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Full text of "Jacob Boehme. Ein psychographischer Beitrag zur Psychologie der Mystik"

SCHRIFTEX ZUR ANGEWANDTEN SEELENKÜNDE 
HERAUSOEGEBEX VON Prof. Da STGM. FREUD 

SIEBZEHNTES HEFT 



JAKOB BOEHME 

EIN l'ATHOGRAPHISCHER BEITRAG 
ZUR PSYCHOLOGIE DER MYSTIK 



VON 



DR. MED. A. KIELHOLZ 

KÜNIUSFELDEN. 



LEIPZIG und WIEN 1919 

KRAUS REPRINT 

Nendeln/Liechtenstein 

1970 



C^ c\rsci\{^ Orfgfnaffrom 

:3y V.:iUUglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Rcprinted by pcrmission of 
SIGMUND \HL\JD COPYRIGHTS LIMITED, London 

KRAUS RLPRINT 

A Division of 

KKALS-IHOViSON ORGANIZATION LIMITED 

Nfndcln/ Liechtenstein 

1970 

Printed in Gcrmany 
I fssingdruckcrei Wiesbaden 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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INHALT. 



Seite 

Einleitung 1 

Der Lebensgang 6 

Der Prozeß 10 

Das Centrum naturae 15 

Die Jungfrau Sophia 43 

Lucifer . 46 

Adam 55 

Christus 65 

Die Natursprache 74 

Schluß 80 

Literatur 92 



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r^r\onlf* OrFgfnaffrom 

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Die schon vor dem Ausbruch des Weltkrieges von vielen 
Seiten festgestellte wachsende Neigung zum Mystizismus 
hat in den Kriegsjahren bedenklich zugenommen. Das kon- 
statiert u. a. Dessoir (Lit. 1) in seinem Buche »Vom Jenseits 
der Seele«, einer kritischen Betrachtung der Geheimwissen- 
schaften, in der er die sozialhygienische Arbeit für dieses 
geistige Gebiet als ebenso notwendig fordert wie Gesund- 
heitspflege für den Körper. 

Die nämliche Forderung hat schon Heinroth (Lit. 2) 
1830 aufgestellt: »Der Mystizismus gehört in das Gebiet des 
psychischen Arztes, der seine Wissenschaft in ihrem vollen 
Umfang zu würdigen weiß. Er ist eine Quelle mannigfacher 
Seelenstörungen und mannigfaltiger mit ihnen verknüpfter 
körperlicher Leiden, überall, wo er sich nach irgend einer 
Seite hin vollständig ausgebildet hat. Nicht wenige in der 
Geschichte berühmte Mystiker und sog. Enthusiasten zeigen 
die deutlichsten Spuren wirklich ausgebrochener Seelen- 
störungen.« 

Trotzdem sich Ideler (Lit. 3) vollauf der Schwierigkeit 
bewußt war, die Grenzen zwischen religiöser Leidenschaft 
und ihrer wahnwitzigen Entartung zu ziehen und in ganz 
modern anmutender Weise davor warnte, den Wahnsinn als 
isolierte Erscheinung aufzufassen und so alle seine Entwick- 
lungsfäden, welche sich als seine Wurzeln im ganzen Leben 
nach allen Richtungen hin ausbreiten, zu zerreißen, faßte er 
doch den Mystizismus gänzlich als eine Form des religiösen 
Wahnsinns auf. Das Gesamtstreben des Mystikers, behauptete 
er, arbeite unmittelbar auf einen Umsturz der inneren Seelen- 
verfassung hin, die naturgemäße Selbsttätigkeit werde zer- 
stört, gegen die Außenwelt eine feindselige Stellung einge- 
nommen. 

Die Psychiatrie der neueren Zeit ist in ihrer Beurteilung 
des Mystizismus weniger radikal. Pelman (Lit. 4) z. B. sub- 

Kielholz, Jakob Boehme. 1 



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JAKOB BOEHME. 




Jr 



sumiert ihn den psychischen Grenzzustanden und E* Meier 
(Lit. 6) hält es fm* sehr schwierigj im Gebiete religiöser Ideen 
frommen Glauben und Wahn zu unterscheiden. Die Verbin- 
dung mit anderen zweifellos geistigen Abweichungen, krank- 
hafte Selbstüberschätzung^ Unklarheit und Weitschweifigkeit 
müsse die Entscheidung geben, der Einfluß auf die Hand- 
lungen j die Loslösung von sozialen und ethischen Pflichten, 
die Vernachlässigung der Familie, der eigenen Existenz be- 
rücksichtigt und nachgewiesen werden* Mit Freud und 
Bleuler hält er es für möglich, daß durch die Krankheit 
in gesunden Tagen verdrängte Wünsche und Hoffnungen auf 
Hilfe überirdischer Mächte oder Furcht vor Strafe derselben 
freigemacht werden und abnorme Gefühlsbetonung und Aus- 
dehnung bekommen. Für charakteristisch betrachtet er die primi- 
tive, ein fache j ursprüngliche Form des pathologischen Wahns. 

Auch der Religionspsychologie sind die krankhaften 
Züge des Mystizismus nicht verborgen geblieben* Feuer- 
bach (Lit* 6) neniit diesen Deutroskopie: Der Mystiker spe- 
kuliert über das Wesen der Natur oder des Menschen, aber 
in und mit der Einbildung, daß er über ein anderes von 
beiden unterschiedenes, persönliches Wesen spekuliert. Der 
Mystiker hat dieselben Gegenstände wie der einfache, selbst- 
bewußte Denker; aber der w^irkliche Gegenstand ist dem 
Mystiker nicht Gegenstand als er selbst, sondern als ein ein- 
gebildeter, und daher der eingebildete Gegenstand ihm der 
%virkliche Gegenstand, So ist in der mystischen Lehre von 
den zwei Prinzipien in Gott, der wirkliche Gegenstand die 
Pathologie, der eingebildete die Theologie; d. h. die Patho- 
logie wird zur Theologie gemacht. 

Da aber Feuerbach als Atheist der Voreingenommen- 
heit gegenüber dem Mystizismus verdächtigt werden konnte, 
sei auf die Ausführungen des modernen Religionspsychologen 
William James (Lit, 7) hingewiesen, dessen Weltanschau- 
ung selber deutlich zu mystischer Religiosität neigt, der aber 
betont^ daß Traumzustände eine nicht unbedeutende Rolle 
spielen und vielfach an pathologische Erscheinungen ©rinnern, 
und daß mystische Zustände durch berauschende und betau-. 



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EINLEITUNG. 



bende Mittel , besonders den Alkohol, erzeugt werden können. 
Er erörtert auch, daß das mystische Bewußtsein sich in den 
verschiedenen Ländern und Bekenntnissen kaum unterscheidet. 

In größeren und kleineren Abhandlungen sind sowohl 
die Mystik im allgemeinen, als auch einzelne Mystiker von 
Schülern und Anhängern Freuds nach psychoanalytischen 
Grundsätzen untersucht worden, so von Silberer, Winter- 
stein, Pfister imd Hitschmann (Lit. 8 bis 12). 

In seiner Schrift : »Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig 
von Zinzendorf « hat Pfister die Analyse Joh. Gichteis, 
eines Verehrers Jakob Boehmes und Herausgebers von 
dessen Werken angeregt* Noch interessanter erschien uns 
aber schon früher eine entsprechende Untersuchung des 
Meisters selbst, der sich durch seine Schöpfungen einerseits 
einen bedeutenden Krefs von Anhängern in seiner engeren 
Heimat, in Holland, England und Frankreich und damit 
einen unbestrittenen Platz in der Kirchengeschichte erwarb — 
so nennt ihn Kurz (Lit. 13) den größten, tiefsten und geist- 
reichsten aller Theosophen, die je gelebt haben, und Hagen- 
bach (Lit. 14) bezeichnet ein zusammenhängendes Studium 
seiner Werke für kritische Kenner von höchstem Genuß und 
geistigem Gewinn. Anderseits gewann seine Mystik einen her- 
vorragenden Einfluß auf die Philosophie und Literatur be- 
sonders des romantischen Zeitalters. Friedrich Schlegel 
(Lit. 15) nennt ihn als einen der größten Vertreter der 
deutschen Kunst und Wissenschaft neben Kepler, Dürer, 
Luther, Lessing, Winkelmann und Goethe. Tieck (Lit. 15) 
flieht von der Wissenschaft des Tages zu Jakob Boehme, 
wo kein unversöhnlicher Gegensatz von Geist und Natur zu 
finden sei. Hegel (Lit. 16) erklärt zwar, es sei unmöglich, 
anhaltend in seinen Schriften zu lesen, und rügt seine Barbarei 
hinsichtlich Darstellung und Ausdruck, bewundert aber doch 
seinen gewaltigen Geist. Für Lichtenberg (Lit. 16) war 
er der größte deutsche Schriftsteller. Selbst in literarischen 
Werken der Gegenwart läßt sich die unmittelbare Wirkung 
des schlesischen Theosophen öfters feststellen, wie beispiels- 
weise bei Hermann Hesse und Hermann Kutter (Lit. 17, 18). 



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JAKOB BOEHHE. — KINLEITDNQ. 



r 



Boehm« erweckt zmiächBt das p^ehologische InteresBe 
durch das uBgewöhnliche Auftreten tou tiefsinuigen philo* 
aophiflchen Spekulationen bei einem ginsUch nbgebildeteii 
BaueruBohn und Handwerker. Dteee Spekulationen tauchen 
dpontfto auf und der Autor steht ihnen ganz fremd gegen- 
über wie Traumgebilden und weiß sie sich nicht anders als 
durch Inspiration von oben erzeugt zu deuten. Der Glaube 
an diese Inspiration hat ihm auch seine persönlichen An- 
hänger zugeführt 

Die von seinem graten Biographen, Abraham von Fran- 
kenberg^ verbreitete Aufstellung, daB er gänzlich ohne Bil- 
dung gewesen, wird durch spätere Forschungen allerdings 
korrigiert* 

Von den Darstellungen seines Lebenslaufes verdient die 
Preisschrift von Dr* H. A, Fechner (Llt. 19) am meisten 
Vertrauen, in der die bis dahin eraHchieneue Literatur gewis- 
senhaft zusammengestellt, wichtige neue Quellen erschlossen 
und das Ganze kritisch gesichtet wurde. Daß diesem Biogra- 
phen auch das Krankhafte an Boehmes Produktion nicht ver- 
borgen blieb« beweisen folgende Erörterungen: 

Die schon früh eingeschlagene schwärmerische Gefühls- 
richtuDg des gesamten Geistes hinderte Jakob Boehme, mit 
objektiv unbefangenem Blick seine eigenen Zustände zu be- 
trachten. Schwächlichkeit gab dem Spiel der Phantasie einen 
nur allzu groBen Raum, ihre Tätigkeit wurde so energisch 
und weit seh weifend^ dafi die OedankeUi vermischt mit glü- 
henden, anderen fieberhaft erscheinenden Bildern der Eiobil- 
dungskraftp ihn sogar in übermenschliche, verzückte Zustände 
enthoben, wo ihm alle seine sinnlichen Anhaltspunkte^ alles 
Irdische seiner Umgebung entschwand^ und wo er ohne Rück- 
halt sich jener übersinnlichen Sinnlichkeit, jener geistigen 
Erscheinungswelt hingab und sich in den Gegenstand seines 
Sinnens gana verlor. 

Fechners Arbeit soll uns neben den Schriften des Mysti- 
kers als Grundlage unserer Untersuchung dienen. 



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Der Lebensgang. 

Bei der kurzen Skizzierung seines Lebensganges soll 
das Gewicht hauptsächlich auf zweierlei Momente gelegt 
werden : einmal auf diejenigen, welche zum Verständnis 
seines Systems herangezogen werden müssen, und dann auf die, 
welche uns das Recht zu geben scheinen, in seinem Leben 
die Wirksamkeit eines krankhaften Prozesses anzunehmen. 

Der Großvater Jakob Boehmes, ein angesehener Mann, 
Gerichtsschöppe, hatte 7 Kinder. Seine Eltern waren wohl- 
habende Bauersleute. Der Vater, der ebenfalls als Gerichts- 
schöppe und Kirchenvogt amtierte, hing mystischen Lehren 
an. In seinem Hause war also wohl viel von religiösen An- 
gelegenheiten die Rede und wurde auf gottesfürchtigen Sinn 
gehalten. Jakob hatte 7 Geschwister. Als jüngster (vierter) 
Sohn 1575 in der Nähe von Görlitz geboren, wäre er der 
rechtsmäBige Erbe des väterlichen Gutes gewesen, wurde 
aber wegen seiner von Kindheit an bestehenden Schwächlich- 
keit und Kränklichkeit zum Schuhmacher bestimmt. Er be- 
suchte die Stadtschulen von Seidenberg, wo er einen ver- 
hältnismäßig guten Unterricht, im Sinne der Zeit vorwiegend 
theologischer Natur, genoB. Da er sich als Knabe von seinen 
Gefährten absonderte, wurde er von diesen verhöhnt und 
verspottet. Ein fleißiger Kirchenbesucher, zeigte er sich gegen 
andere mild, bescheiden und demütig. Sein Lehrmeister jagte 
ihn aus dem Hause, weil er einen solchen Hauspropheten 
nicht habe leiden können. Auf eine Vision, die er schon als 
Hirtenknabe erlebte, soll in der Folge ausführlicher einge- 
gangen werden. Auch als Lehrling begegnete ihm eine über- 
irdische Erscheinung: Als er im Schuhladen allein war, wollte 
ihm ein Mann ein Paar Schuhe abkaufen, worauf er nach 
langem Zögern erst, weil er dazu keine Befugnis hatte, ein- 



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JAKOB BOEHME. 



ging. Darauf entfernte sich der Fremde ein wenig und rief 
mit lauter Stimme: Jakob, komm heraus, nahm ihn bei der 
Hand, blickte ihm tief in die Augen und sprach in weis- 
sagendem Ton : Jakob, du bist klein, aber du wirst groß 
und gar ein anderer Mensch und Mann werden, daß sich die 
Welt über dir verwundern wird, darum sei fromm, fürchte 
Gott und ehre sein Wort, insonderheit lies gern in der hei- 
ligen Schrift, darin du Trost und Unterweisung hast, denn 
du wirst viel Not, Armut und Verfolgung erleiden müssen, 
denn du bist Gott lieb und er ist dir gnädig. 

Während der Wanderschaft beschäftigten ihn die da- 
maligen theologischen Streitigkeiten der Lutherischen und 
Kalvinisten stark, er las viel in der Bibel und in astro- 
logischen Schriften, betete inbrünstig und unaufhörlich und 
geriet in eine 7 Tage dauernde Ekstase, in der er sich wie 
von einem göttlichen Licht umfangen fühlte und in höchster 
göttlicher Beschaulichkeit und Freudenreich stand. 

Im Jahre 1599 verheiratete er sich mit einer Fleischers- 
tochter, ließ sich als Meister nieder und betrieb sein Gewerbe 
lange Zeit treu und fleißig. Er hatte sich binnen weniger 
Jahre so viel Vermögen erspart, daß er sich 1610 ein Haus 
kaufen konnte. Die Paten seiner 6 Kinder waren sämtlich 
bürgerlicher Herkunft, was beweist, daß er sich in den eng- 
bürgerlichen Schranken seiner Standesgenossen bewegte, so- 
lange er dem Handwerk treu blieb. In späterer Zeit werden 
diese dann mit keiner Silbe mehr erwähnt, sie zogen sich 
von ihm zurück, während Adelige und Gelehrte seine Freunde 
wurden. 

Boehme erlebte im Jahre 1600 und 1610 wiederum ek- 
statische Zustände, auf deren Natur und Bedeutung im wei- 
teren näher eingetreten werden soll. Sein erstes Buch Aurora, 
»Morgenröte im Aufgang«, das er 1612 verfaßte, schrieb er 
für sich als Memorial an die in diesen Ekstasen gewonnenen 
Erkenntnisse. Er nennt schon in der Vorrede sein Werk ein 
Wunder der Welt, stellt sich darin auf eine Stufe mit den 
Propheten und Aposteln, erklärt sich von Gott inspiriert und 
prophezeit das unmittelbar bevorstehende Weltgericht. Bevor 



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DER LEBENSOAXG. 



das Buch vollendet war, wurden davon durch einen adeligen 
Bekannten Abschriften gemacht und verbreitet. 

Unter den dadurch gewonnenen Anhängern und Gön- 
nern wird vor allein Baltha^^ar Walther genannt, ein Schüler 
von Parazelsus, der Reisen nach Sj^rien, Arabien und Ägj^pten 
unternahm, um die Quellen der Kabbalah und der Magie zu 
erforschen, um nachher die höchste verborgene Weisheit bei 
Boehme zu finden. 

Der Hausarzt Dr. Kober, mit dem Boehme botanische 
Studien trieb, und die Edelleute, mit denen er verkehrte, 
waren Alchymisten und den mystischen Lehren Schwenkfeld> 
ergeben. Sein Biograph Frankenberg hatte die alten Mj'stiker 
studiert und ward durch Wachen und Beten um die wahre 
Religion in den stillen Sabbath gezogen. 

Im folgenden Jahre (1613) verkaufte Boehme die Schuh- 
bank, die er sich zugleich mit seiner Meisterschaft erworben, 
da er wegen der Schriftstellerei das Gewerbe ganz liegen 
ließ, und lebte von Unterstützungen seiner neuen Freunde. 
Er geriet dabei oft in drückende Dürftigkeit, weil jene un- 
regelmäitig an ihn gelangten und nicht genügten, die Familie 
mit den ii Kindern I2; Jahre lang zu ernähren und dazu noch 
drei Abzahlungen für den Hauskauf zu bestreiten. Der Erlös 
der Schuhbank konnte auch nicht lange Zeit zu seinem Un- 
terhalte genügen. ^Ich weiß auch diesmal keinen anderen Rat, 
schreibt er im 4. Sendbrief, »den irdischen Leib mit Weib und 
Kind zu ernähren, will mich derowegen befleißen und das^ 
Himmlische vor Alles zu setzen, soviel mir möglich ist.< Er 
versandte seine Schriften, betrieb einige Jahre lang einen 
Handel mit wollenen Handschuhen, die er von den Bauern 
der Umgebung aufkaufte und jährlich einmal auf den Markt 
nach Prag brachte. So führte er ein Wanderleben und ver- 
nachlässigte sein Handwerk ganz. Seine Schriftstellerei tru»: 
ihm niciits ein, nur einmal wurde ihm Gehl für soino 
Manuskripte geboten (öl. Sendbrief). Für die mildtätigen 
Gaben seiner Gönner mußte er teilweise noch gehörig bezahlen 
<;J7. Sendbrif*f). 



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JAKOB BOEHME. 



Auf Anklage des Hauptpastors von Görlitz, Gregoriun 
Richter» der die Aurora von der Kanzel herab verdammte, 
wurde er vom Stadtrat verhört und mußte geloben, seiner 
Schriftstellerei zu entsagen. Fünf Jahre vermochte er sein 
Versprechen zu halten. »Aber wie ein Korn, das in die Erde 
gesät wird, hervorwächst in allem Sturm und Ungewitter, 
wider alle Vernunft, da im Winter alles wie tot ist, und die 
Vernunft spricht: Nun ist alles hin, also grünete das edle 
Senfkorn wieder hervor in allem Sturm unter Schmach und 
Spott, als eine Lilie und kam wieder mit hundertfältiger 
Frucht« (Sendbrief 10, 7). Auch seine Freunde ermunterten 
ihn und so verfaßte er von 1618 an in rascher Folge an 30 
größere und kleinere Schriften. 

Von diesen ließ ein Anhänger, von Schweinichen, im 
Jahre 1624 »das Büchlein vom ewigen Leben und von wahrer 
Buße« drucken. Richter wütete so heftig dagegen, »als hätte 
es ihm seinen Sohn gemordet und all sein Gut verbrannt« 
(Sendbrief 53, 5), und veranlaßte von neuem eine behördliche 
Verwarnung. Das Protokoll der betreffenden Sitzung des 
Stadtrates berichtet von Jochen Boehme, dem Schuster und 
verwirrten Enthusiasten und Phantasten, er habe öfters seine 
Raptus und Entzückungen gehabt, daß er sich in einen Win- 
kel gesetzt und Tag und Nacht geschrieben und große Bücher 
zu Haufe gebracht, er sei nicht allein in seinem Irrtum ge- 
steckt, sondern habe auch andere vom rechten Weg auf 
seinen Irrweg gebracht und sie darauf fortgeleitet. Man riet 
ihm. sich bei Seite zu machen, damit die Behörden mit ihm 
nicht etwa Unruhe hätten (Sendbrief 53). Seinem Haupt- 
gegner gegenüber benahm er öich vor und nach dem zweiten 
Zusammenstoß übertrieben demütig. Er ging als Bittsteller 
für einen Verwandten zu ihm, und als er von ihm geschmäht 
wurde, empfahl er sich mit sanftem Gruß : Gott behüt Euch^ 
Ehrwürden ! Als ihm darauf der Erzürnte den Pantoffel nach- 
warf, holte er diesen zurück und setzte ihn wieder unter 
seinen Fuß. Am folgenden Sonntag verdammte und verketzerte 
der Pastor in der Predigt den unmittelbar vor der Kanzel 
Sitzenden, verfluchte dessen Bücher und drohte der Stadt 



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DER LEBENSOANG. 



des Himmels Strafe an, wenn sie nicht Rache nehme. Boehme 
fragte ihn nach dem Gottesdienst persönlich, was er ihm zu- 
leide getan, er wolle gerne Buße tun, wenn er sich nur seiner 
Missetat erinnern könne. In der Antwort auf eine Schmäh- 
schrift, die Richter gegen Boehme erscheinen ließ und in der 
er ihm u. a. Trunkenheit vorwarf, schrieb dieser zu seiner 
Verteidigung: Lieber Herr Primarius, der Satan hat Euch 
verblendet und in Zorn geführet. Es ist ein Zeichen, daß 
Euch der Weg zu Christo, welcher zu Buße führet, anstinkt 
wie Kot.' Der Pastor veranlaßte eine erneute Einvernahme 
durch den Rat, worauf der Schuster aus der Stadt verbannt 
wurde. In einem Sendbrief (62) von Dresden aus, wohin er 
berufen ward, um einem Kollegium von Theologieprofessoren 
über seine Lehre Auskunft zu geben, behauptete er, daß so- 
gar ein Teil des Konsistoriums vermeint habe, das Pasquill 
des Primarius habe der leidige böse Geist diktiert. Aus den 
Urteilen der Theologen, die ihn dort prüften, geht jedenfalls 
so viel hervor, daß die Herren aus dem Schuster nicht recht 
klug wurden. So erklärte Prof. Meisner: Wer weiß, was 
wir nicht begriffen haben und nicht begreifen werden, ob's 
recht, schwarz oder weiß sei. Gott bekehre den Mann, so er 
irret, und erhalte uns bei seiner göttlichen Weisheit. Ich be- 
gehre nicht zu raten noch zu helfen, daß der Mann kon- 
demnieret oder suprimieret oder relegiert werde. Es ist ein 
Mann von wunderlich hohen Geistesgaben, die man jetzo 
weder verdammen n(»ch approbieren kann.< Während Frau 
und Sohne, die in Görlitz zurückgeblieben waren, vom fana- 
tisierten Pöbel fortwjihrend geschmäht und bedrängt wurden, 
vertröstete er sie durch Briefe an Dr. Kober, sie sollen stille 
sein und (ieduld haben, nicht in Zank sich einlassen, daß 
nicht Gottes Gabe gelästert werde (Sendbrief 63). Er selber 
folgte den Einladungen von Edelleuten nach Schlesien und 
hatte dabei Erlebnisse, die nicht auf unbedingte Bewunderung 
seines Auftretens schlieI5en lassen. Einmal wurde ein Knabe, 
der ihn durch einen Wald führen mußte, von einem Arzt 
bestochen, ihn in eine Pfütze zu werfen ; ein andermal über- 
häufte ihn der Schwager eines Gastfreundes mit schmählichen 



C^ nri n I r^ Orrgin a f f ro m 

:3yv_:-uiJgliw UNIVERSITYOF MICHIGAN 



10 JAKOB BOEHME. 




Spottreden, so daß der erbitterte Gast sein leichtfertiges Lel>en 
schalt und ihn vor des Himmels Strafe warnte. 

Nach einem Aufenthalt vou wenig llonaten ergriff ihn 
ein typhöses Fieber, so daß er nach Görlitz geschafft werden 
mußte, wo er der Krankheit in seinem 5U. Lebensjahr erlag. 
Er verlangte vor seinem Ableben das Abendmahl, das ihm 
vom Nachfolger Richters nach eingehender Prüfung seines 
Glaubens erteilt wurde, prophezeite darauf seinen Tod in 
drei Tagen, starb aber schon am folgenden Tag. In der 
Agonie hörte er Musik. 

Seine äußere Leibesgestalt beschreibt Frankenberg 
(Lit, 20) als verfallen und von schlechtem Ansehen, kleiner 
Statur, niedriger Stirn, erhobener Schläfe, etwas gekrümmter 
Nase, grau und fast himmelblau glitzernder Augen^ dünnen 
Bartes, klein lautender Stimme. 

Die Wandlung des fleißigen Meisters und Familienvaters 
in einen theosophisch-mystischen Schriftsteller, der Haus und 
Handwerk auffällig vernachlässigt, so daß er von seinen Mit- 
bürgern als verwirrter Enthusiast und Phantast beurteilt 
wird, der sich als von Gott inspirierter Prophet berufen 
fühlt, die verschiedenen Kirchen als Reformator zu einigen 
(vgl- Sendbrief vom 2. April 1624) und den nahen Welt- 
untergang zu verkünden, gibt wohl das Recht, bei Boehme 
einen patliologischen Prozeß zu vermuten* 



Der Prozeß, 

Im ersten im Drucke erschienenen Werke Jakob Boehmes 
*Weg zu Christo^ beschreibt der Autor, auf welchem Wege 
er selber das Perlein göttlicher Erkenntnis erlanget ; So ihr 
dies Büchlein werdet in die Praxis einführen, so werdet ihr 
seinen Nutzen bald erfahren, denn es ist aus einem ängst- 
lichen Zweig durch das Feuer erboren und ist eben mein 
eigener Prozeß gewesen (Senibrief 2.\ 3). Ebenso lie- 
tont er im erst<*n (11) und neunten Büchlein (TW) dieses 





pogle 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



DER PROZESS. 11 



Werkes, daßer seinen Prozeß schreibe, den er 
selber gegangen sei. In einer Reihe seiner Sendbriefe 
kommt er stets wieder darauf zurück, daß er in erster Linie, 
aus seinen persönlichen Erfahrungen schöpfe. 

Wir können nun an diesem Prozeß drei Phasen unter- 
scheiden: eine depressive, eine Übergangsphase und eine 
euphorische. 

Die erste Phase ist durch Selbstvorwürfe vorwiegend 
sexueller Natur, durch Todesängste, Traurigkeit und Furcht 
charakterisiert. 

Er macht sich Selbstvorwürfe: Das verderbte, ganz eitele 
irdische, sterbliche Fleisch und Blut voll böser Begierde und Neiglich- 
keit ist die aller schädlichste Kette, daran die arme Seele angebunden 
steht, Leib und Seele liegen im Sündenschlamm gefangen. Er ist ein 
stinkender Säuhirte, welcher seines Vaters Erbe mit des Vaters Mast- 
säuen in irdischer Wollust verpranget (3). In dem bösen Leben des 
wollüstigen Fleisches verscherzet er die ewige Seligkeit (5). Der 
Teufel kitzelt ihn mit Fleischeslust (22). 

• Er wird von Todesängsten gepeinigt: Der grimme Tod 
wartet seiner (4). Sein Herz bleibt ohne Trost, Der Teufel spottet 
der Seele: Was meinst du nicht, daß aus dir werden würde, so du 
also melancholisch und närrisch würdest? (VIII, 36). Oft fällt große 
Angst und Anfechtung auf sie, daß sie sich auch nicht eines Trostes 
mag erholen und vor Ängsten krank wird (39). Sie ist an (Jott ver- 
storben, wie ein Kohl an seiner Kraft und Saft und ist nur ein ängst- 
licher, dürrer Hunger, ihre Eigenschaften sind wie Hitze und Kälte, 
welche im Streite stehen und nimmer eins werden (46). Die aller- 
größte Reue über ihre begangenen Sünden kommt sie an (69). Sie 
steht in Ächzen und Weinen, wird in den Abgrund der Grausamkeit 
gezogen, es wird ihr, als käme sie von Sinnen und wäre nun ganz 
verlassen; als sollte sie sich dem Tode übergeben (70). Es geschieht 
der Natur des Fleisches ganz wehe und sie gerät in Unmacht gleich 
einer Krankheit, es ist aber keine natürliche Krankheit, sondern nur 
eine Melancholie der irdischen Natur des Leibes (77). 

Der Traurigkeit und Furcht hat Boehme das ganze IX. Büch- 
lein gewidmet, auch wieder ausdrücklich darauf hinweisend : Vor der 
Zeit meiner Erkenntnis war mir eben auch also, ich lag im harten 
Streit. Hernach sähe ich und freuete mich des, daß Gott so gnädig 
ist und schreibe andern zum Exempel. Alle Traurigkeit und Furcht, 
da sich der Mensch in sich selber entsetzet und fürchtet, ist von der 
Seele (1). Sie meinet immerdar, es sei der grimmige Zorn Gottes oder 
der Teufel, daß er komme und wolle sie holen. Sie denket, Gott habe 

3 5 



f^nonl^ Orrginaffnonn 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



12 JAKOB BOEHHE. 



■ 



Bie verstoBen^ er wolle ihrer nicht, es ist grofie^ bittere Angst und 
Furcht vor dem Teufel und Gottes Zorn in ihr. Sie denket immerdar, 
sie sei der größten Sünder eine^ die Giiadeutflr sei zu (67, ebenso 92). 
(Das ganze Buch von der Gnadenwahl verdankt offenbar dieser Furcht 
seinen Anstoß.) 

Die Übergangsphase kennzeichnet sich durch eine 
gänzUche Abwendung von der Außenwelt^ durch eine Ver- 
Benkung in die Tiefen der eigenen Persönlichkeit, die nicht 
ohne Kampf durchgeführt werden kann: 

Der Autor will nicht mehr in die alten Fußtapfen der Eitelkeit 
eintreten, und sollte ihn auch die ganze Welt darum für närrisch 
halten^ er auch^ Erb und Gut darum verlieren, dazu das zeitliche 
Leben (I, 28). Zuletzt wird der Seele die Welt mit aller ihrer Schöne 
ein EkeL Sie will keine Freude dieser Welt mehr pflegen fVIII, 46). 
Sie versenkt sich in die allerlauterlichste Barmherzigkeit Gottes (70). 

In seinen Sendbriefen schreibt er über diese Phase: Meine 
innerliche Übung ist mit fast strenger Begierde in das Sterben meines 
angeerbeten Menschen gegangen (Sendbr. 34, 7). Habe mich auch 
dermaleins also hart darin yerwogen^ ehe das irdische Leben zu ver- 
lassen, als von diesem Vorsatze und Streit auszugehen (8). Dazu dann 
eine wahre Gelassenheit und Verlassenheit der menschlichen Selbheit 
gehöret, daß sich der Mensch ganz in seinen inwendigen Grund 
wendet und in seiner Selbheit ganz zu nichte machet und durch ernste 
Buße mit inniglicher Begierde von diesem Weltwesen in Gott wendet 
und seines Vermögens und eigenen Willens im Tode Christi erstirbet 
und sich in Gottes Erbarmen versenket (Sendbr* 36, 4). 

