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Full text of "Internationaler Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse Band I 1913 Heft 2"

INTERNATIONALE ZEITSCHRIFT 

FÜR 

ÄRZTLICHE PSYCHOANALYSE 

OFFIZIELLES ORGAN 

DER 

INTERNATIONALEN PSYCHOANALYTISCHEN VEREINIGUNG 

HERAUSGEGEBEN VON 

PROF. DR. SIGM. FREUD 

REDIGIEET VON 

DR. S. FEBENCZI und DR. OTTO RANK 

BUDAPEST WIEN 

UNTER STÄNDIGER MITWIRKUNG VON: 

Dr. Karl Abraham, Berlin. — Dr. Ludwig Binswanger, Kreuzlingrn. — 
Dr. FOUL BjERRE, Stockholm. — Dr. A. A. Brill, Nkw-York. — Dr. Triqant 

BURROW, BALTIMORß. — Dr. M. D. EDER, LoNDON. — Dr. J. VAN EMDEN, HaAG. — 

Dr. M.EiTiNGON, Berlin. -- Dr. Paul Federn, Wien. — Dr. Eduard Hitschmann, 
Wien. — Dr. L. Jekels, Wien. — Prof. ERNEST Jones, Toronto. — Doz. C. G. 
jung, Zöricu. — Dr. FRIEdr. S. Krauss, Wien. — Dr. alphonse Maeder, 
Zürich. — Dr. J. Marcinowski, Sielbeck. — Prof. Morichau-Beauchant, 
Poitiers. — Dr. Oskar pfister, Zürich. — Prof. James J. Putnam, Boston. 
— Dr. R. Reitler, Wien. — Dr. Franz riklin, Zürich. — Dr. Hanns Sachs, 
Wien. — Dr. J. Sadger, Wirk. — Dr. L. Seif, Mönchen. — Dr. A. StXrcke, 
Hüister-Heide. — Dr. a. Stegmann, Dresden. — Dr. M. Wulff, Odessa. 



L JAHRGANG, 1918 
HEFT 2. MÄRZ 




1913 

HUGO HELLER & CIE. 

LEIPZIG UND WIEN, I. BAUERNMARKT 8 



JAHRUCH 6 HEFTE BEI 40 BOGEN STARK M IB.-- = K 21M 



Goo 



original from 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Die „Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse", die Prof. 
Sigm. Freud nunmehr herausgibt, stellt sich die Aufgabe, dem 
Anfanger durch didaktische Aufsätze eine Einführung in das Wesen und 
die Übung der Psychoanalyse 2u geben, den Vorgeschrittenen Grelegen- 
heit zum Austausch ihrer Erfahrungen zu bieten und sie durch Kritiken 
und Referate fortlaufend von der Entwicklung dieser jungen Wissenschaft 
zu unterrichten. 

Die neue Zeitschrift wird Originalarbeiten zum Abdruck 
bringen, von denen eine Erweiterung unserer psychoanalytischen Er- 
kenntnisse zu erwarten ist, und Mitteilungen, durch welche die 
bekannten Lehren erläutert und bestätigt werden sollen. 

Die Veröffentiichung umfangreicher dokumentarischer Arbeiten und 
die Diskussion der noch strittigen schwierigen Probleme der Psychoanalyse 
bleibt nach wie vor dem „Jahrbuch für psychoanalytische und psycho- 
pathologische Forschungen, redigiert von C. G. Jung", überlassen, während 
die Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften der von 
Dr. Rank und Dr. Sachs redigierten „Imago" vorbehalten ist. 

Es erscheinen jährlich sechs Hefte der neuen Zeitschrift, jeden 
zweiten Monat abwechselnd mit „Imago", im Gesamtumfang von ca. 
36 — 40 Druckbogen zum Jahrespreis von M 18. — = K 21.60. 

Auch wird ein gemeinsames Abonnement auf die beiden psycho- 
analytischen Zeitschriften zum ermäßigten Gesamtjahrespreis von M 30. — 
= K 36.— eröffnet. 

Redaktion und Verlag. 



Für die Redaktion bestimmte Zuschriften und Sendungen an : 

Dr. 8. Ferenczi, Budapest, VII. EHsabethring 54. 



Alle Manuskripte sind vollkommen druckfertig einzusenden. 

Sämtliche Beiträge werden mit dem einheitlichen Satz von K 60. — 
pro Druckbogen honoriert. 

Von den „ Originalarbeiten ^ und „Mitteilungen" erhalten die Mitarbeiter 
je 50 Separatabzüge gratis gehefert. 

Copyright 1913. Hugo Heller & Cie., Wien, I. Bauernm. 3. 

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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Originalarbeiten. 



Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten in der 

Psychoanalyse. 

Von Prof. Dr. Sigm. Freud, LL. D. Wien.*) 

Ich möchte mit wenigen Worten und so klar als möglich darlegen, 
welcher Sinn dem Ausdruck „Unbewußtes" in der Psychoanalyse und 
nur in der Psychoanalyse zukommt. 

Eine Vorstellung — oder jedes andere psychische Element — kann 
jetzt in meinem Bewujätsein gegenwärtig sein und im nächsten Augen- 
blick daraus verschwinden; sie kann nach einer Zwischenzeit ganz 
unverändert wiederum auftauchen, und zwar, wie wir es ausdrücken, 
aus der Erinnerung, nicht als Folge einer neuen Sinneswahrnehmung. 
Um dieser Tatsache Rechnung zu tragen, sind wir zu der Annahme 
genötigt, daß die Vorstellung auch während der Zwischenzeit in unserem 
Geiste gegenwärtig gewesen sei, wenn sie auch im Bewußtsein latent 
blieb. In welcher Gestalt sie aber existiert haben kann, während sie 
im Seelenleben gegenwärtig und im Bewußtsein latent war, darüber 
kömien wir keine Vermutungen aufstellen. 

An diesem Punkte müssen wir darauf gefaßt sein, dem philoso- 
phischen Einwurf zu begegnen, daß die latente Vorstellung nicht als 
Objekt der Psychologie vorhanden gewesen sei, sondern nur als physische 
Disposition für den Wiederablauf desselben psychischen Phänomens, näm- 
lich eben jener Vorstellung. Aber wir können darauf erwidern, daß eine 
solche Theorie das Gebiet der eigentlichen Psychologie weit überschreitet, 
daß sie das Problem einfach umgeht, indem sie daran festhält, daß 
^bewußt** und „psychisch" identische Begriffe sind, und daß sie offenbar 
im Unrecht ist, wenn sie der Psychologie das Recht bestreitet, eine ihrer 
gewöhnlichsten Tatsachen, wie das Gedächtnis, durch ihre eigenen Hilfs- 
mittel zu erklären. 

Wir wollen nun die Vorstellung, die in unserem Bewußtsein gegen- 
wärtig ist und die wir wahrnehmen, „bewußt" nennen und nur dies als 

*) Zaerst englisch erschienen in „Proceedings of The Society for Psychical 
Besearch« Part LXVL, Vol. XXVI. 



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118 Sigm. Freud. 

Sinn des Ausdruckes „bewußt" gelten lassen; hingegen sollen latente 
Vorstellungen, wenn wir Grund zur Annahme haben, daß sie im Seelen- 
leben enthalten sind — wie es beim Gedächtnis der Fall war — mit 
dem Ausdruck „unbewußt" gekennzeichnet werden. 

Eine unbewußte Vorstellung ist dann eine solche, die wir nicht be- 
merken, deren Existenz wir aber trotzdem auf Grund anderweitiger Anzeichen 
und Beweise zuzugeben bereit sind. 

Dies könnte als eine recht uninteressante deskriptive oder klassi- 
fikatorische Arbeit aufgefaßt werden, wenn keine andere Erfahrung für 
unser Urteil in Betracht käme als die Tatsachen des Gedächtnisses oder 
die der Assoziation über unbewußte Mittelglieder. Aber das wohlbekannte 
Experiment der „posthypnotischen Suggestion" lehrt uns an der Wich- 
tigkeit der Unterscheidung zwischen bewußt und unbewußt fest- 
halten und scheint ihren Wert zu erhöhen. 

Bei diesem Experiment, wie es Bernheim ausgeführt hat, wird 
eine Person in einen hypnotischen Zustand versetzt und dann daraus 
erweckt. Während sie sich in dem hypnotischen Zustande, unter dem 
Einflüsse des Arztes befand, wurde ihr der Auftrag erteilt, eine bestimmte 
Handlung zu einem genau bestimmten Zeitpunkt, z. B. eine halbe Stunde 
später, auszuführen. Nach dem Erwachen ist allem Anscheine nach 
volles Bewußtsein und die gewöhnliche Geistesverfassung wiederum ein- 
getreten, eine Erinnerung an den hypnotischen Zustand ist nicht vor- 
handen, und trotzdem drängt sich in dem vorher festgesetzten Augen- 
bhck der Impuls, dieses oder jenes zu tun, dem Geiste auf, und die 
Handlung wird mit Bewußtsein, wenn auch ohne zu wissen weshalb, 
ausgeführt. Es dürfte kaum möglich sein, eine andere Beschreibung 
des Phänomens zu geben, als mit den Worten, daß der Vorsatz im Geiste 
jener Person in latenter Form oder unbewußt vorhanden war, 
bis der gegebene Moment kam, in dem er dann bewußt geworden ist. 
Aber nicht in seiner Gänze ist er im Bevnißtsein aufgetaucht, sondern nur 
die Vorstellung des auszuführenden Aktes. Alle anderen mit dieser Vor- 
stellung assoziierten Ideen — der Auftrag, der Einfluß des Arztes, die Erin- 
nerung an den hypnotischen Zustand, blieben auch dann noch unbewußt. 
Wir können aber aus einem solchen Experiment noch mehr lernen. 
Wir werden von einer rein beschreibenden zu einer dynamischen 
Auffassung des Phänomens hinübergeleitet. Die Idee der in der Hypnose 
aufgetragenen Handlung wurde in einem bestimmten Augenblick nicht 
bloß ein Objekt des Bewußtseins, sondern sie wurde auch wirksam, 
und dies ist die auffallendere Seite des Tatbestandes: sie wurde in 
Handlung übertragen, sobald das Bewußtsein ihre Gegenwart bemerkt 
hatte. Da der wirkliche Antrieb zum Handeln der Auftrag des Arztes 
ist, kann man kaum anders als einräumen, daß auch die Idee des Auf- 
trages wirksam geworden ist. 



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Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten in der Psychoanalyse. 119 

Dennoch wurde dieser letztere Gedanke nicht ins Bewußtsein auf- 
genommen, wie es mit seinem Abkömmling, der Idee der Handlung 
geschah; er verblieb unbewußt und war daher gleichzeitig wirksam 
und unbewußt. 

Die posthypnotische Suggestion ist ein Produkt des Laboratoriums, 
eine künstlich geschaffene Tatsache. Aber wenn wir die Theorie der 
hysterischen Phänomene, die zuerst durch P. Jan et aufgestellt und 
von Breuer und mir ausgearbeitet wurde, annehmen, so stehen uns 
natürliche Tatsachen in Fülle zur Verfügung, die den psychologischen 
Charakter der posthypnotischen Suggestion sogar noch klarer und deut- 
licher zeigen. 

Das Seelenleben des hysterischen Patienten ist erfüllt mit wirk- 
samen, aber unbewußten Gedanken ; von ihnen stammen alle Symptome 
ab. Es ist in der Tat der auffälligste Charakterzug der hysterischen 
Geistesverfassung, daß sie von unbewußten Vorstellungen beherrscht wird. 
Wenn eine hysterische Frau erbricht, so kann sie dies wohl infolge der 
Idee tun, daß sie schwanger sei. Dennoch hat sie von dieser Idee keine 
Kenntnis, obwohl dieselbe durch eine der technischen Prozeduren der Psycho- 
analyse leicht in ihrem Seelenleben entdeckt und für sie bewußt gemacht 
werden kann. Wenn sie die Zuckungen und Gesten ausführt, die ihren 
„Anfall" ausmachen, so stellt sie sich nicht einmal die von ihr be- 
absichtigten Aktionen bewußt vor und beobachtet sie vielleicht mit den 
Gefühlen eines unbeteiligten Zuschauers. Nichtsdestoweniger vermag 
die Analyse nachzuweisen, daß sie ihre Rolle in der dramatischen 
Wiedergabe einer Szene aus ihrem Leben spielte, deren Erinnerung wäh- 
rend der Attacke unbewußt wirksam war. Dasselbe Vorwalten wirksamer 
unbevnißter Ideen wird durch die Analyse als das Wesentliche in der 
Psychologie aller anderen Formen von Neurose enthüllt. 

Wir lernen also aus der Analyse neurotischer Phänomene, daß ein 
latenter oder unbewußter Gedanke nicht notwendiger Weise schwach sein 
muß, und daß die Anwesenheit eines solchen Gedankens im Seelenleben 
indirekte Beweise der zwingendsten Art gestattet, die dem direkten durch 
das Bewußtsein gelieferten Beweis fast gleichwertig sind. Wir fühlen uns 
gerechtfertigt, unsere Klassifikation mit dieser Vermehrung unserer Kennt- 
nisse in Übereinstimmung zu bringen, indem wir eine grundlegende Unter- 
scheidung zwischen verschiedenen Arten von latenten und unbewußten 
Gedanken einführen. Wir waren gewohnt zu denken, daß jeder latente 
Gredanke dies infolge seiner Schwäche war, und daß er bewußt wurde, 
sowie er Kraft erhielt. Wir haben nun die Überzeugung gewonnen, daß 
es gewisse latente Gedanken gibt, die nicht ins Bewußtsein eindringen, 
wie stark sie auch sein mögen. Wir wollen daher die latenten Gedanken 
der ersten Gruppe vorbewußt nennen, während wir den Ausdruck 
unbewußt (im eigentlichen Sinn) für die zweite Gruppe reservieren. 



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120 Sigm. Freud. 

die wir bei den Neurosen betrachtet haben. Der Ausdruck unbewußt, 
den wir bisher bloß im beschreibenden Sinne benützt haben, erhält jetzt 
eine erweiterte Bedeutung. Er bezeichnet nicht bloß latente Gredanken 
im allgemeinen, sondern besonders solche mit einem bestimmten dyna- 
mischen Charakter, nämlich diejenigen, die sich trotz ihrer Intensität 
und Wirksamkeit dem Bewußtsein ferne halten. 

Ehe ich meine Auseinandersetzungen fortführe, will ich auf zwei 
Einwendungen Bezug nehmen, die sich voraussichtlich an diesem Punkte 
erheben. Die erste kann folgendermaßen formuliert werden: anstatt uns 
die Hypothese der unbewußten Gedanken, von denen wir nichts wissen, 
anzueignen, täten wir besser anzunehmen, daß das Bewußtsein geteilt 
werden kann, so daß einzelne Gedanken oder andere Seelenvorgänge ein 
gesondertes Bewußtsein bilden können, das von der Hauptmasse bewußter 
psychischer Tätigkeit losgelöst und ihr entfremdet wurde. Wohlbe- 
kannte pathologische Fälle, wie jener des Dr. Azam, scheinen sehr ge- 
eignet zu sein zu beweisen, daß die Teilung des Bewußtseins keine 
phantastische Einbildung ist. 

Ich gestatte mir, dieser Theorie entgegenzuhalten, daß sie einfach 
aus dem Mißbrauch mit dem Worte „bewußt" Kapital schlägt. Wir haben 
kein Recht, den Sinn dieses Wortes so weit auszudehnen, daß damit auch 
ein Bewußtsein bezeichnet werden kann, von dem sein Besitzer nichts 
weiß. Wenn Philosophen eine Schwierigkeit dabei finden, an die Existenz 
eines unbewußten Gedankens zu glauben, so scheint mir die Existenz 
eines unbewußten Bewußtseins noch angreifbarer. Die Fälle, die man als 
Teilung des Bewußtseins beschreibt, wie der des Dr. A z a m, können besser 
als Wandern des Bewußtseins angesehen werden, wobei diese Funk- 
tion — oder was immer es sein mag — zwischen zwei verschiedenen 
psychischen Komplexen hin- und herschwankt, die abwechselnd bewußt 
und unbewußt werden. 

Der andere Einwand, der voraussichtlich erhoben werden wird, 
wäre der, daß wir auf die Psychologie der Normalen Folgerungen an- 
wenden, die hauptsächlich aus dem Studium pathologischer Zustande 
stammen. Wir können ihn durch eine Tatsache erledigen, deren Kenntnis 
wir der Psychoanalyse verdanken. Gewisse Funktionsstörungen, die sich 
bei Gesunden höchst häufig ereignen, z. B. Lapsus linguae, Gedächtnis- 
und Sprachirrtümer, Namenvergessen usw. können leicht auf die Wirk- 
samkeit starker unbewußter Gedanken zurückgeführt werden, gerade so 
wie die neurotischen Symptome. Wir werden mit einem zweiten, noch 
überzeugenderen Argument in einem späteren Abschnitt dieser Erörterung 
zusammentreffen. 

Durch die Auseinanderhaltung vorbewußter und unbewußter Ge- 
danken werden wir dazu veranlaßt, das Gebiet der Klassifikation zu 
verlassen, und uns über die funktionalen und dynamischen Relationen 



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Einige Bemerktuigen über den Begriff des Unbewnßten in der Psychoanalyse. 121 

in der Tätigkeit der Psyche eine Meinung zu bilden. Wir fanden ein 
wirksames Vorbewußtes, das ohne Schwierigkeit ins Bewußtsein 
übergeht, und ein wirksames Unbewußtes, das unbewußt bleibt 
und vom Bewußtsein abgeschnitten zu sein scheint. 

Wir wissen nicht, ob diese zwei Arten psychischer Tätigkeit von 
Anfang an identisch oder ihrem Wesen nach entgegengesetzt sind, aber 
wir können uns fragen, warum sie im Verlaufe der psychischen Vorgänge 
verschieden geworden sein sollten. Auf diese Frage gibt uns die Psycho- 
analyse ohne Zögern klare Antwort. Es ist dem Erzeugnis des wirk- 
samen Unbewußten keineswegs unmöglich, ins Bewußtsein einzudringen, 
aber zu dieser Leistung ist ein gewisser Aufwand von Anstrengung not- 
wendig. Wenn wir es an uns selbst versuchen, erhalten wir das deutliche 
Gefühl einer Abwehr, die bewältigt werden muß, und wenn wir es 
bei einem Patienten hervorrufen, so erhalten wir die unzweideutigsten 
Anzeigen von dem, was wir Widerstand dagegen nennen. So lernen 
wir, daß der unbewußte Gedanke vom Bewußtsein durch lebendige 
Kräfte ausgeschlossen wird, die sich seiner Aufnahme entgegenstellen, 
während sie anderen Gedanken, den vorbewußten, nichts in den Weg 
legen. Die Psychoanalyse läßt keine Möglichkeit übrig daran zu zweifeln, 
daß die Abweisung unbewußter Gedanken bloß durch die in ihrem Inhalt 
verkörperten Tendenzen hervorgerufen wird. Die nächstliegende und 
wahrscheinlichste Theorie, die wir in diesem Stadium unseres Wissens 
bilden können, ist die folgende. Das Unbewußte ist eine regelmäßige 
und unvermeidliche Phase in den Vorgängen, die unsere psychische 
Tätigkeit begründen; jeder psychische Akt beginnt als unbewußter und 
kann entweder so bleiben oder sich weiter entwickelnd zum Bewußtsein 
fortschreiten, je nachdem, ob er auf Widerstand trifft oder nicht. Die 
Unterscheidung zwischen vorbewußter und unbewußter Tätigkeit ist keine 
primäre, sondern wird erst hergestellt, nachdem die „Abwehr" ins Spiel 
getreten ist. Erst dann gewinnt der Unterschied zwischen vorbewußten 
Gedanken, die im Bewußtsein erscheinen und jederzeit dahin zurück- 
kehren können, und unbewußten Gedanken, denen dies versagt bleibt, 
theoretischen sowie praktischen Wert. Eine grobe, aber ziemlich angemessene 
Analogie dieses supponierten Verhältnisses der bewußten Tätigkeit zur 
unbewußten bietet das Gebiet der gewöhnlichen Photographie. Das erste 
Stadium der Photographie ist das Negativ; jedes photographische Bild 
muß den „negativen Prozeß" durchmachen, und einige dieser Negative, 
die in der Prüfung gut bestanden haben, werden zu dem „positiven 
Prozeß" zugelassen, der mit dem Bilde endigt. 

Aber die Unterscheidung zwischen vorbewußter und unbewußter 
Tätigkeit und die Erkenntnis der sie trennenden Schranke ist weder das 
letzte noch das bedeutungsvollste Resultat der psychoanalytischen Durch- 
forschung des Seelenlebens. Es gibt ein psychisches Produkt, das bei 



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122 Sigm. Freud. 

den normalsten Personen anzutreffen ist und doch eine höchst auffallende 
Analogie zu dem wildesten Erzeugnisse des Wahnsinns bietet und den 
Philosophen nicht verständlicher war als der Wahnsinn selbst. Ich 
meine die Träume. Die Psychoanalyse gründet sich auf die Traumanalyse ; 
die Traumdeutung ist das vollständigste Stück Arbeit, das die junge 
Wissenschaft bis heute geleistet hat. Ein typischer Fall der Traum- 
bildung kann folgendermaßen beschrieben werden: Ein Gedankenzug ist 
durch die geistige Tätigkeit des Tages wachgerufen worden und hat 
etwas von seiner Wirkungsfähigkeit zurückbehalten, durch die er dem 
allgemeinen Absinken des Interesses, welches den Schlaf herbeiführt und 
die geistige Vorbereitung für das Schlafen bildet, entgangen ist. Während 
der Nacht gelingt es diesem Gedankenzug, die Verbindung zu einem der 
unbewußten Wünsche zu finden, die von Kindheit an im Seelenleben des 
Träumers immer gegenwärtig, aber für gewöhnlich verdrängt und von 
seinem bewußten Dasein ausgeschlossen sind. Durch die von dieser un- 
bewußten Unterstützung geliehene Kraft können die Gedanken, die Über- 
bleibsel der Tagesarbeit, nun wiederum wirksam werden und im Bewußt- 
sein in der Gestalt eines Traumes auftauchen. Es haben sich also 
dreierlei Dinge ereignet: 

1. Die Gedanken haben eine Verwandlung, Verkleidung und Ent- 
stellung durchgemacht, welche den Anteil des unbewußten Bundesgenossen 
darstellt. 

2. Den Gedanken ist es gelungen, das Bewußtsein zu einer Zeit zu 
besetzen, wo es ihnen nicht zugänglich hätte sein sollen. 

3. Ein Stück des Unbewußten, dem dies sonst unmöglich gewesen 
wäre, ist im Bewußtsein aufgetaucht. 

Wir haben die Kunst gelernt, die „Tagesreste" und die latenten 
Traum ge danken herauszufinden; durch ihren Vergleich mit dem 
manifesten Trauminhalt sind wir befähigt, uns ein Urteil über 
die Wandlungen, die sie durchgemacht haben, und über die Art und 
Weise, wie diese zu stände gekommen sind, zu bilden. 

Die latenten Traumgedanken unterscheiden sich in keiner Weise 
von den Erzeugnissen unserer gewöhnlichen bewußten Seelentätigkeit. 
Sie verdienen den Namen von vorbewußten Gedanken und können in 
der Tat in einem Zeitpunkte des Wachlebens bewußt gewesen sein. Aber 
durch die Verbindung mit den unbewußten Strebungen, die sie während 
der Nacht eingegangen sind, wurden sie den letzteren assimiliert, ge- 
wissermaßen auf den Zustand unbewußter Gedanken herabgedrückt und 
den Gesetzen, durch welche die unbewußte Tätigkeit geregelt vnrd, 
unterworfen. Hier ergibt sich die Gelegenheit zu lernen, was wir auf 
Grund von Überlegungen oder aus irgend einer anderen Quelle empi- 
rischen Wissens nicht hätten erraten können, daß die Gesetze der unbe- 
wußten Seelentätigkeit sich im weiten Ausmaß von jenen der bewußten 



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Einige Bemerkungen über den Begriff des unbewußten in der Psychoanaly8e^ ^90 

unterscheiden. Wir gewinnen durch Detailarbeit die Kenntnis der Eigen- 
tümlichkeiten des Unbewußten und können hoffen, daß wir durch 
gründlichere Erforschung der Vorgänge bei der Traumbildung noch mehr 
lernen werden. 

Diese Untersuchung ist noch kaum zur Hälfte beendet und eine 
Darlegung der bis jetzt erhaltenen Resultate ist nicht möglich, ohne in die 
höchst verwickelten Probleme der Traumdeutung einzugehen. Aber ich 
wollte diese Erörterung nicht abbrechen, ohne auf die Wandlung und den 
Fortschritt unseres Verständnisses des Unbewußten hinzuweisen, welche 
wir dem psychoanalytischen Studium der Träume verdanken. 

Das Unbewußte schien uns anfangs bloß ein rätselhafter Charakter 
eines bestimmten psychischen Vorganges; nun bedeutet es uns mehr, es 
ist ein Anzeichen dafür, daß dieser Vorgang an der Natur einer gewissen 
psychischen Kategorie teilnimmt, die uns durch andere bedeutsamere 
Charakterzüge bekannt ist, und daß er zu einem System psychischer 
Tätigkeit gehört, das unsere vollste Aufmerksamkeit verdient. Der Wert 
des Unbewußten als Index hat seine Bedeutung als Eigenschaft bei weitem 
hinter sich gelassen. Das System, welches sich uns durch das Kenn- 
zeichen kundgibt, daß die einzelnen Vorgänge, die es zusammensetzen, 
unbewußt sind, belegen wir mit dem Namen „das Unbewußte", in Er- 
mangelung eines besseren und weniger zweideutigen Ausdrucks. Ich 
schlage als Bezeichnung dieses Systems die Buchstaben „Ubw.", eine 
Abkürzung des Wortes y,Unbewußt" vor. 

Dies ist der dritte und wichtigste Sinn, den der Ausdruck „unbe- 
wußt" in der Psychoanalyse erworben hat. 



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II. 
Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. 

Von Dr. S. Ferenczi (Budapest). 

Wie uns Freud zeigte, besteht die Entwicklung der seelischen 
Tätigkeitsformen der Einzelwesen darin, daß das ursprünglich herrschende 
Lustprinzip und der ihm eigene Verdrängungsmechanismus abgelöst 
werden durch die Anpassung an die Wirklichkeit, d. h. durch die auf 
objektive Urteilsfallung gegründete Realitätsprüfung. So entsteht aus 
dem „primären" psychischen Stadium, wie es sich in den seelischen 
Leistungen primitiver Wesen (Tiere, Wilden, Kinder) und in primitiven 
Seelenzuständen (Traum, Neurose, Phantasie) kundgibt, das sekundäre 
Stadium des wachdenkenden Normalmenschen. 

Am Anfang seiner Entwicklung versucht das neugeborene Menschen- 
kind das Befriedigtsein lediglich durch eindringliches Wünschen (Vor- 
stellen) zu erlangen, wobei es die unbefriedigende Wirklichkeit einfach 
unbeachtet läßt (verdrängt), die gewünschte aber mangelnde Befriedigung 
dagegen als vorhanden sich vergegenwärtigt; es will also alle seine Be- 
dürfnisse ohne Mühe, durch positive und negative Halluzinationen decken. 
„Erst das Ausbleiben der erwarteten Befriedigung, die Enttäuschung 
hatte zur Folge, daß dieser Versuch der Befriedigung auf halluzina- 
torischem Wege aufgegeben wurde. Anstatt seiner mußte sich der 
psychische Apparat entschließen, die realen Verhältnisse der Außenwelt 
vorzustellen und die reale Veränderung anzustreben. Damit war ein 
neues Prinzip der seelischen Tätigkeit eingeführt; es wurde nicht mehr 
vorgestellt was angenehm, sondern was real war, auch wenn es unan- 
genehm sein sollte."*) 

Die bedeutsame Arbeit, in der Freud diese Grundtatsache der 
Psychogenese vor uns enthüllt, beschränkt sich auf die scharfe Unter- 
scheidung der Lust- und Realitätsstadien. . Zwar beschäftigt sich Freud 
hier auch mit Übergan gszuständen, in denen beide Prinzipien des see- 
lischen Geschehens nebeneinander gelten (Phantasie, Kunst, Greschlechts- 

*) Frend, „Formulierangen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens''. 
(Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, IH Bd., S. 1.) 



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Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. 125 

leben) aber er läßt die Frage, ob die Entwicklung der sekundären see- 
lischen Tätigkeitsform aus der primären allmählich oder stufenweise vor 
sich geht, ob sich etwa solche Entwicklungsstufen erkennen oder deren 
Derivate sich im gesunden oder kranken Seelenleben nachweisen lassen, 
zunächst unbeantwortet. 

Eine frühere Arbeit Freuds, in der er uns tiefe Einblicke in das 
Seelenleben der Zwangsneurotiker gewährt,*) macht indessen auf eine 
Tatsache aufmerksam, von der ausgehend man den Versuch wagen kann, 
die Kluft zwischen dem Lust- und dem Wirklichkeitsstadium der see- 
lischen Entwicklung zu überbrücken. 

Zwangsneurotiker, die man der Psychoanalyse unterzieht — heißt 
es dort — gestehen uns, daß sie nicht umhin können von der All- 
macht ihrer Gedanken, Gefühle, guten und bösen Wünsche überzeugt 
zu sein. Sie mögen noch so aufgeklärt sein, ihr doktrinäres Wissen 
und ihre Vernunft mögen sich noch so sehr dagegen sträuben : sie haben 
das Gefühl, daß sich ihre Wünsche unerklärlicherweise verwirklichen. 
Von der Wahrheit dieses Sachverhaltes kann sich jeder Analytiker be- 
liebig oft überzeugen. Er wird erfahren, daß dem Zwangskranken von 
gewissen an sich harmlosen Denk Vorgängen und Handlungen, die er vor- 
nimmt, das Wohl und Wehe anderer Menschen, ja ihr Leben oder Tod 
abhängig erscheint. Er muß an gewisse Zauberformeln denken oder 
eine bestimmte Handlung ausführen : sonst widerfährt diesem oder jenem 
Menschen (meist einem nahen Angehörigen) ein großes Unglück. Diese 
gefühlsmäßige abergläubische Überzeugung wird auch durch wiederholte 
gegenteilige Erfahrungen nicht wankend.**) 

Sehen wir hier ganz davon ab, daß die Analyse solche Zwangs- 
gedanken und -handlungen als Substitutionen logisch richtiger, aber 
ob ihrer Unerträglichkeit verdrängter Wunschregungen entlarvt***) und 
wenden wir ausschließlich der eigentümlichen Erscheinungsform dieser 
Zwangssymptome unsere Aufmerksamkeit zu, so müssen wir gestehen, 
daß diese ein Problem für sich ist. 

Die psychoanalytische Erfahrung erklärte mir nun das Symptom des 
Allmachtsgefühls als eine Projektion der Wahrnehmung, daß man ge- 
wissen unwiderstehlichen Trieben sklavisch gehorchen muß. Die Zwangs- 
neurose ist ein Rückfall des Seelenlebens auf jene kindliche Entwicklungs- 
stufe, die u. a. auch dadurch gekennzeichnet war, daß sich auf ihr die 



♦) Freud, „Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose" (Jahrbuch für 
psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, I. Jahrg., S. 411.) 

**) Dieser Artikel wurde abgeschlossen, bevor auf die das gleiche Thema von 
anderen Gesichtspunkten aus behandelnde Arbeit Freuds über „Animismus, 
Magie und Allmacht der Gedanken" (Imago, II. Jahrg., I.Heft), hatte Bück- 
flicht genommen werden können. 

••♦) S. Freud, Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. (I. Bd., 1. Aufl., 
S. 45 und 86.) 



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126 Dr. S. Ferenczi. 

hemmende, aufschiebende, überlegende Denktätigkeit noch nicht zwischen 
das Wünschen und das Handeln einschaltete, sondern auf das Wünschen 
von selbst und unweigerlich die wunscherfüllende Bewegung folgte: 
eine abwehrende Bewegung gegenüber dem Unlustvollen, oder die 
Näherung an das Lust volle.*) 

Ein dem Bewußtsein mehr oder minder entrückter Teil des Seelen- 
lebens blieb also — wie die Analyse nachweist — beim Zwangsneurotiker 
infolge einer Entwickelungshemmung (Fixierung) auf dieser kindlichen 
Stufe stehen und setzt das Wünschen dem Handeln gleich, weil dieser 
verdrängte Anteil des Seelenlebens gerade infolge der Verdrängung, der 
Abwendung der Aufmerksamkeit, die Unterscheidung der beiden Tätig- 
keiten nicht erlernen konnte, während das von Verdrängungen frei ent- 
wickelte Ich, durch Erziehung und Erfahrung gewitzigt, über diese 
Gleichsetzung nur lächeln kann. Daher die Zwiespältigkeit beim Zwangs- 
neurotiker : das unerklärliche Nebeneinanderbestehen des Aufgeklärtseing 
und des Aberglaubens. 

Von dieser Erklärung des Allmachtsgefühls als autosymbolisches 
Phänomen**) nicht voll befriedigt, stellte ich mir die Frage : Woher 
nimmt denn das Kind die Kühnheit, mit der es das Denken und das 
Handeln einander gleichsetzt? Woher die Selbstverständlichkeit, mit der 
es nach allen Gegenständen, nach der über ihm hängenden Lampe wie 
nach dem leuchtenden Mond, die Hand ausstreckt, in der sicheren Er- 
wartung, sie mit dieser Gebärde zu erreichen und in seinen Machtbereich 
zu ziehen? 

Ich erinnerte mich dann, daß nach Freuds Annahme in der All- 
machtsphantasie der Zwangsneurotiker „ein Stück des alten Kindergrößen- 
wahnes ehrlich eingestanden wird" und versuchte es, dem Ursprung und 
den Schicksalen dieses Wahnes nachzugehen. Ich hoffte dabei auch 
über die Entwicklung des Ich vom Lust- zum Wirklichkeitsprinzip 
neues zu erfahren, da es mir wahrscheinlich schien, daß die uns von der 
Erfahrung aufgenötigte Ersetzung des kindlichen Größenwahns durch die 
Anerkennung der Macht der Naturgewalten den wesentlichen Inhalt der 
Ich-Entwicklung ausmacht. 

Freud erklärt eine Organisation, die dem Lustprinzip fröhnen, die 
Realität der Außenwelt aber vernachlässigen kann, für eine Fiktion, die 
aber im Säugling, wenn man nur die Mutterpflege hinzunimmt, nahezu 



*) Es ist bekannt, daß kleine Kinder nach jedem glänzenden oder ihnen sonst 
gefallenden Gegenstand fast reflektorisch die Hand ausstrecken. Sie sind ursprüng- 
lich auch unfähig, eine ihnen irgendwie Lust bereitende „Unart" beim Auftreten des 
dazu veranlassenden Reizes zu unterlassen. Ein kleiner Junge, dem das Bohren in der 
Nase verboten wurde, antwortete der Mutter: „Ich will ja nicht, aber meine Hand 
will und ich kann sie nicht hindern/ 

**) So nennt Sil her er die symbolisch dargestellten Selbstwahmehmungen. 



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Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. 127 

realisiert ist.*) Ich möchte dem hinzufügen, daß es einen Zustand der mensch- 
lichen Entwicklung gibt, der das Ideal eines nur der Lust frönenden 
Wesens nicht nur in der Einbildung und annähernd, sondern in der Tat 
und vollkommen verwirklicht. 

Ich meine die im Mutterleib verbrachte Lebenszeit des Menschen. 
In diesem Zustand lebt der Mensch wie ein Parasit des Mutterleibes. 
Eine „Außenwelt" gibt es für das aufkeimende Lebewesen nur in sehr 
beschränktem Maße; sein ganzes Bedürfnis nach Schutz, Wärme und 
Nahrung wird von der Mutter gedeckt. Ja, es hat nicht einmal die 
Mühe, sich des ihm zugeführten Sauerstoffes und der Nahrungsmittel zu 
bemächtigen, denn es ist dafür gesorgt, daß diese Stoffe durch geeignete 
Vorrichtungen geradewegs in seine Blutgefäße gelangen. — Im Vergleich 
hiezu muß z. B. ein Eingeweidewurm viel Arbeit leisten, die „Außen- 
welt verändern*^, wenn er sich erhalten will. Alles Sorgen um den Fortbe- 
stand der Leibesfrucht ist aber der Mutter übertragen. Wenn also dem 
Menschen im Mutterleibe ein, wenn auch unbewußtes Seelenleben zu- 
kommt — und es wäre unsinnig zu glauben, daß die Seele erst mit 
dem Augenblick der Geburt zu wirken beginnt — muß er von seiner 
Existenz den Eindruck bekommen, daß er tatsächlich allmächtig ist. 
Denn was ist Allmacht? Die Empfindung, daß man alles hat, was man 
will, und man nichts zu wünschen übrig hat. Die Leibesfrucht könnte 
aber das von sich behaupten, denn sie hat immer alles, was zur Be- 
friedigung ihrer Triebe notwendig ist,**) darum hat sie auch nichts zu 
wünschen; sie ist bedürfnislos. 

Der „Kindergrößenwahn*^ von der eigenen Allmächtigkeit ist also 
zumindest kein leerer Wahn; das Kind und der Zwangsneurotiker 
fordern von der Wirklichkeit nichts Unmögliches, wenn sie davon nicht 
abzubringen sind, daß ihre Wünsche sich erfüllen müssen; sie fordern 
nur die Wiederkehr eines Zustandes, der einmal bestanden hat, jener 
„guten alten Zeit" in der sie allmächtig waren. (Periode der be- 
dingungslosen Allmacht.) 

