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Full text of "Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen V. Band 1913 2.Hälfte"

Zur Technik des UiiteiTichts und der Erziehung 
während der psyclio-analytischen Behandlung. 

Von Dr. phil. Otto Mensendieck, Zürich. 



Im folgenden soll kurz über unsere Erfahrung einer systematisch 
durchgeführten Erziehung neurotischer Kinder, gemeinsam durch Arzt 
und Lehrer, durch Analytiker und Pädagogen, im Sanatorium 
Dr. Bircher berichtet werden. 

Ausnahmsweise, nämlich in nur zwei Fällen, war das Sanatorium 
der erste Versuch der Eltern zur Beseitigung der Schwierigkeiten, 
die der junge Mensch der Erziehung in moralischer und intellektueller 
Hinsicht bereitete, und für die die landläufigen Erklärungen, wie 
Blutarmut, EntwicHungsjahre, Nervosität oder kurzweg Faulheit 
den Elt«m nicht genügend erschienen. Im übrigen kamen nur solche 
zur Behandlung respektive zur Erziehung ins Sanatorium, bei denen 
alle anderen Versuche schon gescheitert waren. Das ist wohl zu beachten. 
Es handelt sich also um ganz besonders schwierige Fälle. 

Die Schüler respektive Schülerinnen werden bei uns zugleich 
dem Arzte und dem Pädagogen überwiesen, ersterem zur Analyse 
und gesundheitlichen Führung, letzterem hauptsächlich zum Unter- 
richte. Anal3rtiker und Pädagoge stehen in engstem, täglichem Rapport 
miteinander. Der Pädagoge teilt dem Analytiker seine Beobachtungen 
mit, die er in dem ständigen Verkehr mit den Schülern, innerhalb 
und außerhalb des Unterrichts, macht. Der Analytiker setzt den 
Pädagogen von allem Wichtigen der Analyse in Kenntnis ; mehr und 
mehr ergab es sich als zweckmäßig und notwendig, den Pädagogen 
über die ganze Analyse des Betreffenden zu orientieren, damit er 

Jahrbuch für ps^choanalyt. u. pajohopathol. FoTSchnngen. V. ^^ 30 

INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



a 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



456 Otto Mensendieck. 

um die Stellui^ des Schülers zwischen Vater, Mutter, Geschwistern 
usw., kurz um das bisherige Milieu und die bisherige Reaktion desselben 
weiß. Denn der neurotische Schüler benimmt sich dem Lehrer gegenüber 
wie zu Hause und ist bestrebt, die seinem bewußten Denken und Emp- 
finden zwar unangenehme, der vmbe wußten Lebensgewohnheit aber 
entsprechende Sittiation wieder herzustellen. 

Für diese, diesem Leserkreise ja wohlbekannte Tatsache nur 
ein Beispiel: Bin ISjähriger Gymnasiast, faid, unwissend, ganz und 
gar ungebärdig und bisher zu Hause und in den verschiedenen Schulen 
ganz undisziplinierbar, geistig und körperlich sehr entwickelt. Der 
Vater, sehr energisch, griff wohl nur disziplinarisch in die Erziehung 
ein. Die Mutter, liebevoll aber kränklich, konnte sich nicht viel um den 
Knaben kümmern. Der Sohn hatte große Liebe zu ihr \md litt oft unter 
der unfreundlichen Behandlung, die sie vom Vater erfuhr. Die Rivalität 
wurde dadurch bisweilen zur offenen Auflehnung, die nun durch die 
fortwährende Beschränkung seines Lebenstriebes durch den starren 
Eigensinn des Vaters konstant geworden ist. Der Junge verlangt 
innerlich nach Leitung und Führung, um sich auf zweckmäßige Weise 
zur Geltung zu bringen, aber statt ihm dazu zu verhelfen, tut man 
nichts wie seinen Lebensstrom eindämmen. Er wehrt sich dagegen mit 
aller ihm innewohnenden Kraft, sagt so gewissermaßen: zeigt mir 
und memem Lebensstrome den Weg! Aber niemand versteht ihn. 
So gerät er allmählich in eine große Vertrauensnot. Zugleich aber lernt 
er gewohnheitsmäßig, daß ihm die Beachtung seiner kleinen Persön- 
lichkeit, die er sonst nicht bekommt und nach der er sich sehnt, sofort 
zuteil wird, wenn er unartig ist. Durch Ungehorsam und Trotz erreicht 
er, was er will, nämlich daß man sich um ihn kümmert. Li dieser 
Verfassung, die man dem wohlgekleideten kleinen Kerl mit der guten 
Kinderstube gewiß nicht anmerkt, kommt er in die Schule, gewohnt, 
sich gegen Gebote imd Verbote aufzulehnen. Folge: man wiU ihn 
bändigen. Er tobt, verspricht aber hin und wieder unter dem Zwange 
Besserung, die jedoch immer weniger gelingt. Denn gewohnheitsmäßig 
stellt er durch das eigene Verhalten immer die häusliche Situation 
wieder her: 1. Er hat kein Vertrauen zum Vater, er behandelt alle 
Menschen wie den Vater, sie reagieren darauf wie der Vater; er hat 
es erreicht, auch sie verdienen kein Vertrauen; 2. Gerade durch Faulheit 
und Widersetzlichkeit gegen das, was man von ihm verlangt, kann 
man Macht über die anderen gewinnen, denn so zwingt man sie, sich 
mit einem zu beschäftigen. In der Schule aber geht man bereitwilligst 



UnterricM u. Erziehung während d. psycho-analyt. Behandlung. 457 

auf sein Verlangen ein, da der Lehrer selten für diese Form des Willens 
zur Macht einen Blick hat. 

Dies Beispiel möge zeigen, wie wichtig es für den Lehrer der in Ana- 
lyse stehenden neurotischen Schüler ist, daß er ihre Reaktionsformel 
kennt, damit er, wenn sie durch die Analyse zur Erkenntnis ihres un- 
zweckmäßigen Tuns gekommen sind und sich wandeln möchten, 
dies Streben erstens durch die von innen in Pflichterfüllung und Ge- 
horsam geforderte Leistung, zweitens durch das eigene Verhalten unter- 
stützen kann. 

Erstens durch die von ihnen in Pflichterfüllung und Gehorsam ge- 
forderte Leistung. Denn es bestätigt sich uns mehr und mehr, die durch 
die Analyse gewonnene Erkenntnis und frei gewordene Libido genügen 
für den jungen Menschen keineswegs, um sein Verhalten Eltern, Lehrern, 
kurz den Forderungen des Lebens gegenüber zu verändern. Er hat 
noch nicht die Not des Lebens kennen gelernt oder eingesehen, die 
den Erwachsenen vor das Entweder-Oder stellt, entweder sich zu 
wandeln oder weiter zu leiden und unterzugehen. Der neurotische 
Jugendliche leidet noch nicht unter seiner Neurose: er ist noch in der 
glücklichen Lage, alle Schuld einfach auf die Erwachsenen und ihre 
törichten Ansichten abwälzen zu können und gerade durch sein unzweck- 
mäßiges Benehmen, durch Faulheit, Frechheit u. dgl. in seiner Welt, 
unter seinen Kameraden eine Rolle zu spielen. Er genießt seine Untä- 
tigkeit mit ihren Träumen. Wie ein sehr fauler Schüler von 17 Jahren 
mir nevUich sagte; ,,Ich sehe mich hoch oben auf der obersten Sprosse 
einer Leiter über allem Volke, das ist mir viel angenehmer als erst 
langsam hinaufzuklettern." Solche Schüler fühlen gar keine Veran- 
lassung, die alten Gewohnheiten aufzugeben und den neuen Weg 
aufzunehmen. Der ,, Verzicht", das Verlassen der alten Lust, scheint 
dem neurotisch erkrankten Erwachsenen schwer, aber oft notwendig, 
dem Jugendlichen ganz überflüssig. Seine Gewohnheiten und Phan- 
tasien vom Helden sind ihm viel lieber als die schwere Arbeit, die 
vielleicht, und das ist ihm sogar noch nicht einmal gewiß, einen Helden 
aus ihm machen wird. Und wie man gerade ohne Leistung vor sich 
selbst ein Held sein kann, möge folgendes Beispiel zeigen: 

Ein Siebzehnjähriger, der in etwa einem Jahre die Maturität 
machen soll. Er war immer ein schlechter Schüler, und jetzt versagt er 
total, seine Leistungen sind in allen Fächern mangelhaft und ungenügend, 
dazu ist er gründlich faul und ärgert seine Lehrer noch durch kindisches 
Benehmen. Er ist der Harlekin der Klasse. Außerhalb der Schule ist er ein 

30* 



458 Otto Menaendieck. 

frischer Bursche, der allerhand Interessen und künstlerische Anlagen hat, 
mit dem. der Erwachsene sich gern unterhält und der für viele Menschen 
durch sein frisches Wesen geradezu Sonnenschein bedeutet. Die Er- 
mahnungen, Strafen und der Kummer der Eltern sind seit Jahren ganz 
erfolglos. Sie werden äußerlich reuig hingenommen, innerlich bleibt 
alles gleich. 

Die Eltern : der Vater, ein in seinem Berufe sehr tüchtiger Mensch, 
der durch seine große Intelligenz viel und leicht Erfolg hatte, etwas ner- 
vös, daher leicht gereizt und ungleichmäßig. Die Mutter kühl und hart. 
Sie gab nicht viel Liebe, und es ärgerte sie, daß der Junge nicht weinte, 
wenn sie ihn schlug. Beide Eltern lieben des Lebens heitere Seiten und 
empfinden Schwierigkeiten als eine unverdiente Härte des Schicksals. 

Der Junge bewundert den Vater sehr, er möchte ihm gleichen 
und imitiert ihn, unbewußt, äußerlich bis ins Detail, aber er weiß, daß 
er ihn nie erreichen wird. Das lastet auf ihm. „Ich bin tief unten im 
Dunkeln," sagt er, ,,der Vater steht hoch oben wie ein helles Licht." 
Die Mutter hat er seit langem wegen ihrer Kühle scharf verurteilt und 
sich nach einer anderen mit weichen Händen und weichem Herzen, 
der man alles anvertrauen kann, gesehnt. Also im Kampfe um die 
Mutter ist die Annahme und Nachahmung der glänzenden väterlichen 
Eigenschaften erfolglos geblieben. 

Wie gibt er sich das Gefühl der Kraft und des eigenen Wertes? 
Davon ein Beispiel: Er hat einen Vortrag über Tristan und Isolde 
zu halten und denkt immer daran, wie der Erfolg sein wird, hat phan- 
tastische Vorstellungen davon : es muß der Vortrag des Jahres werden ! 
An einer exakten Vorbereitung läßt er es fehlen, er denkt es zu machen 
wie der Vater: den Inhalt des Vortrages muß man beherrschen, aber 
für die öffentliche Formgebtmg genügen ein paar Notizen ; man überläßt 
sich seiner Beredsamkeit. Zwei Tage vor ihm hält ein Mitschüler einen 
sehr guten Vortrag. Er wird ängstlich, es möchte ihm nicht gelingen, 
denselben noch zu übertrumpfen. Er bekommt Kopfschmerzen und 
bittet eben vor der Stunde draußen auf dem Korridor den Lehrer, 
den Vortrag verschieben zu dürfen. Der Lehrer geht darauf ein, und 
nun hat er ein doppeltes Triumphgefühl: erstens die Klasse, die er 
ganz gespannt auf seinen Vortrag gemacht hat, und die voll Erwartung 
dasaß, was ihr Harlekin wohl über Tristan und Isolde zu sagen haben 
würde, ist genasführt, und zweitens der Lehrer, der ihm selbst mit 
allerlei Ratschlägen geholfen hatte und sehr interessiert war, wie der 
Vortrag ausfallen würde, ebenfalls. Wie der Junge es später in der 



Unterricht u. Erziehung während d. psycho-analyt. Behandlung. 459 

Analyse ausdrückte: „Der hat bestimmt erwartet, ich würde heute 
einen Vortrag halten. Nun sieht er, daß es nicht alles so geht, wie er 
meint. Ich bin auch noch da. Der Allgewaltige kann mich bei der 
Rechnung nicht so einfach beiseite lassen, es ist nicht so gegangen, 
wie er erwartete, ich hatte das Gefühl, daß er die Gewalt über mich ver- 
loren hatte, denn ich schlug ihm schließlich doch noch ein Schnippchen 
und machte ihm einen Strich durch die Rechnung; man muß auch mit 
mir rechnen, wenn es mir nicht paßt, bin ich doch nicht dazu zu bringen." 
Also, da er fürchtet, mit seiner Leistung nicht den gewünschten Erfolg 
zu haben, verschafft er sich selbst das Gefühl der Macht über die 
anderen, indem er nichts tut. Er macht aus seiner Schwäche seine 
Stärke. Da er gewohnheitsmäßig weiß, daß er durch Leistungen das 
Vorbild des Vaters nicht erreichen kann, erzwingt er sich die Be- 
achtung seiner Persönlichkeit, indem er das von ihm Erwartete 
nicht leistet. 

Dieser Schüler sah durch die Analyse ein, was er gemacht hatte, 
aber die Erkenntnis allein wird ihm nicht an der Wiederholung hindern. 
Daher muß zu der auf psycho-analytischem Wege gewonnenen Selbst- 
erkenntnis hmzukommen, daß er in der Arbeit, in der Leistung eine 
neue, zweckmäßige Art der Lust kennen lernt. 

Der analytisch beratene Pädagoge wird daher bei solchen und 
ähnlichen Schülern ganz besonders darauf zu achten haben, daß jede 
geforderte Leistung erfüllt wird, imd daß die nicht erfüllte Leistung 
nicht den erwarteten Effekt hat, nicht die Phantasie des Schülers, 
der Stärkere zu sein, realisiert. 

Es ist gerade bei neurotischen Kindern nicht leicht durchzusetzen, 
daß die geforderte Leistung erfüllt wird. Sie haben ein ganzes System 
von Schleichwegen, auf denen sie sich an den Fordemden heran- 
pürschen, um ihn zu überwältigen. Man muß daher unerbittlich sein 
und kann oft Strafen und Strafarbeiten im alten pädagogischen Sinne 
nicht entbehren, mit denen man sie zwingt, durch die Leistung Freude 
am eigenen Können zu gewinnen. In dem angeführten Fall muß in dem 
jungen Menschen die neue Lust erwachen, sich nicht mehr auf die eigene, 
sondern auf zweckmäßige Weise, in Unterordnung unter die an ihn 
gestellte Forderung, Geltung zu verschaffen. Denn das ist ja, was jeder 
will: Geltung, Macht! Er fängt es nur so töricht an, weil ihm der 
natürliche Weg irgendwie verbaut worden ist. 

Es m\iß also eine Wiedererziehung eintreten, durch die der neuro- 
tische Schüler gezwungen wird, den ursprünglichen, aber verlassenen 



460 Otto Mensendieok. 

Entwicklimgsweg wieder aufzunelimen. Sonst kommt er nicht dazu 
und bleibt trotz Analyse in der alten Gewohnheit stecken. Wir dürfen 
auch voraussetzen, daß die Psyche im Grunde bereit ist, darauf ein- 
zugehen, und daß jeder in Unordnung geratene Mensch im Grunde 
dankbar ist für sobhen Zwang. Die Erfahrung lehrt, daß wohl jeder 
sich nach Ordnimg vind Gehorsam sehnt. Die Annahme des (Gegenteils 
wäre auch schon an sich eine Absurdität, da der Mensch seit vielen 
Generationen erlebt hat, daß er sich nur durch Anpassung an seine 
Umgebung, d. h. an die Sitten und die Moral seines Landes halten 
kann. Unterordnung unter die Ordnung seiner Umgebung bedeutet 
also Herstellung derjenigen Ordnung seiner Triebe, durch die er erst 
wirklich lebens- und entwicklungsfähig wird. 

Wenn diese Unterordnung in Haus und Schule bisher nicht 
möglich war oder ständig Schwierigkeiten bereitete, so muß es daran 
liegen, daß sie ihm frühzeitig verleidet worden ist. Man verlangt eben 
oft von dem Kinde Unterordnung unter eine Ordnung, die keine ist, 
sondern launenhafter Wille, der verbietet, wo nichts zu verbieten ist, 
wodurch die natürliche Bewegungsfreiheit gehemmt wird, und der 
gestattet, was nicht zu gestatten ist, wodurch schädliche Elemente 
in den physischen und psychischen Organismus aufgenommen werden. 
Gegen beides muß sich der Instinkt durch Selbstbehauptung und Ver- 
teidigung wehren. Kinder wissen oft besser als der Erwachsene, was 
sie brauchen. Ihre sogenannten Dummheiten sind meist, wie ihr Spiel, 
eine Vorbereitung für den Kampf des Lebens. Durch schroffes und 
unvorsichtiges Eingreifen wird der ihrem Wesen vorgeschriebene 
Bildungs- und Entwicklungsgang gestört. 

Damit ist nicht gesagt, daß man ihnen in allem nachgeben soll. 
Nur daß man vorsichtig und sparsam mit Korrekturen sein muß, aber 
unerbittlich, da wo es nötig ist. Im übrigen empfindet das Kind den 
ungeordneten Willen der Erwachsenen nicht nur im unnötigen Ver- 
bieten, sondern auch im unangebrachten Gestatten, d. h. wenn man 
seinen unzweckmäßigen Neigungen aus Laune, Bequemlichkeit usw. 
nachgibt. 

Denn Kinder tun natürlich vorzugsweise das, was ihren Sinnen 
angenehm ist, solange sie nicht fühlen, daß ein Unterschied besteht 
zwischen sinnlichen und geistigen Bedürfnissen. ,, Tiere werden durch 
ihre Organe unterrichtet," sagt Goethe, aber der Mensch hat noch 
andere Organe der Lebenserweiterung erworben als die rein sinn- 
lichen. Er ist auch und vor allem ein geistiges Organon mit geistigen 



Unterriclit u. Erziehung während d. psycho-analyt. Behandlung. 461 

Organen, die sich entwickelt haben in Umwandlung und Überwindung 
der sinnlichen Triebe der sinnlichen Organe, und kann daher nur mit 
geistigen Organen eine seiner Selbstschätzung entsprechende Stellung 
einnehmen, d. h. was sinnlich angenehm ist, kann keine wirkliche 
Befriedigung geben, sondern nur das, was der Bewegung des geistigen 
Lebens entspricht. Das Angenehme, niir weil es angenehm ist, ge- 
statten, bringt in der Entwicklung zurück und kann daher von der 
Innern Vernunft des Kindes nicht für recht gehalten werden. 

So empfindet es im Bösen wie im Guten die vorhandene Laune, 
vermißt die Ordnung seiner Triebe, durch die es ziun Kampf des Lebens 
zweckmäßig vorbereitet wird, und kann nur gewaltsam zur Unter- 
ordnung gezwungen werden. Dadurch entsteht einerseits die Furcht 
vor dem Gebietenden, d, h. in der Übertragung des späteren Lebens: 
die Furcht vor den Forderungen des Lebens überhaupt, und ander- 
seits die Zwangslage, um die Erhaltung der eigenen Individualität 
kämpfen zu müssen. Das Kind sucht sich dann auf seine Manier durch- 
zusetzen, und das muß eine sehr unglückselige sein: eine Mischung 
aus ererbten Eigenschaften, den Erwachsenen nachgeahmten Arten 
und Unarten des Benehmens und auf sich selbst angewiesener kind- 
licher Unerfahrenheit. So entsteht sein Modus vivendi, seine neu- 
rotische Eeaktionsformel, die mit der Liebe zu Eltern und Ge- 
schwistern usw. mehr oder weniger gut harmoniert oder dishar- 
moniert, aus der Furcht vor den Forderungen des Lebens und 
dem aggressiv und defensiv durchgeführten Kampf um die eigene 
Existenz. 

Für solch unzweckmäßige und verzerrte Art, sich mit seinem 
Wesen zu erhalten, gebe ich das Beispiel eines etwa U jährigen, sehr 
gutartigen Knaben, der nach landläufigem Urteil unter günstigen 
Verhältnissen aufwächst. Der Vater ist klug, energisch und erfolg- 
reich in seinem Beruf, die Mutter weich und liebevoll. Beide sind hoch- 
begabt und haben vielseitige Interessen. Die große Tüchtigkeit des 
Vaters ist zwar wie so oft mit starker Selbsteinschätzung verbunden 
und gelegentlich mit Rücksichtslosigkeit, man muß hinzufügen, nur 
wo er sich überlegen weiß. Auch ist das Selbstvertrauen wohl nicht 
so fest gegründet, wie es nach außen scheint, denn offenbar wird durch 
geschickte Mache und sogenannten Bluff eine innere Unsicherheit 
verdeckt. Die Frau ist ihrem Mann ganz und gar ergeben und ordnet 
sich seiner Intelligenz und Entschlossenheit unbedingt unter, aber 

eine gewisse Ängstlichkeit der Augen verrät, daß ein Teil ihres Wesens 

3 



462 Otto Mensendieck. 

sich zuweilen gegen ihn auflehnen möchte, wenn sie es nur wagte. 
Zwischen diesen Eltern wächst der Sohn auf. Nach Meinung des Vaters 
soll er natürlich der Erbe seiner Tüchtigkeit werden und dazu will 
er ihn erziehen. Darum werden frühzeitig Anforderungen an ihn gestellt, 
denen kaum ein Junge gewachsen wäre, imd dieser vor allem nicht, 
da er körperlich und geistig zwar gut, aber nicht über den Durchschnitt 
veranlagt ist. Da der Junge, wie jeder Junge, dem väterlichen Vorbild 
ähnlich sein möchte, kommt er von seiner Seite den Hoffnungen des 
Vaters nach Kräften, d. h. über die Kraft entgegen. Er versucht den 
Starken darzustellen mit denselben Eigenschaften und Mitteln, die 
er den Vater verwenden sieht. Der Versuch fällt natürlich kläglich 
aus. Er kaim eben das noch nicht, was der Vater kann. Die ständigen 
Mißerfolge machen ihn mutlos und ängstlich. Statt den Jungen ruhig 
auf seinen Fehler aufmerksam zu machen und ihn so allmählich zu 
seiner eigenen Individualität zu erziehen, sieht der Vater nur die Dumm- 
heit, über die er sich ärgert aus dem Grefühl eigener Minderwertigkeit 
heraus, und über die er schilt. Folge: verdoppelte Bemühungendes 
Knaben, mit den vom Vater übernommenen Mitteln dem Vorbild 
des Vaters ähnlich zu sein, d. h, also ähnlich zu scheinen. Die Mutter 
bestärkt ihn darin, denn sie ist ja scheinbar ganz einig mit dem Mann. 
So bekonmit er auch bei ihr keine Gelegenheit, die ihm natürlichen 
eigenen Anlagen ruhig zu entwickeln. 

Wir sind nicht erstaunt, daß dieser KJnabe in der Schule mehr 
und mehr versagt, obgleich er nicht unbegabt und sehr fleißig ist. Denn 
er reagiert in der Schule wie zu Hause, d. h. er arbeitet nicht, weil es 
seine Pflicht ist, weil er durch Kenntnisse klug werden und durch 
Vermehrung seines Könnens größere Macht und Lust fürs Leben ge- 
winnen möchte, sondern sein ganzes Bestreben ist nur darauf gerichtet, 
mit den dem Vater abgesehenen Eigenschaften einen guten Eindruck, 
nämlich den Eindruck des Klugen, Energischen, Tüchtigen usw. zu 
erwecken, und fürchtet dabei ständig, daß es ihm doch nicht gelingen 
werde. Er verwendet seine Kräfte natürlich mit demselben Mißerfolg 
wie zu Hause; je mehr er sich auf seine unzweckmäßige Art bemüht, 
desto unzufriedener wird man mit ihm. So verliert er allmählich allen 
Mut. Es kommen Klagen über Klagen, schlechte Zeugnisse, nicht 
in die höhere Klasse versetzt werden, kurz die ganze, altbekannte 
Schulmisere. Eltern und Lehrer aber stehen vor einem Rätsel. Es 
wäre gelöst, wenn man seine Reaktionsformel kennen würde, daß 
der Knabe nämlich seine Fähigkeiten nur zu einem Nachahmungs- 



Unterricht u. Erziehung während d. psycho-analyt. Behandlung. 463 

spiel verwendet, und daß ursprüngliche Anlagen nicht zur Geltung 
kommen, weil der Knabe gescholten und gestraft, aber nicht 
zum zweckmäßigen Gebrauch derselben erzogen wurde, daher die 
Lebensforderung fürchtet, innerlich überzeugt ist, daiä er sie nicht 
erfüllen kann. 

Wie die Reaktionsformeln im einzelnen Fall entstanden und be- 
schaffen sind, muß die Analyse ergeben. Aufgabe des erziehenden 
Unterrichtes aber ist es, die Furcht vor den Forderungen schwinden 
und die vertrauensvolle Ein- und Unterordnung an die Stelle der eigen- 
sinnigen und imzweckmäßigen Lebenserhaltung treten zu lassen. Das 
geschieht, wie wir sahen, durch den neuen Weg der Energieverwertung, 
den der Schüler in Leistung, d. h. in Pflichterfüllung und Gehorsam 
einzuschlagen lernen muß. 

Zweitens gehört dazu notwendigerweise die Selbsterkenntnis 
des Pädagogen. Sonst treibt er das Kind durch das eigene Verhalten 
immer wieder in die alte Eeaktionsform hinein. Denn Komplexe suchen 
sich gegenseitig. 

Hier liegt eine der größten Schwierigkeiten nicht nur des Unter- 
richts bei Analysanden, sondern des Unterrichts überhaupt. Denn 
der Lehrer glaubt natürlich, in bester Absicht immer nur den Interessen 
des Schülers zu dienen und nur ihr Wohl und ihre Förderung im Auge 
zu haben. Die neurotischen Kinder aber haben ein besonders feines 
Gefühl für die Komplexe ihrer Lehrer, denn sie sind ja zeitlebens auf 
der Suche gewesen nach dem Menschen, der ihrem Leben Richtung 
geben würde, auf den sie einmal voll und ganz ihr Ideal, ihr unbewußtes 
Richtungsziel übertragen könnten. Sie fühlen daher schnell, ob der 
Lehrer ihren oder den eigenen Interessen, d. h. Wünschen und Nei- 
gungen, dient. Und da der Lehrer nicht vollkommener ist als andere 
Menschen, wird er bei dem besten Willen doch in Täusehmig über seine 
innersten Motive seinen Beruf ausüben und nicht wissen, wieviel Egois- 
mus in seiner Pädagogik ihre Befriedigung findet. Denn der innerste 
Trieb, die egoistisch sinnliche Befriedigung, hat im Denken eine den 
ethischen Forderungen der Zeit entsprechende Form angenommen. 
Der innerste Trieb, geliebt zu werden, bekommt vor dem ethischen 
Denken des Pädagogen die Form: man muß freundlich auf die Indi- 
vidualität der Kinder eingehen und ihnen Liebe geben. Der innerste 
Trieb, zu herrschen und einen anderen beiseite zu schieben, bekommt 
die vor dem bewußten Denken erlaubte, ja geforderte Form; man 
muß auf Gehorsam und Ordnung sehen. Im Grunde aber wird in 



464 Otto Mensendieck. 

beiden Fällen danach gestrebt, eine dem eigenen Gefühl ent- 
sprechende und erwünschte Situation herzustellen, und die vor- 
liegende Aufgabe wird nicht erfüllt. Der Schüler aber steht, wie bei 
Vater und Mutter oder den früheren Lehrern wieder vor der Frage: 
ob es ihm gelingen wird, seine Sucht nach Liebe oder nach Macht 
zu befriedigen. 

Es möge genügen, kurz auf diesen äußerst wichtigen Punkt hin- 
gewiesen zu haben, um zu zeigen, wie wichtig für den Lehrer die 
analytische Selbsterkenntnis ist, weil ohne dieselbe durch die eigenen 
Komplexe die des Schülers immer wieder geweckt werden. Gewiß 
werden sie dadurch auch recht deutlich erkennbar, aber ihre ständige 
Wiederbelebimg stellt den analysierenden Arzt vor eine unmögliche 
Aufgabe. 

I jV analytisch geleitete Unterricht muß daher danach streben, 
möglichst objektiv sine ira et studio die Forderungen des Lebens zu 
repräsentieren. 

Das ist eine sehr schwierige Aufgabe für den Pädagogen, die 
aber dadurch in etwas erleichtert wird, daß er durch die Kenntnis der 
Analyse seiner Zöglinge ein wissenschaftliches, objektives Interesse 
an den Komplexäußerungen derselben gewinnt. Faulheit, Ungehorsam, 
Dummheit usw. wirken nicht mehr als .Angriffe und persönliche Be- 
leidigungen oder gar Racheakte einer gemeinen Seele. Sie lassen fragen, 
warum ein Organismus sich so unzweckmäßig benimmt, was er damit 
sagen will, welche Wünsche sich in dieser verzerrten Form manifestieren, 
welche Reaktionsformel sich dahinter verbirgt. Die falschen iind 
dummen Antworten der Schüler werden dann zu Symptomhandlungen, 
wie die Versprechen des Alltags. 

Es hat eine sehr befreiende Wirkung für den Lehrer, wenn er 
hinter der Dummheit den Komplex an der Arbeit sieht, selbst wenn 
er nicht immer Zeit hat, seine psycho-analytische Forschungslust 
sofort zu sättigen, sondern im Interesse des Untefrichts einfach darüber 
hinweggehen muß und sich nur innerlich eine Notiz zur Mitteilung 
an den Analytiker machen kann. Z. B. ein Schüler soll im Französischen 
übersetzen : er hat mir gegeben. Er sagt : il me donne ; auf Aufforderung 
zur Aufmerksamkeit wiederholt er das gleiche in einem Ton, der 
sagen soll: Ja, das ist doch ganz recht. Der Lehrer fragt jetzt: Er hat 
gegeben? Antwort: il a donne. Mir? Antwort: me. Wohin das me? 
Antwort: vor das Hilfsverb. Also? Antwort: ja, il m'a donne kann man 
doch nicht sagen, ma ist doch weiblich! Bei ihm ist nämlich alle 



Unteriicht u. Erziehung während d. psycho-analyt. Behandlung. 465 

Sexualität sehr stark verdrängt. Daher bei dem gleichen Schüler: 
Das feminin von fratemel, brüderlich, kann man doch nicht bilden. 
Warum nicht? Dann heißt es doch schwesterlich! Oder: AVie heißt: 
ich liebe? Antwort: j'aime. Ich liebte? Antwort: Jamals! Dieser Schüler 
schreibt einen ausgezeichneten Aufsatz und ist ein geradezu leidenschaft- 
licher Rechner, aber in den Sprachen machte er erst einen geradezu 
blödsinnigen Eindruck, und Weltgeschichte konnte er absolut nicht 
behalten. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die nicht zu analysierenden 
Schulfächer mit den Verdrängungen in Verbindung stehen. Wir haben 
darüber aber noch keine Erfahrung. Auffällig ist hier nur, daß der 
Vater auch aus Rechnen einen Sport macht, und daß die Mutter Aus- 
länderin ist. Also im Rechnen sehen wir eventuell Identifikation mit 
dem Vater und in den Sprachen Verdrängung der au£ die ausländische 
Mutter gerichteten Libido. 

Ein anderer Schüler übersetzt den englischen Fragesatz: have 
yougotcows? mit: Sie haben Kühe. Bei der Wiederholung in der nächsten 
Stunde in der gleichen Weise und kann die Umschreibung der eng- 
lischen Frage mit to do absolut nicht behalten. Es stellt sich heraus, 
daß er trotz seiner 18 Jahre Befehls- und Fragesätze nicht unter- 
scheiden konnte, denn, wie er bei näherer Untersuchung ganz 
erregt herausbringt, heißt: haben Sie Kühe? ebensoviel wie: 
ich befehle Ihnen, mir zu sagen, ob Sie Kühe haben. Er hat einen 
außergewöhnlich starken negativen Vaterkomplex, und sein Vater ist 
Militär. 

Bei dem gleichen zeigte sich die starke Mutterbindung und ein 
daraus entstandener frühzeitiger Sexualverkehr, den er lange Zeit 
auch dem Analytiker verheimlichte, in der vollständigen Unfähigkeit, 
Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zu unterscheiden. Nach 
Lösung dieser Schwierigkeit war auch die bisherige Unmöglichkeit, 
die Konjugationen zu lernen, überwunden. Der theoretischen Lösur.; 
des Komplexes mußte aber noch eine lange, sehr mühsame pädagogische 
Arbeit der Wiedererziehung von selten des Analytikers und des Päda- 
gogen folgen, bis trotz der analytischen Durchleuchtung die Komplex- 
wirkung einigermaßen paralysiert war. 

So erkennt man an den praktischen Ergebnissen bei neurotischen 
Schülern deutUch erstens: daß Analyse von Wiedererziehimg begleitet 
sein muß, denn ohne dieselbe schwindet das neurotische Sjonptom 
der Lernunfähigkeit nicht, und zweitens : die Pädagogik des Erziehers 
besteht in der analytischen Selbsterziehung des Pädagogen. In dem 
? *- 



466 Otto Mensendieck. 

Kinde will etwas werden, was das ist, sieht man erst, wenn man sieht, 
was man selbst will. Sonst reagiert man mit den eigenen Komplexen 
auf die Komplexe des Schülers, d. h. aber der Schüler beherrscht die 
Situation. Es gelingt ihm, die Situation hervorzurufen, die er gewohnt 
ist. Das muß der Pädagoge sehen und daraus als Regel für sich ableiten, 
nicht zu reagieren! 

Damit Ehrfurcht und Gehorsam, nach Goethe die Ziele jeder 
Erziehung, im Schüler entstehen, erziehe der Pädagoge das Kind zur 
Ordnung und erziehe er sich selbst, in der Überzeugung, daß jeder 
Schritt, den er selbst vorwärts tut, dem Schüler zugute kommt. 



Die Psychoanalyse eines Aiitoerotikers. 

Von Dr. J. Sadger, Nervenarzt in Wien. 



Einleitung und Anamnese. 

Im März 1911 suchte mich ein damals 27iähriger Mann wegen 
einer besonderen Art von Fetischismus auf. Dieser bezog sich vornehmlich 
auf Manchester, einen samtartigen, gerippten Baumwollstoff. ,, Schon 
im Gymnasium", beginnt der Kranke seine Erzählung, ,, hatte ich 
Mitschüler, die in Manchester gekleidet waren. Weil aber dieser 
Stoft besonders billig und haltbar ist, galt sein Tragen den anderen 
als wenig vornehm. Das Gefühl, daß solche Schüler etwas Minderwertiges 
seien, hatte nun einen besonderen Reiz für mich, also ein ausgesprochen 
masochistischer Zug^). Außerdem hatte ich noch Vorliebe für Livreen, 
Touristenlodenstoffe und lederne Reithosen, in beschränkterem 



') k;li will hier gleich ein paar Bemerkungen vorausächicken über die n>(cli- 
t'olgenden Bruchstücke und Resultate der mit ihm durchgeführten Psychoanalyse. 
Mancher Leser wird finden, daß der Patient nach meiner Darstellung ni( ht 
nur ausnehmend gescheit ist, sondern auch durchaus im Jargon der Psychoanalyse 
spricht und sich die Theorie seiner Perversionen selber bildet. Das war nun keines- 
wegs der Fall. Es hat nur den Anschein, weil ich die mählige Entwicklung seiner 
Erkenntnisse nicht Schritt für Schritt hier ausführen konnte. Wollte ich m^einen 
ohnehin umfangreichen Bericht nicht ins Ungemessene anschwellen lassen, dann 
war ich genötigt, immer die letztgefundene Fassung anzugeben, die ihrerseits 
wieder ein Produkt so vieler Analysenstunden, Einfälle des Kranken und meiner 
kritischen Beleuchtung gewesen. Zu beachten ist ferner, daß dieser Kranke 
wegen seiner Perversionen schon zweimal vor mir bei berühmten Spezialärzten 
in jedesmal vielmonatiger Behandlung gestanden. Er kannte darum Begriff 
und Symptome des Fetischomasochismus, der Homosexualität und des Narzißmus 
schon lange vor der Psychoanalyse. Bei mir hat er da nur das Wörtchen ,, Haut- 
erotik" zugelernt. 



468 J. Sadger. 

Maße auch für Uniformen, wobei jedoch ein leichter Grad von Homo- 
sexualität mitspielt. Endlich regen mich noch andere Kleidungsstücke 
auf, z. B. das Tragen von Reitstiefeln und in geringerem Grade auch 
Arbeiterkleidung, welcher Art immer." 

„Noch früher als dieser Fetischismus begann jedoch mein Maso- 
chismus. So weiß ich, z. B., daß ich noch vor der Volksschide, in meinem 
sechsten Jahre, abends einen Riemen ins Bett nahm, mit dem ich 
mir die Beine zusammenschnürte. Zur nämlichen Zeit klemmte ich 
auch einmal einen Stein in den After und ging so herum, also wieder 
ein ausgsprochen masochistischer Zug. Im neunten Jahre las ich 
, Onkel Toms Hütte', wobei mich insbesondere die Mißhandlung 
der Sklaven sehr aufregte und zu meinen ersten masochistischen 
Phantasien veranlaßte. Mit 13 Jahren habe ich mich auch mit einem 
festen Stocke auf Oberschenkel und Gesäß geschlagen. Das Primäre 
war bei mir sicher der Masochismus, doch wurde der später durch den 
Fetischismus modifiziert." 

,,Ich zeige auch einzelne homosexuelle Züge. So habe ich beispiels- 
weise die Gewohnheit, Männer auf ihre Schönheit anzusehen imd sie 
zu prüfen, ob sie mir gefallen. Auch ist mir die Gesellschaft von Männern 
lieber als die von Frauen. Endlich hatte ich früher und ein wenig sogar 
noch heute, wenn ich neben einem Manne stand, bisweilen ein merk- 
würdiges Gefühl von dem Vorhandensein seiner Genitalien. Es ist, 
als würde ein Fluidum von ihnen ausströmen, sie eine eigene Anziehungs- 
kraft ausüben. Doch erregen sie keinen Wunsch, sondern haben nur 
etwas Irritierendes für mich, ,beängstigend' wäre zuviel gesagt." 

Überblicken wir den Fall, so scheint er eine merkwürdige 
Mischung von Fetischismus, Masochismus und Homosexualität. Noch 
seltsamer wird er durch die vielen autoerotischen Züge, die sein Maso- 
chismus und, wie wir bald hören werden, auch sein Fetischismus 
aufweist. So stellte er sich z. B. bei der Masturbation in den ersten 
Schuljahren regelmäßig die eigene Person im Manchesteranzug vor. 

Aus der zweiten Analysenstunde ergänze ich folgendes: ,, Meine 
Vorliebe erstreckt sich hauptsächlich auf Manchesterstoffe. Ich pflege 
auch die Schaufenster aufzusuchen, in welchen solche Kleider liegen, 
und suche im Adreßbuche nach Firmen und Geschäften, die solche 
Sachen verkaufen. Schon die Verkaufsankündigung regt mich auf. 
Eine Steigerung erfährt meine Erregung dadurch, daß die Sachen die 
Spuren des Getragenseins, der Abnutzung zeigen. Auch Schulknaben 
erregen mich, wenn sie einen Manchesteranzug tragen, ferner Jungen 



Die Psychoanalyse eines Autoeroiikers. 4D9 

in Lederliosen. Ebenso bezieht sich das Interesse für Arbeiterkleidung 
hauptsäcblicli auf Manchesterstoffe. Doch erfolgt die Erregung durch 
männliche Personen, auch wenn sie meinen Fetisch anhaben, nur bis 
ins Jünglingsalter oder höchstens bis zum 30. Jahre. Am meisten aber 
wirken doch Schüler auf mich von 10 bis 18 oder 19 Jahren, wenn sie 
Anzüge aus Manchester oder sonst einem minderwertigen Stoffe, wie 
z. B. Englisch-Leder, tragen." 

Die durchsichtig autoerotische Beziehung der letztgenannten 
Erregung trifft größtenteils auch für seinen Masochismus zu: ,,In 
meinem zehnten Jahre las ich ein Buch, wo viel von Prügelknaben 
die Rede war. In der Phantasie versetzte ich mich dann in die Rolle 
eines solchen, was mich stark aufregte. Ganz das nämliche geschah, 
wenn Kollegen in der Schule gezüchtigt wurden. Auch da mußte ich 
mich an ihre Stelle gedacht und Lust dabei empfunden haben. Denn 
später rekapitulierte ich jene Szenen in der Phantasie, wenn ich 
masturbierte. Noch früher spielten Sklavenmißhandlungen eine große 
Rolle. Ich dachte mich z. B. beim Onanieren als Plantagenarbeiter, 
der nackend gezüchtigt wird, was wohl aus , Onkel Toms Hütte' stammt." 

Über seine Familienverhältnisse gab er folgenden Bescheid: 
,,Wir waren drei Geschwister, immer je zwei Jahre auseinander. Die 
älteste, eine Schwester, starb, als ich zwei Jahre elf Monate zählte, 
während mein älterer Bruder lebt. Solange ich zurückdenken kann, 
hänge ich besonders an der Mutter, obwohl ich der Lieblingssohn 
des Vaters bin. Mutter hängt wieder mehr an meinem Bruder, mit 
dem ich seit jeher nicht besonders stehe. Der Eltern Verhältnis zu- 
einander ist sehr schwankend und nicht immer glücklich. Mutter ist 
leidenschaftlich und exaltiert und ich erinnere mich seit der frühesten 
Kindheit an häusliche Szenen, die nur in ihrem aufgeregten Wesen 
begründet sind, öfters verließ sie in der Erregung auch das Haus, doch 
immer nur für ganz kurze Zeit, etwa eine Stunde. Als Kinder waren 
wir oft in großer Angst, sie würde nicht wiederkehren. Mutter beklagte 
sich auch häufig, daß Vater sie nicht mehr liebe, natürUch mit Unrecht. 
Vor zwölf Jahren prägte sich nach einer Influenza die Nervosität bei 
ihr stark aus. Das geschah in meinem 16. Jahre, als der Bruder und ich 
gleichzeitig fortkamen, ich, um eine neue Schule zu besuchen. Ich ver- 
mute, daß der erstere Umstand zum Ausbruche ihrer Nervosität beitrug, 
denn sie machte sich über Befinden tmd Lage meines Bruders sehr viel 
Gedanken, während bei mir das Gegenteil der Fall war. Erzählte sie 
doch später, ich wäre das einzige Kind gewesen, das sie nicht selbst 



470 J. Sadger. 

gestillt hätte, was ich als eine Zurücksetzung empfand, und fügte noch 
hinzu: ,Mit dir haben wir überhaupt nicht viel Umstände gemacht.' 
Als ich damals, mit 16 Jahren, in den Ferien wiederkam, wartete 
Mutter nicht an der Bahn. Ob dies Zufall war, weiß ich nicht, wohl aber, 
daß ich mich über diesen Mangel mütterlicher Liebe sehr kränkte und 
heftig weinte." 

Wir blicken hier in ein eigentümliches Familienleben hinein, 
in welchem die Hysterie der Mutter dem Manne wie den Kindern das 
Dasein sauer machte. Wie alle Hysterischen konnte auch sie nicht genug 
Liebe bekommen, was zu argen häuslichen Szenen führte. Im Gegensatze 
zu dieser übergroßen Liebe für den Gatten und ihren ältesten Sohn 
setzte sie dagegen den jüngsten ungebührlich zurück, trotzdem dieser 
stets mit besonderer Zärtlichkeit an ihr hing, ja sich seit der Kindheit 
in ungestillter Liebe zu ihr verzehrte. 

Wenn Patient erklärt, jene Zärtlichkeit bestünde, soweit er 
zurückzudenken vermöge, so ist die Einschränkung nur zu sehr berechtigt. 
Denn bald muß er zugeben, daß er in den allerersten Lebensjahren 
weit minder an seiner Mutter hing als an deren Mutter, also seiner 
Großmutter, die mit ihnen in gemeinsamem Haushalte lebte. ,,Ich soll 
sie der Mutter stets vorgezogen haben, doch starb sie; als ich 2^/4 Jahre 
zählte und besitze ich keine Erinnerung mehr an sie. Was ich weiß, 
stammt nur aus Familienüberlieferung. So soll mich Mutter einmal 
gefragt haben: , Wessen Liebling bist du?', worauf ich gehorsam 
erwiderte: ,Dein Liebling!' Dann aber lief ich zur Großmutter, dieser 
ins Ohr flüsternd: ,Nein, ich bin dein Liebling ganz allein!' Auch 
ihrem Leichenbegängnis habe ich beigewohnt." 

In die erste Kindheit fällt noch ein weiteres bedeutsames Er- 
eignis. ,, Wenige Tage nach dem Tode der Großmutter legte ich mich 
mit schwerer Diphtheritis nieder, worauf Bruder und Schwester bei 
einer befreundeten Familie untergebracht wurden. Ersterer kehrte 
nach 14 Tagen, schon krank, zurück, kam aber mit dem Leben davon. 
Hingegen erkrankte meine Schwester, die man erst dann zurückholte, 
als schon desinfiziert worden und alles erloschen schien, trotzdem 
an der Seuche und starb, ehe ich noch das dritte Lebensjahr vollendet 
hatte." Der arme Junge verlor also damals binnen drei Monaten sowohl 
die Großmutter als die gleichfalls zärtlich geliebte Schwester. 

Über die Gründe, die ihn in psychoanalytische Behandlung trieben, 
macht er endlich folgende Angabe: ,,Mit 24 Jahren (1908) litt ich infolge 
meiner Onanie an gehäuften Pollutionen, war müde und nervös und 



Die Psychoanalyse eines Autoerotikers. 471 

häufig selir zerstreut, was aucli memem Vater auffiel. Der Nervenarzt, 
zu dem ich ging, verordnete mir zuerst nur Brom. Doch als ich ihm 
später meine Perversion gestand, erklärte er strikt, ich müsse in die 
Großstadt und Anschluß an Mädchen suchen. Obwohl ich nun in Leipzig, 
wollin ich zunäclist ging, der Masturbation entsagen konnte — den 
größten Hang zu onanieren verspüre ich zu Hause — , blieb meine Per- 
version doch ganz unverändert, so daß ich in den folgenden zwei Jahren 
in München und Berlin, und zwar monatelang, verschiedene spezialärzt- 
liche Behandlungen durchmachte. Da alles nichts fruchtete, fuhr ich 
nach Wien, um eine psychoanalytische Kur zu beginnen." Ehe ich nun- 
mehr auf seine Perversion eingehe, scheint es mir vorteilhaft, seine 

infantile Erotik 

zu beleuchten. Im Gegensatze zur späteren geringen genitalen Be- 
dürftigkeit zeigte er in der Kindheit recht lebhaften Geschlechtstrieb. 
,,Ich hatte häufig Erektionen, schon im schulpflichtigen Alter, die 
erste, an die ich mich ganz sicher erinnere, schon mit drei, vier Jahren. 
Sie kam ganz von selbst, ohne jeden Grund, als ich bei einem Schranke 
stand, der unsere Spielsachen enthielt. Mama war auch im Zimmer. 
Phantasien waren bestimmt nicht dabei, ich erinnere sogar ein gewisses 
Erstaunen über die Erektion, so daß sie also sicher ganz unmotiviert 
erfolgte. Meine frühen Erektionen trieben mich aber auch zu Mani- 
pulationen mit meinen Hosen, und zwar bereits mit fünf bis sechs 
Jahren." Von diesen Manipulationen werde ich später ausführlich reden. 

Eine seiner allerersten Erinnerungen aus dem dritten oder vierten 
Lebensjahre betrifft eine gleichaltrige Spielgefährtin, mit der er auf 
dem Klosett irgend etwas machte, \Yas, weiß er nicht mehr, doch vermutet 
er, beim Vater- und Mutterspiel eine Irrigation an ihr versucht zu 
haben. , .Hinterdrein hatten wir beide das Gefühl, etwas Unerlaubtes 
getan za haben, und schämten uns sehr. Ob ich damals nicht dachte. 
sie würde vom Klystieren ehi Kind bekommen. Ich wußte aus ureigenster 
Erfahrung, daß das Klystiertwerden nichts Angenehmes ist. Auch v.ercie 
ich das Ächzen und Stöhnen der Mutter beim Geschlechtsvorkehr 
davon abgeleitet haben, daß der Vater ihr ein Klystier versetzte." 
Wie man sieht, eine neire Theorie des Koitus und des Kinderkriegens, 
die aus der Analerotik geholt ist. 

Die Analyse ergab, daß sämtliche Komponenten seiner infantilen 
Sexualität, wie Anal- und Urethralerotik, Schau- und Exhibitionslust. 
Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik, bei unserem Kranken ausnehmend 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen, V. 31 



472 J. Sadger. 

stark waren. Von seiner selir mäclitigen Analerotik war einiges schon 
frülier bericlitet. So, daß er einen Stein in den After klemmte und mit 
ihm herumging, femer, daß der Reiz einer Manchesterhose sich noch 
wesentlich durch ihre Abnutzung erhöhte, und zwar ausschließüch 
am Hosenboden, also am Gesäß. Nur noch einzelne Züge zur Ergänzung. 
Er erinnert sich bestimmt — auch die Mutter bestätigte dies brieflich — 
über dem Spiel oft den Stuhlgang vergessen zu haben, was häufig zu 
argen Konsequenzen führte. In der Schule litt er bei Klassenarbeiten 
regelmäßig an nervöser Diarrhöe, etwas später an der Vorstellung, sich 
bemacht zu haben, was sich hinterdrein stets als unbegründet heraus- 
stellte. Zwischen 12 und 14 Jahren quälte ihn ein Pruritus ani, ebenso wie 
übrigens auch Mutter und Bruder. ,, Endlich verbrauchte ich seit jeher 
immer weit mehr Klosettpapier als andere, offenbar weil der Reiz, 
den mir das Abwischen verursachte, besonders lustvoll war." 

Wie von seiner Anal-, will ich auch von seiner sehr lebhaften 
Urethralerotik nur Stichproben bringen. Bis in eine recht späte Zeit hin- 
ein ,, pinkelte" er noch ins Bett, 'so daß die Eltern ihm mit dem Hinbinden 
eines Schwammes drohten. Als Kind betrieb er oft Retentio urinae 
und litt schon in der Volksschule an Dysuria psychica. ,,Nach dem 
Urittieren packte mich ein konvulsivisches Schütteln, ein Schauer, 
der durch den ganzen Körper ging. Das gehört übrigens schon zu meinen 
ersten Erinnerungen." Weitere urethral-ero tische Äußerungen sind die 
schon oben berührten frühen Erektionen, ein sehr lebhaftes Interesse 
für Feuer- imd Heizanlagen schon in der Kindheit, endlich in den drei 
ersten Volksschulklassen ein brennender Ehrgeiz, der freilich später 
erheblich zurückging. 

Von besonderer Bedeutung für seinen Fetischo-Masochismus 
wurde seine Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik. Eine Disposition 
ward ihm sicher vererbt, indem der Vater eine sehr weiße, glatte, fast 
gar nicht behaarte Haut besitzt, während wieder die Mutter infolge 
ihrer eigenen Hauterotik von jeher besondere Vorliebe hatte, ihre 
Kinder zu kitzeln oder morgens an ihr Bett zukommen und mit den Fingern 
überall herumzustechen. Damit und natürlich noch mehr mit der 
eigenen Hauterotik hängt eine exzessive Wanzenfurcht unseres Kranken 
zusammen. Obwohl er nur in völlig insektenfreien Zimmern haust, 
wacht er doch allnächtlich ein paarmal mit dem Gefühle intensiven 
Juckens auf, das ihn nachzusehen zwingt, ob keine Wanzen da seien. 
,,Ich suche auch jeden Morgen nach Spuren im Gesichte und anderswo, 
ohne natürlich je etwas zu finden. Jeden Abend packt mich eine Angst, 



Die Psychoanalyse eines Autoerotikers. 4:7d 

die in gar keinem Verhältnisse zui Veranlassung steht, und ich sehne 
schon immer den Morgen herbei, damit ich über diese Geschichte hinweg- 
komme." 

„Ich habe einen merkwürdig empfindlichen Tastsinn, weshalb 
ich nicht gern rauhe Stoffe anfasse. Nun ist Manchester ein Samtstoff, 
der sich nach meinen Begriffen gut anfaßt. Jetzt kommt mir der Einfall, 
daß auf meinem Kinderwagen eine Samtdecke gelegen hat^), so daß 
ich infolge meines verfeinerten Tastsinns zunächst Samt als etwas 
Angenehmes kennen lernte. Als ich mit zwanzig Jahren als Freiwilliger 
diente, merkte ich emes Morgens beim Anziehen der Militärhose, daß 
sie sich sehr glatt anfasse. Während ich sonst in diesem Jahr sehr wenig 
onanierte, veranlaßte mich die Glätte dieser Hose zur Masturbation." 
Ich will hier gleich einfügen, daß auch da eine psychische Beziehung 
besteht zur Glätte seines Gesäßes luid seiner Oberschenkel, die in seiner 
ersten Kindheit die Bewunderung der Pflegepersonen erregte. 

,,Zvir Empfindlichkeit meiner Haut kann ich nachtragen, daß 
ich mich immer scheue, wollene Hemden anzulegen und ausschließlich 
leinene 'am Körper dulde, weil die anderen mich jucken und scheuern." 
Nicht selten plagt ihn ein Pruritus cutaneus mit wechselnder Lokalisation 
an Armen und Beinen. Besonders ,, nervös" ist er in den Fingerspitzen, 
eine Eigenschaft, die er mit seinem Bruder teilt. Manchmal hat er ein 
so trockenes Gefühl in denselben, daß er sie befeuchten muß, manchmal 
wieder ein unbehagliches, zumal wenn er sich die Hände gewaschen, 
so daß er hernach gern eine Hautcreme daran tut. Beide Gefühle steigern 
sich ausnehmend, wenn er nervös gereizt ist. 

Nach der negativen Seite der Hauterotik ein paar positive: ,,Seit 
der 1. VolksschuMasse machte es mir ausgesprochene Lustgefühle, 
wenn Vater mir auf mein Verlangen am ganzen Kücken herauf und 
herunter kratzte. Ich konnte gar nicht genug davon kriegen. Ferner 
übt die frische Luft stets eine beruhigende Wirkung auf meine Haut. 
Leide ich z. B. an Schmerzen und Müdigkeitsgefühlen in den Beinen, 
so wirkt es außerordentlich lindernd und erfrischend, wenn ich die 
Beine aus der Decke herausstrecke und sie der frischen Luft aussetze, 
was übrigens auch meine Mutter tut. Nun ein Zug von masochistischer 
Färbung. In meinem 13. Jahre trug ich einen King ums Handgelenk, 
den ich irgendwoher hatte, und beklebte mir die obere Handfläche 
mit Markenpapier. Wenn es fest klebte, spannte es so angenehm. In 



1) Wird von der darüber interpellierten Mutter aus ihrer Erinnerung bestätigt. 

31* 



4:74 j. Sadger. 

meinem 22. Jahre kaufte icli mir eine Elektrisiermaschine, legte die 
Elektroden an verschiedene Körperstellen, z. B. Achselhöhlen und 
Bauch, luid ließ den Strom wirken, um mich von ihm sexuell erregen 
zu lassen." Eines Tages überraschte er mich mit folgendem Bericht: 
,, Heute kam mir eine direkt sexuelle Erinnerung, daß ich mich vor- 
sätzlich nackt an meinen Bruder andrückte, wenn wir im Bett lagen, 
und als wenn der Bruder dies abgewehrt hätte." 

Nun noch einige Beiträge von Seiten der Schleimhaut- und Muskel- 
erotik. Zu seiner Lust am Schreien und Weinen schrieb ihm die Mutter: 
,, Geheult und geschrien hast du als Kind viel und kein Zureden konnte 
dich zum aufhören bringen. Wenn du es dann satt hattest, sagtest 
du : , Ab !', nahmst Kittel oder Schürze, um die Tränen zu trocknen, und 
warst fertig mit dem Weinen." Von seiner Muskelerotik erzählt Patient 
selber: ,,Ich habe häufig den instinktiven Drang, mich körperlich 
etwas auszuarbeiten. Das treibt mich täglich zu stundenlangen Spazier- 
gängen. Es fehlt mir etwas, wenn ich das nicht tue. Dabei fuchtle ich 
mit dem Stock gewaltig in der Luft herum. Auch wenn ich andere 
Lsute irgend eine körperliche Arbeit verrichten sehe, z. B. Umgraben 
eines Stück Landes, oder auch irgend einen Sport treiben, so genügt 
dies, um mir Lustgefühle zu erzeugen. Etwas Vererbung scheint da 
auch mit im Spiele. Meine Mutter hat die Gewohnheit, alles, was sie 
tut, sehr heftig zu tun, sie greift fest zu, ebenso wie meine Großmutter 
es machte, und das haben beide sicher auch bei der Reinigung der Kinder 
getan." — ,,Also gewissermaßen Ihren Hmtern gescheuert?" — ,,Ja, 
Mutter macht das alles nicht behutsam, ist überhaupt sehr heftig in 
ihren Bewegungen." Endlich noch ein Zug mit einer stark narzißtischen 
Note. „Vom 15. Jahre bis etwa zum 22., 23. hatte ich eine mächtige 
Tanzlust, die auch jetzt noch nicht ganz geschwunden ist. Doch nicht 
etwa mit Mädchen, sondern ich tanzte allein vor dem großen Trumeau- 
spiegel, wozu ich selbsterfundene Melodien pfiff. Ich stellte mir auch 
vor, ich wäre ein Ballettmeister." — ,,Das wird wohl ein kindliches 
Tanzen wiederholen, sei es auch da allein oder unter bewundernder 
Führung geliebter Erwachsener." — ,,V/ohl möglich." 

Eine große Bedeutung für den Fetischismus hatte seine Schau- 
und Entblößungslust. Aus einem exhibitionistischen Traum zieht er 
selber den Schluß, daß er mit den Nates, zumal wenn sie nach ,, etwas 
Menschlichem" frisch gewaschen und gesäubert worden, sich vor Groß- 
mutter, Mutter und Kinderfräulein produziert haben müsse; daß er also 
etwa sein Kleidchen gehoben: „Jetzt ist alles sauber!" Das Waschen 



Die Psychoanalyse eines Autoerotik ers. 475 

und Reinigen seines Hintern habe ihm sicher Vergnügen gemacht, 
was bei seiner mächtigen Anal- und Gesäßerotik ja kaum wunder- 
nehmen wird. , ,Bci meinen masochistischen Phantasien von mißhandelten 
Sklaven, in deren Rolle ich mich hineinversetzte, kam es mehr darauf 
an, daß sie nackend gingen. Seit meinem 25. Jahre bis zum heutigen 
Tage habe ich morgens beim Anziehen eine gewisse Vorliebe, nackend 
einherzugehen. Ehe ich Toilette mache, ist das erste, daß ich mich 
ganz ausziehe, auch das Hemd. Mit 25 Jahren verordnete mir ein Arzt 
Ganzwaschungen und gab mir dadiirch gewissermaßen die Sanktion 
für meine Entblößungslust und meinen Narzißmus. Zu den Waschungen 
gehört nämlich auch ein Spiegel, vor dem ich sie machen und mich 
dann abtrocknen kann." 

Die Schaulust des Kranken ist vornehmlich auf die Genitalien 
gerichtet. In einer der ersten Analysenstunden beginnt Patient: ,,Ich 
bilde mir ein, daß mir das Baden nicht bekommt, aber ich glaube 
nur deswegen, weil ich mich scheue, mich nackt vor den Leuten zu 
produzieren, in der Annahme, meine Grenitalien seien zu klein, was 
mir zuerst eine Dirne und dann der Berliner Spezialarzt sagte. Auf 
der Straße sehe ich mir die Männer oft darauf an, ob sich die Geschlechts- 
teile durch die Hosen markieren. Auch beim Baden tue ich das und 
trachte oft heimlich, etwas zu sehen. Das ist meiner Ansicht nach 
nur eine Kontrolle der Größe ihres Membrums." — ,,Hat Sie vielleicht 
der Gedanke gequält, Ihr Penis sei viel kleiner als der der anderen?" 
— ,, Jawohl, aber nicht von Kindheit ab, sondern erst seit dem 18. Jahre, 
als ich zum ersten Male Scheu trug, mit Kollegen zusammen zu baden, 
was ich letzten Endes darauf zurückführe. Der Gedanke an die Klein- 
heit meines Penis ist jetzt förmlich zu einer körperlichen Empfindung 
geworden. Ich fühle an der Stelle des Membrums nicht etwas Kom- 
paktes, sondern etwas Weiches und es drängt mich förmlich, ihn 
hin und wieder anzusehen, vieUeieht anzufassen und schließlich zu 
onanieren." Gleich nach dieser Aussprache kam ein Traum, der die 
Richtigkeit meiner Vermutung erwies. Der Bruder und er liegen bei 
der Schwester im Bett. Er zeigt ihr sein mächtig entwickeltes Glied, 
was in Wahrheit gerade umgekehrt lag. Ein späterer Traum gibt dann 
die Aufklärung, seine Schwester habe mit dem Bruder allerlei Sexuelles 
getrieben, doch nicht mit ihm, weil sie den Penis des ersteren vorzog. 

Wir sind hier bei einem wichtigen Punkt, der angeborenen Klein- 
heit seines Gliedes, zu der noch kommt, daß unser Patient zwar nicht 
die Phimose seines Vaters erbte, aber doch eine Vorhaut, die das Mem- 



476 J. Sadger. 

brum so umschließt, daß es selbst im erigierten Zustande nicht hervor- 
tritt. Als wir so weit gekommen waren, warf er spontan die Frage auf: 
,,0b nicht der Unterschied zwischen meinem kleinen Penis und dem 
großen des Vaters der Grund des Minderwertigkeitsgefühls ist, das 
bei mir eine so große Rolle spielt? Nach verschiedenen Träumen m\iß 
ich öfters Grelegenheit gehabt haben, das Glied meines Vaters zu sehen. 
Doch auch der Bruder übertraf mich von Geburt ab in diesem Punkte, 
was ich, wie aus meinem Traume hervorgeht, als Ursache angesehen 
haben muß, daß Mutter den Bruder lieber hatte als mich. Ich werde 
vielleicht sogar gedacht haben, Mutter spottet über mich und meinen 
kleinen Penis. Nun ein paar Phantasien: Wenn ich mir jetzt vorstelle, 
daß ich harmlos daliege und es greift mir jemand an den Penis, so 
erzeugt mir das ein Lustgefühl. Das muß in der Kindheit wohl der 
Vater gewesen sein. Dann stellte ich mir vor, wie jemand einem Mädchen 
ans Genitale griff und sie das abwehrte, was bei mir eine sexuelle Er- 
regung setzte. Ich schließe daraus, daß die Berührung meiner Genitalien 
durch eine zweite Person eine sexuelle Erregung bei mir hervorrief. 
Warum soll ich mich sonst erregen, daß jemand einem Mädchen an 
die Genitalien greift, vielleicht halb gegen ihren Willen? Ich vermute, 
daß mir das eine hohe Lust war, wenn Großmutter, Mutter oder ein 
Kinder fräulein meine Genitalien zu Zwecken der Reinigimg anfaßten." 
,,Ich sagte in den ersten Analysestunden, daß ich in Berim, wenn 
ich neben einem Mann stand, bisweilen ein merkwürdiges Gefühl von 
dem Vorhandensein seiner Genitalien hatte, als würde ein Fluidum 
von ihm ausströmen, das mich irritierte. Das wird wohl auf den Vater 
zurückgehen und vielleicht auch stärker gewesen sein, wenn ich von 
ihm ins Bett genommen wurde, wo er nur wenig anhatte. Das Gefühl 
des Irritierenden entspricht dann der Furcht vor dem väterlichen 
Genitale. Ich könnte mir ferner denken, daß der große Penis des Vaters, 
welcher ja soviel Vorteile bot, magnetisch die Blicke des Kindes auf 
sich zog, und förmlich ein Zwangsimpuls bestand, daran zu denken, 
in der Hose müßten Genitalien stecken." Später einmal begann er 
ganz plötzlich: ,,0b nicht das Irritierende, das ich angesichts eines 
männlichen Genitales empfand, ursprünghch auf das weibliche geht? 
Ob nicht das Beängstigende vielleicht der Unterschied ist zwischen 
meinem eigenen Genitale und dem weiblichen, daß ich mir das nicht 
erklären konnte, was mir unheimlich war. Das wird bei mir schon so 
sein, daß ich den Verkehr mit dem Weibe verabscheue, weil ich den 
Penis vermisse." — ..Das findet sich auch schon bei Buben und ist 



Die Psychoanalyse eines Autoerotikers. 47' 

der Hauptgrund für ihre Mädchenverachtung." — ,,Das weiß ich von 
mir ganz bestimmt aus meinen früheren und mittleren Schuljahren." 
Nun noch ein paar Worte über seiae Onanie. Er weiß bestimmt, 
daß, als er mit 51/2 Jahren Scharlach hatte, er viel mit seinen Genita- 
hen spielte. Das Masturbieren mit der Hand brachte ihm in seinem 
9. oder 10. Jahre ein älterer Nachbarsohn bei, auch will er damals 
schon Samen gehabt haben. Später hält er es für nicht ausgschlossen, 
daß er bereits in der Kindheit masturbierte und es mit 9, 10 Jahren 
nur wieder entdeckte. Von dieser Zeit ab onanierte er fortwährend, 
bis zum 18. Jahre häufig, von da an mit Pausen von emer Woche, 
infolge deren er Pollutionen bekam. Gelassen hat er es seitdem nie 
mehr. ,,Als ich mit 17% Jahren von zu Hause nach Leipzig kam, war 
damit eine ganz auffällige Veränderung der sexuellen Erregung ver- 
bunden, so daß ich ohne Schwierigkeit das Onanieren lassen konnte. 
Ebenso mit 19 Jahren, als ich beim Militär diente, vermutHch infolge 
der körperlichen Anstrengungen. Kaum kehrte ich aber nach Hause 
zurück, so wurde ich wieder rückfällig. Im Elternhaus spürte ich immer 
einen größeren Hang zu masturbieren." 

