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Full text of "Internationaler Zeitschrift für Psychoanalyse XXI 1935 Heft 3"

Internationale Aeitscnriit 
iür Psychoanalyse 



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jJQm'. Freud 



XXL Band 



1935 



Heft 3 



Über die Frühstadien der weiblichen Sexuale 

entwickiung 1 

Von 

Ernest Jones 

London 

Dieser Vortrag soll der erste einer Reihe von Austauschvorträgen zwischen 
Wien und London sein, die Ihr Vizepräsident, Dr. Federn, zu einem speziellen 
Zweck vorgeschlagen hat. Schon seit einigen Jahren war zu sehen, daß viele 
Londoner Analytiker über eine Anzahl wichtiger Themen mit ihren Wiener 
Kollegen nicht derselben Ansicht waren; unter diesen Themen kann ich als 
Beispiel die Frühstadien der Entwicklung der Sexualität, besonders beim 
Weibe, die Genese des Über-Ichs und seine Beziehung zum Ödipuskomplex, 
die Technik der Kinderanalyse und den Begriff des Todestriebs anführen. Ich 
gebrauche den Ausdruck „viele Analytiker", ohne den Versuch zu machen, sie 
aufzuzählen, aber es ist klar, daß die Gefahr besteht, lokale Ansichten in einem 
solchen Grad zu unifizieren, daß man von einer Wiener oder Londoner Schule 
sprechen könnte, als ob sie verschiedene Tendenzen einer möglicherweise abwei- 
chenden Art darstellten. Das ist in keiner Hinsicht wahr, davon bin ich über- 
zeugt. Die Verschiedenheiten sind nur solcher Art, wie sie einem unvoll- 
kommenen Kontakt entspringen. In diesem Fall tragen geographische und 
sprachliche Faktoren zu diesem Zustand bei; die politischen und ökonomischen 
Störungen der letzten Jahre haben London und Wien einander nicht näher- 
gebracht. Viele englische Analytiker lesen die „Zeitschrift" nicht und noch mehr 
Wiener Analytiker lesen nicht das „Journal". Auch ist es mir bisher noch nicht 
gelungen, den Austausch von Übersetzungen so frei zu gestalten, wie ich es 
wünschen möchte. Zwar sind die deutschen Arbeiten dem Journal viel leichter 
zugänglich als die englischen Arbeiten der Zeitschrift, aber dieser einseitige 

i) Nach einem am 24. April 193 $ in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung ge- 
haltenen Vortrag; aus dem Englischen übersetzt von Frau Kitty Jones. 
Int. Zeitse.hr. f. Psychoanalyse, XXI/3 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




332 Ernest Jones 

Weg ist durchaus keine befriedigende Lösung. Tatsache ist, daß in London 
neue Arbeiten und Ideen entstanden sind, die unserer Meinung nach in Wien 
noch nicht genügend berücksichtigt worden sind. 

Dr. Federn hatte den glücklichen Einfall, dieser Schwierigkeit dadurch 
abzuhelfen, daß er direkten persönlichen Kontakt und damit persönliche Dis- 
kussion herstellte. Auch meiner Ansicht nach ist dieser Weg der meistver- 
sprechende. In erster Linie habe ich den Eindruck, daß heutzutage Psycho- 
analyse viel mehr durch das gesprochene als durch das geschriebene Wort 
gelernt wird. Die Gewohnheit des Lesens ist sicherlich in den letzten zwanzig 
Jahren unter den Analytikern zurückgegangen und die Gewohnheit des Schrei- 
bens hat daher im gleichen Verhältnis eine mehr narzißtische Richtung ange- 
nommen. Zweitens gestattet es diese Methode, gerade jene Redner zu wählen, 
die sich in hervorstechender Weise mit dem einen oder dem andern Gesichts- 
punkt oder Untersuchungsweg identifiziert haben. 

Daß ich gerade das vorliegende Thema zur Diskussion mit Ihnen gewählt 
habe, scheint mir natürlich. Schon auf dem Innsbrucker Kongreß vor acht 
Jahren legte ich eine Darstellung der weiblichen Sexualentwicklung vor, die 
nicht ganz mit der allgemein akzeptierten übereinstimmte, und auf dem Wies- 
badener Kongreß vor drei Jahren erweiterte ich meine Schlußfolgerungen und 
wandte sie auf die Probleme der männlichen Sexualität an. Einfach gesagt, 
war mein wesentlichster Punkt der, daß das junge Mädchen mehr Femininität 
hat, als Analytiker ihr gewöhnlich zugestehen, und daß die männliche Phase, 
durch welche sie oft geht, in ihrer Motivierung viel komplizierter ist als man 
gewöhnlich annimmt; mir schien diese Phase sowohl eine Reaktion auf die 
Angst vor der Femininität als auch etwas Primäres. Viele weibliche Analytiker 
haben diese Ansicht unterstützt. Karen Horney sagte es zuerst in ihrer ener- 
gischen Art, daß die Entwicklung des jungen Mädchens zu sehr mit männ- 
lichen Augen gesehen worden war; und obwohl einige ihrer späteren Ansichten 
mir mehr als fragwürdig erscheinen, möchte ich ihr meine Anerkennung für die 
Anregung aussprechen, die sie für die Aufklärung dieser Probleme gab. Seit- 
her konnten die Kinderanalytiker, insbesondere Melanie Klein, diesen Pro- 
blemen näherkommen und direkte Beobachtungen von unschätzbarem Wert 
berichten. 

Lassen Sie mich nun die Hauptthemen überblicken und die Übereinstim- 
mungen und Verschiedenheiten gesondert erwähnen. Beginnen wir mit den 
Anfängen. Die Annahme angeborener Bisexualität scheint mir sehr wahr- 
scheinlich, und viele biologischen Tatsachen können zu ihrer Unterstützung 
angeführt werden. Aber es ist eine sehr schwer zu beweisende Annahme, und 
darum meine ich, wir sollten sie nicht für absolut selbstverständlich annehmen 
und sie nicht zu Hilfe rufen, wann immer wir klinischen Schwierigkeiten be- 
gegnen. 

Wenn wir zu den Anfängen des individuellen Lebens kommen, werden wir 



Über die Frühstadien der weiblichen Sexualentwicklung 



333 



darin einer Meinung sein, daß wenigstens im ersten Jahr und wahrscheinlich 
noch später die Mutter eine viel größere Rolle im Leben des Kindes spielt als 
der Vater. Von dieser Phase sagt Freud: „Alles auf dem Gebiet dieser ersten 
Mutterbindung erschien mir so schwer analytisch zu erfassen, so altersgrau, 
schattenhaft, kaum wieder belebbar, als ob es einer besonders unerbittlichen 
Verdrängung erlegen wäre." Was wir daher brauchen, ist eine feinere Analyse 
der ersten Periode der Zuneigung zur Mutter beim Mädchen, und das, meine 
ich, ist die Frühanalyse im Begriff uns zu liefern. Es ist höchstwahrscheinlich, 
daß die Meinungsverschiedenheiten in bezug auf die spätere Phase der Ent- 
wicklung hauptsächlich und vielleicht vollständig auf die verschiedenen An- 
nahmen hinsichtlich der früheren Phase zurückzuführen sind. 

Wir beginnen daher mit dem schwierigsten Punkt, der crux all dieser Pro- 
bleme, Ist diese erste Phase eine Konzentration auf ein einziges Objekt, die 
Mutter? Und ist sie eine männliche Einstellung, wie die Klitoris-Masturbation 
anzudeuten scheint? Im großen und ganzen würde dies als die Ansicht Freuds 
erscheinen. In diesem Fall muß das Mädchen im Laufe ihrer Entwicklung so- 
wohl ihre Sexualeinstellung als auch das Geschlecht ihres Liebesobjekts wech- 
seln und die wohlbekannten Schwierigkeiten, auf die sie in ihrer Entwicklung 
trifft, können aus der Kompliziertheit dieser Vorgänge erklärt werden. 

Im Gegensatz dazu haben wir in London eine ganz andere Ansicht über 
diese frühe Phase gewonnen, besonders zufolge unserer Erfahrungen in den 
Frühanalysen Melanie Kl eins, aber auch unserer Ergebnisse bei Erwachsenen. 
Wir halten dafür, daß die Einstellung des Mädchens von Anfang an mehr 
feminin als maskulin ist, typisch rezeptiv und akquisitiv. Sie beschäftigt sich 
mehr mit dem Inneren des Körpers als mit seinem Äußeren. Ihre Mutter be- 
trachtet sie nicht wie ein Mann eine Frau betrachtet, als ein Geschöpf, dessen 
Wünsche, zu empfangen, er mit Vergnügen erfüllt. Sie betrachtet sie eher als 
ein Wesen, dem es gelungen ist, sich mit all den Dingen anzufüllen, die das 
Kind so sehr braucht, gutes Material von fester und flüssiger Art. Ihr Ziel ist, 
dies aus der Mutter herauszubekommen, und die verschiedenen Hindernisse, 
wie Verzögerung und zahlreiche andere Unvollkommenheiten des Nährens, 
stimulieren die aggressive Komponente ihrer Wünsche. Die Unzufriedenheit 
mit der Brustwarze und der Wunsch, an einem mehr adäquaten penisartigen 
Gegenstand zu saugen, entstehen früh und wiederholen sich in einer späteren 
Periode in der wohlbekannten Klitorisunzufriedenheit und dem Penisneid. 
Der erste Wunsch nach einer Art von Penis ist daher durch orale Versagung 
veranlaßt. In dieser Säuglingsphase sind wir noch mit dem Interesse an einem 
Teilobjekt beschäftigt, weniger mit der Liebe zum Vater. Dieses Teilobjekt 
wird noch als dem Körper der Mutter angehörend gefühlt. Der Vater aber 
kommt als die Quelle in Betracht, von der sie es empfangen hat, und zwar auf 
oralem Wege, entsprechend der oralen Konzeption des Koitus, die, wie Freud 
gezeigt hat, die Anfangskonzeption des Kindes ist; soweit das Mädchen auch 

23* 



334 



Ernest Jones 



die Kehrseite dieser Theorie entwickelt, eine Mammalinguus- sowie eine Fel- 
latio-Theorie des Koitus, betrachtet sie den Vater tatsächlich als einen Rivalen 
um die Muttermilch. In der zweiten Hälfte des ersten Jahres und regelmäßig 
bei seiner Vollendung spielt dann die Persönlichkeit des Vaters eine zunehmend 
wichtige Rolle. Eine echte feminine Liebe zu ihm, verbunden mit dem Wunsch 
nach Kontakt mit seinem Sexualorgan, beginnt in Konflikt zu treten mit seiner 
offenbaren Beziehung zu der Mutter. Im zweiten Jahr können wir schon mit 
Bestimmtheit von einem Ödipuskomplex sprechen. Er unterscheidet sich von 
der späteren, bekannteren Form dadurch, daß er tiefer verdrängt und unbe- 
wußter ist als diese; auch spielt bei ihm die Vorstellung einer „vereinigten 
Elternimago" eine größere Rolle. 

Die sadistische Einstellung des Mädchens zu dem Inhalt des Körpers der 
Mutter spricht sich in unzähligen Phantasien des Zerschneidens, Beraubens 
und Verbrennens dieses Körpers aus. Der orale Sadismus wird bald zu ure- 
thralem und analem Sadismus ausgedehnt, und es möchte scheinen, daß die 
Konzeption des zerstörenden Exkrements beim Mädchen sogar mehr ausge- 
sprochen ist als beim Knaben. 

Es bestehen zwei bestimmte Gründe dafür, daß die Aufgabe des Mädchens, 
mit diesem Sadismus fertig zu werden, und die Angst, zu der dies führt, sich 
viel schwieriger gestalten als beim Knaben. In erster Linie bezieht sich diese 
Angst auf das Innere des Körpers; das Mädchen hat kein externes Organ, auf 
das sich die Angst konzentrieren kann, wie dies beim Knaben der Fall ist. 
Es hat nur die Klitoris, welche als Mittel der Beruhigung unzulänglich ist, 
wie Karen Horney zuerst betonte, indem sie die Freiheit des Knaben 
im Sehen, Berühren und Urinieren mit seinem externen Organ hervorhob. 
In späteren Jahren verschiebt das Mädchen viel von ihrer Angst auf das ganze 
Äußere des Körpers, die Kleider miteingerechnet, und erhält Beruhigung von 
dessen Integrität und allgemeiner Zulänglichkeit; aber dies spielt bei dem 
jungen Kinde eine kleinere Rolle. In zweiter Linie hat der Knabe einen andern 
persönlichen Blitzableiter für seinen Sadismus und Haß, nämlich seinen Sexual- 
rivalen, den Vater. Das Mädchen hat, im Gegensatz dazu, als ihre Sexualrivalin 
und als Gegenstand ihres Sadismus die gleiche Person, nämlich die Mutter, von 
der das Kind sowohl in seinen libidinösen als auch in allen andern Notwendig- 
keiten des Lebens vollständig abhängig ist. Dies Objekt zu zerstören wäre ver- 
hängnisvoll, deshalb ist der Sadismus mit seiner begleitenden Angst viel mehr 
gestaut und nach innen gekehrt als beim Knaben. Mit einem "Wort, das Mäd- 
chen hat aus zwei Gründen weniger Gelegenheit, ihren Sadismus nach außen 
zu richten. Das erklärt die bemerkenswerte Zuneigung zur Mutter und die 
Abhängigkeit von ihr, auf die Freud in einem vor kurzem veröffentlichten 
Aufsatz besonders hingewiesen hat. Wir denken, daß diese Betrachtungen auch 
eine Erklärung dafür geben, was er die Dunkelheit und „unerbittliche Ver- 



Über die Frühstadien der weiblichen Sexualentwicklung 335 

drängung" genannt hat, die für diese Entwicklungsphase so charakteristisch 

sind. 

"Was ich eben von dieser frühesten Phase, etwa dem ersten Lebensjahr, ge- 
sagt habe, scheint in Wien und in London sehr verschieden aufgefaßt zu wer- 
den, und ich bin davon überzeugt, daß fast alle Meinungsverschiedenheiten in 
bezug auf spätere Entwicklungsphasen auf diese fundamentalen Differenzen 
zurückgehen. Lassen Sie mich versuchen zu zeigen, warum dies so ist. 

Glücklicherweise sind wir alle über die Wichtigkeit der oralen Phase einig, 
und daß die orale Phase das Prototyp der späteren Femininität ist, ist auch ein 
fast allgemein akzeptierter Grundsatz, obgleich vielleicht weniger als der 
erstere. Helene Deutsch hat in diesem Zusammenhang auf die saugende 
Natur der vaginalen Funktion hingewiesen. Die Frage der frühen vaginalen 
Sensibilität ist zugegebenermaßen noch dunkel, aber mehrere weibliehe Ana- 
lytiker — die letzten sind Dr. Payne und Dr. Brierley — haben, wenn auch 
nicht restlos überzeugende, so doch höchst wahrscheinliche Beweise ihres Vor- 
kommens, gleichzeitig mit dem Saugen an der Brust, gegeben. Es ist jedoch 
schwer, zwischen dieser und Vulvasensationen auf der einen Seite und den 
allgemeinen retentiven Sensationen und Phantasien, die sich auf Anus, Ge- 
bärmutter und das Innere des Körpers im allgemeinen beziehen, anderseits 
zu unterscheiden. Aber man kann kaum länger die Ansicht aufrechterhalten, 
daß die vaginale Einstellung sich nicht vor der Pubertät entwickle. Die offen- 
baren Tatsachen der Vaginalanästhesie oder sogar Dyspareunie bei Erwachse- 
nen mit der Andeutung dessen, wovon sie das Negativ sind, scheinen mir die 
Ansicht zu widerlegen, daß die Vagina ein unempfindliches oder nur ein un- 
entwickeltes Organ sei. Sie beweisen eher die erotische Besetzung der Vagina 
und die tiefe Angst davor. Die Obskurität des Organs in der Kindheit würde 
ich drei Ursachen zuschreiben: 1. Phantasien, die sich mit dem Wunsch 
nach dem Penis eines Mannes und nach einem Kind beschäftigen, sind 
es, die den stärksten direkten Konflikt mit der Mutterrivalin bewirken; 
aus einleuchtenden Gründen kann aber das Mädchen ihre Feindseligkeit 
gegen die Mutter nicht einmal in dem Grad zum Ausdruck bringen, wie 
es der Knabe dem Vater gegenüber tun kann. 2. Die Vagina ist der Sitz der 
tiefsten Ängste, deshalb findet eine extensive Verschiebung nach außen statt, 
sowohl ihrer Erogenität als auch der begleitenden Ängste. Sie wird, wie der 
Mund, als ein böses und gefährliches Organ empfunden, das daher verborgen 
werden muß. 3. Sie hat vor der Menstruation keine physiologische Funktion 
und ist relativ unzugänglich, Tatsachen, die das Mädchen verhindern, die 
Überzeugung von ihrer Realität zu gewinnen und von ihr für die libidinöse 
Befriedigung in der Weise Gebrauch zu machen, wie dies mit einem Penis oder 
sogar mit einer Klitoris möglich ist. 

Wir kommen nun zu der Klitoris-Penis-Frage, und hier finden wir die schärf- 
sten Meinungsverschiedenheiten. Das kann man am klarsten zeigen, wenn 



man die Verbindung zwischen dieser Frage und der Beziehung zu den Eltern 
betrachtet. Wenn Sie mir gestatten, der Kürze wegen die Meinungsver- 
schiedenheiten zu übertreiben, so kann man sagen, daß nach der einen An- 
sicht das Mädchen ihre Mutter haßt, weil diese sie in ihrem Wunsch, die Klitoris 
möge ein Penis sein, enttäuscht hat, während der andern Ansicht nach der 
Grund, warum das Mädchen wünscht, daß ihre Klitoris ein Penis sei, der ist, 
daß sie gegen ihre Mutter einen Haß fühlt, dem sie nicht Ausdruck verleihen 
kann. In ähnlicher Weise liebt — nach der einen Ansicht — das Mädchen den 
Vater, weil sie in ihrem Peniswunsch enttäuscht ist, während sie, der andern 
Ansicht nach, wegen der Schwierigkeiten, die sich ihrer Vaterliebe in den 
Weg stellen, die Klitoris mit einem Penis vertauschen möchte. Sie werden mir 
zugeben, daß wir hier sehr entschiedene Meinungsverschiedenheiten vor uns 
haben, sogar wenn man die übermäßige Schärfe meiner Formulierung berück- 
sichtigt. 

Ich habe an anderer Stelle auf die Verwirrung hingewiesen, die dadurch ent- 
steht, daß das Wort „Peniswunsch" in dieser Verbindung in drei Bedeutungen 
gebraucht wird, und ich will versuchen, dies zu vermeiden, indem ich 
erkläre, in welchem Sinn ich es hier meine. Momentan sprechen wir von dem 
Wunsch, daß die Klitoris ein Penis sei, und ich nehme an, das ist unzwei- 
deutig. Wir alle kennen die Unzufriedenheit und das Nachtragen, die mit 
diesem Wunsch verknüpft sind, sowie die Rolle, die dies in der Psychologie 
des Mädchens spielt. Aber die Tatsache, daß so viele Mädchen Knaben be- 
neiden, darf uns für ihre femininen Eigenschaften nicht blind machen, wie, 
zum Beispiel, ihre Koketterie und die wichtige Tatsache des Interesses für 
Puppen. 

Das Problem ist hier die Motivierung dieses Wunsches. Wir stimmen darin 
überein, daß ein Teil aus dem einfachen autoerotischen Neid entsteht, den 
Karen Horney am gründlichsten beschrieben hat: Neid auf die Freiheit, die 
der Knabe im Anschauen, Berühren seines Organs und im Gebrauch desselben 
zum Urinieren genießt. Der einen Ansicht nach ist dies jedoch das Haupt- 
motiv für den Peniswunsch, während bei andern Autoren dies nur für seinen 
kleineren Teil verantwortlich ist. Viel wichtiger sind, meiner Meinung nach, 
jene Motive für diesen Wunsch, die man die sekundären nennen kann. Es 
sind dies, mit einem Wort, die verschiedenen Versuche des kleinen Mädchens, 
mit ihrem gegen die Eltern — besonders gegen die Mutter — gerichteten Sa- 
dismus fertig zu werden. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, möchte 
ich noch einmal erwähnen und hervorheben, was wir als den fundamentalen 
Ausdruck dieses Sadismus betrachten, nämlich den Wunsch, sich eine Bahn 
in den Körper der Mutter zu brechen und den Penis des Vaters, den das Mäd- 
chen darin einverleibt glaubt, zu verschlingen. Was Melanie Klein so glück- 
lich die „vereinigte Elternimago" nennt, entspricht ungefähr dem, was in 
Wien die präödipale Phase genannt wird; aber für uns ist sie einfach ein Teil 




Über die Frühstadien der weiblichen Sexualentwicklung 337 

des Ödipuskomplexes schlechthin. Der für dieses Stadium so charakteristische 
Sadismus erweckt beim Mädchen die korrespondierende Angst, daß auch ihr 
eigener Körper ebenso beraubt und vernichtet werden könnte. 

Lassen Sie mich nun die "Wege aufzählen, auf denen die Phantasie, einen 
Penis zu besitzen, diesen vehementen Sadismus und die ihn begleitende Angst 
zu beruhigen sucht. Ich muß damit beginnen, daß der "Wert, den diese Penis- 
idee für das Mädchen hat, wesentlich mit der Fähigkeit verbunden ist, den 
Urin zu exkretieren und seinen Fluß zu lenken. Helene Deutsch und Karen 
Horney haben besonders auf diese Verbindung zwischen Penisneid und 
Urethralsadismus hingewiesen, während Melanie Klein und später Marjorie 
Brierley sich mit der innigen Beziehung zwischen Oralsadismus und Ure- 
thralsadismus beschäftigt haben. Nach dem „homöopathischen Prinzip", das 
ich auf dem Oxforder Kongreß darlegte, geht man gegen diesen verdrängten 
Urethralsadismus am besten vor, indem man versucht, einen Weg zu finden, 
auf dem er in der Realität ausgedrückt werden kann, und sich damit die Be- 
ruhigung zu verschaffen, daß er nicht tödlich wirkt. Das kann der Knabe 
mit seinen Urinierspielen tun, dank der Beruhigung, die ihm der sichtbar 
intakte Penis gibt. 

Die Vorstellung des Mädchens vom Penis ist natürlich eine ambivalente. 
Auf der einen Seite ist er gut, freundlich, nahrunggebend, und die Flüssigkeit, 
die aus ihm kommt, wird der Milch gleichgesetzt. Anderseits ist er böse 
und zerstörend; er ist eine "Waffe, die gegen die Mutter gebraucht werden 
kann, und zwar in derselben Art, in der, wie das Mädchen glaubt, der Vater 
die Mutter angreift; sie kann damit bekommen, was sie aus dem Körper der 
Mutter braucht. Insoweit er gut ist, kann er dazu verwendet werden, der 
Mutter den Penis zurückzugeben, den — wie das Mädchen glaubt — sie dieser 
geraubt hat. Das ist besonders dann der Fall, wenn das Mädchen phantasiert, 
daß der Vater impotent ist; sie will die Mutter befriedigen, da sie den Vater 
kastriert hat — eine Einstellung, die bei der Homosexualität sehr häufig ist. 
Er kann ferner gebraucht werden, um den bösen, verinnerlichten Penis zu 
neutralisieren und gut zu machen, den Penis, den das Mädchen verschluckt und 
durch ihren Sadismus in ein schädliches und sich selbst zerstörendes Organ in 
ihrem eigenen Körper verwandelt hat; ein sichtbarer und intakter Penis wäre 
die beste Beruhigung gegen die unzugänglichen innerlichen Ängste. Schließlich 
kann er dazu dienen, um den kastrierten Vater zu entschädigen, indem sie sich 
zuerst mit ihm identifiziert und dann zur Kompensation einen intakten Penis 
entwickelt. 

Hinter dem Wunsch des Mädchens, daß ihre Klitoris ein Penis wäre, liegt 
daher das komplizierteste Phantasiegewebe. Sein Ziel ist zum Teil libidinös, 
zum größten Teil aber defensiv; er besteht aus den verschiedenen Versuchen, 
den Sadismus zu beherrschen und die verzweifelte Angst, die er verursacht 
hat, zu beruhigen. Freud fragt in bezug auf diese phallische Phase: Warum 



33 8 Ernest Jones 



sollte eine Flucht vor der Femininität stattfinden, außer wenn sie durch primäre 
natürliche maskuline Strebungen verursacht ist? Ich möchte dies in Überein- 
stimmung mit Melanie Klein beantworten, die zum Schluß kommt, daß des 
Mädchens Verdrängung der Femininität mehr von ihrem Haß gegen die Mutter 
und ihrer Angst vor ihr als von ihrer eigenen maskulinen Einstellung herrührt. 
Diese Verdrängung geht Hand in Hand mit einer exzessiven Fixierung an die 
Mutter, einer Fixierung, die die Entwicklung des Mädchens sehr oft ernstlich 
hindert. Es gibt, unserer Meinung nach, so etwas wie einen primären, natür- 
lichen Peniswunsch beim Mädchen, aber wir finden ihn nicht als ein maskulines 
Streben in Form von Klitoristendenzen, sondern als einen normalen femininen 
"Wunsch, den Penis eines Mannes sich einzuverleiben — zuerst auf oralem, 
später auf vaginalem Wege. 

Dieser Wunsch scheint uns direkt zu dem Wunsch nach einem Kind zu 
führen, dem normalen Wunsch, einen Penis zu empfangen und ihn in ein 
Kind zu verwandeln. Auch das steht im Gegensatz zu Freuds Ansicht, daß 
der Wunsch des Mädchens nach einem Kind hauptsächlich eine Kompensation 
für ihre Enttäuschung ist, keinen eigenen Penis zu besitzen. Ich könnte mit 
Freuds Beschreibung übereinstimmen, wenn sie sich nicht auf das bezöge, 
was wir den Klitorispenis der phallischen Phase nennen können, sondern auf 
den ursprünglich oral einverleibten Penis. Ich glaube, es besteht kein Zweifel, 
daß die Enttäuschung, diesen Penis (und nicht den Klitorispenis) nicht emp- 
fangen zu können, zumeist durch die Konzentration auf Kinder kompensiert 
wird, gewöhnlich schon in der Ersatzform der Puppen. Wir finden dasselbe 
Phänomen in der exzessiven Mütterlichkeit mancher Frauen, die entweder aus 
inneren oder aus äußeren Gründen des sexuellen Genusses beraubt sind. Aber 
in diesem Sinne meint es Freud nicht. 

^ Ich möchte noch ein Wort über die Einstellung des Mädchens zum Vater 
hinzufügen. Sie überträgt auf ihn das Schuldgefühl und die Angst, die sie 
gegenüber der Mutter entwickelte, als sie diese in der Phantasie so sadistisch 
des Penis beraubte. Zuletzt ist es sowohl der Penis des Vaters als auch der 
der Mutter, den sie verschlungen hat, also ist auch er der geschädigte. Sie 
fühlt viel mehr Neid und Eifersucht der Mutter als dem Vater gegenüber, und 
vieles von dem Gefühl, das wir klinisch als gegen den Vater gerichtet be- 
merken, ist tatsächlich von der Mutter auf ihn verschoben. Aber sobald große 
Angst in bezug auf den bösen, verinnerlichten Penis besteht, der zufolge der 
sadistischen Art, in der er empfangen wurde, schädlich ist, kommt das homöo- 
pathische Prinzip wieder ins Spiel. Dann muß das Mädchen den Penis des 
Mannes abbeißen, um eine Beruhigung für die Angst der ursprünglichen Phan- 
tasien zu erhalten, ein Wunsch, den wir so oft bei Homosexuellen finden. Ist 
anderseits die Beziehung zur Mutter vorwiegend gut und zärtlich, dann wird 
sich das Verhältnis zum Vater auf weniger sadistischen Linien entwickeln und 
ein gutes werden. 



Über die Frühstadien der weiblichen Sexualentwicklung 



339 



Schließlich kommen wir zum Untergang der phallischen Phase und der Ent- 
wicklung einer manifesten Femininität. Auch hier müssen wir verschiedene 
Meinungen erwarten, denn es ist leicht zu sehen, daß die Ansicht, die man 
über diese Entwicklungsphase hegt, von jener über die früheren Phasen ernst- 
lich beeinflußt sein muß. Vor allem muß ich sagen, daß, so skeptisch ich über 
das Bestehen der „phallischen Phase" als eines Entwicklungsstadiums bin, ich 
noch viel skeptischer, als die Wiener es zu tun scheinen, über die Idee ihres 
Unterganges denke. — Es scheint mir präziser, den Ausdruck „phallische 
Position" 2 zu gebrauchen, um die hier in Frage stehenden Phänomene zu be- 
schreiben. Wir haben es hier eher mit einer emotionellen Einstellung 3 zu tun 
als mit einem Stadium in der libidinösen Entwicklung. Diese Einstellung wird 
durch gewisse Kräfte oder Bedürfnisse aufrechterhalten; sie verringert sich, 
wenn diese geschwächt werden, aber dauert fort, solange diese fortdauern — 
manchmal das ganze Leben. Die „phallische Position" ist nicht selten mit sechs, 
zehn oder dreißig Jahren ebenso ausgesprochen wie mit zwei oder drei. Was 
Wiener Analytiker als den Untergang der phallischen Phase bezeichnen, be- 
zieht sich wohl eher auf jene Periode, in der die Femininität des Mädchens 
sichtbar wird; dagegen sind Londoner Analytiker der Meinung, sie könnten 
diese schon früher in ihrer mehr verdrängten Form feststellen. Allerdings 
bleibt die Frage, warum die Femininität oft weniger verdrängt und daher beim 
Heranwachsen des Mädchens deutlicher sichtbar ist; und diese Frage möchte 
ich als nächste behandeln. 

Sie werden sich an den Unterschied erinnern, den ich in meinem Wies- 
badener Vortrag zwischen der protophallischen und der deuterophallischen 
Phase machte; der Unterschied zwischen ihnen ist durch die bewußte Ent- 
deckung des Geschlechtsunterschiedes gekennzeichnet. Diese Entdeckung hat 
oft Neid und Nachahmung zur Folge, die die Hauptmerkmale der deutero- 
phallischen Phase sind. Eine sehr wichtige Beobachtung, über die allgemeine 
Übereinstimmung besteht, ist die, daß der „Untergang" dieser Phase (bzw. das 
stärkere Sichtbarwerden der Femininität) oft unverkennbar von Feind- 
seligkeit und Groll gegen die Mutter begleitet ist. Freud hat in seiner Er- 
klärung diese beiden Geschehnisse miteinander nicht nur chronologisch, son- 
dern auch dem Zusammenhang nach verbunden. Die Gründe, die er für das 
Herauskommen des Mädchens aus der phallischen Phase gibt, können in einem 
Wort zusammengefaßt werden: Enttäuschung. Das Mädchen beginnt einzu- 
sehen, daß ihr Wunsch, einen Penis zu besitzen, enttäuscht werden muß, und 
so verzichtet sie klugerweise zugunsten anderer Lustquellen, die sie trösten 
sollen. Indem sie dies tut, wechselt sie sowohl ihre eigene sexuelle Einstellung 
von männlich in weiblich, als auch das Geschlecht ihres Liebesobjekts von 

2) Vgl. die Begriffe „Libidoposition" und die psychotischen „Positionen" in Melanie 
Kleins Luzerner Vortrag. 

3) Und nicht mit bestimmten Gedankeninhalten. 



der Mutter zum Vater. Der Untergang der deuterophallischen Phase kündigt 
daher den Ödipuskomplex mit seiner Rivalität mit der Mutter an. Das stimmt 
mit der nicht angezweifelten Beobachtung überein, daß die normale ödipus- 
situation nach einer Schwächung der phallischen Phase deutlicher sichtbar 
wird, wie Jeanne Lampl-de Groot dies kurz und bündig ausdrückt: „Das 
Mädchen muß durch eine invertierte ödipussituation gehen, bevor sie zu der 
normalen kommt." 

Wir in London dagegen betrachten die deuterophallische Phase im wesent- 
lichen als eine Verteidigung gegen den schon bestehenden Ödipuskomplex. 
Uns präsentiert sich daher das Problem, warum die defensive phallische Phase 
zu Ende geht, ganz anders; es ist dem Problem, warum eine infantile Phobie 
je verschwindet, nicht unähnlich. 

Die Antwort, die ich geben würde, ist der Freuds insoweit ähnlich, als 
beide in der Formulierung „Anpassung an die Realität" gegeben werden 
könnten. Aber die Art, in der Realitätserlebnisse sich auswirken, scheint mir 
nicht dieselbe zu sein, wie sie Freud erscheint. Im Grunde genommen stärkt 
sie die Ich-Entwicklung auf Kosten der Es-Phantasien. Die Phantasie des Penis 
als Schutz wird aufgegeben, i. weil sie als eine Phantasie und daher als ein 
ungenügender Schutz erkannt wird, 2. weil weniger Angst und daher weniger 
Notwendigkeit zur Verteidigung vorliegt, und 3. weil andere Schutzmaß- 
nahmen zugänglich geworden sind. 

Lassen Sie mich nun diese Gründe der Reihe nach betrachten. "Wir wissen, 
daß der Macht halluzinatorischer "Wunscherfüllungen feste Grenzen gesetzt 
sind, wenigstens bei normalen Menschen — eine Tatsache, die Freud oft 
am Beispiel des Hungers illustriert hat. Das gilt, ob der Wunsch sich nun auf 
ein körperliches, z. B. ein libidinöses, Bedürfnis bezieht, oder auf ein Bedürfnis 
nach Angstschutz. In diesem Fall findet man, daß der phantasierte Schutz 
nicht gut funktioniert, gerade weil er nicht die Beruhigung äußerer Realität 
gibt; denn das ist es, was das Mädchen braucht, und was es anfängt, anderswo 
zu suchen. 

Zweitens verringert sich ihre Angst in dem Maße, wie ihr Ich stärker wird. 
Sie ist besser befähigt, ihre Mutter als eine wirkliche und zumeist zärtliche Per- 
sönlichkeit zu sehen, anstatt als eine imaginäre ihrer Phantasie. Sie ist auch 
nicht mehr so abhängig von der Mutter, wie sie es in den ersten zwei oder 
drei Jahren ihres Lebens war. Sie kann es sich daher leisten, ihr und andern 
Personen ihrer Umgebung gegenüber mehr Sadismus zu zeigen, anstatt ihn 
aufzustapeln und innere Angst zu entwickeln. Das ist die wohlbekannte Phase, 
in der die Umgebung das heranwachsende Mädchen „schwierig" findet. 

Drittens fängt das Mädchen an, zu lernen, sowohl ihre Libido als auch ihre 
Angst nach außen zu kehren. Sie hat das Stadium der Teilobjektliebe ver- 
lassen und interessiert sich mehr für ihren Vater oder Bruder als ein Ganzes. 
Das ersetzt das frühe, in die Mutter einverleibte Teilobjekt. Ihre Angst ist 



Über die Frühstadien der weiblichen Sexualentwicklung 



341 



viel weniger verinnerlicht und nimmt die Gestalt der charakteristischen Angst 
vor dem Verlassenwerden an, die oft das ganze Leben hindurch anhält. 

Das junge Mädchen ist nun viel kühner in seinen Ansprüchen und wagt es 
zum erstenmal, die ausgesprochene Nebenbuhlerin der Mutter zu sein. Der 
Groll, den sie gegen diese zeigt, hat nicht nur die Bedeutung, die Freud ihm 
zuschreibt, des Vorwurfs nämlich, daß ihre Klitoris kein Penis ist, sondern ist 
auch der Durchbruch der älteren, seit langem aufgehäuften Animosität. Es ist 
nicht bloß der Vorwurf, daß ihre Mutter ihr nur eine Klitoris gab, es ist der 
Vorwurf, daß ihre Mutter immer die Brust und den Penis des Vaters in eigener 
Verwahrung gehalten hat und dem Mädchen nicht erlaubt hat, beide sich 
selbst nach Herzenslust einzuverleiben. Das Sehen des Penis beim Knaben ist 
nicht das einzige traumatische Erlebnis, das ihr Leben ändert; es ist nur das 
•letzte Glied in einer langen Kette. Ich glaube auch nicht, daß ein Mädchen, 
das nie durch dieses Trauma geht, maskulin wird, was aus der Ansicht zu 
folgen scheint, daß dieses Trauma sie in die Femininität treibt. 

Ich kann nun meine Behauptungen in ein paar Sätzen zusammenfassen. Die 
Haupttatsachen, die wir zu erklären haben, sind der Peniswunsch des jungen 
Mädchens und ihr Groll gegen die Mutter. Der zentrale Unterschied zwischen 
den beiden Gesichtspunkten, die ich für die gegenwärtigen Zwecke in über- 
triebener Weise den Londoner und "Wiener nannte, scheint sich mir um die 
Frage des frühen Ödipuskomplexes zu drehen, der durch orale Unbefriedigt- 
heit eingeleitet wird. Da es dem kleinen Mädchen unmöglich ist, mit der 
Angst, die jener Zustand hervorruft, fertig zu werden, flüchtet sie zeitweilig 
mehr oder minder in die „phallische Phase" und nimmt später ihre normale 
Entwicklung wieder auf. Diese Ansicht scheint mir den uns zugänglichen Tat- 
sachen besser zu entsprechen und ist auch im wesentlichen wahrscheinlicher, 
als eine, die die Weiblichkeit des Mädchens als das Resultat eines äußeren Er- 
lebnisses (Erblicken des Penis) ansieht. Meiner Ansicht nach entwickelt sich 
die Weiblichkeit fortschreitend aus dem Antrieb einer triebhaften Konstitution. 
Kurz gesagt, ich sehe die Frau als ein geborenes Weibchen und nicht — wie 
die Feministen es tun — als un komme manque, als ein ewig enttäuschtes 
Geschöpf, das sich mit sekundären Surrogaten zu trösten sucht, die ihrer 
wahren Natur fremd sind. Die letzte Frage ist also, ob man zur Frau geboren 
oder gemacht wird. 

Allgemeiner gesprochen, würden die Wiener, so glaube ich, uns den 
Vorwurf machen, daß wir das frühe Phantasieleben auf Kosten der äußeren 
Realität zu hoch einschätzen. Und wir Würden antworten, daß keine Gefahr 
besteht, daß jemand die äußere Realität vernachlässige; wohl aber, daß man 
Freuds Lehre von der Wichtigkeit der psychischen noch immer unterschätzen 
kann. 






Projektion und Ich^Entwicklung 1 

Von 

Ernst Paul Hoffmann 

Wien 

Es gibt Erkrankungen, bei denen die Libidoposition wohl erforscht ist, die 
aber nicht genügend geklärt sind, weil die Fixierung des Ichs nicht bestimmt 
werden konnte. Und doch sind beide voneinander abhängig, denn Änderungen 
in der Libidoposition gehen Änderungen im Ich parallel. 

Zu diesen bisher ungeklärten Erkrankungsformen gehört beispielsweise die 
Sucht. Glover meint, das libidinöse Moment sei in den Arbeiten über die 
Sucht genügend betont worden; dennoch ist das Problem nicht gelöst. — Es 
scheint, daß jede Libidostufe sich als Wunschgehalt der Sucht manifestieren 
kann; doch muß eine bestimmte Ich-Struktur vorhanden sein, wenn es zur 
Sucht kommen soll. Deshalb mag das Studium der Süchtigkeit einen Einblick 
in die Störungen des Ichs versprechen. 

Für die Psychoanalyse ist der Begriff der Sucht ein anderer als für die 
klinische Psychiatrie. Diese versteht unter Süchtigkeit gewöhnlich nur die 
Rauschgiftsüchtigkeit. Nur nebenbei werden auch Fälle von Süchtigkeit er- 
wähnt, die seltene oder nicht ausgesprochene Rauschgifte betreffen, z. B. 
Kaffee, Chloralhydrat u. dgl. Die Sprache ist umfassender: Sie operiert mit 
Worten wie z. B. Eifersucht oder Habsucht. Der Psychoanalytiker kann eine 
Menge anderer Süchtigkeiten feststellen, die sich als Verschrobenheiten, üble 
Angewohnheiten u.dgl. darbieten (Glover). 

Die Sucht läßt sich nach Federn (i) beschreiben als eine Bedürfrtisspannung, 
die nicht anders zu erledigen ist, als durch sofortige Befriedigung, und zwar 
durch Einverleibung eines bestimmten Stoffes oder durch Hingabe an eine ganz 
bestimmte Funktion. Ein Aufschieben der Befriedigung, ein Ertragen, Be- 
herrschen oder Überwinden des Triebes gibt es bei der Sucht nicht. Der davon 
Betroffene ist nicht oder wähnt sich nicht imstande, die Unlust der Bedürfnis- 
spannung zu ertragen. 

Der Wunschgehalt kann verschieden sein. So zeigte ein Patient eine Süch- 
tigkeit, die allen Entwicklungsstufen der Libido entstammte. Er war 3 5 Jahre 
alt, Staatsbeamter in sehr hoher und sehr verantwortungsvoller Stellung. Er 
kam in die Analyse, weil er in kürzeren oder längeren Zeitabständen — einige 
Stunden bis einige Tage — plötzlich von unwiderstehlichem Sexualverlangen 
erfaßt zu werden pflegte. Er wurde dann sofort zu jeglicher Arbeit unfähig, 
mußte alles stehen lassen und sich auf die Suche nach einem Sexualobjekt be- 
geben. War die Dunkelheit bereits eingebrochen, so ging er in einen Park, 
um unter den Dirnen eine zu wählen; während des Tages ging er jedoch in 

1) Nach einem am 3. Oktober 1934 in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung ge- 
haltenen Vortrag. 



Projektion und Ich-Entwicklung 



343 



ein ganz bestimmtes Pissoir, wo er meist einen Partner traf, mit dem er 
mutuell onanierte. Im Notfalle onanierte er allein. Sehr bald zeigte es sich, 
daß. er derartige Anfälle auch in bezug auf den oralen Trieb hatte. Er mußte 
naschen und gab für Süßigkeiten geradezu phantastische Summen aus. "Wider- 
stehen konnte der Patient seinem Naschtrieb ebensowenig wie dem Verlangen 
nach der Onanie. Waren dem Patienten orale und genitale Wünsche bewußt, 
so erfolgte die Befriedigung seiner analen Wünsche unbewußt, allerdings mit 
gleicher Sucht. Mit dem Naschen und dem Besuch bei Dirnen verband er 
den Trieb, Geld auszugeben. Regelmäßig trat die Sucht in dem Augenblicke 
auf, wenn er unerwartet Geld bekam, z. B. Entschädigungen für gewisse nicht 
regelmäßige amtliche Funktionen, die ihm erst einige Zeit später entlohnt 
wurden. 

Von Nunberg(i) stammt ein Beispiel, das die Unterschiede zwischen 
einem gesunden, einem neurotischen und einem psychotischen Menschen de- 
monstriert. Alle drei hätten den gleichen Wunsch, nämlich zu fliegen. Der Gesunde 
würde im Einklang mit, seinen Vermögensverhältnissen, der Jahreszeit und der- 
gleichen, kurz der Realität angepaßt, eine Flugreise unternehmen. Der Neur- 
otiker würde verzweifelte, meist aber erfolglose Anstrengungen machen, um 
eine Gelegenheit zu fliegen zu bekommen. Und wenn er einmal so weit wäre, 
würde er wahrscheinlich von heftiger Angst befallen werden. Der Psychotiker 
würde sich auf den Rücken legen, mit den Armen in der Luft herumfuchteln 
und überzeugt sein, daß er fliege. Wie würde sich nun ein „Flugsüchtiger" — 
wenn es so etwas gäbe — verhalten? Er würde im Momente des Anfalles alles 
stehen lassen, raschestens das Flugfeld zu erreichen trachten und ohne Rück- 
sicht auf das Fahrziel jenes Flugzeug besteigen, das als erstes startet. 

Bei den genannten vier Typen ist der Wunschgehalt der gleiche. Sie unter- 
scheiden sich voneinander nicht durch das, was sie wünschen, sondern durch 
die Art, wie sie es wünschen. Nicht der Wunschgehalt und auch nicht die 
Libidoart ist somit das Entscheidende für das Zustandekommen der Süchtig- 
keit, sondern der Mechanismus der Krankheit. Es handelt sich nicht darum, 
welche Art von Libido in der Sucht befriedigt wird, sondern darum, auf 
welcher Stufe das Ich des Kranken sich befindet. 

Hätten wir einen Menschen von der Art des „Flugsüchtigen" vor uns, so 
würden wir von einem schwachen Ich sprechen, welches nur mit Mühe dem 
Drängen des Es standhalten kann, einem Ich also, das zeitweilig vom Es über- 
rumpelt wird. Worin liegt nun die Schwäche des Ichs? Ist eine seiner 
Fronten geschwächt und welche? Die gegen das Es oder die gegen die Außen- 
welt oder die gegen das Uber-Ich? Oder ist nur eine der Funktionen des Ichs 
„schwach" und welche? Wird etwa nur der Zugang zur Motilität nicht mehr 
beherrscht? Wie konnte sich das Lustprinzip wieder an die Stelle des Reali- 
tätsprinzips setzen? 

Wir wollen annehmen, daß die Schwäche des Ichs die Folge einer Entwick- 



344 



Ernst Paul Hoffmann 






lungsstörung ist. Ob diese Störung eine Fixierung oder eine Regression ist, 
wird seine spezielle Bedeutung haben. 

Es wird also der Weg der Ich-Entwicklung zu verfolgen sein, parallel mit 
der Entwicklung der Objektbeziehungen. Deren intensivste Entwicklung 
beschreibt Freud (i) folgendermaßen: „Wir sehen auch im Groben einen 
Gegensatz zwischen der Ich-Libido und der Objektlibido. Je mehr die eine 
verbraucht, desto mehr verarmt die andere. Als die höchste Entwicklungs- 
phase, zu der es die letztere bringt, erscheint uns der Zustand der Verliebt- 
heit, der sich uns wie ein Aufgeben der eigenen Persönlichkeit gegen die Ob- 
jektbesetzung darstellt." Das Ich des Süchtigen könnte dem des Verliebten 
ähnlich sein und die Sucht als eine besondere Art dauernder oder periodischer 
Verliebtheit erscheinen. Stellt nun diese Höchstphase der Entichung einen 
Zustand dar, in welchem ein Maximum an Objektlibido gegenüber einem 
Minimum an Ich-Libido besteht, so zeigt der Beginn der Entwicklung Objekt- 
losigkeit. „Wir dürfen darum nicht vergessen, daß im Intrauterinleben kein 
Objekt war und daß es damals keine Objekte gab" (Freud [2]). Zu Beginn 
der Entwicklung gibt es also nur narzißtische Libido, allmählich wird ein 
Maximum an Objektlibido erreichbar; die Ich-Entwicklung erfolgt am Objekt, 
so zwar, daß das Ich um so mehr sich festigt, je mehr narzißtische Libido in 
Objektlibido verwandelt wurde, und je kräftiger diese einer Rückverwandlung 
in narzißtische Libido standhalten kann; doch gibt es zwischen den beiden 
Extremen ein Optimum, das nicht mit dem Maximum zusammenfällt. Diese 
Verwandlung von Ich-Libido in Objektlibido ist keine plötzliche; sie erfolgt 
in Oszillationen, analog zu den in den „Drei Abhandlungen" erwähnten 
Oszillationsvorgängen zwischen den einzelnen Entwicklungsstufen der Libido. 

Den Beginn der Entwicklung können wir in die pränatale Zeit verlegen. 
Das ist eine berechtigte Spekulation; Freud (j) sagt: „Intrauterinleben und 
erste Kindheit sind weit mehr ein Kontinuum, als uns die auffällige Cäsur des 
Geburtsaktes glauben läßt." 

Ein Einfühlen in die pränatale Zeit ist unmöglich; dennoch hat Ferenczi (1) 
diesen Zustand beschrieben: „Freud erklärt eine Organisation, die dem Lust- 
prinzip frönen, die Realität der Außenwelt vernachlässigen kann, für eine 
Fiktion, die aber im Säugling, wenn man nur die Mutterpflege hinzunimmt, 
nahezu realisiert ist. Ich möchte dem hinzufügen, daß es einen Zustand der 
menschlichen Entwicklung gibt, der das Ideal eines nur der Lust frönenden 
Wesens nicht nur in der Einbildung und Annäherung, sondern in der Tat und 
vollkommen verwirklicht. Ich meine die im Mutterleib verbrachte Lebens- 
zeit des Menschen. In diesem Zustande lebt der Mensch wie ein Parasit des 
Mutterleibes. Eine Außenwelt gibt es für das aufkeimende Lebewesen nur in 
sehr beschränktem Maße; sein ganzes Bedürfnis nach Schutz, Wärme und 
Nahrung wird von der Mutter gedeckt. Ja, es hat nicht einmal die Mühe, 
sich des ihm zugeführten Sauerstoffes und der Nahrungsmittel zu bemächtigen, 



Projektion und Ich-Entwicklung 



345 



denn es ist dafür gesorgt, daß diese Stoffe durch geeignete Vorrichtungen 
geradewegs in seine Blutgefäße gelangen. Im Vergleich hierzu muß z. B. ein 
Eingeweidewurm viel Arbeit leisten, die ,Außenwelt verändern', wenn er sich 
erhalten will. Alles Sorgen um den Fortbestand der Leibesfrucht ist aber der 
Mutter übertragen. Wenn also dem Menschen im Mutterleibe ein wenn auch 
unbewußtes Seelenleben zukommt, — und es wäre unsinnig zu glauben, daß 
die Seele erst mit dem Augenblicke der Geburt zu wirken beginnt, — muß 
er von seiner Existenz den Eindruck bekommen, daß er tatsächlich allmächtig 
ist. Denn was ist Allmacht? Die Empfindung, daß man alles hat, was man 
will, und man nichts zu wünschen übrig hat. Die Leibesfrucht könnte aber 
das von sich behaupten, denn sie hat immer alles, was zur Befriedigung ihrer 
Triebe notwendig ist, darum hat sie auch nichts zu wünschen; sie ist be- 
dürfnislos. 

Der ,Kindergrößenwahn' von der eigenen Allmächtigkeit ist also zumindest 
kein leerer "Wahn; das Kind und der Zwangsneurotiker fordern von der Wirk- 
lichkeit nichts Unmögliches, wenn sie davon nicht abzubringen sind, daß ihre 
Wünsche sich erfüllen müssen; sie fordern nur die Wiederkehr eines Zustandes, 
der einmal bestanden hat, jener ,guten alten Zeit', in der sie allmächtig waren." 

Aus dem Werke Ranks „Das Trauma der Geburt" seien hier folgende 
Stellen wiedergegeben: „ . . . In zahlreichen Träumen dieses Endstadiums 
drängte sich immer wieder die endlich unabweisbare Tatsache auf, daß diese 
Fixierung an die Mutter, welche der analytischen Fixierung zugrunde zu liegen 
schien, die früheste rein physiologische Beziehung zum mütterlichen Körper 
beinhaltet." 

„ . . . Daraus ergibt sich, daß die eigentliche Obertragungslibido, die wir bei 
beiden Geschlechtern analytisch aufzulösen haben, die mütterliche ist, wie 
sie in der pränatalen physiologischen Bindung zwischen Mutter und Kind ge- 
geben war." 

„ . . . möchten jedoch schon hier auf die ebenso unzweifelhafte analytische 
Tatsache verweisen, daß ganz wie jeder Angst die Geburtsangst zugrunde liegt, 
jede Lust letzten Endes zur Wiederherstellung der intraute- 
rinen Urlust tendiert." 

Jedenfalls erfolgt im Intrauterinleben und in der ersten Kindheit die Be- 
friedigung nicht an einem Objekte; soweit man davon sprechen kann, daß die 
Mutter Befriedigung verschafft, so wird sie doch nicht als Objekt wahrgenom- 
men. Wie tritt nun dieses ins Leben ein? Darüber sagt Freud (2): „Seither 
haben wiederholte Befriedigungssituationen das Objekt der Mutter geschaffen, 
das nun im Falle des Bedürfnisses eine intensive sehnsüchtig' zu nennende Be- 
setzung erfährt." „Das Objekt wird zur Befriedigung der autoerotischen 
Triebe verwendet, denn diese sind uranfänglich" (Freud [1]). Auch können 
wir nicht von libidinösen Trieben allein sprechen. „Die psychoanalytische 
Untersuchung, welche uns sonst die Schicksale der libidinösen Triebe ver- 



34 6 Ernst Paul Hoffmann 



folgen läßt, wenn diese von den Ich-Trieben isoliert sich in Opposition zu 
denselben befinden, gestattet uns auf diesem Gebiete Rückschlüsse auf eine 
Epoche und eine psychische Situation, in welcher beiderlei Triebe noch ein- 
hellig wirksam in untrennbarer Vermengung als narzißtische Interessen auf- 
treten" (Freud [i]). 

Das durch wiederholte Befriedigungssituationen geschaffene Objekt hat zwei 
wichtige Funktionen. Bei Freud (2) heißt es: „Die Intrauterinexistenz des 
Menschen erscheint gegen die der meisten Tiere relativ verkürzt; er wird un- 
fertiger als diese in die "Welt geschickt. Dadurch wird der Einfluß der realen 
Außenwelt verstärkt, die Differenzierung des Ichs vom Es frühzeitig gefördert, 
die Gefahren der Außenwelt in ihrer Bedeutung erhöht und der Wert des 
Objektes, das allein gegen diese Gefahren schützen und das verlorene In- 
trauterinleben ersetzen kann, enorm gesteigert." Es wird also das Objekt so- 
zusagen mißbraucht, um in den früheren, lustvollen Zustand, in dem es noch 
keine Objekte gab, zurückzukehren. 

Die zweite — eng damit verknüpfte — Funktion des Objektes ist, Schutz 
vor Gefahr zu bieten. „Die Situation, die er (der Säugling) als ,Gefahr c wertet, 
gegen die er versichert sein will, ist also die der Unbefriedigung, des An- 
wachsens der Bedürfnisspannung, gegen die er ohnmächtig ist. Ich meine von 
diesem Gesichtspunkte aus ordnet sich alles ein: Die Situation der Unbefriedi- 
gung, in der Reizgrößen eine unlustvolle Höhe erreichen, ohne Bewältigung 
durch psychische Verwendung und Abfuhr zu finden, muß für den Säugling 
die Analogie mit dem Geburtserlebnis, die "Wiederholung der Gefahrsituation 
sein" (Freud [2]). 

Erreicht also der Zustand der Unbefriedigung eine gewisse Größe, so wird 
infolge ökonomischer Störungen das Geburtserlebnis, die damit verbundene 
Gefahr wieder erlebt (vgl. Rank: Das Trauma der Geburt). Allein es tritt 
bald eine bedeutsame Änderung ein, die bewirkt, daß auch ohne Störungen in 
der Libidoökonomie die Gefahr wieder erlebt wird. „Mit der Erfahrung, daß 
ein äußeres, durch "Wahrnehmung erfaßbares Objekt der an die Geburt 
mahnenden gefährlichen Situation ein Ende machen kann, verschiebt sich nun 
der Inhalt der Gefahr von der ökonomischen Situation auf seine Bedingung, 
den Objektverlust. Das Vermissen der Mutter wird nun die Gefahr, bei 
deren Eintritt der Säugling das Angstsignal gibt, noch ehe die befürchtete 
ökonomische Situation eingetreten ist" (Freud [2]). Es ist nicht erklärt, auf 
welchem "Wege die Verschiebung von der Störung der Libidoökonomie auf das 
Vermissen des Objektes zustande kommt. Dies ist nicht ohne weiteres ver- 
ständlich. Jedenfalls ist in diesem Stadium irgendein "Wissen — eine Er- 
fahrung — um die Existenz des Objektes vorhanden. Dieses "Wissen um das 
Objekt darf nicht mit der Besetzung des Objektes verwechselt werden, 
welche erst im Falle der Steigerung des Bedürfnisses eintritt. Die "Wahrnehmung 
des Nichtvorhandenseins des Objektes bringt Unlustreaktionen gleicher Art 



Projektion und Ich-Entwicklung 347 



r hervor, als ob die gefürchtete ökonomische Störung, die Gefahr, tatsächlich 
Platz gegriffen hätte. Allmählich wird aus der Wahrnehmung eine Vorstel- 
lung. Dieses Stadium scheint das früheste zu sein, in dem eine Vorstellung 
so tiefgreifende Änderungen in der Libidoökonomie zu bewirken imstande ist. 

Die "Wiederkehr überwundener Entwicklungsstufen des Ichs war bei einer 
Patientin deutlich zu sehen. 

Es handelt sich um eine 25jährige Frau, die bereits einmal wegen eines neurotischen 
Erbrechens eine 17 Monate lange Analyse durchgemacht hatte. Diese war insofern von 
Erfolg begleitet, als die Patientin symptomfrei wurde und eine ^befriedigende Be- 
ziehung eingehen konnte. Die Patientin war so lange symptomfrei gebheben, als 
diese Beziehung angedauert hatte. Kaum war diese gelöst, erkrankte die Patientin 
neuerdings. Zwar kehrten die alten Symptome nicht mehr wieder, doch litt die 
Patientin nunmehr unter — wie sie es nannte — „Depressionen". Mit diesem Worte 
bezeichnete sie zwei verschiedene Krankheitsbilder. Es waren Entfremdungs-, bzw. 
Depersonalisationszustände schwerster Art. Die Welt erschien ihr fremd, farblos, 
leblos, die Menschen waren nichts anderes als Schattengebilde. Zeitweilig spürte sie 
sich selbst gar nicht. Es passierte ihr oft, daß sie im Gespräch mit einer Freundin 
letztere fragte, ob sie (die Patientin) wirklich vorhanden sei. Wenn sie über die 
Straße ging, hatte sie manchmal das Gefühl, als fehlten ihr die Beine ganz und die 
Straße würde sich unter ihrem in der Luft schwebenden Oberkörper in entgegen- 
gesetzter Richtung bewegen. Sie stieß sich die Fingernägel in das Fleisch der Ober- 
arme, um zu prüfen, ob sie wach sei. 

Das zweite, was sie unter „Depressionen" verstand, waren Angstzustände. Eine 
grenzenlose Angst überkam sie, sie fühlte sich durch ein furchtbares Unglück bedroht, 
ohne daß sie imstande gewesen wäre, dieses Unglück zu beschreiben. Sie wußte nur, 
daß es grenzenlos wäre, und daß „alles zusammenstürzen" würde. Nach den Schilde- 
rungen der Patientin war es eine Panikstimmung. Die Patientin konnte keinerlei Anlaß 
für das Auftreten der Panikstimmung angeben, ebensowenig für das — wie sie meinte 

— unmotivierte Verschwinden dieser Stimmung. Sie wußte auch nicht, daß sie eine 
Naschsucht hatte, die mit der Panikstimmung in Zusammenhang stand. Sie ging 
nie aus, ohne einen Vorrat an eßbaren Dingen bei sich zu haben. Ein Apfel, ein 
Päckchen Bonbons, Haselnüsse u. dgl. — im Notfalle ein Stückchen trockenes Brot 

— waren in ihrem Handtäschchen stets vorhanden. Das „Süchtige" an dem Naschen 
wurde erst klar, als die Patientin angab, daß sie, namentlich wenn ihr Chef ihr etwas 
diktierte, aus Angst, sie könnte in dieser für sie so wichtigen Situation einen Zu- 
sammenbruch erleben, irgend etwas Eßbares in den Mund hineinschmuggeln mußte. 
Sie wußte aus Erfahrung, daß sie, wenn sie etwas — und sei es auch nur ein Bonbon 

— gegessen hatte, keinen Zusammenbruch mehr erleben werde. Im Gegenteil, sie 
arbeitete dann viel sicherer. Sie war durch mehrere Jahre bei derselben Firma be- 
schäftigt. Obgleich man mit ihr sehr zufrieden war, gab sie ihre Stellung freiwillig 
auf, aus Angst, sie könnte einmal einen großen Zusammenbruch erleben und deshalb 
weggeschickt werden. Bei ihren Bekannten war sie sehr beliebt. Nur ganz wenige 
Male in ihrem Leben war es zu unangenehmen Auseinandersetzungen gekommen. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXI/3 2+ 



348 



Ernst Paul Hoffmann 



In der Analyse zeigte sich, daß sie vorher stets eine Panikstimmung erlebt hatte. Um 
aus dieser Stimmung herauszukommen, war ihr jedes Mittel recht; in einem solchen 
Zustande war sie einer Rücksichtnahme auf ihre Mitmenschen nicht fähig und konnte 
daher den Eindruck eines überaus anmaßenden Menschen erwecken; die Beziehung 
zu der betreffenden Person fand nach einem solchen Versuch, der Panikstimmung 
Herr zu werden, meist ihr Ende. 

Die Patientin war ein einziges Kind; ihr Vater war ein kleiner Beamter gewesen 
und starb, als die Patientin im Pubertätsalter war. Mit der Mutter lebte sie seit 
ihrer Geburt in den gleichen bescheidenen Verhältnissen. Obzwar sie sich mit der 
Mutter gar nicht verstand, erfüllte sie dennoch äußerlich alle Pflichten einer guten 
Tochter. Sie war als Kind sehr verzärtelt worden, war immer als die gescheiteste 
und bravste ihrer Altersgenossinnen gepriesen worden. Beide Eltern bemühten sich 
sehr, aus ihr ein „Paradekind" zu machen, und sie unterstützte die Eltern darin. Sie 
gab nie Gelegenheit zu Tadel, war immer still und bescheiden. In jedem Lebens- 
alter konnte sie stundenlang ruhig in einer Sofaecke sitzen und sich beschäftigen, so 
daß man ihre Anwesenheit in der "Wohnung gar nicht wahrnahm. In früher Kind- 
heit war es ein Spiel mit Glaskugeln, das sie so fesseln konnte, später, nachdem sie 
lesen gelernt hatte, war es die Lektüre eines Buches. 

Die Patientin verblieb auch als Erwachsene bei dem gleichen Verhalten. Sie 
konnte stundenlang im Park sitzen und dem Spiel kleiner Kinder zusehen. Sehr oft 
pflegte sie, obzwar sie Jüdin ist und vorgibt, Atheistin zu sein, in eine Kirche zu 
gehen, dort niederzuknien und längere Zeit in Andacht versunken zu bleiben. Ver- 
ließ sie freiwillig die Kirche, so pflegte sie sich eine Zeit lang sehr beglückt zu fühlen; 
war sie jedoch — z. B. aus Zeitmangel — gezwungen, ihre Andacht abzukürzen, so 
fühlte sie sich unglücklich. Die Patientin war stolz darauf, von der Natur mit so 
reicher Phantasie begabt worden zu sein; auch war sie überzeugt, daß sie etwas 
Großes werden könnte. Sie sagte: „Ich weiß, daß ich nur eine Kontoristin bin; 
aber ich könnte ohne weiteres eine berühmte Schriftstellerin oder Schauspielerin 
sein." 

Es zeigte sich, daß die Patientin all das, was sie phantasierte, wirklich zu erleben 
glaubte. Die Glaskugeln waren für sie Lebewesen, sie war die Heldin der Märchen 
oder der Romane, sie war das kleine Kind, das im Park betreut wurde, und sie war, 
so lange sie in der Kirche war, Christus oder Gott. Sie erklärte, wenn sie mit einem 
von ihr wahrhaft geliebten Manne koitierte, so würde sie die „Urmutter" sein, die 
die ganze Welt in sich trägt. 