Mit demselben Rechte, ja mit noch mehr Berechtigung, mit der wir die 
Übertragung von Erinnerungsspuren der Rassengeschichte auf das Indi- 
viduum annehmen, können wir behaupten, daß die Spuren intrauteriner 
psychischer Vorgänge nicht ohne Einfluß auf die Gestaltung des nach 
der Geburt sich produzierenden psychischen Materials bleiben. Für diese 



♦) Jahrbuch für Psychoanal. III., 1. S., 2. Fußnote. Siehe dazu auch die Kontro- 
verse zwischen Bleuler und Freud in dieser Frage. (Bleuler, ^Das autistische 
Denken", Jahrbuch, IV. Band.) 

♦*) Infolge von Stöningen, etwa durch Krankheit oder Verletzung der Mutter 
oder der Nabelschnur etc., kann die Not auch schon im Mutterleibe an den Menschen 
herantreten, ihm die Allmftchtigkeit rauben und ihn zum Versuch zwingen, „die Außen- 
welt zu Ter&ndem**, d. h. Arbeit zu leisten. Eine solche Arbeitsleistung ist z. B. 
das Einatmen von Fruchtwasser bei Gefahr der Erstickrmg. 



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128 ^' S. FerenczL 

Kontinuität der Seelenvorgänge spricht das Verhalten des Eandes un- 
mittelbar nach der Geburt*) 

Das neugeborene Kind akkommodiert sich an die neue, ihm sicht- 
lich unlustvolle Situation nicht bezüglich aller seiner Bedürfnisse gleich- 
mäßig. Um die nach Unterbindung der Umbilikalgefaße ausbleibende 
Sauerstoffversorgung zu ersetzen, beginnt es sofort nach der „Entbindung" 
zu atmen; der Besitz des schon intrauterin präformierten Respirations- 
mechanismus setzt es in den Stand der Sauerstoffnot sofort aktiv zu 
steuern. Beobachtet man aber das sonstige Benehmen des Neugeborenen, 
so bekommt man den Eindruck, daß es von der unsanften Störung der 
wunschlosen Ruhe, die es im Mutterleibe genoß, durchaus nicht erbaut 
ist, ja daß es in diese Situation zurückzugelangen sich 
sehnt. Die Pflegepersonen erkennen instinktiv diesen Wunsch des 
Kindes und sobald es durch Zappeln und Schreien seiner Unlust Aus- 
druck verleiht, bringen sie es geflissentlich in eine Lage, die der Mutter- 
leibssituation möglichst ähnlich ist. Sie legen es an den warmen Körper 
der Mutter oder wickeln es in weiche, warme Decken, Polster ein, offen- 
bar um ihm die Illusion des Wärmeschutzes durch die Mutter zu ver- 
schaffen. Sie schützen sein Auge vor Licht-, sein Ohr vor Schallreizen 
und verschaffen ihm die Möglichkeit, die intrauterine Reizlosigkeit weiter 
zu genießen ; oder sie reproduzieren die leisen und rhythmisch-monotonen 
Reize, die dem Kinde auch in Utero nicht erspart geblieben sind (die 
Schaukelbewegungen beim Gehen der Mutter, die mütterlichen Herztöne, 
das dumpfe Geräusch, das etwa von außen doch ins Körperinnere dringt), 
indem sie das Kind wiegen und ihm monoton-rhythmische Wiegenlieder 
vorsummen. 

Versuchen wir uns in die Psyche des Neugeborenen nicht nur (wie 
es die Pflegepersonen tun) einzufühlen, sondern auch hineinzudenken^ so 
müssen wir uns sagen, daß das hilflose Schreien und Zappeln des Kindes 
eine scheinbar recht unzweckmäßige Reaktion auf die unlustvolle Störung 
ist, die die bisherige Befriedigungssituation infolge der Geburt plötzlich 
erfahren hat. Gestützt auf Überlegungen, die F r e u d im allgemeinen Teile 
seiner „ Traumdeutung*' ausführt,**) dürfen wir annehmen, daß die erste 
Folge dieser Störung die halluzinatorische Wiederbesetzung 
der vermißten Befriedigungssituation : der ungestörten Existenz im warmen, 
ruhigen Mutterleibe, gewesen ist. Die erste Wunschregung des 
Kindes kann also keine andere sein, als die, in diese 
Situation zurückzugelangen. Das Merkwürdige an der Sache 
ist nun, daß sich diese Halluzination des Kindes — normale Kinderpflege 



*) Frend hat gelegentlich darauf hingewiesen, daß die Sensationen dea 
Kindes während der Geburt wahrscheinlich den ersten Angstaffekt des neuen 
Lebewesens provozieren, der für alle spätere Angst und Ängstlichkeit vorbildlich bleibt. 

♦♦) Frend, Traumdeutung. III. Aufl., S. 376. 



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Entwicklnngsstnfen des Wirklichkeitssinnes. 129 

vorausgesetzt — tatsächlich realisiert. Es hat sich also die bisherige 
bedingungslose „Allmacht" vom subjektiven Standpunkte des Kindes nur 
insofern verändert, als es sich die Wunschziele nur halluzinatorisch besetzen 
(vorzustellen), aber an der Außenwelt sonst nichts zu verändern braucht, 
um nach Erfüllung dieser einzigen Bedingung die Wunscherfüllung wirklich 
zu erlangen. Da das Kind von der realen Verkettung der Ursachen und 
Wirkungen, von der Existenz und Tätigkeit der Pflegepersonen sicher 
keine Kenntnis hat, muß es sich im Besitze einer magischen Fähigkeit 
fahlen, alle Wünsche einfach durch Vorstellung ihrer Befriedigung tat- 
sächlich realisieren zu können. (Periode der magisch-halluzina- 
torischen Allmacht.) 

Daß die Pflegepersonen die Halluzinationen des Kindes richtig er- 
raten haben, zeigt der Effekt ihrer Handlungsweise. Sobald die ange- 
deuteten Maßnahmen der ersten Pflege ausgeführt wurden, beruhigt sich 
das Kind und „schläft ein". Der erste Schlaf aber ist nichts an- 
deres als die gelungene Reproduktion der vor Außenreizen 
möglichst schützenden Mutterleibssituation, wahrscheinlich 
mit dem biologischen Zwecke, daß die Wachstums- und regenerativen 
Vorgänge, ungestört durch äußere Arbeitsleistung, alle Energie auf sich 
konzentrieren können. Überlegungen, die in diesem Zusammenhange 
nicht dargestellt werden können, überzeugten mich, daß auch jedes 
spätere Schlafen nichts anderes ist, als eine periodisch sich wiederholende 
Regression zum Stadium der magisch-halluzinatorischen Allmacht und 
mit deren Hilfe zur absoluten Allmacht der Mutterleibssituation. Nach 
Freud muß man für jedes nach dem Lustprinzip lebende System Ein- 
richtungen fordern, mittels deren es sich den Reizen der Realität ent- 
ziehen kann.*) Ich denke mir nun, daß Schlaf und Traum die Funk- 
tionen solcher Einrichtungen sind, das heißt, die auch dem Erwachsenen 
erhalten gebliebenen Reste der halluzinatorischen Allmacht des kleinen 
Kindes. Das pathologische Pendant dieser Regression ist die halluzina- 
torische Wunscherfüllung bei Psychosen. 

Da der Wunsch nach Triebbefriedigungen sich periodisch meldet, 
die Außenwelt aber von dem Eintreten jenes Momentes, wo der Trieb 
sich geltend macht, keine Kenntnis nimmt: genügt die halluzinatorische 
Repräsentation der Wunscherfüllung bald nicht mehr dazu, um die 
Wunscherfüllung wirklich herbeizuführen. Die Erfüllung wird an eine 
neue Bedingung geknüpft : das Kind muß gewisse Signale geben, also 
eine wenn auch inadäquate motorische Arbeit leisten, damit sich die 
Situation in seinem Sinne verändert und die „Vorstellungsidentität" 
von der befriedigenden „Wahrnehmungsidentität" gefolgt wird.**) 



*) Freud, Jahrbuch für Psychoanalyse, III., S. 3, 
♦•) S. F r e u d, Traumdeutung. III. Aufl., S. 376. 

Zeitsohr. f. ftrztl. Psychoanalyse 



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130 I>r. S. Ferenczi. 

Schon das halluzinatorische Stadium war durch das Auftreten un- 
koordinierter motorischer Entladungen bei Unlustaffekten charakterisiert 
(Schreien, Zappeln). Diese benützt nun das Kind als magische Signale, 
auf deren Ruf dann die Wahrnehmung der Befriedigung (natürlich mit 
äußerer Hilfe, von der aber das Kind keine Ahnung hat) prompt ein- 
trifft. Das subjektive Empfinden des Kindes bei diesen Vorgängen 
ist dem eines wirklichen Zauberers zu vergleichen, der nur eine be- 
stimmte Geste vorzunehmen hat, damit in der Außenwelt die kompli- 
ziertesten Ereignisse nach seinem Willen vor sich gehen.*) 

Wir merken, wie die Allmacht des menschlichen Lebewesens bei 
Zunahme der Kompliziertheit der Wünsche an immer mehr „Bedingungen" 
geknüpft wird. Bald genügen auch diese Abfuhräußerungen nicht mehr, 
um die Befriedigungssituation hervorzurufen. Die sich mit der Ent- 
wicklung immer spezieller gestaltenden Wünsche erfordern entsprechend 
spezialisierte Signale. Solche sind zunächst : die Nachahmungen der Saug- 
bewegungen mit dem Mund, wenn der Säugling gestillt werden will, und 
die charakteristischen Äußerungen mittels Stimme und Bauchpresse, wenn 
es von den Exkrementen gereinigt werden möchte. .Allmählich lernt 
das Kind auch, die Hand nach den Gegenständen auszustrecken, die es 
haben will. Später entwickelt sich daraus eine förmliche Gebärden- 
sprache : durch entsprechende Kombination der Gesten vermag das Kind 
ganz spezielle Bedürfnisse zu äußern, die denn auch sehr oft wirklich 
befriedigt werden, so daß sich das Kind — wenn es nur die Bedingung 
der Wunschäußerung mittels entsprechender Gesten einhält — immer 
noch allmächtig vorkommen kann: Periode der Allmacht mit 
Hilfe magischer Gebärden. 

Auch diese Periode hat einen Vertreter in der Pathologie ; der 
merkwürdige Sprung aus der Gedankenwelt in die Körperlichkeit, als 

*) Wenn ich in der Pathologie nach einem Analogen dieser Entladungen suche, 
muß ich immer an die genuine Epilepsie, diese problematischeste unter den 
großen Neurosen denken. Und obzwar ich ohne weiteres zugebe, daß in der Frag© 
der Epilepsie Physiologisches und Psychologisches schwer zu sondern ist, erlaube 
ich mir doch darauf aufmerksam zu machen, daß die Epileptiker als ungemein „^i^P- 
findliche" Menschen bekannt sind, hinter deren Unterwürfigkeit beim leisesten An- 
laß furchtbare Wut und Selbstherrlichkeit zum Vorschein kommt Diese Charakter- 
eigenschaft wurde bisher meist als sekundäre Entartung, als Folge oft wiederholter 
Anf&lle gedeutet. Man muß aber auch an eine andere Möglichkeit denken : an die n&mlich, 
ob denn die epileptischen Anfälle nicht als Regressionen in die infantile Periode der 
Wunscherfüllung mittels unkoordinierter Bewegungen zu be- 
trachten sind. Die Epileptiker wären dann Wesen, bei denen sich die Unlustaffekte 
aufhäufen und sich periodisch in Paroxysmen abreagieren. Erwiese sich diese Er- 
klärung als brauchbar, so müßten wir die Fixierungsstelle für eine spätere Erkrankung 
an Epilepsie in dieses Stadium der unkoordinierten Wunschäußerungen verlegen. — 
Das irrationelle Strampeln mit den Füßen, das Ballen der Fäuste, das Zähneknirschen 
etc. bei Zornesausbruch wäre eine mildere Form derselben Regression be- 
sonst gesunden Menschen. 



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Ent^-icklongsstufen des Wirklichkeitssinnes. l^\ 

welche Freud die hysterische Konversion entlarvt hat,*) wird 
uns verständlicher, wenn wir sie als eine Regression auf das Stadium 
der Gebärdenmagie auffassen. Die Psychoanalyse zeigt uns in der Tat, 
daß die hysterischen Anfälle verdrängte Wünsche der Patienten mit 
Hilfe von Gebärden als erfüllt darstellen. — Im Seelenleben Normaler 
ist die Unzahl abergläubischer oder sonst für wirkungsvoll gehaltener 
Gebärden (Gebärde des Fluchs, des Segens, des Händefaltens beim 
Beten etc.) ein Rest jener Entwicklungsperiode des Realitätssinnes, in 
der man sich noch mächtig genug fühlte, mit Hilfe solcher harmlosen 
Gesten die — allerdings ungeahnte — Gesetzmäßigkeit des Weltge- 
schehens durchbrechen zu können. Zauberer, Wahrsager und Magneti- 
seure finden mit der Behauptung solcher Machtvollkommenheit ihrer 
Gebärden immer noch Glauben, und auch der Neapolitaner wehrt sich 
gegen den bösen Blick mit einer symbolischen Geste. 

Mit der Zunahme des Umfanges und der Kompliziertheit der Be- 
dürfnisse mehren sich natürlich nicht nur die „Bedingungen", denen sich 
das Individuum unterwerfen muß, wenn es seine Bedürfnisse befriedigt 
sehen will, sondern auch die Zahl der Fälle, in denen seine immer 
dreisteren Wünsche selbst bei strenger Einhaltung der einmal wirkungs- 
voll gewesenen Bedingungen unerfüllt bleiben. Die ausgestreckte Hand 
muß oft leer zurückgezogen werden, der ersehnte Gegenstand folgt der 
magischen Geste nicht. Ja eine unbezwingliche feindliche Macht mag 
sich dieser Geste mit Gewalt entgegensetzen und die Hand zwingen, 
ihre frühere Lage einzunehmen. Hat sich bislang das „allmächtige" 
Wesen mit der ihm gehorchenden, seinen Winken folgenden Welt eins 
fühlen können, so kommt es allmählich zu einem schmerzlichen Zwiespalt 
innerhalb seiner Erlebnisse. Er muß gewisse tückische Dinge, die seinem 
Willen nicht gehorchen als Außenwelt vom Ich, d. h. die subjektiven 
psychischen Inhalte (Gefühle) von den objektivierten (den Empfindungen) 
sondern. Ich benannte einmal das erste dieser Stadien die Introjek- 
tionsphase der Psyche, da hier noch alle Erfahrungen ins Ich auf- 
genommen werden ; die spätere dieProjektionsphas e**). Man könnte 
nach dieser Terminologie die Allmachtsstadien auch als Introjektions- 
stufen, das Realstadium als Projektionsstufe der Ich - Entwicklung an- 
sprechen. 

Doch auch die Objektivierung der Außenwelt zerreißt zunächst 
nicht jeden Faden zwischen dem Ich und dem Nicht-Ich. Das Kind 
lernt zwar, sich damit zu bescheiden, daß es nur über einen Teil der 
Welt, über das „Ich" verfügen kann, der Rest, die Außenwelt aber 
seinen Wünschen oft Widerstand entgegensetzt, es hängt aber immer 



*) S. Freuds Arbeiten in den „Studien über Hysterie". (Deuticke, Wien.) 
**) Ferenczi, Introjektion und Übertragung, Jahrbuch für Psychoanalyse. 
L Bd. (Separatabdruck bei Deuticke, Wien.) 

9* 



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132 ^'- S. Ferenczi. 

noch dieser Außenwelt Qualitäten an, die es an sich kennen gelernt hat, 
d. h. Ich-Qualitäten. Alles spricht dafür, daß das Kind eine animi- 
s tische Periode der Realitätsauffassung durchmacht, in der ihm 
jedes Ding beseelt vorkommt, und es in jedem Ding seine eigenen Or- 
gane und deren Tätigkeiten wiederzufinden sucht.*) 

Es wurde einmal gegen die Psychoanalyse die spöttische Bemerkung 
laut, daß nach dieser Lehre das „Unbewußte" in jedem konvexen Gegen- 
stand einen Penis^ in jedem konkaven die Vagina oder den Anus sieht 
Ich finde, daß dieser Satz die Tatsachen gut charakterisiert. Die kind- 
liche Psyche (und die daraus restierende Tendenz des Unbewußten beim 
Erwachsenen) kümmert sich am eigenen Leibe zunächst ausschließlich, 
später hauptsächlich um die Befriedigung seiner Triebe, um die Lustbe- 
friedigungen, die ihm das Saugen, das Essen, die Berührung der ero- 
genen Körperpartien, und die Exkretionsfunktionen verschaffen ; was 
Wunder, wenn auch seine Aufmerksamkeit in erster Linie durch solche 
Dinge und Vorgänge der Außenwelt gefesselt wird, die auf Grund 
einer noch so entfernten Ähnlichkeit an die ihm liebsten Erlebnisse er- 
innern. 

Es entstehen so jene innigen, fürs ganze Leben bestehen bleiben- 
den Beziehungen zwischen dem menschlichen Körper und der Objektwelt, 
die wir die symbolischen heißen. Einerseits sieht das Kind in diesem 
Stadium in der Welt nichts als Abbilder seiner Leiblichkeit, anderseits 
lernt es die ganze Mannigfaltigkeit der Außenwelt, mit den Mitteln seines 
Körpers darzustellen. Diese Fähigkeit zur symbolischen Darstellung ist 
eine bedeutende Vervollständigung der Gebärdensprache ; sie befähigt das 
Kind zum Signalisieren nicht nur solcher Wünsche, die unmittelbar seine 
Körperlichkeit angehen, sondern auch zur Äußerung von Wünschen, die 
sich auf die Veränderung der nunmehr als solche erkannten Außenwelt 
beziehen. Ist das Kind von liebevoller Pflege umgeben, so muß es selbst 
in diesem Stadium seiner Existenz die Illusion seiner Allmacht nicht 
aufgeben. Es braucht ja immer noch einen Gegenstand nur symbolisch 
darzustellen, und das (beseelt geglaubte) Ding „kommt" oft wirklich 
zu ihm; denn diesen Eindruck muß das animistisch denkende Kind bei 
der Befriedigung seiner Wünsche haben. Allerdings läßt ihn die Unge- 
wißheit des Eintreffens der Befriedigung allmählich ahnen, daß es auch 
höhere, „göttliche" Mächte gibt (Mutter oder Amme), deren Gunst es 
besitzen muß, soll der magischen Gebärde die Befriedigung auf dem Fuße 
folgen. Übrigens ist auch diese Befriedigung unschwer erfüllt, besonders 
bei großer Nachgiebigkeit der Umgebung. 

Eines der körperlichen „Mittel", die das Kind zur Darstellung 
seiner Wünsche und der von ihm gewünschten Gegenstände verwertet, 



*) Zum Thema des Animismus siehe auch die Abhandlung „Ober Naturgefühl' 
von Dr. Hanns Sachs (Imago, I. Jahrg.). 



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Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. 135 

gelangt dann zu besonderer, alle anderen Darstellungsmittel über- 
flügelnden Bedeutung — nämlich die Sprache. Die Sprache ist ursprüng- 
lich*) die Nachahmung, d. h. stimmliche Darstellung der durch die Dinge 
produzierten oder mit ihrer Hilfe produzierbaren Laute und Geräusche; 
die Geschicklichkeit der Sprachorgane gestattet eine viel größere Man- 
nigfaltigkeit von Gegenständen und von Vorgängen der Außenwelt, 
und zwar viel einfacher, zu reproduzieren als es mit Hilfe der Gebärden- 
sprache möglich war. Die Gebärdensymbolik wird so von der Sprach- 
s3rmboIik abgelöst: gewisse Reihen von Lauten werden mit bestimmten 
Dingen und Vorgängen in feste assoziative Verbindung gebracht, ja all- 
mählich mit diesen Dingen und Vorgängen identifiziert. Daraus 
erwächst der große Fortschritt, daß man der schwerfälligen bildlichen 
Vorstellung und der noch schwerfalligeren dramatischen Darstellung 
enthoben wird ; die Vor- und Darstellung jener Reihe von Sprachlauten, 
die wir Worte nennen, gestattet eine weit spezialisiertere und ökono- 
mischere Fassung und Äußerung der Wünsche. Zugleich ermöglicht die 
Sprachsymbolik das bewußte Denken, indem es sich an die an sich 
unbewußten Denkprozesse assoziiert und ihnen wahrnehmbare Qualitäten 
verleiht.**) 

Nun ist das bewußte Denken mittels Sprachzeichen die höchste 
Leistung des psychischen Apparates, die schon die Anpassung an die 
Realität durch Aufhalten der reflektorischen motorischen Abfuhr und 
der ünlustentbindung ermöglicht. Und trotzdem versteht das Kind sein All- 
machtsgefühl selbst in dieses Stadium seiner Entwicklung hinüberzuretten. 
Die gedanklich gefaßten Wünsche des Kindes sind nämlich noch so we- 
nig zahlreich und von verhältnismäßig so unkomplizierter Art, daß es 
der aufmerksamen, um das Wohl des Kindes besorgten Umgebung leicht 
gelingt, die meisten dieser Gedanken zu erraten. Die das Denken (be- 
sonders bei Kindern) immer noch begleitenden mimischen Äußerungen 
machen den Erwachsenen diese Art Gedankenlesen besonders leicht. Und 
wenn gar das Kind seine Wünsche in Worte faßt, so beeilt sich die hilfs- 
bereite Umgebung, sie womöglich sofort zu erfüllen. Das Kind aber 
dünkt sich dabei wirklich im Besitze zauberhafter Fähigkeiten, befindet 
sich also in der Periode der magischen Gedanken und der ma- 
gischen Worte.***) 

Und dieses Stadium der Realitätsentwicklung ist es, auf das die 
Zwangsneurotiker zu regredieren scheinen, wenn sie vom Gefühle der 

*) S. Kleinpaul, Leben der Sprache (Leipzig, 1893) und Dr. Sperber, Ober 
den Einfluß sexueller Momente auf Entstehung und Entwicklung der Sprache (Imago, 1912). 

•*) S. Freud, Traumdeutung. IIL Aufl., S. 401 und Jahrb. f. Psychoanalyse. 
m. Bd., S. 1. 

*♦*) Die psychologische Erklärung der „Magie" schließt natürlich die Mög- 
lichkeit nicht aus, daß in diesem Glauben auch die Vorahnung physikalischer Tat- 
sachen (Telepathie etc.) steckt. 



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134 ör. S. FerenczL 

Allmacht ihrer Gedanken und Wortformeln nicht abzubringen sind, und 
wenn sie, wie es Freud nachgewiesen hat, das Denken an Stelle des 
Handelns setzen. Im Aberglauben, in der Zauberei und im religiösen 
Kult spielt dieser Glaube an die unwiderstehliche Macht gewisser Ge- 
bets-, Fluch- oder Zauberformeln — die man nur innerlich denken oder 
die man nur laut aussprechen muß, damit sie wirken — eine ungeheure 
Rolle.*) 

Diesem fast unheilbaren Größenwahne des Menschen widersprechen 
nur scheinbar jene Neurotiker, bei denen man hinter der hastigen Sucht 
nach Erfolgen sofort auf ein, auch den Patienten selbst wohlbekanntes 
Minderwertigkeitsgefühl (Adler) stößt. Die in die Tiefe reichende 
Analyse beweist in jedem solchen Falle, daß diese Minderheitsgefühle 
keineswegs etwas letztes, die Neurose erklärendes sind, sondern bereits 
die Reaktionen auf ein übertriebenes Allmachtsgefühl, an das 
solche Kranke in ihrer ersten Kindheit fixiert wurden und das es ihnen 
unmöglich machte, sich an eine spätere Versagung anzupassen. Die 
manifeste Größensucht dieser Leute ist aber nur eine „Wiederkehr des 
Verdrängten", ein hoffnungsloser Versuch, die ursprünglich mühelos ge- 
nossene Allmacht auf dem Wege der Veränderung der Außenwelt wieder- 
zuerlangen. 

Wir können nur wiederholen : alle Kinder leben im glücklichen 
Wahne der Allmacht, der sie irgend einmal — wenn auch etwa nur im 
Mutterleibe — wirklich teilhaftig waren. Es hängt von ihrem „Daimon*^ 
und ihrer „Tyche" ab, ob sie die Alhnachtsgefühle auch ins spätere 
Leben hinüberretten — und Optimisten werden können, oder ob sie 
die Zahl der Pessimisten vermehren werden, die sich mit der Ver- 
sagung ihrer unbewußten irrationellen Wünsche nie versöhnen, sich durch 
die nichtigsten Anlässe beleidigt, zurückgesetzt fühlen, und für Stief- 
kinder des Schicksals halten, — weil sie nicht seine einzigen oder 
Lieblingskinder bleiben können. 

Erst von der vollen psychischen Ablösung von den Eltern rechnet 
Freud das Ende der Herrschaft; des Lustprinzips. Dieser in den Einzel- 
fallen äußerst variable Zeitpunkt ist es auch, wo das Allmachtsgefühl 
der vollen Würdigung der Macht der Verhältnisse Platz macht. Seinen 
Höhepunkt erlangt der Realitätssinn in der Wissenschaft, während die 
Allmachtsillusion in ihr die größte Erniedrigung erfährt: die frühere 
Allmacht löst sich hier in lauter „Bedingungen** auf. (Conditionalismus, 
Determinismus.) In der Lehre von der Willensfreiheit besitzen wir aller- 
dings auch ein optimistisches, immer noch Allmachtsphantasien realisie- 
rendes philosophisches Dogma. 



*) Aach den obszönen Worten ist diese „Allm&chtigkeit'' („motorische Kraft*) 
in hohem Maße eigen. S. Ferenczi: Über obszöne Worte. (ZentbL f. Psychoanalyse, 
L Jahrg.) 



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Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. 135 

Die Anerkennung der Bedingtheit unserer Wünsche und Gedanken 
bedeutet das Maximum der normalen Projektion, d. h. Objektivierung. 
Es gibt aber auch einen psychischen Krankheitszustand, die Paranoia, 
die u. a. auch dadurch charakterisierbar ist, daß sie sogar die eigenen 
Wünsche und Gedanken zur Außenwelt schlägt, projiziert.*) Es liegt nahe die 
Fixierungsstelle dieser Psychose in die Zeit des endgültigen Verzichtes auf 
Allmacht zu verlegen, d. h. in die Projektionsphase des Realitätssinnes. 

Die Entwicklungsstufen des Realitätssinnes wurden in den bisherigen 
Erörterungen nur an den egoistischen, in den Dienst der Selbsterhaltung 
gestellten, sogenannten „Ich-Trieben" dargestellt; die Realität hat eben, 
wie es Freud festgestellt hat, innigere Beziehungen zum „Ich" als zur 
Sexualität, einerseits weil die letztere weniger von der Außenwelt ab- 
hängig ist (sie kann sich lange autoerotisch befriedigen), anderseits weil 
sie während der Latenzzeit unterdrückt ist und gar nicht mit der Realität 
in Berührung kommt. Die Sexualität bleibt also zeitlebens mehr dem 
Lustprinzip unterworfen, während das Ich nach jeder Mißachtung der 
Wirklichkeit sofort die bitterste Enttäuschung erfahren müßte.**) Betrachten 
wir nun das das Luststadium charakterisierende Allmachtsgefühl 
in der Sexualentwicklung, so müßten wir feststellen, daß hier 
die „Periode der bedingungslosenAllmacht"bis zum Aufgeben 
der autoerotischen Befriedigungsarten andauert, wo doch das Ich schon 
läudgst an die sich immer mehr komplizierenden Bedingungen der Rea- 
lität angepaßt ist, und über die Stadien der magischen Gebärden und 
Worte hinaus, fast schon bei der Kenntnis der Allmacht der Natur- 
gewalten anlangte. Autoerotismus und Narzißmus sind also die All- 
machtsstadien der Erotik; und da der Narzißmus überhaupt nie 
aufhört, sondern nebst der Objekterotik immer auch erhalten bleibt, so 
kann man sagen, daß — insofern man sich darauf beschränkt, sich 
selber zu lieben — man sich die Illusion der Allmacht in Sachen 
der Liebe zeitlebens bewahren kann. Daß der Weg zum Narzißmus zu- 
gleich der stets gangbare Regressions weg nach jeder Enttäuschung am 
Objekte ist, ist zu bekannt, um bewiesen werden zu müssen ; autoerotisch- 
narzißtische Regressionen von pathologischer Stärke dürften hinter 
den Symptomen der Paraphrenie (Dementia praecox) und der Hy- 
sterie vermutet werden, während die Fixierungsstellen der Zwangsneurose 
und der Paranoia auf der Entwicklungslinie der „erotischen Rea- 
lität" (der Nötigung zur Objektfindung) zu finden sein dürften. 

Diese Verhältnisse sind aber noch nicht bei allen Neurosen gehörig 



♦) S. Freud: Die Abwehr-Neuropsychosen. (Kl. Schriften zur Neurosenlehre. 
S. 45.) Freud: Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschr. 
Fall von Paranoia u. Ferenczi: Ober die Rolle der Homosexualität in der Patho- 
genese d. Paranoia. (Beide im Jahrb. für Psychoanalyse, III. Bd.) 

♦*) Freud. Formulierungen etc., Jahrb. f. Psychoan., III. Bd., S. 5. 



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136 ^' S. Ferenczi. 

studiert, so daß wir uns bezüglich der Neurosenwahl mit der all- 
gemeinen Formulierung Freuds zufrieden geben müssen, daß die Ent- 
scheidung über die spätere Erkrankungsart davon abhängt: „in welcher 
Phase der Ich- und der Libidoentwicklung die disponierende Entwicklungs- 
hemmung eingetroffen ist." 

Man kann es immerhin schon wagen diesem Satze einen zweiten 
anzureihen; wir vermuten, daß der Wunschgehalt der Neurose, d. h. 
die Arten und Ziele der Erotik, die die Symptome als erfüllt darstellen, 
von der Phase der Libidoentwicklung an der Fixierungsstelle 
abhängt, während über den Mechanismus der Neurosen wahr- 
scheinlich jenes Stadium der Ich-Entwicklung ent- 
scheidet, in dem sich das Individuum zur Zeit der disponie- 
renden Hemmung befand. Es ist eben ganz gut denkbar, daß 
bei der Regression der Libido auf frühere Entwicklungsstufen auch die 
zur Fixierungszeit herrschend gewesene Stufe des Realitätssinnes in den 
Mechanismen der Symptombildung wieder auflebt. Da nämlich diese 
frühere Art der „Realitätsprüfung" dem aktuellen Ich des Neurotikers 
unverständlich ist, kann sie ohne weiteres in den Dienst der Verdrängung 
gestellt und zur Darstellung zensurierter Gefühls- und Gedankenkoraplexe 
verwendet werden. Die Hysterie und Zwangsneurose wären z. B. nach 
dieser Auffassung einerseits durch eine Regression der Libido auf frühere 
Entwicklungsstufen (Autoerotismu8,Ödipismus), anderseits in i h r e n 
Mechanismen durch einen Rückfall des Realitätssinnes auf die Stufe 
der magischen Gebärden (Konversion) oder der magischen 
Gedanken (Gedankenallmacht) charakterisiert. Ich wiederhole: 
es wird noch langer mühsamer Arbeit bedürfen, bis die Fixierungsstellen 
aller Neurosen mit Sicherheit festgestellt sein werden. Hier wollte ich 
nur auf eine — mir allerdings plausible — Möghchkeit der Lösung 
hinweisen. 

Was wir über die Phylogenese des Realitätssinnes ahnen, 
läßt sich zur Zeit nur als wissenschaftliche Prophezeiung darstellen. 
Vermutlich gelingt es einmal die einzelnen Entwicklungsstadien des Ich 
und deren neurotische Regressionstypen mit den Etappen der Stammes- 
geschichte der Menschheit in Parallele zu bringen, ähnlich wie z. B. 
Freud im Seelenleben der Wilden die Charaktere der Zwangsneurose 
wiederfand.*) 

Im allgemeinen stellt sich die Entwicklung des Realitätssinnes 
als eine Reihe von Verdrängungsschüben dar, zu denen der Mensch 
nicht durch spontane „Entwicklungsbestrebungen", sondern durch die 
Not, durch Anpassung erheischende Versagung gezwungen wird. — Die 



*) Freud: Ober einige Obereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und 
der Neurotiker. „Imago", „Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geistes- 
wissenschaften*^. I. Jahrg. 1912. 



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Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. |57 

erste große Verdrängung wird durch den Geburtsvorgang notwendig ge- 
macht, die wohl sicher ohne aktive Mithilfe, ohne „Absicht" des Elindes 
zu stände kommt. Die Leibesfrucht wäre viel lieber auch weiter unge- 
stört im Mutterleibe geblieben, wird aber grausam in die Welt gesetzt, 
muß die liebgewonnenen Befriedigungsarten vergessen (verdrängen) und 
sich an neue anpassen. Dasselbe grausame Spiel wiederholt sich bei 
jedem neuen Stadium der Entwicklung.*) 

Es ist vielleicht erlaubt, die Vermutung zu wagen, daß es die geo- 
logischen Veränderungen der Erdoberfläche mit ihren katastrophalen 
Folgen für die Stammvorderen der Menschheit gewesen seien, die zur 
Verdrängung liebgewonnener Gewohnheiten und zur „Entwicklung*' ge- 
gezwungen haben. Solche Katastrophen können die Verdrängungsstellen 
in der Entwicklungsgeschichte des Stammes gewesen sein, und zeitliche 
Lokalisation und Intensität solcher Katastrophen mögen über den Cha- 
rakter und die Neurosen der Rassen entschieden haben. Nach einer 
Aussage von Professor Freud ist der Rassencharakter der Niederschlag 
der Rassengeschichte. Haben wir uns aber einmal so weit über das 
sicher Wißbare hinausgewagt, so dürfen wir auch vor der letzten Ana- 
logie nicht zurückscheuen, und den großen Verdrängungsschub des In- 
dividuums, die Latenzzeit mit der letzten und größten Katastrophe, 
die unsere Stammvorderen (schon zu einer Zeit, wo es sicher Menschen 
auf der Erde gegeben hat) traf, d.i. mit dem Elend der Eiszeiten in 
Konnex bringen, die wir in unserem Individualleben immer noch ge- 
treulich wiederholen **X 

Das neugierig ungestüme Alleswissenwollen, das mich in diesen letzten 
Ausführungen in märchenhafte Femen der Vergangenheit verführte und das 
noch Unwißbare mit Hilfe von Analogien überbrücken ließ, bringt mich 
zum Ausgangspunkte dieser Betrachtungen: zum Thema der Blüte und 
des Niedergangs des Allmachtsgefühls zurück. Die Wissenschaft muß 
sich von dieser Illusion — wie gesagt — lossagen, oder zumindest immer 
wissen, wann sie das Gebiet der Hypothesen und Phantasien betritt. In 

*) Bei konsequenter Durchführung dieses Gedankenganges muß man sich mit 
der Idee einer anch das organische Leben beherrschenden Beharrongs- resp. Begres- 
sionstendenz vertraut machen, während die Tendenz nach Fortentwicklung, Anpas- 
sung etc. nur auf äußere Reize hin lebendig wird. 

**) Der Au^Eissung, daß nur äußerer Zwang und nie spontaner Drang das Ver- 
lassen gewohnter Mechanismen (Entwickelung) veranlaßt, scheinen Fälle zu wider- 
sprechen, in denen die Entwickelung den realen Bedür&iissen vorausläuft. Ein Beispiel 
dafür war die Entwicklung des Respirationsmechanismus schon in utero. Das kommt 
aber nur in der Ontogenese vor und ist hier schon als Rekapitulation eines not- 
gednmgenen Entwicklungsvorganges in der Stammesgeschichte zu betrachten. Auch 
die Übungsspiele der Tiere (Groos) sind wohl nicht Vorstufen einer künftigen Rassen- 
funktion, sondern Wiederholungen phylogen erworbener Fähigkeiten. Sie gestatten 
also eine rein historisch-kausale Erklärung und zwingen nicht zur finalen Betrachtungs- 
weise. 



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138 I^r. S. Ferenczi. 

den Märchen dagegen sind und bleiben die Allmächtigkeitsphantasien 
die herrschenden.*) Gerade wo wir uns vor den Naturgewalten am 
tiefsten beugen müssen, kommt uns das Märchen mit seinen typischen 
Motiven zu Hilfe. Wir sind in der Realität schwach, darum sind die 
Helden der Märchen stark und unbesiegbar; wir sind durch Zeit und 
Raum in unserer Tätigkeit und unserem Wissen beengt und gehemmt: 
darum lebt man im Märchen ewig, ist gleichzeitig an hundert Orten, 
sieht in die Zukunft und weiß die Vergangenheit. Schwere, Härte, Un- 
durchdringlichkeit der Materie stellen sich uns jeden Augenblick hinder- 
lich in den Weg : im Märchen aber hat der Mensch Flügel, seine Augen 
durchdringen die Wände, sein Zauberstab öffnet ilim alle Türen. Die 
Wirklichkeit ist hartes Kämpfen ums Dasein; im Märchen genügen 
die Zauberworte: „Tischlein deck dich!" Man lebt in unausgesetzter 
Furcht von Angriffen gefahrlicher Tiere und grimmiger Feinde; im 
Märchen befähigt eine Tarnkappe zu jeder Verwandlung und macht* 
uns unerreichbar. Wie schwer erreicht man in der Realität die Liebe, 
die alle unsere Wünsche erfüllen könnte: im Märchen ist der Held un- 
widerstehlich oder er bezaubert mit einer magischen Gebärde. 