,,Das eine ist charakteristisch, daß der Moment der Ejakulation 
beim Koitus mit größerer Wohllust verbunden ist als bei Onanie. 
War ich in diesem Augenblick beim Weibe, so traten die Phantasien 
außerordentlich scharf hervor, viel schärfer als bei der Masturbation. 
Beim Weibe war ich auf ärztliches Anraten 3 mal im verflossenen 
Winter. Durch allerlei Praktiken und wenn sie sich besondere Mühe 
gab, kam es dann schließlich zur Entladung. Besser gelang sie, wenn 
ich in einer Manchesterhose koitierte oder meine perverse Phantasie 
zu Hilfe nahm, so daß ich es selbst zweimal in einer Nacht machen 
konnte. In meiner Phantasie sah ich mich entweder selbst im Manchester- 
anzug oder sonst eine Person, am liebsten Gymnasiasten. Diese bloße 
Vorstellung genügte zur Erektion, und Ejakulation bekam ich dann 
durch die Praktiken der Dirne oder sonst durch Masturbation. Anfangs, 
d. h. zwischen 9 und 11 Jahren, masturbierte ich ohne Vorstellungen. 
Hingegen erinnere ich mich, mit 12 Jahren mir dabei ausgemalt zu 
haben, ein Mitschüler würde geschlagen. Etwas später stellte ich mir 
nackte Sklaven vor, die von ihren Auf sehern geschlagen wurden, und 
versetzte mich selber in ihre KoUe oder in die eines mittelalterUchen 
Prügelknaben. In der ersten Zeit waren meine Phantasien sicher noch 
rein masochistisch, wemi auch mit 13, 14 Jahren schon ein fetischi- 
stischer Reiz bestand. Aber sicher erst seit dem 14. Jahre kamen auch 



478 J. Sadger. 

fetischistische Vorstellungen. Später wechselten wohl auch beide 
ab oder kombinierten sich. 

Es wird hoch an der Zeit, 

seine Familienverhältnisse 

eingehender zu beleuchten, als dies anfangs geschehen, weil sie den 
Hauptschlüssel zu den folgenden Perversionen geben. Ich sagte bereits, 
daß unseres Patienten zarteste Kindheit nicht von der Mutter be- 
hütet wurde, sondern von der Großmutter. Nach einem Briefe des 
Vaters, der freilich wenig mit ihr harmonierte, war sie eine sehr ener- 
gische Frau, deren kräftige Hand auch ihr Enkel öfters zu fühlen bekam, 
insonderheit bei mangelnder Zimmerreinheit. Wohlwollender lautet 
die Erzählung der Mutter: ,,Die Großmutter, von dir auch ,Dada' 
genannt, hat dich sehr verzogen und dir manche Nacht geopfert. Du 
und deine Schwester hinget mit schwärmerischer Liebe an ihr, dein 
Bruder wieder mehr an mir. Es hieß auch, du sähest keinem in der 
Familie so ähnlich wie der Großmutter. Wenn du mit mir spazieren 
gehen solltest, sträubtest du dich immer und rißest öfters aus, hin- 
gegen warst du das artigste Kind, wenn sie dich führte. Ihr Kinder 
habt mit der Großmutter in einem Zimmer geschlafen, wir Eltern 
nebenan." 

Der Tod dieser Großmutter, die ihn durch besondere Liebe ver- 
wöhnt hatte, war wohl das folgenschwerste Ereignis in seinem Leben. 
Als zwei Monate später auch die Schwester verstarb, hatte er die beiden 
weiblichen Wesen, die er in frühester Kindheit am meisten geliebt 
hatte, plötzhch verloren. Was geschah nun mit seinem dazumal 
zweifellos'^ äußerst starken Liebesbedürfnis? 

Im Laufe der Analyse träumt vmser Patient zu wiederholten 
Malen, er sei nach Hause gereist und erwarte meinen Brief, der ihn 
zurückriefe. Dies deutete er ganz richtig, nach dem Tode der Groß- 
mutter erwartet zu haben, von ihr zurückgerufen zu werden, da er 
doch nicht wußte, daß Sterben einen ewigen Abschied bedeute. Auch 
erinnert er sich, auf Vaters Kontor damals Briefe geschrieben, also selber 
die Großmutter gespielt zu haben. ,,Al3 ich wenige Tage nach ihrem 
Tode an Diphtheritis erkrankte, werde ich mir die Frage vorgelegt 
haben: Warum kommt die Großmutter nicht imd hilft mir, wo bleibt 
sie denn? Das tue ich jetzt auch, indem ich von Ihnen verlange, 
Sie sollten mir helfen. Vielleicht erlitt auch mein Vertrauen zum Weibe 
damals den ersten großen Stoß durch die vermeintliche Treulosig- 



Die i^sychoaualyse eines Autoerotikers. 479 

keit der geliebten Großmutter. Ja, man könnte sogar fragen, ob nicht 
die Großmutter noch heute meine ganze, verfügbare Libido besitzt. 
Sie, Herr Doktor, sind in Wirklichkeit auch immer eine schlechte Groß- 
mutter gewesen und haben mir nie geholfen. Drxim sind meine Träume 
auch stets so eigentümlich und setzen voraus, daß ich ungeheilt bin 
und es mir schlecht geht wie damals; wozu dann noch der Wunsch 
kommt, Sie, respektive die Großmutter möchten etwas von sich hören 
lassen und mich zu sich rufen^^), sowie man mir gesagt hatte, daß der 
liebe Gott die Großmutter zu sich gerufen habe. Warum läßt mich die 
Großmutter allein zurück? Das werde ich eben nicht verstanden haben. 
War sie doch immer so gut zu mir und hatte ich doch keine Konkurrenz 
bei ihr, weder Vater noch Bruder." 

Es ist höchstwahrscheinlich, daß er bereits in den letzten Lebens- 
tagen der Großmutter ins Schlafzimmer der Eltern transferiert wurde, 
das erstemal in seinem Dasein. Das erwies sich um so nötiger, als er 
wenige Tage nach dem Tode jener an schwerer Diphtheritis erkrankte, 
weswegen die Geschwister aus dem Hause mußten, während er selber 
im. Zimmer seiner Eltern, verblieb. So brachte die Krankheit den großen 
Gewinn, daß er eine Zeitlang die Liebe der Eltern, zumal die heiß- 
begehrte der Mutter, auf sich allein konzentrieren konnte. In jene Zeit 
führt uns ein hochbedeutsamer Traum, der den versäumten Abschied 
von der Großmutter gewissermaßen nachholt. 

,,Es ist ein Zimmer, in dem außer mir noch andere Per- 
sonen anwesend sind. Eine alte Frau, deren Tage gezählt 
zu sein scheinen, geht aus dem Zimmer in ein Nebengemach 
und alle Anwesenden verabschieden sich von ihr. Ich tue 
dies als letzter und bemühe mich, etwas besonders Herz- 
liches zu sagen, wünsche auch wohl gute Besserung. Ein 
ungläubiges, müdes Lächeln zeigt die alte Frau nach meinen 
Worten. Ich sehe meine Mutter mit verweinten Augen und 
empfinde unendliches Mitleid mit ihr. Aus diesem Gefühl 
heraus habe ich ihr die Ehe versprochen. Als sie nicht mehr 
so von Schmerz gepeinigt erscheint und mein Mitleid in- 
folgedessen geringer wird, bereue ich mein Eheversprechen 



1) Mehrere Male leistete er sich auch während der Analyse den Scherz, mir 
einen Abschiedsbrief zu schreiben. Er könne aus diesem oder jenem nichtigen 
Grunde die Behandlung nicht fortsetzen. Da er offensichtüch jedesmal auf meine 
Aufforderung wartete zurückzukehren, habe ich ihm dann immer eine Brücke 
gebaut. 



480 J. Sadger. 

fast ein wenig, da ich fürchte, bei ihrer Launenhaftigkeit 
wird die Ehe nicht besonders angenehm werden." 

Ich gebe die Traumdeutung, nur soweit sie zu unserem Thema 
gehört. , jZunächst sieht der Traum so aus, als ob ich beim Tode der Groß- 
mutter dabei gewesen wäre, doch weiß ich nichts davon. Übrigens ist es 
im Traum nicht unmittelbar das Sterben, sondern kurz vorher. Daß sie 
aus dem Zimmer ins Nebengemach geht, heißt wohl : sie ist im Begriffe 
zu sterben. Möglich, daß sie die Kinder noch einmal sehen wollte." — 
,,Es ist sehr bezeichnend, daß Sie das Mitleid nicht mit der Großmutter, 
sondern mit der weinenden Mutter haben." — ,,Und das ganze Ver- 
sprechen heißt vielleicht: ich wiU meine Liebe von der Großmutter 
auf die Mutter übertragen." — ,,Und kann anknüpfen an ein wirk- 
liches Ehe versprechen des Kindes, zumal Kinder auf solche Art sehr 
häufig ihre Liebe dokumentieren. Das heißt dann nichts anderes 
als: ich möchte mit dir zusammenschlafen, wie der Vater, der mit 
dir verheiratet ist. Und Sie bereuten das vielleicht nachträglich, nach- 
dem Sie sahen, daß Ihre Mutter weniger auf Ihre Liebe reflektierte, 
als auf die des Bruders." — ,,Ja, was sollte es anders? Der Traum 
ist so durchsichtig, daß kaum ein Zweifel bestehen kann, daß ich beim 
Sterben der Großmutter war. Und daß ich ihr etwas besonders Herz- 
liches sagen will, beweist meine besonders große Liebe zu ihr." — 
,,D^s Wesentliche des Traumes besteht darin, daß Sie Ihre Liebe auf 
die Mutter übertragen wollten und da eine große Enttäuschung erlebten." 
— ,,Ja. Man kann sagen, bis dahin war ich mit der Großmutter ver- 
heiratet, wir schliefen zusammen, und jetzt wollte ich mit der Mutter 
schlafen. " — , ,Und endlich beweist der Traum , was wir schon aus anderen 
Dingen erschlossen, daß die Launenhaftigkeit der Mutter die frühe 
große Enttäuschung setzte, auf Grund deren Sie sich auf den Auto- 
erotismus zurückzogen." 

Gerade in der Zeit des ersten großen sexuellen Vorschubs mit 
2% Jahren ward ihm das Glück, die gesamte Liebe der Mutter auf 
sich zu ziehen durch seine lebensgefährliche Erkrankimg und die ihr 
folgende Entfernung der Geschwister aus dem Hause. Bisher nämlich 
hatte er die Liebe der Mutter mit jenen nicht nur teilen müssen — das 
wäre ja der natürliche Fall — , sondern war von ihr den beiden älteren 
und hübscheren Geschwistern allzeit arg hintangesetzt worden. Nun 
besaß er zum erstenmal eine Matter, mit der er zusammen schlafen 
durfte und die ihn mit Sorgfalt und Treue pflegte. Wie stark er sie 
damals geliebt haben muß, erweist uns ein von den Eitern berichteter, 



Die Psychoanalyse eines Autoerotikers. 481 

unschiembarer Zug, der aber für den Analerotiker durchaus bezeichnend 
ist. Patient, der wiederholt darauf zurückkommt, erzählt dies so: 
„Ich hatte Diarrhöe und habe die Wand am Kopfende des Bettes 
auf ganz unerklärliche Weise beschmutzt. Ob diese, ich muß schon 
sagen: Liebkosung am Kopfende nicht den Eltern zugedacht war? 
Was macht sonst der Kot an der Wand? Ich muß ganz besondere Ver- 
anstaltungen getroffen haben, sonst wäre es ja unmöglich, daß es am 
Kopfende geschah. Es war nicht bloß mit den Fingern hingeschmiert, 
sondern ich muß direkt hingemacht haben, denn Mutter schrieb; auf ganz 
unerklärliche Weise, und mit den Fingern wäre es ja nicht unerklärlich. 
Es kann wohl nicht anders gewesen sein, als daß ich einen erotischen 
Sinn damit verband. Es muß einen Sexualakt mit meiner Mutter dar- 
gestellt haben!)." 

Die Blütezeit dieser großen Liebe währte nicht lange und endete 
mit einer argen Enttäuschung. Als die Ansteckungsgefahr anscheinend 
vorüber und auch schon desinfiziert worden war, kam die Schwester 
zurück, erkrankte aber trotzdem an der Seuche und mußte ihr junges 
Leben lassen. Patient glaubt, Grund zu der Annahme zu haben, daß 
seine Mutter sich damals äußerte: ,, Mußte gerade die schöne Schwester 
sterben und der häßliche Bruder leben bleiben!" Nach der Verwöh- 
nung durch die Großmutter und selbst durch die Mutter in seiner 
Krankheit — ein Umstand, der, beiläufig bemerkt, die Liebesübertraguug 
wesentUch erleichtert hatte — mußte ihn nunmehr die neue Enttäuschung 
doppelt hart treffen. 

Wir sind hier bei dem kritischen Punkte in des Kranken Leben : 
der ev/ig unerwiderten Liebe zu seiner Mutter. Ist doch sein ganzes 
Erdenwallen, ja, selbst seine Krankheit im Grunde Mchts als ein stetes 
Ringen um deren Liebe, die ihm doch nimmer zuteil geworden! Schon 
von Geburt ab habe sie ihn immer hintangesetzt. Er sei das einzige 
Kind, das sie nicht selber stillte. Auch die Pflege überließ sie sofort 
der Großmutter, während ihre Sorge sich^ausschließhch den älteren 
Geschwistern zuwandte und, als jene starb, traten Kinderfrätüein 
an deren Stelle, da die Mutter zu jener Zeit im Geschäfte des Vaters 
mithelfen mußte. So wird unser Kranker weit mehr durch bezahlte 
Kräfte erzogen als durch die hierzu von Natur Berufenen. Gleichwohl 



') Vgl. hierzu auch noch folgenden Zug: „Mit zehn Jahren habe ich mich 
einmal dadurch aus dem Familienzimmer, wo meine Eltern saßen, verabschiedet, 
daß ich zum Schluß noch einmal den Hintern hereinsteckte. " 



482 J. Sadger. 

ließ er, zumindest nach dem Tode der Großmutter, niemals ab, um 
ihre Liebe zu buhlen. Muß doch die Mutter ihm das Zeugnis geben: 
,,Du warst ein selten gutes, liebenswürdiges Kind, immer folgsam, 
hast auch nie etwas am Essen zu tadeln gehabt, sondern alles ohne 
Murren geschluckt. Wir sagten immer: ein so gutes Kind muß man 
suchen !" Und er selber erinnert sich: ,,Ich habe ihr auch wie ein Hund 
gefolgt, bin ihr überallhin nachgegangen, so daß sie mich deswegen 
oft schalt und zurückwies." 

Grleichwohl begünstigte sie den Altem stets imd oft mit großer 
Parteilichkeit. Wenn dieser z. B., was er recht gern tat, den Jüngern 
schlug und der Mißhandelte heulend zur Mutter lief, hielt sie dem Bruder 
allzeit die Stange. Er galt ihr stets als die Hauptperson und bekam 
auch öfters kleine Geschenke oder Dinge, nach welchen der Sinn ihm 
stand, der Jüngere aber hatte das Nachsehen. Ja, es konnte geschehen, 
daß, wenn er aufmuckte und zu weinen begann, die Mutter ihn aus- 
lachte, ja, selbst auch schlug. Endlich haben wir schon eingangs ver- 
nommen, daß, als er und der Bruder gleichzeitig aus dem Hause kamen, 
Mutter sich nur um den Altem grämte. ,, Diese stete Zurücksetzung 
gegen den Bruder, daß ich in Mutters Augen stets weniger galt, ist sicher 
eine zweite Quelle meines Minderwertigkeitskomplexes." 

Man durchschaut ohne Mühe, daß seine für einen Jungen doch 
ungewöhnliche Bravheit nur Folge seiner übergroßen Liebe zur Mutter 
gewesen, deren Gegenliebe er auf solche Art zu erringen hoffte. Auch 
in der Volksschule, wo der wenig begabte Brvider zurückblieb, war er 
von brennendem Ehrgeiz erfüllt (nicht bloß aus seiner Urethralerotik 
heraus) imd bot z. B. alles auf, rasch lesen zu lernen, um zu Hause 
hohes Lob zu ernten. Freilich half ihm das alles nichts. Denn bis zum 
heutigen Tage, ließ sich die Mutter seine große Liebe höchstens ge- 
fallen oder spielte sie gegen den Vater aus. Doch waren dies stets nur 
vereinzelte Lichtblicke in der Öde ihrer Lieblosigkeit. Dieas hatte ihn 
bisweilen schon in der Kindheit zum Trotze verführt oder ihm Todes- 
phantasien auf die Mutter eingegeben, die bereits für sein sechstes 
Jahr mit Sicherheit festzustellen sind. Ja, mit 15 Jahren, kurz bevor 
er sich neuerdings in sie verliebte, gab's eine Periode, wo ihm ,, alles 
bei den Frauen ungeheuer läppisch und einfältig erschien, ihr Gesichts- 
kreis und ihr ganzes Tun, die Ideen, die sie bewegten, ihre Hand- 
arbeiten und Grespräche dabei". 

Wie tief trotzdem jene unsterbliche Liebe saß und heute noch sitzt, 
beweist vor allem seine stete Identifikation mit der Mutter, von der 



Die Psychoanalyse, eines Autoerotikers. 48d 

er eine Reihe normaler und noch mehr krankhafter Züge übernahm 
nebst der großen Zärtlichkeit für den Bruder. Das letztere ist um so 
auffallender, als dieser nichts weniger als freundlich und liebevoll gegen 
ihn war. Er kniff und schlug den Jüngern, wann er konnte, hänselte 
ihn . sobald ihm ein Menschliches begegnet v/ar , j a , erwies sich gelegentlich 
direkt herzlos. Und gleichwohl hing unser Kranker schon als Kind an 
dem älteren Bruder, gab ihm z. B. von seinen Leckereien immer noch 
ab imd bewunderte den Schöneren, Stärkeren und Gewandteren. , ,Ich 
bin direkt in meinen Bruder verliebt gewesen," erklärt er bestimmt 
in der Analyse. 

Noch mächtiger freiUch war seine Liebe zu der Mutter, die zweimal 
in besonderer Stärke durchbrach. Das erstemal nach dem Tode der 
Großmutter und später in der Pubertät, etwa ums 16. Jahr herum. 
Dem letzteren Durchbruch gingen zwei kurze Episoden vorauf. Zu- 
nächst die Kränkung über die Lieblosigkeit der Mutter, die ihn von 
der Bahn nicht abgeholt hatte, sodann jene Zeit, da er das Tun und 
Gehaben der Frauen ungeheuer läppisch und einfältig fand. Vielleicht 
das allererste Symptom der wiedererwachenden großen Liebe war ein 
ungeheures Mitleid mit der Mutter ob ihrer Schwerhörigkeit, die be- 
wirkte, daß sie sich vom Vater und in Gesellschaft sehr leicht verletzt 
fand. Hand in Hand mit dieser jäh aufschießenden Neigung zu seiner 
Mutter ging eine auch jetzt noch fortdauernde Abkehr von seinem 
Vater, begünstigt dadurch, daß er sich just damals in einen Universitäts- 
studenten verliebt hatte. ,,Als ich in den Ferien zu Hause war, da kam 
es mir vor, als wenn mir die Gesellschaft des Vaters geistig nicht mehr 
genügte, trotzdem er nicht weniger gelernt hatte als ich. Das hielt 
vielleicht ein Jahr lang an und war beinahe eine Abwendung vom 
Vater, die mich förmlich unglücklich und bedrückt machte. Bei jedem 
Worte, das ich sprach, war ich gezwungen, daran zu denken." Er kam 
dann später selber darauf, daß der Groll wider den Vater von Haus aus 
eigentlich der Mutter zukam, die den Bruder stets vorzog und deren 
ewige hysterische Anfälle er nicht als Krankheit ansah, sondern als 
schlechtes Händeln. Sie stand ja nun tatsächlich geistig zurück. Als er 
sich dann aber in der Pubertät von neuem in die Mutter verliebte, 
machte er sich auch ihre Klage zu eigen, daß der Vater sie nicht liebe, 
und wendete sich von diesem ab. Dies geschah so gründhch, daß sich der 
Vater zum Berliner Spezialarzt über seine Unliebenswürdigkeit beklagte. 

In Wahrheit verdient der Vater diese feindliche Einstellung kehies- 
wegs. Muß doch der Kranke selber bekennen: ,, Unser Vater hat sich 



484 J. Sadger. 

ungeheuer viel mit uns Kindern abgegeben. Daß man sich da etwas 
herausnimmt, ist klar. Wir hatten eiaen großen Garten imd da ließ 
er u^ns einmal zu Weihnachten eine richtige Eisenbahn bauen mit 
Schienen und naturgetreuen Wagen darauf, eine richtige Feldbahn, 
die sicher ein paar hundert Mark gekostet haben wird und uns jahrelang 
ein liebes Spielzeug blieb. Auch sonst war er immer sehr zärtlich zu 
ims Brüdern, vor allem zu mir, den er stets bevorzugte, obwohl mir 
das nicht zum Bewußtsein kam. Wir haben uns häufig gegenseitig ab- 
geküßt und sind auch zusammen kalt baden gegangen. Auf meinem 
ersten Schulgang — dessen entsinne ich mich noch ganz genau — war 
der Vater mein Begleiter und nicht die Mutter. Ich weiß noch drei 
bezeichnende Züge. Wie Mutter berichtete, bin ich einmal mit zwei 
Jahren dem Vater, nachdem er mich geschlagen hatte, um den Hals 
gefallen. In meiner Scharlacherkrankung mit 5^ Jahren war ich 
längere Zeit bewußtlos. Mein erstes Wort nach dem Erwachen soll 
nun nicht ,Mama', sondern ,Papa' gewesen sein. Endlich schrieb Mutter 
kürzlich: , Einmal ist Vater abends zu dir ins Bett gekommen. Da hast 
du dich so schön zurechtgelegt und gefragt: Ist es gut so?' Diese Frage 
aus einer Zeit, wo ich mit dem Vater zusammenschlief, kann doch nur 
bedeuten: Liege ich dir so recht wie die Mutter? Nun wissen wir aus 
Träumen in der Analyse, daß ich mir stets wünschte, weibliche Formen 
zu besitzen. Das steht ja ziemlich fest und verrät, daß meine sexuelle 
Wünsche passiver Natur waren: der Vater sollte mit mir dasselbe tvm, 
was er mit der Mutter tat." 

Diese feminine Einstellung in der Kindheit hinderte ihn nach 
der Verdrängung nicht, in Liebe zu seiner Mutter zu entbrennen und 
damit naturgemäß in dem Vater den Feind und Eivalen zu erblicken. 
In den Händeln zwischen diesem und der Mutter tritt er allzeit auf 
die Seite der letzteren, trotzdem er mit dem Verstände einsieht, daß 
jener im Rechte. Man sieht auch hier, wie wenig unsre Vernunft vermag, 
wo ein starker Affekt uns völlig beherrscht. Am merkwürdigsten 
jedock war des Kranken Verhalten in der Analyse. Da wird er nicht 
müde, stets neue Fehler des Vaters zu entdecken seit Olims Zeiten. 
Schon dem Knaben hielt er gelegentlich ein Versprechen nicht oder 
versagte ihm nicht nur selber einen Wunsch, sondern hinderte auch 
andere, ihm zu Willen zu sein. Einmal habe er ihn zu Unrecht verhauen, 
sogar vor dem Dienstmädchen, dann wieder seine schlechte Gewohn- 
heiten, z. B. das Bepinkehi der Hose, mit beißendem Spott 
verfolgt und in späteren Jahren die Krankheit des Sohnes nicht ernst 



Die Psychoanalyse eines Autoerotikers. 485 

genug genommen. Er sagte zwar nichts über die großen Auslagen, die 
sie verursaclie, aber trotzdem vermutet Patient ein gewisses Manko 
an Liebe, durcbsichtig in Nachahmung seiner Mutter. 

All diese Dinge trägt er mit enormem Kraftaufwand vor, so daß 
ihm das selber peinlich bewußt wird. ,,Ich komme ganz ungewöhnlich 
in Harnisch, ja, es tauchen sogar Selbstmordgedanken auf, gewisser- 
maßen als letzter Trumpf, den ich gegen meinen Vater auszuspielen 
habe. Ich muß betonen, daß ich alles, was Vater zu Hause tut, sehr 
scharf kritisiere, ich habe immer etwas auszusetzen." Ein andermal 
erklärt er direkt: ,,Es gehört gar nicht viel dazu, um ein lebhaftes Arger- 
gefühl gegen den Vater hervorzurufen, das durch den Verstand gar nicht 
zu begründen ist. Es ist merkwürdig, wie ich eigentlich die Liebe zum 
Vater verdrängt habe." Da er in der Psychoanalyse prompt von dem 
letztem auf mich übertrug, kann man ermessen, wie groß dadurch 
der Widerstand wurde. 

Ein Vorwurf, den er immer wieder ausspielt und der auch tat- 
sächlich von Bedeutung für seine Perversion geworden, ist die klein- 
liche Sparsamkeit seines Vaters. Während dieser gelegentlich viel Geld 
auf einmal ausgeben könne, sei er in Kleinigkeiten oft unglaublich 
geizig, was auch die Mutter schon häufig ärgerte. ,,Vor allem drang 
er immer auf Schonung meiner Kleider und sträubte sich gegen den 
A n kauf neuer Gewänder lang. Meine Mutter zeigt diese Sparsamkeit 
nicht. Daher kam mir der Gedanke, den Vater treffe ein Teil der Schuld 
an meiner Krankheit." Dann erzählt er eine Episode aus seinem zehnten 
Lebensjahre. Er war unzufrieden mit ein paar Stiefeln, die er noch 
länger tragen sollte, trotzdem sie ihm nicht mehr gut genug waren. 
Auf dem Spaziergange machte er mm so lange Einwendungen , bis der 
Vater ihm ein oder zwei Stockstreiche gab. Übrigens steht diese Episode 
völlig vereinzelt da. Als ich ihn nun fragte: ,,War nicht vielleicht Ihr 
Wunsch nach neuen Kleidern und Stiefeln größer als sonst bei jungen 
Leuten und dadurch der Konflikt häufiger?" erwiderte er: ,,Das würde 
ja auf den Narzißmus herauskommen, den ich keinen Moment be- 
streite. Zumindest durfte seit der Kindheit kein Fehler und kein Fleck 
an der Kleidung sein. Daß sie ganz sei, ist doch das Mindeste, was 
man verlangen kann." — ,,Und waren Sie nicht auch da penibler als 
andere Jungen?" — ,,Das ist wohl möglich. Doch hatte es nicht die 
leiseste Neigung, ins Geckenhafte umzuschlagen." — ,,Aber weil 
Sie das besonders fühlten, nahmen Sie dann den Befehl des Vaters, 
die Sachen länger zu tragen, als sie tadellos waren, derartig krumm?" — 



486 J. Sadger. 

,,Ja. Ein anderer Junge macht sich vielleicht gar nichts daraus." — 
„Während es bei Ihnen auffallend stark hervortritt." 

Mit dem Bisherigen sind aber seine Vorwürfe wider den Papa 
noch nicht erschöpft. Am schwersten wog in den Augen des Sohnes 
des Vaters Lieblosigkeit gegen seine Gattin. Aus Liebe sich mit der 
Mutter identifizierend, machte er sich auch ihre Klagen zu eigen. 
Wenn sie in ihrer exzentrischen Weise zu jammern begann: ,, Warum 
hast du mir das angetan, himmlischer Vater !" oder gar ihrem Manne 
hinschleuderte; ,, Warum hast du mich geheiratet? Du hast nicht ein 
Fünkchen Liebe zu mir, du hast mich nie geliebt!" so nahm der 
Sohn diese Vorwürfe gern als bare Münze, weil sie seinen heimlichen 
Wünschen entsprachen. Ja, sogar noch tiefer führt er den Groll auf den 
Vater zurück. Schrieb nicht die Mutter, jener habe die Großmutter 
schiecht behandelt, die Urgeliebte seiner zartesten Kindheit? ,,Ich 
vermute, daß Vater ihre Erziehungsmaximen nicht billigte, vielleicht 
gerade solche, die mir angenehm waren, also insbesondere ihr energisches 
Vorgehen wegen meiner mangelnden Zimmerreinlieit." 

Nun noch ein paar Worte über 

des Patienten Geschlechtsleben im allgemeinen. 

Dies läßt sich vielleicht am besten dahin charakterisieren, daß 
er von jeher als Erbteil der Mutter ein großes Liebesbedürfnis hatte 
bei geringer sexueller Aktivität. ,,Du hast früh und stets nach Liebe 
gelechzt", schreibt ihm die Mutter und der Sohn ergänzt aus seiner 
Erinnerung: ,,Ich habe mich von den Eltern gern küssen lassen und 
selber auch kolossal viel geküßt, zumal den Vater. Auch die Lehrer 
sind mir in jeder Klasse mit besonderer Freundlichkeit entgegen 
gekommen, so daß es mir oft schon peinlich war, weil diese Bevorzugung 
den anderen gegenüber mich in eine schiefe Stellung zu den Kameraden 
brachte." 

Abgesehen vom Familienkreis aber blieb die Objektliebe fast 
völlig aus. ,, Ichh8.be weder je eine schwärmerische Freundschaft gehabt, 
noch war ich je in ein Mädchen verliebt. Selbst in der Pubertät sind 
allem Anscheine nach gar keine Veränderimgen in meinem Fühlen 
und Denken vor sich gegangen. Ich habe auch keine Veränderung 
des ästhetischen Empfindens und ebensowenig der Freundschaft und 
Liebefähigkeit bemerkt. Man sieht zuweilen, daß Jünglinge Hand in 
Hand spazieren gehen. Ich habe das stets abgelehnt, diese Freund- 
schaftsbezeigungen gingen mir zu weit. Ich empfand da von jeher 



Die Psychoanalyse eines Autoerotikeis. -187 

eine Scheu davor, vielleiclit weil ich mir bewußt war, da einen wunden 
Punkt zu haben. Es berührt mich auch stets unangenehm, mit anderen 
aus einem Glase zu trinken, was Jünglinge gar nicht selten tun. 
Selbst wenn ich in einen jungen Mann verliebt war, mied ich jede 
körperliche Intimität. Als ich z. B. mit 18 Jahren mit einem zusammenlag, 
der eine Erektion bekam, stand ich auf und legte mich aufs Sofa." 

Hinzuzufügen wäre, daß auch die physischen ,, sekundären Ge- 
schlechtscharaktere" zum Teil ausblieben. Noch jetzt, mit 27 Jahren, 
besitzt er bloß äußerst wenig Schnurrbart und nur ein klein bißchen mehr, 
doch noch immer sehr wenig Backenbart und sieht überhaupt be- 
deutend jünger aus, als er wirklich ist. Seine Genitalien seien klein, 
in den Hüften sei er, wie eine Dirne ihm sagte, so breit gebaut wie ein 
Frauenzimmer, sein Geschlechtstrieb endlich ist im Verhältnis zu dem 
anderer Leute seines Alters sehr gering trotz gelegentlich staA: betrie- 
bener Onanie. Auch von seinem Bruder erzählt er: ,,Ich weiß, daß er 
ein sehr geringes Sexualbedürfnis hat. Er lebt, wie ich glaube, fast 
abstinent und hegt auch nicht die Absicht zu heiraten." In dem aller- 
letzten Punkte irrte der Kranke. Denn noch während seiner Psycho- 
analyse hat sich der Bruder verlobt und vermählt. 

Züge von heterosexuellem Empfinden fehlen unserm Patienten 
nicht ganz, doch sind sie immerhin äußerst spärlich und unbedeutend. 
Wir sprachen schon von einer Spielgefährtin, der er mit vier Jahren 
vermutlich ein Klystier machen wollte. Ihm schwebt auch noch eine 
blasse Erinnerung vor, als hätte er in jener Zeit eine Vagina zu sehen 
bekommen, möglicherweise bei jenem Mädchen, und daß die Folge 
eine arge Enttäuschung war, vermutlich weil er sich etwas Schöneres 
vorgestellt hatte. Mit 14 Jahren hatte er die übliche Gymnasiasten- 
poussade, ,,weil es so Brauch war, doch ohne Spur von Gefühl dabei". 
Am meisten empfand er noch mit 26 Jahren, als bei einem Hochzeits- 
spiele eine Frau in kurzen Hosen den Wettermann mimte. Es war ihr 
anzumerken, daß sie sich als Mann etwas linkisch bewegte. ,,Das löste 
in mir die Vorstelhmg eines Zwanges aus, es sei ihr unangenehm, sich 
in Hosen produzieren zu müssen, und durch dieses eigentlich homo- 
sexuell-masochistische Moment ward ich erregt. Sonst weiß ich nur 
noch, daß mich auf dem letzten Münchener Karneval ein Mädchen 
in Pagenkostüm erregte. Mich reizte, daß das Mädchen in Hosen aus 
blauer Seide steckte, nicht der Anzug selber. Hätte sie Kleider angehabt, 
so wäre sie mir ganz gleichgültig gewesen, da mich sogar Frauenstoffe 
aus Manchester völlig kalt lassen. Aber auch so war das Gefühl nur ganz 

Jätirbuch für psyclioanaljt. u. psychopatliot. Forsthuiigen. V- 32 



488 J. Sadger. 

vorübergehend, ich konnte es nicht konserArieren. Eine ähnliche ganz 
leise sexuelle Regung verspürte ich auch, als Kankan tanzende Balle- 
teusen im Variete die Beine ganz hoch schmissen. Nur darf ich es nicht 
recht zum Bewußtsein kommen lassen. WiU ich mich darüber freuen, 
ist es sofort verschwunden. Es wirkt nur wie ein Blitz im ersten Momente. 
Trotz alledem empfinde ich bisweilen lebhafte Sehnsucht nach normalem 
Verkehr, obwohl da immer starke Hemmungen auftreten. Als ich 
z. B. auf ärztliches Anraten ihn mehrfach versuchte, hatte ich nur 
wenig oder gar keinen Erfolg." Aus meiner persönUchen Beobachtung 
des Kranken in Grcsellschaft kann ich ergänzen, daß er zwar Mädchen 
kaum je etwas anderes als kameradschaftliches Entgegenkommen 
zeigte* dafür aber gerne reifere Frauen in dem Alter serner Mutter 
etwa mit fast verliebten Blicken ansah. 

,,Mich reizten noch ein wenig und sehr selten — etwa fünf- bis 
sechsmal in meinem Leben — gewisse Formen jungfräuhcher Brüste, 
die vermutlich auf meine körperlich sehr früh entwickelte Schwester 
zurückgehen. Sie müssen mädchenhaft sein und scharf abgezirkelt hervor- 
treten." Aus einem spätem Traum scheint hervorzugehen, daß ihn nicht 
bloß die Brüste der Schwester, sondern auch die der Mutter in der Kind- 
heit interessierten, ,,Ich selber erinnere mich niur, mit fünf, sechs Jahren 
von einer Verkäuferin zu Hause erzählt zu haben, sie besitze einen 
ordentlichen Busen. Das ist aber die einzige bewußte Erinnerung, 
die ich noch habe." Noch einen Pimkt will ich als besonders bemerkens- 
wert hier hervorheben. Sowenig als bei Frauen, pflegt sich bei seiner 
weit stärker entwickelten Homosexualität ein bestimmter geschlecht- 
licher Wunsch einzustellen. Nie kommt es zu mehr, als einer leisen 
sexuellen Erregung, die obendrein in Bälde verklingt und sich nach 
außen oder gar nicht äußert. 

Als Patient in meine Behandlimg trat, stand von seinen 

sexuellen Perversionen 

im Vordergrunde der Fetischismus, in zweiter Linie der masochistiache 
Komplex und erst in dritter die Homosexualität. Der Einfachheit halber 
will ich mit der letztgenannten, schwächsten Komponente den Anfang 
machen. 

Da ist vorauszuschicken, daß auch die Zahl der von ihm gehebten 
Jünglinge und Männer im Grunde eine recht geringe ist, obendrein 
meist nur ein kurzlebiges Interesse besteht und, wie schon oben bemerkt, 
gar keine besonderen sexuellen Wünsche. So war er zum ersten Maie 



Die Psychoanalyse eines Autoerotikers. 48J 

in seinem 13. Jahre ia einen achtiährigen Mitschüler verliebt. „Ich habe 
ihn häufig angesehen, vielleicht gingen wir auch einmal ein Stück zu- 
sammen spazieren. Das war alles. Es kommt häufig vor, daß mir Jüng- 
linge gut gefallen, doch kommt es nie zu Wünschen nach irgend einer 
sexuellen Betätigung mit ihnen, nicht einmal zu Onanie phantasien. 
Es ist nichts als Wohlgefallen und ganz platonisch. Im äußersten Falle 
verspüre ich eine ganz leise sexuelle Regung wie bei den Balleteusen, 
doch nie das allergeringste Begehren. In dem Gymnasium, das 
ich zwischen. 11 und 14 Jahren besuchte, war es Sitte, daß die Alumnen 
einander häufig küßten. Ich habe das stets mit Abschevi betrachtet 
und nie Geschmack daran finden können." Ein andermal bemerkt 
er: ,,Der Grad meiner Homosexualität ist schwer faßbar. Er bedeutet 
eigentlich nichts als ein Vergnügen am Anschauen des betreffenden 
Objektes mit ganz geringer Beimischung sexueller Erregung, die sich 
aber nie zu einem Wunsche verdichtet." 

Für die gleichgeschlechtlichen Ideale wies ich in früheren Arbeiten 
nach, daß da regelmäßig männliche und weibliche Geliebte der ersten 
Kindheit als Vorbilder dienen, die Eigenschaften der weiblichen Ob- 
jekte ins Maskuline transskribiert werden und endlich in den Typen 
zwei Grundpersonen stets wiederkehren: die Mutter und das eigene 
Ich. Für all dies lassen sich bei unseren Patienten Beweise in großer 
Fülle erbringen. Anfangs bestritt er, ganz bestimmte Typen zu haben: 
,,Auf der Straße sehe ich jeden Menschen darauf an, ob er etwas besitzt, 
das mich interessiert. Ich denke überhaupt an nichts anderes als an 
das Sexuelle. Bei den Leuten studiere ich immer sowohl die Kleidung 
als das körperliche Aussehen, zunächst das Gesicht, ob der Gesamt- 
eindruck desselben mir sympathisch ist oder nicht. Ich habe aber keinen 
bestimmten Typus. Es genügt vollständig, wenn irgend eine charak- 
teristische Note sich im Gesichte ausprägt, es kann sowohl etwas 
Keckes sein, als etwas Schwermütiges, Ernstes." 

Allmählich findet er doch einen bestimmten Typus heraus: ,,Es 
ist merkwürdig, daß ich Leute mit schwarzen Haaren, dunklen Augen 
und bartlos vorziehe." Wie die Analyse ergab, stak hinter solchen 
Männern einerseits ein Kinderfräulein aus seinem 6. oder 7. Jahre, 
das geliebt zu haben er sich deutlich erinnert, anderseits eine Kranken- 
pflegerin aus seiner Scharlachzeit, die er damals seinen ,, guten Engel" 
nannte. Von weiteren Typen, die er allmählich fassen lernte, hebt 
er einen hervor, der sich durch besondere Schlankheit auszeichnet. 
Dies Ideal ist wieder von der Mutter übernommen, welche zeitlebens 

32* 



490 J. Sadger. 

mädchenhaft schlank blieb. Auch an sich selber sucht er diese Eigen- 
schaft festzuhalten und bietet alles Erdenkliche auf, nicht dicker zu 
werden. Ein andermal kommt ihm wieder vor, ihn erregten besonders 
Leute mit ernstem, sinnendem Gesichtsansdrucke. Wie sich bald heraus- 
stellte, war das Vorbild für diese kein anderer als er selbst, den der 
Vater oft belobt hatte, weil er nicht so albern sei v/ie andere Jungen. 
Bezeichnenderweise kommt auch das Gegenteil, der kecke Gesichts- 
ausdruck ihm selber zu. Er brachte mir wenigstens eine Photographie, 
die den Bruder als 6- und ihn als 4 jährigen Jungen zeigt. Dort, urteilt 
er selber, sähe er drein ,,wie ein kecker Spatz". Auch daß seine Ideale 
in jedem Alter stehen können, zwischen 11 und 28, deutet er sofort 
auf seine eigenen Lebensjahre. ,,Ich sehe ja immer doch nur mich selber 
in allen Sexualobjekten und es ist ganz klar, daß sie jedes Alter um- 
fassen können von dem ersten Moment an, wo meine Per Versionen 
auftraten. Wenn Schulbuben ihn besonders reizen, geht dies nicht 
bloß auf ihn selber zurück, woran ja in erster Linie zu denken wäre, 
sondern auch auf ein Jugendbild der Mutter als Schulkind aus ihrem 
8. oder 9. Jahre, auf dem sie, damaliger Mode gemäß, kurze Röckchen 
imd darunter sichtbare Hosen aus Samt trug, ein Bild, das uns 
übrigens bei Besprechung des Fetischismus noch mehr beschäftigen 
wird. Im allgemeinen werde seine sexuelle Erregung am meisten 
aufgestachelt, wenn sich mehrere gewünschte Eigenschaften kom- 
binieren, z. B. das homosexuelle mit dem Fetischideal zusammentrifft, 
so wenn ein Schuljunge seines Typus eine abgenutzte Manchester- 
hose trägt. 

Zwei weitere Quellen der Homosexualität fließen vom Vater 
und Bruder her. ,,Ich besaß zwar die Liebe der Mutter nie voll, da- 
gegen aber in starkem Maße die des Vaters. Sehr gerne hielt ich mich 
in seinem Kontor auf, wo ich mich nach den Erzählungen der andern, 
mit Vorliebe in den großen Papierkorb setzte. Oft rief ich aus diesem 
ganz unvermittelt heraus: ,Ich liege im Wasser'. Auch wenn ich 
morgens im Bette aufwachte, rief ich bisweilen im Scherze: ,Ich liege 
im Wasser'. Das tat ich, wenn ich mich bepinkelt hatte, aber auch 
ohne das. Ich glaube, es war das Signal für den Vater, zu mir zu 
kommen, und er ging immer darauf ein." Wie sehr ihm ferner die 
Vertreter des Vaters, die Lehrer, in den Schulen entgegenkamen, 
konnte ich oben bereits ausführen. Es ist auch bezeichnend, daß 
eigentlich nur eine einzige Empfindung bei ihm zu starker Aus- 
prägung kam: der Patriotismus, von dem ich schon in meiner Studie 



Die Psychoanalyse eines Autoerotikers. 491 

Über Hemricli v. Kleisti) ausführte, daß er viel weniger von patria 
herstammt, als von dem pater, dem eigenen Erzeuger. 

,,Wenn ich junge Männer sehe, die mir gefallen, taucht regel- 
mäßig der Wunsch auf, ich möchte so aussehen wie sie. Ursprünglich 
entspringt dies natürlich dem Wunsche, so schön zu sein, wie der von 
der Mutter bewunderte Bruder. Sie schrieb ja, der Bruder sei ein selten 
schönes Kind gewesen, was man von mir nicht behaupten konnte. 
Sehr möglich, daß ich derartige Äußerungen vernahm und mir darauf- 
hin der Wunsch kam: Ach, wärest du ebenso schön als er, dann hätte 
dich Mutter auch so lieb!" Besonders bedeutsam wurde für ihn, daß 
der Mutter ausgesprochenes Wohlgefallen den Körperformen des 
Bruders galt, vornehmlich seinen prallen Nates und Oberschenkeln, 
was ihrer Gesäßerotik entsprang. Wenn später unser Kranker eine 
ganz besondere Vorhebe entwickelte für schön geformte Märinerbeine 
und deren Fortsetzung, so steckt durchsichtig jene Erfahrung da- 
hinter, nicht unwesentlich noch dadurch verstärkt, daß er als Kind 
eine Zeitlang krumme Beine hatte, um derentwillen ihn Altersgenossen, 
der Bruder und gelegentlich sogar die Eltern weidhch verspotteten. 
Man erkennt, wie sich hinter diesem Typus die Liebe zum Bruder, 
des weitsrn zur Mutter, welche jenen bewundert, und endlich auch 
noch das Verlangen birgt, sein eigenes Ich so verschönert zu lieben. 
Erwägen wir, daß hinter seinen mannigfachen homosexuellen Typen 
eine Eeihe geliebter Objekte nachweisbar, männlichen und auch 
weiblichen Geschlechts, das eigene Ich des Kranken in verschiedenen 
Zeitläufen nicht zu vergessen, daß ferner mit den Eigenschaften all 
dieser Personen eine Fülle von Kombinationen mögüch, dann begreifen 
wir alsbald, daß, wo soviele Möglichkeiten vorhanden, der Kranke 
ursprünglich von keinem Typus wissen wollte. Charakteristischer- 
weise erscheint ihm die Homosexualität als die unangenehmste seiner 
Perversionen, gegen die er verstandesmäßig sich am meisten auflehnt 
und die er am schwersten zu verlieren fürchtet. 

Wir kommen nunmehr zu den Hauptperversionen unseres 
Kranken, dem 

sado-masochistischen Komplex 

und dem Fetischismus. Beide sind hier oft so eng mit einander ver- 
filzt und verflochten, daß sie in einer Reihe von Symptomen überhaupt 



>) Heinrich v. Kleist, Eine pathographisch-psj'chologische Studie. Wies- 
baden, 1910. J. F. Bergmann (Grenzfragen desMerven-und Seelenlebens, Heft 70.) 



492 J. Sadger. 

nicht mehr zu sondern smd. Immerhin will ich zur größeren Über- 
sichtlichkeit versuchen, zvinächst die Symptome zu isolieren, die rein 
der einen oder rein der andern Perversion angehören. Bei unserem 
Patienten ist der Masochismus unstreitig älter und früher auftretend 
als der Fetischismus, dabei auch um so viel stärker entwickelt als 
sein notwendiger Widerpart, der Sadismus, daß dieser, gegen ihn ge- 
halten, beinahe verschwindet. Gleichwohl bleibt aiich er in vielfachen 
Zügen nachweisbar. 

Das erste ist wohl, daß Patient im 5. oder 6. Jahre mit Kame- 
raden Schule spielte, wobei sie SofaHssen, die ihnen Schulkinder vor- 
stellten, öfter verhauten. Nicht lange danach, auch im 6. Jahre, 
hat er zusammen mit seinem Bruder einen 13 jährigen Jungen, der 
im väterlichen Geschäfte tätig war, am Hintern geprügelt, was dieser 
sich ruhig gefallen ließ. ,, Erhöht wurde mein Vergnügen unstreitig 
durch den fetischistischen Komplex, weil jener Junge Hosen aus 
Englisch-Leder trug, also einem minderwertigen Baumwollstoffe, wie 
ihn bei uns nur die Arbeiter tragen. Als er schrie : ,Da3 tut ja weh !', 
entgegneten wir: ,Das kann gar nicht weh tun, durch die dicke Hose 
geht ja nichts durch!' Dabei ist die Lust am Schlagen bei mir nicht 
stark ausgeprägt, ein wenig schon." Und jetzt kommt ein Ausspruch, 
der den Kern des Sadismus zu enthüllen geeignet ist: „Das aktive 
Schlagen ist eigentlieh nur eine notwendige Ergänzung zur Lust am 
Geschlagenwerden, weil man sich unbewußt denkt, man macht dem 
andern ein Vergnügen." 

Ein weiterer, ausgesprochen sadistischer Zug fällt in sein 11. Le- 
bensjahr. ,,Da habe ich einen Mitschüler, der einen Manchesteranzug 
trug, woran ich schon damals Gefallen fand, mit einem Strick gefesselt, 
den ganzen Körper über und über gebunden. Die Sache hatte auch 
eine tragikomische Seite. Nachdem er gebunden war, fiel er hin und 
tat sich weh. Als dies zu Ohren meiner Eltern kam, wurde ich bestraft." 
Der Gedanke läßt sich wohl schwer abweisen, daß Patient hier eine 
Mutter spielt, die ihr Kind einwickelt und dann verschnürt. 

Von weiteren allgemein sadistischen Zügen weiß unser Patient 
noch folgendes zu melden: ,,Ich habe den , Struwelpeter' gehabt und 
,Max und Moriz', beides Bücher von stark pikantem Eeiz für Kinder, 
Schauer erwecken sie sicher. Vom , Struwelpeter' behielt ich 2 Er- 
innerungen, wie der Schullehrer ins Tintenfaß taucht und, was gleich- 
falls großen Eindruck auf mich machte, daß Hans Guckindieluft irgend- 
wo hineinfällt, vielleicht ins Wasser. Aus .Max und Moriz' entsinne 



Die Psychoanalyse eines Autoerotikers. 493 

ich mich noch gvxt des Bildes, wo die 2 Jungen in einer Mühle 
zermahlen und dann von den Gänsen aufgefressen werden. Auch 
habe ich einmal Maikäfer von einem Baum geschüttelt und sie in 
eine Grube geworfen, wo Kalk gelöscht wurde. Weiter vergrub 
ich Maikäfer in die Erde. Das machen aber alle Kinder. Hiagegen 
habe ich ihnen nie die Beine ausgerissen, wie andere Jungen, über- 
haupt keine Grausamkeit gegen Tiere verübt. Ja, als ich 10, 
11 Jahre zählte und mein Bruder mit Kameraden Frösche fing und 
tötete, habe ich davor nur Abscheu empfunden und mich nie be- 
teiligt." Hier handelt es sich wohl bereits um eine Verdrängimgs- 
erscheinung. Endlich beweist noch eine Reihe etwas blutrünstiger 
Träume während der Analyse, daß sein Sadismus in der Kindheit 
nicht gering gewesen sein mußte. 

Eine Zwischenstufe zwischen Sadismus und Masochismus bildet 
miserea Patienten Flagellation am eigenen Körper. Seit dem 13. Jahre 
liebt er es nämlich, sich mit einem festen Stocke auf Oberschenkel 
und Gesäß zu schlagen, wenn er auch das letztere, eigentlich gemeinte, 
nicht gut erreicht. Hernach bekommt er Erektion und Lustgefühle, 
bisweilen sogar spontan eine Ejakulation. ,,Mich interessieren beim 
Selbstschlagen vornehmlich die Hautveränderungen. Sind sie stärker, 
so setzt es Schwielen, sonst nur eine Rötung. Beides betrachte ich dann 
im Spiegel. Auch an anderen hat mich dies gefesselt. So erinnere ich 
mich, mit 12 Jahren beim Baden Mitschüler interessiert angesehen 
zu haben, die Spuren von Schlägen am Gesäß trugen. Auf das Selbst- 
schlagen kam ich ganz zufällig durch einen Flederwisch, der an einem 
Rohrstock befestigt war. Den habe ich mit 13 Jahren gesehen und ver- 
sucht, mich damit zu schlagen." — „Das wird wohl nicht mehr bloßer 
Zufall gewesen sein, sondern mindestens unbewußte Absicht." — 
,,Ich weiß nicht, wieso ich darauf kam. Auch das Brennen, das nach 
den Schlägen in der Haut entsteht, ist mit Lustgefühlen verbunden. 
Das Schmerzgefühl beim Schlagen ist ja nur kurzlebig, dann kommt 
ein Brennen oder, richtiger gesagt, eine starke Wärmeentwicklung, 
die ich ganz sicher angenehm empfand. Ob nicht diese Wärmeent- 
wicklung das einzige Ziel des ganzen Schiagens ist?" — ,,Sie meinen 
das Lustgefühl dabei?" — ,,Ja, natürlich. Dann sucht man nach einer 
andern Ursache, die ursprünglich, in der Kindheit, die Erzeugerin 
dieses Wärmegefühls und der angenehmen Erregung war. Man kann 
sich vorstellen, daß das Kind mit nacktem Gesäß auf dem Schöße 
seiner Mutter sitzt." Wie man sieht, steckt hinter dieser Flagellation 

3 2 



49* J. Sadger. 

die Gesäßerotik oder noch präziser, die Hauterotik der Nates und die 
auf letztere gerichtete Schaulust. 

Die richtige Aufklärung erhielt ich durch eine autoflagellan- 
tistische Szene im Laufe der Analyse, die der Kranke folgendermaßen 
erzählte: „Gestern suchte ich eine abgelegene Stelle des Waldes auf, 
um mich dort mit einer abgeschnittenen Gerte ungestört auf die Schenkel 
schlagen zu können, vorn und hinten, so gut es eben ging. Hierbei 
kam es ohne Onaniebewegungen zu einer Ejakulation, was ich bisher 
ohne Masturbation höchstens 2 — 3 mal beobachtet habe. Dann ging 
ich wieder — es war schon gegen Abend — schnell nach Hause und hatte 
den Impuls, sorgfältig Toilette zu machen. Ja, ich überlegte sogar, 
ob ich nicht ein Bad bei der Wirtin bestellen und mich rasieren sollte. 
Schließlich ging ich ins Kaffeehaus, wo jemand neben mir saß, der irgend- 
wie meinem Ideal entsprechen mußte. Als der nun wegging, fühlte 
ich mich vereinsamt und ging auch weg." — ,, Diese Szene, welche 
Sie aufführten, wird wohl nur Wiederholung eines reellen infantilen 
Erlebnisses sein, sagen wir z. B. daß Sie der Vater so geschlagen hat. 
Ich vermute, Sie spielten am eigenen Körper den Vater, der Sie als 
Sohn so schlug." — ,,E8 wird wahrscheinlich eine Exekution durch 
den Vater sein. Schrieb mir doch die Mutter, daß ich mit 2 Jahren 
dem Vater unmittelbar nach einer Züchtigimg um den Hals fiel. Das 
muß mir doch eine sexuelle Erregung verschafft haben, sonst tut das 
doch ein Bub nicht. Meine Eltern werden das als Zeichen von Reue 
und großer Fügsamkeit aufgenommen haben." — ,,Wie pflegte 
Sie Ihr Vater zu zuchtigen?" — ,,Mit einem Rohrstock auf den Hintern. 
Gestern aber waren es die Oberschenkel, an das Gesäß kam ich ein- 
fach nicht." Und jetzt kam eine entscheidende Mitteilung: ,,Noch 
etwas Wichtiges muß ich sagen. Kurz vor der Ejakulation kam mir 
gestern eine ganz dunkle Erinnerung an eine Exekution, wonach es 
für mich keinem Zweifel mehr unterliegen kann, daß die ganze Episode 
auf eine kindliche Züchtigung zurückgeht. Die Situation war mir im 
Moment so vertraut, daß das nur durch eine Wiederholung erklärt werden 
kann. Natürlich ist das vom Gesäß verschoben, denn auf die Ober- 
schenkel schlägt kein Mensch." — ,,Was wissen Sie von jener infantilen 
Szene noch?" — ,, Alles, was ich weiß, ist eigentlich damit erschöpft. 
Der Züchtiger ist wohl kein anderer als mein Vater, das steht bei mir 
ziemlich fest. Wenigstens die kräftigen Exekutionen wurden nur von 
ihm besorgt. Es ist ja schließlich auch gar nicht anders möglich, als 
daß ich mich mit dem Vater identifiziere, sonst müßte ich das Verlangen 



Die Psychoanalyse eines Autoerotikers. 495 

haben, diesen Akt durch eine andere Person ausführen zu lassen, was 
nicht der Fall ist. Noch eins; Ich vergaß hinzuzufügen, daß ich, nach 
Hause gekommen, nochmals onanierte, und zwar angesichts des Spiegels, 
der mir die Spuren der Schläge zeigte, was mich neuerdings sexuell 
erregte. Das hängt wieder mit einem Minderwertigkeitskomplex zu- 
sammen und heißt nichts weiter als: ich habe etwas besonderes an 
mir, was andere Leute nicht haben, genau so wie ich gewisse Absonder- 
lichkeiten in der Kleidung anstrebe. Hier habe ich die Striemen und 
die Hautrötung!). Was jetzt folgt: baden, rasieren, sich schön machen, 
sollte dazu dienen, die Spuren der Onanie zu verwischen." ~ ,,Und 
dann finden Sie im Kaffeehaus wieder ein Sexualobjekt." — ,,Ja, 
ich stellte mir vor, daß dieses mich beobachtet, und alles, was ich tue, 
geschieht nur unter dem Gesichtswinkel: was würde der wohl dazu 
sagen? Wahrscheinlich ist es auch das Bestreben, ihm zu gefallen. 
Das Reizende an dieser Person war für mich seine Bartlosigkeit. " 
Wie sich bald herausstellte, bedeutete diese bartlose Person keine 
andere als — die Mutter, welcher er zu gefallen suchte. 

Konnten wir so eine wichtige Wurzel für den Autoflagellantis- 
mus aufdecken, so dürfen wir nicht glauben, daß damit etwa alles 
erschöpft sei, was die Lust am Geschlagenwerden erzeugt, ja, sogar 
nur die Lust am Sich-selber-schlagen. Abgesehen von den Beziehungen 
zum Manchester-Fetischismus, von welchem ich später handeln werde, 
hängt selbst der Autoflagellantismus noch mit Schlägen anderer heiß- 
geliebter Personen zusammen, der Großmutter wie der Mutter, die 
er dann bei seinen Exekationen selbst imitiert. Die Prügel von selten 
der energischen Großmuttei^^ waren zumeist eine Folge seiner starken 
Analerotik. Wenn er sich den Stuhl so' lange aufhob, bis es zu spät 
geworden, dann blieb die gebührende Strafe nicht aus. Doch wurde 
sie wettgemacht durch die dann folgenden Manipulationen, welche 
manches Lustvolle für ihn hatten. ,,Die Reinigung am Hintern und 
den Genitalien, das Ausputzen mit einem Schwamm, macht einem 
als kleines Kind Vergnügen. Auch wird dazu warmes Wasser genom- 
men, was jenes noch erhöht, und die Schläge von Frauenhand werden 
nicht so fürchterlich gewesen sein. Ich wurde bis in ein ziemlich hohes 
Alter, bis zu 5 Jahren und vielleicht sogar noch länger gewaschen. 

') Die nähere Erklärung für dieses Symptom folgt später bei Besprechung 
des Fetischismus. Das Anstarren im Spiegel, sowie das Bewußtsein, etwas Beson- 
deres an sich zu haben, das andere Leute nicht besitzen, gehört zum klinischen 
Bilde des Narzißmus. 



496 J. Sadger. 

Die Annehmlichkeiten bei dieser Reinigung mögen wohl auch mit- 
gewirkt haben, daß ich das Bemachen so lange fortsetzte." Neben 
der analen, der Lust am Bemachen, begegnet uns hier etwas, das schließ- 
lich zum Tiefsten führen wird : die stark entwickelte Hauterotik, welche 
jenes Säubern noch ganz besonders lustvoll gestaltet. 

Auch die Schläge der Mutter hatten für ihn einen großen Reiz. 
Er vermutet jene, weil er, wie die Mutter in einem Schreiben hervor- 
hob, als Kind sehr viel geschrien habe. Am beweisendsten aber sind 
einige masochistische Träume, aus welchen hervorgeht, daß die Prügel 
der Mutter ihm hohe Lustgefühle schufen. Zu einem derselben gibt 
er die hochbezeichnende Ergänzung: ,, Charakteristisch ist, daß ich 
mich im Traume gar nicht gegen die Schläge sträubte, daß vielmehr 
ich und die Mutter dabei im besten Einvernehmen waren. Es schien, 
als ob dies einfach so sein müßte, während ich mich sonst gegen Prügel 
sträubte." 

Fassen wir das bisher Erschlossene zusammen, so spielt unser 
Kranke bei seiner Autoflagellation entweder den Vater, welcher ihn 
züchtigt, oder die Mutter beziehungeweise Großmutter, doch zugleich 
auch das Kind, welches jene Schläge mit Lust empfängt, also immer 
2 Personen in einer. Es dreht sich femer dabei stets wesentlich um 
eine Lust, die auf die Nates und deren Fortsetzung, die Oberschenkel, 
gerichtet ist, also das, was ich anderwärts als Gesäßerotik^) zusammen- 
faßte. Bliebe nur noch das Rätsel zu erklären, daß ihm Prügel neben 
dem Schmerze, welchen sie sicher erzeugten, noch eine so hohe Lust 
bereiteten, daß er mit 2 Jahren dem Vater um den Hals fiel und später 
die Autoflagellation versuchte. 

,,Dem ersten Male, daß ich mit 13 Jahren mich selber schlug, 
gingen allerlei Phantasien voraus, in denen ich mich in die Rollen 
eines Schuljungen versetzte, der in der Klasse geschlagen wird. Was 
mich aber erregte, war nicht der vorgestellte Schmerz, sondern der 
Zwang, sich vorn hinzustellen und bücken zu müssen und sich schlagen 
zu lassen. Ich selber wurde nur äußerst selten von Lehrern gehauen 
und da keineswegs mit Lustgefühlen. Hingegen empfand ich stets 
große Lust, wenn Mitschüler vom Lehrer geschlagen wurden, wobei 
ich mich in die Rolle des Gezüchtigten hineindachte. Mit 13 Jahren 
endlich la.s ich in einem Buche von einem Jungen, der jeden Abend 



') ,,Über Gesäßerotik," Internationale Zeitschr. f. ärztliche Psychoanalyse, 
1913, Heft 4. 



Die Psychoanalyse eines Autoerotikers. 497 

von semem Stiefvater Prügel bekam. Diese Schilderung benutzte 
ich zu Masturbationsphantasien, wobei ich natürlich die Rolle des 
Schuljungen übernahm." Von dem oberwähnten lustvollen Zwang 
wird später noch die Rede sein. 