Um Phantasien der geschilderten Art zu erleben, brauchte sie in der Außenwelt 
den dazu passenden Rahmen. Sie begab sich mit Absicht in eine entsprechende 
Situation. "Wollte sie die "Wonnen des Kleinkinderdaseins wieder erleben, so suchte 
sie die Kinderspielplätze im Park auf oder stellte sich im "Winter vor die Auslage 
eines Spielwarenladens. "Wenn sie sich allmächtig fühlen wollte, ging sie in die Kirche. 
Sie brauchte Objekte, um sich mit deren Hilfe in einen Zustand hineinzuphantasieren, 
der ihr die Befriedigung ihrer narzißtischen Libido ermöglichte. 

Ein einziges Mal konnte beobachtet werden, wie diese Patientin das Objekt dazu 
verwendete, um zu objektlosem Genießen zu gelangen, und da bestätigte sich, daß 
das Objekt beim Kinde nicht nur dem Schutze vor Gefahr dient, sondern auch das 
verlorene Intrauterinleben wiederzubeleben vermag. 






Projektion und Ich-Entwicklung 



349 



Die Patientin pflegte während der Behandlung oft von Entfremdung, bzw. De- 
personalisation befallen zu werden. Es war für sie sehr peinlich, wenn sie den 
Analytiker vermißte. Sie wisse zwar genau, pflegte sie zu sagen, daß der Arzt 
hinter ihr sitze, allein sie fühle ihn nicht. In solchen Situationen pfkgte sie den 
Analytiker anzuflehen, er möge, wenn er schon nicht reden wolle, sich wenigstens 
eine Zigarette anzünden, damit sie es fühle, daß er da sei. Der Analytiker war ihr 
also während der Entfremdung sehr wichtig, es war somit die Objekdibido für ihn 
erhalten. Einmal ereignete es sich, daß der Analytiker der Patientin sagte, sie möge 
sich darauf einrichten, das nächste Mal vielleicht eine Viertelstunde warten zu 
müssen. Er wisse nicht, ob er rechtzeitig werde kommen können. Am nächsten 
Tage nahm sie im "Wartezimmer Platz. Während der acht Minuten, ,die bis 
zum Eintreffen des Analytikers vergingen, erlebte die Patientin eine Panik- 
stimmung. Eine ungeheure Gefahr bedrohte sie, sie konnte nicht sitzen 
bleiben, geschweige denn etwas lesen; sie hatte unsägliche Angst, das Tele- 
phon könnte läuten, und dann würde man ihr ausrichten, daß die Verspätung 
so groß werde, daß sie an diesem Tage überhaupt nicht behandelt werden könne. 
Sie hatte während dieser Minuten nicht etwa die Vorstellung gehabt, dem Analytiker 
könnte ein Unglück zustoßen. Lediglich für sich befürchtete sie das Ärgste, ohne 
es jedoch beschreiben zu können. Als der Analytiker kam, war sie hochbeglückt. 
Sie schilderte die Angst, die sie eben ausgestanden hatte, und wie froh sie sei, daß 
doch alles sich zum Guten gewendet habe. Plötzlich stockte der Redefluß, und sie 
verharrte einige Minuten schweigend. Ähnlich wie jemand, der wieder zu sich ge- 
kommen ist, begann sie dann wieder: „Herr Doktor, jetzt waren Sie wieder nicht 
hier, aber das war nicht wie gewöhnlich; es war gar nicht unangenehm, im Gegen- 
teil, vor lauter Glücksgefühl, daß Sie doch gekommen sind, habe ich total vergessen, 
daß Sie da sind." Eine weitere Analyse dieses Vorganges war unmöglich, die Pa- 
tientin erklärte immer wieder, sie sei so maßlos glücklich gewesen, daß sie es nicht 
nötig gehabt habe, auf die Situation zu achten, in der sie sich befinde. Sie habe 
sich ganz ihrem Glücksgefühl überlassen und infolgedessen „vergessen", wo sie sich 
befinde. 

In dem eben geschilderten Falle hat also das Objekt — der Analytiker — 
dazu gedient, der Patientin zunächst die Panikstimmung zu nehmen und sie 
nachher in den lustvollen primärnarzißtischen Zustand der Objektlosigkeit 
versinken zu lassen. Hatte das Objekt diese beiden Funktionen erfüllt, so 
wurde ihm die Besetzung entzogen, es konnte „vergessen" werden. 

Daß eine solche, subjektiv als vollständig empfundene Stillung der Objekt- 
libido unmittelbar in eine narzißtische Seligkeit überging, war bei der Pa- 
tientin nur ein einziges Mal zu bemerken. Das sonst für sie charakteristische 
Verhalten zeigt folgendes Erlebnis: 

Sie brauchte nach Schluß der Behandlungsstunde regelmäßig längere Zeit, um sich 
zum "Weggehen herzurichten. Einmal hatte es der Arzt eilig und konnte nicht ab- 
warten, bis die Patientin fertig war; er mußte vor ihr die "Wohnung verlassen. Bevor 
er wegging, übergab er ihr den Schlüssel zur "Wohnung mit der Bitte, beim "Weggehen 
die Tür zu versperren und den Schlüssel in den Briefkasten zu werfen. Sie versprf ach ; 



35° Ernst Paul Hoff mann 



es, ohne eine Erregung, merken zu lassen. Tags darauf berichtet sie, daß sie seit der gestri- 
gen Stunde sehr glücklich gewesen sei; während der Stunde hatte sie sich noch sehr 
elend gefühlt, aber als ihr der Schlüssel übergeben wurde, habe sie ein Glücksgefühl 
überkommen. Sie sah darin einen Beweis grenzenlosen Vertrauens, denn der Ana- 
lytiker hatte ihr sein ganzes Hab und Gut anvertraut; sie fühlte sich überhaupt nicht 
mehr krank — einem Kranken würde der Arzt doch nicht so viel Vertrauen ge- 
schenkt haben — , im Gegenteil, seit gestern fühle sie sich so gesund wie noch nie. 
Die letzten 23 Stunden habe sie überhaupt an nichts anderes denken können, als 
an dieses sie beglückende Erlebnis. 2 

Ein Vergleich der beiden Erlebnisse der Patientin zeigt folgendes: In dem 
ersten Erlebnis war die ganze Libido als narzißtische zur Geltung gekommen. 
Sie hatte dem Objekt die bewußte Besetzung ganz entzogen, den Analytiker, 
bzw. die Situation, in der sie sich befand, „vergessen". In dem zweiten Falle 
blieb die Objektbesetzung bewußt, denn das Glück, das sie genoß, war der 
Ausdruck des vom Objekt Geliebtwordenseins. Deswegen konnte sie zwischen 
den beiden Behandlungsstunden an nichts anderes denken, als an das Glück, 
das ihr widerfahren war. Aus vielen anderen Situationen wußten wir, daß die 
Patientin auf den Verlust eines derartigen Glücksgefühls mit einer von ihr so 
benannten Depression zu reagieren pflegte, d. h. in eine Panikstimmung oder 
in einen Entfremdungszustand geraten konnte. Aus dem ängstlichen Ver- 
meiden alles dessen, was ihr eine „Depression" hätte bringen können, aus dem 
Bestreben, sich das Objekt, bzw. das Geschätztwerden durch das Objekt zu 
erhalten, sehen wir, wie wichtig ihr dieses ist; es ist demnach eine starke Objekt- 
besetzung vorhanden. Allerdings dient das Objekt hauptsächlich dazu, ihr 
eine Befriedigung ihrer narzißtischen Libido zu verschaffen. "Was die 
Patientin erlebte, als ihr der Arzt den "Wohnungsschlüssel übergab, war — 
Unbeschadet der dem Schlüssel innewohnenden Symbolbedeutung — eine 
Bereicherung ihrer narzißtischen Libido, was eine Erweiterung ihres frühen, 
unentwickelten Ichs zur Folge hatte. Sie fühlte sich vollkommen gesund, ver- 
trauenswürdig, sie war ein überglücklicher Mensch, ihr Selbstgefühl war be- 
deutend gesteigert. 

Wir sehen also: Das Objekt diente dazu, eine Erweiterung des Ichs her- 
vorzurufen, indem dieses mehr Libido an sich zog. Vergleichen wir damit 
den Satz Freuds, wonach die Höchstphase der Verliebtheit mit einer Ver- 
armung an Ich-Libido zugunsten der Objektlibido einhergeht, so ist dagegen 
diese Ich-Erweiterung als Bereicherung an narzißtischer Libido aufzufassen. 
Tatsächlich handelt es sich bei dieser Art von Ich-Erweiterung um einen Prozeß, 
der sich in dem im Zustande der Regression befindlichen Ich abspielt. Das Ich, das 
sich erweitert hatte, ist nicht identisch mit jener Instanz, die die bekannten 

2) Die Bedeutung des Schlüssels als Sexualsymbol darf in diesem Falle nicht überschätzt 
werden. Die Patientin reagierte in ganz der gleichen Art und Intensität auf jede kleine 
Rücksichtnahme, die ihr der Analytiker beispielsweise bei Festsetzung der Behandlungsstunde 
bewies. 



Projektion und Ich-Entwicklung 



35» 



Funktionen (Realitätsprüfung, Beherrschung der Motilität usw.) zu erfüllen 
hat, sondern es ist das Gebilde, das der Säugling, bzw. der Kranke als sein 
Ich bezeichnen würde; ein solches „Ich" ist im Übergange vom Es zum Ich 
befindlich, also noch im Prozesse der Differenzierung des Ichs aus dem Es. Um 
Mißverständnissen vorzubeugen, sei vorgeschlagen, dieses noch nicht differen- 
zierte Gebilde das Früh-Ich zu nennen und die Bezeichnung „Ich" für jene 
vollentwickelte Instanz zu reservieren, die die bekannten Funktionen zu er- 
füllen hat. 

Im Früh-Ich sind auch starke Objektbesetzungen vorhanden, aber das 
Objekt dient nur zur Befriedigung der narzißtischen Libido. Auf dieser Stufe 
kann das Objekt nur Änderungen in der Ökonomie der narzißtischen Libido 
hervorrufen. Und vom Zustande der narzißtischen Libido hängt der Zustand 
des ganzen Früh-Ichs ab. Denn zu Beginn der Entwicklung fühlt und reagiert 
das Individuum als Ganzes. „Wenn der Säugling nach der Wahrnehmung 
der Mutter verlangt, so doch nur darum, weil er bereits aus Erfahrung weiß, 
daß sie alle seine Bedürfnisse ohne Verzug befriedigt" (Freud [2]). „Die 
nämliche Steigerung aller Gefühlsregungen zum Extremen und Maßlosen ge- 
hört auch der Affektivität des Kindes an und findet sich im Traumleben wieder, 
wo dank der im Unbewußten herrschenden Isolierung der einzelnen Gefühls- 
regungen ein leiser Ärger vom Tage sich als Todeswunsch gegen die schuldige 
Person zum Ausdruck bringt, oder ein Anflug irgendeiner Versuchung zum 
Anstoß einer im Traum dargestellten verbrecherischen Handlung wird" 
(Freud [3]). Das Früh-Ich reagiert mit seiner ganzen narzißtischen Libido. 
Eine durch das Objekt bewirkte Änderung der narzißtischen Libido wird 
somit als Änderung des ganzen Früh-Ichs empfunden; das Objekt wird auch 
als zum Früh-Ich gehörig gefühlt. Deshalb ist die Patientin so überglücklich, 
wenn sie eine Befriedigung erfährt, erlebt aber eine Panikstimmung, wenn 
ihr eine Gefahr droht, d. h. eine Bedürfnisspannung sie überwältigt. 

Daß die Vorstellung des Objektes als zum Früh-Ich gehörig gefühlt wird, 
hat bedeutsame Folgen: „Kind und Primitiver benehmen sich im Stadium des 
primären Narzißmus anders als später, nachdem die Ich-Grenze alle Gegen- 
stände der Außenwelt außer dem Individuum gelegen fühlen, nicht nur 
erkennen läßt. Erstens empfinden Kinder Veränderungen an äußeren Ob- 
jekten, wie wenn sie ihnen selbst geschehen wären, reagieren deshalb mit Angst 
und Zorn, mit Lust und Leid, obgleich ihnen nach den Begriffen des Er- 
wachsenen doch ,gar nichts geschah'. Zweitens aber sind sie andererseits wieder 
unabhängig von den Geschehnissen der Außenwelt, weil ihre mit vollem Ich- 
Gefühl erlebten, ständig besetzten Vorstellungen der Außenwelt diese selbst 
ihnen zu ersetzen vermögen" (Federn [2]). 

Auf der eben geschilderten Entwicklungsstufe können Objektbesetzung 
und Objekt libido miteinander verwechselt werden. Da nämlich einzelne 
Objekte häufiger, bzw. stärker als andere begehrt werden, kann das Bestehen 



352 



Ernst Paul Hoffmann 



von Objektlibido vorgetäuscht werden. In Wirklichkeit ist jedoch nur die 
Ich-Libido wirksam, die das Objekt benötigt und begehrt. Im Laufe der 
Entwicklung muß schließlich das Objekt die begehrte Befriedigung der Ich- 
Libido versagen. Es hört auf, die Ökonomie der narzißtischen Libido zu re- 
gulieren, und kann somit nicht länger als zum Ich gehörig gefühlt werden. 
Das Objekt wird nunmehr, als in der Außenwelt vorhanden, nicht nur ge- 
wußt, sondern auch gefühlt; wenn es jetzt besetzt wird, so ist es mit Objekt- 
libido besetzt (Federn [i]). Den Unterschied möge folgendes Beispiel zeigen: 
Wenn das kleine Kind schreit, sobald die Mutter sich entfernt, so tut fes dies 
aus Angst; die Mutter dient zur Aufrechterhaltung der narzißtischen Libido- 
ökonomie, die Entfernung der Mutter würde eine Störung dieser Ökonomie, 
somit eine Gefahr für das ganze Früh-Ich bedeuten. Es ist also nicht Objekt- 
libido, die gestört wird. Von Objektlibido können wir erst dann sprechen, 
wenn die Entfernung der Mutter ohne Störung der narzißtischen Libido- 
ökonomie, somit ohne Gefahr für das Früh-Ich, also ohne Angst erfolgen 
kann. 

Die im Früh-Ich herrschende Tendenz nach Befriedigung der gesamten 
Libido besteht auch später fort, deshalb wird bei jeder Befriedigung von Ob- 
jektlibido gleichzeitig auch die Ich-Libido befriedigt. Während jedoch im 
Früh-Ich eine Einheit der Libido besteht — die narzißtische Libido reagiert 
noch als Ganzes — , erfolgen später die Befriedigungen zwar gleichzeitig und 
durch das gleiche Objekt ausgelöst, jedoch nebeneinander. 

Daß Entwicklungsstufen verschiedener Höhe nebeneinander bestehen, 
darüber äußert sich Freud (4): „Auf seelischem Gebiet hingegen ist die Er- 
haltung des Primitiven neben dem daraus entstandenen Umgewandelten so 
häufig, daß es sich erübrigt, es durch Beispiele zu beweisen." 

Ist das Objekt in die Außenwelt entlassen, so ist es aus dem Früh-Ich nicht 
spurlos verschwunden, da im Psychischen nichts verlorengeht. Die Erinnerung 
an die einst genossene totale Befriedigung der narzißtischen Libido, die das 
Objekt brachte, bleibt als dauernde unbewußte Niederschrift bestehen. 

Mit fortschreitender Realitätsanpassung wird die Befriedigung der gesamten 
Ich-Libido von den Objekten immer mehr versagt werden. Ob diese Ver- 
sagung leichter oder schwerer hingenommen wird, wird von verschiedenen 
Faktoren abhängig sein, beispielsweise etwa von einer konstitutionell bedingten 
abnormen Triebstärke. Auch für die einzelnen Triebe, bzw. Funktionen wird 
in dieser Hinsicht Verschiedenheit bestehen. Für alle Fälle ist die Freigabe des 
Objektes in die Außenwelt für die Gestaltung des Ichs von großer Wichtigkeit, 
wie Freud (5) gelehrt hat: „Es war uns gelungen, das schmerzhafte Leiden 
der Melancholie durch die Annahme aufzuklären, daß ein verlorenes Objekt 
im Ich wieder aufgerichtet, also eine Objektbesetzung durch eine Identifizie- 
rung abgelöst wird. Damals erkannten wir aber noch nicht die ganze Be- 
deutung dieses Vorganges und wußten nicht, wie häufig und typisch er ist. 




Projektion und Ich-Entwicklung 



353 



■^ir haben seither verstanden, daß solche Ersetzung einen großen Anteil an 
der Gestaltung des Ichs hat und wesentlich dazu beiträgt, das herzustellen, 
was man seinen Charakter heißt." Kurz darauf heißt es: „Soll oder muß ein 
solches Sexualobjekt aufgegeben werden, so tritt dafür nicht selten die Ich- 
Veränderung auf, die man als Aufrichtung des Objektes im Ich wie bei der 
Melancholie beschreiben muß; die näheren Verhältnisse dieser Ersetzung 
sind uns noch nicht bekannt. Vielleicht erleichtert oder ermöglicht das Ich 
durch diese Introjektion, die eine Art von Regression zum Mechanismus der 
oralen Phase ist, das Aufgeben des Objektes. Vielleicht ist diese Identifizierung 
überhaupt die Bedingung, unter der das Es seine Objekte aufgibt. Jedenfalls 
ist der Vorgang, zumal in frühen Entwicklungsphasen, ein sehr häufiger und 
kann die Auffassung ermöglichen, daß der Charakter des Ichs ein Nieder- 
schlag der aufgegebenen Objektbesetzungen ist, die Geschichte dieser Objekt- 
wahlen enthält." Das reife Ich entsteht also durch Identifizierungen mit dem 
Objekte, das aufgegeben werden mußte, weil es sich versagte. Dieser Vorgang 
läßt die Objekte von narzißtischer Besetzung frei werden. Wenn wir die 
früher vorgeschlagene Scheidung von Früh-Ich und Ich beibehalten, so bedeutet 
dieser Vorgang: Dadurch, daß eine Identifizierung mit dem aufgegebenen 
Objekte erfolgte, wurde das Früh-Ich umgewandelt. Es hat das Objekt frei- 
gegeben, sich jedoch durch dessen Aufrichtung als Teil des Ichs schadlos 
gehalten. Dieser Vorgang bedeutet die Umwandlung des Früh-Ichs ins Ich. 

Der Identifizierung mit dem aufgegebenen Objekte ist ein langwieriger 
Prozeß vorangegangen: eine Stufe der Objektlosigkeit, das Auftreten von Ob- 
jekten durch die Befriedigungssituationen, das Begehren nach dem Objekte 
zur Befriedigung der narzißtischen Libido. Dieser Entwicklungsgang wird 
seine Spuren hinterlassen haben. Das Objekt wird also in zweifacher Hinsicht 
zu beurteilen sein: i. Seine Rolle vor der Entlassung aus dem Früh-Ich und 
2. die Funktion, die darin besteht, daß es das Früh-Ich ins Ich umzuwandeln 
ermöglicht. 

Freud spricht die Vermutung aus, daß die Identifizierung mit dem auf- 
gegebenen Objekte überhaupt die Bedingung sei, unter der das Es seine 
Objekte aufgibt. Allein Freud bezeichnet die Identifizierung als einen Vor- 
gang, der sich auch viel früher abspielt, lange bevor ein Aufgeben des Ob- 
jektes in Frage kommt. Er nennt die Identifizierung die früheste Gefühls- 
beziehung zu einem Objekt: „Das aus diesen drei Quellen Gelernte können 
wir dahin zusammenfassen, daß die Identifizierung die ursprünglichste Form 
der Gefühlsbindung an ein Objekt ist." „Wir haben gehört, daß die Identifi- 
zierung die früheste und ursprünglichste Form der Gefühlsbindung ist" 
(Freud [3]). „Wie immer sich aber die spätere Resistenz des Charakters gegen 
die Einflüsse aufgegebener Objektbesetzungen gestalten mag, die Wirkungen 
der ersten, im frühesten Alter erfolgten Identifizierungen werden allgemeine 
und nachhaltige sein. Dies führt uns zur Entstehung des Ich-Ideals zurück, 



354 Ernst Paul Hoffmann 



denn hinter ihm verbirgt sich die erste und bedeutsamste Identifizierung des 
Individuums, die mit dem Vater der persönlichen Vorzeit. Diese scheint zu- 
nächst nicht Erfolg oder Ausgang einer Objektbesetzung zu sein, sie ist eine 
direkte und unmittelbare und frühzeitiger als jede Objektbesetzung. Aber 
die Objektwahlen, die der ersten Sexualperiode angehören und Vater und 
Mutter betreffen, scheinen beim normalen Ablauf den Ausgang in solche 
Identifizierung zu nehmen und somit die primäre Identifizierung zu ver- 
stärken" (Freud [y]). 

Wir sehen also zwei Arten von Identifizierung: eine spätere, die zustande 
kommt, weil das Objekt aufgegeben werden mußte, und eine frühere, die eine 
direkte und unmittelbare war, frühzeitiger als jede Objektbesetzung und deren 
Wirkungen von Freud allgemein und nachhaltig genannt werden. So können 
zwei Niederschriften des Objektes zustande kommen. Die eine stammt aus der 
Zeit vor der Entlassung des Objektes aus dem Früh-Ich und dankt ihre Ent- 
stehung der primären, also vor der Objektbesetzung erfolgenden Identifi- 
zierung; die andere ist die Folge der Freigabe des Objektes aus dem Früh-Ich 
und der Wiederaufrichtung desselben als Teil des Ichs. 

Die Wirkungen der primären Identifizierung sind andere als die der 
späteren; auch unterscheiden sie sich in ihren Mechanismen. „Es kann leicht 
sein, daß der seelische Apparat vor der scharfen Sonderung von Ich und Es, 
vor der Ausbildung eines Über-Ichs, andere Methoden der Abwehr übt, als 
nach Erreichung dieser Organisationsstufen" (Freud [2]). 

Die primäre Identifizierung erfolgt vor der Objektibesetzung, auf einer 
Stufe, wo es nur narzißtische Libido gibt. Alles, was im Individuum vorgeht, 
kann in diesem Stadium nur die Ökonomie der narzißtischen Libido betreffen. 
Diese reagiert jedoch stets als ein Ganzes. Der Zustand der Befriedigtheit ist 
ein totaler, ebenso der Zustand der Bedürfnisspannung. Das Verhalten der 
früher erwähnten Patientin, als sie auf den Analytiker warten mußte, kann als 
Beispiel dafür dienen. Jede Änderung der Libidoökonomie wird als Änderung 
der Gesamtorganisation empfunden, als Änderung jenes Gebildes, das wir vom 
Standpunkte des Erwachsenen als Es, bzw. als Früh-Ich bezeichnen, welches 
aber für den Säugling sein Ich darstellt. 

Solcher Änderungen wird es im Beginne der Entwicklung nur wenige geben. 
Je primitiver die Organisation, desto weniger differenziert ist das Gefühls- 
leben. So zeigte auch die erwähnte, primärnarzißtisch gebliebene Patientin 
eine sehr primitive Art, ihre Gefühle auszudrücken. Wenn sie z.B. sagen wollte, 
daß ihr der Ausflug auf den Kahlenberg oder an die Donau viel Lustgewinn 
gebracht habe, so drückte sie das durch die Worte aus: „Gestern war der 
Kahlenberg gut, war die Donau gut." Hatte sie keinen Lustgewinn, so waren 
Kahlenberg und Donau „schlecht" gewesen. 

Auch eingetretene Differenzierungen der Organisation ändern noch lange 
nichts daran, daß die Befriedigung der gesamten Libido als Ziel fortbesteht. 



Projektion und Ich-Entwicklung 



355 



Von jedem Partialtrieb aus wird maximale Befriedigung der gesamten nar- 
zißtischen Libido begehrt. Darin gleichen alle Quellen einander, daß aus 
ihnen die gleiche Lust — die maximale Befriedigung der gesamten narzißti- 
schen Libido — fließt. Die Patientin pflegte, wenn die Übertragung ein po- 
sitives Vorzeichen hatte, zu erklären, daß sie genau so glücklich wäre, wenn 
der Analytiker sie zur Geliebten nähme, wie wenn er mit ihr ein Buch zu- 
sammen läse oder einen gemeinsamen Spaziergang unternähme. Tatsächlich 
erlebt sie manchmal orgasmusähnliche Sensationen, wenn ihr ein von ihr ge- 
schätzter Mann Feuer für die Zigarette reicht. — Manche Erscheinungen, die 
als „Verschiebung von unten nach oben" geschildert werden, mögen dadurch 
ermöglicht worden sein, daß von jeder der beiden erogenen Zonen aus seiner- 
zeit die maximale Befriedigung erfolgt war. Auch mag das Stürmische mancher 
Übertragung darin seinen Grund haben, daß der aus der Kindheit übertragene 
Wunsch die Befriedigung der gesamten narzißtischen Libido erstrebt hatte. 

Wie sollen wir uns nun das Zustandekommen der primären Identifizierung 
erklären? Welcher Grund kann auf einer Entwicklungsstufe, auf der es nur 
narzißtische Libido gibt, das Früh-Ich dazu antreiben, sich zu verändern, und 
zwar als Ganzes zu ändern? Die spätere Identifizierung, die durch Ver- 
sagung bedingt ist, ist eine Entschädigung für den Verlust des Objektes und 
hält dieses fest; eine Voraussetzung für das Festhalten des Objektes ist dessen 
Besetzung. Diese Besetzung fehlt noch, wie Freud ausführt, bei der primären 
Identifizierung. Über die Möglichkeit, daß eine Identifizierung vor der Ob- 
jektwahl — nicht zu verwechseln mit Objektbesetzung — zustande kommt, 
äußert sich Freud (3): „Die erstere" (sc. Identifizierung) „ist darum bereits 
vor jeder sexuellen Objektwahl möglich. Es ist weit schwieriger, diese Ver- 
schiedenheit metapsychologisch anschaulich darzustellen. Man erkennt nur, die 
Identifizierung strebt darnach, das eigene Ich ähnlich zu gestalten, wie das 
andere, zum Vorbild genommene." 

Die primäre Identifizierung ist stets eine totale, da auf dieser frühen Stufe 
das Individuum stets als Ganzes reagieren muß. Das Objekt wahrnehmen 
bedeutet — wahrscheinlich durch eine Art bedingten Reflexes (Pawlow-Isch- 
londsky) — für das Kind Befreiung von Gefahr, d.h. von übergroßer Be- 
dürfnisspannung, und, nachdem dies geschehen ist, Zurückversetzung in 
den maximal lustvollen Zustand des Intrauterinlebens. Das Objekt sich vor- 
stellen, bedeutet das gleiche, denn zu dieser Zeit haben die Vorstellungen 
noch Wirklichkeitswert. Nunberg(i) spricht den Satz aus: „Das psychische 
innere Erlebnis besitzt sogar, da es unmittelbar gegeben ist, mehr Evidenz, 
als das äußere." Halten wir uns vor Augen, daß auf dieser Entwicklungsstufe 
das Lustprinzip noch uneingeschränkt herrscht, und daß die ganze narzißtische 
Libido aktiviert wird. Es werden somit folgende Gleichungen bestehen: Sich 
die Mutter vorstellen, bedeutet: sich eine Lust vorstellen. (Die Mutter ist 
noch ausschließlich die „Gute" auf Grund des Lustprinzips.) Sich eine Lust 



vorstellen, bedeutet: sich totale, bzw. maximale Lust vorstellen. (Total, 
weil die ganze Libido befriedigt wird.) Totale Lust sich vorstellen, bedeutet: 
totale Lust fühlen. (Wegen der Evidenz des psychischen Erlebens und des 
Fehlens jeder Realitätsprüfung.) Totale Lust fühlen, bedeutet: die gesamte 
narzißtische Libido befriedigt haben, bedeutet somit: als Ganzes sich als lust- 
volles Subjekt fühlen. 

Stellen wir in den eben angeführten Gleichungen die erste und die letzte 
Größe einander gegenüber, so ergibt sich wie mit mathematischer Notwendig- 
keit: Das Objekt sich vorstellen, 'bedeutet: sein Ich — das Früh-Ich — als 
lustvolles Subjekt fühlen. Könnte der Säugling reden, so müßte er sagen: 
„"Wenn ich mir die Mutter vorstelle, so bin ich sofort ein anderer Mensch, 
und zwar ein maximal ,guter c ." 

Dieser Vorgang ist bekannt. Freud hat ihn beschrieben, als er 
lehrte, daß sich der „Inhalt der Gefahr von der ökonomischen Situation auf 
seine Bedingung, den Objektverlust" verschiebt und schon das Vermissen 
der Mutter zur Gefahr wird. Nur haben die Vorgänge der Trennung und der 
Identifizierung entgegengesetzte Vorzeichen. 

Daß sich diese Identifizierung nicht nur auf libidobedingte Gemeinsamkeiten 
bezieht, zeigt z. B. eine Stelle aus dem Roman „Die Gezeichneten" von Aage 
Madelung. Ein Sohn steht nach jahrzehntelanger Abwesenheit an dem 
Sterbelager seiner Mutter. Der Dichter schreibt: „Er hatte plötzlich ein Emp- 
finden, als wäre er es selber, der da starb, als stürbe er zugleich mit der 
Mutter und alle anderen Menschen mit ihr . . . Ja, das ist es, dachte er. Eines 
Menschen Tod ist aller Menschen Tod, denn sie müssen alle sterben. Eines 
einzigen Menschen Tod ist der Menschheit und der Welt Tod . . ." 

Die primäre Identifizierung hat das gleiche Resultat wie jede Identifizierung: 
Zwischen Subjekt und Objekt besteht Gleichheit; diese Gleichheit kam dadurch 
zustande, daß sich das Subjekt dem Objekt angeglichen hat. 

Das lust volle Sich-selbst-Fühlen des Subjektes ist das Resultat der An- 
gleichung an das lustspendende Objekt; Lustquelle ist das Objekt, Lust- 
empfänger ist das Subjekt. 

Nun bestätigt die Klinik die von Federn gegebene Erklärung der Ent- 
fremdungs-, bzw. Depersonalisationszustände: Den Kranken erscheint die 
Außenwelt, also das Objekt, traumhaft, wie tot. Sie beklagen sich darüber, 
benehmen sich jedoch so, als würde ihnen das Objekt lebendig erscheinen. 
Aus der Wichtignahme des Objektes ist zu sehen, daß Objektlibido vorhanden 
ist. Was nicht vorhanden ist, ist die Besetzung des dem Objekte zugewendeten 
Teiles des Ichs mit narzißtischer Libido. Vor der Entlassung des Objektes aus 
dem Früh-Ich gehörte das Objekt zum Früh-Ich. Es wurde mit nur narzißti- 
scher Libido besetzt. Die Realitätsanpassung erzwang die Freigabe des Ob- 
jektes, d. h. die Abgrenzung von Ich und Objekt. Soll nun ein psychischer Akt 



Projektion und Ich-Entwicklung 



357 



voll, d. h. nicht entfremdet erlebt werden, so müssen gleichzeitig Ich-Libido 
und Objektlibido befriedigt werden, es müssen die mit narzißtischer Libido 
besetzte Ich-Grenze und das Objekt aneinander herankommen. Wo der Ich- 
Grenze die narzißtische Besetzung fehlt, kommt es zur Entfremdung. Beim 
normalen, nicht entfremdeten Ablauf kommt es mitunter zu einer vorüber- 
gehenden Erweiterung der Ich-Grenze. Für ganz kurze Zeit stellt sich der 
Zustand her, wie er vor der Freigabe des Objektes in die Außenwelt, vor der 
Abgrenzung von Ich und Objekt bestanden hat (Federn [2, 3, 4, 5]). 
. "Wenn die Entfremdeten in der Analyse erkannt haben, worauf es ankommt, 
so kann man oft sehen, daß gerade jene Teile, bzw. Funktionen des Ichs, an 
denen über Entfremdung geklagt wird, zu anderen Zeiten mit narzißtischer 
Libido überstark besetzt sind. Als Beispiel diene die erwähnte Patientin. Zeit- 
weilig spürte sie sich gar nicht gehen, sondern glaubte, die Erde bewege sich 
unter ihr. Mitunter jedoch hatte sie ein starkes wohliges Körpergefühl in 
ihren Beinen. Sie war geradezu ekstatisch, wenn sie nackt vor dem Spiegel 
stand und ihre Beine bewunderte; sie war überglücklich, daß sie gerade solche 
Beine habe, Auch beim Schwimmen hatte sie ein überstarkes Körper gefühl in 
ihren Beinen. Spielte sie mit vollem Körpergefühl auf einer Wiese, so be- 
zeichnete sie die Wiese als „gut". Ging sie mit Entfremdungsgefühlen in den 
Beinen, so war die Wiese „schlecht". Auch für viele andere entfremdete Funk- 
tionen der Patientin ließ sich das gleiche nachweisen. 

Ob dem Entfremdeten das Objekt lebendig oder wie tot erscheint, hängt 
von dem Zustande seiner narzißtischen Libido ab. Ist jener Teil des Ichs, mit 
dem er das Objekt erfassen soll, mit narzißtischer Libido gar nicht oder nur 
mangelhaft besetzt, so erfolgt Entfremdung; bei überstarker Besetzung erfolgt 
Ekstase (Federn [6]). 

Bei den Entfremdeten handelt es sich um einzelne Teile des Ichs, deren Be- 
setzung mit narzißtischer Libido gestört ist. Auf jener frühen Entwicklungs- 
stufe, auf der das Ich — das Früh-Ich — noch nicht in Teilen, sondern als 
Ganzes reagiert, wird also das Objekt dadurch maximal lustvoll gefühlt, daß 
das Früh-Ich sich selbst als maximal lustvolles Subjekt empfindet. Was für 
einen einzelnen Teil gilt, muß vor der Differenzierung für das ganze Früh-Ich 
gelten. Wir kommen also zu dem Schlüsse: Wenn das Früh-Ich sich als lust- 
volles Subjekt fühlt, so wird ihm auch das Objekt als lustspendend erscheinen; 
oder: eine Bedingung für das Fühlen des Objektes ist, daß das Früh-Ich sich als 
Subjekt fühlt. 

Einen Anlaß dazu, daß das Früh-Ich sich als lustvolles Subjekt fühlt, sahen 
wir in der primären Identifizierung. Was geschieht nun, wenn die Empfindung 
des „Sich-als-lustvolles-Subjekt-Fühlens" durch irgendeine andere Ursache 
hervorgerufen wird als durch primäre Identifizierung mit dem Objekte? 
Durch hormonale Änderungen oder beim Erwachsenen etwa durch Einver- 
leibung eines Räuschgiftes? Lustvolles Subjekt und lustvolles Objekt sind ja, 



358 



Ernst Paul Hoffmann 



wenn einmal eine gewisse Entwicklungsstufe erreicht ist, fest miteinander 
verbunden. Wenn also dieses Rauschgift nicht in einen Zustand der völligen 
Objektlosigkeit versetzt, vielmehr das Objekt erhalten bleibt, so wird die Emp- 
findung „ich bin ein lustvolles Subjekt" sich auch auf das Objekt auswirken 
müssen. Da zwischen beiden Gleichheit besteht, so wird, wodurch immer die 
Empfindung „ich bin ein lustvolles Subjekt" verursacht sein mag, diese Emp- 
findung begleitet sein von der Vorstellung, bzw. Empfindung „das Objekt ist 
lustspendend". Es müßte also der dem Säugling in den Mund gelegte Satz 

sich auch umkehren lassen: „Wenn ich — aus was für Gründen immer 

ein ,guter' Mensch bin, dann ist auch die Mutter ,gut'." 

Wiederum kommt es zur Gleichheit zwischen Objekt und Subjekt. Während 
bei der primären Identifizierung das Subjekt sich dem Objekte angeglichen 
hatte, findet hier eine „Umkehrung der Identifizierung", eine Angleichung 
des Objektes an das Subjekt statt. Als Lustspender könnte man das Subjekt 
bezeichnen, als Lustempfänger das Objekt. 

Beispiele: Ein Patient litt, als er die Analyse begann, an schweren Minder- 
wertigkeitsgefühlen. Seine Mutter haßte er, soweit er sich erinnern konnte. 
Als er den Höhepunkt seiner ödipussituation erinnerte, rief er geradezu 
ekstatisch aus: „Nie in meinem ganzen Leben habe ich mich so wertvoll ge- 
fühlt wie in jenem Augenblicke, und nie mehr wieder ist mir ein Mensch so 
liebenswert erschienen wie damals meine Mutter!" 

Ein anderer Patient leidet u. a. daran, daß er kein Körpergefühl für seinen 
Penis hat. In solchen Stunden ist er nicht imstande sich vorzustellen, daß der 
Analytiker ein Genitale hat. In dem gleichen Maße, wie sein Körpergefühl 
für seinen Penis zurückkehrt, kann er sich auch das Genitale des Analytikers 
vorstellen. Wenn der Patient in seiner beruflichen Tätigkeit eine Anerken- 
nung gefunden hat, so fühlt er seinen Penis und stellt sich auch den Analytiker 
mit einem großen Penis vor; hatte der Patient im Beruf Mißerfolg, so verliert 
der Analytiker sein Genitale. 

Tausk meint: „Wir können also sagen, bei einer krankhaft ver- 
änderten Libido findet das Ich eine verrückte Welt zu be- 
wältigen, und darum benimmt es sich verrückt." 

Goethe sagt: 

Willst du dich deines Werts erfreu'n, 
So mußt der Welt du Wert verleih'n. 

Daß bei gehobenem Selbstgefühl die Welt liebenswert erscheint, ist all- 
gemein bekannt. — Verkehrungen ins Gegenteil, Verwechslungen von Ur- 
sache und Wirkung, Umkehrungen überhaupt sind uns aus der Traumdeutung 
schon lange bekannt. 

Bei der Identifizierung auf der Objektstufe nimmt das Ich eine Qualität des 
Objektes an; letzteres bleibt jedoch in der Außenwelt und ist durch das Ich 



Projektion und Ich-Entwicklung 



359 



nicht beeinflußbar, d. h. das Ich fühlt, daß das Objekt seine ihm eigene 
Qualität beibehält. Bei der primären Identifizierung, bzw. deren Umkehrung 
w ird eine Gleichheit zumindest des Affektes, bzw. Triebes bei Objekt und 
Subjekt als vorhanden gefühlt. 

Wir hörten früher, daß das Objekt durch wiederholte Befriedigungssitua- 
tionen geschaffen wurde. Wir können jetzt sagen: Ist das Objekt einmal vor- 
handen, so wird, so oft es vorgestellt wird, das Früh-Ich geändert. 

Aus zwei Gründen ist die primäre Identifizierung nachhaltig. Erstens: Sie 
erfolgt mit der ganzen narzißtischen Libido und verändert das ganze In- 
dividuum. Zweitens: Sie erfolgt nach dem Lustprinzip und hat zur Folge, daß 
das Individuum sich als lustvolles Subjekt erlebt. Anders jene Identifizierung, 
welche uns nach der Aufklärung der Melancholie die Bildung des Ichs aus dem 
Früh-Ich hat verstehen lassen. Diese Identifizierungen kommen zustande, 
wenn ein Sexualobjekt aufgegeben werden muß. Weil dies ein schmerzhafter 
Verzicht auf das begehrte Objekt ist, ist der Vorgang sehr unlustvoll. Des- 
wegen können die Wirkungen dieser — das Ich bildenden — Identifizierungen 
nicht so stabil sein. Der Verzicht wird nämlich — nach Nunberg sogar in 
allen Fällen — nur mit einer reservatio mentalis geleistet. „Die Tendenz, das Ich 
mit dem Es immer wieder von neuem zu vereinigen, ihre Einheit zu wahren, 
geht niemals gänzlich verloren, wenn sie auch im Einzelfalle gestört sein mag. 
In dieser selbstgenügsamen Einheit erfolgt am Ich die Befriedigung des Nar- 
zißmus des Es. Ein Bestreben, die Differenzierung zwischen Ich und Es rück- 
gängig zu machen, die auseinandergehenden psychischen Kräfte wieder mit- 
einander zu vereinigen und zu verschmelzen, ist unverkennbar" (Nun- 
berg [2]). Es besteht das Bestreben, das Ich in das Früh-Ich rückzuverwandeln, 
oder anders ausgedrückt: die das Ich bildende Identifizierung zugunsten der 
primären Identifizierung aufzugeben. 

Die das Ich bildende Identifizierung erfolgt, im Gegensatz zur primären, 
nicht mehr mit der ganzen Libido. Letzteres war möglich, solange nur eine 
einheitliche narzißtische Libido bestand. Die das Ich bildende Identifizierung 
bedeutet infolge Entlassung des Objektes aus dem Früh-Ich eine Zerstörung 
der bis jetzt vorhandenen narzißtischen Einheit. Wo jedoch auch die das Ich 
formende Identifizierung mit der gesamten Libido erfolgt, kommt es zur 
Melancholie. So mag es zu verstehen sein, daß der Melancholiker neben dem 
Kleinheitswahn stets auch den Größenwahn zeigt, beispielsweise der „größte 
Verbrecher aller Zeiten" zu sein. 

Die primäre Identifizierung erfolgt vor der Objektbesetzung, die das Ich 
bildende hingegen hat eine Besetzung des Objektes zur Voraussetzung. Wir 
dürfen jedoch nicht annehmen, daß mit der Objektbesetzung die primäre 
Identifizierung aufgehört hat. Da im Psychischen nichts verlorengeht, so muß 
un Stadium der Objektbesetzung auch das der primären Identifizierung er- 



360 



Ernst Paul Hoffmann 



halten bleiben. Das Objekt wird also begehrt, nicht nur zwecks Beseitigung 
der Bedürfnisspannung, sondern auch wegen der Lust, die in der primären 
Identifizierung enthalten ist. 

Nach Freud sind in der primitiven oralen Phase Objektbesetzung und 
Identifizierung „wohl nicht voneinander zu unterscheiden". Später finden 
Oszillationen zwischen beiden statt. Eine Regression von der Objektbesetzung 
zur Identifizierung zeigte die Patientin folgendermaßen: Ihre Sehnsucht, in 
die Kirche zu gehen und dort in Andacht zu versinken, hatte sie seit ihrer 
Kindheit. Als vor schulpflichtiges Kind hatte sie vom Christkind gehört, das 
alles Gute zu verteilen habe und überhaupt allmächtig sei. Sie begann zu 
wünschen, daß das Christkind auch sie besuchen möge. Die Patientin sagte 
wörtlich: „So sehr habe ich mich nach dem Christkind gesehnt, daß ich den 
ganzen Tag daran gedacht habe; ich wünschte, daß es ständig bei mir ist, und 
zwar ganz nahe, noch näher, so nahe, daß schließlich jeder Zwischenraum 
zwischen uns verschwunden ist, und wir eins geworden sind. Dann bin ich im 
Besitze aller Geschenke, die es zu vergeben hat, und bin selbst das allmächtige 
Christkind." 



Nach Entlassung des Objektes aus dem Früh-Ich in die Außenwelt und nach 
Besetzung des Objektes mit Objektlibido stellt sich zwischen dieser und der 
Ich-Libido das bekannte Korrelationsverhältnis nach dem Muster zweier 
kommunizierender Gefäße her: Je mehr die eine für sich verbraucht, desto 
mehr verarmt die andere. Anders ist die Situation auf der Stufe der Be- 
setzung des Objektes mit narzißtischer Libido, die der das Ich bildenden 
Identifizierung vorausgeht. Nach der Gleichung „sich das lustspendende 
Objekt vorstellen, bedeutet: sein Ich — das Früh-Ich — lustvoll fühlen" 
ergibt sich für diese Stufe: Je stärker die Besetzung des Objektes, desto stärker 
das Selbstgefühl, desto lustvoller das Früh-Ich. So kommt es, daß 
Ferenczi(2) jede Objektliebe als eine Ausweitung des Ichs auffaßt. Die 
Verarmung des Ichs an Libido zugunsten des Objektes, die Freud beschreibt, 
betrifft das Ich nach Vollzug der das Ich bildenden Identifizierung, während 
die Ausweitung des Ichs nach Ferenczi für das Früh-Ich Geltung hat. Für das 
Früh-Ich hat das Objekt die Funktion, das Selbstgefühl zu steigern; für das 
Ich hingegen ist das Objekt Träger einer „auffälligen Sexualüberschätzung, 
welche wohl dem ursprünglichen Narzißmus des Kindes entstammt und 
somit einer Übertragung desselben auf das Sexualobjekt entspricht" 
(Freud [i]). Um den Betrag der Sexualüberschätzung verarmt das Ich an 
Libido. 

Wie verhält sich nun das Ich, bzw. Früh-Ich bei der Süchtigkeit? Fenichel 
nennt die Süchtigkeit einen Reizschutz nach innen, der sekundär lustvoll ge- 
worden ist. Aber wovor soll geschützt werden, und worin besteht das Lust- 
volle dieses Schutzes bei der Süchtigkeit? Geschützt wird offenbar vor der 



Projektion und Ich-Entwicklung 



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alten Gefahr, die in der erhöhten Bedürfnisspannung besteht; sie zu beseitigen, 
W ar die erste Aufgabe der Objekte. Geschützt wird also immer auch vor dem 
Objektverlust. Es ist die Frage, wie das reife Ich sich bei einem solchen 
Objektverlust verhält, und wie das Früh-Ich. Das reife Ich wird auf den 
eingetretenen Objektverlust mit der normalen Trauer reagieren, einen drohen- 
den Objektverlust aber realitätsangepaßt hintanzuhalten trachten. Anders 
das Früh-Ich: Droht diesem ein Objektverlust, so betrifft er ja nicht das mit 
Objektlibido besetzte, also in der Außenwelt gefühlte Objekt, sondern das 
zum Früh-Ich gehörige. "Wegen der primärnarzißtischen Besetzung der Vor- 
stellung — das Vorgestellte wird sofort gefühlt — bedeutet auch der dro- 
hende Objektverlust soviel wie der tatsächlich eingetretene. Wenn das Objekt 
als nicht vorhanden gefühlt wird, so fehlt dem Früh-Ich die Möglichkeit 
erstens: Schutz zu haben vor der Angst, d. i. jener großartigen Störung in der 
Ökonomie der narzißtischen Libido, welche das Geburtserlebnis einmal tat- 
sächlich gebracht hatte; zweitens: die volle Befriedigung der narzißtischen 
Libido zu erlangen, d. h. sich selbst lustvoll zu fühlen. Deshalb ist für das 
Früh-Ich der drohende Objektverlust gleichzeitig ein drohender Ich- Verlust, 
bei welchem die gesamte Libido in Aktion tritt. Deshalb bleibt keine Instanz 
übrig, die ein Ertragen der Spannung, ein Beherrschen des Triebes ermöglichen 
könnte. 

Lustvoll wird der Schutz sekundär dadurch, daß die Introjektion des 
schützenden Objektes eine Ausweitung des Früh-Ichs zur Folge hat. Fenichel 
sagt wörtlich: „Aber der vermittelte Genuß hat, wie Rado wahrscheinlich 
gemacht hat, auch hier am ehesten Ähnlichkeit mit der Befriedigung des ge- 
sättigten Säuglings, die er den ,alimentären Orgasmus' nennt. "Wahrscheinlich 
gemacht wird das vor allem durch den Umstand, daß das hervorstechendste 
Moment des Rauscherlebnisses die überwältigende Erhöhung des Selbst- 
gefühls ist." Durch die Bezeichnung „alimentär" hat Rado ausgedrückt, daß 
die Erhöhung des Selbstgefühles — anders ausgedrückt: die Ausweitung des 
Früh-Ichs — durch Befriedigung des oralen Triebes bewirkt wird. Wenn es 
aber richtig ist, daß die totale narzißtische Befriedigung auch von anderen 
Quellen her erreichbar ist, so würde dem oralen Trieb für das Zustande- 
kommen der Süchtigkeit nicht die Bedeutung der einzigen Ursache zukommen. 
Die orale Libido hätte dann nur insofern Bedeutung, als deren Fixierung die 
Weiterentwicklung des Ichs, bzw. Früh-Ichs gestört und so zu einer geringeren 
Resistenzfähigkeit geführt hätte. 



„In den tiefsten Schichten der Psyche wie beim Beginne der psychischen 
Entwicklung herrscht noch das rohe Unlustprinzip, der Drang nach unmittel- 
barer motorischer Befriedigung der Libido; das ist die Schichte (oder das 
Stadium) des Autoerotismus nach Freud. Diese Region in der Schichtung 
der Psyche eines Erwachsenen ist als direkte Reproduktion meist nicht mehr 



zu erreichen; sie muß aus ihren Symptomen erschlossen werden. Was reprodu- 
zierbar ist, gehört zumeist schon der Schichte (dem Stadium) der Objektliebe 
(Freud) an ..." (Fe renczi [3]). Den Grund für die Schwierigkeit, in so frühe 
Stadien vorzudringen, hat uns Freud (2) erklärt, indem er sagte, daß der seeli- 
sche Apparat vor der scharfen Sonderung von Ich und Es andere Methoden 
der Abwehr übt. Wir dürfen annehmen, daß auch die Besetzungen in anderer 
Art gemacht werden. Die öfters erwähnte Patientin ließ einen neuen Einblick 
in die Art und Weise dieser Mechanismen gewähren. 

Schon die Übertragungssituation bot ein etwas ungewöhnliches Bild, und zwar 
so, daß die Patientin vom Beginne an paranoid in bezug auf den Analytiker ein- 
gestellt war. Die ersten Worte, mit denen sie diese ihre zweite Analyse begann, 
drückten ihre Überzeugung aus, daß der Analytiker mit ihr ein Liebesver- 
hältnis anfangen werde. In der ersten Analyse sei es nur deswegen nicht zu 
einem Liebesverhältnis gekommen, weil ihr erster Analytiker eine Frau war. 
Wenn sie auch wisse, daß dem Analytiker seine Vorschriften es verbieten, mit 
ihr werde er dennoch eine Ausnahme machen. Daß der Analytiker sie liebe, 
sei doch schon durch die Tatsache bewiesen, daß er sie analysiere. Es sei doch 
unmöglich — äußeren Zwang ausgenommen — , sich mit einem Menschen ab- 
zugeben, den man nicht liebt. Der Analytiker dürfe seine Liebe nur nicht zur 
Kenntnis bringen, da dies den Gang der Analyse stören würde. Aber er werde 
nicht lange widerstehen können. 

Diese positiven Beziehungsideen verkehrten sich bald ins Gegenteil. Die 
Patientin konnte unvermittelt, ohne Zusammenhang mit dem, was sie gerade 
sagte, den Wunsch äußern, die Analyse abzubrechen, da der Analytiker sie 
weghaben wolle. Das Wegblasen eines Aschenrestes hatte sie für einen Seufzer 
gehalten, und geseufzt konnte der Analytiker doch nur deswegen haben, weil 
er mit ihr unzufrieden war. Die Patientin paßte ungemein scharf auf das 
Verhalten des Analytikers auf und deutete beispielsweise jede Veränderung 
seiner Körperhaltung als ein Zeichen seiner Ungeduld, seines Wunsches, sie weg- 
zuschicken; um sich diese Erniedrigung zu ersparen, wollte sie selbst die 
Analyse abbrechen. 

Die Patientin hatte starke Wünsche nach irgendeiner Gemeinsamkeit mit 
dem Analytiker. Sie bot sich zu verschiedenen Diensten an, phantasierte von 
gemeinsamen Spaziergängen; sie wünschte zu wissen, was für Bücher der 
Analytiker lese; sie wollte die gleichen Bücher lesen, um auf diese Art eine 
geistige Gemeinschaft herzustellen. Sie fühlte alles mit, was sich an dem für 
sie erkennbaren Leben des Analytikers änderte. Sie war aufgeregt, als er 
übersiedelte, und war hochbeglückt, als sie zum erstenmal das neu ein- 
gerichtete Warte-, bzw. Ordinationszimmer betrat. 

Von den vielen Erscheinungen, die die Patientin bot, waren es zwei, die 
lange Zeit jedem Verständnisse trotzten: 1. Es zog sie immer zu einer be- 



Projektion und Ich-Entwicklung 



363 



stimmten Stelle der Stadt hin, wo sie mit Begeisterung bestimmte Brunnen- 
figuren betrachtete; 2. eine ähnliche starke Sensation (Ekstase?) drohte sie zu 
überkommen, wenn sie in der Analyse von der geometrischen Figur eines 
Kreises zu sprechen begann. 

Ein beinahe unmerkliches Agieren in der Außenwelt ermöglichte ein Ver- 
ständnis für diese Erscheinungen und ihre Analyse. Die Patientin schwimmt 
sehr gerne, und zwar seit vielen Jahren immer in einem nahe ihrer Wohnung 
gelegenen Schwimmbad. Eines Tages begann sie eine Schwimmhalle zu be- 
suchen, die ziemlich weit entfernt von ihrer eigenen, wohl aber in nächster 
Nähe der "Wohnung des Analytikers gelegen war. Sie brachte eine Menge 
Rationalisierungen, denn es war ihr unbewußt, daß sie dies getan hatte in der 
Hoffnung, mit dem Analytiker dort zusammenzutreffen. Die Vorstellung,- 
mit dem Analytiker gemeinsam in demselben Bassin zu schwimmen, war für 
sie sehr lustvoll. Alte Exhibitions-, bzw. Voyeurwünsche machten sich geltend. 
Die Phantasie änderte sich bald dahin, daß beide — Patientin und Analytiker 

— in einem gemeinsamen Moorbad liegen. Hier erinnerte die Patientin früh- 
kindliche Begebenheiten. Es war für sie eine besondere Lust, daß der Vater 
sie ins Bett nahm. Sie erinnert sich deutlich der "Wärme und der Ausdünstung 

— zu jener Zeit war es für sie "Wohlgeruch — , die an dem Bette hafteten 
und es wohlig warm machten. Dazu sei erwähnt, daß der Vater sich bis zu 
seinem Tode keinerlei Zwang in seinen analen Betätigungen auferlegt hatte. 
Er pflegte ungeniert in Gegenwart der Patientin und deren Mutter Winde 
zu lassen und auf den Kübel zu gehen. Das gleiche tat auch die Patientin bis 
lange nach der Pubertät. Eine sehr frühe Erinnerung, verlegt in das Lebens- 
alter von iV 2 Jahren, war ihr schon früher aufgetaucht: Sie hatte in das Bett 
des Vaters defäziert, die Mutter hatte sie angeschrien, der gute Vater jedoch 
hatte sie gereinigt und vor der bösen Mutter in Schutz genommen. Die 
Analyse eines Traumes, der um diese Zeit vorfiel, konnte einen noch tieferen 
Sinn der analen Phantasie der Patientin ergeben. Der Traum lautet: Sie sitzt 
auf einem Klosett -und defäziert. Durch den herabfallenden Kot wird ein Rad, das sich 
in der Klosettmuschel befindet, und das sie mit ihrem Körper berührt, in Rotation 
versetzt. Bei der Besprechung dieses Traumes geriet die Patientin in einen Er- 
regungszustand. Schon früher hatten die vom Kreis ausgehenden Assoziations-r 
ketten in eine bestimmte Richtung gewiesen, z. B. Kreis — Mond — fran- 
zösisch la lune — vulgäre Bezeichnung für das Gesäß. Oder: Kreis — zwei 
Halbkreise, wie die Gesetzestafeln Mosis — Horizontalschnitt durch die 
Nates usw. Die Analyse des Traumes ergab eine Phantasie, die die Patientin 
unter starkem Affekt und nur äußerst widerwillig preisgab. Sie lautet: Sie 
und der Vater defäzieren gleichzeitig gegenseitig jeder in den After des 
anderen. Sie erinnert sich der Lust, welche ihr die Vorstellung der sich gegen- 
einander bewegenden Kotstangen machte. Dabei sind sie und der Vater eins, 
ein einziger Körper. In dieser Phantasie besteht für die Patientin eine Einheit 

Int. Zdtschr. i. Psychoanalyse, XXI/3 25 



364 Ernst Paul Hoffmann 



zwischen ihr und dem geliebten Objekt, das höchste Glücksgefühl, das die 
Patientin kennt. 

Auch der Kreis gewann hier eine neue Bedeutung. Er war nicht nur wegen 
seiner Form ein Symbol für die Körperrundungen, sondern hatte als Begriff, 
ähnlich wie für den Patienten, über den Weizsäcker berichtete, viel tiefere 
Bedeutung. Der Kreis stelle etwas in sich Geschlossenes dar. Wenn man sich 
von einem bestimmten Punkte aus bewege, so komme man zu dem gleichen 
Punkt zurück, wobei es gar keinen Unterschied mache, ob man sich rechts 
herum oder links herum, oben herum oder unten herum bewegt habe. Gerade 
die Vorstellung, daß man so gar nicht darauf zu achten brauche, ob man sich 
nach der einen oder nach der entgegengesetzten Seite bewege, daß man sich so- 
gar gleichzeitig nach beiden einander entgegengesetzten Richtungen bewegen 
könne und unter allen Umständen wieder den ersehnten Ausgangspunkt er- 
reiche, bringe sie so in Erregung. 

Wenn die Assoziationsreihe nicht zu den Nates führte, so bestand sie aus 
einer einzigen Vorstellung: „Es dreht sich alles um mich herum." Aus Angst, 
es könnte sie ein Schwindel befallen, lehnte sie das weitere Assoziieren ab. 
Nachdem starke Widerstände beseitigt worden waren, ergab sich Gelegenheit, 
eine weitere Bedeutung des Kreises zu finden. Wenn die Patientin sich einen 
Koitus vorstellte, so gebrauchte sie stereotyp die gleichen Worte „wir liegen 
übereinander". Diese „Fehlleistung" war das Resultat folgender Phantasie: 
Der Koitus beginnt in normaler Lage, doch bald legt sie sich über den Mann, 
dann wieder der Mann über sie usw. Diese Drehungen werden immer rascher 
und rascher, so daß schließlich ein einziger Körper vorhanden ist, der in 
rasender Rotation begriffen ist. Sie erinnerte das Schulexperiment, bei welchem 
eine Scheibe mit verschieden gefärbten Teilen bei rascher Rotation eine ein- 
zige Farbe annimmt. Bei dem so phantasierten Koitus machte es für die Pa- 
tientin gar nichts aus, ob der Mann sein Glied in ihrer Scheide hatte oder nicht. 
Das Lustvolle war das Einssein mit dem anderen. Von dieser Phantasie führte 
auch ein Weg zum Verständnis des Interesses an den Brunnenfiguren. Diese 
überrasche Rotation nannte die Patientin das „Chaos", nach welchem sie sich 
sehnte. Die Brunnenfiguren stellten für sie wegen der verschlungenen und 
verrenkten Gliedmaßen auch eine Art Chaos dar. Nach diesem Chaos hatte 
sie sich als ganz kleines Kind gesehnt, als sie einen Koitus der Eltern beob- 
achtete. Sie wünschte mit als dritte im Bunde zu sein. Sie sagte wörtlich: 
„Ich muß verrückt gewesen sein: Ich wünschte sowohl der Vater zu sein als 
auch die Mutter, als auch das Kind. Irgendwie hätten wir alle drei uns zu 
einer einzigen Masse vermischen sollen." 

In noch einem Zusammenhange kehrte der Kreis wieder. Die Patientin 
träumte: „Ich liege im Bette nur mit einem Nachthemd bekleidet. Mein Vater neigt 
sich über mich und küßt meine linke Brust. Gleichzeitig führt er sein Glied in meine 
Scheide ein. Das ist der lustvollste Verkehr." Dieser Traum enthielt in genitalem 



Projektion und Ich-Entwicklung 365 

Gewände einen oralen Wunsch. Sie läßt den Vater trinken, und gleichzeitig 
läßt der Vater sie mit ihrem .unteren Mund an seiner Brust, d. h. Penis, 
saugen. Die Milch durchläuft also einen Kreis. In diesem Traum durch- 
lebte die Patientin wieder einmal das „Kinderwagerlgefühl". So nannte sie 
nämlich das Glücksgefühl, das sie genoß, wenn sie in ihrem Kinderwagen 
lag und die Mutter sich über sie neigte. 

Was die Patientin wünscht, ist: eins zu sein mit dem Objekt. Die erogenen 
Zonen sind für sie vor allem ein Mittel, diese Einheit zu erreichen. Bei dieser 
Einheit gibt es keine Trennung nach Ich und Objekt; sie nimmt die Form 
des Objektes an, das Objekt die Form ihres Ichs. Sie träumte einmal: 
„Ich bin in einem Spital und soll operiert werden. Der Arzt nähert sich mir mit 
einem langen Messer und operiert an meinem Genitale. Jetzt werde ich befähigt sein, 
ein Kind zu gebären." Die Analyse ergab: Sie trägt ständig ein Kind, d. h. einen 
Penis in sich. Der Vater sollte ihr durch seinen Penis den in ihrem Leib ver- 
borgenen herausheben. Wenn der Vater mit seinem Penis etwas tut, so nur 
zu dem Zwecke, um mit ihrem Penis zusammen zu sein. Wenn der Ana- 
lytiker seine geistigen Fähigkeiten bei ihr verwendet, so tut er dies doch nur, 
um die verborgenen Fähigkeiten zu wecken, die in der Patientin schlummern. 

Bei der Besprechung dieses Traumes phantasierte die Patientin eine Liebes- 
szene mit dem Analytiker. Plötzlich sprang sie auf. Nachdem sie sich be- 
ruhigt hatte, gab sie an, ihr Körper sei plötzlich ganz unnatürlich groß ge- 
worden, sie sei ganz hart und steif geworden. Diese Sensation habe sie bei der 
Vorstellung überkommen, daß sie das Glied des Analytikers in die Hand nehme 
und dieses groß und steif würde. 

Diese Sensation der Patientin zeigt, daß sie die Vorstellungen primär- 
narzißtisch besetzt. Wenn sie an das Glied denkt, so ist sie selbst ein Glied. 
Was dem Objekt geschieht, geschieht auch ihrem Ich. 

Auch die Vorliebe für das Schwimmen entsprang — abgesehen von Voyeur- 
und Exhibitionswünschen — der Sehnsucht nach Einheit. Sie phantasiert, „mit 
dem unendlichen Ozean vermischt zu sein"; ihr Wunsch, daß ihre eigenen 
„Körpergrenzen" aufhören mögen, wird ihr im Wasser zum Teil befriedigt. 
Sie fügte hinzu: „Es ist so unendlich traurig, hier steht ein Mensch allein, 
dort steht ein Mensch allein, jeder einsam für sich. Warum sind sie so ab- 
gegrenzt voneinander?" 

Nachdem die Patientin erkannt hatte, daß ihre erotischen Triebe ein Mittel 
waren, um mit dem Objekt zu verschmelzen, erinnerte sie eine Phantasie, die 
sie vom 4. bis zum 6. Lebensjahr beherrscht hat. Soweit sie sich erinnern 
kann, hat sie stets bedauert, das einzige Kind ihrer Eltern zu sein. Sie wäre 
glücklich, wenn sie eine Schwester hätte. Vom 4. bis 6. Lebensjahr nun phan- 
tasierte sie, daß sie eine Zwillingsschwester habe, mit der sie als siamesisches 
Zwillingspaar verwachsen lebe. Diese Phantasie befriedigte ihren Wunsch, mit 
einem geliebten Objekt verwachsen zu sein, und dieses Objekt wurde des^ 



366 



Ernst Paul Hoffmann 



wegen so geliebt, weil es gleichzeitig ihr Ich war. Als eine ihrer Bekannten 
einem Zwillingspaar das Leben schenkte, konnte die Patientin durch "Wochen 
von nichts anderem sprechen. 