Das Märchen also, in dem die Erwachsenen so gern die eigenen 
unerfüllten und verdrängten Wünsche ihren Kindern erzählen, bringt 
eigentlich die verlorene Allmachtssituation zu einer letzten, künstlerischen 
Darstellung. 



*) Vgl. Fr. Riklin: Wunscherftillung und Symbolik im Märchen. (Schriften 
lor angewandten Seelenkmide, Heft 2. Verlag von Deaticke, Wien.) 



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ni. 
Weitere Ratschläge zur Technik der Psychoanalyse.^) 

Von Sigm. Freud. 

I. Zur Einleitung der Behandlung. — Die Frage der ersten Mit- 
teilungen. — Die Dynamik der Heilung. 

(Fortsetzung.) 

Es ist im ganzen gleichgültig, mit welchem Stoff man die Behand- 
lung beginnt, ob mit der Lebensgeschichte, der Krankengeschichte oder 
den Kindheitserinnerungen des Patienten. Jedenfalls aber so, daß man 
den Patienten erzählen läßt und ihm die Wahl- des Anfangspunktes frei 
stellt. Man sagt ihm also: Ehe ich Ihnen etwas sagen kann, muß ich viel 
über Sie erfahren haben ; bitte teilen Sie mir mit, was Sie von sich wissen. 

Nur für die Grundregel der psychoanalytischen Technik, die der 
Patient zu beobachten hat, macht man eine Ausnahme. Mit dieser macht 
man ihn von allem Anfang an bekannt : Noch eines, ehe Sie beginnen. 
Ihre Erzählung soll sich doch in einem Punkt von einer gewöhnlichen Kon- 
versation unterscheiden. Während Sie sonst mit Recht versuchen, in 
Ihrer Darstellung den Faden des Zusammenhanges festzuhalten und alle 
störenden Einfälle und Nebengedanken abweisen, um nicht, wie man 
sagt, aus dem Hundertsten ins Tausendste zu kommen, sollen Sie hier 
anders vorgehen. Sie werden beobachten, daß Ihnen w^ährend Ihrer 
Erzählung verschiedene Gedanken kommen, welche Sie mit gewissen kri- 
tischen Einwendungen zurückweisen möchten. Sie werden versucht sein, 
sich zu sagen ; Dies oder jenes gehört nicht hieher, oder es ist ganz 
unwichtig, oder es ist unsinnig, man braucht es darum nicht zu sagen. 
Geben Sie dieser Kritik niemals nach und sagen Sie es trotzdem, ja 
gerade darum, weil Sie eine Abneigung dagegen verspüren. Den Grund 
für diese Vorschrift — eigentlich die einzige, die Sie befolgen sollen — 
werden Sie später erfahren und einsehen lernen. Sagen Sie also alles, 
was Ihnen durch den Sinn geht. Benehmen Sie sich so wie z. B. ein 
Reisender, der am Fensterplatz des Eisenbahnwagens sitzt und dem im 
Inneren Untergebrachten beschreibt, wie sich vor seinen Blicken die Aus- 
sicht verändert. Endlich vergessen Sie nie daran, daß Sie volle Auf- 

♦) Siehe Heft 1. 



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140 Sigm. Freud. 

richtigkeit versprochen haben, und gehen Sie nie über etwas hinweg, 
weil Ihnen dessen Mitteilung aus irgend einem Grunde unangenehm ist.*) 

Patienten, die ihr Kranksein von einem bestimmten Moment an 
rechnen, stellen sich gewöhnlich auf die Krankheits veranlassung ein ; 
andere, die den Zusammenhang ihrer Neurose mit ihrer Kindheit selbst 
nicht verkennen, beginnen oft mit der Darstellung ihrer ganzen Lebens- 
geschichte. Eine systematische Erzählung erwarte man auf keinen Fall 
und tue nichts dazu, sie zu fördern. Jedes Stückchen der Geschichte 
wird später von Neuem erzählt werden müssen, und erst bei diesen 
Wiederholungen werden die Zusätze erscheinen, welche die wichtigen, 
dem Kranken unbekannten Zusammenhänge vermitteln. 

Es gibt Patienten, die sich von den ersten Stunden an sorgfaltig 
auf ihre Erzählung vorbereiten, angeblich um so die bessere Ausnützung 
der Behandlungszeit zu sichern. Was sich so als Eifer drapiert, ist 
Widerstand. Man widerrate solche Vorbereitung, die nur zum Schutz 
gegen das Auftauchen unerwünschter Einfalle geübt wird.**) Mag der 

*) Über die Erfahrnngen mit der ^a Grandregel wäre viel zn sagen. Man trifft 
gelegentlich auf Personen, die sich benehmen, als ob sie sich diese Regel selbst gegeben 
hätten. Andere sündigen gegen sie von allem Anfang an. Ihre Mitteilang ist in den 
ersten Stadien der Behandlung unerläßlich, aach nutzbringend; später unter der 
Herrschaft der Widerstände versagt der Gehorsam gegen sie, und f&r jeden kommt 
irgend einmal die Zeit, sich über sie hinauszusetzen. Man muß sich aus seiner Selbst- 
analyse daran erinnern, wie unwiderstehlich die Versuchung auftritt, jenen kritischen 
Vorwänden zur Abweisung von Einfällen nachzugeben. Von der geringen Wirksam- 
keit solcher Verträge, wie man sie durch die Aufstellung der ^a Grundregel mit dem 
Patienten schließt, kann man sich regelmäßig überzeugen, wenn sich zum erstenmal etwas 
Intimes Über dritte Personen zur Mitteilung einstellt Der Patient weiß, daß er alles 
sagen soll, aber er macht aus der Diskretion gegen andere eine neue Abhaltung. „Soll 
ich wirklich alles sagen? Ich habe geglaubt, das gilt nur für Dinge, die mich selbst 
betreffen." Es ist natürlich unmöglich, eine analytische Behandlung durchzuführen, 
bei der die Beziehungen des Patienten zu anderen Personen und seine Gedanken 
über sie von der Mitteilung ausgenommen sind. Pour faire une Omelette il faut casser 
des oeufs. Ein anständiger Mensch vergißt bereitwillig, was ihm von solchen Geheim- 
nissen fremder Leute nicht wissenswert erscheint. Auch auf die Mitteilung von Namen 
kann man nicht verzichten; die Erzählungen des Patienten bekommen sonst etwas 
Schattenhaftes wie die Szenen der „natürlichen Tochter" Goethes, was im Gedächtnis 
des Arztes nicht haften will; auch decken die zurückgehaltenen Namen den Zugang 
zu allerlei wichtigen Beziehungen. Man kann Namen etwa reservieren lassen, bis der 
Analysierte mit dem Arzt und dem Verfahren vertrauter geworden ist Es ist sehr 
merkwürdig, daß die ganze Aufgabe unlösbar wird, sowie man die Reserve an einer 
einzigen Stelle gestattet hat. Aber man bedenke, wenn bei uns ein Asylrecht, z. B. 
für einen einzigen Platz in der Stadt bestände, wie lange es brauchen würde, bis 
alles Gesindel der Stadt auf diesem einen Platze zusammenträfe. Ich behandelte 
einmal einen hohen Funktionär, der durch seinen Diensteid genötigt war, gewisse 
Dinge als Staatsgeheimnisse vor der Mitteilung zu bewahren, und scheiterte bei ihm 
an dieser Einschränkung. Die psychoanalytische Behandlung muß sich über alle Rück- 
sichten hinaussetzen, weU die Neurose und ihre Widerstände rücksichtslos sind. 

**) Ausnahmen lasse man nur zu für Daten wie: Familientafel, Aufenthalte, 
Operationen u. dgl. 



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Weitere Ratschläge zur Technik der Psychoanalyse. 141 

Kranke noch so aufrichtig an seine löbliche Absicht glauben, der Wider- 
stand wird seinen Anteil an der absichtlichen Vorbereitungsart fordern 
und es durchsetzen, daß das wertvollste Material der Mitteilung entschlüpft. 
Man wird bald merken, daß der Patient noch andere Methoden erfindet, 
um der Behandlung das Verlangte zu entziehen. Er wird sich etwa 
täglich mit einem intimen Freund über die Kur besprechen und in dieser 
Unterhaltung alle die Gedanken unterbringen, die sich ihm im Beisein 
des Arztes aufdrängen sollten. Die Kur hat dann ein Leck, durch welches 
gerade das Beste verrinnt. Es wird dann bald an der Zeit sein, dem 
Patienten anzuraten, daß er seine analjrtische Kur als eine Angelegenheit 
zwischen seinem Arzt und ihm selbst behandle und alle anderen Personen, 
mögen sie noch so nahestehend oder noch so neugierig sein, von der 
Mitwisserschaft ausschließe. In späteren Stadien der Behandlung ist der 
Patient in der Regel solchen Versuchungen nicht unterworfen. 

Kranken, die ihre Behandlung geheim halten wollen, oft darum, 
weil sie auch ihre Neurose geheim gehalten haben, lege ich keine 
Schwierigkeiten in den Weg. Es kommt natürlich nicht in Betracht, 
wenn infolge dieser Reservation einige der schönsten Heilerfolge ihre 
Wirkung auf die Mitwelt verfehlen. Die Entscheidung der Patienten für 
das Geheimnis bringt selbstverständlich bereits einen Zug ihrer Geheim- 
geschichte ans Licht. 

Wenn man den Kranken einschärft, zu Beginn ihrer Behandlung 
möglichst wenig Personen zu Mitwissern zu machen, so schützt man sie 
dadurch auch einigermaßen vor den vielen feindseligen Einflüssen, die 
es versuchen werden, sie der Analyse abspenstig zu machen. Solche 
Beeinflussungen können zu Anfang der Kur verderblich werden. Späterhin 
sind sie meist gleichgültig oder selbst nützlich, um Widerstände, die sich 
verbergen wollen, zum Vorschein zu bringen. 

Bedarf der Patient während der analytischen Behandlung vorüber- 
gehend einer anderen, internen oder spezialistischen Therapie, so ist es 
weit zweckmäßiger, einen nicht analytischen Kollegen in Anspruch zu 
nehmen, als diese andere Hilfeleistung selbst zu besorgen. Kombinierte 
Behandlungen wegen neurotischer Leiden mit starker organischer An- 
lehnung sind meist undurchführbar. Die Patienten lenken ihr Interesse 
von der Analyse ab, sowie man ihnen mehr als einen Weg zeigt, der 
zur Heilung führen soll. Am besten schiebt man die organische Be- 
handlung bis nach Abschluß der psychischen auf; würde man die erstere 
voranschicken, so bliebe sie in den meisten Fällen erfolglos. 

Kehren wir zur Einleitung der Behandlung zurück. Man wird ge- 
legentlich Patienten begegnen, die ihre Kur mit der ablehnenden Ver- 
sicherung beginnen, daß ihnen nichts einfalle, was sie erzählen könnten, 
obwohl das ganze Gebiet der Lebens- und Krankheitsgeschichte unberührt 
vor ihnen liegt. Auf die Bitte, ihnen doch anzugeben, wovon sie 



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142 Sigm. Freud. 

sprechen sollen, gehe man nicht ein, dieses erste Mal so wenig wie 
spätere Male. Man halte sich vor, womit man es in solchen Fällen zu 
tun hat. Ein starker Widerstand ist da in die Front gerückt, um die 
Neurose zu verteidigen; man nehme die Herausforderung sofort an und 
rücke ihm an den Leib. Die energisch wiederholte Versicherung, daß es 
solches Ausbleiben aller Einfälle zu Anfang nicht gibt, und daß es sich 
um einen Widerstand gegen die Analyse handle, nötigt den Patienten 
bald zu den vermuteten Geständnissen oder deckt ein erstes Stück seiner 
Komplexe auf. Es ist böse, wenn er gestehen muß, daß er sich während 
des Anhörens der Grundregel die Reservation geschaJBFen hat, dies oder 
jenes werde er doch für sich behalten. Minder arg, wenn er nur mitzu- 
teilen braucht, welches Mißtrauen er der Analyse entgegenbringt, oder 
was für abschreckende Dinge er über sie gehört habe. Stellt er diese 
und ähnliche Möglichkeiten, die man ihm vorhält, in Abrede, so kann 
man ihn durch Drängen zum Eingeständnis nötigen, daß er doch gewisse 
Gedanken, die ihn beschäftigen, vernachlässigt hat. Er hat an die Kur 
selbst gedacht, aber an nichts bestimmtes, oder das Bild des Zimmers, in 
dem er sich befindet, hat ihn beschäftigt, oder er muß an die Gegen- 
stände im Behandlungsraum denken, und daß er hier auf einem Diwan 
liegt, was er alles durch die Auskunft „Nichts'' ersetzt hat. Diese An- 
deutungen sind wohl verständlich ; alles was an die gegenwärtige Situ- 
ation anknüpft, entspricht einer Übertragung auf den Arzt, die sich zu 
einem ersten Widerstand geeignet erweist. Man ist so genötigt mit der 
Aufdeckung dieser Übertragung zu beginnen; von ihr aus findet sich 
rasch der Weg zum Eingang in das pathogene Material des Kranken. 
Frauen, die nach dem Inhalt ihrer Lebensgeschichte auf eine sexuelle 
Agression vorbereitet sind, Männer mit überstarker verdrängter Homo- 
sexualität werden am ehesten der Analyse eine solche Verweigerung der 
Einfälle vorausschicken. 

Wie der erste Widerstand, so können auch die ersten Symptome 
oder Zufallshandlungen der Patienten ein besonderes Interesse beanspruchen 
und einen ihre Neurose beherrschenden Komplex verraten. Ein geistreicher 
junger Philosoph, mit exquisiten ästhetischen Einstellungen, beeilt sich, 
den Hosenstreif zurecht zu zupfen, ehe er sich zur ersten Behandlung 
niederlegt ; er erweist sich als dereinstiger Koprophile von höchstem Raffine- 
ment, wie es für den späteren Ästheten zu erwarten stand. Ein junges 
Mädchen zieht in der gleichen Situation hastig den Saum ihres Rockes 
über den vorschauenden Knöchel ; sie hat damit das Beste verraten, was 
die spätere Analyse aufdecken wird, ihren narzißtischen Stolz auf ihre 
Körperschönheit und ihre Exhibitionsneigungen. 

Besonders viele Patienten sträuben sich gegen die ihnen vor- 
geschlagene Lagerung, während der Arzt ungesehen hinter ihnen sitzt, und 
bitten um die Erlaubnis, die Behandlung in anderer Position durchzumachen. 



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Weitere Ratschläge zur Technik der Psychoanalyse. 143 

zumeist, weil sie den Anblick des Arztes nicht entbehren wollen. Es 
wird ihnen regelmäßig verweigert ; man kann sie aber nicht daran hindern, 
daß sie sich's einrichten, einige Sätze vor Beginn der „Sitzung" zu 
sprechen oder nach der angekündigten Beendigung derselben, wenn sie 
sich vom Lager erhoben haben. Sie teilen sich so die Behandlung in 
einen offiziellen Abschnitt, während dessen sie sich meist sehr gehemmt 
benehmen, und in einen „gemütlichen", in dem sie wirklich frei sprechen 
und allerlei mitteilen, was sie selbst nicht zur Behandlung rechnen. Der 
Arzt läßt sich diese Scheidung nicht lange gefallen, er merkt auf das 
vor oder nach der Sitzung Gesprochene, und indem er es bei nächster 
Gelegenheit verwertet, reißt er die Scheidewand nieder, die der Patient 
aufrichten wollte. Dieselbe wird wiederum aus dem Material eines Über- 
tragungswiderstandes gezimmert sein. 

Solange nun die Mitteilungen und Einfälle des 
Patienten ohne Stockung erfolgen, lasse man das Thema 
der Übertragung unberührt. Man warte mit dieser heikelsten aller 
Prozeduren, bis die Übertragung zum Widerstand geworden ist. 

Die nächste Frage, vor die wir uns gestellt finden, ist eine prinzi- 
pielle. Sie lautet: Wann sollen wir mit den Mitteilungen an den Analy- 
sierten beginnen? Wann ist es Zeit, ihm die geheime Bedeutung seiner 
Einfalle zu enthüllen, ihn in die Voraussetzungen und technischen Pro- 
zeduren der Analyse einzuweihen? 

Die Antwort hierauf kann nur lauten : Nicht eher, als bis sich eine 
leistungsfähige Übertragung, ein ordentlicher Rapport, bei dem Patienten 
hergestellt hat. Das erste Ziel der Behandlung bleibt, ihn an die Kur 
und an die Person des Arztes zu attachieren. Man braucht nichts anderes 
dazu zu tun, als ihm Zeit zu lassen. Wenn man ihm ernstes Interesse 
bezeugt, die anfangs auftauchenden Widerstände sorgfältig beseitigt und 
gewisse MißgriflFe vermeidet, stellt der Patient ein solches Attachement 
von selbst her und reiht den Arzt an eine der Imagines jener Per- 
sonen an, von denen er Liebes zu empfangen gewohnt war. Man kann sich 
diesen ersten Erfolg allerdings verscherzen, wenn man von Anfang an 
einen anderen Standpunkt einnimmt als den der Einfühlung, etwa einen 
moralisierenden, oder wenn man sich als Vertreter und Mandator einer 
Partei gebärdet, mit welcher der Patient den Konflikt unterhält, etwa der 
Eltern, des anderen Eheteils usw. 

Diese Antwort schließt natürlich die Verurteilung eines Verfahrens 
ein, welches dem Patienten die Übersetzungen seiner Symptome mitteilen 
wollte, sobald man sie selbst erraten hat, oder gar einen besonderen 
Triumph darin erblicken würde, ihm diese „Lösungen" in der ersten Zusam- 
menkunft ins Gesicht zu schleudern. Es wird einem geübteren Analytiker 
nicht schwer, die verhaltenen Wünsche eines Kranken schon aus seinen 
Klagen und seinem Krankenbericht deutlich vernehmbar herauszuhören ; 



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144 Sigm. Frend. 

aber welches Maß von Selbstgefälligkeit und von Unbesonnenheit gehört 
dazu, um einem Fremden, mit allen analytischen Voraussetzungen Unver- 
trauten, nach der kürzesten Bekanntschaft zu eröffnen, er hänge inzestuös 
an seiner Mutter, er hege Todeswünsche gegen seine angeblich geliebte 
Frau, er trage sich mit der Absicht, seinen Chef zu betrügen u. dgl. 
Ich habe gehört, daß es Analytiker gibt, die sich mit solchen Augen- 
blicksdiagnosen und Schnellbehandlungen brüsten, aber ich warne jeder- 
mann davor, solchen Beispielen zu folgen. Man wird dadurch sich und 
seine Sache um jeden Kredit bringen und die heftigsten Widersprüche 
hervorrufen, ob man nun richtig geraten hat oder nicht, ja eigentlich um 
so heftigeren Widerstand, je eher man richtig geraten hat. Der therapeutische 
Effekt wird in der Regel zunächst gleich Null sein, die Abschreckung 
von der Analyse aber eine endgültige. Noch in späteren Stadien der 
Behandlung wird man Vorsicht üben müssen, um eine Symptomlösung 
und Wunschübersetzung nicht eher mitzuteilen, als bis der Patient knapp 
davor steht, so daß er nur noch einen kurzen Schritt zu tun hat, um 
.sich dieser Lösung selbst zu bemächtigen. In früheren Jahren hatte ich 
häufig Gelegenheit zu erfahren, daß die vorzeitige Mitteilung einer Lösung 
der Kur ein vorzeitiges Ende bereitete, sowohl infolge der Widerstände, 
die so plötzlich geweckt wurden, als auch auf Grund der Erleichterung, 
die mit dieser Lösung gegeben war. 

Man wird hier die Einwendung machen: Ist es denn unsere Auf- 
gabe, die Behandlung zu verlängern, und nicht vielmehr, sie so rasch 
wie möglich zu Ende zu führen? Leidet der Kranke nicht infolge seines 
Nichtwissens und Nichtverstehens, und ist es nicht Pflicht, ihn so bald als 
möglich wissend zu machen, also, sobald der Arzt selbst wissend 
geworden ist? 

Die Beantwortung dieser Frage fordert zu einem kleinem Exkurs 
auf, über die Bedeutung des Wissens und über den Mechanismus der 
Heilung in der Psychoanalyse. 

In den frühesten Zeiten der analytischen Technik haben wir aller- 
dings in intellektualistischer Denkeinstellung das Wissen des Kranken 
um das von ihm Vergessene hoch eingeschätzt und dabei kaum zwischen 
unserem Wissen und dem seinigen unterschieden. Wir hielten es für 
einen besonderen Glücksfall, wenn es gelang, Kunde von dem vergesse- 
nen Kindheitstrauma von anderer Seite her zu bekommen, z. B. von 
Eltern, Pflegepersonen oder dem Verführer selbst, wie es in einzelnen 
Fällen möglich wurde, und beeilten uns, dem Kranken die Nachricht 
und die Beweise für ihre Richtigkeit zur Kenntnis zu bringen in der 
sicheren Erwartung, so Neurose und Behandlung zu einem schnellen 
Ende zu führen. Es war eine schwere Enttäuschung, als der erwartete 
Erfolg ausblieb. Wie konnte es nur zugehen, daß der Kranke, der jetzt 
von seinem traumatischen Erlebnis wußte, sich doch benahm, als wisse 



r^no'^'-^ Original from 

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Weitere Ratschl&ge zur Technik der Psychoanalyse. 145 

er nicht mehr davon als früher? Nicht einmal die Erinnerung an das 
verdrängte Trauma wollte infolge der Mitteilung und Beschreibung des- 
selben auftauchen. 

In einem bestimmten Falle hatte mir die Mutter eines hysterischen 
Mädchens das homosexuelle Eriebnis verraten, dem auf die Fixierung 
der Anfälle des Mädchens ein großer Einfluß zukam. Die Mutter hatte 
die Szene selbst überrascht, die Kranke aber dieselbe völlig vergessen, ob- 
wohl sie bereits den Jahren der Vorpubertät angehörte. Ich konnte nun 
eine lehrreiche Erfahrung machen. Jedesmal, wenn ich die Erzählung 
der Mutter vor dem Mädchen wiederholte, reagierte dieses mit einem 
hysterischen Anfall, und nach diesem war die Mitteilung wieder ver- 
gessen. Es war kein Zweifel, daß die Kranke den heftigsten Widerstand 
gegen ein ihr aufgedrängtes Wissen äußerte ; sie simulierte endlich Schwach- 
sinn und vollen Qedächtnisverlust, um sich gegen meine Mitteilungen 
zu schützen. So mußte man sich denn entschließen, dem Wissen an 
sich die ihm vorgeschriebene Bedeutung zu entziehen und den Akzent 
auf die Widerstände zu verlegen, welche das Nichtwissen seinerzeit ver- 
ursacht hatten und jetzt noch bereit waren es zu verteidigen. Das 
bewußte Wissen aber war gegen diese Widerstände, auch wenn es nicht 
wieder ausgestoßen wurde, ohnmächtig. 

Das befremdende Verhalten der Kranken, die ein bewußtes Wissen 
mit dem Nichtwissen zu vereinigen verstehen, bleibt für die sogenannte 
Normalpsychologie unerklärlich. Der Psychoanalyse bereitet es auf Grund 
ihrer Anerkennung des Unbewußten keine Schwierigkeit; das beschrie- 
bene Phänomen gehört aber zu den besten Stützen einer Auffassung, 
welche sich die seelischen Vorgänge topisch differenziert näher bringt. 
Die Kranken wissen nun von dem verdrängten Erlebnis in ihrem bewußten 
Denken, aber diesem fehlt die Verbindung mit jener Stelle, an welcher 
die verdrängte Erinnerung in irgend einer Art enthalten ist. Eine Ver- 
änderung kann erst eintreten, wenn der bewußte Denkprozeß bis zu 
dieser Stelle vorgedrungen ist und dort die Verdrängungswiderstände 
überwunden hat. Es ist gerade so, als ob im Justizministerium ein Erlaß 
verlautbart worden wäre, daß man jugendliche Vergeben in einer gewissen 
milden Weise richten solle. Solange dieser Erlaß nicht zur Kenntnis der einzel- 
nen Bezirksgerichte gelangt ist, oder für den Fall, daß die Bezirksrichter 
nicht die Absicht haben, diesen Erlaß zu befolgen, vielmehr auf eigene 
Hand judizieren, kann an der Behandlung der einzelnen jugendlichen 
Delinquenten nichts geändert sein. Fügen wir noch zur Korrektur hinzu, 
daß die bewußte Mitteilung des Verdrängten an den Kranken doch nicht 
wirkungslos bleibt. Sie wird nicht die gewünschte Wirkung äußern, 
den Symptomen ein Ende zu machen, sondern andere Folgen haben. Sie 
wird zunächst Widerstände, dann aber, wenn deren Überwindung erfolgt 
ist, einen Denkprozeß anregen, in dessen Ablauf sich endlich die erwar- 
tete Beeinflussung der unbewußten Erinnerung herstellt. 

ZeitBcbr. f. ftrstl. PiyohoanaljBe. 10 

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146 Signa. Freud. 

Es ist jetzt an der Zeit eine Übersicht des Kräftespiels zu gewinnen, 
welches wir durch die Behandlung in Gang bringen. Der nächste Motor 
der Therapie ist das Leiden des Patienten und sein daraus entsprin- 
gender Heilungswunsch. Von der Größe dieser Triebkraft zieht sich 
mancherlei ab, was erst im Laufe der Analyse aufgedeckt wird, vor allem 
der sogenannte sekundäre Krankheitsgewinn, aber die Triebkraft selbst 
muß bis zum Ende der Behandlung erhalten bleiben; jede Besserung 
ruft eine Verringerung derselben hervor. Für sich allein ist sie aber un- 
fähig die Krankheit zu beseitigen ; es fehlt ihr zweierlei dazu : sie kennt 
die Wege nicht, die zu diesem Ende einzuschlagen sind, und sie bringt 
die notwendigen Energiebeträge gegen die Widerstände nicht auf. Beiden 
Mängeln hilft die analytische Behandlung ab. Die zur Überwindung der 
Widerstände erforderten Affektgrößen stellt sie durch die Mobil- 
machung der Energien bei, welche für die Übertragung bereit liegen; 
durch die rechtzeitigen Mitteilungen zeigt sie dem Kranken die Wege, 
auf welche er diese Energien leiten soll. Die Übertragung kann häufig 
genug die Leidenssymptome allein beseitigen, aber dann nur vorüber- 
gehend, solange sie eben selbst Bestand hat. Das ist dann eine Suggestiv- 
behandlung, keine Psychoanalyse. Den letzteren Namen verdient die 
Behandlung nur dann, wenn die Übertragung ihre Intensität zur Über- 
windung der Widerstände verwendet hat. Dann allein ist das Kranksein 
unmöglich geworden, auch wenn die Übertragung wieder aufgelöst wor- 
den ist, wie ihre Bestimmung es verlangt. 

Im Laufe der Behandlung wird noch ein anderes förderndes Mo- 
ment wachgerufen, das intellektuelle Interesse und Verständnis des 
Kranken. Allein dies kommt gegen die anderen miteinander ringenden 
Kräfte kaum in Betracht ; es droht ihm beständig die Entwertung infolge 
der Urteilstrübung, welche von den Widerständen ausgeht. Somit erüb- 
rigen Übertragung und Unterweisung (durch Mitteilung) als die neuen 
Kraftquellen, welche der Kranke dem Analytiker verdankt. Der Unter- 
weisung bedient er sich aber nur, insofern er durch die Übertragung 
dazu bewogen wird, und darum soll die erste Mitteilung abwarten, bis 
sich eine starke Übertragung hergestellt hat, und fügen wir hinzu, jede 
spätere, bis die Störung der Übertragung durch die der Reihe nach 
auftauchenden Übertragungswiderstände beseitigt ist. 



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Mitteilungen, 



I. 
Beiträge zur Traumdeutung. 

1. 

Märchenstoffe in Träumen. 

Von Sigm. Freud. 

Es ist keine Überraschung, aiich aus der Psychoanalyse zu erfahren, 
welche Bedeutung unsere Volksmärchen für das Seelenleben unserer Kinder 
gewonnen haben. Bei einigen Menschen hat sich die Erinnerung an ihre Lieb- 
lingsmärchen an die Stelle eigener Kindheitserinnerungen gesetzt; sie haben 
die Märchen zu Deckerinnerungen erhoben. 

Elemente und Situationen, die aus diesen Märchen kommen, finden sich 
nun auch häufig in Träumen. Zur Deutung der betreffenden Stellen fällt den 
Analysierten das für sie bedeutungsvolle Märchen ein. Von diesem sehr ge- 
wöhnlichen Vorkommnis will ich hier zwei Beispiele anführen. Die Bezie- 
hungen der Märchen zur Kindheitsgeschichte und zur Neurose der Träumer 
werden aber nur angedeutet werden können, auf die Gefahr hin, die dem 
Analytiker wertvollsten Zusammenhänge zu zerreißen. 

I. 

Traum einer jungen Frau, die vor wenigen Tagen den Besuch ihres 
Mannes empfangen hat : Sie ist in einem ganz braunen Zimmer. 
Durch eine kleine Tür kommt man auf eine steile Stiege, 
und über diese kommt ein sonderbares Männlein ins Zimmer, 
klein, mit weißen Haaren, Glatze und roter Nase, das im 
Zimmer vor ihr herumtanzt, sich sehr komisch gebärdetund 
dann wieder zur Stiege herabgeht. Es ist in ein graues Ge- 
wand gekleidet, welches alle Formen erkennen läßt. (Kor- 
rektur: Es trägt einen langen schwarzen Rock und eine graue 
Hose.) 

Analyse: Die Personsbeschreibung des Männleins paßt ohne weitere 
Veränderung*) auf ihren Schwiegervater. Dann fällt ihr aber sofort das 
Märchen von Rumpelstilzchen ein, der so komisch wie der Mann im 
Traume herumtanzt und dabei der Königin seinen Namen verrät. Dadurch 
hat er aber seinen Anspruch auf das erste Kind der Königin verloren und 
reißt sich in der Wut selbst mitten entzwei. 



*) Bis auf das Detail korzgeschnittener Haare, während der Schwiegervater das 
Haar lang trägt. 

10* 



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148 Beiträge zur Traumdeutung. 

Am Traumtag war sie selbst so wütend auf ihren Mann und äußerte: 
Ich könnte ihn mitten entzweireißen. 

Das braune Zimmer macht zunächst Schwierigkeiten. Es fällt ihr nur das 
Speisezimmer ihrer Eltern ein, das so — holzbraun — getäfelt ist, und dann 
erzählt sie Greschichten von Betten, in denen man zu zweien so unbequem 
schläft. Vor einigen Tagen hat sie, als von Betten in anderen Ländern die 
Rede war, etwas sehr Ungeschicktes gesagt, — in harmloser Absicht, meint 
sie — worüber ihre Gesellschaft fürchterlich lachen mußte. 

Der Traum ist nun bereits verständlich. Das holzbraune Zimmer*) ist 
zunächst das Bett, durch die Beziehung auf das Speisezimmer ein Ehebett.**) 
Sie befindet sich also im Ehebett. Der Besucher sollte ihr junger Mann sein, 
der nach mehrmonatlicher Abwesenheit zu ihr gekommen war, um seine Rolle 
im Ehebett zu spielen. Es ist aber zunächst der Vater des Mannes, der 
Schwiegervater. 

Hinter dieser ersten Deutung blickt man auf eine tiefer liegende rein sexu- 
ellen Inhaltes. Das Zimmer ist jetzt die Vagina. (Das Zimmer ist in ihr, im 
Traume umgekehrt). Der kleine Mann, der seine Grimassen macht und 
sich so komisch benimmt, ist der Penis ; die enge Tür und die steile Treppe 
bestätigen die Auffassung der Situation als einer Koitusdarstellung. Wir sind 
sonst gewöhnt, daß das Kind den Penis symbolisiert, werden aber verstehen, 
daß es einen guten Sinn hat, wenn hier der Vater zur Vertretung des Penis 
herangezogen wird. • 

Die Auflösung des noch zurückgehaltenen Restes vom Traum wird uns 
in der Deutung ganz sicher machen. Das durchscheinende graue Gewand er- 
klärt sie selbst als Kondom. Wir dürfen erfahren, daß Interessen der Kinder- 
verhütung, Besorgnisse, ob nicht dieser Besuch des Mannes den Keim zu einem 
zweiten Kind gelegt, zu den Anregern dieses Traumes gehören. 

Der schwarze Rock : Ein solcher steht ihrem Manne ausgezeichnet. Sie 
will ihn immer beeinflussen, daß er ihn trage anstatt seiner gewöhnlichen 
Kleidung. Im schwarzen Rock ist ihr Mann also so, wie sie ihn gern sieht. 
Schwarzer Rock und graue Hose : das heißt aus zwei verschiedenen, einander 
tiberdeckenden Schichten : So gekleidet will ich dich haben. So gefällst du mir. 

Rumpelstilzchen verknüpft sich mit den aktuellen Gedankendes Traumes — 
den Tagesresten — durch eine schöne Gegensatzbeziehung. Er kommt im 
Märchen, um der Königin das erste Kind zu nehmen ; der kleine Mann im 
Traum kommt als Vater, weil er wahrscheinlich ein zweites Kind gebracht 
hat. Aber Rumpelstilzchen vermittelt auch den Zugang zur tieferen, infan- 
tilen Schicht der Traumgedanken. Der possierliche kleine Kerl, dessen Namen 
man nicht einmal weiU, dessen Geheimnis man kennen möchte, der so 
außerordentliche Kunststücke kann (im Märchen Stroh in Gold verwandeln), — 
die Wut, die man gegen ihn hat, eigentlich gegen seinen Besitzer, den man 
um diesen Besitz beneidet, der Penisneid der Mädchen — das sind Elemente, 
deren Beziehung zu den Grundlagen der Neurose, wie gesagt, hier nur ge- 
streift werden soll. Zum Kastrationstheraa gehören wohl auch die geschnittenen 
Haare des Männchens im Traume. 

Wenn man in durchsichtigen Beispielen darauf achten wird, was der 
Träumer mit dem Märchen macht, und an welche Stelle er es setzt, so wird 
man dadurch vielleicht auch Winke für die noch ausstehende Deutung dieser 
Märchen selbst gewinnen. 



*) Holz wie bekannt häufig weibliches, mütterliches Symbol (materia, Madeira usw.). 
**) Tisch und Bett repräsentieren ja die Ehe. 



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Sigm. Frend: Märchenstoffe in Traumen. 149 

II. 
Ein junger Mann, der einen Anhalt für seine Kindheitserinnerungen in 
dem Umstände findet, daß seine Eltern ihr bisheriges Landgut gegen ein an- 
deres vertauschten, als er noch nicht fünf Jahre war, erzählt als seinen frühesten 
Traum, der noch auf dem ersten Gut vorgefallen, folgendes: 

„Ich habe geträumt, daß es Nacht ist und ich in meinem 
Bett liege, (mein Bett stand mit dem Fußende gegen das 
Fenster^ vor dem Fenster befand sich eine Reihe alter Nuß- 
bäume. Ich weiß, es war Winter, als ich träumte und Nacht- 
zeit). Plötzlich geht dasFenster von selbst auf, und ich sehe 
mit großem Schrecken, daßauf dem großen Nußbaum vor dem 
Fenster ein paar weiße Wölfe sitzen. Es waren sechs oder 
sieben Stück. Die Wölfe waren ganz weiß und sahen eher aus 
wie Füchse oder Schäferhunde, denn sie hatten große 
Schwänze wie Füchse und ihre Ohren waren aufgestellt wie 
bei den Hunden, wenn sie auf etwas passen. Unter großer 
Angst, offenbar von den Wölfen aufgefressen zu werden, 
schrie ich auf und erwachte. Meine Kinderfrau eilte zu meinem Bett, 
um nachzusehen, was mit mir geschehen war. Es dauerte eine ganze Weile, 
bis ich überzeugt war, es sei nur ein Traum gewesen, so natürlich und deut- 
lich war mir das Bild vorgekommen, wie das Fenster aufgeht und die Wölfe 
auf dem Baume sitzen. Endlich beruhigte ich mich, fühlte mich wie von 
einer Gefahr befreit und schlief wieder ein.*' 

„Die einzige Aktion im Traume war das Aufgehen des Fensters, denn 
die Wölfe saßen ganz ruhig ohne jede Bewegung auf den Ästen des Baumes, 
rechts und links vom Stamm und schauten mich an. Es sah so aus, als ob 
sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf mich gerichtet hätten. — Ich glaube, 
dies war mein erster Angsttraum. Ich war damals drei, vier, höchstens fünf 
Jahre alt. Bis in mein elftes oder zwölftes Jahr hatte ich von da an immer 
Angst, etwas Schreckliches im Traume zu sehen." 

Er gibt dann noch eine Zeichnung des Baumes mit den Wölfen, die 
seine Beschreibung bestätigt. Die Analyse des Traumes fördert nachstehendes 
Material zu Tage. 

Er hat diesen Traum immer in Beziehung zu der Erinnerung gebracht, 
daß er in diesen Jahren der Kindheit eine ganz ungeheuerliche Angst vor 
dem Bild eines Wolfes in einem Märchenbuche zeigte. Die ältere, ihm recht 
überlegene Schwester pflegte ihn zu necken, indem sie ihm unter irgend einem 
Vorwand gerade dieses Bild vorhielt, worauf er entsetzt zu schreien begann. 
Auf diesem Bild stand der Wolf aufrecht, mit einem Fuß ausschreitend, die 
Tatzen ausgestreckt und die Ohren aufgestellt. Er meint, dieses Bild habe 
als Illustration zum Märchen von Rotkäppchen gehört. 

