Die Perversiooen, allgemeiner Teil. (Härerzahl 18.) 

Dr. H. Lieberraann: Psychoanalytische Technik. (Rörerzahl 10.) 

Dr. C. Müller-Braunschweig: Übungen, Referate und Bespre- 
chungen von Schriften Freuds. Vorlesungen IK. Teil, allgemeine Neurosenlehre. 
(Hörerzahl 16.) 

Dr. Ernst Sirarael: Praktische Übungen zur Einführung in die psycho- 
analytische Therapie. 

Für das erste Quartal 19 23 sind folgende Kurse aagekündigl : 

1. Dr. Karl Abraham; Einführung in die Psychoanalyse, 11. Hälfte. 
(Spezielle Neurosenlehre.) 

2. Dr. Felix Boehm: Die Perversionen, spezieller Teil, 

3. Dr. Hans Sachs: Seminar: Probleme des Widerstandes und der 
Übertragung. 

4. Dr. H. Liebermann: Kliuisches zur psychoanalytischen Technik. 

6. Dr. C. Müller-Braunechweig: Seminar Über Freuds Schriften 
zur Ndurosenlehre. (Fehlhandlungen und Traum.) 

6. Dr. M, EiHngon und Dr. F. Simmel: Praktische Übungen zur 
Einführung in die psychoanalytische Therapie. 

7. Dr. Sandor Radö: Das Unbewußte. 
Berlin, am 1. Dezember 1922. 

British Psycho-Analytical Society. 

(Vierteljahrsbericht.) 

Die Vereinigung ist seit dem letzten Bericht zu fünf Sitzungen zusammen- 
getreten (vier Sitzungen ordentlicher und außerordentlicher Mitglieder, eine 
Sitzung ordentlicher Mitglieder). Sämtliche Zusammenkünfte waren gut besucht. 

In der Milgüedersilzung vom 21. Juni 1922 wurden folgende außer- 
ordentliche Mitglieder neu gewShlt: 

Dr. Josetine Brown: Pan's Field, Headley, Kants. 

Dr. Sylvia Payne, 57 Carlisle Road, Eastbourne. 

Dr. H, Torrance Thomson, 3 Hillside Crescent, Edinburgh, 

5. April 1922: Allgemeine Diskussion über verschiedene kleine Mit- 
teilungen : 

Dr. Jones berichtet einen eigenen Traum mit Deutung. Iq Bestätigung 
der Ansichten Dr. Abrahams über die Phantasie von der Rettung des Vaters. 

Dr. Bryan berichtet über das Versprechen eines Patienten wJJhrend der 
Analyse und macht eine kurze Mitteilung aus der Analyse eines Falles von 
Homosexualität. 

Dr. Stoddart eröffnet eine Erörterung über die Topographie der 
Verdrängung, 

3. Mai 1922: Prof. ClaparÖde wohnt der Sitzung als Gast der Ver- 
einigung bei. 



530 Korrespondenzblatt der IntematioDalen Psychoanalytischen Vereinigung 

Dr. J, Giover: „Über die Psychopathologie dea Selbstmordes.* 

Auszug : Der Autor bespricht den Selbstmordimpuls an Hand eines 
reichhaltigen Materials. J, Der Autor bestätigt Freuds Autfassung der Ichtriebe 
als Todestriebe, die durch den Wiederholungszwang genötigt werden, ihr Ziel 
auf komplizierten, stereotypen Umwegen zu erreichen. Das wirkliche Ziel der 
lebtriebe kann durch krankhafte Störung oder durch eine Regression aufgedeckt 
werden. Schwächen und MilJerrolge der Sexualtriebe (Lebenstriebe) spielen 
eine doppelle Rolle, indem sie dabei versagen, die Ichtriebe bei ihren Aufgaben zu 
erhalten und durch Gefährdung des Ichs bei Rüekstauung der Libido nach 
mißglückter Objektbe Setzung. 2. Primitive Völker können „willkürlich" sterben, 
bei Kulturvölkern bedeutet Selbstmord mehr als bloße Herbeiführung des 
Todes (als Zustand von Reizlosigkeit); der Selbstmord bedeutet offenbar immer 
die gleicbzeitige Befriedigung einer sadistischen Triebregung. 3. Erörterung 
der Entwicklungsstufen des Sadismus (invertierter Sadismus); der von Freud 
in seinem Aufsatz „Trauer und Melancholie" beschriebene Mechanismus, nach 
dem die sadistische Regung gegen die narzißtisch geliebte, dem eigenen Ich 
einverleibte, geliebte Person gerichtet wird, 4. Über die Möglichkeit einer Ich- 
regpession bis zu der Stufe, auf der das Kind noch keine Unterscheidung 
zwischen Ich und Außenwelt trifft und gegen das eigene Ich feindliche und 
sadistische Impulse richtet, die auf Unlustquellen in der Außenwelt gerichtet 
werden sollten. 5. Eine parallele phylogenetische Regression zu der Stufe, auf 
der Tiere (Ferenezi), auf Unlustreize autoplastisch mit Selbstverstümmelung 
reagieren, usw. 6. Über die Möglichkeit einer Reaktions weise auf Unlustreize, 
die Hlter wäre als Projektion oder latrojektion, nämlich Introjektion des 
unlustvollen Reizes zum Zwecke der Reaktion auf ihn. 7. Beziehungen dieser 
archaischen Keaktionsweise zu aggressiven oralen Trieb regungeti. 8. Über 
Geburts- und Todesphantasien, 9. Überdeterminier ung der Symbolik des Selbst- 
mordes. 10. Über die Möglichkeit einer unbewußten Voraussicht des Mißlingens 
beim Selbstmordversuch. 11. Über die Bedeutung der Selbstmordgebräuche 
(Harikiri), (Autoreferat.) 