Eingangs vernahmen wir, daß unser Patient bereits mit 9 Jahren 
durch die Lektüre von „Onkel Toms Hütte" sexuell stark erregt ward. 
„Vom 15. Jahre ab habe ich mich stets in die Rolle von Sklaven hinein- 
versetzt, die gepeitscht und mißhandelt wurden, wobei es mir immer 
besonders darauf ankam, daß sie nackt herumgingen." Diese Nackt- 
heitsphantasien gehen wohl auf die erste Kinderzeit zurück, da er ähnlich 
herumlief und wegen Vergehen, z. B. gegen die Zimmerreinheit, auf das 
nakte Gesäß geschlagen wurde, andre Male aber ganz sicher tätschelnde 
Liebkosung empfing an den nämlichen Partien. Spielt ferner auch 
unbedingt seine Bxhibitionslust mit, von der wir schon früher ver- 
nommen haben, so drehen sich doch zweifellos jene Phantasien wieder 
um die Gesäßerotik. 

,,Noch einen Punkt muß ich berühren. Wenn ich mir in meiner 
Einbildung vorstellte, daß jemand geschlagen wird, so kam es 
darauf an, daß er sich das ohne Schmerzensäußerung gefallen läßt, 
gewissermaßen also ein stilles Heldentum zur Schau trägt, sonst reizt 
es mich nicht. Woher kommt das? Ich habe bei Schlägen immer gebrüllt. 
Eigentlich kommt darin ein gewisses Bestreben zum Ausdrucke, diese 
Phantasien vor mir zu rechtfertigen, ihnen ein ethisches Mäntelchen 
umzuhängen." Außer einigen schlimmen Buben, die so abgebrüht 
waren, daß sie Schläge zu Hause und in der Schule wortlos ertrugen, 
weiß er sich nur zu erinnern, daß, als sein Bruder zum letzten Male 
mit 13 Jahren gehauen wurde, in einem Alter demnach, da er sich 
für Prügel bereits zu groß dünkte, er aus Trotz keinen einzigen Laut 
von sich gab. Dieser Bruder hat ihn in seiner Kindheit oft sehr gequält 
und unser Patient, der bei der Mutter niemals Recht bekam, mußte 
sich in ohnmächtiger Wut verzehren. Am bedeutsamsten aber dünkt 
mich, was zu den übrigen Formen seines Masochismus führt, daß er 
in bewußtem und absichtlichem Gegensatz zu seinem überaus weh- 
leidigen Bruder Schmerzen mit Heroismus ertrug, um Lob und Liebe 
der Mutter zu ernten. So, als er im siebenten Jahre sich beim Sturze 
auf der Eisbahn eine Verletzung über dem linken Auge zuzog und im 
achten gar einen Nagel in den Schädel rannte. Beidemal ging er, ohne 
etwas zu sagen, selbst nach dem Krankenhaus rmd ließ sich dort ver- 
binden. ,,Die Eindrücke daselbst waren für ein kleines Kind sicher 



498 J. Sadger. 

schrecklich, auch war das Verbinden der Wunde recht schmerzhaft. 
Ich wollte mich aber von meinem so furchtsamen Bruder unterscheiden. 
Das trat besonders beim Zahnreißen hervor. Als ich mit neun oder 
zehn Jahren an Zahnschmerzen litt, ging ich eines schönen Tages ganz 
stillschweigend zum Aizte und ließ mir den kranken Zahn ausziehen, 
ja wies sogar die Einspritzung zurück, die jener mir anbot. Ein Jahr 
vorher hatte mein Bruder in ähnlicher Lage sich sehr feige benommen. 
Vater mußte ein paarmal mit ihm hingehen imd er außerdem noch mit 
Lachgas betäubt werden. Bei meinem Heldenmute wirkte vielleicht 
auch eine Erzählimg meiner Mutter von einem ihrer Jugendfreunde, 
einem Kadetten, mit, die sicher noch vor das fünfte Lebensjahr fällt. 
Die Kadetten mußten sich von Zeit zu Zeit die Zähne untersuchen 
und die schadhaften reparieren lassen, ohne daß da viel auf Wünsche 
oder Klagen der Jungen gehört wurde, so daß also ein gewisser Mut 
dazu gehörte. Das reizte uns Kinder natürlich sehr und ich wollte 
es offenbar dem Jugendfreund gleichtun, um auch von der Mutter so 
geliebt zu werden." 

Zum Flagellantismus will ich abschließend nur noch ergänzen, 
daß aus einem gut gedeuteten Traum des Kranken hervorgeht, dieser 
habe den Koitus seiner Eltern belauscht tmd ihn dahin ausgelegt, die 
Mutter bekomme vom Vater Schläge aufs nackte Gesäß^). Die starke 
Angst, die er in Traum und nach dem Erwachen verspürte, neben der 
Furcht, ihm könnte selber Ähnliches begegnen, spreche für eigene 
unterdrückte Libido. Er habe offenbar den Wunsch gehabt, die EoUe 
der vermeintlich geschlagenen Mutter selbst zu agieren — man denke auch 
an sein Hinlegen ins Bett: ist's recht so? — imd mit dem Vater in Gre- 
schlechtsverkehr zu treten. Beim Autoflagellieren realisiere er diesen 
Wunsch, indem er in der Rolle des Vaters sich als Mutter schlage. 

Nun zu den verschiedenen anderen Formen seines Masochismus. 
Wir vernahmen bereits, daß unser Patient sich im sechsten Jahre 
die Beine im Bett mit einem Riemen knebelte. Ähnlich schnürte er mit 
16 fl^ahren sich einen Riemen um den Leib, angeblich damit er die 
Hose halte. In Wahrheit schuf ihm das Binden immer sexuelle Lust, 
denn damals wie im sechsten Jahre bei der Knebelung der Beine bekam 
er davon eine Erektion. Ebenso erging es ihm, als er mit 25 Jahren 
sich bei einer Radtour die Hosen unten mit einer Schnur zusammenband. 
In all diesen Fällen geht es unstreitig um sexuelle Lust, die durch das 

^) Neu war bei dieser Bestätigung der sadistischen Koitustlicorie, daß der 
Vater nach der Meinung des Kindes das Prügeln — mit seinem Penis besorgt«^ 



E'ie Psychoanalyse eines Autoerotikers. 499 

Zusammenschnüren erzeugt wird. Hier schloß der Kranke folgende 
EiTwäcuno an: „Es wird überhaupt schwer sein, Ursachen für das Ge- 
fallen am Einschnüren zu finden. Wenn wir auch annehmen, daß 
es auf das Steckbett zurückgeht, so kann man doch dazu keine 
Erinnerung finden. Anderseits muß es doch etwas sehr Wichtiges 
»ewesen sein, denn meine ersten Sexualhandlungen, bezogen sich darauf, 
daß ich nachher das Gefühl des Eingeschnürtseins, eines Zwanges 
auf der Hautoberfläche hatte. Wenn man aber in ein Steckbett 
eingewickelt wird, spürt man doch die einzelnen Bänder nicht, die 
gehen doch nur von außen." — ,, Trotzdem könnten Sie das Gefühl 
des Zusammengeschnürtseins auch schon als Säugling empfunden 
haben, zumal ein solcher eine ausnehmend zarte Haut besitzt. Ich 
erinnere Sie auch, daß Sie als Elfjähriger einen Mitschüler über und 
über banden, so daß er hinfiel und sich wehetat. Sie wiederholten also 
aktiv Ihr eigenes Eingeschnürtwerden als Kind. Wenn wir auch die 
organische Grundlage für die Lust am Gebunden- und Gefesseltwerden 
noch nicht präzisierten, so wollen wir doch festhalten, daß Sie selber 
sie einerseits schon ins Steckbett verlegen, demnach in die Säuglings- 
zeit zurück, anderseits aber mit einem Zwange auf der Hautoberfläche 
in Verbindung bringen." 

Bald brachte der Kranke eine Reihe psychischer Überdeter- 
rainierungen : , , Spielt nicht das Korsett, mit dem sich Mutter einschnürte, 
hier eine große Rolle? Wenn ich mir die Beine zusammenband oder 
einen Riemen vim meinen Leib schnallte, werde ich die geliebte Mutter 
agiert und nur die Betätigung nach unten verschoben haben. Übrigens 
werden ja auch die Frauenröcke um die Mitte gebunden. Bei Mutters 
Toilette war ich sicher häufig als Kind dabei. Es wird mir wohl auf- 
gefallen sein, wie schlank sie gegenüber dem Vater ist, und außerdem 
preßt sie sich noch zusammen. Das suche ich jetzt wieder in den engen 
Soldatenröcken. Die schlanke Taille eines Mannes interessierte mich 
stets. Wenn ich eine übertrieben schlanke Taille sehe, überkommt 
mich bisweilen das komische Gefühl: Wo haben da die Organe Platz, 
wie funktioniert da der ganze Körper? Es steckt ein unheimlicher Reiz 
für mich in diesem Gefühle." 

,,Noch eins: Wenn meine Mutter sich schnürte, so wurde die 
Taille eng und die Brust trat hervor. Spielte ich also ihre Rolle und 
schnürte die Hose eng zusammen, was ich öfters tat, dann wurde 
statt der Brüste das pralle Gesäß bei mir herausgedrückt. Übrigens 
geht auch aus einem Traume hervor, daß ich mir weibliche Formen 



öOO J. Sadger. 

gewünscht haben muß, mit anderen Worten, daß ich die Mutter vor- 
stellen wollte. Ich weiß ferner, daß ich als Kind einen sehr entwickelten 
Hintern hatte, um dessentwillen ich vielfach bewundert wurde, ge- 
legentlich scherzweise sogar von den Eltern. Der Vater hat mich sicher 
gern darauf getätschelt. Fand er doch sogar noch in späteren Jahren 
oft ein gewisses Vergnügen daran, mir einen scherzhaften Klaps 
hinauf zugeben. Je imscheinbarer meine Genitalien waren, desto mehr 
Gle wicht werde ich auf meinen fetten Popo gelegt haben, der mir soviel 
Bewunderung imd Liebkosung eintrug. Meine Mutter schrieb mir auch 
kürzlich, er wäre so dick gewesen, daß ich einmal beim Aufstehen den 
Topf mitgenommen hätte." — ,,Ich darf hier folgendes ergänzen: 
Grerade bei Schlägen auf ein fettes Gresäß findet sich oft, daß sie vom 
Kinde nicht anders aufgenommen werden denn als Verstärkung einer 
bekannten Liebkosung, des Tätscheins, das Ihnen, z. B. von geUebten 
Personen, besonders häufig zuteil geworden. Dieser Fall wird am 
leichtesten dort eintreten, wo ein reichUches Fettpolster die Schläge 
abschwächt, anderseits wieder die Erwachsenen zum Tätscheln und 
zärtlichen Klapsen reizt. Im Grunde genommen sind für das Gefühl die 
Prügel nur quantitativ vom Tätscheln verschieden, zumal man ja kleine 
Kinder gemeinhin nicht allzufest hauen wird. EndUch werden Sie 
späterhin erfahren, daß just der fette Popo eine besondere Rolle bei 
der Entstehimg Ihres Fetischismus spielte." 

Die Einschnürung des Körpers, so die Mutter vorgenommen hatte 
und nach deren Muster dann unser Patient, war nicht die einzige künst- 
liche Beengung. Einen andern Fall erlebte der letztere sehr früh, bereits 
mit zwei Jahren, als er auf sein unablässiges Drängen, um nicht hinter 
dem Bruder zurückzustehen, die erste Hose, und zwar aus Samt, bekam. 
Gregenüber dem weiten geschlechtslosen Kleidchen waren jetzt besonders 
Genitalien, Nates imd Oberschenkel eingeengt und das Reiben des 
Penis und der Testikel verführte ihn direkt zu masturbatorischen 
Manipulationen. ,,Es scheint aber auch", meint unser Patient, ,,daß die 
Bewegungshemmung, die durch die enge Hose gehinderte Bewegungs- 
freiheit mir Lust bereitete^). Ich erzählte ja schon, daß ich mir einmal 
einen Stein in den Mastdarm klemmte, was ja ein ähnlicher Zwang 
ist, wie durch das enge Kleidungsstück. Die Lust an der Bewegungs- 

') Ich glaube überhaupt, daß die wichtigste körperliche Einengung, die 
das Knäblein verspürt, natürlich abgesehen von der Geburt und den Einwicklungen 
als Säugling, durch die ersten Hosen geübt wird, die speziell Masoohisten besondere 
Lust bereiten dürften. 



Die Psychoanalyse eines Autoerotikers. 501 

freiheit, welche sich im Strampeln des Kindes äußert, und die Lust 
an der Behinderung derselben hängen eigentlich zusammen. Bei der 
letzteren handelt es sich ja auch darum, einen Widerstand zu besiegen, 
was vielleicht gerade zu den höchsten Muskelleistungen anspornt und 
dadurch besondere Lust setzt. Es ist ja immer so: was man nicht kann, 
wünscht man sich am meisten. Noch etwas: die Lust an den engen 
Kleidungsstücken bezieht sich weniger auf die Nates als auf die Knie 
und ein. Stück der Oberschenkel. Nun weiß ich bestimmt, daß ich von 
den Dienstmädchen und natürlich früher von der Großmutter auf den 
Armen getragen wurde, wobei sie den Arm um meine Knie imd ein 
Stück des Oberschenkels schlugen. Das muß mir damals offenbar 
große Lust bereitet haben und die Lust heute bei enger Kleidung just 
an den genannten Körperstellen ruft nun jene schöne Zeit wieder in 
Erinnerung." 

Ich knüpfe hier zwei frühzeitige masochiatiache Züge an. In 
seinem vierten bis sechsten Lebensjahre hatte unser Kranke einmal 
im Garten spontan eine Erektion, die ihn zu einer merkwürdigen 
Handlung trieb. Er krämpelte nämlich die unteren Säume seiner kurzen 
Hose auf, so daß ein Druck an den Oberschenkeln entstand. ,,Das war 
ein Tun, zu dem mich das Gefühl der sexuellen Spannung veranlaßt 
hat. Das Umkrämpeln machte mir Vergnügen, es war sicher eine sexuelle 
Handlung. Es erregte eine Spannimg in den Oberschenkeln, die mir 
ein Lustgefühl bereitete. Das ist meiner Erinnerung nach meine früheste 
sexuelle Handlung. Mir ist, als wäre die Erektion das Primäre gewesen 
und als hatte ich die Spannung, die sie in der Hose erzeugte, dann durch 
das Umkrämpeln nachgeahmt." Dann fährt er fort: ,, Könnte nicht 
die Spannung in der Hose mit eine Wurzel sein für noch andere Span- 
nungen, die ich mir zu verschaffen suchte, indem ich mir z. B. den 
Riemen imi den Leib schnallte? Da habe ich mir eben das Vergnügen 
der Erektion auf eine andere Art zu verschaffen getrachtet. Auch habe 
ich eine Vorliebe für straff gespannte Hosen. Mit 13, 14 Jahren trug 
ich meine Hosen eng und hochgezogen, um das Spannungsgefühl au.f 
diese Weise nachzuahmen. Die Spannung, welche meine erste Erektion 
in der Hose erzeugte, muß einen enormen ätiologischen Einfluß gehabt 
haben." In einer späteren Stunde ergänzte er: ,,Ich habe mit dem Um- 
krämpeln der Hose vielleicht schon damals den Zwang oder den Druck 
genießen wollen, den die enge Frauenkleidimg hervorbringt, noch ab- 
gesehen vielleicht von dem Zurückstreifen der Vorhaut, das ich so 
s^^nboli3iere. Als ich ferner mit 13 Jahren die ersten langen Hosen 



502 J. Sadger. 

bekam, zog ich darunter die letzten kurzen an und ging, so angetan, 
wiederholt aufs Klosett, um zu onanieren. Die beiden Hosen übereinander 
erzeugten wohl irgend welche Reizung der Haut, die besondere Lust- 
gefühle weckte, so daß ich masturbieren mußte. Es spielt vermutlich 
auch die Bmpfindimg mit, etwas Absonderliches an mir zu haben." 

Es ist hoch an der Zeit, den organischen Grundlagen des Sado- 
Masochisraus an den Leib zu rücken. Erinnern wir uns an das Letzt- 
erzählte. Er krämpelt die Säume der Hose um und empfindet das als 
geschlechtliche Handlimg, förmlich wie eine nach unten verschlagene 
Erektion. Die Spannung und der Druck auf die Haut und, wir dürfen 
ergänzen, auch auf die darunter liegenden Muskeln erzeugen ihm aus- 
gesprochen sexuelle Lust. Desgleichen zwei Hosen übereinander, die 
ihn sogar zum Onanieren verleiten. Wenn ein normal empfindender 
Mensch sich die Hose umkrämpelt oder zwei Hosen übereinander anzieht, 
so wird ihn dies entweder kaum berühren oder höchstens im Sinne 
einer Unlustempfindung. Auch wird er dann wohl karmi Erektionen 
oder gar eine Ejakulation bekommen, wie unser Patient, wenn er sich 
auf die Oberschenkel schlägt. Ebenso imzweifelhaft sexuelle Lust, 
bewiesen durch prompte Erektionen, erzeugt ihm auch das Knebeln 
dei Beine und das Zusammenschnüren seiner Hose mit Riemen oder 
Schnur. Wenn Patient das Gefallen am Binden und Einschnüren 
bis aufs Steckbett zurückführt und den Zwang auf der Hautoberfläche 
daselbst, so weist ein derart früher Beginn auf eine besondere Anlage 
hin, die vor allem die Haut und die darunter liegenden Muskeln be- 
treffen mußte. Gut stimmt dazu das besondere Interesse, so unser 
Kranke für die Hautveränderungen nach Schlägen zeigt, desgleichen 
die Lust am Brennen und der Wärmeentwicklung, die wieder zweifel- 
los sexuell ist. Kimmt man endlich noch das Vergnügen am Tätscheln, 
an der behinderten Bewegungsfreiheit imd die Episode, da er mit 
zwei Jahren nach einer Züchtigung dem Vater um den Hals fiel, dann 
scheint mir nur eine Erklärung möglich: Unser Kranke empfindet 
als typischer Sado- Masochist die Schläge auf Haut und Muskulatur, 
Einschnüren und Binden vom zartesten Alter ab darum so lustvoll, 
weil eine konstitutionell verstärkte Haut- und Muskelerotik vorhanden 
ist, die jede gleichzeitige Unlustempfindung weitaus übertönt. Nicht 
etwa, als ob ein Masochist nicht Prügel wie andere schmerzhaft fühlte. 
Nur ist die gleichzeitige Lust so stark, daß der Schmerz mehr als Würze 
empfunden wird. Sehr richtig, wenn auch keineswegs erschöpfend, 
bemerkte Patient in einem Rückblicke auf seine Perversion: ,,Der 



Die Psychoanalyse eines Autoerotikers. 503 

Sadismus ist überhaupt nur denkbar, wenn das Kind eine Freude 
an Sclimerzen hat und dann den anderen diese Wohltat auch erweisen 
will, wenn es also Lust empfindet, sobald es das erstemal Prügel be- 
kommt. Das war vermutlich bei mir der Fall. Drum verlange ich auch, 
man solle die Schmerzen ruhig ertragen." Dies wortlose Dulden erweist 
ihm offenbar die gleichzeitige Lust. 

Ein andermal gibt er folgende Aufklärungen: ,,Wir müssen den 
Masochismus teilen in das Vergnügen am Schmerz und das Vergnügen 
am Zwang, z. B. dem Zwang der Bewegxmgshemmung oder dem 
Zwang, minderwertige Stoffe, wie Manchester, zu tragen." Während 
das Vergnügen am Schmerz und an der behinderten Bewegungs- 
freiheit durch die Haut- und Muskelerotik genügend erklärt ist, be- 
darf die Lust an dem sonst geübten Zwang, die zum Teil schon in den 
geistigen Masochismus hinüberspielt, noch einiger Erklärung. Auch 
hier existiert eine psychische Überdeterminierung. Die Mutter bezeich- 
nete das Tragen des Korsetts recht häufig als ,, Zwang", was in der 
Gleichstellung mit der Greliebten lustvoll wurde. Doch geht die Sache 
natürlich viel tiefer. Wenn in der Schule ein Kollege vom Lehrer Schläge 
bekam, so war das eigentlich Interessante und Lusterregende für unsem 
Masochisten der Zwang, der den Jungen bemüßigte, sich vorn hinzu- 
stellen und hauen zu lassen. Dieser durfte auch keine Schmerzens- 
äußerung von sich geben, sondern mußte seine Qual verbeißen, was 
ja in den Phantasien des Kranken eine EoUe spielte, z. B. in den Sklaven- 
mißhandlungen. Selbst in seiner infantilen Koitustheorie war er der 
Meinung, die Mutter stehe unter dem sexuellen Zwange des Vaters 
und müsse sich prügeln lassen, wenn es diesem beliebe. Gleichwohl 
hatte sie ersichtlich große Lust davon und schrie auch niemals, ja, 
gab dem Vater dann noch den Gutenachtkuß. Ähnlich benahm er 
sich selbst mit zwei Jahren nach der Züchtigung des Vaters. ,, Lustvoll 
war jedenfalls auch der Zwang, den ich mir auferlegte, wenn ich den 
Stuhl hinausschob, aber auch ihn herzugeben, wie man verlangte. 
So waren beide Seiten des Zwanges lustvoll." 

Ganz ins Gebiet des geistigen Masochismus und nebenbei auch 
seinea Fetischismus spielt aber die Lust an einem andern Zwange, 
dem nämlich, etwas tragen zu müssen, was vom Gewöhnlichen ab- 
weicht und wodurch der Betreffende als irgend etwas, gemeinhin als 
minderwertig gekennzeichnet wird. Es kann ebensogut eine Manchester- 
hose wie Reitstiefel sein oder Perlmutterknöpfe an den Hosenbeinen, 
welch letztere zur Livree eines Dieners gehören. ,,Ich habe mich in 

.rahrbuoh für payclioanalyt. u. psjcliopathol. Forecliungen. V. 33 



504 J. Sadger. 

der Phantasie stets in die Gedanken des Betreffenden versetzt und 
mir vorgestellt, dies müsse ihm sehr unangenehm sein. Das hat mich 
immer wollüstig erregt, bis zur Erektion. Daraus erklärt sich auch, 
daß, wenn Schüler aus einer untersten Volksschichte minderwertige 
Stoffe tragen, mich das weniger erregte, als bei solchen aus besseren 
Kreisen, weil da wieder das Bewußtsein mitspielte, die letzteren müßten 
dies ganz besonders peinlich empfinden." 

Patient kam nun rasch und spontan darauf, daß sein Mitleid 
mit dem hierdurch als minderwertig Gezeichneten im Grunde nur 
Mitleid mit sich selber war, also autoerotisch. Und er gab auch sofort 
die oberflächUchste Erklärung, er habe als Kind die ausgewachsenen 
Kleider seines Bruders tragen müssen, wofür er von diesem noch weid- 
lich gehänselt wurde. Natürlich wurzelt der, , Minderwertigkeitskomplex", 
wie er ihn betitelt, noch um vieles tiefer. So nennt er z. B. als wichtigere 
Beziehung, daß er ,, infolge seiner Analerotik gezwungen war, sich die 
Hosen voll zu machen, imd dann heruntergemacht, nicht bloß beschimpft, 
sondern auch verkleinert wurde". Wegen seiner Gewohnheit, in die 
Hosen zu pinkeln, einer Folge der Urethralerotik, wurde er des weiteren 
schon von der Großmutter angehalten, stets minderwertige Sachen 
zu tragen. Erinnern wir uns endHch, daß er nicht bloß in der Zimmer- 
reinheit weit hinter seinem Bruder zurückstand, sondern auch von 
Geburt zu kleine Genitalien hatte und eine Phimose, dann femer als 
Kind eine Zeitlang krumme Beine und obendrein das wenigst hübsche 
war unter den Geschwistern, so versteht man, daß alle Minderwertig- 
keit auf sein eigenes, hintangesetztes Ich zurückgeht. Der tiefste 
Grund seines Minderwertigkeitskomplexes ist sein tatsächliches phy- 
sisches Zurückstehen in der Kindheit gegenüber dem Bruder und femer 
die Zurücksetzung von selten der Mutter, die den älteren Sohn so sicht- 
bar bevorzugte. Ein glücklicher Einfall unseres Patienten deckt dann 
noch eine Nebenbeziehimg auf: ,,Kann die Liebe zur Minderwertig- 
keit nicht aus der Liebe zur Mutter mit dem fehlenden Penis ent- 
stehen?" 

,,Die Liebe zur Minderwertigkeit ist das, was die Eichtung meiner 
Hauptperversionen, des Masochismus wie des Fetischismus, am meisten 
beeinflußt." Nur ist sie selber nichts anderes als die Liebe zum eigenen 
Ich, also reiner Narzißmus. Weil er so wenig Liebe fand, vor allem bei 
der Mutter, dann bei dem Bruder, drum zog er sich auf sich selbst zurück. 
Ich will hier noch einige scharfsinnige Bemerkungen des Patienten 
aus seiner Psychoanalyse anfügen: ,,Greht mit dem körperlichen Maso- 



Die Psychoanalyse eines Autoerotikers. 505 

chismus nicht auch ein geistiger einher? Der Masochismus, der in der 
Lust, mich selber zu schlagen, zum Ausdrucke kommt, ist sicher nur 
körperlich. Hier handelt es sich zuverlässig nicht um eine Demütigung, 
sondern lediglich um einen Hautreiz. Es ist also eigentlich gar kein 
Masochismus, sondern Hauterotik und deren Befriedigung. Hingegen 
liegt ein geistiger Masochismus in meinem häufigen Bestreben, mich 
als minderwertig hinzustellen. Masochistisch ist ferner meine Lust 
am eingebildeten Zwang (in der Phantasie nämlich), freiüch dann 
auch die Lust am körperlichen Zwang, die ich z. B. beim Selbstknebeln 
empfand." 

Und nun kam eine bedeutsame Erinnerung, ,,Als Mutter einmal 
allein spazieren ging, lief ich ihr direkt vom Spielplatz zu und wollte 
mitgehen. Sie aber sagte: ,Du siehst mir zu schmutzig aus, ich mag 
nicht mit dir gehen!' Dies hat sicher einen tiefen Eindruck auf mich 
gemacht. Ich kann damals nicht gar zu klein gewesen sein, da ich schon 
allein auf dem Spielplatze war. Dieser Episode messe ich eine besondere 
Bedeutung bei, nicht bloß wegen der frühen, infantilen Zurückweisung, 
sondern weil mich das erst vielleicht auf die Minderwertigkeit brachte. 
Eigentlich hätte das keinen Reiz auf mich ausüber sollen, was es dann 
aber doch tat. Als ich mir jetzt den Vorgang ausmalte, hatte ich sogar 
eine sexuelle Erregung." — ,, Wieso kam das aber?" — ,,Um ein Bei- 
spiel zu geben: wenn man jemanden des Diebstahls überführt hat, 
wird es einem ein zweites Mal gar nicht schwer werden, abermals zu 
stehlen, weil ihm vielleicht das bißchen Rest von Ehrgefühl, welches 
er noch hatte, ganz verloren gegangen. Ich nehme an, daß ich mich 
schon vordem von der Mutter zurückgesetzt fühlte. Nun habe ich hier 
einen ganz eklatanten Fall, wo sie direkt es aussprach: ,Ich mag mit 
dir nicht gehen, du bist mir zu schmutzig, zu schlecht angezogen!' 
Nun kommt noch eine Portion Trotz dazu und ich will jetzt vielleicht 
mit dem Gegenteil Eindruck auf die Mutter machen, just indem ich 
ihr zeige, daß ich ein Schmutzfink bin. Und eine sexuelle Erregung 
ist auch dabei, das ist keine Frage." — ,, Wieso wirkt die Zurückweisung 
sexuell erregend?" — ,,Jene Lust an der Zurückweisimg spricht sich 
auch in meinem Fetischismus aus. Ob das nicht durch die Liebe zum 
Vater zu erklären ist? Je mehr ich schließlich von der Mutter zurück- 
gewiesen wurde, desto mehr werde ich mich an den Vater angeschlossen 
haben. Er spielt zwar in jener Erinnerung gar keine Rolle, aber etwas 
anderes fällt mir ein: wenn ich mir vorstelle, daß mein Vater mich 
am Hintern tätschelte, mich vielleicht mit den Worten: ,Da spring 

33* 



506 J. Sadger. 

hin!' und einem Klaps entließ, so macht mich der Gedanke an das Ge- 
tätscheltwerden unruhig. Ich spüre beinahe noch jetzt, wie bei der 
Erinnerung ein unbehagUches Gefühl entsteht, ich möchte fast sagen; 
ein Zwangsgefühl im Hintern. Es ist gerade so groß, um meine Auf- 
merksamkeit auf diese Körperstelle zu lenken, sonst aber nur ein un- 
behagliches Gefühl, das mich daran denken läßt, der Vater hat mich 
auf diese Weise getätschelt. Es ist, als ob mich am Hintern etwas stört, 
weil da etwas nicht zum Ausgleich gebracht worden, sei es auch nur 
in der Gedankenwelt. 

Man sieht, wie auch der geistige Masochismus über die Assoziations- 
kette: schmutzig sein, sich bemachen, geschlagen werden, Klaps auf 
den Hintern, tätschelnde Liebkosung zur Haut- und Anal- beziehimgs- 
weise G«3äßerotik zurückführt. In die gleiche Richtimg führt aber 
noch eine andere Fährte. Patient machte nämlich selber die Wahr- 
nehmung, daß ihm die Lektüre von Verbrechen und vor allem die 
Vorstellung, selber ein solcher Verbrecher zu sein, eine ganz ,, unheim- 
liche Lust" bereitete. Und jetzt kam ihm ein glücklicher Einfall: ,,Das 
ist doch jedenfalls die Lust, ein unartiges Kind zu sein und dann viel 
geschlagen zu werden. Aus dem schlimmen Kinde wird dann später 
ein schlimmer Verbrecher. Wir wissen ja, daß ich bereits mit zwei 
Jahren Lust am Geprügeltwerden empfand. Die Sache geht aber noch 
weiter. Jener Gedanke vom schlimmen Kinde bezieht sich auch auf 
die Kleidung und damit auf den Fetischismus. Die mindere Kleidung 
kennzeichnet den Gassen jimgen und der wird mehr geschlagen als 
das bessere Kind, schon in der Volksschule. Dieser Glaube ist bei uns 
ganz allgemein verbreitet und da kann wohl der Gedanke, durch die 
Kleidung zu einem Volksschüler degradiert zu werden, auf diesem 
Wege seine Lust bekommen. Mir ist auch beinahe so, als ob bei 
uns die Drohung gebraucht worden wäre : ,Du wirst in die Volksschule 
geschickt!'". 

Es stieß uns bereits zu wiederholten Malen die innige Verbindung 
von Masochismus und 

Fetischismus 

auf, sowohl in dem besonderen Genüsse, den Patient empfand, wenn 
er sich selbst in Manchesterhosen schlug oder im Verein mit seinem 
Bruder einen Jungen in Englisch-Leder verhaute, als in der Vorstellung, 
jemand würde gezwungen, minderwertige Stoffe zu tragen, und endlich 
in dem Gedanken, er würde genötigt, selbst einen Manchesteranzug 



Die Psychoanalyse eines Autoerotikers. 507 

anzuzielien und dadurch zum Gassenjxmgen degradiert, der um so viel 
häufiger geprügelt wird. Bald nach den ersten AiialysenenthüUungen 
kommt folgende Ergänzung: „Ich habe immer den Zwang, der darin 
steckt, sich so minderwertig kleiden zu müssen, als den pri- 
mären Reiz beim Fetischismus angesehen, also eigentlich 
den masochistischen Teil. In der Schule war es für die KoUegen 
sicher eine peinhche Sache, Manchesteranzüge tragen zu müssen. Das 
fiel ein bißchen aus dem Rahmen des Gewöhnlichen, weshalb jene 
auch in der Schule gehänselt wurden. Neulich erst wurde mir wieder 
recht Mar, daß ich mir gesagt haben muß, wenn ich einen Schüler 
in Manchester sah: der trägt ja genau so eine Hose wie dieser oder 
jener Arbeiter und daß darin das Reizvolle lag. Einmal erzählte mir 
ein Mitschüler, der Vater habe ihm gedroht, wenn er seine Sachen 
nicht mehr in acht nähme , würde er ihm einen Manchesteranzug" machen 
lassen. Das war aber bei mir sicher nicht der Fall." Wie sich in Bälde 
zeigen wird, traf dieser allerletzte Satz nicht völlig zu. Wohl aber stimmt, 
daß die höchste Lust der Gedanke an den Zwang ihm schuf, einen 
Manchesteranzug austragen zu müssen, bis dessen Haltbarkeit er- 
probt worden wäre. Erinnern wir uns, daß einer der frühesten und 
schwersten Vorwürfe, die Patient wider seinen Vater erhob, dessen 
kleinliche Sparsamkeit betraf, vor allen, daß er auf Schonimg der 
Kleider so erpicht gewesen und sich gegen den Ankauf neuer Gewänder 
so lange sträubte. Besonders fühlte der Junge sich bedrückt, weil er 
die Sachen länger tragen sollte, als sie tadellos waren. ,, Die Rücksicht 
auf Schonung der Kleider fiel nun bei Manchesterstoffen weg, weil 
sie ein billiges und sehr dauerhaftes Tragen sind, und das ist für Kinder 
jedenfalls eine große Annehmlichkeit. Wenn unsere Kleider entzwei- 
gingen, was natürlich zuerst am Hosenboden geschah, so wurde ein 
Flicken hineingesetzt, der uns immer sehr unangenehm war. Unser 
Trachten ging stets dahin, man solle dies möglichst wenig bemerken und 
wir fragten häufig Eltern oder Dienstboten, ob man das sähe. Dies 
erklärt wohl auch meine Manie, die Hosen immer auf ihre Abnutzung 
hinten anzuschauen." Später ergänzt er; ,,Wenn ich selber eine solche 
Hose trage, so betrachte ich gern die Abnutzung im Spiegel. Ich bücke 
mich direkt, um das Gesäß besonders hervortreten zu lassen. Es kam 
auch vor, wenn ich eine Manchesterhose anhatte, daß ich naich auf 
den Fußboden setzte und intensiv wetzte, um die Abnutzung zu be- 
schleunigen." Man erkennt ganz deutlich, daß der Gesäßerotik hier 
eine entscheidende Rolle zukommt. 



508 J. Sadger 

Über die Eigenschaften seines Fetisch, der übrigens nicht bloß 
auf die Hosen geht, sondern auch auf Röcke und Stiefel, nur freilich 
etwas schwächer, weißer folgendes zu sagen: ,, Es erhöht meinen Genuß, 
wenn ich mir einen Manchesteranzug nicht fertig kaufe, sondern mir 
ihn erst anfertigen lasse, weil ich da verschiedene Wünsche zum Aus- 
drucke bringen kann, die allerdings wechseln. So würde ich jetzt z. B. 
die Joppe ganz glatt arbeiten lassen, ohne Falten, während mir zu 
anderen Zeiten ein Rock besser gefällt, der hinten Falten macht. Dann 
stört es mich sehr, wenn die kurzen Pumphosen zu weit sind. Dies 
könnte mir das ganze Vergnügen verderben, denn bei etwas engen 
Hosen kommen die Körperformen mehr zum Ausdruck. 
Endlich ist auch meine Schaulust für andere Leute in Manchesteranzügen 
größer, als wenn ich selbst so gekleidet bin." Und jetzt kam wieder 
ein masochistisches Element: ,,Bine Manchesterhose würde ihren 
höchsten Reiz für mich erst dann entfalten, wenn ich sie täglich aus- 
schheßlich tragen könnte oder müßte rmd sie im Gebrauche abgenutzt 
würde, worauf ich ja immer Wert lege. Dann kann ich hinzufügen, 
daß Manchesterhosen in puncto Haltbarkeit meinen Anforderungen 
nicht entsprechen. Da erlebe ich immer eine Enttäuschung; es gibt 
anscheinend gar nichts, was diesen Anforderungen völlig genügt. Ich 
halte sie immer für haltbarer, als sie sind, da sie sehr schnell Spuren 
des Getragenseins zeigen. Wenn ich einen solchen Anzug gekauft und 
ein paarmal getragen habe, dann stellt sich stets der Gedanke ein: 
der Stoff ist ja gar nicht so haltbar, wie du eigentlich vermutet hast." 

,,Beim Anlegen einer neuen Manchesterhose bekomme ich zu- 
nächst eine Erektion, dann besehe ich mich im Spiegel. Denn in diesen 
Kleidern spazieren zu gehen, ist mir eigentlich peinlich, ein zweifel- 
hafter Genuß. Ich habe das Gefühl, als sähen mich die Leute deswegen 
an, so, als ob ich die Perversion offen zur Schau trüge. Da bekomme 
ich den Geschmack an diesem Kleidungsstück sehr bald über und es 
verlangt mich nach einem Wechsel, z. B. nach einer neuen Farbe . , . 
Mit dem Tragen des Anzuges ist es aber noch nicht alles. Nur weiß 
ich nicht, was ich da noch suche. Und merkwürdigerweise, sobald ich 
einen solchen habe, finde ich etwas auszusetzen, Farbe, Qualität oder 
sonst irgend etwas. Meine Begierde ist eigentlich ganz unersättlich." 

Werfen wir an dieser Stelle einen Rückblick auf das, was wir 
über den Fetischismus bislang eruierten, so haben wir außer seiner 
innigen Verbindung mit dem physischen wie geistigen Masochismus 
noch einige Punkte kennen gelernt, die teils durchsichtig, teils noch 



Die Psychoanalyse eines Autoerotikers. 509 

einer näheren Beleuchtung bedürfen. So daß ihm Manchester wegen 
seiner Haltbarkeit erwünscht ist, die er immer wieder neu erprobt 
und die ihn doch niemals zufriedenstellt. Überhaupt vermag kein 
Manchesterstoff seine Begierde zu sättigen. Ferner schlägt bei seinem 
Fetischismus zunächst die Gesäßerotik vor, sowohl in der Prüfung 
des Hosenbodens, als in dem Reiz, den alle engen Hosen üben, weil 
sie die Körperformen, d. i. Gesäß und Oberschenkel, besonders deutlich 
hervortreten lassen. 

Wenden wir uns nunmehr der Beteiligung der verschiedenen 
Sinne am Fetischismus zu, so war das erste, was er schon wegen der 
innigen Beziehung zum Masochismus anführte, der Anteil des Haut- 
sinns. ,,Beim Tragen von Kleidungsstücken spielt das Gefühl eine 
entscheidende Rolle. Ich betaste dann die Sachen auch und fahre 
2. B., wenn ich eine Manchesterhose anhabe, an den Beinen entlang. 
Bei den Touristenkostümen aus Samtstoffen, die ich mir in München 
kaufte, wird ein doppeltes Gesäß darauf gesetzt und das dadurch er- 
zeugte Gefühl hat mich natürlich auch aufgeregt, ebenso bei Manchester- 
stoffen. Von der Empfindlichkeit meines Tastsinns, daß ich nicht gern 
rauhe Stoffe berühre, während Manchester und Samt nach meiner 
Meinung sich sehr gut anfassen, sprach ich bereits. Ebenso, daß mich 
einmal eine Militärdiensthose durch ihre Glätte zum Masturbieren 
verleitete. Endlich kann ich noch hinzufügen, daß, wenn ich im Besitze 
einer Manchesterhose bin, ich sie gelegentlich umdrehe und versuche, 
die Weichheit des Stoffes an meinem Körper zu fühlen." 

,,Auch der Geruch spielt eine Rolle bei meinem Fetischismus. 
Manchester riecht wie alle Baumwollstoffe so eigentümlich, und wenn 
ich beim Tragen eines solchen Stoffes diesen Geruch verspüre, so weckt 
er sofort das Bewußtsein des Anzugs. Ferner strömt so ein neuer Anzug, 
wenigstens zu Anfang, einen süßen Geruch aus, der mit Lust verknüpft 
ist ["Endlich kam ihm während der Analyse ein bedeutsamer Einfall: 
,,Ich möchte sagen: Manchester riecht nach Urin!" 

Ganz kurz noch die Beteiligung zweier anderer Sinne: ,,Ich 
errege mich, wenn ich solche Sachen lediglich erblicke, es braucht 
nicht einmal jemand drin zu stecken, ich kann sie z. B. nur in einem 
Schaufenster hängen sehen. Schon das bloße Sehen macht mir ein 
ausgesprochen sexuelles Vergnügen. Bndhch kann auch noch das 
Gehör eine gewisse, freilich nur sekundäre Rolle spielen. Wenn beim 
Gehen die Hosen sich berühren, so gibt das Aneinanderstoßen der 
Manchesterrippen ein Geräusch, eine Art Quietschen, die ähnlich wie 



510 J. Sadger. 

der Gerucli das Bewußtsein weckt, daß ich oder ein anderer eine Man- 
chesterhose trägt und dies für den Träger sehr unangenehm sein muß." 

Außer Manchester gibt es noch andere Fetische, die insgesamt 
etwas schwächer erregen als jener meistbegehrte Stoff, doch dafür 
eher als dieser wirkten. Da wäre zunächst der Samt zu nennen, den 
er wohl zuerst an der Decke seines Kinderwagens mit Behagen fühlte. 
,,Auch Samtstoffe haben einen Geruch an sich, der sexuelle Lustgefühle 
hervorruft. Ich habe ein Vergnügen, daran zu riechen!" So erzählt er 
bereits in einer der ersten Analysestunden, Seine überhaupt erste 
ihn so einengende Hose war gleichfalls aus jenem Stoffe. Er hatte sie 
darum so früh bekommen, weil er hinter seinen beiden Geschwistern, 
die Samtkleider trugen, nicht zurückstehen wollte. Der vornehme 
Anzug hat ihn freilich nicht gehindert, sich mit ihm in der Gosse herum- 
zusiehlen. Diese Samthose erwies sich mit auch darum so wichtig, weil 
sie bei mangelnder Stubenreinheit keine Flecke zeigte, also ebenso 
wie die Manchesterhose alles aushielt. Weitere Beziehungen zu diesen 
letzteren sowie zu den Samthöschen und Röcken der Mutter werden 
uns später zu beschäftigen haben. 

Andere frühe fetischistische Äußerungen betreffen Leder oder 
Lederimitation. So trug der Junge, den er im sechsten Lebensjahre 
vereint mit seinen Bruder durchprügelte, eine Hose aus Englischleder. 
Mit neun oder zehn Jahren bekam er ein paar Wildlederhandschuhe, 
,,die eine leise sexuelle Erregung hervorriefen. Es war ja ein Stück 
Leder. Und daß die Hände damit bekleidet waren, bot einen schwachen 
Ersatz für die Beine. Auch bei Leder und Lederimitationen spielte 
die Haltbarkeit eine große Rolle, daß man dabei keine große Rück- 
sicht zu nehmen brauchte". 

Merkwürdig ist, daß er sich an den Moment nicht erinnern 
kann, da er zum ersten Male an Manchester sich aufgeregt hatte, ,,In 
den Fällen, die ich weiß, war die Erregung immer schon da. Meine 
erste diesbezügliche Erinnerung stammt aus dem 11. Jahre, wo ich auf 
dem Liebhabertheater einen Sonntagsreiter in enganliegenden Reit- 
hosen aus Manchester sah. Das kann aber nicht das Früheste gewesen 
sein. In meinem zwölften Jahre sah ich öfter -einen Gutsbesitzer 
aus der Nachbarschaft in ebensolchen Hosen reiten. Nur wenig später 
regte ich mich an dem Manchesteranzug eines Schulkollegen auf. Der 
erzählte mir schon vorher, er bekäme einen solchen, was ihm offenbar 
peinlich war. Und um die Wirkung abzuschwächen, wies er auf jenen 
Gutsbesitzer hin, der in gleichem Aufzug durch unser Städtchen ritt. 



Die Psychoanalyse eines Autoerotikers. 511 

Ich kenne noch heute jeden einzelnen Kollegen genau, der so gekleidet 
ging. In allen Klassen des Gymnasiums mögen es vier oder fünf Fälle 
gewesen sein. Ich weiß, daß jener Junge, von dem ich eben erzählte, 
eine Zeitlang in der Schule vor mir saß und ich bisweilen verstohlen 
seinen Rücken betastete, was irgendwie erregend gewirkt haben muß." 
Als wir soweit vorgedrungen waren, kam plötzlich eine ent- 
scheidende Erinnerung, die ich nach dem Stenogramm der Analyse 
wortgetreu wiedergebe: „Gestern fiel mir im Bett ein, daß ich selber 
als Kind eine Manchesterhose hatte, wahrscheinlich bekam auch mein 
Bruder gleichzeitig eine solche. Diese Erinnerung tauchte mit sexuellen 
Lustgefühlen auf, wie ich sie so heftig eigentlich nicht mehr kenne. 
Das Lustvolle haftet dabei speziell an dem Gedanken, wir würden 
dazu gezwungen, ferner an der Vorstellung, das bedeute eine Herab- 
würdigung, eine Gleichsetzung mit den Gassenjungen, die etwa die 
Volksschule besuchen. Ich möchte behaupten, ich sei damals noch nicht 
in die Schule gegangen, so daß die Sache vielleicht in mein sechstes 
Jahr fiele. Die Eitern erinnern es merkwürdigerweise gar nicht, haben 
es also offenbar verdrängt. Ich erinnere auch genau, daß das erste Ma 
damit auf die Straße zu gehen mir sehr unangenehm war. Aber all 
diese Vorstellungen sind mit lebhaften Lustgefühlen verbunden, die 
gestern so arg waren, daß ich sechsmal onanierte mit der Vorstellung 
des lustvollen Zwanges und vor Erregung überhaupt nicht schlafen 
konnte. Nun lassen sich ja ein paar Polgerungen daran knüpfen. Ich 
halte den Vater für den Anstifter der Idee, was einen der tiefsten 
Gründe für meinen Haß gegen ihn ist. Und dann erschließe ich aus 
einem Traum, dieses Tragenmüssen von Manchesterhosen war als 
eine Art von Bestrafung gedacht, weil ich die anderen zu rasch beschmutzt 
hatte. Nun werden ja viele Details erklärlich, warum ich z. B. mir immer 
vorstellte, es müßte jeden Morgen die Hose daliegen. Das entspricht 
der tatsächlichen Wirklichkeit. Natürlich konnte mich die jeweils ge- 
kaufte Manchesterhose nie ganz befriedigen, weil immer der Zwang 
fehlte, sie anzuziehen. Und auch das ist verständlich, daß just Schul- 
jungen in Manchesterhosen den größten Reiz ausüben. Das bin ich 
nämlich selber. Auch wird es jetzt klar, warum ich mich so für abge- 
tragene Hosen interessiere. So wird meine Manchesterhose nach 
einiger Zeit auch gewesen sehi. Vielleicht zeigt sich die Lust bei längeren 
Tragen, oder vielleicht versuchte ich auch, die Hose tunliehst rasch aus 
dem Wege zu schaffen, indem ich sie möglichst strapezierte und abtrugt). 

^) Viel wichtiger und tiefer ist natürlich die Gesäßerotik. 



512 J. Sadger. 

Bliebe nur noch das Rätsel, warum der Zwang, eine solche Hose zu 
tragen, so lustvoll war^), und ebenso die Vorstellung, ich werde gewisser- 
maßen zum Aussehen eines Gassenjungen, eines Volksschülers ver- 
urteilt. Mir ist auch beinahe so, als wäre bei uns die Drohung gebraucht 
worden: Du wirst in die Volksschule geschickt! Aber warum war das 
so außerordentlich lustvoll? Wenn eine solche Hose auch fraglos den 
großen Vorteil bot, daß man beim Spiel keine Eücksicht auf sie zu 
nehmen brauchte, so setzte sie mich auf der andern Seite den Hänse- 
leien meiner Kameraden aus, da bei uns nur Arbeiter und Kinder 
niedrigster Schichten so gekleidet einhergehen. Warum hatte ich ferner 
jene Tatsachen vergessen und nur die Lust in Erinnerung behalten, 
obendrein noch eine so intensive? Ich muß auch stets von neuem wieder- 
holen, daß die masochistische Seite die Hauptsache ist, nicht die feti- 
schistische. Wenigstens gilt dies für die letzte Zeit, was ich ganz eüi- 
fach aus der Tatsache schließe, daß mir nur enge Hosen Lust bereiten. 
Ohne Erinnerung dürfen wir vielleicht auch annehmen, daß jene erste 
Manchesterhose eng gewesen, was wieder auf die Mutter zurückführt, 
die sich so eng einschnürte." 

Nun konnte ich aber doch nicht mehr die Frage unterdrücken: 
, , Wieso tauchte Ihnen eigentlich die Erinnerung auf ?" — „Das war merk- 
würdig genug", erwiderte er. „Gestern auf der Straße suchte ich wie 
gew:öhnUch nach sexuellen Sensationen. Da kam mir auf einmal der 
Gedanke, ob nicht der Bruder als Kind eine Manchesterhose hatte. 
Das erschien mir ganz plausibel, ließ sich aber zunächst nicht weiter 
verfolgen. Erst zu Hause im Bette kam die volle Erinnerung." — 
, ,Es wäre dann weiter zu fragen : warum brach sie gerade gestern durch ? ' ' 
— ,, Angekündigt hat sie sich eigentlich schon vor vierzehn Tagen. 
Da schrieb ich nach Hause, ob wir Manchesterhosen hatten. Das 
war eigentlich das erste Anzeichen, abgesehen von weiter rückliegenden 
Träumen. Sehr wichtig ist wahrscheinlich auch, daß sich gewissermaßen 
alles auf ein Ereignis konzentrierte. Das erschwerte sicher die Er- 
innerung sehr, zumal dies Ereignis wieder mit viel Unlust vermischt 
war. Es ist interessant, daß ich immer leugnete, als Kind eine Man- 
chesterhose getragen zu haben, zumal dann, als die Eltern mich darin 
bestärkten. Und zwar sagte ich nicht bloß, ich wisse es nicht, sondern 
bestritt es geradezu, erklärte es direkt für ganz unmöglich. Allenfalls 

») Auch als er mit 6 Jahren sich einen Stein in den After klemmte und so 
herumging, will er dies mit der Vorstellung getan haben, es müßte so sein, er könne 
sich nicht auflehnen. 



Die Psychoanalyse eines Autoerotikers. 513 

kann ich noch hinzufügen, daß die gestrige Erinnerung einen allgemeinen 
Schweißausbruch zur Folge hatte." — „Sollte das ein Äquivalent für 
eine Ejakulation gewesen sein?" — , ,Das weiß ich nicht, eine Ejakulation 
hatte ich auch direkt. Vielleicht wäre möglich anzunehmen, daß ich 
als ganz kleines Kind mit meinem minderwertigen Penis exhibitionierte, 
wofür ja manche Träume sprechen, imd dies in der Verdrängung 
dann auf die Kleidungsstücke ging. Hierzu käme dann noch 
das Kotschmieren, das bestimmt geschehen ist. Da könnte ja gesagt 
worden sein: ,Du bist ein Schmutzfink und Gassenjunge!' Das sind 
aber alles nur Kombinationen. Dann dachte ich auch, ob ich nicht 
vielleicht in jemanden verliebt war, der minderwertige Sachen trug. 
Endüch habe ich noch die Empfindiuig, als ob die Hauterotik in einer 
ganz bestimmten Beziehxmg zum Fetischismus stünde, nur weiß ich 
nicht in welcher." 

Hier wollen wir einen Augenblick Halt machen. Die vorstehend 
von dem Patienten selber gefimdene Erklärung paßt gut zu der von 
Freud aufgedeckten Fetischgenese. Weil jener als Kind mit seinem 
Penis exhibitionierte, darum habe er dann nach der Verdrängung auf 
die Kleidimg verschoben. Also eine Verschiebung vom minderwertigen 
Körperteil auf die minderwertige Körperbedeckung. Noch bedeut- 
samer dünkt mich, daß er, wie ich im Abschnitt ,, Infantile Erotik" 
ausführte, mit seinen Nates exhibionierte, die] freilich nicht minder-, 
sondern überwertig waren. Gerade die Gesäßerotik scheint mir im 
Vordergrunde seiner ganzen Perversion zu stehen, nicht bloß des 
Fetischismus. Dann hält tmser Kranke auch das Kotschmieren und die 
Hauterotik für wichtige Wurzeln seines Fetischismus, was zweifellos 
zutrifft. Nehmen wir dazu noch aus dem Früheren, daß jede enge Hose 
ihm Lust erweckt, weil sie Gesäß und Schenkel hervortreten läßt, 
also wieder die Verschiebung vom Körperteil auf die Körperbedeckung, 
und er endlich Manchesterhosen bekam als Strafe dafür, daß er seiner 
Harn- und Analerotik zu lang gefrönt hatte, so scheint mir vieles von 
den wahren Zusammenhängen durchzuleuchten. Auch die von Freud 
so betonte Kiechlust — Manchester riecht ja dem Kranken nach Urin 
und auch der Geruch vom Samt erzeugt ihm Lustgefühle^) — sowie die 

^) Ich will hier die Riechlust des Kracken ergänzen: „In meiner Scharlach- 
zeit pflegte ich die Hand immer zwischen die Beine zu klemmen, wo ich stark 
schwitzte, und dann mit großem Vergnügen daran zu riechen. Ich rieche auch 
meinen eigenen Achselschweiß gern, überhaupt alle Körpergerüche, selbst von 
den Haarbürsten. Zuweilen stecke ich auch den Finger in anum, wenn es mich 
1 3 * 



514 J. Sadger. 

Sch.au- undEntblößungslust fehlen da nicht, wenn freilich der vorliegende 
Fall von Fetiscliimus seine ganz besondere Färbung bekommt durch die 
masochistische und homosexuelle Komponente. 

Ehe ich in der Erklärung des Fetischismus weitergehe, will ich 
noch einige Beziehimgen dieser Perversion des Kranken zu Mutter 
und Greschwistem näher beleuchten. Da berichtet er zunächst kurz 
ein paar Träume. ,,Im ersten Traum kommt ein Kavallerist vor mit 
einem schlecht sitzenden, hellblauen Waffenrock und einer braunen 
Manchesterhose. Der Waffenrock war vorn über der Brust sehr locker 
wie eine blaue Damenbluse. Und die Manchesterhose dürfte den Unter- 
rock bedeuten, der ja auch aus einem minderwertigen Stoffe besteht. 
Das knüpft wieder an einen zweiten Traum an, wo mein Bruder sagt, 
er werde mir seine Manchesterhose zeigen, die unter einer Pferdedecke 
läge, also unter dem Kleide der Mutter. Und weiters an einen dritten 
Traum, wo ich einen schwarzen Pudel an mich locke, der sich in einen 
Menschen in schwarzem Manchesteranzug verwandelt, was ich durch 
Betasten am Rücken feststelle." — „Vielleicht wollten Sie der Mutter 
unter die Röcke kriechen und sie am Gesäß betasten? " — ,,Es wäre auch 



beispielweise dort juckt, und versäume dann nie, daran zu riechen. Ich rieche auch 
sehr gern Blumen und suche mir Seifen aus, auf deren Geruch ich großen Wert 
lege. Mit 9, 10 Jahren verlegte ich mich auf die Fabrikation von Parfümerien, 
indem ich alle mögliehen Flüssigkeiten vom Toilettentisch meiner Mutter 
zusammengoß. Für manche Gerüche besteht bei mir eine Idiosynkrasie. Wenn 
ich z. B. Terpentin rieche, so bekomme ich einen Ausschlag am ganzen Körper. 
Als ich vor 5 Jahren aus Anlaß einer Bruchoperation chloroformiert wurde, 
brauchte ich im ersten Jahre nach der Operation nur einen Kasten aufzumachen 
und den etwas muffigen Geruch zu spüren, um sofort an Chloroform erinnert 
zu werden. Auch andere starke Gerüche erinnern mich jetzt daran und betäuben 
mich darum. Ganz bestinunt leite ich meine Abneigung gegen Rheinweine, die 
eine schwere Blume haben, davon ab. Ich mag seit der Operation keinen Rhein- 
wein mehr trinken . . . Wie ich noch heute eine Vorliebe für Schweißgeruch besitze, 
so werde ich ähnlich auch Urin und Kot gern gerochen, später aber verdrängt 
haben. Spielt ja auch beim Fetischismus der Geruch eine Rolle, wobei ich freilich 
bemerken muß, daß die Hauptsache die Lust am Zwange bleibt, indem ich mir 
vorstelle, jemand wird genötigt, einen Anzug zu tragen, der einen ihm unangeneh- 
men Eigengeruch besitzt. Zur Verdrängung weiß ich noch etwas anzuführen. 
Nehmen wir an, ich sitze im Cafe und es kommt mir ein Mann mit seinem Hinter- 
teil zu nahe, so irritiert mich das immef und ich scheue vor dem Gedanken zurück, 
ich könnte irgend welche Gerüche wahrnehmen. Daß ist eigentlich ganz ähnlich 
wie die Scheu vor dem Penis, wenn auch nicht ganz dasselbe und wohl auch 
ebenso infantil begründet. Es sieht so aus, als ob ich den Bruder und viel- 
leicht auch die Mutter berochen hätte und mich das jetzt ekelte. 



Die Psychoanalyse eines Autoerotikers. 515 

möglich, daß meine Mutter tatsächlich einen Unterrock aus einem abge- 
legten Samtrock trug. Es könnte auch auf die Großmutter gehen, die als 
alte Frau noch mehr gespart haben wird. Jetzt fällt mir ein Jugendbild 
der Mutter ein, das sie mit acht, neun Jahren vorstellte. Nach damahger 
Mode trug sie ein kurzes Röckchen und lange Hosen aus Samt, die unter 
dem kurzen Rocke sichtbar sind. Es wird einem als Jungen sicher 
komisch vorgekommen sein und lebhaftes Interesse geweckt haben, 
daß auch die Mutter Hosen trug." — ,,Da hätten wir eine Quelle für 
Ihren Manchester-Fetischismus. Sowie hinter Ihrer HomosexuaUtät 
zum Teil wenigstens die Mutter steckt, begünstigt dadurch, daß sie 
auf jenem Bilde Hosen trug, so auch hinter Ihrem Manchester-Feti- 
schismus die gleiche Person in kindlichen Samthöschen. Es ist also 
eigentlich die jungfräuHche Mutter, welche Sie suchen, jene, die den 
Vater noch nicht kannte, mit ihm nicht vermalt, sondern Ihnen vor- 
behalten ist. Nun geht Ihr Fetischismus zum Teil auf Sie selbst, zum 
Teil auf den Mann, hinter dem ja vielfach die Mutter aufzuzeigen. 
Es scheint, daß Sie Ihre primären zwei Sexualobjekte, das eigene Ich 
und Ihre Mutter, auch heute noch ganz ausschließlich lieben. Und 
wenn Sie Sich in Manchester kleiden, so entspricht dies gewissermaßen 
einem Geschlechtsakt mit Ihrer Mutter." — „Da hätten wir ja die 
Manchesterhose unter der Pferdedecke, d. h. dem Kleide der Mutter." — 
,,ünd daß der Bruder es Ihnen zeigt, heißt vielleicht: zuerst hat er die 
Mutter geliebt und jetzt möchten Sie das Gleiche, d. h. ebenfalls unter 
ihre Röcke genommen werden." — ,, Ja, und daß aus Samt Manchester 
wird, haben wir dem Minderwertigkeitskomplex zu danken. Noch 
eins: ist nicht das Wetzen iu der Manchesterhose, um sie 
abzunützen, eine Nachahmung der Koitusbewegungen? 
Das ist ja auch ein Hin und Her." — ,, Diese Lösung dürfte richtig sein 
und neben der Gesäßerotik sehr gut Ihr Interesse für den abgenützten 
Hosenboden erklären." 

Die unmittelbare Wirkung der vorstehenden Aufklärungen 
war eine große Erleichterung, was für die Richtigkeit der aufgedeckten 
Zusammenhänge spricht. Zwei weitere Träume bestätigten dann, 
daß der Knabe ein hohes Interesse für die Nates seiner Mutter gehabt 
haben muß. Einen dritten, in welchem diese keine Röcke trug, so daß 
man ihre Beine sah, deutet er ganz richtig auf seinen geheimen Wunsch, 
die Mutter möge Hosen tragen, damit man ihre Formen besser sähe. 
Der Mann in der Fetischhose wäre also unter anderem auch das Weib 
in der Unterhose. ,,Auch das Korsett, welches Mutter als Zwang be- 



516 J. Sadger. 

zeichnete, hat genau wie Manchester Rillen und Vertiefungen, die 
dadurch entstehen, daß immer Stab und Zeug abwechseln." Wenn 
also Patient eine Manchesterhose anzieht, legt er sich damit einen 
ähnlichen Zwang auf wie jene, die er noch heute so liebt. ,, Vielleicht 
sind femer in den Erhöhungen und Vertiefungen des Manchesters 
die Falten verkörpert, die dort entstehen, wo das Gesäß an den Ober- 
körper anstößt." 

,, Weitere Beziehungen gibt ein gestreiftes Seidenkleid, das die 
Mutter früher einmal trug und das nach damaliger Mode besonders 
enganUegend war, zumal in den Ärmeln. Man könnte auch sagen: 
das feine und vornehme Seidenkleid ist das Gegenteil des minder- 
wertigen Manchesters, also die Vornehmheit in der Verdrängung, und 
der Wunsch, vornehm zu sein, wird dann zum Zwang, minderwertige 
Sachen anzuziehen. Ich habe tatsächlich neben der Liebe zur Minder- 
wertigkeit einen Hang zur Vornehmheit, was sich beispeilsweise darin 
ausdrückt, daß ich mir einzig noble Kreise zur Gesellschaft aussuche 
und mich direkt unbehaglich fühle, wenn ich genötigt bin, in minderer 
zu verkehren. Es ist wahrscheinlich auch nicht imisonst, daß ich zu 
Hause in den Ruf des Hochmuts kam. Im Manchesteranzug lebe ich 
gewissermaßen inkognito. Ich bin gar nicht der, für den ihr mich 
nach der minderwertigen Grewandung haltet. Der Gedanke an die 
verrenkte Vornehmheit hat viel für sich, zumal wenn man festhält, 
daß der Voyeur in der Verdrängung das Kleid bevorzugt statt des 
nackten Körpers. Wer weiß, ob nicht das vornehme Seidenkleid der 
Mutter dabei eine Rolle spielte. Sie hat in dem glänzenden Seiden- 
kleide, das in so vielen meiner Träume wiederkehrt, gewiß viel schöner 
ausgesehen als im AUtagsgewande imd das wird auf jedes Kind Ein- 
druck machen. Ich werde das Seidenkleid befühlt und betastet und 
wohl auch den Wunsch empfunden haben, selber ein Seidenkleid tragen 
zu können, was dann in der Verdrängung den Manchesteranzug gab, 
der ja gleichfalls glänzte^). Die Vorliebe für alle minderwertigen Sachen 
wird ja durch die Verdrängung aufgehellt, die dann freiUch unterstützt 
wird durch eine Reihe von Umständen. So beispielsweise, daß man 
bei minderwertigen Sachen keine Rücksicht zu nehmen braucht, die 
stets von uns verlangt wurde, dann ferner durch die masochistische 
Komponente und endUch dadurch, daß ich mich von der lieblosen Mutter 

*) Ala weiteres Bindeglied vermutet Patient nach einem Tratun, daß seine 
erste Manchesterhose innen mit einem glänzenden Futterstoffe ausgekleidet 
war, der wie Seide aussah. 



Die Psychoanalyse eines Autoerotikers. 517 

abkehrte, trotzdem sie mir in Seide so gut gefiel. Es wird wolil über- 
haupt keine Perversion ohne Überkompensation zustande 
kommen. Noch eins: ich hatte ja einmal ein besonders vornehmes 
Gewand, noch dazu in sehr frühen Jahren. War doch meine erste Hose 
aus Samt gefertigt, in der ich vermutUch von der Mutter entsprechend 
bewimdert wurde, die mir übrigens einmal aus ihrer eigenen Kindheit 
erzählte, daß sie sich stets über Samt sehr freute und immer sagte: 
, Schöner, feiner Samt!' Mutter schrieb mir auch, daß mein Bruder 
in einem roten Samtanzug wie ein Page ausgesehen und ihr sehr ge- 
fallen habe. Ich sei damals noch ganz klein gewesen. Mit fünf, sechs 
Jahren bekam ich übrigens selber einen Plüschmantel, in dem ich 
sehr fein ausgesehen haben soll." Wie aus all dem hervorgeht, fehlte 
es bei seinem Fetischismus weder am Mechanismus der Vererbung, 
noch an Gelegenheit, die Hauterotik an Samt und Seide zu üben und 
zu steigern, noch endhch an der Überkompensation, die imser Patient 
sehr treffend hervorhebt. 

