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Full text of "Jahrbuch der Psychoanalyse. Neue Folge des Jahrbuchs für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen VI. Band 1914"

JAHRBUCH 



DEE 



PSYCHOANALYSE. 



herausgegeben von 
Prof. Dr. S. FKEUD 

Ul WIEN. 

REDIGIERT VON 

Dr. KAEL ABRAHAM und Dr. EDUARD HITSCHM AM 

IN BERLIJf m WIBM. 



NEUE FOLGE DES JAHRBUCHS FÜR PSYCHOANALYTISCHE 
UND PSYCHOPATHOLOGISCHE FORSCHUNGEN. 



VL BAND. 



MIT EINER TAFEL. 



LEIPZIG UHD WIEN. 



1914. 

KRAUS REPRINT 

Nen d eln/L ieditenstein 

1970 



Inhaltsverzeichnis. 



Seit« 

Vorwort der Redaktion V 

Originalien. 

Freud; Zur Einführung des Narzißmus 1 

Abraham: Über Einschränkungen und Umwandlungen der Schaulust 

bei den Psychoneurotikern 25 

Federn: Über zwei typische Traumsensatioaen 89 

Jones: Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr ...... 135 

Referierender Teil. 

Freud: Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung 207 

Bericht über die Fortscliritte der Fsyciioanalyse in den Jahren 

1909-1913. 

Vorbemerkung der Redaktion 263 

I. Psychologie nnd Trieblehre. 

Das Unbewußte (Eef.: Dr. M. Eitingon) 267 

Traumdeutung (Ref.: Dr. 0. Rank) 272 

Trieblehre (Ref.: Dr. E. Hitsehmann) 283 

Perversionen (Ref.: Dr. J. Sadger) 296 

II. Klinischer Teil. 

Allgemeine Neurosenlehre (Ref.: Dr. S. Ferenczi) 317 

Psychoanalytische Therapie (Rel : Prof. Dr. E. Jones) 329 

Spezielle Pathologie der nervösen Zustände und der Geistesstörungen 

(Ref.: Dr. K. Abraham) 343 

III. Anwendung der Psychoanalyse außerhalb der Medizin. 

Mythologie (Ref.: Dr. O. Rank) 367 

Völkerpsychologie (Ref.: Dr. H. Sachs) 374 

Sprachwissenschaft (Ref.: Dr. Th. Reik) 383 

Ästhetik, Kunst, Literatur (Ref.: Dr. Th. Reik) 387 

Kinderpsychologie, Pädagogik (Ref.: Dr. H. Hug-Hellmuth) 393 

Philosophie (Ref.: Dr V. Tausk) 405 

Mystik und Okkultismus (Ref.: H. Silber er) 413 



Sendungen für die Redaktion sind zu richten an Dr. Karl Abraham, 
Berlin, W. Rankestraße 24. 



Vorwort der Redaktion. 



Das „Jahrbuch der Psychoanalyse" erscheint als neu-3 
Folge des „Jahrbuchs für psychoanalytische und psychopathologische 
Forschungen" zum ersten Male unter neuer Redaktion. 

Der veränderte Titel soll zweierlei besagen. Zunächst, daß das 
Jahrbuch nun ausschließlich der Förderung der psychoanalyti- 
schen Wissenschaft dianen soll. Artikel, welche mit dieser nur in 
einem losen Zusammenhang stehen, sollen daher nicht aufgenommen 
werden. Sodann wird die Redaktion dahin streben, daß der Inhalt des 
„Jahrbuchs" seinen Titel rechtfertigt. Es wird an Originalien nur 
ausgewählte Beiträge bringen, welche neue Forschungsergebnisse mit- 
teilen oder zu strittigen Problemen Stellung nehmen, dagegen kasui- 
stische Artikel in der Regel ausschließen. Kleinere Originalartike] , 
didaktische Aufsätze, Mitteilungen und fortlaufende Kritik bringt wie 
bisher die „Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse", die 
Anwendung auf die Geisteswissenschaften ist der „Imago" vorbehalten. 

Des „Jahrbuchs" zweite Hauptaufgabe soll aber sein, einen 
jährlichen Berieht über die gesamten wissenschaftlichen Fort- 
schritte der Psychoanalyse zusammenzufassen (diesmal der Jahre 190-9 
bis 1913). Mit Rücksicht auf diese Aufgabe wird das Jahrbuch künftig 
nicht mehr in zwei Halbbänden, sondern in einem Jahresbande er- 
scheinen. 



Zur Einführung des Tfarzißmus. 

Von Sigm. Fread. 



Der Terminus Narzißmus entstammt der klinischen Deskription 
und ist von P. Käcke 1899 zur Bezeichnimg jenes Verhaltens gewählt 
worden, bei welchem ein Individuum den eigenen Leib in ähnlicher 
Weise behandelt wie sonst den eines Sexualobjektes, ihn also mit 
sexuellem Wohlgefallen beschaut, streichelt, liebkost, bis es durch diese 
Vornahmen zur vollen Befriedigimg gelangt. In dieser Ausbildung 
hat der Narzißmus die Bedeutung einer Perversion, welche das ge- 
samte Sexualleben der Person aufgesogen hat, und unterliegt darum 
auch den Erwartungen, mit denen wir an das Studium aller Perver- 
sionen herantreten. 

E5 ist dann der psychoanalytischen Beobachtung aufgefallen, 
daß einzelne Züge des narzißtischen Verhaltens bei vielen mit anderen 
Störungen behafteten Personen gefunden werden, so nach Sadger 
bei Homosexuellen, und endlich lag die Vermutung nahe, daß eine 
als Narzißmus zu bezeichnende Unterbringimg der Libido in viel 
weiterem Umfang in Betracht kommen xmd eine Stelle in der regulären 
Sexualentwicklung des Menschen beanspruchen könnte^). Auf die 
nämliche Vermutung kam man von den Schwierigkeiten der 
psychoanalytischen Arbeit an Neurotikern her, denn es schien, als 
ob ein solches narzißtisches Verhalten derselben eine der Grenzen 
ihrer Beeinflußbarkeit herstellte. Narzißmus in diesem Sinne wäre 
keine Perversion, sondern die libidinöse Ergänzung zum Egoismus 
des Selbsterhaltungstriebes, von dem jedem Lebewesen mit Recht 
ein Stück zugeschrieben wird. 

Ein dringendes Motiv, sich mit der Vorstellung eines primären 
und normalen Narzißmus zu beschäftigen, ergab sich, als der Versuch 

*) 0. Rank, Ein Beitrag zum Narzißmus. Dieses Jahrbuch, Bd. III, 1911. 

Jahrl[>Tich der Fe^choanalys«. VI. 1 



2 Sigm. Freud. 

unternommen wurde, das Verständnis der Dementia praecox (Krae- 
pelin) oder Schizophrenie (Bleuler) unter die Voraussetzung der 
Libidotheorie zu bringen. Zwei fundamentale Charakterzüge zeigen 
solche Kranke, die ich vorgeschlagen habe als Paraphreniker zu be- 
zeichnen: den Größenwahn und die Abwendung ihres Interesses 
von der Außenwelt (Personen und Dingen). Infolge der letzteren 
Veränderung entziehen sie sich der Beeinflussung durch die Psycho- 
analyse, werden sie für unsere Bemühungen unheilbar. Die Abwendung 
des Paraphrenikers von der Außenwelt bedarf aber einer genaueren 
Kennzeichnung. Auch der Hysteriker und Zwangsneurotiker hat, 
soweit seine Krankheit reicht, die Beziehung zur Realität aufgegeben. 
Die Analyse zeigt aber, daß er die erotische Beziehimg zu Personen 
und Dingen keineswegs aufgehoben hat. Er hält sie noch in der Phan- 
tasie fest, d. h. er hat einerseits die realen Objekte durch imaginäre 
seiner Erinnerung ersetzt oder sie mit ihnen vermengt, anderseits 
darauf verzichtet, die motorischen Aktionen zur Erreichung seiner 
Ziele an diesen Objekten einzuleiten. Für diesen Zustand der Libido 
sollte man allein den von Jung ohne Unterscheidung gebrauchten 
Ausdruck: Introversion der Libido gelten lassen. Anders der Para- 
phreniker. Dieser scheint seine Libido von den Personen und Dingen 
der Außenwelt wirklich zurückgezogen zu haben, ohne diese durch 
andere in seiner Phantasie zu ersetzen. Wo dies dann geschieht, 
scheint es sekundär zu sein und einem Heilungsversuch anzugehören, 
welcher die Libido zum Objekt zurückführen will*). 

Es entsteht die Frage : Welches ist das Schicksal der den Objekten 
entzogenen Libido bei der Schizophrenie? Der Größenwahn dieser Zu- 
stände weist hier den Weg. Er ist wohl auf Kosten der Objektlibido 
entstanden. Die der Außenwelt entzogene Libido ist dem Ich zugeführt 
worden, so daß ein Verhalten entstand, welches wir Narzißmus heißen 
können. Der Größenwahn selbst ist aber keine Neuschöpfung, sondern, 
wie wir wissen, die Vergrößerung und Verdeutlichung eines Zustandes, 
der schon vorher bestanden hatte. Somit werden wir dazu geführt, 
den Narzißmus, der durch Einbeziehimg der Objektbesetzungen 
entsteht, als einen sekiuidären aufzufassen, welcher sich über einen 
primären, durch mannigfache Einflüsse verdimkelten aufbaut. 

>) Vgl. für diese Aufstellungen die Diskussion des „Weltunterganges" in 
der Analyse des Senatspräsidenten ScLreber, dieses Jahrbuch, Bd. III, 1911. 
Ferner: Abraham, Die psychosexuellen Differenzen der Hysterie und der 
Dementia praecox. Zentralbl. f. Nervenh. u. Psychiatrie 1908. 



Zur Einfühlung des Narzißmus. 3 

Ich bemerke nochmals, daß ich hier keine Klärung oder Ver- 
tiefung des Schizophrenieproblems geben will, sondern nur zusammen- 
trage, was bereits an anderen Stellen gesagt worden ist, um eine Ein- 
führung des Narzißmus zu rechtfertigen. 

Ein dritter Zufluß zu dieser, wie ich meine, legitimen Weiter- 
bildung der Libidotheorie ergibt sich aus unseren Beobachtungen und 
Auffassungen des Seelenlebens von primitiven Völkern und von Kindern. 
Wir finden bei diesen ersteren Züge, welche, wenn sie vereinzelt wären, 
dem Größenwahn zugerechnet werden könnten, eine Überschätzung 
der Macht ihrer Wünsche und psychischen Akte, die „Allmacht der 
Gedanken", einen Glauben an die Zauberkraft der Worte, eine Technik 
gegen die Außenwelt, die ,, Magie", welche als konsequente Anwendung 
dieser größensüchtigen Voraussetzungen erscheint^). Wir erwarten 
eine ganz analoge Einstellung zur Außenwelt beim Kinde unserer 
Zeit, dessen Entwicklung für uns weit undurchsichtiger ist^). Wir bilden 
so die Vorstellung einer ursprünglichen Libidobesetzung des Ichs, 
von der später an die Objekte abgegeben wird, die aber, im Grunde 
genommen, verbleibt und sich zu den Objektbesetzungen verhält 
wie der Körper eines Protoplasmatierchens zu den von ihm ausge- 
schickten Pseudopodien. Dieses Stück der Libidounterbringung 
mußte für unsere von den neurotischen SjTnptomen ausgehende 
Forschung zunächst verdeckt bleiben. Die Emanationen dieser Libido, 
die Objektbesetzungen, die ausgeschickt und wieder zurückgezogen 
werden können, wurden ims allein auffällig. Wir sehen auch im groben 
einen Gegensatz zwischen der Ichhbido und der Objektlibido. Je 
mehr die eine verbraucht, desto mehr verarmt die andere. Als die 
höchste Entwicklungsphase, zu der es die letztere bringt, erseheint 
uns der Zustand der Verliebtheit, der sich uns wie ein Aufgeben der 
eigenen Persönlichkeit gegen die Objektbesetzung darstellt und seinen 
Gegensatz in der Phantasie (oder Selbstwahmehmung) der Para- 
noiker vom Weltuntergang findet'). Endlich folgern wir für die Unter- 
scheidung der psychischen Energien, daß sie zunächst im Zustande 
des Narzißmus beisammen und für unsere grobe Analyse ununter- 

^) Siehe die entsprechenden Abschnitte in meinem Buch „Totem und Tabu", 
1913. 

•) S. Ferenczi, Entwicklungsstufen des Wirklichkeitasinnes. Intern. 
Zeitschr. f. ärztl. Psychoanalyse I, IW3. 

'] Es gibt zwei Mechanismen dieses Weltunterganges, wenn alle libido- 
bosetzung auf das geliebte Objekt abströmtrUnd wenn alle in das Ich zurückfließt. 

1* 



* Sigm. Freud. 

scheidbar sind, und daß es erst mit der Objektbesetzung möglich wird, 
eine Sexualenergie, die Libido, von einer Energie der Ichtriebe zu 
unterscheiden. 

Ehe ich weiter gehe, muß ich zwei Fragen berühren, welche 
mitten in die Schwierigkeiten des Themas leiten. Erstens: Wie verhält 
sich der Narzißmus, von dem wir jetzt handeln, zum Autoerotismus, 
den wir als einen Frühzustand der Libido beschrieben haben ? Zweitens : 
Wenn wir dem Ich eine primäre Besetzung mit Libido zuerkennen, 
wozu ist es überhaupt noch nötig, eine sexuelle Libido von einer nicht 
sexuellen Energie der Ichtriebe zu trennen? Würde die Zugrunde- 
legimg einer einheitlichen psychischen Energie nicht alle Schwierig- 
keiten der Sonderung von lehtriebenergie und Ichlibido, Ichlibido 
und Objektlibido ersparen? Zur ersten Frage bemerke ich: Es ist eine 
notwendige Annahme, daß eine dem Ich vergleichbare Einheit nicht 
von Anfang an im Individuum vorhanden ist; das Ich muß entwickelt 
werden. Die autoerotischen Triebe sind aber uranfänglich; es muß 
also irgend etwas zum Autoerotismus hinzukommen, eine neue psy- 
chische Aktion, um den Narzißmus zu gestalten. 

Die Aufforderung, die zweite Frage in entschiedener Weise zu 
beantworten, muß bei jedem Psychoanalytiker ein merkliches Un- 
behagen erwecken. Man wehrt sich gegen das Gefühl, die Beobachtung 
für sterile theoretische Streitigkeiten zu verlassen, darf sich dem Ver- 
such einer Klärung aber doch nicht entziehen. Gewiß sind Vorstellungen 
wie die einer Ichlibido, Ichtriebenergie usw., weder besonders klar 
faßbar noch inhaltsreich genug; eine spekulative Theorie der be- 
treffenden Beziehvmgen würde vor allem einen scharf umschriebenen 
Begriff zur Grundlage gewinnen wollen. Allein ich meine, das ist eben 
der Unterschied zwischen einer spekulativen Theorie und einer auf 
Deutung der Empirie gebauten Wissenschaft. Die letztere wird der 
Spekulation das Vorrecht einer glatten, logisch imantastbaren Funda- 
mentierung nicht neiden, sondern sich mit nebelhaft verschwindenden, 
kaum vorstellbaren Grundgedanken gerne begnügen, die sie im Laufe 
ihrer Entwicklimg klarer zu erfassen hofft, eventuell auch gegen andere 
einzutauschen bereit ist. Diese Ideen sind nämlich nicht das Funda- 
ment der Wissenschaft, auf dem alles ruht; dies ist vielmehr allein die 
Beobachtung. Sie sind nicht das Unterste, sondern das Oberste des 
ganzen Baues und können ohne Schaden ersetzt imd abgetragen werden. 
Wir erleben dergleichen in unseren Tagen wiederimi an der Physik, 
deren Grundanschauungen über Materie, Kraftzentren, Anziehung u. dgL 



Zur Einführung des Narzißmus. 5 

kaum weniger bedenklich sind als die entsprechenden der Psycho- 
analyse. 

Der Wert der Begriffe: Ichlibido, Objektlibido liegt darin, daß 
sie aus der Verarbeitung der intimen Charaktere neurotischer und 
psychotischer Vorgänge stammen. Die Sonderung der Libido in 
eine solche, die dem Ich eigen ist, und eine, die den Objekten angehängt 
wird, ist eine unerläßliche Fortführung einer ersten Annahme, welche 
Sexualtriebe und Ichtriebe voneinander schied. Dazu nötigte mich 
wenigstens die Analyse der reinen Übertragimgsneurosen (Hysterie 
und Zwang), und ich weiß nur, daß alle Versuche, von diesen Phäno- 
menen mit anderen Mitteln Rechenschaft zu geben, gründlich miß- 
lungen sind. 

Bei dem völligen Mangel einer irgendwie orientierenden Trieb- 
lehre ist es gestattet oder besser geboten, zunächst irgend eine Annahme 
in konsequenter Durchführung zu erproben, bis sie versagt oder sich 
bewährt. Für die Annahme einer ursprünglichen Sonderung von 
Sexualtrieben und anderen Ichtrieben spricht nun mancherlei nebst 
ihrer Brauchbarkeit für die Analyse der Übertragungsneurosen. Ich 
gebe zu, daß dieses Moment allein nicht unzweideutig wäre, denn 
es könnte sich um indifferente psychische Energie handeln, die erst 
durch den Akt der Objektbesetzung zur Libido \yird. Aber diese be- 
griffliche Scheidung entspricht erstens der populär so geläufigen 
Trenmmg von Hunger und Liebe. Zweitens machen sich biologische 
Rücksichten zu ihren Gunsten geltend. Das Individuum führt wirklich 
eine Doppelexistenz als sein Selbstzweck und als GUed in einer Kette, 
der es gegen, jedenfalls ohne seinen Willen dienstbar ist. Es hält 
selbst die Sexualität für eine seiner Absichten, während eine andere 
Betrachtung zeigt, daß es nur ein Anhängsel an sein Keimplasma ist, 
dem es seine Kräfte gegen eine Lustprämie zur Verfügung stellt, der 
sterbliche Träger einer — vielleicht — unsterblichen Substanz, wie 
ein Majoratsherr nur der jeweilige Inhaber einer ihn überdauernden 
Institution. Die Sonderung der Sexualtriebe von den Ichtrieben würde 
nur diese doppelte Funktion des Individuums spiegeln. Drittens muß 
man sich daran erinnern, daß all unsere psychologischen Vorläufig- 
keiten einmal auf den Boden organischer Träger gestellt werden sollen. 
Es wird dann wahrscheinlich, daß es besondere Stoffe und chemische 
Prozesse sind, welche die Wirkungen der Sexualität ausüben und 
die Fortsetzung des individuellen Lebens in das der Art vermitteln. 
Dieser Wahrscheinlichkeit tragen wir Rechnung, indem wir die besonde- 



" Sigm. Freud. 

ren chemischen Stoffe durch besondere psychische Kräfte sub- 
stituieren. 

Gerade weil ich sonst bemüht bin, alles andersartige, auch das 
biologische Denken, von der Psychologie ferne zu halten, will ich an 
dieser Stelle ausdrücklich zugestehen, daß die Annahme gesonderter 
Ich- und Sexualtriebe, also die Libidotheorie, zum wenigsten auf psycho- 
logischem Grunde ruht, wesentlich biologisch gestützt ist. Ich werde 
also auch konsequent genug sein, diese Annahme fallen zu lassen, 
wenn sich aus der psychoanalytischen Arbeit selbst eine andere Voraus- 
setzung über die Triebe als die besser verwertbare erheben würde. 
Dies ist bisher nicht der Fall gewesen. Es mag dann sein, daß die 
Sexualenergie, die Libido — im tiefsten Grund und in letzter Ferne — 
nur ein Differenzierungsprodukt der sonst in der Psyche wirkenden 
Energie ist. Aber eine solche Behauptung ist nicht belangreich. Sie 
bezieht sich auf Dinge, die bereits so weit weg sind von den Problemen 
unserer Beobachtung und so wenig Kenntnisinhalt haben, daß es ebenso 
müßig ist, sie zu bestreiten, wie sie zu verwerten; möglicherweise hat 
diese Uridentität mit unseren analytischen Interessen so wenig zu tun 
wie die Urverwandtschaft aller Menschenrassen mit dem Nachweis der 
von der Erbschaftsbehörde geforderten Verwandtschaft mit dem Erb- 
lasser. Wir kommen mit all diesen Spekulationen zu nichts; da wir 
nicht warten können, bis uns die Entscheidungen der Trieblehre von 
einer andern Wissenschaft geschenkt werden, ist es weit zweckmäßiger 
zu versuchen, welches Licht durch eine Synthese der psych ologischen 
Phänomene auf jene biologischen Grundrätsel geworfen werden kann. 
Machen wir uns mit der Möglichkeit des Irrtums vertraut, aber lassen 
wir uns nicht abhalten, die ersterwählte Annahme eines Gegensatzes 
von Ich- und Sexualtrieben, die sich uns durch die Analyse der Über- 
tragungsneurosen aufgedrängt hat, konsequent fortzuführen, ob sie sich 
widerspruchsfrei und fruchtbringend entwickeln und auch auf andere 
Affektionen, z. B. die Schizophrenie, anwenden läßt. 

Anders stünde es natürlich, wenn der Beweis erbracht wäre, 
daß die Libidotheorie an der Erklärung der letztgenannten Krankheit 
bereits gescheitert ist. C. G. Jung hat diese Behauptung aufgestellt^) 
und mich dadurch zu den letzten Ausführungen, die ich mir gern er- 
spart hätte, genötigt. Ich hätte es vorgezogen, den in der Analyse des 
Falles Schreber betretenen Weg unter Stillschweigen über dessen 



') Wandlungen und Symbole der Libido. Dieses Jahrbuch, Bd. IV, 1912. 



Zar Einfühlung des Narzißmus. 7 

Voraussetzungen bis zum Ende zu gehen. Die Behauptung von Jung 
ist aber zum mindesten eine Voreiligkeit. Seine Begründungen sind 
spärlich. Er beruft sich zunächst auf mein eigenes Zeugnis, daß ich 
selbst mich genötigt gesehen habe, angesichts der Schwierigkeiten der 
Schreberanalyse den Begriff der Libido zu erweitern, d. h. seinen 
sexuellen Inhalt aufzugeben, Libido mit psychischem Interesse über- 
haupt zusammenfallen zu lassen. Was zur Eichtigstellung dieser 
Fehldeutung zu sagen ist, hat Ferenczi in einer gründlichen Kritik 
der Jungschen Arbeit bereits vorgebracht^). Ich kann dem Kritiker 
nur beipflichten und wiederholen, daß ich keinen derartigen Verzicht 
auf die Libidotheorie ausgesprochen habe. Ein weiteres Argument 
von Jung, es sei nicht anzunehmen, daß der Verlust der normalen 
Realfunktion allein durch die Zurückziehung der Libido verursacht 
werden könne, ist kein Argument, sondern ein Dekret; it begs the 
question, es nimmt die Entscheidung vorweg und erspart die Dis- 
kussion, denn ob und wie das möglich ist, sollte eben untersucht 
werden. In seiner nächsten großen Arbeit^) ist Jung an der von mir 
längst angedeuteten Lösung knapp vorbeigekommen: ,, Dabei ist nun 
allerdings noch in Betracht zu ziehen — worauf übrigens Freud in 
seiner Arbeit in dem Schreberschen Falle Bezug nimmt — , daß 
die Introversion der Libido sexualis zu einer Besetzung des ,,Ich" 
führt, wodurch möglicherweise jener Effekt des Realitätsverlustes 
herausgebracht wird. Es ist in der Tat eine verlockende Möglichkeit 
die Psychologie des Realitätsverlustes in dieser Art zu erklären." Allein 
Jung läßt sich mit dieser Möglichkeit nicht viel weiter ein. Wenige 
Seiten später tut er sie mit der Bemerkung ab, daß aus dieser Bedingung 
,,die Psychologie eines asketischen Anachoreten hervorgehen würde, 
nicht aber eine Dementia praecox". Wie wenig dieser ungeeignete 
Vergleich eine Entscheidung bringen kann, mag die Bemerkung lehren, 
daß ein solcher Anachoret, der ,,jede Spur von Sexualinteresse auszu- 
rotten bestrebt ist" (doch nur im populären Sinne des Wortes ,, sexual"), 
nicht einmal eine pathogene Unterbringung der Libido aufzuweisen 
braucht. Er mag sein sexuelles Interesse von den Menschen gänzlich 
abgewendet und kann es doch zum gesteigerten Interesse für Göttliches, 
Natürliches, Tierisches sublimiert haben, ohne einer Introversion 
seiner Libido auf seine Phantasien oder einer Rückkehr derselben zu 

') Intern. Zeiteehr. f. ärztl. Psychoanalyse, Bd. I, 1913. 
^) Versuch einer Darstellung der psychoanalytischen Theorie, dieses Jahr- 
buch, Bd. V, 1913. 



8 Sigm. Freud. 

seinem Ich verfallen zu sein. Es scheint, daß dieser Vergleich die 
mögliche Unterscheidung vom Interesse aus erotischen Quellen und 
anderen von vornherein vernachlässigt. Erinnern wir uns femer daran, 
daß die Untersuchungen der Schweizer Schide trotz all ihrer Verdienst- 
lichkeit doch nur über zwei Punkte im Bilde der Dementia praecox 
Aufklärung gebracht haben, über die Existenz der von Gresunden 
wie von Neurotikem bekannten Komplexe und über die Ähnlichkeit 
ihrer Phantasiebildimgen mit den Völkermythen, auf den Mechanismus 
der Erkrankung aber sonst kein Licht werfen konnten, so werden wir 
die Behauptung Jungs zurückweisen können, daß die Libidotheorie 
an der Bewältigung der Dementia praecox gescheitert und damit auch 
für die anderen Neurosen erledigt sei. 

II. 

Ein direktes Studium des Narzißmus scheint mir durch besondere 
Schwierigkeiten verwehrt zu sein. Der Hauptzugang dazu wird wohl 
die Analyse der Paraphrenien bleiben. Wie die Übertragungsneurosen 
uns die Verfolgung der libidinösen Triebregungen ermöglicht haben, 
so werden uns die Dementia praecox und Paranoia die Einsicht in 
die Ichpsychologie gestatten. Wiederum werden wir das anscheinend 
Einfache des Normalen aus den Verzerrungen und Vergröberungen 
des Pathologischen erraten müssen. Immerhin bleiben uns einige 
andere Wege offen, um uns der Kenntnis des Narzißmus anzunähern, 
die ich nun der Reihe nach beschreiben will : Die Betrachtung der organi- 
schen Krankheit, der Hypochondrie und des Liebeslebens der Geschlechter. 

Mit der Würdigung des Einflusses organischer Krankheit auf die 
Libidoverteilung folge ich einer mündlichen Anregung von S. Ferenczi. 
Es ist allgemein bekannt und erscheint uns selbstverständlich, daß der 
von organischem Schmerz und Mißempfindungen Grepeinigte das 
Interesse an den Dingen der Außenwelt, soweit sie nicht sein Leiden 
betreffen, aufgibt. Genauere Beobachtung lehrt, daß er auch das 
libidinöse Interesse von seinen Liebesobjekten zurückzieht, aufhört 
zu lieben, solange er leidet. Die Banalität dieser Tatsache braucht 
Tms nicht abzuhalten, ihr eine Übersetzung in die Ausdrucksweise 
der Libidotheorie zu geben. Wir würden dann sagen: Der Kranke 
zieht seine Libidobesetzungen auf sein Ich zurück, um sie nach der 
Genesung wieder auszusenden. „Einzig in der engen Höhle", sagt 
W. Busch vom zahnschmerzkranken Dichter, „des Backenzahnes 



Zur Einführung des Narzißmus. 9 

weilt die Seele." Libido und Ichinteresse haben dabei das gleiche 
Schicksal und sind wiederum voneinander nicht unterscheidbar. Der 
bekannte Egoismus der Kranken deckt beides. Wir finden ihn so 
selbstverständlich, weil wir gewiß sind, uns im gleichen Falle ebenso 
zu verhalten. Das Verscheuchen noch so intensiver Liebesbereitschaft 
durch körperliche Störungen, der plötzliche Ersatz derselben durch 
völlige Gleichgültigkeit, findet in der Komik entsprechende Aus- 
nützung. 

Ahnlich wie die Krankheit bedeutet auch der Schlafzustand 
ein narzißtisches Zurückziehen der Libidopositionen auf die eigene 
Person, des Genaueren, auf den einen Wunsch, zu schlafen. Der Egoismus 
der Träume fügt sich wohl in diesen Zusammenhang ein. In beiden 
Fällen sehen wir, wenn auch nichts anderes, Beispiele von Veränderungen 
der Libidoverteilung infolge von Ichveränderung. 

Die Hypochondrie äußert sich wie das organische Kranksein 
in peinlichen und schmerzhaften Körperempfindimgen und trifft auch 
in der Wirkung auf die Libidoverteilung mit ihm zusammen. Der 
Hypochondrische zieht Interesse wie Libido — die letztere besonders 
deutlich — von den Objekten der Außenwelt zurück und konzentriert 
beides auf das ihn beschäftigende Organ. Ein Unterschied zwischen 
Hypochondrie und organischer Krankheit drängt sich nun vor; im 
letzteren Falle sind die peinlichen Sensationen durch nachweisbare 
Veränderungen begründet, im ersteren Falle nicht. Es würde aber 
ganz in den Rahmen unserer sonstigen Auffassung der Neurosen- 
vorgänge passen, wenn wir uns entschließen würden zu sagen: Die 
Hypochondrie muß recht haben, die Organveränderungen dürfen auch 
bei ihr nicht fehlen. Worin bestünden sie nun? 

Wir wollen uns hier durch die Erfahrung bestimmen lassen, 
daß Körpersensationen unlustiger Art, den hypochondrischen ver- 
gleichbar, auch bei den anderen Neurosen nicht fehlen. Ich habe schon 
früher einmal die Neigung ausgesprochen, die Hypochondrie als dritte 
Aktualneurose neben die Neurasthenie und die Angstneurose hinzu- 
stellen. Man geht wahrscheinlich nicht zu weit, wenn man es so dar- 
stellt, als wäre regelmäßig bei den anderen Neurosen auch ein Stückchen 
Hypochondrie mitausgebildet. Am sehönsten sieht man dies wohl 
bei der Angstneurose und der sie überbauenden Hysterie. Nun ist das 
uns bekannte Vorbild des schmerzhaft empfindlichen, irgendwie ver- 
änderten und doch nicht im gewöhnlichen Sinne kranken Organs das 
Genitale in seinen Erregungszuständen. Es wird dann blutdurchströmt, 
2 



10 Sigm. Freud, 

geschwellt, durchfeuchtet und der Sitz mannigfaltiger Sensationen. 
Nennen wir die Tätigkeit einer Körperstelle, sexuell erregende Reize 
ins Seelenleben zu schicken, ihre Erogeneität und denken daran, 
daß wir durch die Erwägungen der Sexualtheorie längst an die Auf- 
fassung gewöhnt sind, gewisse andere Körperstellen — die erogenen 
Zonen — könnten die Genitalien vertreten und sich ihnen analog 
verhalten, so haben wir hier nur einen Schritt weiter zu wagen. Wir 
können uns entschließen, die Erogeneität als allgemeine Eigenschaft 
aller Organe anzusehen, und dürfen dann von der Steigerung oder 
Herabsetzung derselben an einem bestimmten Körperteile sprechen. 
Jeder solchen Veränderung der Erogeneität in den Organen könnte 
eine Veränderung der Libidobesetzung im Ich parallel gehen. In 
solchen Momenten hätten wir das zu suchen, was wir der Hypochondrie 
zugrunde legen und was die nämliche Einwirkung auf die Libido- 
verteilung haben kann wie die materielle Erkrankung der Organe. 

Wir merken, wenn wir diesen Gedankengang fortsetzen, stoßen 
wir auf das Problem nicht nur der Hypochondrie, sondern auch der 
anderen Aktualneurosen, der Neurasthenie und der Angstneurose. 
Wir wollen darum an dieser Stelle haltmachen; es liegt nicht in der 
Absicht einer rein psychologischen Untersuchung, die Grenze so weit 
ins Gebiet der physiologischen Forschung zu überschreiten. Es sei 
nur erwähnt, daß sich von hier aus vermuten läßt, die Hypochondrie 
stehe in einem ähnlichen Verhältnis zur Paraphrenie wie die anderen 
Aktualneurosen zur Hysterie und Zwangsneurose, hänge also von der 
Ichlibido ab, wie die anderen von der Objektlibido ; die hypochondrische 
Angst sei das Gegenstück von der Ichlibido her zur neurotischen 
Angst. Femer: Wenn wir mit der Vorstellung bereits vertraut sind, 
den Mechanismus der Erkrankimg und Symptombildung bei den 
Übertragimgsneurosen, den Fortschritt von der Introversion zur 
Regression, an eine Stauung der Objektlibido zu knüpfen^), so dürfen 
wir auch der Vorstellung einer Stauung der Ichlibido nähertreten 
und sie in Beziehung zu den Phänomenen der Hypochondrie und der 
Paraphrenie bringen. 

Natürlich wird unsere Wißbegierde hier die Frage aufwerfen, 
warum eine solche Libidostauung im Ich als unlustvoll empfunden 
werden muß. Ich möchte mich da mit der Antwort begnügen, daß 



') Vgl. „Über neurotische Brkrankungstypen" in Sammlung kleiner 
Schriften zur Neuro senlehre, Dritte Folge, 1913. 



Zur Einführung des Narzißmus. 11 

Unlust überhaupt der Ausdruck der höheren Spannung ist, daß es also 
eine Quantität des materiellen Geschehens ist, die sich hier wie ander- 
wärt« in die psychische Qualität der Unlust umsetzt; für die Unlust- 
entwicklung mag dann immerhin nicht die absolute Größe jenes mate- 
riellen Vorganges entscheidend sein, sondern eher eine gewisse Funk- 
tion dieser absoluten Größe. Von hier aus mag man es selbst wagen, 
an die Frage heranzutreten, woher denn überhaupt die Nötigung für 
das Seelenleben rührt, über die Grenzen des Narzißmus hinauszugehen 
und die Libido auf Objekte zu setzen. Die aus unserem Gedankengang 
abfolgende Antwort würde wiederum sagen, diese Nötigung trete ein, 
wenn die Ichbesetzung mit Libido ein gewisses Maß überschritten 
habe. Ein starker Egoismus schützt vor Erkrankung, aber endlich 
muß man beginnen zu lieben, um nicht krank zu werden, und muß 
erkranken, wenn man infolge von Versagung nicht lieben kann. Etwa 
nach dem Vorbild, wie sich H. Heine die Psychogenese der Welt- 
schöpfung vorstellt: 

„Krankheit ist wohl der letzte Grund 
Des ganzen SchÖpferdranga gewesen; 
Erschaffend konnte ich genesen. 
Erschaffend wurde ich gesund." 

Wir haben in unserem seelischen Apparat vor allem ein Mittel 
erkannt, welchem die Bewältigung von Erregungen übertragen ist, 
die sonst peinlich empfunden oder pathogen wirksam würden. Die 
psychische Bearbeitung leistet Außerordentliches für die innere Ab- 
leitung von Erregungen, die einer unmittelbaren äußeren Abfuhr 
nicht fähig sind, oder für die eine solche nicht augenbhcklich wünschens- 
wert wäre. Für* eine solche innere Verarbeitung ist es aber zimächst 
gleichgültig, ob sie an realen oder an imaginierten Objekten geschieht. 
Der Unterschied zeigt sich erst später, wenn die Wendung der Libido 
auf die irrealen Objekte (Introversion) zu einer Libidostauung geführt 
hat. Eine ähnliche innere Verarbeitung der ins Ich zurückgekehrten 
Libido gestattet bei den Paraphrenien der Größenwahn; vielleicht 
wird erst nach seinem Versagen die Libidostauung im Ich pathogen 
und regt den Heiluugsprozeß an, der uns als Krankheit imponiert. 

Ich versuche an dieser Stelle, einige kleine Schritte weit in den 
Mechanismus der Paraphrenie einzudringen, und stelle die Auffassungen 
zusammen, welche mir schon heute beachtenswert erscheinen. Den Unter- 
schied dieser Affektionen von den Übertragungsneurosen verlege ich in den 



12 Sigm. Ereud. 

Umstand, daß die durch Versagung frei gewordene Libido nicht bei 
Objekten in der Phantasie bleibt, sondern sich aufs Ich zurück- 
zieht; der Größenwahn entspricht dann der psychischen Bewäl- 
tigung dieser Libidomenge, also der Introversion auf die Phantasie- 
bildungen bei den Übertragungsneuxosen ; dem Versagen dieser psychi- 
schen Leistxmg entspringt die Hypochondrie der Paraphrenie, welche 
der Angst der Übertragungsneurosen homolog ist. Wir wissen, daß 
diese Angst durch weitere psychische Bearbeitung ablösbar ist, also 
durch Konversion, Reaktionsbildung, Schutzbildung (Phobie). 
Diese Stellung nimmt bei den Paraphrenien der Restitutionsversuch 
ein, dem wir die auffälligen Krankheitserscheinungen danken. Da 
die Paraphrenie häufig — wenn nicht zumeist — eine bloß par- 
tielle Ablösung der Libido von den Objekten mit sich bringt, so 
ließen sich in ihrem Bilde drei Gruppen von Erscheinungen sondern: 
L Die der erhaltenen Normalität oder Neurose (Resterscheinungen), 
2. die des Krankheitsprozesses (der Ablösung der Libido von den 
Objekten, dazu der Größenwahn, die Hypochondrie, die Affektstörimg, 
alle Regressionen), 3. die der Restitution, welche nach Art einer Hysterie 
(Dementia praecox, eigentliche Paraphrenie) oder einer Zwangsneurose 
(Paranoia) die Libido wieder an die Objekte heftet. Diese neuerliche 
Libidobesetzung geschieht von einem andern Niveau her, unter anderen 
Bedingungen als die primäre. Die Differenz der bei ihr geschaffenen Über- 
tragungsneurosen von den entsprechenden Bildungen des normalen 
Ichs müßte die tiefste Einsicht in die Struktur unseres seelischen 
Apparates vermitteln können. 

Einen dritten Zugang zum Studium des Narzißmus gestattet 
das Liebesleben der Menschen in seiner verschiedenartigen Differen- 
zierung bei Mann und Weib. Ähnlich, wie die Objektlibido unserer 
Beobachtung zuerst die Ichübido verdeckt hat, so haben wir auch bei der 
Objektwahl des Kindes (und Heranwachsenden) zuerst gemerkt, daß 
es seine Sexualobjekte seinen Befriedigungserlebnissen entnimmt. 
Die ersten autoerotischen sexuellen Befriedigungen werden im An- 
schluß an lebenswichtige, der Selbsterhaltung dienende Funktionen 
erlebt. Die Sexualtriebe lehnen sich zunächst an die Befriedigung 
der Ichtriebe an, machen sich erst später von den letzteren selbständig; 
die Anlehnung zeigt sich aber noch darin, daß die Personen, welche mit 
der Ernährung, Pflege, dem Schutz des Kindes zu tun haben, zu den 
ersten Sexualobjekten werden, also zunächst die Mutter oder ihr 



Zur Einführung des Narzißmus. 13 

Ersatz. Neben diesem Typus und dieser Quelle der Objektwahl, 
den man den Anlehnungstypus heißen kann, hat uns aber die 
analytische Forschung einen zweiten kennen gelehrt, den zu finden 
wir nicht vorbereitet waren. Wir haben, besonders deutlich bei Personen, 
deren Libidoentwicklung eine Störung erfahren hat, wie bei Perversen 
und Homosexuellen, gefunden, daß sie ihr späteres Liebesobjekt nicht 
nach dem Vorbild der Mutter wählen, sondern nach dem ihrer eigenen 
Person. Sie suchen offenkundigerweise sich selbst als Liebesobjekt, 
zeigen den narzißtisch zu nennenden Typus der Objektwahl. In 
dieser Beobachtung ist das stärkste Motiv zu erkennen, welches uns 
zur Annahme des Narzißmus genötigt hat. 

Wir haben nun nicht geschlossen, daß die Menschen in zwei 
scharf geschiedene Gruppen zerfallen, je nachdem sie den Anlehnungs- 
oder den narzißtischen Typus der Objektwahl haben, sondern ziehen 
die Annahme vor, daß jedem Menschen beide Wege zur Objektwahl 
offenstehen, wobei der eine oder der andere bevorzugt werden kann. 
Wir sagen, der Mensch habe zwei ursprüngliche Sexualobjekte: sich 
selbst und das pflegende Weib, und setzen dabei den primären Nar- 
zißmus jedes Menschen voraus, der eventuell in seiner Objektwahl 
dominierend zum Ausdruck kommen kann. 

Die Vergleichung von Mann und Weib zeigt dann, daß sich in 
deren Verhältnis zum Typus der Objektwahl fundamentale, wenn 
auch natürlich nicht regelmäßige Unterschiede ergeben. Die volle Objekt- 
liebe nach dem Anlehnimgstypus ist eigentlich für den Mann cha- 
rakteristisch. Sie zeigt die auffällige Sexualüberschätzung, welche wohl 
dem ursprünglichen Narzißmus des Kindes entstammt und somit 
einer Übertragung desselben auf das Sexualobjekt entspricht. Diese 
Sexualüberschätzung gestattet die Entstehung des eigentümlichen, 
an neurotischen Zwang mahnenden Zustandes der Verliebtheit, 
der sich so auf eine Verarmung des Ichs an Libido zugunsten 
des Objektes zurückführt. Anders gestaltet sich die Entwicklung 
bei dem häufigsten, wahrscheinlich reinsten und echtesten Typus 
des Weibes. Hier scheint mit der Pubertätsentwicklung durch die 
Ausbildung der bis dahin latenten weiblichen Sexualorgane eine 
Steigerimg des ursprünglichen Narzißmus aufzutreten, welche 
der Gestaltung einer ordentlichen, mit Sexualüberschätzung aus- 
gestatteten Objektliebe imgünstig ist. Es stellt sich besonders im 
Falle der Entwicklung zur Schönheit eine Selbstgenügsamkeit des 
Weibes her, welche das Weib für die ihm sozial verkümmerte Freiheit 
2 * 



14 Sigm. Freud. 

der Objektwahl entschädigt. Solche Frauen lieben, streng genommen, 
nur sich selbst mit ähnlicher Intensität, wie der Mann sie liebt. Ihr 
Bedürfnis geht auch nicht dahin zu lieben, sondern geliebt zu werden, 
und sie lassen sich den Mann gefallen, welcher diese Bedingung erfüllt. 
Die Bedeutung dieses Frauentypus für das Liebesleben der Menschen 
ist sehr hoch einzuschätzen. Solche Frauen üben den größten Reiz 
auf die Männer aus, nicht nur aus ästhetischen Gründen, weil sie ge- 
wöhnlich die schönsten sind, sondern auch infolge interessanter psycho- 
logischer Konstellationen. Es erscheint nämlich deutlich erkennbar, 
daß der Narzißmus einer Person eine große Anziehung auf diejenigen 
anderen entfaltet, welche sich des vollen Ausmaßes ihres eigenen Nar- 
zißmus begeben haben und sich in der Werbimg mn die ObjektUebe 
befinden; der Reiz des Kindes beruht zum guten Teil auf dessen Nar- 
zißmus, seiner Selbstgenügsamkeit imd Unzugänglichkeit, ebenso 
der Reiz gewisser Tiere, die sich um uns nicht zu kümmern scheinen, 
wie der Katzen und großen Raubtiere, ja selbst der große Verbrecher 
und der Humorist zwingen in der poetischen Darstellung unser Interesse 
durch die narzißtische Konsequenz, mit welcher sie alles ihr Ich Ver- 
kleinernde von ihm fernzuhalten wissen. Es ist so, als beneideten wir 
sie um die Erhaltung eines seligen psychischen Zustandes, einer un- 
angreifbaren Libidoposition, die wir selbst seither aufgegeben haben. 
Dem großen Reiz des narzißtischen Weibes fehlt aber die Kehrseite 
nicht; ein guter Teil der Unbefriedigung des verliebten Mannes, der 
Zweifel an der Liebe des Weibes, der Klagen über die Rätsel im Wesen 
desselben hat in dieser Inkongruenz der Objektwahltypen seine Wurzel. 
Vielleicht ist es nicht überflüssig zu versichern, daß mir bei dieser 
Schilderung des weiblichen Liebeslebens jede Tendenz zur Herabsetzung 
des Weibes fernliegt. Abgesehen davon, daß mir Tendenzen überhaupt 
fernliegen, ich weiß auch, daß diese Ausbildungen nach verschiedenen 
Richtungen der Differenzierung von Funktionen in einem höchst 
komplizierten biologischen Zusammenhang entsprechen; ich bin femer 
bereit zuzugestehen, daß es unbestimmt viele Frauen gibt, die nach dem 
männlichen Typus lieben und auch die dazugehörige Sexualüber- 
schätzung entfalten. 

Auch für die narzißtisch und gegen den Mann kühl gebliebenen 
Frauen gibt es einen Weg, der sie zur vollen Objektliebe führt. In dem 
Kinde, das sie gebären, tritt ihnen ein Teil des eigenen Körpers wie ein 
fremdes Objekt gegenüber, dem sie nun vom Narzißmus aus die volle 
Objektliebe schenken können. Noch andere Frauen brauchen nicht 



Zar Einführung des Narzißmus. 15 

auf das Kind zu warten, um den Schritt in der Entwicklung vom 
(sekundären) Narzißmus zur Objektliebe zu machen. Sie haben sich 
selbst vor der Pubertät männlich gefühlt und ein Stück weit männlich 
entwickelt; nachdem diese Strebung mit dem Auftreten der weiblichen 
Reife abgebrochen wurde, bleibt ihnen die Fähigkeit, sich nach einem 
männlichen Ideal zu sehnen, welches eigentlich die Fortsetzung des 
knabenhaften Wesens ist, das sie selbst einmal waren. 

Eine kurze Übersicht der Wege zur Objektwahl mag diese an- 
deutenden Bemerkungen beschließen. Man liebt: 

1. Nach dem narzißtischen Typus: 

a) was man selbst ist (sich selbst), 

b) was man selbst war, 

c) was man selbst sein möchte, 

d) die Person, die ein Teil des eigenen Selbst war. 

2. Nach dem Anlehnungstypus: 

a) die nährende Frau, 

b) den schützenden Mann 

und die in Reihen von ihnen ausgehenden Ersatzpersonen. Der Fall cdes 
ersten Typus kann erst durch später folgende Ausführungen gerecht- 
fertigt werden. 

Die Bedeutung der narzißtischen Objektwahl für die Homo- 
sexualität des Mannes bleibt in anderem Zusammenhange zu würdigen. 

Der von uns supponierte primäre Narzißmus des Kindes, der 
eine der Voraussetzungen unserer Libidotheorien enthält, ist weniger 
leicht durch direkte Beobachtung zu erfassen als durch Rückschluß 
von einem andern Punkte her zu bestätigen. Wenn man die Einstellung 
zärtlicher Eltern gegen ihre Kinder ins Auge faßt, muß man sie als Wieder- 
aufleben und Reproduktion des eigenen, längst aufgegebenen Nar- 
zißmus erkennen. Das gute Kennzeichen der 'Überschätzung, welches 
wir als narzißtisches Stigma schon bei der Objektwahl gewürdigt haben, 
beherrscht wie allbekannt diese Gefühlsbeziehung. So besteht ein Zwang, 
dem Kinde alle Vollkommenheiten zuzusprechen, wozu nüchterne 
Beobachtung keinen Anlaß fände, und alle seine Mängel zu verdecken 
und zu vergessen, womit ja die Verleugnung der kindlichen Sexualität 
im Zusammenhange steht. Es besteht aber auch die Neigung, alle kultu- 
rellen Erwerbungen, deren Anerkennung man seinem Narzißmus ab- 
gezwungen hat, vor dem Kinde zu suspendieren und die Ansprüche 
auf längst aufgegebene Vorrechte bei ihm zu erneuern. Das Kind soll 
es besser haben als seine Eltern, es soll den Notwendigkeiten, die man 



16 Sigm. Freud. 

als im Leben herrschend erkannt hat, nicht unterworfen sein. Krank- 
heit, Tod, Verzicht auf Genuß, Einschränkung des eigenen Willens 
sollen für das Kind nicht gelten, die Gesetze der Natur wie der Gesell- 
schaft vor ihm haltmachen, es soll wirklich wieder Mittelpunkt und 
Kern der Schöpfung sein. His Majesty the Baby, wie man sich einst selbst 
dünkte. Es soll die unausgeführten Wunschträume der Eltern erfüllen, 
ein großer Mann und Held werden anstatt des Vaters, einen Prinzen 
zum Gemahl bekommen zur späten Entschädigung der Mutter. Der 
heikelste Punkt des narzißtischen Systems, die von der Realität hart 
bedrängte Unsterblichkeit des Ichs, hat ihre Sicherung in der Zuflucht 
zum Kinde gewonnen. Die rührende, im Grunde so kindliche, Elternliebe 
ist nichts anderes als der wiedergeborene Narzißmus der Eltern^ der 
in seiner Umwandlung zur Objektliebe sein einstiges Wesen unver- 
kennbar offenbart. 

III. 

Welchen Störungen der ursprüngliche Narzißmus des Kindes 
ausgesetzt ist, und mit welchen Reaktionen er sich derselben erwehrt, 
auch auf welche Bahnen er dabei gedrängt wird, das möchte ich als 
einen wichtigen Arbeitsstoff, welcher noch der Erledigung harrt, bei- 
seite stellen; das bedeutsamste Stück desselben kann man als ,, Kastra- 
tionskomplex" (Penisangst beim Knaben, Eenisneid beim Mädchen) 
herausheben und im Zusammenhange mit dem Einfluß der frühzeitigen 
Sexualeinschüchtenmg behandeln. Die psychoanalytische Untersuchung,, 
welche ims sonst die Schicksale der libidinösen Triebe verfolgen läßt, 
wenn diese von den Ichtrieben isoliert sich in Opposition zu denselben 
befinden, gestattet ims auf diesem Gebiete Rückschlüsse auf eine 
Epoche und eine psychische Situation, in welcher beiderlei Triebe noch 
einhellig wirksam in untrennbarer Vermengung als narzißtische Inte- 
ressen auftreten. A. Adler hat aus diesem Zusammenhange seinen 
„männhchen Protest" geschöpft, den er zur fast alleinigen Triebkraft 
der Charakter- wie der Neurosenbildimg erhebt, während er ihn nicht 
auf eine narzißtische, also immer noch libidinöse Strebung, sondern 
auf eine soziale Wertung begründet. Vom Standpunkte der psycho- 
analytischen Forschung ist Existenz imd Bedeutung des „männli- 
chen Protestes" von allem Anfang an anerkannt, seine narzißtische 
Natur und Herkimft aus dem Kastrationskomplex aber gegen Adler 
vertreten worden. Er gehört der Charakterbildung an, in deren Genese 
er nebst vielen anderen Faktoren eingeht, tmd ist zur Aufklärung der 



Zur Einführung des Narzißmus. 17 

Neurosenprobleme, an denen Adler nichts beachten will als die Art, 
wie sie dem Ichinteresse dienen, völlig migeeignet. Ich finde es ganz 
unmöglich, die Genese der Neurose auf die schmale Basis des Kastra- 
tionskomplexes zu stellen, so mächtig dieser auch bei Männern unter 
den Widerständen gegen die Heilung der Neurose hervortreten mag. 
Ich kenne endlich auch Fälle von Neurosen, in denen der ,, männliche 
Protest" oder in unserem Sinne der Kastrationskomplex keine patho- 
gene Rolle spielt oder überhaupt nicht vorkommt. 

Die Beobachtung des normalen Erwachsenen zeigt dessen ein- 
stigen Größenwahn gedämpft und die psychischen Charaktere, aus 
denen wir seinen infantilen Narzißmus erschlossen haben, verwischt. 
Was ist aus seiner Ichlibido geworden? Sollen wir annehmen, daß 
ihr ganzer Betrag in Objektbesetzungen aufgegangen ist? Diese Mög- 
lichkeit widerspricht offenbar dem ganzen Zuge unserer Erörterungen; 
wir können aber auch aus der Psychologie der Verdrängung einen 
Hinweis auf eine andere Beantwortung der Frage entnehmen. 

Wir haben gelernt, daß libidinöse Triebregungen dem Schicksal 
der pathogenen Verdrängung unterliegen, wenn sie in Konflikt mit 
den kulturellen und ethischen Vorstellungen des Individuums geraten. 
Unter dieser Bedingung wird niemals verstanden, daß die Person von 
der Existenz dieser Vorstellungen eine bloß intellektuelle Kenntnis 
habe, sondern stets, daß sie dieselben als maßgebend für sich an- 
erkenne, sich den aus ihnen hervorgehenden Anforderungen unter- 
werfe. Die Verdrängung, haben wir gesagt, geht vom Ich aus; wir 
könnten präzisieren: von der Selbstachtung des Ichs. Dieselben Ein- 
drücke, Erlebnisse, Impulse, Wunschregungen, welche der eine Mensch 
in sich gewähren läßt oder wenigstens bewußt verarbeitet, werden 
vom anderen in voller Empörung zurückgewiesen oder bereits vor 
ihrem Bewußtwerden erstickt. Der Unterschied der beiden aber, 
welcher die Bedingung der Verdrängung enthält, läßt sich leicht in 
Ausdrücke fassen, welche eine Bewältigung durch die Libido tlieorie 
ermöglichen. Wir können sagen, der eine habe ein Ideal in sich auf- 
gerichtet, an welchem er sein aktuelles Ich mißt, während dem andern 
eine solche Idealbildung abgehe. Die Idealbildung wäre von selten 
des Ichs die Bedingung der Verdrängimg. 

Diesem Ideal-Ich gilt nun die Selbstliebe, welche in der Kindheit 
das wirkliche Ich genoß. Der Narzißmus erscheint auf dieses neue 

Jahrbuch der Psychoanalyse. VI " 



18 Sigm. Freud. 

ideale Ich verschoben, welches sich wie das infantile im Besitz aller 
wertvollen Vollkommenheiten befindet. Der Mensch hat sich hier, 
wie jedesmal auf dem Gebiete der Libido, ixnfähig erwiesen, auf die 
einmal genossene Befriedigung zu verzichten. Er will die narzißtische 
Vollkommenheit seiner Kindheit nicht entbehren, und wenn er diese 
nicht festhalten konnte, durch die Mahnungen während seiner Ent- 
wicklungszeit gestört und in seinem Urteil geweckt, sucht er sie in der 
neuen Form des Ichideals wieder zu gewirmen. Was er als sein Ideal 
vor sich hin projiziert, ist nur der Ersatz für den verlorenen Narziß- 
mus seiner Kindheit, in der er sein eigenes Ideal war. 

Es liegt nahe, die Beziehungen dieser Idealbildimg zur Sub- 
limierung zu untersuchen. Die SubUmierung ist ein Prozeß an der 
Objektlibido und besteht darin, daß sich der Trieb auf ein anderes, 
von der sexuellen Befriedig img entferntes Ziel wirft; der Akzent ruht 
dabei auf der Ablenkung vom Sexuellen. Die Idealisierimg ist ein 
Vorgang mit dem Objekt, durch welchen dieses ohne Änderung seiner 
Natur vergrößert und psychisch erhöht wird. Die Idealisierung ist 
sowohl auf dem Gebiet der Ichlibido wie auch der Objektlibido möglich. 
So ist z. B. die Sexualüberschätzung des Objekts eine Idealisierung 
desselben. lusofeme also Sublimierung etwas beschreibt, was mit 
dem Trieb, Idealisierung etwas, wa,s am Objekt vorgeht, sind die beiden 
begrifflich auseinanderzuhalten. 

Die Ichidealbüdung wird oft zum Schaden des Verständnisses 
mit der Triebsublimierung verwechselt. Wer seinen Narzißmus gegen 
die Verehrung eines hohen Ichideals eingetauscht hat, dem braucht 
darum die Sublimierung seiner libidinösen Triebe nicht gelungen zu 
sein. Das Ichideal fordert zwar solche Sublimierung, aber es kann 
sie nicht erzwingen; die Sublimierung bleibt ein besonderer Prozeß, 
dessen Einleitung vom Ideal angeregt werden mag, dessen Durch- 
führung durchaus unabhängig von solcher Anregung bleibt. Man 
findet gerade bei den Neurotikern die höchsten Spannungsdifferenzen 
zwischen der Ausbildung des Ichideals und dem Maß von Sublimierung 
ihrer primitiven libidinösen Triebe, und es fällt im allgemeinen viel 
schwerer, den Idealisten von dem unzweckmäßigen Verbleib seiner 
Libido zu überzeugen, als den simpeln, in seinen Ansprüchen genügsam 
gebliebenen Menschen. Das Verhältnis von Idealbildung und Subli- 
mierung zur Verursachung der Neurose ist auch ein ganz verschiedenes. 
Die Idealbildung steigert, wie wir gehört haben, die Anforderungen 
des Ichs und ist die stärkste Begünstigung der Verdrängung; die Sub- 



Zur Einführung des Narzißmus. 1 9 

limierung stellt den Ausweg dar, wie die Anforderung erfüllt werden 
kann, ohne die Verdrängung herbeizuführen. 

Es wäre nicht zu verwundern, wenn wir eine besondere psychische 
Instanz auffinden sollten, welche die Aufgabe erfüllt, über die Sicherung 
der narzißtischen Befriedigung aus dem Ichideal zu wachen, und in dieser 
Absicht das aktuelle Ich unausgesetzt beobachtet und am Ideal mißt. 
Wenn eine solche Instanz existiert, so kann es uns unmöglich zustoßen, 
sie zu entdecken ; wir können sie nur als solche agnoszieren und dürfen 
uns sagen, daß das, was wir unser Gewissen heißen, diese Charakte- 
ristik erfüllt. Die Anerkennung dieser Instanz ermöglicht uns das 
Verständnis des sogenannten Beachtungs- oder richtiger Beob- 
achtungswahnes, welcher in der Symptomatologie der paranoiden 
Erkrankungen so deutlich hervortritt, vielleicht auch als isolierte 
Erkrankung oder in eine Übertragungsneurose eingesprengt vorkommen 
kann. Die Kranken klagen dann darüber, daß man alle ihre Gedanken 
kennt, ihre Handlungen beobachtet und beaufsichtigt; sie werden 
von dem Walten dieser Instanz durch Stimmen informiert, welche 
charakteristischerweise in der dritten Person zu ihnen sprechen (,, Jetzt 
denkt sie wieder daran; jetzt geht er fort"). Diese Klage hat recht, 
sie beschreibt die Wahrheit; eine solche Macht, die alle unsere Absichten 
beobachtet, erfährt und kritisiert, besteht wirklich, und zwar bei uns 
allen im normalen Leben. Der Beobachtungswahn stellt sie in re- 
gressiver Form dar, enthüllt dabei ihre Genese und den Grund, weshalb 
sich der Erkrankte gegen sie auflehnt. 

Die Anregung zur Bildung des Ichideals, als dessen Wächter 
das Gewissen bestellt ist, war nämlich von dem durch die Stimme 
vermittelten kritischen Emfluß der Eltern ausgegangen, an welche 
sich im Laufe der Zeiten die Erzieher, Lehrer, und als unübersehbarer 
unbestimmbarer Schwärm alle anderen Personen des Milieus ange- 
schlossen hatten. (Die Mitmenschen, die öffentliche Meinung.) 

Große Beträge von wesentlich homosexueller Libido wurden so 
zur Bildung des narzißtischen Ichideals herangezogen imd finden in 
der Erhaltung desselben Ableitung imd Befriedigung. Die Institution 
des Gewissens war im Grunde eine Verkörperung zunächst der elter- 
lichen Kritik, in weiterer Folge der Kritik der Gesellschaft, ein Vorgang, 
wie er sich bei der Entstehung einer Verdrängungsneigung aus einem 
zuerst äußerlichen Verbot oder Hindernis wiederholt. Die Stimmen 
sowie die unbestimmt gelassene Menge werden nun von der Krankheit 
zum Vorschein gebracht, damit die Entwicklungsgeschichte des Ge- 



20 Sigm. Freud. 

Wissens regressiv reproduziert. Das Sträuben gegen diese zensorische 
Instanz rührt aber daher, daß die Person, dem Grundcharakter der 
Krankheit entsprechend, sich von all diesen Einflüssen, vom elterlichen 
angefangen, ablösen will, die homosexuelle Libido von ihnen zurück- 
zieht. Ihr Gewissen tritt ihr dann in regressiver Darstellung als Ein- 
wirkung von außen feindselig entgegen. 

Die Klage der Paranoia zeigt auch, daß die Selbstkritik des 
Gewissens im Grunde mit der Selbstbeobachtung, auf die sie gebaut ist, 
zusammenfällt. Dieselbe psychische Tätigkeit, welche die Funktion des 
Gewissens übernommen hat, hat sich also auch in den Dienst der Innen- 
forschimg gestellt, welche der Philosophie das Material für ihre G^danken- 
operationen liefert. Das mag für den Antrieb zur spekulativen System- 
bildimg, welcher die Paranoia auszeichnet, nicht gleichgültig sein^). 

Es wird uns gewiß bedeutsam sein, wenn wir die Anzeichen von 
der Tätigkeit dieser kritisch beobachtenden — zum Gewissen und 
zur philosophischen Introspektion gesteigerten — Instanz noch auf 
anderen Gebieten zu erkennen vermögen. Ich ziehe hier heran, was 
H. Silberer als das „funktionelle Phänomen" beschrieben hat, eine 
der wenigen Ergänzungen zur Traumlehre, deren Wert unbestreitbar 
ist. Silberer hat bekanntlich gezeigt, daß man in Zuständen zwischen 
Schlafen und Wachen die Umsetzung von Gedanken in visuelle Bilder 
direkt beobachten kann, daß aber unter solchen Verhältnissen häufig 
nicht eine Darstellung des Gedankeninhalts auftritt, sondern des 
Zustandes (von Bereitwilligkeit, Ermüdung usw.), in welchem sich die 
mit dem Schlaf kämpfende Person befindet. Ebenso hat er gezeigt, 
daß manche Schlüsse von Träumen und Absätze innerhalb des Traum- 
inhaltes nichts anderes bedeuten als die Selbstwahmehmung des 
Schlafens und Erwachens. Er hat also den Anteil der Selbstbeobachtung 
im Sinne des paranoischen Beobachtvmgswahnes — an der Traum- 
bildung nachgewiesen. Dieser Anteil ist ein inkonstanter; ich habe 
ihn wahrscheinlich darum übersehen, weü er in meinen eigenen Trämnen 
keine große Kolle spielt; bei philosophisch begabten, an Introspektion 
gewöhnten Personen mag er sehr deutlich werden. 

Wir erinnern uns, daß wir gefunden haben, die Traumbildung 
entstehe unter der Herrschaft einer Zensur, welche die Traumgedanken 

') Nur als Vermutung füge ich an, daß die Ausbildung und Erstarkung 
dieser beobachtenden Substanz auch die späte Entstehung des (subjektiven) 
Gedächtnisses und des für unbewußte Vorgänge nicht geltenden Zeitmomentea 
in sich fassen könnte. 



Zur Einführung des Narzißmus. 21 

zur Entstellung nötigt. Unter dieser Zensur stellten wir uns aber keine 
besondere Macht vor, sondern wählten diesen Ausdruck für die den 
Traumgedanken zugewandte Seite der das Ich beherrschenden, ver- 
drängenden Tendenzen. Gehen wir in die Struktur des Ichs weiter 
ein, so dürfen wir im Ichideal und den dynamischen Äußerungen des 
Gewissens auch den Traumzensor erkennen. Merkt dieser Zensor ein 
wenig auch während des Schlafes auf, so werden wir verstehen, daß 
die Voraussetzung seiner Tätigkeit, die Selbstbeobachtung und Selbst- 
kritik, mit Inhalten wie: jetzt ist er zu schläfrig, um zu denken — 
jetzt wacht er auf, einen Beitrag zum Trauminhalt leistet^). 

Von hier aus dürfen wir die Diskussion des Selbstgefühls beim 
Normalen imd beim Neurotischen versuchen. 

Das Selbstgefühl erscheint uns zunächst als Ausdruck der Ichgröße, 
deren Zusammengesetztheit nicht weiter in Betracht kommt. Alles, was 
man besitzt oder erreicht hat, jeder durch die Erfahrung bestätigte 
Rest des primitiven Allmachtgefühls hilft das Selbstgefühl steigern. 

Wenn wir unsere Unterscheidim.g von Sexual- und Ichtrieben 
einführen, müssen wir dem Selbstgefühl eine besonders innige Abhängig- 
keit von der narzißtischen Libido zuerkennen. Wir lehnen uns dabei 
an die zwei Grundtatsachen an, daß bei den Paraphrenien das Selbst- 
gefühl gesteigert, bei den Übertragungsneurosen herabgesetzt ist, 
und daß im Liebesleben das Nichtgeliebtwerden das Selbstgefühl 
erniedrigt, das Geliebtwerden dasselbe erhöht. Wir haben angegeben, 
daß Geliebtwerden das Ziel und die Befriedigung bei narzißtischer 
Objektwahl darstellt. 

Es ist ferner leicht zu beobachten, daß die Libidobesetzung 
der Objekte das Selbstgefühl nicht erhöht. Die Abhängigkeit vom 
geliebten Objekt wirkt herabsetzend; wer verliebt ist, ist demütig. 
Wer liebt, hat sozusagen ein Stück seines Narzißmus eingebüßt und 
kann es erst durch das Geliebtwerden ersetzt erhalten. In all diesen 
Beziehungen scheint das Selbstgefühl in Relation mit dem narzißtischen 
Anteil am Liebesleben zu bleiben. 

Die Wahrnehmung der Impotenz, des eigenen Unvermögens 
zu lieben, infolge seelischer oder körperlicher Störungen, wirkt im hohen 
Grade herabsetzend auf das Selbstgefühl ein. Hier ist nach meinem 
Ermessen eine der Quellen für die so bereitwillig kundgegebenen Minder- 

^) Ob die Sonderung dieser zensorischen Instanz vom andern Ick imstande 
ist, die philosophische Scheidung eines Bewußtseins von einem Selbstbewußtsein 
psychologisch zu fundieren, kann ich hier nicht entscheiden. 



22 Sigm. Freud. 

Wertigkeitsgefühle der Übertragungsneurotiker zu suchen. Die Haupt- 
quelle dieser Gefühle ist aber die Ichverannung, welche sich aus den 
außerordentlich großen, dem Ich entzogenen Libidobesetzungen er- 
gibt, also die Schädigung des Ichs durch die der Kontrolle nicht mehr 
unterworfenen Sexualstrebiuigen. 

A. Adler hat mit Eecht geltend gemacht, daß die Wahrnehmung 
eigener Organminderwertigkeiten anspornend auf ein leistxmgs- 
fähiges Seelenleben wirkt und auf dem Wege der Überkompensation 
eine Mehrleistung hervorruft. Es wäre aber eine volle Übertreibung, 
wenn man jede gute Leistung nach seinem Vorgang auf diese Bedingung 
der ursprünglichen Organminderwertigkeit zurückführen wollte. Nicht 
alle Maler sind mit Augenfehlern behaftet, nicht alle Redner usrprünglich 
Stotterer gewesen. Es gibt auch reichlich vortreffliche Leistung auf Grund 
vorzüglicher Organbegabung. Für die Ätiologie der Neurose spielt 
organische Minderwertigkeit und Verkümmerung eine geringfügige 
Rolle, etwa die nämliche, wie das aktuelle Wahmehmungsmaterial 
für die Traumbildimg. Die Neurose bedient sich desselben als Vor- 
wand wie aller anderen tauglichen Momente. Hat man eben einer 
neurotischen Patientin den Glauben geschenkt, daß sie krank werden 
mußte, weil sie imschön, mißgebildet, reizlos sei, so daß niemand sie 
lieben könne, so wird man durch die nächste Neurotika eines Besseren 
belehrt, die in Neurose und Sexualablehnung verharrt, obwohl sie 
über das Durchschnittsmaß begehrenswert erscheint und begehrt 
wird. Die hysterischen Frauen gehören in ihrer Mehrzahl zu den anzie- 
henden und selbst schönen Vertreterinnen ihres Geschlechtes, und 
anderseits leistet die Häufimg von Häßlichkeiten, Organverküm- 
merungen und Gebrechen bei den niederen Ständen unserer Gesellschaft 
nichts für die Frequenz neurotischer Erkrankungen in ihrer Mitte. 

Die Beziehungen des Selbstgefühls zur Erotik (zu den libidinösen 
Objektbesetzungen) lassen sich formelhaft in folgender Weise darstellen : 
Man hat die beiden Fälle zu unterscheiden, ob die Liebesbesetzungen 
ichgerecht sind oder im Gegenteil eine Verdrängung erfahren haben. 
Im ersteren Falle (bei ichgerechter Verwendung der Libido) wird das 
Lieben wie jede andere Betätigung des Ichs gewertet. Das Lieben an sich, 
als Sehnen, Entbehren, setzt das Selbstgefühl herab, das Geliebt- 
werden, Gegenliebe finden, Besitzen des geliebten Objektes hebt es 
wieder. Bei verdrängter Libido wird die Liebesbesetzung als arge 
Verringerung des Ichs empfunden, Liebesbefriedigung ist unmöglich, 
die Wiederbereicherung des Ichs wird nur durch die Zurückziehung 



Zur Einführung des Narzißmus. 23 

der Libido von den Objekten möglich. Die Rückkehr der Objektlibido 
zum Ich, deren Verwandlung in Narzißmus, stellt gleichsam wieder 
eine glückliche Liebe her, und anderseits entspricht auch eine reale 
glückliche Liebe dem Urzustand, in welchem Objekt- und Ichlibido 
voneinander nicht zu tmterscheiden sind. 

Die Wichtigkeit und Unübersichtlichkeit des Gegenstandes 
möge nun die Anfügung von einigen anderen Sätzen in loserer An- 
ordnung rechtfertigen : 

Die Entwicklung des Ichs besteht in einer Entfernung vom 
primären Narzißmus und erzeugt ein intensives Streben, diesen wieder 
zu gewinnen. Diese Entfernung geschieht vermittelst der Libido- 
verschiebung auf ein von außen aufgenötigtes Ichideal, die Befriedigung 
durch die Erfülkmg dieses Ideals. 

Gleichzeitig hat das Ich die libidinösen Objektbesetzungen aus- 
geschickt. Es ist zugunsten dieser Besetzungen wie des Ichideals 
verarmt und bereichert sich wieder durch die Objektbefriedigungen 
wie durch die Idealerfüllung. 

Ein Anteil des Selbstgefühls ist primär, der Rest des kindlichen 
Narzißmus, ein anderer Teil stammt aus der durch Erfahrung bestätigten 
Allmacht (der Erfüllung des Ichideals), ein dritter aus der Befriedigung 
der Objektlibido, 

Das Ichideal hat die Libidobefriedigung an den Objekten unter 
schwierige Bedingungen gebracht, indem es einen Teil derselben durch 
seinen Zensor als unverträglich abweisen läßt. Wo sich ein solches 
Ideal nicht entwickelt hat, da tritt die betreffende sexuelle Strebung 
unverändert als Perversion in die Persönlichkeit ein. Wiederum ihr 
eigenes Ideal sein, auch in betreff der Sexualstrebungen, wie in der 
Kindheit, das wollen die Menschen als ihr Glück erreichen. 

Die Verliebtheit besteht in einem Überströmen der Ichlibido 
auf das Objekt. Sie hat die Kraft, Verdrängungen aufzuheben und 
Perversionen wieder herzustellen. Sie erhebt das Sexualobjekt zum 
Sexualideal. Da sie bei dem Objekt- oder Anlehnmigstypus auf Grund 
der Erfüllung infantiler Liebesbedingungen erfolgt, kann man sagen: 
Was diese Liebesbedingung erfüllt, wird idealisiert. 

Das Sexualideal kann in eine interessante Hilfsbeziehung zum 
Ichideal treten. Wo die narzißtische Befriedigung auf reale Hindemisse 
stößt, kann das Sexualideal zur Ersatzbefriedigung verwendet werden. 
Man liebt dann nach dem Typus der narzißtischen Objektwahl das, 
was man war und eingebüßt hat, oder was die Vorzüge besitzt, die m.an 



24 Sigm. Freud, 

Überhaupt nicht hat (vgl. oben unter c). Die der obigen parallele Formel 
lautet: Was den dem Ich zum Ideal fehlenden Vorzug besitzt, wird 
geliebt. Dieser Fall der Aushilfe hat eine besondere Bedeutung für den 
Neurotiker, der durch seine übermäßigen Objektbesetzungen im Ich 
verarmt und außerstande ist, sein Ichideal zu erfüllen. Er sucht dann 
von seiner Libidoverschwendung an die Objekte den Rückweg zum 
Narzißmus, indem er sich ein Sexualideal nach dem narzißtischen 
Typus wählt, welches die von ihm nicht zu erreichenden Vorzüge 
besitzt. Dies ist die Heilung durch Liebe, welche er in der Regel der 
analytischen vorzieht. Ja, er kann an einen andern Mechanismus 
der Heilung nicht glauben, bringt meist die Erwartimg desselben in die 
Kur mit und richtet sie auf die Person des ihn behandelnden Arztes. 
Diesem Heilungsplan steht natürlich die Liebesunfähigkeit des Kranken 
infolge seiner ausgedehnten Verdrängungen im Wege. Hat man dieser 
durch die Behandlung bis zu einem gewissen Grade abgeholfen, so erlebt 
man häufig den unbeabsichtigten Erfolg, daß der Kranke sich nun der 
weiteren Behandlung entzieht, um eine Liebeswahl zu treffen und die 
weitere Herstellung dem Zusammenleben mit der geliebten Person 
zu überlassen. Man könnte mit diesem Ausgange zufrieden sein, wenn 
er nicht alle Gefahren der drückenden Abhängigkeit von diesem Not- 
helfer mit sich brächte. 

Vom Ichideal aus führt ein bedeutsamer Weg zum Verständnis 
der Massenpsychologie. Dies Ideal hat außer seinem individuellen 
einen sozialen Anteil, es ist auch das gemeinsame Ideal einer Familie, 
eines Standes, einer Nation. Es hat außer der narzißtischen Libido 
einen großen Betrag der homosexuellen Libido einer Person gebunden, 
welcher auf diesem Weg ins Ich zurückgekehrt ist. Die Unbefriedigung 
durch Nichterfüllung dieses Ideals macht homosexuelle Libido frei, 
welche sich in Schuldbewußtsein (soziale Angst) verwandelt. Das 
Schuldbewußtsein war ursprünglich Angst vor der Strafe der 
Eltern, richtiger gesagt: vor dem Liebesverlust bei ihnen; an Stelle 
der Eltern ist später die unbestimmte Menge der Genossen getreten. 
Die häufige Verursachung der Paranoia durch Kränkung des Ichs, 
Versagung der Befriedigung im Bereich des Ichideals, wird so ver- 
ständlicher, auch das Zusammentreffen von Idealbidung und Subli- 
mierung im Ichideal, die Rückbildung der Sublimierungen und 
eventuelle Umbildung der Ideale bei den paraphrenischen Erkrankungen. 



über Eiiischränkungeii und Umwandlungen der 
Schaulust bei den Psychoneurotikern nebst Be- 
merkungen über analoge Ersebeinungen in der 
Vjölkerpsycbologie. 



Von Dr. Karl Abraham, Berlin. 



Die Schaulust als sexueller „Partialtrieb" ist, gleich ihrem passiven 
Gegenstück — der Zeigelust (Exhibitionslust) — mannigfachen Ein- 
schränkungen und Umwandlungen unterworfen. Beide Triebe, die sich 
im frühen Kindesalter äußern dürfen, ohne durch Verbote gehemmt 
zu werden, unterliegen später unter normalen Verhältnissen in erhebli- 
chem Maße der Verdrängung und Sublimierung. Bei den Psychoneu- 
rotikern gehen die Hemmungen und Transformationen dieser Triebe 
weit über das normale Maß hinaus, während zu gleicher Zeit die ver- 
drängten Kegungen einen beständigen Kampf gegen die Verdrängung 
führen. 

Eine kleine Publikation Freuds^) über die ,, psychogene 
Sehstörung" enthält diejenigen leitenden Gesichtspunkte, die uns 
zu einem tieferen Verständnis der neurotischen Hemmungen und 
Umwandlungen der Schaulust führen können. Freud nimmt in dieser 
Arbeit Bezug auf seine Lehre von den erogenen Zonen und den Partial- 
trieben und äußert sich über den uns hier interessierenden Partialtrieb — 
die Schaulust — und die in Betracht kommende erogene Zone — das 
Auge — wie folgt: ,,Die Augen nehmen nicht nur die für die Lebens- 
erhaltung wichtigen Veränderungen der Außenwelt wahr, sondern auch 
die Eigenschaften der Objekte, durch welche diese zu Objekten der 



1) Ärztliche Standeszeitung, Wien 1910. Abgedruckt in ,, Kleine Schriften 
zur Neurosenlehre", Bd. III, Wien, 1913. 



26 Karl Abraham. 

Liebeswahl erhoben werden, ihre „Reize". Es bewahrheitet sich nun, 
daß es für niemand leicht wird, zweien Herren zugleich zu dienen. 
In je innigere Beziehung ein Organ mit solch doppelseitiger Funktion 
zu dem einen der großen Triebe tritt, desto mehr verweigert es sich 
dem andern." 

Stellt der Schautrieb Ansprüche, die quantitativ zu hoch sind 
oder sich auf verbotene Objekte richten, so ergibt sich ein Konflikt 
im Triebleben. Es heißt darüber in der erwähnten Schrift weiter (Kl. 
Schriften, Bd. III, S. 318/319): „Wenn der sexuelle Partialtrieb, der 
sich des Schauena bedient, die sexuelle Schaulust, wegen seiner über- 
großen Ansprüche die Gegenwehr der Ichtriebe auf sich gezogen hat, 
so daß die Vorstellungen, in denen sich sein Streben ausdrückt, der 
Verdrängung verfallen und vom Bewußtwerden abgehalten werden, 
so ist damit die Beziehung des Auges imd des Sehens zum Ich und zum 
Bewußtsein überhaupt gestört. Das Ich hat seine Herrschaft über das 
Organ verloren, welches sich nun ganz dem verdrängten sexuellen 
Trieb zur Verfügung stellt. Es macht den Eindruck, als gmge die Ver- 
drängung von Seiten des Ichs zu weit, als schüttete sie das Kind mit dem 
Bade aus, indem das Ich jetzt überhaupt nichts mehr sehen will, seit- 
dem sich die sexuellen Interessen im Sehen so sehr vorgedrängt haben. 
Zutreffender ist aber wohl die andere Darstellung, welche die Aktivität 
nach der Seite der verdrängten Schaulust verlegt. Es ist die Rache, 
die Entschädigung des verdrängten Triebes, daß er, von weiterer psy- 
chischer Entfaltung abgehalten, seine Herrschaft über das ihm dienende 
Organ nun zu steigern vermag. Der Verlust der bewußten Herrschaft 
über das Organ ist die schädliche Ersatzbildung für die mißglückte 
Verdrängung, die nur um diesen Preis ermöglicht war." 

Zur Erklärxmg einer so weitgehenden Verdrängung der sexuellen 
Schaulust zieht Freud (1. c. S. 319) als Motiv die Talion — d. h. Selbst- 
bestrafung für genossene Schaulust am verbotenen Objekt — heran. 
Damit ist der erste Vorstoß in ein großes, von der Psychoanalyse 
noch wenig durchforschtes Gebiet unternommen, dessen weiterer 
Erschließung die vorliegende Abhandlvmg dienen soll. Eine Fülle 
von Erscheinungen harrt einer eindringlichen Untersuchung. Die 
von Freud als Paradigma der neurotischen Sehstörungen gewählte 
hysterische Blindheit ist nur eine, freilich eine besonders auffällige 
Form neurotischer Störung im Bereich des Schautriebes. Sie kommt 
in der ärztlichen Praxis nicht eben häufig zur Beobachtung ; mir wenig- 
stens ist in den letzten sechs Jahren nervenärztlicher Praxis kein 



Einscliränkungen nnd Umwandlungen der Schaulust usw, 27 

einziger einschlägiger Fall begegnet, während ich gewisse andere Stö- 
rungen — die zum Teil in der Literatur überhaupt noch keine Be- 
rücksichtiguung gefunden haben — verhältnismäßig häufig be- 
obachtete. 

Es handelt sich in klinischer Hinsicht teils um Transformationen 
der Schaulust in eine spezifische Angst vor der Betätigung dieses Triebes, 
teils um Störungen der Sehfunktion, teils um neurotische Symptome, 
welche sich am Sehorgan abspielen, ohne den Gesichtssinn direkt zu 
betreffen. Im folgenden beabsichtige ich nicht nur, die Ergebnisse 
meiner psychoanalytischen Untersuchungen mitzuteilen und damit 
die Symptomatologie zu fördern. Über diesen rein medizinischen 
Interessenkreis hinausgehend, möchte ich versuchen, die gewonnenen 
individualpsychologischen Einsichten zur Aufklärung gewisser Phäno- 
mene der Völkerpsychologie zu verwerten. 

Aus Gründen der Knappheit und Übersichtlichkeit werde ich mich 
auf die Äußerungen der Schaulust beschränken, auf eine gleichzeitige 
Berücksichtigung der ,, Zeigelust" (Exhibitionslust) also im allgemeinen 
verzichten. Ich weiß wohl, daß es prinzipiell richtiger wäre, beide Triebe 
nebeneinander und in ihrem Zusammenwirken zu behandeln, so wie 
es z. B. Eank in seiner vortrefflichen Arbeit über ,,das Motiv der 
Nacktheit in Sage und Dichtung" (Imago 1913, Bd.ll) getan hat. 
Da aber die neurotischen Symptome, die im folgenden behandelt 
werden, vorwiegend aus verdrängter Schaulust zu erklären sind, so 
erscheint mir eine gesonderte Untersuchung dieser einen Seite der 
Phänomene berechtigt. 

I. Die neurotische Lichtscheu. 

• Eine Störimg, deren Analyse uns besonders instruktive Einblicke 
eröffnet, ist diejenige, welche ich mit dem Namen ,, neurotische Licht- 
scheu" belegen möchte. Es handelt sich um eine Affektion, die keines- 
wegs selten ist und früher bereits in der nichtanalytischen Literatur 
einige Beachtung gefunden hat. Ich konnte eine kleine Eeihe einschlägi- 
ger Fälle beobachten und sie größtenteils eingehend analysieren. Da 
die mit der Lichtscheu behafteten Patienten stets noch andere, ebenfalls 
von der Verdrängung der Schaulust herrührende Störungen darboten, 
so werde ich die psychoanalytische Erklärung dieser letzteren in die 
nun folgenden Ausführungen über die Lichtscheu einfügen. 

Die „Lichtscheu" äußert sich darin, daß die mit ihr Behafteten 
das Sonnenlicht respektive Tageslicht, meist auch das künstliche 



28 Karl Abraham. 

Licht, als unangenehm empfinden. Sie fühlen sich selbst durch mattes 
Licht geblendet ; manche klagen über mehr oder weniger heftige Augen- 
schmerzen, sobald sie dem Licht nur kurze Zeit ausgesetzt sind. Sie 
schützen ihre Augen durch allerhand Mittel gegen das Licht. Doch 
liegt nicht nur eine Empfindlichkeit des Auges gegen Belichtung vor, 
sondern die betreffenden Patienten reagieren auf Lichtreize mit einer 
Scheu, die durchaus den Charakter der neurotischen Angst trägt; 
in ausgesprochenen Fällen schützen sie ihre Augen in ebenso sorgsamer 
Weise vor jedem Lichtstrahl, wie etwa ein an Berührungsangst leidender 
Zwangsneurotiker seine Hände vor dem Kontakt mit irgend einem 
Gegenstand bewahrt. Die Angst hat zum Inhalt die Gefahr 
der Blendung. 

Die hier in kurzen Umrissen geschilderte Störung hat bisher 
keine spezielle Bearbeitung in der psychoanalytischen Literatur ge- 
funden. Und doch existiert in dieser ein Hinweis, der zur Aufklärung 
der ims beschäftigenden Affektionen einen wichtigen Fingerzeig gibt. 

In dem ,, Nachtrag zu dem autobiographisch beschriebenen 
Falle von Paranoia^)" unterwirft Freud eine paranoische Wahnidee 
der psychoanalytischen Deutung. Der Geisteskranke S ehre b er 
(cf. dessen Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken, S. 139, Anm.) 
behauptete, minutenlang ohne erhebliche Blendung das Licht 
der Sonne ertragen zu können^). Aus dem ganzen, in seinen merk- 
würdigen Einzelheiten geschilderten Verhältnis des Patienten zur 
Sonne ließ sich entnehmen, daß für ihn die Sonne ein ,,sublimiertes 
Vatersymbol" bedeutete. Unter Bezugnahme auf die bei manchen Völkern 
verbreiteten ,,Abkimftsproben" (Ordale) gelangte Freud zu der An- 
nahme : ,,Wenn Sehr eber sich rühmt, daß er ungestraft und ungeblendet 
in die Sonne schauen kann, hat er den mythologischen Ausdruck -für 
seine Kindesbeziehung zur Sonne wiedergefunden, hat er uns von 
neuem bestätigt, wenn wir seine Sonne als Vater auffassen." 

Die Wahnidee Schrebers bildet auf psychotischem Grebiet 
ein vollkommenes Gegenstück zur neurotischen Lichtscheu. Während 
der gesunde Mensch auf die Belichtung seiner Augen innerhalb gewisser 
Grenzen ohne besondere Empfindlichkeit reagiert, sich vor dem Anblick 
zu grellen Lichtes aber instinktiv in ausreichender Weise schützt, 
wähnt der Geisteskranke, der Blendung durch hellstes Sonnenlicht 

») Jahrb. f. psychoanalyt. Forschungen, 1912, Bd. III, S. 588. 
*) Der gleichen Wahnidee bin ich übrigens auch bei anderen Geisteskranken 
begegnet. 



Einschränkungen und Umwandlungen der Schaulust usw. 29 

nicht zu unterliegen, indessen der Neurotiker sich in übertriebenem 
Maße vor der Grefahr der Blendung ängstigt. Man darf daher geradezu 
von einer Sonnenphobie sprechen. 

Ich werde nun zunächst aus der Psychoanalyse eines jungen 
Mannes diejenigen Tatsachen und Ergebnisse mitteilen, welche eine 
Erklärung der Lichtscheu sowie gewisser, mit ihr in engem Konnex 
stehender Erscheinungen anbahnen können. 

Der Patient, den ich „A" benennen will, hatte mich aufgesucht 
wegen einer Störung der sexuellen Potenz und einer tiefgreifenden 
Verstimmung. Er befand sich zur Zeit des Beginnes der Behandlung 
in einem Zustande der Niedergeschlagenheit. Früher voll lebhafter 
Anteilnahme für alles, was um ihn vorging, hatte er jetzt jedes Interesse 
an den Menschen, an seinem Beruf, an Vergnügimgen usw. verloren. 
Seine geistige Tätigkeit beschränkte sich mehr und mehr auf neurotische 
Grübeleien. Bei etwas genauerem Eingehen auf die Symptome des 
Patienten stellte sich dann heraus, daß in seinen Vorstellungen das Auge, 
die Sehkraft und das Sehen eine auffallende Eolle spielten, daß mit 
gewissen Vorstellungen dieser Art deutliche Angst verbunden war, 
daß eine bei dem Patienten vorhandene sexuelle Perversion sich eben- 
falls auf das Auge bezog rmd endlich, daß er an einer ausgesprochenen 
Lichtscheu litt. 

Die Intensität einer solchen Störung kann man ermessen, wenn 
man die Schutzmaßregeln kennen lernt, die der Patient gegen das Ob- 
jekt seiner Angst anwendet. Im vorliegenden Falle schützte der Pa- 
tient sich gegen helles Tageslicht durch krampfhaftes Schließen der 
Augen imd ähnliche Maßnahmen, die an sich über das Verhalten 
Gresunder höchstens quantitativ hinausgingen. Bei Abend schützte 
er sich in ähnlicher Weise gegen das künstliche Licht. Auffälliger 
und entschieden krankhaft aber waren die Prozeduren, durch die 
er sich bei Nacht (d. h. vom Augenblick des Schlafengehens an) gegen 
jeden Lichtschein absperrte. Er hatte in seinem Schlafzimmer die 
Fenster durch dreifache Vorhänge verdeckt, so daß am Morgen kein 
Lichtstrahl eindringen konnte. Zxma Schutz gegen künstliches Licht 
hatte er in der Tür seines Zimmers nicht nur das Schlüsselloch ver- 
stopft, sondern jeden kleinsten Spalt im Holz sorgfältig ausgefüllt. 

Im Beginn der Psychoanalyse drängten sich zunächst andere 

Materialien in den Vordergrund. Erst nach mehr als einem Monat 

war ein Eingehen auf die vielfältigen Gredanken möglich, die um das 

Auge kreisten. Schon aus dieser Zögerung ließ sich entnehmen, daJ3 

3 * 



"^ Karl Abraham. 

die hierher gehörigen Gedankengänge besonders peinlicher Natur 
waren. Der weitere Verlauf der Psychoanalyse brachte denn auch die 
Bestätigung dieser Erwartung; es ergab sich, daß sie in engstem Zu- 
sammenhang mit den verdrängten inzestuösen Wünschen des Patienten 
standen. 

Im Anschluß an die Schilderung seiner Lichtscheu machte der 
Patient folgende weitere Angaben. Er stehe unter einer zwangartigen 
Angst, daß er oder einer seiner Angehörigen ein Auge verlieren könnten. 
Er sei äußerst empfindlich gegen jede Annäherung an sein Auge. Bei 
anderen Menschen interessierten ihn, wie er weiter erklärte, Augenleiden 
sehr ,, Menschen, die etwas am Auge haben, zwingen mein Interesse auf 
sich." Er interessierte sich für Mädchen besonders dann, wenn sie ein 
Pincenez trugen, ferner fahndete er nach solchen, die auf einem Auge 
blind waren. Bei Frauen mit durchaus gesunden Augen begegnete 
es ihm, daß er „sich einredete, sie seien einseitig blind". Von einem 
einseitig blinden Mädchen, das er kennen gelernt hatte, träumte er 
einmal, daß ihr Vater ihr das Auge ausgeschlagen habe, also an ihrer 
einseitigen Erblindung schuld sei. 

Die Angst um das Augenlicht anderer Personen bezog sich, wie 
sich bald herausstellte, in erster Linie auf den Vater des Patienten. 
Schon vorher hatte sich ergeben, daß seine Einstellung zum Vater 
durchaus ambivalent war. 'Die erste hierher gehörige Äußerung 
des Patienten sprach von seiner „glühenden Verehrung" für den 
Vater; als er aber diese Worte ausgesprochen hatte, trat ein plötzliches 
„Abbrechen der Gedanken", eine kurze Bewußtseinspause ein. Bald 
zeigten sich denn auch Vorstellungen von entgegengesetztem Cha- 
rakter, z. B. Phantasien vom Tode und Begräbnis des Vaters. Es 
folgten Klagen über sein (des Patienten) verfehltes Leben; sein Vater 
laste förmlich auf ihm. Er müsse die überragende Intelligenz des 
Vaters anerkennen, der in seiner Heimat eine hohe Stellung 
einnehme; es sei ausgeschlossen, daß er ihn je erreichen oder 
übertreffen werde. Oft habe er gewünscht, einmal irgend etwas besser 
zu können oder zu wissen als der Vater; doch immer habe er die Über- 
legenheit des letzteren anerkennen müssen. Dazu fühle er selbst sich 
vom Vater kontrolliert; es sei ihm immer unmöglich gewesen, vor dem 
Vater etwas zu verheimlichen. Denn der sehe ja doch alles. 

Von diesem Punkt aus ergaben sich zunächst zwangslos ein paar 
assoziative, aber dem Patienten nicht bewußte Zusammenhänge zwischen 
„Vater" und „Sonne". Das beobachtende Auge des Vaters 



Einschränkungen und Umwandlungen der Schaulust usw. 31 

wurde mit der Sonne identifiziert; eine Identifizierung, die 
weiterhin durch reichliche Belege bestätigt wurde. 

Die Angst des Patienten um das Augenlicht seines Vaters ist 
uns nun nicht mehr ganz unverständlich; sie ist für uns zunächst der 
entstellte Ausdruck seines Wunsches, dem überwachenden Auge des 
Vaters entzogen zu sein. 

Von den reichlichen Bestätigungen, welche die Identifizierung 
von Vater und Sonne in diesem Sinne noch femer erfuhr, sei nur noch 
ein Einfall des Patienten erwähnt, der unter lebhaftem Affekt zutage 
gefördert wurde. Ihm sei Inder Schule ein Gedicht ganz ,, ekelhaft" 
gewesen. In dem Gedicht, das von der späten, unverhofften Ent- 
larvimg eines Verbrechers handelte, schloß jede Strophe mit dem 
Refrain: ,,Die Sonne bringt es an den Tag^)." 

Der Sonne mußte jedoch noch eine zweite, vatervertretende 
Bedeutung zukommen; denn die Einstellung des Patienten zum Vater 
ließ sich aus dessen überwachender Rolle, — seiner ,, Allwissenheit", 
möchte man sagen — allein nicht ableiten. Als zweite Determinierung 
ergab sich die vom Sohne mit enthusiastischen Ausdrücken hervor- 
gehobene Größe des Vaters, d. h. seine Intelligenz, seine Kenntnisse, 
sein ,,Können"2); kurz, alles das, was für den mit Insuffizienz- 
gefühlen beladenen Sohn die Macht und die Überlegenheit des Vaters 
ausmachte, wurde mit dem Glanz der Sonne verglichen. Der Glanz 
des Vaters mußte des Patienten eigene Bedeutung für immer über- 
strahlen, so wie die Sonne die anderen Gestirne überstrahlt. Trotz 
dieser überschwänglichen Lobpreisung des Vaters war die Eifersucht 
des Patienten gegenüber seinem Vater unverkennbar^). Wenn das 
Unbewußt« des Patienten die Vorstellung des väterlichen Auges mit 

'■) Die Ambivalenz seiner Einstellung zum Vater hatte der Patient in einer 
bemerkenswerten Form auch auf die Sonne übertragen. Das Licht der Sonne 
war ihm unsympathisch, die Wärme der Sonne dagegen liebte er. 

^) Es genügt, hier auf die eingangs erwähnte Störung der Potenz hinzu- 
weisen, um die Eifersucht auf das Können des Vaters verständlich zu machon. 
Deutlicher noch als in dem hier beschriebenen Fall konnte ich in anderen (vgl. 
weiter unten Fall B.) konstatieren, daß die Sonne nicht nur die Größe resp. 
die Potenz des Vaters darstellte, sondern daß sie ein SjTnbel des väterlichen 
Phallus war. Die Scheu vor dem Anblick des letzteren ist uns auch als Phä- 
nomen der Völkerpsychologie bekannt. (Vgl. die biblische Erzählung von 
Noah's Söhnen.) 

') Es wird später gezeigt werden, daß die Erhebung des Vaters zur Sonne 
keineswegs nur eine Erhöhung bedeutet, sondern gleichzeitig eine Herab- 
setzung seiner Macht. 



32 Karl Abraham. 

der des väterlichen Glanzes verdichtete, um beiden gemeinsam im 
Sonnensymbol Ausdruck zu verleihen, so hatte es damit nichts anderes 
getan, wie die Völker von altersher. 

Die überwachende Tätigkeit ist eine dem Sonnengott vielfach 
zugeschriebene Funktion. Helios z. B. führt in den homerischen Ge- 
dichten ständig den Beinamen: ,,der alles beobachtet und alles be- 
lauscht"^). 

Ähnlich heißt es in dem biblischen Psalm 19 (der offenbar die 
Keste eines alten Sonnenhymnus enthält): ,,Er (d. h. die Sonne, ur- 
sprünglich der Sonnengott) gehet auf an einem Ende des Himmels 
und läuft bis an sein anderes Ende, und nichts bleibt vor seiner 
Glut verborgen." 

Zur Identifizierung des Auges des Vaters mit dem Glanz oder 
Licht der Sonne finden sich reichlich völkerpsychologische Parallel- 
erscheinungen. Ich erwähne hier einige Beispiele aus dem Gebiet der 
Linguistik. Obwohl es sich um Erscheinimgen handelt, die in den 
verschiedenen Sprachen sehr verbreitet sind, beschränke ich mich 
auf einige, nur die deutsche Sprache betreffende Hinweise. 

Auch die Sprache identifiziert vielfach Auge und Licht; es 
liegt am nächsten, auf das Wort ,, Augenlicht" zu verweisen. In 
Wirklichkeit nehmen die Augen das Licht wahr; die Sprache aber 
verhält sich so, als ob das Licht dem Auge angehöre oder entspringe. 
Interessant ist namentlich der Gebrauch des Wortes ,, blind". Wir 
nennen ,, blind" nicht nur einen Menschen, der die Sehkraft eingebüßt 
hat, der nicht sehen kann, sondern wir sprechen auch z. B. von einem 
„blinden Passagier", d. h. wir gebrauchen das gleiche Wort auch mit 
Bezug auf einen Menschen, der nicht gesehen wird. Es ist ferner 
auch gebräuchlich, einen Gegenstand, der seinen Glanz verloren 
hat, als ,, blind" zu bezeichnen. Daraus geht hervor, daß auch die 
Sprache ,, sehend" und ,, glänzend" identifiziert. Die hier erwähnten 
sprachlichen Phänomene sind wohl ohne Zweifel aus dem ursprüng- 
lichen „Gegensinn der Urworte" (Abel) abzuleiten. Freud hat 
in einem kleinen Aufsatz^) gezeigt, daß im Unbewußten des In- 
dividuums die Gegensätze in ähnlicher Weise gepaart sind, wie in den 
primitiven Entwicklungsstadien der Sprache, welche in der späteren 
Sprache gewisse Spuren hinterlassen haben. 

') Bemerkenswert ist namentlich Odysses, VIII, 266 f., wo Helios das 
verbotene Beisammensein des Ares und der Aphrodite beobachtet. 
=•) Jahrbuch, Bd. IT, 1910. 



Einscbränkungen und Umwandlungen der Schaulust usw. 33 

Die Scheu vor dem beobachtenden Auge des Vaters fand eine 
wichtige Ergänzimg in der Scheu des Patienten, seine Mutter zu 
betrachten. Er hatte sich geradezu ein Schauverbot in bezug auf 
die Mutter bewußt auferlegt. Von Jugend auf vermied er es — wie 
er sich ausdrückte — seine Mutter schön zu finden. Er scheute 
sich zur Zeit der Behandlung noch heftig, irgend eine Körperpartie 
der Mutter außer Gesicht und Händen unbedeckt zu sehen. Schon 
eine Bluse, die in der Halsgegend durchbrochen war, bereitete ihm 
das größte Unbehagen. 

Es stellte sich im weiteren heraus, daß die Sonne, vor deren 
Anblick der Patient sich scheute, für ihn ein Symbol von bisexu- 
eller Bedeutung war. Es stellte nicht bloß den Vater dar (respektive 
dessen überwachendes Auge oder seinen Glanz), sondern auch die 
Mutter, welche der Sohn nicht ansehen darf, wofern er nicht 
den Zorn des Vaters auf sich laden will. Das allgemeine Verbot, die 
Mutter anzuschauen, entspringt, wie es sich in diesem und anderen 
Fällen ergibt, dem spezielleren, die Mutter nackt zu sehen, und be- 
sonders, ihr Genitale zu betrachten. Die Vorstellung, die Mutter 
nicht anschauen zu dürfen, setzt sich um in die Angst, das Licht 
der Sonne nicht anschauen zu können. 

Diese Bisexualität des Sonnensymbols läßt sich aber auch in den 
Ideengängen Schrebers nachweisen. In den ,, Denkwürdigkeiten" 
findet sich eine Stelle, in der Schreber die Sonne anschreit und sie 
beschimpft mit den Worten: „Die Sonne ist eine Hure." Hier kann 
über die Weiblichkeit des Sonnensymbols kein Zweifel aufkommen. 

Ohne schon an dieser Stelle auf die Verbote, den Körper der 
Mutter zu schauen, näher einzugehen, erwähne ich hier nur, daß nach 
meinen Feststellungen eine besondere Scheu, sogar indifferente Par- 
tien des mütterlichen Körpers zu sehen, auf eine verdrängte Schaulust 
zurückgeht, die sich ursprünglich im Übermaß der Mutter zugewandt, 
sich aber speziell auf das Genitale bezogen hatte. 

Auf andere weibliche Personen richtete die Schaulust des Pa- 
tienten sich eher im Übermaß. Aber sie wandte sich nicht denjenigen 
weiblichen Körperteilen zu, die normalerweise als Reize wirken. Speziell 
bestand eine ausgesprochene Scheu vor dem Genitale. Die Schaulust 
richtete sich in erster Linie auf zwei Körpergegenden des Weibes, 
die vom Genitale weit entfernt liegen: Auge und Fviß. Aber selbst 
diese Teile durften die Rolle, die ihnen durch einen Verschiebungs- 
vorgang zugefallen war, nicht selbst spielen, sondern mußten sie 

Jahrbuch der Psychoanalyse. VI. 



34 Karl Abraham. 

noch an akzessorische, nicht zum Körper selbst gehörige Dinge abgeben; 
flo kam es, daß Mädchen, welche ein Pincenez trugen oder einen 
künstlichen Fuß hatten, den hauptsächlichsten Reiz auf ihn aus- 
übten. Auch hinkender Gang, der auf ein steifes Bein oder eine künst- 
liche Prothese schließen ließ, reizte ihn sehr. Seine Scheu vor dem 
Genitale des Weibes fand den deutlichsten Ausdruck darin, daß er 
in WirkUchkeit nie ein Mädchen berührte, das etwa hinkte oder ein 
künstliches Bein hatte. 

Die Scheu vor dem weiblichen Körper, oder — richtiger gesagt — 
vor dem Genitale erwies sich als abhängig von mehrfachen Determi- 
nierungen, unter denen als die wichtigste die Kastrations-Angst 
zu erwähnen ist. Von besonderem Interesse war eine Assoziations- 
kette, die enge Beziehungen aufdeckte zwischen folgenden affekt- 
besetzten Vorstellungen: 

1. Erstaunen des Patienten in der Kindheit über das Fehlen des 
Penis bei seiner kleinen Schwester. 

2. Ängstliche Vermeidung der Berührung des eigenen Penis. 

3. Abkehrung des Interesses vom weiblichen Genitale. 

4. Interesse für Frauen, bei denen eine Amputation vorgenom- 
men ist. 

Gerade dieses letztgenannte Interesse verriet die außerordentliche 
Betonung der Kastrationsvorstellimg ; handelt es sich doch um das 
Weib, „dem ein Glied abgeschnitten ist". Wir finden hier, wie so oft 
in unseren Psychoanalysen, daß das Unbewußte die Vorstellung des 
Kindes festhält, nach welcher auch dem Weibe ein Penis zukommt. 
Oft steht dann der Kastrationsangst eine Vorstellung aktiver Art — 
[Frauen zu kastrieren — gegenüber. Ich habe auf diese Erscheinimgen 
in einer früheren Arbeit gelegentlich der Analyse des Fußfetischismus 
bereits hinge wiesen^); auch in dem hier mitgeteilten Falle handelt es 
sich ja um ausgesprochenen Fetischismus. Ich unterlasse aber der 
Kürze halber ein genaueres Eingehen hierauf; nur auf den Zusammen- 
hang des Fuß- und Pincenez-Fetischismus mit dem sadistischen Partial- 
trieb muß ich wenigstens mit einigen Worten eingehen. 

Eine der lustvollsten Phantasien des Patienten bestand in der 
Vorstellung, einem kurzsichtigen (womöglich einäugigen) Mädchen 
das Pincenez wegzunehmen oder einer Amputierten ihr künstliches 



') Bemerkungen zur Psychoanalyse eines Falles von Fuß- und Koraett- 
fetischismus. Bd. III dieses Jahrbuches, S. 563. 



Einschräukuagen und [Imwandlungen der Schaulust usw. 35 

Bein zu rauben, sie auf diese Weise hilflos zu machen*). Daß es sich hier 
um verschobene Kastrationsphantasien handle, ließen die Einfälle 
des Patienten mehr imd mehr erkennen. Besonders wichtig aber wurde 
nach dieser Richtung ein schon erwähnter Traum des Patienten; er 
bezog sich auf ein ihm vom Ansehen bekanntes Mädchen, das nur auf 
einem Auge sehen konnte. Seine Vorstellung im Traum war nun, 
daß dieserPerson dasfehlende Auge vomVater ausgeschlagen 
worden sei. Von hier führten die Fäden weiter zu der Angst des 
Patienten vor dem Verlust des eigenen Auges. 

Diese Angst erwies sich als zwiefach determiniert: durch die 
Idee der Bestrafung für verbotenes Schauen und durch die Verschiebung 
der Kastrationsangst vom (Genitale auf das Auge. Diese Verschiebung 
ist der oben erwähnten — vom weiblichen Grenitale auf das Auge — 
völlig analog. Beide Vorstellungen aber trugen deutlich den Charakter 
der Talion. Ich muß mit Befriedigung konstatieren, daß diese Er- 
gebnisse meiner Psychoanalyse sich in voller Übereinstimmung 
befinden nicht nur mit den eingangs zitierten Anschauungen Freuds, 
sondern auch mit denjenigen anderer Autoren, auf die ich hier kurz 
referierend eingehen möchte, ohne dabei Vollständigkeit anzustreben. 

Ferenczi (vgl. Imago 1912, Bd. I, S. 281 f.) erkannte in der 
Selbstblendung des ödipus einen symbolischen Ersatz der Selbst- 
entmannimg, d. h. der dem Inzest adäquaten Selbstbestrafung. Rank*) 
lieferte verschiedene Beiträge zu dieser Frage ; er und andere Autoren^) 
lieferten reichliches, namentlich aus Traumanalysen stammendes 
Beweismaterial, aus dem hervorgeht, daß das Auge bald männliche. 



') Zu erwähnen ist, daß diese sadistischen Regungen auf das Gebiet der 
Phantasie beschrüikt waren; im wirklichen Leben war der Patient in hohem Maße 
mitleidig. 

^) Bank, Eine noch nicht beschriebene Form des ödipustraumes. 

^) Eder, Augenträume. 

Beide Arbeiten im Jahrgang I, Heft 2 der Internat. Zeitschr, f. ärztl Psycho- 
anal3rse. Man vergleiche ferner: Storfer (Zentralbl. f. Psychoanalyse Bd. 11, 
S. 201); Gebsattel (Zeitschr. f. PathopsychoL, 1912); Die Bedeutung des Auges 
als weibliches Grenitalsymbol würdigte Jung im Indra-Mjrthus; ich selbst habe 
in Anlehnung au Kleiupaul dem Auge, speziell der Pupille, ebenfalls weibliche 
Genitalbedeutung zuerkannt („Traum imd Mythus" 1909). 

Bleuler (Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien) erwähnt 
ebenfalls das Auge als weibliches Genitalsymbol in den Wahnideen Geisteskranker. 

Jones (Jahrbuch Bd. V, S. 67) zeigt die männliche Genitalbedeutung 
des Auges. 

3* 



öö Karl Abraham. 

bald weibliche Genitalbedeutung haben kann. Besonders Eder zeigte, 
daß im Traum Eingriffe am Auge — ähnlich wie solche an den Zähnen — 
Kastrationsbedeutung haben^). 

Die Richtigkeit der Annahme wurde übrigens bestätigt durch 
weitere Träume, in welchen die Kastration durch andere Symbole 
von unzweifelhafter Bedeutung ausgedrückt war. Ich erwähne nur 
einen Traum, in dem jemand erschien, um dem Träumer die Scham- 
haare abzuschneiden. 

Die „Strafe" der Blendung erwies sich als Vergeltung verbotener, 
der Mutter zustrebender Schaugeiüste imd der aktiven Kastrations- 
oder Blendungsphantasie gegenüber dem Vater. 

Aus den Ergebnissen der Psychoanalyse ist weiter zu betonen, 
daß in den Phantasien des Patienten auch die letztgenannte Untat 
selbst eine Rolle spielte. Ich erwähne in diesem Zusammenhang nur 
eine obsedierende Vorstellung, von der der Patient als Schüler durch 
lange Zeit verfolgt wurde. Während des Unterrichtes bei einem be- 
stimmten Lehrer mußte er sich immer von neuem ausmalen, wie er 
dem Lehrer eine Kugel mitten in die Stim schießen würde. Es ergab 
sich zwangslos, daß dieser Lehrer eine Ersatzfigur für den Vater bildete. 

Der Schuß in die Stirn wäre freilich nicht ohneweiters als Kastra- 
tionssymbol erkennbar. Auch brauchte ihm im Rahmen dieser Ab- 
handlung keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt zu werden, 
wenn nicht reichliche Beweise es über jeden Zweifel klarstellten, daß 
die genannte Körpsrstelle sehr gewöhnlich das Auge ersetzt. 

Hier muß in erster Linie auf die Sage von der Blendung des Ky- 
klopen durch Odysseus hingewiesen werden, Wesen, die nur ein Auge 
besitzen, das sich mitten auf der Stirn befindet, sind in den Sagen sehr 
verbreitet. Interessant ist, daß sich auch in Tr äu men zuweilen Ähnli- 
ches vollzieht wie in der Polyphemsage. Einen derartigen Traum 
hat z. B. Eder (1. c.) mitgeteilt. Ich selbst hatte mehrfach Gelegenheit, 
ähnliche Feststellungen zu machen. Ich kann Eders Bemerkung, 
daß der Kyklop dem Vater des Träumenden entspreche und daß die 
Blendung des Riesen eine Kastration des Vaters vorstelle, nach meinen 
Erfahrungen nur bestätigen. 

Es scheint mir von besonderem Interesse zu sein, daß die Mitte 
der Stirn, die zunächst einem von der Phantasie angenommenen Auge 

^) In den Träumen der Frauen kann ein Eingriff am Äuge Koitusbedeu- 
tnng haben. Ein junges Mädchen träumt z. B., daß jemand ihr mit emem langen 
Instrument das Auge öffne. 



Einschränkungen und Umwandlungen der Schaulust usw. 37 

entspricht, sowohl das männliche wie das weibliche Genitale symbolisch 
vertreten kann. In ersterer Hinsicht möchte ich auf eine MitteiluDg 
von Eeitler^) verweisen, um für die zweite Behauptung einen Beleg 
aus eigener Erfahnmg zu bringen. 

E eitler bespricht gewisse als obszöner Scherz dienende Figuren, 
deren Abbildung er beigibt; sie werden von der Landbevölkerung 
im Salzkammergut hergestellt. Der Scherz besteht darin, daß bei 
Druck auf den Kopf der Figur ein großer Penis sichtbar wird. Auf der 
Stirn des hölzernen Männchens ist in roher Zeichnung ein drittes 
Auge dargestellt. Reitler ermittelte nun, daß dieses Auge ein von der 
Bevölkerung jener Gegend ohneweiters verstandenes Penissymbol 
darstellt. 

Ich stelle in Parallele mit dieser eigentümlichen volkspsycho- 
logischen Tatsache eine eigene Beobachtung. Eine von mir behandelte 
Patientin unterlag dem Zwange, ihre Stirn in der Mitte zu einer senk- 
recht verlaufenden Falte zu rvmzeln. Sie rieb diese Falte dann heftig 
mit dem Zeigefinger der rechten Hand. In einem Zusammenhang, 
dessen genaue Mitteilung ich mir hier versagen muß, kam ihr wie eine 
Erleuchtxmg plötzlich die Einsicht, daß es sich bei dieser Prozedur 
lediglich um eine verschobene, d. h. nach oben verlegte Masturbation 
handle, daß also die senkrechte Stirnfalte der Vulva entspreche. Be- 
weisend für diese Auffassung war noch besonders, daß die Patientin, 
während sie die Stirnfalte rieb, ein „Druckgefühl im Unterleib" ver- 
spürte^). 

Die Autoren, welche die Genitalbedeutung des Auges nachwiesen. 
haben, wie mir scheint, diese s}Tnbolische Verwendung des Auges 
nur insoweit erklärt, als das Symbol das weibliche Genitale vertritt. 
Erst vor kurzem wurde mir die männliche Bedeutung des Auges aus 
einer Traumanalyse erklärlich. Die Träumerin gab nämlich an, daß 
die Glans penis ihr wie ein Auge erscheine. 

Ich kehre zu der Angst des Patienten A. um sein Augenlicht 
zurück. Nachdem wir die Kastrationsvorstellung als eine wicht ise 
Determinierung derselben erkannt haben, verlohnt es sich, auf eine 
Einzelheit hinzuweisen, die zunächst als ganz belanglos erscheinen 
könnte. Nicht nur in dem vorliegenden Falle, sondern auch bei anderen 



1) Reitler, Zur Augensymbolik, Internat. Zeitschr. f. ärztl. Psychoanalyse, 
1913, Bd, I, S. 159. 

>) Ich möchte hier auf Sadgers Mitteilung, daß auch die Schläfe Genital- 
bedeutung habe, verweisen. Cf. Zeutralbl. f. Psychoanalyse, 1911, Bd. II. 



38 Karl Abraham. 

Patienten fiel es mir auf, daß sie immer von ihrer Angst um das Auge 
des Vaters sprachen oder von ihrer Scheu vor jeder Berührung des 
Auges usw. Nie war von den Augen die Rede, sondern mit einer 
Regehnäßigkeit, die jeden Zufall ausschließt, sprachen die Patienten 
so, als gäbe es nur ein Auge. Unter dem Gresichtspunkt der „Ver- 
legung nach oben" wird diese Redeweise leicht verständlich, „Das" 
Auge ersetzt ein Organ, das nur in der Einzahl vorhanden ist^). 

Die Angst um das Auge des Vaters entspricht also der verdrängten 
auf den Vater gerichteten Eastrationsphantasie. Nachdem wir aber 
die Identität von Auge und Sonne kennen gelernt haben, kann kaum 
mehr ein Zweifel übrig bleiben, daß auch der Sonne die gleiche phalli- 
sche Bedeutung zukonamt wie dem Auge des Vaters. Die Scheu vor dem 
Anblick der Sonne enthält damit die weitere Bedeutung einer Scheu 
vor dem Anblick des Penis des Vaters, die [übrigens auch völker- 
psychologisch zu belegen ist. 

Es ist nicht möglich, in diesem Zusammenhang näher auf die 
Eastrationsangst einzugehen. Nur einige, zum Verständnis gewisser 
Erscheinungen des vorliegenden Falles unentbehrliche Bemerkimgen 
muß ich noch hinzufügen. 

Als Vergehen, wegen deren die Kastration von Seiten der Erzieher 
angedroht oder vom Knaben selbst befürchtet wird, lernten wir bereits 
das Verlangen des Knaben nach dem Anblick des mütterlichen Genitale 
sowie die gegen den Vater gerichtete Kastrationsphantasie kennen. 
Hier wäre weiter die Masturbation zu nennen, die besonders durch be- 
gleitende Phantasien zur schweren Vorwnrfshandlung wird. "Wie wir aber 
aus reicher psychoanalytischer Erfahrung wissen, gibt es noch gewisse 
andere Erlebnisse des K i n d e s, welche häufig der Anlaß heftiger Selbstvor- 
würfe werden. Ich meine die Beobachtung des Geschlechtsver- 
kehres der Eltern. Bezüglich aller dieser „Sünden" ist der Knabe oft 
genug in Angst, vom wachenden Auge des Vaters entdeckt zu werden^). 

') Ich möchte bemerken, daß hier noch weitere Deteiminienmgen vor- 
liegen. Ich verweise nur auf die obai besprochene Identifizierung des Auges des 
Vaters mit der Sonne, welche ja auch nur in der Einzahl vorhanden ist. Man darf 
hier wohl eine spezielle Form der Verdichtung, eine üaifiziening annehmen, 
die weitgehende Gleichsetzungen ermöglicht: ein Genitale, ein Vater, eine 
Sonne und darum auch „ein" Auge. Man köimte noch hinzusetzen, „ein Gott"; 
ich verweise auf spätere Ausführungen in dieser Arbeit. 

*) Auch die Lust des Kindes, Erwachsene beim Urinieren sra beobachten, 
gibt zu neurotischen Selbstvorwürfen den Anlaß. Vgl. auch die Fußnote ') 
auf Seite 43. 



Einschränkungen und Umwandlungen der Schaulust usw. 39 

Gerade wegen dieses verbotenen Sehens leiden manche Neurotiker 
an Erblindungsangst. Diese letztere Art der neurotischen Reaktion 
soll uns jedoch an dieser Stelle nicht beschäftigen. Ich möchte vielmehr 
darauf hinweisen, daß die Lust am nächtlichen Beobachten und Be- 
lauschen der Eltern in nicht seltenen Fällen dazu führt, daß neurotische 
Personen an einer Überempfindliclikeit gegen Licht und daneben an 
einer solchen gegen Ge^'äusche leiden^). In dem oben besprochenen 
Falle bestand auch eine deutliche Geräuschempfindlichkeit. Beide 
Eigentümlichkeiten treten in solchen Fällen — aus leicht erklärlichem 
Grunde — vorwiegend bei Nacht auf. Auf diesem Wege wird die 
Scheu des Patienten vor dem künstlichen Licht und vor dem ge- 
ringsten Lichtschein, der etwa durch eine Türspalte drang, vollkommen 
begreiflich. Die übertriebenen Maßregeln zur Absperrung des von 
außen kommenden Lichtes tragen den Charakter von Prohibitivmaß- 
nahmen. 

Das sorgsame Verschließen jedes feinsten Spaltes hatte aber 
noch die weitere Bedeutung, anderen Personen die Beobachtimg 
des Patienten unmöglich zu machen; es liegt auf der Hand, daß 
hier wieder die Scheu vor dem beobachtenden Vater die treibende 
Kraft ist. 

Die Prozeduren zur Verdunkelimg des Zimmers finden jedoch 
nicht ihre volle Erklärung in der negativen Absicht, das Licht ab- 
zusperren und jeder Beobachtung zu entgehen. Vielmehr hat die so 
hervorgebrachte absolute Dunkelheit auch einen positiven Wert für 
den Patienten. Doch soll dies an einem andern Krankheitsfall 
demonstriert werden. 

Ebenso versage ich es mir zunächst, auf gewisse Umwandlimgs- 
produkte des Schautriebes einzugehen. Ich erwähne nur folgende 
psychologische Eigentümlichkeiten des Patienten: zwangartige Neu- 
gierde, Hang zum Grübeln, übertriebene Neigung für alles Rätselhafte. 
Auf diese Phänomene werde ich später zurückkommen. Endlich sollen 
hier noch einige Zeichen erwähnt werden, die erkennen lassen, daß das 
Auge nicht nur als Sehorgan eine wichtige erogene Bedeutung für diesen 
Patienten hatte. Auch Berührungen des Auges wurden als lustvoll emp- 
funden. Er neigte sehr dazu, die Augen zu reiben, die oberen Augenlider 



1) Über die Genese der neurotischen Geräuschempfindlichkeit haben mir 
verschiedene Psychoanalysen Aufklärung gebracht. Die Resultate sollen später 
veröffentlicht werden. 



40 Karl Abraham. 

herabzuziehen, hatte in früherer Zeit auch öfter die Augenbrauen 
abgeschnitten^). 

In therapeutischer Hinsicht sei bemerkt, daß der Patient durch 
die Psychoanalyse in vollkommenem Umfang wiederhergestellt wurde. 
Von Einzelheiten interessiert hier, daß die Lichtscheu und Geräusch- 
empfindlichkeit ganz verschwanden. Die Einstellung des Patienten 
zu seinen Eltern wurde diejenige eines Gesunden im gleichen 
Lebensalter, dies zeigte sich, als er nach Abschluß der Behand- 
lung in seine Heimat zurückkehrte. Die sexuellen Abirrungen machten 
einem normalen Sexualinteresse Platz; speziell verschwanden die 
fetischistischen Interessen bis auf geringe, praktisch durchaus 
unwesentliche Spuren. Während der Rekonvaleszenz traten bei 
dem Patienten Träume auf, in welchen der weibliche Körper, 
speziell das Genitale, Gegenstand der Schaulust waren; bald darauf 
zeigte sich auch im wachen Zustand die normal gerichtete Schau- 
lust. Die unfruchtbare Neugierde und die pathologischen Grübeleien 
wichen gleichzeitig einer intensiven Wißbegierde, die auf die ver- 
schiedensten Gebiete übergriff; d. h. die Sublimierung des Schautriebs 
gelang in einer vollkommenen Weise. Mit der Herstellung einer durchaus 
normalen Sexualfunktion ging die soziale Anpassung (Leistungsfähigkeit 
im Beruf usw.) Hand in Hand. Seit dem Abschluß der Behandlung 
sind 11/2 Jahre verstrichen, ohne daß ein Rückfall eingetreten wäre. 

Die Psychoanalyse der neiurotischen Lichtscheu bei anderen 
Patienten ergab mir die volle Bestätigung der mitgeteilten Resultate 
und Auffassungen. Nur aus einer meiner Analysen werde ich hier das 
Hauptsächlichste in gedrängter Kürze mitteilen. Es handelt sich um 
eine diagnostisch sichere Dementia praecox (Schizophrenie). Ich erhielt 
die Gelegenheit zur psychoanalytischen Behandlung des Kranken 
nur dadurch, daß er mir als Neurotiker zugeführt wurde; erst bei 
gründlichem Eingehen auf seine Symptome ließ sich die Art seines 
Leidens feststellen. Die Erfahrung hat uns nun oft gelehrt, daß die 
Psychose weit unverhüllter als die Neurose die Geheimnisse des Un- 
bewußten preisgibt. So geschah es auch in diesem Falle. Zu den auf- 
fälligsten Erscheinungen stellten sich, meist ohne erheblichen Wider- 
stand, die Einfälle ein, welche den gesuchten Zusammenhang oft 
überraschend schnell enthüllten. 



') Man erinnere sich an den erwähnten Traum, in dem jemand dem Patienten 
die Schamhaare abschneidet. Das Abschneiden der Augenbrauen bedeutet 
offenbar auch eine symbolische Kastration. 



Einschränkungen und Umwandlungen der Schaulust usw. 41 

Dieser Patient, den wir „B" nennen wollen, fiel schon bei der 
ersten Konsultation dadurch auf, daß er bat, sich so setzen zu dürfen, 
daß sein Gesicht vom Fenster abgewandt wäre; er hielt, nachdem er 
diese Stellung eingenommen hatte, die Augen noch meist geschlossen 
und bedeckte sie außerdem mit den Händen^). Während der psycho- 
analytischen Sitzungen pflegte er, obwohl sein Gesicht vom Fenster 
abgewandt war, diesen Verschluß der Augen streng zu bewahren, 
bis die Besserung der Lichtscheu solche Prozeduren unnötig machte. 

Die Antezedentien waren denjenigen des ersten Falles auffallend 
ähnlich. Auch der Patient B. war der Sohn eines tatsächlich besonders 
intelligenten und tüchtigen Mannes. In der Vorstellung des Sohnes 
aber waren die Leistungen des Vaters schlechtweg unerreichbar. Fast 
mit den gleichen Worteij wie Patient A. drückte B. sich aus: er habe 
lange, aber immer vergeblich gehofft, den Vater einmal in irgend 
einer Beziehung übertreffen zu können. Die Ambivalenz der Ein- 
stellung zum Vater war wiederum die gleiche, nur trat sie aus 
dem oben erwähnten Grunde in diesem Falle weit unverhüllter 
zutage. 

Der Vater war dem Patienten, wie dieser sich ausdrückte, immer 
als ein „machtvoll - gütiges Wesen" erschienen. Schon dieser 
Ausdruck trägt einen religiösen Charakter; wäre er hier nicht mit 
Bezug auf einen Menschen gebraucht, so würde man ohneweiters an- 
nehmen, daß von Gott (oder überhaupt von einem religiös verehrten 
Wesen) die Kede sei. Schon als Knabe — so erzählte B. weiter — habe 
er die Auffassung gehabt, daß der Vater alles sehe. Wir brauchen 
uns nur an das allsehende Auge Gottes zu erinnern, um zu bemerken, 
daß hier eine Tendenz vorliegt, den Vater zu einem höheren Wesen 
zu erheben. Durch freie Assoziationen stellte sich überraschend schnell 
einer der Anlässe heraus, die dem Sohne die Überzeugung gegeben 
hatten, daß sein Vater alles sähe. Der Vater hatte mit wachsamem 
Auge die Masturbation des Knaben entdeckt und ihm das Versprechen 
abgenommen, fortan von dieser Neigung abzusehen. Bei jedem Rück- 
fall in späterer Zeit fühlte der Patient das Auge des Vaters gleichsam 
auf sich gerichtet. Daß dieses Gefühl des Beobachtetseins noch andere 
und wohl wichtigere Quellen hatte, wird sich noch zeigen. Im Be- 
wußtsein des Patienten aber wurde der Entdeckung der Masturbation 
durch den Vater das größte Gewicht beigelegt. 

>) Ich bemerke, daß diese Attitüde bei Neurotischen nicht selten ist und 
■am leichtesten das Vorhandensein der neurotischen Lichtscheu verrät. 



42 Karl Abraham. 

Im Alter von zirka 20 Jahren verlor der Patient seinen Vater 
durch den Tod. Bald danach bildete sich die Vorstellung, der Vater 
stehe am Himmel neben der Sonne und sehe auf ihn herab, 
um sein Tun und Lassen zu beobachten. Es handelte sich hier noch 
nicht um eine fixe Wahnidee; nicht lange nachher traten jedoch un- 
zweifelhafte Wahnbildungen hervor. Die Versetzung des Vaters an den 
Himmel ist hier ganz evident. Sein Posten unmittelbar neben der 
Sonne läßt erkennen, daß er der Sonne gleichgesetzt wurde, ohne noch 
mit ihr zu einem Wesen verschmolzen zu werden. 

Dieser — über den Tod hinaus fortdauernden — Verehrung tmd 
Vergöttlichung des Vaters stand eine äußerst affektvolle, aber durch 
lange Zeit dem Bewußtsein femgehaltene Feindschaft gegenüber. Sie 
äußerte sich während der Behandlung u. a. in einem Traume, in welchem 
der Patient seinen Vater im Zweikampf erschlug, um gleich darauf 
von der Mutter symbolisch Besitz zu nehmen. Die Tötimg des Vaters 
im Zweikampfe und der endliche Besitz der Mutter sind die beiden 
großen Ereignisse der ödipussage und vieler verwandter Erzählungen, 

Die Kastrationsangst fand in diesem Falle einen sehr ähnlichen 
Ausdruck wie beim Patienten A. Ich brauche daher nur ein paar Ein- 
zelheiten hervorzuheben. Auch in diesem Falle bestand die uns schon 
verständlich gewordene Angst um das Auge des Vaters. Im Zu- 
sammenhang mit dieser Angst ist eine Kindheitserinnerung von Inter- 
esse. Der Patient hatte als neunjähriger Knabe einmal seinen Vater 
nackt gesehen und mit großem Interesse dessen Grenitalien betrachtet. 
Seine Phantasie, die sich in diesem Alter männlichen Personen zu- 
wandte, kehrte oft zu jener Szene zurück. Doch waren die daran an- 
knüpfenden Gedanken keineswegs nur lustvoll. Im Gegenteil wurde 
er dauernd von der unruhigen Erwartung gequält, ob er in der Ent- 
wicklung der Genitalien wohl den Vater erreichen werde. Als er dann 
erwachsen war, imterlag er der peinigenden, bei Neurotikem so überaus 
häufigen Idee, einen zu kleinen Penis zu haben. 

Wir begegnen also hier wiederum der Eifersucht auf das Können 
des Vaters; im vorliegenden Falle galt die scheue Anerkennung des 
Sohnes gleichzeitig dem überlegenen Genitalorgan des Vaters 
und seinem Auge^). Hier finden wir also keine so weitgehende Ver- 
drängung des sexuellen Charakters der Scheu vor dem Vater. Nur 

^) Ich verweise an dieser Stelle auf die Bezeichnung „das Gemächt" für 
die männlichen Genitalien; hier hat die Sprache die Macht des Mannes in seine 
Genitalien verlegt. 



Einschränkungen und Umwandlungen der Schaulust usw. 43 

die Lust am Betrachten des väterlichen Grenitales ist verdrängt. Ge- 
legentlich hatte der Patient aber „blitzartige" Halluzinationen, die ihm 
den Gegenstand des Interesses für einen Augenblick zeigten. 

Auch in seinem Verhältnis zur Mutter glich Patient B. dem A. 
in auffälliger Weise. Er scheute sich in höchstem Maße vor dem Anblick 
seiner Mutter (in ähnlicher Weise auch der Schwester), auch wenn sie 
vollständig bekleidet waren. Im Gespräch mit der Mutter bedeckte 
er die Augen mit den Händen. Die inzestuöse Richtung seiner 
Wünsche verriet er schon in der ersten psychoanalytischen Behandlungs- 
stunde durch die sonderbare Wahl eines Ausdruckes. Nachdem er 
berichtet hatte, daß er nach dem Tode des Vaters mit seiner Mutter 
imd seinen Schwestern zurückgeblieben sei, hob er hervor, daß er sich 
gewissermaßen als Nachfolger des Vaters betrachten müsse; denn er 
sei doch nun ,,das einzige männliche Glied" in der Familie. Sehr bald 
kamen dann die Wunschphantasien zutage, welche die Wahl des Aus- 
drucks determiniert hatten. Der Patient litt an der Angst, seine Mutter 
und Schwestern unbeabsichtigt schwängern zu können. Besonders 
wenn er nach einer Pollution ein Bad nahm, ängstigte er sich, es könnten 
Reste von Samen an der Badewanne haften, durch die seine Mutter 
oder Schwester bei späterem Gebrauche der Wanne geschwängert 
werden könnten. Aus dieser Angst darf man auf einen gleichlautenden 
verdrängten Wunsch des Patienten schließen: die weiblichen An- 
gehörigen sämtlich zu besitzen. 

Die auf die Mutter gerichteten libidinösen Wünsche waren auf 
andere, und zwar hauptsächlich auf reife, ältere Frauen übergegangen, 
waren aber auch hier verhindert, sich in ihrer wirklichen Gestalt zu 
zeigen. Sie äußerten sich vielmehr in einer Scheu, solche Frauen 
anzublicken^). Diese Scheu war mit einem für den Patienten sehr 
lästigen neurotischen Symptom verbunden: beiin Anblick reifer Frauen, 
die ihn oft bewußt an seine Mutter erinnerten, wurde ihm schwarz 
vor den Augen. Wir begegnen hier einer Einschränkung der Schau- 
lust, die — soweit mir bekannt — bisher nicht in diesem Sinne auf- 
gefaßt worden ist. Das von Nervösen so oft, namentlich als Begleit- 
erscheinung von Schwindelanfällen geschilderte „Schwarzwerden" 
vor den Augen dürfte regelmäßig der Unterdrückung einer libidinösen 
Tendenz entsprechen. Die mit jeder Sexualerregung verbundene 

^) Ich verdanke Herrn Dr. de Br uine in Leiden die interessante Mitteilung, 
daß nach einem holländischen Volksglauben erblindet, wer einer alten Frau beim 
Verrichten eines Bedürfnisses zusieht. 



44 Karl Abraham. 

Steigerung der Blutzirkulation, führt bei Neurotikern oftmals zu einem 
vermehrten Zufluß des Blutes nach dem Kopf, besonders auch nach 
den Augen, wodurch unter anderen Symptomen auch die Verdunkelung 
des Gesichtsfeldes hervorgerufen wird. 

Der Anblick der für ihn reizvollen Frauen wurde dem Patienten 
auf diese Weise im wirklichen Leben versperrt. Es entspricht ganz 
der Psychologie der Dementia praecox, daß der Patient für diese ihm 
auferlegte Entbehrung Ersatz auf halluzinatorischem Wege 
fand. Er sah z. B. eine im reifem Alter stehende Frau nackt vor sich 
liegen; sie hatte, wie der Patient spontan hinzufügte, Formen und 
Gestalt wie seine Mutter. 

In eindrucksvoller Weise bestätigte der Patient B., daß seine 
Scheu vor dem Anblick weiblicher Personen im Grunde genommen eine 
Scheu vor dem weiblichen, richtiger gesagt vor dem mütterlichen 
Genitale war. 

Zu der Zeit, als schon deutliche Erscheinungen der Rekonvaleszenz 
zu bemerken waren, besuchte der Patient einmal seine Mutter. Bei 
ihrem Anblick hatte er, wie er berichtete, die Augen wieder mit den 
Händen bedecken müssen; seine Empfindlichkeit gegen das Licht war 
damals bereits in deutlichem Abnehmen begriffen. Während ich eine 
Bemerkung dazu machte, legte der Patient wiederum die Hände auf 
die Augen und sagte dann spontan: ,,Ich habe die Scheibe mit dem 
Draht in der Mitte gar nicht ansehen wollen." Diese Worte waren im 
Tone einer Rechtfertigung gesprochen — als befürchtete der Patient, 
ich könne ihm etwas in falschem Sinne auslegen. Doch blieb die zitierte 
Äußerung mir zunächst vollkommen unverständlich. Die Erklärung 
folgte aber der ersten Äußerung auf dem Fuße. Der Patient, der sich 
während der Behandlung in Ruhelage befand, hatte seinen Blick nach 
der Zimmerdecke gerichtet, an welcher eine runde, blanke Messing- 
scheibe angebracht war; aus der Mitte der Metallscheibe kam ein 
Leitimgsdraht der elektrischen Beleuchtung hervor. Dieser Eindruck 
hatte in dem Augenblicke, als von der Scheu des Patienten vor dem 
Anblick der Mutter die Rede war, genügt, um die Assoziation der 
Vulva (Scheibe) und des Penis (Draht in der Scheibe) hervorzurufen. 

Feindschaft und Eifersucht gegenüber dem Vater hatten mit 
der Zeit einer bewundernden Anerkennung seiner Größe und Macht 
Platz gemacht. Doch vermochte die unterdrückte feindliche Strömung 
zuweilen noch Störungen der zur Herrschaft gelangten Gegenströmung 
zu erzeugen. Der Patient hatte in einem ekstatischen Moment einmal 



Einschränkungen und Umwandlungen der Schaulust usw. 45 

einen Sonnenhymnus dichten wollen. Er vermochte aber nur wenige 
Worte zu produzieren. Sie lauteten: 

„Sonne, gib uns deine Kraft!" 

Danach trat eine solche Störung des Gedankenablaufs (Sperrimg) 
ein, daß der Patient über die ersten Worte nicht mehr hinauskam. 
Charakteristisch ist der Eintritt der Sperrung in dem Augenblick, 
als der Sohn seiner Verehrung für die Kraft der Sonne, d, h. des Vaters, 
Ausdruck verleihen will. Ich erinnere hier an ein vollkommen analoges 
Vorkommnis aus der Krankengeschichte des Patienten A., bei welchem 
eine Sperrimg gleicher Art eintrat, als er begonnen hatte, von seiner 
glühenden Verehrung des Vaters zu sprechen. 

Der Wunsch, dem Vater gleich zu werden, kam einmal in einer 
Form zum Ausdruck, di^ die Gleichsetzung von Vater und Sonne deut- 
lich erkennen läßt. Der Patient miterlag nämlich einmal der Sensation, 
daß seine beiden Augen zu einem würden. Dieses Auge sah er hallu- 
zinatorisch vor sich, als wäre es ,, draußen", d. h. außerhalb seines 
Körpers. Es wurde dann zu einer strahlenden Sonne; der Patient 
erhob sich damit zur gleichen Höhe wie den Vater. Daß es gerade das 
Auge imd nicht ein anderer Teil des Körpers war, der die Umwandlung 
erfuhr, ist teils aus dem früher über Auge und Sonne Gesagten ver- 
ständlich, teils handelt es sich wieder um einen symbolischen Ersatz 
des Penis durch das Auge. Die erwähnte Halluzination läßt demnach 
insbesondere noch die Tendenz erkemien, die eigene Zeugungskraft 
des Patienten der befruchtenden Kraft der Sonne gleichzusetzen. 

Ich bin einem inhaltlich ganz ähnlichen, symptomatologisch 
allerdings andersartigen Vorgang auch in der Psychoanalyse einer 
Zwangsneurose begegnet. Der Patient hatte nach dem Tode seines 
Vaters lebhafte Angst vor dessen wachsamem Auge. Das beobachtende 
Auge versetzte er stets an den Himmel; auch in gewissen Träumen 
kam das unzweideutig zum Ausduck. Diese Anerkennung und Er- 
hebung des Vaters war jedoch nur die eine Seite seiner ambivalenten 
Einstellung zu diesem. Zuzeiten regte sich ein intensiver Trotz gegen 
den verstorbenen Vater; dann unterlag der Patient dem Zwang, 
die Sonne frech und herausfordernd anzusehen. Gleichzeitig 
trat die obsedierende Grübelei auf: ,, Vielleicht bin ich Gott". 

Einen merkwürdigen historischen Versuch eines Menschen, 
sich selbst mit der Sonfie zu identifizieren, habe ich in meinem Aufsatz^) 

i) Imago Bd. I, 1912. 



46 



Karl Abraham. 



über den ägyptischen König Amenhotep IV. analysiert. Ich möchte 
hier nur den kurzen Hinweis geben, daß die ambivalente Einstellung 
des Königs zu seinem verstorbenen Vater die hauptsächlichste Er- 
klärung für die Einführung des Atonkultes abgibt, in welchem die Kraft 
der Sonne verehrt wurde. 

Die Angst des Patienten vor der Blendung durch die Sonne 
wird auch im Falle B. erst dann vollkommen verständlich, wenn 
man berücksichtigt, daß dem Sonnensymbol nicht nur Vater-, 
sondern auch Mutterbedeutung zukommt. Wie im Falle A., so stellte 
sich die Notwendigkeit dieser Annahme auch hier heraus. Die vorhin 
erwähnte blanke Messingscheibe mit dem Beleuchtungskörper an der 
Zimmerdecke war eine Art von Sonne am Himmel^). 

Seine Neigung, ein weibliches (d. h. für ihn: „mütterliches") 
Symbol an den Himmel zu versetzen, äußerte sich in einer spontan 
mitgeteilten Phantasie. Als sich während der Behandlungsstunde 
der vorher klare Himmel stark bewölkte, äußerte der Patient: „Es 
wäre eine Wollust, sich mit dem Kopf in eine Wolke hinein- 
zubohren." Diese Phantasie entspricht vollkommen gewissen 
mythischen Vorstellungen, die ich in meiner Schrift „Traum und Mythus" 
gelegentlich der Analyse der Prometheussage erwähnt habe. In den 
ältesten Schichten dieses Mythus wird das Bohren in der Wolke (die 
Erzeugung des himmlischen Feuers) mit dem Sexualakt identifiziert. 
Ich habe zum Fall B. nur noch kurz zu bemerken, daß die Licht- 
scheu im Laufe der Behandlung verschwand, wie denn der Fall sich 
überhaupt als therapeutisch sehr dankbar erwies*). 

Ich sehe an dieser Stelle von der Mitteilung weiterer psycho- 
analytischer Erfahrungen über die neurotische Lichtscheu ab. Die 
Reihe der Fälle ließe sich leicht vermehren; denn nach meiner Er- 
fahrung handelt es sich um eine keineswegs seltene Affektion. Leich- 
tere Grade, wie z. B. eine gesteigerte Empfindlichkeit gegen grelles 
Sonnenlicht, beobachtet man bei leicht neurotischen Personen ziem- 
lich oft. 

*) Die Identifizierung von Zimmerdecke und Himmel trägt einen echt 
infantilen Charakter. Kürzlich hörte ich einen 3 V, jährigen Knaben die Decke 
des Badezimmers den ..Badehimmel" nennen. 

*) Zur Erklärung des schönen Erfolges der Psychoanalyse in diesem Falle 
von Dementia praecox bemerke ich, daß der Patient eich bald als genügend 
fähig zur „Übertragung" erwies. Seine Psychose war wenig in der Richtung 
der Wahnbildung vorgeschritten, während die Halluzinationen eine überwiegende 
Rolle spielten. 



Eiuschräukuugen und Umwaadluagen der Schaulust usw. 47 

Eine einzelne Tatsache greife ich aus der Psychoanalyse einer 
schweren Zwangsneurose heraus. Der Patient litt an einer im allge- 
meinen nicht sehr erheblichen Lichtscheu. Als seine Assoziationen 
ihn einmal auf gewisse, von der Vater-Imago ausgehende Verbote 
gebracht hatten, bedeckte er plötzlich seine Augen mit den Händen. 
Zur Erklärung dieses Verhaltens dienten mehrere ergänzende Einfälle. 
Der Patient hatte seinem Vater gegenüber immer ein schlechtes Ge- 
wissen gehabt ; er konnte ihn nie recht ansehen. Seine Auflehnung 
gegen den Vater hatte u. a. in der Phantasie, den Vater zu blenden, 
ihren Ausdruck gefunden. 

In diesem Fall ergab sich noch eine spezielle Bedeutung des 
Bedeckens der Augen. Es stellte — abgesehen von den übrigen, uns 
bereits bekannten Bedeutungen — eine Selbstbestrafung dar: 
sich blind machen. Es handelte sich also um eine Talion für die er- 
wähnte, auf den Vater gerichtete Absicht^). 

II. Andere Formen neurotischer Störungen 
im Bereich des Schautriebes. 

Sobald man sich einmal eingehender mit den neurotischen Ein- 
schränkungen und Umwandlungen der Schaulust beschäftigt, ist 
man erstaunt über die Mannigfaltigkeit der Störungen, die aus den 
genannten Vorgängen herzideiten sind. Diese Störungen finden sich 
bald bei den gleichen Personen, welche an Lichtscheu leiden, bald 
treten sie selbständig auf. 

Bei der Darstellung des Krankheitsfalles B. habe ich eine derartige 
Störung, welche neben der Lichtscheu bestand, nur kurz erwähnt 
und komme hier zunächst mit einigen Worten auf sie zurück. 

Der Patient klagte über unscharfes Sehen. Er sah die Gegen- 
stände nicht klar, sondern verschwommen, imdeutlich. Eine Störung 
des Sehapparates war nicht nachzuweisen^) : daß die Affektion neuroti- 
schen Charakter trug, wurde noch dadurch erhärtet, daß sie auf psycho- 
analytische Behandlung gleichzeitig mit der Lichtscheu verschwand. 
Um Wiederholungen zu vermeiden, gehe ich sogleich zu einem andern 



») Vgl. ödipus' Selbstblendung. 

') Ich erwähne an dieser Stelle, daß die in diesem Aufsatz beschriebenen 
Affektionen solche Personen betrafen, die einen durchaus intakten Sehapparat 
hatten. Eine einzige Ausnahme wird im folgenden noch Erwähnung finden. 



4:8 Karl Abraham. 

Fall über, aus dessen Psychoanalyse ich einiges über eine ganz ähnliche 
Affektion mitteilen möchte. 

Die Patientin C. beschäftigte sich mit Malerei. Obwohl sie dieser 
Kunst mit ausgesprochener Liebhaberei ergeben war, bemerkte sie 
doch, daß es ihr namentlich in Zeiten stärkerer neurotischer Erregtheit 
schwer fiel, die Formen von Gegenständen richtig aufzufassen und sie 
ihrem Gedächtnis einzuprägen. Auf diese Störung kam sie zu sprechen, 
als die Psychoanalyse bei der Aufklärung gewisser motorischer Anfälle 
angelangt war. Die Störung erwies sich als vorzugsweise determiniert 
durch eine verdrängte, inzestuös fixierte Schaulust, die sich namentlich 
auf den Vater (Körperformen !) richtete. Eine spezielle Determinierung 
ergab sich aber noch aus der Analyse besonderer Anfälle, die ich einige 
Male auch selbst zu beobachten Gelegenheit hatte. 

Auf dem Sofa liegend, begann die Patientin sich unter Anzeichen 
heftiger psychischer Erregung zu strecken und erhob sich in einem (nicht 
sehr ausgesprochenen) „Are de cercle" von ihrem Lager; dann geriet der 
ganze Körper, besonders die Extremitäten in ein lebhaftes Vibrieren 
und Zucken, das die Patientin mit ächzenden Lauten begleitete, bis 
eine allgemeine Erschlaffung eintrat. Während des Anfalles pflegte 
die Patientin sich einmal hastig aufzurichten und den Kopf für 
einen Augenblick nach der Seite zu drehen, um dann wieder zurück- 
zusinken. 

Die Analyse dieser Anfälle vollzog sich unter ungeheueren Wider- 
ständen; mehrmals begonnen und immer wieder aufgegeben, gelang 
sie erst am Schluß der Behandlung. Die Anfälle entpuppten sich als 
mimische Darstellimg eines mit äußerst heftigen Affekten verbundenen 
Erlebnisses aus der Kindheit der Patientin, über dessen Realität aus 
bestimmten Gründen kein Zweifel obwalten kann. Sie war eines Morgens 
früher als sonst erwacht und war, da sie im gleichen Zimmer wie die 
Eltern schlief, Zeugin des sexuellen Verkehres geworden. Sie hatte 
sich — wie die allmählich hervorkommenden Einfälle ergaben — im 
Bett einen Augenblick aufgerichtet und dann erschrocken wieder 
niedergelegt. Diese ihre eigene aktive Beteiligung an dem damaligen 
Vorgang drückte sich im späteren Anfall durch das plötzliche Auf- 
richten des Oberkörpers aus. Das aufregende Erlebnis selbst wurde 
verdrängt, die Erinnerung machte sich aber bei bestimmten, hier nicht 
weiter zu verfolgenden Gelegenheiten in verhüllter Form bemerkbar. 
Die eigentliche schwere Nachwirkung des Erlebnisses aber bestand in 
heftigen Selbstvorwürfen und in bestimmten Einschränkungen des 



Einschränkungen und Umwandlungen der Schaulust usw. 49 

Trieblebens, unter welchen hier nur die Einschränkung des Schau- 
triebes interessiert. Sie äußerte sich zunächst durch eine Scheu vor 
allem sexuellen Schauen und Wissen, u. a. durch ängstliches Meiden 
von Lektüre, die der Patientin irgendwelche Aufklärung über das 
Liebesleben bringen konnte. Die Scheu breitete sich aber, wie die 
Psychoanalyse ergab, auf das Sehen im allgemeinen aus, selbst wenn 
es keinen manifest-sexuellen Charakter hatte, und bezog sich speziell 
auf die Formen der Objekte. 

Dieser Fall zeigt mit besonderer Klarheit, wie die Beobachtung 
des elterlichen Geschlechtsverkehres bei einem neurotisch veranlagten 
Kinde wirkt. Die Schaulust wird durch derartige Bindrücke an die 
Eltern in ungewöhnlichem Maße fixiert, so daß die späteren Ablösungs- 
versuche mißlingen müssen. Gleichzeitig kommt es zu einer, weit 
über das eigentliche Gebiet der Sexualität hinausgehenden Einschrän- 
kung der Schaulust. Die ,, Talion" kann sehr verschieden weit gehen; 
sie kann zur neurotischen Blindheit führen, kann sich aber auch mit 
gewissen Einschränkungen des Sehens begnügen. Oder sie kann zur 
Bildung von Phobien Anlaß geben. Die Patientin litt an gelegentlichen 
Zwangsgedanken, sich selbst die Augen ausstechen zu müssen. 

Kurz erwähnen will ich hier zwei mir bekannte Krankheitsfälle, 
die ich nicht psychoanalytisch behandelt habe, die aber ein sympto- 
matologisches Interesse bieten und die Mannigfaltigkeit der neurotischen 
Sehstörungen demonstrieren mögen. 

Eine neurotische Frau leidet zeitweise an einer Sehstörung, 
die sie hindert, ohne Brille ein Buch zu lesen. Sie hat eine ausgesprochene 
Scheu vor dem Anblick von Illustrationen in Büchern; sie meidet 
solche daher nach Möglichkeit. 

Ein jüngerer Mann, der von Kindheit an mit Angst vor der Dunkel- 
heit und mit einer hartnäckigen Erblindungsphobie behaftet war, 
erkrankte an einer Sehstörung, die von augenärztlicher Seite sofort 
als neurotisch erkannt wurde. Er beschrieb sie mir in einem Brief 
mit folgenden Worten: ,,Seit ungefähr 10 bis 14 Tagen sehe ich schlecht, 
d. h. es flimmert mir vor den Augen, so als ob es mir beständig schwin- 
delig wäre, und ich sehe nur wie durch einen Schleier. Es fing eines 
Nachmittags mit einem Flimmern an, ich sah z. B. Zickzackbänder 
flimmern, so ungefähr wie wenn man lange in die Sonne oder in grelles 
Licht geblickt hat. Es dauerte etwa eine halbe Stunde ; dasselbe wieder- 
holte sich drei Tage später und seitdem habe ich es beinahe unauf- 
hörlich. Es ist jetzt weniger Flimmern als trübes Sehen, bei großem 

Jahrbucli der Pejehoanslyse. VI. * 



50 Karl Abraham. 

Angstgefühl natürlich. Zuerst hatte ich die Angst vor Erblindung." 
Zum Verständnis dieser Störung, die ich, wie erwähnt, nicht analysiert 
habe, konnte ich nur ermitteln, daß der Patient sich in einem sexuellen 
Konflikt befand, der eine völlige Wiederholung seiner infantilen ödipus- 
einatellung bildete. 