Warum sind die Wölfe weiß? Das läßt ihn an die Schafe denken, von 
denen große Herden in der Nähe des Gutes gehalten wurden. Der Vater 
nahm ihn gelegentlich mit, diese Herden zu besuchen, und er war dann jedes- 
mal sehr stolz und selig. Später — nach eingezogenen Erkundigungen kann 
es leicht kurz vor der Zeit dieses Traumes gewesen sein, — brach unter 
diesen Schafen eine Seuche aus. Der Vater ließ einen Pasteurschüler kom- 
men, der die Tiere impfte, aber sie starben nach der Impfung noch zahl- 
reicher als vorhin. 

Wie kommen die Wölfe auf den Baum ? Dazu fällt ihm eine Geschichte 
ein, die er den Großvater erzählen gehört. Er kann sich nicht erinnern, 
ob vor oder nach dem Traum, aber ihr Inhalt spricht entschieden für das 



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150 Beiträge zur Tranmdeatung. 

erstere. Die Geschichte lautet : Ein Schneider sitzt in seinem Zimmer bei der 
Arbeit, da öffnet sich das Fenster und ein Wolf springt herein. Der Schneider 
schlägt mit der Elle nach ihm — nein, er verbessert sich, packt ihn 
beim Schwanz und reißt ihm diesen aus, so daß der Wolf erschreckt davon- 
rennt. Eine Weile später geht der Schneider in den Wald und sieht plötz- 
lich ein Rudel Wölfe herankommen, vor denen er sich auf einen Baum 
flüchtet. Die Wölfe sind zunächst ratlos, aber der verstümmelte, der unter 
ihnen ist und sich am Schneider rächen will, macht den Vorschlag, dafi 
einer auf den anderen steigen soll, bis der letzte den Schneider erreicht hat. 
Er selbst — es ist ein kräftiger Alter — will die Basis dieser Pyramide 
machen. Die Wölfe tun so, aber der Schneider hat den gezüchtigten Besucher 
erkannt und ruft plötzlich wie damals: Packt den Grauen beim Schwanz. 
Der schwanzlose W^olf erschrickt bei dieser Erinnerung, läuft davon und die 
anderen purzeln alle herab. 

In dieser Erzählung findet sich der Baum vor, auf dem im Traum die 
Wölfe sitzen. Sie enthält aber auch eine unzweideutige Anknüpfung an den 
Kastrationskomplex. Der alte Wolf ist vom Schneider um den Schwanz ge- 
bracht worden. Die Fuchsschwänze der Wölfe im Traum sind wohl Kom- 
pensationen dieser Schwanzlosigkeit. 

Warum sind es sechs oder sieben Wölfe? Diese Frage schien nicht zu 
beantworten, bis ich den Zweifel aufwarf, ob sich sein Angstbild auf das 
Rotkäppchenmärchen bezogen haben könne. Dies Märchen gibt nur Anlaß zu 
zwei Illustrationen, zur Begegnung des Rotkäppchens mit dem Wolf im Walde 
und zur Szene, wo der Wolf mit der Haube der Großmutter im Bette liegt. 
Es müsse sich also ein anderes Märchen hinter der Erinnerung an das Bild 
verbergen. Er fand dann bald, daß es nur die Geschichte vom Wolf und den 
sieben Geißlein sein könne. Hier findet sich die Siebenzahl, aber auch die 
sechs, denn der Wolf frißt nur sechs Geißlein auf, das siebente versteckt 
sich im Uhrkasten. Auch das Weiß kommt in dieser Geschichte vor, denn 
der Wolf läßt sich beim Bäcker die Pfote weiß machen, nachdem ihn die 
Geißlein bei seinem ersten Besuch an der grauen Pfote erkannt haben. Beide 
Märchen haben übrigens viel Gemeinsames. In beiden findet sich das Auf- 
fressen, das Bauchaufschneiden, die Herausbeförderung der gefressenen Personen, 
deren Ersatz durch schwere Steine, und endlich kommt in beiden der böse 
Wolf um. Im Märchen von den Geißlein kommt auch noch der Baum vor. 
Der Wolf legt sich nach der Malzeit unter einen Baum und schnarcht. 

Ich werde mich mit diesem Traum wegen eines besonderen Umstandes 
noch an anderer Stelle beschäftigen müssen und ihn dann eingehender deuten 
und würdigen. Es ist ja ein erster aus der Kindheit erinnerter Angsttraum, 
dessen Inhalt im Zusammenhang mit anderen Träumen, die bald nachher er- 
folgten, und mit gewissen Begebenheiten in der Kinderzeit des Träumers ein 
Interesse von ganz besonderer Art wachruft. Hier beschränken wir uns auf 
die Beziehung des Traumes zu zwei Märchen, die viel Gemeinsames haben, 
zum „Rotkäppchen" und zum ,,Wolf und die 7 Geißlein*'. Der Eindruck 
dieser Märchen äußerte sich bei dem kindlichen Träumer in einer richtigen 
Thierphobie, die sich von anderen ähnlichen Fällen nur dadurch auszeichnete, 
daß das Angsttier nicht ein der Wahrnehmung leicht zugängliches Objekt war 
(wie etwa Pferd und Hund), sondern nur aus Erzählung und Bilderbuch 
gekannt war. 

Ich werde ein andermal auseinandersetzen, welche Erklärung diese 
Thierphobien haben und welche Bedeutung ihnen zukommt. Vorgreifend be- 
merke ich nur, daß diese Erklärung sehr zu dem Hauptcharakter stimmt, 



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Dr. Otto Rank: Eine noch nicht beschriebene Form des Ödipostraumes, 15X 

welchen die Neurose des Träumers in späteren Lebenszeiten erkennen ließ. 
Die Angst vor dem Vater war das stärkste Motiv seiner Erkrankung ge- 
wesen, und die ambivalente Einstellung zu jedem Yaterersatz beherrschte sein 
Leben wie sein Verhalten in der Behandlung. 

Wenn der Wolf bei meinem Patienten nur der erste Vaterersatz war, so fragt 
es sich, ob die Märchen vom Wolf, der die Geißlein auffrißt, und vom Rotkäpp- 
chen etwas anderes als die infantile Angst vor dem Vater zum geheimen 
Inhalt haben.*) Der Vater meines Patienten hatte übrigens die Eigentümlich- 
keit des ,,zärtlichen Schimpfens", die so viele Personen im Umgang 
mit ihren Kindern zeigen, und die scherzhafte Drohung: „Ich freß' dich auf * 
mag in den ersten Jahren, als der später strenge Vater mit dem Söhnlein 
zu spielen und zu kosen pflegte, mehr als einmal geäußert worden sein. Eine 
meiner Patienten erzählte mir, daß ihre beiden Kinder den Großvater nie lieb 
gewinnen konnten, weil er sie in seinem zärtlichen Spiel zu schrecken 
pflegte, er werde ihnen den Bauch aufschneiden. 

2. 

Eine noch nicht beschriebene Form des Ödipus-Traumes. 

Mitgeteilt von Dr. Otto RAok. 

Ein Kollege erzählt mir mit auffällig affektiver Verwunderung folgenden 
Traum : 

,,Ich stehe in unserem Wohnzimmer vor dem großen Spiegel, um mir 
ein Wimmerl auszudrücken, das unterhalb des linken Auges auf der Wange 
sitzt. Meine Mutter steht hart neben mir, wie um mir teilnahmsvoll zuzu- 
sehen und zu assistieren. Ich beginne dann mit beiden Händen an dem Ab- 
szeß zu drücken und es kommt immer mehr und mehr von einer gelblich- 
weißen, gelatineartigen Masse heraus, die sich aber von dem Herd 
nicht loslöst, sondern weit über die Wange (wie eine dünne Wurst) herunter- 
hängt. Ich greife nach der Watte, die ich mir vorbereitet hatte, finde sie 
aber nicht gleich. Währenddessen ruft mir meine Mutter wie erschrocken zu, 
es sei ja mein Auge, das ich da ausgedrückt hätte. Und im selben Moment 
spüre ich auch, daß es mir in der Augenhöhle fehlt. Rasch entschlossen 
werfe ich mit einem kräftigen Ruck den Kopf zurück und schleudere so die 
ganze zusammenhängende Masse wieder in die Augenhöhle hinein. Unter 
Assistenz meiner Mutter probiere ich dann quasi, ob alles wieder paßt, indem 
ich die Augen bewege. Nach ein paar Bewegungen kommt tatsächlich die 
Pupille wieder zum Vorschein, und damit gewinnt das Auge wieder seine 
frühere Gestalt. Doch nach ein paar weiteren Bewegungen verschwindet sie 
wieder, ich habe die ängstliche Empfindung, daß doch nicht alles in Ordnung 
ist. Ich sehe im Traume meine beiden Augen übergroß und überdeutlich 
vor mir, doch ohne Pupille (wie unfähig zum Sehen), nur mit einer schwarzen 
Scheibe, die das Weiße halb verdeckt (wie die Augen von Schlafpuppen). 
Während ich mich beeile, Messer, Schere und anderes (Instrumente) in ihr 
Futteral zu schieben, überlege ich, ob ich zuerst zu meinem Hausarzt gehen und 
ihn um Rat fragen soll oder zu meiner Geliebten und sie bitten, daß sie mich 
jetzt, wo ich nichts mehr sehe, nicht verlasse. Mit der angstvollen Empfin- 
dung, daß ich nun mein Augenlicht verloren habe, erwache ich und bemerke 
zu meinem Erstaunen, daß es eigentlich eine heftige Erektion war, die 
mich geweckt hatte.** 

*) Vgl. die von 0. Rank hervorgehobene Ähnlichkeit .dieser beiden Märchen 
mit dem M3rthii8 von Kronos. (Völkerpsychologische Parallelen zu den infantilen 
Seznaitheorien ; Zentralblatt f. Psychoanalyse, 11., 8.) 



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152 Beitr&ge zur Traomdeiitang. 

Weist der zuletzt angeführte Umstand unzweideutig auf den sexuellen 
Charakter des Traumes hin, so wird uns auch die Angstentbindung, die er im 
Gefolge hat, im Fr eudschen Sinne als Äußerung verdrängter Libido yerständlicb, 
wie ich bereits in anderen Träumen das Angstgefühl als Ersatz der abge- 
lehnten Pollution aufzeigen konnte. Außer der so aufgeklärten Angst beherr- 
schen noch zwei Elemente den Traum: die Augen und die Mutter. Zu 
„Augen** bringt der Träumer zunächst folgende Einfälle. Am Abend vorher 
hatte er mit seiner Geliebten, deren schöne, große Augen ihn immer wieder 
fesseln, über Augen im allgemeinen und besonders über ihre und seine 
Augen gesprochen. Dann hatte er auf dem Wege in eine Gesellschaft auf 
der Straße ein Mädchen begegnet, die ihn äußerst kokett mit ihren hübschen 
Augen angesehen hatte, wobei er an den grotesken Ausspruch eines Kollegen 
errinnert wurde, der in solchen Fällen zu sagen pflegte : Die vögelt (l e. 
koitiert) mit den Augen. In der Gesellschaft hatte er auch seinen Haus- 
arzt angetroffen, einen Internisten, der der Psychoanalyse einiges Interesse 
entgegenbrachte und oft von Träumen sprach und sich solche gern erzählen 
ließ. Auf dem Heimwege hatte dieser Arzt dem Träumer einen sehr verhüll- 
ten Inzesttraum erzählt, dessen Aufklärung viel Schwierigkeiten geboten hatte. 
Am selben Traumtag nachmittag hatte der Träumer eine Anspielung auf To- 
bias gelesen, dem Gott zur Strafe Blindheit durch eine Schwalbe 
(Vogel) schickte. Zu „Mutter** bringt er folgendes Material: Nachmittag war 
er tatsächlich beim Ankleiden vor dem großen Spiegel gestanden, wie schon 
öfter beim Ausdrücken von Wimmerln, und glaubte bemerkt zu haben, daß 
ihn seine Mutter wie bewundernd und stolz auf ihn angesehen habe. Als er 
auf sie sah, sei sie ihm aber schon sehr alt und verfallen vorgekommen, nur die 
großenAugen hatten noch etwas von Glanz und Schönheit. — In die Gesellschaft 
war er abends gegangen, um dem Herrn des Hauses, dessen Mutter e^ben 
gestorben war, zu kondolieren. Ergibt ohne weiteres zu, seiner Mutter seit 
jeher mit ganz besonderer Zärtlichkeit und Neigung gegenübergestanden zu sein. 

Auf Grund dieses Materials wird es nicht schwer, den Traum als ver- 
kappte Ödipusphantasie mit gehemmter, in Angst (Tod) verwandelter Pollu- 
tion zu agnoszieren. Das Hervorquellen der gallertartigen und wurstförmigen 
Masse aus der Höhle stellt nicht nur die intendierte (znrückgescbleuderte) 
Ejakulation dar^), sondern ist auch ein „funktionales** Symbol der tatsächlich 
stattgefundenen Erektion: Er „vögelt** wirklich mit den Augen (er hat seine 
Mutter betrachtet'*''*')) und wird demgemäß auch von Gott mit Blindheit gestraft 
(wie Tobias durch einen Vogel). Das Hineinschieben der Instrumente in die Etuis 
ist ebenso wie das Hineinschleudern der Masse in die Öffnung Koitussymbol. Die 
inzestuöse Wurzel seines Traumes wird auch durch die Gestalt des Arztes 
erwiesen, der ihm einen verkappten Inzesttraum erzählt hatte, den er gleich- 
sam zu überbieten sucht. Deswegen bedeutet seine Traumerwägung, den Arzt 
zu konsultieren, eigentlich den Wunsch, ihm diesen Traum zur Deutung vor- 
zulegen und zu sehen, ob er auch ihn als Inzesttraum zu entlarven vermag. 
Überdeutlich ist die Identifizierung der Mutter und der Geliebten, sowohl auf 

•) Die wnrstförmige Masse ist im materialen Sinne Phallussymbol, die Augen- 
höhle, oie dann der Pupille gleichgesetzt wird, entspricht der Vagina (Pupille — 
Mädchen; vgl »Augen wie eine Puppe"). 

*•) Evangelium Matthäi V, 28: „Ich aber sage euch: Wer ein Weib an sieh et, 
ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen." — 
Als ich den Träumer, einen bibelfesten Katholiken, an diese Stelle erinnere, setzt er 
überrascht hinzu, daß es unmittelbar darauf V. 29 heiße: „Ärgert dich aber 
dein rechtes Auge,so reiße esaus, und wirf es von dir", was sich offen- 
bar auf sexuelle Versuchungen beziehe. 



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Dr, Otto Bank: Eine noch nicht beschriebene Form des Odipnstranm^. 153 

Gnmd ihrer großeoj schönen Angen, wie auch darin, daß beide als Pflege- 
nnnen (Assistem;) gewünscht werden. Der Todesfall in der befreundeten Familie 
hatte, verstärkt durch den nachmittägigen Eindruck vom Alter der Mutter, 
den Gedanken an ihren Tod geweckt und als Trost nnd Deckung dieser 
peinlichen Empfindung (Angst) die zärtliche Neigung zu ihr wachgerufen. 

Den beweisenden Schlußstein der ganzen Deutucg liefert aber der 
Träumer, als ihm die dargelegten Zusammenhänge mit dem Inzestkomplex 
nahegebracht werden, indem er wie in plötzlicher Erleuchtung erklärt, daß 
ihm jetzt ancb bekannt sei, woher die eigentumlichen Augen des Traumes 
stammen. Bei einer Anfftlhning des „König ödipus'', die er vor etwa 
einem Jahre in der Eeinhardtschen Inszenierung gesehen hatte, sei ihm die 
realistische Darstellnng der S e 1 b s t b 1 e n d u n g mit den blutigen ausgeronnenen 
Angenhöhlen abstoßend und doch sehr eindrucksvoll gewesen. Diese Strafe 
für den Mutterinzest vollzieht er nun im Traume an sich wieder, wobei es 
uns im Hinblick auf S t e k e 1 s Bemerkungen zur Traum Symbolik niuht zu- 
f&llig erscheinen kann, da£ der Träumer gerade das linke Auge dazu wählt, 
während in der Bibelstelle das rechte gemeint ist und bei Ödipus beide das 
gleiche Schicksal tritt. Die IdentiMerung mit Üdipns ist aber doch darin 
festgehalten, da£ im weiteren Verlaufe des Traumes dann beide Augen 
gleich betroffen nnd zum ,jSc hauen" unfähig geworden sind. 



.^v^fV V'. J 



Die hier aufgezeigte sexualsynibolische Bedeutung des Auges ist eine 
typische über den Odipusmythos weit hinan sreich ende und auch den Geschlechts- 
gegensatz überbrückende, indem das Auge ebensowohl als Symbol des weib- 
lichen wie des mäuDlichen Genitales erscheint. 

So heißt es bei Abraham (Traum und Mythos, 1909, S, 16): ,,Die 
Pupille des menschlichen Auges» die als ein runder schwarzer Fleck erscheint, 
wini in den ver- 
schiedensten Spra- 
chen in gleicher 
Weise sexnalidert. 
,Pupilla* bedeutet 
lateiuisch Mäd- 
chen; das grie- 
chische xoTTvj^ das 
spanische niika, das 
Eaana des San- 
skrit haben den 
gleichen Sinn. Das 
Hebräische hat 
zwei Ausdrücke, 
deren einer wieder- 
nni , Mädchen' be- 
deutet, der änderte 
dagegen , Männ- 
lein** Nach Kleinpanl wurde ^,der runde Fleck ia der Mitte der Iris 
von einer naiven Phantasie mit einem Loche verglichen und als grobes 
Symbol des weiblichen Geschlechtes behandelt/* i 

Diese Auffiissung verrät sich auch in der hier wiedergegebenen Zeichnung 
einer englischen Ansichtskarte, in deren farbiger Ausführung die Heischroten 
Lider auffällig an die äußeren Schamlippen erinnern. 




Who is the little girle you*Te in your eye now? 



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Goo"' 



Original from 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



]^54 Beiträge zur Traumdeutung. 

Nach einer von Jung (Jahrb. IV, S. 312) angeführten indischen 
Überlieferung wird Indra wegen eines Bathsebafrevels verurteilt, die Bilder 
der Joni (Vulva) über seinen ganzen Körper ausgebreitet zu tragen, von den 
Göttern aber soweit begnadigt, daß das entehrende Jonibild in Augen ver- 
wandelt wurde. (Formähnlichkeit). Mit Hinweis auf diese „genitale Bedeu- 
tung des Auges*' zitiert Jung (1. c. S. 383), anknüpfend an die Erzählung 
von Hiawatha, welcher drei Pfeile, „die bekannten phallischen Symbole*', auf 
„die einzig verwundbare Stelle,'* „den phallischen Punkt'*, des Zauberers ab- 
schießt, folgendes Material : ,,Spielreins Kranke erhält von Gott drei Schüsse 
durch Kopf, Brust und Auge, ,dann kam eine Auferstehung des Geistes* 
(Jahrb. III, S. 376). — In der tibetanischen Mythe des Bogda Gesser Khan 
schießt der Sonnenheld der dämonischen Alten, die ihn verschlingt und wieder 
ausspeit, den Pfeil auch in die Stirn. In einer kalmückischen Mythe schießt 
der Held den Pfeil in das , Strahlenauge', das sich auf der Stirn des Stieres 
befindet. (Genitale Bedeutung des Auges vgl. oben). Vgl. dazu die Überwäl- 
tigung Polyphems, deren sakraler Charakter auf einer attischen Vase da- 
durch gekennzeichnet ist, daß sich dabei eine Schlange befindet (als Mutter- 
symbol. Siehe die Erklärung des sacrificium mithriacum).** [Nach Jung, 1. c.]. 

In der ägyptischen Sage rächt Horus den Tod seines Vaters Osiris an 
dessen Mörder Set. In dem erbitterten Kampf schlägt Set dem Gegner ein 
Auge aus und verschlingt es, verliert aber dabei selbst seine Genitalien 
(Hoden), die — nach einer Bemerkung Schneiders*) — ursprünglich 
gewiß auch von Horus verschlungen worden waren. Toth trennt die Streiten- 
den und heilt sie wieder. Er spie auf das Auge, das Set von sich geben 
mußte, und Horus gab es seinem Vater zu essen, der durch dieses Opfer 
kindlicher Liebe wieder „beseelt und mächtig^^ wurde. Es liegt nahe, hier auch 
an eine ursprüngliche Entmannung des Horus zu denken, die wegen zu großer 
Anstößigkeit des Verschlingens der Genitalien durch Verlust des Auges 
ersetzt wurde. Um so mehr, als es sich auch in der Vorgeschichte der Ho- 
rusrache um eine Kastration, die des Osiris, handelt, dessen Genitalien gleich- 
falls verschlungen werden ; allerdings auch in entstellender Weise von einem 
Fisch, ursprünglich wahrscheinlich von seinem Gegner Set selbst, der eben 
später das Genitale des Osiris (in Augenform) herausgeben muß, wodurch 
dieser wieder ,, beseelt und mächtig" wurde. 

Dieses Horusauge konnte zu solcher Bedeutung gelangen, weil es bereits 
in der älteren ägyptischen Göttergeschichte, als Auge des alten Sonnengottes 
Horus, eine ähnlich geheimnisvolle Rolle gespielt hatte, die jedoch in der 
entstellten Überlieferung nicht mehr voll kenntlich ist. ,,Nur das sieht man, 
daß das Auge des Gottes sich aus irgend einem Grunde von ihm trennte und 
daß die beiden neuen Götter Schu und Tefnet es ihm wiederbrachten. Und 
es ,weinte wegen ihrer, da entstanden die Menschen aus den Tränen, die aus 
dem Auge kamen. Und es vfSLT wütend, als es wiederkam und fand, daß ein 
anderes an seiner Stelle gewachsen war' ; da nahm, wenn ich recht verstehe, 
der Gott das Auge und setzte es als Schlange vorn an seine 
Stirn e und das Stimenauge beherrscht nun die ganze Welt, denn die Schlange, 
die Re an seiner Stirne trägt, ist ja das Zeichen seiner Macht." (Erman: Die 
ägyptische Religion, S. 30.) Das Horusauge, das Hauptamulett der Toten, 
dominiert in den Sprüchen des ägyptischen Kults als Prototyp des Opfers und 
welche, fast pathologische, Bedeutung ihm im Denken der Ägypter zukam, 



*) Kultur und Denken der alten Ägypter. Leipzig, 1909. 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Dr. Otto Rank: Eine noch nicht beschriebene Form des Ödipostraumes. X55 

ersieht man aas einigen Beispielen der P}Tamidentexte, die Schneider 
(1. c. S. 494 ff.) anführt. 

Weiteres Beweismaterial zur Augensymbolik findet sich bei J. Storfer, 
der im Zentralblatt f. Psa. II, S. 201 auf die sexualsymbolische Bedeutung 
der Selbstblendung hingewiesen hat, und Ferenczi, der diese typische Be- 
ziehung für das Verständnis des Ödipusmythus zu verwerten suchte („Imago" I. 
1912. S. 281 f.). Man vgl. dazu noch Rank: „Das Inzestmotiv in Dichtung 
und Sage" 1912, S. 271, 289 u. a. — Über eine andere Bedeutung der 
Blendung Rank: ,,Das Motiv der Nacktheit in Sage und Dichtung" („Imago" 
II, 1913). 



Der Zufall fügte es, daß ich nachträglich in die Lage kam, auf ver- 
blüffend ähnliche Träume zu stoßen, welche diese typische Symbolik gleich- 
falls aufzuweisen scheinen. 

«) 

In einer Abhandlung „Zur Psychologie und Pathologie des Triebes nach 
Beachtung" (Zeitschr. f. Pathopsychol. 11, 1. Nov. 1912, S. 71 f.) berichtet 
Gebsattel von einem jungen Manne, der angeblich wegen Kurzsichtigkeit 
auf dem linken Auge, in Wirklichkeit jedoch aus dem ihm zunächst nicht 
voll bewußten Wunsche aufzufallen (angesehen zu werden), ein Monokel trug, 
es aber nach wenigen Tagen ablegte, da er sich zu sehr beachtet fühlte. Im 
Anschluß daran ist ein Traum wiedergegeben, ,, welcher mit Angst ver- 
bunden dem Träumer in den Tagen seines Monokelabenteuers widerfuhr. 
Er träumt : ,Ich befinde mich in einem Kreis von Frauen ; eine darunter 
schien mir verkleidet und besonders auffallend durch eine Brosche, wie 
ich sie nur an meiner Mutter beobachtet hatte. Vor diesen Frauen pro- 
duzierte ich mich in allerlei akrobatischen Künsten. Diese bestanden 
darin, daß ich einen tubusartigen Gegenstand in der Länge von 17 cni 
in komplizierten Bewegungen an die Augen hielt; die Be- 
wegungen waren sehr mühsam und machten mir Angst. Dabei hatte ich den 
Eindruck, als würden meine Augen um den angelegten Tubus 
länger. Die Frauen bewunderten mich sehr.* Dieser Traum, führt 
Gebsattel weiter aus, dessen Analyse zu weit führen würde, ist deutlich 
exhibitionistischer Natur ; er zeigt einerseits den Gegenstand der zeigelustigen 
Impulse, anderseits bereits die zeigelust geleitete Verwendung der Augen. Diese 
wurde nach der Erzählung des jungen Mannes angebahnt durch ein vomVater 
gepflegtes Spiel. Der Vater legte Wert auf gute Augen; ein Mann, so 
pflegte er zu sagen, muß scharf sehen, scharf und weit ; auf gemeinsamen 
Spaziergängen nun wetteiferten beide, Vater und Sohn, wer von 
ihnen femgelegene Gegenstände als erster zu Gesicht bekommen möchte. Da- 
bei erfüllte es den jungen Mann mit der größten Genugtuung, daß nach ge- 
raumer Zeit e r eine größere Sehschärfe an den Tag legte, als der Vater, daß 
er also in dem Wettstreit mit ihm als Sieger hervorging. Er 
pflegte solche Ereignisse mit besonderem Stolze der Mutter zu erzählen, 
die ihn dann zärtlich auf die Augen küßte." 

Soweit Gebsattel. Dem Kundigen wird der Traum in diesem Zusammen- 
hang ohne weiteren Kommentar verständlich sein. 



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156 Beiträge zur Traumdeutung. 

h) 

Einen im manifesten Inhalt außerordentlich ähnlichen Traum hat H. 
Silberer im Jahrb. f. psychoanal. Forschg. Bd. III, 1911, S. 715 mitgeteilt: 

»^Beispiel Nr. 24. Ein Übergangsfall zwischen Traum und hypno- 
pompischer Halluzination. Des Morgens: 

Szene: Ich stehe vor einem Spiegel und sehe mein Gesicht fürchter- 
lich entstellt. Mein linkes Auge ist verkniffen, verschw ollen, ver- 
färbt. Die Geschwulst nimmt sich so entsetzlich aus, daß ich mich frage, ob 
denn in den Falten des bläulichen Fleischklumpens der Augapfel über- 
haupt noch vorhanden oder ob er nicht am Ende zerstört sei. Ich 
versuche krampfhaft, das linke Auge zu öffnen. Mit einiger Anstrengung ge- 
lingt dies auch ein bißchen, doch — was sehe ich da im Spiegel ? Unter dem 
Auge, das durch die Geschwulst fast ganz verdeckt ist, steckt ja im 
Fleisch ein pflaumengroßes Gebilde, das sich eben den Weg 
nach außen bahnt ! Ich helfe tapfer nach — so, wiewenn man einen 
Mitesser ausdrückt — und richtig, die Kugel läßt sich heraus- 
quetschen. Ich erwache, indem mir, gleichsam als Fortsetzung eines Satzes 
aus der Beschreibung einer Operation, die Worte gegenwärtig sind: „ . . 
und einen großen Tumor entfernte." 

Deutung: Nach dem Erwachen nehme ich wahr, daß ich mit der 
linken Gesichtshälfte auf meiner linken Hand liege und daß der Knöchel des 
Daumens dicht unter dem Auge einen harten Druck ausübt. — Dieses Bei- 
spiel zeigt noch deutlicher als das vorige, den Einfluß anderer Momente als 
der durch die somatische Sachlage gegebenen. Die Eindrücke werden tenden- 
ziös so apperzipiert, daß sie einen Angstaffekt mit nachherigem Erleich- 
terungsgefühle scheinbar begründen. Es ist mir leider nicht bekannt ge- 
worden, welcher Komplex die von den Leibreizen gegebenen Data z u 
seiner Darstellung benutzte." 

Daß auch dieser Traum sich sexualsymbolischer Darstellungsmittel be- 
dienen dürfte, ergibt eine nachträgliche persönliche Erkundigung beim Träumer, 
der als eine der rezenten Traumquellen den Besuch eines anatomischen Museums 
nennt, in dem hauptsächlich verschiedene Geschlechtskrankheiten an 
Wachspräparaten aufdringlich dargestellt sind. Namentlich die etwas ekelhafte 
Gefühlsbetonung des ganzen Traumes ist der Träumer geneigt auf den Ein- 
druck im Museum zurückzuführen. 

c) 

Endlich erhielt ich von dritter Seite Kenntnis von einem Traume, der 
den Wunsch des verheirateten Träumers nach Wiederholung eines früher 
stattgefundenen Bordellbesuches in Begleitung eines Freundes darstellte. Im 
Traume hatte dieser P^reund auffallend rote Augen; die Einfälle dazu er- 
gaben die Erinnerung an einen Verwandten, der ein syphilitisches Augen- 
leiden hatte und an eine Augenentzündung des Träumers selbst, anläßlich 
deren Behandlung ihn der Arzt scherzhaft mit der Diagnose Augensyphilis 
erschreckt hatte. In diesem Zusammenhang dürfen wir wohl, auch ohne Kennt- 
nis der weiteren Deutung, mit Rücksicht auf den sexuellen Inhalt des Traumes 
die genitalsymbolische Bedeutung der Augen (Syphilisangst) supponieren und ver- 
weisen nur noch darauf, daß nach der Erfahrung Freuds offene Wunden, wie 
rotes Fleisch usw., im Traume sehr häufig die Nachwirkung des infantilen — 
offenbar durch den Kastrationskomplex beeinflußten — Eindrucks vom weib- 
lichen Genitale verraten. 



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Dr. M. D. Eder: Augenträume. 157 

3. 

Augenträume. 

Mitgeteilt von Dr. M. D. Eder (London). 

a) Operationstraum. 

Folgender Traum stammt von einem Augenarzte : 

,,Ich epilierte die Augenwimpern eines alten Mannes — 
eines Juden, mit langem weißen Bart — deretwas elend aus- 
sah. Er litt an Trachom, weswegen die Augenwimpern epi- 
liert werden mußten.'* 

Die Einfälle ergaben zunächst, daß der Träumer am Tage vorher einen 
Artikel über Trachom gelesen hatte, worin der Verfasser die Krankheit als 
die vierte venerische Krankheit bezeichnete und behauptete, sie sei 
häufig während der Geburt erworben, ähnlich wie Blenorrhoea neonatorum. 
Am selben Tage hatte er einem jungen Manne, einem Juden aus Rußland, 
der nach Amerika reisen wollte, die Augen auf ihre Gesundheit untersucht. 
(Denn in den Vereinigten Staaten werden alle Emigranten wegen Gefahr des 
Trachoms strenge untersucht und die mit Augenübeln behafteten zurück- 
gewiesen). — Der Vater des Träumers selbst war in seinem zwölften 
Lebensjahr aus Rußland nach den Vereinigten Staaten ausgewandert. 

Ich kann die weiteren Einfälle des Träumers hier nur in kurzem neben- 
einander stellen: Das Auge Gottes, das allsehende Auge des Allmächtigen 
Vaters, femer das biblische Zitat: Aug' um Auge, Zahn um Zahn usw. Auf 
Fenstern mit Glasmalereien sehe man das Auge Gottes mit Sonnenstrahlen 
oder manchmal eine Taube, die Gott in der Richtung des Abdomens der 
heiligen Jungfrau reiche. Die Augenwimpern, wie die Nägel, seien Entwick- 
lungsprodukte der Haut ; auch der Penis sei, wie die Nase, eine Art Fort- 
setzung eines Hautteiles. 

Die Einfälle weisen auf Symbolisierungen des männlichen Sexualorgans. 
Der alte Jude im Traum ist sein Vater ; die Augenwimpern epilieren heißt 
in diesem Zusammenhang des Traumes soviel wie seinen Vater kastrieren. 
Bei der Untersuchung des jungen Mannes am Tage vorher hatte es den 
Träumer gefreut, daß er selbst nicht in Rußland geboren sei. Es schließen sich 
infantile Phantasien an, wie sein Leben hätte verlaufen können, wenn er in 
Rußland geboren worden wäre. 

Er ist also auch derjenige, welcher sich selbst kastriert (der junge 
Mann, dem er Wimpern auszieht), anderseits wird er von seinem Vater kastriert. 

Diese Deutung wird gestützt durch eine Reminiszenz aus dem sechsten 
Lebensjahr des Träumers, wo der Vater mit ihm spielte und ihm im Scherz 
oft drohte, er werde ihm den Penis abschneiden ; worauf der Sohn (der 
Träumer) sagte: Dann schneide ich dir deinen auch ab. 

Anderseits ist das Auge uns auch bekannt als Symbol des weiblichen 
Genitales (Etymologisch usw.). Durch die Pupille (ein kleines Loch) schaut 
der Arzt hinein und sieht besondere Dinge, die sonst verborgen sind (Gebär- 
mutter usw.) Vergleiche des Ophthalmoskops mit dem Vagina-Speculum usw. 
Ein Vergleich der Augen mit dem weiblichen Genitale. Wie die Augenwim- 
pern ein Auswuchs des Auges sind, so ist auch das Kind ein Auswuchs der 
Frau. Die Augenwimpern abnehmen vergleicht sich dem Abschneiden der 
Nabelschnur; die Epilation mit der Zange heißt soviel wie das Kind bei der 
Geburtshilfe herausziehen. Hier schimmert ein Geburtsphantasie durch. Der 
Tränmer scheint als Geburtshelfer an seiner eigenen Geburt durch seine 



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X58 Beiträge zur Traomdeatnng. 

Mutter teilzunehmen. In diesem Falle haben wir es also mit einer Wieder- 
geburtsphantasie zu tun. Aber das weibliche Genitale gehört auch seinem 
Vater. Der Vater also, nicht die Mutter, hat ihn geboren (andere Phantasien 
des Träumers bestätigen das). Er nimmt auch Teil (epiliert) an der 
Geburt seines Vaters (alter Mann usw.) und hier wird eine Grofivaterphanta- 
sie sichtbar. Die Genitalien und die Geburt sind aber auch seine eigenen, an 
denen er beschäftigt ist, so daß er auch der Held ist, der sich selbst wieder 
erzeugt. 

Der hier nur kursorisch gedeutete Traum weist auf folgende Phan- 
tasien hin: 

Inzest-Phantasien, wie auch homosexuelle, autoerotische und sadistische 
Phantasien. Außerdem kommen in diesem stark verdichteten Traumbild vor: 
Die Kastration des Vaters (Rache), die Selbstkastration (Aug' um Auge, 
Zahn um Zahn, sovne aus Strafe gegen der Inzestphantasien) ; ferner Geburts- 
phantasien in verschiedener Auffassung : Er ist sein eigener Vater ; er ist vom 
Vater geboren ; der Vater ist von ihm geboren; er hat sich selbst geboren 
aus der Mutter. 

b) Kyklopen-Traum. 

Das folgende Bild ist nur ein Bruchstück aus einem langen Traum des- 
selben Träumers: 

Es handelt sich erst um einen Zahnarzt: „Der Zahnarzt verwan- 
delt sich dann in eine scheußliche Gestalt; er hatte Bart- 
kotelleten in Form von dicken Locken aus zusammengedreh- 
ten Stahlringen, das Gesicht war wie dünnes gelbes Per ga- 
mentpapier und die Nase so flach, daßsie kaum zusehen war. 
Er hatte nur ein Auge in der Mitte, doch bemerkte man nicht 
das Fehlen des anderen Auges. Ich ergriff eines seinerGlie- 
der, das flach und einem Schwanz sehr ähnlich war. Ich ver- 
suchte es mit einem kleinen Federmesser abzuschneiden, 
konnte aber nur ein Stückchen abschaben." 

Der ganze Traum sowie die Deutung eignen sich wegen der Länge und 
Kompliziertheit nicht zur Mitteilung, doch ist aus dem mitgeteilten Bruch- 
stück die Kastrationsphautasie leicht zu erkennen. Der Zahnarzt im ersten 
Teil und der Kyklop repräsentieren den Vater. Übereinstimmend ist die 
interessante symbolische Bedeutung der Augen in den beiden Träumen des 
Augenarztes.*) 

*) Man vergleiche dazu die weiteren Obereinstimmungen in den beiden sechs 
Monate auseinander liegenden Träumen: Auch im zweiten Traume handelt es sich 
um eine Operation (Abschneiden), wie anderseits auch im ersten Operationstraum 
der ZahB (-Arzt) eine Rolle spielt (Aug' um Auge, Zahn um Zahn; das Ausziehen 
der Wimpern; aach die Zähne sind Entwicklungsprodukte wie Nägel, Haare, Nase, 
Penis usw.). Zahnziehen ist uns aus der Traumsymbolik einerseits als Kastration 
anderseits als Geburt (Herausziehen mit der Zange) bekannt. Wie im ersten 
Traum handelt es sich auch hier um eine Gegenüberstellung von Vater und Sohn. 
Der Zahnarzt repräsentiert vornehmlich die ärztliche Person des Träumers, wie im 
ersten Beispiel der Augenarzt, während der zu „operierende** Kyklop den Vater reprä- 
sentiert, wie der alte Jude des ersten Traumes. Die aufßJlig CToßen und dicken 
Locken des Kyklopen charakterisieren ihn mit deutlicher Anspielung an die tradi- 
tionellen jüdischen Haarlocken als alten häßlichen Juden, d. i. als Vater. 