Viel minder bedeutsam für den Fetischismus als das Vorbild 
der Mutter ist die Beziehung zu den Geschwistern. Wir horten schon oben, 
daß der Bruder in rotem Samtanzug von der Mutter sehr bewundert 
wurde. Bezeichnend ist auch, daß in der Erinnerung unseres Kranken 
der Bruder immer so groß erscheint, während dieser in Wahrheit jetzt 
kleiner ist als er. Dann sieht ihn Patient auch in einem Anzug, den 
er schon verwachsen zu haben scheint und der darum außerordentlich 
prall sitzt und die Formen hervortreten läßt. ,,Auch zu den Streifen 
imd Riefen der Manchesterhose fällt mir stets der Bruder ein, und 
zwar nicht bloß dessen Nates, sondern auch die Ober-, ja sogar seine 
Unterschenkel und Waden. Das ist nicht bloß ein ästhetisches Wohl- 
gefallen, wie es mehr weniger jeder besitzt, sondern ein sexuelles. 
Vermutlich hat das direkt ausgesprochene Wohlgefallen der Mutter 
an den Körperformen des Bruders ähnliche Wünsche bei mir gesetzt. 
Ich werde mich gefragt haben: warum ist der Bruder der Liebling 
der Mutter? und dabei auf die Körperformen gekommen sein, in denen 
mir der Bruder tatsächlich über war. Erst kürzlich hatte ich eine sexuelle 
Sensation, die sehr lange anhielt, als ich einen schlanken jungen Mann 
in enganliegenden Hosen und Reitstiefeln zu Pferde sah. Ich vermute, 
das soll heißen: wenn ich nur auch so aussähe, dann wurde ich die Be- 
dingung erfüllen, an welche die Liebe der Mutter geknüpft ist. Das 
kann aber, glaube ich, nur auf den Bruder gehen." Zur abgetragenen 
Manchesterhose ergänzt er noch, daß auch Bruder und Schwester 



518 J. Sadger. 

Samtkleider trugen, die ja schließlich auch abgetragen, waren. „Als 
ich einmal eine grüne Manchesterhose kaufte, da schien es mir, als ob 
die in ihrer sexuell erregenden Wirkung die andersfarbigen überträfe. 
Das rührt wohl nicht bloß davon her, weil meine erste Manchester- 
hose olivengrün war, sondern steht auch in Beziehung zum grünen 
Samtkleide meiner Schwester. Abgetragen werden nun die Sachen 
meistens am Gesäß und wenn man schon Interesse am Hintern hat, 
welches man später auf die Kleidung überträgt, so liegt es nahe, daß 
man gerade diese abgetragene Stelle am meisten bevorzugt." Hier 
will ich einschieben, daß just die Nates unseres Patienten mit ihrer 
in dessen Kindheit bezeugten mächtigen Fettentwicklung ein strammes 
Anliegen aller Hosen bedingten. 

Nun zur Erklärung des Fetischismus. Gehen wir zunächst von 
den Deutungen aus, die unser Kranke im Laufe der Analyse selber 
auffand. Da meinte er nach mehrwöchentlicher, gemeinsamer Arbeit: 
,,Man kann für meinen Fetischismus vier Wurzeln annehmen: 1. die 
Vorliebe für den mütterlichen Popo, eventuell auch den des Bruders; 
2. die gleiche Vorliebe für mein Gesäß; 3. das masochistische Ver- 
gnügen am Zwang imd 4. den Minderwertigkeitskomplex." Das wäre 
also neben dem masochistischen Anteil nur noch die VorHebe für die 
Nates. Man sieht, welch enormen Anteil die G«säßerotik am Fetischis- 
mus dieses Kranken hat. 

Ein wenig später führt er dann aus: ,,Ich habe mir die Frage 
vorgelegt, wieso gerade Manchester dazu kommt, von mir geliebt zu 
werden, d. h. mich an etwas Körperliches zu erinnern. Für diesen Stoff 
sind zwei Eigenschaften kennzeichnend: das Glänzende und das Ge- 
rippte. Ersteres hat er mit Samt und Seide gemeinsam, vor denen 
er sich aber durch die Minderwertigkeit auszeichnet, die zum Masochis- 
mus führt. Ich vermute ja immer einen Zwang oder ein unangenehmes 
Gefühl bei den Trägern solcher Sachen. Manchester erfüllt aber noch 
andere Dinge, die mir angenehm sind. Er faßt sich weich an, genau 
wie sich ein Frauenkörper weich anfaßt. Nun zurück zum Glän- 
zenden. Ich fragte mich: was kann gelegentlich glänzen? Da fiel mir 
ein: es passiert doch bisweilen, daß Frauen ihre Vagina einfetten, so 
daß sie glänzt. Weiters werde ich wohl auch selber als kleines Kind 
eingefettet worden sein am Gesäß, an den G«nitahen und zwischen 
den Beinen, weil mich dort der Urin aufgebissen hatte. Ich erinnere 
daran, daß Manchester mir nach Urin riecht. Ein solches Einreiben 
hat mir aber durch die Reizung ganz sicher sexuelle Lust bereitet. 



Die Psychoanalyse eines Autoerotikers. 519 

Nun zum Gerippten. Die Rippen muß der Manchester zeigen, denn 
wenn er so wenig gerippt ist, so kann es sein, daß er mich gar nicht 
reizt, und, je tiefer er gerippt ist, desto größer ist seine Wirkung. Das 
könnte vielleicht die Kates mit der Afterspalte symbolisieren. Wenn 
ich also in einer Manchesterhose auf die Straße gehe, so heißt das: 
ich exhibitioniere mit etwas Glänzendem, wahrscheinlich dem ein- 
gesalbten Hintern. So ein Fetisch ist eigentlich nichts als 
eine bis in die letzte Konsequenz getriebene Symbo- 
lisierung, wo das Symbol tatsächlich an die Stelle 
der Wirklichkeit tritt. Und der Grund dieser ganzen Vor- 
gänge kann nur der sein, daß man das Symbol ungestraft, ohne 
sich zu genieren, benützen darf. Nun fragte ich mich weiter: 
wieso kommt Manchester, das soviele wertvolle körperliche Eigen- 
schaften repräsentiert, doch wieder dazu, ein Objekt der Minderwertig- 
keit zu sein? Ich glaube, das ist so zu beantworten: Manchester er- 
füllt eine ganze Reihe von kostbaren Eigenschaften und dann oben- 
drein als Zugabe noch die der Minderwertigkeit, die meiner Lust an 
der letzteren entspricht. Man könnte auch sagen, daß die Minderwertig- 
keit dasjenige war, was die Richtimg der Perversion am stärksten 
beeinflußte. Denn der Fetischismus erstreckte sich ja nicht nur auf 
Manchester, der ja nebenbei als Symbol wertvolle Eigenschaften hat, 
sondern greift auch über auf andere minderwertige Stoffe, die sym- 
bolisch gar keine Bedeutimg haben, wie Leder und Lederimitationen. 
All diese Dinge fielen mir ein, wie eine reife Frucht vom Baume fällt. 
Ich wollte eigentlich gar nicht darüber nachdenken." — ,,Das ist typisch 
für die wertvollsten Einfälle." Im Anschluß an die Deutung eines 
Traumes ergänzt er dann noch: ,,Die Frau ist ein schönes Raubtier 
mit einem Samtfell. Der einzige Schönheitsfehler ist die Vagina. Man 
kann die Glätte der weiblichen Haut als erstes Muster der Vorliebe 
für Samt erklären und nach meinen früheren Ausführungen auch für 
Manchester. Sagt doch der Sprachgebrauch: Samtfellchen — Samt- 
pfötchen." 

Daß der verdrängte Exhibitionismus eine Hauptwurzel seines 
Fetischismus sei, führt er in folgendem Gedankengange aus: ,,Wenn 
mir beim Fetischismus an anderen Personen nur der Zwangsgedanke 
lustvoll erscheint, d. h. die Vermutung, jene Leute würden genötigt, 
sich minderwertig zu kleiden, so kann dies doch nichts anderes heißen, 
als sie würden gezwungen, sich nackt zu zeigen, weil Manchester die 
nackten Körperteile symbolisiert durch die Weichheit usw. Bei mir 

Jahrbuch für pBychoaaalyt. u. psyohopathol. Forschungen. Y. "* 



520 J. Sadger. 

tritt Manchester an die Stelle der Nacktheit, das ist doch klar. Denn 
wenn ich eine Manchesterhose erbhcke, so sehe ich darin die entblößten 
Beine bis zum Gesäß. Noch eins: Ich sagte schon, daß enganliegende 
Kleider, auch wenn sie nicht aus Manchester bestehn, mich sexuell 
erregen, weil sie die Körperformen hervortreten lassen. Auch hier wird 
wahrscheinlich der Zwangsgedanke einsetzen, daß die Leute genötigt 
werden, sich nackt zu zeigen. Beim bloßen Nacktsein ist kein Zwang, 
erst durch das enge Kleidungsstück bekommt er eine greifbare Gestalt 
und etwas, woran er sich hängen kann. Auch wenn ich ungarische 
Soldaten in ihren enganliegenden Hosen erblicke, so kommt es mir 
vor, als ob sie eigentlich nackt seien. Das ist vielleicht zuviel gesagt, 
doch auf halbem Wege dahin liegt es." Hier wird also als eine weitere 
Wurzel des Fetischismus, zumal seines masochistischen Teiles, die Ex- 
hibitions-, d. h. die passive Schaulust angeführt, während in der Vor- 
liebe für Nates und Schenkel die aktive mehr zum Ausdruck gekommen. 
Zu beachten ist ferner für die Verdrängung, daß er sehr früh auf die 
Exhibitionslust verzichten mußte, der in einer Hose weit weniger leicht 
zu frönen war als im offenen Kleidchen der allerersten Zeit. ,,Man 
könnte kombinieren, daß meine ganzen Kleidungswünsche auf eine 
sehr weitgehende Entblößungslust zurückzuführen sind, des weiteren 
auf die große Lust an der unbehinderten Bewegung. In der Über- 
kompensation wird dann aus der letzteren die Lust an der behinderten 
Bewegung, die eben durch die engen Kleidimgsstücke hervorgerufen 
wird." 

Endlich betont er noch den femininen Einschlag : , , Wenn ich jeman- 
den sehe, dessen Kleidung mich reizt, so ist das eigentlich ein Mann in 
Frauenkleidung. Das Minderwertige geht auf den weiblichen Unterrock, 
während alles, was eng ist, auf die Enge der Frauenldeidung zurück- 
zuführen ist, wodurch sie sich ja von der des Mannes vmterscheidet. 
Diese Auffassung erklärt es auch völlig, daß mich nackte Männer- 
gestalten nicht reizen, denn dann haben sie eben nichts Frauliches 
an sich." Man sieht auch hier, wie hinter dem scheinbar Homosexuellen 
sich das Verlangen nach dem Weibe versteckt. 

Messen wir nun die bisherigen Ergebnisse an dem, was Freud 
von der Genese des Fetischismus aufdeckte, so finden wir bestätigt, 
daß hinter dem Interesse für die Kleidung sich das für die nackten 
Körperteile birgt, besonders für die Nates der eigenen Person wie 
seiner Mutter. Damit in Zusammenhang steht eine besondere Ex- 
hibitionslust der ersten Jahre, die er nur früh unterdrücken mußte. 



Die Psychoanalyse eines Autoerotiket'f. 521 

Weitere Wurzeln seines Fetischismus sind die Eiech- und Schaulust 
unseres Patienten, zu der ob der stark masochistischen Färbung dann 
auch noch die mächtige Haut- und Muskelerotik tritt. Die organische 
Anlage, die sich in den verstärkten Trieben äußert, erfährt dann psy- 
chische Uberdeterminierung, die darum besonders reichlich sein muß, 
weil bei unserem Kranken der Fetischismus noch mit anderen Per- 
versionen verknüpft ist, wie Homosexualität und Masochismus, und 
endlich auch die Autoerotik eine ganz entscheidende Rolle spielt. 

Was dem vorstehend beschriebenen Fall seine so spezifische 
Färbung verleiht, ist der 

Autoerotismus und Narzißmus. 

Waren doch sogar sein Fetischismus und Flagellantismus wesent- 
lich auf die eigene Person gerichtet und auch die Liebe zur Minder- 
wertigkeit nichts anderes als Liebe zum eigenen minderwertigen Ich. 
Nun will ich aus der Psychoanalyse unseres Kranken noch Einiges 
ergänzen zum Bilde seines Autoerotismus: ,,Von vornherein sind all 
meine sexuellen Handlungen auf mich selbst beschränkt, und zwar 
ganz ausschließlich. Ich habe stets nur Dinge mit mir selber vorge- 
nommen, z. B. mir mit einem Riemen im Bett die Beine geknebelt. 
Es gibt gar nichte, was mich zu Sexualhandlungen an anderen treiben 
könnte. In der letzten Zeit stellte ich mir beispielsweise vor, daß mich 
ein zweiter schlüge. Das erhöht aber keineswegs die Erregung, ist 
auch gar nicht notwendig und durchaus nicht in der Phantasie hervor- 
tretend. Ich beklage mich auch immer so lebhaft über meinen Mangel 
an starken Gefühlen. Das ist faktisch so. Das einzige starke Gefühl, 
welches ich zuweilen produziere, ist der Patriotismus. Das ist aber 
wirkUch das einzige. Ich zeige häufig ein kolossales Unbefriedigtsein, 
Lebensüberdruß, Selbstmordneigung. Ich kann mich für nichts be- 
sonders erwärmen. Zuerst kommt ein kurzer Aufstieg, dann klingt 
das Interesse ab und es entwickelt sich ein Grefühl der Gleichgültig- 
keit. Es ist alles nur Strohfeuer. Das hat entschieden sein Vorbild 
in sexuellen Verhältnissen. Sowie ich kein bleibendes Sexualobjekt 
hatte, so ist es auch in anderen Dingen. Es gibt z. B. keinen Beruf, 
der mir Freude machen würde. Manchmal neige ich zur Askese und 
deren Verherrlichung. Die wahre Glückseligkeit liege in der höchsten 
Bedürfnislosigkeit. Das haut in dieselbe Kerbe." 

,,Von frühzeitigen Äußerungen meiner Autoerotik und meines 

Narzißmus kann ich anführen, daß ich schon als Kind gern für mich 

34* 



522 J. Sadger, 

allein spielte. In meinem 13. Jahre erinnere ich mich, aus Anlaß eines 
kleinen Festes aus dem Zimmer heraus und ins Nebenzimmer gegangen 
zu sein, um mich dort minutenlang im Spiegel zu besehen. Da war 
ich offenbar verliebt in mich. Von 15 bis 22 hatte ich eine große Lust 
zu tanzen, aber wieder nicht mit Mädchen, sondern allein vor dem 
Spiegel und nach selbst erfundenen Melodien. Während andere Leute 
es vermeiden, sich einem Spiegel gegenüber zu setzen, z. B. in einem 
Cafe oder Restaurant, tue ich es geflissentlich, wenn sich nur die Mög- 
lichkeit dazu ergibt. Ich bin auch in meine Handschrift förmlich ver- 
liebt, so schlecht sie ist, und wenn Sie einen Traum, den ich Ihnen 
schriftlich fixiert brachte, nicht flüssig lasen oder etwas falsch betonten, 
so war mir das sehr unangenehm. Vor einiger Zeit hatte ich auch 
zwei- oder dreimal einen leisen Impuls, meinen eigenen Penis in den 
Mund zu nehmen, was Sie als ,sekundären Autoerotismus' bezeichnen. 
Endlich will ich auch nicht verschweigen, daß ich mir oft schon dachte: 
du brauchst ja nicht zu heiraten, für keine Familie zu sorgen, da 
kannst du all deine persönlichen Bedürfnisse und Liebhabereien be- 
friedigen. Das verrät doch einen stark ausgeprägten Egoismus. Hängt 
der nicht mit dem Narzißmus zusammen?" 

,,Ein auffälliger Charakterzug ist meine Eitelkeit tmd das Haschen 
nach Beifall geehrter und geliebter Personen, in der Kindheit der 
Mutter, in der Schule der Lehrer und Professoren, beim Militär der 
Vorgesetzten. Auch habe ich ein Bedürfnis nach Mitleid, die Leute 
sollen mir ansehen, wie krank ich bin, und mich bedauern. Dabei gehe 
ich jeder größeren Gesellschaft aus dem Wege und kokettiere selbst 
in der Krankheit ausschließlieh mit mir selbst. Ich war ferner schon 
als Kind äußerst sensibel, wenn mir z. B. Mutter vor den Erzieherinnen 
einen Verweis gab, und auch als Erwachsener stets überempfindlich 
gegen jeden Vorwurf oder gar gegen Spott und da sehr leicht gereizt. 
Ich kann solche Dinge nicht vergessen und fühle mich immer zurück- 
gesetzt. Dann fand ich eine außerordentliche Ähnlichkeit zwischen 
mir und , Anton Eeiser' in der Autobiographie von PhiUpp Moriz. Dieser 
spricht immer von der Lust, die ihm das Weinen über sich selbst be- 
reitete. Das ist häufig jenes Vergnügen, auf das er es eigentlich an- 
legt, und verrät eine starke Ich-Liebe, ein mächtiges Mitleid mit der 
eigenen Person. Dann hatte er nie heterosexuelle Empfindungen und 
begründete dies immer oberflächlich damit, er könne sich gar nicht 
denken, daß ihn bei seiner Unansehnlichkeit und gedrückten Lage 
ein weibliches Wesen zu lieben vermöchte. Auch sonst finde ich viel 



Die Psychoanalyse eines Autoerotikers. 523 

Berührungspunkte, z, B. das mangelnde Selbstbewußtsein und die 
Art, wie Vorwürfe an ihm haften." 

Vorstehend vernahmen wir einige Züge, die, zwar von Verliebt- 
heit in die eigene Person geboren, doch immerhin das Lob, den Beifall 
und das Mitleid geliebter Personen zu heischen schienen. Das gibt 
den Übergang zu einem anderen narzißtischen Verhalten, für das er 
sofort auch die Erklärung aus der Kindheit findet. ,,Wenn ich eine neue 
Manchesterhose zum erstenmal anlege, so bekomme ich — aber auch 
nur das allererste Mal — eine Erektion. Gehe ich dann spazieren, so 
achte ich darauf, ob die Leute meine neue Hose ansehen, obwohl dies 
nicht mehr geschieht als sonst. Doch habe ich das Gefühl, die Auf- 
merksamkeit der Leute zu erregen. Ich vermute, daß Mutter, als sie 
mich das erstemal in einer neuen Hose erblickte, den Ausspruch tat, 
ich sähe gut darin aus. Daher auch vielleicht meine Vorliebe, mir 
neue Anzüge machen zu lassen. Aus jener infantilen Erinnerung 
heraus war ich auch auf Sie böse, daß Sie meinen neuen Anzug 
nicht lobten. Dann erinnere ich, als ich das erste Mal in einer 
Großstadt, in Leipzig, ins Theater ging und im Foyer die Leute an 
mir vorübergehen ließ, hatte ich stets das Gefühl, von ihnen besonders 
angesehen zu werden, was mir sicher lustvolle Befriedigung gewährte. 
Genau das nämliche fühle ich auch, wenn ich jetzt in belebte Straßen 
gehe." 

Zum Schlüsse noch ein paar Ergänzungen, die teils aus verschie- 
denen Monaten seiner Psychoanalyse zusammengestellt sind, teils 
meiner direkten Beobachtung entspringen. Zu öfteren Malen sah ich 
ihn gierig die Gelegenheit aufgreifen, öffentlich oder in Familien- 
kreisen durch Vortragen von Gedichten oder humoristischen Sachen 
zu glänzen und allgemeinen Beifall zu ernten. ,,Ich habe eine 
dichterische Ader", erzählte mir einmal der Patient. ,, Manchmal 
leide ich darunter. Ich habe das Gefühl, daß ich etwas leisten könnte, 
kann mich aber nicht aufraffen, einen Versuch zu machen, weil es 
mir überhaupt schwer fällt, aus eigenem Antrieb eine Arbeit zu voll- 
enden. Ich habe immer nur Gelegenheitsgedichte geschrieben, zu Hoch- 
zeiten u. dgl., deren aber freilich eine Unzahl. Vor zwei Jahren, 
in München, glaubte ich mich zum Dichter berufen, ich fühlte mich 
etwas besseres als die übrigen Menschen." Seitdem er durch mich 
Fr euds ,, Traumdeut mig" kennen gelernt hatte, die er immer wieder von 
neuem studierte, lebte er seine dichterisch-narzißtischen Triebe zum 
großen Teile in fast täglichen, langausgesponnenen Träumen aus, die 



524 J. Sadger. 

er mit gewählten Worten in der Analyse vortrug oder niedergeschrieben 
mitbrachte. Von diesen Träumen hatte er ganze Hefte angelegt, die 
er gern wieder durchging, doch nicht etwa zu therapeutischen Zwecken, 
sondern um sich in seinem Talente zu sonnen, Träume zu schaffen 
und auszudeuten. Auch nachdem er die Behandlung schon abgebrochen 
hatte und zu Hause bei den Eltern weilte, schrieb er noch bezeichnend; 
,, Einen Trost gewähren mir einzig meine Träume. Sind diese phan- 
tastisch, märchenhaft und farbenreich, so vermögen sie mir zu ge- 
währen, wonach ich unaufhörlich jage, das Bewußtsein nämlich, daß 
ich doch etwas anderes, besseres bin als die anderen alle. Und dann 
verweile ich lange bei den Traumbildern und die Geräusche der wirk- 
lichen Welt dringen nur ganz verworren an mein Ohr und das reiche 
Innenleben, das ich führe, ist mir ein Ersatz für die vielen Entbehrungen, 
die ich mir auferlegt habe." 

Nun zu den Ursachen seiner so stark entwickelten und persi- 
stierenden Autoerotik und seines Narzißmus. In einer früheren Studie i) 
führte ich aus, daß der Narzißmus, die Selbstverliebtheit, nicht nur 
der Autoerotik entspringe, den Lustgefühlen, die man aus dem eigenen 
Körper zieht, sondern auch der so häuf igen bewundernden Verzärtelung, 
die das Kind von seinen Eltern, in erster Linie von der Mutter erfährt. 
Der Narzißt spielt dann eben in einer Person sich selbst als Kind 
zugleich mit dem ihn bewundernden Großen. Diese zweite Wurzel 
des Narzißmus, soweit sie sich auf die Mutter bezieht, hat Patient, 
wie wir hörten, selber gefunden. Ich kann noch ergänzen, daß zuerst 
die Großmutter und sodann der Vater ihn noch m.ehr verzärtelten 
imd bewunderten als jemals die Mutter. 

Die Bewunderung der letzteren war leider meist mehr ein Ziel 
seiner Sehnsucht, als daß sie oft in Erscheinung trat. Gerade der Um- 
stand trug viel zur Entwicklung seines Autoerotismus bei. Weil die 
Mutter ihn meist so lieblos behandelte, er von ihr also nicht das Lieben 
lernte wie andere Knaben, drum konnte er auch später nie auf ein anderes 
Weib übertragen. Und wenn er, wie wir oben hörten, dem Vater dessen 
vermeintliche Lieblosigkeit wider die Mutter so gewaltig krumm 
nahm, die die letztere diesem, wenn auch ungerecht vorwarf, so war 
der Ärger unseres Patienten in Wahrheit gegen eine andere gerichtet. 
Es barg sich dahinter sein ewiger Vorwurf Avider die Mutter: Du bist 
gegen mich stets lieblos gewesen! 

^) , .Psychiatrisch-Neurologisches in psychoanalytischer Beleuchtung," 
Zentralbl. f. d. Gesamtgebiet d. Jledizin u. ihrer Hilfs->viss., 1908, Xr. 7 u. 8, 



Die Psychoanalyse eines Autoerotikers. 525 

Warum aber blieb er sein ganzes Leben so autoerotisch? Das . 
Verhalten der Mutter erklärt das nur zum Teil. Auch andere Kinder 
werden von den Müttern zu wenig oder gar nicht geliebt, ohne 
darum so autoerotisch zu werden für alle Zukunft. Hier müssen 
noch andere, entscheidendere Ursachen mitgespielt haben. Da dünkt 
mich vor allem wichtig zu sein und die wahre organische Grund- 
lage des Ganzen: ein von Haus aus offenbar sehr geringes Sexual- 
bedürfnis, eine hochgradige Hypästhesie des Geschlechtstriebes, 
und zwar vornehmhch des genitalen. Wer nicht konstitutionell 
schon zu wenig Liebefähigkeit mitbringt, eine Unteranlage des 
Geschlechtsempfindens, den wird selbst die ärgste Lieblosigkeit, 
die er in den Kinder jähren erfahren, nicht an der Übertragung auf 
andere Liebesobjekte hindern. Wenn freilich einer, dem schon von 
Haus aus nur geringe Liebefähigkeit eigen, noch zu wenig Zärtlichkei t 
von der Mutter erfährt, dann kann die konstitutionelle Hypästhesie 
fast zur Anästhesie gegenüber anderen heruntersinken und bloß die 
kindliche Autoerotik bestehen bleiben, zumal wenn diese von Haus aus 
verstärkt ist. Bin somatisches Symptom jener angeborenen Hyp- 
ästhesie ist die Unterent Wicklung, die des Kranken Mernbrum zeit- 
lebens aufwies, in der Kindheit, wie jener selber vermeint, zu Spöttel- 
reden der Mutter führte und, als auch später, in der Pubertät, keine 
entsprechende Ausbildung erfolgen wollte, die Überzeugung in ihm 
festigte: ,, Kraft Deines kleinen, minderwertigen Penis bist Du ver- 
urteilt, es nie bei einem Weibe zu etwas zu bringen. Es bleibt Dir also 
nichts anderes übrig, als dich selbst zum Liebesobjekt zu nehmen, 
und zwar zum einzigen." 

Zu diesem von dem Patienten selber erschlossenen Zusammen- 
hange gesellte sich jedoch in unserem Falle noch eine zweite spezifische 
Beziehung, auf die er gleichfalls spontan geriet. „Vielleicht hätte die 
Lieblosigkeit meiner Mutter paralysiert werden können durch die 
besondere Zärtlichkeit der Großmutter und Schwester, wären diese nicht 
gar so früh verstorben. Das aber war die entscheidende Katastrophe 
in meinem Leben. Nach dem Tode der Beiden war der Unterschied 
in der Liebe jetzt und früher gar zu groß, was mich notwendig auf 
mich selbst ziirückwerfen mußte. Verstärkt wm'de meine große Ent- 
täuschung noch dadurch, daß ich gleich nach dem Tode der Groß- 
mutter eine schwere Diphtherie bekam, die mir vonseiten der Mutter 
besondere Liebe brachte und mich die Annehmlichkeit des Krankseins 
lehrte. Damals war ich ja, wie aus dem früher erzählten Traume vom 



526 .T. Sadger. 

Tode der Großmutter und aus dem Beschmutzen der Wand am Kopf- 
ende des Bettes unzweifelhaft hervorgeht, völlig bereit, auf die Mutter 
zu übertragen. Als dann, nach meiner Grenesung, die Zärtlichkeiten 
der letzteren aber aufhörten, ja meine Liebe vermutlich sogar Zurück- 
weisung von ihr erfuhr, da sie stets nur für den Bruder empfand, kam 
mir die Fähigkeit zu lieben für immer abhanden." Man darf vielleicht 
ergänzen: nach einer Periode besonderer Verzärtelung durch Groß- 
mutter und Schwester, nach der bitter enttäuschten Hoffnung darauf, 
durch die Liebe der Mutter entschädigt zu werden, wozu ihn deren 
Haltung in seiner Krankheit zu berechtigen schien, hat ihn die Un- 
möglichkeit, Ersatz für die große, einmal erfahrene Liebe zu finden, 
auf das eigene Ich zurückgeworfen. Nur dieses gewährte ihm soviel 
Liebe und soviel Lust, als einst die Großmutter. So fand er den Weg 
zur kindlichen Autoerotik zurück, der ihm dann um so leichter wurde, 
als er von Haus aus durch gesteigerte Haut- imd Muskelerotik, ferner 
durch die Betonung der Gesäßlust zum Fetischo-Masochismus prä- 
destiniert war. Wie er in der Kindheit den bevorzugten Bruder durch 
besonderen Gehorsam und erhöhte intellektuelle Leistungen auszu- 
stechen trachtete, so versuchte er später, in der Pubertät, da der Rivale 
aus dem Hause gegangen und ein neuer Vorstoß von Geschlechts- 
empfinden einsetzte, durch verdoppelte Liebe das Herz seiner Mutter 
für sich zu gewinnen. Als auch dieser letzte Versuch mißlang, setzte 
er seine Liebe in verschiedene somatische Symptome um und ward im 
übrigen Autoerotiker. Als solcher hatte er zur seligen Kinderzeit 
zurückgefunden, da Großmutter und Schwester ihn so heiß geliebt 
hatten und eine Zeitlang sogar die Mutter. Weil er nun damit sich 
völlig unabhängig gestellt hatte von jeglicher Außenwelt, sie zur Lust- 
befriedigung nicht mehr benötigte und keine Enttäuschung zu fürchten 
hatte, weil endlich, sobald er das Ziel der Liebe in sich selber gefunden, 
ein jedes Kämpfen überflüssig worden, drum blieben auch meine 
psychoanalytischen Bemühungen therapeutisch effektlos. 

Ein halbes Jahr etwa nach Abbruch der Analyse, die er bei mir 
durch volle 14 Monate geübt, die zweite Hälfte freilich unter immer 
steigendem Widerstände, schrieb der Kranke über sein Leben zu Hause: 
,,In den ersten Monaten, die ich hier verbracht habe, ist es mir ganz 
gut gegangen, aber seit einiger Zeit verspüre ich eine von Tag zu Tag 
größer werdende Unlust zu allem, was zu meiner gegenwärtigen Lebens- 
weise gehört, und ich erörtere nur noch den Gedanken, wie ich mög- 
lichst schnell von zu Hause fortkommen kann. Ein wie unglücklicher 



Die Psychoanalyse eines Autoerotikers. 527 

Plan es ist, mich zum Erben des väterlichen Geschäftes machen zu 
wollen, wird mir immer klarer. In dem Verhältnis zu meinem Vater 
nämlich, das fühle ich ganz deutlich, wurzeln alle die Hemmungen, 
die mir die Lust zur Arbeit, Lebensfreude und Selbstbewußtsein nehmen. 
Eine unglaubliche EmpfindUchkeit Äußerungen und Handlungen des 
Vaters gegenüber, so rücksichtsvoll er auch ist, lege ich an den Tag vmd 
sie veranlaßt mich zu einem Benehmen, über das ich zuweilen die 
tiefste Reue empfinde. Freilich bin ich ganz machtlos dagegen. Eine 
ungeheure Ansammlung von Ärger befindet sich in mir und nicht 
einmal das vermag ich zu ergründen, welche Umstände es bewirken, 
daß Blasen aus diesem Sumpfe aufsteigen, so oft dies auch der Fall ist. 
All meine guten Vorsätze und der Wunsch, an meinen Eltern gut- 
zumachen, was ich wirklicher- oder eingebildeterweise an ihnen gefehlt 
habe, erwiesen sich nur so lange als wirkungsvoll, wie das Leben daheim 
den Reiz der Neuheit hatte. Jetzt bin ich wieder ganz im alten Fahr- 
wasser. Zu Hause herrisch, unliebenswürdig, anspruchsvoll und reizbar, 
vermag ich doch zuweilen außer dem Hause aufgeräumt zu sein und 
verstehe es, für mich einzunehmen, was freilich nach keinen geheimnis- 
vollen Gesetzen sich vollzieht, sondern immer dann eintritt, wenn es 
gilt, irgend jemandes Aufmerksamkeit zu erregen, an dessen Urteil 
mir liegt. . . Ganz schattenhaft xmd flüchtig sind die Eindrücke, die ich 
im Geschäfte empfange. Ich weiß heute nicht mehr, was gestern ge- 
schehen ist. Eine förmliche Lähmung hat meinen Geist ergriffen und 
macht mich untüchtig zu den einfachsten Verrichtungen. Schuld 
daran hat wohl zum großen Teile die starke Trotzeinstellung gegen den 
Vater. So genau ich weiß, daß die Reue nicht ausbleiben wird, gegen- 
wärtig weiß ich mir keinen anderen Rat als den, schleunigst starke Reize 
auf mich einwirken zu lassen, um wieder festen Boden zu fassen. Meine 
Sehnsucht geht weit in die Ferne. Irgendwo im Auslande möchte 
ich mir eine Position schaffen und möchte zeigen, daß doch ein guter 
Kern in mir steckt. Meine sexuellen Phantasien haben sich 
nicht geändert, vielleicht haben sie nicht mehr ganz so 
großen Reiz wie früher."^) 

Wie man sieht, ist der therapeutische Erfolg nicht sehr impo- 
nierend. Selbst wenn man in Anschlag bringen will, daß der Kranke 
im Trotz wider seinen Vater und damit auch wider seinen Arzt verblieb, 



1) Gerade zur Zeit der ersten Korrektur, ersehe ich aus einer Ansichts- 
karte, daß er gegenwärtig in — Deutsch-Siidwestafrika weilt. 



528 J. Sadger. 

so dünkt mich der Lohn für 14 monatige aiigeötrengte Tätigkeit ein 
ziemlich dürftiger und es gewährt nur mageren Trost, daß im Winter 
vorher zwei europäische Berühmtheiten in monatelanger Behandlung 
gar nichts erzielt hatten. Prüfe ich die Ursachen dieses Mißerfolges, 
so muß ich heute sagen, er rührt wohl daher, daß unser Kranke weit 
minder an seinen Perversionen litt, als an der Autoerotik und dem 
Narzißmus. Nicht der Fetischismus, über den er zuerst fast einzig geklagt 
hatte, auch nicht der Masochismus und die Homosexualität waren 
der eigentliche Kern seines Leidens, sondern wesentlich und in erster 
Linie seine Selbstverliebtheit. Man kann etwa sagen: der Kranke 
unternahm die verschiedenen Kuren, um sich in der Überzeugvmg zy. 
bestärken, daß er zum Leiden geboren sei, imd anderseits bewies er 
einem jeden Arzte^), daß er gegen seine Perversionen nichts ausrichten 
könne. Der Narzißmus bildet, wie ich heute weiß, die Grenze der 
therapeutischen Beeinflußbarkeit. Hätte ich zu Beginn der Psycho- 
analyse jenes Patienten dies schon gewußt, dann hätte ich die Kur 
überhaupt nicht begonnen oder bald abgebrochen. Ich kann für mich 
nur die Entschuldigung vorbringen, daß damals die AVissenschaft noch 
nicht so weit war. Selbst die Perversionen des Fetischismus und Maso- 
chismus, die sonst gut heilbar, blieben in diesem Falle wenig beeinflußbar, 
weil sie mit seinem Narzißmus untrennbar verknüpft waren. 

') Ich habe im Text nur einen Teil der Ärzte angeführt, von denen er 
Heilung verlangte. Auch nachdem er von mir geschieden war, gedachte er bei 
zwei anderen Psychoanah'tikern sein Glück zu versuchen. Aber schon bei dem 
ersten produzierte er solch starken AViderstiind, daß jener gar nichts auszurichten 
vermochte und der Kranke die Behandlung schon nach Menigen Wochen ab- 
brach. Den zweiten Analytiker suchte er dann überhaunt nicht mehr auf. 



Die Heilung eines schweren Falles von Asthma 
durch Psychoanalyse. 

Von Df. J. Marcluowski, Haus Sielbeck. 



Ich beabsichtige mit diesen Zeilen den Satz zu be- 
gründen, daß Asthma eine reine Psychoneurose ist, ein 
hysterisches Konversionssymptom der Angsthysterie. 

I. Vorbemerkungen. 

Vor einer Reihe von Jahren kam ich durch meine Arbeiten in 
einer Spezialanstalt für Asthmatiker mit einer größeren Anzahl dieser 
Kranken in Berührung und gewann aus dem täglichen Zusammen- 
leben mit ihnen sehr bald die Überzeugung, daß die schweren körper- 
lichen Begleiterscheinungen der Krankheit in den meisten Fällen 
sekundärer Natur waren, d. h. eben Begleiterscheinungen und 
nicht das Wesen der Krankheit selbst ausmachten. 

Einen erheblichen Prozentsatz dieser Symptome lernte ich außer- 
dem als dauernde Folgeerscheinungen einschätzen und auch dadurch 
anders bewerten, beispielsweise wie eine chronische, katarrhalische 
Reizung des Darmes, die sich an eine langdauernde, psychisch bedingte 
SchleimkoUk anschließt, oder dergleichen. Hierzu rechne ich vor allem 
die Erscheinungen der Lungenblähung und der Atrophie des Lungen- 
gewebes. 

Die unmittelbaren Einflüsse einer ausgesprochenen Suggestions- 
therapie imd der Hypnose, die ich damals ~ es sind jetzt 15 Jahre 
her — in erster Linie anwandte, sprachen außerdem eine zu beredte 
Sprache, als daß ich an den Lehren unserer klinischen Meister nicht 
hätte irre werden müssen. 



1 



li * 



530 J. Marcinowski. 

Damals hatte die Vorst€llung von den Reflexneurosen eine hohe 
Geltung. Man erkannte den Nervus Vagus als den eigentlichen Stören- 
fried; aber man suchte der Mode gemäß den auslösenden Reiz in rein 
äußerlichen Begleitumständen, wie Erkältungsneigung, exsudative 
Diathese (Czerny- Strümpell), Klima, spitze Kristallnadeln auf 
der Schleimhaut usw. — und man suchte dementsprechend, abgesehen 
von der üblichen abhärtenden Allgemeinbehandlung, sein Heil auch 
in der chirurgischen Lokalbehandlung der Nase und der Gebärmutter, 
deren Reizzustände sich auf den Vagus übertragen sollten. 

Das dieser tatsächlich der physiologische Überträger für die 
asthmatische Neurose ist, ergibt sich ohne weiteres aus seinem ana- 
tomischen Verlauft). Aber aus den therapeutischen Erfolgen jener 
operativen Reflextherapie ist noch keineswegs zu schließen, daß auch 
die asthmatische Neurose selbst auf der ersten Hälfte dieses angeblichen 
Reflexbogens zustande gekommen sei. 

Die UnZuverlässigkeit dieser Therapie machte viele sehr bald 
stutzig und man lernte diese und ähnliche Eingriffe als Träger mehr 
suggestiver Einflüsse kennen, die Unzuverlässigkeit der Reflexneurosen- 
therapie also in eine Linie setzen mit der eigentümhchen Launenhaftig- 
keit der Neurose selbst, die sie so klar als psychisch bedingt, als 
hysterisches Konversionssymptom kennzeichnet. 

Oder wie will man es anders auffassen, daß der eine Asthmatiker 
seine Anfälle nur an der Nordsee bekommt, die der andere geradezu 
als Heihnittel anpreist; oder daß dem einen nur der Aufenthalt in der 
Stadt möglich ist, während der andere gerade dort heimgesucht wird; 
oder gar, wenn er seine Anfälle ausgerechnet nur in einer bestimmten 
Stadt bekommt, in allen anderen Städten aber gesund bleibt? — Wenn 
ich dann die letzte Arbeit eines Mannes von auserlesenem wissenschaft- 
lichen Ernst, wie Kafemann, vornehme und lese, das Asthma sei eine 
zentrale Neurose mit dem Sitz in der Medulla oblongata*), 
dann fasse ich mich unwillkürlich an das Genick, wo die Geschichte 
herkommen soll, und frage mich, warum die Psyche des Astmathikers 



' ) Ich selbst habe einmal einen Fall seziert, der klinisch durchaus das Bild 
eines tj'pischen Asthma nervoaum darbot und bei dem sich nachher herausstellte, 
daß es ein, mit den damaligen Mitteln kaum diagnostizierbares Aneurysma im 
absteigenden Ast der Aorta war, das ganz hinten im Brustraum an der Wirbel- 
säule lag und den linken Ast des Vagus stark in Mitleidenschaft gezogen hatte. 

-) Vgl. Kafemann, Med. Klinik, 1911, Nr. 47. Zur Entwicklung der 
medikamentösen Asthmatherapie. 



Heilung eines schweren Falles von Astbma durch Psychoanalyse. 531 

jxist an der Stelle sitzen soll! — Denn eine zentrale Neurose mit 
einem körperlich bestimmbaren Sitz? — ja, ich kann mir nicht helfen, 
das erscheint mir doch ohne weiteres als ein Widerspruch in sich selbst. 

Zentrale Neurosen sind doch psychologisch begründete Symp- 
tome. Natürhch müssen sie sich, wenn sie sich ausdrücken wollen, 
irgendwelcher Bewegungserscheimmgen bedienen, gleichsam wie einer 
Geste. Und diese bedarf eines nervösen Impulses, und dieser Impuls 
ist in dem Wurzelgebiet des betreffenden Nervenstranges als Reiz 
wirksam geworden, also hier in der Medulla oblongata. Aber deswegen 
kann ich doch nicht sagen : dieser Aufsatz z. B. sei eine zentrale Nerven- 
aktion mit dem Sitz in der linken Zentralwindung, alldieweil dort die 
Schreibbewegungen meines rechten Armes ausgelöst werden ! Man kann 
das Wesen eines Zustandes doch nicht dadurch wissenschaftlich erörtern, 
daß man die rein physiologische Seite daraus isoliert und beispiels- 
weise das Zustandekommen eines interessanten Maschinenteils dadurch 
für genügend erklärt halten, wenn man genau darlegt, wie er zurecht 
gefeilt und gehämmert wurde. Wissenschaft fängt beim Warum- 
fragen an, hier in diesemFalle z. B., indem man dem genialen Gedanken- 
gange des Maschineningenieurs nachzuspüren beginnt, und bei der Neu- 
rose bei der psychologischen Untersuchung der Krankheitsgeste. Es 
scheint mir, wie bei so vielen unserer wissenschaftlichen Untersuchungen, 
wieder einmal so zu liegen, daß eine eingehendeBeschreibung physio- 
logischer Vorgänge als Erklärung für das Wesen der Sache 
genommen wird, was schließlich auf die Tautologie herauskommt: 
Regen heißt, wenn's naß herunterkommt, oder hier: Asthma heißt, 
wenn eine Störung sich in die Bronchialäste des Nervus vagus ergießt. 
Aber daß damit so gut wie nichts gesagt ist, und daß die Frage nach 
dem „Warum" nun erst eigentlich anfängt, das sehen die Physiologen 
in unserem auf eine materiaUstisch-mechanistische Anschauungs- 
weise eingestellten Zeitalter nicht. Um ein Problem zu lösen, muß 
man es aber erst als solches erkannt imd in Frage gestellt haben. 

Die Frage lautet deshalb nicht nur, wie kommt das Asthma 
körperlich zustande, sondern vor allem: „Was drückt sich mit 
ihm aus?" Welche inneren, wahrhaft zentralen Vorgänge finden hier 
eine sinngemäße Darstellung in Zuständen äußerster Atemnot und 
Brstickungsangst ? 

Wenn es uns gelingt, nachzuweisen — und das können wir heute — 
daß die asthmatische Neurose eine bestimmte Art von Angst körperlich 
zum Ausdruck bringen will, wie diirch eine Geste, ja, dann muß sie 



532 J. Marcinowski. 

ja selbstverständlich den Nervus Vagus für diese Symbolmalerei be- 
nutzen. Genau so, wie sie zu hysterischen Lähmungen andere periphere 
Nerven in Anspruch nimmt, oder wie wir zu den normalen Ausdrucks- 
bewegungen imseres gesunden Vorstellungslebens die jeweilig in Frage 
kommenden Nervenstränge benutzen; denn daß überhaupt eine Neurose 
mit körperlichen Symptomen zustande kommen kann, also eine hysteri- 
sche Konversion, wie wir sagen, und daß es psychische Einflüsse z. B. 
suggestiver Art auf Organ tätigkeiten gibt, hat ja als selbstverständlich 
zur Voraussetzung, daß unmittelbare, physiologische Beziehungen 
zwischen den Organen der Hirnrinde und den Körperteilen bestehen, 
an denen die psychogene, also pseudo- organische Störimg zum 
Ausdrucke gelangt. 

Das bringt es andrerseits mit sich, daß auch eine rein physio- 
logisch, d. h. nur materiell bedingte Störung an irgend einer Stelle 
dieser Ablaufbahn zu einer Erkrankung führen kann, die den Aus- 
drucksformen der Psychoneurose zum Verwechseln ähnlich sieht und 
vice versa; und so kann ich mir sehr gut vorstellen, daß eine Ernährungs- 
störimg u. dgl. im Gebiete der MeduUa oblongata zu asthmaartigen 
Erscheinungen führe, ähnlich wie bei dem erwähnten Fall von Aneurysma, 
das den Vagus einklemmte. 

Aber das hat Professor Kafemann augenscheinlich nicht im Sinne 
gehabt, und das dürfte auch den allermeisten Fällen von Asthma gegen- 
über nicht in Frage kommen. Wir werden vielmehr gut daran tun, 
jedes Asthma in Zukunft - — Irrtümer vorbehalten — zunächst als 
Asthma nervo sum zu bezeichnen und diesen Zusatz grundsätzlich 
als den Ausdruck psychologischen Bedingtseins aufzufassen. Dabei 
müssen wir selbstverständlich mit dem verwirrenden Unfug rechnen, 
alle möglichen Fälle von Atemnot, wie z. B. auch die durch organische 
Herzerkrankungen bedingten, als Asthma zu bezeichnen, wie es in 
Laien- und Krankenpflegerkreisen die Regel ist; 

Wir müssen Kranke und Pflegepersonal auch immer wieder 
darüber aufklären, wie der asthmatische Zustand physiologisch 
zustande kommt. Hier wird Ursache und Wirkung und die Reihen- 
folge der Symptombildimgen andauernd miteinander verwechselt, 
und das gibt dann sowohl im Sinne der Vorbeugung wie auch im Sinne 
der Behandlung falsche Angriffspunkte imd Mißgriffe. 

Immer wieder hört man, daß die Sache mit einer Erkältung 
und einem Katarrh begonnen habe. Folge davon: übertriebene Ängst- 
lichkeit, die sich bis zum Charakter der ausgesprochenen Phobie steigert. 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 



533 



Der Asthmatiker bekommt seine Anfälle nicht im rauhen Ostwind, 
sondern wenn er durch das geschlossene Doppelfenster auf die Wetter- 
fahne guckt. Ebenso pflegt der Asthmatiker zu sagen, wenn sich nur 
erst der Husten löst, imd der Katarrh weggeht, dann höre auch sein 
Asthma auf. Wie ich schon sagte, das heißt: Ursache und Wirkung 
verwechseln. Der asthmatische Zustand besteht vielmehr von vorn- 
herein in einer Mischung von nervös bedingten Schwellungs- 
und Krampfzuständen des gesaraten Atmungsapparates oder eines 
Teiles davon. Der Krampf preßt nun die Schleimdrüsen aus, und es 
entsteht demgemäß ein Zustand, den man zunächst für einen leichten 
Katarrh hält. Aber der entsteht als Folge, nicht als Ursache des 
asthmatischen Zustandes. Steigert sich dann die Heftigkeit des Krampfes, 
so sperrt sich dadurch die Flüssigkeitszufuhr zur Schleimhaut mechanisch 
ab. Der Schleim gewinnt dadurch seine quälende Zähigkeit und behält 
sie, solange der Krampf besteht. Erst muß dieser nachlassen, 
dann erst kann sich auch wieder der Schleim verflüssigen und sich 
lösen. So ist es und nicht umgekehrt, wie der Asthmatiker meint, 
wenn er sagt, erst müsse der Katarrh weichen, dann höre auch die 

krampfige Atemnot auf. 

Diese Verwechslung von Ursache und Wirkung dünkt mir wichtig 
eben auch für die Therapie, die fehlgreifen muß, wenn sie bei dem 
vermeintlichen und nicht verstandenen Katarrh ansetzt —der eigentlich 
gar nicht sensu strictiori da ist — anstatt den Krampf der Bronchial- 
muskel selbst anzupacken. Eigenthch soUte diese Auffassung sich 
schon daraus ergeben, daß wir so viele Fälle durch eine ausgiebige 
Morphiumeinspritzung rasch zur Erledigung bringen können. Aber wie 
bei allen Neurosen ist die Sucht auch hier eingewurzelt, eine physiolo- 
gische, möglichst äußerliche Ursache als Prügeljungen in An- 
spruch zu nehmen. 

Das entspricht dem Triebe, die eigentliche Entstehung des Zu- 
standes und seinen Sinn in echt hypochondrischer Art hinter einer körper- 
lichen Verursachung zu verstecken. Es entspricht eben allzusehr der 
Richtung geheimer und unbewußter Wünsche (Entschuldigungsstreben), 
den Zustand als den Ausdruck innerster Seelenangst, oder richtiger 
diese selbst und ihre psychische Begründetheit von dem eigenen Bewußt- 
sein fernzuhalten; denn die Aufrechterhaltung ungeschmälerten Per- 
sönlichkeitsgefühls verlangt es von uns, daß wir so handehi und alles 
möglichst vom Bewußtsein ausschließen, was unser Selbstgefühl be- 
einträchtigt. Dazu gehören aber die Regungen des bösen Gewissens 



534 J. Marcinowski. 

unbedingt, und Angst ist in letzter Linie nichts anderes als 
der Ausdruck des schlechten Gewissens und der Todesangst 
vor der rächenden Willkür dämonischer Gewalten. Sie ist 
ein rein psychischer, selbstgeachaffener Zustand im Grefolge mora- 
lischen Aberglaubens, der der Schuld Verhütung*) dient, wenn wilde 
Lusttriebe, die uns im Sinne jenes Aberglaubens verboten dünken, 
durch irgend etwas in uns oder außer uns assoziativ wachgerufen 
werden wollen. 

Grenau wie die Angst selbst fasse ich auch das Asthma auf. Ich 
wiederhole, was auch schon von anderer Seite gesagt worden ist: der 
asthmatische Zustand ist nichts als eine typische Angsthysterie, ist 
ein durch hysterische Angstmechanismen ins Körperliche übersetzte 
xmd zu äußerster Atenmot und Erstickungsangst gesteigerte, d. h, über- 
triebene Todesangst, ist eine echte hysterische Konversion, wie wir 
sie als larvierte Angstzustände xmd Angstäquivalente zu Dutzenden 
kennen, imd die überall mit Vorliebe in Gestalt von Krämpfen und 
spastischen Innervationsstörungen auftreten, vom Kopfkrampfe 
(Migräne) imd Herzkrampfe bis zum Magenkrampf und der nervösen 
Schleimkohk herimter, einschließlich der krampfigen Dysmenorrhoe usw. 

Es ist, wie gesagt, wiederholt darauf hingewiesen worden, daß die 
Atemenge nur eine besonders hervorstechende und hier gesondert 
eintretende Teilerseheinung eines ganzen Angatanfalles 
darstellt, der, wie ich eingangs erwähnte, gelegentlich schwere körper- 
liche Folgeerscheinungen zeitigen kann, namentlich bei längerer 
Dauer und dort, wo durch den Körperbau ein somatisches Entgegen- 
kommen für Zustände von Lungenblähung usw. besteht. Der Asthma- 
anfall wäre also die bei der Hysterie auch sonst übliche tolle Über- 
treibung derjenigen physiologischen Begleitumstände jeder packenden 
Angst, die man in der Breite des Gesunden mit den Worten beschreiben 
würde: ,,Es schnürt mir die Kehle zu und versetzt mir den Atem." 
Hysterie übertreibt ja alles; aus den schlotternden Knien macht sie 
die Gehunfähigkeit und Pseudogelähmtheit, aus der schreckhaften 
Zusammenziehung der Körpermuskulatur baut sie Krämpfe auf usw. 

Ich meine, diese Auffassung: Atemnot = Angst ergibt sich, wenn 
man sie sich erst einmal klargemacht hat, als etwas so Einfaches und 
Selbstverständhches, daß mir weitere theoretische Untersuchungen 

') Vgl. Marcinowski, „Der Mut zu sich selbst", Kap. IX, Vom bösen 
Gewissen und S. 336, Angst als Schuldverhütung. 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 535 

darüber überflüssig erscheinen. Das Gesagte mußte icli nur voran- 
schicken, damit man weiß, was ich mm mit dem einen Falle, den ich 
hier genauer beschreiben will, beweisen wollte. Daß es nur einer ist, 
scheint mir zunächst unwichtig, obwohl man auch billig darauf hin- 
weisen kann, daß zu Verallgemeinerungen noch kein Recht vor- 
läge, wenn dieser einzelne Fall auch besonders sorgsam beobachtet 
worden sei. 

* 

Ich gliedere die Beschreibung vielleicht nicht sehr geschickt, 
wenn ich die zeitliche Aufeinanderfolge der Beobachtungsphasen bei- 
behalte; aber gerade weil es der erste eingehend geschilderte Fall ist, 
glaube ich, daß ich so verfahren muß, um den sachlichen Wert des 
Materials für andere nicht zu verwischen. Ich erwähne zunächst kurz, 
daß ich die Patientin, um die es sich handelt, schon seit reichUch einem 
Jahr kannte, und daß sie zur Zeit, als das Asthma ausbrach, seit einigen 
Monaten aus meiner psychoanalytischen Behandlung entlassen war, 
in der sie von einer großen Anzahl ungewöhnlich schwerer Angst- 
symptome und Zwangshandlungen frei kam. Einen Teil davon, soweit 
er für die vorliegende Psyche bezeichnend ist, werde ich im zweiten 
Abschnitt zur Sprache bringen. 

Hier nur so viel, daß die Psychoanalyse in Verbindung mit Hypnose 
vor sich gegangen war. Die Patientin hatte während der Hypnose 
eine außerordenthch stark erhöhte Fähigkeit, abzureagieren, zu as- 
soziieren imd die Zusammenhänge zu erkennen. Sie hatte auch deuthch 
eine stark erhöhte Erinnerungsfähigkeit in der Hypnose und sie konnte 
außerdem leichter und ungehemmter über TatsächUches aus ihrem 
Leben berichten, das voll von wüstester Sinnlichkeit und von aus- 
gesprochen verbrecherischen Neigungen steckte. 

Die Technik, die sich in diesem Fall herausgebildet hatte, war 
folgende : Sie wurde des Abends eingeschläfert und schlief dann fest 
die ganze Nacht durch. Wir fanden sie meist genau in derselben Körper- 
haltung, in der wir sie am Abend verlassen hatten, wieder. Dann wurde 
sie zum Sprechen aufgefordert. Sie brachte dann die Einfälle zur letzten 
Sprechstunde nebst den Träumen der Nacht, die sofort eine ziemlich 
eingehende Analysierung gestatteten. Die Affekte waren dabei eher 
noch im verhüllter als im Wachen. Meine Assistentin stenographierte 
meine Gespräche mit der Schlafenden. Zum Schlüsse wurde die Kranke 
geweckt imd war in der Kegel völlig erinnerungslos für alles Erörterte. 

Jahrbuch für psyohoanalyt. u. psychopatbol. ForeohungeD. V. "O 



536 .1. Marcinowski. 

Je nachdem es uns gut dünkte, haben wir das so belassen oder 
„bewußt" weiter geführt. 

Aus dieser Behandlung war der Patientin, die in leidenschaft- 
lichster Übertragung zu mir lebte, ein starker Hang zuj Hypnose ge- 
blieben, die ihr in typischer Weise als ein Symbol völliger, willenloser 
Hingabe galt, also ein Koitusersatz^) dünkte, — 

Nach diesen Vorbemerkungen werde ich die Krankengeschichte 
in zwei weitere Abschnitte ghedem, in die Schilderung des großen 
Asthmaanfalles selbst und in die Schilderung der ein halbes Jahr später 
erfolgten Nachbehandlimg. 

Letztere hatte mit dem asthmatischen Anfalle nichts mehr zu 
tun, sondern ich nahm zu diesem Zwecke lediglich eine willkommene 
Gelegenheit wahr. Die Patientin sollte wegen drohender Wochenbett- 
psychose, die schon einmal den Anlaß für eine vorzeitige Entfernung 
der Frucht abgegeben hatte, die fäUige Entbindung bei mir durch- 
machen. Diese Wochen habe ich entsprechend ausgenutzt und in ihnen 
den ganzen Bau der asthmatischen Neurose und die Vorgeschichte 
derselben analytisch festgestellt und mit der Patientin zusammen 
durchgearbeitet. 

Vieles, was zum Beweis dienen soU, daß der im ersten Abschnitt 
geschilderte Zustand tatsächlich nichts anderes als eine typische Angst- 
hysterie war, wird also erst in dieser Nachgeschichte zu finden sein. 
Es ist unvermeidUch, daß bei dieser Art der Schilderung, die sich 
möglichst genau an die tägüchen Protokolle anschheßt, der Stoff, 
ganz wie im praktischen Leben, etwas durcheinander gerät; auch sind 
Wiederholungen nicht zu vermeiden gewesen. Ich halte mich aber 
nicht für berechtigt, die Sache durch eine künstliche Gruppierung 
schön aufzubauen. Auch im ersten Abschnitt gehe ich daher ledighch die 
Protokolle entlang. Sie bestehen da wesentlich aus einer Serie von 
Träumen und deren oberflächlicher Analyse, die an beweisender Kraft 
in verschiedener Hinsicht gerade dadurch wesentlich gewinnt, daß sie 
fast ohne ärztlichen Eingriff, also ohne Suggestionsmöglichkeit, von 
der Kranken selbst geleistet wurde. 

1) In diesem Punkte habe ich meine eigenen, von den landesüblichen ab- 
weichenden Anschauungen gewonnen und behalte mir vor, darüber beweisende 
Mitteilungen nachzuholen. Ohnmacht und Hypnose haben sich mir in einer großen 
Anzahl von Fällen immer wieder als Koitussymbole gezeigt, und ich konnte das 
durch einwandfreie Assoziationsreihen wiederholt erweisen, sowohl da, wo die 
Hypnose begehrt, als auch da, wo sie angstvoll verweigert wurde. 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 537 

II. Der große Asthmaanfall 

Die Patientin war, wie gesagt, einige Monate aus der ersten Be- 
handlung ihrer Angstzustände entlassen. Sie bekam dann im Anschlüsse 
an eine leichte Erkältung (?), die sie als somatisches Entgegenkommen 
benutzte und, an dasselbe anknüpfend, tendenziös verwertete, einen 
schweren asthmatischen Zustand, der die schwangere Frau volle sechs 
Wochen lang an das Bett fesselte und in einer Weise schüttelte, wie 
ich es in solcher Heftigkeit und fast völlig pausenloser Dauer noch 
nicht erlebt hatte. In den Morgenstunden, so gegen ygS Uhr herum, 
steigerte sich der Zustand zu so fürchterlichen Anfällen, daß wirklich 
die ganze eigentümliche Tragfähigkeit der Hysterie dazu gehörte, daß 
die Kranke so etwas aushalten konnte, und daß nicht wenigstens die 
Schwangerschaft dabei zerstört wurde. 

Nichts unterblieb, was an ärztlicher und medikamentöser Kunst- 
hilfe denkbar war; aber es schien, als ob nichts auch nur vorüber- 
gehend einen Einfluß gewönne. In diesem Zustand — ich übergehe, 
wie gesagt, die psychologischen Momente, die zu seiner Bildimg geführt 
hatten, denn ich habe sie nicht in diesem Zeitpunkt der Erkrankung, 
sondern erst ein halbes Jahr später festgestellt — in diesem Zustand 
also fand ich am Ende der sechsten Woche die Patientin in ihrem Hause 
vor. Sie war hohläugig und abgemagert und sehr schwach geworden. 
Ich sprach etwa eine kleine Stunde mit ihr, schläferte sie dann ein. 
Der Zustand beruhigte sich ganz augenscheinhch. Ich sagte ihr dann 
ganz einfach, ich würde sie am andern Morgen früh mit mir nach Siel- 
beck nehmen, was die gesamte Umgebung und die Pflegerin für eine 
sinnlose und ganz unmögliche Anordnung hielten. Trotzdem wurden 
die Koffer gepackt. 

Ich schläferte die Patientin des Abends noch einmal ein. In der 
Nebenstube war mir ein Bett aufgeschlagen worden und am nächsten 
Morgen erlebte ich eine Keihe verblüffter Gesichter. Alle hatten seit 
Wochen zum erstenmal die Nacht durchgeschlafen, nur die Pflegerin 
war von i/aS Uhr in einem merkwürdigen Seelenzustand wach gewesen. 
Sie konnte es nicht fassen, daß diese „fürchterlichen AnfäUe" auf 
einmal wie durch einen Zauber verschwunden sein sollten. Aber sie 
wartete vergebens und mußte es kopfschüttelnd erleben, daß wir am 
frühen Morgen, — die Frau war 6 Wochen bettlägerig — mit dem 
Auto eine halbe Stunde durch die kalte Winterluft fuhren und nach 
5 stündiger Eisenbahnfahrt erquickt in Sielbeck landeten. 



538 J, Marcinowski. 

Unterwegs hatte ich auch wiederum die Hypnose für einen großen 
Teil der Eeise zu Hilfe genommen und ein dabei auftretendes Traumbild 
analysiert. 

Hier im Sanatorium zeigten sich nur noch kleine -indeutungen 
von asthmatischen Anfällen. Im allgemeinen konnte man sagen, der 
Zustand war durch mein bloßes Erscheinen glatt beseitigt; und dem 
psychologisch Gebildeten wird dadurch ohne weiteres klar sein, daß 
die Patientin mit diesem Zustand nichts anderes hatte erzwingen 
wollen, als eben mein Erscheinen. 

Sie stellte eben alles in den Dienst ihrer auf mich übertragenen 
Leidenschaft, und sowohl die zurückgedrängte Libido als auch der 
Charakter des Verbotenen hatten die Neurose in die Form des Angst- 
zustandes gedrängt. Warum dieses dann ausgerechnet die Sonderform des 
Asthmas angenommen hat, werden wir im zweiten Abschnitt erfahren. 
Das alles hat die Kranke während der nun folgenden Analyse nicht nur 
eingesehen, sondern auch zum Teil als halb bewußt eingestanden. 

Die Behandlungsform blieb die eingangs erwähnte. Nachtüber 
währende Hypnose, tägliche Analyse der Träume, speziell beim Wecken. 

Sehen wir uns nun diese Traumprotokolle an, ob wir in ihnen 
den Beweis dafür finden, daß meine Behauptungen und die Geständ- 
nisse der Kranken zu Recht bestehen. Im Interesse der Wissenschaft, 
der sie sich zu außerordentlichem Danke verpflichtet fühlt, hat die 
Kranke mir gestattet, diese Protokolle und ihre Krankengeschichte 
dem engeren Kollegenkreis gegenüber zu veröffentlichen. Sollte einem 
KoUegen diese Veröffentlichung zu Augen kommen, der durch irgend 
einen Zufall in der Lage ist, die Persönlichkeit der Patientin zu erraten, 
so erachte ich es als seine selbstverständliche Ehrenpflicht, daß er das 
unbedingt für sich behält. 

Die Traumdeutungen. 