In der dritten Phase treten abnorme visuelle Sensa- 
tionen auf, verbunden mit auBgesp rochen em Glucksgefühlp zu 
dessen Schilderung Boehme mit Vorliebe zu sexuellen Sym* 
holen greift, so daß er die ünio mystica fast immer unter 
dem Bilde einer Hochzeit darstellt. Die Sensationen erscheinen 
im Gegensatz zu den Empfindungen der ersten und zweiten 
Phase ganz unabhängig vom bewußten Willen und erwecken 
den Eindruck des Übernatürlichen, Unbeschreiblichen, der 
Betroffene fühlt sich inspiriert, es kommt zum deutlichen 
Größenw^ahn, 

Über die visuellen Sensationen schreibt er: 

Die edle Sophia küsset ihn mit den Strahlen ihrer <;üßen Liebe, 
davon das Herz Freude empfähet (I, 32). Da erscheinet der Seele das 
freundlichste Angesichte der Liebe Gottes und durchdringt sie, als 




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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



DER PB0ZE8& 13 



ein großes Licht, davon wird sie zitternd und freudenreich (VIII, 71>. 
Und aus demselben triumphierenden Licht ist mir gegeben worden, 
das was ich bishero etzliche Jahre geschrieben habe, dann ich erlangete 
darin soviel Oenade, mein eigen Buch, das ich selber bin (als das Bild 
Gottes) zu lesen und zu erkennen, darzu auch zu schauen das Zentrum 
aller Wesen (Sendbr. 34, 6). 

Das Qlücksgefühl kommt in folgender Symbolik zum 
Ausdruck : 

AUhie tritt die Jungfrau Sophia zur Seele und küsset sie mit 
ihrer süßesten Liebe in der Essenz, ganz innerlich und drücket ihr 
ihre Liebe zum Siegeszeichen in ihre Begierde ein (I, 38). Aber die 
edle Sophia nahet sich der Seelen-Essenz und küsset sie freundlich 
und tingiert mit ihren Liebesstrahlen das finstere Feuer der Seelen 
und durchscheinet die Seele mit ihrem Liebeskusse: So springet die 
Seele in ihrem Leibe vor großen Freuden in Kraft der jungfräulichen 
Liebe auf, triumphieret und lobet den großen Gott kraft der edeln 
Sophia. Dessen ich allhie eine kurze Andeutung stellen will, wie es 
zugehe, wenn die Braut den Bräutigam herzet (46). Sophia spricht 
zur Seele : O edler Bräutigam, bleib doch mit deinem Angesichte vor 
mir stehen und gib mir deine Feuerstrahlen, führe deine Begierde in 
mich und zünde mich an, so will ich dir aus meiner Sanftmut meine 
Liebesstrahlen in deine Feueressenz einführen und will dich ewig 
küssen. O mein Bräutigam, wie ist mir so wohl in deiner Ehe, küsse 
mich doch mit deiner Begierde, in deiner Stärke und Macht, so will 
ich dir alle meine Schöne zeigen und dich mit meiner süßen Liebe 
und hellen Lichte in deinem Feuersleben erfreuen. Nun mein lieber 
Buhle, bleib doch in meiner Treue und wende dein Angesicht nicht 
mehr von mir, würke du in meiner Liebe deine Wunder, dazu dicli 
Gott erwecket hat (47). Und allda schmeckte die Seele Gottes Süßig- 
keit und seine verheißene Wahrheit und mußten zu Hand alle bösen 
Geister, welche sie hatten zu vorhin geplaget, von ihr weichen und 
ward die Hochzeit des Lammes gehalten und die Vermählung der 
edeln Sophia mit der Seelen und ward ihr der Siegelring des Sieges 
Christi in ihre Essenz eingedruckt und sie wieder zum Kinde und 
Erben Gottes angenommen (VIII, 72). 

Die Unabhängigkeit vom Wollen beschreibt er 
folgendermaßen : 

Als mir mein edles Kränzlein ward, da lernte ich erst erkennen, 
wie Gott nicht im äußern fleischlichen Herzen wohne, sondern in der 
Seelen Centro, in sich selber, da ward ich dessen erst inne, daß mich 
Gk)tt also in der Begierde hatte gezogen, und ich verstunds zuvor 
nicht, ich dachte, die Begierde wäre mein Eigentum, Gott wäre ferne 



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14 JAKOB BOEHME. 



von mir (IX, 79). Die Seele, sagt Sophia, soll in der Gelassenheit 
bleiben stehn und hören, was der Herr in der Harmoney in ihr 
spielet (I, 49). Wenn sich der Mensch in Gottes Erbarmen versenket, 
so mag er vom heiligen Geiste in sich selber in dem inwendigen 
Grunde ergriffen werden, daß derselbe durch ihn siebet, will und tut, 
was Gott gefället, welcher alleine das Forschen in göttlicher Erkenntnis 
ist (Sendbr. 34, 4). 

Seine Schriftstellerei macht ihm selbst den Eindruck 
des Übernatürlichen und Unbegreiflichen: 

Davon ich nicht schreiben kann, es ist keine Feder in dieser 
Welt dazu, dann es ist die Hochzeit des Lamms, da das edle Perlein 
gesät wird (I, 38). Aber keine eigene Vernunft erlanget es, Gott ver- 
sperret es zwar niemandem, aber es muß in Gottesfurcht mit stetem 
Anhalten und Beten gefunden werden. Denn es ist das größte Kleinod 
in dieser Welt, wer das findet, der kommt aus Babel (IX, 95>, Und 
ob ich wohl könnte etwas zierlicher und verständiger schreiben, so 
ist dies die Ursache, daß das brennende Feuer öfters zu geschwinde 
treibet, dem muß die Hand und die Feder nacheilen, denn es gehet 
als ein Platzregen, was es trifft, das trifft es, wäre es möglich alles 
zu ergreifen und zu schreiben, so würde es wohl dreimal mehr und 
tiefer ergründet, aber es kann nicht sein, und darum werden mehr 
als ein Buch gemacht, mehr als eine Philosophie und immer tiefer, 
als daß dasjenige, was in einer nicht hat mögen ergriffen werden, in 
der andern gefunden werde (Sendbn 8, 45). 

Er glaubt sich daher von Gott ins'piriert: 

Dasselbige Gewächs (seine Schriften) steht in Gottes Macht, 
darum erkenne ich's auch nicht für ein Werk meiner Vernunft, sondern 
für eine Offenbarung Gottes (Sendbr. 8, 6). Dann ich bin nicht von 
der Schule dieser Welt geboren worden und bin ein einfältiger Mann, 
aber in göttliche Erkenntnis in hohe natürliche Forschung ohne meinen 
Vorsatz und Begehren durch Gottes Geist und Willen eingeführt 
worden (Sendbr. 35, 8). 

Zur Charakterisierung des Größenwahns genügen 
wohl folgende Stellen : 

Ihr wisset wohl, was euch Daniel und Ezechiel, sowohl David 
in seinen Weissagungen melden, sonderlich die Offenbarung Jesu 
Christi, da habt ihr alles innen liegen, was geschehen soll, sie haben 
auch magisch geredet von künftigen Dingen. Aber in unsern Schriften 
habt ihr's heller (40 Fragen 38, 8). Aber wie es dem Teufel mit Christo 
ging, so ging es ihm auch mit meinen Schriften (Sendbr- 34, 13). 



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DAS CENTRÜM NATURAE. 15 

DieBen drei Phasen seines Prozesses entsprechend hat 
nun Boehme mit kühner Projektion auf die ganze Schöpfung 
jene Dreiteilung durchgeführt, die in den von ihm selbst 
hoch geschätzten Schriften *Von den drei Prinzipien gött- 
lichen Wesens« und »Vom dreifachen Leben des Menschen« 
im Vordergrund steht. 

Es geht natürlich nicht an, die drei Phasen auf be- 
stimmte Lebensabschnitte unseres Sehers festlegen zu wollen. 
Es bestehen einerseits fließende Übergänge zwischen ihnen, 
anderseits können sie gleichzeitig nebeneinander existieren 
und sich unvermittelt ablösen. Wir wissen aus seiner Bio- 
graphie, daß er in früher Jugend schon ekstatische Zustände 
erlebte, die der dritten Phase entsprechen. Im allgemeinen 
aber bildet das Hochgefühl und das Bewußtsein, von der 
Gottheit inspiriert und mit ihr in Verbindung zu sein, das 
Kennzeichen seiner späteren Jahre, in denen ihn auch der 
Erfolg seiner Schriften bei Anhängern und Gegnern immer 
mehr in der Überzeugung von seiner Sendung bestärkte. 
Welche Momente den Jüngling und jungen Meister zu vor- 
wiegend unlustbetonten Vorstellungen und Gedankengängen 
bewegten, werden wir später ausführen. 



Das Centrum naturae. 
I. . 

Im Jahre 1622 hat Boehme »Das neunte Trostbüchlein von 
den vier Komplexionen« geschrieben; »das ist: Unterweisung 
in der Zeit der Anfechtung für ein stets trauriges, ange- 
fochtenes Herz. Wovon Traurigkeit natürlich urstände und 
komme, wie die Anfechtung geschehe. vt Er führt darin aus: 

»Eine Seele in der melancholischen Kammer soll durchaus nicht 
in Gottes Zorn spekulieren, noch gerne allein sein, sondern bei Leuten, 
die da reden (91). 

Ist ein solcher Mensch aber mit tiefem Sinn von Gott begäbet, 
da die Seele denn nicht nachläßt mit Forschen, so leget er sich in 
Gottesfurcht mit stetem Gebet aufs Zentrum der Natur, daß er 
das erforschet, so stellet sich die Seele in eine Ruhe: Denn sie siehet 

3 5 • 



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16 JAKOB BOEHHE. 



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ihren Gmnd^ and verachwindet alle Furcht und Traurigkeit von 
ihr (94). Davon weiB ich zu sagen, was für ein Licht und Bestätigung 
seif wer das Centrum naturae erfindet Denn es ist das größte Kleinod 
dieser Welt, wer das findet, kommt aus Babel (95),* 

In dem Centrum naturae sieht er die sieben Quellgeister 
oder Saftgeister oder Naturgeister qualifizieren, von denen 
er in der Aurora schreibt: 

»Frage: Sprichst du nun, wo sind denn die holdseligen Geiater 
anzutreffen? Wohnen sie nun im Himmel, in sich selber? 

Antwort : Das ist die offene Pforte der Gottheit, du magst aUMer 
deine Augen weit auftun und den Geist in deinem halbtoten Hencen 
erwecken, denn es ist kein Dunkel, Gedicht oder Phantasie. 

Merke : Die sieben Creister begreifen in ihrem Bezirk oder Raum 
den Himmel und diese Welt, und die Weite und" Tiefe außer und über 
den Himmeln^ über der Welt und unter der Welt und in der Welt, ja 
den ganzen Vater, der weder Anfang noch Ende hat, Sie begreifen 
auch eile Kreaturen im Himmel und in dieser Welt, und alle Kreaturen 
im Himmel und in dieser Welt sind aus diesen Geistern gebildet und 
leben darinnen als in ihrem Eigentum* Und ihr Leben und ihre 
Vernunft wird auf eine solche Weise in ihnen geboren wie das gött- 
liche Wesen^ geboren wird, und auch in derselben Kraft Aus dem- 
selben Körper der sieben Geister Gottes sind alle Dinge gemacht und 
kommen her alle Engel, alle Teufel^ der Himmel, die Erde, die Sterne, 
die Elemente, die Hensehen, die Tiere, die Vögel^ die Fische, alle 
Würmer, das Holz und die Bäume, dazu Steine, Kraut und Gras und 
alles, was da ist (9, 88—39),« 

Die Erklärung der sieben Quellgeister hat den Kommen- 
tatoren imseres Theosophen viel Kopfzerbrechen verursacht. 
LasBon (Lit. 28), um nur die modernsten von ihnen zu 
zitieren p in seiner Rede zur Boehmefeier in Berlin 1897 sagtp 
die Ideenlehre von den sieben Quellgeistern habe für den 
Forscher nur historisches Interesse als kindlicher Versuch^ 
eine Aufgabe späterer Zeit und höherer Bildung und Erfahrung 
vorwegzunehmen. Wyneken (Lit, 29) vergleicht die sieben 
Quellgeister mit den Attributen Spinozas und will sie nicht 
mit den Ideen verwechselt haben. Petersen (Lit. 30) läOt 
sie, um mythische Unklarheiten zu vermeiden, gänzlich un- 
berücksichtigt, trotzdem er darauf hinweist, daß Baader, der 
hervorragendste Interpret Boehmes, sie für den Schlüssel 
des Verständnisses gehalten. Bastian (Lit. 31) endlich 



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DAS CENTBDM NATDKAE. 17 

glaubt durch Summierung der göttlichen Dreiheit mit den 
vier Elementen, die Boehme von Paracelsus übernommen haben 
soll, das bisher nicht erklärte Rätsel gelöst zu haben! 

In der Signatura rerum finden wir eine kurze prägnante 
Darstellung. Es heißt da : 

»Wir empfinden vornehmlich sieben Eigenschaften in der Natur^ 
damit diese einige Mutter alles wirkt ; das sind diese : Als erstlich die 
Begierde% die ist herbe, kalt, hart, finster. Zum andern bitter, 
das ist der Stachel des herben, harten Insichziehens, der ist die 
Ursache aller Beweglichkeit und Lebens. Zum dritten Angst, wegen 
des Wütens in der Impression, da die eingepressete Härtigkeit wegen 
des Stachels in ein zerbrochen Angst und Wehetun kommt. Zum vierten 
Feuer, da sich der ewige Wille, in dieser Angstbegierde in einen 
ängstlichen schielenden Blitz einführet, als in Starke und Verzehrlichkeit 
der Finsternis, mit welchem die Härtigkeit wieder verzehret und in 
einen körperlichen webenden Geist eingeführet wird. Zum fünften 
des freien Willens Ausgehung aus der Finsternis und aus 
dem Feuer und in sich selber Wohnen: Allda der freie Wille den 
Glanz an sich genommen hat, daß er leuchtet und scheinet als ein 
Licht aus dem Feuer; und die gewaltige Begierde des freien Willens, 
welche er im Feuer geschärfet hat, indem er im Feuer des Wesens 
der Finsternis der ersten Gestalt ist abgestorben und verzehret ist, 
so zeucht er ihm jetzt in des Lichtes Begierde das Wesen aus dem 
Feuersterben, nach seinem Hunger in sich, das ist nun Wasser, und 
im Glanz ist es Tinktur von Feuer und Licht, als eine Liebebegierde 
oder eine Schönheit der Farben: Und allhie urstanden die Farben. 
Zum sechsten die Stimme und Klang, welche in der ersten Gestalt 
nur ein Pochen oder Getön von der Härte ist, und im Feuer demselben 
erstorben ist, und aber in der fünften Gestalt in der Liebebegierde 
wieder aus dem Sterben des Feuers im Lichtesglanz in der Tinktur 
wieder in lieblicher Eigenschaft als ein Hall eingefasst wird, darinnen 
die fünf Sensus, als Hören, Sehen, Fühlen, Riechen und Schmecken 
in der Tinktur vom Feuer entstehen. Zum siebenten dasMenstruum 
oder der Same aller dieser Gestalten, welche die Begierde in ein 
greiflich Wesen oder Corpus impresset, darinnen alles lieget Was 
die sechs Gestalten geistlich sind, das ist die siebente im Wesen. 

Das sind also die sieben Gestalten der Mutter aller Wesen, 
daraus alles erboren wird, was in dieser Welt ist. Und über dieses 
hat der Höchste solche Eigenschaften, wie diese Mutter in ihren rin- 
genden Gestalten ist (verstehet, wie sie sich mit dem Ringen in Gestalten 
einführet) in ein Rad, nach dieser Mutter eingeführt und geschaffen. 



* von Boehme gesperrt. 
Kiel holz, Jakob Boelime. 



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18 JAKOB 60EHM&. 



das ist gleich wie ein Gemüt der Mutter, daraus sie immer schöpfet 
und wirket (14, 10— 11).€ 

In dieser Schilderung fällt uns nun vor allem eine weit- 
gehende Analogie mit den oben dargestellten Phasen seines 
Prozesses auf. Die herbe, harte, finstere Begierde, der bittere 
Stachel, die Angst und das Wehetun entsprechen der depres- 
siven, das Feuer, da sich der Wille in dieser Angstbegierde 
einführet, charakterisiert die Übergangsphase und des freien 
Willens Ausgehung, die zum Licht, zur Schönheit der Farben, 
zu der Liebesbegierde, zu Stimme und Klang und zur Wesens- 
haftigkeit führt, die die ganze Welt umfaßt, schildert die 
dritte, euphorische Phase mit ihren visionären und wahnhaften 
Elementen. 

DasCentrum naturae mit seinen siebenQuell- 
geistern bedeutet in ersterLinie eine Zusammen- 
fassung seines Prozesses, und der fast stereotyp 
wiederkehrende Nachweis desselben durch alle 
seine Werke und in allen Erscheinungen des 
Kosmos eine großartige Projektion seiner psy- 
chischen Erlebnisse in die Schöpfung. 

Kobacs und Winterstein (Lit. 32, 9), jener in An- 
lehnung an Ferenczi, der den Begriff der Projektion geschaffen^ 
haben auf diesen Mechanismus und sein ' Vorkommen beim 
Dichter, beim Mystiker und beim Paranoiker hingewiesen. 

Freud (Lit. 39) nimmt in seiner Analyse des Paranoiden 
Schreber an, daß der Kranke im Beginn seiner Psychose den 
Personen seiner Umgebung und der Außenwelt die Libido- 
besetzung entzogen habe; dadurch sei alles für ihn gleich- 
gültig und beziehungslos geworden. Das würde der ersten 
Phase von Boehmes Prozeß entsprechen, wie der Verdrängungs- 
kampf der zweiten und die Wahnbildung, die bei Schreber 
und unserem Mystiker auffallende Ähnlichkeiten zeigt, der 
dritten Phase. 

IL 
Schon bei der erston Darstellung des Prozesses ist die 
Vorliebe des Theosophen für sexuelle Symbole zur Schilderung 



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DAS CENTRUM NATDBAE. 19 

gewisser Gefühle während der Ekstase erwähnt worden. Hier 
bei der Beschreibung der. sieben Quellgeister drängen sich 
Bilder und Oleichnisse erotischer Natur überall mehr oder 
weniger deutlich hervor. Wir beschränken uns auf eine kleine 
Blütenlese : 

So verstehen wir nun in dem großen Wunder aller 
Wunder (welches ist Gott und die Ewigkeit in der Natur) sonderlich 
sieben Mfltter, daraus das Wesen aller Wesen urstandet^ sind 
doch alle sieben nur ein einig Wesen und ist keine die erste 
oder die letzte, sie sind alle sieben gleich ewig ohne Anfang. Ihr Anfang 
ist die Eröffnung der Wunder des einigen, ewigen Willens, der Gott 
der Vater heißet, und die sieben Mütter mochten nicht offenbar sein, 
so der einige, ewige ^VlUe, der Vater heißet, nicht begehrend 
wäre (Mensch werd., II. T., 4, 4). 

So denn nun der Wille begehrende ist, so ist er einziehende 
dessen, das in der Imagination ist, und da aber nichts ist, so zeucht 
er sich selber und schwängert sich in der Imagination (6). 

So ist nun jedes Begehren herbe, das ist die erste Mutter und des 
Willens Einziehen ins Begehren ist die andere Mutter, denn es sind zwo Ge- 
stalten, wo einander widerwärtig seind, denn der Wille ist stille als 
ein Nichts und ist herbe als ein stiller Tod und das Einziehen ist 
seine Rügung, das mag der stille Wille in der Herbigkeit nicht leiden 
und zeucht viel heftiger in sich und schärft seinen eigenen Willen 
doch nur im Ziehen und will dks Einziehen mit seinen strengen Ein- 
ziehen einschließen und halten und erweckt es nur auf solche Art Je 
härter sich die Herbigkeit zusammenraffet, den Stachel 
zu halten, je großer wird nur der Stachel, das Wüten 
und Brechen, denn der Stachel will sich nicht lassen bändigen, 
wird doch von seiner Mutter also streng gehalten, daß 
er nicht weichen mag, er will über sich und seine Mutter 
unter sich, denn'Herbe zeucht in sich und machet sich 
schwer und ist ein Sinken unter sich, denn es machet im Sulphur 
das phur und im Merkurio das Sul und der Stachel machet im 
phur die bittere Gestalt, als das Wehe, eine Feindschaft in der 
Herbigkeit und will immer aus der Herbigkeit ausreißen 
und kann doch auch nicht. Also steiget eins über sich und das 
andere unter sich, und so es dann auch nicht kann, so wird es drehend 
als ein Rad und drehet sich immer in sich hinein (6). 

Und ist doch auch der rechte Ursprung des empfind- 
lichen Lebens, denn also findet sich das Leben, nämlich in der 
Angstqual, wie dies an allen Kreaturen zu sehen, daß das Leben 
in dem erstickten Blute, in der Äugst seinen Ursprung 
nimmt, als in einem stinkenden Mist in der Fäule, da im Sterben 

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aO JAKOB BOEHME. 



des Korns das gröfite Leben entspringt, und doch in der Essenz kein 
Sterben verstanden wird, sondern eine Angstqual, da die Mutter 
muß zerspringen, welches eine stumme Wesenheit ist, wie am 
Korn zu ersinnen, da das essenzialische Leben aus dem Zerbrechen 
ausgrünet (7). ^ 

So sinnen wir jetzt dem Begehren nach und befinden, daB es 
ein strenges Anziehen sei, gleich als ein ewig Erheben und Be- 
wegen, denn es zeucht sich selber in sich und schwängert sich, daß 
also aus der dfinnen Freiheit, da nichts ist, eine Finsternis wird, 
denn der begehrende Wille wird vom Einziehen dick und voll, 
da es doch nichts ist, als Finsternis. (Von 6 Punkten, 1, 38L) 

Jetzt will der erste Wille von der Finsternis frei sein, denn er 
begehret Licht, mag^s doch also nicht erreichen, denn je größer das 
Begehren nach der Freiheit ist, je großer wird das Anziehn 
und der Stachel der Essenzien, welche im Ziehen oder Begehren 
urstanden (39). • 

Also zeucht der Wille je mehr in sich und wird seine 
Schwängerung je großer und kann doch die Finsternis nicht 
das Zentrum des Wortes oder Herzens der Dreizahl ergreifen, 
denn dasselbe Zentrum ist ein Grad tiefer in sich und ist 
doch ein Band (40). 

Aber der erste Wille, darinnen die Schwängerung der 
Natur urständet, ist noch tiefer als das Zentrum des 
Wortes, denn er urständet aus dem ewigen Ungrunde oder Nichts 
und ist also des Herzens Zentrum in der Mitte geschlossen, da 
der erste Wille des Vaters zur Feuersgeburt arbeitet (41). 

So ist uns nun zu erkennen, daß in dem strengen Anziehn eine 
ganze strenge Substanz und Wesen werde, da dann die Wesenheit 
von Ewigkeit urständet, denn das Ziehen gibt Stachel und das 
Angezogene gibt Härtigkeit, Materiam aus dem Nichts, eine 
Substanz und Wesenheit. Jetzt wohnet der Stachel des Ziehens in 
derselben Wesenheit, sticht und bricht und das alles vom 
begehrenden Willen, welcher zeucht (42). 

Also sind uns allhie zwei Gestalten der Natur zu erkennen, als 
Herbe, das ist das Begehren und den Stachel, der machet in 
dem Begehren ein Brechen u nd Stechern, davon die Fühlung 
urständet, das ist Bitter, ist die andere Gestalt der Natur, eine 
Ursach und Urständ der Essenzien in der Natur (43). 

Also begehret der erste Wille, welcher Vater heißet 
und selber die Freiheit ist, der Natur, und die Natur begehret mit 
proBom Sehnon «lor Freiheit, daß sie niojre der Angstqual erledigt 
\v«M'<lt'n iin^i -i ' »lapfah^i «ler Freiheit in ihrem scharfen Grimm, 
in dio Ini:i^^iniiii'»n, davon erschrickt sie als ein Blitz, denn es 



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DAS CENTRÜM NATÜRAE. 21 

ist ein Schrack der Freuden, daß sie der Angstqual erledigt 
wird (64). 

Und im Schrack entstehen zwei Wesen, als ein tödliches 
und lebendiges (56). 

Allhie wird der heilige Geist geoffenbart und gehet also vom 
Vater aus dem Schracke der Freudenreich im Qual der Liebe aus 
in die Wesenheit der Sanftmut (69). 

Denn die Sanftmut i^t nun auch begehrend worden 
von des Feuers Eigenschaft und das Begehren zeucht die Sanftmut 
der Freudenreich in sich. Das ist nun das Wasser des ewigen 
Lebens, welches das Feuer trinket und gibt daraus das 
Licht der Majestät (60). 

Und in dem Lichte wohnet nun der Wille des Vaters und des 
Sohnes und der heilige Geist ist das Leben darin, der eröffnet nun 
die Kraft der sanften Wesenheit im Lichte, das sind Farben, 
Wunder und Tugenden (61). 

Und dasselbe heißet die jungfräuliche Weisheit, denn sie 
ist keine Gebärer in, eröffnet auch selber nichts, allein der heilige 
Geist ist ihr Eröffner ihrer Wunder (62). 

Die sfiße Qualität hat die Hitze trefflich sehr lieb, daß 
sich das mit nichts vergleichen kann. Nimm dir ein Gleichnis, 
welches doch wohl viel zu gering ist, an zwei jungen Menschen 
edler Komplexion; wenn dieselben an einander sich er- 
hitzen in Liebesbrunst, so ist's ein solchesFeuer. Könnten 
sie sich in einen Leib verwandeln, sie täten dies; aber diese 
irdische Liebe ist nur kaltes Wasser und nicht rechtes Feuer (Aur., 9, 26). 

Du mußt aber allhie wissen, daß die Gottheit nicht stille steht, 
sondern ohne Unterlaß wirket und aufsteiget, als ein liebliches Ringen, 
Bewegen oder Kämpfen, gleich wie zwei Kreaturen, die in 
großer Liebe miteinander spielen und sich miteinander 
halsen oder würgen, bald liegt eins oben, bald das andere, 
und so eins überwunden hat, so gibt'snach undlässetdas 
andere wieder auf die Füße (11, 64). 

Die Angst macht den Schwefelgeist und der Stacliel 
macht den Merkurium. Es ist der Natur Leben, und die herbe 
Begierde macht den scharfen Salzgeist. Diese drei Eigen- 
schaften Impressen sich in die freie Lust, daß sie auch eine 
materialische Wesenheit gibt, das ist ein öl. 

Die vierte Gestalt der Natur ist des Feuers Anzündung, da 
erst das fühlende und verständige Leben aufgehet. 

Des ewigen Geist- und Naturfeuers Urständ geschieht 
durch eine ewige Konjunktion oder Zusammenfügung, keines 
sonderlich, sondern beides zugleich, als das göttliche Feuer, welches 
ein Liebebrennen ist. 



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22 JAKOB BOEHME. 



Der scharfe Wille ist jetzt mächtig begehrend der freien 
Lust und die Lust ist begehrend des strengen Willens und 
indem sie in einander gehen und einander fühlen, so ge- 
schiebet ein großer Schrack, als ein Blitz auf Art, wie sich 
am Firmament das Feuer oder Blitz anzündet. 

Und in diesem Schrack geschieht des Feuers An- 
Zündung (Myst magn., 3, 13—26). 

Denn also wird die freie Lust erhebende und in ein 
ringendes Liebespiel eingeführet und also wird sie quäl- 
lend und würkende (4, 6). 

Die fünfte Gestalt oder Eigenschaft ist die Liebebegierde. Darum 
ist auch dieselbe Lust noch in Allen und begehren allesammt wieder 
in dieselbe freie Lust, als in das Eine einzugehen: Allda sie dann 
einander empfahen in ihrer heiligen Konjunktion, wenn 
eine die ander schmeckt, riecht, fühlt, höret und in der 
Essenz siebet, darinnen denn die wahre göttliche Freuden- 
reich stehet, sowohl das wachsende Leben dieser Welt. 

Nun wäre auch kein Klang ohne Fassung, darum gehören alle 
Gestalten zum Schalle 1. die Begierde macht hart, 2. der Stachel 
bewegt, 3. die Angst fasset's in Essenz zum Unterscheid, 4. das 
Feuer verwandelt die Grobheit des gefasseten Wesens in seinem Ver- 
zehren in einen Geist oder Klang, 5. welchen die Liebesbegierde 
in ihrer Weiche und Sanftmut wieder fasset und zu einem 
Hall nach den Kräften formieret, 6. und das Gefaßte oder Ge- 
formierte ist der Lebensschall oder Verstand aller Unter- 
schiedlichkeit (5, 1—17). 

Vom Wesen der Leiblichkeit, die siebente Gestalt der Natur. 
Wenn wir aber wollen von himmlischer oder göttlicher Wesenheit 
reden, darinnen sich die göttlichen Kräfte wieder in eine Formierung, 
in einen äußern Grad einführen, so müssen wir sagen, daß sich die 
Kräfte des geformten und geoffenbarten Wortes in ihrer Liebe- 
begierde wieder in ein äußerliches Wes en einführen, nach aller 
Kräften Eigenschaft, darinneasie ihrLiebesspiel, als ineinem 
Gehäuse verbringen können, daß sie etwas haben, damit und 
darinnen sie mit ihrem ringenden Liebesspiel mit sich 
spielen (6, 3). 

Bringen wir nun in dieser Blütenlese die von uns ge- 
sperrten Stellen in Verbindung, so bedarf es wohl keiner 
besonderen Deutungskunst, wenn wir im Zusammenhang mit 
dem Vater und dessen Begehren und den sieben Müttern, 
die doch alle sieben nur ein einig Wesen sind, und der 
Schwängerung den darauf erwähnten Stachel, welcher größer 



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DAS CENTRÜM NATÜRAE, 23 

wird, wütet und bricht, von seiner Mutter also streng ge- 
halten wird, daß er nicht weichen mag, welcher das Wehe 
macht, als den erigierten Phallus auffassen. Dann verstehen 
wir auch das Erheben und Bewegen, das Dick- und Vollwerden 
durch den begehrenden Willen ; wir verstehen^ daß der Stachel 
je größer wird, je größer das Begehren ist. Das Zentrum, 
das einen Grad tiefer ist als das Zentrum des Wortes, d. h. 
als der Mund, das in der Mitte geschlossen ist und darinnen 
der Wille des Vaters zur Peuersgeburt arbeitet, ist unzweifel- 
haft der mütterliche Schoß. Das Feuer stammt von der Liebes- 
brunst. Der große Schrack, als ein Blitz, welcher geschieht, 
wenn Lust und Begehren ineinander gehen und einander 
fühlen, darf wohl als Pollution im sexuellen Orgasmus 
gedeutet werden. Das Quallen und Würken ist in erster 
Linie als Funktion der aktiven Phallus zu verstehen, und 
daher sind wohl die Quellgeister, die Vorliebe Boehmes für 
die Ausdrücke Qual und Qualifizieren abzuleiten. An anderer 
Stelle spricht er auch von Saftgeistern (Aur., 10, 45). Vom 
ringenden Liebesspiel leitet sich das häufige Bild ab, daß 
bald eines oben liegt, bald das andere, daß das eine über 
sich steigt und das andere unter sich, daß das eine fliehen 
will, das andere halten, daß das eine in sich will und das 
andere aus sich, und so es nicht voneinander weichen und 
sich trennen kann, ineinander wird gleich einem drehenden 
Rad, das Bild vom Naturrad. Die Angstqual findet ihre 
Deutung als die Angst des Weibes vor dem Wüten und Brechen 
des Stachels, dann aber als die Geburtsangst. In diesem Zu- 
sammenhang liefert Boehme selbst eine Erklärung der von 
Paracelsus übernommenen und überall verwendeten Urelemente 
Schwefel, Quecksilber und Salz als Repräsentanten der Angst, 
— wohl in Assoziation an den Geruch, — der Beweglichkeit 
des Stachels und der herben, sexuellen Begierde. 