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Beiträge zur Symbolik. 

1. 
Zur Augensymbolik. 

Von Dr- Rudolf Beitler (Wien), 

Meinem diesjähTigen Ferialatif enthalt in Iscbl verdanke ich nachfolgende 

Bereicherung unserer Symbol kenntnisse. 

Schon seit vielen Generationen erbt sich ijn Salzkammergot eine Hans- 
indnstrie von Geschlecht zu Geschlecht fort, die sich während der arbeitslosen 
Wintermonate mit der Anfertigung primitiv gesclinitzter Holzfigürchen befaßt, 
deren tausende nach der Schweiz und nach den Eheini anden exportiert werden. 





Wie beistehende Abbildung zeigt, besteht der obszöne Spaß dieser Männcbea 
daiin, daß, wenn man den Kopf nach abwärts drückt, ein mächtiger Penis 
unter dem Rocke hervorkommt. Diese Obszönität wäre an und für sich wohl 
kaom unseres Interesses würdig, wenn nicht außerdem ein kleines Detail der 
Aosf abrang höchst auffällig wäre. Das Männchen besitzt nämlich drei Augen, 
nebst den zwei normalen uoch ein drittes an derStirne. Ein derart arebai- 
fitisch anmuteodes Symbol noch jetzt im lebendigen Yolksgebrauche verw endet 



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160 Beiträge zur Symbolik. 

zu finden und dies noch dazu bei der Herstellung eines Massenartikels, wo- 
durch gewissermaßen das Symbolverstehen der großen Allgemeinheit als selbst- 
verständliche Voraussetzung angenommen werden muß, dies alles bestimmte 
mich, den nicht allzu liebenswürdigen Verkäufer und Fabrikanten, einen alten 
Holzbauer, über die Bedeutung dieses dritten Auges näher auszufragen. ,,Dös 
hab*n schon unsere Altvordern so hing'malt'*, war die sichtlich ausweichende 
Antwort. Als ich aber nicht locker ließ, den Sinn dieses überzähligen Auges 
erfahren zu wollen, sagte er schließlich ärgerlich: „Dös versteht doch ein 
Jeder, das dös a Gehoamzoachen (Geheimzeichen) is, daß da a Schweinerei 
dahinter steckt.'* 

Besser und prägnanter als es hier der Volksmund tat, kann das Wesen 
der Sexualsymbolik wohl schwerlich definiert werden. Es ist somit dem Volke 
klar bewußt, daß das dritte Auge — und sicher auch das alleinstehende, das 
Auge an und für sich — etwas Sexuelles bedeuten kann, eventuell das Geni- 
tale symbolisch darstellt, mitunter auch bloß die Geschlechtsfunktion, die 
Sexualität im allgemeinen. „Blendlinge'' heißen z. B. jene Tiere, welche aus 
einer Mischung verschiedener Arten entstanden sind (Kreuzung zwischen 
Pferd und Esel, Steinbock und Ziege), und infolgedessen selbst nicht fortpflan- 
zungsfähig sind und im selben Sinne werden in öberösterreichischer Mundart 
auch alte Männer und Frauen „G'blendt" (geblendet) genannt. Diese Tiere 
und Menschen sind nicht ihres Genitales, nur dessen Funktion beraubt und 
die auf den Sehapparat verschobene Symbolik bringt somit nur die insuffi- 
ziente Sexualbetätigung als solche zum Ausdruck. Ebenso bedeutet die land- 
läufige Phrase, ,,sein Auge auf jemanden werfen" nur die manifeste Libido- 
übertragung ganz im allgemeinen. Ein enormes Material würde in dem Volks- 
aberglauben zu finden sein, der sich auf den ,, bösen Blick" bezieht. Dr. 
Seligmann, ein Augenarzt in Hamburg, hat in zwei umfangreichen Bänden 
dieses Problem, und zwar hauptsächlich vom historisch-folkloristischen Stand- 
punkt bearbeitet und damit ein Werk geschaffen, welches dem Psychoanaly- 
tiker eine reiche Fundgrube wertvollster Tatsachen bietet.*) 

Ein gleich schätzenswertes Material ist in dem von Dr. Friedrich S. 
Krauß herausgegebenen Bänden der Anthropophyteiasammlung enthalten. Ein 
ausführliches Eingehen auf dieses Thema ist unmöglich, ich muß mich mit 
der Konstatierung begnügen, daß in den zitierten Werken zahlreiche Mittei- 
lungen zu finden sind, laut welchen das Auge nicht irgend etwas Sexuelles 
überhaupt, wie in den früher angeführten Beispielen, sondern direkt das Geni- 
tale bedeutet, und zwar sowohl das männliche wie auch das weibliche. 

Als Beweis für männliche Genitalsyrabolik des Auges will ich eine ak- 
tuelle Zeitungsnotiz folgen lassen, die vor kurzen im ,, Neuen Wiener Tag- 
blatt" erschienen ist. 

(„Ein Irrsinniger, der sich die Augen ausreißt.") Aus Paris 
wird uns telegraphiert : Das Augenausreißen unter den Irrsinnigen scheint jetzt 
in Frankreich Schule zu machen. Ein Geistesgestörter, der 24jährige Ferdinand 
Bretonnet, hat sich in einem Pariser Vorstadthotel beide Augen ausgerissen. Als 
eine andere Hotelbewohnerin zufällig das Zimmer des Kranken betrat, bot 
sich ihr der schreckliche Anblick des augenlosen, blutüberströmten Gesichtes 
Bretonnets dar. Der Unglückliche wurde ins Krankenhaus gebracht. Er ließ 
alles ruhig mit sich geschehen, lächelte vergnügt und sagte: ,,Nun, jetzt bin 
ich froh, weil ich mir zwei meiner Augen ausgerissen habe. Ihr könnt euch 



*) „Der böse Blick und Verwandtes** von Dr. Seligmann, V'erlag von Barsdorf, 
Berlin W 30, 1910. 



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Dr. S. Ferenczi: Zur Angensymbolik. XßX 

nicht YorstelieDf was sie mich ärgerteD. Ich habe Doch ein drittes, das 
kommt nächstens an die Reihe/* 

Es ist wohl nicht zweifelhaft, daß mit dem dritten Auge der Penis 
gemeint ist. Der moderne Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts verwendet 
also im Irrsinnsanfalle — sicher nicht aus vererbter Tradition, sondern aus indi- 
viduell entstandenen Gründen — noch immer die gleiche Symbolik, deren 
schon vor tausende n Jahren sich König Ödipus bediente, als er zur Buße für 
seinen sexuellen Frevel nach dem Talionprinzipe sich an den symbolisch 
äquivalenten Organen bestrafte. Die Selbstblendung war eigentlich eine 
Kastration. 

Ebenso höchst wahrscheinlich scheint es, daß dem Polyphemmythus 
der Odyssee eine der so häufigen Phantasien von der Kastration des Vaters 
durch den Sohn zu Grunde liegen dürfte. 

Der Vater hat den großen, den einzigen Penis — das einzige große 
Stirnauge des Kyklopen. Der Vater frißt seine Kinder (die Gefährten des 
Odysseus) auf, so wie dies in anderen Mythen (Kronos) gleichfalls vorkommt. 
Das stärkste der Geschwister, der spätere Thronfolger (Zeus), vollzieht die 
Rache durch Entmannung des Vaters, in der Odyssee durch Blendung des 
einzigen Auges, das somit den Penis symbolisiert. 

Das Auge kann aber nicht nur das männliche, sondern ebenso häufig, 
wenn nicht noch häufiger, auch das weibliche Genitale darstellen. 

Ich entnehme einer jüngst erschienenen Arbeit des Folkloristen Dr. 
Friedrich S. Krauß*) einige Mitteilungen, die diese weibliche Genitalsymbolik 
zum Inhalte haben. 

„Um ihr Kind vor Beschreiung oder vor bösem Blick zu bewahren, 
greift sich die Serbin an ihre Scham, tätschelt dann das Kind im Gesicht ab 
und spricht dazu einen Bannfluch. Nimmt sie es zu einer Kirmeß, einem 
Sippenfest, einer Hochzeit usw. mit, so berußt sie ihm aus demselben Grunde 
ein wenig die Stirne. Das Stirnzeichen symbolisiert ihren Geschlechtsteil.*' 

Diese Beispiele könnten wohl leicht vermehrt werden; es dürfte genügen, 
gezeigt zu haben, daß das Auge nicht etwa bloß die Sexualität im allgemeinen, 
oder ausschließlich das männliche oder nur das weibliche Genitale symbolisieren 
kann, daß es vielmehr je nach dem Einzelfalle alle drei Stellvertre- 
tungen zu übernehmen im stände ist. 

2. 
Zur Augensymbolik. 

Beiträge von Dr. S, Ferenczi, Budapest. 

Die Selbstblendung des Ödipus versuchte ich, mich auf psychoanaly- 
tische Erfahrungen berufend, als Selbstentmannung zu deuten**), und be- 
hauptete, daß Augen oft symbolisch für Genitalien gesetzt werden. Die Tat- 
sachen, auf die ich mich bei dieser Deutung bezog, will ich im folgenden 
kurz anführen. 

1. Eine junge Dame leidet an einer Phobie vor spitzen Gegenständen 
besonders vor Nadeln ; ihre Zwangsbefürchtung lautet : ein solcher Gegenstand 



•) „Folkloristisches aus der Matterschaff*, von Dr. Fr. S. Krauß - aus 
^Mutterschaft"* ein Sammelwerk, herausgegeben von Adele Schreiber. Albert Langen, 
Verlag München. 

*♦) Symbolische Darstellung des Lust- und Realit&tsprinzips im Ödipus Mythos 
Imago. L Jahrg. 1912, S. 276 ff. 

ZeitKhr. f. ftRtl. Psychoanalyse. H 



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162 Beitrage zur Symbolik. 

könnte ihr einmal das Auge ausstechen. Die nähere Untersuchung des Falles er- 
gibt, daß diese Dame mit ihrem Freunde seit einer Reihe von Jahren in innigem 
Sexualverkehr steht, dabei aber sich ängstlich davor hütet, die Immissio penis 
zu gestatten, die ihre anatomische Integrität durch Zerreißung des Hymen 
schädigen würde. Dieser Dame passieren nun allerlei Unfälle, die meist das 
Auge treffen ; zumeist unbeabsichtigte Selbstbeschädigungen mit Nadeln. Deutung : 
Substitution des Genitales durch die Augen und Darstellung der das Genitale 
betreffenden Wünsche und Befürchtungen durch Zufallshandlungen und Phobien, 
die die Augen zum Gegenstand haben. 

2. Ein myopischer Patient mit bewußten Minderwertigkeitsbefürchtungen 
und kompensierenden Größenphantasien verlegt alle seine hypochondrischen 
und ängstlichen Gefühle und eine übertriebene Verschämtheit auf seine Kurz- 
sichtigkeit; diese Gefühle gelten aber im Unbewußten dem Genitale. Als 
kleines Kind hatte er sexuelle „Allmacbtsphantasien", die sich auf Mutter 
und Schwester bezogen ; später schmerzliche Einsicht in seine sexuelle Minder- 
wertigkeit (Komplex des zu kleinen Penis, Hypochondrie, „Schwächezustände*'), 
die durch übertriebene Onanie und sadistische Koitusakte kompensiert wurden. 
Mit Hilfe der symbolischen Gleichung : Auge =: Genitale, gelang es ihm nun 
einen großen Teil dieser sexuellen Wünsche und Befürchtungen am Auge 
darzustellen. Die nicht einmal ganz gründliche analytische Aufklärung 
reduzierte die Hypochondrie ganz bedeutend. 

3. Ich hatte Gelegenheit, eine Familie kennen zu lernen, deren Mit- 
glieder ausnahmslos an einer übertriebenen Furcht vor Verletzungen und Krank- 
heiten der Augen leiden. Schon die Erwähnung kranker oder verletzter Augen 
macht sie erbleichen, der Anblick solcher kann eine Ohnmacht zur Folge 
haben. Bei einem Mitgliede der Familie ließen sich nun die psychischen 
Störungen der Potenz als Äußerungen des gegen die sadistischen Gelüste 
reaktiv aufgetretenen Masochismus deuten; die Angst vor Augenverletzungen 
war die Reaktion auf den sadistischen Wunsch, Augen zu verletzen, eine Ver- 
schiebung des sadistischen Koituswunsches. Die sadistisch-masochistische Kom- 
ponente des Sexualtriebes konnte sich eben sehr leicht vom Genitale auf ein 
anderes leicht verletzliches Organ verschieben. — Ein anderes Mitglied dieser 
Familie dehnt Angst und Ekel vor Augen auch auf die Hühneraugen (!) 
aus, wobei nicht nur die äußere Ähnlichkeit und Namensgleichheit, sondern 
eine zweite symbolische Gleichung (Zehe = Penis) eine Rolle spielt ; es ist 
dies offenbar ein Versuch, das Symbol (Auge) dem Eigentlichen (Genitale) 
mit Hilfe einer Mittelvorstellung (Hühnerauge) wieder anzunähern. 

4. Ein Patient, der in der Kindheit Angst vor Käfern hatte, bekam in 
der Pubertät Angst davor, sich im Spiegel zu betrachten ; besonders vor dem 
Anschauen der eigenen Augen und Augenbrauen. Diese Angst entpuppte sich 
einerseits als Selbstwahrnehmung seiner Verdrängungsneigung (sich selber nicht 
„Aug in Auge" sehen wollen), anderseits als Darstellung der Onanie- Angst. 
Mit Hilfe der Vorstellung der Beweglichkeit gelang es dem Kinde die Auf- 
merksamkeit und die Affekte vom spontan beweglichen (erektilen) Organ auf 
die beweglichen Käfer zu verlegen. Auch die Verletzlichkeit des Käfers, 
den man selbst als Kind so leicht zertreten kann, macht ihn dazu geeignet, die 
Stelle des ursprünglichen Angriffsobjektes, des Sexualorgans, zu vertreten. 
Eine weitere Verschiebung setzte dann das gleichfalls bewegliche und verletz- 
liche Auge an Stelle des Käfers. Erwähnen möchte ich dabei, daß die 
Pupille im Ungarischen mit dem Worte „Augenkäfer" bezeichnet mrd. 



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Dr. S. Ferenczi: Zar Angensymbolik. Xg3 

5. In einer ganzen Reihe von Angst-TränmeD, (meist aus der Kindheit 
erinnerten) kommen Augen vor, die wachsen und sich verkleinem. Aus dem 
ganzen Zusammenhange mußte ich diese Augen als Symbole des sich (bei der 
Erektion) vergrößernden männlichen Geschlechtsorgans ansehen. Die schein- 
bare Größen Veränderung des Auges beim Öffnen und Schließen der Lidspalte 
wird offenbar vom Kinde zur Darstellung genitaler Vorgänge, die mit Größen- 
veränderung einhergehen, benützt. Die oft übermäßige Angst kleiner Kinder 
vor den Augen der Eltern hat meiner Ansicht nach auch eine sexualsym- 
bolische Wurzel. 

6. In einer anderen Reihe von Träumen vertreten die Augen (als paarige 
Organe) die Testikel. Da nämlich das Gesicht (abgesehen von den Händen) 
der einzige unbedeckte Körperteil ist, müssen die Kinder ihre ganze Neugierde, 
die den übrigen Körperteilen gilt, am Kopf und am Gesicht ihrer erwach- 
senen Mitmenschen, besonders der Eltern, befriedigen. So wird jeder Teil 
des Gesichts der Vertreter einer oder mehrerer Genitalstellen. Besonders 
eignet sich das Gesicht (die Nase, in der Mitte zwischen den Augen und den 
Augenbrauen, darunter der Mund) zur Darstellung des Penis, der Hoden, der 
Schamhaare und des Afters. 

Ich zweifle nicht, daß die Verschämtheit, die man beim Angeschaut- 
werden verspürt und die einen vom dreisten Anschauen anderer abhält, in der 
sexualsymbolischen Bedeutsamkeit der Gesichtspartien ihre Erklärung findet. 
Diese muß auch die große Wirkung der Augen des Hypnotiseurs auf sein 
Medium erklären helfen. Ich verweise hier auch auf die Sexualsymbolik im 
„Liebäugeln^, im züchtigen Niederschlagen der Augen, im Augenaufschlag usw. 
Vgl. auch die Redensart „auf jemand ein Auge haben". 

7. Zum Schluß will ich über einen Zwangsneurotiker berichten, der meine 
Deutung der Selbstblendung des Ödipus nachträglich bestätigte. Als ungemein 
verzärteltes, an die Eltern fi. viertes, aber züchtig und schamhaft gewordenes 
Kind erfuhr er eines Tages von Altersgenossen den wirklichen Hergang des 
Sexualverkehrs zwischen den Eltern. Seitdem ungeheure Wut auf den Vater, 
oft mit der bewußten Phantasie, d a ß e r i h n (den Vater) kastriert, worauf aber 
stets Reue und Selbstbestrafung folgen. Eine dieser Selbstbestrafungen war nun 
die, daß er seinem eigenen Bildnis die Augen ausstach. Ich 
konnte dem Patienten erklären, daß er damit nur die am Vater vollzogene 
Kastration in entstellter Weise gesühnt hatte, entsprechend der mosaischen 
Talion-Strafdrohung „Aug' um Aug', Zahn um Zahn", die übrigens gerade die 
zwei Kastrationssymbole, Blendung und Zahnreißen zum Exempel wählt.*) 



In einer Arbeit über Entwicklungsstufen des Wirklichkeits- 
sinnes" (vgl. dieses Heft der „Zeitschrift") versuche ich die Entstehung 
der Symbolik aus dem Drang zu erklären, die infantilen Wünsche mit den 
Mitteln des eigenen Körpers als erfüllt darzustellen. Die symbo- 
lische Identifizierung der Gegenstände der Außenwelt mit den Körperorganen 
ermöglicht es, einerseits alle Wunschobjekte der Welt am eigenen Leibe, 
anderseits an den animistisch gedachten Objekten die geschätzten Organe 
des eigenen Leibes wiederzufinden. Die Zahn- und Augensymbolik wären Bei- 
spiele dafür, daß Körperorgane (und zwar hauptsächlich die Genitalien) nicht 
nur durch Gregenstände der Außenwelt, sondern auch durch andere Organe des 



*) Siehe auch meine Ausführungen über Zahnsymbolik in der Diskussion der 
Wiener psychoanal. Vereinigung; „Die Onanie" (Bergmann, Wiesbaden, 1912). 

11* 



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164 Beitr&ge znr Symbolik. 

Körpers selbst dargestellt werden können. Das ist sogar wahrscheinlich die ur- 
sprünglichere Art der Symbolbildung. 

Ich denke mir, daß diese symbolische Gleichstellung der Genitalorgane 
mit anderen Organen und mit Gegenständen ursprünglich nur spielerisch, 
gleichsam aus Übermut geschieht. Die so entstandenen Gleichungen werden 
aber sekundär in den Dienst der Verdrängung gestellt, die das eine 
Glied der Gleichung abzuschwächen sucht, während sie das andere — harm- 
losere — um den Betrag des verdrängten Affektes symbolisch überbetont. 
So gelangt die obere Körperhälfte als die harmlosere zu ihrer sexualsymbo- 
lischen Bedeutung, und so kommt das zu stände, was Freud „Verlegung 
von unten nach oben" nennt. In dieser Verdrängungsarbeit haben sich 
die Augen zur Aufnahme der vom Genitale verschobenen Affekte durch ihre 
Form und veränderliche Größe, ihre Beweglichkeit, ihren hohen Wert und ihre 
Empfindlichkeit als besonders geeignet erwiesen. Vermuthch wäre aber diese 
Verschiebung nicht so gut gelungen, wenn dem Auge nicht schon von vorn- 
herein jener bedeutende libidinöse Wert zukäme, den Freud in seiner Sexual- 
theorie als besondere Komponente des Sexualtriebes beschreibt (Schautrieb). 



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III. 
Freudsche Mechanismen bei Hebbel. 

Von Dr. J. Sadger (Wien). 

An anderem Orte führte ich schon aas, wie tief Friedrich Hebbel in 
das Wesen des Unbewußten und seine Beziehungen zum künstlerischen und 
genialen Schaffen, sowie endlich zum Traumleben eingedrungen ist. Hier will 
ich sein nicht geringes Wissen von allerlei neurotischen Zuständen und deren 
Zusammenhängen mit der Sexualität eingehender beleuchten. 

Daß Hebbel hiefür um so viel größeres Interesse zeigte, als irgend ein 
anderer Poet vor ihm, mag wohl darin seine Erklärung finden, daß er nicht 
nur selber an einer Reihe von Phobien litt, sondern schon seit der Kindheit 
ein beständiger Grübler und Sinnierer war. Er, der schon in seiner Werde- 
zeit „sich stündlich mit sich selbst duellierte" und einmal schrieb: „Ach, der Mensch, 
der über sich selbst eine Viertelstunde nachdenken kann, ohne verrückt zu werden, 
ist eine Null !^', der ins Tagebuch hinwarf: „Der erste Mensch hätte aus 
Furcht vor dem Tode auch einen Selbstmord begehen können" und „Die 
Natur ist dem Menschen dafür eine Entschädigung schuldig, daß sie ihn mit 
dem Gedanken des Todes beladen hat'', der war auch der richtige Mann 
dafür, den psychoneurotischen Problemen an den Leib zu rücken. Denn „wer 
über sich selbst schreibt, sagt gewiß die Wahrheit, entweder mit Absicht oder 
unbewußt".*) Wenn er einmal erklärt : ,,Man behauptet, der Mensch spreche 
gern von sich selbst. Kein Kriminalrichter wird diese Erfahrung machen", 
so hat das sicher für die Zwangsneurose Geltung, von der unser Dichter zu- 
mindest eine tüchtige Dosis besaß. Nur eigene Erfahrung führt zu der Frage: 
„Woher kommt das Drückend-Furchtbare, das in der Einsamkeit, beson- 
ders in der von der Dunkelheit, die sie eigentlich erst recht hervorbringt, 
erhöhten, liegt? Und woher kommt's, daß die bloße Gegenwart eines Menschen 
(sei es auch ein Kind) das peinliche Gefühl vertreibt?" In einem ganz ob- 
skuren Blättchen liest er einen Fall von Klaustrophobie. Diesen trägt er nicht 
nur ausführlich in sein Tagebuch ein, sondern versieht ihn obendrein am 
Rande mit dem besonderen Vermerk: „Novität. Psychologisch." Daß 
er den Mechanismus der Verschiebung kannte, beweist die Briefstelle : ,,Ich 
habe eine große Kraft, meinen Schmerz zu verschieben, oder vielmehr mich 
in einen Zustand der Dumpfheit zu versetzen", während er anderseits ins 
Tagebuch schreibt: ,,Der Mensch pökelt sich gern in seine Qualen ein." 
Endlich setze ich noch die glänzende Schilderung eines Zwangsneurotikers her 
mit all seiner Hypermoralität. Im ,,Demetrius" heißt es: 



*) Vgl. auch : „Niemand schreibt, der nicht seine Selbstbiographie schriebe, und 
dann am besten, wenn er am wenigsten darum weiß.'' 



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166 I^r. J. Sadger. 

„Feodor, 

Der Heilige, dagegen, der ihm folgte, 
Erlag aus Angst vor Sünden, die er nie 
Beging, doch stets besorgte. Sein Gewissen 
War all zu zart, er fragte unaufhörlich: 
Verseh' ich nichts? und wenn auch seine Taten 
Viel reiner waren, als die edelsten 
Gedanken von uns Allen : ewig blieb 
Ihm Ruh und Friede fem, und wie ein Brand, 
Der keine Asche zeugt, sich zu bedecken, 
Verglüht er in der eignen Lauterkeit." 

Natürlich weiß oder ahnt zumindest ein Psychologe wie Hebbel die Be- 
ziehungen all jener Phänomene zur Sexualität. „Es ist erstaunlich,'' heißt 
eine Notiz im Tagebuch, „wie weit man alle menschlichen Triebe auf einen 
einzigen zurückführen kann", und der Briefwechsel zwischen Goethe und Bet- 
tina „ist ein vollkommener Beweis für das bedeutendste Wort, was ich darin 
ausgesprochen finde ; dafür nämlich, dafi die Leidenschaft der Schlüssel zur 
Welt sei." Zumal die Bedeutung des Elternkomplexes ist ihm bekannter, als 
irgend einem zweiten großen Poeten. Ich zitiere aus dem Tagebuche : „In 
den Eltern unterdrückte, in ihrem Blut zurückgehaltene Lüste werden der 
Fluch der Kinder" ; ,,Ein kleines Mädchen, das einen Mann darum schön 
findet, weil er ihrem Vater gleicht" ; „Bevor B. die Menstruation gehabt, 
hat sie immer an fürchterlichen Schmerzen im Unterleib gelitten; wenn sie 
sich dann zum Vater ins Bett gelegt und dieser die Hand auf ihren Bauch 
gelegt, hat's nachgelassen; bei der Mutter hat's nicht geholfen"; nach der 
Lektüre von Arnims „Auerhahn": „Ein fürchterlicher Gedanke, daß der 
Vater den Sohn so Laßt, eben weil er sein Ebenbild ist" ; ,, Söhne fangen oft 
erst an, ihre Väter zu lieben, wenn sie aufhören, ihre Mütter zu achten" ; 
endlich von dem nachmals so berühmten Rechtslehrer Rudolf Ihering, den 
Hebbel als Studenten in München kennen lernte : „Ihering kauft als Knabe 
Niemeyers Grundsätze der Erziehung, bringt das Buch seiner Mutter und 
fordert sie auf, ihn danach zu erziehen''; dann kurz darauf: ,, Ihering 
erzählte mir heute, ihn habe, als er Theologie studieren wollte, immer die 
Vorstellung verfolgt, Gott und Maria — ". Es ist wohl auch kaum ohne Be- 
deutung, daß Hebbel einen langatmigen Artikel der „Landbölin" abschreibt 
über die Verehrung, welche die unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria 
in Bayern gefunden hat. Aus Hebbels Dramen schlüge hier ein die extreme 
Bevorzugung des Sohnes durch die Mutter, der Tochter durch den Vater 
in der „Maria Magdalena", femer der Ausspruch Tobaldis in der ,, Julia" : 
„Du begreifst nicht, daß man in der Tochter zum zweitenmal die Mutter be- 
sitzen und daß man sie in ihr also auch zum zweitenmal verlieren kann !", 
endlich aus der „Agnes Bernauer" die Worte Herzog Ernsts : „Es ist die 
Strafe unserer eigenen Jugendsünden, daß wir gegen die unserer Kinder nach- 
sichtig sein müssen", und „Alle zehn Gebote zusammen peitschen den Mann 
nicht so vorwärts wie die Jugendtorheiten, die ihm rechts und links über die 
Schultern gucken, wenn er den Kopf einmal dreht". 

Wie stark sexuelle Phantasien und Probleme Hebbel beschäftigen, er- 
sehen wir auch aus dem Tagebuche. Da trägt er am 12. Juli 1843 folgende 
Notiz ein : „Eine Stadt, worin gar keine Notzucht verübt werden kann, weil 
alle Mädchen einwilligen." Dann kurz vorher die ausführliche Schilderang 
einer sexuellen Szene zwischen einem öj ährigen Knaben und einem 6 jährigen 



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Freudsche Mechanismen bei Hebbel. Ig7 

Mädchen, welch letztere offenbar die Verführerin machte. Endlich eine sehr 
bezeichnende Stelle vom l. Februar 1845; ,, Schrecklich, schrecklich, daß auch 
die Unschuld geboren werden muß! Mein Gott, mein Gott, was sieht das 
Kind, wenn es die Meerenge passiert !^* Auch zitiert er zur Urethral-Erotik : 
,, Beaumarchais in seinen Memoiren bemerkt: es sei nach seiner Erfahrung 
das beste Mittel, um sich nach einer großen Aufregung zu beruhigen, daü 
man uriniere." 

Am ausführlichsten aber, was seiner Konstitution entspricht, wird der 
masochistisch-sadistische Komplex vom Dichter behandelt. Dem Tagebuch ent- 
nehme ich folgende Aussprüche : „0, wie süß sind die Schmerzen des Ab- 
schieds ! Wer könnte scheiden, wenn sie nicht wären ! Das Herzblut schießt 
hervor, wir glauben in Webmut zu zerfließen, uns ist, als sollten wir sterben, 
und so geht's fort. Fort !*' „Die Pfeile des Schmerzes sind anfangs bitter und 
zuletzt süß ; die Pfeile der Freude haben Honig auf der Spitze und am Ende 
den Stachel/' „Schmerz und Freude sind weniger, als sie bedeuten. Der 
Schmerz ist ein Vorempfinden unendlicher Qual, die Freude ein Ahnen über- 
schwenglicher Wonne. Die Möglichkeit des Schmerzes deutet auf ein tiefes 
Mysterium in der Natur.'* „Ich gestatte der Erinnerung nicht, in der Wunde 
zu wühlen, obgleich die Wollust, die darin liegt, der Wonne des Besitzes fast 
gleich ist.*' Weiters eine Stelle, die uns eine Wurzel des Sadismus und zum 
Schlüsse auch die neurotische Währung aufzeigt: „Was söhnt uns mit dem 
Verbrecher aus, obgleich darum noch nicht mit dem Verbrechen ? 
Die Kraft! Kraft zum wenigsten muß derjenige haben, der mit der Welt 
und ihren Gesetzen, denen Millionen sich fügen, in den Kampf zu treten 
wagt, denn, wenn auch sie ihm fehlt, wie kommt ihm der Mut und 
der Grund, sich auf seine eignen Füße zu stellen! Die Kraft soll er 
aber dadurch zeigen, daß er sich zu seinen Taten bekennt. Frage: Wenn 
ein König (in Frankreich natürlich) ein solches Verbrechen beginge, was 
würde mit ihm? Einfall: Es ließe sich jemand erkaufen (etwa zum Besten 
seiner Familie, etwa ein Mensch, der an eine solche Tat schon ge- 
dacht, sich schon innerlich damit befleckt hätte), das Verbre- 
chen zu übernehmen?** Endlich eine Notiz aus seinem 23. Jahre: „Habe die 
Idee zu einer neuen Novelle gefaßt: der Blutmann. Ein Mensch, der nur 
Blut — morden will p. p. 1. Gibt er jemanden die Hand, so hält er sie 
fest, fest. 2. Als er ein Mädchen küßte, biß er sie. 3. Alle Tiere tötet er 
— — 4. Sein Hineinblicken in einen Eimer mit Blut. 5. Ich möchte mich 
selbst ermorden, um nur Blut zu sehen.** 

Zum Schlüsse noch ein paar Stellen aus Briefen. An Elise schreibt er 
am 7. Dezember 1837 : „Du suchst Dich in den Wonnen der Vernichtung 
za berauschen, da Dir manche andere versagt ist, und das ist in meinen 
Augen die einzige Sünde, deren Folgen noch über das Grab hinausgehen.** 
Als sie sechs Jahre später ihr Kind verliert, sucht Hebbel sie zu trösten : 
,,Es ist eine Wollust, sich selbst zu zerstören, die Wunden, wenn sie sich 
zu schließen anfangen, wieder aufzureißen und das edelste Lebensblut als 
Totenopfer dahin strömen zu lassen ; ich kenne sie und habe oft auf diese 
Weise gefrevelt; auch kann der Mensch im ersten Augenblick nicht anders, 
wenn ihm das Teuerste entrissen ist, weil er sein über Tod und Grab hinaus- 
reichendes Liebesbedürfhis nur noch so zu befriedigen vermag. Aber endlich 
muß man wiederstreben.*' Von seinem Gedichte „Schlafen** meint er: ,,Das 
ist auch ein Gedicht, so recht aus meinem innersten Gemüt hervorgegangen ; 
es atmet die Wollust des Todes, jene Wollust, die uns nur in unsern schön- 
sten und in unseren bängsten Stunden beschleicht.** Endlich verrät das 



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168 Dr. J. Sadger. 

Durchbrechen von Hebbels immanentem Sadismus noch folgende Briefstelle 
über die ,,Genoveya'^ : „Es ist mir selbst unlieb, daß dies Drama, welches 
lind wie eine Mondnacht anfügt, sich mir unter den Händen bis zum Ent- 
setzlichsten gesteigert hat, aber was kann ich dafür? Eine Dichtung ist kein 
Gegenstand der Willkür, der sich so und auch anders machen läßt, und meine 
Muse will nun einmal Blut. Übrigens liegt ja alle Tragik auch nur in der 
Vernichtung und macht nichts anschaulich, als die Leere des Daseins. Viel- 
leicht bin ich bitterer, wie manche meiner Vorgänger, die die Wunde, die 
sie nicht heilen können, der Schwachen wegen gern mit einem Heftpflaster 
bedecken, während ich offen und ehrlich auf den Riß hindeute/' 



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Kritiken und Referate. 

Prof. E. Blenler. Das au tistische Denken. (Jahrbuch für psycho- 
analytische und psychopathologische Forschungen. IV. Band, 
I. Hälfte. F. Deuticke. Wien und Leipzig 1912.) 
Der termiDUS technicus ,, Autismus" wurde von Bleuler zuerst in einer 
Arbeit über Schizophrenie (in Aschaffenburgs Handbuch der Psychiatrie) dem 
wissenschaftlichen Sprachschatze eingefügt. Es soll mit diesem Worte das 
wichtigste Sjonptom der Schizophrenie bezeichnet werden : Das krankhafte „Vor- 
wiegen des Binnenlebens mit aktiver Abwendung von der Außenwelt.'' Diese 
Interesseverschiebung begründet aber nicht nur die schizophrenen Denkfehler 
und Wahnideen, sie spielt ebenso im gewöhnlichen Schlaftraume, wie im Tag- 
traume der Hysterischen und Gesunden eine wesentliche Rolle, desgleichen in 
der Mythologie, im Aberglauben, kurz in all den vielen Abweichungen des 
logischen Denkens von der Realität. 

In der im III. Bande des Jahrbuches erschienenen Arbeit Jungs ,,Über 
die zwei Arten des Denkens" wird so ziemlich dasselbe Thema behandelt, nur 
bezeichnet Jang das ,, au tistische" Denken Bleulers als ,, Träumen** oder ,,Phan- 
tasieren" und das was Bleuler das „logische" oder ,, realistische" Denken 
nennt, als das ,, gerichtete", dessen charakteristisches Merkmal es sei, daß es 
,,für die Mitteilung mit sprachlichen Elementen arbeitet, mühsam und er- 
schöpfend ist" ; es schafft „Neuerwerb, Anpassung, imitiert Wirklichkeit und 
sucht auch auf sie zu wirken." Das ,, Träumen und Phantasieren" hingegen 
,, wendet sich von der Wirklichkeit ab, befreit subjektive Wünsche und ist 
hinsichtlich der Anpassung gänzlich unproduktiv." 

Wenn auch, wie ersichtlich, beide Auffassungen im großen und ganzen über- 
einstimmen, so konstatiert doch Bleuler, daß ein wesentlicher Unterschied darin 
liegt, daß seiner Ansicht nach auch das autistische Denken gerichtet sein 
könne ; „man kann auch, ohne die Begriffe in Worte zu fassen, gerichtet und 
realistisch (logisch) denken, ebenso wie man autistisch in Worten denken 
kann." Das autistische Denken Bleulers ist vor allem ein tendenziöses. „Es 
spiegelt die Erfüllung von Wünschen oder Strebungen vor, Hindernisse denkt 
es weg und Unmöglichkeiten denkt es in Möglichkeiten und Realitäten um." 
Der dazu nötige psychische Mechanismus ist uns von der Wirkung der Affekte 
schon bekannt, es werden ,,den Strebungen entsprechende Assoziationen gebahnt, 
entgegengesetzte gehemmt" ; und deshalb kann auch keine scharfe Grenze 
zwischen autistischem und gewöhnlichem Denken gezogen werden, weil sich 
,,sehr leicht in das letztere autistische, das heißt affektive Direktionen ein- 
drängen," 

Das autistische Denken ist somit nach Bleuler ein „Suchen nach Lust- 
vorstellungen und ein Vermeiden von schmerzbetonten Gedanken". Der Leser 



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170 Kritiken und Referate. 

erkennt, daß der Antor mit dieser Definition auf eine Arbeit rekurriert, die 
vor einem Jahre im Jahrbuche für Psychoanalyse, 1911, Band lil, 1. Hälfte 
erschienen ist und die ,, Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychi- 
schen Geschehens^' zum Inhalt hat. 