Auch bei anderen Patienten war ein ähnliches Verlangen nach der Einheit 
des Ichs mit dem Objekt und dem gleichzeitigen zentrifugalen und zentri- 
petalen Strömen der Libido zwischen beiden zu beobachten. Ein 3 5 jähriger, 
akademisch gebildeter Mann brachte folgende Erinnerung: Er ist ein Kind von 
noch nicht zwei Jahren. Er soll defäzieren, kann aber nicht, und die Mutter 
legt ihre Handfläche auf seinen nackten Bauch. Er empfindet ein Glücks- 
gefühl dabei und defäziert. Er war voll Liebe und Dankbarkeit der Mutter 
gegenüber und wünschte auch ihr das gleiche Glücksgefühl zu bereiten. Der 
Patient äußerte seinen Zweifel darüber, ob er der Mutter aus Dankbarkeit 
seine Hand auf den Bauch legen wollte, oder ob er der Mutter zuerst diesen 
Liebesdienst erweisen wollte, damit sie sich ihm gegenüber in der gleichen Art 
revanchiere. Plötzlich schwieg der Patient einige Augenblicke. Er berichtete, 
daß er während des Schweigens ein intensives Glücksgefühl genossen habe; er 
hatte sich vorgestellt, wie er und die Mutter gleichzeitig ihre Handflächen auf 
dem Bauch des Gegenübers liegen haben. Das Beglückende lag für ihn eben 
darin, daß er „unbeschwert von jeder Logik und jedem Kausalitätsbedürfnis" 
fühlen konnte, er und die Mutter erwiesen einander gleichzeitig den gleichen 
Liebesdienst. Wenn er anfange nachzudenken, ob einer von den beiden und 
welcher angefangen, bzw. reagiert habe, so werde das Ganze ein Geschäft und 
habe mit Liebe nichts mehr zu tun. Das Glücksgefühl verschwand in dem 
Augenblicke, als die logische Funktion des Ichs eintrat, d. h. die Besetzung 
vom Früh-Ich auf das Ich verschoben wurde. 

Ein Patient wurde einmal bei der Lektüre einer kleinen Arbeit über Palin- 
drome von Glücksgefühl überkommen. Er fand dort etwas über das soge- 
nannte Satansquadrat. Dieses Quadrat besteht aus fünf "Wörtern, jedes zu 
fünf Buchstaben. Aneinandergereiht lauten diese "Wörter: 

SATOR — AREPO — TENET — OPERA — ROT AS. 
Er wollte sich überzeugen, ob diese fünf "Wörter vor- und rückwärts gelesen 
wirklich gleichlauten. In dem Momente, als er in Eile gleichzeitig vor- und 
rückwärts lesen wollte, empfand er ein wohliges Gefühl. Die Empfindung, 
daß etwas gleichzeitig nach zwei entgegengesetzten Richtungen geht, hatte ihm 
das wohlige Gefühl verschafft. 

Ein vierter Patient, ein 2 8 jähriger Handwerker mit starker Begeisterungs- 
fähigkeit, schilderte einmal, wie gut es ihm ergangen sein mag, als er noch an 
der Mutterbrust trinken durfte. In seiner übertreibenden Art beschrieb er, wie 
glücklich er gewesen, als die Mutter noch so gut zu ihm war, und wie sehr er 
die Mutter damals geliebt hatte. Er rief dann aus: „Zu jener Zeit hat zwischen 
meiner Mutter und mir die heilige Zweieinigkeit bestanden!" Er begründete 



Projektion und Ich-Entwicklung 



367 



dann dieses neue "Wort „Zweieinigkeit" in Analogie zu dem kirchlichen Be- 
griff der Dreieinigkeit. Er und die Mutter hätten zusammen ein einziges 
Wesen gebildet. Wäre dieses Wesen entzweigeschnitten worden, so hätten 
beide Teile — einzeln — keine Existenz mehr gehabt. Denn er fühlte, daß 
die Mutter, wenn sie ihn nicht säugte, einfach nicht existierte, und damit die 
Welt überhaupt zu existieren aufgehört hatte. Gab ihm die Mutter zu trinken, 
so floß ein Strom von Liebe von der Mutter zu ihm — in Form der Milch — , 
aber auch von ihm zur Mutter — er meinte in Form des Harnes. Der Patient 
glaubte, wenn er heute fähig wäre, das gleiche zu empfinden, wie er es als 
Säugling empfunden haben mußte, so wäre er imstande, sich die Unsterblich- 
keit zu erringen. Denn eine solche „Zweieinigkeit" sei nicht etwa die Addition 
der Fähigkeiten zweier Menschen, sondern sie hole das Letzte heraus, was ein 
Mensch in sich trage, und befähige ihn geradezu, die ganze Welt zu ändern, 
z.B. auf dem Wege der Politik oder Literatur. 

Diese Stufe der Entwicklung des Ichs, die der Patient als „Zweieinigkeit" 
bezeichnete, und für welche die erwähnten Patienten Beispiele bieten, läßt sich 
folgendermaßen beschreiben: Es besteht keine Trennung zwischen dem Ob- 
jekt und dem Früh-Ich. Es hat einerseits eine primäre, demnach totale 
Identifizierung mit dem Objekt stattgefunden, anderseits eine Umkehrung 
dieser Identifizierung, d. h. eine Angleichung des Objektes an das Früh-Ich. 
Was an Trieben oder Affekten gespürt wird, wird in ganz der gleichen Weise 
als auch beim Objekt vorhanden empfunden. Der Strom der Liebe — um 
mit den Worten des Patienten zu reden — geht gleichartig vom Früh-Ich 
zum Objekt und vom Objekt zum Früh-Ich. Die Bezeichnung „gleichartig" 
will hier und im folgenden besagen: Es wird völlige Identität der beiden 
Libidoströme in bezug auf Qualität, Intensität und zeitlichen Ablauf gefühlt. 
Es wird doch die gleiche narzißtische Libido von dem dem Früh-Ich gleichen- 
den, sich somit wie ein Spiegel verhaltenden Objekt reflektiert. 

In höherer Schichte dient die Einheit mit dem Objekt der sexuellen Ver- 
drängung, der Erleichterung des sexuellen Dimorphismus. 

Die Verschmelzung von Ich und Objekt, das Einswerden mit dem All, die 
unio mystica ist als Ziel aller Mystiker bekannt. Die Ubiquität dieser Er- 
scheinung hat auch Helene Deutsch hervorgehoben, indem sie schrieb: 
„Jeder ästhetische Genuß, mag er bei der Betrachtung einer Landschaft oder 
eines Kunstgegenstandes entstehen, bei der Lektüre einer Dichtung oder beim 
Hören von Musik, immer kennzeichnet er sich dadurch, daß zwischen dem 
Ich und dem von der Außenwelt zuströmenden Eindruck auf dem Wege der 
Einfühlung eine Ich- Welt-Identität entsteht. Das Beglückende ist eben in 
diesem Identitätsgefühl zu suchen." 

Auch Jekels und Bergler sehen das Wesentliche der Liebe in der Re- 
Introjektion des Objektes ins Ich. Sie schreiben: „Steckt doch hinter 
dem geliebten Objekt eigentlich das eigene, im manischen 



Ernst Paul Hoffmann 



Rausch des Geliebtwerdens schwelgende Ich, das das Objekt für 
würdig befunden hat, das Allerwertvollste auf Erden, sein Ich-Ideal, in der 
Wirklichkeit zu vertreten." 

Bei dem Zustande der Einheit zwischen Objekt und Ich muß genau unter- 
schieden werden, wieweit es sich um die "Wiedervereinigung mit dem bereits 
in die Außenwelt entlassen gewesenen, mit Objektlibido besetzten Objekte 
handelt (Re-Introjektion) und wieweit um die daneben bestehende „Zwei- 
einigkeit", d. h. jene Entwicklungsstufe, auf der das Objekt noch nicht mit 
anderer als narzißtischer Libido besetzt ist. Anders ausgedrückt: wieweit 
die Einheit zwischen Objekt und Ich besteht und daneben zwischen Objekt 
und Früh-Ich. 

Diese Unterscheidung ist deswegen so bedeutsam, weil die „Zweieinigkeit" 
uns ein Verständnis der Projektion ermöglicht. 

Freud (6) äußert sich über die Projektion folgendermaßen: „..., daß sie 
nicht nur bei Paranoia, sondern auch unter anderen Verhältnissen im Seelen- 
leben vorkommt, ja, daß ihr ein regelmäßiger Anteil in unserer Einstellung 
zur Außenwelt zugewiesen ist. "Wenn wir die Ursachen gewisser Sinnes- 
empfindungen nicht wie die anderer in uns selbst suchen, sondern sie nach 
außen verlegen, so verdient auch dieser normale Vorgang den Namen einer 
Projektion." Ferner: „Eine innere "Wahrnehmung wird unterdrückt, und zum 
Ersatz für sie kommt ihr Inhalt, nachdem er eine gewisse Entstellung er- 
fahren hat, als "Wahrnehmung von außen zum Bewußtsein." 

"Wie ist nun die Beziehung zwischen Projektion und „Zweieinigkeit"? In 
dem Zustande der Zweieinigkeit geht der „Strom der Liebe" gleichartig vom 
Subjekt zum Objekt und umgekehrt. Es ist dies nur narzißtische Libido. 
Subjekt und Objekt fühlen das gleiche. Ist der Zustand der „Zweieinigkeit" 
noch ungestört, so müßte das Individuum sagen: „Ich und mein Gegenüber, 
wir haben die ganz gleichen Gefühle, die ganz gleichen Gedanken." Auf dieser 
Stufe besteht noch kein Grund, den Empfindungen, die sowohl „innen" als 
auch „außen" vorhanden sind, das Wohnrecht im „Innen" zu entziehen. 

Ein Beispiel einfachster Art für diesen Vorgang: Jemand bekommt uner- 
wartet Besuch, über den er sehr erfreut ist. Als Motiv für den Besuch setzt er 
bei dem Gast etwas voraus, was ihm selbst (dem Besuchten) Freude bereiten 
würde. Er fühlt, daß ihm der Gast etwas „Gutes" erweist, bzw. erweisen wird 
und wünscht, dem Gaste auch etwas „Gutes" zu tun; nicht etwa, das „Gute" 
auf Grund einer verstandesgemäßen Überlegung zu vergelten, sondern aus 
einer rein gefühlsmäßigen liebevollen Einstellung. So gleichen alle dem 
Patienten, der sein Glücksgefühl nur dann genoß, wenn er sich „unbeschwert 
von jeder Logik und jedem Kausalitätsbedürfnis" vorstellte, daß er und die 
Mutter gegenseitig die Handflächen auf dem Bauch des Gegenübers liegen 
haben; sobald er nachzudenken begann, wer provoziert, und wer sich 
revanchiert hatte, hörte die Liebe auf, und das Ganze wurde ein Geschäft. 



Projektion und Ich-Entwicklung 



369 



Unser Gastgeber wird etwa seinem Besucher etwas anbieten, was er selbst für 
„gut" hält, und wovon er fühlt, daß es auch der Gast für „gut" halten wird. 
Das wäre ein einfachster Fall von „Zweieinigkeit", wo der „Strom der Liebe" 
noch ungestört gleichartig zentrifugal und zentripetal sich bewegt. 

Man wird fragen, ob derlei Regressionen zu so frühen Entwicklungsstufen 
wirklich so ubiquitär sind, ob sie wirklich so häufig im alltäglichen Leben 
Vorhanden sind. Diese Frage ist zu bejahen. Erinnern wir uns: Wenn ein 
psychischer Akt nicht entfremdet erlebt werden soll, so muß die mit narzißti- 
scher Libido besetzte Ich-Grenze an die mit Objektlibido besetzte Vorstellung 
des Objektes herankommen. Vorübergehend kann eine Erweiterung der 
Ich-Grenze eintreten. Für kurze Zeit kann es zu einem Überschwemmen des 
Objektes mit narzißtischer Libido kommen, kann jener Zustand wiederher- 
gestellt werden, wie er einstmals, nämlich vor der Freigabe des Objektes in 
die Außenwelt, bestanden hatte (Federn [2]). Solange dieser vorübergehende 
Zustand andauert, solange besteht „Zweieinigkeit". Werden Früh-Ich und 
Objekt voneinander abgegrenzt, hat die Ich-Grenze sich wieder zurück- 
gezogen, befindet sich das Objekt wieder ganz in der Außenwelt, so hat auch 
die „Zweieinigkeit" aufgehört. 

Wenn in unserem Beispiele der unerwartete Besuch Befürchtungen betreffs 
des Besuchszweckes beim Besuchten hervorruft, so wird dieser leicht seinem 
Gast ein Motiv zuschieben, das diesem zwar fernliegt, aber im Bewußtsein 
des Besuchten aufgestiegen ist. Es ist dies ein Fall, von dem wir sagen können, 
daß die Ursache einer Empfindung nach außen verlegt wurde. Auch in diesem 
Falle besteht „Zweieinigkeit" zwischen Besucher und Besuchtem; doch ist 
diese nicht mehr ungestört, es ist vielmehr zur Projektion gekommen. 

Normale und paranoische Projektion haben beide den gleichen Mechanis- 
mus: Das Subjekt fühlt, daß das Objekt ihm etwas zusendet; es hält dies 
für eine spontane Äußerung des letzteren. Wir wissen, daß das Objekt nichts 
anderes tut, als ganz das gleiche zurückzusenden, was es vom Subjekt er- 
halten hat. Dies kann es nur, wenn zwischen Subjekt und Objekt jene Gleich- 
heit besteht, wie sie vor der Entlassung des Objektes in die Außenwelt durch 
die primäre Identifizierung, bzw. deren Umkehrung herbeigeführt wird; wenn 
also das Objekt noch nicht eine ihm eigene Qualität hat, sondern — bildlich 
ausgedrückt — das Spiegelbild des Subjektes ist. In diesem Stadium geht ein 
Strom narzißtischer Libido vom Objekt zum Subjekt (ergibt die primäre 
Identifizierung) und gleichartig vom Subjekt zum Objekt (ergibt die Umkehrung 
der primären Identifizierung) — es ist das Stadium der „Zweieinigkeit". Die 
Projektion entsteht auf dem Boden der „Zweieinigkeit": Wenn 
nämlich der Inhalt des vom Subjekt zum Objekt gehenden Libido- 
Stromes unbewußt, bzw. entstellt worden ist, dann fühlt das 
Subjekt, daß es etwas erhält, ohne zu wissen, daß es selbst es 
aussendet. 



Bei ungestörter „Zweieinigkeit" wird der Psychotiker das Bild des positiven 
Beziehungswahnes bieten; der entsprechende Fall des Normalen würde durch 
das vorhin erwähnte Beispiel des freudig überraschenden Besuches dargestellt 
sein. In beiden Fällen besteht kein Grund, das Aussenden der Libido, bzw. 
das Empfangen derselben zu inhibieren. Anders wenn die „Zweieinigkeit" 
durch Unbewußtwerden, bzw. Entstellung des vom Subjekt ausgesendeten 
Libidostromes gestört wird. Dann erhalten wir das Bild der paranoischen 
(beim Psychotiker), bzw. normalen Projektion. 

Die normale Projektion, der ja „ein regelmäßiger Anteil an unserer Ein- 
stellung zur Außenwelt zugewiesen ist", ist leicht korrigierbar, genau so 
leicht oder so schwer, wie der Boden, auf dem die Projektion entstehen kann, 
die „Zweieinigkeit", korrigierbar ist. Mit anderen Worten: genau so leicht, 
wie die beschriebene vorübergehende Erweiterung der Ich-Grenze rück- 
gängig gemacht werden kann, d, h. wie das Ich, bzw. Früh-Ich das Objekt 
wieder in die Außenwelt entlassen, sich von ihm abgrenzen kann. 

"Wir verstehen jetzt auch, weshalb die Projektion bei Kindern so häufig und 
so auffallend ist. Wir hörten doch, daß bei ihnen die Vorstellungen der Ob- 
jekte noch dem Ich zugehören. Das Früh-Ich hat die Objekte noch nicht in 
die Außenwelt entlassen, es sendet einen Strom narzißtischer Libido zu den 
Objekten und empfängt den gleichen Strom zurück: Der Zustand der „Zwei- 
einigkeit", auf deren Boden die Projektion entstehen kann, ist viel häufiger 
zu sehen als beim Erwachsenen. 

Wie ist es nun in der Paranoia? Wir wissen, daß hier die Projektion nicht 
korrigierbar ist. Der Paranoiker hat ja seine Libido zur Gänze in narzißtische 
umgewandelt und damit das Objekt verloren. Den Restitutionsversuch, der 
uns das Bild seines Wahnes darbietet, kann er nur mit narzißtischer Libido 
unternehmen. Je mehr Libido er also an das Objekt aussendet, desto mehr 
gleicht er es seinem Ich an. Was sein Ich vom Objekt zu empfangen wähnt, 
ist nichts anderes, als seine eigene narzißtische Libido. Da das Objekt seinem 
Ich gleicht, funktioniert es wie ein Spiegel: Es wirft die Libido zurück, die 
das Ich aussendet. Der Paranoiker befindet sich also in dem Zustande der 
(gestörten) „Zweieinigkeit", doch ist dieser Zustand nicht korrigierbar. Das 
ist eben das Psychotische, daß die Ich-Regression eine definitive ist, daß den 
Wahnvorstellungen Wirklichkeitscharakter verliehen wird. Für den Para- 
noiker ist die „Zweieinigkeit" zum Dauerzustand geworden. Da er das 
Objekt mit Objektlibido nicht besetzen kann, würde er es bei einer Freigabe 
in die Außenwelt ganz verlieren, also den Restitutionsversuch, der sich uns 
als Wahn darbietet, rückgängig machen. 

• , Bei normaler Entwicklung wird das Stadium der „Zweieinigkeit" verschwin- 
den und der Anerkennung des Objektes als eines in der Außenwelt vor- 
handenen, eine andere Qualität als das Früh-Ich habenden Etwas weichen. 
Nun wissen wir, daß Störungen in der Ökonomie der narzißtischen Libido 



Projektion und Ich-Entwicklung 



371 



auch durch Schreckerlebnisse verursacht werden können. Nehmen wir nun 
an , ein solches Trauma treffe das Individuum gerade in dem Zustand der 
Zweieinigkeit'' und zerstöre diesen. Es wird das „zweieinige" Wesen ge- 
spalten werden in 1. das Früh-Ich und 2. das Objekt, welches vom FrühTch 
so empfunden wird, als wäre es das Früh-Ich selbst. "Wir hörten ja, daß eine 
Umkehrung der primären Identifizierung möglich ist in dem Sinne: Nicht 
nur mein Ich hat sich dem Objekte angeglichen, sondern ich habe auch das 
Objekt meinem Ich angeglichen. Die gewaltsam zerrissene „Zweieinigkeit" 
wird also empfunden werden, als wäre der eine Teil des Früh-Ichs verblieben, 
und es hätte sich der andere Teil, der durch das Objekt als den Träger der 
Eigenschaften des Früh-Ichs sozusagen dargestellt wurde, in die Außenwelt 
entfernt. So mag es zu verstehen sein, daß in der Schizophrenie das eigene 
Spiegelbild in der Außenwelt gesehen wird. Es sei hier an all die Sagen und 
Märchen erinnert, in denen geschildert wird, wie jemand dem Teufel sein 
Spiegelbild oder seinen Schatten verkauft. 

Was die Ökonomie betrifft, könnten wir sagen: Je stärker die maximal 
erstrebte Befriedigung der narzißtischen Libido empfunden wird, desto mehr 
wird Gleichheit zwischen dem Früh-Ich und dem introjizierten Objekte be- 
stehen. Als Beispiel diene die Phantasie der Patientin, mit einer Zwillings- 
schwester verwachsen zu sein. Diese Phantasie läßt die Körpergrenzen auf- 
hören und verwandelt das Objekt in das Spiegelbild des eigenen Ichs. Sie 
unterscheidet sich von der schizophrenen Wahnbildung nur dadurch, daß die 
Patientin phantasiert, mit ihrem Spiegelbild verbunden zu sein, während der 
Schizophrene sein Ebenbild in der Außenwelt wirklich sieht. 

Von der Patientin wissen wir, daß ihre Sehnsucht dem Zustand der Einheit 
mit dem Objekte gilt, der mit der beschriebenen „Zweieinigkeit" identisch 
ist, und den sie dadurch herbeizuführen phantasiert, daß ihre Körpergrenzen 
und die des Objektes ineinander aufgehen. Die Patientin schildert, daß es ihr 
ganz gleichgültig sei, auf welchem Wege sie ihr Ziel — die Verschmelzung 
mit dem Objekte — erreiche. Sie tut so, als vernachlässige sie die Libido- 
positionen vollständig. Aus den Widerständen bei der Besprechung einzelner 
Libidostufen ließ sich erkennen, daß starke Affekte verdrängt waren. Fest- 
gestellt wurde: Die „Zweieinigkeit" auf genitalem Wege wird durch die nor- 
male Annäherung mit dem Objekte — Gesicht gegen Gesicht — erstrebt, 
ebenso die orale. Auf analem Wege wird die Verschmelzung mit dem Ob- 
jekte dadurch hergestellt, daß beide sich mit dem Rücken gegeneinander 
annähern. 

Auf dieser frühen Entwicklungsstufe sind die libidinösen Triebe von den 
Ich-Trieben nicht zu unterscheiden, beide dienen narzißtischen Interessen 
(Freud [1]). Im Laufe der Entwicklung kommt es zur Verdrängung, und 
es ist nicht gleichgültig für die Art der Erkrankung, welche Triebe verdrängt 
wurden. Wir sehen in der Psychose: Sind die erotischen Triebe der Ver- 



drängung anheimgefallen, so haben wir das Bild des Verfolgungswahnes vor 
uns, bei Verdrängung des Todestriebes hingegen das Bild der Erotomanie. 

Auch wird es seine Bedeutung haben, ob das Früh-Ich das Verbot der 
Triebbefriedigung nur für sich allein akzeptierte oder auch für das intro- 
jizierte Objekt. Die erwähnte Patientin z. B. sehnt sich ständig nach der 
„Zweieinigkeit", sie tut jedoch nichts, um diese herbeizuführen, sondern sie 
wartet darauf, daß das Objekt dies tue. Sie lebt in einer ekstatischen Hingabe, 
da sie das Bestehen eines Verbotes der Triebbefriedigung wohl für ihr Ich, 
jedoch nicht für das introjizierte Objekt angenommen hat. 

Vielleicht ließe sich ganz allgemein folgende Formel aufstellen: Mancher 
Kranke ersehnt die „Zweieinigkeit". Es fragt sich nun, ob er darauf wartet, 
daß das Objekt diesen Zustand herbeiführt (durch Befriedigung des libidinösen 
Triebes). Auf dieser Stufe befindet sich die geschilderte Patientin. Hierher 
könnten auch alle jene Individuen gehören, die eine besondere Bereitschaft 
zeigen, sich vom Affekte, den sie beim Objekt bemerken, induzieren zu lassen. 
Anders, wenn das Ich die „Zweieinigkeit" herzustellen bestrebt ist. Hierher 
dürften jene gehören, die das Objekt mit ihrem eigenen Affekt zu induzieren 
wünschen, beispielsweise jene Rauschgiftsüchtigen, welche ihre Sucht zu ver- 
breiten trachten. 

In der Psychose ist die „Zweieinigkeit" gegeben. Es ist die Frage, auf welche 
Weise das in Regression befindliche Ich diesen Zustand akzeptiert oder ab- 
wehrt. Es können folgende Möglichkeiten bestehen: i. Ich und Objekt unter- 
nehmen beide die Befriedigung; das ergibt den positiven Beziehungswahn, 
bzw. jene scheinbar überglückliche Liebesbeziehung, die der Psychose häufig 
vorangeht. 2. Es wird phantasiert, daß das Objekt die gegenseitige Befriedigung 
unternimmt, das Ich hingegen wehrt ab; dies ergibt die Verfolgungsideen. 
3. Das in Regression befindliche Ich bewerkstelligt die Befriedigung, das, Objekt 
ist „neutral"; das ergibt den Welterlösungswahn. 

Alle jene Fälle, in denen das Ich, bzw. das Früh-Ich das Verbot für sich 
wohl akzeptiert, aber für das Objekt das Nichtbestehen des Verbotes an- 
genommen hat, werden in dem Zustande der „Zweieinigkeit" den Mechanis- 
mus der Projektion zeigen. Denn nur der vom Subjekt gegen das Objekt ge- 
richtete „Strom der Liebe" mußte unbewußt werden, nicht aber auch der 
vom Objekt gegen das Subjekt gerichtete. 

Daß derlei Beziehungen, die sich von einem Teile des Ichs zu einem anderen 
abspielen, möglich sind, hat Freud (3) durch folgenden Satz ausgedrückt: 
„Denken wir daran, daß das Ich nun in die Beziehung eines Objektes zu dem 
aus ihm entwickelten Ich-Ideal tritt, und daß möglicherweise alle Wechsel- 
wirkungen, die wir zwischen äußerem Objekt und Gesamt-Ich in der Neurosen- 
lehre kennengelernt haben, auf diesem neuen Schauplatze innerhalb des Ichs 
zur Wiederholung kommen." — Wir wollen nicht vergessen: Hinter dem 



Projektion und Ich-Entwicklung 



373 



Ich-Ideal verbirgt sich, die erste und bedeutsamste Identifizierung des In- 
dividuums, die primäre. 

Literaturverzeichnis. 
Deutsch, Helene: Über Zufriedenheit, Glück und Ekstase. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIII, 

1927. 

Federn: 1. Zunahme der Süchtigkeit. Almanach der Psychoanalyse 1935. 2. Das Ich als 
Subjekt und Objekt im Narzißmus. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XV, 1929. 3. Variationen des 
Ich-Gefühls, Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XII, 1926. 4. Narzißmus im Ich-Gefüge, Int. Ztschr. f. 
Psa., Bd. XIII, 1927. j. Die Ich-Besetzung bei den Fehlleistungen. Imago, Bd. XIX, 1933. 
(,. Das Erwachen des Ichs im Traume. I. Die Orthiogenese. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XX, 1934. 

Fenichel: Perversionen, Psychosen, Charakterstörungen. Int. Psa. Verlag, 193 1. 

Ferenczi: 1. Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. I, 1913. 
2. Zur Begriffsbestimmung der Introjektion. Zentralblatt f. Psa., Jg. 1912. 3. Introjektion 
und Übertragung. Jahrbuch f. psa. und psychopathol. Forschungen, Jg. 1909. 

Freud: 1. Zur Einführung des Narzißmus. Ges. Sehr., Bd. VI. 2. Hemmung, Symptom 
und Angst. Ges. Sehr., Bd. XI. 3. Massenpsychologie und Ich-Analyse. Ges. Sehr., Bd. VI. 
4. Das Unbehagen in der Kultur. Ges. Sehr., Bd. XII. 5. Das Ich und das Es. Ges. Sehr., 
Bd. VI. 6. Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall 
von Paranoia. Ges. Sehr., Bd. VIII. 

Glover: Zur Ätiologie der Sucht. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIX, 1933. 

Jekels und Bergler: Übertragung und Liebe. Imago, Bd. XX, 1934. 

Nunberg: 1. Allgemeine Neurosenlehre. Verlag Hans Huber, Bern-Berlin. 2. Die syn- 
thetische Funktion des Ichs. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XVI, 1930. 

Rank: Das Trauma der Geburt. Int. Psa. Verlag, 1924. 

Tausk: Über die Entstehung des „Beeinflussungs- Apparates" in der Schizophrenie. Int. 
Ztschr. f. Psa., Bd. V, 1919. 

Weizsäcker: Körpergeschehen und Neurose. Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIX, 1933. 






■ 






Harntriebäußerungen, insbesondere Enuresis, 
Urophilie und Uropolemie l 

Von 

Hans Christoffel 

Basel 

Der Umfang des Stoffes, der uns heute abend beschäftigen soll, kann durch 
zwei .Punkte annähernd angegeben werden. Sie stammen aus dem Lebens- 
werke desjenigen, der heute seinen 79. Geburtstag begeht, und zu dessen 
Ehrung Sie diese Sitzung veranstaltet haben: Sigm. Freuds. Die Formulierung 
der zwei Punkte liegt zeitlich ein Vierteljahrhundert auseinander und kann 
mit den Jahreszahlen 1905 und 1930 fixiert werden; inhaltlich erstreckt sich 
der gemeinte Weg von der Entwicklung des einzelnen in der Kinderstube bis zur 
Problematik der menschlichen Kulturgemeinschaft. Sie erraten, was ich meine. 
Die beiden Grenzpunkte sind: 1. Die Enuresis der kindlichen Frühblüte, wie 
sie ihre prägnante Formulierung in den „Drei Abhandlungen . . ." gefunden 
hat; 2. das, was in einer Fußnote des „Unbehagens in der Kultur" unter dem 
Stichwort „Zähmung des Feuers" angedeutet und etwas später unter dem 
Titel „Zur Gewinnung des Feuers" in einem Imagoaufsatz 1932 ausgeführt ist. 
In diesen Rahmen möchte ich dasjenige spannen, was ich, der freundlichen 
Aufforderung Ihres Herrn Vorsitzenden folgend, Ihnen aus meiner 1934 in 
der Zeitschrift für Kinderpsychiatrie erschienenen Arbeit „Zur Biologie der 
Enuresis" vorzutragen das Vergnügen habe. Manches dort Geschriebene muß 
im Rahmen eines Vortrags unterdrückt werden, anderes, hoffe ich, tritt damit 
deutlicher hervor. Es sind in erster Linie klinische Ausführungen, die ich 
Ihnen zu bieten habe. Als Arzt und ethnologischer Laie habe ich nur wenig 
zum zweiterwähnten Punkte zu sagen. Die Enuresis als somatische 
Dysergie bei körperlicher Integrität bildet die Basis meiner Betrach- 
tungen. Von ihr aus soll uns das Walten der beiden Triebarten, wie wir es 
in den Funktionen und Funktionsstörungen des Harnapparates ersehen kön- 
nen, soll uns die Urophilie und Uropolemie, mit welchen Ausdrücken 
ich Eros und Thanatos in den Harntriebäußerungen unterscheide, bis in die 
Nähe des zweiten Punktes führen. Bloß bis in die Nähe. Zu mehr reicht es 
nicht. Wohingegen eine Überschreitung des ersten Punktes, der Enuresis um 
das 3. bis 4. Lebensjahr, sehr wohl möglich ist, und die Harntriebäußerungen 
über die Frühblüte bis zum Beginn des extrauterinen Lebens zurückverfolgt 
werden können. — Wenn von Enuresis die Rede ist, so liegt gewöhnlich — 
nicht immer — eine Abkürzung vor; gemeint ist nämlich Enuresis nocturna. 
Berührt wird mit diesem nocturna ein Problem des Schlafens, d.h. nach 

1) Gastvortrag, gehalten in Berlin in der Sitzung der Deutschen Psychoanalytischen Ge- 
sellschaft am 6. Mai 193 j. 



Harntriebäußerungen, insbesondere Enuresis; Urophilie und Uropolemie 375 

preudscher Formulierung der annähernden „Herstellung des fötalen Ruhe- 
zustandes" ( j. der Vorl. z. Einf. i. d. Psa., Ges. Sehr., Bd. VII). Damit ergibt sich, 
abgesehen von einem kurzen Blick auf den Fötalzustand selbst, die Aufgabe, das 
Verhältnis der Harnentleerung zum Schlaf — im weiteren zum Be- 
wußtseinszustand — zu untersuchen. Liegt diese Prüfung noch durchaus in 
analytischer Linie, so mag die scharfe Abgrenzung der Enuresis als früh- 
kindliches Normalverhalten und später psychogene Miktionsstörung von den 
Verhaltungsweisen bei körperlicher Erkrankung vielleicht über- 
flüssig erscheinen. Ich bin aber der Meinung, daß es für den Analytiker ebenso 
wesentlich ist, über den Unterschied von Enuresis und Inkontinenz im klaren 
zu sein wie über denjenigen zwischen Stottern und Stammeln! Die so skizzierte 
Klinik der Harntriebäußerungen kann endlich eine nicht unwesentliche Be- 
reicherung dadurch erfahren, daß man die einfache Alltagsbeobachtung des 
menschlichen und tierischen Zusammenlebens mitsprechen läßt. 

Wenn der Schlaf ein Zustand von Bewußtseinsverminderung ist, so ist diese 
um so stärker, je tiefer der Schlaf ist. Es führt somit die öftere Behauptung 
eines „Tief schlaf s" der Enuretiker zur Frage: "Wie verhält sich die Blasenfunk- 
tion bei Bewußtlosigkeit? Die Antwort lautet: Charakteristisch für Zu- 
stände von Bewußtlosigkeit ist die Ischurie, die Harnverhaltung. 
Nun erhebt sich sofort ein Einwand: Wie ist es denn bei Epilepsie? Ist es nicht 
ein Widerspruch, wenn tiefe Bewußtlosigkeit infolge von epileptischen Zu- 
ständen Harnverhaltung bewirkt, und andernteils gerade die Epilepsie zu 
Enuresis Anlaß geben soll? Es kommt Ihnen doch wohl gleich die als Punkt 
eins erwähnte Freud- Stelle in den Sinn, wo es von den Triebäußerungen 
der Frühblüte heißt: „Die Symptomatik dieser Sexualäußerungen ist armselig; 
für den noch unentwickelten Geschlechtsapparat gibt meist der Harnapparat, 
gleichsam als sein Vormund, Zeichen. Die meisten sogenannten Blasenleiden 
dieser Zeit sind sexuelle Störungen; die Enuresis nocturna entspricht, wo sie 
nicht einen epileptischen Anfall darstellt, einer Pollution." Beachten Sie bitte 
das Wort Anfall! Die Einzelheiten eines solchen epileptischen Anfalls 
zu kennen ist wichtig. Ich erwähne hier nur, daß es im vollausgebildeten, 
im sogenannten großen epileptischen Anfall, im klonischen Stadium 
zur Urinausstoßung kommt; also nicht in der initialen Bewußtlosigkeit, nicht 
während der tonischen Phase und wiederum nicht im oft stundenlangen Koma 
nach den Kloni, den Zuckungen. Die Harnentleerung bei epilepti- 
schen Attacken ist kein der Bewußtlosigkeit, sondern den Zuck- 
krämpfen koordiniertes Symptom. Dazu darf als weitere wichtige 
Einzelheit vermerkt werden, daß ein Parallelismus zwischen Pupillen- und 
Blasenverschlußspiel in der Weise offenbar besteht, daß Pupillenweitung und 
Öffnung des Blasensphinkters sich entsprechen, im epileptischen Anfall eine 
Gleichschaltung der beiden Verschlüsse zu beobachten ist, wie wir ihr bei Be- 
trachtung von Schlaf und Erwachen wiederum begegnen werden. — Also 



376 



Hans Christoffel 



nochmals: die eben erwähnte epileptische Harnausstoßung ist ein Anfalls- 
symptom, während für epileptische wie für anderweitige Zustände von Be- 
wußtlosigkeit Blasenverschluß statthat. Auch stößt weder der Fötus Urin aus 
obwohl er solchen bildet, noch entleert sich die Blase im Tod. Vom „fötalen 
Ruhezustand" bis zum definitiven Erlöschen des Bewußtseins 
gilt es also für alle normalen und krankhaften Zustände von 
mehr oder weniger starkem Bewußtseinsverlust die Tatsache 
festzuhalten, daß dabei Harnblasenverschluß statthat. Dagegen 
kann eine durch Ischurie geschädigte Harnblase sekundär inkontinent werden. 
Das für Bewußtseinsverminderungen Gesagte trifft im großen und ganzen 
ebenfalls für die organischen Leitungsstörungen zu, z.B. bei Verletzungen, 
Mißbildungen und degenerativ-entzündlichen Krankheiten des Rückenmarks. 
Die Klinik lehrt eindeutig, daß so bewirkte Zustände von Ischurie und In- 
kontinenz niemals isoliert vorkommen, sondern nur mit anderweitigen körper- 
lichen Krankheitsäußerungen zusammen. Diese Erfahrung besagt, daß 
der so oft aus einer Enuresis gezogene Rückschluß auf organische 
Störung im Zentralnervensystem ein Fehlschluß ist und jeg- 
licher materiellen Grundlage entbehrt. Desgleichen muß gewarnt 
werden, aus röntgenologisch nachweisbaren hintern Spaltbildungen der Len- 
den- und Kreuzwirbel, d. h. aus der Spina bifida occulta lumbosacralis posterior 
auf eine Mißbildung des untersten Rückenmarkabschnittes mit dem sogenann- 
ten sakralen Blasenzentrum zu schließen. Allerdings ist eine solche Schädigung 
möglich und verrät sich durch charakteristische Symptome von Ischurie-In- 
kontinenz, kombiniert mit allerhand Störungen, besonders an den Beinen. Es 
besteht aber keinerlei Berechtigung, einen eventuellen bloßen Knochenspalt 
mit einer Enuresis in ursächlichen Zusammenhang zu bringen. Völliger Ver- 
schluß der unteren Lendenwirbel und des Kreuzbeins ist übrigens während der 
ersten fünf Lebensjahre die Ausnahme und nicht die Regel und wird ferner- 
hin noch zu Anfang der Zwanzigerjahre nur bei der Hälfte der Gesunden an- 
getroffen! 

Es ist keineswegs exakt, aber für kurze Verdeutlichung anschaulicher, den 
Unterschied zwischen Inkontinenz und Enuresis so zu erläutern, 
daß wir es bei inkontinenter Harnblase mit einem lecken Flüssigkeitsbehälter 
zu tun haben, während bei Enuresis zwar das Gefäß dicht ist, jedoch sein In- 
halt zu leicht unter Pressung gerät. Während im ersten Falle es eher zu einem 
Abtröpfeln kommt, erzwingt sich im zweiten die Flüssigkeit ihren Austritt 
strahlweise. Ich kann beifügen, daß die Pressung durch Zusammenziehung der 
Muskelwand der Harnblase stattfindet. Es ist diese Wandspannung und nicht 
die Blasenfüllung als solche, welche als Harnreiz empfunden wird. Man kann 
auch sagen: Harndrang ist die psychische Repräsentanz dessen, was körper- 
hafterweise als Blasenwandspannung sich ausdrückt. Schenken wir uns viele, 
an sich wichtige Einzelheiten, und tun wir nunmehr einen Blick auf die Ana- 



Harntriebäußerungen, insbesondere Enuresis; Urophilie und Uropolemie 



377 



tomie, so zeigt ein Vergleich zwischen den beiden Geschlechtern, daß der 
Blasenverschluß beim männlichen Geschlecht ein bedeutend mehr ausgebauter 
und voluminöserer ist als beim weiblichen, während die Blasenwand keine 
Geschlechtsdifferenz aufweist. Man müßte also, rein anatomisch genommen, 
die Kontinenz weiblicherseits geringer vermuten als auf der männlichen Seite. 
Wahrscheinlich hat diese anatomische Folgerung ihre physiologische Richtig- 
keit: Entleerung kleinster Harnmengen beim weiblichen Geschlecht bei plötz- 
lichen Bewegungen, beim raschen Bergabgehen, beim Lachen usw. sind ein 
öfteres Vorkommnis. Wollte man also, wie das bei der Enuresis so oft miß- 
bräuchlich geschieht, von einer „schwachen Blase" reden, so wäre diese das 
Privileg der Weiblichkeit. Fragen wir aber die Autoren über die Verteilung 
der Enuresis auf die Geschlechter, so kommen auf eine weibliche Enuresis 
deren zwei männliche, besteht jedenfalls ein Überwiegen der männlichen 
Enuretiker. So fehlt es an jeglichem Hinweis, daß die Enuresis mit 
irgendwelcher lokalen Minderwertigkeit etwas zu tun hat. Die 
Behauptungen von A. Adler über „Organminderwertigkeit" 
stehen auch hier in der Luft. 

Mit der Prädilektion der Enuresis für das männliche Geschlecht stoßen wir 
vermutlich auf ein Problem der Konstitution, wie es in ähnlicher Weise für 
das Stottern besteht. Nur daß bei diesem der Prozentsatz der Erkrankenden 
noch viel mehr zu Ungunsten des männlichen Geschlechts verschoben ist und 7 
bis 8 stotternde Knaben auf bloß 2 bis 3 Mädchen, später sogar 9 stotternde 
Männer auf bloß eine einzige Frau kommen (H. Gutzmann [1]). — Es ist sehr 
wenig Genaues, was über Konstitution bekannt ist. Zwillingsuntersuchungen- 
von H. W. Siemens ergeben, daß eineiige Zwillinge punkto Enuresis sich viel 
ähnlicher verhalten als zweieiige, auch wenn für diese die Umweltbedingungen 
gleichgestaltet sind; ferner sollen seine Befunde zeigen, daß die Enuresis in 
hohem Maße von nicht erblichen Faktoren abhängig ist. Nach Stirnimann 
verhält sich das Neugeborene während der ersten 4 bis 5 Lebenstage auf Selbst- 
benässung indifferent; aber die Empfindung des Nassen, die ihm doch vom 
Fruchtwasser nicht unbekannt sein sollte, löse vom 5. bis 6. Tage an „Unruhe 
und sichtliche Unlust" bei der Mehrzahl der Kinder aus. „Einzelne ältere 
Säuglinge empfinden das Liegen im Nassen lustbetont. Man kann sie lange 
erfolglos über den Topf halten; bettet man sie ein, so erfolgt bald eine Urin- 
entleerung, die eine behagliche Stimmung auslöst." Dies sei besonders dann 
der Fall, wenn dem Kind durch Trockenbett das Naßliegen ohne sein eigenes 
Zutun immer vorenthalten worden sei. Halten wir also vorläufig fest, 
daß eine Näßlust nicht von Anfang des extrauterinen Daseins an 
deutlich da ist, sondern eher bei „älteren Säuglingen" sich zeigt. 
Das Problem wird uns in anderm Zusammenhange nochmals beschäftigen. — 
Wenn es auch vorläufig der exakten Erblichkeitsforschung nicht gelungen ist, 
Wesentliches über die Harntriebhaftigkeit als Erbeigentümlichkeit beizubrin- 



gen, so besteht doch der bestimmte Eindruck, daß wir es mit einer solchen zu 
tun haben. So ist mir z.B. eine Familie bekannt, wo der Vater seinerzeit 
Enuretiker war und so, wie ich ihn geschildert bekam, als Erwachsener die 
unverkennbaren Züge dessen, was wir einen urethralen Typ heißen, aufwies; 
von seinen sieben Kindern waren fünf männlichen Geschlechts, zwei weiblichen; 
sämtliche fünf Jungen, nicht aber die zwei Töchter, haben bis in und einer sogar 
bis über die Pubertät genäßt. Eindrücklich ist mir auch eine andere Familie, die 
ich in drei Generationen ziemlich genau kenne, und von deren Mitgliedern ich 
mehrere in analytischer Arbeit hatte. Es überwiegen in ihr die Knaben- 
geburten sehr stark, die Prägenitalität spielt bei allen, besonders im Sinne der 
Analität, eine große Rolle; in zweiter Linie sind die urethralen und in dritter 
die oralen Qualitäten auffällig. Ein n- bis 12 jähriger Junge aus dieser Familie 
beginnt nach onanistischer Reizung durch den zwei Jahre älteren Bruder an 
imperativem Harndrang untertags und Bettnässen zu leiden. Er zeigt ein Sym- 
ptom, das ich die Harnverhaltung enuretischen Typs heiße; wenn ihn nämlich 
der anfallsweise Harndrang veranlaßt hat, den Abort aufzusuchen, ist der 
Drang plötzlich verschwunden; nun provoziert ihn der Junge wieder, indem 
er sein Glied reibt. Samenentleerungen hat er keine; sondern, wie es in den 
„Drei Abhandlungen" heißt, seine Harnentleerungen stehen an Stelle von 
Pollutionen. Wie groß die konstitutionellen Unterschiede sein können, erhellt 
aus dem Vergleich dieses 11- bis 12jährigen mit einem 8 jährigen Jungen aus 
der Beobachtung von Moll, der bereits volle geschlechtliche Erregung mit 
Samenerguß hatte. Ein anderer 8jähriger aus meiner Praxis, der in Schule 
und Musikunterricht Vorzügliches leistete, in Trennung von einem Kinder- 
mädchen, das er sehr geliebt, seit einem Jahr in exzessive Onanie verfallen 
war, hat nie genäßt, sondern als Abschluß des onanistischen Akts ein die 
Wäsche sehr beschmutzendes Sekret entleert, das von den Eltern als Samen- 
erguß taxiert wurde, und dessen mikroskopische Untersuchung zu veranlassen 
ich leider versäumt habe. — Daß aus den meisten Enuretikerstatistiken kaum 
etwas über eine Sonderkonstitution ersehen werden kann, liegt an der un- 
kritischen Anfertigung dieser Arbeiten; hingegen kann man aus ihnen ent- 
nehmen, daß unter Sondeidbedingungen, d. h. in Anstalten und Waisenhäusern, 
der Prozentsatz der Nässer ein besonders hoher ist. Wie sehr es eben diese 
Sonderbedingungen und nicht die Sonderkonstitution ist, zeigte mir eine 
eigene Beobachtung an einer Anstalt für schwererziehbare Kinder, deren Leiter 
sich gelegentlich mit mir beraten. Mit höchst einfachen und fast selbstverständ- 
lichen pädagogischen Mitteln, vielfach damit, daß man die Sonderbehandlung 
der Jungen eben nicht mehr praktiziert hat, ist eine Reduktion der vorher 4opro- 
zentigen Enuresis auf 4%, zeitweise sogar auf o°/ erfolgt. — Die Prädilektion 
des männlichen Geschlechts für Harntriebsäußerungen geht andeutungsweise 
auch aus Brauch und Sprache hervor. Es ist mir z. B. nicht bekannt, daß der 
Vorgang des Pissens auf Brunnen anders als durch Knabenfiguren zum Aus- 



Harntriebäußerungen, insbesondere Enuresis; Urophilie und Uropolemie 



379 



druck kommt; deren bekannteste steht in Brüssel als Manneken-pis. Die 
Plastik stammt aus dem 17. Jahrhundert von einem künstlerischen Zeitge- 
nossen von Rubens. In unsern modernen Städten fällt auf, daß Pissoirs ent- 
schieden häufiger sind als Bedürfnisstellen für das -weibliche Geschlecht. Sowohl 
das griechische Wort „vecpqoc," wie das deutsche „Niere" bedeuten sowohl 
Niere als Hoden. Wenn uns also die Entwicklungsgeschichte über einen Uro- 
genitalapparat belehrt, so ist in der Sprachgeschichte die urethrale Funktion 
besonders mit der männlichen Genitalität verlötet. Eine vor 8 Jahren in der 
Münch. med. Wschr. erschienene Anekdote erzählt aus Niederbayern, daß ein 
Bauer den Arzt, der seine nierenkranke Frau behandeln sollte, auf die Er- 
öffnung der Art des Leidens grob fortwies mit den Worten: „Daß meine 
Frau nierenleidend ist, das ist ganz unmöglich; denn die Nieren habe ich und 
nicht die Frau!" Harnspiele aus unseren Gegenden sind mir, wenn auch nicht 
ausschließlich, so doch weitaus vorwiegend von Knaben bekannt. — Und 
lassen wir endlich noch Beobachtungen an unseren Haustieren mitsprechen, 
so zeigt sich auch hier ein Vorwiegen, wenn nicht sogar die Pachtung der 
Harnexkretionslust bei den Männchen. Das bekannteste Beispiel bieten die 
Hunderüden ab dem Alter von 3 / 4 Jahren; aber auch die Hauskater weisen 
ähnliche Züge auf. Und bei den Pferden, die mit Harn im Gegensatz zum 
Kot außerordentlich zurückhaltend sind, vielfach nur „stallend" urinieren, ist 
es eher noch ein Wallach — über Hengste fehlen mir Beobachtungen und 
Auskünfte — der als Seltenheit gehend oder trabend uriniert. 

Im Zusammenhange mit der Konstitution wäre endlich noch die Frage des 
Typus zu erörtern. Hier helfen uns bewährte psa. Grundsätze; ich meine, die 
Arbeitsweise, Triebäußerungen sowohl in ihrer Ursprünglichkeit als auch in 
der Form zu untersuchen, die sich geradlinig oder reaktiv aus jener gestaltet 
hat. Gewohnt sind wir ferner, die um den Miktionsakt gruppierten Harn- 
triebäußerungen als phallisch zu betrachten. Ich glaube nun, unbeschadet der 
theoretisch gewohnten zeitlichen Reihenfolge der prägenitalen Trieborgani- 
sationen, deren späteste, wenigstens in ausgeprägter Form, die phallische ist, 
diese Qualität des Phallischen schon den allerfrühesten exkretorischen Harn- 
triebäußerungen zuschreiben, mithin schon hier die — vorübergehend viel- 
leicht wieder zurücktretenden — ersten Ansätze dessen sehen zu dürfen, was 
dann besonders deutlich erst um das 3. bis 4. Lebensjahr wieder hervortritt. 
In dieser Annahme mag uns das körperliche Faktum unterstützen, daß Neu- 
geborene normalerweise „makrogenital" sind, d. h. daß ihre Genitalien im 
Vergleich zu später verhältnismäßig größer sind; ein Zustand, der von 
Flusser (2) betont und mit der eigentlichen Überschwemmung des Neugebore- 
nenorganismus durch mütterliche Sexualhormone in ursächlichen Zusammen- 
hang gebracht wird. Immerhin ist weiblicherseits das anatomische Substrat 
der unmittelbar postnatalen Phallizität nicht nur ein Miniaturorgan, 
sondern ein Rudiment, das außer der Harnröhre deren sowie der Eichel. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXI/3 



a6 



38o 



Hans Christoffel 



Schwellkörper völlig entbehrt. Es fehlt also den Harntriebäußerungen beim 
weiblichen Geschlecht weitgehend an einem Exekutivorgan. Umgekehrt er- 
fährt dieses beim urinierenden männlichen Säugling von Lebensanfang an und 
hier sogar am allerdeutlichsten, mit dem Miktionsakt eine Vergrößerung, in- 
dem es in Erektion gerät, durch eine Erektion schon die Miktion sich an- 
kündigt, ein Zustand, der sich bloß allmählich im Laufe der Jahre verliert und 
als morgendliche Wassersteife sich über Jahrzehnte erhalten kann. — Auch 
unter "Würdigung dieser Fakten leuchtet es ein, daß die um den Miktionsakt 
gruppierte Harntriebhaftigkeit mehr auf Seiten des männlichen Geschlechts 
sich findet und von weiblicher Seite, wie psa. Erfahrung lehrt, Männlichkeits- 
wünschen Ausdruck zu geben pflegt. Daß zu Lebensbeginn Ich- und Es-Funk- 
tionen mehr oder weniger zusammenfallen, bedarf kaum der Erwähnung. Was 
die beim Knaben den Miktionsakt begleitende Erektion anbetrifft, so ist be- 
merkenswert deren allmähliche Ablösung vom Uriniervorgang mit Zuordnung 
zum eigentlichen Genitalakt in den Pubertätsjahren. Marcuse hat gelegent- 
lich über einen Patienten berichtet, der zum erstenmal onanierte, als er an 
den Genitalien Sensationen bekam, die er als Urindrang auffaßte und erst all- 
mählich als Genitaldrang zu differenzieren lernte. Und Flesch teilte dann 
später aus eigener Jugenderinnerung mit, daß diese Analogie in den Gesprächen 
der Mitschüler eine Rolle gespielt habe: es hieß bei der Onanie, wenn es zur 
Ejakulation kam, es werde einem so „pisserig" zumute. — Im Gegensatz zum 
Hunger, der das Kind unruhig macht, wird der Säugling bei Harndrang ruhig; 
ja, er kann absorbiert wirken. Sein Gesichtchen rötet sich, und mit oder nach 
der Entleerung kann sein Körperchen wie von einem wohligen Schauder be- 
. fallen sein. Man wird bei diesem Schüttelzittern auch ' daran denken dürfen, 
daß das, was wir später Orgasmus heißen, sein körperliches Substrat in Muskel- 
kontraktionen hat. (Nach L.R.Müller ist es nämlich nicht die Ausschei- 
dung der Geschlechtsprodukte, sondern sind es Kontraktionen glattmuskeliger 
Elemente der Geschlechtsorgane, welche das "Wesen des Orgasmus ausmachen.) 
— "Wie gesagt, erfolgt eine Harnentleerung niemals im Tiefschlaf, sondern 
im Teil- oder Ganzerwachen. Russische Autoren haben 2- bis 3jährige Kinder 
im Schlummer beobachtet und bloß zusammen mit rascherer Atmung, Puls- 
beschleunigung, allerhand Körperbewegungen und Lächeln, Urinentleerung 
festgestellt. Charakteristisch sind auch für den Säugling Schlafkontinenz 
und gehäufte Harnentleerungen mit dem Erwachen. — Man kann sich 
nun auch fragen, warum gerade ältere Säuglinge eine deutlichere Harn- 
triebhaftigkeit zeigen. Erinnern wir uns daran, daß die Säug- 
lingsmasturbation erst etwa mit V 2 Jahr eintritt, so liegt 
es nahe, die Harnäußerung, bzw. die Enuresis als Antwort 
auf die Genitalpressungen bei Mädchen und das Zupfen 
der Knaben zu vermuten. — Um nochmals auf den Lebensanfang zu- 
rückzugreifen, so ist noch dessen zu gedenken, was Abraham „den primi- 



Harntriebäußerungen, insbesondere Enuresis; Urophilie und Uropolemie 



381 



tivsten Liebesbeweis" geheißen hat, „weit ursprünglicher als Kuß und Um- 
armung", nämlich die Benässung einer geliebten Person durch einen z. B. im 
Familienkreis herumgereichten Säugling. — Es klaffen riesige Beobachtungs- 
lücken zwischen diesen Säuglingsbeobachtungen und demjenigen, was wir als 
urethralen Typ gemeinhin bezeichnen. Für die Frühblüte mag ihn die schon 
erwähnte Brüsseler Brunnenfigur von Duquesnoy aus dem Jahre 1648 ver- 
bildlichen als schöner, stolzer, lächelnd den "Wasserstrahl aus dem mit der 
linken Hand gehaltenen Glied spritzender Knabe. Wie übtigens solche Trieb- 
entäußerung bewertet wird, deuten Verkleidungsgebräuche an: Manneken-pis 
hat eine große Garderobe der verschiedensten Uniformen und stolzen Ge- 
wänder und wird mit diesen ihm wechselnd angezogenen, immer wieder bis 
in die letzten Jahre durch neue bereicherten Kostümen als Held gefeiert. 
Andernteils begegnen wir noch im Pfaundler sehen Handbuch der Kinder- 
heilkunde der Strafverkleidung enuretischer Knaben in Mädchen als einer, 
wenn auch abgelehnten „Behandlungsmethode" der Enuresis. — Für den 
Habitus der kindlichen Enuretiker ist nach dem eben genannten Handbuch der 
— heißen wir ihn zur schnellen Verständigung Manneken-pis — , also der 
phallische Typ in der Minderzahl; er hat nach jener Beschreibung „etwas un- 
verschämt Herausforderndes" in seinem Wesen, während das eigentliche 
Enuretikergesicht Scheu und Verschämtheit ausdrücke. Meiner Beobachtung 
nach gilt diese Duplizität der Enuretikertypen für Bub und Mädchen. 
Daß aber das eigentliche Enuretikergesicht, eben das scheu-verschämte, nicht 
der eigentliche, der Urtyp der Harntriebhaftigkeit ist, sondern deren Ver- 
leugnung Ausdruck gibt, geht schon einigermaßen aus den Säuglingsbeob- 
achtungen hervor. Auch Abraham hat die ehemaligen Enuretiker, welche 
er als Männer wegen ihrer Ejaculatio praecox zu analysieren hatte, in zwei 
Gruppen geteilt, solche, „deren gesamtes Wesen schlaff, energielos, passiv — 
kurz unmännlich erscheint", und solche „von erethischem, überlebhaftem, 
beständig hastendem Wesen". Auch er faßt die ersterwähnte Kategorie der 
Sohlaffen als reaktiv auf und fügt bei, daß freilich die beiden Gruppen nicht 
scharf gegeneinander abzugrenzen sind. Seiner Skizzierung entnehme ich 
weiter: „Die Neigung zur Ausfälligkeit in Worten, zum Jähzorn, zu gewalt- 
tätigen Handlungen ist . . . außerordentlich groß, soweit sie nicht gelähmt 
wird durch einen anderen . . . Charakterzug: die Feigheit. Übertriebene Zorn- 
mütigkeit und Lähmung der normalen männlichen Angriffslust finden sich 
hier in naher Nachbarschaft beieinander . . . Nebeneinander von übergroßem 
Ehrgeiz und schweren Arbeitswiderständen." Die Polarität der beiden Typen 
findet sich auch in Fenichels spezieller Neurosenlehre angedeutet. Im 
ganzen ist es aber der aktive Typ, der Mensch mit dem brennenden Ehrgeiz, 
der die psa. Anschauungen vom Enuretiker illustriert. — Muß nun 
schon nach eben mitgeteilten Erfahrungen für den Großteil der Enu- 
retiker die Verleugnung der Phallizität, also der Sekundärtyp als cha- 



«6» 



"1 



382 



Hans Christoffel 



rakteristisch angesehen werden, so führen uns nun die Forschungen von 
Abraham noch weiter in dieser Richtung. Ich vermute, daß das- 
jenige, was er als die spezifischen Lustsensationen seiner Patienten be- 
schrieben hat, deren Entleerung dem Stoffe nach eine Ejakulation, hin- 
gegen nach dem Modus der Ausstoßung eine Miktion ist, dem reaktiven 
Urethraltyp entspricht und sich aufs engste berührt mit dem, was neu- 
lich E. Kemper die „rezeptive Urethralerotik beim Manne" geheißen hat (Int. 
Ztschr. f. Psa., Bd. XX, 1934). Abraham nämlich gibt für seine Urethral- 
erotiker mangelhafte Erregbarkeit der Eicheloberfläche, hingegen die Lust- 
empfindungen in der hintern Harnröhre unter dem Damm lokalisiert an. Die 
„rezeptiven Urethralerotiker" als extremste Vertreter des reaktiven oder Se- 
kundärtyps der Urethralen haben ihre Harnröhre empfindungsgemäß zur 
Vagina umgestaltet. Neu war mir aber, bei Kemper zu ersehen, daß Frauen 
häufiger als Männer unter diesen Rezeptiven sich finden. 2 Ich selber kenne 
aus der analytischen Arbeit bloß männliche Patienten dieser Art. Stricknadel 
und Fiebermesser dienen ihnen z. B. als Reizkörper, die sie in die Urethra 
einführen; einer hat sich dabei eine Striktur zugezogen. Ein anderer pflegte 
Samenentleerung durch reibende Einführung eines Pinselstiels zu bewirken 
und seinen Verweiblichungswünschen außerdem durch Tragen eines eng ge- 
schnürten Korsetts Ausdruck zu geben. In der Hauptsache sind es die Chirur- 
gen, welche mit diesen scheu-femininen Typen zu tun haben; dann nämlich; 
wenn ein Fremdkörper abbricht oder in die Blase gleitet. Die Anamnese über 
diese Vorfälle bleibe „meist stumm", ironisiert dies de Quervain in seiner 
„chirurgischen Diagnostik". — So viel oder so wenig über die beiden ure- 
thralen Typen. 

Es wäre nun weiterhin verlockend, die Harntriebäußerungen unter dem 
Gesichtspunkt der beiden Triebarten zu betrachten. Doch muß ich mich 
darauf beschränken, das und jenes herauszugreifen. Soviel ist schon für rasche 
Übersicht deutlich, daß von demjenigen, was Abraham den primitivsten 
Liebesbeweis genannt hat, bis zum „Genuß der männlichen Potenz im homo- 
sexuellen "Wertkampf", nach Freudschem Ausdruck, eine Linie zu verfolgen 
ist, auf der sich mehr und mehr die der Harnerotik beigemengte Aggression 
manifestiert. Ich bediene mich zur Kennzeichnung der beiden Strebungen 
der Ausdrücke Urophilie und Uropolemie. Ohne nun die Enuresis, wie 
ich es in meiner biologischen Arbeit getan, genauer über die verschiedenen 
Lebensphasen vom Beginn der Säuglingszeit über ödipussituation, Latenz und 
Pubertät ausführlicher zu verfolgen, sei kurz gesagt, daß Marie Bonapartes 
Terminus „aggressiver Autoerotismus" manche Fälle von Enuresis in 

2) Das ist nach Kempers ergänzender mündlicher Mitteilung eine chirurgische, keine 
psychologische Erfahrung! Aus anatomischen Gründen gleitet beim weiblichen Geschlecht 
der in die Harnröhre geschobene Fremdkörper eher bis in die Blase und bedarf daselbst 
chirurgischer Intervention. 