Zusammenfassend können wir sagen: Das 
Centrum naturae mit seinen sieben Quellgeistern 
bedeutet ferner eine Darstellung der ganzen 
Schöpfung unter dem Bilde eines Koitus mit allen 
seinen psychischen undphysischenKomponenten, 



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24 JAKOB BOEHME. 



bedeutet also eine Sexualisierung des gesamten 
Kosmos. 

Was Boehme hier versucht und durchgeführt hat, ist 
nicht ohne reichliche Parallelen. Wir finden in den Lehren 
der alten Gnostiker ähnliche Konstruktionen, so die aus 
dem Urvater emanierenden göttlichen, überweltlichen, das 
Pleroma bildenden Äonen des Valentinus oder die sieben 
ayreXoi xoöfioxpdTopc; des Saturninus (Lit. 39, 34). In der 
Kabballah (Lit. 39, 34), der altjüdischen Geheimlehre, wird 
der Welten bildende Vorgang häufig als eine in der über- 
weltlichen Region der Sephiroth sich vollziehende Zeugung 
dargestellt. Da findet sich beispielsweise folgender Spruch : 
Wenn die Matrone »Herrschaft« mit dem Könige »Herrlich- 
keit« sich auf der Höhe des Sabbaths paart, so wird alles 
ein Leib. Denn dann sitzt der Heilige, Gebenedeite auf seinem 
Thron. »Herrlichkeit« geht hinein in das Allerheiligste der 
Matrone und besänftigt sie, und sie empfängt den Segen 
dieses Allerheiligsten an dem Orte, welcher Zion« heißt. 
Zion aber und Jerusalem sind zwei Stufen, von denen die 
eine die Barmherzigkeit, die andere das Recht bezeichnet. 
Der Ausfluß, der durch das heilige »Fundament« herausfließt, 
ist weiß und heißt Gnade usw. 

Bei den Mystikern des Mittelalters wird die Unio 
mystica, die Vereinigung der Seele mit Gott ganz allgemein 
durch eine ausgesprochen sexuelle Symbolik umschrieben. 
Erwähnt sei nur die Tochter Sion (Lit. 35), die im Spiegel 
der Welt und im Spiegel Christi sich anschauend so eins wird 
mit dem König Salomo, daß er alles tut, was sie will. Der 
Doctor ekstaticus Joh. Rusbroek schildert einförmig, doch 
in großartigem Schwung die heilige Liebesraserei als Durch- 
gangspunkt zu höherem Leben, wo die ewige Geburt des 
Sohnes und Ausgießung des heiligen Geistes in uns stattfindet. 
Tauler (Lit. 36) verwendet zur Schilderung der ekstatischen 
Gottesliebe ganz gleiche Bilder wie Boehme: Das ist Liebe, 
da hat man ein Brennen im Darben und in Beraubungen, in 
einer Verlassenheit, und wenn da ist ein unaufhörliches 
Quellen, und wenn in der Qual ein Verschmelzen ist und ein 



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DAS CENTRDM NATDRAE. 26 

Verdorren in dem Brande des Darbens und dabei doch immer 
eine sich gleich bleibende Gelassenheit. Der Pater Amandus 
Suso (Lit. 37) läßt sich vom weisen Salomo inspirieren, daß 
er in die geistige (Jemahlschaft der ewigen Weisheit kommt, 
die ihren Minnem Jugend und Kraft, Adel und Reichtum, 
Ehre und Qewinn, große Gewalt und ewigen Namen gibt. 
Meister Eckhard (Lit. 38) endlich verlangt, daß die Seele 
Weib werden und Frucht bringen müsse. 

Daß selbst moderne Theologen solchen Ideengängen nicht 
ganz fern stehen, beweist die Abhandlung Prof. Kunzes 
(Lit. 40) über Religion und Geschlechtsliebe, wo das in 
fromme, ehrfürchtige Stimmung getauchte ideal erotische 
Mysterium, charakterisiert als beiderseitige zeugende Schöpfer- 
freude in empfänglicher Aufnahme, der zeugende Akt, als 
Selbstdarstellung einer göttlichen Energeia gepriesen wird. 

Wenn wir uns erinnern, daß in der herrschenden Natur* 
Wissenschaft die Entstehung der Arten durch natürliche 
Zuchtwahl erklärt (Darwin) oder als allein Unsterbliches das 
Keimplasma angenommen wird (Weismann), so wird uns diese 
Einschätzung der Sexualität nicht absurd erscheinen. 

Der skeptische Leser wird gegen diese zweite Deutung 
des Centrum naturae eine Reihe von Bedenken vorbringen, 
vor allem dieses, warum denn Boehme diese Darstellung nicht 
klarer und einfacher geboten habe, sondern in versteckten 
Wendungen und nur halb durchgeführten Gleichnissen, in 
einer Form also, die besonderer Erklärung mit Ausscheidung 
nicht dazugehöriger Elemente bedürfe. 

Diese Schwerverständlichkeit und Vieldeutigkeit beruht 
darauf, daß es sich eben um Verdichtungsprodukte verschie- 
dener Tendenzen handelt. Wir werden noch sehen, daß neben 
dem eigenen Lebensprozeß und den sexuellen Elementen ein 
drittes Motiv dem Ganzen seinen Stempel aufgeprägt hat 
und die Gestaltung dieses Gebildes kompliziert. 

Ein anderer Einwand gegen die hier vertretene Erklä- 
rung besteht darin, daß hier bloße Vergleichungen vorliegen, 
und daß eine Identifizierung des Gleichnisses mit dem Vor- 
gang, der dadurch erläutert werden soll, nicht zulässig sei. 



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26 JAKOB BOEHME. 



Wir werden durch diesen Einwand auf die Untersuchung 
der Entstehung sexueller Symbole, der Gleichnisbildung über- 
haupt hingewiesen und damit auf eines der Hauptprobleme 
der Psychoanalyse. Eine Wandlung der Anschauungen im 
Laufe der Zeit ist hier unschwer zu konstatieren. Wahrend 
anfänglich die Tendenz vorherrschte, sich mit der Rück- 
führung aller Phantasien und ähnlicher Bildungen, wozu wir 
die Gleichnisse doch rechnen müssen, auf die Sexualität zu 
begnügen, — Freud (Lit. 41) erklärte beispielsweise: Die 
Symptome stellen die Sexualbetätigung der Kranken dar, 
identifizierte also Symbol und Trieb, — ist in neueren Publi- 
kationen besonders der Schüler des Wiener Meisters das 
Sexuelle mehr und mehr an die Peripherie der Betrachtung 
gerückt, nur als tertium comparationis gewertet und damit 
das Symbol rein als solches aufgefaßt worden. Jung (Lit. 42) 
nennt die Entdeckung, daß das Unbewußte Koituswünsche 
beherberge, einen Gemeinplatz, der weiter nichts bedeute. 
Die Sexualität des Unbewußten sei bloßes Symbol. In ähn- 
licher Weise äußern sich Silber er (Lit. 8) und Adler 
(Lit. 43). Inwieweit bei dieser erneuten Verdrängung der 
Sexualität innerhalb der psychoanalytischen Bewegung revo- 
lutionäre Tendenzen der Schüler gegen den Lehrer, inwieweit 
Anpassungen und Konzessionen an die Prüderie der Menge 
oder tiefere Erkenntnisse mitgewirkt haben, soll hier nicht 
untersucht werden. 

Immerhin ist trotz aller Divergenzen wenigstens die 
Genese der Gleichnisbildung speziell der sexuellen Symbolik 
gemeinsam festgehalten worden, die Auffassung nämlich, daß 
diese Bilder auf einer Regression zu infantilen Erlebnissen, 
Wünschen und Betätigungen beruhen. Freud weist auf die 
Ähnlichkeit der dichterischen Phantasieprodukte mit dem 
Spiel des Kindes hin. Wenn dieses aufhört zu spielen, fängt 
es an zu phantasieren und durch Überwuchern dieser Phan- 
tasien entsteht Neurose und Psychose. Nach Jung bestehen 
weitaus die meisten Geisteskrankheiten in der Dömination des 
Individuums durch Materialien der infantilen Inzestphantasien, 
und der Koituswunsch ist ein Symbol für die eigene, von 



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DAS CENTRÜM NATÜRAE. 27 

den Eltern abgetrennte Betätigung der Libido, für die Er- 
oberung des selbständigen Lebens. Adler macht auf die Be- 
deutung des kindlichen Zweifels an der künftigen Geschlechts- 
rolle aufmerksam. Silberer erklärt die Vorliebe für Symbolik 
durch ein Zurückgreifen auf primitivere psychische Arbeits- 
weise, vom Denken aufs Anschauen. 

Speziell mit der Analyse von Gleichnissen hat sich 
Ferenczi (Lit. 44) befaßt und festgestellt, daß diese oft 
treffenden, geistreichen und witzigen Erläuterungen als 
direkte Zugänge zu verborgenem psychischen Material be- 
sondere Beachtung verdienen, daß sie Erinnerungsreste aus 
der Lebensgeschichte enthalten und daß in der Konzenti*ation 
der Aufmerksamkeit auf das Gleichnissuchen eine sonst zur 
Verdrängung dienende Energie zur Verwendung kommt und 
so die Zensur gemildert wird. 

In der Untersuchung über das sexuelle Moment in der 
religiösen Ekstase weist Freimark (Lit. 45) den Einwand, 
daß es sich bei erotischen Schilderungen der Unio mystica 

— er exemplifiziert mit derjenigen Heinrichs von Nördlingen 

— um bloße Gleichnisse handle, mit der Bemerkung zurück, 
daß derartige Gleichnisse niemand wähle, der nicht ein Wohl- 
gefallen an den durch sie erregten Vorstellungen empfinde. 
Er behauptet, daß Sexualtrieb und religiöse Sehnsucht einer 
Quelle entspringen, daß der Mystiker sexuelle Handlungen 
vermeide, um innerliche Erlebnisse zu haben und daß sich 
die verleugnete Natur räche, indem sie das Gehirn des Apo- 
staten mit erotischen Bildern fülle. 

Wenn wir nun in Boehmes Leben Anhaltspunkte suchen 
für die obenerwähnte These, daß die Materialien zur Symbol- 
bildung aus Erlebnissen, Wünschen und Betätigungen der 
Jugendzeit herstammen, so liefert uns die auffallende Bevor- 
zugung der Zahl Sieben eine hübsche Bestätigung. 

Wir erfahren nämlich aus Fechners gründlicher Bio- 
graphie unseres Autors, daß dieser selbst sieben Geschwister 
hatte, und daß sein Vater mit drei Brüdern und drei Schwe- 
stern aus einer Ehe stammte, die ein Bild für das Centrum 
naturae mit den sieben Quellgeistern liefern konnte. 
3 5 



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JAKOB BOEHME. 



Boehme weist selber häufig auf die infantile Genese 
seinel* Produktionen hin : 

Also habe ich nun geschrieben, nicht von Menschenlehre oder 
Wissenschaft aus Bficherlernen, sondern aus meinem eigenen Buche, 
das in mir eröffnet ward : als die edle Gleichnis Gottes, das Buch der 
edlen Bildnis ward mir vergönnet zu lesen und darin habe ich mein 
Studieren gefunden, als ein Kind in seiner Mutter Hause das 
siebet, was der Vater machet und denselben in seinem 
Kinderspiel nachspielet (Sendbr. 12, 14). 

Ich lebe in Schwachheit und Kindheit, in der Einfalt Christi in 
seinem mir gegebenen Kinderwerke, darinnen habe ich 
mein Spiel und ist mein Zeitvertreiben, darinnen habe ich 
meine Freude, als in einem Lustgarten (20). 

Wir müssen uns durch Christus in Gott ergeben, als ein Kind 
in seiner Mutter Schoß, das selber nichts will, als nur, was die 
Mutter wiU, es jammert nur die Mutter an und hoffet immer das 
Beste von der Mutter, es sehnet sich nur allein nach der 
Mutter Brüsten. Also muß unsere Begierde nur allein schlecht in 
die erste Mutter eingerichtet werden, von welcher wir mit Adam 
seind ausgegangen in ein Eigenes (38). 

Die Aurora steiget aus der Kindheit auf und zeiget euch die 
Schöpfung aller Wesen (66). 

Denn ein Kind kennet wohl seinen Vater und seine Mutter, 
aber es weiß nicht, wie ihn sein Vater gemacht hat (40 Fra- 
gen, 1, 271). 

Dieser Satz umschreibt treffend die Hauptursache der 
kindlichen Grübelsucht. 

Während oben, wie an andern Stellen (Myst. magn. 28, 
38, Sign. rer. 4, 41) von der ersten Mutter die Rede ist, 
findet sich im 8. Kap. der Genadenwahl ein Passus, der von 
der Stiefmutter handelt. Es heißt da: 

Sehet an einen Kern zu einem Baume, darinnen lieget das 
Mysterium magnum nach des Kernes Eigenschaft, denn es lieget der 
ganze Baum, samt der Wurzel und Frucht darinnen, und ist doch 
keines nicht offenbar, solange es nur ein Same ist, sobald es aber in 
seine Mutter in die Erde eingesäet wird, so wird es offenbar und 
hebet an in der feurigen Scienz zu treiben (9). 

Ist aber das Ens der Erden am selben Orte dem Ente des 
Kernes ungleich, so nimmt es die Erde wohl an, aber nur als einen 
Stiefsohn, sie führet ihre Freude und Begierde nicht darein, sondern 
sie läßt den Stiefsohn stehn, er mag ihme Ens aus seiner rechten 
Mutter, welche an diesem Orte sehr tieff verborgen ist, aussaugen (11). 



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DAS CENTRÜM NATURAE. 29 

So wir nun desselben Baumes Wachstum betrachten, so finden 
wir erst den verborgenen Grund aller Heimligkeit; denn erstlich 
nimmt er der Stiefmutter Ens an sich und er gibt sein Ens der 
Stiefmutter, welche des Samens Ens auch annimmt, aber nicht in 
solcher Freude, als wenn es ein gleiches Ens wäre: Sie zeucht wohl 
das Ens des Samens an sich, darinnen die Wurzel entsteht, aber es 
ist balde Widerwillen in der Mutter, davon die Wurzel knorricht und 
bucklicht wird (12). 

In diesem Streite zündet sich nun das Feuer im Ens des Samens 
durch der Sonne Gewalt an, in welchem Anzünden das Mysterium 
magnum im Spiritu mundi offenbar wird, diesen ergreift der Sonnen 
Ens und erfreuet sich in ihm, denn der Sonnen Kraft wird darin 
wesentlich und zieht das Ens des Samens aus der Wurzel in sich in 
die Höhe, daß sie möge eine Frucht darinnen gebären (13). 

Fechner berichtet uns nun, das Jakob Boehme das jüngste 
Kind seiner Mutter war, nach deren Tod sein Vater noch 
einmal heiratete und mit einer zweiten Frau drei Töchter 
zeugte. Jakob hatte also in Wirklichkeit eineStief- 
mutter, und es sind unzweifelhaft infantile Reminiszenzen, 
die er in dem eben zitierten Gleichnis vorbringt ; wir dürfen 
annehmen, daß er selbst von seiner Stiefmutter nicht mit 
solcher Freude und Begierde angenommen wurde, wie ihre 
eigenen Kinder, daß sie ihn stehen ließ, daß er bei ihr bald 
Widerwillen verspürte im schneidenden Gegensatz zu der 
übermäßigen Zärtlichkeit, mit der die eigene Mutter ihren 
Jüngsten zu verwöhnen pflegt, und daß in diesem Widerwillen 
und in der Sehnsucht nach der ersten Mutter, die in der 
Erde tief verborgen lag, der erste, wahrscheinlich der Haupt- 
anstoß zur späteren Introversion, zum Abschluß gegen die 
feindselige Außenwelt zu suchen ist, oder, um die Worte des 
Autors zu brauchen, daß davon die Wurzel bucklicht und 
knorricht wurde, aus welcher dann das Mysterium magnum 
sich offenbarte. 

Wir werden sofort sehen, daß sich noch andere infantile 
Erlebnisse des Theosophen in seinen Werken nachweisen 
lassen als mitbestimmende Ursachen für seinen Prozeß und 
dessen Gestaltung. 



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30 JAKOB BOEHME. 



III. 

Aus dem »Gründlichen und wahrhaftigen Bericht von 
dem Leben und Abscheid des in Gott selig ruhenden Jakob 
Boehmes«, der von seinem Anhänger Abraham von Franken- 
berg »aus mündlicher Zusammensprache des selig Verstor- 
benen« aufgezeichnet wurde, erfahren wir, daß dieser *erst- 
malig auf der Wanderschaft in den heiligen und herrlichen 
Ruhetag der Seelen versetzet, all wo er mit göttlichem 
Lichte umfangen durch siebenTage lang in höch- 
ster göttlicher Beschaulichkeit und Freuden- 
reich gestanden<^ (7). 

Daraus ergibt sich einmal eine weitere Begründung für 
die große Bedeutung der Zahl Sieben in seinem System; 
außerdem werden wir aber auf den visionären Charakter 
seiner Ekstasen hingewiesen. Diesem, als einem weiteren 
wichtigen Element von seinem Centrum naturae imd seinem 
Werke überhaupt sei unsere fernere Aufmerksamkeit zuge- 
wendet, 

Frankenberg berichtet uns weiter, daß Boehme im Jahr 
1600 zum andern Mal vom göttlichen Liechte ergriffen und 
durch einen gähligen Anblick eines zinnernen Gefäßes als 
des lieblich jovialischen Scheins zu dem innersten Grunde 
des Centro der geheimen Natur eingeführt wurde. Er sei, 
um solche vermeinte Phantasey aus dem Gemüte zu schlagen, 
ins Grüne gegangen, habe aber den empfangenen Blick je 
länger je mehr und klärer empfunden, also daß er vermittelst 
der angebildeten Signaturen oder Figuren, Lineamenten und 
Farben, allen Geschöpfen gleichsam in das Herze und die 
innerste Natur habe hineinsehen können, wodurch er mit 
großen Freuden überschüttet stille geschwiegen (11). 

Erst als er 1610 zum dritten Mal von Gott berühret 
und mit neuem Licht und Recht begnadet und bekräftiget 
wurde, begann er zu schreiben und verfaßte die Aurora (12). 

Schon bei der Beschreibung des Prozesses haben wir 
das Auftreten visueller Sensationen hervorgehoben. Da das 
Centrum naturae nach unserer Auffassung eine verdichtete 



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DAS CENTRÜM NATÜRAE. 31 

Darstellung des Prozesses enthält^ ist es nicht verwunderlich, 
daß darin Feuer, Licht und Farben eine bedeutende Rolle 
spielen. Aus den obenerwähnten Stellen der Biographie 
Frankenbergs ergibt sich aber, daß diese Ekstasen mit vor- 
wiegend visionärem Charakter den unmittelbaren Anstoß zu 
seiner Schriftstellerei gegeben, daß sie ihn in erster Linie 
zur Überzeugung von seiner besonderen Inspiration gebracht 
haben. Der Titel seines ersten Werkes ist dadurch bedingt: 

Unser Leben ist wie ein steter Krieg mit dem Teufel. Wenn 

der aber überwunden ist, so geht die Himmelspforte in meinem Geiste 

auf, dann sieht der Geist dAs göttliche und himmlische Wesen, nicht 

außer dem Leibe, sondern im Quellbrunn des Herzens gehet der Blitz 

auf in die Sinnlichkeit des Gehirns, darinnen der Geist spekuliert. 

Wenn aber der Blitz im Quellbrunn des Herzens gefangen wird, so 

. gehet er in den sieben Quellgeistern auf ins Gehirn, wie eineMorgen- 

rote, und darinnen steckt der Zweck und die Erkenntnis. Denn in 

^ demselben Licht siehet einer den andern und reucht den andern und 

^ schmecket den andern und hört den andern und ist gleich, als wenn 

: die ganze Gottheit darinnen aufginge (Aur. 11, 72—77). 

Wir können kaum eine Seite seiner Werke aufschlagen, 
ohne auf ein visuelles Symbol, auf Licht oder Feuer oder 
Blitz zu stoßen. Es ist uns aber auch möglich, den Charakter 
seiner Visionen genauer zu bestimmen. 

Im elften Kapitel der Aurora heißt es: 

Das süße Wasser ist der Natur Anfang und die herbe Qualität 

zieht es zusammen, daß es natürlich und begreiflich wird, auf englische 
* Art zu reden. 

Nun wenn es zusammengezogen ist, so siehet's gleich dem Himmel 
!: blau, wenn aber das Licht oder der Blitz drinnen aufgehet, so siehet's 

gleich einem edlen Jaspis, oder wie ich's in meiner Sprache nennen 
■ mag, einem gläsern Meer, darin die Sonne scheint und ganz lauter 

und helle ist. 

Wenn aber die bittere Quallität darin aufgehet, so zerteilet und 

formet sichs, gleich als. wenn es lebte, oder als wenn das Leben da 
' aufginge und formet sichs in grünliche Gestalt, gleich einem grünen 

; Blitz, menschlich zu reden, davon einem das Gesicht vergehet und 

i nicht schauen kann. 

^ Wenn aber die Hitze drinnen aufgehet, so formet sich die grüne 

Gestalt in eine halb rötliche, gleich als wenn ein Karfunkelstein aus 
^ dem grünen Blitz leuchtet. 

^ 3 S* 



f^nonl^ Orrginaffnonn 

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82 JAKOB BOEHME. 



Wenn aber das Licht, welches der Sohn Gottes ist, in dieses 
Naturmeer scheinet, so bekommt's seine gelbliche und weißliche 
Farbe, welches ich mit nichts vergleichen kann, mit diesem Anschauen 
mußt du warten, bis in jenes Leben. Denn das ist nun der rechte 
Naturhimmel, der da aus Gott ist, darinnen die heiligen Engel wohnen 
und daraus sie im Anfang geschaffen sind. 

Siehe, wenn nun der Merkurius oder Ton in diesem Naturhimmel 
aufgehet, da geht das göttliche und englische Freudenreich auf, denn 
da gehen auf Formen, Bildungen, Farben und englische Frucht, die 
da schon blühet, wächst und in seiner Vollkommenheit stehet, von 
allerlei Obstbäumen, Stauden und Gewächsen, holdselig anzuschauen 
mit lieblichem Geruch und Geschmacke. 

Ich rede aber allhie mit einer Engelszunge, du mußt es nicht 
irdisch verstehn, gleich dieser Welt, 

Mit dem Merkurius hat es auch diese Gestalt, du' mußt nicht 
denken, daß ein hartes Pochen, Tönen oder Schallen oder Pfeifen in 
der Gottheit sei, als wenn einer eine mächtige Posaune nähme und 
bliese darein. O nein Mensch, du halbtoter Engel, das ist es nicht, 
sondern es gehet alles in Kraft zu, denn das göttliche Wesen stehet 
in Kraft, aber die heiligen Engel singen, klingen, posaunen und schallen 
lautbar; denn zu dem Ende hat sie Gott aus sich gemacht, daß sie 
sollen die himmlische Freude vermehren (59—66). 

Es sind also die Farben des Regenbogens blau, grün, 
gelb, rot oder des Spektrums, welche erscheineni^ wenn sich 
eine Lichtquelle in einem klaren Medium bricht. Und wenn 
wir dabei von dem gläsernen Meer lesen und dann von dem 
Licht, welches der Sohn Gottes ist, das in dieses Naturmeer 
scheinet und damit die Stelle Aur., ?, 11 zusammenbringen, 
wo der Sohn Gottes mit einer runden Kugel verglichen wird, 
so werden wir den beiden Dichtern recht geben müssen, die 
bei diesem klaren Medium in erster Linie an jene mit Wasser 
gefüllte Glaskugel gedacht haben, die in Verbindung mit 
einem Lämpchen oder einer Kerze sicher schon im 16. Jahr- 
hundert dem Schuhmacher zur Beleuchtung seines Arbeits- 
tisches diente. Sowohl Kolbenheyer (Lit. 46) in seinem 
Boehmeroman Meister Joachim Pausewang, als Meyrink 
(Lit. 47), der den Theosophen in der Figur des Schusters 
Klinkherbogk im »grünen Gesicht« karikierte, lassen die 
Verzückungen aus unverwandtem Starren in dieses »gläserne 
Meer« hervorgehn, bei dem der Verzückte von dem »harten 



C^ no n 1 ^ Orrg I n a f f no m 

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DAS CENTRDM NATDBAE. 33 

Pochen, Tönen oder Schallen« seines irdischen Handwerks 
abläßt, um den himmlischen Harmonien zu lauschen. 

Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, daß der hypno- 
tische Schlaf, also ein veränderter Bewußtseinszustand, der 
mit dem des ekstatisch Halluzinierenden in nächster Ver- 
wandtschaft steht, häufig durch das Anblickenlassen einer 
glänzenden Kugel erzeugt wird. Silberer (Lit. 48) hat in 
seinen lekanomantischen Versuchen, wobei er die Versuchs- 
person, in ein von Lichtern umgebenes Wasserbecken blicken 
ließ, die dabei entstehenden Bilder näher studiert und als den 
Träumen analoge aus unbewußten Erinnerungen und Strebungen 
stammende Personifikationen angesprochen. 

Sehen wir also zu, ob wir in Boehmes ekstatischem 
Vermögen »durch den empfangenen Blick vermittelst der 
angebildeten Signaturen oder Figuren, Lineamenten und Farben, 
allen Geschöpfen gleichsam in das Herze und in die innerste 
Natur sehn zu können« Anhaltspunkte finden für einen aus 
dem Unbewußten hervorgehenden, entsprechenden Wunsch. 

Nun erinnern wir uns, daß er schon als Knabe, da er 
auf dem Berge Landskrone allein Vieh hütete, einen dort 
nach' der- Uplkssage verzauberten, wundervollen Schatz in 
aller seiner Herrlichkeit gesehen haben will, nachdem sich der 
Berg mit seinem Geäder geöffnet. Der Eingang der Höhle 
erschien aus roten Steinen gewölbt. Er sei als vor einem 
Teufelswerk geflohen und habe die Stelle nachher trotz öftern 
Aufsteigens nicht mehr gefunden. Schon Fechner (Lit. 19) 
hat nachgewiesen, daß es sich dabei unmöglich um ein wirk- 
liches Erlebnis handeln kann, und der von Fuchs (Lit. 49) 
zitierte Harleß erklärt die Geschichte für einen von Boehme 
geglaubten Traum. Seine Deutung bietet dem Analytiker 
keine großen Schwierigkeiten. Marcinowski (Lit. 51) hat 
darauf hingewiesen, daß Landschaften und örtlichkeiten im 
Traum symbolische Umdichtungen menschlicher Körper zu 
sein pflegen, und zwar vorwiegend von Gebär- und Zeugungs- 
organen. Wenn wir mit Maeder (Lit. 60) den Berg als 
Symbol für den Mons veneris fassen, so ergibt sich die Er- 
klärung der darin sichtbaren Höhle mit ihrem Geäder und 

Kiel holz» Jakob Boehme. •' 



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34 JAKOB BOEHME. 



dem aus roten Steinen gewölbten Eingang von selbst, wir 
verstehen auch die Flucht vor dem verbotenen Anblick, die 
sich mit dem Verlangen, ihn später doch wieder zu genießen, 
vergesellschaftet* 

DerTraum desKnaben off enbart uns demnach 
eine infantile Erinnerung an den verbotenen 
Anblick des weiblichen, wohl mütterlichen Schoßes, 
und in den Visionen des Gesellen und Meisters, 
der »allen Geschöpfen gleichsam in die innerste 
Natur hinein sehen kann« erlebt der verdrängte 
Wunsch nach solchem Anblick seine volle Er- 
füllung. 

Wir stempeln damit unseren Mystiker zum jugendlichen 
Voyeur und sind verpflichtet, diese Auffassung durch weitere 
Belege zu stützen. 

Da sei von allem auf die fast stereotype Wiederkehr 
und stellenweise auffällige Häufung des Ausdruckes »Pforte« 
als Überschrift eines Abschnittes, eines Kapitels oder ganzen 
Traktats hingewiesen. Boehme eröffet dem Leser »die Pforten 
des Geheimnisses, der Gottheit, die heiligen Pforten, die 
freudenreichen, die Pforten der Kraft, die offenen Pforten 
der Erde, die offenbare Pforte des WeseHa aller Wesen, die 
mächtigste Pforte im Zentrum« usw., wohl alles in Erinnerung 
an jenen gewölbten Eingang in den Berg Landskrone, resp, 
dessen unbewußtes Vorbild. 

Hübsche Beispiele dafür, daß die Pforte nicht nur für 
den modernen Psychoanalytiker, sondern offiziell für die 
katholische Kirche ein sexuelles Symbol bedeutet, liefert der 
Kirchenhistoriker Hase (Lit. 52). Er zitiert z. B. Hieron. adv. 
Pelagian. 11.: Solus Christus clausas portas vulvae virginalis 
aperuit, quae tarnen clausae jugiter permanserunt. Haec est 
porta Orientalis clausa, per quam solus Pontifex ingreditur et 
egreditur, et nihilominus semper clausa est. Andernorts be- 
richtet er uns, daß der Prophet Ezechiel am Denkmal der 
unbefleckten Empfängnis auf dem spanischen Platz in Rom 
am Fuße der die Jvingfrau tragenden Säule dargestellt sei als 



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DAS CENTBUM NATDRAE. 35 

Weissager der Conceptio immaculata, weil es nämlich im 
Kap. 44, 2 heiße : Porta haec clausa erit. 

Boehme hat an einzelnen Stellen selber offen den Ursprung 
seiner Erkenntnis dargelegt: 

Halt's fürwahr, denn es ist wahr, wir reden treulich, was wir 
erkennen in unserer Mutter Schoß. Vom dreifach. Leben 7,49. 

Wir wurden in unserer ersten Mutter, die uns alle gebar, blind 
und werden nun in unserm Alter, da wir am Ende sind, wieder in 
derMutterSchoßsehend. Bedenken über Esaias Stiefels Büchlein 3. 