Es gibt eine, freilich seltenere Störung auf dem Gebiet der Schau- 
lust, welche den beschriebenen Störungen der Wahrnehmung in 
ihrer äußern Erscheinung vollkommen entgegengesetzt und dennoch 
gleicher Herkunft ist und den nämlichen Tendenzen dient. Es handelt 
sich um ein übertriebenes Achtgeben auf die Dinge und Vorgänge 
in der Außenwelt, womit sich dann auch ein auffallend getreues Ge- 
dächtnis für minutiöse Details verbindet. Diese stetige Spannung 
der optischen Aufmerksamkeit, dieses Notiznehmen von Dingen, 
welche von anderen Menschen als belanglos mit Recht keiner besonderen 
Beachtung gewürdigt werden, täuscht eine rege Schaulust vor. 
Solche Menschen sind über tausend Kleinigkeiten innerhalb ihres 
Gesichtskreises glänzend orientiert. Aber dieser Gesichtskreis ist in 
Wirklichkeit erschreckend eng; er beschränkt sich auf das, was mit dem 
Interessenkreis der Kindheit, der Familie oder der engen Heimat zu- 
sammenhängt. Dagegen besteht eine Scheu, kennen zu lernen, was 
jenseits dieser Sphäre liegt. Besonders meiden solche Personen das 
sexuelle Schauen xmd jede sexuelle Aktivität. Wie leicht ersichtlich, 
handelt es sich um einen Verschiebungsvorgang. Dasjenige, was den 
Schautrieb am stärksten zu reizen vermag, wird gleichsam als etwas 
Verbotenes gemieden; das Interesse verschiebt sich auf das unbedingt 
erlaubte Indifferente. 

Bei einem Patienten meiner Beobachtung ließ sich dieser Prozeß 
bis auf die frühe Kindheit zurückverfolgen. Der Patient, welcher 
vor Eintritt in die Behandlung etwas Unbestimmtes darüber vernommen 
hatte, daß in der Psychoanalyse die frühesten Kindheitserlebnisse 
reproduziert werden müßten, teilte mir in der ersten Sitzimg vor allem 
andern mit, daß er außergewöhnlich vollständige und getreue Erinne- 
rungen aus seiner frühesten Kindheit habe. Er gab dann sogleich 
einige Beispiele, denen später eine große Zahl weiterer folgte, welche 
sich auf das vierte bis siebente Lebensjahr bezogen. Von Ereignissen 
dieser Zeit wußte er eine unbegreifüche Menge von Einzelheiten. Am 
erstaunlichsten war dieses mmutöae Gedächtnis für zwei Zeitpunkte 
in seinem vierten und siebenten Jahre. Die letzteren bezogen sich 
auf den Aufenthalt in einem Badeort, wo er als sechsjähriger Knabe 



Einschränkungen und Umwandlungen der Schaulust usw. 51 

mit seinen Eltern geweilt hatte. Er kannte eine große Menge von 
Personennamen aus jener kurzen Zeit, beschrieb minutiös das Äußere 
seiner Spielgefährten, erinnerte sich, was diese und jene Person gesagt 
hatte, wußte von jedem Möbel der Wohnung, in der seine Eltern mit ihm 
wohnten. Die Erinnerungen waren so lebhaft und machten den Eindruck 
solcher Frische, daß man mit Recht von einer ausgesprochenen Hyper- 
mnesie reden konnte. 

Dieses Phänomen blieb mir zunächst rätselhaft. An eine solch 
ausgeprägte Ausnahme von der allgemeinen Amnesie für die frühen 
Kindheits jähre vermochte ich nicht zu glauben. Erinnerungsfälschungen 
anzunehmen lag aber ebenfalls kein Grund vor. Die vom Patienten 
gemachten Angaben trugen in keiner Weise den Stempel des Phan- 
tastischen, bewegten sich vielmehr im Rahmen der nüchternsten All- 
täglichkeit. Man hätte vergeblich geraten, was wohl die Phantasie 
des sehr intelligenten Mannes hätte veranlassen sollen, seine Kindheit 
mit dieser Menge uninteressanter Details auszuschmücken. Irgend welche 
affektstarken Eindrücke oder irgend welche Erinnerungen, die den 
Größenwünschen des Kindes oder des Erwachsenen hätten schmei- 
cheln können, fanden sich unter all dem mitgeteilten Material 
nicht vor. 

Diese Hypermnesie klärte sich aber auf, sobald sich in ihrer 
Nähe eine — scheinbar nicht sehr wichtige — umschriebene Amnesie 
herausstellte. Der Patient wußte, außer dem geschilderten indifferenten 
Material nur eine Tatsache aus der Zeit jenes Badeaufenthaltes mit- 
zuteilen, die mit großem Affekt verbimden war: in jener Zeit waren 
lebhafte Selbstvorwürfe bei ihm aufgetreten. Die Ursache dieser 
Selbstvorwürfe war ihm aber völlig aus dem Gedächtnis 
entschwunden. Es ergab sich dann, daß der Patient auch in seinem 
vierten Lebensjahr bereits eine Periode der heftigen Selbstvorwürfe 
durchgemacht hatte ; der Anlaß zu den letzteren lag ebenfalls im Dimkeln. 

Der Hebung einer solchen, seit der frühen Jugend bestehenden 
Amnesie pflegen sich stets ganz besondere Widerstände in den Weg 
zu stellen. So auch in diesem Falle. Ganz allmählich wurden aber, 
besonders durch Träume, die Anhaltspunkte zutage gefördert, die mit 
Sicherheit darauf schließen ließen, daß auch bei diesem Patienten 
die in früher Kindheit erfolgte Beobachtung des elterlichen Sexual- 
verkehres zu schweren Verdrängimgen Anlaß gegeben hatte; sie muß 
gerade in die Zeit gefallen sein, die dem Auftreten der Selbstvorwürfe 
vorausging. Die sexuelle Neugierde verfiel der Verdrängung; an ihre 



52 



Karl Abraham, 



SteDe trat das übertriebene Achtgeben auf indifferente Einzelheiten 
im täglichen Leben. 

Die Erforschung der frühen Kindheit förderte bei dem nämhchen 
Patienten Materiaüen zutage, die bewiesen, daß sich sein Interesse 
frühzeitig in einem ungewöhnHchen Maße auf den Körper seiner Mutter 
gerichtet hatte. Seine Fixierung an die Mutter hielt auch nach der 
Pubertät an und äußerte sich in einer schweren Neurose (Angsthysterie). 
Es ist nun bemerkenswert, daß der Patient eine große Scheu empfand, 
seine Mutter anzusehen. Das Verbot des Schauens auf die Nacktheit 
der Mutter hatte sich in eine Scheu vor ihrem Anblick überhaupt 
umgewandelt. Fremden weiblichen Personen blickte der Patient 
mit VorHebe ins Gesicht, namentlich in die Augen; das hatte für ihn 
einen ausgesprochen erotischen Reiz. Faktisch war dieses seine 
einzige Sexualbetätigung gegenüber dem weiblichen Geschlecht. Ich 
erinnere hier an die früheren Erörterungen, welche uns die Genital- 
bedeutung des Auges ergaben. Jene sehr reduzierte Sexualbetätigung 
des Patienten war also eine von ihrem ursprünglichen Ziel — dem 
Genitale — abgelenkte, „nach oben verlegte" Schaulust. Bei dieser 
Gelegenheit mag daran erinnert werden, daß der Ausdruck des Auges 
leicht eine erotische Erregung verrät. Männer mit herabgesetzter 
sexueller Aktivität suchen oft gerade dieses Zeichen der Geneigtheit 
bei weibliehen Personen; sie beschränken sich manchmal darauf, 
dieses Zeichen hervorzurufen, unter Verzicht auf jede sonstige An- 
näherung. Diese Erscheinungen werden unten eine genauere Be- 
sprechung finden. Hier genügt es, auf die eigentümliche Verschiebung 
des Schautriebes hinzuweisen. 

Bei dem gleichen Manne bestand aber eine Scheu, männliche 
Personen anzublicken; sie bezog sich sogar auf ihm ganz vertraute 
Menschen. Die homosexuelle Schaulust war also in bedeutend weiterem 
Umfang der Verdrängung verfaUen als die heterosexuelle. 

Eine ähnliche Unterdrückung der Schaulust ist von erheblicher 
Bedeutung für die Entstehung eines sehr verbreiteten motorischen 
Symptoms im Bereich der Augen, nämlich des zwangartigen 
Zuckens der AugenUder. Soweit meine psychoanalytische Erfahrung 
reicht, entspringt diese Zwangsbewegung einem erschrockenen 
Verschließen der Augen. Diese ist zunächst ein Ausdruck der 
Kastrationsangst. Das Liderzucken scheint regelmäßig mit einer 
Angst vor Beschädigung der Augen verbunden zu sein, welche nach 
unseren früheren Ausführungen einer Angst um das Genitale gleichkäme. 



Einscliränkungeii und Umwandlungen der Schaulust usw. 53 

Das zwangsmäßige Zusammenkrampfen der Lider entspricht des 
weiteren einem Grauen vor gewissen Phantasien, welche sich dem Pa- 
tienten mit visionärer Deutlichkeit aufdrängten imd verbotenen 
Schaugelüsten Ausdruck gaben. Es scheint sich dabei teils um eroti- 
sche Vorstellungen zu handeln, teils um solche sadistischer 
Alt (Phantasien vom Tode Angehöriger). Diese Vorstellungen drängten 
sich dem Patienten eines Tages in Form von Bildern (Zwangshallu- 
zinationen) auf, wurden imter Zeichen des Grauens abgewiesen und ver- 
fielen der Verdrängung. Das zwangsmäßige krampfartige Schließen 
der Augenlider zeigt aber an, daß jene verpönten Phantasien im 
Unbewußten des Patienten noch existieren und daß ein fortdauernder 
Verdrängungsaufwand erforderlich ist, um sie vom Bewußtsein fern- 
zuhalten^). 

Eine eigentümliche Transformation der sexuellen Schaulust 
stellt diejenige Störung dar, welche ich mit dem Namen Schau- 
zwang belegen möchte. Ich behandelte einen Zwangsneurotiker, 
der neben dem Zwange, über die Herkunft jedes Gegenstandes zu 
grübeb, an dem krankhaften Antrieb litt, die Rückseite jedes 
Gegenstandes seinen Augen zugänglich zu machen und sie 
dann zu betrachten. Ich habe kürzlich einiges über diesen merkwürdigen 
Fall mitgeteilt^). In diesem Zusammenhange sind folgende Tatsachen 
von Interesse. 

Vor dem Hause, in welchem ich damals wohnte, befand sich 
ein Vorgarten, an dessen Gitter mein Namensschild angebracht war. 
Der Patient begnügte sich bei seinem ersten Besuch, der an einem 
Abend stattfand, nicht damit, die Aufschrift des Schildes zu lesen, 
sondern beleuchtete, nachdem er in den Vorgarten eingetreten war, 
mit Hilfe eines Zündhölzchens die Rückseite des Schildes. Dann 
brachte er (nach Schilderung seiner ihn begleitenden Frau) längere 
Zeit damit zu, laut vor sich hin sprechend, über die Herstellung 
solcher Schilder nachzugrübeln. Als seine Frau ihn endlich bis in 
mein Sprechzimmer gebracht hatte, faßte er alsbald eine kleine 



1) Ich bemerke ausdrücklich, daß ich hier keine erschöpfende Erklärung 
des Phänomens gebe; die obigen Andeutungen entstammen gelegentlicher Be- 
obachtung, nicht ausführlicher Analyse. 

') ,,Eine Deckerinnening betreffend ein Kindheitserlebnis von scheinbarer 
ätiologischer Bedeutung . ' ' 

Internationale Zeitschr. f. ärztl. Psychoanalyse, 1913, Bd. I, S. 247. 



^* Karl Abraham. 

Bronzefigur ins Auge, nahm sie vom Tisch, drehte sie und betrachtete 
besonders eingehend die Rückseite des Körpers. 

Die sehr fragmentarische Psychoanalyse ergab, daß der Patient 
in der Kindheit ein übergroßes Interesse für das Gesäß bekundet hatte. 
Im Anschluß an den unverhofften Anblick des Gesäßes einer Frau 
waren seine ersten Zwangssymptome aufgetreten. Das Interesse am 
Gesäß hatte sich dann auf leblose und indifferente Gegenstände ver- 
schoben, deren Rückseite der Patient zwangsmäßig betrachten mußte. 
Warum die Schaulust in diesem Falle (und in mancher andern Neurose) 
vorwiegend auf das Gesäß anstatt auf das Genitale gerichtet ist, kann 
hier nicht genauer untersucht werden. 

Eine, wie es scheint, speziell bei weiblichen Neurotischen vor- 
kommende Störung ist die Angst, durch den Blick Personen 
des andern Geschlechtes sinnlich zu erregen. Sie führt in 
manchen Fällen zu einer Scheu vor jeder Begegnung mit Menschen, 
so daß die von dieser Störung befallenen Personen ganz unsozial werden! 
Die EigentümUchkeit dieser und gewisser noch zu erwähnender 
Fälle besteht darin, daß dem Auge respektive dem Blick eine Macht 
zugeschrieben wird, als wäre das Individuum im Besitz zauberhafter 
Kräfte. Es entspricht dieser Überschätzung des Auges und seiner 
Macht, daß solche Menschen in ihrem Denken sich in auffälliger Weise 
auf diesen Vorstellungskreis einengen. Auf Grund mehrfacher Er- 
fahrungen glaube ich die hierher gehörigen Fälle diagnostisch nach 
zwei Seiten sondern zu können. 

Die Angst, durch den Blick in jedem Menschen sexueUe Er- 
regung wachzurufen, findet sich bei Neurotischen neben anderen 
Phobien oder Zwangsgedanken. Die Störung erscheint mir durchaus 
em Analogen der Vorstellung von der „Allmacht der Gedanken" zu 
sem; dem Blick wird hier eine solche „AUmacht" zugeschrieben. 

Diagnostisch anders zu bewerten sind dagegen jene Fälle in 
denen die Angst besteht, durch den Blick Wirkungen zu erzielen,' die 
über das Erregen von Verliebtheit usw. weit hinausgehen. Hier handelt 
es sich um Psychosen von paranoidem Charakter, die oft durch lange 
Zeit äußerlich unter dem Bilde einer Neurose verlaufen. 

Bei einem jungen Mädchen bestand die Angst, durch ihren Blick 
andere xMenschen in solchem Maße zu entsetzen, daß sie erstarren und 
auf der Stelle sterben müßten. Die Übereinstimmung mit einem 
antiken Sagenstoff ist hier ganz frappant; die Patientin vergUch auch 
selbst ihren Blick mit dem der Gorgo. Diese Angst verstärkte sich 



EiEschränkungen und Umwaadlungen der Schaulust usw. 55 

im Laufe der Jahre immer mehr imd nötigte die Patientin, sich von aller 
Gesellschaft zurückzuziehen. In einem ihrer Träume befand sie sich 
in einem riesigen Kaume, der etwa einer Bahnhofshalle glich. Unter 
den Tausenden von Menschen, die dort versammelt waren, erscholl 
plötzlich der Schreckensruf, die „Totenstarre" sei ausgebrochen, wo- 
rauf die Menschen in panischem Entsetzen vor der Träumerin flohen. 

Ganz ähnliche Phantasien fand ich bei einem andern jungen 
Mädchen. Die Vorstellung, durch ihren Blick zahllose Menschen zu 
töten, setzte sich bei ihr nicht bloß in den Träumen, sondern auch in 
Sinnestäuschungen während des Wachens durch. Als sie z. B. an einem 
Ball teikiahm, bemerkte sie zu ihrem Entsetzen, wie jeder Mensch, 
den sie ansah, im Gesicht eine weißgrünliche Leichenfarbe annahm, 
wodurch für sie der Bindruck entstand, daß sie sich unter lauten Toten 
befand. 

Beide Personen, von welchen zuletzt die Kede war, ergingen 
sich in maßlosen sadistischen Phantasien. Die eine zerbrach im Traum 
ihrer Mutter sämtliche Knochen, die andere phantasierte unaufhörlich 
von räuberischen Überfällen auf ihre Familie, deren Mitglieder ge- 
mordet oder gefoltert wurden; diese Beispiele ließen sich beliebig ver- 
mehren. Das Auge war in diesen Fällen sozusagen ein Instru- 
ment des Sadismus. 

Es ist bemerkenswert, daß es sich in den Fällen dieser Art, welche 
ich beobachten konnte, immer um weibliche Personen handelt«. Die 
Psychoanalyse in den beiden zuletzt erwähnten Fällen war mit sehr 
großen, in der Krankheit begründeten Schwierigkeiten verbunden. 
Ich kann deshalb nur mit einer gewissen Reserve aussagen, daß für 
beide Patientinnen, die in ihren Phantasien die männliche Geschlechts- 
rolle zu übernehmen liebten, das Auge die Bedeutung eines Penis zu 
haben schien, mit dem man die Menschen ersehrecken und töten konnte. 
Diese Auffassung, die zmiächst befremdend und unwahrscheinlich 
klingt, findet ihre Bestätigung in den nicht seltenen Beängstigungen 
neurotischer Frauen, vom Blick des Mannes , .durchbohrt" zu werden. 
So wich z. B. eine meiner Patientinnen dem Blick jedes Mannes aus, 
weil sie sich von ihm im eigentlichsten Sinne — durchbohrt fühlte, 
d. b. sie verspürte, sobald der Blick eines Mannes sie traf, einen stechen- 
den Schmerz im Unterleib. 

Andere Neurotische spüren stechende oder bohrende Schmerzen 
i m Auge. In manchen solchen Fällen handelt es sich um eine Verlegung 
der soeben erwähnten Genitaisensationen „nach oben". Es gibt jedoch 



56 



Karl Abraham. 



seltene Fälle von schwerem, neurotischem Augenschmerz, die 
eine sehr komplizierte psychologische Struktur aufweisen. Ich werde 
über die Psychoanalyse eines solchen Falles genauer berichten; hier 
war der Augenschmerz mit emer extremen Lichtscheu kombiniert. 
Die Patientin brachte längere Zeit in vollkommenem Dunkel zu. Dieser 
Fall eignet sich besonders dazu, die Bedeutung der Dunkelheit 
im Seelenleben der an Lichtscheu Leidenden aufzuklären. Wir 
müssen zu diesem Zwecke wieder an die oben mitgeteilten Resultate 
aus der Analyse der Lichtscheu anknüpfen. 

III. Zur Bedeutung des Dunkels in der Psychologie 

der Neurosen. 

Bei der Analyse der neurotischen Lichtscheu ergab sich, daß 
der Sonne vorzugsweise die Bedeutung eines Vatersymbols, daneben 
freilich auch diejenige eines Muttersymbols zukomme. In Hinblick 
auf diese zweite, entschieden untergeordnete Bedeutung darf man 
sagen, daß das nur in der Einzahl vorhandene Sonnensymbol der Dar- 
stellung der Vaterimago diene, welch letztere die Mutterimago so- 
zusagen in sich aufgesogen habe. Ich denke dabei an einen "Vorgang 
solcher Art, wie wir ihn in deutlichen Spuren z. B. in der biblischen 
Schöpfungsgeschichte finden. Unterwirft man diesen Mythus, der ja 
Spuren ganz außerordentlicher Umarbeitungen und Entstellungen auf- 
weist, einer genaueren Analyse, so fällt in hohem Maße auf, wie sehr 
das weiblich-mütterliche Element im männlich-väterlichen aufgegangen 
ist. Findet man in den ims sonst bekannten Kosmogonien stets ein so 
genanntes ,, Welt - Elternpaar", so erschafft in der biblischen Ge- 
nesis der einzige (männliche) Gott allein die Welt, alle Wesen und end- 
lich auch den Menschen, oder — richtiger gesagt — den Mann. Erst 
aus diesem entsteht das Weib. Beide zeugen zusammen wiederum 
Söhne, keine Töchter. Diese weitgehende Ausschaltung des weibhchen 
Elementes erweist sich jedoch als eine ganz sekundäre Erscheinung, 
auf die später noch zurückzukommen sein wird. 

Wenn nun im Sonnensymbol vorwiegend die Vaterimago ihren 
Ausdruck findet, so wird man sich fragen, ob die Imago der Mutter 
nicht etwa doch auch durch ein besonderes S3rmbol in den Phantasie- 
gebilden unserer Patienten vertreten sei. Denn die Mutter spielt in 
den unbewußten Phantasien dieser Patienten eine bedeutende Rolle; 
die ihr geltenden Vorstellungen haben unbedingt den gleichen An- 



Einschränkungen und Umwandlungen der Schaulust usw. 5' 

Spruch auf einen ihnen adäquaten symbolischen Ausdruck wie die auf 
den Vater bezüglichen Phantasien. Zur Lösung dieser Frage gelangte 
ich auf einem Umweg, nämlich als ich einer andern, ebenfalls ungelösten 
Frage im Bereich der neurotischen Lichtscheu näher zu kommen ver- 
suchte. Die neurotische Lichtscheu wurde nicht in vollem Umfang 
verständlich, solange nicht die Frage, warum die Patienten das Dunkel 
aufsuchen, allseitig geklärt war. Ich selbst war anfänglich geneigt, 
in diesem Verhalten lediglich eine Flucht vor dem Licht zu erblicken. 
Bei genauerem Studium dieser Fälle wurde mir aber immer klarer, 
daß dem Dunkel nicht bloß eine negative Bedeutung zukomme. Durch 
eine Mitteilung von Dr. A. Stegmann in Dresden wiirde ich auf den 
positiven Lustwert des Dunkels aufmerksam gemacht. Erst dadurch 
wurden mir die manchn^al so komplizierten Maßregeln zur Herstellung 
völhger Dunkelheit verständlich, wie diese Patienten sie, besonders 
am Abend, zu treffen pflegen. Ich habe, der größeren Übersichtlichkeit 
halber, in den zwei mitgeteilten Auszügen aus Psychoanalysen (Kap. I) 
diese wichtige Seite des Zustandes zunächst außer acht gelassen. 
Ich werde das Nötige nunmehr nachtragen und mich dabei auf die 
schon bisher herangezogenen Fälle, außerdem aber namentlich auf 
die Psychoanalyse einer Frau beziehen, die an einer extrem schweren 
Lichtscheu erkrankt war. 

Bei allen drei Personen erwies sich die Bedeutung des Dunkels 
als mehrfach determiniert. Regehnäßig drängten sich beim Versuch, 
die Bedeutung der Dunkelheit zu analysieren, bestimmte Vorstellungen 
zimächst in den Vordergrund, von denen darum auch hier zunächst 
die Rede sein soll. 

Es stellte sich nämlich bei allen diesen Personen heraus, daß 
sie unter depressiven Stimmungen litten und eine unverkennbare 
Neigung zur Weltflucht in sich trugen. Das Licht des Tages be- 
deutete ihrem Unbewußten das Leben, das Dunkel den Tod. Diese 
symbolische Verwendimg von Licht und Dunkel lehnt sich an den 
alltäglichen Sprachgebrauch an. Man findet jedoch bei den Neurotischen 
weit häufiger, daß sie Angst vor dem Tag haben — besonders am 
Morgen beim Erwachen — und sich am Abend in jeder Hinsicht wohler 
fühlen, weil der Tag zu Ende geht und die Nacht herankommt, ohne 
daß sie dabei auf Helle oder Dunkelheit den Akzent legen. Der Tag 
ist die Zeit des allgemeinen Lebens, der Geschäftigkeit; die Nacht 
bedeutet das Gegenteil Bei den Neurotikern, von denen hier speziell 
die Rede, repräsentiert aber gerade das Licht des Tages das Leben, 



58 



Karl Abraham. 



das Dunkel den Tod. Die Neurotiker, in deren Krankheit die ver- 
drängte Schaulust eine dominierende Rolle spielt, sprechen eben in 
ihren Symptomen einen besonderen „Dialekt", um einen treffenden 
Ausdruck Freuds zu gebrauchen. Es ist der Dialekt, der durch den 
vorherrschenden Partialtrieb und die vorherrschende erogene Zone 
determiniert wird. 

Die Scheu vor dem Licht, besonders aber auch die komplizierten 
Veranstaltungen zur Abhaltimg jedes Lichtstrahles in der Nacht 
werden so bereits bedeutend verständlicher. Die Patienten sehnen 
sich unbewußt nach dem Dunkel und suchen am Abend, wenn das 
ihnen unsympathische Tageslicht geschwunden ist, die Dunkelheit 
möglichst absolut zu gestalten. Eine Patientin ging, wie erwähnt, so 
weit, daß sie auch bei Tage in völlig verfinsterten Räumen lebte. 

Diese Weltflucht ist selbstverständlich nicht lediglich eine Flucht, 
— also etwas rein Negatives — sondern sie hat ihren positiven Lustwert. 
Der Patient zieht sich in tiefe Nacht zurück, um keinerlei Kunde mehr 
von der Außenwelt zu erhalten, also um mit sich imd seinen Phantasien 
allein zu sein. Bei denjenigen Neurotischen, die am Tage das Licht, 
sofern es nicht direktes Sonnenlicht ist, ertragen, haben wir mit einer 
Art von Kompromißbildung zu tun. Am Tage bleibt der Konnex mit 
der Außenwelt einigermaßen erhalten; bei Nacht wird er vollkommen 
aufgehoben. Sperrt sich der Patient dagegen auch am Tage gegen 
jeden Lichtstrahl ab, so bedeutet das eine komplette Abkehr vom 
wirklichen Leben. 

Ich muß hier an ein Symptom erinnern, welches bezüglich seiner 
Genese und seiner Wirkungen der Lichtscheu durchaus analog ist: 
die neurotische Geräuschempfindlichkeit. Auch dieses Leiden 
hat eine seiner Wurzehi in der Weltflucht des Patienten. Alles Leben 
bringt Geräusch mit sich: Geräusche sind daher für den Neurotiker 
das Kennzeichen des rastlos pulsierenden Lebens, von dem er durch 
seine Sexualablehnung ausgeschlossen ist. Er haßt das Geräusch, 
besonders Aber Menschen, die geräuschvoll auftreten und damit doku- 
mentieren, daß sie frei von Hemmungen und Unsicherheitsgefühlen 
durchs Leben gehen. Von Interesse ist übrigens, daß Lichtscheu 
und Scheu vor Geräuschen oft miteinander vergesellschaftet sind"^). Ein 
besonders charakteristisches Verhalten von Personen, die an beiden 
Symptomen leiden, besteht darin, daß sie nachts nicht nur in einem 

^) Vgl. das auf Seite 39 Gesagte. 



Einschränkungen und Umwandlungen der Schaulust usw, 59 

sorgsam verdunkelten Räume schlafen, sondern sich noch die Bett- 
decke über den Kopf ziehen, um so gegen Licht und Geräusch gänzlich 
abgesperrt zu sein. 

Folgt man den freien Assoziationen der Patienten weiter, so 
gelangt man von der Vorstellung einer Flucht in den dunkehi, wohl- 
verschlossenen Raum regelmäßig zu jenen Vorstellungen, die uns auch 
aus anderen Neurosen als ,, Mutterleibsphantasien" bekannt sind. 
Sogelangen wir zu der Einsicht, daß die Dunkelheit als Symbolder 
Mutter aufzufassen ist. Es wäre leicht, diese Bedeutung der Dimkelheit 
durch völkerpsychologische Materialien zu erhärten. Die einschlägigen 
Tatsachen sind zu bekannt, als daß ein genaues Eingehen notwendig 
wäre. Ich ziehe es vor, sogleich auf die Lehren eines besonders in- 
struktiven Krankheitsfalles zu kommen. 

Die Patientin — dieselbe, auf deren Krankheitsgeschichte ich 
im vorstehenden schon einige Male verweisen mußte — lebte zu der 
Zeit, als sie in psychoanalytische Behandlung trat, Tag und Nacht 
im absoluten Dunkel. Sie litt — wie erwähnt — nicht nur an einer 
sehr ausgeprägten Lichtscheu, sondern empfand jede Belichtung als 
heftigen Schmerz in den Augen. Die Sehorgane waren, bis auf einen 
mäßigen Grad von Astigmatismus, durchaus gesund. Eine Reihe nam- 
hafter Ophthalmologen hatte sich übereinstimmend dahin ausgesprochen, 
daß es sich bei der Patientin nicht lediglich um die Schmerzen handle, 
welche oftmals den Astigmatismus begleiten. Der ätiologische Zu- 
sammenhang des Leidens mit schweren G^mütserregungen wurde von 
der Patientin selbst betont. 

Jeder Besuch der Patientin in meiner Wohnung war durch ihr 
Leiden aufs äußerste erschwert. Am hellen Tage konnte sie den Weg 
nicht machen; ebensowenig am Abend, wenn die Straßen elektrisch 
beleuchtet waren. So war sie auf die Dämmerstunde angewiesen. 
Sie schützte dann ihre Augen durch ein Pincenez mit ganz dunkeln 
Gläsern; darüber setzte sie eine ebenfalls dunkle Automobilbrille, 
die besonders den seitlichen Lichteinfall vom Auge fernhielt. Dann 
folgte als weiterer Schutz ein dichter Schleier; damit nicht genug, bog 
sie die sehr breite Krempe ihres Hutes tief herab. So geschützt, bestieg 
sie eine geschlossene Droschke und begab sich zur Behandlung. In 
ihrer Wohnung schützte sie sich in ähnlich komplizierter Weise gegen 
das Licht. 

Daß auch in diesem Falle Licht und Leben identisch waren^ 
ergab sich bald ; die ungeheuer starke Betonung des Willens, im Dunkeln 



60 Karl Abraham. 

zu leben, stellte sich bald als ein Todesselmen heraus. In einem ihrer 
G«dichte hatte die Patientin, die einst mit großem Ehrgeiz ins Leben 
getreten war, ihr Dasein mit einem Kirchhof verglichen. Sie war in 
ihrem dunklen Zimmer, wo sie auch noch zumeist im Bette lag, gleich- 
sam lebendig begraben. Die in diesem Begräbnis liegende Selbst- 
bestrafung liegt für den Psychoanalytiker auf der Hand, der weiß, 
wie häufig die verdrängte Phantasie vom Lebendigbegraben zur neu- 
rotischen Symptomenbildimg Anlaß gibt. 

Von ausschlaggebender Wichtigkeit war aber, wie sich des weiteren 
zeigte, die Phantasie von der Rückkehr in den Mutterleib. 
Die Fixierung der Tochter an die Mutter war so außergewöhnlich stark, 
daß die Patientin, eine Frau von großem psychologischen Scharfblick, 
mit Bezug darauf einmal äußerte, die ,, psychologische Nabelschnur" 
zwischen ihr und ihrer Mutter sei nicht durchgeschnitten worden ! Unter 
ihren Gedichten fand sich eines, in dem sie die Mutterleibsphantasie 
in anschaulicher Weise zur Darstellung gebracht hatte. 

Von den mannigfachen Determinierungen der Lichtscheu und des 
Augenjschmerzes kann ich aus besonderen Rücksichten nur einiges 
andeuten. Im Phantasieleben der Patientin lagen schwerwiegende 
Motive, wegen deren sie sich jeder Lust am Schauen begeben hatte 
und sich für jeden Verstoß gegen dieses selbstgegebene Verbot mit 
heftigen Schmerzen bestrafte. Neben anderen Phantasien handelte es 
sich um solche, die gegen eine Person ihrer nächsten Umgebung gerichtet 
waren, weil jene die Patientin an Glanz weit überstrahlte. 

Zur Erklärung der sonderbaren Prozeduren, welche die Patientin 
vor dem Verlassen des Hauses treffen mußte, trug in hohem Maße bei, 
daß sie durch Brillen und Schleier hindurch auf keinen Mann ,,ein Auge 
werfen" konnte, daß sie sich durch ihre Vermummimg für jeden Mann 
abschreckend machte, freilich auch für den eigenen Mann. 

Ohne des weiteren auf die Determinierungen der Symptome einzu- 
gehen — besonders die sadistischen Determinierungen habe ich nicht 
genauer berücksichtigt — erwähne ich, daß im Laufe einiger Monate eine 
so weitgehende Besserung der Lichtscheu eintrat, daß die Patientin 
imter Anwendung relativ geringer Schutzmaßregeln an abendlichen Ge- 
sellschaften in hell erleuchteten Räumen teilnehmen konnte. Einmal 
brachte sie vier Stunden in einem hell erleuchteten Saal zu. Diese 
schönen Erfolge, welche natürlich zu einem Teil auf Übertragimga- 
wirkungen beruhten, wurden durch eine Periode des intensivsten 
Widerstandes abgelöst. Die Psychoanalyse hatte der Kranken zum Eintritt 



Einschränkungen und Umwandlungen der Schaulust usw. 



61 



ins Leben verholfen, hatte die „psychologische Nabelschnur" nahezu 
durchtrennt. Aber die Patientin durfte sozusagen das Licht der 
Welt nicht erblicken. Der nun einsetzende Widerstand erweckte die 
Mutterleibsphantasien von neuem. Die Patientin zog sich mit heftigen 
Schmerzen wieder in ihren kaum verlassenen Kerker zurück und weigerte 
sich gegen eine Fortsetzung der Behandlung; diese wurde tatsächlich 
nicht wieder aufgenommen. 

Die symbolische Bedeutung des Dunkels hat einen durchaus 
ambivalenten Charakter. Ganz wie die Erde oder das Wasser hat 
auch das Dunkel gleichzeitig eine symbohsche Bedeutung im Sinne 
der Geburt und des Todes. Diese doppelte Bedeutung kommt in 
der Symbolik der Träume und der Neurosen allen Höhlen zu, in welche 
kein Licht eindringt, u»d zwar sowohl den Höhlen des menschlichen 
Körpers als auch Hohlräumen anderer Art. 

Die dunkle Höhle, welche in dieser SymboHk den Mutterleib 
repräsentiert, ist oftmals nicht als Uterus, sondern als Dar m aufzufassen. 
Für den psychoanalytisch Erfahrenen genügt hier der Hinweis auf die 
bekannte infantile Sexualtheorie, welche die Geburt der Kinder aus dem 
Anus der Mutter erfolgen läßt, und die oft überlebhafte Betonung 
des kindlichen (respektive neurotischen) Interesses an Darm und Darm- 
funktionen. Durch die Ergebnisse meiner Psychoanalysen bin ich 
aber mehr und mehr darauf aufmerksam gemacht worden, daß das 
Interesse mancher Neurotiker am Alleinsein in einem engen, dunkeln 
Raum noch weitere Determinierungen analerotischer Natur 
aufweist. Besonders kommt in ihren Phantasien, wie leicht zu vermuten, 
diesem Raum oft die Bedeutung des Klosetts zu. Überraschender, 
aber für den Kundigen durchaus erklärlich ist die nicht seltene Vor- 
stellung neurotischer Personen, in einer Klosettgrube eingeschlossen 
zu sein. Bald ist diese der Ort ihrer heimlichen, lustbetonten Wünsche, 
bald ihrer unheimlichen Befürchtungen. 

Ich mußte zum Schluß dieses Abschnittes ausführlicher auf das 
infantile und das neurotische Interesse an geschlossenen dunkeln 
Räumen eingehen, weil uns dadurch andere psychologische Erscheinun- 
gen verständlich werden, zu denen wir nun übergehen müssen. Die 
bei vielen Neurotischen, insbesondere bei Zwangskranken, so sehr 
hervortretende Neigung zu allem „Dunkeln", d. h. Geheimnisvollen, 
Übersinnlichen, Mystischen darf nicht nur aus verdrängter Schaulust 
im allgemeinen erklärt werden, sondern ist spezieller determiniert 



62 



Karl Abraham. 



durch jenes lustbetonte Interesse an dunkeln Höhlen, welches uns 
aus der infantilen Sexualität verständlich wurde. 

IV. Beiträge zur Psychologie des Zweifeins 
und Grübelns. Völkerpsychologische Parallelen. 

In den „Bemerkungen über einen Fall von Zwangs- 
neurose" (1909) hat Freud den Nachweis geführt, daß gewisse Sym- 
ptome der Zwangsneurose von einem Verdrängungs- und Verschiebungs- 
vorgang herrühren, welcher den Schautrieb betroffen hat. Er verwies 
dabei namentlich auf die Beziehungen zwischen Schaulust, Wiß- 
begierde, Zweifeln und Grübeln. 

Im folgenden beabsichtige ich, an Hand meines analytischen 
Materials den von Freud erkannten Prozeß genauer zu verfolgen und 
Freuds Aufstellungen in gewisser Hinsicht zu ergänzen; überdies werde 
ich gewisse völkerpsychologische Parallelerscheinungen in den Kreis 
der Betrachtung ziehen. 

Bei den Neurotikem, welche an Frage- und Grübelsucht leiden, 
finden wir regelmäßig eine Herabsetzung der sexuellen Aktivität; 
in extremen Fällen ist die letztere dem grüblerischen Denken vollständig 
zum Opfer gefallen^). Solche Menschen stehen den wichtigen Fragen 
der Sexualität ratlos wie Kinder gegenüber; ihr Interesse hat sich vom 
sexuellen Gebiet in folgenschwerer Weise entfernt und sich auf andere 
Fragen verschoben. 

Die primitive sexuelle Neugierde richtet sich im Kindesalter 
zuerst auf den Körper und speziell auf die Genitalien der Eltern, 
sodann auf den Zeugungsvorgang und auf die Geburt. Daß sich beim 
Knaben, dessen Verhalten uns hier in erster Linie beschäftigen muß, 
das Interesse in weit höherem Maße der Mutter zuwendet als dem 
Vater, ist nicht bloß aus dem Geschlechtsunterschied zu erklären, 
sondern hauptsächlich auch aus dem Interesse für die Herkunft der 
Kinder aus dem Körper der Mutter, 

Die primitive kindliche Neugierde will diese Organe oder Vor- 
gänge sehen; das Verlangen, von ihnen zu wissen, läßt bereits auf 
eine Eindäm mung der Schaulust schließen. Bei vielen Neurotikern 

') Es handelt sich hier vorwiegend um männliche Patienten. Bei Frauen 
ist die Grübelsueht viel seltener. Wo ich aber bei Frauen Symptome von Frage- 
sucht oder ähnliche Erscheinungen fand, stellte sich regelmäßig auch eine außer- 
gewöhnlich weitgehende Sexualablehnung heraus. 



Einschränkungen und Umwandlungen der Schaulust usw. 63 

geht die Einschränkung bedeutend weiter, indem auch das Wissen 
auf sexuellem Gebiet gleichsam einem Interdikt verfällt. Alsdann 
kommt ea. zu mannigfaltigen Transformationen der Schaulust, deren 
wichtigste von Freud in der genannten Schrift bereits behandelt 
worden sind. Wertvolle Beiträge zu diesen Fragen hat kürzlich 
V. Winterstein^) geliefert. 

Mit diesen Prozessen der Transformierung und ihren Produkten 
müssen wir uns nunmehr beschäftigten. 

Wir nehmen mit Freud an, daß die sexuelle Schaulust des gesunden 
Menschen im Küidesalter in einem erheblichen Umfang der Verdrängung 
und Sublimierung verfällt. Von wichtigen psychologischen Erschei- 
nungen, welche größtenteils diesem Vorgang ihre Entstehung verdanken, 
nenne ich hier nur Wißbegierde (im allgemeinen Sinne), Forschungs- 
drang, Interesse an der Naturbeobachtung, Reiselust sowie den Trieb 
zur künstlerischen Verwertung des vom Auge Wahrgenommenen (z. B. 
in der Malerei). 

Bei Nexirotischen müssen wir in vielen Fällen sicherlich eine 
konstitutionelle Verstärkung der Schaulust annehmen; doch kann 
auch durch Einschränkung der sexuellen Aktivität der Schaulust 
eine vergrößerte Bedeutung zufallen. An die Stelle aktiver sexueller 
Leistungen tritt dann ein verstärkter Drang zum tatenlosen Schauen 
aus der Ferne. Das Schicksal dieser neurotischen Schaulust kann sehr 
vielfältig sein. Zu einem Teil kann sie in ihrer ursprünglichen Gestalt 
erhalten bleiben; zu einem andern Teile wird sie durch Sublimierung 
im oben beschriebenen Sinne umgewandelt; ein dritter Teil endlich 
wird zur neurotischen Sjrmptombildung verwandt. Je lebhafter der 
Trieb, desto intensiverer Sublimierungsarbeit bedarf es, um den 
Ausbruch neurotischer Störungen zu verhüten; desto schwerer pflegen 
freilich auch diese Störungen auszufallen, wenn es zur Symptombildung 
kommt. 

Der Sublimierungsprozeß vermag seinerseits verschiedene Rich- 
tungen einzuschlagen. Ich wende mich zunächst zu solchen Neurotikern, 
welche ein lebhaftes Interesse für konkretes Wissen oder For- 
schen an den Tag legen. 

In den Interessen der Neurotiker, welche einer solchen Subli- 
mierung der Schauliist ihre Entstehung verdanken, vermag man oft 
den ursprünglichen Trieb — bald ohne besondere Hilfsmittel, bald erst 

*) ,, Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie". 
Image, 1913, Bd. 11. 



64 Karl Abraham. 

auf psychoanalytischem Wege — wieder zu erkennen. Ich gebe aus 
einer meiner Beobachtimgen ein paar besonders instruktive Beispiele^). 

Ein sehr intelligenter und gebildeter Neurotiker hatte ein aus- 
geprochenes Streben nach wissenschaftlicher Universalität in sich. 
Bei seiner regen geistigen Tätigkeit hatte er bemerkt, daß ihn in jeder 
Wissenschaft, der er sein Interesse zuwandte, immer ein einzelnes 
Problem ganz besonders fesselte. Als ich ihn um. Beispiele bat, nannte 
er mir u. a. die folgenden: 

In der Chemie interessiere ihn am meisten der Status nascendi. 
Bei genauerem Eingehen ergab sich, daß der Augenblick, in dem ein 
Stoff sich bildet oder in dem zwei Stoffe sich zu einem neuen ver- 
einigen, ihn förmlich zu faszinieren vermochte. Das Interesse für 
Zeugung (Vereinigung zweier Stoffe zur Bildung eines neuen) und 
Geburt (Status nascendi!) war hier in erfolgreicher Weise auf ein 
wissenschaftliches Problem verschoben. Der Patient fand in jeder 
Wissenschaft unbewußt dasjenige Problem heraus, welches sich zur 
verhüllten Darstellung seiner Kindheitsinteressen am besten eignete. 

Ein weiteres, besonders instruktives Beispiel für diese Subli- 
mierungstendenz entnahm der Patient aus dem Gebiet der Paläonto- 
logie. Hier habe ihn das als ,, Pliozän" bezeichnete Zeitalter am 
meisten gefesselt. Es handelt sich um das Zeitalter, in welches das 
erste Auftreten des Menschen fällt. Die typische Frage des Kindes 
nach seiner eigenen Entstehung ist hier zum allgemeinen Interesse 
für die Entstehung des Menschengeschlechtes sublimiert. 

Es wäre leicht, die Zahl dieser Beispiele zu vermehren. Die mit- 
geteilten zeigen, daß diese Form der Sublimierung für den Neurotiker 
einen sehr wichtigen Vorzug hat : daß sie ihn nämlich in nahe Fühlung 
mit den Phänomenen der Außenwelt bringt. In anderen Fällen ver- 
wandelt sich die verdrängte Schaulust in einen unproduktiven 
Wissensdrang, der sich nicht den realen Phänomenen zuwendet^). Wir 
haben dann mit der neurotischen Grübelei zu tun, die gleichsam 
eine Karikatur des philosophischen Denkens bildet. 

^) Ea gibt auch ein unproduktives Interesse an Konkretem, das man bei 
Neurotischen nicht selten findet und das nichts anderes darstellt als eine Neu- 
gierde von infantilem Charakter. In dem oben beschriebenen Falle A gelang 
es, diese Neugierde aufzulösen; an ihre Stelle trat ein durchaus produktives, 
tätiges Interesse an den Erscheinungen der Außenwelt. 

•) Erwähnenswert ist die Beobachtung, daß unter solchen Bedingungen 
in der Regel die Freude am Anblick der Natur gering ist, ebenso das Interesse 
an Produkten der bildenden Kunst zu fehlen pflegt. 



Einschränkungen und Umwandlungen der Sctaulust usw. bo 

Wir verdanken v. Winterstein (1. c.) schöne Aufschlüsse über 
die unbewußten Triebfedern des philosophischen Denkens. Der Philo- 
soph möchte, wie der Autor ausführt, seine eigenen Gedanken 
schauen. Die Libido richtet sich hier nicht mehr auf das verbotene 
(inzestuöse) Ziel, nicht mehr auf das, was man nicht sehen darf, sondern 
auf das, was man nicht sehen kann. Gleichzeitig hat sie sich auf das 
Ich in einer Form zurückgewandt, die wir nur als eine Kegressioii 
in die Bahnen des kindlichen Narzißmus verstehen können (v. Winter- 
stein). Ich werde später aus einer meiner Analysen einschlägiges 
Material mitteilen, aus welchem hervorgeht, daß beim neurotischen 
Grübler ein ähnlicher Prozeß stattfindet. 

Im folgenden werde ich, um die Grenzen meines Themas nicht 
zu überschreiten, die Fragen des Narzißmus aus der Untersuchung 
möglichst ausschalten. Ich werde mich im ganzen darauf beschränken, 
in den neurotischen Grübeleien und Zweifeln die Spuren der verdrängten 
inzestuösen Schaulust nachzuweisen. 

Als Beispiel der neurotischen Grübeleien wähle ich die besonders 
häufige, mit Zwangsgewalt sich dem Patienten immer wieder auf- 
drängende Grübelfrage nach der Herkunft der Gedanken! 
Ein schon in vorgerückterem Alter stehender Zwangsneurotiker, den 
ich behandelte, befaßte sich seit vielen Jahren mit dieser Grübelei. 
Es ließ sich ermitteln, daß ihrer Entstehung eine andere Grübelei 
zeitlich unmittelbar vorausgegangen war, nämlich der Gedanke: 
Wohin werde ich nach meinem Tode kommen? Diese Frage war 
in dem Patienten während einer Seereise aufgetaucht, kurze Zeit nach- 
dem sich bei ihm gewisse hypochondrische Besorgnisse um sein Leben 
gezeigt hatten. Es befiel ihn die Angst: wenn ich jetzt während der 
Fahrt sterbe, wird man meine Leiche dann nach dem alten Seemanns- 
brauch ins Wasser versenken? Er verlangte also Gewißheit darüber, 
wohin er nach seinem Tode kommen werde. Bald darauf zeigte sich 
dann die zweite Grübelei nach der Herkunft der Gedanken, welche 
jedoch die erste niemals ganz beiseite zu drängen vermochte. 

Der ersten Grübelei versuchte der Patient durch eine praktische 
Maßregel zu entgehen. Als seine Mutter gestorben war, legte er ein 
Mausoleum an. Nun wußte er, wo er nach seinem Tode liegen werde, 
wofern nicht ganz besondere Umstände seine Beisetzung im Erb- 
begräbnis verhindern würden: an der Seite der Mutter^), 

^) Ich verfüge über mehrere, einander sehr ähnliehe Beobachtungen, in 
denen ein Sohn durchaus neben der Mutter, oder eine Tochter neben dem Vatei 
Jahrbuch der Psychoanalyse. VI. " 



66 Karl Abraham. 

Ohne auf alle ihre verschiedenen Determinierungen einzugehen, 
hebe ich nur hervor, daß die Frage : „Wohin komme ich nach dem Tode?" 
die typische Umkehrung einer andern, dem Kinde näher liegenden 
Frage enthält: ,,Wo war ich vor der Geburt?" Als eine andere 
Umgestaltung dieser Frage aber entpuppt sich in der Psychoanalyse 
der hauptsächlichste Zwangsgedanke des Patienten nach der Herkunft 
der Gedanken. 

Der Patient begnügt sich nicht mit grübelndem, abstraktem 
Denken allein, sondern er sucht sich eine sinnliche Vorstellung davon 
zu machen, wie die Gedanken im Gehirn entstehen und wie sie aus 
dem Gehirn ,, hervorkommen". Er verlangt eigentHch, diesen Vorgang 
zu sehen. Ein junger Philosoph, den ich psychoanalytisch behandelte, 
brachte die überraschend einfache Erklärung: ,,Ich vergleiche das 
Gehirn mit dem Mutterleib." Will er nun die Entstehimg der 
Gedanken beobachten, so können wir in diesem Wunsch nur eine Ver- 
schiebung des typischen Kinderwunsches erblicken : Zeugung und Geburt 
mit Augen zu sehen. Ich bemerke hier, daß der Vergleich der geistigen 
Produktion mit der sexuellen uns auch im allgemeinen durchaus nicht 
fernliegt ; wir sprechen etwa von der Konzeption eines Dichtwerkes usw. 
Dringt man analytisch noch weiter vor, so stößt man auf die Iden- 
tifizierung von Geburtsakt und Defäkationsakt, und damit weiter 
auf eine Gleichsetzung der Gehirnprodukte (Gedanken) und Darm- 
produkte. 

Es ist nun interessant, daß der Patient, welcher sich in seinen 
Grübeleien mit der Herkunft der Gedanken imd mit dem Verbleib 
seines Körpers nach dem Tode beschäftigte, auffallend ununterrichtet 
über gewisse Hauptsachen des Geburtsvorganges war. Er hatte die 
Unwissenheit auf diesem Gebiete nie ganz aufgegeben; sein Wissens- 
drang hatte sich auf jene Grübelfragen verschoben. 

Eine weitere, sehr verbreitete Grübelei ersetzt das Begehren, 
das menschliche Leben entstehen zu sehen, durch eine andere Umkeh- 
rung. Sie fragt nicht nach der Herkunft, sondern nach dem Zweck 
des menschlichen Lebens. Auch diese obsedierende Frage ist 
unlösbar, trotz aller Versuche, ihr vom religiösen Standpunkt aus eine 



bestattet zu werden verlangt«, wobei dann der andere Eltemteil von seinem ihm 
zukommenden Platz verdrängt werden sollte. Ein interessantes Beispiel für diese 
Art der Besitznahme von der Mutter bietet der altägyptische König Eehnaton; 
vgl. meine Abhandlung Imago, 1912, Bd. I. 



Einschränkungen und Umwandlungen der Schaulust usw. 67 

das Gemüt befriedigende Beantwortung zu geben. Ein jimger Mann, 
den ich behandelte, wurde im Pubertätsalter von dieser Grübelfrage 
durch längere Zeit obsediert. Es ergab sich, daß er gleichzeitig eine 
förmliche Angst davor hatte, über den Bau des weiblichen Körpers 
und über die Geschlechtsfunktionen Genaueres zu erfahren. Auch in 
späteren Jahren, als sich ihm Gelegenheit bot, den weiblichen Körper 
zu betrachten, hielten ihn Angst und Ekel davon zurück; diese Affekte 
bezogen sich aber ganz speziell auf das Beschauen der Genitalgegend. 
Als der Patient in meine Behandlmig trat und erfahren hatte, daß 
in der Psychoanalyse die geschlechtlichen Vorgänge zur Sprache 
kämen, richtete er an mich die ausdrückliche Bitte, ihm vorläufig keine 
,, Aufklärungen" über das zu geben, was er bisher nicht wisse. In der 
Psychoanalyse ergab sich mit großer Klarheit, daß die Schaulust, 
welche mit so starken Affekten abgelehnt wurde, sich im Unbewußten 
auf die Mutter des Patienten bezog. 

Die Grübelf ragen der Zwangsneurotiker sind stets unbeant- 
wortbar. Das Rätsel, welches sie eigentlich lösen möchten, darf nicht 
gelöst werden; die Grübelei, welche an seine Stelle tritt, kann nicht 
gelöst werden. So bleibt das Geheimnis erhalten. Im Patienten besteht 
ein dauernder Konflikt zweier Parteien, deren eine forschen, wissen 
möchte, während die andere die Unwissenheit zu erhalten strebt. 

Es wird hieraus erklärKch, warum sich Grübelsucht und sexuelles 
Nichtwissen so regelmäßig beieinander finden. Es kommt aber für 
die Erklärimg dieses Zusammentreffens weiter in Betracht, daß für 
viele Neurotiker das Geheimnis selbst mehr Lustwert hat als seine 
Enthüllung. Ich habe darauf schon oben hingewiesen. Gelegentlich 
begegnet man Patienten, die unter ihrer Unwissenheit ernstlich leiden 
und dennoch sich nicht von ihr freimachen können. Ich beobachtete 
z. B. einen 28jährigen Mann, der an schweren Aufregungszuständen 
litt. Der gedankliche Inhalt dieser Zustände war ganz bewußt: Alle 
Menschen wissen, nur ich allein bin vom Wissen ausgeschlossen. Für 
ihn bedeutete freilich ,, Wissen" nicht nur die Kenntnisse auf sexuellem 
Gebiet, sondern vor allem „sehen" und weiterhin die sexuelle Aktivität ! 
Es leuchtet ohneweiters ein, daß derjenige, welcher die sexuelle Auf- 
klärung meidet, sich damit vollends der sexuellen Aktivität entzieht. 
Der Patient verlor in meinem Sprechzimmer einmal einen Zettel, der 
mit allerlei unverständUchen, abgebrochenen Redewendungen be- 
schrieben war. In der Mitte des Zettels waren mit großer Schrift die 
Worte zu lesen: I don't know. In diesem Satz pflegte der Patient 

5* 



6° Karl Abraham. 

die ganze Qual seiner Unwissenheit auszudrücken. In seinen Aufregungs- 
zuständen lief er im Zimmer umher und schrie die gleichen Worte. 
Ebenso schrieb er sie auf Papierblätter und umgab sie mit allerhand 
Verwünschimgen. Die Psychoanalyse konnte in diesem Falle nur 
durch einige wenige Sitzungen fortgeführt werden; diese kurze Zeit 
genügte aber, um mir einen gewissen Einblick in das Unbewußte des 
Patienten zu gewähren. Es ließ sich festst«llen, daß die Libido des 
Patienten in einem Maße, das selbst den Psychoanalytiker staunen 
machte, in inzestuöser Eichtung fixiert war. Ich ziehe hier zum Ver- 
gleich eine völkerpsychologische Tatsache heran, auf die auch schon 
V. Winterstein (1. c.) Bezug genommen hat. Im biblischen Hebräisch 
wird die gleiche Vokabel für ,, wissen", , .erkennen" und für die Be- 
gattung gebraucht. Ein Mann ,, er kennt" sein Weib. Die vorläufige 
Sexualhandlung des Beschauens, durch welche er das Weib kennen 
lernt, wird in diesem Sprachgebrauch an die Stelle der definitiven 
Handlung gesetzt. Besonders interessant ist aber die Wahl des Aus- 
druckes in der mosaischen Gesetzgebung gegen den Inzest. Hier 
wird niemals in all den vielen Verboten der Verkehr unter Blutsver- 
wandten mitersagt, sondern dem Manne wird nur verboten, dieses 
oder jenes Weibes „Scham zu entblößen". Das Verbot des Entblößens 
und Beschauens ist gegenüber dem einfachen Verbot des inzestuösen 
Verkehres eine weitergehende Einschränkung. Sie entspricht 
in dieser Hinsicht durchaus den strengen Schauverboten, mit welchen 
sich manche Neurotiker nicht bloß vor dem Anblick des Verbotenen, 
sondern auch vor jeder sexuellen Aktivität schützen. 

Eine Untersuchung der Einschränkungen des Schauens und 
Wissens bleibt durchaus unvollständig, wenn sie nicht das Phänomen 
des Zweifels hinreichend berücksichtigt. Ich kann hier wiederum auf 
die grundlegenden Ausführungen Freuds Bezug nehmen. 

Freud schreibt dem Zwangsneurotiker ein Bedürfnis nach 
Unsicherheit zu. Der Kranke weicht vor der Realität, vor allem 
Greifbarem, Sicherem aus und wird von einem unbewußten Bestreben 
dazu geführt.^die Unsicherheit zu erhalten, zu kultivieren imd neue 
Unsicherheiten künstlich herzustellen. Der Zweifel nimmt seinen Aus- 
gang von der innem Wahrnehmung der eigenen Zwiespältigkeit seitens 
des Kranken. Dieser zweifelt also eigentlich an der Zuverlässigkeit 
seiner eigenen Gefühle, er verschiebt jedoch die Unsicherheit mit großer 
Vorliebe auf Objekte und Vorgänge in der Außenwelt. Dabei pflegt 
er sich an solche Dinge zu klammern, die tatsächlich dem Zweifel 



Einachränkungeu und Umwandlungen der Schaulust usw. 69 

unterworfen sind, wie etwa das menschliche Gedächtnis oder die Dauer 
des menschlichen Lebens. 

Wir werden hier an die Erscheinungen der Grübelsucht erinnert, 
welche denjenigen der Zweifelsucht in weitem Umfange analog sind. 
Wir konstatierten auch beim Grübler, daß er sein Interesse von der 
Welt des Konkreten, des sinnlich Wahrnehmbaren zurückgezogen 
und es solchen Fragen zugewandt hat, die im Dunkel bleiben müssen. 
Wie der Zweifler die Unsicherheit, so sucht der Grübler unbewußt das 
Nichtwissen zu konservieren. Das macht es uns begreiflich, daß Zweifel 
und Grübeleien in der Kegel im gleichen Individuum beieinander 
wohnen. Auch liegt es auf der Hand, daß jede Einschränkung der 
Schaulust und — was für uns nicht davon zu trennen ist — der Wiß- 
begierde nicht bloß dem abstrakten Grübeln, sondern in gleicher Weise 
dem Zweifel Vorschub leisten muß. Die Zweifelsucht findet sozusagen 
vermehrte Angriffspunkte, wenn das Individuum seine Sinne imd sein 
Denken nicht auf das Reale zu richten vermag. Andrerseits wird der 
Neurotiker durch seine Unsicherheitsgefühle zur ständigen Erneuerung 
seiner Grübeleien gedrängt; er muß den tausendmal durchgemachten 
Gedankengang wieder und wieder prüfen. 

In der Neurose gibt es mancherlei Methoden, den Qualen der 
Unsicherheit und des Zweifels respektive der Grübelsucht zu entgehen. 
Der Zweifelnde, Grübelnde, der, wie wir sahen, unbewußt be- 
strebt ist, die Grundlagen seines Leidens zu erhalten, zeigt doch 
gleichzeitig die entgegengesetzte Tendenz, die Unsicherheit zu be- 
seitigen, den Zweifel und das Nichtwissen zu bannen. Freilich kann 
ihm dies nicht aus eigener Kraft imd mit eigenen Mitteln gelingen. 
Er ist darauf angewiesen, sich an Autoritäten zu halten, deren Wissen 
oder Ansicht er sich fügt, denen er aber auch die Verantwortung auf- 
bürdet. Manche Zwangsneurotiker lieben es, ihrem Arzt eine solche 
Verantwortung zu überbinden. Sind sie unfähig, in irgend einer An- 
gelegenheit selbst die Entscheidung zu treffen, so lassen sie den Arzt 
gern eine Art von Machtwort sprechen, das den Zweifel ausschalten 
soll. Sie ändern auf diese Weise die Situation dergestalt um, daß dem 
Anschein nach ein Zweifel überhaupt nicht existiert. 

Ich bin hier zu einem Exkurs genötigt, der uns auf gewisse völker- 
psychologische Phänomene führt, die dem Anschein nach in keinem 
direkten Zusammenhang mit dem Schautrieb stehen, deren Verständnis 
vms aber für den weiteren Gang der Untersuchung unentbehrlich sein 
wird. 



'^ Karl Abraham. 

Auch in der Völkerpsychologie finden sich Erscheinungen, welche 
der Beseitigung des Zweifels in ganz gleicher Weise dienen, wie 
es soeben am Verhalten gewisser Neurotiker gezeigt wurde. 

Ich gehe von der eigentümlichen und, wie ich glaube, wenig be- 
achteten Tatsache aus, daß in der hebräischen Sprache der biblischen 
Schriften ein Wort für „zweifeln" fehlte). Dabei ist zu beachten, daß 
die verschiedenen Schriften aus sehr verschiedenen Epochen stammen. 
Es muß auffallen, daß gerade die Sprache eines Volkes, in welchem 
sich der Monotheismus zuerst durchsetzte, einer solchen Vokabel ent- 
behrt. Die Erscheinung wird noch auffälliger dadurch, daß die Sprachen 
respektive Dialekte der Nachbarvölker entsprechende Ausdrücke 
besitzen, so daß also eine Entlehnung leicht hätte stattfinden können. 
Durch Jahrhunderte dauert« das Schwanken zwischen dem mono- 
theistischen Kultus und dem Dienst des Baal, der Astarte und der 
anderen vorderasiatischen Gottheiten. Endlich siegte der Kultus 
eines einzigen männlichen Gottes. Es wurde schon oben darauf 
hingewiesen, daß im bibhschen Schöpfungsmythus die Tendenz bestehe, 
alle Leistungen dem männlichen Gott und dem Manne zuzuschreiben, 
das Weib aber zu einer nebensächlichen Bedeutung herabzudrücken. Dies 
entspricht nun vollkommen dem patriarchahschen System, in welchem 
dem männlichen Familienoberhaupt die alleinige Macht zukommt*). Ihm 
gehören die Frauen und Kinder ganz wie die lebende und leblose Habe. 
Ich muß nun auf die Ausführimgen Freuds^) Bezug nehmen, 
welche in überzeugender Weise die Entstehung des männlichen 
Gottes aus der Einstellung der Söhne zum Vater dargetan hat. Die 
Sympathie des Sohnes gehört ursprünglich der Mutter, während er 
dem Vater Gefühle der Auflehnung und Feindschaft entgegenbringt. 
Eine der frühesten Verdrängungsleistungen, welche die Kultur ver- 
langt, ist das Aufgeben dieser Einstellung. Der Sohn stand zunächst 
zwischen Vater und Mutter; die Verdrängung der ödipuseinstellung 
führt dazu, daß er sich zugunsten des Vaters entscheidet und dessen 
Macht rückhaltslos anerkennt. Gerade der Patriarchalismus stellte 
rigorose Forderungen in dieser Hinsicht an den Sohn. So wie aber 
in der patriarchalischen FamiHe der Konflikt im Sohne unbedingt 

') Auf eine Ausnahme werde ich weiter unten zurückkommen. 

*) Mit diesem Prozeß der Ausschaltung des weiblichen Elementes beschäftigt 
sich auch v. Winterstein m seiner oben zitierten Arbeit (S. 192 f.). Zur Zeit 
ihres Erscheinens war ich bereits zu den obigen Resultaten gelangt, für die ich 
bei V. Winterstein eine volle Bestätigung fand. 

ä) „Totem und Tabu", Kap. IV (Wien und Leipzig, 1913). 



Einschränkungen und Umwandlungen der Schaulust usw. 71 

zugunsten des Vaters entscMeden wurde, ganz so auch in der mono- 
theistischen Keligion des Alten Testamentes. 

Man könnte nun das Fehlen eines Wortes für den Zweifel in der 
hebräischen Sprache als ein vereinzeltes Phänomen ohne wesentliches 
Interesse abtun, wenn nicht die gleiche Sprache einen zweiten cha- 
rakteristischen Defekt aufwiese. Sie entbehrt nämlich auch eines 
Wortes, welches Göttin bedeutet, während doch andere Sprachen 
eine entsprechende Vokabel besitzen. Man möchte sagen, der Kon- 
flikt des Sohnes, welcher durch seine ursprüngliche zweifelnde Stellung 
zwischen Vater und Mutter bedingt ist, sei ausgemerzt, in gleicher 
Weise sei das Schwanken, ob nur ein männlicher Gott oder auch eine 
Göttin verehrt werden solle, abgetan und die Sprache benehme sich 
nun, als gäbe es nicht nur diese Zweifel nicht, sondern als existierten 
Zweifel in der menschlichen Seele überhaupt nicht. 

Ein besonders helles Licht fällt auf dieses sprachpsychologische 
Problem, wenn man beachtet, daß in einer großen Zahl von Sprachen 
das Wort für „zweifeln" mit der Zahl „zwei" zusammenhängt. Diese 
anderen Sprachen verleugnen den Zweifel also nicht, ja manche Spra- 
chen treiben da, wo der Zweifel zum Ausdruck gebracht werden soll, 
einen besonderen grammatischen Aufwand. Ich erinnere beispiels- 
halber nur an die Mannigfaltigkeit der grammatischen Formen im 
Lateinischen; das Verbum des Zweifels verlangt besondere Formen 
des Ausdruckes, die sonst kaum üblich sind. 

Erst in einem der späten biblischen Dokumente, dem Psalm 119, 
findet sich ein Wort, das man wohl mit Recht als ,, Zweifler" übersetzt. 
Genau genommen bedeutet es: ,, gespalten". Dieser Psalm stammt 
nach Ansicht berufener Forscher aus später Zeit, in der sich schon die 
hellenistischen Einflüsse geltend machten^). Ein zweites Wort von 
gleicher Bedeutung findet sich dann in der späthebräischen Literatur, 
das vielleicht ursprüiiglich die gleiche Bedeutung der Teilung, Spaltung 
hat. Es ist sehr bemerkenswert, daß die Sprache sich vor mehr als 
2000 Jahren so ausdrückte wie die heutige Psychologie, die von psy- 
chischer Spaltung spricht. ,, Spalten" enthält den innem Gegensatz 
im Menschen noch deutlicher als diejenigen Bezeichnungen des Zweifels, 
die mit ,,zwei" zusammenhängen^). 

*) Cf. Baethgen, Die Psalmen. Göttingen, 1897. 

ä) Wohl den eigentümlichsten, im Sinne der Psychoanalyse treffendsten 
Ausdruck findet die ,, innere Wahrnehmung der Unsicherheit" (Freud) in einer 
alten amerikanischen Kultursprache, dem Nahuatl. Diese Sprache drückt den 
Zweifel aus durch „omeyolloa", „zwei Herzen". 



'^ Karl Abraham. 

Nachdem einmal durch Aufnahme zweier Lehnwörter die Existenz 
des Zweifels anerkannt war, sah man sich genötigt, den Zweifel auf 
andere Weise auszumerzen. Es fand sich ein einfacher Weg. Wenn 
es z. B. zweifelhaft war, ob eine bestimmte Handlung erlaubt oder 
verboten sei, so entschied man regelmäßig im strengeren Sinne, 
d. h. im Sinne des Verbotes, das für ähnliche Fälle von der höchsten 
(göttüchen) Autorität gegeben war. Im Grunde kommt diese Praxis 
auch wieder auf eine Verleugnung des Zweifels hinaus. 

Nach diesen Bemerkimgen gehe ich dazu über, einige besonders 
eigentümliche Beobachtungen mitzuteilen und zu analysieren, welche 
der Psychoanalyse eines komplizierten Falles von Grübel- und 
Zweifelsucht entstammen. Ich werde mich jedoch darauf be- 
schränken, diejenigen Wurzebi der Erscheinungen zu berücksichtigen, 
welche mit der Verdrängung des Schautriebes zusammenhängen. 
Andere wichtige Quellen der Symptomenbildung — ich nenne nur 
Narzißmus und Sadismus — werde ich nur streifen können. 

Schon früh zeigten sich bei dem Patienten Gefühle von Unsicher- 
heit. Als Knabe quälte er seine Umgebung mit einer hartnäckigen 
Fragesucht, später sich selbst durch Zweifel, von denen kein Gebiet 
des Lebens verschont blieb. Er zweifelte an seiner Intelligenz, an 
semem „Können" in jeder Hinsicht, an seinem Gedächtnis, an seiner 
Urteilsfähigkeit. Er zweifelte an seiner Männlichkeit, zweifelte schon 
als Knabe, ob er sich knabenhaft oder mädchenhaft benehmen solle. 
Er schwankte mit seiner Zuneigung zwischen Vater und Mutter hin und 
her. Als er zuerst Bekanntschaft mit zwei jungen Mädchen machte, 
wußte er nicht, welche von beiden er liebte. Sein ganzes Leben war 
für ihn ein Labyrinth von Zweifeln, die er vergebens durch Denkarbeit 
zu bewältigen versuchte. Er fand die uns bereits bekannte Ausflucht, 
alle Entscheidungen auf eine Autorität abzuschieben. In einem be- 
sonderen Falle suchte er seine Zweifel in einer höchst merkwürdigen 
Weise zu töten. Als er studierte, trat in der Universitätsstadt ein 
Redner auf, den er schon in Berlin gehört hatte. Die Reden und Schriften 
dieses Mannes hatten ihm früher schwere Zweifel und Grübeleien ver- 
ursacht. Es war ihm gelimgen, sich dem Einfluß in einem gewissen 
Maße zu entziehen; er fürchtete aber, wenn er den Mann abermals 
hörte, seinem Einfluß von neuem zu verfallen. Aus seinem Dilemma 
suchte er sich zu retten, indem er seine Bekannten anstiftete, den Redner 
in der Versammlung zu verhöhnen. Ich kann nur nebenbei darauf 
verweisen, daß es sich hier gleichzeitig lun eine Äußerung des Hasses 



Einsclii'änkungen und Umwandlungen der Scliaulust usw. 73 

handelte, der sich gegen jede Autorität richtete, wie er sich zuerst 
gegen den Vater des Patienten gerichtet hatte. 

Die Tatsachen, welche die Psychoanalyse aus der Kindheit des 
Patienten zutage förderte, ließen erkennen, daß die sexuelle Neugierde 
und Schaulust ursprünglich von außergewöhnlicher Stärke gewesen 
waren und erst allmählich der Frage- und Griibelsucht Platz gemacht 
hatten. Bei diesem Vorgang waren erzieherische Einflüsse in hohem 
Maße beteiligt gewesen, die ihren stärksten Ausdruck in einem eigent- 
lichen Frageverbot fanden, welches ihm von der Mutter im Puber- 
tätsalter gegeben wurde, als sich die sexuelle Wißbegierde von neuem 
in ihm regte. Der Unterdrückung der Wißbegierde in den folgenden 
Jahren wurde dadurch Vorschub geleistet. Als dann die Neurose aus- 
brach, zeigte eine ganze Reihe von Symptomen an, daß die inzestuöse 
Schaulust die Verdrängung zu durchbrechen trachtete. Auch die 
Träume verrieten die gleiche Tendenz. Im Beginn der Behandlung 
berichtete der Patient, welcher sich viel mit philosophischen Studien 
befaßt hatte, daß er schon als Gymnasiast den Pythagoras beneidet 
habe. Der Grund zum Neid bestand darin, daß Pythagoras nach seiner 
überlieferten Behauptung dreimal seine eigene Geburt geschaut 
hatte. Das intensivste Interesse des Patienten verband sich noch 
immer mit der Frage des Kindes: Woher bin ich gekommen? 

Wie oben ausgeführt, wünscht das Kind eigentlich zu sehen, 
woher es gekommen ist. Der grüblerische Neurotiker hatte dieses 
infantile Interesse in ein späteres Lebensalter mit hinübergenommen; 
sein sehnlichster Wunsch wäre es gewesen, die eigene Geburt aus dem 
Körper der Mutter mit sehenden Augen zu erleben. 

Die frühe Abdrängung der Schaulust von ihren eigentlichsten 
Objekten und Zielen führte nicht nur zu den typischen Grübeleien, 
sondern u. a, auch zu einem krankhaften Hang zum Geheimnisvollen, 
Mystischen. Die früher besprochene Tendenz, das Geheimnisvolle 
zu pflegen, zu konservieren äußerte sich darin, daß der Patient in 
sehr jugendhchem Alter mystische, theosophische, spiritistische Schriften 
förmlich verschlang. Mit dieser Tendenz lag die entgegengesetzte 
im Konflikt: er wollte mit Augen sehen, was nur gedacht werden kann. 
Ganz besonders war in diesem Falle das früher bereits erwähnte Ver- 
langen, die Gedanken zu schauen, ausgesprochen. Der Patient stellte 
sich den Denkprozeß in naivster Form körperlich und räumlich vor. 
Im Gehirn gab es Kasten und Fächer, in denen die Gedanken lagen, 
um gelegentlich hinauszuspazieren. Seine Grübeleien befaßten sich 
6 



^* Karl Abraham. 

hauptsächlich mit diesen Vorgängen. Selbstverständlich reizte es ihn 
auch, das Übersinnliche zu schauen. Endlose Grübeleien richteten sich 
darauf, wie wohl die Geister und Gespenster aussähen, wie Gott aussähe 
usw. Dann traten wieder Hemmungen hervor, die es dem Patienten 
verboten, sich dergleichen vorzustellen. 

Es bedarf kaum des Hinweises auf die zahlreichen verwandten 
Erscheinungen in der Völkerpsychologie: auf Geheimkulte, Mysterien, 
okkultistische Bewegungen einerseits, andrerseits auf die reügiösen 
Verbote, nach dem Geheimsten zu forschen. 

Bezüglich der Bedeutung der Gespenster, welche in den Gedanken- 
gängen des Patienten eine sehr große Rolle spielten, ergab sich u. a. 
eme Erklärung, die uns auch sonst aus den Psychoanalysen geläufig 
ist. Wie in anderen Fällen, so hatten auch hier nächtliche Eindrücke 
der Kindheit zu den Grübeleien über Gespenster den Grund gelegt. 
Die Eltern, welche im weißen Nachtgewand von den Kindern beobachtet 
werden, sind die Vorbilder für die kindliche Auffassung jener geheimnis- 
vollen Gestalten. 

So kraus und phantastisch das Beobachtete von seiner Phan- 
tasie aber auch ausgestaltet wurde, so läßt sich doch erkennen, 
daß das Kind sich auf dem Wege zu durchaus richtigen Schlußfolge- 
rungen befunden hatte. Als später die Verbote des Schauens und Wissens 
über den Patienten Gewalt bekommen hatten, verschob sich der 
verdrängte Wunsch nach Wiederholung der lustvollen Kindheitseindrücke 
auf die „Gespenster". Der Patient verlangte beständig, die Gespenster 
zu sehen. Er ging aber noch weiter und transponierte all seine Wiß- 
begierde, die dem Zeugungsrätsel galt, auf die Gespenstergrübeleien. 

Eines der Probleme, die ihn mit Zwangsgewalt durch Jahre in 
ihrem Bann hielten, lautete: „Wie kommen Gespenster in einen 
geschlossenen Raum?" Ich übergehe die höchst interessanten 
Determinierungen der Lösungs versuche, welche der Patient dieser 
Frage zuteil werden ließ, und erwähne nur, daß zwei Probleme, deren 
Lösung verboten war, sich in dem unlösbaren Ersatzproblem ver- 
steckten, nämlich die Fragen: Wie dringt der Mann in den weiblichen 
Körper, und wie kommt das Kind in den Mutterleib ? Das Verbotene der 
Probleme liegt in ihrer Zuspitzung auf Vater und Mutter und be- 
sonders in der ursprünglichen Lust, das Geheime zu schauen. 

Die verdrängte Schaulust suchte sich aber nicht nur in den 
Grübeleien eine Ersatzbefriedigung zu verschaffen, sondern es wurden 
noch andere Wege zu diesem Behuf eingeschlagen. Sie verdienen unser 



Einschränkungen und Umwandlungen, der Schaulust usw. 75 

höclistes Interesse ; es ist daher notwendig, ausf ührliclier auf sie einzu- 
gehen, zumal uns auf diesem Wege wichtige Einblicke in die Ent- 
stehung gewisser völkerpsychologischer Phänomene erschlossen werden 
können. 

Der Patient war, gleich sehr vielen anderen Menschen, imstande, 
Personen, Vorgänge usw., mit denen er sich in Gedanken beschäftigte, 
mit bildlicher Deutlichkeit vor seinem Auge erscheinen zu lassen. 
Bei manchen Neurotikem genügt schon das einfache Schließen der 
Augen, um derartige Visionen auftreten zu lassen. Andere rufen die 
,, Bilder" absichtlich hervor und vergnügen sich damit wie mit einem 
Theater. Diese Fähigkeit scheint im Kindesalter bei allen Menschen 
vorhanden zu sein, verschwindet aber bei manchen mit den Jahren. 
Man darf also aus dem Fehlen dieser visionären Illustrationen des 
phantastischen Denkens bei einem Menschen nicht ohneweiters schließen, 
daß er nicht zum ,, visuellen" Typus gehöre. Vielmehr handelt es sich 
oftmals um Einschränkungen der Schaulust, die auf dem Wege der 
Verdrängung zustande gekommen sind. 

Da dem Patienten der Wimsch, die „Gespenster" zu sehen, 
versagt bleiben mußte, so versuchte er nun, sich auf dem Wege will- 
kürlich hervorgerufener Visionen einen Ersatz zu verschaffen. Es ist 
nun höchst bezeichnend, daß er sich bemühte, die Bilder seiner 
Eltern vor seinen Augen entstehen zu lassen. Allein dies gelang ihm 
nicht in der gewünschten Weise. Das Bild der Mutter erschien 
überhaupt nicht, dasjenige des Vaters nur in ganz ver- 
zerrter Form. Dagegen gelang es leicht, die Erscheinung anderer 
Angehöriger hervorzurufen. Dieser Versuch, der inzestuösen Schaulust 
eine Ersatzbefriedigung zu geben und der negative Ausgang des 
Versuches sind gleich bemerkenswert. 

Nachdem ich Ähnliches in einer Reihe anderer Fälle beobachtet 
habe, bin ich dazu gelangt, der Erscheinung größere Bedeutung beizu- 
legen. Manche Neuro tiker versuchen, wie soeben geschildert, die Bilder 
der Eltern visionär hervorzurufen, oder sie begnügen sich damit, sich 
deren Aussehen nur möglichst lebhaft in Gedanken vorzustellen. Einer 
meiner Patientinnen, die im höchsten Maße an ihren Vater fixiert war, 
gelang es nicht, sich das Aussehen des Vaters vorzustellen. In einem 
andern Falle war es dem Patienten sehr schwer, sich die Gesichtszüge 
der Mutter klar vorzustellen. Eher gelang es ihm bezüglich seines 
Vaters; allein kaum entstand in ihm die Vorstellung, so verzerrte sich 
das Gesicht des Vaters; besonders die Augen nahmen einen Ausdruck 



76 Karl Abraham. 

der Erstarrung an. Es erwies sich, daß in diesem Falle die der Mutter 
zugewandte Schaulust eine sehr intensive Verdrängung erfahren hatte, 
während die dem Vater zustrebenden Todesphantasien nicht mit gleichem 
Erfolge verdrängt waren: sie fanden in der Starre der Augen ihren 
Ausdruck. 

Es ist, als wirkte in diesen Personen ein Verbot, das ihrem Schau- 
trieb strenge Grenzen setzte. Einen schönen Beleg für diese Auffassung 
lieferte mir der Traum eines neiurotischen jungen Mädchens. Die 
Träumerin befindet sich in einer Kirche unter vielen anderen Menschen. 
Diese betrachten ein Madonnenbild. Sie allein kann das Bild 
nicht sehen. Die Psychoanalyse deckte bei dieser Patientin eine 
starke, homosexuelle Neigung zur Mutter auf. Im allgemeinen war 
diese Neigung in einen intensiven Widerwillen verwandelt, um 
gelegentlich unter heftigen Affekten in ihrer ursprünglichen Form 
wiederaufzutreten. Die Mutter galt als eine besonders schöne Frau; 
die Tochter mußte sich gegen die verbotenen Reize durch ein förm- 
liches Schau- Verbot sichern. 

Durch eine der neueren Veröffentlichungen Freuds sind wir auf 
gewisse ,, Übereinstimmungen im Seelenleben der Neuro tiker und der 
Wilden" aufmerksam geworden. An dieser Stelle interessiert uns 
speziell die Analogie gewisser Zwangsverbote bei den Neurotikern mit 
den. sogenannten Tabu-Vorschriften gewisser Völker. Diese Vor- 
schriften haben die charakteristische Eigentümlichkeit, daß ihnen 
seitens derer, die sie befolgen, keine Begründung gegeben werden kann. 
Ganz entsprechend vermögen die Neurotiker, welche dem hier in Frage 
kommenden Zwangsverbot unterliegen, ihm eine Begründung nicht 
zu geben. Von besonderem Interesse ist in diesem Zusammenhang die 
Übereinstimmung zwischen dem geschilderten neurotischen Schau- 
verbot und dem zweiten Gebot des biblischen Dekalogs, welches die 
Herstellung eines Abbildes des einzigen (väterüchen) Gottes streng 
untersagt. Eine Erklärung dieser Vorschrift hatte Freud^) kürzlich 
bereits auf anderem Wege zu geben versucht; die hier vorgeschlagene 
steht mit der von Freud gegebenen nicht im Widerspruch, ergänzt 
sie vielmehr entsprechend der uns geläufigen Überdeterminierung 
aller psychologischen Produkte. Als die vorliegende Arbeit bereits 
inhaltlich abgeschlossen war, fand ich in einer soeben erschienenen 
PubUkation von Storfer (, .Marias jungfräuliche Mutterschaft", Berlin, 
1914, S. 32) eine Erklärung des zweiten Gebotes, die von den gleichen 

1) ,,Animisiaus, Magie und Allmacht der Gedanken". Imago, 1913, Bd. II. 



Emschränkungen und Umwandlungen der Scliaulust usw. 77 

■Überlegungen ausgeht wie die meinige. Storfer sucht das Verbot, 
Bildnisse Gottes herzustellen, auf die Scheu vor dem väterlichen 
Phallus zurückzuführen, unter dem Hinweis, daß so viele Götterbilder 
und kultische Zeichen phallischen Charakter tragen. Mir scheint diese 
Erklärung in guter Übereinstimmung mit vielen hier mitgeteilten 
Auffassungen zu stehen; doch wäre noch eine gewissenhafte, vergleichend 
mythologische Nachprüfung am Platze. 

Wir können diesen Parallelismus der individual- und völker- 
psychischen Erscheinung noch um einen Schritt weiter verfolgen. Von 
dem Patienten habe ich bereits mitgeteilt, daß er von beständigen 
Zweifeln beunruhigt war; diese bezogen sich, wie erwähnt, u. a. auch 
auf seine Eltern. In seiner Beziehung zu den Eltern spielte demnach 
sowohl der Zweifel als %uch das Verbot, ihr Abbild zu schauen, eine 
wichtige KoUe. Unterwerfen wir aber den Dekalog einer eindringenderen 
Untersuchung, so muß uns auffallen, daß das Gebot, nur einen Gott 
anzuerkennen und das Gebot, sich von ihm kein Abbild zu machen, 
in unmittelbare Nachbarschaft gerückt sind. Wir haben aus der Analyse 
der verschiedenartigsten Produkte des menschlichen Seelenlebens 
die übereinstimmende Erfahrung gewonnen, daß die unmittelbare 
Nachbarschaft zweier Elemente auf deren Zusammenhang hinweist. 
Da ist es mm bemerkenswert, daß das Bilderverbot dem Gebot, nur 
einen Gott anzuerkennen — dem Gebot also, welches die Zweifel zwi- 
schen Vater und Mutter ausschließen soll, unmittelbar folgt. Von der 
Analyse individualpsychologischer Produkte her fällt auf diese Er- 
scheinrmg ein neues Licht. 

Kehren wir zu dem Patienten zurück, der sich kein Bildnis der 
Eltern machen durfte, und hören wir, was er tat, um für das Verbotene 
einen Ersatz zu bekommen. 

Er suchte sich mit ganzer Einbildungskraft das Aussehen 
der Gespenster vorzustellen, die ja in seinem Grübelsystem die 
Eltern vertraten. Daß es sich im Grunde für ihn darum handelte, sich 
den Sexualverkehr der Eltern vorzustellen, ging mit größter Sicherheit 
hervor axis der Vorstellmig. die er sich vom Aussehen der Gespenster 
bildete. Er dachte sie sich — ich zitiere seine Äußerungen wörtlich — 
als „„große, nackte Wesen", als ,;wollüstige Gestalten"^). 

1) Das Hervorrufen solcherVorsteUungeo respektive visionärer Erscheiniingen 
dient noch anderen Tendenzen, die ich hier nur kurz andeuten kann. Unter anderem 
dient es der Befriedigung der infantilen Größen Vorstellung, alles aus der eigenen 
Einbildungskraft erschaffen zu können. (Allmacht der Gedanken.) 
6 * 



78 



Karl Abraham. 



Die Grübeleien des Patienten fanden, wie schon erwähnt, reich- 
liche Nahrung in gewissen Schriften, namentUch in solchen mit theo- 
sophischem Inhalt. Im Anschluß an dort Gelesenes identifizierte er die 
Eltern nicht bloß mit Gespenstern, sondern auch noch mit „Riesen". 
Er hatte in einem dieser Bücher die Angabe gefunden, daß die Be- 
wohner des untergegangenen Erdteiles Atlantis Riesen gewesen seien 
und eine höhere Form des Bewußtseins gehabt hätten als die jetzt 
lebenden Menschen, nämlich das Astralbewußtsein. Sie seien daher 
in Geheimnisse eingeweiht gewesen, die uns verschlossen seien. Es hieß 
in dem Buche: ihr Wissen war so gewaltig, daß die Erde davon 
dröhnte. 

Für den Patienten nahmen diese Riesen sofort die Bedeutung 
der Eltern an. Die Eltern „wußten" ja mehr als er, d. h. sie waren 
im Besitz des sexuellen Geheimnisses. Das Kind aber versuchte das 
Geheimnis der Eltern nicht nur mit dem Auge zu schauen, sondern 
auch mit dem Ohr zu belauschen. Der Patient hatte offenbar die- 
selbe Gleichung vorgenommen, die uns als sprachliches Phänomen 
begegnet ist; er hatte „Wissen" und Sexual verkehr identifiziert. 

Charakteristisch ist ferner, daß der Patient auch versuchte, sich 
von Gott eine materielle Vorstellung zu machen. Es wundert uns 
nicht, daß er sich auch Gott als Riesen dachte. Die Phantasie des 
Kindes schreibt dem Vater außerordentliche Macht zu: sie vergleicht 
den Vat«r, der dem Kinde an Größe so sehr überlegen ist, gern mit 
einem Riesen. Die Träume Erwachsener legen davon oft noch Zeugnis 
ab. Wenn das Kind etwas von Gott vernommen hat, so ist es genötigt, 
ihn sich im Bilde des Vaters vorzustellen; es tut damit nichts anderes als 
die religionsbildenden Völker, die einen väterlichen Gott verehren. 
Unser Patient, der über das Aussehen Gottes nachgrübelte, beging 
auch damit wieder nur einen Versuch, das auf den Vater bezügliche 
Schauverbot zu durchbrechen. 

Wie sehr das neurotische Verbot, den Vater (respektive die Eltern) 
sich im Bude darzustellen, und das biblische Verbot, Gott abzubüden, 
in ihrem innersten Wesen übereinstimmen, wird daraus ersichtlich i 
daß beide Verbote in ganz übereinstimmender Weise durch- 
brochen werden. 

Ich habe hier eine der typischen Grübelfragen im Auge, wie sie 
in den talmudischen Schriften so reichlich enthalten sind. Das Verbot 
einer bildlichen Darstellimg Gottes durfte nicht übertreten werden. 
Wo die Menschen sich aber durch irgend welche Motive gedrängt 



Einschränkungen und Umwandlungen der Schaulust usw. 79 

fühlten, ihrer Gottesvorstellung einen lebendigeren materiellen Inhalt 
zu geben, da waren sie auf das Grübeln angewiesen. Aus dem genannten 
Bedürfnis und der strengen Einhaltung des Bilderverbotes erklärt 
sich nun die tahnudische Frage nach den Körperdimensionen Gottes. 
Sie durfte aber auch nur dann beantwortet werden, wenn man sich 
streng an bereits in den biblischen Schriften vorhandenen Angaben 
hielt. Da fand sich nun die Stelle, an welcher Gott die Worte in den 
Mund gelegt werden: „Der Himmel ist mein Thron und die 
Erde der Schemel meiner Füße". Daraus wurde gefolgert, Gottes 
Beine seien so lang, daß sie vom Himmel bis zur Erde reichten. Diese 
Grübelei ähnelt derjenigen unseres Patienten in erstaunUchem Maße. 
Nicht nur, daß auch in ihr der verdrängte Wunsch, sich von Gott 
ein Bild zu machen (d. h. ihn zu schauen), wiederkehrt. Die Ähnlichkeit 
geht noch weiter insofern, als auch in der talmudischen Grübelei die 
infantile Vorstellung von der Riesengestalt des Vaters oder Gottes 
wiederersteht. 

Existiert somit eine imverkennbare Analogie zwischen den Ein- 
schränkungen der Schaulust bei neurotischen Individuen und bei 
Völkern, so soll nun im folgenden gezeigt werden, daß wir mit Hilfe 
der Psychoanalyse in das Wesen dieses Parallelismus noch tiefere 
Einblicke gewinnen. 

Y. Die Herkunft der Sonnen- und Gespensterphobie 
aus dem infantilen Totemismus. 

Im Laufe der Untersuchung sind uns zwei Symbole begegnet, 
denen wir eine vorwiegende Vaterbedeutung zuerkennen mußten: 
es sind die Sonne und das Gespenst. Gewisse Neurotiker, so erfuhren 
wir, ängstigen sich vor dem Anblick des Sonnenlichtes oder reagieren 
in einer andern, vom Verhalten der Gesunden abweichenden Weise 
mit Affekten der Auflehnung, des Trotzes auf die Erscheinung der 
Sonne. Es ergab sich, daß jeder dieser Neurotiker eine ambivalente 
Gefühlseinstellung zur Sonne aufwies; daß er die Sonne liebte (ver- 
ehrte) und gleichzeitig Angst vor ihr empfand. Ich habe in letzterem 
Sinne geradezu von einer Sonnenphobie gesprochen. Unter den 
Grüblern fanden wir das besondere Interesse für Gespenster- 
erscheinungen. Das Gespenst oder die Vorstellung von einem solchen 
rief aber ebenfalls ambivalente Eeaktionen hervor: den Wunsch, es 
zu sehen, und wiederum die Angst vor seiner Erscheinung, die man 



80 Karl Abraham. 

als Gespensterphobie bezeichnen darf. Erblicken wir in Sonne und 
Gespenst Symbole des Vaters, und sind wir mit der ambivalenten 
Einstellung des Neurotikers zu seinem Vater vertraut, so wundert 
es uns nicht, diese Zwiespältigkeit der Gefühle auch auf die den Vater 
vertretenden Symbole übertragen zu finden. Der Psychoanalyse ist 
es aber nicht erlaubt, sich mit dieser Erkenntnis zufriedenzugeben; 
als eine Entwicklungslehre, welche die strenge Bedingtheit alles Psy- 
chischen erweisen will, muß sie der Herkunft der Phänomene weiter 
nachgehen. Um den Zugang zum Ursprung der uns interessierenden 
Symbole zu finden, bedarf es desjenigen Schlüssels, den Freud uns 
in seinen Abhandlungen über ,, Totem und Tabu" gegeben hat. 

Wir finden bei gewissen Völkerschaften mit primitiver Kultur 
bis zum heutigen Tag eine Organisation, welche das religiöse und 
soziale Leben regelt; sie wird als Totemismus bezeichnet. Es handelt 
sich um eine Form des Ahnenkultus. Im Mittelpunkte des Kultus 
steht der Totem, meist ein Tier, welches als Stammvater der be- 
treffenden Sippe (,,Clan") betrachtet wird. Wir verdanken Freud 
u. a. die wichtige Erkenntnis, daß jene Primitiven zu ihrem Totem 
ambivalent eingestellt sind; d. h. das Totemtier nicht jagen, töten, 
verzehren oder auch nur berühren, es also im allgemeinen schonen, 
es unter besonderen Umständen aber mit feierlichem Zeremoniell 
dennoch töten und verzehren. Der Totem ist ebensowohl Objekt der 
Liebe wie der Angst. Viele Gewohnheiten jener Menschen lassen die 
zwiefache Einstellung zum Totem deutlich erkennen. 

Die psychoanalytische Forschung (vgl. die Quellenangaben 
bei Freud 1. c.) hat nun die merkwürdige Tatsache eruiert, daß unter 
unseren heutigen Kulturbedingungen der Totemismus im Seelen- 
leben des Kindes immer von neuem wiederersteht und im Un- 
bewußten des Individuums unverkennbare Spuren zurückläßt. Ge- 
wisse Phantasieprodukte der Kinder ähneln dem totemistischen 
System der Primitiven außerordentlich. Das Kmd, das zum Vater 
oder zur Mutter eine oft handgreiflich ambivalente Stellung einnimmt, 
verschiebt vielfach seine Gefühle vom Vater oder von der Mutter 
auf ein bestimmtes Tier respektive auf eine Tierart, manchmal auch 
auf mehrere solche. Für dieses dem Totem durchaus gleichwertige 
Tier zeigt das Kind einerseits ein liebevolles Interesse; andrerseits 
spielt das Tier in den Wachträumereien und nächtlichen Träumen 
des Kindes die Eolle eines Angsttieres. Kommt es, wie in der Kind- 
heit so oft, zur Bildung einer Phobie, so ist das gleiche Tier meist das 



Einschränkungen und Umwandlungen der Schaulust usw. 81 

Objekt, auf welches sich die Angst bezieht. In nicht wenigen Fällen 
behält das Tier seine Bedeutung auch noch später bei, um in den Pho- 
bien und Träumen erwachsener Neurotiker ganz so wie in der Kind- 
heit zu erscheinen. 

Ich verfüge über eine beträchtliche Zahl einschlägiger Beob- 
achtungen. Hier ist jedoch nicht der Ort, sie ausführlich mitzuteilen. 
Nur einige Angaben lasse ich folgen, um im Weiteren auf ihnen fußen 
zu können. 

Zunächst erwähne ich, daß die Ambivalenz der Einstellung 
zum Totem (Angsttier) manchen Patienten selbst auffällt. Einer 
meiner Kranken, der an einer schleichend verlaufenden Hebephrenie 
litt, hat mir über diesen imd andere wichtige Punkte des Individual- 
totemismus mit der Hemmungslosigkeit, die diesen Patienten eigen 
ist, den besten Aufschluß gegeben. Eine Hauptrolle als Angsttier 
spielte bei ihm die Fliege. Der Patient äußerte einmal spontan, er 
stehe der Fliege einerseits „liebevoll" gegenüber, anderseits habe er 
den Drang in sich, das Tier zu töten. 

Von Wichtigkeit für das Verständnis des Weiteren ist sodann, 
daß ein bestimmtes Tier (namentlich in den Träumen der Patienten) 
nicht nur den Vater (oder die Mutter) vertritt, sondern oft auch den 
Träumer selbst. Ich verfüge über einen interessanten Traum dieser 
Art, in welchem der Vater des Träumers, der Träumer selbst und dessen 
Sohn — also drei Grenerationen — alle durch das gleiche Symboltier 
(Hund) bezeichnet werden. Das entspricht vollkommen der bei den 
Primitiven herrschenden erblichen Zugehörigkeit zu einem 
bestimmten Totem. 

Sodann erwähne ich eine Parallelerscheinung zu dem bei Pri- 
mitiven gelegentlich (seltener als der Tiertotemismus) beobachteten 
Pflanzentotemismus. Ein Neurotiker, der sich sozusagen beständig 
auf der Flucht vor dem Mutterinzest befindet, bietet in wachen Phan- 
tasien wie in Träumen alle Erscheinungen eines Baumtotemismus. 
Im Garten eines Schlößchens, welches seine Eltern bewohnten, be- 
trachtete er schon als Knabe einen sehr großen, alten Baum mit 
religiöser Scheu, betete vor ihm und empfing aus seinem Rauschen 
OrakeU). Die Abwehr der Inzestwünsche war für den Patienten mit 
schwerer Angst verbunden; wie erwähnt, ist er von einer ständigen 
Unruhe geplagt und wird nirgends seßhaft. In seinen Wachträumen 



') Vgl. hierzu das Orakel von Dodona. 
Jahrbuch der Psychoanalyse. VI. 



82 



Karl Abraham. 



steht er als Baum im elterlichen Garten, umgeben von den anderen 
Bäumen (seinen Angehörigen), nahe dem großen Orakelbaum (= Vater) 
und hat dort feste Wurzehi geschlagen. Wie mir scheint, erforderte 
die Inzestverdrängung in diesem Falle außerordentliche Maßnahmen, 
und so durfte kein animalisches Wesen die symbolische Eltemvertretung 
übernehmen, sondern diese mußte dem sexuell indifferenten Baume 
zufallen. Vielleicht fällt von hier aus auch einiges Licht auf den 
Totemismus gewisser primitiver Stämme, in dessen Mittelpunkt nicht — 
wie in den meisten Fällen — ein Tier, sondern eine Pflanze steht. 

Im Bereich der kindlichen Tierphobien und der totemiatischen 
Erscheinungen in der Neurose muß eine Tatsache auffallen, die bisher 
noch wenig oder keine Beachtung gefunden hat. Afs Totem figuriert 
in einem Teil der Fälle, wie bereits erwähnt, eines der vierfüßigen 
Tiere, deren Größe und Kraft es uns ohneweiters begreiflich macht, 
daß sie vom Kinde mit dem starken Vater identifiziert werden. In 
einer beträchtlichen Zahl von Fällen finden wir dagegen als ,, Angsttiere" 
gerade die kleinsten, dem Kinde bekannten Tiere : Fliege, Wespe, Schmet- 
terling, Raupe usw. ; für eine Anzahl von Neurotikern gilt das gleiche. Die 
objektive Gefährlichkeit solcher Tiere kann für diese Form des kind- 
lichen Totemismus nicht als ausreichende Erklärung dienen, denn sie 
trifft nur auf einzehie dieser Tiere zu; andere sind gerade ganz harmlos, 
so daß das Kind sie ungefährdet zu töten vermag. Nach meinen Psycho- 
analysen bei Neurotikern erscheint mir eine andere, einfache Erklärung 
besser begründet. Jene Tiere haben die Eigenschaft des plötzlichen 
Erscheinens. Sie nähern sich schnell und unversehens und berühren 
ganz unerwartet den menschlichen Körper; ebenso schnell aber ver- 
schwinden sie auch wieder. In jedem Einzelfalle treten weitere indi- 
viduelle Begründungen hinzu. So war bei einem meiner Patienten 
die Wespe an die Stelle eines andern Tieres — des Tigers — getreten. 
Farbe und Zeichnung der Wespe erinnerten den Patienten an den Tiger. 
Das Brummen der Wespe konnte das Gebrüll des Tigers vertreten; 
letzteres wieder erwies sich als determiniert durch die Angst des Kindes 
vor der tiefen, drohenden Stimme der erzürnten Vaters. Wie der 
Patient sich spontan ausdrückte, assoziierte sich bei ihm an den Ein- 
druck der Wespe, die mit drohendem Brummen umherflog, die Vor- 
stellung eines Wutaffektes. Auf Grund meiner analytischen Resultate 
nehme ich an, daß jenen kleinen Tieren eine mehrfache Bedeutung 
zukommt. Sie repräsentieren den Vater, der das Kind überrascht, 
indem er plötzlich in seiner körperlichen Nähe ist oder es mit drohender 



Einschränkungen und Umwandlungen der Schaulust usw. 



83 



Stimme schreckt. Dazu kommt aber die Eigenschaft dieser Tiere, 
daß sie schnell verschwinden und daß man sie leichter als die großen 
Tiere töten kann. In den kleinen Fliegetieren^) wird also einerseits 
die gefährliche Macht des Vaters anerkannt, anderseits dienen sie zum 
Ausdruck der Beseitigungsvorstellungen, welche sich gegen den Vater 
richten. Es sind die gleichen Tiere, welche uns in den Mythologien 
als „Seelentiere" begegnen. 

Der schon mehrfach erwähnte Patient E., der mir hemmungslos 
eine große Menge wichtiger Aufschlüsse über die in ihm erhalten ge- 
bliebenen Infantilismen gab, der u. a. auch die ambivalente Einstellung 
zur Fliege selbst hervorgehoben hatte, vergnügt« sich während seiner 
Kindheit oft mit dem Töten von Fliegen und Wespen. An dieser Stelle 
muß ich aus seiner Psychoanalyse einige weitere Einzelheiten berichten ; 
ich bemerke, daß gewisse Phänomene, die auch bei andern Patienten 
nachzuweisen sind, in diesem Falle lediglich in einer unverhüllteren Form 
zum Ausdruck kommen. 

Wenn der Patient eine Fliege oder Wespe getötet hatte, so befiel 
ihn regelmäßig die Angst, die tote Fliege könne sich rächen. 

Dieser spontan gemachten Angabe des Patienten kommt eine 
große Tragweite zu. Es handelt sich nämlich um einen individual- 
psychologischen Vorgang, der sich vollkommen mit der 
Angst der Pritimitiven vor ihren Toten deckt. Freud hat 
in seinen Ausführungen über das Tabu der Toten diese rätsel- 
hafte Scheu analysiert. Die feindlichen Regmigen, die man 
einem Menschen bei seinen Lebzeiten entgegenbrachte, werden nach 
seinem Tode durch das Aufkommen entgegengesetzter Regungen 
(Trauer) verdrängt und durch einen Projektionsvorgang dem Ver- 
storbenen selbst zugeschoben. Nun ist er selbst gefährUch für die 
Überlebenden geworden; er könnte sie sozusagen nach sich ziehen. 
Bei dem Patienten zeigte sich für das von ihm getötete Tier ebenfalls 
ein „liebevolles" Gefühl; gleichzeitig aber wurde die Absicht des 
Tötens dem getöteten Tiere zugeschoben, so daß eine Angst vor seiner 
Rache die Folge war. 

Der gleiche Patient hatte während der Behandlung einen Traum, 
in welchem er einen Tiger mit einer Stange erstechen sollte. Alle anderen 
Details des Traumes übergehend, füge ich nur hinzu, daß das Tier 

1) Kleine kriechende Tiere (Raupen usw.) sind den fliegenden insofern 
gleichzusetzen, als sie auch plötzlich am Körper des Kindes erscheinen und dadurch 
Furcht erregen. 



6 



84 



Karl Abraham. 



plötzlich an den Himmel versetzt war. Der Patient kam im 
Traum nicht dazu, das Tier zu töten. 

Hier begegnen wir dem wichtigen Vorgang der Versetzung 
an den Himmel; er betrifft ein Objekt, zu dem der Träumer 
sich in einer ambivalenten Einstellung befindet. Dieser Vor- 
gang ist uns aber keineswegs fremd. Ich brauche nur an den Patienten B. 
zu erinnern (vgl. S. 42), der seinen verstorbenen Vater in einer an 
das Wahnhafte streifenden Phantasie direkt an den Himmel, neben 
die Sonne versetzte. Es drängt sich uns die Schlußfolgerung auf, daß 
die Symbolisierung des Vaters durch die Sonne einer solchen Ver- 
setzung an den Himmel entspreche, deren Motivierung uns nun keine 
Schwierigkeit mehr bereitet. Wir sind in der Lage, sie aus der ambi- 
valenten Einstellung des Sohnes zum Vater zu erklären. 

Auch hier folge ich zunächst wieder den spontanen, in Form 
von Einfällen gemachten Angaben des Patienten E.; sie motivierten 
die Versetzung des Vaters (Tiger, Wespe) an den Himmel zunächst 
damit, daß man auf diese Weise von dem gefährlichen Tier möglichst 
weit entfernt sei. Sofort folgte ein Einfall, der die Berechtigung 
dieser Motivierung erhärtete. Der Patient berichtete nämlich jetzt, 
wie er als Knabe verfuhr, um Wespen und Fliegen aus möglichst 
weiter Entfernung zu töten. Zu ängstlich, die Tiere direkt anzugreifen, 
befestigte er eine Kerze an einer langen Stange, zündete die Kerze 
an und näherte sie einem an der Fensterscheibe sitzenden Insekt; 
das Tier fiel dann tot oder wehrlos herab^). 

Je weiter das Tier, d. h. der Totem oder Vater, entfernt ist, um so 
weniger Gefahr geht von ihm aus. Gleichzeitig aber wird der Totem 
auf diesem Wege erhöht, er wird von dem irdischen Niveau auf ein 
höheres erhoben. Dieser Vorgang muß in seinen Einzelheiten nunmehr 
genauer verfolgt werden. 

Die ambivalente Bedeutung der Versetzung des Totem an den 
Himmel veranschaulicht in besonders instruktiver Weise das folgende 
Beispiel aus der Kinderstube. Zwei Geschwister mit stark phantastischer 
Anlage beobachten die Wolken und gewöhnen sich daran, ihnen Namen 
zu geben. In diesen Namen, die ich, aus Gründen der ärztlichen Dis- 
kretion, mitzuteilen mir leider versagen muß, ließ sich mit Leichtigkeit 
eine Verdic htung zweier Elemente nachweisen. Sie enthielten eine 

1) Durch diese Angabe wird auch die „Stange" erklärt, mit welcher der 
Patient in dem oben mitgeteilten Traum den am Himmel befindlichen Tiger 
töten soll. 



Einschränkungen und Umwandlungen der Schaulust usw. 85 

durchsichtige Entstellung der Wörter „Papa" respektive ,,Mama", 
die mit dem Wort „Tier" verschmolzen war. Hier sind also in naiver 
Weise Vater und Mutter zunächst als Tiere dargestellt und 
dann als außerirdische Gebilde (Wolken) an den Himmel 
versetzt. Das mitgeteilte Beispiel gewinnt an Interesse noch dadurch, 
daß die beiden Geschwister nachweislich ambivalent auf ihre Eltern 
eingestellt waren, indem sie ihnen einerseits Zärtlichkeit imd Ver- 
ehrung entgegenbrachten, anderseits dazu neigten, insbesondere den 
Vater zu einer lächerlichen Figur zu stempeln. 

In einem Traum einer neurotischen Frau fand ich kürzlich be- 
wundernde Verehrung des Vaters (als Sublimierung einer starken 
erotischen Fixierung) und Todeswünsche in sehr charakteristischer 
Weise ausgedrückt. Hier repräsentierte ein ungeheurer Kronleuchter, 
der sich am Himmel befand imd aus lauter Sternen zusammengesetzt 
war, den Vater; die Erscheinung des Kronleuchters war übrigens von 
einer Menge phallischer Symbole umgeben. 

In allen diesen Produkten der individuellen Phantasie, mag es 
sich um spielende Gedanken der Kinder, um Träume Erwachsener 
oder imi Beängstigungen Neurotischer handeln, erblicken wir das 
gleiche seelische Geschehen wie in den völkerpsychischen Prozessen, 
die der Religionsbildung zugrunde liegen. Ich darf mich darauf be- 
schränken, hier in aller Kürze auf jene mythologischen Gebilde zu 
verweisen, welche die Spuren der Versetzung des Totem an den 
Himmel fast unverhüllt erkennen lassen. Ich nenne den Blitzvogel 
der indischen, die Sonnenkuh der ägyptischen, den Wolkenbaum der 
gesamten indogermanischen Mythologie. 

Die Wirkungen der Versetzung des Vat«rs (respektive der 
Mutter) an den Himmel sind sehr vielseitig. Ich beschränke mich hier 
zunächst auf die Darstellung des Vaters durch das Sonnonsymbol. 
Mit Rücksicht auf den uns bekannten ambivalenten Charakter des 
ganzen Vorganges darf man seine Wirkungen in zwei Gruppen sondern. 

Die erste Gruppe entspricht den freundlichen, liebevollen Ge- 
fühlsregungen, die dem Vater zugewandt waren, der Anerkennung 
der väterlichen Macht. 

Wird der Vater durch das Symbol der Sonne dargestellt, so 
bedeutet dies, wie leicht ersichtlich, eine gewaltige Erhöhung seiner 
Macht. Von der Sonne ist alles Leben, das uns umgibt, abhängig. Durch 
die Identifizierung mit der Sonne wird der Vater geradezu zum Prinzip 
alles Lebens erhoben, wobei auf die Anerkennung der zeugenden 



86 Karl Abraham. 

Kraft des Vaters ein besonderer Akzent zu legen ist. Zweifel und Un- 
glauben vermögen der Macht des Vaters nunmehr keinen Abbruch 
zu tun. Da aber der Sonne auch die Eigenschaft zukommt, die irdischen 
Wesen zu überdauern, so wird dem Vater durch die Identifizierung 
mit der Sonne ewiges Leben, Unsterblichkeit zugeschrieben. Als Sonne 
an den Himmel versetzt, vermag der Vater alles zu schauen, während 
er durch die blendende Wirkung seines Lichtes dem Blicke des Sohnes 
entzogen ist. Zugleich aber ist der an den Himmel versetzte Vater 
den aggressiven Gelüstendes Sohnes entzogen; er ist über sie erhaben, 
wie im Sprichwort der Mond, den das Bellen des Hundes nicht zu 
kümmern braucht. 

Aber all diese Machtfülle ist nur Schein. Denn die Ver- 
setzung an den Himmel, die Erhebung zur Gottheit wird — wie Freud 
m seinem Aufsatze über den Totemismus überzeugend nachgewiesen 
hat — dem toten (rectius: getöteten) Vater zuteil. Die Ergebnisse der 
Psychoanalyse beim Individuum berechtigen uns zu der ganz analogen 
Auffassung, daß es der als tot gedachte (eigentlich vom Sohne tot 
gewünschte) Vater ist, dem die Erhöhung zur Sonnengottheit gilt. 
Die Regungen von Haß, Feindschaft, Eifersucht sind es, die in den 
Todesphantasien ihren Ausdruck finden. Sie berauben den Vater 
seiner Macht, so daß er eigentlich ohnmächtig, unschädlich wird. 
Durch nachträgliche Kompensierung wird ihm dann eine allmächtige 
Gewalt eingeräumt. 

Ich verweise an dieser Stelle darauf, daß die Völker nicht nur 
ihre Gottheiten und andere höhere Wesen an den Himmel versetzen, 
sondern daß es nach einer bis zur Gegenwart herrschenden Vor- 
stellung die Menschen selbst sind, die nach dem Tode „in den 
Himmel kommen". Das Seelenleben des einzelnen bringt völlig 
analoge Produkte hervor. Ein Traumbeispiel möge dies erläutern. 

Einer meiner Patienten brachte während einer bestimmten 
Periode der Behandlung eine Menge von Träumen hervor, die seinen 
unbewußten inzestuösen Regungen Ausdruck verliehen. Nachdem 
er viele Male im Traum gewaltsam von seiner Stiefmutter Besitz 
ergriffen hatte, folgte ein Traum, welcher inhaltlich von den bisherigen 
Träumen scheinbar abwich, in Wirklichkeit aber eine Ergänzung zu 
ihnen bildete. In diesem Traume stieg der Patient auf einer Leiter 
in den Himmel. Er fand dort Gott auf dem Throne sitzend; die Ge- 
sichtszüge waren aber diejenigen seines Vaters. Aus den Ergebnissen 
der Analyse erwähne ich nur als hier interessierend, daß der Patient 



Einscliräiikungen und Umwandlungen der Schaulust usw. 87 

seinen Vater in den Himmel versetzt hat, d. h. ihn aus der Liste der 
Lebenden gestrichen hat. Gleichzeitig erhöht er den Vater zum Crott. 
Aber die Macht des Vaters wird dadurch nur scheinbar erhöht. Denn 
der Patient steigt ja selbst zur Höhe des VaterS hinauf. Das Besteigen 
der Leiter ist ein häufiges Koitussymbol, das hier im Sinne des Inzest- 
wunsches angewandt ist. Der Patient nimmt symbolisch von der 
Stiefmutter Besitz, weil der Vater nicht mehr am Leben ist. Die gött- 
liche Macht des Vaters ist unwirksam ; sie kann ihn an der Ausf iihrimg 
seines Vorhabens nicht hindern. 

Grerade in Hinblick auf diesen Traum, in welchem der Sohn nach 
den Rechten des zum Gott erhobenen Vaters greift, erscheint mir die 
Bemerkung notwendig, daß der Sohn durch jede solche Erhöhung 
des Vaters sich selbst erhöht, jenem also an Macht ähnlich wird. Es 
genügt, an die Herrscher- imd Priestergeschlechter zu erinnern, die 
sich, zur Erhöhimg ihrer eigenen Macht, als Söhne der Sonne bezeich- 
neten^). 

Nachdem es gelungen ist, die Sonnenphobie zu verstehen, läßt 
die Gespensterphobie sich ohne besondere Schwierigkeit auflösen. 
Das Gespenst ist der tote (oder tot gedachte) Vater. Wird der Vater 
durch die Sonne vertreten, so ist sein Anblick unerträglich. Ist er 
zum Gespenst umgewandelt, so ist er dem Anblick im Allgemeinen 
entzogen. Sein unerwarteter Anblick erregt heftige Angst. Nach meinen 
Beobachtungen, welche nach dieser Richtung hin jedoch der Ergänzung 
bedürfen, scheinen manche Neurotiker zuerst eine Scheu vor dem 
Sonnenlicht respektive dem Lichte überhaupt zu haben, um später 
noch die Angst vor Gespenstern zu produzieren. Mit dem Fortschreiten 
des gegen den Schautrieb gerichteten Verdrängungsprozesses muß das 
Symbol, welches den Vater oder die Mutter vertritt, immer unmaterielle r 
werden. 

Einer meiner Patienten produzierte innerhalb eines kurzen 
Zeitraumes zwei Träume, in deren einem der Vater als Licht erschien, 
während er im andern als Gespenst auftrat. Im ersten dieser Träume 
befindet der Patient sich in der Schule (die er schon vor längeren 
Jahren verlassen hat). Der Schuldirektor, welchem auch in anderen 
Träumen eine au-Sgesprochene Vaterrolle zukam, betritt das Klassen- 



') Kurz erwähnen möchte ich, daß bei manchen Neurotikem der Vater 
nicht durch die Sonne, sondern durch den Blitz repräsentiert wird, also durch 
eine andere Lichterscheinung am Himmel. Der Blitz repräsentiert hier besonders 
die strafende (tötende) Macht des Vaters. 



88 Karl Abraham. 

Zimmer und redet den Patienten an. Dieser widersetzt sicH zunächst 
in trotziger Weise den Anordnungen des Direktors, muß aber dann ge- 
horchen, während über dem Kopf des Direktors ein blendend helles 
Licht erscheint, bei dessen Anblick der Patient in Ohnmacht fällt. 

Kepräsentiert hier das blendende Licht die väterliche Macht, 
so gilt das Gleiche vom Gespenst in dem andern Traum. Be- 
merkenswert ist in diesem Falle, daß das Gespenst den Träumer durch 
seine weiße Gestalt blendet. Im allgemeinen werden die Gre- 
spenster als weiße, aber fahle, blasse Erscheinungen gedacht. Die 
Gespensterphobie findet sich am ausgeprägtesten bei den neurotischen 
Grüblern, welche, wie früher ausgeführt, überhaupt die Tendenz zeigen, 
das sinnlich Wahrnehmbare, das Klare und Greifbare durch Un- 
bestimmtes, Verschwommenes, Unmaterielles zu ersetzen. 



Wer über eigene psychoanalytische Erfahrimg verfügt, wird 
unschwer erkennen, daß die vorstehenden Ausführungen das um- 
fassende Grebiet, auf welches sie sich beziehen, keineswegs zu erschöpfen 
vermögen. Sicherlich läßt sich den hier analysierten Phänomenen 
manches Weitere an die Seite stellen, besonders aber muß hervor- 
gehoben werden, daß diese Studie sich gedrängtester Kürze befleißigt 
hat. So mußte manches, was zur Aufklärimg der Symptome hätte 
beitragen können, unerwähnt bleiben; anderes konnte nur angedeutet 
werden. Der fragmentarische Charakter des Grebotenen mag aber 
gerade zeigen, wie sehr uns symptomatologische Untersuchimgen 
not tun. Der Weg, den sie zu gehen haben werden, ist vorgezeichnet 
durch die uns unentbehrlich gewordene Aufstellung der „Partial- 
triebe" und der ,,erogenen Zonen". Im vorstehenden habe ich 
mich bemüht, das an dem Beispiel eines Partialtriebes und einer 
erogenen Zone zu erweisen. 



über zwei typische Traumsensationen. 

Von Dr. Paul Federn. 



L Vorbemerkung. 

Die Analyse der Träume wurde Freud durch den Gang, den die 
Analyse des Neurotikers ohne Einflußnahme seitens des Analytikers 
nahm, aufgedrängt. Erst die unerwarteten Aufschlüsse, die die fort- 
schreitende Lösung des Traumproblems auch für die Erkenntnis der 
Kräfte und der Struktur des Seelenlebens Freud brachte, machte 
sie ihm zum Selbstzweck. Die einzelnen Traumanalysen waren Etappen 
der ganzen Analyse, zuerst des einzelnen Falles, später des Unbewußten 
überhaupt. Es muß immer wieder hervorgehoben werden, daß Freud 
auf induktivem Wege die typische Wiederkehr desselben Materials 
und der gleichen Funktionsformen in Traum und Neurose gefunden hat. 

Als allen Menschen, Gesunden und Kranken, gemeinsam ergaben 
sich bestimmte, und zwar nicht sehr zahlreiche Traumquellen und 
bestimmte, viel zahlreichere Darstellungsmittel. Die typischen Traum- 
quellen führen durch Verwendung individuellen Materials und durch 
mannigfaltige Kombination untereinander und mit individuellen 
Motiven zu den unerschöpflich vielgestalteten Einzelträumen, die alle 
ganz eigenartig erscheinen. Zerlegt man aber jeden Traum in seine 
Szenen und Bilder, so erkennt man nach einiger Erfahrung analoge 
Darstellungen mit den gleichen spezifischen Bedeutungien bei den ver- 
schiedensten Individuen wieder. Es berührt einen merkwürdig, oft 
große Traumstücke mit vielen Details i» Publikationen anderer Autoren, 
darunter längst verstorbener oder solcher von anderer Nationalität, 
wieder zu finden. Man kann vermuten, daß die Lebensschicksale der 
Träumer in betreff deü wichtigsten Motive analoge sein mußten. Diese 
häufig vorkommende Analogie von Traumstücken steigert sich zur 
7 



^^ Paul Federn. 



vöUigen Gleichheit bei weiterer Zerlegung der Trauminhalte in die 
einzelnen DarsteUungsmittel. Das scheint zunächst daran zu liegen, 
daß das Alltagsleben für die meisten Menschen dieselben Tagesreste 
dem Traume zur Verfügung stellt. Von dieser selbstverständlichen 
Übereinstimmung wollen wir ganz absehen, weil solche gleiche Elemente 
bei der Analyse bald zu den verschiedensten Traumquellen hinleiten. 
Es gibt aber typisch wiederkehrende DarsteUungselemente, welche 
immer zu den gleichen Bedeutungen im latenten Trauminhalte führen. 
Diese Mittel zur symbolischen Darstellung stammen zum überwiegenden 
Teile aus den Erfahrungen des wachen Lebens, die sich auf die Außen- 
welt beziehen. Ist einmal ihre symbolische Bedeutung erkannt, so 
finden wir die gleiche oder analoge symbolische Bedeutung in den Ob- 
jekten der wachen Erfahrung wieder, von welcher die Traumelemente 
nur Erinnerungsbilder sind. Diese Erinnerungsbilder machen infolge 
des Vorganges der Traumregression den gleichen Eindruck von wirk- 
lichen Wahrnehmungen wie die ursprünglichen objektiven Wahr- 
nehmungen. 

Bei einer Gruppe von typischen Träumen sind nun solche als 
wirklich aufgefaßte Vorgänge mit all den zu ihnen gehörigen, der Außen- 
welt entstammenden Darstellungsmitteln von bestimmten Sensationen 
begleitet, die selbst eine symbolische Bedeutung haben. Silber er 
hat die symboüsche Darstellung eines seelischen Vorganges durch 
haUuzinierte Ereignisse „funktionales Phänomen" genannt. Der Zu- 
sammenhang der ursprünglichen psychischen Quelle und der halluzina- 
torischen Darstellung wird durch die endopsychische Wahrnehmung 
mit Evidenz erlebt. Sind solche auf dem Wege des „funktionalen 
Phänomens" entstandene Traumszenen von spezifischen Sensationen 
begleitet, so kommen dadurch psychische Vorgänge, umgewandelt in 
somatische Empfindungen, zum Bewußtsein. Diese Sensationen werden 
durch sensorische Apparate vermittelt. Die sensorischen Apparate 
werden also in solchen typischen Träumen infolge der Regression aus 
zwei QueUen erregt. Die Erinnerungsbilder, aus welchen die Traum- 
handlung oder Traumszene entsteht, erhalten die Qualität von Sinnes- 
wahrnehmungen, und affektbetonte subjektive Vorgänge erhalten die 
Qualität von Sensationen. 

Wir gebrauchen diese Bezeichnung, wenn uns die spezifische 
Qualität einer Sinneserregung und nicht der durch sie vermittelte 
objektive Inhalt interessiert. Wir gebrauchen ihn, sowohl wenn es sich 
um endogene Erregung handelt und überhaupt keine Wahrnehmmig 



über zwei typische Traumsensationen. 91 

eines Objektes statthatte, als auch wenn wir diese vernachlässigen 
wollen. Durch die Bezeichnung ,, Traumsensation" heben wir die 
Qualität der Sinneserregung im Traume vor den durch aie repro- 
duzierten Wahrnehmungen^) hervor. 

Wenn z. B. das Eisenbahnfahren als typisches Darstellungs- 
mittel des Sexualverkehres*) gelten kann, so ist es Gegenstand weiterer 
Untersuchung, ob diese Bedeutung durch Erinnerungen an Erlebnisse 
und an Phantasien, die an die Eisenbahn geknüpft sind, und durch 
Wortbrücken zustande kam oder, weil die Sensation des Fahrena un- 
mittelbar mit sexueller Erregung verknüpft ist. Im Falle der Eisenbahn 
dürften beide Mechanismen in Betracht kommen. Während im Falle 
der Eisenbahn diese Frage schwer zu entscheiden ist, weil das Fahren 
auch im tatsächlichen Erleben und auch seinem Wortsinne nach be- 
deutungsvoll und beziehungsreich ist, ist die Entscheidung, ob eine 
typische Bedeutung der Sensation oder dem Vorstellungsinhalte an- 
haftet, im voraus im ersteren Sinn erledigt, wenn überhaupt keine Er- 
innerung aus dem Wachleben existieren kann, weil im Wachleben 
keine Erlebnisse existieren, mit welchen die gleiche Sensation ver- 
bunden war. Mit zwei Sensationen dieser Art — der Flugsensation 
und der Hemmungssensation — werde ich mich beschäftigen. 

Selbstverständlich fehlt es auch bei diesen bloß im Schlaf ge- 
fühlten Sensationen nicht an assoziativ dazugehörigen Erlebnissen 
mid Eindrücken ans dem Wachzustande. Das Thema des Fliegens 
und das Thema des Festgehaltenwerdens hat alle Menschen beschäftigt. 
Aber es hat niemand — auch nicht der wirkliche Aviatiker — im 
Wachen eine Flugsensation derselben Qualität, wie der das Fliegen 
träumende Schläfer und der tatsächlich Gefesselte hat dabei ganz 
andere Empfindungen als der im Traume Gehemmte. Denn die spezi- 
fische Sensation im Traumfluge ist mit einem Gefühle der ungekannten, 
vollkommenen körperlichen Schwerelosigkeit verbunden und ein ebenso 
rätselhaftes Gefühl von geistiger Freiheit und Ungebundenheit tritt 
oft dazu. Im Gegensatz dazu ist das Traumerlebnis der Gehemmtheit 



1) Da ich demnach in meiner Mitteilung mein Interesse der spezifischen 
Sensation und nicht dem ganzen Traume zuwende, werde ich die individuelle 
Deutung des Traumes, soweit sie nicht zur Beweisführung nötig ist, Temaeh- 
lässigen. 

') Freud hat diese symbolische Bedeutung kürzlich dahin erweitert, daß 
das Fahren als DarstelJungsmittel für Befriedigung eines triebhaften Wunsches 
überhaupt dient. 



92 Paul Federn. 

von einem dem Träumer miheimiich mid mierhört erscheinenden 
Gefühl körperlicher imd geistiger Unfreiheit begleitet. Wir wissen, 
wie vielfach beide Sensationen, eben weil sie nicht aus der Erfahrimgs- 
welt des Wachen stammen, naive Menschen zu Aberglauben, Denker 
und Forscher zur Annahme hereditärer und mystischer Zusammen- 
hänge veranlaßt haben. 

Die weitere Untersuchung, die (Gegenstand meiner Mitteilung ist, 
zeigte, daß der Flugsensation eine — in traumhafter Vergrößerung apper- 
zipierte — Labjrrintherregung entspricht, während zu der Hemmungs- 
sensation eine gleichfalls vergrößert apperzipierte Muskelempfindung 
gehört. Den Sensationen, welche einen entgegengesetzten Eindruck 
auf den Träumer machen, entsprechen also ihrer Qualität nach dis- 
parate Sinneserregungen. Wir können vermuten, daß das Gefühl der 
geistigen Freiheit und Ungebundenheit wahrscheinlich auch mit einer 
gesteigerten Muskelenergie einhergeht, imd so sich auch in den Dar- 
stellungsmitteln ein Gegensatz verrät. Sobald wir die unbewußten 
psychischen Vorgänge erkennen, die in den entgegengesetzten Traum- 
sensationen zum Ausdruck kommen, tritt ims der bestehende 
Gegensatz deutlich entgegen. Der Flugtraum bedeutet ein 
meistens sexuelles Können und Wollen, der Hemmungs- 
traum hingegen die Verneinung eines Könnens oder 
Wollens, ein Nichtdürfen. 

Jede Traumsensation muß an einem — eventuell an mehreren — 
Sinnesapparat«n lokalisiert sein, wobei die Frage, wie weit — ana- 
tomisch betrachtet — der periphere oder nur der zentrale Teil des 
betreffenden sensuellen Systems in Tätigkeit tritt, nicht mehr Gegen- 
stand einer psychologischen Untersuchung ist. Die Traumsensation 
wird im Vergleich zur wachen Wahrnehmung, welche mit derselben 
Sinneserregung einhergeht, enorm vergrößert empfunden. Die Mög- 
lichkeit, die Wach- und Schlafsensationen als identische Vorgänge zu 
erkennen und ihre Größe zu vergleichen, wird dadurch gegeben, daß 
sowohl der langsame Übergang von Schlaf- und Wachzustand mit 
seinen hypnagogen imd hypnopompen Erscheinungen, als auch das 
viel raschere Aufwachen aus Körperreizträumen, bei welchen die 
sensuelle Erregimg in den Wachzustand hinüberreicht, die Selbst- 
beobachtimg gestattet. In anderen Fällen kann nur mit einer großen 
Wahrscheinlichkeit erschlossen werden, welche Art von Erregungs- 
zustand einer bestimmten Traumsensation entspricht. Da aber die 
Traumsensation psychische Bedeutung hat und einer bestimmten 



über zwei typische Traumsensationen. 93 

oder, bei mehrfacher Determinierung, mehreren latenten Traiim- 
quellen entspricht, kommen wir durch die Analyse der typischen 
Traumsensationen dazu, Erregungsqualitäten von Sinnesapparaten auf 
ihre durch unbewußte Mechanismen umgewandelte latente Traum- 
quellen zurückzuführen. Dieses Problem ist aber das für die Neurosen- 
lehre so wichtige Problem der Konversion, mit welchem Namen 
Freud den für die Hysterie charakteristischen Ersatz gesteigerter, 
unbewußter psychischer Vorgänge durch abnorme körperliche Sym- 
ptome bezeichnet hat. Wir werden nun zu zeigen versuchen, daß mehrere 
auch bei normalen Individuen auftretende typische Traumsensationen 
die traumhafte Wahrnehmung solcher Sinneserregungen sind, welche 
im normalen wachen Zustande nicht vorkommen, wohl aber als patho- 
logische Symptome bekannt sind. Die Analyse dieser typischen Traum- 
sensationen ist dann gleichzeitig die Analyse der entsprechenden dvirch 
Konversion entstandenen körperlichen Symptome. Es bestätigt sich 
wieder der oft von Freud hervorgehobene Unterschied zwischen dem 
N'ormalen und dem Neurotiker, der darin besteht, daß der Psycho- 
neurotiker im Wachzustände an psychischen Formationen erkrankt, 
welche dem Gesunden nur im Schlafe als Traumgebilde zum Bewußt- 
sein kommen. 

Es gibt nicht viele Konversionssymptome und ebenso gibt es 
nicht viele typische Traumsensationen. Wie ferner die Konversions- 
symptome in der Analyse als durch mehrfache Determininerung und 
intensive Verdichtungsarbeit entstanden sich herausstellen, so ist es 
auch bei manchen typischen Traumsensationen der Fall. Schließlich 
kommt das somatische Entgegenkommen des Empfindungsapparates 
für die Entstehung einer Traumsensation ebenso zur Geltung, wie es 
bei der Wahl des Konversionssymptoms eine wichtige Rolle spielt. 
Je mehr das somatische Entgegenkommen zur Entstehung der typischen 
Traumsensation beiträgt, desto mehr geht diese in einen typischen 
Körperreiztraum über. 

Die Bezeichnung ,. Körperreiztraum" findet aber eine mehrfache 
Verwendung. Es sind prinzipiell zwei Möglichkeiten zu scheiden, die in 
der Wirklichkeit oft vereint sind. Der eigentliche Körperreiztraum 
ist ein solcher Traum, in welchem ein .Organreiz traumhaft vergrößert 
zur Wahrnehmung kommt und trotz aller Ausschmückung und weiteren 
Verarbeitung in der betreffenden Traumszene die eine Sensation im 
gereizten Wahrnehmurigsapparate deutlich vorherrscht. Vielleicht das 
beste Beispiel dafür ist der bekannte Traum von dem Pfahle, der 



94: Paul Federn. 

zwischen die Zehen getrieben wird, während sich beim Erwachen ein 
Strohhahn vorfand. Oder der Traum, daß der Körper von brennendem 
öl Übergossen werde, wofür sich ein juckender Hautausschlag als Ur- 
sache herausstellte. 

Den Gegensatz dazu bilden solche Träume, bei welchen der 
somatische Reiz nur assoziativ verwendet wird. So war schon den 
Autoren im Altertum bekannt, daß sich der Fieberbeginn durch 
Träume, in denen ein Feuer gesehen wurde, nächtlich ankündigen kann. 
Stärke hat in seiner letzten Arbeit über „Neue Traimiexperimente" 
(dieses Jahrbuch, V. Band, Seite 233) mehrere Beispiele von indirekten 
Körperreizträumen gegeben. Auch die meisten von Scherner mit- 
geteilten Körperreizträume gehören zu dieser Kategorie, so auch viele 
Harnreizträume. In jenen Schernerschen Träumen, in welchen die 
Form und Gestalt eines Organs die Traumszene beherrscht, wird 
die Organsensation direkt traumhaft vergrößert und beeinflußt 
die weitere Assoziation. Diese traumhafte Darstellung von körper- 
lichen Vorgängen, von Organformen und Organreizen, welchen Vor- 
gang man mit Erweiterung des Symbolbegriffes auch AutoaymboUk 
nennen kann, hat Silberer das „somatische Phänomen" genannt und 
den von ihm entdeckten „materialen und fimktionalen" Phänomenen 
beigeordnet. Als Darstellungsmittel für solche femabliegende Organreize 
finden wir mitunter auch typische Traumsensationen. Demnach kommen 
als Ursachen für die typischen Traumsensationen eines bestimmten 
Sinnesapparates die direkte Reizung dieses Apparates, rein psychische 
Quellen und mittels des somatischen Phänomens zustande gekommene, 
auch fernabliegende Organreize in Betracht. Zwei somatische Vorgänge 
können durch komplizierte unbewußte Zusammenhänge, welche der 
Analyse zugänglich sind, verknüpft sein. Das ist für die Neurosenlehre 
auch deshalb wichtig, weil eine psychische Hemmimg des einen Vor- 
ganges, der ursprünglich Darstellungsmittel war, eine Funktions- 
störung des andern Vorganges nach sich ziehen kann. Bedingung 
dafür ist, daß der unbewußte Zusammenhang nicht wie im normalen 
Traume nur vorübergehend zur Ausbildung kommt, sondern infolge 
affektiver Verstärkung und Libidoverschiebung dauernd fixiert ist. 
In meinen Aufsätzen über Sadismus und Masochismus^) habe ich für 
solche fixierte imbewußte Zusammenhänge von körperlichen Vorgängen 
und für die mitvmter daraus resultierende pathologische Hemmung 

1) Internat. Zeitschrift für Psychoanalyse I, H. 1 und II, H. 2. 



über zwei typische Tranmsensationen. 95 

ein Beispiel gegeben und meine Beweisführung auch auf die Unter- 
suchung typischer Träume gestützt. Auf Grund des analogen Gedanken- 
ganges will ich in den folgenden Mitteilungen die analogen und teil- 
weise identischen Erscheinungen an typischen Traumsensationen und 
an psychoneurotischen Symptomen hervorbeben. 

2. Über den Hemraungstraum. 

Dieser Traum kommt bei völlig gesunden Individuen vor. Fast 
alle Individuen, die ich gefragt habe, kennen ihn aus eigener Erfahrung. 
Häufiger haben ihn empfindliche skrupulöse Charaktere. Sowie die 
,,Psychopathologie des Alltagslebens" (Freud) sich im wachen Zustande 
auf leichte Ausfallserscheinungen und unbedenkliche Störungen er- 
streckt, so äußert sie sich im Traumleben in manchen auffallenden 
Träumen, zu denen auch der Hemmungstraum gehört. Auch im 
Traumleben gibt es keine scharfe Grenzen zwischen Gesundheit und 
Krankheit. 

Das , ,Nichtsichbewegenkönnen" ist gewöhnlich durch kein dem 
Träumer sich zeigendes Hindernis erklärt. Ist das doch der Fall, so 
handelt es sich um eine individuelle Abart der typischen Traumform, 
die ich bei einem Masochisten gefunden habe, der sich von einer ihn 
haltenden Person gehemmt fühlte. Dieser Traum stellt eine Übergangs- 
form zum Alptraum dar. Mit dem Alptraum teilt der Hemmungs- 
traum auch das Gefühl, daß die Hemmung unerwartefi*eintritt. Auch 
wird sie subjektiv als etwas Rätselhaftes, Fremdartiges empfunden, 
das aber, anders als das Gefühl des Fremdartigen im Flugtraum, immer 
den Träumer gleichsam ärgert, ihm wie zauberhaft erscheint und 
sich in vielen Träumen bis zur Gequältheit steigert, zu welcher dann 
Angst unmittelbar vor dem Erwachen dazutreten kann. Zum typischen 
Hemmungstraum gehört aber keine Angstentbindung. Deshalb hat 
auch Freud das Problem der Traumhemmung von dem der Traum- 
angst getrennt, 

Freud hat diese Träume erklärt und meine Mitteilung soll diese 
Erklärung bestätigen. Freud schreibt darüber: ,,Was bedeutet die 
so häufig im Traum erscheinende Sensation der gehemmten Bewegung, 
die so nahe an Angst streift? Man will gehen und kommt nicht von der 
Stelle, will etwas verrichten und stößt fortwährend auf Hindernisse. 
Der Eisenbahnzug will sich in Bewegung setzen und man kann ihn 
nicht erreichen; man hebt die Hand, um eine Beleidigung zu rächen. 



96 Paul Federn. 

und sie versagt usw Es ist bequem, aber unzureichend, zu ant- 
worten, im Schlafe bestehe motorische Lähmung, die sich durch die 
erwähnte Sensation bemerkbar macht. Wir dürfen fragen: Warum 
träumt man dann nicht beständig von solchen gehemmten Bewegungen?, 
und wir dürfen erwarten, daß diese im Schlaf jederzeit hervorzurufende 
Sensation irgend welchen Zwecken der Darstellung diene und nur 
durch das im Traummaterial gegebene Bedürfnis nach dieser Dar- 
stellung erweckt werde." Freud beschreibt in den von ihm gewählten 
'Beispielen, zwei eigenen Träumen, einmal die Sehsation: „Ich schäme 
mich, will eilen, und nun tritt jenes Gehemmtsein auf, ich klebe an den 
Stufen und komme nicht von der Stelle." Im zweiten Traume handelt 
es sich bloß um eine analoge Situation ohne Steigerung bis zur Sensation. 
,,Es heißt dann, daß ich jetzt gehen kann. Da finde ich meinen Hut 
nicht imd kann doch nicht gehen." 

Als Detail über diese merkwürdige Sensation will ich noch mit- 
teilen, daß in manchen Träumen die Hemmung den ganzen Körper 
wie eine Starre erfaßt, in anderen Fällen nur gerade das eine Glied, 
mit welchem die Bewegung intendiert ist. In einem Falle, in welchem 
der Träumer jemanden verfolgen imd gleichzeitig auch einen geraubten 
Gegenstand zurücknehmen wollte, bezog sich die Hemmungssensation 
bloß auf die intendierte Arrabewegung, Der Träumer erschrak über 
die. Hemmung und ging auch nicht weiter, ohne aber in den Beinen 
die Hemmung zu fühlen. Als die Armhemmung aufhörte, verfolgte 
er den Räuber weiter, während er den Gegenstand zu erfassen auf- 
gegeben hatte. In einem andern von mir selbst geträumten Hemmimgs- 
traum bezog sich das Hemmungsgefühl bloß auf das linke Bein. Ich 
träumte, daß ich im Takt einer Militärkapelle marschierte und plötzlich 
zwar mit dem rechten Bein normal ausschritt, im linken aber völlig 
gehemmt war. Die Sensation dauerte längere ,, geträumte" Zeit, war 
überraschend und frei von Angst. Ich erwachte nicht aus dem Schlafe. 
Von dem komplizierten Traummateriale will ich nur mitteilen, daß 
ich kurz vorher mit großer Bewunderung das Werk „Ablauf des Lebens" 
von Fliess gelesen hatte und in dem der Traumnacht vorausgegangenen 
Abend es versäumt hatte, zu seinem Vortrage zu gehen. Eine der be- 
deutenden Funde Fliess' betrifft bekanntlich den Zusammenhang 
von verstärkter Anlage der linken Körperhälfte und von Vermehrung 
der andersgeschlechtigen Sexualsubstanz im Individuum. Mit diesem 
Thema hängen verschiedene mir persönlich naheliegende Motive zu- 
sammen. 



über zwei typische Traumsensatioiien. 97 

Von diesen Traumbeispielen bietet das erste deshalb theoretisches 
Interesse, weil von zwei intendierten Bewegungen nur eine gehemmt 
wurde. Diese Auswahl war in der Analyse sehr gut determiniert und 
kann unbedingt nur psychologisch, aber nicht mit den physiologischen 
Bedingungen der Schlafintensität erklärt werden. Die psychologische 
Erklärung lautet bei Freud: ,,Das Nichtzustandebringen im Traume 

ist ein Ausdruck des Widerspruches, ein ,Nein"' ,,In andern 

Träumen, welche das Nichtzustande kommen der Bewegung nicht 
bloß als Situation, sondern als Sensation enthalten, ist derselbe Wider- 
spruch durch die Sensation der Bewegungshemmung kräftiger aus- 
gedrückt als ein Wille, dem ein Gegenwille sich widersetzt. Die Sen- 
sation der Bewegungshemmung stellt also einen Willenskonflikt 

dar." „Der auf die motorischen Bahnen übertragene Impuls ist 

nun nichts anderes als der Wille, und daß wir sicher sind, im Schlafe 
diesen Impuls als gehemmt zu empfinden, macht den ganzen Vor- 
gang so überaus geeignet zur Darstellung des Wollens und des Nein, 
das sich ihm entgegensetzt." Im Anschluß an die Analyse des Traumes, 
in welchem unmittelbar nacheinander das Gefühl ,, flink Stiegen steigen 
zu können" und das Gefühl der Gehemmtheit auftrat, bemerkt Freud: 
,,daß die Traumsensation der gehemmten Bewegung überall dort her- 
vorgerufen wird, wo ein gewisser Zusammenhang ihrer bedarf. Ein 
besonderer Zustand meiner MotiUtät im Schlafe kann nicht die Ur- 
sache dieses Trauminhaltes sein, denn unmittelbar vorher sah ich 
mich ja wie zur Sicherung dieser Erkenntnis leichtfüßig über die 
Stufen eilen." 

Jedem, der bereits überzeugt ist, daß jedes Detail des Traumes 
wohl determiniert und sinnvoll ist, erscheint die analytische Erklärung 
Freuds richtig imd beweiskräftig. Die Traumhemmung ist mit der 
normalen motorischen Ruhe des Schlafes nicht erklärt, und ich werde 
Argumente zur Stütze der Annahme bringen, daß bei der Hemmungs- 
sensation sich auch tatsächlich ein besonderer Hemmungsvorgang im 
Muskelapparate abspielt, der mit dem normalen Fehlen der Motilität 
im Traume nicht identisch ist. Entweder müssen die den Willens- 
konflikt darstellenden Sensationen der Intention und der Hemmung 
durch regressive Erregung der entsprechenden Muskelempfindungen 
entstanden sein, oder es spielen sich zwei einander aufhebende Inten- 
tionen am Muskelapparate, und zwar an den Antagonisten ab und 
werden dann in traumhafter Vergrößerung empfunden. Darauf werde 
ich später zurückkommen. 

7 
Jahrbnob der Psychoanalyse. VI. 



98 Paul Federn. 

Die nicht analytische Traumliteratur hat die Erklärung Freuds 
nicht akzeptiert. Deshalb erscheint es mir nicht überflüssig, sie durch 
einen neuen beweisenden Traum zu stützen. Die Erklärung Freuds 
ist nach den angeführten Stellen die, daß eine besondere gegensätzliche 
Konstellation der im Traum zur Geltimg kommenden Wünsche 
ausgedrückt wird, nämlich die Erfüllung des eigentlichen traum- 
bildenden Wunsches werde diu-ch einen ihm entgegengesetzten Willen 
nicht gestattet. Es handelt sich also um ein seelisches Verbot, 
jenen Wunsch zu erfüllen. Bei den von mir mitgeteilten Träumen 
ergab die Analyse ein aus den tiefsten und stärksten Motiven stammen- 
des Verbot, das auch im Wachen die Erfüllung des betreffenden 
Wunsches unmöghch machte. Als solches übermächtiges Hindernis, 
als „plus fort, que moi" wird es auch vom Träumer empfunden. 

Die landläufige Erklärung rekurriert auf Ungleichheit der Schlaf- 
tiefe und in ihrer besser begründeten Form auf Ungleichheiten in der 
Aufeinanderfolge des Erwachens der einzebien Funktionen. Die Ge- 
hemmtheit sei bloßes Aufwachphänomen. Wenn der Träumer eine 
Bewegvmg im Schlafe intendiert und dabei dem Wachen sich nähert, 
so daß er die Unfähigkeit zur Muskelaktion, die ja eine allgemeine 
Eigenschaft des Schlafes ist, wahrnimmt, so empfindet er sie als 
Hemmung. 

Die an Beispielen entwickelte Ansicht Havelock Ellis' sei 
zitiert: ,,So träumte ich einst, ich mache einen Spaziergang mit einem 
Freunde, ich stritte mit ihm und ginge dann quer über den Weg, um 
früher als er anzukommen. Diese Bewegungen strengten mich erst 
nicht an, allmählich fühlte ich aber eine ungeheuere und vergebliche 
Anstrengung bei dem Versuche, vorwärts zu kommen und fühlte nun 
beim Erwachen eine schwere Müdigkeit in meinen imbewegten Gliedern. 
Ich nehme an, daß im Verlaufe des Erwachens die dem Bewußtsein 
allmählich zuströmenden Nachrichten von dem wirklichen Zustande 
meiner Beine in Widerspruch mit dem Bilde der Traumsituation ge- 
rieten und einen Konflikt im Bewußtsein hervorriefen. Man muß 
keineswegs annehmen, daß im Anfangsstadium des Traumes alle sen- 
siblen Nachrichten von den Beinen her vollständig fehlten; vielmehr 
war die Empfindung der Ermüdung wahrscheinüch die Ursache 
des Traumes und die Vorstellung des Spazierganges nur der Versuch, 
die Müdigkeit zu erklären; das ist deshalb besonders wahrscheinlich, 
weil man kaum annehmen kann, daß die vorhandene Müdigkeit durch 
die im Traume erlebte geistige Anstrengung hervorgerufen worden ist. 



über zwei typische Traumsensationen. 99 

,,In einem Traume, den einer meiner Freunde häufig hat, und 
den er immer peinlich findet, glaubt er auf einen Berg zu steigen und 
kommt dabei immer auf eine Stelle, wo er trotz äußerster Anstrengung 
nicht mehr weiter kann. Wahrscheinlich ist auch dieser Traum ein 
Beispiel für den Konflikt, mit dem der Verlauf des Erwachens ver- 
bunden ist." 

Wie unzureichend aber diese physiologische Erklärung ist, 
zeigt die Gegenüberstellung der physiologischen Erklärung des Flug- 
traumes, der bekanntlich dadurch entstehen soll, daß im Schlafe die 
Hautgefühle verloren gehen, und die Träumer dadurch das Gefühl 
der Unterlage und damit der Schwere verlieren. Da nun beim Auf- 
wachen die Psyche entweder der fehlenden Motilität oder aber der 
fehlenden Sensibilität zuerst gewahr werden muß, so müßten wir aus 
den meisten Träumen entweder fliegend oder bewegungsunfähig er- 
wachen. Schon die relative Seltenheit der beiden Träume verlangt 
eine viel weniger allgemeine Ursache. 

Havelock Ellis führt als weiteres Argument für die landläufige 
Erklärung eine interessante Tatsache an. Es ist durch verläßliche Be- 
obachter festgestellt worden, daß in solchen Träumen wirklich vom 
Träumer Bewegungen ausgeführt werden. Daraus schließt er, daß 
,,wir in den Träumen von schwer ausführbaren Bewegungen wirklich 
so weit wach sind, daß wir wirklich Bewegungen ausführen". Diese 
Bewegungen entsprechen freilich nur ungefähr den vom Träumer vor- 
gestellten Bewegungen. ,, Gewiß fallen Träume von schweren Bewe- 
gungen sehr oft mit einem gewissen Grade von wirklicher Bewegimg 
zusammen oder sind durch solche Versuche hervorgerufen." 

Wenn wir überlegen, daß von natürlichen Somnambulen gerade 
im tiefsten Schlafe Bewegungen ausgeführt werden, so wird der Schluß 
auf die Seichtigkeit des Schlafes unsicher. Doch scheint die Beobachtung 
zunächst wirklich für die physiologische Erklärung zu sprechen. Es 
scheint sehr plausibel, daß ein Gefühl von Hemmung eintritt, wenn 
es infolge besonders intensiven Träumens zu wirklicher Bewegung 
gekommen ist. Bei näherer Überlegimg erscheint aber auch dieser 
Schluß unrichtig. Wir müßten vielmehr aus dem Eintritt der Bewegung 
auf ein Nachlassen der physiologischen Hemmimg schließen. Anders 
könnte aus physiologischen Gründen keine wirkliche Muskelbewegung 
trotz des Schlafes möglich sein. Eine verminderte Schlafhemmung 
kann aber noch weniger ein Hemmungsgefühl verursachen, als die 
gewohnte gewöhnliche Schlafhemmung im bewegungslosen Schlaf. 

7* 



100 Paul Federn, 

Vom Standpunkt der psychologischen Erklärung beweist der 
Umstand, daß gerade im Hemmungatraum, also bei am meisten er- 
starrter Bewegungsfunktion, trotzdem Bewegungen vorkommen, die 
Existenz eines intensiven Konfliktes im Unbewußten. Wir ersehen 
daraus, daß sich die Bewegungstendenz gegen eine vermehrte, nicht 
gegen die normale, schlaf gemäße Hemmung durchsetzen muß und 
darum zu ungewöhnlicher Intentionsstärke anwächst. Dadurch erst 
kommt es dann zu wirklicher Bewegung. Es stößt nicht eine durch 
ein Ungefähr des Schlafchemismus erwachende Muskelaktion auf die 
noch vorhandene Schlafsperre im Muskel, wie die allgemeine Er- 
klärung es verlangen würde, sondern die aus psychologischen Gründen 
eingetretene psychische Hemmungssensation macht erst ihrerseits die 
Muskelinnervation anwachsen. 

Wenn wir überlegen, daß in so vielen Träumen bei den verschieden- 
sten Graden von Schlaftiefen Bewegungen aller Art geträumt werden, 
ohne daß der Schläfer sich rührt, und manche Individuen im tiefsten 
Schlafe geträumte Bewegungen auch wirklich ausführen, so sehen wir 
ein, daß die Unmöglichkeit der Muskelbewegung nicht unbedingt zum 
Schlafzustand gehören muß. Diese sonmambulen Träume unterscheiden 
sich subjektiv durch nichts von den gewöhnlichen Träumen mit Muskel- 
ruhe. Die unbeweglichen Schläfer träumen vielmehr die Bewegungen 
ihrer Person und ihrer Gliedmaßen genau so lebhaft und leibhaftig 
wie die wirklich agierenden Somnambulen. Diese merkwürdige Tat- 
sache läßt sich durch eine H3T)othese erklären, welche die Freudsche 
Theorie über den allgemeinen Ablauf der psychischen Erregungs- 
vorgänge anwendet. Es erscheint mir wahrscheinüch, daß es sich beim 
normalen Träumen von Bewegungen nicht um abgeschwächte Inner- 
vation handelt, sondern daß vielmehr die der Bewegung entsprechen- 
den Erinnerungen durch Begression den Charakter, als ob sie aktuelle 
Muskelempfindungen wären, annehmen. Nach dieser Hypothese ist 
auch im motorischen Gebiete der Erregungslauf — entsprechend der 
schlafgemäßen Regression — ein dem Wachzustand entgegengesetzter. 
Beim Hemmungstraum nun würde sowohl die der Intention als die 
der Hemmung entsprechende Muskelempfindung durch Regression ent- 
stehen, die zweite möglicherweise nur als Bewegungsempfindung in 
den antagonistischen oder als sonst unbekannte Hemmungsempfindung 
in denselben Muskebi. Psychologisch aufgefaßt würde sowohl die 
Bejahung als die Verneinung des Traumwimsches auf dem Wege der 
Regression zur traumhaften Wirklichkeit. Erst wegen der von der 



über zwei typische Traumsensationen. 1^1 

Peripherie zum Bewußtsein kommenden entgegengesetzten Muskel- 
sensation würde die zum Traumwunsch gehörende Muskelempfindung 
immer stärker werden und sogar eventuell zu einer Innervation führen, 
und dann könnte auch das von Havelock Ellis mil^eteilte tatsäch- 
liche Bewegen erfolgen. Nach dieser Theorie ist auch die Gleichheit 
der somnambulen und gewöhnlichen Traumsensation erklärlich. 