17. Mai 1922; Diakussion über den Vortrag Dr. Glovers. 
21. Juni 1922: Dr. Jones: „Die Insel Irland." 

Dr. Jones führt aus, daß Irland wahrscheinlich wegen seiner besonderen 
geographischen Lage als Insel seit jeher als Muttersymbol gegolten hat und 
erörlert die Bedeutung dieser Auffassung für die Psychologie der irischen 
Politik. Die symbolische Gleichwertigkeit der Begriffe Insel — Jungfrau — 
Mutter — Mutterleib wird erörtert. Anschließend Diskussion über den Vortrag. 

VierteljährigerBericht. 

Generalversammlung. 

Die General Versammlung der ordentlichen Mitglieder der British Psycho- 
Analytica! Society wurde am i. Oktober 1922 abgehalten. 

1 In den Vorstand der Vereinigung werden wiedergewählt : 

Dr. Ernest Jones als Präsident, 

Dr. W. H. B. S t o d d a r t als Kassier, 

Dr. Douglas B r y a n als Sekretär, 

Mr. J. C. F I ü g e I als Vorstandsmitglied. 



Kon-espondenzblalt der lutemalionalen Psychoanalytischen Vereinigung 531 

Die folgenden, vom Vorstand vorgeschlagenen außerordentlichen Mit- 
glieder werden wiedergewiihlt : 

Dr. Mi tchell, Dr. Hart, Prof. Percy Nunn, Dr. Brend, Mrs. Forter, 
Dr. Davison, Dr. Jago, Dr. Wright, Dr. Culpi«, Dr. Thaeker, 
Dr. Ricknian, Dr. Smith, Dr. lierberl, Dr. McWattets, Rev. P. 
Cough, Mre. Walker, Dr. J. G i o v er, Dr. Rees Th o m as, Mrs. Br ierley, 
Dr. Herford, Mili Sharpe, Dr. E. Glover, Miß Saxby, Dr. Wilson, 
Dr. Josetine Brown, Dr. Torrance Thomson, Dr. Sylvia Payne. 

Die folgenden vom Vorstand vorgeschlagenen au 3 erordentlichen Mit- 
glieder werden zu ordentlichen Mitgliedern der Vereinigung gewählt: 
Dr. Mi tchell, Dr, Wright, Dr. Rickman, Dr. J. Glover, Dr. E. Glover. 

MHj'or Owen Berkeley Hill, Dr. Böse und Dr. Chuckerbutty 
treten aus der British Psycho-Analytical Society ans, um in den Verband der 
neu gegründeten Indian Psycho-Analylical Society einzutreten. 

Zu außerordentlichen Mitgliedern werden neu gewühlt : Dr. Warburton 
B r w Ji, Mr. James S 1 r a c h e y, Mis. S l r a c h e y und Mr. F. R. W i n t o n. 

Dr. Cole beantragt eine Abänderung von Punkt 11 der Statuten der 
Vereinigung. Der Antrag wird nach längerer Diskussion wieder zurückgezogen. 

Miß Low stellt den Anlrag, die Zahl der Vorstandsmilglieder nm eine 
oder um zwei Personen zu vermehren. Der Antrag wird nach kurzer Diskussion 
abgewiesen. 

Der Bericht dea Kassiers wird bestätigt. 

Der Sekretär erstattet folgenden Bericht ilber den Stand der Vereinigung: 
die Vereinigung besteht zur Zeit aus 17 ordentlichen, 26 außerordentlichen 
und 2 Ehrenmitgliedern. 5 neue ordentliche Mitglieder sind in der General- 
versammlung, 9 uene außerordentliche Mitglieder im Verlaufe des Jahres 
gewählt worden. 3 außerordentliche Mitglieder wurden nicht wiedergewählt 
1 außerordentliches Mitglied, Dr. Rivers, ist durch den Tod atisgeschieden. 
An dem Berliner Ifongreß haben 8 ordentliche und 7 außerordentliche Mit- 
glieder teilgenommen. Im Laufe des Vereinsjahres wurden 15 Sitzungen für 
ordentliche und außerordentliche Mitglieder, 6 Sitzungen für ordenlliche Mit- 
glieder und 6 Vorstandpsitzurgcn abgehalten. Die Teilnehmerzahl bei den 
Sitzungen betrug durchschnittlich 14 Mitglieder. 

Während des abgelaufenen Vierteljahres wurden keine weiteren Sitzungen 
abgehalten. 

Adressenänderungen : 

Dr. Ernosi Jones, 81 Harley Street, London, W. 1. 

Rev. P. Cough, S. Mark's Vicarage, 5 Abbey Road, London, N. W. 8. 

Dr. Stanford Read, 11 Weymonlh Street, London, W. 1. 

Dr. J. Ri ckm a D, 26 Devonahire Place, London, W. 1. 

Dr. H, Torrance Thomson, 13 Lansdowne Creseent, Edinburgh. 

Dr. Maurice Wright, Ö6 Brook Street London, W. 1. 