Harntriebäußerungen, insbesondere Enuresis; Urophilie und Uropoiemie 



383 



trefflicher Knappheit charakterisiert, wobei wir zugleich an die Reaktivform 
des Urethraltyps denken mögen. Hätten wir hier die Uropoiemie gegen den 
betreffenden Enuretiker zugleich mit der libidinösen Komponente selber ge- 
wendet, also ein Stück Masochismus, so erweist sich der sogenannte „Tief- 
schlaf" der Enuretiker gleichwie das Sträuben des Säuglings, sich abheben zu 
lassen, als eine Abwehr der Erzieherperson gegenüber. Natürlich ist es be- 
rechtigt, diese „Harnverhaltung enuretischen Typs", wie ich sie ge- 
nannt habe, der Einwirkung analer Strebungen zuzuschreiben. Solche Betrach- 
tung läge vor allem in der Richtung derjenigen Auffassungen, wie sie 
Ferenczi in seiner „Genitaltheorie" vertritt. Noch näher aber liegen Be- 
züge auf die Oralität. Ich brauche nur an den Terminus „Harnstottern" zu 
erinnern. Bei Erwachsenen begegnet man ja viel häufiger als der Enuresis in 
vollausgeprägter Form -des Einnässens einer bloßen Pollakurie. Dies in einer 
Unzahl von psychoneurotischen Zusammenhängen. Diese Pollakurie kann 
nachts zu mehrmaligem Aufstehen zwingen und untertags die größten Ein- 
schränkungen und Vorsichtsmaßnahmen erfordern. Zola z.B. war während 
seiner schriftstellerischen Arbeit der Mannesjahre ein solcher Sklave seines 
Nachttopfs; und wenn er ihn 2omal im Tage benützen mußte, war es wenig. 
Die Kombination dieses imperativen Harndrangs mit ebenso plötzlicher 
unfreiwilliger Harnverhaltung enuretischen Typs, d. h. in Gegenwart anderer, 
dies beides zusammen wird als Harnstottern bezeichnet, wobei die Be- 
schreibung hier nicht auf weitere Einzelheiten und Zusammenhänge eingehen 
kann. Um nochmals auf die ursprüngliche Harnverhaltung enuretischen Typs 
zurückzukommen, so muß gesagt werden, daß das schlafende Kind sich der 
weckenwollenden Erzieherperson gegenüber verhält wie jener Frontsoldat, 
der mächtigen Kanonendonner verschläft. Und wie der gleiche Soldat auf das 
leise Ticken des Telephonapparats, auf dessen Bedienung er eingestellt ist, 
trotzdem erwacht, so hat man sich beim Enuretiker den Harnreiz als „spezifi- 
schen Weckreiz" vorzustellen. Im übrigen dürfen wir uns zur Zerstörung der 
Legende vom Nässen im Tiefschlaf — die Blase wird wie der Telephonapparat 
in erwachendem oder wachem Zustand bedient! — an Freuds Traum- 
deutung wenden. Und sollte diese Anleihe für ein bioanalytisches Problem 
bei der Psychoanalyse beanstandet werden, so darf auf Pötzls schöne Arbeit 
verwiesen werden, in der er dartut, wie die Auffassung des Schlafes, die 
Freud rein von der psychischen Seite her gewonnen hat, im wesentlichen 
übereinstimmt mit den modernen physiologischen Schlaftheorien. Mir selber 
hat die direkte Säuglingsbeobachtung die wesentlichen Aufschlüsse darüber 
verschafft, daß das Kind im Tiefschlaf nicht näßt, wobei mir weiter aufge- 
fallen ist, daß gleichzeitig mit dem Springen der schlafverengten Pupillen der 
Harnstrahl einsetzt. Betrachten wir den Sachverhalt von Freuds Trauma 
deutung her, so ergeben sich kurz folgende Ableitungen: Der Traum ist der 
Hüter des Schlafs, indem er u.a. störende Leibreize verarbeitet. So kann, ein 



384 



Hans Christoffel 



Harnreiz zum Harnreiztraum führen. Dort nun, wo wir es mit einer Enuresis 
als mehr oder weniger stereotyper Verhaltensweise zu tun haben, scheint der 
Traum keineswegs regelmäßig eine Rolle zu spielen; wenn schon, dann vor- 
bereitend, vielleicht kurze Zeit aufschiebend, worauf dann, im eigentlichen 
Sinne infolge des Traumes, die Handlung des Nässens sich anschließt; mir ist 
das nur von sporadischer Enuresis bekannt und dann oft so, daß mit begin- 
nendem Nässen der Schläfer erwacht. Wenn man das Denken als Probe- 
handeln bezeichnet, so ist es wohl nicht zu gewaltsam, das Halluzinieren des 
Traums einigermaßen dieser Kategorie des Probehandelns zugehörig zu erachten 
und in Gegensatz zu eigentlicher Handlung zu stellen. Als solche Schlaf- 
handlung fasse ich die Enuresis nocturna auf. Statt der mittel- 
baren Abfuhr, der Verarbeitung des Harnreizes in einem Traum, 
glaube ich also eine unmittelbare Abfuhr in Form des Nässens 
behaupten zu dürfen; d.h. eine Verhaltensweise, wie sie überhaupt das 
Kindes- und Jugendalter im Vergleich zu reiferen Jahren auszeichnet. So rückte 
also die Enuresis nocturna klinisch in die Nähe der Zustände von Schlaf- 
wandel und Schlaftics, die einem partiellen Wachsein offensichtlich ent- 
sprechen, wobei man, wie das Trömner tut, von einem „rein motorischen 
Erwachen" sprechen mag, jedenfalls aber wie bei Tics und Schlafwandel die 
morgendliche Amnesie für dieses Wachsein, bzw. die Handlung des Nässens 
als typisch anzusehen hat. 

Die Empfindung des körperwarmen Nassen, wie sie durch Enuresis zustande 
kommt, muß dem Neugeborenen von seiner intrauterinen Fruchtwasser- 
existenz vertraut sein. Logischerweise ist Enuresis im Resultat annähernde 
Wiederherstellung eines vorgeburtlichen Zustandes. 3 Wie früher erwähnt, sind 
die Reaktionen der Säuglinge auf die Selbstbenässung verschieden: vom 
heimisch-vertrauten, behaglichen — wofür Schweizer Mundart den Ausdruck 
„heimelig" hat — bis zum unheimlichen dürfen wir eine ganze Gefühlsskala 
annehmen und dementsprechend die Quantität der Regression verschieden. 
Tatsache ist jedenfalls, daß, je mehr das Kind durch Liebe und Betreuung in 
seinem extrauterinen Dasein heimisch wird, es um so weniger die Wiederher- 
stellung des intrauterinen Milieus enuretisch praktiziert. Kleine, die zu Hause 
nicht mehr nässen, tun das an fremdem Ort, z. B. auf einer Reise oder bei 
Wechsel der Pf legepersonen. Weiterhin nässen Kinder, die überhaupt eines eigent- 
lichen Heims entbehren, nässen z. B. Anstaltskinder mehr als andere, so daß 
der Prozentsatz der Enuretiker als Qualitätsmesser für Waisenhäuser und ähn- 
liche Institutionen zum Teil verwendet werden kann. Aus einer Anstalt für 
schwachsinnige Kinder ist mir als nach Bericht des Hausvaters erfolgreiche 
Behandlung von Enuretikern das abendliche heiße Bad bekannt. Es wird je- 
weils während ungefähr drei Wochen gegeben; dann müsse die Behandlung 



3) Etymologisch ist in diesem Zusammenhang interessant, 
minor = untertauchen, urinator = der Taucher heißt! 



daß das lateinische Verb 



Harntriebäußerungen, insbesondere Enuresis; Urophilie und Uropolemie 



385 



abgebrochen werden, weil sie zu starke Müdigkeit und Schwäche untertags 
bewirke. Im allgemeinen ist es aber das lauwarme bis warme Bad von 37 bis 
17,5 Grad Celsius, das — wenigstens vom Kleinkinde — wohlig empfunden 
wird. „Vielleicht wird so auch unser Verständnis für die therapeutische Wir- 
kung warmer Bäder vorbereitet", meint Freud bei Darlegung erogener 
Hautreizungen in den „Drei Abhandlungen". Daß Bad und Selbstbenässung 
sich auch beim Erwachsenen verhältnismäßig oft kombinieren, zeigt die Er- 
rechnung von 60 ccm Urin pro Besucher von Hallenschwimmbädern! Ich 
kenne einen unzufriedenen Mann mit starker ubw. Mutterbindung. Er neigt 
zum ungeselligen Trünke; und eine ähnlich wohlige Empfindung, wie er sie sich 
damit verschafft, eine Art Nirwanastimmung, überkommt ihn auch im som- 
merlichen Bade sowie auf einer Meerfahrt. Feucht und "Warm kennzeichnen 
für ihn die Heimat; und dementsprechend hat sich dieser Mitteleuropäer 
während seines mittleren Mannesalters jahrelang in den Tropen aufgehalten 
und im späteren dorthin zurückgesehnt. 

Wir sind von der Reaktivierung des intrauterinen Zustandes durch Enuresis 
ausgegangen und können von hier eine Linie triebhaften Verhaltens vorwärts 
verfolgen, die irgendwie und als eine unter andern auf das von Freud heraus- 
gestellte, anfangs erwähnte kulturpsychologische Problem zielt. 

Der Hamburger Physiologe J. v. Uexküll hat an vielen Beispielen dargelegt, 
wie die objektive Umgebung in sehr subjektiver Weise vom Individuum zur 
Umwelt gestaltet wird, die Art der leiblichen und psychischen Organisation 
die gleiche Umgebung eine sehr verschiedene Umwelt sein läßt. In Uexkülls 
Schilderungen von „Heim und Heimat" findet sich folgende Darstellung: 
„Eine besondere Beachtung verdient die Art und Weise, wie die Hunde ihre 
Heimat ihren Artgenossen gegenüber kenntlich machen. (Eine Abbildung 
stellt die Karte des Zoologischen Gartens in Hamburg dar mit den Wegen, 
auf denen die Stellen angegeben sind, wo auf Spaziergängen zwei täglich aus- 
geführte Rüden urinierten.) — Es waren immer die auch für das menschliche 
Auge besonders kenntlichen Orte, die sie mit ihren Duftmarken belegten. 
Wenn beide Hunde zugleich ausgeführt wurden, trat regelmäßig ein Wett- 
urinieren ein. — Ein temperamentvoller Hund zeigt immer die Neigung, so- 
bald ihm ein fremder Hund begegnet, sogleich den nächsten in die Augen 
fallenden Gegenstand mit seiner Visitenkarte zu versehen. Auch wird er, 
wenn er in die durch Duftmarken eines andern Hundes kenntlich gemachte 
Heimat . . . dieses . . . eindringt, diese fremden Marken nacheinander aufsuchen 
und sorgfältig überpinseln. Ein temperamentloser Hund hingegen wird in der 
Heimat des fremden Hundes scheu an dessen Duftmarken vorübergehen und 
seine Anwesenheit durch kein Duftzeichen verraten. — Das Markieren der 
Heimat ist . . . auch bei den großen Bären Nordamerikas üblich. Der Bär reibt, 
in seiner ganzen Höhe aufrecht stehend, mit Rücken und Schnauze die Rinde 
einer einzeln stehenden, weithin sichtbaren Kiefer ab. Dies wirkt als Signal 



386 Hans Christoffel 



für andere Bären, die Kiefer in weitem Bogen zu umgehen und das ganze Ge- 
biet zu meiden, wo ein Bär von solchen Ausmaßen seine Heimat verteidigt." 
— Die Hundeschilderung läßt sich zusammenfassen in die Worte: Urinieren 
als Markieren der Heimat im mann-männlichen Wettkampf. 
Uropolemie als Wetturinieren der Knaben fällt einem weiter in diesem Zu- 
sammenhange ein, wobei nach eigener 4 Jahrzehnte zurückgreifender Erinne- 
rung aus dem 6. bis 7. Altersjahr die Enantiodromie, das Ineinanderübergehen 
der Polaritäten Wasser und Feuer im Scherz eine Rolle spielte, ein Junge, der 
ohne sein Wissen die Hose nicht ganz geschlossen trug, darauf aufmerksam 
gemacht wurde mit dem Zuruf: „Hör, du hast Kerzen feil!" Roheim erzählt 
von erwachsenen Zentralaustraliern, daß einer, aufgefordert das große Glied 
des andern zu loben, bei Weigerung entweder vom ersten geschlagen werden 
darf oder von dessen Urin trinken muß. — Damit hätten wir uns von dem, 
was Abraham die primitivste Liebesbezeugung nennt, schon ziemlich weit 
entfernt. Die Uropolemie wäre recht deutlich geworden. Wenn Sie sich aber 
erinnern, wie nach Pipals Schilderungen Halterbuben um Wiener-Neustadt 
spielen, so sehen wir doch noch deutlich die erotische Komponente auch 
dabei: Gemeinschaftlich und auf Kommando eines Anführers löscht die 
Bubenhorde das Weidefeuer mit dem natürlichen Lösch Werkzeug; gemein- 
schaftlich wird das Anpissen desjenigen, der neu zur Horde stößt, geübt. Ich 
schildere Ihnen einen solchen primitiven Initiationsritus, wie ihn einer meiner 
Analysanden in Südbaden als ca. 11 jähriger vor 25 Jahren mitgemacht hat. 
Der Neuankömmling wird zum „Tüpflezählen" aufgefordert. Zu diesem 
Zwecke stellen sich alle Buben, Rücken außen, zum Kreis. Ein großes bunt- 
gedrucktes Taschentuch wird zwischen ihnen ausgespannt und von jedem mit 
der Hand gehalten. Der Neuling muß nun die farbigen Tupfen auf dem 
Tuche zählen. Während er sich bemüht, dieser Aufforderung nachzukommen, 
haben die andern, verdeckt durch das Tuch, ihre Hosen geöffnet und über- 
raschen nun den Neuen mit einer Harntaufe. Zeigt hier die Horde ihre über- 
legene Macht und Schlauheit, so läßt mit gleichen Mitteln Rabelais seinen 
Riesenjüngling Gargantua die Masse besiegen. „Wie Gargantua den Parisern 
sein Willkomm bezahlt" wird im 13. Kapitel des Buches folgendermaßen ge- 
schildert: „Vom gaffenden Volk vor der Tür von Notre Dame umringt, setzt 
er sich und spricht laut zu seinem Begleiter: ,Ich glaub, die Schlingel meinen, 
daß ich ihnen hie mein Pflastergeld und meinen Willkomm zahlen soll. Ist 
billig; sie sollen ihren Wein han, aber par ris, per risum, spottweis.' — Da lupft' 
er lächelnd seinen schönen Hosenlatz, zog sein Ablaufrohr an die Luft herfür 
und bebrunzelte sie so haarscharf, daß ihrer 260418 elend ersoffen, ohn die 
Weiber und kleinen Kinder." — Der Rettung von Besitz gibt, wie mir eine 
kurze Einzelbeobachtung zeigte, der Harnstrom auch von Seiten der Frau 
Ausdruck: Die 39jährige Gattin eines Zimmereibesitzers wird durch Brand- 
stiftung aus dem Schlafe geschreckt. Ab dieser Zeit stellen sich bei ihr — 



Harntriebäußerungen, insbesondere Enuresis; Urophilie und Uropolemie 387 

sicherlich mehrfach determiniert — nächtliche Angstzustände mit eigentlicher 
Harnflut alle paar Wochen ein. — Interessant sind in diesem Zusammenhang 
auch die verschiedenen Versionen über das Urbild des Manneken-pis. Nach 
einer dieser Legenden gilt die Brunnenfigur dem ehrenden Andenken eines 
kleinen Jungen, der im 13. Jahrhundert eine Lunte gelöscht, mit der die 
Feinde die Stadt in Brand stecken wollten. Nach anderer Version erinnere 
das Standbild an den zweijährigen Gottfried den III., Herzog von Brabant, 
gegen dessen und seiner Mutter Herrschaft sich zwei mächtige Vasallen 
empört. Der dem Kind getreue Heerführer verlangt für die Schlacht mit den 
Rebellen die aufmunternde Gegenwart des Kleinen, und so wird dessen Wiege 
an einem hohen Eichenast auf dem Schlachtfelde aufgehängt, über ihr die 
Standarte von Brabant. Der Kampf dauert drei Tage. Viermal werden die 
Getreuen vom Feinde zurückgetrieben; aber niemals weiter als bis zur Eiche. 
Um die Mitte des dritten Tages hilft neuer Zuzug zum Sieg über die Rebellen. 
Während des ganzen Schlachtgetümmels aber hat der kleine Fürst von Zeit 
zu Zeit, allen sichtbar, in seiner Wiege sich erhoben, stolz und ohne 
Scham Richtung Feind gepißt, „satisfait fierement ä ce leger besoin que l'enfance 
accomflit sans rougir." (Das Nichterröten könnte uns dabei nach früher er- 
wähnten Kinderbeobachtungen besonders legendär vorkommen!) Und jedes- 
mal, wenn der Kleine urinierte, wurde dieser Akt von seinen Truppen mit 
Freudebrüllen begrüßt. — Aber nicht nur unpersönlichem Besitz und 
dessen Eroberung und Behauptung kann der Miktionsakt Aus- 
druck geben, sondern er spielt auch eine Rolle beim Kampf ums 
Weibchen, wobei es nach einer Beobachtung aus der Tierpsychologie fol- 
gendermaßen zugehen kann: Ein einjähriger Riesen jüngling unter Katzen, ein 
prächtiger weißer Kater, zieht im Vorfrühling 1935 zum erstenmal auf 
Paarung aus. Aber, weit entfernt davon, die Rolle des Gargantua in Paris zu 
spielen, kommt er jeweils so übel begossen heim, daß man ihn von dem stin- 
kenden Urin, mit dem ihn die älteren Kater bespritzt, baden muß. Diese Phase 
dauert wenige Tage. Es folgt eine zweite, für die der Beobachter den Aus- 
druck brauchte, nunmehr habe der Kater ausgesehen wie ein Student nach der 
Mensur, blutig verletzt an Ohren und Schnauze. Dritte und letzte Phase 
innerhalb einiger Wochen: Sämtliche andern Kater sind vom Bauhof, wo sich 
alles abspielt, verschwunden und der weiße Kater bleibt im Besitz des ganzen 
Harems. — Ein letztes Beispiel endlich mag uns in dichterischer Darstellung 
die Rolle der Uropolemie im tötlichen Kampf eines 14- bis ij jährigen Jungen 
mit dem erwachsenen Rivalen zeigen. Es stammt aus dem mir mit der Jahres- 
zahl 1928 vorliegenden Roman von Manfred Hausmann: „Lampioon küßt 
Mädchen und kleine Birken. Abenteuer eines Wanderers" (Schünemann, 
Bremen): Dem Handelslehrling und spätem Vagabunden Lampioon hat der 
dreiste, protzige Buchhalter Tilken ein Mädchen, das der Junge mit scheuer 
Sinnlichkeit und viel Schwärmerei verehrt, geraubt. Es ist zum Kampf zwi- 



3^8 Hans Christoffel: Harntriebäußerungen, insbesondere Enuresis 

sehen Lampioon und Tilken gekommen; jener ist trotz Rasen und Beißen 
unterlegen und von Tilken vor der Geliebten auf den nackten Hintern ge- 
schlagen worden. Lampioon trollt sich verzweifelt, will den Tod suchen, bis 
ihm rasch der Entschluß reift, den andern zu ermorden. Es ist Nacht, und 
Tilken muß mit dem Motorrad des "Wegs kommen. Lampioon spannt ihm 
einen Stacheldraht, Tilken saust richtig darein, überschlägt sich, zuckt ein 
paarmal und liegt dann, aus dem Munde blutend, tot am Boden. „Da schoß 
ein "Wirbel von Triumph, Krankheit und Entsetzen durch mich hindurch, daß 
mir das Wasser in die Hose lief", läßt der Dichter Lampioon erzählen, „da 
rannte ich weg und merkte, daß ich in einemfort hähähä machte und die 
Zähne bleckte". — 

Obwohl wir uns mit dieser Schilderung weit von der nüchternen Klinik 
entfernt haben, besteht doch kein Anlaß anzunehmen, daß wir damit den 
Boden seelischer Tatsachen unter den Füßen verloren hätten. Hingegen hat 
sich unter der Niederschrift dieser Ausführungen meine ursprüngliche Absicht 
der bloßen Kürzung, Kompression und Umstellung, wie sie einem Referate 
dienlich sein möchte, insofern nicht ganz verwirklichen lassen, als sich aller- 
hand Frisches unversehens eingeschlichen hat. Wieviel von Tatsachensammlung 
noch aussteht, zeigt eine vorläufige Sichtung. Wieviel von Anregungen aus 
Freuds Traumdeutung für die Erforschung motorischer Schlaf phänomene 
noch unausgeschöpft ist, konnte ich bloß notdürftig zeigen. Auch hat in 
meinem Vortrag die Angst in ihren Zusammenhängen mit der Harntrieb- 
haftigkeit keinen Platz gefunden. Was diese Angst betrifft, so sähe ich unter 
dem Gesichtswinkel der drei Abhängigkeiten des Ichs ihre Sichtung gegeben auf 
einer Strecke, die mit Freuds Angstneurosenmonographie von 1895 etwa 
ihren Anfang nähme, wobei der Weg, auf dem die Urophilie und Uropolemie 
zu verfolgen wäre, so bezeichnet werden könnte: von der Aktualangst bis zum 
Unbehagen in der Kultur. 

Literatur 

Sofern hier bloß die Autorennamen angeführt sind, genauer in H. Christoffel: Zur 
Biologie der Enuresis. Zeitschr. f. Kinderpsychiatrie, 1934, H. 1—4; Verlag Benno Schwabe 
8f Cie., Basel. 

1. H. Gutzmann: Sprachheilkunde. II. Aufl. Fischer, Berlin, 1912. 

1. E. Flusser: Zuwachsen des Vestibulums kleiner Mädchen. Münch. med. Wschr., 
I 935» Nr. 5, S. 172. 



Der Kern des Ödipuskomplexes 1 

Von 

CD. Daly 

Kalkutta 

VII. Klinische Beweise für die zentrale Bedeutung des 
Menstruationskomplexes in der Ätiologie der Neurosen 

Beispiel A 
Ein Traum 

I. Bruchstück. Der Träumer macht sich auf die Suche nach einer ihm bekannten 
älteren Prostituierten, und zwar in der Absicht, mit ihr sexuell zu verkehren. Erkannte 
sie als nett und sauber, wenn auch ihre Vagina trocken und sie selbst alt und reizlos 
war. Als sie sich jedoch entblößte, merkte er, daß ihre Geschlechtsteile abscheulich und 
ekelerregend waren; der Anblick war unbeschreiblich abstoßend. 

II. Bruchstück. Er veranlaßte dann einen Mann mit einem roten Hut, ihm 
eine Frau ausfindig zu machen. Der Mann führte ihn an einen Ort, an dem sich eine 
Anzahl junger Mädchen befand, alle sauber und anziehend; sie standen in der Obhut 
einer alten Frau. Er wählte eine; sie saß oben auf einem Regal. Er hätte gern ihre 
Klitoris geküßt, fürchtete aber, sich eine Krankheit zu holen. Er griff ihr mit der Hand 
zwischen die Beine und war entzückt, als er merkte, daß sie feucht und erregt war. 
Ihm galt das als ein Zeichen der Liebe und der Sicherheit. Dann merkte er, daß sie 
ein wenig unwohl war und aus der Vagina blutete. Jede weitere Erinnerung schwand 
sofort. 

III. Bruchstück. Er ging mit einer anziehenden schwarzgekleideten Frau spa- 
zieren. Sie hielt die Landschaft, die sich zu den schönen Bergen hinzog, für sehr hübsch. 
Er war nicht ihrer Ansicht — er hatte die Gegend schon früher gesehen und fand sie 
in keiner Weise schön. Die großen länglichen Flecken roten Lehms, die zu sehen waren, 
dünkten ihn sehr häßlich. Sie jedoch machte ihn auf einen schönen Fleck blauer Blumen 
in der Mitte des Tals aufmerksam. Er sah die Blumen an und wurde sofort bewußtlos. 
Als er zu sich kam, hing er mit einem Arm am Rand eines Felsens. Sie lag auf einem 
Pfad über ihm. Er bat sie, sich nicht zu bewegen, denn wenn sie es täte, würde er sicher 
abstürzen und getötet werden. Gelänge es ihm aber, sich auf den Pfad auf dem Felsen hin- 
aufzuarbeiten, dann würde alles gut sein, und er würde Verkehr mit ihr haben. 

Fassen wir alle Punkte der Analyse, die für unsern Gegenstand von Bedeu- 
tung sind, kurz zusammen: Das erste Bruchstück bezieht sich auf die Groß- 
mutter des Träumers. Er berichtet, daß der zufällige Anblick ihrer Vagina 
seinen ersten Ohnmachtsanfall verursacht habe. Die spätere Analyse ergab 
jedoch, daß der Anblick nicht zufällig gewesen war; er war an sie her an- 
gekrochen, um ihr zwischen die Beine zu sehen. Er erinnerte sich, daß der An- 

i) Fortsetzung der in Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXI, Heft i, erschienenen Arbeit; aus dem 
Englischen übersetzt von Helene Reif f. 



39° 



C. D. Daly 



blick abstoßend und von einem scharfen Geruch begleitet gewesen sei. Tiefere 
Analyse zeigte, daß dieser Geruch und dieser Anblick einst, in der frühen Zeit 
der Freiheit in seinen Beziehungen zur Mutter, für ihn von großem 
Reiz gewesen waren. Es ist zu beachten, daß im zweiten Bruchstück alle Er- 
innerung schwand, nachdem er im Traum die blutende Vagina gesehen hatte* 
ferner, daß er diese Feststellung mit dem Gedanken verknüpfte, er könnte 
sich eine Krankheit holen. In der weiteren Analyse zeigte es sich, daß er die 
gefürchtete Kastration durch die Mutter auf die Schwester verschoben hatte. 
Das dritte Bruchstück enthält das "Wissen um die Menstruation seiner 
Mutter sowie auch das Verstehen seines eigenen Anfalls. Sowohl die Schwester 
als auch die Mutter sind in dem Traum enthalten. Der Fleck auf den Hügeln 
gegen die Berge hin ist die Vagina, die ihn häßlich, seine Schwester jedoch 
schön dünkte. 2 Die Berge, auf denen Quellen entspringen, sind die Brüste der 
Mutter. Der Blumenfleck in der Mitte des Tals bedeutet symbolisch die men- 
struierende Vagina. 

Die einzige Spur des Vaters in diesem Traum ist der Mann mit dem roten 
Hut (= Penis), der ihm als Führer (= Kuppler) diente und ihn nach dem Ort 
brachte, in dem die Frauen wohnten. In der Analyse dieser Einzelheit kamen 
verschiedene Tendenzen zutage. Eine ging dahin, den Vater herabzuwürdigen, 
teils wegen seiner sexuellen Beziehungen zur Mutter, teils auch weil er in 
Wirklichkeit der in diese Richtung gehenden Neugier des Sohnes Schranken 
gesetzt hatte; deshalb war ihm die Rolle eines Kupplers, eines verachteten 
Menschen also, zugewiesen worden. Gleichzeitig erreichte der Träumer damit 
aber auch die Befriedigung eines unbewußten Wunsches, nämlich Vater und 
Mutter würden seiner Neugier und seinen inzestuösen Neigungen zur 
Schwester keine Hindernisse in den Weg legen, ihm vielmehr helfen, daß er 
ans Ziel gelange, anstatt ihn zu hemmen und zu bestrafen, was sie in Wirk- 
lichkeit getan hatten. Bis zu einem gewissen Ausmaß mißlingt jedoch diese 
List des Unbewußten, denn selbst im Traum wird er beim Anblick des Blutes 
ohnmächtig, wodurch er dem Tod entgeht. 

Mit der Furcht vor dem Vater und der Bewunderung für ihn verband sich 
auch eine homosexuelle Strebung: deshalb kann er in dem Traum erst, als der 
Vater ihn führt, zu dem Mädchen (== Schwester) gelangen. Vom Vater also 
fürchtete er den Tod. 

Auf diesen Traum folgten eine Zeitlang Träume von einer Frau mit einem 
Penis, bei der er eine Ejakulation hatte, später von einer Frau mit einem oder 
mehreren Penissen. Auch träumte er, daß er in eine Felsenspalte stürze oder ma- 
gnetisch in einen Abgrund gezogen werde; dann wieder, daß er in irgendwelche 
Schlingen gerate und sich nicht befreien könne, oder daß sich seine Angel beim Fischen 

2) Die Schwester pflegte ihm ihre Vagina zu zeigen und zu sagen, daß sie viel schöner 
sei als sein Penis; dabei freute es sie offenkundig, daß er sich vor der Vagina fürchtete. 
Hinter dieser Handlung steckte offensichtlich ihr Penisneid. 



Der Kern des Ödipuskomplexes 



391 



in einem Felsen festhake, und er sie nicht losbekommen könne. Die Analyse dieser 
Träume bewies unbewußte Furcht davor, von einer Frau sexuell so sehr an- 
gezogen zu werden, daß er gezwungen sein würde, Beziehungen zu ihr an- 
zuknüpfen; er fürchtete, daß diese sexuelle Beziehung irgendwie zu seinem 
Tod führen werde. Nachdem die tiefere Schicht des oben angeführten Men- 
struationstraums erreicht worden war, entwickelte der Patient starken Haß 
gegen jede Frau, die seinem Empfinden nach sein Recht auf freies Interesse an 
ihrer oder anderer Menschen Sexualität irgendwie einschränkte oder sich auf 
irgendeine Weise dem Gedanken der freien Liebe widersetzte. Darauf folgte 
eine Phase heftiger Sehnsucht nach Vaterliebe und schließlich von Identifi- 
zierung mit Jesus Christus, was für ihn mit der Übernahme der passiven 
Rolle gleichbedeutend war. 

Sein Ohnmachtsanfall war demnach ein Versuch seines Ichs, der Todesstrafe 
zu entgehen, der verfallen ist, wer den Inzestverboten der Eltern trotzt. 

Auch ein zweiter Traum, der von Defloration während der Menstruation 
handelt, ist sehr aufschlußreich. Der Träumer berichtet: 

Ich sah einen steilen Felsen hinab und erblickte einige wunderschöne Obstbäume 
in voller Blüte. Sie interessierten mich so sehr, daß ich das Gleichgewicht verlor und 
auf sie hinabfiel, wobei ich einen blühenden Zweig abbrach. Ich hob den Blütenzweig 
auf, denn ich dachte, da er doch abgebrochen war, könnte ich ihn wohl meiner Frau 
nach Hause bringen; da erschien ein Polizist auf dem Schauplatz und verhaftete mich 
wegen Blumendiebstahls. Ich erklärte dem Polizisten, daß es sich um einen Unfall 
handle, und daß mich daher keine Schuld treffe; ich hätte nicht die Absicht gehabt, 
den Zweig vom Baum zu brechen, die Blüten seien jedoch so unwiderstehlich schön 
und hätten mich so sehr entzückt, daß ich gar nicht gewußt hätte, was ich tat; so hätte 
ich das Gleichgewicht verloren und sei von dem Felsen herabgestürzt. Ich könne doch 
nicht wegen eines Geschehnisses zur Verantwortung gezogen werden, über das ich keine 
Gewalt gehabt hatte. 

Die Analyse dieses Traumes enthüllte den unbewußten Impuls, weibliche 
Genitalien zu betrachten, und den verdrängten Wunsch, mit Mädchen, deren 
Menses eben begonnen hatten, sexuell zu verkehren. Der Gedanke, junge 
Mädchen im Pübertätsalter zu deflorieren, war überaus verlockend für den 
Träumer, obgleich er in früheren Jahren ein solches Beginnen für eine große 
Sünde gehalten hatte, eine Sünde, die Gott nie verzeihen würde. 

Die weitere Analyse ergab, daß der Mann seinen Eltern heftig grollte, weil 
sie ihn dafür bestraft hatten, daß er sexuellen Neigungen oder von außen 
kommenden Reizen nachgab (so z. B. wenn seine ältere Schwester ihn zu 
sexuellem Tun verführt oder seine Mutter seine Genitalien liebkost hatte); 
diese Reize waren so stark gewesen, daß er ihnen nicht hatte widerstehen 
können; die Schuld lag aber an den Reizen, nicht an ihm. Das war zumindest 
seine Meinung. Daß die Genitalien seiner Mutter so schön waren und so gut 



392 C. D. Daly 

rochen, war ebenfalls nicht seine Schuld, er konnte nichts dafür, daß sie so 
heftiges Verlangen in ihm erweckten. 

Der Traum enthielt auch eine aggressiv-sadistische Tendenz. Der Gedanke, 
daß er den Zweig zufällig abgebrochen habe, war eine Art Rache, eine Kastra- 
tion seiner Mutter zur Strafe dafür, daß sie ihn mit Kastration bedroht hatte; 
er ahmte damit den Vater nach, von dem er meinte, daß er die Mutter 
kastriert habe. Der Zweig war jedoch ein mehrfach determiniertes Symbol: 
Er war auch der Ölzweig, mit dem er seiner Mutter Frieden anbot. Obgleich 
er sich der Mutter gegenüber schuldig fühlte, weil er in der Phantasie die 
Schwester defloriert, ferner weil er seine Liebe zur Mutter zum Teil auf die 
Schwester übertragen hatte, war es klar, daß er sich auch vor dem Vater 
(= Polizist = Über-Ich) fürchtete, d. h. auch diesem gegenüber ein Gefühl 
der Schuld empfand. 

Er glaubte nicht wirklich daran, daß der Sturz auf die Bäume durchaus 
nur Zufall gewesen war. Aber es dünkte ihn tatsächlich absurd, daß er für 
Taten bestraft werden sollte, die zu vermeiden er nicht stark genug gewesen 
war, — die Verlockung war zu groß gewesen. Seine Schwester habe ihn ver- 
lockt. Auch habe er um den Geschlechtsverkehr der Eltern gewußt, ebenso 
um den der Vögel und anderer Tiere. 

Der Traum enthält eine Reihe von Phantasien, die auf realen Faktoren 
fußen. Der männliche und der weibliche Sexualtropismus sind in jenem frühen 
Alter von tiefer Wirkung auf das Kind; denn das frühe Kindesalter entspricht 
jener frühen Stufe in der Kindheit des Menschengeschlechts, auf der, ehe 
noch der traumatische Einfluß des Inzestgesetzes und der Sexualtabus den Ge- 
schlechtstrieb hemmten, Hör-, Tast-, Seh-, Schmeck- und Riechreize die Ge- 
schlechter so mächtig zueinander zogen. 3 Daß der Träumer seine Angriffs- 
lust immer wieder als Folge von Verlockungen hinstellte, zeigte, wie stark 
seine Männlichkeit in der Kindheit gewesen war; von übergroßer "Wißbegier 
in bezug auf Sexuelles erfüllt, war er entschlossen gewesen, alle Rätsel des Ge- 
schlechtlichen zu lösen und es seinem Vater gleichzutun. 

Der Traum erfuhr aber noch eine weitere Deutung, und zwar auf Grund- 
lage der Darstellung durch das Gegenteil: Das einstmals Schöne war häßlich ge- 
worden, ein Ergebnis der Strafandrohungen von seiten des Vaters (= Polizist) 
wie auch der Furcht vor Kastration durch die Mutter. Er fiel, kastriert aber 

3) Die Einfälle zu den Obstbaumblüten brachten die tiefe Verdrängung bezüglich des 
Geruchs der Vagina ans Licht. Anfänglich sagte der Patient, Obstbaumblüten hätten keinen 
Geruch; dann erinnerte er sich des angenehmen Empfindens, das der Duft von Rosen und 
der Parfüms, die seine Mutter zu verwenden pflegte, in ihm ausgelöst hatten; schließlich 
fiel ihm das lebhafte Interesse ein, das er an dem Sexualgeruch seiner Eltern genommen 
hatte, besonders an dem der Mutter. Dieses verknüpfte er auf dem Weg der Tatsachen, 
daß aus Obstbaumblüten Früchte werden, und daß Blüten einen besonderen Geruch haben, 
mit seinem Interesse an der Fortpflanzung. — Der englische Schriftsteller Galsworthy hat 
darauf hingewiesen, daß der Grund, warum viele Menschen gern Blumenausstellungen be- 
suchen, oft ausschließlich in der Sinnenfreude liegt, die der Duft der Blumen gewährt. 



Der Kern des Ödipuskomplexes 



393 



wurde die Mutter oder die Schwester — er verschob Haß und Furcht auf die 
Quelle der Versuchung, fühlte sich darob dann schuldig und wollte die Frauen 
( = Gattin = Mutter) versöhnen, jene Frauen, von denen die Kastration ge- 
fürchtet wird, weil ihre blutende Vagina die Furcht bestätigt, welche die 
eigentliche Quelle des aus dem Inzestverbrechen entspringenden Schuldgefühls 
ist (Schuldgefühl = Furcht vor Strafe). Deshalb erschien der Vater (= Poli- 
zist = Uber-Ich) auf dem Schauplatz und verhaftete ihn. 

Daß der Sohn das Bedürfnis hatte, die Mutter wieder zu versöhnen, weil 
er Geschlechtsverkehr mit einer reifen jungen Frau (= Obstbaum in Blüte = 
= menstruierende Frau; siehe Freuds Bericht über ähnliche Symbole in der 
„Traumdeutung") gehabt hatte, brachte die unbewußte Quelle des Schuld- 
gefühls ans Licht, welches ihn in seiner Ehe nicht recht glücklich werden ließ. 

Die Verleugnung der Mutter infolge des Menstruationstraumas ist bei vielen 
Menschen eine Quelle des Schuldgefühls. Edgar Allan Poe beleuchtet diese 
Tatsache auf eine besonders umfassende Art in verschiedenen seiner Er- 
zählungen. 

Unser Verständnis für den Ursprung des Schuldgefühls und die Art und 
Weise, in welcher Angst aus der Wunschverdrängung entsteht (Freud macht 
wiederholt auf die Dunkelheit dieser Vorgänge aufmerksam), wird durch die 
Erkenntnis des Menstruationskomplexes gefördert. 

Auf die traumatische Verdrängung der Libido und die Flucht des Ichs aus 
der Wirklichkeit folgte die Verwandlung der positiven Eroberungswünsche 
der Inzestphase in Angst. Das Angstgefühl entsteht in großem Ausmaß da- 
durch, daß das Ich die Wiederkehr jener instinktiven libidinösen Reaktionen 
fürchtet, über die es im kindlichen Alter so wenig Gewalt hatte. Diese Re- 
aktionen brachten das Kind mit den Eltern und der übrigen Umgebung in 
Konflikt, es wurde mit Strafe bedroht oder wirklich bestraft; beim reifen 
Menschen rufen sie gegen das Ich den introjizierten Sadismus des Über-Ichs 
wach. 

Beispiel B 
Ein Traum 

I. Bruchstück. Ich sah eine Schar schwarzer Menschen, die, auf Schnee oder 
Gras schreitend, einen steilen Berg hinanstiegen zu einem Heiligtum auf dem Gipfel. 
Ich dachte, wie fromm und ehrlich oder wie angsterfüllt diese Pilger sein müßten, da 
sie sich so schwer mühten. Dann überquerte ich den Fluß, um an den Fuß des Berges 
zu gelangen, nach der Stelle, an der der Pilgerzug begann; dort war auch ein Heilig- 
tum in einer Höhle, in der sich ein Priester befand. Viele Frauen waren da; die meisten 
von ihnen litten an Schwindsucht und spuckten unaufhörlich Blut in kleine Schalen. 
Ich hatte das Gefühl, daß es hier gefährlich sei, da man sich diese entsetzliche Kränk- 
elt holen könne; um nicht mit den Frauen in Berührung zu kommen, trat ich auf eine 
erhöhte Steinplatte. Von hier führte eine eiserne Leiter nach dem Heiligtum auf dem 
Bergesgipfel hinauf. Der Priester war oben — irgendwie schien er aber auch unten 



394 C. D. Daly 

zu sein, bei den blutenden Frauen, die ihm gehörten. Ich begann, die Leiter Sprosse 
um Sprosse hinaufzusteigen, merkte aber, daß ich nicht bis hinauf gelangen würde 
und begann zu fürchten, ich könnte fallen und so sterben. Als ich ein Stück hinauf- 
gelangt war, fürchtete ich mich auch hinabzusehen, denn das würde mich von der Ge- 
wißheit meines Todes überzeugt haben, und ich wäre erst recht gefallen. 

II. Bruchstück. Ich kam dann an einen Ort, an dem ich schon früher als Tuber- 
kuloser behandelt worden war; ich sollte meine Kur zu Ende führen. Die Patienten 
gingen auf einem offenen Platz im Kreise umher wie Pferde oder Maultiere, die man 
zureitet; sie sahen entsetzlich krank aus, man merkte ihnen an, daß sie bald sterben 
würden. Es waren nur Männer und Knaben. Ich hoffte, daß der Arzt sich meiner 
erinnern und sich freuen würde, mich zu sehen, denn ich war ja anders als seine sterbens- 
kranken Patienten. Ich hatte nur noch eine kurze Zeit der Behandlung nötig, dann 
würde ich geheilt sein — was ich brauchte, war Liebe, dann würde ich von selbst gesund 
werden. — Ich erwachte dadurch, daß ich meine Mutter (oder Schwester oder Frau) 
um Hilfe rufen hörte. Allmählich wurde mir klar, daß niemand gerufen hatte, daß 
dies nur ein Traumbild gewesen war. 

Analyse des Traumes 
Ich gebe hier die Analyse zum Teil in direkter Rede, möglichst mit den 
eigenen Worten des Patienten, wieder: 

„Als meine Frau schreit, daß sie in Gefahr sei, und mich zu Hilfe ruft, springe 
ich nicht gleich auf, um ihr zu Hilfe zu eilen, — obwohl ich im Traum das Gefühl 
hatte, sie werde von einem Dieb getötet: Da ist es, glaube ich, klar, daß ich meine 
Furcht davor, von meinem Vater (dem Dieb, der, wie ich dachte, meine Genitalien 
stehlen wollte) getötet zu werden, auf sie verschiebe und wünsche, er möge sie und 
nicht mich töten. Eine gerechte Strafe dafür, daß sie mir gedroht hatte, mich zu 
kastrieren, wenn ich masturbierte, denn ich hatte nur masturbiert, wejl ich nicht die 
Möglichkeit hatte, sie zu lieben. Aber wenn ich auch den Haß meiner Frau fürchte, 
so hat sie doch nie geradeheraus gedroht, sie werde mich kastrieren; ich verschiebe 
also offenbar meine haßerfüllte Furcht vor meiner Mutter auf sie. 

Ich muß mir in der Kindheit eingebildet haben, daß mein Vater die Mutter töte 
oder kastriere, wenn er auf ihr liege, und hinter dieser Vorstellung stand, das ist klar, 
ein Wunsch. (Der Vater bestätigte, daß der Patient als Kind in einem Bettchen im 
Schlafzimmer der Eltern geschlafen habe.) Wenn mein Vater in das Schlafzimmer 
kam, dachte ich immer, daß er meiner Mutter nun dasselbe tun werde, was die Stiere 
den Kühen tun. (Der Patient hatte seine ersten vier Lebensjahre auf einem Landgut 
verbracht.) In dem Traum ruft zwar meine Frau (= Mutter) nach mir, aber man 
muß das zum Teil umkehren, damit es verständlich wird: Ich pflegte angsterfüllt 
meine Mutter zu rufen, wenn der Vater Geschlechtsverkehr mit ihr hatte, aber sie 
antwortete mir nicht. Dafür strafe ich sie im Traum, indem ich sie ihrem Schicksal 
und dem Dieb überlasse. 

Da ich auf meinen Vater eifersüchtig war und ihm den Tod wünschte, überkam 
mich die Furcht, er könnte mich ebensosehr hassen wie ich ihn und mich töten. 

Ich haßte ihn, weil er mit meiner Mutter schlief, während ich in ein kleines Bett- 
chen neben ihrem Bett verbannt worden war, — da mußte ich liegen, während er die 
Mutter liebkoste und alles Mögliche mit ihr anstellte und mich dadurch in Erregung 



Der Kern des Ödipuskomplexes 



395 



versetzte, so daß ich masturbierte. Dafür strafte mich meine Mutter dann, wenn sie 
es entdeckte, und drohte mir mit Kastration. Das ließ mich wünschen, ich hätte 
eine Waffe gleich der meines Vaters, mit der ich sie strafen könnte. Es ist also klar, 
daß ich mich nun mit meinem Vater identifizierte und wünschte, ich hätte einen 
Penis, mit dem ich meine Mutter angreifen könnte. Ich masturbierte, wenn ich mich 
vor meinem Vater fürchtete, und sehnte mich dabei, an der Brust meiner Mutter zu 
saugen, — aus dieser Phantasie scheine ich ein Gefühl des Schutzes vor dem Angriff 
meines Vaters gewonnen zu haben. 

Obgleich die Kastrations drohung meiner Mutter den sadistischen Wunsch in 
mir erweckte, ich könnte sie so behandeln wie mein Vater sie, und wie alle männ- 
lichen Tiere die weiblichen behandeln, glaubte ich doch nicht wirklich an ihre 
Kastrationsdrohung, bis ich eines Tages entdeckte, daß sie zwischen den Beinen 
blutete. Das bestätigte mir die Möglichkeit der Kastration, und die Furcht, daß man 
mich kastrieren und ich wie meine Mutter und meine Schwester werden könnte, 
machte mir die beiden und alle Frauen abscheulich und verhaßt. 4 Ich wünschte sie 
zu lieben, konnte es aber nicht aus Furcht vor ihrer blutenden Vagina. Liebe war 
mir jedoch eine Notwendigkeit, ich fühlte, daß ich ohne sie nicht leben konnte; 
daher begann ich zu wünschen, ich würde wie meine Mutter bluten und so die Liebe 
meines Vaters gewinnen, denn ich hatte bemerkt, daß er sie trotz seiner sadistischen 
Angriffe auf sie oft liebkoste und küßte und überhaupt liebevoll gegen sie war. So 
hatte sie mich liebkost, als sie noch ganz mir gehört hatte. Ich wünschte, daß ent- 
weder meine Mutter einen Penis anstatt einer blutenden Vagina hätte, so daß sie 
mich hätte lieben können, wie mein Vater sie liebte; oder daß ich selbst eine blutende 
Vagina hätte, damit mein Vater mich hätte lieben können, wie er sie liebte, bevor 
sie ein Kind bekam. 

Als sie schwanger wurde, haßte und verabscheute ich sie sogar noch mehr als zu 
der Zeit, da ich ihr Bluten entdeckt hatte; sadistische Wünsche gegen sie und ihren 
dicken Bauch regten sich in mir, wie so viele meiner Träume gezeigt haben. Woher 
ich wußte, daß ihr Leib einen Rivalen enthielt, kann ich nicht sagen, daß ich es aber 
wußte, haben meine Träume klar bewiesen. 5 Ich fühlte, daß sie auf das Kind urinieren 
würde, wenn es geboren war, und ihm erlauben würde, auf sie zu urinieren und an 
ihren Brüsten zu saugen, — dafür haßte ich sowohl sie als auch das Kind." 

Mit der Geburt des kleinen Bruders und Rivalen erreichte sein Haß einen 
Höhepunkt. Er verschob dann den Haß gegen die Eltern auf das Kind und 
war so allmählich imstande, seinen negativen Ödipuskomplex zu verdrängen. 
Dies vollzog sich, indem er für seine grausamen Impulse Betätigung fand: Er 
übertrug sie auf Geschöpfe, die kleiner und schwächer waren als er selbst, auf 

4) Tiefer dringende Analyse ergab eine hinter diesem Haß und Abscheu stehende Tat- 
sache, nämlich daß er in der Vorstellung, ein Mädchen zu deflorieren und zu verwunden, die 
tiefste sadistische Befriedigung empfand. Er lebte jedoch auf der Stufe der Reaktionsbildung, 
legte übertriebene Zärtlichkeit für Frauen an den Tag nebst dem Zwang, ihre Liebe zu ge- 
winnen und sie dann im Stich zu lassen. 

5) In einem früheren Zeitpunkt der Analyse waren folgende Phantasien ans Licht ge- 
kommen: Er hatte den Leib der schwangeren Mutter mit einem Messer aufgeschlitzt und 
den Feind, der da seinem Empfinden nach war (= der Penis des Vaters und das werdende 
Kind, das ihn seiner Rechte berauben würde), getötet. (Er war bei der Geburt des kleinen 
Bruders vier Jahre alt.) Vielleicht ist das Wissen um die Schwangerschaft der Mutter er- 
erbt; jedenfalls zeigt sich der Haß gegen die schwangere Mutter sogar schon bei zweijährigen 
Kindern. Möglicherweise läßt der dicke Leib der schwangeren Mutter im Kind die Furcht, 
von den Eltern gefressen zu werden, neu aufleben. 



Int. Zeitschr. i. Psychoanalyse, XXI/3 



27 



39 6 C. D. Daly 

Insekten, Frösche, Kröten usw. Indem er solche Tiere quälte und tötete, ver- 
mochte er seinem Haß und seinen sadistischen Wünschen gegen den kleinen 
Bruder und gegen den Phallus des Vaters Ausdruck zu geben. Sein Ingrimm 
richtete sich anfänglich gegen Wesen, die krochen und in Teichen lebten, 
später gegen Ratten und Mäuse, die aus Löchern hervorkommen und wieder 
darin verschwinden. Seinen Höhepunkt erreichte dieses sadistische Haßgefühl, 
wenn er die Tiere tötete und Blut floß: Er hatte dann eine von freudigem 
Lustgefühl begleitete Erektion. Er spielte Begräbnis mit den toten Tieren, 
setzte ihnen Leichensteine und empfand Kummer und Reue darüber, daß er 
sie getötet hatte; dann stellte er sich vor, daß es sich um den Leichnam seines 
Vaters handle, und daß er nun mit der verwitweten Mutter lieb sein werde. 

Später bereitete es ihm großes Vergnügen, Vögel mit einer Schleuder zu 
töten, insbesondere Rotkehlchen und Zaunkönige, weil diese als heilige Vögel 
gelten. Die Analyse ergab, daß er, indem er sie tötete, die Mutter tötete und 
daß die rote Kehle (Verschiebung von unten nach oben) besondere An- 
ziehungskraft besaß. Durch die Analyse seines sadistischen Verhaltens gegen 
das Rotkehlchen und der „Heiligkeit" dieses Vogels kamen wir endlich zu einer 
unmittelbaren Analyse des Traumes, denn wir entdeckten, daß die rote Kehle 
die blutende Vagina der Mutter symbolisierte, welche anzubeten die schwarzen 
(= schuldigen) Pilger (= sein zweites Selbst) den Berg emporkeuchten, und 
das sowohl aus Liebe als auch aus Furcht; sie sollten oben Gott anbeten — er 
war der Meinung, daß das Weib in ihm Gott anbetete, der Mann in ihm je- 
doch das Weib anzubeten scheine, vor dem er sich aber, das war ihm klar, 
auch fürchtete; irgendwie, fand er, enthalte diese Furcht vor der Mutter auch 
die Furcht vor dem Vater. 

Die schwarzen Menschen, die mühselig über Rasen hinweg den Berg hinauf- 
keuchen, um anzubeten, sind jene Schuldigen, für die der Koitus ebensosehr 
Qual ist wie Freude, weil sie den Vater fürchten, der im Heiligtum (= blutende 
Vagina) wohnt. Das Gras auf dem Berg ist das Haar des Mons veneris, der 
Schnee symbolisiert die Leidenschaft (Darstellung durch das Gegenteil). Der 
Vater, der als in der Vagina wohnend gefürchtet wird, ist der introjizierte 
Vater, den der Sohn unbewußt fürchtet; dieser Vater zwingt den Sohn, seine 
Schuld einzugestehen und um die Liebe der Eltern zu bitten, die ein Schutz 
ist gegen ihren Zorn. Die Darstellung durch das Gegenteil spielte in allen 
Träumen dieses Patienten eine Rolle. 

„Die Blut spuckenden, schwindsüchtigen Frauen vor dem Heiligtum in dem Fluß- 
tal, wo sie mit dem Priester lebten (vielleicht in der Hoffnung, geheilt zu werden), 
mußten um jeden Preis gemieden werden, denn sie waren gefährlich, jede Berührung 
mit ihnen mußte den Tod bringen, den Tod durch die Hand des Priesters (= Vater), 
dessen Schatten in der Höhle (= Vagina) zu sehen war. 6 Eine dieser Frauen glich 

6) Auch Hindu-Künstler lassen, wenn sie in der Durga-Mythe den Tod des bösen 
Asura (= Sohn) durch die Hand der Mutter darstellen, Gott den Vater als schattenhafte Ge- 
stalt zwischen Wolken erscheinen. 



Der Kern des Ödipuskomplexes 



397 



einer alten Hexe, ganz schwarz, mit blutigem Mund; ich hätte mich ihr gern zärtlich 
genähert, wenn ich das gekonnt hätte, denn so entsetzlich und hassenswert ihr Bild 
ist, scheine ich sie doch auch innig zu lieben. Ich konnte mich ihr aber nicht nähern, 
denn sie war zu abscheulich, als sie von Zeit zu Zeit Blut in einen Topf spuckte, den 
sie zwischen den Beinen hielt — das Gefäß floß fast schon über von schleimigem 
Blut, sie aber betrachtete es wohlgefällig. Ich fürchtete mich entsetzlich vor einer 
Berührung mit ihr und ihrem Blut; deshalb wandte ich mich von ihr ab und ver- 
suchte, die Leiter zum Himmel emporzuklettern, — Stufen hinaufzusteigen, bedeutet 
aber Koitus, wie ich aus anderen Träumen schon weiß: also bedeutet dies, daß ich 
mich ihr zuwandte (d. h. das Bluten war sowohl anziehend wie auch abstoßend). Ich 
begann emporzusteigen, blieb aber auf halbem Weg stecken, die Furcht, daß ich 
hinunterfallen und sterben könnte, lähmte mich. Je höher ich stieg, desto gewisser 
schien es zu werden, daß ich hinabfallen und sterben würde. Ich fürchtete mich vor 
der Furcht und war gelähmt von Furcht. Offenbar ist der Mann, der oben auf dem 
Gipfel wohnt, mein Vater, und er wird mich um meines Inzestverbrechens willen 
erschlagen. Die Leiter, die ich emporsteige, bedeutet symbolisch seinen Koitus mit 
meiner Mutter, und ich darf nicht hinaufsteigen so wie er, denn das würde unbedingt 
mein Tod sein. 

Der Berg symbolisiert auch einen riesigen Phallus und der Fluß die Vagina meiner 
Mutter. Ich darf die beiden anbeten, aber, es ihnen sexuell gleichzutun, ist mein Tod. 
Der blutende Mund der schwarzen Frau symbolisiert die blutende Vagina meiner 
Mutter. Ich verschiebe meinen Haß gegen meinen Vater und meine Furcht vor ihm 
sowie auch meine eigene Schuld auf sie; die Schuld zeigt sich darin, daß sie schwarz 
ist; ihre blutende Vagina erinnert mich an meine Todesfurcht. Ich verschiebe das 
Bluten nach oben in ihren Mund, weil ich den Mund meines Vaters fürchte; ich 
fürchte, daß er mich fressen wird, so wie ich einst, von sadistischer Lust erfaßt, die 
Brüste meiner Mutter fressen wollte, später seinen verhaßten Penis, der in die Mutter 
eindringt und sie bluten macht. Dieser Anblick erweckte lustvolle Leidenschaft in 
mir, bis das Bluten sich mit der Kastration und dem Tod verknüpfte, und so das 
Lustgefühl sich in Furcht und Haß verwandelte. Ich gehe dann an einen Ort, an 
dem ich von meiner Krankheit geheilt werden soll." (Krankheit = Schuld = Angst 
zu verbluten = Kastration = Furcht, gefressen zu werden = Furcht, verzehrt zu 
werden = Auszehrung.) „Daß diese Krankheit, die Strafe für ein Vergehen ist, die 
Lunge (= Brust) befällt, hat nichts Überraschendes, denn ich hatte einmal versucht, 
meine Mutter in die Brust zu beißen." (Der Geschmack der Mutterbrust erweckt die 
aggressive Komponente des Ernährungsinstinktes, jeder "Widerstand der Mutter 
steigert sowohl sie wie auch den "Wunsch, die Mutter zu besitzen, sie sich einzuver- 
leiben.) „Später, als sie mir meines Masturbierens wegen mit Kastration gedroht 
hatte, wünschte ich, ihr die Brüste abzuschneiden. 

Ich ging an den Ort, an dem sich die Lungenkranken befanden, und gesellte mich 
zu ihnen, denn auch ich war schuldig. Sie gingen auf grasbedecktem Boden im Kreis 
umher wie Pferde, die zugeritten werden. Dies Imkreisumhergehen gehörte zu den 
Freiluftübungen, die der Arzt (Vater) mit ihnen durchführte. Eine erbärmliche 
Schar war es, alle todkrank zur Strafe dafür, daß sie masturbiert und sich des Inzests 
schuldig gemacht hatten. Der Penis war ihnen abgeschnitten worden, sie mußten 
verbluten, und es hatte nicht den Anschein, als ob der Arzt (= mein Vater) sie wirk- 
lich zu retten gedachte; denn er liebte sie nicht wirklich, mindestens hoffte ich das, 
obgleich sie mir leid taten, — ich wünschte aber, daß er nur mich allein lieben solle. 
Doch stellten sie in "Wirklichkeit alle mich dar, der ich wenig Hoffnung auf Rettung 
habe, weil ich haßte und meinem Vater den Tod wünschte und nun fürchte, daß er 




21* 



398 



C. D. Daly 



Gleiches mit Gleichem vergelten, mich sterben lassen und sich an meinen Leiden 
weiden würde. Ich brauche eine Versicherung seiner Liebe, weil ich so sehr fürchte 
durch seine Hand sterben zu müssen." 

Ein Bruchstück der Analyse kam erst später ans Licht: die Deutung des Um- 
stands, daß der Träumer auf eine Steinplatte tritt, um nicht mit dem Blut der 
Mutter in Berührung zu kommen. Der Stein bedeutet etwas Hartes im Gegen- 
satz zu dem weichen Körper der Mutter, etwas, das nicht riecht und deshalb 
sicher ist, — denn der Geruch der menstruierenden Mutter erfüllte jetzt seine 
Seele mit Furcht, obgleich er ahnte, daß dieser Geruch einstmals, während der 
Entwicklungsphase vor dem Ödipuskomplex, etwas Anziehendes für ihn ge- 
habt hatte. Ebenso waren damals auch seine analen Gerüche sowie die anderer 
Menschen und die der Tiere anziehend für ihn gewesen. 

"Was uns an dem Traum vorwiegend interessiert, ist, daß er sehr klar be- 
leuchtet, wie unter dem Einfluß der Menstruation der Mutter die 
Inzestwünsche des Kindes sowohl erweckt als auch gehemmt 
werden und die libidinösen Kräfte auf dem Wege der Regression 
ein anal-sadistisches Ziel erhalten. Außerdem zeigt er, daß eine der 
wesentlichen Ursachen für die Verdrängung der tropistischen Reaktionen auf 
Geruchsreize im Menstruationstrauma liegt und nicht nur, wie Freud ver- 
mutet, in der Annahme der aufrechten Haltung. 

Die weitere Analyse dieses Traumes brachte eine Erinnerung an die Mutter 
ans Licht: Die Mutter sitzt auf dem Nachttopf (das Gefäß zwischen ihren 
Beinen), und es läuft Blut in den Topf. Es ließ sich nachweisen, daß dieser 
Vorfall stattgefunden haben mußte, als der Patient noch nicht dreieinviertel 
Jahre alt war, denn als er in diesem Alter stand, wurde seine Mutter wieder 
schwanger. Das Bluten aus dem Mund ist eine Verschiebung nach oben, das 
Spucken eine Projektion seines Hasses gegen die Mutter auf diese selbst. 
An diesem Punkt der Analyse fiel ihm der Priester in der Höhle wieder ein: 
Er meinte, daß der Mann zwar gewiß ein Priester, trotzdem aber von böser 
Wesensart sei, das Bluten der Frauen nicht heile, sondern vielmehr schuld 
daran sei und sich in böser Lust an ihren „scheinbaren" Schmerzen weide. Als 
ich ihn fragte, warum er das Wort „scheinbar" gebraucht habe, sagte er, daß 
er an ihre Leiden nicht wirklich glaube, es komme ihm vielmehr so vor, als 
ob die Frauen ihre Krankheit ganz gleichgültig hinnähmen. Dazu fiel ihm 
wieder etwas ein: Als er noch ein ganz kleines Kind gewesen war, pflegte 
seine Mutter ihre blutigen Monatsbinden in seiner Anwesenheit zu wechseln, 
ohne zu merken, wie schrecklich, abscheulich und ekelhaft ihm ihr Bluten ge- 
worden war. Irgendwie, sagte er, scheine sowohl die heilige als auch die un- 
heimliche Atmosphäre, die Frauen umgibt, mit ihren Vaginalblutungen zu- 
sammenzuhängen. 




Der Kern des Ödipuskomplexes 



399 



Beispiel C 

Ein Traum 

„Ich traf zwei Mädchen an Bord, eines Schiffes und verlobte mich mit dem einen. 
Jemand sagte mir, daß das schöne Mädchen krank sei oder die Auszehrung habe. Da 
wurde ich sehr ängstlich und überlegte unruhig, wie ich es dem süßen, lieblichen Ge- 
schöpf beibringen sollte, daß ich sie nicht mehr liebte und nun, da ich um ihre Krank- 
heit wußte, nicht mehr daran dächte, sie zu heiraten. Die Vorstellung, sie zu küssen, 
war mir nun durchaus abstoßend geworden. Ich ging den Hügel hinunter zu dem kleinen 
Haus ihrer Freundin, wo ich sie treffen sollte. Als ich dort angelangt war, legte ich 
mich mit der Freundin ins Bett. Wir waren beide nackt, und ich hätte gern Geschlechts- 
verkehr mit ihr gehabt, fürchtete aber, sie würde denken, ich sei ihrer Freundin, meiner 
Verlobten, untreu. Ihr warmer nackter Körper, den ich an meinem fühlte, war aber 
eine zu große Versuchung, er verlockte mich wider meinen Willen, und ich hatte, an sie 
geschmiegt, eine Ejakulation. Ich bat sie um Verzeihung und brachte zu meiner Ent- 
schuldigung vor, daß ich eben eine fieberhafte Enteritis überstanden hätte und infolge- 
dessen schwach sei. Sie zeigte sich sehr liebevoll und sagte, daß sie mich ganz und gar 
verstehe. Dann kam irgendwie ein böser Mann in das Haus, und ich war bemüht, 
mich davonzustehlen, denn ich wollte nicht, daß er denke, ich hätte Geschlechtsverkehr 
mit diesem Mädchen gehabt." 

Die AnaJyse des Traumes 

ergab, daß die gefürchtete Krankheit eine Verschiebung seiner Furcht vor der 
Menstrualblutung nach oben war. Als der Patient entdeckt hatte, daß seine 
Mutter zwischen den Beinen blutete, hatte er sich vor ihr zu fürchten be- 
gonnen; er hatte sie nicht mehr geliebt und war von dem Gefühl erfüllt ge- 
wesen, daß sie gefährlich sei und um jeden Preis gemieden werden müsse. Er 
erinnerte sich nun mehrerer Erlebnisse aus verschiedenen Zeiten mit Frauen 
ider Mädchen, zu denen er in Liebesbeziehungen gestanden hatte. Als er die 
G. -liebte nach einer Zeit des Getrenntseins unter günstigen Umständen traf, 
mtnstruierte sie, so daß ein Verkehr unmöglich war; zwei der in Frage stehen- 
den Frauen sagten ihm, daß sie bei dieser Gelegenheit ihre Menses zu früh und 
gerade am Tag seiner Ankunft bekommen hatten. (Der Leser erinnere sich 
an die Feststellung Groddecks, daß die Frau in solchen Fällen unbewußt die 
Menstruation hervorruft, um die Leidenschaft des Mannes zu vergrößern; 
meine eigenen Beobachtungen haben diese Feststellung vielfach bestätigt.) 