In 34 Kapitel des Mysterium magnum gibt Boehme einen 
Kommentar zu der biblischen Erzählung vom trunkenen Noah 
und seinen drei Söhnen (Moses 1, 9, 20 — 27), welcher nicht 
nur sehr charakteristisch ist für die Bedeutung der Schaulust 
in seinen Werken, sondern auch für seine ganze Art der 
Erklärung von Schriftstellen, so daß er verdient, vollständig 
aufgeführt zu werden : 

Dieses (die oben zitierten Stellen der Genesis) ist das wahr- 
haftige Bild menschlicher Eigenschaft nacli den drei Prinzipien oder 
Welten. Denn der Geist im Noah redet aus dem Centro und die drei 
Söhne Noahs stunden jetzt vorm Geiste in einer Figur, was für Völker 
aus ihnen entstehen würden. Aus dieser Figur deutete der Geist Noah 
aus dem Stamme des geformten Wortes menschlicher Eigenschaft, 
was die andere Monarchia sein werde: Noah ist trunken worden und 
ist mit der Scham bloßgelegen, dessen hat sein Sohn Harn gespottet 
und auch seinen Brüdern gewiesen, daß sie auch dergleichen tun 
sollten. Hie deutet der Geist an, woraus dem Harn der Fluch ent- 
standen sei, als aus der Scham seines Vaters (2). 

Denn das war eben der Ekel von Gottes Heiligkeit, aus welcher 
Wurzel der Ham und sein Geschlecht, als der Mensch der Eitelkeit 
entstehet, denn im Bilde Gottes ist die Scham ein Ekel (3). 

Darum hieß Gott den Abraham sich an diesem Gliede beschneiden: 
anzuzeigen, daß dieses Glied dem Adam im Anfang nicht sei gegeben 
worden und daß es wieder sollte vom Bilde Gottes abgeschnitten 
werden und nicht Gottes Reich erben ; aus welcher Ursache sich auch 
der Seelengeist das schämet zu bloßen (4), 

Weil es aber Adam, indem er im Bilde Gottes nicht bestund, 
als seine Eva aus ihm gemacht ward, angehängt ward zu einer tieri- 
schen Art der Fortpflanzung, so hat sich auch dieser tierische Baum 
aus der Eigenschaft mit fortgepflanzt, als der fleischliche Geist der 
Eitelkeit und ist dem Menschen angehangen, dessen Figur war Ham 
und darum spottete er seiner eigenen Eigenschaft an seinem Vater (5). 

S* 



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86 JAKOB BOEHMEL 



Der Geist aus dieser Eigenschaft spottete sein Ens aus dem 
Centro der Natur, er besähe sich an der Scham seines Vaters, daraus 
er war entstanden, als an einem Spiegel seiner Selbheit: also ging 
auch zuhand derselbe Geist, als ein Weben der Eitelkeit herfür und 
offenbarte sich, was er wäre, als nämlich ein Spott des Himmels (6). 

Welches der Geist aus dem Bilde Gottes im geformten Worte 
des guten Entis im Noah erkannte und in ihn das Feuers Centro der 
Seelen im Grimm erweckte und diesen (Jeist der Eitelkeit verfluchte , 
daß er nicht sollte miterben im Himmelreich. Der Spottgeist soll nicht 
Gottes Reich besitzen, sondern vom Bilde Grottes abgeschnitten werden, 
das ist vom äußern Bilde der geformten Kreatur (7). 

Denn dieselbe Eigenschaft, daraus die Scham entstanden ist, 
die ist an sich selber gut, aber in Adams Imagination nach der tieri- 
schen Eigenschaft ward sie monstrosisch, tierisch und fremde am 
Bilde Gottes, so soll nun diese fremde Gestalt und Form nicht ewig 
bleiben (8). 

Aus der fremden Gestalt entstund der Spott Der Teufel schloff 
in die Figur des fremden Geistes des Chams und spottete der himm- 
lischen Gebärerin, daß sie am Bilde Gottes war ein Monstrum worden, 
darum verfluchte der Geist Noah den falschen Spottgeist (9). 

Nicht ist zu verstehen, daß Harn in seiner Seele und Seelen- 
geiste sei verflucht worden, sondern nach der spöttischen Figur des 
Spottgeistes, welcher sich aus dem Monstro herfürtät (10). 

Der Geist saget im Mose: Sem und Japhet haben ein Kleid 
genommen auf ihre Schultern und sind rücklings zu ihrem Vater gangen 
und ihn zugedecket, daß ihr Angesicht sei abgewandt worden und 
nicht seine Scham gesehen. O du wunderlicher Gott, wie gar heimlich 
führestu deine Werke: wer wollte doch erkennen und verstehen deine 
Wege, so uns nicht dein Geist leitete und den Verstand öffnete (20). 

Diese beiden Brüder haben ein Kleid auf ihrer beider Achseln 
genommen und den Vater zugedecket Warum täte es nicht einer 
allein? Oder warum trank sich Noah trunken und lag also bloß mit 
der Scham? Dieses siehet die Vernunft an, als wäre nichts mehr 
darunter, und da doch gleichwohl Ham dadurch verflucht ward und 
zum Knechte seiner Brüder gemacht, und nicht allein er, sondern auch 
alle seine Nachkommen aus ihm, so sehen wir ja klar, was der Geist 
damit deutet, daß eine Figur und Fürbilde sei dessen, was da künftig 
sein würde (21). 

Der irdische Geist, welchen der Teufel hatte monstrosisch ge- 
macht, das war ein Spötter der himmlischen Geburt, der sähe wohl 
die Scham, die er als ein Monstrum an sich tragen mußte: aber er 
ging damit hin, als ein Tier und spottete der neuen Wiedergeburt 
aus der himmlischen Matrice. Aber Japhet als die arme Seele und 
Sem als das verblichene Himmelsbilde, welches im Bund wieder rage 



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DAS CENTRUM NATDRAEL 37 

ward, die nahmen ein Kleid auf ihre Schaltern: dasselbe Kleid war 
die neue Menschheit, die sich aus dem Bunde, aus der englischen Welt 
sollte eröffnen (22). 

Und sie gingen rücklings hin und decketen des Vaters Scham 
zu : das deutet an, daß sich der freie Wille der Selbheit soll und mufi 
ganz von dem tierischen Monstro der Eigenheit, darinnen die Scham 
offen stehet, abwenden und wiederum in die gelassene Kindheit ein- 
gehn und nicht mehr für sich, sondern wieder hinter sich; und muß 
das Kleid der neuen Menschheit als Christi Unschuld und Bezahlung 
auf sich nehmen und damit die Schande, die uns unser Vater Adam 
hat mit dem Monstro angeerbet, zudecken, das war allhie das Bild (28). 

Und daß nicht allein Sem das Kleid hintrug und zudeckte, ist 
die Figur, daß die Seele, als Japhet, das ist das innere Reich der 
innern ewigen Natur soll helfen, denn die Seele ist des Vaters Eigen- 
schaft, derer Bilde war Japhet; und der Seelengeist, als das schone 
Bild Gottes im Lichte, welches in Adam verblich, und im Bunde im 
Bild stund, welches Figur war Sem, deutet an des Sohnes Eigenschaft, 
welcher den Bund sollte eröffnen : also ist uns zu verstehen, das 
Kleid unserer Sünden Zudeckung nahm an einen Teil des Vaters in 
seinen Willen, der uns den Sohn schenkete, bedeutet den Japhet, und 
den andern Teil der Sohn, der unsere Schande uhd des Vaters Willen 
zudeckete, bedeutet den Sem (24). 

Denn soll Christus das Kleid auf unsere Schande decken, so 
muß die Seele helfen, das ist, sie muß ihren Willen ganz darein geben 
und mit ihrem Willen wieder rücklings gegen den Schoß des Vaters 
gehen, und nicht mehr selber wollen und wissen, wie sie gehet oder 
gehen will, sondern also muß sie das Kleid in wahrer Buße auf ihre 
Achseln nehmen, und das andere Teil dem Sem auf seiner Achsel 
lassen, als dem wahren Bilde Christi, welches ist die edele Sophia (25). 

Die zwei fassen das Himmelskleid, und gehen rücklings zum 
Vater, und ob sie gleich das nicht können sehen, vrie sie gehen, so 
gehen sie aber im Glauben auf Gottes Erbarmen und wenden ihre 
Augen von der Scham, Eitelkeit und falschen Willen ab: denn an 
diesem Orte deutet rücklingsgehn und die Schande zudecken anders 
nicht an, als die für sich gehende Selbheit umkehren und wieder 
rücklings in das Eine eingehn, daraus der freie Wille war in das 
Monstro oder Scham ausgegangen (26). 

Noahs Trunkenheit deutet an, daß Adam, als er in dieser Welt 
Eigenschaft mit der Lust einging, sei in tierischer Eigenschaft trunken 
worden und habe seine Scham darinnen geblößet, das ist, er hat die 
tierische Lust darinnen geblößet: als nun dieses geschehen ist, so 
stund er vor Gott in großer Schande. So kam der tierische Geist in 
diesem Monstro der falschen Lustseuche herfür und spottete des edeln 
Himmelbildes und machte sich zum Herrn (27). 



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38 MKOB BOEHHE. 




r 



Also iniiSte Christus in unserer Seelen und in unserer verbli- 
chenen und wieder lebendig gemachten edeln Sophia unseres Vaters 
Adam und seiner Kinder Scham zudecken, denn er wollte darum nicht 
auB Hannes Samen geboren werden, sondern aus dem himmlischen, 
verblichenen Ente, und führete darein sein lebendig Ens von der 
heiligen Welt, daß er unsern mouBtrosi sehen Samen der seelischen 
Eigenschaft mit dem himmlischen Ente zudeckte, den Adams Lust 
hatte auf gedecket (28). 

Für Boebme besteht also in der Schaulust, wie sie in 
der biblischen Erzählung durch das Verhalten Harns illustriert 
wird, die Ursache des fleischlichen Geistes der Eitelkeit, der 
von Gott verflucht ist, und in der Vermeidung und Verdrän- 
gung der Schaulust, wie sie in Japhets und Sems Benehmen 
dargestellt wird, der Anfang und das Vorbild der gottge- 
wollten christlichen Selbstverleugnung, Das dem Blick Ver- 
botene, das der Verdrängung verfällt, bekommt den Charakter 
des Tierischen, Monstrosischen, Schändlichen und Ekelhaften 
und Boehme läßt in seinen Werken keine Gelegenheit vorüber- 
gehen^ ohne seinem heftigen Abscheu vor den tierischen 
Gliedern der Fortpflanzung Ausdruck zu geben, um seinen 
Verdrängungsaffekt zu manifestieren. Dieser Affekt geht so 
weit, schließlich jede Figurenmalerei als abgöttisch zu ver- 
urteilen (Myat magn, 19,27^ vergl, auch Aur, 6, 9 — 11, Mensch- 
werd. 7, 7, drei Frinc, 10, 6—7). 

Aus der überragenden Bedeutung des Sehens in der 
Psychologie unseres Mystikers erklärt es sich, daß das Auge 
bei ihm eine große Rolle spielt. 

Die Seele ist ein Feuerauge (Bedenken über Es, Stiefels Büch- 
lein, 64), Auge den Urgrundes, das ewige Chaos, darin alles hegt, was 
Zeit und Ewigkeit heißt (Myst. magn. 4)* In der »Antwort auf die 
40 Fragen von der Seelen« wird die These, daß die Seele die Form 
eines Auges habe, weitläufig durchgeführt* Denn also ist auch des 
Auges oder Scheines Uratand im Leibe, wenn sich das Leben anzündet, 
alles nach der Ewigkeit recht; und sind die Augen darum so großer 
Kraft und Tugend, dafl sie der Gottheit so nahe sind, und tragen den 
ein geleibten Namen der gottlichen Kraft in sich (Sign, r er, 3, 39). Wie 
wir denn sehen, daß des Feuers und Lichts Eigenschaft vielerlei ist, 
und solches alles von der ersten Impression, da von der Impression 
der Freiheit Lust und die Begierde ineinander stehen, als wie im Chaos 
im Anblick großer Wunder, da alle Farben^ Kraft und Tugenden in 



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DAS CENTRÜM NATURAE. 39 

iliesein einigen Chaos oder Wunderauge liegen, welches Chaos Gott 
selber ist, als das Wesen aller Wesen, der offenbart sich also im 
Partikular mit dem Auge der Ewigkeit (Sig. rer. 3, 40). Und wie die 
Oottheit, so stellt sich Boehme auch Christi Leib in Anlehnung an 
das Gesicht Erechiels als Auge oder eine Vielzahl von Augen vor 
<3 Princ. ^, 118). 

Es verrät das feine Verständnis Gichteis, der seines 
Lehrera Werke in einer zierlichen Ausgabe publiziert und 
jedes Werk mit einem Titelbild versehen hat, daß fast in allen 
diesen Bildern das Auge in zentraler Stellung oder in Viel- 
zahl eine hervorragende Rolle spielt. 

Dieser Rolle entsprechend werden dem Blick die gewal- 
tigsten und wunderbarsten Wirkungen zugeschrieben: 

Siehe, wie die Thron- und Fürstenengel im Anfang sind durch 
die Weisheit Gottes erblickt, welchen Blick das Fiat gefangen hat zu 
schaffen, und im Thronengel die unzählbare V^ielheit, alles nach der 
ewigen Weisheit in den Wundern Gottes, welches alles also geschaffen 
worden im Fiat Gottes nach allen Essentien des ewigen Limbi Gottes 
<3 Princ. 23, 22). 

Und sind wir Menschen dieselben unzählbaren Blicke im Fiat 
des großen fürstlichen Thrones, und die wir heilig sind, werden ge- 
schaffen im Leibe dieses Fürsten in Gott; die wir aber verderben, 
werden ausgeworfen als faule Äpfel für die Säue des Teufels (25). 

Die Teufel können die klare Gottheit im Lichte nicht sehen, 
sondern verblinden davon (25, 114). 

Wenn manche Kreatur oder Mensch nur etwas ansiehet, so ver- 
dirbt es wegen des Giftes in der Kreatur (Aur. 13, 113). 

Abraham (Lit. 53, 54) und Rank (Lit. 53, 54) haben 
die Schaulust mit ihren Formen und Wandlungen genauer 
untersucht und auf den Zusammenhang mit dem neurotischen 
Wissenstrieb über das Schicksal nach dem Tod und vor der 
Geburt, über den Zweck des Lebens und mit der Lust, das 
Geheime zu schauen, aufmerksam gemacht. Auch v. Winter- 
stein (Lit. 9) sieht in der intellektuellen Anschauung vieler 
Philosophen das eigentlich unmögliche Verlangen eines dem 
visuellen Typus angehörenden Individuums, sein eigenes Unbe- 
wußte, das geheime Verbotene zu schauen, und äußert die 
Vermutung, daß möglicherweise zwischen Typ visuel und 
infantilem Schautrieb eine Brücke bestehe. Silber er (Lit. 8) 



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40 JAKOB BOEHME. 



hat in seinem speziell der Mystik gewidmeten Werk die indi- 
viduelle Psychologie wohl zu wenig berücksichtigt, daher den 
Aufbau der Symbole aus bestimmten Erlebnissen übersehen 
und dabei die funktionelle Bedeutung des Schauens zu sehr 
in den Vordergrund treten lassen. Daß aber auch ihm die 
sexuelle Betonung des Schauens nicht entgangen ist, ergibt 
die das Buch einleitende Deutung der Parabola, einer sym- 
bolischen Erzählung, worin neben Inzestwünschen auch der 
Wunsch infantiler Neugierde, den eigenen Zeugungsprozeß 
von außen betrachten zu können, Befriedigung findet. 

Hitschmann (Lit, 55) versuchte das Wesen und Werk 
eines Malerdichters, Gottfried Kellers, aus den Verdrängungs- 
und Sublimierungsprozessen eines Voyeurs zu erklären. Eine 
Erwähnung in diesem Zusammenhang rechtfertigt sich durch 
verschiedene Parallelen. Das Flötenwunder des grünen Heinrich 
(IV. B., 4. K.), wo durch den Glanz der metallenen Klappe 
des Instrumentes dem Helden eine Erleuchtung vom Himmel 
in bedrängter Lage Hilfe bringt, erinnert lebhaft an den 
Jovialischen Schein des zinnernen Gefäßes, der Boehmes zweite 
Ekstase auslöste. Die Angst Reinhardts im Sinngedicht, beim 
Studium des durch einen Kristall gebrochenen Sonnenstrahls 
an seinen Augen Schaden zu nehmen, die ihn zur Augenkur 
veranlaßt, Lyß' Belehrung über das Auge als Urheber, Er- 
halter und Vernichter der Liebe, verraten eine ähnliche Hoch- 
schätzung des Gesichtes, wie die oben angeführten Stellen 
unseres Mystikers. Wie viel Verständnis der Dichter für die 
Mystik aufwies, beweist des grünen Heinrichs Unterhaltung 
mit dem Grafen über Angelus Silesius (IV. B., 12. K.). 

Es gelingt unschwer, bei den Mystikern überhaupt die 
Schaulust^mit ihren Verdrängungen und Sublimierungen als 
Wurzel der geheimen Erkenntnisse aufzuweisen. 

Das Wort Mystik wird vom griechischen fiuetv (die 
Augen schließen) abgeleitet (Lit, 56). 

Meister Eck hart (Lit. 38) nennt die Seele ebenfalls ein Auge^ 
das aller Dinge Bilder in sich aufnimmt. Die Jungfrau ist ein Mensch^ 
der aller fremder Bilder ledig und frei ist, um den Willen Gottes zu 
tun. Die Seele muß aber Weib werden und Frucht bringen. Da, wohin 



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DAS CENTRDM XATURAE. 41 

die Zeit nie innekam, worein nie Bilder geleuchtet, in dem innigsten 
und höchsten der Seele erschafft Gott die ganze Welt Wer Gott so 
im Wesen inne hat, der erfaßt ihn göttlich und dem leuchtet er in 
allen Dingen, denn alle Dinge kommen ihm dann göttlich vor. In ihm 
hat allzeit Gott die Augen offen. Der Weise und die Weisheit, der 
Wahre und die Wahrheit, der Gute und die Gutheit, Gerechtigkeit und 
Gerechter haften Aug in Aug. Der Mensch soll entbehren seines 
Auges, auf dafi er sich selber ewiglich selig macht und ewig Gott 
sehend werde in seinem göttlichen Licht 

Heinrich Suso (Lit 5) erzählt in seiner Lebensgeschichte, wie 
im Anfang seiner Klosterlaufbahn in einem sonderlichen Gedränge 
von Leiden seine Seele verzficket ward in dem Leibe oder aus dem 
Leibe, da sah er und hörte, was allen Zungen unaussprechbar ist 
Es war formlos und weislos und hatte doch aller Form und Weise 
freudenreiche Lust in sich, das Herz war gierig und doch gesattet, der 
Mut war lustig und wohlgeflorieret, ihm war Wünschen gestillet und 
Begehren entgangen. Er tat nur ein Starren in den glanzreichen 
Widerglast, in dem gewann er sein Selbst und aller Dinge ein Ver- 
gessen, war es Tag oder Nacht, das wußte er nicht,- es war des ewigen 
Lebens eine ausbrechende Süßigkeit nach gegenwärtiger, stillstehender, 
ruhiger Empfindlichkeit 

Joh. Tauler (Lit 36) vergleicht die Einung oder Überformung 
— Unio mystica — mit der Wirkung der Sonne auf den Weinstock 
oder auf drei verschiedene Gläser. Man findet Menschen, sagt er, die 
noch in dem Anfang äußerer Übungen stehn und denen doch diese 
lautere Überformung einleuchtet, wie in einem übernatürlichen Einblick, 
in der Woche etwa ein oder zwei Mal, ebenso oft, als es ihnen Gott 
durch seine Erbarmung gibt, denn es ist ohne Verdienst. Der ewige 
Gott liebet sich nun in diesen Menschen und wirket alle ihre Werke. 
Die dem Elias auf Horeb gewordene Erscheinung ist ein Bild für diese 
innersten Vorgänge. Der Herr kam zu Elias nur in einem Blick. Der 
Blick war über alle Maßen so geschwind, daß Elias stand in der Türe 
vor der Höhle und taj den Mantel vor die Augen. Nur wenige Menschen 
erreichen hienieden die höchste Stufe, da ihnen ein Blick der obersten 
Überformung wird. Ein Blick ist es dann, der ihnen ganz kurz zu 
sein dünkt, aber sich ihnen doch als eine Ewigkeit orwoist. Das Ein- 
gehen in die göttliche Finsternis und das Entsinken, da der Mensch 
allen Bildern und Formen entsinkt, ist Bedingung für die Geburt des 
Lichtes der wahren Liebe in uns. 

Hugo von St. Viktor (Lit. 58) spricht vom dreifachen Auge 
des Menschen, vom sinnlichen, vom geistigen Auge der Vernunft und 
von dem, das der Anschauung des Göttlichen geweiht ist. Durch den 
Sündenfall sei <lieses ganz geblendet, das geistige verfinstert und nur 
das sinnliche gecffnet geblieben. Die Erlösung durch die Sakramente, 



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42 JAKOB BOEHME 



den Glauben und die guten Werke eröffnet auch die beiden andern 
wieder. 

Solche Spekulationen und ekstatische Zustände sind mit 
Wahnideen und Sinnestäuschungen gewisser Paranoider zum 
mindesten nahe verwandt. Mäder (Lit. 59) hat die Analyse 
eines solchen Falles publiziert, der behauptete, daß die Strahlen 
seiner Augen die ganze Welt befruchteten. Von den farbigen 
Strahlen, die er durch Blinzeln erzeugte, hielt er die roten 
und blauen für günstige, die grünen für ungünstige. Gifte. 
In der umgebenden Natur, speziell den Früchten der Bäume, 
sah er einen Beweis seiner sexuellen Funktion, Darstellungen 
und Vervielfältigungen seiner Genitalien, und hatte daher den 
Wunsch, als Gärtner Bäume zu pflegen. Nicht uninteressant 
in bezug auf analoge, später zu besprechende Ausführungen 
Boehmes war auch sein Abstammungskomplex. Während er 
seinen Vater und seine Frau für Feinde hielt, war ihm die 
Mutter, die als Mädchen Kündig hieß, die Königin Anna, der 
echte Vater Louis Philipp d'Orleans (sein Großvater ni. s. diente 
in der französischen Armee), dessen Stammbaum er über Jeanne 
d'Arc und Johannes den Täufer auf den Erzengel Gabriel 
zurückführte. Alle diese zeichneten sich durch Glanzaugen aus. 

Die Vorliebe für den Spiegel ist bei Menschen vom 
visuellen Typus, wozu wir unseren Mystiker rechnen dürfen, 
wohl verständlich, und der Umstand, daß diese Spiegel- 
gleichnisse einen unverkennbaren sexuellen Charakter zeigen, 
bestärkt uns in der Auffassung, einen Zusammenhang zwischen 
Typ visuel und infantilem Schautrieb zu vermuten, und hindert 
uns. daran, sie lediglich als Zeichen von Narzißmus zu werten. 
Freud (Lit. 39) hat bekanntlich aus der Analyse der Auto- 
biographie Schrebers den Schluß gezogen, daß die Paranoia 
aus einer Regression und Fixierung im infantilen Narzißmus 
zu erklären sei. 

Wenige typische Zitate mögen Boehmes Vorliebe zur 
Spiegelsymbolik belegen. 

Im zweiten Kapitel des II. Teils von der Menschwerdung, 
der wahren, hochteuren Pforte der heiligen Dreifaltigkeit, 
schreibt er: 



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DIE JUNGFRAU SOPHIA. 43 

Denn der Wille, als der Vater, der spricht mit Bewegung des 
Geistes die Kraft aus in den Spiegel der Weisheit und mit dem Aus- 
sprechen geht der Oeist aus dem Willen, aus dem Worte des Mundes 
Gottes, als aus dem Centro des Herzens aus in das Ausgesprochene 
als in den jungfräulichen Spiegel, und eröffnet das Wort des Lebens 
in dem Spiegel der Weisheit, daß das dreifaltige Wesen der Gottheit 
in der Weisheit offenbar wird (8). 

Oder im Buch von den sechs Punkten: 

Denn des Menschen Leben ist ein wahrhaftiger Spiegel der 
Gottheit, da sich Gott inne schauet Er gibt seinen Glast und Kraft 
in den menschlichen Spiegel und findet sich im Menschen sowohl in 
Engeln und in den Gestalten des Himmels (14). 

Als wir denn erkennen, daß Adam hat also den reinen Spiegel 
irdisch gemacht und Gottes Kraft und Licht verloren, welchen Christus, 
Gottes Sohn herniederbrachte und die irdische Finsternis zersprengte 
und den Spiegel der Gottheit mit Gewalt einführete (17)- 

Die Beziehung zwischen Gottheit und Geschöpf wird an 
diesen Stellen weniger durch autoerotische, narzißtische Ver- 
liebtheit in ein selbstgeschaffenes Idealbild als durch einen 
heterosexuellen Liebesakt : »wenn der Vater in den jungfräu- 
lichen Spiegel eingehtc ausgedrückt. 

Es geht doch wohl nicht an, Narzißmus und Schaulust 
nahezu gleichzusetzen, wie das Roheim (Lit. 83) in der 
Abhandlung über Spiegelzauber durchgeführt hat. 



Die Jungfrau Sophia. 

Schon wiederholt ist in den bisher angeführten Zitaten 
Boehmes die Jungfrau Sophia erwähnt worden. Es sei hier 
versucht, durch eine Ergänzung dieser Stellen Anhaltspunkte 
zu gewinnen für die Deutung dieser Figur. 

In der II. Apologie wider Balth. Tilken schreibt er: 

Also ist auch Gottes Weisheit das ausgesprochene Wesen, da- 
durch sich die Kraft und der Geist Gottes in Gestaltnis, verstehet in 
göttlichen Gestaltnissen und Formungen offenbaret (64). 

Sie gebiehret, aber sie ist nicht das göttliche Principium oder 
das Zentrum der Gebärerin, sondern die Mutter darin der Vater 
würket (65), 

J 7 



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44 JAKOB BOEHME. 



Und darum nenne ich sie eine Jungfrau, darum, dafl sie ist die 
Zucht und Reinigkeit Gottes, und keine Begierde hinter sich zum 
Feuer führet, sondern ihre Lust geht für sich mit der Offenbarung 
der Gottheit (66). 

Sie könnte nichts gebären, so nicht der Greist Gottes in ihr 
wOrkte, und darum ist sie keine Gebärerin, sondern der Spiegel der 
Grottheit, der Geist Gottes gebiehret in ihr; er ist ihr Leben, sie ist 
sein Kasten oder Leib, sie ist des heiligen Geistes Leiblichkeit, in ihr 
liegen die Farben oder Tugenden (67). 

Und heiße sie darum eine Jungfrau, dieweil sie in der Ehe 
Gottes ist : sie ist eine Jungfrau der Zucht und Reinigkeit Gottes und 
ist doch in der Ehe mit Gott (70). 

Verstundest du allhier den Grund, du dürftest keiner Bücher 
mehr, es liegt alles hier innen, der Stein der Weisen lieget an diesem 
Ort (71). 

Wenn der ganze Weltschöpfungsprozeß, wie wir oben 
gesehen haben, von Boehme als Koitus aufgefaßt wird, so 
erscheint die Jungfrau Sophia hier als Personi- 
fikation des dabei beteiligten weiblichen, müt- 
terlichen Wesens. 

Die Genese dieser Vorstellung wird uns im Büchlein vom 
heiligen Gebet geoffenbart: 

O ewiger Gott, bei unsern leiblichen Eltern stellest du uns für 
ein Bild unseres ewigen Vaters und unserer ewigen Mutter (56). 

In den drei Prinzipien heißt es: 

Denn die Jungfrau hat uns eine Rose verehrt, von der wollen 
wir schreiben mit solchen Worten, als wir im Wunder sehen; und 
aWders können wir nicht, oder es ist unsere Feder zerbrochen, und 
die Rose von uns genommen, und sind, als wir vor der Zeit waren; 
da doch die Rose im Centro des Paradieses stehet in der Jungfrau 
Hand, welche sie uns darreichet im selben Ort, da sie in den Toren 
der Tiefe zu uns kam und uns ihre Liebe anbot (18, 62). 

So der neue Mensch treu bleibt im Leibe Jesu Christi, so wird 
ihm die edle Perle des Lichtes Gottes gegeben, daß er kann sehen die 
edle Jungfrau der Weisheit Gottes und die Jungfrau nimmt die Perle 
in ihren Schoß und geht stets mit der Seelen im neuen Leib, Was 
aber das für eine Perle sei, wünschete ich, daß sie alle Menschen 
kenneten, aber wie sie erkannt wird, das ist leider vor Augen. Sie ist 
schöner als der Sonnenglanz und größerschätzig als die ganze Welt 
Aber wie helle sie ist, so ist sie doch auch heimlich (23, 54). 



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DIE JUNGFRAU SOPHIA. 45 

Als ein Senfkorn gesäet wird, welches klein und wenig ist, und 
hernach ein Baum daraus wächst: also wachset die Perle in der 
Seelen in der Jungfrauen Schoß (24, 24). 

Die edle Jungfrau Sophia der göttlichen Buhlschaft 
(Myst. magn. 57, 3) naht sich demnach auch der Seele des 
Geschöpfes, speziell des erleuchteten Sehers, mit unverkenn- 
bar sexuellen Begierden, sie begrüßt sie — vgl. III. Phase 
des Prozesses — als ihren Bräutigam und geht mit ihr die 
Ehe ein. Die ünio mystica zwischen Seele und der 
jungfräulichenWeisheit Gottes erweist sich also 
als Mutterinzest. 

Die Anschuldigung seines Hauptgegners, des Pastor 
Primarius Richter, im III. Teil seines Pasquills, worin ihn 
dieser mit ödipus vergleicht, erscheint demnach nicht un- 
begründet. 

Analoge Phantasien finden sich wiederum bei den alten 
Guostikern, Valentinus (Lit. 33) beispielsweise bezeichnet 
als letzte der Äonen, die als göttliche überweltliche Emana- 
tionen dem Urvater entspringen, die Sophia, und läßt diese 
durch ungeregelte Sehnsucht nach ihrem Schöpfer dem 
Streben und Leiden verfallen, woraus dann die niedere 
Schöpfung hervorgeht. 

Ähnlich lehren die Ophiten (Lit. 58), daß die zur Hyle 
sich herabsenkende Sophia den Jaldabaoth, den bösartigen 
Sohn des Chaos, ausgebärt, der mit sechs von ihm geschaf- 
fenen Astralgeistern die Welt und zuletzt auch den Menschen 
in ihr hervorruft. • 

Schultz (Lit. 60) hat die Übereinstimmung von gnosti- 
schen Theo- und Kosmogonien mit verdrängten Komplexen 
Schizophrener dargelegt. 

In der Kabbalah (Lit. 34) werden in Anlehnung an 
die Sprüche Salomos (7,4): ^Sprich zur Weisheit: du bist 
meine Schwester«, die Ge<=5chwister mit zwei Augen verglichen 
und durch die Vorstellung, daß ein Auge das andere küßt, 
wird an den Inzest mit der Schwester erinnert. 