A. Traum 1 bis 5 umfaßt die letzten zehn Tage vor 
meinem Eintreffen bei der Patientin. 

1. Der Traum von den Schiffen. 
(Drei Nächte hintereinander wiederholt.) 

„An einem hohen, steilen Felsabhang sah ich mich über einem großen, 
tiefen Wasser hängen. Ich war ganz nackend und klammerte mich ver- 
zweifelt an den Felsen. Da kam ein großer, starker Mann, der nahm mich 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 539 

auf den Arm und stieg mit mir den Abhang hinauf. Er sagte: „Nun mußt 
du auch mit meinem Schiff fahren." Ich fragte: ,, Wie heißt dein Schiff?"Er 
antwortete: „Jaguar." Ich; ., Ja, abermeine Familie fährtaufdem Sleipner." 
Er: „Das schadet nichts, du fährst mit mir. Wir kommen erst an die Ab- 
fahrtstelle, v'enn der Sleipner schon fort ist." — Indem wir so sprachen, 
kamen wir an den Hafen und ich sah, wie der Sleipner sich gerade zur 
Abfahrt bereit machte. An Bord sah ich meine Eltern und Geschwister, 
meine Schwiegereltern und meinen Mann. Die sahen alle traurig aus und 
so, als ob sie jemanden suchten. Neben dem breiten, dicken Sleipner lag 
ein anderes Schiff, schlank, edel und torpedobootartig. Es war der Jaguar. 
Da hinein stieg der Mann mit mir. Er setzte sich auf ein schräges Brett, 
machte die Beine ganz weit auseinander, setzte mich zwischen seine Beine 
und schlang seine Beine fest um meinen Körper. Ich hatte das Gefühl, 
als bohrte er sein Glied von hinten tief in mich hinein. Die Stellung war 
mir sehr angenehm. Plötzlich sahen wir vor uns den Sleipner keuchen. 
Der Mann, der hinter mir saß, rief: ,, Volldampf", und wir sausten in 
schlanker, eleganter Fahrt am Sleipner rechts vorbei und stachen in See. Wir 
überholten den Sleipner gerade bei der Elbemündung. Ich drehte mich 
noch einmal um und sah all die Gesichter der Meinen zum letztenmal." 

Erläuterungen zu Traum I, (Stenogramm in Hypnose, 
daher der abgerissene Stil und das gelegentliche Durcheinander in der 
Beihenfolge der Einfälle.) 

,,lra Vorbeifahren sahen wir, daß auf dem anderen Schiff 
, Jaguar' stand, und daß also wir auf dem Sleipner fuhren. Sehr 
richtig, denn der Sleipner ist Wodans Pferd. (Ich gelte in ihren 
Träumen häufig als W^odan: In meinem Zimmer steht die große 
Odinsfigur von Prof. Maison, auch habe ich Odinslieder gedichtet.) 
Der Sim\ des ganzen Traumes scheint mir eine summarische 
Beseitigung der Familie. Sie sollten alle vor mir abfahren und 
sterben. Dann aber wollte ich höher hinaus, über sie hinweg, die 
Philister. Sie kennen mein Ideal, ein höheres Ziel zu erreichen. — 
Früher dachte ich, die Familie würde alles mit mir mitmachen, mit 
Sielbeck — und meine Verehrung für Sie. Daher waren sie erst auf 
dem Sleipner. Da sie aber nicht wollten und mir Schwierigkeiten 
machten, nahm ich mir den Sleipner und ,ging noch viel weiter', 
als Sie ahnten." (Schiff im Hafen war ihr aus früheren Träumen her — 
Entführmig mit Dampfer nach Smyrna — als Kcitussj^mbol bekannt.) 

,,Das Wasser ist der Wahnsinn, in den man in Nacht versinkt 
(der Gedanke an Wahnsinn hatte bei ihr zu wochenlanger Nachahmung 
von Geisteskranken geführt). Mir fällt das Bild von Rügen ein mit 
der Stubbenkammer, — auch das Bild von Perseus und Andromeda. 
Auch an Prometheus muß ich denken und an Michel Angelo, an die 



540 J. Marcinowski. 

Sixtina und an den Menschen am Felsen. Gott bringt ihm Licht; so 
bringen Sie mir Licht in mein dimkles Leben." — 

„Ich bin nackeiad, d. h. ich fühle mich durch die Sinnlichkeit 
,an die Erde gebunden' und war auch gerade durch sie krank 
geworden. Das Nackende war Grefahr und Halt zugleich, denn ich 
hoffte von ihr auch die Erlösung, ich wollte durch sie die Erlösung 
heranlocken. Sie sollten mich ja begehren und mich hinauf dem Ideal 
entgegenführen. ' ' 

„Schiffahren = mit mir zusammen durchs Leben steuern. 
Dann sehe ich auch, daß das Schiffahren wieder gleich Koitus sei, 
und zwar in wild tierischer Form, wie er mir zuzeiten als das wildeste 
und das schönste galt. — Daher der Name des Schiffes: Jaguar ist 
ein Raubtier." — 

,, Meine Familie fährt auf dem Sleipner, der ist weiß — 
Unschuld und normal. Der Jaguar war schwarz. — Nachher, wie 
die Schiffe verwechselt waren, sah ich die schwarze Farbe. Da war 
es aber das Totenschiff geworden. Ich sah die traurigen Gresichter 
zum letzten Male." — 

,,Der Sleipner fährt heraus aus dem Hafen. Das heißt, ich 
will meinen Mann nicht mehr in meinen Geschlechtsteilen haben. — - 
Bei dem Unterschied in der Bauart der Schiffe muß ich an meine 
Hochzeitsnacht denken. Ich habe mir das Glied schlanker ge- 
wünscht; es war so dick und breit. Ein schlankeres hätte mir 
weniger Schmerzen bereitet; so wie es war, hielt ich es sogar für 
unnormal." 

,,Das Wasser ist mir von früheren Träumen her als Symbol des 
mütterlichen Körpers bekannt. Als Kind hatte ich die Hamöffnung 
zugleich als G«schlechtsöffnung aufgefaßt und weiß, daß das vielen 
so geht, und daß viele daher glauben, man käme beim Koitus in die 
Blase, gewissermaßen ins Wasser, und daß daher ganz naturgemäß 
auch die Anschauimg stammt, daß die Kinder aus dem Wasser kommen." 

,,In See stechen, noch dazu mit vollem Dampfe, ist also ohne 
weiteres als Creschlechtsakt für mich erkennbar." — 

,,Die Elbemündung ist mir der Samenerguß, nämlich die Mündung 
des Stromes. Sie wissen, daß ich bei meinem Manne keine Befriedigvmg 
hatte. Bis zu dem Augenblick im Traum war das nicht viel anders; 
aber in dem Augenblick, wo wir die Mündung des Stromes, den Samen- 
erguß, erreichten, wurde es schöner, imd ich überholte meinen Mann, 
fuhr an ihm vorbei. Zu meinem großen Kummer empfinde ich in meiner 



Heilung eines schweren Falles von Astbma dui-ch Psychoanalyse. 541 

Ehe so etwas gar nicht ; ich kenne es eigentlich nur von zwei Malen . 
her. Einmal, als ich es träumte und Sie der Partner waren ; das zweite- 
mal, als ich mir beim Greschlechtsakt selbst Ihre Person vorstellte 
anstelle meines Mannes; aber im Traume war es noch schöner." — 
Ich gebe die erläuternden Protokolle im Originalwortlaut wieder 
und überlasse der Patientin, wie man sieht, wie weit sie in der Deutung 
gehen will. Ich habe die Träimie also niemals vollständig ausgeschöpft, 
hätte ea auch bei dem vorliegenden Material gar nicht bewältigen 
können. Was es hier beweisen sollte, die typische Grundlage der 
Angsthysterie mit ihrem verbotenen Liebesziele, dem Vaterinzest und 
seinen Übertragungen, kommt auch bei den angeführten Einfällen 
vollkommen ausreichend zur Geltung. 

2. Der Traum vom Methylalkohol. 

,,Ich hatte geträumt, ich müsse eine große Flasche Methylalkohol 
trinken, um mich zu vergiften. 

Um 3 Uhr mit Angst aufgewacht, Asthmaanfall schUmmster Sorte, 
dazwischen die Pflegerin flehentlich gebeten, mir die Flasche Alkohol, 
die auf dem Waschtische stand, zu geben: .Bitte, bitte, geben Sie mir 
die Flasche, es ist ganz bestimmt Methylalkohol drin, und ich muß ihn 
trinken, denn ich muß sterben". 

Der äußere Anlaß zu diesem Traume und der nachfolgenden 
Erregtheit war die bekannte Vergiftung einer Anzahl Insassen in einem 
Berliner Asyl für Obdachlose. Die Patientin hätte danach das Gefühl, 
als ob sie wieder die Geisteskranke gespielt hätte. Sie habe ihre 
Angehörigen damit ängstigen wollen, um sie zu zwingen, mich zu 
ihr zu rufen, und auch um mich zu zwingen, zu ihr zu kommen. 
Ich hatte ihr nämlich im Hinblick auf die ungebändigte Heftigkeit 
ihrer Übertragungsleidenschaft verweigert, bei meiner Durchreise 
einen Besuch zu machen oder gar als Logiergast bei ihr zu wohnen, 
und nun habe si« das wie ein eigensinniges Kind mit allen Mitteln 
durchsetzen wollen. Von ihrer eigenen Kindheit her wisse sie ja, daß 
man mit Kranksein sehr viel erreichen könne. Zwei Tage später schrieb 
sie mir in einem Brief: 

„Denken Sie bitte nicht, daß ich mich auf Sie nun kapriziere, ich 
tue alles, was die andern sagen, aber es hilft doch nichts. (Wer sich ent- 
schuldigt, klagt sich an.) Ich danke Ihnen, daß ich iramer unter Ihrer Hand 
einschlafen darf. (Fernhypnose auf briefliche Suggestion hin.) Und seit 
ich weiß, daß Sie auch nachts bei mir sind (d. h. an mich denken), ist meine 
Angst nicht mehr so groß. Könnte ich Ihnen nur sagen, wie fest und un- 
1 5 



Ö4ii J. Marcinowski. 

erschütterlich ich an Sie glaube. Ich weiß ganz genau, daß der 
Anfall zu Ende wäre, wenn Sie Ihre Hand auf mich legten, und doch 
wünsche ich, ich wäre gesund, bis Sie kämen, damit Sie sähen, daß es mir 
Ernst ist und ich nicht bloß auf Sie lauere." 

Zu diesem Brief sagt sie aber in der Besprechung selbst, daß 
sie ihre Erkrankung mit ganzer Klarheit mit dem Wunsch zusammen 
bringen müsse, doch wieder nach Sielbeck kommen zu dürfen. Sie 
habe das nur aus Schlauheit nicht gezeigt. Aber angefangen 
habe das schon vor 6 Wochen, als sie sieh bei ihrem Töchterchen 
angesteckt habe. 

„Die jammerte ja auch immer so nach Ihnen." (Das kleine Mädel 
hatte allerdings ebenfalls eine außerordentlich leidenschaftliche und deutlich 
sinnliche Übertragung auf mich und zeigt leider eine starke Vererbung 
der pathologischen Züge der Mutter). ,,Das steckte im doppelten Sinne 
an. Nun kam dazu, ich wußte, Sie kämen hier durch, und ich wollte, daß 
Sie bei uns wohnten und neben mir schliefen. Außerdem, wenn ich gesund 
wäre, bekäme ich keinen Brief von Ihnen aus Wien; so aber ja. Wie ja 
meine ganze Brief schreiberei oft Zustände als Vorwand brauchte und zu 
diesem Zwecke schuf. Ich weiß längst, daß Sie recht haben, von Krank- 
heitswillen zu sprechen. 

Nun kamen Sie nicht; da steigerten sich meine Zustände, und ich 
wollte es wenigstens für die Rückreise durchsetzen. Dazu gehörte auch 
die Geschichte mit dem Methylalkohol." 

{Wird hypnotisiert, Stenogramm in der Hypnose.) ,,Ich sehe 
auch in diesem Traum eine klare, durchsichtige Sexualsymbolik. Der 
Alkohol ist ein berauschender Gifttrank. Ich wollte mich vergessen, 
d. h, etwas Verbotenes tun und mich hingeben, wurde sehr erregt, 
wollte ein Asylmensch sein, der frei ist und schlafen kann, wo er will. 
Methylalkohol, also schlechter, fuseliger — die Geschlechtlichkeit, 
die ich meine, ist also niedrig, dirnenartig." — 

,,Aber der Alkohol, der auf dem Tische stand, war gut und edel. 
Den hatten Sie mir verordnet für die Brust (Warzenpflege). — Die 
große Flasche in einem Zuge austrinken, das ist mir soviel, wie Ihr 
Glied in den Mund nehmen, das ich, mich berauschend, in einem langen 
Zuge genießen wollte." — Man bedenke bei diesen Äußerimgen, daß 
ein Jahr vorher eine wüste Fülle sexueller Perversionshandlungen in 
der Analyse zutage getreten waren, und daß die Patientin, ihrem leicht 
hypomanischen Charakter entsprechend, gewohnt war, in der Hypnose 
und unter dem Schutze der nachfolgenden Amnesie sich unverhüllt 
und hemmungslos zu geben. Die Aussprachen in der Hypnose waren 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 54d 

im Übrigen stockend und stammelnd und von großen Pausen durch- 
setzt, sowie von starken Affektäußerungen, die ich hier natürhch nicht 
wiedergeben kann. 

,,Ich muß sterben, ich will vergehen." — ,,Das Sterben ist 
der letzte Augenblick der Hingabe, das Auflösen im Rausche. — Ich 
muß und ich will darauf los, bis ich es erreicht habe. (Sehr erregt.) 

Ich will das auch immer wieder! — Vergiften? Wenn ich einmal 

genossen habe, dann kann ich nicht zurück in mein altes Leben. Daher 
bin ich jetzt so furchtbar erregt. Das ist der Kuß aus dem Kinder- 
märchen, das: , einmal genießen und dann sterben müssen', — die 
Geschichte von der Prinzessin im Monde und dem höchsten Wunsch, 
der ihr erfüllt wird." 

,,Es ist ein schwedisches Märchen in einem Buch, das Groß- 
mutter hat (weint). Ich will doch nicht Frau K. sein! — Vater! — 
(In der Erregung nennt sie mich oft Vater oder Doktorvater. Sie spielt 
auch im Wachen mit der Vorstellung, ich sei ihr zweiter Vater.) Ich 
gehe fort und kann nicht mehr wiederkommen, weil ich gesund bin." 

Diese Worte deutet sie später folgendermaßen: Mit dem Ausruf: 
Vater! flüchte sie in die Krankheit und in den Übertragungsaffekt. 
Wenn sie gesund ist, würde sie mich aber ganz verlieren. Daher ihre 
Erregung. Ich hatte ihr gesagt, daß sie sich als gesunde Frau nicht 
mehr um mich kümmern würde, sie aber meint, dann würde sie lieber 
krank bleiben, um dauernd etwas von mir zu haben. Darauf hatte 
ich mit dem Abbruch der Behandlung und jeder Beziehungen gedroht, 
und nun lebte sie dauernd in dem Konfhkt, ob sie ihrer Übertragungs- 
leidenschaft zuliebe krank und in meiner Behandlung bleiben solle 
oder gesund werden wolle, um dann nicht mehr als Patientin, sondern 
als geachtete Frau meine Freundschaft haben zu können. Zugleich 
bestand für beides die Gefahr meiner Ablehnung, sowohl die der Be- 
handlung, wenn sie dauernd unvernünftig bliebe, als auch die einer 
späteren Freundschaft, der zuliebe sie gesund werden wollte, um sich 
das Verhältnis zu mir in anderer Weise zu retten. 

3. Der Traum in der Messernacht. 

In der Nacht nach dem Traume vom Methylalkohol wachte die Pa- 
tientin gegen 3 Uhr mit furchtbarer Angst und im heftigsten Asthma- 
anfall auf. Der Traumzustand bheb bestehen, überwucherte das Bewußt- 
sein und gewann die Form einer wilden Zwangshandlung. Sie hatte das 
Gefühl: 



544 J. Marcinowski. 

„Jetzt mußt du dich mit einem ganz großen Schinkemnesser durch- 
bohren. — Ich versuchte dann unter Widerstand der Pflegerin, die Schub- 
lade am Buifet aufzureißen, um mir das Messer herauszunehmen. Aber 
die Pflegerin hielt die Schublade fest zu, und ich ging ins Nebenzimmer, 
wo ich einen dolchähnlichen Briefaufschneider in die Hand nahm und, 
weil der zu stumpf war, nach meines Mannes Jagdmesser suchte. Alles 
geschah in großer Angst, Atemnot und zwangsartig. Schließlich lief ich 
weinend zu meinem Mann ans Bett und sagte ihm: Ich muß mich doch 
totstechen und Frl. S. (die Pflegerin) hindert mich daran^)." 

Die ganze Szene ist gewissermaßen nur eine Steigerung des in 
der vergangenen Nacht Erlebten. Außerdem sind der Patientin solche 
und ähnliche Zwangshandlungen nicht fremd. So hatte sie sich einmal 
in einer eifersüchtigen, erotischen Wallung, weil ich ihre Zimmernach- 
barin des Abends noch einer gynäkologischen Untersuchung unter- 
ziehen mußte, des Nachts mit einem Messer eine zum Glück nicht 
allzu tief gehende Bauchwunde beigebracht, eine Handlung, die 
mit starker Wollust verknüpft war, namentlicL bei dem tieferen 
Einführen des Instriunents, und die ihr aus ihren Träumen her 
als Koitussymbol geläufig war. (Näheres im dritten Abschnitte, 
Seite 602.) 

Dies vorausgeschickt, wird es nicht wundernehmen, daß die 
Kranke den nächtlichen Angstanfall und die Zwangshandlung mit 
dem Schinkenmesser sofort imd klar in seiner sexual-symbolischen 
Bedeutung zu erkennen weiß. Hierbei muß ich noch erwähnen, daß 
sie vor Jahren auch die Operation eines Brustdrüsenabszesses im 
Wochenbette als wollustbetont empfunden hat. Die Infektion war 
von ihr absichtlich durch Hineinreiben von Schmutz in die Warze 
hervorgerufen worden, nach ihrer Angabe eine Mischung von Selbst- 
mordbestreben und Irrsinnsnachahmung. 

Die Kranke erklärt zu der Messemacht: ,,Ein Schinkenmesser 
wollte ich haben, weil es das größte und schärfste ist. (Ein in den Träumen 
der Patientin ständig wiederkehrendes Motiv. Sie kann die phallischen 
Symbole des männlichen Gliedes nie „groß", ,, gewaltig" und ,, mächtig" 
genug bekommen.) — Schinken ist etwas sehr Lustvolles für mich. 
Ich kann eine halbe Stunde auf einem Stück Schinken herumkauen. 



') Einige Nächte vorher suchte sie halb im Schlafe auch nach einem 
Messer und behauptete immer, sie wolle nicht warten, bis die Ärzte kämen und 
sie operierten. (Sie hatte sich die rechte Niere losgehustet.) Sie wolle sich selbst 
vornehmen. 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 545 

Das ist dasselbe für mich wie als Kind der „Leiclienextrakt"^). Schinken 
war mir in der Kinderzeit das Begehrenswerteste und liebste. Am 
meines Bruders Kauf mannsladen wollte ich immer den Schinken haben. 
Er bot mir an, ein Stück abzuschneiden, aber ich wollte den ganzen 
haben und in meine Puppenstube hängen. Ich streichelte ihn immer, 
namentlich das ,,Rote", Blutige an der Marzipanmalerei." 

4. Traum von den Hunden. (Eine Nacht darauf.) 

,,Ich war im wachen Zustande andauernd von dem Gedanken ge- 
quält, mir etwas antun zu müssen. Des Asthmas Avegen hatte unser Haus- 
arzt verordnet, daß die Pflegerin und ich bei offenem Fenster schÜefen. 
Als ich merkte, daß die Pflegerin eingeschlafen war, entblößte ich meinen 
Körper und lag ganz nackt in der sehr kalten Stube (Mitte Januar). Ich 
hoffte ganz bestimmt, wenigstens eine Lungenentzündung zu bekommen. 
Um 3 Uhr wachte ich — schweißgebadet — in Angst auf, und ein furcht- 
barer Asthmaanfall kam. Ich hatte geträumt, ich war gestorben und wmde 
in einem Sarg fortgetragen. Die Träger des Sarges waren vier gräßhche, 
schwarze Hunde, und der ganze Leichenzug bestand nur aus schwarzen, 
widerwärtigen Kötern. Der einzige edle Hund dabei war Alf, ein Jagdhund 
meines Mannes. Der einzige Mensch, der folgte, war Pastor R. Der Zug 
ging endlos lang bis zu dem Kirchhof W. am F .... er Weg. Dort bog 
er in den Kirchhof ein und führte am Grabe meiner Mutter vorbei. Dort 
blieb Pastor R. und Alf zurück, und die schwarzen Hunde brachten meinen 
Sarg noch ein Stückchen weiter bis zur Selbstmörderecke." 

Erläuterung zu Traum 4 (Notizen aus mehreren Hypnosen- 
protokollen). 

,,Ich wollte weg aus der anständigen Gesellschaft. Die Hunde 
sind wilde Männer. Alf ist mein Mann und Pastor R. ist die Kirche. 
Ich gehörte nicht mehr zu den anständigen Männern, noch zu der Kirche. 
Ich hatte mich den schwarzen Männern hingegeben und mich dadurch 
selbst gerichtet und geschändet." 

(Nachtrag zum Traum.) ,,Ich habe auch sonst den Gedanken, 
mir vorzustellen, wie die Würmer den Leichnam der Mutter zernagen. 
Das ist entsetzlich, all die einzelnen Teile, Avigen, Nase, Eingeweide. 
Das kommt immer, wenn ich an sie denke. Hier träumte ich, die Hunde 
buddeln es aus und fressen daran." 



^) Ich bitte, mir die Erläuterung dieses Wortes auf den dritten Abschnitt 
der Arbeit versparen zu dürfen, wo sie im Zusammenhange in der Entstehungs- 
geschichte besser am Platze ist. (Vgl. S. 600 u. 609.) 

? 5 * 



"4b J. Marcinowski. 

„Ich habe überhaupt ein so entsetzliches Lustgefühl, wenn ich 
au Leichen denke. Meine Mutter starb in Italien, ich war 15 Jahre 
alt ; ich ließ mir die Telegramme vom Transport geben imd hatte eine 
Lust bei dem Worte „Leiche" und bei den begleitenden Phantasien. — 
Das war ganz vergessen. Dabei konnte ich nicht beten, konnte nur 
so tun und mußte dabei an die Tiere denken. Da liegt überhaupt so 
viel Dimkles, mit meiner Mutter und deren Tod imd ihrem Leben. 
Ich habe sie nie für voll genommen, habe mich immer über sie gestellt, 
aber immer mit Schuldgefühl." (ödipuseinstellung.) 

,, Meine Eifersucht ist eine Quelle dafür. Dann habe ich noch 
einen andern Gedanken dabei. Meine Ablehnung der Mutter stammt 
aus dem ,Famiüenfluch' her, dessen Träger und Vermittler sie für 
mich war. Wenn mein Vater eine dimkle, feurige, südländische Frau 
genommen hätte, dann wäre ich ganz anders geworden." 

,, Meine Mutter malte und trieb allerhand, uns überließ sie den 
Frauen. Ich wollte es anders machen. Daher wurde ich auch so wild, 
als ich meine Kinder wegen der Krankheit nicht haben und ihre Er- 
ziehung abgeben sollte. — Sie galt als gut und klug und edel und von 
vornehmem Charakter. Dadurch wurde das Schuldgefühl noch größer, 
das ich für meinen Haß in mir trug. Ich habe mir immer schon aus- 
gedacht, daß sie sterben würde. Eigentlich gehaßt habe ich sie erst, 
als sie krank wurde. — Ich wollte sie weg haben, um alles für meinen 
Vater selber tun zu dürfen. — Der Zwang mit den Würmern kam 
durch ein Gespräch über Leichenverbrennung; das war stark lust- 
betont für mich gewesen. — Die Leiche liegt wehrlos da, und die Würmer 
können damit machen, was sie wollen (Würmer = Schlangen = 
Sexualsymbole). Als Weib und Mann ist man auch so aufgelöst imd hin- 
gegeben. Die Würmer sind eigentlich wie lauter kleine männliche 
Glieder. — Das ganze Bild ist eine Massenvergewaltigimg. Ich fühle 
das fast am eigenen Körper, wenn ich daran denke. Die Würmer kommen 
alle auf die rechte Seite, die linke bleibt unversehrt, wie meine Mutter 
war. Die Frau ist die rechte Hälfte vom Mann. Auch der Sarg ist auf 
der rechten Seite verfallen, — Die Hunde sind dasselbe wie die Würmer, 
das ist auch eine Massen Vergewaltigung. Ich lasse mich hinbringen, um 
das an mir selber zu erleben. Mir genügen die Würmer nicht. JDie waren 
für meine sanfte zarte Mutter. Ich brauche die wilden zügellosen 
Hunde, die leidenschaftlicher sind." 

,, Kleine Würmer sind kleine Kinder. Meine Mutter ist dreizehn- 
mal schwanger gewesen. — Das stimmt auch, die Kinder haben an 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 547 

ihrem Leben gefressen, und ich besonders, weil ich es ihr so schwer 
gemacht habe. — Ich war der Nagel zu ihrem Sarge, das hatte sie oft 
gesagt. Das fand ich so schrecklich von ihr." 

,,Der Sarg geht auseinander, weil ich die Nägel herausziehe, 
weil ich das nicht haben will, daß ich ein Nagel zu ihrem Sarge bin. — 
Selbstmord geht auf die Vorgeschichte des Traumes. Die schwarzen 
Hunde waren die Hölle, in der ich nun nach dem Tode all das Wilde 
haben wollte, was ich im Leben nicht hatte. — Alf war edler als viele 
Menschen, er galt mir fast als Mensch. (Wird sehr erregt.) Das war 
ja mit Alf! Ich habe nur einmal an eine Begattung mit ihm gedacht." 

,,Als Kind hatte ich einen kleinen Hund, der hat sich immer an 
meinen Armen angeklammert und solche Bewegungen gemacht. Das 
mochte ich sehr gerne imd faßte das Glied an und habe ihm dabei ge- 
holfen. Das habe ich ja so verdrängt, das fällt mir erst jetzt wieder 
ein. — Er hat dabei gekeucht, auch wie Asthma ( !). Das habe ich sehr 
oft getan. Er schlief auch bei mir im Bett. Er hat mich gekitzelt imd 
geleckt. Ich wachte darüber auf. Dann habe ich ihn selber dahingesetzt. 
Bei Alf sah ich einmal die Erregung seines Gliedes. Da habe ich mir 
gewünscht, er solle mich vergewaltigen. Ich habe ihm nur das Glied 
gestreichelt, sonst ist nichts geschehen." 

,,Ich kaiin nicht nur die Hunde als Sexualsymbole anerkennen. 
Ich habe auch sonst den Wunsch, mit Tieren zu verkehren, z. B. mit 
Rehböcken, Hirschen oder Bären. Einem kleinen Hund habe ich auch 
mal einen Kuß aufs Glied gegeben." 

,,Ich wollte krank werden, um^ doch endlich zu Ihnen in Be- 
handlung zu kommen. In ein paar Tagen mußten Sie hier durchkommen, 
und ich wollte Sie zu mir her zwingen. — Wenn ich so krank war, 
dann würden Sie statt der Pflegerin in demselben Zimmer, nicht bloß 
in dem Zimmer neben mir schlafen, dachte ich. — Ich lag wieder nackend 
im Bett, wie ich es früher gemacht habe. (Dies bezieht sich auf aus- 
gesprochene Phantasien vom Vaterinzest aus der Mädchenzeit, die 
ich ebenfalls erst im zweiten Teil genauer schildern werde.) Ich habe 
so stark den Zwang, Sie zu umarmen und zu küssen, damit ich von 
dem Fluch erlöst werde. Wenn ich das nur einmal tun dürfte; der alte 
Kinderwunsch nach dem Kuß des Vaters, den ich mir versagt habe, 
der geht in mir herum, nur ist er jetzt noch viel stärker geworden." 

Man bemerke die hier deutlich zutage tretende und zugegebene 
Übertragung vom Vater auf mich, die sie damals im Wachen noch 
immer nicht einsehen wollte. Auch wehrte sie sich zu dieser Zeit noch 



548 J. Marcinowski. 

verzweifelt gegen die Annahme der auf den Vater gerichteten Inzest- 
wünache, während sie diese später, wie wir sehen werden, sogar als 
vollbewußt zugeben mußte. — ,,Mein Krankheitswille ist also nicht 
einmal unbewußt geblieben," fügt sie hinzu. 

5. Der Traum von den Tauben. 

„Ich wachte um 3^4 Uhr mit Angst imd Asthma auf. Ich hatte von 
lauter wilden Tauben geträumt und sah einen ganzen Schwärm, alle mit 
grauen Flügelspitzen, fortfliegen. Nur eine einzige, ganz weiße, wollte 
ich gerne behalten und mir zähmen." 

Erläuterungen der Kranken: 

,,Die Tauben sind dasselbe wie die Hunde. — Da fällt mir Monte 
Carlo ein, das Taubenschießen, und wie ich mich freute, wenn eine weg- 
flog und nicht getroffen wurde. Flügelspitze grau, wie an meinem 
Hut. — Bei der Taube denke ich auch an die Taube bei der Jungfrau 
Maria (vgl. später im zweiten Teil die Sexualsymbolik bei dem ,, Opfer 
an die Jungfrau Maria"). — Mein Mann wollte nicht schießen, es 
käme ihm häßlich vor. Da dachte ich, wenn er auch ein feuriger Süd- 
länder wäre, dann tat er es. Auch wollte ich mit seiner Schießkunst 
protzen. Das Taubenschießen ist mir wie eine Art Sexualhandlung er- 
schienen. Die grauen sind die Wildtauben: mein Vater und der Jugend- 
geliebte usw. — Die große weiße Taube sind Sie. Die sollte mir zu Willen 
sein, die wollte ich mir zähmen. Ich denke auch an all die anderen 
Ärzte, die ich zum Besten gehabt habe. Die weiße ist die erste, der ich 
nichts vormachen kann." — 



Am Tage nach dieser Nacht führte mich die Reise zu der Pa- 
tientin. Ich schilderte eingangs bereits, wie der Tag verlief. Es folgen 
nunmehr : 

B. Die Träume 6 — 25, die die Patientin während der nun ein- 
setzenden Behandlung bei mir während der Analyse träumte. 

6. Der Traum von der Blausäure. 

Während der Eisenbahnfahrt "hierher hatte ich die Patientin, wie 
gesagt, eingeschläfert, \un ihr die Reise zu erleichtern. Plötzlich fing sie 
mitten aus der Hypnose heraus an zu sprechen und sagte: „Was geht 
schneller, Blausäure oder Methylalkohol?" — Ich darauf: „Blausäure". — 
Die Patientin: „Hast du welche da?" — Ich: ,,Ja." — Die Patientin: 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 549 

„Willst du mir welche geben?" — Ich nahm die Situation von der humo- 
ristischen Seite und antwortete: „Ja, ich gebe Ihnen welche". 

Erst hinterher kam mir zum Bewußtsein, was ich mir da 
mitten aus einer andern Lektüre heraus geleistet hatte! Die 
Analyse dieses Traumbruchstückes ergab nämlich einige Tage später 
folgende Erklärung. Protokoll aus der Hypnose: „Blausäure ist ein 
tödliches Gift" — langer Widerstand — „ja, ich hatte mir doch immer 
vorgestellt, ich wollte das Glied in den Mund nehmen und daraus 
trinken, und das wollte ich haben. — Das hatten Sie mir nicht gegeben 
imd Blausäure auch nicht. So ist das beides etwas, was ich nie habe 
bekommen können. — Sie haben mir gesagt, ein Tropfen genügt, um 
zu sterben. Ich drehe das nun um imd sage, ein Tropfen würde mir 
genügen, lun davon zu leben." 

* * * 

Die Behandlung wurde nun in der alten Weise, wie eingangs 
geschildert, wieder aufgenommen, d, h. am Abend wurde die Patientin 
eingeschläfert, am Morgen vor dem Wecken nach ihren Träumen gefragt 
und noch während bestehender Hypnose analysiert. Meistens fing 
die Patientin von selbst an, ungefragt zu sprechen und es bedurfte, 
wie sich aus den Protokollen ohne weiteres ergibt, nur unwesentlich 
kleiner Nachhilfen dabei, die sich in der Eegel auf das kurze Erwähnen 
einiger Traumtextworte beschränkten, sobald der Redefluß ins Stocken 
geriet. Da ausgesprochene asthmatische Anfälle von Stunde an nicht 
mehr auftraten, konnte die Patientin fast von Anfang an den ganzen 
Tag außer Bett bleiben, nur für die ersten Tage schonte sie sich noch 
etwas. Irgend welche Rücksicht auf den Zustand habe ich sonst nicht 
genommen, auch wurde keinerlei Medikament verabreicht. 

Ich schildere mm den weiteren Verlauf, indem ich die einzelnen 
Morgenprotokolle der Reihe nach hinsetze. 

7. Der Traum von dem Korallenring. 

„Sie hatten mir zum Geburtstag eine wundervolle Halskette aus 
blauen Korallen und einen schlichten, goldenen Ring mit einer großen, 
blauen Koralle als Mittelstücfe geschenkt. Die Kette legten Sie mir um 
den Hals und knipsten sie zu. Ich fragte : „Wo soll ich den Ring hinstecken?" 
— und Sie antworteten: „Am besten hinter den Trauring, da verlierst 
du ihn nicht." — Ich nahm den Trauring ab und steckte den neuen Ring 
mit dem blauen Stein an seine Stelle. Den Trauring wollte ich davor stecken. 
Er war aber heruntergefallen und ich konnte ihn nicht wiederfinden.' 



550 



J. Marcinowski. 



Sehr deutlich malt sich hier die auffallende Beruhigung der 
Patientin nach all den wüsten, nächtlichen Auftritten. Schon bei dem 
Traum von den Tauben kommt das zum Durchbruch. An dem Tage 
durfte sie mich ja bereits erwarten, wenn sie auch noch nicht ahnte, 
daß ich sie so ohne weiteres nach Sielbeck mitnehmen würde. 

Zu dem Traum, der ja an sich durchsichtig genug ist, gibt sie 
folgende Einfälle? — ,, Kette! Ich wollte an Sie gekettet sein. — 
Blaue Korallen sind übrigens etwas ganz Besonderes. — Daß ich den 
Ring hinter den Trauring stecken soll, heißt: verstecke ihn „hinter 
die Ehe", da merkt es niemand. Eher wollte ich natürlicherweise 
andere verlieren als den." 

8. Der Traum von der Lokomotive. 

„Ich wollte mich vor den von Kiel kommenden Sctnellzug werfen', 
um mich von der Lokomotive zermahnen zu lassen, und sah immer, wie 
der Zug heranraste." 

Erläuterungen: ,,Bei Lokomotive fällt mir ein, rasend, etwas 
Rasendes, Mächtiges. Dem wollte ich mich hingeben und dann ganz 
vergehen. — Das Gefühl kenne ich übrigens schon von der Kinderzeit 
her, wenn ein Zug herankam. — Die Lokomotive verglich ich voll- 
bewußt mit einem männlichen GHed, denn die Maschine kann vor- 
und rückwärts gehen und beides gleich schnell rasend. — Daß es sich 
um den Zug von Kiel her handelt, bedeutet selbstverständlich, daß 
es sich um Ihr Glied handelt. Von Kiel her kommen Sie auf meinen 
Wohnort zu." 

9. Der Traum von der Leiter. 

Zu derselben Nacht gehört noch folgender Traum: 
„Ich sah eine große goldene Leiter, die aber nicht fest auf der Erde 
stand, sondern hing. Es war, als ob sie aus der Höhe heruntergelassen 
wäre. Ich war im Begriffe, diese Leiter heraufzusteigen und war gerade 
auf der zweiten Sprosse." 

Erläuterungen zu Traum 9; 

„Die Leiter stammt aus Märchen, die goldene Himmelsleiter. 
Dabei denke ich an einen Pflaumenbaum — Bei Bäumen denke ich an 
das Glied, bei den Pflaumen an die Hoden. — Die Leiter ging übrigens 
durch die Zweige eines Pflaumenbaumes (Nachtrag zum Traum). Sie 
reichte nicht ganz bis zur Erde, auch wie das Glied. — Golden? 
Leuchtend! — Ich denke an die Strickleiter, an der wir turnten. 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 551 

Wir kletterten lierauf und kitzelten uns, der unten stand den anderen 
bis oben hin." 

„Auf der zweiten Sprosse haben wir immer ganz wahnsinnig 
hoch geschaukelt, er schubste mich von hinten und schlug mich dabei 
hinten drauf und lief unter mir durch. Das alles ist mir lustbetont 
in Erinnerung." 

,,Also von Gott und Wodan hing ein mächtiges, goldenes Glied 
herunter. Das wollte ich erreichen durch Anstrengung, durch Klettern, 
daher mit Atemnot und Asthma." 

Dann folgt: 

10. Der Traum von dem Überfall auf der Straße. 

„Meine Schwester wollte ins Kinematographentheater gehen, und ich 
begleitete sie ein Stück und bUeb dann auf der Straße zurück. -Plötzlich 
kam ein grober, gräßlich aussehender Mann, überfiel mich, warf mich zii 
Boden und kitzelte mich entsetzlich an den Beinen und Grcschlechtsteilen. 
Ich schrie um Hilfe mehrere Male. Plötzlich sehe ich an dem Fenster über 
mir das Gesicht von Herrn v. H. erscheinen. Als er sah, was der Mann 
mit mir tat, kam er sofort herunter. Mit einer vornelimen Handbewegung 
griff er nach dem Wüterich, der sofort von mir abließ. Dann nahm er mich 
auf und führte mich an seinem Arm zu der Straße, auf der mein Mann 
auf mich wartete." 

Der Traum bedarf keiner weiteren Darlegung. Herr v. H. vertritt 
mich als das Symbol des Adels, des Edlen, des Vornehmen. Die ganze 
Situation bezieht sich im übrigen auf drei Erlebnisse vom Vorjahre. 
Dreimal hatten Herren den Versuch gemacht, der Patientin in un- 
zweideutiger Weise nahezutreten; einmal davon hier in meinem 
Hause, und ich hatte, gleich dem Herrn v. H. im Traume, den Herrn 
zur Rede gestellt und die Patientin vor seinen unziemlichen Nach- 
stellungen in Schutz genommen. 

* * 

Wir sehen, die Kranke hatte ja nun eigentlich ihr Stück durch- 
gesetzt. Sie war unter meinen Schutz, unter meine Obhut gekommen. 
Sie hatte erreicht, was sie mit der Krankheit angestrebt hatte, imd die 
Größe und Gewaltsamkeit ihrer Mittelwahl entsprach nur der Größe 
ihres Wunschzieles: meiner Liebesgewährung, die sie sich in der 
Illusionswelt, in der sie lebte, auch übergroß und gewaltig ausmalte. 
Wir werden im nächsten Traumbild sehen, wohin sie das führt, bis über 
die Wolken hinaus in die Region, wo Götter wohnen und lieben. Ihr 
Traumziel träumt sie nunmehr erreicht. 

Jahrbuch für psyohoanalyt. u. psyohopathol. Forschungen. V. "6 



552 J. Marcinowski. 

11. Der Traum von den drei Freundinnen 
und von Wodans Liebe. 

„Ich wohnte mit zwei Freundinnen zusammen in einer kleinen, 
dunklen Parterrestube. Wir waren ganz arm und mußten durch Malen, 
Lampenschirmekleben usw. unser Greld verdienen. Ich lag im Bett und sah 
plötzlich, wie Frieda eine große Fliegentüte, die aussah wie eine Pyramide, 
auf den Tisch stellte und anzündete. Wie ich die Flammen auflodern sah, 
konnte ich es im Bett nicht mehr aushalten, sprang heraus und lief, nur 
mit einem Hemd bekleidet, hinaus." 

„Draußen standest du, nur in einen weiten Wodansmantel gehüllt, 
sonst ganz nackend. Du zogst mich fest an dich und hülltest mich mit 
in den Mantel. Dann lagen wir plötzlich in einem Zimmer im Sanatorium 
auf der Erde. Es klingelte laut und Berta erschien. Da nahmst du meine 
Hand und decktest sie über deine Geschlechtsteile. Du fragtest Berta, 
wer denn geklingelt habe, und sie sagte, Herr W. möchte in einer Viertel- 
stunde eine Leimpe haben. Darauf schicktest du Berta hinaus. Ich fühlte, 
daß ich auch ganz nackend war, und du zogst mich fest an dich." 

„Da war es, als wurden wir von unsichtbaren Händen immer höher 
und höher getragen und fanden uns plötzlich in weiten, lichten Höhen 
wieder. Wir lagen in einer weißen Wolke. Über uns, neben ims und unter 
uns waren nur lichte, weiße Wolken. Du sahst aus wie Wodan und sagtest: 
Komm, jetzt sei mein. Und dann kam das Schönste, was ich je im Leben 
erlebt. Ich lag in deinen Armen und machte mich ganz weich, so wie du 
es gern hast^) und ich fühlte, wie du immer mächtiger wurdest und tief in 
mich hineindrangst. Es war so schön und so rein und so heilig. Ich kann es 
nicht in Worten sagen. Ich fühlte zum erstenmal, was es heißt Weib sein 
und dir gehören." 

,,Dann sah ich uns — du warst noch immer im Wodansmantel 

und hieltest mich mit deinem Arm umschlungen — die Ch er 

Chaussee entlang gehen. Eine frühere Lehrerin von mir, ein Frl. D., kam 
uns entgegen. Ich nickte ihr freundlich zu. Als sie schon halb vorbei war, 
blieb sie stehen und rief: „Was fällt dir denn ein, du hast einen Mann imd 
zwei Kinder, und du gehst Arm in Arm mit einem andern Mann? Pfui !" — 
Ich sah sie sehr erstaunt an und antwortete: ,,Sie sind nicht mehr 
meine Lehrerin und Sie kennen diesen Mann nicht. Er ist der beste, 
edelste und schönste, den es gibt. Er ist mein liebster Freund." — Du 
zogst mich noch fester an dich iind wir ließen die Lehrerin laufen und 
gingen weiter." 

,,Ich habe dabei zum erstenmal die volle Befriedigung in der Ver- 
einigung selbst gespürt. Im wirklichen Leben empfinde ich sie immer nur 
vorher in der Berührung der Geschlechtsteile durch die Hand." 



1) Bezieht sich auf einen Ausdruck von mir, den ich krampfigen Spannungen 
gegenüber beim Hypnotisieren gern anwandte; „Machen Sie sich ganz weich, 
spannen Sie nicht so," usw. 



Heilung eines sehweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 553 

Erläuterungen: Der erste Teil ist eine Dirnenphantasie und 
geht in seiner innern Konstruktion auf einen , Schülerdreibund' zurück, 
in dem die erotisch betonten Schwärmereien zu ausgesprochen gleich- 
geschlechtlichen Betätigungen geführt hatten. Mit diesen Freun- 
dinnen ist sie im Traume wieder zusammen, nur sind sie jetzt älter 
und leisten sich das in Wirklichkeit, was sie damals miteinander 
geträumt und geplaudert hatten. Als die eine Freimdin sich unter 
diesen Dirnenverhältnissen (einfache, arme Heimarbeiterin) einen 
Sexualakt leistete -~ die pyramidenförmige Fliegentüte geriet ins 
Brennen — ,,da wurde auch ich wild, sagte sie, und lief auf die 
Straße." 

Nun folgt eine Gegenüberstellung von irdischer und himmlischer 
Liebe. ,,Auf der Erde bin ich darin eine Dirne, in reinen Höhen ist 
meine Liebe eine gottgewollte. — Auch die Bestellung der Lampe für 
Herrn W. empfinde ich so, als würde ich als Dirne zu ihm bestellt. 
Aus diesem niedrigen Leben erhebe ich mich zu etwas Gottgewollten." 

Zu ,,Komm, jetzt sei mein!" — Hierzu erinnert sie folgende 
Parallele: ,,Mein Vater sagte mir, er würde mir ein Pferd schenken, 
wenn ich einen Mann bekäme, der mir ein Pferd halten könne. — Ich 
denke an meinen Jugendgeliebten. Es war in der Eisenbahn nach einem 
Balle, ein Extrazug. Er hatte den Arm um meine Schulter, er beugte 
sich zu mir und flüsterte mir ins Ohr: ,, Schreib deinem Vater, der 
Mann ist da. Ich kann meiner Frau ein Pferd halten." Ich hatte ein 
starkes Gefühl von Zusammengehörigkeit mit ihm; nun, dachte ich, 
kommt die Erfüllung." — (Pferde kommen in ihren Träumen häufig, 
ebenso wie die Hunde, als Sexualsymbole vor.) 

Zu ,, weich machen". — ,,Ich sperre mich bei meinem Manne, 
weil ich Angst habe vor dem Wehtun. Darum werde ich hier im Traume 
ganz weich, weil ich vor Ihnen keine Angst habe." 

Sie erinnert sich auf meine Frage hin genau, daß ich diese imd ähn- 
liche Ausdrücke beim Einschläfern anzuwenden pflegte. Die vorliegende 
Zusammenstellung scheint mir zu beweisen, daß ich recht habe, wenn 
ich zum mindesten in einer größeren Anzahl von Fällen die Hypnose 
einer geschlechtlichen Hingabe gleichsetze. Die Hypnotisierte 
ist, wie sie sagt, willenlos, muß alles tun, was der Hypnotiseur will 
und ist in ihrer Wehrlosigkeit noch dazu entschuldigt, genießt schuldlos, 
quasi gezwungen, was sie sich erträumt. 

Zu „Vater?" — „Dabei denke ich an Gott-Vater." — Der 
diese Antwort begleitende starke Affekt galt nicht eigentlich mir, 

36* 



554 J. Marcinowski. 

sondern dem „Luft- Vater", dessen Rolle ich übernommen hatte. 
Über den Begriff des „Luftvaters" werden wir später noch Genaueres 
erfahren. Es bezeichnet wie Luftschloß ein nur gedachtes, ein ge- 
träumtes Idealbild. Sie hatte diese Konstruktion als Kind nötig, weil 
sie den realen Vater auf Grund mannigfacher Liebesenttäuschungen 
für ihre Zwecke nicht gebrauchen konnte imd ablehnte. Hier ist der 
Vater außerdem auch in der Luft. Ideal und Wirklichkeit schmelzen 
zusammen, wie ich mit dem Bilde des Vaters. 

Zur ,,Ch er Chaussee" fällt ihr ein, daß diese einen 

Reitweg hat. ,,Sie führt zu heimlichen Wegen, auf denen ich ge- 
gangen bin, um meinen Jugendgeliebten reiten zu sehen. — Richtig, am 
Ende lag auch das Haus, in dem ich mit meinen Freundinnen im 
Traum wohnte, nach der Seite zu, wo ich den Mann immer gesehen 
habe. — Wir gehen also auf dem Weg entlang, der mir den Weg zu 
meinem Geliebten verkörperte. — Die Lehrerin tritt mir dabei als das 
Symbol der Institution, des Zwanges, der Tradition entgegen, als das 
verkörperte bürgerliche Gesetzbuch mit seinen Sittengesetzen und 
Moralgeboten." 

Ich erschien in diesem Traume also als die Zusammendichtung 
all* ihrer Idealbilder. Der Vater, der Luftvater, der Gottvater imd der 
Greliebte haben mir alle ihre Züge geliehen, und das ist ja allerdings 
das höchste, was sie sich vorstellen konnte, imd meine Person war 
wiederum dxirch den Vergleich mit Wodan geeignet, gerade diese Rolle 
zu übernehmen. Sie sagt: ,, Wodan mit seinem Mantel gibt die äußere 
Hülle ab für das, was der Dr. als Gottgewolltes lehrt ^)." — 

12. Der Traum von den Briefen und vom Dolche. 

,,Ich bekam einen Brief und sollte meine drei Cousinen besuchen. 
Das sind drei Schwestern, von denen eine verheiratet und die zweite ver- 
lobt ist. Ich fand diese drei Frauen zusammengehockt in einem kleinen, 
weißen Kinder-Gitterbett liegen, und als ich vor dem Bett stand, empfand 
ich ein starkes Ekelgefühl, weil sie da in Nachthemden so dicht zusammen- 
hockten." 

,,Die Verheiratete und die Verlobte konnte ich genau erkennen, von 
der dritten weiß ich nicht genau, ob es meine Cousine oder meine 
jüngere Schwester war." 



*) Ich pflege jener unsauberen und gotteslästerlichen Richtung Paulmischen 
(Christentums, der das Geschlechtliche als die Sünde schlechthin gilt, eine ge- 
sunde Sinnlichkeit als etwas Natur- und Gottgewolltes gegenüberzustellen. 
(Vgl.: Der Mut zu sich selbst.) 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 555 

„Die dritte erzählte mir, sie habe einen Freund, der sei Schriftsteller 

und Redakteur und wohne in der P er Straße. Sie wolle aber mit 

ihm brechen, da er immer alle Briefe öffnete, die gar nicht an ihn gerichtet 
seien. Sie erzählte mir noch, daß sie ihm immer ihre Verse schickte. Ich 
ging dann weg und schickte an diesen Mann all meine Gedichte. Dann 
sehe ich mich im Entree dieses Mannes, er sieht mich aber nicht. Er steht 
an einem Tische, wo in einer Schale ziemlich viele Briefe liegen, und ich 
kann deutlich lesen, daß viele nicht an ihn gerichtet sind, sondern daß 
andere Adressen draufstehen. Er aber nimmt sie alle gierig und öffnet sie 
hastig mit einem Briefaufschneider, der wie ein Dolch aussah, und verschlingt 
den Inhalt. Ein Diener steht dabei und muß ihm immer neue geben. Der 
Mann war sehr groß, dunkelhaarig und hübsch. Ich wußte nicht, ob ich 
fortgehen oder zu ihm hingehen sollte, und wachte mit Angst und Atem- 
not auf." 

Erläuterungen zu Traum 12: 

,,Das erinnert mich daran, daß die Oberschwester Ihnen während 
meiner Sprechstunde manchmal die Post gebracht hat. Sie machen 
es dann ähnlich. Den Mann kenne ich. Ich habe als Backfisch für ihn 
geschwärmt, habe auch jetzt noch eine Schwäche für ihn. — So 
mußte der aussehen, den ich heiraten wollte. Er ist Verlagsbuchhändler 
und wollte meine Gedichte haben. — Das Brief auf schneiden ist sicher 
ein gieriger Geschlechtsakt. Sie sind also eigentlich der Mann im 
Traume. — Der Diener ist die Schwester. Ich verdränge sie, weil es 
mir nicht paßt, daß sie meine Briefe liest, die nur für Sie bestimmt 
sind. Das verdränge ich auch und sage darum, ,,sie wären nicht für Sie 
bestimmt". Dabei denke ich an meine Eifersucht auf andere Pa- 
tienten. — Die drei Kusinen als Kinder bilden meinen homosexuellen 
Verkehr und daher dieser Ekel. Dabei denke ich an Frau Pastor H.^), 
die mich im Nachthemde in ihr Bett holte und herzte. Damals habe 
ich mich geekelt. Sie sagte: ,,Wenn du später mal anders darüber 
denkst, dann vergiß nicht, wie ich mich nach einem Kinde sehne. Die 
Menschen denken schlecht von mir". 

Die dritte Schwester. — ,,Von der sagte Mutter, sie sei so 
sinnlich veranlagt. — Sie liebe, aber sie breche mit ihm, weil sie eifer- 
süchtig ist; denn er öffnet gerne anderer Briefe, die nicht für ihn 
bestimmt sind, d. h. er ist ihr also untreu". 

* * 

* 

Aus jedem dieser Träume läßt sich ja sicher sehr viel mehr heraus- 
holen. Ich muß wiederholt darauf hinweisen, daß dies bei der zur Verfü- 

») Vgl. Näheres über die Frau Pastor H. im dritten Teil. (S. 599.) 



556 J. Marcinowski. 

gung stellenden Zeitnichtmöglicli war. Icli habe hier allerstärkste Zurück- 
haltung geübt und überhaupt nichts herauszuholen versucht, der 
Patientin die Erklärung voll überlassend, um umso unbestreitbarer 
beweisen zu können, was ich mit dieser Traumserie beweisen wollte: 
die typische Angsthysterie in der Form von Atemnot und 
Asthma. 

Es ergibt sich ja auch ohne tieferes Eindringen immer wieder 
der Vaterinzest und seine Übertragung auf mich und die Fülle 
der infantilen Lustgewinnungen in all ihren Abarten. Das Brief kuvert und 
der dolchartige Brief auf Schneider, das Hineinführen und Aufschlitzen, 
die gierige Art, alles das sind interessante, wenn auch geläufige Be- 
stätigungen unserer Anschauungen über die typische Sexualsjnnbolik. 

Von derselben Nacht habe ich noch einen 2. Traum aufge- 
zeichnet : 

13. Der Traum vom großen Vogel. 

,,Ich war bei W und wollte eine Gans kaufen. Die sahen 

aber alle so dumm aus. Da sah ich neben mir in einem hohen Gitterkäfig 
einen sonderbaren Vogel stehen, der mir Angst einflößte, den ich aber doch 
auch sehr gern besessen hätte. Der Vogel sah unheimlich aus. Es war eine 
Art Reiher, aber viel größer als ich. Er hatte einen bösen, tückischen Bhck 
und einen langen, spitzen Schnabel wie ein Storch. Dann hatte er einen 
auffallend dicken Bauch." 

„Ich fragte die Verkäuferin, ob er verkäuflich wäre, und sie riet mir 
sehr, ihn zu kaufen. Er sei ein ganz seltenes Tier and stamme aus Afrika. 
Er kostete 80 Pfennig das Pfund, war aber sehr schwer. Ich fragte, warum 
er solchen dicken Bauch habe, und das Fräulein antwortete: ,,Ach, dasist 
eine ganz merkwürdige Sache mit dem Vogel, der bekommt lebendige Junge, 
gerade wie die Menschen, und legt keine Eier. In li Tagen bekommt er ein 
Junges, aber wir können ihn jetzt schon schlachten." — Dabei nahm sie 
ein langes, scharfes Schinkenmesser und wollte dem Vogel den Bauch auf- 
schlitzen. Ich rief aber: „Nein, wie können Sie das tun, Ich will doch sehen, 
wie der Vogel das Junge bekommt. Ich nehme ihn so mit." 

„ Gut, sagte die Verkäuferin, aber in 14 Tagen, wenn das Junge kommt, 
müssen Sie ihm doch den Bauch aufschlitzen, sonst kann das Kleine nicht 
heraus. Und dann hat der Vogel noch eine Eigentümlichkeit. In seinem 
Bauche werden Sie zwei Heuschrecken finden, eine männliche und 
eine weibliche, und die müssen Sie ganz fest ineinander schieben. Das 
müssen Sie aber richtig machen, denn daraus wird dann ein neuer Vogel." 

„Ich kaufte also den Vogel und ging mit ihm los. Der Vogel ging 
immer neben mir auf der Straße. Er war viel größer als ich. Alle Leute 
blieben stehen und schrieen uns an, wie wenn der Kaiser kommt. Ich 
hatte furchtbare Angst vor dem Vogel, der mich immer tückisch von oben 



Heilung eines schwerer! l'alles von Asthma durch Psychoanalyse. 557 

herab ansah und mit den Flügeln streifte. Wir gingen in einen tiefen 
Keller, wo eine alte Frau saß. Sie sah aus wie Frau K. Die sagte zu 
mir: „Warum haben sie nicht lieber eine schöne Gans gekauft, statt den 
dummen Vogel ? Von der Gans können Sie so schöne Gänseleberpastete 
machen." — Ich ärgerte mich, und der Vogel und ich gingen wieder 
auf die Straße." 

,,T)ann bogen wir nochmals links in einen Keller hinein, und da war 
Ihre Frau. Die sagte, sie hätte solchen Hunger, Ich hatte nur Cassler da 
und schnitt ihr ein Stück Cassler ab und tauchte es in Blut. Da wurde Ihre 
Frau böse und sagte: ,,Das müsse ich doch endlich wissen, daß sie kein 
blutiges Fleisch äße." — Wir aßen dann zusammen Cassler mit Spinat, 
und dann gingen der Vogel und ich wieder auf die Straße und die Angst 
begann vom neuem." 

„Plötzlich kam ein Kinderfräulein an und sagte, ich solle mich sehr 
beeilen, es sei schon ViS Uhr, und mein Mann ließe mir sagen, wir seien 
umgezogen und wir sollten schnell durch die Meineckestraße nach der 
Bleibtreu-Straße kommen. Dort in der „Bleib - treu-Straße wohnten 
wir jetzt. Wir gingen auch dorthin, der Vogel immer mit und mußten einen 
hohen, hohen Turm besteigen, worin eine Wendeltreppe sehr steil hinauf- 
führte." 

,,Als wir endlich oben waren, kam ein kleiner Junge angelaufen und 
sagte: ,, Mutter, ich hab im Zoologischen Garten einen Bären gesehen." — 
Dann sah ich, wie jemand meine Marie hereintrug. Die war ganz lang und 
dünn und starr. Mein Mann war nicht zu sehen. Ich habe mich sehr geängstigt 
bei der ganzen Sache." 

Die Einfälle zu diesem Traum sind folgende: ,,Die Gänse sind 
für mich die anderen Männer. Der große Vogel verkörpert mir Sie 
sowohl, wie meinen Jugendgeliebten, der jetzt in ,, Afrika" ist. Meine 
Übertragungsleidenschaft geht sicher auch über ihn auf Sie. Der Vogel 
ist gewissermaßen eine Vereinigung von uns allen. Er hat überall den- 
selben Sinn. Wir sind also eines Sinnes mit ihm. Das ist mir schon 
beinahe gleichbedeutend mit Koitus. Daher bin auch ich der Vogel 
und bin schwanger, wie es der Vogel ist. Das ist alles zusammen- 
geschmolzen und geht nicht auseinanderzuhalten." 

,,In 14 Tagen? — Da denke ich an Meerschweinchen. Ich 
habe mal eins gekauft, das sollte in 14 Tagen Junge bekommen und 
kostete deshalb ,,80 Pfennige", also mehr wie sonst. Ich erinnere 
mich noch an seinen dicken Bauch." 

,,Der darf nicht geschlachtet werden, d. h. während 
der Schwangerschaft darf nicht koitiert werden. (Schlachten =Koitieren 
ist sehr bezeichnend für den Sadismus der Patientin; wir werden dem 
noch oft bei ihr begegnen.) Dem Vogel muß der Bauch aufgeschnitten 
werden, weil es ja ein Mann ist und der Mann nicht gebären kann 
i 6 



558 J. Marcinowski. 

wie eine Frau. — Zu ,Gans' fällt mir ein: Er ist der bürgerliche Vogel, 
den das Volk ißt, dick und dumm, wie die gewöhnlichen Männer sind. — 
Daß der Vogel lebendige Junge bringt, kommt einfach daher, weil 
er ja wie ein Storch ist, der bringt ja doch auch die lebendigen Jungen. 
Außerdem sagt man: Der Storch hat mir ein Schwesterchen gebracht, 
er ist also männlich und bringt doch die Kinder zur Welt. So wird 
er sehr geeignet als Verdichtungssymbol männlicher und weiblicher 
Eigenschaften. — Ich erinnere mich, daß ich als junges Mädchen einen 
solchen Vogel gemalt habe und dabei starke Wollust empfand. — 
Dabei denke ich an Trappen. Das sind aber gewöhnhche Tiere, wie 
sie mein Mann jagt. Damit verwerfe ich den. Die Jagd in Afrika, 
wo mein Jugendgeliebter jetzt weilt, geht auf ganz andere, auch 
seltene Tiere." 

,,Der Storch ist also das Symbol meiner Schwangerschaft. Sein 
dicker Bauch aber aiißerdem der Hodensack mit den lebendigen Jungen 
= Samen. Die beiden Heuschrecken sind wiederum sowohl Hoden 
wie auch meine Eierstöcke. — Ich habe lange gedacht, daß diese Organe 
immer doppelt wären, weil die eine Seite den Samen für die Jungens, 
die andere Seite den für die Mädels enthielte. Der große Vogel im 
Traum ist ja auch nicht an sich männlich und weiblich, er kann sich 
nicht mit sich selbst vereinigen, da muß etwas anderes darin sein, was 
sich vereinigt hat; das sind dann die Heuschrecken in ihm." — 

,,Bei dem Bauchaufschlitzen fällt mir ein, daß ich mit Wonne 
und Gruseln seinerzeit von Jack dem Bauchauf schlitzer gelesen habe. — 
Zu den Heuschrecken fäUt mir nui ein, daß meine Mutter mir, d. h. 
meinem Bruder und mir, als letztes Greschenk zwei Kärtchen gemalt 
hat. Eines davon war mit zwei Heuschrecken. Die hätte ich gerne ge- 
habt. Aber mein Bruder bekam sie. Ich bekam eine mit Hunden und 
war sehr neidisch auf den Bruder. — Mutter liebte Heuschrecken sehr 
und hatte oft welche . — Jetzt fällt mir ein, ich habe sie auch in geschlecht- 
licher Vereinigung gesehen. Das Ineinanderschieben der Heuschrecken 
ist ja sicher auch ein Geschlechtsakt. Er erinnert mich dabei an das 
Zusammenschieben eines Fernrohres, wo alle Teile so schön richtig 
ineinander greifen." 

,,Alle Leute schrieen uns an, wie wenn der Kaiser 
kommt." — Hier führt ein Wegweiser in die tiefere Schicht: 
Der Vogel ist also auch der Kaiser vmd vertritt dann entsprechend 
den Wunsch nach dem Vaterinzest. — ,,Zu dem tückischeu Blick 
fällt mir Ihr abscheulicher Blick ein, wenn Sie manchmal so höhnisch 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 559 

und überlegen zu meinen Dummheiten lachen, als wenn ich so gar 
nichts wert wäre. Es ist ja wahr, meine Verrücktheiten machen mich 
wertlos in Ihren Augen; noch dazu wenn ich daran denke, daß ich 
das Verriicktwerden geradezu haben wollte. Natürlich, ich will einen 
Vogel haben, einen großen sogar! Das heißt: Verrücktsein mit 
Willen, — mit Krankheits willen." 

,,Der tiefeKeller erinnert mich an den Kramladen mit Heringen 
und Kartoffeln, womit die Amme meines Bruders handelte. — 
Das Gewölbe kommt mir verdächtig vor. Sollte das nicht wie eine 
Bauchhöhle sein? — Zu „Casseler" möchte ich ergänzen: Rippe — 
Speer. — Mit dem Speer in die Kippen sausen. Das ist wieder ein Sexual- 
akt wie meine Messergeschichten. — Als Kind habe ich mir etwas 
ganz Unheimliches, Wildes dabei gedacht, was dem Getötetwerden 
immer nahe verwandt war. So etwas Wildes liebt aber Frau Dr. nicht. 
Daher weist sie das blutige Casseler zurück." 

.,Blut?" — ,,Da haben wir wieder eine meiner wilden Sexual- 
wünsche. — Schlachten als Symbol der geschlechtlichen Vereinigung. — 
Bei der alten Frau denke ich übrigens an unsere alte Käherin und dabei 
fallen mir allerhand Hundegeschichten ein. Z. B. eine Hunde- 
liebkoserei unter den Linden. Dann denke ich an Hunde in der Friedrich- 
straße (vgl. Traum 4. Die Rolle des Hundes in ihrer Erotik). Dann 
denke ich an einen Hund in Neapel, ich war drei Jahre alt; aber nicht 
nur der Hund, auch die südländischen Bengel haben mich geschlecht- 
lich erregt." 