In zwei Fällen, in denen es sich um verheiratete Frauen handelte, war mein 
Patient nach jenem Erlebnis der zu früh eingetretenen Menstruation von 
Furcht befallen worden, daß der Gatte der Geliebten der Sache auf die Spur 
kommen könnte; in einem dritten Fall, in welchem es sich um ein unver- 
heiratetes Mädchen handelte, hatte er sich vor ihrem Vater zu fürchten be- 
gonnen, obgleich er vor jenem Erlebnis an solche Furcht nicht gedacht hatte. 
In einem vierten Fall hatte es sich um eine sehr schöne Prostituierte gehandelt: 



400 



C. D. Daly 



Er hatte Verkehr mit ihr gehabt, während sie menstruierte, und litt danach 
unter heftiger Furcht, daß er sich mit Syphilis angesteckt haben könnte; dabei 
fühlte er sich sowohl seiner Mutter als auch seinem Vater gegenüber sehr 
schuldbewußt. Er fürchtete sich vor dem Menstruationszustand der Frau, 
überdies auch vor der „Auszehrung"; denn Berührung mit einer solchen Frau, 
sagte er, bedeute, daß der Mann auch krank werde und sterbe; außerdem 
werde er von der Gesellschaft verabscheut und verachtet, weil er sich von 
einer Frau habe anstecken lassen. Hier fiel ihm ein, daß er zu verschiedenen 
Zeiten unter hypochondrischer Angst vor allerlei Krankheiten gelitten hatte, 
vor Auszehrung, Syphilis, Leberabszeß, Blattern usw.; und immer war er zur 
Zeit solcher Angst entweder in ein besonders schönes Mädchen verliebt ge- 
wesen, das er aus einer Hemmung heraus nicht heiraten konnte, obgleich er 
das zu tun wünschte, oder er hatte in erzwungener Enthaltsamkeit gelebt. 
Ich konnte diese Angaben in zwei Fällen nachprüfen. Er hatte tatsächlich die 
Liebe zweier besonders anziehender und geistig hochstehender Mädchen ge- 
wonnen. Keine der beiden scheint ihm gegrollt zu haben, weil er sie verließ, 
denn sie erkannten offenbar mit weiblicher Intuition, daß er gegen' etwas Un- 
bewußtes ankämpfte, das sich seiner Beherrschung entzog: In beiden Fällen 
konnte er wieder lieben, sobald von Heirat nicht mehr die Rede war, und mit 
dem einen der beiden Mädchen hatte er sehr genußreiche sexuelle Beziehungen. 
Die Ehe hatte für ihn also die Bedeutung des Inzests. Ich habe in mehreren 
Fällen feststellen können, daß dies die Grundlage von Ehekonflikten bildete. 
Die Analyse der erwähnten Hypochondrie brachte verschiedenes Interessantes 
ans Licht. Hinter der Furcht vor Krankheit lag der negative ödipuswunsch 
des Patienten, krank zu werden, aber, wie er betonte, nicht der Wunsch zu 
sterben. Vielmehr lag darin unmittelbare, echte Todesfurcht, die den posi- 
tiven ödipuswunsch nach Verkehr mit Frauen zu gewissen Zeiten verdeckte, 
nämlich dann, wenn sie für ihn verboten, jedoch anziehend waren. Anziehend 
waren sie, wie er sagte, teils durch gewisse Merkmale in ihrem Blick und in 
ihrem Teint, besonders aber durch den süß verlockenden Geruch ihres Atems. 
Er erkannte, daß die Todesfurcht um so größer wurde, in je stärkerem Maße 
er unter dem Zwang stand zu heiraten; besonders fürchtete er, daß der Vater 
irgendeines Mädchens ihn zwingen werde, es zu heiraten. Er sagte, der Vater 
würde das aus Rache tun, denn er würde finden, das Mädchen sei durch die 
Liebesbeziehung entehrt. Er würde also gezwungen werden zu heiraten, somit 
an eine Frau gefesselt sein und alle Freiheit verloren haben. Dies erwies sich 
als eine Wiederkehr verdrängter Gedanken über die Beziehungen des Vaters 
zur Mutter in der Urszene. 

Als ich ihn fragte, warum er der Anziehung durch den Atem der Frau 
solche Bedeutung beimesse, erwiderte er: „O, man nennt sie blutige Hündin- 
nen, und das sind sie auch, wenn sie bluten. Ich finde sie aber hinreißend, 
wenn sie gleich den Hündinnen läufig sind." Als ich ihn nach Einfällen zu 



Der Kern des Ödipuskomplexes 



401 



dem Umstand fragte, daß er die Mädchen im Traum an Bord eines Schiffes 
getroffen habe, sagte er, er habe sie in einem tropischen Landstrich getroffen; 
dann meinte er, daß „an Bord eines Schiffes" einen warmen Ort bedeute und 
den Körper seiner Mutter symbolisiere. 

Es wurde schließlich klar, daß die beiden Frauen seine Mutter und seine 
Schwester darstellten — diejenige, mit der er sich verlobte, war seine Mutter, 
gehörte also seinem Vater, und zwar besonders im Zusammenhang mit dem 
augenfälligen Kennzeichen ihrer Periode; die andere, die seine Schwester war, 
schien in gewissem Ausmaß auch dem Vater zu gehören, doch konnte er sich 
ihr leichter nähern, weil sie nicht krank war (= nicht menstruierte). Mit ihr 
durfte er aber gewisser Gesetze wegen keinen Geschlechtsverkehr haben, außer- 
dem wäre er dadurch seiner Mutter untreu geworden, an die ihn eine Liebes- 
erklärung band, die er aber im Unbewußten haßte und verabscheute, weil sie 
krank war. An sie war er doppelt gebunden: unbewußt durch den verdrängten 
Haß und die Schuld der grausamen Wünsche einer frühen Phase, bewußt durch 
eine später entwickelte, auch zärtliche Liebe von mehr geistiger Art. 

In dem Traum war nicht nur die Mutter, sondern auch er selbst krank ge- 
wesen. Und auf die Freundin (= Schwester) übertrug er in dem Traum zur 
Zeit seines Menstruationstraumas seine Liebe. Als er sich aber von seiner 
fieberhaften Enteritis (= Menstruationstrauma) erholt hatte, bedurfte er aufs 
neue der Liebe der Mutter und entschuldigte sich bei ihr im Traum, etwa in 
diesem Sinn: „Deine körperlichen Reize waren so groß, und ich war so 
schwach, daß meinem Gewissen zum Trotz die Begierde überstark in mir 
wurde und ich eine unwillkürliche Ejakulation hatte, obgleich ich bewußt da- 
gegen ankämpfte." 

Darauf antwortete die alles begreifende Traum-Mutter mitfühlend, daß sie 
ihn ganz und gar verstehe. Das bezog sich auf ihr Verständnis und ihr Mit- 
gefühl anläßlich seines Bettnässens in der Kinderzeit, welches eine inzestuöse 
Grundlage gehabt hatte. Er fühlte, daß diese Freundin ihn für untreu gegen 
seine Braut halten würde, wenn er tatsächlich in sie eindränge; dennoch be- 
wies die Tatsache, daß sie sich nackt mit ihm ins Bett gelegt hatte, wie wert- 
voll ihr seine Liebe war, solange keine bestimmte sexuelle Annäherung statt- 
fand. Das zeigte, daß wir es mit der vergangenen Situation seiner Mutter 
gegenüber zu tun hatten, zurückverlegt auf den Perseus-Andromeda- oder 
sekundären Ödipuskomplex, 7 und daß daher die beiden Freundinnen nichts 
anderes sind als zweierlei Aspekte seiner Mutter, die er auch in jeder anderen 
Frau sieht. Hier erkannte er klar, daß er an seine Mutter gefesselt war, und 
zwar auf eine besonders heilige Art, wie man durch heilige Schwüre gebunden 
ist; infolgedessen war es ihm unmöglich, den Geschlechtsverkehr mit irgend- 
einer anderen Frau völlig zu genießen: Immer fürchtete er die Vorwürfe seiner 
Mutter. 



7) Vgl. Daly, Int. Journ. of Psa., XI. 



402 



C. D. Daly 



Die Freundin seiner Verlobten war nicht krank, sie hatte einen rosigen 
Teint und war begehrenswert. Er fühlte den Wunsch in sich, sie zu lieben 
wurde aber durch ihren kranken Widerpart — den er als die Mutter erkennt 
— daran gehindert. An diesem Punkt des Traumes erschien der Vater als ein 
böser Mann auf dem Schauplatz. Hier ergab die Analyse, daß er gewünscht 
hatte, wirklich in das Mädchen einzudringen, daran aber durch Furcht vor 
dem Vater und ein Schuldgefühl gegen diesen gehindert worden war. Der 
böse Mann war der Vater, von dem er dachte, daß er die Mutter bluten ge- 
macht habe. Das zeigt, daß auf der tiefsten Stufe die Furcht vor dem Vater 
den Sohn hemmt, daß diese Furcht aber auf die Mutter verschoben wird, 
und zwar infolge des Schrecks, den sowohl der Anblick wie auch der Geruch 
der mütterlichen Vagina während der Menstruation in der Seele des kleinen 
Jungen hervorrufen. Dieser Schreck bewirkt die Verdrängung seines tiefsten 
Hasses, des Hasses gegen den Vater, und seiner Leidenschaft für die Mutter. 

Während der Analyse gähnte der Patient unaufhörlich und sagte immer 
wieder, er sei so müde, daß er gar nicht wieder würde aufstehen können. 
Dahinter stand deutlich die verdrängte Leidenschaft für seine Mutter. 

Ich will seine Assoziationen möglichst wörtlich anführen: 

„Ihr liebes, rosiges kleines Hinterteil war mir zugekehrt, es war süß, sie so warm 
an mir zu fühlen, ich spürte, daß ich sie von ganzem Herzen liebte und sie begehrte. 
Ich durfte sie aber nicht haben, weil ich ihrer kranken Freundin, die ich nun ver- 
abscheute und haßte, verpflichtet war. Sie, das weiß ich jetzt, stellte die Mutter dar, 
die ich einst so leidenschaftlich liebte, — alle Frauen stellen mir die Mutter dar. Ich 
habe eine Ejakulation an ihrem lieben, rosigen Hinterteil, weil ich die Vagina vorne 
fürchte; aber ich dringe selbst im Traume nicht in ihren After ein, weil der Schmutz 
und der Geruch des Kots mich an meine schmutzige Tat (= Schuld) erinnern 
würden, auch sehne ich mich ja tief in meiner Seele danach, in ihre geliebte Vagina 
einzudringen, doch hindert mich daran meine Furcht vor der Blutung, hinter welcher 
die Furcht vor meinem Vater steht. 

Ich erkenne jetzt so klar, daß alle' Strafen, die sie mir auferlegte, zweifach be- 
gründet waren: durch ihre Eifersucht auf meine Schwester (ihre Tochter) und durch 
ihre Furcht vor meinem Vater. 

Ich schämte mich im Traum, nachdem ich eine Ejakulation an ihrem Körper ge- 
habt hatte — der wahre Grund dafür war aber, daß es so schnell gekommen war, 
bevor ich noch Zeit gehabt hatte, in sie einzudringen. Dieses Gefühl der Scham, 
das sehe ich jetzt klar, kommt daher, daß ich halb bewußt seine Ursache erkenne 
und fühle, wie sie mich ob meiner Feigheit verachten wird. Ich war nicht imstande, 
ihr volle Befriedigung zu geben, — daran ist die Furcht vor meinen Eltern schuld, 
besonders die vor meinem Vater, der jetzt, obgleich ich mein leidenschaftliches Ver- 
langen nur halb gestillt habe, auf dem Schauplatz des Traumes erscheint, so daß ich 
mich wie ein geschlagener Hund oder wie ein Dieb davonstehle. Ich hasse und ver- 
abscheue ihn um meiner eigenen Feigheit willen und verschiebe meine eigene 
Schlechtigkeit auf ihn. Aber ich habe schon entdeckt, daß ich meinen Vater für 
schlecht halte, weil er meine Mutter bluten machte; also sehe ich ein, daß unter allen 
meinen auf Bluten bezüglichen Verdrängungen zutiefst ein Wunsch verborgen liegt, 
Frauen zu deflorieren und sie bluten zu machen — denn dieses Bluten ist das Symbol 
meiner Männlichkeit, d. h. der Tapferkeit und der Eroberung." 



Der Kern des Ödipuskomplexes 



403 



Phylogenetisch mag dem der Wunsch entsprechen, alle Rivalen zu besiegen und 
das reife junge Weib zu zwingen, sich zu ergeben. Die analytische Über- 
windung des Menstruationskomplexes könnte nun bewirken, daß unsere Art 
in einer zukünftigen Entwicklungsphase ihre Todesfurcht (die durch die Ka- 
strationsfurcht verstärkt wurde) in hinreichendem Maße überwindet und so 
vielleicht imstande sein wird, sich des Lebens ungestörter zu freuen. 

Die weitere Analyse brachte zutage, daß seine Hypochondrie, sowie gelegent- 
liche tatsächliche Erkrankungen den Sinn einer Abwehr gegen die Ehe hatten, 
die für ihn Inzest bedeutete; denn mit der Eheschließung hätte seine Frau die 
Bedeutung einer Mutter-Imago in vollem Ausmaß gewonnen. 

Auf ähnliche Art bedeutete auch die Beziehung zu Prostituierten Inzest, 
denn diese Frauen waren kranke Imagines der Mutter. Daher ersehnte er 
Strafe durch Infektion: Strafe hätte sein Gewissen erleichtert, das schuldbe- 
laden war, weil er seinen inzestuösen Wünschen nachgegeben hatte. 

An Lungenschwindsucht (oder an Hämorrhoiden) zu erkranken, stellte den 
tiefsten Wunsch seiner negativen ödipusphase dar, denn er glaubte tatsäch- 
lich, daß er durch Blutungen unwiderstehlich anziehend für Männer werden 
würde, daß Ärzte, die Ersatzpersonen des Vaters für ihn waren, ihn innig be- 
mitleiden und lieben würden. Wenn ein Arzt, den er aufsuchte, ihm sagte, er 
sei nicht krank, überkam ihn tiefste Niedergeschlagenheit; wollte ein Arzt 
ihn aber operieren oder ihm eine Injektion geben, so wurde er heiter und 
unterzog sich dem Eingriff mit offensichtlicher Befriedigung. Die Ähnlichkeit 
zwischen diesem Fall und dem Patienten in Freuds „Geschichte einer infan- 
tilen Neurose" ist auffallend. 

Beispiel D 

Der Träumer erwachte aus einem Traum und sprach mit lauter Stimme die 
folgenden Worte: 

„Der tiefere, kürzere Weg muß von Blut gesäubert werden, bevor man den Ge- 
schlechtsakt genießen kann." 

Er war wütend, als er erwachte. Seiner Erinnerung schwebte das Bild 
zweier Röhren vor, die kürzere war voll Blut. Diese stellte den Vaginalgang 
einer Frau dar, die längere ihren Analgang. 



Analyse 

Die Liebe des Patienten zu seiner Frau war plötzlich in Haß umgeschlagen, 
nachdem er eines Tages ihre blutige Monatsbinde und Blutflecken auf dem 
Bettlaken gesehen hatte. Er wurde infolge dieses Erlebnisses passiv, hatte 
keine Erektionen mehr, und sein Penis schrumpfte zusammen. 

Früher war er sehr potent gewesen, hatte häufige und kräftige Erektionen 
gehabt und den Geschlechtsakt mit Freundinnen vollzogen, selbst wenn diese 
menstruierten. 



4°4 



C. D. Daly 



Der Grund für jene außerordentlich starke Reaktion wurde klar: Sie war 
erstens nach einem Ereignis eingetreten, das symbolisch eine Kastration be- 
deutete, nämlich nach einem Verlust von Besitz und Geld. Zweitens trat sie 
ein, während er zu Besuch in einer Stadt weilte, in welcher eine sehr g._ 
fürchtete Ersatzperson des Vaters lebte. (Ich möchte hier den Leser noch ein- 
mal daran erinnern, daß im Folklore und in der Mythologie die Frau Gott 
gehört, wenn sie menstruiert.) Als ein Ergebnis dieses Traumas wiederholte 
er, was anläßlich seines infantilen Traumas geschehen war: Damals hatte er 
seine Männlichkeit von sich gewiesen und war passiv homosexuell geworden; 
er hatte um die Liebe des Vaters geworben, die. Mutter als Nebenbuhlerin 
empfunden und ein Kind vom Vater ersehnt. 

Als Nächstes kamen Assoziationen zu der Mandelentzündung, an der er 
häufig litt. Er neigte ganz besonders zu dieser Krankheit, wenn er Verkehr 
mit einer Prostituierten gehabt hatte. Jedesmal bekam er Schmerzen in der 
rechten Mandel nebst beträchtlicher Eiterbildung. In der Analyse identifizierte 
er seine rechte Mandel mit seinem Vater und seinem schuldbeladenen Ge- 
wissen, die linke dagegen, die sauber war, mit seiner reinen Mutter. Der 
Vater hätte ihm ein Führer zum Guten sein sollen, in Wirklichkeit aber war 
er ein ausschweifender Mensch gewesen; als der Sohn das entdeckte, hatte er 
das Gefühl, vom Vater verraten worden zu sein, — deshalb war es gerecht, 
wenn er nach jedem Fehltritt sich selbst und somit indirekt den Vater be- 
strafte. Denn indem der Vater die ideale Meinung, die er, der Sohn, von ihm 
gehabt hatte, zerstörte, hatte er ihn sozusagen des Ruders beraubt, mit dessen 
Hilfe er durchs Leben hätte steuern können. So verschob er die Krankheit 
der Mutter (symbolisch für Prostitution und Verbrechen) auf den Vater 
(= rechte Mandel). 

In der Kindheit hatte er jedoch offenbar den Vater als Ideal und wunder- 
baren Menschen betrachtet; die Mutter hingegen hatte ihm als niedrig, 
schmutzig und krank gegolten und das infolge ihres Geschlechtsverkehrs mit 
dem Vater und ihrer Blutungen. 

Im späteren Leben hatte sich sein Vater als feiger Taugenichts erwiesen, die 
Mutter hingegen als eine tapfere und gute Frau. Sein Verhalten gegen die 
Frauen zeigte einen oberflächlichen Idealismus, der einen tief ins Unbewußte 
gesunkenen Haß und Abscheu verdeckte; der Mann mit seinem prächtigen 
Phallus war das Ideal, die Frau, die immer wieder krankhaft blutete, war ver- 
ächtlich und konnte schlecht behandelt und mißbraucht werden. Seine Mutter 
war heilig (aber auch gefährlich = schmutzig = unrein). 

„Warum", fragte ich ihn, „waren Sie so wütend, als Sie erwachten?" „Ich 
wollte", erwiderte er, „den Geschlechtsakt vollziehen und konnte es nicht, 
weil ich mich vor der Berührung mit ihrem Blut fürchtete. Der Gedanke, daß 
sie blutete, machte mich wütend und aggressiv, gleichzeitig erfüllte er mich 
aber auch mit Angst vor dem Verlust der Fähigkeit zu lieben. Ich sehe jetzt 



Der Kern des Ödipuskomplexes 



405 



ein, daß ich meinen Vater gehaßt und mich wegen der Monatsblutungen meiner 
Mutter vor ihm gefürchtet haben muß. Ich erinnere mich, wie warm und 
lieb meine Mutter zu Zeiten war. Eines Tages hatte ich, an sie geschmiegt, 
bei ihr im Bett gelegen — als sie aufstand, konnte ich von hinten zwischen 
ihre Beine sehen und entdeckte, daß sie eine große blutende "Wunde hatte, 
eine fürchterliche, von langen Haaren umgebene Wunde. Ich empfand Zorn 
gegen sie und fürchtete mich entsetzlich, denn ich bildete mir ein, daß sie 
irgendwie auch mich auf ähnliche Art bluten machen könnte." Hier fiel ihm 
ein, daß er in einem andern Traum Haß gegen eine Frau empfunden hatte, 
die zweifellos seine Mutter war; diese würde, so fürchtete er, einen Hund 
( = Vater) auf ihn hetzen, der ihn beißen und verstümmeln würde. 

Die Analyse dieses Traumes zeigte seine Kastrationsfurcht und ergab, daß 
er infolge dieser Furcht seinen früheren Haß gegen den Vater und dessen Penis 
auf die Mutter verschob. Er kam zu der Erkenntnis, daß das Bluten seiner 
Mutter ein völliges „Erschlaffen" seines Verlangens bewirkt hatte. Einfälle 
zu dem Wort „Erschlaffen" zeigten, daß er den Begriff nicht nur mit dem 
Verlust der Erektionskraft in Zusammenhang brachte, sondern auch mit jener 
Angst vor dem Verlust der Fähigkeit zu lieben, vor dem Verlust seines Ichs 
also (das ist der Zustand, den Jones so treffend als Aphanasis bezeichnet 
hat). 

Als er sich schließlich die rechte Mandel hatte entfernen lassen, bekam er 
am ganzen Körper einen rötlichen Ausschlag; sofort vermutete er, er habe 
sich mit Syphilis angesteckt. Er stürzte zu einem Spezialisten, der ihm ver- 
sicherte, daß das nicht der Fall sei, um ihn zu beruhigen, aber trotzdem eine 
Blutprobe machte. Die klinische "Widerlegung dieser Furcht reaktivierte seine 
unbewußte Angst — er träumte, daß er Syphilis habe. Dahinter lag der 
Wunsch, schwanger zu werden, als Kompensation für die gefürchtete Kastra- 
tion; denn indem er sich mit der Mutter identifizierte, gewann er in der 
Phantasie die Fähigkeit, sich etwas sogar noch Größeres wachsen zu lassen als 
einen Penis, nämlich ein Kind. 

In dem nun der Analyse unterzogenen Traumbruchstück trat zutage, daß 
Furcht, Schuldgefühl, Haß und Zorn des Patienten mit den Blutungen der 
Mutter und den Todeswünschen gegen beide Eltern zusammenhingen. Seine 
Einfälle zu Blut ergaben folgendes: Obwohl er in dem Traum ganz beson- 
ders helles, scharlachrotes Blut in dem Vaginalgang zu sehen vermeint hatte 
und gerade durch den Anblick dieses scharlachroten Blutes von "Wut über- 
mannt wurde, war ihm doch dunkles Blut und insbesondere der Geruch des 
Menstrualblutes im späteren Stadium der Periode anstößig, denn beides war 
mit der Vorstellung des Todes verknüpft. Von der Vorstellung des Todes 
kam er auf die der Geburt und auf den ekelerregenden Geruch der Blutung 
beim Gebären. Er brachte diesen merkwürdig süßlichen Geruch mit der 
Todesfurcht in Zusammenhang und mit der Verdrängung seines Wunsches, 



406 C. D. Daly 

vom Vater geschwängert zu werden (die sogenannte negative ödipusphase). 
Weiters verknüpfte er diesen Geruch mit der Geburt seines kleinen Bruders, 
die später stattgefunden hatte als das Erlebnis des Menstruationstraumas. 

Die Entfernung seiner Mandel symbolisierte zweierlei: einerseits Kastration 
und Strafe für seine Inzestgedanken, anderseits Aufhebung seiner Weiblich- 
keit, d. h. Entfernung der krankhaften Wunde. Die rechte Mandel stellte also 
das schuldbeladene, kranke, unreine Weib (= der sündige, kastrierte Mann) 
dar, die linke dagegen die Idealgestalt der Mutter (seine reine Mutter, die kein 
Menstruationsanzeichen aufzuweisen hat). Die schlechte und gute Bedeutung 
von links und rechts war umgekehrt worden. Die Notwendigkeit, daß der 
kleinere Gang von Blut gesäubert werde, brachte er schließlich mit seinen 
homosexuellen Neigungen in Zusammenhang. Er sagte wütend: „Wie kann 
man den Geschlechtsakt mit einer Frau vollziehen, deren Gang voll Blut ist — 
ihr After ist sicherer und sauberer, aber der eines Jungen ist noch sauberer 
und sogar auch noch weniger gefährlich." 

Als ich darauf hinwies, daß gegen die Berührung mit den Faeces Einwände 
erhoben werden könnten, erwiderte er, sie sei ganz gewiß der mit Blut vor- 
zuziehen, Blut könne ihn über und über bespritzen. Faeces seien, selbst was den 
Geruch betrifft, ganz angenehm; sich mit Blut zu besudeln, sei hingegen un- 
sagbar schrecklich. Man stürbe gewiß daran; schon bei dem Gedanken daran 
überkomme ihn ein Gefühl der Schwäche. 

In der folgenden Nacht wurde er im Schlaf immer wieder ohnmächtig und 
erwachte immer wieder aus dem Ohnmachtsanfall. Schließlich fürchtete er 
sich davor, wieder einzuschlafen. Damit wiederholte er offensichtlich das 
Trauma der Kindheit, und die Erlebnisse jener Nacht überzeugten ihn davon, 
daß es der Anblick der blutenden Vagina seiner Mutter gewesen war, was 
seine männliche Angriffslust gehemmt hatte. 

Wenn in der Analyse ein Abreagieren des Hasses gegen den Vater und 
dessen Penis, der Furcht vor ihm und des Schuldbewußtseins in bezug auf ihn 
erreicht werden soll, ein Abreagieren der der positiven Phase des Ödipuskom- 
plexes angehörenden Gefühle also, dann ist eine vollständige Entwicklung der 
Mutterübertragung wesentlich, so daß jene Haltung der Mutter und ihrer 
Vagina gegenüber durchgearbeitet wird, in welcher die Wiedererweckung der 
anziehenden und der abstoßenden Charakteristika, d. h. der Menstruations- 
komplex inbegriffen ist, der für das Kind die tiefste Bestätigung der Kastra- 
tions- und Todesfurcht bedeutet. 

Wenn die Neurose ihren Ursprung in der positiven Phase des Ödipuskom- 
plexes hat, kann dies das Abreagieren der Affekte bewirken und dazu führen, 
daß der Patient fortan eine positive Haltung dem Leben gegenüber einnimmt; 
wo noch frühere Fixierungen den Ödipuskonflikten zugrunde liegen, erschließt 
die Auflösung des Menstruationskomplexes einen Weg für die Analyse der 



Der Kern des Ödipuskomplexes 4°7 

oralen und analen Symptome in ihrer ursprünglichen, nicht lediglich in ihrer 
späteren, regressiv entstellten Form. 

"Wenn jedoch der Menstruationskomplex des Analytikers nicht gelöst ist 
und er daher in gewissem Ausmaß noch unter dem Einfluß des Kastrations- 
komplexes auf dessen tiefster Stufe steht, wird sich ein Stillstand ergeben, so- 
bald die Arbeit an jene Phase des Inzestkomplexes herangekommen ist. Der 
Patient und der Analytiker werden sich in einem verhängnisvollen Kreis um 
den toten Punkt drehen — dabei mag der Patient zwar durch Neuerziehung 
von Seiten des Analytikers gefördert werden, doch wird das mögliche Aus- 
maß an Tiefenanalyse unter diesen Umständen verringert sein. 

Beispiel E 

Zwei meiner Patienten begannen ihre Analyse am ersten Tag der Behand- 
lung damit, daß sie einen Menstruationstraum erzählten. Ich will so kurz wie 
möglich die Bedeutung dieser beiden Fälle für meine Theorie darlegen. 

Beide Patienten waren infolge des Menstruationstraumas an ihre Mutter 
fixiert. 

Der Traum des Patienten X: Ich begab mich in ein W. C, sah aus dem Fenster 
und erblickte den Mond, der aber nicht silbrig glänzte, wie man erwarten würde, 
sondern blutrot war. 8 

Die Analyse ergab, daß der Patient einst nicht aus dem Fenster, sondern 
in die Klosettschale gesehen hatte; das runde Loch am Grunde war voll Blut 
gewesen. Er war hinter seiner älteren (sechzehnjährigen) Schwester hergegan- 
gen, die das Klosett soeben benützt hatte; es war ihm aufgefallen, daß sie sich 
geheimnisvoll benahm. Der Vorfall muß sich ereignet haben, als er z 1 /*, bis 
3 x / 2 Jahre alt war. Im weiteren Verlauf der Analyse stellte es sich jedoch 
heraus, daß er sogar noch früher schon andere auf die Menstruation bezügliche 
Erlebnisse gehabt hatte. 

Als er ungefähr drei Jahre alt gewesen war, hatte seine Mutter ihre blutige 
Binde in den Nachttopf getan. Er war in das Zimmer gekommen, hatte das 
Ding entdeckt und in die Hand genommen. Erregt roch er daran, als die 
Mutter in das Zimmer zurückkehrte, ihm die Binde aus der Hand nahm, ihn 
schlug und zur Tür hinausschob. 

Er wurde nach diesem Vorfall aus dem Schlafzimmer der Eltern entfernt 
und begann, wie es scheint, unmittelbar danach, ständig vor dem Einschlafen 
zu masturbieren. Die Mutter pflegte in sein Zimmer zu kommen, und wenn 
sie ihn bei seinem Tun ertappte, drohte sie ihm ganz eindeutig mit Kastration. 
Seiner Meinung nach war es eine kurze Zeit später, als er, immer noch neu- 
gierig mit dem Gedanken an die Blutung seiner Mutter beschäftigt, sich in 
das Klosett begab, um den Angelegenheiten seiner Schwester nachzuspüren. 

S) Mehrere Patienten erzählten ganz ähnliche Träume. Der Mond ist ein Symbol des 
weiblichen Prinzips. 



Die weitere Analyse ergab jedoch, daß das eigentliche Trauma durch ein 
Kindermädchen hervorgerufen worden war, das die Beine geöffnet und das 
Kind seine blutende Vagina hatte sehen lassen. Welche Absicht das Mädchen 
verfolgte, als es das tat, bleibt unbekannt, doch ist es möglich, daß es dem 
Beispiel mancher Bauernfrauen Mitteleuropas folgte, die, wie man weiß, i n 
solchem Beginnen ein wirksames Mittel kennen, dem autoerotischen Tun des 
Sohnes zu steuern und ihn zu disziplinieren. Nach meinen Erfahrungen in 
ähnlichen Fällen ist es aber ebenso möglich, daß die Handlungsweise des Mäd- 
chens seinem unbewußten Wunsch zu exhibieren, entsprang, der zur Zeit der 
Menstruation stärker ist als sonst. 

Das Wesentliche an diesem Fall jedoch ist, daß in dem Hause insgesamt 
sechs Frauen im Alter von 16 bis 40 Jahren lebten und daher sechsmal im 
Monat eine Scheidenblutung vorkam. Trotzdem ist mir sogar von Psycho- 
analytikern feierlich erklärt worden, eine zufällige Entdeckung der Blutung 
eines weiblichen Wesens sei in einigen vereinzelten Fällen zwar möglich, 
komme aber so selten vor, daß von einer allgemeinen Reaktion darauf nicht 
die Rede sein könne, — die Tatsache, daß Mütter menstruieren, werde über- 
sehen. In jenem Haus fanden 72 Menstruationen im Jahr statt. Überdies war 
es ein Landhaus, in dem es zahlreiche Hunde gab. 

Es stellte sich im Verlauf der Analyse heraus, daß der Patient sehr früh 
großes Interesse an läufigen Hündinnen gehabt und auch das Wittern und 
die Erregung der männlichen Hunde beobachtet hatte. Um dieselbe Zeit war 
er Zeuge der Urszene geworden und hatte sein Wissen um die Sexualität der 
Tiere auf die Eltern verschoben. Infolge dieses Interesses war die Neugier in 
bezug auf Mutter und Schwester in ihm erwacht; er kam in Konflikt mit 
beiden Eltern, begann übermäßig zu masturbieren und erlebte das Men- 
struationstrauma, das seine Kastrationsangst verstärkte. Erst nachdem der 
Menstruationskomplex in der Analyse wiedererweckt worden war, gelangten 
wir zu dem noch tieferen Gefühl der Furcht und des Hasses gegen den Vater, 
das dahinter steht; dieses muß aufgelöst werden, bevor eine positive Phase in 
der Beziehung zur Frau erreicht und ein zufriedenstellendes therapeutisches 
Resultat erzielt werden kann. 

Die Urszene erweckt den stärksten Haß gegen den Vater, wobei die 
Machtlosigkeit des Zuschauers (Laforgue) eine so wichtige Rolle spielt. 
Der stärkste Haß gegen die Mutter jedoch wird durch die Verhinderung der 
Masturbationsneigungen erweckt. 

Die Reizbarkeit, die viele Männer gegen ihre Frauen an den Tag legen, 
wenn diese ihnen vorhalten, sie verschwendeten Geld, hat ihren Ursprung oft 
in jenen verdrängten Masturbationsneigungen. Denn die Masturbation auf der 
Inzeststufe ist immer auch ein Versuch, sich von Angst zu befreien — von 
Angst, die einer durch das Menstruations- oder Kastrationstrauma bewirkten 
Verdrängung entstammt. Es reizt den gehemmten Mann, wenn er — gar von 



Der Kern des Ödipuskomplexes 



409 



seiner Frau — an seine verschwenderischen Neigungen erinnert wird; er fühlt 
sich schuldig wegen seines verdrängten Hasses gerade gegen die Eigenschaften 
des Weibes, die einst seine stärksten Leidenschaften erweckt hatten, und er 
fühlt sich schuldig, weil er Geld (= Samen) vergeudet, das der Befruchtung 
des "Weibes (= Mutter) dienen sollte. 

Traum des Patienten Y: „Ich stand in der Ecke eines Zimmers an einer Tür, 
die in ein kleineres Zimmer führte, und beobachtete fasziniert zwei Leute, die an einem 
Tisch saßen und miteinander aßen. Auf dem Tisch lag ein fleckenlos reines Tisch- 
tuch von lebhaft weißer Farbe. Plötzlich kam aus dem Schränkchen in dem Tisch 
unterhalb des weißen Tuches eine Schlange hervor, deren Kopf eine sonderbare Form 
aufwies. Eine Zeitlang zog sich die Schlange immer wieder in das Schränkchen zurück, 
um gleich darauf wieder hervorzuschnellen. Schließlich kam sie in das Zimmer her- 
aus und verschlang sich zu einem Dreieck besonderer Art. Während ich das Dreieck 
betrachtete, wurde es plötzlich wieder zur Schlange und diese schnellte mit geöffnetem 
Rachen bösartig auf mein Bein los. Ich sprang beiseite, um ihr auszuweichen, und 
erwachte in schrecklicher Angst — mein Herz schlug heftig." 

In der ersten Zeit der Analyse dieses Traumes erzählte der Patient ver- 
schiedene, sein Geschlechtsleben betreffende Vorfälle, die deutlich Exhibitions- 
wünsche, begleitet von Furcht vor der Vagina verrieten. Er hob hervor, daß 
er als Knabe und als junger Mann viel masturbiert habe. Ferner, daß er so- 
wohl im Wachen wie im Schlaf Pollutionen habe. 

Seine Sexualität war stark verdrängt, was er der Religion zuschrieb und 
auch so rationalisierte. 

Während der Analyse des wiedergegebenen Traumes fielen ihm andere 
Träume ein, die stärkste Furcht davor verrieten, vom Vater angegriffen und 
getötet zu werden. 

Sehr klar kamen verdrängte vatermörderische Wünsche zutage, die auf 
Feinde des Landes verschoben worden waren; Einfälle dazu führten auf die 
Urszene zurück. Der Patient erinnerte sich, daß er in einem kleinen An- 
kleidezimmer neben dem Schlafzimmer der Eltern geschlafen habe, wo er hören 
konnte, was im elterlichen Schlafraum vorging. Weitere Erinnerungen kamen: 
Wenn es in der Nacht viel Bewegung im Zimmer der Eltern gegeben und das 
Bett darin gekracht hatte, pflegte die Mutter am Morgen zu ihm zu sagen: 
„Vater wälzte sich die Nacht unruhig im Bett, er träumte von Schlangen." 

Er kam selbst auf den Gedanken, daß die Schlange in seinem Traum den 
Penis des Vaters symbolisiere, denn er hatte allerlei über Symbolismus gelesen; 
doch war seiner Meinung nach das Besondere an seinem Traum die Art und 
Weise, in der die Schlange aus dem Schränkchen in dem Tisch hervorgekom- 
men war. 

Assoziationen zeigten, daß die Leute, die an dem Tisch gegessen hatten, sein 
Vater und seine Mutter waren; bald wurde auch klar, daß, miteinander zu 
essen, symbolisch Geschlechtsverkehr bedeutete. 






41° CD. Daly 

Zu dem Tisch kam der Einfall: ein Bett, auf dem seine Mutter lag. 
Zu dem weißen Tischtuch fiel ihm ein weißes Bettuch ein und die Flecken 
darauf, die von seinen Masturbationssünden, bevor er geheiratet hatte, und 
von dem Verkehr mit seiner Frau, seit er verheiratet war, Zeugnis ablegten. 
Als ein Ergebnis der bereits analysierten Assoziationen verknüpfte er dann so- 
wohl Masturbation als auch Geschlechtsverkehr mit seinen verdrängten Inzest- 
phantasien; er habe, sagte er, in bezug auf beide ein Schuldgefühl, besonders 
aber in bezug auf die Masturbation. 

So heftig waren seine sexuellen Konflikte früher gewesen, daß er sich 
während des Krieges wiederholt exponiert hatte in der Hoffnung, er werde 
erschossen werden und so seinen Konflikten ein Ende setzen. Der Wunsch, 
seinem Leben ein Ende zu machen, führte zu einer Kriegsverwundung. Als 
er heiratete, wußte er nichts vom Geschlechtsleben, doch hat eine geduldige 
Gattin ihm sehr geholfen. Alle seine sexuellen Beziehungen erweckten ein 
Schuldgefühl in ihm; dieses war seiner Überzeugung nach eine Folge seines 
Masturbierens in der Jugend. 

Als ich ihn fragte, was es seiner Meinung nach bedeute, daß der Traum die 
fleckenlose Reinheit des Tischtuches und dessen weiße Farbe hervorhebe, ant- 
wortete er erregt: „Das weiß ich nicht. Ein weißes Tuch — ein schmutziges 
Tuch — ein gefährliches Tuch. ,Wirf es von dir, wie du das Tuch einer men- 
struierenden Frau von dir werfen würdest.'" Er erinnerte sich nicht, wo er 
diesen Satz gelesen hatte, meinte aber, er müsse gleich vielen anderen ähn- 
lichen Anspielungen aus der Bibel sein. Wie z. B. auch das Wort: „Ihre Un- 
reinheit ist in ihren Röcken." Der Traum stellte also den Geschlechtsverkehr 
zwischen seinen Eltern dar und zeigte zunächst, wie der Vater seinen Phallus 
in die Mutter — d. h. in das Schränkchen zwischen den Tischbeinen — stieß 
und wieder herauszog. „Ein abscheuliches, ein schmutziges Beginnen." 

Er erinnerte sich nun, daß er an die Tür seines kleinen Zimmers gekommen 
war und die Eltern auf ihrem Bett in dem andern Zimmer liegen gesehen 
hatte. Plötzlich hatte der Vater seinen roten, geschwollenen Penis aus der 
Mutter herausgezogen und den kleinen Jungen böse angestarrt. Dieser hatte 
sich sowohl vor dem Vater als auch vor dem Penis entsetzlich gefürchtet. 
Kurze Zeit später bemerkte er, daß der Nachttopf im Schlafzimmer seiner 
Mutter oft Blut enthielt, und er vermutete, dies komme daher, daß der Penis 
des Vaters, indem er in sie eindrang, ihr eine Wunde beigebracht habe. 

Als er von dem Schränkchen sprach, fiel ihm ein, wie seine etliche Jahre 
ältere Schwester ihm ihre Vagina gezeigt, seinen Penis betrachtet und dann 
gesagt hatte: „Wir sollten das nicht tun." 

Unter Angstreaktion in bezug auf seinen Vater zitierte er noch einmal, 
erregt und von Abscheu geschüttelt, den Satz vom Tuch einer menstruieren- 
den Frau. Damit brachte er die Versuchung ans Licht, die verdrängt hinter 
dem individuellen Menstruationstabu liegt — die Versuchung, sich mit der 



Der Kern des Ödipuskomplexes 



411 



Mutter zu begatten, und gleichzeitig auch die Furcht, von dem Penis des 
Vaters getötet zu werden, falls er dieser Versuchung nachgeben sollte. Dies 
erklärt, warum in der Mythologie und im Folklore die Frau zur Zeit der 
Menstruation Gott gehört, und warum es heißt, Gott sei in ihrem Menstrua- 
tionsblut gegenwärtig. In der Ontogenese besteht auf der Höhe der Inzest- 
phase, jedoch vor dem Menstruationstrauma, die größte Versuchung zur Zeit 
der Monatsblutung der Mutter. 

Die Prämenstruationsphase ist die Zeit des positiven Tropismus, in der 
Kinder ebenso auf Gerüche reagieren wie die übrige Tierwelt. "Während der 
Inzestphase sind sie sozusagen natürlich, aber nicht zivilisiert. Sie fürchten, 
gefressen zu werden, aber sie glauben noch nicht an die Möglichkeit der 
Kastration. 

Die Fixierung des Patienten an die Mutter zeigte sich darin, daß er eine 
kränkliche Frau geheiratet hatte, obgleich er von gesunden und dabei an- 
ziehenden Mädchen geliebt worden war. 

Die Analyse der Verwandlung der Schlange (= Penis) in ein Dreieck 
(= Vagina) ergab, daß sich darin die Verschiebung der Furcht vor dem Penis 
des Vaters auf die Mutter symbolisierte; diese Verschiebung ist ein Ergebnis 
der Tatsache, daß ihre Menstruation die Kastrationsfurcht bestätigt. Die 
Vagina ließ jedoch die Furcht vor des Vaters Penis (Schlange) aufs neue er- 
wachen, so daß er anstatt der faszinierenden Vagina, die seine infantile Leiden- 
schaft erweckt hatte, nur den väterlichen Penis und dessen drohende Angriffe 
auf sich sah. Hinter seiner Verehrung für Frauen liegt tief verdrängter Sadis- 
mus. Er ist sehr unterwürfig gegen Ersatzpersonen des Vaters und hat zahl- 
reiche analerotische Züge. 

Es wird vielleicht eines Tages zugegeben werden, daß der Sadismus des 
Über-Ichs seinen Ursprung in den Konflikten des Menstruationskomplexes 
hat, welcher der Kern des Inzestkomplexes ist. Das Wesentliche an einem 
Komplex ist, daß er sowohl anziehende als auch abstoßende Elemente enthält, 
d. h. einen gehemmten Wunsch. In der Phylogenese müssen der Wunsch, eine 
Frau zu schwängern, und die sozialen Verbote, die die Erfüllung dieses 
Wunsches verhinderten, den größten Konflikt gebildet haben. In der Onto- 
genese liegen die Dinge nicht viel anders, nur daß die Verdrängung jenes 
Wunsches jetzt in einer frühinfantilen Phase der seelischen Entwicklung statt- 
findet. 

Der erste der beiden erwähnten Patienten hatte eine Frau von kräftig harter 
Wesensart geheiratet, vergleichbar der indischen Göttin Kali; der zweite hin- 
gegen eine kränkliche von sanftem, gütigem Wesen, die, wie er sagte, „einen 
geschwollenen und verhärteten Darm" hatte, — d. h. sie war krank wie seine 
Mutter und hatte eine Vagina gleich dieser, verbarg aber einen Penis in sich. 

Beide Patienten waren in ihrem Geschlechtsleben gehemmt und hatten sich 
anfänglich gefürchtet, die Vagina ihrer Frau mit der Hand zu berühren (d. h. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXI/3 



28 



4*2 



C. D. Daly 



sie hatten sich vor der darin enthaltenen Schlange = Penis gefürchtet, was 
sich in den Träumen beider Fälle deutlich zeigt). 



VIII 

Schluß. Über die Bedeutung organischer und psychischer 
Faktoren für die Hemmung des Sexualtriebes 

Freud hat mir die Ehre erwiesen, in den Anmerkungen zu seinem "Werk 
„Das Unbehagen an der Kultur" meine Forschungsarbeiten zu erwähnen. Da 
jedoch seine Ansichten nicht völlig mit den meinen übereinstimmen, scheint 
es wünschenswert, daß ich meine Theorien noch einmal vorbringe. 

Freud bespricht die von mir 9 nachdrücklich hervorgehobene Tatsache, daß 
die Periodizität der Sexualvorgänge zwar bestehen geblieben, die seelische 
Wirkung auf die Geschlechtserregung jedoch beinahe ins Gegenteil verkehrt 
worden ist, und er bringt diesen Wandel vor allem mit der abnehmenden Be- 
deutung der Riechreize in Zusammenhang, die sich seiner Hypothese nach er- 
gab, als der Mensch sich vom Boden aufrichtete, d. h. einen aufrechten Gang 
annahm. Seiner Meinung nach ging die Funktion der Riechreize, die früher 
die Geschlechtserregung beim Manne hervorgebracht hatte, auf die Sehreize 
über, die dauernd, und nicht gleich den Riechreizen nur intermittierend, am 
Werke sein können. 

Freud stellt ferner fest, daß das Menstruationstabu seinen Ursprung in 
dieser „organischen Verdrängung" hatte, die als eine Schranke gegen eine 
Phase der Entwicklung wirkte, über die der Mensch hinausgekommen war. 

Während diese letztere Annahme einleuchtet, können wir der Theorie, jene 
organische Verdrängung sei dadurch entstanden, daß der Mensch eine auf- 
rechte Gangart annahm, nicht so leicht zustimmen. Ebensowenig klar ist 
mir, wie das Menstruationstabu in irgend einem unmittelbaren Zusammenhang 
damit stehen könnte. Ich stelle dieser Ansicht meine Theorie entgegen, welche 
besagt, daß eine physiologische Veränderung in der Frau vor sich ging infolge 
der Maßnahmen zur Unterdrückung des Inzests und der dadurch bewirkten 
Unterbindung des Geschlechtstriebs in einem Zeitpunkt, in dem in der Tier- 
welt unwiderstehliche Anziehung besteht (d. h. zur Zeit der Brunst) und 
Schwängerung stattfindet. 

Dadurch, daß der Mensch sich vom Erdboden aufrichtete, seien die Ge- 
schlechtsteile exponiert worden, sagt Freud; es sei notwendig geworden, sie 
zu schützen, und daraus sei ein Gefühl der Scham entstanden. Mir scheint das 
Gefühl der Scham, das mit jener Exponiertheit im Falle des Mannes in Zu- 
sammenhang steht, ein unmittelbares Ergebnis der Sexualverdrängung zu sein, 
die aller Wahrscheinlichkeit nach einer beträchtlich späteren Zeit angehört 
als die Annahme einer aufrechten Haltung. Jenes Gefühl der Scham dürfte 

9) Imago XIII, 1927. 



Der Kern des Ödipuskomplexes 



413 



also weit eher eine Folge der Triebhemmung als eine der Erhebung vom Erd- 
boden sein — diese letzte Anpassung kann sich auch nur ganz allmählich voll- 
zogen haben. Es ist zwar richtig, daß das männliche Genitale bei einer auf- 
rechten Haltung stärker exponiert ist; im Fall der Frau verhält es sich aber 
anders: das weibliche Genitale war stärker exponiert vor Erreichung des auf- 
rechten Ganges. 

Alle solchen Überlegungen rücken jedoch in die zweite Reihe, wenn wir 
ihnen das machtvolle Phänomen entgegenhalten, das die Unterdrückung der 
Paarung zur Zeit der weiblichen Brunst darstellt. . 

In der Phylogenese erweckte die Brunst der Frau die aggressiven Instinkte 
des Mannes und war daher das stärkste treibende Moment der Auflehnung 
gegen die Herrschaft des Urvaters. In der Periode, die der Auflösung der 
Horde folgte, wurde aber der Zustand der Rivalität unter den Männern tat- 
sächlich zu einer Bedrohung des Fortbestands unserer Art. Dies 
führte zur Schaffung des Inzestgesetzes und des Tabus der 
Paarung zur Zeit der weiblichen Brunst. Die ältere Furcht, gefressen 
zu werden, die in der Phase der Horde genügt hatte, die Inzestneigungen des 
Sohnes zu hemmen — der Vater-Tochter-Inzest war in dieser Phase noch 
normal — , erfuhr in der späteren Phase eine Verstärkung durch die Be- 
drohung mit Kastration zur Zeit der Pubertät; und diese Bedrohung wurde 
der wichtigste Hemmungsfaktor im Dienste der Sexualunterdrückung, d. h. 
der Unterdrückung der Paarung zur Zeit der weiblichen Brunst. 

Das junge "Weib wurde mit dem Tode bedroht, wenn es jene sichtbaren An-, 
zeichen der Sexualanziehung zu verbergen unterließ, denen der Mann zu 
widerstehen nicht imstande war. Daß der Fortpflanzungsprozeß bei der Frau 
nicht zur natürlichen Zeit seinen Fortgang nehmen konnte, führte den Zu- 
stand reichlichen Blutens herbei, den wir als Menstruation bezeichnen; und 
dieses Bluten spielte dann eine wesentliche Rolle bei der Unterdrückung der 
Inzestneigungen in der menschlichen Gesellschaft infolge seines Zusammen- 
hangs mit der Furcht, gefressen zu werden, und mit der Rastrationsfurcht. 
Die Monatsblutung der Frau wurde allmählich eine Bestätigung für die Mög- 
lichkeit der Kastration und des Todes; und die mit dieser Blutung verknüpfte 
Furcht verdrängte die angenehme Assoziation der anziehenden Gerüche. Daher 
genießt in unserer zivilisierten Gesellschaft der normale Mann starke sexuelle 
Gerüche nur, wenn er sich in sexueller Erregung befindet oder unter dem Ein- 
fluß eines künstlichen Anregungsmittels, etwa des Alkohols, steht. In patho- 
logischen Fällen jedoch spielt der Geruchsinn eine bedeutende Rolle. Wir: 
müssen uns über die volle Tragweite dieser Tatsache erst klar werden und 
werden finden, daß sie oft den Schlüssel für die Fixierung des Patienten an 
den Tropismus der positiven Phase des Ödipuskomplexes bildet. 

Freud meint, daß die Umkehrung in der Bewertung der Exkremente durch 
die frühe Erziehung der Kinder herbeigeführt werde und nur möglich sei, weil 



28* 



414 C. D. Daly 

das positive Interesse an den Exkrementen infolge ihres starken Geruchs dazu 
bestimmt sei, das Schicksal zu teilen, das infolge der „organischen Verdrängung" 
die Riechreize ereilte. Mir scheint es besonders bedeutungsvoll, daß unter den 
Bedingungen unseres zivilisierten Lebens die Erziehungsmaßnahmen in der 
Kinderstube — abgesehen von ihrer Notwendigkeit im Dienste der sozialen 
Hygiene — der späteren Hemmung der inzestuösen Sexualneigungen den 
Weg bereiten. 

Ich möchte den Leser hier darauf hinweisen, daß der orthodoxe Hindu sich 
nach jeder Handlung, von der angenommen werden kann, daß sie eine Ver- 
unreinigung verursache, den Mund spülen muß. Es ist Vorschrift, sich nach 
dem Urinieren den Mund viermal zu spülen, nach dem Stuhlgang 10 achtmal, 
nach jeder Nahrungsaufnahme zwölfmal, nach Geschlechtsverkehr 11 sechzehn- 
mal. Wenn auch die Zahl bei verschiedenen Rassen verschieden ist, gibt uns 
ein solches Ritual doch wertvolle Aufschlüsse für die Abschätzung der 
Wichtigkeit der Hemmung in jeder Phase, in der oralen, der analen 
und der genitalen. Wir können durch die Betrachtung dieser Reinigungsmaß- 
regeln zu dem Schluß kommen, daß die oralen und die phallischen Faktoren 
von größerer, die analen und urethralen dagegen von geringerer Wichtigkeit 
sind; doch stimmen wir der Ansicht zu, daß die angenehmen Attribute der 
analen Phase infolge ihres starken Geruchs das Schicksal der sexuellen Riech- 
reize teilen mußten. Aus der Vorschrift, sich den Mund nach dem Geschlechts- 
verkehr sechzehnmal und nicht nur zwölfmal, wie nach der Nahrungsauf- 
nahme, zu spülen, schließen wir, daß die Befriedigung des Geschlechtstriebs 
eine noch stärkere Reaktion weckt als die des älteren oral-kannibalischen 
Verlangens. 

Ich habe in der Analyse oft gefunden, daß bei Personen, deren Inzestneigun- 
gen nicht erfolgreich verdrängt worden waren, wenig oder gar keine ausge- 
sprochene Abneigung gegen den Geruch des Kotes bestand; diese wirkten bei 
manchen dieser Patienten sogar angenehm. Sexualgerüche wirkten bei solchen 
Menschen stets sehr angenehm. Deshalb kann die Wertumkehrung in bezug 
auf die Analerotik historisch als ein sekundäres Ergebnis der Hemmung des 
Geschlechtstriebs angesehen werden, welche gleichzeitig mit der Bildung der 
nicht inzestuösen Gesellschaft stattfand. 

In der auf dieser Grundlage gebildeten Gesellschaft ist das Streben nach 
Reinlichkeit ein Ergebnis, das nachträglich durch Erwägungen der Hygiene 
gerechtfertigt wurde: Trotzdem kam es nach Freud 12 zum Ausdruck, bevor 
noch die Hygiene Würdigung fand, und hat seinen Ursprung in dem Ver- 

10) Durch diesen wird man rein, da man Unreine aus dem Körper ausgeschieden hat. 

n) Weisheit, Tatkraft, Stärke, Gesichtssinn und Lebenskraft schwinden, so sagt der alte 
Gesetzgeber der Hindus, wenn ein Mann mit einer menstruierenden Frau Verkehr hat. Die 
christliche Kirche schrieb vierzig oder fünfzig Tage der Buße für den Geschlechtsverkehr 
während der Menstruation vor (Havelock Ellis). 

12) Das Unbehagen in der Kultur, Ges. Sehr., Bd. XII, S. 66 f. (Anm.). 



Der Kern des Ödipuskomplexes 



4'5 



langen, Ausscheidungen loszuwerden, die der Sinneswahrnehmung unangenehm 
geworden sind. 

Es ist interessant, daß Freud die Bedeutungsverminderung der Geruchs- 
reize mit der Abschließung der Frauen zur Zeit ihrer Monatsblutung in Zu- 
sammenhang bringt. Ich möchte aber noch besonders darauf hinweisen, daß 
die Abschließung der Frau zu dieser Zeit ein endgültiges Resultat der Unter- 
drückung des Inzests war und der frühesten Phase der menschlichen Kultur 
angehört, ferner daß eine der Aufgaben dieser Abschließung zweifellos die 
Unterdrückung des anziehenden Geschlechtsgeruches war. Durkheim 13 hat 
schon vor langer Zeit bezüglich des Inzestverbotes bei den Wilden bemerkt: 
„Die Geschlechtsorgane müssen beizeiten verhüllt werden, damit die gefähr- 
lichen Ausdünstungen, die von ihnen ausgehen, die Umgebung nicht erreichen 
können." 

Wenn tatsächlich die Geruchsreize durch Gesichtseindrücke Ersatz fanden, 
dann können wir nur zu dem Schluß kommen, daß diese Änderung keinen 
Erfolg hätte; denn psychische Reaktionen auf das weibliche Genitale haben 
den Mann veranlaßt, die anziehende Vorstellung, die ursprünglich im Genitale 
zentriert war, davon weg auf die Brüste, das Gesicht und die Gestalt zu ver- 
schieben. Es war insbesondere der Anblick der blutenden Vagina etwas 
Schreckliches für den Mann geworden. Wir schreiben das Menstruationstabu 
genetisch der Notwendigkeit zu, die Frau für die Zeit, in welcher sie sich in 
jenem Zustand befand, der im Manne unbezwingliche kannibalische Gier und 
Aggressivität erweckte, aus dessen Umkreis zu entfernen, und wir erkennen 
dann, auf welchem Wege die reichliche Blutung, die infolge dieser Vereitelung 
der Schwangerschaft im naturgegebenen Zeitpunkt der Befruchtung entstand, 
so große Bedeutung als traumatischer Faktor der Neurosen erlangte, ferner 
auch, wie diese Blutung die sadistische Komponente der menschlichen Natur 
besonders verstärkte. Die Voraussetzung dieser Annahme füllt eine Lücke in 
der psychoanalytischen Lehre und bestätigt in erwünschter Weise etliche der 
wertvollsten Theorien Freuds. Alles, was das männliche Individuum veran- 
laßte, seine Sexualwünsche zur Zeit der stärksten weiblichen Anziehung zu 
zügeln, und eine so tiefgreifende physiologische Veränderung in der Frau wie 
das reichliche Bluten der menschlichen Menstruation hervorbrachte, ist sicher- 
lich von großer Bedeutung. Einzig und allein die zur Verhinderung des Inzests 
ergriffenen Maßregeln tragen Schuld an der schweren Hemmung des gesamten 
Sexualtriebs. 

Warum tötet ein Wilder eine menstruierende Frau, die ihn verunreinigt 
hat, indem sie ihn mit ihren Kleidern in Berührung kommen ließ, — warum 
tötet er sie und stirbt dann selbst vor Furcht? Es gibt über die Antwort keinen 
Zweifel. 

Es ist möglich, mit Hilfe der psychoanalytischen Methode die traumatische 

13) L'annee sociolog., 1896. 



416 



C. D. Daly 



Wirkung zu illustrieren, die das blutende Genitale der Mutter in der Onto- 
genese hat, und aufzuzeigen, welchen Einfluß es bei der Verdrängung der an- 
genehmen Reaktionen auf Geruchreize ausübt. 1 * Wir können ferner nach- 
weisen, daß das blutende Genitale der Mutter eine überaus große Rolle bei 
der Verdrängung der inzestuösen Sexualität der Menschheit gespielt hat; und 
in einigen pathologischen Fällen können wir eine Reaktion von solcher Heftig- 
keit demonstrieren, daß der Geruch der Genitalien die Potenz zu hemmen im- 
stande ist, während in anderen die Potenz nur bei starkem Geruch möglich 
wird. 

Roheim 15 bestätigt in seinen Beobachtungen über die Subinzisionsriten 
bei zeitgenössischen wilden Völkerstämmen Australiens meine Theorie in 
weitgehendem Maße, daß der Mann sich die „furchterregenden" Attribute 
der Frau — d. h. der Menstruation — angeeignet hat, um die Kastrationsangst 
der jüngeren Generation zu verstärken. Mir will scheinen, daß sich der Mann 
den „schrecklichen" Anblick der Frau auch zum Zwecke der Verstärkung 
seiner dahinschwindenden Autorität angeeignet hat — daß seine Autorität 
abgenommen hatte, war eine Folge der Unterdrückung des Kannibalismus 
(des früheren Mittels zur Aufrechterhaltung der Zucht innerhalb der Horde). 
Roheim schildert auch, wie der junge Eingeborene in der Zeit, die auf die 
Subinzisionsriten folgt und der Heirat vorangeht, sich in homosexueller Er- 
gebenheit seinem Schwiegervater passiv unterwerfen muß; erst dann darf er 
die Tochter heiraten und selbst eine Familie beherrschen. Dieser unmittelbare 
Beweis aus dem Leben zeitgenössischer Primitiver bildet eine wertolle Stütze 
meiner auf klinischen Befunden ruhenden Theorie. Die Subinzisionsriten 
sichern die Unterwerfung des Sohnes unter die Gepflogenheiten des Stammes 
und die endgültige Unterdrückung seiner Inzestneigungen. 

Zu beachten ist auch folgende Tatsache: Vor dem Verbot der Paarung zur 
Zeit der weiblichen Brunst brauchte das Menschenweibchen (gleich den Weib- 
chen der meisten Tiere) keine anderen Reize als die von seinem Genitale aus- 
gehenden Riech- und Schaureize, um vom Männchen geschwängert zu werden. 

Die Aufgaben der Geruchsreize sind zum Teil auf die Gesichtsreize über- 
gegangen — besonders in den Anfangsstadien der sexuellen Erregung. Trotz- 
dem kann eine sexuelle Beziehung nicht dauernd aufrechterhalten werden, 
wenn die Geruchreaktionen, die sich bei naher Berührung ergeben, keine an- 
genehmen sind. 

Die ursprünglich positiv gewesenen Sexualreize wirken jetzt zu Beginn des 

14) Brill berichtet über zwei Fälle von Zwangsneurose, bei denen ein hervortretendes 
Symptom übler Geruch des Atems war. Dieses Symptom ließ sich unmittelbar auf einstige 
Lust an dem Geruch zurückführen, der von der Mutter ausging. Bei dem einen Patienten 
hing die geschlechtliche Potenz völlig von dem Geruchsinn ab — hatte eine Frau einen Ge- 
ruch, der den Patienten an seine Mutter erinnerte, so wurde er völlig impotent (Psa. Quar- 
terly, Vol. I, 1932). 



15) Imago XVIII, 1932. 



. 



Der Kern des Ödipuskomplexes 417 

Kontaktes negativ. Dennoch bleiben sie in vielen Fällen auch bei normalen 
Menschen lustvoll, wenn die hemmenden Schranken überwunden worden sind 
und ein tieferes sexuelles Verlangen sich regt. 

Es ist vielleicht richtiger zu sagen, daß die Sinne sich von den früheren 
Quellen sexueller Reize abgewendet haben, damit nicht der "Widerwille neu 
auflebt, der eine Folge tief sitzender Ängste ist. Das angeschwollene, stark- 
gefärbte weibliche Genitale, die männliche Erektion und die sexuellen Ge- 
rüche beider Geschlechter sind heute für den normalen zivilisierten Menschen 
nicht mehr von Anfang an anziehend, d. h., es muß eine indirekte Anreizung 
stattgefunden und einen gewissen Grad von Erregung hervorgerufen haben, 
bevor diese primären Reize anziehend wirken. Schöne Kleider, die Gestalt, 
Bewegungen, diskret zur Geltung kommende Parfüms geben heute dem Sexual- 
trieb die erste Anregung. Später jedoch können unmittelbare Sexualreize 
eine Rolle spielen. Niemals aber ist für den normalen Mann die Blutung der 
Frau anziehend — der Grund hiefür ist in dem Einfluß des Menstruations- 
tabus (und des verdrängten Menstruationstraumas) zu suchen. Das Men- 
struationstabu wird, wenn es auch vielleicht erblich erworben ist, in der Onto- 
genese verstärkt und äußert bis auf den heutigen Tag seine Wirkung. 

Im Fall von Tieren, bei denen das Weibchen eine Brunstzeit durchmacht 
oder — wie bei manchen Affenarten — eine primäre Menstrualperiode hat, 
die dem Prä-Ostreus anderer Tiere entspricht, belecken und beriechen die 
Männchen unaufhörlich das geschwollene weibliche Genitale — diese Vor- 
stellung ist höchst abstoßend für den normalen Mann, solange er sich nicht 
in Erregung befindet, obgleich manche Männer sie zwischen den Perioden als 
eine normale Form der Vorlust in die Tat umsetzen. 

Der Anblick der Menstrualblutung der Frau jedoch kann eine tiefe Hem- 
mung auf das Geschlechtsleben ausüben, kann Liebe in Haß verwandeln und 
manchmal — wie in einem Fall Ferenczis — sogar Impotenz beim Manne 
hervorrufen. 

Es ist mir hoffentlich durch das in dieser Schrift zusammengetragene 
Material und durch die unmittelbaren Beweise aus dem Unbewußten, welche 
in den Traumbeispielen enthalten sind, gelungen, meine Ansicht zu begrün- 
den, daß der Menstruationskomplex der Kern des männlichen 
Ödipuskomplexes ist, und auch bis zu einem gewissen Maße nachzuweisen, 
daß die lustvollen Geruchreize infolge des Menstruationstraumas ver- 
drängt worden sind. 

Die Furcht vor dem Gefressenwerden, die ich gleich der Kastrationsfurcht 
mit dem Menstruationskomplex in Beziehung setze, kann als eine instinktive 
Furcht bezeichnet werden. Sie ist allen Lebewesen eigen. Wir nehmen an, 
daß sie durch den Kampf ums Dasein in der Eiszeit verstärkt wurde, ferner, 
daß sich der Urvater in der vormenschlichen „Horde" ihrer bediente, um 




4i8 



C. D. Daly: Der Kern des Ödipuskomplexes 



Zucht zu erzwingen und den Inzest (Sohn-Tochter- und Sohn-Mutter-Inzest) 
zu verhindern. 

Als die Phase der Urhorde zu Ende ging und die primitive menschliche 
Familie an Stelle der Horde trat, wurde die Furcht vor dem Gefressenwerden 
durch die in den Pubertätsriten der Wilden enthaltene Kastrationsdrohung 
verstärkt. Der Zweck dieser Riten war, die Inzestneigung zwischen allen 
nahen Verwandten zu hemmen. Das Menstruationstabu war jedoch von noch 
tieferer Wirkung: Es hinderte die erwachsenen Männer, ihre Töchter zur Zeit 
der Pubertät zu befruchten. Denn nur durch das Verbot jedweden Geschlechts- 
verkehrs zur Zeit der weiblichen Brunst wurde das Inzestgesetz der Mensch- 
heit möglich. — Menschenblut zu vergießen wurde in jeder Form (von 
zeremoniellen Bräuchen abgesehen) innerhalb des Stamms tabu. 