Bei allen Mystikern läßt sich die Neigung, in der Gott- 
heit das weibliche, mütterliche Wesen hervorzuheben, auf- 



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46 JAKOB BOEHME. 



weisen, wodurch der Drang zur innigen Vereinigung mit ihr 
inzestuöse Wünsche offenbart. Im fernen Osten hat sogar der 
im Grunde atheistische Buddhismus (Lit. 62) eine madonnen- 
ähnlicbe Göttin geschaffen. Eckhart (Lit. 38) nennt Gott 
eine Mutter aller Dinge und spricht von Gottes Kindbett in 
jeder guten Seele. Noch durchsichtiger sind die mütterlichen 
Züge der Gottheit bei Suso (Lit. 57), dessen Herz oft in 
seinem Leibe gen der ewigen Weisheit lustreicher Gegenwar- 
tigkeit fuhr als so eine Mutter ihr saugendes Kindlein unter 
den Armen gefaßt auf ihrem Schöße hat stehen, wie das mit 
seinem Haupte und Bewegung seines Leibes gen der zarten- 
den Mutter emporfährt und seines Herzens Freude mit den 
lieblichsten Gebärden erzeigt. Wenn Franz von Assisi 
(Lit. 61) nach seinen Worten die Frau Armut heimgeführt 
hat, die ihm die reichste, edelste, schönste Braut sei, der er 
sein Leben lang mit der größten Treue anhangen wolle, so 
erkennen wir in diesem Ideal unschwer einen Kompromiß 
von sublimierter Liebe zur Mutter, die eine vornehme arme 
Adlige war, mit Protest gegen den Vater, der als übermäßig 
nach Reichtümern strebender Kaufmann geschildert wird. 



Lucifer. 

In der ersten Apologie wider Balth. Tilken schreibt 
Boehme : 

Der Teufel war ein Großfürst des Loci dieser Welt, erschaffen 
in der Bewegung des Vaters Natur. Er imaginierte nach seiner Mutter, 
er sollte seine Imagination ins Licht, in die Liebe und Sanftmut Got- 
tes setzen, so wäre er Gottes Kind und Engel geblieben (528). 

Aber er ließ sich den Grimm ziehen und sähe zurück in seine 
Mutter (529). 

Aber Lucifer hatte das Licht, hätte er nur nicht zurück ins 
Zentrum der Natur gegaffet ; er wäre der schönsten Fürsten einer (531). 

Da er sich aber ins Zentrum schwang, sich zu verbergen vorm 
Licht Gottes, so blieb Grimmigkeit in Grimmigkeit. Er war nun in 
seiner urkundlichsten Mutter (536). 

AUhier wird nun des Teufels wie auch des Menschen Fall ver- 
standen ; denn nach der ewigen Natur sind sie beide aus einem Ur- 



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LÜCIFER. 47 



Stande. Der Teufel war ein Engel und sollte seine Imagination ins 
Licht Gottes, als in die Liebe und Sanftmut, in die göttliche Wesen- 
heit setzen, so hätte er in seiner Imagination göttliche Wesenheit 
empfangen und sein Licht wäre scheinend geblieben, sein magischer 
Feuerqual hätte von Gottes Sanftmut gessen, so hätte der Feuerqual 
auch in solcher Essenz und Eigenschaft gebrannt, so wäre er ein 
Engel blieben (167). 

Aber er wandte sich zurück ins Zentrum, nach der 
Mutter der Gebärerin, und setzte seine Imagination ins Zentrum, 
nach den Gestalten zur Natur und wollte schrecklich in Feuers- 
macht herrschen, er verachtete die Sanftmut, als das andere Prin- 
cipium und wollte über Gott herrschen (188). 

Der Teufel wollte Feuer Herr sein und Adam Herr dieser Welt: 
so ließ es Gott doch geschehen, weil sie beide freien Willen hatten (461). 

Die Entstehung des Bösen wird also an diesen Stellen 
vom Gedanken an den Inzest mit der Mutter hergeleitet. Im 
Unterschied von der ünio mystica des erleuchteten Sehers, 
die auf einer ähnlichen Phantasie basiert, erscheint aber 
hiebei Lucifer als der aktive, wollende Partner ; er imaginiert 
nach seiner Mutter, sieht zurück ins Zentrum der Natur, 
schwingt sich hinein und will schrecklich in Feuersmacht 
herrschen, während dort die Jungfrau die Rose darreichet, 
die Perle in ihren Schoß nimmt, die Seele als ihren Bräuti- 
gam begrüßt und mit ihr die Ehe eingeht. 

Winterstein (Lit. 9) hat, wohl mit Hinblick auf diese 
Vorliebe zur Passivität die Mystiker kurzweg als Masochisten 
charakterisieren wollen. Als Komponente zu ihrer Psychologie 
darf die Vorliebe zu leidendem Verhalten erwähnt werden, 
wichtiger aber ist sicher die Bedeutung der Schaulust, die 
ja gerade wieder in diesen Inzestphantasien hervortritt: 
»hätte er nur nicht zurück gegaffet«. 

Die Natur polemischer Schriften, in denen der Autor 
gezwungen ist, seinen Standpunkt sowohl gegen gegnerische 
Positionen, die ihm einen falschen Sinn unterschieben, als 
auch gegen ähnliche, die mit der seinen verwechselt werden 
könnten, zu präzisieren, bringt es mit sich, daß wir gerade 
in den Apologien Boehmes Stellen finden, die uns zur Er- 
klärung von Dunkelheiten verhelfen. Wir müssen annehmen, 
daß die Verteidigung und der Angriff des Polemikers eine 
1 7# 



C^ no n 1 ^ Orrg I n a f f no m 

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48 JAKOB BOEHME. 



Konzentration der Aufmerksamkeit und damit eine Energie 
erfordern, die sonst zur Zensur von Verdrängungen dient, 
so daß diese sich offenbaren und damit sonst verborgene Zu- 
sammenhänge klar legen können. 

In den 177 theosophischen Fragen finden wir die Inzest- 
phantasie in viel weniger deutlicher Form ausgedrückt: 

Lueifer sah die Schöpfung und verstand den Grund derselben. 
Da wollte er denn auch ein Gott sein und mit Feuersmacht 
in allen Dingen herrschen, und seine eigenen Gedanken, und 
nicht, was der Schopf er wollte, in Form bringen. So ward er denn 
ein Feind Grottes, und begehrte zu zerstören, was Gottes Wirken bil- 
dete, und an dessen Stelle seine eigenen Wirkungen und Bildungen 
zu setzen (10, 1, 4). 

In der Aurora aber, dem direkt auf die Visionen aufge- 
bauten Erstlingswerk, verbirgt sich die Inzestphantasie ganz 
, unter der Peuersymbolik : 

Als Lueifer so königlich gebildet und in so hohe Glorie gesetzt 
war, da hätte er sofort in Gott wallen sollen, wie Gott in ihm; aber 
das tat er nicht, sondern, nachdem seine Quellgeister mit so hohem 
Licht umfangen waren, da wurden sie so hoch erfreut, daß sie sicli 
wider das natfirliche Recht erhüben und eine höhere, stolzere, präch- 
tigere Qualifizierung begehrten, als Gott selber. Da geschah es denn, 
daß die herbe Qualität ihr Wesen also hart zusammenzog, daß das 
sfiße Wasser in ihm vertrocknete. Dabei war der Blitz so hell, daß 
er den Quellgeistern wie unerträglich war, indem er so schrecklich 
in die herbe Qualität hineinfuhr, als wollte er sie zer- 
sprengen vor großer Freude (13, 116—120). 

Die herbe Qualität war der erste Mörder, denn als sie sah, daß 
sie ein schönes Licht gebäre, zog sie sich noch härter zusammen, als 
sie Gott geschaffen. Die zweite Qualität, als der zweite Mörder, riß 
mit großer Gewalt in der herben, als wollte sie den ganzen Leib zer- 
sprengen. Die Hitze, als der dritte Mordgeist, tötete seine Mutter, das 
süße Wasser. Der Ton fuhr so ungestüm auf, wie ein Donnerschlag, 
um damit seine neue Gottheit zu erweisen, und das Feuer fuhr auf 
wie ein gewaltiges Wetterleuchten. So ward denn der ganze Leib zu 
einem finsteren Tale und war nun kein Rat und keine Hilfe mehr; 
aus der Liebe wurde F«M*ndschaft und aus dem lichten Engel ein 
schwarzer finsterer Teuf« 1 (14, 19 -25). 

Die Phantasie nimmt liier außer der durchsichtigen se- 
xuellen Symbolik, die wir vom Centrum naturae her kennen» 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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LÜCIFER. 49 



noch deutlich sadistischen Charakter an und beweist damit 
ihren infantilen Ursprung. In seiner Schrift über infantile 
Sexualtheorien hat Freud (Lit. 63) gezeigt, wie solche in 
den Träumen des späteren Lebens und oft in neurotiscl^en 
Symptomen eine Rolle spielen. Zu diesen Sexualtheorien 
gehört eben auch die sadistische, welche den Koitus als Ge- 
waltakt auffaßt. 

Schon Franz von Baader (Lit. 64), der hervorragendste 
Interpret Boehmes, erklärt: Lucifer, sich im ersten Prinzip 
fassend, wollte von ihm aus das zweite sich subjizieren und 
sein Attentat war in dieser Hinsicht ein wahrer Incestus. 

Er macht uns auch auf eine in diesem Zusammenhang 
bedeutungsvolle Einzelheit aufmerksam, daß nämlich nur in 
der Aurora Boehme von Michael und Uriel neben Lucifer 
spreche und sonst nicht mehr darauf zurückkomme. 

Wir erfahren darüber: 

Der ganze Ort dieser Welt, die Tiefe der Erde und über der 
Erde bis an den Himmel, auch der erschaffene Himmel selbst, den 
wir mit unsern Augen sehen, aber doch mit unsern Sinnen nicht er- 
gründen können, dieser Raum zumal ist ein Himmelreich und Lucifer 
vor seiner Ausstoßung darin König gewesen. Die andern zwei König- 
reiche aber, Michaels und Uriels, sind über dem geschaffenen Himmel 
und sind dem Königreich gleich. 

Du sollst aber dies Geheimnis wissen, daß inmitten dieser drei 
Königreiche der Glanz oder der Sohn GottPs geboren werde und die 
drei Königreiche sind zirkelrund um den Sohn Gottes (Aur. 7, 4, 5). 

Die Fechnersche Biographie lehrt nun, daß der von Jugend 
an schwächliche und kränkliche Jakob zum Bauern untauglich 
befunden wurde, obschon er als jüngster Sohn rechtmäßiger 
Erbe des väterlichen Bauerngutes gewesen wäre und daß er 
drei ältere Brüder Georg, Michael und Martin hatte. Wir 
sind wohl berechtigt in dieser Verteilung der Königreiche 
eine Reminiszenz an die Erbteilung zu sehen. Wie sehr der 
Knabe den Hirten- und Bauernstand hochschätzte, geht aus 
Dutzenden von Stellen seines Werkes hervor und der Ver- 
zicht, da in die Fußtapfen des Vaters zu treten, hat ihn wohl 
tief geschmerzt und angespornt, um so mehr auf dem anderen 
Gebiete, wo der Vater eine Rolle spielte — als Kirchenvogt 

Kielliolz, Jakob Boehme. 4 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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60 JAKOB BOEHME. 



nämlich — diesen womöglich zu übertreffen. Diese Begierde 
ist ihm ja als von Grott inspiriertem Prophet trefflich erfüllt 
worden. An den drei in ihrem Stande glücklicheren Brüdern 
aber hat er dadurch, daß er sie in der Aurora zu gefallenen^ 
rebellischen Erzengeln degradierte, Rache genommen. Von 
seiner gleichzeitigen Identifizierung mit dem Glanz oder Sohn 
Gottes wird später noch die Rede sein. 

Bei dem Kompromißcharakter, den alle diese Personifi- 
kationen des Mystikers aufweisen, darf man kein Bedenken 
tragen, in dieser Beziehung der drei gefallenen Engel auf 
die älteren Brüder nur eine Nebendeutung zu sehen und in 
erster Linie in Lucifer eine Verkörperung der eigenen Bos 
haftigkeit und verderblichen Begierden zu erblicken. 

Daß das Böse in Boehmes Werk eine hervorragende 
Rolle spielt, ist von seinen neueren Kommentatoren überein- 
stimmend betont worden. Wy neken (Lit. 29), dem der Dua- 
lismus von Gut und Böse von jeher als das einzige Problem 
alles Philosophierens gilt, zeigt, daß neben Luzifer auch Adam 
das Böse personifiziert und konstatiert daher in dem »reich- 
sten und wundervollsten System, das die Welt bisher gesehen 
hat«, ein Übergewicht des Bösen. Nach Petersen (Lit. 30) 
enthält Boehmes Werk eine Entwicklungsgeschichte des Bösen^ 
von dem der Erklärer zwei Arten des theoretisch und wirklich 
Bösen statuieren will. Das Loskommen von der bösen Selbheit, 
das heißt von der Obermacht des Sinnlichen, sei die größte 
Frage* der Boehmeschen Ethik, die Unkeuschheit sei ihm die 
größte Sünde. Bastian (Lit. 31) endlich, der die Quellen 
und Wirkungen von Boehmes Gottesbegriff einer Untersuchung 
unterworfen hat, findet bei seinen Vorgängern nirgends solche 
Konsequenz in der Entwicklung, nirgends so einfache Beziehung 
des Bösen zur Gottheit. Ihm fällt auch auf, daß Boehme mit 
einem gewissen schmerzlichen Wohlgefallen bei Lucifer verweilt. 

Dieses ambivalente Verhalten rührt eben daher, daß es 
die verbotenen Wünsche in der eigenen Brust sind, die in 
dem gefallenen Engel dargestellt werden. 

Im 16.' Kapitel der Aurora heißt es ferner: 



C^ rir^ n I r^ Orrgin a f f ro m 

:3yv_:-uiJgliw UNIVERSITYOF MICHIGAN 



LÜCIFEE. öl 



Lucifer aber hat seine Quellgeister bis in die innerste Geburt 
angezündet und seine Quellgeister gebären nun einen animalischen 
Teufelsgeist, der ein ewiger Feind Gottes ist. 

Das sind also die sieben Spezies oder Gestalten des Sünden- 
anfangs oder ewiger Feindschaft wider Gott. Nun folget kürzlich von 
den vier neuen Söhnchen Lucifers« die er in seinem körperlichen Re- 
giment in sich geboren hat, darum er aus seinem Loco gestoßen und 
der greulichste Teufel geworden ist. 

Von der Hoffart, dem ersten Sohn. 

Nun fragt sich's : was hat denn den Lucifer dazu bewogen, daß 
er über Gott sein wollte? 

Allhier sollst du wissen, daß er außer ihn gar keinen Trieb zur 
Hoffart gehabt hat, sondern seine Schönheit betrog ihn; da er sähe, 
daß er der schönste Fürst im Himmel war, so verachtete er das 
freundliche Qualifizieren und Gebären der Gottheit und dachte, 
er wollte mit seiner fürstlichen Kraft in der ganzen Gott- 
heit regieren, es sollte sich alles vor ihm beugen. 

Von dem andern Sohne dem Geize. 

Der andere Wille war der Geiz, der wuchs aus der Hoffart, denn 
er vermeinte, er wolle über alle englischen Königreiche herrschen, als 
ein Einiger Gott; vor ihm sollte sich alles beugen und er wollte mit 
seihet Kraft alles bilden, dazu betrog ihn auch seine schöne Gestalt, 
daß er vermeinte, er wollte alles allein inne haben. 

Der dritte Sohn ist der Neid. 

Dieser Sohn ist das rechte Podagra der jetzigen Welt, denn er 
nimmt seinen Ursprung im Blitz der Hoffart und des Geizes und 
stehet auf der Wurzel des Lebens wie eine stachlichte und bittere Galle. 

Dieser Geist kam auch anfänglich aus der Hoffart, denn die 
Hoffart dachte, du bist schön und mächtig. So dachte der Geiz, es 
muß alles dein sein und der Neid dachte, du willst alles erstechen, 
was dir nicht gehorsam ist und stach hieniit auf die anderen Pforten 
der Engel. 

Der vierte Sohn ist der Zorn. 

Dieser Sohn ist das rechte brennende höllische Feuer und nimmt 
seinen Ursprung auch von der Hoffart. Denn als er seiner Hoffart 
und seinem Geize mit seinem anfeindlichen Neide nicht genugtun 
konnte, so zündete er das Zornfeuer in sich an und brüllte damit in 
die Natur Gottes als ein grimmiger Löwe, davon denn der Zorn Gottes 
und alles Übel aufging (69-80). 

Bei dieser Ableitung der Laster des Lucifer sei auf die 
erneute Anknüpfung an den Inzestgedanken — er verachtete 

4» 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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68 JAKOB BOEHME. 



das freundliche (}ebären der Grottheit und wollte mit seiner 
Kraft in ihr regieren — hingewiesen» femer darauf, daß 
Boehme selbst vier Söhnchen hatte, die zur Zeit der Abfassung 
der Aurora schon alle lebten (Lit. 19). Auch das beweist 
wieder, daß Lucifer die dunklen Seiten des eigenen Wesens 
personifiziert. 

An verschiedenen Stellen seines Werkes hat der Theo- 
soph zur Darstellung der bösen Begierden die Tiersymbolik 
verwendet. 

Allhie ward der Schlangen List und Klugheit offenbar und ver- 
darb das edle Bild und ward nach der Erde Limo ein Tier aller Tie- 
ren; davon nun jetzt so vielerlei Eigenschaften in jedem Menschen 
seind, als einer ein Fuchs, Wolf, Bär, Lowe, Hund, Stier, Katze, Roß. 
Hahn, Kröte, Schlange und in Summa so vielerlei Geschlechte der 
Kreaturen auf Erden sind, also vielerlei Eigenschaften sind auch im 
irdischen Menschen, ein jeder etwan einer, als nach dem inherrschen- 
den Gestirne, welche eine solche Eigenschaft in Zeit des Samens im 
Samen machen, wegen ihrer In herrschung, welch Gestirne am mäch- 
tigsten in der Konstellation ist, das hat seine Begierde im Samen 
und so der gesät wird,so wird eine solche Eigenschaft im 
irdischen Teil des Menschen mit ausgebrütet (Myst. magn. 20,34), 

Nicht daß der ganze Mensch ein solches sei, sondern in der ir- 
dischen Essenz wird eine solche Figur der Begierde und muß der 
Mensch ein solch Tier im Leibe tragen, das ihn zu tierischer 
Eigenschaft reizet und treibet (35). 

Da doch dasselbe Tier bei einem jeden seine Signatur mit im 
Äußern etwas anhänget ; so man das in acht hat, findet man es : davon 
hieß Christus die Pharisäer Nattern Grezüchte und Schlangen (Jeräcke: 
item andere Wölfe, Füchse, Hunde und dergleichen, denn sie waren 
in der irdischen Essenz solche: und lehret uns, wir müssen neuge- 
boren werden und diese tierischen Eigenschaften verlassen und werden 
als die Kinder, oder sollten nicht Gottes Reich besitzen (36). 

Es stehet die arme Seele in dieser Grefängnis an einem solchen 
Tier angebunden, und mit ihm vermählet Es sei denn, daß der 
Mensch neu geboren werde, zu welchem Grunde Gott die Beschneidung 
im Alten Testament und im Neuen die Taufe in Christi Geiste ge- 
ordnet hat (37). 

Diese Neigung, böse Begierden auf Tiere zu projizieren, 
geht auf infantile Gedankengänge zurück und spielt von da 
ausgehend im Traumleben des Gesunden, in Fabeln und Mär- 
chen und in vielerlei Bildungen der kranken Seele eine große 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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LUCIFER. 68 



Rolle. Es sei nur an die Tiervisionen der mittelalterlichen 
Asketen (Lit. 58) und an allbekannte deliriöse Zustände erinnert. 

Die eingehende Untersuchung der kindlichen Tiersym- 
bolik, von Freud (Lit. 65) in der Analyse der Phobie eines 
fünfjährigen Knaben vorbildlich durchgeführt, hat, was in 
diesem Zusammenhang hauptsächlich von Wichtigkeit erscheint, 
Phantasien entdeckt, die sich mit den Eltern und deren Sexual- 
leben beschäftigen. 

Einen hübschen Beitrag zu dieser Auffassung liefert fol- 
gende Geschichte, die mein fünfjähriger Junge am Tage nach 
der Geburt eines Brüderchens mir während eines Spazier- 
gangs erzählte: 

Es war einmal ein Löwen weibchen, das war krank. Da kam der 
Löwenmann und sah es. In der Nacht, als sie schliefen, flog ein Hüh- 
nerweih herzu und bifi das Löwen weibchen ins Bein, dafi es blutete, 
und flog dann schnell wieder fort. Dann kam der graue Adler und 
wollte auch picken, da packte ihn das Löwenmännchen am Kopf und 
fraß ihn, so dafi nur die Beine und Federn übrig blieben. Dann kam 
<ler Igel und die Katze. Das Löwenmännchen berührte den Igel und 
wurde in die Pfoten jorestochen. Die Katze gab ilmi eins aufs Maul und 
kratzte es über die Nase. Dann erschien der Mann, dem alle Tiere 
^^eliörten, und schlug den Ipel und die Katze und den Vogel mit 
seinem Beile tot und be^Tub sie. Das Löwoinveibclien saß immer im 
Käfig. Der Löwe giny stets spazieren, die Frau arbeitete für ilm und 
kochte* Der Igel war grau, die Katze weiß mit schwarzen Tupfen, 
hieß Igelkatze, war dem Igel sein Weibchen. Beide wohnten im Walde 
unter einem Baum. In S. (Wohnort der Eltern der Mutter) hat es 
so eine Tanne. Der Mann war alt, hatte einen grauen Bart mitten 
auf der Brust. (So sieht des Fabulisten Vatersvater aus, der mit ihm 
einmal eine Menagerie besuchte.) Der Adler war ein böses wildes Tier, 
der ein kleines Häuschen besitzt mit einem Hühnerhof und ein klei- 
nes Weibchen hat. (Diese Beschreibung deutet gleichfalls auf den 
Vatersvater.) 

Der junge Fabulist quält und beseitigt also die in Tiere 
verwandelten Großeltern und seinen Vater auf die grausamste 
Weise zur Strafe für die Erkrankung der Mutter, an der ihm 
jene mitschuldig erscheinen. 

So dürfen wir annehmen, daß auch das Tier im Menschen 
bei Boehme wahrscheinlich ein Eltemimago, hauptsachlich 
ein Vaterimago bedeutet — der Hinweis, daß die tierische 



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54 JAKOB BOEHME. 



Eigenschaft im Samen gesät und mit diesem ausgebrütet wird, 
bestätigt das — und die Forderung, vom Tiere frei zu werden, 
geht so letzten Endes auf infantile Rache- und Beseitigungs- 
wünsche zurück. Die »anagoge Deutung«, um mit Silberer 
zu reden, dieser Symbolik und ihrer Forderung, vom Tiere 
frei zu werden, wäre: Lösung von der infantilen Fixierung 
an die Eltern. 

IndrastischenVergleichen ist das Tier auch sonst 
öfters von unserem Mystiker verwendet worden: 

Die äußere Vernunft weiß nicht mehr von der Seele Urständ 
als eine Kühe von einer neuen Stalltür, die siehet sie an und dünket 
sie fremde zu sein. (Von 6, Punkt 7, 21.) 

In der Apolog. wider Es. Stiefel: 

Es soll der Mensch, als das Bild Oottes, nicht solch ein Kalb 
sein, der seines Vaters Haus nicht wollte kennen lernen ; ja wohl darzu 
verbieten, wie dieser Autor in seiner Erklärung tut (54). 

Der Autor (eben Stiefel) hat sich in der Geburt der Gottheit 
geschwungen und hoch erhaben und Gott ganz gleich gesetzt und zu 
einem Gott gemacht: Verstehet doch so wenig davon, als die Kühe 
von der Schelle, die sie trägt, ohne daß sie dieselbe höret läuten und 
klingen (224). 

Darum ist des Autoris Auslegung unrichtig, da er sagt, Christus 
selber sei das Werk menschlicher Fortpflanzung: welches fast eine 
Kühe lachete, wenn sie ihresgleichen am äußeren Menschen siehet, 
daß er öfters törichter tut als ein Vieh (323). 

Diese Stellen verraten einerseits ' die Macht der Remi- 
niszenzen an das jugendliche Hirtenleben, anderseits unter 
der Decke christlicher Demut eine recht hochmütige Gering- 
schätzung des Gegners. 

Noch bedenklicher wird aber von Boehme sein Haupt- 
gegner, der Pastor Primarius, eingeschätzt, von dem er schreibt : 

Ist aber der Prediger ein Toter und säet aus seinen Affekten 
Gift und Schmach, so lehret der Teufel und höret der Teufel Dasselbe 
Lehren wird in dem Gottlosen Herzen gefangen und bringet gottlose 
Früchte, daraus die Welt eine Mordsgrube des Teufels worden ist, 
daß beides vom Lehrer und Hörer nichts als eitel Spotten, Lästern, 
Höhnen, Wortzanken und um die Hülse beißen innen ist. (Von der 
Wiedergeburt 6, 12.) 



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ADAM. 65 

Aber in dem heiligen Lehrer lehret der heilige Geist und in 
dem heiligen Hörer höret der Geist Christi durch die Seele und gött- 
liches Gehäus des göttlichen Schalls. Der Heilige hat seine Kirche in 
sich, da er inne höret und lehret Der heilige Geist predigt ihm aus 
allen Kreaturen, alles, was er ansiehet, da siehet er einen Prediger 
Gottes (14). 

Weil mir nun der Herr Primarius einen elendenTod 
wünschet, so ist sein Wunsch vom Teufel. Hieran soll man 
den Baum an den Früchten kennen und mag ein jeder wohl denken, 
aus was Geiste und Gremüte er mich verfolget, daß er solches dem 
Satan zu Gefallen tue und kein Diener Christi ist (Apol. w. Greg. 
Richter, III. Teil). 

Er stellt somit sich, dem von Gott inspirierten Heiligen, 
den Hauptpastor als Werkzeug des Teufels gegenüber und 
Lucifer wird dadurch schließlich noch zur Personifikation 
seiner Verfolger. 

Adam. 

Der Mensch ward an des ausgestoßenen Lucifers Stelle ge- 
schaffen und sollte die Hierarchiam besitzen, welche Lucifer verloren 
hatte; daher des Teufels Neid gegen den Menschen entstanden ist 
<Myst. magn. 17, 31). 

Von diesem Neide geleitet verführt Lucifer Adam zum 
nämlichen Verbrechen, das ihn nach Boehmes Auffassung zum 
Falle brachte, zum Inzest. Franz von Baader (Lit. 64) hat 
wiederum diese Übereinstimmung im Wesen des ersten Engels 
und des ersten Menschen bei unserem Mystiker hervorgehoben. 

Adam hatte seines Vaters keusches Ehebett in sich, als seine 
Eva nocli ungemacliet war, er war Mann und Weib und doch deren 
keines, sondern ein rechtes Ehebett Gottes (Myst. magn. 76, 11). 

Er hätte können Gott opfern, beides geistlich und kreatürlich, 
auf Art, wie der Baum selber ohne Zutun eines andern seine Äste 
und Früchte gebäret und die schöne Blut im lieblichen Gerüche und 
Kraft mit schönen Farben nach seiner Art aus sich wirfet, und wie 
ihn Gottes Wort hat aus sich geworfen und geboren: aller dieser 
Gewalt lag auch in ihm (12). 

Aber der eigene Wille fuhr leichtfertig dahin und führte sich in 
tierische Eigenschaft, in falsche Lust und Begierde ein, und stieg mit 
tierischer Lust und Begierde ein in dies belüge Ehebett Gottes, in 
welche Lust ihn der Satan einführte, als der Grund der finstern Welt 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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56 JäKOB BOEHME. 



nach der Bildung der Phantasie, sowohl der Teufel mit der Fürstel- 
lung der monstrosischen, tierischen Eigenschaft, auch der List und 
Witz der Schlangen, alfe des Grundes des ersten Principii, daß der 
eigene Wille sich darein schwang und damit infizieret ward und seine 
Kraft der Bildung nach Seele und Leib monstrosisch machte, davon 
die tierische Imagination in Adam aufwachete und anfing (13). 

Und allhie stieg er auf seines Vaters als auf Gottes 
Ehebett und besudelte das mit viehischer, sowohl teuf- 
lischer, falscher Imagination. Jetzt war er in des Teufels Gift 
leichtfertig und verlor das Königreich und Priestertum als den fürst- 
lichen Thron und ward darüber unmächtig und an Gott blind und 
fiel nieder im Schlaf und lag zwischen Gottes und dieser Welt Reich 
in Ohnmacht (14). 

So saget nun Moises: und Gott ließ ihn in einen tiefen Schlaf 
fallen und machte ein Weib aus ihm und brachte sie zu ihm und 
gab ihm ein tierisches Ehebett für ein himmlisches: da 
er jetzo nun mag in eigener Lust darinnen buhlen, welches vor dem 
Himmel doch nur ein besudeltes Ehebett ist (15). 

Die menschliche Ehe wird also von Boehme 
als eine schimpf liehe Straf e Gottes für inzestuöse 
Phantasien dargestellt. 

Die Verachtung der Ehe hat bei unserem Mystiker noch 
eine andere Quelle. In der Apologie, betreffend die Voll- 
kommenheit des Menschen wider Es. Stiefel, polemisiert er 
gegen die Auffassung seines Gegners, daß eine eheliche Zeu- 
gung ohne Sünde möglich sei: 

Findet man doch Tiere, die sich des schämen, darinnen ange- 
deutet wird, daß sich die Natur des schämet, und wenn man's am 
besten und mit dem rechten Namen nennen will, so heißt es ein 
Ekel vor Gottes Heiligkeit, der aus der Sünden entstanden ist durch 
Adams Fall; welcher zwar unter göttlicher Geduld getragen wird, 
weil es nicht anders sein kann (398). 

Sicher steckt hinter diesem Ekel vor der Zeugung und den 
Zeugungsgliedem wieder der Verdrängungsaffekt der Voyeurs* 

Schon bei Lucifers Verbrechen haben wir auf dessen 
Ähnlichkeit mit der gottgewollten Unio mystica aufmerksam 
gemacht. Ebenso wird für Adam die Vermählung mit der 
Jungfrau Sophia als eine Absicht des Schöpfers hingestellt 
und die Ehe mit dem irdischen Weib als deren minderwer- 
tiger Ersatz: 



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ADAM. 67 

Da erblicket sich Gott nach seinem ewigen Willen in seiner 
ewigen Weisheit der edlen Jungfrauen und das Fiat schuf den Men- 
schen aus dem Element im Paradies. (Von 3 Princ. 15, 14.) 

Und die edle Jungfrau der Weisheit und Kraft Gottes w^urde 
ihm vermählet, daß er sollte keusch sein und ganz züchtig bei seiner 
Jungfrau (lö). 

Aber der Geist der großen Welt überwand Adam. Da mußte 
Gott dem Adam ein Weib aus seinen Essenzien schaffen und wich die 
edle Jungfrau von ihm ins Paradies, da wartet sie sein, er soll das 
Irdische ablegen, so will sie seine Braut und lieber Buhle sein (18). 