Bevor ich auf die Beziehung zwischen der durch Eegression 
entstandenen Traumsensation und neuropathischen Erscheinungen zu 
sprechen komme, will ich über typische Hemmungssensationen be- 
richten, welche unter ganz besonderen Traumbedingungen zustande 

gekommen sind. 

Der Träumer, der sich intensiv mit Traumproblemen beschäftigt 
hat und sich zu beobachten gewohnt ist, berichtete mir: ,,Ich habe seit 
Jahren keinen Hemmungstraum gehabt. Insbesondere auch dann nicht, 
wenn ich auf einem ungewohnten oder harten Lager schlafen mußte 
und dann nur wenig und ^mterbrochen schlief. 

„Vor einigen Wochen habe ich nun derartige Hemmungsträume 
in einer Nacht gehäuft gehabt und unter Bedingungen, die einer ex- 
perimentellen Hervorrufung derselben gleichkommen. Ich mußte 
bei einer Patientin im Nebenzimmer die Nacht zubringen. Der Fall 
war unbedenklich, es war nur Rücksicht auf die übertriebene Ängst- 
lichkeit der Umgebung. 

„Ich schlief im Nebenzimmer auf einem Sofa, welches zwei schlechte 
Eigenschaften vereinigte. Es war erstens hart, und zweitens krachte 
das Holzgestell bei jeder Bewegung. Bei den Versuchen, auf dem 
ungewohnten harten Lager eine erträgliche Position zu finden, hatte 
jeder derartige Versuch ein so unangenehmes Knarren zur Folge, daß 
es die gesunden Angehörigen im Nebenzimmer hören mußten, was mir 
peinlich war. Ich fürchtete auch dadurch die Kranke zu wecken. Ich 
nahm mir deshalb fest vor, mich nicht zu bewegen. Während 
ich mich sonst im Schlafe nicht rühre, hatte ich diesmal die Rechnung 
ohne die Härte des Lagers gemacht. Sobald ich anfing einzuschlafen, — 
und ich war so schläfrig, daß ich es trotz aller bösen Erfahrungen 
immer wieder versuchen mußte — bewegte ich mich, wobei mich das 
Krachen ärgerte. 

„Schlief ich aber wirklich ein, so erwachte ich bald und regelmäßig 
mit der unangenehmen — aber angstlosen — Empfindung des ,,Nicht- 
sichbewegenkönnens". Die dazugehörigen fünf oder sechs Traume 
konnte ich nicht gleich notieren und habe sie deshalb größtenteils 



1^2 Paul Federn. 

vergessen. Ich weiß, daß es sich emmal danun handelte, das Kinderbett 
meines Knaben in den Garten zu tragen, ein andermal, bei einem 
asphyktischen Kranken künstliche Atmung einzuleiten. Ich glaube, 
daß die vergessenen Hemmungsträume nur einer waren, der sich 
mehrmals wiederholte". 

Auch bei diesen durch ein zufälliges Experiment hervorgerufenen 
Hemmungsträumen scheint sich auf den ersten Bück die physio- 
logische Erklärimg zu bestätigen. Es waren wiederholte Weckträume, 
auf dem harten Lager dürfte der Schlaf kein tiefer gewesen sein' 
Der Träumer teilt aber mit, daß er jedesmal vor Müdigkeit in tiefen 
Schlaf versunken sei. „Ich empfand auch subjektiv das Erwachen als 
ein Auftauchen aus einem unheimlich tiefen und peinlich gehemmten 
Zustande, wie aus tiefstem Schlafe empor kam ich zum Bewußtsein 
der so harmlosen Ursache meines Unbehagens. Ich mag freilich das 
Gefühl der Befreiung aus der peinlichen Gehemmtheit und aus dem 
peinlichen Schlafe zusammen als Schlaftiefe empfunden haben." Es 
muß also der Träumer trotz des tiefen Schlafes das harte Lager emp- 
funden haben, er wollte die Lage ändern, konnte das nicht, eben wegen 
des Schlafes, begann zu erwachen und wurde in einem bestimmten 
Momente so wach, daß er die noch vorhandene Unfähigkeit sich zu 
bewegen als Gehemmtheit wahrnehmen mußte. 

Ich denke, daß jedem unbefangenen Beobachter die Unwahr- 
scheinlichkeit dieser physiologischen Erklärung auffallen muß. Wenn 
ein müder Mensch schlecht liegt und halb erwacht, so wird er aus den 
normalen physiologischen Bedingungen des Traumes heraus die Lage 
noch im Halbschlaf ändern und weiter schlafen. Wäre das nicht so, 
so wäre es längst bekannt, daß Hemmungsträume mit einem unbequemen 
und harten Lager zusammenhängen. Der Träumer selbst aber hat, 
trotz wiederholter Gelegenheit dazu, niemals sonst aus diesem Grunde 
allein Hemmungsträume gehabt. 

Der Unterschied der vorliegenden speziellen Traumbedingungen 
gegen andere Male lag darin, daß sich der Träumer intensiv vorgenommen 
hatte, sich nicht zu bewegen. Dadurch war seine Aufmerksamkeit 
speziell auf die Bewegungsvorgänge gerichtet. Wenn er aber nun beim 
Erwachen gewahr geworden wäre, daß er sich nicht bewege, so wäre 
das ihm nur erwünscht gewesen, jedenfaUs wäre keine Ursache zur 
extremen Peinlichkeit des Traumes vorhanden gewesen. Vielleicht 
hätte er den wohlbekannten Ärger über das unbequeme Euhen emp- 
finden können. Die psychi.^che Natur der Hemmung ist in unserem 



über zwei typische Traumsensationen. 103 

Falle deshalb so deutlich, weil sie zum größten Teil in einem bewußten 
Vorsatze — analog den sich selbst erteilten Befehlen, zu einer bestimmten 
Stunde zu erwachen — bestand, welcher ohne Analyse bekannt imd für 
den Träumer tatsächlich ein intensives, psychisches Verbot war. So 
wachte er eigentlich nur auf, um die unwillkürlich gemachten Be- 
wegungen zu hindern, und schlief wieder ein, sobald er mit aller Vorsicht, 
um dabei möglichst wenig Lärm zu machen, wieder eine erträgliche 
Lage gefunden hatte. An diesem Beispiele sehen wir deutlich, daß für 
die schwere Peinlichkeit der Hemmungssensation sehr gewichtige 
psychische Gründe bestehen, und es erscheint einem oberflächlich und 
unwahrscheinlich, anzunehmen, daß ein so eigenartiges Gefühl m dem 
zufälligen Gewahrwerden eines psychisch indifferenten, täglich sich 
wiederholenden Vorganges beim Erwachen seine Ursache haben soll. 
Wenn wir aber in einer ganzen Traumserie mit Sicherheit eine psy- 
chische Tendenz, ein Selbstverbot als Ursache der Hemmungssensation 
finden, ist es ausgeschlossen, daß eine so charakteristische Folge in 
anderen Fällen, bei welchen die psychische Konstellation, aus welcher 
heraus der Träumer eine Bewegung nicht ausführen soll, vuibewußt 
ist, eine ganz andersartige Ursache haben kann. Wir können vielmehr 
mit Sicherheit auf alle anderen Träume dieser Art schließen, daß auch 
sie einen Willenskonflikt zur Darstellung bringen. In den oben zitierten 
Fällen von Havelock Ellis ist der imbewußte Gegenwille gegen die 
unbewußten Motive gerichtet, deren traumhaft dargestellte Wunsch- 
folge es ist, den entzweiten Freund zu überholen. Im Traume des 
Freundes des Autors handelt es sich um einen Gegenwillen, den wir bei 
neurotischer Berg- und Gletscherangst oft zu analysieren Gelegenheit 
haben. 

Übrigens fehlt auch in unserer Traumserie nicht das unbewußte 
Motiv, das hinter dem angegebenen Motiv der Rücksicht auf die An- 
gehörigen sich versteckte. Ohne unbewußtes Motiv kommt kein Hem- 
mungstraum zustande. In unserem Falle konnte das Motiv wegen der 
guten Rationalisierung auch im ^V'achen zur Geltimg kommen: Bei 
der ersten Mitteilung gebrauchte der Erzähler das Wort ,, genant", 
und erst später sagte er statt dessen ,, peinlich". 

Ich erfuhr, daß die Patientin eine junge, dem Träumer nicht 
gleichgültige Frau war. Schon darin lag ein psychischer Konflikt. 
Dadurch war es aber dem Träumer besonders peinlich, daß die Frau 
im andern Zimmer seine Bewegungen hören sollte. Aus der Analyse 
ergab sich eine mit sehr peinlichen Affekten verbundene Erinnerung 



104 Paul Federn. 

aus der Pubertätszeit, die der Träumer im Knabeninstitute zugebracht 
liatte. Er fürchtete dort, daß die Bewegungen im Bette von seinen 
Zimmergenossen gehört werden könnten. Aus diesen intimen und 
starken Motiven entsprang sein Widerwille, sich zu bewegen. Nach 
dieser Aufklärtmg bemerkte der Träumer, er wisse gar nicht, ob man 
das Krachen des Holzes überhaupt im Nebenzimmer hätte hören 
können. Auch die Inhalte der Träume fanden ihre dazugehörige Deu- 
tung. Wir sehen also, daß auch in unserem Falle die affektive Energie 
der intendierten Bewegungshemmung aus einem tief im Unbewußten 
fundierten Gegen willen stammte, der sich gegen eine gleichfalls mit 
vielen unbewußten Wünschen zusammenhängende Bewegungstendenz 
richtete. Der Willenskonflikt kam deshalb wiederholt zur Traum- 
darstellung, weil die aktuellen Bedingungen ihm immer wieder parallel 
verliefen. 

So sehr wir es ablehnen, die Hemmungsträume als zufälliges 
Ergebnis des dissoziierten Erwachens aufzufassen, so wenig wollen wir 
den Einfluß eines organischen, nicht psychischen Elementes unbedingt 
leugnen. Im Gegenteil ist es auch unsere Aufgabe, wie ich in den Vor- 
merkungen ausgeführt habe, ein organisches Moment spezifischer 
Natur zu finden, welches das Zustandekommen des Hemmungstraumes 
erleichtert oder als Körperreizquelle provoziert. Doch muß für die 
spezifische Sensation auch ein spezifischer organischer Reiz gefunden 
werden. Diese physiologische Ursache hat gar nichts mit der land- 
läufigen zu tun. Sie stellt das somatische Entgegenkommen für die 
Traumsensation dar, und es muß die durch Regression entstandene 
periphere Erregung mit dem eventuellen organischen Reiz überein- 
stimmen. Dieser spezielle organische Reiz, welcher das 
Zustandekommen der Hemmungssensation erleichtert, 
sind die im Zustand der Ermüdung auftretenden Muskel- 
sensationen. 

Ein jüngerer Kollege, der wegen neurotischer Symptome geringen 
Grades kurze Zeit in Behandlung stand, teilte mir auf meine Frage 
nach eventuellen Hemmimgsträumen folgende Selbstbeobachtung mit: 
„Nach starker Ermüdung, wiederholt nach durchtanzten Nächten, 
einmal nach vielem Lernen und mäßigem Sexualverkehr, legte ich mich 
auf ein Sofa, um für eine kurze Zeit auszuruhen. Ich wollte aber nicht 
einschlafen. Allmählich gehen die geordneten Gedanken in hypnagoge 
Vorstellungen über. Ich fühle, daß ich schon fast schlafe. Um das 
Einschlafen zu verhindern, versuche ich aufzustehen. Es gelingt mir 



über zwei typische Traumsensationen. 105 

aber erst nach großer Anstrengung, das Bein oder den Arm zu 
bewegen. Es ist, wie wenn das Glied durch große Widerstände fest- 
gehalten wäre. Der Zustand ist in mäßigem Grade unlustvoll. Schließ- 
lich gelingt mir das Erwachen. Die einleitenden hypnagogen Bilder 
sind mir nicht oder fast nicht mehr erinnerlich". 

Ich selber habe im hypnopompen Zustande des Erwachens 
Ähnliches erlebt. Ich war nach zu kurzer Nachtruhe zur gewohnten 
Stunde aufgewacht und für Augenblicke wieder eingeschlummert. 
Aus dieser unzeitgemäßen Schlafsucht zwang ich mich zum Erwachen 
und hatte das oben beschriebene Gefühl im Bein. Ich merkte dann, 
wie das immens erscheinende Gefühl des Widerstandes in die gewöhnliche 
Sensation von Ziehen und Spannen überging, wie der Ermüdungszu- 
stand sie oft mit sich bringt oder ihr Auftreten begünstigt. Auf mein 
Befragen teilte mir aucli der Kollege mit, daß er solche Ermüdimgs- 
sensationen zu haben pflegte. 

Es wäre aber völlig unrichtig zu glauben, daß diese Art Ermüdungs- 
sensationen immer solche Schlafsensationen provozieren würden oder, 
daß sie zur Produktion des Hemmmigstraumes unbedingt nötig wären. 
Davon ist keine Rede. Der Hemmungstraum kommt bei genügend 
intensivem und tiefwurzelndem, unbew\ißtem Willenskonflikt, auch ohne 
somatisches Entgegenkontmen, zustande. Sein Zustandekommen wird 
durch die vorhandene Sensation nur erleichtert. Besteht kein Willens- 
konflikt, so kommt der Schläfer traumlos über Muskelempfindungen 
hinweg. Auch im Falle unseres Schläfers fehlte nicht das psychische 
Verbot. Zunächst ist es der Wille zum Wachen, welcher Bewegungen 
intendiert, das Bedürfnis zu schlafen und die Müdigkeit wehren sich 
dagegen. Aber auch dieser Konflikt hängt im Unbewußten mit 
mächtigen Motiven der Pflichterfüllung und Arbeitslust einerseits, 
der Verzärtelung und infantilen Einstellung anderseits zusammen. 
Auch hier handelt es sich nicht um die normale Unbeweglichkeit 
im Schlafe, die das Individuuum, das sich wach halten will, be- 
merkt, denn sonst müßte bei jedem Menschen, der sich aus dem 
Schlafe rafft, immer die Hemmungssensation eintreten. Vielmehr 
hat unser Träumer Bedingungen erfüllt, unter welchen Silberer seine 
Untersuchung über die hypnagogen Phänomene angestellt hat. Unter 
diesen Bedingungen nun hat sich das Ermüdungsgefühl in die Hemmungs- 
sensation umgewandelt. Ebenso handelte es sich auch in dem früher 
erörteten Falle mit der Serie von Hemmimgsträumen um einen über- 
müdeten Schläfer. 



106 Paul Federn. 

Der Zusammenhang von Ermiidimgsempfindung im Wachen 
und Hemmungssensation im Traume kann aber auch in der umgekehrten 
Eiohtung kausal verknüpft sein. Manche Individuen, die aus Hemmungs- 
träumen aufwachen, spüren ein Gefühl der Ermüdung in den Muskeln. 
Auch Havelock Ellis berichtet, daß er nach dem oben zitierten 
Hemmmigstraume beim Erwachen eine schwere Müdigkeit in seinen 
Gliedern spürte. Er erwähnt davon nichts, daß er dieselbe schon vor 
dem Einschlafen gehabt habe. Nun nimmt er an, daß die Empfindung 
der Ermüdung wahrscheinlich die Ursache des Traumes war und die 
Vorstellung des Spazierganges nur ein Versuch, die Müdigkeit zu er- 
klären. Das kann gewiß der Fall gewesen sein, wenn die Müdigkeit 
schon vordem Einschlafen bestanden hat. Doch träumt man auch oft vom 
Gehen, ohne dazu durch Ermüdungsgefühle veranlaßt zu sein. Der Autor 
fährt aber fort : , ,Das ist deshalb besonders wahi'scheinlich, weil man kaum 
annehmen kann, daß die vorhandene Müdigkeit durch die im Traum er- 
lebte geistige Anstrengung hervorgerufen worden ist." Gerade diese An- 
nahme wird aber durch unsere mitgeteilten Beobachtungen gestützt. 

Zwar nicht die , .geistige Anstrengung", aber die Intentionshemmung 
wird auf dem Wege der Regression zur Empfindung der Müdigkeit, 
welche noch nach dem Erwachen aus Hemmungsträumen gefühlt 
werden kann. Der Hemmungstraum zeigt uns, in welcher 
Weise ein Ermüdungsgefühl psychogen zustande kommt, 
und wir haben hier eine analytische Erklärung einer durch 
die unbewußte Traumarbeit zustandegekommenen Kon- 
version. Müdigkeit ist aber ein häufiges hysterisches, auch durch 
Konversion entstandenes Symptom, von welchem der Neurotiker durch 
die Analyse befreit werden kann. Dieses Symptom wird oft mit Unrecht 
als neurasthenisches aulgefaßt. 

Bei der Analyse solcher Fälle finden wir nun den gleichen Mecha- 
nismus, welcher nach der analytischen Auffassung Freuds dem Hem- 
mungstraum zugrimde liegt. Diese neurotische Müdigkeit beruht 
immer auf einem unbewußten Gegen willen gegen unbewußte Wünsche. 
Muskelermüdung und Muskelschwäche sind so der gewöhnliche Aus- 
druck eines dauernden unbewußten ,,Nein" gegen triebhafte, ver- 
drängte Wünsche. Ermüdung und Schwäche sind auch bequeme 
Sicherungsmethoden gegen Versuchungen aller Art und gegen ab- 
zuwehrende Aufgaben. Williams^) hat ganz ähnliche Mechanismen 

i) Williams Tom A., Studies of the genesis of the cramps of writers 
and telegraphers, etc. Joum. f. Rsyehol. und Neuro!., 1912, S. 88. 



über zwei typische Traumsensationen. 107 

als Ursache von Mogigraphie und anderen Beschäftigungsneurosen 
gefunden, welche er psychisch untersucht hat. Er erklärt auch die 
Muskelspannungen, die sich bei diesen Neurosen so häufig finden, 
durch dauernde entgegengesetzte Innervation. Oft entsprach die eine 
Innervation einem unerfüllten Wunsche, der für die Patienten 
infolge peinlicher Erlebnisse mit Widerwillen verbunden war. In 
anderen Fällen handelte es sich um ethische Verbote. Durch die Auf- 
deckimg solcher vorher unbewußter Zusammenhänge, also durch 
Psychoanalyse, konnte er die Zustände beseitigen. 

Unsere Auffassung wird auch durch die Erfahrung am Normalen 
bestätigt, daß eine Arbeit viel geschwinder müde macht, wenn sie trotz 
unbewußter Ablehnimg ausgeführt werden muß. Wie alle neurotischen 
Symptome, hat auch dieses sein imtrügliches Analogen in der infantilen 
Reaktionsart. Wenn Kinder ohne wirkliche Überanstrengung erklären, 
daß sie müde sind oder nicht weiter können, bedeutet das wesentlich 
ein Nichtwollen. Es wäre ganz unberechtigt, das etwa deshalb 
für Lüge, Ausrede oder Simulation zu halten, weil das Kind gleich 
darauf bei einer ihm erwünschten Tätigkeit keine Müdigkeit mehr 
zeigt. Das Kind fühlt vielmehr das ,,Nein" als , ,Nichtkönnen" 
und als ,, Müdigkeit", und der Neurotiker benimmt sich infantil, wenn 
er dasselbe tut. 

Ich habe einmal einen Mann behandelt, bei welchem die neu- 
rotische Muskelschwäche zu einer athletischen Körperkraft und zu seinen 
früheren sportlichen Rekords so recht im Widerspruch stand. Er 
konnte keinen halben Kilometer gehen und machte in hypochondrischer 
Art alle möglichen Krankheiten und Diathesen dafür verantwortlich. 
Verschiedene Parästhesien, Ziehen und Spannen in den Muskeln machten 
diese plausibel. Die hier nicht mitzuteilende Analyse zeigte, daß das Gehen 
unmöglich wurde, als ihm eine starke moralische Hemmung einen 
bestimmten Weg versperrte. Den verdrängten Wunsch konnte er eben- 
sowenig aufgeben und auf seine Erfüllung verzichten, als das Verbot 
übertreten. So vereinigte das Verbot ,, Diesen Weg sollst du nicht 
gehen" viele übertragene Bedeutungen auf sich. Und wie im Traume 
wurde das psychische Verbot in der Neurose durch die Hemmung des 
Gehens überhaupt und durch nicht simulierte Ermüdung bei jedem 
Gehen dargestellt. Subjektiv wird von wachen Neurotikern die Hemmung 
nur als ,, Ermüdung" und nicht wie vom Träumer in der traumhaften 
Vergrößerung als „absolute Hemmung" empfimden. Die hemmende 
Wirkung des unbewußten Nein ist aber beim Neurotiker die gleiche 



108 Paul Federn. 

wie im Traume. Während die Menschen wirkliche normale Müdigkeit 
sehr gut überwinden und trotzdem gehen, fühlen sich die Kranken 
mit neurotischer Müdigkeit dazu imfähig. Für den, der die mächtige 
unbewußte psychische Hemmimg würdigt, welche im Bewußtsein nur 
mehr durch das kleine Symptom der Müdigkeit repräsentiert wird, 
ist diese Schwierigkeit nicht überraschend. 

Wir sehen also, daß die Hemmungssensation im Traume und die 
hysterische Ermüdung einen bis zur körperlichen Konversion ge- 
steigerten Vorgang darstellen, der im Normalzustande im Bewußtsein 
und Unbewußten rein psychisch bleibt. Immer handelt es sich um 
Tendenz und Gegentendenz, um Wunsch und Verbot, um den Kampf 
zwischen Bejahung und Verneinung einer Strebung. Diese psychische 
Situation beruht nach der in der Psychoanalyse allgemein angenommenen 
Bezeichnung Bleulers auf einer , .ambivalenten" Einstellung. Wir 
körmen demnach kurz zusammenfassen: Der Hemmungstraum be- 
weist ein ambivalentes Verhalten des Träumers gegen- 
über dem Traumwunsche. 

Von dieser aUgemeinen Fassung des Vorganges aus können wir 
noch andere psychoneurotische Symptome als mit großer Wahrschein- 
lichkeit auf demselben Mechanismus beruhend ansprechen, wenn sie 
auch beim ersten Betrachten grundverschieden zu sein scheinen. Form, 
Ausmaß und Intensität der Äußerimg eines und desselben unbewußten 
Vorganges hängen nämlich wesentlich davon ab, wie weit das Unbewußte 
im wachen Leben nur gerade noch sich bemerkbar machte, oder 
aber die normalen ordnenden Instanzen des Bewußtseins völlig durch- 
bricht. 

So scheint es wahrscheinlich, daß die allgemeinen Klagen über 
Müdigkeit und Schwäche bei Depressionszuständen gleichfalls Aus- 
druck der unbewußten Hemmimgen sind, die den Verlust der Libido 
begleiten oder ihn vielleicht bewirken. Die verdrängten' Ursachen 
bleiben bei dieser Erkrankung meistens ganz unbewußt. 

Völlig unbewußt bleiben Wunsch und Gtegenwille auch in Fällen von 
Hysterie, in welchen als Symptom die starre Unbeweglichkeit einer 
Extremität zutage tritt. In einem Falle von Dementia praecox, welcher 
mit den Symptomen und der Diagnose einer gewöhnlichen Konversions- 
hyaterie begann, war eine derartige Steifheit des einen Beines das 
erste Symptom. Diesem Symptom lag das ambivalente Verhalten 
gegenüber der Mutter zugrunde, wie die viel später teilweise durch- 
geführte Analyse zeigte. Auch in der Krankengeschichte, in welcher 



über zwei typische Traumsensationen. 



109 



Breuer zum ersten Male methodisch die unbewußte Wurzel einer Neurose 
aufdeckte, kommt ein derartiges Symptom vor. Die weitere, psycho- 
analytische Deutung des Falles, welche Freud in einer Vorlesung 
auf Grund des weiteren Verlaufes und seiner gewachsenen Kenntnis 
der unbewußten Vorgänge seinen Hörern mitteilte, ergab, daß auch 
diesem Symptom ein starker sexueller Wunsch, der auf ein mächtiges 
Selbstverbot stieß, zugrunde lag. 

Wenn die hier entwickelte Ansicht richtig ist, so beruht der ge- 
waltige Unterschied, der zwischen der gewöhnlichen durch Konversion 
entstehenden Müdigkeit und Muskelparästhesie und einer solchen starren 
Unbeweglichkeit eines Gliedes zutage tritt, darauf, daß im ersten Falle die 
regressive Sensation nur die Intensität hat, die dem Wachzustande 
entspricht, während sie beim besprochenen hysterischen Symptom 
ao stark ist wie im traumhaften Zustande. Es bleibt also die sonst 
im traumhaften Zustande bewußt werdende Größe der psychogenen 
Hemmung im wachhaften Zustande bestehen, und dadurch unterscheidet 
sich diese exquisit hysterisch funktionelle Störung von solchen gleich- 
falls psychogenen regressiven Erregungen, die gewöhnlich klinisch als 
neurasthenische bezeichnet werden. Während die sensuelle Erregung 
bei dem hysterischen Symptome in der traumhaften Größe apperzi- 
piert wird und objektiv sich zeigt, sind trotzdem die dazugehörigen 
Phantasien und Szenen völlig unbewußt. In dem von Breuer mitge- 
teilten Falle wurden sie bekanntlich durch Hypnose wiedererweckt, 
imd 30 eigentlich die zur andauernden regressiven Erregung gehörenden 
Träume und Traumquellen durch den künstlichen Schlafzustand 
wieder hervorgerufen. 

Bei der Hysterie bleibt der unbewußte psychische Konflikt 
völlig unbewußt. Die Verdrängung ist im Vergleich mit dem normalen 
Zustande allerdings mißlungen; gelang aber noch mit Bildung von 
Symptomen, welche — wie Freud entdeckt hat — immer ein Kom- 
promiß zwischen zwei Paaren psychischen Kräfte, den verdrängten 
und den verdrängenden, darstellen. Mit der Bildung der Konversions- 
symptome gelingt also noch die Verdrängimg im Gegensatz zu den 
schwereren Erkrankungen, in weichen die beim Normalen und beim 
Neurotiker unbewußt bleibenden Formationen die Instanzen des 
normalen Bewußtseins durchbrochen haben und das Bewußtsein er- 
füllen. Wenn wir auf das Gebiet solcher Psychosen, die an der Hemmungs- 
sensation im Traume gewonnenen Erfahrungen anwenden wollen, 
so ist das Parallelsymptom in den starr festgehaltenen Attitüden 



'6 * 



110 



Pau] Federn. 



und Stellungen eines oder mehrerer Gliedmaßen bei den Katatonikern 
zu erkennen. Von vielen Autoren ist dieses Symptom auf das Be- 
stehen einer Willenssperrung, eines Gegenwillens zurückgeführt worden. 
Nach den psychoanalytischen Untersuchimgen handelt es sich um 
eine Eückkehr der Libido auf verlassene, infantile Strebungen. Zwischen 
diesen und anderen Tendenzen mag es zu einem langdauernden psy- 
chischen Konflikt kommen. Dieser ist aber nicht unbewußt wie bei 
der Neurose, sondern beherrscht das bewußte Geistesleben des Kranken 
und äußert sich in seinem ganzen Verhalten zur Außenwelt. Ent- 
sprechend der völligen Überwindung der normalen Bewußtseins- 
instanzen, ist auch die Größe der Regression und die Intensität der 
Äußerung des Willenskonfliktes enorm. Aber wahrscheinlich kommt 
bei diesen gewaltigen Störungen die einer mächtigen Tendenz gegen- 
über bestehende Ambivalenz in der gleichen Weise zur Äußerung, wie 
in dem schnell vergessenen und für das Inidividuum harmlosen 
Hemmungstraume^). 

Zu diesöm — unserm eigentlichen Gegenstand zurück gekehrt, 
wollen wir noch hervorheben, daß sich die Hemmung gegen eine 
Aktion richtet, gegen die Ausführung des vom psychischen Verbote 
inhibierten Wunsches. Es wird der letzte Akt der Strebung, die 
Tat, verhindert. Dadurch unterscheidet sich der psychische Mechanis- 
mus des Hemmungstraumes von den beiden typischen Träumen, 
die sich so häufig mit ihm verbinden. Wird nämlich nicht die Aktion, 
sondern der Wunsch selber verhindert, erliegt schon dieser erste Teil der 
Strebung dem Gegenwillen, so entsteht ein Angsttraum. Richtet sich 
aber gleichzeitig oder ausschließlich die unbewußte Gegenmacht gegen 
das Gesehenwerden des unerlaubten Wunsches, also gegen den 

*) Nach Vollendung dieser Mitteilung fand ich zu meiner Freude eine 
Bestätigung dieser Annahme in der Arbeit von J. Ermakow: Sur l'origine 
psychique de la katalepsie. (Archives internationales de Neurologie. Mai 1913.) 
Der Autor gibt neue Argumente für die Annahme des unbedingt psychogenen, 
emotionellen Ursprungs der Katalepsie. Nach seinen Ausführungrai beruht sie 
auf einer suggestiblen Einstellung, die durch unbewußten Masochismus bedingt 
ist. Diesem steht der Sadismus gegenüber, welcher dem N^ativismus zugrunde 
liegt. Zwischen beiden ist der Patient ambivalent eingestellt. In seiner Arbeit 
erwähnt der Autor auch „cet 6tat cataleptique qu'on rencontre (il semble) pendant 
le sommeil dans certains reves avec l'emotion d'effroi, quand on ne peut, par 
exemple, bouger pour fuir un danger." Diese mit Recht zur Parallele heran- 
gezogenen Träume sind die Hemmungsträume, die aber nicht mit Angst verbunden 
sein müssen. 



über zwei typische Traumsensationen. 111 

Eindruck, den die Menschen von der verbotenen, gewünschten 
Handlung hätten, dann rekurriert die Darstellung auf stark verbotene 
und stark gewünschte Zeigelust des Kindesalters und es entsteht 
der typische Exhibitions träum. Daß der libidinöse Gehalt 
dieser Wünsche das Auftreten der Angst bedingt, hat Freud bereits 
in seiner Traumdeutung klargestellt. Meine Aufgabe war, neue 
Argumente für seine Erklärungen mitzuteilen. 

3. Über den Flugtraum. 

Keine Traumart fordert so die Untersuchimg und das Nach- 
denken des Psychologen heraus wie der Flugtraum. Träumend staunt 
schon der Träumer über die eigene wunderbare Kunst, mitunter mit 
der Genugtuung, eine verloren geglaubte Gabe wiedergefunden zu 
haben, mit dem "Wunsche, jetzt die Kunst für immer zu bewahren, 
zu lehren und oft mit dem Gefühle, daß die Zuschauer das wunderbare 
Ereignis anstaunen, aber daß keiner es kann. Auch nach dem Erwachen 
bleibt oft ein Stolzgefühl zurück, das erst allmählich der Erkenntnis 
weichen muß, daß das traumhaft gewonnene Ziel, diese Erfüllung eines 
Menschheits Wunsches, das so sicher einem zu gehören schien, wieder 
in Täuschung zerrinnt. Aber bei vielen Individuen, die oft und bis 
ins höhere Alter im Traume fliegen, bleibt eine Erinnerung an eine 
beseligende Erhöhung ihres Ich zurück, die eine frohe Stimmung ins 
Wachen hinein hinterläßt, und die gegenüber dem kritischen Überlegen 
immer wieder an seelische^) Wunder glauben macht. Der Flugtraum 
ist deshalb kein den Menschen gleichgültiges Thema und der ganze 
Widerstand, dem die Freudschen Funde in Hinsicht der sexuellen 
unbewußten Wünsche begegnen, kommt zutage, wenn man die sexuelle 
Verursachung des Flugtraumes vorbringt. Gerade darum erscheint 
es mir wünschenswert, kurz die vielfachen Quellen des Flugtraumes 
und seinen Mechanismus mitzuteilen, und im Anschlüsse daran das 
zu dieser typischen Traumsensation gehörige Konversionssymptom zu 
besprechen. 

Wir wollen bei der Untersuchung die Frage nach Quelle und 
nach Mechanismus der Darstellung trennen und werden uns nicht 



'■) Der verdienstvolle Autor Kur eil a hat in dem von ihm verfaßten An- 
hang an seine Übersetzung von Havelock Ellis' ,,WeIt der Träume" das histo- 
rische und mythologische Material über die Bedeutung des Flugtraumes für den 
Glauben an Seele luid Seelenwanderung zusammengestellt und besprochen. 



112 Paul Federn. 

Wiiadern, vielfache uad ganz verschiedene Qaellen der Flugsensation 
zu finden. Der Mechanismus, durch welchen diese vielfachen Traum- 
gedanken schließlich zu derselben Sensation führen, muß in seinem 
letzten Teile, sobald es zur Regression zum sensorischen Apparat 
kommt, immer derselbe sein, insoferne die Flugsensationen die gleichen 
sind. Nun wissen wir aber, daß die Qualität der Flugsensation selbst 
bei demselben Träumer mehrfacher Art sein kann, wobei meistens 
jede einzelne Abart dem Träumer als ein individueller Typus bekannt 
ist. Noch mehr variiert die Flugmethode in den Träumen verschiedener 
Individuen. Wir müßten also zur vollkommenen Klärung des Phäno- 
mens auch für jede Varietät des Fliegens die Art der Regression fest- 
stellen. Das gelingt auch bis zu einem gewissen Grade. So kommen 
wir bei der Untersuchung der Flugsensation zu dem erfreulichen Re- 
sultat, daß beinahe alle bisher von der Wissenschaft gefundenen Er- 
klärungen auf richtigen Beobachtungen beruhen und brauchbar sind, 
indem sie entweder Traumquellen für die Sensation oder für Varia- 
tionen derselben oder einzelne Regressionsmechanismen aufdecken. 
Es beruht auf mangelnder Klarheit der Fragestellung, wenn ein Gegen- 
satz zwischen den landläufigen Erklärungen und der Freudschen 
auf Analyse beruhenden Theorie aufgestellt wird. Neben der Freudschen 
Entdeckung, daß der latente Trauminhalt des Flugtraumes 
zumeist ein sexueller sei, ist noch Raum für andere Traumquellen 
und insbesondere für Erklärungen des psychischen Zusammenhanges, 
mittelst dessen der für das Bewußtsein so ganz disparat erscheinende 
Traumgedanke zu einer so rätselhaften regressiven Darstellung kommen 
kann. Freud hat bereits in seinem Tramnbuche mit Recht dagegen 
polemisiert, daß die Beobachtimgen über beim Erwachen andauernde 
Sensationen, die das Material zur traumhaften Darstellung erraten 
lassen, das Problem der unbewußten Quelle des Traiunes und seine 
Bedeutung überflüssig machen sollten. Die Tatsache, daß z. B. die 
Bewegmig des Brustkastens als Rest der Flugsensation von der Selbst- 
beobachtung erhascht werden kann, wird als zureichende Erklärung 
nur demjenigen erscheinen, der im Traume nichts anderes als den 
Ausdruck zufällig imd dissoziiert aufwachender psychischer Elemente 
sieht. Wer aber von Freud die psychische Determiniertheit alles 
psychischen Geschehens als wissenschaftliches Prinzip gelernt hat, 
wird in der Frage nach den imbewußten Traimaquellen das Problem 
der speziellen Determinierung des merkwürdigen Traumes erkennen. 
Die verschiedenen somatischen Vorgänge, welche traumhaft als Flug- 



über zwei typische Traumsensationen. H^ 

Sensation gefühlt werden, bekommen nur dann auch ätiologische Be- 
deutung, wenn sie pathologisch verstärkt sind. Auf diese Weise kommt 
das gereizte Organ dem Entstehen der Traumsensation somatisch 
entgegen. Die Flugsensation kann aber auch ohne nachweisbare 
somatische Reizung auf rein psychogenem Wege zustande kommen. 
Bei der typischen Flugsensation fliegt man leicht und ohne Wider- 
stand, meist auch auffallend schnell in der Luft. Man sieht gewöhnlich auf 
die Erde hinunter. Der Körper behält meist eine eigentümliche Flug- 
haltung bei. Auch wenn der Flug in einem Flugfahrzeug erfolgt, ist 
das Gefühl meistens das gleiche. Die Richtung wird im Fluge bei- 
behalten oder auch, of t zickzackf örmig, geändert. Diese Änderung erfolgt 
mitunter witlkürüch im Traume, meistens aber plötzlich ohne Intention 
des Träumers, der darüber neuerdings staunt. Aber selbst eine derartige 
unbeabsichtigte und unfreiwillige Änderung der Flugrichtung ver- 
mindert das Gefühl der Freiheit und den FUegerstolz nicht. Trotzdem 
der Flieger nie wirklicher Herr des Fluges ist, sondern mehr minder 
vom Fluge getragen wird, hat er dabei das beseligende Gefühl der 
Freiheit und des Könnens. Schon deshalb erscheint es wahrscheinlich, 
daß dieses Gefühl nicht etwa eine rationelle Folge des Fliegens ist, 
sondern daß es der Flugsensation koordiniert ist. Das Gefühl des 
Könnens und der Freiheit wird also von der Traumquelle und nicht 
von der Traumsensation hervorgerufen. Bei manchen Flügen fehlt 
es sogar und ist das Gefühl des Fliegens ein unsicheres und leicht ängst- 
liches. Beide Arten von Flugsensationen gehen oft plötzlich in Fall- 
sensationen über. Wenn der Traum als beseligender Flug beginnt 
und als erschreckender Fall endet, so ist eine ganz spezielle Trauraform 
gegeben, der in der Sage des Ikarus seine Analogie hat und, wie ich 
glaube, zuerst von Havelock EUis als ikarischer Traum bezeichnet 
wurde. Staercke hat (1. c. S. 264) mit Unrecht eine andere Abart 
des Flugtraumes als konstant bezeichnet. Er meint, daß das Fliegen 
immer in Absätzen und rhythmisch geordnet vor sich geht. Diese 
Variation ist nicht selten, aber Flüge von unveränderlicher Richtung 
und Schnelle sind sehr häufig und es gibt auch Traumflüge, die ihre 
Richtung ohne jeden Rhythmus ändern, traumhaft abhängig von den 
Gegenden, über die man fliegt. 

Abgesehen von unwichtigen einzelnen Beobachtungen (daher ohne 
Anspruch auf Vollzähligkeit), habe ich in der Literatur folgende theo- 
retische Erklärungen des Flugtraums gefunden: Bewußtwerden von 
Atmung oder Zirkulation infolge leicliter Störung derselben, nach 

8 
Jahrbuch der Psychoanalyse. VI. 



1^* Paul Federn. 



Andern infolge besonders normaler und angenehmer Organ^efühle 
Speziell das Heben rnid Senken der Brust wird als physische Unterlage 
der Flugsensation angenommen. Seashire und Lawd haben auch die 
hypnagoge Umwandlung von entoptischen Bildern, von farbigen 
Flecken und füegenden Mücken in Flugsensationen mitgeteilt. Gowers 
hat Fallträume bei Kontraktion des Musculus stapedius konstatiert. 
Havelock Ellis, der in ausführlicher und kritischer Zusammenstellung 
die Flugträume bespricht, legt den größten Wert auf die besprochene 
traumhafte Wahrnehmung der Respiration und auf eine plötzliche 
Störung der Sensibilität und Verlust des Hautgefühls. Stanley 
Hall hat eine Erinnerung an die Zeit frühester Vorfahren der Menschen 
angenommen, eine Annahme, die nicht bewiesen werden kann und 
nicht widerlegt zu werden braucht, aber durchaus nicht absurd er- 
schemt. Die Diskussion darüber betrifft eigentlich die Frage, ob 
Regression auf Erlebnisse im intrauterinen Leben möglich ist. ' Das 
Bedürfnis, diese Annahmen zur Erklärung heranzuziehen, beweist 
jedenfalls, daß aUe näherUegenden Erklärungen nicht genügend er- 
scheinen. 

Von den oben angeführten Erklärungen betrifft die Störung 
der Hautsensibilität, die Beobachtung von Gowers und die Theorie 
Stanley Halls, den Mechanismus der Regression, während die anderen 
Erklärungen in den organischen Reizungen die entfernte somatische 
Quelle angeben. Die rhythmische Thoraxbewegung könnte als entfernte 
somatische Quelle dienen, aber auch direkt das Gefühl des rhythmischen 
Bewegtseins zur traumhaften Wahrnehmung bringen und auch selbst 
durch Regression erst zustande gekommen sein. Alle Theorien, welche auf 
rhythmisch ablaufende somatische Bewegungen als Quellen oder Dar- 
steUungsmittel des Fluges zurückgreifen, können unmöglich das eigent- 
liche „Fliegen" erklären, weil sie ja immer nur rhythmische Flugträume 
erklären, die Flugsensation aber auch ohne rhythmische Anordnung 
vorkommt. Dieser Forderung würde die Störung der Hautsensibilität 
als Erklärung des Regressionsmechanismus wohl Genüge leisten und 
deshalb will ich sie zuerst ausführlicher besprechen. 

Diese Theorie geht davon aus, daß das Gefühl vom eigenen Körper 
aus vielen anderen und auch aus den Druck- und Kompressions- 
empfindungen sich zusammensetzt, die das Gewicht des Leibes und 
einzelner Extremitäten in der gedrückten Haut und den unter ihr 
hegenden Teilen auslöst. Diese Empfindungen kommen gewöhnlich 
nicht zum Bewußtsein, weil wir an sie gewöhnt sind. Wird bei 



über zwei typische Traum Sensationen. 116 

längerem Liegen die Empfindung des Druckes an einer Körper- 
region peinlich, so wird die Lage instinktiv geändert, die störende 
Empfindung nur als lokale Unanehmlichkeit wahrgenommen, aber nicht 
auf die Schwere des Körpers bezogen. Würden aber diese gewohnten 
Empfindungen plötzlich wegfallen, so müßte damit ein Gefühl von 
Leichtigkeit und Schwerelosigkeit verbimden sein, welches der Sen- 
sation von Leichte im Flugtraum entsprechen könnte. 

Ich habe mich bemüht, durch Selbstbeobachtung der hypnagogen 
Vorgänge diese Annahme zu prüfen. Dabei folgte ich den Vorschriften 
von Silber er. Da es sich um die Erhaschung somatischer Eindrücke 
handelte, durfte ich aber nicht das Einschlafen durch Denkintention 
hemmen, sondern durch die Beaufsichtigung der wechselnden soma- 
tischen Empfindungen und Sensationen. In bezug auf andere Sinnes- 
eindrücke will ich nur so viel mitteilen, als nötig ist, um das betreffende 
Stadium des Einschlafens zu charakterisieren. 

Im ersten Stadium treten entoptische Erscheinungen auf, wie 
man sie bei vollkommener Ruhe und geschlossenen Augen jederzeit 
im Wachen beobachten kann, wie sie insbesondere der junge Purkinje 
vor fast hundert Jahren meisterhaft beschrieben hat. Zur selben Zeit, 
da diese entoptischen Erscheinungen bei darauf gerichteter Aufmerk- 
samkeit sich einstellen, kann vom Ohr aus endakustisch Summen 
und Sausen und Klingen auftreten, die sich bei Nikotinabusus bis zur 
Schlafstörung steigern. Vom Hautsinn können gleichzeitig bald hier, 
bald da Parästhesien, wie Jucken, Rieseln, dann Empfindungen des 
Druckes der Unterlage und Temperaturempfindimgen in raschem 
Wechsel und wenig intensiv bemerkt werden. 

Ich war nun überrascht, in dem gleichen, noch ganz wachen Zu- 
stande, in welchem man sich über das Subjektive des Sinnesreizes noch 
völlig klar ist, auch Empfindungen der Lageveränderung wahrzu- 
nehmen. Es verliert sich das Empfinden, horizontal im Bette zu liegen 
und die selbstverständliche Vorstellung von der eigenen Gestalt. Der 
nur unscharf vorgestellte Körper oder nur ein Teil des Körpers, die 
rechte oder Unke Hälfte oder ein Bein, oder der Kopf, der Rumpf, 
scheinen sich nach oben oder unten, schief oder gegen die Seite zu 
verschieben, zu gleiten, respektive zu fallen oder sich zu erheben. 

Diese Gleit- und Schwebegefühle sind ohne Lust- oder Unlust- 
betonung. Sie sind auffallenderweise sehr leicht vom Willen zu be- 
einflussen, indem sie sich ändern, je nachdem, welche Richtung ge- 
wählt wird. Es genügt sogar, die Aufmerksamkeit auf die Richtung, 



116 Paul Federn. 

in welcher gerade ein Arm oder ein Bein gelagert ist, zu lenken, oder 
dem Auf- und Absteigen der Brust- und Bauchwand beim Atmen 
oder der seitlichen Ausweitung des Thorax besondere Beobachtung 
zu schenken, damit die subjektiv empfundenen Bewegungen die gleiche 
■Richtung einschlagen. Herr Dr. Silber er teilte mir mit, daß diese 
willkitrliche Beeinflussung dieser hypnagogen Erscheinungen nicht 
allen Menschen möglich ist. Dadurch, daß diese Empfindungen sich 
meistens nur auf einen Teil des Körpers erstrecken, wird die Vor- 
stellung der gesamten Körpergestalt eine verzerrte und es zeigt sich, 
daß beim Einschlafen vor allem die Klarheit des körperlichen Ichs 
verloren geht. Diese Umwandlungen der eigenen Gestalt fallen aber 
dem Schläfer nie auf, wenn er nicht willkürlich sein Einschlafen be- 
achtet. Das kommt vielleicht auch daher, daß die einschlafende 
Psyche vorzugsweise von den Gesichtserregungen in Anspruch genommen 
wird. Die Lageempfindungen sind ihr gleichgültig, sowie auch die 
Träimie nur ausnahmsweise von der körperlichen Lagerung des Träumers 
abhängen. Ob beim unbeachteten Vorgange des Einschlafens diese 
subjektiven Bewegungsempfindungen vielleicht gar nicht vorkommen, 
ist eine Frage, die selbstverständlich nicht auf Grund von Erfahrimg 
beantwortet werden kann. Sie ist aber insofern hier irrelevant, als 
es sich bei diesen Beobachtungen nur darum handelt, mit den traum- 
haften analoge Erscheinungen festzustellen imd an ihnen zu zeigen, 
welche Empfindungselemente geeignet sind, derartige Traumerlebnisse 
zu vermitteln. 

Während aller dieser Bewegungssensationen ist die Empfindung 
der Unterlage nicht verloren gegangen. Der Körper oder die einzelnen 
Teile scheinen sich mit dem Bette zu bewegen, aber ohne daß die Unter- 
lage besonders bemerkt würde. Richtet man auf sie die Aufmerk- 
samkeit, so werden die subjektiven Erscheinungen dadurch nicht ge- 
stört, die Verzerrung und Dehnung erstreckt sich dann auch auf 
die Unterlage. 

Diese Bewegungssensationen sind von der Flugsensation völlig 
verschieden, es fehlt die Raschheit, Leichtigkeit, das Gefühl, den Ort 
zu verlassen. Sie sind meist nur langsame Bewegungsempfindimgen 
des Körpers, die von dem ruhig bleibenden Ich bemerkt werden; das 
Ich beobachtet noch den Gegenstand der Bewegung. Aber sie zeigen, 
wie leicht beim Nachlassen des wachen Bewußtseins Sensationen von 
Bewegungen auftreten können, die dem Wachen völlig unbekannt 
sind. Zur Flugsensation im Traume verhalten sie sich wie die oben 



über zwei typiscte Traumsensationen. H ' 

erwähnten als entoptisch erkannten Erscheinungen zu den wirkliehen 
Traumbildern, die für das Subjekt die Qualität von objehtiven Wahr- 
nehmungen besitzen. 

Wenn ich mich dem Schlafzustande weiter nähere, so treten aus 
dem Wirrwarr von Empfindungen eine oder einige wenige mehr hervor, 
dauern länger an und kehren wieder. Für das Auge nehmen in diesem 
Stadium die farbigen Phänomene bereits die Form eines menschlichen 
Gesichtes oder sonst eines Bildes an^). Von den anderen Sinnesappa- 
raten werden gleichfalls die Sensationen weniger wechselnd, aber mehr 
lebhaft, in gleicher Weise ändern sich auch die Hautempfindungen 
imd die Bindrücke von der Lage des Körpers. Dann treten, noch immer 
in einem Stadium, in welchem noch nicht von hypnagogen Halluzina- 
tionen gesprochen werden kann, plötzHch merkwürdige Veränderungen 
in den Sensationen auf. Eine oder die andere wird plötzlich enorm ge- 
steigert, während oder wahrscheinlich, weil die Aufmerksamkeit sich auf 
sie richtet. Das früher fortbestandene empirische Maß für die Größe der 
Objekte und der Eindrücke geht plötzlich verloren. Es wird z. B. 
die von einem Organe ausgelöste Druckempfindung sehr stark, die 
betreffende Extremität wird als sehr schwer aufliegend empfunden, 
oder eine zwischen den Fingern gehaltene Decke erscheint dicker, 
etwas Kühles wird auffallend kalt. Wenn nicht die Aufmerk- 
samkeit wieder von anderen Sensationen, die noch nicht dem Unan- 
genehmen derart nahe kommen, abgelenkt wird, so hindern diese 
unangenehmen Eindrücke mitunter das Einschlafen, gehören also zur 
Agrypnie. Gewöhnlich aber tritt jetzt der wirkliche Schlaf ein, nachdem 
die optischen Erscheinungen oder Gedankengänge wieder eine Ablenkung 
bewirkt haben. 

In diesem Stadium nun ist es mir mehrmals gelimgen, das Ein- 
schlafen hinzuhalten und meine einschlummernde Aufmerksamkeit 
auf den übermäßig empfundenen Druck meiner Brust auf Arm und 
Bett zu richten. Im Augenblicke, in welchem das Einschlafen endlich 
eintrat und die Aufmerksamkeit wirklich erlosch, hatte ich nun das 
überraschende, aber nicht unangenehme Gefühl, in die Höhe gehoben 
zu werden mit der deutlichen Sensation, daß ich plötzlich 
ganz leicht geworden sei. Gleich danach erwachte ich wieder ohne 
peinliche Nachempfindung. Diese Selbstbeobachtung beweist, daß tat- 

>) Vielleicht waren solche entoptische Gestalten auf lichtem Felde die 
Veranlassung für die Darstellung der religiösen Gestalten mit Heiligenschein. 



^^^ Paul Federn. 



sächlich eine plötzliche Entziehung vorher übermäßig intensiv empfun- 
dener Druckaensationen aus dem aktuellen Bewußtsein ein Gefühl von 
., Schwerelosigkeit und Sich in die Höhe heben" erzeugt. Diese Sensation 
entspricht vollkommen dem, was als subjektive Levitation beschrieben 
wird. (S. Havelock Ellis 1. c.) Zur Erklärung der Flugsensation 
reicht sie nicht aus, denn beim Fluge handelt es sich um Bewegung 
in aUen möglichen Richtungen. Die auf Kontrastwirkung beruhende 
hypnagoge Sensation bestand aber immer nur in einer momentanen 
Erhebung in senkrechter Richtung nach aufwärts. Wo aber das Gefühl 
von Schwerelosigkeit und Leichtheit beim Fliegen besonders vorherrscht, 
wird es durch ein derartiges Ausfallen der Wahrnehmung der Haut- 
empfindungen zustande gekommen sein. Wenn wir aber bedenken, 
wie die Aufmerksamkeit erst dauernd auf diese Hautempfindungen 
gerichtet sein mußte, damit mit ihrem Schwinden aus dem Bewußtsein 
die merkwürdige Sensation zustande kommen konnte, wir uns auch 
erinnern, daß alle möglichen Sinneseindrücke vorübergehend die Auf- 
merksamkeit auf sich ziehen und wieder vergehen, ohne derartige 
Kontrastwirkung hervorzurufen, so erscheint es sehr unwahrscheinlich, 
daß zufällig im Schlafzustande eine speziellen Fixierung der von der 
Unterlage ausgelösten Empfindungen entstehen und zufällig durch ihr 
Aufhören das Gefühl des Schwereverlustes erregt werden könnte. Viel- 
mehr muß die Absicht, die mich bei der Selbstbeobachtung zum Fest- 
halten der Hautempfindungen veraniaßte, im Schlafzustande durch eine 
andere Causa movens ersetzt sein. Diese kann nur in den Traumquellen 
liegen, welche zur Aufweckung der Vorstellung vom Sich in die Höhe 
heben und Fliegen führen. Wird diese Vorstellung zur Regression ver- 
stärkt, so kommt sie wahrscheinlich auf dem gleichen Wege zur halluzi- 
nationsartigen Darstellung, auf welchem die merkwürdige Sensation im 
hypnagogen Stadium Zustandekommen kann: Dieser Weg ist eben 
die Verstärkung und darauffolgende Aufhebung der sonst gar nicht 
in das Traumbewußtsein eintretenden Hautempfindungen. Die von 
den Autoren als Traumursache angesehene Ausschaltung der Haut- 
empfindungen ist nach unserer Ansicht nur der Weg der Regression, 
mittels welcher eine zur Flugsensation gehörende charakteristische 
Teilsensation zur Darstellung kommt. 

Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet ist der von Havelock 
Ellis zitierte Fall Janets sehr interessant. Es handelte sich um eine 
Hysterika, bei welcher als Stigma Anästhesie der Fußsohlen bestand. 
In ihren Ausnahmszuatänden nun hatte sie die Halluzination, sich in 



über zwei typische Traumsensationen. 119 

die Luft zu erheben. Wir haben hier das der typischen Traumsensation 
entsprechende KonversionssjTiiptom vor uns, analog, wie ich es im 
Kapitel über den Hemmungstraum für die neurotischen Müdigkeits- 
gefühle auseinandersetzte. Im hysterischen Ausnahmszustande, welcher 
dem Traumzustand entspricht, kommt die Sensation in ihrer traum- 
haften Größe der Kranken ins Bewußtsein. In ihrem Normalzustande 
weiß sie nichts davon, die durch Regression entstandene Ausschaltung 
der Hautempfindung ist aber bei der Prüfung zu finden und verrät 
die Andauer der Auffliegphantasie im Unbewußten. So scheint in diesem 
Falle ein hysterisches Stigma ebenso auf Konversion zu beruhen, 
wie andere hysterische Sjnuptome. Havelock Ellis hat gewiß mit 
vollem Rechte diesen Fall als Beweismittel für die Bedeutung der Haut- 
empfindungen zur Erklärung der Sensation herangezogen. Nur können 
wir eine primäre, zufällige Störung der Hautsensibilität als Axisdruck 
der Dissoziation der Vorstellungen im Schlafzustande nicht mit ihm 
annehmen, sondern halten sie für eine durch Regression entstandene 
Folge von ins Traumbewußtsein eingetretenen Flug- oder Aufflieg- 
vorstellungen, deren Determinierungen zu suchen sind. 

In ähnlicher Weise kann auch die vielen Autoren als ausreichend 
erscheinende Erklärung des Flugphänomens, die von der traumhaften 
Vergrößerung der Thoraxatmung ausgeht, nur für eine andere spezielle 
Teilsensation vieler Flugträume, nämlich für das rhythmische Auf- 
und Niederschweben oder Schaukeln oder Fliegen einen mit Sicherheit 
beobachteten Weg der Regression erfassen. Durch somatisches Ent- 
gegenkommen infolge von krankhafter Atemerschwerung kann diese 
Regression erleichtert werden. Auch Havelock Ellis gibt Beispiele 
aus seiner Erfahrung und Beobachtung an, bei welchen er im Erwachen 
einen Druck auf der Brust spürte und durch Selbstbeobachtung des 
hypnopompen Zustandes zu dieser Erklärung kam, in welcher er den 
Schlüssel für die ganze Gruppe solcher Träume gefunden zu haben 
glaubt. Er bemerkte, daß das rhythmische Steigen und Sinken des 
Thorax, in manchen Fällen vielleicht auch die Systole und Diastole des 
Herzens, in die Traumformation einging und als rh)i;hmisches in 
die Luft Hinauf- und Bis nahe zum Boden hinabschweben einer Trapez- 
künstlerin sich darstellte. Wer die innere Sicherheit, mit welcher sich 
die Erkenntnis eines Zusammenhanges einer bestimmten Körpersen- 
sation mit einem Traumelement« der Selbstbeobachtung einer erwa- 
chenden Psyche darstellt, selbst oft erlebt hat, wird an der Richtigkeit 
der Beobachtung nicht zweifeln. 



120 Paul Federn. 

Auch Silberer hat sie als somatisches Phänomen gleichfalls 
beschrieben. Es erscheint zmiächst gewiß, daß der Rhythmus der Be- 
wegung den geträumten Bewegungsrhythmus darstellt. Fraglich er- 
scheint aber, ob der Atemrhythmus den Traumrhythmus beeinflußt 
oder ob nicht umgekehrt der Traum die Atmung beeinflußt hat. In einem 
Falle von Bronchialasthma mit exquisit psychogen ausgelösten An- 
fällen wurden diese häufig von Flugträumen eingeleitet, denen das 
rhythmische Element fehlte, obgleich die Atmung charakteristisch 
erschwert war. In diesem Falle wurde daher die Atmungbewegung nicht 
vom Traume verarbeitet. In anderen Fällen war in analoger Weise 
der Rhythmus des Herzschlages als Gehen, respektive Laufen wahr- 
genommen. Es muß unentschieden bleiben, ob solche Fälle traumhafte 
Wahrnehmungen des verstärkten Organrhythmus sind, und nicht 
viehnehr vom Traume veranlaßte Verstärkungen der rhythmischen 
Organaktion. Nachdem aber so häufig Atemstörungen ohne Schwebe- 
träume vorkommen, ferner die Häufigkeit der Schwebeträume mit dem 
Alter ab-, die organisch bedingten nächtlichen Atemstörungen gewiß 
eher zunehmen, wird man keinesfalls durch dieselben die Ätiologie 
dieser Träume für erschöpfend erklärt halten, sondern kausale Traum- 
quellen suchen. Ich vermute, daß die als Ursache von Schwebe- oder 
Flugträumen angegebenen Atemstörungen meistens ,, nervöse", d. h. 
daß sie selbst psychogener Natur siad. 

Um zu zeigen, daß die Feststellung, welcher wache Vorgang 
ehier Traumsensation entspricht, durchaus nicht beweist, daß der 
betreffende somatische Vorgang auch die Ursache der Traumsensation 
sei, will ich noch ein Beispiel kurz anführen, das sich auf eine Abart 
des Flugtraumes bezieht. Es gibt eigenartige Flugträume, deren 
Deutung schon Stekel und Adler angegeben haben, in welchen der 
Träumer mit einem Fuß vom Boden abspringt und sich mit dem 
Schwung in die Höhe bewegt, wie beim Springen. Die Bewegung wird 
aber dann flugartig und endet bald wieder auf dem Boden, wobei 
der Flug ein Haus oder Menschen übersetzt hat. Die ganze Bewegung 
zeigt, daß es sich um ein traumhaft vergrößertes ,,in die Höhe Ab- 
springen" handelt. Niemand wird aber zweifehi, daß der Träumer, 
wenn er sich bei einem solchen Traimie wirklich bewegt, dies des 
Traumes wegen getan hat, und nicht umgekehrt den Traum hat, weil 
er einen Sprung macht. In diesem Falle handelt es sich eben um eine 
im Schlafe normaliter nicht geübte körperliche Bewegung, die durch 
Regression im Traum entstand. Atmung und Herzbewegungen sind 



über zwei typische Traumsensationen. 121 

dagegen immer vorhanden und deshalb liegt es dem Beobachter ferne, 
für sie anzunehmen, daß sie erst infolge ihrer Veränderung durch den 
Traum seine Aufmerksamkeit erregt«n. Es liegt ihm näher, den Traum 
auf sie zurückzuführen. 

Bis jetzt fanden wir den Weg der Eegression, durch welchen 
zwei häufig die Flugsensation begleitende Sensationen, die Leicht- 
heit und der Rhythmus, zustande kommen. Fragen wir nun, zu 
welchem Sinnesorgan die Regression gehen muß, damit das Fliegen 
selbst zustande komme. Mit welchem Sinnesorgan wird die Sensation 
des Fliegens wahrgenommen? Zur Beantwortung erscheint es zweck- 
mäßig, uns zu erinnern, wann wir ims sonst zu bewegen glauben, 
ohne uns wirklich zu bewegen. Dann finden wir als einzige der Flug- 
sensation verwandte Empfindung im wachen Zustande die des 
Schwindels. Ich meine nicht die peinlichen Gefühle des Drehschwindels, 
sondern manche Schwindelgefühle, wie man sie namentlich nach dem 
Aufhören einer stattgefimdenen Bewegung hat. Hierbei hat man ein 
überraschendes Gefühl anstrengungsloser Bewegung, das einen glauben 
läßt, die reale Lokomotion dauere fort. Nach dem Stehenbleiben des 
Aufzuges, der Eisenbahn bleiben derartige Nachempfindungen in 
vertikaler respektive horizontaler Richtung. Bemerkenswert ist auch, 
daß, wenn man durch Schließen der Augen die visuelle Korrektur 
ausschließt, man die Nachempfindung verlängern kann und auch un- 
klar wird, in welcher Richtung die Scheinbewegimg erfolgt. Auch 
diese Richtung kann durch beabsichtigte Wahl beeinflußt werden, 
ähnlich wie man je nach seiner Intention eine Zeichnung konvex oder 
konkav apperzipieren kann. Ich erinnere mich aus meiner Kinderzeit, 
nach langem Schaukeln, Drehen, Ringelspielfahren langandaue nde 
Schwindelanfälle bekommen zu haben, bei welchen sich die Bewegungs- 
richtung der subjektiven Nachempfindung wiederholt änderte. Daß 
die im Traum entstandenen Sensationen als längerwährend empfunden 
werden, wird ims nicht wundern, da wir wissen, daß das Zeit- 
maß im Traum sich völlig ändert, worauf Havelock EUis hin- 
gewiesen hat. 

Einer meiner Patienten träumte öfter vom Schaukeln und hatte 
beim Erwachen ein schwaches Schwindelgefühl mehrmals beobachtet. 
Bei solchen Schaukelträumen geht die Regression zum Organe der 
Bewegungssensation, also die psychologische Regression parallel mit 
der Regression zu den Schaukelerlebnissen, bei welchen die Schwindel- 
gefühle entstanden waren, der historischen Regression, Die Frage, 



122 



Paul federn. 



ob immer die Regression auch zu den historischen Wurzeln der 
betreffenden Sensation stattfindet, kann nur auf Grund sehr 
exakter Traumanalysen und nicht durch Überlegung entschieden 
werden. Ich begnüge mich, diese theoretisch wichtige Frage hier 
aufzuwerfen. 

Im erwähnten Falle ist jedenfalls die historische Regression zu 
den Schaukelerlebnissen der Kinderzeit evident. Ob das auch bei 
ausgesprochenen Flugträumen geschieht, weiß ich nicht. Daß Schaukel- 
und Flugträume ineinander übergehen können, dafür ist der Kinder- 
traum Hebbels, den er wiederholt geträumt hat, ein schönes Beispiel: 
Das Schaukebi wurde so hoch, daß es einen Flug zum Himmel dar- 
stellte. Es ist wahrscheinlich, daß bei den begleitenden Angstgefühlen 
das Schwindelgefühl mitwirkte. 

Die früher erwähnte Traumform, in welcher der Flugtraum in 
einen FaUtraum übergeht, verliert gleichfalls das Rätselhafte, wenn 
wir die wachen Erfahrungen vom Schwindel berücksichtigen. Auch 
hier geht das überraschende, aber angenehm betonte Gefühl oft in 
das Gefühl des Fallenmüssens, des „Sich nicht mehr halten könnens'- 
über oder führt wirklich zum Fallen. Vielleicht kehrt gar nicht die Er- 
innerung an diese Empfindungen im Traume wieder, sondern geht nur 
der dem Gefühl des Fliegens entsprechende Reizzustand in einen 
andern über. Wenn wir an das oben erwähnte hypnagoge Gefühl, in die 
Höhe gehoben zu werden, uns erinnern, welches eintritt, sobald das Gefühl 
des Druckes nicht mehr empfunden wird, so wäre es auch möglich, 
daß das plötzliche Aufhören der Flugsensation an und für sich von 
dem Traumbewußtsein als Fallen aufgefaßt wird^). Für die direkten 
Fallträume wären jene wachen Schwindelempfindungen als Analoga 
heranzuziehen, bei welchen ohne vorhergegangene Bewegungssensation 
sofort die Empfindung zu fallen aultritt. 

Freud hat als Material der Flugsensation im Traume das „Hetzen" 
der Kinder hervorgehoben, namentlich auch das passive Hetzen der 
kleineren Kinder, bei welchen man sie fliegen, schaukeln und schweben 
ließ. ,,Die Kinder jauchzen dann und verlangen unermüdlich nach 
Wiederholung, besonders wenn etwas Schreck und Schwindel mit 
dabei ist." Die Flugsensation im Traume verrät in einem Detail viel- 

1) Die Erklärung Jeweils, der Träiuner erinnere sich plötzlich, daß er 
nicht fliegen kann, ist eine abzulehnende Rationalisierung, denn eine Traumsen- 
sation setzt sich über jede Erfahrung hinweg. 



über zwei typische Traumsensationen. 123 

leicht diesen Ursprung. Sie ist immer eine speziell persönliche Kunst, 
verbunden mit dem stolzen Bewußtsein, sie „allein" zu können, was 
sowohl auf das ,,ohne Hilfe" als auf das ,,imd niemand anderer" sich 
bezieht, es ist wohl möglich, daß der Wunsch nach dem Wegfallen 
der Hilfe Erwachsener eine der Wurzeln dieses kindlichen Stokgefühles 
beim Fliegen ist. Jedenfalls sind die Kinder bei und besonders nach 
diesen Spielen auch zu den ersten Gefühlen von Schwindel gekommen, den 
sie als Erwachsene in der Flugsensation reproduzieren. Bei dem engen 
Zusammenhang zwischen Augenmuskel- und Labyrinthfunktion ist die 
eventuelle Miterregung der Augenmuskelgefühle eingeschlossen, wenn 
ich zusammenfasse: ,,Das Organ, mit welchem der Träumer fliegt, 
ist das statische Organ. Die Flugsensation erfolgt durch Re- 
gression (in der Vorfreudschen Terminologie durch zentrifugale 
halluzinatorische Sinneserregung) zum Gleichgewichtsorgane." 
Für diese Ansicht spricht Kurellas Beobachtung, daß die verwandten 
Fallträume im Moment des Einschlafens regelmäßig bei doppelseitiger 
Erkrankung des Innern Ohres vorkommen und die Beobachtung von 
Gowers, daß Fallträume vom Ohre ausgehen und durch Kontraktion 
des M. stapedius veranlaßt werden, die eine Druckschwankung in der 
Ampulle und das Gefühl des Sinkens hervorruft. Ein Patient 
mit leichter Labyrinthaffektion bestätigte mir die vermehrte Häufig- 
keit seiner Flugträume. 

Von dem Patienten, der aus Schaukelträumen mit Schwindel 
erwachte, habe ich schon gesprochen und von einer Flugträumerin 
mit dem gleichen Erwachen wird noch später die Rede sein. Meine 
analytische Annahme, daß Flugträume Labyrinthsensationen sind, 
wird durch Frankl-Hochwarts Beobachtung, daß sie bei Meniöre- 
scher Erkrankung häufig vorkommen, in erfreulicher Art bestätigt. 
Meine Erklärung, daß zum Schwindelgefühl im Wachen und zur Flug- 
sensation im Schlafe der gleiche Erregungszustand des Sinnesapparates 
zugehört, fand aber ihre experimentelle Bestätigung durch Herrn 
Dr. Reinhold, der, angeregt von meinem Vortrag über den Flugtraum, 
folgende Versuche anstellte. Er versetzte Versuchspersonen in Hypnose 
und befahl ihnen zu träumen. Wenn er nun die Versuchspersonen 
in diesem Zustande auf dem Drehapparate drehte, so provozierte er 
einige Male dadurch Fkigträume. Dadurch ist der Zusammenhang von 
Schwindel und Ftugsensation experimentell festgestellt. 

Nicht als ob die Flugsensation die einzige Art wäre, in welcher 
somatische Erregung von Vertigo traumhaft wahrgenommen würde. 



124 Paul Federn. 

Manche Schwindelgefühle sind ihrer Qualität nach gar nicht dazu 
geeignet. Der Flugsensation entsprechen nur Reizxmgen leichten 
Grades mit der Empfindung der geraden Bewegung. In vielen Fällen, 
in welchen der Träumer mit Schwindelgefühlen erwachte, war die 
Bewegungsvorstellung im Tramne gar nicht an die Person des Schläfers, 
sondern an ein gesehenes Objekt geknüpft. So kenne ich solche Träume, 
in welchen Eisenbahnzüge oder Lokomotiven mit unheimlicher, rasender, 
Schwindel imd Angst erregender Geschwindigkeit sich nähern, even- 
tuell auch mit hellem, blendendem Lichtschein, der von ihnen aus- 
geht. In anderen Träiunen dreht sich ein Ringelspiel oder irgend eine 
Umgebung sehr schnell um den Träumer. In einem Falle träumte 
ich selbst, auf eine hohe Brücke, die zuletzt zu einer Doppelleiter 
wurde, emporzusteigen ; als ich ganz oben war und auf die andere Seite 
der Leiter hinüberstieg, hatte ich plötzlich das Gefühl, die ganze Be- 
wegung in umgekehrter Richtung gemacht zu haben und jetzt mit 
dem Kopfe nach rückwärts auf der andern Seite aufwärts steigen 
zu sollen. Der gefahrvollen und unmöglichen Aufgabe mit Erschrecken 
und völligem Verlust der Orientierung bewußt, wachte ich auf und 
hatte ein deutliches Schwindelgefühl, wie es den Turnübungen ent- 
spricht, bei welchen der Kopf nach abwärts hängt. Ferner haben 
Patienten mit neurotischer Berg- und Gletscherangst Träume mit 
ihrem Sympton entsprechendem Inhalte und. erwachen mit ihrem neu- 
rotischen Schwindelgefühle. 

Bevor ich das Thema der Regressionswege verlasse, bemerke 
ich, daß von den Gefühlen, welche typisch die Flugsensation begleiten, 
die der gesteigerten Freiheit noch keine Erklärung in meinen Erörte- 
rungen gefunden hat. Wenn ich nun einen Schluß vom Hemmungs- 
traum auf seinen Gregensatz, den Flugtraum, wage, so würde ich 
glauben, daß dem gesteigerten Gefühl von Freiheit eine Steigerung 
des ungehemmten Wollens zugrunde liegt. Die Regression würde zu 
einer gesteigerten Muskelenergie und Innervationsgefühl führen. Tat- 
sächlich berichten viele Träumer von dem Grefühl der gesteigerten 
Leistungsfähigkeit, das auf Flugträume folgt. Die Ursache dieser 
gesteigerten Freiheit imd Energie finden wir gewiß nicht in den 
Schwindelgefühlen, durch welche die Sensation entsteht, sondern in 
dem unbewußten Inhalte des Flugtranms. 

Dieser unbewußte Inhalt ist in manchen Fällen teilweise be- 
wußt. Meistens wird er durch die Analyse aufgedeckt werden müssen. 
Die so aufgedeckten Traumquellen sind immer stark triebhaft. 



über zwei typische Tranmsensationen. 125 

Meistens sind sie vorwiegend sexuell, in anderen Fällen sind ehrgeizige 
Wiinsclie neben den sexuellen oder allein wirksam. Die Frage, wieweit 
auch diese Wünsche libidinöse sind, bleibt hier unerörtert. Es erscheint 
nun nicht mehr merkwürdig, daß eine Traumsensation, welche aktiven 
Strebungen ihre Entstehung verdankt, mit dem Gefühl gesteigerter 
Freiheit und gesteigerten Könnens einhergeht. Das Wohl- und Hoch- 
gefühl, das die gewöhnliche Art des Flugtraumes begleitet, entspricht 
also dem gesteigerten Kraft- imd Unabhängigkeitsgefühl der sexuellen 
und lebensbereit/cn Einstellung. 

Zunächst sei die sexuelle Wurzel des Flugtraumes besprochen. 
Freud hat sie in seinem Traumbuche mitgeteilt und die ihm folgenden 
Analytiker konnten sie bestätigen. Seine Angabe fand noch eine andere 
literarische Bestätigung,^ die von Mourly Voldi) kommt, von dessen 
Werke sich der Herausgeber, 0. Klemm, in der Einleitung verspricht, 
,,daß es besonders in unserm Zeitalter der Traumanalyse, wo namentlich 
bei vielen, die in dem Fahrwasser der Freud sehen Psychoanalyse 
segeln, sich Hypothesen und Beobachtungen oft ununterscheidbar 
mischen, mit ihrer schlichten Mitteilung des empirischen Ma- 
terials und ihren vorsichtig abgewogenen Interpretationsversuchen 
sich dauernd seine Stellung behaupten wird". Vold gibt an, daß, 
wenn a) der Berührungssinn unwirksam ist, b) ein leichter und an- 
genehmer Atem vorausgesetzt ist, bisweilen c) Kontraktionserschei- 
nungen an den Muskeln vorhanden sind, dann löst eine ,, leichte sexuelle 
Vibration der Muskelgruppen des Rumpfes — vielleicht des ganzen 
Körpers — sentimentale Bewegungsempfindungen und Vorstellungen 

aus, welche die Form von Schwebeträumen annehmen". ,,Die 

hier aus dem Rumpfe selbst wirkende Kraft ist offenbar 
sexueller Natur." Er fügt in lateinischer Sprache hinzu: Diese 
Art Träume entsteht bei einer vollendeten oder beginnenden Erektion 
oder in sehr seltenen Fällen bei einer wirklichen Pollution. 

Diese Angabe entspricht vollkommen den von mir mitzuteilenden 
analytischen Erfahrungen, wenn wir von den Beziehungen zur 
,, Vibration des Rumpfes" absehen. Es ist ein beinahe belustigendes 
Beispiel, gegen welchen gegnerischen Widerstand Preudsche Ent- 
deckungen ankämpfen, wenn ein Autor, der Freud als Vorbild hin- 
gestellt wird, gerade hier, wo er die — Freud stets zum Vorwurf 

1) Über den Traum. Experimental-psychologische Untersuchungen von 
D. J. Mourly Vold, Leipzig 1912, J. A, Barth. 



126 Paul Federn. 

gemachte — sexuelle Ätiologie einer Traumart, mit vielen Entschuldi- 
gungen, mitteilt, völlig vergessen kann, daß sie von Freud mit aller 
Schärfe ausgesprochen wurde. Mourly Vold sagt nämlich, „daß 
es fast wundernehmen muß, daß das Motiv von den Traumpsychologen 
nicht hervorgehoben worden ist". 

Ich selbst habe diese spezielle Ätiolt^ie in der psychoanalytischen 
Vereinigung vor vier Jahren mitgeteilt, und zwar auf Grund von An- 
gaben über das Erwachen aus Flugträumen. Herr Professor Freud 
nahm meine Mitteilung in die letzte Auflage seines Traumbuches auf: 
,,Dr. P. F. hat die bestechende Vermutung ausgesprochen, daß ein guter 
Teil der Fliegeträume Erektionsträume sind, da das merkwürdige und 
die menschliche Phantasie immer beschäftigende Phänomen der 
Erektion als Aufhebung der Schwerkraft imponieren muß." Ich ver- 
mute also, daß es der physikalische Vorgang am Gliede ist, welcher 
seine TraumdarsteUung im Fluge findet. Wir wissen ja, daß die sexu- 
ellen Vorgänge in mannigfacher Art zur symbolischen Darstellung 
kommen, wobei eigentlich immer nur eine Eigenschaft oder oft nur 
ein Detail der sexuellen Vorgänge imd der sexuellen Organe zur Dar- 
stellung kommt. Im allgemeinen entspricht bei diesen Darstellungen 
einem Gegenstande wieder ein gegenständliches Symbol, einem Ge- 
schehen ein symbolischer Vorgang und es sind z. B. der erigierte 
Penis und der Vorgang der Erektion als Traumquellen zu unter- 
scheiden^). 

») Auch der Vorgang der Erektion kann in verschiedener Weise im Traum 
sich darstellen. Zu den bekannten will ich drei weitere hinzufügen. Die hypnagoge 
Seibetbeobachtung eines psychisch Gesunden: Im Traum sah er einen auffallend 
groQm und athletischen nackten Mann auf dem Rande dtar Bettwand den Hand- 
stand machen und erkannte beim Erwachen die Quelle in einer kräftigen Erektion. 

Interessanter ist ein von einem Patienten berichteter Aufwachtraum. Der 
Träumer fährt in GeseUschaft einer Dame durch eine Waldstraße. Er ist plötzlich 
überrascht, weil der Wagen stehen bleibt. Das eine Pferd macht sich los und 
geht ein paar Sehritte nach vom, das andere Weibt beim Wagen, so daß die 
Deichsel schief steht. Der Kutscher mit der Peitsche ist weit vorne und kümmert 
sich nicht um die Pferde. Aus dieser peinlichen Situation erwacht der Träumer 
und merkt, daß eine Erektion mit schlaffen Hoden eingetreten ist. 

Ich selber habe, allerdings als ich schon auf die Traumbeeinflussung durch 
die Erektion achtete, also mein Unbewußtes nicht mehr naiv war, beobachtet, 
daß im Traume alle Gegenstände sinnlos groß wurdm, aber so auffaUend, daß 
der ganze Traum dadurch ein eigenes Gepräge erhielt. So träumte ich einmal 
von einem Delikatessenladen, und ein anderes Mal von einem anatomischen 
Museum, wo aUe Objekte nicht nur abnorm groß waren, sondern auch alle Details 



über zwei typische Traumsensationen. 127 

Welche Darstellung im Traume zustande kommt, hängt von den 
übrigen zur Geltung kommenden Determinierungen ab. Die jeweilige 
psychische Konstellation muß entscheiden, welche spezielle Qualität 
symbolisch oder bildhaft zur Geltung kommt. Hiebei kommt 
es hauptsächlich auf den zeitlichen Ursprung des latenten Traum- 
gedankens an. In den aufeinanderfolgenden Stadien der Entwicklung 
sind für das Individuum verschiedene Details und spezielle Strebungen 
der Sexualität wichtig und von Einfluß auf seine Gesamtpsyche. Wir 
wissen, wie nacheinander die urethralen, die exhibitionistischen Ten- 
denzen und die der sexuellen Neugier, die aktiven und passiven Stre- 
bungen, später immer mehr die Wünsche nach dem speziellen Sexual- 
ziel vorherrschen. Je nachdem, auf welche Zeit, auf die Wiederholung 
welches Erlebnis der Traumwunsch zurückgreift, welche Partial- 
libido jeweils vorherrscht, wird der latente sexuelle Wimsch anders 
zur Darstellung kommen. Es ist hier nicht der Ort, auf Grund dieses 
Einteilungsprinzips die mannigfaltige Sexualsvmbolik zu gruppieren. 
Nur für den Flug im Traume will ich den Zeitpmikt, auf welchen seine 
symbolische Bedeutimg zurückzugehen scheint, angeben. Damit ist 
nicht gemeint, daß die sexuelle Bedeutung des Flugsymbols im in- 
dividuellen Leben jedes Individuums erst erworben werden muß. 
Es handelt sich vielmehr um einen durch Vererbung vorgebildeten 
Vorgang. Das Flugsymbol ist allgemein menschlich und uralt. Es tritt 
auch schon in sehr frühen Jahren auf. Ich weiß von einem Mädchen, 
das im Alter von fünf Jahren, in einer Zeit, in der es häufig onanierte, 
beim Erwachen von seinen Flugträumen erzählte. Im allgemeinen 
ist der Flugtraum ein männlicher Traum, und er wird auch bei Frauen 
durch ihrer männlichen Sexualkomponente entspringende Sexual- 
erregung hervorgerufen. Wie Dr. Tausk mir mitteilte, haben zwei 
Frauen, deren Flugträume er analysierte, angegeben, daß sie beim 
Erwachen aus dem Flugtraum im hypnopompen Zustande die Erektion 
der Klitoris fühlten. Die analoge Angabe von Männern machte mich 
zuerst auf den Zusammenhang aufmerksam. Die Bestätigung der Auf- 
fassung brachten mir die Analysen solcher Neurotiker, bei welchen die 
Erektionsfähigkeit eine KoUe spielte. Die Analyse ergab immer einen 
engen Zusammenhang zwischen ihren Flugträumen und ihren Erektionen. 

der Präparate im gleichen Verhältnis vergrößert, die Furchen vertieft, die Zeich- 
nungen in größerem Maßstabe zu sehen waren. Hier wurde nur das Prinzipielle 
des physikalischen Vorganges, die Größenrelation zur symbolischen Darstellung 
venvendet. 



128 Paul Federn. 

Solche Individuen bleiben eben in dieser Beziehung auf einer Alters- 
stufe zurück, auf welcher normaliter der Vorgang als ein der bisherigen 
Erfahrimg widersprechendes Wunder aufgefaßt wird. 

Es ist fraglich, ob in der Regel bereits die ersten Erektionen in 
der Kindheit lustbetont sind. Gewiß aber erweckt die einmal gemachte 
Wahrnehmung, auch frei von sexueller Erregung, intensiv das Interesse 
des Kindes. Solange die Kinder in bezug auf ihre Sexualorgane nicht 
befangen sind, sprechen sie frei davon, und man kann beobachten, 
wie verschieden die Kinder darauf reagieren. Bei manchen erwacht 
sofort deutlicher Sexualstolz. Die libidinöse Regung wird immer wieder 
zur Beschäftigung mit dem Thema treiben, das so im höchsten Grade 
Phantasie und Denken anregt, ohne daß ein Verstehen möglich wäre. 
Die ungewollte, durch nichts veranlaßte und erklärte Bewegung, 
durch die etwas Schweres sich erhebt, ist keiner anderen körperlichen 
Bewegung analog und ebenso wunderbar wie das von dem Kinde immer 
angestaunte Fliegen der Tiere oder leichter Gegenstände. Dazu kommt 
in der reiferen Zeit als Quelle des funktionellen Phänomens die gesamte 
sehnsüchtige, strebende, fortwollende Stimmung der erwachenden, 
unbefriedigbaren und unerklärlichen Sexualregung. Die Erektion 
ist wie ein Fortwollen des Penis. Im Unbewußten identifiziert sich 
das Ich mit dem alles Interesse in Anspruch nehmenden Organe, das 
die sehnsüchtige Tendenz erweckt, und aus der Aufhebung der Schwere 
und der Forttendenz entsteht der Wunsch nach dem Fortfliegenkönnen, 
welcher sich im Flugtraum erfüllt. 

Diese Umwandlvmg hat die Analyse eines sehr begabten und 
frühzeitig intellektuell reifen Patienten mir in folgender Weise mit- 
geteilt. Die Erektionen traten bei ihm im fünften Lebensjahre wieder 
auf. Er erinnerte sich auch an das Verbot, nicht mit dem Penis zu spielen. 
Plötzlich entstand in ihm die Besorgnis, sein ,,Vogerr' könnte ihm 
wegfliegen. Als er in den Bäumen vor dem Fenster Singvögel singen 
hörte, begann er darüber nachzudenken, ob diese nicht anderen Kindern 
davongeflogene ,,Vogerl" wären. Er mußte sich immer wieder über- 
zeugen, ob sein ,,Vogerl" nicht weggeflogen sei. In einem Traume, 
in welchem der Patient viel später, während der Pubertätsjahre, vor 
der zuschauenden Familie, mangelhaft bekleidet von einem Balkon 
hinunterflog, kam die Lokalität der ersten Vogerlphantasie wieder 
zutage. 

Der Einwand, daß es sich bei diesem Kinde bloß um eine Ver- 
wertung und bildliche Darstellung der Bezeichnung ,,Vogerl" handelte. 



über zwei typische Traumsensationen. 129 

ist nur eine Ergänzung unserer Erklärung. Das Kind war kritisch 
genug, um den Unterschied zwischen wirklichen und nur so bezeichneten 
Vöglein zu wissen. Es handelt sich aber um ein Menschheitssymbol, 
welches durch den Namen vermittelt wurde und vom Kinde genau so 
wiederholt wurde, wie es in der Vorzeit zustande gekommen ist. Daß 
der Phallus bei allen Völkern geflügelt dargestellt wurde, ist eben der 
Ausdruck dafür, daß die Erektion die Flugvorstellung im Bewußtsein 
der Primitiven wie in dem Unbewußten der heutigen Menschheit 
ausgelöst hat. Daß in allen Sprachen die häufigste Bezeichnung der 
männlichen Genitale dem Vogelreiche entnommen ist, ist Ausdruck 
derselben Phantasie. So stellt der Flugtraum den Flug des Phallus 
dar, mit dem sich der Träumer identifiziert. Der Flugtraum ist also 
eine auf den genitalen Autoerotismus regredierende Sexualdarstellung. 
Die begleitenden Gefühle von Stolz^), Bewundertwerden, Schon und 
Allein können entsprechen dem infantilen Sexualstolze als Quelle und 
rekurrieren auf die von Freud hervorgehobenen kindlichen Spiele 
und Künste als Material. Das Fliegen ist wie der Autoerotismus ein 
mit erhöhtem Ichgefühl verbundenes, einsames Lusterlebnis. Wenn 
aus späteren Quellen, aus der Zeit, in welcher die Sexualität zur Ver- 
einigung mit dem Sexualobjekte treibt, auch dieses im Traume zur 
Geltung kommt, so wird es durch mitfliegende Personen oder durch 
Plugapparate*) dargestellt. In anderen Fällen erscheint das Sexual- 
objekt selbst in der rhythmisch schwebenden Bewegung als nackte 
oder wenig bekleidete Person. Auch in den von Havelock Bllis 
mitgeteilten Träumen ist das der Fall. Solche begleitende Umstände 
müssen den sexuellen Inhalt des Flugtraumes auch unabhängig von der 
Frage, ob er ein Erektionstraum ist, beweisen. 

') Mourly Vold sagt darüber: ,,Sie sind häufig von einer Art Ver- 
wunderung und einer Lust, sich dessen zu vergewissern, daß das Erlebnis ein 
reales ist, begleitet. Es wird am einfachsten sein, diese Selbstreflexion auf den- 
selben Grund zurückzuführen. Der angehende Liebhaber gefällt sich in Selbst- 
bespiegelungen aller Art." Diese Verwunderung geht wohl auf die infantile Auf- 
fassung zurück. 

In Bezug auf den Stolz erkennt Mourly Vold ganz richtig: ,,Aber auch 
an sich hängt der Stolz wohl mit dem erotischen Motive zusammen; denn die 
Brunstzeit der Tiere und die Verliebtheitsperiode des Menschen sind ja gewöhn- 
lich mit einer starken Erhöhung des Selbstgefühls verbunden. Auf dasselbe Re- 
sultat führt der einfache Umstand, daß sich ja die Sexualität durch Gesamt- 
muskelspannungen geltend macht und daß mit demselben sieh ja bekannter- 
maßen die Gefühle von Kraft, Freude und Stolz verbinden." 

^) Flugapparate für mehrere Personen sind ein Dimensymbol. 
Jahrbuoh der Psjohoanalyse. VI, 9 



130 Paul Federn. 

Mit dieser Erklärung hängen auch die Determinierungen vieler 
Variationen des Flugtraumes zusammen. Wenn in einem Traume 
das Fliegen gesehen wird, so ist mitunter die eigentümliche Stimmung 
des GreheimnisvoUen und Wunderbaren wie im Traume vom eigenen 
Fliegen vorhanden. Solche Träume beziehen sich gleichfalls auf die 
eigene Sexualität. In anderen Fällen dient das Flugphänomen dazu, 
fremde Sexualität als Schauobjekt darzustellen. Der Traum von fremden 
Flügen kommt oft bei Individuen mit vorherrschendem Sexualneid 
vor, er bildet so einen gewissen Gregensatz zu den sexualstolzen Träumen 
vom eigenen gelungenen Fluge. 

Einen andern Gegensatz dazu stellt der Falltraum dar, welchen 
wir oben bei der Erörterung der dazu gehörenden Regressionsvorgänge 
besprochen haben. In Hinsicht der Tratunquelle wird es uns nicht 
wundern, daß das Aufhören der Erektion als Fallen am Ende des 
Fluges seine Darstellung finden kann. Hierfür hat schon Hitschmann 
Beispiele^) gebracht und sind die analogen symbolischen Darstellungen 
im Folklore, in Witz und Zote sehr verbreitet. Um die Erschlaffimg 
des Genitales darzustellen und das Aufhören des Fliegenkönnens 
zu motivieren, ist das Schlaffwerden des Luftballons, welcher als Flug- 
mittel seine Verwendung im Traume findet, sehr geeignet. 

Noch mehr kommt der Parallelismus zwischen Sexual- und Flug- 
vermögen bei gewissen Träumen zur Geltung, welche sexuelle Störungen 
verraten und wieder der Psychopathologie sich nähern. Das sind die 
für den Träumer wenig angenehmen, oft von Unsicherheitsgefühl 
begleiteten Flüge nach abwärts, die in ein Fallen übergehen, oft 
plötzlich in ein Angstfallen enden. Dieses Nachabwärtsfliegen ist 
ein Kompromiß zwischen Sexualität und Impotenz, stellt den typischen 
Zweifel und die Angst der psychisch Impotenten, inbetref f des Vertrauens 
auf ihre Erektion dar. Die resultierende Angst geht auf die Libido- 
hemmung zurück, von welcher die psychische Impotenz verursacht 
wird. Ein Gegenstück bilden die nicht immer unangenehmen Träume, 
in welchen das Abwärtsfliegen anderer beobachtet wird. Sie stellen 
Spott und Schadenfreude über fremde Impotenz dar, wozu als düsterer 
Traumwunsch oft Todeswünsche hinzutreten. In anderen Fällen 
wieder ist die Selbstverspottung in diesen Träumen zu erkennen. 

Ein in meiner Behandlung gestandener Sadist, der im normalen 

^) „Beiträge zur Sexualsymbolik des Traumes", Zentralbl. f. Psychoanal. I, 
S. 561 und „über Träume Gottfried Kellers", Int. Zeitschr. für ärztl. Psycho- 
anal. II., S. 41. 



über zwei typische Traumsensationen. 131 

Verkehr impotent war, bekam später, je nach dem jeweiligen Grade 
seiner Hemmungen Perioden von sexueller Betätigung, in denen er 
keine Flugträume hatte, und impotente Zeiten, in welchen er eine Reihe 
von Träumen hatte, in denen er selbst nach abwärts flog, meistens 
aber andere nach abwärts fliegen sah. Während einer solchen Zeit 
hatte er eine intensive Liebe zu einer Dirne gefaßt, welche ihm von 
vielen Leidensgenossen und von der Häufigkeit der Impotenz erzählte. 
Diese Mitteilung verwertete er im Traume, indem er immer mehrere 
Ballons aus der Luft nach abwärts fliegen und fallen sah. 

Ich habe früher einen Traum erwähnt, in welchem die Aufrichtung 
des Gliedes als Handstand geträumt wurde. Auch von dieser bewegungs- 
losen Form gibt es Übergänge bis zum freien Fluge. So gibt es kurze 
Flugsprünge, bei welchen sich der Träumer mit den Händen abstößt^), 
oder mit den Füßen abspringt oder schwimmend bewegt. Der Schreit- 
flug über die Stiege harrt noch seiner speziellen Deutung, er ist nach der 
statistischen Angabe Jeweils besonders häufig. Bei all diesen Traum- 
arten ist das Grefühl der Kunst und des Bewundertwerdens meist 
deutlich vorhanden. Der dem letzteren Gefühl zugrunde liegende 
Exhibitionismus kommt häufig auch direkt durch das Fehlen der Be- 
kleidung zum Ausdruck*). 

Jede Analyse eines Flugtraumes trifft außer der sexuellen auch 
andere Motive, die sieh meist enge mit den sexuellen vereinigen. So 
lassen sich Exhibitionismus, Eitelkeit und Ehrgeiz in ihrer Wurzel 

^) Ein Patient hatte diese Art Flugträume nur so lange, als er die manuelle 
Masturbation nicht überwunden hatte. In manchen dieser Träume findet auch 
der Rhythmus nicht in der Sensation von Thorax-, sondern von Armbewegungen 
seinen Ausdruck. 

*) Als Beispiel von aufeinanderfolgenden Sexualsymbolen, die als Vor- 
stufen des Flugsymbols diesem im Traume vorausgehen und sich alle auf die 
Bewegung und Rhythmik im Sexualakt beziehen, diene folgender Traimi eines 
allerdings psychologisch sehr unterrichteten Mannes: „Ich befinde mich in dem 
Stiegenhaus eines Hauses, wo ich in meiner Knabenzeit bei meinen Eltern ge- 
wohnt habe. Ich steige die Stiege bis in den 4. Stock empor. Dort angelangt, 
bemerke ich einen Turnapparat, etwa ein Trapez, welches vom Treppenabsatz 
aus zu erreichen ist luid über dem freien Baum des Stiegenhauses schwebt. Ich 
besteige dieses Trapez und, indem sich dasselbe in Schaukelbewegung 
setzt, fühle ich etwas wie Schwindel. Das unangenehme Gefühl weicht, sobald 
ich bemerke, daß das gefährliche Schaukeln in ein Schweben übergeht. Und 
zwar schwebe ich, den Tumapparat verlassend, rhythmisch in der freien Mitte 
des Stiegenhauses auf und ab." Hierzu bemerkt der Träumer: ,,Ich habe in der 
Nacht eine Pollution gehabt und mir wurde erst später klar, daß der Flugtraum 
der dazu gehörige Traum gewesen war." 



132 Paul Federn. 

nicht trennen. So wird speziell ein Überflügelnwollen (Artemidorus), 
ein „Sich über bestimmte Menschen hinwegsetzen wollen", ein Herab- 
sehenwollen als Traumquelle gefunden. . (Freud, Stekel, Adler.) 
Die von Jones hervorgehobene Bedeutung des Reisen woUens hängt 
einerseits mit der sexuellen Bedeutung des Reisena, besonders dem 
erotischen Wandertriebe der Jünglingsjahre eng zusammen, verbindet 
sich andererseits mit dem gleichfalls von Freud schon angegebenen, 
von Stekel vielfach bestätigten Todeswünschen, die Jones selbst 
in den Vordergrund rückt. Alle diese, von mir nur summarisch 
mitgeteilten Traumquellen vereinigen sich als mehrfache Determi- 
nierung zum Flugtraum. Die wichtigste, häufigste Quelle ist aber 
die Erektion. Diese wird von der infantilen Psyche — auch biogenetisch 
genommen — als Flug aufgefaßt. Die entsprechende normal und nicht 
traumhaft vergrößert apperzipierte Sinnesempfindung gehört in die 
Gruppe der Vertigo. So kann der Anfang der psychischen Umwandlung, 
nämlich die Auffassung der Erektion als Fliegen wollen, imd das Ende, 
(He Regression zum Sümesorgan, bewiesen werden. Die Mechanismen, 
die diese potentiell mögliche Darstellung im einzelnen Falle aktuell 
machen, sind nur soweit geklärt, als eine akute Steigerung der männ- 
lichen Libido zum Flugtraum führen kann. Wie weit es sich aber 
hierbei um historische, wie weit um nur psychologische Regression 
handelt, ist fraglich. Mit der Beantwortung dieser Frage hängen 
wichtige Probleme der Neurosenpsychologie zusammen. 

Eines dieser Probleme ist die Frage, ob Konversionssymptome 
durch ein allgemeines Geeignetsein zur halluzinatorischen Steigerung 
der Sinnesfunktion gewisser minderwertiger Organe entstehen, wie 
Adler annimmt, oder ob außer diesem somatischen Entgegenkommen 
(Freud) auch spezifische verdrängte psychische Elemente jedes 
Konversionssymptom determinieren müssen. Ich halte es für wahr- 
scheinlich, daß bei gewissen Neurosen, welche Freud als Fixa- 
tionsneurosen^) bezeichnet hat, wie das Asthma bronchiale, ver- 
schiedene Sekretionsneurosen, gewisse Kopfschmerzen, die Steigerung 
einer allgemeinen affektiven Stimmung zur somatischen Entladung 
in Symptomen führt, ohne daß in diesen bestimmte unbewußte 
Phantasien und Wünsche zur Darstellung kommen. Für die eigentliche 
Konversionshysterie sind aber diese immer durch die Analyse nach- 
weisbar. 



1) Internationale Zeitschr. für ärztl. Psychoanalyse. 1. 1913. Heft 3, S. 306. 



über zwei typische Traumsensationen. 133 

Auch der typischen Flugsensation entspricht ein hysterisches 
KonversionssjTnptom, und zwar der hysterische Schwindel. Mir ist 
nur ein Fall bekannt, in welchem die psychogene Vertigo, und zwar 
in der geringeren Intensität, die dem wachen Zustand entspricht, 
gefühlt wurde. Die traumhaft vergrößerte Wahrnehmung war im 
Mittelalter als hysterische Epidemie in der Gestalt der Hexenflüge 
massenhaft verbreitet. 

Der von mir beobachtete Fall hatte jahrelang an neurotischen 
Neuralgien und Vertigo gelitten. Die Heilung erfolgte ohne Analyse 
infolge Wegfalles der aktuellen Krankheitsursachen. Als mir später 
die physiologische Identität von Schwindel und Flugsensation bereits 
evident war, erfuhr ich, daß die Patientin immer Flugträume gehabt 
hatte. Auch seit der Heilung hatte sie noch solche. Von diesen Flug- 
träumen kennt sie zwei Formen, eine angenehme Art, in welchem sie 
aufwärts fliegt, meist in Gesellschaft eines ihr sympathischen Mannes, 
mit dem sie in guter Stimmimg, bei schönem Wetter spazieren gegangen 
ist, und eine zweite Form, ohne Begleiter oder so, daß sie ihn verliert, 
wobei sie nach abwärts fliegt, peinlich berührt ist, mitunter auch ängst- 
lich wird. Aus dieser Art Flugtraum erwacht sie regelmäßig und hat 
beim Erwachen für ganz kurze Zeit genau denselben Schwindel, wie sie 
ihn seinerzeit konstant hatte. 

Dieses Beispiel erscheint mir an und für sich mitteilenswert, 
weil es selten möglich ist, ein Symptom und die dazugehörige Phantasie 
wie Text und Übersetzung nebeneinander zu sehen. Es gelingt hier 
so einfach, weil es sich um eine elementare Sensation handelt. Die 
Wesensgleichheit von Traumgebilde imd hysterischem Symptom 
zeigt sich deutlich. Der Vorgang der Konversion ist hier fast direkt 
zu beobachten. Ich muß nur den Einwand ausschließen, daß die 
Träumerin aus anderen Gründen Schwindel hatte, der selbst erst den 
Traum erregte. Dagegen spricht aber, daß der Schwindel gleich wieder 
aufhörte. 

Wir können mit aller Sicherheit annehmen, daß sexuelle Quellen 
die Flugsensation gegen einen Widerstand der Zensur entstehen ließen, 
und die Regression im Wachen kurze Zeit anhielt und der wachen 
Psyche als der entsprechende Vorgang im statischen Apparat als 
Schwindel zum Bewußtsein kam. Da diese Schwindelsensation dieselbe 
war wie während der Neurose, so beweist das, daß der sonst nur im 
Traume vor sich gehende Regressionsvorgang während der Neurose 
auch im Wachen geschah. Während also in der gesunden Psvche das 



134 Paul Federa. 

Fliegen nur potentiell bereit ist, nur als bewußtseinsfällige, nicht 
sexuell betonte Vorstellung, ist diese bei der Neurose übermäßig ver- 
stärkt, so daß sie ständig zur Erregung der sensorischen Sphäre, zur 
Regression führt. Wenn wir uns erinnern, daß der Flugsensation auch 
ehrgeizige Motive zugrunde liegen können, werden wir ims nicht wundern, 
daß der neurotische Schwindel so oft mit ehrgeiziger Angst zusammen- 
hängt. Der Zusammenhang zwischen Sexualität und Ehrgeiz einerseits, 
neurotischer Vertigo anderseits, braucht nicht bloß durch Fliegevor- 
stellimgen hergestellt sein. Wir wissen, daß auch viele Arten von 
körperlichen Bewegungen, welche durch Regression Schwindel erzeugen, 
als Sexualsymbole vorkommen. So hoffe ich an diesem speziellen 
Beispiele abermals die Bedeutung der typischen Traumsensationen 
für das Verständnis von Konversionssymptomen gezeigt zu haben. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr, i) 

Bin Beitrag zu der Beziehung zwischen Kunst und Religion, 
Von Prof. Dr. Ernest Jones (London). 



I. Einleitung. 

Das Ziel der vorliegenden Abhandlung ist, durch die Analyse 
eines einzelnen Beispieles folgenden Satz zu beleuchten: Die nahe 
Beziehung zwischen Kunst und Religion entstammt der engen Ver- 
knüpfung ihrer beiden Wurzeln. Die Beziehung selbst, die am schla- 
gendsten bei den höheren Religionen ist, äußert sich auf mannigfache 
Weise: zuweilen gerade durch den diametralen Gegensatz der beiden, 
wie in dem ikonoklastischen Ausbruch Savanarolas und der englischen 
Puritaner gegen die Kunst, aber häufiger durch die auffällige Vereinigung 
der beiden. Letztere zeigt sich bald positiv, wenn Kunst und Religion 
beim Gottesdienste zusammenfließen (religiöser Tanz, Malerei, Musik, 
Gesang, Architektur; „die Werke des Herrn sind lieblich anzusehen," 
„Gott ist lieblich in seiner Heiligkeit" usw.) bald negativ, wenn dasselbe 
Gehaben als sündig oder als häßlich und verabscheuungswürdig 
verurteilt wird. 

Nun ist es wohl bekannt geworden, daß die letzten Quellen 
künstlerischer Schöpfungskraft in diesen Regionen des Geistes 
außerhalb des Bewußtseins liegen, und man kann mit ziemlicher 
Sicherheit behaupten, daß die Konzeptionen des Künstlers um 
so tiefer sein werden, je weiter ins Unbewußte er bei seiner 
Suche nach Inspiration gelangt. Ebenso ist es allgemein bekannt, 
daß unter diesen letzten Quellen am wichtigsten psychosexuelle 

') Eingegangen April 1913. 



136 Ernest Joaes. 

Phantasien sind. Künstlerische Schöpfung ist Ausdrucksform für 
vieles, für Ehrgeiz, Mitleid, Sehnsucht nach idealer Schönheit 
usw.; aber wenn man nicht die Grenze so weit ausdehnt, die Be- 
wunderung für jede Art der Vollendung einzubeziehen, so hat es die 
Ästhetik doch hauptsächlich mit dem letzten der genannten Dinge, mit 
der Schönheit zu tun, und zwar in solchem Maße, daß man ästhetisches 
Gefühl definieren könnte als: ,,das, was durch die Betrachtung der 
Schönheit erweckt wird". Nun zeigt eine Analyse dieses Strebens, 
daß eine seiner Hauptquellen eine Auflehnung gegen die roheren und 
abstoßenderen Seiten des materiellen Lebens ist, die psychogenetisch 
der Reaktion des Kindes gegen seine ursprünglichen exkrementeilen 
Interessen entstammt. Wenn wir daran denken, in welcher Ausdehnung 
diese verdrängten koprophilen Tendenzen in ihrer sublimierten Form 
zu jeder Art von künstlerischer Betätigung beitragen, — zu Malerei, 
Skulptur imd Architektur einerseits, zu Musik und Dichtkunst auf 
der andern — so ist es klar, daß in dem Streben des Künstlers nach 
Schönheit die wichtige Rolle, die diese primitiven, infantilen In- 
teressen spielen, nicht übersehen werden darf; die Reaktion gegen 
sie liegt dem Streben imd ihre SubUmierung den Formen, die das 
Streben annimmt, zugrunde. 

Wenn wir auf der andern Seite religiöse Betätigimgen, In- 
teressen und Riten auf ihre Wurzeln im Unbewußten zurückführen, 
so finden wir zwar, wie ich es für die Taufe gezeigt habe^), daß sie 
sich in ausgedehntem Maße mit derselben Materie befassen, von der 
oben gesprochen wurde, daß sie sich aber von künstlerischen 
Schöpfungen besonders darin unterscheiden, daß die Hauptmotive 
nicht von dieser Sphäre, sondern von einer andern Gruppe infantiler 
Interessen stammen, nämlich von den Inzestphantasien. Auf den 
ersten Blick scheinen daher Kunst und Religion im ganzen ver- 
schiedene biologische Wurzeln zu haben. Aber Freuds Unter- 
suchungen^) haben gezeigt, — und das ist nicht das wenigst Bedeutungs- 
volle ihrer Resultate — , daß die kindliche Koprophilie als wesentlicher 
Bestandteil der noch undifferenzierten kindlichen Sexualität angehört. 
Von diesem Standpunkte aus erhatten wir eine tiefere Einsicht in 
das vorliegende Thema imd eine befriedigende Erklärung des Problems ; 
denn da künstlerische und religiöse Betätigungen einfach von ver- 



») Imago, I. Jahrg., S. 463. 

*) Freud, Drei Abhandlungen usw. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr. 137 

schiedenen Komponenten eines einzigen Triebes stammen, von Kom- 
ponenten, die an ihren Wurzeln imzertrennbar miteinander verwoben 
sind, wird es durchaus verständlich, daß sie auch in ihren entwickelten 
Formen in naher Beziehung zueinander stehen. 

II. Die Legende von der Empfängnis der Jungfrau 
Maria durch das Ohr. 

Ein heute oft vergessener, aber in den Legenden und Traditionen 
der katholischen Kirche erhaltener Glauben besteht darin, daß die 
Empfängnis von Jesus Christus durch das Ohr der Jimgfraü Maria 
stattfand, indem der Atem des Heiligen Geistes dort hineindrang. 
Ich weiß nicht, ob dies ijoch jetzt zu den offiziellen Lehren der Kirche 
gehört, aber in früheren Zeiten wurde es nicht nur von zahlreichen 
Malern religiöser Motive dargestellt, sondern auch viele Kirchenväter 
und zumindestens einer der Päpste, nämlich Felix hielten daran fest. 
St. Augustin schreibt^): „Dens per angelum loquebatur et Virgo per 
aurem impraegnebatur", St. Agobard^): „Descendit de coelis misaus 
ab arce patris, introivit per aurem Virginia in regionem nostram 
indutus stola purpurea et exivit per auream portam lux et Deus 
universae fabricae mimdi" und St. Ephrem^): ,,Per novam Mariae 
aurem intravit atque infusa est vita." In dem Brevier der Maro- 
niten liest man: ,,Verbum patris per aurem benedictae intravit", 
und ein Hymnus, den einige dem heiligen Thomas ä Beckett, andere 
dem heiligen Bonaventura zuschreiben, enthält folgende Verse: 

Gaude, Virgo, mater Christi, 
Quae per aurem concepisti, 

Gabriele nuntio. 

Gaude, quia Deo plena 
Peperisti sine pena 

Cum pudoris lilio. 

Zahlreiche Versionen dieser Verse waren im Mittelalter in Umlauf; 
Langlois*) zitiert folgende aus dem 17. Jahrhundert: 

1) Sermo de Tempore, XXII. 
^) De Correctione antiphonarii, Cap. VIII. 

^) Zitiert von Maury, Essai sur les legendes pieuses du moyen-äge, 
1843, S. 180. 

*) Langlois, Essai sur la Peinture sur Verre, 1832, S. l.J7. 
1 G 



138 Ernest Jones. 

Rejouyssez-vous, Vierge, et Mere bienheureuse, 
Qui dans vos chastes flancs conQCutes par l'ouyr, 
L'Esprit-Sainct operant d'un tres-ardent desir, 
Est TAnge l'annonvant d'une voix amoureuse. 

Das Ereignis wurde von den religiösen Künstlern des Mittel- 
alters oft dargestellt, z. B. auf einem Gemälde Filippo Lippis im 
Kloster San Marco in Florenz, auf einem Gaddis in der Kirche Santa 
Maria Novella und auf einem von Benozzo Gozzoli auf dem Campo 
Santo in Pisa; auf einem alten Mosaik in Santa Maria Maggiore in 
Rom — es existiert nicht mehr^) — sah man die heilige Taube beinahe 
in das" Ohr der Madonna eingehen. In dem erstgenannten Werke 
geht die Taube von der rechten Hand des Vaters aus, in letzterem 
von seinem Busen; typischer ist es aber, wenn, wie in dem Gemälde 
von Simone Martini, das hier reproduziert ist und sogleich ausführ- 
licher behandelt werden wird, die Taube von dem Munde des Vaters 
ausgeht. Sie kann entweder einen Teil von des Vaters Atem bilden, 
als wäre sie eine konkrete Verdichtung desselben, oder sie kann ihrer- 
seits wieder Atem von sich ausgehen lassen; für letzteres finden sich 
drei Beispiele im Bargello in Florenz, nämUch von Verrocchio und 
von den Della Robbias; auch auf dem Gemälde von Martini ist 
dasselbe zu sehen. Die Verbindung zwischen dem befruchtenden 
Atem der Taube und dem Kinde, das empfangen werden soll, tritt 
deutlich zutage in einer alten Täfelung, die sich in der Kathedrale 
von St. Leu befand; Langlois*) gibt folgende Beschreibung davon: 
„Du bec du St.-Esprit jaillissait un rayon lumineux aboutissant a 
l'oreille de Marie, dans laquelle descendait s'introduire, dirige par ce 
meme rayon, un tres-jeune enfant tenant une petita croix." Wir 
bemerken, daß es hier ein Lichtstrahl ist, der von dem Munde der 
Taube ausgeht, an Stelle des angemesseneren Atems. Diese Gleich- 
stellung von strahlenförmigem Atem und Lichtstrahlen ist eine inter- 
essante Tatsache, zu der wir später noch zurückkehren werden*); ein 
anderes Beispiel liefert die Glasmalerei eines alten Fensters, das sich 
früher in der Sakristei der Kathedrale von Pistoja befand*) und gleich- 
falls Strahlen zeigt, die von dem Munde der Taube ausgehen und einen 

1) Gori, Thesaurus, Tab. XXX, Bd. III. 
») Langlois, loc. cit. 

*) Für jene Maler kam jedenfalls auch die Rücksicht auf Darstellbarkeit 
in Betracht, welche die Umwandlung des Atems in Strahlen begünstigen mußte. 
«) Cieognara, Storia della Scultura, 1813—1818, Bd. I, S. 324. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr. 139 

Embryo gegen das Haupt der Madonna tragen. Über der Malerei 
steten die Verse: 

Gaude Virgo Mater Christi, 
Quae per Aurem concepisti. 

Als Gegenstück zu dem Gemälde Martinis, wo die heiligen Worte 
„Ave Gratia plena dominus tecum" so gezeichnet sind, daß sie von 
Gabriels Lippen zum Ohre der Madonna gehen und daher mit dem 
Atem der Taube zusammentreffen, mag ein dem 12. Jahrhundert 
angehörendes Altarstück aus Klosterneuburgi) von Nicolas Verdun 
erwähnt werden, auf dem zwei Strahlen von den Fingerspitzen von 
Gabriels rechter Hand ausgehend, gegen das Ohr der Jungfrau Maria 
gerichtet sind; daß die Lichtstrahlen auf etwas ungewöhnliche Weise, 
nämlich im Ohr endigen, zeigt die Stärke der Grundidee, d. h. der 
Vorstellung, daß die Empfängnis durch den Eintritt des Atems — hier 
ersetzt durch sein symbolisches Äquivalent, die Lichtstrahlen — ins 
Ohr stattfindet. 

Diese merkwürdige, aller menschlichen Erfahrung so fremde 
Vorstellung über die Empfängnis erregt den Wunsch, ihren Sinn zu 
erforschen, denn sie stellt offenbar den symbolischen Ausdruck einer 
verborgenen Wahrheit dar und nicht die buchstäbliche Beschreibung 
eines tatsächlichen Vorkommens. Unser Interesse wächst noch, wenn 
wir vernehmen, daß die Idee keineswegs dem Christentum allein eigen 
ist, wenn sie auch vielleicht hier ihre ausgeprägteste Form erhalten hat. 
Wir können hier etwas von unseren späteren Erörterungen vorweg- 
nehmen imd die Legende von Chigemouni, dem mongolischen Heiland 
erwähnen, der Mahaenna, die vollendetste Jungfrau der Erde, erkor 
und sie schwängerte, indem er, während sie schlief, in ihr rechtes Ohr 
eindrang"^). Wir werden auch sehen, daß bei einer Zerlegung der 
Marienlegende in ihre Komponenten für jede derselben reichliche 
Parallelen aus nicht christlichen Quellen angeführt werden können 
und daß die wichtigsten eine fast universelle Verbreitung und Bedeutung 
zeigen. Es ist daher sicher, daß wir es nicht einfach mit einem lokalen 



^) Arneth, Das Niello-Antipendium zu Klosterneuburg, 1844, S. 11. 

') Norlk, Biblische Mythologie, 1843, Bd. II, S. 64. — Jung (Jahrbuch, 
Bd. IV, S. 204) stellt die interessante Behauptung auf, für die er allerdings keine 
Gewährsmänner anführt, daß der mongolische Buddha aus dem Ohre seiner 
Mutter geboren wurde; die Berichte, die ich gelesen habe, sagen im Gegenteil, 
daß er durch das Ohr empfangen, aber durch den Mund geboren wurde. 



140 Ernest Jones. 

Problem frühchristlicher Theologie, sondern mit einem Gegenstande 
von allgemein menschlicher Bedeutimg zu tun haben. 

Aus Bequemlichkeitsgründen will ich den Gegenstand teilen xmd 
versuchen, die folgenden Fragen der Reihe nach zu beantworten: 
Warum ist die schöpferische Materie als vom Munde ausgehend dar- 
gestellt und warum speziell als Atem? Warum ist es eine Taube, die 
sie übermittelt? Und warum ist gerade das Ohr das empfangende Organ ? 

III. Atem und Befruchtung. 

In anthropologischer, mythologischer und individueller Sym- 
bolik — Beispiele sind in der Literatur so häufig, daß ich sie hier nicht 
anzuführen brauche — hat der Mund öfters weibhche Bedeutung, da 
er von Natur aus geeignet ist, ein empfangendes Organ darzustellen. 
Doch macht es seine Fähigkeit, Flüssiges von sich zu geben (Speichel, 
Atem) und der Umstand, daß er die Zunge enthält, dessen Bedeutung 
sogleich erörtert werden soll, möglich, ihn auch eine männliche Öffnimg 
darstellen zu lassen; besonders das Spucken ist im Folk-Lore eine 
sehr gebräuchliche Symbolik für den männlichen Sexualakt. 

Die Vorstellung vom Atem, der das Leben hervorruft, ist uns 
aus den Stellen des Alten Testaments vertraut: ,,Und Gott der Herr 
machte den Menschen aus einem Erdenkloß und er blies ihm ein den 
lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine 
lebendige Seele." (Genes. II, 7). „Der Himmel ist durch das Wort 
des Herrn gemacht und alles sein Heer durch den Geist seines Mundes." 
(Psahnen, XXXIII, 6.) Die mohammedanische Tradition leitet die 
Empfängnis der Jungfrau Maria davon ab, daß der Engel Gabriel 
den Busen ihres Grewandes geöffnet und ihren Leib angehaucht habe^). 
Eine der verschiedenen Legenden über die Geburt der Aztekengottheit 
Quetzalcoatl berichtet, Tonacatecutli, der Herr des ^Seins, sei der 
Chimabna erschienen imd habe sie angehaucht, wodurch die Empfängnis 
des göttlichen Kindes erfolgt sei^). 

Ferner hat der Atem eine außerordentlich wichtige Rolle in 
Religion und Philosophie gespielt, in den niedrigsten wie in den höchsten 
Glaubensformen der Menschheit. Im Brahmanismus wurde er in aller 



1) Säle, Koran, 1734, Note zu Kapitel XIX, zitiert arabische Autoren. 
') Bancroft, The Native Races of the Pacific States of North America, 
1876, Bd. III, S. 271. Siehe auch Preuß, Globus, Bd. LXXXVI, S. 302. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr. 141 

Form mit dem ewigen Wesen identifiziert^) und auf der ganzen Welt 
bildete er eine der Hauptkomponenten für die Vorstellung von der 
Seele (Hauchseele^). 

Wenn wir nun nach der Quelle der besonderen Bedeutung forschen, 
die unserem Gregenstande (dem Atem) zugeschrieben wurde, so kann 
unsere Frage fast überflüssig erscheinen, denn man wird sagen, daß 
die Wichtigkeit, die dem Atem beigelegt wird, sich aus der Tätigkeit 
selbst ergibt. Den Atem als Symbol für die Essenz des Lebens zu 
wählen, wird als natürlich und angemessen empfimden. Keine wahr- 
nehmbare Äußerung ist wesentlicher für das Leben als atmen und 
ihr Mangel ist das einfachste und primitivste Zeugnis des Todes; die 
geheimnisvolle Unsichtbarkeit des Atems findet ein entsprechendes 
Gegenstück in der der Seele. Doch hat die Psychoanalyse schon oft 
die Erfahrung gemacht, daß imser Gefühl mancherlei Tatsachen für 
selbstverständlich und keiner Erklärung bedürftig hält — die infantile 
Amnesie liefert eines der schlagendsten Beispiele dafür — und ge- 
witzigt durch diese Erfahrung, begnügt sie sich nicht damit, gleichfalls 
diese übliche Haltung anzunehmen, solange nicht eine unparteiische 
Prüfimg der Tatsachen ihre Berechtigung ergibt. Bei unserem Problem 
ist das, meiner Ansicht nach, nicht der Fall. 

Trotz der eben erwähnten einleuchtenden Erwägxmgen soll hier 
die Behauptung aufgestellt werden, daß die gewöhnlichen, oben wieder- 
gegebenen Schlußfolgerungen die gestellte Frage nur teilweise be- 
antworten und daß viel von der Bedeutung, die dem Atem zukommt, 
ursprünglich einer fremden Quelle entstammt. Mit anderen Worten, 
ich behaupte, daß wir hier ein Beispiel für den häufigen Prozeß der 
Verschiebung haben, indem verschiedene Affekte, die ursprünglich 
einer andern Vorstellung angehörten, sekundär mit der des Atems 
verbunden wurden. Aus zwei Gründen wage ich es, von der allgemein 
angenommenen Ansicht über diesen Punkt abzuweichen: 1. Weil 
diese mir auf einer falschen Einschätzung der Wichtigkeit zu beruhen 
seheint, die normalerweise der Vorstellung des Atems zukommt; 
2. weil sie in offenbarem Widerspruche zu den Prinzipien der Psycho- 
genese steht. Wenn man die fragliche Vorstellung zum Mittelpunkt 
einer ausgebildeten Religion, Philosophie oder Weltanschauung machte 

') Deussen. The Philosophy of the üpanishads. Engl. Transl. 1906. 
S. 39, 110. 

») Wundt, Völkerpsychologie. Bd. II, „Mythus und Religion", 1906,, 
zweiter Teil, S. 42 u. ff. 

1 * 



142 Emest Jones. 

wie es mehifacli geschehen ist, nimmt man, wie mir scheint, einen 
Grad von primärem Interesse dafür an, den kein menschliches 
Wesen, soweit misere Erfahrung reicht, auch nur annähernd hat. 
Und wenn wir das Unbewußte, die Quelle so vieler religiöser und 
philosophischer Ideen, erforschen, so finden wir, daß die Atemvor- 
stellui^ darin viel weniger Wichtigkeit besitzt als im Bewußten und 
einen ganz untergeordneten Bang einnimmt. Femer ist es ein psycho- 
genetisches, jetzt durch eine ausgebreitete Erfahrung gestütztes Gfesetz, 
daß eine Vorstellung im Leben des Erwachsenen nur wichtig werden 
kann, indem sie sich mit einer früheren, in die Kindheit reichenden 
Ideenkette verbindet und diese verstärkt, und daß viel oder sogar das 
meiste ihrer psychischen Bedeutung abgesehen von ihrer eigentlichen, 
daher stammt. So körmen wir, wann immer wir eine Vorstellung 
finden, die sich nur aus dem Leben des Erwachsenen herschreibt, sicher 
sein, daß sie viel mehr vertritt als sich selbst, nämlich frühere Gruppen 
bedeutsamer Ideen, mit denen sie assoziiert wurde. Diese Erwägungen 
sind viel weiter anwendbar und ihre Bedeutung sollte daher viel mehr 
beachtet werden bei Vorstellungen, die die Anpassung an die Welt 
der innem, psychischen Eealität betreffen, als bei solchen, die sich 
an die Verarbeitung der äußeren Welt der physischen Realität knüpfen. 
Religiöse und philosophische Ideen wie die hier erörterten gehören 
natürlich in die erste Kategorie. Nun muß man für unseren Fall zu- 
geben, daß die psychische Bedeutxmg dem Atem größtenteils erst 
relativ spät im Leben zugeteilt wird, denn dem kleinen Kind kommt 
der Akt, den es automatisch ausführt, und der ebensowenig sein 
Interesse hervorruft wie der Herzschlag, gewöhnlich nicht zum 
Bewußtsein; auch im Falle von Atembeschwerden bei Krankheiten 
sind es streng genommen eher die Empfindimgen, denen die Wich- 
tigkeit zukommt, als die Vorstellung von der Atemtätigkeit. Dieses 
ganze Argument wird vielleicht diejenigen nicht überzeugen, die 
nicht durch psychoanalytische Erfahrung eine klare Vorstellung 
von dem ontogenetischen Alter unserer Äffektprozesse besitzen, bei 
denjenigen aber, die sie haben, muß es meiner Meinung nach beträchtlich 
ins Gewicht fallen. 

Um die mannigfachen Affekte, die im späteren Leben die Vor- 
stellung vom Atem oder irgend eine andere Vorstellimg begleiten, auf 
ihren Ursprung zurückzuführen, ist es nötig, eingehende individual- 
psychologische Untersuchungen zu machen und die vielfachen 
Verschiebungen festzustellen, die während des geistigen Wachstums 



Die Empfängnis der Jongfran Maria durch das Ohr. 143 

stattgefunden haben. Wenn dies geschehen ist, findet man, wie ich 
vor einiger Zeit dargelegt habe^), daß ein großer Teil des Interesses 
und Affektes, die dieser Vorstellung anhaften, eigentlich von einer 
andern ausgestoßenen Luft herstammen, nämlich von den Gasen, 
die bei der intestinalen Zersetzung entstehen. Diese Schlußfolgerung 
mag auf den ersten Blick abstoßend, höchst unwahrscheinlich und 
überdies unnötig erscheinen, aber ihre Richtigkeit wird nicht nur durch 
die vorhergehenden theoretischen Erwägungen gestützt, sondern auch 
durch eine große Masse von sehr entscheidendem Tatsachenmaterial. 
Psychoanalytische Forschung hat gezeigt, daß Kinder von Anfang 
an dem betreffenden Akt, wie es für alle exkrementellen Funktionen 
feststeht, viel größeres Interesse entgegenbringen, als gewöhnlich an- 
genommen wird^), und daß sie geneigt sind, ihm in verschiedener Be- 
ziehung große Bedeutung zuzuschreiben; ferner, daß viel von diesem 
Interesse und dieser Bedeutsamkeit in späteren Jahren auf andere, 
assoziierte Vorstellungen verschoben wird. Von diesem Gesichts- 
punkte aus wird die große Rolle, die der Gegenstand in Kitiderscherzen 
und auch in denen späterer Jahre^) spielt, verständlicher. Man 
braucht, was das Abstoßende der Vorstellung betrifft, kaum hinzu- 
zufügen, daß der größte Teil des infantilen Interesses an ihr im 
Unbewußten begraben wird und die an sie geknüpften Phantasien 
vergessen werden. 

Eine dieser Phantasien, die eine besondere Beziehung zu dem 
Hauptthema unserer Arbeit hat, besteht in der Identifizierung des 
genannten Stoffes mit der sexuellen Sekretion. Viele Kinder hegen 
den Glauben, auf den ich an anderer Stelle aufmerksam machte*), 
der von ihren Eltern vollzogene Sexualakt (dessen Ohrenzeugen sie 
oft sind) bestelle darin, daß Gase vom Vater in die Mutter gelangen, 
ebenso wie andere Kinder sich einbilden, er bestehe in dem gemeinsamen 



1) Jahrbuch, Bd. IV, S. 588 ff. 

') Es darf auch nicht vergessen werden, daß es sich hier um Befruchtung.^-, 
d. h. Sexualphantasien handelt. Für die infantile Sexualität spielt aber der 
Atem gewiß keine erhebliche Rolle, wohl aber der Flatus. 

^) Vgl. die Bände von Krauß' Anthropophyteia, Die meisten Komiker 
auf der Bühne machen nahezu unverhüllte Anspielungen auf den Akt, gewöhnlich 
in Verbindung mit dem Orchester. 

*) Zentralblatt für Psychoanalyse, Jahrg. I, S. 566. Im IV. Bande des 
Jahrbuches wurde ein genauer Bericht über einen der Fälle gegeben, auf die sich 
die Schlußfolgerung gründete. Die Erklärung wurde später, und zwar unabhängig, 
durch Reitler bestätigt (Zentralblatt, Jahrg. II, S. 114). 



144 £rnest Jones. 

Urinieren. Einige Kinder, wohl die Minderzahl, gehen noch weiter und 
verknüpfen damit das Anschwellen des Leibes ihrer Mutter während 
der Schwangerschaft, wobei ihnen die an sich selbst gemachte Er- 
fahrung, daß der Unterleib infolge von schlechter Verdauung oder 
Darmstörungen anschwillt, zum Ausgangspunkte ihrer Zeugungs- 
phantasien dienen mag. Der Einwand, daß diese Erklärung gekünstelt 
sei oder sich zumindest nur für unsere heutige Zivilisation anwenden 
lasse, läßt sich sogleich durch die Erwähnung einer einzigen Ent- 
sprechung aus dem Altertum widerlegen. Im Satapatha-Brähmana^) 
und an verschiedenen anderen Stellen der vedischen Schriften 
wird nämlich geschildert, wie der Herr des Seins, Pragapati, der 
die ursprünglichen Götter durch den ,,aus- (und ein-) strömenden 
Hauch seines Mundes" geschaffen hatte, weiter die ganze Mensch- 
heit schuf, durch den „abwärts gerichteten Hauch, der von seinem 
Hinterteil (jaghanät) ausging"; die Identität zwischen den kosmo- 
gonischen und den infantilen Schöpfungstheorien wurde von Kank^) 
eingehend dargelegt. 

Es wird wohl am bequemsten sein, an diesem Pimkte die Aus- 
einandersetzung dadurch fortzuführen, daß wir die natürlichen Asso- 
ziationen, die zwischen den beiden exspiratorischen Gasen bestehen, 
zergüedem und jeder von ihnen, allerdings mehr oder weniger künstlich, 
verschiedene Erörterungspunkte unterordnen. Die Luft, die aus dem 
Körper ausgestoßen wird, sei es nun nach aufwärts oder nach abwärts, 
hat folgende Attribute : Blasende Bewegung, Geräusch, Unsichtbarkeit, 
Feuchtigkeit, Wärme und Greruch. 

1. Blasende Bewegung. 

Die kindliche Vorstellung, daß der abwärts gehende Hauch, 
um die züchtige Ausdrucksweise der vedischen Schriftsteller anzu- 
wenden, ein Befruchtungsprinzip sei, wurde, wie leicht zu erwarten 
war, häufig auf den Wind ausgedehnt. Es ist bezeichnend, daß dieser 
Glaube in jedem Teile der Welt, von Australien bis Europa, nach- 
gewiesen werden kann. Das bekannteste Beispiel ist vielleicht die Sage 
von Hera, die durch den Wind befruchtet wurde und den Hephaistos 
empfing. In der Algonkin-Mythologie schwängert Mudjekeewis, der 

1) X. K4nda, I. 3, 1 und VI. Kanda, I, 2, 11. 

») Otto Rank, „Völkerpsychologische Parallelen zu den infantilen 
Sexualtheorien". Zentralblatt für Psychoanalyse, Jahrg. II, Heft 8 und 9. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr. 145 

Westwind und Vater der anderen Winde, die Jvmgfrau Wenonat, die 
dann mit dem Helden Michabo schwanger wird, der uns besser unter 
dem Namen Hiawathai) bekannt ist. In Longf ellows wohlbekannter 
Dichtung dieses Namens wird die Werbung in Ausdrücken beschrieben, 
die die symbolische Äquivalenz von Wind, Licht, Sprache, Geruch 
und Musik, von der später die Rede sein wird, anzeigen. 

Und er freite um sie zärtlich, 
Preit' um sie mit sonnigem Lächeln, 
Freit' um sie mit Schmeichelworten, 
Mit den Seufzern und mit Singen, 
Sanftem Flüstern in den Zweigen, 
Zartem Klang und süßen Düften. 

Die Minahasser von Celebes glauben, daß sie in der Urzeit von 
einem Mädchen stammten, die gleichfalls durch den Westwind be- 
fruchtet wurde^). Die Arunta von ZentralaustraUen halten noch immer 
daran fest, daß bisweilen ein Sturm aus dem Westen böse „ratapa" 
oder Kinderkeime mit sich bringt, die in den Leib der Frauen einzudringen 
suchen : wenn der Sturm naht, fliehen die Frauen laut schreiend unter 
das Obdach ihrer Hütten, denn wenn sie auf diese Weise befruchtet 
werden, so müssen sie Zwillinge gebären, die kurz nach der Ent- 
bindung sterben'). Daß der Westwind eine so hervorragende Rolle 
in diesem Zusammenhange spielt, hat seine Ursache nicht so sehr 
darin, daß er Regen bringt und das Wachstum des Getreides fördert, 
denn wir finden dieselbe Erscheinung auch in Ländern, wo das 
nicht der Fall ist, sondern darin, daß er vom Hochzeitslager der 
Sonne (= Vater) herkommt. Doch können zuzeiten auch andere 
Winde eine solche Wirksamkeit entfalten. So wird in der Luang- 
Sermata-Inselgruppe der Molukken der Ursprung der Menschen auf 
eine ,, Himmelsfrau" zurückgeführt, die herabstieg und vom Südwinde 
befruchtet wurde*); ihre Kinder konnten in den Himmel gelangen, 
bis der Herr, die Sonne, es verbot (die ontogenetische Bedeutung liegt 
auf der Hand). Im finnischen Nationalepos Kalewala wiederum wird 
die Jungfrau Ilmatar vom Ostwinde befruchtet und gebiert den 



1) Brinton, American Hero-Myths., 1882, S. 47. 

•) Schwarz, Internationales Archiv für Ethnographie, Bd. XVIII, S. 59. 

*) Strehlow, Die Aranda- und Loritja-Stämme in ZentralaustraUen, 
1907, S. 14. 

*) Riedel, De Sluiken Kroesharige Rassen tusschen Selebes en Papua, 
1886, S. 312. 

Jahrbooli der Psychoanalyse. VI. 10 



146 Ernest Jones. 

Zauberer Vämamöineni) ; es ist durchaus angemessen, daß dieser nicht 
allera die Harfe erfand und das Feuer entdeckte, sondern auch der 
Lehrer der Menschheit in Dichtkunst und Musik wurde. In der ähn- 
lichen, in Singapore und im indischen Archipel^) bekannten Legende 
von Luminu-ut, wird nicht berichtet, welcher Wind tätig war. 
In der klassischen Zeit wurde dieser Glaube besonders mit dem 
Frühlings winde, Zephyrus oder Flavonius, verknüpft und. es ist sehr 
wahrscheinlich, daß die Floralien ebenso eine Anbetung dieses Windes 
als der Blumen in sich schlössen. Ovid^) beschreibt, wie Chloris, 
die bei den Römern Flora hieß, von Zephyr geraubt wurde. Weit 
verbreitet sind auch die Überlieferungen, wonach in ganzen Gegenden, 
besonders Inseln, die Bewohner vom Winde herstammen oder ihre 
Frauen nur durch diesen schwanger werden. Im frühen klassischen 
Altertum erzählte man dies von Zypern und noch im vergangenen 
Jahrhundert glaubten es die Einwohner von Lampong auf Sumatra 
von der benachbarten Insel Engano*). Die mohammedanische Tradition 
erzählt von einer voradamitischen Rasse, die durch den Wind ge- 
schwängert wurde (nur mit Töchtern), und auch von einer auf dieselbe 
Art von Frauen bevölkerten InseP). Auch die Binhyas in Indien 
behaupten, vom Winde abzustammen*). 

Begreiflicherweise wurde derselbe Glaube auch auf Tiere aus- 
gedehnt. Freud hat uns') an die alte Vorstellung erinnert, daß die 
Geier gleich den oben erwähnten Inselbewohnern alle weiblichen 
Geschlechtes seien und dadurch befruchtet würden, daß sie ihre Geni- 
talien dem Winde preisgäben; das galt so sehr als Tatsache, daß 
Origines sich darauf berief als Stütze für die Glaubwürdigkeit der Lehre 
von der Geburt Christi durch eine Jungfrau. Auch war der Geier 
nicht der einzige Vogel, von dem man glaubte, daß er auf diese Weise 
befruchtet würde ; in Samoa erzählte man dasselbe von den Schnepfen^) 

1) Abereromby, The Pre- and Protohistorie Finns, 1898, Bd. I, S. 316, 
318, 322. 

') Bab, Zeitschrift für Ethnologie, 1906, Jahrg. 38, S. 280. 

3) Ovid. Fasti, V, 195—202. 

*) Marsden, The History of Sumatra, 1811, S. 297. 

') L' Abrege des Merveilles. Traduit de I'Arabe par De Vaux/, 1898, 
S. 17, 71. 

•) Saintyves, Les Viergea Mferes, 1908, S. 143. 

') Freud, Eine ICindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. 1910, S. 25. 

') Sierieh, ,,Samoani3che Märchen". Internationales Archiv für Ethno- 
graphie, Bd. XVI, S. 90. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr. 147 

und Aristoteles^) sowohl wie Plinius^) berichten uns, das Rebhuhn könne 
geschwängert werden, wenn es bloß dem Männchen gegenüber stehe und 
der Wind vom Männchen zum Weibchen hinwehe^). Der heilige Äugustin*) 
erzählt im Ernst von der Befruchtung der kappadokischen Stuten durch 
den Wind, Virgil*) berichtet dasselbe von den böotischen und Plinius*) 
von denen Lusitaniens. In neuerer Zeit findet sich dieser Glaube nur in 
poetischen Gleichnissen, wie in der folgenden, Shakespeare entnommenen 
Stelle') : 

Sahn nach den Handelsschiffen auf der Flut 
Und lachten, wenn von üpp'gen Spiel der Windes 
Der Segel schwangrer Leib zu schwellen schien. 

Nicht nur wurden der äußeren Luft, meist in der (Jestalt des 
Windes, lebenschöpfende Kräfte zugeschrieben, sondern ihre Identi- 
fizierung mit dem Prinzip des Lebens und der Schöpfung überhaupt 
ist weit verbreitet. Einiges wird später über die außerordentUch große 
EoUe gesagt werden, die sie in der indischen und griechischen Philo- 
sophie spielte; dort erhob man sie nämlich zum Atem und der Wesenheit 
von Gott selbst, zum wichtigsten Substrat alles materiellen und geistigen 
Seins, zur Quelle alles Lebens und aller Betätigung, zum Urprinzip 
des Universums usw. Ein Blick auf das ungeheure Material, das 
FrazerS) zur „Zauberische Einwirkung auf den Wind" sammelte, 
genügt, um die Bedeutsamkeit der Anschauung in Anthropologie imd 
Folklore darzutun. Noch heute gibt es viele Beispiele dieser Über- 
schätzmig des Windes; davon möge das folgende Zitat aus Shelleys 
,,Ode an den Westwind" angeführt werden; hier ist auch die Ver- 
bindung zwischen Wind, Geburt, Feuer, Gedanken und Worten, 
die sogleich berücksichtigt werden soll, klar angedeutet: 

Sei du stolzer Geist 

Mein eigner Geist! Sei ich, du Ungestümer! 

Mein Denken treib' über das Weltall hin 

Verwelkten Blättern gleich, um die Geburt zu fördern; 

Und durch die Zauberformel dieses Worts gebunden. 

Streu aus wie von dem unerloschnen Herd 

Asche und Funken, mein Wort unter die Menschen! 

^ Aristoteles, Hist. Anim., V, 4. 

•) Plinius, Hist. Nat., X, 51. 

ä) Siehe auch Plutarch, Moralia. Lib. VIII, Art. I, Par. 3. 

*) St. Augustinus, Civ. Dei, XXI, 5. 

') Vergil, Georgika, III, 266—276. 

«) Plinius, Hist. Nat., VIII, 67. 

') Sommemachtstraum, II. Akt, II. Szene, 69. 

^) Frarer, The Magic Art., 1911, Bd. I, S. 319—331. 

10» 



1^8 Ernest Jones. 

Es ist heutzutage, seitdem man nicht mehr geneigt ist, an ein 
primäres Interesse des Menschengeschlechtes für physische Gteographie 
zu glauben, allgemein anerkannt, daß die dem Winde zugeschriebene 
Bedeutung zum großen Teil darauf zurückzuführen ist, daß Gedanken 
und Gefühle betreffend die Luft, die in unmittelbarem Zusammen- 
hange mit dem menschlichen Körper steht, nach außen projiziert 
wurden. In Übereinstimmung mit dieser Ansicht steht die Tatsache, 
daß zu dem eben erwähnten Glauben an die sexuelle Tätigkeit des 
Windes ein ähnlicher, den Atem betreffender angeführt werden kann. 
Ein oder zwei Beispiele dafür mögen die bereits angeführten ver- 
mehren. Als Apollo die Priesterin von Delphi liebend umfing, erfüllte 
er sie mit seinem Atem, den er in sie einströmen ließ. Auf einem frühen 
mexikanischen Bild sind ein Mann und eine Frau dargestellt, die den 
sexuellen Verkehr dadurch ausüben, daß sie ihren Atem sich mischen 
lassen^). 

Auf Gnmd der heutigen Ansichten über Mythologie, die hier 
nicht dargelegt werden müssen^), können wir also annehmen, daß die 
"Vorstellung vom Atem ursprünglicher ist als die vom Winde und 
daß der eben angeführte Glaube, der sich auf diesen bezieht, als 
Zeichen dafür aagesehen werden kann, wie wichtig jener in der Ge- 
schichte der Menschheit war. Daß aber die Vorstellung einer andern, 
vom Körper ausgehenden Luftströmung noch ursprünglicher ist als die 
vom Atem, diese Behauptimg will ich auf den folgenden Seiten zu 
erhärten versuchen. 

2. Schau. 

Der Schall kann in der Darstellung des befruchtenden Prinzips 
oder des schöpferischen Wesens selbst entweder allein für sich vor- 
kommen, wenn er einfach als Symbol auftritt, oder als hervorstechendstes 
Attribut eines andern Phänomens. Ein gutes Beispiel für ersteres ist 
die Vorstellung von der ,, letzten Posaune", die die Toten aus ihrem 
Schlafe wecken und zum ewigen Leben rufen soll. Dieses Motiv spielt 
auch eine RoUe in den verschiedenen Mirakeln von der Erweckung 
vom Tode; dies wird z. B. in einem Gemälde von Bronzino in der 
Santa Maria Novella (Florenz) angedeutet, das die Erweckung der 

^) Reproduziert von Seier, „Tierbilder der mexikanisohen imd Maya- 
Handschriften." Zeitschrift für Ethnologie, Bd. XLII, S. 67. 

•) Siehe Rank und Sachs, Die Bedentiing der Psychoanalyse für di& 
Geisteswissenschaften, 1913, Kapitel II. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Olir. 149 

Tochter des Jairus darstellt und auf einer Seite einen Engel zeigt, 
der in eine Posaune bläst. Ein anderes Beispiel für die Bedeutsamkeit 
des Schalles, in dem der sexuelle Sinn offen zum Ausdrucke kommt, 
bietet eine aus dem Jahre 1294 datierte Kamee im Bargello zu Florenz, 
auf welcher ein trompetenblasender Satyr eine schlafende Bacchantin 
überrascht. 

Im zweiten Fall, wo der Schall nur einen der wichtigsten Züge 
bildet, ist die Form, unter der das Phänomen am häufigsten vorgestellt 
wird, der Wind. Im Alten Testament wird die Stimme Gottes von 
Ezechiel (III, 12) als ,,ein gewaltiges Rauschen" beschrieben und 
in dem Berichte vom Kommen des Heiligen Geistes, der in den 
Acta Apostolorum {II, 2) enthalten ist, lesen wir: „Und plötzlich 
kam ein Schall vom Himmel, wie das Rauschen eines mächtigen 
Windes und erfüllte das ganze Haus, wo sie saßen." Ähnlich beten 
die südamerikanischen Indianer ,,Hurakan" den ,, mächtigen Wind" 
an, ein Namen, der mit dem englischen Wort ,,hurricane" (= deutsch 
Orkan) verwandt sein soll, und die Bewohner von Neuseeland sahen 
den Wind als Zeichen für die Gegenwart Gottes an^); dies mag man 
mit der oben erwähnten Furcht der Australier vor dem schwängernden 
Sturm vergleichen, da beiden die Vorstellung ,, Vater" zukommt. 
Auch in neueren Zeiten sieht der Aberglaube Stürme als Darstellungen 
Gottes in einer gefährlichen Laune an, während die Erregung von 
Stürmen und Donner zu allen Zeiten als spezielles Vorrecht der Gottheit 
(Wotan, Tor, Zeus usv,'.) betrachtet wurde. 

Ein chinesischer Mythus^) erzählt, wie Hoang-Ty oder Hiong, 
der Begründer der Zivilisation, von einer Jungfrau, Ching-Mou, geboren 
und vom Donner erzeugt wurde. Die mythologische Bedeutung des 
Donners reicht viel zu weit, als daß sie hier dargelegt werden könnte ; 
aber man sollte auf die enge Beziehung zwischen den Begriffen ,, Donner" 
mid „Vater" achten, die übrigens für die ganze von uns untersuchte 
Gruppe zutrifft. Der phrygische Vorläufer des Zeus wurde sowohl 
Papas (Vater) als auch Bronton (Donnerer) genannt. Frazer^) zeigte, 
wie verbreitet die Beziehung der Könige zum Donner ist, und machte 
es wahrscheinlich, daß in der Frühzeit die römischen Könige Jupiters 
diesbezügliche Macht nachzuahmen strebten; es ist wohlbekannt, daß 

1) Taylor, Te Ika a Maui, or New Zealand and its Inliabitants. Second 
Edition, 1870, S. 181. 

") De Pr emare, Vestiges des piincipaux dogmes cliretiens, 1878, S. 433. 
3) Frazer, Op. cit., Bd. II, S. 180—183. 



^^^ Ernest Jones. 

in psychologischer Hinsicht die Begriffe König und Vater gleichbedeutend 
sind. Der alte indische Donner- und Schöpfungsgott Parjanya wurde 
ab Stier dargestellt — ein typisches Vatersymboli). Daß der Donner 
sich besonders dazu eignet, in Träumen und anderen Erzeugnissen 
der Phantasie den Flatus zu symbolisieren, ist allen Psychoanalytikern 
wohlbekannt; psychoneurotische Symptome, wie die Brontophobie, 
gehen fast regelmäßig auf unbewußte Gedanken, die sich mit dem' 
Flatus beschäftigen, zurück und in obszönen Witzen reicht die Ver- 
bindung mindestens bis auf Aristophanes^). 

Die Beziehung Vater — Gott — Schall war immer sehr eng 
und die diesbezügliche Beschreibung von Zeus dürfte für die Mehrzahl 
der Götter gelten: „Er gab seine Orakel durch die Stimmen der Winde, 
die in seinem heiligen Eichenhain ächzten und rauschten, inmitten 
des Murmeins der rieselnden Gewässer und des Klanges bronzener 
(Jefäße, an die vom AVinde bewegte Hämmer schlugen^). 

Durch einen für die Art der menschlichen Schlußfolgerung 
charakteristischen Prozeß kam man zu der Annahme, daß die über- 
natürlichen Wesen, Gott selbst inbegriffen, durch alle Arten von Schall 
beeinflußt werden könnten, und die Anwendung dieser Methode war 
weit verbreitet zur Erreichung der beiden Zwecke, für die man die 
Aufmerksamkeit des göttlichen Wesens erwecken und seine Tätigkeit 
beeinflussen wollte. Das Schlagen der Tom-Toms in den afrikanischen 
Dörfern, um die bösen Geister zu verjagen, und das ähnliche Vorgehen 
der Skandinavier, um zu verhindern, daß die Sonne während einer 
Sonnenfinsternis verschlungen werde, mögen als Beispiele für die eine 
Art erwähnt werden; auch in Griechenland galt heftiger Lärm als 
besonders wirksame Maßregel zur Abwehr des unheilvollen Einflusses 
böser Dämonen. An dieser Stelle möge Luthers*) Behauptung erwähnt 
werden, wonach der Teufel vertrieben werden könne, wenn man einen 
Flatus von sich gebe. 

Anderseits war und ist Schall, besonders Hymnengesang und 
Musik, eine beliebte Art der Fürsprache, um von der Gottheit Wohl- 
taten zu erhalten. Ein „haha" oder „Hauch" genannter Hymnus, 

^) Pvigveda (Griffiths translation), Bd. II, S. 299. 
») Aristophanus, Wolken, Akt. V, Sz. 2. BQoyTT] uai noQÖrj, öfiolco. 
*) Cotterill Ancient Greece, 1913, S. 58. 

-) Schurig, Chylologia, 1723, S. 795; Les Propos de Table de Luther, 
Trad. franc. par Brunet, 1846, S. 22. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr. 151 

eine Anrufung des mystischen Windes, wird von den Maoripriestern bei 
der Weihe der jungen Männer'^) rezitiert. Das „Bummer", ,, Summer" 
oder ,, Brummer" genannte Instrument ist nach Haddon^), das älteste, 
am weitesten verbreitete und geheiligte religiöse Symbol; es besteht 
aus einer Holzplatte, die, an ein Stück Schnur gebunden und schnell 
herumgewirbelt, einen knurrenden, unheimlichen Lärm hervorbringt. 
Der Brummer wird noch jetzt als heiliges Instrument in Mexiko, 
Ceylon, Britisch-Columbia, Neuseeland, der malayischen Halbinsel, 
Deutsch-Neuguinea, Afrika und Australien^) angewendet und erscheint 
unter dem Namen Rhombus in wichtiger Funktion in den Dionysios- 
Mysterien des alten Griechenland; Pettazzoni*) hat nachgewiesen, 
daß der ,,rombo" sich noch im heutigen Italien findet. Er wird bis- 
weilen benutzt, um die Gegenwart und Hilfe der Gottheit anzurufen, 
bisweilen um böse Geister zu vertreiben. Eine Untersuchung der 
mannigfachen Arten von Aberglauben, die ihn betreffen, zeigt die 
drei Hauptideen, an die seine Verwendung anknüpft: 1. Donner vmd 
Wind. 2. Zeugxmg {Vegetationskulte, Einweihungszeremonien, Gefahr, 
wenn Frauen ihn sehen usw.). 3. Ahnenverehrung (d. h. Vater), also 
mit anderen Worten, Vorstellxmgen, die eine hervorragende Rolle 
unter den von uns erörterten spielen. 

In alter Zeit glaubte man, daß die Löwenjungen tot zur Welt 
kämen und erst durch das Brüllen des Vaters zum Leben erweckt 
würden; das wird als einer der Gründe dafür angegeben, daß Christus 
in der Auferstehung bisweilen als Löwe dargestellt ist, um so mehr, 
da der Zeitraum von drei Tagen beiden Vorstellungen gemeinsam ist. 
Dem möge der von Plinius*) erwähnte Glaube an die Seite gestellt 
werden, daß das Weibchen des Rebhuhns begattet werden kann, wenn 
es nur den Schrei des Männchens hört. Die hohe Bedeutung der 
Stimme bei der Liebeswerbung ist den Biologen wohl bekannt. Bei 
manchen Tieren, z. B. dem Hirsch, vielen Vögeln usw., ist derLiebesruf 
des Männchens eines der stärksten Lockmittel und selbst beim Menschen 



J) Andrew Lang, Custom and Myth., 1884, S. 36. 
2) Haddon, The Study of Man., 1898, S. 327. 



^) ZaUreiche Nachweise gibt Frazer in verschiedenen Bänden feines 
Golden Bough; hinzugefügt möge noch werden Marrett, Hibbert Journal, 
Jänner 1910, und Bouaine, Joum. of the Antbropolog, Institute, Bd. II, S. 270. 

*) Pettazzoni, ,,Soppravvivenze del rombo in Italic". Lares, 1912, 
Bd. I, S. 63. 

=•) Plinius, Op. cit., X, 51. 



152 Ernest Jones. 

hat die Stimme, die Sprech- sowie die Singstimme^) ihre primitive 
Wirkimg keineswegs verloren. 