Der reiche Gedankeninhalt, der in der Ausführung nur allzu knapp und 
konzentriert gehaltenen Arbeit Freuds muß als bekannt vorausgesetzt werden 
und es ist hier nur nötig, die Gründe mitzuteilen, weshalb Bleuler sich veran- 
laßt sah, das Denken „nach dem Lustprinzip*' durch den terminus „autistisches" 
Denken zu ersetzen resp. zu erweitern ; denn nach Bleulers Ansicht entspricht 
der Freudsche Ausdruck „Lustmechanismus" einem viel engeren Begriffe und 
sei auch deswegen nicht zu akzeptieren, weil das Handeln und Denken im 
Sinne der Realität ebenfalls eine Äußerung von Lustmechanismus sei. Dieser 
Satz enthält scheinbar eine Selbstverständlichkeit, ist aber trotzdem nur teil- 
weise richtig. Daß kein Mensch irgendwie handelt, um als Endzweck Unlust 
zu gewinnen, ist ja klar. Wenn aber der Handelnde auf seinem Wege bewußt 
und vorbedacht Unangenehmes auf sich nimmt, um zu seinem gewünschten 
Endziel zu gelangen, so ist damit das Prinzip des primären Strebens nach 
Lust durch die Anerkennung der Realität zweckmäßig modifiziert, und diese 
Modifikation bezeichnet Freud in treffender Weise nicht mehr als ein Streben 
nach Lust, sondern als eines nach „Nutzen". Wer auf „Nutzen" arbeitet, weiß, 
daß er auch seinerseits etwas hergeben muß, hofft aber, schließlich doch mehr 
zu bekommen, als er opfern mußte; er ist zu Kompromissen mit der Außen- 
welt bereit. Diese Bereitschaft fehlt dem nur auf das Lustprinzip eingestellten 
Denken gänzlich. Die Lust soll ohne Opfer und vor allem sofort gewonnen 
werden. Auf dieses bedeutsame Zeitmoment hat Freud zu verschiedenen 
Malen, besonders in Diskussionen, über das Onanieproblem hingewiesen. Der 
sexuell überreizte Autocrotiker ist sehr häufig nicht im stände, seine Sexual- 
spannung so lange zu ertragen, bis er eine der realen Normalität entsprechende 
Situation sich geschaffen hat, er muß seine Befriedigung sofort, nach einem 
Ausdrucke Freuds „durch einen Kurzschluß", sich verschaffen und dies 
kann er natürlich nur auf dem Wege phantasierter Wunscherfüllung. Daß 
die dem sexuellen Kurzschluß dienenden, motorischen Aktionen nur zum ge- 
ringsten Teile — nämlich nur soweit sie sich auf die organische Reizung be- 
ziehen — der Realfunktion zugerechnet werden dürfen, ist klar. Sie sind ja 
doch ihrem psychischen Inhalte nach nur kümmerliche Surrogate jener Ak- 
tionen, welche die in der Phantasie vorgestellten Wünsche zur Erfüllung 
bringen sollen. Bleuler erklärt ganz übereinstimmend: „Was Freuds Lust- 
mechanismen (wie unser autistisches Denken) von der Realfunktion unter- 
scheidet, ist das, daß sie Lust nicht durch gefühlsbetonte Erlebnisse selbst, 
sondern durch Vorstellungen von solchen erzeugen.** Wenn aber einerseits der 
Autor den Freudschen Ausdruck ,, Lustmechanismen** nicht akzeptieren will, 
„weil das Handeln und Denken im Sinne der Realität ebenfalls eine Äußerung 
von Lustmechanismen ist'*, so kann nur zweierlei darunter verstanden werden ; 
erstens kann jene Lust gemeint sein, die direkt an die Arbeitsleistung geknüpft 
ist, z. B. das körperliche Wohlbefinden, wenn ein geistig Arbeitender zur Er- 
holung Holz hackt, oder umgekehrt ein Muskelarbeiter mit Genuß sich mit 
Lektüre beschäftigt; hier handelt es sich um eine Art „Kurzschluß**, der die 
Tätigkeit mit dem Lustgewinne unmittelbar verknüpft. In unserer keineswegs 
besten aller Welten kommen aber leider derartige „Kurzschlüsse** nur äußerst 
selten zu stände und wir müssen unsere Lust auf dem Umwege des Kompro- 
misses zu erreichen suchen. 



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Kritiken nnd Referate. 171 

Wenn demnach der Gelehrte trotz Arm- und Erenzschmerzen Holz 
spaltet, weil er für später gesundheitliche Vorteile erhofft, wenn der Feld- 
arbeiter im Schweiße seines Angesichtes bnchstabiert, um sich auf einen 
Kanzleidienerposten vorzubereiten, dann ist der zweite Fall von Lustmecha- 
nismus gegeben, den Bleuler wohl auch einzig und allein gemeint hat, als er 
diese Bezeichnung mit der Motivierung ablehnte, daß aach im realistischen 
Denken und Handeln Lust enthalten sei. Er hat dabei wohl übersehen, daß 
auch Freud ausdrücklich betont, daß die Ersetzung des Lustprinzipes durch 
das Realitätenprinzip „keine Absetzung des Lustprinzipes'' bedeutet, sondern 
nur eine Sicherung desselben. „Eine momentane, in ihren Folgen unsichere 
Lust wird aufgegeben, aber nur darum, um auf dem neuen Wege eine später 
kommende, gesicherte, zu gewinnen.'' 

Die Freude an der realen, zielbewußten Arbeit ist im tiefsten Grunde 
nur eine Art ,, Erwartungslust", ähnlich der „Vorlust" auf sexuellem Ge- 
biete, eine Sehnsucht nach einem Zukunftserfolg, der in der Gegenwart zwar 
vorbereitet, aber durchaus noch nicht gegeben ist. Sie bezieht sich demnach 
nicht auf die Realität, sondern auf phantasierte Zukunfts wünsche und es ist 
deshalb nicht einzusehen, weshalb der Ausdruck „Lustmechanismus" im Sinne 
Freuds nicht auch auf dieses psychische Geschehen angewendet werden sollte. 
..Autis tisch' ^ ist diese Lust allerdings nicht. 

Das autistische Denken im Sinne Bleulers wird von zwei Prinzipien 
regiert, die bei den negativen Affekten einander widersprechen, bei den posi- 
tiven gleichsinnig wirken : 

Erstens: „Jeder Affekt hat das Bestreben, sich zu erhalten, er bahnt 
die ihm entsprechenden Vorstellungen, verleiht ihnen ein übertriebenes logisches 
Gewicht, und er hemmt die widersprechenden und setzt sie in ihrer Bedeutung 
herab. So kann der Fröhliche viel leichter fröhliche Ideen assimilieren als 
traurige und umgekehrt." 

Diese Behauptung des Autors, jeder Affekt habe das Streben, sich zu 
erhalten, darf nicht ganz unwidersprochen bleiben. Es wurde hier nämlich 
die Bedeutung der den Affekten folgenden Reaktionen übersehen. Diese 
können doch wohl nur als Versuche der Gesamtpsyche aufgefaßt werden, sich 
der Affektreize durch motorische Abfuhr zu entledigen und damit wieder den 
reizlosen Gleichgewichtszustand herzustellen. Für dieses „Abreagieren" ist nur 
die Quantität, keinesfalls die Qualität des jeweiligen Affektes das Entscheidende. 
Ob der Traurige durch Weinen und Jammern seine Seele erleichtert oder der 
freudig Erregte durch Jauchzen, Lachen und Springen sich Luft macht — als 
das Wesentliche erscheint in beiden, formal so entgegengesetzten Fällen die 
gemeinsame Tendenz, dieAffektgröße durch Abfuhr nacH Außen zu verringern. Davon 
abgesehen, daß überhaupt den Affekten selbst nicht das Streben zugemutet 
werden kann, sich zu erhalten, sondern daß dieses Streben nur der Gesamt- 
psyche zukommen könnte, scheint die Tatsache der Reaktionsbildung viel eher 
eine gegenteilige Tendenz des psychischen Systemes zu erweisen, als die der 
Affekterhaltung. 

Das zweite Prinzip, nach welchem das autistische Denken regiert wird, 
lautet: „Angenehme, lustbetonte Vorstellungen werden zu erwerben und fest- 
zuhalten getrachtet, ünlustbetonte Vorstellungen und Erlebnisse begegnen hin- 
gegen einer Abwehr, die unter Umständen bis zur Verdrängung führen kann". 
Freud hat nun, nach Bleuler, bloß die letzteren Mechanismen, nämlich die 
Verdrängung unlustbetonter Vorstellungen, ins Auge gefaßt. „Ich glaube aber'', 
heißt es an dieser Stelle, ,,daß der Begriff nur in der weiteren Fassung ein 
genetisches Ganzes darstellt." Auf genau den nämlichen Wegen wie die Lust- 



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172 Kritiken nnd Referate. 

mechanismen wirken die Affefifte überhaupt. Die Depression schafft Kleinheits- 
wahn, so gut wie die Euphorie Größenwahn. „Der depressive Schizophrene 
hat nicht mehr alle Erfindungen gemacht, sondern er ist an allem Unglück 
schuld, er ist ein Haifisch, bringt alle Leute um; er wird nicht erhöht, 
sondern den anderen Patienten zum Zerstückeln hingeworfen. Die irgendwie 
körperlich bedingte Angst führt im Schlaf und Fieber zu schrecklichen Hallu- 
zinationen. Der Verfolgungswahn schafft nicht nur negative Gefühle, sondern 
er bildet sich unter Mitwirkung von solchen, die schon bestehen, wie weiter 
unten angeführt werden soll. Das alles sind Vorgänge, die sich nur auf langen, 
hypothetischen Umwegen mit dem Lustprinzip, dagegen leicht und ganz direkt 
mit der Affektwirkung überhaupt in Verbindung bringen lassen. So bleibt der 
Gegensatz unvollständig, wenn man dem Realitätsprinzip nur das Lust- and 
Unlustprinzip und nicht alles autistische Denken in unserem weiteren Sinne 
entgegenstellt.^^ 

Ich habe diese Ausfuhrungen Bleulers deshalb in voller Ausführlichkeit 
und mit den Worten des Originaltextes mitgeteilt, weil ich den wichtigsten 
Satz daraus nicht losgelöst von dem Zusammenhange zitieren wollte, da sonst 
der Verdacht eines Mißverständnisses nahe gelegt wäre. Dieser Satz lautet: 
„Das alles sind Vorgänge, die sich nur auf langen hypothetischen Umwegen 
mit dem Lustprinzip, dagegen leicht und ganz direkt mit der Affektwirkung 
überhaupt in Verbindung bringen lassen.^ Sollte mit diesen „langen, hypo- 
thetischen Umwegen^' die psychoanalytische Forschungsmethode gemeint sein, 
so wäre diesem Satze mit Ausnahme des nunmehr doch schon anachronistischen 
Epithetons ,, hypothetisch", ohne weiteres beizustimmen. Aber das kann der 
Autor sicher nicht gemeint haben, denn dazu ist seine anerkennende Stellung- 
nahme zur Psychoanalytik viel zu bekannt und ebenso bekannt ist es, daß 
Bleuler, Jung und viele andere des Züricher Kreises den langen Umweg nicht 
gescheut haben, die psychotischen Wahnbildungen psychoanalytisch zu erforschen. 
Um so verwunderlicher ist es daher, daß Bleuler seine und seiner Schüler 
Forschungsergebnisse gänzlich ignoriert und die pathologischen Denkphänomene 
lieber „leicht und ganz direkt" mit der „Aff'ektwirkung überhaupt" in Ver- 
bindung bringen will, statt die lustbetonten Pbantasiewünsche, sowie sie die 
Psychoanalyse aufdeckt, als den Kern des Wahnes anzuerkennen. Daß auch 
hinter den noch so traurigen und angsterfüllten manifesten Vorstellungen der 
Depressiven ebenso wie im Angsttraume der Gesunden sich doch in der Tiefe 
lustbetonte Wünsche — allerdings in irgend einer Konfliktstellung — nach- 
weisen lassen, darf wohl als bekannt vorausgesetzt werden. 

Die zunächst folgenden Ausführungen Bleulers schließen sich im Wesent- 
lichen den psychomechanischen Lehren Freuds an. Es wird auf die »Ver- 
dichtung" und „Hyperdeterminierung" im autistischen Denken hin- 
gewiesen und als eine weitere, vielleicht die wichtigste Konsequenz der Igno- 
rierung der Realität die krassen Widersprüche im Denkinhalt her- 
vorgehoben: „Der nämliche Patient kann Mann und Weib sein, er ist der 
Sohn und der Mann und der Vater seiner Mutter und identifiziert sich 
schließlich noch mit dieser selbst usw." „Merkwürdig ist auch, wie weit der 
Autismus von den zeitlichen Verhältnissen absehen kann. Gegenwart und 
Vergangenheit und Zukunft mengt er rücksichtslos durcheinander.'^ Der Autor 
verweist hier auf Freud, der das Unbewußte als „zeitlos" bezeichnet und er 
fügt hinzu, daß er das zwar nicht unterschreiben möchte, aber in bezug auf 
das autistische Denken sei der Ausspruch insofern richtig, als es die zeitlichen 
Verhältnisse ganz ignorieren kann, aber nicht muß. 



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Kritiken and Referate. 173 

Bleuler geht nunmehr auf die Beziehungen des autistischen Denkens zur 
Mythenbildung über, betont deren mehr intellektuelle als affektive Ent- 
stehung und verweist schließlich auf Jungs Arbeit „Über die zwei Arten des 
Denkens'^ im III. Bande des Jahrbuches. Es folgt nun eine Auseinander- 
setzung über das Thema der autistischen Vorstellungs-Dissoziation. 
Während Freud und Jung die Dissoziation bei der Schizophrenie und beim 
Traume durch den affektbesetzten Widerstand erklären, der sich einer Kom- 
promißbildung zwischen Realität einerseits und den phantasierten Wünschen 
anderseits entgegensetzt, nimmt Bleuler das Vorhandensein einer primären 
Dissoziation an, die die abnorm starke — autistische — Wirkung der Affekte 
ermögliche. 

Bei den Wahnbildungen der organisch Geisteskranken beobachtet 
man eine exzessive Affektwirkung, doch kommt eine eigentliche Auflösung der 
Begriffe nicht vor, die Zerspaltung der Persönlichkeit und namentlich die Ab- 
sperrung von der Außenwelt fehlt, so daß es nur selten zu einem wirklichen 
Autismus kommt. Letzteres gilt auch für die Idiotie. 

Die autistischen Gedanken können bloß wenige Sekunden dauern, aber 
auch das ganze Leben ausfüllen, sie können jederzeit korrigierbar sein, aber 
auch unter Umständen sich jeder Kritik entziehen. Alle diese Variationsmög- 
lichkeiten werden beim Schizophrenen und beim Pseudologen, beiden 
Phantasien der Normalen und Hysterischen, beim Dichter, bei den 
Spielen der Kinder, beim Schlaftraume und bei der Mythenbil- 
dung im Detail ausgeführt und besprochen. 

Das Verhältnis des autistischen Denkens zu dem realistischen ist ein in 
vielen Beziehungen gegensätzliches. Durch Schwächung des logischen Denkens 
erhält das Autistische die Oberhand. Bleuler führt vier Hauptgruppen solcher 
Fälle an: 

1 . Bei Kindern, denen die logische Erfahrung noch mangelt ; 

2. In Thematen, die auch der Logik des Erwachsenen überhaupt nicht 
oder nicht genügend zugänglich sind, z. B. in den Fragen der „letzten Dinge** 
n. dgl. ; 

3. Wo die Logik durch Affekte zurückgedrängt wird, in der Neurose, 
und schließlich 

4. Wo immer der Assoziationszusammenhang gelockert wird, wie im 
Traume und der Schizophrenie. 

Ein ganz besonderes Verhältnis besteht zwischen dem Sexualtrieb 
und dem Autismus. Bleuler meint, daß von allen Trieben nur der Sexualtrieb 
autistisch befriedigt werden könne, alle anderen nicht. ,,Man mag sich das 
reichlichste Mahl im Schlaf- oder Tagtraume noch so lebendig ausmalen, der 
Hunger wird dadurch auf die Dauer nicht gestillt**. Das ist kein Beweis, denn 
die Versuchsbedingungen, wenn ich mich so ausdrücken darf, sind nicht die 
analogen. Der autoerotische Onanist erlebt ja doch wenigstens teilweise die 
organische Triebbefriedigung, nur muß er sich allerdings die dazu gehörigen 
Wunschphantasien dazu denken. Um analoge Verhältnisse herzustellen, müßte 
man dem Hungernden mindestens trockenes Brot zur Magenfüllung reichen 
und es ihm dann überlassen, sich ein üppiges Mahl dazu zu phantasieren. 
Und das ist ein autistisches Kunstück, das wohl jeder Euphorische mehr oder 
minder prompt zu stände bringen kann. 

Bleuler geht nunmehr auf die Beziehungen zwischen Autismus und Ethik, 
Beligion, Mythologie und Symbolbildung ein, es sind wertvolle Aus- 
führungen, die im Rahmen eines Referates nicht detailliert besprochen und 
viel besser im Original gelesen werden sollen. 



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X74 Ejritiken und Referate. 

Im Dachfolgenden Absätze präzisiert der Autor seine Stellung zum Unbe- 
wußten. Er sagt: „Bei Freud steht das autistische Denken in so naher 
Beziehung zum Unbewußten, daß die beiden Begriffe dem Femerstehenden 
leicht ineinanderfließen. Wenn man aber, wie ich, unter dem Unbewußten 
alle diejenigen Tätigkeiten versteht, die den gewöhnlichen psychischen in allen 
Beziehungen gleich sind, außer daß sie nicht bewußt werden, so muß man die 
beiden Begriffe weit auseinanderhalten. Autistisches Denken kann im Prinzip 
ebenso gut bewußt wie unbewußt sein.'' So richtig auch die zuletzt ausge- 
sprochene Konstatierung ist, daß das unbewußte und das autistische Denken 
nicht identische Phänomene sind, so notwendig erscheint es doch, um Miß- 
verständnisse zu vermeiden, einen wichtigen Satz des Vorhergehenden präziser 
zu fassen. Bleuler erklärt, daß seiner Ansicht nach, das unbewußte Denken 
den „gewöhnlichen" psychischenTätigkeiten „inallen Bezie- 
hungen gleich^' sei, nur daß es eben nicht bewußt werde. Diese 
denn doch nur die Oberfläche berücksichtigende Definition leidet vor allem an 
dem schweren Mangel, daß sie eine der größten, wichtigsten und grundlegen- 
den Erkenntnisse der Psychoanalytik gänzlich ignoriert : die Verdrängung, 
durch deren Arbeit das einmal bewußt gewesene, später bewußtseinsunfähig 
gewordene Gedankenmaterial ins dunkle Reich des Unbewußten verschoben 
und darin festgehalten wird. Das Unbewußte ist also nicht bloß „nicht 
bewußt''; es hat diese Eigenschaft erst erhalten, weil es „nicht bewußt- 
seinsfähig" war. Diese Erkenntnis reicht in ihrer Bedeutung weit über 
das Gebiet unserer SpezialWissenschaft hinaus, sie trägt den Wurzelkeim 
unserer ganzen ethischen Weltanschauung in sich ; diese Erkenntnis darf nie- 
mals vergessen werden, wann immer vom Unbewußten die Rede ist. 

Daß das Unbewußte ausschließlich autistisch im Sinne Bleulers denkt, ist 
klar. Es denkt ja nur allzu autistisch, so daß es für die realen Denkvorstel- 
lungen unerträglich und deshalb dem Bewußtsein entzogen werden muß. Na- 
türlich ist mit dieser Konstatierung die Umkehrung des Satzes nicht gerecht- 
fertigt, d. h. das autistische Denken braucht durchaus nicht immer im Unbe- 
wußten vor sich zu gehen. Das hängt einzig und allein davon ab, ob der Autismus 
nicht gar zu arg verpönte Vorstellungen unserem Bewußtsein zu ertragen zumutet. 
Da hier noch der variable Faktor der Ertragbarkeit in Rechnung gezogen 
werden muß, ist es ersichtlich, in wie außerordentlich individuell verschiedenen 
Grenzen das autistische Denken im Bewußtsein sich abspielen kann. 

Das autistische Denken steht aber nicht allein mit den realen Vorstel- 
lungen im Kampfe, es trägt auch oft seine Widersprüche in sich, es ist nach 
Bleuler häufig ambivalent und dadurch ist eine große Summe von Konflikts- 
möglichkeiten gegeben. 

Höchst bemerkenswert sind die folgenden Ausführungen, in denen dem 
Autismus die Funktion der Verdrängungsarbeit zugeteilt wird. Ange- 
nommen, irgend ein Erlebnis eines normalen Menschen sei schraerzbetont. 
Wenn nun ,,die autistische Abwehr gegen den Schmerz in Aktion tritt, sperrt 
sie ihn meist, zusammen mit der schmerzbetonten Vorstellung, vom Bewußtsein 
ab." ,,0b es möglich ist," sagt Bleuler, ,, auf diesem Wege einen Affekt ganz aus 
der Welt zu schaffen, weiß ich nicht. Jedenfalls kommen unter normalen wie 
namentlich unter pathologischen Umständen eine Menge solcher abgesperrter 
Affekte wieder zum Vorschein, und Wirkungen von ihnen sehen wir auch, 
ohne daß der Affekt als solcher dem Träger bewußt wird (in der Mimik, in 
krankhaften Symptomen)" .... „Die Verdrängung muß also (immer?) durch 
die autistischen Mechanismen unterhalten werden und umgekehrt kommen in 
den Erscheinungen des Autismus die verdrängten Affekte oder ihre Wirkungen 
zum Vorschein." 



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Kriiiken und Referate. 175 

Diese höchst bedeutsamen Gedankengänge basieren auf der unanfechtbar 
logischen Erwägung, daß ein real gegebener Schmerzaffekt samt seiner realen 
Ursache einzig und allein durch einen psychischen Mechanismus verdrängt 
werden kann, welcher erstens selbst die Realität nicht anerkennt und zweitens 
im Sinne der Lustgewinnnng respektive der Unlustabwehr funktioniert. Beide 
Eigenschaften besitzt der Autismus und es scheint wie oben gesagt, tatsäch- 
lich logisch unanfechtbar, daß nur durch irrationelle, d. h. autistische Denk- 
akte alle jene Unlustvorstellungen und Affekte, die in der Realität begründet 
sind, „weggedacht^* werden können. Aber auch nur diese. Denn in all 
den vielen anderen Fällen, in denen der Unlustaffekt nicht einem realen 
Erlebnis, sondern einer irrealen, also autistischen Vorstellung entspringt, in 
all diesen Fällen gibt es keine andere Hilfe, als die Rückkehr zur Wirklichkeit 
und dazu ist keinesfalls das autistische, nur das logisch rationelle Denken 
befähigt. Das folgende von Bleuler selbst gegebene Beispiel wird das klar 
machen. 

„Der Schizophrene oder auch der schlaf träum ende Gesunde glaubt fälsch- 
lich einen Nahestehenden gestorben und ist darüber untröstlich. Irgendwann 
ist ihm einmal die Idee vom Tode des Betreffenden in Form eines Wunsches 
aufgetaucht, aber sofort, gewöhnlich bevor sie ins Bewußtsein kam, unter- 
drückt worden, denn sie ist zu schmerzlich. Nun taucht sie im Autismus wieder 
auf und schafft dem Patienten mit der Erfüllung des Wunsches einen Schmerz, 
den er hatte vermeiden wollen." Analysieren wir nun dieses Beispiel. Hier 
ist kein durch die Realität begründeter Unlustaffekt verdrängt worden, hier 
ist im Gegenteile eine mit Lust betonte autistische Phantasie vom Tode eines 
Nahestehenden irgend einmal aufgetaucht und diese mußte sofort mit dem 
ethischen Realbewußtsein in Konflikt kommen und verdrängt werden, nicht 
deshalb, weil sie, wie Bleuler meint, „zu schmerzlich'* — nein, weil sie viel 
zu lustbetont war, um bewußtseinsfähig zu bleiben. Es kann wohl nicht 
zweifelhaft sein, daß gegen eine derartig autistische, vom Realdenken verpönte 
Lustvorstellung die autistischen Mechanismen absolut nicht als Verdrängungs- 
faktoren auftreten können. Da kann nur die Anerkennung der Realität 
helfen: Es ist ja alles nicht wahr! Er ist ja nicht tot, er lebt ja noch. Und 
wenn nach vorläufig geglückter Verdrängung später doch einmal im schizo- 
phrenen Wahn oder im Schlaftraume des Gesunden der autistische Todes- 
wunsch wieder zum Durchbruch kommt, so bezieht sich auch bei dieser 
Wiederholung der Schmerzaffekt keineswegs auf den Verlust eines Freundes, 
sondern er stellt — übrigens zumeist wohl mit Angst gepaart — den Aus- 
druck des Konfliktes dar, den die ethischen Vorstellungskomplexe des Kultur- 
bewußtseins mit den autistischen Urtrieben auskämpfen. Beim Verdrängungs- 
mechanismus kann es sich demnach nur um einen Wettstreit zwischen den 
beiden gegensätzlichen Denkformen handeln. 

Autistische Phantasien können nur durch rationelles 
Denken entwertet werden, während hingegen in der Wirk- 
lichkeitgegebene Unlusterlebnisse nur durch das irratio- 
nelle autistische Denken gewissermaßen „ungeschehen'' 
gemacht werden können. 

Der Kampf des Autismus mit der realen Welt kann unter Umständen 
in Krankheit ausmünden : „Flucht in die K r a n k h e i t" (Freud) und häufig 
schafft bei schon entwickelter Erkrankung der Autismus Symptome, die als 
Versuche aufzufassen sind, sich mit der Krankheit und Wirklichkeit abzu- 
finden : ,,Mißglückte Heilungsversuche*' (Freud). Die Konflikte, in 
die der Autismus ftlhrt, bilden unter anderem den Boden, auf dem der 



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176 Kritiken and Referate. 

Verfolgungswahn erwächst ; er entsteht wohl zumeist durch das Gefühl 
der Hindernisse, die die reale Welt den autistischen Strebungen entgegensetzt. 

Es folgt nun eine kurze Polemik gegen die Ansicht Freuds, daß in der 
psychischen Entwicklungsreihe die Lustmechanismen das Primäre seien. Nach 
Freud ,, halluziniert der Säugling die Erfüllung seiner inneren Bedürfnisse, 
verrät seine Unlust bei steigendem Reiz und ausbleibender Befriedigung durch 
motorische Abfuhr des Schreiens und Zappeins und erlebt darauf die hallu- 
zinierte Befriedigung.** 

„Dem kann ich nicht folgen," erklärt Bleuler. ,,Ich sehe keine hallu- 
zinierte Befriedigung des Säuglings, sondern nur eine nach wirklicher Nahrungs- 
aufnahme." Ich glaube, hier liegt nun ein Mißverstehen vor. Bleuler hat näm- 
lich in dem zitierten Satze Freuds das Verbum „erlebt" wahrscheinlich nicht 
so real aufgefaßt als es tatsächlich gemeint ist. Ich glaube, Freud wollte aus- 
drücken, daß infolge des Schreiens und Zappeins dem Kinde die Brust gereicht 
wird und darauf erlebt es wirklich die Befriedigung des Saugaktes, die es 
vorher aus seiner Erinnerung an gleiche Erlebnisse nur halluzinieren 
konnte. 

Ebenso kann nur ein Mißversteben vorliegen, wenn Bleuler gegen Freud 
,, konstatieren muß, daß das Hühnchen im Ei nicht mit Vorstellungen von Essen, 
sondern mit physikalisch und chemisch greifbarer Nahrung sich emporbringt." 

Die ernsthafte Zumutung einer derart absurden Behauptung ist doch 
wohl ausgeschlossen, und Bleuler wird selbst gewiß als einzige Erklärungs- 
möglichkeit zugeben, daß hier ein sinnstörendes Aneinandervorbeidenken 
stattgefunden haben muß. Selbstverständlich hält es auch Freud für ganz 
undenkbar, daß ein werdender Organismus auch nur für kurze Zeit am Leben 
bleiben könnte, wenn seine Bedürfnisse nur autistisch und nicht auch in der 
Realität Befriedigung finden würden. Unter der Behauptung, das Primäre sei 
in dem Lustprinzipe zu suchen, kann ja ganz offenbar nur die psychische 
Seite der Entwicklung verstanden werden; vorher muß aber die rein soma- 
tische Lebensmöglichkeit sichergestellt sein und dies geschieht durch die phylo- 
genetisch erworbene Anpassung, durch welche dafür gesorgt ist, daß jedes 
Lebewesen seine allerersten Entwicklungstadien unter derart günstigen Bedin- 
gungen absolvieren kann, daß es zur Befriedigung seiner Bedürfnisse keines 
eigenen Zutuns bedarf. Und in diesem Sinne stellt allerdings die Entwicklung des 
Hühnchens im Ei das ideale Paradygma eines paradiesischen Zustandes dar, 
in dem alle Bedürfnisse befriedigt werden, ohne daß das kleine Lebewesen 
auch nur den Schnabel aufzusperren brauchte. Erst wenn das Hühnchen dem 
Ei entschlüpft ist, muß es — dem Ilealitätsprinzipe Rechnung tragend — 
seine Lebenserfordernisse sich selbst verschaffen. 

Nicht in geradeso idealer Weise wie bei der Entwicklung im Ei, aber 
doch in ähnlich zweckmäßigen Formen sind auch bei den anderen, höheren 
Wirbeltieren, den Säugeni bis zum Menschen, die primären Lebensbedingungen 
des Neugeborenen von vornherein möglichst sicher gestellt, und zwar durch 
die Mutterpflege. Nach Freud realisiert der Säugling, wenn man nur die 
Mntterpflege hinzunimmt, nahezu ein psychisches System, welches nur dem 
Lustprinzipe fröhnen und die Reahtät der Außenwelt vernachlässigen darf. 
Also fast so, wie das Hühnchen im Ei. Wenn allerdings nach dieser durch 
das Milieu bedingten mühelosen Lustgewinnung später die Enttäuschung durch 
die Außenwelt folgt, dann muß das Kind seine Wünsche durch eigenes 
Bemühen zu befriedigen trachten und in diesem Momente beginnt die Herr- 
schaft des Realitätsprinzipes. 



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Kritiken und Referate. X77 

Im Gegensätze zu diesen Ansichten Freuds läßt Bleuler sowohl in der 
onto-, wie auch phylogenetischen Entwicklung die autistische Funktion recht 
spät auftreten. „Das autistische Denken konnte sich erst dann entwickeln, 
nachdem einmal das Denken mit bloßen Erinnerungsbildern die sofortige psy- 
chische Reaktion auf aktuelle äußere Situationen stark überwog. ** 

Daß ein Kind irgend eine Lust Vorstellung erst dann halluzinatorisch 
wünschen kann, nachdem es dieselbe früher real erlebt und ein Erinnerungs- 
bild davon bewahrt hat, diese selbstverständliche Tatsache kann mit Hinweis 
auf die vorhergehenden Ausführungen keinesfalls ein Widerspruch gegen die 
psychische Priorität des Lustprinzipes werden. 

Im späteren Verlaufe seiner Ausführungen sagt Bleuler: „Das Wesent- 
liche der Realfunktion kann man nicht auf die Welt bringen, man muß es 
größtenteils im individuellen Leben erst erwerben. Das Realdenken arbeitet 
nicht bloß mit einer angeborenen Fähigkeit („Intelligenz**), sondern auch mit 
Funktionen, die nur durch Erfahrung und Übung erworben werden können. 
Ganz anders die vom Autismus benützten Mechanismen. Sie werden mit uns 
geboren. Die Affekte, die Strebungen haben von Anfang auf unser Geistes- 
leben diejenigen Einwirkungen, die auch das autistische Denken leiten usw.'* 
Wenn auch zugegeben werden muß, daß eine „angeborene" Fähigkeit 
nicht unbedingt auch früher in die Erscheinung treten muß, als eine viel 
„später erst erworbene", so scheint doch in der zitierten Stelle eine wesent- 
liche Inkongruenz mit den früheren Ausführungen vorhanden zu sein. 

Die Schwierigkeit, den Gedankengängen des Autors zu folgen, mag hier, 
sowie an vielen anderen Stellen der Arbeit durch den Umstand bedingt sein, daß der 
Begriff des „autistischenDenkens** nicht psychogeneti seh, son- 
dern einzig und allein deskriptiv gefaßt wurde. Das hat den Nach- 
teil, daß man sich in jedem Einzelfalle erst klar machen muß, welcher psychischen 
Schichte das eben besprochene Material eigentlich angehört. Autistisch gedacht 
wird ebenso in der Dementia praecox, wie im Traume, in der Mythologie 
und im Aberglauben, in den Tagträumen des Hysterischen und des Gesunden, 
in der Poesie und den anderen Kunstbetätigungen. Aus dieser, der Bleuler- 
schen Arbeit selbst entnommenen Aufzählung ist klar zu ersehen, daß jedwedes 
psychisches Geschehen, trotz verschiedenster Herkunft, unter dem Sammel- 
namen „autistisches Denken" zusammengefaßt wird, sofern es nur die Bedin- 
gung erfüllt, daß es ,, unabhängig ist von logischen Regeln und an deren Statt 
durch affektive Bedürfnisse dirigiert wird.** Es ist nicht ersichtlich, weshalb es von 
Vorteil sein könnte, die Erkenntnisse der Tiefseelenforschung, die in jahre- 
langer Arbeit mühevoll ans Tageslicht gebracht wurden, durch Vermischung 
mit Oberflächenmaterial seiner genetischen Differenzierung wieder zu entziehen. 
Dadurch wird ein Zustand von Unklarheit künstlich konstruiert, dessen Besei- 
tigung die psychoanalytische Forschung bisher zu ihren wichtigsten Aufgaben 
zählte. Wenn demnach vom streng psychoanalytischen Standpunkte aus die 
durch Bleuler vorgenonmiene Begriffserweiterung eher eine Regression als 
einen Fortschritt bedeutet, so muß doch rückhaltslos anerkannt werden, daß 
der Autor nicht nur die deskriptive Seite seines Themas vollständig 
erschöpft, sondern auch alle jene Probleme, die nur irgendwie mit dem Autis- 
mus in Beziehung stehen, mit so reicher Gedankenfülle ausgestattet dem Leser 
zur Verfügung stellt, daß es wirklich unmöglich erscheint, im Rahmen eines 
Referates all die vielen Gesichtspunkte und Ausblicke auch nur andeutungs- 
weise zu erwähnen, geschweige denn der Gesamtarbeit halbwegs gerecht zu werden. 
Wenn das Referat zum eingehenden Studium der Originalarbeit anregt, 
so ist sein wesentlicher Zweck erreicht. Dr. Rudolf R eitler (Wien). 

ZflilMhr. £. inÜ. PiTohoanalyM. 12 

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178 Kritiken and Referate. 

Dr. R. Morichan-Beanchant, Professeur h TEcole de Medecioe de Poitiers : 
Ulnstinct Sexael avant la Pnbert^. (Journal mödicäl frangais 
du 15. Septembre 1912.) 

Der Autor gibt eine gedrängte, aber übersichtliche und vollständige Dar- 
stellung der Entwicklung der infantilen Sexualität im Sinne der von Freud 
aufgebauten Theorie. Die Tatsachen und Befunde, auf denen diese beruht, 
hat er selbständig überprüft und sämtliche bestätigt gefunden ; die Arbeit ist 
daher nicht nur deshalb von Bedeutung, weil sie den ersten Versuch darstellt, 
die Ärzteschaft Frankreichs mit den grundlegenden Sätzen der Psychoanalyse 
bekannt zu machen, sondern auch als das un verwerfliche Zeugnis eines unvor- 
eingenommenen, von reinstem wissenschaftlichem Interesse erfüllten Beobach- 
ters. Auf die Wichtigkeit dieser neuen Sexual-Theorie für Kinder-Hygiene 
und Erziehung wird von dem Autor gebührend hingewiesen ; hoffentlich hat 
diese Anregung zur Folge, daß nunmehr auch in Frankreich sich ein Kreis 
von Forschem bildet, die dem Problem der infantilen Sexualität und dem 
damit eng verknüpften des Unbewußten die verdiente Aufmerksamkeit widmet. 

Über die Bedeutung der infantilen Sexualität für die Psycho-Neurosen 
will der Autor, wie er erklärt, sein Urteil aufschieben, bis er es auf aus- 
reichendes, selbst gesammeltes Material stützen kann ; eine solche These a priori 
zu bezweifeln oder anzunehmen, sei beides gleich wertlos für die Erkenntnis. 
Der sonst erhobene Vorwurf der Kritiklosigkeit gegen alle jene, die sich zu 
den Schülern Freuds rechnen, wird sich dieser Haltung gegenüber schwer auf- 
recht erhalten lassen. Dr. Hanns Sachs. 

Dr. Aug. Starcke: Die Psychoanalyse vom theoretischen Stand- 
punkte. (Psychiatrische en Neurologische Bladen, 1912, Nr. 3.) 

Der längere Artikel setzt sich aus einem beschreibenden und einem 
kritischen Teil zusammen. Der erstere (die Jungsche Komplextheorie, Freuds 
Libidolehre, die Adlersche Lehre von der Organminderwertigkeit und dem 
männlichen Proteste) beansprucht nur „einen terminologischen Überblick zu 
geben, welcher in keiner Hinsicht die Erfahrung oder das Studium der Ori- 
ginalarbeiten ersetzen kann". In Wirklichkeit gibt er jedoch bedeutend mehr, 
indem sich der Verfasser nicht nur durch die Art, in der er das Material zu- 
sammenfügt, als verständnisvoller Forscher, sondern auch durch seine, wenn 
auch spärlichen Bemerkungen dazu als selbständiger Denker zeigt. Die Auf- 
gabe, welche er sich stellte, unparteiisch zu bleiben, machte es ihm selbst- 
verständlich unmöglich, seinen Ausführungen jene Färbung zu verleihen, welche 
eine persönliche Anteilnahme zu schenken pflegt, sie darf aber gerade deshalb, 
trotz ihrer Schwierigkeiten, als glücklich gelöst gelten. 