Auch in der Ontogenese geht die Furcht vor dem Gefressenwerden der 
Kastrationsfurcht voran. Es scheint, daß sie durch die Kastrationsdrohung in 
der phallischen Phase verstärkt wird und dann bei der Verdrängung die frühe- 
sten Kastrationsängste mit sich zieht. Dann geschieht es, daß beide Arten von 
Furcht infolge des Menstruationstraumas auf die Mutter und ihre Vagina 
verschoben werden. In dieser Verschiebung der Furcht vom Mund des Vaters 
auf die Vagina der Mutter liegt die Genese der Vorstellung von der Vagina 
dentata. Hinter dieser Angst verbirgt sich die Anziehung, die ursprünglich 
von der Vagina ausgegangen ist. 

Wenn einmal die unheilvollen Wirkungen des Menstruationstabus über- 
wunden sein werden, dann wird, so möchte ich glauben, die bisherige Ent- 
wicklungsphase allmählich zu Ende gehen und eine wahrhaft „menschliche" 
beginnen, eine Phase, in der sich die Ambivalenz zwischen Eltern und Kindern 
und zwischen den Geschlechtern um vieles verringern wird. Vielleicht ist es 
die Hauptaufgabe der Psychoanalyse, die ontogenetische und die phylogene- 
tische Vergangenheit zu entschleiern, durch deren Nachwirkungen das Men- 
schengeschlecht immer noch geknechtet wird. 



Die Traumsymbolik der analytischen Situation 1 

Von 

Maxim. Steiner 

Wien 

Die Gesichtspunkte, die Freud bei dem Studium des Traumes fand, er- 
schienen zuerst nicht nur den Fernerstehenden absurd, sondern auch den 
Fachgenossen fremdartig. Sie sind inzwischen allgemein akzeptiert worden 
und haben uns nicht nur das Verständnis der wunderbaren Struktur der 
Neurosen und Psychosen erschlossen, sondern auch ganz neue Aspekte für 
alle Gebiete des "Wissens und der Kunstbetrachtung eröffnet, ja man kann 
sagen, unsere Auffassung vom gesamten Weltbild grundlegend verändert. So 
wurde die Traumdeutung zwar zum täglichen Arbeitsfeld und vielleicht zum 
sichersten Besitz der Psychoanalyse, sie gilt aber heute zu sehr als abgeschlos- 
senes Thema. Seit dem Erscheinen des Standardwerkes tauchte, von den sehr 
bedeutsamen Arbeiten Federns abgesehen, kaum mehr ein wirklich neuer 
Gesichtspunkt auf. Das ist um so mehr verwunderlich, als im übrigen Lehr- 
gebäude der Psychoanalyse kein ähnlicher Konservatismus herrscht, sondern 
im Gegenteil immerfort gebaut, renoviert, mitunter auch demoliert wird. 
Für uns alle hat sich demnach die Theorie der Traumlehre als so tragfest er- 
wiesen, daß sie keiner neuerlichen Untersuchung oder gar Abänderung bedarf. 
Auch die vorliegende Arbeit hat nicht die Theorie des Traums zum Gegen- 
stande, sondern nur die Rolle, die der Traum in der analytischen Praxis spielt. 
Im Laufe der vielen Jahre bin ich im Zuge meiner therapeutischen Analysen 
vielleicht mehr als mancher andere mit dem Traumproblem in Berührung 
gekommen. Denn ich bin infolge der Eigenart meines Analysandenmaterials 
genötigt, kurze 2 Analysen durchzuführen, die zum größten Teil nur einige 
Monate, mitunter sogar nur einige Wochen dauern. Dadurch wurde mein 
Traummaterial, oder besser gesagt meine Traumkasuistik besonders groß und 
ich konnte daher gewisse typische Traumstrukturen öfter beobachten als 
viele meiner Kollegen. 

Nach wie vor bildet der Traum den besten Zugang zum Unbewußten und 
gilt auch in den Augen der Analysanden als der unanfechtbarste. Er ist eine 
seelische Leistung, zu der sie sich bekennen müssen, so unsinnig und ichfremd 
sie sich ihnen darstellen mag. Denn der Patient kann ihn ebensowenig ver- 
leugnen wie der darstellende oder bildende Künstler seine Schöpfung. Und wie 
diese nach unserer analytischen Auffassung und nach Goethes Worten ihm 
ermöglicht, das, was ihn bedrängt, zu sagen, ist auch der Traum ein Kunst- 
werk, das den Patienten allnächtlich in die Lage versetzt, sich mit seinen 

i) Vortrag, gehalten in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung am 26. November 1934. 
2) Ich habe in meinem Oxforder Kongreßyortrag die Gründe angeführt, die mich ver- 
anlaßt haben, in diesen speziellen Fällen von der klassischen Technik abzugehen. 



4 20 Maxim. Steiner 



Konflikten, allerdings meist erfolglos, auseinanderzusetzen. Daher fehlt dem 
Traum diese soeben erwähnte reinigende und befreiende Wirkung. Das scheint 
unter anderem das Kunstwerk von den Träumen, Symptomen und Wahn- 
gebilden zu unterscheiden, und es scheint mir die Hauptaufgabe unserer 
Therapie zu sein, diesen Unterschied zu beseitigen und durch unser Eingreifen 
das künstlerische Schaffen in der ganzen Lebensführung unserer Patienten frei- 
zumachen. Hat nicht, wie schon so oft, auch hier der tägliche Sprachgebrauch 
in seiner Hellsichtigkeit diesen Zusammenhang erfaßt, indem er einen Men- 
schen, der seinen Weg mit Sicherheit und Festigkeit geht, als Lebens kün stier 
bezeichnet? 

Wir pflegen bei Beginn der Analyse den Patienten auf die Bedeutung des 
Träumens aufmerksam zu machen und ihm zu sagen, daß wir für die Dauer 
der Behandlung nebst den anderen seelischen Äußerungen, in denen seine 
gesamte Persönlichkeit zum Ausdruck kommt, ganz besonders auch seine 
Träume für uns reklamieren. Heutzutage kommen ja die meisten unserer 
Patienten mit einer Kenntnis dieses Sachverhaltes zu uns und viele von ihnen 
äußern mit einer gewissen Beklommenheit Zweifel an ihrer Eignung für die 
Analyse, da sie nicht oder nur sehr selten träumen oder aber beim Erwachen 
sich des Trauminhaltes kaum je erinnern. Wir beruhigen solche Patienten 
wahrheitsgemäß mit dem Hinweis, daß wir eine ganze Reihe von Analysen 
erfolgreich zu Ende geführt haben, bei denen keine oder sehr spärliche Träume 
geliefert wurden. Aus alter Erfahrung aber könnten wir den Patienten sagen, 
daß auch bei vielen Menschen, die vorher nie geträumt haben oder sich 
ihrer Träume nie erinnern konnten, kaum ein Tag vergehen wird, an dem 
sie uns nicht einen oder mehrere Träume vorlegen werden. Dieses Phänomen, 
das trotz seiner Regelmäßigkeit auch uns stets von neuem frappiert, findet 
wohl seine Erklärung durch die Eigenart der analytischen Situation, und wir 
werden darauf mit um so größerer Sicherheit rechnen können, je besser es 
uns gelingt, dem Analysanden die Bedeutung dieser Situation zu unterstreichen. 
Wenn ein Mensch eine Beziehung eingeht, die sich von allen bisherigen so 
grundlegend unterscheidet, tritt eine Revolutionierung des seelischen Gesamt- 
haushaltes ein, die sich am eindrucksvollsten gerade an jenen Leistungen äußern 
wird, welche vom bewußten Ich am schwächsten kontrolliert werden. So 
wird die analytische Situation zum Ariadnefaden, mit dessen Hilfe wir uns in 
den labyrinthisch verschlungenen Pfaden der Analyse durch ihren ganzen Ver- 
lauf zuverlässig orientieren werden. 

Obgleich für unsere Vereinigungen diese Erkenntnis ein Gemeinplatz zu 
sein scheint, kann ich mich als aufmerksamer Zuhörer der in den Vereins- 
sitzungen und im therapeutischen Seminar gehaltenen Vorträge nicht des 
Eindrucks erwehren, daß die analytische Situation in der Technik der Traum- 
deutung lange noch nicht die ihr gebührende Beachtung gefunden hat. 

Wenn wir einen Traum deuten sollen, stehen wir vor der Aufgabe, eine 



Die Traumsymbolik der analytischen Situation 



421 



Gleichung mit mehreren Unbekannten aufzulösen, und ebenso wie bei einer 
solchen ergeben sich unendlich viele Lösungsmöglichkeiten. In gewissen Fällen 
setzen wir bei solchen Gleichungen bestimmte einschränkende Bedingungen, 
wodurch die Anzahl der möglichen Lösungen erheblich reduziert wird, so 
z. B. wenn wir nur Lösungen in ganzen Zahlen suchen. In ähnlicher "Weise 
können wir die unendlich vielen Deutungsmöglichkeiten des Traums auf ein 
erträgliches Maß herabsetzen. Eine einschränkende Bedingung, deren wir uns 
zu diesem Zwecke bedienen, ist die Einführung der analytischen Situation. 
Diese ist, wie wir wissen, eine Resultierende aus Übertragung und "Wider- 
stand. Die erstere ist unser Bundesgenosse; sie ist die eine Hand, der wir 
wahrscheinlich das uns überbrachte Traumgeschenk verdanken, aber der 
Widerstand ist die andere Hand, die es uns wieder zu entreißen oder unbrauch- 
bar zu machen trachtet. Er ist es daher, mit dem wir uns bei der Traum- 
deutungsarbeit in erster Reihe auseinanderzusetzen haben. 

Der mitgebrachteWiderstand wird u. a. aus narzißtischen Quellen gespeist. Diese 
narzißtische Position (Reich nannte sie die narzißtische Schranke) wird durch 
den ganzen Verlauf der Analyse zähe verteidigt und kann so fest ausgebaut 
-werden, daß an ihr alle Führungskünste des Analytikers zuschanden werden. 
Der Kampf, der sich während der Analyse abspielt, hat weit eher den Cha- 
rakter eines aufreibenden Stellungskrieges als eines offenen Kampfes und sein 
wechselvoller Verlauf wird sehr wesentlich durch den Ambivalenzkonflikt 
determiniert. Betrachten wir den Traum als funktionales Phänomen, so tritt 
diese Ambivalenz ganz besonders eindrucksvoll in Erscheinung. Es ist, als 
würde der Analysand dem Analytiker nur zögernd einen Finger entgegen- 
strecken, damit dieser ihm helfe. Der Traum ist also gewissermaßen der 
slang des Unbewußten, mit dessen Hilfe es zum Unbewußten des Analytikers 
spricht. Andererseits ist aber auch der Traum ein Akt der Selbsthilfe des 
Analysanden, durch die er nächtlicherweile wie in der voranalytischen 
Zeit seine Konflikte selbständig und ohne Hilfe des Analytikers zu erledigen 
sucht. Im Traum kommt die narzißtische Position zum Ausdruck, während 
in der analytischen Stunde in der Zusammenarbeit zu zweit die Objektbeziehung 
ihre Darstellung findet. Der Traum ist also auch von diesem Gesichtspunkt 
betrachtet eine Kompromißbildung (ich gebrauche absichtlich diesen 
schlechten "Witz). Das zeigt sich auch darin, daß der Träumer sich selbst 
(und während der Analyse auch den Analytiker, der sein alter ego ist,) in allen 
möglichen Symbolen und Gestalten darstellt, um sich selbst (und auch dem 
Analytiker) eine Objektbeziehung vorzutäuschen, zu der er in "Wirklichkeit 
nicht fähig ist. 

Die Tendenz, die narzißtische Position gegen jeden Angriff von Seiten des 
Analytikers zähe zu verteidigen, ist namentlich in der ersten Phase der Analyse 
so deutlich, daß sie kaum zu übersehen ist. Sie äußert sich in unendlich vielen 
symbolischen Darstellungen, in denen der Unmut des Analysanden über die 



4 22 Maxim. Steiner 

Störung seiner „privacy" zum Ausdruck kommt, und in Träumen, in denen 
der Analytiker herabgesetzt, beschimpft und in allerhand geringgeschätzten 
Personen meist niedriger oder dienender Stellung, als gefährlicher oder ver- 
dächtiger Mensch dargestellt wird, das Haus des Analytikers als Spelunke, ver- 
rufenes Haus, Spielhölle, Leichenhalle, Friedhof, Operationssaal oder als irgend- 
wie gefährliche, unheimliche Gegend. Diese Symbolik ist so durchsichtig, daß 
wir dem Analysanden, wenn wir ihn in die Geheimnisse der Traumdeutung 
einführen, geradezu die „Bauernregel" an die Hand geben können, daß in 
allen Personen im Traum, die irgendwie unsympathisch sind, der Analytiker 
seine symbolische Darstellung findet. 

Für die Träume dieser Phase sind bestimmte Typen von Widerständen 
charakteristisch, die in den folgenden Traumbeispielen vielfach verschränkt 
und variiert wiederzufinden sind. In einer künftigen ausführlichen Arbeit 
sollen diese Traumbeispiele im Zusammenhang mit den Krankengeschichten 
das eben Gesagte eindrucksvoll illustrieren, während ich hier nur Bruchstücke 
von Träumen bringen oder sie auch nur skizzieren werde. 

Das Motiv der Stornierung findet seine symbolische Darstellung in 
allen Träumen, in denen irgend eine Bewegung (Spaziergang, Reise usw.) un- 
ternommen und sogleich wieder durch Rückkehr zum Ausgangspunkt auf- 
gehoben, irgend eine Handlung ausgeführt und wieder rückgängig gemacht, 
irgend eine Äußerung getan und wieder zurückgenommen wird. Diese Stor- 
nierungstendenz, welche das ganze Leben des Neurotikers erschwert und im 
extremsten Fall sogar zur Vernichtung des Lebens führen kann, bringt in der 
analytischen Situation den unbewußten Wunsch des Patienten zum Ausdruck, 
die Analyse rückgängig zu machen. Ein Beispiel eines solchen Stornierungs- 
traumes wäre der folgende: 

Der Patient fährt mit seiner Freundin von der Inneren Stadt nach Hietzing, um 
dort mit ihr in ein Hotel zu gehen, doch kehrt er unverrichteter Dinge in die Stadt 
zurück, wo er ein Hotel aufsticht. Dort gefällt ihm das Zimmer nicht und er geht mit 
der Freundin ins Kino. Aber auch dort ist seines Bleibens nicht und er kehrt wieder 
ins Hotel zurück. 

Das Motiv der Störung der „privacy" (durch den Analytiker) mag 
durch folgenden Traum eines jungen Rechtsanwaltes illustriert werden: 

Ein Klient erscheint in seiner Kanzlei und macht sich, während der Träumer ins 
Vorzimmer geht, um den betreffenden Akt zu holen, an seinem Schreibtisch zu schaffen 
und steckt, wie er durch die Türe deutlich sieht, ein auf dem Tisch liegendes Schrift- 
stück ein. 

Ein anderer Traum sieht so aus: 

Patient sitzt auf dem Klosett und verrichtet seine Notdurft. Plötzlich erscheint sein 
Stubenmädchen, das die Tür trotz seines Protestes geöffnet hat. 

Dieses Motiv findet seine symbolische Darstellung auch in Träumen, in 
denen der Träumer in einem Bette liegt, das in einem Stiegenhaus steht, oder 



Die Traumsymbolik der analytischen Situation 



423 



in einem Durchgangszimmer, oder sonst in einem Raum, wo man voraus- 
sichtlich nicht ungestört bleiben wird; ferner in Träumen, wo man in son- 
stigen Situationen, etwa beim Geschlechtsverkehr, gestört wird; endlich in 
Träumen, in denen man durch indiskretes Benehmen irgend einer Person in 
Verlegenheit gebracht wird (zugleich als Darstellung des Zweifels an der Dis- 
kretion des Analytikers). 

Motiv der topischen Darstellung: Hierher gehören die Träume, in 
denen der Analytiker als irgend eine Person dargestellt wird, die hinter dem 
Träumer sitzt oder steht, dann die Träume, in denen der Analysand sich 
selbst in einer auf einem Bett oder Sofa liegenden Person darstellt, überhaupt 
solche Träume, in denen Sitzen, Liegen, Aufstehen oder sonstige durch den 
manifesten Trauminhalt nicht hinreichend motivierte Lageveränderungen eine 
Rolle spielen. So träumt besonders die große Anzahl von Patienten, welche 
sich, namentlich anfangs, nur sehr ungern dem Zwang zum Liegen unterwerfen. 

Das oft verwendete Motiv der Nacktheit, mangelhaften Beklei- 
dung usw. stellt in vielen Situationen eine unbewußte Auflehnung gegen die Be- 
folgung der „Grundregel" dar, die ja vom Analysanden verlangt, daß er sich 
vollkommen entblöße. Noch deutlicher verrät sich die Tendenz des Analy- 
sanden, dem Analytiker etwas zu verheimlichen, in Träumen, in denen von 
An-, Um- und Verkleiden oder gar von Verstecken und Verschließen 
die Rede ist, wie z. B. im folgenden: 

Ich bin mit meiner Tante in einem Zimmer. Ich merke, daß sie sich umzukleiden 
beabsichtigt und will daher hinausgehen. Ehe ich das Zimmer verlasse, versperre ich 
einen Schrank, da sie aus ihm, wie ich weiß, nichts benötigt. 

Das Motiv des Wunders dient dem "Widerstand gegen die langsame, 
mühselige und peinliche Kur und dem unbewußten Wunsch, lieber durch eine 
wunderbare oder magische Prozedur geheilt zu werden. 

Ein Patient träumt, daß er ein entstellendes Mal auf der Wange hat; er sieht in 
einen Spiegel mit dem Erfolg, daß das häßliche Mal verschwindet. 

Ähnlich ist der Widerstand der „kalten Methode". Damit bezeichne 
ich alle jene aus der Beschäftigung mit der analytischen Theorie geschöpften 
Versuche, in bewußter aber auch unbewußter Darstellung dem Analytiker zu 
helfen, ihm „einzusagen", ihn etwa auf die ätiologische Bedeutung des Mutter- 
inzestes für die vorliegende Neurose aufmerksam zu machen, wie z. B. im 
folgenden Traum: 

Patient liegt mit seiner Tante in einem Bett, um mit ihr zu verkehren. Seine 
Schwester, die zusieht, geht ins anstoßende Zimmer, um die dort befindliche Mutter 
herbeizurufen. 

Der Widerstand des Fach- und Besserwissens wird sehr häufig be- 
wußter- und unbewußterweise vom Analysanden verwendet, um so sich und 
sein Geheimnis dem Analytiker „unauffällig" zu entziehen. Nicht nur Fach- 
gelehrte, sondern auch Handwerker, Kaufleute u. a. schaffen sich auf diese 



424 



Maxim. Steiner 



Weise einen „jardin secret", den der Analytiker nicht betreten soll. In diesem 
Sinne spielen z. B. auch Damen ihre Überlegenheit in Mode- und Toilette- 
fragen gegen den männlichen Analytiker aus. 

Auch die Zahlensymbolik soll nie der Aufmerksamkeit des Analytikers 
entgehen, denn sonst übersieht er Anspielungen, die sich auf die Anzahl der 
bereits vergangenen oder noch bevorstehenden Sitzungen, mitunter auch auf 
das Honorar beziehen. Das Unbewußte wendet in diesem Falle dieselbe 
Technik an wie z. B. ein ungeduldiger Schüler, der unausgesetzt die Tage bis 
zum Eintritt der Ferien zählt. Eine besondere Bedeutung vom Gesichtspunkt 
der analytischen Situation kommt den Zahlen i und 2 zu. 1 ist die symbolische 
Darstellung der narzißtischen Position, 2 die Darstellung der Objektbeziehung. 
Wenn man auf diese Symbolik achtet, so werden besonders solche Träume» 
in denen 1 und 2 abwechselnd und oft in auffälligen Beziehungen vorkommen, 
besonders aufschlußreich dadurch, daß sie ein Licht auf die ambivalente Ein- 
stellung des Analysanden zum Analytiker und auf die Akzeptierung oder Ab- 
lehnung der Analyse werfen. So gibt es Träume, in denen der Analysand mit 
jemandem eine Reise antritt und sich plötzlich allein findet. Die Zahl 2 für 
sich allein wird sehr oft, namentlich wenn sie in einem Traum gehäuft auf- 
tritt, zur symbolischen Darstellung von Ambivalenz und Zweifel verwendet. 

Der Widerstand des Zahltags findet seine symbolische Darstellung in 
Träumen, in denen der Analysand gewöhnlich unter starken Affektäußerungen 
von Bettlern, Kellnern, Kokotten usw. ausgenützt oder übervorteilt wird. Da 
diese Träume auch bei zahlungswilligen Patienten fast regelmäßig bei jedem 
Zahlungstermin auftreten, sind sie besonders geeignet, dem Analysanden die 
Autonomie, des Unbewußten vor Augen zu führen. 

Der Widerstand der Umkehrung dient der Tendenz, die Beziehung 
zwischen Analytiker und Analysanden gewissermaßen auf den Kopf zu stellen. 
Sie wird in Träumen so dargestellt, daß der Schüler den Lehrer, das Kind die 
Gouvernante terrorisiert, der Patient den Arzt operiert, der Schaffner dem 
Fahrgast den Fahrpreis entrichtet usw. 

Schließlich sei noch eines der allerhäufigsten Widerstandsmotive, nämlich 
das der Degradation des Analytikers und seiner Leistung angereiht: 
Ein Patient, der mit seiner Frau im Gasthaus sitzt, wird von einem hinter ihm an 
einem anderen Tisch sitzenden Menschen von ordinärem Aussehen aufgefordert, in 
den Vorraum zu kommen. Dort legitimiert sich der Mann als Detektiv und teilt ihm 
mit, daß seine Gattin ihn betrüge, sich als Prostituierte herumtreibe und namentlich 
am letzten Donnerstag (Datum des Traums) in ganz gemeiner Weise mit einem Mann 
auf einem Klosett verkehrt habe. 

Dieser Traum bringt übrigens nicht nur die Degradation des Analytikers 
(Mensch von ordinärem Aussehen), das Motiv der Störung der „privacy". 
(Detektiv), die topische Darstellung (der Mann, der hinter dem Träumer sitzt), 
die Umkehrung (in Wirklichkeit ist er es, der die Gattin, die von der Analyse 



Die Traumsymbolik der analytischen Situation 



425 



nichts weiß, mit dem Analytiker betrügt), sondern auch die Herabsetzung der 
Analyse selbst, indem er sie symbolisch als Akt der Prostitution und Verkehr 
auf einem Klosett darstellt. 

Dies sind einige der wichtigsten Situationswiderstände, die ganz typisch in 
der ersten Phase der Analyse beobachtet werden können. Wenn sie auch im 
obigen einzeln besprochen wurden, dürfen wir nicht erwarten, sie immer so 
schön isoliert vorzufinden. Die Träume werden vielmehr, ähnlich wie es der 
zuletzt ausgeführte gezeigt hat, fast stets Kombinationen verschiedener typi- 
scher Motive aufweisen. 

Ich möchte bemerken, daß ich den Begriff der analytischen Situation vom 
ersten Augenblick an zum „Orgelpunkt" der Analyse mache. Sie ist gewisser- 
maßen das Koordinatensystem, auf das alles in der Stunde Vorgebrachte be- 
zogen wird, mag es Traum, Assoziation oder Bericht über das aktuelle Er- 
lebnis sein. Diese Annahme wird zur gemeinsamen, sehr fruchtbaren 
Arbeitshypothese. Schon nach kurzer Zeit lebt sich der Analysand in diese 
Ideologie hinein, und er lernt auf diese Weise drei der tiefsten Wahrheiten der 
Analyse erfassen, nämlich die Existenz und die Autonomie des Unbewußten 
und die symbolische Bedeutung alles Geschehens. Er erfaßt die Uberwertigkeit 
der psychischen Realität im Verhältnis zur aktuellen Realität. Für die Dauer 
der Analyse wird die Stunde zum eigentlichen Erleben und alles andere wird 
unwichtig, mitunter fast traumhaft. Diese Zumutung, diese Suggestion, wird 
nach anfänglichem Sträuben stets akzeptiert und hat eine vielfach günstige 
Wirkung. Sie begünstigt das Auftreten der Übertragungsneurose, macht da- 
durch längst vergangene Konflikte aktuell, bringt das Verdrängte in die Ge- 
genwart und nähert es dem Bewußtsein. Sie macht die Stunde zu einem kon- 
zentrierten Erlebnis und erleichtert dadurch dem Analysanden die Befolgung 
der Vorschrift, untertags der Analyse keine Gedanken zu widmen, da er es 
ohne Mitwirkung seines lebhaft agierenden Gegenspielers gar nicht vermag. 
Eine gewisse Aktivität des Analytikers ist, wie ich schon seinerzeit in Oxford 
gesagt habe, der Technik ähnlich, die Anna Freud für ihre Kinderanalysen 
empfohlen hat. Sie erweist sich als ebenso erfolgreich bei der Analyse der 
großen Kinder, die wir Erwachsene nennen und denen wir auch, wenigstens 
im Anfang, imponieren müssen. Sie sind mindestens so bösartig, mißtrauisch 
und feindselig wie die Kinder, nur noch gefährlicher, weil sie all diese Feind- 
seligkeit unter der Maske einer gleisnerischen Freundlichkeit verbergen. Da- 
durch, daß wir ihnen Tag für Tag und Stück für Stück diese Maske vom Ge- 
sicht reißen, gelingt es uns, ihre wilde Gegnerschaft zu zähmen und die Über- 
tragung zustande zu bringen. In diesem Kampfe müssen wir jedes Mittel des 
Verständnisses verwenden, denn sonst wird der Analysand jede Blöße, die er 
zu sehen meint, zum Anlaß nehmen, um seine Absicht, der Analyse auszu- 
weichen oder gar zu entfliehen, zur Durchführung zu bringen. 

Die Technik, mit der wir alles psychische Geschehen der Analysanden in 



426 Maxim. Steiner 



eine Einheit zusammendrängen, ist in "Wirklichkeit gar nicht der Gewaltakt 
als der sie im ersten Augenblick imponiert. Unser Verfahren ahmt eigentlich 
nur die Technik unserer Patienten nach oder parodiert sie sogar, indem ja 
auch deren neurotisches Verhalten häufig eine unentwirrbare Verknüpfung 
von Traum und Wirklichkeit darstellt. Indem wir uns mit unserer Technik 
dieser Verhaltungsweise anpassen, tun wir nichts anderes als die Mutter, die 
sich dem slang ihres Babys anpaßt und erfahrungsgemäß für diese Entgegen- 
kommen reichlich entschädigt wird, indem sich das Kind eines Tages als 
Revanche herbeiläßt, die Sprache der Mutter zu sprechen. Das wunderbare 
Phänomen der Erlernung der Muttersprache wiederholt sich beim 2ustande- 
kommen der Übertragung in der Analyse. Ihren symbolischen Ausdruck 
findet diese Phase in den Mischfiguren, in denen die Identifizierung 
mit dem Analytiker dargestellt wird, und in den Träumen, in denen der 
Analytiker persönlich erscheint. 

Ich brauche hier wohl nicht eigens zu erwähnen, daß außer der Situations- 
deutung auch alle Inhaltsdeutungen zur Sprache kommen, unter ihnen be- 
sonders auch die Sexualdeutungen. Die Situationsdeutung ist aber stets in 
erster Linie das Barometer, das uns über das jeweils herrschende Analysen- 
wetter orientiert, und alle anderen Deutungen werden uns mühelos in den 
Schoß fallen, ja sie werden uns, wenn wir nur ein bißchen Geduld haben, vom 
Patienten selbst gebracht werden. Ich mache sogar eine Regel daraus, selbst 
naheliegende Sexualdeutungen vorerst zu unterdrücken. Diese Technik er- 
weist sich als vorteilhaft, da das auf diese Weise gewissermaßen angestaute Ma- 
terial früher oder später geradezu explosiv durchbricht und dadurch für den 
Patienten zum eindrucksvollen Erlebnis wird; das Material deutet sich fast von 
selbst. 

In dem Maß, als die Übertragung zustande kommt, ändert die analytische 
Situation ihren Charakter. Nicht als ob sie an Bedeutung verlöre, aber sie 
ist eine fast unumstrittene analytische Institution geworden, die Plattform, 
auf der sich Analytiker und Analysand zu gemeinsamer Arbeit gefunden haben 
und die auch zwischen ihnen eine Beziehung herstellt, die kaum in irgend 
einer anderen ihr Analogon findet. Ein juristischer Spaßvogel hat einmal 
festgestellt, was für eine Unsumme von juristischen Verträgen nötig wäre, um 
den Rechts- und Pflichtenkreis einer Ehe zu erfassen, und daß selbst diese 
Menge von Verträgen noch nicht den ganzen Gehalt des „Ehekomplexes" 
restlos ausschöpfen würde. In eine noch viel größere Schwierigkeit würde der 
geraten, der die Beziehung zwischen Analytiker und Analysanden im Stadium 
der Übertragung in ähnlicher "Weise erfassen wollte. Sie hat etwas von der 
Art der Beziehung zwischen Beichtvater und Beichtkind, zwischen Lehrer 
und Schüler, zwischen Chef und Angestelltem, zwischen Eltern und Kindern, 
zwischen Geschwistern untereinander, zwischen gleich- und verschiedenge- 
schlechtlichen Freunden, zwischen Verliebten und zwischen Eheleuten; ab' 



Die Traumsymbolik der analytischen Situation 



427 



wir empfinden, indem wir das aussprechen, daß alle diese Darstellungen nur 
unzulängliche Versuche sind, um der Eigenart dieses Verhältnisses gerecht zu 
•werden, das eigentlich alle die soeben genannten Beziehungen in sich begreift 
und noch viele andere dazu, aber mit einem Quantum von Affektivität und 
Ambivalenz, das in den banalen Beziehungen in diesem Ausmaß nicht zu 
finden ist. Und so wird auch in der Traumsymboiik die Analyse in den an- 
geführten Bildern dargestellt, und die begleitenden Affekte und Ambivalenz- 
konflikte machen die uns in dieser Zeit gelieferten Inhalte zum analytischen 
Erlebnis, welches auch in dieser Phase durch die stete Betonung der analyti- 
schen Situation an dramatischer Lebendigkeit gewinnt. "Wir können uns über- 
zeugen, daß auch jetzt die Situationswiderstände nicht erloschen, sondern nur 
abgeschwächt sind. Den strikten Beweis hiefür liefert uns das Verhalten der 
Patienten im Endstadium der Analyse, wo fast immer ein neues Aufflackern 
des bisher nur unter der Asche glimmenden Widerstandes wahrzunehmen ist, 
des typischen „Widerstandes der letzten Zeit". Doch bevor ich mich 
mit diesem Phänomen befasse, will ich kurz skizzieren, was inzwischen vor 
sich gegangen ist. 

Der Patient hat nach den eindrucksvollen Erlebnissen der Kur die relative 
Bedeutungslosigkeit der aktuellen im Vergleich zur Uberwertigkeit der psy- 
chischen Realität erfaßt. Sein Ich hat die kriminellen Tendenzen des Es 
durchschaut und das strafende Über-Ich als Popanz erkannt. Er ist freier, 
heiterer, selbstbewußter geworden. Die von so mannigfachen Hypotheken 
entlastete Libido äußert sich bei Männern in der Besserung der Potenz, im 
Auftreten von kräftigen Morgenerektionen, bei Frauen in der Aussöhnung 
mit ihrer weiblichen Rolle, was häufig genug in der Besserung ihrer aktuellen 
Liebesfähigkeit zum Ausdruck kommt, besonders eindrucksvoll bei solchen, die 
bisher noch nie richtig empfunden hatten. Auch die Träume haben ihren 
Charakter geändert; ursprünglich angstvoll, sind sie jetzt mehr reflektierend 
und kritisierend geworden. Es treten Träume auf, die Emanzipationsbestrebun- 
gen, Entwertungstendenzen, schließlich auch die Parodierung und Verulkung 
des Analytikers und der Analyse selbst bringen. Einige Traumbeispiele mögen 
dies zeigen: * ' 

Der Träumer, der in einem Auto fährt, nimmt dem links neben ihm sitzenden 
Chauffeur den Volant aus der Hand und übernimmt selbst die Führung des Wagens. 
(Emanzipationstendenz.) 

Die Entwertung des Aktuellen kommt dadurch zum Ausdruck, daß an- 
scheinend gefährliche Situationen in den Träumen angstlos erledigt werden. 
So wird etwa die Mitteilung der unmittelbar bevorstehenden Hinrichtung 
ohne Angst entgegengenommen; oder es kommen wilde Tiere auf den Träumer 
zu, die sich in der Nähe als harmlos erweisen, oder es bricht Feuer aus, ohne 
Schaden zu stiften. In diesen Träumen zeigt der Analysand sich selbst und 
den anderen die Tatsache, daß er dem Analytiker „über den Kopf gewachsen 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXI/3 20 



4a8 



Maxim. Steiner 



ist". Noch deutlicher wird das, wenn ein sich feminin identifizierender Pa- 
tient, bei dem Ideen seiner hormonalen Minderwertigkeit eine große Rolle 
gespielt haben, nun träumt, daß ihm ein Hoden samt dem Penis, der auffallend 
klein ist, abgefallen sei. Es ist ein lehmartiges Gebilde, das er einer im Zimmer zu- 
gleich mit ihrer kleinen Tochter befindlichen Frau überreicht, die es mit Behagen 
verspeisen, wobei er ein Gefühl unendlicher Überlegenheit hat. 

Das ist wohl eine besonders schöne Darstellung der analytischen Erledigung 
eines früher angstbetonten Komplexes. 

Am augenfälligsten ist dieses Entwertungsmotiv in Träumen, in denen 
Personen oder Dinge, die einst groß oder bedeutend waren, nunmehr klein 
erscheinen, z. B. in folgendem: 

Der Träumer befindet sich auf dem Friedhof beim Grabdenkmal des verstorbenen 
Prof. Schwind. Aber das ganze Denkmal ist eigentlich nur ein kleiner, würfelförmiger, 
durchsichtiger Kasten und der darin stehende Prof. Schwind füllt selbst diese Kiste 
nur zur Hälfte aus. 

Diese Symbolik ist deutlich genug. Der Analytiker ist erledigt (tot und 
klein). Für den, der die Beziehung zwischen Traum und "Witz kennt, ist es 
ziemlich wahrscheinlich, daß hier auch der Analyse selbst (kleiner Schwind = 
Schwindel) der Garaus gemacht wird. 

Wenn sich nun der Analytiker unter diesen Umständen zur Beendigung der 
Analyse entschließt und dieses Vorhaben dem Analysanden zur Kenntnis bringt 
oder auch nur andeutet, dann erwacht plötzlich der oben erwähnte „"Wider- 
stand der letzten Zeit". Der Sinn dieses Widerstandes ist, entweder dem 
Analytiker zu zeigen, daß man genau so krank und elend ist wie zuvor, oder 
aber daß man ihm den Erfolg nicht verdanken will. Der erfahrene Analytiker 
merkt aber an gewissen Anzeichen, daß dieser Widerstand, so ähnlich er auch 
in seiner manifesten Äußerung dem gleichen Phänomen der Anfangszeit sein 
mag, sich dennoch von ihm unterscheidet. Der Affekt ist unecht, gespielt, man 
könnte sagen, arrangiert. Der Fachmann wird ihn durchschauen, und das 
Verständnis dieser letzten Phase der Analyse erschließt sich ihm durch Träume, 
in denen das „Motiv des Rückzugsgefechts" symbolisch dargestellt wird. 

Ein Patient mit einer psychischen Sexualstörung, der im Laufe der Behand- 
lung zu einer sehr zufriedenstellenden Potenz gelangt ist, bringt vor der Be- 
endigung der Analyse folgenden Traum: 

Ich soll in ein Haus gehen, wohin mich mein Vater gerufen hat, damit ich vor- 
singe. Als ich dort eintrete, sagt mein Vater, es sei nicht mehr nötig. Ich bin sehr 
gekränkt und sage es auch, aber ich werde anscheinend nicht ernst genommen. 

Ein anderer Patient mit einer Potenzstörung, in dessen Neurose die feminine 
Identifizierung eine große Rolle gespielt hat, aber nunmehr einer betont 
männlichen Einstellung gewichen ist, träumt unmittelbar nach der „Kündi- 
gung", daß er ein Mädchen aus einem Zimmer hinausgeschickt hat, sie aber 
heimlich bei einer Seitentüre wieder hereinläßt. 



Die Traumsymbolik der analytischen Situation 



429 



Ein Patient, der nebst anderen Symptomen namentlich an gehäuften Pollu- 
tionen gelitten hat, die während der Kur vergangen sind, träumt unmittelbar 
nachdem ich den Termin ausgesprochen habe, daß er eine Pollution bekommen 
hat und sich über den Analytiker, der es mit Bestürzung wahrnimmt, wundert. 

Ich bin mir natürlich vollkommen darüber im klaren und will es 
nochmals betonen, wie unendlich schwierig es ist, meine Formulierungen durch 
einzelne aus dem Zusammenhang gerissene Traumfragmente hinreichend zu 
stützen. Die von mir in Aussicht gestellte ausführliche Publikation wird 
dieser Aufgabe hoffentlich besser gerecht werden. Für den Augenblick aber 
würde ich sehr glücklich sein, wenn es mir durch diese Arbeit gelungen wäre, 
die Kollegen zu veranlassen, die Richtigkeit der von mir gebrachten Traum- 
symbolik der analytischen Situation an ihrem eigenen großen Traummaterial 
nachzuprüfen. 



Beiträge zu einer Psychopathologie 
des Traumes II 

Von 

Eduard Hitschmann 

Wien 

Die Widerstände der Psychologen und Psychiater gegen die Beschäftigung 
mit dem Thema der Träume sind so verbreitet, daß wir Psychoanalytiker die 
einzigen Fachleute auf diesem Gebiete, das viel praktische Erfahrung er- 
fordert, sind. 

Der Traum ist für uns Gegenstand täglicher Beobachtung. Der Schüler der 
Psychoanalyse lernt in seiner Lehranalyse seine Träume deuten. Macht er 
dann, nach Schulung in Kursen und gründlicher Lektüre von Freuds „Traum- 
deutung", selbst seine ersten Analysen unter der Kontrolle eines erfahrenen 
Analytikers, so berichtet er diesem regelmäßig über die Träume seines Analy- 
sanden in der abgelaufenen "Woche. So berichtet etwa der Schüler in der in- 
ternen Medizin über den Verlauf des Organ- oder Harnbefundes bei dem ihm 
anvertrauten Patienten. Ich beschreibe dies hier, um zu zeigen, wie selbstver- 
ständlich die objektiven Traumbeöbachtungen und -deutungen Gegenstand 
ärztlicher Erfahrung geworden sind. 

Wird erst eine Psychopathologie der Träume all das Gesetzmäßige, Unbe- 
zweifelbare, Erwiesene über dieses Stiefkind der Medizin und Psychologie dar- 
stellen, so wird ein Ausweichen und Verleugnen nicht mehr gut möglich sein. 

Die Erkenntnis wird sich Bahn brechen, daß „wer sich die Entstehung der 
Traumbilder nicht zu erklären weiß, sich auch um das Verständnis der Phobien, 
Zwangs- und Wahnideen, eventuell um deren therapeutische Beeinflussung, 
vergeblich bemühen wird" (Freud). 

Mit Kretschmer die Überzeugung vertretend, daß es den Grundsätzen 
einer soliden wissenschaftlichen und ärztlichen Urteilsbildung widerspricht, 
ein so umfangreiches Stück Erfahrungsmaterial wie die Träume 
zu vernachlässigen, kommen wir hier nochmals auf die Anregung zu einer 
Psychopathologie der Träume zu sprechen, die vor allem das Gesetzmäßige 
dieser seelischen Erscheinung festzulegen hat, aber auch zur Vervollständigung 
unserer Befunde beitragen wird. 

Wenn ich mit meinem ersten Aufsatz über dieses Thema 1 durch die Betonung 
des Wertes auch der manifesten Traumbilder und der durchschaubaren 
Träume neues Interesse unter den Psychiatern und Psychologen geweckt 
habe, kann ich nun erst recht der Tiefendeutung, deren jeder längere, ausführ- 
lichere Traum für die Psychoanalyse bedarf, mit allem Respekt gedenken. Das 
reiche Material, das in einem solchen Traum verdichtet ist, seine volle Ein- 



Beiträge zu einer Psychopathologie des Traumes II 



43» 



Ordnung in das Seelenleben des Träumers, der latente unbewußte "Wunsch- 
gehalt, die "Wertung von Widerstand und Übertragung im Traum, seine Be- 
deutung für den Verlauf der Psychoanalyse kann natürlich nur durch regel- 
rechte Deutung hervorgeholt werden. Ein leuchtendes Beispiel einer extensiv 
und intensiv erschöpfenden Bearbeitung eines Traumes finden wir in Freuds 
Arbeit „Aus der Geschichte einer infantilen Neurose". 2 Es heißt dort: „Ich 
will bemerken, daß diese Deutung eine Aufgabe war, deren Lösung sich durch 
mehrere Jahre hinzog . . . Nachdem uns die Synthese dieses Traumes gelungen 
ist, will ich versuchen, die Beziehungen des manifesten Trauminhaltes zu den 
latenten Traumgedanken übersichtlich darzustellen." 



Das Kapitel „Phänomenologie der Träume" wird ein umfangreiches 
werden müssen und fast aller Vorarbeit erst bedürfen. Abgesehen von den 
Differenzen der Zahl, des Umfanges, der zugehörigen Deutungsbereitschaft, 
wie sie davon abhängig ist, ob und mit welchem Vorzeichen die Träume 
während einer Analyse „in den Stromkreis der Übertragung eingeschaltet 
sind" (Sachs), — stellen wir solche Differenzen auch sonst in den Eigenheiten 
verschiedener Träumer fest, so daß all diese verschiedenen Typen beschrieben 
werden müssen, der Ursprung dieser Arten des Träumens, des Festhaltens oder 
des Berichtens erst gesucht werden muß. Zwei Gattungen von Träumen 
hat der Dichter Gottfried Keller in seinem Traumbuch (15. September 1847) 
differenziert: 

„Auch dem Schulz werde ich beim Frühstück keine Träume mehr erzählen," 
heißt es dort, „weil er den Verdacht aussprach, daß ich dieselben vorweg er- 
sinne und erfinde. Er kennt nur die einfachsten Träume als: heute träumte ich 
von einem Sarg, oder von Rauten, oder: ich fing Fische, oder: ich sah einem 
die Nägel abschneiden usf. Weil er keine Phantasie hat, welche auch im 
Schlafe schafft und wirtschaftet, so hält er einen wohlorganisierten Traum, der 
einen ordentlichen Verlauf und schöne künstlerische Anschauungen hat, für 
unmöglich . . ." 

Über die „Qualitätenskala der Träume von der Verworrenheit bis zur Klar- 
heit" (Freud) und vieles andere finden wir Aufklärung in der „Traum- 
deutung". Allenthalben finden sich hier Bruchflächen, welche Kontaktstellen 
mit der Psychologie entsprechen. Manche stehen schon in Erörterung, z. B. 
der scheinbar beschleunigte Ablauf des seelischen Geschehens, wie ihn die 
Traumarbeit zeigt. Seltsamerweise hat die Universitätspsychologie sonst fast 
all diese Fragen unbeantwortet gelassen; hier eröffnet sich ihr noch ein großes 
Arbeitsfeld. 

"Was die Psychologen so lange hat zögern lassen, die Freud sehe Traum- 
deutung anzuerkennen, waren die bekannten "Widerstände gegen die Psycho- 

2) Ges. Sehr., Bd. VIII. 



432 



Eduard Hitschmann 



analyse, besonders die Einwände gegen ein unbewußtes Seelisches; dann gegen 
das Sinnvolle der Träume und gegen die Wissenschaftlichkeit der Symbolik, 
zumal der sexuellen. Durch tendenziöse Kritik der Psychoanalyse wurden 
zahlreiche Jahrgänge von Studierenden der Psychologie dem Thema der 
Traumdeutung entfremdet. 

So erklärt es sich, daß die Träume, eine solche Fundgrube psychologischer 
Erkenntnisse, von der Psychologie vernachlässigt erscheinen. Eine Arbeit wie 
die von Karl Siebert über „Fehlleistung und Traum" 3 zeigt noch die ganze 
Überheblichkeit und Oberflächlichkeit des Besserwissers. Aber in einer Arbeit 
desselben Autors, zwei Jahre später, „Die Gestaltbildung im Traum. Eine 
experimentelle Untersuchung" 4 finden wir schon mehr Respekt und Einsicht. 

Hier wäre aber des wichtigen Beitrages des Psychiaters O. Pötzl „Experi- 
mentell erregte Traumbilder in ihren Beziehungen zum indirekten Sehen" 
zu gedenken. 5 Die Versuchsergebnisse können als experimentelle Illustra- 
tionen der Freudschen Traumanalyse betrachtet werden und sind geeignet, 
diese auch den Experimentalpsychologen näherzubringen. Sie bestätigen 
wichtige Tatsachen der Psychoanalyse. 

Der Leidener Psychiater Jelgersma hat schon im Jahre 1914 6 in seinem 
Vortrag „Unbewußtes Geistesleben" sich voll Bewunderung für die Anerken- 
nung der Traumdeutung eingesetzt, ohne daß viele andere Psychiater davon 
beeinflußt worden wären. Schilder behandelt in seiner „Medizinischen Psy- 
chologie" (1924) das Traumproblem ausführlich im psychoanalytischen Sinn. 

Das ausgezeichnete kleine Werk von L. Binswanger, „Wandlungen in der 
Auffassung und Deutung des Traumes von den Griechen bis zur Gegenwart" 7 
steht ganz auf dem Boden der Psychoanalyse. Die überraschende Überein- 
stimmung antiker Traumdeutung mit der der Psychoanalyse hat H.W. Gruhle 
in einem Vortrag in der Versammlung der südwestdeutschen Neurologen und 
Psychiater nachgewiesen (1928). Pötzl verdanken wir weiters mehrere be- 
deutsame Arbeiten zum Traumproblem: „Schlaf Zentrum und Traum" (Med. 
Klinik, Jg. 22, 1926); „Über richtende Momente im Traum" (W. med. 
Wochenschr., Jg. jj, 1927); „Analyse eines Traumes mit Zoopsie" (Psych, 
neur. Wochenschr., 29, 1927). 

A. v. Muralt hat bereits im Jahre 1922 die Erwartung ausgesprochen, daß 
die Traumdeutung zu einer generalisierenden, wissenschaftlichen Me- 
thode nach Art anderer naturwissenschaftlicher Methoden in der Medizin 
auszubauen sei. 8 Laignel-Lavastine sprach 1926 die Hoffnung aus, daß 

3) Braumüller, Wien, 1932. 

4) A. f. Psychologie. 

5) Ztschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych., 73, 1917. 

6) Beihefte zur Int. Ztschr. f. Psa., 1914, Nr. 1. 

7) Berlin, 1928, J. Springer. Dem gleichen Autor verdanken wir auch die ebenfalls von 
hoher Bildung zeugende Arbeit „Traum und Existenz" (Neue Schweiz. Rdsch., 1930). 

8) „Zur Frage der Traumdeutung", Schw. A. f. Neur. u. Psych., Bd. 11. 



Beiträge zu einer Psychopathologie des Traumes II 



433 



im Laufe der Zeit die Untersuchung der Träume eine feinere Klassifi- 
zierung der Charaktere ermöglichen werde. 9 

Havelock-Ellis veröffentlichte in „The Psychoanalytic Review" 10 eine 
Arbeit „Die Traumsynthese: Studie einer Reihe von ioo Träumen", in der er 
ioo Träume einer Frau ohne psychologische Auswertung bringt, nur um ein 
Bild ihrer Traumtypik und der in ihr sich auswirkenden Phänomene und 
Funktionen zu geben. 

Selbst ein Skeptiker wie J. M einer tz 11 gibt zu, die Traumdeutung trage 
„zur seelischen Morphologie der einzelnen menschlichen Seele, einschließlich 
ihrer Verwurzlungen" bei und gebe „einen Zipfel in die Hand, an dem wir 
uns in die Tiefe tasten können". Psychoanalytische Theorie und Traum- 
forschung stehen im Verhältnis gegenseitiger Befruchtung; so betrachten z. B. 
Jekels und Bergler in ihrem Vortrag „Triebdualismus im Traum" 
(XIII. Int. Psa. Kongreß, 1934) auch das Traumphänomen unter dem Aspekt 
des Ringens von Eros und Todestrieb und finden dann im Traum Manifesta- 
tionen des Todestriebes. Oder: Die bekannte symbolische Gleichung Zahn = 
Penis „muß" nach Jones aus einer gewissen sadistischen prägenitalen Phase 
„stammen", ist also ein Beweis für sie („Die phallische Phase", Int. Ztschr. f. 
Psa., Bd. XIX, 1933). Jones' grundlegende Arbeit „Der Alptraum" (Sehr, 
z. angew. Seelenkunde, 191 2) gibt Beweise für die Theorie der hysterischen 
Angst. — Hier mögen auch Federns Ausführungen über „Das Ich-Gefühl 
im Traum" (Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XVIII, 1932) Erwähnung finden. 



Die feinsinnige Ausführung eines Psychiaters, Griesinger, „die mit aller 
Klarheit die Wunscherfüllung als einen dem Traume und der Psychose ge- 
meinsamen Charakter des Vorstellens enthüllt", hat seinerzeit neben seinen 
eigenen Untersuchungen Freud gelehrt, daß hier der Schlüssel zu einer 
psychologischen Theorie des Traumes und der Psychose zu finden ist. 

Über die Beziehungen zwischen Traum und Geisteskrankheiten hat Freud 
sich dann in der Traumdeutung ausführlich geäußert und Autoren angeführt, 
die zu dem Thema berichtet haben. Die Ansicht, daß ein Traum eine Geistes- 
krankheit verursachen könne, stellt Freud dahin richtig, daß in diesen Fällen 
besser ausgesagt wird, die geistige Störung habe ihre erste Äußerung am Traum- 
leben gezeigt, sei im Traume zuerst durchgebrochen. Auch wird z. B. von 
Fere von einem Traume berichtet, „der eine hysterische Lähmung zur Folge 
hatte". 

Ich selbst habe einmal eine hysterische Patientin zu behandeln gehabt, die 
Wochen vor dem Eintritt der Lähmung von ihr geträumt hatte: dieselbe war 



9) „Der semiologische Wert der Träume", Journ. med. franc, Bd. 15. 

10) Bd. 12, 1925. 

11) Z. f. d. g. Neur. u. Psych. 193 $, Bd. 153, H. 1. 



auf Selbstbestrafungstendenzen zurückzuführen, die, bevor sie an einem Buß- 
tag nach dem Besuch des Gotteshauses die Lähmung hatten in Erscheinung 
treten lassen, im Traum bereits sich gemeldet hatten. Träume, deren leidender 
Inhalt durch solche Tendenzen charakterisiert sind, haben wir schon hervor- 
gehoben. Daß die Analyse die Paraparese als Kastration deuten ließ, wird 
nicht wundernehmen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß eine rechtzeitige Kennt- 
nisnahme ähnlicher Träume durch den Arzt zur Verhütung des Ausbruches 
des Symptoms verwendet werden kann. 

Aber über die Träume der Geisteskranken muß erst ausführlich 
gearbeitet werden, und zwar unter Zugrundelegung der psychoanalytischen 
Traumdeutung. Eine Deutung mit Hilfe der Einfälle des Kranken wird nicht 
immer möglich sein. Hollos verdanken wir eine Studie über „Die Arbeit 
des Traumes und der Geisteskrankheiten", ihre Analogie (in „Psa. Studien", 
Budapest, 1933). Ebendort berichtet Almasy über Psychoanalyse von amentia- 
artigen Krankheitsbildern. 

Es sei hier eine Arbeit über das Traumleben chronischer Alkoholiker heran- 
gezogen, um zu zeigen, wieviel hier noch zu leisten ist, und wieviel Anregung 
zu wissenschaftlicher Weiterarbeit von den Traumbeobachtungen ausgehen 
kann. Das Traumleben chronischer Alkoholiker, sobald sie 
abstinent werden, wird von J. G. Jislin sehr charakteristisch geschil- 
dert. 12 Gedrückte Stimmung, Angst, paranoische Einstellung gehen schon 
voraus. Dann beginnt der Schlaf sich zu verschlechtern, und der Patient wacht 
aus schweren Träumen auf. „Er fällt irgendwohin, bricht durch irgendetwas 
durch; ihn überfallen Banditen, zerlumpte Kerle von schrecklichem Aussehen, 
mit ungewöhnlich verzerrten Gesichtern; er sieht in großer Anzahl ver- 
schiedene Tiere: Wölfe, Bären, Löwen, öfters aber Hunde, Katzen, Mäuse, 
Pferde. Die Hunde und Pferde beißen ihn, er will sich von ihnen befreien, 
dabei schlägt er im Bett mit den Händen um sich, nicht selten beschädigt er 
sie und erwacht dann. Er hört Gebell, Geschrei, Gesang, Musik, wacht in 
Schweiß gebadet auf, aber die Figuren der Menschen und sich bewegenden 
Tiere stehen gleichsam einige Zeit noch vor seinen Augen." 

Ein erster solcher Traum lautete: „Zu ihm kam eine Militärperson, ein Oberst 
mit blankem Säbel und schrie: .Wirst du, Hundesohn, noch lange hier saufen? 
Wenn du es tust, haue ich dir gleich den Kopf ab,' wobei er den Säbel gegen ihn 
hob." — Der psychoanalytische Traumdeuter wird hier auffallende Ähnlichkeit 
mit den Träumen von Homosexuellen feststellen. Der Zusammenhang zwi- 
schen der Intoxikation mit Alkohol und der Homosexualität könnte von 
hier aus angegangen werden. Der Autor nimmt jedoch auf letztere gar nicht 
Bezug. 

Die Psychoanalyse hat schon seit langer Zeit auf die homosexuelle Kom- 

12) „Zur Klinik der Abstinenzerscheinungen beim Alcoholismus chronicus", Ztschr. f. d. 
ges. Neurol. u. Psych., 136, 193 1. 



Beiträge zu einer Psychopathologie des Traumes II 



435 



ponente bei Trinkern hingewiesen. Abrahams Arbeit aus dem Jahre 1908 13 
entnehme ich nur folgenden Satz: „Durch jede Kneipe geht ein Zug von 
Homosexualität. Die gleichgeschlechtliche Komponente, die wir unter den 
Einflüssen der Erziehung verdrängen und sublimieren gelernt haben, kommt 
unter der "Wirkung des Alkohols unverkennbar wieder zum Vorschein." 

A. Kielholz machte einen „Analyseversuch bei Delirium 
tremens", 14 den er mit folgender Zusammenfassung schließt: „Die Einfälle 
eines Alkoholdeliranten zu seinen wahnhaften Erlebnissen weisen auf eine 
Verstärkung der homosexuellen Triebkomponente, des Narzißmus und vor 
allem des Schautriebes hin . . . Die dem Trinker am nächsten Stehenden, haupt- 
sächlich des eigenen Geschlechtes, zu denen er in besonderer Art, meist ambi- 
valent, affektiv eingestellt ist, erscheinen im Delir in Tiere verwandelt . . ." 
Auf die verstärkte homosexuelle Triebkomponente als ätiologisches Element 
der Trunksucht hat Kielholz bereits früher hingewiesen. 15 

„Zur Psychologie des alkoholischen Beschäftigungdelirs" hat V. Tausk 18 
Beobachtungen geliefert; er deutet dort auch den Beschäftigungstraum 
als Impotenzangsttraum. Narzißmus und unbewußte Homosexualität sind 
auch nach diesem Autor die Disposition für den Alkoholmißbrauch. 

Über „Beschäftigungsträume (Sisyphusträume) und Beschäftigungsdelir" 
kam H. Christof fei 17 zu dem Resultat, sie seien ein Vorsymptom der Er- 
schöpfungsschlaflosigkeit: Der Patient könne sich nicht mehr vom Tage und 
seiner Tätigkeit lösen. 

Zu meiner kleinen Arbeit aus dem Jahre 19 12 „Swedenborgs Paranoia" 
im Zentralbl. f. Psa. hatte ich Träume Swedenborgs nicht zur Verfügung; 
ich fand solche erst später im Buch von H. W. Gruhle, „Swedenborgs Träume, 
ein Beitrag zur Phänomenologie seiner Mystik", 18 woraus die Wandlung der 
Persönlichkeit Swedenborgs zum religiösen Paranoiker sich klar ableiten läßt. 
Nehmen wir die endgültige Umwandlung für sein Alter von 57 Jahren an 
(Visionen!), so sind die Träume aus dem jj. und $6. Jahr uns besonders 
wichtig. Immer deutlicher wird die passiv-homosexuelle Einstellung, die Ab- 
neigung und Angst gegenüber den Frauen, die Kastrationsangst. 

Man beachte z. B. den Traum vom 5. August 1744: „Sah einen Mann mit ge- 
zogenen Degen auf mich zukommen; ich glaubte, auch einen Degen mit silbernem 
Griff zu haben; aber als der Mann kam, hatte ich keinen, sondern eine zerbrochene 
Scheide. Der Mann legte sich auf meinen Rücken und biß mich in die Hände; ich rief 

13) „Die psychol. Beziehungen zwischen Sexualität u. Alkoholismus", Z. f. Sexualwiss., 
1908 (Intern, psa. Bibliothek, Bd. X). 

14) Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XII, 1916. 

ij) Schweiz. A. f. Neurol. u. Psych., Bd. XVI: „Trunksucht und Psychoanalyse." 

16) Int. Ztschr. f. Psa., Bd. III, 191 5. 

17) Zentrbl. f. Neurol., 17, 1928. 

18) Psychol. Forsch. Berlin, 192 j, Bd. j. — Ausführlicher bei Winterstein: „Sweden- 
borgs mystische Krise und sein Traumtagebuch" (im Erscheinen). 



436 



Eduard Hitschmann 



um Hilfe, aber es kam keine." Im Traum vom 18. April ist eine große Frauens- 
person Henker, köpft und soll die Stücke dann essen. Oft träumt er von bissigen 
Hunden. Am 10. Oktober erschienen ihm Frauen mit Vagina dentata u. dgl. m . 
Swedenborg erwähnt im Traumtagebuch, daß im Gegensatz zu seiner früheren 
Sinnlichkeit im Dezember 1743 diese Neigung plötzlich aufhörte, und er 
keinen Gefallen mehr am weiblichen Geschlecht fand. 

^ Die psychoanalytische Auffassung der Paranoia, wie sie Freud am Falle 
Schreber 19 dargestellt hat, wird durch die Träume Swedenborgs bestätigt. 

Von den Beobachtungen über die Halluzinationen bei Amentia ausgehend, 
betont Paul Schilder, 20 daß in der Genese des Schlafes und des Traumes 
ebenso wie in der Genese der Amentia der Faktor toxischer Ermüdungspro- 
dükte mit eingestellt werden muß. Auf die Halluzinationen bei Intoxikatio- 
nen (Kokain, Meskalin) hinweisend, spricht Schilder die Vermutung aus, wir 
hätten Aussicht von der Pharmakologie her in dieses Problemgebiet noch 
weiter einzudringen. 

In gewissen Richtungen stehe der Traum der Schizophrenie näher als der 
Amentia. "Wie die einzelnen Partien des Ideal-Ichs sich in Traum, Amentia, 
Schizophrenie verhalten, müßte Gegenstand besonderer Untersuchung sein. 

Auch eine Arbeit von Herschmann und Schilder aus dem Jahre 1920 
über „Träume der Melancholiker nebst Bemerkungen zur Pathologie 
der Melancholie" 21 berücksichtigt nur die manifesten Trauminhalte: In vielen 
ihrer Träume fühlen sich die Melancholiker glücklich, ganz im Gegensatz zu 
ihrer Stimmung bei Tage. In anderen Träumen empfindet der Patient zwar 
kein Glücksgefühl, aber der Inhalt des Traumes führte zu angenehmen und 
lustbetonten Erlebnissen der Vergangenheit hinüber. Für die allgemeine 
Psychopathologie ist es von Bedeutung, daß sich die Lustentbindung aus dem 
vollbewußten Denken in die Träume flüchtet, was mit den sonstigen Erfahrun- 
gen der Psychoanalyse übereinstimmt. Die Fähigkeit zum lustvollen Erleben 
ist nicht in Verlust geraten, ist nur gehemmt. Sie wird dem Individuum nur 
von einem überstrengen Ideal-Ich nicht gestattet. — Hier hätten gründlichere 
Untersuchungen weitere Vertiefung zu bringen. 

Die Beziehungen, welche zwischen seelischen Zuständen und somatischen 
Krankheiten nachgewiesen sind, lassen auch die Träume organisch Kran- 
ker in Betracht ziehen. Es folgen hier Angaben neuerer Literatur zum Thema 
Traum und Organe: 

„Der physiologisch-diagnostische Traum" von E. Mitchell, Ref. Zbl. 
Neurol., 1923. 

„Das Studium der Träume als Methode der topischen Diagnostik" von 
A. Grünstein, Ref. Zbl. Neurol-, 1923, und ähnli ch Zbl. Neurol., 1924. 

19) Jahrb. f. psa. Forsch., Bd. III, 1911; Ges. Sehr., Bd. VIII. 

20) „Entwurf einer Psychiatrie auf psychoanalytischer Grundlage", Int. Psa. Verlag, 1925. 

21) Ztschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych., Bd. 37. 



Beiträge zu einer Psychopathologie des Traumes II 



437 



,Fragmente über das Sehen im Traum" von J. Streift., Z. f. Sinnesphysiol. 192$. 
,T räume von leiblicher Herkunft" von F. J. Soesmann, Ref. Zbl. Neurol., 

I9 2S. 

„Organ reiz träume" vom selben Autor, am selben Ort. 

„Somatisch bedingte Angstträume" von E. Eichenberger, A. f. Psych., 1929. 

„Träume bei Labyrinthläsionen" von K. Eisin ger und P. Schilder, A. f. 

Psych., 1929- 

„Zusammenhang von Vestibularf unktion, Schlaf Stellung und Traum- 
leben" von H. Hoff, Mschr. Psych., 1929. 

„Träume von Lungenkranken" von H. Hoke, Med. Klinik, 1930. 

„Darstellung somatischer Phänomene im Traum", Ref. Zbl. Neurol., 1931. 

„Bemerkungen über die Bedeutung des Traumes in der Gynäkologie" 
von A. Mayer, Ref. Zbl. Neurol., 1932. 

„Ober das Traumleben der Epileptiker" von L. Göttke, A. f. Psych., 1934. 

Im Abschnitt über den inneren organischen Leibreiz als Traumquelle führt 
Freud an, daß schon Aristoteles es für sehr wohl möglich erklärt, „daß man 
im Traume auf beginnende Krankheitszustände aufmerksam gemacht würde, 
von denen man im "Wachen noch nichts merkt, und ärztliche Autoren, deren 
Anschauung es sicherlich fern lag, an eine prophetische Gabe des Traumes zu 
glauben, haben wenigstens für die Krankheitsankündigung diese Bedeutung 
des Traumes gelten lassen." 