Vom Klang der Stimme ist der Übergang zum Begriffe der 
Sprache leicht; mit der engen Beziehmig der Sexualität zu dieser 
haben sich viele Autoren befaßt. Jung^) stellte die interessante Ver- 
mutung auf, daß die Sprachentwicklung in Verbindung mit der Suche 
nach einem äußern Ausdruck derjenigen Libido stehen könnte, die 
eine Regression auf ein autoerotisches (nach Jung präsexuelles) Sta- 
dium durchgemacht hat; Sperber^) wiederum brachte kürzlich 
gewichtige Argumente dafür vor, daß die Sprache eine Entwicklxmg 
aus der Erregung beim Brunstschrei sei und die Suche nach einer sym- 
bolischen Sexualbefriedigung (nach Jung verlagerter Koitus) begleitet 
habe. In der Mythologie und im Folklore wird sprechen oft als identisch 
mit lieben oder leben behandelt, ebenso wie die Stummheit Impotenz 
oder Tod darstellt; ein Beispiel für letztere Symbolik findet sich in 
der Geschichte des Neuen Testamentes; um nämlich mehr Nachdruck 
auf die übernatürliche Empfängnis Johannnes des Täufers zu legen, 
heißt es, daß der irdische Vater (Zacharias) von dem Zeitpunkte un- 
mittelbar vor der Empfängnis bis immittelbar nach der Geburt stumm 
(= impotent) gewesen sei. 

Die Sprache wurde daher natürlicherweise als identisch mit 
Gott, d. h. mit dem Schöpfer angesehen mid die Lehre vom Logos 
hat in den meisten höheren Reügionen eine hervorragende Rolle 
gespielt. Man braucht sich nur die bekannten Stellen beim heiligen 

') Daß das infantile Interesse für das Geräusch, das den Flatus begleitet, 
im späteren Leben auf die Musik übertragen werden kann, fcurde zuerst von 
Ferenezi {Zentralblatt für Psychoanalyse, Jahrg. I, S. 395, Anm. 1) dargelegt. 
Man kann in diesem Zusammenhange an die Tatsache erinnern, daß Hermes 
nicht nur der Gott der Musik war, sondern auch der Winde, der Sprache und 
des Geldes. (Die analerotische Assoziation zwischen Geld und Gas zeigen zahl- 
reiche englische Ausdrücke. So werden neue Worte ,, gemünzt" (coined), während 
neue Münzen „herauskommen" (are uttered). ,,To stink of money" heißt über- 
reich sein. „Einen Wind erheben" (to raise a wind) ist ein Slangausdruck für 
„Geld erhalten". ,,Ein Aufblasen bekommen" (to have a blow-out) bedeutet, 
gutes Essen erhalten, während „Geld blasen" (to blow money) soviel heißt 
als es verschwenderisch ausgeben; der letztere Ausdruck wird oft durch Ver- 
mischung mit dem Präteritum „blew" zu „to blue money" (Geld bläuen) 
verderbt). 

*) Jung, Jahrbuch, Bd. IV, S. 205, 

®) Sperber, ,,Über den Einfluß sexueller Momente auf die Entstehung 
der Sprache." Image, 1912, Jahrg. I, S. 405. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durcli das Ohr. 153 

Johannes (I.,l. und I., 14.) ins Gtedäclitnis zu rufen; „Zu Anfang war 
das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort." „Und 
das Wort ward Fleisch" (Fleisch werdung Jesus Christi). Johannes 
berichtet auch über seine Vision von dem W^esen auf einem weißen 
Roß, daß „sein Name lautete das Wort Gottes" (Apokalypse, XIX, 13). 
Gott scheint mit Vorliebe die bloße Rede als Mittel zur Aus- 
führung seiner Wünsche gewählt zu haben, so z. B. bei der Schöpfung 
selbst. (,,ünd Gott sprach, es werde Licht, und es ward Licht" usw.) 
Ebenso eng war die Verbindung zwischen dem Heiligen Geist und der 
Sprache: Die Heiligen ,, sprachen durch den Heiligen Geist" (Markus, 
XII, 36 und Acta Apostolorum, XIII, 2, XVI, 7) oder waren ,, erfüllt 
vom HeiUgen Geiste und prophezeiten" (Lukas, I, 67)*während Paulus 
geradezu erklärt ,, Niemand kann Jesus emen Herrn heißen, außer 
durch den Heiligen Geist" (I. Korinther, XII, 3). 

Die sexuelle Bedeutung der Sprache oder des Wortes kommt 
3u besonders deutlichem Ausdrucke gerade in der von uns behandelten 
Legende, Aus den zahlreichen Stellen in den alten Kirchenvätern, 
die das dartun, zitiere ich nur zwei: Der heilige Zeno^) schreibt: ,,Dec 
Leib Mariens schwillt an voll Herrlichkeit, nicht durch eheliche Be- 
fruchtung, sondern durch den Glauben; durch das Wort, nicht durch 
den Samen." St. Eleutherius^) : ,,0h, gesegnete Jursgfrau . . . zur 
Mutter gemacht ohne Manneshilfe, denn hier war das Ohr das Weib 
imd des Engels Wort der Gatte." Die Kirchenschriftsteller vergleichen 
die Empfängnis der Madonna regelmäßig mit dem Falle Evas und 
,,die andere Eva" ist eine ungemein häufige Bezeichmuig für Maria: 
Die folgende Stelle aus St. Jephrem^) ist typisch für viele:: ,,Im An- 
fang setzte sich die Schlange in den Besitz von Evas Ohr und ver- 
breitete von hier aus Gift durch ihre«, ganzen Körper; jetzt aber 
empfing Maria durch ihr Ohr den Vorkämpfer der ewigen AVonne. 
So hat sich, was einst Werkzeug des Todes war, als das des Lebens 
erwiesen." Von gelehrten Autoritäten ist jetzt allgemein anerkannt, 
daß der Mythos vom Falle im Paradiese die gereinigte Version eines 
Fruchtbarkeitsmythus*) darstellt; daher muß man Stellen wie die 



i) St. Zeno, Lib. 11, Tractatus VIII .und IX, Pat. Lat. Tom. II, P. 413. 

^) St. EleutheriusTornacensis. Serm. in Ännunt. Fest. Tom. 65, P. 96. 

') St. Jeplirem, De Divers. Serm. I, P. 607. Siehe auch St. Fulgentius, 
De laude Mariae ex parfcu Salvatoris. St. Zeno, Epist. Ad Pulcheriam Augu- 
stam tisw. 

*) Siehe Otto Rank, Zentralljl. für Psychoanalyse, Jahrg. II, S. 389. 



154 Ernest Jones. 

eben zitierten einfach als Ausdruck für den Gegensatz zwischen er- 
laubtem und verbotenem sexuellen Verkehre ansehen, wobei als Typen 
Eva und Maria hingestellt werden. 

Es ist also klar, daß ein Teil der der Sprache zukommenden 
Bedeutung seine Quelle in psychosexuellen Affekten hat, und es erhebt 
sich nun die Frage: in welchen speziell? Ich habe an einem andern 
Ort^) die wahrscheinliche Antwort darauf angedeutet: Im Unbewußten 
werden nämlich sowohl Atmen als auch Sprechen als äquivalent mit 
der Hervorbringung eines intestinalen Flatus angesehen und dem- 
entsprechend hat eine Verschiebung des Affektes von letzterem auf 
die ersteren hin stattgefunden. Anzeichen für eine solche Assoziation 
besitzen wir noch in Ausdrücken wie: „Aufgeblasene Rede" "und 
,, windiges Gerede'* und in den Slangphrasen dafür, nämlich ,,Gas" 
(im Englischen) und ,, heiße Luft" (in Amerika). 

Auch ist es nicht ohne Bedeutung, daß von den fünf Pränas 
(= heiliger Hauch in den Veden) gerade der Apäna oder Hinab- 
hauchende zur Sprache in Beziehung gebracht wird-). 

3. Unsiehtbarkeit und Flüssigkeit. 

Diese Eigenschaften begünstigen das Vorkommen der inter- 
essanten Assoziation zwischen dem Begriffe des Gedankens und 
der von uns behandelten Gruppe. Der Gedanke wird gewöhnlich als 
etwas Flüssiges vorgestellt; man denke an Phrasen, wie z. B. ,,er 
ließ seine Gedanken ausströmen", „seine Gedanken hörten auf zu 
strömen" usw. und jeder Psychologe ist wohl bekannt mit William 
James berühmtem Kapitel über den ,, Strom des Bewußtseins." Atem, 
Sprache und Gedanken sind symbolisch gleichbedeutend und im Un- 
bewußten alle verknüpft mit der Vorstellung der Erzeugung von 
Gasen im Innern des Leibes^). Ich habe an anderer Stelle*) aus- 
geführt, daß der unbewußte Glaube an die Allmacht der Gedanken, 
in welchem auch Animismus imd Magie wurzeln, mit dieser 
Vorstellung der schöpferischen Macht zusammenhängen könnte, 
ebenso wie die meisten konkreten Machtembleme (Zepter, Schwert,. 
Kreuz, Stab ^^sw.) wohlbekannte phallische Symbole sind. Auch 

1) Jahrbuch, Bd. IV, S. 588, 594. 
") Khandogya-Upanishad, III, 13, 8. 

^) Diese Assoziation wird auch in meinem schon zitierten Fall beleu eiltet 
und dort auch ihre Beziehung zur ,, Auto-Suggestion" dargelegt. 

') Internationa!e Zeitschrift für P.syehoanalyse, Jahrg. I, S. 42^. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr, 155 

die Vorstellung vom Gedanken als Erzeuger begegnet z. B. 
im Mythus von der Geburt Athenes aus dem Haupt des Zeus. Ans 
dem Mittelalter gibt es zablreicbe Berichte von Nonnen, die aussagten, 
sie wären schwanger, weil Christus an sie gedacht habe. 

So sehen wir also, wie das Ich den Geist auffaßt, indem es ihn 
als objektives Phänomen betrachtet. In den Vedeni) heißt es, der 
Geist sei verwandt mit Vyäna, dem zurückgehenden Hauch, während 
wir anderswo in den Upanishaden lesen, daß das Selbst aus Sprache, 
Geist und Hauch^) besteht und daß es für seine Opferung des Wunsches 
nach dem Weibe durch die Erinnerung getröstet werden sollte, daß 
.,der Geist der Gatte ist, die Sprache das Weib und der Hauch das 
Kind3)". Ähnlich ist für den Neuplatoniker Plotinus die Weltseele die 
Energie des Intellekts und sie wird erzeugt durch den Geist, den Vater 
ebenso wie Athene, die Göttin der^Weisheit, aus dem Gehirn des Zeus, 
ihres Vaters sprang. Jung*) zitiert folgende Stelle Plotins: „Was im' 
Intellekt zusammengeschlossen liegt, das kommt als Logos in der 
Weltseele zur Entfaltung, erfüllt sie mit Inhalt und macht sie gleichsam 
von Nektar trunken" und fügt folgende Erklärung hinzu: „Nektar 
ist analog Soma Fruchtbarkeits- und Lebenstrank, also Sperma.'' 
Auch Diogenes») identifizierte den Intellekt mit der Luft; er meinte, 
die Luft besitze Verstand und der Mensch verdanke den seinigen der 
von außen in ihn gelangenden Luft. Letztere Behauptung ist vielleicht 
ein besonders sublimierter Ausdruck der infantilen Sexualtheorie, die 
oben beschrieben wurde. 

Von den Begriffen Gedanke und Geist ist es nur ein Schritt 
zu dem der Seele und wir werden sehen, daß auch auf die Vorstellung 
von dieser die von uns betrachtete Affektgruppe großen Einfluß aus- 
übte. Von den primitiven Seelenvorstellungen«) ist eine der niedrigsten 
(ich sage nicht der ursprünglichsten), die der „gebundenen Seele", 
die als Lebensprinzip verschiedener innerer Organe angesehen wurde 
und offensichtUch kaum etwas anderes war als eine SymboUsierung der 
vitalen Essenz, d. h. des Sperma. (Wir haben ims hier nicht mit den 
Motiven und Kräften zu beschäftigen, die das Menschengeschlecht zur 

') Taittiriyaka-Upanishad. I, 7, 1. 

") Brihadäranyaia-Upanishad, I, 5, 3. 

ä) Op. cit., I. 4, 17. 

*) Jung, Jahrbuch, Bd. IV, S. 179. 

^) Brett, A History of Psychology: Ancient and Patristic. 1912, S. 46. 

") Siehe Wundt, Op. cit., S. I et sequ. 



156 Ernest Jones. 

Bildung der Seelenvorstellung führten, em Vorgang, den Freud^) be- 
leuchtet hat, sondern einfach mit dem ursprünglichen Inhalt, aus welchem 
diese Vorstellung gebildet wurde.) Wenn sexuelle Gedanken eine so her- 
vorragende Rolle bei dieser roheren Auffassimg von der Seele spielten, 
ist es folgerichtig anzunehmen, daß sie auch, zwar vielleicht in ver- 
hüllter Gestalt, an den ausgebildeteren mitarbeiteten, und in der 
Tat finden wir, daß dies der Fall war. Die wichtigste Art der „freien 
Seele" ist die als ,, Hauchseele" bekannte; es ist aber leicht zu zeigen, 
daß dieser Begriff zu der von uns erörterten Gruppe gehört. Die 
Zeugnisse für die weitreichende Assoziation zwischen Seele und Atem 
sind so allgemein und so wohl bekannt, daß keines davon hier an- 
geführt werden muß. Wir werden schon allein durch die Namen für 
erstere fortwährend daran erinnert, vom griechischen „psyche" und 
dem hebräischen ,,nephesh" bis zum deutschen „Geist" und dem 
englischen „ghost" und „spirit". Die Tatsache, daß alle diese Aus- 
drücke ursprünglich ,,Atem" bedeuteten, zeigt uns auch, daß dies 
der primäre Begriff war, was tatsächlich von jedem Standpunkte aus 
klar ist, und daß wir hier ein typisches Beispiel für Afiektverschiebung 
haben. 

Es gibt aber mindestens zwei Verdachtsmomente dafür, daß diese 
Affekte ursprünglich auch nicht der Atemvorstellung angehörten, 
sondern einer noch tiefer liegenden, nämlich, der von den im Körper 
erzeugten Gasen. Erstens stehen die Affekte und die psychische Be- 
deutung, die die Vorstellung vom Atem, der Luft oder dem Wind 
begleiten, in keinerlei Verhältnis zu der psychischen Wichtigkeit, die 
der Vorstellung ursprünglich innewohnt, und müssen daher von einer 
andern hergeleitet sein, die für das Individuum von größerer Wichtigkeit 
ist. (So wie der Flatus im infantilen Leben und im Unbewußten der 
Erwachsenen.) Zweitens können zahlreiche direkte Beziehungen 
zwischen der Vorstellimg von den im Körper erzeugten Gasen imd 
der Auffassimg der „Hauchseele" nachgewiesen werden. 

Das erste Argument lautet mit anderen Worten: Wenn von 
der Atem- zu der Seelenvorstellung eine größere Gefühlsmenge hin- 
überströmte, als der Atemvorstellung von Natur aus zukam, dann 
muß sie folgerichtig nur als eine Art Bote gedient haben. Nun ist es 
aber unschwer zu zeigen, daß Wind, Luft, Seele, Atem eine viel größere 
Bedeutsamkeit genießen, als sich aus der psychischen Wichtigkeit 

1) Freud, Totem und Tabu, 1913, Ch. IV. 



Die EmpfängTiis der Jungfrau Maria durch das Ohr. 157 

des letztgenannten verstellen läßt. Wenn wir uns nur auf die indische 
und griechische Philosophie beschränken und zunächst erst«re in 
Betracht ziehen, finden wir allein in den Upanishaden folgende religiöse 
Ansichten und Behauptungen. Präna (Hauch) wird einerseits mit 
Brähman, dem höchsten Wesen identifiziert, anderseits mit Ätman, 
der ursprünglichen Wesenheit des Universums^). Die Abkimft von 
letzterem wird folgendermaßen beschrieben: ,,Von Ätman kam der 
Äther, von diesem der Wind, von diesem das Feuer, von diesem das 
Wasser und vom Wasser kam die Erde." Für die ersten vier der Keihe 
werden also Ausdrücke, die eine gasförmige Substanz bezeichnen, 
verwendet. Es ist unnötig, weitere Beispiele zu zitieren, es möge nur 
gesagt werden, daß sich weitaus der größte Teil dieser Literatur mit dem 
Gegenstande beschäftigt und daß von Atem, Wind usw. in den höchsten 
Ausdrücken gesprochen wird, die man sich nur vorstellen kann. Ähnlich 
finden wir, wenn wir uns nach Griechenland wenden, daß dieselbe 
Ideengruppe einen zentralen Ausgangspunkt für einen großen, vielleicht 
den größten Teil der Ansichten über Philosophie, Medizin, Psychologie, 
überhaupt der Weltanschauung bildet. Viele der früheren Monisten, 
z. B. Anaximenes, sahen die Luft als aQxq an und die Fortdauer der 
Welt wurde durch einen Prozeß kosmischer Atmung^) erklärt, dessen 
Auffassung sich bis ins Detail auf die körperliche Atmung stützte; 
Heidel hat ferner in einer besonders sorgfältigen Untersuchung*) 
gezeigt, daß die verschiedenen Atomtheorien der Griechen im Prinzip 
auf ihre Anschauungen von der Atemtätigkeit zurückgeführt werden 
können*), Diogenes, der die Luft als wichtigstes Element in der Welt 
ansieht, sagt deutlich, daß die Notwendigkeit des Atems für das Leben 
der Grund für die Wahl der Luft als primäre Kealität war; die gegen- 
seitige Einwirkung der Luft im Körper und der äußeren Luft ist 
der Typus aller Lebenstätigkeit®). Auch bei den Stoikern^) war das 
Pneuma von grundlegender Wichtigkeit; es war der Hauch des Lebens 



1) Deussen, Op. cit., S. 110, 194. 

') Heide], s. u. S. 137—140. 

ä) Heidel, ,,Aiitecedent3 of the Greek Corpuscular Theories." Harvard 
Studies in Classical Philology, 1911, Bd. XXII, S. 111—172. 

*) Es ist interessant, daß die höchsten Errungenschaften der modernen 
Wissenschaft, die Atomtheorie und die Konzeption des Äthers, die heide von 
der griechischen Philosophie schon vorweggenommen wurden, beide sublimierte 
Projektionen des von uns, erörterten Komplexes darstellen. 

») Brett, Op. cit., S. 45, 46. 

') Brett, Op. cit, S. 166, 167. 
1 1 * 



i-Oo Erneat Jones. 

und die warme Luft, die in engsten Zusammenliang mit dem Blute 
gebracht wurde, das Lebenspriuzip, das bei der Zeugung übermittelt 
wurde; dabei gleichzeitig die Seele, die im Körper eingeschlossen und 
doch ihrem Wesen nach eins mit der umgebenden Weltseele war^). 
Die Eolle, die der Atem bei der Ausbildung der griechischen Seelen- 
vorstellung spielte, ist zu bekannt, als daß ich dabei verweilen müßte; 
der Einfluß dieser Vorstellung reicht bis weit in die christhche Zeit; 
Clemens von Alexandria, z. B., und ebenso TertuUian behaupteten, 
daß die „vernünftige Seele", die dem Menschen direkt von Gott gegeben 
wird, identisch mit dem in der Genesis erwähnten „Hauch Gottes"^) 
sei, im Gegensatze zu der „imvemünftigen Seele", die dem Lebens- 
prinzip der Tiere verwandt sei. Es wird nützlich sein, diesen Glauben 
mit dem schon oben erwähnten indischen zu vergleichen, der die 
beiden Arten von Hauch, den höheren und den niedrigeren, 
in ethischer und physischer Bedeutung zum Gegenstande hat, 
während die Nebeneinanderstellung von Tier und Gottheit uns das 
ganze Problem der Verdrängung aufrollt. Die Pneumakonzeption war 
auch in der griechischen Medizin von größter Bedeutung und behielt 
bis vor etwa 100 Jahren viel von ihrer Wichtigkeit; dann blaßte sie 
allmählich ab, nachdem sie sich in die Lehren von den „Säften" und 
der „Diathese" verwandelt hatte. Die Erinnerung an sie bewahren 
wir in englischen Phrasen, in denen die Worte „spirit" urspr. „Atem" 
und „humour" urspr. ^ „Saft" die Bedeutung „Laune, Stimmung" 
angenommen haben. Alle Krankheitsursachen, mit Ausnahme der 
auf Speise und Trank zurückgehenden, wurden unter dem allgemeinen 
Ausdrucke ,,Luft" zusammengefaßt; wir besitzen noch heute ein An- 
denken daran in dem fast überall verbreiteten Aberglauben, daß Zug 
gesundheitsschädUch sei; auch war der therapeutische Wert»), den 

1) Es ist klar, daß die Vorstellung vom ,, kosmischen Bewußtsein", von der 
wir in der modernen Philosophie so viel hören, psychologisch gleichbedeutend 
ist mit den die äußere Luft betreffenden Vorstellungen, die ihrerseits persönlichen 
Quellen entstammen und nach außen projiziert wurden. 

=) Das hebräische ,,ruach" bedeutete sowohl die menschliche Seele als den 
Atem Gottes. 

") Man muß auch an die übermäßige Bedeutung denken, die noch jetzt 
von vielen der Atemgymnastik zugesehrieben wird. In der bereits erwähnten 
Solülderung meines Patienten gibt es einige schöne Beispiele für den großen 
Anklang, den sie, richtig angewendet, findet; auch die strenge Medizin 
ist von diesem Vorwurfe nicht ganz freizusprechen ; ich erwähne aufs Geratewohl 
folgende Beispiele, die einem medizinischen Katalog entstammen: 

1. Arnulphy. La sante par la seien ce de la respiration. (La respiration 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr. 159 

man einer „Luftveränderung" oder einem „Klimawechsel" zuschrieb, 
sogar größer als in unserer eigenen Zeit. Jahrhundertelang standen die 
meisten Arzte in Beziehung zu irgend einer philosophischen Schule 
und die wichtigste Gruppe unter ihnen waren diejenigen, die die Schule 
der Pneumatisten bildeten; sie waren Anhänger der stoischen Lehre; 
so beeinflußten Physiologie und Philosophie einander gegenseitig. Das 
Pneuma durchkreiste den ganzen Körper, regulierte die Ernährung, 
erzeugte Gedanken und Samen und leitete nach Aristoteles zu dem 
Herzen die Empfindungsbewegungen, die ihm selbst von außen durch 
die Sinnesorgane mitgeteilt wurden; von seinem Zustande hing die 
Gesundheit des Individuums ab. Ein interessantes Beispiel für die 
Stärke der Pneumadoktrin haben wir in dem Umstände, daß sie 
imstande war, die Wichtigkeit der Entdeckung der Nerven vollständig 
im Schatten zu halten^), indem behauptet wurde, diese seien nur Ver- 
zweigimgen der das Pneuma in sich führenden Arterien; selbst später, 
als die Beziehungen der Xerven zimi Gehirn und zur Muskeltätigkeit 
schon feststanden, behauptete Augustinus, sie wären nur Luftröhren, 
die den Gliedern die durch den Willen diktierten Bewegungen über- 
mittelten. Folgende Stelle aus Bretts^) Werk ist eine gute Illustration 
für die Wichtigkeit der Pneumadoktrin: ,,Für jemanden, der sich vor- 
stellt, der Körper sei ganz von Luft durchströmt, der das Pulsieren 
auf die Stöße der Luft gegen das Blut zurückführt, der überdies das 
dunkle Gefühl hat, daß der Mensch durch die Kontinuität dieser 
Luft mit dem ganzen Universum zusammenhänge, für den muß die 
Wichtigkeit dieses Faktors die größten Dimensionen angenommen 
haben." 

Es ist genügend Beweismaterial dafür vorhanden, daß der Atem 
keineswegs die einzige Quelle aller dieser Lehren war, so bereitwillig 
dies auch angenommen zu werden scheint. Beginnen wir zunächst 
bei den griechischen Anschauungen, so finden wir zwei bemerkens- 
werte Tatsachen, nämlich, daß das Pneuma nicht immer in Zusammen- 

est un des principaux procedes au moyen desquels on arrive ä developper sa 
force magnetique, sa volonte.) 

2. Durville. Pour combattre la peur, la crainte, l'anxiete, la tiniidite, 
developper la volonte, guerir ou soulager certaines maladies par la Respiration 
Profonde. 

^) Brett (Op. cit., S. 284) gibt eine treffende Schilderung der durch die 
Hartnäckigkeit der Pneumadoktrin verursachten Vorurteile, die diese Entdeckung 
zu über-winden hatte, bevor ihr Wert vollkommen gewürdigt werden konnte. 

') Brett. Op. cit., S. 52, 53. 



160 Ernest Jones. 

hang mit dem Atem gebracht wurde, wie man nach der herrschenden 
Ansicht erwarten sollte, und femer, daß für sie der Begriff der Re- 
spiration außerordentlich umfangreich war, da außer dem Atmen 
noch viele Prozesse unter diesem Ausdrucke verstanden wurden. 
Aristoteles z. B. behauptet entschieden, daß das Pneuma des Körpers, 
dessen Bedeutimg wir eben kennen gelernt haben, nicht vom Atmen 
herkomme, sondern eine aus gewissen Prozessen, die im Innern des 
Körpers selbst (vor allem im Unterleibe) vor sich gehen, resultierende 
Sekretion sei; noch ausdrücklicher sagt Galen, daß das psychische 
Pneuma teilweise den Dünsten der verdauten Nahrung entstamme^). 
Diese Assoziation, die im Unbewußten noch jetzt wirksam zu sein 
scheint, liegt auch miseren täglichen Redensarten zugrunde ; wir 
sprechen vom „Ausdrücken unserer Gedanken", davon, „Nahrung 
für unsere Gedanken" zu erhalten usw. Man kann wohl an- 
nehmen, daß die Vorstellung eine Rolle in der Entwicklung gewisser 
Formen materialistischer Philosophie gespielt hat; man ist verblüfft 
von dem Gleichnis, das in manchen Aussprüchen angewendet wird, 
z. B. in djgm von Cabanis: ,,Das G«him scheidet Gedanken aus wie 
die Leber Galle". Ein interessantes Überbleibsel dieser An- 
schauungsart sehen wir in der verbreiteten Tendenz der modernen 
Psychiatrie, die den größten Teil der geistigen Störungen auf Gifte 
zurückführen will, die bei Darmerkrankungen entstehen, eine ganz 
logische Ansicht, wenn dieses Organ, wie die Griechen glaubten, die 
Quelle der Gedanken wäre. 

Femer zeigt eine kurze Untersuchimg der von verschiedenen 
Schriftstellern gegebenen Berichte, daß die Griechen sich das Re- 
spirations- und das Verdauungssystem in enger Verbindung mit- 
einander vorstellten^), und das ist ja der wichtigste Punkt, den wir 
hier beweisen wollen. Einerseits war die Respiration nicht auf das 
Atmen beschränkt, sondern umfaßte auch die Perspiration (eine durch- 
aus wissenschaftliche Anschauung), während anderseits die Respiration 
als eine Art der Ernährung angesehen wurde, was sie ja tatsächlich ist. 
Sie identifizierten nicht nur die Aufnahme der Luft, den darauf folgenden 
Wandel derselben im Innern des Körpers und ihre endliche Aus- 
scheidung') mit der der Nahrung, sondern sie schrieben auch dem 



1) Brett, Op. cit., S. 118, 291. 
») Siehe Heidel, Op. cit., S. 131—137. 

^) Hippokrates 'sagt bei der Beschreibtmg des Fötus, daß dieser 
durch die Nabelschnur einatme und daß, wenn er mit Luft gefüllt sei, diese 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr. 161 

Einflüsse der ersteren die Prozesse zu, durch welche die letztere ge- 
nügend verdünnt wird, um durch den Körper geleitet zu werden; die 
zugrunde liegende Vorstellung scheint, mit vielen Modifikationen 
natürlich, folgende gewesen zu sein: Die eingeatmete Luft erreichte 
den Magen entweder durch den Blutstrom oder durch den Ösophagus 
(der, wie sie glaubten, zum Herzen führte) und bewirkte dort 
die Verdauung; das Produkt dieses Prozesses war das innere Pneuma, 
das also eine Kombination von Luft und Nahrung darstellte. Von 
diesem Standpunkte aus betrachtet ist es klar, daß das Pneuma nicht 
bloß ein symbolisches Äquivalent der im Körper erzeugten Gase ist, 
sondern direkt und entschieden mit ihnen identifiziert wurde. Der in 
der ganzen Welt verbreitete Glauben, daß die Seele durch den Mund 
entweicht^), geht deshalb wahrscheinlich auf Vorstellungen zurück, 
die nicht nur das Respirations-, sondern auch das Ernährungssystem 
zum Gegenstande haben; diese Schlußfolgerung wird dadurch gestützt, 
daß bei zahlreichen Stämmen die verschiedensten Vorkehrungen und 
Taboos gebräuchlich sind, um das Entschlüpfen der Seele aus dem 
Munde während des Essens zu verhindern^). 

Das Studium der Veden zeigt uns, daß die Auffassung der in- 
dischen Philosophen in diesem Punkte denen der griechischen von 
Grund aus ähnlich war. Sie widmeten den fünf Pränas (= Haucli) 
eine außerordentliche Aufmerksamkeit, aber die Beschreibungen, die 
sie von diesen an verschiedenen Stellen geben, greifen so ineinander 
über, daß es nicht immer leicht ist, den genauen Unterschied zwischen 
ihnen festzustellen; in der Tat ist es bekannt, daß die Definitionen 
in den verschiedenen Perioden sich bis zu einem gewissen Grad änderten. 
Trotzdem ist es möglich, die Hauptumrisse der einzelnen Vorstellungen 
zu bestimmen, und wir wollen sie der Reihe nach betrachten. Präna, 
der ,, aufwärts Hauchende", bedeutet im wesentlichen den eigentlichen 
Atem. Wenn er allein steht, bezeichnet er häufig den Geruchsinn, 
infolgedessen dann das Einatmen, aber bisweilen, wenn er zusammen 
mit Apäna genannt wird, bedeutet er das Ausatmen und letzterer das 
Einatmen^). Apäna, der ,, abwärts Hauchende", bedeutet zwar bis- 



,, durchbreche", sich selbst einen Weg nach außen mitten durch den Fötus 
bahne und auf diese Weise entströme. (Siehe Heidel, Op. cit., S. 135, 136.) 

1) Siehe Prazer, Taboo and the Periis of the Soul., 1911, S. 30—33. 

') Frazer, Op. cit., S. 116. 

') Siehe Deussen, Op. cit., S. 276—279, -no dieser Gegenstand Aus- 
führlich erörtert wird. 

Jahrbuch der Psychoanalyse. VI. 11 



162 Ernest Jones. 

weilen Gteruchsinn iind Einatmen, für gewöhnlich aber den bei der 
Verdauung entstehenden Wind, der seinen Sitz in den Eingeweiden 
hat. Er stammt vom Nabel des Urmenschen^). Er entfernt die Ex- 
kremente des Darmes^); er weilt in den Eingeweiden^) und herrscht 
über die Organe der Entleerung und Zeugung*). Der Vyäna oder 
„nach rückwärts gehende" Hauch gesellt sich zu dem Winde der 
Verdauung^) und kreist durch die Blutgefäße«). Der Samäna oder 
„Allhauchende" verbindet den Präna mit dem Apana') und treibt 
die Nahrung durch den Körper»). Diese beiden zuletzt genannten 
bilden offenbar zusammen das „innere Pneuma" der Griechen. Schüeß- 
lich der Udana, der ,, hinauf oder hinaus Hauchende", bisweilen .„der 
Wind des Ausganges" genannt»), weilt im Schlünde^«) imd läßt das, 
was gegessen und getrunken wurde, wieder emporkommen oder schlingt 
es hinab^i). Der Udana, der offenbar die Gase bedeutet, die aus 
einem geblähten Leib wieder emporsteigen, bildet ein interessantes 
Gegenstück zum Apäna; letzterer wird nämlich in aller Form mit 
dem Tode selbst identifiziert^^), während ersterer die Seele nach dem 
Tode aus dem Körper führt^^j j)ie Verbindung zwischen ihnen ist 
natürlich sehr eng, denn sie repräsentieren beide im Körperinnem 
entstandene Gase, die nach aufwärts oder nach abwärts entweichen 
können. Tod und innere Zersetzung werden hier einander nahege- 
bracht imd wir erhalten so eine weitere Erklärung für den Glauben, 
daß die Seele nach dem Tode durch eine der Ernährung dienende 
Öffnvmg entflieht. 

Eine Prüfung dieser Berichte enthüllt die überraschende Tat- 
sache, daß vier von den fünf Pränas zu dem Ernährungssystem in viel 

») Aitareya-Äranyaka, II, 4, I, 6. (Ich halte mich durchaus an Müllers 
Ausgabe.) 

') Ebenda, II, 4, 3, 2. Auch Maiträyana-Upanishad, II, 6 und Garbha- 
Upanishad, I. 

*) Amritabindhu, 34. 

*) Prasna-Upanishad, III, 5. 

°) Maiträyana-Upanishad, II, 6. 

•) Prasna-Upanishad, III, 6. 

') Prasna-Upanishad, IV, 4. 

*) Maiträyana-Upanishad, II, 6. Prasna-Upanishad, III, 6. 

•) Vedäntasära, 97. 
»») Aimritabindhu, 34. 
11) Maiträyana-Upanishad, II, 6. 
") Aitareya-Äranyaka, II, 4, 2, 4. 
") Praaüa-Upanishad, III, 7. 



Die Empfängnis der Jungtrau Maria durch das Ohr. 163 

engerer Beziehung stehen als zu dem respiratorischen, da ihre Haupt- 
aufgabe die Fortbewegung der Nahrung ist, sei es im Ernährungs- 
kanal selbst oder im Körper überhaupt. Sogar der fünfte, der Präna 
im engeren Sinne, entbehrt dieser Beziehung nicht ganz, denn einerseits 
ist er auf doppelte Weise mit dem Apäna (Flatus)verbunden, anderseits 
deckt er sich teilweise mit dem Geruchsinn, der, biologisch betrachtet, 
in naher Verbindung mit Sexualität und Koprophilie steht. 

Daher scheint es mir ein starkes Wagnis, wenn jemand, der das 
hier vorgebrachte Material durchgesehen hat, an der Behauptung 
festhält, daß keine andere im Körper erzeugte Luft als der Atem bei 
der Entwicklimg der „Hauchseele" eine Bolle gespielt hat. 

4. Feuchtigkeit. 

Es ist wohlbekannt, daß das Wasser eine außerordentlich wichtige 
Rolle in der anthropologischen Symbolik gespielt hat, besonders bei 
Geburt und Tod; dies stammt hauptsächlich von den infantilen Ge- 
danken, die sich mit dem Urin befassen, und erhält später eine neue 
Quelle in den Vorstellungen vom Samen und dem Fruchtwasser. 
Wasser ist vielleicht das häufigste in Geburtsphantasien verwertete 
Symbol, und zwar männliches so gut wie weibliches. Man findet es 
daher ganz verständlich, wenn Wasser und Gas in solchen Phantasien 
nebeneinander gefunden werden und symbolisch als gleichwertig 
gelten. Ein einfaches Beispiel ist der Mythus von Prometheus, der die 
Menschen aus Wasser und Schall schuf. 

Ein anderes, das dem Thema dieses Aufsatzes näher liegt, zeigt 
uns die Beziehung des Heiligen Geistes zur Taufe. In einer früheren 
Arbeif^) habe ich nachzuweisen versucht, daß, psychologisch be- 
trachtet, die Symbolik der Taufriten ,, Wiedergeburt durch Reinigung" 
bedeute und Reinigung im Unbewußten gleichbedeutend mit Be- 
fruchtung sei. Es ist daher nicht ohne Interesse, daß das Taufwasser 
und der Heilige Geist (d. h. infantil ausgedrückt, Urin imd Gas) zu- 
sammen im Neuen Testament oft in Beziehung zur Wiedergeburt 
gebracht werden. Christus sagt in seiner Antwort an Nikodemus: 
,, Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, daß jemand geboren 
werde aus dem Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes 
kommen. Was vom Fleische geboren wird, das ist Fleisch, imd was 
vom Geiste geboren wird, das ist Geist. Laß dich's nicht wundem, 

^) Imago, Jahrg. I, S. 463. ff. 

11* 



164 Ernest Jones. 

daß ich dir gesagt habe: Ihr müsset von neuem geboren werden. Der 
Wind blaset, wo er will, und du hörest sein Sausen wohl, aber du 
weißt nicht, von wannen er kommt, und wohin er fährt. Also ist ein 
jeglicher, der aus dem Geiste geboren ist;" (Johannes, III, 5 ff.) und 
wiederum: „Denn wahrlich, Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber 
sollt mit dem Heiligen Geiste getauft werden." (Apost. I, 5.) Der 
Ersatz des Wunsches nach irdischer (inzestuöser) Wiedergeburt durch 
den nach geistiger Wiedergeburt ist gleichbedeutend dem Wunsche 
nach der Reinigung von Sünden, da Sünde und Tod der Gegensatz 
zu Wiedergeburt und Leben sind. Auch Paulus schreibt (Rom., 
VIII, 2): ,,Denn das Gesetz des Geistes, der da lebendig macht in 
Christo Jesu, hat mich frei gemacht von dem Gesetze der Sünde 
und des Todes." 

Das Tertium Comparationis zwischen Gas und Wasser ist offenbar 
der flüssige Aggregatzustand und im Da mpf e haben wir eine Vereinigung 
beider. Daher hat der Dampf bei allen oben erörterten Themen eine 
große Rolle gespielt und der Prozeß der Verdampfung, durch den Wasser 
auf dem Wege des Dampfes in Gas verwandelt wird, hat das Interesse 
und die Aufmerksamkeit der Menschen in hohem Grade erregt. Im 
alten Griechenland waren die Plutonia, Charonia oder Höllenpforten, 
wo Dämpfe aus der Erde hervorkamen, geheiligt, weil man die Aus- 
dünstungen für die Geister Verstorbener hielte). (Vgl. die oben er- 
wähnte Beziehung des Todes zu Apäna und Udäna.) Von diesen 
Geistern glaubte man, daß sie die Herden und die Fruchtbarkeit des 
Bodens vermehrten^), während die Frauen sie anbeteten, um Kinder 
zu bekommen^). Solchen Glauben gibt es noch jetzt in Syrien*); bei 
den Bädern von Solomon z. B. im nördhchen Palästina kommen 
Ströme heißer Luft aus der Erde und eines derselben, namens Abu 
Rabah, ist eine berühmte Zuflucht kinderloser Frauen, die ihr mütter- 
liches Sehnen befriedigen wollen; sie lassen die heiße Luft über ihren 
Leib strömen und glauben tatsächlich, daß sie die Kinder, die ihnen 
nach einem solchen Besuch geboren werden, von dem Heiligen der 
geweihten Stätte empfangen haben. Im alten Italien wurden die der 
Erde entströmenden Dämpfe als Gottheit, Mefitis, personifiziert, 

») Rohde, Psyche, 6. Aufl., 1910, Bd. I, S. 213. Auch Preller - Robert, 
Griechische Mythologie, Bd. I, S. 283, 811. 

«) Viele Stellen in Dieterich, Mutter Erde, 1905. 

3) Rohde, Op. cit., S. 247—249. 

*) Curtiss, Primitive Semitic Religion To-day, 1902, S. 116 ff. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Öhr. 165 

deren größter Tempel sich im Tale von Amsanctus befand. Die 
dortigen Ausdünstungen, die man für den Atem Plutos selbst hielt, 
bestanden bekanntlich aus warmem Schwefelwasserstoff (hatten also 
denselben Geruch wie der Flatus), der unter starkem Geräusche hervor- 
strömte^); die Beziehung zwischen den Darmfunktionen und Pluto, 
dem Gott der imteren Welt, zeigt der Titel eines bekannten modernen 
Purgativs, Plutowasser. 

Heidel sagt^), daß „vielleicht kein anderes Naturphänomen eine 
so wichtige Rolle in der griechischen Philosophie spielte wie die Ver- 
dampfung". Rohde hat viele Nachweise dafür gebracht, daß für 
die Griechen die Seele im wesentlichen ein Dampf war^) ; doch scheint 
wohl die spätere Seelen Vorstellung, z. B. bei den Stoikern, die eines 
unsichtbaren, gasförmigen Mediums gewesen zu sein, das seinen Ur- 
sprung und seine fortgesetzte Wirksamkeit den Dämpfen verdankte, 
die von der den Körper durchkreisenden Mischung aus Blut und Luft 
ausgingen. Die Verdampfung oder Destillation war offenbar von 
grundlegender Wichtigkeit, da sie diesen Wandel vom MaterieL n 
zum Immateriellen bewirkte; so hilft sie uns, die große Bedeutung 
zu erklären, die man der Körperhitze, die diesen Prozeß hervorbrachte, 
zuschrieb; davon soll später die Rede sein. Von diesem Standpunkte 
aus begreifen wir auch die Bemerkung Diogenes', das Denken sei 
eine Betätigung der trockenen Luft, die Feuchtigkeit sei dem Denken 
verderblich und das Übermaß an Feuchtigkeit sei der Grund für den 
Mangel der Jugend an Verstand*). Dieselbe Gedankenkette wurde 
auch auf das Leben des Universums angewendet und man stellte sich 
die kosmische Respiration als einen Wechsel der Feuchtigkeit vor, 
bei dem Erde und Meer Dämpfe hergaben mid dafür Regen zurück- 
empfingenS). gig beherrschte ferner den größten Teil der Physiologie, 
denn Verdauung, Absorption und Ernährung waren im wesentlichen 
Probleme der Verwandlung der Nahrung in das innere Pneuma und 
der Verteilung desselben durch den Körper. 

Die gegenseitige Beziehung zwischen Feuchtigkeit und Luft bei 
der Atmung und den Darmwinden liefert die physiologische Basis 

1) Frazer, Adonis, Attis, Osiris. 2nd Edition, 1907, S. 170. 

») Heidel, Op. cit., S. 122. Siehe auch Gilbert, Die meteorologischen 
Theorien des griechischen Altertums, 1907, S. 439 ff. 

3) Eä mag bemerkt werden, daß das englische Wort ,,breath" (Atem, 
Hauch) mit deutsch ,,Brodem" verwandt ist. 

*) Brett, Op. cit., S. 46. 

s) Heidel, Op. cit., S. 134. 



l"w Ernest Jones. 

für diese Vorstellungen, während, wie oben gezeigt wurde, der psycho- 
logische Ursprung auf das infantile Leben zurückgeht. 

5. Wärme. 

Als ich von den verschiedenen Varianten berichtete, mit denen 
die Empfängnis der Jungfrau Maria in der Kunst dargestellt wurde, 
habe ich auch die überraschende Tatsache angeführt, daß bisweilen 
Lichtstrahlen an die Stelle des strahlenförmigen Atems treten, die 
vom Munde ausgehen, in das Ohr eindringen usw.; wir können dies 
als Ausgangspunkt für unsere Erörterung benutzen, daß die Wärme 
ein dem oberen und dem unteren Hauch gemeinsames Attribut ist. 
Zu dem betreffenden Glauben finden sich zahlreiche Parallelen außer- 
halb des Christentums; die Legenden von Jimgfrauen, die durch Licht- 
strahlen geschwängert wurden, gewöhnlich von der Sonne oder dem 
Feuer, sind außerordentlich zahlreich xind weit verbreitet. Bab*), 
Frazer^), Hartland') und andere haben Dutzende solcher Greschichten 
mitsamt den darauf sich gründenden Bräuchen gesammelt; es ist 
daher unnötig, hier besondere Beispiele anzuführen. Sie zeigen die 
gewöhnlichen Charakteristika der übernatürlichen Geburt, indem das 
Kind oft zum Messias, zum großen Kaiser oder dergleichen wird. Auf- 
fällig ist es, wie häufig das Wasser eine Rolle bei dem Geschehen spielt ; die 
Jungfrau ist die Tochter eines Flußgottes, ein Stern fällt in das Wasser, 
das sie trinkt usw. Daß die Feuererzeugung allgemein von dem primi- 
tiven Geist als eine Sexualtätigkeit aufgefaßt wird, ist wohlbekannt*). 

Aber abgesehen von der oben besprochenen symbolischen Gleich- 
setzung, wird häufig eine innere Verbindung zwischen Atem und Feuer 
oder Licht verkündet. In ein Feuer zu hauchen, besonders in ein 
heihges, gilt in vielen Ländern als strenges Taboo»); ein Brahmane 
z. B. darf mit dem Munde in kein Feuer blasen. Die Beziehung zwischen 
Atem und Feuer in Folklore und Aberglauben ist sehr eng«). In 

1) Bab, Op. eit., S. 279 f. 

») Frazer, The Golden Bough., 1900, Bd. III, S. 204 ff., 244, 270, 
305, 314. 

*) Hartland, Prkaitive Patemity, 1909, Bd. I, S. 11—13, 18, 25, 26, 
89—100. 

«) Frazer, The Magic Art, 1911, Bd. II, Ch. XV. „The Fire-Drill" 
und S. 233. 

=) Frazer, Op. cit., S. 241. Spirits of the Com and of the WÜd, 1912, 
Bd. II, S. 254. 

«) Frazer, The Magic Art., Bd. II, S. 239 ff. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr, 167 

Longfellows Dichtung Hiawatha wird beschrieben, wie Gitche 
Manito, der „Schöpfer der Völker", die Bäume anblies, so daß sie 
sich aneinander rieben und zu brennen begannen. Im Alten 
Testament ist der Atem stets mit Feuer assoziiert und in den her- 
metischen Schriften heißt es, daß die Seelen aus dem ,,Atem Gottes 
und dem bewußten Feuer" geschaffen seien. In der Mithraliturgie 
geht der schöpferische Atem von der Sonne aus und für die stoische 
Philosophie war das kosmische göttliche Feuer identisch mit der 
Atmosphäre. Jung^) zitiert eine Reihe interessanter Stellen aus 
verschiedenen Quellen, die die nahe Assoziation zwischen Leuchten 
und Tönen zeigen. Man kann daher mit Sicherheit sagen, daß für das 
primitive Denken die Begriffe Ton, Hitze und Licht ebenso unter- 
einander vertauschbare Äquivalente sind, wie es die Lehre von der 
Transformation der Energie für die entsprechenden physiologischen 
Prozesse nachgewiesen hat. 

Wir müssen nun nach der Bedeutung dieser Assoziation forschen. 
Feuer oder Hitze ist als eines der häufigsten Sexualsymbole bekannt 
und ist, wie Abraham^) klar nachgewiesen hat, mit Soma und Sperma 
äquivalent. Doch kann das offenbar nicht die ursprüngliche Quelle 
dieser Assoziation sein; denn das Kind v.-eiß nichts von der Existenz 
des Sperma und lernt überdies erst verhältnismäßig spät die Be- 
deutung des Feuers schätzen. Vor Jahren wies Freud^) in seiner 
Analyse des Falles Dora nach, daß in symbolischer Ausdrucksweise, 
z. B. in Träumen, Feuer oft für Wasser, besonders für Urin, eintritt; 
die Assoziation beruht hier zum Teil auf dem Gegensatze, und zwar 
der gegenseitigen Unverträglichkeit der beiden Elemente. In den 
Psychoanalysen, die ich an meinen Patienten vornahm, fand ich, daß 
Feuer nicht allein Urin, sondern auch Flatus symbolisieren kann, 
wie z. B. in den Phobien, die sich auf Gasbrenner beziehen*), und ferner, 
daß die ursprüngliche Quelle der ganzen Feuersymbolik wahrscheinlich 
folgendermaßen zu erklären ist: Das Kind lernt die Hitze (zum Unter- 
schiede von der normalen Körperwärme) zuerst durch die Tatsache 
kennen, daß alle Exkrete wärmer sind als die äußere Körpertemperatur 
und überdies noch infolge ihrer ätzenden und scharfen Natur (besonders 
bei kleinen Kindern) häufig lokal ein brennendes Gefühl hervorrufen. 

1) Jung, Op. cit., S. 206—208, 
') Abraham, Traum und Mythus, 1909. 
3) Freud, Kleine Schiften, Bd. II, S. 80. 

*) Dies muß bei dem von Reltler, Loc, cit, beschriebenen Patienten cler 
Fall gewesen sein. 



168 Ernest Jones. 

Wenn nun das Kind späterhin mit anderen Hitzequellen, besonders 
mit Hitze durch Feuer bekannt wird, ist die Bildung einer Assoziation 
zwischen diesen und den Ursachen seiner früheren Erfahrungen unver- 
meidlich. Da wir wissen, daß das Kind sich die sexuelle Sekretion 
nur im Bilde irgend einer Exkretion vorzustellen vermag, können 
wir verstehen, wieso das Feuer zu einem so allgemein verbreiteten 
Sexualsymbol wird. Wir müssen also aus den oben dargelegten 
Gründen schließen, daß die Assoziation zwischen Feuer und Atem 
sekundär ist und für die frühere zwischen Feuer und Flatus eintrat. 
Man kann die Bestätigung dieser Schlußfolgerung überall finden, 
aber wir wollen uns hauptsächlich auf das Gebiet der griechischen 
Philosophie beschränken, um unsere früheren Betrachtungen über 
diesen Gegenstand weiterzuführen. Vor allem ist es überraschend, 
daß Hitze oder Feuer eine Rolle von grundlegender Wichtigkeit in 
der Lehre vom Pneuma spielte; Aristoteles z. B. behauptete, daß das 
tätige Element im innern Pneuma von der Natur des Feuers und 
identisch mit dem Fruchtbarkeitsprinzip im Samen sei. Nach Heidel^) 
,, finden wir in dem Phänomen des Feuers, wie die Griechen es er- 
klärten, die beste Illustration zu den Prozessen der Respiration und 
Ernährung"; übrigens ist dies auch heute noch die Lieblingsmethode 
zur Einführung in das Studium der chemischen Physiologie. Aber 
die Griechen blieben nicht bei der Analogie stehen; für sie war die Hitze 
tatsächlich die wirkende Kraft, die diese Prozesse herbeiführte. Man 
glaubte, außer bei den Atomisten, daß die Respiration infolge der 
natürlichen Körperwärme vor sich gehe ; diese erzeuge eine Ausdehnung, 
die mechanisch die kältere Luft von außen^) einziehe. Ähnlich verhielt 
es sich bei der Nahrimg. Die angeborene Hitze des Organismus „ver- 
daute" die Nahrung, d. h. verwandelte sie zu Pneuma, in welcher 
Form sie durch den ganzen Körper geführt wurde. Anfangs glaubte 
man, daß die Hitze oder das Feuer keine innere Veränderung in der 
Nahrung hervorrufe, sondern sie nur verkleinere und so für die Ab- 
sorption durch das Blut vorbereite, doch durch Aristoteles wurde die 
Hypothese bis zu dem oben erwähnten Stadium weitergeführt und 
dessen Ansichten über die Verdauung wurden von Galen und den 
meisten anderen späteren medizinischen Autoritäten angenommen*). 
Die meisten griechischen Philosophen aber begnügten sich, ebenso 

1) Heidel, Op. cit., S. 142. 

') Heidel, Op. cit., S. 136, 141. 

3) Heidel, Op. cit., S. 141—168. 



Die Empfängnis der Jnngfrau Maria durch das Ohr. 169 

wie heute die Psychoanalytiker, nicht damit, das Feuer als ein von 
.selbst gegebenes, primäres Agens hinzunehmen, sondern sie verlegten 
die Frage auf seine Natur und seinen Ursprung. Sie schlössen oder 
vielmehr nahmen eine uralte volkstümliche Schlußfolgerung an, daß 
das Feuer durch Wasser in der Form von Dämpfen ernährt und unter- 
halten werde; es war dies eine von der Sonne hergenommene Analogie, 
da diese Wasser aufzieht oder trinkt; da aber wiederum die Ent- 
stehung des Dampfes von der Hitze abhängt, scheint damit ein ewiger 
Zirkel gegeben zu sein, dessen ursprüngliche Konstruktion unmöglich 
zu bestimmen ist. Man hielt das Wasser für das ursprüngliche er- 
nährende Element par excellence, aber es konnte nicht wirken 
ohne den Einfluß des Feuers, das es selbst nährte. Die letzte Quelle 
des Feuers war vermutlich der Lebensinstinkt selbst, denn man be- 
schäftigte sich sehr viel mit dem Übergange der Hitze von der Mutter 
zum Kinde während des Lebens vor der Geburt; wenn aber jemand 
etwas Näheres darüber erfahren will, vor allem, wo ihr vermeintlicher 
Sitz war, so ist wohl die einzige Schlußfolgerung, die mit all den ver- 
schiedenen Berichten vereinbar ist, die, daß die Wärme in gasartiger 
Gestalt hinübergeleitet wurde und die eigentliche Essenz des Pneuma 
bildete. Kurz, die griechische Ernährungstheorie, ebenso wie die der 
Rsspiration verlangt die allerengste Assoziation zwischen Hitze oder 
Feuer imd Gas oder Hauch im weitesten Sinn. 

Hitze oder Feuer spielte eine ebenso hervorragende KoUe in den 
griechischen nicht physiologischen Vorstellungen, z. B. den philo- 
sophischen und psychologischen. Einige der Monisten, z. B. Heraklit, 
nahmen das Feuer als aqiri an. Man glaubte, daß der kosmische 
Prozeß, den man sich, wie oben gesagt, unter dem Bilde der 
Eespiration und Ernährung vorstellte, von Evaporation und Nieder- 
schlag abhänge, d. h. von einem Wechsel zwischen Hitze und Kälte; 
die fortdauernde Existenz von Erde und Meer werde dadurch er- 
möglicht, daß sie warme Dämpfe aussenden und kühlenden Regen 
zurückbekommen^). Das Wort Psyche selbst ist abgeleitet von xpi^oi, 
das die doppelte Bedeutung „ich atme" und „ich kühle ab" hat^), und 
eines der Lieblingsbilder, unter denen es, wie noch jetzt in der Poesie, 
dargestellt wurde, war eine dünne, emporsteigende Flamme. Als der 
Neuplatoniker Plotinus die stoische Lehre von dem materiellen Ursprung 

1) Heidel, Op. cit,, S. 134, 137—140. 

*) Röscher, Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen 
Mythologie, S. 3202. 

1 ? 



170 Ernest Jones. 

des Pneuma zurückwies, entwickelte er folgende tiefsinnige Idee: 
Die Seele kann, da ihre Verbindung mit der Materie eine Erniedrigung 
in sich schließt, nicht in unmittelbare Berührung mit dem Körper 
gebracht werden; daher bedient sie sich eines vermittelnden Elements, 
einer Art von Pneuma, um sich darein zu hüllen und vor einer be- 
fleckenden Berührung geschützt zu sein; dieses luftige Kleid besitzt 
die Natur des Feuers, in dem die Seele weilt und durch das hindurch 
sie den Körper bewegt^). 

Ein anderes Beispiel für die Beziehimg des Feuers zu der von uns 
beobachteten Gruppe bietet ims die Sprache. Jung^) hat in 
glänzender Weise die symbolische Äquivalenz von Sprache und Feuer 
dargelegt und dabei zahlreiche Fälle zitiert, in denen erstere ur- 
sprünglicher ist als letzteres; doch kann ich mit seiner Schlußfolgerung, 
daß ,,der Ursprung des Phänomens Feuer - Rede die Mutterlibido zu 
sein scheint", nicht übereinstimmen^). Zu den von ihm zitierten Stellen 
möchte ich noch eine aus den Upanishads*) hinzufügen, in der sowohl 
Sprache als Feuer mit Apäna, dem Hinabhauchenden, identifiziert 
werden. So hat also das Feuer seinen Ursprimg in der Sprache und 
beide im Pneuma, vor allem in dem des Darmes ; diese Schlußfolgerung 
stimmt vollkommen mit der oben, auf Grund der Individualanalysen 
ausgesprochenen überein. 

Dem assyrischen Feuergott Gibil wurde, wie so vielen anderen, 
die Rolle des Logos zugeschrieben*) und wir haben oben den engen 
Zusammenhang zwischen der Sprache und der christlichen Drei- 
einigkeit, besonders dem Heihgen Geist, bemerkt. Es ist daher ganz 
folgerichtig, wenn auch der Heilige Greist mit dem Feuer verglichen 
wird. Johannes der Täufer predigte: „Ich taufe euch mit Wasser 
zur Buße, der aber nach mir kommt, ist stärker denn ich, dem ich auch 
nicht genugsam bin, seine Schuhe zu tragen, der wird euch mit dem 
Heiligen Greist und mit Feuer taufen." (Matthäus, III, 11.) Durch 
Feuer gereinigt (d. h. wiedergeboren) zu werden, ist eine auch in der 
alltäglichen Redeweise gebräuchliche Metapher; ihr Ursprung (aus 
den Gasen des Körpers), der auch an dieser Stelle durchleuchtet, 
wurde oben in Zusammenhang mit der Taufe erklärt. In den Acta 



1) Brett, Op. cit., S. 305. 

>) Jung, Op. cit„ S. 205—209. 

3) Jung, Op. cit, S. 388. 

•) Khändogya-Upanishad, III, 13, 3. 

^) Tiele, Babylonisch-aesyrisehe Geschichte, 1886, S. 520. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr. 171 

Ap. (II, 3) lesen wir ferner folgende Beschreib-iing der Herabkunft 
des Heiligen Geistes: „Und man sah an ihnen die Zungen zerteilet, 
als wären sie feurig. Und er setzte sich auf einen jeglichen unter 
ihnen." 

Aus Anlaß der Erwähnung der Zunge in der zuletzt zitierten 
Stelle wird es wohl am Platze sein, einige Worte über diesen Gegenstand 
zu sagen, soweit er zu unserer Vorstellungsgruppe gehört. Symbolisch 
ist die Zunge gleichbedeutend mit dem Schnabel der Taube, denn beide 
sind phallisch zu deuten. Ihre physiologischen Kennzeichen machen 
sie für diese Symbolik besonders geeignet; so der Umstand, daß sie 
ein rotes, gefährliches, spitziges Organ ist, sich selbständig bewegen 
kann, gewöhnlich verborgen ist, aber hervorgestreckt werden kann 
(wie es die Kinder tun, um jemanden zu verhöhnen: Exhi- 
bitionismus aus Trotz) und eine Flüssigkeit (Speichel) ausscheidet, 
die ein gebräuchliches Symbol für den Samen ist. In Böhmen 
trägt ein furchtsamer Mensch die Zunge eines Fuchses^), um 
dadurch kühn zu werden, ein Vorgehen, dessen Sinn ganz klar 
ist. Der englische Ausdruck ,,spit-fire" (wörtlich = Spuckfeuer), 
der auf jemanden angewendet wird, der eine scharfe Zunge be- 
sitzt, ist vielleicht ein Überbleibsel des Glaubens an Drachen (Sym- 
bole für verdrängte Libido), von deren beiden Körperenden Feuer 
ausging. Im Rigveda heißt der Feuergott Agni, „der mit der schönen 
Zunge" ; seine Zunge ist wie die phallischen Zauberwurzeln so mächtig, 
daß sie alle Hindernisse überwinden kann^). Vom Feuer heißt es wie 
von der Zunge, daß es lecke („lingua" und die verwandten Worte stammen 
von dem Sanskrit lih = lecken). Die Vorstellung von der gefährlichen 
Waffe zeigt sich in literarischer Gestalt in der Vision Johannis von 
dem Wesen, über das er schreibt (Apokalypse, XIX, 15): ,,Und aus 
seinem Munde ging ein scharfes Schwert." (Gleichfalls ein beliebtes 
phallisches Symbol.) An einer andern Stelle (Apokalypse, I, 16) 
beschreibt er den Sohn des Menschen mit einem scharfen, zwei- 
schneidigen Schwert, das von seinem Munde ausgeht. Der Heilige 
Geist war nicht das einzige göttHche Wesen, das in Gestalt einer Zunge 
zur Erde herabstieg, denn genau das Gleiche wird von dem ägyptischen 
Gotte Ptah erzählt. 



1) Grohmann, Aberglauben und Gebräuche aus Böhmen und Mähren, 
1864, 8. 54. 

') Hirzel, ,, Gleichnisse und Metaphern im Rigveda." Zeitschrift für 
Völkerpsychologie, Jahrg. XIX, S. 356, 357. 



172 Ernest Jones. 

Auch ist die Zunge nicht ohne Zusammenhang mit der auf das 
ErnährungssyBtem bezüglichen Vorstellungsgruppe. Ist sie doch in dem 
Ernährungskanal gelegen und dient sowohl dazu, Nahrung aufzunehmen 
als auch auszuspucken, was ausgeschieden werden muß (schlechtes 
Essen, Schleim usw.); die Inder gaben ihr den Namen Atri, ,,denn 
mit der Zunge wird gegessen und Atri steht für Atti, das Essen"^). Sie 
steht auch in enger Beziehung zu den oben erwähnten Vorstellimgen 
von den Gasen des Körpers. In vielen Sprachen, z. B. im BngUschen 
und Französischen, wird dasselbe Wort benutzt, um Zunge iind Sprache 
zu bezeichnen, imd die Beziehung zu begeistertem Sprechen und 
Denken zeigt folgende Stelle aus den Acta Ap. (II, 4): ,,Und wurden 
alle voll des Heiügen Geistes und fingen an zu predigen mit anderen 
Zungen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen." Die Assoziation 
zwischen Zunge — Sexualität — • Sprache tritt deutlich in einigen 
Fällen von Nachtmar-Aberglauben hervor, die von Laistner^) ge- 
sammelt wurden; dazu will ich einen aus Böhmen hinzufügen*), daß 
nämlich die Zunge einer männlichen Schlange, wenn man sie dem 
Tiere in der St. G«orgsnacht ausschneidet, jemandem, dem man sie 
unter die Zimge legt, die Gabe der Beredsamkeit verleiht*). Man sieht 
also, daß die Zimge Beziehungen zu den Begriffen Feuer, Sprache, 
Sexualität und Gottheit hat, eine Tatsache, die wir später näher er- 
örtern wollen, wenn wir die Verbindung des aussendenden Organs mit 
den Gasen besprechen. 

6. Geruch. 

Diese Eigenschaft unterscheidet sich von den bisherigen dadurch, 
daß sie bei den Gasen des Darmes viel stärker hervortritt als beim 
Atem; sie ist daher um so wichtiger für unseren Vorsatz, die EoUe 
der ersteren darzulegen. Die wichtige Beziehung des Geruchsinnes 
zur Koprophilie ist den Ophresiologen ebenso wie den Psychoanalytikern 
wohlbekannt und man hat klar nachgewiesen, daß die Vorhebe für 
angenehme Gerüche und Aromatika ein ins Bewußtsein eingetretener 
Ersatz derjenigen ist, die Kinder oder primitive Völker für den Geruch 



^) Brihadäranyaka-Üpanishad., II, 2, 4. 

«) Laistner, Das Rätsel der Sphinx. 1889, Bd. I, S. 41, 42. 

*) Grohmann, Op. cit., S. 81. 

•) Eine ähnliche Erklärimg muß auch für den wohlbekannten irischen 
Glauben gelten, daß jedem Beredsamkeit zuteil wird, der den fast unzugänglichen 
Blamey- Stein küßt. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr. 173 

der Exkremente liegen. Aus diesen beiden Gründen ist der Schluß 
berechtigt, daß die Vorstellungen, bei deren Bildung der Geruchsinn 
eine Rolle gespielt hat, nähere Beziehung zum Phänomen der Darmgase 
haben als zu dem der Respiration^). Auch wenn der Geruch des Atems 
eine Kelle spielt, ist er sicherlich erst sekundär für den andern ein- 
getreten; bei der Psychoanalyse von Patienten, die einen besonderen 
Widerwillen gegen den Geruch des Atems haben, stellte es sich jedesmal 
heraus, daß der Ursprung in der Verdrängung einer ausgesprochenen 
Analerotik zu suchen war. Dieselbe Assoziation tritt oft in volks- 
tümlichen Redensarten und Aberglauben zutage; ,, anhauchen" war 
in Sparta eine Bezeichnung für den Akt de'" Päderastie^) und in Rom 
glaubte man, daß die Päderasten einen üblen Geruch aus dem Munde 
hätten*). 

Wir wollen mit der Rolle beginnen, die der Geruchsinn bei den 
philosophischen Ideen spielte. Heidel*) schreibt: ,,Aromatika. die die 
Fähigkeit besitzen, fortwährend Ströme von Effluvien auszusenden, 
ohne sich dabei sichtlich zu verringern, waren für das griechische 
Denken von großer Wichtigkeit, obwohl dies bisher allgemein über- 
sehen wurde." Dies gibt z. B. den Schlüssel für den sonderbaren Wider- 
spruch, daß, obgleich man doch durch Verdampfung oder Destillation 
chemisch reines Wasser erhält, die Griechen nichtsdestoweniger 
glaubten, durch diesen Prozeß gingen verschiedene nährende Sub- 
stanzen vom Wasser in das innere Feuer und Pneuma über; sie scheinen 
nämlich das Wasser nicht als reines Element im modernen chemischen 
Sinn angesehen zu haben, sondern als Flüssigkeit, die alle möglichen 
Substanzen in sich enthält*). Dieser letztere Glauben geht offenbar 
ins Kindesalter zurück und bezieht sich ursprünglich auf den Urin, 
dessen Vorstellung als Flüssigkeit, die etwas Festes in sich enthält, 
für so viele Gedankenketten fruchtbar war*). Die Lösung des Wider- 



^) Man könnte vermuten, daß das Alter dieser begrabenen Assoziation einer 
der Gründe für die rätselhafte Macht von Gerüchen über die Affekte, besonders 
beim Wiederaufleben vergessener Erlebnisse (als Deckerinnerungen) ist; die 
Schriftstellerin Marlitt sagt ganz richtig in ihrer Novelle ,,Das Eulenhaus": 
,, Nichts in der Welt macht Vergangenes so lebendig wie der Geruch." 

ä) Fehrle, Die kultische Keuschheit im Altertum, 1910, S. 86. 

') Martial, Epigrammata, Lib. XII, 86. 

*) Heidel, Op. cit., S. 125. 

') Siehe Heidel, Op. cit., S. 142, 143. 

') Siehe den zweiten Teil meines schon erwähnten Aufsatzes, Imago, 
Jahrg. I, Heft 5. 

1 2 * 



174 Ernest Jones, 

Spruches gibt die Beobachtung, daß beim Verdampfen einer Flüssigkeit 
die flüchtigsten Teile, die nicht notwendig reiner Wasserdampf sein 
müssen, emporgetragen werden, während die schwereren, gröberen 
Teile sich davon trennen und zurückbleiben. Der ganze Prozeß also, 
der für die individuelle und kosmische Pneumalehre von grundlegender 
Wichtigkeit war, wurde als Verdampfung und Übergang der flüchtigen, 
die Quintessenz enthaltenden Elemente angesehen, die nur für den 
Geruchsinn bemerkbar waren. So wurde zwischen diesem Sinn und 
der Vorstellung eines essentiellen Bestandteiles die engste Assoziation 
gebildet, die sich auch heute noch in dem Gebrauche des englischen 
Wortes ,,essential" findet. (Vgl. ,,an essential eil" ,,an essential idea".) 

Die Wichtigkeit des Geruches läßt sich auch noch direkter nach- 
weisen. Man denke nur an die große Rolle, die der Weihrauch in so 
vielen Religionen spielte; und man weiß ja, daß dieser für den früheren 
,, süßen Geschmack" verbrannter Opfergaben eintrat. (Geschmack und 
Geruch wurden erst auf einer späten Kulturstufe auseinandergehalten ; 
die Griechen z. B. bezeichneten eine Zeitlang beide mit demselben 
Worte ^dovi^.) Der Geruch des Opfers galt immer als angenehm für 
die Götter. Der von Herodot beschriebene Jungbrunnen in Äthiopien 
war aromatisch und so ätherisch, daß man ihn fast mit einem Dampfbad 
vergleichen konnte ; auch die Ambrosia, von der sich die Götter nährten, 
hatte einen wimderbaren Duft. Von den Aromatika glaubte man 
allgemein in Griechenland, daß sie „Enthusiasmus" oder Besessenheit 
durch die Götter herbeiführen^) ; überhaupt wurde jede Art von In- 
spiration damit in Zusammenhang gebracht. Die Pjthia z. B., die 
Priesterin Apollos, schrieb ihre Inspiration teilweise dem Gerüche des 
heiligen Lorbeers zu und teilweise den Dämpfen, die unter ihrem 
Dreifuß hervorkamen«). Frazer^) zitiert Gebräuche zur Herbeiführung 
der Inspiration mit Hilfe von Gerüchen aus Bali, Indien, Madura, 
Uganda usw. In Griechenland waren die Speisen, die man beim Hoch- 
zeitsfeste und bei den heiligen Mahlzeiten der Mysterien zu sich nahm, 
alle sehr scharf oder aromatisch; und dasselbe war bei den Pflanzen 
der Fall, die man bei den Begräbnissen unter die Toten legte. 

Nach dem homöopathischen Prinzip ,, Gleiches gegen Gleiches" 
fanden stark riechende Substanzen ausgedehnte Verwendung, um 

1) Rohde, Op. cit., Bd. II, S. 60 u. ff. 

•) Bethe, ,,Die dorische Knabenliebe". Rheinisches Museum, Bd. LXII, 
S. 438—476. 

') Frazer, The Magic Art. 1911, Bd. I, S. 379, 383, 384, 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr. 175 

unangenehmen oder gefährlichen Einflüssen entgegenzuwirken. In 
Griechenland waren nach HeideU) „Exhalationen und Effluvien ver- 
schiedener Art die hauptsächlichsten Abwehr- und Reinigungsmittel 
bei den verschiedensten Anlässen". Hitze und Kälte dachte man sich 
ihrem Wesen nach als Effluvien und es ist daher kein Wunder, daß 
das Feuer das Reinigungs- und Abwehrmittel par excellence war, 
da es die deutlichsten Ausstrahlimgen besitzt; daß diese bei der Wirk- 
samkeit in Betracht gezogen wurden, bezeugt Piatons Bemerkung: 
,,Die Dämonen lieben den Rauch der Fackeb nicht''^). Fast alle 
der Medizin der Griechen bekannten kathartischen Heilpflanzen be- 
saßen einen starken Geruch, sei es widerwärtig oder aromatisch ; Weine 
waren diure tisch, diachoretisch oder obstipierend, je nachdem, ob sie 
aromatisch waren oder nicht. Das Olivenöl verdankte seine Anwendung 
als tägliche Salbe und bei Begräbnissen zweifellos teilweise seinen 
aromatischen Eigenschaften; daher sein Gebrauch oder der von Wein 
beim ersten Bad des neugeborenen Kindes und weiterhin bei der 
christlichen Taufe. Wir dürfen auch die ausgedehnte Verwendung 
der Räucherung von selten der griechischen Ärzte nicht übersehen, 
so die innere Räucherung von Frauen nach der Geburt imd als Emme- 
nagogue^). Aber wir brauchen, um solche Beispiele zu finden, nicht 
nach dem alten Griechenland zu gehen. Die Verwendung von Öl zur 
Taufe und das Schwingen von Weihrauchfässern ist in der ganzen 
katholischen Kirche verbreitet, an die räuchernde Kraft des Schwefels, 
auf die Homer anspielt, glaubt jede Hausfrau demütig, obgleich es 
ganz klar ist, daß sie nicht existiert, niemand schenkt einer Medizin 
Zutrauen, die keinen Geruch besitzt, und die Bakteriologen konnten 
es nur mit der größten Mühe den Chirurgen ausreden, die Wirkung 
eines Desinfektionsmittels nach seinem Gerüche zu schätzen. 

Wir sehen also, daß der Begriff Geruch mit Hitze, Feuer, Dampf 
und Sprache (Inspiration) verwoben war, daß eine gasförmige Substanz 
mit starkem Gerüche als förderUch für die Fruchtbarkeit der Frauen, 
Herden und der Erde (siehe S. 164), als angenehm für die Götter und 
als Abwehrmittel gegen böse Geister und Krankheit galt. Ich möchte 



1) Heidel, Op. cit., S. 126. 

') Viele Beispiele für die Abwehr böser Einflüsse, besonders von Hexen, 
durch Weihrauch, faulige Gerüche, Rauch, Räucherung usw., gibt Frazer: The 
Magic Art., Bd. II, The Scapegoat und Balder the BeautifuI, Bd. I und II. Der 
ursprüngliche Sinn dieser Prozedur wxirde von Luther erraten. (Siehe S. 150.) 

') Diese drei Sätze stammen aus Heidel, Op. oit., S. 127. 



176 Ernrst Jones. 

behaupten, daß diese beständige Überschätzung in Folklore und früher 
Philosophie in hohem Maße dem Umstände zuzuschreiben ist, daß 
der Geruch eine hervorragende Eigenschaft des abwärts gehenden 
Gases ist, das im primitiven Denken eine so große Wichtigkeit besitzt. 

7. Zasammenfassung. 

Wir wollen nun unsere Schlußfolgerungen über die Atemsymbolik 
kurz zusammenfassen. Ausgehend von der Erwägung, daß der Atem 
offenbar im menschlichen Gedankenleben eine Rolle spielt, die der ihm 
von Natur anhaftenden psychischen Bedeutung nicht entspricht, 
haben wir geschlossen, daß ein großer Teil seiner Wichtigkeit von einer 
ursprünglicheren Vorstellung auf ihn übergeleitet worden sein muß. 
Beim einzelnen Menschen fanden wir durch die Psychoanalyse, daß 
respiratorische Prozesse eine Neigung haben, nach dem Muster der 
Emährungsprozesse erklärt zu werden, zu denen sie ja phylogenetisch 
ihrem Ursprünge nach gehören und die in Anbetracht der Sexuali- 
sierung der entsprechenden Gefühle im Leben des einzelnen von grund- 
legender und dauernder psychischer Bedeutung sind. Diese Schluß- 
folgerung wird im weitesten Umfang bestätigt durch eine Unter- 
suchung der Vorstellungen, die sich an den Atem angeschlossen haben ; 
um dies zu illustrieren, wurde das Material gewählt, das die griechische 
und indische Philosophie bot, der leichten Zugänglichkeit und der 
hervorragenden Stellung wegen, die unsere Vorstellung dort einnimmt. 
Wir haben gefunden, daß, ebenso wie beim Kinde, die Vorstellung der 
Respiration gegenüber der der Ernährung sekundär ist; ferner daß der 
Atem viel von seiner Wichtigkeit und Interesse dadurch gewinnt, daß man 
ihn als etwas betrachtete, das die Nahrung hinunterschlingt, weiter- 
treibt, verteilt oder ausstößt, sich außerdem aufs engste mit ihr bei 
der Verdauung zu einer Art Dampf mischt, dem innern Pneuma, 
welches der Träger der Nahrung zu ihrem System, der Leiter der Im- 
pulse der Empfindungs- und Bewegungsnerven, der Erzeuger der 
Fruchtbarkeit, des Denkens, Verstandes und der Seele wird; dieses, 
aus der Zersetzimg im Darme hervorgegangene innere Pneuma, an 
dessen Entstehung der eingeatmeten Luft bisweilen, aber nicht immer, 
ein Anteil zugeschrieben wird, ist der wahre ,, Hauch", der für diese 
sekundären Vorstellungen verantwortlich ist. 

In den Ideen, die sich historisch auf dem Atem aufbauten, er- 
kennen wir dieselben wieder, die im Unbewußten symbolisch die Gase 
des Darmes darstellen, Wind, Feuer, Sprache, Musik, Denken, 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr. 177 

Seele usw. Die symbolisch dargestellte Vorstellung scheint sich be- 
sonders leicht den feinsten Arten der Sublimierung darzubieten, eine 
Eigenschaft, die sich psychologisch aus der Intensität der Verdrängung, 
der sie unterworfen wurde, erklären läßt. Auf zwei Beispiele möge 
man besonders die Aufmerksamkeit lenken: auf die Rolle, die Weih- 
rauch und Musik, besonders Gesang in der Religion spielen, imd auf 
die vorwaltende Auffassung von der Seele. Besonders letztere ist 
überraschend und man kann die verschiedenen Stadien ihres Wachs- 
tums im griechischen Denken deutlich verfolgen. Beginnend bei dem 
nährenden Wasser, der Quelle aller Dinge, sehen wir, wie die roheren Be- 
standteile sich niederschlagen und beiseite treten, während die feineren 
Elemente, die Essenz der Essenzen, sich zu einem Dampf (Pneuma) 
destillieren; dieser wird zu seiner Zeit von aller noch anhaftenden 
Schwere befreit und verdünnt zu einem luftartigen Medium, ätherisch 
und geistig, unfaßbar, unsichtbar und undefinierbar, der Psyche; so 
groß ist die Macht, die dem magischen Laboratorium, dem Ver- 
dauungstrakt, zugeschrieben wurde. Diese außerordentliche Fähigkeit 
zur Sublimierung ist wahrscheinlich der Grund, weshalb die der 
primitiven Hauchseele entstammende Seelenvorstellung die von der 
Schattenseele stammmende endgültig verdrängte ; sie ist nämlich besser 
geeignet zum Ausdrucke der erhabensten Ideen der Reinheit und 
Geistigkeit. Ce sont les extremes qui se touchent. 

Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Sublimierimg des ursprüng- 
lichen Interesses in ihrem historischen Verlauf stufenweise vor sich 
ging, wie es beim Individuum der Fall ist, und man könnte die 
folgende Beschreibung dieser Stufen wagen. Notwendigerweise kann 
ein solcher Versuch nur schematisch sein, denn man darf nicht an- 
nehmen, daß die Entwicklung bei allen Individuen oder allen Völkern 
in derselben Reihenfolge vor sich geht. Irgend ein durch Sublimierung 
entstandenes Interesse kann daher eine der beschriebenen Stufen nach 
einer Seite darstellen, aber vielleicht nicht nach allen. Wir haben nun 
also anfangs Glauben und Anteil an äußeren Phänomenen, die auf 
rohe Weise den ursprünglichen, persönlichen ähneln, so den Glauben, 
daß heiße, übelriechende Dämpfe, die aus den ,, Eingeweiden" der 
Erde hervorbrechen, zu erhöhter Fruchtbarkeit führen. Das erste 
Stadium der Sublimierung bestand zweifellos in der Ersetzung un- 
angenehmer Gerüche durch angenehme; es ist das Stadium der Aro- 
matika, der Ambrosia imd des Weihrauchs. Das zweite Stadium 
entstand dadurch, daß das Element des Geruches vollständig eliminiert 

Jahrbach der PsychoanalyBe. VI. 12 



178 Einest Jones. 

wurde. Da wandte sich das Interesse solchen "Vorstellungen zu, bei denen 
Töne eine Rolle spielten, entweder in Form von Lärm (Schrei, lärmende 
Instrumente, ,, Brummer", Donner) oder von Musik; auch die Sprache 
und das gesprochene ,,Wort" gehören hierher. Das dritte Stadium 
sah die Entfernung des Schalles, die Entwicklung der Pneumalehre, 
der Verdampfungstheorien und der Anschauung von der kosmischen 
Respiration. Im vierten Stadium verschwindet die Feuchtigkeit 
und das Interesse konzentriert sich auf die Wichtigkeit von Hitze 
und Feuer sowohl bei den Prozessen im Kosmos als bei denen im 
Individuum (Respiration und Verdauung, Verfeinerung der Pneuma- 
doktrin). Im fünften Stadium ist auch dies verschwimden und 
zurückgeblieben sind „der Hauch Gottes", die Winde, die äußere 
Luft usw. Das sechste und Endstadium findet auch dieses 
Hervorheben der blasönden Bewegung allzu unerträglich, da es, wie 
dunkel auch immer, an die ursprüngliche Vorstellung erinnert. Der 
Komplex ist jetzt „gereinigt von aller irdischen Schwere" und im- 
stande, so erhabene Gedanken wie die von der „vernünftigen Seele", 
dem Weltäther und dem Weltbewußtsein auszudrücken. Fünf von 
den sechs ursprünglichen Attributen (Geruch, Geräusch, Feuchtigkeit, 
Wärme und Bewegtheit) sind eliminiert worden und nach diesen Pro- 
zessen ist nur die abstrakte Vorstellung eines Fluidums geblieben, 
das imsichtbar, unfaßbar, unhörbar und geruchlos, d. h. für keinen 
Sinn wahrnehmbar und zugänglich ist. Doch sieht man, daß die 
Sublimierung nur in bestimmten Fällen bis zu ihrem logischen 
äußersten Ende durchgeführt wurde und daß alle Attribute noch heute, 
fast so wie in der Vergangenheit, den verschiedensten Ausdruck finden. 
Man muß immer im Auge behalten, daß viel von der unserem 
Gegenstande beigelegten Wichtigkeit nicht physiologischer oder philo- 
sophischer Spekulation entspringt, sondern den sexuellen Interessen 
und Sensationen des infantilen Lebens. Für die kleinen Kinder und 
im Unbewußten auch für die Erwachsenen sind die Gase des Darmes vor 
allem eine sexuelle Materie, das symbolische Äquivalent für Urin und 
später für den Samen. Daß sie auch in ihren bewußten Äußerungen 
immer noch einiges von ihrer ursprünglichen Bedeutung zurück- 
behalten haben, zeigen die oben erwähnten zahlreichen Fälle von 
Aberglauben, in denen die sekundär vom Atem abgeleiteten Vorstel- 
stellungen, wie Wind, Sprache, Feuer usw. als Fruchtbarkeitsprinzipien 
behandelt werden und die Fähigkeit zugeschrieben bekommen, im 
buchstäblichen Sinn zur Empfängnis zu führen. 



Die Empfäng-nis der Jungfrau Maria durch das Ohr. 179 

Zwei Antworten gibt es auf die zu Beginn dieses Kapitels ge- 
stellte Frage, weshalb der Atem Gottes erwählt wurde, um bei der 
Legende von der Jungfrau Maria die befruchtende Materie darzustellen. 
Die eine heben wir bis zur Betrachtung einiger anderer Züge der Legende 
auf. Die andere ist gegeben durch unsere Analyse der infantilen Quelle 
des Materials, die erwies, daß es sich um eine Ausscheidung handelt, 
die sich besser als jede andere zur Entsinnlichung eignet. Doch 
haben wir noch ein anderes, ebenso wichtiges Motiv und seine zugrunde- 
liegende Bedeutung zu erörtern. 

IV. Die Taube und die Verkündigung. 

Auf den ersten Blick könnte es scheinen, daß in unserer Legende 
die beiden Gestalten der heiligen Taube und des Erzengels Gabriel 
in doppelter Gestalt eine und dieselbe Idee verkörpern, denn sie sind 
beide göttliche Boten, die in das Ohr der Gottesmutter hauchen, der 
eine den Atem, der andere das Wort; ferner haben sie noch eine Eigen- 
schaft gemeinsam, sie sind beide beschwingte Wesen. Es kann kein 
Zweifel daran bestehen, daß ihre Bedeutungen ziemlich stark in ein- 
andergreifen, aber nähere Überlegung zeigt, daß diese Doublette, wie 
vielleicht alle symbolische Verdoppelung, eine Art der mythologischen 
,, Zerlegung" bildet. Mit anderen Worten, die beiden Gestalten stellen 
von der Hauptperson abgespaltene Eigenschaften dar, die nahe mit- 
einander verwandt, aber nicht ganz identisch sind. 

Es ist klar, daß die Gestalt eines Boten überhaupt stets auf diesem 
psychologischen Prozeß beruht, der, genau genommen, eine Art von 
Projektion ist. Ein Bote repräsentiert eine oder mehrere Seiten der 
Hauptperson; z. B. die Gedanken des Königs über einen bestimmten 
Punkt. Psychologisch könnte er ein Teil des Königs genannt werden, 
da er seine Wünsche ebenso ausführt wie des Königs Hand. Anders 
ausgedrückt, er symbolisiert den König, indem er die eine oder andere 
seiner Eigenschaften verkörpert. Ursprünglich, und das wird aufs 
beste illustriert durch die Geschichten von den Engeln und von Satan 
im Alten Testament, war ein Bote vielmehr derjenige, der die Wünsche 
des Königs ausführte, als der bloß Nachrichten überbrachte. In Zeit- 
altern, die dem Eealitätsprinzip weniger Aufmerksamkeit schenkten, 
wurde das auch offenbar so aufgefaßt, denn man betrachtete den 
Boten als vollkommen verantwortlich für die Nachrichten, die er 
brachte, und tötete ihn, wenn sie schlecht waren. Auch heute noch 

12* 



loO Erneat Jones. 

finden sich Anzeichen dieses Verhaltens in der besonderen Ehrfurcht 
vor Gresandten und anderen beglaubigten Vertretern eines Staates. 

Dieselbe primitive Auffassung tritt auch in unserer Legende 
zutage, denn die Verkündigung trifft zeitlich genau mit der Empfängnis 
zusammen ; ja, mehr noch, man könnte sagen, daß sie sie in gewissem 
Sinne tatsächlich bewirkt. Und hier können wir auch den Unterschied 
in den Rollen des Engels imd der Taube sehen. Während nämhch in 
älteren Mythologien, z. B. in der griechischen, das höchste Wesen, 
wenn es sich mit einer Sterblichen vereinigen will, ihr nur in der sym- 
bolischen Gestalt eines befruchtenden Boten erscheint, einer Schlange, 
eines Schwanes oder sonst irgend eines phallischen Symbols, begnügt 
es sich im christlichen Mythus nicht damit, sondern erscheint überdies 
noch in der Gestalt eines Mannes. Der Erzengel Gabriel verkörpert 
also das göttliche Wesen in menschUcher Gestalt oder genauer gesagt, 
diejenige Seite, die eine menschhche Handlung durchführen will; 
dieser Wunsch, die Ursache der Handlung, ist identisch mit der 
Verkündigung, und [da die Wünsche Gottes so wie die eines Zwangs- 
neurotikers allmächtig sind, dürfen wir uns nicht wundem, daß wir auf 
den ersten Blick nur schwer die Rollen des Wimschsymbols (des Engels) 
und des Boten, der den Wimsch ausführen soll (der Taube), ausein- 
anderhalten können. Die wahre Bedeutung Gabriels enthüllt ims der 
heihge Jephrem^) in seiner Naivität. „Der Erzengel Gabriel wurde 
in Gestalt eines ehrwürdigen alten Mannes gesandt, damit eine so 
keusche und sittsame Jungfrau nicht durch eine jugendliche .Er- 
scheinung beunruhigt oder von Furcht ergriffen werde." 

Bei der Verkündigung hält der Erzengel Gabriel in seiner rechten 
Hand eine Blume, gewöhnlich eine Lilie. Blumen waren stets Attri- 
bute der Frauen, besonders ihrer Sexualsphäre, wie der Gebrauch 
des Wortes „Defloration" und viele Stellen im Hohen Liede anzeigen. 
Eine Blume symbolisiert ein Kind (im Unbewußten ein Äquivalent für 
das weibliche Genital); die Assoziation wird gebildet durch die an- 
genommene Unschuld und Greschlechtslosigkeit beider — die in dem einen 
Fall ebenso fiktiv wie in dem andern ist — und durch den Ursprung 
der Blumen aus der Mutter Erde durch Begießen und Anbauen*). 



*) St. Jephrem, De Divers. Senn., I, 600. 

') Die koprophile Assoziation, die hier angedeutet ist, wird verstärkt 
durch die Tatsache, daß ein anziehender Geruch eine der auffallendsten Eigen- 
schaften der Blumen ist. 



Die Empfängnia der Jungfrau Maria durch das Ohr, 181 

Die Blume stellt also hier das Kind^) vor, das der göttliche Gesandte 
der Jungfrau Maria verspricht und darbietet oder richtiger, gibt. 

Die Lilie galt als ein spezielles Attribut Marias, da sie sowohl ihre 
Mutterschaft als auch ihre Unschuld symbolisierte, und hatte bis zum 
14. Jahrhundert bei der Darstellung der Verkündigung den Platz 
immer an ihrer Seite; später wurde sie entweder, wie in dem hier bei- 
gegebenen Bilde, zwischen die Jungfrau Maria und Gabriel gestellt 
oder in des letzteren Hand gelegt. Beide Seiten der Symbolik kommen 
in folgender Beschreibung zum Ausdrucke^): ,, Maria ist die Lilie der 
Keuschheit, aber sie glüht in Flammen der Liebe, um süßesten Duft 
und Gnade rings um sich auszustreuen." Ein wundervoller Duft war 
eines der hervortretenden physischen Kennzeichen der Gottesmutter 
und wird von den Kirchenvätern immer wieder erwähnt. So nennt 
Chrysostomussie ,,das Paradies, das erfüllt ist mit dem göttUchsten 
Duft^)". Die Lilie hat im Altertum eine lange Geschichte und wurde 
immer speziell mit der Unschuld assoziiert. Ihr Name stammt vom 
griechischen hiqiov (»einfach). Die Römer nannten sie die Rose 
Junos, denn man meinte, sie sei aus der reinen Milch der Himmels- 
königin entstanden. Man brachte sie in Beziehung zur keuschen 
Susanna, da der hebräische Name der Lilie „shusham" ist. (In anderen 
semitischen Sprachen lautet er ,,susanna"; in Persien, woher die Lilie 
gekommen sein soll, war die alte Hauptstadt Susa nach ihr genannt.*) 
Sie war ein Lieblingsattribut der jugendlichen Aphrodite. Auch zur 
Seele steht sie in enger Beziehung. Die Griechen, besonders die Athener, 
streuten Lilien auf die Gräber ihrer Toten. Die Ägypter glaubten, 
daß die Hülle des Geistes sich im Himmel zur himmlischen Lilie um- 
wandle, die der Gott Ra an seine Nase hielt^). 

Wenden wir nun unsere Aufmerksamkeit der zweiten Gestalt zu, 
der heiligen Taube, so haben wir zwei Fragen zu beantworten: "Warum 
wurde der Heilige Geist in Gestalt eines Vogels dargestellt und warum 
gerade als Taube? Bis jetzt haben wir den Heiligen Geist als Sym- 
bolisierung des befruchtenden Lebensprinzips angesehen, aber aus dem 



*) Eine genaue Illustration zu dieser Assoziation habe ich — auch hier 
ist es gerade eine Lilie — im Jahrbuch, Bd. V, Fall 3, gegeben. 

«) Petr. Dam, De Nat. Beat. Virg. 3. 

^) Chrysostomus, De Beatae Mariae Virg., 7. 

*) Siehe Strauß, Die Blumen in Sage und Geschichte, 1875, S. 78—80. 

^) Wallis Budge. Osiris and the Egyptian Resurection. 1911, Vol. I, 
pag. 111. 



Iö2 Emeat Jones. 

vorhin Gesagten ergibt sich, daß er ebensogut dessen dem Willen 
des Vaters gehorsamen Überbringer bedeutet. 

Vögel waren immer beliebt zur Darstellung von Kinderbringern 
und werden in der bekannten StorchfabeU) noch jetzt zu diesem Zwecke 
verwendet; geflügelte Phallen sind vielleicht die gebräuchlichsten 
Amulette der Körner. Die Möglichkeit dieser Assoziationsbildung 
wird uns sogleich klar, wenn wir die auffälligsten Charakteristika 
der Vögel betrachten; das wollen wir nun der Keihe nach tun. 

l. Flugyermögen. 

Sicherlich ist das Kennzeichen der Vögel, das den größten Ein- 
druck auf die menschliche Einbildungskraft machte, ihre besondere 
Fähigkeit, sich nach Gefallen rasch in die Luft zu erheben; wie fas- 
zinierend diese Idee wirkt, kann man an der Anziehungskraft ermessen, 
die die Aviatik ausübt. Die Psychoanalyse hat nun die diesem Interesse 
zugrunde liegende Ursache enthüllt und gefunden, daß das Empor- 
steigen in die Luft stets, wenn auch unbewußt, mit der Erektion 
assoziiert wird*). Dieses Kennzeichen allein würde also die Vögel wohl 
geeignet machen, als phallische Symbole zu dienen. 

Mehrere religiöse Gleichnisse beruhen, wenigstens zum Teil, 
auf dieser Assoziation. So wurde der nach aufwärts gerichtete Flug 
des Vogels dazu verwendet, die Sehnsucht der sich erhebenden Seele 
zu verkörpern, und in den Katakomben werden solche von der Sünde 
befreite Seelen als Vögel dargestellt, die aus ihrem Käfig entrinnen 
und aufwärts fliegen. So kam es auch, daß der Flug eines Vogels die 
Auferstehung, d. h. Wiedergeburt, symbolisierte. Tertullian scheint 
als erster auf die Ähnlichkeit zwischen einem fliegenden Vogel mit 
ausgestreckten Flügeln und dem ans Kreuz geschlagenen Heiland 
hingewiesen zu haben; später machte man von diesem Gleichnisse in 
der religiösen Kunst reichlichen Gebrauch; in den meisten Bildern 
z. B., die den heiligen Franziskus darstellen, wie er seine Stigmata 
empfängt, wird der herabsteigende Heiland in Kreuzesform als Vogel 
mit menschlichem Haupte abgebildet. 

2. Abwesenlieit äußerlich sichtbarer Genitalien. 

Dies berührt den Knaben nach seiner Erfahrung bei anderen 
Tieren und bei sich selbst als etwas Sonderbares imd veranlaßt eine 



^) Eine genaue Analyse von ihr gab Otto Rank, Die Lohengrinsage, 1911. 
*) Dies wurde zuerst von Federn nachgewiesen. (Zitiert von Freud, 
Die Traumdeutung, 3. Auflage, S. 204.) 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr. 



183 



Gegensatzassoziation; ebenso sind ja auch Blumen, denen nach popu- 
lärem Glauben die Genitalien fehlen, eines der gebräuchlichsten 
Liebessymbole. Diese Beobachtung, deren Wichtigkeit später noch 
erörtert werden soll, regt Phantasien an, die sie erklären und mit 
den früher erörterten infantilen Phantasien verketten sollen; durch 
die Analyse solcher Phantasieprodukte werden wir instandgesetzt, 
helles Licht auf die Frage zu werfen, weshalb ein Vogel zur Darstellung 
des Heiligen Geistes verwendet wurde. 

3. Kopfform. 

Der Hals der Vögel, der denen der P^eptilien ähnelt und schlangen- 
artig in den Kopf übergeht; der spitze, pfeilartige Schnabel und seine 
Fähigkeit, sich plötzlich vorzustrecken, das alles sind Züge, die un- 
vermeidHch an eine Schlange erinnern und erklären, weshalb dieser 
Teil des Vogels so leicht unter dem Bilde eines phallischen Symbols 
angesehen wird, 

4. Fähigkeit des Gesanges. 

Dieses auffallende Charakteristikum, einzig dastehend im ganzen 
Königreich der Tiere, steht in so offensichtUchem Zusammenhange 
mit der Liebeswerbung, daß es zu der Keihe von symbolischen Äqui- 
valenten zu stellen ist, die wir im vorigen Kapitel erörterten. Ich möchte 
auch den Gedanken an den „Donnervogel" erwähnen, der unter den 
Indianern Nordamerikas^) verbreitet ist. 

5. Beziehung zur Luft. 

Es ist nur natürlich, daß die Vorstellung der Luft eine hervor- 
ragende Rolle in den Vögel betreffenden Phantasien spielt, da diese 
Tiere eine so vollkommene Herrschaft über dieses Element besitzen, und 
ebenso natürlich ist der wichtige Anteil der Vögel an aller auf die Luft 
bezüglichen Symbohk; in der Tat, das Fehlen eines Vogels bei einer 
solchen Symbolik würde eher einer Erklärung bedürfen als seine An- 
wesenheit. In den früher erwähnten Beispielen des Glaubens an eine 
Befruchtung von Tieren durch den Wind handelte es sich bedeut- 
samerweise fast immer um Vögel. Die Vorstellung von einer Be- 



1) Siehe Eels, Annual Report of the Smithsonian Institute for 1887, 
S. 674, und Boas, Sixth Report on the North- Western Tribes of Canada, 
1890, S. 40. 



^°^ Ernest Jones, 



fruchtung durch eine luftförmige Substanz scheint sich also leicht mit 
Vögeln assoziieren zu lassen. Von dieser Verknüpfung haben ver- 
schiedene Kosmogonien Gebrauch gemacht. So beschreiben die Polynesier 
den Himmel und Luftgott Tangaroa als Vogel, der über den Wassern 
schwebti). und Cheyne vermutet^), daß dies der ursprüngliche Sinn 
der Stelle im Alten Testament sei, wo vom Blohim die Rede ist, der 
über den Wassern brütet. 

Nach dem, was über die letzten Kennzeichen (3 und 4) gesagt 
warde. wird es verständlich sein, daß sie mit unserem Thema in Ver- 
bmdung kamen, mit anderen Worten, daß Haupt, Hais und Schnabel als 
phänisches Organ betrachtet wurden, das die befruchtende, gasförmige 
Substanz ausstößt. Dies ist eine natürlichere Vorstellung, als es auf 
den ersten Blick scheinen könnte, denn, gleichgültig, welches die Natur 
dieser befruchtenden Substanz sein mag, das Typische ist, daß das 
männliche Organ sie ausstößt. Ich bin bei meinen Psychoanalysen 
mehrere Male auf diese Vorstellung gestoßen, die sich daraus erklärt, 
daß der Knabe das männliche Organ als Fortsetzung des Rektums 
oder seines Inhaltes ansieht. Wahrscheinlich erklärt dieselbe Assozi- 
ation auch die Vorliebe so vieler Knaben für Pfeifen, in die man bläst, 
und Trompeten (Schall gehört natürlich auch in die Assoziation) und 
ebenso die Verwendung von Trompeten, auf die ich oben hingewiesen 
habe, zur Auferweckung der Toten, d. h. um ihnen Leben einzuflößen. 
Lärm, besonders in Gestalt von Trompetenblasen spielt oft eine wichtige 
Rolle bei Einweihungszeremonien; doch darüber soll später gesprochen 
werden. Dieselbe Assoziation tritt auch in der erotischen Kunst zutage, 
wofür ich zwei Beispiele erwähnen mll: in einem „Joujou" benannten 
Gemälde von Felicien Rops») bläst eine Nymphe mit Satvrbeinen 
und einer phrygischen Kappe Planeten gleich Seifenblasen, indem 
sie einen Phallus wie eine Trompete an den Mund hält; in einem andern, 
das in „L'art de peter"*) veröffentHcht wurde, ist ein Kupido abge- 
bildet, der Seifenblasen bläst mit Hilfe eines Rohres am Munde und 
gleichzeitig mit dem Anus. Die Legende von Athene, die aus ihres 
Vaters Haupt, als Erzeugnis seiner „Gedanken" geboren wurde, muß 
auf dieselbe Weise erklärt werden. Ich möchte auch vermuten, daß 

*) Waitz, Anthropologie der Naturvölker, 1872, Bd. VI, S. 241. 
') Cheyne. Enoycloped. Brit., Bd. VI, S. 447. 
') Das erotische Werk des Felicien Rops, 1905, Nr. 13. 
*) Reproduziert in Sterns Illustrierte Geschichte der erotischen Literatur. 
1908, Bd. I, S. 240. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr. 185 

diese Assoziation^) einen Zug in unserer Madonnalegende bestimmt 
hat, nämlich den Glauben, daß der befruchtende Atem Gottes vom 
Munde der heiligen Taube ausging. Zur Stütze mögen die Tatsachen 
angeführt werden, daß das Einhorn (eine rein phallische Konzeption) 
ein anerkanntes Symbol des christlichen Logos, d. h. schöpferischen 
Wortes von Gott war, und daß man sich tatsächlich vorstellte, der 
Übergang von Gottes Atem in die Jungfrau Maria fand durch eine 
Röhre statt; Über einem Portal der Marienkirche in Würzburg findet 
sich eine Reliefdarstellung der Verkündigung, auf der der himm- 
lische Vater durch eine Röhre bläst, die sich von seinen Lippen bis 
zum Ohr der Maria erstreckt und durch die das Jesuskind herabsteigt^). 
Es ist wirklich bemerkenswert, wie sehr der Begriff des Vogels 
mit den im vorigen Kapitel aufgezählten Attributen des im Körper 
entstandenen Gases verknüpft ist, so mit dem Schall (Gesang), der 
ünsichtbarkeit (Schwierigkeit, ihn zu sehen, Verschwinden in der Luft), 
Hitze (höhere Körpertemperatur als irgend ein anderes Tier, Sonnen- 
nähe), mit Bewegung und Wind (schneller Flug, Herrschaft über den 
Wind) usw. Zwei weitere Fälle mögen erwähnt werden, um die Art 
zu beleuchten, mit der der Vogel in den großen Kreis der ,,Gas"-Vor- 
stellungen eintritt. Erstens wird nämlich die Seele oft als Vogel vor- 
gestellt») (besonders in der christlichen Kunst) und wird dann, sehr 
passenderweise, abgebildet, wie sie nach dem Tode den Körper durch 
den Mund verläßt*). Das zweite Beispiel, die Geschichte vom Phönix, 
ist besonders reich ergiebig für unsere Assoziationsgruppe und enthält 
in Kürze fast alle von uns bis jetzt besprochenen Vorstellungen; von 
besonderem Interesse in diesem Zusammenhange ist es, daß die ersten 
Christen die Fabel von seinem Leben dazu verwendeten, die Auf- 
erstehung Christi zu symbolisieren^). Der Phönix war ein goldener, 



^) Daher mögen zum Teil auch Ausdrücke stammen, wie ,, aufgeblasen", 
,,sich blähen" usw. als Synonyma für übermäßigen Stolz (Narzißmus). 

*) Reproduziert in Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte: Renaissance; 
Ergänzungsband, 1909, S. 289. 

3) Frazer, Taboo and the Perils of the Soul., 1911, S. 33—35 gibt Belege 
aus allen Weltteilen. 

*) Wie oben angedeutet wurde, ist der Mund in diesem Glauben wahr- 
scheinlich ein Ersatz für das andere Ende des Emährungskanals ; dieser ursprüng- 
liche Glaube kommt bisweilen offen zum Ausdrucke; ein Beispiel bietet die 
Farce des 14. Jahrhunderts, ,,Le Muynier.". (Dupuoy, Medicine in the Middle 
Ages, übersetzt von Minor, S. 84.) 

') Bachofen, Versuch über die GräbersymboUk der Alten, 1859, S. 109. 
1 1 



186 Ernest Jones. 

strahlender Vogel, der bisweilen als Strahl, der von der Sonne aus- 
geht, bezeichnet wird. Er rüstet sich zu seinem Tod, indem er sich 
mit Cinn^mon, Myrrhe und anderen aromatischen Substanzen um- 
gibt und einen Gesang an die Sonne richtet, der ,, schöner ertönt als 
der Schlag der Nachtigall, als die Flöten der Musen oder die Leier 
des Hermes"; er stirbt mitten im Lodern duftender Wohlgerüche, 
in einem Feuer, das durch das Schlagen seiner Schwingen entstand, 
oder, -wie bisweilen geglaubt wurde, durch die Hitze der Sonnenstrahlen; 
die erste Tat des jungen Phönix, der aus diesem Feuer geboren wird, 
besteht darin, die Überreste seines Vaters in einer Schatulle aus M%-rrhen 
zu einem heiligen Tempel zu tragen und darüber eine Trauerrede zu 
sprechen. Die Vorstellung einer rara avis, gewöhnhch eines Feuer- 
vogels, ist vielen Völkern gemeinsam und wird in Ägypten, China 
und den .meisten orientalischen Ländern angetroffen; den Eindruck 
dieser Vorstellung auf die Volksseele zeigt der Erfolg von Maeterlincks 
letztem Stück, L'oiseau bleu. Ein slawisches Märchen berichtet, wie 
ein Prinz in den Besitz einer Feder von der Schwinge Ohnivaks, des 
Feuervogels kam, und ,,so lieblich und strahlend war sie, daß sie alle 
Gänge des Palastes erleuchtete, und sie bedurften keines andern Lichtes". 
Er verfällt in Schwermut und läßt seine drei Söhne zu sich kommen, 
zu denen er spricht: „Wenn ich nur ein einziges Mal den Vogel Ohnivak 
singen hören könnte, so würde ich von dieser Krankheit des Herzens 
genesen^)". In Namoluk, einer der Karolineninseln, herrscht der 
Glaube, daß das Feuer auf folgende AVeise zu den Menschen kam^): 
Olofaet, der Herr der Flammen, gab dem Vogel ,,mwi" Feuer und 
gebot ihm, es in seinem Schnabel zur Erde zu tragen; und der Vogel 
flog von Baum zu Baum imd verteilte die schlummernde Kraft des 
Feuers an das Holz, aus dem es die Menschen durch Reibung heraus- 
locken können. In Shelleys Dichtung „To a Skylark" finden sich 
die meisten der eben genannten Assoziationen vertreten. So z. B. 
Seele (Heil dir, sanfter Geist — Vogel warst du nie), Feuer (einer 
Wolke von Feuer gleich), Unsichtbarkeit (Unsichtbar bist du, doch 
ich hör dein helles Jauchzen), Flug nach aufwärts (Verächter du der 
Erde), Stimme (Von deiner Stimme tönen Luft und Erde). 

Nach alldem ist es klar, daß man nichts Besseres als einen Vogel 
finden konnte, um den Bringer einer wunderbaren Botschaft vom 

1) Harding, Fairy-Tales of the Slav Peasents and Herdsmen, 1896, S. 269 f. 
') Girschner, ,,Die Karolineninsel Namoluk und ihre Bewohner." 
Baessler-Archiv, 1912, Bd. II, S. 141. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr. 187 

Himmel zu symbolisieren; wir haben eine hübsche Erinnerung daran 
in der Redensart zurückbehalten: „ein kleiner Vogel erzählte mir", 
wenn wir sagen wollen „flüsterte mir ein Geheimnis zu". 

Dem Problem, weshalb in unserem Fall gerade eine Taube 
gewählt wurde, kommen wir am besten näher, wenn wir zuerst unter- 
suchen, was für eine Rolle die Taube in anderen Mythologien spielte. 
Diese Rolle ist recht beträchtlich, denn die Taube war ein geheiligtes 
Tier bei den Assyriern, Ägyptern und Hebräern, war ein Attribut 
der Astarte und Semiramis (die angeblich nach ihrem Tode in eine 
Taube verwandelt wurde), und überdies der Lieblingsvogel der Aphro- 
dite, deren "Wagen von Tauben gezogen wurde. In Hierapolis in Syrien, 
einem Hauptsitz ihrer Verehrung, waren die Tauben so heilig, daß 
sie nicht einmal berührt werden durften; wenn ein Mensch sie unab- 
sichtlich berührte, war er für den Rest des Tages unrein oder Tabooi). 
Gestalten von Tauben spielten eine hervorragende Rolle bei der Aus- 
schmückung des Aphrodite-Heiligtums im alten Paphos^). Frazer 
begründet den Gedanken, daß der kyprische Gebrauch, zu Ehren des 
Adonis Tauben zu opfern, von einer älteren Art der Verehrung her- 
stammt, bei der ein geheiligter Mann, der den Geliebten der Gottheit 
personifizierte, geopfert wurde^). Die Beziehung zwischen Taube und 
Liebe, einschließlich der Sexualität, war immer sehr eng und man 
trifft sie in verschiedenen Epochen. Das folgende ist ein Liebeszauber 
aus Böhmen: ein Mädchen geht in der Nacht von St. Georg in den 
Wald und fängt eine Ringeltaube, und zwar eine männliche; früh am 
Morgen trägt sie sie an den Herd, drückt sie an ihre bloße Brust und 
läßt sie durch den Kamin (ein wohlbekanntes Symbol) hinauffliegen, 
wobei sie einen Zauber murmelt*) ! Im Jahre 1784 wurde in Versailles 
eine gemischte, pseudo-freimaurerische Gesellschaft gegründet, deren 
Zweck die Verfolgung der Liebe war; ihre Mitglieder nannten sich die 
,, Chevaliers et Chevalieres de la Colombe"*). 

Ebensowenig mißzuverstehen ist die Phalluss)Tnbolik der Taube 
in den folgenden Beispielen. Zu dem christlichen Mythus kann man 
als Parallele einen griechischen anführen, in dem Zeus die Gestalt 

*) Lukian, De dea Syria, 54. 

") Eine gute Beschreibung von diesem gibt Frazer: Adonis, Attis, Osiris, 
1907, S. 29. 

ä) Frazer, Op. cit., S. 114, 115. 

•) Grohmann, Op. cit., S. 77. 

^) Dictionnaire Larousse. Art. ,,Colombe". 



188 Brnest Jones. 

einer Taube annimmt, um auf einem seiner Streifzüge ins Menachen- 
land Phtheia zu verführen. Wenn CatuU Cäsars Geilheit bezeichnen 
will, so tut er es durch den Gebrauch des Ausdruckes ,,columbulus 
albulus". Nach Philo war die Taube das Emblem der Weisheit, was 
für die Mythologie ebenso wie bei Schlange, Einhorn usw. immer die 
Bedeutung eines phallischen Symbols hat; Christus selbst brachte 
sie in Beziehung zur Schlange: „Seit weise wie die Schlangen und ohne 
Falsch wie die Tauben". (Matth., X, 16.) v. Hahn^) berichtet drei 
Geschichten aus dem modernen griechischen Folklore, wonach das 
Leben eines Zauberers oder Ogre an das von zwei oder drei Tauben 
geknüpft ist; wenn sie sterben, stirbt auch er. Der Sinn wird klar, 
wenn wir eine andere Variante vergleichen, in der das Leben eines 
alten Mannes mit dem einer zehnköpfigen Schlange verknüpft ist; 
wenn die Häupter der Schlange eines nach dem andern abgeschlagen 
werden, ist er krank, und wenn das letzte fallt, verscheidet er^). Aber 
das unzweideutigste Zeugnis für die symbolische Bedeutung der 
Taube findet sich in einer nicht kanonisierten Legende, die berichtet, 
daß eine Taube vom Genitale des heiligen Joseph ausging und sich 
auf seinem Haupte (symbolisch ein erigierter Phallus) niederließ, um 
ihn als den künftigen Gatten der Maria zu bezeichnen^) ; abgeschwächt 
findet sich die Erzählung in den späteren Kirchenvätern, die berichten, 
daß die Taube von Josephs Rute ( !) ausging. 

Es ist durchaus angemessen, daß eine Taube Zeus mit Ambrosia 
(= Soma) versorgt und in der Sage vom heiligen Remigius dem 
Bischof die ölf lasche bringt, um König Chlodwig zu salben*). Eine 
erwähnenswerte Parallele dazu bringt die Fabel, daß Äneas durch 
zwei Tauben zum goldenen Zweig geführt wurde^); Frazer*) hat näm- 
lich nachgewiesen, daß der goldene Zweig einen auf einer Eiche wach- 
senden Mistelzweig darstellt, und die Mistel ist ein ebenso bekanntes 
Symbol für Sperma wie die Eiche für das männliche Organ. Fran- 



^) V. Hahn, Griechische und albanesische Märchen, 1864, Bd. I, S. 187, 
Bd. II, S. 215, 260. 

«) V. Hahn, Bd. II, S. 23. 

^) Protevang, St. Jakob, Kap. 9; Evang. infant. St. Mariae, Kap. 8. 
Zitiert von Maury. 

*) Gubernatis, Die Tiere in der indogermanischen Mythologie. Deutsche 
Ausgabe, 1874. S. 573. 

') Virgil, Aen., VI, 190, 203 f. 

0) Frazer, Balder the Beautiful, 1913, Bd. II, S. 285, 315—320. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr. 189 

zösische Bauern glauben, die Mistel entspringe aus dem Vogeldünger^) ; 
die alten wußten, daß ihre Verbreitung von Baum zu Baum durch 
Samen erfolgt, die die Vögel ausscheiden, und Plinius*) berichtet, 
daß vor allem Tauben und Drosseln diese Samen ablagern. Nach 
ApoUonius war es eine Taube, die die Argonauten auf ihrem Zuge 
führte. Die Begriffe bringen, führen, leiten sind nahe verwandt mit 
dem eines Boten und in einer wohlbekannten griechischen Fabel 
figuriert eine Taube als Liebesbote, indem sie dem Anakreon, dem sie 
Aphrodite bezeichnend genug zum Lohn- für ein Lied geschenkt hatte, 
seine Billets doux beförderte. Gleich vielen mythologischen Liebes- 
gestalten, gleich Aphrodite selbst, konnte die Taube nicht nur Leben, 
sondern auch Tod darstellen; in den Hymnen des Kigveda ist die Taube 
(Kapota) Yamas Todes böte*). 

Auch zum Feuer steht die Taube in Beziehung. Wenn Kapota 
Feuer berührt, wird Yama, dessen Bote sie ist, geehrt; in einer bud- 
dhistischen Legende nimmt Agni, der Feuergott, die Gestalt einer Taube 
an, wenn er von Indra in Gestalt eines Habichts verfolgt wird. 
(Der Sanskritname für Habicht ist nebenbei erwähnt Kapotäri, der 
Feind der Tauben*).) Bei dem Fest des ,,scoppio del carro" in Florenz 
wird jeden Charsamstag das heilige Feuer erneut und während des 
Hochamtes ein ausgestopfter Vogel, der eine Taube darstellt, von einem 
Feuerwerkständer, gegenüber dem Altar losgelassen; längs einem 
Draht fliegt er das Kirchenschiff hinab und entzündet das Feuerwerk 
auf dem Festwagen, der außerhalb der Türe harrt*). Maury*) führt 
als Grund, weshalb der Heilige Geist bisweilen als Feuer und bisweilen 
als Taube erscheint, den Umstand an, daß im Orient die Taube das 
Sinnbild der Zeugung und tierischen Hitze war. Die Beziehimg zur 
Hitze ist in der christlichen Kunst beibehalten worden, wo die Heilige 
Taube immer umgeben von Licht- oder Feuerstrahlen abgebildet wird. 

Es ist begreiflich, daß ein Vogel, der die Zeugung symbolisiert, 
auch Wiedergeburt, Auferstehung und Rettung (Rettungsphantasie!) 
verkörpert, die ja für das Unbewußte, praktisch genommen, gleich- 



t) Gaidoz, Revue de THistoire des Religions, 1880, Teü II, S. 76. 
«) Plinius, Op. cit., XVI, 247. 
») Rigveda, X, 165, 4. 
*) Gubernatis, Op. cit., S. 565. 

=) Weston, „The Scoppio del Carro at Fiorence." Folk-lore, 1905, Bd. XVI. 
S. 182—184. 

«) Maury, Op. oit,, S. 179. 
1 3 * 



190 Ernest Jones. 

wertig sind. Gubernatis^) zitiert eine Reihe von Geschichten aus dem 
Folklore, wo die Taube vor einer Gefahr warnt oder rettet; so rettet 
sie eine ertrinkende Ameise und später rettet dann die Ameise die Taube, 
indem sie in einem kritischen Augenblick die Aufmerksamkeit eines 
Löwen ablenkt. Die Taube war die Botin der Rettung im Mythus 
von der Sintflut, der bekanntlich eine glorifizierte Geburtsphantasie 
ist; ihre Bedeutung kommt klar zum Ausdruck in einer Skizze in den 
römischen Katakomben; auf dieser sieht man nämlich Noah auf den 
Fluten in einer kleinen Kiste, die beim Erscheinen der Taube mit 
ihrem Blatt aufgeht^). Es ist vielleicht von Bedeutung, daß in einem 
andern Geburtsmythus des Alten Testamentes der Name des Helden 
Jonah gleich dem hebräischen Worte für Taube ist. Eine Taube war 
es auch, die in Babylon den drei jungen Hebräern im Feuerofen er- 
schien und ihnen ihre Rettung aus den Flammen verkündete. Zum 
selben Vorstellungskomplex gehört die Assoziation zwischen der 
Taube und dem Wiedergeburtsritus der Taufe, sowohl im Alten 
Testament als auch in der dekorativen Kirchenkunst. Christus selbst, 
das Sinnbild der Erlösung imd Auferstehung, ist bisweilen als Taube 
dargestellt»); auf einer Lampe in Santa Caterina in Chiusi z. B. ist 
eine Taube abgebildet mit einem Ölzweig im Schnabel und einem 
Kreuz auf dem Haupte. In der katholischen Kirche ist die Taube auch 
ein Symbol des Martyriums, d. h. der Erlangung des ewigen Lebens 
durch irdischen Tod. 

In der frühen christlichen Kunst wird die Seele eines sterbenden 
Heiligen als Taube abgebildet, wie sie aus dem Munde fliegt*); später 
trat ein kleines Kind an die Stelle; in dieser Gleichsetzung von Taube, 
Kind, Seele (Psyche), Atem sehen wir ein weiteres Beispiel der früher 
in diesem Aufsatz erwähnten infantilen Geburtstheorie. 

Ebensoklar beleuchtet wird die Logos-Assoziation der Taube 
durch ihre Verbindung mit der Vorstellung der Inspiration (spiro = 

») Gubernatis, Op. cit., S. 566—573. 

•) Reproduziert in Smith and Cheethams Dictionary of Christian 
Antiquities, 1875 Bd. I, S. 575. 

*) Wir haben den Heiligen Geist der Reihe nach als Symbol der schöpfe- 
rischen Materie, des schöpferischen Agens und des erzeugten Kindes gesehen. 
(In der späteren Kunst wird er oft in Gestalt eines Kindes dargestellt.) 

*) Viele Beispiele zitiert Didron, Christian Iconography, Engl. Trans., 
1896, Bd. I, S. 460, 461 und Maury, Croyances et legendes du moy»n-äge, 
1896, Bd. II, S. 266. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr. 191 

ich atme). In Lybien gab eine Taube die heiligen Orakel und wir haben 
oben, bei Besprechung der Themen Sprache und Zunge, die wichtige 
Rolle erwähnt, die die heilige Taube (Heiliger Greist) in diesem Zu- 
sammenhang spielte. Als die heilige Katharina von Alexandrien die 
gelehrten Doktoren durch ihre Weisheit in Verwirrung brachte, flog über 
ihrem Haupte die heilige Taube und eine Taube, in der französischen 
Kunst als ,,colombe inspiratrice" bekannt, wird häufig dargestellt, auf 
der Schulter irgend eines großen Heiligen sitzend und ihm ins Ohr 
flüsternd^). Die symbolische Bedeutung dieses Bildes, die nach dem 
vorhergehenden Kapitel klar sein dürfte, möge durch folgenden Traum 
noch beleuchtet werden, von dem ein wallisischer Dichter, Vaughan 
in einem 16912) geschriebenen Brief berichtet: ,,Eine durchaus ver- 
ständige und nüchterne Person erzählte mir, daß es seinerzeit hier 
einen jungen Burschen gab, der eines Tages beim Hüten der Schafe 
im Gebirge in tiefen Schlaf fiel ; im Traume sah er einen schönen Jüng- 
ling mit einem Kranz von grünen Blättern auf dem Haupte, einem 
Falken auf der Faust und einem Köcher voll mit Pfeilen auf dem 
R'icken, auf sich zukommen; während des ganzen Weges pfiff er 
einige Takte oder Töne. Dann ließ der Mann den Falken auf ihn fhegen, 
der (so träumte er) in seinen Mund und in sein Inneres gelangte. 
Er erwachte jäh in großer Angst und Bestürzung, aber im Besitze 
einer solchen Ader oder Gabe von Poesie, daß er seine Schafe verließ 
und, für alle Gelegenheiten Lieder dichtend, im Lande umherzog; 
er wurde der berühmteste Barde seiner Zeit im ganzen Lande." 

Die Etymologie bestätigt vollauf unsere Ansicht über die sexuelle 
Bedeutung der Taube, indem sie ihren Bezug zu den phallischen und 
den oben erwähnten „Gas "-Vorstellungen anzeigt. Das Wort ,,dove" 
(Taube) kommt vom altengl. „dufan" = untertauchen, ebenso wie 
lat. columba vielleicht verwandt mit griechisch Kokv[ji.ßig — Taucher 
ist; es gehört zu engl, „dip" ™ eintauchen, ,,dive" — tief 
untertauchen, eindringen und „deep" = tief, so daß die Bedeutung 
des Eindringens offenbar die Grundbedeutung ist^). Das mehr als 



1) Maury, Op. cit., S. 267—269; Larousse, Loc. cit, 

2) Dieser Brief, der niemals veröffentlicht wurde, befindet sich 
M. S. Bodleiana Aubrey 13. Fol. 340. Ich bin Herrn L. C. Martin dafür 
verpflichtet, daß er meine Aufmerksamkeit darauf lenkte und mir die Möglichkeit 
gab, Gebrauch davon zu machen. 

^) Es ist interessant, daß die deutsehen Worte Taube und Taufe von 
derselben Wurzel abgeleitet sind. 



192 Emest Jones. 

Gattungswort gebrauchte „pigeon" kommt vom griechischen Tirni- 
^etv = zwitschern; davon stammt auch ,,pipe" (Pfeife), das sowohl 
eine Röhre bedeutet (vgl. das oben erwähnte Würzburger Relief), als 
auch ein Instrument zum Zwitschern oder Singen und zum Hervorbringen 
von Rauch. Eine ganze Reihe von Worten sind von derselben (wahr- 
scheinlich onomatopoetischen) Wurzel abgeleitet, die bedeuten „bla- 
sen", ,,die hinteren Körperteile" oder „Kind"; Jung^) hat dargelegt, 
daß das verbindende Glied zwischen diesen drei scheinbar so dispa- 
raten Vorstellungen in dem infantilen Glauben zu suchen ist, daß die 
Kinder aus dem Rektum geboren werden. Solche Worte sind: 1. ,,to 
poop" (einen Flatus lassen; vgl. franz. ,,pet" flatus, das im engl. Lieb- 
ling bedeutet, und das deutsche ,, Schatz", das vielleicht von einem 
vulgären Wort für die Defäkation kommt), ,,pop". Paff, Knall, 
,,puff" = plötzlich hervorgestoßener Hauch usw., 2, ,,poop" (hinterer 
Teil eines Schiffes) = lat. ,,puppis", das z. B. von Plautus 
auch zur Bezeichnung der menschUchen Hinterseite verwendet 
wurde; 3. franz. „poupee", hoU. „pop", deutsch „Puppe", von 
lat. „pupus", ein Kind, „pupula" ein Mädchen und engl, „puppy" 
und „pupa" = jimger Hund respektive Schmetterling. Daß Worte 
von so verschiedener Bedeutung wie „pupil" (Pupille oder Mündel), 
„fart", (Blähwind), „peep" (blicken, piepen), „fife" (Pfeife), „puff" 
(Kjiall, Hauch), „petard" (Sprengbüchse), ;, pigeon" (Taube) „par- 
tridge"*) (Rebhuhn), dieselbe Quelle haben, zeigt die große Aus- 
breitungsfähigkeit sexueller Wörter, denen Sperber*) jüngst be- 
sondere Aufmerksamkeit geschenkt hat. 

Die Wahl der Taube für die oben erwähnten Zwecke war gewiß 
durch viele Faktoren determiniert, vielleicht durch äußerhche ebenso- 
wohl als durch psychologische; daß sie im Altertum eine zahlreiche 
Tiergattimg bildete und die Aufmerksamkeit in hohem Maße auf sich 
lenkte, zeigt allein schon die Tatsache, daß es im Sanskrit etwa 25 bis 
30 Namen für sie gab*). Grewöhnlich heißt es, daß sie ihre Verwendung in 
der christlichen Symbolik ihrer Beziehung zu den Vorstellungen der 
Reinheit und Unbef lecktheit verdankt, aber es ist sehr wahrscheinlich, 



1) Jung, Op. cit., S. 230. 

«) In Anbetracht des alten Glaubens, daß dieser Vogel durch Wind oder 
Schall geschwängert werden kann, ist die Zugehörigkeit seines Namens zu dieser 
Reihe interessant. 

*) Sperber, Op. cit. 

*) Laroasse, Loc. cit. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr. 193 

daß Ursache und Wirkung sich hier umgekehrt verhalten; auch ihre 
weiße Farbe kann nicht zugunsten dieser Assoziation angeführt werden, 
denn die meisten Tauben sind nicht weiß, während es andere V^el, 
z. B. Schwäne für gewöhnlich sind. Ein wichtigerer Zug ist die Zärt- 
lichkeit, die sie in ihren Liebesbeziehungen entwickeln und die, 
wie aus den erwähnten, zahlreichen Ableitungen hervorgeht, einen 
lebhaften Eindruck gemacht haben muß. Nim äußert sich diese Zärt- 
lichkeit hauptsächlich in einem für die Taube sehr hervortretenden 
Merkmal, nämlich in dem sanften, lieblichen Gurren, das in ihrer 
Liebeswerbung eine so wichtige Rolle spielt; wir gebrauchen noch 
immer den Ausdruck: „Schnäbeln und Girren zweier Turteltauben", 
um die Unterhaltung Liebender zu bezeichnen. In Anbetracht der 
weitgehenden Assoziation, die zwischen Vögeln im allgemeinen und 
Tauben im besondern und der im vorigen Kapitel besprochenen 
Gruppe (Sehall, Atem, Sexualität usw.) besteht, scheint es mir wahr- 
scheinlich, daß dieses auffallende Merkmal der Tauben ein Hauptgrxmd 
dafür war, sie zur Darstellimg von Phantasien zu wählen, die auf den 
erwähnten Vorstellungen beruhen. Zur Bekräftigung dieser Vermutimg 
sei auf den christlichen Glauben verwiesen, daß „die Stimme der 
Turteltaube ein irdisches Echo der Stimme Gottes ist"^). 

V. Das Ohr als Organ der Empfängnis. 

Das psychische Interesse des Kindes und seine Berührungen 
mit der Hand werden frühzeitig von der unteren Ernährungsöffnung 
auf die Nasenlöcher verlegt, die durch ihre'Nähe zu einem weniger 
verpönten Teil des Emährungskanals, durch ihre Beziehung zum 
Geruchsinn, ihre Größe und ihre Verknüpfung mit Atem und Schleim- 
exkretion dazu trefflich geeignet sind. Einer meiner Patienten pflegte 
in seiner Phantasie seine Schwängerimg dadurch herbeizuführen, 
daß er mit der Nase den Hauch einatmete, den er durch den Mund 
ausgeatmet hatte^), und wir lesen in der Genesis, wie Gott bei der 
Schöpfung Adams die Nasenlöcher zu demselben Zweck benutzte; 
daraus geht klar hervor, was der „Staub von der Erde", aus dem Adam 
gebildet wurde, bedeutet^). 



1) Conway, Solomon and the Solomonic Literature, 1899, S. 123. 
») Jahrbuch, Bd. IV, S. 598. 

^) Ich habe die Symbolik des Schmutzes eingehend behandelt. Siehe 
Jahrbuch, Band V. Fall 3. 

Jahrbuch der Psychoanalyse. VI. 13 



194 



Ernest Jones. 



Zur Zeit der christlichen Ära jedoch trat eine weitere Subli- 
mierung ein, entsprechend der wachsenden Verschiebung, die gleich- 
zeitig mit dem Fortschritt der individuellen Verdrängung zu konsta- 
tieren ist, und die Nasenlöcher, die eine fühlbare gasförmige Substanz 
aufnehmen können, wurden durch das Ohr ersetzt^), das nichts auf- 
nehmen kann als Schall (das Wort Gottes), eine verfeinerte Abstraktion 
der primitiven Gasidee. Daß das Ohr in der Marienlegeude^) die untere 
Emährungsöffnung darstellt und nicht die Vagina, ist nicht nur logisch 
begründet, denn die Vagina würde hier ein ganz sinnloses Eindringen 
in eine Keihe von Vorstellungen bedeuten, mit denen sie nichts zu tun 
hat (sie haben nämlich alle infantilen Ursprung \md das Kind weiß 
ja nichts von der Existenz der Vagina), sondern auch die folgenden 
Betrachtungen zeigen es, die für die vollkommene symboMsche Äquiva- 
valenz der beiden sprechen. 

In mehreren mittelalterhchen Darstellungen der Hölle wird der 
Teufel abgebildet, wie er Sünder verschlingt (durch den Mund natür- 
lich) und sie entweder diirch das Ohr oder durch die Kloake oder durch 
beide gleichzeitig von sich gibt; Beispiele für beide Arten finden sich 
in Florenz im Baptisterium, in Orcagnas Fresco in der Santa Maria 
Novella und in Fra Angehcos Gemälde in der Akademie. Wir sehen hier 
eine vollkommene Gleichsetzung der beiden Öffnungen, zu der man 
aus einem andern Teil der Welt, aus Indien, eine Parallele findet: im 
Ramayana^) wird beschrieben, wie Hanumant, ein Sonnenheros, 
in den Mund eines Seeungeheuers gelangt und durch die „andere Seite", 



») So wird auch bei Moliöre „Ecole de Femmes" als ein Zug, der die 
besondere Unschuld der Agnes erweist, von ihr erzählt, daß sie danach gefragt 
habe ,,si les enfants, qu'on fait, se faisoient par l'oreille" (I, 1), 

•) Daß in dieser Legende das Ohr als Organ der Empfängnis in ganz 
konkretem Sinne aufgefaßt wurde, zeigt klar das früher in diesem Aufsatze vor- 
gebrachte Tatsachenmaterial; nachgewiesen wird diese Ansicht allein schon durch 
die Betrachtung des Würzburger Reliefs. Zu den zahlreichen, bereits zitierten 
Stellen aus den frühen Kirchenvätern mögen noch die folgenden zwei hinzu- 
gefügt werden: ,,Und weil der Teufel durch Evas Ohr kroch, indem er sie ver- 
suchte, und sie verwundete und ihr den Tod gab, drang Christus durch das Ohr 
in Maria ein, ließ alle Laster des Herzens vertrocknen und heilte die Wunde der 
Frau, indem er von einer Jungfrau geboren wurde." (St. Zeno. Epist. Ad Pul- 
cheriam Augustam). ,,Kein anderer wurde von Maria geboren als Er, der durch 
das mütterliche Ohr glitt und den Leib der Jungfrau erfüllte." (St. Gau- 
dentius. De diversis Capitulis. Serm. XIII.) 

*) Frobenius, Das Zeitalter des Sonnengottes, 1904, Bd. I, S. 173, 174. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr. 195 

beim Schweif, offenbar die Kloake, hervorkommt; in einem andern 
Teil der Dichtung jedoch kommt er durch das Ohr wieder heraus, 
so daß also die beiden Öffnungen als gleichbedeutend behandelt 
werden. Nach dem Taittiriyaka-Upanishad^) entspricht der Apäna oder 
abwärts gehende Hauch dem Ohr. Das Ohr erscheint auch in 
anderen Mythen außer der christlichen als Organ der Empfängnis: 
in der persischen Kosmogonie wurde der erste Mensch dadurch ge- 
schaffen, daß das göttliche, männliche Wesen seine Hand in das Ohr 
des weiblichen steckt; in anderen Versionen steckt er seinen ,, Haupt- 
zweig" hinein. Ebenso wie Eva nach ihrer Verführung durch die 
Schlange die Frucht der Erkenntnis kostete, ebenso wurde Kassandra 
zur Prophetin, nachdem die Schlange ihr Ohr geleckt hatte. 

Eine schwache Andeutung von dem Sinne dieser Symbolik geben 
die Bilder^), in denen der Erzengel Gabriel durch eine Tür im Rücken 
der Maria erscheint, die seine Anwesenheit merkt, ohne ihn zu sehen ; 
dies bringt dieselbe Vorstellung zum Ausdruck wie der Mythus von 
Kwakiutl, in dem der Held dadurch gezeugt wird, daß die Sonne seiner 
Mutter aufs Kreuz schien^). Es wird uns nicht berichtet, ob Jesus 
tatsächlich so wie Rabelais Gargantua aus dem Ohr seiner Mutter auch 
geboren wurde, so wie sie ihn durch dasselbe empfing; der wirkliche 
Ort seines Herauskommen^ wird angedeutet in St. Agobards Beschrei- 
bung (siehe S. 137) darüber, wie das heilige, befruchtende Prinzip, nach- 
dem es durch das Ohr eingetreten war, ,, durch die goldene Pforte" 
herauskommt. 

Daß das Ohr auch in unserer heutigen Zeit diesen symbolischen 
"Wert nicht ganz verloren hat, zeigt der Brauch, daß alle Nonnen noch 
immer ihre Ohren stets bedeckt tragen müssen, um ihre Keuschheit 
gegen Anfechtimgen zu schützen; dieser Brauch steht in direkter 
historischer Beziehimg zu der Legende, die den Gegenstand unserss 
Aufsatzes bildet. 

Wir wollen mit diesem Thema abschließen, indem wir noch einen 
kurzen Blick auf einen Tiermythus werfen, der die interessantesten 
Ähnlichkeiten mit der von uns behandelten Legende aufweist mid auch 
gewisse historische Beziehungen zu ihr hat. Der Mythus vom Phönix 



n I, 7, 1. 

■) Viele Beispiele zählt Mrs. Jameson auf. Sacred and Legendary Art. 
1890 edition, Bd. I, S. 124. 

ä) Boas and Hunt, Jesup Expedition. Bureau of Etlmology, Bd. X, S. 80. 

13* 



196 Ernest Jones. 

mid anderen Feuervögeln, deren gerader Abkömmling die von einer 
Aureole umgebene heilige Taube ist, hat eine Parallele in dem vom 
Salamander, der fabelhaften Eidechsenart, der wie jener aus demFeuer 
geboren wird. Man kann sich nicht leicht zwei einander unähnüchere 
Tiere vorstellen als Taube imd Eidechse oder Krokodil und doch 
zeigen ihre Stellungen in Mythologie und Religion eine weitgehende 
Ähnlichkeit miteinander. Die Eidechsenarten waren in hohem Maße 
ein Objekt der Anbetung bei den Slawen, und zwar in Europa noch im 
XVI. Jahrhimderti), bei den Ägyptern vor allem das Krokodil, bei 
den Mexikanern der Alligator; das Krokodil ist der schützende Totem 
eines der größten Betschuanenstämme^). Es war besonders der Sonne 
geheiligt imd wurde, wohl vor allem aus diesem Grunde, von den Gnosti- 
kem als Sinnbild des Lebensspenders betrachtet; der Sonnengott 
Sebek wurde als Mensch mit einem Krokodilkopf dargestellt. Anderseits 
wurde es in Nubien mit Set, einem der Vorläufer unseres Teufels, identi- 
fiziert und, wie die meisten phallischen Tiere, Löwe, Drache, Schlange, 
usw. von dem jungen Gott-Heros überwunden; so wurde es nach dem 
Glauben in Edfou von dem jungen Sonnengott Horus durchbohrt. 
In dem Buche von Gates wird berichtet, daß die Riesenschlange 
Apep von einem Unhold in Grestalt eines Krokodils begleitet wird, 
dessen Schwanz in einen Schlangenkopf endigt und das Sessi 
genannt wird. 

Zwei Hauptassoziationen scheinen zwischen Eidechse oder Kro- 
kodil und der Vorstellimg, die man sich von der Gottheit machte, 
vorhanden gewesen zu sein. Zunächst die Beobachtung, daß ,,es 
seine Augen mit einer dünnen, durchsichtigen Haut verschleiert, die 
es vom oberen Lid herabzieht, so daß es sehen kann, ohne gesehen 
zu werden, was das Attribut der höchsten Gottheit ist" (Plutarch); 
mit dieser Vorstellung hängt natürlich die von der Sonne als 
Vater zusammen^) luid in Ägypten war das Krokodil das wichtigste 
Symbol des , .immer bestehenden Auges". Eine wichtigere Assoziation 
aber, die auch in enger Beziehung zu der früher in diesem Aufsatz 
erörterten Vorstellimgsgruppe steht, erklärt sich daraus, daß das 
Krokodil als Symbol des Schweigens galt; denn es ist ,,das einzige 
Landtier, das den Gebrauch der Zunge entbehrt" (Plinius). Plutarch 

1) Morfill, The Religious Systems of the World, S. 272. 
') Bent, The Ruined Cities of Mashonaland, 1891, S. 15. 
^) Vgl, meinen Artikel ,, Gottmensch-Komplex". Internat. Zeitschrift für 
Psychoanalyse, Jahig, I, S. 313. 



Die Empfängnis der Jungfran Maria durch das Ohr. 197 

schreibt: „Man sagt, es sei zum Sinnbild der Gottheit geworden, 
weil es das einzige der Zunge beraubte Tier ist. Denn die göttliche 
Vernunft bedarf keiner Stimme, sondern, lautlos ihren Weg und 
Steg dahinschreitend, leitet sie die Angelegenheiten der Menschen 
nach Grerechtigkeit". Da es die Schweigsamkeit des Weisen ver- 
körperte, wurde es zum Symbol des Greistes, der Vernunft, des 
Verstandes, vor allem aber der Weisheit; in dieser Eigenschaft 
findet es sich auf der Brust Minervas, der Göttin der Weisheit; das 
einzige mir bekannte Beispiel seiner Verwendung in der christlichen 
Kunst findet sich in Sevilla, wo es über dem Portal der Kathedrale 
angebracht ist. Die Eigenschaften des Krokodils sind also vorwiegend 
negativer Art; es hat keine sichtbaren Geschlechtsorgane und soll 
keine Zunge haben, also stumm sein, was, wie wir oben gesehen haben, 
Impotenz bedeutet. 

Neben dieser Auffassung des Krokodils als impotentes Tier, dem 
die wichtigsten Organe fehlen, finden wir jedoch die gerade entgegen- 
gesetzte, wonach es eine Glorifizierung phallischer Macht darstellt, 
und eine Prüfung dieses auffallenden Gegensatzes erweist sich als 
höchst lehrreich für das Hauptthema dieser Arbeit. Die phallische 
Bedeutung des Krokodils geht schon allein daraus klar hervor, daß 
es in enger Beziehung zur Weisheit, Sonne und Schlange steht, aber 
schwerer wiegende Tatsachen als diese können angeführt werden. In 
dem während der sechsten Dynastie geschriebenen Text von Unas findet 
sich an mehreren Stellen der Wunsch ausgedrückt, eine abgeschiedene 
Person möge die männüche Kraft eines Krokodils erlangen und so „all- 
mächtig bei den Frauen" werden^). Noch heute herrscht im ägypti- 
schen Sudan der Glaube, daß der zusammen mit Spezereien ver- 
zehrte Penis eines Krokodils das wirksamste Mittel zur Erhöhung 
der sexuellen Kraft bei männlichen Wesen sei'') ; sowohl im alten Ägypten 
als auch im heutigen Sudan schreibt man dem Krokodil die Gewohnheit 
zu, in sexueller Absicht Frauen zu rauben. Zwei physiologische Eigen- 
schaften des Tieres tragen vielleicht zu diesen Ideen bei: Die sexuelle 
Vereinigung ist bei ihm ungewöhnlich leidenschafthch und lange 
dauernd und das männliche Organ ist, wenn auch zu Lebzeiten des 



1) Budge, Op. cit., S. 127, 128. 

•) Bousfield, ,,Native Methods of Treatment of Diseases in Kassala." 
Third Eeport of the Wellcome Research Laboratories, S. 274. Stanley, Tlirough 
the Dark Conliinent, 1878, Bd. I, S. 253. Auch Budge, Op. cit., S. 128. 



1^° Einest Jones. 

Tieres niemals sichtbar, da es in der Kloake verborgen wird^), be- 
sonders lang2). 

Die Alten, als sie die Frage der Fortpflanzung des Krokodils 
erwogen, berücksichtigten beide Anschauungen. Sie meinten, das Tier 
müsse sich in einer Weise fortpflanzen, die seine Unabhängigkeit von 
den gewöhnlichen Mittehi zeige, und, dem Gang der eben angedeuteten 
Assoziationen folgend, kamen sie zu dem Glauben, das Weibchen 
empfange, wie die Gottesmutter, durch das Ohr. Die Macht, 
die das Krokodil verkörpert, ist also noch großer als die der Gottheit, 
deren Wort allmächtig und allschöpfend war, denn es bedarf, um 
seine Wünsche zu vollstrecken, nicht einmal der Sprache, da es 
die Schweigsamkeit des Weisen besitzt. Wir haben also hier ein 
schönes Beispiel für die „Albnacht der Gedanken", die offenbar höher 
steht als die „Allmacht der Sprache"; unsichtbare und unhörbare 
Wirksamkeit ist das höchste Ziel erdenkbarer Macht. Die Ohröffnung 
ist am besten geeignet, Gedanken aufzunehmen, mögen diese auch 
für den Uneingeweihten unhörbar sein. Nach King^) bewirkte dieser 
Glaube von der Natur des Krokodils sein Ansehen bei den ersten 
Christen als „Typus der Wortschöpfung, d. h. als Logos oder göttliche 
Weisheit". In dem ägyptischen Buch des Todes heißt es, daß vier 
Krokodile in den vier Vierteb der Welt wohnen und die Toten über- 
fallen, um sich der magischen Worte zu bemächtigen, von denen ihre 
Existenz in der andern Welt abhängt*). 

In den obigen Anschauungen über das Krokodil ist das wichtigste 
Merkmal, auf das ich Nachdruck legen möchte, die auffallende Am- 
bivalenz. Herodot*) meldet, daß das Tier in einigen Teilen Ägyptens 
geheiligt war, in anderen als schädliches Reptil erschlagen wurde; 
dieses hier angedeutete doppelte Verhalten ließe sich durch die ganze 
ägyptische Religion verfolgen. Anderseits haben wir oben die einander 
entgegengesetzten Anschauimgen erwähnt, wonach dem Krokodil 
einmal absolute Impotenz, dann wieder das höchste Maß an Zeugungs- 
kraft zugeschrieben wurde. 



^) Es verdient in diesem Zusammenhange bemerkt zu werden, daß dieses 
Organ im rektalen Teil der Kloake gelegen und vom Hamteil durch eine 
weite Querfalte getrennt ist. 

•) Gadow in der Cambridge Natural History, Bd. VIII, S. 445.i 

*) King, The Gnostics and their Remaina; Second Edition, 1887, S. 107. 

*) Budge, Op. cit., Bd. II, S. 239. 

') Herodotus, II, 69. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durcli das Ohr. 199 

Davon ausgehend, dürfen wir wohl wagen, eine Ansicht vor- 
zubringen, die eine vollständigere Antwort auf die eingangs dieser 
Untersuchung gestellte Frage geben kann, nämlich weshalb in der 
Marienlegende der Atem zur Darstellung der befruchtenden Materie 
erkoren wurde. Diese Ansicht besteht in der Annahme, daß der 
Glaube an eine Befruchtung durch Gase die Reaktion auf 
eine intensive Kastrationsphantasie darstellt. 

Der Begriff der Darmgase ist untrennbar mit drei anderen ver- 
knüpft: Vater, männliches Organ, Macht. Wir haben uns schon das 
eine oder andere Mal mit allen diesen Verbindungen befaßt und wollen 
jetzt zusammenfassend ein paar Worte hinzufügen. 

Über den Zusammenhang zwischen den verschiedenen oben 
erörterten „ Gas"- Vorstellungen und der des Vaters braucht kaum etwas 
gesagt zu werden, denn in den meisten der zitierten Beispiele bildeten 
erstere ein Attribut der männlichen Gottheit. Der Atem eines Häupt- 
lings (= Vater) der Maori ist so heilig, daß er mit seinem Mund kein 
Feuer anblasen darf, denn ein brennendes Scheit könnte von einem 
Sklaven ergriffen werden und so seinen Tod hervorrufen; oder der 
geheiligte Atem könnte seine Heiligkeit dem Feuer mitteilen, dieses 
dem Topf am Feuer, dieser der Speise im Topf, diese dem Mann, der 
sie ißt imd sicherlich daran sterben würde^). In dem Phönix-Mythus, 
einem der charakteristischesten der ganzen Eeihe, ist die Pietät gegen 
den Vater von geradezu zentraler Wichtigkeit (Ambivalenz). Daß 
diese Assoziation nicht nur zu den sublimierten Ableitimgen, sondern 
auch zu den ursprünglichen ,, Gas "-Vorstellungen selbst gehört, zeigt 
die Tatsache, daß orientalische Völker, auch die Römer, eine 
eigene Gottheit verehrten, deren Machtgebiet die betreffende Fimk- 
tion war2). Die metaphorischen Bedeutungen des Darmgases sind 
vorwiegend männlicher Natur und beziehen sich auf den Vater; 
der Grund liegt offenbar in der diesbezüglichen größeren Zurück- 
haltung der Frauen imd der relativen Offenheit, mit der Männer 
diesen Akt ausführen, besonders während einer Anstrengung (z. B. 
Koitus). 

Auch die Beziehung zum männlichen Organ wurde oben 
dargelegt und erklärt (S. 184). Einiges möge noch über die Ein- 
weihungszeremonien hinzugefügt werden, denn man weiß jetzt, daß 

1) Taylor, Op. cit., S. 165. 

*) Bourke, Scatologic Rites of All Nations, 1891, S. 129, 154—157. 



200 Ernest Jones. 

sie der Ausdruck von. Kastrationswünschen sind. In ganz Australien 
ist es den Frauen streng verboten, je den Brummer (siehe S. 151) zu sehen, 
so wesentlich ist seine Beziehung zur Idee der Männlichkeit; eine Frau, 
die ihn ansieht, oder einen Mann, der ihn einer Frau zeigt, bestraft der 
Chepara-Stamm mit dem Tod^). Auch in Brasilien darf bei Todes- 
strafe kein Weib die gleichbedeutenden Jurupari-Pfeifen aehen^). Die 
Assoziation Penis- Gas (Lärm)-Kastration wird durch die Einweihungs- 
zeremonien der Kakis trefflich erläutert; folgender Bericht darüber 
ist ein Auszug aus Frazer^). Das Zeremonienhaus der Kakis liegt 
unter den düstersten Bäumen in der Tiefe des Waldes; nach seiner 
Bauart läßt es so wenig Licht herein, daß man die Vorgänge in seinem 
Innern nicht sehen kann; die Knaben werden mit verbundenen Augen 
dorthin geführt. Wenn alle vor dem Hause versammelt sind, ruft 
der Hohepriester mit lauter Stimme die Teufel und zugleich vernimmt 
man, wie sich vom Hause her ein abscheulicher Lärm erhebt. Er wird 
von Männern mit Bambustrompeten hervorgebracht, die im geheimen 
in das Haus hineingeführt wurden, aber die Frauen glauben, er kommt 
von den Teufeln und sind sehr erschreckt. Dann treten die Priester 
ein, gefolgt von den Knaben, und zwar einzeln. Jedesmal, wenn ein 
Knabe beim Eingang verschwunden ist, hört man einen dumpfen 
Schlag, ein furchtbarer Schrei dringt heraus und ein Schwert oder ein 
Speer, triefend von Blut, wird durch das Dach der Hütte geworfen. 
Dies ist das Zeichen, daß das Haupt des Knaben abgeschlagen 
wurde, imd daß der Teufel ihn entführt hat, damit er wiedergeboren 
werde. An einigen Orten werden die Knaben durch eine Öffnung in 
Grestalt eines Kiokodilrachens oder eines Kasuarschnabels gestoßen 
und es heißt dann, der Teufel habe sie verschlungen. Fünf oder neun 
Tage lang bleiben die Knaben in der Hütte ; im FLnstem sitzend, hören 
sie den Schall der Bambustrompeten und von Zeit zu Zeit den Lärm 
der Musketenschüsse und das Klirren der Schwerter. Während sie 
mit gekreuzten Beinen in einer Reihe sitzen, ergreift der Häuptling 
eine Trompete imd spricht durch die Mündung, mit der er die Hand 
jedes Jungen berührt, in fremdartigen Tönen, indem er die Stimme 
der Geister nachahmt; er warnt die Jungen bei Todesstrafe vor einer 
Verletzung der Regeln der Kaki-Gesellschaft. 



1) Lang, Op. cit., S. 34. 
') Lang, Op. cit., S. 43. 
3) Frazer, Balder the Beautiful, 1913, Bd. II, S. 249, 250. 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr. 201 

Die Beziehung zur Macht war in allen oben zitierten Beispielen 
Mar und ist besonders eng. Mit einem Wort, einem Wind, einem Hauch 
oder Dunst zu schaffen oder zu zerstören beweist eine höhere Macht- 
stufe, als dies mit irgend einem Werkzeug der Macht, so wundervoll 
es auch sein mag, zu vollbringen. Was die ursprüngliche Vorstellung 
(Darmgase) betrifft, so äußert sich dabei das Machtgefühl als Verachtung ; 
in vielen Ländern gilt das Ablassen eines Flatus als tödlichste Beleidi- 
gung und kann unter gewissen Umständen Verbannung aus dem 
Stamm oder Todesstrafe nach sich ziehen^). Lorenz^) hat in einer 
von anderen Gesichtspunkten aus durchgeführten Analyse zweier 
Mythen des Alten Testamentes gezeigt, wie sich die Macht Gottes 
gegen seine verwegensten Feinde einmal durch Wind, das andere Mal 
durch Trompetenblasen zeigte. Es sind die Mythen von der Zerstörimg 
des Turmes von Babel und der Mauern von Jericho und Lorenz zeigt, 
wie mir scheint überzeugend, daß beide Varianten des Titanenmotivs 
sind. In der ersten geht die Zerstörung durch einen mächtigen Wind 
vor sich, der die Leute durch Verwirrung ihrer Sprache zerstreut, 
in der andern läßt Gott sein auserwähltes Volk einen lauten Schrei 
ausstoßen und ihre Trompeten blasen. 

Obige Beobachtungen stehen in vollem Einklang mit der Schluß- 
folgerung, zu der ich auf Grund individueller Psychoanalysen gelangt 
bin, daß nämlich der Kastrationswunsch einen integrierenden Bestand- 
teil des die Befruchtung durch Gase betreffenden infantilen Komplexes 
bildet. Das Charakteristikum dieses Komplexes ist seine Ambivalenz 
entsprechend der ambivalenten Eiastellimg des Kindes gegenüber 
seinem Vater imd seine Äußerungen zeigen gleichzeitig ein Ableugnen 
seiner Macht imd eine Bestätigung seiner überlegenen Gewalt. Durch 
die Auffassung des Penis als Organ, das Flatus hervorbringt (siehe S. 184), 
fließen diese beiden Gegenstäze zu vollkommener Einheit zusammen. 



VI. Schluß. 

Betrachten wir nun unsern Gegenstand als Ganzes, so muß die 
Genialität und das Feingefühl lebhaften Eindruck auf uns machen, 
mit der hier eine den Geist des Erwachsenen so abstoßende Idee zu 



^) Bourke, Op. cit., S. 161, 162. 
») Lorenz, Imago, Jahrg. II, S. 50—53. 
1 <. 