Adressen der neuen außerordentlichen Mitglieder: 
Dr. Warburlon Brown, 18 Queen Anne Street, London, W. 1. 
Mr, James Strachey, 41 Gordon Square, London, W. C. 1. 
Mrs. Strachey, 41 Gordon Square, London, W. C. 1. 
Mr, F. R. Win ton, 39 Fellow's Road, London, N. W. 3. 

Douglas B r y a n, Hon. Secretary. 



I 



532 Korrespondenzblatt der Intern ßtionalOQ Psychoanalytischen Vereinigung 

Magyarorszägi Pszichoanalitikai Egyesület 

(Fraud-Tärsasäg.) 

Sitzungsberichte aus dem Jahre 1922. 

m. 

11. Sitzung am 14. Oktober, 

Dr. S. Ferenczi: Referat über den VII. Psychoanalytischen Kongreß 
in Berlin. 

12. Sitzung am 28. Oktober, 

Dr. S. Hermann: „Die Grundlagen der klinstierischen Begabung, ina- 
besondere der dichterischen Begabung auf Grund von Kranlienanalysen mit 
Berufung auf Pef öfis Leben und Dichtung." 

13, Sitzung am 11, November. 

Dr. S. Hermann: Fortsetzung über „Die Grundlagen der künstlerischen 
Begabung . . ," 

Es werden die Gesichtspunkte entwickelt, nach welchen sich eine psycho- 
analytische Erforschung der speziellen künstlerischen Begabung zu richten 
hat. In Analogie mit den Grundlagen der zeichnerischen Begabung (starke 
Libidobetontheit der „Hand" und ein Infant il-nar7ißtischer Komplex der eigenen 
Schönheil respektive Häßlichlreit) wurden bei analysierten Dichtern einerseits 
eine starke Oralerotik — der Mund ist das adaquote ausübende Organ 
beim Dichter — andererseits ein „T o t e n k o m p I e x" (Lieben eines Lebendig- 
Toten im realen sexuellen Leben oder Geliebtwerden als Lebendig-Toter) und 
ein Seherkomplex (die Überzeugung von dem Voraussehen der Zukunft) 
vorgefunden. Der Totenkomplex wurzelt im Radismus und geht formell in 
den sprachlichen Ausdruck über, bedingt die Gewandtheitim sprachlichen 
Ausdrucke (das Wort hat ein ambivalentes Leben, es lebt und lebt auch nicht, 
es belebt das Unbelebte, Vergessene, geht aber sofort in die Vernichtung 
über) ; der Seherkomplex fußt in frühkindlichen Erlebnissen und bedingt 
formell die gebundene Form des Gedichtes (Wiederkehr im Gedanken- 
rhythmus, Versmaß, Reim), 

Das Vorhandensein dieser Teilbedingungen auch bei einem großen 
Dichter wird vermittels Beispielen aus Petöfis Leben und Dichtungen erwiesen. 
— Theoretisch wird auf die Wichtigkeit derPeripherprozesse, dann 
auf die Gestalteigenschaften der Libidoprozesse (Transponierbarkeit) und die 
libidinösen Grundlagen der Gestaltprozesse hingewiesen. 

An der Diskussion beteiligten sich : Szijägyi, Pfeiffer, Felszeghy, 
Feldmann, Eisler, Ferenczi. 

In Vertretung des Sekretärs: 
Dr. E. Radö-Rev6sz. 

Psychoanalytischer Lehrkurs für Fortgeschrittene In Budapest, 

Der Präsident der Budapester psychoanalytischen Vereinigung, Doktor 
S, Ferenczi, gedenkt unmittelbar nach den Osterfeiertagen ein Privafissimum 
aber Psychoanalyse für Fortgeschrittene zn hallen. Teilnehmerzahl beschrSnkL 
Vorlragssprache deutsch. 

Anmeldungen bei Dr. S. Ferenczi, Budapest, VI!., Nagydiofa utca 3/IL 



Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 533 

Nederlandsche VereenJging voor Psycho-Analyse. 

Inder Sitzung vom 14. Jänner 1922 im Haag hesiniicli 
Dr. J. Knapp er t die Arbeiten eines Malers, den er eine Zeit hindurch 
analytisch beobachten lionnte. Seine Zeichnungen und Malereien erwecltten 
sofort den ISindruck plastischer Träume. Die Analyse bestätigte diese Ver- 
mntnng und zeigte, daß die küu-stlerischen Produktionen tatsächlich dem 
verhüllten symbolischen Ausdruck seiner Gedanken dieclen. 

In der Sitzung vom 18. Februar in Auiaterdam brachte 
Dr. A. van der C h i j a einen Beitrag zur Kenntnis der Bedeutung 
von Inzest und InfantilismuB in der Malerei. Es handelt sich 
um die Arbeiten eines anderen Malers, den er längere Zeit hindurch behandelt 
halte. Auch hier gaben die Zeichnungen und Malereien den Konflikten des 
Künstlers deutlichen Ausdruck. Er selbst hatte während der Arbeit gewöhnlich 
keine Kenntnis der in ihr verborgenen Bedeutung; erst durch die Analyse 
wurde ihm diese bewußt. 

In der gleichen Sitzung berichtete Dr. van Ophuijsen über die 
Analyse eines „sinnlosen" Liedes, das ihm von einem Literaten mitgeteilt 
worden war. Es ataramte aus der Liedersammlung eines Vereines von 
Absliuenzlern; sein Inhalt bestand in einer in seemiinniachen Ausdrücken 
gehaltenen symbolischen Beschreibung des Sexualaktes. 