Da man denn hier abermals siehet, daß Gott die irdische Ver- 
mischung nicht gewollt hat, der Mensch sollte bleiben in der feurigen 
Liebe, die war im Paradies, und aus sich gebären. Aber die Frau war 
in dieser Welt in der Brunst der verbotenen Frucht, davon sollte 
Adam nicht essen (35). 

Die abweisende Stellung zur Ehe, zur Sexualität über- 
haupt, die sich nach diesen Ausführungen durch eine Re- 
gression zu infantilen Inzestphantasien erklärt, ist im Leben 
unseres Mystikers dadurch zum Ausdruck gekommeni daß er 
von dem Zeitpunkt an, wo er in der Aurora seine Erkennt- 
nisse niederschrieb, seine Familie vernachlässigte. Sein letztes 
Kind ist um diese Zeit, im Sommer 1613, geboren, von da 
an hat er nur noch geistige Früchte gezeugt. 

Der begeisterte Anhänger und Herausgeber seiner Schrif- 
ten, Gichtel, hat in der von ihm gestifteten Sekte der Engels- 
brüder die Konsequenz aus dieser Stellung gezogen, indem 
er die Enthaltung vom ehelichen Leben forderte (Lit. 16), 

Daß Petersen in seinen Grundzügen der Ethik Boehmes 
die Unkeuschheit als größte Sünde festgestellt hat, ist schon 
erwähnt worden. Carrifere (Lit. 66), der Boehme neben Jordano 
Bruno als Höhepunkt des philosophischen Bewußtseins im 
Reformationszeitalter und als Träger der Lehre Spinozas und 
Leibniz', der neueren Weltanschauung überhaupt bezeichnet, 
rügt an ihm, daß hie und da eine mönchische Askese gar 
übellautend durch die schönen Worte klinge, 

Boehme gibt uns in seinen Schriften eine besondere Dar- 
stellung vom Sündenfall, die von der aus der Genesis 
bekannten erheblich abweicht und die, wie er uns berichtet, 
nicht von Moses, sondern aus der eigenen Inspiration stammt : 



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08 JAKOB BOEHME. 



Nun fraget die Vemnnft : wie lange war denn Adam im Paradiese 
vorm Falle, und wie lang währte die Versuchung? Dieses kann ich 
dir aus Mosis Beschreibung von der Schöpfung nicht sagen, denn es 
ist aus großen Ursachen sttimm geblieben: Ich will dir aber die 
Wunder Gottes anzeigen und darinnen grfinden, als mir in der Er- 
kenntnis ist gegeben, damit du die Versuchung und den Fall Adams 
lernest besser betrachten. (Von 3 Princ 12, 2.) 

Das ist der Fall, daß Adam und Lucifer die Phantasie 
an Gottes Stätte setzten, da wich der heilige Geist aus ihrer Natur: 
nun sind sie ein Geist in eigenem Willen, und sind in der Phantasie 
gefangen, als wir denn das in Adam erkennen. Als sich der Seele Scienz 
durch des Teufels Einhalten oder Infizieren erhub, so wich der heilige 
Geist in sein Principium, da ward Adam im Bilde Gottes schwach und 
matt, als in der Temperatur, und konnte nicht in der Gleichheit magisch 
seinesgleichen aus sich hervorbringen, sfine Allmacht, welche er in 
der Temperatur hatte, ward ihm gebrochen, denn die tierischen Eigen- 
schaften der Kreation wurden in ihm rege. (Von der Genad. Wahl 6, 41. ) 

So spricht nun Moses : Gott ließ ihn in einen tiefen Schlaf fallen 
und er entschlief (42). 

Als Eva in Adams Schlaf aus Adam gemacht ward, so geschah 
das im Verbo Fiat, im Spiritu mundi ; allda wurden sie zu Kreaturen 
der äußern Welt, als in das äußere naturliche Leben in der Sterblichkeit, 
als in das tierische Leben gebildet, mit viehischen Gliedern in der 
Form, auch mit einem Magensack zur irdischen Speise. Denn nachdem 
das Weib aus Adam kam, so war schon das Bild Gottes in der Temperatur 
zerbrochen, und mochte allda das Paradeis in ihm nicht bestehn, denn 
das Reich Gottes stehet nicht in Essen und Trinken, saget die Schrift, 
sondern in Friede und Freude in dem heiligen Geist Das mochte in 
Adam und Eva schon nicht sein, denn sie hatten schon das Zeichen 
zu tierischer Art, obwohl die tierische Art noch nicht ganz aufgewacht 
war, so war sie doch in der Lust schon aufgewacht (46). 

Und kann also niemand sagen, daß Eva vor der Berührung 
ihres Adams sei eine reine, züchtige Jungfrau gewesen, denn sobald 
Adam ausm Schlafe aufwachte, sähe er sie neben sich stehn und 
imaginierte bald in sie und nahm sie zu sich und sprach: das ist 
Fleisch von meinem Fleisch und Bein von meinem Bein, man wird sie 
Männin heißen (40 Fragen 36, 6). 

Und die Eva hat auch bald in ihrem Adam imaginieret und hat 
eins das ander in der Sucht entzündet: wo ist nun die reine Zucht 
und Keuschheit? Ist's nicht tierisch? Ist nicht das äußere Bild ein 
Tier worden (7). 

Der Fall Adams erfolgt also nicht der Genesis ent- 
sprechend durch Ungehorsam gegen Gottes Gebot, vom Baume 



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ADAM. 59 

der Erkenntnis zu essen, sondern durch die gleiche Phantasie, 
♦ wie sie Lucifer zum Verderben wurde, das heißt, wie wir oben 
sahen, durch die Inzestphantasie verliert Adam seine frühere 
göttliche Allmacht, verfällt in Schlaf und die Schöpfung Evas 
und der tierischen Eigenschaften in beiden erscheint so nur 
als Folge und Strafe seiner verbotenen Wünsche. Sogar die 
Entstehung des Versuchsbaumes wird von Boehme auf diese 
zurückgeführt : 

Weil Adams Geist nach Frucht lüstete, die da war, wie die ver- 
derbte Erde, so figurierte ihm auch die Natur einen solchen Baum 
zusammen, der da war wie die verderbte Erde. Denn Adam war das 
Herz in der Natur, darum half auch sein seelischer Geist diesen Baum 
bilden, davon er gerne essen wollte (Aur., 17, 20). 

Die Vernunft spricht: warum ließ es Gott geschehn, daß Adam 
den Versuchsbaum durch seine Imagination aus der Erde zog? (Myst. 
magn. 17, 41). 

Das aber, was in der Genesis als Ursache des Falls 
geschildert wird, der Genuß der verbotenen Frucht und seine 
Wirkungen, tritt in des Theosophen Darstellung als bloße Folge- 
erscheinung der inzestuösen Phantasien in den Hintergrund. 

Wir erhalten von Adam vor dem Falle eine Schil- 
derung, für die sich wiederum in der Bibel keinerlei Anhalts- 
punkte finden. 

Er schreibt darüber in den drei Prinzipien : 

Die Decke Mosis muß weg und mußt dem Mosi ins Angesicht 
sehen, willstu den neuen Menschen sehen und ohne die Perle bringestu 
die nicht weg und kennest den Adam vor seinem Falle nicht. Denn 
Adam hat nach seinem Fall den ersten Menschen selber nicht mehr 
gekannt, darum schämete er sich seiner monstrosischen Gestalt und 
versteckete sich hinter die Bäume im Garten. Denn er sähe sich an, 
wie er eine viehische Gestalt an sich hatte, da hat er auch alsbalde 
viehische Glieder zu seiner Fortpflanzung bekommen, welches ihm das 
Fiat im III. Principio schuf, durch den Geist der großen Welt (10, 6). 

Es soll niemand wähnen, daß der Mensch habe vor seinem Falle 
viehische Glieder zur Fortpflanzung gehabt, sondern himmlische und 
auch keine Därmer, denn solcher Stank und Quell, so ein Mensch im 
Leibe hat, gehöret nicht in die heilige Dreifaltigkeit, ins Paradies, 
sondern in die Erde, die muß wieder in ihr Äther gehn. Der Mensch 
aber ward unsterblich geschaffen und darzu heilig, gleich den Engeln, 
und ob er wohl aus dem Limbo war gemacht, so war er doch rein (7), 

3 B 



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60 JAKOB BOEHME. 



Denn der Mensch war in einem Wesen und war auch nur ein 
Mensch, den Gott also schuf und der hätte können ewig leben und 
hätte köntien aus ihm aus seinem Willen wieder gebären und das 
Zentrum erwecken und also ein englisch Heer ins Paradies gebären 
ohne Not und Angst, auch ohne Zerreißung (12). 

Als Gott Adam also hatte geschaffen, da war er also im Paradies 
in Wonne und war ein verkläret Mensch gar schon voll Erkenntnis, 
wußte alles, was in jeder Kreatur wäre und gab einem jeglichen einen 
Namen nach der Qualifizierung seines Geistes: gleich wie Gott allen 
Dingen kann ins Herz sehen: also konnte das Adam auch tun, daran 
ja seine Vollkommenheit wohl zu spüren ist gewesen (17). 

Nun wären Adam und alle Menschen aufm Erdboden gegangen, 
als er ging, ganz bloß, sein Kleid war die Klarheit in der Kraft Gottes, 
keine Hitze oder Kälte hätte ihn berühret: sein Sehen war Tag und 
Nacht mit aufgesperrten Augen ohne Wipern, in ihm war kein Schlaf 
und in seinem Gemüte keine Nacht. Denn in seinen Augen war die 
gottliche Kraft und er war ganz und vollkommen, er hatte den Limbum 
und auch die Matrix in sich ; er war kein Mann und auch kein Weib : 
gleich wie wir in der* Auf erstehung sein werden (18). 

Sein Geist herrschete kräftig über dem Geist dieser Welt, über 
Sternen, sowohl Sonne und Mond und über die Elementa (19). 

An dieser Schilderung Adams vor dem Fall erscheinen 
uns vor allem drei Punkte beachtenswert: 

1. Die Abscheu vor den viehischen Gliedern 
der Fortpflanzung. Sie ist eine Folge der Neigimg, die 
sexuellen Begierden, speziell den Schautrieb aus dem Bow^ußtsein 
zu verdrängen, und entspricht der abweisenden Stellung 
Boehmes gegen die Ehe, die wir oben aufgezeigt und in ihre 
Wurzeln verfolgt haben. So sagt er auch in den 3 Princ. : 

Darum o Mensch, siehe zu, wie du der irdischen Brunst ge- 
brauchest, sie ist in sich ein Greuel vor Gott, sie sei in der Ehe oder 
außer der Ehe (20, 6ö). 

2. Die Androgynie Adams. Er hätte können aus 
ihm aus seinem Willen wieder gebären ein englisch Heer ins 
Paradies ohne Not und Angst auch ohne Zerreißung. Ebenso: 

Adam war Mann und Weib vor seiner Heva und sollte seines- 
gleichen ein Bild nach ihm aus ihm durch seine Imagination und eigene 
Liebe aus sich gebären, das konnte er auch tun ohne Zerreißung 
(40 Fragen 8, 2). 

Hätte Adam nicht nach der Irdigkeit imaginiert, so wäre Eva 
nicht aus ihm gemacht worden, sondern er hätte wohl können selber 



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ADAM. 61 

auf magische Art gebären, er hatte die Matrizem und auch den Limbum, 
er war Mann und Weib vor seiner Eva, eine reine, züchtige, männliche 
Jungfrau Gottes (I. Apol. w. Balth. Tilk. 603). 

Aber so man's gar tief suchet, so ist dies wohl der rechte Grund : 
Eva war das Kind in Adams Matrix, daß, so Adam nicht wäre über- 
wältiget worden, er aus sich in großer Zucht und Heiligkeit geboren 
hätte, weil aber Adams Matrix vom Geiste dieser Welt geschwängert 
war, so mußte Gott ein fleischlich Weib daraus bauen, welche hernach 
auch in ihrer ersten Frucht also süchtig und vom Teufel infizieret war, 
sowohl auch der Limbus in Adam. (Von 3 Princ. 20, 92.) 

Diese Vorstellung von der Bisexualität Adams mit deut- 
licher Überbetonung der weiblichen Komponente läßt sich er- 
klären durch eine Wiederbelebung kindlicher Phantasien, die aus 
einer Zeit stammen, wo über die Beteiligung der beiden 
Geschlechter an Zeugung und Geburt noch keinerlei Klarheit 
herrscht. Freud (Lit. 67) nimmt an, daß in solchen Phantasien 
zwei Triebrichtungen von entgegengesetztem Geschlechts- 
charakter zum Ausdruck kommen. Wenn Boehme die Androgynie 
Adams als ein Gleichnis nach Gott bezeichnet und damit auf 
seine ebenfalls deutlich bisexuell geformte Gottheit hinweist, 
wie sie oben anläßlich der Deutung der Jungfrau Sophia be- 
schrieben ist, so fällt uns die Analogie zu den vorderen 
weiblichen und hinteren männlichen Gottesreichen des Para- 
noikers Schrebers auf. Freud (Lit. 39) hat nun aus dessen 
Autobiographie die Theorie abgeleitet, daß die Paranoia oder 
wenigstens gewisse Typen dieser Psychose der Ablehnung 
homosexueller Wunschphantasien ihre Entstehung verdanken. 
Auch Bleuler (Lit. 68) neigt zu dieser Auffassung, nur 
möchte er, wohl mit Rechte den homosexuellen Konflikt nicht 
in den Mittelpunkt der Genese des Leidens gestellt wissen 
und betont, daß es sich bei Schreber nicht um eine reine Paranoia, 
sondern um eine paranoide Form der Schizophrenie handle. 

Das Vorkommen solcher bisexueller Phantasien bei Schizo- 
phrenen ist in der Tat nicht selten. 

Ein wegen Muttermord interniertes Mädchen S., dessen 
Erkrankung vorwiegend zirkulären Verlauf nahm, beschreibt 
während einer w^eitgehenden Remission ihren Zustand als 
Hermaphrodit folgendermaßen : 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



62 JAKOB BOEHME. 



Das Wesen dieses Zustandes im allgemeiiien, resp. dieser krank- 
haften Einbildung ist ein ffir den Betreffenden höchst unheimliches, 
furchterregendes. Es ist der Inbegriff der drei Geschlechtswesen, in 
einer Person konzentriert, in einem gewaltigen Ganzen sich vereinigend, 
jedoch in stetem, eigenem Kampfe sich befindend. Jede Energie will 
sich die Oberhand Aber das Ganze erkämpfen, die andere will nicht 
unterliegen, somit gestaltet sich die Seele zu einem Zwitterding. Nach 
meiner damaligen Auffassung war ein Hermaphrodit auch ganz 
besonders geeignet, der Wissenschaft infolge seines vielseitigen 
Empfindungsvermögens viel Unaufgeklärtes ergänzend mitteilen zu 
können, vorteilhafte Neuerungen und Umwälzungen auf allen Gebieten 
erzielend und durch magische Experimente zu neuen vorteilhaften 
Lebenstheorien Aufschlüsse zu ermöglichen. Also ein Medium in alle 
dunkeln Mysterien erleuchtend eindringen zu können. Als Hermaphrodit 
fühlte ich die Macht in mir, sämtliche Geisteskranke der Anstalt zu 
heilen, was dem Staate zu Nutzen, der Direktion jedoch zum Schaden 
gereicht hätte. Ich entschloß mich daher, auf dieses Vorhaben zu 
verzichten. Christus soll Hermaphrodit geworden sein durch seine 
unendliche Aufopferung, durch die uneigennützige Einsetzung aller 
seiner Kraft für eine heilige Sache (Verzichtleistung). Durch die 
Wiedergeburt in das Stadium physischer und moralischer Reinheit, 
hoher Lebensauflassung und menschenerlösenden Bedürfnisses zur 
Selbsttätigkeit und Kraftausübung gelangt, war die Ausstrahlung des 
begnadigten Hermaphroditen eine in hohem Maße starke und voll- 
kommene, daß er selbst gewissen Kranken gegenüber suggestive 
Behandlung vornehmen und mit Erfolg durchführen konnte. 

Ich hatte verschiedene Stadien durchzumachen, nämlich ein 
bestimmtes, das keinen Zweifel zuließ, und ein unbestimmtes Neutrum- 
stadium, wo die Zweifel ob der Richtigkeit dieses Seins sich einstellten. 
Ich erinnere mich des Momentes, da die Entwicklung vor sich ging. 
Ich litt an der Täuschung, Mann geworden zu sein. Die körperlichen 
Bewegungen wurden plötzlich elastischer, freier, die Muskeln gewannen 
an Spannkraft, kräftig rollte das Blut durch die Adern, die Geistes- 
und Körpertätigkeit mächtig fördernd. Das Allgemeinbefinden war 
ein leichteres, wohliges, die Denkensart eine ungehemmtere, kühnere, 
die Fähigkeiten waren verschärft und die Tatkraft fühlte ich sich ver- 
doppeln. Ein freudiges Selbstbewußtsein hob das seelische Empfinden 
und trat an die Stelle des Sichkleinfühlens. Ich hätte mich in allen 
diesen Vorteilen sehr glücklich geschätzt, wenn ich nicht unter den 
(vermeintlichen) Anspielungen der Wärterinnen sowie der Insassen des 
Männerpavillons gelitten hätte. Ich machte aus diesem Grunde einen 
Selbstmordversuch. Es folgte das Stadium des unbestimmten Wesens 
bei zunehmender Besserung des Allgemeinbefindens, das mich ob des 
Bestehens der physischen Veränderung in Zweifel und beängstigender 



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ADAM. ea 

UngewiBheit liefl. Mit der langsam fortschreitenden Besserung ver- 
schwanden auch diese Ideen wie auch die Empfindungen allmälig» bis 
sie schließlich ganz wegblieben. 

Wie ich heute fiber die Möglichkeit der Entstehung solcher 
Einbildungen urteile, ist hauptsächlich die schon vorhandene Tendenz 
zu männlicher Art und Beschäftigungsweise, Sport, zu erwähnen, das 
Wesen des erlernten Berufes (Zahnarzt). 

Eine verheiratete kinderlose Frau, infolge ihrer para- 
noiden Erkrankung von vielfachen Sinnestäuschungen und 
Verfolgungsideen gequält, behauptet, ihr Mann sei zu einem 
Weibsbild umgeschaffen worden, man habe ihm einen Eier- 
stock, eine Gebärmutter und einen Periodendarm eingelegt, 
er habe drei Kinder gebären müssen. Während sie im Spil^al 
war, habe er beim Spitalarzt und auch bei der Oberin schlafen 
müssen. Er sei eben beides gleichzeitig, Mann und Weib, 
gewesen. Ihre Verfolger hätten ihm auch nachgesagt, er 
habe päderastischen Umgang mit ihrem Bruder. 

Ein lediger Fabrikarbeiter, von schmächtiger, kaum 
mittelgroßer Statur, der sich von seinen Arbeitgebern verfolgt 
fühlte, erzählte, diese hätten ihn auch veranlassen wpllen, 
Kellnerin zu werden. Er sollte kastriert, ihm die Gebärmutter 
eines Affen eingesetzt und er dann durch einen andern Affen 
geschwängert werden, zum Nachweis der Darwinschen Lehre^ 
daß der Mensch vom Affen abstamme. Später würden ihm 
wieder männliche Geschlechtsteile eingesetzt. 

Es sei hier auch wieder an den von Freud (Lit. 39) 
analysierten Paranoiker Schreber erinnert, der sich in ein 
Weib verwandelt fühlte, das durch göttliche Strahlen ge- 
schwängert wurde. 

Speziell der erste Fall S. läßt uns einen Blick tun in 
die Genese der Idee vom Hermaphroditismus oder der Andro- 
gynie. Es sind abnorme körperliche Empfindungen, welche 
diese Vorstellung auslösen, und zwar empfindet das Mädchen 
in gehobener, leicht manischer Verstimmung, wobei sie sich 
elastischer, freier, ungehemmter, kühner fühlt, vorwiegend 
als Mann. Aus dieser Stimmung und Vorstellung entspringt 
dann wohl verständlieh die expansive Idee, ein schöpferischer 
Heiland zu sein mit (männlicher) Heilkraft und (weiblicher) 
: 8 • . 



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64 JAKOB BOEHBIE. 



Aufopferungsfähigkeit. Wir wissen nun auch von Boehme» 
daß er neben ausgesprochen depressiven in der Verzfickung 
deutlich manisch gefärbte Stadien durchlebte, und es kann 
sich sehr wohl auch bei ihm an die abnormen Empfindungen 
während dieser Stadien die Idee der Bisexualität angeknüpft 
haben, die er aus dem Reservoir seiner infantilen sexuellen 
Phantasie schöpfte. Er schreibt nun allerdings die Androgynie 
nicht direkt seiner eigenen Persönlichkeit zu, sondern Adam. 
Wir dürfen aber, wie schon bei Lucifer, annehmen, daß auch 
Adam eine Personifikation des Autors selbst darstellt. 
So schreibt er im Mysterium magnum: 

Ich weiß, daß der Sophist mich allhie tadeln und mir es für ein 
unmögliches Wissen ausschreien wird, derweil ich nicht sei dabei- 
gewesen und es selber gesehen. Dem sei gesaget, daß ich in meiner 
Seelen und Leibesessenz, da ich noch nicht der Ich, sondern 
da ich Adams Essenz war, bin ja dabei gewesen, und meine 
Herrlichkeit in Adam selber verscherzet habe: w^eil mir sie aber Christus 
hat wiedergebracht, so sehe ich im Geiste Christi, was ich im Paradeis 
gewesen bin und was ich in der Sfinde worden bin und was ich wieder 
werden soll: und soll uns niemand für unwissend ausschreien, denn 
ob ich's wohl nicht weiß, so weiß es aber Christus in mir, aus welcher 
Wissenschaft ich schreiben soll (18). 

Bei der gnostischen Sekte der Nassen er oder O p h i t e n 
(Lit. 33) findet sich die analoge Vorstellung, daß der Urmensch 
Adam mannweiblich war, indem er in sich das Geistige und 
Materielle vereinigte und daß dies alles wiederum auf Jesus, 
den Sohn der Maria, herabgekommen ist. 

Durch Baader (Lit. 64), der den Begriff der Androgynie 
in Boehmes Werk und seine Bedeutung zur Erklärung der 
göttlichgenialen Schöpfertätigkeit hervorhob, wurde diese 
Vorstellung zu einem wichtigen Bestandteile der romantischen 
Philosophie (Lit. 15). Anderseits finden wir sie durch Joh. 
Gottfried Arnold übertragen in den schwülen Pietismus des 
Grafen von Zinzendorf, den P fister (Lit. 10) einer ein- 
gehenden Analyse unterworfen hat. Er hat dabei übersehen, 
daß die Theorie von der ursprünglichen Androgynie Adams 
von Boehme herrührt. Es bestehen quch sonst viele Ähnlich- 
keiten zwischen Zinzendorfs und Boehmes Lehren, die auf eine 



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CHRISTÜ& 65 



innere Verwandtschaft schließen lassen. So behandelt zum 
Beispiel Zinzendorf den heiligen Geist als Mutter, beschreibt 
den Verkehr der gläubigen Seele mit Jesu unter dem Bilde 
der Ehe, zeigt eine stark asketische Stellung gegenüber der 
Ehe, ja gegenüber der Welt überhaupt. Das stärkere Hervor- 
treten der homosexuellen, der masochistisch -sadistischen und 
der nekrophilen Komponenten beruht vielleicht auf der Eigenart 
der Pfisterschen Analyse, welche die verschiedenen perversen 
Triebrichtungen als gleichwertig nebeneinander stellt, statt 
sie einer vorherrschenden als Nebenschößlinge unterzuordnen 
und anzugliedern. Jedenfalls hat aber der Schautrieb bei 
Zinzendorf nicht die überragende Bedeutung wie bei Boehme, 
obschon er sich unschwer nachweisen läßt, beispielsweise in 
der geschmacklosen, unverschämten Einmischung des Grafen 
in die Brautnächte seiner Gemeindeglieder, die in einem be- 
sonders eingerichteten blauen Kabinett gefeiert werden mußten. 

In der modernen stark mystisch angehauchten Romantik 
Meyrinks (Lit. 70) spukt wiederum als Leitmotiv der 
Hermaphrodit als Wahrzeichen der Verwandtschaft mit längst 
vergangenen Zeitaltern und Geistesrichtungen oder dann eben 
mit paranoiden Wiederbelebern dieser Vergangenheit. 

3. Adam vor dem Fall wird von Boehme mit einem 
kräftigen Schautrieb ausgestattet: Er konnte gleich Gott 
allen Kreaturen ins Herz sehen; sein Sehen war Tag und 
Nacht mit aufgesperrten Augen ohne Wipern, denn in seinen 
Augen war die göttliche Kraft. Auch dadurch erweist sich 
Adam als eine Personifikation des Autors selbst. 



Christus. 

So wie Lucifer und Adam den um seiner inzestuösen, 
sexuellen Begierden willen Verstoßenen und Gefallenen dar- 
stellen, so symbolisiert Christus in Boehmes Werk vor allem 
den über diese Begierden Sieger Gewordenen. 

Christus ging ein in das Bild des ersten Adams, also daß der 
erste Adam in der Menschheit Christi derselbe Christus und Schlangen- 
treter ward (Sign. rer. 12, 8). 

Kiel holz, Jakob H«»oIinie. •' 



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66 JAKOB BOEHME. 



Also mag ich sagen, so ich in Christo der Welt abgestorben bin : 
ich bin derselbe Christus, als ein Zweig am selben Baume (10). 

Weil aber Christus ist in Gottes Willen auferstanden, so lebe 
ich in seiner Auferstehung in ihm (11). 

Alles, was Gott der Vater hat und ist, das soll in mir erscheinen 
als eine Form oder Bild der göttlichen Welt Wesen (13). 

Aber wie es dem Teufel mit Christo ging, also ging es ihm auch 
mit meinen Schriften (Sendbr. 84, 13). 

Boehme identifiziert sich aber nicht nur deswegen mit 
Christus, weil er über seine Triebe Herr geworden ist, sondern 
auch seiner Herkunft und seines Schicksals wegen. 

So schreibt er mit deutlicher Beziehung auf sich selbst : 

Ein Schafhirt, in dem Gottes Geist würket, der ist von Gott 
höher geachtet, als der allerweiseste und Gewaltigste in eigener Witz 
ohne göttliche Regierung: und sehen gar eben, wie Gott sein Reich 
in den albern, niedrigen und unansehnlichen Menschen anfähet, welche 
vor der Welt nicht geachtet seind und nur den Hirten gleich gelten 
vor Menschenaugen: wie ihm denn auch Christus nur solche Apostel 
erwählete, welche nur arme, geringe, unachtbare Leute waren, durch 
welche er das Reich Israelis in göttlicher Kraft offenbarte (Myst. 
magn. 58, 33). 

Wo sind die Hochgelehrten und Weltweisen ? Item, wo sind die 
gewaltigen Herren, die das Alberne verachten, wo bleibet ihre Macht, 
Kunst und Witze? Sie müssen alle miteinander in Staub und hierunter 
zur Einfalt solcher Schafhirten kommen und ihr Herz in die Dienst- 
barkeit unter Christi Joch beugen, wollen sie dieser Schafhirten- 
Linie teilhaftig werden (34). 

Denn die Linea Christi hat sich im Anfang mit Abel in einem 
Schäfer offenbaret, also auch hernach bei Abraham, Isaak und Jakob, 
Mose und David, alle seind sie nur Scliafhirten gewesen, wenn sich 
die Linie Christi hatte offenbaret: Da ist kein Gewalti^zer, Edler, Rei- 
cher, Gelehrter oder Hochweltweiser dazugekommen, sondern geringe, 
unansehnliche Leute, welche ilir Vertrauen in Gott gesetzt haben (35), 

Diese Schafhirten-Linie oder Linea Christi, als deren 
letztes Glied Boehme sich selbst betrachtet, bildet eine Ana- 
logie zu dem Abstammungskomplex des Paranoiden, dessen 
Analyse Mäder (Lit. 59) veröffentlicht hat. 

Neben seiner Herkunft sind es sein Schicksal, die 
erlittenen Verfolgungen und Trübsale, die Boehme veran- 
laßten, sich mit Christus zu identifizieren- 



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CHRISTüa 67 



So schreibt er im Mysterium magnum, das im Jahre 1623, 
also nach den ersten Angriffen des Hanptpastors Richters 
gegen ihn verfaßt wurde, im 71. Kapitel: 

Darum so hat ein Christ, welcher unter Christi Kreuzfahne 
wandelt, keine Entschuldigung, wenn ihn Gott durch seinen Haus- 
halter, als durch die Kinder dieser Welt, in der Gerechtigkeit seines 
Zorns ergreifen laßt und für einen Dieb und Ungerechten hält: item 
für einen Fremden, Neuling, Enthusiasten, Narren und dergleichen, 
da man ihm alle Mängel des natürlichen sündlichen Fleisches auf- 
mutzet und ihn ohne Unterlaß für falsch und unrecht schilt und ihn 
zur Verdammnis des zeitlichen und ewigen Todes urteilet; ob er dieses 
wohl nicht vor der Welt und der Welt schuldig ist, so ist er's aber 
dem Spott, Leiden und Tode Christi schuldig nachzutragen, als ein 
Christ, und ist schuldige den ganzen Prozefi Christi auf sich zu nehmen 
und Christo darinnen nachzufolgen und in Christo alles zu leiden, 
Christum in seiner Schmach, Leiden und Tode ganz anzuziehen, und 
ilim sein Kreuz und Spott nachzutragen, auf daß er in Christi Reich 
eingehe, als ein Glied an Christi Leibe, das mit ihm gelitten habe und 
täglich im Tode Christi seiner würklichen Sünden dem Zorne Christi 
abgestorben sei (48). 

G. Hauptmann hat in seinem Roman »Der Narr in 
Christo Emanuel Quint« in dichterischer Hellsichtigkeit den 
psychologischen Prozeß durchgeführt, durch welchen der Held 
auf Grund einer ähnlichen Abstammung und ähnlicher Schick* 
sale zur Identifikation mit Christus gelangt. Die Narrheit 
Quints trägt deutlich paranoide Züge. 

Die in religiösen Kreisen erzogene Adele Kamm (Lit. 71), 
vom Schilderer ihres Lebens, Seippel, als protestantische 
Heilige bezeichnet, die in ihrer rastlosen Tätigkeit vom schweren 
Krankenlager aus und in ihrer unverwüstlichen Euphorie eine' 
submanische Verstimmung nicht verleugnen kann, hat in den 
letzten Stadien ihre Phthise ebenfalls auf Grund ihrer Leiden 
erklärt: Wir, d. h. die Leidenden, sind im Kleinen, was 
Christus gewesen ist, wir können im Kleinen tun, was Christus 
im Großen getan hat. 

Auch die Patientin S., die, wie wir oben sahen, aus den 
abnormen Empfindungen während eines manischen Schubes 
die Idee Hermaphrodit zu sein faßte, identifizierte sich mit 



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68 JAKOB BOEHME. 



Christus, da sie, wie er, auf die Ausübung ihrer übernatür- 
lichen Kraft verzichtet habe. 

Wo wir dieser Gleichstellung mit Christus begegnen — 
sie ist speziell bei Schizophrenen recht häufig anzutreffen — 
hängt sie zusammen mit der Erinnerung an übermäßige, un- 
verdiente Leiden, aber gleichzeitig auch mit dem Grefühl 
übernatürlicher Kräfte und Leistungen. 