202 Ernest Jones. 

einer nicht nur erträglichen, sondern in ihrer Größe erhabenen Vorstel- 
lung umgestaltet wurde. In seinem Bestreben, die reinste imd imsinn- 
lichste aller erdenkbaren Zeugungsarten darzustellen, die dem Schöpfer 
selbst am besten entsprechende, arbeitete der Geist sicher und betrat 
den richtigsten Weg, indem er zur Grundlage die roheste und gröbste 
aller erreichbaren Vorstellungen wählte; gerade durch solche ex- 
treme Gegensätze werden stets die größten psychologischen Effekte 
erreicht. Von allen infantilen Zeugimgstheorien, die im Unbewußten 
fortbestehen, ist vielleicht keine abstoßender als die hier beschriebene 
und man kann sich keinen auffallenderen Gegensatz vorstellen als 
zwischen ihrer ursprünglichen Form und der in unserer Legende. Ur- 
sprünglich haben wir einen Vater, der seine Tochter im Inzest schwän- 
gert, indem er mit Hilfe seines Geschlechtsorgans Darmgase aus- 
stößt imd in ihre untere Ernährungsöffnmig gelangen läßt, durch 
die später auch ihr Kind geboren wird. In der Legende wird der Ort 
des Austrittes vollkommen übergangen und der Eintritt findet durch 
das zur Aufnahme von Musik bestimmte Organ statt, eine Öffnung, 
die aller SinnUchkeit viel femer steht als jede andere des Körpers, 
als der Nabel, der Mund und sogar das Auge. Was kann es für ein 
unschuldigeres Symbol geben als den sanften Boten der Hoffnung 
und Liebe, die Taube? Und wer würde in dem zarten Atem der Taube, 
verstärkt durch die feierlichen Worte des Erzengels, die abstoßende 
Materie, die er symbolisiert, wiedererkennen, ihren Geruch in dem 
Duft der Lilien, die Feuchtigkeit und Wärme in der Aureole von Licht 
und Feuer, ihr Geräusch in dem sanften Girren — „dem irdischen 
Echo von Gottes eigenem Wort"? 

Der christliche Mythus ist vielleicht die gewaltigste und erfolg- 
reichste revolutionäre Phantasie der ganzen Grcschichte und sein auf- 
fälligstes Merkmal ist die vollkommene Verhüllung mit dem Gewand 
der bis zur Selbstopferung gehenden Unterwerfung unter des Vaters 
Willen, in der diese Phantasie auftritt. Es ist deshalb durchaus an- 
gemessen, daß eine so wichtige Episode wie die Geburt des Heros 
durch eine Symbolik dargestellt wird, die eine vollkommene Abläug- 
nung der väterlichen Potenz darstellt, aber gleichzeitig in den höchsten 
denkbaren Bildern seine Macht verherrlicht. 

Wenden wir uns zuletzt zu dem hier abgebildeten Gemälde 
Martinis^), das vor mehr als 600 Jahren gemalt wurde, so sehen wir, 

^) Das Gemälde wird gewöhnlich Simone Martini und Lippe Memmi 



Die Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr. 203 

obwoU seine herrlichen Farben hier nicht wiedergegeben werden 
können, daß der ganze Gegenstand, der uns beschäftigte, mit einem 
Liebreiz und einer Treuherzigkeit dargestellt ist, die kaum übertroffen 
werden können. Edward Hutton, einer unserer führenden Kritiker 
schreibt darüber: ,,Wer könnte die Farben und die Feinheit dieser 
Arbeit beschreiben? Menschenhand kann nicht mehr leisten; es ist 
das schönste aller religiösen Bildnisse." Um zu zeigen, aus welchen Tiefen 
der Künstler seine Inspiration schöpfte, möchte ich die Aufmerksamkeit 
des Lesers auf ein kleines Detail lenken, auf einen für Martinis Ver- 
kündigungsbilder charakteristischen Zug, der allerdings später von 
anderen Malern^) oft nachgeahmt wurde. Er betrifft die Glocken- 
blumen, die zwischen Gabriel und der Madonna stehen. Unser Künstler 
deutet ganz unbewußt an, weshalb für diesen Zweck gerade Lilien 
gewählt wurden. Von allen Blumen ist die Lilie durch ihren feinen Duft 
bekannt; besser als die süße und schon fast geile Rose, der schwere 
Jasmin, die vergänglichen Feldblumen oder irgend eine andere Blüte 
kann sie die Krone der Reinheit darstellen, die notwendig ist, um die 
ganz entgegengesetzte ursprüngliche Vorstellung zu verhüllen. In 
dem Gemälde läßt der Künstler die Worte Gabriels, die dem Atem 
Gottes entsprechen, durch die Lilien gehen, um gleichsam das Be- 
fruchtungsprinzip von der letzten Spur irdischen Schmutzes zu rei- 
nigen, um es von jeder, möglicherweise noch vorhandenen Schlacke 
zu befreien. 

In Werken, die, wie es bei diesem der Fall gewesen sein muß, 
durch die direkte Inspiration des Unbewußten entstehen, erkennen 
wir deutlich den Unterschied zwischen wahrer und falscher Kunst. 
Es zeigt auch, wie glücklich die Vereinigung zwischen der christlichen 
Religion und der Kunst war, bevor mit der Dekadenz der Renaissance 
die Scheidung eintrat. Unser ganzer Aufsatz zeigt, welche wichtige 
Rolle das ästhetische Gefühl bei der Ausbildung religiöser Anschau- 
ungen spielt — die von uns analysierte Legende könnte mit einer 

zusammen zugeschrieben, aber letzterer malte nur die Umrahmung und die hier 
nicht abgebildeten Engel auf der Seite. 

1) Z. B. von Taddeo Bartoli (Akademie in Siena). Einen sehr deut- 
lichen Wink über die Funktion der heiligen Worte geben jene Künstler, die sie 
in Gestalt einer Schlange vom Mimde des Erzengels ausgehen lassen. {Ein 
Beispiel bietet das Altargerät in Klostemeuburg, reproduziert von B eissei, 
Geschichte der Verehrung Marias in Deutschland während des Mittelalters, 
1909, S. 466.) 



204 Ernest Jones. 

hervorragenden poetischen Konzeption verglichen werden, — eine 
durchaus verständliche Tatsache, wenn wir uns erinnern, wie eng 
die Verbindung zwischen den Wurzeln beider im Unbewußten ist. 
Die Eeligion hat sich stets in irgend einex Form der Kunst bedient 
und sie muß es tun, denn die Inzestwünsche bilden ihre Phantasien 
ausnahmslos aus dem Material, das die Erinnerung an die kopro- 
philen Interessen der Kindheit liefert; das ist der wahre Sinn des 
Satzes: ,,Die Kunst ist die Dienerin der Religion". Die sich er- 
weiternde Trennung zwischen den beiden und die Wendung der 
Kunst zu anderen Zwecken bildet das erste ernste Stadium im Ver- 
gehen der Religion und im Triumph des Realitätsprinzips über das 
Lustprinzip. 



Originalien. 



Zur Geschiclite der psyclioaiialytischen Bewegung. 

Von Signi. Freud, 



Fluctuat nee mergitur. 

Im Wappen der Stadt Paris 



Wenn ich im nachstehenden Beiträge zur Greschichte der psycho- 
analytischen Bewegung bringe, so wird sich über deren subjektiven 
Charakter und über die Rolle, die meiner Person darin zufällt, niemand 
verwundern dürfen. Denn die Psychoanalyse ist meine Schöpfung, 
ich war durch zehn Jahre der einzige, der sich mit ihr beschäftigte, 
und alles Mißvergnügen, welches die neue Erscheinung bei den Zeit- 
genossen hervorrief, hat sich als Kritik auf mein Haupt entladen. 
Ich finde mich berechtigt, den Standpunkt zu vertreten, daß auch heute 
noch, wo ich längst nicht mehr der einzige Psychoanaljrtiker bin, keiner 
besser als ich wissen kann, was die Psychoanalyse ist, wodurch sie sich 
von anderen Weisen, das Seelenleben zu erforschen, unterscheidet, 
und was mit ihrem Namen belegt werden soll oder besser anders zu 
benennen ist. Indem ich so zurückweise, was mir als eine kühne Usur- 
pation erscheint, gebe ich unseren Lesern indirekten Aufschluß über die 
Vorgänge, die zum Wechsel in der Redaktion und Erscheinungsform 
dieses Jahrbuches geführt haben. 

Als ich im Jahre 1909 auf dem Katheder einer amerikanischen 
Universität zuerst öffentlich von der Psychoanalyse reden durfte, 
habe ich, von der Bedeutung des Moments für meine Bestrebungen 
ergriffen, erklärt, ich sei es nicht gewesen, der die Psychoanalyse ins 
Leben gerufen. Dies Verdienst habe ein anderer, Josef Breuer, er- 
worben zu einer Zait, da ich Student und mit der Ablegung meiner 



208 Sigm. Freud. 

Prüfungen beschäftigt gewesen sei (1880 bis 1882i). Aber wohlmeinende 
Freunde haben mir seither die Erwägung nahegelegt, ob ich meiner 
Dankbarkeit damals nicht einen unangemessenen Ausdruck gegeben. 
Ich hätte, wie bei früheren Veranlassungen, das „kathartische Ver- 
fahren" von Breuer als ein Vorstadium der Psychoanalyse würdigen 
und diese selbst erst mit meiner Verwerfimg der hypnotischen Technik 
und Einführung der freien Assoziationen beginnen lassen sollen. Nun 
ist es ziemlich gleichgültig, ob man die Geschichte der Psychoanalyse 
vom kathartischen Verfahren an oder erst von meiner Modifikation 
desselben rechnen will. Ich gehe auf dieses uninteressante Problem 
nur ein, weil manche Gegner der Psychoanalyse sich gelegentlich darauf 
zu besinnen pflegen, daß ja diese Kunst gar nicht von mir, sondern 
von Breuer herrührt. Dies ereignet sich natürlich nur in dem Falle, 
daß ihnen ihre Stellung gestattet, einiges an der Psychoanalyse be- 
achtenswert zu finden; wenn sie sich in der Ablehnung keine solche 
Schranke auferlegen, dann ist die Psychoanalyse immer unbestritten 
mein Werk. Ich habe noch nie erfahren, daß Breuers großer Anteil 
an der Psychoanalyse ihm das entsprechende Maß von Schimpf und 
Tadel eingetragen hätte. Da ich nun längst erkannt habe, daß es das 
unvermeidliche Schicksal der Psychoanalyse ist, die Menschen zum 
Widerspruch zu reizen und zu erbittern, so habe ich für mich den 
Schluß gezogen, ich müßte doch von allem, was sie auszeichnet, der 
richtige Urheber sein. Mit Befriedigung füge ich hinzu, daß keine der 
Bemühungen, meinen Anteil an der vielgeschmähten Analyse zu 
schmälern, je von Breuer selbst ausgegangen ist oder sich seiner 
Unterstützung rühmen konnte. 

Der Inhalt der Breuer sehen Entdeckung ist so häufig dar- 
gestellt worden, daß deren ausführliche Diskussion hier entfallen darf. 
Die Grundtatsache, daß die Symptome der Hysterischen von eindrucks- 
vollen, aber vergessenen Szenen ihres Lebens (Traumen) abhängen, 
die darauf gegründete Therapie, sie diese Erlebnisse in der Hypnose 
erinnern und reproduzieren zu lassen (Katharsis), und das daraus 
folgende Stückchen Theorie, daß diese Symptome einer abnormen 
Verwendung von nicht erledigten Erregungsgrößen entsprechen (Kon- 
version). Breuer hat jedesmal, wo er in seinem theoretischen Beitrag 

^) Über Psychoanalyse. Fünf Vorlesungen gehalten zur 20jährigen Grün- 
dungsfeier der Clark University in Worcester, Mass., gewidmet Stanley Hall. 
Zweite Auflage, 1912. Gleichzeitig englisch erschienen im Amer. Joum. of Psycho- 
logy, March. 1910; übersetzt ins Holländische, Ungarische, Polnische und Russische. 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. 209 

zu den „Studien über Hysterie" der Konversion gedenken muß, meinen 
Namen in Klammem hinzugesetzt, als ob dieser erste "Versuch einer 
theoretischen Eechenschaft mein geistiges Eigentum wäre. Ich glaube, 
daß sich diese Zuteilung nur auf die Namengebung bezieht, während 
sich die Auffassung uns gleichzeitig und gemeinsam ergeben hat. 

Es ist auch bekannt, daß Breuer die kathartische Behandlung 
nach seiner ersten Erfahrung durch eine Reihe von Jahren ruhen ließ und 
sie erst wieder aufnahm, nachdem ich, von Charcot zurückgekehrt, 
ihn dazu veranlaßt hatte. Er war Internist und durch eine ausgedehnte 
ärztliche Praxis in Anspruch genommen; ich war nur imgern Arzt 
geworden, hatte aber damals ein starkes Motiv bekommen, den nervösen 
Kranken helfen oder wenigstens etwas von ihren Zuständen verstehen 
zu wollen. Ich hatte mich der physikalischen Therapie anvertraut 
und fand mich ratlos angesichts der Enttäuschungen, welche mich die 
an Ratschlägen und Indikationen so reiche „Elektrotherapie" von 
W. Erb erleben ließ. Wenn ich mich damals nicht selbständig 
zu dem später von Moebius durchgesetzten Urteil durcharbeitete, 
daß die Erfolge der elektrischen Behandlung bei nervösen Störungen 
Suggestionserfolge seien, so trug gewiß nichts anderes als das Aus- 
bleiben dieser versprochenen Erfolge die Schuld daran. Einen aus- 
reichenden Ersatz für die verlorene elektrische Therapie schien damals 
die Behandlung mit Suggestionen in tiefer Hypnose zu bieten, die ich 
durch die äußerst eindrucksvollen Demonstrationen von Liebault 
und-Bernheim kennen lernte. Aber die Erforschung in der Hypnose, 
von der ich durch Breuer Kenntnis hatte, mußte durch ihre auto- 
matische Wirkungsweise und die gleichzeitige Befriedigung der Wiß- 
begierde ungleich anziehender wirken als das monotone, gewalttätige, 
von jeder Forschung ablenkende suggestive Verbot. 

Wir haben kürzlich als eine der jüngsten Erwerbungen der Psycho- 
analyse die Mahnung vernommen, den aktuellen Konflikt und die 
Krankheitsveranlassung in den Vordergrund der Analyse zu rücken. 
Nun das ist genau das, was Breuer und ich zu Beginn unserer Arbeiten 
mit der kathartischen Methode getan haben. Wir lenkten die Aufmerk- 
samkeit des Kranken direkt auf die traumatische Szene, in welcher 
das Symptom entstanden war, suchten in dieser den psychischen Konflikt 
zu erraten und den unterdrückten Affekt frei zu machen. Dabei ent- 
deckten wir den für die psychischen Prozesse bei den Neurosen charak- 
teristischen Vorgang, den ich später Regression genannt habe. Die 
Assoziation des Kranken ging von der Szene, die man aufklären wollte, 

Jahrbuch der Psychoanalyse. VI. 24 



210 Sigm. Freud. 

auf frühere Erlebnisse zurück und nötigte die Analyse, welche die 
Gegenwart korrigieren sollte, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. 
Diese Regression führte immer weiter nach rückwärts, zuerst schien es, 
regelmäßig bis in die Zeit der Pubertät, dann lockten Mißerfolge wie 
Lücken des Verständnisses die analytische Arbeit in die dahinter 
liegenden Jahre der Kindheit, die bisher für jede Art von Erforschung 
unzugänglich gewesen waren. Diese regrediente Richtung wurde zu 
einem wichtigen Charakter der Analyse. Es zeigte sich, daß die Psycho- 
analyse nichts Aktuelles aufklären könne außer durch Zurückführung 
auf etwas Vergangenes, ja daß jedes pathogene Erlebnis ein früheres 
voraussetzt, welches, selbst nicht pathogen, doch dem späteren Ereignis 
seine pathogene Eigenschaft verleiht. Die Versuchung, bei dem be- 
kannten aktuellen Anlaß zu verbleiben, war aber so groß, daß ich ihr 
noch bei späten Analysen nachgegeben habe. In der 1899 durchgeführten 
Behandlung der „Dora" genannten Patientm war mir die Szene bekannt, 
welche den Ausbruch der aktuellen Erkrankung veranlaßt hatte. Ich 
bemühte mich ungezählte Male, dieses Erlebnis zur Analyse zu bringen, 
ohne auf meine direkte Aufforderung jemals etwas anderes zu erhalten, 
als die nämliche kärgliche und lückenhafte Beschreibung. Erst nach 
einem langen Umweg, der über die früheste Kindheit der Patientin 
führte, stellte sich ein Traum ein, zu dessen Analyse die bis dahin ver- 
gessenen Einzelheiten der Szene erinnert wurden, womit das Verständnis 
und die Lösung des aktuellen Konfhktes ermöglicht waren. 

Man kann aus diesem einen Beispiel ersehen, wie irreführend 
die vorhin erwähnte Mahnung ist, und welcher Betrag wissenschaftlicher 
Regression in der so angeratenen Vernachlässigung der Regression in 
der analytischen Technik zum Ausdruck kommt. 

Die erste Differenz zwischen Breuer und mir trat in einer Frage 
des intimeren psychischen Mechanismus der Hysterie zutage. Er 
bevorzugte eine sozusagen noch physiologische Theorie, wollte die 
seelische Spaltung der Hysterischen durch das Nichtkommunizieren 
verschiedener seelischer Zustände (oder wie wir damals sagten: Be- 
wußtseinszustände) erklären und schuf so die Theorie der „hypnoiden 
Zustände", deren Ergebnisse wie unassimilierte Fremdkörper in das 
,, Wachbewußtsein" hineinragen sollten. Ich hatte mir die Sache 
weniger wissenschaftlich zurechtgelegt, witterte überall Tendenzen 
und Neigimgen analog denen des täglichen Lebens und faßte die psy- 
chische Spaltung selbst als Ergebnis eines Abstoßungsvorganges, den 
ich damals „Abwehr", später „Verdrängung" benannte. Ich machte 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. 211 

einen kurzlebigen Versuch, die beiden Mechanismen nebeneinander 
bestehen zu lassen, aber da mir die Erfahrung stets das nämliche und 
nur eines zeigte, stand bald seiner Hypnoidtheorie meine Abwehrlehre 
gegenüber. 

Ich bin indes ganz sicher, daß dieser Gegensatz nichts mit unserer 
bald darauf eintretenden Trennung zu tim hatte. Dieselbe war tiefer 
motiviert, aber sie kam so, daß ich sie anfangs nicht verstand und erst 
später nach allerlei guten Indizien deuten lernte. Man erinnert sich, 
daß Breuer von seiner berühmten ersten Patientin ausgesagt hatte, 
das sexuale Element sei bei ihr erstaunlich unentwickelt gewesen 
und habe niemals einen Beitrag zu ihrem reichen Krankheitsbilde 
geliefert. Ich habe mich immer verwundert, daß die Kritiker diese 
Versicherung Breuers meiner Behauptung von der sexuellen Ätiologie 
der Neurosen nicht öfter entgegengestellt haben, und weiß noch 
heute nicht, ob ich in dieser Unterlassimg einen Beweis für ihre Dis- 
kretion oder für ihre Unachtsamkeit sehen soll. Wer die Breuersche 
Krankengeschichte im Lichte der in den letzten zwanzig Jahren ge- 
wonnenen Erfahrung von neuem durchliest, wird die Symbolik der 
Schlangen, des Starrwerdens, der Armlähmung nicht mißverstehen 
können und durch Einrechnung der Situation am Krankenbette des 
Vaters die wirkliche Deutung jener Symptombildung leicht erraten. 
Sein Urteil über die Rolle der Sexualität im Seelenleben jenes Mäd- 
chens wird sich dann von dem ihres Arztes weit entfernen. Breuer 
stand zur Herstellung der Kranken der intensivste suggestive Eapport 
zu Gebote, der uns gerade als Vorbild dessen, was wir ,, Übertragung" 
heißen, dienen kann. Ich habe nun starke Gründe zu vermuten, daß 
Breuer nach der Beseitigimg aller Symptome die sexuelle Motiviertmg 
dieser Übertragung an neuen Anzeichen entdecken mußte, daß ihm 
aber die allgemeine Natur dieses unerwarteten Phänomens entging, 
so daß er hier, wie von einem ,,untoward event" betroffen, die Forschung 
abbrach. Er hat mir hiervon keine direkte Mitteilung gemacht, aber 
zu verschiedenen Zeiten Anhaltspunkte genug gegeben, um diese Kom- 
bination zu rechtfertigen. Als ich dann immer entschiedener für die 
Bedeutung der Sexualität in der Verursachung der Neurosen eintrat, 
war er der erste, der mir jene Reaktionen der unwilligen Ablehnung 
zeigte, die mir später so vertraut werden sollten, die ich damals aber 
noch nicht als mein unabwendbares Schicksal erkannt hatte. 

Die Tatsache der grob sexuell betonten, zärtlichen oder feind- 
seligen Übertragung, die sich bei jeder Neurosenbehandlung einstellt, 

14* 



212 Sigm. Freud. 

obwohl sie von keinem Teil gewünscht oder herbeigeführt wird, ist 
mir immer als dwr unerschütterlichste Beweis für die Herkunft der 
Triebkräfte der Neurose aus dem Sexualleben erschienen. Dies Ar- 
gument ist noch lange nicht ernsthaft genug gewürdigt worden, denn 
geschähe dies, so bliebe der Forschung eigentlich keine Wahl. Für meine 
Überzeugung ist es entscheidend geblieben, neben und über den spe- 
ziellen Ergebnissen der Analysenarbeit. 

Ein Trost für die schlechte Aufnahme, welche meine Aufstellung 
der sexuellen Ätiologie der Neurosen auch im engeren Freundeskreis 
fand, — es bildete sich bald ein negativer Raum um meine Person, — lag 
doch in der Überlegung, daß ich für eine neue und originelle Idee den 
Kampf aufgenommen hatte. Allein eines Tages setzten sich bei mir einige 
Erinnerungen zusammen, welche diese Befriedigung störten und mir dafür 
einen schönen Einblick in den Hergang unseres Schaffens und die 
Natur unseres Wissens gestatteten. Die Idee, für die ich verantwortlich 
gemacht wurde, war keineswegs in mir entstanden. Sie war mir von 
drei Personen zugetragen worden, deren Meinung auf meinen tiefsten 
ßespekt rechnen durfte, von Breuer selbst, von C ha r cot und von dem 
Gynäkologen unserer Universität Chrobak, dem vielleicht hervor- 
ragendsten unserer Wiener Ärzte. Alle drei Männer hatten mir eine Ein- 
sicht überliefert, die sie, strenggenommen, selbst nicht besaßen. Zwei von 
ihnen verleugneten ihre Mitteilung, als ich sie später daran mahnte, 
der dritte (Meister Charcot) hätte es wahrscheinlich ebenso getan, 
wenn es mir vergönnt gewesen wäre, ihn wiederzusehen. In mir aber 
hatten diese ohne Verständnis aufgenommenen identischen Mitteilungen 
durch Jahre geschlummert, bis sie eines Tages als eine scheinbar origi- 
nelle Erkenntnis erwachten. 

Als ich eines Tages als junger Spitalsarzt Breuer auf einem 
Spaziergange durch die Stadt begleitete, trat ein Mann an ihn heran, 
der ihn dringend sprechen wollte. Ich blieb zurück, und als Breuer 
frei geworden war, teilte er mir in seiner freundlich belehrenden 
Weise mit, es sei der Mann einer Patientin gewesen, der eine Nachricht 
. über sie gebracht hätte. Die Frau, fügte er hinzu, benehme sich in 
GreseUschaften in so auffälliger Art, daß man sie ihm als Nervöse zur 
Behandlung übergeben habe. Das sind immer Geheimnisse des 
Alkovens, schloß er dann. Ich fragte erstaunt, was er meine, und er 
erklärte mir das Wort („des Ehebettes"), weil er nicht verstand, daß 
mir die Sache so unerhört erschienen war. 

Einige Jahre später befand ich mich an einem der Empfangs- 



Zur Geschictte der psychoanalytischen Bewegung. 213 

abende Charcots in der Nähe des verehrten Lehrers, der gerade 
Brouardel eine, wie es schien, sehr interessante Geschichte aus der 
Praxis des Tages erzählte. Ich hörte den Anfang ungenau, allmählich 
fesselte die Erzählung meine Aufmerksamkeit. Ein junges Ehepaar von 
weit her aus dem Orient, die Frau schwer leidend, der Mann impotent 
oder recht tmgeschickt. Tächez donc, hörte ich Charcot wiederholen, 
je vous assure, vous y arriverez. Brouardel, der weniger laut sprach, 
muß dann seiner Verwunderimg Ausdruck gegeben haben, daß unter 
solchen Umständen Symptome wie die der Frau zustande kämen. 
Denn Charcot brach plötzlich mit großer Lebhaftigkeit in die Worte 
aus: Mais, dans des cas pareils c'est toujours la chose genitale, toujours... 
toujours - . . toujours. Und dabei kreuzte er die Hände vor dem Schoß 
und hüpfte mit der ihm eigenen Lebhaftigkeit mehrmals auf und nieder. 
Ich weiß, daß ich für einen Augenblick in ein fast lähmendes Erstaunen 
verfiel imd mir sagte: Ja, wenn er das weiß, warum sagt er das nie? 
Aber der Eindruck war bald vergessen ; die Gehimanatomie und die ex- 
perimentelle Erzeugung hysterischer Lähmungen hatten alles Interesse 
absorbiert. 

Ein Jahr später hatte ich als Privatdozent für Nervenkrankheiten 
meine ärztliche Tätigkeit in Wien begonnen imd war in allem, was 
Ätiologie der Neurosen betraf, so unschuldig und so unwissend geblieben, 
wie man es nur von einem hoffnungsvollen Akademiker fordern darf. 
Da traf mich eines Tages eine freundlicher Ruf Chrobaks, eine Pa- 
tientin von ihm zu übernehmen, welcher er in seiner neuen Stellung 
als Universitätslehrer nicht genug Zeit widmen könne. Ich kam früher 
als er zur Kranken und erfuhr, daß sie an sinnlosen Angstanfällen 
leide, die nur durch die sorgfältigste Information, wo sich zu jeder Zeit 
des Tages ihr Arzt befinde, beschwichtigt werden könnten. Als Chro- 
bak erschien, nahm er mich beiseite und eröffnete mir, die Angst der 
Patientin rühre daher, daß sie trotz ISjähriger Ehe Virgo intacta sei. 
Der Mann sei absolut impotent. Dem Arzt bleibe in solchen Fällen 
nichts übrig, als das häusliche Mißgeschick mit seiner Reputation zu 
decken und es sich gefallen zu lassen, wenn man achselzuckend über 
ihn sage : Der kann auch nichts, wenn er sie in soviel Jahren nicht her- 
gestellt hat. Das einzige Rezept für solche Leiden, fügte er hinzu, ist 
uns wohlbekannt, aber wir können es nicht verordnen. Es lautet: 
Ro. Penis normalis 

1. 

dosim 
Repetatur ! 



214 Sigm, Freud. 

Ich hatte von solchem Rezept nichts gehört und hätte gern den 
Kopf geschüttelt über den Zynismus meines Gönners. 

Ich habe die erlauchte Abkunft der verruchten Idee gewiß nicht 
darum aufgedeckt, weil ich die Verantwortung für sie auf andere ab- 
wälzen möchte. Ich weiß schon, daß es etwas anderes ist, eine Idee 
ein oder mehrere Male in der Form eines flüchtigen Apergus auszu- 
sprechen als : Ernst mit ihr zu machen, sie wörtlich zu nehmen, durch 
alle widerstrebenden Details hindurchzuführen und ihr ihre Stellung 
imter den anerkannten Wahrheiten zu erobern. Es ist der Unterschied 
zwischen einem leichten Flirt und einer rechtschaffenen Ehe mit all 
ihren Pflichten und Schwierigkeiten. Epouser les idees de . . . ist eine 
wenigstens im Französischen gebräuchliche Redewendung. 

Von den anderen Momenten, die durch meine Arbeit zum 
kathartischen Verfahren hinzukamen und es zur Psychoanalyse um- 
gestalteten, hebe ich hervor: Die Lehre von der Verdrängung tmd 
vom Widerstand, die Einsetzung der infantilen Sexualität und die 
Deutung und Verwertung der Träume zur Erkenntnis des Unbewußten. 

In der Lehre von der Verdrängung war ich sicherlich selbständig, 
ich weiß von keiner Beeinflussung, die mich in ihre Nähe gebracht 
hätte, und ich hielt diese Idee auch lange Zeit für eine originelle, bis 
uns O. Rank die Stelle in Schopenhauers „Welt als Wille und Vor- 
stellung" zeigte, in welcher sich der Philosoph um eine Erklärimg 
des Wahnsinnes bemüht^). Was dort über das Sträuben gegen die 
Annahme eines peinlichen Stückes der Wirklichkeit gesagt ist, deckt 
sich so vollkommen mit dem Inhalt meines Verdrängungsbegriffes, 
daß ich wieder einmal meiner Unbelesenheit für die Ermöglichung 
einer Entdeckung verpflichtet sein durfte. Indes haben andere diese 
Stelle gelesen und über sie hinweggelesen, ohne diese Entdeckung 
zu machen, und vielleicht wäre es mir ähnlich ergangen, wenn ich 
in früheren Jahren mehr Geschmack an der Lektüre philosophischer 
Autoren gefunden hätte. Den hohen Genuß der Werke Nietzsches 
habe ich mir dann in späterer Zeit mit der bewußten Motivierung 
versagt, daß ich in der Verarbeitung der psychoanalytischen Ein- 
drücke durch keinerlei Erwartungsvorstellimg behindert sein wolle. 
Dafür mußte ich bereit sein — und ich bin es gerne — auf alle 
Prioritätsansprüche in jenen häufigen Fällen zu verzichten, in denen 
die mühselige psychoanalytische Forschung die intuitiv gewonnenen 
E nsichten des Philosophen nur bestätigen kann. 

'■) Zentralblatt für Psychoanalyse, 1911, Bd. I, S. 69. 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. 215 

Die "Verdrängungsielire ist nun der Grundpfeiler, auf dem das Ge- 
bäude der Psychoanalyse ruht, so recht das wesentlichste Stück der- 
selben und selbst nichts anderes als der theoretische Ausdruck einer 
Erfahrung, die sich beliebig oft wiederholen läßt, wenn man ohne Zuhilfe- 
nahme der Hypnose an die Analyse eines Neurotikers geht. Man bekommt 
dann einen Widerstand zu spüren, welcher sich der analytischen Arbeit 
widersetzt und einen Erinnerungsausfall vorschiebt, um sie zu vereiteln. 
Diesen Widerstand mußte die Anwendung der Hypnose verdecken; 
darum setzt die Geschichte der eigentlichen Psychoanalyse erst mit der 
technischen Neuerung des Verzichtes auf die Hypnose ein. Die theoreti- 
sche Würdigung des Umstandes, daß dieser Widerstand mit einer 
Amnesie zusammentrifft, führt dann unvermeidlich zu jener Auf- 
fassung der imbewußten Seelentätigkeit, welche der Psychoanalyse 
eigentümhch ist und sich von den philosophischen Spekulationen 
über das Unbewußte immerhin merklich unterscheidet. Man darf 
daher sagen, die psychoanalytische Theorie ist ein Versuch, zwei Er- 
fahrungen verständlich zu machen, die sich in auffälliger und uner- 
warteter Weise bei dem Versuche ergeben, die Leidenssymptome eines 
Neurotikers auf ihre Quellen in seiner Lebensgeschichte zurückzu- 
führen: die Tatsache der Übertragung und die des Widerstandes. 
Jede Forschungsrichtung, welche diese beiden Tatsachen anerkennt 
und sie zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit nimmt, darf sich Psycho- 
analyse heißen, auch wenn sie zu anderen Ergebnissen als den meinigen 
gelangt. Wer aber andere Seiten des Problems in Angriff nimmt und 
von diesen beiden Voraussetzungen abweicht, der wird dem Vorwurf 
der Besitzstörung durch versuchte Mimikry kaum entgehen, wenn er 
darauf beharrt, sich einen Psychoanalytiker zu nennen. 

Ich würde mich sehr energisch dagegen sträuben, wenn jemand 
die Lehre von der Verdrängung imd vom Widerstand zu den Voraus- 
setzungen anstatt zu den Ergebnissen der Psychoanalyse rechnen wollte. 
Es gibt solche Voraussetzungen allgemein psychologischer und biologi- 
scher Natur und es wäre zweckmäßig, an anderer Stelle von ihnen zu 
handeln, aber die Lehre von der Verdrängung ist ein Erwerb der psycho- 
analytischen Arbeit, auf legitime Weise als theoretischer Extrakt 
aus unbestimmt vielen Erfahrungen gewonnen. Ein ebensolcher Er- 
werb, nur aus viel späterer Zeit, ist die Aufstellung der infantilen 
Saxualität, von welcher in den ersten Jahren tastender Forschimg durch 
die Analyse noch nicht die Rede war. Man merkte zuerst nur, daß man 
die Wirkung aktueller Eindrücke auf Vergangenes zurückführen müßte. 



216 Sigm. Pread. 

Allein,, der Sucher fand oft mehr, als er zu finden wünschte". Man wurde 
immer weiter zurück in diese Vergangenheit gelockt und endlich hoffte 
man in der Pubertätszeit verweilen zu dürfen, in der Epoche des tra- 
ditionellen Erwachens der Sexualregungen. Vergeblich, die Spuren 
wiesen noch weiter nach rückwärts, in die Kindheit und in frühere 
Jahre derselben. Auf dem Wege dahin galt es einen Irrtum zu über- 
winden, der für die junge Forschung fast verhängnisvoll geworden wäre. 
Unter dem Einfluß der an Chaxcot anknüpfenden traumatischen 
Theorie der Hysterie war man leicht geneigt, Berichte der Kranken 
für real und ätiologisch bedeutsam zu halten, welche ihre Symptome 
auf passive sexuelle Erlebnisse in den ersten Kinderjahren, also grob 
ausgedrückt: auf Verführung zurückleiteten. Als diese Ätiologie an 
ihrer eigenen UnWahrscheinlichkeit und an dem Widerspruche gegen 
sicher festzustellende Verhältnisse zusammenbrach, war ein Stadium 
völliger Ratlosigkeit das nächste Ergebnis. Die Analyse hatte auf 
korrektem Wege bis zu solchen infantilen Sexualtraumen geführt 
imd doch waren diese unwahr. Man hatte also den Boden der Realität 
verloren. Damals hätte ich gerne die ganze Arbeit im Stiche gelassen, 
ähnlich wie mein verehrter Vorgänger Breuer bei seiner imerwünschten 
Entdeckung. Vielleicht harrte ich nur aus, weil ich keine Wahl mehr 
hatte, etwas anderes zu beginnen. Endlich kam die Besinnung, daß 
man ja kein Recht zum Verzagen habe, wenn man nur in seinen Er- 
wartungen getäuscht worden sei, sondern diese Erwartungen revidieren 
müsse. Wenn die Hysteriker ihre Symptome auf erfundene Traumen 
zurückführen, so ist eben die neue Tatsache die, daß sie solche Szenen 
phantasieren, und die psychische Reahtät verlangt neben der prakti- 
schen Realität gewürdigt zu werden. Es folgte bald die Einsicht, daß 
diese Phantasien dazu bestimmt seien, die autoerotische Betätigung 
der ersten Kinderjahre zu verdecken, zu beschönigen und auf eine 
höhere Stufe zu heben, und nun kam hinter diesen Phantasien das 
Sexualleben des Kindes in seinem ganzen Umfsuige zum Vorschein. 
In dieser Sexualtätigkeit der ersten Kinderjahre konnte endlich 
auch die mitgebrachte Konstitution zu ihrem Rechte kommen. Anlage 
und Erleben verknüpften sich hier zu einer unlösbaren ätiologischen 
Einheit, indem die Anlage Eindrücke zu anregenden und fixierenden 
Traumen erhob, welche sonst, durchaus banal, wirkungslos geblieben 
wären, und indem die Erlebnisse Faktoren aus der Disposition wach- 
riefen, welche ohne sie lange geschlummert hätten und vielleicht un- 
entwickelt geblieben wären. Das letzte Wort in der Frage der trau- 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. 217 

matischen Ätiologie sprach dann später Abraham aus, als er darauf 
hinwies, wie gerade die Eigenart der sexuellen Konstitution des Kindes 
sexuelle Erlebnisse von besonderer Art, also Traumen, zu provozieren 
versteht. 

Meine Aufstellungen über die Sexualität des Kindes waren 
anfangs fast ausschließlich auf die Ergebnisse der in die Vergangenheit 
rückschreitenden Analyse von Erwachsenen begründet. Zu direkten 
Beobachtungen am Kinde fehlte mir die Gelegenheit. Es war also ein 
außerordentlicher Triumph, als es Jahre später gelang, den größten 
Teil des Erschlossenen durch direkte Beobachtung und Analyse von 
Kindern in sehr frühen Jahren zu bestätigen, ein Triumph, der all- 
mählich durch die Überlegung verringert wurde, die Entdeckung sei 
von solcher Art, daß man sich eigentlich schämen müsse, sie gemacht 
zu haben. Je weiter man sich in die Beobachtung des Kindes einheß, 
desto selbstverständlicher wurde die Tatsache, desto sonderbarer 
aber auch der Umstand, daß man sich solche Mühe gegeben hatte, 
sie zu übersehen. 

Eine so sichere Überzeugung von der Existenz und Bedeutung 
der Kindersexualität kann man allerdings nur gewinnen, wenn man 
den Weg der Analyse geht, von den Symptomen und Eigentümlichkeiten 
der Neurotiker rückschreitet bis zu den letzten Quellen, deren Auf- 
deckung erklärt, was an ihnen erklärbar ist, und zu modifizieren ge- 
stattet, was sich etwa abändern läßt. Ich verstehe es, daß man zu anderen 
Resultaten kommt, wenn man, wie kürzlich C. G. Jung, sich zunächst 
eine theoretische Vorstellung von der Natur des Sexualtriebes bildet 
und von dieser aus das Leben des Kindes begreifen will. Eine solche 
Vorstellung kann nicht anders als willkürlich oder mit Rücksicht auf 
abseits liegende Erwägungen gewählt sein und läuft Gefahr, dem Gebiet 
inadäquat zu werden, auf welches man sie anwenden will. G«wiß führt 
auch der analytische Weg zu gewissen letzten Schwierigkeiten und 
Dunkelheiten in betreff der Sexualität und ihres Verhältnisses zum 
Gesamtleben des Individuums, aber diese können nicht durch Speku- 
lationen beseitigt werden, sondern müssen bleiben, bis sie Lösung 
durch andere Beobachtungen oder Beobachtungen auf anderen Ge- 
bieten finden. 

Über die Traumdeutung kann ich mich kurz fassen. Sie fiel mir 
zu als Erstlingsfrucht der technischen Neuenmg, nachdem ich mich, 
einer dunkeln Ahnung folgend, entschlossen hatte, die Hypnose mit 
der freien Assoziation zu vertauschen. Meine Wißbegierde war nicht 



218 Sigm. Freud. 

von vorne herein auf das Verständnis der Träume gerichtet gewesen. 
Einflüsse, die mein Interesse gelenkt oder mir eine hilfreiche Erwartung 
geschenkt hätten, sind mir nicht bekannt. Ich hatte vor dem Auf- 
hören meines Verkehrs mit Breuer kaum noch Zeit, ihm einmal in 
einem Satz mitzuteilen, daß ich jetzt Träume zu übersetzen verstünde. 
Infolge dieser Entdeckungsgeschichte war die Symbolik der Traum- 
sprache so ziemlich das letzte, was mir am Traum zugänglich wurde, 
denn für die Kenntnis der Symbole leisten die Assoziationen des 
Träumers nur wenig. Da ich die Gewöhnung festgehalten habe, immer 
zuerst an den Dingen zu studieren, ehe ich in den Büchern nachsah, 
konnte ich mir die Symbolik des Traumes sicherstellen, ehe ich durch 
die Schrift von Scherner auf sie hingewiesen wurde. Im vollen Um- 
fange habe ich dieses Ausdrucksmittel des Traumes erst später ge- 
würdigt, zum Teil unter dem Einflüsse der Arbeiten des zu Anfang 
so sehr verdienstvollen, später völlig verwahrlosten Stekel. Der 
enge Anschluß der psychoanalytischen Traumdeutung an die einst so 
hochgehaltene Traumdeutekunst der Antike wurde mir erst viele 
Jahre nachher klar. Das eigenartigste und bedeutsamste Stück meiner 
Traumtheorie, die Zurückführung der Traumentstellung auf einen 
innern Konflikt, eine Art von innerer Unaufrichtigkeit, fand ich dann 
bei einem Autor wieder, dem zwar die Medizin, aber nicht die Philo- 
sophie fremd geblieben war, dem Ingenieur J. Popper, der unter 
dem Namen Lynkeus ,, Phantasien eines Realisten" veröffentlicht 
hatte. 

Die Traumdeutung wurde mir zum Trost und Anhalt in jenen 
schweren ersten Jahren der Analyse, als ich gleichzeitig Technik, 
Klinik und Therapie der Neurosen zu bewältigen hatte, gänzlich ver- 
einsamt war und in dem Gewirre von Problemen und bei der Häufung 
der Schwierigkeiten oft Orientierung und Zuversicht einzubüßen 
fürchtete. Die Probe auf meine Voraussetzung, daß eine Neurose 
durch Analyse verständlich werden müsse, ließ oft bei dem Kranken 
verwirrend lange auf sich warten; an den Träumen, die man als Analoga 
der Svmptome auffassen konnte, fand diese Voraussetzung eine fast 
regelmäßige Bestätigung. 

Nur durch diese Erfolge wurde ich in den Stand gesetzt aus- 
zuharren. Ich habe mich darum gewöhnt, das Verständnis eines psy- 
chologischen Arbeiters an seiner Stellung zu den Problemen der Traum- 
deutung zu messen und mit Genugtuung beobachtet, daß die meisten 
Gegner der Psychoanalyse es überhaupt vermieden, diesen Boden 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. 219 

zu betreten oder sich höchst ungeschickt benahmen, wenn sie es doch 
versuchten. Meine Selbstanalyse, deren Notwendigkeit mir bald ein- 
leuchtete, habe ich mit Hilfe einer Serie von eigenen Träumen durch- 
geführt, die mich durch alle Begebenheiten meiner Kinderjahre führten, 
und ich bin noch heute der Meinung, daß bei einem guten Träumer 
und nicht allzu abnormen Menschen diese Art der Analyse genügen 
kann. 

Durch die Aufrollung dieser Entstehungsgeschichte glaube ich 
besser als durch eine systematische Darstellung gezeigt zu haben, 
was die Psychoanalyse ist. Die besondere Natur meiner Funde erkannte 
ich zunächst nicht. Ich opferte unbedenklich meine beginnende Be- 
liebtheit als Arzt und den Zulauf der Nervösen in meine Sprechstunde, 
indem ich konsequent nach der sexuellen Verursachung ihrer Neu- 
rosen forschte, wobei ich eine Anzahl von Erfahrungen machte, die 
meine Überzeugung von der praktischen Bedeutung des sexuellen 
Moments endgültig festlegten. Ich trat ahnunglos in der Wiener Fach- 
vereinigung, damals unter dem Vorsitz von Kraff t - Ebing, als 
Redner auf, der erwartete, durch Interesse und Anerkennung seiner 
Kollegen für seine freiwillige materielle Schädigung entschädigt zu 
werden. Ich behandelte meine Entdeckungen wie indifferente Bei- 
träge zur Wissenschaft und hoffte dasselbe von den anderen. Erst 
die Stille, die sich nach meinen Vorträgen erhob, die Leere, die sich 
um meine Person bildete, die Andeutungen, die mir zugetragen wurden, 
ließen mich allmählich begreifen, daß Behauptungen über die Rolle 
der Sexualität in der Ätiologie der Neurosen nicht darauf rechnen 
könnten, so behandelt zu werden wie andere Mitteilungen. Ich verstand, 
daß ich von jetzt ab zu denen gehörte, die ,,am Schlaf der Welt 
gerührt haben'", nach Hebbels Ausdruck, und daß ich auf Objektivität 
und Nachsicht nicht zählen durfte. Da aber meine Überzeugung von 
der durchschnittlichen Richtigkeit meiner Beobachtungen und Schluß- 
folgerungen immer mehr wuchs und mein Zutrauen zu meinem eigenen 
Urteil sowie mein moralischer Mut nicht eben gering waren, konnte 
der Ausgang dieser Situation nicht zweifelhaft sein. Ich entschloß 
mich zu glauben, daß mir das Glück zugefallen war, besonders be- 
deutungsvolle Zusammenhänge aufzudecken, und fand mich bereit, 
das Schicksal auf mich zu nehmen, das mitunter an solches Finden 
geknüpft ist. 

Dies Schicksal stellte ich mir in folgender Weise vor: Es würde 
mir wahrscheinlich gelingen, mich durch die therapeutischen Erfolge 



220 Sigm. Freud. 

des neuen Verfahrens zu erhalten, die Wissenschaft aber würde zu 
meinen Lebzeiten keine Notiz von mir nehmen. Einige Dezennien später 
würde ein anderer unfehlbar auf dieselben, jetzt nicht zeitgemäßen, 
Dinge stoßen, ihre Anerkennung durchsetzen und mich so als not- 
wendigerweise verunglückten Vorläufer zu Ehren bringen. Unterdes 
richtete ich's mir als Robinson auf einer einsamen Insel möglichst be- 
haglich ein. Wenn ich aus den Verwirrimgen und Bedrängnissen der 
Gegenwart auf jene einsamen Jahre zurückblicke, will es mir scheinen, 
es war eine schöne heroische Zeit; die „splendid isolation" entbehrte 
nicht ihrer Vorzüge und Reize. Ich hatte keine Literatur zu lesen, 
keinen schlecht unterrichteten Gegner anzuhören, ich war keinem 
Einfluß imterworfen, durch nichts gedrängt. Ich erlernte es, spe- 
kulative Neigungen zu bändigen und nach dem unvergessenen Rat 
meines Meisters Charcot, dieselben Dinge so oft von neuem anzu- 
schauen, bis sie von selbst begannen etwas auszusagen. Meine Ver- 
öffentlichungen, für die ich mit einiger Mühe auch Unterkunft fand, 
konnten immer weit hinter meinem Wissen zurückbleiben, durften 
beliebig aufgeschoben werden, da keine zweifelhafte „Priorität" zu 
verteidigen war. Die Traumdeutimg z. B. war in allem WesentHchen 
anfangs 1896 fertig, sie wurde aber erst im Sommer 1899 niederge- 
schrieben. Die Behandlung der ,,Dora" schloß zu Ende 1899 ab, ihre 
Krankengeschichte war in den nächsten zwei Wochen fixiert, wurde 
aber erst 1905 veröffentlicht. Unterdes wurden meine Schriften in 
der Fachliteratur nicht referiert oder, wenn dies ausnahmsweise ge- 
schah, mit höhnischer oder mitleidiger Überlegenheit zurückgewiesen. 
Gelegentlich wandte mir auch ein Fachgenosse in einer seiner Pubhka- 
tionen eine Bemerkung zu, die sehr kurz und nicht sehr schmeichelhaft 
war, etwa: verbohrt, extrem, sehr sonderbar. Einmal traf es sich, 
daß ein Assistent der Klinik in Wien, an der ich meine Semestral- 
vorlesung abhielt, sich von mir die Erlaubnis nahm, diesen Vorlesungen 
anzuwohnen. Er hörte sehr andächtig zu, sagte nichts, bot sich aber 
nach der letzten Vorlesung zu einer Begleitung an. Während dieses 
Spazierganges eröffnete er mir, er habe mit Wissen seines Chefs ein 
Buch gegen meine Lehre geschrieben, bedauere aber sehr, dieselbe 
erst durch meine Vorlesimgen besser kennen gelernt zu haben. Er 
hätte sonst vieles anders geschrieben. Allerdings habe er sich auf der 
Klinik erkundigt, ob er nicht vorher die „Traumdeutung" lesen solle,, 
aber man habe ihm abgeraten, es sei nicht der Mühe wert. Er verglich 
dann selbst mein Lehrgebäude, wie er es jetzt verstanden habe, nach 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. 221 

der Festigkeit seines innern Gefüges mit der katholischen Kirche. 
Im Interesse seines Seelenheiles will ich annehmen, daß in dieser Äu- 
ßerung ein Stück Anerkennung enthalten war. Er schloß dann aber, 
es sei zu spät, an seinem Buche etwas abzuändern, es sei bereits gedruckt. 
Der betreffende Kollege hat es auch nicht für nötig erachtet, der Mit- 
welt späterhin etwas von der Änderung seiner Meinungen über meine 
Psychoanalyse bekanntzugeben, sondern es vorgezogen, die Entwick- 
lung derselben als ständiger Referent einer medizinischen Zeitschrift 
m^it seinen wenig ernsthaften Glossen zu begleiten. 

Was ich an persönlicher Empfindlichkeit besaß, wurde in jenen 
Jahren zu meinem Vorteile abgestumpft. Vor der Verbitterung wurde 
ich aber durch einen Umstand bewahrt, der nicht allen vereinsamten 
Entdeckern zur Hilfe kommt. Ein solcher quält sich ja sonst ab, zu 
ergründen, woher die Teilnahmslosigkeit oder Ablehnung seiner Zeit- 
genossen rührt, und empfindet sie als einen peinigenden Widerspruch 
gegen die Sicherheit seiner eigenen Überzeugung. Das brauchte ich 
nicht, denn die psychoanalytische Lehre gestattete mir, dies Verhalten 
der Umwelt als notwendige Folge aus den analytischen Grundannahmen 
zu verstehen. Wenn es richtig war, daß die von mir aiif gedeckten Zu- 
sammenhänge dem Bewußtsein des Kranken durch innere affektive 
Widerstände ferngehalten werden, so mußten sich diese Widerstände 
auch bei den Gesunden einstellen, sobald man ihnen das Verdrängte 
durch Mitteilung von a'.ißen zuführte. Daß diese letzteren die affektiv 
gebotene Ablehnung durch intellektuelle Begründung zu motivieren 
verstanden, war nicht verwunderlich. Es ereignete sich bei den Kranken 
ebenso häufig, und die ins Feld geführten Argumente — .ligumente 
sind so gemein wie Brombeeren, mit Falstaff zu reden — waren 
die nämlichen und nicht gerade scharfsinnig. Der Unterschied war nur. 
daß man bei den Kranken über Pressionsmittel verfügte, um sie ihre 
Widerstände einsehen und überwinden zu lassen, bei den angeblich 
Gesunden solcher Hilfen aber entbehrte. Auf welche Weise man diese 
Gesunden zu einer kühlen, wissenschaftlich objektiven Überprüfung 
drängen könne, war ein ungelöstes Problem, dessen Erledigung am 
besten der Zeit vorbehalten blieb. Man hatte in der Geschichte der 
Wissenschaften oft feststellen können,, daß dieselbe Behauptung, die 
anfangs nur Widerspruch hervorgerufen hatte, e'ne Weile später zur 
Anerkennung kam, ohne daß neue Beweise für sie erbracht worden wären. 

Daß sich aber in diesen Jahren, als ich allein die Psychoanalyse 
vertrat, ein besonderer Respekt vor dem Urteil der Welt oder ein 



222 Sigm. Freud. 

Hang zur intellektuellen Nachgiebigkeit bei mir entwickelt habe, 
wird wohl niemand erwarten dürfen. 

IL 

Vom Jahre 1902 an scharte sich eine Anzahl jüngerer Ärzte 
um mich in der ausgesprochenen Absicht, die Psychoanalyse zu er- 
lernen, auszuüben und zu verbreiten. Ein Kollege, welcher die gute 
Wirkung der analytischen Therapie an sich selbst erfahren hatte, 
gab die Anregung dazu. Man kam an bestimmten Abenden in meiner 
Wohnung zusammen, diskutierte nach gewissen Regeln, suchte sich in 
dem befremdlich neuen Forschungsgebiet zu orientieren und das 
Interesse anderer dafür zu gewinnen. Eines Tages führte sich ein 
absolvierter Gewerbeschüler durch ein Manuskript bei uns ein, welches 
außergewöhnliches Verständnis verriet. Wir bewogen ihn, die Gym- 
nasialstudien nachzuholen, die Universität zu besuchen und sich den 
nichtärztlichen Anwendungen der Psychoanalyse zu widmen. Der 
kleine Verein erwarb so einen eifrigen und verläßlichen Sekretär, ich 
gewann an Otto ßank den treuesten Helfer und Mitarbeiter. 

Der kleine Kreis dehnte sich bald aus, wechselte im Laufe der 
nächsten Jahre vielfach in seiner Zusammensetzung. Im ganzen 
durfte ich mir sagen, in dem Reichtum und der Mannigfaltigkeit der 
Begabimgen, die er umschloß, stand er kaum hinter dem Stab eines 
beliebigen klinischen Lehrers zurück. Von Anfang an waren jene 
Männer darunter, die in der Geschichte der psychoanalytischen Be- 
wegung später so bedeutungsvolle, wenn auch nicht immer erfreuliche 
Rollen spielen sollten. Aber diese Entwicklungen konnte man damals 
noch nicht ahnen. Ich durfte zufrieden sein, und ich meine, ich tat 
alles, um den anderen zugänglich zu machen, was ich wußte und er- 
fahren hatte. Von übler Vorbedeutung waren nur zwei Dinge, die mich 
endlich dem Kreise innerlich entfremdeten. Es gelang mir nicht, unter 
den Mitgliedern jenes freundschaftliche Einvernehmen herzustellen, 
das unter Männern, welche dieselbe schwere Arbeit leisten, herrschen 
soll, und ebensowenig die Prioritätsstreitigkeiten zu ersticken, zu 
denen unter den Bedingungen der gemeinsamen Arbeit reichlicher 
Anlaß gegeben war. Die Schwierigkeiten der Unterweisung in der Aus- 
übung der Psychoanalyse, die ganz besonders groß sind und an vielen 
der heutigen Zerwürfnisse die Schuld tragen, machten sich bereits 
in der privaten Wiener psychoanalytischen Vereinigung geltend. Ich 



Zur Geschiehte der psychoaiia!ytisclien Bewegung. 223 

selbst wagte es nicht, eine noch unfertige Technik und eine im steten 
Fluß begriffene Theorie mit jener Autorität vorzutragen, die den 
anderen wahrscheinlich manche Irrwege und endliche Entgleisungen 
erspart hätte. Die Selbständigkeit der geistigen Arbeiter, ihre frühe 
Unabhängigkeit vom Lehrer, ist psychologisch immer befriedigend, 
ein Gewinn in wissenschaftlicher Hinsicht ergibt sich aus ihr nur, 
wenn bei diesen Arbeitern gewisse nicht allzu häufig vorkommende 
persönliche Bedingungen erfüllt sind. Gerade die Psychoanalyse 
hätte eine lange und strenge Zucht und Erziehung zur Selbstzucht 
gefordert. Der Tapferkeit wegen, die sich in der Hingabe an eine so 
verpönte imd aussichtslose Sache erwies, war ich geneigt, den Mit- 
gliedern der Vereinigung mancherlei angehen zu lassen, woran ich sonst 
Anstoß genommen hätte. Der Kreis umfaßte übrigens nicht nur Ärzte, 
sondern auch andere Gebildete, welche in der Psychoanalyse etwas 
Bedeutsames erkannt hatten, Schriftsteller, Künstler usw. Die ,, Traum- 
deutung", das Buch über den „Witz" u. a. hatten von vorneherein ge- 
zeigt, daß die Lehren der Psychoanalyse nicht auf das ärztliche Gebiet 
beschränkt bleiben können, sondern der Anwendung auf verschieden- 
artige andere Geisteswissenschaften fähig sind. 

Von 1907 an änderte sich die Situation gegen alle Erwartungen 
und wie mit einem Schlage. Man erfuhr, daß die Psychoanalyse in aller 
Stille Interesse erweckt und Freunde gefunden habe, ja daß es wissen- 
schaftliche Arbeiter gebe, welche bereit seien, sich zu ihr zu bekennen. 
Eine Zuschrift von Bleuler hatte mich schon früher wissen lassen, 
daß meine Arbeiten im Burghölzli studiert und verwertet würden. 
Im Januar 1907 kam der erste Angehörige der Züricher Klinik, Dr. 
Ei tingon, nach Wien, es folgten bald andere Besuche, die einen lebhaften 
Gedankenaustausch anbahnten; endlich kam es über Einladung von 
C. G. Jung, damals noch Adjunkt am Burghölzli, zu einer ersten 
Zusammenkunft in Salzburg im Frühjahre 1908, welche die Freunde 
der Psychoanalyse von Wien, Zürich und anderen Orten her vereinigte. 
Eine Frucht dieses ersten psychoanalytischen Kongresses war die 
Gründung einer Zeitschrift, welche als „Jahrbuch für psycho- 
analytische und psychopathologische Forschungen", heraus- 
gegeben von Bleuler und Freud, redigiert von Jung, im Jahre 1909 
zu erscheinen begann. Eine innige Arbeitsgemeinschaft zwischen 
Wien und Zürich fand in dieser Publikation ihren Ausdruck. 

Ich habe die großen Verdienste der Züricher psychiatrischen 
Schule um die Ausbreitung der Psychoanalyse, des besonderen die von 



224 Sigm. Freud. 

Bleuler und Jung, wiederholt dankend anerkannt und stehe nicht an, 
dies heute, unter so veränderten Verhältnissen, von neuem zu tun. 
Gewiß war es nicht erst die Parteinahme der Züricher Schule, welche 
damals die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Welt auf die Psycho- 
analyse richtete. Die Latenzzeit war eben abgelaufen und an allen Orten 
wurde die Psychoanalyse Gegenstand eines sich stetig steigernden 
Interesses. Aber an allen anderen Orten ergab diese Zuwendung von 
Interesse zunächst nichts anderes als eine meist leidenschaftlich ak- 
zentuierte Ablehnmig, in Zürich hingegen wurde die prinzipielle Überein- 
stimmung der Grundton des Verhältnisses. An keiner anderen Stelle 
fand sich auch ein so kompaktes Häuflein von Anhängern beisammen, 
konnte eine öffentliche Klinik in den Dienst der psychoanalytischen 
Forschimg gestellt werden, oder war ein klinischer Lehrer zu sehen, 
der die psychoanalytische Lehre als integrierenden Bestandteil in den 
psychiatrischen Unterricht aufnahm. Die Züricher wurden so die 
Kerntruppe der kleinen für die Würdigung der Analyse kämpfenden 
Schar. Bei ihnen allein war Gelegenheit, die neue Kunst zu erlernen 
und Arbeiten in ihr auszuführen. Die meisten meiner heutigen An- 
hänger und Mitarbeiter sind über Zürich zu mir gekommen, selbst 
solche, die es geographisch v/eit näher nach Wien hatten als nach der 
Schweiz. Wien liegt exzentrisch für den Westen Europas, der die 
großen Zentren unserer Kultur beherbergt; sein Ansehen wird seit 
vielen Jahren durch schwerwiegende Vorurteile beeinträchtigt. In der 
geistig so rührigen Schweiz strömen Vertreter der bedeutsamsten 
Kationen zusammen ; ein Infektionsherd an dieser Stelle mußte für die 
Ausbreitung der psychischen Epidemie, wie Hoche in Freiburg sie 
genannt hatte, besonders wichtig werden. 

Nach dem Zeugnis eines Kollegen, der die Entwicklung im Burg- 
hölzli mitgemacht, kann man feststellen, daß die Psychoanalyse dort 
schon sehr frühzeitig Interesse erweckte. In Jungs 1902 veröffent- 
lichter Schrift über okkulte Phänomene findet sich bereits ein erster 
Hinweis auf die Traumdeutung. Von 1903 oder 1904 an, berichtet 
mein Gewährsmann, stand die Psychoanalyse im Vordergrunde. Nach 
der Anknüpfung persönlicher Beziehungen zwischen Wien und Zürich 
bildete "sich, Mitte des Jahres 1907, auch im Burghölzli ein zwangloser 
Verein, der in regelmäßigen Zusammenkünften die Probleme der Psycho- 
analyse diskutierte. Bei der Union, die sich zwischen der Wiener und 
der Züricher Schule vollzog, waren die Schweizer keineswegs der bloß 
empfangende Teil. Sie hatten selbst bereits respektable Wissenschaft- 



Zur Gescbictte der psyehoanalj'tisclieii Bewegung. 225 

liehe Arbeit geleistet, deren Ergebnisse der Psychoanalyse zugute 
kamen. Das von der Wundt sehen Schule angegebene Assoziations- 
experiment war von ihnen im Sinne der Psychoanalyse gedeutet worden 
und hatte ihnen unerwartete Verwertungen gestattet. Es war so mög- 
lich geworden, rasche experimentelle Bestätigungen von psychoana- 
lytischen Tatbeständen zu erbringen und einzelne Verhältnisse dem 
Lernenden zu demonstrieren, von denen der Analytiker nur hätte 
erzählen können. Es war die erste Brücke geschlagen worden, die 
von der Experimentalpsychologie zur Psychoanalyse führte. 

Das Assoziationsexperiment ermöglicht in der psychoanalyti- 
schen Behandlung eine vorläufige qualitative Analyse des Falles, leistet 
aber keinen wesentlichen Beitrag zur Technik und ist bei der Aus- 
führung von Analysen eigentlich entbehrlich. Bedeutsamer noch war 
eine andere Leistung der Züricher Schule oder ihrer beiden Führer 
Bleuler und Jung. Der erstere wies nach, daß bei einer ganzen Anzahl 
von rein psychiatrischen Fällen die Erklärimg durch solche Vorgänge 
in Betracht käme, wie sie mit Hilfe der Psychoanalyse für den Traum 
und die Neurosen erkannt worden waren {,,Freudsche Mechanismen"). 
Jung wendete das analytische Deutungsverfahren mit Erfolg auf die 
sonderbarsten und dunkelsten Phänomene der Dementia praecox an, 
deren Herkunft aus der Lebensgeschichte und den Lebensinteressen 
der Kranken dann klar zutage trat. Von da an war es den Psychiatern 
unmöglich gemacht, die Psychoanalyse noch länger zu ignorieren. Das 
große Werk von Bleuler über die Schizophrenie (1911), in welchem 
die psychoanalytische Betrachtimgsweise gleichberechtigt neben die 
klinisch-systematische hingestellt wurde, brachte diesen Erfolg zur 
Vollendung. 

Ich will es nicht imterlassen, auf einen Unterschied hinzuweisen, 
der schon damals in der Arbeitsrichtimg der beiden Schulen deutlich 
war. Ich hatte bereits im Jahre 1897 die Analyse eines Falles von 
Schizophrenie veröffentlicht, der aber paranoides Gepräge trug, so daß 
seine Auflösimg den Eindruck der Jungschen Analysen nicht vor- 
wegnehmen konnte. Mir war aber nicht die Deutbarkeit der Symptome, 
sondern der psychische Mechanismus der Erkrankung das Wichtige 
gewesen, vor allem die Übereinstimmung dieses Mechanismus mit dem 
bereits erkannten der Hysterie. Auf die Differenzen zwischen den beiden 
fiel damals noch kein Licht. Ich zielte nämlich bereits zu jener Zeit 
auf eine Libidotheorie der Neurosen hin, welche alle neurotischen 
wie psychotischen Erscheinungen aus abnormen Schicksalen der 

Jahrbuch der Psychoanalyse. VI. '■" 



■^26 Sigm. iTreud. 

Libido, also aus Ablenkungen derselben von ihrer normalen Verwendung, 
erklären sollte. Dieser Gesichtspunkt ging den Schweizer Forschern ab. 
Bleuler hält meines Wissens auch heute an einer organischen Ver- 
ursachung der Formen von Dementia praecox fest, und Jung, dessen 
Buch über diese Erkrankung 1907 erschienen war, vertrat 1908 auf dem 
Salzburger Kongresse die toxische Theorie derselben, die sich, aller- 
dings ohne sie auszuschließen, über die Libidotheorie hinaussetzt. 
An dem nämlichen Punkte ist er dann später (1912) gescheitert, in- 
dem er nun zuviel von dem Stoffe nahm, dessen er sich vorher nicht 
bedienen wollte. 

Einen dritten Beitrag der Schweizer Schule, der vielleicht ganz 
auf die Rechnung Jungs zu setzen ist, kann ich nicht so hoch ein- 
sehätzen, wie es von Fernerstehenden geschieht. Ich meine die Lehre 
von den Ko mplexen, die aus den ,, Diagnostischen Assoziationsstudien" 
(1906 bis 1910) erwuchs. Sie hat weder selbst eine psychologische 
Theorie ergeben noch eine zwanglose Einfügung in den Zusammen- 
hang der psychoanalytischen Lehren gestattet. Hingegen hat sich das 
Wort ,, Komplex" als bequemer, oft unentbehrlicher Terminus zur 
deskriptiven Zusammenfassung psychologischer Tatbestände Bürger- 
recht in der Psychoanalyse erworben. Kein anderer der von dem 
psychoanalytischen Bedürfnis neugeschaffenen Namen und Bezeich- 
nungen hat eine ähnlich weitgehende Popularität erreicht und soviel 
mißbräuchliche Verwendung zum Schaden schärferer Begriffsbildungen 
gefunden. Man begann in der Umgangssprache der Psychoanalytiker 
von ,, Komplexrückkehr" zu reden, wo man die ,, Rückkehr des Ver- 
drängten" meinte, oder man gewöhnte sich zu sagen: Ich habe einen 
Komplex gegen ihn, wo es korrekter nur lauten konnte: einen Wider- 
stand. 

In den Jahren von 1907 an, die auf den Zusammenschluß der 
Schulen von Wien und Zürich folgten, nahm die Psychoanalyse jenen 
außerordentlichen Aufschwung, in dessen Zeichen sie sich heute noch 
befindet, und der ebenso sicher bezeugt ist durch die Verbreitung der 
ihr dienenden Schriften und die Zunahme der Ärzte, welche sie ausüben 
oder erlernen wollen, wie durch die Häufung der Angriffe gegen sie 
auf Kongressen und in gelehrten Gesellschaften. Sie wanderte in die 
fernsten Länder, schreckte überall nicht nur die Psychiater auf, sondern 
machte auch die gebildeten Laien und die Arbeiter auf anderen Wissens- 
gebieten aufhorchen. Havelock Ellis, der ihrer Entwicklung mit 
Sympathie gefolgt war, ohne sich jemals ihren Anhänger zu nennen, 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. 227 

schrieb 1911 in einem Bericht an den Australasiatiachen medizinischen 
Kongreß: „Freud's psychoanalysis is now championed and carried 
out not only in Austria and in Switzerland, but in the United States, in 
England, in India, in Canada, and, I doubt not, in Australasiai)". 
Ein (wahrscheinlich deutscher) Arzt aus Chile trat auf dem inter- 
nationalen Kongreß in Buenos Aires 1910 für die Existenz der infantilen 
Sexualität ein und lobte die Erfolge der psychoanalytischen Therapie 
bei Zwangssymptomen^) ; ein englischer Nervenarzt in Zentralindien 
ließ mir durch einen distinguierten Kollegen, der nach Europa reiste, 
mitteilen, daß die mohammedanischen Hindus, an denen er die Analyse 
ausübe, keine andere Ätiologie ihrer Neurosen erkennen ließen als 
unsere europäischen Patienten. 

Die Einführung der Psychoanalyse in Nordamerika ging unter 
besonders ehrenvollen Anzeichen vor sich. Im Herbst 1909 wurden 
Jung und ich von Stanley Hall, dem Präsidenten der Clark Univer- 
sity in Worcester (bei Boston), eingeladen, uns an der 20jährigen 
Gründungsfeier des Institutes durch Abhaltung von Vorträgen in 
deutscher Sprache zu beteiligen. Wir fanden zu imserer großen Über- 
raschung, daß die vorurteilslosen Männer jener kleinen, aber angesehenen 
pädagogisch-philosophischen Universität alle psychoanalytischen Ar- 
beiten kannten und in den Vorträgen für ihre Schüler gewürdigt hatten. 
In dem so prüden Amerika konnte man wenigstens in akademischen 
Kreisen alles, was im Leben als anstößig galt, frei besprechen und 
wissenschaftlich behandeln. Die fünf Vorträge, die ich in Worcester 
improvisiert habe, erschienen dann im American Journ. of Psychology 
in englischer Übersetzung, bald darauf deutsch unter dem Titel „Über 
Psychoanalyse"; Jung las über diagnostische Assoziationsstudien 
und über „Konflikte der kindlichen Seele". Wir wurden dafür mit 
dem Ehrentitel von LL. D. (Doktoren beider Rechte) belohnt. Die 
Psychoanalyse war während jener Festwoche in Worcester 
durch fünf Personen vertreten, außer Jung und mir waren es 
Ferenczi, der sich mir als Reisebegleiter angeschlossen hatte, 
Ernest Jones, damals an der Universität in Toronto (Canada), 
jetzt in London, und A. Brill, der bereits in New York analytische 
Praxis ausübte. 



1) Havelock EUis, The doctrines of the Freud School. 

') G. Greve, Sobre Psicologia y Psicoterapia de ciertos Estados angustiosos. 
S. Zentralbl. f. Psychoanalyse, Bd. I, S. 594. 

15* 



228 Sigm. Freud. 

Die bedeutsamste persönliche Beziehung, die sich in Worcester 
noch ergab, war die zu James J. Putnam, dem Lehrer der Neuro- 
pathologie an der Harvard University, der vor Jahren ein abfälliges 
Urteil über die Psychoanalyse ausgesprochen hatte, sich jetzt aber 
rasch mit ihr befreundete imd sie in zahlreichen inhaltreichen wie form- 
schönen Vorträgen seinen Landsleuten und Pachgenossen empfahl. 
Der Respekt, den sein Charakter ob seiner hohen Sittlichkeit und kühnen 
Wahrheitsliebe in Amerika genoß, kam der Psychoanalyse zugute 
und deckte sie gegen die Denunziationen, denen sie sonst wahrschein- 
lich zeitig erlegen wäre, Putnam hat dann später dem großen ethi- 
schen und philosophischen Bedürfnis seiner Natur allzu sehr nachge- 
geben und an die Psychoanalyse die, wie ich meine, unerfüllbare For- 
derung gestellt, daß sie sich in den Dienst einer bestimmten sittlich- 
philosophischen Weltanschauung finden solle; er ist aber die Haupt- 
stütze der psychoanalytischen Bewegung in seinem Heimatlande 
geblieben. 

Um die Ausbreitung dieser Bewegung erwarben sich dann Brill 
und Jones die größten Verdienste, indem sie in ihren Arbeiten in 
selbstverleugnender Emsigkeit die leicht zu beobachtenden Grund- 
tatsachen des Alltagslebens, des Traumes und der Neurose immer 
wieder von neuem ihren Landsleuten vor Augen führten. Brill 
hat diese Einwirkung durch seine ärztliche Tätigkeit und durch die 
Übersetzimg meiner Schriften, Jones durch lehrreiche Vorträge und 
schlagfertige Diskussionen auf den amerikanischen Kongressen ver- 
stärkt^). 

Der Mangel einer eingewurzelten wissenschaftlichen Tradition 
und die geringere Strammheit der offiziellen Autorität sind der von 
Stanley Hall für Amerika gegebenen Anregung entschieden vor- 
teilhaft gewesen. Es war dort auch von allem Anfang an charakteri- 
stisch, daß sich Professoren und Leiter von Irrenanstalten in gleichem 
Maße wie selbständige Praktiker an der Analyse beteiligt zeigten. 
Aber gerade darum ist es klar, daß der Kampf um die Analyse dort 
seine Entscheidimg finden muß, wo sich die größere Resistenz ergeben 
hat, auf dem Boden der alten Kulturzentren. 

Von den europäischen Ländern hat bisher Frankreich sich am 
unempfänglichsten für die Psychoanalyse erwiesen, obwohl verdienst- 

^) Die Publikationen beider Autoren sind gesammelt erschienen: Brill, 
Pdychanalysis, Its theories and practical applications, 1912 und E. Jones, Papers 
on Psychoanalysis, 1913. 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Beweg'ung. 229 

volle Arbeiten des Zürichers A. Maeder dem französischen Leser 
einen bequemen Zugang zu deren Lehren eröffnet hatten. Die ersten 
Regungen von Teilnahme kamen aus der französischen Provinz. Mo- 
richau - Beauchant (Poitiers) war der erste Franzose, der sich öffent- 
lich zur Psychoanalyse bekannte. R egis und Hesnard (Bordeaux) 
haben erst kürzlich (1913) in einer ausführlichen und verständnis- 
vollen Darstellung, die nur an der Symbolik noch Anstoß nimmt, die 
Vorurteile ihrer Landsleute gegen die neue Lehre zu zerstreuen gesucht. 
In Paris selbst scheint noch die Überzeugung zu herrschen, der avxf 
dem Londoner Kongreß 1913 Janet so beredten Ausdruck gab, daß 
alles, was gut an der Psychoanalyse sei, mit geringen Abänderungen 
die Janet sehen Ansichten wiederhole, alles darüber hinaus aber sei 
vom Übel. Janet mußte sich noch auf diesem Kongreß selbst e-ne 
Reihe von Zurechtweisungen von E. Jones gefallen lassen, der ihm 
seine geringe Sachkenntnis vorhalten konnte. Seine Verdienste um 
die Psychologie der Neurosen können wir trotzdem nicht vergessen, 
auch wenn wir seine Ansprüche zurückweisen. 

In Italien blieb nach einigen vielversprechenden Anfängen die 
weitere Beteiligung aus. In Holland fand die Analyse durch persönliche 
Beziehungen frühzeitig Eingang; van Emden, van Ophuijsen, van 
Renterghem (,, Freud en zijn School") u.nd die beiden Stärcke 
sind dort theoretisch und praktisch mit Erfolg tätigt). Das Interesse 
der wissenschaftlichen Kreise Englands für die Analyse hat sich sehr 
langsam entwickelt, aber alle Anzeichen sprechen dafür, daß ihr gerade 
dort, begünstigt von dem Sinn der Engländer für Tatsächliches und ihrer 
leidenschaftlichen Parteinahme für Gerechtigkeit, eine hohe Blüte 
bevorsteht. • 

In Schweden hat P. Bj erre, der Nachfolger in der ärztlichen Tätig- 
keit Wetterstrands, die hypnotische Suggestion für die analytische 
Behandlung, wenigstens zeitweilig, aufgegeben. R. Vogt (Kristiania) hat 
bereits 1907 die Psychoanalyse in seinem ,,Psykiatriens grundtraek" ge- 
würdigt, so daß das erste Lehrbuch der Psychiatrie, welches von der 
Psychoanalyse Kenntnis nahm, ein in norwegischer Sprache geschrie- 
benes war. In Rußland ist die Psychoanalyse sehr allgemein bekannt und 
verbreitet worden; fast alle meine Schriften sowie die anderer An- 
hänger der Analyse sind ins Russische übersetzt. Ein tieferes Verständ- 

^) Die erste offizielle Anerkennung, ■welcher Traumdeutung und Psycho- 
analyse in Europa teilhaftig wurden, spendete ihnen der Psvchiater Jelgersma 
als Rektor der Universität Leiden in seiner Rektorsrede vom 9. Februar 1914. 



230 Sigm. Freud. 

nia der analytischen Lehren hat sich aber in Rußland noch nicht er- 
geben. Die Beiträge russischer Ärzte und Psychiater sind derzeit un- 
beträchtlich zu nennen. Nur Odessa besitzt in der Person von M. Wulff 
einen geschulten Analytiker. Die Einführung der Psychoanalyse in 
die polnische Wissenschaft und Literatur ist hauptsächlich das Ver- 
dienst von L. Jekels. Das Österreich geographisch so nahe verbun- 
dene, ihm wissenschaftlich so entfremdete Ungarn hat der Psycho- 
analyse nur einen Mitarbeiter geschenkt, S. Ferenczi, aber einen 
solchen, der wohl einen Verein aufwiegt. 

Den Stand der Psychoanalyse in Deutschland kann man nicht 
anders beschreiben, als indem man konstatiert, sie stehe im Mittelpunkte 
der wissenschaftUchen Diskussion imd rufe bei Ärzten wie bei Laien 
Äußerungen entschiedenster Ablehnung hervor, welche aber bisher kein 
Ende gefunden haben, sondern sich immer wieder von neuem erheben und 
zeitweise verstärken. Keine offizielle Lehranstalt hat bisher die Psycho- 
analyse zugelassen, erfolgreiche Praktiker, die sie ausüben, sind nur in 
geringer Anzahl vorhanden; nur wenige Anstalten, wie die von Bins- 
wanger in Kreuzlingen (auf Schweizer Boden), Marcinowski in 
Holstein, haben sich ihr eröffnet. Auf dem kritischen Boden von Berlin 
behauptet sich einer der hervorragendsten Vertreter der Analyse K. 
Abraham, ein früherer Assistent von Bleuler. Man könnte sich ver- 
wundem, daß dieser Stand der Dinge sich nun schon seit einer Reihe von 
Jahren unverändert erhalten hat, wenn man nicht wüßte, daß die obige 
Schilderung nur den äußern Anschein wiedergibt. Man darf die Ablehnung 
der offiziellen Vertreter der Wissenschaft und der Anstaltsleiter sowie 
des von ihnen abhängigen Nachwuchses in seiner Bedeutung nicht 
überschätzen. Es ist begreiflich, daß die Gegner laut die Stimme er- 
heben, während die Anhänger eingeschüchtert Ruhe halten. Manche 
der letzteren, deren erste Beiträge zur Analyse gute Erwartimgen er- 
wecken mußten, haben sich denn auch unter dem Drucke der Ver- 
hältnisse von der Bewegung zurückgezogen. Aber diese selbst schreitet 
im stillen unaufhaltsam fort, wirbt immer neue Anhänger unter den 
Psychiatern wie Laien, führt der psychoanalytischen Literatur eine 
stetig sich steigernde Anzahl von Lesern zu und nötigt eben darum 
die Gegner zu immer heftigeren Abwehrversuchen. Ich habe etwa ein 
Dutzend Male im Laufe dieser Jahre, in Berichten über die Verhand- 
lungen bestimmter Kongresse imd wissenschaftlicher Vereinssitzungen 
oder in Referaten nach gewissen Publikationen zu lesen bekommen: 
Nun sei die Psychoanalyse tot, endgültig überwunden und erledigt! 



Zur Geschickte der psychoanalytischen Bewegung. 231 

Die Antwort hätte ähnlich lauten müssen wie das Telegramm Mark 
Twains an die Zeitung, welche fälschlich seinen Tod gemeldet hatte : 
Nachricht von meinem Abieben stark übertrieben. Nach 
jeder dieser Totsagungen hat die Psychoanalyse neue Anhänger und 
Mitarbeiter gewonnen oder sich neue Organe geschaffen. Totgesagt 
war doch ein Fortschritt gegen Totgeschwiegen! 

Gleichzeitig mit der geschilderten räumlichen Expansion der 
Psychoanalyse vollzog sich deren inhaltliche Ausdehnung durch Über- 
greifen auf andere Wissensgebiete von der Neurosenlehre und Psychi- 
atrie her. Ich werde dieses Stück der Entwicklungsgeschichte 
unserer Disziplin nicht eingehend behandeln, weil eine vortreffliche 
Arbeit von Rank und Sachs (in den Löwenfeld sehen Grenzfragen) 
vorliegt, welche gerade diese Leistungen der Analysenarbeit aus- 
führlich darstellt. Es ist hier übrigens alles im ersten Beginn, wenig 
ausgearbeitet, meist nur Ansätze und mitunter auch nichts anderes 
als Vorsätze. Wer billig denkt, wird darin keinen Grund zum Vorwurf 
finden. Der ungeheuren Menge der Aufgaben steht eine kleine Zahl 
von Arbeitern gegenüber, von denen die meisten ihre Hauptbeschäfti- 
gung anderswo haben und die Fachprobleme der fremden Wissenschaft 
mit dilettantischer Vorbereitung angreifen müssen. Diese von der 
Psychoanalyse herkommenden Arbeiter machen aus ihrem Dilettanten- 
tum kein Hehl, sie wollen nur Wegweiser und Platzhalter für die Fach- 
männer sein und ihnen die analytischen Techniken und Voraussetzungen 
empfohlen haben, wenn sie selbst an die Arbeit gehen werden. Wenn 
die erzielten Aufschlüsse doch schon jetzt nicht unbeträchtlich sind, 
so ist dies Resultat einerseits der Fruchtbarkeit der analytischen 
Methodik, anderseits dem Umstände zu danken, daß es auch jetzt schon 
einige Forscher gibt, die, ohne Ärzte zu sein, die Anwendung der 
Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften zu ihrer Lebensaufgabe 
gemacht haben. 

Die meisten dieser Anwendungen gehen, wie begreiflich, auf eine 
Anregung aus meinen ersten analytischen Arbeiten zurück. Die ana- 
lytische Untersuchung der Nervösen und der neurotischen S\t2i- 
ptome Normaler nötigte zur Annahme psychologischer Verhältnisse, 
welche unmöglich nur für das Gebiet gelten konnten, auf dem sie 
kenntlich geworden waren. So schenkte uns die Analyse nicht nur die 
Aufklärung pathologischer Vorkommnisse, sondern zeigte auch deren 
Zusammenhang mit dem normalen Seelenleben auf imd enthüllte 
ungeahnte Beziehungen zwischen der Psychiatrie und den verschif- 



232 Sigm. Freud. 

densten anderen Wissenschaften, deren Inhalt eine Seelentätig- 
keit war. Von gewissen typischen Träumen aus ergab sich z. B. das 
Verständnis mancher Mythen und Märchen. Kiklin und Abraham 
folgten diesem Winke und leiteten jene Forschungen über die Mythen 
ein, die dann in den allen fachmännischen Ansprüchen] gerechten 
Arbeiten Ranks zur Mythologie ihre Vollendung fanden. Die Ver- 
folgung der Traumsymbolik führte mitten in die Probleme der 
Mythologie, des Folklore (Jones, Storfer) und der religiösen Ab- 
straktionen. Auf einem der psychoanalytischen Kongresse machte 
es allen Zuhörern einen tiefen Eindruck, als ein Schüler Jungs die 
Übereinstimmung der schizophrenen Phantasiebildungen mit den Kos- 
mogonien primitiver Zeiten und Völker nachwies. Eine nicht mehr 
einwandfreie, doch sehr interessante Verarbeitung fand später das 
Material der Mythologien in den Arbeiten Jungs, welche zwischen 
der Neurotik, den religiösen und den mythologischen Phantasien 
vermitteln wollten. 

Ein anderer Weg leitete von der Traumforschung zur Analyse 
der dichterischen Schöpfungen und endlich der Dichter und Künstler 
selbst. Auf seiner ersten Station ergab sich, daß von Dichtern erfundene 
Träume sich oft der Analyse gegenüber wie genuine verhalten 
(Grradiva). Die Auffassung der unbewußten seelischen Tätigkeit ge- 
stattete eine erste Vorstellung vom Wesen der dichterischen Schöpfungs- 
arbeit; die Würdigung der Triebregungen, zu der man in der Neurotik 
genötigt war, ließ die Quellen des künstlerischen Schaffens erkennen und 
stellte die Probleme auf, wie der Künstler auf diese Anregungen reagiere 
und mit welchen Mitteln er seine Reaktionen verkleide (Eank, 
Der Künstler, Dichteranalysen von Sadger, E,eik u. a., meine kleine 
Schrift über eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci, 
Abrahams Analyse von Segantini). Die meisten Analytiker mit 
allgemeinen Interessen haben in ihren Arbeiten Beiträge zur Be- 
handlung dieser Probleme geliefert, der reizvollsten, die sich unter 
den Anwendungen der Psychoanalyse ergeben. Natürlich blieb auch 
hier der Widerspruch von Seite der nicht mit der Analyse Vertrauten 
nicht aus und äußerte sich in den nämlichen Mißverständnissen und 
leidenschaftlichen Ablehnungen, wie auf dem Mutterboden der Psycho- 
analyse. Es stand ja von vornherein zu erwarten, daß überall, wohin die 
Psychoanalyse dringe, sie den nämlichen Kampf mit den Ansässigen 
zu bestehen haben vrerde. Nur, daß diese Invasionsversuche noch 
nicht auf allen Gebieten die Aufmerksamkeit geweckt haben, die ihnen 



Zur Geschickte der psychoanalytischen. Bewegung. 233 

in der Zukunft bevorsteht. Unter den strenge literarwissenschaftlichen 
Anwendungen der Analyse steht das gründliche Werk von Rank 
über das Inzestmotiv obenan, dessen Inhalt der größten Unlieb- 
samkeit sicher ist. Sprachwissenschaftliche und historische Arbeiten 
auf Basis der Psychoanalyse sind erst wenige vorhanden. Die erste 
Antastung der religionspsychologischen Probleme habe ich 1910 selbst 
gewagt, indem ich das religiöse Zeremoniell in Vergleich mit dem 
neurotischen zog. Der Pfarrer Dr. Pfister in Zürich hat in seiner 
Arbeit über die Frömmigkeit des Grafen von Zinzendorf (sowie in 
anderen Beiträgen) die Zurückführung religiöser Schwärmerei auf 
perverse Erotik durchgeführt; in den letzten Arbeiten der Züricher 
Schule kommt eher eine Durchdringung der Analyse mit religiösen 
Vorstellungen als das beabsichtigte Gegenteil zustande. 

In den vier Aufsätzen über „Totem und Tabu" habe ich den 
Versuch gemacht, Probleme der Völkerspychologie mittels der Analyse 
zu behandeln, welche unmittelbar zu den Ursprüngen unserer wich- 
tigsten Kulturinstitutionen führen, der staatlichen Ordnungen, der 
Sittlichkeit, der Religion, aber auch des Inzestverbots und des Ge- 
wissens. Inwieweit die Zusammenhänge, die sich dabei ergeben haben, 
der Kritik standhalten werden, läßt sich heute wohl nicht angeben. 

Von der Anwendung analytischen Denkens auf ästhetische 
Themata hat mein Buch über den ,,Witz" ein erstes Beispiel gegeben. 
Alles Weitere harrt noch der Bearbeiter, die gerade auf diesem Ge- 
biete reiche Ernte erwarten dürfen. Es fehlt hier überall an den Arbeits- 
kräften aus den entsprechenden Fachwissenschaften, zu deren An- 
lockung Hanns Sachs 1912 die von ihm und Rank redigierte Zeit- 
schrift ,,Imago" gegründet hat. Mit der psychoanalytischen Be- 
leuchtung von philosophischen Systemen und Persönlichkeiten haben 
Hitschmann und v. Winterstein daselbst einen Anfang gemacht, 
dem Fortführung und Vertiefung zu wünschen bleibt. 

Die revolutionär wirkenden Ermittlungen der Psychoanalyse über 
das Seelenleben des Kindes, die Rolle der sexuellen Regungen in dem- 
selben (v. Hug-Hellmuth) und die Schicksale solcher Anteile der Sexua- 
lität, welche für das Fortpflanzungsgeschäft unbrauchbar werden, muß- 
ten frühzeitig die Aufmerksamkeit auf die Pädagogik lenken und den 
Versuch anregen, auf diesem Gebiete analytische Gesichtspunkte in den 
Vordergrund zu rücken. Es ist das Verdienst des Pfarrers Pfister, diese 
Anwendung der Analyse mit ehrlichem Enthusiasmus angegriffen 
und sie Seelsorgern und Erziehern nahegelegt zu haben. (Die psych- 
! 6 



234 Sigm. Freud. 

analytische Methode, 1913. Erster Band des Pädagogium von 
Meumann und Messmer.) Es ist ihm gelungen, eine ganze Reihe von 
Pädagogen in der Schweiz zu Teilnehmern an seinem Interesse zu 
gewinnen. Andere seiner Berufsgenossen sollen angeblich seine Über- 
zeugungen teilen, haben es aber vorgezogen, sich vorsichtigerweise 
im Hintergrunde zu verhalten. Ein Bruchteil der Wiener Analytiker 
scheint auf dem Rückweg von der Psychoanalyse bei einer Art von 
ärztlichen Pädagogik gelandet zu sein. (Adler und Furtmüller, 
Heilen und Bilden, 1913.) 

In diesen unvollständigen Andeutungen habe ich versucht auf 
die noch nicht übersehbare Fülle von Beziehimgen hinzuweisen, welche 
sich zwischen der ärztlichen Psychoanalyse und anderen Gebieten 
der Wissenschaft ergeben haben. Es ist da Stoff für die Arbeit einer 
Generation von Forschem gegeben, und ich zweifle nicht, daß diese 
Arbeit geleistet werden wird, wenn erst die Widerstände gegen die 
Analyse auf ihrem Mutterboden überwunden sind^). 

Die Geschichte dieser Widerstände zu schreiben, halte ich gegen- 
wärtig für unfruchtbar und unzeitgemäß. Sie ist nicht sehr ruhmvoll 
für die Männer der Wissenschaft unserer Tage. Ich will aber gleich 
hinzusetzen, ea ist mir nie eingefallen, die Gegner der Psychoanalyse 
bloß darum, weil sie Gegner waren, in Bausch und Bogen verächtlich 
zu schimpfen. Von wenigen unwürdigen Individuen abgesehen, Glücks- 
rittern und Beutehaschern, wie sie sich in Zeiten des Kampfes auf 
beiden Seiten einzufinden pflegen. Ich wußte mir ja das Benehmen 
dieser Gegner zu erklären und hatte überdies erfahren, daß die Psycho- 
analyse das Schlechteste eines jeden Menschen zum Vorschein bringt. 
Aber ich beschloß, nicht zu antworten und, soweit mein Einfluß reichte, 
auch andere von der Polemik zurückzuhalten. Der Nutzen öffentlicher 
oder literarischer Diskussion erschien mir unter den besonderen Be- 
dingungen des Streits um die Psychoanalyse sehr zweifelhaft, die Majo- 
risierimg auf Kongressen und in Vereinssitzungen sicher, und mein 
Zutrauen auf die Billigkeit oder Vornehmheit der Herren Gegner 
war immer gering. Die Beobachtung zeigt, daß es den wenigsten 
Menschen möglich ist, im wissenschaftlichen Streit manierlich, geschweige 
denn sachlich zu bleiben, und der Eindruck eines wissenschaftlichen 
Gezänkes war mir von jeher eine Abschreckung. Vielleicht hat man 
dieses mein Benehmen mißverstanden, mich für so gutmütig oder so 

1) Vgl. nocli meine beiden Aufsätze in der „Scientia" (vol. XIV, 1913). 
Das Interesse an der Psychoanalyse. 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. 235 

eingeschüchtert gehalten, daß man auf mich weiter keine Rücksicht 
zu nehmen brauchte. Mit Unrecht; ich kann so gnt schimpfen und 
wüten wie em anderer, aber ich verstehe es nicht, die Äui3erunKen 
der zugrunde liegenden Affekte hteraturfähig zu machen, und darum 
ziehe ich die völlige Enthaltung vor. 

Vielleicht wäre es nach manchen Eichtungen besser gewesen 
wenn ich den Leidenschaften bei mir und denen um mich freien Lauf 
gelassen hätte. Wir haben alle den interessanten Erklärungsversuch 
der Entstehung der Psychoanalyse aus dem Wiener Milieu ver- 
nommen; Janet hat es noch 1913 nicht verschmäht, sich seiner zu 
bedienen, obwohl er gewiß stolz darauf ist, Pariser zu sein. Das Apercu 
lautet, die Psychoanalyse, respektive die Behauptung, die Neurosen 
fuhren sich auf Störungen des SexuaUebens zurück, könne nur in 
einer Stadt wie Wien entstanden sein, in einer Atmosphäre von Sinn- 
lichkeit und UnSittlichkeit, wie sie anderen Städten fremd sei und 
stelle einfach das Abbild, sozusagen die theoretische Projektion dieser 
besonderen Wiener Verhältnisse dar. Nun, ich bin wahrhaftig kein 
Lokalpatriot, aber diese Theorie ist mir immer ganz besonders un- 
sinnig erschienen, so unsinnig, daß ich manchmal geneigt war an- 
zunehmen, der Vorwurf des Wienertums sei nur eine euphemistische 
Vertretung für einen andern, den man nicht gerne öffentlich vor- 
brmgen wolle. Wenn die Voraussetzungen die gegensätzlichen wären 
dann ließe sich die Sache hören. Angenommen, es gäbe eine Stadt 
deren Bewohner sich besondere Einschränkungen in der sexuellen 
Befriedigung auferlegten und gleichzeitig eine besondere Neigung 
zu schweren neurotischen Erkrankungen zeigten, dann wäre diese 
Stadt allerdmgs der Boden, auf dem ein Beobachter den Einfall be- 
kommen könnte, diese beiden Tatsachen miteinander zu verknüpfen 
und die eme aus der andern abzuleiten. Nun trifft keine der beiden 
Voraussetzungen für Wien zu. Die Wiener sind weder abstinenter 
noch nervöser als andere Großstädter. Die Geschlechtsbeziehungen 
sind etwas unbefangener, die Prüderie ist geringer als in den auf ihre 
Keuschheit stolzen Städten des Westens und Nordens. Diese wienerischen 
Eigentümlichkeiten müßten den angenommenen Beobachter eher in 
die Irre führen als ihn über die Verursachung der Neurosen auf- 
klären. 

Die Stadt Wien hat aber auch alles dazugetan, um ihren Anteil 
an der Entstehung der Psychoanalyse zu verleugnen. An keinem 
anderen Ort ist die feindselige Indifferenz der gelehrten und der gc- 



236 Sigm. Freud. 

bildeten Kreise dem Analytiker so deutlich verspürbar wie gerade in 
Wien. 

Vielleicht bin ich mitschuldig daran durch meine die breite 
Öffentlichkeit vermeidende Politik. Wenn ich veranlaßt oder zugegeben 
hätte, daß die Psychoanalyse die ärztlichen Gesellschaften Wiens 
in lärmenden Sitzungen beschäftigte, wobei sich alle Leidenschaften 
entladen hätten, alle Vorwürfe und Invektiven laut geworden wären, 
die man gegeneinander auf der Zunge oder im Sinne trägt, vielleicht 
wäre heute der Bann gegen die Psychoanalyse überwunden und diese 
kerne Fremde mehr in ihrer Heimatstadt. So aber — mag der Dichter 
recht behalten, der seinen Wallenstein sagen läßt: 

„Doch das vergeben mir die Wiener nicht, 
daß ich um ein Spektakel sie betrog." 

Die Aufgabe, der ich nicht gewachsen war, den Gegnern der 
Psychoanalyse suaviter in modo ihr Unrecht und ihre Willkürlichkeiten 
vorzuhalten, hat dann Bleuler 1911 in seiner Schrift (Die Psych- 
analyse Freuds. Verteidigung und kritische Bemerkungen) auf- 
genommen und in ehrenvollster Weise gelöst. Eine Anpreisung dieser 
nach zwei Seiten hin kritischen Arbeit durch meine Person wäre so 
selbstverständlich, daß ich mich beeilen will, zu sagen, was ich an ihr 
auszusetzen habe, Sie scheint mir noch immer parteiisch zu sein, allzu 
nachsichtig gegen die Fehler der Gegner, allzu scharf gegen die Ver- 
fehlungen der Anhänger. Dieser Charakterzug mag dann auch erklären, 
warum das Urteil eines Psychiaters von so hohem Ansehen, von so un- 
zweifelhafter Kompetenz und Unabhängigkeit nicht mehr Einfluß 
auf seine Fachgenossen geübt hat. Der Autor der „Affektivität" (1906) 
darf sich nicht darüber verwundem, wenn die Wirkung einer Arbeit 
sich nicht von ihrem Argumentwert, sondern von ihrem Affektton 
bestimmt zeigt. Einen andern Teil dieser Wirkung — die auf die 
Anhänger der Psychoanalyse — hat Bleuler später selbst zerstört, 
indem er in seiner ,, Kritik der Freudschen Theorie" 1913 die Kehr- 
seite seiner Einstellung zur Psychoanalyse zum Vorschein brachte. 
Er trägt darin so viel von dem Gebäude der psychoanalytischen Lehre 
ab, daß die Gegner mit der Hilfeleistung dieses Verteidigers wohl zu- 
frieden sein könnten. Als Eichtschnur dieser Verurteilungen Bleulers 
dienen aber nicht neue Argumente oder bessere Beobachtungen, sondern 
einzig die Berufung auf den Stand der eigenen Erkenntnis, deren 
Unzulänglichkeit der Autor nicht mehr wie in früheren Arbeiten selbst 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. 237 

bekennt. Hier schien der Psychoanalyse also ein schwer zu ver- 
schmerzender Verlust zu drohen. Allein in seiner letzten Äußerimg 
(Die Kritiken der Schizophrenie 1914) rafft sich Bleuler angesichts 
der Angriffe, welche ihm die Einführung der Psychoanalyse in sein 
Buch über die Schizophrenie eingetragen haben, zu dem auf, was er selbst 
eine ,, Überhebung" heißt. ,, Jetzt aber will ich die Überhebung be- 
gehen: Ich meine, daß die verschiedenen bisherigen Psychologien 
zur Erklärung der Zusammenhänge paychogenetischer Symptome 
und Krankheiten arg wenig geleistet haben, daß aber die Tiefenpsy- 
chologie ein Stück derjenigen erst noch zu schaffenden Psychologie gibt, 
welcher der Arzt bedarf, um seine Kranken zu verstehen und rationell 
zu heilen, und ich meine sogar, daß ich in meiner Schizophrenie einen 
ganz kleinen Schritt zu diesem Verständnis getan habe. Die ersten 
beiden Behauptungen sind sicher richtig, die letztere mag ein Irrtum 
sein." 

Da mit der „Tiefenpsychologie" nichts anderes gemeint ist 
als die Psychoanalyse, können wir mit solchem Bekenntnis vorderhand 
zufrieden sein. 

IIL 

Mach es kurz! 

Am Jüngsten Tag ist's nur ein Furz. 

Goethe. 

Zwei Jahre nach dem ersten fand der zweite Privatkongreß 
der Psychoanalytiker, diesmal in Nürnberg, statt (März 1910). In 
der Zwischenzeit hatte sich bei mir, unter dem Eindruck der Aufnahme 
in Amerika, der steigenden Anfeindung in den deutschen Ländern 
und der ungeahnten Verstärkung durch den Zuzug der Züricher, eine 
Absicht gebildet, die ich mit Beihilfe meines Freundes S. Ferenczi 
auf jenem zweiten Kongreß zur Ausführung brachte. Ich gedachte, die 
psychoanalytische Bewegung zu organisieren, ihren Mittelpunkt nach 
Zürich zu verlegen und ihr ein Oberhaupt zu geben, welches ihre Zu- 
kunft in acht nehmen sollte. Da diese meine Gründung viel Widerspruch 
unter den Anhängern der Analyse gefunden hat, will ich meine Motive 
ausführlicher darlegen. Ich hoffe dann gerechtfertigt zu sein, auch 
wenn sich herausstellen sollte, daß ich wirklich nichts Kluges getan 
habe. 

Ich urteilte, daß der Zusammenhang mit Wien keine Empfehlung, 
sondern ein Hemmnis für die junge Bewegung sei. Ein Ort wie Zürich, 

1 h r 



238 Sigm. Freud, 

im Herzen von Europa, an welchem der akademische Lehrer sein In- 
stitut der Psychoanalyse geöffnet hatte, eischien mir weit aussichts- 
voller. Ich nahm ferner an, ein zweites Hindernis sei meine Person, 
deren Schätzung allzusehr durch der Parteien Gunst und Haß 
verwirrt wurde; man verglich mich entweder mit Darwin und 
Kepler oder schimpfte mich einen Paralytiker. Ich wollte also 
mich ebenso in den Hintergrund rücken wie die Stadt, von der 
die Psychoanalyse ausgegangen war. Auch war ich nicht mehr 
jugendlich, sah einen langen Weg vor mir und empfand es als 
drückend, daß mir in so späten Jahren die Verpflichtung, Führer zu 
sein, zugefallen war. Ein Oberhaupt, meinte ich aber, müsse es geben. 
Ich wußte zu genau, welche Irrtümer auf jeden lauerten, der die Be- 
schäftigung mit der Analyse unternahm, und hoffte, man könnte viele 
derselben ersparen, wenn man eine Autorität aufrichtete, die zur 
Unterweisung und Abmahnimg bereit sei. Eine solche Autorität war 
zunächst mir zugefallen infolge des uneinbringlichen Voraprunges 
einer etwa 15jährigen Erfahrung. Es lag mir also daran, diese 
Autorität auf einen jüngeren Mann zu übertragen, der nach meinem 
Ausscheiden wie selbstverständlich mein Ersatz werden sollte. Dies 
konnte nur C. G. Jung sein, denn Bleuler war mein Altersgenosse, 
für Jung sprachen aber seine hervorragende Begabung, die Beiträge 
zur Analyse, die er bereits geleistet hatte, seine unabhängige Stellung 
und der Eindruck von sicherer Energie, den sein Wesen machte. Er 
schien überdies bereit, in freundschaftliche Beziehungen zu mir zu 
treten und mir zuliebe Rassenvorurteile aufgegeben, die er sich bis 
dahin gestattet hatte. Ich ahnte damals nicht, daß diese Wahl 
trotz aller aufgezählten Vorzüge eine sehr unglückliche war, daß sie 
eine Person getroffen hatte, welche, unfähig die Autorität eines andern 
zu ertragen, noch weniger geeignet war, selbst eine Autorität zu bilden, 
und deren Energie in der rücksichtslosen Verfolgung der eigenen 
Interessen aufging. 

Die Form einer offiziellen Vereinigung hielt ich für notwendig, 
weil ich den Mißbrauch fürchtete, welcher sich der Psychoanalyse 
bemächtigen würde, sobald sie einmal in die Popularität geriete. Es 
sollte dann eine Stelle geben, welcher die Erklärung zustände: Mit 
all dem Unsinn hat die Analyse nichts zu tun, das ist nicht die Psycho- 
analyse. In den Sitzungen der Ortsgruppen, aus denen sich die inter- 
nationale Vereinigung zusammensetzte, sollte gelehrt werden, wie die 
Psychoanalyse zu betreiben sei, und sollten Ärzte ihre Ausbildung finden, 



Zur Geschichte der psychoanalytischen. Bewegung. 239 

für deren Tätigkeit eine Art von Garantie geleistet werden konnte. 
Auch schien es mir wünschenswert, daß sich die Anhänger der Psycho- 
analyse zum freundschaftlichen Verkehr und zur gegenseitigen Unter- 
stützimg zusammenfänden, nachdem die offizielle Wissenschaft den 
großen Bann über sie ausgesprochen und den Boykott über die Ärzte 
und Anstalten verhängt hatte, die sie übten. 

Dies alles und nichts anderes wollte ich durch die Gründung 
der ,, Internationalen psychoanalytischen Vereinigung" erreichen. Es 
war wahrscheinlich mehr, als zu erreichen möglich war. Wie meine 
Gegner die Erfahrung machen mußten, daß es nicht möglich sei, die 
neue Bewegvmg aufzuhalten, so stand mir die Erfahrung bevor, daß 
sie sich auch nicht auf die Wege leiten lasse, die ich ihr anweisen wollte. 
Der von Ferenczi in Nürnberg vorgelegte Antrag wurde zwar an- 
genommen. Jung zum Präsidenten gewählt, der Riklin zu seinem 
Sekretär machte, es wurde auch die Herausgabe eines Korrespondenz- 
blattes beschlossen, durch welches die Zentrale mit den Ortsgruppen 
verkehrte. Als Zweck der Vereinigung wurde erklärt: ,, Pflege und 
Förderung der von Freud begründeten psychoanalytischen Wissen- 
schaft sowohl als reiner Psychologie als auch in ihrer Anwendung 
in der Medizin und den Geisteswissenschaften; gegenseitige Unter- 
stützung der Mitglieder in allen Bestrebungen zum Erwerben imd Ver- 
breiten von psychoanalytischen Kenntnissen." Allein von Seiten der 
Wiener war dem Projekt lebhaft opponiert worden, Adler sprach in 
leidenschaftlicher Erregung die Befürchtung aus, daß eine ,, Zensur 
und Einschränkung der wissenschaftlichen Freiheit" beabsichtigt sei. 
Die Wiener fügten sich dann, nachdem sie durchgesetzt hatten, daß 
nicht Zürich zum Sitz der Vereinigimg erhoben wurde, sondern der 
Wohnort des jeweiligen, auf zwei Jahre gewählten Präsidenten. 

Auf dem Kongreß selbst konstituierten sich drei Ortsgruppen, 
die in Berlin unter dem Vorsitz von Abraham, die in Zürich, die 
ihren Obmann an die Zentralleitung der Vereinigung abgegeben hatte, 
und die Wiener Gruppe, deren Leitung ich Adler überließ. Eine 
vierte Gruppe, die in Budapest, konnte sich erst später herstellen. 
Bleuler war, durch Krankheit verhindert, vom Kongreß fem geblieben, 
er zeigte dann später prinzipielle Bedenken gegen den Eintritt in den 
Verein, ließ sich zwar durch mich nach einer persönlichen Aussprache 
dazu bestimmen, war aber kurze Zeit nachher infolge von Mißhellig- 
keiten in Zürich wieder außerhalb. Die Verbindung zwischen der Zü- 
richer Ortsgruppe und der Anstalt Burghölzli war damit aufgehoben. 



240 Sigm. Freud. 

Eine Folge des Nürnberger Kongresses war auch die Gründung 
des Zentralblattes für Psychoanalyse, zu welcher sich Adler und St ekel 
vereinigten. Es hatte offenbar ursprünglich eine oppositionelle Tendenz 
und sollte Wien die durch die Wahl Jungs bedrohte Hegemonie zurück- 
gewinnen. Als aber die beiden Unternehmer des Blattes unter dem 
Drucke der Schwierigkeit, einen Verleger zu finden, mich ihrer fried- 
lichen Absichten versicherten imd mir als Unterpfand ihrer Gesinnung 
ein Vetorecht einräumten, nahm ich die Herausgeberschaft an \md 
beteiligte mich eifrig an dem neuen Organ, dessen erste Nummer im 
September 1910 erschien. 

Ich setze die Geschichte der psychoanalytischen Kongresse fort. 
Der dritte Kongreß fand im September 1911 zu Weimar statt und 
übertraf noch seine Vorgänger an Stimmung und wissenschaftlichem 
Interesse. J. Putnam, der dieser Versammlung beigewohnt hatte, 
äußerte dann in Amerika sein Wohlgefallen und seinen Respekt vor 
„the mental attitude" der Teilnehmer imd zitierte ein Wort von mir, 
das ich inbezug auf diese letzteren gebraucht haben soll: „Sie haben 
gelernt ein Stück Wahrheit zu ertragen^)." In der Tat mußte jedem, 
der wissenschaftliche Kongresse besucht hatte, ein Eindruck zugunsten 
der psychoanalytischen Vereinigung verbleiben. Ich hatte die beiden 
früheren. Kongresse selbst geleitet, jedem Vortragenden Zeit für seine 
Mitteilung gelassen und die Diskussion darüber auf den privaten Ge- 
dankenaustausch gewiesen. Jung, der in Weimar als Präsident die 
Leitimg übernahm, setzte die Diskussion nach jedem Vortrag wieder 
ein, was sich aber damals noch nicht störend erwies. 

Ein ganz anderes Bild bot der vierte .Kongreß zu München 
zwei Jahre später, im September 1913, der allen Teilnehmern noch in 
frischer Erinnerung ist. Er wurde von Jung in unliebenswürdiger 
und inkorrekter Weise geleitet, die Vortragenden waren in der Zeit 
beschränkt, die Diskussionen überwucherten die Vorträge. Der 
böse Geist Ho che hatte infolge einer boshaften Laune des Zufalles 
seinen Wohnsitz in demselben Hause aufgeschlagen, in welchem die 
Analytiker ihre Sitzungen abhielten. Hoche hätte sich ohne Mühe 
überzeugen können, wie sie seine Charakteristik einer fanatischen 
Sekte, welche ihrem Oberhaupte blind ergeben folgt, ad absurdum 
führten. Die ermüdenden und unerquicklichen Verhandlungen brachten 



1) On Freuds Psycho-Analytic Method and its evolution. Boston medicat 
and surgical Journal, 25. Jan. 1912. 



Zur Geschiclite der psychoanalytischen Bewegung. 241 

auch die Wiederwahl Jungs zum Präsidenten der Internationalen 
psychoanalytischen Vereinigung, welche Jung annahm, wiewohl zwei 
Fünftel der Anwesenden ihm ihr Vertrauen verweigerten. Man schied 
voneinander ohne das Bedürfnis, sich wiederzusehen. 

Der Besitzstand der Internationalen psychoanalytischen Ver- 
einigung war um die Zeit dieses Kongresses der folgende: Die Orts- 
gruppen Wien, Berlin, Zürich hatten sich schon auf dem Kongreß in 
Nürnberg 1910 konstituiert. Im Mai 1911 kam eine Gruppe in Mün- 
chen unter dem Vorsitz von Dr. L. Seif hinzu. In demselben Jahre 
bildete sich die erste amerikanische Ortsgruppe unter dem Namen: 
,,TheNewYorkPsychoanalytic Society" unter dem Vorsitze vonA. Brill. 
Auf dem Weimarer Kongreß wurde die Gründung einer zweiten ameri- 
kanischen Gruppe genehmigt, die im Laufe des nächsten Jahres als 
,, American Psychoanalytic Association" ins Leben trat, Mitglieder 
aus Canada und ganz Amerika umfaßte und Putnam zu ihrem Prä- 
sidenten, E. Jones zum Sekretär wählte. Kurz vor dem Kongreß 
in München 1913 wurde die Budapester Ortsgruppe unter dem Vor- 
sitz von S. Ferenczi aktiviert, Bald nach demselben gründete der nach 
London übersiedelte E. Jones dort die erste englische Gruppe. Die 
Mitgliederzahl der nun vorhandenen acht Ortsgruppen gibt natürlich 
keinen Maßstab für die Beurteilung der Anzahl der nicht organisierten 
Schüler und Anhänger der Psychoanalyse. 

Auch die Entwicklung der periodischen Literatur der Psycho- 
analyse verdient eine kurze Erwähnung. Die erste periodische Pu- 
blikation, welche der Analyse diente, waren die ,, Schriften zur 
angewandten Seelenkunde", die in zwangloser Folge seit 1907 
erscheinen und gegenwärtig beim fünfzehnten Heft angelangt sind. 
(Verleger zuerst H. Heller in Wien, dann F. Deuticke.) Sie haben 
Arbeiten gebracht von Freud (1 und 7), Eiklin, Jung, Abraham 
(4 und 11), Rank (5 und 13), Sadger, Pfister, M. Graf, Jones 
(10 und 14), Storfer und v. Hug - Hellmuth. Die später zu er- 
wähnende Gründung d?r ,,Imago" hat den Wert dieser Publikations- 
form einigermaßen herabgesetzt. Nach der Zusammenkunft in Salz bürg 
1908 wurde das ,, Jahrbuch für psychoanalytische und psycho- 
pathologische Forschungen" ins Leben gerufen, welches unter 
der Redaktion von Jung fünf Jahrgänge erlebt hat und nun 
vuiter neuer Leitung und etwas verändertem Titel als ,, Jahrbuch 
der Psychoanalyse" von neuem an die Öffentlichkeit herantritt. 
Es will auch nicht mehr wie in den letzten Jahren ein Archiv 

Jahrbucli der Psychoanalyse. VI. lo 



242 Sigm. Freud. 

sein, welches einschlägige Arbeiten sammelt, sondern seiner Aufgabe 
durch redaktionelle Tätigkeit gerecht werden, welche alle Vorgänge 
und alle Erwerbungen auf dem Gebiete der Psychoanalyse zu 
würdigen versucht. Das ,, Zentralblatt für Psychoanalyse", 
wie erwähnt von Adler und St ekel nach der Gründung des 
Internationalen Vereins (Nürnberg 1910) entworfen, hat in kurzer Zeit 
bewegte Schicksale durchgemacht. Schon die zehnte Nummer des 
ersten Bandes bringt an ihrer Spitze die Nachricht, daß sich Dr. Alfred 
Adler wegen wissenschaftlicher Differenzen mit dem Herausgeber 
entschlossen hat, freiwillig aus der Redaktion auszuscheiden. Dr. 
Stekel blieb von da an alleiniger Redakteur. (Sommer 1911.) Auf 
dem Kongreß zu Weimar wurde das Zentralblatt zum offiziellen Organ 
des internationalen Vereines erhoben und allen Mitgliedern gegen Er- 
höhung ihrer Jahresbeiträge zugänglich gemacht. Von der dritten 
Nummer des zweiten Jahrganges an (Winter 1912) ist Stekel für den 
Inhalt des Blattes allein verantwortlich geworden. Sein in der Öffent- 
lichkeit schwer darstellbares Verhalten hatte mich genötigt, die Heraus- 
geberschaft niederzulegen und der Psychoanalyse in aller Eile ein 
neues Organ in der ,, Internationalen Zeitschrift für ärztliche 
Psychoanalyse" zu schaffen. Unter Mithilfe fast aller Mitarbeiter 
und des neuen Verlegers H. Heller konnte das erste Heft dieser Zeit- 
schrift im Januar 1913 erscheinen und sich als offizielles Organ der 
Internationalen psychoanalytischen Vereinigung an die Stelle des 
Zentralblattes setzen. 

Inzwischen war mit Anfang 1912 von Dr. Hanns Sachs und 
Dr. Otto Rank eine neue Zeitschrift ,,Imago" (Verlag von Heller) 
geschaffen worden, welche ausschließlich für die Anwendungen der 
Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften bestimmt wurde. Imago 
befindet sich gegenwärtig in der Mitte ihres dritten Jahrganges und 
erfreut sich des steigenden Interesses auch solcher Leser, welche 
der ärztlichen Analyse fernstehen. 

Von diesen vier periodischen Publikationen (Schriften z. angew. 
Saslenkunde, Jahrbuch, Intern. Zeitschrift und Imago) abgesehen, 
bringen auch andere deutsche und fremdsprachige Journale Arbeiten, 
welche in der Literatur der Psychoanalyse eine Stelle beanspruchen 
können. Das von Morton Prince herausgegebene ,, Journal of 
abnormal psychology" enthält in der Regel so viel gute ana- 
lytische Beiträge, daß es als Hauptvertretung der analytischen 
Literatur in Amerika eingeschätzt werden muß. Im Winter 1913 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. 243 

haben White und Jelliffe in New York eine neue, ausschließlich 
der Psychoanalyse gewidmete Zeitschrift („The Psychoanalytic 
Keview") ins Leben gerufen, welche wohl mit der Tatsache rechnet, 
daß den meisten der an der Analyse intessierten Arzte Amerikas die 
deutsche Sprache eine Erschwerung ist. 



Ich habe nun zweier Abfallsbewegungen zu gedenken, welche 
sich innerhalb der Anhängerschaft der Psychoanalyse vollzogen haben, 
die erste von ihnen zwischen der Vereinsgründung 1910 imd dem 
Weimarer Kongreß 1911, die zweite nach diesem, so daß sie in München 
1913 zutage trat. Die Enttäuschimg, welche sie mir bereiteten, __wäre 
zu vermeiden gewesen, wenn man besser auf die Vorgänge bei den in 
analytischer Behandlung Stehenden geachtet hätte. Ich verstand 
es nämlich sehr wohl, daß jemand bei der ersten Annäherung an die 
unliebsamen analytischen Wahrheiten die Flucht ergreifen kann, 
hatte auch selbst immer behauptet, daß eines jeden Verständnis durch 
seine eigenen Verdrängungen aufgehalten wird (respektive durch die 
sie erhaltenden Widerstände), so daß er in seinem Verhältnis zur Ana- 
lyse nicht über einen bestimmten Punkt hinauskommt. Aber ich hatte 
es nicht erwartet, daß jemand, der die Analyse bis zu einer gewissen 
Tiefe verstanden hat, auf sein Verständnis wieder verzichten, es ver- 
lieren könne. Und doch hatte die tägliche Erfahrung an den Kjanken ge- 
zeigt, daß die totale Reflexion der analytischen Erkenntnisse von jeder 
tieferen Schicht her erfolgen kann, an welcher sich ein besonders starker 
Widerstand vorfindet; hat man bei einem solchen Kranken durch mühe- 
volle Arbeit erreicht, daß er Stücke des analytischen Wissens begriffen 
hat und wie seinen eigenen Besitz handhabt, so kann man au ihm 
doch erfahren, daß er unter der Herrschaft des nächsten Wider- 
standes alles Erlernte in den Wind schlägt und sich wehrt wie in 
seinen schönsten Neulingstagen. Ich hatte zu lernen, daß es bei 
Psychoanalytikern ebenso gehen kann wie bei den Kranken in der 
Analyse. 

Es ist keine leichte oder beneidenswerte Aufgabe, die Geschichte 
dieser beiden AbfaUsbewegungen zu schreiben, denn einerseits fehlen 
mir dazu die starken persönlichen Antriebe — ich habe weder Dankbarkeit 
erwartet, noch bin ich in einem wirksamen Ausmaße rachsüchtig — ander- 
seits weiß ich, daß ich mich hierbei den Invektiven von wenig rück- 
sichtsvollen Gegnern aussetze vmd den Feinden der Analyse das heiß- 

16* 



244 Sigm. Freud. 

erwünschte Schauspiel bereite, wie „die Psychoanalytiker sich unter- 
einander zerfleischen"'. Ich habe so viel Überwindung daran gesetzt, 
mich nicht mit den Gegnern außerhalb der Analyse herumzuschlagen, 
und nun sehe ich mich genötigt, den Kampf mit früheren Anhängern, 
oder solchen, die es jetzt noch heißen wollen, aufzunehmen. Aber ich 
habe da keine Wahl; Schweigen wäre Bequemlichkeit oder Feigheit 
und würde der Sache mehr schaden als die offene Aufdeckung der vor- 
handenen Schäden. Wer andere wissenschaftliche Bewegungen 
verfolgt hat, wird wissen, daß ganz analoge Störungen und Mißhellig- 
keit«n auch dort vorzufallen pflegen. Vielleicht daß man sie anderswo 
sorgfältiger verheimlicht; die Psychoanalyse, die viele konventionelle 
Ideale verleugnet, ist auch in diesen Dingen aufrichtiger. 

Ein anderer schwer fühlbarer Übelstand liegt darin, daß ich eine 
analytische Beleuchtung der beiden Gegnerschaften nicht gänzlich 
vermeiden kann. Die Analyse eignet sich aber nicht zum polemischen 
Gebrauch; sie setzt durchaus die Einwilligung des Analysierten und die 
Situation eines Überlegenen und eines Untergeordneten voraus. Wer 
also eine Analyse in polemischer Absicht unternimmt, muß sich darauf 
gefaßt machen, daß der Analysierte seinerseits die Analyse gegen 
ihn wendet, und daß die Diskussion in einen Zustand gerät, in welchem 
die Erweckung von Überzeugung bei einem unparteiischen Dritten 
ausgeschlossen ist. Ich werde also die Verwendung der Analyse, damit 
die Indiskretion und die Agression gegen meine Gegner, auf ein Mindest- 
maß beschränken und überdies anführen, daß ich keine wissenschaft- 
liche Kritik auf dieses Mittel gründe. Ich habe es nicht mit dem etwaigen 
Wahrheitsgehalt der zurückzuweisenden Lehren zu tun, versuche 
keine Widerlegung derselben. Das bleibe anderen beruf enen Arbeitern auf 
dem Gebiet der Psychoanalyse vorbehalten, ist auch zum Teil bereits ge- 
schehen. Ich will bloß zeigen, daß — und in welchen Punkten — diese 
Lehren die Grundsätze der Analyse verleugnen und darum nicht unter 
diesem Namen behandelt werden sollen. Ich brauche also die Analyse 
nur dazu, um verständlich zu machen, wie diese Abweichungen von der 
Analyse bei Analytikern entstehen konnten. An den Ablösungsstellen 
muß ich allerdings auch mit rein kritischen Bemerkungen das gute 
Recht der Psychoanalyse verteidigen. 

Die Psychoanalyse hat die Erklärung der Neurosen als nächste 
Aufgabe vorgefunden, hat die beiden Tatsachen des Widerstandes 
und der Übertragung zu Ausgangspunkten genommen und für sie mit 
Rücksicht auf die dritte Tatsache der Amnesie in den Theorien von der 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. 245 

Verdrängung, den sexuellen Triebkräften der Neurose und dem Un- 
bewußten Rechenscliaft gegeben. Sie hat niemals beansprucht, eine 
vollständige Theorie des menschlichen Seelenlebens überhaupt zu geben, 
sondern verlangte nur, daß ihre Ermittlungen zur Ergänzung und 
Korrektur unserer anderswie erworbenen Erkenntnis verwendet werden 
sollten. Die Theorie von Alfred Adler geht nun weit über dieses Ziel 
hinaus, sie will Benehmen und Charakter der Menschen mit demselben 
Griff verständlich machen wie die neurotischen und psychotischen Er- 
krankungen derselben ; sie ist in Wirklichkeit jedem andern Grebiete ad- 
äquater als dem der Neurose, welches sie aus den Motiven ihrer Ent- 
stehungsgeschichte noch immer voranstellt. Ich hatte viele Jahre 
hindurch Gelegenheit, Dr. Adler zu studieren und habe ihm das Zeugnis 
eines bedeutenden, insbesondere spekulativ veranlagten Kopfes nie 
versagt. Als Probe der ,, Verfolgungen", die er von mir erfahren zu haben 
behauptete, kann ich ja gelten lassen, daß ich ihm nach der Vereins- 
gründung die Leitung der Wiener Gruppe übertrug. Erst durch drin- 
gende Aufforderung von selten aller Vereinsmitgiieder ließ ich mich 
bewegen, den Vorsitz in den wissenschaftlichen Verhandlungen wieder 
anzimehmen. Als ich seine geringe Begabung gerade für die Wür- 
digung des unbewußten Materials erkannt hatte, verlegte ich meine 
Erwartung dahin, er werde die Verbindimgen von der Psychoanalyse 
zur Psychologie und zu den biologischen Grundlagen der Triebvorgänge 
aufzudecken wissen, wozu seine wertvollen Studien über die Organ- 
minderwertigkeit auch in gewissem Sinne berechtigten. Er schuf denn 
auch wirklich etwas Ähnliches, aber sein Werk fiel so aus, als ob es — 
in seinem eigenen Jargon zu reden — für den Nachweis bestimmt 
wäre, daß die Psychoanalyse in allem unrecht habe und die Bedeutung 
der sexuellen Triebkräfte nur infolge ihrer Leichtgläubigkeit gegen die 
Darstellung der Neurotiker vertreten hätte. Über das persönliche Motiv 
seiner Arbeit darf man auch vor der Öffentlichkeit sprechen, da er es 
selbst in Gegenwart eines kleinen Kreises von Mitgliedern der Wiener 
Gruppe geoffenbart hat. ,, Glauben Sie denn, daß es ein so großes Ver- 
gnügen für mich ist, mein ganzes Leben lang in Ihrem Schatten zu 
stehen?" Ich finde nun nichts Verwerfliches darin, wenn ein jüngerer 
Mann sich frei zu dem Ehrgeiz bekennt, den man als eine der Trieb- 
federn seiner Arbeit ohnedies vermuten würde. Aber selbst unter der 
Herrschaft eines solchen Motivs müßte man es zu vermeiden wissen, 
daß man nicht werde, was die Engländer mit ihrem feinen sozialen 
Takt ,, unfair" heißen, wofür den Deutschen nur ein weit gröberes 



346 Sigm. Freud. 

Wort zur Verfügung steht. Wie wenig dies Adler gelungen ist, zeigt 
die Fülle von kleinlichen Bosheiten, die seine Arbeiten entstellen, und 
die Züge von unbändiger Prioritätssucht, die sich in ihnen verraten. 
In der Wiener psychoanalytischen Vereinigung bekamen wir einmal 
direkt zu hören, daß er die Priorität für die Gesichtspvmkte der „Einheit 
der Neurosen" und der ,, dynamischen Auffassmig" derselben für sich 
beanspruche. Es war eine große Überraschung für mich, da ich immer 
geglaubt hatte, diese beiden Prinzipien seien von mir vertreten worden, 
ehe ich noch Adler kennen gelernt hatte. 

Dies Streben Adlers nach einem Platz an der Sonne hat indes 
auch eine Folge gehabt, welche die Psychoanalyse als wohltätig emp- 
finden muß. Als ich nach dem Hervortreten der unvereinbaren wissen- 
schaftlichen Gregensätze Adler zum Ausscheiden aus der Redaktion 
des Zentralblattes veranlaßte, verließ er auch die Vereinigung und 
gründete einen neuen Verein, der sich zuerst den geschmackvollen 
Namen ,, Verein für freie Psychoanalyse" beilegte. Allein die Menschen 
draußen, die der Analyse ferne stehen, sind offenbar so wenig geschickt, 
die Differenzen in den Anschauungen zweier Psychoanalytiker zu 
würdigen, wie wir Europäer, die Nuancen zu erkennen, welche zwei 
Chinesengesichter voneinander unterscheiden. Die „freie" Psycho- 
analyse blieb im Schatten der ,, offiziellen", , .orthodoxen" imd wurde 
nur als Anhang an dieselbe abgehandelt. Da tat Adler den dankens- 
werten Schritt, die Verbindung mit der Psychoanalyse völlig zu lösen 
und seine Lehre als „Individualpsychologie" von ihr abzusondern. 
Es ist soviel Platz auf Gottes Erde und es ist gewiß berechtigt, daß 
sich jeder, der es vermag, ungehemmt auf ihr herumtummle, aber es 
ist nicht wünschenswert, daß man unter einem Dach zusammen- 
wohnen bleibe, wenn man sich nicht mehr versteht und nicht 
mehr verträgt. Die „Individualpsychologie" Adlers ist jetzt eine 
der vielen psychologischen Richtungen, welche der Psychoanalyse 
gegnerisch sind, und deren weitere Entwicklung außerhalb ihres 
Interesses fällt. 

Die Adlersche Theorie war von allem Anfang ein ,, System", 
was die Psychoanalyse sorgfältig zu sein vermied. Sie ist auch ein aus- 
gezeichnetes Beispiel einer ,, sekundären Bearbeitung", wie sie z. B. 
vom Waehdenken am Traummaterial vorgenommen wird. Das Traura- 
material wird in diesem Falle durch das neugewonnene Material der 
psychoanalytischen Studien ersetzt, dies wird nun durqhwegs vom Stand- 
punkt des Ichs erfaßt, unter die dem Ich geläufigen Kategorien gebracht 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. 247 

übersetzt, gewendet und genau so, wie es bei der Traumbildung ge- 
schieht, mißverstanden. Die Adlersche Lehre ist denn auch weniger 
durch das charakterisiert, was sie behauptet, als durch das, was 
sie verleugnet, sie besteht demnach aus drei recht ungleich- 
wertigen Elementen, den guten Beiträgen zur Ichpsychologie, 
den — überflüssigen, aber zulässigen — Übersetzungen der ana- 
lytischen Tatsachen in den neuen Jargon, und in den Entstellungen 
und Verdrehungen der letzteren, soweit sie nicht zu den Ichvoraus- 
setzungen passen. Die Eelemnte der ersteren Art sind von der Psycho- 
analyse niemals verkannt worden, wenngleich sie ihnen keine besondere 
Aufmerksamkeit schuldig war. Sie hatte ein größeres Interesse daran 
zu zeigen, daß sich allen Ichbestrebungen libidinöse Komponenten 
beimengen. Die Adlersche Lehre hebt das Gegenstück hierzu hervor, 
den egoistischen Zusatz zu den libidinösen Triebregungen. Dies wäre 
nun ein greifbarer Gewinn, wenn Adler diese Feststellung nicht dazu 
benutzen würde, um jedesmal zugunsten der Ichtriebkomponente die 
libidinöse Regung zu verleugnen. Seine Theorie tut damit dasselbe, 
was alle Kranken und was unser Bewußtdenken überhaupt tut, nämlich 
die Rationalisierung, wie Jones es genannt hat, zur Verdeckung des 
unbewußten Motives gebrauchen. Adler ist hierin so konsequent, 
daß er die Absicht, dem Weib den Herrn zu zeigen, oben zu sein, 
sogar als die stärkste Triebfeder des Sexualaktes preist. Ich weiß 
nicht, ob er diese Ungeheuerlichkeit auch in seinen Schriften ver- 
treten hat. 

Die Psychoanalyse hatte frühzeitig erkannt, daß jedes neurotische 
Symptom seine Existenzmöglichkeit einem Kompromiß verdankt. 
Es muß darum auch den Anforderungen des die Verdrängung hand- 
habenden Ichs irgendwie gerecht werden, einen Vorteil bieten, eine 
nützliche Verwendung zulassen, sonst würde es eben demselben Schicksal 
unterliegen wie die ursprüngliche abgewehrte Triebregung selbst. 
Der Terminus des ,, Krankheitsgewinnes" hat diesem Sachverhalt 
Rechnung getragen; man wäre noch berechtigt, den primären Gewinn 
für das Ich, der schon bei der Entstehung wirksam sein muß, von einem 
„sekundären" Anteil zu unterscheiden, welcher in Anlehnung an andere 
Absichten des Ichs hinzutritt, wenn sich das Symptom behaupten soll. 
Auch daß die Entziehung dieses Krankheitsgewinnes oder das Aufhören 
desselben infolge einer realen Veränderung einen der Mechanismen 
der Heilung vom Symptom ausmacht, ist der Analvse längst bekannt 
gewesen. Auf diese unschwer festzustellenden n'i'l niiihe!'.s^irizn';ehf;uler. 



248 Sigm. Freud, 

Beziehungen fällt in der Adlerschen Lehre der Hauptakzent, wobei 
gänzlich übersehen wird, daß das Ich ungezählte Male bloß aus der Not 
eine Tugend macht, indem es sich das unerwünschteste, ihm aufge- 
gezwungene Sjmiptom wegen des daran gehängten Nutzens gefallen läßt, 
z. B. wenn es die Angst als Sicherungsmittel akzeptiert. Das Ich spielt 
dabei die lächerliche Rolle des dummen August im Zirkus, der den 
Zuschauern durch seine Gesten die Überzeugung beibringen will, daß 
sich alle Veränderungen in der Manege nur infolge seines Kommandos 
vollziehen. Aber nur die Jüngsten unter den Zuschauern schenken 
ihm Glauben. 

Für den zweiten Bestandteil der Adlerschen Lehre muß die 
Psychoanalyse einstehen wie für eigenes Gut. Er ist auch nichts anderes 
als psychoanalytische Erkenntnis, die der Autor aus den allen zu- 
gänglichen Quellen während der zehn Jahre gemeinsamer Arbeit geschöpft 
und dann durch Veränderung der Nomenklatur zu seinem Eigentum 
gestempelt hat. Ich halte z. B. selbst „Sicherung" für ein besseres 
Wort als das von mir gebrauchte „Schutzmaßregel", aber ich kann 
einen neuen Sinn darin nicht finden. Ebenso würden in den Adlerschen 
Behauptungen eine Menge altbekannter Züge hervortreten, wenn 
man anstatt „fingiert, fiktiv und Fiktion" das ursprünglichere ,, phan- 
tasiert" und „Phantasie" wieder einsetzen würde. Von selten der Psycho- 
analye würde diese Identität betont werden, auch wenn der Autor nicht 
durch lange Jahre an den gemeinsamen Arbeiten teilgenommen hätte. 

Der dritte Anteil der Adlerschen Lehre, die Umdeutungen und 
Entstellungen der unbequemen analytischen Tatsachen, enthält das, 
was die nunmehrige ,,Individualpsychologie" endgültig von der Analyse 
trennt. Der Systemgedanke Adlers Jautet bekanntlich, es sei die 
Absicht der Selbstbehauptimg des Individuums, sein ,, Wille zur Macht", 
der sich in der Form des ,, männlichen Protests" in Lebensführimg, 
Charakterbildung und Neurose dominierend kundgibt. Dieser männ- 
liche Protest, der Ad 1er sehe Motor, ist aber nichts andere i als die 
von ihrem psychologischen Mechanismus losgelöste Verdrängung, die 
überdies sexualisiert ist, was mit der gerühmten Vertreibung der 
Sexualität aus ihrer Rolle im Seelenleben schlecht zusammenstimmt. 
Der männliche Protest existiert nun sicherlich, aber bei seiner Kon- 
stituierung zum Motor des seelischen Geschehens hat die Beobachtung 
nur die Rolle des Sprungbrettes gespielt, welches man verläßt, um 
sich zu erheben. Nehmen wir eine der Grundsituationen des infantilen 
Begehrens vor, die Beobachtung des Geschlechtsaktes zwischen Er- 



Zur Geschichte der psychoanalytischeii Bewegung. 249 

wachsenen durch das Kind. Dann weist die Analyse bei jenen Per- 
sonen, deren LebensgescMchte später den Arzt beschäftigen wird, 
nach, daß sich in jenem Moment zwei Regungen des immündigen Zu- 
schauers bemächtigt haben, die eine, wenn es ein Knabe ist, sich an 
die Stelle des aktiven Mannes zu setzen, und die andere, die Gegen- 
strebung, sich mit dem leidenden Weibe zu identifizieren. Beide Stre- 
bungen erschöpfen miteinander die Lustmöglichkeiten, die sich aus der 
Situation ergeben. Nur die erstere läßt sich dem männlichen Protest 
unterordnen, wenn dieser Begriff überhaupt einen Sinn behalten soll. 
Die zweite, um deren Schicksal sich Adler nicht kümmert oder die 
er nicht kennt, ist aber die, welche es zu einer größeren Bedeutimg 
für die spätere Neurose bringen wird. Adler hat sich so ganz in die 
eifersüchtige Beschränktheit des Ichs versetzt, daß er nur jenen Trieb- 
regungen Rechnung trägt, welche dem Ich genehm sind und von ihm 
gefördert werden; gerade der Fall der Neurose, daß sich diese Regungen 
dem Ich widersetzen, liegt außerhalb seines Horizonts. 

Bei dem durch die Psychoanalyse unabweisbar gewordenen 
Versuch, das Grundpriazlp der Lehre an das Seelenleben des Kindes 
anzuknüpfen, haben sich für Adler die schwersten Abweichungen 
von der Realität der Beobachtung und die tiefgehendsten Begriffs- 
verwirrungen ergeben. Der biologische, soziale und psychologische 
Sinn von „männhch" und „weiblich" sind dabei zu hoffnungsloser 
Mischbildung vermengt. Es ist unmöglich und durch die Beobachtung 
zurückzuweisen, daß das — männliche oder weibliche — Kind seinen 
Lebensplan auf eine ursprüngliche Geringschätzung des weiblichen 
Geschlechts begründen und sich zur Leitlinie den Wunsch machen 
könne: Ich will ein rechter Mann werden. Das Kind ahnt die Be- 
deutung des Geschlechtsunterschiedes anfänglich nicht, geht viel- 
mehr von der Voraussetzung aus, daß beiden Geschlechtern das näm- 
liche (männliche) Genitale zukomme, beginnt seine Sexualforschung 
nicht mit dem Problem der Geschlechtsdifferenz und steht der sozialen 
Minderschätzung des Weibes völlig ferne. Es gibt Frauen, in deren 
Neurose der Wunsch, ein Mann zu sein, keine Rolle gespielt hat. Was 
vom männlichen Protest zu konstatieren ist, führt sich leicht auf die 
Störung des uranfänglichen Narzißmus, durch die Kastrationsdrohung, 
respektive auf die ersten Behinderungen der Sexualbetätigung zurück. 
. Aller Streit um die Psychogenese der Neurosen muß schließlich auf 
dem Gebiet der Kindemeurosen zum Austrag kommen. Die sorgfältige 
Zergliederung einer Neurose im frühkindlichen Alter macht allen 
1 1 



250 Sigm, Freud. 

Irrtümern in betreff der Ätiologie der Neurosen und Zweifeln an der 
Rolle der Sexualtriebe ein Ende. Darum mußte auch. Adler in seiner 
Kritik der f ungschen Arbeit „Konflikte der kindlichen Seele" zu 
der Unterstellung greifen, das Material des Falles sei „wohl vom 
Vater" einheitlich gerichtet worden^). 

Ich werde nicht weiter bei der biologischen Seite der Adler sehen 
Theorie verweilen und nicht untersuchen, ob die greifbare Organ- 
minderwertigkeit oder das subjektive Gefühl derselben — man weiÜ 
nicht, welches von beiden — wirklich imstande ist, als Grundlage das 
Adlersche System zu tragen. Nur der Bemerkung sei Raum gegönnt, 
daß die Neurose dann ein Nebenerfolg der allgemeinen Verkümmerung 
würde, während die Beobachtung lehrt, daß eine erdrückend große 
Mehrheit von Häßlichen, Mißgestalteten, Verkrüppelten, Verelendeten 
es unterläßt, auf ihre Mängel mit der Entwicklung von Neurose zu 
reagieren. Auch die interessante Auskunft, die Minderwertigkeit ins 
Kindheitsgefühl zu verlegen, lasse ich beiseite. Sie zeigt uns, in welcher 
Verkleidung das in der Analyse so sehr betonte Moment des Infan- 
tilismus in der Individualpsychologie wiederkehrt. Dagegen obliegt 
es mir hervorzuheben, wie alle psychologischen Erwerbungen der 
Psychoanalyse bei Adler in den Wind geschlagen worden sind. Das 
Unbewußte tritt noch im „nervösen Charakter" als eine psychologische 
Besonderheit auf, aber ohne alle Beziehung zum System. Später hat 
er folgerichtig erklärt, es sei ihm gleichgültig, ob eine Vorstellung 
bewußt oder unbewußt sei. Für die Verdrängung fand sich bei Adler 
von vorneherein kein Verständnis. In dem Referat über einen Vortrag 
im Wiener Verein (Februar 1911) heißt es: „An der Hand eines Falles 
wird darauf hingewiesen, daß der Patient weder seine Libido verdrängt 
hatte, vor der er sich ja fortwährend zu sichern suchte^) . . ." In einer 
Wiener Diskussion äußerte er bald darauf: „Wenn Sie fragen, woher 
kommt die Verdrängung, so bekommen Sie die Antwort: Von der 
Kultur. Wenn Sie aber dann fragen: Woher kommt die Kultur?, so 
antwortet man Ihnen : Von der Verdrängung. Sie sehen also, es handelt 
sich nur um ein Spiel mit Worten". Ein kleiner Bruchteil des Scharf- 
sinnes, mit dem Adler die Verteidigungskünste seines „nervösen Cha- 
rakters" entlarvt hat, hätte hingereicht, ihm den Ausweg aus diesem 
rabulistischen Argument zu zeigen. Es ist nichts anderes dahinter, 



') Zentralblatt f. Psychoanalyse, Bd. I, S. 122. 
^) Konespondenzblatt Nr. 5, Zürich, April 1811. 



Zur Greschiehte der psychoanalytischen Bewegung. 251 

als daß die Kultur auf den Verdrängungsleistungen früherer Gene- 
rationen ruht, und daß jede neue Generation aufgefordert wird, diese 
Kultur durch Vollziehung derselben Verdrängungen zu erhalten. Ich 
habe von einem Kinde gehört, welches sich für gefoppt hielt und 
zu schreien begann, weil es auf die Frage: Woher kommen die 
Eier? zur Antwort erhalten hatte: Von den Hühnern, auf die 
weitere Frage: Woher kommen die Hühner? aber die Auskunft 
bekam: Aus den Eiern. Und doch hatte man da nicht mit Worten 
gespielt, sondern dem Kinde etwas Wahres gesagt. 

Ebenso kläglich und inhaltsleer ist alles, was Adler über den 
Traum, dieses Schiboleth der Psychoanalyse, geäußert hat. Der 
Traum war ihm zuerst eine Wendung von der weiblichen auf die 
männliche Linie, was nichts anderes besagt als die Übersetzung der 
Lehre von der Wunscherfüllung im Traume in die Sprache des „männ- 
hchen Protestes". Später findet er das Wesen des Traumes darin, 
daß der Mensch sich durch ihn unbewußt ermögliche, was bewußt 
versagt sei. Auch die Priorität für die Verwechslung des Traumes mit 
den latenten Traimigedanken, auf der die Erkenntnis seiner „prospek- 
tiven Tendenz" ruht, ist Adler zuzusprechen. Maeder ist ihm hierin 
später nachgekommen. Dabei übersieht man bereitwillig, daß jede 
Deutung eines Traumes, der in seiner manifesten Erscheinung über- 
haupt nichts Verständliches sagt, auf der Anwendung der nämhchen 
Traumdeutung beruht, deren Voraussetzungen und Folgerungen man 
bestreitet. Vom Widerstand weiß Adler anzugeben, daß er der Durch- 
setzung des Kranken gegen den Arzt dient. Dies ist gewiß richtig; 
es heißt soviel als: er dient dem Widerstände. Woher er aber kommt, 
und wie es zugeht, daß seine Phänomene der Absicht des Kranken 
zu Gebote stehen, das wird, als für das Ich uninteressant, nicht weiter 
erörtert. Die Detailmechanismen der SjTnptome und Phänomene, die 
Begründung der Mannigfaltigkeit von Krankheiten und Krankheits- 
äußerungen finden überhaupt keine Berücksichtigung, da doch alles 
in gleicher Weise dem männhchen Protest, der Selbstbehauptung, 
der Erhöhung der Persönlichkeit dienstbar ist. Das System ist 
fertig, es hat eine außerordentliche Umdeutungsarbeit gekostet, 
dafür auch nicht eine einzige neue Beobachtung geliefert. Ich 
glaube gezeigt zu haben, daß es mit Psychoanalyse nichts zu 
schaffen hat. 

Das Lebensbild, welches aus den Ad 1er sehen System hervor- 
geht, ist ganz auf den Aggressionstrieb gegründet; es läßt keinen 



252 Sigm. Freud. 

Raum für die Liebe. Man könnte sich ja verwundern, daß eine 
so trostlose Weltanschauung überhaupt Beachtung gefunden hat; 
aber man darf nicht daran vergessen, daß die vom Joch ihrer 
Sexualbedürfnisse bedrückte Menschheit bereit ist alles anzunehmen, 
wenn man ihr nur die „Überwindung der Sexualität" als Köder 
hinhält. 

Die Adlersche Abfallsbewegung vollzog sich vor dem Kongreß 
in Weimar 1911; nach diesem Datum setzte die der Schweizer ein. 
Ihre ersten Anzeichen waren sonderbarerweise einige Äußerungen 
Riklins in populären Aufsätzen der schweizerischen Literatur, aus 
denen die Umwelt also früher als die nächsten Fachgenossen erfuhr, 
daß die Psychoanalyse einige bedauerliche, sie diskreditierende Irr- 
tümer überwunden habe. 1912 rühmte sich Jung in einem Brief aus 
Amerika, daß seine Modifikationen der Psychoanalyse die Widerstände 
bei vielen Personen überwunden hätten, die bis dahin nichts von ihr 
hatten wissen wollen. Ich antwortete, das sei kein Ruhmestitel, imd 
je mehr er von den mühselig erworbenen Wahrheiten der Psychoanalyse 
opfere, desto mehr werde er den Widerstand schwinden sehen. Die 
Modifikation, auf deren Einführung die Schweizer sich so stolz zeigten, 
war wiederum keine andere als die theoretische Zurückdrängung des 
sexuellen Momentes. Ich gestehe, daß ich von allem Anfang an diesen 
,, Fortschritt" als eine zu weit gehende Anpassung an die Anfordertmgen 
der Aktualität auffaßte. 

Die beiden rückläufigen, von der Psychoanalyse wegstrebenden 
Bewegungen, die ich nun zu vergleichen habe, zeigen auch die Ähnlich- 
keit, daß sie durch gewisse hochragende Gesichtspunkte wie sub specie 
aetemitatis um ein günstiges Vorurteil werben. Bei Adler spielt 
die Relativität aller Erkenntnis und das Recht der Persönlichkeit, den 
Wissensstoff individuell künstlerisch zu gestalten, diese Rolle; bei Jung 
wird auf das kulturhistorische Recht der Jugend gepocht, Fesseln ab- 
zuwerfen, in welche sie das tyrannische, in seinen Anschauungen erstarrte 
Alter schlagen möchte. Diese Argumente machen einige abweisende 
Worte notwendig. Die Relativität unserer Erkenntnis ist ein Bedenken, 
welches jeder andern Wissenschaft ebensowohl entgegengesetzt werden 
kann wie der Psychoanalyse. Es entstammt bekannten reaktionären, 
der Wissenschaft feindlichen Strömimgen der Gegenwart und will 
den Schein einer Überlegenheit in Anspruch nehmen, die uns nicht 
gebührt. Keiner von uns kann ahnen, welches das endgültige Urteil 
der Menschheit über unsere theoretischen Bemühungen sein wird. 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. 253 

Man hat Beispiele dafür, daß die Abweisung der nächsten drei Ge- 
nerationen noch von der nächstfolgenden korrigiert und in Anerkennung 
verwandelt wurde. Es bleibt dem einzekien nichts übrig, als seine 
auf Erfahrung gestützte Überzeugung mit all seinen Kräften zu ver- 
treten, nachdem er die eigene kritische Stimme sorgfältig und die der 
Gegner mit einiger Aufmerksamkeit angehört hat. Man begnüge sich 
damit, seine Sache ehrlich zu führen, und maße sich nicht ein Richteramt 
an, das einer fernen Zukunft vorbehalten ist. Die Betonung der per- 
sönlichen Willkür in wissenschaftlichen Dingen ist arg; sie will der 
Psychoanalyse offenbar den Wert einer Wissenschaft bestreiten, der 
allerdings durch die vorhergehende Bemerkung bereits herabgesetzt 
ist. Wer das wissenschaftliche Denken hochstellt, wird eher nach 
Mitteln und Methoden suchen, um den Faktor der persönlichen künst- 
lerischen Willkür dort möglichst einzuschränken, wo er noch eine 
übergroße Rolle spielt. Übrigens darf man sich rechtzeitig erinnern, 
daß aller Eifer der Verteidigimg unangebracht ist. Diese Argumente 
Adlers sind nicht ernst gemeinte; sie sollen nur gegen den Gegner 
verwertet werden, respektieren aber die eigenen Theorien. Sie haben 
auch Adlers Anhänger nicht abgehalten, ihn als den Messias zu feiern, 
auf dessen Erscheinen die harrende Menschheit durch so und so viel 
Vorläufer vorbereitet worden ist. Der Messias ist gewiß nichts Rela- 
tives mehr. 

Das Jungsche Argument ad captandam benevolentiam ruht 
auf der allzu optimistischen Voraussetzung, als hätte sich der Fort- 
schritt der Menschheit, der Kultur, des Wissens, stets in ungebrochener 
Linie vollzogen. Als hätte es niemals Epigonen gegeben, Reaktionen 
und Restaurationen nach jeder Revolution, Geschlechter, die durch einen 
Rückschritt auf den Erwerb einer früheren Generationen verzichtet 
hätten. Die Annäherung an den Standpunkt der Menge, das Aufgeben 
einer als unliebsam empfundenen Neuerung, machen es von vorne- 
herein unwahrscheinüch, daß die Jungsche Korrektur der Psycho- 
analyse den Anspruch auf eine befreiende Jugendtat sollte erheben 
können. Endlich sind es nicht die Jahre des Täters, welche hierüber 
entscheiden, sondern der Charakter der Tat. 

Von den beiden hier behandelten .Bewegungen ist die Ad 1er sehe 
unzweifelhaft die bedeutsamere; radikal falsch, ist sie doch durch 
Konsequenz und Kohärenz ausgezeichnet. Sie ist auch noch 
immer auf eine Trieblehre gegründet. Die Jungsche Modifikation 
dagegen hat den Zusammenhang der Phänomene mit dem Trieb- 

1 7 * 



254 Sigm. Freud. 

leben gelockert; sie ist übrigens, wie ihre Kritiker (Abraham, 
Ferenczi, Jones) hervorgehoben, so unklar, undurchsichtig und 
verworren, daß es nicht leicht ist, Stellung zu ihr zu nehmen. 
Wo man sie antastet, muß man darauf vorbereitet sein, zu hören, 
daß man sie mißverstanden hat, und man weiß nicht, wie man 
zu ihrem richtigen Verständnis kommen soll. Sie stellt sich selbst 
in eigentümlich schwankender Weise vor, bald als ,,ganz zahme Ab- 
weichung, die das Geschrei nicht wert sei, das sich darum erhoben 
habe" (Jung), bald als neue Heilsbotschaft, mit der eine neue Epoche 
für die Psychoanalyse beginne, ja, eine neue Weltanschauung für alle 
übrigen. 

Unter dem Eindruck der Unstimmigkeiten zwischen den ein- 
zelnen privaten und öffentlichen Äußerungen der Jungschen Richtung 
wird man sich fragen müssen, wie groß daran der Anteil der eigenen Un- 
klarheit und der der Unaufrichtigkeit sei. Man wird aber zugestehen, 
daß sich die Vertreter der neuen Lehre in einer schwierigen Situation 
befinden. Sie bekämpfen nun Dinge, welche sie früher selbst ver- 
teidigt haben, und "zwar nicht auf Grund neuer Beobachtungen, von 
denen sie sich belehren lassen konnten, sondern infolge von Um- 
deutungen, welche ihnen jetzt die Dinge anders erscheinen lassen, als 
sie sie vorher sahen. Darum wollen sie den Zusammenhang mit der 
Psychoanalyse, als deren Vertreter sie der Welt bekannt wurden, nicht 
aufgeben und ziehen es vor zu verkünden, daß die Psychoanalyse sich 
geändert hat. Auf dem Münchener Kongreß sah ich mich genötigt, 
dieses Halbdunkel aufzuhellen, und tat es durch die Erklärung, daß 
ich die Neuerungen der Schweizer nicht als legitime Fortsetzimg und 
Weiterentwicklung der von mir ausgehenden Psychoanalyse aner- 
kenne. Außenstehende Kritiker (wie Furtmüller) hatten diesen 
Sachverhalt schon vorher erkannt, und Abraham spricht mit Recht 
davon, daß sich Jung auf dem vollen Rückzuge von der Psychoanalyse 
befinde. Ich bin natürlich gerne bereit zuzugestehen, daß ein jeder 
das Recht hat, zu denken und zu schreiben, was er will, aber er hat 
nicht das Recht, es für etwas anderes auszugeben, als es wirklich ist. 