Dr. J. Varendonck besprach den von ihm eingeführten Begriff des 
, duplizierenden Gedächtnisses*. Er zitiert als ersl&s Beispiel B r e u e r ,s 
bekannte Patientin, Anna O., die lungere Zeit hindurch die Ereignisse des 
vorhergehenden Jahres in der Erinnerung wieder durchlebte. Dr. Varen- 
donck führte aus, daß diese Art der Wiederholung auch bei Normalen eine 
große Rolle spiele und er selbst oft in Gedanken Erlebnisse wieder durch- 
mache, die ihm in einer vergangenen ähnlichen Situation zugestoßen seien. 
Weitere Beispiele wurden angeführt. 

In der Sitzung vom 25. März im Haag feierte der Präsident in 
einer Ansprache den fünfjährigen Bestand der Vereinigung. Er gab einen Über- 
blick über die Tätigkeit der Vereinigung in diesem ersten Lustrum. Bei 
Besprechung der Vorgeschichte der Bewegung hob er hervor, daß die Gründer 
der Niederländischen Vereinigung schon seit dem August 1913 zu zwanglosen 
Diskussionsabenden zusammengekommen waren. 

Dr. F. V. Mulier hielt ein Referat Über Freuds „Jenseits des Luat- 
prinzips". Im Ansciduß darauf fand eine lebhafte Diskussion statt; August 
Stürckes Beitrag folgt als Autoreferat: 

Stilrcke hält diese letzte Arbeit Freuds für äußerst wichtig; darum 
solle man nicht zu bald mit seinem Urteile darüber fertig sein, sondern sich 
erst rein rezeptiv einstellen und die neuen oder fremdartigen Thesen auf Bich 
einwirken lassen. Persönlich habe er vorläufige Bedenken gegen die Identität 
von Libido und Lebenstrieb, 1914 habe er ausgesprochen, daß der Lusttrieb 
mit dem Todestrieb identisch sein müsse und nicht umgekehrt, wie Freud 
es hier darstellt. S. hält noch immer an seiner damaligen Meinung fest. Bei 
der Fortpflanzung ist nicht nur die Libido, sondern auch der Ichtrieb mächtig 
beteiligt. In den ersten denkbaren Entwicklungaslufen ist die „Libido" die 
Nachwirkung von Reizen (Zusammenstößen), die den Zusammenhang des 
Primürweseus lockern, der Ichtrieb dagegen die Anziehung, welche die bewe- 
genden Teilchen zu einem Individuum zusammenfaßt. Die erste Libidobefrie- 



1 



534 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

digung ist das Zerplatzen der Mikrobionlen, der Tod. Das unterscheidende 
Kennzeichen der Lebensmöglichkeit eines Mulekills ist eine solche Dimen- 
sion, daß es eine gewisse Anzahl von Reizen (Zusammenstößen) aufnehmen 
kann, ohne zu platzen. Auf einer folgenden Stufe ist eine Vorrichtung da, um 
die Libido von ihrem ersten Zweck abzuleiten. Statt den ganzen Organismus 
platzen zu lassen, wird nur ein Teil dazu bestimmt, der dann abgestoßen 
wird; damit ist das Prinzip des S'toffwechsels gegeben. Dieser ver- 
brennende Teil hält die primitivste Libidobefriedigung fest. Auf noch spilteren 
Stufen wird der abgestoßene Teil so groß, daß er ein selbständiges Dasein 
fuhren kann. Das wird vor allem beim symmetrischen Bau des Moleküls 
der Fall sein. In den Prozessen, welche zur Fortpflanzung führen, finden 
wir das Abstoßen dergleichen mit primitiver Libido geladener Teilchen wieder. 
Die Sinnesorgane entwickeln sich als Organe, dazu bestimmt, um die Reiz- 
barkeit, welche die libidinöse Spannung zu rasch erhöhen würde, bis zum 
brauchbaren Minimum abzudampfen. Hier komme ich mit dem Freud sehen 
Begriffe des „Reizschutzes" in Kontakt, welcher Begriff einer der großartigsten 
umfassendsten und fruchtbarsten Gedanken des „Jenseits" ist Dieses Buch 
ist wiederum ein Meilenstein, wie die .Drei Abhandlungen". Wenn Freud 
Sachen ausspricht, die'uns fremd vorkommen, hat er dafür gute Gründe. Darum 
befrachtet S. seinen Einspruch als einen vorläufigen und erachtet ein Wieder- 
uufaehmen der Aussprache nach geraumer Zeit, zum Beispiel einem Jahre, für 
notwendig. 

Im September übersiedelte Dr. van p h u i j s e n nach Berlin und 
mußte daher seine Steile als Kassier aufgeben. An seine Stelle wurde Doktor 
A. van der C h i j s zum Kassier gewählt. 

Im November wurde Dr. Simon Weyl als ordentliches Mitglied auf- 
genommen. 

Sitzung am 11. Juni in Amsterdam. 

Aug. Stäreke: Ein noch nicht beschriebenes Symptom 
bei Depressionszustünden. Bei zwei Kranken mit Depressions- und 
Angstzusländen stellte Vorfragender bei Klagen über Beklemmungen als 
objektiven Befund einen starken Luflgehalt des Bauches fesf, während die 
Kranken fortwährend Schluckbewegungen machten. Er betrachtet dieses 
Symptom als eine Rückkehr zur Ärophagie des Säuglings. Es bestätigt die 
geniale These Abrahams, die Fixationsstelle der Libido in der manisch- 
depressiven Psychose befinde sich im ersien prägenitaleu, im oralerolischen 
oder kannibalistiscben Stadium. Auffallend hiiufig fand Vortragender in der 
Geschichte dieser Kranken, daß sie abnorme Erfahrungen beim Saugen im 
ersten Lebensjahre gemacht halten. Dieses Symptom, das Luflaehlucken, ist, 
von Seite der Libido betrachtet, eine Regression zur Oralerotik; von Seite der 
Ichtriebe betrachtet, ist es eine Regression zum Stadium der rhythmischen 
Wiederholung. 