So schreibt Boehme im 41. Kapitel des Mysterium magnum : 

Der einige Weg, da man Gott in seinem Worte, Wesen und Willen 
schauen mag, ist dieser, daß der Mensch in ihm selber einig werde 
und in seinem eigenen Willen alles verlasse, was er selber ist und hat, 
es sei Gewalt, Macht, Ehre, Schönheit, Reichtum, Geld und Gut, Vater, 
Mutter, Bruder, Schwester, Weib und Kind, Leib und Leben und ihm 
selber ganz ein Nichts werde: Er muß alles übergeben und ärmer 
werden, als ein Vogel in der Luft, welcher doch ein Nest hat, der 
wahre Mensch soll keines haben, denn er soll in dieser Welt weg- 
wandern, daß er ihm selber nicht mehr in dieser Welt sei: er muß 
der Welt Selbheit ein Nichtes werden, denn das Wesen dieser Welt, 
das er zum Eigentum besitzt, ist der Turm zu Babel und der Anti- 
christ, da man will ein eigener Gott sein und mit diesem selbst- 
gemachten Gott auf dem Turm in Himmel steigen und sich zu Gott 
setzen (54). 

Und wann es der Mensch so weit bringet, daß ihm alles eines 
ist, so ist er der arme Christus, der nichts hatte, da er sein 
Haupt hinlegte und folget Christus recht nach, der da sagte : wer nicht 
verläßt Haus, Hof, Geld, Gut, Brüder, Schwestern, Weib und Kind 
und sich selber verleugnet, der ist meiner nicht wert (61). 

Wer aber in diese ganze Gelassenheit eingehet, der kommt in 
Christo zu göttlicher Beschaulichkeit, daß er Gott in ihm siebet, mit 
ihm redet und Gott mit ihm und verstehet, was Gottes Wort, Wesen 
und Willen ist, dieses ist tüclitig zu lehren, und kein anderer, der 
ehret Gottes Wort aus ihm, denn Gott ist in ihm in seinem Bund, 
dessen Diener er ist, offenbar worden, denn er will nichts, ohne was 
Gott durch ihn will (63). 

Sehet liebe Brüder, das ist ein Christ und ein solches beut 
euch Gott jetzo durch seinen wunderlichen Posaunen- 
schall seines Geistes an; und es soll und muß ein solclies 
Reich ahjetzo künftig offenbar werden und ins Wesen 
kommen zu einem Zeugnis über alle Völker der Erden, 
davon alle Völker haben geweis saget (65). 

Dagegen beuterallenG ottlosen, nie lit wollen den Men- 
schen seinen Zorn, Grimm und Verstockung an, sie auf- 



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CHRISTUS. 69 



zufressen und mit Babel ein Ende zu machen: dies sage 
nicht Ich, sondern der Geist der Wunder aller Völker*) (66). 

Durch Verzicht also auf den Genuß der Güter dieser 
Welt, durch Lösung aller familiären Bande, durch Erleiden 
von Schmach, Schmähung und Verfolgung fühlt sich Boehme 
mit Christus eins und erlangt als solcher göttliche Beschau- 
lichkeit, Inspiration durch die Gottheit und die Fähigkeit, 
die Zukunft mit dem bevorstehenden jüngsten Gericht zu 
offenbaren. An Stelle der irdischen Ehe tritt die 
mystische Vermählung: 

Je mehr der Mensch von sich aus den Bildern ausgehet, je mehr 
gehet er in Gott ein; bis solang Christus in der eingeleibten Gnade 
lebendig wird, welches geschieht in großem Ernste des Fürsatzes: so 
gehet alsbald die Vermählung mit Jungfrau Sophia an, als die zwei 
Liebe einander in Freude empfahen, und mit gar inniger Begierde in 
die allersüßeste Liebe Gottes miteinander eindringen: allda in kurzer 
Frist die Hochzeit des Lamms bereitet ist, da Jungfrau Sophia mit 
der Seelen vermählet wird. (Aus: das Büchlein göttl. Geheimn. 16.) 

Darzu wir weder Feder noch Wort haben zu schreiben oder zu 
reden, was denen widerfahre» welche würdig zu des Lammes Hochzeit 
kommen, welches wir in unserem eigenen Prozeß selber erfahren haben 
und wissen, daß wir unseres Sehreibens einen wahren Grund haben (17). 

Als Früchte dieser mystischen Zeugung und 
Geburt werden nun eben die übernatürlichen 
Kräfte aufgefaßt: 

So stehet dann die arme gefangene Seele in großen Trauren, 
ächzet und schreiet zu Gott, mag auch das tierische Bild nicht lieben, 
sondern erhebet sich als ein großer Sturm im Leibe und suchet die 
Pforten der Tiefe in ihrem Urständ und dringet mit Macht in das 
Wort ein, das sie zur Kreatur geformieret hat und ersinket darinnen, 
als ein unmächtiges, in sich willenloses Kind und begehret seiner ersten 
Mutter, daraus die erste Seele geboren ward zu einer Pflege und macht 
sich in derselben Mutter ganz willenlos, lieget nur an ihrer Brust und 
sauget in sich ihre Liebe und Genade, die Mutter mag mit ihm tun, 
was sie will; das heißt also der Selbheit und Eigenlust in sich er- 
sterben und in sich nach der Seelen Willen werden als ein Kind 
(Myst. magn. 28, 38). 

Aus solchem ernsten Einergeben und dos selbeigenen Willens 
in Gottes Barmherzigkeit Ersterben grünet das Jungfrauen Kind aus 



*) Von Boehnie gesperrt 



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70 JAKOB BOEHME. 



der Wüsten wiederum herfür mit seinem schönen Perlenbiumlein mit 
gar schöner und neuer Frucht : denn also muA es in Gottes Zomfeuer 
bewehret werden, auf dafi der Ekel des eingeführten irdischen Willens 
an ihm ersterbe (39). 

Denn die Feuerseele, als das erste Prineipium, hanget am Bande 
der äußern Welt, und führet immerdar etwas von der Eitelkeit in sich 
ein, davon das Jungfrauen Kind von der englischen Welt Wesen, als 
von Christi Wesenheit, besudelt, verdecket und verdunkelt wird, so 
muß es wieder gereinigt und gefeget werden; und geht mancher 
rauher Wind in großen Ängsten und Trübsal über dieses Kind (40). 

Aber dieses geschieht, wenn der schöne Morgenstern im Jung- 
frauen Kind anbricht und aufgehet, so wird diese Zeit das äußere 
Leben durchleuchtet und ergibet sich in Gehorsam des innem ein, 
als ein Werkzeug und Dienerin des innem (41). 

So erscheint alsdann der heilige Geist Gottes durch das Jung- 
frauen Kind und predigt Christum, den Gekreuzigten und strafet <iie 
Welt und ihre Sünden und Laster und zeiget ihnen ihren falschen, 
gleißnerischen Irrweg (42)« 

Boehme vermag den Weg, der zur Identifizierung mit 
Christus und zu dessen seherischen und prophetischen Fähig- 
keiten führt und der begangen wird, indem der Mensch seinen 
selbeigenen Willen und die Eigenlust ersterben läßt, nicht 
besser zu charakterisieren, als durch das Bild der Rückkehr 
zur kindlichen Einstellung zur Mutter. 

Jung (Lit. 42) weist darauf hin, daß in gewissen Haupt- 
stellen der Apokalypse die unbewußte Psychologie der reli- 
giösen Sehnsucht hervorschimmere, eben die Sehnsucht nach 
der Mutter. 

Wir müssen aus aller Vernunft wieder in die Gelassenheit in 
unserer Mutter Schoß eingehn und alles Disputieren fahren lassen, 
auch unsere Vernunft ganz wie tot machen, auf daß der Mutter Geist 
eine Gestalt in uns bekomme und in uns das göttliche Leben aufblase, 
daß wir uns in dor Mutter Geist in der Wiegen finden, wollen wir 
von Gott gelehret und getrieben sein (Sendbr 12, 39). 

Im kindlichen Denken und Träumen werden die kühnsten 
Wünsche spielend erfüllt und der Seher weiß für die erstrebens- 
wertesten und größten Ziele im späteren Leben kein passen- 
deres Bild zu finden als sein Kinderspiel und deutet immer 
wieder auf dieses als die Wurzel seiner gesamten Produktion 



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CHRISTUS. 71 



zurück. Er wird daher auch nicht mfide, die Kindheit 
mit ihren Freuden in diesem Sinne auszumalen: 

Die Kinder sind unsere Lehrmeister, wir sind in unserer Witze 
Narren gegen ihnen: wenn die geboren sind, so ist das ihr erstes, 
daß sie lernen mit sich selber spielen; und wenn sie größer sind, 
spielen sie miteinander. Also hat Gott von Ewigkeit in seiner Weis- 
heit in unserer kindischen Verborgenheit mit uns gespielet. Da er 
uns aber in die Witze schuf, da sollten wir miteinander und unter 
einander spielen; aber der Teufel mißgönnte uns das und machete 
uns in unserm Spiele uneins, darum zanken wir noch. Wir zanken 
allhier um einen Rock, daß ein Bruder ein schöner Röcklein hat als 
der andere. Zeucht doch die Mutter einem jeden sein Röcklein an; 
warum zanken wir mit der Mutter, die uns geboren hat? Lasset uns 
freuen und fröhlich sein, daß unsere Mutter eine Freude an uns hat. 
<Vom dreif. Leb. 11, 107—109). 

So weiß er auch die Engel im Himmel nicht besser zu 
beschreiben, als durch den Vergleich mit Kindern. 

Den kleinen Kindern will ich sie recht vergleichen, die im Mai, 
wenn die schönen Röslein blühn, mit einander in die schönen Blüm- 
lein gehn, und pflöcken dieselben ab und machen feine Kränzlein 
daraus, und tragen sie in ihren Händen und freuen sich, und reden 
immerdar von der mancherlei Gestalt der schönen Blumen, und neh- 
men einander bei den Händen, wenn sie in die schönen Blümlein 
gehn, und wenn sie heimkommen, so zeigen sie dieselben den Eltern 
und freuen sich, darob denn die Eltern gleich eine Freude an den 
Kindern haben und sich mit ihnen freuen (Aur. 12, 32). 

Die ganze Schöpfung als ein Spiel Gottes, unser Ziel 
die Rückkehr zum kindlichen Spiel und die Entstehung wun- 
derbarer, seherischer Kräfte eine Reminiszenz an infantile 
Betätigung, die mit schöpferischer Phantasie sich über alle 
Grenzen des Möglichen hinwegsetzt: diese Darlegungen un- 
seres Mystikers stimmen trefflich überein mit den Forschun- 
gen der modernen Psychologie, wie sie beispielsweise Flour- 
noy (Lit. 72) in seiner Theorie ludique zur Erklärung me- 
diumistischer Erscheinungen niedergelegt hat. 

Die übernatürlichen Kräfte, die Boehme als Christi 
Ebenbild gewonnen, bestehen vor allem in einem tieferen 
Verständnis der heiligen Schrift. Er liest diese nun 
mit anderen Augen als früher: 



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72 JA&OB BOEHME. 



Denn um geringer Schäfer Geschichten willen, wie die iofiere 
Form steht, hat Gottes Geist nicht solche Wunder getan und eben 
dieselben Geschichten so genau aufgeschrieben, als wann ihm so viel 
an einer Historia gelegen wäre, dafi er dieselbe hat bei allen Yölkem 
erhalten und lässet's für sein Wort ausrufen : nein, sondern um des 
willen, das unter solchen einföltigen Geschichten angedeutet wird, 
damit Gottes Geist in der Figur spielet auf das künftige Ewige. 
Darum sollte man die Schrift des alten Testamentes mit helleren 
Augen ansehn, dann das ganze neue Testament lieget darunter in der 
Figur der einfältigen Geschichte (Myst. magn. 60, 50). 

Dann die biblischen Geschichten stehen nicht nur eben darum 
da, daß man soll der alten Heiligen Leben und Taten sehn, wie Babel 
meint: nein; das Reich Christi ist überall damit abgebildet, sowohl 
auch das Reich der Höllen ; die sichtbare Figur weiset immerdar auf 
die unsichtbare, welche in dem geistlichen Menschen offenbar werden 
soll (74, 61 )• 

Wie schon öfters, finden wir auch zu diesen Anschau- 
ungen auffallende Analogien in der altchristlichen Gnostik. 
Origenes (Lit. 33) lehrt : Das A. T. ist durch das N. T. ent- 
hüllt worden, aber auch dieses ist nicht das letzte Ziel der 
Offenbarungen Gottes. Das Verständnis des geheimen Sinns 
der heiligen Schriften oder die allegorische Deutung ist eine 
Gnadengabe des heiligen Gteistes, die größte aller Charis- 
men, Yj Osta cjo^ta. 

Schon in der Aurora bezeichnet Boehme seine Er- 
kenntnisse als eine Ergänzung von Christi Lehre: 

Was ist noch verborgen? Die rechte Lehre Christi? Nein, son- 
dern die Philosophie und der tiefe Grund Gottes, die himmlische 
Wonne, die Offenbarung der Schöpfung der Engel, die Offenbarung 
des greulichen Falles des Teufels, davon das Böse herkömmt, die 
Schöpfung dieser Welt, der tiefe Grund und Geheimnis des Menschen 
und aller Kreaturen in dieser Welt, das jüngste Gericht und die Ver- 
änderung dieser Welt, das Geheimnis der Auferstehung der Toten 
und des ewigen Lebens. 

Dieses wird in der Tiefe in großer Einfalt aufgehn: warum 
nicht in der Höhe in der Kunst? AufdaB niemand sich rühmen darf, 
er habe es getan, und des Teufels Hoffart hiemit aufgedeckt und zu- 
nichte gemacht werde. Warum tut Gott das ? Aus seiner großen Liebe 
und Barmherzigkeit über alle Völker, und um hiemit anzuzeigen, daß 
nunmehr vorhanden sei die Zeit der Wiederbringung dessen, was 
verloren ist, da die Menschen schauen und genießen werden der Voll- 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



CHRISTUS. 73 



kommenheit, und wallen in der reinen, lichten und tiefen Erkenntnis 
Gottes. 

Darum wird vorher aufgehen eine Morgenröte, dabei man den 
Tag erkiesen oder merken kann. Wer schlafen will, der schlafe immer- 
hin, und wer da wachen und seine Lampe schmücken will, der wache 
immerhin. Siehe der Bräutigam kommt: Wer nun wachet und ge- 
-schmückt ist, der gehet mit zur ewigen himmlischen Hochzeit ein; 
wer aber schläft, wenn er kommt, der schläft immer und ewig im 
finsteren Kerker der Grimmigkeit 

Darum will ich den Leser treulich gewarnt haben, daß er dies 
Buch mit Fleiß lese und sich nicht an der Einfalt des Autors ärgere; 
denn Gott siehet nicht auf das Hohe, denn er ist allein hoch, sondern 
er siehet, wie er dem Niedrigen helfe. Wird soweit mit dir kommen, 
daß du des Autors Geist und Sinn ergreifst, so wird's keiner Ermah- 
nung mehr bedürfen, sondern du wirst dich in diesem Lichte freuen 
und fröhlich sein, und deine Seele wird darinnen lachen und trium- 
pfieren (Aur. 9, 7—10). 

In seinen Sendbriefen stellt er sieh wiederholt als den 
Bringer der eigentlichen Reformation hin, so im 52. 2, im 
58. 13. 

Von seinem Traktat von der Genadenwahl hofft er, es 
solle eine Ursach geben, den Streit in der Kirchen aufzu- 
heben (Sendb. 23, 3). 

Die zuletzt zitierte Stelle aus der Aurora, seinem ersten 
Werke, das, wie er wiederholt betont, wider seinen Willen 
an die Öffentlichkeit gelangte, beweist, daß er vom Anfang 
seiner Schriftstellerlaufbahn an sich als inspirierter Seher 
und Prophet des jüngsten Tages fühlte, und daß daher eine 
bedeutende Steigerung seines Selbstgefühls, wie sie Eiert 
(Lit. 23) als Folge der äußeren Anerkennung feststellen will, 
nicht wohl angenommen werden kann. Vom Tage an, da er die 
Feder ergiff, um seine Visionen schriftlich festzuhalten, stand 
bei ihm die Überzeugung fest, Bringer der Morgenröte, des 
Tages des großen Gerichtes zu sein; alles Ungemach, das er 
später erlebte, die Verfolgungen des Hauptpastors und der 
Bürgerschaft, aber auch die Bewunderung seiner Anhänger, 
bildeten für ihn nur Bestätigungen dieser Überzeugung. Der 
Umstand, daß dieses von Anfang an existierende über- 
mäßige Selbstgefühl vielfach übersehen oder bloß als Reak- 



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74 JAKOB BOEHME. 



tion auf spätere äußere Begebenheiten gedeutet wurde, macht 
^s erklärlich, daß in den bisherigen Biographien und Kom- 
mentaren Boehmes erst einmal (Lit. 21) der paranoische Zug 
seines Wesens unterstrichen worden ist. Natürlich beeinfluß- 
ten sowohl Anhänger als Gegner seine Produktion im Sinne 
eines weiteren Ausbaues des Systems mit besserer Anpassung 
an herrschende theologische und philosophische Anschauungen, 
sein Werk wurde dadurch bewußter, klarer, aber auch, wie 
Eiert richtig betont, matter und schematischer. 



Die Natursprache. 

In den vierzig Fragen sagt Boehme von seinem Werk : 

Also ist auch das Mysterium gewachsen ohne eure Kunst Es 
hat seine Schul gleich als die Apostel am Pfingsttage, welche mit vielen 
Sprachen und Zungen redeten, olme Vorwissen der Kunst, als diese 
Einfalt (17, 16). 

Er schreibt sich also gleich den Teilnehmern am Pfingst- 
wunder eine besondere Gabe der Sprache und des Sprach- 
verständnisses zu, der sogenannten Natursprache. Wir ver- 
nehmen davon folgendes: 

Die Sprache der Natur ist die Wurzel oder Mutter aller Sprachen, 
die in dieser Welt sind, und in ihr bestehet die ganze vollkommene 
Erkenntnis aller Dinge. Denn als Adam zuerst geredet hat, hat er 
allen Kreaturen nach ihren Qualitäten und innewohnenden Wirkungen 
den Namen gegeben. Dies ist eben die Sprache der ganzen Natur ; aber 
es kann sie nicht ein jeder, denn dies ist ein Mysterium, welches mir von 
der Gnade (Jottes mitgeteilt worden ist von dem Geiste, der Lust zu 
mir hatte (Aur. 20, 90—91). 

Die Natursprache besteht in einem tieferen Verständnis 
der Muttersprache: 

Dann verstehe nur deine Muttersprache recht, du hast so tiefen 
Grund darin, als in der hebräischen oder lateinischen, ob sich gleich 
die Gelehrten darin erheben wie eine stolze Braut. Es kümmert nichtsi 
ihre Kunst ist jetzt auf der Bodenneige. Der Geist zeigt, daß noch 
vor dem Ende mancher Laie wird mehr wissen und verstehen, als 
jetzt die klügsten Doktoren wissen; denn die Tür des Himmels tut 
sich auf. Wer sich nur selber nicht verblenden wird, der wird sie 
wohl sehen (Aur. 8, 73). 



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DIE NATÜRSPRACHE. 76 



Der Paranoiker Sohreber (Lit. 39) versteht die Grund- 
spräche, die von Oott selbst geredet wird, und die in einem 
etwas altertümlichen, kraftvollen Deutsch besteht — also eine 
der Natursprache analoge Bildung. 

Die oben ausgesprochene Geringschätzung fremder 

Sprachen bringt der Mystiker auch sonst zum Ausdruck: 

Laufet nicht den selbstgewachsenen Lehrern nach, welche aus 
Historien ohne Gottes Geist lehren. Wenn sie ein wenig fremde Sprachen 
können, so wollen sie Lehrer sein (Vom dreif. Leb. 11, 86). 

Die Natursprache nun erscheint als Zeichen einer be- 
sonderen Lebenskraft. Wir werden nämlich belehrt: 

Daß die Altväter vor der Sündflut haben also lange gelebet, ist 
das die Ursache gewesen, daß die Kräfte des geformten Wortes aus gött- 
licher Eigenschaft bei ihnen noch unzerteilet und unausgeboren gewesen 
sind : Gleich wie ein junger Baum, der voller Kraft und Saft ist, sich 
in Asten und Wachsen schön erzeiget, wann er aber anhebt zu blühen, 
so gehet die gute Kraft in die Blut und Frucht. Also ist uns aucli 
mit dem ersten Alter der Menschen zu verstehn; als die Kräfte in 
einer Eigenschaft im Stamme lagen, so verstunden die Menschen die 
Natursprache, denn es lagen alle Sprachen darinnen; als sich aber 
derselbe Baum der einigen Zungen in seinen Eigenschaften und Kräften 
zerteilete bei den Kindern Nimroth, so hörete die Natursprache, daraus 
Adam allen Dingen Namen gegeben, einem jeden aus seiner Eigenschaft, 
auf und war der Stamm der Natur wegen der zerteileten Eigenschaft 
im Worte des kräftigen Verstandes schwach und matt 

Also lebeten sie nicht mehr so lange, denn die rechte Kraft 
menschlichen Lebens, daraus der Verstand quillet, ist aus dem Worte 
Gottes kommen (Myst. magn. 35, 11—13). 

Boehme gelangt zu dieser Idee von der lebenserhaltenden 
und schöpferischen Kraft der Sprache durch Deutung der 
heiligen Schrift: 

Die heilige Schrift spricht: Gott habe alle Dinge durcli sein Wort 
gemacht Item, das Wort sei Gott. Joh. I. Dieses verstehet man also: 

Das Wort ist anderes nichts als der aushauchende Wille aus der 
Kraft, eine Schiedlichkeit der Kraft in Vielheit der Kräften, eine Teilung 
und Ausfluß der Einheit, davon die Wissenschaft urständet, denn in 
einem einigen Wesen, darinnen keine Schiedlichkeit ist, das nur eines 
ist, da ist keine Wissenschaft, denn ob es wäre, so wüßte es doch nur 
ein Ding, als sich selber: Wann sich's aber zerteilet und von einander 
scheidet, so geht der scheidende Wille in Vielheit und würket eine 
jede Abscheidung in sich selber (Clavis 12—131 



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76 JAKOB BOEHME. 



So gelangt er dazu, die Sprache mit der Zeugung gleich- 
zusetzen : 

Alles, was lebet und wachset, hat seinen Samen in sich: Gott 
hat alle Dinge in sein Wort gefasset und in eine Form ausgesprochen, 
wie sich der Wille in der Begierde hat gefasset Das Ausgesprochene 
ist ein Modell des Sprechenden, und hat wieder das Sprechen in sich ; 
dasselbe Sprechen ist ein Same zu einer andern Bildnis nach der 
ersten ; denn beide wirken als das Sprechende und das Ausgesprochene 
(De Sign. rer. 13, 2). 

Ebenso wird das Wort dem Geschöpf gleichgestellt: 

Wenn der Vater das Wort spricht, das ist, seinen Sohn gebäret 
(Ann 8, 65). 

Soll nun die Kreatur mit Gott würken, so muß ihr Wille in Gott 
eingehn, alsdenn so würket Gott mit und durch die Kreatur, denn die 
ganze Kreation, himmlisch, höllisch und irdisch, ist anderes nichts, als 
das würkende Wort, das Wort ist selber alles. 

Die Kreatur ist kompaktierter, koagulierter Brodem des Wortes, 
und wie sich das Wort aus dem freien Willen aushauchet, da es der 
freie Wille aus dem Ungrunde in den Grund führet, also auch führet 
der freie Wille der Engel und Seelen das Wort in einem Grund und 
derselbe Grund ist die Kreatur, als ein Feuerquall zu seinem Wieder- 
aussprechen, und aus demselben Wiederaussprechen gehet nun Böses 
und Gutes und nach denselben wiederausgesprochenen Wesen und 
Kräften hat die Seele ihr Gerichte (Myst magn. 60, 44—46). 

Der Glaube, daß das Geschöpf eine Materialisation des 
schöpferischen Wortes darstelle, folgt aus der Überzeugung 
von der Allmacht des Gedankens, die Freud (Lit. 82) bei 
Neurotikem und Primitiven wirksam findet. 

Entsprechend dieser Parallelisierung von Sprache und 
Zeugung werden auch Mund und Zunge den Zeugungsorganen 
gleichgesetzt : 

Und darum haben die sieben Geister Gottes den Kreaturen einen 
Mund geschaffen, dafi wenn sie reden oder schallen wollen, nicht erst 
zerreißen müssen und darum gehen alle Adern und Kraft der Quell- 
geister in die Zunge, daß der Schall oder Ton fein sanft herausgehe 
(Aur., 10, 9). 

Rank (Lit. 69) hat in seinen völkerpsychologischen 
Parallelen zu den infantilen Sexualtheorien — und auf solche 
Theorien müssen wir auch wohl Boehmes Gleichstellung von 



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DIE NATDBSPRICHE. 77 



Sprache und Zeugung zurückführen — u. a. die Lehre des 
Simon Magus erwähnt, der den Mund als das eigentliche 
Gefilde der Entstehung, die Zunge als Gegenstück zum Phallus 
bezeichnet. 

Schizophrene Frauen, welche die Nahrung verweigern, 
begründen diese Handlung häufig mit der Befürchtung, durch 
die Speisen oder Bestandteile derselben geschwängert zu 
werden, sie identifizieren also in ähnlicher Weise den Eßakt 
mit einer sexuellen Betätigung. 

Als Beispiel nun, wie Boehme mittelst der Natursprache 
zu tiefen Erkenntnissen zu gelangen glaubte, ^ei statt vieler 
die Deutung des Namens Jehovah zitiert: 

Jeder Buchstabe in diesem Namen deutet an eine KraJt und sonder- 
liche Wirkung als eine Form in der wirkenden Kraft Das J ist der 
Ausfluß der ewigen unzertrennlichen Einheit, als die süße Heiligkeit, 
der Grund der göttlichen Ichtheit ; £ ist ein dreifaches J, da sich die 
Einheit in eine Dreiheit schließt; denn das J geht ins E und heißet 
JE als ein Hauchen der Einheit in sich selber. H ist das Wort oder 
Hauch der Dreiheit Grottes. O ist ein Cirkumferenz als der Sohn 
Gottes, dadurch das JE mit dem H oder Hauchen ausspricht, verstehet 
aus der gefaßten Luft der Kraft V ist der freudenreiche Ausfluß vom 
Hauchen, als der ausgehende Geist Gottes. A ist das Ausgegangene 
von der Kraft, als die Weisheit (Clavis 15— 16), 

In den drei Princ. findet sich folgende Deutung : 

So ist das reine Element das Barm in doii Essenzien des An- 
ziehens zum Worte; die Essenzien sind Paradeis, und das Barm 
ist Element So nun der Vater das ewige Wort immer spricht, so 
gehet aus dem Sprechen der heilige Geist: Und das Ausgesprochene 
ist die ewige Weisheit, und ist eine Jungfrau, und das reine Element, 
als das Barm ist ihr Leib; darinnen erblicket sich der heilige Geist 
durch die ausgesprochene Weisheit So heißt der Blick aus dem Licht 
Gottes im heiligen Geist Herz: Dann fängt das Element in den 
Essenzien des Paradeises, daß es wesentlich wird, so heißt's Jg; und 
des Vaters starke und große Feuersmacht geliet als ein Blitz in den 
Essenzien, das heißt Keit, gleich einer Macht, die durchdringet und 
das Wesen nicht zertrennet, gleich einem Schalle: und heißet dies 
zusammen Barmherzigkeit und steht vor Gott ; und Gott, die heilige 
Trinität, wohnet darinnen. 

Und die Jungfrau der Weisheit Gottes, welche Gott der Vater 
durchs Wort ausspricht ist der Geist des reinen Elementes und wird 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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78 JAKOB BOEHME. 



darum Jungfrau genannt, daß sie also züchtig ist und nichts gebierst, 
sondern als der flammende Geist im Menschenleibe nichts gebieret; 
sondern eröffnet alle Heimlichkeit und der Leib gebieret also auch 
allda. Die Weisheit oder ewige Jungfrau Gottes eröffnet alle die großen 
Wunder im heiligen Element: denn allda sind die Essenzien, in welchen 
aufgehen die Gewächse des Paradeises (22, 26—26). 

Wenn wir die Art und Weise dieser Wortspielereien 
untersuchen, so stimmen sie vollständig mit dem überein, 
was Nelken (Lit. 73) beim psychanalytischen Studitim der 
schizophrenen, am häufigsten bei Paranoiden vorkommenden, 
Wortzerlegungen festgestellt hat : Ein beliebiges, meist 
harmloses Wort wird genommen und in einer bizarren Weise 
ohne Rücksicht auf Logik und Etymologie zerlegt und so 
ein geheimer Sinn des zerlegten Wortes gefunden, welcher 
wiederum immer den gefühlsbetonten unbewußten Vorstellun- 
gen (Komplexen) der Kranken entspricht und manchmal die 
tiefsten Schichten des Unbewußten beleuchtet. 

Daß der geheime Sinn der zerlegten Worte in den bei- 
den zitierten Beispielen auch bei Boehme den sogenannten 
Komplexen entspricht, ist nach unseren bisherigen Ausführun- 
gen über die Bedeutung der Dreizahl in seinem Werk und 
Leben, der Jungfrau der Weisheit, des Blickes aus dem Lichte 
Gottes, des durchdringenden Blitzes usw. kaum zu bestreiten. 

In gleicher Weise muß auch die Zahlenmystik, die 
eine ebenso große Rolle spielt, wie die der Buchstaben und 
Silben, erklärt werden. Auch da kommen überall die Kom- 
plexe des Autors zum Vorschein. 

Er schreibt z. B. : 

Also hat das Bild in der Offenbarung (Joh.) die zwölf Sterne 
auf der Krone. Daß das Bild aber die Krone traget und die zwölf 
Sterne auf der Krone, bedeutet, daß die Gottheit über die Menschheit 
ist, und Maria nicht selber Gott ist ; sondern die Krone bedeutet Gott 
und die Sterne die Geister Gottes; sechs in der Gottheit und sechs 
in der Menschheit, denn Gott und Mensch ist eine Person worden; 
darum traget sie auch Maria alle, denn wir sind Gottes Kinder. 

Denn das Bild bedeutet Gott, es ist Gottes Gleichnis, in dem er 
sich offenbaret und in dem er wohnet. Die Krone bedeutet die Kraft 
der Majestät Gottes gleich wie ein König eine Krone auftraget, welche 
das Reich und die Majestät bedeutet. 



C^ f\rH n 1 ^ Ori"g I n a f f no m 

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DIE NATDRSPBACHE. 7» 



Weil denn die zwölfte Zahl zwei Reiche hält, mit doppelter Zahl, 
als ein englisches und menschliches, jedes in sechs Zahlen, daß ea 
zwölf zusammen ist; so haben die zwei Reiche noch andere zwei 
Sechszahlen an sich, als das Feuer, das Reich des Abgrundes, und 
die Luft, das Reich des Viehes und aller irdischen Wesen. Das hat 
auch jedes am Centro sechs Zahlen, nach den sechs Planeten irdisch, 
und nach den sechs Planeten feurisch; das macht nun zusammen 
vierundzwanzig Buchstaben in den Sprachen, daraus urständen sie. 
Und siebet man, wie die Zunge Gutes und Böses redet, Himmliches 
und Teuflisches, nach den zwei Quallen der Buchstaben, wie da^ ihre 
eigenen Namen bezeugen in der Natursprache. 