,,Um '^IS Uhr kommt mein Mann zum Essen nach Hause. Es 
ist schon ^IS heißt für mich : ich bin verheiratet und soll schnell nach 
Hause kommen. Das ergibt sich aus der Quersumme: B -|- 4 -j- 3 ™ 10. 
Und 10 ist doch ganz offensichtlich ein Symbol der Ehe. 1 = männ- 
lich, das männliche Glied, = der weibliche Geschlechtsteil, zu- 
sammen — Ehe."i) 

* * 

* 

Wir sehen, wie die Träume immer wieder die Erfüllung ihrer 
leidenschaftlichen Sexualwünsche bringen. Und jedesmal ist der Höhe- 
punkt, wenn auch nicht mehr von asthmatischen Anfällen, so doch 
deutlich von Beengtheit und Atemnot begleitet, während in 
früheren Zeiten die Angst ohne diese Begleiterscheinungen auftrat. 

') Vgl. hierzu die folgenden Zahlenspielereien und die ihr geläufige 
Zahlensymbolik. (Traum 15.) 



560 



J. Marcinowski. 



Diese anscheinend geringfügige Beobachtung bitte ich im Auge zu 
behalten. Sie ist eine der durchaus beweisenden Verbindungsbrücken 
zwischen den ausgeprägten Asthmaanfällen und dem einfachen 
Angstzuatand ohne Atemnot. 

14. Der Traum vom großen Honigglas. 

,,Tch war in einer Badeanstalt an der Nordsee, wo viele Menschen 
badeten. Die Badefrau brachte mir einen dicken Drellanzug') und 
meinte, den solle ich anziehen, da sich sonst so viele Quallen und See- 
sterne an den Körper setzten. Ich dachte aber, es müßte ein wonniges 
Gefühl sein, die Seesterne am Körper zu haben, und sagte der Frau, ich wolle 
lieber nackend baden, sie solle mir nur ein paar Gummischuhe^) bringen. 
Die zog ich an und sprang ins tiefe Wasser und schwamm los." 

,,Weit draußen im Meere war ein schmales Brett. Es hatte die Form 
eines Eierbrettes, aber statt der Eier waren Gläser hineingestellt." 

So sah es aus: 




£ 



'^<^& A>^^ 




„Es schwamm im Wasser und die Gläser waren mit einer süßen Flüssig- 
keit gefüllt, die sich die besten Schwimmer als Preis holen durften." 

,,Ich schwamm, so schnell wie ich konnte, und war als Erste am Ziel. 
Schnell griff ich nach dem mittelsten, hohen Glas und trank gierig 
den goldgelben, dickflüssigen Honig, mit dem es gefüllt war, aus. 
Dann sah ich mich lun, ob es auch niemand bemerke, und nahm das Glas 
selbst mit fort. — Das war eigentlich verboten, aber ich wollte es gern 
meinen Kindern zimi Spielen mitbringen." 

,,Ich mußte dann rechts um eine Steinmole herumschwimmen und 
hinter der Mole waren furchtbar viele badende Menschen. Ich aber suchte 
einen, der nicht da war, und fragte die anderen Menschen: ,,Hat keiner 
von euch Wodan gesehen?" — Da lachten mich die Menschen aus, höhnten 
und riefen: ,, Wodan? Du bist wohl dumm, der lebt ja nicht mehr." — 



') ^) Bezieht sich auf die Klagen der Patientin über die gefühlshenimende 
Anwendung von Oummi-Kondoms im ehelichen Verkehr. 



Heilung eines schweren Fal es von Asthma durch Psychoanalyse. 561 

Ich sagte nur. „Doch er lebt. Ihr kennt ihn nur wohl nicht, und ich war 
im Innern glücklich." 

,,An dem Badesteg angelangt sah ich meinen Bruder stehen; der gab 
mir einen ganzen Haufen Christbaum-Konfekt. Ich suchte mir schnell 
all die Kringeln heraus, die mit Likör gefüllt waren, und warf die andern 
ins Wasser. Dann gab mir mein Bruder noch eine Stange von Sarotti, 
auf der stand: Eierkognak. Die nahm ich gerne." 

„Ich drehte mich dann schnell um, nahm eine Stecknadel, piekte 
ein Loch in das eine Ende der Stange und schob mir die Stange 
tief in die Scheide. Dann legte ich mich hin — so daß der Eier- 
kognak ganz langsam in mich hineinfließen konnte — und 
dachte dabei an Wodan," 

Erläuterungen zu Traum 14 : Dieser Traum wurde nur ganz ober- 
flächlicli analysiert. Wir begnügten uns damit, den offensichtlich 
sexuellen Inhalt auch des ersten Teiles festzustellen, so wie die täglich 
wechselnde, reiche Erfindungsgabe bezüglich der phallischen Symbole. 
Die ganze örtlichkeit des Traumes entspricht unseren Sielbecker Ver- 
hältnissen, spielt ja auch schließlich un verhüllt au unserem in den See 
hineingebauten Badesteg. Dort, weich selbst täglich meine Schwimm- 
bäder zu nehmen pflege, war das Ziel mit den verschiedenen Gläsern, 
und es bedarf wohl keines großen Scharfsinns, um das hohe Glas in 
der Mitte als das Syiflbol meines Phallus zu erkennen, der ja immer 
wieder als das letzte Ziel ihrer Wünsche auftaucht. 

Die Größe des Glases erscheint ihr zunächst nur als Potenzidee. 
Gegen die Annahme des Vaterinzestes sträubte sie sich damals 
aber noch immer, und so erkannte sie diesen hinter dem alle 
anderen überragenden, langgestreckten Glase noch nicht. Ein halbes 
Jahr später sind ihr auch darüber die Schuppen von den Augen 
gefallen. 

Daß der goldgelbe Honig ein süßes Genießen und zugleich 
eine Anspielung auf kindliche Erinnenmgen ist, für die das männ- 
liche Glied und der goldgelbe Urin fest miteinander verankerte As- 
soziationen sind, würde schon an sich in seiner sexualsjTnbolischen 
Bedeutung klar sein, wird es aber noch deutlicher durch die folgende 
Traumhandlung mit der Schokoladenstange und dem Eierkognak. 
Nach den vorangegangenen Traumbildern (vgl. Erläuterungen 
zu Traum 3, von der Messemacht), wird es uns nicht wundernehmen, 
wenn wir hören, daß die Patientin sogar den Stich mit der Nadel in 
die Schokoladenstange sexualsymbolisch auf faßt, imddaßes ausgerechnet 
Eierkognak sein muß, macht die Beziehung noch deutlicher. 
^ 6 . 



662 



J. Marcinowski. 



Der Schluß des Traumes beweist es übrigens noch einmal, daß 
es sich erstens tatsächlich um mich persönlich als das begehrte Sexual- 
objekt handelt, und daß ich außerdem wiederum als Gottheit (Wodan) 
nur die Ersatzpuppe für den Vaterinzest bin, eine Ersatzpuppe 
übrigens, die sie sehr geschickt für sich allein zu erobern weiß und 
alle anderen voll eifersüchtiger Freude listig auazuschUeßen versteht. — 
,,Die anderen kennen ihn wohl nicht." 

15. Der Zahlentraumi). 

„ . . . Ich habe dann noch viel durcheinander geträumt, darunter 
folgendes Bild: Ich kam zum Lehrter Bahnhof, W ... .'s riefen 
mir zu, ich solle nur schnell machen, der Zug ginge 2'45. Ich wollte 
aber nicht und sagte, ich wollte erst zwei Stunden später mit dem 
Schnellzug fahren, um I'IS. (Der Mittags Schnellzug von Berlin nach 
Sielbeck geht tatsächlich flS von dort ab.) Das taten wir dann auch 
und fuhren 3. Klasse. Es war auch noch etwas mit 11 dabei." 

Arzt: ,,Das ist ja sehr eigentümlich. Was bedeuten diese Zahlen? 
Können Sie sich dabei etwas denken?" 

Einfälle der Hypnotisierten: 

,,2*45 bin ich öfter am Sonnabend nach H . . . . . (Vorort von 
Berlin, wo Patientin wohnt) gefahren, an den. Tagen, wenn A . . . 
später nach Hause kommt. (A. ist ihr Gatte.) 

2-45 ist ^US, d. h. es fehlt etwas an 3. 

3 ist mein Junge, mein 3. Kind, was ich erwarte. (Patientin ist 
in anderen Umständen.) 

3 und 9 sind meine Lieblingszahlen, in Swinemünde habe ich 
immer nur die Badezellen 3 oder 9 benutzt. 

Überhaupt habe ich die ungeraden Zahlen gerne, mit Aus- 
nahme von 7. Auch die Zahlen, die sich durch 9 teilen lassen, wie 
27 und 45, auch 18. 

Ich werde jetzt 27 Jahre alt (3 X 9) und bekomme jetzt gerade 
meinen 3. Jungen. Sicher ist es einer, wie es mir Ben Akiba in Swine- 
münde geweissagt hatte. (Ben Akiba war eine interessante Bade- 
bekanntschaft von ihr.) 

'/t3 ist das Kind jetzt, d. h. es ist noch nicht ganz fertig, noch 
nicht ganz 3. 

9 ist die ,, Erfüllung" und daher dieser Junge, der mein größter 
Wunsch ist, wie ich ihn in der ganzen Kinderzeit schon gehabt habe. 

') Ich habe diesen Traum schon einmal unter meinen „Drei Romane in 
Zalilen" im Zentralbl. f. Pgychoanalyse, 1912, Bd. II, ausführlicher veröffentlicht. 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 563 

Ich erinnere mich an die Puppe, die mir diesen "Wunsch verkörperte, 
und wie ich meinen Bruder habe totschlagen wollen, als er sie mir zer- 
brach. (Dieser Jimge, ein Kind von ganz bestimmter Art, ist geradezu 
eine fixe Idee von ihr, die ihr Leben im hohen Grade beherrscht. 
Starke Beseitigungsideen gegen die ersten beiden Kinder, die diesem 
Wunsche nicht entsprachen, machten sie krank.) Nun weiter: 2 Uhr 
45 Minuten! — ist 4 -[- 5 = 9, außerdem die 2 dazugerechnet =11, 
und 11 ist gleich L. = Lena, mein Vorname. 

Arzt: ,, Wieso das?" 

Patientin: ,,Weil wir auf der Schule fheßend in Zahlen sprechen 
konnten, indem wir die Nummern des Buchstabens im Alphabet statt 
des Buchstabens setzten." 

45 schreibe ich immer fast zwangsweise gedankenlos in den Sand, 
wenn ich mit Schirm oder Stock male. Das hängt so zusammen: 

P ist gleich 15, und 3 X 15 == 45. 

Als Backfisch hatte ich einen Verehrer, der mit dem Vatemamen 
P . . . . hieß. Wenn ich mich Mutter träumte, und das tat ich wie 
gesagt fast immer, so wandelte sich ja mein Name durch die Heirat 
auch in P. Das war zu seinem Namen dann die zweite 15 und dazu kam 
als drittes P = 15 der Junge, also 3 X 15 — 45, meine wimscherfüllende 
Zahl (wunscherfüllend, weil 4^-5 = 9)- Außerdem ist 2 X (4 -|- 5) = 
2X9= 18 und 14-8 gibt wieder 9. In 2-45 steckt also nicht nur 
mein jetziger Zustand als unvollendete Schwangerschaft, als ^U3, 
sondern auch als 2 X (4 -j- 5), nämlich als 2x9. Der Junge und 
ich sind aber als 1 -f 8 = 9 dabei noch ungeteilt. 

Arzt: „Ich denke sie Sind 11? = Lena? Wieso sollen Sie denn 
9 sein?" 

Patientin: ,, Wieso ich 9 bin? — Ja, 11 ist mein Name, Lena, 
9 aber doch die mir eigene Zahl. Jeder Mensch hat doch eine Zahl, 
die seine ganze Persönlichkeit ausdrückt. Wissen Sie das 
nicht? — Ich weiß jetzt gar nicht, wieso ich 9 bin, aber es ist so." 

Doch, da fällt mir ein, wenn ich 9 schreibe, und das tue ich sehr 
oft, so ist der obere Teil wie ein Ei, imd das Schwänzchen daran wie 
ein Samenfaden, der dort hineindringt." 

Arzt: ,,Aber 9 waren Sie doch schon als Kind und das haben 
Sie damals noch nicht gewußt?" 

Patientin: ,,Das stimmt, ich war es schon als Kind. — Und 
jetzt fällt mir ein, wie alles gekommen ist. Ich war immer die Erste 
in der Schule, wurde dann krank und fehlte lange Zeit. Als ich wieder- 



564 J. Marcinowski. 

kam, wurde ich die Neunte und weinte furchtbar darüber. Meine Mutter 
tröstete mich und sagte immer und hat es noch oft gesagt: ,Du mußt die 
9 lieb haben. Das ist doch eine so schöne Zahl, und du bist mir viel lieber, 
wemi du als Neunte gesund bist, als wenn du als Erste krank wärest.' 

Ich habe mir rasende Mühe gegeben, wieder heraufzukommen, 
aber es gelang mir nicht. Einmal wurde ich sogar Elfte, das war das 
tiefste. Dann habe ich es wegen dieser 9 durchgesetzt, daß ich auf eine 
andere Schule kam. 

Außerdem^ ist aber 9 auch sonst noch mein Ideal, mein männ- 
liches Ideal. Darimi muß auch mein Junge 9 sein. 9 ist nämlich 
im Alphabet das J. 

J ist zunächst mein Bruder Johannes, J sind zweitens Sie, Herr 
Doktor. (Mein Vorname beginnt mit J.) Und J ist drittens auch mein 
Vater, als Kind mein Ideal von Männlichkeit. Ich wollte ebensolche 
9 haben, als Mann sowohl wie als Jungen, daher 2*45 == 2 X 9= 18. 
(18= 1-f 8 - 9.) 

Diese drei Ideale meines Herzens zusammengefaßt Q -\-9 -\-9 = 27 
sind nämlich auch wieder 9 = 2 -f- 7. 

Eigentlich bin ich ja gar nicht 11, (Lena) sondern 12, denn ich 
bin Magdalena = M getauft. (M — 12.) Das ist wieder 3, nämlich 12. 
Quersumme = 1 -{- 2 =:= 3. 

Nun kommt noch eine andere Lieblingszahl von mir, das ist 
die 5. Die wurde ich aber erst auf der Hochzeitsreise, nämlich: Ich war 
M = 12, und da 1 -[- 2 = 3 also eigentlich auch 3. Dazu wurde ich durch 
den Familiennamen meines Mannes B . . . = 2. Das gibt für mich 
als verheiratete Frau, als Magdalena B . . . . die Summe 3 -|- 2 = 5. 

Damit ist es mir sehr merkwürdig ergangen. Auf der Hochzeits- 
reise bekam ich eine, wie nennt man das doch, wenn es fortgeht?" 

Arzt: ,, Einen Abort?" 

Patientin: ,,Ja, das meine ich. (So stolpert sie stets in der ihr 
eigentümlichen Art über Komplexwort e^ hier kindliche Flagellations- 
szenen auf dem ,, Abort" betreffend.) Ich bekam plötzlich in Mentone eine 
sehr starke Bkitung, träumte in der Nacht, mein Mann wäre nach Monte 
Carlo gefahren und hätte auf „5 rot" gewonnen. Ich erzählte ihm den 
Traum und bat ihn, das zu tun. Lachend sagte er: ,,Gut, ich riskiere 
aber nur 5 Franken." Und was geschah? Er trat in den Saal und als 
er am ersten Tisch auf ,5 rot' setzen wollte, erscholl der Ruf: ,Rien 
ne va plus'. Es war zu spät ; die Kugel rollte, ,5 rot' g e wann vergebens !— 
Er ging an den zweiten Tisch, und auch da war es fast zu spät. Er warf 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 565 

das Geldstiick rasch auf den Tisch; es fiel daneben, mitten ins Roulette 
hinein, so daß es nicht galt. Das Roulette blieb stehen, ,5 rot' hatte 
wieder vergeblich gewonnen. Er ging an den dritten Tisch und sagte 
sich, das ist Unsinn, dreimal kommt, örot'sichernicht. Er setzte auf etwas 
anderes, die Kugel rollte, ,5 rot' gewann, und er hatte abermals verloren ! 
„5 rot" heißt in der Sprache meiner Zahlensymbolik also : Magda- 
lena B . . . blutet. — Dafür habe ich aber nachher auf 9 und 18 ge- 
wonnen. Ich habe auch oft verloren. — Aber Sie kennen ja meine 
eigentümüche Zwangsneigung, daß ich oft das Gegenteil von dem 
tim muß, was ich will. So sind mir 26 und 29 Unglückszahlen; 
die habe ich auf schwarz oft zusammengesetzt, in die Mitte von beiden. 
Arzt: ,, Warum sind das denn Unglückszahlen?" 
Patientin: „Ja, 26 und 29 sind so furchtbar schwarze Zahlen, 
aber ich weiß nicht warum." — 



Da weitere Einfälle nicht kamen, brach ich die Hypnose ab. 
Die Frage, warum 1'15 zwei Stunden später war als 2*45, konnte 
sie mir nicht beantworten. Am folgenden Tage fing sie in der Hypnose 
von selbst zu sprechen an und brachte einen langen Nachtrag. Sie 
sagte, sie hätte in ihrem Leben nie aufgehört, mit Zahlen zu spielen, 
nur noch nie davon gesprochen. 

Die Hypnotisierte fährt fort: ,,Der Tag, an dem ich träumte. 
war der 27. und 2 -[- 7 = 9. Es war Kaisers Geburtstag. Ich habe 
den Kaiser immer beneidet, weil er so viele Jungens hat. Der Kaiser 
hat oft eine Rolle in meinen Träumen gespielt. 

Der 26. — gestern — war mein Hochzeitstag, kurz vor dem 
27., d. h. dicht vor der 9. 26 = 2 -|- 6 = 8. Der 8. Februar ist 
außerdem mein Geburtstag, auch wieder dicht vor dem 9. 

Am 7. 2. hatte A .... P ... . Geburtstag, und 7 + 2 = 9. 
{A ... P .... ist der Jugend verehr er, von dem schon die Rede 
war, vgl. 45 -= 3 X 15. (16 = P.)] 

Alle geraden Zahlen bedeuten für mich immer etwas dickes, 
Rundes, Ei-ähnliches = weibliches Symbol. Alle uugeradeu 
etwas langgestrecktes = männliches Symbol. (Dies ohne Kenntnis 
der Stekelschen Deutungen.) 

A .... P ... ist A = 1, P = 15. Das gibt die 1.15, den 
Schnellzug des Traumes nach Sielbeck. 

Der 26. September ist der Geburtstag meines Mädels, wieder 



566 J. Marcinowski. 

dicht vor dem 9. (2 -f 6 ist bloß 8), d. h. dicht vor der ,Erfüllung'. 
Es war ein Mädel und ich wollte doch einen Jungen." — 

Arzt: ,,Ja, aber Sie haben doch außerdem einen Jungen, wie 
ist es mit dem?*' 

Patientin: „Ja, am 25. 2. 09 ist der Geburtstag meines Knaben. 
2 -|- 5 + 2 ist zwar 9 und 09 dazu ist 18. (1 -L 8 == 9.) Aber 25 erzielt 
2-|-5 = 7, d. h. es ist nicht der richtige Junge, nicht der, den 
ich mir gewünscht habe. Er ähnelt nicht den Idealen, die sich mir in 
der 9 verkörpern. — 

Und nun weiß ich auf einmal, wie das mit den Zügen ist. Wenn 
ichdamalsmitdem Schnellzug 1-15 gefahren wäre, d. h. A . . . P , . . 
= 1*15 geheiratet hätte, wäre ich schneller zu meinem Ziel, dem 
.bestimmten' Jungen gekommen. Ich kam aber erst auf dem Bahn- 
hof (Standesamt) an, als der Personenzug 2*45 ging. 2 — B . . . ., 

ich heiratete den B um zu 45 (4 -(- 5 = 9), d. h. dem Jungen 

zu gelangen. Der Zug fuhr mir aber zu langsam, es dauerte zu lange, 
bis ich den Jungen, den ich haben wollte, bekam. Darum ließ ich ihn 
ohne mich weiter fahren und fuhr lieber zwei Stunden später, d. h. 
nachdem ich schon 2 Kinder hatte, mit dem Schnellzug 1'15 nach 
Sielbeck, der eigentUch vor den zwei Kindern hätte fahren sollen. 

Sielbeck ist nämlich in meiner Phantasie die 4 -|- 5 = die 9. 

Schreiben Sie einmal Sielbeck untereinander und die Zahlen 
daneben; dann muß das herauskommen: 



s 


= 


18 


i 


= 


9 


e 


__ 


5 


I 


= 


11 


b 


= 


2 


e 


= 


5 


c 


= 


3 


k 


= 


10 



zusammen 63 = und 6 -|- 3 = 9. 
Bei Ihrem Namen ist das natürlich ebenso: 
Erstens ist J =: 9 
und M ::^ 12 
das macht zusammen 21 und 2 -)- 1 = 3. 
[Vgl. M = (Magdalena) = 12 und 1 + 2 = 3.] 
Aber auch mein Mann hat am 4. 5. Geburtstag: das ist auch 
4 -p 5 = 9, d. h. er ist gut. 



Heilung eines schweren Falles yoa Asthma durch Psychoanalyse. 567 

Nun muß ich Ihnen noch die 2*45 erklären. Das ist ebensowenig 
nur der Vorortszug nach H ..., wie 1-15 nur der D-Zug nach Siel- 
beck. Sie wissen, daß ich kurz vor meiner Verlobung die Verbindung 
mit dem Leutnant W. H. anstrebte, und wie ich unglücklich war, 
als daraus nichts wurde. [W. H. ist übrigens 22 + 8 ^ 30. Null ist 
Nichts, also W. H. 3.] Nun habe ich einmal eine Zusammenkunft 
gehabt, die ist folgendermaßen zustande gekommen : Eines Tages bekam 
ich von ihm eine Karte, worauf er sich selbst zu Pferde im Hippodrom 
im Tiergarten gezeichnet hatte. Es stand weiter nichts darauf, als 
ganz klein zwischen den Reitwegen gekritzelt: ,, Wochentags 2-45 
nachm., Sonntags 10 Uhr vorm.". Die Karte bekam ich am Freitag. 
Ich habe dann sehr mit mir gekämpft, ob ich hingehen sollte, bin aber 
den ersten Nachmittag noch nicht hingegangen. Aber 2 Tage später 
(vgl. 2 Stunden später) bin ich dann am Sonntag durch den Tiergarten 
zur Kirche gegangen, zusammen mit der ahnungslosen F .... F ... . 
Wir sahen ihn auf dem Hinweg nur kurz. Aber auf dem Rückweg, 
wo ich allein ging, habe ich ihn lange gesprochen. 2-45 bedeutet also 
nächst 1-15 meine zweite Jugendliebe. Die Buchstaben seines Vor- 
namens Wilhelm und seines Vaternamens zusammengezählt, ergeben 
übrigens 78 und 86, d. h. 7 + 8 -|- 8 + 6 = 29, also 2 + 9 -- 11, 
meinen eigenen Vornamen (L. = 11), und auch der Tag, an dem ich 
ihn kennen lernte, war ein Glückstag, eine 9. (1. 2. 1905 = 18 und 
I-f8 = 9.) 

Der Unglückstag, der sich mit seinem Namen für mich verknüpft, 
ergibt natürlich wieder 7. Nämlich: der 14. 6. 05 = 25 und 6 -(- 2 = 7, 
das ist der Tag, an dem er nach Afrika ging. Aber am 2. 10. 1905 erhielt 
ich noch einmal einen letzten Gruß von ihm 2-j-10-)-l-[-9-[-5 = 27 
und 2 -f 7 = 9. 

23 ist auch so eine Lieblingszahl von mir. Ich bin geboren am 8. 
2. 85 = 8 -f 2 + 8 4- 5 = 23 und 2 + 3 = 5. 

So habe ich noch viel mit Zahlen gespielt, ich will noch mehr 
davon erzählen: 

Mein Verlobungstag z. B. war am 10. 11. 05. Das gibt wieder- 
mal 26 und 2 -f 6 =^ 8. Die Verlobimg liegt nämlich kurz vor der 9, 
vor der Erfüllung, und die Verlobung war eben keine ganze Erfüllung. 
Am nächsten Tage, am 11. 11. 05, zusammen 27 und 2 -!- 7 = 9 fuhren 
wir mit dem Schnellzug um 9 Uhr nach Lübeck. Sie sehen, wie sehr 
mir das noch alles im Gedächtnis haftet, alles immer wieder 9. Eigent- 
lich hatten wir allerdings schon am selben Tage fahren wollen. Wir 

Jahrbuch für psychoanalyt. n. psychopathol, Forschungen. V. 37 



568 J. Marcinowski. 

kamen aber zu spät, denn wir hatten zu viel Besorgungen. Die Ver- 
lobung war nämlich um %5 zustande gekommen, das ist 4"45, und das 
wiederum sind 2 Stunden später wie 2*45 im Traum. 

Mir sind noch viele solcher Daten geläufig: 

So ist am 13. 3. 1901 der Tag meiner Einsegnung. 

13 + 3 -{- 19 -f 1 = 36. 3 + 6=9. 

1 + 3-1-3-1- 19 + 1 = 27. 24-7 = 9. 

1 + 3 + 3-1-1+ 9-i-l = 18. l-|-8 = 9. 

Unangenehm war mir z. B. der Antrag eines Franzosen, am 
24. 5. 1904; dementsprechend ergibt 2 + 4 + 5 + 1 + 9 + 4= 25, 
also 2 + 5 = 7. 

Am 26. 1. 1906 war der Tag meiner Hochzeit, die mir nicht hielt, 
was ich erwartet hatte. Das Datum ergibt deshalb auch die unglück- 
liche 7, die ich nicht mag, nämüch: 

26 + l + 19 + 6 = 52. 5 + 2 = 7. 

2 + 6+1 + 1+ 9 + 6= 25. 2 + 5 = 7. 

Und auch der Name meines Mannes gibt dementsprechend 7, 
nämlich die Buchstaben des Vornamens zusammengezählt 80, des 
Vatemamens 53, zusammen = 133, und 1 + 3 + 3 = 7. 

Dann ist am 26. 9. 1907 Luisens Geburtstag; nur ein Mädel, also 
auch nur 7: 

26 + 9 + 19 + 7 = 61. 6 + 1 = 7. 

2 + 6 + 9-^1+ 9-1-7 = 34. 3-|-4=7. 

Meine guten Jugendfreundinnen heißen: 

G O 7 + 14=21. 2+1 = 3. 

E F 6-|-6=12. l-i-2 = 3. 

A R 1 -}- 17 = 18. 1 4- 8 = 9. 

H D 8+ 4= 12. 1 + 2=3. 

E D 5-1-4=9. =9. 

Die mir Unglück brachte, und ich selbst, wir heißen beide M.D. 

M D 12 + 4 = 16. 1 + 6=7. 

Deshalb habe ich auch sofort Magdalena in Lena umgewandelt: 

L D = 11 + 4= 15. 

(Vergl. 15 im Traum, 3 X 15 = 45.) 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 569 

Nun Sie, Herr Doktor! — J. M. ist wie gesagt = 9 -]- 12 = 21, 
das gibt 2 -)- 1 = 3, also Güte. Aber niui werden Sie mich auslachen 
und wieder von Übertragung reden. Alle Ihre Zahlen, wie ich sie auch 
fasse, ergeben immer meinen Vornamen: 11, also L. 

1 . Ihr Geburtstag fällt auf den 13.11. 1868, das gibt : 

13 _j_ 11 _L ]8 -[- 68 = 110 und da Null gleich nichts, so auch 11, 
oder 1 + 3 -f 1 -i- 1 + 1 -f 8 -f 6 4- 8 = 29, und 2 + 9 -= 11, 
oder 13. 11. 68. geschrieben dasselbe, nämlich: 
13 -f 11 -f 68 = 92 und 9 -f 2 = 11. 

2. Weiter, Ihr Vorname Jaroslav, untereinander geschrieben, 
ergibt: 



J 


„ 


9 




a 


= 


1 




r 


= 


17 




o 


=z 


U 




s 


:=^ 


18 




1 


= 


11 




a 


= 


1 




V 


= 


21 




das macht 92, und 9 + 2 = 


11 


Ihr Vatersname desgleichen: 






M 


= 


12 




a 


= 


1 




I 


== 


17 




c 


= 


3 




i 


= 


9 




n 


= 


13 







= 


14 




w 


==: 


22 




s 


= 


18 




k 


= 


10 




i 


= 


9 





das macht 128, und 1 -f- 2 + 8 = 11. 
Meine , (Übertragung" ist danach also doch so schieksals- 
bestimmt wie nur möglich. 

* * * 

Nun will ich noch zum Schlüsse das Material so zusammenfassen, 
daß der Traum, von dem wir ausgingen, seinen klaren Sinn erhält. 
Ich würde etwa so sagen: ,,Also, gestern war mein Hochzeitstag, am 26.; 

37* 



570 J. Marcinowski. 

das ist 2 -|- 6 = 8, d. h. dicht vor der 9, meiner Glückszahi, der Zahl 
meiner Wunscherfüllungen, Ich bin wieder in anderen Umständen, 
also auch kurz vor der Erfüllung, und zwar ^48, denn das dritte Band 
wird doch nim endlich der ersehnte Junge sein, die 9. Dann habe 
ich 2 Jungens, 2-45 = 2 X (4 + 5). Wäre ich damals mit A. P. (MS) 
zusammengekommen, so wäre ich viel schneller (mit dem Schnellzug 
1"15) zu meinem Ziel gelangt. Nun mußte ich 2 Stunden (2 Kinder lang) 
warten), bis das dritte, das richtige drankommt. Und 2-45(=W.H.)habe 
ich mir entgehen lassen, bin erst 2 Tage später hingegangen (2 Stunden 
später als 2*45). Die 2, die böse 2 (das B = mein Mann), das mich 
aufhält! Wenn das kommt (alle Sonnabend), dann komme ich immer 
noch mit einem späteren Zuge (2*45) zurecht. Ach was, kurz vor der 
Erfüllung (%3) fahre ich noch schnell (Schnellzug TIS) nach Sielbeck 
[sie soll nämlich die Entbindung wegen drohender Puerperalpsychose 
hier bei mir abmachen] und wenn ich (L = 11) zu ihm ( J. M. — 
9. 12.) nach Sielbeck komme, wird alles gut werden (denn Sielbeck 
ist ja 9) und besser und eher, als wenn ich auf vergangener Hoffnung 
stehen bliebe." 

Die Deutung des Traumes in dieser Zusammenstellung wird dem 
Sinn und dem Wortlaut nach von der Träimierin lebhaft bestätigt 
und auch im wachen Zustande als übereinstimmend mit ihren 
eigenen Gedankengängen und Phantasien befunden. 



Ich möchte zum Schlüsse noch bemerken, daß ich in dem Pro- 
tokoll nicht ein Wort und nicht eine Zahl ausgelassen habe. Man könnte 
vielleicht meinen, daß unter der erdrückenden Fülle von zutreffen- 
den Rechenergebnissen auch solche zu verzeichnen gewesen wären, 
die nicht 9 oder 7 und 5 usw. ergeben hätten. Ich erkläre ausdrück- 
lich, daß von irgend einem solchen Fehlversuch nicht die Rede war. 
Auch die schwierigen, langen Exempel, wie z. B. die bei meinem Namen, 
waren ihrem Unbewußten also völlig geläufig. 

Übrigens hatte die Analyse dieses Zahlentraumes eine ver- 
blüffend starke Wirkung auf die Kranke. Drei Tage nach dem Traum 
findet sich in ihrem Tagebuch die Notiz: ,,Mir ist dadurch erst 
mein ganzes Krankheitsbild klar geworden, sein Aufbau. Ich will 
nun alles ehrlich aufschreiben. Das meiste wissen wir zwar schon; 
aber ich sehe erst heute vollständig klar, von Anfang bis zu Ende. 
Ich wäre nie so krank geworden, wenn ich W. geheiratet hätte. Den 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 571 

habe ich heiß und leidenschaftlich geliebt," .... „Durch die Zahlen- 
analyse und die eigentümliche, erst so wirr anmutende Zusammen- 
stellung der Bxempel sind mir auf einmal alle Lebenszeichen klar 
geworden. Es ist, als ob das Unbewußte sie mir in Zahlensprache 
vorgesprochen hätte^) usw." 
Darauf folgt: 

16. Der Traum vom Auto, vom Torpedo und von der Zigarre. 

,, Wache in Schweiß gebadet auf, nackend, alle Decken auf der Erde. 
Eine Frau neben mir, die ihren Finger in meiner Scheide hat. Das ist mein 
Mann, der wie eine Frau aussieht, und seine Art, mich zu reizen — die ein- 
zige, die mich wirklich befriedigt, während alles andere mich abstößt, 
und ich es nur dulde." 

,,Dann kommt ein Auto angefahren, schlank wie ein großes Torpedo 
gebaut, mit Leder bezogen (Vorhaut und Kondom). Mein Bruder sitzt 
darin (also Geschlechtsteil des Vaters mit dem noch ungezeugten Bruder, 
sogleich Erinnerung an erotische Spiele mit diesem) und er will es imm.er 
auf mich loslassen. Aber es ist mit Stricken hinten befestigt, so daß das 
nicht geht, so geht es immer hin und zurück." 

,,Sie unterbricht die Traumerzählung: ,,Das Auto in dieser Form 
muß ein männliches Glied sein. Es ist hinten gefesselt, weil mein Bruder 
doch das nicht tun darf, außerdem ist es ja hinten angewachsen." — Die 
Bewegungen des Autos sind wohl nicht mißzuverstehen." 

,,Dann kommt ein anderes Auto, noch viel, viel größer, dunkel, 
mehr die Form einer Zigarre. Darin ist ein großer Mann mit grauein 
Bart und schwarzem Mantel, undeutlich, nicht recht zu erkennen. Er 
fährt an mir vorbei und ruft mir zu: ,Ich habe dir das doch befohlen, das 
mit der Frau'." 

,,In dem Mann steckt vielerlei, der Doktor, Wodan, der Tod und 
vielleicht noch mehr. Undeutlich ist er, da schon fern gerückt, weil auch 
er mir nicht gehören darf. Darum fährt er mit seinem Auto auch vorbei 
an mir. — Seine Worte beziehen sieh darauf, daß er mich, auf meine 
Beichte hin, wegen der Form unseres ehelichen Verkehrs beruhigte und 
sie nicht als etwas Unerlaubtes hinstellte. Übertrieben gesprochen : er hat 
es befohlen. Ich habe mir den Traum in dieser Weise sofort selbst 
klar gemacht, und es gelang mir darauf, ohne Sie zu rufen, selber 
wieder einzuschlafen." — 

Bemerkenswert ist nicht nur die starke Befreiung nach der 
Analyse des Zahlentraumes, die uns mehrere Stunden am Vortage 
beschäftigt hatte. Die Patientin wird jetzt zum ersten Male 
ohne mich fertig und fängt in Form der Selbstanalyse an, auf 



') Näheies vergl. Zentralbl. f. Psychoanalyse, 1912, Bd. II. 



572 J. Maiciaowski, 

meine unmittelbaren Eingriffe zu verzichten. Ein entschiedener 
Fortschritt zur Heilung, wenn auch der Trauminhalt noch deutlich 
die übertragungswünsche zeigt, gewissermaßen nur noch im Vor- 
beifahren, übrigens auch hier wieder, ohne den Inzestcharakter 
verleugnen zu können. 

Am Morgen des nächsten Tages brachte sie mir: 

17. deix Traum von der Banane. 

Sie erzählte mir beim Wecken: „Ich wachte wieder plötzlich um 
3 Uhr auf, und zwar mit Angst und Atemnot, konnte mich aber an 
den Traum nicht erinnern. Es ist mir aber sofort klar geworden, woher 
das kam. Ich hatte natürlich wieder von geschlechtlichen Dingen geträumt, 
und während ich früher darin schwelgte, bin ich heute bereits so weit, 
mich dessen zu schämen und es bewußt abzulehnen. 

„Das ist die Folge unserer Gespräche. Daß dem so ist, weiß ich genau, 
denn auf eins kann ich mich entsinnen: es handelt sich um eine Banane, 
die ich diesmal als männliches Geschlechtssymbol verwendet hatte. Das 
war mir peinlich, das wollte ich nicht wissen, und darum verschwand mi? 
der Traum unter den Händen." 

„Nachdem ich das durchdacht hatte, konnte ich mich ruhig auf die 
Seite legen, gab den Wunsch, zu klingeln und Sie zu mir zu rufen, auf, 
und habe sehr schön geschlafen." 

18. Der Traum von den Fischen. 

Er stellt ein Bruchstück dar aus einem längeren Traume und bringt 
wiederum ein neues typisches Sexualsymbol vom männlichen Phallus. 
Die Traumerzählung lautet: 

„Es war Kaisers Geburtstag und Ihre Frau bewirtete uns. Sie hatte das 
Menü gemacht, und ich freute mich schon auf das Festmahl, denn ich sah 
in einem Raum, in dem ich Toilette machte, eine große Menge der schönsten 
Fische aufgestapelt. Nachher beim Essen war ich sehr enttäuscht, denn 
es gab nur sehr gewöhnliche Bücklinge, ohne Kopf und ohne Schwanz. 
Ich machte Ihrer Frau darüber Vorwürfe. Die sah zu Ihnen herüber und 
meinte: .Nicht wahr, die gehören doch alle mir? Von denen brauche ich 
doch den Patienten nichts abzugeben?' " 

Der Sinn ist auch hier ohne weiteres klar. Die auf mich gerichteten 
Sexualwünsche sind darin vollkommen bewußt geworden. Die Fülle 
der Fische symbolisieren nicht Geschlechtsteile, sondern eine Fülle 
,, starker und schöner" Sexual akte. Meine Frau habe durchaus nicht 
die Absicht, davon den Patienten etwas abzugeben ; die könnten sich 
mit ganz gewöhnlichen Bücklingen d. h. mit Höflichkeitsbezei- 
gungen begnügen, ohne Kopf und ohne Schwanz. 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 573 

19. Der Traum von dem Leuchtturm im Hafen. 

Am Nachmittage desselben Tages setzte schon während des 
Spazierganges ein erneuter Asthmaanfall ein, der sich nachher 
ziemlich heftig gestaltete. Die Hypnose war zunächst wirkungslos, 
etwas, was bei der Patientin sehr auffallend war. Nach 10 Minuten 
beichtet sie: 

,,Ich habe doch wieder etwas verdrängt. Ich weiß, woher der Anfall 
gekommen ist. Sie sehen in dem neuen Sammtjakett so hübsch aus, und 
da habe ich wieder BegehrungsvorsteUungen gehabt und dann unterdrückt." 

Fast in demselben Augenblick hört das Pfeifen und Giemen auf, 
und sie schläft ruhig ein. 

Beim Erwachen eine Stunde später: ,, Sagen Sie mir doch, warum 
löscht das Licht auf dem Leuchtturm plötzlich aus, als ich gerade 
in den Hafen wollte?" 

Das Bild bezieht sich auf die augenblickliche Situation und es 
malt die Zerstörung der Übertragungswünsche, deren Erfüllung sie 
sich nahe geglaubt hatte, d. h. das Licht des Leuchtturms geht 
gerade aus, als sie in den Hafen kommen wollte. Zu Licht assoziiert 
sie: Flamme, Feuer, Brennen, — zu Leuchtturm: Phallus, Rettung, 
Erlösung — zu Hafen ohne weiteres: Vagina. 

Auch hier handelt es sich um typische Sexualsymbolik. Der 
Asthmaanfall entpuppt sich prompt als die Folge eines Verdrängungs- 
versuches. Unterdrücktes Begehren schafft sich den Angstanfall und 
malt zugleich in der keuchenden Atemnot einen Teil der Sexxral- 
erregung hin. Sie leistet sich mit ihm also gewissermaßen pars pro toto 
den verbotenen Geschlechtsakt in typischer Kompromißbildung mit 
der Selbstbestrafung dafür. 

Das Abreagieren führte zu einer starken Erleichterung. An diesem 
Abend gelang ihr seit Monaten wieder das erste Gedicht^). In der 
Nacht darauf ist sie zum erstenmal auch nicht mehr aufgewacht und 
hat glatt durchgeschlafen. Beim Wecken brachte sie: 

20. den Traum vom großen Bleistift. 

,,Ich ging mit der Erzieherin und dem Kinde, ließ sie draußen auf 
der Straße und ging in einen Buchbinderladen und wollte mir einen Blei- 
stift kaufen. Er zeigte mir eine Menge, aber ich wollte einen haben, der 
größer und dicker war. Der Mann sagte, er hätte nur noch einen im Schau- 
fenster, der wäre aber eigentlich nur ein Schaustück und nicht zu verkaufen. 

') Vgl. Zentralbl., 1012, Bei. II, S. 028. 



'^'4 J. Marcinowski. 

Wie ich ikn in die Hand nahm, bekam ich plötzlich furchtbare Angst und 
glaubte, meinem Jungen müsse etwas passiert sein. Ich stürzte auf die 
Straße, die Erzieherin war nicht zu sehen, und ich kann den Jungen noch 
gerade zwischen den Schienen der elektrischen Bahn fortreißen. Dann 
gehe ich ruhig mit ihm an dem Laden vorbei, ohne den Bleistift abzuholen." 



Dieser Traum drückt bereits die Heilung aus. Noch einmal 
flammt das Begehren auf. Die vielen Bleistifte sind, wie im vorigen 
Traum die Fische, als Symbol des männlichen Gliedes, zugleich eine 
Fülle von Sexualakten, die sie sich kaufen, sich verschaffen, also 
haben kann. Es sind also die Akte ihres ehelichen Verkehrs. Sie will 
statt dessen das eine große Ereignis (Wodantraum). Aber das ist etwas, 
was nur zum Ansehen ist, ein Schaustück, was nicht verkauft, 
nicht abgegeben wird, nicht zu haben ist. Und nun kommt die Angst 
mit dem Konflikt hoch, und in dem Kampfe zwischen Lust und Pflicht 
trifft sie (vgl. Gedicht am Vorabend) die Entscheidung imd eilt zu 
dem gefährdeten Kinde, dem Knaben, dem kleinen Vater, dem männ- 
lichen Symbol ihres Gatten zurück, den ,,an der Hand" geht sie 
nun ruhig an dem früher begehrten Objekt vorüber. — Die anderen 
Einfälle hierzu übergehe ich als unwesentlich für den vorliegenden 
Zweck. — 

Wieder einen Tag später. Abermals war sie mit einem Traum 
erwacht, hatte uns aber nicht gerufen. Nach der Selbstanalyse war 
sie auch diesmal glatt und ruhig eingeschlafen. Auch diesen Traum 
können wir als Heilungstraum ansprechen. Er gibt ims gewisser- 
maßen ihr Lebensprogramm wieder, wie sie es nim — nach vollendeter 
Analyse der Zahlenträume — genau durchschaut, 

21. Der Traum von den fleischlichen Geaüssea. 

„Es ist alles so licht und klar jetzt. Ich ging mit meinem Mädel aus, 
lun Besorgungen zu machen, und kam zu einem Schlächterladen. Dort 
fand ich ein riesengroßes Filet (fleischliche Genüsse). Der Fleischer fragte, 
ob ich es für den Doktor kaufen wolle, das Schwanzstück habe Frau Dr. 
schon gekauft." 

„Da sah ich ein Papier liegen, auf dem hatte der Doktor geschrieben, 
und ich las, er wäre gar nicht mehr zufrieden mit den Fleischlieferungen: 
, Wir sind doch hier nicht bei den Suma-Negern( ?), sondern wir verlangen 
doch auch geistige Interessen'." — Der Schlächter wollte mir das Kopf- 
ende abschneiden: (Kopf = Sitz der geistigen Interessen) „das äße der 
Doktor sehr gerne." 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 575 

„Dann schnitt er es ab, aber ganz merkwürdige, dreieckige Keile, 
so wie icli sie zum Beefsteakbraten doch gar nicht gebrauchen kann. Ich 
machte ihm Vorwürfe darüber, da sei doch das Braten unmöglich; die eine 
Seite bliebe dann doch ganz trocken. Der Schlächter aber sagte, das wäre 
richtig so, der Doktor äße das gerade so sehr gerne. Es kostete 17,85 Mark. 
Das war mir sehr teuer, es fehlten bloß noch 2,15 Mark zu 20 Mark. 
Erst wollte ich bezahlen, dann ließ ich es aber in meinem monatlichen 
Buch aufschreiben. Es war noch eine große Schlackwurst da, ich habe 
sie aber nicht gekauft." 

,,Dann gingen wir, und ich trug das Fleisch im Arm, in weißes Papier 
eingewickelt, über die Straße. Da sah ich plötzlich, daß es nicht mein Mädel 
war. Sie sah ihr wohl ähnlich, aber hatte viel helleres Haar. Ich bekam 
einen Schreck, daß dieses das dritte Kind wäre und doch nur ein Mädchen 
geworden war, aber dann merkte ich plötzlich, ich war es selber, als 
Kind. Das mit dem helleren Haar und der Ähnlichkeit stimmte dann 
auch. 

Wir wollten nach Hause, waren umgezogen und wohnten in der 
B.... Straße 17. Das ist das Haus, in dem früher die Jungensschule 
war, deren Turnhalle wir besuchten. — Dann war eine dicke, weibliche, 
schwarze Person da, anscheinend die Frau Seh. (sie personifizierte das 
Gewöhnliche von mir). -— Dann fing es an zu regnen, und sie sagte, wir 
sollten doch in eine Droschke steigen, das Kind würde sonst naß. Ich 
wollte aber nur unter dem Baum bleiben. Da war eine Droschke zweiter 
Klasse. Da schubste ich sie hinein und war froh, als sie weg war." 

,,Nun fand ich unter der Haustür meine Mutter stehen, die schalt 
sehr auf uns, daß wir so spät kamen. Es wäre schon ^2 (1"15) Uhr und um 
'/iS Uhr (245) erwarte sie ihre 3 Freundinnen (alles Lehrerinnen). Ich 
sagte: .Mein Gott, in den 1% Stunden ist ja doch noch Zeit genug,' und 
ging ins Haus. — (Diese Zahlen kennen wir bereits aus Traum 15.)*' 

,,Nun kommt etwas sehr Merkwürdiges. Ich gab ihr das Fleisch 
und ging in unsere Wohnung ganz hoch die Treppe hinauf, und bei jedem 
Treppenabsatze veränderte sich das Kind. Auf dem ersten Absatz 
waresganz fröhlich, auf dem zweiten wurde es müder und wollte 
sich hinsetzen, auf dem dritten fing es an zu schreien und zu 
toben. Da war ich sehr ärgerlich, während ich ihm vorher gut zugeredet 
hatte. Dann auf dem vierten wurde es plötzlich wie tot, legte sich 
lang hin, lag wie leblos. Dabei benahm ich mich ganz töricht. Ich habe 
allerhand Bewegungen gemacht, habe es geschüttelt und ihr die 
wunderbarsten Stellungen gegeben. Auch auf dem fünften Ab- 
satz war sie immer noch wie leblos." 

,,Da geschah folgendes: Ich knöpfte ihr die Höschen auf und 
habe sie furchtbar gekitzelt, am ganzen Körper und an den Ge- 
schlechtsteilen und habe sie geschlagen und habe in ihren Teilen 
richtig herumgewühlt, in allen Einzelheiten, als wenn jemand 
seziert, und auch ganz tief hinein." 



576 J. Marcinowski. 

„Da richtete sich das Kind auf einmal auf, schlug die Augen auf, die 
wieder ihren alten Glanz bekamen und klar wurden. Sie lachte und 
war wieder wohl, und ich machte ihr die Höschen zu und machte 
ihr die Haare glatt. Nun war sie ganz gesund, und wir gingen nun 
oben nach der Wohnung hinein, wo mein Mann im Bett auf uns 
wartete." 

Deutung: „Von den fleischlichen Genüssen hatte ich schon 
gesprochen. Der Doktor war nicht zufrieden mit dem, was er hatte 
(die übliche, wunschgeborene Annahme vieler Patienten). Ich habe 
mir immer ausgemalt, wieviel mehr Geistiges ich ihm bieten könnte, 
wenn ich seine Frau wäre. Die große Wurst (vgl. den großen Blei- 
stift) habe ich aber doch nicht genommen. Ich habe ja meinem Be- 
gehren entsagt. Nur kurz flattert der Wvmsch noch einmal auf. Der 
Fleischer bietet mir das Kopfende an (geistige Mitarbeiterschaft), 
der Doktor möge das, er habe geistige Interessen so gerne." 

,,Da8 Wichtigste aber ist die Sache mit dem Kinde. Es stellt 
meinen Geschlechtssinn dar. Ich gab dem Mütterlichen in mir die 
fleischlichen Grenüsse, die ich, unschuldig, in weißes Papier gewickelt, 

in die Ehe brachte. Der Eingang, B straße, ist der Eingang 

der Ehe." 

,,Auf der ersten Stufe war meine Sinnlichkeit wach, mid ich 
war froh und zufrieden, das ,Kind' noch munter. Daim aber wurde 
mir die Sache bald langweilig, das einfach Sirmhche befriedigte mich 
nicht mehr, die Ehe war mir in geistiger Hinsicht ungenügend. Ich 
begann den Irrtum dieser Verbindung einzusehen, die wie ein Fatum 
in meinem Leben lag. Die beiden Väter hatten mich ja als den Ab- 
leger meiner Mutter füreinander versprochen. In der dritten Periode 
meiner Ehe wurden meine Sinne unartig, und ich fing an, mich 
aufzulehnen und habe mich auch äußerheh dementsprechend 
betragen." 

,,Dann kam die vierte Periode, wo das Unglück einsetzte, und ich 
krank wurde. Das Kind tobt und schreit. Die eigentümlichen Stellungen 
und Bewegungen kennen Sie aus meiner Geschichte von B. her, wo 
ich den Geisteskranken nachmachte usw. Dann kam die fünfte Periode, 
da wurde ich gänzlich apathisch; mein Liebesleben war erstorben 
und tot, ich war mit allem ganz fertig und hätte mich am liebsten 
fortgeworfen. Dann kam in der sechsten Periode die Heilung durch 
die Psychoanalysen, die sich mir darstellten wie ein Bloßlegen, 
Entblößen, die Hose heruntermachen, wie ein Sezieren am 



Heilung eines soliweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 577 

lebendigen Leibe, alle Einzelheiten aufdecken und betasten, 
das Herumwühlen im Sexuellen usw." 

„Das also drückt das Bild aus, wie auch die sexuelle Erregung 
durch die Übertragung (das Kitzeln), die wir auch sonst erlebten. 
Aber dadurch, daß meine Liebe so stark wurde, daß sie an Ihnen 
wieder aufwachte, die vorher tot war, kam die Heilung, und mit der 
Analyse wieder ,Grlanz' und Licht und , Klarheit' in mein Leben 
wie in die Augen des Kindes, und so konnte ich wieder aufstehen und 
nach Hause zu meiner Pflicht und zu meinem Gatten zurückkehren." 

Weitere Einzelheiten sind hier wiederum als unwesentlich aus- 
gelassen. Von derselben Nacht bringt sie noch einen Nachtrag: 

,,Ich schlief ein und bin auf einmal ganz wo anders. Dann saß auf 
einmal die Frau von meinem Jugendgeliebten neben mir. Ich fragte sie, 
wieviel Kinder sie habe. ,Ach, nur vier Mädchen!' — Dann war ei 
auch da, und ich lachte ihn furchtbar aus, daß er keine Jungens 
habe und war sehr zufrieden und verabschiedete mich von ihm. Auf 
einmal standen Sie auch daneben, und ich sagte auch Ihnen Adieu 
und mußte sehr weinen. Aber ich bin tapfer weggegangen, ohne mich 
noch einmal umzusehen." 

Dieser Nachtrag enthält für die Heilung wiederum sehr wichtige 
Momente. Aus den Zahlenträumen haben wir bereits entnommen, 
daß ihr ausgerechnet an männlichen Kindern außerordentlich viel 
lag, und sie hatte alle ihre Hoffnung gerade auf dieses dritte Kind 
gesetzt. In diesem Traum sagt sie sich nun von den Übertragungs- 
quellen, dem Vaterinzest, los und wird für die realen Verhältnisse ihrer 
Ehe zugänglich. Dem Jungendgeliebten gegenüber erledigt sie die Ab- 
sage voll Hohn und stempelt ihn zu etwas sexuell Minderwertigem, 
zu einem, der ihr keine Jungens verschaffen kann. Von ihrer Liebe 
zu mir, i. e. dem Vater, nimmt sie in entsprechend anderer Form 
Abschied. 

22. Der Traum von August Scherl. 

Von einer großen Menge von Bildern war ihr nur folgendes in Er- 
innerung geblieben: 

„Dann war August Scherl bei uns zu Besuch und sprach von seinen 
Bestrebungen und machte sich über die Franzosen lustig." 

Deutung: ,, Bestrebungen von August Scherl heißt: das 
Streben nach der ,Woche' = Streben nach den Wochen. Ich habe mich 
lustig gemacht über die Franzosen wegen des Zweikinder Systems." — 
3 7 * 



578 -T. Marcinowski. 

Die Lust am realen Leben wacht auf. Sie findet den Anschluß an 
die Wirklichkeit. 

Wie sie ihre Krankheit selbst beurteilt, ergibt sich einen Tag 
später aus einem ferneren Bruchstück: 

23. Der Traum vom rein gewaschenen Kinde. 

„Mein Mann und ich holten unser MädeP) von der Schule ab^), von 
meiner alten Mädchenschule^). Es regnete stark, und ich sah, wie alle anderen 
Leute Autos und Droschken nahmen und bat meinen Mann, auch eine zu 
nehmen. Der sagte aber: ,Nein, wir laufen.'" 

„Als wir in die B straße einbogen, fing das Mädel furcht- 
bar an zu schreien und machte sich dabei naß*). Dann sah ich, wie aus 
ihrem Unken Hosenbein ein ganz starkes, männüches Ghed unten heraus- 
guckte, aus dem sich ein Strom Urin ergoß. Das ganze Kind triefte vor 
Regen, Tränen und Urin. (Alles Samensymbole). Ich rief meinen Mann, 
da°ich nicht mit ihr allein fertig werden konnte^). Der drehte sich 
um und sagte : , Wenn du sie so böse ansiehst, geht es doch nie. Du mußt 
lieb mit ihr sein^)'. Wir trugen das schmutzige Kind hinauf ins Haus, und 
das Fräulein steckte es gleich in die Badewanne und seifte und schrubbte 
es ab. Dann hob sie das Kind auf den Wickeltisch." 

„Sie und ich standen daneben und das Fräulein sagte: ,Herr Doktor, 
wollen Sie das Kind nicht untersuchen? Es muß doch krank sein". Darauf 
erwiderten Sie: ,Ich brauche das Kind nicht zu untersuchen')."' 

Einfälle: 

1) ,,Mein Kind = meine Sinnlichkeit" (vgl. auch Traum 21). 

^) „Vom Sanatorium = Lebensschule, nach Hause = geheilt." 

') ,, Infantile Perversionen." 

*) „Urindrang ist mir als geschlechtliche Erregung bekannt." 

') „Onanie genügte mir nicht zur Befriedigung der Sianhchkeit." 

') Vgl. „Mut zu sich selbst", Kap. „Du darfst" — im Gegensatz zu Schelten 
und Vorwürfen. 

') Vgl. „Mut zu sich selbst", Kap. II. Einige praktische Gesichtspunkte 
der allgemeinen Psychotherapie, S. 27. 

Die suggestive Untersuchung. 

Man hat gesagt, man solle durch eine sehr sorgfältige Untersuchung dem 
Kranken imponieren und ihm die Vorstellung beibringen, man wisse Wunder 
was und jedenfalls mehr als die, die ihn nicht mit allen möglichen Reaktions- 
methoden durchgeprüft haben. Erst nach einer solchen Untersuchung hätten 
unsere Worte das nötige Gewicht, mit dem wir dem Kranken nunmehr ver- 
sichern können, er sei organisch gesund. Je nun, wenn es auf das Imponieren 
ankommt, also wiederum auf einen suggestiven Eindruck, auf Schein, dann 
will ich das ebensogut und vielleicht noch besser durch das Gegenteil erreichen. 

Ich habe soeben ein durch 6 Wochen hindurch tobendes Asthma durch seine 



Heilung eines schweren Falles von Astsma durch Psychoanalyse. 579 

psychoanalytische Entlarvung als verkappten Angstzustand auf Grund psyoho- 
sexueller Konfükte in wenigen Tagen zum Verschwinden gebracht. Die Kranke 
hatte sich vordem gegen meine psychologische Auffassung des Falles außerordent- 
lich gesträubt und bestand darauf, daß doch wenigstens diesmal ein reales körper- 
liches Leiden vorläge und nicht wieder alles nur seelisch bedingt sei. Ihr Hausarzt 
hätte Dämpfungen und Lungenblähung festgestellt, und die schwere Erkältung 
und der Bronchialkatarrh sei denn doch wahrhaftig nicht wegzuleugnen. — Nun, 
sie sagte mir soeben: nichts habe ihr so sehr und so rasch zu der Überzeugung 
vom Gegenteil verholfen als die ruhige, unbeirrbare Sicherheit meines Urteils. 
Und worin hatte die sich ausgesprochen? — Ich hatte es nicht der Mühe für 
wert gehalten, den „schweren körperlichen Zustand" zu untersuchen 
Das hatte ihr mächtig imponiert. 

Selbstverständlich halte ich es für meine Pflicht, jeden Kranken zu unter- 
suchen, und zwar genau zu untersuchen. Aber ich halte es für ein Verfahren, das 
dem Ernst und der Würde ärztUcher Aufgaben nicht entspricht, wenn man 
Untersuchungen theatralisch aufbauscht, um Eindruck zu machen, und daran 
in gleicher Absicht eine ähnliche Behandlungsform anschheßt. Man tue seine 
PfUcht bis zum äußersten, aber dazu gehört es meines Erachtens nicht, einen 
Zustand noch auf drei oder vier andere Methoden festzustellen, den ich mit 
gesunden Sinnen auf den ersten Blick erfaßt habe. 

Dieser Traum enthält abermals ein funktionales Bild ihres augen- 
blicklichen Zustandes. Das Kind stellt wiederum ihre infantile Sexua- 
lität dar — wie in Traum 21 — einschließlich des männlichen Anteils 
und der Beschmutzung durch perverse Neigungen aus der Schulzeit, 
von denen wir im zweiten Abschnitt noch hören werden. Von Be- 
gehrungsvorstellungen und Übertragungsphantasien ist aber jetzt in 
der dritten Woche nichts mehr zu spüren. Das Fräulein, das das Kind 
schrubbt und seift, ist unsere Oberschwester, die an der psychoana- 
lytischen Behandlung, wie man sieht, sehr energisch beteiligt war. 
Der Schlußsatz drückt das Heilungsgefühl sehr schön aus und das 
Bewußtsein, daß sie, im Grunde genommen, eigentlich gar nicht krank 
sei, das Reinigungsbad, die große Katharsis, wie Freud die 
Analyse mit so vollem Recht genannt hat, wäscht allen Schmutz von 
der Seele herunter, und in kindlicher Reinheit kann ein neues Leben 
begonnen werden. 

24. Der Traum vom Hausarzt und einer Arzneibehandlung. 

„Ich lag im Bett. Unser Hausarzt stand strahlend an der linken 
Seite und hielt ein Fläschchen in der Hand. Er sagte: „So, hier bringe ich 
Ihnen eine Medizin, die für alles hilft. Es ist Pyramiden, und zwar 15%. 
So stark hab ich es noch nie verschrieben, noch keiner Patientin gegeben. 
Das hilft Ihnen sicher." 



580 J. Marcinowski. 

„Ich lachte ihn aus und fragte: „Hilft es gegen Schmerzen?"' 

„Doktor: „Ja natürlich, dafür ist es ja da." 

„Ich: „Hilft es auch bei Angst?" 

„Doktor: „Selbstverständlich, da brauchen Sie nur ein bißchen 
mehr nehmen, dann hilft es sicher." 

„Ich: „Mein Stuhlgang ist nicht in Ordnung, hilft es dagegen auch?" 

„Doktor: „Ja natürlich, aber dafür müssen Sie noch ein bißchen 
mehr nehmen." 

„Ich: „Mein Doktorvater hat mir nie so ein Zeugs gegeben, ich mag 
es nicht nehmen." 

,,Doktor: ,, Jetzt kommt aber bald die Zeit, wo Dr. Marcinowski 
Sie als seine Patientin entläßt, wo er nichts mehr von Ihnen wissen will. 
Dann müssen Sie doch einen Arzt haben und müssen zu uns zurück." 

„Da wachte ich mit Angst und Atemnot auf. Es war 3^4 Uhr. Ich 
konnte mich erst gar nicht besinnen, was ich verdrängt hatte, und war 
sehr "unruhig. Aber dann hab' ich es doch herausbekommen. Sie hatten 
mir am Abend vorher gesagt: , Jetzt geh ich hinunter, um an meinem 
Buch zu schaffen", und ich wußte, Sie arbeiteten bis spät in die Nacht 
hinein mit der Schwester, und es würde ein großes, befreiendes Werk, 
und ihre ganze Seele legten Sie hinein." 

„Da wallte es heiß in mir auf, und der Gedanke durchzuckte mich: 
,, Wärest du doch jetzt auch frei, frei wie die Schwester und die A, (eine 
andere Patientin, die mir die Reinschriften anfertigte), dann könntest 
du auch hier bleiben und teilnehmen an seinem Werk und mitarbeiten 
und an ihm wachsen und reifen." 

„Wenn ich jetzt frei wäre, würde ich Medizin studieren, zu Stekel 
und Freud nach Wien gehen, dort lernen und bis ins tiefste Wesen der 
Psychotherapie eindringen, und dann würde ich zu Dir kommen und mit 
Dir weiter arbeiten und helfen und heilen, denn es gibt auch Kranke, die 
Frauen heilen können." 

,,Und ich verglich Dein geistiges Schaffen und unsere Abende zu Hause. 
Mein Mann, müde und abgespannt vom Geschäft, sitzt im Lehnstuhl und 
studiert die Zeitungen, endlos, ohne ein Wort zu sprechen. — So schleicht 
der Abend hin. Ihm ist das Behaglichkeit, Bedürfnis, Friede und Ruhe. 
Aber in mir schreit es. Ich habe solchen geistigen Hunger." 

„Alle diese Gedanken hatte ich so schnell, wie sie kommen, verdrängt. 
Daher wieder Angst und Asthma. Nach der befreienden Selbstana- 
lyse ruhiges Einschlafen mit dem Gefühl, daß Ihre Hand auf meiner 
Stirn liegt." 

„Vor dem Anfall hatte ich noch einen ganz kurzen Traum : Mein 
Mädel stand halb entkleidet vor mir und jammerte. Mutter, mein Leib- 
chen ist mir zu eng. Ich mache es ihr auf und das Kind atmet 
befreit und selig auf. Dann will ich es ihr wieder anziehen, und sie 
sieht mich traurig an und sagt: ,Aber, Mutter, ich kann ja drin nicht 
atmen, es ist so eng.' Ich antwortete: ,Kind, liebes, es muß sein, ich will 
es dir so knöpfen, daß du es aushalten kannst,' und zog es ihr wieder an." 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 581 

Der Gegensatz von Arzneibehandlung und Psychotherapie ist 
nicht ganz echt, denn Pyramidon ist eigentlich ein phalHsches Symbol, 
nämlich Pyramidenextrakt, also Samen aus einem großen Phallus 
(P3Tamide), der ihr zur Stillung ihres Sinnenhungers als Heilmittel 
gegen allerhand hysterische Konversionen angeboten wird, als welche 
sie die verschiedenartigsten Krankheitszustände glücklich erfaßt hatte. 
Zugleich verhöhnt sie ihren alten lieben Hausarzt. In dem Augen- 
blick aber, wo ein Rückfall in die Übertragung einsetzt, kommt sofort 
auch Angst und Atemnot wieder hoch. 