Ganz im Sinne unserer Ausführungen hat Alexander die Bedeutung 
statistischer Untersuchungen über die Träume scheinbar nur organisch Kranker 
erkannt und im Chikagoer psychoanalytischen Institut erfolgreich verwertet. 

Im Jahresbericht des Institutes 1933— 1934 findet sich ein Kapitel statisti- 
sche Traumstudien an Kranken mit peptischen Geschwüren und 
Magenneurosen, welche dort psychoanalytischer Behandlung unterzogen 
werden. Die Analysen an diesen Patienten ergaben ein bemerkenswertes Über- 
wiegen von Träumen und freien Assoziationen über Nahrung, Essen und 
Trinken (orales Material). Die Annahme, daß an der dauernden Tätigkeit 
dieser Mägen, auch nachts, seelische Reize schuld seien (oral-rezeptive oder 
oral-aggressive), wird bestärkt durch die Tatsache, daß in den Träumen 
Nahrung oder Nahrungsaufnahme halluziniert sind. Ohne daß diese Unter- 
suchung als beendet angesehen werden kann, bestätigt es sich, daß diese 
Inhalte in den manifesten Träumen recht häufig, besonders bei pepti- 
schen Geschwüren erscheinen. Alexander und "Wilson haben ihre statisti- 
schen Traumstudien natürlich auch auf die im latenten Trauminhalt sich 
äußernden oralen Tendenzen ausgedehnt. 

Die Autoren sind durch diese Traumstudien bestärkt in ihrer Theorie, daß 
die Unbefriedigung jener oralen "Wünsche an der Ubertätig- 
keit und Übersäuerung dieser Mägen, welch letztere sich so oft nachts 
zeigt, Schuld trägt. Der Einwand, daß etwa diese oralen Träume die Folge 
der Reizung durch das Geschwür seien, hält nicht stand, da ausgedehnte Be- 
obachtung zur Evidenz erwiesen hat, daß solche orale Träume Ausdruck 



43** Eduard Hitschmann 



oral-rezeptiver Wünsche sind, die unabhängig von Geschwüren sind und deren 
Entwicklung vorausgehen. 22 

Über spezielle Formen von Träumen liegen viele, z.T. noch psycho- 
analytisch zu vertiefende Publikationen vor; eine auf Vollständigkeit keinen 
Anspruch machende Reihe sei hier angeführt: 

„Der Traum von vergeblichen Anstrengungen" (Gregory, Psyche, Bd. 4, i 92 ,\ 

„Untersuchungen über Kinderträume" (Raspe, Z. f. pädag. Psychol u exD 

Pädag., Jg. 25, 1924). p - 

„Über den klassischen Traum der Entjungferung" (Levi-Bianchini, Verh. d 
1. Int. Kongr. f. Sexualforsch., Bd. 3, 1928). 

„Die Flugträume" (Levy, J. de Psychol., 2j, 1928). 

„Über das Bettnässen und die Rolle der Träume in seinem Bilde" 
(Weißenberg, Z. f. Kinderheilkunde, Bd. 40, 1925). 

„Das Traumbild der Blinden" (Deutsch, Psychoan. Review, Bd. 35, 1928). 

„Eine Untersuchung der Blindenträume unter bes. Berücksichtigung der Sinne 
am Aufbau der Traumvorstellungen" (Buttenwieser, Eos, Jg. 19, 1927). 

„Bemerkungen zu einigen Träumen einer Normalen" (Sturt, Brit. Journ. of 
psychol., Bd. 13, 1922). 

„Sprachstörungen im Traum" (Saussure, Rev. med. d. 1. Suisse rom., Jg. 43, 1923). 

„Die Erklärung des Traumes bei den Primitiven" (Halbwachs, J. de psychol.* 
Jg. 19, 1922). 

„Der Traum und die Blinden" (Bolli, J. de psychol., 29, 1932). 

„Traum einer frigiden Frau" (Pichon, Rev. franc. Psychoan., j, 1932). 

„Ober Häufigkeit der Geschmacks- und Geruchsträume" (Kiesow, A ital. 
Psicol., 7, 1929). 

„Somatisch bedingte Angstträume" (Eichenberger, A. f. Psych., 87, 1929). 

„Der Traum vom Träumen" (Jolowicz, 6. allg. ä. Kongr. f. Psychother., Dresden. 

„Die verschiedenen Träume derselben Nacht" (Löwy, ebenda). 
„Der Dynamismus der Dem. praecox. Wovon träumen die Schizo- 
phrenen?" Pharmakodynam. Psychoanalyse (Press, med., 1932). 

* ^ * 
* 

Das Kapitel „Symbolik" ist mit Rücksicht auf die zahlreichen Zweifler 
an der Traumsymbolik ein besonders wichtiges und überdies ein für die 
Psychoanalyse ruhmreiches. Ist doch die Symbolik auf dem Gebiete der Neur- 
osen und Psychosen geistiges Eigentum der Psychoanalyse, die Symbolik der 
Träume zum großen Teil. 23 

Dieselben Symbole finden wir bekanntlich in gleicher Bedeutung auch im 
Mythus, im Witz und im Folklore. Die meisten Symbole, deren Deutung 
durch die Analyse heftigem Widerspruch begegnet ist, werden hier oft mit 
bewußter Bedeutungserfassung verwendet. Und es überwiegen hier die 
Sexualsymbole nicht minder als in Traum und Geistesstörung. Das Bewußt- 
sein der Bedeutung symbolischer Darstellung für die Bildung des Traumes war 
im vorwissenschaftlichen Denken seit den ältesten Zeiten wohl niemals ganz 

22) Vgl. auch Alexander, „Über den Einfluß psychischer Faktoren auf gastrointestinale 
Störungen". Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXI, 193 j, H. 2. 

23) "Wir folgen hier der Darstellung von Heinz Hartmanns „Die Grundlagen der 
Psychoanalyse", G. Thieme, Leipzig, 1927. 



Beiträge zu einer Psychopathologie des Traumes II 



439 



erloschen. Eingang in die "Wissenschaft hat aber der Gedanke erst mit Freuds 
Traumdeutung gewonnen. 

Überdies gibt es unter den Symbolen, deren Verständnis sich Freud bei 
der Analyse der Traumvorgänge erschlossen hat, keines, dessen Bedeutung 
und dessen psychische Zusammenhänge nicht auch aus der Untersuchung des 
schizophrenen Denkens bestätigt worden sind. 

Die psychoanalytische Symbollehre ist zum Überfluß auch auf experimen- 
tellem Wege unmittelbar bestätigt worden. In Versuchen von Schrotte r 2 * 
und von Roffenstein 25 wurde den Versuchspersonen in der Hypnose der 
Auftrag erteilt, ein bestimmtes sexuelles Erlebnis in entstellter Form zu 
träumen. Es ergaben sich dabei Entstellungen, welche mit den analytischen 
Traumsymbolen auf das genaueste übereinstimmen. Auch Betlheim und 
Hart mann, 26 sowie Nachmansohn 27 haben über experimentelle Symbol- 
studien berichtet. 

Schilder sagt in seiner „Medizinischen Psychologie": „Nichts hat so viel 
Widerspruch erfahren wie die Lehre von der Symbolik, wiewohl sie als ab- 
solut gesichert gelten kann." Aber der Traumsymbolik wird noch immer große 
Skepsis und Abneigung von jenen entgegengebracht, welche nie analysiert oder 
Träume zu deuten versucht haben. Ursula H. McConnel 28 wendet sich be- 
sonders gegen die analytische Deutung des Schlangensymbols und setzt ihr die 
Vermutung entgegen, daß die Schlange im Traum keine phallische Bedeutung 
habe bei jenen Primitiven, bei denen die Schlange auch Symbol von etwas 
Heiligem und Gütigem bedeute. 

Daß es sich bei der Symbolik um eine Wissenschaft handelt, welche vom 
Traumdeuter so herangezogen wird, wie die Bakteriologie vom Internisten, 
wird noch nicht allgemein verstanden. Wenn ich in meinem ersten Aufsatz 
hier Beweise aus den Träumen dafür gebracht habe, daß dem hysterischen Er- 
brechen so regelmäßig Fellatio-Phantasien verdrängt zugrunde liegen, so wird 
dies zu lesen, gewiß auf viele abstoßend gewirkt haben. Der erste aber, der die 
Beschäftigung mit dem Zusammenhang der Hysterie mit den Perversionen 
als „Wühlen im menschlichen Schmutz" bezeichnet hat, war — Freud selbst, 
vor 35 Jahren, in der ersten Auflage der Traumdeutung. Man muß sich be- 
mühen, den Tatsachen des so häufigen sexuellen Träumens der Neurotiker 
eben so unerschrocken ins Auge sehen zu können, wie Freud es tat; zu ändern 
ist an ihnen nichts! Die länglich geformte Speise erscheint übrigens auch in 
einem experimentellen Traum, von Roffenstein berichtet, als Penissymbol: 
und zwar die Banane. 

Das Kapitel Symbolik in der Psychopathologie der Träume wird neben den 

24) Zbl. f. Psa., II, 19 12. 

25) Ztschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych., 87, 1923. 

26) Arch. f. Psychiatrie, 72, 1924. 

27) Ztschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych., 98, 1925. 

28) „Die Bedeutung der Schlange im Traum" (Psyche, Jg. 1926). 



44° Eduard Hitschmann 



typischen, erwiesenen Symbolen auch nur plausible, seltene und unsichere auf- 
zuzählen haben. Dazu werden aber immer noch persönliche, fakultative 
originelle kommen. 

Hier ist der psychoanalytischen Forschung, aber auch der Symbolforschung 
überhaupt, noch ein weitverzweigtes, wichtiges Gebiet eröffnet. 

Das sichergestellte Gesetzmäßige der Symbolik aber läßt sich oft aus dem 
manifesten Traum bereits mit Eindeutigkeit herauslesen. 



Die Beobachtung auch nur der manifesten Traumbilder, ferner der durch 
die Psychoanalyse durchschaubaren Träume oder wie Bleuler einmal sagt, 
der „Träume mit auf der Hand liegender Deutung", 29 vor allem aber die 
weitere Anwendung der Freudschen Traumdeutung, eröffnen Gebiete neuer 
Forschung in der gesamten Psychopathologie und Psychologie. 

Wenn es möglich wäre festzustellen, wann bei einem Kinde die naiven 
"Wunschträume abgelöst werden von Träumen mit Äußerungen des Über-Ichs 
als Zensur, also den komplizierten und sich der Symbolik bedienenden 
Träumen, so hätten wir damit eine wichtige Tatsache der seelischen Ent- 
wicklung des Kindes erfahren. Hier verfließen die Grenzen zwischen 
Psychopathologie und Psychologie. 

Auch das Gebiet der Charakterologie ist ein Grenzgebiet. Zu der so 
bedeutsamen Arbeit von Freud „Über libidinöse Typen" habe ich die Frage 
aufgeworfen: "Weist solch ein Typus Eigenart in seinem Traumleben auf? 30 
Eine Frage, die sich durch Sammlung zugehöriger Träume leicht positiv beant- 
worten läßt. Man würde daraus gewiß auch erfahren, wieso der eine Typus 
erotisch geblieben oder geworden ist, oder wodurch der Zwangstypus, offenbar 
schon unter frühen Einflüssen, sein strenges Über-Ich erworben hat. 
Hier überall wird das Gesetzmäßige in Traumreihen das Beweisende sein. 
Die überaus aufklärende Wirkung von inPatho-oderPsychographien 
herangezogenen Träumen, bei denen nur der manifeste Inhalt zur Verfügung 
steht, ergibt sich aus fast allen psychoanalytischen biographischen Beiträgen. 
Gottfried Keller 31 und Swedenborg erleichterten die Heranziehung ihrer 
Träume durch Anlage eines Traumbuches. Laforgue hat in seinem Buch 
über Baudelaire 32 einen Traum des Dichters als wichtiges Beweismittel heran- 
gezogen. Franz Schubert 33 schrieb einen künstlichen, erfundenen Traum 
nieder, der sich aber ebenfalls für eine psychoanalytische Betrachtung als 

29) Münch. med. W., 1913, Nr. 45. 

30) „Freud über Menschentypen", Psa. Bewegung, 1932, H. 3. 

31) Hitschmann, „Gottfried Keller. Psychoanalyse des Dichters, seiner Gestalten und 
Motive." Int. Psa. Verlag, 19 19. 

32) „Der gefesselte Baudelaire", Int. Psa. Verlag, 1933. 

33) Hitschmann, „Franz Schuberts Schmerz und Liebe", Int. Ztschr. f. Psa., Bd. III, 
191$. 



Beiträge zu einer Psychopathologie des Traumes II 



44 r 



bedeutsam erwies. Meine Studien über Goethe wie über Schopenhauer, Ecker- 
mann und Hamsun stützten sich gleichfalls auf Träume. 34 

Die Träume des Dichters Dauthendey, wie sie in der wertvollen Traum- 
sammlung von I. Jezower (Rowohlt, Berlin, 1928) zu finden sind, bestätigen 
mir nachträglich meine Annahmen über die ' besondere Vaterfixierung des 
Dichters. 35 Eigene Träume haben Friedrich Huch und Isolde Kurz gesammelt 
und veröffentlicht. 

Sieht man „Das Buch der Träume" Jezowers durch, so erkennt man den 
Wert auch ohne jeden Versuch psychoanalytischer Deutung angeführter, nur 
manifest mitgeteilter Träume, sieht aber mit Bedauern, wieviel Aberglaube 
und Mystik sich um das Trauminteresse rankt und wieviel wissenschaftliche 
Menschenkenntnis damit verzögert und verschleudert wurde. 

Daß auch die Träume, die von Dichtern geschaffenen und erfundenen 
Personen im Zusammenhang eines Dichtwerkes beigelegt werden, der psycho- 
analytischen Traumtheorie entsprechen, hat Freud in „Der Wahn und die 
Träume in W. Jensens ,Gradiva'" 36 (19 12) erwiesen. 

Die Traumbilder sind „die sozusagen physiologischen Wahnschöpfungen 
des Menschen", sind „harmlose Psychosen einer Nacht". 



Das Thema „Träume während der psychoanalytischen Kur" er- 
fordert eine wesentliche Bereicherung, schon zur Belehrung der Adepten der 
Psychoanalyse. Das Grundlegende hat Freud in seinem Aufsatz „Bemerkun- 
gen zur Theorie und Praxis der Traumdeutung" angegeben; einige bedeut- 
same Sätze seien hier zitiert: „Die Verwertung in der Analyse ist eine Absicht, 
die dem Traume ursprünglich ganz ferne liegt. — Die meisten der in der 
Analyse verwertbaren Träume sind Gefälligkeitsträume und verdanken der 
Suggestion ihre Entstehung. — Bei hohem Widerstandsdruck sind die Träume 
wenig aufschlußreich." — Naturreine Träume sind also meist nur 
außerhalb einer psychoanalytischen Behandlung feststellbar. 

Die Technik der psychoanalytischen Behandlung, welche die Bekämpfung 
der Ich- Widerstände vor allem zu leisten hat, führt natürlich dazu, daß 
diese Umstände während der Phasen der Kur zu beobachten sind. 

So sagt Fenichel: „Der Traum ist ja ein Kommentar zu den Ich-Hal- 
tungen des Patienten am Vortage. Unter den latenten Traumgedanken gibt 
es immer welche, die der bewußten Haltung sehr nahe stehen, aber gerade 
ein Element mehr enthalten, oder gerade die Haltung in einer Verbindung 
zeigen, an die der P. aus Verdrängungsgründen nicht gedacht hat. ,Traum- 
deuten' muß nicht heißen, dem P. sagen: ,Sie wollen mit ihrer Mutter 
schlafen', sondern kann auch heißen, ,latente Traumgedanken ermitteln und 

34) Int. Psa. Verlag. 

35) „Ein Dichter und sein Vater", Imago, Bd. IV, 191J/16. 

36) Ges. Sehr., Bd. IX. 



442 



Eduard Hitschmann 



mit ihnen dem P. sein gegenwärtiges Verhalten und dessen Absicht. 



zeigen 



"37 



en 



Damit sind aber nur Andeutungen gegeben für ein Kapitel der „Psycho- 
pathologie des Traumes", das die Verwendung der Träume in der 
Therapie zu behandeln hätte, und Freuds Aufsätze „Die Handhabung 
der Traumdeutung in der Psychoanalyse" und „Bemerkungen zu r 
Theorie und Praxis der Traumdeutung" als Richtschnur nimmt. 38 Der 
Traum ist manchmal der erste Zugang zu der „eigentlichen (unbewußten 
und bewußten) seelischen Wirklichkeit" des Patienten. So berichtet 
Graber 39 aus einer Kinderanalyse: 

In der ersten Sitzung ist Rolf kaum zum Sprechen zu bewegen. Auch auf 
Fragen antwortet er selten und nur mit Ja oder Nein. Schließlich frage ich ihn 
nach Träumen. Er staunt. Sein Gesicht hellt sich auf, dann wird es von 
ticartigen Zuckungen verzerrt. Er spricht erregt: „Jetzt träume ich nicht 
mehr so viel wie früher." „Nun, von was träumst du denn?" Er stutzt und 
sieht mich zum erstenmal an, mißtrauisch und verlegen. „Hast Du denn noch 
niemandem von Deinen Träumen erzählt?" — „Nein. Es kommen darin 
immer Geister, um mich zu nehmen. Und dann liege ich immer wach, bis es 
hell wird, damit ich nicht mehr träume. Ich habe immer Angst vor den 
Geistern. Am Tage sind sie dann im Wald, oder in den Höhlen oder im 
Keller. An diese Orte gehe ich nicht allein. Ich denke nicht immer an Ge- 
spenster, denn wenn man gerade nicht daran denkt, können sie einen nehmen." 
Noch nirgends sind Träume zusammengestellt worden, welche den so oft 
typischen Ausdruck der positiven Übertragung beinhalten. Der Ana- 
lytiker wird z.B. im Hause des Patienten als Gast empfangen; der Patient 
sitzt dem Arzt vis-ä-vis; der Patient wird trotz vieler anderer Patienten be- 
vorzugt; der Patient trifft Gattin oder Kind des Analytikers und bewundert 
sie; der Arzt ist mit dem geliebten Elternteil zu einer Mischperson verdichtet, 
identifiziert u. dgl. m. Ist die Übertragung erotischer Natur, so findet dies 
oft merkbaren Ausdruck. 

Die Todeswünsche, die auf den Arzt übertragen werden, sind ebenso 
schonungslos bei negativer Übertragung, wie der Ausdruck der Eifersucht auf 
die Kinder oder Gattin des Analytikers boshaft und mörderisch zum Ausdruck 
kommen kann. Um die Darstellung der psa. Situation im Traum hat sich 
M. Steiner bemüht. In Parenthesi: Wer die Serien von Todeswunsch- 
träumen von Zwangsneurotikern oder Zwangscharakteren an sich vorüber- 
ziehen hat lassen, wird leicht zu überzeugen sein, daß der angebliche tele- 
pathische Todestraum nur zufällig, als einer von vielen, mit dem Sterben 
der Person zusammenfällt. 



37) O. Fenichel, „Zur Theorie der psa. Technik", Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XXI, 193 j. 

38) Ges. Sehr., Bd. VI und Bd. III. 

39) ,>Gespensterangst", Psyche, Jg. 1935, Nr. 2 — 3. 



Beiträge zu einer Psychopathologie des Traumes II 443 

Wenn ich hier Dinge vorbringe, welche dem geübten Analytiker als Ge- 
meinplätze erscheinen müssen, geschieht es nur, um den Stoff dieser Psycho- 
pathologie zu umgrenzen. Anderseits ist manche Entscheidung erst zu fällen. 

Schon in der ersten Auflage der Traumdeutung berichtet Freud, ein beson- 
ders gut gefügter, lückenlos und klar erscheinender Traum hätte ihm den 
Vorsatz eingegeben, „eine neue Kategorie von Träumen zuzulassen, die nicht 
dem Mechanismus der Verdichtung und Verschiebung unterlegen waren, son- 
dern als ,Phantasien während des Schlafens' bezeichnet werden 
durften". Freud ließ diese Kategorie von Träumen jedoch fallen. Dreißig 
Jahre später, in der 8. Auflage der Traumdeutung (1930), hat Freud hinzu- 
gefügt: „Ich weiß heute nicht, ob mit Recht." 



Unsere praktisch-nüchterne Betrachtung des Traumlebens von Seite der 
Gesetzmäßigkeit her erscheint blaß und akademisch gegenüber der Traum- 
tiefenforschung in Freuds „Traumdeutung", wo jede Seele sozusagen als eine 
Einzigartigkeit behandelt wird. Trotzdem muß auch diese neue Arbeitsart 
einmal inauguriert werden, wenn das Traumleben in einer Psychopathologie 
erfaßt werden soll. 

"Wie ist das gesamte Traumleben eines Patienten während der Kur 40 
zur Beobachtung heranzuziehen? Die Träume eines ganzen Lebens!? 

Es wäre möglich, den Versuch zu machen, die Träume von der Kindheit 
eines Individuums angefangen zu registrieren. Praktisch wird jedoch nur die 
Frage nach dem „Traumstatus" eines Individuums vorliegen und durch eine 
Anamnese über frühere, auch kindliche Träume, wiederkehrende sowie typi- 
sche Träume eingeleitet sein. Die relative Häufigkeit, Lebhaftigkeit, das 
Festhalten oder Vergessen, die Beteiligung von Sprechen aus dem Schlaf oder 
gar somnambulem Verhalten im Schlaf werden das Traumleben charakteri- 
sieren. Die Traumernte aus der Gegenwart wird von der Aufforderung zum 
Festhalten, von Übertragung und Widerstand abhängig und ihre Gewinnung 
z. T. erlernbar, erübbar sein. "Wandlungen im gewohnten Träumen werden 
bedeutsam sein. 

Die Wissenschaft, deren Interesse auf typisch Gemeinsames gerichtet ist, 
wird die Besserung während der Kur auch im Traumleben feststellen wollen, 
das Zurücktreten von Komplexen usw. 

Als Vorarbeit zur Psychopathologie der Träume hat eine erweiterte 
Traumbeobachtung einzusetzen, von Einzelträumen und Traumserien, 
auch an Gesunden, an Geheilten, an Primitiven, an Blindgeborenen, an Psy- 
chotikern, bei bestimmten Charakteren, auch an organisch Kranken. Wandeln 
sich die Träume während Hormonbehandlungen? Durch Transplantationen 

40) Vgl. den Versuch Ranks: „Eine Neurosenanalyse in Träumen", Int. Psa. Verlag, 
Wien 1924. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXI/3 



444 



Eduard Hitschmann: Beiträge zu einer Psychopathologie des Traumes II 



von Hoden oder Ovarien? Gibt es pathognomonische Träume? Wie kommt es 
zu den scheinbar telepathischen? 

"Wie geht ein Wandel der Persönlichkeit, z. B. bei Bekehrungen, in den 
Träumen vor sich? Wie gleichen einander die Träume bei eineiigen Zwillin- 
gen? Sind die verschiedenen Träumertypen der drei „libidinösen Typen" 
Freuds — auch als Träumertypen von drei verschiedenen Dispositionen: 
zur Hysterie, Zwangsneurose und Psychose erweisbar? 

Die erweiterte Traumbeobachtung eröffnet ein unübersehbares Arbeitsgebiet 
von größtem Wert. 

Auch wird sie den leichtsinnigen Leugnern der psychoanalytischen Wahr- 
heiten den Garaus machen. 



Anhang: Disposition für eine Psychopathologie des Traumes 

I. Geschichte der vorwissenschaftlichen Auffassungen des Traumes. 

II. Die Wissenschaft vom Traume vor Freud. 

III. Freuds Traumdeutung 1900. Wesen und Entwicklung der Psychoanalyse. 

IV. Die Psychologie des Traumes. Manifestes Bild — latenter Inhalt. Traum- 
zensur. Traumentstellung, Traumarbeit. Symbolik. Wunscherfüllung. Pein- 
liche Träume. Angstträume. Träume von Gesunden. Experimentelle Träume. 

V. Die Technik der Traumgewinnung. Die Technik der Traumdeutung. 
Durchschaubare Träume. — Beispiele. 

VI. Phänomenologie des Traumes. Formale Differenzen. Kinderträume, 
Träume von infantilem Charakter, Bequemlichkeitsträume. Körperliche Be- 
einflussung. Typische Träume. Traumserien. — Beispiele. 

VII. Psychopathologie des Traumes. Die Traumdeutung in der Psycho- 
analyse. Traumbeeinflussung durch die Psychoanalyse; Widerstands- und Über- 
tragungsträume. 

VIII. Psychopathologie des Traumes. Die Träume der Patienten, der Dispo- 
nierten, der Geheilten. Die Träume von Neurotikern, Perversen, Psycho- 
tikern. Pathognomonische Träume. Kastrationsträume, ödipuskomplexträume. 
Wandlungen der Träume im Lauf der Behandlung. — Beispiele. 

IX. Die Träume der Primitiven, der Verbrecher. Träume bestimmter 
Charaktere, libidinöser Typen. Die Träume der Produktiven. Traum und 
allgemeine Psychologie. 

X. Die Bedeutung der Träume und ihrer Deutung für die psychoanalytische 
Neurosenlehre. 

XI. Ausblick. 

XII. Literaturangaben. 



REFERATE 



Aus der Literatur der Grenzgebiete 

Beiträge zur Charakter- und Persönlichkeitsforschung. Herausgegeben von Dr. Franziska 
Baumgarten, Privatdozentin an der Universität Bern. Heft i. FRANZISKA BAUM- 
GARTEN: Die Charaktereigenschaften. Verlag A. Francke AG., Bern. 
Frau Baumgarten, bekannt durch ihre Arbeiten über praktische Psychologie und ihre 
mit Kritik durchgeführte psychotechnische Forschung, stellt, historisch und systematisch ge- 
ordnet, die verschiedenen Definitionen des Charakters zusammen (Kant, Ribot, Watson, 
Losskij u. a.). Aus den Unvollkommenheiten der Definitionen schließt die Autorin auf die 
Unrichtigkeit des Ausgangspunkts von den Manifestationen der Charaktere, sie versucht da- 
gegen von der Untersuchung der Charaktereigenschaften auszugehen. Sie sieht als das 
Wesen der Charaktereigenschaften an, daß sie eine Bereitschaft oder Hemmung zu besonderem 
Tun und Verhalten bilden. Vor allem zeigt sie die Unzulänglichkeit, Verhalten und Cha- 
raktereigenschaften zu identifizieren, denn zwischen beiden besteht kein eindeutiges Ver- 
hältnis. Es wird darauf verwiesen, daß diese Auffassung sich mit der psychoanalytischen 
Symptomenlehre berührt. „Freud hat auf das mehrdeutige Verhältnis zwischen Charakter- 
eigenschaften und dem Verhalten aufmerksam gemacht, indem er in den Handlungen und 
Haltungen (ähnlich wie im Traum) eine Symbolik aufgedeckt hat, so daß jede Handlung 
zum Symptom wird. Nach dieser Auffassung kann jede Haltung, jedes Tun in seiner 
eigentlichen und symbolischen Bedeutung verstanden werden." 

Bei der Auseinandersetzung mit Charakterforschern zeigt die Autorin, wie nahe 
La Rochefoucauld, der französische Moralist (1705), den tiefenpsychologischen Er- 
kenntnissen des 20. Jahrhunderts war, wenn er meint, unsere Tugenden seien meistens ver- 
kappte Laster. Ein besonderes Verdienst erwirbt sich Frau Baumgarten mit der Kon- 
frontierung von Paulhan und Klages. Die Eigenmächtigkeit, mit der Klages bestimmte 
„elementare" Charaktereigenschaften als „echt" bezeichnet, wie z. B. Vorsicht und Ehrgeiz, 
wird als wissenschaftlich unmöglich zurückgewiesen, denn echt und unecht sind keine 
qualitativen Begriffe, jede Charaktereigenschaft kann echt oder unecht sein, je nach der 
Determinierung. Bei der Gegenüberstellung von Paul ha n und Klages wird gezeigt, daß 
Paulhan sehr viele Definitionen über Form und Elemente des Charakters gegeben hat, die 
verwandt oder fast gleichlautend sind mit Anschauungen von Klages, ohne dessen Eigen- 
mächtigkeiten vorzugreifen. Bahnsen, dessen Beiträge zur Charakterologie von J. A. Barth, 
Leipzig 1932, wieder herausgegeben wurden, wird als Vorläufer moderner Charakterforschung 
gewürdigt. 

Als wichtigstes Ergebnis unterstreicht die Autorin die Tatsache der mehrfachen Deter- 
minierung der Charaktereigenschaften, „schlechte" Eigenschaften können aus „guten" 
stammen und umgekehrt, soziales Verhalten kann seine Gründe in egoistischen Tendenzen 
haben. Sie fordert, daß die gesicherten Ergebnisse der Charakterforschung Allgemeingut der 
Pädagogen und Berufsberater werden müssen. Ein Anhang gibt — auf 12 Seiten — die 
erste bisher vorgenommene Aufstellung der in der Sprache festgelegten Bezeichnungen für 
Charaktereigenschaften, ihre „Inventarisierung", ferner eine tabellenartige Anordnung für 
die differente Determinierung von Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen. 
Ein Beispiel: „Edelmut 

1. aus angeborner Tendenz, die Rechte des andern zu respektieren, 

2. aus einem Desinteressement, 

3. aus raffinierter Berechnung (Mittel zum Zweck): 

30* 



446 Referate 

a) um in besserem Lichte zu erscheinen, 

b) um ein konkretes Ziel zu erreichen." 
„V erschwiegenheit 

i. aus Unsozialität, geringem Mitteilungsbedürfnis, 

2. aus Klugheit — Unlust viel zu verraten. 

3. aus Passivität— Unlust sich zu derangieren, 

4. aus Schüchternheit, Scheu oder Angst, wie das Mitgeteilte aufgenommen wird." 
Daß eine solche Zusammenstellung ihre Mängel hat, widerspricht nicht der Bedeutung 

eines Versuchs, Verhaltensweisen auf Grund der Einstellung des Trägers, auch unbe- 
wußter, zu ordnen. — Die Publikation ist in knapper Sprache gefaßt, sie läßt die ange- 
kündigte Schrift über „Die Deutungsmethoden in der Charakterologie" mit Spannung er- 
warten. H. Meng (Basel) 

Aus der psychiatrisch-neurologischen Literatur 

BENJAMIN, ERICH: Die Krankheit der Zivilisation. 75 S. Verlag Rudolf Müller & Steinicke, 

München 2 SW. 1934. 

Benjamin sieht in der Schwererziehbarkeit des Kindes eines der sinnfälligsten Symptome 
der Zivilisationskrankheit, verwandt dem Symptom Kinderlosigkeit, Ehezerfall u.a. Er 
führt die individuell und sozial bedingte Schwererziehbarkeit auf Schädigungen in der Früh- 
kindheit zurück, ihre Hauptquelle sei falsches Verhalten des Erwachsenen und die seelische 
Komplikation des Külturkindes mit dem primitiven Menschen in ihm. Der Autor zieht 
historische Parallelen zwischen Rom in den Jahrhunderten vor und nach Christi Geburt und 
dem Heute. Er sieht den Weg zur Vorbeugung der Zivilisationskrankheit in der Sanierung 
der Familie, vor allem in der F r ü h erziehung des Kindes in Familie, Krippe und Kinder- 
garten bei geeigneten selbsterzogenen Erwachsenen. Er fordert für seelisch kranke und 
abnorme Kinder psychotherapeutisch durchgebildete Ärzte, ohne dabei allzu große Hoffnung 
auf sie zu setzen, er meint, daß es „uns Ärzten nicht beschieden ist, bis zu den Quellen des 
Unheils vorzudringen". 

Der Autor erkennt zwar, wie auch in frühern Publikationen, einzelne Verdienste Freuds 
für die seelische Hygiene an, aber er steht zu Freud in grundsätzlichen Auffassungen der 
Entwicklungsgeschichte des Kindes in Widerspruch. Er wirft ihm vor, daß er keine Ge- 
legenheit gehabt hätte, durch persönliche Anschauung das Kind genauer kennenzulernen, 
und daß er durch die Rückerinnerung seiner erwachsenen Patienten ein verzerrtes, unvoll- 
ständiges, unwahres oder halbwahres Bild gewonnen hätte. Ein fernerer Einwand ist, daß 
die Psychoanalyse in die Lebensäüßerungen des Säuglings und des Kleinkindes sexuelle Ten- 
denzen hineindeute. Bei Besprechung der Trotzphase wird behauptet, daß die Grundlage 
und die Symptome mißdeutet worden seien. Der Autor weist ferner darauf hin, daß der 
Ödipuskomplex zunächst keineswegs ein sexuelles Phänomen im Sinne Freuds sei, sondern 
eine Ausdrucksform einer bestimmten sozialen Strebung. — Wir können aus Raumgründen 
nur kurz folgendes sagen: Freud und seine Schüler haben seit Veröffentlichung der Kranken- 
geschichte vom „Kleinen Hans" im Jahr 1908 viele unmittelbare Beobachtungen am Kind 
publiziert. Es dürfte keinem gründlichen Forscher entgehen, daß Freud auf Grund seiner 
dualistischen Trieblehre den Begriff der Sexualität erweitert hat, und zwar über den Bereich 
der Funktion der Genitalien und der Fortpflanzung hinaus. Der genetische Gesichts- 
punkt zwang Freud zu dieser Begriffserweiterung, die er auf induktivem Weg gewonnen 
hat, wobei er die Vorstadien und Umbildungen der Sexualität (im allgemeinen Sinn) in seinen 
erweiterten Begriff miteinbezieht. Weder er, noch seine Schule haben die Gleichheit der 
Erlebnisweisen des Kindes und der Erwachsenen behauptet. 

Die gegensätzliche Auffassung des Autors in Fragen der Trotzphase und des ödipus- 



Referate 



447 



komplexes beruht u.a. darauf: Benjamin nennt unter den Mechanismen, die zur Trotz- 
reaktion führen, die Auflehnung, Abwärtswendung und Rückwärtswendung, über die Trieb- 
schicksale der Analerotik werden aber keine Angaben gemacht, so daß der Kernpunkt der Freud- 
schen Auffassung nicht Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung wurde. Wie auch 
in früheren Publikationen wird die Auffassung des Ödipuskomplexes verkannt, vor allem 
seine Determinierung durch die Bisexualität. Es ist ja nicht nur die Angst vor dem Vater, 
oder die Liebe zur Mutter, die die ödipussituation schafft, sondern auch die zwiespältige 
Einstellung zu beiden Elternteilen oder ihren Ersatzpersonen. 

Das Hauptverdienst der Schrift liegt in ihrer Bedeutung für den Kinderarzt: Sein Blick 
wird geschärft für die seelische Vorgeschichte jedes Heranwachsenden, und sein Interesse für 
eine Psychotherapie vieler Störungen, die früher rein körperlich behandelt wurden, wird 
erweckt. Die geschichtlichen Abschnitte sind reichhaltig, vor allem bringen sie viel 
Anregungen zum Vergleich der Kindererziehung in der antiken Kultur und in der modernen 
Großstadtkultur. Die Krankheit der Zivilisation wird als ein Leiden aufgefaßt, das zum 
Erlöschen einer Nation führt und dem man nur vorübergehend Einhalt gebieten kann. 

H. Meng (Basel) 



HARTMANN, HEINZ: Psychiatrische Zwillingsprobleme. Jahrbücher f. Psych, u. Neuro- 
logie. Bd. 50 u. 51, ..-„. 

ROSANOFF, HANDY und PLESSET: The etiology of manic-depressive Syndrom with 
special reference tö their occurrence intwins. Amer. J, Psychiat. 91, 735, 1935. 

J. CRONIN: An analysis of the neuroses of identical twins. Psychoanal. Rev. 20, 37$. 

Die Zwillingsforschung könnte auch dem Analytiker wertvolle Erkenntnisse übermitteln, 
wenn in ihr eine Methode gefunden worden wäre, den Aufbau einer Persönlichkeit von 
seiner erblichen Bedingtheit zu erkennen. Wichtigkeit und Bedeutung der erbbedingten An; 
läge sind von der biologisch orientierten Psychoanalyse niemals verkannt worden. Aber 
ebensowenig wie eine genetische Psychologie z. B. bei der Erörterung der Abgrenzung zwi- 
schen organischer oder psychologischer Genese eines Symptomes jemals eine Alternativfrage 
stellen würde, ebensowenig kann eine völlige Trennung von anlagebedingten und umwelt- 
bedingten Erscheinungen angestrebt werden. Bedeutungsvoll aber wäre es, in der ererbten 
Anlage nicht lediglich einen psychologisch unauflösbaren Rest zu sehen, zu dem man ge-i 
wissermaßen nur per exclusionem gelangt, sondern etwas, das durch eine eigentümliche 
wissenschaftliche Methode, nämlich die Zwillingsforschung, erfaßbar ist. Daß die Zwillings- 
forschung zu dieser Aufgabe geeignet ist, weist H. Hartmann in einer vorwiegend kasuisti- 
schen Arbeit, einem ausführlichen Bericht über 10 eineiige Zwillingspaare nach. Drei von 
diesen erbgleichen Paaren sind psychotisch erkrankt, und zwar zwei an einer schizophrenen 
Psychose, ein weiteres Zwillingspaar an einer atypischen Psychose aus dem manisch-depres- 
siven Förmenkreis, während das vierte Zwillingspaar imbezill ist. Im wesentlichen verhielten 
sich alle Zwillinge konkordant. Diese sehr eindrucksvoll geschilderten und lebendig dar* 
gestellten Fälle werden ergänzt durch die ebenfalls sehr ausführliche Mitteilung über sechs 
nicht erkrankte, sondern „normale" eineiige Zwillingspaare. Zum Schluß wird über sehr 
wichtige, leider vom Verfasser nicht selbst beobachtete und deshalb nur unvollständig er- 
faßte Fälle berichtet, die in der amerikanischen Literatur niedergelegt sind und sich auf 
sieben eineiige Zwillingspaare beziehen, die seit frühester Kindheit getrennt aufgewachsen 
sind und deren Diskordanz in Eigenschaften, die sonst bei eineiigen Zwillingen konkordant 
zu sein pflegen, sehr beträchtlich zu sein schienen. Bei keinem seiner gesunden Zwillinge 
— ' so muß Hartmann konstatieren — fehlt eine kindliche Neurose, was aber schwerlich 
in Zusammenhang 1 mit der Zwillingsgeschwisterschaft steht. Die Neurosen zeichnen sich 
durch ihre große Diskordanz aus. Die größte Konkordanz wiesen die Merkmale auf, die 



448 Referate 

man gemeinhin unter Intelligenz und Begabung zusammenfaßt. Unter den Eigenschaften 
des Charakters und der Temperamente finden sich alle Übergänge von überzeugendster Kon- 
kordanz bis zu recht weitgehender Diskordanz. Besonders der analerotische Charakter 
zeichnet sich durch seine hochgradige Diskordanz aus. 

Im Gegensatz zu oder besser in Ergänzung der analytischen, psychologischen, kasuistischen 
Arbeitsweise von Hartmann steht die mit mehr statistischer Methode arbeitende, ein 
schon beinahe grotesk anmutendes Material zusammenstellende Veröffentlichung von 
Rosanoff, Handy und Plesset. Sie berichten über nicht weniger als 90 selbstunter- 
suchte Zwillingspaare mit Erkrankungen aus dem manisch-depressiven Formenkreis. Von 
23 eineiigen Zwillingspaaren erkrankten in nur 16 Fälle beide Partner, in 7 Fällen nur einer 
von beiden. Bei den 6y zweieiigen Zwillingspaaren war das Häufigkeitsverhältnis von Kon- 
kordanz zu Diskordanz umgekehrt wie bei den Eineiigen, in n Fallen erkrankten beide 
Partner, dagegen in $6 nur einer. Der Kontrast im Prozentsatz der Konkordanz bei Ein- 
eiigen und Zweieiigen (69°/,, Konkordanz bei Eineiigen, i6°/ bei Zweieiigen) beweist die ent- 
scheidende Bedeutung erblicher Faktoren bei der Entstehung von Erkrankungen aus dem 
manisch-depressiven Formenkreis. Der hohe Prozentsatz Diskordanz selbst bei den Ein- 
eiigen (30%) ist ein Hinweis, daß die Erbverhältnisse wiederum nicht einfach liegen können. 
Unter den vielen Einzelheiten des mitgeteilten Materials fällt noch auf, daß offenbar die 
zweieiigen Zwillingsschwestern viel häufiger zur Manifestation der Erkrankung neigen als 
ihre Zwillingsbrüder. Der Grad der Konkordanz bei Eineiigen ist sehr verschieden, niemals 
aber wurde beobachtet, daß der Zwilling eines manisch-depressiven Patienten, wenn er über- 
haupt erkrankt, eine andere Psychose bekam als aus dem manisch-depressiven Formenkreis. 
Nach Ansicht der Autoren ist der Erbgang manisch-depressiver Erkrankungen nur durch 
die Annahme zweier verschiedener Gene zu erklären: einem Anlagefaktor und einem „acti- 
vating factor A" der im X-Chromosom verankert vorgestellt wird. So wird in ein- 
leuchtender und ungezwungener "Weise der scheinbare Wechsel von dominantem, rezessivem 
und geschlechtsgebundenem Vorkommen, wie auch die scheinbare verschiedene Erkrankungs- 
bereitschaft erklärt. 

Cronin berichtet über die Analyse eines eineiigen Zwillingsbrüderpaars und 
ihrer gemeinsamen Freundin. Sam und Jim zeigten größte Ähnlichkeit im Äußeren, 
im Verhalten und in ihrer Intelligenz. Sie galten in der Schule als Muster- 
knaben, verliebten sich mit 8 Jahren in dasselbe Mädchen, mit dem sie ihre ersten, 
gemeinsamen Liebesabenteuer hatten und mit der sie die ödipussituation durchlebten. 
Während des Studiums heiratete Sam seine Freundin Zoe, die auch Jim liebte und beiden 
den gemeinsamen Haushalt führte, sich von beiden nacheinander schwängern ließ und dann 
beiden untreu wurde. In dieser Situation gingen dann alle drei zu demselben Analytiker. 
Aus dem Bericht über den Verlauf der Analyse geht nicht klar hervor, weshalb sich bei erb- 
gleicher Veranlagung, gleichem Milieu und gleichen Erlebnissen zwar in ihrer Intelligenz und 
in ihrer Reaktionsweise sehr ähnliche, aber in ihrer Affektivität und Erotik so verschieden- 
artige Menschen entwickelten. Sam wurde durch den glücklichen „Zufall" seiner Heirat zu 
normalem heterosexuellem Verkehr geführt, während Jim unreif, in der ödipussituation 
fixiert, inzestuös gebunden blieb. Er verpaßte den heterosexuellen Anschluß, suchte und 
fand Befriedigung seiner Homosexualität und seines Masochismus in dem Verhältnis zu der 
Frau seines Bruders. Die Konstitution Sams ähnelt der seines Bruders, auch er akzeptiert die 
gemeinsame Ehe. Es werden viel treffende Bemerkungen zur Charakterisierung dieses drei- 
eckigen Verhältnisses mitgeteilt, ohne daß die ungeheueren Möglichkeiten dieser zwei Jahre 
dauernden Analyse eines eineiigen Zwillingsbrüderpaares erschöpft oder die mannigfaltigen 
psychologischen Probleme der Zwillingsbrüderschaft dem Verständnis wesentlich näherge- 
bracht worden wären. M. Grotjahn (Berlin) 



Referate 



449 



KOGERER, HEINRICH: Psychotherapie. Ein Lehrbuch für Ärzte und Studierende. Verlag 
Wilhelm Maudrich, Wien. 1934. 

Der Autor dieses Buches, das dem praktischen Arzt die Suggestivtherapie empfehlen, 
andererseits ihn darüber aufklären will, „daß auf keinem Gebiet des menschlichen Lebens so 
viele Irrtümer und Fehler verbreitet sind, wie auf dem der Sexualität", ist sichtlich aus- 
gezogen, um die Seuche der Psychoanalyse endlich auszurotten, allerdings nicht, ohne dabei 
infiziert worden zu sein. Er zeiht Freud der Überheblichkeit, gibt ihm Belehrung, wirft 
ihm Übertreibungen und mangelhaft fundierte Hypothesen vor, zeigt aber dabei eine weit- 
gehende Unkenntnis der analytischen Materie. So behauptet Roger er, Freud sei von 
zwei Erscheinungen des täglichen Lebens, den Träumen und den Fehlleistungen, der Weg 
zur analytischen Technik gewiesen worden. „Freud versuchte," heißt es, „die Mechanismen, 
die er im Traum und in den Fehlleistungen als spontane kennengelernt hatte, willkürlich 
nachzuahmen. So entstand die Methode der freien Assoziation." Der Weg war natürlich 
der umgekehrte! (Vgl. Freud, Traumdeutung, IV. Auflage, S.77: „Es lag nun nahe, den 
Traum selbst wie ein Symptom zu behandeln und die für letztere ausgearbeitete Methode 
der Deutung auf ihn anzuwenden.") 

Unter „Übertragung" versteht Roger er nur die positive; die negative hat er offenbar 
übersehen. Immerhin hat er seine Scheu vor der positiven Übertragung aufgegeben, die er 
noch 1926 in der Wiener Rlin. Wochenschrift abgelehnt hat: „Eine Behandlung, in der 
geradezu gefordert wird, daß der Patient den Arzt, wenn auch nur vorübergehend, als 
Liebesobjekt akzeptieren müsse", sei abzulehnen. Inzwischen scheint der Autor mehr Er- 
fahrung gesammelt zu haben, denn er setzt sich mit' der positiven Übertragung vernünftig 
auseinander. 

Auf S. 74 scheint der Autor Narzißmus und Masturbation zu verwechseln: Freud be- 
zeichne die schizophrenen Psychosen als narzißtische, weil sie bei der Masturbation ver- 
harren (!?); es werde so der Anschein erweckt, als ob die Regression auf eine bestimmte 
Stufe der Sexualität die Ursache der Erkrankung wäre, während der endogene Faktor dabei 
bewußt vernachlässigt werde. Daß Rogerer das Verbleiben bei einer sexuellen Übung mit 
der Rückkehr zu einer Libidoposition, hier dem Narzißmus der Rindheit, verwechselt, ist 
sonderbar genug. Daß im Jahre 1923 Freud mit seiner Schrift „Das Ich und das Es" die 
Psychoanalyse durch Erkenntnisse über die verdrängenden Rräfte bereichert, die drei In- 
stanzen des Ichs dargestellt hat usw., wird in dem Lehrbuch Rogerers ganz vernachlässigt. 
Mißverständnisse finden sich z. B. auch bei der Darstellung der Analerotik, dem 
Analcharakter und den Zusammenhängen mit der Zwangsneurose: „Aus der grundlegenden 
Anschauung, daß die Wurzel der Zwangsneurose in der analsadistischen Periode zu suchen 
sei, sei Freuds Ronzeption des Analcharakters hervorgegangen." 

Nach diesen Hervorhebungen kann ich mich der Rritik dieses Buches durch Kurt 
Schneider (München) anschließen, der ihm „jede Originalität" abspricht und die Rasuistik 
des Buches „von kaum unterbietbarer Dürftigkeit" findet. 

Auch von des Autors Statistik aus dem Jahre 1926 und ihrem Optimismus ist jetzt nicht 
mehr die Rede. Damals wies die Behandlung bei Rranken mit überwiegendem Minderwertig- 
keitsgefühl, ferner solchen mit sexuellen Ronflikten und mit verschiedenen akzidentellen 
Ursachen Erfolgsziffern auf, „die zwischen 90 und 100 °/„ schwanken". 

Der Autor ist skeptisch gegen die psychoanalytische Therapie; m. E. mit Unrecht, denn 
woher sollte er unsere geheilten Fälle kennen? Betrachten wir aber z. B. sämtliche 
von ihm als Beispiele angeführten Fälle von Hysterie und hysterischer Reaktionsweise, 
so ergibt sich das Folgende: 1. j Monate Behandlung. Eine wesentliche Besserung des Zu- 
standes tritt nicht ein. 2. Reine Angabe über Erfolg. 3. Zur Behandlung erscheint der 
Kranke nur unregelmäßig. Wegen seines frechen, unbotmäßigen Benehmens wird die Be- 
handlung schließlich abgebrochen. 4. Unlösbarer Ehekonflikt als Hindernis. 5. Die ambula- 



45° Refer ate 

torische Psychotherapie bleibt erfolglos. 6. P. protestiert ausdrücklich dagegen, für kra . 
gehalten zu werden. 7. P. kommt nur kurze Zeit zur Behandlung und bleibt dann au 

8. Nach 6 Wochen Behandlung in die Sommerfrische; nach Rückkehr Wohlbefinden 

9. Psychotherapie wird empfohlen, P. erscheint Jedoch nicht zur Behandlung, xo. ' 6 Moni 
Behandlung. Die Patientin wird psychisch zugänglicher, freilich nur dann, wenn der be 
handelnde, Arzt zum Schein auf ihre Bemächtigungstendenzen eingeht. Ein später unter" 
nommener Versuch, sie etwas energischer anzupacken, wird von ihr sofort mit dem Ab" 
bruch der Beziehungen beantwortet. Eine nachträgliche Versöhnung erweist sich als nur 
vorübergehend, n In diesem Falle sehen wir deutlich, daß ein ursprünglich hysterische 
Zustandsbild auf dem Wege über die Imitation in die Schizophrenie ausgemündet J 
ix. Patientin; stellt sich auf jede ihr nicht genehme Bemerkung hin schwer beleidigt. Anderer' 
seits hat sie doch wiederum ein starkes Mitteilungs- und Anschlußbedürfnis. Wegen zu 
nehmender Depression und Suizidgefahr wird sie in ein Sanatorium gebracht. - Wenn der 
Autor .nunmehr der Psychosexualität eine so hervorragende Rolle: in der Verursachung der 
Neurosen zuweist, so sehen wir ihn doch z.B. der Behandlung der Frigidität, Homosexualität 
(tau J7) u.a. wehrlos gegenüberstehen. Das Buch Kogerers ist so unwillentlich ein Pia- 
doyer g.egen die Suggestionstherapie geworden, und für eine — aber gründliche — Kenntnis 
der Psychoanalyse. Ist diese auch nur eine Therapie unter vielen, so ist sie doch eine Prima 
inter pures (Freud). E . Hitschmann (Wien) 

MAYER, LUDWIG: Der Wandertrieb. Eine Studie auf Grund vorhandener Literatur, eigener 

Bepbachtungen und Untersuchungen. Würzburg, 1934. 

Von einer Arbeit, die sich den Wandertrieb, dies Prototyp des triebhaften Verhaltens 
zum Gegenstand der Untersuchungen gemacht hat, kann wohl eine Erörterung tiefenpsycho- 
logischer Zusammenhänge erwartet werden. Statt dessen gibt der Verfasser eine Material- 
sammlung, eine erneute Zusammenstellung der Symptomatologie auf Grund der bisherigen 
psychiatrischen Literatur, ergänzt durch einige eigene Untersuchungen und Beobachtungen. 
In einem gewissen Gegensatz zur bisherigen psychiatrischen Anschauung, nach der der 
Wandertrieb lediglich ein psychopathologisches Syndrom ist, werden hier auch Erscheinungs- 
formen des Wandertriebes in die Untersuchung mit hineingezogen, die nach Ansicht des 
Verfassers noch in das Bereich der Norm gerechnet werden müssen. Anschließend wird ein 
Versuch unternommen, die Motive des Wanderns aufzudecken: Drang nach Freiheit und 
Ungebundenheit, Drang nach Bewegung und in die Weite, triebhaftes Verlangen nach Ver- 
änderung und Neuem werden angeführt. Gesteigerte Motorik, Fortfall von „Angsthemmun- 
gen" und „sexuelle Antriebe" können einen latenten Trieb zu manifesten Handlungen 
aktivieren. . ■ 

Eine solche symptomatologische Schilderung wird als Ursachenforschung verkannt, 
gelegentlich wird noch der alles erklärende Konstitutionsbegriff herangezogen oder auch auf 
eventuelle soziologische Bedingungen andeutungsweise hingewiesen. So kommt es, daß dem 
an sich interessanten Material und dem doch wirklich verlockenden Thema keine neuen 
Seiten oder Erkenntnisse abgewonnen werden. Es fehlt jeder Hinweis auf die unbewußten 
Motive des normalen und krankhaften Wanderns, nichts wird verständlicher oder verstehbar. 
Es fehlt jeder Hinweis auf die innere Verwandtschaft des triebhaften Wanderns mit den 
Zwangshandlungen, oder mehr noch mit der Süchtigkeit, auf die sekundäre Sexualisierung 
des Wanderns, das ursprünglich Schutz und Flucht vor der Triebgefahr bedeutete. Auch 
die offenbaren, nunmehr bald auch dem Nichtanalytiker sichtbaren Zusammenhänge zwischen 
Wandern und einem symbolischen, oft als inzestuös phantasierten Sexualakt, aus dem heraus 
erst sich die „primäre" Depression, die sehnsuchtsvolle Stimmung, der romantische Drang in 
die Ferne, die Angst und die Schuldgefühle des Wanderns, seine Einsamkeit und Ausdauer 
erklären ließen, werden kaum erwähnt. . M-Grotjahn (Berlin) 



Referate 



451 



SCHÜLLER, ARTHUR und WILDER, JOSEF; Der Kopfschmerz. Bücher der ärztlichen 

Praxis, Band 40. Julius Springer, Berlin und Wien. 1934. 

Die Aufgabe des Buches ist es, den als einheitliche Krankheitsbezeichnung unhaltbar ge- 
wordenen Begriff „Kopfschmerzen" aufzulösen und an seine Stelle einen neuen Begriff zu 
setzen, der unter Kopfschmerzen lediglich ein Symptom verschiedenartigster Krankheiten 
verstehen will. Diesen Bemühungen um immer verfeinerte differentialdiagnostische Ge- 
nauigkeit stehen fortlaufend praktische Vorschläge zu einer kausalen rationellen, im wesent- 
lichen internistischen Therapie zur Seite. Vom Standpunkt des Praktikers Werden klar und 
sachlich, dabei anschaulich und lehendig die Kopfschmerzen verschiedenartigster Genese dar- 
gestellt: bei Schädeltraumen, bei Erkrankungen der Hirnhäute, bei intrakraniellen Neur 
bildungen, bei Gefäßerkrankung, als Folge von neuritischen, allergischen, toxischen, vaso- 
motorischen Prozessen. Die Darstellung des psychogenen Kopfschmerzes und der Migräne 
ist recht kurz; immerhin werden sie in einem gesonderten Kapitel erwähnt, wobei auf die 
Möglichkeit der seelischen Verursachung und Behandlung, in schwierigen Fällen sogar durch 
Psychoanalyse, hingewiesen wird. Es fragt sich, ob eine doch wohl schon einseitige Be- 
schränkung auf Physiologie und Somatologie und ein so weitgehender Verzicht auf die Dar- 
stellung tiefenpsychologischer und genetischer Auffassungen bei einem nach beiden Seiten so 
schwer abzugrenzenden Gebiet, wie es die Kopfschmerzen sind, heute noch berechtigt ist, und 
ob nicht auch dem Praktiker damit gedient wäre, wenn seine Aufmerksamkeit nicht nur 
auf die Möglichkeit eines intrakraniellen Neoblastoms hingelenkt ■ würde, sondern vielleicht 
auch noch auf das, was seinen Patienten aus ganz anderen Gründen im wahrsten Sinne des 
Wortes „Kopfschmerzen" machen könnte. , M. G rot Jahn (Berlin) 



SPEER, ERNST: Die Liebesfähigkeit (Kontaktpsychologie). Lehmanns Verlag, München. 

In stark ichbetonter, mehr überzeugter als überzeugender Weise trägt der Verf. seine 
Ansichten und Meinungen vor, die nicht sonderlich neuartig erscheinen und für deren Be- 
rechtigung eigentlich kein neuer Beweisgrund angeführt wird. Im wesentlichen knüpft der 
Verf. an die Konzeptionen Kretschmers an über den grundsätzlichen Dualismus der 
Psychosen. Für ihn ist die schizophrene Psychose lediglich die Zuspitzung einer normal- 
psychologisch erfaßbaren Entwicklung, Endabschnitt einer „Zerfallserscheinung der Seele 
schlechthin". Die Voraussetzung der Psychose ist das „Sonderlingswesen", ungefähr dem 
Schizoid Kretschmers entsprechend, das sich durch seine „schizophrene Farbe", die nach 
Ansicht des Verf. bisher noch nirgends beschrieben worden ist, durch die „Kontaktlosigkeit" 
kennzeichnet. Vom Begriff des kontaktunfähigen Sonderlings aus wird dann der Ödipuskomplex 
behandelt, der sich nun in einem ganz neuartigen Licht darstellt: die Schwierigkeiten der 
ödipussituation sind die typischen Schwierigkeiten des Sonderlings, sind bereits Ausdruck 
seiner primären Kontaktunfähigkeit, der familiären Umgebung gegenüber. Deshalb erübrigt 
es sich auch, den Ödipuskomplex zu analysieren, es genügt ein Hinweis auf seine für die 
Persönlichkeit lediglich symptomatische Bedeutung. Die Ansichten des Verf. über die 
Psychotherapie des Sonderlings sind schwer zu referieren, denn in ihnen ist alles enthalten, 
was gut und modern ist. Gegensätze werden durch ein konziliantes „sowohl — als auch" 
überbrückt: Psychotherapie ist Arbeits- und Erlebnisgemeinschaft, eine wichtige Rolle spielt 
Glaube, aber auch Skepsis, Pathos und Sachlichkeit, Liebe und Strenge; Analyse, doch keine 
Symboltüftelei: unter Ausschaltung des ominösen Ödipuskomplexes kann sie angewandt 
werden; dagegen tut etwas synthetisch-konstruktive Seelenbehandlung immer gute Dienste 
ebenso wie Priestertum und autogenes Training; der Seelsorge muß die Körpersorge an die 
Seite gestellt werden. Immer aber muß sich der Psychotherapeut klar sein, daß auch er im 
Kampf gegen die Entartung steht, indem er „Unartige" wieder zu „Artigen" machen soll. 

M. Grotjahn (Berlin) 



Aus der psychoanalytischen Literatur 

BUNKER, HENRY A.: The Voice as (Femalc) Phallus. Psa. Quarterly III, 3. 

Wir wissen, daß die männlichen Perversionen der unbewußten Absicht dienen, die Kastra 
t.onsangst zu leugnen, und zwar meist dadurch, daß sie die Existenz penisloser Wesen 2 J 
leugnen versuchen. Der männliche Homosexuelle macht dies, indem er nur Wesen mit 
Pen« heben kann und deshalb sich selbst mit seinem ursprünglichen Liebesobjekt (seiner 
Mutter) identifiziert; der Fetischist, indem er in symbolischer Form das Vorhandensein des 
Penis bei seinem Objekt fordert; der Transvestit, indem er beides zugleich macht: er agiert 
eine phallische Frau, um sich zu überzeugen, daß er sich femininen Wünschen hingeben 
darf, ohne sich der Gefahr der Kastration auszusetzen; der „Zopfabschneider", indem er zwar 
die Kastration selbst zu einem Sexualziel gemacht hat, aber eine reversible Kastration, die ihn 
von der Existenz des weiblichen Penis überzeugt. 

Bunker berichtet ausführlich, klar und überzeugend die analytische Krankengeschichte 
eines sexuell und auch sonst schwer gehemmten, prägenital fixierten Neurotikers, der unter 
der Herrschaft einer schweren Kastrations- (und Todes-) Angst, von all diesen Mechanismen 
etwas aufwies. Im Vordergrund des Bildes stand seine Identifizierung mit einer phallischen 
Frau. Das Merkwürdige war nun, daß der „weibliche Penis" in seinen fetischistischen Hand- 
lungen — abgesehen von starken haarfetischistischen Neigungen — in zweierlei Weise hervor- 
trat: Er liebte Schuhe und Stiefel — und verhielt sich in dieser Beziehung wie jeder Schuh- 
fetischist (er liebte es aber auch, die bewunderten Stiefel anzuziehen und sich darin sehen zu 
lassen); aber er liebte und sammelte auch Grammophonplatten mit den Stimmen von 
Sängerinnen und phantasierte viel von allen großen Sängerinnen und Schauspielerinnen, mit 
denen er sich, so Schautrieb und Exhibition verdichtend, identifizierte. Die weibliche 
Stimme war ihm zu einem Fetisch geworden, dem die gleiche Bedeutung zukam wie allen 
Fetischen: die des mütterlichen Penis, dessen Existenz die Kastrationsangst widerlegen soll. _ 
Die Eigenarten der Kindheitserlebnisse machen viel von dieser Entwicklung verständlich; 
gerade die sonderbare Verschiebung des Interesses für das weibliche Genitale auf die weib- 
liche Stimme konnten sie nicht genügend aufklären. 

An diesen klinischen Teil seiner Arbeit schließt Bunker fcinen sehr lesenswerten und 
überzeugenden mythologischen Teil über die Sirenen, jene Mutterfiguren, die mit Hilfe 
ihrer Stimme verführen. Sie stimmen mit den Sexualobjekten des Patienten darin überein, 
daß außer der Schönheit ihrer Stimme auch die ihres Haares (Lorelei) betont wird, und 
deuten auch durch ihre Eigenschaft, halb Frau, halb Tier zu sein (die Sirenen sind Vogel- 
menschen, die Lorelei ein Fischmädchen), auf die Frage nach ihrem Penisbesitz oder ihrem 
Kastriertsein hin. — Die Sirenen erweisen sich als eine Gruppe jener zahlreichen mytho- 
logischen Schwestern wie die Gorgonen, die Harpyen, die Erinnyen, die Sphinx, die als schön, 
aber gefährlich, als verführend, aber tod- (kastrations-) bringend geschildert werden und 
Projektionen der gefürchteten Inzestwünsche der Männer darstellen. Bunker geht den 
Verzweigungen der verschiedenen Bedeutungen und Symbole dieser Figuren mit reichem 
mythologischem Wissen nach. (Sie sind u. a. die Seelen Verstorbener =* Todesgöttinnen = 
= Gebärende = Mütter.) Er findet, daß das unbewußt gleichzeitig ersehnte und gefürchtete 
Verlangen danach, die mütterlichen Genitalien, die dann oft gleichzeitig phallisch und 
„kastriert" erscheinen (Medusa), zu betrachten, dabei keine geringe Rolle spielt. Wir möchten 
vielleicht hinzufügen, daß wohl die Penislosigkeit („weibliches Genitale als fressender 
Rachen") dabei häufig das primärere Moment sein dürfte, die phallische Symbolik dagegen 
eine Überkompensation, die die Angst widerlegen will, aber das nicht zu leisten vermag. 
So war es ja auch beim Falle Bunkers gewesen. O. Fenichel (Oslo) 



Referate 



453 



FEIGENBAUM, DORIAN: Clinical Fragments. Psa. Quarterly III, 3. 

Feigenbaum gibt in dieser Arbeit eine Sammlung von Anekdoten aus der analyti- 
schen Praxis, die zum Teil recht interessant und überzeugend sind, zu einem anderen Teil 
den Wunsch wecken, mehr von der betreffenden Analyse zu hören, um urteilen zu können. 