Wie die Adlersche Forschung der Psychoanalyse etwas Neues 
brachte, ein Stück der Ichpsychologie, und sich dieses Geschenk allzu- 
teuer bezahlen lassen wollte durch die Verwerfung aller grundlegenden 
analytischen Lehren, so haben auch Jung und seine Anhänger ihren 
Kampf gegen die Psychoanalyse an eine Neuerwerbung für dieselbe 
j^-ugeknüpft. Sie haben im einzelnen verfolgt (worin ihnen Pfister 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung-. 255 

vorangegangen war), wie das Material der sexuellen Vorstellungen 
aus dem Familienkomplex und der inzestuösen Objekt wähl zur Dar- 
stellung der höchsten ethischen und religiösen Interessen der Menschen 
verwendet wird, also einen bedeutsamen Fall von Sublimierung der 
erotischen Triebkräfte und Umsetzung derselben in nicht mehr erotisch 
zu nennende Strebungen aufgeklärt. Dies stand im besten Einklang 
mit den in der Psychoanalyse enthaltenen Erwartimgen und hätte 
sich vortrefflich mit der Auffassung vertragen, daß in Traum und 
Neurose die regressive Auflösung dieser wie aller anderen Sublimierungen 
sichtbar wird. Allein die Welt hätte empört gerufen, man habe Ethik und 
Religion sexualisiert ! Ich kann es nun nicht vermeiden, einmal ,, final" 
zu denken und anzunehmen, daß sich die Entdecker diesem Entrüstungs- 
sturm nicht gewachsen fühlten. Vielleicht begann er auch in der eigenen 
Brust zu toben. Die theologische Vorgeschichte so vieler Schweizer 
ist für ihre Stellung zur Psychoanalyse so wenig gleichgültig wie die 
sozialistische Adlers für die Entwicklung seiner Psychologie. Man 
wird an die berühmte Geschichte Mark Twains von den Schicksalen 
seiner Uhr erinnert und an die Verwunderung, mit der sie schließt: 
,,And he used to wonder what became of all the unsuccessful tinkers, 
and gunsmiths, and shoemakers, and blacksmiths; but nobody could 
ever teil him". 

Ich will den Weg des Gleichnisses betreten und annehmen, in 
einer Gesellschaft lebe' ein Emporkömmling, der sich der Abstammung 
von uradeliger, aber ortsfremder Familie rühme. Nun werde ihm nach- 
gewiesen, daß seine Eltern irgendwo in der Nähe leben und sehr be- 
scheidene Leute seien. Jetzt steht ihm noch ein Auskunftsmittel zu 
Gebote und zu diesem greift er auch. Er kann die Eltern nicht mehr 
verleugnen, aber er behauptet, die seien selbst hochadelig, nur herab- 
gekommen, und verschafft ihnen bei einem gefälligen Amt ein Ab- 
kunftsdokument. Ich meine, so ähnlich haben sich die Schweizer be- 
nehmen müssen. Wenn Ethik und Religion nicht sexualisiert werden 
durften, sondern von Anfang an etwas ,, Höheres" waren, die Herleitung 
ihrer Vorstellungen aus dem Familien- und Ödipuskomplex aber un- 
abweisbar erschien, so ergab sich nur eine Auskunft: diese Komplexe 
selbst durften von Anfang an nicht bedeuten, was sie auszusagen 
schienen, sondern jenen höheren, „anagogischen" Sinn (nach Sil- 
berers Namengebung) haben, mit dem sie sich in ihre Verwendung 
in den abstrakten Gedankengängen der Ethik und der religiösen Mystik 
einfügten. 



256 Sigm. Freud. 

Ich bin nun gefaßt darauf, wiederum zu hören, daß ich Inhalt 
und Absicht der Neu-Züricher Lehre mißverstanden habe, aber ich 
verwahre mich von vornherein dagegen, daß die Widersprüche gegen 
meine Auffassung, die sich aus den Veröffentlichungen dieser Schule 
ergeben, mir, anstatt ihnen selbst zur Last gelegt sein sollen. Auf keine 
andere Art kann ich mir das Ensemble der Jungschen Neuerungen 
verständlich machen und im Zusammenhange begreifen. Von der 
Absicht, das Anstößige der Familienkomplexe zu beseitigen, um 
dies Anstößige nicht in Religion und Ethik wiederzufinden, strahlen 
alle die Abändenmgen aus, welche Jung an der Psychoanalyse vor- 
genommen hat. Die sexuelle Libido wurde durch einen abstrakten 
Begriff ersetzt, von dem man behaupten darf, daß er für Weise wie 
für Toren gleich geheimnisvoll und unfaßbar geblieben ist. Der Ödipus- 
komplex war nur ,, symbolisch" gemeint, die Mutter darin bedeutete 
das Unerreichbare, auf welches man im Interesse der Kulturentwicklung 
verzichten muß; der Vater, der im ödipusmythus getötet wird, ist der 
„iimerliche" Vater, von dem man sich freizimiachen hat, um selb- 
ständig zu werden. Andere Stücke des sexuellen Vorstellungsmaterials 
werden im Laufe der Zeit sicherlich ähnliche Umdeutungen erfahren. 
An Stelle des Konfliktes zwischen ichwidrigen erotischen Strebungen 
und der Ichbehauptung trat der Konflikt zwischen der ,, Lebensaufgabe" 
und der „psychischen Trägheit"; das neurotische Schuldbewußtsein 
entsprach dem. Vorwurf, seiner Lebensaufgabe nicht gerecht zu werden. 
Bin neues reUgiös-ethisches System wurde so geschaffen, welches 
ganz wie das Adlersche die tatsächlichen Ergebnisse der Analyse 
umdeuten, verzerren oder beseitigen mußte. In Wirklichkeit hatte 
man aus der Symphonie des Weitgeschehens ein paar kulturelle 
Obertöne herausgehört imd die urgewaltige Triebmelodie wieder einmal 
überhört. 

Um dieses System zu halten, war eine volle Abwendung von der 
Beobachtung und von der Technik der Psychoanalyse notwendig. 
Gelegentlich gestattete die Begeisterung für die hehre Sache auch eine 
Geringschätztmg der wissenschaftlichen Logik, wie wenn Jung 
den Ödipuskomplex nicht ,, spezifisch" genug für die Ätiologie der 
Neurosen findet und diese Spezifität der Trägheit, also der allge- 
meinsten Eigenschaft belebter wie unbelebter Körper zuerkennt! 
Dabei ist zu bemerken, daß der „Ödipuskomplex" nur einen Inhalt 
darstellt, an dem sich die Seelenkräfte des Individuums messen, und 
nicht selbst eine Kraft ist, wie die ,, psychische Trägheit". Die Er- 



Zur Geschichte der psychoanalytischen. Bewegung. 257 

forscilung des einzelnen Menschen hatte ergeben und wird immer 
von neuem ergeben, daß die sexuellen Komplexe in ihrem ursprüng- 
lichen Sinne in ihm lebendig sind. Darum wurde die Individual- 
forschung zurückgedrängt und durch die Beurteilung nach Anhalts- 
punkten aus der Völkerforschung ersetzt. In der frühen Kindheit 
eines jeden Menschen war man am ehesten der Gefahr ausgesetzt, 
auf den ursprünglichen und unverhüllten Sinn der umgedeuteten Kom- 
plexe zu stoßen, daher ergab sich für die Therapie die Vorschrift, bei 
dieser Vergangenheit so kurz als möglich zu verweilen und den Haupt- 
akzent auf die Rückkehr zum aktuellen Konflikt zu legen, an dem aber 
beileibe nicht das Zufällige und Persönliche, sondern das Generelle, 
eben das Nichterfüllen der Lebensaufgabe, das Wesentliche ist. Wir 
haben aber gehört, daß der aktuelle Konflikt des Neurotikers erst ver- 
ständlich und lösbar wird, wenn man ihn auf die Vorgeschichte des 
Kranken zurückführt, den Weg geht, den seine Libido bei der 
Erkrankung gegangen ist. 

Wie sich die Neu-Züricher Therapie unter solchen Tendenzen 
gestaltet hat, kann ich nach den Angaben eines Patienten mitteilen, 
der sie an sich selbst erfahren mußte. „Diesmal keine Spur von Rück- 
sicht auf Vergangenheit und Übertragung. Wo ich letztere zu greifen 
glaubte, wurde sie für reines Libidosymbol ausgegeben. Die morali- 
schen Belehrungen waren sehr schön und ich lebte ihnen getreulich 
nach, aber ich kam keinen Schritt vorwärts. Es war mir noch un- 
angenehmer als ihm, aber was konnte ich dafür? .... Statt analj^isch 
zu befreien, brachte jede Stunde neue ungeheure Forderungen, an deren 
Erfüllung die Überwindung der Neurose geknüpft wurde, z. B. innerliche 
Konzentration durch Introversion, religiöse Vertiefung, neues Ge- 
meinschaftsleben mit meiner Frau in liebevoller Hingabe usw. Es 
ging fast über die Kraft, lief es doch auf eine radikale Umgestaltung 
des ganzen Innern Menschen hinaus. Man verließ die Analyse als 
armer Sünder mit den stärksten Zerknirschungsgefühlen und den besten 
Vorsätzen, aber gleichzeitig in tiefster Entmutigung. Was er mir 
empfahl, hätte jeder Pfarrer mir auch geraten, aber woher die Kraft?" 
Der Patient teilt zwar mit, er habe gehört, daß dieVergangenheits- und 
Übertragungsanalyse vorangehen müsse. Ihm wurde gesagt, daß er 
davon genug gehabt habe. Da sie nicht mehr geholfen hat, scheint 
mir der Schluß gerechtfertigt, daß der Patient von der ersteren Art 
der Analyse nicht genug bekommen hat. Keinesfalls hat das daraiif 
gesetzte Stück Behandlung mehr geholfen, welches auf den Namen 

Jahrbuch der Ps7Choanal78e. VI- 1 * 



258 Sigm. Freud. 

einer Psychoanalyse keinen Anspruch mehr hat. Es ist zu verwun- 
dem, daß die Züricher den langen Umweg über Wien gebraucht 
haben, um endlich nach dem so nahen Bern zu kommen, in dem 
Dubois Neurosen durch ethische Aufmunterung in schonungs vollerer 
Weise heilt^}. 

Der völlige Zerfall dieser neuen Richtung mit der Psychoanalyse 
erweist sich natürlich auch in der Behandlimg der Verdrängung, welche 
in den Schriften Jungs kaum mehr erwähnt wird, in der Verkennung 
des Traumes, den sie wie Adler unter Verzicht auf die Traxmipsycho- 
logie mit den latenten Traumgedanken verwechselt, in dem Verlust 
des Verständnisses für das Unbewußte, kurz in all den Pimkten, in welche 
ich die Wesenheit der Psychoanalyse verlegen konnte. Wenn man 
von Jung hört, der Inzestkomplex sei nur symbolisch, er habe doch 
keine reale Existenz, der Wilde verspüre doch kein Gelüste nach der 
alten Vettel, sondern ziehe ein junges und schönes Weib vor, so ist man 
versucht, anzunehmen, daß ,symbolisch' und .keine reale Existenz' 
eben das bedeuten, was man in der Psychoanalyse mit Rücksicht auf 
seine Äußerungen und pathogenen Wirkungen als ,, unbewußt existent" 
bezeichnet, um auf solche Weise den scheinbaren Widerspruch zu 
erledigen. 

. Wenn man sich vorhält, daß der Traum noch etwas anderes ist 
als die latenten Traumgedanken, die er verarbeitet, so wird man sich 
nicht wundem, daß die Kranken von den Dingen träumen, mit denen 
man ihren Sinn während der Behandlung erfüllt hat, sei es die .Lebens- 
aufgabe' oder das ,Oben- und Untensein'. Gewiß sind die Träume 
der Analysierten lenkbar, in ähnlicher Art, wie man Träume durch 
experimentell angebrachte Reize beeinflussen kann. Man kann einen 
Teil des Materials bestimmen, welches in den Träumen vorkommt; 
am Wesen und am Mechanismus des Traumes wird hierdurch nichts 
geändert. Ich glaube auch nicht daran, daß die sogenannten , bio- 
graphischen' Träume sich außerhalb der Analyse ereignen. Analysiert 
man hingegen Träume, die vor der Behandlung vorgefallen sind, oder 



*) Ich kenne die Bedenken, welche der Verwertung einer Patienten- 
aussage im Wege stehen, und will darum ausdrücklich versichern, daß mein 
Gewährsmann eine ebenso vertrauenswürdige wie urteilsfähige Persönlichkeit 
ist. Er hat mich informiert, ohne daß ich ihn dazu aufgefordert, und ich 
bediene mich seiner Mitteilung, ohne seine Zustimmung einzuholen, weil ich 
nicht zugeben kann, daß eine psychoanalytische Technik den Schutz der Dis- 
kretion beanspruchen sollte. 



Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. 259 

achtet man darauf, was der Träumer zu den ihm in der Kur gegebenen 
Anregungen hinzufügt, oder kann man es vermeiden, ihm solche Auf- 
gaben zu stellen, so überzeugt man sich, wie ferne es dem Traume 
liegt, gerade nur Lösungsversuche der Lebensaufgabe zu liefern. Der 
Traum ist ja nur eine Form des Denkens; das Verständnis dieser Form 
kann man nie aus dem Inhalt seiner Gedanken gewinnen, dazu führt 
nur die Würdigung der Traumarbeit. 

Die faktische Widerlegung der Jungschen Mißverständnisse und 
Abweichungen von der Psychoanalyse ist nicht schwierig. Jede regel- 
recht ausgeführte Analyse, ganz besonders aber jede Analyse am 
Kinde, bestärkt die Überzeugungen, auf denen die Theorie der Psycho- 
analyse ruht, und weist die Umdeutungen des Adler sehen wie des 
Jungschen Systems zurück. Jung selbst hat in der Zeit vor seiner 
Erleuchtung eine solche Kinderanalyse durchgeführt und publiziert; 
es ist abzuwarten, ob er eine neue Deutung derselben mit Hilfe einer 
andern „einheitlichen Richtung der Tatsachen" (nach dem hierauf 
bezüglichen Ausdruck Adlers) vornehmen wird. 

Die Ansicht, daß die sexuelle Darstelkng ,, höherer" Gedanken 
in Traum und Neurose nichts anderes als eine archaische Ausdrucks- 
weise bedeute, ist natürhch mit der Tatsache unvereinbar, daß sich 
diese sexuellen Komplexe in der Neurose als die Träger jener Libido- 
quantitäten erweisen, welche dem realen Leben entzogen worden sind. 
Handelte es sich nur um einen sexuellen Jargon, so könnte dadurch 
an der Ökonomie der Libido nichts geändert worden sein. Jung selbst 
gesteht dies noch in seiner , .Darstellung der psychoanalytischen Theorie" 
zu und formuliert als therapeutische Aufgabe, daß diesen Komplexen 
die Libidobesetzung entzogen werden solle. Dies gehngt aber niemals 
durch Wegweisen von ihnen und Drängen zur Sublimierung, sondern 
nur durch eingehendste Beschäftigung mit ihnen und durch Be- 
wußtmachen im vollen Umfange. Das erste Stück der Realität, dem 
der Kranke Rechnung zu tragen hat, ist eben seine Krankheit. Bemü- 
hungen, ihn dieser Aufgabe zu entziehen, deuten auf eine Unfähigkeit 
des Arztes, ihm zur Überwindung der Widerstände zu verhelfen, 
oder auf eine Scheu des Arztes vor den Ergebnissen dieser Arbeit. 

Ich möchte abschließend sagen, Jung hat mit seiner „Modifikation" 
der Psychoanalyse ein Gegenstück zum berühmten Licht enbergschen 
Messer geliefert. Er hat das Heft verändert und eine neue Klinge ein- 
gesetzt; weil dieselbe Marke darauf eingeritzt ist, sollen wir nun dies 
Instrument für das frühere halten. 

17* 



260 Sigm. Freud. 

Ich glaube im Gegenteile gezeigt zu haben, daß die neue 
Lehre, welche die Psychoanalyse substituieren möchte, ein Aufgeben 
der Analyse und einen Abfall von ihr bedeutet. Man wird vielleicht 
der Befürchtung zuneigen, daß dieser Abfall für ihr Schicksal ver- 
hängnisvoller werden müsse als ein anderer, weil er von Personen aus- 
geht, welche eine so große Rolle in der Bewegung gespielt und sie um 
ein so großes Stück gefördert haben. Ich teile diese Befürchtung nicht. 

Menschen sinl stark, solange sie eine starke Idee vertreten; 
sie werden ohnmächtig, wenn sie sich ihr widersetzen. Die Psycho- 
analyse wird diesen Verlust ertragen und für diese Anhänger andere ge- 
winnen. Ich kann nur mit dem Wunsche schließen, daß das Schicksal allen 
eine bequeme Auffahrt bescheren möge, denen der Aufenthalt in der 
Unterwelt der Psychoanalyse unbehaglich geworden ist. Den anderen 
möge es gestattet sein, ihre Arbeiten in der Tiefe unbelästigt zu Ende 
zu führen. (Februar 1914.) 



Referierender Teil. 



Vorbemerkung der Redaktion. 



Die ersten zwei Bände des „Jahrbuchs für psychoanalytische und 
psychopathologische Forschungen" brachten eine nach Ländern geordnete 
Berichterstattung über die psychoanalytische Literatur. Dieser Bericht, 
welcher bis zum Jahre 1908 reichte, ist seitdem nicht fortgesetzt 
worden. Der nachfolgende, nach systematischen Gesichtspunkten geordnete 
Bericht umfaßt daher die Literatur von fünf Jahren. 

Die Publikationen haben sich in diesem Zeitraum außerordentlich 
vermehrt. Die Mitarbeiter hatten daher eine in manchen Fällen sehr 
beträchtliche Arbeit zu bewältigen, für welche ihnen überdies eine knappe 
Frist zur Verfügung stand. Die Redaktion ist ihren Mitarbeitern für 
diese Leistung zu Dank verpflichtet, möchte aber gleichzeitig auch an 
die Leser die Bitte richten, etwaige Mängel der Berichterstattung auf 
die dargelegten Umstände zurückzuführen. Ergänzungen, welche sich als 
notwendig herausstellen, sollen dem nächstjährigen Bericht eingefügt 
werden, so namentlich das Referat über die religionspsychologischen 
Arbeiten. 



Bericht über die Fortschritte der Psycho- 
analyse in den Jahren 1909 — 1913. 



Abkürzungen. 



Jahrb. = Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen. 

Z. (oder Zeitschr.) = Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse. 

Zbl. == Zentralblatt für Psychoanalyse. 

I. = Imago. (Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geistes- 
wissenschaften.) 

Sehr. = Schriften zur angewandten Seelenkunde. 



I. Psychologie und Trieblehre. 



Jones, Empfängnis der Jungfrau Maria durch das Ohr. 



Tafel I. 




Simone Martini: Der englische Gruß. 



Jahrbucli der Psychoanalyse. VI. 



Verlag von Franz Deuticke in Wien. 



III. Anwendung der Psychoanalyse 
außerhalb der Medizin. 



Das UnTbewußte. 

Referent: Dr. H. Eltingon. 



Literatur'). Freud, Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten 
in der Psychoanalyse. Zeitschr. Bd. 1, S. 117. — Freud, Formulierungen über 
die zwei Prinzipien psychischen Geschehens. Jahrb. Bd. III, S. 1. 



Das Unbewußte, das vor mehr als fünfzehn Jahren in dem an 
schöpferischen Ideen so reichen VII. Kapitel (zur Psychologie der 
Trauravorgänge) der Traumdeutung Freuds seine eingehende For- 
mulierung erhalten hat, ist seither nicht wieder Gegenstand spezieller 
theoretischer Untersuchungen geworden. Die Fruchtbarkeit dieses in 
der psychoanalytischen Arbeit sich immer besser bewährenden Begriffs 
— eine Schau über die psychoanalytischen Leistungen der letzten Jahre 
belehrt sehr bald darüber — festigte seinen Wert. Die zähen Bemü- 
hungen der Analytiker um Ausfüllung des psychischen Determinismus 
gaben ihrem Begriff des Unbewußten formal und inhaltlich ein von 
allen anderen Konzeptionen dieses Begriffes sehr abweichendes, einzig- 
artiges Gepräge. 

Freud selbst kommt in einer kürzlich publizierten kleinen Arbeit 
über das „Unbewußte"^) auf den Sinn zurück, den dieser Ausdruck „in 
der Analyse und nur in der Analyse" habe. Die Psychologie des Hyp- 
notismus, namentlich das Phänomen der „posthypnotischen Suggestion", 
hat eine dynamische Auffassung des Unbewußten vorbereitet, die das 
psychoanalytische Studium der neurotischen Erscheinungen geklärt und 
vollendet hat. Jene in der Hypnose eingeflößten, später zu realisieren- 



') Vgl. das "Verzeichnis der Abkürzungen, S. 264. 

') Zuerst erschienen in ,,Prooeeding9 of the Society for Psychical Research", 
Part LXVI, Bd. XXVI. 



268 M. Eitingon. 

den Vorsätze eind auch in ihrer Latenzperiode als psychisch, nicht 
etwa als physiologische Spur oder Himdisposition, aufzufassen und 
die neurotischen Symptome der Patienten eind ins Bewußtsein hinein- 
ragende Repräsentanten eines andern psychischen Systems, dem zwar 
der Charakter der Bewußtheit abgeht, das aber dadurch allein noch 
nicht zu etwas qualitativ anderem wird als die bewußten Inhalte unserer 
Psyche. 

Sich weise aller Aussagen über das eigentliche Wesen des Psychi- 
schen enthaltend — in letzter Zeit anscheinend auch davon abkom- 
mend, es energetisch aufzufassen — , hütet sich Freud auch vor der para- 
lysierenden durchgängigen Verknüpfung des Psychischen mit dem Be- 
wußtsein xmd faßt letzteres, das wohl erlebt, aber in seiner spezifischen 
Erlebnisform auch nicht annähernd" beschrieben werden kann, „als 
Sinnesorgan!) für die Auffassung psychischer Qualitäten" auf. 

Die Freudsche Hilfskonstruktion des Unbewußten deckt ein weites 
Gebiet eines latenten dynamischen Psychischen und zerfällt, wie eben- 
falls in der Traumdeutung 2) scharf formuliert, in das Vorbewußte, 
das bei genügender Intensität vom obigen Sinnesorgan (dem Bewußt- 
sein) auch wahrgenommen werden kann und das eigentliche Unbe- 
wußte, das nicht infolge quantitativer, sondern qüalitativ-affektiver 
Momente, auf Grund der Inkompatibilität seiner Tendenzen mit jewei- 
ligen oder konstanter vorherrschenden Motiven (Zügen) unserer Psyche 
innerhalb des Bewußtseinsrahmens unwahrgenommen bleiben muß. 

Also das aus dem Bewußtsein verdrängte, vom Bewußtsein fern- 
gehaltene und bei allen Versuchen hineinzugelangen oder hineinge- 
bracht zu werden auf Widerstand stoßende Psychische. Wie dieses 
Unbewußte nun dennoch ins Bewußtsein hineingelangt, zunächst ins 
Traumbewußtsein, lehrt die „Traumdeutung", aus der wir erfahren, 
,,was wir auf Grund von Überlegungen oder aus irgend einer andern 
Quelle empirischen Wissens nicht hätten erraten können, daß die Ge- 
setze der unbewußten Seelentätigkeit sich im weiten Ausmaß von jenen 
der bewußten imterseheiden. Wir gewinnen durch Detailarbeit die 
Kenntnis der Eigentümlichkeiten des Unbewußten und können hoffen, 
daß wir durch gründlichere Erforschung der Vorgänge bei der Traum- 
bildung noch mehr lernen werden." 

Und zwar über die Entstehung neurotischer Symptome, hinter 
denen dasselbe Unbewußte steht, mit denselben eigentümlichen Arbeits- 



1) Traumdeutung, 8. 354. 

2) Traumdeutung, S. 330 ff. 



Das Unbewußte. 269 

weisen. Dem Weg der Traumanalyse ist aber auch ganz analog der 
Weg der Psychoanalyse als psychotherapeutischen Kampfes mit den 
neurotischen Symptomen, die nicht weichen, es sei denn, daß man, sich 
ein genaues Bild von ihnen machend, mit ihnen ringe (fast wäre man 
versucht, zu sagen: an Ort und Stelle wo sie gelagert sind). 

Zwei konstante Eigentümlichkeiten des psychoanalytischen Unbe- 
wuß^n erwecken unsere und vor allem auch unserer Kritiker besondere 
Aufmerksamkeit: eine formale: die enge Beziehung zur Lust, was den 
Wunscherfüllungscharakter von Träumen, neurotischen Syroptomen und 
Derivaten des Unbewußten aus der Psychopathologie des Alltags zur 
Folge hat; und ferner eine materielle: der infantil-sexuelle Inhalt des 
Unbewußten. Freud nimmt in den außerordentlich konzentriert geschrie- 
benen: „Formulierungen über die zwei Prinzipien psychi- 
schen Geschehens" die Ausführungen aus der Traumdeutung^) 
über das Wünschen und halluzinatorische Wunscherfüllen als primäre 
Tätigkeit des Unbewußten wieder auf und sucht die Entwicklung des 
Realitätsprinzips ^) oder richtiger zum Realitätsprinzip als ein auf den 
verschiedenen Gebieten seelischer Tätigkeit ungleichmäßig und unvoll- 
ständig vor sich gehendes Abrücken vom Lustprinzip aufzuzeigen. 
Freud skizziert diese hypothetische Entwicklung folgendermaßen: Er 
supponiert an den Beginn des individuellen Seins ,, einen psychischen 
Ruhezustand, der anfänglich nur durch die gebieterischen Forderungen 
der inneren Bedürfnisse gestört wurde. In diesem Falle wurde das Ge- 
dachte (Gewünschte) einfach halluziniert, wie es noch heute allnächtlich 
mit unseren Traumgedanken geschieht". Die Enttäuschung (Versagung) 
veranlaßt das Aufgeben des Weges halluzinatorischer Bedürfnisbe- 
friedigung und der psychische Apparat muß sich an die reale Außen- 
welt adaptieren, um da die ihm nötigen realen (objektiven) Verände- 
rungen zu erzielen. Die Bedeutung der Sinnesorgane und des Bewußt- 
seins wachsen, die Funktion der Aufmerksamkeit entsteht und das Ge- 
dächtnis. „An Stelle der Verdrängung, welche einen Teil der auftauchen- 
den Vorstellungen als unlusterzeugend von der Besetzung ausschloß, 
trat unparteiische Urteilsfällung, welche entscheiden sollte, ob eine be- 
stimmte Vorstellung wahr [zureichend, Ref.] oder falsch, d. h. im 



>) 1. c, S. 348. 

^) Daß es Freud fern liegt, das Problem der Realität mit psychologischen 
Mitteln lösen zu wollen, -ist bei diesem Denker, dessen methodologische Kühn- 
heit von einem sicheren methodologischen Takt geleitet wird, durchaus anzu- 
nehmen. 

1 8 * 



270 M. Eitingon. 

Einklang mit der Realität [des Bedürfnisses, Ref.] sei oder nicht 
und durch Vergleichung mit den Erinnerungsspuren der Realität dar- 
über entschied". Aus der alten, der Reizentäußerung dienenden moto- 
rischen Abfuhr wurde das Handeln zum Zweck der bedürfnismäßigen 
Veränderung der Außenwelt. In das Handeln schob sich das Denken 
ein. „Es ist im wesentlichen ein Probehandeln." 

Aber „mit der Einsetzung des Realitätsprinzips wurde eine Art 
Denktätigkeit abgespalten, die von der Realitätsprüfung femgehalten 
und allein dem Lustprinzip xmterworfen blieb. Es ist die Phantasie". 
Und „während jene Entwicklung an den Ich-Trieben vor sich geht, lösen 
sich die Sexualtriebe in sehr bedeutsamer Weise von ihnen ab. Die 
Sexualtriebe benehmen sich zunächst autoerotisch, sie finden ihre 
Befriedigung am eigenen Leib und gelangen daher nicht in die Situa- 
tion der Versagung, welche die Einsetzung des Realitätsprinzips er- 
zwungen hat. Wenn dann später der Prozeß der Objektfindimg beginnt, 
erfährt er alsbald eine lange Unterbrechung durch die Latenzzeit, 
welche die Sexualentwicklung bis zur Pubertät verzögert. Diese beiden 
Momente — Autoerotismus und Latenzperiode ~ haben zur Folge, 
daß der Sexualtrieb in seiner psychischen Ausbildung aufgehalten wird 
und weit länger unter der Herrschaft des Lustprinzips verbleibt, welcher 
er sich bei vielen Personen überhaupt niemals zu entziehen vermag". 
„Infolge dieser Verhältnisse stellt sich eine nähere Beziehung her 
zwischen dem Sexualtrieb und der Phantasie einerseits, den Ich-Trieben 
und den Bewußtseinstätigkeiten anderseits." „Der fortwirkende Auto- 
erotismus macht es möglich, daß die leichtere, momentane und phan- 
tastische Befriedigung am Sexualobjekte so lange an Stelle der realen, 
aber Mühe und Aufschub erfordernden festgehalten wird. Die Ver- 
drängung bleibt im Reiche des Phantasierens allmächtig; sie bringt 
es zustande, Vorstellungen in statu nascendi, ehe sie dem Bewußtsein 
auffallen können, zu hemmen, wenn deren Besetzung zur Unlustentbin- 
dung Anlaß geben kann. Dies ist die schwache Stelle unserer psychi- 
schen Organisation, die dazu benutzt werden kann, um bereits rationell 
gewordene Denkvorgänge [psychische Akte, Ref.] wieder unter die 
Herrschaft des Lustprinzips zu bringen." 

Diese Freudschen Ausführungen im Verein mit seiner Sexual- 
theorie zeigen uns die Möglichkeit jener am Eingang dieses Abschnittes 
erwähnten befremdenden Züge des psychoanalytischen Unbewußten. Ist 
der empirische Inhalt des Verdrängten für uns immer wieder infantil- 
sexuell, so liegt dies an den besonderen Bedingungen jenes eigentüm- 



Das Unbewußte. 271 

liehen Vorganges der Verdrängung, die vielleicht am ehesten bei der 
Sexualität als realisiert zu denken sind. 

Das Verdrängungsunbewußte gehört nicht allein der Neurosen- 
und der Traumpsychologie an. Die Freudschen Aufdeckungen der 
gleichen Mechanismen auch in den Fehlleistungen des Waehbewußteeins 
erfahren fortwährend zahlreiche Bestätigungen. Die ersten Jahrgänge 
des „Zentralblattes für Psychoanalyse" und die „Int. Zeitschrift f. ä. 
Psychoanalyse" bringen eine große Reihe von Beiträgen zur „Psycho- 
pathologie des Alltagslebens". 



Traumdeutung. 

Referent: Dr. 0. Rank. 



Literatur^): l. Abraham Karl: Sollen wir die Patienten ihre Träume 
aufschreiben lassen? Z. I, S. 194, 1913. — 2. Bleuler E.: Die Psychanalyse 
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verkappten ödipustraumes. Zbl. I, S. 44, 1910/11. — 24. Ders.: Nachträge zur 
Traumdeutung, ebenda, S. 187. — 26. Ders.: Über den Traum. 2. Aufl., Wies- 
baden, 1911 (Grenzfragen, Nr. 8). — 27. Ders.: Die Handhabung der Traum- 

1) Vgl. das Verzeichnis der Abkürzungen, S. 264. 



Traumdeutung. 273 

deutung in der Psychoanalyse. Zbl. II, S. 109, 1911/12. — 28. Ders.; Die 
Traumdeutung. 3. vermehrte Auf]., I9I1. — 29. Ders.: Ein Traum als Beweis- 
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and their analy^is in reference to psyehotherapie. Med. Reo. 27. Mai 1911. 

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zieller Bedeutung. Z. I, S. 79, 1913. — 37. Gottsehalk: Le reve. D'apres 
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Gelimgene Auslegung eines Traumes. Zbl. II, S. 417, 1911/12. — 39. Här- 
tungen Gh. V. : Kritische Tage und Träume. Zeitschr. f. Psychotherapie usw., III, 
S. 1, 1911. — 40. Hitschmann Ed.: Freuds Neurosenlehre. 1911; 2. Aufl., 
1913. — 41. Ders.: Ein Fall von Symbolik für Ungläubige. Zbl. I, S. 235, 
1910/11. — 42. Ders.: Beiträge zur Sexualsymbolik des Traumes. Ebenda, 
S. 561. — 43. Ders.: Weitere Mitteilung von Kindheitsträumen mit spezieller 
Bedeutung. Z. I, S. 476, 1913. — 44. Ders.: Goethe als Vatersymbol in 
Träumen. Ebenda, S. 569. — 45. Hug - Hellmuth H. v.: Analyse eines Traumes 
eines 51/2 jährigen Knaben. Zbl. II, S. 122, 1911/12. — 46. Dies.: Kinderträume. 
Z. I, S. 470, 1913. — 47. Dies,: Aus dem Seelenleben des Kindes. Sehr., 
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gewissen Formen des mittelalterlichen Aberglaubens. Sehr., H. 14, 1912. — 
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Stud. II, Nr. 8, S. 31, 1910. — 57. Ders.: Ein Beitrag zur Psychologie des 
Gerüchtes. Zbl. I, S. 81, 1910/11. — 58. Ders.: Ein Beitrag zur Kenntnis des 
Zahlentraumes. Ebenda, S. 567. — 59. Ders.: Morton Prince's: The mechanism 
and interpretation of dreams. Jahrb. III, 1911.— 60. Körber H.: Neues von 
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reves. Rev. philos. Juillet— Dec. 1911. — 62. L.: Ein Großvatertraum. Z. I, 
S. 475, 1913. — 63. Lang J. B.: Aus der Analyse eines Zahlentraumes. Zbl. III, 
S. 206, 1912/13. — 64. Lauer Gh.: Das Wesen des Traumes in der Beurteilung 
der talmudischen und rabbinischen Literatur. Z. I, S. 459, 1913. — 65. Linde 
van de: Zwei interessante Träume. Zbl. III, S. 589, 1912/13. — 66. Maeder 
Alphonse: Zur Entstehung der Symbolik im Traum, in der Dementia praecox 
usw. Zbl. I, S. 383, 1910/11. — 67. Ders.: Über die Funktion des Traumes. 
Jahrb. IV, 19 12. — 67a. Ders.: Über das Traumproblem. Jahrb. V, 1913.*) — 

') Erschien erst Anfang 1914, nach Abschluß dieses Referates. 

Jahrbuch der Psychoanalyse. VI. 18 



274 O. Rank, 

68. Marcinowski J.: Gezeichnete Träume. Zbl. II, S. 490, 1911/12. — 

69. Ders.: Drei Romane in Zahlen. Ebenda, S. 619. — Der Mut zu sich 
selbst. Berlin, 1912. — 70. Marcus Ernst: Ein Fall lenkbarer Träume. 
Zbl. II, S. 160, 1911/12. — 71. Meisl Alfr.: Der Traum eines Coitus interruptus. 
Zbl. II, S. 88, 1911/12. — 72. Näcke Paul: Die diagnostische und prognostische 
Brauchbarkeit der sexuellen Träume. Ärztl. Sachv.-Ztg. 1911, Nr. 2. — 
73. Onuf B. : Dreams and their interpretations as diagnostic and therapeutic 
aida in psychology. Joum. of abn. Psychoi., Febr. — March 1910. — 74. Pear 
T. H. : The analysis of some personal dreams with special reference to Preud's 
interpretation. Meeting at the British Assoc. for the advancements of science, 
Birmingham, Sept. 16. — 17., 1913. — 75. Pf ister Oskar: Wahnvorstellung und 
Schülerselbstmord. Auf Grund einer Traumanalyse beleuchtet. Schweiz. Blätter 
f. Schulgesundheitspflege 1909, Nr. 1. — 76. Ders.: Die psychanalytische 
Methode. Leipzig, 1913 (Pädagogium, Bd. I). — 77. Pope C: The scientific 
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78. Prescott F. C: Poetry and dreams. Joum. of abn. Psychoi. VII, April — June 
1912. — 79. Prince Morton; The mechanism and interpretation of dreams. 
Joum. of abn. Psychoi. Oct.— Nov. 1910. — 80. Ders.: The mechanism and 
interpretation of dreams; a reply to Dr. Jones. Joum. of abn. Psychoi. 1910/11, 
S. 337. — 81. Putnam J. J. : Aus der Analyse zweier Treppenträume. Zbl. II, 
S. 264, 1911/12. — 82. Ders.: Ein charakteristischer Kindertraum. Ebenda, 
S. 328. — 83. Rank Otto: Ein Traum, der sich selbst deutet. Jahrb. II, S. 465, 
1910. — 84. Ders.: Beispiel eines verkappten ödipustraumes. Zbl. I, S. 167, 
1910/11. — 85. Ders.: Zum Thema der Zahnreizträume. Ebenda, S. 408. — 
86. Ders.: Das Verlieren als S3niiptomhandIung. Zugleich ein Beitrag zum 
Verständnis der Beziehungen des Traumlebens zu den Fehlleistungen des Alltags- 
lebens. Ebenda, S. 450. — 87. Ders.: Ein Beitrag zum Narzissismus, Jahrb. 
III, S. 401, 1911. — 88. Ders.: Fehlleistung und Traum. Zbl. II, S. 266, 
1911/12. — 89. Der 8.: Aktuelle Sexualregungen als Traumanlässe. Ebenda, 
S. 596. — 90. Ders.: Die Symbolschichtung im Wecktraum und ihre Wiederkehr 
im mythischen Denken. Jahrb. IV, S. 51, 1912. — 91. Ders.: Eine noch nicht 
beschriebene Form des Ödipua-Traumes. Z. I, S. 151, 1913. — 92. Reik 
Theodor: Kriemhilds Traum. Zbl. II, S. 416, 1911/12. — 93. Ders.: Beruf und 
Traumsymbolik. Ebenda, S. 631. — 94. Ders.: Zwei Träume Flauberts. Ebenda, 
III, S. 222, 1912/13. — 95. Robitsek Alfred: Die Analjrse von Egmonts Traum. 
Jahrb. II, S. 451, 1910. — 96. Ders.: Zur Frage der Symbolik in den Träumen 
Gesunder. Zbl. II, S. 340, 1911/12. — 97. Sachs Hanns: Zur Darstellungs- 
technik des Traumes. Zbl. I, S. 413, 1910/11. — 98. Ders.: Ein Fall intensiver 
Traumenstellung. Ebenda, S. 588. — 99. Ders.: Traumdeutung und Menschen- 
kenntnis. Jahrb. III, S. 568, 1911. — 100. Ders.: Ein Traum Bismarcks. 
Z. I, S. 80, 1913. — 101. Ders.: Traumdarstellimgen analer Weckreize. Ebenda, 
S. 489. — 102. S avage: Some dreams and their significance. Joum. of Ment. 
Science Vol. 58, Nr. 242. — 103. Schrötter Karl: Experimentelle Träume. 
Zbl. II, S. 638, 1911/12. — 104. Sidis B.: Dreams. Psychoi. Bull. IX, S. 36. — 
105. Silber er Herbert: Bericht über eine Methode, gewisse symbolische Hallu- 
zinationserscheinungen hervorzurufen und zu beobachten. Jahrb. I, S. 513, 
1909. — 106. Ders.: Symbolik des Erwachens und Schwellensymbolik über- 



Traumdeutung. 275 

haapt. Ebenda, III, S. 621, 19H. — 107. Ders:. Über die Symbolbildung. 
Ebenda, S. 661. — 108. Ders.: Zur Symbolbildung. Ebenda, IV, S. 607, 1912. — 
109. Ders.: Spermatozoenträume. Ebenda, S. 141. — 110. Ders.: Zur Frage 
der Spermatozoenträume. Ebenda, S. 708. — 111. Solomon M. : The analysis 
and interpretation of dreams based on various motivs. Joum. of abn. Psychol. 
VIII, 2, Juni — Juli 1913. — 112. Ders.: A contribution to the analysis 
and interpretation of draeams based on the motiv of selfpreservation. Americ. 
Journ. of Ins. 1913. — 113. Spielrein S.: Traum vom ,, Pater Freudenreich" 
Z. I, S. 484, 1913. — 114. Stärcke August: Ein Traum, der das Gegenteil 
einer Wunscherfüllung zu verwirklichen schien, zugleich ein Beispiel eines 
Traumes, der von einem andern Traum gedeutet wird. Zbl. II, S. 86, 1911/12. — 
115. Stärcke Johan: Neue Traumexperim^ente in Zusammenhang mit älteren 
und neueren Traum theorien. Jahrb. V, S. 233, S. 1913. — 116. Stegmann 
Marg: Darstellung epileptischer Anfälle im Traume. Z. I, S. 560, 1913. — 
117. Dies.: Ein Vexiertraum. Ebenda, S. 486. — 118. Stekel Wilhehn: Beiträge 
zur Traumdeutung. Jahrb. I, S. 458, 1909. — 119. Ders.: Nervöse Angst- 
zustände und ihre Behandlung. 1908 (2. Aufl. 1912). — 120. Ders.: Die Sprach? 
des Traumes. 1911. — 121. Ders.: Ein prophetischer Nummemtraum. Zbl. II, 
S. 128, 1911/12. — 122. Ders.: Die Träume der Dichter. 1912. — 123. Ders.: 
Darstellung der Neurose im Traum. Zbl. III, S. 26, 1912/13. — 124. Ders.: 
Fortschritte der Traumdeutung. Ebenda, S. 154 und 426. — Tausk Victor: 
Zur Psychologie der KindersexuaUtät. Z. I, S, 444, 1913. — 126. Traugott 
Richard: Der Traum. Psycholog, u. kulturgeschichtl. betr. Würzburg, 1913. — 
127. Vaschide N.: Le sommeil et les reves. Paris, 1911. — 128. Waterman 
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1910. — 129. Weber R. : Petite Psychologie. Quelques reves. Arch. intern, de 
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interpreting dreams. Forum, Mai 1911. — 132. Winterstein Ä. v. : Zum 
Thema „Lenkbare Träume". Zbl. II, S. 290, 1911/12. — 133. — Wolffens- 
perger W. P. : Übersieht über die Freudsehe Traumdeutung. Med. Revue, XIII, 
S. 237, 1913. — 134. Wulff M. : Ein interessanter Zusammenhang von Traum, 
Symbolhandlung und Krankheitssymptom. Z. I, S. 589, 1913. 



Trotz der großen Anzahl von Arbeiten hat dieTraumdeutung relativ 
wenig Fortschritte zu verzeichnen, wenngleich in der weiteren Durchfor- 
schung von Detailproblemen und in der Ausgestaltung mancher techni- 
schen Hilfsmittel viel Verdienstliches geleistet wurde. Die meisten Arbeiten 
bringen kurzgefaßte Darstellungen der Freudschen Lehre (5. 8, 
9, 10 11, 12, 16, 21, 32, 35, 37, 40, 49, 131, 133) oder Beätätigungen 
derselben an der Hand besonderer ausgewählter Beispiele (Kritische 

'^) Von ausländischen Autoren seien besonders genannt: Brill (6), Brown 
(8. 9), Eder (16), Gottschalk (37), Jones (49, 54), Kostyleff (61), Prescott 
(78), Putnam (81, 82), Vaschide (127), Weber (129). 

18* 



276 0. Bank. 

Auseinandersetzungen, Nr. 2, 19, 50, 59, 80). Unter den bestätigenden 
Beiträgen sind besonders hervorzuheben die Kinderträume (33, 36, 
43, 45, 46, 47, 82), die neben glatten Wunscherfüllungen manchmal 
auch schon verhüllte Einkleidungen zeigen, femer die verkappten 
Formendes ödipusthemae {24, 53, 84, 91 u. a.), weiters die direkt auf 
sexuelle Erregung zurückgehenden Traumbilder (4, 71 89 u. a.) 
und die für das Verständnis des unbewußten Denkens so interessanten 
Zahlenträume (58, 63, 69 u. a.). Über die Beziehung des Trau- 
mes zur Neurose und den therapeutischen Wert der Traumdeutung 
liegen eine Anzahl von wertvollen Arbeiten vor (1, 6, 15, 34, 62, 73, 
116, 128, 134 usw.), darunter ein allgemeiner Artikel von Freud 
„Über die Handhabung der Traumdeutung in der Psychoanalyse" (27). 
Mit der Beziehung des Traumes zu den Fehlleistungen hat 
sich besonders Rank beschäftigt (86, 88) und die Beziehung zum 
Wachleben hat Jones behandelt (51). Von Arbeiten, welche ein- 
zelne Seiten der Traumdeutungstechnik neu beleuchten, seien 
außer den Neuauflagen der „Traumdeutung" und kleineren Publikationen 
Freuds (25, 31) genannt: „Ein Traum, der sich selbst deutet" von Rank 
(83; ähnlich A. Stärcke, 114), wo auch zuerst in größerem Maßstab 
völkergeschichtliches Material zu Stütze individueller Symboldeutungen 
herangezogen wird; femer Beiträge zu den schon vom Marquis 
d'Hervey beobachteten lenkbaren Träumen von Ferenczi (22) 
und anderen (70, 132) sowie Fälle von besonderer Darstellungs- 
technik, die Sachs mitgeteilt hat (97, 98, 101). An gezeichneten 
Träumen hat Marcinowski (68) die Verläßlichkeit der symbolischen 
Auslegung bewährt; Ähnliches in Pfisters Arbeiten über das un- 
bewußte Vexierbild und in einer von Rank (83) publizierten Scherz- 
zeichnung. Von experimentellen Träumen, die unter Berück- 
sichtigung psychoanalytischer Gesichtspunkte angestellt wurden, ist 
neben einer durch ungedeutetes Material beeinträchtigten Arbeit von 
J. Stärcke (115) ein schöner Beweis für die Berechtigimg der Symbol- 
deutung von Schrötter erbracht worden (103). 

Damit sind wir auf dem Gebiete der Symbolik, einem der 
wenigen, auf denen die Traumdeutung eine Vervollkommnung erfahren 
hat. Schon in der zweiten Auflage der Traumdeutung (1909) hat 
Freud der anfangs nur gelegentlich beachteten Symbolik besondere 
Bedeutung beigemessen und auch Stekels (118, 119) Verdienste um 
die Erkenntnis mancher Symbole betont. Während aber für die Analyse 
die Symboldeutung nach wie vor nur ein — allerdings immer sicherer 



Traumdeutung, 2-77 

gehandhabtee — Hilfsmittel der Technik bleibt, ist St ekel sehr bald 
in das Extrem der „Übersetzungstechnik" verfallen, welche die ganze 
Deutung aus den Symbolen erraten und auf die Einfälle des 
Träumers verzichten will (120, 122). Dieses extreme Verfahren ist 
psychoanalytisch einem Widerstand gegen die vorbewußten Assozia- 
tionen gleichzusetzen und führt oft auf den voranalytischen Standpunkt 
zurück, indem über den Sinn ungedeuteter Träume geurteilt wird; wie 
übrigens auch bei Ellis (i9, 20), in den gelegentlichen Traumdeutungen 
Adlers und anderer. 

Von einzelnen in fortschreitender Arbeit verifizierten Symbolen 
seien besonders genannt: die von Freud aufgedeckte Stiegensymbolik 
(28, S. 210 Anmerkung 2), die von verschiedenen Beobachtern be- 
stätigt wurde (ebenda, S. 217; Putnam 81 und Robitsek^), ferner 
die männlichen Symbole des Hutes und der Krawatte, wie die weib- 
liche (mütterliche) Bedeutung des Holzes (28, S. 211, 213). Von den durch 
St ekel namhaft gemachten Symbolen entbehren viele noch des Nach- 
weises ihrer Allgemeingültigkeit; als bedeutsam sei die, wie es seheint, 
gesicherte Todessymbolik hervorgehoben (120). Von universeller Be- 
deutung ist auch die von Rank und Eder an Träumen nachgewiesene 
Sexualsymbolik des Auges (17, 91), die Ferenczi und Reitler an 
anderem Material bestätigt haben^). Bestätigende, erweiternde und 
ergänzende Symbolbeiträge lieferten Hitschmann (41, 42, 44), 
Maeder (66), Robitsek (91) u. a. m. 

Zu erwähnen ist noch die von Rank am Harnreiztraum auf- 
gezeigte Symbolschichtung (90), die auch völkerpsychologisch von 
Bedeutung ist und den Wert eines von der Natur angestellten Experi- 
mentes hat, indem sie gestattet, aus der mißglückten Traumfunktion 
(Erwachen) den aktuellen Traumanlaß zu erkennen, hinter dem sich ein 
gleichsinniger unbewußter in derselben Symbolik ausgedrückter Sexual- 
wunsch verbirgt. 

Eine wirkliche Zugabe zu dem von Freud grundsätzlich Gelei- 
steten bedeuten die hübschen Arbeiten von Silberer über „funk- 
tionale Symbolik". 

In Anschluß an die von Freud dargelegte „Rücksicht auf Dar- 
ßteilbarkeit" der Traumgedanken hat Silberer (105) eine Reihe 
„autosymbolischer" Phänomene beschrieben, die beim Gegeneinander- 



^) Zentralblatt für Psychoanalyse I, S. 586. 

*) Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse, (Z.)Bd. I, 1913. 



278 O. Rank. 

wirken von Schlaftrunkenheit und Störung dee Einschlafens zustande 
kommen, und diese nadi der Natur ihres latenten Gegenstandes in 
drei Klassen eingeteilt; 1. materiale Phänomene, welche in der Dar- 
stellung von Gedankeninhalten bestehen, 2. funktionale Phänomene, 
durch welche der Zustand oder die Leistungsfähigkeit, kurz, das Funk- 
tionieren der Psyche selbst, abgebildet wird und 3. somatische Phä- 
nomene, in welchen sich somatische Zustände oder Vorgänge welchei 
Natur immer widerspiegeln. Silberer hat sein Interesse vorwiegend 
der wenig studierten Gruppe fimktionaler Phänomene zugewendet, die 
dem Psychoanalytiker bis dahin nur vereinzelt als „endopsychische 
Wahmehmimg" (Freud) bekannt gewesen waren. In weiterer Anwendung 
imd Durchführung seiner Auffassung hat Silberer recht interessante und 
beachtenswerte Gesichtspunkte gebracht, von denen insbesondere die 
Symbolik des Erwachens (die sogenannte „Sehwellensymbolik", 
106) Hervorhebung verdient. Zur endgültigen Würdigung seiner 
Leistung und ihrer Einordnung in unser sonstiges analytisches Wissen 
stehen noch weitere Untersuchungen aus, welche die Beziehungen und 
Zusammenhänge zwischen der bisher bekannten „materialen" S3rmbolik 
und der funktionalen Bedeutung herzustellen hätten, wobei vor allem 
mit der ausführlichen Angabe der Traumquellen begonnen werden 
müßte, was Silberer bis jetzt absichtlich vermieden hat, da ihm zu- 
nächst nur darum zu tun war, auf die Tatsache einer besonderen Art 
von „autopsychischen" Darstellungen, unabhängig von deren Deutungs- 
wert, hinzuweisen. 

Wie recht Silberer mit seiner Vorsicht in diesem Punkte hatte, 
zeigen die oberflächlichen Verallgemeinerungen, zu denen Stekel die fimk- 
tionale Betrachtungweise voreilig mißbraucht hat. In einer seiner Publika- 
tionen proklamiert er (Nr. 124, S. 431) : „Es ist aber klar, daß die funktio- 
nalen Deutungen uns die wichtigsten sind, denn sie informieren uns 
direkt über Fimktionen der Psyche." Es wäre nicht nur traurig, wenn 
wir uns erst aus den funktionalen Deutungen über die Funktionen der 
Psyche informieren müßten, sondern die Behauptimg ist auch un- 
richtig; denn die funktionale Deutung setzt eine genaue — häufig sogar 
eine analytische — Kenntnis des Seelenlebens und seiner Funktionen 
voraus und Silberer sucht eingestandermaßen nicht neue psychische 
Funktionen zu eruieren, sondern die typischen bildlichen Ausdrucks- 
mittel für die bereite bekannten (z. B. die Verdrängung usw.). Tat- 
sächlich kommt Stekel (1. c.) bei dem Beispiel, das er als Beweis 
für seine Behauptung anführt, zu einem ganz allgemeinen und 



Traumdeutung. 279 

darum nichteeagenden Gemeinplatz, zu dessen Feßtetellung man weder 
den Traum noch die Traumdeutung brauchte*). Vom Wesen der „funk- 
tionalen Kategorie" scheint sich Stekel überhaupt ganz eigenartige 
Vorstellungen zu machen. Er erblickt die „Fortechritte der Traum- 
deutung" in der willkürlichen Ersetzung früher von ihm sexuell ge- 
deuteter Symbole durch eine seiner Ansicht nach „funktionale" (neue- 
stens auch „religiöse") Auslegung^) und glaubt alles, was dieser Tendenz 
zu dienen vermag, als funktionale Deutung wissenschaftlich rechtfer- 
tigen zu können. So führt er in einem früheren Aufsatz dieser Reihe 
(Nr. 124, S. 156) aus, „daß der Dachboden ein funktionales Symbol 
seines Gehirnes ist". „Ich wollte nur", heißt es weiter, „auf das funk- 
tionale Symbol .Kammer' gleich ,Gehim' oder ,Seele' aufmerksam 
machen. Wir waren gewöhnt, das Haus und die Bestandteile des 
Hauses im Traum immer als Teile des Körpers aufzufassen." Abge- 
sehen davon, daß wir auch das Gehirn noch als Teil des Körpers ansehen 
dürfen, ist auch die Darstellung des Gehirns oder der Seele durch eine 
Kammer gar kein „funktionales Symbol" im Sinne Silberers, sondern 
ist ebenso ein ganz kommunes „materiales" Symbol wie die von 
Stekel früher bevorzugte Deutung der „Kammer" als Vagina oder 
Anus. Überhaupt werden aber nach Silberers treffender Bemerkung 
nicht die Psyche im allgemeinen oder ihre Funktionen als solche „funk- 
tional" dargestellt, sondern nur ganz bestimmte Vorgänge und Zu- 
stände, denen ein gewisses Erlebnis- oder Gefühlsmoment anhaftet. 
In der Silber er sehen Klassifikation selbst scheint die 
scharfe Trennung der „somatischen" von den „materialen" Phäno- 
menen nicht zwingend, da beide zusammen eine der „funktionalen" 
gegenüberstehende Kategorie bilden. Außerdem ist zu beachten, daß 
auch die psychischen Vorgänge, wenn sie Objekt der Beobachtung 
werden, „materiale" Phänomene darstellen. Wir berühren hiermit 



>) Es handelt sich um den Traum einea Ehemannes, der träumt, daß ihn 
ein Wächter davon abhält, in einen wunderbaren Garten einzudringen. Er hat 
„sich in das Fräulein Elsa verliebt, ohne es sich einzugestehen. Der Sinn des 
Traumes wird ja sofort klar. Aber die zweite und wichtigere Bedeutung 
ist die des Wächters als Bewußtsein. Daa Bewußtsein, oder, wenn man will, 
die Summe aller Moralen und Hemmungen, die sich im Bewußtsein befinden. 
Das Bewußtsein verhindert das Durchbrechen feindlicher Wünsche 
und unmoralischer Handlungen." (Hervorhebungen vom Referenten). There 
needs no ghost! 

*) Auch die Züricher Schule verrät immer offenkundiger ähnliche anti- 
analjrtische Tendenzen. 



280 o. Rank. 

die noch ungeklärte Frage der Terminologie, die auch 
Schwierigkeiten in die Sache hineinbringt, welche sich hätten vermeiden 
lassen, wenn Silberer die bildlichen Darstellungen körperlicher 
und seelischer Zustände und Vorgänge von der eigentlichen psycho- 
analytisch umschriebenen „Symbolik" zunächst terminologisch unter- 
schieden hätte, anstatt den bisherigen Symbolbegriff a priori zu er- 
weitem^). Endlich scheint noch, als würde Silberer die „apperzeptive 
Insuffizienz" als veranlassenden Faktor der Symbolbildung über- 
schätzen, obwohl sie als begünstigendes und unterstützendes Moment 
zweifellos ihre Berechtigung hat; doch hängt diese Bevorzugung offen- 
bar mit dem Ausgangspunkt seiner Untersuchung in den „hypna- 
gogischen Halluzinationen" zusammen, bei denen der Faktor der Er- 
müdung überwiegt wie andere Male die Verdrängungstendenz, der 
Silberer bei der Symbolbildung zu wenig Einfluß einräumt. Schließ- 
lich ist nicht zu übersehen, daß das funktionale Phänomen selbst einer 
Verschiebung der Aufmerksamkeit vöto (peinlichen) Denkinhalt auf die 
begleitenden Gefühle und psychischen Vorgänge entspricht. 

Einen Versuch, neben der von Freud vertretenen schlafschützen- 
den und kathartischen Funktion des Traumes noch eine „teleo- 
logische" aufzuzeigen, hat Mae der (67) unternommen^). Er meint, daß 
ganz bestimmte Handlungen, Entschlüsse, Konfliktlösungen durch 
bestimmte Träume vorbereitet und geradezu entscheidend in einer für 
das Individuum zweckmäßigen Weise beeinflußt werden. Diese Auf- 
fassung sucht er zu stützen durch einige Beobachtungen, die 
zeigen, daß eine Zeitlang nach den erfaßten (noch unanalysierten) 
Träumen ein realer Entschluß (oder eine Handlung) in der bisher un- 
erledigten Frage vom Träumer im Wachen gefaßt wird, ein Ent- 
schluß, welcher durch nachträglich vorgenommene Analyse des Traumes 
nachweislich der im Traume angegebenen Lösung entspricht (1. c. 
S. 696). Diese Beweisführung krankt empfindlich daran, daß uns 
Mae der die nähere Untersuchung der Beziehungen von Traum und 
Entschluß, sowie die Aufzeigung der strengen Determiniertheit des- 
selben in jedem einzelnen Falle schuldig geblieben ist. Er schließt einfach 
aus dem Auftauchen eines Gedankens im Traume und dem unbestimmte 

1) Manche strittige Aufstellungen Jungs und die sich daran knöpfenden 
Kontroversen wären überhaupt unmöglich gewesen ohne einen direkten Miß- 
brauch der psychoanalytischen Terminologie (Symbol, Libido u. a.). 

^) Sein Standpunkt deckt sich in der Hauptsache mit dem von Alfred 
Adler in dieser Frage vertretenen. 



Traumdeutung. 281 

Zeit später gleichsinnig gefaßten Entschluß, daß der Traum diesen 
Entschluß vorbereitet habe, obwohl man — da offenbar Traum und 
Entschluß vom selben, gleichsam verschieden gereiften Gedanken ein- 
gegeben sind — eher von einer Ankündigung des keimenden Ent- 
schlusses im Traume sprechen könnte (Freuds „ankündigende 
Träume"). Außerdem gibt es eine Reihe von Träumen, ja sogar Traum- 
typen, die nicht einmal eine solche Beziehung zum Wachleben zeigen, 
so daß von einer allgemeinen Traumfunktion im Maederschen Sinne 
überhaupt nicht gesprochen werden kann, um so weniger als Mae der 
selbst seine Behauptung später») dahin erweitert (eigentlich aber damit 
zurückgezogen) hat, daß diese teleologische Funktion dem Unbewußten 
überhaupt zukomme. Daß die Traumgedanken öfters Überlegungen, 
Mahnungen, Lösungen enthalten können, ist schon früher von Freud 
gebührend hervorgehoben worden; nur kann man darin keine 
Funktion des Traumes sehen, da diese Beziehungen zum Wach- 
leben den vom Tage restierenden Traumgedanken, nicht aber der 
eigentlichen Traumarbeit angehören^). Daß spätere Entschlüsse oder 
Handlungen einer vorher im Traume angegebenen oder angedeuteten 
Lösung entsprechen können, ist weiter kein besonderes Problem, sondern 
erklärt sich ohne weiters aus der Macht des Wünschens, das sich ja 
nicht nur im Traumleben durchzusetzen, sondern auch — so weit es 
eben geht — in der Realität Geltung zu verschaffen sucht. Anpassungs- 
versuche an die Realität und Lösungen aktueller Konflikte wird der 
Mensch aber nicht gerade in jenen Zuständen unternehmen, die wir 
vorwiegend als ein Flüchten aus der peinlichen Realität zu den ge- 
heimen unerfüllten Wünschen kennen und verstehen gelernt haben, wie 
den Traum, die Tagesphantasie, das Spiel und das künstlerische 
Schaffen, Phänomene, durch die Maeder seine Hypothese gleichfalls in 
wenig überzeugender Weise zu stützen sucht. So erscheint die teleo- 
logische Auffassung des Traumes nicht als eine Ergänzung der bisherigen 
psychoanalytischen Betrachtungsweise, wie Maeder will, sondern ähn- 
lich wie die meisten von Adlers Aufstellungen als intellektualis tische 
Umschreibung derselben Tatsachen und Sachverhalte, welche die Psy- 
choanalyse vom Standpunkt des Trieb- und Affektlebens dynamisch 
verständlich gemacht hat. 



*) Kongreß Zürich, September 1912, und München, September 1913. 
») Diese Auffassung aus der ,, Traumdeutung" hat Freud neuerdings wieder- 
holt, um die völlige Überflüssigkeit der Maederschen Neuerung darzi.tun 
(29, S. 76). 
1 <3 



282 0. Rank. 

Andere Traumarbeiten, die auf Grenzgebiete übergreifen oder 
Anwendungen der Traumdeutung auf andere Themata versuchen, finden 
in den entsprechenden Übersichtsreferaten Erwähnung: So Freuds 
Referat „Über den Gegensinn der Urworte" und seine Abhandlung 
„Märchenstoffe in Träumen" (30), ferner Jones' Arbeiten über den 
Alptraum (48, 55), Prescotts Artikel über die Beziehungen von 
„Traum und Dichtung" (78), Robitseks „Analyse von Egmonts 
Traum" (95), Ranks „Beitrag zum Narzissismus" (87), Sachs' Traum- 
deutung und Menschenkenntnis" (99) sowie andere kleinere Beiträge. 



Trieblehre 

(mit Ausschluß der Perversionen). 
Referent: Dr. E. liitschmanu. 



Literatur^), l. Abraham K.: Bemerkungen zur Psychoanalyse eines Falles 
von Fuß- und Korsettfetischismus. Jahrb. III. — 2. Adler A. : über den 
nervösen Charakter. 1912. — 3. Federn P.: Beiträge zur Analyse des Sa- 
dismus und Masochismus, Z. I, H. I. — 4. Freud.: Psychoanalytische Be- 
merkungen über einen Fall von Paranoia. Jabrb. III. — 5. Ders.: Das 
Interesse an der Psychoanalyse. Scientia XIV, Jahrg. 7 (1913). — 6. Ders.: 
Bemerkimgen über einen Fall von Zwangsneurose. Jahrb. I. — 7. Ders.: Drei 
Abhandlungen zur Sexualtheorie. 2. Aufl. — 8. Ders.: Die Disposition zur 
Zwangsneurose. Z. I, H. 6. — 9. Ders.: Die psychogene Sehstörung in psycho- 
analytischer Auffassung. Ärztl. Standeszeitung (Wien), IX, H. 9. — 10. Hitsch- 
mann E.: Freuds Neurosenlehre. 2. Aufl., 1913. — 11. Jones E.: Haß und 
Analerotik in der Zwangsneurose. Z. I, H. 5. — 12. Jung C. G.: Wandlungen 
und Symbole der Libido. Jahrb. IV. — 13. Pf ister 0.: Analytische Unter- 
suchungen über die Psychologie des Hasses und der Versöhnung. Jahrb. II. — 
14. Pfister 0.: Die Psychanalyse. 1913. — 15. Rank O.: Die Nacktheit in 
Sage und Dichtung. J. IL — 16. Rank 0. und Sachs H.; Die Bedeutung der 
Psychoanalyse für die Geistes-» issenschaften. 1913. — 17. ReitlerR.: Kritische 
Bemerkungen zu Adlers Lehre vom männlichen Protest. Zbl. I, H. 12. — 
18. Seif L. : Zur Psychopathologie der Angst. Z. I, H. 1. — 19, Wyrubow 
W.: Zur Psychoanalyse des Hasses. Zeitschr. f. Psychother, u, med. Psycho- 
logie, V, 42. 



Das Letzte, das eine rein empirische Psychologie auffindet, die 
Grenze, wo sie Halt machen muß, ist der Trieb. Leider verfügen wir 
noch nicht über eine geeichertß Trieblehre. Preud (4) faßt den Trieb 
als den Grenzbegriff des Somatischen gegen das Seelische, und sieht in 



1) Vgl. das Verzeichnis der Abkürzungen, S. 264. 



284 E. Hitschmana. 

ihm den psychischen Repräsentanten organischer Mächte. Er nimmt 
die populäre Unterscheidung von Ichtrieben und Sexualtrieben an, die 
mit der biologischen Doppelstellung des Einzelwesens, welches seine 
eigene Erhaltung, wie die der Gattung anstrebt, übereinzustimmen 
scheint. Alles weitere sind freilich nur Konstruktionen, die wir auf- 
stellen und auch bereitwillig wieder fallen lassen, um uns in dem Ge- 
wirre dunkler seelischer Vorgänge zu orientieren. Weitere psycho- 
analytische Untersuchungen über krankhafte Seelenvorgänge sollen 
uns erst gewisse Entscheidungen in den Fragen der Trieblehre auf- 
nötigen. Der Gegensatz zwischen Ichtrieben und Sexualtrieben, auf den 
wir die Entstehimg der Neurosen zurückführen, setzt sich als Gegen- 
satz zwischen Trieben, welche der Erhaltung des Individuums dienen 
und solchen, die der Fortsetzung der Art dienen, aufs biologische Gebiet 
fort. In der Biologie tritt uns die umfassendere Vorstellung des unsterb- 
lichen Keimplasmas entgegen, an welchem wie sukzessiv entwickelte 
Organe die einzelnen vergänglichen Individuen hängen; erst aus dieser 
können wir die Rolle der sexuellen Triebkräfte in der Physiologie und 
Psychologie des Einzelwesens richtig verstehen (5). 

Indem Freud Ichtrieb und Sexualtrieb sondert, verwirft er alle 
Versuche, die Libidobesetzung (das Interesse aus erotischen Quellen) 
mit dem Interesse überhaupt zusammenfallen zu lassen; z. B. die An- 
nahme Jungs (12), Pfisters (14) u. a. Fre.ud versteht unter Libido 
ausschließlich den Sexualhunger (7). Hitschmann (10) definiert die 
Libido als „die Summe der Triebe und Strebungen die aus den ver- 
schiedenen grobsexuellen und psychosexuellen Regungen und deren ver- 
geistigten Umwandlungen entspringen." Rank und Sachs (16) fassen 
unter dem Gesamtnamen Libido „die dem Bereiche der Sexualität an- 
gehörigen Triebe zusammen". Jung (12) versteht unter Libido 
etwas anderes — um Verwirrungen hintanzuhalten, sei dies hier 
ausführlich erwähnt. Er erweitert nämlich den Begriff Libido zum Be- 
griff einer allgemeinen psychischen Energie (z. B. gleich dem 
Willen Schopenhauers) und gleitet damit von der naturwissenschaft- 
lich-klinischen Empirie zu einer vitalistischen Philosophie hinüber. 
Die Sexualität ist nur ein Anwendungsgebiet dieser Urlibido, die am 
Kinde zunächst ganz in der Form des Ernährungstriebes zu sehen ist. 
Man sieht, daß Jung sich vom Standpunkt der Freud sehen Sexual- 
theorie und der Psychoanalyse damit entfernt, welche ihre Beobachtun- 
gen in anspruchsloser, unphilosophischer Deskription jeweilig nieder- 
legt. Es handelt sich nicht um neue Beobachtungen, die Jung ge- 



Trieblehre. 285 

macht hat, sondern um eine die Neurosenlehre enteexualisierende 
Tendenz, wie sein nunmehriger Standpunkt gegenüber dem Lutschen in 
gleicher Weise, wie gegenüber dem Ödipuskomplex verrät! Daß diese 
Erweiterung des Libidobegriffee erst „die Übersetzung der Freud sehen 
Libidotheorie aufs Psychotische ermögliche", ist ein Irrtum Jungs, 
der die Bedeutung des Narzißmus wie die Eückwirkung der Libido- 
störungen auf die Ichbesetzungen übersieht. — 

Die Psychoanalyse hat ihre Hauptarbeit der Detailuntersuchung 
der Libido und ihrer Schicksale im Einzelindividuum gewidmet und 
dieselbe als treibende Kraft in der Neurose aufgedeckt. Den Ichtrieben 
wurden von psychoanalytischer Seite Detailuntersuchung noch nicht ge- 
widmet und liegt hier noch reichliche Arbeit vor. Vgl. z. B. zum Thema 
Hass die vorläufigen Aufstellungen Freuds (6,8), Pfisters (13), 
Jones (11) und Wyrubows (19). 

Überaus wichtig für die Trieblehre ist das psychische Phänomen 
der Ambivalenz (Bleuler), worunter das gleichzeitige Vorhandensein 
gegensätzlicher Antriebe, Gefühle oder Gedanken zu verstehen ist, wie es 
nach Bleuler dem Negativismus der Schizophrenen zugrunde liegt. 
Freud hatte schon früher (7) auf sexuelle Triebe hingewiesen, welche 
stets in Gegensatzpaaren auftreten, mit aktivem und passivem 
Sexualziel: das Voyieren neben dem Exhibitionstrieb, der Sadis- 
mus immer vereinigt mit masochistischen Triebregungen, Das 
gleichzeitige Bestehen von Liebe und Haß hat Freud (6) zu- 
nächst bei Zwangsneurosen festgestellt, wobei der Haß oft ganz im 
Unbewußten verborgen ist; diese Ambivalenz der Gefühlsregungen 
bildet auch die psychologische Erklärung für die Tabugebräuche der 
Wilden. Die affektive Ambivalenz gegen nahestehende Personen (Eltern, 
Kinder, Gatten usw.) ist allgemein menschlich und verrät sich in der 
Psychopathologie des Alltags, wie in Traum und Neurose. Hierher 
gehört auch ein Wort über die Reaktionsbildungen, indem ver- 
drängter Haß — die Liebe und verdrängte Liebe — den Haß reaktiv 
emporschnellen lassen. 

Adlers (2) einseitige Betrachtungsweise versucht die Sexual- 
triebe, als quantitativ und qualitativ unbegrenzt variabel und jeder 
Selbststeuerung entbehrend, vollkommen zu entwerten, was ihm um 
so eher gelingen muß, als er die psychoanalytische Untersuchung der 
frühesten Kindheit aufgegeben hat (Reitler [17], Federn [3]). Die 
Detailuntersuchung der lehtriebe, insbesondere deren Interferenz mit 
der Libido steht noch aus. 

1 4 * 



286 E. Hitschmann. 

Hingegen sind Zusammenhänge zwischen gewissen Trieben und 
gewissen pathologischen Erscheinungen erwiesen. Zunächst sei auf 
die Erklärung des Fetischismus hingewiesen (Freud [7]), Abra- 
ham [1]). Die Analyse des von Abraham publizierten Falles 
von Fuß- und Korsettfetischisraus hat ergeben, daß es sich um 
Partial Verdrängung des Riechtriebes handelt, während der Schau- 
trieb um so stärker betont, freilich von seinem ursprünglichen Inter- 
essegebiet abgelenkt und idealisiert wurde. Gleichzeitig kommt dem 
Fuße die symbolische Bedeutung eines Genitalersatzes zu. Über ge- 
steigerten Riechtrieb hatte schon Freud (6) früher unter Hinweis 
auf die Koprophilie berichtet. 

Mit Detailuntersuchungen des Schautriebes beschäftigte sich 
Rank (15); seine Beteiligung an der „psychogenen Sehstörung" legte 
Freud dar (9). 

Der sadistische Trieb und seine Verdrängimg liegen der 
Zwangsneurose zugrunde. (Freud [6], Jones [11] u. a.) Den Anteil 
des Masochiemus an Angstneurosen und -hysterie betont Seif (18). 
Näheres über den Fetischismus, Sadomasochismus usw. vergleiche unter 
„Sexuelle Perversionen". 

Vom Wißtrieb gewinnt man häufig den Eindruck, als ob er im 
Mechanismus der Zwangsneurose — als ein sublimierter, ins Intellek- 
tuelle gehobener Sprößling des Bemächtigungtriebes — den Sadismus 
geradezu ersetzen könnte (8). Eine andere Wurzel des Wißtriebes 
liegt in der Sexualneugierde. 

Die Eigenart der angeborenen Partialtriebe macht einen Teil der 
sexuellen Konstitution aus; wie weit die gleichsinnige Ver- 
erbung mitspielt, v/ird die Familienforschung zu erweisen haben. 



Zur Sexualtheorie. 

Literatur^), l. Abraham K.: Psychische Nachwirkungen der Beobachtung 
des elterlichen Geschlechtsverkehrs bei einem 9jährigen Kinde. Z. I, H. 4. 
— 2. Ders. : Einige Bemerkungen über die Rolle der Großeltern in der Psychologie 
der Neurosen. Z. I, H. 3. — 3. Adler A. : Über den nervösen Charakter. — 
4. Brill: Anal Erotism and Charakter. Journal of Abnormal Psychology, August 
1912. — 5. Federn P. : Beiträge zur Analyse des Sadismus und Masochismus. 
Z. I, H. 1. — 6. Ders.: Ein Fall von Pavor nocturnus mit subjektiven Lichter- 
scheinungen. Z. I, H. 6. — 7. Ferenczi S. : Reizung der analen erogenen Zone als 
auslösende Ursache der Paranoia. Z. I, H. 12. — 8. Ders. Über obszöne Worte. 
Zbl. I, H. 9. — 9. Ders.: Ein kleiner Hahnemann. Z. I, H. 3. — 10. Ders.: Zum 

1) Vgl. das Verieichnis der Abkürzungen, S. 264. 



Trieblehre. 287 

Thema „Großvaterkomplex". Z. I, H. 3. — 11. Freud: Psychoanalytische Bemer- 
kungen über einen Fall von Paranoia. Jahrb. III. — 12. Der 8.: Die Disposition 
zur Zwangsneurose. Z.I.H. 6. — 13. Ders. : Eine Kindheitserinnerung des Leonardo 
da Vinci. Sehr. VII. — 14. Ders.: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 2. Aufl. 
— 15. Ders.: Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken. J. II, H. 1. — 
16. Ders.: Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. Jahrb. I — 17. Ders.: 
Märchenstoffe in Träumen. Z. I, H. 2. — 18. Ders.: Über einen besonderen 
Typus der Objektwahl beim Manne. Jahrb. II. — 19. Ders.: Über die all- 
gemeinste Erniedrigung des Liebeslebens. Jahrb. IV. — 20. Gincburg M. : 
Mitteilung eines Kindheitstraumes. Z. I, H. 1. — 21. Gott Th.; Nährschaden 
durch psychogene Perservanz auf Milchkost bis zum 13. Lebensjahr. Zeitschr. 
f. Kinderh. IX, H. 6. — 22. Hitachmann E.: Paranoia, Homosexualität und 
Analerotik. Z. I, H. 3. — 23. Ders.: Freuds Neurosenlehre, 2. Aufl. — 
24. Ders.: Weitere Mitteilung von Kindheits träumen mit spezieller Bedeutung. 
Z. I, H. 5. — 25. Jekels L.: Einige Bemerkungen zum Triebleben. Z. I, H. 5. — 

26. Jones E. : Haß und Analerotik in der Zwangsneurose. Z. I, H. 6. — 

27. Ders.: Einige Fälle von Zwangsneurose. Jahrb. IV. — 28. Ders.: Die 
Bedeutung des Großvaters für das Schicksal des einzelnen. Z. I, H. 3. — 
29. Jung 0. G.: Wandlungen und Symbole der Libido. Jahrb. IV. — 30. Ders.: 
Über Konflikte der kindlichen Seele. Jahrb. II. — 31. Ders.: Versuch einer 
Darstellung der psychoanalytischen Theorie. Jahrb. V. — 32. Onanie, Die, 
Diskusaionen der Wiener psychoanalytischen Vereinigung, Bergmann, W^ies- 
baden, 1912. — 33. Rank O. : Ein Beitrag zum Narzissismus. Jahrb. III. — 
34. Ders.: Völkerpsychologische Parallellen zn den infantilen Sexualtheorien. 
Zbl. II, H. 7. — 35. Ders.: Belege zur Rettungsphantasie. Zbl. I, H. 7. — 
36. Reit 1er R. : Eine infantile Sexualtheorie und ihre Beziehung zur Selbst- 
mords5rmbolik. Zbl. II, H. 3. — 37. Sadger J.: Ein Fall von multipler Per- 
version mit hysterischen Abseucen. Jahrb. II. — 38. Ders.: Über Urethral- 
erotik. Jahrb. IL — 39. Ders.: Über Gesäßerotik. Z. I. H. 4. — 40. Ders.: 
Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik, Jahrb. III. — 41. Ders,: Über den 
sadomasochistischen Komplex. Jahrb. V. — 42. Scharnke.: Enuresis und Spina 
bifida occulta. Areh. f. Psych, u. Neurol. LIII, H. 1. — 43. Stekel W. : Einige 
Bemerkungen zur Rettungsphantasie. Zbl. I, H. 12. — 44, Tausk V,; Zur 
Psychologie der Kindersexualität. Z. I, H. 5. — ^5. Wulff J.: Beiträge zur 
infantilen Sexualität, Zbl, II, H. 1. 



Wichtige Ergänzungen haben Freuds Aufstellungen über die 
Sexualität des Kindesalters erfahren. Zwischen das Stadium der 
Autoerotik und das der Objektwahl erwies sich als nötig den Narziß- 
mus einzuschalten (II), zwischen das Stadium des Narzismus (Objekt- 
wahl des Ich) und die Objektwahl fremder Individuen bei bereits auf- 
gerichtetem Primat der Genitalzonen, — interponiert Freud (12) weiters 
ein Entwicklungsstadium der Libido, das von den analerotischen 
und sadistischen Partialtrieben beherrscht wird, und als prägeni- 
tales Stadium bezeichnet wird. 



'288 E. Hitschmann. 

Die ersten Detailbeobachtungen über Narzißmuß ergaben sich 
bei der Analyse Homosexueller. (Sadger [37], Freud [13, 14], Bank 
[33]). Es ergab sich, daß der später Invertierte in den ersten Jahren 
seiner Kindheit — nach einer Phase intensiver, bald überwundener 
Fixierung an das Weib, meist die Mutter — sich mit dem Weib identi- 
fizierend, sich selbst zum Sexualobjekt nimmt, d. h. : vom Narzißmus 
ausgehend, jugendliche und der eigenen Person ähnliche Männer auf- 
sucht. Weitere Beobachtungen (Freud 11) ließen das Stadium des 
Narzißmus als vermittelnde Phase zwischen Autoerotik und Objekt- 
wahl als vielleicht normalerweise unerläßlich erscheinen. Das in der 
Entwicklung begriffene Individuum, welches seine autoerotisch arbeiten- 
den Sexualtriebe zu einer Einheit zusammenfaßt, um ein Liebesobjekt 
zu gewinnen, — nimmt zunächst eich selbst, seinen eigenen Körper 
zum Liebesobjekt, ehe es von diesem zur Objektwahl einer fremden 
Person übergeht. Es scheint, daß viele Personen ungewöhnlich lange 
hier aufgehalten werden (pathologische Fixierung), was sieh für die 
Psychogenese der Paronoia und Dementia praecox bedeutsam erwies. 
An dem zum Liebesobjekt gewonnenen Selbst können bereits die 
Genitalien die Hauptsache sein. Wir nehmen an, daß die später 
manifest Homosexuellen sich von der Anforderung der den eigenen 
gleichen Genitalien beim Objekt nie frei gemacht haben, wobei den 
kindlichen Sexualtheorien, die beiden Geschlechtem zunächst die 
gleichen Genitalien zuschreiben, ein erheblicher Einfluß zukommt. Er- 
gänzende psychologische Ausblicke ergaben sich bei Freuds (15) 
Untersuchungen des Seelenlebens der Wilden. — Da der ursprüngliche 
Narzißmus des Kindes maßgebend für die Auffassung seiner Charakter- 
entwicklung ist, schließt sich die Annahme eines primitiven Minder- 
wertigkeitsgefühles (Adler) bei demselben aus (Freud [12]). 

Über das prägenitale Stadium der Libidoentwieklung gibt 
Freud (12) folgende Aufklärungen. Der Gegensatz von Männlich und 
Weiblich, welcher von der Fortpflanzungsfunktion eingeführt wird, 
kann auf dieser Stufe noch nicht vorhanden sein. An seiner Statt finden 
wir den Gegensatz von Strebungen mit aktivem und passivem Ziel, der 
sich späterhin mit dem Gegensatze der Geschlechter verlöten wird, und 
die Bisexualität der Individuen widerspiegelt. Die Aktivität wird vom 
gemeinen Bemächtigungstrieb beigestellt, den wir Sadismus heißen, 
wenn wir ihn im Dienste der Sexualfunktion finden; er hat auch 
im voll entwickelten normalen Sexualleben wichtige Helferdienste zu 
verrichten. Die passive Strömung wird von der Analerotik gespeist, 



Trieblehre. 289 

deren erogene Zone der alten undifferenzierten Kloake entspricht. 
Die Betonung dieser Analerotik auf der prägenitalen Organißations- 
Btufe wird beim Manne eine bedeutsame Prädisposition zur Homo- 
sexualität binterlasBen, wenn die nächste Stufe der Sexualfimktion, die 
des Primats der Genitalien, erreicht wird. Der Aufbau dieser letzten 
Phase über der vorigen und die dabei erfolgende Umarbeitung der 
Libidobesetzungen bietet der künftigen analytischen Forschung die 
interessantesten Aufgaben. 

Die Tatsachen der infantilen Sexualität haben durch eine 
überaus große Anzahl von direkten Kinderbeobachtungen sowie 
Analysen Erwachsener aus'reichende Bestätigungen gefunden und 
es möge genügen, hier auf die psychoanalytische Literatur hinzuweisen, 
ohne die Autoren namentlich zu zitieren. 

Der seltene Fall eines 13jährigen Knaben, der an Gummisauger 
und Säuglingsmilchflasche trotz aller elterlichen Gegenmaßregeln fest- 
hielt (21), gibt eine originelle Bestätigung für das eigenartig Lust- 
volle des Lutschens.i) 

Über das "Vorkommen der Säuglingsmasturbation besteht 
kein Zweifel, doch wird die Allgemeinheit derselben von manchen 
geleugnet (32). Den teleologischen Standpunkt, daß die Säuglings- 
onanie das künftige Primat der Genitalzone festzulegen bestimmt sei 
(14), hat Freud — auf den Einwand Reitlers (32) — aufgegeben. 

Die erogene Bedeutung der Afterzone tritt durch neue Be- 
obachtungen immer mehr in den Vordergrund und beeinflußt mit ihren 
Reaktionsbildungen die Charakterentwicklung sowie aus der Verdrän- 
gung heraus die Symptomatik der Neurosen und Psychosen, namentlich 
der Zwangsneurosen. Wasch- und Reinlichkeitszwang haben hier ihre 
Eauptwurzel. Nicht ganz geklärte Zusammenhänge zwischen Analerotik 
und Sadismus (Federn [5], Brill [4], Jones [26]) harren ihrer end- 
gültigen Deutung. 

Ferenczi (7) und Hitschmann (22) haben zugehörige Fälle 
von Paronoia beschrieben, in denen operative Eingriffe am After durch 
Wiederentfachung sublimierter Homosexualität auslösend wirkten. 
Welche Bedeutung der „Flatus-Komplex" gewinnen kann, zeigte 
Jones (26) an einem Fall von Zwangsneurose. 

^) Nach Bericht der Ethnographen werden die Kinder bei den Natur- 
völkern bis zum Tierten, sechsten, ja manchmal bis zum zwölften Jahr an der 
Bnist genährt. (Vgl. Waitz, „Anthropologie der Naturvölker".) 

Jahrliaeh der Psychoanalj-se. VI. 19 



290 E. Hitschmann. 

Den Erscheinungen der Urethralerotik hat Sadger (38) 
detaillierte Untersuchungen gewidmet und auch die psychischen Äqui- 
valente herangezogen. Was die Enuresis anbelangt, so dürfen die 
pathologisch anatomischen Grundlagen gegenüber den psycho sexuellen 
nicht überschätzt werden, da sie in 50% derFälle fehlen (Scharnke[42]). 

Hatte schon Freud in der Muskelbetätigungslust das sexuelle 
Moment und eine Wurzel des sadistischen Triebes erkannt (14), so be- 
richtet Sadger (40) ausführlich ergänzend über Haut-, Schleimhaut- 
und Muskelerotik. (Vgl. auch Sadger, „Über Gesäßerotik [39]). Die 
sadistisch-masochistischen Phänomene führt derselbe Autor (41) — 
freilich nur umschreibend, statt erklärend — auf eine konstitutionell 
erhöhte Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik zurück. Diese sei die 
wirklich spezifisch organische Wurzel, während die ersten Erschei- 
nimgen durch die Kinderstubenerlebnisse offenkundig werden. Fe- 
dern (5) widmete eine gründliche Studie den Quellen des männlichen 
Sadismus; dabei ergab eich, daß die erwachende, "aktive, männliche 
Organkomponente durch unbewußte Mechanismen, zum großen Teile 
durch symbolische Darstellung, in den Sadismus verwandelt wird. Die 
sadistische Regung sei im Gegensatz zur grausamen oder einfach libi- 
dinösen, nicht ein elementarer Vorgang, sondern ein bereits durch un- 
bewußte Arbeit entstandenes Produkt. 

Zu den psychosexuellen Vorgängen der Latenzperiode brachte 
Ferenczi (8) einen Beitrag „Über obszöne Worte", Tausk(44) ver- 
mutet, daß das Sexualleben der Knaben in der Latenzperiode vorwie- 
gend den Charakter der Schaulust am Exkretionsgeechäft trägt. 

Wie sich durch die Beobachtungen der letzten Jahre heraus- 
stellt, ist das Thema der Kastration, welches in der unbe- 
wußten Phantasie des Kindes eine große Rolle spielt, für die Cha- 
rakterologie sowie für die Neurosen-Pathogenese von hervorragender 
Bedeutung. Hits ch mann (23) faßt einige bisher feststehende 
Punkte, wie folgt zusammen: „Überhaupt bildet die dem Kinde 
noch mangelnde oder von ihm abgewiesene Kenntnis zweier ver- 
schiedener Geschlechtsapparate ein wichtiges Problem des kind- 
lichen Denkens und Forschens und wird zunächst mit der Annahme 
gelöst, daß der Knabe auch dem weiblichen Geschlechte einen Penis 
zuschreibt und, wenn er denselben nicht sieht, für abgeschnitten hält. 
Die kleinen Mädchen hingegen vermissen beim Vergleichen an sich das 
männliche Glied, woraus „Penisneid", auch ein Gefühl der Unvoll- 
kommenheit und der Wunsch, ein Knabe zu sein, den Ursprung nehmen 



Trieblehre. 291 

kann. Diesem Penisneid entspricht beim Knaben, wenn er sich mit 
Oroßen (dem Vater) vergleicht, manchmal gleichfalls ein Minderwertig- 
keitsgefühl über die Kleinheit seines Organs und ein damit zusammen- 
hängender Wunsch, ein Mann zu sein. Angst vor Verlust des Gliedes,^ 
„Penis angst", bildet den nicht seltenen Inhalt des für die Neurose be- 
deutsamen Kastrationskomplexes. Es ist sicher, daß derselbe sich nicht 
bloß von der relativ häufigen Androhung mit dem Abschneiden des 
Gliedes, also aus rein individueller Erfahrung, ableitet." Vgl. hierzu 
Ferenczis instruktiven Fall (19). Zum Thema der „infantilen 
Sexualtheorien" brachten u. a. Reitler (36) und Rank (34) Bei- 
träge. Die psychischen Nachwirkungen (auch in Träumen) der Be- 
obachtung des elterlichen Geschlechtsverkehres durch das 
kleine Kind finden sich erwähnt von Gincburg (20), Abraham (1), 
Federn (6) u. a. 

Beobachtungen, welche die von Freud als Ödipuskomplex be- 
zeichnete psychosexuelle Einstellung des kindlichen Individuums be- 
ßtätigen, finden sich in der Literatur in großer Anzahl, imd zwar so- 
wohl bei gesunden wie besonders bei neurotischen Kindern als direkte 
Beobachtung, als auch als retrospektive in Analysen Erwachsener, 
«ndlich in ödipusträumen. Einen der Freudschen „Analyse der Phobie 
«ines öjährigen Knaben" überaus ähnlichen und zu den gleichen 
Konklusionen berechtigenden Fall beschrieb Jung (30). Daß es einer 
sehr gründlichen Beobachtung bedarf und, daß die durch Verdrängung 
oft nur umgewertet in Erscheinung tretende ödipuseinstellung nicht 
jedem plausibel erscheint, ist begreiflich. 

Arbeiten von Jones (28), Abraham (2) und Ferenezi (10) 
weisen darauf hin, daß der Großvater zuweilen in der ödipussituation 
den Vater vertritt. Auch der mütterliche Großvater kann als „Neben- 
buhler bei der Mutter" Geltung finden. Auch für Gefühle der Zunei- 
gung und als Vorbilder zur Identifizierung kommen die Großeltern 
häufig in Betracht. Die besondere Hervorhebung der Großmutter oder 
des Großvaters von Seite analysierter Neurotiker und Psychotiker 
entspricht nach Abraham stets einer heftigen Ablehnung des Vaters 
respektive der Mutter. Ob sich übrigens die Imago des schwachen, gering 
geschätzten Großvaters oder die des starken, nachzuahmenden im 
Kinde fixiert, hängt auch von der Rolle ab, die der Großvater, verehrt 
oder schlecht behandelt, in der Familie wirklich spielt. Jones weist 
auch auf die „Generationsumkehrungsphantasie" hin : Daß das Mädchen, 
sich zur Mutter ihrer Eltern machend, gleichzeitig zur Frau des Groß- 

19* 



292 E. Hltschmanii. 

vatere wird; der Knabe unter diesen Voraussetzungen der Mann seiner 
Großmutter. Diese seltsame Phantasiebildung scheint der feind- 
eeiigen Einstellung gegen die Eltern sowie inzestuösen Wünschen zu 
entspringen, da sie eine Übertreibung des häufigeren Wunsches ist, sein 
eigener Vater (respektive seine eigene Mutter) zu sein. 

Die im Leben oft nur angedeutete feindselige Einstellung des 
Knaben gegen den Vater, zeigt sich in einer großen Anzahl von Traum- 
und Neurosenanalysen dadurch ausgedrückt, daß die Gestalt des 
Vaters durch eine Tierfigur dargestellt ist (Freud [16, 17], 
Ferenczi [9], Wulff [45], Hitschmann [24]). Die Kenntnis dieser 
bedeutsamen Tatsache bot Freud die Möglichkeit, das Phänomen des 
„Totemismus" zu deuten („Imago", IL). 

Freud (18) hat einen beeondern Typus der Objektwahl 
beim Manne geschildert, der sich aus der infantilen und nachwirken- 
den Fixierung an die Mutter ableitet. Durch intensive Phantasien 
auf die geliebte Mutter wird von ihrem geliebten Idealbild ein dem 
Vater sich allzuleicht hingebendes Teilbild abgespalten, so daß die 
Sehnsucht sich einerseits in grobsinnlicher Weise einem dimenhaften 
Typus und in idealer Weise einem reinen (jungfräulichen) Typus zu- 
wendet. Die erniedrigten Objekte sucht der Liebende aus Gefahren zu 
„retten". Indes zeigt das Studium der Deckerinnerungen, Phantasien 
und Träume, daß das „Rettungsmotiv" einer Rationalisierung un- 
bewußter Motive entspringt, die mit dem Eltemkomplex zusanoanen- 
hängen. Es handelt sich darum, den Vater aus einer Lebensgefahr zu 
retten oder der Mutter ein Kind zu schenken. Belege zur Rettungs- 
phantasie vergleiche bei Rank (35), Stekel (43) u. a. 

Auch für die psychische Impotenz bildet die nicht überwun- 
dene inzestuöse Fixierimg an Mutter (und Schwester) den allgemeinsten 
Inhalt der unbewußt hemmenden Komplexe. Die zärtliche Strömimg der 
kindlichen Objektwahl wird nicht, vereinigt mit der sinnlichen Strömung 
der Pubertät, auf andere fremde Objekte abgelenkt, sondern die Libido 
wendet sich dauernd von der Realität ab, verstärkt nur die Bilder der 
ersten Objektwahl, und bleibt — von der Inzestschranke gezwungen — 
im Unbewußten. Tritt nicht absolute Impotenz ein, so wird doch das 
reale Liebesobjekt regelmäßig erniedrigt (Freud [19]), während 
die Liebestiberschätzung dem inzestuösen Objekt reserviert bleibt. 

Daß der Ödipuskomplex nicht nur symbolisch, aus dem Macht- 
etreben des Kindes, zu erklären ist (Adler [3]), lehrt die unbefangene 
Detailbeobacbtung der Kinder, wie die psychoanalytische Retrospek- 



Trieblehre. 293 

tion. Ebenso erfahrungsgemäß abzulehnen ist die Entsexualisierung und 
Entwertung dieser kindlichen Einstellung, wie sie Jung (29, 31) in jüng- 
ster Zeit vornehmen will: nach ihm wäre der Inzestkomplex weit weniger 
eine Wirklichkeit, als eine vielmehr bloß regressive Phantasiebildung und 
der aus dem Inzestkomplex sich ergebende Konflikt auf ein anachroni- 
etisches Festhalten der Infantilattitüde reduzierbar. Jungs Über- 
schätzung der nach der Pubertät auftretenden unbewußten „Phantasie 
des Opfers", welche das Aufgeben der Infantilwünsche bedeute, ist 
wohl durch seine persönliche pädagogisch-religiöse Einstellung bedingt. 



Anhang: Masturbation. 

Literatur^). 1. Abraham K.: Über hysterische Traumzustände. Jahrb. II. 

— 2. Bleuler E.: Der Sexualwiderstand. Jahrb. V. — 3. Hug-Helmuth: 
Über weibliche Onanie. Zbl. III, H. 1. — 4. Marcus E.: Über versoiiiedene 
Formen der Lustgewinnung am eigenen Leibe. Zbl. III, H. 4. — 5. Löwenfeld 
L.: Über Onanie, Sexualprobleme, IX, Aug. — 6. Onanie, Die, Diskussionen 
der Wiener psychoanalytischen Vereinigung, 1912. Bergmann, Wiesbaden. 

— 7. Stekel W.: Über larviert© Onanie, Sexualprobleme, IX. Februar. 



Was den Zusammenhang von Masturbation mit der Verursachung 
der Neurasthenie anbelangt (dem von Freud isolierten Bild [sexu- 
eller] Neurasthenie im engeren Sinn), so wird er, wie von den meisten 
Psychoanalytikern, auch von Ferenczi (6) festgehalten, der am Tage 
nach Masturbation eine analoge „Eintagsneurasthenie" beschreibt, die 
sich bei chronischer Schädigung durch Summierung der onanistischen 
Eintagsneurasthenien zur masturbatorischen Aktualneurose verdichtet. 
Als Ursache nimmt der Autor eine unvollkommene Entlastung mit 
verbleibender vasomotorischer, sensibler, sensorischer und psychischer 
Überreizung an. 

Nach allen Autoren scheint jedoch die Neurasthenie keine 
häufige Folge der doch so verbreiteten Onanie zu sein; andererseits sind 
Fälle von Neurasthenie noch nicht einer gründlichen Psychoanalyse 
unterzogen worden. Sieht man ab von Hysterien unter dem Bilde der 
Neurasthenie, so sind auch die Fälle organisch-toxischer Neurasthenie 
durch Onanie, in unserer Kultur kaum ohne beigeordnete psychische Mo- 
mente denkbar (Tausk). Stekel (6, 7) steht allein mit seiner Annahme, 
die neurasthenischen Symptome der Onanisten seien jedesmal psychogen, 
durch Schuldgefühl, Angst herbeigeführt und psychoanalytisch heilbar. 
Auch Freud räumt übrigens ein, daß eine analytische Behandlung 

^) Vgl. das Verzeichnis der Abkürzungen, S, 264. 



294 E. Hitschmann. 

indirekt auch auf die Aktualsymptome Einfluß nehmen kann, „indem 
sie entweder dazu führt, daß die aktuellen Schädlichkeiten besser ver- 
tragen werden, oder indem sie das kranke Individuum in den Stand 
setzt, sich durch Änderung des sexuellen Regimes diesen aktuellen 
Schädlichkeiten zu entziehen". 

Freud, Reitler, Federn (6) traten Stekels extremem 
Standpunkt von der Unschädlichkeit der Onanie entgegen, ferner 
Löwenfeld (4). Dieser, wie Freud, halten daran fest, daß die Onanie 
dauernd die Potenz schädigen könne. 

Auf die relative Nützlichkeit der Onanie als Provisorium bei jungen 
Leuten unter gewissen Lebensbedingungen hatHitschmann hingewiesen; 
daß sie perverse Regungen ohne Konflikt abzureagieren gestattet, hebt 
Stekel hervor; ,,die therapeutische Wiederkehr" der Onanie erwähnt 
Freud: d. h., daß es einen großen Fortschritt bedeutet, wenn sich 
der psychoneurotische Patient während der Behandlung wiederum der 
Onanie getraut, wenngleich er nicht die Absicht hat, dauernd auf dieser 
infantilen Station zu verweilen. 

Federn, Reitler, Sachs u. a. betonen, daß bei der Selbstbefriedi- 
gung eine Reihe beim Koitus befriedigter Partialtriebe, insbesondere 
der Bemächtigungstrieb, unbefriedigt bleiben. Federn und Rosen- 
stei'n meinen, daß eine unter Schuldgefühl betriebene Onanie unvoll- 
kommen organisch entlaste und daraus die Neurasthenie hervorgehe. 
Dattner bespricht die toxischen Zusammenhänge. 

Alle Autoren sind einig, daß die Hauptschädigungen durch die 
Onanie auf dem Schuldgefühl beruhen, mit dem sie einhergehe. Es 
dürfte das psychische Korrelat der durch das Unbefriedigende der Onanie 
resultierenden Angst sein (Rank, Tausk); daß das Schuldgefühl primär 
mit einhergeht, meint Bleuler, der in der Übertragung des negativen 
Affektes von der Onanie auf die Sexualbetätigung überhaupt, das 
Wesentliche an dem allgemein-menschlichen Sexualwiderstand sieht. 

Auch bei nicht gewarnten Kindern spielt die Wirkung der unaus- 
gesprochenen Elternforderung mit, und ist das Schuldbewußtsein sozu- 
sagen soziale Angst. Auch die Kastrationsangst und ihre große psy- 
chische Bedeutung sei hier erwähnt. 

AVie sehr ein bestimmtes, prüdes Milieu sowie die Drohungen 
strenger und unnahbarer Väter die psychischen Folgen der Onanie ver- 
schlimmern, betont Tausk. 

Die Art der Phantasien bei der Onanie ist natürlich psychoana- 



Trieblehre. 295 

lytisch sehr bedeutsam; inzestuöse Phantasien, sowie perverse, erhöhen 
das Schuldgefühl. 

Die charakterologischen Folgen der Onanie heben Sadger 
und Rank hervor: 

Ereterer findet gesellschaftliche Scheu, Mangel an Wohlwollen, 
Wahrheitsfanatismus und Opferwilligkeit, Geheimnisvorliebe sowie Be- 
obachtungs- und Verfolgungsideen. Rank nennt als Folgen überwunde- 
ner Masturbation Lügenhaftigkeit, aber auch Wahrheitsfanatismus, 
Spar- und Sammelwut, Eß- und Sprechstörungen, auffällige Pünkt- 
lichkeit, Zwangsterminsetzungen und bringt auch die Kleptomanie (nach 
0. Groß und Stekel) in diesen Zusammenhang, 

Auf die Erscheinungen larvierter Onanie weisen Marcus (4), 
Stekel (7), Freud (6) und Sadger (6), für weibliche Individuen 
Hug-Hellmuth (3) hin. 

Die Disposition für den Verfall in Psj'choneurose gibt 
die Onanie durch die Ermöglichung der Fixierung infantiler Sexualziele 
und des Verbleibens im psychischen Infantilismus (Freud). Die Pro- 
duktion von Phantasien, auch kindliche Inzest-, Perversions- und In- 
versionsneigungen enthaltend, ist das Vorbild der Tagträume, die in- 
folge mißglückter Verdrängung zur Vorstufe der hysterischen Symptom- 
bildung werden. Gewisse „hysterische Traumzustände" konnte 
Abraham (7) mit der Masturbation in Zusammenhang bringen; aber 
auch viele andere hysterische Anfälle bringen den onanistischen Akt 
in versteckter oder unkenntlicher Weise v.'ieder, nachdem das Individuum 
auf diese Art der Befriedigung verzichtet hat. Viele Symptome der 
Zwangsneurose ersetzen diese einst verbotene Art der Sexualbetäti- 
gung und wiederholen sie. Die Berührungsangst (Delire de toucher) 
leitet sich von dem fortdauernden Konflikt von Lust, das Genitale zu 
berühren, und Verbot, dies zu tun, ab. (Näheres vgl. Kapitel „Spezielle 
Pathologie".) 



Sexuelle Perrerslonen. 

Referent: Dr. J. Sadger. 



Literatur^), 1. Abraham K.: Bemerkungen zur Psychoanalyäe eines Falles 
von Fuß- und Korsettfetischismus. Jahrb. III, 1911. ~ 2. Brill A. A.: Th^ 
conception of homosexuaiity. Journ. of the Americ. Med. Assoc, 2. Aug. 1913. — 
3. Federn P.: Beiträge zur Analyse des Sadismus und Masochismus. Z. I, 
1913. — 4. Freud S.: Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. Sehr.' 
VII, 1910. — 5. Ders.: Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobio- 
graphisch bsäohriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoides). Jahrb. III, 
1911. — 6. Rank O.: Ein Beitrag zum Narzissismus. Jahrb. III, 1911. — 

7. Sadger J.: Zur Ätiologie der konträren Sexualempfindung. Med. Klin. 1909. — 

8. Ders. : Ein Fall von multipler Perversion mit hysterischen Absenzen. Jahrb. II, 
1910. — 9. Ders.: Über den sadomasochistischen Komplex. Jahrb. V, 1913. — 

10. Ders.: Welcher Wert kommt den Erzählungen und Autobiographien der 
Homosexuellen zu? Groß' Archiv f. Krimin.- Anthrop., Bd. LIII, 1913. — 

11. Ders.: Über den Wert der Autobiographien sexuell Perverser. Fortschritte 
d. Med. 1913. — 12. Ders.: Die Psychoanalyse eines Autoerotikera. Jahrb. V, 
1913. — 13. Stekel W.: Zur Psychologie des Exhibitionismus. Zbl. I, 1911. — 
U. Ders.: Masken der Homosexualität. Zbl. II, 1912. 



Freuds psychoanalytische Methode, primär bekanntlich zur Be- 
handlung der Psychoneurosen geschaffen, erwies sich gar bald als ein 
treffliches Mittel, auch den seelischen Mechanismus der Geschlechtsver- 
irrungen zu verstehen. Bei seinen Studien über Hysterie und Zwangs- 
neurose ergab eich Freud, daß beide Krankheiten durchaus auf ge- 
schlechtlichen Triebkräften beruhen und ihre Symptome nichts anderes 
darstellen als die Sexualbetätigung der Kranken. Noch mehr, es er- 
wies sich — ich folge hier und in den nächsten drei Abschnitten 
Freuds „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" — , daß die neuro- 
tischen Phänomene keineswegs ausschließlich auf Kosten des sogenannten 
„normalen" Geschlechtstriebs entstehen, sondern zu einem großem oder 

^) Vgl. das Verzeichnis der Abkürzungen, S. 264. 



Sexuelle Perversionen. 297 

geringeren Teile auch auf Kosten der perversen. Ging man auf die 
unbewußten Phantasien ein, die regelmäßig hinter den manifesten Sym- 
ptomen stecken, dann stellte sich immer wieder heraus, daß sie Sexual- 
phantasien waren, ganz ähnlich jenen, welche die Perversen direkt imd 
vollbewußt sich ausmalen oder bei Gelegenheit realisieren. Was be- 
sonders auffallend, bei sämtlichen Neurotikern, ohne Ausnahme, fanden 
sich im unbewußten Seelenleben mindestens Regungen von Inversion i), 
daneben aber meist noch eine größere Anzahl perverser Triebe, ja in 
der Regel Spuren von allen, mit Ausschluß höchstens des Fetischismus. 
So konnte Freud den Satz aufstellen: „Die Neurose ist sozusagen das 
Negativ der Perversion." 

Durch diese neugewonnene Erkenntnis war die Zahl der Menschen, 
die man den Perversen zurechnen könnte, außerordentlich gestiegen. 
Denn nicht nur, daß jetzt die so zahlreiche Klasse der Psychoneurotiker 
hinzukam, war noch in Betracht zu ziehen, daß die Neurosen in lücken- 
loser Reihe zur Gesundheit abklingen. Wenn man sich früher darum 
stritt, ob die sexuellen Perversionen angeboren oder erworben seien, 
so konnte man sich jetzt mit Freud entscheiden, daß allen geschlecht- 
lichen Verirrungen ein Angeborenes zugrunde liege, das aber dann 
sämtlichen Menschen zukomme. Nur die Stärke der Anlagen wechsle 
von Fall zu Fall und ferner die Auslösung der Perversionen durch 
Lebenseinflüsse. Die Perversen haben die eingeborene Anlage zur Be- 
tätigung entwickelt, die Psychoneurotiker ihre Triebe ungenügend ver- 
drängt, so daß sie auf dem Umweg über Krankheitssymptome wieder 
erscheinen, während in den günstigen Fällen durch eine wirksame Ein- 
schränkimg und sonstige Verarbeitung der geschlechtlichen Triebe das 
sogenannte „normale" Sexualleben entsteht. Die Anlage zu den Per- 
versionen ist also nichts anderes als die ursprüngliche allgemeine An- 
lage jedwedes menschlichen Geschlechtstriebs, sowohl bei den Leuten 
mit später normalem Sexualverhalten, als bei den neurotisch oder 
pervers erkrankenden. 

Natürlich muß jene angeborene Disposition sich schon beim 
Kinde nachweisen lassen, was die Beobachtung tatsächlich bestätigte. 
Die Kinder besitzen nicht bloß ein wirkliches Sexualleben, sondern 

^) Di33 ist ein derart regelmäßiges Vorkommen, daß ich mich in einer 
früheren Arbeit (Die Bedeutung der psychoanalytischen Methode nach Freud. 
Zentralblatt für Nervenheiikunde und Psychiatrie, 15. Jänner 1907) zu der 
Äußerung gedrängt fühlte: ,, Hinter jedem hysterischen Symptom steckt nicht 
bloß eine Anzahl heterosexueller, sondern neben diesen mindestens eben soviele 
und häufig noch wichtigere homosexuelle Wurzeln und Wünsche," 



298 J. Sadger. 

sind nach einem glücklichen Worte Freuds „polymorph-pervers", d. h. 
sie bringen eine Disposition zu allen Geschlechtsverirrungen mit. Just 
die Untersuchung des infantilen Seelenlebens zeigt ganz deutlich, wie 
falsch es ist, von einem Geschlechtstrieb schlankweg zu sprechen, als 
einer gewissermaßen unteilbaren Einheit. Er erweist sich im Gegenteil 
zusammengesetzt aus einer Reihe sexueller Teiltriebe, die an das Vor- 
handensein erogener Zonen gebunden sind imd beim Kinde fast sämt- 
lich noch autoerotisch. Man bezeichnet gemeinhin, doch durchaus irrig, aus- 
schließlich die genitale Libido als den „Geschlechtstrieb", während 
jene in Wahrheit nur eine der vielen Komponenten des letztern und 
erst in einem späteren Lebensalter die wichtigste ist. Normaliter erfolgt 
erst zur Zeit der Reife die Unterordnung der verschiedenen sexuellen 
Tciltriebe unter das Primat der eigentlichen Geschlechtsorgane. Genital 
imd sexuell sind also durchaus nicht synonym. Mich dünkt, dies kann 
nicht nachdrücklich genug hervorgehoben werden, weil es immer 
wieder verwechselt wird. Wie wichtig die Unterscheidung ist, mag 
uns ein einfaches Beispiel lehren. Eine Reihe von Autoren nimmt 
für die meisten Perversionen eine angeborene Schwäche des Sexual- 
triebs an. Diese konstitutionelle Unteranlage trifft wahrscheinlich 
zu, sofern wir nämlich nicht eine Schwäche des Geschlechtstriebs in 
toto supponieren, sondern nur seines genitalen Anteils. Dann liegt es 
recht nahe, daß sich die übrigen sexuellen Komponenten, zumal wenn 
sie obendrein noch konstitutionelle Verstärkung zeigen, nicht imter das 
Primat des minderwertigen Genitaltriebs beugen werden, die Zu- 
sammenfassung also sämtlicher Teiltriebe mißlingen muß und schließ- 
lich der jeweils .stärkste von ihnen seine perverse Betätigimg durch-^ 
setzen wird. Begünstigung erfährt die Entstehung der geschlechtlichen 
Verirrungen ferner durch die spontane sexuelle Frühreife jener Personen 
und die erhöhte Haft- oder Fixierbarkeit aller Eindrücke des geschlecht- 
lichen Lebens, Eigenschaften übrigens, welche den Perversen nicht 
stärker zukommen als den Hysterikern und Zwangsneurotikern. Die 
erhöhte Haftbarkeit trägt dann auch Schuld, wenn die Verführung^ 
durch Kinder oder Erwachsene einen oft so verderblichen Einfluß übt. 
Aus dem vorstehend Angeführten ergibt sich, daß bei sämtlichen Per- 
versionen zweierlei in Anschlag zu bringen: ein Angeborenes und ein 
Erworbenes, also nicht das eine oder das andere; des weitern, daß 
der aus vielen Faktoren zusammengesetzte Sexualtrieb in den Ge- 
schlechtsverirrungen gleichsam in seine Komponenten zerfällt. 

Bei der wichtigsten und häufigsten aller Perversionen der kon- 



Sexuelle Perversionen, 299 

trären Sexualerapfindung, jener Form, die sich scheinbar von sämtlichen 
anderen unterscheidet durch die Abweichung im Sexualobjekt, wird all- 
gemein der Fehler gemacht, daß man sich die Verknüpfung zwischen 
Geschlechtstrieb und Sexualobjekt viel zu innig vorstellt. Die land- 
läufige Anschauung geht nämlich dahin, daß der Trieb beim richtig 
liebenden Mann von Haus aus lediglich dem Weibe sich zuwende, beim 
Urning hingegen nur dem Manne, und natürlich umgekehrt bei dem 
normal empfindjpnden Weib sowie der Urninde. Nach dieser Auffassung 
brächte der Trieb sein Objekt gewissermaßen von vornherein mit. Das 
hat nun die psychoanalytische Forschung als unrichtig erwiesen. Zu- 
nächst ist der Geschlechtstrieb völlig unabhängig von seinem Objekt 
und kann sich beiderlei Geschlechtern zuwenden. Er tut dies auch ganz 
regelmäßig, wenn auch minder in den Jahren der sexuellen Vollkraft, 
wohl aber in der Kindheit bis einschließlich des Pupertätsbeginns sowie 
in den Jahren der absinkenden und erlöschenden Geschlechtskraft. Am 
deutlichsten läßt sich diese allgemein - bisexuelle Triebrichtung, v,^elche 
ausnahmslos jeglichem Menschen eignet, am Kinde verfolgen. Von 
Anfang an schwankt dessen Libido und Zärtlichkeit zwischen beiden 
Geschlechtern, in erster Linie zwischen Vater und Mutter (Sadger [7]). 
Jene immer wieder auftauchende Tante, welche dem Kinde die Frage 
vorlegt: „W^en hast du lieber, Vater oder Mutter?" erhält seit 
Jahrhunderten stets die gleiche Antwort: „Beide!" Das ist nun nicht 
etwa ausweichend gesagt, sondern reine Wahrheit und ein Bekenntnis 
seiner Bisexualität. Es liebt tatsächlich beide Geschlechter und in 
jedem derselben den entsprechenden Elternteil am meisten. Drum halte 
ich auqji Dessoirs Periode des indifferenzierten Geschlechtstriebs für 
eine unrichtige Abstraktion. Kinder und Werdende empfinden sexuell 
nicht undifferenziert, sondern schwanken noch zwischen beiden Ge- 
schlechtern, d. h. sie können noch beide lieben, haben sich noch nicht 
an eines ausschließlich festgelegt. 

Von dieser bisexuellen Anlage macht nun auch der absolut In- 
vertierte keine Ausnahme. Bei den Psychoanalysen von Urningen näm- 
lich — nur diese unterzogen sich bisher jener Kur — erwies sich mir 
ganz regelmäßig, daß hinter den gleichgeschlechtlichen Objekten, welche 
sie begehrten, nicht nur männliche Urbilder von früher sich bargen, 
wie man bisher schon annahm, sondern in einer noch tieferen Er- 
innerungschichte Frauen ihrer Kindheit (Mutter, Schwestern, Cousinen, 
Spielgefährtinnen, Kindermädchen usw.), deren Eigenschaften sie 
bei geliebten Männern wiederfanden (Sadger [7]). Nicht also den 



300 J. Sadger. 

Mann begehrte der Homosexuelle in Wahrheit, sondern Mann und Weib 
zusammengenommen in einer Gestalt. Noch mehr, es stellte sieh 
heraus, daß selbst scheinbar absolut Invertierte ausnahmslos eine Früh- 
periode ihres Lebens hatten, in der sie dem Weibe eifrigst nachliefen, 
ja sich geradezu sexuelle Aggressionen erlaubten gegen das andere Ge- 
schlecht, die meist zu einer scharfen Zurückweisung führten. Die Liebe 
zum Weibe war also beim Urning nicht nur eher da als die Neigung zum 
Mann, sondern trat obendrein sehr heftig auf und mit unverkennbar 
sinnlichen Gelüsten. Doch nicht allein, daß die heterosexuelle Liebe das 
Primäre und das Stärkere war, so konnte ich noch weiter aufdecken, 
daß des Urnings Erlebnisse mit weiblichen Sexualobjekten stets Ver- 
wertung fanden zur Erzeugung seines männlichen Ideals. Er liebte also 
eigentlich gar nicht so den Mann, sondern selbst in diesem noch mehr 
das Weib. Was der Invertierte einmal am Weib geliebt und begehrt 
hatte, das liebt und begehrt er heut noch am Mann. Er transskribiert 
nur beständig seine Liebe vom Weib auf den Mann. 

Wieso aber kommt es zur Fixierung der umischen Libido? Ein 
Stück des psychischen Mechanismus war jetzt schon zu schauen. Be- 
kanntlich erfolgt die endgültige Objektwahl gewöhnlich in der Zeit der 
Reife. Der normale Jüngling, welcher bisher sozusagen „indifferent" 
geliebt hat, vielleicht sogar mehr seine Studiengenossen, wird fortab 
nur das Weib begehren, während der Mann ihn -fürderhin kalt läßt, 
umgekehrt der homosexuell sich Entwickelnde ausschließlich diesen zum 
Gegenstand seiner Neigung erküren. Doch zeigte sich da ein merkwür- 
diger Zug. In der Regel fühlt nämlich der Urning einen direkten horror 
feminae, nicht bloß sexuelle Gleichgültigkeit, wie der normal Empfin- 
dende für die Personen des eigenen Geschlechts. Nun wissen wir aus 
der Neurosenpsychologie, daß sich hinter dem Horror stets starke Ver- 
drängung des Gegenteils birgt. Was man jetzt so verabscheut, hat man 
dereinst aufs Innigste gewünscht. Dazu stimmt gut meine frühere Fest- 
stellung. Der Urning empfände nicht solchen Ekel vor der Vagina 
und jedem Geschlechtsverkehr mit dem Weib, hätte beides nicht einmal, 
in früher Kindheit, das Ziel seiner geheimen Wünsche gebildet. Nach 
geschehener Verdrängung flieht er dann förmlich zwangmäßig das 
Weib und liebt nicht minder zwangsmäßig den Mann. 

Der nächse Fortschritt knüpft an eine Erkentnis an, die sich 
mir bei mehreren Analysen aufdrängte, daß nämlich des Urnings 
Liebesobjekte in einer Reihe von Einzelzügen eine unverkennbare 
Ähnlichkeit besaßen mit — ihm selber. Also liebte der Homosexuelle 



Sexuelle PerTersionen. 301 

wohl in seinen verschiedenen Sexualobjekten vornehmlich das eigene, 
herrliche Ich. Oder, wie ich (8) aueführte: „Der Weg zur Homo- 
eexualität führt über den Narzißmus, d. h. die Liebe zu eich eelbet, wie 
man tatsächlich war, oder, idealisiert, gern gewesen wäre. Im Sexual- 
ideal des Invertierten finden sich also nicht nur Züge früherer weib- 
licher imd männlicher Sexualobjekte, sondern noch vielmehr des eigenen 
geliebten Ichs". Nun ist der Narzißmue ein nie fehlendes Entwicklungs- 
stadium beim Übergang vom Autoerotismus zur Objektliebe. Der Mann 
hat zwei primäre, ursprüngliche Sexualobjekte: Die Mutter (beziehungs- 
weise erste Pflegerin) und die eigene Person. Um gesund zu bleiben, 
muß er beide los werden, bei ihnen nicht allzulange verweilen. An 
beiden Aufgaben scheitert der Urning ganz regelmäßig. Zunächst 
kommt er nie von sich selber los, den er immer wieder in neuen Sexual- 
objekten sucht. Doch auch die Ablösung von der Mutter, die scheinbar 
gelingt, indem er sich selbst an deren Stelle setzt — ein Vorgang, den 
wir von den Psychoneurosen her gut kennen— ist in Wahrheit eine 
mißglückte Verdrängung. Denn, um mit Freud (4) zu reden, „durch die 
Verdrängung der Liebe zur Mutter konserviert er dieselbe in seinem 
Unbewußten und bleibt von nun an der Mutter treu. Wenn er als 
Liebhaber Knaben nachzulaufen scheint, so läuft er in Wirklichkeit 
vor den andern Frauen davon, die ihn untreu machen könnten." 

Den nächsten größeren Fund machte wieder Freud (5) durch die 
Entdeckung, daß im paranoischen Mechanismus die Abwehr eines 
homosexuellen Wimsches im Mittelpunkte des Krankheitskonfliktes 
stehe. Wer an Paranoia oder Dementia paranoides leidet, ist ge- 
seheitert an der Bewältigung seiner imbewußt verstärkten Homo- 
sexualität. Da diese Zusammenhänge von einem andern Referenten be- 
sprochen werden sollen, will ich hier nur kurz auf sie verweisen. Schon 
früher hat Freud, wenn auch nur mündlich, aufmerksam gemacht, 
daß die sozusagen „normale" (d. h. nicht paranoische) Eifersucht auf 
unterdrückter Homosexualität beruht und dem reaktiven Ekel vor den 
Genitalien des eigenen Geschlechtes. 

Es bliebe nur noch übrig, eine Reihe kleinerer, doch nicht be- 
langloser Funde zu besprechen, die ich (7 und 8) zusammenstellte. Wenn 
ich oben ausführte, der Urning mime, in seinen Verhältnissen immer 
die Mutter, so zeigt sich das unter anderm auch darin, daß er den 
Geliebten stets unterrichten und belehren will. Bezeichnenderweise aber 
meist nur in Dingen, die ihn selber fesseln, ohne Rücksicht darauf, ob 
der Geliebte diese Kenntnisse auch jemals werde brauchen können. 
2 C * 



302 J. Sadger. 

Fügt der Urning dann noch Belehrung ift geschlechtlichen Dingen hinzu, 
60 erfüllt er durchsichtig, was er dereinst von seiner eigenen Mutter 
ereehnte. Auch über den Mechanismus der verschiedenen homosexuellen 
Praktiken konnte ich genügend Aufklärung finden. Was zunächst die 
Päderastie betrifft, so setzt sie, wie alle Fälle ergaben, eine aus- 
nehmende Analerotik voraus. Sowie dem Urning einst das Klystiert- 
werden oder rektale Temperaturmessungen besondere Lustgefühle be- 
reiteten, so heischt er jetzt Eeizimg der empfindlichen Schleimhaut 
durch das membrum virile, oder findet einen Genuß darin, dies Ver- 
gnügen dem geliebten Mann zu gewähren. In noch nicht publizierten 
Arbeiten konnte ich aufzeigen, daß die Fellatio an eine besondere 
Erogeneität der Lippen und Mundschleimhaut gebimden ist, zu welcher 
sich bei der nicht gar so seltenen Lust am Urintrinken noch eine er- 
heblich verstärkte Hamerotik gesellt. Die besondere Wertschätzimg des 
männlichen Gliedes, die keinem Urning jemals fehlt, führt dann zur 
häufigsten aller Praktiken, der wechselseitigen Masturbation. 

Das auffällig jugendliche Aussehen der meisten Urninge ist das 
organische Correlat des psychosexuellen Infantilismus, der ganz regel- 
mäßig bei ihnen zu finden ist. Häufig sind Urninge einzige Kinder oder 
einzige Söhne mit aller Verzärtelung, welche diesen zuteil wird. Ist 
die Mutter obendrein eifersüchtig auf jeglichen Umgang ihres Sohnes, 
60 kann eie ihm selbst den harmlosen, rein freimdschaftlichen Verkehr 
mit dem andern Geschlecht als etwas Unrechtes und Anstößiges hin- 
stellen, der am besten völlig zu meiden wäre. Der „nachträgliche Ge- 
horsam" wirkt dann im Sinne der Perversion. Gefördert wird diese 
weiter durch das Aufwachsen in einer ausschließlich weiblichen Umgebung 
— der Vater kommt hier nicht in Betracht — , und zwar beim Manne wie 
beim Weib aus Gründen, die wir noch nicht kennen. Ich habe weiters auf- 
merksam gemacht, daß die Mutter des Urnings oft ein Mannweib ist, 
was auch Freud bestätigt. Der letztere hebt dann noch hervor (4), 
daß in vielen Fällen der Vater von Anfang an schon fehlte oder früh- 
zeitig wegfiel, so daß der Knabe dem weiblichen Einfluß preisgegeben 
war. „Sieht es doch fast aus, als ob das Vorhandensein eines starken 
Vaters dem Sohne die richtige Entscheidung in der Objektwahl für das 
entgegengesetzte Geschlecht versichern würde". Endlich findet nach 
dem nämlichen Autor (5) noch eine sozial wertvolle Sublimierung der 
homosexuellen Strebungen statt. Sie treten mit Anteilen der Ichtriebe 
zusammen, um mit ihnen als ,angelehnte' Komponenten die sozialen 
Triebe zu konstituieren, und stellen so den Beitrag der Erotik zur 



Sexuelle Perversionen. 303 

Freundschaft, Kameradschaft, zum Gemeinsinn und zur allgemeinea 
Menschenliebe dar." 

Meine persönlichen Erfahrungen mit verschiedenen Urningen 
faßte ich in zwei Aufsätzen zusammen (10, 11). Von diesen enthält der 
letztgenannte die Autobiographie eines urnischen und etwas sadisti- 
schen Schriftstellers, die aber nicht etwa druckfertig in die Sprech- 
stunde mitgebracht wurde, sondern erst dann zur Abfassung gelangte, 
als dem Autor einige seiner wichtigsten Komplexe in häufigeren Unter- 
haltungen mit mir bewußt geworden. Sie erhärtet darum nicht eine 
der landläufigen Theorien, sondern sucht mit Vorliebe die infantilen Zu- 
sammenhänge. Auch auf einige neuere Beziehungen der männlichen 
Inversion, die ich in Bälde zu veröffentlichen hoffe, ist da schon manches 
Xiicht geworfen, zumal die Überschätzung des membrum virile bei den 
Urningen. In beiden obgenannten Aufsätzen wies ich darauf hin, daß 
die üblichen Autobiographien von Urningen, überhaupt von Perversen, 
kaum allzuviel blanke Wahrheit enthalten. Man erfährt aus ihnen nur 
■eines deutlich: wie der Kranke vom Arzte angesehen werden will, 
nicht wie er tatsächlich und in Wahrheit beschaffen. Lügt jeder in ge- 
schlechtlichen Dingen mindestens unbewußt, gewöhnlich aber auch mit 
vollem Bewußtsein, sobald ihm seine Sachen zu anstößig werden, so 
kommt bei den Urningen noch als verfälschend ihr übermächtiger Nar- 
zißmus dazu, femer häufig eine gewisse weibische Verlogenheit mid 
endlich, was die letztere Eigenheit ein wenig entschuldigt, daß durch 
die stete Gefahr gerichtlicher Verfolgung ein mehr oder minder berech- 
tigtes Mißtrauen gegen alle normal Empfindenden erzeugt wird, auch 
wider die Ärzte. Ich wende mich schließlich gegen manche Wortführer 
■des Uranismus, die 1. den Charakter sowie die Absichten der Inver- 
tierten weit besser und harmloser darzustellen lieben, als der Wahrheit 
entspricht, und 2. durch unbewiesene Theorien verzweifelte jugendliche 
Urninge verleiten, auf jede Änderung ihrer Perversion von vornherein 
als aussichtslos zu verzichten. 

Von weiteren psychoanalytischen Arbeiten über Homosexualität 
sind mir nur zwei bekannt: eine Studie von Brill (2), die nichts prin- 
zipiell Neues bringt, wohl aber die früheren Funde bestätigt, und ein 
Artikel von Stekel (14), der bloß die Resultate anderer Forscher 
populär verflacht. 

Nächst der Inversion ist wohl die häufigste aller geschlechtlichen 
Verirrungen der Sado-Masochismus. Diese Form umfaßt nebst 
einer Anzahl sexueller Teiltriebe auch Komponenten der sogenannten 



304 J. Sadger. 

Ich-Triebe, wie Grausamkeit, Herrscheucht und ähnliche Dinge. Nun hat 
uns zwar Freud über die Geschlechtstriebe einige Klarheit zu geben 
vermocht, die Aufhellung der Ich-Triebe aber steht noch aus, für sie ißt so 
gut wie keine Vorarbeit geleistet worden. Natürlich beeinträchtigt 
dies in einem ganz ausnehmenden Maße auch die Arbeit des Psycho- 
analytikers, dessen eigentliche Domäne ja die Äußerungen der Ge- 
schlechtstriebe sind. Die Zwiespältigkeit just der in Rede stehenden 
Perversion kam selbst in der Nomenklatur zum Ausdruck, indem man 
einerseits von Sado-Masochismus sprach, d. h. von sexuell gefärbter 
Lust am Zufügen oder Erleiden von Grausamkeiten, physischen und 
eeelischen Qualen, anderseits wieder von aktiver und passiver Al- 
golagnie, d. h. Schmerzgeilheit. Die erste Bezeichnung stellt die Ich- 
Triebe in den Vordergrund, das Grausame, Quälen, Martern, die 
Herrechsucht, das Demütigen, alles natürlich in tätiger wie in leidender 
Form, die letztere Bezeichnung wieder das sexuelle Moment. Wie 
fließend aber die Grenzen sind, beweist schon der Umstand, daß man 
vielfach jedweden grausamen Zug, auch wenn er der geschlechtlichen 
Zutat entbehrt, als sadistisch bezeichnet, wie anderseits die gewaltsam 
sich durchsetzenden aktiven Komponenten der Sexualtriebe (Federn [3]). 
In meiner Studie „Über den sado-masochistischen Komplex" (9) 
habe ich die genannte Perversion vielleicht zu ausschließlich von der 
geschlechtlichen Seite behandelt. Als ihre spezifisch organische Grund- 
lage fand ich eine von Haus aus verstärkte Haut-, Schleimhaut- und 
Muskelerotik, wobei natürlich nicht etwa gemeint ist, daß jedesmal 
das gesamte Haut-, Schleimhaut- und Muskelsystem erhöhte Erogeneität 
aufweise, sondern Teile desselben in verschiedenen Kombinationen, wie 
sie die Symptomatologie des jeweiligen Falles uns eben zeigt. Wenn 
jemand z. B. mit Beißsadismus behaftet ist, so läßt sich feststellen, daß 
die Schleimhaut- und Muskelerotik der Kiefer bei dieser Person kon- 
stitutionell verstärkt ist. Ein anderer wieder, der ein außerordentliches 
Vergnügen empfindet, den Partner zu würgen, zeigt eine erhöhte Haut-, 
Schleimhaut- und Muskelerotik an der ganzen Halspartie innen und 
außen. Die Schmerzempfindung ist in allen Fällen von Sado-Maso- 
chismus keineswegs geändert, nur wird infolge jener erhöhten Erotik 
soviel an starken Lustgefühlen hervorgerufen, daß die peinliche 
Schmerzempfindung übertönt wird, die Unlust also zu bloßer Würze 
der gleichzeitigen anderen Lust herabsinkt. Und man tut dem Partner 
im Liebesleben nicht darum weh, um ihn zu quälen, sondern weil man 
vom eigenen Schmerz Lust empfindet, die man nun dem andern auch 
schaffen möchte. 



Sexuelle PerTersionen. 305 

Wenn der sado-masochistische Komplex spezifisch erzeugt wird 
durch jene erhöhte Erogeneität, so anderseits die jeweilige Symptoma- 
tologie durch die Erlebnisse vornehmlich des Säuglings und ganz 
kleinen Kindes, was ich mit einer ganzen Reihe von Einzelzügen be- 
legen konnte. Eier schneiden sich zum Teil die sexuellen mit den Ich- 
Trieben, ja nicht selten wird den letzteren irrtümlich als Demütigung 
oder Unterwerfung zugerechnet, was im Verhältnis von Mutter imd 
Kind ganz anders, nämlich rein erotisch betont war. Zu der spezifisch 
organischen Grundlage und den determinierenden Erlebnissen der 
frühesten Lebensjahre kommen dann als drittes, aber freilich mindest 
Bedeutsames hinzu gewisse entferntere psychische Beziehungen, die 
von den Kranken selbst gern allen anderen vorangestellt werden. Als 
ich mich anschickte, in einem zweiten speziellen Teile die einzelnen 
Formen des Sado-Masochismus von den erogenen Zonen aus zu sondern, 
da zeigte sich deutlich die Hauptschwäche meiner Arbeit. Sie versagte 
nämlich überall dort, wo den Ich-Trieben mindestens ein bedeutsamer, 
wo nicht gar der entscheidende Anteil zukam, z. B. beim verbalen und 
Blut-Sadismus, sowie der Umwandlung von koprophilen Neigungen in 
satanische Gelüste. Ich hatte mich nicht entschließen können, bloße 
Lesefrüchte vorzubringen, wo ich nichts Eigenes zu sagen wußte. 
Hingegen dünkt mich, daß eine von mir beschriebene Form, der 
urethrale Sado-Masochismus (fußend auf der Urethral-Erotik), sich auch 
fürderhin tragfähig erweisen wird. 

Etwas mehr berücksichtigt Federn (3) die Ich-Triebe des 
Sadismus. Derselbe entstehe wenigstens beim Manne — man wird diese 
Einschränkung bald begreifen — dadurch, „daß die unreife männ- 
liche, aktive Sexualität in der Entwicklungzeit, dem Kinde selbst un- 
bewußt, von dem primären psychischen System durch die unbewußten 
Mechanismen zum Sadismus gestaltet wurde". Oder, um verständlicher 
zu sein, „den unreifen Knaben beherrscht oft durch lange Zeiträume 
hindurch eine objektlose aktive Spannung, die vom Penis ausgeht. So 
empfinden manche Kinder die vorbereitende Penisfunktion bereits in 
abnorm jungen Jahren in ungeheuerlichem Maße. Aus diesen infantilen, 
unreifen, aktiven Penisgefühlen entstehen durch unbewußte Umwand- 
lung die sadistischen Strebungen". Um erklären zu können, wie aus 
solchen Penisgefühlen, die ja durchsichtig nichts anderes sind als 
Symptome der von mir beschriebenen Urethral-Erotik, dann die 
oft ungeheuerlichen sadistischen Gelüste werden, zieht Federn „die 
funktionalen imd somatischen Phänomene" Silberers heran, „zu 

Jahrbuch der Psychoanalyse. VI. 20 



306 J. Sadger. 

deren charakteristischen Eigentümlichkeiten es gehöre, daß geringe 
Reize stark vergrößert zur Darstellung kommen". 

Ich habe gegen Feder ns Theorie eine Eeihe von Einwänden 
vorzubringen. Zunächst als schwerwiegendsten, daß sie überhaupt nur 
für den Mann gezimmert, da ja dem Weibe das Membrum und damit 
auch die Gefühle in diesem fehlen. Nim unterscheidet der Sadismus 
des Weibes sich weder quantitativ noch qualitativ von dem des Mannes. 
Also muß eine richtige Erklärung des Sadismus notwendig für beide 
Geschlechter zutreffen. Diese Schwierigkeit wäre bloß dann behoben, 
wenn Federn sich entschließen würde, was er offenbar zu vermeiden 
wünscht, jene obbeschriebenen Penisgefühle als Symptome meiner Ure- 
thral-Erotik anzuerkennen. Denn Spannungsgefühle in Urethra haben 
auch urethralerotische Frauen. Kaum minder bedeutsam ist ein weiterer 
Einwand. Federn ist uns den kasuistischen Nachweis seiner Theorie 
ganz schuldig geblieben. Aus einer, wie mich dünkt, übel angebrachten 
Diskretion hat er von seinen Fällen so wenig erzählt, daß man gar 
nicht kontrollieren kann, ob sich seine Theorie auch nur an diesen 
selber bestätigt. Wir erfahren eigentlich immer bloß, daß seine sämt- 
lichen Perversen ausgesprochene Urethralerotiker waren und bei ihren 
Erektionen eine schmerzhaft-lustvoUe Reizung verspürten, übrigens 
auch" darum schon, weil sie gewöhnlich an akutem Tripper oder aber 
dessen Folgen litten. Zur Stütze seiner Theorie zieht Federn endlich 
noch eine Reihe sadistischer Träiime jener Perversen heran, gibt aber 
da neben der somatischen Reizquelle ausschließlich den manifesten 
Trauminhalt an, der bekanntlich einfach gar nichts beweist, weil die 
latenten Traumgedanken einen durchaus andern Sinn haben können. 
Ein geübter Psychoanalytiker sollte doch vermeiden, mit solchen Lehr- 
lingsfehlern zu kommen! 

Nun höre man, welche Schlußfolgerungen unser Autor zieht: 
„Aus den mitgeteilten Träumen (wohlgemerkt aus dem manifesten 
Trauminhalt!) können wir mit Sicherheit') entnehmen, daß eine un- 
gewöhnlich intensive Genitalreizung beim Manne sadomasochistische 
Szenen träumen macht, wobei der genitale Schmerz als Steigerimg des 
Genitalreizes wirkt. Da wir die unbewußten Vorgänge des Traumlebens 
als den primitiven kindlichen psychischen Vorgängen entstammend und 
ihnen analog ansehen, so ist der Schluß berechtigt, daß die Resultate 
von Verschiebungs- und Verdichtungsvorgängen im Traume analog 



^) Von mir gesperrt. 



Sexuelle Perversionen. 307 

6ind denen, vie sie früher in der Kindheit aus demselben Materiale 
hervorgegangen wären, und wir können von gleichen Resultaten mit 
großer Wahrscheinlichkeit auf gleiche Quellen schließen. Sowie die 
träumende Psyche die gleichzeitige Sensation von gesteigertem sexu- 
ellen Verlangen, von Krampf und Schmerz in der Genitalsphäre, zu 
sadistischen Träumen verarbeitet, ebenso wird die Kinderpsyche seiner- 
zeit diese Regungen und Phantasien gebildet haben." Mich lassen 
Federns Fälle bloß vermuten, daß der Urethral-Sadismus imd -Maso- 
chismus in praxi weit häufiger zu finden ist, als ich bisher annahm i). 
Das wertvollste Stück von Federns Arbeit dürfte wohl die Be- 
tonung der Beziehungen zwischen Antimoral, Sadismus und Koprolagnie 
sein. Von Freuds Ableitung des Trotzes aus der Analerotik aus- 
gehend, meint unser Autor: „Die anale Libido war schon in der aller- 
ersten Kindheit eine Hauptursache von Widersetzlichkeiten und eigen- 
sinniger, trotziger Einstellung gegen die Umgebung des Kindes. Sie 
bleibt Hauptquelle der späteren antikulturellen und schmutzigen Ten- 
denzen, wie sie bis zur hochgradigen Steigerung im satanischen Sadis- 
mus zutage treten. Diese Tendenzen verraten ihre infantile Herkunft 
an ihrem kindischen und komischen Betätigungsgebiete, dem ,Unan- 
etändigen in jedem Aggregatzzustande'. So erklärt sich die groteske 
scheinbare Sinnlosigkeit, daß mit dem größten Aufwand von Antimoral 
und Eigenrecht Schmutzgelüste aus der Windelzeit, allerdings verbun- 
den mit grausamsten Sadismen in Szene gesetzt oder als geschehen er- 
zählt werden. Bei solchen Individuen regen alle bei nicht libidinösen 
Anlässen auftretenden Trotzeinstellungen die anale und sadistische 
Libido neu an und die Individuen reagieren in der oben dargestellten 
Ausdrucks form, in koprolagnen Sadismen oder bei stärkerem Infanti- 
lismus der erogenen Zone in analen Symptomen." Hat Federn auch 
den Zusammenhang zwischen Sadismus und Analerotik keineswegs 
aufgeklärt, so scheint auch nach meinen eigenen Erfahrungen tatsäch- 
lich eine Beziehung zwischen ihnen und beider zur Antimoral zu be- 
stehen. 



^) Ein weiteres Argument, das ich gegen Federn vorzubringen hätte, 
wäre, daß es sadistische Betätigungen gibt, lang ehe jene Penisgefühle sich über- 
haupt zu regen vermögen. Fall 2 meiner Kasuistik (in ,,über den sado-maso- 
chistischen Komplex") handelt von einem BeiiB- und Urethralsadisten. Dessen 
Mutter schrieb mir: ,,Ich kann mich sehr wohl erinnern, daß er beim Stillen 
ungeheuer stark saugte. Es war fast schmerzhaft." Daß dieses ungeheuer starke, 
fast schmerzhafte Saugen, offenbar der Anfang seines Beißsadismus, vom 
Genitale verschoben sei, kann man wohl ausschließen. 

20* 



308 J. Sadger. 

In meiner vor kurzem publizierten Arbeit „Die Psychoanalyse 
eines Autoerotikers" (12) hat dieser letztere, der überdies an Fetischo- 
Masochismus litt, die Ich-Seite des Masochismus, die Lust am Zwang 
und der Demütigung, ein wenig beleuchtet. Zutreffend resümierte er 
nämlich: „Wir müssen den Masochismus teilen in das Vergnügen am 
Schmerz und das Vergnügen am Zwang. Während das Vergnügen 
am Schmerz und an der behinderten Bewegungsfreiheit durch die Haut- 
und Muskelerotik genügend erklärt ist, bedarf die Lust an dem so ge- 
übten Zwang, der zum Teil schon in den geistigen Masochismus hin- 
überspielt, noch einiger Erklärung." Und da kam er nach Anführung 
verschiedener psychischer Überdeterminierung am Ende selber zum Er- 
gebnis: „Lustvoll war jedenfalls auch der Zwang, den ich mir auf- 
erlegte, wenn ich den Stuhl hinausschob, aber auch ihn herzugeben, wie 
man ihn verlangte. So wären beide Seiten des Zwanges lustvoll." Der 
primäre Zwang, den das Kind so ausnehmend lustvoll empfindet, daß 
es immer wieder gezwungen werden will, könnte gut jene allererste 
Nötigung sein zu einer ordnungsgemäßen Befriedigung seiner natür- 
lichen Bedürfnisse^). Selbstredend würde die Zwangslust verstärkt, wenn 
von vornherein eine konstitutionell erhöhte Anal- und Urethralerotik 
besteht, die auf diese Weise in eine ursächliche Beziehung träte zum 
Sado-Masochismus. Ich behandelte einen Zwangsneurotiker, dessen seit 
langem unterdrückter Sadismus wieder lebendig wurde, als seine kleinen 
Kinder infolge jener erhöhten Erotik weit über die physiologische 
Zeit hinaus nicht zimmerrein wurden. Auch Freud hat sich neuerdings 
bemüßigt gesehen („Die Disposition zur Zwangsneurose, Z. I., 1913), 
eine prägenitale, analerotisch-sadistische Stufe in der Sexualentwick- 
lung anzunehmen. 

Am 24. Februar 1909 hielt der nämliche Antor in der Wiener 
psychoanalytischen Vereinigung einen Vortrag über „Die Genese des 
Fetischismus", der leider bis heute noch nicht veröffentlicht wurde. Den 
Kern seiner Ausführungen will ich hersetzen. Es handle sieh bei dieser 
Perversion um eine partielle oder völlige Verdrängimg eines oder zweier 
sexueller Teiltriebe (Riech-, Schaulust, masturbatorische Betätigimg 
ad membrum), dann femer um Spaltung des Komplexes, auf den sich 
jene Triebe beziehen, und endlich auch meist noch um eine Verschie- 



1) Ein Patient Abrahams (1) malte sich direkt masochistische Situationen 
aus, in denen er gezwungen wird, seine Bedürfnisse zurückzuhalten, durchsichtig 
in Anlehnung an infantile Gebote. 



Sexuelle PerTersionen. 309 

bung. Bei der Spaltung wird ein Stück verdrängt, der Rest hingegen 
ohne oder mit Verschiebung des Objektes zum Fetisch erhoben, d. h. 
idealisiert. Ein paar Beispiele mögen das Gesagte illustrieren. Ein 
Kleiderfetißchist hat in seiner Kindheit der Mutter stets zugesehen, 
wenn sie sich auszog, und wurde darüber zum Voyeur. Diese Schaulust 
hat er dann ganz verdrängt. Als sich aber später seine Sinnlichkeit 
meldete, erwies er sich plötzlich als Kleiderfetischist imd verehrte jetzt 
das, was ihn ursprünglich am Sehen gehindert hatte: die Frauenkleider 
nändich. Sein früherer Komplex war gespalten worden, den nackten 
Frauenleib hatte er als zu anstößig verworfen und von ihm auf die 
Bedeckung verschoben, die ihrerseits wieder idealisiert und zum allei- 
nigen Fetisch erhoben wurde. Ein Fußfetischist erwies sich wie alle der- 
artig Perversen mit konstitutionell verstärkter Riechlust behaftet. 
Als Kind hatte er die Gewohnheit gehabt, zwischen seinen Zehen her- 
umzuarbeiten, welche stark riechende Sekrete absonderten, die ihm eia 
Gegenstand besonderer Lust waren. Nach Verdrängung der Riechlust 
ward jetzt der nicht mehr riechende Fuß zum ersehnten Fetisch. Im 
ähnlichen Fällen kommt noch eine Verschiebimg auf den Schuh hinzu,, 
der den Fuß bedeckt, so daß der Betreffende Schuhfetischist wird. Bei 
einem Handfetischisten stellte sich heraus, daß sein Jugendleben aus- 
gefüllt war von maßloser mutueller Onanie. Nach Verdrängung der 
letzteren ward er unter Verschiebung vom Mann auf das Weib ein 
Fetischist für weibliche Hände, wobei noch anzumerken ist, daß auch 
bei seiner wechselseitigen Masturbation primär wahrscheinlich der 
Wunsch bestand, von einem Weib onaniert zu werden. Schon in den 
„Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" machte Freud aufmerksam, 
daß bei allen Fetischisten eine gewisse Herabsetzung des Strebens nach 
dem normalen Sexualziel besteht, eine exekutive Schwäche des Sexual- 
apparates, daß ferner der Fuß bereits im Mythos als uraltes Phallus- 
symbol benutzt wird (dem entsprechend der Schuh als Symbol des 
weiblichen Genitalee) und er endlich noch einen Ersatz darstellt für 
den schwer vermißten Penis des Weibes. 

Diese Grundlinien, welche Freud gezogen, sind seitdem mehr- 
fach bestätigt worden. Ich nenne in erster Linie Abrahams inter- 
essante „Bemerkungen zur Psychoanalyse eines Falles von Fuß- und 
Korsettfetischismus" (1). Der beschriebene Kasus ist auch dadurch be- 
merkenswert, daß er die so häufige Kombination von Fetischismus und 
Masochismus beleuchtet, der auch die autoerotische Komponente nicht 
fehlt. In manchen Punkten zeigt er eine auffällige Ähnlichkeit mit einem 



310 J. Sadger. 

von mir beschriebenen Mann (12), der ein Kleiderfetischist und Maso- 
chist war, vor allem aber ein ganz extremer Autoerotiker. Einen Fall 
von Handschuhfetischismus und Masochismus publizierte ich in 
Arbeit (9) (Fall 1 der dortigen Kasuistik). Allen Forschern ist schon 
aufgefallen, wie häufig sich der Fetischismus mit Sadismus oder Maso- 
chismus verbindet. Die Kombination mit dem erstem trifft ja bekannt- 
lich auch bei den „Zopfabschneidern" zu. Noch eine weitere Merkwür- 
digkeit verrät gerade unsere Perversion. Im sogenannten „großen Feti- 
schismus" ist sie nämlich ganz frei und unabhängig worden vom mensch- 
lichen Träger oder Besitzer des Fetisch. Das gewährt nun einen be- 
sonderen Vorteil. Wir hörten bereits, daß der Fuß und, wie ich jetzt 
hinzufügen kann, auch der Zopf des Weibes nichts anderes darstellen 
als dessen schmerzlich vermißten Penis. Die Fälle von Kleiderfetischis- 
mus ergeben des weitem, daß das bedeckende Kleid das nackte Gesäß 
symbolisiert einschließlich der Nates. Der Patient meiner Studie 12 
hat vollkommen recht, wenn er behauptet: „So ein Fetisch ist eigent- 
lich nichts, als eine bis in die letzten Konsequenzen getriebene- 
Symbolisierung, wo das Symbol tatsächlich an die Stelle der Wirk- 
lichkeit tritt." Der Vorteil des großen Fetischismus besteht darin, 
daß man entweder, wie der letzterwähnte Manchesterfetischist, das 
Symbol ungestraft und ohne sich genieren zu müssen, benützen darf, 
oder, wie in den meisten anderen Fällen, den ersehnten Geschlechtsteil 
immer bei sieh tragen und verwenden kann, ohne irgend von der Außen- 
welt abhängig zu sein, genau wie der Masturbant es macht, wenn freilich 
auch nur in der Phantasie. Übrigens endet auch die Betätigung des 
großen Fetischismus gewöhnlich in einem onanistischen Akt, 

Über den Exhibitionismus ist so gut wie gar nichts geschrieben 
worden. In seiner unendlich vorsichtigen Art meint Freud in den 
,,Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie": „Wenn ich nach einer ein- 
zigen Analyse schließen darf, so zeigen die Exhibitionisten ihre Geni- 
talien, um als Gegenleistung die Genitalien des andern Teiles zu Ge- 
sicht zu bekommen." Diese Ansicht Freuds ist bis heute weder be- 
stätigt noch bestritten worden. In der psychoanalytischen Literatur 
existiert nur eine einzige einschlägige Arbeit von Wilhelm Stekel(13). 
Dort wird die Behauptung enunziert: „Der Exhibitionist glaubt 
an die Unwiderstehlichkeit und Zaubergewalt seiner Reize. Da- 
mit verrät sich der Exhibitionismus als eine bestimmte Form des Nar- 
zissismus." Das ist nun ein Gedanke, der möglicherweise sogar zum 
Teil richtig sein könnte. Doch selbstverständlich muß eine solche Be- 



Sexuelle Perversionen. 311 

hauptung erst bewiesen oder mindestens an einer Reihe von Fällen 
erhärtet werden. Davon ist bei St ekel nicht die Rede. Eine Be- 
weisführung wird nicht versucht und an Kasuistik bringt er — 
eine Zuschrift an die Frankfurter Zeitung, „Eva vor Gericht"' be- 
titelt. In dieser wird von einem alten "Weibe erzählt, das, als Zeugin 
vorgeladen, sich plötzlich vor dem Gerichtshof völlig entblößt, worauf 
sie dieser zu einer Gefängnisstrafe verdonnert. 