Der Schluß des Traumes wird uns nun bei der Vorgeschichte des 
Asthmas noch weiter beschäftigen. Als junges Mädel hatte die Patientin 
ihre starken Brüste nämlich wegzuschnüren versucht, und damit hing 
der erste Anfall von Atemnot zusammen, dessen sie sich später erinnern 
konnte^). Aus diesen tatsächlichen Verhältnissen baut sie auch im über- 
tragenen Sinne das Symbol der Atemenge auf. Das Leibchen 
wird zu den bedrückenden und einengenden Verhältnissen ihrer Häus- 
lichkeit, die Atemnot zum geistigen Sinnbild ihres tiefempfundenen 
Mangels an Lebenslust. Aber tapfer ringt sie gegen die Dämonen ihres 
Unbewußten an. Sie wird sich die Reahtät schon zu gestalten wissen, 
so daß sie atmen kann, und ihr eigenes Mädel brav und gesund zu 
erziehen wissen. 

25. Der Traum vom Kinde in mir. 

Aus derselben Nacht ist noch folgender Traum zu verzeichnen: 

,,Ich lag nackend im Bett. In einer Ecke des Zimmers stand die Gustel 
(unsere Oberschwester), in der andern Sie oder meine Mutter. PtötzUch 
setzte sich das Kind, was ich unterm Herzen trage, in meinem Leib aufrecht 
hin. Die Haut meines Körpers war aber drübergespannt. Ich konnte deutlich 
das Hinterköpfehen, die Händchen und Ärmchen fühlen. Da bog ich es 
hinten über, um sein Gesichtel sehen zu können. Das war frei ohne Haut. 
Ich: Aber, Bubel, du hast ja braune Augen und ein Stumpfnäschen!" 

,,Ich zögerte einen Augenblick. Ein kurzes Ablehnen. Dann nahm 
ich das liebe, kleine Kind und drückte es warm und selig ans Herz und küßte 
es. Ich konnte nicht sehen, ob es ein Mädel oder ein Junge war, da es 
nur bis zu den Hüften sichtbar war. Plötzlich legte es sich in meinem 
Leib wieder hin." 

,,Dann gingen wir aus der Haustür, Sie, meine Mutter und ich. Über 
der Tür hing eiu großes, schönes Rothirschgeweih und Sie sagten stolz: 
Das hab ich gestern erlegt. Wir trennten uns jetzt. Sie gingen links ab 
vom Haus, meine Mutter und ich rechts, einen steilen Berg hinauf^). 

') u. ä) Vgl. Abschnitt III, Die Entstehung des ersten Asthmaanfalles bei 
einer Bergtour. (S. 589.) 



582 



J. Marcinowski. 



Ich konnte kaum vorwärts, und meine Mutter sagte: Das kommt 
durch das Asthma. Ich aber schüttelte den Kopf und sagte traurig: Nein, 
Asthma hab ich nicht mehr, daher kommt es nicht, es ist viel 
schwerer." 

Er malt mit seinem schwermütigen Ausklang den ganzen Ernst 
der Ablösung von mir und das Bewußtsein, daß damit die Heiltmg 
vom Asthma eine endgültige geworden sei. Der Traum wurde nicht 
weiter analysiert. 

Am Abend desselben Tages fand ich folgende Zeilen auf meinem 
Schreibtisch : 



Frei geworden 
Von den Ketten, 
Die mein Leben 
Fest umschlossen. 
Wollt ich jubelnd, 
Alles lassend, 
Mit Dir streiten. 
Mitarbeiten 
An der großen 
Heiligen Frage, 
Die zu lösen, 
Du Dein Leben 
Stark und freudig 
Hingegeben. — 
Doch wie konnte 
Ich vergessen. 
Daß mein Kiudel 
Auf mich wartet; 
Dem zu helfen. 
Das zu heilen. 



Du mich stärktest, 
Heilige Pflichten 
Einer Mutter 
Treu und wachsam 
Zu erfüllen. — 
Und so dank ich 
Dir, mein Vater, 
Daß Du mir den 
Weg gewiesen, 
Den zu wandern 
Steil und kantig. 
Mir das Schicksal 
Auserlesen. 
Ernstem Ringen 
Muß gelingen 
Was du forderst. 
Sonnenwende 
War mir Sielbeck. 
Sonn' entgegen 
Will ich streben. 



26. Der letzte Traum. 

„In einem großen, halbdunkeln Zimmer saßen um eine Tafel herum 
viele Menschen. Sie waren erregt und stritten heftig. Erkennen konnte 
ich nur meinen Vater und meine frühere Schulvorsteherin. Auf dem 
Tische lagen viele, viele Bücher durcheinander, von Stekel, von Freud 
und von Dr. Marcinowski, doch hatten die Menschen die Seiten heraus- 
gerissen und zerfetzt." 

„Teilweise lagen die Blätter zu Klmnpen geballt auf dem Tisch. 
Es war ein wüstes Durcheinander, und die Menschen sprachen, und ich 
hörte sie sagen: Ich habe solche Angst — und ich Asthma — und ich 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoaaalyse, 583 

Zwang, — aber so schmutzig, wie die hier in den Büchern schreiben, bin ich 
nicht, nein, das ist nicht wahr. Ich habe nie unreine Gedanken gehabt. 
Die lügen." 

„Ich selbst saß unten am Tisch, und als ich hörte, was die Menschen 
sagten, stand ich auf und sprach: ,Hört mich einmal an. Ich will euch 
so gern helfen. Seht, mir ist es ebenso gegangen wie euch, nur steht ihr 
noch auf der ersten Stufe. — Seht, auch ich hatte Angst und Zwang und 
Asthma, und als man mir zum ersten Male von dem sprach, was euch 
so erschreckt, als man mir sagte, daß es meine wilden Triebe und Wünsche 
seien, die sich hinter meinem Leid versteckten, da habe ich es gerade so 
gemacht wie ihr und habe empört gerufen; ,,Das ist nicht wahr, ich habe 
nie so etwas gefühlt und gedacht, so schmutzig bin ich nicht." 

,,Da war aber ein lieber Gott da, der sprach: ..Komm, prüfe dich" — 
und ließ mich dann allein. Dann muß man den Mut haben, sich zu prüfen, 
und ich war ganz allein und dachte nach über das, was mir geschehen. — 
Ich war ganz ehrlich zu mir selber, und allmählich kam es mir-zum Be- 
wußtsein; ja, so hast du doch einmal gedacht und gehandelt. Das, was 
der liebe Gott sagte, ist ja wahr. Du warst nur zu feige, es einzugestehen." 

,,Und wie ich nachgegeben hatte in dem einen Kleinen, weil ich die 
Wahrheit erkannt hatte, da kam eine ganze Kette, und immer tiefer drang 
ich ein in das Reich des Unbewußten, und immer lichter und klarer wurde 
es mir, und dieser und jener Zwang und die Angst und das Asthma fiel 
von mir ab, als ich seine tiefen Ursachen erkannte, und ich wußte nun, 
daß unser Kranksein eine große Lüge ist vor uns selber." 

,,Und nach langer, langer Zeit kam einmal der Tag, wo auch die 
letzte Schranke fiel. Da wurde es plötzlich ganz hell in mir, und ich fühlte, 
daß das, was Stekel und Freud und Dr. Marcinowski sagen, Wahrheit 
ist, tiefste Wahrheit. Und da kam ein großes Befreien, und ich wußte, ich 
war gesund. — Ihr sollt auch gesund werden, ich will euch helfen, ihr 
seid nur heut noch auf der ersten Stufe." 

,,Da war ich still und die Menschen standen alle auf und sagten: 
,Ja und dann? kam dann das große Glück?' — Ich antwortete: ,Dann 
kam erst noch etwas ganz Schwarzes; — und ich ging leise zur Tür hinaus 
und irrte durch viele dunkle Straßen und suchte Vater und Mutter. Ich konnte 
sie nicht finden und weinte." 

,,Da sah ich plötzlich vor mir meine eigene liebe, verstorbene Mutter, 
groß und licht und gütig. AVie ein Engel stand sie vor mir und sagte: ,Kiiid 
warum weinst Du?' — Ich sah ihr ins Auge und sprach: , Mutter, warum 
hast du mich allein gelassen? Es war so schrecklich all die Jahre. Du 
weißt doch, daß ich noch Vater und Mutter brauche, und nun suche ich 
sie und kann sie nicht finden.' — ,Aber Kind, ich verstehe Dich nicht. 
Ich habe dir doch einen neuen Vater geschenkt, der dich lieb hat und der 
dir Vater und Mutter ist.' — , Mutter, ich weiß, wen du meinst. Ja, siehst 
Du, erst war er der Doktor, dann war er Doktorvater, dann war er Vater, 
und jetzt — ich konnte vor Trauer ka\im sprechen — ist er wieder Doktor.' 
,Da8 glaub ich nicht,' — sagte die helle Gestalt, .das ist nicht möglich.' — 

Jahrbuch für psyohoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. V. 3S 



584 J. Mapcinowski. 

jDoch Mutter, ich selbst habe Schuld. Ich war eifersüchtig auf ein anderes 
seiner Kinder, und nun muß ich die Strafe tragen." — 

„Komm, mein Kind, sprach meine Mutter, ich bringe dich wieder 
zu ihm. Und sie nahm mich bei der Hand und führte mich durch viele 
Straßen, bis wir in einem wunderbaren gewölbten Raum standen, das war 
Walhall, und auf einem großen, goldenen Throne saßen Sie^). — Meine 
Mutter sprach kein Wort, aber ganz still brachte sie mich zu Ihnen an den 
Thron, und ich hörte Ihre Stimme: „Mein Kindel, du darfst mir einen 
Kuß geben." — 

,,Da küßte ich Sie scheu und behutsam auf die Stime. Und Sie 
sagten: ,,Mein Kindel, ich wollte dich prüfen, und ich freue mich, daß du 
mich nicht auf den Mund geküßt hast, sondern auf die Stirn. Nun darfst 
du wieder an meinem Herzen ruhen" — und Sie zogen mich dicht an sich 

heran." 

,,Da war mit einem Male alles in Sonnenlicht getaucht. Es war so 
still und ernst und feierlich. Und ich sah lauter Engelköpfchen auf uns 
heruntersehen. Ich woUte mich umwenden und suchte die lichte Gestalt 
meiner Mutter, um ihr zu danken, aber sie war entschwunden. Und ganz 
aus weiter Ferne hörte ich eine Stimme: ,Könnt ich zum Augenblicke- 
sagen: ,Verweile doch, du bist so schön.'" — 

Das war ihr letzter Traum in Sielbeck und mit ihm schließt hier 
die Serie der Asthmaträume, das große Eeinigungsbad, wie sie diese 
Zeit selber genannt hat. 

Es sind jetzt zwei Jahre her, daß ich die Patientin entlassen 
habe, und es ist kein Asthmaanfall mehr gekommen. Sie 
hat ihr Kindel glücklich geboren, und es ist der ersehnte Jmige geworden. 
Zwar hat sie ein halbes Jahr später während ihres Wochenbettes noch 
ein paar gründliche Rückfälle ihrer leidenschaftlichen Übertragung 
durchgemacht, aber das war alles nur von vorübergehender Dauer. 
Jetzt ist sie eine glückliche Frau und die Familienverhältnisse, die 
der Kranken so unerträglich schienen, sind jetzt zu einer schönen 
starken Wirklichkeit für sie geworden, die zwar nicht die Erfüllung 
unmöglicher Idealbilder für sie bedeutet, aber doch Lebenswerte genug, 
um fröhlich und dankbar ihres Daseins Kxeise zu vollenden. 

Ganz abgesehen vom Asthma bietet diese Traumserie einen 
eigenartigen Einblick in den innern Gang einer Analyse 
selbst, von den wildesten Bildern erotischer Zügellosigkeit ange- 
fangen, über die ständig zunehmende Beruhigung hin sich wandelnd, 
bis die Kranke in der letzten verklärenden Phantasie nicht mehr 



1) Mein Arbeitszimmer ist ein selten sciiöner, gewölbter Raum, dessen 
eine Längswaml mit der Wodansfigiir von Rudolf Maison geschmückt ist. 



Heilung- eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 585 

wiederzuerkennen ist, — für den Erfahrenen ein eigenartiger Genuß, 
für den Unerfahrenen vielleicht doch ein Beweis dafür, daß unser 
,, Wühlen in der Sexualität" tatsächlich sauberer und säubernder ist 
als das ,, keusche" und zartfühlende Rührmichnichtan der über uns 
sittlich Entrüsteten. 

Ich schließe hieran nun die rückschauende Analyse 
der Vorgeschichte und der eigentlichen Entstehung der 
asthmatischen Neurose. Die folgenden Protokolle sind ein halbes 
Jahr nach Abschluß dieser Serie von Asthmaträumen entstanden 
und vervollständigen den Beweis des von mir behaupteten Satzes 
nach jeder Richtung. Das Asthma gehört zu den Psychoneurosen 
und ist eine Teilerscheinung der Angsthysterie. Ein Bronchialasthma 
im alten Sinne gibt es nicht. Eine Ausnahme bilden allein die organi- 
schen Erkrankungen im Gebiete des Nervus vagus. Die Theorie von 
der Refiexneurose trifft nur Momente von akzidenteller Bedeutung und 
gestattet keine K a u s a 1 therapie. Diese kann einzig und allein in 
der psychotherapeutischen Behandlung der Hysterie bestehen^ 



III. Ein halbes Jahr später. Die Vorgeschichte 
des Asthmas und die infantile Schicht der Neurose. 

Fassen wir noch einmal nach dem Gesagten zusammen, wie 
diese asthmatische Erkrankung sich in ihrem Ablauf gestaltet hat, 
und welche Momente sich für die Entwicklung aus der Kinderzeit 
und der Vorgeschichte heranziehen lassen, um zu verstehen, warum 
es in dem vielgestaltigen Bilde der Neurose gerade ausgerechnet zu 
Asthma kommen mußte. 

Zur Zeit der Erkrankung war die Patientin 27 Jahre und in 
anderen Umständen. Sie war einige Monate vorher durch analytische 
Behandlimg von einer ganzen Reihe neurotischer Zustände und Sym- 
ptome befreit worden. Darunter waren Identifikationsrollen, die auf die 
dauernde Festlegung, die Geisteskranke zu spielen, hinaushefen, Angst- 
zustände, Zwangsimpulse, die übrigens nicht nur Vorstellungen ge- 
blieben waren, sondern die sich auch gelegentlich in Handlungen 
umzusetzen gedroht hatten, so z. B. die Mordimpulse gegen die eigenen 
Kinder usw. Die Analyse war aus äußeren Gründen noch unab- 
geschlossen geblieben, die tiefsten Schichten der Infantihtät waren 
nur da und dort angeschnitten, aber noch nicht ganz aufgedeckt. 

88* 



586 J. Marcinowski. 

Vor allem fehlte auch noch ein wichtiges Stück in der Behandlung, 
das Loslösen der Patientin aus einer Übertragung von tollster Leiden- 
schaftlichkeit, in der sie alle unerfüllten Liebeswünsche ihres Lebens 
auf mich hinaufpackte. 

Die Patientin schilderte das selbst während einer Hypnose folgender- 
maßen: „Ich liege des Abends im Bette und flüchte mich in Gedanken 
zu Ihnen. Ich stelle mir dabei Ihren Körper vor und treibe die leiden- 
schaftlichsten Spielereien mit ihm. Ich habe ihn nackt bei mir und streichele 
ihn so lange, bis ich ihn zu tollster LeidenschaftUchkeit reize. Ich nehme 
sein Glied in den Mund und sauge daran, bis ich ihm die Seele aus- 
trinke usw." 

So sieht es in Wirklichkeit in den Phantasieen unserer Psycho- 
neurotiker aus. Bei Fällen, wie dem vorliegenden, d. h. bei Fällen von 
hypomanischer Natur mehr bewußt, bei den anderen symbolisch ver- 
schleiert und oft in undurchsichtige Formen gehUllt. Aber gleichwohl 
bedingt die Art und Kulturhöhe des Individuums noch wesentliche Unter- 
schiede. Die einen Menschen entpuppen sich in ihrer Nacktheit als 
niedere Typen, die anderen lernt man durch ihr ganzes Verhalten 
dabei nur noch höher einschätzen und achten. 

Wir haben gesehen, wie die konsequente Zurückweisung in ihre 
Schranken bereits begonnen hatte, die Kranke hier und da zu ernüchtern, 
aber zu meinem Erstaunen wurde sie gerade hierin immer wieder 
rückfällig. Erst als es mir dann während des Wochenbettes gelang, 
die Übertragung, statt sie bloß zurückzuweisen, auf den eigenen Vater 
als Quelle so zurückzuführen, daß die Kranke sich mit deutlichem 
Affekt an das erotische Begehren erinnerte, das ihr dem Vater gegen- 
über seinerzeit sogar vollbewußt gewesen war, erst da begann dieser 
Zustand endlich andere Formen anzunehmen^). In beidem, in dem 

') Bis diese Aufzeichnungen druckfertig wurden, haben sich kleine Bückfälle 
noch öfter, wenn auch immer seltener, gezeigt. Die Technik des konsequenten 
Versagens aller über das notwendigste Maß hinaus gehender freundschaftlichen 
Beziehungen nützte nur vorübergehend. Immer fand die Patientin neue Wege, 
auf denen sie sich Berührungspunkte mit mir zu verschaffen wußte. Immer 
lascher aber kam sie selbst hinter diese Schliche ihrer unbewußten psychischen 
Mechanismen, und zuletzt war sie in der .Selbstanalyse so gewandt, daß sie uns 
ihre kleinen Rückfälle und Niederlagen erst beichtete, wenn der Sieg bereits 
errungen und die Affektfreiheit erzielt war. 

Schließlich half ihr folgendes Vorgehen. Ich wies ihr während einer mehr- 
stündigen Eisenbahnfahrt fortwälirend nach, welche grenzenlose Dummheit 
das Festhalten an der Übertragung sei, und wie sie sich dadurch auf der ganzen 
Linie ausgerechnet von der Lust absperre, die sie daraus erzielen wollte, denn 
sie zwinge mich ja gerade dadurch zu konsequentem Versagen aller nicht rein 



Heilung eines schweren palles von Asthma durch Psychoanalyse. 587 

Bewußtwerden der kindlichen Erotik wie in dem Verschwinden der 
Übertragungsphänomene erblicke ich die Kriterien der einsetzenden 
Heilung. Diesen Ablauf der Vorgänge werde ich nun zu schildern 
haben. 

* * 

Also vor einem Jahre begann die asthmatische Erkrankung 
mit Husten, nachdem sich die Patientin angeblich bei ihrem Kinde 
„angesteckt hatte." Dieser Katarrh bildete das körperliche Entgegen- 
kommen und den Anknüpfungspunkt für die Neurose, die der Pa- 
tientin, wie wir gleich sehen werden, als Mittel zum Zweck sehr erwünscht 
war, und wofür sie außerdem in der frühesten Kinderzeit ein Vorbild 
hatte. Der Husten des Kindes mochte sie noch dazu daran erinnert 
haben, daß sie in dem gleichen Alter das bewußte Vortäuschen einer 
solchen Erkrankung in den Dienst ihrer Liebes- und Eifersuchts- 
mechanismen gestellt hatte. 

Die Folge davon war, daß ohne ersichtlichen Grund die Husten- 
paroxismen immer heftiger und anhaltender wurden. Es stellten 
sich Dämpfungen und Blähungen ein, die rechte Niere begab sich 
unter heftigen Schmerzanfällen auf die Wanderschaft, die Schwanger- 
schaft geriet in Gefahr um ihren Bestand, und das alles, um nach 
infantilem. Vorbild die liebevolle Fürsorge des Vaters, d. h. jetzt die 
meine zu erzwingen, wie die Patientin jetzt drei viertel Jahre später 
von selbst zugibt. Auch lag in ihrem Kranksein eine gewisse Strafe 
und Rache für mich, nämlich für die verweigerte Freundschaft, die sie 
über das Maß meines ärztlichen Bemühens für sich anstrebte. 

Sehr bezeichnend ist z. B. folgende Überlegung von ihr: ,,Ja, wenn 
ich genau wüßte, daß icli Ihre Freundschaft auch als gesunde Frau 
haben würde, dann würde ich wohl bald gesund werden; aber wenn dann 
alles aus ist, wie soll ich dann genesen können." Mit herzerquickender 
Naivität gibt sie also die Zweckdienlichkeit ihres Krankseins zu, die ihr 
allerdings auf Schritt und Tritt nachzuweisen war. (Vgl. „Der Mut zu 
sich selbst", Kaj). VIII, S. 138 ff.) Das hinderte sie indessen nicht, wenige 
Wochen später einen andern Trick zu versuchen. Abermals traten zu 
Hause schwere Ansstzustände auf, und sie setzte Himmel und Hölle in 
Bewegung, einschließlich meines Telephons, ob und an welchen andern 



ärztlicher Beziehungen. Erst war sie wüten:', dann ging sie begeistert nuf diese 
Gedankengänge ein, belegte sich selbst mit allerhand FreiindUchkeiten aus dem 
Bereich der Tierpsychologie und ist seitdem fast ganz frei von krankhaften 
Ubertragungszuständen auf mich geblieben. 



588 J. Marcinowski. 

Arzt sie sicli wohl wenden könne, und ob sie sich nicht sogar von Dr. V. 
hypnotisieren lassen solle, usw. 

Nun, das vvar eine durchsichtige Rache für die letzte recht gründliche 
Zurüclaveisung der Ubertragungsphänomene. Sie wollte mir zeigen, daß 
sie sich mindestens ebensowenig aus mir mache, wie ich mir aus ihr. Ich 
fiel leider gar nicht darauf herein und empfahl ihr kalt lächelnd, ihre 
Wünsche ruhig auszuführen. Dadurch verloren sie allerdings ihren Reiz 
für die Patientin, und, um sich nicht noch mehr bloßzustellen, fand rie 
eine weniger gravierende Erklärung für das Zustandekommen ihrer Zu- 
stände, die selbstverständlich außerdem berechtigt war. Sie fand folgenden 
Mechanismus und teilte ihn mir schriftlich mit: ,, Selbstverständlich wollte 
ich auch diesmal nur nach Sielbeck. Aber ich wollte mich dazu von den 
Meinigen zwingen lassen, um sagen zu können, daß ich diesmal doch 
ehrlich versucht hätte, ohne Sie auszukommen. Ich wollte den Beweis 
liefern, daß die Übertragung auf Sie nicht mehr wirksam wäre. Darum 
wollte ich ganz bierehrlich erst andere Ärzte aufsuchen, die mir dann 
natürlich nicht geholfen hätten. Dann wollte ich mich von meinen An- 
gehörigen ausschelten lassen und nötigen lassen, doch nach Sielbeck 
zu gehen." 

Sie spielte also auch hiermit so ein bißchen Lust ohne Schuld. 

Langsam ging der Zustand in allgemeine Atemnot, Giemen und 
Pfeifen über. Dazu gesellten sich nach 14 Tagen schwere nächtliche 
Anfälle^) und das typische Asthma war fertig. Sechs weitere Wochen 
lang lag die Patientin mit diesen Zuständen hilflos im Bette, magerte 
ab und geriet durch die andauernde Schlaflosigkeit in immer stärkere 
Erschöpfung. Nichts, was der ärztliche Arzneischatz für solche Fälle 
aufzuweisen hat, blieb von ihren Beratern unversucht. Der Verbrauch 
von allerhand narkotischen Mitteln wuchs ins Ungemessene, namentlich 
nachdem ich bei Gelegenheit meiner Durchreise (3. Woche) keine Mög- 
lichkeit gefunden hatte, sie aufzusuchen. Von da ab steigerte sich die 
Erkrankung in besorgniserregender Weise. Drei Wochen später fxihr ich 
auf der Rückreise von Wien aus zu ihrem^Wohnort und konnte durch mein 
Erscheinen den ganzen Zustand wie durch ein Wunder vermittels 
einer einzigen Hypnose beseitigen ( !), so daß die Patientin, die 6 Wochen 
lang fest gelegen hatte, am andern Tage aufstehen und die Reise ins 
Sanatorium mit mir antreten konnte. Wie sich die Sache damals 
w^eiter entwickelt hatte, und wie es mir gelang, jeden einzelnen asthmati- 
schen Anfall als einen typischen Angstzustand von ausgesprochen 

') Höchste Steigerung zwischen 3 und 4 Uhr morgens. Die Bergtour, auf 
»ler sie wie wir gleich hören werden, den ersten Anfall hatte, war auch um 
diese frühe Morgenstunde unternommen worden. Der Zeitpunkt ist also wohl mit 
ti!s eine Erinnerung daran anzusehen. 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 589 

sexuellem Inhalt zu erweisen, das haben wir im vorigen Abschnitt 
ja des breiteren erörtert. 

Hier nun die außerordentlich interessante Vorgeschichte 
des asthmatischen Zustandes selbst, wie sie V2 ^^^ ^^^ der 
Heilung analytisch festgestellt wurde. Ich behalte absichtlich die 
Reihenfolge der assoziativen Anknüpfungen bei, um auch hier die 
Bedeutung des Materials nicht durch willkürliche Anordnung zu ver- 
wischen. Das halte ich für wichtiger als die Gruppierung zum Zwecke 
der klaren Übersichtlichkeit, und das gestattet zudem dem analytisch 
geschulten Leser eigene Nachprüfung in der Beweisführung. 

Vorgeschichte des asthmatischen Zustandes. 

Die Patientin gab mir darüber selber folgende schriftliche Auf- 
zeichnung und ergänzte diese noch in nachfolgender Weise mündlich : 

„Es war im Juü des Jahres 1902. Ich war seit acht Tagen aus 
der sehr strengen Pension entlassen und steckte seüg und freiheitsdurstig 
die Nase in die Welt. Wir machten Anfang Juh eine Sommerreise mit 
meinen Eltern in die Berge. Mein Vater war erst eben wieder verheiratet, 
und ein Bruder meiner Stiefmutter machte diese Reise mit." 

„Dieser .Onkel' war zirka 30 Jahre alt, Junggeselle und Volksschul- 
lehrer. Mama vergötterte ihn. Er war damals eine stattHche, schöne Er- 
scheinung. Ein gewisser Märtyrerschein lag über üun. Er sollte sehr klug 
sein und hatte es aus Geldmangel nur bis zum Volksschullehrer bringen 
können, um früher in der Lage zu sein, seine alte Mutter zu erhalten. 
Jedenfalls war alles da, um ihn in meinem gerade 17jährigen Herzen 
zum Helden werden zu lassen." 

„Ich bildete mir ein, ihn zu heben. Er war der erste unverheuratete 
Mann,'mit dem ich als ,erwach8enes Mädchen' in Berührung kam. Mancherlei 
anderes kam dazu. Von einer Liebe, was ich heute darunter verstehe, 
war keine Rede. Ich fand es heroisch, ihn zu heiraten, um seine pekuniäre 
Lage zu verbessern. Dann dachte ich es mir sehr poetisch, den armen 
Volksschulkindern eine Mutter zu sein, plante Elternabende, Schüler- 
versammlungen usw. Der Hauptgrund, den ich mir natürlich damals 
nicht klarmachte, war aber ein anderer. Ich stand mich mit meiner Mutter 
sehr schlecht und hoffte dadurch, daß ich ihre Schwägerin würde, ihrer 
Autorität zu entwachsen und ihr als gleichberechtigt gegeniiberzustehen." 

„Das alles sage ich so ausführhch, damit Sie sich ein Bild von meiner 
damaligen psychologischen Verfassung machen können. Der Onkel selbst 
verhielt sich vollkommen passiv und hat bis heutigen Tages keine Ahnung 
von dem allen." 

,, Eines Tages wurde eine Tour auf den höchsten Berg in der Nähe 
verabredet, imd zwar wollten Onkel, mein 15 jähriger Bruder und ich 
die Tour machen. Ich war selig und im Unbewußten rechnete ich wohl 

i 8 



""" J. Marcinowski. 

mit einer Verlobung auf einsamem Bergesgipfel. Jedenfalls präparierte 
ich vorher eine Menge Gesprächsthemen, um mich mit dem Onkel angeregt 
zu unterhalten. Da entschloß sich meine Mutter im letzten Augenblick, 
mit hinauf zu steigen. Äußerlich hoch erfreut, innerlich tief enttäuscht! 
ging's los." 

,,Wie vorauszusehen, gingen Mama und Onkel in eifrigem Gespräch 
voran, mein Bruder und ich mußten hinterher trotten! Als wir drei 
Vierte] oben waren, bekam ich plötzlich wie aus heiterem Himmel einen, 
und zwar den ersten, heftigen Asthmaanfall, gerade wie vor 7^ Jahr! 
Alles war bestürzt mid um mich besorgt. Ich dachte ja auch mindestens, ich 
müßte sterben und habe unter Tränen immerzu gerufen: ,Ich will ja gar 
nicht weinen, ich will ja gar nicht weinen!' Damit neckt mich der Onkel 
noch heute. Soweit die Tatsachen." 

„Ein realer Grund lag vor. Ich neigte in den Jahren zu starker 
Brustbildung, was mir sehr peinlich war. In der Pension nannten sie mich 
deshalb immer; ,little wonian'. Um die starke Wölbung der Brust zu ver- 
bergen, trug ich mit Sicherheitsnadeln mein Hemd vorne ganz fest zu- 
gesteckt und stramm heruntergezogen, wodurch ich tatsächlich einen 
flachen Eindruck machte und woher wahrscheinlicli meine Hängebrust 
stammt. Beim Bergsteigen konnte ich infolgedessen nicht frei atmen 
wie andere Menschen. Ob das was dabei zu tun hat, kann ich heute nicht 
mehr feststellen, damals nahm ich es an ~ und verschwieg es aus 
Schamgefühl." 

„Nun zur psychologischen Analyse und zum Vergleich mit heute. 
Ach, Doktor, nun heißt's wieder mal die Zähne zusammenbeißen und alles 
ehrlich heraussagen. Damals wie heute wollte ich die Teilnahme und 
Beachtung des Mannes, den ich liebte, auf mich lenken und versteckte den 
Trieb hinter Leiden." 

„Damals fürchtete ich, vom Onkel nicht beachtet zu werden, da 
er von seiner Schwester in Anspruch genommen war. — Heute fürchtete 
ich, während der Zeit, wo Sie verreist sind, nichts von Ihnen zu hören, 
wenn nicht etwas Besonderes eintrete." 

,, Beide Male werde ich krank und erzwinge mir so die Aufmerk- 
samkeit des Mannes. Im letzten Grunde handelt es sich beide Male um 
Befriedigung des unerfüllten erotischen Triebes. — Nun ist es heraus, 
Doktor, und ich glaube, so ehrlich war ich noch nie zu Ihnen. Es ist mir 
heute sehr schwer geworden, das zu schreiben." 

„Und sehen Sie, wie schlau das Unbewußte ist. Fortwährend hat 
eine Stimme in mir gesprochen : Tu's nicht, schreib's nicht, sei doch nicht 
so dumm. Wenn der Doktor das erst weiß, wird er sich danach richten, 
und du schadest dir nur. Beinahe hätte ich nachgegeben, aber dann 
habe ich doch gesiegt und es mir abgerungen. Lieber Doktor, das alles 
war ja unbewußt, vollständig unbewußt in mir, und es ist mir 
erst beim Analysieren eine Schuppe nach der andern von den Augen 
gefallen." 



Heilung eines schweren Falles vonAstlima durch Psychoanalyse. 591 

Mündliche Ergänzungen, zum Teil in Hypnose. 

„Der Weg auf den Berg war steil. Ich bekam Atemnot, weil ich 
nicht zurückbleiben wollte, und rief dann imm,er: ,,ich sterbe/' — Ich 
habe dann noch 5 Jahre lang (17 bis 22) leicht Atemnot bekommen. Wie 
ich den Anfall hatte, hielt er mich im Arm. Ich verging in seinen 
Armen, und das war ausgesprochen lustbetont und von einem deut- 
lichen Gefühl in den Geschlechtsteilen begleitet." (So schuf sich ihre 
Verankerung von Wollust und Atemnot.) 

Auf die Frage, warum die nächtlichen Anfälle immer ausge- 
rechnet zwischen 3 und 4 Uhr morgens aufgetreten sind, erinnert sie 
sich außer der auf Seite 588 (Fußnote) erwähnten Zeitbestimmung 
plötzlich, daß sie doch noch einmal einen richtigen Anfall von 
Atemnot gehabt habe, und zwar war das bei Gelegenheit eines Jagd- 
ausfluges in ihrer jungen Ehe, wo sie bereits um 3 Uhr aufstehen 
mußte. Auch da hatte sie, wie damals mit ,, Onkel A." jetzt mit ihrem 
Manne Schritt halten wollen, und das strengte sie auf dem holperigen, 
sumpfigen Wiesengelände sehr an. Ihr Mann war wenig erbaut über 
den Zwischenfall und soll sich auch über diesen quasi Reinfall mit 
einer kranken Frau sehr kränkend geäußert haben. 

Von dem Schritthalten kommt sie avif : ,, etwas erreichen wollen'- 
und erklärt damit den Mechanismus einer ganzen Gruppe von Er- 
scheinungen. Erst fällt ihr ein: ,, Atemnot, wenn ich die elektrische 
Bahn erreichen will. — Zweitens : wenn ich überhaupt etwas erreichen 
will. Er ging mir damals voraus, und ich wollte ihn im doppelten Sinne 
erreichen. — Es ist übrigens nicht wahr, wie ich es erzählt habe; 
nicht mit dem Bruder ging er voraus, sondern mit meiner Mutter^). 
Ich weiß noch genau, wie es in mir aussah: Nun geht er ganz weg 
mit Mutter, und das soll er nicht." 

,,Mit dem Augenblicke, wo die Eifersucht einsetzte, fing 
auch der Anfall an. Dabei hatte ich Lust an der Qual, die ich 
ihm zuliebe litt, und wollte mich ihm doch eigentlich begehrenswert 
zeigen." 

,,Die Assoziation, ,, etwas erreichen wollen", ist aber auch 
für die Gegenwart ergiebig, denn sie führt zu der Selbstanklage, daß 
sie mit allen Mitteln erreichen wollte, daß der schwärmerisch ver- 
ehrte Arzt sich um sie kümmert. Das kennen wir schließlich aus der 



^) Vgl. S. 590. Diese Bemerkung ist iusofern unverständlich, als sje die 
Tatsache auch in der schriftlichen Erzählung genau so wiedergegeben hatte. 



592 J. Marcinowski. 

Behandlung fast jedes hysterischen Patienten, nur daß es hier beson- 
ders drastisch und fast selbstmörderisch zum Ausdruck kam'^). 

Solange wir das nichtdurchschauen undihm nicht so zu 
begegnen wissen, daß der Kranke das selber einsieht und 
zugeben muß, anstatt einer solchen ,, Unterschiebung" mit 
Empörung und Haß zu begegnen, so lange sind wir nicht in 
der Lage, eine Hysterie wirksam behandeln zu können. 

Zwar sind die meisten Therapeuten durch ihre Unkenntnis dieser 
Übertragungsgefühle entschuldigt. Wir kennen aber auch Ärzte genug, 
die in ihrer Ahnungslosigkeit die Patienten vermittelst ihrer Ver- 
ehrung in einer menschenunwürdigen Abhängigkeit erhalten und dabei 
nicht einmal merken, daß sie es sind, die dabei von den Kranken 
andauernd genasführt werden^). Das nebenbei, weil es in der Therapie 
der Neiiroaen und in ihrem gewöhnlichen Verlaufe eine so ungeheure 
Breite einnimmt. — 

Kehren wir mm zu unserer Kranken zurück. Was wollte sie noch 
alles erreichen? — Wir gelangen mm zu ihrem Vaterkomplex. 
Der Vater litt sein ganzes Leben lang an asthmatischen Zuständen 
und war nierenleidend. Das kleine Mädchen hatte ihm die Atemnot 
nachgeahmt, denn sie wollte immer dasselbe haben wie er 
(Identifizierungsversuch mit der geliebten Peison), außerdem kam 
sie sich damit interessant vor. Aber vor allem wollte sie wenigstens 
in diesem einen Pimkt von ihm verstanden werden. Wenn sie dasselbe 
Leiden habe, so würde gerade er dafür am meisten Verständnis be- 
sitzen. 

Nun, ich habe noch niemals gefunden, daß ein Patient unter 
,, Verstehen" oder ,,Nichtverstandenwerden" etwas anderes meint, 

^) Vgl. hierzu ihre Versuche, körperliche Erkrankungszustände känetlich 
herbeizuführen, wie z. B. die bewußt hervorgerufene Brustdrüseninfektion im 
Wochenbett (S. 544), die beabsichtigte Lungenentzündung (S. 545), usw. die eine 
bewußte Ei^anzung zu den unbewußt wirkenden Mechanismen der neurotischen 
Symptombildung darstellen. 

*) Ich darf es mir gestatten, deutUch darauf hinzuweisen, denn ich gebe 
damit auch eigene Erfahrungen wieder. Es hat Zeiten gegeben, in denen ich 
ebenfalls zu den „großen, gütigen" Ärzten gehörte und die schwärmerische 
Verehrung der Kranken und ihre ungesunde Anhänglichkeit für echte und wohl- 
verdiente Dankbarkeit hielt; denn mein Handeln war damals mehr von mensch- 
lichem Mitgefühl als von ärztüchem Können diktiert. Die rauhere Derbheit, 
die mein Wirken seitdem kennzeichnet, macht die Kranken gesunder und un- 
abhängiger, und verdient nun erst den Dank, den es vor der Analyse nur als 
Gefühlstribut einheimste. 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 593 

als geliebt oder nicht geliebt zu werden. „Verstehen" und ,, Verständnis 
zeigen" dürfen wir glattweg mit „Liebesbeweis" übersetzen. Es 
handelt sich hier nur um eine verschleiernde Umschreibung des vollen 
Begehrens, und ich möchte raten, auf dieses Wort sehr scharf acht 
zu geben, wo es sich dem Arzt gegenüber einstellt. 

„Also auch hier habe ich etwas erreichen wollen," — fährt die 
Kranke fort, — ,,auch habe ich als Kind schon einmal mit Bewußt- 
sein Atemnot gemacht, um den Vater an mein Bett zu zwingen." 
(Patientin wird unruhig, kann nicht recht weiter sprechen und bittet 
um Hypnose, die ihrer Gewohnheit gemäß in wenigen Sekimden ein- 
tritt.) Dann fährt sie fort: 

,,Ich lag abends im Bett, Mutter war bei mir, aber ich wollte, 
der Vater solle kommen. — Er kann das doch besser verstehen, weil 
er es auch hat. — Ich war selig, wie er kam und mir aus seiner Büchse 
Lakritzen gab. — Ich war zehn Jahre, ich glaube, das ist nur einmal 
geschehen. — Aber mit acht Jahren habe ich mich schon einmal krank 
gestellt und bekam damals, soviel ich mich entsinne, zum erstenmal 
richtige Angst und schlechtes Gewissen vor meiner Mutter. (Angst = 
Steigerung des schlechten Gewissens im Dienste der Schuldverhütung^). 
Ich hatte als ganz kleines Kind viel an Kopfschmerzen gelitten und 
wToßte, daß rote Flecken ein Zeichen von Kopfschmerzen waren. Da 
habe ich mir die Stirn rot gerieben, um die Krankheit vorzutäuschen." 

,,Wie ich noch kleiner war, sechs Jahre, habe ich schon Ahnliches 
gemacht. Da hatte ich auch Husten, aber zugleich war auch mein 
Bruder krank. Bei ihm handelte es sich um Lungenentzündung, und 
da drehte sich natürlich alles um ihn, und niemand kümmerte sich 
um mich. In meiner wütenden Eifersucht zerbiß ich mir das Zahn- 
fleisch, um Blut in den Mund zu bekommen und es dann ausspucken 
zu können. Damit wollte ich erreichen, daß man sich auch um mich 

sorgen solle." 

,,Ich habe mir als Kind immer ausgemalt, wie Eltern zu Kindern 

sein müßten. So hatte ich immer einen Luftvater und eine Luft- 
mutter und lebte in zwei Welten. In der geträumten sofort, sowie 
ich allein war." 

„Erst als erwachsenes Mädchen lernte ich, daß es Verhältnisse 
gäbe, in denen man vor dem Vater nicht Angst haben müsse. (Der 
Vater hatte sie oft entblößt und mit der Reitpeitsche geschlagen, das 

^) Vgl. Meine Begriffsbestimmung der Angst im „Mut zu sich selbst", 
S, 334 ff. 

3 8 * 



594 J. Marcinovvski. 

war die Veranlassung, sicli ein Luftschloß mit einem besseren Luft- 
vater zurecht zu träumen.) Diesen Luftvater hatte ich ganz wahnsinnig 
lieb. — Ich möchte sagen, das sind Sie jetzt. Ich habe im 
Leben nie eine wirkliche Persönlichkeit dafür gehabt!" 

Hier lösten sich auf einmal die Schwierigkeiten der Übertragung 
auf mich. Wir hatten monatelang vergeblich nach dem Urbilde für 
dieselbe gefahndet, nachdem sich der wirkliche Vater als herzlich 
ungeeignet dafür erwies. Von einer Spaltung in einen realen imd einen 
imaginären wußten wir erst jetzt. Wir werden gleich sehen, daß es 
dieses Umweges über den Luftvater bedurfte, um die fehlende Brücke 
zu dem wirklichen Vater herzustellen. Die Patientin springt schein- 
bar vom Thema ab, fährt aber auf einem weiten Umweg doch unmittel- 
bar auf das Ziel los. 

Ich arbeite gemeinsam mit einer weiblichen Gehilfin, die natür- 
lich die ihrer Stellung neben mir entsprechenden Affektüber- 
tragungen als Haß und Liebe mit allen Schwankungen auf sich zieht. 
Das erleichtert mir übrigens die Behandlung ungemein, weil dadurch 
nicht nur die Übertragungen des allen gemeinsamen Gefühls- 
dreiklanges: Vater, Mutter, Kind, selbst, sondern auch die Bisexualität 
aller Neurosen viel rascher und deutlicher zutage kommen und sich 
dem Kranken überzeugender ad oculos demonstrieren, als wenn ich 
allein arbeiten müßte. So wird meine Oberschwester zur Verkörperung 
aller Übertragungen des JMutterkomplexes. einschließlich seiner Ab- 
arten (Schwester, Freundin usw.), und hat die angenehme Aufgabe, 
in den zwischen Liebe, Homosexualität und Eifersucht um sie ständig 
hin und her brandenden Affekten die stets unpersönliche Oberin 
meines Hauses zu bleiben. 

All diese Phasen hatte unsere Kranke in fortwährendem Wechsel 
von positiven und negativen Vorzeichen wiederholt durchgemacht, 
und hieran knüpfen sich die folgenden Assoziationen: 

,,Tch habe mich oft gefragt: Woran erinnert mich nur die Ober- 
schwester? — Jetzt fällt es m-ir auf einmal ein. — Ich hatte eine Liebe 
zu einer Lehrerin. — Ich habe zwischen 13 und 14 Jahren überhaupt 
nur Mädchen geliebt, die aber wahnsinnig. (Ich weiß übrigens auch 
aus ihren anderen Lebensstufen von gelegenthch aufgetretenen 
[vgl. S. 599] wahnsinnigen Leidenschaften dieser Art.) Ich konnte mir 
damals gar nicht denken, daß man einen Mann lieb haben könnte." 

,,Nun schwärmte ich leidenschaftlich für eine Lehrerin. Als 
meine Mutter gestorben war, wünschte ich sehnlichst, daß mein Vater 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 595 

sie heiraten sollte, — Sie hatte selbst einen alten Vater in München, 
mit dem ich lange Zeit Briefe gewechselt habe, ohne ihn zu kennen. 
Ich suchte ja immer nach einem Vater, vor dem ich keine Angst hatte. — 
Wissen Sie, daher stammt auch meine Sucht, Ihnen immerfort 
Briefe zu schreiben; also auch das Übertragimg. War die Lehrerin 
bei ihm zu Besuch, so war ich wieder darauf eifersüchtig, daß sie 
einen Vater hatte. (Die Patientin bestand lange Zeit darauf, mich 
ihren Vater nennen zu dürfen, denn ich sei es im wahrsten Sinne des 
Wortes und ganz anders als ihr wirklicher Vater.) Genau so gönne 
ich es der Oberin nicht, wenn sie bei Ihnen ist und Ihre geistigen 
Interessen teilen darf. Aber andererseits gönne ich ihr doch auch alles 
wieder." 

,, Eines Tages schien es mir nun so, als ob die Lehrerin mit 
meinem Vater kokettiere, und obwohl ich vorher diese Heirat glühend 
gewünscht, wandelte sich mein Gefühl für sie in derselben Sekunde 
zu Haß, mid ich sorgte dafür, daß jeder Verkehr mit ihr abgebrochen 
wurde. Ist das nicht genau das Vorbild für das ewige Wechseln meiner 
Gefühle für die Oberin?" 

Bei dieser Gelegenheit gelang es mir, der Patientin den Cha- 
rakter der Gefühlseinstellung dem Vater gegenüber zum erstenmal 
zum Bewußtsein zu bringen. Wie Schuppen fiel es von ihren Angen; 
sie war endlich reif für diese Erkenntnis. ,,Ja, mein Gott, denken 
Sie nur, als ich 19 Jahre alt war, da hatte ich ja ganz deut- 
liche Empfindungen von dem, was Sie da andeuten. Wie 
konnte ich das nur so völlig vergessen! — Als mein Vater zum 
zweitenmal heiratete, konnte meine Stiefmutter nicht mit ihm reisen. 
Vater sagte scherzhaft zu mir: ,Dann mache ich meine Hochzeits- 
reise mit dir, mein Kind."' 

,,Da habe ich mir immer ausgemalt, wie das wäre, wenn ich die 
Frau von meinem Vater wäre. Und ich malte mir aus, wie man mich 
im Hotel als Frau anreden würde, wie ich in einem Zimmer und in 
einem Bett mit ihm liegen, und wie wir uns liebkosen würden. Mein 
Gott, und dabei war ich doch schon verlobt und habe doch auch an 
meinen Bräutigam gedacht ! — Ja, ja, Sie haben ganz recht, es läuft 
alles auf meinen Vater hinaus, auch die Eifersucht auf die Oberin." 

,, Übrigens hat sie auch denselben Vornamen wie meine Amme, 
die eigentlich meine erste Liebe war. Die habe ich so sehr lieb gehabt, 
— ■ meine Mutter war oft eifersüchtig auf sie. Wie ich sechs Jahre alt 
war, ging sie nach Amerika und hat dort geheiratet. Ich wollte 



596 J. Marcinowski. 

durchaus ausreißen und mit. Als wir um dieselbe Zeit an der See 
waren, war ich gar nicht zu beruhigen. Wenn ein Schiff vorbeifuhr, 
stand ich immer am Strand und rief, meine Auguste soll nicht mit 
dem fremden Mann reisen, sie soll wiederkommen." — 

,, Dabei fällt mir übrigens ein, daß ich ja schon mit 15 Jahren 
dort an der See mit dem Bruder meiner Stiefmutter zusammengewesen 
bin, der mir nachher den Anfall auf der Bergtour eingebrockt hat. 
Ich war ganz wild hinter ihm her, forderte Küsse von ihm und wollte 
immer mit ins Familienbad, ima mit ihm zusammen zu baden, und habe 
geheult vor Wut, daß ich das nicht durfte." 

,,Ach, und dann fällt mir noch eine andere Geschichte mit einem 
andern Onkel ein, der sieht Ihnen übrigens ähnlich. Und nun weiß 
ich auch, weshalb ich den auf der Straße nicht erkenne. Ich wiU nicht 
ihn sehen, sondern Sie^)." 

,, Anschließend an die Ausdrücke ,, Luftvater" und ,, Luftmutter" 
tmd das Leben in zwei Welten, möchte ich auf den Aufsatz von Freud 
.Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens', 
Jahrbuch III, 1, hinweisen, der in seiner äußerst zusammengedrängten 
Form, wie ich weiß, für viele in seiner großen, praktischen Bedeutung 
unverstanden bleibt. Gerade bei dieser Patientin bin ich zur Klarheit 
über den Inhalt der Arbeit gekommen und habe danach gelernt, wie 
sehr gerade diese Auffassung geeignet ist, den Patienten Klarheit über 
die Zusammenhänge des psychischen Geschehens zu geben. 

Daß die Neurotiker in ihrer Jugendzeit oft zu den ungewöhnlich 
phantastischen Kindern gehören, wissen wir. Das ist aber gleich- 
bedeutend mit dem ,,in einer Traumwelt leben", in einer Welt voll 
Luftschlösser und unwirklicher Gtebilde. ,,Mir waren meine Puppen 
wirkliche Kinder, und nie würde ich ein Spiel mit ihnen als solches 
getrieben haben, sie etwa am Tage schlafen gelegt haben, sondern 
mein Spiel mit ihnen war, daß ich mit ihnen lebte, so wie es Tag und 
Stunde erforderte," sagte unsere Patientin. 

Dazu gehören auch jene Kinderspiele, in denen die kleinen Dichter 
uns Rollen zuerteilen und sehr empört sind, wenn wir ihnen nicht 
genau entsprechen: ,,So, jetzt mußt du hereinkommen und mußt 

') Ich betone, daß diese Symptomauflösung vollkommen die eigene Leistung 
der Kranken ist, deshalb führe ich alles wortgetreu nach dem Stenogramm auf, 
sonst würde man diese I^eiatung wieder als Phantasieprodukt des Analytikers 
hinstellen. Die Natur aber arbeitet wirklich viel feiner und auch gelegentlich viel 
gewaltiger, als wir uns phantasiereich auszudrücken vermögen. 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 597 

das sagen und dann sage icli das und dann mußt 

du das sein und ich jenes usw. Grenau so verfahren sie als Erwachsene 
in ihren Übertragungen. Auch da sind sie ärgerlich, wenn die Wirk- 
lichkeit dem nicht entsprechen will, was sie ihr beziehungsweise uns 
als Rolle durch ihre Übertragungen zudiktiert hatten. In der Regression, 
mit der wir auf Enttäuschungen antworten, flüchten wir unmittelbar 
in das Traumland zurück, wir geben den Anschluß an die Realität 
auf, den wir so wie so nur höchst unvollkommen erreicht hatten. 

Ein Beispiel: Eine junge Frau klagt über ihre Reizbarkeit 
dem Manne gegenüber. Sie erkennt als Grund ihrer Unzufriedenheit 
ein Unbefriedigtsein, und als Grund des Unbefriedigtwerdens Diffe- 
renzen mit dem Idealbild, ihrem Luft manne — um mit unserer Kranken 
zu reden. Sie erkennt schließlich, daß sie für diesen Luftmann ein 
Modell hat, nämUch ihren Bruder. Aber auch mit diesem ist sie un- 
zufrieden, denn er hat nicht sie geheiratet, sondern ein Mädchen, das 
„natürlich" an Geistes- und Herzensbildung weit unter ihr steht. 

Sie kann sich in der Wirklichkeit nicht zurechtfinden, da sie 
in der gedichteten Welt ihrer Übertragungsmechanismen lebt. Noch 
einen Schritt weiter, und wir haben es mit Symptombildungen zu tun, 
die schon eine gewisse Wirklichkeitsabkehr bedeuten. 

Eine unwirsche Postkarte des Herrn imd Gebieters reizte eine ähn- 
liche Frau zu einer etwas kindlichen Empörung, in der sie Mann und 
Ehe als verfehlt betrachtete und zum Teufel wünschte. Ihre Re- 
gression führte sie dabei tatsächlich in die Kinderzeit zurück, in der 
sie ihre jetzige Ümgebimg und Freundschaft noch nicht kannte, und 
sie lebte auf einmal völlig in dem phantastischen Traumland, das 
ihr wunscherfüllend Lust gab, indem es sie die ungeliebte Gegen- 
wart vergessen ließ. 

Wie aber machte sie das? Sie produzierte drei Symptomgruppen: 
sie bekam mouches volantes, außerdem das Gefühl, sie könne nicht 
mehr hören, sie sei innerUch wie tot und müsse sich erst mit dem Ver- 
stände sagen, du hörst das und jenes, wenigstens mit dem äußeren 
Ohr, und drittens klagte sie, sie vergäße alle Namen. 

Bei näherem Zusehen betraf das den Namen des liebsten Frexmdes 
ihres Mannes, den ihres wichtigsten Lieferanten und den ihrer Pensious- 
freundin. Die Analyse ergab als Sinn dieses Trios folgende Gruppe 
von Redensarten: „Ihr könnt mir alle gestohlen werden, ich will von 
euch nichts mehr sehen (mouches volantes) und hören, ich will von 
euch nichts mehr wissen, ich kenne euch nicht.'" 



^"^ J. Marcinowski. 

Interessant an dem Fall ist, daß die Patientin noch so völlig 
unter der Herrschaft des „Lustprinzips" stand, wie Freud das nennt, 
d. h. so völlig nur in imaginären Vorstellungen von der Wirklichkeit, 
nicht in der Wirklichkeit selbst lebte, daß sie nicht einmal den An- 
schluß an die Realität der eigenen Geschlechtsorgane gefunden hatte. 
Trotz aller leidenschaftHchen Wildheit war sie frigid und behauptete 
mit vollem Recht, niemals onaniert zu haben. Und doch stand ihre 
ganze Lebensführung fortgesetzt unter dem Zeichen der Selbstbefriedi- 
gung. Sie hattß als Kind ihre Lust darin gefunden, dem Koitus der 
Eltern zu lauschen, und als Frau schwelgte sie erregt in unausgesetzter 
Romanlektüre, hatte aber niemals den Trieb verspürt, die Geschlechts- 
teile mit der Hand zu berühren, um die gedachte Lust in die Realität 
umzusetzen. Ihr Onanieersatz war tatsächlich ein rein psychischer 
Akt geblieben. 

Bei oberflächlicher Untersuchimg würde man diese Regression 
ins Lustprinzip und wahrscheinlich die ganze Frau als asexuell be- 
zeichnet haben, während der Fall nur beweist, daß wir ohne Kenntnis 
der analytischen Technik nicht zu untersuchen verstanden. — 

Kehren wir nun zu unserer Patientin zurück. Wir werden einen 
großen Teil der fixen Ideen — im Sinne Janets — die sie beherrschten, 
als unmittelbare Abkömmlinge ihrer „Luftideen" erkennen, in denen sie 
nach wie vor, ohne Rücksicht auf die Anforderungen der Wirklich- 
keit, leben wollte. Den Anschluß an diese gewann sie erst alhnählich, 
Stück für Stück, durch das klare Erkennen gerade dieser beiden Welten. 
Immer wieder machte sie den Versuch, sich innerhch von der Wirk- 
lichkeit abzukehren, als wenn sie in ihrem äußeren Menschen eine 
zweite Person wäre, die sich in dieser quasi Hülle umdrehen und 
von der Wirklichkeit abkehren könne, während der äußere Mensch — 
nun ohne innere Anteilnahme — mit der Nase auf die Wirklichkeit 
gerichtet stehen blieb. Und der Hauptinhalt ihrer spielerischen 
Lebensziele war, mit mir wie mit einer Puppe Vater zu spielen, 
Luftvater. 

Lange Zeit war die Patientin, wie wir bereits gehört haben, von 
dem leidenschaftlichen Wimsche beseelt, gesund zu werden, um dann 
— auch ein Grund ! — statt des ärztlichen, einen freundschaftlichen 
Verkehr mit mir zu haben, als dessen Höhepunkt sie sich das freund- 
schaftliche „Du" von meiner Seite zu erzwingen hoffte. Ihre wildesten 
Verzweiflungsausbrüche galten oft gerade unserm ablehnenden Ver- 
halten in dieser Richtung. Übrigens war auch diese Form der Affekt- 



Heilung eines schweren Falles von Astlima durch Psychoanalyse. 599 

Übertragung nicht ohne Vorgeschichte, deren Aufdecken zu gleicher 
Zeit eine Fülle gleichgeschlechtlicher Lustbeziehungen wachrief. 

Sie war als junges Mädchen in Pension gewesen, und zwar in 
einem Pfarrhaus. ,,Mit dem Pastor spielte ich Vater," — berichtete 
sie — „aber der war ein ungeeignetes Objekt hierfür," fügte sie im 
Hinblick auf meine höhere Qualifikation hinzu. „Auch ihn habe ich 
furchtbar um das Du gebeten. Wie es aber so weit war, mochte ich 
nicht mehr, weil er doch nicht der richtige war." 

„Für die Frau habe ich toll geschwärmt. Sie nahm mich 
oft zu sich ins Bett, und ich habe es sehr genossen und nannte sie Mutter. 
Später hatte ich dann doch einen gewissen Widerwillen gegen beide. 
Sie bat mich, ich würde später vieles verstehen, und ich möchte sie dann 
nicht verachten" (vgl. S. 555), 

„Dann hatte ich noch einen Schwärm, eine Frau von X. T)ie habe 
ich ebenso leidenschaftUch um das Du angefleht, und auch da hing 
meine ganze Seligkeit davon ab, just wie hier. Und schon aus der Schul- 
zeit weiß ich mich auf sehr angenehme Gefühle zu entsinnen, wenn 
der Lehrer sich einmal versprach und „Du" zu mir sagte. So wurde es 
für mich zur fixen Idee, das ,,Du" von Ihnen zu erreichen. Ich hatte 
meine ganze Vater- Sehnsucht auf Sie heraufgepackt, und ich hatte 
die Vorstellung, wenn Sie „Du" zu mir sagten, das wäre wie ein 
Schutz und eine Sicherheit für alle Zeiten für mich gewesen, und 
darum will ich es auch jetzt, noch nicht loslassen." 

Diese Vorstellung ist wichtig. Sicherheit suchen diese großen 
Kinder bei einem Vater, aus dem angstvollen Gefühl der eigenen 
Unsicherheit heraus, die dem wirklichkeitsabgekehrten Kinde inne- 
wohnt, das sich in der realen Welt nicht zurechtzufinden weiß. 

Hieran, d. h. an die Übertragung ihrer Liebe auf mich schlössen 
sich logisch wie eine Ergänzung eine Anzahl Einfälle, die sich auf die 
Ablehnung gegen ihren Mann bezogen. 

Als ihr klar wurde, was es bedeutet, und welche Bolle es auch 
jetzt noch für sie als Erwachsene spiele, daß sie ihre ganze Umgebung 
nicht im Lichte der Wirkhchkeit sah, sondern die einzelnen Menschen 
wie Statisten behandelte, denen sie die Rollen ihres Puppenspiels 
angedichtet hatte, da wurde ihr auch das Wesen der sogenannten Über- 
tragungen mit einem Male klar. 

Sie erkannte als die Quelle ihrer negativen Einstellung dem Ehe- 
mann gegenüber die alten eifersüchtigen Haßregungen ihrer Kinderzeit, 
die dem Bruder gegolten hatten. Die entsprechenden Assoziationen 

Jahrbuch für psychoanalyt. und psychopathol. Försehung*n, V. 89 



600 J. Marcinowski. 

lauteten: „Du willst keinen Mann haben, der im geringsten deinem 
Bruder ähnlich ist. Er ist mir viel zu waschlappig, hat zu wenig geistige 
Interessen. Ich bin die Stärkere und kann nicht zu ihm aufblicken." 

,,Und wieder habe ich nach dem alten Zwangs motiv handeln 
müssen: ich habe das nehmen müssen, was ich nicht haben 
wollte. Wie ich ihn kennen lernte, wußte ich schon: du nimmst dir 
doch wieder, was du nicht willst, das ist ganz wie bei meinen Kleidern. 
So bestrafte ich mich immer für meine Wünsche." 

In der nächsten Sitzung wurde dieser Zwangsmechanismus 
genauer ausgeführt. 

Im Anfang machte sich ein heftiger Widerstand geltend, sie 
könne es mir nicht sagen, vor allem, ,,weil ich mich dann vor ihr 
ekeln müsse". — Oberflächhche Hypnose machte ihr dann das 
Sprechen leichter. Unter Schluchzen und fortwährendem körperlichen 
Hin- und Herwinden kamen dann folgende Erinnerungen heraus, 
die ich in ihrer abgerissenen Wortfolge immittelbar wiedergebe. 

27. Protokoll in Hypnose: Warum ich immer das Gegenteil von 
meinen Wünschen tun muß. 

,,Ich habe als Kind (von 10 Jahren und früher) etwas tun müssen. 
Ich hatte etwas Ausfluß, habe abends im Bett den Finger hineingesteckt 
und es gegessen. Das war ein Opfer für die Jungfrau Maria. Auch an den 
Füßen harte Haut abgeschnitten und gegessen. Da wollte idi Leichen- 
extrakt schmecken. Auch den Schorf von wunden Beinen. Da faßte 
mich Mutter ab, sie sagte, das wäre fürchterlich, sie könne mich nicht 
mehr küssen, das täten die Schweine." 

„Da mußte ich es natürlich erst recht tun. Ich tue es auch 
jetzt noch, ich wollte das Gefühl davon haben, wie das ist, wenn ich meine 
eigene Leiche aufesse. Das Opfer mit der Jungfrau Maria ließ ich mit dem 
Augenblick, als ich unwohl wurde. Ich lag als Kind im Bett mit gefalteten 
Händen und betete zu Maria, sie möge mir das Opfer erlassen. Aber sie 
mußte es haben, und zwar mußte es ein runder Tropfen sein, sonst war 
es nicht vollständig." 

„Als Kind aus der Nase gegessen. — Es kann dir nie ein 
Mensch einen Kuß geben. — Kinder, die das getan haben, kommen in 
die Hölle. — Angst, — nun egal. Nachdem du es getan hast, ist ja doch alles 
egal — und habe es dann wieder tun müssen — also auch wieder das Gegen- 
teil von dem, was ich eigentlich w'oUte. — In die Hölle kommst du ja doch. 
Das ist auch jetzt noch so geblieben. Deswegen Reinigungszeremonieen, 
fortwährendes Zähneputzen und Waschen. — Vater sagte, ich könne nicht 
ordentlich küssen. Er wollte mir auf den Mund einen Kuß geben, und das 
wollte ich doch nun nicht, weil ich dachte, er würde sich ekeln müssen 
und mich dann nie mehr auf den Mund küssen. Ich versagte mir deshalb 



Heilang eiaes schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 601 

den Mundkuß. Icli habe es Ihnen nlclit gesagt (Widerstand), weil ich auch 
von Ihnen einen Kuß auf den Mund haben wollte." 

Besprechung dieses Materials imWachen. „Die Geschichte 
mit der Nase war das erste. Mir war das ein angenehmer Kitzel, den 
ich mir vor allem als einen heimlichen, verbotenen und unschönen 
Genuß verschaffen wollte. Damit verband ich die Vortsellung von 
Dimenhebe. Ich hatte schon als ganz kleines Mädchen davon gehört, 
daß mein Vater in Paris sehr viele Liebschaften gehabt hatte. Das 
lüsterne Moment liegt in dem Auskauen imd Herunterschlucken. 
Das mußte ich als Kennzeichen meines innem Schmutzes geheimhalten. 
Wegen beider würde man mir sonst keinen Kuß geben können. Aus 
dem Vergleich mit den anderen Geschichten, mit dem Ausfluß wird 
mir klar, daß auch diese Nasengeschichte als verbotener Genuß eine 
symbolische Ersatzvorstellung für unerlaubten Koitus bedeutet. Ich 
habe ja eine ganze Fülle von solchen Brsatzhandlungen. So gut wie ich 
mit den Geschlechtsteilen der kleinen Eönder gespielt habe*), bis 
ich deren Erregung hervorrief, habe ich ihnen ja auch mit Nadeln die 
pulsierende Fontanelle durchbohren wollen. Ich habe durchaus das 
Grefühl, daß dies ein symbolischer Sexualakt ist. Ich fühle das nicht nur 
an der eigenen Lustbetonimg dabei, sondern ich habe ja auch den 
Beweis dafür in der Hand durch die Analyse ähnlicher Zwangsvor- 
stellungen, wie des Triebes, mir Begegnenden Löcher in die Kleider zu 
schneiden, und auch vor allem durch die unverhüllten Träume, die sich 
an diese Zwangsvorstellung angeknüpft haben." 