Er beginnt mit der Analyse einer aus Kastrationsangst erfolgten überdeterminierten Fehl- 
handlung; schreibt dann über Lachkrampf als Zeichen unbewußter Aggression, speziell als 
Anzeichen einer negativen therapeutischen Reaktion, wenn sich das Lachen als Antwort auf 
eine Deutung einstellt; zwei Fälle von Ejaculatio praecox zeigten stark ausgebildete Mutter- 
leibsphantasien, verbunden mit einer besonderen Neigung zu schweren Enttäuschungsreaktio- 
nen in der Übertragung; ein anal fixierter Patient, der die Monatsrechnungen nie pünktlich 
zu zahlen pflegte, konnte endlich seinen Vorsatz, dennoch pünktlich zu zahlen, erfüllen, 
träumte aber in der Nacht vorher einen Traum, der eine überraschende Identifizierung mit 
der Mutter zeigte, entsprechend Überkompensation der Gefühle männlicher Inferiorität; die 
Angst einer Patientin, ihr zukünftiges Kind werde eine Mißgeburt sein, entsprach ihrem 
Penisneid, nämlich etwa der Idee, ein kastriertes Wesen könne auch nur ein kastriertes Kind 
in die Welt setzen; das Material, das Patienten in der letzten Analysestunde vor Beendigung 
der Kur bringen, pflege dem Analytiker zu zeigen, wie weit die Analyse gewirkt, und welche 
Einstellung der Patient nun bezogen habe, und so eine Prognose zu ermöglichen; gelegentlich 
erscheine dabei auch noch gänzlich neues Material; eine Patientin, deren Widerstand die 
Form einer „passiven Resistenz" anzunehmen pflegte, entdeckte, daß diese Passivität der Ab- 
wehr höchst aktiver sadistischer Strebungen diente, daß sie, die Machtlose spielend, in Wahr- 
heit Allmachtsphantasien nachhing. 

Die Arbeit Feigenbaums schließt mit einer interessanten und problematischen Kinder- 
beobachtung: Ein 10 Monate altes Mädchen wurde eines Morgens von der Nurse ins elter- 
liche Schlafzimmer gebracht, und zwar so, daß sie von beiden Eltern, die die Arme nach 
ihm ausstreckten, ungefähr gleich weit entfernt war. Das Kind blickte abwechselnd zum 
Vater und zur Mutter, fühlte sich offenbar von beiden gleich stark angezogen und brach 
in Schreien aus, das anhielt, bis der Vater seine Arme wegnahm; darauf hörte das Schreien 
sofort auf und das Kind wandte sich den ausgestreckten Armen der Mutter zu. Offenbar 
hatte ihm die Situation des Esels zwischen den beiden Heubündeln höchste Unlust bereitet. 
Welcher Art war diese Unlust? Feigenbaum fragt, ob die durch die Situation hervor- 
gerufene akute Libidostauung direkt „narzißtischen Schmerz" zu verursachen imstande sei, 
und sagt mit Recht, ein Mensch im Zustande der Ambivalenz sei in einer ähnlichen psychi- 
schen Situation wie dieses Kind. — Wir möchten dazu bemerken, daß es ja einer Grund- 
auffassung der psychoanalytischen Neurosenlehre entspricht, daß Abfuhrhemmung von ab- 
fuhrbereiter (nicht durch Gegenbesetzung gebundener) Libido unlustvolle Sensationen macht. 

O. Fenichel (Oslo) 



HERMANN, IMRE: Die Psychoanalyse als Methode. Beihefte zur „Internationalen Zeitschrift 

für Psychoanalyse" und zur „Imago". Nr. 1, 114 Seiten. Internationaler Psychoanalytischer 

Verlag. Wien 1934. 

Hermanns Buch ist in seiner klaren Besonnenheit eines der erfreulichsten Bücher der 
analytischen Literatur der letzten Jahre. Es verfolgt systematisch das Ziel, die psycho- 
analytische Methode darzustellen. 

H. macht mit Recht darauf aufmerksam, daß die analytische Technik dem Patienten mcht 
lediglich vorschreibe, alles auszusagen, was ihm durch den Sinn geht, sondern daß sie vom 
Patienten auch ein Gerichtetsein, ein Suchen verlangt. Man könnte freilich sagen, daß H. 
diesen Faktor des Gerichtetseins im freien Einfall doch noch zu wenig betont, und man 
könnte auch unterstreichen, daß wir vom Patienten in der Analyse wesentlich mehr ver- 
langen als ein passives Sichhingeben an aufsteigende Gedanken. 



Es ist interessant,, daß. H/ die freisteigenden Gedanken mit den phantastischen Gesicht 
erscheinungen Johannes Müllers vergleicht. Er betrachtet diese wie die eidetisch 
Phänomene als Regressionen. Er deutet so mit Recht auf den inneren Zusammenhang d" 
freien Einfalls und der Phantasie mit Grunderscheinungen der Sinnesphysiologie hin 

■Kr hat auch klar betont, daß der freie Einfall zwar Affekte hervorlockt, daß aber d PP 
Affektautomausmus in die Richtung der Sprache dirigiert werden muß. Am Gedanken unH 
am Worte findet die Objektivierung statt, die für die Analyse so wesentlich ist. Sprach! 
ist sozial. Sprache und Aussprache wirken dem Geheimnis und der Tendenz zur Isolierung 
entgegen. un S 

Vielleicht ^wäre es möglich gewesen, das Verhältnis der Sprache zur psychoanalytischen 
Techmk noch eindringender zu behandeln als es H. getan hat. Die Sprache ist ein Werk 
zeug der Wirkl.chkeitsbewältigung und, nötigt daher zur unmittelbaren Realitätsanpassune 
Sprache desillusioniert und zerstört den Affekt. Sie wirkt aber nicht durchaus im Sinne 
des Abreagierens. Soll Analyse wirksam sein, so muß in der Übertragungssituation viele! 
auftauchen, was nicht sprachlich formulierbar ist. 

H betont mit Recht, daß der Analytiker niemals vollkommen passiv sein soll und kann 
Die Diskussion des Widerstandes ist sorgfältig und durch eine Tabelle veranschaulicht 
H. besteht mit Freud und Ferenczi auf dem Unterschied zwischen Übertragungsliebe 
und der Liebe des Alltags und betrachtet nicht jede Affektäußerung in der Analyse als 
Übertragung. 

Interessante Ausführungen weisen darauf hin, daß Erlebnisse in verschiedenen Niveaus 
gleichzeitig ablaufen können. Die Formulierung, daß im Es wirbelartige Kräfte wirksam 
werden und daß die Triebe Wirbelkräfte sind, ist jedoch schwer zu verstehen. 

Die Ausführungen über Sinn, seelische Kontinuität und Determinismus kulminieren in 
der treffenden Formulierung, der Sinn eines Erlebnisses bestehe darin, daß er in das Lebens, 
kontinuum eingeordnet werden könne. Nach H. ist die Seele aufzufassen als ein dem Be- 
wußtsein fremdes eigenartiges Kontinuum, in dem der Teil das Ganze enthält, wo Anfang 
und Ende nicht anzugeben sind und die Kontinuität ins Unendliche verläuft. 

Ich habe den Eindruck, daß diese Formulierungen weit mehr von den üblichen analyti- 
schen Formulierungen abweichen, als es der Autor zu erkennen gibt. Ich gehe jedoch hier 
in den wesentlichen Punkten mit dem Autor und folge ihm auch, wenn er schreibt, daß 
es meistens keinen echten Sinn hat zu fragen, ob die nach außen oder innen gerichtete 
Aggression früher da war; ja ich bin geneigt, auch auf das „meistens" zu verzichten. 

H. will die seelische Kausalität der Psychoanalyse zu sehr als Sonderereignis sehen 
und von anderer Kausalität abtrennen. Ich glaube, daß das auf eine -ungenügende 
Analyse des Sinnbegriffes zurückzuführen ist. Ich kann hier nicht im einzelnen beweisen, 
daß Sinn letzten Endes Handlungsmöglichkeit und Handeln „bedeutet" und damit durchaus 
in den Bereich objektiver Beobachtung gerät. H. weist mit Recht darauf hin, daß es 
methodisch nicht so einfach ist, die Psychogenese organischer Krankheiten zu „be- 
weisen", und betont mit Recht die Bedeutung „des Zufalls", oder wie man auch sagen 
konnte, des Schicksals. Es ist erfreulich, daß H. gegenüber „den Aufstellungen Hollös'" 
über Telepathie skeptisch bleibt. H. sieht natürlich das Seelenkontinuum nicht im Be- 
wußtsein allein — er folgt hier der üblichen analytischen Anschauung. 

Es spricht für die zweifelhafte Stellung der Metapsychologie in der Psychoanalyse, daß H. 
glaubt, daß in ihr das Seelisch-Sinnvolle ausgeschaltet sei und die „eigentliche" Kausalität 
zur vollen Geltung gelange. Die Unterscheidung zwischen eigentlicher und uneigentlicher 
Kausalität scheint mir ebenso unzulässig wie die Behauptung, die Aktualneurose habe keinen 
analytischen Sinn. Doch kann sich H. in diesem letztgenannten Punkte auf die Autorität 
Freuds berufen. ■ 

Die Formulierung, daß es im Seelenkontinuum keine Abstrakta gebe, halte ich vom prak- 



tischen Gesichtspunkt aus für sehr glücklich. Ich halte es für weniger glücklich, wenn 
H. von einem Sinnorgan spricht. Doch sind seine Beschreibungen des Urtraumas, der 
Transponierung sehr klar und eindringlich. 

Am Beispiele der Analerotik und der Schlagephantasie erörtert H. treffend den analyti- 
schen Forschungsweg. 

Ausgezeichnet sind auch H.s Ausführungen über männlich und weiblich, aktiv und passiv. 
Begriffskontrolle ist hier besonders nötig. Auch die Begriffe Über-Ich, Kastrationskomplex, 
Identifizierung bedürfen einer scharfen Formulierung. Die Hauptschwierigkeit der analyti- 
schen Begriffsbildungen scheint dem Ref. darin zu liegen, daß sie sehr häufig allzufrüh vom 
.Erfahrungsboden losgerissen werden und dann gleichsam als Spuk ohne Substanz herum- 
laufen. Über-Ich und Ich werden dann sehr häufig Gegenstand einer scholastischen Wort- 
analyse. 

Die Schlußausführungen H.s beschäftigen sich mit der Kontrolle analytischer Forschungs- 
arbeit. 

Das Referat hat nur einige Punkte hervorheben können. Das Buch könnte sehr wohl die 
Grundlage für eine eingehende Diskussion der psychoanalytischen Grundfragen abgeben. 
Die Vertrautheit des Verf. mit den Problemen der Philosophie und Psychologie hat seinen 
Blick in mancher Hinsicht geschärft. Er steht den begrifflichen Problemen der Psychoanalyse 
mit erheblicher Selbständigkeit des Denkens gegenüber, die ihm zu glücklichen und scharfen 
Formulierungen und Einsichten verhilft. 

Ich bin der Ansicht, daß jeder ernsthafte Psychoanalytiker dieses Buch gründlich studieren 
sollte. P. Schilder (New York) 

KUBIE, LAWRENCE S.: Body Symbolization and the Development of Language. Psa. 

Quarterly III, 3. 

Kubie teilt eine Anzahl verblüffender Beispiele für das „symbolische Denken" bei 
Kindern und naiven Erwachsenen mit. Es ist auffallend, daß die Symbole, mit deren Hilfe 
körperliche Sehnsüchte und Funktionen ausgedrückt werden, oft von einem Kind ausschließ- 
lich aus der Sphäre etwa der Haushaltdinge, von einem anderen aus der der Kleidung, von 
einem dritten aus der Welt der Tiere, von einem vierten aus der der Maschinen genommen 
wird. — Kubie erklärt das symbolische Denken überhaupt für verständlich aus einer Tat- 
sache, die für das Sprechenlernen des Kindes von grundlegender Bedeutung sei: Es sind 
körperliche Bedürfnisse (Zustände der Unbefriedigung), die das Kind veranlassen, sich 
ausdrücken zu wollen. Jedes neue Faktum, das das Kind aufnimmt, müsse irgendwie mit 
Körperlichem verknüpft sein, aber natürlich müsse eine solche Verknüpfung nicht direkt 
sein. „Es gibt" daher „zunächst eine lange Periode, in der die Begriffe vage, weit und sich 
überschneidend sind; und erst mit dem Fortschreiten der Jahre werden sie mehr diskret und 
unterschieden", was auch mit den Forschungen von Piaget übereinstimme. 

O. Fenichel (Oslo) 



PARRY, ALBERT: Tattooing Among Prostitutes and Perverts. Psa. Quarterly III, 3. 

Parry ist der Autor eines Buches über das Tätowieren in den Vereinigten Staaten, das 
im gleichen Heft des Psa. Quarterly von Susanne S. Haigh referiert wird. Im Anschluß 
an dieses Referat teilt er einiges weitere Material zu diesem Thema mit, das er in sein Buch 
nicht aufnehmen konnte. Wir erfahren überraschende, aber leider nicht analytisch geklärte 
Einzelheiten über die Beziehungen zwischen dem Brauch des Tätowierens und der Sexual- 
pathologie, besonders über obszöne und sonstige exhibitionistische Tätowierungen, über 
Tätowieren als masochistischen Genuß, über die Häufigkeit des Tätowierens bei männlichen 
Homosexuellen u.dgl. O. Fenichel (Oslo) 



456 



Referate 



ZILBOORG, GREGORY: The Problem of Constitution in Psychopathology. Psa. Qu ar _ 
terly III, 3. 

Zilboorg erörtert einleitend breit die Geschichte und Tradition des Konstitutions- 
begriffs in der Psychiatrie — in der Auffassung, Geisteskrankheiten wären Gehirnkrank- 
heiten, in der humoralen Denkweise, in der Kraepelinschen Nosologie, in der psychiatri- 
schen Erblichkeitsforschung. Überall lege die tradierte Denkweise eine therapeutisch-nihi- 
listische Auffassung nahe. Demgegenüber fragt Zilboorg, was für Beiträge die Psycho- 
analyse der Konstitutionsforschung leisten könne. Sie schränke zunächst diesen Begriff 
durch ihre Erkenntnisse über die individuell historische Bedingtheit der Neurosen und 
Psychopathien und über die Identifizierungen, die Heredität vortäuschen, ein. Gewiß bleibe 
trotzdem die Wirksamkeit eines konstitutionellen Faktors, der mit den Erlebnisfaktoren zu- 
sammen eine „Ergänzungsreihe" bilde. Es sei wahrscheinlich, daß jener Faktor sich auf 
die „Sexualkonstitution", auf die relative Betonung der einzelnen Partialtriebe bzw. erogenen 
Zonen, beschränkt. Ein Fall von Depression, dessen Einzelsymptome weitgehend historisch 
bedingt waren (Identifizierung mit einer toten Frau), gibt den Eindruck: „Was ererbt zu 
sein scheint, ist nicht eine Krankheit oder der besondere Typ von Krankheit, den sie hatte 
sondern ihre intensive Oralität", die aber auch noch zum Teil erlebnismäßig bedingt ist 
durch den postnatalen Einfluß der Oralität der Mutter. Ebenso stammten bei einer auf 
analer Fixierung beruhenden Psychopathie mit Per Versionen die Einzelzüge des Krankheits- 
bildes aus der Kindheitsgeschichte; die hervorragende Analität aber war deutlich eine durch 
Generationen anhaltende Familieneigentümlichkeit. — Vermutlich bestehe also in dieser Be- 
ziehung zwischen Neurose und Psychose kein prinzipieller Gegensatz und müsse die übliche 
statistische Methode der psychiatrischen Erblichkeitsforschung nach psychoanalytischen Ein- 
sichten ergänzt werden, O. Fenichel (Oslo) 



KORRESPONDENZBLATT 



DER 



INTERNATIONALEN PSYCHO ANALYTISCHEN 

VEREINIGUNG 



Redigiert vom Zentralsekretär Edward Glover 



I. Vierländertagung 
(Österreich, Ungarn, Italien, Tschechoslovakei) 

Die Wiener Psychoanalytische Vereinigung, die Magyarorszagi Pszichoanalitikai 
Egyesület, die Societä Psicoanalitica Italiana und die Psychoanalyticka kupina v 
C. S. R. veranstalteten zu Pfingsten (8. — 10. Juni 1935) in Wien eine gemeinsame 
Tagung. Die beiden letztgenannten Gesellschaften gehören nicht der I. P. V. an, 
doch ist die tschechoslowakische Gesellschaft als Arbeitsgemeinschaft der Wiener 
Vereinigung angeschlossen, die Societa Psicoanalitica Italiana ist eine vollständig un- 
abhängige Organisation, von deren Mitgliedern jedoch vier (zum Teil seit Jahrzehn- 
ten) der Wiener Vereinigung angehören. An der Tagung waren nicht nur die Mit- 
glieder der vier einladenden Gesellschaften, sondern darüber hinaus alle Mitglieder 
der der International Psychoanalytical Association angehörenden Zweigvereinigungen 
sowie die von den Gruppenvorsitzenden eingeführten Gäste teilnahmsberechtigt. 

Die Veranstaltung nahm den nachfolgenden Verlauf: 

Samstag, 8. Juni. 

20 Uhr Empfang der Teilnehmer. 

21,15 Uhr Geschäftssitzung (nur für solche Teilnehmer, die Mitglieder einer der der 
International Psychoanalytical Association angeschlossenen Zweigvereinigungen sind). 
Gegenstand: Die didaktische Analyse und die Analysenkontrolle. Vor- 
sitz: Dr. Paul Federn. 

Federn begrüßt die Teilnehmer an der Tagung; ein Begrüßungstelegramm vom 
Präsidenten der International Psychoanalytic Association, Dr. Ernest Jones, sowie 
ein Schreiben von Frau Dr. Helene Deutsch, die ihre durch Gesundheitsrücksich- 
ten notwendig gewordene Abwesenheit von der Tagung entschuldigt und den Be- 
ratungen vollen Erfolg wünscht, werden verlesen. 

Hierauf verliest Dr. Imre Hermann das einleitende Referat, in dem der Stand- 
punkt einiger Lehrer der ungarischen Gruppe in Ausbildungsfragen dargelegt wird; 
Anna Freud verliest sodann das Referat von Dr. Helene Deutsch über Grundsätze 
und Praxis der Wiener Gruppe zum gleichen Gegenstand. 

An der folgenden sehr regen Aussprache nehmen (zum größten Teil mit mehreren 
Diskussionsbemerkungen) teil: Deri, R. Sterba, Burlingham> W. Hoff er, Anna Freud, 
Federn, J. Lampl-de Groot, B. Bornstein, M. Bälint, Hermann, E. Weiß, E. Bibring,,; 
A. Bdlint, G. Bibring, H. Lampl, R. Wälder, Hollös, Gyömröi. 



458 



Korrespondenzblatt 



ema: 



Sonntag, 9. Juni. 

o Uhr Erstes wissenschaftliches Symposion. Vorsitz: Dr. Istvan Hollos. Th 
Todestrieb und Masochismus. 

Federn teilt mit,, daß die Leitung der Tagung Begrüßungstelegramme an Prof 
Sigm. Freud, Dr. Jones und Dr. Eitingon sowie ein Danktelegramm an die 
Wirtschaftliche Organisation der Ärzte Wiens abgesandt hat, in deren Räumlich- 
keiten die Tagung stattfindet. 

Dr. Edoardo Weiß erstattet das Referat. . 

Leitlinien: 

Unzulänglichkeit der theoretischen Begründung des Todestriebes, Erscheinungen die 
zugunsten seiner Existenz sprechen: Wirkungen einer nichtlibidinösen Energie mit destruk- 
tiver (aggressiver) Funktion; deren Verwendung zur Verteidigung und Erhaltung des Ichs 
(Extroversion, Ich-Funktionen). Die Rolle dieser Energie - Mortido (Federn), Destrudo 
(Weiß) - bei der Entstehung der Angst (neurotische und Realangst) und des seelischen 
Traumas; die Destrudo gibt den wirklichen Anlaß zur Verdrängung (Ich-Schutz). 

Der supponierte Todestrieb und der Geltungsbereich des Lust-Unlustprinzips. Revision 
der ökonomischen Vorstellung über die Lust- und Unlustempfindungen im allgemeinen 

Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochismus in bezug auf die Äußerungen der 
Libido und Destrudo und deren Beziehung zum Lustprinzip. Der Masochismus setzt die 
Existenz von destruktiver Triebenergie (Destrudo) voraus, welche aber nicht unbedingt als 
Ausdruck eines „Todestriebes" angesehen werden darf, wie wahrscheinlich dies auch sein mag 

Stellungnahme zur R a d o sehen Angsttheorie. 

Hierauf leitet Dr. Imre Hermann die Diskussion ein. 

Leitlinien: 
1 Gesichtspunkte der Fragestellung. 2. Ferenczis Gedanken über Heilungstendenz. 
3. Selbstverstümmelungstendenz und deren Deutung: Anklammerungsdrang als Partialtrieb 
der Libido; Konflikt der Trennung. 4. Kritik des Destruktionstriebes. Eine Wirbeltheorie 
der Triebe. 5. Schmerz und Orgasmus vom Standpunkt derselben Triebtheorie. 

Diskussion: Hartmann, Eideiberg, Federn, M. Balint, R. Wäjder; Schlußwort: 
Weiß. 

15,30 Uhr Zweites wissenschaftliches Symposion. Vorsitz Dr. Edoardo Weiß 
Thema: Das psychische Trauma und die Handhabung der Übertra- 
gung. 

Dr. Richard Sterba erstattet das erste Referat (Leitlinien hierüber waren nicht 
vorgelegt); anschließend trägt Dr. Alice Balint ihr Referat vor. 

Leitlinien: 
Die Rolle der Persönlichkeit des Analytikers bei der Handhabung der Übertragung 
Der Charakter des Analytikers ist ein wesentlicher Faktor der analytischen Situation, der 
bei bestem Willen nicht auszuschalten ist. Die aus dieser Quelle stammenden Störungen der 
Ubertragungssituation können nur dadurch unschädlich gemacht werden, daß ihnen eine ge- 
steigerte Aufmerksamkeit zugewendet wird. 

Bei einer solchen Einstellung zum Patienten entpuppt sich manche vermeintliche Pro- 
jektion als reale Emfühlung in den Analytiker, wobei jedoch die außerordentlich gesteigerte 
Sensibilität des Patienten in bezug auf den Analytiker das Wiederaufleben einer infantilen 
Fähigkeit bedeutet. , . 






Korrespondenzblatt 



459 



Die Auflösung der so erkannten analytischen Situation erfordert in erster Linie jene 
Aktivität des Analytikers, die in dem Ausdruck „Handhabung der Übertragung" inbe- 
griffen ist. 

Diskussion: G. Bibring, Stengel, J. Lampl-de Groot, Anna Freud, A. Reich, 
M. Balint, E. Bibring, Hermann, E. Weiß; Schlußwort: A. Balint. 

Montag, 10. Juni. 

gUhr Drittes wissenschaftliches Symposion. Vorsitz: Francis Deri. Thema: Pro- 
blematik der Ichpsychologie. Dr. Robert "Wälder erstattet das Referat. 

Leitlinien: 

Thema des Referats ist ein Überblick über den heutigen Stand der Ich-Psychologie 
und ihrer Probleme. 

Die Ablehnung der Psychoanalyse in der Außenwelt war und ist auf der Ablehnung der 
Es-Psychologie begründet; dasselbe gilt von den ersten Abfallsbewegungen. Die heutigen 
Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Psychoanalyse beruhen zum großen Teil darauf, 
daß die Ich-Psychologie der Analyse vielfach nicht assimiliert wurde, bzw. auf andern Kon- 
zeptionen auf dem Gebiete der Ich-Psychologie. 

Beispiele für Probleme der Ich-Psychologie sind etwa: i. Art und Systematik und zeitliche 
Lokalisation der Abwehrformen; 2. Unbewußtheit von Abwehrformen und ihre Folgen für 
die Technik; Technik der Deutung der Abwehrformen und ihr Verhältnis zur Deutung der 
Wünsche; 3. Formen der Magie, ihre Grundlagen, ihr allmählicher Abbau und dessen 
Mechanismen, Verhältnis des Magischen zur jeweiligen Realitätsprüfung; 4. Aufbau der 
Realitätsprüfung und Mechanismen ihrer Störung (Psychosenproblem); 5. das Problem der 
Ich-Stärke, ihre Bedingungen und die Wege ihrer pädagogischen und therapeutischen För- 
derung; 6. die von Federn behandelten von der Phänomenologie des Depersonalisations- 
erlebens ausgehenden ökonomischen Probleme. 

Unzulänglichkeit jeder psychoanalytischen Erklärung ohne Ich-Psychologie. 

Voranalytische und analytische Ich-Psychologie. 

Eine Systematik der Ich-Psychologie ergibt: Die Funktionen des Ichs sind: 1. Kontakt mit 
der Außenwelt; 2. die Antizipation des Künftigen (Denken, Angst); 3. die Verarbeitung der 
Aufgaben und Konflikte. Die Verarbeitungsmethoden: Das Ich steht vor den Aufgaben, die 
ihm von außen (1. Es, 2. Außenwelt, 3. Über-Ich) gestellt werden, und 4. der Aufgabe der Beherr- 
schung dieser Instanzen, die es sich selbst stellt. Dem Ich obliegt es, Lösungsmethoden für 
diese Aufgaben zu finden. Da die Aufgaben untereinander widerspruchsvoll sind, sind gleich 
glückliche Lösungen der vier Aufgabengruppen nicht möglich. Die Lösungsmethoden („Me- 
chanismen") sind durch die Aufgabenstruktur bestimmt. Drei Typen von Lösungsmethoden: 
1. Mittelwege (es wird teils dieser, teils jener Forderung Genüge getan); 2. Vereinigungen 
auf höherer Ebene (Integration); 3. Abwehrmethoden. Die Abwehrmechanismen können 
angreifen: 1. an der Außenwelt (motorische Aktion, Ablehnung oder Modifikation einer 
Wahrnehmung); 2. am Es (Triebabwehr); 3. am Über-Ich und 4. an der Angst. 

Je nachdem, wie weit die vierte Aufgabe, die das Ich sich selber stellt (Beherrschung von 
Es, Über-Ich und Außenwelt durch das Ich), gelöst wird, ist die Freiheit des Ichs größer, 
das Ich „stärker". Problem der Ich-Stärke. Alle höheren Ich-Funktionen nur vom Es und 
Über-Ich her „asymptomisch" zu bestimmen. Ich-Stärke ist starke Objektivierung des eigenen 
Seelenlebens (Über-Ich-Komponente) bei äußerster Plastizität des Trieblebens (Es-Seite). 

Die Plastizität der Triebe ist schon von jeher (vor der Begründung der Ich-Psychologie) 
als Grundlage der Gesundheit bekannt gewesen. Alle Gesetze des Trieblebens kehren in der 
Ich-Psychologie auf gleichsam höherer Stufe wieder. 

Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse, XXI/3 31 



460 



Korrespondenzblatt 



Ich-Stärke ist Fähigkeit, von der Realität her gesteuert zu werden (Realitätsanpassung) 
Problematik des Begriffs der Realitätsanpassung. 

Realitätsanpassung ist grundsätzlich Anpassung nicht an die Realität von heute, sondern 
an die von morgen, die eine Funktion der Realität von heute und meines heutigen Han- 
delns ist. Für die meisten Menschen ist dieser Faktor freilich zu vernachlässigen. 
Realität teils gegeben, teils aufgegeben. 

Pathologische Erscheinungen Fehllösungen des Prozesses der Realitätsanpassung. Ausblick 
auf die Neurosen theorien innerhalb der Analyse; Unzulänglichkeit des (aus der Psychiatrie 
nicht der Analyse) stammenden Begriffs der „Neurose". 

Wann sind Voraussagen über menschliches Verhalten mit hinreichender Wahrscheinlich- 
keit möglich? Wenn die höheren Schichten des Ichs ausgeschaltet sind (Reduktion auf die 
Gesetzmäßigkeiten des Trieblebens und der primitiven Ich-Mechanismen), oder wenn das Ich 
alleinherrschend ist (Steuerung vom Gegenstande her, Reduktion auf die Sachstruktur). 

Ich-Stärke als pädagogisches Ziel. Die Regel „Versagung nur bei Anbot einer anderen 
Befriedigung als Kompensation" ist auch ichpsychologisch begründet (als Training für die 
Plastizität der Triebe). 

Die Förderung der Ichstärke in der Pädagogik: Lohn und Strafe sind die Methoden, die 
nicht die Stärke des Ichs voraussetzen; Appell an die Vernunft ist die Methode, die zum Ich 
spricht. Es gilt, die vorhandene Ich-Stärke des Kindes voll zu belasten, nicht überzu- 
belasten. Es ist immer der Appell an die Vernunft bis aufs äußerste dessen anzuwenden, als 
die Vernunft des Kindes schon reicht. Demnach ein Maximum an Liebe und ein Maximum 
der Beanspruchung der Vernunft. 

Diskussion der ichpsychologischen Differenzen innerhalb der Analyse. 

Diskussion: E. Bibring, E. Kris, Hartmann, Hermann, A. Reich, Federn, M. Balint, 
E. Weiß, Hollös, Stengel, A. Balint. Schlußwort: R. Wälder. 

Federn schlägt unter allgemeinem Beifall vor, die Tagung so bald wie möglich zu 
wiederholen. Das Komitee. 



II. Berichte der Zweigvereinigungen 
The American Psychoanafytic Association 

Tagungsbericht 
Die American Psychoanalytic Association tagte in gemeinsamer Sitzung mit der 
Sektion für Psychoanalyse der American Psychiatric Association Mittwoch, den 
15. Mai 1935, vormittag, im Hotel Mayflower, Washington, D. C; Dr. A. A. BrilL 
Vorsitzender der Sektion für Psychoanalyse und Präsident der American Psycho- 
analytic Association führte den Vorsitz. Es gelangte folgendes Programm zur Ab- 
wicklung: 

Dr. A.A. B rill: Anticipations and Corroborations of the Freudian Concepts from 
Non-Analytic Sources. 

Obwohl Freud die Psychoanalyse als eine spezielle wissenschaftliche Methode ent- 
deckt und entwickelt hat, machte er doch selbst auf die Tatsache aufmerksam, daß 
eine Anzahl seiner Erkenntnisse von anderen entweder vorweggenommen oder un- 
abhängig von ihm gefunden worden ist. Dies trifft zum Teil auch für seine Auf- 
fassungen über den Traum zu. Viele Stellen und Hinweise in der klassischen und 
modernen Literatur zeigen eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit den Freudschen 



Korrespondenzblatt 



461 



Gedankengängen; am merkwürdigsten ist aber die kürzlich gemachte Feststellung, 
daß Hippokrates, der Vater der Medizin, in derselben Art wie Freud Psychoanalyse 
betrieben hat, und zwar durch Analyse der Träume und durch die Untersuchung 
der Vergangenheit des Individuums. Auf diese Weise gelang es ihm, einen Psycho- 
neurotiker auf dem Königsthron zu heilen, nachdem sich sein ärztlicher Gegner ver- 
geblich gemüht hatte, durch Diät und Medikamente einen Erfolg zu erzielen. Es 
folgt eine Schilderung dieser Kur. 

Dr. Clarence P. Oberndorf: The Feeling of Unreality. 

Das Gefühl der Unwirklichkeit, das sich in vielen Neurosen und leichten Depres- 
sionen vorfindet, ist verbunden mit einem Konflikt zwischen männlichen und weib- 
lichen Identifizierungen, die sich vorwiegend auf intellektuelle Tätigkeit beziehen; 
Unwirklichkeitsgefühl tritt häufiger bei Frauen auf, die „Denken" als männliche 
Qualität auffassen. Es folgt an Hand klinischen Materials die Beschreibung einer 
Periode von Unwirklichkeitsgefühl bei einem jungen Mann während seiner Studien- 
jahre, die durch eine gemischte Identifizierung mit den Eltern bedingt war. 

Dr. Bernard Glueck: The Application of Psychoanalysis to Psychiatric Problems. 

Der Vortragende hatte einige Jahre früher auf der gemeinsamen Tagung der 
American Psychoanalytic und der American Psychiatric Association in einer vor- 
läufigen Mitteilung die Möglichkeiten und Grenzen der Anwendung der psycho- 
analytischen Technik bei psychotischen Patienten dargestellt. Einige Jahre neuer- 
licher Erfahrungen ergaben neue Modifikationen dieser Technik und brachten so ein 
tieferes Verständnis — und damit eine verfeinerte Technik — , wodurch weitere An- 
wendungsmöglichkeiten der psychoanalytischen Erkenntnisse auf dem Gebiete der 
Psychiatrie ermöglicht werden. Der Vortragende belegt seinen detaillierten Bericht 
über die Entwicklung und den gegenwärtigen Stand dieser Technik mit ausführ- 
lichem Krankenmaterial. 

Dr. Smith Ely Jelliffe: The Bodily Organs and Psychopathology. 

Der menschliche Organismus stellt den Höhepunkt der Entwicklung und die Ver- 
dichtung einer 'Welterfahrung von Äonen dar. Er ist mit allem Vergangenen zeitlich 
verbunden, und jene sowohl inneren wie äußeren Modelle seines Verhaltens, die 
bleibenden Wert hatten, wurden fast so unabänderlich wie der Lauf der Gestirne. 
Die Ursachen vieler organischer Erkrankungen werden in Übereinstimmung mit der 
Auffassung gedeutet, daß infantile Fixierungen erotischer Befriedigung zu einer 
Störung der Systeme der Intuition, des Instinkts und der Selbstheilung führen. In 
dem Ausmaß, in dem diese Fixierungen auf frühen organischen Ursachen beruhen 
und stark mit Libido besetzt sind, entstehen Konversionen, die in ihrer reversiblen 
und verhältnismäßig harmlosen Form überwiegend als hysterisch bezeichnet werden, 
in ihrer mehr malignen Form jedoch gewisse Komponenten einer organischen Erkran- 
kung bilden. Diese Gesichtspunkte werden auf Hautkrankheiten, Blutdruckverände- 
rungen, Nephrosen und Störungen des innersekretorischen Systems, sowie auf re- 
spiratorische, gastrisch und muskuläre Vorgänge angewendet. 



Die 34. Tagung der American Psychoanalytic Association fand Mittwoch, den 
15. Mai 1935, nachmittags, im Hotel Mayflower, Washington, statt. Folgende Vor- 
träge wurden vorgelegt und fanden eingehende Diskussion, an der sich Drs. Glueck, 
Kaufman, Jelliffe, Lorand und Sullivan beteiligten. 



Dr. William V. Silverberg: Towards a Theory of the Instincts. 
Der Vortragende leitet das Thema durch einen Hinweis auf Briffaults Behand- 
lung des Triebproblems in „The Mothers" ein und schlägt versuchsweise vor 
auf dieser Grundlage eine Trieblehre zu formulieren sowie den Begriff der biologi- 
schen Gesundheit auf der Basis der Triebe zu konzipieren. Es folgt eine Kritik der 
heutigen Freud sehen Trieblehre mit besonderer Berücksichtigung der Frage, ob der 
sogenannte Todestrieb als Trieb zu gelten habe. Weiters werden Wachstum und Re- 
produktion, insbesondere bei den Protozoen, als Triebmanifestationen aufgefaßt. Die 
Sexualität wird nach ihrem Verhältnis zu den Trieben bewertet. In einem kurzen 
Überblick wird der Vorgang beschrieben, durch welchen sich eine Hypothese wie 
die vorliegende entwickelte, unterstützt durch einige der klinischen Daten, die die 
Grundlage dieser Hypothese bilden. 

Dr. Karen Horney: Certain Reservations to the Concept of Psychic Bisexuality. 

Männlichkeitswünsche bei Frauen und Weiblichkeitswünsche bei Männern werden in 
der psychoanalytischen Literatur entweder als direkter Ausdruck innewohnender 
psychischer Bisexualität oder als Resultat eines psychischen Konfliktes, der auf dieser 
Grundlage irgendwie entstanden ist, aufgefaßt. Ohne die angenommene Existenz 
einer naturgegebenen psychischen Bisexualität in Frage zu stellen, lenkt die Vor- 
tragende die Aufmerksamkeit auf die Unsicherheit hinsichtlich der Reichweite und ge- 
nauen Funktion dieser bisexuellen Faktoren. Man kann in vielen Fällen beobachten, 
daß Charakteristika und Haltungen des anderen Geschlechts als Deckmantel für sado- 
masochistische Tendenzen angenommen werden. Bei diesen Patienten sind nicht die 
bisexuellen Wünsche, sondern die ihnen zugrunde liegenden sado-masochistischen 
Vorgänge das dynamische Prinzip. Hier sollten therapeutische Bemühungen ein- 
setzen, da die Betonung der bisexuellen Haltungen das Durcharbeiten des zugrunde- 
liegenden Sado-Masochismus gefährdet. 

Dr. Fritz Witt eis: A Type of Woman with a Threefold Love Life. 

Der Vortragende stellt fest, daß Frauen in dreifacher Weise auf die Anforderun- 
gen ihres Geschlechtes reagieren: i. durch ihre Verleugnung, 2. durch Umstellung 
auf herausfordernde Männlichkeit, 3. durch die normale Haltung der Fügsamkeit 
gegen sie. Es gibt Frauen, die alle drei Reaktionsformen — manchmal fast gleich- 
zeitig, manchmal in verschiedenen Lebensabschnitten — in ihrem Leben realisieren. 
Diese dreifache Haltung gegenüber dem Mann und seinen Forderungen zeigt ein 
kompliziertes und verworrenes Bild. Aus der Analyse einiger Fälle dieser Art werden 
Belege zu diesen Beobachtungen angeführt. Es scheint klar, daß diese Frauen dem 
hysterischen Typus angehören. 

Dr. Franz Alexander und Dr. George W. Wilson: Quantitative Dream Studies 
(A Methodological Attempt of a Quantitative Evaluation of Psychoanalytic Material). 

Der Vortrag behandelt eine quantitative Studie über das Traummaterial aus ver- 
schiedenen analytischen Behandlungsgeschichten. Die Träume wurden nach den 
wesentlichen dynamischen Tendenzen, .die sie zum Ausdruck bringen, eingeteilt. Die 
verhältnismäßige Intensität dieser elementaren dynamischen Tendenzen wurde nach 
der Häufigkeit, mit der sie im Traumleben des Patienten auftraten, eingeschätzt. Das 
Vorherrschen oral-rezeptiver und aggressiver Tendenzen ließ sich bei gewissen Typen 
von gastro-intestinalen Neurosen feststellen. In anderen wieder waren anale und 
retentive Tendenzen vorherrschend. Diese Unterschiede, die durch die dargestellte 



Korrespondenzblatt 



463 



Methode quantitativ ausgedrückt wurden, gestatteten die Ausarbeitung quantitativer 
Beziehungen, die für bestimmte Krankheiten typisch sind. Ferner wurde eine quan- 
titative "Wiedergabe des Verlaufs der psychoanalytischen Behandlung in individuellen 
Fällen durch eine quantitative Bewertung des Wechsels der dynamischen Tendenzen, 
wie sie sich in den Träumen des Patienten während der Analyse ausdrückten, 
versucht. 

Der gegenwärtige Vorstand: Dr. A. A. Brill, Permanent President; Dr. "William 
A. "White, Vice-President, und Dr. Ernest E. Hadley, Secretary-Treasurer, wird 
wiedergewählt. Ernest E. Hadley, 

Sekretär 



Boston Psychoanaiytic Society 

I. und II. Quartal 193$ 

j. Februar: Außerordentliche Sitzung zum Gedächtnis Dr. "William Herrn ans, 
dessen plötzlicher Tod für die Vereinigung einen schweren Schlag bedeutete. Die 
Gedenkrede hielt der Präsident der Vereinigung Dr. Martin W. Peck. 

24. Februar: Außerordentliche Sitzung: Dr. Gregory Zilboorg, New York: Some 
Side-lights on the Psychology of Murderers. 

17. März: Dr. John M. Murray, Vorsitzender des Komitees zur Institutsgrün- 
dung, berichtet über die Arbeiten des Komitees und die Satzungen des in Aussicht 
genommenen Institutes. 

Dr. I. H. Coriat wird an Stelle des verstorbenen Dr. Herman zum Mitglied des 
Lehrkomitees gewählt. 

Bericht über die Schaffung des Hanns-Sachs-Fonds in der Schweiz zur Förde- 
rung des Unterrichtes künftiger Kandidaten und emigrierter Lehranalytiker. 

23. April: Ordentliche geschäftliche Sitzung der Vereinigung. 

27. Mai: Jahresversammlung: Bericht des Lehrkomitees, des Kassenwartes 
und des Komitees zur Institutsgründung. Dessen Vorsitzender wird bevollmächtigt, 
das Institut den Vorschriften des Staates Massachusetts gemäß behördlich eintragen 
zu lassen und an der Organisation des Institutes, das im Herbst 1935 eröffnet wer- 
den soll, weiterzuarbeiten. 

Die Verfassung und die Statuten der Boston Psychoanalytic Society werden ein- 
stimmig angenommen. 

Einstimmige "Wiederwahl des Vorstandes: Dr. Martin W. Peck, Präsident; Doktor 
John M. Murray, Vizepräsident; Dr. M. Ralph Kauf man, Sekretär-Kassenwart; 
Dr. Hanns Sachs und Dr. I. H. Coriat werden für drei Jahre in das Lehrkomitee 
gewählt; die "Wahl von Dr. John M. Murray und Dr. Martin "W. Peck wird bis 
zum Jahre 1938 verlängert. Infolge ihrer Mitgliedschaft beim Lehrkomitee werden 
Drs. I. H. Coriat, John M. Murray, Martin W. Peck und M. Ralph Kaufman 
automatisch Sachwalter des Institutes. Drs. Ives Hendrick, William Healy, Henry 
Murray jr. werden einstimmig gewählt. Dr. Hanns Sachs wird zum Vorsitzenden 
der Beratungsstelle des Institutes gewählt. Drs. I. H. Coriat, Ives Hendrick, John 
M. Murray, Hanns Sachs und M. Ralph Kaufman werden auf Empfehlung des 
Lehrkomitees als Lehranalytiker für das kommende akademische Jahr bestätigt. 

M. Ralph Kaufmann, 

Sekreätr 



Chicago Psychoanalytic Society 
I. und II. Quartal 1935 

12. Januar: Dr. Robert Knight: Theoretical and Practical Considerations in the 
Analysis of a Minister. Diskussion über die Frage, ob religiöse Vorstellungen durch 
die analytische Technik abgebaut werden: Drs. Blitzsten, French, Saul und 
E i s 1 e r. 

26. Januar: Dr. Thomas Ratliff: Case of Schizophrenia. 

Diskussion mehrerer Mitglieder der Vereinigung über das von Dr. Ratliff vor- 
gelegte Deutungsmaterial und über die Beziehung zwischen dem akuten schizo- 
phrenen Ausbruch und der analytischen Behandlung. 

9. Februar: Geschäftliche Sitzung: Diskussion über die Frage außerordentlicher 
Sitzungen, zu denen ein ausgewählter Kreis von Psychiatern und Ärzten eingeladen 
werden könnte. 

Wissenschaftliche Sitzung: Dr. Ives Hendrick (Boston): Defect in Ego Develop- 
ment and Character Neurosis. 

23. Februar: Dr. Catherine Bacon: Conflicts Related to the Feminine Role in a 
case of Constipation and Bulemia. 

Dem Vortrag liegt die Krankengeschichte einer 40jährigen Patientin zugrunde, 
deren Bulimie und Obstipation den Wunsch, alles für sich zu haben und nichts dafür 
zu geben, repräsentiert. Ein Orgasmus bedeutet für sie weibliches Geben, das ihrer 
Angst vor analem Geben parallel läuft. Menstruieren bedeutet ebenfalls Geben wider 
Willen. Die weibliche Rolle bedeutet für sie zu geben, wann es erwartet wird. Ihr 
Wunsch ist es, nur in männlicher Weise zu geben. Die Diskussion erörtert das Pro- 
blem des „Gebens". 

9. März: Geschäftliche Sitzung: Dr. French berichtet über den gegenwärtigen 
Stand der Arbeiten des Statutenausschusses der American Psychoanalytic Association. 
Die Frage der Erfordernisse zur außerordentlichen und ordentlichen Mitgliedschaft 
bei der Chicago Psychoanalytic Society und für Lehranalytiker wird dem Lehrkomitee 
zur weiteren Behandlung zugewiesen. 

Wissenschaftliche Sitzung: Dr. George J. Mohr: Psychotherapy in Childhood. 

Außer einer Beschreibung der Technik werden die Vorteile und Nachteile der 
Kinderanalyse dargelegt. Die Diskussion befaßt sich hauptsächlich mit den ver- 
schiedenen Indikationen und Kontraindikationen für die Analyse am Kinde. 

23. März: Geschäftliche Sitzung. Das Lehrkomitee legt eine revidierte Fassung 
der Vorschriften für Lehranalytiker vor, in der auf die wissenschaftliche Ausbildung 
und klinische Befähigung besonderer Nachdruck gelegt wird. 

Wissenschaftliche Sitzung. Dr. Leon J. Saul: A Note on the Psychogenesis of Or- 
ganic Symptoms. ' . 

Organische Symptome sind entweder direkte Gefühls- oder Konfliktsäußerungen 
oder indirekte, bzw. zufällige mechanische Endresultate einer direkten psychischen 
Gefühlsäußerung. Das vorliegende Material zeigt, daß organische Symptome, ob- 
wohl sie zu Gefühlskonflikten in Beziehung stehen, nicht deren Symbolisierung sein 
müssen, sondern auch nur zufällige Endeffekte von Gefühlsäußerungen sein können. 
Die Erkenntnis dieses Mechanismus nimmt dem Sprung vom Psychischen ins Körper- 



Korrespondenzblatt 



465 



liehe seine Rätselhaftigkeit. In der nachfolgenden Diskussion belegen mehrere Mit- 
glieder die Auffassung des Vortragenden durch Krankengeschichten. 

27. April: Geschäftliche Sitzung. Diskussion über die vorgeschlagenen Statuten 
der American Psychoanalytic Association. 

2j. Mai: Dr. Hyman Lippmann (St. Paul): A Case of Obsessional Neurosis. 

g. Juni: Dr. Maurice Levine: Notes on the Acting Out of Incest Urges. 

Statistische Daten über 26 Fälle aus der sozialen Arbeit, in denen Inzest zwischen 
Vater und Tochter, Bruder und Schwester, Mutter und Sohn vorkommen, werden 
in der Reihenfolge ihrer Häufigkeit angeführt. Mehrere Mitglieder unterziehen den 
Vortrag vom statistischen Gesichtspunkt aus einer Kritik. 

Dr. Maurice Levine: Interpretation of the Panic Reaction. 

Der Vortragende schlägt vor, die Schreckreaktionen als ein Überwältigtwerden 
des Ichs durch Angst angesichts einer Gefahr von Seiten der Außenwelt, des Ober- 
Ichs und des Es zu formulieren. Es wird die Beziehung zwischen Schreckreaktionen 
und Kastrationsangst angedeutet und schließlich eine Analogie zwischen Schreck- 
zuständen und Alpdrücken erwähnt. 

22. Juni: Geschäftliche Sitzung: Dr. Robert K night wird zum außerordentlichen 
Mitglied gewählt. Der Präsident, Vizepräsident und Sekretär werden für das kom- 
mende Jahr wiedergewählt. 

Helen Vicent McLean, 

Sekretärin 

The New York Psychoanalytic Society 

I. und II. Quartal 193 j 

29. Januar: Wahl des Vorstandes: Dr. A. A. Brill, Präsident; Dr. Bertram 
D.Lewin, Vizepräsident; Dr. George E. Daniels, Sekretär; Dr. Monroe A.Meyer, 
Kassenwart; Drs. Blumgart, Oberndorf und Stern, Vorstandsmitglieder. Von 
den sechs vom Präsidenten nominierten Personen werden Drs. Amsden, Jelliffe, 
Lehrman und Oberndorf zusammen mit den bei der Gründung vorgesehenen 
ex-officio-Mhglkdem in das Lehrkomitee gewählt. Bei der ersten Sitzung werden 
Dr. Jelliffe zum Vorsitzenden und Dr. Lehrman zum geschäftsführenden Sekretär 
gewählt. Dr. Meyer kündigt als Leiter des Institutes die Veröffentlichung eines 
Berichtes über die Arbeit des Institutes während der drei Jahre seines Bestehens an. 

Wissenschaftliche Sitzung: Dr. Fritz Witt eis: Existence Philosophy and Psycho- 
Analysis. — Dr. Robert Fliess: Material Protection. 

26. Februar: Dr. O. Spurgen English: The Need for an Analytic Background in 
Prison Psychiatry. 

12. März: Außerordentliche Sitzung: Diskussion über den neuen Satzungs- 
entwurf für die American Psychoanalytic Association. Dr. Oberndorf legt als 
Vertreter der New York Society den Entwurf vor, der von den Mitgliedern Punkt 
für Punkt erörtert wird. Zur endgültigen Beschlußfassung wird noch eine eigene 
Sitzung einberufen werden. 

26. März: Dr. Hermann Nunberg: Homosexuality and Aggression. 

30. April: Ordentliche Sitzung. Dr. Ives Hendrick: The Sexualization of Hostile 



466 



Korrespondenzblatt 



Trends in Dream Resistance and in Schizophrenia. Diskussion: Drs. Feigenbaum 
Nunberg, Lorand, Lewin und Schimenti. 

21. Mai: Wissenschaftliche Sitzung: Zwei Vorträge zum Thema „Lactation in a 
Virgin": Dr. Walter Briehl (als Gast) behandelt die psychischen, Dr. Ernest 
W. Kulka (als Gast) die somatischen Aspekte des vorliegenden Falles. An der von 
Dr. Max Mayer eröffneten Diskussion beteiligen sich Drs. Feigenbaum, Jellif f e 
Nunberg, Rado und Lehrman. 

Während der Berichtsperiode wurden Dr. Karen Horney (von der Chicago 
Society), Dr. Simon Rothenberg und Dr. William J. Spring zu ordentlichen Mit- 
gliedern gewählt. 

George E. Daniels, 

Sekretär 

The Washington*Baitimore Psychoanalytic Society 

I. Quartal 193 j 

12. Januar: Dr.Lucile Dooley: Notes on the Development of Psychological Sex 
Differences. 

Geschäftliche Sitzung: Bericht von Dr. William V. Silverberg, Vertreter der 
Vereinigung beim Statutenkomitee der American Psychoanalytic Association. Wahl 
des Vorstandes: Dr. Lewis B. Hill, Präsident; Dr. Clara Thompson, Vizepräsident; 
Dr. Bernard S. Robbins, Sekretär-Kassenwart; Dr.Lucile Dooley, Vorstands- 
mitglied. 

9. Februar: Dr. Karen Horney (New York City, als Gast der Vereinigung): Notes 
on the Problem of Masochism. 

9. März: Dr. Harry Stack Sullivan: Specific Restrictions to Personal Awareness. 

Geschäftliche Sitzung. Diskussion über die neuen Statuten der American Psycho- 
analytic Association. 

Dr. Bernard S. Robbins, 

Sekretär 



Finnisch-Schwedische Psychoanalytische Vereinigung 

II. Quartal 1935 
I. Sitzungen 
18. April: Satzungen, Mitgliedergebühren. — Dr. Kulovesi: Zur Symbolik. — 
Dr. Kulovesi: Ein Fall mit Erythrophobie und psychogenen Hautveränderungen. 
(Diskussion.) 

18. Juni: Dr. Sandström. Autoreferat ihres neuerschienenen Buches „En psyko- 
analytisk kvinnostudie". Ernst Ahlgren— Victoria Benedictsson. (Eine psa. Frauen- 
studie.) 

Geschäftliches: Zum ordentlichen Mitglied wurde nachträglich gewählt: Dr. phil. 
Tora Sandström. 

II. Referierabende 
5. April: Ekman: Neueres zum Angstproblem. 
2. Mai: N. Bratt: Melanie Kleins „Psychoanalyse des Kindes". 



Korrespondenzblatt 



467 



III. Kontrollseminare 
25. April, 7. Mai, 4., n. und 13. Juni: Referenten: Nielsen, Ekman, Nycan- 
der, Nielsen. 

IV. Vorträge 
für Mediziner, Pädagogen u. a. im Stockholmer Krankenhaus „Serafienerlasarettet". 
(Etwa jo Zuhörer.) 

1. April: G. Lundberg: Erziehungsprobleme. 

ij. April: Dr. Tamm: Intellektuelle Hemmungen. 

Alfhild Tamm 



Indian Psydio*Analyticai Society 

I. Quartal 1935 

27. Januar: Jahresversammlung. Wahl des Vorstandes: Dr. G. Böse, Präsident; 
Lt.-Col. Berkeley Hill und Mr.H.P.Maiti, Vorstandsmitglieder; Mr.M.N.Banerji, 
Sekretär; ferner Dr. S. C. Mitra, Bibliothekar, Mr. M. N. Samanta, Bibliothekar- 
stellvertreter; S. K. Böse, Stellvertretender Sekretär. "Weiters wurde beschlossen, 
Dr. L aha angesichts der Häufung dringlicher Arbeiten als stellvertretenden Geschäfts- 
führer für das laufende Jahr zu bestellen. 

Ausschuß des Indian Psycho- Analytical Institute (für 1935 bis 1937): Dr. G. Böse 
(Präsident), Lt.-Col. Berkeley Hill, Mr. M. P. Maiti, Dr. B. C. Ghosh, Mr. Gopes- 
war Pal und Mr. M. N. Banerji (Sekretär). 

Dr. Surendra Chandra Laha wurde (im März 1934) zum Mitglied gewählt. 

7. Februar: Tagung des Indian Psycho-Analytical Institute. Alle in Kalkutta leben- 
den ordentlichen und außerordentlichen Mitglieder wurden zur Teilnahme an der 
Tagung des Instituts eingeladen, bei der eine Zusammenkunft mit Lt.-Col. C. D. Daly 
stattfand, der nach seiner Rückkehr aus Europa nach Kalkutta versetzt worden war. 
Dr. Böse stellte ihn den Mitgliedern der Vereinigung vor. Die Mitglieder des In- 
stituts besprachen eine Anregung des Sekretärs, monatlich an zwei Abenden zur 
Diskussion wissenschaftlicher Themen, insbesondere solcher, die im „Journal of PsA." 
erörtert werden, zusammenzukommen. Diese Zusammenkünfte sollen den ordent- 
lichen und außerordentlichen Mitgliedern sowie den Lehrkandidaten zugänglich sein. 
Der Vorschlag wurde angenommen; vorläufig wurde der erste Mittwoch jedes Monats 
zur Abhaltung solcher Abende bestimmt. 

6. März: Mr. Banerji: A Synopsis of Laforgues paper „Resistances at the Con- 
clusion of Analytic Treatment" (siehe Journ. of PsA., Oktober 1934). 

Lt.-Col. Berkeley Hill beschreibt verschiedene Methoden zur Hervorrufung von 
Träumen (indem z.B. eine Flasche oder ein „Kukri" unter das Kopfkissen gelegt 
wird oder die Beine vor dem Schlafengehen mit einer Schnur zusammengebunden 
werden) unter Berücksichtigung der Eigenart und des Verlaufes des einzelnen Falles. 

27. März: Lt.-Col. Daly: One Aspect of the Mother Complex. Der Vortragende 
ist der Ansicht, daß der Geruch und der Anblick der Menstrualblutung der Mutter 
die Ursache der Kastrationsangst und der Entwicklung des Ödipuskomplexes bilden, 
und führt Krankengeschichten, Träume usw. zur Unterstützung seiner Auffassung an. 

3. April: Lt.-Col. Berkeley Hill: Some Reactionary Tendenoies in Psycho-Analysis. 



Der Vortragende bespricht die gegen die Psychoanalyse erhobenen Vorwürfe, daß 
sie einen Faktor der Zersetzung bilde und die Kulturideale gefährde. 

M. N. Banerji, 

Sekretär 

Chewra Psychoanalytith f>'Erez=Israel 

I. Quartal 1935 

12. Januar (Jerusalem): Frau Peller-Roubiczek: „Realitätsannäherung als Auf- 
gabe der Erziehung." 

9. März (Jerusalem): Frau Obernik-Reiner: „Die psychoanalytische Individual- 
beobachtung innerhalb der Kindergruppe und ihr Wert für den Aufbau der Gemein- 
schaftserziehung." 

Geschäftliche Sitzung. Wiederwahl des Vorstandes: Dr. M. Eitingon, Vor- 
sitzenden Dr. I. Schallt, Sekretär-Kassenwart. 

Bericht über die Arbeit der einzelnen Mitglieder und ihre Eingliederung in die 
Ärzteschaft des Landes sowie über die Zusammenarbeit mit den Pädagogen. 

Frau Peller-Roubiczek (bisher außerordentliches Mitglied der Wiener Psycho- 
analytischen Vereinigung) wird als außerordentliches Mitglied aufgenommen. 

Dr. I. Schalk, 

Sekretär 

Societe Psydianafytique de Paris 

IL Quartal 1935 

6. April: Vorsitz: Dr. Pichon. 

Dr. Spitz: „Le role des facteurs sociaux dans la typologie des nevroses." 

Diskussion: Dr. Odier, Mme. Marie Bonaparte, Mme. Morgenstern, Mme. 
Codet, MM. Schiff, Pichon und Spitz. 

In dieser Sitzung werden zu außerordentlichen Mitgliedern gewählt: 

Herr Dr. J. L. Pierre, 39, Avenue Charles Floquet, Paris VII. 

Prinz Peter von Griechenland, 6, rue Adolphe Yvon, Paris XVI. 

18. Mai: Vorsitz: Dr. Pichon. 

Dr. Pizarro Crespo: „Le role des facteurs psychiques dans le domaine de la 
clinique." 

Diskussion: MM. Laforgue, Codet, Parcheminey, Mme. Marie Bonaparte, 
MM. Schiff, Leuba, Dalbiez, Pizarro. 

In dieser Sitzung werden die Herren Dr. Laforgue und Dr. Leuba zu Bericht- 
erstattern für die „Neuvieme Conference des psychanalystes de langue francaise" be- 
stimmt. Berichtsthema: „La famille nevrotique et la nevrose familiale." 

18. Juni: Vorsitz: Dr. Pichon. 

Dr. Odette Codet: „A propos de trois cas d'anorexie mentale." 

Diskussion: Mme. Marie Bonaparte, MM. Leuba, Borel, Mme. Morgen- 
stern, MM. Löwenstein, Laforgue, Codet, Odier, Parcheminey, Spitz, 
Lacan, Chentrier, Pichon, Mme. Codet. 



Korrespondenzblatt 469 



Mademoiselle Guex, 9, Florimont, in Lausanne (Schweiz), wird einstimmig zum 
außerordentlichen Mitglied gewählt. 

Dr. Codet und Dr. Rene Spitz werden zu ordentlichen Mitgliedern gewählt. 

Das Datum der „Neuvieme Conference des psychanalystes de langue francaise" 
wird für Ostern 1936 festgesetzt. Sie wird über Vorschlag des Herrn Dr. de Saus- 
sure, der die Kongreßteilnehmer einlädt, in Morges (Schweiz) stattfinden. 

Die Sitzung im Juli fällt wegen der Sommerurlaube aus. 

Dr. J. Leuba, 

Sekretär 



Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse 

I. Quartal 1935 

19. Januar (Zürich). Dir. Dr. med. A. Kiel ho z, Königsfelden: „Über Garderobe- 
diebstähle." Es werden zwei Fälle referiert, die von Gerichtsbehörden zur psa. Be- 
gutachtung und Beobachtung in die Pflegeanstalt Königsfelden eingeliefert wurden. 
Ref. zieht Parallelen zur Pseudologie, zum Fetischismus und zu den symbolischen 
Diebstählen, weist hin auf die psychotherapeutischen Möglichkeiten bei mehr neuroti- 
schen und bei mehr psychopathischen Garderobedieben. Das Problem der Zurech- 
nungsfähigkeit wird diskutiert. 

Diskussion: Bally, Boß, Kielholz, Pf ister, Sarasin, Steiner, Zulliger. 

In einer kurzen geschäftlichen Sitzung wird gewünscht, daß ein welschschweize- 
risches Mitglied den Vorstand ergänze. 

9. Februar (Zürich). Generalversammlung. Hans Zulliger, Ittigen: „Zur Psy- 
chologie des narzißtisch-triebhaften Charakters." (Wird zusammen mit Korreferat 
Meng und eventuellen Diskussionsbeiträgen in der „Zeitschrift f. psa. Pädagogik" ab- 
gedruckt.) Korreferat und Diskussion auf eine besondere Sitzung verlegt. 

Geschäftliche Sitzung: Jahresbericht, Kassabericht, Bericht der U. K., des Biblio- 
thekars werden genehmigt, der alte Vorstand entlastet. Der alte Vorstand wird, er- 
gänzt durch Privatdozent Dr. med. Hry. Flournoy, Genf, wiedergewählt (Sarasin, 
Flournoy, Blum, Pfister, Zulliger), er amtiert unter der Leitung von Blum, 
Bern, zugleich als Unterrichtskommission. Rechnungsrevisoren 1935: Boß und 
Steiner. Jahresbeitrag inkl. Zeitschriftabonnements Frs. 75. — . 

Meng referiert über seine Tätigkeit als Volkshochschuldozent in Basel vor 150 
bis 250 Hörern. Er hielt auch Vorträge und Kurse über Psa.-Pädagogik vor Lehrer- 
organisationen, die von Behördemitgliedern offiziell besucht und freundlich aufge- 
nommen wurden. Die Gästeliste wird ergänzt. 

2. März (Zürich). Dr. med. H. Meng, Basel: „Korreferat zum Vortrag Zulliger 
vom 9. Februar." (Wird zusammen mit dem Vortrag Zulliger in der Zeitschrift f. 
psa. Pädagogik" publiziert.) 

Diskussion: Frau Behn-Eschenburg, Bally, Kielholz, Meng, Frl. Sachs (a. G.), Busch 
(a. G.), Sarasin, Steiner, Zulliger. 

Geschäftliche Sitzung: Meng, Basel, wird einstimmig als ordentliches Mitglied 
aufgenommen. 

30. März (Bern). Dr. med. E. Blum, Bern: „Zur Psychologie und Psychopathologie 



47° 



Korrespondenzblatt 



der Arbeit." Vergleiche zwischen der ursprünglich-primitiven und der modernen 
Maschinenarbeit, Rückwirkungen auf die Psyche des Arbeiters. (Wird publiziert.) 

Diskussion: Bally, Boß, Blum, Frau Dr. Blum, Frau Behn-Eschenburg, Kasser 
(a.G.), Kielholz, Mariasch (a. G.), Pfenninger, Frl. Sachs (a. G.), Sarasin, Steiner, 
Zulliger, alle in mehreren Voten. 

Zu lüg er hielt zwei psychoanalytisch orientierte Vorträge am Radio Bern, einen 
Vortrag über psa. Erziehungshilfe vor dem kantonalbernischen Handarbeitslehrerin- 
nenverein im Rathaus, Bern, und ein Referat vor dem Ausschuß für das Schweiz. 
Jugendschriftenwerk. 

Hans Zulliger, 

Sekretär 



III. Mitteilung 



In dem als Beilage zu Heft i dieses Jahrganges erschienenen Mitgliederverzeichnis 
der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung wurde auf Seite ii als Adresse 
des Zentral-Präsidenten der I. P. V. und Präsidenten der British Psycho- Analytical 
Society, Dr. Ernest Jones, fälschlich 42 York Terrace, London N. W. angegeben. Es 
soll richtig heißen: 81 Harley Street, London "W. 1.