Wenn man nun die Zahl nach der Dreizahl, dreimal vierund- 
zwanzig zählet, als sich denn die Dreizahl also eröffnet mit dreien 
Reichen und Personen, und nach der Dreizahl alles dreifach ist und 
nach den Kreaturen zweifach, so hat man zweiundsiebenzig Zahlen, 
das bedeutet und sind die zweiundsiebenzig Sprachen, und bedeutet 
Babel, eine Verwirrung und ein Wunder. 

So wir allhie wollten nachfahren, so wollten wir euch die Hure 
und das Tier weisen, davon die Offenbarung saget, dazu alle Wunder, 
die seit der Welt her geschehen sind. Es lieget das größte Arcanum 
hirinnen, und heißet Mysterium magnum ; und aller Streit wegen des 
Glaubens urkundet hieraus, auch aller Willen, Bös und Gut 

Die sieben Geister, darinnen das Bild des Menschensohnes in 
der Offenbarung stehet, sind sieben Geister Natura e. Der eine 
ist das Reich, die sechs sind Centrum Naturae himmlisch. (Vom 
dreif. Leben 9, 65-70.) 

Wir wären damit glücklich wieder beim Centrum naturae 
angelangt, mit dessen Untersuchung wir begannen und dessen 
sexuelle Bedeutung wir nachzuweisen suchten. 

Hug-Hellmuth (Lit. 74) hat aus Altertum, Mittel- 
alter und Renaissance zahlenmystische Versuche zusammen- 
gestellt und daraus den Schluß gezogen, daß in der Mathe- 
matik überhaupt ein sublimierter Forschungstrieb nach der 
Zeugungskraft zum Vorschein komme. 

Die Analyse der Bedeutung von in Träumen vorkom- 
menden Zahlen ergibt, daß das Unbewußte diese meist zur 
sexuellen Symbolik verwendet. Jones (Lit. 75) versucht diese 
Behandlung der Zahlen durch eine infantile Fixierung zu 
erklären, indem er darauf hinweist, daß das Zählen einen 
wichtigen Platz in der Kindererziehung noch vor dem Lesen 
einnimmt, daß es günstige Eigenschaften zum Kinderspiel 
19* 



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80 JAKOB BOEHME. 



zeigt und daß eine enge Beziehung zwischen Zahlen und 
Fingern, der größten kindlichen Lustquelle besteht. 

In ähnlicher Weise können wir uns auch aus einer 
Rückkehr zu kindlichen Spielereien mit Silben, aus dem 
Wunsch nach gleicher Bewunderung und Staunen, wie es der 
Jüngste, der eben sprechen lernt, mit dem Stammeln und 
Zusammensetzen neuerworbener Worte bei Mutter und altem 
Geschwistern erregte, die Grenese der Boehmeschen Natur- 
sprache mit ihren sonderbaren Wortzerlegungen erklären. 
Es kommt also auch darin eine Sehnsucht nach jener seligen 
Zeit zum Ausdruck, deren Bild er bei Beschreibung des 
Paradieses und des Lebens der Engel verwendete, jener Zeit 
der mütterlichen Zärtlichkeit, die mit dem frühen Tode der 
„ersten" Mutter wohl ein Ende nahm, um der Epoche der 
stiefmütterlichen Herrschaft Platz zu machen. 

Keinesfalls können wir das Urteil Elerts (Lit. 23), des 
jüngsten Interpreten von Boehmes Psychologie, bestätigen, 
der mit Hinblick auf die Natursprache erklärt, diese kabba- 
listischen Wortklaubereien seien oft ebenso unmotiviert wie 
abgeschmackt. 

Die Beherrschung der Natursprache ist ein weiterer 
Beweis dafür, daß Boehme sich mit dem Sohne Gottes iden- 
tifiziert und sich für teilhaftig hält an jener Kraft, mit der 
Gott durch sein Wort die Welt und Kreaturen geschaffen. 
Durch diese Kraft bekommt sein (Boehmes) Wort und Werk 
göttliche Eigenschaften und wird zur Verkünderin und Heran- 
führerin des jüngsten Tages, an dem Gerechte und Unge- 
rechte ihren Lohn empfangen und jene zum Paradies imd 
Himmel der seligen Kindheit, zur Vereinigung mit der sehn- 
süchtig geliebten mütterlichen Gottheit gelangen. 



Jakob Boehme hat sich in der Philosophie und Kirchen- 
geschichte, wie schon in der Einleitung betont wurde, einen 
festen Platz erworben, und erst in den letzten Jahrzehnten 
noch wurde seine Bedeutung in verschiedenen wissenschaft- 
lichen Abhandlungen und in Reden akademischer Lehrer er- 



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SCHLDSS. 81 



örtert und gewürdigt. Wenn auch in keinem dieser Erzeug- 
nisse unterlassen wurde, auf die Widersprüche und Unklar- 
heiten, sei es des ganzen Systems, sei es einzelner Teile hin- 
zuweisen, so hat doch kein Autor den Versuch unternommen, 
Boehmes Werk vom Standpunkt der Pathographie aus zu be- 
trachten. Eiert (Lit. 23) hat es z. B. ausdrücklich abgelehnt, 
in den visionären Erlebnissen des Mystikers eine krankhafte 
Erscheinung zu sehen. Doch weist auch er wiederholt auf die 
von Boehme selbst beschriebene Melancholie und ein später 
auftretendes, sich von Jahr zu Jahr steigerndes Selbstbewußt- 
sein hin. 

Von diesen beiden Phasen seines Prozesses, der dunklen 
und der hellen, der grimmigen und der himmlischen, sind 
auch wir bei unserer Analyse ausgegangen, haben aber da- 
zwischen eine Zwischenstufe aufzuzeigen versucht. Sie ist 
schwerer zu charakterisieren als die beiden Extreme. Wenn 
der vergrämte Blick des Trübsinnigen die Welt betrachtet, 
ersciheint sie als Platz eines immerwährenden Kampfes mit 
dem Teufel, mit den sündigen Begierden der Sinne; sieht 
aber das begnadete Auge des gotterfüllten Sehers auf sie 
nieder, so wird sie zum Ort der Umkehr, des Ersterbens der 
Selbheit, des Versenkens in die göttliche Barmherzigkeit. Als 
Preis dieses Kampfes nun, als Belohnung für 'die Umkehr 
und die Vernichtung des eigenen Willens tritt in den Mittel* 
punkt des ganzen Prozesses das eigentlich mystische Erleb- 
nis, die göttliche Beschaulichkeit, der Blick in das Zentrimi 
der Natur. 

Den drei Phasen der selbsterlebten Prozesses Entspre- 
chend hat der Mystiker das ganze Weltgeschehen auf drei 
Prinzipien zurückgeführt. 

Die Schilderung des Centrimi naturae selbst mit seinen 
sieben Quellgeistem, dessen Bedeutung von den bisherigen 
Auslegern Boehmes zwar nicht übersehen, aber als kindlicher 
Versuch einer Ideenlehre oder als mystische Dunkelheit bei- 
seite gesetzt und umgangen wurde, läßt eine dreifache Deu- 
timg zu. 

Kielholzy Jakob Boehme. ^ 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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82 JAKOB BOEHME. 



1. Das Gentrum naturae bildet eine Zusammenfassung 
und Projektion seiner psychischen Erlebnisse in die Schöpfung. 

2. Es stellt die ganze Schöpfung im Bilde des Geschlechts- 
aktes dar. 

3. Es weist durch seine Häufung visionärer Elemente 
auf den Ursprung von Boehmes Werk hin, das als eine Subli- 
mation infantilen Schautriebs aufzufassen ist. 

Das psychoanalytische Verständnis des Gentrum naturae 
erleichtert auch die Auffassung anderer für Boehme eigen- 
tümlicher Personifikationen und Modifikationen biblischer und 
legendärer Vorgänge : 

Die Jungfrau Sophia bildet den mütterlichen Teil der 
Gottheit, der notwendig ist, um die Schöpfung als sexuellen 
Akt begreiflich zu machen. 

Sowohl die Unio mystica des Sehers, die mit einer Hoch- 
zeit verglichen wird, als der Abfall Lucifers, d. h, die Ent- 
stehung des Bösen, als auch der Sündenfall Adams erscheinen 
gleichmäßig als herbeigewünschter Inzest mit der Mutter, der 
in ambivalenter Weise einmal passiv erlebt als höchstes Gut, 
dann aber aktiv begehrt als größtes Übel gewertet wird, 

Die von Boehme öfters verwendete Tiersymbolik zur 
Darstellung der bösen Begierden weist auf kindliche Rache- 
phantasien und Beseitigungswünsche gegeniiber dem Vater hin. 

Entsprechend der Wiedererweckung der infantilen Inzest- 
wünsche geht eine Ablehnung der natürlichen Sexualität über- 
haupt und der Ehe im besonderen, die nicht nur in der 
Lehre, sondern auch im Leben des Mystikers zum Ausdruck 
gelangt. 

Die Idealgestalt des androgynen Adams vor dem Fall 
mit seinem, übernatürlichen Kräften erweist sich als Ergebnis 
einer Rückkehr zu Phantasien der Kindheit, die sich über 
die Rolle der Geschlechter noch keine Klarheit verschaffen 
konnte. 

Zur Identifikation mit Christus gelangt der Seher im 
Bewußtsein, wie dieser über seine sexuellen Begierden Herr 
geworden zu sein, wie dieser und seine prophetischen Vor- 
gänger und Jünger niedriger Abkunft der »Schafhirtenlinie« 



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SCHLÜSS. 83 



anzugehören, wie dieser Verfolgung und Schmach erlitten 
zu haben. 

Aus dieser Identifikation leitet er seine seherischen und 
prophetischen Fähigkeiten ab und hält sich für den berufenen 
Verkünder des jüngsten Tages. 

Zu diesen Fähigkeiten gehört auch das Verständnis der 
Natursprache, welche als Ausdruck einer besonderen lebens- 
erhaltenden und schöpferischen Kraft unverkennbar sexuelle 
Bedeutung hat und mit ihren sonderbaren Wortzerlegungen, 
auf den Ursprung aus Spielereien der Kindersprache hinweist. 

Es sind also zur Analyse gerade die Produkte des my- 
stischen Systems herangezogen worden, deren Spezifität und 
Wichtigkeit zwar von den früheren Auslegern anerkannt, deren 
Deutung aber versäumt wurde. Um diese zu gewinnen, haben 
wir in pathologischen Prozessen ähnlicher Natur, deren Er- 
klärung von der modernen Psychiatrie versucht wurde (Lit. 76), 
Parallelen aufzuzeigen unternommen. Aus dem Nachweis, daß 
ähnliche Gedankengänge auch in der Kabballah, der christ- 
lichen Gnosis und bei früheren Mystikern, die Boehme schwerlich 
aus eigener Lektüre gekannt hat, vorkommen, erscheint der 
Schluß nicht allzu gewagt, daß auch diese Produktionen auf 
dem gleichen Wege erklärt werden dürfen. 

Die Untersuchung des Boehmeschen Mystizismus gewährt 
dem Psychologen ein ähnliches Interesse zur Erleuchtung 
normaler religiöser Sublimationen, wie dem pathologischen 
Anatomen das Studium der karikaturenhaften Verzerrung 
kranker Organe die Struktur der normalen verdeutlichen hilft. 



Schon Jos. Moses (Lit. 21) hat aus dem Briefwechsel 
des Mystikers auf eine Dementia paranoides geschlossen. 

Seit der 1906 erschienenen Publikation dieses amerika- 
nischen Forschers hat einerseits Kräpelin (Lit. 22) in der 
Krankheitsgruppe der Paraphrenien Prozesse ohne stärkeren 
Zerfall der Persönlichkeit, der gemütlichen Ansprechbarkeit 
und der Intelligenz von der früheren Dementia paranoides 
ausgeschieden, Bleuler (Lit. 22) anderseits in seiner Auf- 



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84 JAKOB BOEHME. 



Stellung des Schizophreniebegriffs das Gebiet der früheren 
Dementia praecox erweitert und dabei das Schwergewicht auf 
Störungen der Assoziationstätigkeit und der Affektivität ver- 
legt. Im Rahmen dieser moderneren Krankheitsbilder mußten 
wir Boehmes Prozeß als Paraphrenia systematica oder als 
paranoide Form der Schizophrenie auffassen. 

Die ekstatischen Zustände, der Beginn mit melancho- 
lischen Verstimmungen, stereotype Redewendungen, die bei- 
spielsweise in den Einleitungen seiner Werke auffallen, die 
eigentümlichen Wortzerlegungen, mit denen er seine Kenntnis 
der Natursprache begründet, lassen sich mit dem Bild einer 
reinen Paranoia kaum vereinen. 

Wenn man allerdings die kürzlich erschienene Beschrei- 
bung eines der wenigen Fälle von Kräpelins Paranoia (Lit. 24) 
durchgeht, wird man zwischen diesem Typus und unserem 
Mystiker erstaunliche Ähnlichkeiten finden und als wichtigsten 
Unterschied, daß der Schuhmacher Kräpelins auch jetzt noch 
in vorgeschrittenem Alter sein Handwerk betreibt und für 
seine Familie arbeitet. 

Die psychoanalytische Literatur hat unter dem Begriff 
der Angstneurose Prozesse eingeordnet, die sich vielfach mit 
paranoischen berühren, und da die Angst in Boehmes Leben 
besonders im Beginn seiner schriftstellerischen Tätigkeit eine 
gewisse Rolle spielt und er sich ausdrücklich eine melan- 
cholische Komplexion zuschreibt, könnte er auch als Angst- 
neurotiker aufgefaßt werden. Im Vergleich zur Wichtigkeit 
der Inspiration mit der sich daran knüpfenden Euphorie und 
den unverkennbaren Größenideen treten aber diese Angst- 
gefühle als vorübergehende und später ganz verschwindende 
Erscheinungen in den Hintergrund. 

Von Freud und seinen Schülern, speziell Abraham 
(Lit. 25) ist der Zusammenhang von hysterischen Traum- 
zuständen mit verdrängter sexueller Betätigung aufgezeigt 
worden. Das gehäufte Auftreten sexueller Symbolik in Boehmes 
Werk, das wir eingehehend nachgewiesen haben, läßt den 
Verdacht auf einen ähnlichen Mechanismus gerechtfertigt er- 
scheinen. Wie sehr er sich gleich einem Hysteriker durch 



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SCHLÜSS. Sf) 



Lektüre und Umgebung beeinflussen ließ, beweist u. a. die 
Ausschmückung seiner Produktionen mit lateinischen, grie- 
chischen und hebräischen Floskeln, deren Kenntnis er sich 
im Umgang mit Dr. Walther und Dr. Kober verschaffte. 
Adelung (Lit. 16), der in seiner Geschichte der menschlichen 
Narrheit Boehme als Psychopathen verurteilt, meint, das 
Lesen der Schriften von Paracelsus u. a. habe seinen ohnehin 
schwachen Kopf noch mehr zerrüttet. Boehme hinwieder hatte 
als Sektenbildner suggestiven Einfluß. Es ist aber z. B. von 
Hellpach (Lit. 26) darauf hingewiesen worden, daß es gar 
nicht immer Hysterische zu sein brauchen, die Bausteine 
und Mörtel einer psychischen Epidemie bilden. Wedekind 
(Lit. 27) hat in seiner Kasuistik der psychischen Infektionen 
eine in Königsfelden beobachtete, von einer Schizophrenen 
infizierte größere Familie beschrieben, bei der pietistische 
Mystik und halb unbewußte, halb bewußte inzestuöse Erotik 
deutlich im Zusammenhang standen. 

Boehme könnte auch als Psychopath mit verrückten 
Ideen aufgefaßt werden. Die Vision als Hirtenknabe, die Er- 
lebnisse als Lehrling, die Neigung, sich abzusondern und einer 
krankhaft anmutenden Frömmigkeit hinzugeben, die schon 
den Knaben dem Spott der Kameraden aussetzte, diese Züge und 
Erlebnisse sprechen für eine von Geburt an abnorme Anlage, 
müssen aber, da sie durch die Biographie Frankenbergs nach 
Erzählungen des Mystikers während seiner Mannesjahre über- 
liefert sind, mit Vorsicht bewertet werden, da es sich um 
Erinnerungstäuschungen eines Paranoiden handeln kann. Ein 
solcher zeigt ja auch häufig von Kindsbeinen an verschrobenes 
Wesen und sonderbare Neigungen. Bis zur Niederschrift der 
Aurora unterschied sich der Lebenslauf Boehmes doch äußerlich 
in keiner Weise von dem Durchschnitt seiner Standesgenossen, 
er erledigte schlecht und recht Lehr- und Wanderjahre, 
heiratete, wurde seßhaft, übte seinen Beruf aus und kam dabei 
trotz stets wachsender Familie vorwärts, wie das der Hauskauf 
beweist, dann aber ließ er mit einem Mal sein Handwerk 
liegen und sich von den neuen Freunden unterstüzen. Der 
Handschuhhandel bildete wohl mehr nur eine Bemäntelung 



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86 JAKOB BOEHME. 



der inneren Unruhe, die ihn von Hause fort in für den 
Handwerker ungewöhnliche Verhältnisse und Umgebungen 
trieb. Es handelt sich also doch um eine tiefgehende und bis 
ans Ende dauernde Veränderung der Persönlichkeit, nicht nur 
um Schwankungen und zeitweise Entgleisungen im Seelenleben 
eines abnorm Veranlagten. 

Zur Zeit, als man begann, bedeutende Persönlichkeiten 
pathographisch zu beschreiben, wurde die Verwandtschaft 
religiöser Bahnbrecher mit der Epilepsie betont, so in den 
Arbeiten Lombrosos (Lit. 81). Die ekstatischen Zustände, 
sowie das Vorwiegen der Feuersymbolik im Werke unseres 
Theosophen erinnert an diese Verwandtschaft. Der syste- 
matische typische Ausbau des Wahnsystems, das wenig liebe- 
volle Verhalten gegenüber der Familie lassen uns aber diese 
Auffassung zurückweisen. 

Die Art, wie er seine Theosophie entwickelt, beleuchtet, 
gegen ähnliche, aber ihm gefährlich erscheinende mystische 
Richtungen abgegrenzt und verteidigt hat, verhindert uns 
ferner, in seinem Drang zu schreiben etwa das Symptom einer 
chronischen Manie zu sehen und den ganzen Prozeß nach 
dem Vorgehen Spechts (Lit. 22) als eine zyklisch verlaufende 
Psychose zu taxieren, so sehr auch der Wechsel von melan- 
cholischen und eher manischen Stadien im Leben Boehmes an 
eine solche erinnert. 

Daß Boehme gerade in seiner Zeit unter allen Ständen 
bis zum Königsthron hinauf — Karl I. von England interessierte 
sich auf das lebhafteste für ihn (Lit. 16) — und in ver- 
schiedenen Ländern feurige Anhänger und Gegner fand, die 
eine ganze polemische Literatur schufen zur Erklärung und 
zur Bekämpfung der Werke des Theosophen, diese anfängliche 
Berühmtheit muß aus einer besonderen Affinität Boehmes zu 
seinem Zeitalter erklärt werden. 

Es gibt nun solche Epochen, in denen es dem Einzelnen 
stärker zum Bewußtsein kommt, daß die Gesamtheit von über- 
individuellen Kräften gelenkt wird, d. h. daß der Wille der 



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SCHLÜSS. 87 



Masse nicht nur eine einfache Summation der Einzelwillen be- 
deutet, sondern quantitativ und qualitativ anders beschaffen 
ist, so daß er wie ein Wesen neuer Art dem Einzelwillen 
gegenüber steht und diesen beherrscht (Lit. 80). Dieses Be- 
wußtsein schafft das Bedürfnis nach Anlehnung an andere 
übermenschliche Kräfte, die Schutz gewähren sollen, und 
dadurch werden alle die Persönlichkeiten in den Vordergrund 
geschoben, welche als Inspirierte besonderer Beziehungen 
zu solchen Mächten sich teilhaftig rühmen, die durch ihre 
felsenfeste Überzeugung den Glauben daran erwecken und 
gegen jene Massensuggestionen gefeit erscheinen. In anderen 
rationalistischer denkenden und handelnden Zeitaltern werden 
solche Naturen als Überspannte und außer dem Gleichgewicht 
Befindliche verdächtigt, beiseite gedrängt und zur Bedeutungs- 
losigkeit verurteilt, um kühleren und nüchternen Köpfen die 
leitenden Stellen einzui'äumen. Das Elend und die Not lang- 
dauernder Kriege hat von jeher den Menschen am ehesten die 
Irrationalität alles menschlichen Tuns und Trachtens zum Be- 
wußtsein gebracht und Seher und Propheten zu Ehren 
gezogen. 

Einer solchen Zeit gehörte auch Boehme an. Seine Schriften 
fanden während des dreißigjährigen Krieges Verbreitung und 
Anhängerschaft, während jenes unheilvollen Kampfes, der wie 
des Mystikers Lebenswerk selbst zum größten Teil aus Glaubens- 
streitigkeiten seinen Ursprung schöpfte. Seine Zeitgenossen 
fanden in dem Theosophen ein getreues Abbild ihrer eigenen 
innerlichen Zerrissenheit und Grübelei, der eigenen Kampfeslust, 
die sich gegen die Mauerkirchen und Historienpfaffen der 
anderen Partei wendete. In des Sehers paranoischem Selbst- 
vertrauen und Selbstgefühl hatte der Leser eine kräftige Stütze 
im Zweifel und schöpfte Trost in der Ungewißheit. Seine 
Symbolik, fast ausschließlich aus der allgemein eifrig ge- 
lesenen Bibel geschöpft, war damals leichter verständlich und 
durchsichtig. 

Schließlich hat sicher das Märtyrerkrönlein, das die 
wiederholten Sträuße mit dem Pastor primarius ihm eintrugen, 



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88 JAKOB BOBHME. 



nicht nur zur Verkennung der Krankhaftigkeit seines Wesens, 
sondern auch zu seinem Nachruhm beigetragen. 



Durch die Analyse wird das Werk des Mystikers auf 
hauptsächlich vier Elemente zurückgeführt: 

1. Auf eine rein psychologische Betrachtung alles Ge- 
schehens. Die Vorgänge des Innern werden bestimmend, die 
Außenwelt verliert ihre Bedeutung und gewinnt sie erst wieder 
als Abbild des Innern. 

2. Auf eine Rückkehr zum kindlichen Denken und Phanta- 
sieren, eine Wiedererweckung infantiler Wünsche, ein Herbei- 
sehnen der glücklichen Jugendzeit. 

3. Auf eine Ablehnung und Verdrängung des bewußten 
Trieblebens mit gleichzeitiger sexueller Symbolik für alles 
Geschehen. 

4. Auf eine Sublimierung des infantilen Schautriebes in 
der spezifischen Leistung des mystischen Sehers. 

Der Einfluß nun, den Boehme nicht nur auf den Kreis 
seiner persönlichen Anhänger, sondern im Lauf der Jahr- 
hunderte auch auf das kirchliche Leben und auf die Philo- 
sophie ausgeübt hat, beweist, daß diese Elemente wenigstens 
zum größten Teil allgemein nachfühlbar und verständlich sind, 
und daß die Mystik neben unzweifelhaft lebenshemmeuden 
und auf gefährliche Abwege führenden Bestandteilen, die von 
den bisherigen kritischen Beobachtern fast ausschließlich 
hervorgehoben wurden, auch positive, beachtenswerte Züge 
enthält. 

Der Kieler Philosoph Deussen (Lit. 77) hat in seinem 
1897 gehaltenen Vortrag zum Besten des Boehmedenkmals vor 
allem das erste Element im Werke des Mystikers betont und 
hochgewertet, indem er als Kern echter philosophischer Wahr- 
heit erachtet, daß Jakob Boehme den Schwerpunkt aus Gott 
in die Seele verlegt, daß ihm, mit anderen Worten, Gott nur 
die ausgespannte Möglichkeit des Bösen und des Guten bedeutet, 
welches erst dadurch zur Wirklichkeit wird, daß die Seele 
sich aus ureigener Freiheit heraus für das Eine oder Andere 



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SCHLÜSS. 89 



entscheidet, für das Reich des Grimmes und der Finsternis 
oder für das triumphierende Freudenreich Gottes, welche 
beide als blo£e Möglichkeit in Gott liegen und dessen Wesen, 
sofern es sich zu den sieben Qualitäten entfaltet, ausmachen. 
Diese Freiheit, die er für die eigene Seele fordete, wollte er 
auch allen anderen, seien es Heiden, Türken oder Juden, 
gewahrt wissen. Carriere (Lit. 66) weist auf seine An- 
schauung vom Heidentum hin, die weit über die Wissenschaft 
seiner Tage hinausrage und Lasson (Lit. 28) erklärt sein 
Prinzip der Duldung im Gegensatz zur damaligen Streit- 
theologie für so hochstehend, wie es heute noch nicht vielen 
zugänglich sei. 

Um den Wert des zweiten Elementes, der Rückkehr zur 
Kindheit, genügend zu würdigen, brauchen wir nur der Be- 
strebungen der modernen Psychoanalyse zu gedenken, die als 
Grundprinzip ihrer heilenden Tendenzen ja ebenfalls die Wieder- 
erziehung unter Berücksichtigung infantiler Einstellungen 
gesetzt hat. Eiert (Lit. 23) erklärt, diese Geburt des neuen 
Menschen müsse als das zentrale religiöse Erlebnis bei Boehme 
angesehen werden, und faßt sie als die Abkehr vom alten Willen 
auf, bezeichnet also die Mystik des schlesischen Theosophen als 
voluntaristisch. Nun spielt zwar der Wille in der modernen 
Psychologie eine stiefmütterliche Rolle, es sind aber doch 
Autoren von Gewicht, wie Wundt, Goldscheider (Lit. 78) 
bemüht, ihm wieder eine bedeutendere Stellung einzuräumen. 
Unzweifelhaft sehen wir in der gesamten Produktion unseres 
Mystikers einen starken Willen am Werke, die überschäumende 
Phantasie zu meistern und aus der verwirrenden Mannig- 
faltigkeit der Erscheinungen und Bestrebungen zur Einheit 
zu gelangen durch Rückkehr zum kindlichen Denken und 
Fühlen, das sich geborgen und ruhig weiß in vertrauensvoller 
Ergebung in mütterliche Liebe und väterlichen Schutz. 

Da es sich aber nicht um eine mit Bewußtsein gewollte 
Tätigkeit, sondern um einen aus dem Unbewußten wirkenden 
Trieb handelt, liegt in der Bezeichnung Voluntarismus etwas 
Irreführendes. 



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90 JAKOB BOEHME. 



Auch zur positiven Würdigung des dritten Elementes 
erscheint vor allem die Psychoanalyse berufen, die vielfach 
darauf hingewiesen hat, daß eine wenigstens teilweise Ver- 
wandlung der sexuellen Libido, eben die sogenannte Subli- 
mation, neben der rein geschlechtlichen Betätigung für den 
Kulturmenschen absolut notwendig ist und in wissenschaft- 
licher und künstlerischer Arbeit mannigfach zum Ausdruck 
kommt. Von diesem Gresichtspunkte aus erscheint Boehmes 
Mystik als eine Sublimation in Naturphilosophie, die zwar 
durch die Häufung sexueller Symbolik und die gleichzeitige 
starke Betonung geschlechtlicher Askese ihre pathologische 
Entstehung und ihr unvollständiges Gelingen überall verrät. 
Jede Naturphilosophie enthält aber, wie Joül (Lit. 79) zu 
beweisen sucht, der neben den altgriechischen Naturphilosophen 
gerade Boehme ausgiebig als Beispiel heranzieht, die obersten 
Grundbegriffe und das ganze Grundschema aller Naturer- 
kenntnis, welche sich immer differenzierter, spezialistischer, 
mechanistischer entwickelt hat, um gerade in Zeiten des An- 
laufs zum höchsten Aufschwung wieder zur Mystik als Aus- 
gangspunkt zurückzukehren: in der Renaissance und am 
Anfang des 19. Jahrhunderts. Joel sieht darin ein Gesetz : 
die Naturerkenntnis muß sich in ihrer Entwicklung immer 
weiter von der zentralen Mystik entfernen, aber doch den 
Zusammenhang mit jenen subjektiven und anthropomorphen, 
vitalistischen und panentheistischen Quellen wahren, aus denen 
sie immer wieder neue Kraft zieht, wenn sie im Mechanischen 
zu veräußerlichen, im Speziellen zu verarmen droht. 

Joel sucht in seiner Abhandlung die Mystik vor allem 
aus dem Gefühl herzuleiten, für Eiert ist die Boehmes spe- 
ziell ein Erzeugnis des Willens. Wir sind in dieser Arbeit 
zu dem Ergebnis gelangt, daß der Hauptfaktor in dem Werke 
des Theosophen wie in der Mystik überhaupt der aus dem 
infantilen Schautrieb stammende Drang nach Einsicht und 
Erkenntnis bildet. Dementsprechend erscheinen uns auch die 
Resultate des vierten Elementes als die wertvollsten am meisten 
Beachtung zu verdienen, welche vor allem die Behauptung 
Carrieres recTitfertigen, daß die deutsche Mystik zu den größten 



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SCHLÜSS. 91 



originalen Taten unseres Volkes gehört Als solche Resultate 
betrachten wir die rein intuitiv gewonnene Erkenntnis von 
der Idealität von Raum und Zeit, die erst fast um zwei Jahr- 
hunderte später Kant in seiner unübertroffenen kritischen 
Philosophie als Basis jeder Erkenntnistheorie zur allgemeinen 
Anerkennung gebracht hat: 

Desgleichen siebest du, schreibt Boehme im 20. Kapitel 
der Aurora, wie du in dieser Welt überall im Himmel und 
auch in der Hölle bist, und wohnest zwischen Himmel und 
Hölle in großer Gefahr. Auch siebest du, wie auch der Himmel 
in einem heiligen Menschen ist, und allenthalben, wo du stehest, 
gehest oder liegest, inqualieret dein Geist mit Gott, bist du 
demselben Teil nach im Himmel und deine Seele in Gott. 
Desgleichen siebest du, wie du dem Zorne nach, allzeit in 
der Hölle bist bei allen Teufeln. 

In die Stammbücher guter Freunde schreibt er gemei- 
niglich folgende Reime (berichtet Frankenberg in seiner 
Biographie) : 

Wehme Zeit ist wie Ewigkeit, 

Und Ewigkeit wie die Zeit, 

Der ist befreyt 

Von allem Streit. 



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77. Deussen, Jakob Boehme. Über sein Leben und seine Philosophie. 

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80. ,Z> Bon, Psychologie der Massen. Übersetzung von R. Gisler. Leip- 

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81. Lombrosoy Genie und Irrsinn. Übersetzung von A* Courth. Leip- 

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82. Freud, Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden 

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83. Rohtim, Spiegelzauber. Imago, V. Jahrg., 2. Heft 



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