Aug. Stäreke: E i n B r a u 1 1 i e d. Ein bekannter Schriftsteller dichtete 
für die Hochzeit eines gebildeten Mädchens aus guter Familie ein Braullied, 
in dem sich hinter scheinbar unsinnigen Neologismen eine durchsichtige 
Genitalsymbolik verbirgt. Es wurde von den anwesenden Mädchen mit Vor- 
liebe gesungen und sie stellten sich nur teilweise, als verstünden sie ea nicht- 
Dieses Benehmen gibt in mancher Hinsicht viel zu denken. 

Aug. Stäreke: Klassizismus. Während wir durch Freud und 
Rank wissen, daß in der Romantik miichlige, objekt-erotiscbe Faktoren, 



Korrespouclenzblait der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 535 

besonders von positiv und negativ inzestuösem Charakter das Kunstwerk 
beseelen, ist der Klassizismus viel weniger erforscht. Vortragender weist im 
Klassizismus neben einem primitiv religiösen Kern Autoerotik, aus ver- 
schiedenen Körperzonon stammend, nach. Der oralerotische Anteil ist besondere 
stark ausgebildet und mit der Neigung zum Systematischen und der Freude 
an Konstruktion und Material verwoben. Dann schließt er Betrachtungen an 
Über das Wesen und die Beziehungen von religiöseu, ästhetischen, ethischen 
und logischen GefUhlen. 

Sitzung am 8. Juli im Haag. 
Dr. H. Varendonck: Unbewußter Symbolismus aul 
ästhetischem Gebiet. 

Dr. .1. H. van der Hoop: Drei Träume von Patienten. 

AdressenJi nderungen: 
Dr. A. Endtz, Anstalt Ond-Rosenburg Loosduinen. 
Dr. J. H. W. vnn OphnijseD, Sybelstraße69,II.,Berlin-Ch8r)ottenburg4. 
Dr. Simon Weyl, Onde Delft 68, Delft. 

Dr. Adolph !•'. M e i j e r, SekretSr. 



Wiener Psychoanalytische Vereinigung. 

Generalversammlung am 18. Oktober 1922. 
Tages Ordnung: 

J. Rechenschaftsbericht. 

2. Neuwahlen. 

3. Kongreßbericht. 

4. Vereinsprogramm. 

5. Mitgliedsbeiträge und Zeitschriften- Abonnement. 

6. Poliklinik und Kui-se. 

7. Referat enwesen, 

8. Statutenänderung. 
fl. Neuaufnahmen. 

Ad 1. Dr. Nepallek gibt den RecbenachaftsbericUl als Kassier Ober 
das abgelaufene Vereinsjalir, welcher nach Revision durch Dr. Federn 
genehmigt wird. 

Ad 2. Dr. Hitschmann legt mit Rücksicht auf seine Funktion als 
Leiter der PoHldiaik seine Stelle als Obmann Stellvertreter nieder; ebenso 
Dr. Reik, der die Zentralstelle für psychoanalytische Literatur leitet, seine 
Stelle als zweiter Sekretär, Auf Vorschlag von Dr. Hitschmann werden 
dann Dr. Rank zum Ofaniannstellvertreter, Dr.Federn und Dr.BernfeJd 
zu Sekretären neugewählt. Die Wahl des Ausschusses ergibt somit folgendes 
Resultat: Obmann Prof. Freud, Obmannstellvertreter Dr. Rank, Sekretäre 
Dr. Federn und Dr. B e r n f e 1 d, Leiter der Poliklinik Dr. H i t s c h m a n n, 
Bibliothekar Dr. Reik, Kassier Dr. Nepallek. 

Ad 3. Frau Dr. Deutsch berichtet über den Berlinar Kongreß und 
versucht, die Fortschritte in bezug auf die Theorie und die Bewegung 
zuBammenzufaBsen. 



536 Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

Ad 4. Dr. Reik bespricht das Vortragsprogramm für die nSchete Zeit 
und leilt mit, daß Vortragsanmeldungen vorliegen von: Silberer, Reicli, 
Reik, Frau Deutsch, FrÜuIein Teller, Hoffer, Pr. Kempner. 

Ad 5. Dr. Nepaliek schlägt vor, den Mitgliedsbeitrag mit KiO.OOO'— 
jähtlich fesf zusetzen. — Storter teilt de» auf Grund des neuen Kalkulations- 
modus festgesetzteu Abonnementsbeilray flir die Zeitscbriften mit. Beide 
Vorschläge werden angenommen, ebanso ein weiterer Vorschlag auf Trennung 
des Mitgliedsbeitrages vom Zeitschriflenabonnement, welches nach dem 
jeweiligen Preiaschlüssel vom Verlag direkt eingehoben wird, 

Ad 6. Dr. Hitschmann gibt einen kurzen Berieht über die Tütigkeit 
der Poliklinik und kündigt die ersten Kurse an, die anfangs November beginnen 
sollen: „Einführung in die Psychoanalyse" von Dr. Hitscbmann, und ein 
Spezialkurs „Was muß der praldisehe Arzt von der Psychoanalyse wissen?" 
von Herrn Dozenten Dr. Deutsch, Weitere allgemeine sowie spezielle Kurse 
sollen folgen. 