Zum Schlüsse möchte ich noch den Narzißmus, die Verliebheit in 
das eigene Ich, mit einigen "Worten kurz besprechen. Vielfache Erfah- 
rungen, zumal an der Homosexualität und der Paranoia respektive 
Dementia paranoides gemacht, haben Freud veranlaßt, zwischen die 
Stadien des reinen infantilen Autoerotismus und der spätem Objekt- 
wahl in der Pubertät ein Stadium des Narzißmus einzuschieben, und 
zwar schon als normale Entwicklungsstufe. Die Selbstverliebtheit er- 
fährt dann in den obgenannten Affektionen sowohl eine Steigerung als 
eine pathologische Fixierung. Bei der Inversion habe ich schon oben 
einläßlicher davon gehandelt, bei der Paranoia wird von anderer Seite 
berichtet werden. Hingegen ist über den Narzißmus im allgemeinen, 
den normalen, physiologischen wie den krankhaft gesteigerten, just in 
den allerletzten Jahren zwar viel gearbeitet und auch mündlich vorge- 
tragen, doch äußerst wenig veröffentlicht worden. Da ich hier bloß 
über Gedrucktes referiere, obendrein ausschließlich über solches seit 
dem Jahre 1909, bleibt nur eine einzige Arbeit zu besprechen, von Otto 
Rank (6). Aus einer älteren Studio von mir selbst, aus dem Jahre 
1908^) sei rekapituliert, daß ich als eine der Grundlagen des Nar- 
zißmus die Bewunderung des Kindes durch seine ]\Iutter fand. Auf dem 
Wege der Identifikation mit dieser gelange dann das Kind zur Selbst- 
bewunderung, spiele also im Narzißmus Mutter und Kind in einer 
Person, am eigenen Leibe beide vereinend. Sowohl diese Erkenntnis 
als eine frühere Bemerkung Freuds, die Verliebtheit in den eigenen 
Körper, bedinge ein gut Stück der normalen weiblichen Eitelkeit, konnte 
Rank in seiner schönen Arbeit bestätigen. Sagt doch sein narzißtisches 
Mädchen von einem Liebhaber: „Ich kann ihn nur lieben, wenn er mich 
liebt, sonst könnte ich es nicht" und verrät nach Rank „damit, daß sie 
den nach gev.issen anderen Bedingungen (Ähnlichkeit mit dem Vater, 



1) Psychiatrisch-Neurologisches in psychoanalytischer Beleuchtung. Zen- 
tralblatt für das Gesamtgebiet der Medizin und ihrer Hilfswissenschaften, Nr, 7 
und 8, 1908. 



312 j. Sadger, 

eine gewisse Weiblichkeit in Benehmen und Habitus) gewählten Mann 
nur auf dem Umweg über ihre eigene Person zu lieben vermag; sie 
liebt ihn, weil er sie liebt, gleichsam zur Belohnung dafür, daß er ihre 
Schönheit und ihren Wert voll anerkennt. Oder mathematischer aus- 
gedrückt: sie liebt ihre Person und er liebt ihre Person, folglich liebt 
sie auch ihn, aber eigentlich nur eich selbst in ihm." 

Besonders interessant ist, was Bank über die Entstehung ihrer, 
wenn auch unbewußten Inversionsneigung mitteilt. Sie hat ähnlich, wie 
wir das von Urningen hörten, eine intensive, aber kurzlebige Fixie- 
rung an die Mutter durchgemacht, dann nach Verdrängung dieser homo- 
sexuellen Neigung imd normaler Weiterentwicklung zu manifest hetero- 
sexuellem Fühlen doch unbewußt starke Inversionsempfindungen be- 
halten. „Das Urbild der erstgeliebten Mutter kann nun, einerseits in- 
folge der Verdrängung der Neigung zu ihr, anderseits infolge des 
Altersunterschiedes (Schönheit), der dem geschlechtsreifen Individuum 
anstößig ist, in den Liebesobjekten nicht direkt wiederbelebt werden 
und hier scheint der Narzißmus modifizierend einzuwirken, indem 
die Objektwahl nach dem Vorbild der eigenen Person vor allem in 
Alter und Schönheit entsprechendere Personen, zu wählen gestattet, die 
jedoch infolge der Ähnlichkeit, die gewöhnlich zwischen Mutter und 
Kind in irgend einer Form besteht, eigentlich aufgefrischte, sozusagen 
verjüngte Auflagen der erstgeliebten Personen, kurz gesagt Resultanten 
zwischen dem Ich und dem betreffenden Eltemteil (der Mutter) dar- 
stellen . . . Die gleiche Verjüngungstendenz weiß eine Gruppe von 
männlichen Homosexuellen, in der Form zu realisieren, daß sie in der 
stete erneuerten Wahl von Jünglingen, die ihnen ähnlich sind, ihre 
eigene Person, wie sie sich in einem bestimmten Entwicklungsstadiura 
präsentiert hatte, als Liebesobjekt festzuhalten suchen." In der gründ- 
lichen und gediegenen Art, die sämtliche Arbeiten Ranks auszeichnet, 
hat er endlich die Wirksamkeit des Narzißmus auch in seinem speziellen 
Studiengebiete, der Dichtung und Sage, an einigen Beispielen nachge- 
wiesen. So besonders an den Selbstportraite vieler Maler, an Wildes 
Roman „Das Bildnis des Dorian Gray" und schließlich an den ver- 
schiedenen Gestaltungen, welche die Sage von Narkissos bei alten und 
neueren Dichtern fand. 

Überblicken wir nunmehr, was die psychoanalytische Methode 
zumal in den letzten fünf Jahren aufdeckte, so können wir sagen: die 
Psychopathia sexualis ist kein großer Raritätenkasten mehr, auch 
keine Sammlung von Entartungsphänomenen, wie bisher vielfach an- 



Sexuelle Perversionen, 313 

genommen wurde, sondern eine Darstellung der Ausbildung und 
Fixierung, eo besonders die extragenitalen Geschlechtstriebe im Laufe 
ihrer Entwicklung erfuhren. In ziemlich weitgehendem, vorher nicht 
einmal geahntem Umfang hat die Lehre von den Geschlechts- 
verirrungen Aufklärung gefunden, ein Verständnis ihrer seelischen 
Zusammenhänge und last not least auch die Möglichkeit der Heilung 
oder mindestens einer subjektiv wertvollen Versöhnung des Perversen 
mit seiner Verirrung. 



2 1 



IL Klinischer Teil. 



Allgemeine Neurosenlehre. 

Referent: Dr. S, Ferenezi. 



Literatur*). 1. Abraham K.: Traum und Mythos. Eine Studie zur 
Völkerpsychologie (1909). Sehr. IV. Deuticke, Wien. — 2. Adler A.: Über 
den nervösen Charakter. Bergmann, Wiesbaden, 1912. — 3. Ferenezi S.: 
Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. Zeitschr., I. Jahrg. 1913. — 

4. Dera.: Introjektion und Übertragung. Jahrb. I. — 5. Dera.: Ein kleiner 
Hahnemann. Zeitschr. I. — 6. Freud S.: Meine Ansichten über die Rolle 
der Sexualität in der Ätiologie der Neurosen. In Löwenfelds Sexualität 
und Nervenleiden, 1909. — 7. Ders.: Zur Dynamik der Übertragung. Zbl., 
Jahrg. II, S. 167, 1912. — 8. Ders.: Über neurotische Erkrankungstypen. 
Zbl. II, S. 297, 1912. — 9. Ders.: Psychoanalytische Bemerkungen 
über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia. Jahrb. III, 

5. 9, 1911. — 10. Ders,: Die Disposition zur Zwangsneurose. Zeitschr. I. 
Jahrg. S. 525, 1913. — 11. Ders.: Formulierungen über die zwei Prinzipien 
des psychischen Geschehens, Jahrb. III, S. 1, 1911. — 12. Ders.: Totem 
und Tabu (H. Heller, Wien 1913.) - 13. Ders.: Über wilde Psychoanalyse. 
Zbl. I, 1911. — 14. Ders.: Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose. 
Jahrb. I, S. 357. — 15. Ders.: Über fausse reconnaissance (,,dejä raconte") 
während der psychoanalytischen Arbeit. Zeitachr. II, S. 1, 1914. — 16. Ders.: 
Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten in der Psychoanalyse. 
Zeitschr. I. S. 117. — 17. Ders.: Die psychogene Sehstörung in psycho- 
analytischer Auffassung. Ärztl. Standeszeitung, Wien, 1910; abgedruckt in 
Freuds Sammlung Kl. Schriften zur Neurosenlehre, Bd. III. — 18. Honegger: 
Über paranoide Wahnbildung. (Im Bericht über den II. Kongreß der Internat. 
Psychoanalyt. Vereinigung in Nürnberg, 1910, Zbl. I, S. 129.) — 19. Jung 
C. G.: Wandlungen und Symbole der Libido. Jahrb. III, 1911. — 20. Ders:. 
Versuch einer Darstellung der psychoanalytischen Theorien. Jahrb. V, 1913. 
— 21. Sadger J.: Ist das Asthma bronchiale eine Sexualneurose? Zbl. I, 
S. 20O, 1911. 

Die Neurosenlehre Freuds in ihrer Entwicklung zu ver- 
folgen, ist eine schwierige, aber genußreiche Aufgabe. Abgesehen von 
der praktischen und wissenschaftlichen Bedeutsamkeit der Resultate, 
die sie zeiti gt, ist dia Art, in der die Psychoanalytik die Ergebnisse 

1) Vgl. das Verzeichnis der Abkürzungen, S. 264. 

2 1 . 



3i8 S. Ferenczi. 

ihrer Neuro eenforschung zu einem immer imposanteren Gebäude zu- 
zusammenfügt, auch von methodologischem Standpunkt« mustergültig, 
dabei so spannend interessant, wie das Entstehen eines Kimstwerkes 
oder wie das Wachsen eines Lebewesens. Da die Psychoanalyse voraus- 
setzungsloB an die Prüfung der Tatsachen herangeht, ist sie immer 
gerne bereit, ihre Hilfshypothesen für andere, bessere auszutauschen; 
die Vermeidimg vorzeitiger Verallgemeinerungen und die strenge Kon- 
trolle durch die Erfahrung bewahrte sie aber bis jetzt davor, einen 
einmal erkannten Zusammenhang völlig aufgeben zu müssen. 

Die letzte, in diesem Jahrbuch referierte neurosenpsychologische Ar- 
beit Freuds (aus dem Jahre 1906) (5), berichtete über die überraschende, 
für den Autor gewiß auch erschütternde Entdeckung, daß die in der 
Analyse zutage geförderten Traumata der Kindergeschichte in der 
Mehrzahl der Fälle nicht wirklich als solche erlebt, sondern zu ganz 
harmlosen Erlebnissen später hinzuphantasiert wurden. Einen Augen- 
blick schwebte die Psychoanalyse in der Gefahr, wegen der „Unverläß- 
lichkeit" der Angaben der Hysterischen aufgegeben zu werden. Es ge- 
hört zu den bedeutsamsten Taten Freuds, daß er trotz dieser Ent- 
täuschung ausharrte und nunmehr diese Phantasien selbst zum 
Gegenstande seiner Forschung nahm. Diese Änderung der Forschungs- 
richtung hatte zur Folge, daß die Psychoanalyse, die bis dahin immer 
nur nach den äußeren Schicksalen und besonders nach den sexuellen 
Traumen der Kindheit forschte um das neurotische Symptom zu ver- 
stehen (und zu heilen), ihre Aufmerksamkeit nunmehr auf die Ursachen 
richtete, die den Neurotiker verlassen, harmlose Kindheitserlebnisse 
zu pathogenen Phantasien aufzubauschen. Diese Ursachen konnten 
nur in endogenen Momenten gesucht werden, während die Frage nach 
der Art und der Stärke der exogenen Momente einstweilen in den 
Hintergrund trat. Wir werden sehen, daß das Trauma in einer späteren 
Phase der Forschung wieder die ihr gebührende Beachtung findet, wie 
es übrigens von Freud nie aus dem Auge verloren wurde. 

Durch die Hervorhebung des konstitutionellen Moments bei der 
Verursachung der Psychoneurosen drohte der Neurosenlehre die andere 
große Gefahr, daß sie einfach in die von Janet, Lombroso, Möbius 
und anderen verfochtene „Degenerationstheorie" der Neurosen ein- 
mündet und die psychologische Untersuchung allzufrüh einer bis jetzt 
ganz sterilen biologischen Phraseologie opfert. Vor diesem Irrtum be- 
wahrte Freud seine Kenntnis der Dynamik der Verdrängung und 
seine Untersuchungen über die Entwicklungsvorgänge der Sexualität. 



Allgemeine Neurosenlehre. 319 

Die Verdrängung erkannte Freud schon früher als einen Mecha- 
nismus, der, um das Bewußtsein vor Unlust zu bewahren, gewisse Ge- 
fühls- und Gedankenkomplexe unbewußt macht oder am Bewußtwerden 
hindert. Die Untersuchung der Sexualentwicklung zeigte ihm dann, 
daß das Reifen der Sexuallibido in Verdrängungsschüben vor sich geht. 
Die überwundenen Phasen der Entwicklung, die sogenannten „Perver- 
sionen", bleiben im Unbewußten in ihrer ursprünglichen Form lebendig, 
machen sich aber beim Normalen nur in Ausnahmsfällen und in Aus- 
nahmszuständen bemerkbar. Beim Neurotiker dagegen kehren sie aus der 
Verdrängung, allerdings in entstellter, negativ gefaßter Form wieder. 
Die Erkrankung an einer Neurose ist also der Effekt eines Konfliktes 
zwischen der infantil gebliebenen oder wieder infantil gewordenen 
Sexuallibido und einer gegen sie ankämpfenden verdrängenden Macht 
und die Symptome sind Kompromißbildungen, die beiden Strebungen 
gerecht werden. 

Diese Kenntnisse gestatteten Freud, sich auch nach der vor- 
läufigen Abwendung von der Traumatheorie, sich nicht mit der trost- 
losen Phrase von der „Entartung" als Erklärung der Neurosenbildung 
begnügen zu müssen. Die Psychoanalyse gewährte einen tiefen 
Einblick in die Entwicklungsstufen der bei der Sexualverdrängung be- 
teiligten psychischen Mächte und gab dem sonst nichtssagenden Worte 
„Konstitution" einen bestimmten Inhalt. Die Portschritte der Neurosen- 
lehre seit dem letzten in diesem Jahrbuch zusammengefaßten Referate 
vollziehen sich denn auch im Zeichen der Psychogenetik. Um die Frage 
nach dem Wesen und der Herkunft der Neurosen beantworten zu 
können, muß die Psychoanalyse erst den Schicksalen der Libido und 
des Ich in allen wichtigen Etappen ihrer onto- und phylogenetischen 
Entwicklung nachspüren. 

In der Arbeit über die Dynamik der Übertragung (6) gibt uns 
Freud die Erklärung der unbewußten und bei der Analyse spontan 
zutage tretenden oder durch Deutung zu erkennenden pathogenen 
Phantasiebildungen. Zunächst zeigte er uns als die Quelle des Phanta- 
ßierens überhaupt den unbefriedigten, daher der Realität abgewendeten 
und in der Entwicklung aufgehaltenen Anteil der Libido. Dieser nicht zu 
befriedigende und primitive Libidoanteil, der, obzwar ins Unbewußte ver- 
drängt, dennoch wirkungsfähig bleibt, ist nun bei manchen infolge 
hereditärer und infantil-traumatischer Momente besonders groß; dies 
sind die Individuen, bei denen die Vorbedingungen zur Erkrankung an 



320 S. Fereaczi. 

einer Peychoneurose gegeben und die geneigt sind, auf äußere Anlässe 
hin ihre Libido zu introvertieren, d. h, den bewußtseinsfähigen An- 
teil der Sexuallust noch mehr zu verringern, den unbewußten aber um 
Bo mehr zu vermehren. Die Triebe und die Liebesziele, die dabei 
regressiv wiederbelebt werden, sind primitiver Natur; die von ihnen 
gespeisten Phantasien bleiben daher unbewußt, die Zensur gestattet 
nur ihren entfernten Abkömmlingen — den Symptomen — die Schwelle 
des Bewußtseins zu übertreten. Die auslösende Ursache der Regression 
(der Erkrankung) ist entweder der Nachlaß der Anziehungskraft der 
Realität oder die abnorm starke Anziehung des infolge der Ent- 
wicklungshemmung überstark gebliebenen unbewußten Libidoanteils. 
Den neurotischen „Erkrankungstypen" widmete Freud eine be- 
sondere Studie, in der er uns zeigte, unter welchen Bedingungen der 
Nachlaß der Anziehung der Realität und die Regressionsneigung auf- 
treten kann. 

Freud unterscheidet vier Typen der psychoneurotischen Er- 
krankung; allen gemeinsam ist die Libidostauung, d. h. die An- 
sammlung einer relativ zu großen, nicht zu befriedigenden und 
psychisch nicht zu bewältigenden Libidomenge. Beim ersten Typus 
ist die Aufstauung der libidinösen Spannung die Folge der Versagung, 
d. h. der Entziehung der die Liebe des Individuums befriedigen- 
den Objekte, mit anderen Worten : die . aufgenötigte Abstinenz. 
Bei entsprechender Disposition begibt sich die unbefriedigt bleibende 
Libidomenge in die Regression und kann die infantilen Imagines (d. h. 
die Sexualziele einer unreifen Entwicklimgsstufe) in unbewußten Phan- 
tasien wiederbeleben. Ein zweiter Typus erkrankt an der mangelhaften 
Fähigkeit zur Anpassung an die Realität; die Krankheitsanlässe 
sind hier Realforderungen, denen diese Individuen nicht gewachsen sind^. 
Beispiele dafür sind Masturbanten, die ihre autoerotische Libido zur 
Objektliebe drängen möchten, es aber nicht zustandebringen, oder mit 
ihrer ganzen Seele an der Verwandtschaft hängende Individuen, die sich 
dennoch zur selbständigen Familengründung aufraffen möchten. Wie 



1) Natürlich versteht Freud darunter ausdrücklich die sexuelle Realität 
und die Unfähigkeit, sich der sexuellen Realforderung anzupassen. Ich 
glaube, daß die neueren, irrigen Ansichten einzelner Schweizer Psychologen über 
die Ätiologie der Neurosen eigentlich nur aus der mißverständlichen Auffassung 
dieses Erkrankungatypua entstanden sind, indem sie diesen Typus als den einzig 
möglichen und auch die nichtsexuelle Realforderung als krankmachend hinstellten, 
was aller Erfahrung widerspricht. 



Allgemeine Neurosenlehre. 321 

eine Übertreibung diescB Typus erscheint die dritte Erkrankungeart; 
sie betrifft Menschen, deren Libido ganz im Infantilismue stecken bleibt 
und die auch ohne äußeren Anlaß erkranken, sobald sie das unverant- 
wortliche Kindesalter überschreiten. — Die letzte der von Freud isolierten 
Erkrankungetypen ist die Erkrankung infolge rein biologischer Libido- 
steigerungen, wie sie in gewissen Lebeneabschnitten spontan auftreten; 
die Erkrankung ist auch hier die Folge der Verdrängung jener Libido- 
quantität, die psychisch nicht bewältigt werden kann. Die theoretisch 
bedeutsame Lehre aus diesen der analytischen Erfahrung entnommenen 
Erkrankungsmöglichkelten zieht Freud in dem Satze, daß man den 
unfruchtbaren Gegensatz von äußeren und inneren Momenten, von 
Schicksal und Konstitution aufgeben und bei der Ätiologie der Neurosen 
beide berücksichtigen muß, denn beide Momente können für sich oder 
gemeinsam krankmachend wirken, wenn nur die Situation der relativ 
zu starken Libidostauung gegeben ist. 

In den bisher behandelten Arbeiten wurde zwar der dispositionelle 
Faktor der Erkrankung bereits als eine Entwicklimgestöning respektive 
als Entwicklungehemmung des Libido bezeichnet, aber erst die psycho- 
analytische Untersuchung eines autobiographisch beschriebenen Falles 
von Paranoia (9) ermöglichte es Freud, den Begriff der neurotischen 
Disposition und der Verdrängung schärfer zu fassen. Er nahm an, daß 
jede Neurose die Fixierung an eine bestimmte Entwicklungestufe der 
Libido voraussetzt. Früher kannten 'Wir nur zwei solcher Entwicklunge- 
stadien: den AutoerotiemuB und die Objektliebe. Die Erfahrungen bei 
der Homosexualität und der Paranoia nötigten zur Annahme einer dritten 
narzißtischen Phase, in der das Individuum seine bis dahin gleichsam 
anarchisch sich befriedigenden Partialtriebe (wie die Anal-, Oral-, 
Urethralerotik, den Sadismus, Masochismus, die Exhibition und Schau- 
lust) zu einer Einheit zum „lieben Ich" zusammenfaßt und bevor ee 
sich zur Wahl eines Liebesobjektes in der Außenwelt, gleichsam zur 
Sozialisierung der Libido entschließt, zunächst dieses Ich zum Gegen- 
stand der erotischen Interessen nimmt. Jedes dieser Stadien kann einen 
Fixierungspunkt, gleichsam den Krietallisationsmittelpunkt 
einer zukünftigen Neurose abgeben. Ist nämlich ein normalerweise 
nur intermediäres Stadium der Libido überstark betont, so muß sie 
— infolge ihrer Inkompatibilität — von vornherein verdrängt bleiben 
und übt aus dem Unbewußten eine konstante Anziehung auf unluet- 
betonte und ihr irgendwie wesensverwandte Gefühls- und Gedanken- 
komplexe aue. So folgt auf die Fixierung eine mehr minder lange, 

Jahrbuch der PsjohQanalyse. VI. 21 



322 S. Ferenczi. 

noch symptomlose Periode der Verdrängung (richtiger der Nach- 
drängung), während der der entwicklungsfähige Anteil der Libido 
immer noch den Realforderungen nachkommen kann. Sobald aber auf 
eine der vorhin beschriebenen Arten eine relativ zu große Libidostauung 
zustandekommt, regrediert die Libido zur Fixierungsstelle und regt die 
dort immer noch florierenden infantilen Befriedigungstendenzen wieder zu 
Phantasien an, die dann das Material zur Symptombildung liefern. 

Soviel Entwicklungsstufen die Libido hat, so viele Fixierungs- 
punkte und neurotische Erkrankungsarten sind denkbar; ja: ein In- 
dividuum kann an mehrere Perioden der Libidoentwicklung fixiert sein, 
bei solchen ist die Möglichkeit mehrerer Neurosenarten, die gleich- 
zeitig oder nacheinander zur Entwicklung kommen können, gegeben. Einen 
Fall der letzteren Art teilt Freud in einer seiner neueren Arbeiten 
mit (10). Eine Patientin erfuhr, daß sie auf Kindersegen durch die 
Schuld des Mannes verzichten muß; auf diese Versagung der Befrie- 
digung ihrer Objektliebe reagierte sie mit Symptomen der Angst- 
hysterie. Im Momente, wo zur Generationsunfähigkeit des Mannes 
auch Impotenz zum Geschlechtverkehr hinzutrat, traten plötzlich an 
Stelle der hysterischen Erscheinungen Symptome der Zwangsneurose 
auf. Diese Neurose verdankt aber ihr Entstehen der Fixierung an eine 
noch, frühere Stufe der Libidoentwicklung, in der die erotischen Inter- 
essen analerotischen und sadistischen Zielen zugewendet waren. Zu 
diesem prägenitalen Fixierungsprodukte mußte also die auch an 
der Genitalerotik enttäuschte Libido der Patientin regredieren. — Von 
solchen bis zu den tiefsten Wurzeln der Neurose vordringenden Einzel- 
analysen dürfen wir die Lösung der Frage nach der Neurosen- 
wahl erwarten, der Frage nämlich, welche Bedingungen erfüllt sein 
müssen, damit jemand an einer bestimmten Neurosenart erkrankt. 
Was wir darüber bis jetzt erfuhren, läßt sich kurz sagen: die Disposi- 
tion zur Paraphrenie und Paranoia hat die Fixierung an ein sehr frühes 
Stadium der Libidoentwicklung (ans Narzißtische) zur Voraussetzung 
und die zwangsneurotische Fixierung fällt in die Zeit der prägenitalen 
(sadistisch-analerotischen) Periode, während die Hysterie durch eine 
Entwicklungsstörung jener Phase der Libidoentwicklung bedingt zu sein 
scheint, in der der Penis und die diesem äquivalente Clitoris die Leit- 
zonen der Erotik werden. 

Da die Verdrängung (und ihre Urform: die Fixierimg) sowie 
die Symptombildimg aus einem Konflikt zwischen den Ich-Interessen 
und dem Erotismus des Individuums resultieren, mußte man von vom- 



Allgemeine Neurosenlelire. 32;i 

herein annehmen, daß die Erforschung der Entwicklungsstufen der 
Ich-Triebe einen weiteren Fortschritt der Neurosenlehre mit eich 
bringen wird. Einstweilen sind aber nur wenige Untersuchungen in 
dieser Richtung durchgeführt worden. Die erste war die grundlegende 
Arbeit Freuds über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens (11), 
in dem uns u. a. gezeigt wurde, daß die egoistischen und die eroti- 
schen Triebe sich auch beim sogenannten Normalmenschen nur kurze 
Zeit hindurch — während des Säuglingsalters — harmonisch und 
parallel entwickeln; recht bald läuft die Entwicklung des Ich der der 
Erotik voraus, so daß der Sexualtrieb noch unter der Herrschaft des 
Lustprinzipes steht (und ihm zeitlebens mehr oder minder Untertan 
bleibt), während die Ich-Interessen sich schon frühzeitig der Realität 
anzupassen verstehen. Diese Phasenverschiebung ist also etwas Nor- 
males, der daraus resultierende Konflikt bleibt keinem Menschen er- 
spart; während er aber beim Gesunden höchstens zur Gestaltung der 
Charaktereigenschaften beiträgt, führt er beim Neurotiker zur Re- 
gression und zur Erkrankung. 

Referent machte dann den Versuch, den Einfluß der Entwick- 
lungsstufen des Realitätssinnes zur Zeit der disponierenden Fixierung 
auf die Neurosen festzustellen (3), und kam zur Annahme, daß sich 
dieser Einfluß am auffälligsten in der Symptomatik der einzelnen 
Neurosengattungen äußert. Die zweierlei Mechanismen der Neurosen 
(Projektion und Introjektion) seien durch die Fixierung an die Pro- 
respektive Introjektionsphase der Realentwicklung bedingt (4). In den 
Konversionssymptomen der Hysterie z. B., regrediere der Realitäts- 
sinn auf eine noch primitive Entwicklungsstufe, in der sich das Indi- 
viduum nur in einer Art Gebärdensprache äußern konnte; die 
Zwangsneurose wiederholt in ihren „Allmachtsphantasien" eine 
Phase der intellektuellen Entwicklung, die man als die animis tische 
bezeichnen kann, während die paranoische Projektion gleichsam als 
eine Übertreibung der „projektiven", „wissenschaftlichen" Stufe der 
Erkenntnis, der Objektivation erscheint. Die paraphrenische Isolierung 
von der Umwelt dagegen ist wie ein Rückfall auf die allerersten Stadien 
der individuellen Entwicklung (Säuglingszeit, intrauterines Leben). Nach 
alledem müßte man also bei der paranoischen und zwangsneurotischen 
Fixierung das zeitliche Zusammentreffen einer hochentwickelten In- 
telligenz mit noch sehr primitiven libidinösen Strebungen, bei der Hy- 
sterischen dagegen das Umgekehrte annehmen. All dies sind aber nur 
Ansätze zu einer Genealogie des Ich und der Libido, von deren Voll- 

21* 



324 S. Ferenczi. 

endung wir die endgültige Lösung dee Neurosenprobleme erwarten 
können. 

Einen bedeutsamen Fortschritt in der Erkenntnis der Pathogenese 
der Psychoneurosen bedeutete das Hineintragen phylogenetischer Ge- 
sichtspunkte in die Psychopathologie. Die ersten Anfänge dieser Rich- 
timg stammen von Freud selbst, der die Analogie einer Neurose (der 
Zwangskrankheit) mit einem völkerpsychologischen Produkte (der 
Religion) schon lange erkannte, und den ödipusmythos als Kernkomplex 
der Neurosen wiederfand. Abraham (1) führte dann den Parallelis- 
mus einer individuellen seelischen Schöpfung (des Traumes) mit der 
bereits überwundenen mythoebildenden Periode der Menschheit breiter 
aus, doch erst den Bemühungen der Züricher, besonders von 
Honegger (18) und Jung (19), gelang es, in den Wahnideen von 
Geisteskranken die fast wörtliche Wiederholung der Mythologie längst 
untergegangener Völker zu entdecken. Wir wissen nun, daß alle 
Psychoneurosen, und nicht — wie Jung meint — nur die Paraphrenie 
und Paranoia, Regressionen der Libido und des Ich auf frühere Stufen 
nicht nur der individuellen, sondern auch der Stammesgeschichte be- 
deuten, sie sind gleichsam fossile Reste früherer Geschlechter und lebende 
Beweise für die Anwendbarkeit desHaeckelschen biogenetischen Grund- 
gesetzes auf die Entwicklung der Psyche. Dieser letzte Fortschritt der 
allgemeinen Neurosenlehre verwischt übrigens vollends den vom 
engeren individuellen Standpimkte gesehen so schroffen Gegensatz 
zwischen traumatischen imd konstitutionellen Momenten in der Ver- 
ursachung der Neurosen. Erscheint doch im Lichte der Phylogenese „die 
Konstitution selbst als der Niederschlag aus den akzidentellen Ein- 
wirkungen auf die imendlich große Reihe der Ahnen" (Freud). 

Das Licht der phylogenetischen Betrachtungsweise verbreitete 
über viele, vorher nur unzureichend verstandene Eigentümlichkeiten 
der Neurotiker größere Klarheit, insbesondere über deren Inzestscheu 
und „Ambivalenz". Von der Inzestscheu wußten wir zwar durch Freud 
auch schon vorher, daß sie den „Kernkomplex" der Neurosen aus- 
macht, doch erst Freuds bedeutsamer völkerpsychologiseher Essay 
über „Totem und Tabu" (12) zeigte uns, daß der Ödipuskomplex nicht 
nur ein Infantilismus, d. h. ein unerledigter Rest individueller Kind- 
heitßgeschichte ist, sondern auch die Wiederholung einer Entwicklungs- 
stufe aus der Kindheitsgeschichte der Menschheit. Viele bisher uner- 
klärte Sitten und Gebräuche des „Wilden", besonders manche unter 
dem Namen „Tabu" bekannte Vorsichtsmaßregeln stehen im Dienste 



Allgemeine Neurosenlehre. 325 

derselben übertriebenen Inzestscheu, die wir auch bei unseren Neuroti- 
kern (und zwar bei beiden als Reaktion gegen die noch iiberstarke 
Inzestneigung) feststellen können. Auch die bisher unerklärliche „Ambi- 
valenz"*) der Zwangsneurotiker, die Eigentümlichkeit, daß bei ihnen 
gegensätzliche Gefühlsregungen nicht durch Kompromisse erledigt 
werden, eondera voneinander unbeeinflußt und einander ablösend einzeln 
zur vollen Geltung kommen, findet ihre vollkommene Analogie im ambi- 
valenten Verhalten der Primitiven ihren Feinden, Herrschern und Toten 
gegenüber. — Die bei Kindern und Neuro tikem so häufige Tierphobie 
und die (seltenere) Tierverehrung (5) erkannte Freud als archaische 
Reste des bei vielen heute lebenden Primitiven immer noch herrschen- 
den Totemismus, einer religiös-sozialen Organisation, deren einzelne 
Gruppen (die sogenannten Totem-Clans) dasselbe Tier fürchten und 
verehren. Die gemeinsame Grundlage der neurotischen Tierfurcht und 
des Totemismus bei den Primitiven liegt nach Freud in der Ahnen- 
verehrung und in der im höchsten Grade ambivalenten Gefühlseinstel- 
lung der Kinder ihren Eltern gegenüber. Und wenn wir erfahren, 
daß eich auch noch andere psychische Charakterzüge der Primitiven, 
z. B. die animistische Weltauffassung und der Glaube an die Magie 
sich in den Phantasien der Neurotiker so häufig wiederfinden, so werden 
wir uns der Freudschen Ansicht nicht verschließen können, daß die 
neurotische Konstitution das Steckenbleiben auf einer primitiven Stufe 
der Entwicklung bedeutet, und daß der Neurotiker eigentlich ein mit 
den Instinkten eines „Wilden" geborener Mensch ist, der sich der eigenen 
kulturfeindlichen Triebregungen mit Hilfe der Verdrängung erweh- 
ren muß. 

Außer diesen, in aller Kürze mitgeteilten bedeutsamen Beiträgen 
zur Neurosenlehre, verdanken wir der psychoanalytischen Arbeit der 
letzten Jahre noch viele andere interessante Einblicke in die all- 
gemeine Natur der Neurosen; sie sind in die Behandlung anderer, spe- 
ziellerer Themata eingeflochten und werden an entsprechender Stelle 
Berücksichtigung finden. Einige wichtige Gesichtspunkte müssen aber 
auch hier hervorgehoben werden. 

Therapeutische Erfahrungen, wie sie besonders in einigen tech- 
nisch wichtigen Arbeiten Freuds niedergelegt sind (13) zwangen uns 
zur Änderung unserer Auffassung über die pathologische Bedeutsam- 
keit des Wissens und Nichtwissens von den ursächlichen Zu- 



^) Der Begriff Ambivalenz wurde von Bleuler eingeführt. 



326 S. Ferenczi. 

sammenbängen der Krankheitssymptome mit den Erlebnissen des 
Kranken. Die ursprüngliche „kathartisehe" Phase der Psychoanalyse 
räumte bekanntlich gewissen Bewußtseinezuständen (z. B. den 
Breuerschen Hypnoiden) ätiologische Bedeutung bei der Entstehung 
der Neurosen ein. Dieses Stadium der Lehre ist bekanntlich aus der Janet- 
schen Porschungsrichtung entstanden. Die unvollständigen Erfolge der 
hjrpnotischen Katharsis und die Mißerfolge der „wilden Psychoanaly- 
tiker", die die Kranken einfach mittels psychoanalytischer Auf- 
klärung heilen möchten, zeigen aber zur Genüge, daß das Wesen der 
Neurose nicht auf dem Nichtwissen, sondern auf dem Nichtwissen- 
wollen gewißer seelischer Inhalte und Zusammenhänge, d. h. auf dem 
Widerstände gegen die mit diesen Komplexen assoziierten Affekte 
beruht. 

Die Unhaltbarkeit des übrigens schon länget überwundenen Stand- 
punktes, daß der Psychoneurotiker nur an „Unwissenheit" leidet, wird 
besonders schlagend durch die Feststellung Freuds (14) erwiesen, daß 
viele Zwangsneurotiker die Anlässe ihrer Erkrankung überhaupt nie 
vergessen haben; die Verdrängung bedient sich in solchen Fällen eines 
einfacheren Mechanismus: anstatt das Trauma zu vergessen, entzieht 
sie ihm die Affektbesetzung, so daß im Bewußtsein ein indifferenter, 
für unwesentlich erachteter Vorstellungsinhalt erübrigt. Solche Patien- 
ten haben dann das Gefühl des „deiä vu" (15), wenn man ihnen die 
traumatische Bedeut-samkeit gewisser Erlebnisse erklärt; in diesen 
Fällen handelt es sich also nicht um die Folgen der Verdrängxmg von 
Vorstellungsinhalten, sondern um reine Affektverdrän- 
gung. Die pathogenen Kindheitseindrücke sind allerdings auch bei 
diesen Neurotikern ins Unbewußte verdrängt. 

Während die wilden Psychoanalytiker, nach ihrem therapeutischen 
Verfahren zu urteilen, einen übergroßen Wert aufs ., Wissen" und „Nicht- 
wissen" der Neurotiker zu legen scheinen, fallen viele Psychologen 
in den entgegengesetzten Fehler, indem sie, die Bedeutung des Unbe- 
wußten mißachtend, die Neurosen einfach aus „Komplexen" entstehen 
lassen, ohne zu berücksichtigen, daß die unbewußten Anteile der Kom- 
plexe pathogen wirken. Einen „Ödipuskomplex", einen „Bruder-" und 
„Schwesterkomplex" hat jeder Mensch; zur Neurose ist aber nur der 
disponiert, bei dem ein größerer Teil dieser Komplexe in der Entwick- 
hing gehemmt, unbewußt und zur regressiven Wiederbelebung geneigt 
bleibt. Diese Einsicht verringert u. a. auch die pathognostische Bedeutung 
deij AssoziatioiJ.sexperimentö und der sonstigen Arten der Jagd nach 



Allgemeine Neurosenlehre. 337 

„Komplexen", da bei diesen sonst sehr verdienstvollen und lehrreichen 
Untersuchungen die bedeutsame und bei der neurotischen Verdrängung 
so wichtige Distinktion: bewußt oder unbewußt vernachlässigt 
wird. Die klare Definition der Bedeutungen des Wortes „unbewußt", 
wie es die Psychoanalyse versteht, und wie sie uns Freud in einer Ab- 
handlung gegeben hat (16), wird hoffentlich dazu beitragen, die hier- 
über herrschenden Mißverständnisse zu zerstreuen. Vom Standpunkte 
der Neurosenlehre ist aus dieser Arbeit die Unterscheidung des Unbe- 
wußten in psychoanalytischem Sinne vom sogenannten „Unterbewuß- 
ten" als besonders wichtig hervorzuheben; erst die Annahme unbe- 
wußter und doch aktiver Seelenvorgänge läßt uns die hypno- 
tischen und neurotischen Symptome als das notwendige Resultat eines 
Konflikts psychischer Mächte verstehen, während die Janetsche Theorie 
von der „Bewußtseinsspaltung" als Ursache der Neurosen uns die eigent- 
liche Erklärung dieses Phänomens schuldig blieb; die Behauptung von 
der „Schwäche des psychischen Apparates" kann wohl kaum als Er- 
klärung gelten. 

Daß sich die Psychoanalyse jetzt hauptsächlich mit der Zurück- 
führung solch komplizierter psychischer Gebilde, wie die neurotischen 
Symptome sind, auf einfachere, aber gleichfalls psychische begnügt 
und sich mit den organischen Grundlagen der Psychoneurosen 
weniger beschäftigt, bedeutet nicht, daß sie mit der psychischen Ana- 
lyse das Problem der Neurosen für gelöst erachtet. Freud hat schon 
sehr frühzeitig auf die pathogene Bedeutung des „körperlichen Ent- 
gegenkommens" bei der Hysterie hingewiesen und auch in seinen späte- 
ren Arbeiten wiederholt betont, daß die ursprüngliche Grund- 
lage des Verdrängungsprozesses ein rein physiologischer Vorgang eein 
müsse, er kam zur Überzeugung, daß der Konflikt zwischen den 
Ich-Trieben und der Erotik nicht nur im Psychischen, sondern 
auch in der organischen Entwicklung die größte Rolle spielt. Das, 
was wir organische Disposition zur Neurose nennen, ist eben nach Freud 
eigentlich nichts anderes als übermäßige Betonung der erotischen 
Funktion auf Kosten der sonstigen biologischen Leistung des Organe. 
Zur Stütze dieser Annahme dient eine Gruppe der Neurosen, die in 
dem bisherigen Freud sehen Schema der Aktual- und Psychoneurosen 
nicht unterzubringen war und die den Namen „Sexualneuroeen" 
erhielt. 

Die Libidostauung hat bei diesen Prozessen nicht psychische 
Störungen zur Folge, sondern auf direktem (nicht psychischen) Wege 



328 S. Ferenczi. 

die Störung der Funktion gewisser Organe, die eich dann wie veritable 
Genitalien gebärden und ihre sonstigen Funktionen einbüßen oder ver- 
nachlässigen. Beispiele dafür sind die sexualneurotischen Sehstörun- 
gen (17) und das nervöse Asthma (21). Bei der Sexualneurose wird 
jener organische Verdrängungsprozeß, den wir als der psycho- 
neurotischen Fixierung zugrunde liegend denken müssen, regressiv 
wiederbelebt. — Dieses eine Beispiel möge als Beweis dafür gelten, daß 
sich die Psychoanalytik keineswegs zur scholastisch strengen Alter- 
native der „somatischen" oder „psychischen" Ätiologie der Neurosen 
verleiten läßt. Ihre Abneigung gegen jede Philosophie bewahrt sie vor 
solcher Einseitigkeit. 

Obzwar ich mich in diesem Referate nur auf die positiven Leistungen 
der psychoanalytischen Neurosenlehre seit dem Jahre 1909 beschränken 
wollte, muß ich der historischen Vollständigkeit halber die Tatsache 
kurz erwähnen, daß in den letzten Jahren zwei „Abbauprodukte" der 
Psychoanalyse entstanden sind, die — obzwar sonst voneinander unab- 
hängig — die Tendenz zur Desexualisierung der Neurosenlehre gemeinsam 
haben. Nach Adler (2) ist die bei der Analyse zutage tretende Be- 
tonung der Sexualität nur eine Fiktion des Neurotikers; in der Haupt- 
sache handelt es sich ihm darum, seine Überlegenheit zu bewahren. 
Nach Jung (20) ist die infantile Sexualität des Neurotikers nur ein 
„Symbol", der eigentliche Inhalt der Neurose sei der Hinweis auf die 
„Lebensaufgaben" des Patienten. Sowohl Jung als Adler ver- 
stehen es, aus den Mitteilungen ihrer Patienten die Bestätigung ihrer 
Theorien herauszulesen. 

Nach der Ansicht des Referenten bedeuten diese Arbeiten beider 
Autoren keinen Fortschritt der Neurosenlehre, sondern einen Rück- 
schritt in der Richtung der vorpsychoanalytischen Auffassungen und 
einen Abweg von der reinen Naturwissenschaft zur philosophischen und 
theologischen Spekulation. 



Die Teclmik der psychoanalytischen Therapie. 

Referent: Prof. Dr. Ernest Jones. 



Literatur^). 1. Abraham: Sollen wir die Patienten ihre Träume aufschreiben 
lai9sen? Zeit«chr. I, S. 194. —2. Berkeley - Hill: The Psycho-Analytic Method of 
Treatment of the Neuroses. The Indian Medical Gazette. Juni 1912. — 3. Brill: 
A Few Remarks on the Technique of Psychanalysis. Medical Review of Reviews. 
April 1912. — 4. Trigant Burrow: The Method of Psychoanalysis. The Vir- 
ginia Medical Semi-Monthly. Dez. 1913, S. 430. — 5. Epstein: Beiträge zum 
Kapitel,, Übertragung" in der Psychoanalyse". Zbl. II, S. 451. — 6. Ferenczi: 
Introjektion und Übertragung. Jahrb. I, S. 422. — 7. Ders.: Über passagere 
Symptombildungen während der Analyse. Zbl. II. S. Ö88. — 8. Freud: Die 
zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie. Zbl. I, S. 1. 9. Ders.: 
Über ,, wilde" Psychoanalyse. Zbl. I, S. 91. — 10. Ders.: Die Handhabung 
der Traumdeutung in der Psychoanalyse. Zbl. II, S. 109. ~ 11. Ders.: Zur 
Dynamik der Übertragung. Zbl. II, S. 167. — 12. Ders.: Ratschläge für die 
Ärzte bei der psychoanalytischen Behandlung. Zbl. II, S. 483. — 13. Ders.: 
Weitere Ratschläge zur Technik der Psychoanalyse: Zur Einleitung der Be- 
handlung. — Die Frage der ersten Mitteilungen. — Die Dynamik der Heilung. 
Z. I, S. 1 und 139. — 14. Gordon: Psychoanalysis as a new Therapeutie 

Proeedure in Psychoneuroses. New York Medical Journal. April 1911. S. 669, 

15. Hitschmann: Freuds Neurosenlehre. Zweite Auflage, 1913, Kapitel VIII. 
Die psychoanalytische Üntersuchungs- und Behandlungsmethode. — 16. Ders.: 
Freuds psychoanalytische Behandlungsmethode. Jahreskurse für ärztliche Fort- 
bildung. Mai 1913. S. 33, — 17. Jelliffe: Some Notes on „Transference" in 
Psychoanalysis. New York Med. Journ., 30. Aug. 1913. — Ders.: The Technique 
of Psychoanalysis. The Psychoanalytio Review. Nov. 1913, S. 63; Februar 
114, S. 178 (continued article). — 19. Ders.: Some Notes on Transference. 
Journ. of Abnormal Psychology, Dez. 1913, S. 302. — 20. Ernest Jones: 
Papers on Psycho- Analysis. 1913. a) Ch. IX. Psycho-Analysis in Psychotherapy. 
b) Ch. X. The Psycho-Analytic Method of Treatment. c) Ch. XI. The Word 
Association Method in the Treatment of Psychoneuroses. d) Ch. XII. The 
Action of Suggestion in Psychotherapy. e) Ch. XIII. Reflections on Some Criti- 
cisms of the Psychoanalytic Method of Treatment. f) Ch. XIV. The Therapeutie 
Action of Psycho-Analysis. — 21. Ders.: Die Stellungnahme des psychoanaly- 

*) Vgl. das Verzeichnis der Abkürzungen, S. 264. 



330 Ernest Jones. 

tischen Arztes zu den aktuellen Konflikten. Z. II, S. 6. — Marcinowski: 
Die moralischen Wertschätzungaurteile als Hindernis in der psychischen Be- 
handlung. Z. I, S. »44. — 23. Modena: Psicopatologia ed Etiologia dei 
Fenomeni psieoneurotici. Sektion IV. II Metodo e la Terapia psicoanalitica. 
Rivista sperimentale di Freniatria. Bd. XXXV, Faszikel II— III. — 24. Mo- 
richau- Beauchant: Le , .Rapport Affectif" dans la eure des psychonevroses. 
Gazette des Hopitaux. Ann. 84, S. 1845. — 25. Oberndorf: The Scope and 
Technique of Psychoanalysis. Med. Record. Nov. I9I3, S. 976. — 26. Pfister: 
Die psychanalytische Methode. 1913. — 27. J. J. Putnam: Persönliche Er- 
fahrungen mit Freuds psychoanalytischer Methode. Zbl. I, S. 533. — Ders.: 
On Freud's Psycho-Analytic Method and its Evolution. Boston Med. and Surg. 
Joum. Jänn. 1912, S. 115. — 29. Stekel: Die verschiedenen Formen der Über- 
tragung. Zbl. II, S. 27. — 30. Ders.: Die Ausgänge der psychoanalytischen 
Kuren. Zbl. III, S. 175 und 293. — 31. W. A. White: Mental Mechanisms. 
1911. Ch. VII. The Theory, Methods and Psychother^peutic Value of Psycho- 
{Hialysis. 

Die Artikel, welche in dieser Biblographie aiilgezählt eind, be- 
schäftigen sich hauptsächlich oder ausschließlich mit den Problemen der 
Behandlung besonders vom methodischen Standpunkt aus. Diese werden 
auch mehr oder weniger ausführlich in vielen anderen Artikeln allgemei- 
ner Natur gestreift, die in die Liste nicht aufgenommen wurden. Eine 
andere Reihe von Arbeiten wurde ausgeschlossen wegen der zahl- 
reichen Ungenauigkeiten, die sie enthalten; dies trifft zum Beispiel für 
die meisten französischen Darstellungen des Themas zu. Es gibt heute 
in der Literatur eine stattliche Anzahl von Arbeiten, welche die 
Technik der psychoanalytischen Behandlung schildern, so etwa jene 
von Brill (Nr. 3), Hitschmann (Nr. 15 und 16), Jelliffe (Nr. 18), 
Ernest Jones (Nr. 20), Pfister (Nr. 26), J. J. Putnam (Nr. 27 und 
28); die besten Leistungen sind fraglos jene von Hitschmann. Doch 
leiden sie alle darunter, daß sie im wesentlichen die elemwitaren Vor- 
aussetaungen des Themas behandeln und deshalb in erster Linie den 
Anfängern in der Psychoanalyse zugute konamen. Eine mehr ins Detail 
ausgeführte Schilderung der Schwierigkeiten der Behandlung und der 
verschiedenen Metboden, um ihnen zu begegnen, würde entschieden not- 
tun. Es ist deshalb sehr zu begrüßen, daß Freud selbst diesem Mangel 
abhelfen will, indem er eine Reihe von Artikeln dieser Art verfaßt, 
von denen vier bereits erschienen eind (10 bis 13); diese müssen aus 
offensichtlichen Gründen bei einem Referat über die neuen Beiträge, 
welche zu dem Thema in den letzten Jahren hinzugekommen sind, in 
erster Linie in Betracht gezogen werden. 



Die Technik der psychoanalytischen Therapie. 331 

In zwei einleitenden Artikeln (8 und 9, beide wieder abgedruckt 
in der „Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre", dritte Folge) 
macht Freud eine Anzahl interessanter allgemeiner Bemerkungen über 
das Thema der psychoanalytischen Behandlung. Er hofft auf eine Ver- 
besserung unserer therapeutischen Aussichten in drei Richtungen: 

1. Durch inneren Fortschritt, einerseits in der Erkenntnis der 
Krankheit und anderseits der Technik. „In unserer Technik hat eine 
prinzipielle Wandlung stattgefunden. Zur Zeit der kathartischen Kur 
setzten wir uns die Aufklärung der Symptome zum Ziel, dann wandten 
wir uns von den Symptomen ab und setzten die Aufdeckung der Kom- 
plexe als Ziel an die Stelle; jetzt richten wir aber die Arbeit direkt 
auf die Auffindung und Überwindung der Widerstände . . . Bei männ- 
lichen Patienten scheinen die bedeutsamsten Kurwiderstände vom Vater- 
komplex auszugehen und sich in Furcht vor dem Vater, Trotz gegen 
den Vater und Unglauben gegen den Vater aufzulösen." Er lenkt die 
Aufmerksamkeit auf die Frage der Gegenübertragung und Selbstanalyee 
und erörtert die Wandlungen, welche die Technik, je nach der wechseln- 
den Form der Krankheit, die unter Behandlung steht, durchmachen muß, 
wobei er die Heilung von Phobien als Beispiel nimmt. 

2. Durch Zuwachs an Autorität. Gegenwärtig arbeiten wir gegen 
den mächtigen suggestiven Einfluß der Gesellschaft. 

3. Durch die allgemeine Wirkung unserer Arbeit. Der Krank- 
heitsgewinn muß geringer werden, wenn der Sinn der verschiedenen 
neurotischen Erscheinungen allgemeiner bekannt wird. In der zweiten 
Abhandlung weist er auf die Gefahren der „wilden Psychoanalyse" 
hin, d. h. der Versuche, die (oft mißverstandene) Methode und die Fol- 
gerungen der Psychoanalyse anzuwenden, ohne sich die Mühe zu 
nehmen, sich über das Thema gründlich zu informieren. „Diese Technik 
ist heut« noch nicht aus Büchern zu erlernen . . . Man erlernt sie wie 
andere ärztliche Techniken bei denen, die sie bereits beherrschen." 

Wir gehen nun zu den zwei Artikeln über, welche bis Jetzt von 
der Serie „Ratschläge zur Technik" erschienen sind. In dem ersten (12) 
legt Freud neun Regeln der Behandlung oder Ratschläge, die in seiner 
Erfahrung wurzeln, dar. Derjenige, mit dem er beginnt, ist von so 
grundlegender Bedeutung, daß er in Extenso zitiert werden soll; er 
beschäftigt sich mit der Erinnerung an das Material, das im Laufe 
einer längeren Analyse angesammelt wurde. 

„Die Technik besteht einfach darin, sieh nichts besonders 
merken zu wollen und allem, was man zu hören bekommt, die nämliche 



332 Erneat Jones. 

„gleichschwebende Aufmerksamkeit" entgegenzubringen. Auf diese 
Weise „vermeidet man eine Gefahr, die von dem absichtlichen Aufmerken 
unzertrennlich ist". Sowie man nämlich seine Aufmerksamkeit absicht- 
lich bis zu einer gewissen Höhe anspannt, beginnt man auch unter dem 
dargebotenen Material auszuwählen; man fixiert d&ä eine Stück be- 
sonders scharf, eliminiert dafür ein anderes, und folgt bei dieser Aus- 
wahl seinen Erwartungen oder seinen Neigungen. Gerade dies darf 
man aber nicht; folgt man bei der Auswahl seinen Erwartungen, so 
ist man in Gefahr, niemals etwas anderes zu finden, als was man be- 
reits weiß; folgt man seinen Neigungen, so wird man sicherlich die 
mögliche Wahrnehmung fälschen. Man darf nicht daran vergessen, daß 
man ja zumeist Dinge zu hören bekommt, deren Bedeutung erst nach- 
träglich erkannt wird. Wie man sieht, ist die Vorschrift, eich alles 
gleichmäßig zu merken, das notwendige Gegenstück zu der Anforderung 
an den Analysierten, ohne Kritik und Auswahl alles zu erzählen, was 
ihm einfällt. Benimmt sich der Arzt anders, so macht er zum großen 
Teil den Gewinn zunichte, der aus der Befolgung der „psychoanalyti- 
schen Grundregel" von selten des Patienten resultiert. Die Regel für 
den Arzt läßt sich so aussprechen: Man halte alle bewußten Einwir- 
kungen von seiner Merkfähigkeit ferne und überlasse sich völlig seinem 
„unbewußten Gedächtnis", oder rein technisch ausgedrückt: Man höre 
zu und kümmere sich nicht darum, ob man sich etwas merke." 

Diese Regel ebensowohl wie andere Erwägungen verbieten, sich 
während der Sitzung Aufzeichnungen zu machen; selbst solche Dinge, 
wie Daten und dergleichen, werden nach der Ansicht Freuds besser 
erst am Abend aufgeschrieben, nachdem die Tagesarbeit abgeschlossen 
ist. Er spricht sich gegen den Wert der Publikation detaillierter Pro- 
tokolle aus, welche nur eine Pseudo-Exaktheit bieten und für die Her- 
stellung der Überzeugung wenig leisten. Er unterscheidet zwischen 
der wissenschaftlichen Untersuchung eines Falles, wo man bewußt über 
das Material während des Laufes der Untersuchung nachdenkt und 
der für die psychoanalytische Behandlung notwendigen Einstellung, 
welche niemals genug empirisch sein kann: „Dagegen gelingen jene 
Fälle am besten, bei denen man wie absichtslos verfährt, sich von 
jeder Wendung überraschen läßt und denen man immer wieder unbe- 
fangen und voraussetzungslos entgegentritt." Er warnt davor, daß der 
Analytiker seine eigenen Affekte in die Behandlung hineinziehen läßt, 
auch nicht den therapeutischen Ehrgeiz, der dabei eine wichtige und 
schwer zu kontrollierende Rolle spielt, „Ich kann den Kollegen nicht 



Die Technik der psychoanalytischen Therapie. Ooo 

dringend genug empfehlen, sich während der psychoanalytischen Behand- 
lung den Chirurgen zum Vorbild zu nehmen, der alle seine Affekte und 
selbst sein menschliches Mitleid beiseite drängt und seinen geistigen 
Kräften ein einziges Ziel setzt, die Operation so kunstgerecht als 
möglich zu vollziehen." 

Diese fünf Regeln setzen eich zu der Anforderung zusammen, 
daß der Analytiker freien Zutritt zu seinem eigenen Unbewußten haben 
muß; sonst würde nämlich die Deutung dessen, was er hört, durch die 
Arbeit seiner eigenen Zensur entstellt werden. In diesem Zusammen- 
hang besteht Fre>ud auf der Bedeutung der ununterbrochenen 
Selbstanalyse auf selten des Analytikers und empfiehlt nachdrück- 
lich, sich einer Analyse durch einen erfahrenen Kollegen zu unter- 
werfen. Er widerrät allzu große Intimität mit den Patienten und die 
Entschleierung der eigenen verborgenen Persönlichkeit; jeder anfäng- 
liche Vorteil, der in der Form größeren Zutrauens gewonnen wird, 
wird bald durch unbesiegbaren Widerstand aufgewogen. „Der Arzt 
soll undurchsichtig für den Analysierten sein und wie eine Spiegelplatte 
nichts anderes zeigen, als was ihm gezeigt wird." 

Nachdem die Hemmungen des Patienten überwunden sind, soll 
der Analytiker sorgfältig seine Fähigkeit für Sublimierung auf Grund 
des vorhandenen Materials abwägen, nicht auf Grund seines eigenen 
Lebensplanes oder seines Ehrgeizes, etwas Vortreffliches aus dem Kranken 
zu machen: ,,Da8 Bestrebe«, die analytische Behandlung regelmäßig 
zur Triebsublimierung zu verwenden, ist zwar immer lobenswert, aber 
keineswegs in allen Fällen empfehlenswert." 

Zum Schlüsse warnt Freud davor, den Patienten irgend welche 
besonderen Aufgaben als Unterstützung bei der Behandlung zu setzen, 
etwa gewisse Abschnitte ihres Lebens zu überdenken und dergleichen, 
und ebenso dagegen, ihnen psychoanalytische Literatur zu lesen zu 
geben. 

Der zweite betreffende Aufsatz (13) ist hauptsächlich dem Thema 
der Einleitung der Behandlung gewidmet. Freud hat die Gewohnheit, 
Patienten, von denen er wenig weiß, probeweise für eine oder zwei Wochen 
in Behandlung zu nehmen, bei welcher er jedoch die Regeln der Psycho- 
analyse anwendet und sich nicht bloß. auf eine geistige Untersuchung 
beschränkt; dies hat den Vorteil, daß zweifelhafte Fälle herausgefun- 
den und so spätere Enttäuschungen vermieden werden können, auch 
lassen sich auf diese Weise die für die Behandlung ungeeigneten Fälle 
von Paraphrenie usw. ausschließen, die mit größerer Sicherheit mittels 



"'J4: Eruest Jones. 

Psychoanalyse erkannt werden als bloß durch die gewöhnlichen klini- 
schen Methoden. Patienten, welche die Behandlung verßchieben möchten, 
bleiben später meistens aus. Eine vorherige Bekanntschaft vermehrt 
die Schwierigkeit der Behandlung. Entgegen der allgemein verbreiteten 
Erwartung ist es von geringer Bedeutung für die Prognose, ob der 
Patient mit Mißtrauen oder mit Zuversicht und vollem Glauben in die 
Methode zur Behandlung kommt. Freud setzt für jeden Patienten eine 
Stunde täglich aus und macht ihn dann finanziell dafür verantwortlich, 
ob er nun jedesmal kommt oder nicht. Es ist unmöglich, die gewöhnliche 
Frage der Patienten, wie lange die Behandlung dauern werde, zu be- 
antworteten, um so mehr, als die individuellen Unterschiede so bedeutend 
sind, aber sie dauert jedesmal länger, als erwartet wird, meist ein 
halbes oder ganzes Jahr und es ist besser, dies offen bei Beginn ein- 
zugestehen. Freud scheint nicht sehr hoffnungsvoll hinsichtlich der 
verschiedenen Versuche, welche angestellt wurden, um die Dauer der 
Behandlung zu verkürzen: „Es steht ihr leider ein sehr bedeutendes 
Moment entgegen, die Langsamkeit, mit der sich tiefgreifende seelische 
Veränderungen vollziehen." Er ist auch sehr skeptisch hinsichtlich der 
Möglichkeit, Patienten umsonst zu behandeln, außer in seltenen Aus- 
nahmsfällen. Geldfragen sollen von dem Arzt ebenso offen und ohne 
falsche Scham behandelt werden wie sexuelle und andere und Freud 
selbst geht mit gutem Beispiel voran durch seine Erörterung dieses 
unzweifellos wichtigen Gegenstandes. Er verteidigt mit guten Gründen 
seine Gewohnheit, den Patienten während der Behandlung ausgestreckt 
liegen zu lassen und selbst hinter ihm, außerhalb seines Blickfeldes, 
zu sitzen. Er erörtert die Einleitung der Behandlung selbst und be- 
leuchtet im Detail, wie er dem Patienten Belehrungen hinsichtlich der 
„psychoanalytischen Grundregel" erteilt. Für diese darf keine Ausnahme 
geduldet werden; wenn der Arzt ein einziges Mal ein Zurückhalten ge- 
stattet, wird es unmöglich, die Analyse durchzuführen. Die Kranken 
sollen so wenig wie möglich mit anderen Leuten über ihre Behandlung 
sprechen, solange diese dauert. Freud widerrät eine kombinierte 
Behandlung gemischter (organischer und psychischer) Fälle. Wenn 
das organische Leiden ernst und dringend ist, bricht er die Behand- 
lung vollständig ab, bis es zum Stillstand gebracht wurde; wenn dies 
nicht der Fall ist, ist es besser, die Analyse zu vollenden, bevor die 
Behandlung des organischen Leidens beginnt. In keinem Falle darf 
der Analytiker beide Behandlungen übernehmen. Wenn der Patient zu 
Beginn der Analyse behauptet, daß ihm nichts einfalle, muß diesem 



Die Technik der psychoanalytischen Therapie. 335 

ersten Widerstand mit Ofifenheit und sofortiger Analyse entgegenge- 
treten werden; er entspringt oft aus der Übertragung, Die ersten 
Symptomhandlungen und Mitteilungen des Patienten verdienen beson- 
dere Aufmerksamkeit; oft enthüllen sie dae wichtigste Moment seiner 
Persönlichkeit oder wenigstens seiner Neurose. Die Übertragung soll 
nicht in Behandlung gezogen werden, bis ein deutlicher Hinweis auf- 
taucht. „Solange nun die Mitteilungen und Einfälle des Patienten ohne 
Stockung erfolgen, läßt man das Thema der Übertragung unberührt. 
Man wartet mit dieser heikelsten aller Prozeduren, bis die Übertragung 
zum Widerstand geworden ist." (Diese Regel findet nicht unbedingt« 
Anwendung in den späteren Stadien der Behandlung. Referent.) Die ersten 
Mitteilungen und Erklärungen sollen dem Patienten nicht gegeben 
werden, ehe ein zufriedenstellender Rapport zustande gekommen ist 
und unter keinen Umständen, bevor der Kranke selbst der fraglichen 
Lösung nahegekommen ist und nur mehr einen kurzen Schritt zu machen 
hat, um sie zu erreichen. 

Sowohl in diesem Artikel (S. 144) als in einem früheren (9, S. 94) 
stellt Freud Betrachtungen darüber an, auf welche Weise die psycho- 
analytische Behandlung ihren Erfolg hervorbringt. Es ist nicht das 
bewußte Erkennen eines bestimmten Komplexes, das in dieser Bezie- 
hung bedeutungsvoll ist, sondern die Herstellung der Verbindung 
zwischen den bewußten Gedankengängen und dem unbewußten Komplex 
im Seelenleben des Kranken: „Es ist eine längst überwundene, am 
oberflächlichsten Anschein haftende Auffassung, daß der Kranke in- 
folge einer Art von Unwissenheit leide, und wenn man diese Unwissen- 
heit durch Mitteilung (über die ursächlichen Zusammenhänge seiner 
Krankheit mit seinem Leben, über seine Kindheitserlebnisse usw.) auf- 
hebe, müsse er gesund werden. Nicht dies Nichtwissen an sich ist dae 
pathogene Moment, sondern die Begründung des Nichtwissens in 
inneren Widerständen, welche das Nichtwissen zuerst hervorge- 
rufen haben und es jetzt noch unterhalten. In der Bekämpfung dieser 
Widerstände liegt die Aufgabe der Therapie. Die Mitteilung dessen, 
was der Kranke nicht weiß, weil er es verdrängt hat, ist 
nur eine der notwendigen Vorbereitungen für die Therapie." 
Dieselbe Frage wird in einem Aufsatze von Ernest Jones (20 f) 
behandelt, wo die psychoanalytische Erklärung mit den beiden 
anderen von den Gegnern gegebenen (Suggestion und Re- 
assoziation) verglichen wird. Die verschiedenen Merkmale unbewußter 
Seelenvorgänge, im Gegensatze zu den bewußten, werden hervorgehoben 



336 Ernest Jones. 

(Absperrung von solchen Gedanken, welche mit ihnen in Widerspruch 
stehen oder eine Tendenz sie abzuändern haben, autonomes Funktionieren, 
Aufhäufung der Affekte und Dissoziation) und das Eesultat der Her- 
stellung einer freien Verbindung zwischen den beiden Regionen des 
Seelenlebens erörtert,. „Die Psychoanalyse bringt ihre Erfolge dadurch 
zustande, daß sie den Patienten auf die unbewußten Komplexe auf- 
merksam macht, die die Basis seiner Symptome bilden, und ihn so be- 
fähigt, die pathogen wirkenden Strebimgen an die bewußten zu assimi- 
lieren; sie erreicht dies, indem sie die inneren Widerstände entdeckt imd 
überwindet, welche die Verdrängimg herbeigführt haben und den Pa- 
tienten verhindern, die pathogenen Vorgänge in seinem Seelenleben 
zu bemerken und zu assimilieren." . 

Nicht nur die Einleitung, sondern auch der künftige Ausgang der Be- 
handlung ist das Objekt besonderer Untersuchimg gewesen. St ekel 
behandelt in einem fortgesetzten Artikel (30), der voll von charak- 
teristischen Übertreibungen und Verdrehimgen ist, dieses Thema und 
beleuchtet es durch Beschreibung zahlreicher lesenswerter Beispiele. 
Er weist darauf hin, daß von der gewöhnlichen Regel, der 
zufolge die Einfälle des Patienten der entscheidende Faktor für 
den Verlauf der Analyse sein müssen, Ausnahmen stattfinden, und 
bespricht den Patiententypus, der diese Freiheit ausnützt um den 
Fortschritt der Analyse aufzuhalten ; „alle aktuellen Erlebnisse, die 
breit vorgetragen werden, die Briefe vom Hause und der Geliebten, die 
aufregenden Szenen des Vortages, viel endlose Träume, die in unge- 
heuren Mengen produziert werden, sind Widerstandsphänomene und 
es handelt sich darum, diese Mitteilungen mit eiserner Energie auf 
das notwendigste Maß zu beschränken." Sein Vorschlag, darum die tech- 
nische Grundregel für solche Fälle aufzuheben, muß aber entschieden 
verworfen werden. Dann wäre die Auswahl des Zuzulassenden die Sache 
des Arztes und der Patient hätte seine Absicht doch erreicht, den Zu- 
gang zum pathogenen Material zu sperren. Vielmehr muß man ein 
solches Verhalten des Patienten zum Anlaß nehmen, um auf einen 
großen, aber versteckten Widerstand zu schließen, der nun aufgedeckt 
werden soll. Stekels Aufsatz beschäftigt sich in wenig zusammenge- 
haltener Form mit einem weiten Umkreis von Problemen, doch geht 
seine Absicht offenbar dahin, die Probleme der Prognose und Beendi- 
gung zu behandeln. 

Eines der schwierigsten und wichtigsten Probleme der psycho- 
analytischen Behandlung ist jenes der Übertragung; mit dieser befassen 



Die Technik der psychoanalytischen Therapie. 337 

eich mehrere Beiträge. Die allgemeine Bedeutung der Übertragung 
für die psychoanalytische Behandlung ist von Stekel (29) und 
Jelliffe (17—19) dargelegt worden, die auch eine kurze Schilderung 
der verschiedenen, von ihr angenommenen Formen geben; Stekel 
macht besonders auf die Übertragimgen auf die Mitglieder des Haus- 
haltes und der Familie des Arztes aufmerksam. Epstein (5) hat auch 
einen Beitrag zur Besehreibung des Gegenstandes geliefert. Freud (11) 
behandelt in einem Aufsatze von grundlegender Bedeutung die Theorie 
der Übertragung vom Standpunkte der Rolle, die sie für die Heilung 
spielt. Nachdem er eine klare Umgrenzung des Begriffes gegeben hat, 
der mit dem Ausdruck bezeichnet wird und eine Schilderung der Natur 
des Prozesses stellt er zwei Fragen, nämlich, warum die Übertragung 
bei der psychoanalytischen Behandlung intensiver zu sein scheint als 
bei anderen Methoden und warum sie bei dieser als der stärkste Wider- 
stand gegen die Behandlung auftritt, während sie bei den anderen 
Methoden der Vermittler der Heilung ist. Die Antwort auf die erste 
Frage lautet, daß die Übertragung ebenso intensiv und rückhaltslos 
bei den anderen Behandlungsmethoden auftritt, wie bei der analy- 
tischen, nur daß ihre Bedeutung bei jenen nicht erkannt wird. Das 
zweite Problem ist weniger durchsichtig: „Es ist eine beliebig oft zu 
bestätigende Erfahrung, daß, wenn die freien Assoziationen eines Pa- 
tienten versagen, jedesmal die Stockung beseitigt werden kann durch 
die Versicherung, er stehe jetzt unter der Herrschaft eines Einfalles, 
der sich mit der Person des Arztes oder mit etwas zu ihm Gehörigen 
beschäftigt. Sobald man diese Aufklärung gegeben hat, ist die Stockung 
beseitigt, oder man hat die Situation des Versagens in die des Ver- 
schweigens der Einfälle verwandelt." Eine unentbehrliche Vorbedingung 
jeder neurotischen Erkrankung ist die Introversion; der bewußte An- 
teil der Libido, die an Realität geheftet wurde, wird von ihr zurück- 
gezogen und dies hat die Wiederbelebung der infantilen Imagines zur 
Folge. Dies wird teils durch eine Versagung in der realen Situation ver- 
schuldet, in der nur eine inadequate Befriedigung geboten wird, teils 
durch die konstante Anziehung, welche die unbewußten Bestandteile 
der verschiedenen infantilen Komplexe ausüben. Der Widerstand gegen 
den Zweck der Behandlung entspringt aus diesen beiden Quellen, doch 
stärker aus der zweiten. Wann immer die analytische Forschung diesen 
Widerstand wach ruft, wird ein Teil des verschütteten Materiales auf 
den Arzt übertragen und kündigt sich durch die Anzeichen eines AVider- 
standes, etwa durch eine Stockung an. Übertragung ist die stärkste 

Jahrbuch der Psychoanahse. VI. i^ 



"38 Ernest Jones. 

Waffe des Widerstandes und im späteren Teile der Behandlung müssen 
alle Konflikte auf diesem Felde ausgefochten werden. Der Grund für 
diese sonderbare Sachlage läßt sich nur dann verstehen, wenn man die 
Übertragungen in positive und negative einteilt. Unter den ersteren 
sind die bewußtseinsfähigen, wie Freundschaft u. dgl. von den unbe- 
wußten zu unterscheiden, die regelmäßig erotischer Natur sind. Die 
Auflösung einer Übertragung, welche als Hindernis wirkt, bezieht sich 
nur auf die negative Übertragung und den unbewußten Anteil der 
positiven; der bewußte Anteil der letzteren ist der Vermittler des 
therapeutischen Erfolges und wird dazu benützt, den Patienten zur 
Durchführung der psychischen Arbeit, welche für seine Besserung not- 
wendig ist, zu veranlassen. Schließlich weist Freud darauf hin, wie 
das feindselige Verhalten eines Patienten unter der Herrschaft eines 
Ubertragungswiderstandes durch den Umstand zu erklären ist, daß die 
Impulse, unter deren Herrschaft er handelt, eben aus dem Unbewußten 
befreit wurden und darum mit jener Unkenntnis der realen Situation 
auftreten, welche für das Unbewußte charakteristisch ist. (Daher 
kommt auch oft das Kindische im Betragen eines solchen Patienten. 
Ref.) „Auf diesem Felde (der Übertragung) muß der Sieg gewonnen 
werden, dessen Ausdruck die dauernde Genesung von der Neurose ist. 
Es ist unleugbar, daß die Bezwingung der Übertragungsphänomene dem 
Psychoanalytiker die größten Schwierigkeiten bereitet, aber man darf 
nicht vergessen, daß gerade sie uns den unschätzbaren Dienst erweisen, 
die verborgenen und vergessenen Liebesregungen der Kranken aktuell 
imd manifest zu machen, denn schließlich kann niemand in absentia 
oder in effigie erschlagen werden." 

Das Thema der Suggestion hängt nur indirekt mit dem der 
psychoanalytischen Behandlung zusammen, insbesondere, weil sich 
an ihr der Unterschied zwischen der Analyse und den anderen psycho- 
therapeutischen Methoden erläutern läßt und es muß deshalb hier in 
Kürze behandelt werden. Freuds Ansicht, daß die Hypnose (und des- 
halb auch die therapeutische Suggestion, deren Identität mit ihr jetzt 
erkannt worden ist) die Folge einer masochistischen Fixierung auf Seite 
des Patienten ist, wurde von Ferenczi (6) imd Jones (20 D) weiter 
ausgeführt und unterstützt. Der Erstere hat seine persönlichen Be- 
obachtungen mitgeteilt und der Zweitgenannte einige Betrachtungen 
über die Untersuchungen, die von bekannten Hypnotiseuren publiziert 
wurden. Ferenczi zeigt die Identität der Einstellung des Patienten 
in der Hypnose mit jener des gehorsamen Kindes und legt die Be- 



Die Technik der psychoanalytischen Therapie. 339 

deutung des Elternkomplexes in diesem Zusammenhang dar. Eine kurze 
Darstellung des Themas, die auf diesen beiden Aufsätzen beruht, wird 
auch von Morichau-Beauchant (24) gegeben. 

Unser Fortschritt in der Technik der Traumdeutung und in der 
Kenntnis der Traumsybolik wird an anderer Stelle referiert und nur der in 
der Kur daraus gewonnene Nutzen kann hier erörtert werden. Er wird in 
einem Aufsatz von Freud (10) behandelt über „Die Handhabung 
der Traumdeutung in der Psychoanalyse". Der Hauptton wird 
darauf gelegt, daß die wissenschaftliche Traumdeutung den gewöhn- 
lichen technischen Regeln der Behandlung untergeordnet werden muß. 
Man darf nicht andersartiges Material bei Seite setzen, um eine voll- 
ständige Deutung eines mitgeteilten Traumes zu erhalten, nicht nur 
deshalb, weil dieses Ziel oft unerreichbar ist, ehe nicht die Analyse sehr 
weit vorgerückt ist (denn ein einziger Traum kann in sehr verdichteter 
Form das ganze pathogene Material der Neurose enthalten und zu 
seiner Deutung wäre die Überwindung aller möglichen Widerstände 
notwendig), sondern auch weil es wichtig ist, in täglichem Kontakt mit 
den Vorgängen im Seelenleben des Patienten zu bleiben. 

„Es ist für die Behandlung von größter Bedeutung, die jeweilige 
psychische Oberfläche des Kranken zu kennen, darüber orientiert zu 
sein, welche Komplexe und welche Widerstände derzeit bei ihm rege 
gemacht sind, und welche bewußte Reaktion dagegen sein Benehmen 
leiten wird. Dieses therapeutische Ziel darf kaum jemals zugunsten 
des Interesses an der Traumdeutung hintangesetzt werden .... Man 
mache also von der Regel, immer das zu nehmen, was dem Kranken 
zunächst in den Sinn kommt, zu Gunsten einer unterbrochenen Traum- 
deutung, keine Ausnahme ... Ich plaidiere also dafür, daß die Traum- 
deutung in der analytischen Behandlung nicht als Kunst um ihrer 
selbst willen betrieben werden soll, sondern daß ihre Handhabung jenen 
technischen Regeln unterworfen werde, welche die Ausführung der Kur 
überhaupt beherrschen." 

Die Patienten dürfen nicht zu dem Gefühl verleitet werden, daß 
der Fortschritt der Analyse von der Traumdeutung abhänge, sonst 
würden sie entweder den Arzt mit einer Menge von Träumen über- 
häufen, deren Erzählung die Stunde auszufüllen imstande ist (eine 
Äußerung des Widerstandes) oder vollkommen aufhören zu träumen. 
Freud hält es für empfehlenswert, daß die Patienten ihre Träume 
nicht unmittelbar nach dem Erwachen aufschreiben, oder wenigstens 
dazu nicht aufgefordert werden. Ein Traum, der auf diese Weise vor 

22* 



34:0 Ernest Jones. 

dem Vergessen gerettet wird, ist für die Analyse von geringem Nutzen, 
denn zu einem solchen werden keine Einfälle gebracht. Abraham (1) 
bestätigt diese Erfahrung der Nutzlosigkeit des Aufschreibens der 
Träume vollkommen imd teilt drei interessante Beispiele aus seiner 
eigenen Erfahrung mit. Er sieht die Ursache des häufigen Wunsches 
der Patienten, ihre Träume durch Niederschrift festzuhalten, entweder 
in der Übertragimg oder in der narzißtischen Eitelkeit auf ihre eigenen 
geistigen (ebenso wie auf ihre leiblichen) Erzeugnisse. 

Ein wichtiger Beitrag zur Technik der Behandlung mittels einer 
feineren Beobachtung bestimmter Ereignisse wird von Ferenczi (7) 
in einer Untersuchung über das, was er passagere Symptom- 
bildungen nennt, gebracht. Sein Artikel beginnt wie folgt: „Die über- 
zeugenden Eindrücke von der Richtigkeit der analytischen Symptom- 
erklärungen erhält der Arzt wie der Patient erst in der Übertragung. 
Solange dem Kranken nur das durch die freie Assoziation gelieferte 
psychische Material als Beweis für die Richtigkeit der analytischen 
Erklärungen zu Gebote steht, mögen ihm diese Erklärungen merk- 
würdig, überraschend, auch einleuchtend erscheinen: die Überzeugung 
von ihrer unzweifelhaften Richtigkeit, die Empfindung, daß sie die 
einzig möglichen Erklärungen sind, erlangen sie noch nicht, auch wenn 
sie sich noch so redlich bemühen überzeugt zu werden, ja, sich das 
Überzeugtsein mit aller Kraft aufzwingen wollen. Es hat förmlich den 
Anschein, als ob der Mensch durch logische Einsicht allein überhaupt 
zu keinen echten Überzeugungen gelangen könnte (Ferenczi meint 
wohl auf psychologischem Gebiet. Referent); man muß etwas affek- 
tiv erlebt, gleichsam am eigenen Leib empfunden haben, um jenen 
Grad von sicherer Einsicht zu gewinnen, der den Namen „Überzeu- 
gung" verdient. Ferenczi ist nim der Ansicht, daß ein guter Weg zur 
Erlangung dieser Überzeugung die unmittelbare Analyse der verschie- 
denen Symptome ist, deren Entstehen und Vergehen während der Behand- 
lung oder sogar während weniger Minuten man beobachten kann und die 
den Namen der „Neurosen en miniature" verdienen. Obgleich solche 
Symptome wie alle anderen überdeterminiert sind und ähnlichen Vor- 
fällen, welche im Leben des Patienten früher sich ereignet haben, 
entsprechen, ist doch die unmittelbare Verursachung das Aufrühren 
eines verdrängten Gedanken- und Gefühlszuges in der Analyse, die 
zwar geweckt wurden, aber durch den Eingriff der Zensur vom Bewußt- 
sein ausgeschlossen bleiben und deshalb sofort in neurotische Sym- 
ptome verwandelt werden. Eine größere Anzahl lehrreicher Beispiele 



Die Technik der psychoanalytischen Therapie. 341 

wird mitgeteilt, welche im Original nachgelesen werden sollten. Eine 
besondere Klasse wird durch die Erscheinungen gebildet, welche der 
Autor „Ausdruckßverschiebungen" nennt, wie zum Beispiel Gähnen an- 
statt Seufzen, Husten anstatt Sprechen usw. 

Marcinowski (22) legt dar, welche Bedeutung es hat, daß 
der Analytiker das Material, das ihm vom Patienten gebracht wird, 
auf eine rein objektiv wissenschaftliche Weise betrachtet und nicht 
als etwas, worüber er ein moralisches Urteil abgeben soll. Andernfalls 
wäre er dem Patienten ausgeliefert, dessen Hauptzweck es oft ist, die 
Liebe des Arztes auf kindliche Art zu gewinnen, d. h. sich vor ihm 
so zu stellen, als würde er alle Eigenschaften besitzen, die er für gut 
hält, und keine, die ihm schlecht erscheint. 

Die neuen Schriften der Züricher Schule beschränken eich darauf, 
den Wechsel ihrer Einstellimg hinsichtlich der theoretischen Auffassung 
der Psychoanalyse zu schildern und haben das Thema der Behandlung 
nicht in Angriff genommen. Deshalb ist die Zeit wohl noch nicht reif, 
um zu überprüfen, welche Wirkung der Wechsel ihrer Anschauung in 
dieser Hinsicht haben wird, aber er muß zweifellos sehr bedeutend 
sein, wie durch zwei Kritiken in der Zeitschrift (I, 104, 83 usf.) von 
Eitingon und Jones gezeigt wurde. Jones hat auch insbesondere einen 
Punkt herausgegriffen (21), nämlich die verschiedene Stellungnahme 
zu den aktuellen Konflikten, je nachdem, ob man sie als die Ursache 
unbewußter Wunschphantasien ansieht oder größtenteils als deren 
Folgen. Es ist aller Grund vorhanden, zu vermuten, daß die Ausfüh- 
rung der strengen Regeln der psychoanalytischen Technik bei der Be- 
handlung durch die Züricher Schule ebenso mit halbem Herzen befolgt 
worden ist, als sich ihre Annahme der psychoanalytischen Theorie jetzt 
herausgestellt hat, und daß in der Zukunft die Verleugnung der einen 
mit der Abkehr von der anderen gleichen Schritt halten wird. 

Bei der Zusammenfassung des Fortschrittes, welchen die thera- 
peutische Technik während der letzten Jahre gemacht hat, drängen sich 
die folgenden Beobachtungen auf: 1. Wie gering die Anzahl jener ist, 
welche den Versuch gemacht haben, unser Wissen in diesem Punkte zu 
bereichern; man kann fast sagen, daß nichts Selbständiges von einigem 
Werte beigebracht worden ist, außer von Freud und Ferenczi. 2. Wie 
wenig überhaupt über das Thema geschrieben worden ist, abgesehen 
von elementaren Darstellungen. Vielleicht ist die Ursache für beide 
Tatsachen die persönliche Unsicherheit, die viele Psychoanalytiker in 
bezug auf ihre Beherrschung der Methode fühlen. Ist dies der Fall, 



342 Ernest Jones. 

SO ist die Sachlage nicht sehr befriedigend und es wäre nötig, sie 
durch alle Mittel, die in unserer Macht stehen, zu verbessern. Vier 
praktisch anwendbare seien hier vorgeschlagen: Erstens läßt sich ein 
Fortschritt erwarten durch die Fortsetzung von Freuds Veröffent- 
lichungen über die verwickeiteren Fragen der Technik, die auf seiner 
einzigartigen Erfahrung und Erkenntnis beruhen. Zweitens sollten 
alle Mitarbeiter angetrieben werden, den rein technischen Fragen 
der Behandlung mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden und ihre Unter- 
suchungen über Psychoanalyse nicht auf die Theorie unter Ausschluß 
der Praxis zu beschränken. Dann sollte daran erinnert werden, wie 
wünschenswert es ist, ein persönliches Studium der psychoanalytischen 
Praxis mit einem der wenigen, die sie wirklich beherrschen, wie Abra- 
ham, Ferenczi, Freud usw. zu machen. Last but not least sollte 
ein Appell an die Mitarbeiter der „Zeitschrift" gerichtet werden, die 
Diskussion rein technischer Fragen mit derselben Offenheit zu 
führen, wie sie bisher in anderen Zweigen so gute Resultate geliefert 
hat; an Stelle jedes Autors, der bereit ist, einen schwierigen Punkt 
der Technik zu erörtern, lassen sich mehrere finden, die bereit sind, 
Kasuistik mitzuteilen, ohne genügende Garantie zu bieten, daß ihre 
Forschungsmethode ausreichend war. Wenn diese und andere Anre- 
gungen befolgt werden, läßt sich mit Grund erwarten, daß das wich- 
tige 'Thema der therapeutischen Technik denselben Fortschritt auf- 
weisen wird, wie wir ihn bei anderen psychoanalytischen Fragen gesehen 
haben, und schließlich ist ja unsere Methode die Basis und Garantie 
aller unserer Forschungen. 



Spezielle Pathologie uud Therapie der nervösen 
Zustände und der Geistesstörungen. 



Referent: Dr. K. Abraham. 



Literatur^). Hysterie. 1. Abraham: Über hysterische Traumzustände. 
Jahrb. II, 1910. — 2. Binswanger: Versuch einer Hysterieanalyse. Jahrb. I, 
1909. — 3. Brill; Hysterical Dreamy States, their Psyehological Mechanism. 
New York Med. Journ. 1912. — 4. Ders.: Piblokto or Hysteria among Peary's 
Eskimos. The Journal of Nervous and Mental Disease. 1913. — 5. Freud: 
Die psychogene Sehstörung in psychoanalytischer Auffassung. Sammlung kleiner 
Schriften zur Neurosenlehre. III, 1913. — 6. Friedland: Heilung eines hyste- 
rischen Symptoms mitteis Selbstanalyse. Zeitsohr. I, 1913. — 7. Jones: Simu- 
lated foolishness in Hysteria. American Journal of Insanity. 1910. — 8. Sadger: 
Ein Fall von Pseudoepilepsia hysterica psychoanalytisch erklärt. Wiener klin. 
Rundschau. 1909. — 6. Ders.: Zum Verständnis der Hypnose und des hyste- 
rischen Delirs. Zbl. I, 1910. 

Angstneurose und Angsthysterie. 10. Abraham: Zur Psychogenese der 
Straßenangst im Kindesalter. Zeitsehr. I, 1913. — 11. Ders.: Psychische Nach- 
wirkungen der Beobachtung des elterlichen Geschlechtsverkehrs bei einem neun- 
jährigen Kinde. Zeitsehr. I, 1913. — 12. Adler: Syphihdophobie. Zbl. I, 1910. — 

13. Binswanger: Analyse einer hysterischen Phobie. Jahrb. III, 1911. — 

14. Dattner: Eine psychoanalytische Studie an einem Stotterer. Zbl. II, 1911. 

15. Eder: Das Stottern eine Psychoneurose und seine Behandlung durch die 
Psychoanalyse. Zeitsehr. I, 1913. — 16. Federn: Ein Fall von Pavor noctumus 
mit subjektiven Lichterscheinungen. Zeitsehr. I, 1913. — 17. Freud: Analyse 
der Phobie eines fünfjälirigen Knaben. Jahrb. I, 1909. — 18. Friedjung: Ein 
Beispiel einer kindlichen Phobie. Zbl. II, 1912. — 19. Fröscheis: Über die 
Behandlung des Stotterns. Zbl. III, 1913. — 20. Jones: Die Beziehung zwischen 
Angstneurose und Angsthysterie. Zbl. I, 1913. — 21. Ders.: A Simple Phobia. 
The Journal of Abnormal Psychology, 1913. — 22. Laubi. Ein Fall von 
Psychoanalyse bei einem erwachsenen Stotterer. Monatschr. f. d. ges. Sprach- 
heilkunde, 1911. — 23. Luzenberger: Psychoanalyse in einem Falle von Er- 
rötungsangst als Beitrag zur Psychologie des Schamgefühls. Zbl. I, 1910. — 
24. Prinoe: Die Psychopathologie eines Falles von Phobie. Zeitsehr. I, 1913. — 

1) Vgl. das Verzeichnis der Abkürzungen, S. 264. 

2 1 



344 K. Abraham- 

25. Stekel: Ein Fall von Sehreibstottem. Zbl. I, 1910. — 26. Wulff: Zur 
Psychologie der Syphilophobie. Zbl. III, 1912. 

Sytnptomatologische Beiträge. 27. Abraham: Über ein kompliziertes 
Zeremoniell neurotischer Frauen. Zbl. II, 1912. — 28. Adler: Die p.sychische 
Behandlung der Trigeminusneuralgie. Zbl. I, 1910. — 29. Benni: Ein Fall 
von Intestinalneurose. Zbl. II, 1912. — 30. Brill: Ein Fall von periodischer 
Depression psychogenen Ursprungs. Zbl. I, 1910. — 30a. Federn: Beispiel von 
Libidoverschiebung während der Kur. Zeitschr. 1 1913. — 31. Burrow: Die psycho- 
logische Analyse der sogenannten Neurasthenie und verwandter Zustände. 
Zeitschr. I, 1913. — 32. Jones: Remarks on a case of complete autopsychic 
amnesia. Journal of Abnormal Psycho logy, 1909. — 33. Juliusburger: Über 
einen Fall von akuter autopsychischer Bewußtseinsstörung, ein Beitrag zur Lehre 
von Kriminalität und Psychose. Zbl. I, 1910. — Putnam: Bemerkungen über 
einen Krankheitsfall mit Griselda-Phantasien. Zeitschr. I, 1913. — 35. Sadger: 
Ist das Asthma bronchiale eine Sexualneurose? Zbl. I, 1910. — Ders.: Über 
sexualsymbolische Verwertung des Kopfschmerzes. Zbl. II, 1912. — 37. Steg- 
mann: Ergebnisse der psychischen Behandlung einiger Fälle von Asthma. 
Zbl. I, 1910. — 38. Steiner: Die psychischen Störvmgen der männlichen Potenz. 
Wien, F. Deuticke, 1913. — 39. Stekel: Über ein Zeremoniell vor dem Schlafen- 
gehen. Zbl. II, 1912. — 40. Wulff: Zur Psychogenität des Asthma bronchiale. 
Zbl. III, 1913. ' 

Zwangsneurose. 41. Brill: Freud's Theory of Gompulsion Neurosis. 
American Medicine, VI, 1911. — 42. Freud: Bemerkungen über einen Fall von 
Zwangsneurose. Jahrb. I, 1909. — 43. Ders.: Die Disposition zur Zwangs- 
neurose. Zeitschr. I, 1913. — 44. Hitsehmann: Gesteigertes Triebleben und 
Zwangsneurose bei einem Kinde. Zeitschr. I. 1913. — 45. Jones: Einige Fälle von 
Zwangsneurose. Jahrb. IV/V, 1913. — 46. Ders.: Haß und Analerotik in der 
Zwangsneurose. Zeitschr. I, 1913. — 47. Nepalleck: Analyse einer scheinbar 
sinnlosen infantilen Obsession. Zbl. I, 1910. — 48. Riklin. Aus der Analyse 
einer Zwangsneurose. Jahrb. II, 1910. 

ManiSCh'depressJve Psychosen. 49. Abraham: Ansätze zur psychoanaly- 
tischen Erforschung und Behandlung des manisch-depressiven Irreseins und 
verwandter Zustände. Zbl. II, 1912. — 50. Jones: Psycho -Analytic Notes on 
a Case of Hypomania. Bulletin of the Ontario Hospitals for the Insane, 1910. — 
51. Maeder: Psychoanalyse bei einer melancholischenDrepession. Jahrb. 111,1911. 

Paranoia. 52. Bjerre: Zur Radikalbehandlung der chronischen Paranoia. 
Jahrb. III, 1911. — 53. Brill: Psychologieal Mechanisms of Paranoia. New 
York Medical Journal, 1911. — 54. Ferenczi: Reizung der analen erogenen 
Zone als auslösende Ursache der Paranoia. Zbl. I, 1910. — 55. Ders.: Über 
die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der Paranoia. Jahrb. III, 
1911. — 56. Freud: Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiogra- 
phisch beschriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoides). Jahrb. III, 
1910. — 57. Ders.: Nachtrag zu dem autobiographisch beschriebenen Falle von 
Paranoia (Dementia paranoides). Jahrb. III, 1912. — 58. Hitschmann: Para- 
noia, Homosexualität und Analerotik. Zeitschr. I, 1913. — 59. Morichan 
Beauchant: Homosexualität und Paranoia. Zbl. II, 1912. 



Spezielle Pathologie und Therapie der nervösen Zustände usw. 345 

Dementia praecox (Kraepelin). [Schizophrenie (Bleuler); Paraphrenie 
(Freud).] 60. Bertschinger: Illustrierte Halluzinationen. Jahrb. III, 1911. — 
61. Bleuler: Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien. (Aschaffen- 
burgs Handbuch der Psychiatrie. Leipzig und Wien, 1911. - 62. Grebelskaja: 
Psychologische Analyse eines Paranoiden. Jahrb. IV, 1912. — 63. Maeder: 
Psychologische Untersuchungen an Dementia praecox-Kranken. Jahrb. II, 1910. 

— 64. Nelken: Psychologische Untersuchungen an Dementia-praecox-Kr'anken. 
Joum. f. Psychol. u. Neuro!,, Bd. XVIII, 1911. - 65. Ders.: Über schizophrene 
Wortzerlegungen. Zbl. II, I91I. - 66. Ders.: Analytische Beobachtungen 
über Phantasien eines Schizophrenen. Jahrb. IV, 1912. — 67. Oppenheim: 
Zur Frage der Genese des Eif ersuch tswahnes. Zbl. II, 1911. — 68. Pfenninger: 
Untersuchungen über die Konstanz und den Wechsel der psychologischen Kon- 
stellation bei Normalen und Frühdementen (Schizophrenen). Jahrb. III, 1911. — 
69. Ror Schach: Analytische Bemerkungen über das Gemälde eines Schizo- 
phrenen. Zbl. III, 1913. - 70. Spielrein: Über den psychologischen Inhalt 
emes Falles von Schizophrenie (Dementia praecox). Jahrb. III, 1911. 

Epilepsie. 70a. Jones: The Mental Characteristics of Chronic Epilepsy. 

— 71. Maeder: Sexualität und Epilepsie. Jahrb. I, 1909. — 72. Stekel: 
Die psychische Behandlung der Epilepsie. Zbl. I, 1910. 

Alkoholismus. 73. Juliusburger: Beitrag zur Psychologie des sogenannten 
Dipsomanie. Zbl. II, 1912. - 74. Ders.: Zur Psychologie des Alkoholismus. 
Zbl. III. 1912. 

Vorbemerkung. 

Im folgenden werden nur die Ergebnisse der einzelnen Arbeiten 
hervorgehoben, Auf eine referierende Wiedergabe kasuistischer Beiträge 
wurde prinzipiell verzichtet. 

Für freundliche Hilfeleistung (Referate 30 a, 35, 37, 40, 70 a, 71, 
72, 73, 74) bin ich Herrn Dr. Hans Liebermann zu Dank verpflichtet. 

Hysterie. 

Binswanger (2) gibt die Analyse eines lehrreichen Hysterie- 
falles ausführlich wieder. Bemerkenswert sind namentlich die Be- 
ziehungen zwischen Sexualität und Ernährungsfunktion, welche durch 
den Mund als erogene Zone vermittelt werden. Auch für das Gebiet 
der Todesphantasien ist der Fall instruktiv. Therapeutisch günstiger 
Verlauf. 

Die folgenden Arbeiten befassen sich mit Einzelheiten des 
Hysterie-Problems. 

Sadger (8) berichtet über die Psychoanalyse eines geheilten 
Falles von hysterischer Pseudo-Epilepsie ; die besondere Bedeutung des 
sadistischen Partialtriebes wird erwiesen. 



^46 K. Abraham. 

Abraham (1) beschäftigt sich mit den „Traumzuständen" der 
Neurotiker. Diese Zustände nehmen eine Mittelstellung zwischen Tag- 
träumereien und Dämmerzuständen ein. Sie gehen aus den ersteren 
hervor und hängen innig mit der Masturbation zusammen. Aus dieser 
Herkunft werden die vier Stadien erklärlich, in welchen die meisten 
Traumzustände verlaufen (Phantastisches Stadium, Stadium der Ent- 
Tückung, der Assoziationsleere, der reaktiven Angst). Die Traumzustände 
dienen der Befriedigung infantiler Wünsche. Sie können auch protrahiert 
verlaufen, werden manchmal auch willkürlich hervorgerufen oder unter- 
brochen. Mehrere Beobachtungen werden ausführlich analysiert. — Die 
Ergebnisse der Arbeit fanden durch Brill (3) Bestätigung. Beiträge 
zum Verständnis \ier Zusammenhänge zwischen hysterischen Symp- 
tomen und infantiler Sexualität lieferten Sadger (9) und Friedland (6). 

Jones (7) berichtet über simulierten Blödsinn, den er bei einem 
hysterischen Knaben im Pubertätsalter beobachtete. Das „Sich-dumm- 
stellen" erklärt sich daraus, daß der Patient die Rolle des Kindes 
wieder übernimmt und sein sexuelles Wissen verleugnet. 

Brill (4) gibt einige interessante Aufschlüsse über eine primitive 
Form der Hysterie bei Eskimofrauen und macht den Zusammenhang 
des Leidens mit unbefriedigter Libido wahrscheinlich. 

Theoretisch wichtig ist Freuds kurze Abhandlung über die psy- 
chogene Sehstörung (5). Diese wird aus dem Konflikt der Ichtriebe mit 
der Sexualität abgeleitet. Die Ichtriebe widersetzen sich einer zu 
starken Inanspruchnahme des Auges als erogene Zone; das Auge ver- 
weigert seinen Dienst daraufhin völlig. 

Angstneurose und Angsthysterie. 

Freuds Analyse des „Kleinen Hans" (17) hat der psychoanaly- 
tischen Wissenschaft die volle Bestätigung aUee dessen gebracht, was 
ihr Autor bezüglich der kindlichen Sexualität und der Ätiologie der 
Neurosen bereits früher aus den Psychoanalysen Erwachsener er- 
schlossen hatte. 

Der Krankheitsfall gab Gelegenheit zu höchst instruktiven Be- 
obachtungen über die sexuelle Neugierde und die Sexualtheorien des 
Kindes, seine frühen erotischen Regungen gegenüber dem anderen 
Geschlecht, seine eifersüchtig-feindlichen Regungen gegen Vater und 
Schwester. Der ödipus- Komplex — das Verlangen nach der 
Mutter, die Todeswünsche gegen den Vater, die ambivalente Ein- 
stellung zu letzterem, die Kastrationsangst — tritt in unverkenn- 



Spezielle Pathologie und Therapie der nervösen Zustände usw. 347 

barer Deutlichkeit hervor. Die Bedeutung der erogenen Zonen und der 
Partialtriebe wird evident. Die Entstehung der Angst aus unterdrückter 
Sehnsucht, die Psychogenese des Zweifels und andere Vorgänge voll- 
ziehen sich genau so, wie es aus den Neurosen Erwachsener bereits 
erschlossen war. 

Die auf Pferde bezügliche Phobie des Knaben erklärt sich aus der 
Verdrängung und Wiedererweckung der mit dem Ödipuskomplex zu- 
sammenhängenden Wunschregungen. Das pathogene Material wird auf 
das eigenartige Interesse an Pferden umgearbeitet, der es begleitende 
Affekt in Angst verwandelt. Wichtig ist auch der Nachweis, daß 
Tiere — im vorliegenden Falle besonders Pferd und Giraffe — Eltern- 
bedeutung haben. Die Analyse brachte außer ihren wissenschaftlichen 
Resultaten die Heilung der Phobie. 

Die Beiträge der übrigen Autoren zum Kapitel „Phobien" be- 
ziehen sich meist auf Einzelprobleme und einzelne Krankheitsfälle. 
Friedjung (18) analysiert die Angst eines Sjährigen Mädchens um 
das Leben der Mutter und leitet sie aus der Gefühlseinstellung zu den 
Eltern ab. Jones (21) führt die Angst eines Patienten, aus einer Höhe 
hinabzustürzen, auf verdrängte feindliche Impulse zurück. Der Patient 
ängstigt sich vor seinen Trieben. Die Bedeutung der Einstellung zum 
Vater tritt klar hervor. Federn (16) besehreibt einen Fall von Angst vor 
kosmischen Ereignissen. Auch hier erweist sich der Elternkomplex als 
Quelle der Angst; wichtig ist besonders die Beobachtung des elterlichen 
Geschlechtsverkehrs. Daß das letztgenannte Erlebnis zum unmittelbaren 
Anlaß eines Angst- und Dämmerzustandes werden kann, zeigt die Mit- 
teilung von Abraham (11). Wulff (26) weist den Zusammenhang 
einer Syphilidophobie^) mit verdrängten, auf die Schwester des Patien- 
ten gerichteten Inzestwünschen nach. Die Beobachtung von Abraham 
(10) beleuchtet die Entstehung der Straßenangst bei einem Kinde aus 
inzestuöser Fixierung an die Mutter. 

Verschiedene kleine Mitteilungen beziehen sich auf das Stottern 
als Angstzustand. Laubi (22) berichtet über einen psychoanalytischen 
Heilerfolg; seine Methode entspricht eher der „kathartischen". In dem 
Fall von Dattner (14) trat die Sprachstörung nur bei bestimmten, 
„verräterischen" Worten auf, von denen der Autor auf assoziativem 
Wege zu den verdrängten (sexuellen) Triebregungen gelangte. Etwas 

1) Die Ausführungen Adlers (12) zum gleichen Thema entziehen sich 
dem Referate an dieser Stelle, da sie den Boden der Psychoanalyse völlig 
verlassen. 



348 K. Abraham. 

ausführlicher geht Eder (15) auf die Psychogenese des Stotterns ein. 
Die Hemmung des Sprechens erklärt sich aus der Verdrängung; der 
Stotterer ängstigt sich, etwas in seinem Unbewußten Verborgenes zu 
verraten. Der Mund wird überdies vom Unbewußten als erogene Zone 
in Anspruch genommen. — Die Arbeit von Fröscheis (19) streift 
das Psychoanalytische nur im Vorübergehen. 

In einem von Stekel (25) als „Schreibstottem" beschriebenen 
Fall handelte es sieh um Zweifel in bezug auf die richtige Schreibung 
der Wörter. Der Patient hatte ein infantil-spielerisches Interesse an 
den Buchstaben, verwendete sie überdies als sexuelle Symbole. 

Während die letztgenannten kasuistischen Arbeiten großenteils 
ein gründliches Eingehen auf die unbewußten Grundlagen der Angst 
vermissen lassen, befleißigt sich Binswanger (13) einer erschöpfen- 
den Analyse seines ausführlich mitgeteilten Krankheitsfalles. Die auf 
Stiefelabsätze bezügliche Phobie eines jungen Mädchens wird auf geni- 
tale und anale Masturbation mit dem Absatz des Schuhes zurückge- 
führt. Von großem Einfluß auf die Entstehung der Phobie waren die 
infantilen Geburtstheorien der Patientin. Verfasser untersucht sorg- 
fältig die Schichtung der Neurose imd erweist, daß das Hauptsymptom 
in jeder Schicht eine besondere Bedeutung hat. — Therapeutisch: gün- 
stiger Erfolg. 

Eine der neuesten Arbeiten zur Analyse der Phobien, deren Ver- 
fasser Morton Prince ist (24), führt — entgegen den Prätentionen 
ihres Verfassers — nicht in die Tiefe der Probleme. Die Phobie, die 
sich auf Kirchtürme bezog, hatte mit einer Angst vor dem Glocken- 
lauten begonnen. Prince leitet die Phobie von Selbstvorwürfen her. 
Den Weg zu den eigentlichen Quellen des Leidens versperrt er sich 
durch suggestives Vorgehen. 

Jones (20) nimmt Stellung zur Frage der Abgrenzung der 
Angstneurose und Angsthysterie. Die vor 20 Jahren von Freud 
aufgestellte Lehre behält ihre Gültigkeit, bedarf aber der Ergänzung. 
Verfasser gibt folgende Leitsätze: „Die wesentliche Ursache aller 
Arten von Angstzuständen besteht in einem Mangel an physischer Be- 
friedigung der Libido; die Angst stammt aus dem angeborenen Furcht- 
instinkt und die Übertreibimg ihrer Äußerungen ist die abwehrende 
Antwort auf verdrängte, sexuelle Wünsche. In allen Fällen spielen 
die psychischen Faktoren eine wichtige Rolle, in manchen sogar die 
einzige. Die physischen Faktoren wirken oft mit, aber sie allein ge- 
nügen nie, einen Angstzustand hervorzurufen; übrigens enthalten diese 



Spezielle Pathologie und Therapie der nervösen Zustände usw. 349 

Faktoren immer eine wichtige psychische Seite. Die physischen Faktoren 
treten allerdings viel mehr hervor in der Angstneurose als in der Angst- 
hysterie (Phobien usw.). Die Angstneurose darf als ein einzelnes 
Symptom der Angsthysterie betrachtet werden, die der weitere Be- 
griff ist." 

Symptomatologische Beiträge. 

Unter dieser Rubrik habe ich eine Anzahl von Publikationen ver- 
einigt, die sich auf einzelne Symptomenkomplexe beziehen, welche im 
Rahmen der verschiedenen Neurosen auftreten können (z. B. Kopf- 
schmerz, Asthma, Impotenz, Depression). 

In einer kleinen Monographie behandelt Steiner (38) die psychische 
Impotenz. Er unterscheidet in der Ätiologie des Leidens zwischen an- 
geborener, früh erworbener und spät erworbener Disposition. Für die 
erste Gruppe von Fällen, in denen Verfasser organische Grundlagen 
annimmt, ist die Prognose ungünstig. Die zweite und dritte Gruppe 
geben eine teilweise respektive vorwiegend günstige Prognose. In diesen 
Fällen gilt es, die „Liebesbedingungen", denen der Patient unterliegt, 
zu eruieren und zu beseitigen. Es handelt sich um Menschen, deren 
Libido sich in inzestuöser Fixierung befindet. Sollen sie sich vom in- 
fantilen Liebesobjekt ablösen, so geben sie damit ihre gesamte Liebes- 
fähigkeit auf und werden impotent. Gelingt es, die inzestuöse Fixie- 
rung aufzuheben, so ist damit der Weg zur Liebesfähigkeit eröffnet. 
Verfasser berücksichtigt ferner eingehend die Bedeutung der unbewußten 
Homosexualität und die sonstigen unbewußten Faktoren von ätiolo- 
gischer Bedeutung. Auch die Träume der Impotenten (z. B. Examens- 
träume) werden besonders gewürdigt. — Im Anhang instruktive Ka- 
suistik. 

Burrow (31) untersucht den psychologischen Inhalt eines Falles 
von „Neurasthenie". Er legt besonderen Wert auf den Nachweis des 
Parallelismus zwischen neurotischen Symptomen und Träumen. 

Die von Benni (29) analysierte „Intestinalneurose" erweist sich 
als determiniert durch die verdrängten Wünsche nach Wiederholung 
gewisser sexueller Erlebnisse. Analerotik und passiv-homosexuelle 
Einstellung treten in der Sexualität des Patienten deutlich hervor. 

Adler (28) gibt in der Hauptsache eine Darstellung seiner Neu- 
rosenlehre und sucht dann einen Fall von Trigeminus-Neuralgie in 
ihrem Sinne zu erklären. Der Versuch, die psychischen Quellen dieses 
Leidens aufzudecken, verdient Beachtung. Die Einzelheiten der Adler- 



350 K. Abraham. 

sehen Arbeit können hier jedoch nicht berücksichtigt werden, weil sie 
nicht mehr in den Rahmen der Psychoanalyse gehören. 

Putnam (34) beschreibt eine Neurose, in deren Mittelpimkt ein 
Konflikt zwischen Liebes- und Haßeinstellung stand; die einander 
widerstreitenden Gefühlsregungen des Patienten galten seiner Tochter 
und führten zu Phantasiebildungen, in welchen die Erniedrigung einer 
weiblichen Person dargestellt wurde. Die Phantasien liefen in Mastur- 
bation aus. 

Sehr beachtenswert sind Sadgers Ausführungen über den Kopf- 
schmerz und seine Determinierungen (36). Sadger erweist im Kopf- 
sehmerz und einigen verwandten Symptomen verdrängte libidinöse Ten- 
denzen. Von besonderer Bedeutung ist die „Verlegung nach oben", durch 
welche der Kopf die Bedeutung des Penis oder der Nates, die Schädel- 
höhle die Bedeutung der Bauchhöhle, die Schläfe die Bedeutung der 
Vulva übernehmen kann. Ein ringförmiges Druckgefühl am Kopf ent- 
spricht oft dem nach oben verlegten Gefühl der Umarmung; Druck auf 
dem Kopf entspricht oft einem verdrängten Wunsch nach dem Druck 
eines Körpers, der dem Körper der Patientin auflagern sollte. Bohren- 
der Schmerz hat Koitusbedeutung, bei weiblichen Personen auch Mastur- 
bationsbedeutung. Druck im Kopf, oder Schmerz, der den Schädel zu 
sprengen scheint, entspricht oft einer unbewußten Entbindungsphantasie 
mit Wehenschmerz. Druck im Kopf ist aber auch oft ein Zeichen ver- 
drängter Analerotik. Der drückende Sehädelinhalt vertritt den Darm- 
inhalt. — Referent kann die Deutungen Sadgers auf Grund eigener 
Analysen vollinhaltlich bestätigen. 

Jones erklärt einen sehr interessanten Fall von totaler „auto- 
psychischer" Amnesie (32) aus der Verdrängung bewußtseinsunfähiger 
Vorstellungen. Ebenso weist Juliusburger (33) in einer Bewußt- 
seinsstörimg die verursachenden unbewußten Wunschregungen nach. 

Brills Fall von periodischer Depression wird aus psychosexuellen 
Konflikten abgeleitet (30). 

Abraham (27) beschreibt ein von neurotischen Frauen geübtes 
Zwangszeremoniell vor dem Schlafengehen. Es enthält die verdrängten 
Inzestwünsche und die mit ihnen zusammenhängenden Todeswünsche 
der Patientin. — St ekel (39) liefert ähnliche Beiträge. 

Mehrere Beiträge beschäftigen sich mit der neurotischen Natur 
des Asthma. Sadger (35) fand bei einem Manne mit homosexuellen 
Neigungen, daß die asthmatischen Anfälle aus durchsichtigen sexuellen 
Anlässen entstanden. Unbefriedigte Libido wirkte auslösend, befriedigte 



Spezielle Pathologie und Therapie der nervösen Zustände usw. 351 

wirkte heilend auf die Anfälle. Anfälle, die nach Lachen und Tollen 
auftraten, ließen sich auf infantil-sexuelle Quellen zurückführen. Die 
Beziehungen des Asthma zur Nase führt Verfasser auf die Eigenschaft 
von Nase und Hals als erogene Zonen zurück. Für das Unbewußte des 
Patienten hat die Nase Penisbedeutung ; Nasenschwellung und Niesen 
werden der Erektion und Ejakulation gleichgesetzt. Die sogenannte 
exsudative Diathese erweist sich als Bereitschaft des Organs für ero- 
tische Schwellungszustände. _ Federn (30a) betont gleichfalls den 
sexuellen Charakter des Asthmas und bringt es in Beziehung zum 
Mutterkomplex. Von sonstigen Momenten kommen unbewußte Phan- 
tasien von Kämpfen, Wettlaufen, Lachen bis zur Atemlosigkeit hinzu. 
- Auch Stegmann (37) weist sexuelle Ursachen des Leidens nach. 
Bei Kindern wirkt besonders Verzärtelung disponierend. Bei Erwach- 
senen wirken bestimmte unbefriedigte Erregungen auslösend. Beide 
Autoren betonen die günstige Wirkung der Psychotherapie. Auch in 
dem von Wulff (40) mitgeteilten Falle ist die sexuelle Ätiologie un- 
verkennbar. 

Zwangsneurose. 

Freud (42) läßt seiner ersten, 1896 erschienenen Untersuchung 
über die Zwangsneurose nach 13 Jahren eine ausführliche Bearbeitung 
des Themas folgen, die der vermehrten Erfahrung und Einsicht in das 
Wesen der Neurosen Rechnung trägt. 

Bei der Zwangsneurose sind — zum Unterschied von der Hysterie — 
die rezenten Anlässe der Neurose im Bewußtsein verblieben. Nur der 
Affekt hat sich verschoben, so daß im Bewußtsein ein indifferenter 
Vorstellungsinhalt bleibt. Die kausalen Zusammenhänge sind gelöst; 
aber es ist keine Amnesie eingetreten. Den Kern des Leidens bilden die 
einander widerstrebenden Gefühlsregungen — Liebe und Haß — gegen 
Eltern und Geschwister. In dem von Freud mitgeteilten Falle nimmt 
die Neurose ihren Ausgang von der Unterdrückung eines Haßaffektes 
gegen den Vater. Wird der Haß unterdrückt, so kommt es oft zur reak- 
tiven Übertreibung der Liebe. Das Gleichgewicht zwischen Liebe und 
Haß führt zur Entschlußunfähigkeit, zum Zweifel. Der neurotische 
Zwang ist ein „Versuch zur Kompensierung des Zweifels und zur Kor- 
rektur der Hemmungen". Der entschlußunfähige Neurotiker verschiebt 
einen Vorsatz auf Indifferentes; der Vorsatz muß dann zwangsmäßig 
ausgeführt werden. ~ Zwangsneurotiker waren als Kinder meist sehr 
leidenschaftlich; später unterliegen sie der Angst vor ihren eigenen 



352 K. Abraham. 

Trieben, werden schwach, übergut oder feige. Der Zweifel zwischen 
Liebe und Haß macht sich gelegentlich in „zweizeitigen" Handlungen 
geltend, deren eine die andere aufhebt. 

Die Zwangsgedanken haben eine Entstellung erfahren, welche 
der Entstellung der Traumgedanken analog ist. Oft findet man die 
„elliptische" Technik angewandt, d. h. in einer Zwangsbefürchtung ist 
ein wichtiges Glied der Gedankenkette ausgefallen, wodurch der Inhalt 
unverständlich wird. Die große, in Freuds Falle den Mittelpunkt 
bildende Zwangsbefürchtung (die „Rattenstrafe") leitet sich her von 
Haß und Sadismus des Patienten einerseits, anderseits von der ver- 
drängten Analerotik. — Die Phänomenologie der Zwangsneurose wird 
in mehrfacher Hinsicht ergänzt. Freud beschreibt als „Delirien" ge- 
wisse, in der äußeren Gestalt dem Wahn ähnliche Zwangsideen. Er 
bespricht die Neigung der Zwangsneurotiker zum Aberglauben, in 
welchem sich eine Projektion innerer Vorgänge in die Außenwelt er- 
kennen läßt. Die Vorstellung dieser Kranken von der „Allmacht" ihrer 
Gedanken leitet sich von kindlichen Größenphantasien her. Der Zwangs- 
neurotiker überschätzt die Wirkung seiner feindseligen Wünsche; er 
behandelt sie, als wären sie Taten. 

Neben dem sadistischen Partialtrieb erweist sich noch ein zweiter 
als grundlegend wichtig für die Entstehung der Zwangsneurose: die 
sexuelle Schaulust. Unterliegt diese einer intensiven Verdrängung, so 
wird das Interesse vom Schauen auf das Denken verschoben. Der 
sexuelle Inhalt des Denkens wird Jedoch ebenfalls unterdrückt; die 
Lust wird auf den Akt des Denkens selbst verschoben, der nun zwang- 
haft wird. Das Zwangsdenken ist ein Ersatz für eine Triebbetätigung; 
Denkvorgänge werden dann zwanghaft, wenn sie Taten vertreten 
müssen. 

Ganz wie aus dem Konflikt zwischen Liebe und Haß, gehen auch 
aus der Unterdrückung bestimmter Denkinhalte Zweifel hervor. Der 
Zwangskranke hat ein Bedürfnis nach Unsicherheit und Zweifel. Er 
heftet seine Gedanken daher mit Vorliebe an Fragen, die einer fakti- 
schen Unsicherheit unterliegen; so z. B. beschäftigen ihn besonders 
Zweifel bezüglich der Lebensdauer und des Fortlebens nach dem Tode, 
bezüglich der Treue des Gedächtnisses u. a. m. 

Die Zwangsgedanken werden gegen die kritischen, auflösenden 
Tendenzen des bewußten Denkens gesichert durch Loslösung von der 
Situation ihrer Entstehung, durch Verallgemeinerung, durch unbe- 
stimmten (zweideutigen) Wortlaut. 



Spezielle Pathologie und Therapie der nervösen Zustände usw. 353 

Am Schlüsse äußert Freud noch eine Vermutung über die mög- 
liche Bedeutung der verdrängten Riechlust für die Genese der Zwangs- 
neurose. 

Eine kurze, referierende Darstellung der Freudschen Ideen über 
die Zwangsneurose^ gibt Brill (41). 

Nepalleks Mitteilung (47) ist sehr instruktiv, insofern als sie 
die AiJektverschiebung auf Nebensächliches besonders gut demonstriert. 
Hitschmanns Beobachtungen bei einem Kinde in den ersten Lebens- 
jahren (44) zeigen die Basis, auf der die Zwangsneurose erwächst, in 
deutlichster Weise. Die verschiedensten Komponenten des Trieblebens, 
besonders Sadismus, Analerotik und Schaulust, erweisen sich als abnorm 
stark. Auf ihnen bauen sich die frühzeitigen Zwangserscheinungen auf. 

Riklin (48) teilt aus der Analyse einer Zwangsneurose Tat- 
sachen mit, welche die Freudschen Anschauungen in vollem Umfange 
bestätigen. Besonders deutlich ist zu erkennen, wie der Konflikt beim 
Verhältnis des Patienten zu seinen Eltern einsetzt, ferner treten Sadis- 
mus und Analerotik stark hervor. Leider fehlt am Schluß eine klare 
Sichtung des Materials. 

Verdienstvoll in dieser Richtung ist die Arbeit von Jones (45). 
Er analysiert eingehend die Phänomene bezüglich ihrer Herkunft aus 
den verschiedenen Partialtrieben. Besonders hebt er die autoerotischen 
Erscheinungen, und unter diesen wieder die der Analerotik entstammenden 
hervor. Neu ist die Auffassung von der Bedeutung des Flatus in den 
Größenphantasien des Kindes (Allmacht der Gedanken). Die soge- 
nannten analen Charakterzüge, wie sie von Freud entdeckt wurden, 
bestätigt Jones; doch glaubt er, daß sie sich nur bei besonders aus- 
geprägter Koprophilie entfalten. Analerotik und Haß werden in dieser 
Arbeit bereits sorgfältig berücksichtigt, wenn auch noch nicht in ihrer 
vollen Bedeutung erkannt. Diese Arbeit bereitet auf die wichtige weitere 
Mitteilung (46) desselben Autors vor, in welcher jene Paktoren vor 
allen anderen gewürdigt werden. Zur Psychologie des Hasses führt 
Jones aus, daß wir solche Personen hassen, die wir eigentlich lieben 
wollten, die uns überlegen sind und uns an der Erlangung einer Lust 
hindern, Der früheste Haß des Kindes wendet sich gegen die Erzieher, 
die ihm durch Gewöhnung zur Reinlichkeit die Exkretionslust schmälern. 
Hier liegt der Zusammenhang zwischen der Analerotik und den 
Charakterzügen des Hasses und Trotzes. — Interessant ist auch Jones' 
Hypothese, daß die unwiderstehliche Macht des Stuhldranges das primi- 
tive Vorbild des neurotischen Zwanges sei. 

Jahrbuch der Psychoanalyse. VI. 23 



354 K. Abraham. 

Freuds Ideen über die Disposition zur Zwangsneurose (43) be- 
ruhen auf ähnlichen Beobachtungen. Es handelt sich um einen Vorstoß 
zur Lösung des Problems der Neurosenwahl. Letztere ist abhängig von 
einer Disposition. Diese aber wird gegeben durch diejenige Fixierungs- 
stelle in der Libido-Entwicklung, an welcher die Neurose einsetzt. 
Paraphrenie und Paranoia stellen, ebenso wie die Psychoneurosen, 
Entwicklungshemmungen dar. Die Hemmung liegt bei den beiden ge- 
nannten Krankheiten in den frühesten Stadien der Libido-Entwicklung 
(Autoerotismus respektive Narzißmus), während der Ausbruch der 
Krankheit erst spät erfolgt. Die Fixierungsstelle für die Entstehimg 
von Zwangsneurose und Hysterie ist eine spätere. Die frühere Auf- 
fassung, nach welcher die Hysterie von passivem, die Zwangsneurose 
von aktivem infantilen Erleben ihren Ausgang nahm, hat sich als unzu- 
länglich erwiesen. Die Hysterie entsteht in einem Stadium der Libido- 
Entwicklimg, in dem die Objektwahl bereits erfolgt, der Primat der 
Genitalzone bereits hergestellt ist. Die Zwangsneurose hat ihren An- 
satzpunkt in einem Stadium, das sich zwischen Narzißmus imd Auf- 
richtung des Genitalprimates einschiebt. Die diesem Stadium eigen- 
tümliche „prägenitale Organisation" ist charakterisiert durch die Vor- 
herrschaft der Analerotik und des sadistischen Partialtriebs. In der 
Zwangsneurose findet eine Regression auf dieses Stadium statt; die 
genannten Triebe übernehmen wieder die Vertretung der Genitaltriebe, 
während in der Hysterie die Regression nicht auf diesen Zustand zu- 
rückzugehen pflegt. 

Die Bedeutung des „Sadismus", den man als Bemächtigungstrieb 
bezeichnen kann, erklärt sich vermutlich dadurch, daß beim Zwangs- 
neurotiker die Entwicklung der Ichtriebe der Entwicklung der Libido 
vorauseilt. 

Manisch-depressive Psychosen. 

Hier liegen erst wenige Publikationen vor. Jones (50) versuchte 
zuerst, einen hypomanischen Zustand psychoanalytisch zu verstehen. 
Maeder (51) teilte die fragmentarische Analyse eines melancholischen 
Depressionszustandes mit, in dessen Aufbau die verdrängte Homosexu- 
alität eine wesentliche Rolle zu spielen schien. Der von Brill (30) ana- 
lysierte Depressionszustand gehört nach eigener Ansicht des Autors 
nicht in dieses Kapitel. 

Abraham (49) gelangt auf Grund einer Anzahl von Psycho- 
analysen zu dem Ergebnis, daß die psychosexuelle Grundlage der 
manisch-depressiven Zustände der von Freud für die Zwangsneurose 



Spezielle Pathologie und Therapie der nerTÖsen Zustände usw. 355 

angenommenen in weitem Umfang ähnlich sei. Namentlich wird die 
Störung der Liebesfähigkeit durch Ambivalenz der Gefühlsregungen 
hervorgehoben. Die depressive Stimmung entsteht, wenn das Individuum 
die Ziele der Libido aufgibt imd die Zukunft keine Verwirklichung der 
Wünsche erwarten läßt. In der Kindheit der später Manischdepressiven 
tritt eine große Leidenschaftlichkeit der Triebe, besonders des Sadis- 
mus, zutage. Im Depressionszustand herrscht äußerste Triebeinschrän- 
kung; an Stelle der Impulse finden sich Selbstvorwürfe. Im manischen 
Zustand brechen die ursprünglichen Triebe explosiv wieder durch. — 
Neben der Ambivalenz der Gefühle (im Sinne von Haß und Liebe) ist 
auch die Unsicherheit der Patienten in bezug auf ihre Geschlechterolle 
von Bedeutung. 

Der Depressive projiziert seine psychischen Innenvorgänge nach 
außen, doch anders wie der Paranoische. Sein Gefühl der Liebesunfähig- 
keit verschiebt er gern auf die anderen Menschen als Wahrnehmung: 
sie mögen mich nicht. Zur Begründung dieser Auffassung werden allerlei 
Mängel der eigenen Person — nur nicht die Störung der Liebesfähig- 
keit — in den Vordergrund geschoben. 

Der Manische setzt sich hinweg über das, was den Depressions- 
zustand verursacht. Erotik und Haß drängen sich vor. Der luetvoUe 
Affekt der Manie erklärt sich - nach Analogie der Witzeslust (Freud) - 
aus der Aufhebung der Verdrängung. Infantile Lustquellen werden 
wieder eröffnet. Die Ideenflucht ermöglicht ein spielendes Einweg- 
gehen über alles das, was früher den Anlaß zur Depression gegeben 
hatte. 

Die Psychoanalyse eröffnet für die manisch-depressiven Zustände 
auch therapeutische Möglichkeiten. Abraham berichtet über einige er- 
mutigende Erfahrungen. 

Paranoia. 

Freud (56) knüpft seine Theorie der Peranoia an den autobio- 
graphisch beschriebenen Fall Schreber. Das Wahnsystem des Falles 
wird beherrscht von der Idee der Geschlechtsverwandlung. Diese Idee 
und andere Erscheinungen lassen auf eine starke Betonung der Homo- 
sexualität beim Patienten schließen. Der Paranoiker hat eine ursprüng- 
lich mächtige homosexuelle Tendenz verdrängt und sublimiert. Der Ein- 
tritt bestimmter Umstände macht den Sublimierimgsprozeß rückgängig. 
Die nun wiederauftretenden homosexuellen Regungen werden, weil dem 
Bewußtsein nicht erträglich, mit Hilfe des paranoischen Mechanismus 
abgewehrt. Die innere Wahrnehmung der homosexuellen Neigung wird 

23* 



356 K. Abraham. 

unterdrückt und nach außen projiziert, und zwar auf das Objekt eben 
dieser Neigung. 

Die Regression führt bei der Paranoia auf dasjenige Stadium der 
Libido-Entwicklung zurück, welches als Narzißmus bezeichnet wird; es 
ist eine Zwischenstation auf dem Wege vom primitiven Autoerotismus 
zur Objektbesetzung. Das Kind ist sich in diesem Stadium selbst Objekt 
seiner Libido; es neigt zu einer der Sexualüberschätzung gleichwertigen 
Überschätzung seiner Macht. Ein Verharren des Kindes im Narzißmus 
führt zu homosexueller Einstellung (Suchen nach einem Sexualobjekt 
mit gleichen Genitalien!). Gelingt die Verdrängung und Sublimierung 
der Homosexualität, so kann das Individuum normal heterosexuell er- 
Bcheinen. Kommt es später aber zur Regression in der Richtung des 
infantilen Narzißmus, so ist der Effekt die paranoische Einstellung 
zum gleichgeschlechtigen Liebesobjekt (Verfolgungswahn) init narzi- 
stischer Überschätzung des eigenen Ich (Größenwahn). Die Verleug- 
nung der Liebe zum gleichgeschlechtigen Objekt führt zimächst zur 
Einstellung mit Haß ; dieser wird aber auf das Objekt projiziert, so daß 
es zum aktiven Feind (Verfolger) wird. Andere Ausgangsmöglichkeiten 
Bind die (heterosexuelle) Erotomanie und der Eifersuchtswahn. Eine 
totale Rückwendung der Libido auf das eigene Ich ist der Dementia 
praecox („Paraphrenie" nach Freuds Vorsehlag) eigen. 

Freud äußert sich an dieser Stelle eingehender über den Prozeß 
der Verdrängung im Bereich der Psychoneurosen (einschließlich Para- 
noia und Paraphrenie). Die erste Phase wird dargestellt durch eine 
Fixierung der Libido. Die Fixierung ist Vorläufer oder Bedingung der 
Verdrängxmg. Bedeutet die Fixierung eine passives Zurückbleiben in 
einem Stadium der Entwicklung, so ist die zweite Phase — Verdrän- 
gung im eigentlichen Sinne — ein mehr aktiver Vorgang (ursprünglich 
„Abwehr" genannt). Die dritte Phase bringt eine Wiederkehr des Ver- 
drängten. Der Durchbruch erfolgt an der Fixierungsstelle der Libido; 
es findet eine Regression auf das entsprechende Stadium der Libido- 
entwicklung statt. 

Wird mit dem Ausbruch der Krankheit die Libido von den Objekten 
zurückgezogen, so kehrt sie auf dem Wege der Projektion zu ihnen 
zurück. Die Wahnbildimg ist ein Versuch zur Rekonstruktion des Zer- 
störten (Seh rebers „Weltuntergang"), also eine Art von Heilungs- 
versuch, 

Freud wirft die Frage auf, ob die Rückziehung der Libido von 
den Objekten zur Erklärung des Unterganges der subjektiven Welt des 



Spezielle Pathologie und Therapie der nervösen Zustände usw. 357 

Patienten ausreiche; d. h., ob etwa die festgehaltenen Ichbeziehungen 
zur Erhaltung des Rapportes mit der Außenwelt genügten. Das vor- 
läufige Resultat der Erörterung ist die Annahme, daß die veränderte 
Relation des Patienten zur Welt entweder allein oder doch vorwiegend 
durch den Ausfall des Libidointeresses zu erklären sei. 

Der Paranoia und der Paraphrenie gemeinsam sind die Vorgänge 
der Verdrängung, der Libidoablösung und der Regression auf das Ich. 
Unterschieden sind die beiden Krankheiten durch andere Lokalisierung 
der Fixation. Die Paraphrenie regrediert zum kindlichen Autoerotis- 
mu6. Die Wiederkehr des Verdrängten (Symptombildung) findet bei der 
Paranoia in der Form einer fixen Wahnbildung mit Hilfe des Projek- 
tionsmechanismus statt. Die Paraphrenie bevorzugt den halluzinatori- 
schen Mechanismus. Bei der Paraphrenie bleibt der Sieg der Verdrän- 
gung, bei der Paranoia der Rekonstruktion. 

Von Details der Analyse mag hier nur eines erwähnt werden: 
die Identifizierung von Vater, Arzt, Gott und Sonne. Freud hat in einer 
nachträglichen Mitteilung (57) aus diesem Zusammenhang die Wahn- 
idee Schrebers, ungeblendet in die Sonne sehen zu können, erklärt. 

Eine mehr referierende Darstellung der Freudschen Paranoia- 
lehre hat Brill (53) gegeben. Ferenczi (55) erbrachte auf Grund eige- 
ner Analysen den Nachweis, daß vom Paranoiker Objekte des gleichen 
Geschlechtes mit unsublimierter Libido wiederbesetzt werden. Dae Ich 
erwehrt sich dieses Vorganges mit Hilfe des Projektionsmeehanismus. 
Derselbe Autor (54) wies in einer verdienstvollen Untersuchung die Be- 
deutung der Analerotik für die Genese der Paranoia nach. Eingriffe 
an der Analregion erweckten eine bis dahin subliraierte Homosexualität 
wieder, die nun das Individuum überwältigte und es zur Verwendung 
des Projektionsmeehanismus nötigte. In der Vorgeschichte des Patienten 
ließ sich Pädikation nachweisen. Hitschmann (58) bestätigte diesen 
Befund in allen wesentlichen Zügen; ebenso MorichauBeauch an t (59). 

Besonderes Interesse verdient — vor allem in therapeutischer 
Hinsicht — die Arbeit von Bjerre (52). Ob es sich in Bjerres Fall um 
eine eigentliche Paranoia handelt, soll hier nicht erörtert werden. Auf 
alle Fälle bleibt die Beeinflussung eines eingewurzelten Wahnsysteme 
höchst bemerkenswert; Referent kann übrigens aus eigener Erfahrung 
bestätigen, daß paranoische Zustände der psychoanalytischen Therapie 
nicht unzugänglich sind. 

Bjerres Verfahren war nur zum Teil psychoanalytisch; ee war 



358 K. Abraham. 

mit ßuggestiven Maßnahmen kombiniert. Die Analyse wurde nur partiell 
durchgeführt. Obwohl Bjerre das ßexuelle Gebiet zum Teil geflissent- 
lich gemieden hat, so bestätigt sein Material doch glänzend den erogenen 
Ursprung der Wahnbildungen. Wichtig erscheint namentlich, daß die 
Kranke nach einer schweren Liebesenttäuschung ihre vorherige Subli- 
mierungsfähigkeit verlor, in Haßeinstellung geriet imd ihre Feindschaft 
auf andere Personen projizierte. 

Dementia praecox (Schizophrenie, Paraphrenie). 

Mae der (63) leitet die Wahnbildungen der beiden Kranken, deren 
Analysen er gibt, aus dem Triebleben ab; so entspringen z. B. Eifer- 
suchtswahn, Vergiftungswahn und die Vorstellung einer ungeheuren 
Fruchtbarkeit aus dem Impotenzkomplex des Patienten. Femer wird 
gezeigt, wie die Einstellung des Patienten zu seinen Eltern sich in der 
Krankheit widerspiegelt. Verfasser leugnet die sogenannte Verblödung 
der Kranken, erklärt 'dlie als Verblödung gedeuteten Phänomenen, aus 
dem Verlust des Kontaktes mit der Wirklichkeit, aus der psychischen 
Einengung der Kranken auf ihr Ich. Im gleichen Sinne werden die 
scheinbar unsinnigen Sprachneubildungen gedeutet. Den Verfolgungs- 
wahn erklärt Maeder teils aus dem Vorgang der Projektion, teils aus 
einer Belebung der den Wünschen des Patienten begegnenden Hinder- 
nisse. Der Größenwahn entspringt d(er Introversion. 

Referent kann nicht unerwähnt lassen, daß alle wesentlichen, in 
dieser Arbeit enthaltenen Gesichtspunkte bereits drei Jahre früher von 
ihm selbst gegeben waren, worauf Maeder zu verweisen unterlassen hat. 

Oppenheim (67) erklärt einen Fall von Eifersuchtswahn aus der 
Projektion verdrängter Wünsche in die Außenwelt. In dem Fall von 
Grebelskaja (62) tritt die Bedeutung der verdrängten Homosexualität 
deutlich hervor. Ähnliches Material liefert eine Mitteilung von 
Rorschach (69). 

Bertechingers Beobachtungen (60) liefern schöne Beiträge zur 
Symbolik in den Halluzinationen. 

Ein wichtiges Ereignis für die Psychoanalyse, aber auch für die 
gesamte Psychiatrie, bildete das Erscheinen von Bleulers groß ange- 
legtem Werk über die Schizophrenien (61). Erklärt doch der Verfasser 
im Vorwort: „Ein wichtiger Teil des Versuches, die Pathologie weiter 
auszubauen, ist nichts als die Anwendung der Ideen Freuds auf die 
Dementia praecox." Referent kann hier naturgemäß nur auf diejenigen 



Spezielle Pathologie und Therapie der nervösen Zustände usw. 359 

Abschnitte des Buches eingehen, die sich mit der Theorie der Krankheit 
beschäftigen. (Die allgemeinen Begriffe des Autismus, der Amabivalenz 
usw. werden in dem Referat über „Allgemeine Neurosenlehre" er- 
örtert). 

Ein fundamentaler Unterschied besteht zwischen der Behandlung 
der Probleme durch Bleuler und derjenigen von selten anderer Psy- 
chiater: Bleuler versucht stets, dem psychologischen Inhalt des Krank- 
heitsfalles gerecht zu werden. Er zeigt an Beispielen die Wunscherfül- 
lung in Wahn und Halluzinationen. Er betont das Vorwiegen sexueller 
Inhalte in den Ideen der Kranken. Er gesteht der verdrängten Homo- 
sexualität eine „ungeahnt große" Rolle zu. Er erkennt die von Freud 
angenommene Bedeutung der Symbole an und berücksichtigt die Ana- 
logien von Wahn und Traum. Es kann niemandem entgehen, welche 
Vertiefung in psychologischer Richtung die Psychiatrie dadurch er- 
fährt. Bedeutungsvoll ist z. B. Bleulers Auffassung der Symptom- 
bildung; er erklärt sie auf mehreren Wegen: aus einem Abspalten der 
Wirklichkeit, aus der Tendenz zur Wunscherfüllung, aus der Flucht des 
Patienten in die Krankheit. Stets handelt es sich um einen Versuch des 
Patienten, einer unerträglichen Situation zu entgehen. Diese klaren 
psychologischen Formulierungen bedeuten einen unleugbar großen 
Portschritt. 

Dennoch muß bemerkt werden, daß Bleuler den eingeschlagenen 
Weg psychoanalytischer Betrachtungsweise nirgends konsequent bis zum 
Ende verfolgt. Er gelangt infolgedessen nicht zu den tiefen Einblicken 
in den Aufbau der Psychosen, wie sie uns Freud eröffnet hat (vgl. 
das obige Referat über Freuds Paranoia-Analyse). 

Bezüglich der Therapie wird man Bleuler vollkommen beipflich- 
ten, wenn er es für die Aufgabe des Arztes erklärt, dem Kranken den 
Kontakt mit der Wirklichkeit zu erhalten, soweit dieser noch besteht. 
Referent möchte jedoch — ein wenig optimistischer auf Grund seiner 
Erfahrungen mit der psychoanalytischen Behandlung nicht internierter 
Geisteskranker — der Psychoanalyse die Fähigkeit zuerkennen, die 
Libido der Kranken wenigstens in gewissen Fällen wieder ihrer nor- 
malen Verwendung zuzuführen. 

In eingehender Weise hat sich Nelken mit dem psychologischen 
Gehalt der Geistesprodukte schizophrener Patienten beschäftigt. Er 
wies zunächst (64) in einem einfachen, darum aber besonders instruk- 
tiven Krankheitsfall die Freudschen Mechanismen (Verdrängung, 
WunscherfüUimg usw.) nach und zeigte die strenge psychologische 
2 i 



360 K. Abraham. 

Determiniertheit aller Symptome. In einer weiteren Arbeit (65) be- 
schreibt Nelken „schizophrene Wortzerlegungen". Sie sind den 
bekannten Wortneubildungen durch Verdichtung gerade entgegenge- 
setzt. Der Patient zerlegt die Wörter spielerisch in Teile und verbindet 
mit diesen letzteren einen seinen Komplexen entsprechenden Sinn. In 
einem dritten Beitrag sucht der Autor tiefer in die Genese der Krank- 
heitserscheinimgen einzudringen. 

Der vom Verfasser beschriebene Krankheitsfall trug zeitweise 
paranoiden, zeitweise katatonischen Charakter. Nelken nimmt an, daß 
die Katatonie — verglichen mit dem paranoiden Zustand — einen weite- 
ren Schritt auf regressivem Wege bedeute. Im paranoiden Zustand be- 
wahre der Patient noch eine gewisse Applikation an die Außenwelt, 
mit Hilfe des Projektionsmechanismus. Das katatonische Stadium 
bedinge dagegen totale Introversion, mit teils halluzinatorischer, teils 
körperlicher Entladung (Stereotypien). Starke Bedenken erregt Nelkens 
Auffassung der Symbolik, in der er einen psychogenetischen Niederschlag 
erblickt. Nelken wendet sich hier Anschauungen zu, wie sie von Jung 
eingeführt worden sind. Diese zu widerlegen, ist hier nicht der Ort; hin- 
sichtlich der Nelken sehen Arbeit ist es übrigens bereits (in der Inter- 
nationalen Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse) durch Tausk ge- 
schehen. Auch Spielrein (70) hält sich in der Analyse eines Krank- 
heitsfalles nicht frei von diesen Fehlem. 

Pfenninger (68) gibt einige Ergänzungen der früheren, von 
Jung und anderen vorgenommenen Untersuchungen Geisteskranker mit 
Hilfe des Assoziationsexperimentes. Die sehr detaillierten Resultate der 
Arbeit eignen sich nicht zum kurzen Referat an dieser Stelle. 

Epilepsie. 

Die erste psychoanalytisch wertvolle Abhandlung über dieses 
Leiden verdanken wir Maeder (71). 

Der Begriff der Sexualität wird im Freud sehen Sinne weit gefaßt, 
die ganze Arbeit in zwei Teile, über Autoerotiemus und über Alloero- 
tismus, geteilt, die einzelnen Sexualbetätigungen möglichst einzeln in 
Unterabteilungen abgehandelt. 

Onanie komme sehr viel vor, teils als Notonanie, aber auch aus 
autoerotischen Gründen, oft schon bei Kindern. Speziell stehe die Ma- 
sturbation mit den Exazerbationen der Krankheit in Zusammenhang. 
Seltener sei die Onanie an sonstigen erogenen Zonen (Mammae, Anus). 



Spezielle Pathologie und Therapie der nervösen ZuBtände usw. 361 

Auch Ersatz der Onanie in Bodenreiben und Händereiben spielen eine 
Rolle. Autoerotisch sei auch die infantile Beschäftigung des Lutschens. 
Ebenso natürlich der Narzissismus, der sich in Eitelkeit, Geziertheit 
von Sprache und Schrift zeige. Die häufig periodisch auftretende Ver- 
schlossenheit der Epileptiker müsse wohl aus der gleichen Quelle stam- 
men. Häufig wird dieser Zustand durch sein Gegenteil, den der Ge- 
selligkeit abgelöst, dann werden die Patienten also alloerotisch. In 
diesem letzten Stadium treten meist die akuten Anfälle auf. Deutlich 
autoerotischen Charakters seien Träume, Tagesphantasien, Dämmer- 
zustände. In den Phantasien und Träumen findet ein schrankenloses 
Austoben des Geschlechtstriebes statt, sie sind als Ersatzbefriedigungen 
der sonst unbefriedigten Libido aufzufassen. Damit zusammen hängt 
die psychische Onanie. Auf den Zusammenhang von Sexualität und 
Religiosität wird hingewiesen. — Die Beschreibung des AUoerotismus 
beginnt mit dem Exhibitionismus, der aus zwei Gründen geübt wird, 
als Selbstzweck, wobei das Beschautwerden lustbetont ist, und als Auf- 
forderung zum Geschlechtsakt. Schaulust kommt oft daneben vor. — 
Heterosexuelle Neigungen sind natürlich sehr stark und mannigfaltig 
(polyvalent). Absolute Inversion konnte Mae der in keinem Falle nach- 
weisen, homosexuelle Neigungen dagegen außerordentlich viel. — Der 
Berührungstrieb spielt eine große Rolle, eine ähnliche die Koprophilie. 
— Tendenzen zum Masochismus und zum Sadismus kommen oft vor, 
sind aber nicht zu einer echten Perversität ausgebildet. 

Im Schlüsse weist Maeder auf die Beziehung zwischen Sexualität 
und epileptischem Charakter hin, die sich in Berührungstrieb, Klebrig- 
keit, Anhänglichkeit, unterwürfigem, süßlichenl Wesen, Religiosität, 
gutem gemütlichen Rapport, Eitelkeit und Gefallsucht kundtue. Ein- 
schränkend sei zu sagen, daß die Sexualität bei nach den zwanziger 
Jahren auftretender Epilepsie weniger im Vordergrunde stehe. Sein 
Resümee lautet: 

„Die Sexualität der Epilektiker ist charakterisiert durch das Her- 
vortreten des Auto- und AUoerotismus. Sie hat vieles von der infantilen 
Form behalten, hat aber eine gewisse Entwicklung genommen, welche 
ich mit dem Ausdrucke „sexuelle Polyvalenz" bezeichne. Die Libido 
scheint aus noch unbekannten Gründen eine besondere Intensität er- 
langt zu haben." — 

Jones {70 a) betont die Notwendigkeit, die Epilepsie außerhalb 
der Anfälle mehr zu studieren wegen der besseren Diagnosenstellung 
und der größeren Erkenntnis über Art und Ursprung der Krankheit. — 



SQ2 K. Abraham. 

Die Resultate der bisherigen derartigen Beobachtungen teilt er mit und 
gibt so ein recht vollständiges und klares Bild der psychischen Epi- 
lepsie. Im letzten Teil betrachtet er die Symptomatologie der Epilepsie 
durch die Brille des Analytikers und bringt sehr geschickte und ein- 
leuchtende Erklärungen. Seine Resultate sind ähnlich denen, die im vor- 
hergehenden Referat an Hand der weit umfänglicheren Arbeit Maeders 
(71) besprochen werden. 

Stekels Schrift (72) trägt ihren Titel: „Die psychische Behand- 
lung der Epilepsie" insofern zu Unrecht, als sich ihr Inhalt wesentlich 
auf sogenannte „Pseudoepilepsien" bezieht. An Hand einiger Kranken- 
geschichten sucht Verfasser den Zusammenhang der Anfälle mit ver- 
drängter Sexualität und Kriminalität zu erweisen. Letztere besonders 
werde im allgemeinen durch hypertrophische moralische Hemmungen 
verdeckt. 

AlkohoUsmus. 

An Hand einer Krankengeschichte versucht Juliusburger (73) 
den Nachweis, daß die Dipsomanie als psychologisch aufgebaut und 
nicht als ein der Epilepsie angehörendes Krankheitsbild anzusehen sei. 
In seinem Falle handelt es sich um eine für gewöhnlich gut verdrängte 
homosexuelle Komponente eines Patienten, der „dipsomanische" An- 
fälle nur in einer bestimmten Wirtschaft bekommt, deren Wirt ein 
Onkel der späteren Frau des Patienten ist, und in den er „ganz ver- 
rückt" ist. Nach den Anfällen, in denen er „gar keinen Reiz" für Weiber 
hat, onaniert der sonst sich sexuell normal betätigende Patient, vv^as 
Juliusburger als „Symbol seiner Homosexualität, als ihre sinnliche 
Entladung" auffaßt. „Daß in anderen Fällen von Dipsomanie noch 
andere psychosexuelle Faktoren als maßgebend sich erweisen werden", 
deutet Juliusburger an; so glaubt er in einem anderen Falle den Auto- 
erotismus verantwortlich machen zu müssen. Schließlich zieht er eine 
Parallele zwischen Leuten, die immer wieder heimlich trinken und 
Masturbanten. In einer weiteren Arbeit erklärt Verfasser (74) die häu- 
figen Halluzinationen im Alkoholdelirium (Mäuse und andere phallieche 
Symbole) und ebenso den Verfolgungewahn der Trinker aus der ver- 
drängten Homosexualität. Für die Frau und ihre zunehmende Neigung 
zur Alkoholgeselligkeit gelte Entsprechendes. Der Eifersuchtswahn habe 
einerseits dieselbe Quelle, da der Mann der Frau zutraue, die Männer 
zu lieben, die ihm selbst gefallen (Freud), andererseits entstamme 
er sadistisch-masochistischen Triebkräften und der atavistischen 
Neigung des Mannes, das Weib zu beherrschen, zu tyrannisieren. Der 



Spezielle Pathologie und Therapie der nervösen Zustände usw. 363 

Atavismus spiele ferner in den Größenideen und bei weiblichen Alko- 
holikern in Phonemen wie „Dirne" eine Rolle, die auf unbewußte 
polyandrische Neigungen schließen lassen, er stecke auch in „einem 
überindividuellen Rauschgefühl und Rausch verlangen", das sich 
speziell in der Neigung zu schweren alkoholischen Getränken äußere. 
Eine andere Seite dieses Verlangens sei in den Gedächtnisstörungen ge- 
geben, die nicht nur anatomisch zu erklären seien. Psychologisch läge 
hier der Wunsch zugrunde, „die individuelle Kette der bewußten Vor- 
gänge durch Zersprengung der Aneinanderreihung der Erinnerungs- 
glieder zu zerreißen." Ein weiterer Weg, sich von den seelischen Span- 
nungen des Ichs zu befreien, sei der Wille zur Selbstverneinung. Der 
Selbstmord des Alkoholikers sei als selbstvollzogene Strafe aufzufassen. 
— Zum Schlüsse weist Juliusberger auf den Aiitoerotismus des 
Trinkers, das heißt auf die Bedeutung der erogenen Mundzone hin. 



Mythologie. 

Referent; Dr. 0. Bank. 



Literatur'): 1. Abraham Karl: Traum und Mythos. Sehr., H. 4, 1909. — 
2. Ferenczi S. : Symbolische Darstellung des Lust- und Realitätsprinzips im 
Ödipus-Mythos." I. Bd. I, S. 276, 1912. — 3. Freud Sigm.: Das Motiv der 
Kästchenwahl. Lj II, S. 257, 1913. — 4. Jung C. G.: Wandlungen und 
Symbole der Libido. Jahrb. III— IV, 1911—1912. — 6. Lorenz Emil: Das 
Titanenmotiv in der allgemeinen Mythologie. I. II, S. 22, 1913. — 6. Rank 
Otto: Der Mythus von der Geburt des Helden. Sehr., H. 5, 1909. — 7. Ders.: 
Die Lohengrinsage. Sehr., H. 13, 1911. ~ 8. Ders.: Völkerpsychologische Pa- 
rallelen zu den infantilen Sexualtheorien. Zbl. II, 1911—1912, S. 372, 425. — 
9. Ders.: Der Sinn der Griseldafabel. I. I, S. 34, 1912. — 10. Ders.: Das 
Inzestmotiv in Dichtung und Sage. 1912. — 11. Ders.: Die Symbolschichtung 
im Wecktraum und ihre Wiederkehr im mythischen Denken. Jahrb. IV, S. 51, 
1912. — 12. Ders.: Die Matrone von Ephesus. Z. I, S. 50, 1913. — 13. Ders.: 
Die Nacktheit in Sage und Dichtung. I. II, S. 267, 409, 1913. — 14. Rank O. 
und Sachs Hanns: Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Geisteswissen- 
schaften, 1913. — 15. Riklin Franz: über einige Probleme der Sagendeutung. 
Zbl. I, S. 433, 1910 — 1911. — 16. Ders.: Ödipus und die Psychoanalyse. W^issen 
und Leben. 15. Juli 1912. — 17. Silberer Herbert: Phantasie und Mythos. 
Jahrb. II, S. 541, 1910. — 18. Ders.: Über Märchensymbolik. 1. I, S. 176, 1912. 



Die psychoanalytisclie Mythenforschung hatte in relativ kurzer 
Zeit in einer Reihe von Spezialarbeiten und Detailuntersuchungen der- 
artige Fortschritte zu verzeichnen, daß sie heute über eine ziemlich 
ausgebaute und der Darstellung fähige Methode verfügt (14). 

Nachdem Ei kl in in einer verdienstvollen, leider zu skizzenhaften 
Arbeit „Wunscherfüllung und SjTnbolik in Märchen" (1907) als allge- 
mein wirksam aufgezeigt hatte, gelang es Abraham (1), in direktem 
Anschluß an die „Traumdeutung", die Parallelisierung von „Traum 
und Mythus" im einzelnen durchzuführen, indem er sich vorwiegend 



') Vgl, das Verzeichnis der Abkürzungen, S. 264. 



368 0. ßank. 

an die „typischen Träume" hielt, deren Inhalt und Aufbau sich immer 
deutlicher als analog mit den allgemein-menschlichen Mythenbildungen 
erwies. Steht auch unter diesen das ödipusmotiv durch seine Bedeutung 
und Wandlungfähigkeit bei weitem voran (10,7), so verrät eine andere 
Reihe von Überlieferungen auffällige, bis ins Detail gehende Beziehun- 
gen zum sogenannten „Nacktheitstraum" (13), während andere mythische 
Motive, wie das der Sintflut (11) oder Wassergeburt (6) sich psycho- 
logisch nur aus der identischen Symbolik des Geburtstraumes verstehen 
lassen. Neben den typischen Träumen und der Symbolik leistet uns die 
aus dem Traumstudium gewonnene Kenntnis einzelner Mechanismen des 
Unbewußten bei der Mythendeutung wertvolle Dienste. Insbesondere 
die der Entßtellungstechnik dienende Verschiebung des Interesses auf 
ein minder wichtiges Motiv (9) sowie die gleichsinnige Affektverkeh- 
rung, die zu den mißverständlichsten Rationalisierungen führen muß (12), 
lassen sich als mythenbildende Faktoren erkennen und zur Deutung 
unverständlich gewordener Überlieferungen verwerten. 