Der zweite Teil, der sich mit den ethischen, den klinischen, den logischen 
und psychologischen Einwänden gegen die Analyse befaßt, gewährt ihm — 
obwohl er auch hier unpersönlich bleibt — eine größere Bewegungsfreiheit 
und besonders in seinen, der Freudschen Lehre entnommenen Widerlegungen 
der Kronfeldschen Angriffe (welche er zum Thema des Abschnittes „Logische 
und psychologische Einwände" wählte) tritt der Scharfsinn des selbständigen 
Denkers deutlich zu Tage. Die Zusammenhänge der Analyse mit anderen 
Wissensgebieten deutet er an in zwei kleineren Abschnitten über Ps. A. und 
Hirnphysiologie und Ps« A. und Biopsychiatrie. Deutlich persönlichen Charakter 
trägt nur das kurze Schlußwort, welches das Auftreten der Freudschen Lehre 
mit den anderen geistigen Strömungen unserer Zeit in Zusammenhang zu bringen 
versucht und in einigen Sätzen schildert, wie beim Verfasser selbst tiefere 



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Kritiken und Referate. 179 

Einsicht in die Frendsche Lehre regelmäßig mit einer tieferen Einsicht in das 
eigene Seelenleben, durch Überwindung von Widerständen, verbunden war. 

van Ophuijsen. 

Neuere amerikanische und englische Literatur. 

Prof. James J. Patnam M. D. (Boston): On Freud's Psycho-Ana- 
lytic Method and its Evolution. (Boston Medical and Surgical 
Journal, vol. 166, Nr. 4, pp. 115—122, 25. Januar 1912.)*) 
Der angesehene Professor der Neurologie an der Harvard Medical 
School, der wiederholt auf Grund seiner Erfahrungen in warmer Weise für 
die Psychoanalyse eingetreten ist, gibt hier eine großzügige, von reichem und 
tiefem Wissen getragene Darstellung der psychoanalytischen Methode und ihrer 
Entwicklung. Die formvollendete Wiedergabe der dem Psychoanalytiker znm 
großen Teil bekannten Tatsachen zeichnet sich durch ungewöhnliche Klarheit 
und Eleganz der Darstellung sowie durch Gedankenreichtum und Weite des 
Gesichtspunktes aus, welchen anerkennenswerten Verdiensten die allzu große 
Bescheidenheit des Verfassers keinen Eintrag zu tun vermag. Die vorsichtige 
und sympathische Art wird gewiß ihre Wirkung auf das amerikanische Pu- 
blikum nicht verfehlt und der psychoanalytischen Bewegung neue Kreise ge- 
wonnen haben. Für uns liegt nicht der geringste Wert der Putnamschen 
Ausführungen in der zustimmenden Bestätigung eines ernsten, unvoreingenom- 
menen und vorsichtigen Forschers, der selbst bekennt, daß er den psychoana- 
lytischen Befunden und Lehren lange Zeit skeptisch und abweisend gegen- 
überstand, bis er sich durch aufdringliche und gehäufte Erfahrung von ihrer 
Richtigkeit und Tragweite überzeugen lassen mußte. Dr. Rank. 

Prof. James J. Patnam, M. D. (Boston): Comments on Sex Issues 
from the Freudian Standpoint. (New York Medical Journal, 
22. Juni 1912.) 

Die Anzahl der Arbeiten in englischer Sprache, die sich mit einem oder 
dem anderen Teil der Lehren Freuds beschäftigen, sie durch selbstgewon- 
nenes Material oder neue Darstellungsweise zu festigen suchen, ist bereits sehr 
beträchtlich und wächst von Jahr zu Jahr. Wenn aus so vielem Guten und 
Verdienstvollen die vorliegende Arbeit, in der Prof. Putnam den Standpunkt 
der Psychoanalyse gegenüber den Sexualproblemen auseinandersetzt und ver- 
teidigt, dennoch hervorragt, so liegt die Ursache darin, daß die persönlichen 
Vorzüge des Verfassers hier besonders günstig zusammengewirkt haben. Die 
umfassende Weltanschauung des Philosophen, die ernste und gewissenhafte 
Wertung des Ethikers und der scharfe Blick des Naturforschers haben 
ein unübertreflfliches Ganzes geliefert. Ein nachdrückliches Lob verdient der 
Stil, da es dem Verfasser gelungen ist, besonders durch gelungene Gleichnisse, 
auch das Schwierigste klar und anschaulich zu machen. 

Putnam begründet in überzeugender Weise den Satz, daß kein wissen- 
schaftlich Denkender es sich erlauben darf, der Beschäftigung mit Sexual- 
problemen auszuweichen, wenn er sie auf seinem Wege findet. Noch wertvoller 
scheint mir seine Warnung, nicht ohne weiteres über das Sexualleben eines 
anderen abzuurteilen, weil es mit den eigenen Grundsätzen nicht übereinstimmt. 
Seine Ausführungen in dieser Richtung gipfeln in folgenden Worten : „Der 
Reichtum an Schönheit mit dem die Natur die Zeugungstätigkeit der Pflanzen 
und Tiere umgibt und schmückt; die ausgedehnte Vorbereitung für die 



*) Vortrag gehalten in der Harvey Society New York im November 1911. 

12* 



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130 Kritiken und Referate. 

Zeugung beim Menschen und die Länge der Zeit, die diese Vorbereitung, die ja 
schon mit der Geburt beginnt, für sich beansprucht; die Tatsache, dafi ein 
großer Teil von alledem, was uns im Leben am höchsten gilt, mit dem Ge- 
schlechtsleben im Zusammenhang steht; schließlich die Tatsache, daß die Be- 
dürfnisse und Naturanlagen der Menschen im einzelnen so sehr verschieden 
sind; alle diese Erwägungen sollten uns zur Vorsicht und Weitherzigkeit ver- 
anlassen, wenn wir daran gehen wollen, Regeln für das persönliche Verhalten 
aufzustellen". Dr. Hanns Sachs. 

Dr. A. A. Brill (New York): Freud's Theory of Compulsion Neuro- 
sis. („American Medicine" NewSeries. Vol. VL, Nr. 12. Pages. 643 — 652). 
Psychoanalytische Betrachtungen über die Zwangsneurose und Mitteilung 

eines Falles, in dem die Zwangsidee: „Alle Juden werden totgeschlagen*^ sich 

als Substitution der Todeswünsche gegen den eigenen Vater (einen russischen 

Juden) entpuppte. 

Derselbe. Psychological Mechanismus of Paranoia. (New York 

Medical Journal. Dec. 16, 1911). 

Demonstration des Projektionsmechanismus und der narzisstischen Re- 
gression au einem Falle von Paranoia mit Eifersuchts-, Größen-, Verfolgungs- 
wahnideen und Erotomanie. 

Derselbe. Hysterical dreamy states, thei r psychologi cal me- 
chanism. (New York Medical Journal, May 1912). 
Mehrere Fälle von hysterischen Traumzuständen, die alle die A b r a- 
h am sc he Erklärung dieser Zustände unterstützen, da sie sich als Phantasie- 
surrogate der Masturbation erwiesen. Die Deutung Abrahams wird besonders 
durch jene P'älle Brills gestützt, in (Jenen die Traumzustände immer nur 
nach einer unterbrochenen Selbstbefriedigung (raasturbatio interrupta) auftraten. 

Derselbe. A few Remarks on the Technique of Psychoanalysis. 

(Medical Review of Reviews. April 1912). 

Elementare Aufklärung über die Technik der Psychoanalyse, über die 
Eignung der Fälle zur analytischen Behandlung, besonders über den Begriff der 
„Übertragung auf den Arzt." 

Ders. The only or favourite child in adult life. Vortrag gehalten 
in der Jahresversammlung der Med. Society of the State of New 
York in Albany (New York State Journal of Medicine. August 1912). 
Eine äußerst lichtvolle Darstellung der abnormen Charaktereigenschaften, 
die sich beim einzigen und Lieblingskinde infolge des Mangels an sozialer 
Erziehung wie sie in einer zahlreichen Familie von selbst zu stände kommt, 
entwickein und für die ganze spätere Lebensführung bestimmend werden. Die 
diesbezüglichen Feststellungen Freuds, Jungs und Sadgers*) werden hier durch 
eine Reibe ausgezeichnet beobachteter Fälle bestätigt und ergänzt. Brill 
untersuchte seit 1908 vierhundert meist schon erwachsene „einzige oder 
Lieblingskinder'' und stellte fest, daß sie in der Kindheit meist sehr verzogen, 
durch ausschließlichen Verkehr mit Erwachsenen frühreif, unter Gleich- 
alterigen gelangweilt waren, später aber hochgradigen Egoismus und überaus 
große Empfindlichkeit an den Tag legten, die sie sozial unmöglich machten. 
Auf die geringste Verletzung ihrer Eitelkeit reagierten sie mit tiefer und an- 

♦) Auch Dr. Josef K. Fried jung hat wertvolle hierhergehorige Erfahruneen 
und Beobachtungen publiziert: „Die rathologie des einzigen Kindes** (Wr. Med. 
Wochenschr. 1911, Nr. 6.) Amkg. d. Ref. 



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Kritiken nnd Eleferate. Igl 

haltender Depression. In 36^0 <^6f Fälle waren manifeste Abnormitäten des 
Sexaallebens nachweisbar, als Folgen der Fixiemng an infantile Befriedignngs- 
arten; IS^o <ler einstigen Lieblingskinder wurde paraphrenisch, die übrigen 
ausnahmslos mehr oder minder psychoneorotisch. Von den vierhundert Pa- 
tienten (im Alter von 18 bis 68 Jahren) heirateten im ganzen 93. 

Besonders kraß ist der Fall jenes von Brill beobachteten alten Jung- 
gesellen, der bis zu seinem 41. Lebensjahre das Bett der Mutter teilte; 
nur der Tod konnte die Mutter vom Sohne losreißen. 

Prophylaktisch ist nachBrills Ansicht — wo die Zahl der Kinder 
aus welchem Grunde immer nicht vermehrt werden kann — die Frequen- 
tierung von Kindergärten und öffentlichen Schulen für die einzigen Kinder 
von großem Vorteil. 

Höchst interessant sind die Ausführungen B r i 1 1 s über gewisse Charakter- 
eigenschaften der Juden, die er davon ableitet, daß sie sich als die einzigen 
wahren Söhne, und allenfalls als die Lieblingskinder Jehowas fühlen. Das sei 
die Quelle der Maßlosigkeit in ihren Ansprüchen, ihrer Empfindlichkeit und 
Unverträglichkeit. 

Dr. A. A. Brill: Analeroticism and Character. (The Journal of Ab- 
normal Psychology, August-Sept. 1912.) 

Nach klarer Begriffsbestimmung der Freudschen Termini : Analerotik und 
Analcbarakter und nach Erklärung des Sublimierungsvorganges koprophiler 
Triebe beschreibt hier Brill einige sehr charakterisierte Fälle von persistie- 
render Analerotik und von übermäßiger Reaktionsbildung dagegen. Bei einem 
Zwangsneurotiker äußerte sich die ,, Wiederkehr des Verdrängten" in kopro- 
und urophilen Zwangsideen : beim Essen und Trinken mußte er stets an Kot 
und Harn denken, das Tuten des Automobils erinnerte ihn immer an einen 
Flatus, so daß ihm diese Fahrzeuge ekelhaft wurden ; der Frauenmund kam ihm 
wie das Rektum, die Augen der Frauen wie Analöffnungen vor. Treffend 
schildert dann Brill den Geiz, die Ordnungssucht und den Trotz der einstigen 
Analerotiker, wie sie sich in der Übertragung auf die Kur und auf den Arzt 
zeigen. Besonders erwähnenswert ist der dritte der von Brill hier mitgeteilten 
Fälle, in dem zwischen Grausamkeit und Stuhlentleerung eine unlösbare Ver- 
schränkung zu Stande kam, so daß der Patient nur unter Zuhilfenahme sadistischer 
Phantasien und Symbolhandlungen den Stuhl absetzen konnte. Ferenczi. 

Trigant Burrow, M. D., Ph. D., Assistant in Medicine in The John 
Hopkins Medical School, Baltimore: Freud's Psychology in its 
Relation to the Neuroses. (Amr. Journ. of the Medical Sciences, 
June 1911.) — Some Psychological Phases of Medicine. (The 
Journal of Abnormal Psychology, August-September 1911.) 

Beide Schriften geben kurze, aber grtlndliche Darstellungen der Psycho- 
analyse zum Zwecke der Propaganda in Amerika. Während die zweite sich 
hauptsächlich mit der Lehre vom Unbewußten beschäftigt, gibt die erste eine 
Darlegung der historischen Entwicklung der Psychoanalyse. Sie beginnt mit 
den Breuer-Freudschen Entdeckungen und referiert über die weitere 
Verzweigung und Erweiterung der Lehre durch Freud und durch die Mitarbeit 
Jungs. Am Schlüsse der Arbeit werden die Entdeckungen Freuds dem amerikani- 
schen wissenschaftlichen Leser näher gebracht durch den Hinweis auf bedeutende 
amerikanische Forscher, die selbständig die psychogenen Faktoren der Neu- 
rose gefunden haben. Die Kritik und Auffassung des Autors geht von der 
biologischen und philosophischen Betrachtungsweise aus und er sieht mit Recht 



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182 Kritiken und Referate. 

die fandamentale Bedeutung F r e u d s in der Anwendung einer naturwissenschaft- 
lichen Methodik in der Psychologie, mittels welcher er unmittelbar psy- 
chische Ursachen für die psychischen Geschehnisse sucht, ohne physiologisches 
und psychologisches Arbeitsgebiet zu vermengen. Die ununterbrochen psychische 
Determiniertheit psychischen Geschehens konnte Freud nur durch die Er- 
forschung des Unbewußten bis auf die frühesten kausalen Elemente fortsetzen. 
So bedeutet das Auftreten Freuds tatsächlich den Beginn einer neuen Phase 
für die Medizin, wie für alle anthropologischen Wissenschaften. Obgleich die 
Arbeiten Trigant Burrows nichts Neues bringen, verraten viele Bemerkungen, 
namentlich über die Hysterie, die individuelle Durchdringung des Themas 
durch den Autor. Einzuwenden scheint mir, daß der Verfasser, vielleicht mit 
Rücksicht auf sein Publikum, das traumatische Element zu sehr in den Vor- 
dergrund stellt, und daß er den Unterschied zwischen gelungener, normaler 
Verdrängung und mißglückter, krankhafter Verdrängung nicht hervorhebt. 
Auch nennt er manches symbolische Darstellung, was als ein durch Regres- 
sion entstandenes Symptom aufzufassen wäre. Paul Federn. 

J. H. Coriat: The Oedipus-Complex in the Psychoneuroses, 
(Journal of Abnormal Psychology. August 1912. Bd. VlI, S. 176.) 
Eine ganz allgemeine Darstellung dieses Themas, durch vier Beispiele, 
in denen der Komplex ungewöhnlich scharf hervortrat, illustriert. Coriat ist 
der Ansicht, daß die Verliebtheit eines Knaben in seine Mutter „ein sexueller 
Impuls abnormaler Natur" sei, der sich nur unter besonderen Umständen ent- 
wickelt, wie z. ß. infolge maßloser Zärtlichkeit des Eltemteils. (S. 176, 179.) 
Ref. muß Einspruch erheben gegen die Annahme, daß der Ausdruck „ Hamlet- 
Komplex" zu gebrauchen sei, „um den Wunsch eines Knaben, daß seine Mutter 
seinen Onkel heiraten sollte, zu bezeichnen." (S. 129.) Abgesehen davon, daß 
Hamlet diesen Wunsch nie hatte, ist es klar, daß man einen Ausdruck wie 
diesen nur zur Bezeichnung von etwas Typischem gebrauchen soll ; man kann 
ihn beispielsweise nicht benützen, um das Monologisieren über einen Schädel 
in einem Friedhof zu beschreiben. Emest Jones. 

Dr. H. W. Frink (New York) : Dreams and their Analysis in refe- 
rence to Psychotherapy. (Medical Record, May 27, 1911.) 
Kurze und übersichtliche Zusammenfassung der wichtigsten Sätze der 

Traumdeutung mit einigen guten Traumbeispielen und deren Analysen. Bericht 

über günstige psychoanalytische Heilerfolge, besonders mittels Verwertung der 

Traumanalyse. 

Derselbe. Psychoanalysis of mixed Neurosis. (The Journal of Ab- 
normal Psychologie. August-Sept. 1911.) 

Lehrreicher Fall eines 28jährigen Mädchens, das an schwerer Neur- 
asthenie mit Zwangs- und Angstimpulsen erkrankte. Aus der Vorgeschichte ist 
die Tatsache hervorzuheben, daß die Patientin von ihrem geistig abnormen 
Vater seit ihrer Kindheit sexuell mißbraucht wurde. Nach dem Tode des 
Vaters begannen die ängstlichen Depressionszustände und der Zwangsgedanke, 
sie müsse sich vergiften oder infizieren, um daran zu sterben. Sie 
setzte sich auch tatsächlich allen möglichen Infektionsarten aus, und man 
mußte sie vor jeder Drogue hüten, da sie wirkH(;h schon einige Selbst- 
mordversuche mit giftigen Arzneien versuchte. „ Physikalische" Behandlung, 
Medikamente oder Versuch der „Reeducation", ja die oft wiederholte hypno- 
tische Beeinflussung blieben ohne dauernden Erfolg. Die Psychoanalyse, die etwa 
ein halbes Jahr in Anspruch nahm, klärte die Symptome als verkappte Äußerungen 



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Kritiken und Referate. X83 

perverser Sexualwünsche auf und brachte der Patientin die Heilung. (DieArbeit klärt 
uns nicht darüber auf, ob hinter dem Wunsch der Kranken, infiziert und ver- 
giftet zu werden, nicht — wie so oft — die Sehnsucht nach Schwanger- 
schaft versteckt war. Gewisse Einzelheiten des Falles — sie machte eine 
einseitige Ophorektomie durch und blieb kinderlos — sprechen entschieden für 
diese Annahme, besonders wenn wir berücksichtigen, daß sie einer sehr zahl- 
reichen Famibe entstammte; pflegen doch Mädchen die Ambition zu haben, an 
Fruchtbarkeit nicht hinter der Mutter zurückzubleiben. Die Identifizierung 
mit der Mutter war übrigens in diesem Falle, wo der Vater wirkliche 
Sexnalakte an der Tochter vollzog, besonders naheliegend.) 

H. W. Frink: Report of aCase of psychogeneticConvulsions si- 
mulating Epilepsy. (New York Med. Journal, 22. April 1911.) 
Ein 23jähriges Mädchen, seit Kindheit mit epileptiformen Attaquen be- 
haftet, daneben aber auch an Visionen und Zwangsvorstellungen leidend, wird 
mittels Hypnose von ihren Anfällen befreit. Ferenczi. 

F. C. Prescott (Cornell üniversity): Poetry and Dreams. (Journal of 
abnormal Psychology, vol. VII, Nr. 1 u. 2, April- Juni 1912.) 
There is an essential relation, as yet unexplained, between poetry and 
dreams. The words poetry and dream, poet and dreamer, have been used, 
both by the poets themselves and by the critics, as s^-nonymous. SuUy Prud- 
homme, for example, typically defines poetry as ,,le reve par legnel l'homme 
aspire ä une vie sup^rieure''. For the explication of poetry it is worth 
while to follow the clue thus offered. The theory of dreams, propounded by 
Professor Freud in „DieTraumdeutung", promises to throw new light not 
only on dreams, but on the related subject of poetry. The object of this ar- 
ticle is to apply some of Professor Freuds conclusions to literary problems 
for the purpose of explaining poetry, and also incidentally to find evidence in 
literature bearing on the Freudian theory. The fundamental question is : What 
have poetry and dreams, together with the related activities, day-dreams 
and hysterical hallacinations and illusions, in common? 

The scenes of the dream which we remember are called by Professor 
Freud the „manifest content", This is evolved from the „latent content" by 
processes called the „dream work". Every dream has the same latent purport 
— to represent the imaginary fulfilment of some ungratified wish. There is 
much evidence, both in language and in literature supporting the view. When 
our wishes are actually fulfilled the dreams which have afiforded them imagi- 
nary fulfilment become prophetic ; thus the universal belief in the mantic cha- 
racter of dreams is justified. 

Poetry exhibits an analogous character. The poet is essentially a man fiUed 
with desire ; the function of poetry is essentially to represent the imaginary 
fulfilment of unsatisfied desires ; the poet, as Bacon classically expresses it, 
,Submits the shows of things to the desires of the mind.^ The poet is ety- 
mologically a „maker'^ or „creator" ; and he is called a creator because he 
creates in an ideal world what is lacking in the divinely created world 
of reality. The poet furthermore is traditionally a prophet, and he is 
such because he expresses not only his personal desires, but the desires of 
mankind generally, and when mankind eventually secures gratification of 
these disires the poets work bocomes prophetic. The ränge of poetic prophecy 
is as great as that of human desire or aspiration. Thus the traditional belief 
in the prophetic character of poetry is justified. 



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134 Kritiken nnd Referate. 

Dreams accordiDg to Professor Freud are inspired, not by conscioos 
desires, bat by unconscioas ones. Impracticable desires are transferred to on- 
consciousness, bat continne operative; for these dreams fumish a discharge. 
Dreams are thus „guardians of sleep/ 

Similarly poetry is attributed by all writers, from Plato to George 
Eliot, to unconscious processes. Apparently the desires of the poet, like those 
of the dreamer, are repressed bat continue operative ; they secare a discharge 
in poetry. As Cardinal Newman expresses it : „Poetry is a method of relie- 
ving the overburdened mind; it is a Channel throagh which emotion ünds 
expression, and that a safe, regalated expression.*^ It accomplishes „thas a 
cleansing, as Aristotle would word it, of the sick fouI.^ This explains also 
the value of poetry to the reader: the reader, identifying himself with the 
poet, likewise ünds an ontlet for his pent emotion. It explains the pleasare 
which poetry aifords, this pleasare being one of satistied desire. The sarae 
principle throws light on Aristotle's famous definitions of poetry ; the Aristo- 
telian Katharsis is related to this vis medica poeticae. 

Retaming to dreams — the anconscioas processes producing dreams are 
normally prevented from coming to conscioasness by a force called by Pro- 
fessor Fread the „psychic censor.** The Operations by which, ander the direc- 
tion of the censor, the latent thoughts are transformed into the manifest 
dream, are called the „dream work." Somo featares of tbis transformation 
are noteworthy for their bearing on poetry. The emotion attaching to the 
latent thoaghts appears in the manifest dream anchanged. The manifest dream 
content, however, is fictional in two senses : first, is represents an nngratified 
wish as gratified; secondly, it represents an abstraet wish by a symbolical 
concreto action. The dream is a vision, or phantasm of gratiücation. The 
dream freqaently or generally goes back to childhood desires; it, however, 
seizes apon some trivial incident of the preceding day, employing this as a 
point of crystallization. The faculty active in dreams is that described by Ari- 
stotle — the phantasy to which he attribates dreams and illusions. 

In the prodaction of poetry there are likewise repressive forces, corre- 
sponding to the censor of the dream- theory. The work of these repressive 
forces is seen in the form of poetry : the nataral rhy thm of emotional expres- 
sion, oat of regard for literary Convention, becomes metrical ; it is sabjected 
to recognized forms of line and stanza. Thas Inspiration is controlled by art. 
The work of these repressive forces is seen likewise in the sabject-matter of 
poetry; the feeling of the poet cannot have a direct, bat only an indirect, 
veiled, or „censored" expression throagh the mediam of associations. Poetry 
is fictional in two senses: first, it represents an nngratified wish as gratified; 
secondly, its representation is not direct bat figarative. The Operation of tbe 
poet might be called the „Dichterarbeit^. In poetry, as in the dream, the 
original feeling of the poet comes throagh anchanged ; it is the genuine or 
non-fictional element of poetry. The poetic representation is always concrete. 
The poet finds his starting point or point of crystallization in recent expe- 
rience ; it is probable, however, that poetry, like dreams, is generally inspired 
by emotions inherited from childhood. The facnlty prodacing poetry is again 
the phantasy of Aristotle. Thas new light is thrown apon the poet's „creatiFe 
Imagination. '^ 

Baman condact resalts from a compromise between the individaal im- 
palse and oatside aathority. In waking hoars the force of antbority is streng ; 
in sleep or poetic abstraction, this force weakens, freeing the individaal im- 
palse. Aathority is imposed on man by civilization an edacation ; Impulse ia 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Kritiken und Referate. |g5 

innate. The inspired poet is thus born and not made. The inspiration of 
the poet comes from Dative impulse ; the art of the poet is the work of im- 
posed aathority. 

The same opposiog forces are at work in the formation of literature as 
a whole — the literature of a period or a nation. Literature is the result 
of a conöict between the individual impulse, the life-giving and progressive 
principle, on the one band, and the power of authority, the Controlling and 
conservative principle, on the other ; in other words between romanticism and 
classicism. This offers the best key to the explanation of the words r o m a n t i c 
and classical. 

When the innate desires, meeting with fact or authority, fail to secure 
gratification, they give rise to unpleasurable feeiings, — to passion. The re- 
pressed disires produce a friction or tension which, unrelieved, would result 
in madness. This torpidity is relieved in dreams, in poetry, in neurotic 
hallucinations and illusions. This is why Shakespeare classes together the 
lunatic, the lover, and the poet. The lover (the man unsatislied) relieves 
himself in poetry ; this relief alone saves him from madness. The tension 
accompanying dreams, the classical poetic madness, and the neurosis are 
analogous. The poetic madness may well be explained in the light of Pro- 
fessor Freuds theory concerning neurotic manifestations. 

Author's Abstract. 

Dr. Morton Prince (Boston, Mass. U. S. A.) The Meaning of Ideas 

asdetermined by UnconsciousSettings." (The Journal of 

Abnormal Psychology, Boston. Oct.-Nov. 1912.) 

Bei der Perzeption spielt außer dem aktuellen Sinneseindrucke eine große 
Keihe von Erinnerungsbildern bedeutende Rolle; diese werden als „sekun- 
däre Bilder" in die Perzeption einverleibt. In Fällen von Dissoziation der 
Persönlichkeit konstatierte M. Prince den Wegfall dieser, sekundären Bilder 
(die vom bewußten Ich abgespalten waren), daher denn solche Personen 
zwar Sinneseindrücke wahrnehmen, aber sie nicht oder nicht richtig deuten 
konnten. Den Inhalt einer Idee macht die Perzeption und der Eindruck ihrer 
Bedeutung aus (meaning). Die Bedeutung eines perzipierten Objektes hängt 
nicht mehr vom aktuellen Sinneseindruck ab, sondern von dessen Assoziations- 
verknüpfungen mit vorausgegangener Erfahrung, sie ist also individuell ver- 
schieden. Ist die Perzeption im Brennpunkt der Aufmerksamkeit, so rückt 
die Bedeutung an die Peripherie des Bewußtseins, oder ganz unter deren 
Schwellen und umgekehrt. Die Besetzungen, die die Bedeutung einer Idee 
bestimmen, sind meist nur zum Teil bewußt, d. h. wenn diese Bedeutung 
auch bewußt ist, ist sie doch nur Bestandteil eines größeren, zum größten Teile 
unbewußten Komplexes. Prince vergleicht einen, der unbewußte Ideen nur 
darum leugnet, weil man deren Vorhandensein nicht wahrnimmt, mit jeman- 
dem, der behaupten würde, daß in der Finsternis die Gegenstände nicht nur 
unsichtbar werden, sondern in Wirklichkeit zu existieren aufhören. Der Autor 
unterscheidet die halbbewußten von den ganz unbewußten („ abgespaltenen '') 
Komplexen. 

Bei der Untersuchung pathologischer Ideen (z. B. Phobien, Zwangsvor- 
stellungen) sucht der Autor den ganzen Inhalt des Bewußtseins, besonders die 
vergessenen Ideen, wieder zu beleben. M. Prince macht die Am- 
nesien rückgängig und findet in diesen Erinnerungen den 
versteckten Sinn jedes Symptoms, wie er das an zwei, allerdings 
nur sehr kurz mitgeteilten Beispielen zeigte. Dieneurotische Todesangst z. B. wird 



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186 Kritiken nnd Referate. 

auf psyciiische Traumata zurückgeführt, die sich vor mehr als zwanzig Jahren er- 
eigneten; die damals entstandene Todesangst wurde der unbewußte und 
doch funktionierende Kern des komplizierten pathologischen Komplexes. 
Bis zu diesem Punkte folgt M. Pr ine e offenbar Prof. F r e u d ; die Annahme, 
daß die pathologische Furcht eine Reaktion auf unbewußte Wünsche sei, kann 
er jedoch nicht bestätigen, wenn er sie auch nicht bestreitet. Die Psychotherapie 
der Zwangsideen könne suggestiv oder analytisch sein ; in leichteren Fällen 
genüge die Suggestion, die künstliche Einpflanzung einer Idee, die stärker 
ist als die neurotische ; in schweren Fällen müßten die unbewußten Determi- 
nanten analytisch erforscht werden. In der Auffassung der Affekte unter- 
stützt M. Prince die psychoanalytische Ansicht, daß Affekte von ihrem (even- 
tuell unbewußten) Komplex losgelöst und auf andere Elemente verschoben 
werden können. Solche Affektverschiebungen müssen ab er nicht stets eine Rolle 
spielen, in vielen Fällen erkläre der aktuelle Reiz die emotionelle Reaktion 
genügend. Wir müssen dem Autor darin Recht geben, daß die starre Sche- 
matisierung der unbewußten Komplexe dazu führen kann, daß man die 
Kompliziertheit und Wandelbarkeit (d. h. Lebendigkeit) solcher Gebilde auch 
übersieht, anderseits muß man ihm erwidern, daß diese Gebilde auch außer- 
ordentlich zähe sein und jahrzehntelang unverändert bleiben können. — Wir 
haben aus dem Aufsatze des Dr. Prince nur das den Psychoanalytiker zu- 
nächst Interessierende hervorgehoben. Ferenczi. 

S. A, Tannenbaum M. D. (New York) : Some objections to Psycho- 
analysis considered. (Medical Review of Reviews, Vol. 18, Nr. 9, 
Sept. 1912.) 

Eine ruhige, sachliche und sehr verständnisvolle Erwiderung auf einen 
Artikel von Dr. Habermann (New York), in welcher Dr. Tannenbaum 
die Unkenntnis, Voreingenommenheit und Oberflächlichkeit des Autors in 
Dingen der Psychoanalyse erweist. Dr. Rank. 

G. A. Young. Report ofa Gase of Versuchungsangst, Attended 
by Visual Hallucinations of a Homicidal Nature. (Journal 
of Abnormal Psychology, August 1912, Bd. VII, S. 204.) 
Young gibt eine kurze Darstellung eines Falles von Zwangsneurose, den 
er mit Erfolg psychoanalytisch behandelt hat. Der Aufsatz ist hauptsächlich 
als Beschreibung interessant, da die Analyse nur ziemlich kurz mitgeteilt 
wird. Young legt Gewicht auf das Vorwiegen sadistischer und masochistischer 
Phantasien in diesem Falle sowie auf die zwischen Liebe und Haß schwan- 
kende Einstellung des Patienten gegen seine Mutter. Eines der Haupt-Sym- 
ptome war die Halluzmation der ermordeten Mutter; völlig damit überein- 
stimmende Zwangsvorstellungen waren in früher Kindheit aufgetreten. 

0. Berkeley-Hill: The Psycho-Analytic Method of Treatment 
of the Neuroses. (Indian Medical Gazette, June 1912. Vol. 
XL VII. Nr. 6.) 

Diese Schrift verdient besondere Erwähnung, weil sie die erste Arbeit 
über Psychoanalyse ist, welche in Indien und in Asien überhaupt erschienen 
ist. Der Verfasser ist Mitglied der internationalen psychoanalytischen Ver- 
einigung und als Captain im Medical Service der britischen Armee in Indien 
tätig. Er wurde von einer angesehenen ärztlichen Gesellschaft in Calcutta auf- 
gefordert, über die psychoanalytische Methode vorzutragen. In seiner Arbeit 
berichtet er über interessante Erfahrungen, die er mittels der Analyse an 
Europäern und an Eingeborenen gewonnen hat. Seine Darstellung der Freu d- 



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Kritiken nnd Referate. Ig7 

sehen Theorie und Methode ist trotz ihrer Kürze klar und präzis. Die 
Schriften P u t n a m s' und Jones' hat er dabei ausführlich zitiert. 

W. Mc. Dongall: Psychology. The Study of Behaviour. (Williams 

and Norgate, 1912, one Shilling.) 

Ein kleines Buch, mit welchem der Lehrer für Psychologie an der Uni- 
versität zu Oxford eine Darstellung der Psychologie für Laien geben wollte. 
Das Buch hat viele Vorzüge, von welchen einer für die Leser dieser Zeit- 
schrift besonders interessant ist. Das Kapitel über abnorme Psychologie ent- 
hält nämlich als hauptsächlichen Teil eine sehr klar geschriebene Darstellung 
von Freuds Neurosenlehre und auch eine Wiedergabe seiner Traumlehre. 
Die Stellungnahme des Autors gegenüber unserem Gegenstande ist ungewöhnlich 
objektiv, wie aus folgenden zwei Stellen zu ersehen ist. „Man wird ein- 
wenden — wie ist es überhaupt möglich, solche Deutungen (von Träumen) fest- 
zustellen? — Wie kann das mehr als ein Erraten sein? Darauf muß erwidert 
werden, daß die Deutung als Resultat eines verwickelten Prozesses von metho- 
discher und ins einzelne sich vertiefender Analyse gewonnen wird, und daß, 
obschon die Methode viele Möglichkeiten des Irrtums zuläßt, dennoch ihre 
Anwendung an einer sehr großen Anzahl von Träumen und durch die ver- 
schiedensten Beobachter eine gewisse Gesetzmäßigkeit und Gleich- 
mäßigkeit der Ergebnisse aufgedeckt hat, welche unmög- 
lich dieDeutungen als einfach willkürliche anzusehen ge- 
stattet.*) Femer werden sie durch die Aufdeckung analoger Prozesse ge- 
stützt, welche mit der Bildung von Symptomen bei hysterischen Patienten 
endigen." — „Es wurde oft die Frage aufgeworfen: Was hat die Psychologie in 
der Richtung geleistet, unseren Mitmenschen wohlzutun oder zu nützen? Auf 
diese Frage kann vieles erwidert werden, aber es ist vielleicht das schlagendste 
Argument, daß wir auf die vielen Frauen und Männer weisen, welche durch 
die Anwendung psychologischen Wissens und psychologischer Theorie Gesund- 
heit, Glücks- und Leistungsfähigkeit wiedergewonnen haben, nachdem sie durch 
viele Jahre sich und ihren Freunden eine quälende Last gewesen waren und 
ohne Erfolg sich vielfacher ärztlicher Behandlung unterzogen hatten." — Der 
Verfasser gibt auch kurze Andeutungen in betreff der Wege, auf welchen die 
Entdeckungen Freuds in der normalen Psychologie anzuwenden sind. 

M. D. Eder: Freud's Theory of Dreams. (Transactions of the Psycho- 

Medical Society, London. Vol. III, Part 3, 1912.) 

Eder hat seine klar geschriebene Darstellung der Traumtheorie einem 
Auditorium angepaßt, welches ohne Vorkenntnisse in den Gegenstand einge- 
führt werden sollte. Er teilt einige eigene Traumanalysen mit und gibt auch 
einen Auszug aus der von Rank mitgeteilten Traumanalyse (Ein Traum, der 
sich selbst deutet). An der Hand dieser Beispiele betont er die Notwendigkeit, 
die Träume analytisch zu untersuchen, sowohl zum Zwecke der Selbsterkenntnis 
als auch um die Technik der Psychoanalyse beherrschen zu lernen. — Er 
spricht enthusiastisch vom Lichte, mit dem Freud die dunkeln Probleme dfes 
unbewußten Seelenlebens erhellt hat. 

Bernard Hart: The Psychology of Insanity (Cambridge Press. 1912). 

Dieses Bändchen wurde von einem Gelehrten geschrieben, der mit ganzem 

Herzen an die Berechtigung der psychologischen Auffassung des Wahnsinns 

glaubt. Obgleich für Laienkreise berechnet, kann es doch mit großem Nutzen 



*) Vom Referenten durch gesperrten Druck hervorgehoben. 



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Igg Kritiken and Referat«. 

von jedem medizinisch Gebildeten, ja auch von den meisten Psychologen und 
Psychiatern gelesen werden. Der Verfasser verdankt seine Befähigung zur 
volkstümlichen Darstellung solcher Themen vor allem der ungewöhnlichen 
Klarheit und Genauigkeit seiner Ausdrucksweise. Die Aufzählung der Kapitel- 
Überschriften wird genügen, um das Gebiet, das der Autor behandelt, sowie 
den Gesichtspunkt, den er sich dazu gewählt hat, anzuzeigen: 1. Die Ge- 
schichte des Wahnsinns. 2. Die psychologische Auffassung des Wahnsinns. 
3. Die Erscheinungsformen des Wahnsinns. 4. Dissoziation. 5. Komplexe. 
6. Konflikt. 7. Verdrängung. 8. Die Äußerung der verdrängten Komplexe. 
9. Projektion. 10. Die Vernunftlosigkeit des Irren. 11. Phantasie. 12. Die 
Bedeutung des Konfliktes. Hart anerkennt, wieviel er Freud, Janet und Jung 
verdankt, deren Werke er verständnisvoll aufgenommen hat. Das Thema der 
Sexualität wird sorgfältig in den Hintergrund geschoben und an die Stelle der 
Anschauung Freuds wird die von Trott^r gesetzt, nach welchen der „Herden- 
instinkt" den bestimmenden Einfluß ausübt. Zwei^ merkwürdige Unterlassungen 
müssen angemerkt werden, die an einem Leser und Kenner von Freuds 
Werken besonders auffallen : nämlich daß nichts über die ontogenetische Seite 
des psychischen Konflikts und über die Bedeutung der Kindheit für das Leben 
gesagt wird, femer daß jeder Hinweis auf die weitreichende Ähnlichkeit 
zwischen den Phantasien, die der Geisteskrankheit zu Grunde liegen, und jenen 
der Mythologie, Religion und Folklore fehlt, obwohl dieser Gegenstand doch 
gewiß vorzüglich geeignet ist, das Interesse der Laien zu erregen. Trotzdem 
erfüllt das Buch im ganzen seine schätzenswerte Aufgabe, indem es den Leser 
zu einer rein psychologischen Betrachtungsweise anleitet und die logische 
Ordnung, mit der die Argumente entwickelt werden, ist durchaus danach an- 
getan, die Bedeutsamkeit dieses Punktes tiefer einzuprägen. 