Ad 7. Dr. R e i k berichtet über das Referaten wesen der Zeitschriften 
und die Neuorganisation der Jahresberichte über die „Fortschritte der Psycho- 
analyse". 

Ad 8. Dr. Nepaliek stelll folgenden Antrag: Die Versammlung wolle 
beschließen, daß die Statuten der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung dahin 
geändert werden, daß 1. im §3, PL;nkt 2, das Wort „unentgeltliche" zu entfaüen 
habe; 2. daß in § 4, Absatz 2, die Worte von „zehn Kronen" durch die Worte 
,in der jeweils festgesetzten Höhe an die Internationale Psychoanalytische 
Vereinigung" ersetzt werden; 3. daß in §9, Absatz 3, die Worte „vier Mitglieder" 
durch das Wort „Stimmengleichheit* ersetzt werden. Der Antrag wird 
einstimmig angenommen. * 

Ad 9. Zum Mitglied wird gewählt: Herr August Aichhorn, St. Andrä 
a. d. Traisen bei Herzogenburg (Nied erÖsterreich 1, Jugendheim der Stadt Wien 
(Adressenänderung: Dr. Wilhelm Reich, Wien, XIX/I, Scheihengasse 1/3). 

Die Absendung eines Dankbriefes an die Berliner Psychoanalytische 
Vereinigung wird einstimmig beschlossen. 

Als ständige Gäste wurden zugelassen: Herr Dr. Bibring, Fräulein 
Dr. de Groot, Herr Dr. Hill, Herr Dr. Hoffer, Frl. Dr. Sapas. 

Sitzungsn: 
1. November 1922. 
Vortrag Herbert Sil berer: Beobachtungen an Träumen. 

Es sollen Beobachtungen, die die praktische Beschäftigung mit Träumen 
mit sich gebracht hat, anspruchslos mitgeteilt werden. In einer gewissen 
Richtung dürfe der Stoff etwas Neues bieten. Es handelt sich hauptsächlich 
um die in Träumen auftretenden Zeichen des Verhältnisses des Patienten oder 
Analysierten zu der Analyse und dem Analytiker, Ich habe vor ungefähr 
14 Jahren in der Symbolbilduug eine funktionale Klasse von der raatetialen 
geschieden. Zu allererst habe ich die Symbolbildung beider Art an jenen 
primitiven autosymbolischen Phänomenen beschrieben, die zwischen Wachen 
und Schlaf auftreten. Es handelt sich jedoch darum, daß ab Grundlage für das 
funktionale Phänomen alles in Betracht kommt, was zum psychischen Status 
oder zu dem psychischen Kräftespiel (Funktion) gehört. Immer bestimmter 
lallt mir auf, daß die funktionale Symbolik mit großer Regelmäßigkeit auftritt. 



Korrespondenzblatt der Internationalen Psychoanalylisclien Vereinigung 637 

Ich bin geneigt zu glauben, nicht die funktionale Symbolik, eondern ihr Fehlen 
sei die Ausnahme; und es tragt sich dort, wo man sie nicht bemerkt, ob sie 
denn wirklich fohle; und ob es nicht aus prinzipiellen Gründen richtiger wäre, 
sie auch dort zu vermuten. 

Ich habe es für praktisch befunden, alle jene verbildlichenden Phänomene, 
natürlich auch jene Träume, welche den Zweck einer Selbstdarstellung oder 
Solbstbespiegelung zu verfolgen scheinen, gleichviel wie man die materinlen 
und die funktionalen Anteile in ihrem Kontext aneinaoder abmessen mag, 
durch den Ausdruck „enoptrisch" zu kennzeichnen. Enoptrische Träume oder 
wenigstens TrJinnie mit stark enoptrischem Einschlag sind recht hflutig 
anzutreffen. Daß im enoplriechen Einschlag der funktionalen Symbolik eine 
wichtige Holle zukommt, versieht sieb von selbst. 

Ich mußte diese Erörterung von „funktional" und .enopirisch" voraus- 
schiclien, nicht weil vielleicht das folgende sich speziell damit betaßt, sondern 
weil jene Üegriffe darin öfters zur Anwendung kommen werden. 

An vielen kflrKeren uud lungeren Beispielen zeigt der Vortragende Fälle 
von Darstellung des Widerstandes und ÜbertragungsverhüUnisses im Traume. 
Er erwithnt, daß sich zur Auffindung der geschilderten Beziehungen im Traum 
kaum bestimmte Hegeln geben lassen. Immerhin seien jedoch für den durch 
die Analyse geschaffenen seelischen Zustand oder Prozeß sowie für den Vor- 
gang der Analyse einige typisclie Bilder anzutreffen, und zwar : das Haus im 
Bau ; ein Hin- und Herwerfen oder dergleichen ; Waschen, Kampf ; speziell für 
ablehnende Erscheinungen (Widerstand) : Verschluß, Mauern ; Flucht. Für 
Teilungen der psychischen Schanplfitze : Bühnen. (Gekürztes Autoreferat.) 