Eine wesentliche Bereicherung erfuhr die psychoanalytische Mythen- 
betrachtung durch die Einsicht, daß nicht nur unsere nächtlichen Träume, 
sondern ebenso die Tagträume oder Phantasien der Menschen Stoff und 
Form für die Mythenbildung abgeben. Die ehrgeizigen Phantasien von 
außergewöhnlicher Geburt, hoher Abkunft und ruhmreichem Schicksal, 
die in den Größen- und Verfolgungsideen der Paranoiker offen zutage 
treten, ließen sich als Inhalt einer Reihe weitverbreiteter Geburts- 
mythen großer Heroen nachweisen (6) und die damit enge verbundene 
ödipusvariante von der Rettung der Mutter und dem siegreichen Kampf 
mit ihrem Bedränger erwies sich als Grundlage einer Mythengruppe, 
als deren Paradigma die Lohengrinsage gelten kann (7). Diesen aus 
der Kinder- und Pubertätszeit stammenden mythenhaltigen Phantasien 
reihen sich die in noch frühere Zeit zurückreichenden „infantilen Sexual- 
theorien" an, deren völkerpsychologische Parallelen an reichepi mytholo- 
gischem Material zu erweisen sind (8): die Vorstellung der Be- 
fruchtung durch den Mund und die entsprechende der Geburt als 
einer Exkretion, die Unkenntnis eines anderen Geschlechtes sowie die 
sich später daran knüpfende Theorie der „Kastration", die sadistische 
Auffassung des Koitus, die Geburt aus dem Wasser und viele ähnliche 
weitverbreitete mythische Motive kehren unverändert in den infantilen 
Vorstellungen der heutigen Kinder und im Unbewußten der Erwach- 
senen wieder. Aus dieser Tatsache ergab sich die Versuchung, 
die bisher von der Psychoanalyse eingeschlagene Forschungsrich- 



Mythologie. 369 

tung, welche die Aufklärung völkerpsychologischen Materials aus 
individualpsychologischer Erfahrung zum Ziele hatte, umzukeh- 
ren und die individuelle Analyse durch Heranziehung histori- 
schen Materials zu erweitern. Gelegentliche Exkurse dieser Art auf 
Grund gesicherter und gedeuteter Zusammenhänge sind nicht nur ge- 
stattet, sondern erhöhen oft Bedeutung und Beweiskraft des Einzel- 
befundes. Aber diese Methode zum Prinzip zu erheben, wie Jung es im 
großen Maßstab versucht hat (4), erscheint uns darum gefährlich, weil 
es leicht dazu verleitet, mit den ungedeuteten Erzen des reichen mythi- 
schen Gutes willkürlich zu schalten und Zusammenhänge zu konstatie- 
ren, die nur scheinbar bestehen oder deren Existenz nicht zu erweisen 
ist. Unter günstigen Umständen kann es allerdings auch auf diesem 
Wege gelingen, neue, von der individualpsychologischen Seite aus 
schwerer zugängliche Beziehungen aufzudecken, die sich — wenn auch 
in entfernterer Weise — an die beim einzelnen analytisch aufgedeckten 
Phantasien anschließen lassen. So erscheint uns als eine der wertvollsten 
Leistungen Jungs (4) das aus dem „phylogenetischen" Material ent- 
wickelte Heldenmotiv der Wiedergeburt, das die außergewöhnlichen Um- 
stände der Zeugung und des Zurweltkommens, das Motiv der zwei Mütter 
und die häufig angedeutete Selbstzeugung des Helden aus der Mutter- 
gattin teilweise erklärt. Mit der Inzest- und Mutterleibsphantasie steht 
das Motiv der Wiedergeburt im engsten Zusammenhang, obwohl wir es 
keineswegs mit Jung für ausgemacht halten, daß der Wimsch nach 
Wiedergeburt, der in der Individualphantasie eine relativ geringe Rolle 
spielt, als der weniger anstößige, auch der wesentlich treibende sei. 
Daß er in gewissen Überlieferungen stark in den Vordergrund tritt, 
würde eher auf das Gegenteil hinweisen. Dennoch soll nicht geleugnet 
werden, daß „die Sehnsucht, durch die Rückkehr in den Mutterleib die 
Wiedergeburt zu erlangen, d. h. unsterblich zu werden wie die Sonne" 
(4, S. 256) aus manchen Überlieferungen herausgehört werden kann. 
Dieser Vergleich mit der Sonne ist hier in rein mythischem Sinne, 
als Angleichung des menschlichen Schicksals an das der Gestirne ge- 
dacht. In diesem „Anschluß an den Sonnenlauf" sieht Jung (4, Bd. IV, 
S. 283) einen „großen Sublimierungs vorteil" .,für die mythenspinnende 
Phantasie" und sucht mit dieser Auffassung auch dem Naturgehalt 
dieser Überlieferungen zum Teil gerecht zu werden. Das Problem der 
Vereinbarung oder Ausgleichung der psychoanalytischen und der seit 
langem in verschiedenen Variationen herrschenden, naturalistischen 
Mythendeutung kann damit natürlich nicht gelöst sein. Es scheint über- 

.Tahrhuoli der Psychoanalyse. VI. '^^ 



370 0. Rank. 

haupt, daß dieses Problem zunächst nur als prinzipielles zu stellen ist, 
da seine Speziallösung den Rahmen der psychoanalytischen Mythen- 
forschung überschreitet. Die Aufgabe, die von der Analyse erhärteten 
Gesichtspunkte bei der Mythendeutung zu berücksichtigen, fiele eigent- 
lich den Mythologen von Fach zu, die aber leider in ihrer aprioristisch 
einseitigen Auffassung verharren. Die Psychoanalytiker, die ja zunächst 
als Eindringlinge in fremdes Gebiet erscheinen mußten, haben von 
allem Anfang, an den Gesichtspunkt der Überdeterminierung gewöhnt, 
die Berechtigung anderer Erklärungsweisen nicht in Abrede gestellt, 
ohne sich allerdings um die Einordnung dieser verschiedenen Befunde zu 
kümmern, die eben einer synthetischen Arbeit vorbehalten bleiben. Was sie 
sich erlaubt haben, analytisch anzugreifen, war nur die sonderbare psycho- 
logische Einstellung der Naturmythologen, die Rank (6) als ein Abwehr- 
oder Verdrängungssymptom gegen die anstößige menschliche Ein- 
kleidung des Mythus charakterisierte. Dieser menschlichen Einkleidung des 
Mythus, welche sehr für die psychoanalytische Auffassung spricht, wird 
oft nur aus den genannten Motiven eine naturalistische Bedeutung unter- 
gelegt, ohne daß die Gewähr dafür geboten scheint, daß ihr auch ein 
entsprechender Inhalt zugrunde liegt. Soweit dies der Fall ist, hat 
die analytische Forschung auch versucht, diese Elemente zu berücksich- 
tigen und sie jeweils an die Stelle zu rücken, die ihnen im Gesamtauf- 
bau des Mythus zukommt. Eine Reihe von Überlieferungen, namentlich 
soweit sie das in der Mythologie dominierende Inzestmotiv enthalten, 
läßt jedoch gar keine oder nur eine offenkundig sekundäre Beziehung 
auf Naturvorgänge erkennen (10, S. 278 f.) ; aber auch solche 
mythische Erzählungen, die direkt auf Erscheinungen der Natur an- 
spielen, lassen sich durch Hervorhebung dieser Elemente nicht „deuten", 
d. h. in ihrem tieferen Sinn erfassen. Daß viele Mythen eine Natur- 
grimdlage haben, ist eine Tatsache, die von keiner psychoanalytischen 
Deutung geleugnet oder überhaupt tangiert würde. Freud hat im Gegen- 
teil an einem schönen Beispiel gezeigt (3), wie der eigentliche menschlich 
bedeutsame Mythus sich auf dieser anthropomorphen Naturauffassung 
erhebt und wie unzureichend eine Erklärung ausfallen muß, die mit Auf- 
zeigung dieser Grundlage auch den Inhalt des Mythus erschöpft sieht. 
Lorenz, der sich um den Ausgleich dieser gegensätzlichen Auffassungen 
scharfsinnig bemüht hat, vertritt den Standpunkt, daß „der Trieb der 
Selbsterhaltung die Naturdeutung schafft, der Sexualtrieb die Erfüllung 
typischer Sexualwünsche" (5, S. 28). Wenn nun auch Lorenz die 
Triebkraft des Unbewußten bei der Entstehung des Mythus meiner 



Mythologie. 371 

Ansicht nach unterschätzt, so ist er eich doch vollkommen klar dar- 
über, daß seine eigentliche Ausgestaltung mit der Loslösung von 
der äußeren Naturgrundlage (S. 72) und ihrer Durchdringung durch 
das unbewußte Wunschmaterial beginnt (S. 28). Die Streitfrage spitzt 
sich dann dahin zu, ob man bereite die primitive Naturauffassung, die 
der mythischen Erzählung zugrunde liegt oder erst diese selbst als 
„Mythus" bezeichnen will. Rank und Sachs haben diese Frage im 
zweiten Sinne beantwortet, da eben der Mythus nichts anderes als Er- 
zählung ist und die anthropomorphe Naturauffassung der über die 
Mj-thologie hinausgreifenden animistischen Weltanschauung angehöre 
(14, S. 27). Dementsprechend sehen sie, mit einzelnen Mythologen, 
in den vermenschlichten Naturvorgängen ein bereit liegendes Material, 
das „zur Zeit, da der Mensch nach äußeren Darstellungsobjekten für 
seine verdrängten Regungen suchte", in rationn' 'gierender Absicht zur 
Mythenbildung verwendet wurde (14, S. 28). Lorenz neigt dagegen, 
ähnlich wie Silberer (17, S. 616), der Ansicht zu, daß gewisser- 
maßen umgekehrt „die im Dienste des Selbsterhaltungstriebes vor sich 
gehende Deutung der Naturvorgänge auf Grund der herrschenden Apper- 
zeptionsmasse von Erfüllung begehrenden (inzestuösen) Wünschen zu- 
stande kommt" (5, S. 72). 

Diese Auffassung führt in ihrer extremen Vertretung zu der 
neuesten, von Jung aufgestellten Theorie, wonach die unbewußten Kom- 
plexe, deren Vorhandensein ja nicht zu leugnen ist, überhaupt keine 
selbständige Bedeutung haben sollen, sondern nur archaische Ausdrucks- 
mittel sind, welche eben die aktuelle Realität in dieser unzureichenden 
Weise erfassen. Es erinnert diese bei der Betrachtung von Phantasiepro- 
dukten besonders unangebrachte Entwertung und Verleugnung der psychi- 
schen Realität zugunsten der äußeren, objektiven, an die vorhin charakte- 
risierte Einstellung mancher Naturmythologen, die wir als ein Analogen 
der bei den Mythenschöpfern unbewußten Abwehr aller anstößigen 
Komplexe zu verstehen suchten. Der Unterschied ist nur der, daß auch 
bei den Naturmythologen diese Abwehr eine unbewußte blieb, während 
bei einzelnen, der Psychoanalyse wieder entfremdeten Autoren, die 
Abwendung eine bewußte und gewollte ist. Diese gegensätzliche Auf- 
fassung mußte natürlich auch auf die Symbolik zurückwirken, in der 
Jung nichts anderes mehr sieht, als ein primitives Ausdrucksmittel für die 
aktuellen seelischen Regungen, die er unter dem mißbräuchlich verwen- 
deten Begriff der „Libido" zusammenfaßt. Die Theorie der „Libido- 
symbole" (ein übrigens in seiner Allgemeinheit völlig unbrauchbarer 

24* 



37^2 O. Bank. 

Ausdruck), die Jung und seine Anhänger zur Ausschließlich- 
keit übertreiben, sieht — in ihrer mythologischen Anwendung 
— im Helden und seinen Schicksalen nichts als Abbilder der 
menschlichen Libido und ihrer Schicksale (4, Bd. IV, S. 169). 
Soweit diese Anschauung berechtigt ist, muß sie Voraussetzung 
der psychologischen Analyse sein, kann aber niemals, wie Jung will, 
als Resultat derselben gesucht und gewürdigt werden. Daß sich die weit- 
gesponnenen und reich ausgeschmückten mythischen und dichterischen 
Phantasien in letzter Linie auf ein egozentrisch eingestelltes Ich und 
die Projektion von dessen seelischen Regungen zurückführen lassen, 
war ein Ausgangspunkt*) für eine Reihe von Detailuntersuchungen, 
welche die psychischen Mechanismen dieses Prozesses aufdeckten. Im 
„Mythus von der Geburt des Helden" zeigte Rank, daß es sich bei 
der Ausgestaltung diaeer Massenphantasien um eine „paranoid" zu 
nennende Auseinanderlegung und Außenprojektion des im Unbewußten 
Verschmolzenen („Verdichteten") handle. Im Zusammenhang damit 
zeigten sich die Mechanismen der Spaltung und Doublettierung von Per- 
sonen und Szenen wirksam (7), welche gleichfalls im Dienste der anstands- 
losen Durchsetzung verpönter Wunschtendenzen arbeiten. Diesen Ge- 
sichtspunkt, der die Verwendung all dieser komplizierten Mechanismen 
erst verständlich macht, im einzelnen nachgewiesen zu haben, macht 
das Hauptverdienst der psychoanalytischen Betrachtungsweise aus, die 
sich nicht mit der Konstatierung der auch den Mythologen bekannten 
Doublettierung oder eines „Libidosymbols" begnügt. 

Was der „Libidosymbolik" an tatsächlicher Beobachtung und 
Bewertung zugrunde liegt, hat Silberer in einigen schönen und maß- 
vollen Arbeiten eruiert. Von der Einzelbeobachtung und dem Experi- 
ment ausgehend, fand er, daß neben dem Inhalt auch die jeweilige Funk- 
tionsweise des Psychischen bildlichen Ausdruck finde. Dieses „fimktiö- 
nale Phänomen" suchte er nun in den verschiedensten seelischen Pro- 
dukten, darunter auch den mythischen, zu verfolgen und aufzuzeigen (17). 
Wenn nun diese Betrachtungsweise in ihrer theoretischen Isolierung 
auch einseitig angewandt und übertrieben erscheint (18), so ist sich 
Silber er doch immer bewußt, nur einen — und nicht gerade den 
psychoanalytisch wichtigsten — Faktor damit aufgedeckt zu haben; die 
Züricher Schule dagegen verrät, trotz mancher Versicherung des Gegen- 
teils, die unverkennbare Tendenz, das eine Prinzip gegen das andere 



>) Rank: Der Künstler, S. 51, 1907. 



Mythologie. 373 

auszuspielen und die analytischen Resultate so weit als möglich in dieser 
mystischen Auffassung zu verflüchtigen. Daß die funktionale Deutung 
im Sinne Silberers zu Recht besteht und neue Perspektiven eröffnet, 
ist durchaus nicht in Abrede zu stellen. In wie hübscher Weise sie oft- 
mals die analytische Deutung ergänzt und sich ihr anschließt, hat 
Ferenczi am Beispiel der ödipussage gezeigt (2). Ihre Übertreibung 
zur Ausschließlichkeit rächt eich von selbst durch die Unfruchtbarkeit 
der Methode und die Allgemeinheit der Resultate, die oft genug die 
aufgewendete Mühe nicht lohnen. Die Psychoanalyse kann die von 
anderer Seite in den Vordergrund geschobenen formalen Momente nur 
in beschränktem Maße anerkennen, da sie sich gerade durch die Er- 
gebnisse ihrer Mythenforschung in ihrer Überzeugung von der kolossalen 
Bedeutung der psychischen Realität des Unbewußten bestärkt fühlt. 
Diese Erkenntnis wird bestätigt und gesichert durch Heranziehung 
ethnologischen und folkloristischen Materials, welches gestattet, der 
psychischen Realität eine noch primitivere, allgemein-menschliche, objek- 
tive Realität unterzulegen. In dieser versuchsweise von Rank und 
Sachs (14, Kap. II) bereits eingeschlagenen Richtung wird die 
psychoanalytische Mythenforschung voraussichtlich weitere Fortschritte 
zu verzeichnen haben. 



Kulturgeschichte und Völkerpsychologie. 

Referent; Dr. Hanns Sachs. 



Literatur^). I. Freud Sigm.: Totem und Tabu ( Sonderabdruek aus I., 
Bd. I und II). Hugo Heller u. Co., 1913. — 2. Ders.: Das Interesse an der 
Psychoanalyse. Scientia, Bd. XIV, Jahrg. VII, 1913. — 3. Jones Emest: Der 
Alptraum in seiner Beziehung zu gewissen Formen des mittelalterlichen Aber- 
glaubens. Deutsch von Dr. E. H. Sachs. Sehr., XIV, 1912. — 4. Ders.: On 
the Nightmare. American Journal of Insanity, Jänner 1910. — 5. Ders.: Die 
Bedeutung des Salzes in Sitte und Brauch der Völker. I. Bd. I, S. 361, 454, 1912. 
— 6. Jung C. G. : Wandlungen und Symbole der Libido. Sonderabdruck aus Jahrb. 
III und IV, 1912. — 7. Rank und Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse 
für die Geisteswissenschaften. Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens, Nr. 93. 
J. F. Bergmann, 1913. — 8. Stör f er A. J.: Jungfrau und Dirne. Ein völker- 
psychologischer Beitrag zur Sehleiersymbolik. Zbl. II, S. 200 ff . — 9. Ders.: 
Zur Sonderstellung des Vatermordes. Eine rechtshistorisehe und völkerpsycho- 
logische Studie. Sehr. XII, 1911. — 10. Ders.: Marias jungfräuliche Mutter- 
schaft. Ein völkerpsyehologisches Fragment über Sexualsymbolik. Berlin, H. Bars- 
dorff, 1914. 

Die Geschichte der Kultur ist die Geschichte der Entwicklung des 
menschlichen Geistes; die wichtigsten Fragen der Kulturgeschichte sind 
also psychologische Probleme an ethnologischem Material. So selbst- 
verständlich dieser Satz sein mag, ist es doch Wundts bleibendes Ver- 
dienst, daß er als erster für ein methodisches Zusammenwirken psy- 
chologischer und ethnologischer Forschung eingetreten ist. Freilich 
liegt dabei eine Gefahr im Hinterhalt, welche die Abneigung seiner Vor- 
gänger erklärlich macht. Da die Anwendung der für den Kulturmenschen 
gültigen psychologischen Regeln wegen des allzugroßen Abstandes, der 
ihn vom Primitiven trennt, unzuverlässig, ja unzulässig ist, muß für den 
„Wilden" ein eigenes psychologisches System erst aufgebaut werden. 
Dazu ließ sich bisher nur das ethnologische Material verwenden, 
dessen tausendfältige, widerspruchsvolle Vielgestalt erst durch ein 
solches System faßbar und verständlich werden soll. Ein Zirkel- 
tanz also, aus dem es keinen Ausweg gibt, solange keine andere 



^) Vgl. das Verzeichnis der Abkürzungen, S. 264. 



Kulturgeschichte und Völkerpsychologie. 375 

Erkenntnisquelle für die primitiven Stufen des Seelenlebens 
ergchloesen wurde, als das Studium der Naturvölker. Noch hoffnungs- 
loser wird die Sachlage, wenn es sich darum handelt, Hypothesen über 
Menschheitsurzustände zu bilden, die weiter zurückliegen als die durch 
die niedrigsten primitiven Stämme repräsentierten. Die Fragen, welche 
Einrichtungen auf das höchste Alter zurückbezogen werden dürfen, 
welche Wandlungen sie seitdem durchgemacht haben, welchen Zwecken 
sie ursprünglich dienstbar waren, lassen sich, da uns die Paläontologie 
über die soziale und religöse Organisation unserer Vorfahren fast gar 
keinen Aufschluß gibt, nur auf Grund einer psychologischen Auswahl 
beantworten und gerade für diese mangelt jede haltbare Voraussetzung. 
Dieser Sachverhalt ließ schon seit mehreren Jahren im Kreise 
derjenigen, die sich intensiv mit der Psychoanalyse beschäftigten, eine 
Ahnung aufdämmern, als wäre ihre Wissenschaft, trotz des Ursprunges 
aus therapeutischen Absichten, trotz der strengen empirischen Be- 
schränkung, dazu berufen, in der kulturgeschichtlichen und ethnologi- 
schen Forschung eine bedeutsame Rolle zu spielen. Durch sie allein war 
es möglich, dem circulus vitiosus zu entrinnen, denn sie vermittelt die 
Kenntnis des primitiven Seelenlebens ohne Zuhilfenahme ethnologischen 
Materials oder kulturgeschichtlicher Hypothesen. Die Analyse des unbe- 
wußten Seelenlebens der Neurotiker und die Traumdeutung ergab Be- 
obachtungen, die weitab von der Gefühls- und Gedankenwelt des heu- 
tigen Kulturmenschen lagen; der verhältnismäßig rohe und primitive 
Charakter dieser Mechanismen des Unbewußten legte die Vermutung 
nahe, daß es sich um überwundene Entwicklungsstufen des Menschen- 
geschlechtes handeln könnte. Um diese Vermutung zur Gewißheit zu 
erheben, dazu war es notwendig, die psychoanalytisch erschlossenen 
Vorgänge mit dem, was wir von den niedrigsten Menschheitstypen 
wissen, in Vergleich zu setzen und so die Probe zu machen, ob hier 
wirklich Ähnlichkeiten und Parallelen existieren, wie sie einer inneren 
Verwandschaft entsprechen müssen. 

Diese Probe ist gemacht worden und so vollständig gelungen, daß 
alle still gehegten Erwartungen übertroffen sind. Es ist von besonderer 
Bedeutung, daß der Begründer der Psychoanalyse selbst, wie in fast 
allen übrigen Fächern auch hier die Führung übernommen hat. Denn 
in seinem wohl für alle Zeit grundlegendem Werke (1) weist er nicht 
nur auf das neue Arbeitsfeld hin, sondern gibt auch ein Vorbild der 
Methode, die gerade hier besondere Strenge und Gewissenhaftigkeit 
fordert. Freud begnügt sich nie damit, die bekannten Haupt- 
2 ^ 



376 Hanns Sachs. 

prinzipiell der Psychoanalyse als starre Sätze dort einzusetzen, wo im 
ethnologischen Material ähnliche Umrißlinien dazu einzuladen scheinen. 
Er greift stets auf die lebendige Beobachtung zurück, verfolgt sie bis 
ins kleinste Detail und die zarteste Verästelung und gründet seine 
Parallelen nicht auf grobe Einzelheiten, mögen sie auch noch so hand- 
greiflich sein, sondern auf vielfältige imd verschlungene Zusammen- 
hänge, deren Aufdeckung allerdings eine hervorragende Schärfe des 
geistigen Blicks voraussetzt. 

Dem überreichen Inhalt des Werkes entspricht die gedrängte, im 
letzten Teil fast allzu straff gespannte Form; in einem Referat läßt 
sich deshalb nur Einzelnes herausheben, wobei die Vorzüge der Me- 
thode keine Wiedergabe finden können. Die erste Stufe menschlicher 
Organisation, und zwar gleichzeitig in sozialer wie religiöser Hinsicht 
— beide Worte im weitesten Sinne gebraucht — sieht die Wissenschaft 
im Totemismus, dessen Hauptzüge darin bestehen, daß die Totem- 
genossen das Totem als gemeinsamen Stammvater verehren und den 
geschlechtlichen Verkehr untereinander meiden und verabscheuen. Dem 
ersten der beiden Züge entspricht es, daß das Totem — ursprünglich 
wohl stete ein Tier — seine Abkömmlinge verschont und von ihnen 
verschont wird. Diese Regel erleidet nach den scharfsinnigen Forschungs- 
ergebnissen Robertson Smiths eine Ausnahme. Um das Band der Gemein- 
samkeit durch ein besondere heiliges gemeinsames Mahl zu befestigen, 
schlachten die Totemgenosseri einmal im Jahr das Totemtier in einer 
Opferfeier, an der der ganze Stamm teilnehmen muß; durch den ge- 
heiligten Zweck und die Teilnahme aller wird der sonst als ärgstes 
Verbrechen verpönte Mord zur heiligen Pflicht. Nachher wird das ge- 
opferte Totemtier gemeinsam betrauert. 

Freud stellt mit der Totemverehrung eine Reihe von Be- 
obachtungen an Kindern und Neurotikem in Parallele; die eigentüm- 
liche Einstellung gegen eine bestimmte Tiergattung erwies sich stets als 
Folge einer unbewußten Indentifizierung dieses Tieres mit dem Vater, 
was übrigens auch die primitiven Totemisten direkt aussprechen, da 
sie sich in keineswegs bildlicher Weise als die Abkömmlinge des Totem 
betrachten. Damit wäre unschwer die Verehrung des Totems, aber nicht 
das eigentümliche Zeremoniell seiner Opferung erklärt. Gerade hier 
setzt Freud ein, indem er zu dem einen Rätsel das andere der Ent- 
stehung der Inzestschranke hinzunimmt, der die Exogamie der Totem- 
genossen entspricht. Er knüpft an Darwin und Atkinson an, die die 
älteste Form der Gemeinschaft in Analogie zu jener der höheren Affen 



Kulturgeschichte und Völkerpsychologie. 377 

in einer „Urhorde" sehen, bestehend aus mehreren Weibchen und einem 
alten und starken Männchen. Dieses duldet keinen Nebenbuhler in der 
Horde und tötet-die Söhne oder treibt sie aus, sobald sie geschlechts- 
reif werden. Den Weg von dieser „Urhorde" zur ersten Stufe sozialer 
Organisation, den die genannten Forscher nicht gefunden haben, rekon- 
struiert Freud ans dem eigentlichen Sinn des Totemismus heraus, den 
dieser allerdings nur der psychoanalytischen Betrachtungsweise verrät. 
Schon Atkinson vermutete, daß die ausgetriebenen Söhne sich ver- 
banden und durch Gemeinsamkeit gestärkt den Vater erschlugen. Das 
würde der Vereinigung des Stammes zum Totemopfer entsprechen. Aber 
da nun jeder die Weiber für sich begehrte und keiner stark genug war, 
die anderen auszuschließen, entstand Unbefriedigung und Unfriede. Um 
den Verband, ohne den der einzelne nicht zu existieren vermochte, auf- 
recht zu erhalten, mußten sämtliche sich freiwillig den Verzicht auf die 
Weiber des Stammes auferlegen. Die wichtige Rolle, welche die 
„Männerbünde" bei allen Naturvölkern spielen, ist eine Stütze dieser 
Auffassung. Durch diesen Verzicht wäre die Grundlage für die Totem- 
exogamie gegeben, aber auch für die nachträgliche Verehrung des Vaters, 
der imstande gewesen war, sich den heißersehnten Genuß zu ver- 
schaffen, und dessen nutzlos gebliebenen Mord die Söhne bereuten. 
Alle diese Ereignisse, die natürlich nur als Zusammenfassung einer 
mehrtausendjährigen Entwicklung gedacht sind, haben in den Bräuchen 
des Totemismus ihre Spuren hinterlassen. Auf die Einzelheiten der Totem- 
exogamie geht Freud in dem ersten Aufsatz des Bandes genauer ein 
und stellt mit ihr eine Gruppe verwandter Gebräuche, der sogenannten 
„Vermeidungen" (avoidances) von nahen Verwandten des anderen Ge- 
schlechtes bei den Primitiven zusammen, welche die Intensität ihrer 
Inzestscheu beweisen. Dieser Scheu muß — wie bei den Neurotikem — 
die Gefahr einer Versuchung entsprechen. 

Die zweite Arbeit befaßt sich mit dem „tabu" dessen eigen- 
tümliche Doppelseitigkeit - es bedeutet sowohl „heilig" als „unheim- 
lich, verrucht" — verständlich wird, wenn man die Ambivalenz der 
stärksten menschlichen Affekte durch ihre Verfolgung ins Unbewußte 
kennen gelernt hat. Das Tabu ist eine ganz offene Äußerung dieser 
Ambivalenz, die beim heutigen Kulturmenschen bis auf kleine An- 
zeichen fast unsichtbar geworden ist und nur beim Neurotiker 
wiederum durchbricht. Sogar die typischen Objekte dieser ambivalenten 
Emstellung sind erhalten geblieben. Es sind die Feinde, die Häuptlinge 
(Vater-Surrogate) und die geliebten Toten. Die Angstneurose nach 



378 nanns Sachs. 

dem Tode einer bewußt geliebten, unbewußt gehaßten Person hat zum 
Beispiel ihr genaues Vorbild in den von Dämonenfurcht geleiteten Be- 
etattungs- und Trauerbräuchen vieler Naturvölker. Das Tabuverbot und 
die „Infektiosität" des Tabu erklären sich aus der Scheu, daß die un- 
gestrafte Verletzung des Tabu Nachahmer finden würde und so die müh- 
sam auf dem Wege der Ambivalenz errichtete, für die Kulturgrundlagen bo 
wichtige Schranke wieder weggeräumt werden könnte. Zwischen den 
Verboten des Tabu und den Einschränkimgen der Neurose besteht 
immerhin auch ein prinzipieller Unterschied, denn „bei der Triebanalyse 
der Neurosen erfährt man, daß in ihnen die Triebkräfte sexueller Her- 
kunft den bestimmenden Einfluß ausüben, während die entsprechenden 
Kulturbildungen auf sozialen Trieben ruhen." (S. 67.) 

Der dritte Artikel befaßt sich mit der psychologischen Grund- 
lage des Animismus und der Magie. Die Erwartung der Primitiven, 
durch magische Handlungen die ihnen erwünschten Veränderungen der 
Außenwelt herbeiführen zu können, entspringt derselben Quelle, wie der 
unbewußte Glaube der Zwangsneurotiker an die Allmacht ihrer Ge- 
danken und Wünsche, der sich in zahlreichen Symptomen dokumentiert. 
Beide beruhen auf dem ursprünglichen oder regressiv wieder er- 
weckten Narzißmus, in dessen psychologische Analyse jedoch hier 
nicht eingegangen werden kann. Auf dieser Grundlage baut sich die 
Beseelung der unbelebten Natur durch Projektionsbilder des eigenen Ich 
auf — die Weltauffassung des Animismus. 

Freuds Arbeit umspannt, wie man sieht, ein außerordentlich 
weites Gebiet; es ist zu hoffen, daß seine großzügigen Anregungen eine 
lange Reihe von Spezialarbeiten hervorrufen werden; erst dann wird 
sich die Bedeutung der Leistung Freuds voll erkennen und werten 
lassen. 

Die Arbeit Jungs (6) beschäftigt sich zum allergrößten Teil mit 
mythologischen, archäologischen und philologischen Problemen. Von 
den Erörterungen, die sich mehr auf kulturgeschichtlicher Basis be- 
wegen, greifen wir jene über die Feuererzeugung (S. 140 bis 151) als 
die wichtigste heraus. Vorausgeschickt sei, daß wir uns selbstverständlich 
auf den Standpunkt der vom Autor gewählten Terminologie, hinsicht- 
lich der Bezeichnung „Libido" stellen, obgleich derselbe vom Referenten 
nicht geteilt wird, da sonst ein Verständnis nicht möglich wäre und die 
Kritik der Grundlagen der Terminologie die Grenzen dieses Referates 
überschreiten würde. 



Kulturgeschichte und Völkerpsychologie. 379 

Die Erfindung des Feuerreibens geschieht nach der Ansicht des 
Autors durch eine „Libido-Überleitung" ; da Libido mit „WoUen" gleich- 
bedeutend ist, bedeutet der Ausdruck einfach eine Änderung 
der Willensrichtung, die ja selbstverständlich für jede neue 
Tätigkeit vorausgesetzt werden muß. „Der psychologische Zwang 
zur Libido-Überleitung beruht auf einer ursprünglichen Uneinig- 
keit des WoUens." Das heißt ungefähr, die Armut auf dem 
Lande kommt von der großen Pauverte her. Die nächsten Sätze 
zeigen, welche ungeheure, weit über Freuds Anschauung hinaus- 
gehende Bedeutung das Inzestverbot für Jung hat. Nach seiner Auf- 
fassung wird nämlich ein Teil der Sexuallibido auf die von ihm neuer- 
dings wiederentdeckte „vorsexuelle" Stufe gedrängt, und zwar „der- 
jenige Libidobetrag, welchen man am besten als den inzestuösen Anteil 
betrachtet." Ob die damit besetzten Vorstellungen infolge der Ver- 
drängung unbewußt werden, sagt Jung nicht, scheint es auch nicht 
als wesentlich zu betrachten. Die ganze Darstellung zeichnet sich hier 
überhaupt durch große Gewundenheit und Undeutlichkeit aus; so heißt 
es, die Libido werde „quasi desexualisiert", „sozusagen künstlich aus 
der Sexuallibido abgespalten"; doppelt auffällig sind dann die apo- 
diktischen Sätze, die der Autor am Ende seiner Auseinander- 
setzungen wie bewiesene Wahrheiten aufstellt. So folgert er hier: „So 
ist das Feuerbohren ein Koitus (und zwar ein inzestuöser), aber ein 
desexualisierter . . " Der Preis, den Jung für die Möglichkeit gezahlt 
hat, den Begriff „desexualisiert" in seiner Definition zu verwenden, ist 
eine recht weite Abirrung von der Realität, die er wiedergeben wollte. 
Statt einen „desexualisierten Koitus", was ja überhaupt ein Unding ist, 
uennen wir das Feuerreiben eine sexualisierte Arbeitstätigkeit (ver- 
gleiche insbesondere Sperbers treffliche Ausführungen in „Imago"). 
Etwas anderes kann auch Jung nicht meinen; wenn er eine so abge- 
schmackte Aus drucks weise gewählt hat, so kann dafür nur der Wunsch ver- 
antwortlich sein, wenigstens scheinbar das Gegenteil von dem, was Freud 
gesagt hat, zu vertreten. Er fährt fort: „Die vorsexuelle Stufe ist charak- 
terisiert durch zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten, weil die Libido 
dort ihre definitive Lokalisation noch nicht gefunden hat." Es wäre 
interessant zu erfahren, wie sich der Autor eine „definitive Lokalisation" 
der Libido, die jede Art des Wollens umfaßt, vorstellt. „Es er- 
scheint verständlich, daß ein Libidobetrag, der regressiv diese Stufe 
wieder betritt, sich mannigfachen Anwendungsmöglichkeiten gegenüber 
sieht. Vor allem tritt ihm die Möglichkeit einer rein onanistischen 
2 b * 



380 Hanna Sachs. 

Betätigung entgegen." Also die „vorsexuelle" Stufe ist durch onani- 
ßtische Betätigung gekennzeichnet! Wer, wie der Verfasser es hier offen- 
bar tut, mit seinen Worten einen anderen Sinn verbindet, als alle übrigen 
Menschen, kann sich leicht in überraschend klingenden Biehauptungen 
ergehen. „Da es sich bei dem regredierenden Libidoanteil aber um 
Sexuallibido handelt, deren letzte Bestimmung die Propagation ist, 
daher ganz auf äußere Objekte geht (Eltern), so wird sie diese Be- 
stimmung als wesentlichen Charakter auch mit introvertieren." Es ist 
eine ungemein unvorsichtige, jeder empirischen Erfahrung wider- 
sprechende Behauptung, daß die Sexuallibido ganz auf äußere Objekte 
gehe. Der Autor selbst gibt zu, daß die Propagation ihre „letzte Be- 
stimmung" sei, imd Naturvorgänge dieser Art pflegen nicht so gerad- 
linig zu verlaufen, daß sie ausschließlich ihrer letzten Bestimmung 
dienen, so daß auch dieses „finale" Argument nicht Stich hält. Tat- 
sächlich gibt es eine große Menge von Manifestationen der Sexual- 
libido, die mit dem Propagationsgeschäft direkt nichts zu tun haben; 
selbst nach der „Desexualisierung" des Ludeins und der Analerotik 
bleiben noch alle Perversionen, mit Einschluß der Homosexualität, übrig, 
an deren sexuellen Charakter bisher kein Zweifel geäußert wurde. Der 
Ausdruck „introvertieren" an dieser Stelle ist völlig unklar. Wir haben 
nicht erfahren, wie sich der Verfasser den Ausgangspunkt des Inzest- 
verbotes (vom Vater?) denkt, und hätten nun doch ein Eecht, wenigstens 
darüber unterrichtet zu werden, ob die von der Inzestschranke zur Onanie 
Gezwungenen das alte Befriedigungsobjekt, die Mutter, in der Phantasie 
beibehalten, oder durch ein neues ersetzen. Die Psychoanalyse hat bisher 
angenommen, daß bei steigenden Verdrängungsansprüchen die Mutter 
aus der bewußten Phantasie verschwindet, daß aber die un- 
bewußten Wünsche nach wie vor an ihr Bild fixiert werden und die 
Gestaltung der bewußtseinsfähigen Phantasien beeinflussen. Diese wert- 
volle Erkenntnis wird durch das rätselhafte „introvertieren" nur sehr 
schlecht ersetzt. 

In den wesentlichen Punkten des Problems weicht Jung, wie man 
sieht, von Freud inhaltlich nur darin ab, daß er das Inzestverbot fiii' 
die Verdrängung ganz allgemein verantwortlich macht, unter Weglassung 
aller anderen Faktoren. Er wiederholt im ganzen die Gedanken Freuds, 
nur daß er statt der präzisen Sprache und der exakten Beweisführung 
seines Vorbildes eine unhaltbare Terminologie und eine völlig unklare, 
widerspruchsvolle Argumentationsweise einzuführen sucht. Die Ab- 
sicht, dies an einem kleinen Ausschnitt deutlich zu machen, mag das 



Kulturgeschichte und Völkerpsychologie. 381 

lange Verweilen bei dieser Arbeit entschuldigen, die für unsere Zwecke 
nichts inhaltlich Wertvolles bietet. 

Die beiden Abhandlungen von Jones (3 und 4) entrollen ein Bild 
des finsteren, von Sexualeinschränkung und Ablehnung des Weibes ge- 
nährten mittelalterlichen Wahnes; sehr gut wird an einzelnen Stellen 
gezeigt, wie dieser Aberglaube, trotz der rationellen Aufklärung bis 
in unsere Zeit sich erhält oder nur auf andere Gebiete verschiebt, 
solange ihm die Grundlage im Triebleben nicht genommen wird. Im 
ganzen können die Arbeiten aber doch nicht zu den besten Leistungen 
des vielseitigen Verfassers gerechnet werden. Er bedient sich darin zu 
wenig der in anderen Publikationen glänzend bewiesenen selbständigen 
psychologischen Beobachtungsgabe und zieht es meist vor, sich mit der 
Anwendung der bekannten, typischen Ausdrucksformen des Unbewußten, 
insbesonders der Sexualsymbolik, zu begnügen. Er erreicht auch auf 
diesem Wege manches wertvolle Resultat, aber jene letzte Überzeugung, 
die sich nur durch die Auseinanderlegung der psychischen und histori- 
schen Schichtungen, durch die Übereinstimmung in den feinsten Nuancen 
erzielen läßt, bleibt bei dieser Arbeitsmethode unerreichbar. In einer 
zweiten folkloristischen Arbeit (5) erbringt der Autor durch Heran- 
ziehung der Sitten und des Aberglaubens aller Länder und Zeiten in 
durchaus gelungener Form den Nachweis, daß das Salz überall als 
Symbol des menschlichen Samens aufgefaßt und verwendet worden ist. 
Wir verdanken dieser Untersuchung die wichtige Aufklärung, daß der 
Aberglaube zum großen Teil ein Produkt des unbewußten Seelenlebens 
ist, das sich in ihm in derselben verhüllten Weise äußert, wie im 
Traum. 

Uneingeschränktes Lob verdient die ebenso originelle als gründ- 
liche rechtshistorische Studie Storfers (9). Der Verfasser weist darin 
nach, daß der Vatermord als der Urfall des Verbrechens überhaupt gelten 
darf, weil er die erste nicht durch Blutrache zu sühnende, sondern von 
der gesamten Gemeinschaft verpönte und verfolgte Tat gewesen sein 
muß. Er zeigt, daß das bei der Bestrafung des Vatermörders im alten 
Rom und anderwärts vorgeschriebene Zeremoniell die symbolische Ein- 
kleidung einer unbewußten Inzestphantasie enthielt. Die Einstellung der 
strafenden Gemeinschaft zu dem Delikt wird durch die unbewußte 
Annahme beeinflußt, daß der Inzestwunsch das zum Vatermord treibende 
Motiv gewesen sein müsse. Ganz besonders wertvoll sind die Auseinan- 
dersetzungen des Autors über den Zusammenhang zwischen dem Jus 
primae noctis und den „Tobiasnächten". 



382 Hanns Sachs. 

Auch die spätere Arbeit über die jungfräuliche Mutterschaft 
Marias (10) nötigt zur Anerkennung des Scharfblicks des Verfassers und 
des Sammeleifers, mit dem er das ungeheuere Material der Patristik 
und der Dokumente des mittelalterlichen Mariendienstes nicht nur 
durchwühlt, sondern auch bewältigt hat. Man kann aus dem Buche manches 
lernen, sehr viele Anregungen schöpfen, wird aber seiner im ganzen doch 
nicht froh. Der Grund liegt wohl in der eigentümlichen Auffassung, die 
Storfer von dem Begriff der „Völkerpsychologie" hat. Sie bedeutet 
ihm mehr als die Erforschung des Gemeinsamen in der Psyche einer 
Vielheit von Individuen, die durch Ort, Zeit, Rasse, soziale oder religiöse 
Organisation zusammengefaßt werden. Er glaubt sich daher berechtigt, 
neue völkerpsychologische Grundbegriffe zu bilden, die in der Individual- 
psychologie keinen Platz finden können, und versucht, die von ihm unter- 
suchten Phänomene auf diese zurückzuführen, um dadurch ihre prinzipielle 
Bedeutung zu erweisen. Im Vordergrund steht der Gegensatz zwischen 
dem die Prostitution als sakrale Pflicht fordernden Matriarchat und 
dem Keuschheit oder Monogamie gebietenden Patriarchat; der Konflikt 
und die wechselseitige Durchdringung dieses Gegensatzpaares wird durch 
das verschiedenste Material illustriert. Bei näherem Eingehen erweisen 
sich derartige Konstruktionen als Zusammensetzungen aus zwei Wissen- 
schaften, die sich nicht dauernd vermengen können, weil ihre Methoden 
und Ziele zu verschieden sind. Es sind psychologisch-soziologische Misch- 
gebilde, die weder in der einen noch in der anderen Wissenschaft zu 
Hause sind. Freilich trifft die Soziologie an mehreren Stellen mit der 
Psychologie zusammen — es kann wohl kaum eine Geisteswissenschaft 
geben, bei der das nicht der Fall wäre — , aber eben deshalb dürfen die 
Fundamente der Psychologie nicht mit Rücksicht auf eine andere Wissen- 
schaft gelegt werden. Die Einwendung scheint nahe, daß die „Völker- 
psychologie", wie schon der Name sagt, eine solche Vermischung zur 
Voraussetzung habe. Dem wäre zu erwidern, daß sich nur das Material 
der psychologischen Forschung ändern kann, nicht die Methode, denn 
eine Methode, die gleichzeitig psychologisch xmd soziologisch oder biolo- 
gisch ist, gibt es nicht und kann es nicht geben. 

Es ist begreiflich, daß die ersten Schritte der Psychoanalytiker auf 
diesem neuen Gebiete leicht den richtigen Weg verfehlen können. Mit 
um so größerer Befriedigung darf man auf das starke Überwiegen er- 
folgreicher Leistungen hinblicken, die einen vielversprechenden Anfang 
bilden. 



Spracliwissenschaft. 

Referent: Dr. Theodor Reik. 



Literatur'). 1. Berny: Zur Hypothese des sexuellen Ursprungs der Sprache. 
Imago 1913, S. 6. — 2. Freud: Über den Gegensinn der ürworte. Jahrb. II, 
1910. — 3. Ders. : Das Interesse an der Psychoanalyse. 2. Teil. Scientia, Jahrg. 7, 
1913. — 4. Rank und Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Geistes- 
wissenschaften. Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens. H. 93. Wiesbaden, 
1913. — 5. Sperber: Über den Einfluß sexueller Momente auf Entstehung und 
Entwicklung der Sprache, Imago 1912, S. 5. 



Die lebendig gesprochene Sprache, welche einen Niederschlag 
menschlicher Affekte und Gedanken bildet, mußte schon früh in den Kreis 
der psychoanalytischen Forschung treten. Bei der Erforschung der 
Technik und der seelischen Mechanismen im Traume, im Witz und in 
den kleinen Fehlleistungen des Alltagslebens spielten Sprachfragen eine 
große Rolle. Die Sprache, welche nach einem Worte Talleyrands 
dazu dient, die Gedanken zu verbergen, erwies sich in der psychoanaly- 
tischen Untersuchung der Seelen Vorgänge oft geradezu als Verräterin 
dieser verborgenen Gedanken. 

Die Psychoanalyse war genötigt, in ihren Forschungen dem Be- 
griffe Sprache einen erweiterten Umfang zu geben. Sie versteht 
darunter jede Art von Ausdruck seelischer Tätigkeit; nicht nur 
die Wortsprache, sondern auch die Schrift, Mimik usw. (3). 
Von diesem Gesichtspunkte aus ist unter Psychoanalyse die 
Übersetzung und Deutung der uns fremden J^usdrucksweise un- 
bewußter Vorgänge in die uns vertraute zu verstehen. Die „Sprache 
des Traumes" stellt die Aufgabe, einen latenten Gedankeninhalt aus der 
dem Traume eigentümlichen Ausdrucksweise in die unseres Wachlebens 
zu übertragen. Unter den Eigentümlichkeiten der Traumsprache fällt 
insbesondere ihre archaische Struktur auf, welche sich uns als ein Rück- 
fall in die prähistorische Denk- und Sprechweise darstellt. Das Ver- 

^) Vgl. das Verzeichnis der Abkürzungen, S. 264. 



3S4 Theodor Eeik. 

halten des Traumes zu Gegensatz und Widerspruch fand seine Analogie 
in der Eigenart der ältesten Sprachen, welche Gegensatzpaare, einander 
diametral gegenüberstehende Begriffe mit denselben "Worten bezeichnet. 
Die Erscheinung des antithetischen Doppelsinnes der Worte wich erst 
im Laufe der Sprachenentwicklung der Eindeutigkeit. So konnte Freud 
die von dem australischen Worte Tabu (hebräisch „kodausch", lateinisch 
„sacer") bezeichneten Personen und Objekte als solche erkennen, denen 
von den primitiven Menschen eine ausgesprochen ambivalente Gefühls- 
komplexion entgegengebracht wurde, und so die kontradiktorische Be- 
deutung des Wortes erklären (2). Eine zweite, bedeutsame Analogie 
der Ausdrucksweise des Unbewußten mit der des primitiven Menschen 
resultierte aus der psychoanalytischen Erforschung der Symbole. Die 
Sprachwurzeln wurden auf der Stufe der unbewußten Symbolik ge- 
schaffen. Die Symbolik als die der Anschauung nächste Denkform des 
primitiven Menschen wurde zwar von den Sprachforschern schon als 
heuristisches Element verwertet, doch konnte die Psychoanalyse zwei 
wichtige Faktoren zur Aufklärung beibringen: sie untersucht das Fort- 
wirken der primitiven Symbolik im unbewußten Seelenleben und gibt 
BD der Sprachwissenschaft einen bedeutsamen Hinweis, welchen Einfluß 
diese unbewußte Vorstellungsart noch jetzt auf Bedeutungswandel und 
Enti^icklung, sogar Neuschöpfung der Worte ausübt. Die Erkenntnis 
der Äußerungsarten unbewußter Vorgänge, vor allem des Traumes aber 
erlaubt es außerdem, die Bedeutung derjenigen Symbole zu erkennen, 
welche unserem bewußten Seelenleben völlig fremd und beziehungslos 
gegenüberstehen. Die Kenntnis dieser für das primitive Leben beson- 
ders charakteristischen Syrabolgruppe, welche bisher dem Sprachforscher 
versagt blieb, wird ihm tiefere Aufschlüsse über den Ursprung der Worte 
vermitteln (4). Einige Parallelen der Traumsymbolik mit solchen dem 
Wachleben fremden Vorstellungen der Urzeit konnten von der Psycho- 
analyse bereits gezogen werden (1). Die Vergleichung der Wortbehand- 
lung seitens des Wilden und des Kindes ergab auffallende Übereinstim- 
mungen. Dem Kinde und dem Wilden ist die Beziehung zwischen Wort 
und Sache keine so lose wie dem erwachsenen Kulturmenschen. Das 
Kind erblickt im Namen den Ersatz der Sache und der primitive 
Mensch glaubt, eine gewisse Gewalt über eine Sache zu haben, wenn 
er ihren Namen ausspricht. Diese Gewalt aber kann auch eine unheil- 
bringende sein und so erklärt sich die Angst vor dem Namenaus- 
sprechen und das Entstehen von Euphemismen (4). Der Glaube des 
Kindes und des primitiven Menschen, die Ähnlichkeit der Bezeichnung 



Sprachwissenschaft. 385 

müsse eachlich begründet sein, findet sich in der Ersetzung der wirk- 
lichen Relation durch die lautliche in der Traumarbeit, in der Psycho- 
pathologie des Alltagslebens und in der Witztechnik wieder. Die Hiero- 
glyphenschrift verwandelte sich ebenfalls, von dieser Tendenz beherrscht, 
aus einer Bilder- in eine Lautschrift, indem bestimmte Zeichen nicht 
nur für den dargestellten Gegenstand, sondern auch für Objekte ver- 
wendet wurden, die keine Geraeinsamkeiten mit jenem ersten hatten, als 
denselben oder einen ähnlichen Wortlaut. Diese vielen Ähnlichkeiten 
der primitiven und der unbewußten Wort- und Sachbehandlung gaben 
Anlaß, dem Problem der Entstehung der menschlichen Sprache näher- 
zutreten. Die von Sperber aufgestellte Hypothese des mächtigen Ein- 
flusses sexueller Momente auf den Ursprung der Sprache (5) fordert 
als Ausgangspunkt eine typische Situation, welche, ihrer Natur nach 
wenig kompliziert, einen Menschen veranlaßte, einen zweiten durch 
beabsichtigt-e Laute so zu beeinflussen, wie es der „Sprecher" wünschte. 
Von den zwei Situationen, welche diesen Ausgangspunkt bilden konnten : 
dem Schreien des hungrigen Kindes nach der Mutter und dem sexuellen 
Lockrufe des Mannes, entscheidet sich Sperber für die zweite als die- 
jenige der reicheren Entwieklungsmöglichkeiten. Die primitiven, mit 
Hilfe von Werkzeugen ausgeführten Tätigkeiten wurden von ähnlichen 
Lockrufen begleitet, weil sie als Surrogate des Geschlechtaktes zuerst 
intensiv lustbetont waren. Für einige Arten primitiver Tätigkeit, wie 
pflügen, Feuer anzünden, läßt sich die ursprünglich sexuelle Bedeu- 
timg nachweisen. Das doppeldeutige Wort (z. B. graben und koitieren) 
wurde von der jüngeren Generation übernommen und schon im abge- 
leiteten Sinne (z. B. nur für graben) gebraucht. Kam es unter dem Ein- 
fluß einer sexuellen Spannung zur Erfindung einer neuen Arbeit, dann 
entstand ein neuer Lockruf, der sich trotz der gleichen sexuellen Be- 
deutung von dem früheren unterschied. So bildeten sich mehrere primi- 
tive Verbalwurzeln aus, welche das erste Material der Sprachentwick- 
lung bildeten. Sperber weist nach, daß in den meisten Sprachen Worte, 
wie Feueranzünden, Graben, Ackern usw., also Bezeichnungen primi- 
tiver Arbeit, sexuelle Nebenbedeutung besitzen. Anderseits sind gerade 
Worte ursprünglich sexueller Bedeutung befähigt, auf allen disparaten 
Gebieten einen veränderten Sinn zu erhalten und zu fixieren. Eine Bezeich- 
nung sexueller Art kann so zum Stammvater für ganze Wörterfamilien 
werden, welchen keinerlei sexuelle Bedeutung zukommt. Diese große Aus- 
breitungsfähigkeit sexueller Wörter wurde durch reiches ethymologisches 
Material belegt. Dieser Vorgang der Verschiebung und Transformierung 

Jahrbuch der Psychoanalyse. VI. 25 



386 Theodor Reik. 

ursprünglich sexueller Bedeutungen spiegelt im engen Rahmen die Ver- 
drängungs- und Umsetzungsphänomene der menschlichen Sexualität 
wieder. Der Bedeutungsentfaltung von Wörtern, wie coire, vulva usw., 
deren Abkömmlinge sich immer weiter von dem sexuellen Sinn ent- 
fernen, erwächst ein Gegenstück in den Wortphänomenen hoch entwickel- 
ter Kulturstufen mit vorgeschrittener Verdrängung. Hier werden nämlich 
harmlose Wörter oft im Gleichnis und euphemistisch in sexuelle rück- 
verwandelt; sie erhalten eine sexuelle Besetzung (z. B. für Mund oft 
Vagina, für reiten coire usw.). 

Den von Sperber unbestimmt gelassenen Lockruf, der den Aus- 
gangspimkt der Sprachentwicklung bildet, sucht Berny (1) zu bestim- 
men. Er weist nach, wie die Äußerungen der verschiedenen Lustempfin- 
dungen sexueller Natur die Ableitung der Namen für verschiedene, 
amtersartige Wahrnehmxmgsbezeichnungen bestimmen. Er unterscheidet 
drei Stufen in der ursprünglichen Sprachentwicklung, durch welche sich 
die Bedeutungsverschiebungen vom Sexuellen auf Harmloses verfolgen 
lassen. Die Sprache des Traumes ebenso wie die des obszönen Witzes ist 
eine Erbschaft jener Vorzeit, welche alles Weltgeschehen nach Analogie 
der eigenen lust- und affektbetonten Tätigkeiten auffaßte. 

Es ist wahrscheinlich, daß der Vergleich mit den primitiven Ver- 
hältnissen nicht nur durch das Verständnis der Traumspraehe dem 
Sprachforscher fruchtbare Anregungen zu geben vermag. Denn die Ge- 
bärdensprache der Hysterie steht der Sprache der Urzeit und des Traumes 
ebenfalls sehr nahe (3). Das Studium der schwer durchsichtigen und 
sehr beziehungsreichen Sprache der Gedanken Zwangsneurotischer und 
Paraphreniker, welches die Psychoanalyse mit so vielem Erfolge durch- 
geführt hat, läßt auch Dialekte dieser Sprache zum Vorschein kommen, 
welche sich in vielen Punkten von den übrigen Ausdrucksweisen seeli- 
scher Regungen unterscheiden. Der verdrängte Wunsch schafft sich ver- 
schiedene Ausdrucksformen. So wird eine Hysterika ihren unbewußten 
Wunsch nach Schwängerung und die Abwehrregung gegen ihn durch 
Erbrechen zum Ausdruck bringen, der Zwangskranke durch peinliehe 
Sthutzmaßregeln gegen Infektion und der Paraphreniker durch Klagen 
und Verdächtigungen, welche sieh auf die eigene Vergiftung beziehen. 
Der Psychoanalytiker erkennt hier denselben Wunsch an der Wurzel 
der Symptomatik und kann das Charakteristische der Erkrankung auch 
au der Art der Darstellung der (verdrängten) Gedanken erkennen (3). 



Ästhetik, Literatur, Kunst. 

Referent: Dr. Theodor Reik. 



Literatur*), 1. Abraham: Giovanni Segantini. Sehr. IX, 1911. — 
2. Blüher: „Nils Lyhne" von J. P. Jakobsen und das Problem der 
Bisexualität. Imago I, 1913. — 3. Brill: Treud's Theory of Wit. The Journal 
of Abnormal Psyehology, 1911. — 4. Coriat: The Hysteria of Lady Macbeth. 
Kew York, 1912. — 5. Chandler: Tragic Effect in Sophocles analysed according 
to the Freudian Method. Harvard Univ. Cambridge, Mass. — 6. Ferenczi: 
Anatole France als Analytiker. Zbl. I, S. 461. — 7. Freud: Eine Kindheits- 
erinnerung des Leonardo da Vinci. Sehr. VII, 1910. — 8. Freud: Das Interesse 
an der Psychoanalyse. Scientia, XIV, 1913. — 9. Freud: Das Motiv der 
Kästchenwahl. Imago 1913, S. 3. — 10. Priedmann: Eduard Mörike. Zbl. I, 
S. 486. — 11. Graf: Richard Wagner und das dramatische Schaffen. Öster- 
reichische Rundschau, Bd. X, H. 2, 1906. — 12. Graf: Probleme des drama- 
tischen Schaffens. Österreichische Rundschau, Bd. X, H. 5. 1907. — 13. Ders.: 
Richard Wagner im ,, Fliegenden Holländer". Sehr. IX, 1911. — 17. Ders.: 
Aus der innern W^erkstatt des Musikers. Stuttgart, 1911. — 15. Harnik: 
Psychoanalytisches aus und über Goethes Wahlverwandtschaften. Imago I, 
1912. — 16. Härtungen: Die Psychoanalyse in der modernen Literatur. Zbl. I. 
1911. — 17. Hitschmann: Zum Werden des Romandichters. Imago I, 1912. — 
18. Jones: Das Problem des , .gemeinsamen Sterbens", namentlich mit Bezug auf 
den Selbstmord Heinrich von Kleists. Zbl. II. 1912. — 19. Ders. : Das Problem des 
Hamlet und der Ödipuskomplex. Sehr. X, 1911. — 20. Ders.: Andrea del 
Sartos Kunst und der Einfluß seiner Gattin. Imago II, 1913. — 21. Kaplan: 
Zur Psychologie des Tragischen. Imago I, 1912. — 22. Kovacs: Introjektion, 
Projektion und Einführung. Zbl. II, S. 233—263, 316—325. — 23, Ossipow: 
Die Psychotherapie in den literarischen Werken L, N. Tolstois. Psychotherapie, 
1911, Nr. 1. — 24. Pfister: Die Entstehung der künstlerischen Inspiration. 
Imago II, 1913. — 25. Prcscott: Poetry and Dreams. The Journal of abn. 
Psyehology. VII, S. 1 und 2, 1912. — 26. Rank: Zu Beaudelaires Inzest- 
komplex. Zbl. I, S. 275. — 27. Ders.: Ein Selbstbekenntnis Wilhelm Busciif:. 
Zbl. I, S. 523. — 28. Ders.: Die Nacktheit in Sage und Dichtung. Imago II, 
S. 3 und 4, 1913. — 29. Ders.: Der Sinn der Griseldafabel. Imago I. 1912. — 

30. Ders.: Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage. Leipzig und Wien, 1912. — 

31. Rank und Sachs: Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Geiste>wissen- 

^) Vgl. das Verzeichnis der Abkürzungen, S. 264. 

25* 



388 Theodor Reik. 

Schäften. V. Abschnitt. Wiesbaden, 1913. — 32. Reik: Dichtung und Psycho- 
analyse. Pan. 21. März 1912. — 33. Ders.: Flaubert und seine „Versuchung 
dea heiligen Antonius". Minden i. W., 1912. — 34. Ders.: Arthur Schnitzler 
als Psycholog. Minden i. W., 1913. —35. Ders.: Psychoanalytische Bemer- 
kungen über den zynischen Witz. Imago II, 1913. — 36. Riklin: ödipus und 
Psychoanalyse. Wissen und Leben, V, S. 20, 1912. — 37. Robitsek: Die 
Analjrse von Egmonts Traum. Jahrb. II, S. 451 ff. — 38. Rosenthal: Karin 
Michaelis: „Das gefährliche Alter" im Lichte der Psychoanalyse. Zbl. I, 1910. — 
39. Sadger: Aus dem Liebesleben Nikolaus Lenaus. Sehr. VI, 1909. — 40. Ders.: 
Konrad Ferdinand Meyer. Wiesbaden. 1908. ~ 41. Ders.: Heinrich v. Kleist. 
Wiesbaden, 1909. — 42. Ders.: Von der Pathographie zur Psychographie. 
Imago I, 1912. — 43. Ders.: Freudsche Mechanismen bei Hebbel. Zeitschr. I, 
1913. — 44. Über das Unbewußte und die Träume bei Hebbel. Imago III, 
1913. — 45. Sachs: Infantile Sexualtheorien Freuds bei GrimmeLshausen. 
Zbl. I, S. 524 f. — 46. Ders.: Über Naturgefühl. Imago I, 1912. — 47. Ders.: 
Carl Spitteler. Imago II, 1913. — 48. Ders.: Die Motivgestaltung bei Schnitzler. 
Imago III, 1913. — 49. Silberer: Über die Behandlung einer Psychose bei 
Justinus Kemer. Jahrb. III, 1912. — 50. Stekel: Zur Inzestliebe Beaudelaires. 
Zbl. I, S. 72. — 51. Ders.: Dichtung und Neurose. Wiesbaden, 1909. — 
52. Ders.: Die Träume der Dichter. Wiesbaden, 1912. — 53. Weiß: Von Reim 
und Refrain. Imago II, S. 6, 1913. — 54. Winterstein: Lichtenberg und die 
Psychoanalyse. Zbl. III, 1912. — 55. Ders.: Zur PsychoMialyse des Reiaens. 
Imago 1, 1912. — 56. Witteis: Tragische Motive. Berlin, 1911. — 67. Wulffen: 
Shakespeares Hamlet ein Sexualproblem. Berlin, 1913. 



Die psychoanalytische Erforschung der Probleme, welche sich an 
künstlerisches Schaffen und künstlerischen Genuß knüpfen, ist notwen- 
digerweise eine begrenzte. Sie verzichtet z. B. von Haus aus auf den 
Anspruch, das Rätsel der künstlerischen Begabung lösen zu wollen (8). 

Gehen wir von den Fragen aus, welche der Kunstgenuß dem For- 
scher aufgibt, dann drängen sich uns vor allem zwei Probleme auf: 
Welcher Art ist der Kunstgenuß und auf welchen psychischen Wegen 
kommt er zustande? Die inadäquate Afifektwirkung, die sich von der 
der Wirklichkeit zugewandten nicht in der Entstehimgsursache und in 
den Äußerungsformen, sondern nur durch das verkehrte Vorzeichen 
unterscheidet, kann nur durch einen latenten Anteil unseres unbewußten 
Seelenlebens erklärt werden. Die seelische Situation des Zuschauers oder 
Zuhörers ist bestimmt durch die künstlerische Illusion, der er unter- 
liegt. Mit ihrer Hilfe werden in ihm wirkliche Affekte hervorgerufen. 
Neben den bewußten Affekten, die sich aus dem Genuß der ästhetischen 
Qualität eines Kunstwerkes ergeben, sind unbewußte Affekte in ungleich 
größerer Intensität wirksam. Dies kann nur möglich sein, wenn die 



Ästhetik, Literatur, Kunst. 389 

von dem Künstler produzierten Situationen und Ereignisse darnach 
angetan sind, der Abfuhr und Befriedigung unbewußter Wünsche des 
Zuhörers zu dienen. Diese Wünsche würden in unverhüllter Darstellung 
unsere heftige Abwehr erregen, es ist deshalb notwendig, daß die Mittel 
der Verhüllung und Entstellung, wie Umstellen der Motive, Verkehrung 
ins Gegenteil, Spaltung und Doublierung, Verdichtung und Symboli- 
sierung des Materials, herangezogen werden, um die beim Zuschauer 
angestrebte Lustwirkung zu erreichen (31). Der Genuß eines Kunst- 
werkes erscheint eo als Wunschkompensation, in welcher der Konflikt 
zwischen den bewußten imd unbewußten Instanzen unseres Seelenlebens 
in das Stadium eines kurzen Waffenstillstandes tritt. In der Kompromiß- 
bildung des Kunstwerkes gelangen die verdrängten Wunschphantasieen 
zum Durchbruch, ohne einen Kampf mit der Zensur direkt auskämpfen 
zu müssen. Die Unlustaffekte (in der Tragödie z. B.) werden im Be- 
wußtsein verarbeitet und in den Dienst der künstlerischen Form ge- 
stellt, die Lust, welche aus der Befriedigung verbotener Wimschphan- 
tasieen quillt, „unter der Maske eines fremden Affekts" genossen (31). 
Eine primäre Lustquelle ergibt sich aber auch aus den im sexuellen 
Leben der Erwachsenen zurückgedrängten, dem Infantilen entstammen- 
den Trieben sadistischen und masochistischen Charakters. 

War Bo die Wirkung der Kirnst als eine Befreiung und Ersatz- 
befriedigung verdrängter Triebregungen erkannt, so mußte angenommen 
werden, daß auch beim Künstler ähnliche Tendenzen vorhanden sind 
und sein Schaffen den gleichen, von ihm mehr oder minder klar erkannten 
Zweck hat. Die von Freud aufgestellte Analogie des Kunstwerkes und 
des Tagtraumes ergab die fruchtbarsten Resultate: auch der Dichter 
stellt die persönlichsten Wunschphantasieen als erfüllt dar, aber sie 
werden in ihrer Kraßheit und Anstößigkeit durch eine Umformung 
gemildert, ihr persönlicher Ursprung verhüllt und das Werk der Öko- 
nomie der Affektverteilung und der Denkökonomie gemäß aufgebaut. 
Dazu kommt nun die Hilfe der äußerlichen Kunstmittel, der künstleri- 
schen Technik. 

Für die Behauptung, daß die intensivste Lust des künstlerischen 
Schaffens der verhüllten Triebbefreiung entstammt, hat die analytische 
Erforschung des Vorganges der Inspiration und Konzeption den Be- 
weis erbracht (24). Sie hat auch die Hypothese der seelischen Determi- 
niertheit der einzelnen Elemente des Kunstwerkes zur Gewißheit erheben 
können, wie die Arbeiten von Freud, Abraham, Rank und Sachs 
bezeugen (7, 1, 30, 48). Namentlich der großen Arbeit von Rank (30) 



390 



Theodor Reik. 



verdanken wir die Lösung der Frage, woher das psychische Material 
der Dichtung stammt: der große Kaum, den der Inzestkomplex im seeli- 
schen Leben der Normalen und Neurotiker besitzt, spiegelt sich in den 
Werken aller Dichter. Die analytische Betrachtung einzelner Kunst- 
werke und ihrer Schöpfer hat den Zusammenhang zwischen Kindheits- 
eindrücken und Lebensschicksalen der Künstler und ihren Werken als 
Reaktionen erkennen gelernt. Hatten noch in den den Künstlern gewid- 
meten Werken Sadgers (39—41) neben der psychischen Bewältigung 
aktueller und infantiler Erlebnisse die Fragen der Entartung und Be- 
lastung eine große Rolle gespielt, so wurden diese später als Grenz- 
fragen der psychoanalytischen Forschung an die zweite Stelle gesetzt und 
an ihren Platz trat bei Sa dg er und den anderen Autoren die Unter- 
suchung der seelischen Wege, welche vom Erleben zur Produktion führen. 
Das Material des Künstlers, soweit es seelisch bedingt ist, erwies sich 
als seinem latenten Inhalte nach höchst monoton und nur die 
individuelle Bearbeitung konnte den Eindruck der Mannigfaltig- 
keit hervorrufen. Feststeht, daß es sieh beim Künstler ähnlich 
wie beim Neurotiker um eine Flucht aus der Realität und 
eine Rückkehr zu infantilen Lustquellen handelt. Die Differenz, 
welche zwischen Künstler und Neurotiker herrscht, ist trotz der Tat- 
sache, daß viele Künstler Neurotiker waren und sind, vorhanden und 
zu auffällig, als daß man sie wie Stekel (51) leugnen dürfte. Beson- 
ders die anscheinende Sinnlosigkeit neurotischer Symptome und der 
Abbruch sozialer Beziehungen unterscheidet den Neurotiker vom Künst- 
ler, dessen Werk Lust und Bewunderung gewinnt. Daß große Ähnlich- 
keiten zwischen den beiden Typen vorhanden sind, wurde oft erörtert (31) 
und erklärt sich durch die Herrschaft, welche das unbewußte Seelen- 
leben über das bewußte bei beiden ausübt, und die Gleichheit der seeli- 
schen Mechanismen, welche hier zur künstlerischen Produktion, dort 
zur neurotischen Symptombildung führen. Auch der Versuch Stekels, 
(52) eine Beziehung zwischen Dichtern und Verbrechern auf Grund einer 
oberflächlichen Traumanalyse herzustellen, muß als mißlungen erklärt 
werden. 

Die Psychoanalyse konnte der oft ausgesprochenen Ansicht, daß 
nicht nur der Stoff, sondern auch die Triebkraft künstlerischen Schaf- 
fens vorwiegend sexuell ist, eine vertieftere Bedeutung zuweisen und 
die Erscheinung mit Hilfe der Heranziehung unbewußter Seelenvor- 
gänge in den allgemein-menschlichen Zusammenhang von Triebver- 
drängung und -sublimierung einreihen. Ja erst in dieser Beleuchtung 



Ästhetik, Literatur, Kunst. 391 

kommt der Behauptung ein ausreichender Sinn zu, denn das bewußte 
Begehren begnügt sich nicht mit Ersatzbe.friedigung, nur das Unbe- 
wußte kennt keine Unterschiede zwischen Phantasie und Realität. Dem 
Künstler wie dem Neurotiker zeigt die gedachte wie die vollbrachte 
Tat dasselbe Antlitz. Diese Überschätzung des Phantasielebens bildet 
die Basis des künstlerischen Produzierens. Sie wird besonders klar in 
den mehr oder minder verhüllten Darstellungen des ödipusmotives, 
dessen psychologische Aufklärung wir Freud verdanken. Die Aus- 
arbeitung der von Freud gegebenen Erklärung von Jones (19) und 
Rank (30) sowie die Analyse des Hamletproblems bei diesen Auto- 
len ergab wertvolle Bestätigungen, während das Buch von Wulffen 
(57) nur eine Verflachung und Vergröberung der Freud sehen Er- 
klärung darstellt, bemerkenswert nur durch eine bisher ungewöhnlich 
bequeme Art, sich über die Resultate fremder Forschung hinwegzu- 
setzen^). 

Daß sich im Gebiete der bildenden Kunst der starke Einfluß 
der gleichen Wunschphantasieen geltend macht, geht aus den Unter- 
suchungen von Freud (7) und Abraham (1) hervor. Als eine Wurzel 
der künstlerischen Betätigung des Malers konnte Freud die Subli- 
inierung des konstitutionell stark entwickelten und durch Kindererleb- 
nisse noch verstärkten Schautriebes aufdecken. Die Analyse bisher un- 
beachteter Details im Leben und Schaffen der Künstler förderte unge- 
ahnte Aufklärungen über die Besonderheiten der individuellen künst- 
lerischen Betätigung und Lebensführung zutage (7, 1, 20). Namentlich 
die Verfolgung einzelner typischer Motive und die Prüfung ihrer psy- 
chologischen Voraussetzungen innerhalb des individuellen Seelenlebens 
erwies sich als fruchtbar. Anderseits konnte die Psychoanalyse zeigen, 
daß die Küstler sich über die seelischen Grundlagen ihres Schaffens 
mehr oder minder bewußt waren, und daß die empirisch gewonnenen Re- 



') Professor Freud und die Psychoanalyse werden nicht genannt (ein 
Fall von Krjrptomnesie?), dagegen ausdrücklich bemerkt: ,,Ich nenne die Titel 
zweier hier einschlagender Schriften [von Otto Rank und Emest Jones] . . . 
Ich habe es absichtlich vermieden, diese Bücher zu lesen, sie überhaupt nur in 
die Hand zu bekommen. Die \mwillkärliche suggestive Beeinflussung auf diesem 
Gebiete ist so groß, daß es selbst bei eneigischer Ablehnung nicht leicht ist, 
sich frei zu bewahren. Es kam mir aber bei der Wichtigkeit des Gegenstandes 
gerade darauf an, unter Anwendung der sexo logischen Methoden ganz selbständig 
zu verfahren und meine. Ergebnisse, zumal den innersten Zusammenhang des 
Sexualproblems mit der künstlerischen Idee der ganzen Tragödie vollständig 
unabhängig zu finden." 
2 S 



392 Theodor ßeik. 

Bultate analytischer Forschung durch die Aufschlüsse der Dichter über 
das menschliche Triebleben bestätigt werden. 

Das Zwischenreich der Kunst (zwischen wunschversagender 
Realität und wunscherfüllender Phantasiewelt) bildet, wie Freud her- 
vorhebt (8), ein Gebiet, auf dem die Allmachtsbestrebungen der primi- 
tiven Menschheit gleichsam in Kraft geblieben sind. Die intensive 
narzißtische Ichbesetzung der Künstler scheint ein durchgängiger Zug 
zu sein, der sich mit mehr oder minder großer Deutlichkeit aufzeigen 
läßt (34). Die Untersuchung der äußerlichen Kxmstmittel beschränkte 
sich bisher auf die Klangwirkungen, Rhythmus und Reim. Der Lust- 
affekt am Wiedererkennen und Wiederholen wies den Weg zu der 
Kinderlust, welcher die Lust am Gleichklang repräsentativ für die 
Lust an einer Wiederholung der mit dieser Sprachäußerung verknüpf- 
ten Triebbefriedigung wird (53). Auch die rhythmischen Bildungen 
finden ihr infantiles Vorbild als Äquivalent des Ludeins, wobei dem 
Rhythmus die Rolle des Trägers sexueller Lust zufällt. Die Tätigkeiten, 
welche durch Einführen des Rhythmus erleichtert werden sollen, wurden 
von der primitiven Menschheit sexualisiert. Als Resultat seiner Unter- 
suchung des Reimes (53) hebt Weiß hervor, daß dieses dichterische 
Ausdruckmittel als infantile Form zum Zwecke der Affektabfuhr ge- 
braucht wird, während es im tendenziösen Werke der Erwachsenen 
eine Hemmimg bildet und so zur echten Kompromißbildung wird. 

Diese Untersuchungen konnten eich auf die Resultate der Freud- 
schen Analyse des Witzes stützen, denn auch Reim und Rhythmen 
dienen als Lustprämie. Sie gehören dem von Freud aufgestellten Vor- 
lustprinzipe an. Brill fügte der Arbeit Freuds durch Analyse engli- 
scher Beispiele eine Bereicherung zu (3), während Reik (35) die seelische 
und kulturelle Bedeutung des zynischen Witzes in fragmentarischer Form 
untersuchte. 

Versuchen wir abschließend die Stellung der Kunst in der Reihe 
menschlicher Phantasiebildungen, welche der straflosen Befriedigung 
alter Lustquellen dienen, zu präzisieren: sie stellt sich uns als die letzte 
soziale Veranstaltung dar, welche den unbewußten Regungen zur Ab- 
zugsquelle wird. Viele Anzeichen sprechen dafür, daß von der stetigen 
Bewußtseinserweiterung der Menschen und der wissenschaftlichen Er- 
forschung unbewußter Vorgänge ein Absinken ihrer Funktion im kultu- 
rellen Leben zu erwarten ist (30). 



Kinderpsychologie, Pädagogik. 

Referentin: Dr. H. T. Hug-Uellmsth. 



Literatur^). 1. Abraham K.: Psychische Nachwirkungen der Beobachtung 
des elterlichen Geschlechtsverkehrs bei einem neunjährigen Kinde. Z. I, 

1913. — 2. Adler A. und FurtmüUer K.: Heilen und Bilden. Ärztlich-pädagog. 
Arbeiten des Vereines für Individualpsychologie. Verlag E. Reinhard, München, 

1914. — 3. Andreas - Salom e, Lou: Von frühem Gottesdienst. Imago II, 
1913. — 4. Beaurain: Über das Symbol und die psychischen Bedingimgen für 
sein Entstehen beim Kinde. Z. I, 1913. — 5. Bleuler B. : Eine kasuistische 
Mitteilung zur kindlichen Theorie der Sexualvorgänge, Jahrb. III, 1912. — 
6. Ferenczi S.: Ein kleiner Hahnemann. Z. I, 1913. — 7. Freud S.: Analyse 
der Phobie eines fünfjährigen Knaben. Jahrb. I, 1909. — 8. Ders. : Eine Kind- 
heitserinnerung des Leonardo da Vinci. Sehr. VII, 1910. — 9. Ders.: Zwei Kinder- 
lügen. Z. I, 1913. — 10. Friedjung K. J.: Über verschiedene Quellen kind- 
licher Schamhaftigkeit. Z. I, 1913. — 11. Ders.: Beobachtungen über kind- 
liche Onanie. Zeitschr. f. Kinderheilk. , Bd. IV, H. 4. — 12. Hitschmann E.: 
Gesteigertes Triebleben und Zwangsneurose bei einem Kinde, Z, I, 1913. — 
13. V. Hug- Hellmuth H.: Analyse eines Traimaes eines 514jährigen Knaben. 
Zbl. II, 1911, — 14. Dieselbe: Vom wahren Wesen der Kinderseele, Imago II, 
1912, Mit Beiträgen von Lorenz, Reik, v. Hug-Hellmuth, Spielrein, 
Klette, Hämik, Rank, — 15. Dieselbe: Aus dem Seelenleben des Kindes, Sehr. 
XV, 1913. — 16. Dieselbe: Kindervergehen und -Unarten. Z. I, 1913. — 
17, Jones E.: Die Bedeutung der frühesten Eindrücke für die Bedeutung von 
Vorliebe und Abneigung. Z. I, 1913. — 18. Ders,: Psycho-Analysis and 
Education. Papers on Psycho-Analysis, 1910. — 19. Ders,: The Value 
of Sublimating Processes for Education and Re-Education, Papers on Psycho- 
Analysis, 1913. — Jung C. G.: Über Konflikte der kindlichen Seele, Jahrb. II, 
1910. — 21, Ders.: Ein Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes, Zbl, I, 1910, — 
22, Pfister O.: Anwendungen der Psychanalyse in der Pädagogik und Seel- 
sorge, Imago I, 1912, — 23. Ders.: Die psychanalytische Methode. I. Band 
des Pädagogium, 1913, — 24, Rank O, : Völkerpsychologische Parallelen zu den 
infantilen Sexualtheorien. Zbl. II, 1911. — 25. Ders.: Ein Beitrag zur infantilen 
Sexualität; anschließend v. Hug-Hellmuth: Ein weibliches Gegenstück. 
Z. 1, 1913. — 26. Reitler R. : Eine infantile Sexualtheorie und ihre Beziehung 
zur Selbstmordsymbolik. Zbl. II, 1911. — 27. Sadger J. : Das einzige und das 
Lieblingskind. Fortschritte der Medizin, 1911. — 28. Selbstmord, Über den 
Selbstmord, insbesondere den Schülerselbstmord. Diskussionen der Wiener psycho- 

1) Vgl, das Verzeichnis der Abkürzungen, S, 264, 



394 H. V. Hug-Hellmuth. 

analytischen Vereinigung, H. 1, 1910. — 29. Spielrein S. : Beiträge zur Kenntnis 
der kindlichen Seele. Zbl. III, 1912. — 30. Tausk: Zur Psychologie der Kinder- 
sexualität. Z. I, 1913. — 31. Wulff: Beiträge zur infantilen Sexualität. Zbl. II, 
1911. Kleinere Beiträge finden sich außerdem: 32. Zentralblatt, I. Band, 
1911: von Stekel S. 236, 614, Witt S. 235; II. Band, 1912: von Friedjung 
S. 604, Hämik S. 37, v. Hug-Hellmuth 8. 227, 603, Maeder S. 137, Putnam 
S. 328, Petersen 473; III. Band, 1913: von Hitsehmann S. 37, Stekel S. 444. — 
33. Imago, I. Band, 1912: von Reik, S. 298. — 34. Zeitschrift, I. Band, 
1913: von Abraham S. 256, Bleuler S. 556, Ferenczi S. 381/82, Friedjung S. 71. 
Gincburg S. 79, Hitschmann S. 476, v. Hug-Heihnuth S. 371, 470, Jekels 
S. 375/76, Jones S. 562, Lorenz S. 70, Oberholzer S. 69, van Raalte S. 478, 
Stegmann S. 561. 

Die Erscheinung, daß in der Ätiologie der Neurosen Erwach- 
sener regelmäßig sexuelle Erlebnisse, Phantasien, Wünsche der frühen 
Kindheit sich als die maßgebenden Faktoren erwiesen, legte den Ge- 
danken nahe, daß auch die Seele des im weitesten Sinne des Wortes 
gesund gebliebenen Erwachsenen, die auf Außeneindrücke mit Reak- 
tionen antwortet, deren stark individuelles Gepräge der Umwelt, und 
nicht selten auch dem Betreffenden selbst, ungereimt und unerklärlich 
scheint, nicht frei ist von unverwischbaren Spuren infantiler Ein- 
drücke sexuell-erotischer Art. Im ersten Jahrzehnt ihrer Entwicklung 
begnügte sich die psychoanalytische Forschung damit, aus dem Be- 
richte der erwachsenen Patienten und aus eigenen Erinnerungen des 
Psychoanalytikers schöpfend, Erkenntnisse über das wahre Wesen der 
Kinderseele zu gewinnen, deren Substrat in den „Drei Abhandlun- 
gen zur Sexualtheorie" niedergelegt erscheinen. In knappen, klaren 
Worten spricht Freud hier aus, was zum Fundament aller weiteren 
Arbeiten auf dem Gebiete psychoanalytischer Kinderforschung werden 
sollte. 

Die späteren Untersuchungen konnten theoretisch kaum etwas 
völlig Neues bringen. Ihr Wert besteht vielmehr in der Bestätigung 
und Detailierung jener genialen Thesen auf Grund einer Fülle des 
Materials, wie sie nur durch die sorgfältige Beobachtung vieler zu- 
stande kommt. Daß aber die zahlreichen Autoren, die sich auf diesem 
Gebiete betätigen, bei der Beobachtung von körperlich und seelisch 
verschiedenartigst entwickelten und unter den heterogensten Verhält- 
nissen lebenden Kindern in jedem einzelnen Falle eine volle Über- 
einstimmung zwischen Praxis und Theorie fanden, beweist glänzend 
die Richtigkeit der letzteren. Aber auch diese Beweisführung bedurfte 
einer bahnbrechenden Leistung des Schöpfers der Psychoanalyse: der 



Kinderpsychologie, Pädagogik. 395 

„Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben" (7). Erst 
diese grundlegende Arbeit wurde zum Ausgangspunkt anderer, auf das 
gleiche Ziel gerichteter Untersuchungen (Jung [20], Hitschmann 
[12], Ferenczi [6]). Die temporären Störungen des Gleichgewichts 
der infantilen Seele konnten bis auf das letzte, sexuelle Konstitution 
und sexuelle Traumen, zurückgeführt werden. 

Die fundamentale Bedeutung der Arbeit Freuds liegt nicht nur 
auf therapeutischem Felde. Man suchte von nun ab nicht bloß das 
Kind von seinem psychischen Leiden durch eine dem kindliehen Ver- 
ständnis angepaßte Auseinandersetzung und Klarlegung des Ursprungs 
und vor allem der geheimen Absichten seiner Furcht, seiner Scheu, 
seines Ekels usw. zu befreien, wie dies neben den schon genannten 
Autoren auch Friedjung (10) und in zahlreichen Fällen Pfister 
(22, 23), in seiner Stellung als geistlichem und pädagogischem Seelsorger, 
gelungen; man suchte beim gesund-frohen Kinde durch psychoanaly- 
tische Überlegungen den Schlüssel zu mancherlei Eigenheiten, Fehlern 
und Unarten, die wenig zum Gesamtbilde des kleinen Menschenkindes 
paßten, zu gewinnen (Freud [9], v. Hug-Hellmuth [16], Jung [21], 
Spielrein [29]). Damit ist das doppelte Ziel der Anwendung der psycho- 
analytischen Methode auf das infantile Seelenleben gekennzeichnet: 
„Heilen" und ,, Bilden", ein Bessern im therapeutischen und pädagogi- 
schen Sinne. Wir wollen das Kind besser verstehen lernen, als es bisher 
möglich war, und durch das tiefere Verständnis eine Zeit vorbereiten 
helfen, in der die psychoanalytische Methode, von kundiger Hand takt- 
voll geübt, ein Mittel des „Bildens" werde. Nur daß die Psychoana- 
lyse nicht auf dem Standpunkte Adlers (2) in seinem und seiner An- 
hänger gleichnamigen Buche steht, den Verlauf des psychischen Ge 
schehens aus der Minderwertigkeitslehre, dem männlichen Protest usw. 
erklären zu wollen. Die psychosexuelle Entwicklung des Menschen, 
die sich von frühester Kindheit in klaren Äußerungen manifestiert 
(Wulff [31]), ist das Gebiet, auf dem die Psychoanalyse beim Kinde 
so gut wie beim Erwachsenen nach den ungehobenen Schätzen im Un- 
bewußten gräbt. Und sie fördert dort wie hier kostbares Material 
ans Tageslicht. Der sorgsamen Beobachtung des Kindes im Spiel und 
Ernst, im Tages- und Traumleben gelang es, nachzuweisen, wie auch 
sein Seelenleben unter der Herrschaft des mächtigsten aller Triebe, 
des Sexualtriebes steht. 

Die eigentümliche Konstellation der Bedingungen, unter der die 

psychoanalytischen Arbeiten über das Kind geschrieben wurden, er- 

2 '.. , 



396 H. V. Hug-Hellmuth. 

fordert eine andere Form der Besprechung, als wir dies sonst gewohnt 
sind. Während in anderen Wissenszweigen die neuen Funde die Rich- 
tungslinien für einen Überblick vorzeichnen, scheint es hier am zweck- 
mäßigsten, die Untersuchungen nach den Hauptsätzen Freuds über 
das kindliche Seelenleben zu gruppieren. 

Es sei mir gestattet, mit dem wichtigsten und augenfälligsten 
Faktor im infantilen Leben, -der Liebe, zu beginnen. 

Die Psychoanalyse hat die Bedeutung dieses mächtigsten 
aller Gefühle, die wohl nie von Pädagogen und Kinderpsycho- 
logen übersehen worden ist, in ihrer ganzen Tragweite im posi- 
tiven und negativen Sinn gewürdigt, indem sie erkannte, daß 
die seelische Entwicklung des Kindes zum großen Teil von 
dem Ausmaß und der Form der Zärtlichkeit abhängt, die ihm 
vom Tage seiner Geburt an geschenkt wird. Freud (8) versucht das 
leonardeske Lächeln aller Frauengestalten auf den Bildern des un- 
sterblichen Meisters aus dessen unauslöschbaren Kindheitserinnerungen 
zu erklären und knüpft an diese wohl motivierten Vermutungen die 
bedeutungsschwersten Gedanken über den Einfluß der Mutterliebe in 
den allerersten Jahren auf das Schicksal des Kindes. Ebensoviel Liebe, 
als das Kind in seiner frühen Jugend empfangen, fordert es als Er- 
wachsener; das Maß, mit dem ihm die erste Liebe zugemessen wird, 
bleibt das Maß in reifen Jahren. Nur in einem Punkte scheinen mir 
manche Autoren nicht ganz im Rechte. Wenn Sadger (27) behauptet, 
daß das einzige und das Lieblingskind gar so unersättlich an Liebe 
seien und zeitlebens bleiben, so muß ich dem meine auf zahlreiche Fälle 
gestützte Erfahrung entgegenhalten, daß mir jene Kinder weit an- 
spruchsvoller in ihren Liebeserwartungen scheinen, die ihre Kindheit 
oder — was vielleicht noch bedeutsamer für das spätere Leben wird — 
ihre Pubertätszeit liebearm verlebten. Sie sind in weit höherem Maße 
als verzärtelte Kinder in Gefahr, im kindlichen und im reifen Alter 
ihren Narzißmus über die Grenze des Zulässigen, der Mitwelt Erträg- 
lichen zu steigern; sie sättigen selbst ihr Zärtlichkeitsbedürfnis im Über- 
maße, weil kein anderer ihnen darin genug zu tun scheint. 

Die Bedeutung des Autoerotismus, unter dessen Herrschaft 
das Kind auf seiner ersten Entwicklungsstufe steht, des kindlichen 
Narzißmus, endlich der Objektliebe mit ihrer ambivalenten Be- 
wertung der geliebten Person wurde durch zahlreiche Aufzeichnungen 
(Hug-Hellmuth [15], Jekels [34), Pfister [23], Rank [25]) ein- 
gehend gewürdigt. 



Kinderpsychologie, Pädagogik. 397 

Eine Reihe von Beobachtungen zeigt neuerlich klar, wie die Nei- 
gimg des Kindes zu Vater und Mutter nicht frei von libidinösen Regungen 
ist, die durch die Kulturschranken bald ins Unbewußt« zurückgedämmt 
werden (Abraham [34], Freud [7], Hitschmann [12]). Die ver- 
pönte Libido des Kindes wird genährt durch das sexuelle Geheimnis 
zwischen den Eltern, von dem es sich ausgeschlossen sieht; so wächst 
die Liebe zum andersgeschlechtlichen, Eifersucht und Haß — neben 
dem aber keineswegs alle Zuneigung erlischt .— zum gleichgeschlecht- 
lichen Eltemteil. Die Analyse der Phobie des kleinen Hans (7) zeigte 
zum ersten Male deutlich die infantile Doppeleinstellung von Liebe 
und Haß gegen den Vater; und ebenso hebt Jung in seiner Arbeit (20) 
hervor, wie die kleine Anna sich nach der Geburt des Brüderchens auf- 
fällig von der Mutter zurückzieht. Die ambivalenten Gefühle gegen 
die Eltern nehmen häufig auch, wie Freud dies von der infantilen 
Sexualforschung betont, ihren Anfang von einem bestimmten, dem 
Kinde mißliebigen Ereignis, z. B. der Geburt eines Geschwisterchene. 
Gelingt die Verdrängung der Haßimpulse nicht, so ist der Ausbruch 
einer Neurose zu befürchten, gewöhnlich in der Form einer Phobie 
(Tierfurcht beim kleinen Hans [7], Erdbebenfurcht bei der kleinen 
Anna [20] oder Straßenangst in dem von Abraham zitierten Fall 
[34]). Gelingt sie durch Reaktionsbildung, dann tritt an die Stelle des 
Hasses übergroße Zärtlichkeit zu dem heranwachsenden Konkurrenten 
in der Liebe. Der Ödipuskomplex tritt bald verhüllt, bald recht 
offen (in Abrahams Fall [34]) zutage. Die bösen Wünsche gegen 
Leib und Leben von Vater oder Mutter — in der Neurose umgewandelt 
zur Angst, es geschehe ihnen ein Unglück — stammen aus der inzestuösen 
Libido des Kindes gegen diese Personen, respektive der Verdrängung 
dieser Gelüste. Sie richten sich, wie vor allem Freud (7) und Jung (20) 
dargetan, auch mit voller Kraft gegen die Geschwister. Nicht nur gegen 
jüngere, zumal zur Zeit ihrer Ankunft, was der Befürchtung, nun in 
der Liebe der Umgebung -verkürzt zu werden, entspringt; auch 
der Nachkömmling ist keineswegs bloß durch Sympathie mit seinen 
Geschwistern verbunden (Hug-Hellmuth [15]); er neidet dem vor- 
angegangenen das Recht der Erstgeburt, auch wenn sie nicht Titel und 
Besitz sichert. 

An dem Mißverhältnis zwischen geheischter und empfangener 
Liebe leidet der Mensch am stärksten in den Entwicklungsjahren, da 
er ein „gewesenes Kind" ist. Der Selbstmord (28) im jugendlichen 
Alter ist in der weitaus größeren Zahl der Fälle dem wirklichen oder 



398 H. V. Hug-Hellmuth. 

vermeintlichen Mangel an Liebe zuzuschreiben: „Das Leben gibt 
bloß jener auf, der Liebe zu erhoffen aufgeben mußte" (Sadger 
[28]), oder es zu müssen glaubt. Er ist am häufigsten die letzte Kon- 
sequenz der Auflehnung gegen die Autorität des Elternhauses und der 
Schule, die Rache des jungen Menschenkindes für die Vorenthaltung 
der erhofften Liebesprämie. Durch den Selbstmord flüchtet sich das 
Kind, dem noch bis in den Beginn der Pubertätsjahre das Rätsel des 
Todes ein schaurig-lustvolles ist, aus dem Konflikte, in den frühe 
Sexualbetätigung und ungelöste Fragen des sexuellen Lebens es ge- 
trieben. Es legt sich durch das freiwillige Sterben die Strafe für Hand- 
lungen auf, welche die Prüderie und Torheit der Umgebung ihm zu 
Sünden stempelte, deren psychische und physische Folgen sein künf- 
tiges Leben vergiften. 

Wenden wir uns nun den Beobachtungen auf dem Gebiete der 
kindlichen Sexualbetätigung zu. Als ihre primitivsten Formen 
sind das Ludein aufzufassen, sowie die autoerotische Reizung anderer 
erogener Körperzonen. Sie äußert sich ferner als aktive und passive 
Exhibition, als Anal- (Jekels [34]) und allgemeine Exkretionslibido 
(Tausk [30]), endlich als Onanie, die teils genital, teils an verschie- 
denen erogenen Zonen geübt wird (Nasenbohren, Spielen mit den 
keimenden Brüsten). Wiederholt haben Freud und seine Schüler auf 
Grund ihrer Analysen darauf hingewiesen, daß nicht die tatsächliche 
Gefährdung der Gesundheit durch die infantile Onanie das schwerste 
aus ihr erwachsende Übel ist, sondern die Drohungen der Erwachsenen, 
aus denen z. B. die Kastrationsfurcht stammt — wie dies neuerdings 
aus der Arbeit Ferenczis (6) deutlich hervorgeht — und die Selbst- 
vorwürfe in späteren Kinderjahren. Der Kastrationskomplex spielt 
im Leben des Kindes, zumal des Knaben, aber noch in einer anderen 
Richtung eine bedeutsame Rolle. Unter dem Eindruck der angedrohten 
Strafe faßt er den Geschlechtsunterschied, den er gelegentlich bei einer 
Schwester oder einem anderen kleinen Mädchen beobachtet, so auf, 
als sei an diesem Kinde bereits vollzogen, was ihm drohe; es erscheinen 
ihm die Mädchen als minderwertige Geschöpfe. Das Kind verzichtet 
scheinbar auf die verbotene Lust und fröhnt ihr heimlich unter 
schwerer Angst und Selbstpeinigung, die seinem Charakter einen Zug 
von Unfreiheit, scheuer Gedrücktheit verleiht; hier tritt uns in eminenter 
Weise die „Charakterbeeinflussung durch die "Vorbildlichkeit des 
Sexuellen" (Freud) entgegen. In der weisen Zurückführung der Be- 
wertung der Schäden der Onanie auf ein richtiges Maß liegt ein Verdienst 



Kinderpsychologie, Pädagogik. 399 

der psychoanalytischen Forschung, das erst dann volle Würdigung finden 
wird, wenn in weiteren Kreisen die infantile Masturbation nicht mehr als 
unnatürliches Laster, sondern als natürliche Triebbefriedigung be- 
trachtet wird, der in ihren schädigenden exzessiven Formen wie jeder 
anderen vorzeitigen Entwicklungstendenz abwehrend begegnet werden 
muß. 

In innigem Zusammenhang mit der frühen Selbstlust, die dem 
Kinde aus der Beschäftigung mit seinen eigenen Sexualorganen und 
anderen Körperzonen, deren Funktionen ihm lustvoll betont sind, er- 
wachsen, steht sein Interesse für diese Organe am eigenen, wie am 
fremden Körper. Es äußert sich als Schau- und Zeigelust, eine 
Form der infantilen Sexualbetätigung. Wenn sich auch der Fröhnung 
beider die Erziehung kraftvoll entgegenstellt, so bleibt dem Kinde 
doch unendlich viel mehr Gelegenheit die erstere zu befriedigen als 
die letztere; es hält sich am Tiere schadlos (der kleine Hans [7], der 
kleine Hahnemann [6]), wenn sein Schautrieb bei der Umgebung nicht 
auf seine Rechnung kommt. 

Ein drittes Gebiet eröffnete sich der psychoanalytischen Kinder- 
forschung in der infantilen Sexualforschung. In der Kindheits- 
erinnerung Leonardos (8) schreibt Freud: „Vielleicht die meisten, 
jedenfalls die bestbegabten Kinder machen etwa vom 3. Lebensjahr 
an eine Periode durch, die man als die der infantilen Sexualfor- 
schung bezeichnen darf." Das Sexualinteresse, das sich, mächtig auf- 
flammend, in der für dieses Alter charakteristischen Fragelust be- 
tätigt, erlischt keineswegs, wenn diese, gedämpft durch die Ab- 
weisung der Großen, oft plötzlich schwindet. Die alltägliche Wahr- 
nelimung, daß Kinder, welche sich bis zu ihrem 5. bis 6. Lebensjahr 
außerordentlich begabt und frühreif gezeigt, plötzlich offenkundig in 
ihrer geistigen Entwicklung innehalten (Hitschmann [12]), deutet, 
WC organische Bedingungen hierzu fehlen, regelmäßig auf gewisse 
Störungen im psychischen Leben hin. Auf keiner Entwicklungsstufe 
hat der Mensch soviel an Verdrängungsarbeit zu leisten wie in der Kind- 
heit. Sie steht in der Regel in argem Mißverhältnis zu der übrigen Ent- 
wicklung des jungen Menschenkindes und erstickt nicht selten die ur- 
sprünglich guten geistigen Anlagen. 

Der Denkprozeß verläuft beim Kinde weit mehr unter dem Ein- 
flüsse des Gefühls, als des nüchternen Verstandes. Auch das sexuelle 
Interesse, das sich erst auf das Problem der Geburt, dann auf das der 
Zeugung richtet und schließlich in der Sublimierung nach dem „Wozu", 



400 H. V. Hug-Hellmuth. 

„Woher" und „Wie" der Dinge forscht, steht unter dem Banne der ego- 
zentrischen Einstellung. Die uralte Kinderfrage nach der Entstehung 
der Menschen lautet eigentlich: Wie und warum sind meine Ge- 
schwister auf die Welt gekommen? Was haben meine Eltern mit 
meiner und ihrer Geburt zu tun? Nicht lange gibt sich die kindliche 
Wißbegierde mit dem Märchen vom Storch zufrieden. Es grübelt allein 
über das Problem des Werdens und der erste Zweifel an der Wahr- 
haftigkeit seiner Umgebung keimt in seinem Herzen. Storch, Kindersee 
usw. erlangen für das Kind eine andere Bedeutung, sie werden ihm zum 
Mittel des Hohns gegen die Erwachsenen, über die es im Besitze selbst- 
gefundener Lösungen der brennenden Frage triumphiert. Die Phan- 
tasie des Kindes schafft, den Gang der Rasse im kleinen wiederholend, 
eich selber die gleichen Vorstellungen über Geburt und Zeugung, 
wie die Sagen und Mythen aller Völker sie künden. Rank hat in seiner 
schönen Arbeit (24) diese Übereinstimmung durchleuchtet. Auch beim 
Kinde finden wir Geburtsphantasien, die aus dem Exkretionskomplex 
stammen — die „Lumpf'-Theorie des kleinen Hans ~ vielleicht die 
gangbarste kindliche Ansicht über den Gebärakt. Die Generations- 
umkehrungsphantasie (Jones [34]), der auch die kleine Anna (20) eine 
Zeitlang nachhängt, scheint schon ein Verdrängungsprodukt zu bedeuten, 
wähcend die Identifizierung des Gebarens mit dem Erbrechen eine recht 
primitive Auffassung verrät. In der Phantasie, aus den alten Leuten 
würden nach ihrem Tode Engel und aus diesen wieder junge Menschen- 
kinder, spielt bereits die Vorstellung von Sterben und Tod eine Rolle. 
Natürlich bleibt das infantile Interesse nicht bei dem Rätsel der 
Geburt stehen, das ihm früh mit der Person der Mutter verknüpft er- 
scheint, es wendet sieh, ohne daß vorerst dem Vater eine bestimmte 
Rolle zuerkannt wurde, bald dem Werden des Menschen zu. Auch hier 
gehen Mythos und Kindermeinung gleiche Wege. Die einen schreiben 
dem Essen, dem Küssen, dem Aneinanderpressen der nackten Leiber 
(insbesondere der „Popos") lebenszeugende Kraft zu; für andere sind 
Urin und Darmgase (R eitler [26]) von befruchtender Wirkung; wieder 
anderen gibt die sadistische Auffassung des Geschlechtsverkehrs eine 
gute Erklärung für das Geheimnis der Eltern, das sich durch mancherlei 
nächtliche Geräusche dem Kinderohr verrät. Diese, die kindliche Wiß- 
begierde mehr oder weniger befriedigenden Spekulationen unterliegen 
nach dem jeweiligen Grade der Erfahrungen im Laufe der Jahre man- 
cherlei Veränderungen, oder sie werden in ihrer ursprünglichen Gestalt 
bis in die Reifezeit von den „bestbehüteten", d. h. von jenen Kindern 



Kinderpsychologie, Pädagogik. 4:01 

festgehalten, die ihren Eltern zuliebe aus „Bravheit" nichts wissen 
wollen und deshalb alles ängstlich abwehren, was ihnen die wahren 
Verhältnisse enthüllen könnte. Ein durch den besonderen Wert der 
Autoanalyse ausgezeichnetes Beispiel gibt uns hierfür Spielrein (29). 
Solche Kinder sind dann nicht selten tief erschreckt durch die Wahr- 
nehmungen der Reife am eigenen Leib, in denen sie eine göttliche Strafe 
für irgendwelche Vergehen erblicken (Petersen [32/11]). 

Wie immer aber die Theorien beschaffen sind, die das Kind sich 
selbst ersinnt, um sich in der Wirrnis der sexuellen Eindrücke und Vor- 
stellungen zurechtzufinden, beeinflussen sie das spätere Leben des In- 
dividuums, eine Tatsache, auf welche die psychoanalytische Therapie 
in jeder Neurose stößt. „Dieses Grübeln und Zweifeln wird aber vor- 
bildlich für alle spätere Denkarbeit an Problemen und der erste Miß- 
erfolg wirkt für alle Zeit lähmend fort" (Freud). Und in der Kind- 
heitserinnerung des Leonardo faßt Freud diesen Gedanken in 
die Worte; „Der Eindruck des Mißglückens bei der ersten Probe intel- 
lektueller Selbständigkeit scheint ein nachhaltiger und tief deprimie- 
render zu sein." 

Die Verheimlichung des Sexuellen ist vielleicht die schwerste Ver- 
sündigung der Eltern an ihren Kindern, xmd sie bedingt zum großen 
Teil den schroffen Bruch, der sich zwischen Eltern und Kindern, sobald 
diese heranreifen, fast unabweislich vollzieht. 

Wenn auch die Kinderpsychologen stets den ungeheuren Einfluß 
des Elternhauses auf die seelische Entwicklung des Kindes mit Nach- 
druck betonen, so geschieht dies doch immer innerhalb gewisser Grenzen, 
über die hinauszugehen der Elternnarzißmus der Forscher selbst oder 
die innere Hemmung, durch Klärung des Problems bis auf die tiefsten 
Zusammenhänge die Selbstliebe anderer allzuempfindlich zu treffen, ver- 
bietet. Sie geben nicht zu, daß die meisten Fehler und Unarten 
des Kindes mit irgend einem, wenn auch noch so zarten Faserchen in 
seinem Verhältnis zu der Umgebung, namentlich zu den Eltern und Ge- 
schwistern, wurzelt. Der Psychoanalyse ist es gelungen, diese Re- 
lationen an einzelnen Fällen bis zum Ursprünge zu verfolgen 
(Freud [9]), Hug-Hellmuth [16]; und jedesmal zeigte sich, wie die 
kindliche Prahlerei und Lüge, ja sogar Diebstahl und Verleumdung 
imd andere Vergehen in der Jugendzeit dem infantilen Verlangen ent- 
springen, den Elt«m ein größeres Ansehen zu verleihen, als es der 
Wirklichkeit entspricht, sich ihnen an Kraft und Tüchtigkeit gleichzu- 
stellen oder sich eines Rivalen in der Gunst einer geliebten Person zu 

Jahrbuch der Psychoanalyse. VI. -° 



402 H. V. Hug-Hellmuth. 

entledigen. Der Wunsch, die Eltern zu erhöhen und sich mit ihnen zu 
identifizieren, ist im letzten Grunde vielleicht ausnahmslos die stärkste 
Wurzel aller Kindervergehen, bei denen es sich um ein Großtun im 
weitesten Sinne des Wortes handelt. Aber auch in anderen Kinder- 
fehlem — Trotz, Ungehorsam, Angeberei und Klatschsucht — findet 
die psychoanalytische Forschung geheime Fäden, die zu den Eltern und 
deren Stellvertretern, Pflegepersonen, Erziehern und Lehrern, wie auch 
zu den Geschwistern führen. Die phantastischen sexuellen Lügen (Jung 
[21]), um derentwillen schon mehr als einem Kinde die Schule ver- 
schlossen worden, wenn es nicht einen weisen Anwalt fand, der tiefer 
in die dunklen Beziehungen des Alltagslebens imd der Reaktion der 
werdenden Seele einzudringen versteht, sind nicht ein Beweis der Ver- 
derbtheit, sondern eines gesteigerten und verfrühten Trieblebens. Gütige 
Zuspräche und Aufklärung im Sinne der Pfisterechen psychoanaly- 
tischen Unterredungen (22, 23) sind das beste Heil- und Erziehungs- 
mittel. 

Ein Gebiet psychischen Erlebens in seiner Wichtigkeit für die 
infantile Seele zu würdigen, war der Psychoanalyse vorbehalten: die 
Träume. Sie decken uns beim Kinde so gut wie beim Erwachsenen 
die verborgensten Wünsche, Phantasien, Gedanken auf, die um ihres 
verpönten Inhalts willen keinen Platz im Bewußtsein finden und nur 
entstellt, verdichtet, sublimiert an die Oberfläche sich wagen können. 
Die Verdrängungs- und Sublimierungsarbeit, die auch im Tagesleben 
des Kindes um so viel durchsichtiger und häufig mit offenkimdigem 
Widerwillen geleistet wird, als vom verstellungsgeübten Erwachsenen, 
läßt sich auch in den Kinderträumen weit leichter erkennen. Die An- 
sicht van Raaltes (34) aber, „daß Kinderträume im allgemeinen nach 
ihrem manifesten Inhalt erklärt werden müssen, ohne die Traumele- 
mente sjonbolisch deuten zu wollen", scheint mir in ihrer übergroßen 
Vorsicht nicht ganz zutreffend. Bedenken wir, wie eben dem Kinde 
die Erziehung die stärksten Anforderungen an Unterdrückung zu- 
mutet, wie diese Verdrängung zu den buntesten Gestalten seiner Phan- 
tasien und Tagträumen Anlaß gibt, wie die infantile Originalität 
gerade in den frühen Jugendjahren trotz der unbeabsichtigten ünter- 
drückungstendenz der Erziehung immer wieder hervorbricht in Aus- 
sprüchen, die das Kind zum enfant terrible stempeln, erwägen wir 
alle diese Erscheinungen, wie wir sie in der Kinderstube täglich beobach- 
ten können, so ist kein Grund anzunehmen, daß gerade im Traume das 
Unbewußte des Kindes schwiege. Der Traum des Kindes arbeitet mit 



KiaderpsycLologie, Pädagogik. 403 

der ihm zur Verfügung stehenden Quantität an verdrängtem Material 
genau so wie der des reifen Menschen. Er schafft beiden die Reali- 
sierung jener Wünsche, die das Tagesleben verwehrt. Gerade darum 
hält das Kind an der Realität der Träume so lange und zähe fest, weil 
sie, aus dem Gefühlsleben stammend, ihm Gewährung geben, wo der 
Tag nur Versagung kennt (Hug-Hellmuth [13, 34]). Längst sagt der 
nüchterne Verstand dem Kinde, daß der Traum ihm leeren Schein vor- 
gaukelt, sein Gemüt aber läßt sich die Wonne der Erfüllung nicht so 
leicht rauben und das ist wohl der tiefste Grund, warum gerade Kinder 
eich so schwer aus Träumen ermuntern können. Im Traume lebt das 
Kind seine Liebe und seinen Haß restlos aus, es läßt ihm teure Per- 
sonen sterben, es läßt ihnen Ungemach begegnen, aus dem es sie rettet. 
Es sieht eich selber in schrecklichen Situationen, um an der erhöhten 
Zärtlichkeit und Fürsorge, mit der Mutter oder Vater es von seinen 
Angstgebilden im Traume befreit, sich zu sättigen, sei es, daß auch 
diese Rettungsszene bloß ein Traumstück ist, oder, was noch weit besser 
dem Bedürfnisse des Kindes entspricht, daß Vater oder Mutter es tat- 
sächlich aus dem schreckhaften Träumen weckt. Die Analysen der 
Kinderträume zeigen uns klar, daß, sobald sexuelle Vorstellungsgruppen 
das Tagleben zu beherrschen beginnen, sich dieses Interesse auch im 
Traume durchsetzt. Die Vorgänge tier Exkretion als Mittel zum 
aktiven und passiven Exhibitionismus spielen deshalb im Schlafleben 
des Kindes eine so große Rolle (Tausk [30]), weil der Lust an ihnen, 
der erste Verdrängungschub gilt. Die Kinderträume enthüllen uns die 
geheimen Wirkungen der Erziehung, sie geben uns ein getreues Bild 
davon, wie das Kind sich im Innern mit dem Zwange abfindet. Der 
Ausspruch Freuds, daß derjenige, der einem andern einen Traum 
mitteilt, dabei immer eine bestimmte, ihm selber oft unbewußte Ab- 
sicht verfolge, gilt gleicherweise für das Kind. Je älter das Kind wird, 
um so komplizierter wird sein Träumen, und es verrät von ihm nur jene 
Einzelheiten, die mitzuteilen ihm ungefährlich erscheint, an die Erwachse- 
nen, Weit eher weiht es auf diesem Umwege seine Kameraden in seine ge- 
heimen Gedanken- und Gefühlswege ein (Jung [21]), weil ihm die Un- 
verantwortlichkeit im Traum — zumindest vor kindlichen Zensoren — 
Gewähr leistet, mancher Beschuldigimg zu entgehen, die der Genosse 
erhübe, wenn es sich um das Geständnis von Tagesphantasien handelte. 
Übrigens erwacht im Kinde früh das Verständnis, das erst der Er- 
wachsene wieder von sich weist, daß doch immer reale Wünsche des 
Tages den Traum aufbauen. 

26* 



404 H. V. Hug-Hellmuth. 

Die bieherige Anwendung der Psychoanalyse auf die Kinderseele 
lehrt uns in bezug auf ihren pädagogischen Wert zweierlei. Wäh- 
rend beim neurotischen Kinde, da es sich um Beseitigung von die psy- 
chische und oft die physische Entwicklung hemmenden Zwangs- und 
Angstzuständen handelt, am besten der geschulte Arzt mit einer plan- 
mäßigen analytischen Behandlung einsetzt, muß sich dem gesunden 
Kinde gegenüber die psychoanalytische Beeinflußung, anknüpfend an 
jeweilige Beobachtungen in der Seelentiefenforschung bewanderter 
Eltern und Erzieher, von Fall zu Fall geltend machen. Es ist dann 
keineswegs die von gegnerischer Seite so oft ins Treffen geführte 
„Entharmlosung" des Kindes zu befürchten. Beim kleinen Kinde genügt 
oft ein belehrendes oder verweisendes Wort, um es über die unbewußten 
Motive seines Handelns und Redens aufzuklären; in reiferen Jahren 
aber ist es dem Einflüsse solcher psychischen Orthopädie um so zu- 
gänglicher, ein je herzlicheres Verhältnis es mit der Person, die ihm 
also ratend und helfend zur Seite steht, verbindet. Die außerordentlich 
günstigen Resultate, die Pfieter (22, 23) in dieser Richtung erzielt 
zu haben berichtet, sind ein glänzendes Zeugnis für die erfolgreiche An- 
wendung der psychoanalytischen Methode in Erziehung und Seelsorge. 
Denn auch von der letzteren gilt, was Freud von der ersteren sagt: 
„Sie. (die Erziehung kann ohne weitere Bedenken als Anregung zur 
Überwindung des Lustprinzips, zur Ersetzung desselben durch das 
Realitätsprinzip beschrieben werden" (Kleine Schriften zur Neurosen- 
lehre, III. Folge, pag. 277). 

Noch bedeutsamer als die positive Seite des pädagogisch-analyti- 
schen Verfahrens ist die negative. Sie besteht nach Freud in einem 
dreifachen Verzicht der Eltern: Sie müssen verzichten auf die Verheim- 
lichung der sexuellen (Spielrein [29], Petersen [34]) und der mate- 
riellen Verhältnisse (Freud [9]), auf die Unterdrückung des infan- 
tilen Trieblebens durch allzu große Strenge, auf ein Übermaß 
von Strafen und Drohungen (z. B. der Kastrationskomplex). Aber 
sie müssen auch, wie uns zahlreiche Beobachtimgen aus der eingangs 
angeführten Literatur lehren, ein Stück ihres Narzißmus opfern, der 
sie in den eigenen Kindern stets höhere, bessere Wesen sehen läßt, als 
es der Wirklichkeit entspricht. Endlich müssen die Eltern, zumal die 
Mütter, Verzicht leisten darauf, ihr Zärtlichkeitsbedürfnis zu sättigen 
an ihren Kindern. 



Psychoanalyse der Philosophie und psycho- 
analytische Philosophie. 

Referent: Dr. V. Tansk. 



Literatur^), l. Freud S. : Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. 
Sehr., H. 1. — 2. Ders,: Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobio- 
graphisch beschriebenen Fall von Paranoia, Jahrb. III. — 3. Häberlin P.: Über 
die Tragweite psychologischer Erkenntnisse und Theorien. Schweizer Zeitschr. f. 
Gemeinnützigkeit. 1913, H. 4. — 4. Hitschmann E. : Schopenhauer. Versuch 
einer Psychoanalyse des Philosophen. Imago. II. — 5. Putnam J. J.: Über die 
Bedeutung philosophischer Anschauungen und Ausbildung für die weitere Ent- 
wicklung der psychoanalytischen Bewegung. Imago. I. — 6. Rank 0. und 
Sachs H.: Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Geisteswissenschaften. 
Bergmann, Wiesbaden 1913. — 7. Winterstein A. Frh. v.: Psychoana- 
lytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie. Imago. II. 



Die Zahl der Arbeiten, die für dieses Referat in Frage stehen, 
ist sehr gering. Daß aber in diesen wenigen Aufsätzen beinahe alles, 
was die Philosophie angeht, von der Psychoanalyse berührt werden 
kennte, spricht für die Breite des Grenzgebietes, mit dem Philosophie 
und Psychoanalyse aneinanderstoßen und für die außerordentliche Leb- 
haftigkeit, mit der sich die Beziehungen des Grenzmaterials der beiden 
geistigen Domänen abwickeln. Soweit es sich um psychologische Probleme 
handelt, erscheint die Verschränkung der Interessesphären an der Grenze 
zwischen Philosophie und Psychoanalyse sehr verständlich, nicht nur, 
weil die Bewußtseinspsychologie historisch ein Teil der Philosophie 
ist, sondern auch — und zwar vor allem deshalb — , weil die Um- 
risse der Psychologie des Unbewußten noch nicht feststehen, so daß 
die Autoren in vielen Punkten über die Zugehörigkeit zum einen oder 
zum anderen Gebiet nicht zu entscheiden vermögen. Neben dieser rein 
wissenschaftlichen Unsicherheit, die sich teils auf eine mangelhafte 
Orientierung der Autoren in dem einen oder dem andern Denkgebiet, 
teils aber auf die Beschaffenheit des Stoffes selbst zurückführen läßt, 
findet sich stellenweise in der Zuordnung des Materials eine Vorsicht, 
die ihre Gebundenheit an affektive Einstellungen deutlich verrät. Wenn 
die Autoren auch einen tadellosen Mut beim Abstieg in die Tiefen be- 



1) Vgl. das Verzeichnis der Abkürzungen, S. 264. 



406 V. Tausk. 

wiesen haben, bo ist doch nicht zu verkennen, daß mancher — um 
ein Wort Freuds zu variieren — den Aufenthalt in der Tiefenatmo- 
sphäre nicht behaglich findet und an die Oberfläche strebt, wo es eine 
Verständigung mit den alten Weggenossen in der alten Mutter- 
sprache gibt. 

Die Beziehungen, die die Psychoanalyse bisher zur Philosophie 
gefunden hat, sind hauptsächlich von dreifacher Art: wir haben über 
die Psychoanalyse des Philosophen (Charakterologie und Motivenfor- 
schung), über die Psychoanalyse der philosophischen Systeme (Mecha- 
nismen und Ziele des philosophischen Denkens) imd schließlich über 
autonome philosophische Leistungen der Psychoanalyse zu berichten, 
insofern die psychoanalytische Forschimg Gesetze aufgedeckt hat, deren 
Nachweis auch außerhalb der spezifisch psychologischen Grenzen möglich 
ist und von nichtpsyehologischen Forschungemethoden — etwa von 
der erkenntnistheoretischen oder der biologischen — geführt werden 
kann (der Determinismus, das Zeitproblem, das Wirklichkeitsproblem). 

Die Arbeiten der ersten beiden Richtungen präsentieren sieh ganz 
allgemein als Anwendung der psychoanalytischen Erkenntnisse auf einen 
speziellen Stoff, während die dritte Richtung ausschließlich durch die 
von Freud selbst prinzipiell an verschiedenen Stellen seines Werkes 
erhobenen Thesen vertreten erscheint. Spärliche Hinweise auf diese 
Erörterungen finden sich bei verschiedenen Autoren. 

In der grundlegenden Stellungnahme zur Psychoanalyse des Philo- 
sophen und des philosophischen Systems finden sich die Autoren unter- 
einander und mit den richtunggebenden, das spezielle Thema betreffen- 
den Bemerkimgen Freuds (1, 2) in voller Übereinstimmimg. Demnach 
ist das entscheidende Merkmal des Philosophen die Abwendung von der 
Realität der die Libido herausfordernden Objekte der Außenwelt, unter 
gleichzeitiger Verschiebung der libidinösen Besetzung auf die Denk- 
funktion. An die Stelle der objektiven Realität tritt die Denkrealität, 
die infolge ihrer affektiven Ladung den Charakter des sinnlichen Ob- 
jektes annimmt. Durch diese Merkmale entscheidet sich die Zugehörig- 
keit des Philosophen zum Typus des Zwangsneurotikers. 

Otto Rank und Hans Sachs (6) unterscheiden drei Typen philo- 
sophischer Persönlichkeit: den Typus des intuitiven Schauers, d i. des 
eigentlich künstlerischen Metaphysikers (Plato, die Mystiker, die spekula- 
tiven Naturphilosophen); den Typus des synthetischen Forschers (die 
Positivisten-Comte und Spencer- und die Empiristen-Locke) und endlich 
den Typus des analytischen Denkers (Kant, Spinoza und überwiegend 
Descartes und Hume). Mit dieser Einteilung wollen die Autoren nur 



Psychoanalyse der Philosophie usw. 407 

einen heuristischen Wert schaffen, ohne die Mannigfaltigkeit der vor- 
kommenden Varietäten einschränken zu wollen. Es muß aber bemerkt 
werden, daß sich diese Einteilung, wie aus dem Kontext hervorgeht, nicht 
eigentlich auf die persönlichen Bedingungen für das philosophische Denken 
ala vielmehr auf die Zuordnung der Typen der philosophischen Systeme 
unter dem Gesichtspunkte des Libidoschicksals bezieht. 

Die anderen hier in Frage kommenden Autoren (Ed. Hitsch- 
mann (4) und Alfr. Frh. v. Winterstein (5) sehen von einer irgendwie 
motivierten Einteilung ab und verfolgen das Schicksal des philosophischen 
Werdens ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Entwicklungsresultate 
infantiler psychischer Konstellationen. 

Das philosophische System erweist sich unter der Kritik der 
Psychoanalytiker als ein System von Projektionen intrapsychischer 
Vorgänge und als ein System von Deckvorstellungen, die nach dem 
Prinzip der Wunscherfüllung eine rationelle Fassadenbildung erfahren 
haben und nur insofern von außerbiographischem Wert sind, als mit 
der Aufdeckung irgend eines psychischen Geschehens die ihm imma- 
nenten allgemeinen Gesetze wiedergespiegelt werden. Die der System- 
bildung unterworfenen allgemeinen oder speziellen Erkenntnisse, die 
nach den, dem speziellen Stoffgebiet zugehörigen Forschungsmethoden 
verifiziert werden können, ergeben den objektiv wertvollen Gehalt der 
philosophischen Systeme und werden von der psychoanalytischen Kritik 
wegen sachlicher Inkompetenz freigelassen. 

Sowohl Hitschmann als auch Winterstein haben den rich- 
tigen Anschluß an Nietzsche gefunden, der sich in der Vertretung 
durch entscheidende Zitate als der einzige vorpsychoanalytische Denker 
erweist, der in der Art und im Inhalt des Denkens Abbilder und Ab- 
sichten einer affektiven Konstellation erkannt hat. 

Im einzelnen seien aus den im Literaturverzeichnis zitierten 
Arbeiten die folgenden Stellen hervorgehoben: 

Aus Hitschmann: 

,,Das hinter dem Bewußtsein, der Erkenntnis und dem Wollen als 
dunkles, blindes und eigentlich nicht erkennbares Waltende ist Schopen- 
hauers Wille, das, was wir Psychoanalytiker als das Unbewußte bezeichnen. 
Daß Schopenhauer so ein Vorläufer der Erkenntnis des Unbewußten 
geworden ist, welches auch nach psychoanalytischer Auffassung ewig 
wünscht und treibt " S. 128. 

„Gegenüber dem starken Voluntarismus in Schopenhauers Leben 
und Lehre muß es dem oberflächlichen Betrachter als Widerspruch im- 
ponieren und wurde auch wiederholt von Schülern und Kritikern einge- 
wendet, daß gerade der Entdecker und Bewunderer dieses starken Lebens- 
willens zu einem Verherrlicher der Willensverneinung — des Quietismus — 



408 V. -Tausk. 

wtirde. Psychologiscli ist dies jedocli leicht verständlich aus den Konflikten 
der menschlichen Seele, die in einem Kampf der Urtriebe mit den Hemmun- 
gen bestehen, die der Ichtrieb des Kultivierten ihnen entgegensetzt. Diese 
Bekämpfung und Verdrängung trifft die kraß egoistischen und die Sexual- 
triebe, an denen er sich darum auch am deutlichsten manifestiert; zu- 
gleich wird dieser Kampf aber auch vorbildlich für die gesamte Einstellung 
der Persönlichkeit gegenüber Trieb und Reaktion, gegenüber der Außen- 
welt überhaupt. Den Psychoanalytiker wird es also am wenigsten wundern, 
daß dort, wo er einem starken Triebe begegnet, auch eine starke Be- 
kämpfungstendenz sichtbar wird." (S. 128.) 

„Die Annahme, daß Schopenhauers Geschlechtsgenuß selbst viel- 
leicht ein unbefriedigender, minderwertiger war, läßt sich nicht nur hier, 
sondern auch an anderer Stelle vermutungsweise ableiten. Ist die Sexuali- 
tät sonst so vielfach für die übrige Psyche vorbildlich, so könnte man auch 
hierin eine der Wurzeln seines im Pessimismus gipfelnden unbefriedigten 
Lebensgenusses erblicken." (S. 130.) 

„Wir stehen vor der psychologischen Tatsache, welche aus 

dem triebgepeinigten Schopenhauer jenen tiefen Metaphysiker werden 
ließ, dem die enthusiastischen Worte über den hohen Genuß des vom 
Wollen freien, reinen Erkennens zu Gebote stehen; nämlich vor der 
Tatsache, daß er wie wenige den Willen so zu verneinen, den Trieb so zu 
unterdrücken und dem Irdischen so zu entfliehen wußte." (S. 131.) 

„ Nietzsche widerspricht selbst am empfindlichsten ^ dieser 

Lehre von der reinen, interesselosen Erkenntnis in der Philosophie und 
der gleichen Anschauung vom Kunstgenuß und hat die vielgepriesene 
,intere3Selose Anschauung' als einen .Unbegriff und Widersinn' entlarvt." 
(S. 133.) 

„Anknüpfend müssen wir hier als selbstverständlich hervorheben, 
daß auch nach unserer Anschauung, wenngleich in anderem Sinne, es 
ein ,willenloses Erkennen' gar nicht geben kann. Schopenhauer hat sich 
vollkommen darin getäuscht, daß der Wille (das Unbewußte) je schweigen 
könnte und das Denken unbeeinflußt ließe " (S. 133.) 

„ Dieses ganze Ideal des Heiligen, des Verzichtens, des Sich- 

annäherns an Fakir- und Büßertum, müssen wir als Ausdruck schmerz- 
freudiger Phantasien ansehen, wie ja der Masochismus mit dem Sadismus 
eng verknüpft ist. Nur aus großen Schuldgefühlen können diese Selbst- 
bestrafungstendenzen ihre Intensität beziehen, und aus diesen Schuld- 
gefühlen entspringt das Erlösungsbedürfnis". (S. 143.) 

„Es ist sonach klar, daß für Schopenhauer die Welt, indem sie bloße 
Vorstellung ist, zugleich ein in seinem metaphysischen Werte herab- 
gesetztes Sein bedeutet. Die erkenntnistheoretische Würdigung der gegen- 
ständlichen Welt ist ihm unmittelbar zugleich ein metaphysisches, und 
zwar pessimistisch - metaphysisches Werturteil." (S. 150.) 

„Es sei dabei als höchst bedeutsam hervorgehoben, daß wir diese 
Empfindung der Welt als Traum und Schein als ein befremdendes Ge^ 
fühl typisch von den melancholischen Patienten angegeben hören; es 
scheint auch dort dem aus der Verstimmung stammenden Wunsch 



PsycLoanalyse der Philosophie usw. 409 

nach Erlösung von der unerträglichen Wirkliclikeit des Daseins zu ent- 
springen." (S. löO.) 

Wenn man die Resultate der Hl tsehmann sehen Betrachtungen 
zusammenfaßt, ergibt sich zunächst als Psychoanalyse des Philosophen 
Schopenhauer und seiner Philosophie, daß die grundlegenden Thesen 
dieses bedeutenden Geistes Projektionen imd Reaktionen psychischer 
Einstellungen sind: der übermächtige Drang zum Denken und Philo- 
sophieren stellt sich dar als eine Form des Prozesses der Libidover- 
drängung und als Resultat dieser Verdrängung; der Pessimismus ist 
eine Folge glücklosen und unbefriedigten Trieblebens, die Ethik eine 
Reaktion auf antisoziale Neigungen; die metaphysische Aufstellung als 
ganze entspricht einer unbewußt absichtlichen Verleugnung dieser pein- 
lichen Realität. Die Kernformel der Schopenhauerschen Philo- 
sophie, die Definition der Welt als Wille und Vorstellung ist als 
Projektion des zwiespältigen seelischen Zustandes des Philosophen auf- 
zufassen. 

Winterstein durchläuft die ganze historisch gewordene Philo- 
sophie an der Hand der psychoanalytischen Deutungs- und Erklärungs- 
methode mit der Absicht, alle Typen von Denkern und Systemen auf 
das psychoanalytisch entscheidende Moment zu reduzieren. An ein 
außerordentlich umfassendes Material werden psychoanalytische Krite- 
rien angelegt, die verschiedenen Ziele der Philosopheme ätiologisch 
zurückgeführt. Die Architektur der Arbeit ist nicht durchsichtig, das 
Material sprengt den Rahmen. Über die Deutung hinaus, die im wesent- 
lichen an gesicherte psychoanalytische Erkenntnisse anschließt, führt 
der Autor zum Problem einer auf Grund der Psychoanalyse aufzu- 
bauenden Weltanschauung, und er entscheidet sich für einen rea- 
listisch-dualistischen Weltbegriff. Die ganze Arbeit ist philo- 
sophisch vortrefflich orientiert und ihr besonderer Wert liegt darin, 
daß die der Psychoanalyse unterworfenen Probleme vom Philo- 
sophen ausgewählt sind, somit vom Fachmann, der das Problema- 
tisehe unter den spezifischen Bedingungen zu erkennen vermochte, unter 
denen es entstanden war. Im einzelnen sei folgendes hervorgehoben: 

,. Die Lehre des Philosophen ist durch unbewußte Wünsche 

bedingt .... {8. 175) .... Die Vermengung des Wunsohmaterials mit 
dem Erkenntnismaterial ist nachzuweisen . . . (S. 176) . . ." 

,,. . . Mit Sokrates beginnt die Geringschätzung der Außenwelt .... 
Das Individuum wird asozial und sucht in seinem Innersten Trost " 
(8. 179). 

,,. . . .die Annahme einer zweiten Welt, die häufig einer durch 



410 V. Tausk. 

unbewußte Motive bestimmten Tendenz zur Entwertung der gegebenen 
Realität entspringt, mag es sich nun beispielsweise um das Nirwana des 
Buddhismus, um die Ideenwelt Piatons oder um das Ding an sich Kants 
handeln. Mehr oder weniger verhüllt blickt der wahre psychologische 
Sachverhalt aus allen diesen Fiktionen hervor." (S. 177.) 

„Piatos .intellektuelles Schauen' anspricht dem visuellen 
Typus des hellenischen Volkes . . . ." (S. 180.) 

Das erstrebte ,schauen' wird auf dem Höhepunkte der Ekstase, 
z. B. bei Plotin, durch eine grob sinnliche .Berührung' (phyllogenetische 
Regression mt Tastempfindung, Regression als Wunscherfüllung), ein lust- 
volles .Erfassen des Absoluten' ersetzt, und dieses Absolute selbst ist 
die eigene .mütterliche Tiefe', das All-Eine, wo der Unterschied zwischen 
Subjekt und Objekt aufgehoben ist." (S. 182.) 

„. . . . Introversion .... Überschätzung des rein Geistigen wegen 
Versagung der Realität .... Die sokratische Gleichsetzung von Einsicht 
und Tugend . . ." (S. 183) 

.Eros' ist die Sehnsucht nach metapsychischer Wirklichkeit, wo 
es nicht Ort noch Zeit gibt .... Philosophieren heißt 1. Sterbenwollen, 
ins Unbewußte eingehen, introvertieren ; 2. Erinnerung an die infantile 
Präexistenz .... Die starre Ruhe der platonischen Ideen ist die 
dem Unbewußten eigentümliche Veränderungslosigkeit der Imagines 
... die Körperwelt dagegen ist die Welt der Unruhe, des Ent- 
stehens und Vergehens, das bedeutet die ewig wechselnde Libidobesetzung 
der Objekte .... Erinnert das nicht an die Bemerkungen Freuds über 
die Reihenbildung bei der Objektwahl nach dem Vorbilde der Mutter? . . ." 

(S. 184.) 

„Die Ideenlehre Piatos — abzüglich des intellektuellen Überbaues — 

ist eine Libidotheorie . . ." (S. 185.) 

Zur Theorie des Gottesbegriffes: ,.. . . Gott ist, abgesehen 
davon, daß er eine Erhöhung des Vaters darstellt, eine Personifikation 
psychischer Phänomene . . . eine Projektion der wunscherfüllenden, all- 
mächtigen, allweisen, endopsychischen Instanz des Unbewußten (Allmacht 

der Gedanken) auch ein Symbol unseres Bewußtseins, unserer 

höchsten Sexualverdrängung, unserer sittlichen Persönlichkeit, kurz: 
unser Ideal." (S. 189.) 

Vom Verhältnisse Gottes zur Welt: 

,,Man kann zweierlei Systeme unterscheiden: Das Emanations- 
und das Kreationssystem. Erstes ist eine Projektion gewissermaßen 
endopsychisch wahrgenommener Libidovorgänge, als eine Darstellung 
der Emanation der beim Ich im Stadium des Narzißmus verbleibenden 
Triebe, die zur Objektwahl führt, und der immer wieder zu diesem Aus- 
gangspunkt erfolgenden Regression." (S. 190.) 

Ad Kreationstheorie: „. . . Gott hat die Welt aus dem Nichts 

erschaffen wenn man sich vor Augen hält, daß die Menschheit 

in ihren urtümlichen Bildern den Körper, die Materie (vgl. den etymo- 
logischen Zusammenhang mit „mater") als das weibliche, negative, 



Psychoanalyse der Philosophie usw. 411 

gebärende, den Geist, das Erkennen als das männliche, positive, zeugende 

Prinzip aufgefaßt hat Die chinesische Schrift besitzt für das Wort 

„Weib" und das Wort „Negation" das gleiche Zeichen . . . ."i) (S. 192 
bis 193.) 

Zur ErkErung der drei Lehren: 1. Vom Glauben an Präexistenz; 
2. von der Seelenwanderung; 3. von der ewigen Wiederkehr des Gleichen. 
Ad 1 : Analog dem Dejä-vu, . . . Erinnerung an eine (unbewußte) Phan- 
tasie oder Traum. Ad 2 : Die Seelen wandern in dem Maße, als die Libido 
wandert. Ad 3: Endopsychische Wahrnehmung der Periodizität. (S. 195.) 

Zum Problem Spinoza: 

,, Spinoza unterlag der Bedeutung des Vaters ... Er wagt es nicht 
von ihm Liebe zu fordern: , Nicht Gott liebt uns, sondern wir, die wir 
Gott erkennen, lieben Gott. Weil aber alle Menschen zusammen einen 
Teil des unendlichen Verstandes bilden, welcher ein Attribut der ewigen 
Substanz ist, einen Teil jener Kraft, die überall Gott erkennt und Gott 
liebt, so kann gesagt werden, daß unsere Liebe ein Teil der Liebe ist, 
mit der Gott sich selbst liebt. (Spinoza.)" 

Winterstein trägt demnach, wie zu ersehen ist, neben den allge- 
meinen psychoanalytischen Kriterien für die Beurteilung des Philo- 
sophen und der Philosophie — WunecherfüUung, Projektion psychischer 
Vorgänge und Konstellationen, Abwendung von der Realität — , welche 
Momente auch bei Hitschmann scharf hervorgehoben erscheinen, auch 
noch Hinweise auf die Ätiologie von Philosophemen aus Partialtrieben — 
Schaulust und Tastlust, — hinzu. Die Bedeutung des Verhältnisses des Phi- 
losophen zu seinen Eltern sowie der Anteil des Sado-Masochismus an der 
Konzeption ethischer Prinzipien ist bei beiden Autoren gebürend ge- 
würdigt. Winterstein führt unter den gleichen Auspizien seine Er- 
örterungen biß in die Philosophie der Gegenwart. 

Während bisher von philosophisch interessierten Psychoanaly- 
tikern die Rede war, sind Häberlin und Putnam zu den psychoana- 
lytisch interessierten Philosophen zu zählen. Beide sind ängstlich dar- 
auf bedacht, ein Stück mitgebrachter Normen und Überzeugungen vor 
der Psychoanalyse in Sicherheit zu bringen und sie realisieren ihre Ab- 
sicht, indem sie die Kompetenz der Psychoanalyse an einer persönlich 
entscheidenden Stelle vor die Türe setzen. So fordert Putnam (5): „Wir 
müssen uns entschließen, uns zugunsten dieser oder jener Weltan- 
schauung auszusprechen . . .", und indem er sich darüber beklagt, daß 
die Psychoanalytiker Deterministen sind, verlangt er: „ . . man sollte 
doch einsehen, daß das Wesentliche in jeder Entwicklung die mehr- 



^) Für die Gleichstellung von „Weib" und „Nichts" wäre der Kastrations- 
komplex zur Eiklärung heranzuziehen. (Anm. d. Ref.) 



412 V. Tausk. 

fach genannte, eelbsttätige Energie ist . . ." (S. 108). Ähnlich Häber- 
lin (3) der zunächst seine Weltanschauung gegen jede wissenschaft- 
liche Kritik mit Berufung auf ihre praktische Bedeutung salviert, und 
sich schließlich auf seine „Überzeugung" beruft, „daß die kulturwich- 
tigen Phänomene des Erlebens nicht aus der Sexualität abgeleitet werden 
können, sondern . . . aus tieferliegenden Tendenzen verstanden werden 
müssen . . ." Es ist klar, daß damit einer kulturellen Anpassung auf 
der Grundlage der neuen psychologischen Erkenntnisse alle Wege ab- 
geschnitten sind, 

C. G. Jungs „Wandlungen und Symbole der Libido" haben 
anderwärts (Ferenczi) eine ausführliche Erörterung erfahren. Die 
Stellung dieser Arbeit zur Psychoanalyse glaubt Referent den Versuch 
einer synthetischen Verallgemeinerung psychoanalytischer Erkenntnisse 
nennen zu dürfen. Soweit darin nichtpsychoanalytische Voraussetzungen 
oder Abänderungen der psychoanalytischen Resultate eingearbeitet sind, 
geht die Arbeit einen Weg, der von anderswoher als aus der Psycho- 
analyse verfolgt werden muß und der nicht in die Psychoanalyse 
mündet, so daß dieses Werk einen für sich abgeschlossenen Gegenstand 
für eine psychoanalytische Untersuchung, gleich anderen Philosophien 
und philosophierenden Erörterungen, vorstellt. 

Eine Erörterung der psychoanalytischen Philosophie muß 
im Rahmen dieses Referates auf wenige Bemerkimgen reduziert werden. 
Der Determinismus wurde im psychischen Geschehen nachgewiesen 
und das Zeitproblem hat einen psychologischen Zugang und somit 
eine Beziehung zur empirischen Wissenschaft bekommen, indem die 
besondere Stellung des Zeitphänomens im Unbewußten aufgedeckt 
wurde. In den zwei Prinzipien des psychischen Geschehens 
finden wir die psychische Realität, die als Hintergrund aller ethischen 
Systeme gedient hat, welche die Überwindung des asozialen, nur auf 
die Gegenwart eingestellten animalischen Lustwimsches zugunsten einer 
auf Zeit und Voraussicht gestellten sozial gebändigten Triebbefriedigung 
postulieren. Das psycho-biologisch erwünschte Verhältnis zwischen Lust- 
prinzip und Realitätsprinzip wird dann im Wege der Verdrängung und 
der ihr folgenden psychischen Leistungen realisiert. So erscheinen die 
von Freud aufgedeckten Mechanismen innerhalb der psychoanalyti- 
schen Forschung selbst auf eine Basis übertragen, auf der das psycho- 
logische Problem dem biologischen Anpassungsproblem unter- 
worfen ist. 



Mystik und Okkultismus. 

Referent: Herbert Silberer. 



Literatur^). 1. Buber Martin: Ekstatisclie Konfessionen. Jena, 1908. — 
2. Plournoy Th.: Des Indes a la Plannte Mars. Genf und Paris, 1899. — 3. Frei- 
mark Hans.: Okkultismus und Sexualität. Leipzig, 1909. — 4. Freud Sigmund: 
Psychopathologie des Alltagslebens. (Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, 
Aberglaube und Irrtum.) Berlin 1904. — 5. Ders.: Psychoanalytische Betrach- 
tungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia. Jahrb. III, 
S. 9, 588. — 6. Ders.: Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden 
und der Neurotiker. Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken. (Imago 
II, Bd. 1. — 7. Das Interesse an der Psychoanalyse. Scientia VII, 1913, — 
8. Hitschmann E.: Zur Kritik des Hellsehens. Wiener klin. Rundschr., 1910, 
Nr. 6. — 9. Ders.: Swedenborgs Paranoia. Zentralbl. Bd. III, S. 32. — 10. Jones 
Emest : Der Alptraum in seiner Beziehung zu gewissen Formen des mittelalterlichen 
Aberglaubens. Sehr. XIV. Deutsch von E. H. Sachs. — II. Jung C. G.: Zur 
Psychologie xmd Pathologie sogenannter okkulter Phänomene. Eine psychiatri- 
sche Studie. Leipzig 1902. — 12. Ders.; Wandlungen und Symbole der Libido. 
Beiträge zur Entwicklungsgeschichte des Denkens. Jahrb. Bd. III, S. 120, 
Bd. IV, S. 162. — 13. Pfister Oskar: Die Frömmigkeit des Grafen Ludwig von 
Zinzendorf. Sehr. VIII. — 14. Ders.: Hysterie imd Mystik bei Margarete Ebner. 
Zbl.,i Bd. I, S. 468. — 16. Ders.: Zur Psychologie des hysterischen Ma- 
donnenkultus. Zbl., Bd. I, S. 70. — 16. Ders.: Die psychologische Ent- 
rätselung der religiösen Glossolalie und der automatischen Kryptographie. Jahrb., 
Bd. III, S. 427, 730. — 17. Ders.: Kryptolalie, Kryptographie und unbewußtes 
Vexierbild bei Normalen. Jahrb., Bd. V, S. 117. — 18. Silberer Herbert: Über 
die Behandlung einer Psychose bei Justinus Kemer. Jahrb. III, S. 724. — 19. 
Ders.: Mantik und Psychanalyse. Zbl. Bd. II, S. 78. — 20. Ders.: Lekano- 
mantisohe Versuche. Zbl., Bd. II, S. 383, 438, 518, 566. — 22. Ders. : Charakteristik 
des lekanomantischen Schauens. Zbl., Bd. III, S. 73, 129. — 22. Staudenmaier 
Ludwig: Versuche zur Begründung einer wissenschaftlichen Experimentalmagie. 
Ostwalds Ann. d. Naturphil., Bd. IX, S. 329 ff. — 22. Ders.: Magie als ex- 
perimentelle Naturwissenschaft. Leipzig 1912. — 24. Stekel Wilhelm: Die 
Sprache des Traumes, Wiesbaden 1911. — 25. Stöcker Lydia: Mystik imd 
Erotik. Die neue Generation. Bd. VIII, 2. 



1) Vgl. das Verzeichnis der Abkürzungen, S. 264. 



414 Herbert Silberer. 

Die Zahl der psychoanalytiechen Arbeiten über Mystik ist vorder- 
hand noch nicht groß, auch wenn man, wie es hier geschehen soll, jene 
über Okkultismus hinzunimmt. Gar zu mager wäre dieses Referat aus- 
gefallen, hätte ich nicht auch solcher größerer Publikationen gedacht, 
die zwar eigentlich in andere Rubriken gehören, aber doch die erwähnten 
Gebiete streifen. Die Verbindung von Mystik und Okkultismus soll 
nicht verführen, beides in einen Topf zu werfen, sondern entspricht 
bloß einem praktischen Einteilungsbedürfnis, das sich schon von selbst 
rechtfertigt, wenn man in Einzelfällen die Trennung beider versucht. 

Die Besprechung der Arbeiten, die sich häufig auf bloße Hin- 
weise beschränken wird, soll im großen ganzen chronologische Ordnung 
zeigen. 

Das erste Buch, das ich anführen möchte, ist das bekannte und 
mit Recht vielbeachtete Werk „Des Indes k la planete Mars" von 
Th. Flournoy, dessen erste Auflage zirka 1899 erschien (Genf imd 
Paris). Es ist eine „Etüde sur un cas de Somnambulisme avec Glosso- 
lalie" und darf, mehreren Ansätzen nach, unter die psychoanalytische 
Literatur gerechnet werden. Der behandelte Fall ist aus einem vor- 
wiegend spiritistischen Milieu hervorgegangen. Das Medium, das unter 
dem Pseudonym Helene Smith eingeführt wird, entwickelt neben ande- 
ren Dingen eine ganze Reihe von Personifikationen, die in ausgebreitete 
unbewußte Phantasien verwoben sind und sich in den Trancezuständen 
(Somnambulismus) des Mediums durch allerlei Darstellung, Sprache, 
Schrift usw. kundtun. Unter den Phantasien fallen gewisse zyklisch 
eintretende Gruppen auf, die eine geradezu verblüffende Geschlossen- 
heit und dichterische Ausarbeitung zeigen. Flournoy nennt diese zu- 
sammenhängenden Gebilde ganz bezeichnend „Romane". Einen Zyklus 
erlebt das Medium auf dem Mars, einen andern in Indien. Das Merk- 
würdigste daran ist, daß die Visionärin, die das, was sie erschaut, oft 
mit packender Wirklichkeit schildert, sich auch eine raartische Sprache 
und Schrift sowie ein eigenes indisches Idiom (unter Verwendung 
einiger echter Sanskritbrocken) bildet, deren sie sich im Gespräch mit 
den halluzinierten martischen beziehungsweise indischen Personen ge- 
läufig genug bedient. Die unbewußt erdichteten Sprachen sind wirk- 
lich Ausdrucksmittel von Mitteilungen und lassen sich systematisch 
oft Wort für Wort übersetzen. Man hat also die Deutung von Pro- 
dukten einer Glossolalie vor eich. „Deutung" allerdings nicht im Sinne 
einer bis auf den Grund gehenden Analyse der für die Bildung der 
Romane und Sprachen maßgebend gewesenen psychischen Triebkräfte. 



Mystik und Okkultismus. 415 

Dennoch erkennt Flournoy, namentlich in der martischen Sprache,-den 
primitiven oder infantilen Charakter. Der Psychoanalytiker würde von 
„Regression" ins Infantile sprechen. Und gelegentlich einiger feiner 
Bemerkungen über das vermutliche Zustandekommen des indischen 
Romans gebraucht Flournoy bereits ausgesprochen psychoanalytische 
Sätze. Es heißt daO betreffs einer Erklärungsmöglichkeit: 

„Au point de vue de la Psychopathologie, je serais tente de faire 
rentier tout ce roman somnambulique dans ce que Freud appelle les 
„Abwehrpsychosen", resultant d'une sorte d'autotomie qui debarrasse 
le Moi normal d'une idee affective incompatible avec lui; laquelle idee 
prend sa revanche en occasionnant des pertuibations tres diverses suivant 
les Sujets, depuis les desordres d'innervation venant troubler la vie quoti- 
dienne (hysterie par conversion somatique du coefficient affectif de 
l'idee repoussee) jusqu'aux cas oü le Moi n'echappe a l'intolerable contra- 
diction entre la realite donnee et Tidee qui l'obsede qu'en se plongeant 
tout entier dans cette derniere (confusion mentale hallucinatoire, delires, 
etc.). Entre ces denoüments varies se trouverait celui oü l'idee exclue 
de la conscience devient le germe de developpements hypnoides, le point 
de depart d'une seconde conscience ignoree de la personnalite ordinaire, 
le centre d'une vie somnambulique oü se refugient et peuvent sedonner 
carriere les tendances que le Moi normal a refoulees loin de lui. Cette 
Solution est peut-etre la plus heureuse au point de vue pratique et social, 
puisqu'elle laisse l'individu dans un etat de parfait equilibre et indemne 
de troubles nerveux, en dehors des moments tres limites oü le processus 
sousjacent eclate en acces somnambuliques. 

(Cette issue favorable de conflits emotionnels dangereux pour le 
Moi du sujet, me parait plus particulierement ouverte aux mediums gräce 
aux habitudes de dedoublement mental, de clivage psychique pour ainsi 
dire, que les seances et autres exercices spirites ont developpees en eux. 
La pratique du spiritisme constituerait ainsi, dans certaines occasions, 
une soupape de sürete, im canal de derivation, ou une sorte d'assurance 
contre le risque d'autres troubles possibles; un avantage du meme ordre 
que le privilege de certains gauchers d'echapper a Taphasie en cas d'hemi- 
plegie droite.)" 

Ich will nicht unerwähnt lassen, daß über den Fall Helene 
Smith noch andere Publikationen sowohl von Flournoy als von ande- 
ren Verfassern existieren; doch dürfte es genügen, das Hauptwerk hier 
gewürdigt zu haben. 

An der Schwelle der Psychoanalyse steht auch ein verdienstvolles 
älteres Werk von C. G. Jung: „Zur Psychologie und Pathologie so- 
genannter okkulter Phänomene. Eine psychiatrische Studie" (Leipzig, 



^) Flournoy, a. a. 0., S. 319 f. der vierten Auflage, nach der ich zitiere. 



416 Herbert Silberer. 

1902). Es handelt sich hier um ähnliche Dinge, wie bei Flournoy. 
Der Kern des Buches ist ein „Fall von Somnambulierej's bei einer Be- 
lasteten". Besonders interessant erscheinen des Verfa#^ .d Untersuchun- 
gen über das gegenseitige Verhältnis der verschiedeäen somnambulen 
Zustände beziehungsweise Anfälle, der Charakterentwicklimg sowie der 
Erinnerungsfunktionen. Einen Unterbau für die Arbeit liefern haupt- 
sächlich Janet, Binet und Richer. Ein klein wenig wird bereits 
Freuds Traumdeutung herangezogen (pag. 76 f.). 

Für die psychologische Behandlung des Okkultismus ist es wichtig, 
den seelischen Ursachen nachzugehen, die eine Neigung zum Geheimnis- 
vollen und zum Aberglauben mit sich bringen. Freud macht einige 
Äußerungen darüber in seiner „Psychopathologie des Alltagslebens 
(Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum)". 
Die erste Auflage erschien 1904. Man sehe die Besprechung Jahrbuch I, 
pag. 558. Nachstehendes ist aus pag. 134 ff., der mir vorliegenden 
dritten Auflage zitiert: 

„Ich glaube zwar an äußeren (realen) Zufall, aber nicht an innere 
(psychische) Zufälligkeit. Der Abergläubische umgekehrt: Er weiß nichts 
von der Motivierung seiner zufälligen Handlungen und Fehlleistungen, er 
glaubt, daß es psychische Zufälligkeiten gibt; dafür ist er geneigt, dem 
äußeren Zufall eine Bedeutung zuzuschreiben, die sich im realen Geschehen 
äiißern wird, im Zufall ein Ausdrucksmittel für et