Bernard Hart: ACase of Double Personality. (Journal of Mental 
Science, April 1912). 

Hart berichtet über einen Fall, welcher zahlreiche hysterische „fugues'^ 
gehabt hatte, für welche vollständige Amnesie bestand. Unter Anwendung von 
Hypnose brachte Hart das Erinnerungsvermögen für die Ausuahmszustände 
dem Patienten dauernd zurück und erforschte auch die Ursachen ihres Auf- 
tretens. Diese stellten sich als eine Reihe von psychischen Konflikten dar, 
deren Natur der Autor mitzuteilen verhindert ist. Mit dem Fortschreiten der 
Analyse kehrten noch tiefer begrabene Erinnerungen ins Bewußtsein zurück, 
welche mit den zu den pathogenen Konflikten gehörigen Vorstellungen zu- 
sammenhingen. Da entwickelte sich nun während der Behandlung zur Über- 
raschung des Beobachters eine zweite Persönlichkeit im Kranken, die folgende 
zwei charakteristische Eigenschaften zeigte : In diesem neu entstandenen 
Ausuahmszustände war er dauernd gegen den Arzt feindlich eingestellt und 
zeigte intensiven, selbst gefährlichen Haß gegen ihn ; die zweite Persönlichkeit 
besaß volle Erinnerung für alles, was gelegentlich ihres früheren Auftretens 
vorgefallen war, hatte aber keine Erinnerung, weder für die im normalen 
Seelenzustande erlebte Vergangenheit, noch für die Ereignisse, die während 
der ,,fugues" vorgefallen waren. Hart faßt das Zustandekommen dieses 
doppelten Ichs so auf, daß die Widerstände gegen die psychologische Aus- 
forschung so stark waren, daß sie sich mit Ausschluß der übrigen Komplexe 
zu einer zweiten Persönlichkeit kristallisierten. Dafür sprach besonders, daß 
das zweite Ich bloß dann sich zeigte, wenn man dem wichtigsten Komplexe 
sich näherte. Schließlich verschwand die Spaltung der Persönlichkeit und der 
Kranke genas. Emest Jones. 



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Kritiken nnd Referate. 189 

Warrington, Dr. W. B.: Review of Freud's Views on Abnormal 
Psycholog y. (Liverpool Medico-Chirnrgical Journal, Jan. 1913.) 
Der Autor würdigt das Verdienst Freuds einen bedeutenden Antrieb 
zur Erforschung des abnormen Seelenlebens und damit indirekt der normalen 
psychischen Vorgänge gegeben zu haben. Wenngleich Freuds Endergebnisse 
wahrscheinlich übertrieben seien, so müsse doch alles darin übereinstimmen, 
dafi seine Leistung erstaunlich reich, fruchtbar und von höchster Bedeutung 
sei. In bezug auf die sexuelle Ätiologie der Neurosen konstatiert der Autor, 
daß sicherlich „der Sexualinstinkt der ursprünglichste von allen bewußten An- 
trieben (movements) sein muß, da es biologisch unmöglich ist, sich irgend eine 
andere Funktion des Organismus vorzustellen, welche im Entwicklungsprozeß 
eine frühere Verbindung (accompaniment) mit einem bestimmten Bewußtsein 
gehabt haben könnte." Dennoch glaubt er, daß einige Freud sehe Deutungen 
von Fällen zu einem Teil der Kritik Angriffspunkte bieten. Er anerkennt den 
großen Wert der psychoanalytischen Behandlungsmethode, „unentbehrlich bei 
manchen von den Psychosen." 

Als eine der üauptquellen seiner Arbeit gibt der Autor, in belustigender 
Weise, eiiÄi „Dr. Ernest Hart" an, was eine Mischperson zu sein scheint, 
gebildet aus den beiden Namen Ernest Jones und Bernard Hart, mit 
welchen zwei Psychoanalytikern der Autor, wie man aus inneren Gründen 
schließen möchte, bekannt ist. Dr. M. D. Eder. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Aus Vereinen und Versammlungen. 

Vom II. polnischen Neurologen- und PsychiaterKongrefi 
in Krakau (20. bis 23. Dezember 1912). 

Nahezu der ganze zweite Tag der BeratuDgen war der Psychoanalyse 
gewidmet. # 

Wie allgemein bereits das Interesse geworden ist, ersah man schon 
daraas, daß sowohl die Fach- als auch die Tagespresse bei diesem Anlasse 
der Psychoanalyse gewidmete Artikel gebracht hat. So im Ruch filozo- 
ficzny (Philosophische Zeitschrift in Lemberg) eine Arbeit von Blahowski, 
„Über das Bewußtseinsproblem bei Freud", worin der Autor unter Anwen- 
dung und strenger Auseinanderhaltung der Begriffe: „Objekt und Inhalt des 
Bewußtseins", die Ansichten Freuds aus logischen und psychologischen 
Gründen ablehnen zu müssen glaubt; aus logischen — weil Freud an- 
geblich gegen das Identitätsprinzip verstoße, indem er denselben Objekten 
(i. e. den unbewußten Vorgängen, die doch nach ihm qualitätslos sind) in 
dem ad hoc hilfsbypothetisch angenommenen Vorbewußten die Fähigkeit 
(somit eine Qualität) zuschreibe, bewußt zu werden. Die psychologischen Ein- 
wendungen aber drückt B. in nachstehender Alternative aus : Stellen wir uns 
auf den Standpunkt Freuds und sprechen dem Bewußtsein den Charakter 
eines Wahmehmungsorgans zu, — so begehen wir einen krassen Fehler der 
Vermengung respektive Nichtunterscheidung zweier toto genere verschiedener 
Begriffe (Objekt und Inhalt) ; nehmen wir aber an, daß die psychischen Vor- 
gänge Inhalt des Bewußtseins sind, so müssen wir ihm den Wahmehmungs- 
charakter absprechen.^ Der Autor betont jedoch, daß die Unrichtigkeit der 
Freudschen Bewußtseinshypotheso keineswegs die Tatsachen tangiert, aus denen 
sie abgeleitet wurde. 

Die Reihe der Vorträge wurde von Borowiecki (Krakau) eröffnet, 
der „Über die Psychoanalyse und ihre Kriterien" sprach ; als solche hob er 
besonders hervor die Gleichartigkeit der Deutungsergebnisse ganzer Reihen 
von psychischen Phänomenen bei Untersuchten, die Übereinstimmung verschie- 
dener Forscher in der Analyse ein und desselben Phänomens usw. 

Karpiüska (Zakopane) sprach über „Die psychologischen Grundlagen 
der Psychoanalyse'*, während Bandrowski (Lemberg) die Psychoanalyse mit 
den grundlegenden psychologischen Theorien konfrontierte, und ihre große 
Wichtigkeit für die Erweiterung der psychologischen Erkenntnis hervorhob. 

Der Vortrag von Jekels (Wien) behandelte unter Heranziehung der 
in der ersten Nummer dieser Zeitschrift erschienenen Arbeit Federns „Über 
den Sado-Masochismus" das Thema der psychischen Bisexualität, wogegen 
Doz. Radecki (Krakau) als ,,Psychobiologische Elemente in der Psycho- 



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Ans Vereinen und Venammlnngen. X91 

aDalyse hervorhebt : das Gesetz der Erhaltung der Energie in den psychischen 
Mechanismen, das Prinzip der Ökonomie der Energie, sowie die biologische 
Fassang des Unbewnfiten. 

Beanrain (Zakopane), dessen Vortrag hier in extenso erscheinen soll, 
befaßte sich mit dem Symbol und den individuell-psychologischen Bedingungen 
der Symbolbildung, während Nelken (Lemberg), auf die Bedeutung der 
psychoanalytischen Untersuchung bei Geisteskranken verwies, die Rolle der 
Freudschen Mechanismen bei der Symptombildung der Dementia praecox be- 
sprach und ein hübsches Beispiel von schizophrener Wortzerlegung lieferte, 
um schließlich auf die Analogie in den symbolisierenden Leistungen der De- 
menten mit den mythologischen und folkloristischen Produkten zu verweisen. 
Nonberg (Krakau) analysierte in seinem instruktiven Vortrag ,,Über uner- 
füllte W^ünsche nach Lehren Freuds** den Wunsch, den er als einen wich- 
tigen Faktor der Regression bezeichnet. In Übereinstimmung mit den An- 
sichten von Lipps (Wirklichkeitsstreben), sowie Pikler (Tendenz zum 
wirklichen Erleben), enthalte der Wunsch eine Tendenz, die infolge eines 
empfundenen Bedürfnisses entstandene Unlust zu beseitigen durch die Lust, 
welche sich bei Befriedigung dieses Bedürfnisses einstellt. Der Wunsch ist 
eine Tendenz zum neuerlichen Erleben gewisser Situationen, zum Hervorrufen 
schon einmal erlebter Wahrnehmungen. Prelegent streift die WanscherfüUung 
in den Spielen der Kinder, Volkssagen, Mythen, Religionssystemen primi- 
tiver Völker, im Traum und in der Neurose, — und verweist mit Nachdruck 
auf den zumeist sexuellen Inhalt dieser Wünsche sowie der verdrängten 
Wünsche überhaupt. Indem er noch den Wunsch unter dem Gesichtswinkel 
des Lust- und Realitätsprinzips bespricht, schließt er seine Ausführungen mit 
dem Hinweis darauf, daß den erfüllten Wünschen keine Rolle mehr zukommt, 
sowie dafi der Wunsch ein Triebprodukt ist. 

Nachdem die Reihe der Vorträge abgeschlossen war, wurde in die sum- 
marische Diskussion eingegangen. In derselben bezeichnet Jaroszynski 
(Warschau) als positive Errungenschaften, die Freud zu danken sind: die 
Einführung des Gesichtspunktes des psychischen Determinismus in die Neu- 
rologie und Psychiatrie, die Erforschung der unbewußten Mechanismen beim 
Gesunden und Kranken, die Klarlegung des Zusammenhanges zwischen den 
Affekten und Konflikten einerseits und der Struktur der seelischen Erkran- 
kung anderseits, sowie die Aufhellung der dynamischen Kräfte, welche den 
psychischen Apparat beherrschen. Als Fehler dieser Lehre bezeichnet er die 
Unrichtigkeit der Freudschen Sexualtheorie, sowie die phantastische Symbol- 
dentung, und hebt hervor, daß die Indikationen für die Anwendung dieser 
Methode im allgemeinen selten sind. 

Bornstein (Warschau) anerkennt die große theoretische Bedeutung 
der Psychoanalyse, die uns Einblicke in bisher ganz dunkle Krankheitsgruppen 
wie Phobien und Zwangsneurosen gestattet; er hebt auch hervor die Wich- 
tigkeit des Nachweises der eminenten Rolle, welche die Sexualität in der 
Dementia praecox spielt. 

Doz. Mazurkiewicz (Krakau) tadelt die Freudsche Pansexualität und 
die Vernachlässigung des Selbsterhaltungstriebes, ferner die Symbolik, welche 
große Willkür in der Deutung zuläßt. Dagegen sind der psychische Determinis- 
mus und die Komplexlehre, welche den Inhalt der pathologischen Bildungen 
aufklären, entschiedene Errungenschaften ; doch werde auch auf diese Weise 
die Ätiologie der Psychosen nicht aufgeklärt ; und da nun die psychogenen 
Symptome, selbst ihren sexuellen Inhalt zugestanden, in letzter Linie doch 
auf organischen Störungen beruhen, so könne nach Ansicht des Redners 



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192 ^^^ Vereinen nnd Versamminngen. 

von ihrer radikalen Beseitigung mittels der psychoanalytischen Methode eben- 
sowenig die Rede sein, wie vermittelst jeder anderen. 

Feuerstein (Lemberg) hält der Psychoanalyse Einseitigkeit vor, da sie die 
Neurosen lediglich vom formalen Standpunkte betrachte, indem sie lediglich 
den Mechanismus ihrer Entstehung in Betracht ziehe, wogegen sie das Mo- 
ment der geringen Widerstandsfähigkeit der Kranken gegenüber den obse- 
dierenden Komplexen vernachlässige. 

Rosen thal (Warschau) hebt hervor, daß durch die Anwendung der 
Freudschen Methode auf die Psychiatrie die Grenze zwischen den Neurosen 
und den zur Dementia praecox-Gruppe gehörenden Störungen verwischt wurde. 

Mikulski (Lemberg) meint, daß keine der Freudschen Behauptungen 
bereits als feststehend betrachtet werden kann, denn als deduktive Schlüsse 
müssen dieselben an der Hand der Tatsachen ständig geprüft werden, — 
zumal bei der völligen Unverläßlichkeit der bisher geltenden Beweise für ihre 
Richtigkeit, als welche angeführt werden : 1. das subjektive Empfinden des 
Arztes oder des Kranken ; 2 die günstigen therapeutischen Resultate. 

Jarkowski (Paris) bestreitet die ausschließliche Bedeutung der durch 
die Psychoanalyse entdeckten Mechanismen für die Pathogenese und Therapie 
gewisser Neurosen, besonders der Hysterie. Die sexuellen Komplexe finden 
sich doch bei allen, und die Suggestibilität der Hysterischen ermögliche es, 
bei ihnen all das zu finden, was gesucht werde. Das therapeutische Resultat 
sei kein Beweis für die pathogenetische Bedeutung der Komplexe, da der 
Heileffekt in der Hysterie lediglich von der psychischen Beeinflussung abhänge. 

Prof. Rubczynski (Krakau) meint, die Anfänge der Kunst und der 
ästhetischen Erkenntnis hätten gar nichts oder kaum irgend etwas gemein- 
sam mit der Sexualität. Bei normalen Kindern und primitiven Völkern sei 
der Gestaltungs- und Spieltrieb stärker betont und aktiver, als die sexuellen 
Faktoren. Der Trieb beinhalte ein Ziel, das er anstrebt ; es müsse daher der 
Trieb von der bei seiner Befriedigung erzielten Lust unterschieden werden. 
Die Erfahrungen der Psychoanalyse wären für die Frage des psychischen 
Determinismus nicht entscheidend, da doch bei den der Psychoanalyse unter- 
worfenen Individuen das selbständige Denken und der Wille suspendiert seien. 

Je k eis betont in einer speziellen Polemik gegen einen der Redner 
diejenigen Momente, welche der psychoanalytischen Therapie eine Superiori- 
tät gegenüber anderen Methoden der Neurosen-Behandlung verleihen. 

Nelken hebt die analogen Momente der Hysterietheorien von Ba- 
binski und Freud hervor. 

Zum Schlüsse möchte ich noch ein in einem Tageblatte erschienenes 
Feuilleton des geistvollen Schriftstellers J r z y k o w s k i erwähnen, in welchem 
derselbe die wichtigsten Arbeiten Freuds in lichtvoller Weise bespricht, und 
auf die enormeBedeutungderPsychoanalysehinweist. „Freud", schreibt J., „eine 
bis nun ganz ungewöhnliche Erscheinung unter den Ärzten, geißelt in seinen 
Werken die medizinische Mythologie, die die Seele ignoriert, und die Physio- 
logie überschätzt. Schön ist in seiner Therapie auch das, daß er dem Be- 
wußtmachen und der Aufrichtigkeit, somit dem Verstand und der Ethik, eine 
solche Rolle zuschreibt." Er ist voll Bewunderung für die große Gewissenhaf- 
tigkeit sowie für die theoretische Ingeniosität F r e u d s. Dr. Jekels. 



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Aus Vereinen und Versamminngen. 193 

Meeting at the „Psycho-Medicinal Society'S 
London on January 30, 1913. 

A Discussion was opened by the President of the Sty. Dr. T. W. M i t c h e 1 1 
on Ferenczi's paper „The Psychoanalysis of Suggestion and Hypuotism", of 
which a copy had been previously distributed to eacb meraber of the Sty.- 
Mitchell opined that the prevalent attitude of the members toward the 
work of Freud and his school should bee that of suspended judgment, im- 
partial investigation and attention to all that the Freudians have to say. 
It was Freud's wide connotation of the term sexuality that was responsible 
for much of the Opposition to his views ; the inclusion of many divergent 
fonus of feeling and conation under a common term served no useful purpose. 
If the most highly valued of maus attributes was attained through the Subli- 
mation of sexual impulses, then Sublimation should not be regarded merely as 
a harmless outlet for unsatisfied sexual desire, but rather as a normal neces- 
sary part of the evolutionary process by which man rises above the level of 
the brutes. 

In regard to Ferenczi's paper, he disputed the correctness of his ac- 
count of the origin and nature of suggestibility, considering it „an innate 
tendency of the mind and a necessary condition of the growth of personality", 
as „action prompted by the herd-instinct as opposed to the purposive action 
of the personal will". The State of subjection described by Ferenczi as charac- 
teristic of a stage in the normal psychical development of the child, he 
regarded rather as a phase of personality normally evocable at all ages by 
appropriate circumstances, and having no constant or necessary relation to psy- 
cho-sexual activities'^. „The occurrence of the desire for subjection as one of 
the impulse-components of sexual desire gives no justification to the view that 
feelings of subjection are always related to psycho-sexual activities". Ferenczi's 
views throw no light, moreover, on the real problems of hypnotisra, on the 
apparentlj supernormal power which the hypnotised person possesses over his 
own organism. There would seera to be no necessary or intelligible connexion 
between the unconscious fixation of the libido on the person of the hypnotiser 
and the profound control of the bodily organism effected by ideas suggested to 
the hypnotised person. Dr. M. D. Eder. 

* * 

Ein Vortrag Sombarts: 

„Prof. Dr. Werner Sombart hielt am 2. Dezember 1912 in Berlin vor 
einer zahlreichen Zuhörerschaft einen Vortrag über „Kapitalismus und Kur- 
tisane". Wie das wirtschaftliche Leben, so führte er aus, zweifellos die Be- 
ziehungen zwischen Mann und Weib beeinflußt, so ist anderseits eine Unter- 
suchung darüber, wie das Geschlechtsleben die Wirtschaft umformt, durchaus 
berechtigt. Heute wolle er nicht die Beziehungen zwischen verhaltener Liebe 
und Unternehmertum — im Sinne der Freudschen Theorie — darstellen, 
sondern einem anderen Thema dieses Gebietes sich zuwenden.'' (Nach Sexual- 
Probleme, Januar 1913.) — Sombait, der dieses Thema demnächst in 
einem Buche ausführlich behandeln wird, hat bereits in seinem großangelegten 
Werk ,,Die Juden und das Wirtschaftsleben", gestützt auf die 
Freudschen Lehren, einen guten Teil der spezifisch kapitalistischen Be- 
fähigung des Judenvolkes auf die partielle Sexualaskese desselben zurückgeführt. 



Z«it»«hr. f. äritl. PiychoaDftlyse. 13 

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V:.uv> UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Sprechsaal 



Sollen wir die Patienten ihre Träume aufschreiben lassen ? 

Von Dr. K. Abraham (Berlin). 

In einem kleinen Aaüsatz über „Die Handbabang der Traumdeutung in 
der Psychoanalyse" hat Freud mit wenigen Worten zu der Frage Stellung 
genommen, ob es zweckmäßig sei, die Patienten ihre Träume gleich nach dem 
Erwachen schriftlich fixieren zu lassen. Er kommt zu dem Resultat, daß eine 
solche Maßregel überflüssig sei. „Hat man nämlich auf solche Weise müh- 
selig einen Traumtext gerettet, der sonst vom Vergessen verzehrt worden 
wäre, so kann man sich doch leicht überzeugen, daß für den Kranken damit 
nichts erreicht ist. Zu dem Text stellen sich die Einfillle nicht ein, und der 
Effekt ist der nämliche, als ob der Traum nicht erhalten geblieben wäre''. 
Ich kann dieser Ansicht aus eigener Erfahrung nur in vollem Maße beipflichten. 
Die Frage scheint mir aber für den Psychoanalytiker, der von der Traum- 
deutung täglich praktischen Gebrauch macht, von erheblichem Interesse zu 
sein. Das veranlaßt mich, einige Vorkommnisse aus der Praxis mitzuteilen. 
Ich erlebte sie gerade mit solchen Patienten, die ich bereits auf die Zweck- 
losigkeit eines sofortigen Niederschreibens der Träume aufmerksam gemacht hatte. 

Beobachtung 1. Patient hat einen sehr ausgedehnten, ereignisreichen 
und mit starken Affekten verbundenen Traum. Er erwacht und greift noch 
schlaftrunken nach den Schreibmaterialien, die er, entgegen der ärztlichen 
Weisung, neben sein Bett gelegt hat. Am anderen Morgen bringt er etwa 
zwei Quartseiten voll Notizen. Es stellt sich aber sogleich heraus, daß das 
Geschriebene fast völlig unleserlich ist. Die Tendenz, den Traum vor dem 
Vergessenwerden zu bewahren, ist in diesem Fall offensichtlich von der ent- 
gegengesetzten Tendenz (Verdrängung) durchkreuzt worden. Es kommt zu 
einer Kompromißbildung: der Traum wird zu Papier gebracht, aber die 
Niederschrift ist unleserlich und vermag nichts zu verraten. 

Beobachtung 2. Patient, der auf seine Frage von mir den Bescheid er- 
halten hat, das Aufschreiben der Träume sei zu widerraten, produziert in 
einer der nächsten Nächte eine ganze Serie von Träumen. Beim Erwachen 
— mitten in der Nacht — sucht er auf eine ingeniöse Weise die Träume, 
die ihm sehr wichtig erscheinen, der Verdrängung zu entreißen. Er besitzt 
einen Apparat zur Aufnahme von Diktaten und spricht nun die Träume in 
den Schalltrichter. Charakteristischerweise läßt er dabei außer acht, daß 
der Apparat schon seit einigen Tagen nicht gut funktioniert. Das Diktat des Appa- 



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Sollen wir die Patienten ihre Tr&ume aofsohreiben lassen? 195 

rats fällt daher nndentlich aus. Patient muß vieles aus seinem Gedächtnis er- 
gänzen. Das Diktat bedurfte also der Ergänzung durch die Erinnerung des 
Träumers ! Die Analyse des Traumes geschah ohne erheblichen Widerstand, 
so daß man annehmen darf, der Traum wäre in diesem Falle auch ohne jede 
Fixierung in gleichem Umfang erhalten geblieben. 

Der Patient ließ sich aber durch diese Erfahrung noch nicht tiber- 
zeugen, sondern wiederholte den Versuch noch einmal. Der inzwischen reparierte 
Apparat gab am Morgen nach der Traumnacht ein dem Ohre gut verständ- 
liches Diktat. Inhaltlich aber war es nach der eigenen Äußerung des Patienten 
so verworren, daß er mit Mühe einige Ordnung herstellen mußte. Da die 
folgenden Nächte ein sehr reichliches Traummaterial lieferten, welches die 
nämlichen Komplexe behandelte und ohne Kunsthilfe ausreichend reproduziert 
werden konnte, so zeigt sich auch in diesem Falle die Nutzlosigkeit einer 
sofortigen Fixierung des Geträumten. 

Wie vergeblich es ist, einer starken Verdrängungstendenz auf solche 
Weise entgegenzutreten, zeigt in schlagendster Weise die 

Beobachtung 3. Die Patientin klagt während mehrerer Wochen über 
ihre Unfähigkeit, einen bestimmten Traum im Gedächtnis zu behalten. Sie 
habe in letzter Zeit allnächtlich den gleichen Traum. Sie schrecke dann auf, 
nehme sich sogleich vor, mir den Traum am Morgen zu erzählen, habe ihn 
aber jedesmal dennoch vergessen. Eines Tages erklärte sie, fUr die nächste 
Nacht Schreibmaterial bereit halten zu wollen, um den Traum fixieren zu 
können, sobald sie aus ihm erwache. Ich widerriet es ihr mit dem Bemerken, 
eine Tendenz, die sich allnächtlich Träume schaffe, werde auch ohne diese 
Nachhilfe den Weg ins Bewußtsein finden ; gegenwärtig sei nur der Widerstand 
noch zu groß. Sie sah das ein und verzichtete auf ihr Vorhaben. Beim 
Schlafengehen tauchte jedoch der Wunsch, den Traum in dieser Nacht fest- 
zuhalten, von Neuem auf. Patientin legte sich Papier und Bleistift bereit. 

Wirklich erwacht sie mit einem Schreck aus dem gleichen Traum, zündet 
Licht an und schreibt etwas nieder. Mit dem beruhigenden Geftlhl, den 
Traum nun nicht verlieren zu können, schläft sie wieder ein. Am Morgen 
verschläft sie die Zeit und erscheint verspätet zur Behandlung (Widerstand!). 
Sie überreicht mir ein Blatt und bemerkt dazu, sie habe es am Morgen in 
der Eile gar nicht näher angesehen. 

Es machte wegen der undeutlichen Schrift (vergl. Beobachtung 1!) einige 
Mtthe, die wenigen Worte zu entziffern. Sie lauteten : 

„Traum aufschreiben gegen Vereinbarung". 

Der Widerstand hatte gesiegt. Die Patientin hatte nicht den Traum, 
sondern nur den Vorsatz zum Niederschreiben notiert. Dann war sie zufrieden 
wieder eingeschlafen ! 

Etwa eine Woche nach diesem erfolglosen Versuch konnte sie mir den 
Traum, der noch mehrmals aufgetreten war, erzählen. Sein Inhalt entsprang 
einer lebhaften Übertragung. Patientin träumte, daß ich mich ihr annähere, 
und schrak dabei jedesmal auf. Nachdem andere Symptome der Übertragung 
zu einer eingehenden Analyse dieses Vorganges genötigt hatten, fiel der Grund, 
den Traum noch länger als Geheimnis zu wahren, hinweg. 

Ich möchte noch in Kürze auf die Motive verweisen, welche den Pa- 
tienten dazu führen, auf sofortige Niederschrift seiner Träume Gewicht zu 
legen. In vielen Fällen handelt es sich um eine Erscheinung der Über- 
tragung. Der Patient, der einen Traum schriftlich zur Behandlungstunde mitbringt, 

13» 

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196 SprechsaaL 

möchte (unbewußt) dem Arzt dadurch zeigen, daß ihn (den Arzt) dieser Traum 
besonders angehe. In manchen Fällen trägt ein geschrieben überreichter Traum 
geradezu den Charakter eines Geschenkes an den Arzt, als wollte der Patient 
damit ausdrücken : ich bringe dir mein Wertvollstes dar. 

Dabei spielt offensichtlich die neurotische Eitelkeit mit. Manche 
Patienten mit ausgeprägtem Narzissismus sind in die Schönheit ihrer 
Träume geradezu verliebt. Sie bewahren sie vor der Vergessenheit, weil sie 
in ihnen Kostbarkeiten sehen. 

Wie der autoerotisch eingestellte Neurotiker seine Körperprodukte auf- 
zusparen liebt, wie er ängstlich besorgt ist, daß von seinem körperlichen 
Besitzstand so wenig wie irgend möglich verloren gehe, ebenso wacht er auch 
darüber, daß von seinen geistigen Produkten nichts abhanden komme. 



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Varia. 
Zur psychoanalytischen Bewegung. 

Auf den letzten Kongreß der ^American Psychopathological Asso- 
ciation^^ am 29. and 30. Mai 1912 in Boston wurde eine Reibe psychoana- 
lytischer Themen vorgetragen und in ernsthafter, würdiger Weise diskutiert. 
Eine Anzahl dieser Vorträge sowie die Diskussion darüber finden sich in den 
letzten Heften (Nr. 4 und 5, Oktober 1912 — Januar 1913) des laufenden 
Jahrgangs (VII) vom „Journal of abnormal Psychology". — Besondere Her- 
vorhebung verdient, daß der Vorsitzende des Kongresses, Prof. Dr. Adolf 
Meyer von der Johns Hopkins University, Baltimore, in seiner Ansprache 
die Tatsache der immer deutlicheren Annäherung der allgemeinen Psychopa- 
thologie und der Freudschen Psychoanalyse betonte und der Hoffnung auf ein 
erfireuliches und erfolgreiches Zusammenarbeiten Ausdruck gab. 

Ans England and Amerika. Dr. M. D. Eder (London) hielt im Spät- 
herbst vorigen Jahres in der „Psycho-Medical Society" einen Vortrag : „Freuds 
Theory of Dreams", der im Oktoberheft (1912) von „The Universal 
Medical Record" eingehend und äußerst sympathisch als die erste Darstellung 
dieser Lehre in England besprochen ist. (Ein Ref. des Ederschen Vortrags, 
der gedruckt vorliegt, findet sich in diesem Heft.) 

Schon vorher war in derselben Zeitschrift (The Universal Medical Record, 
March 1912) ein Artikel: „The Oedipus Myth and Psychiatry** über- 
schrieben erschienen, der die Freud sehe Aufklärung der Ödipus-Sage aus 
der Traumdeutung rekapituliert und auf die daran anknüpfenden Arbeiten von 
Abraham, Jones, Jung und Rank verweist. 

Von A. R. Chandler erschien ein Essay: „Tragic Effect in 
Sophocles analyzed according to the Freudian Method", der 
von der Harvard Universität mit dem Bowdoin Preis gekrönt wurde (Mai 1911). 

In einem populären amerikanischen Journal ,,Mc. Clure's M agazine" 
Oktober 1912 bespricht Edw. Tenney Brewster in einem „Dreams and For- 
getting. New Discoveries in Dream Psychology" überschriebenen Artikel die 
Freudsche Traumdeutungslehre sowie einiges aus der Psychopathologie des 
Alltagslebens und des infantilen Seelenlebens in gemeinverständlicher Weise. 
Das Novemberheft desselben Magazins enthält als Fortsetzung einen Artikel 
von H. Addington Bruce: „The Marvels of Dream Analysis." — Das im 
Februar (1913) erschienene Heft bringt einen Artikel desselben Autors 
„Stammering and its Cure", worin das Stottern im psychoanalytischen Sinne 
als psychoneurotisches Symptom aufgefaßt wird, für dessen Znstandekommen 
verdrängte infantile Momente maßgebend sind, was an einigen kurz skizzierten 
Fällen von Dattner, Coriat und Brill erläutert wird. 



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198 Varia. 

Die englische Zeitschrift „TheStrandMagazin" vom Januar 1913 ent- 
hält einen populären Aufsatz über Träume („Dreams: The Lastest Views of 
Science") von William Brown, Vorstand der psychologischen Abteilung an 
der Universität London, Kings College, worin der Autor nach einigen Hinweisen 
auf frühere Traumtheorien (Maury, Hildebrandt, Schemer), dieFreudsche 
Traumdeutungslehre in verständnisvoller Weise skizziert und ihren Wert für die 
Charaktererkenntnis hervorhebt. — In einer früheren Nummer desselben Magazins 
ist vom selben Autor ein Artikel betitelt: ,,Is Love a Disease?** worin die 
durch die Psychoanalyse aufgedeckten unbewußten Momente der Verliebtheit 
betont werden. 

Unter dem Titel: „Anwendung der Theorien Freuds" gibt 
Dr. W. F. Waugh in der argentinischen Zeitschrift „La Semana Medica" 
vom 5. Dez. 1912 einen kurzen Bericht über den Fall eines Mannes, der 
seine treulose Frau aus Eifersucht erschießt. Der Autor bemerkt, daß die 
Freudsche Lehre auch die sonst unverständlichen Handlungen der Menschen 
erkläre. (Nach einem Bericht von Dr. Eder, London). 

Die Londoner Tageszeitung: »The Daily Mir ror* vom 23. Januar 1913 
enthält auf Seite 7 einen kurzen Artikel: „A Theory of Dreams*^, der auf 
die Freudsche Traum dcutungslehre bezug nimmt mit den Hinweis auf 
mehrere an derselben Stelle bereits erfolgte Besprechungen dieser Theorie. 

NeuerscheinuDgen und Übersetzungen. Von Dr. A. A. Brill (New 
York) erschien kürzlich eine Sammlung psychoanalytischer Arbeiten unter dem 
Titel: ^Psychoanalysis; its Theory and practical Application" (325 Seiten), 
Philadelphia & London, W. B. Saunders Comp. 1912. 

Freuds ^Selected Papers onHysteria and otherPsychoneuroses", übersetzt 
von Dr. A. A. Brill, sind in zweiter, vermehrter Aufl., New York 1912, 
als 4. Heft der von Drs. Jelliffe und White herausgegebenen „Nervous 
and Mental Disease Monograph Series" erschienen. 

Dr. Karl Abrahams Studie „Traum und Mythus" (4. Heft der von 
Prof. Freud herausgeg. Schriften z. angew. Seelenkunde, 1909) ist soeben in 
der Übersetzung von Dr. W. A. White als 15. Heft derselben Serie (New York 
1913) erschienen. 

Im gleichen Verlage erschien soeben Dr. Eduard Hitschmanns zusammen- 
fassende Darstellung von „Freuds Neurosenlehre" in englischer Über- 
setzung von Dr. C. R. Payne. — In deutscher Sprache ist die 2. ergänzte 
Auflage in Vorbereitung (Verlag Deuticke, Leipzig und Wien 1913). 

Dr. Otto Rank: „Der Mythus von der Geburt des Helden*^ (Schriften 
zur angewandten Seelenkunde, Heft 5, 1909) beginnt im Januarheft (1913) des 
„Journal of Nervous and Mental Disease" (New York) in englischer Über- 
setzung von den Drs. F. Robbins und S. E. Jelliffe zu erscheinen. 

Nene psychoanalytische Literatur. Kurz nach Ablauf des Jahres ist 
die II. Hälfte des IV. Bandes (1912) vom ^Jahrbuch für psychoanalytische 
und psychopatholog. Forschungen" herausgegeben von Prof. Bleuler und 
Freud, redigiert v. Dozenten C. G. Jung (Verlag Franz Deuticke, Leipzig 
und Wien, Preis M. 4) mit folgendem Inhalt erschienen : 
Silber er: Zur Symbolbildung. 

Bleuler: Eine intellektuelle Komponente des Vaterkomplexes. 
Bleuler: Foreis Stellungnahme zu Psychoanalyse. 
Mae der: Über die Funktion des Traumes. 
Silberer: Zur Frage der Spermatozoenträume. 



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- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Varia. 199 

Rosenstein: Eine Kritik. 
Silberer: Eine prinzipielle Anregung. 

Wir kommen im Referatenteil auf einzelne Arbeiten ausführlich zurück. 

„Imago", I.Heft (Februar), II. Jahrg. (1913) enthält folgende Beiträge: 
Prof. Freud: Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden 

und der Neurotiker. III. Aniraismus, Magie und Allmacht der 

Gedanken. 
Dr. Lorenz: Das Titanenmotiv in der allgemeinen Mythologie. Darstellung 

und Analyse. 
Dr. Sachs: Carl Spitteler. 

Vom wahren Wesen der Kinderseele. 

I. Dr. V. Hug- Hellmuth: Über erste Kindheitserinnerungen. 
II. Dr. Th. Reik: „Von der Kinderseele". 
III. Dr. Emil Lorenz. Tolstoy „Kindheit." 
Bibliographie für das Jahr 1912. 
Büchereinlauf (1912). 

* * 

Ein Gegner der Psychoanalyse. 

Wir glauben eine Pflicht zu erfüllen, wenn wir das nachstehende von Prof. 
H c h e in Freiburg ausgehende Zirkular an dieser Stelle „niedriger hängen". 

„Freiburg i. B., den 1. Februar 1913. 

Sehr geehrter Herr College! 

Ich habe für die Jahresversammlung des Deutschen Vereins für 
Psychiatrie (im Mai in Breslau) zusammen mit Bleuler das Referat über 
den Wert der Psycho- Analyse übernommen. Es wäre mir u. A. von 
großer Wichtigkeit, über Art und Umfang der durch psycho-analytische 
Proceduren veranlaßten Schädigungen von Kranken ein sicheres Urteil zu 
gewinnen, und ich bitte Sie um die Freundlichkeit, wenn Sie über 
derartiges Tatsachenmaterial verfügen, mir davon in irgend einer Ihnen 
geeignet erscheinenden Weise Mitteilung zu machen. (Ich habe dabei 
weder genaue Zahlen noch eingehende Einzelkasuistik im Auge.) 

Die Verwertung durch mich würde ohne Namensnennung und in einer 
solchen Weise erfolgen, daß sie etwaigen Diskussionsbemerkungen Ihrer- 
seits in keiner Weise vorgrifife. 

Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie wenig angenehm derartige Um- 
fragen empfunden werden, sehe aber zu meinem Bedauern keinen anderen 
Weg zur Gewinnung gerade dieses wichtigen Materials. 

Mit dem Ausdruck meines verbindlichsten Dankes 

bin ich Ihr ganz ergebener 

H c h e." 

Wir werden darauf aufmerksam gemacht, daß die Priorität dieser neuen 
wissenschaftlichen Technik Prof. Raimann in Wien gebührt. 



r^no'^'-^ Original from 

- ^*^ UNIVERSITYOF MICHIGAN 



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