Aus der Diskussion: Dr. Ollo Kank hatte den Eindruck, daß der Vor- 
tragende die Diirslellurgen des Verhältnisses zur Analyse im Traum als 
funktional" antfassen möchte, wozu nicht der geringste Anlaß vorliege, da es 
sich in allen von Silbercr mitgeteilten Beispielen um reine Inhallsdaratellungen, 
wonngleich von Gedanken- und Gefühl sin halten handelt. Man könne doch 
nicht jede im Traum geäußerte Einstellung des Unbewußten zur Analyse 
deshalb, weil sie unbewußt sei, „funktional" nennen. Noch weniger gehe es 
au, das auf die Analyse Bezügliche, als „anagogisch" aufzufassen, was der 
Vortragende zwar nicht expressis verbis getan, aber in gewundener Umschreibung 
als möglich angedeutet hatte. Der Vortragende hStle seinen eigeuen Begriff 
des funktionalen Phänomens verwässert und entwertet. Da aber der Vortragende 
auf die gleiche Einwendung des Vorredners (Dr. Bernfeld) richtiggestellt habe, 
daß er diese Darstellungen des VerhiiUnisses zur Analyse keineswegs im 
Sinne des funktionalen Phänomens auffasse, so würde sich eigentlich jede 
Diskussion erübrigen, da wir den Deutungen des analytischen VerhiiUnisses 
in den TrKuraen der Patienten läglieh begegnen und sie uns daher völlig 
geliiufig seien. Den einzigen Wert der Arbeit könnte man nach ihrer Richtig- 
stellung durch den Vortrugenden darin erblicken, daß er versuche, eine Reihe 
typischer Darstellungen der analytischen Situation zusammenzustellen. Aber 
auch dies sei gerade bei den rein individuell determinierten Übertragungs- 
und Widerstandsphilnomencn am wenigsten fruchtbar, weil ihre Zahl ja im 
Gegensatz zu den wenigen typischen (echten) Symbolen unendlich sei. 

ID einer größeren Diskussionsbemerkung stellt Rank fest, daß er dem 
Vortragenden zunächst die meisten der in bezug auf seine Deutungstechnik 
erhobenen Vorwürfe gar nicht machen würde, sondern daß es sich nur um 
das rein theoretische Problem liandle, ob die mitgeteilten Beispiele den Satz 



538 Korrespondenzblatt der Internationalen Psyehoanalytisehen Vereinigung 

beweieen, den der Vortragende seinem Material vorausgeschickt hatte: Daß 
nämlich die funktionale Symbolik sich in jedem Traume finde. Redner kQnne 
nur wiederholen : nach seinem Eindruck sei dies nicht in einem einzigen 
Beispiel der Fall gewesen. Da der Vortragende aber nachträglich richtigstellte, 
daß er mit seinem Maferial diesen Satz gar nicht beweisen wollte, so müsse 
man konstatieren, daß der Vortrag unter falscher Flagge segelte. (Autoreferal). 

15. November 1922 ; Vortrag Dr. Wilhelm Reich: Grenzen der Erinnemngs- 
tfitigkeit in der psychoanalytischen Kur. 

Es wird die Frage behandelt, warum der Prozeß, weicher zur Bildung 
der Deekerhinecung geführt hat, in den meisten Fällen nicht umkehrbar ist, 
das heißt der Kern des Verdrängten in der Analyse nicht mit Erinnerungs- 
gefiihl auftaucht, sondern rekonstruiert werden muß. Handhaben der analy- 
tischen Therapie sind das Erinnern und Überfragen als vorbereitende, das 
Agieren (eventuell Abreagieren) und Verstehen auf dem Wege inneren Wissens 
als eigentlich heilende Momente. Mit fortschreitender Analyse versiegen die 
'Wirklichen Erinnerungen immer mehr, das Agieren und Verstehen der 
Zusammenhänge nimmt immer größeren Kaum ein. Was von verdrängtem 
Material nicht erinnert wird, erscheint zum Teil in Form der Übertragungs- 
aktion, aber sowohl Erinnertes als auch Agiertes muß in seinen Zusammen- 
hängen mit Überzeugung veraianden werden. Die Aktion fördert die Über- 
zeugung wegen ihrer hervorragenden Plastizität mehr als das bloße Erinnern. 

— Die psychologische Analyse des ft'eien Einfalls des D6jä-vu nad der will- 
kürlichen Erinnerung zeigt, daß am Zustandekommen dea Erhmernngsgetühls 
im wesentlichen zwei Faktoren beteiligt sind : 1. Zusammenklingen von 
Besetzungen verschiedener psycliischer Systeme (Bewußtes und Vorbewußtes 
oder Vorbewuflfes und Unbewußtes) ; 2, Vorhandensein eines Gegonwart- 
bewußtsein, das die Bezogenheit von Vergangenem auf Gegenwärtiges möglich 
macht. Nur im Dejä-vu ist es der Fall, daß Verdrängtes ein Erinnerungf^gefühl 
mobilisiert. In der psychoanalytischen Behandlung wird immer nur die 
npsychische Oberfluehe", das momentan Vorbewußte analysiert. Damit absolut 
Verdrängtes mit Erinner uogsgefühl auftauchen kann, muß die Urszene selber 
vorbewußt werden. Dies ist aber nie der Fall. So ott ein vorbewußter Ver- 
treter des tlrverdrilngten bewußt gemacht wird, wählt dieses sufort einen 
neuen Vertreter in Form irgend eines an sich gleichgültigen Erlebnisses oder 
eines Überfragungsmomentes. Die Analyse erschöpft sieh schließlich am 
Bewußtmachen der Vertreter. Eine Analyse kann als gelungen bezeichnet 
werden, wenn sämtliche Vertreter bewußt werden und der Kern des 
Verdrängten rekonstruiert wird. An die Stelle des verdrSuglen Kernes ist 

— dynamisch — das Symptom getreten, an Stelle des Symptoms tritt letzten 
Endes durch Analyse des Erinnerleu und Agierten das mit Überzeugung 
gewonnene Verständnis. Diese Irreversibililät der progredienten Entwicklung 
steht in Analogie zur Unumkehrbarkeit biologischer Prozesse, zum Beiepiel 
der Rudimentbildung (Processus styloideus als „Deckerinnerung" des „biologisch- 
verdrängfen" Kiemenbogens) oder der Automatisierung komplizierter moto- 
rischer Aktionen. Auch im Bereiche des normalen Seelenlebens muß die 
einzelne Erfahrung in der Versenkung verschwinden und der dem gesamten 
Erinnerungsschatze entwachsenden Intelligenz Platz machen. (Autoreferat.) 

Aus der Diskussion: Dr. Siegfried Bernfeld ist der Ansicht, daß 
wir keinen Grund haben, die Unmöglichkeit der Erinnerung als theoretisches 
Postulat hinzustellen, Reproduktion mit und ohne Erinnerungsgefühl ist 



1 



Korrespoodenzblfiti der InterDationalen Psychoanalytischen Vereinigung 539 

prinzipiell das gleiche, wenn therapeulisch auch ein Unterschied besteht. Das 
Eintreten des Erinnerungsgefühls dürfte vor allem abhängig sein vom Ich, 
bezw. dem Umstand der verdrängenden KrÄfte, Das Erinnerungsgefühl 
bleibt andauernd aus, wenn zwar die Verdriingang weitgehend aufgehoben 
ist, aber nicht vüliig, so daß die volle Aufnahme des VerdrJinglen ins Ich 
nicht erfolgen iiann. (AutoreferaL) 

Dr. Foltschaner weist darauf hin, daß sich ein deutliches Erinnerungs- 
gefühl einstellt, wenn ein großer Widerstand plötzlich überwunden wurde. 

(Autoreferat,) 

5. Kurse. 

Die folgenden Kurse wurden in der Berichtsperiode abgehalten, be^.w. 
begonnen: 

Dr. Hitschmaun: Einführung in die Psychoanalyse. 

Dozent Dr. DeutBCh: Was muß der praktische Arzt von der Psycho- 
analyse wissen ? 

Fr. Dr. H u g - H e U m u t h : Kinderpsychologie für Anfänger (Semesterkurs). 

Fr. Dr. H u g - H e 11 m u t h : Seminar über pädagogische Fragen 
(Semesterkurs). 

Dr. Siegfried Bernfeid: Kinderpsychologie für Vorgeschrittene 
{Semesterkurs). 

Dr. Siegfried Bern feld: Psychologie der Erziehung und des Erziehers 
(Semesterkurs). 

Die Wiener Psychoanaly t is che Vereinigung kündigt für 
Jänner 1923 folgende Kurse an: 

Dosent Dr. Deutach: „Was soll der praktische Arzt von der Psychoanalyse 

wiesen?" 
Dr. Hitschniann: „Allgemeine Einführung in die Psychoanalyse." 
Dr. Hitschmnnn: „Die psychische Impotenz des Mannes und die Frigidität 

der Frau." 
Dr. Jokl; „HeruEsneurosen," 

Dr. Nunberg: „Neurosenlelire" (für Vorgeschrütene), 
Dr. Reik: „Religion und Zwangsneurose," 
Dr. Sadger: „Paychopathia sexualis" (für Vorgeschrittene). 
Ort: Saal der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung, IX,, Pelikangasse 18, 
Anmeldungen; Ebendorl Montag, Mittwoch, Freitag, 6 bis 7 Uhr abends, 

im psyehoanalylischen Ambulatorium oder schriftlich beim Leiter des 

Lehrkurse, Dr. Hitschmann, IX., Währingerstraße 24. 



Dozent Dr. Karl Friedjung hielt an der Wiener Universität Vorlesungen über 
die Kindersexualität und ihre Bedeutung für die Erziehung und ärzt- 
liche Praxis. 



i 



Richiigstellung. 

Mein Bericht über die Genfer psychoanalytische GeseIJschaft (dieser 
Jahrgang, Heft 2, S. 234) wurde von der Hedaktion nicht ganz richtig wieder- 
gegeben. Die Genfer psychoanalytische Gesellschaft wurde nicht im Jahre 1920 
gegrilndet; als ich September 1920 nach Genf kam, hatte die Genter psycho- ■. 

analytische Gesellschaft bereits existiert. Gegen das Ende 1920 wurde bloß, 
mit Erlaubnis von Herrn Professor Claparöde, eine kleinere, spezieller ausge- 
bildete psychoanalytische Gruppe neben der vorher bestehenden großen gebildet. 

Dr. S. S p i e 1 r e i n. 

Druckfehler. 

Dieser Jahrgang, Heft 3, dieser ZeitsehriEt, S. 342, Briefmcrkentrauiii 
sollte es heißen: „Einige Zeit vorher hatte sie einen Traum, in welchem sie 
sich des Namens (es wurde gedruckt „des Mannes") X. (Name des 
Analytikers) nicht mehr erinnern konnte. 

Dr. S. Sp ie I re in.