Eine kurze Schilderung davon habe ich in meinem Buche ,,Der 
Mut zu sich selbst" auf Seite 136 gegeben. Der Traum, der hierüber 
Klarheit brachte, ist so un verhüllt, daß er keiner Anal3^e weiter bedarf. 
Er lautete folgendermaßen: ,,Ich war mit Herrrn N. im Park und hatte 
ihn rücklings an einer Bank festgebunden. Dann schnitt ich ihm in den 
Rock ein rundes Loch, holte mir aus dem G«büsch eine Gerte, die band 
ich mir so an den Leib, daß sie wie ein männliches Glied aus dem Körper 
hervorragte. Damit vollzog ich in das geschnittene Loch einen Ge- 
schlechtsakt. Ich hatte aber nicht bloß durch die Kleider geschnitten, 
sondern auch tief in das Fleisch hinein". (Kommentar ist wohl über- 
flüssig.) 



') Erotische Spielereien an den Kindern hat sie im Laufe der Zeit in großer 
Pülle gebeichtet. So hat sie z. B. die Kinder zusammen in ein Tuch gewiekelt 
und so zum Baden getragen und dabei gedacht, die Geschlechtsteile müßten 
sich berühren, da sie doch Junge und Mädel waren usw. 

39* 



602 J. Marcinowski. 

Ein andermal wurde ich des Nachts zu ihr gerufen. Ich fand 
sie mit einer stark blutenden Fleischwunde in der Blinddarmgegend 
im Bett, und sie gestand mir, sie habe erst mit der Nagelschere und dann 
mit einem Messer sich allmählich diese Wunde beigebracht und mit dem 
Messer darin herumgewühlt. Wie sie in die Tiefe gekommen sei, habe 
sie ein starkes Wollustgefühl gehabt, dabei Angst bekommen und nach 
mir geklingelt. 

Auch hier ist eine nähere Erklärung wohl überflüssig. Ich habe 
sie in dem erwähnten Buche auch in dem Abschnitt, Seite 254 ff. 
gegeben, indem ich diesen, quasi an sich selbst vorgenommenen Lust- 
mordversuch, als ein mißverständliches Wörtlichnehmen sym- 
bolischer Traumphantasieen hinstellte. 

Aber wer nun einmal die Messer- und Wimdensymbolik durchaus 
nicht als erotisch gelten lassen will, dem werden die Augen doch wohl 
geöffnet werden, wenn ich als Beichte der Patientin folgendes hinzu- 
füge. 

In dem Zimmer neben ihr wohnte eine Patientin, auf die sie 
eifersüchtig war, vermutlich weil die beiden sich in ihren hysterischen 
Zügen instinktsicherer gegenseitig zu durchschauen vermochten, als es 
selbst dem gewiegten Analytiker gelingt. Die Patientin war um ihre 
Abendvisite gekommen, weil ich bei dieser Nachbarin noch eine gy- 
näkologische Untersuchung hatte vornehmen müssen. Die Vorstellung 
hiervon habe sie so wahnsinnig erregt und verfolgt, daß sie sich in der 
Nacht diesen symbolischen Geschlechtsakt leistete (vgl. 8. 544). 

Übrigens war ihr die Wollust einer Wunde nichts Neues. Sie 
hatte vor Jahren, angeblich zum Zwecke der Selbstvemichtung, eine 
schwere Milchdrüsenentzündung im Wochenbett hervorgerufen, indem 
sie Schmutz von den Nägeln und Ähnliches in die Schrunden der 
Brustwarzen hineinbrachte, bis dann die Infektion glücklich zustande 
kam. Die tiefen Schnitte, die dabei notwendig wurden, waren ihr auch 
am Grunde der Operations wunde wollustbetont (S. 544). Eine Fülle von 
ähnlichen Symptomen pseudokörperlicher Natur, die sich alle als 
psychosexuelle Parallelismen auflösen ließen, übergehe ich als zu weit 
vom Asthmathema abführend. 

Also das eine steht hiermit wohl jedenfalls fest, den Versuch, 
den Säugling in die Fontanelle zu stechen, dürfen wir fraglos 
als einen symbolisierten Geschlechtsakt auffassen. Das 
Aufdecken dieses Zusammenhanges hatte übrigens eine ausgesprochen 
befreiende Wirkung. — :,Ich will also nicht das Kind umbringen, 



Heilung eines scbweicu Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 603 

sondern meine Sexuaüust befriedigen! Das freut mich sehr, 
das zu wissen. Bei einer solchen Lustmordphantasie Hegt mir also 
am Beseitigen des Kindes gar nichts." 

Hier muß ich den Gang der Darstellung noch einmal unterbrechen. 
Während ich dies niederschreibe, erhielt ich folgenden Brief, den ich 
im 'Wortlaut wiedergebe: 

,,Meiu lieber Doktor! Ein Erlebnis mit meinem Mädel zwingt mich, 
meine eigenen Angelegenheiten erst mal in den Hintergrund treten zu 
lassen und Ihren Rat zu erbitten. Die Situation ist kurz folgende: Marie 
und Hans sind in der Küche. Ich höre Hans schreien: , Mutter, Mutter. 
Marieclien schneidet mir den Hals ab'. ~ Ich laufe hin; da steht das Mädel, 
mit der linken Hand den Kopf ihres Bruders fest umspannend, in der 
rechten Hand ein großes Küchenmesser, das sie eben ansetzen wollte. 

Ich bringe die beiden auseinander. Marie, dunkelrot, verlegen, sagt: 
.Ich hab ihn bloß mal schlachten wollen. Ich hatt' ihn nämlich gefangen 
und nun wollt ich ihn totmachen'. — Nachher nahm ich Marie allein vor. 
,Sag mal, Kind, was hast du da denn eigentlich mit Hans machen wollen?' 
— ,Na ganz einfach, den Hals abschneiden.' — , Ja. aber was hast du denn 
dabei gedacht? Du weißt doch, daß du Hans mit dem Messer sehr weh 
getan hättest. Komm, erzähl mir mal, was du da alles gedacht hast'." 

Marie: .,Ja weißt du, ich wollt'n nämlich gern mal so furchtbar 
doli schreien hören; ich wollt mal sehen, wie doli er schreien kann". 

Ich: „Na, Mädel, du weißt doch, wenn man jemand den Hals ab- 
geschnitten hat, dann kann er doch nicht mehr schreien." 

Marie: ,.Ja, ich wollt ja grad mal sehen, wie das ist, wenn er dann 
gestorben wäre. Und dann wollt ich gern mal sein Blut sehen und über- 
haupt mal reingucken in Hans. Hinterher hätt" ich ihm dann wieder 
geholfen und hätte seineu Kopf dann wieder aufgeleimt, und wenn Georg 
(der Neugeborene) erst ein bißchen größer ist, dann versuch ich das mit 
dem auch. Jetzt ist er mir noch ein bißchen zu klein, aber später tu ich 
es sanz bestimmt, Mutter." 

Plötzlich schlingt sie sich einen Bindfaden, den sie in der Hand 
hielt, wie eine Schünge um den Hals, macht die Bewegung des Zuziehens 
und sagt:,, Sieh mal, Mutter, so kann man das nämlich auch machen. Da 
brauche ich bloß fest zuzuziehen und schwupp, ist der Hans tot." 

Ich versuchte ihr klarzumachen, daß sie das niemals probieren 
dürfe, imd sagte zuletzt: ..Denk mal Mariechen, wie Mutter dann traurig 
wäre, wenn sie keinen Haus mehr hätte." Darauf das Mädel, mit der «iiöüten 
Selbstverständlichkeit: „Warum denn, du hast doch Georg und mich." — 
Dann sagte sie noch: ,,Ich werde es jetzt nicht mehr tun. wenn Hans es 
nicht mag. Wenn er es aber selbst so furchtbar gern will, dann tu ich es 
doch noch mal." — Und dann plötzlich ganz unvermittelt nach längerer 
Pause und ohne daß ich eine diesbezügliche Frage getan hätte: 
..Weißt du, Mutter, eiorentlich wollte ich Hans nur ganz doli iioh 



604 J. Marcinowski. 

liaben(!), als ich iTim den Hals abschneiden wollte, tot woUte ich ihn 
nicht machen." (Die Kinder waren 4 oder 5 Jahre alt.) 

Ich: „Ja, Marie, das glaub ich auch, daß du das wolltest, aber dazu 
mußt du kein Messer nehmen. Du kannst ihn doch vernünftig lieb haben 
und ilun einen Kuß geben." 

Marie: „Doch, Mutter, mit einem Messer kann man gxad so!! 
schön lieb haben." 

Als ich abends zn ihr ans Bettchen komme, um ihr Gute Nacht zu sagen, 
bemerke ich unter der Decke versteckt den dicken Bindfaden. Ich will 
ihn fortnehmen, aber sie sagt: „Ach, Mutter, der Bindfaden soll bei mir 
schlafen, den brauche ich." Ich sah es ihrem Gesicht an und bin fest über- 
zeugt davon, daß sie nochmals in der Stille probieren wollte, ob es geht 
mit dem Zusammenziehen. 

Was sagen Sie zu dem allen, lieber Doktor? Mich hat es sehr erregt 
imd auch mein Mann war ziemlich außer sich. Er meint, daß in diesem 
Falle doch eine Tracht Prügel am wirksamsten sei, denn so etwas dürfe 
doch auf keinen Fall wieder vorkommen. 

Ich halte das für verkehrt, denn dadurch würde ich mir ja für das 
nächste Mal den Einblick in ihr inneres Leben versperren. Heut hat sie 
mir noch alles ganz harmlos erzählt, was in ihr vorgeht. Aber was tun? 
Ich habe meinem Mann gesagt, daß ich Sie um Rat fragen wolle. Sie glauben 
ja nicht, wie rasend schwer das ist, im gegebenen Augenblick dem Kind 
das Richtige zu sagen. 

Mein Mann machte mich darauf aufmerksam, daß ich mcht nur 
an Marie, sondern auch an Hans denken müsse, auf den das doch unter 
Umständen einen mindestens ebenso starken Eindruck mache. Ich habe 
Marie heute gar nicht gestraft, aus dem Grunde, verhüten zu wollen, daß 
die Sache zu einer Schuldidee bei ihr anwächst. Aber ganz richtig habe 
ich mich sicher auch nicht benommen. Ich habe das Gefühl, dieser Situ- 
ation nicht gewachsen gewesen zu sein. Mindestens dreimal hat sie mir 
wiederholt, daß sie ganz bestimmt bei Georg dasselbe täte, wenn er erst 
ein bißchen größer sei. 

Was würden Sie in diesem Fall mit dem Kind machen? und ist es 
nicht ganz unglaublich, daß die ganze Sache überhaupt vorgekommen ist?" 

Es handelt sich hier um dieselbe kleine Patientin von 5 Jahren, 
deren analytische Behandlung ich auf Seite 212 meines Buches „Der Mut 
zu sich selbst" berichtet habe. Es ist zu gleicher Zeit sehr interessant, 
daß das Kind der Patientin zu so außerordentlich ähnlichen Brkran- 
kungsformen greift wie die Mutter. Ich werde später wohl noch einmal 
über die Entwicklung dieses Kindes im Zusammenhange berichten 
können. 

Was mir aus dem ganzen Vorkommnis das wichtigste dünkt, 
ist der unmittelbare Beweis für die Liebessymbolik des 
Messers, mit dem sich die Kleine gleich der Mutter (vgl. den Traum 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse, 605 

von der vorgebundenen. Grerte) zum Manne allegorisierte. Soweit 
ich sehen kann, steht diese Beobachtnug zunächst einzig da und be- 
deutet eine Tatsache, um die auch der ungläubigste imserer Gregner 
nicht mehr herumkommen kann. — 

Knüpfen wir nun den Faden in der Analyse wieder dort an, wo 
ich ihn zum Zwecke dieser wichtigen Einschiebungen unterbrechen 
mußte. Die Patientin erklärte genauer, sie äße nicht den Schleim 
aua der Nase, vor dem ekle sie sich, sondern nur die festen Stücke, 
denn der Schleim sei das Weibliche (!), das andere das Männliche, 
und Ekel sei bei ihr immer da, wo sie an gleichgeschlechtliche Dinge 
käme. 

Sie hätte mir das schon immer sagen wollen, aber da sie auch von 
mir geküßt werden wollte, wie früher als Kind von ihrem Vater, so 
habe sie das aus Angst unterlassen. Jetzt aber habe sie es mir gesagt, 
gleichsam um es von mir als einen Liebesbeweis zu erlangen, daß ich 
mich trotzdem vor ihr nicht ekele. Sie denke dabei an Märchen, wie 
das von dem Frosehkönig, wo auch in dem Kuß und in der Überwindung 
des Ekels die Erlösung und der Liebesbeweis lag. 

Das Opfer an die Jungfrau Maria sei gewisserwaßen die gleich- 
geschlechtliche Ergänzung zu der Nasensache. Sie wollte doch auch 
gern kathohsch sein wie ihr Vater. Sie wollte durch ihr Opfer gut- 
machen, was ihr Vater gesündigt. Der ging nicht in die Kirche, der 
hat den Pfaffen hinausgeworfen und hinter ihm her geflucht. Nun 
habe sie Angst, er käme in die Hölle, darum nun wolle sie ihr ein 
Opfer bringen. 

Sie habe sich durch die Erzählung von des Vaters Liebschaften 
für die Mutter beleidigt gefühlt (Identifikationsrolle), obwohl ihr diese 
Geschichte starke Lust erregte. Sie fühle sich mit geschändet. Etwas 
unverständlich fährt sie fort: diese Handlung sei nicht nur ein Opfer, 
sie sei ein Zwang, ein Tribut, den sie der Jungfrau Maria zahlen 
müßte, sei sozusagen Milch, die sie trinken mußte. Als Jungfrau habe 
sie doch keine Milch und müsse deshalb zu dem Scheidensekret greifen. 

Aus diesem mystischen Durcheinander ergibt sich zunächst 
die Berechtigung von Stekels sogenannter symbolischer Gleichung, 
die alle möglichen Sekrete des Körpers, also auch Milch und Nasen- 
schleim den Sexualsekreten gleichsetzt. 

Eine spätere Ergänzung lautet dann klar imd entschieden dahin, 
ihr Pinger, mit dem sie in die eigene Scheide getaucht sei, wäre ihr 
bei diesen erotischen Spielereien zum männlichen Gliede geworden, 

T 9 



606 



J. Marcinowski. 



und der Tropfen, der daran hing, zum männlichen Samen. Der volle 
runde Tropfen erinnere sie an Ei usw. Demnach stellt dieses Opfer 
an die Jungfrau Maria die Verschiebung einer Koitus-Nachahmung 
von unten nach oben zum Munde dar, eine Verschiebung, die 
wir hier gleichsam in flagranti ertappen. 

Diese ganzen Beobachtungen zeichnen sich wie gesagt immer 
wieder dadurch aus, daß sie Vorgänge, die wir sonst nur logisch 
erschließen, zur unmittelbaren Beobachtung bringen, und dadurch 
Sätze, welche die Psychoanalyse aufgedeckt hat, mit geradezu un- 
widerleghcher Beweiskraft stützen. — 

In der nächsten Sitzung wurde die Opferungsidee weiter ver- 
folgt. Die Patientin beginnt damit, daß sie der Jungfrau Maria ihre 
Unschuld geopfert habe. Was die freilich für ein Interesse daran haben 
sollte, wußte mir die Patientin nicht anzugeben. Aber sie selbst hatte 
ein sehr bedeutendes daran, denn sie wußte, daß es etwas Unanständiges 
war, was sie da tat: „Als Opfer aber mußte ich so handeln und dann 
war ich entschuldigt." 

Hierzu möchte ich bemerken, daß man sich eben niemals be- 
gnügen darf, das bloße ,,was" der krankhaften Erscheinungen festzu- 
stellen, ohne ebenfalls das ,,wie" und vor allem das ,, warum" heraus- 
zuholen. Aber wirkhch befreiende Klarheit werden wir immer erst 
dann für den Patienten schaffen, wenn wir ihm aus seinen eigenen 
Assoziationen heraus aufzudecken vermögen, wozu ihm die Er- 
scheinung diente; dann erst sind wir an der eigentlichen Wurzel 
angelangt. Erst wenn wir das glühende Interesse des Patienten 
am Symptom festgestellt haben, sein egozentrisches Lustverlangen 
an den Schöpfungen der Neurose, erst dann dürfen wir wirklich auf 
einen therapeutischen Erfolg rechnen und in der Analyse auf eine 
Symptomauflösung. — 

Die Patientin fährt in einer leichten Hypnose fort: „Opferungs- 
idee? — Mein Vater hat ihr (der Jungfrau Maria) die Liebe entzogen 
und anderen Weibern gegeben. Ich muß das wieder gutmachen und 
ihr meine Liebe und die des Vaters opfern. Ich bin ihr da mein Vater, 
tue es ja für ihn. Mein Finger ist das Glied, damit hole ich unter starker 
Lust aus der Geschlechtlichkeit den Samen, der dann als voUer Tropfen 
an der Spitze des Gliedes hängt, und bringe ihn der Jungfrau dar — 
und nun bin ich auch die Jungfrau — der Vater hatte sich ja 
auch von mir abgewendet — und ich genieße nun den Tropfen als 
Maria." 



Heilung- eines schweren Falles von Asflima durch Psychoanalyse. 607 

„So bringe ich ihr Liebe, die ihr gebührt, und die ihr vom 
Vater nicht gegeben war — oder m i r, die ich meinem Vater gehören 
will. Ich spielte mit verteilten Rollen an mir selber. Das Opfern- 
müsseii der Unschuld ist nur eine Entschuldigung für deren Verlust." — 

Zur Nasensache fällt ihr dann noch ein, daß sie auch eine aus- 
gesprochene Stuhlentleerung s hl st gehabt habe, lange saß und 
preßte oder auch zurückhielt, um den Genuß zu verlängern. Auch die 
Geruchsempfindungen dabei wurden ihr so mit Lust verankert. 

Während ich dies niederschreibe, drängt sich mir dabei immer 
wieder die Vorstellung auf, ein wie liebenswürdiges und persönlich 
anziehendes Geschöpf diese Frau im Leben ist. Kein Mensch aus 
ihrer Umgebung hat ihr jemals etwas so Unschönes zugetraut. Sie 
ist eine der liebenswürdigsten Wirtinnen, und ich muß das immer wieder 
betonen, weil man sonst aus dieser Krankengeschichte herauslesen 
könnte, daß wir es mit einem allgemein anerkannten Scheusal zu tun 
haben. 

Aber gerade das ist mir wichtig festzunagehi, daß solche und 
ähnliche Vorstellungen auch in denen wohnen, für die selbst ihre 
nächsten Angehörigen einschheßlich der Eltern die Hand ins Feuer 
legen Avürden, nur daß bei dem leicht hypomanischen Charakter dieser 
Frau die Symptome in der Analyse leichter zugänglich waren, als 
bei anderen Fällen , wo ganz dieselben Vorstellungen unter dem Druck 
einei- gewaltigen moralischen Verurteilung bis zur Unkenntüchkeit 
verdrängt werden. 

Allerdings, da sind noch wesentliche Unterschiede zu verzeichnen. 
Die Analyse zerstört alle illusionären Bestandteile des Wesens und 
läßt nur die echten übrig. Aber obwohl diese im Grunde oft so un- 
heimlich gleich aussehen, so wirkt ihr Klarlegen auf den Beschauer 
doch außerordentlich verschieden, je nachdem wir es mit einem niederen 
oder einem biologisch höher stehenden Typus Mensch zu tun hal)en. 
Der eine sinkt dabei vor unseren Vugen auf eine primitive Stufe 
herab, trotz aller Katharsis, der andere gewinnt von Stunde zu 
Stunde immer feinere und wertvollere Züge, wirkt säuberet mit 
einem Wort. 

Nun zurück zu der Opferungsidee. Auch der Stuhlgang war 
ein Opfer, sagte sie. ,,Nun hab ich mein Opfer für diesen Tag gebracht, 
so spreche ich in Gedanken auch jetzt noch; aber ich glaube, ich war 
höchstens drei Jahre alt, als ich diesen Gedanken faßte. — Lust und 
Opfer liegen bei mir überhaupt dicht nebeneinander." 



608 J. Marcinowski. 

,,Das kommt wohl auch von jener .Opferhandlung' her, die man 
im vierten Jahre an mir auf dem Klosett vornahm. Wir waren zu- 
sammen vier Mädels und drei Jungens, ich die kleinste. Ich wollte 
mit den größeren spielen, die wollten aber nicht, die hatten einen Bund, 
und ich wäre zu dumm dazu; denn um in den Bimd hineinzukommen, 
müsse ich ein Opfer bringen." 

,,Da führten mich die beiden Kusinen ins Klosett, ich mußte 
mir die Hosen aufmachen, mich umdrehen und bücken. Ich durfte 
nicht hinsehen, was sie machten. Ich fühlte aber, daß man mir eine 
Eute in den After schob imd mich damit kitzelte, ebenso auch vorne, 
etwa zehn Minuten lang. — Ich kann nicht mehr stehen, sagte ich 
schießüch. Ja das ,Opfer' ist aber noch nicht fertig, war die Antwort." 

,,Das hat sich öfter wiederholt. Ich weiß, daß ich einmal un- 
mittelbar davon Stuhl entleeren mußte; daher die Verbindung von 
Stuhl und Opfer. — Das stimmt auch, denn bei einem Opfer muß 
man etwas hergeben. , Jetzt wäre es erst richtig ein Opfer,' sagten 
die anderen." 

,,Dann habe ich bei den anderen das gleiche machen müssen, 
sie kommandierten wie ich es machen sollte. — Die ausgesprochene 
Stuhllust datiert wohl erst daher. Dann gaben wir uns auch Schläge 
mit der Kute auf den bloßen Popo, da waren Jungens mit dabei. 
Die Spiele waren schon so eingerichtet, daß oft Gelegenheit zum Schlagen 
war. Bewußtes Lustgefühl habe ich dabei deutlich gehabt." 

Nachdem wir bis zu diesen Schichten vorgedrimgen waren, 
trat in den folgenden Sitzimgen ein starkes, fast jubelndes Befreiungs- 
gefühl auf, und zwar knüpfte sich dies bezeichnenderweise daran, 
daß ihr nun endlich nach alledem ein bewußtes Erinnern an die ero- 
tischen Beziehungen zum Vater aufwachte. 

Man wird sich erinnern, daß sie eigentlich schlecht mit ihrem 
Vater stand, sie hatte ja an Stelle dessen ihren Lustgewinn aus der 
Vorstellung des Luftvaters gezogen. Deshalb wollte es ihr so gar nicht 
einleuchten, daß unmittelbare Liebesbeziehimgen zwischen ihr imd 
dem realen Vater bestanden haben sollten. Nim waren ja auch sonst 
starke Befreiungsgefühle nach dem Abreagieren des einen oder andern 
Komplexes zu verzeichnen gewesen. Aber es war mir eine sehr lehr- 
reiche Beobachtimg, die Nachhaltigkeit dieses Heilungs Vorganges 
mit der flüchtigen Dauer zu vergleichen, die er bei weniger wichtigen 
und weniger tiefliegenden Komplexen hatte. Das sprach sich auch 
in dem subjektiven Empfinden der Patientin deutlich aus, was selbst- 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 609 

verständlicli nicht ausschloß, daß sie gelegentlich die als wirksam er- 
kannte Waffe des Krankseins als Mittel zu egoistischen Zwecken aus- 
zunutzen versuchte und daher auf alte Symptome zurückgriff. Das 
machen unsere Neurotiker ja alle von Zeit zu Zeit. 

Es folgte zunächst ein Nachtrag zu dem Worte: Leicheu- 
extrakt (vgl. S. 545): „Ich will meine eigene Leiche aufessen, 
d. i. abgestorbene Haut und totes Fleisch, weil kein Gefühl mehr 
darin ist, also am eigenen Körper Abgestorbenes, also die eigene Leiche. 
Ich aß übrigens nicht die Haut selbst, sondern schluckte nur das Aus- 
gekaute herunter, nur das Salzige daran, wie bei der Nasensache. 
Nur das war lustbetont und die Kaubewegung selber. Dabei denke 
ich an die jüdische Beschneidung." (Bleibt zunächst unaufgeklärt.) 

,,Wir verglichen es als Kinder mit Beefsteak mid ich hatte auch 
beim Roastbeef deshalb das Gefühl, daß ich eine Leiche äße." — Ich 
fragte, warum sie das eigentlich getan habe? — Sie antwortete: ,,Es 
war ein heimHcher Genuß. Es war wie ein verbotenes Eindringen(?). — 
wie soll ich das ausdrücken? Es ist mir eine Wonne, das zu essen. 
Es ist wie die Dienstmädchengeschichten, z. B. wenn mein Bruder 
ein Mädchen verführt. Ich möchte auch am liebsten eine Dirne sein. 
Dirnen sind übrigens oft krank. Man nennt sie lebendige Leichen oder 
Leichen auf Urlaub." 

„Als mir die Geschichte verboten wurde, kam der Zwang dazu 
noch viel stärker über mich. Der gehört eben auch mit zur Opferidee. 
Opfer nannte ich alles, was sich von meinem Körper loslöste. Erst 
wollte ich nur einmal sehen, wieweit man abgestorben ist. Das war 
zunächst eine Neugierde. Dann wollte ich versuchen, wie es schmeckt; 
das war außerdem so gruselig und, weil es sicher etwas Verbotenes 
war, doppelt reizvoll." 

„Dann fällt mir weiter ein, daß mir das Kalb immer als weiblich 
galt, das Roastbeef aber als männlich. Wir sagten immer gebeeftes 
Roß statt Pferd, und zwar für männliche Pferde; Stuten waren mir 
nicht interessant. Stute und WaUach galten mir nicht als voll, nur 
den Hengst erkannte ich an. — Es ist feige, wenn man sich eine Stute 
oder einen Wallach kauft. — Mein Vetter Hermann sagte immer: 
gebeeftes Roß, an den habe ich bei der Geschichte gedacht." 

„Er hatte meinen Bruder aufgeklärt. Ich erfuhr aber nicht, was 

er gesagt hatte, nur daß es ,, etwas Scheußliches" gewesen sei. Was 

mag so scheußlich sein? Diese Frage verfolgte mich damals. Was 

soll scheußlich sein? Da erfand ich die Geschichte mit dem Leiche n- 

3 9 #- 



ÖIO J. Marcinowski. 

extrakt, und dadurch wurde sie von vornherein ein Koitussymbol — 
sicher sogar." 

„Die Kaubewegung war ja so lustbetont, und der Extrakt ist 
wie männhcher Samen. Der Fuß ist ein Glied, die Haut am Glied ab- 
schneiden war Beschneidung, — Ich habe es auch von der Hand ge- 
nommen und da mit den Zähnen herausgebissen. Das war auch sehr 
lustbetont. Ich habe auch Nägel gekaut mit derselben Lust. Das ist 
mir alles dasselbe, das war auch Extrakt, was da herauskam. Harte 
Haut kauen, war mir Ersatz für Nägelkauen. Das ließ ich, weil man 
bitteres Zeug daraufgeschmiert hatte. Da ließ ich es und tat etwas, 
was man nicht so merken konnte. Außerdem, es schmeckte ja ebenso." 

Die Ausführung und den Sinn des Beschneidungsritus hatte 
sie angeblich vergessen, das Aussaugen des Blutes wußte sie aber. 
Später sagte sie: ,,Ich vergaß es, weil es so eklig war, eigentlich 
mehr lüstern als eklig. (Man muß eben hinter jeder ausgesprochen 
affekt betonten Unlust die verdrängte Lust aufzufinden trachten. 
,,Das ist also tatsächlich wie ein Opfer der Beschneidung, was ich da 
mache. Der Extrakt ist wie das Blut. Blut ist für mich aber das Symbol 
für geschlechtliche Vermischung. [Vgl. Theorien von der Bluts- 
brüderschaft.i)] 

,, Hermann war die Leiche auf Urlaub, mein Vater nannte ihn 
so, er sähe immer so blaß aus. Daher die Leiche." 

,. Hermann ist der Bruder von den beiden Cousinen, von denen 
ich erzählte (Opferszenen auf dem Klosett). Sie verkörpern mir zu- 
sammen alles Wilde, Tierische und Ungezügelte. Ich wollte das Wilde 
genießen und Teil daran haben. Ich beneidete sie, daß sie tun und 
lassen konnten, was sie wollten. Ich wollte mir etwas , Scheußliches' 
verschaffen, was mir die beiden Jungens nicht sagten. So kam ich 
statt auf das Richtige auf einen symbolischen Ersatz." 



') Vgl. den „Mut zu sich selbst" Kap. X : Kindliclie Sexualtbeoi ien, 
Seite 233, AJjsatz 3. 

Eine andere Patientin hatte eine sehr niedliche Theorie von der Zeugung, 
die sie auf den Begrift' der Blutsverwandtschaft und Blutsbrüderschaft zurück- 
führte. Auf Grund dieser Worte war sie zu der Vorstellung gelangt, daß die 
Sch^¥änge^nng dadurch zustande käme, daß das Blut des Mannes irgendwie in 
das Blut der Frau hineingelauge. In der Brautnacht brächten sich beide also 
Wunden bei und mischten ihr Blut ähnlich wie bei den Zeremonien der Bluts- 
brüderschaftbund, und die Wunde des Mädchens fauge das Blut des Mannes 
gewissermaßen in sich auf. 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. öll 

„Einmal fragte ich, ob mein Bruder auch im wohl würde. Nein, 
er hätte etwas anderes. Was? Das erfuhr ich alles nicht. Ich brachte 
es nun in Verbindung mit dem, was Hermann ihm gesagt habe. So 
kam ich darauf, das zu probieren. Etwas Schöneres und Scheuß- 
licheres zugleich konnte ich mir nicht denken. Das ist doch also 
ganz deutlich, daß es ein symbolischer Ersatz für den Geschlechts- 
akt ist." 

,,Ich spucke die Haut wieder aus, wenn sie ausgesogen ist, denn 
dann ist sie wertlos geworden, haben will ich nur den Extrakt und die 
Kaubewegung — die ist übrigens doch ganz ähnlich wie die Bewegung 
der Scheide beim Beischlaf." — 

,,Ich habe auch meinen Urin gekostet. — Irgend jemand 
hat mir erzählt, wenn Menschen ganz krank sind und gar nichts mehr 
hülfe, dann bekämen sie das als Medizin. Ich versuchte es, und es 
schmeckte salzig, also ganz ähnlich. — Es war auch in seiner Arznei- 
bedeutung etwas wie Extrakt. Ich war wohl zwölf Jahre alt. Die 
Schwester meiner Mutter habe es bekommen, ehe sie starb, als letztes. — 
Sie war nierenkrank. — Ich glaube das auch jetzt noch ganz fest. — 
Es ist auch Leichenextrakt, d. h. Extrakt für Leichen. Wasser aus 
dem Bein, aus der Geschwulst, auch = Urin, Geschwulstwasser = 
Urin, und Urin — Samenausfluß, alles dasselbe, wie bei Stekel. Ich 
habe die üntersuchungsgläser gesehen und dachte dabei, das werde 
als Medizin gesammelt." 

,,Es ist doch eigentümlich" — fährt sie fort — ,,wie so oft die 
Menschen alte Volksmittel neu erfinden; die Symbolik erscheint mir 
hier als gemeinsame Quelle dafür. — Ich woUte es kosten vom 
Vater. Als der nierenkrank wurde, wollte ich es von ihm haben. Ich 
wollte immer an solche Gläschen herankommen. Damit sind wir wieder 
bei den Begehrimgsvorstellungen meinem Vater gegenüber, denn das 
ist doch ein Ersatz für den männlichen Samen, eine Harn- 
röhre mit Inhalt. Ich war damals 13 Jahre. Vater war krank, 
ich kam ans Bett und sah zufällig, daß er unter dem Hemd einen 
Gürtel (Bruchband) um hatte. Da habe ich mir lange unglaubliche 
Gedanken gemacht. Er sei wahrscheinlich unwohl, läge deshalb im 
Bett, hätte einen Unwohlgürtel um. Nun stellte ich mir vor, wie er 
gebaut sein könne, denn er sei doch voll im Leibe^) und dabei wußte 
ich doch, er sei auch ein Mann und habe ein Glied." 



') Vgl. Traum 13, vom großen Vogel mit dem dicken Bauch. (S. 557.) 



612 J. Marcinowski. 

„Er war nierenleidend, mußte sehr oft Urin lassen. Auf Spazier- 
gängen belauschte ich ihn, wenn er „Blaubeeren" suchen ging, wie 
er sagte. Das erregte mich auch sehr und beschäftigte mich." 

„Das Riechen müssen stammt auch vom Vater her. Er riecht 
an allen Sachen, Gläsern, Gabeln, Mundtuch. Ich ahmte das nach. 
Ich mußte ja doch alles dasselbe haben wie er^). Beim Essen 
dasselbe Stück Fleisch, beim Geflügel dasselbe TeU. Wenn er keine 
Speise aß, aß ich auch nicht. Man neckte mich damit, daß ich in allem 
dasselbe tat. Das habe ich völlig verdrängt. Das habe ich nicht mehr 
gewußt. Das kommt jetzt erst, nachdem ich die geschlechtlichen Be- 
ziehxmgen zum Vater erkannt habe. Das Gefühl des Gesundseins be- 
stätigt mir das. Wir sind früher sicher nicht weit genug zurückgegangen." 

Die Heilung. 

Das Protokoll der nächsten Sitzimgen lautete nun endlich: 

,,Mir ist zu gestern noch eingefallen: Ich habe vollbewußte 
Begehrungsvorstellungen meinem Vater gegenüber gehabt. 
16 Jahre war ich, als er zum zweiten Male heiratete. Gut vor- 
bereitet war ich durch meine Eifersucht. Da habe ich es noch nicht 
gewußt. Aber das habe ich doch gewußt, daß ich während der ganzen 
Kindheit eifersüchtig auf jeden war, der mit meinem Vater zusammen 
war. Auch daß die Angst und Abneigimg meinem Vater gegenüber, 
die ich zur Schau trug, nur versteckte Liebe, imd zwar begehrende 
Liebe war, das weiß ich seit gestern auf einmal." 

„Am Hochzeitstage war ich ganz wild, wie sie wegfuhren. Vor 
allem bei dem Gedanken an die körperliche Nähe der beiden und ihre 
Liebkosimgen. Sie, die Stiefmutter, würde so etwas nicht verstehen, 
weil sie so ledern war. Abends im Bett dann war's ganz schlimm, 
dann kam die ,, Blutvermischung". Ich gönnte es ihr nicht, ich wollte 
es sein, usw. 

„Am andern Tage verdrängte ich das rasend stark und sagte 
mir: ,Du bist ja wohl ganz verrückt, daß du deinen eigenen Vater 
heiraten willst'. Die Angst vor dem Verrücktwerden trieb mich zur 
Verdrängung. Das Verrücktwerden ist ein Fliehen davor, ist dadurch 
ein Symbol für die geschlechtliehe Vereinigung mit ihm, ein Träger 
des Gedankens daran. Ebenso wollte ich ins Irrenhaus fliehen, um 
an meinen Jugendgeliebten zu denken, um eine Luftehe mit ihm im 

') Vgl. Husten, S. 592. 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 613 

Geiste durchzumaclien, ohne abgelenkt zu werden. Es wäre eigentlich 
schön im Irrenhaus. (Also liegt auch der Wunsch vor, verrückt zu 
werden, wie bei anderen Kranken auch.) Immer zog mich alles zur 
väterlichen Seite, wild, schwarz, südlich, Italien. Da mir das versagt 
war, ging ich auf die andere Seite, die mütterliche, wo der Fluch darauf 

liegt." 

„Urgroßvater heiratete eine Geisteskranke des Geldes wegen, 
ich hasse ihn dafür. Sie konnte ihren Hausstand nicht besorgen, lachte 
immerzu. — Der Fluch geht nun bis ins dritte und vierte Glied, ich 
bin das dritte, meine Kinder das vierte. — Meine Großmutter hatte 
so darunter gelitten, von ihr wußte ich es und litt vom 15. Jahre an 
gräßlich darunter. — Großvater ist auch nicht gesund gewesen, hat 
als Anwalt irgend eine dumme Sache gemacht." 

„Meine Mutter war so in der Art wie ich. Ich habe an die körper- 
liche Vermischung nur als ein Anschmiegen denken können, weil ich 
erst in der eigenen Hochzeitsnacht von dem ganzen Akt etwas erfuhr, 
die Blutmischung^) war mir die Hauptsache. Die Berührung 
der Teile war mir klar, aber nicht die Einführung. Die Be- 
wegungen wußte ich aber. — Bei der eigenen Ehe bekam ich Todes- 
angst, ich wußte nicht, was er wollte. Ich kannte das Glied nur als 
weiches Glied, nicht in der Steifung. Vor dem gesteiften Glied bekam 
ich Angst und hielt es für etwas Unnormales. Auch rasende Schmerzen 
und Schwierigkeiten hatte ich bei der ersten Begattung." 

,,Bei der Verlobung waren die Verhältnisse noch deutlicher. 
Es fällt mir jetzt ein. Sie erzeugte sofort ein rasendes Haßgefühl gegen 
die zukünftige Stiefmutter, tmd zwar aus Eifersucht; denn als meine 
erste Mutter starb, da weiß ich, daß ich mich gar nicht so grämen konnte, 
denn ich dachte nur daran, daß ich jetzt an ihre Stelle beim 
Vater träte. An dem Verlobungsabend kam meine Stiefmutter an 
mein Bett. Ich heulte furchtbar, weil sie mir sagte, sie nähme meinen 
Vater nicht aus Liebe, sondern um ihn zu pflegen imd uns eine Mutter 
zu sein. Ich war außer mir — gerade darüber. Das wäre eine Sünde : 
„wenn sie ihn wenigstens lieb gehabt hätte," sagte ich mir." 

„Als sie weg war, bekam ich auch wieder deutlicli bewußte Be- 
gehrungsvorstellungen auf meinen Vater. Von früher kann ich mir's 
nicht erinnern. — Doch, ich besiime mich, daß mich das nahe Bei- 
einander der elterlichen Betten sehr beschäftigt hat." (Sechs Jahre alt.) 

1) Vgl. S. 610. 



"1^ J. Marcinowki. 

„Wir hatten einen Balkon, dort machten wir Luftbäder, und 
zwar lag er neben dem Schlafzimmer der Eltern. Ich habe da oft 
an Vater gedacht, weil das nackend Herausgehen mich sehr 
erregte. Ich tat es oft mitten in der Nacht, stellte mir dabei 
vor, Vater käme dazu, sähe mich so, und es käme dabei zu 
einem Aneinanderschmiegen und zur geschlechtliehen Ver- 
einigung, wie ich sie mir damals dachte. Im Bett dachte 
ich mir das dann weiter aus. Ich blieb dazu ohne Hemd und 
führte den Finger in die Scheide, um die Vorstellungen zu unter- 
stützen und zu genießen. Später, als ich verlobt war, oder wenn ich 
verliebt war, wechselten die Objekte meiner Vorstellungen. Die.so Er- 
innerungen stammen aus reiferen Jahren."' 

„Mein Vater hat mich oft mit der Reitpeitsche geprügelt, 
dabei hatte ich trotz Schmerz auch Lust. Er war der „Mächtige". 
Das wiederholt sich ja dann bei meinem Mann; der hat mich auch 
schlagen müssen. Wie ist das gräßlich ! — Es ist das Gefühl der willen- 
losen Hingabe, wie beim Geschlechtsakt, am stärksten das letztemal, 
als ich schon l;5 Jahre alt war, allemal entblößt." 

,,Ich habe das Gefühl, als ob Sie und mein Vater eine große zu- 
sammenhängende Masse gewesen sind, und als ob sich das auf einmal 
jetzt teilt. — Also dann sind ja alle Begehrungsvorstellungen, die ich 
auf Sie gehabt habe, eigentlich auf den Vater gerichtet gewesen !?■' 

Ich: ,,Das habe ich Ihnen oft gesagt." 

Patientin: ,,,Ja, aber ich habe es nicht verstanden.'" 

Ich: ,, Jetzt haben Sie es aber auf einmal .selbst gefimden, und 
nun wissen Sie es." 

Nach diesen Stunden gelangte ilie Patientin in einen förmlichen 
Glücksrausch, so stark war das Gefühl der Befreiung. Dies ist wieder- 
um außerordentlich bezeichnend für die Affektänderungen 
und Stimmungsschwankungen während der psychoana- 
lytischen Behandlung. Man sollte zunächst erwarten, daß gerade 
der Inhalt der letzten Erörterungen eher das Gegenteil bewirken müsse, 
und nicht etwa dieses jubelnde Gefühl von Befreitsein. Es muß also 
doch in dem Aufdecken der inzestuösen Phantasieen und in dem be- 
wußten Erinnern derselben derjenige Vorgang gegeben sein, den wir 
als Heilung bezeichnen und den die Kranken selbst als solche empfinden. 

Die Patientin brachte das alles selber mit dem Erinnern ihrer 
Inzestwünsche in Verbindung. Unheimlich blieb ihr nur, wie 
sie das so völlig hatte vergessen können, obwohl sie doch 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 615 

schließlich auch noch als erwachsenes ]\Iädchen in recht grober und 
unverkennbarer Weise mit diesen Phantasieen gespielt hatte. Das 
Bevvußtwerden dieser Erinnerungen hatte ihr aber vor allen 
Dingen klargemacht, daß auch den unklaren Empfin- 
dungen aus der frühesten Kinderzeit derselbe erotische 
Charakter beizumessen war, Verhältnisse, für die ja 
eigentlich meist nur Indizienbeweise vorzuliegen pflegen. 
Die aber genügen oft nicht; erst die mit starken Affekt- 
betonungen auftretenden Erinuerungsmassen bringen die 
eigentliche Erlösung, nachdem man oft wochen- und monatelang 
intellektuell längst eingesehen hatte, daß die Indizienbeweise wohl 
sicher zu Recht bestanden. 

Die Patientin fragte mich immer wieder, was wohl aus ihr ge- 
worden wäre, wenn ich nicht unbeirrbar und folgerichtig bei meiner 
besseren Einsicht geblieben wäre und nicht darauf bestanden hätte, 
daß angesichts der analytischen Ergebnisse bzw. des so augen- 
scheinlichen Vater-Inzestbegehrens ihrem hundertfachen ,,Nein" nur 
em augenblicklicher, rein subjektiver Wert beizumessen sei und 
nicht mehr. 

Und es ist richtig; wenn ich nachgegeben hätte, anstatt sie zur 
ehrlichen Einsicht zu zwingen, dann wäre die Analyse nicht bis ans 
Ende, d. h. bis in die Tiefen der infantilen Schichten durchgeführt 
worden, und es ist mir angesichts des Verhaltens noch kurz vor dem 
Abschluß der Behandlung nicht zweifelhaft, daß wir dann von einer 
wirklichen Heilung des Asthmas, wenigstens in diesem Maße, nicht 
hätten sprechen können. 

Ich halte es für wichtig, hierauf hinzuweisen und es an einem 
typischen Beispiele klarlegen zu können; denn hier ist der Punkt, 
auf dem wir uns mit unseren Gegnern nicht verständigen können, 
wo sie uns eine ,, verruchte Gerissenheit" zum Vorwurfe machen, 
anstatt den Mangel daran als einen Mangel an sich selber zu empfinden. 
Ich kann es nicht als einen wissenschaftlich begründeten Standpunkt 
erachten, wenn man den Versicherungen eines psychisch Kranken, 
und seien sie noch so sehr affektbetont^), mehr glaubt als dem durch- 

') Gerade deshalb darf man ihnen eben nicht glauben, denn die starke 
Affektbetonung ist stets ein Zeichen davon, daß man im Unrecht ist, man fühlt 
sich nämlich getroffen. Erschwert ist solche Erkenntnis meist durch den Um- 
stand, daß die Menschen oft sachlich im Recht sind oder doch wenigstens so scheinen 
und selber ehrlich (?) daran glauben. Sie haben dann objektiv recht, sind aber 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. V. 40 



616 J. Marcinowski. 

schauenden Scharfbück der eigenen affektlosen Logik und den Er- 
gebnissen von Untersuchungsmethoden, die mit der Sicherheit von 
physiologischen Experimenten stets nachgeprüft werden können. 
Handelte es sich um Dinge von weniger starker Affektbesetzung 
bei unseren wissenschaftlichen Gegnern, so würden sie den Hinweis 
auf die subjektive Meinung des Patienten selbst wohl kaiun als einen 
wissenschaftlichen Einwand von psychologischem Begründungswert 
geltend machen und darüber so ganz vergessen, daß sie dann doch zum 
mindesten auch den subjektiven Äußerimgen unserer geheilten 
Patienten das gleiche Maß von Bedeutimg zuerkennen müßten, oder 
sicherer noch ein größeres Maß im Vergleich zu den Äußerungen derer, 
die aus irgend welchen Gründen vorzeitig 'aus der Behandlung aus- 
geschieden sind xmd psychologisch meist ein recht leicht zu diirch- 
schauendes Interesse daran haben, die bisherige Behandlung und 
seinen Ausüber zu schmähen. Auf allen andereti Gebieten, von der Zahn- 
heilkunde bis zum Magenspezialistentum, pflegt man diese Äußerungen 
als typische Begleiterscheinungen der menschlichen Krankenpsyche 
zu bewerten, warum nicht auch hier? — Der Ausweg, alles, was den 
Gegnern der Analyse unbequem ist, unserem suggestiven Einflüsse 
zuzurechnen, ist wissenschaftlich imhaltbar, wenn man sich die Mühe 
macht, nachzuprüfen, ob hier, in dem vorliegenden Falle zum Bei- 

trotzdem subjektiv im Unrecht; denn ihre treibenden Motive liegen dann auf 
ganz anderem Gebiet, als auf dem des sachlich Dargelegten. Gesetzt, ich tadele 
einen Menschen mit offenbarer sachlicher Berechtigung, aber auffallender Affektbe- 
tonung, 80 ist es sicher ein ganz persönlicher Unmut, der sich diese Gelegenheit 
zunutze macht, um sich am andern auszutoben. Derselbe Anlaß würde ein 
paar Wochen vorher oder nachher zu einer andern „sachlichen Auffassung", 
ja. einem augenblicklich geliebten Menschen gegenüber sogar zu entgegengesetztem 
Verhalten geführt haben. Daher nutzen in solchen Fällen die sachlichen Er- 
klärungen, Einwände und Verteidigungen gar nichts, denn sie treffen ja gar nicht 
das Q u e llgebiet der jäh entbundenen Affektmassen. Die einzig richtige Entgegnung 
wäre immer nur die das subjektive Moment im Herzen treffende Gegenfrage : „Was 
haben Sie heute gegen mich, daß Sie das alles in diesem Lichte sehen müssen." 
Wie wenig Menschen aber durchschauen diese Manöver des Unbewußten, die 
allemal daraufhin abzielen, dem andern die Schuld an einer Entfremdung und 
Trennung in die Schuhe zu schieben, die man doch nur selbst angestrebt hatte. 
Es ist schon richtig, die Psychoanalyse ist sehr unbequem, denn sie zeigt uns, 
was die Menschen im Grunde sind. Aber schließlich, was kann die Analyse 
dafür, daß wir so sind. Seien wir der Erkenntnis, die uns den Stachel ins Fleiseh 
senkt, lieber dankbar, denn der Schmerz in der Selbsterkenntnis fördert, und 
wer das nicht einsehen will, will eben auch nicht zu vornehmerer Art heran- 
reifen, das ist das Ganze. 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 617 

spiel, noch irgend eine Möglichkeit der Suggestion vorlag. Es wird 
mit diesem Wort sowieso ein abenteuerlicher Mißbrauch getrieben. 
Die Dinge, die hier in meinem Protokoll verzeichnet sind, soll mal 
jemand versuchen seinen Kranken zu suggerieren; er wird zu sehr 
merkwürdigen Ergebnissen, kommen. 

Wenn die Analyse hier Dinge bestätigte, die der Patient ein 
halbes Leben lang vor sich selbst verleugnet hat, und noch mehr vor 
seiner Umgebung und vor seinem Hausarzt, so dünkt es mich eine 
stumpfe Waffe in der Hand unserer wissenschaftlichen Gegner, wenn 
sie dem sachlichen Wert unserer Arbeit das fortgesetzte ,,Nein" solcher 
Patienten entgegenhalten, vor dem sie selber gutgläubig halt machen 
zu müssen glaubten. 

Schlußbemerkungen und Zusammenfassung 
des Krankheitsbildes. 

Wenn wir den ganzen Fall in groben Zügen aus seinen Einzel- 
heiten aufbauen, so ergibt sich etwa folgendes Bild: Die Kranke 
stammt aus erblich belasteter Familie. Sie war von frühester Jvigend 
auf ein leidenschaftlich sinnliches und phantastisches Wesen, das von 
vornherein in der typischen ödipusstellung zwischen ihrer Umgebung 
aufwuchs, dann aber durch das Verhalten eines imbeherrschten und 
zu Mißhandlungen neigenden Vaters für ihre Liebesbefriedigung rasch 
zur Spaltung des Vaterbildes in eine reale und eine imaginäre 
Persönlichkeit gedrängt wurde. 

In der Kinderzeit tobte sie ihre SinnUchkeit in allen mögUchen 
Formen der Lustgewinnung aus, die ihr später dann als Perversionen 
erschienen, ohne daß wir eigentlich ein Recht haben, diese moraUschen 
Wertschätzungsurteüe dort anzulegen. Nun ging die Jagd nach Liebes- 
objekten los, die ihr den „Ijuftvater" verkörpern sollten, imd zu gleicher 
Zeit wurden diese Erscheinungen mit eifersüchtigen Rachegedanken 
verquickt, die sie in überreichUchem Maße ihr ganzes Leben hindurch 
begleiteten; auch leise Regungen von Unmut genügen ihr, um sofort 
bewußte Beseitigungs wünsche oder unbewußte Symbolträume her- 
vorzurufen. Infolgedessen wurde ihr junges Leben schon früh von aller- 
hand Zwangsvorstellungen und Zwangshandlungen erfüllt, den Folgen 
ihrer unterdrückten Haßeinstellungen, und ebenfalls stellten sich Angst- 
zustände schon früh ein, teils im Dienste unmittelbarer Schuldver- 

40* 



618 J. Marcinowski. 

hütung, teils weil sie fortwährend libidinöse Wünsche zu unterdrücken 
hatte, sei es, daß sie ihrer Ait nach als verbotene erschienen (sogen. 
Perversionen), sei es, daß sie sich auf verbotene Objekte richteten 
(Tnzestwünsche und deren Übertragungen). 

In dieser Verfassung bedurfte es nur eines geringen körperhchen 
Entgegenkommens, um den Begriff der Atemnot mit gewissen Höhe- 
punkten ihrer psychosexuellen Konflikte zu verankern. Die enge 
Schnürung der Brust, das rasche Bergaufgehen, die künstlich erzeugten 
Hustenparoxismen, der Identifizierungswimsch mit dem Zustand des 
Vaters, die keuchende Erregung in der Höhe des Orgasmus, das alles 
sind Momente, die mitbestinmiend dafür waren, daß die Patientin ihre 
unterdrückte Libido ausgerechnet in Atemnot umsetzte und dieses 
partielle Angstsymptom in ideoplastisoher Symbolmalerei zur Gre- 
staltung brachte. Außerdem wissen wir von der Kranken, daß ihre Be- 
seitigimgawünsche sich oft in maßlosem Haß äußerten. 

Ich habe selbstverständlich aus ihrer Krankengeschichte lange 
nicht alles, was ich von ihr weiß, auf diesen Blättern untergebracht; 
ich würde sonst die Veröffentlichimg ungebührlich vergrößert imd den 
eigentlichen Zweck derselben verwischt haben. Unter den Vorfällen, die 
ich dabei zu schildern unterließ, befinden sich z. B. grauenerregende Ver- 
fluchungen von alttestamentarischer Gewalt, und ich deutete mehrfach 
an, daß die Zwangsimpulse, die gegen das Leben der eigenen Kinder 
gerichtet waren, sich mehr wie einmal zu Zwangshandlungen gesteigert 
hatten. (Untertauchen im Badewasser, wiederholte Versuche, die Fon- 
tanelle zu durchbohren, das Herbeiführen von Gelegenheiten zur Ver- 
giftung mit toxischen Beeren, gewisse Vorkommnisse in der Pflege 
der erkrankten Kinder usw.) Wir wissen femer, daß ihre eifersüchtigen 
Regungen sich sofort in die tollsten Todes wünsche umsetzten, und 
so wird es ohneweiters verständlich, daß der Asthmaanfall nicht nur 
die begehrte Lust, die atemberaubende Liebkosimg darstellt, sondern 
zu gleicher Zeit, über die abergläubische Vorstellung von der Wieder- 
vergeltung hinüber, eine tolle Todesangst als Ausdruck der Strafbe- 
fürchtung für böse Todeswünsche malt. (Vgl. beim ersten Anfall den 
Ausruf: ,,Ich sterbe".) 

Also auf Schritt und Tritt stehen wir der Verquickung des 
asthmatischen Zustandes mit den typischen Erscheinungen der Angst- 
hysterie gegenüber, so zwar, daß beides in keinem Punkt auseinander- 
zuhalten ist. 

Ähnliche Fälle, in denen die Psychogenität asthmatischer Zu- 



Heilung eines schweren Falles von Asthma durch Psychoanalyse. 619 

Stände klar zutage trat, sind, wie ich eingangs erwähnte, schon wieder- 
holt in unserer Literatur genannt worden, so namentlich die Fälle 
von Stekel in seinen Angstzuständen, ferner die Fälle von Steg- 
mann und Sadger und neuerdings auch ein Fall von Wulff, alle 
im ,, Zentralblatt für Psychoanalyse" veröffentlicht. In allen diesen 
Fällen, am schärfsten und klarsten erfaßt von Stekel und Wulff, 
ist die Psychogenität des Asthma bronchiale einwandfrei nachgewiesen. 
Ich glaube auf die Zustimmung dieser Autoren rechnen zu dürfen, 
wenn ich ihren Fällen die erste ausführUche Analyse eines Asthma 
bestätigend und beweisend an die Seite stelle. 

Mehrfach wurden dabei in der Literatur Zustände von Schnupfen, 
nervösem Eeizhusten und Erkältungsneigung als Faktoren des körper- 
lichen Entgegenkommens beschrieben. Dem muß ich nach meiner 
Erfahrung auf das schärfste widersprechen. Dies alles sind — in Ana- 
logie zu anderen Erkrankungen benannt — Formes frustes des Asthma, 
Miniaturanfälle und Teilzustände des Ganzen, die mit Nasen- und 
Bronchialkatarrh nur ävtßerliche ÄhnHchkeit besitzen. Vor allem die 
nervösen Schwellungszustände des Schwellgewebes der Nasenschleim- 
haut und ihre Reizbarkeit überhaupt sind hierzu zu rechnen, Zustände, 
die wir übrigens schon seit langem in ihrem Zusammenhang mit sexu- 
ellen Reizzuständen erfaßt haben. Daher auch der physiologische Zu- 
saiiimenhang mit der Menstruation, mit Schwangerschaft und Wochen- 
bett imd, last not least, mit der Onanie. Wiederholt habe ich auch 
kleine, auf einen einzebien Bezirk, ich möchte sagen, auf einzelne 
Bronchialäste beschränkte „Katarrhe" gefunden, die als angebliche Er- 
kältungskatarrhe in meine Beobachtung kamen, imd die sich dann 
als Miniatur-Asthmaanfälle entlarven ließen, und zwar stets als 
Angstäquivalente. Welcher Unsumme von diagnostischen Miß- 
verständnissen diese Verhältnisse Tür und Tor öffnen, ist wohl ohne 
weiteres klar. 

Übrigens ist die Lehre von der Psychogenität des Asthma ja 
sehr alt und namentlich Brüggelmann hat auf Grund seiner aus- 
gezeichneten hypnotischen Therapie, die er neben seiner in gleichem 
Maße zu verurteilenden Nasenchirurgie treibt, ständig auf die psy- 
chische Natur des Asthma hingewiesen. Aber erst mit den Erkenntnis- 
mitteln der Psychoanalyse gehngt es, dem eigentUchen Wesen der 
Erkrankung nahezukommen und den alten khnischen Unterschied 
zwischen Asthma nervosum und Asthma bronchiale ad absurdum 
zu führen. 



620 3. Marcinowski. 

Die Erfolge einer ptysikalischen Behandlung sprechen gegen 
diese Auffassung nicht. Wir kennen sie bei allen Neurosen. Der Krank- 
heitswille bequemt sich eben allen möglichen Eingriffen gegenüber 
gelegentlich zu einem Aufgeben seines selbstgeschaffenen, neurotischen 
Zustandes. Den übrigen Maßnahmen, namentlich der Atmimgsgym- 
naatik mit ihren verschiedenen Formen, soll und darf der erzieherische 
Wert, der in ihnen liegt, so wenig abgesprochen werden, wie der Arznc-i- 
behandlung durch Narkotika der Wert als Beruhigungsmittel. Aber 
als eine wahrhafte Kausaltherapie werden wir in Zukunft 
nur die Behandlung der zugrunde liegenden Angsthysterie 
bezeichnen dürfen. 



Freuds Psychologie als eine Transformationstheorie. 

Beitrag zu einer Willenspsychologie. 
Von Dr. M. Weissfeld. 



1 . Einleitende Worte. — 2. Die Zweiheit aller Strebungen, Triebe und Schmerzen. — 
3. Der Voluntarismus. — 4. Das Tatsachengebiet der Transformationstheorie. — 
5. Die Qualitätslosigkeit der Strebungen. — 6. Die Strebungen sind nicht durch 
die Natur ihrer Objekte gerechtfertigt. — 7. Das Agens. — 8. Das Schicksal des 
losgetrennten Objekts. — 9. Die Theorie der bestimmten Transformationen. — 
10. Die Theorie der zweckmäßigen Transformationen. 



1. Freuds Psychologie, die nichts anderes als eine Affekt-, oder 
Strebung- oder Willenspsychologie ist, läßt sich in allgemeiner Form 
folgendermaßen darstellen: gewisse Erlebnisse — Bedürfnisse, Affekte, 
Strebungen u. dgl. — führen unter gewissen Bedingungen zur Bildung 
von hysterischen Symptomen, Träumen, Gedächtnisfehlern vmd 
anderen Erscheinungen. Und umgekehrt, hysterische Symptome, 
Gedächtnisfehler usw. sind durch gewisse ursprüngliche Erlebnisse 
bedingt. Es ist aber der Frage nicht auszuweichen, wie diese Determi- 
nation zu verstehen ist, denn in jener allgemeinen Form ist das Ver- 
hältnis des ursprünglichen Affektes zu den durch ihn bedingten Er- 
scheinungen (,, Kompromißerscheinungen") nicht genau angegeben. 
Es sind hier einige Deutungen möglich. Im folgenden möchte ich aus 
Freuds Werken ein Motiv oder eine Theorie herausheben, die, neben 
einigen anderen Motiven des Freudschen Denkens, das Wesen des 
Verhältnisses zwischen ursprünglichen Erlebnissen und Kompromiß- 
erscheinungen zu bestimmen versucht. Diese Theorie nenne ich aus 
Mangel an einem besseren Ausdrucke ,, Transformationstheorie". Ich 
möchte diese Theorie hier konsequent durchführen und begründen. 



622 



M. AVeissfeld. 



Dies ist aber nur insofern möglich, als man die Transformationstlieorie 
in Zusammenhang mit gewissen psychologischen Prinzipien auffaßt, 
denn eben vom Standpunkte der letzteren scheint sie mir überhaupt 
richtig zu sein. 

Ich werde nun versuchen, das Wesen der Transformationstheorie 
in Zusammenhang mit diesen psychologischen Prinzipien darzustellen.^) 

2. Bevor ich das Wesen der Transformationstheorie genauer ari- 
gebe, muß ich sagen, daß ihre Begreifbarkeit und Annehmbarkeit 
zunächst von der Einsicht in die Zweiheit abhängt, die jedem Streben, 
jedem Affekt, jeder Leidenschaft und jedem Leiden zukommt*). Wir 
streben ja zu etwas, d. i. zu irgend einem Objekte, und so sind das 
Streben, als inneres Erlebnis, und das Objekt, worauf das Streben 
gerichtet ist, auseinanderzuhalten. Anders ausgedrückt, diejenige 
Lebenserscheinimg, die man mit dem Worte ,, Strebung" imd ähnlichen 
Ausdrücken bezeichnet, ist gewissermaßen ein Kompositum aus zwei 
Erscheinungen: aus einer gewissen Regung in uns und einem Gegen- 
stande, der als Zielpunkt, als Objekt auftritt, auf welches diese Regung 
sich bezieht. Man kann daher sagen, daß, soweit wir streben, wir 
exzentrisch, in der ursprünglichen Bedeutung dieses Wortes, sind. 
Auf eine andere Weise, aber in demselben Sinne, lassen sich un.sere 
Strebungen dahin charakterisieren, daß man behauptet, sie haben 
gleichsam einen zentrifugalen Charakter. 

Denselben zentrifugalen Charakter weisen auch Leidenschaften, 
Triebe und Affekte auf, denn auch hier beziehen sich die Erlebnisse 
auf etwas, auf gewisse Objekte oder Richtungspunkte. Sowohl die 
Strebungen als auch die Leidenschaften, Triebe vuid Affekte sind 
zentrifugale, d. h. über sich hinausführende, sich auf Objekte richtende 
Erlebnisse. 

Die Transformationstheorie besteht in der Behauptung, daß 
ein Affekt, ein Streben usw. sich von seinem Objekte ab- 
lösen und mit einem neuen Objekte verbinden kann. Der 
Affekt oder das Streben ist das konstante Element, 
während seine Richtungspunkte oder seine Objekte variable 

') Ich beliatxdle diese Prinzipien ausführlich in einem Werke über 
„Strebungen und Gefühle", das demnächst in russischer Sprache erscheinen wird. 

*) Alle diese Erscheinungen können mit dem Worte „Affektivität" oder 
,,Willensersoheinungen" bezeichnet werden. 



Freuds Psychologie als eiue Transformationstheorie. 623 

Größen sind. Wenn wir den Affekt durch X, das ursprüngliche 
Objekt durch A, das ablösende Objekt durch B bezeichnen wollten, 
so könnte diese Theorie in folgender Formel ihren schematischen Aus- 
druck finden: 

Y A , XA 

"^-^ ==^^~^— B ""'^'^ XB 

Die Formel bedeutet: ein inneres Erlebnis (Affekt, Strebung 
usw.) X bezog sich früher auf ein Objekt A. Später aber trennte es sich 
davon los und verband sich mit einem Objekte B. 

Diese Theorie wurde von Freud besonders klar in bezug auf die 
Zwangsneurose formuliert. An einer Stelle spricht er z. B. von der 
Trennung einer unerträglichen Vorstellung von ihrem Affekt, die dazu 
führt, daß die affektlos gewordene Vorstellung abseits von aller 
Assoziation im Bewußtsein übrig bleibt, während ihr frei gewordener 
Affekt sich an andere, nicht unverträgliche Vorstellungen anhängt. 
Es entsteht auf diese Weise gewissermaßen eine falsche Verknüpfung 
(KI. Sehr., I, S. 51). An einer andern Stelle spricht er von einer 
,, Erregungssumme", die von einer Vorstellung sich ablösen muß, um 
einer andern zugeführt zu werden (ebenda S. 48). Ebenso klar hat 
Freud die Transformationstheorie in bezug auf die Erscheinung der 
,,8ublimierung" erklärt, die darin bestehen soll, daß die Sexualität — 
in ihren verschiedenen Variationen — sich von ihren ursprünglichen 
Objekten loslösen und anderen, in unserer Kultur hochgeschätzten 
Objekten zugeführt werden könne. Und dann durchzieht diese An- 
schauung alle Werke Freuds, bald als eine klar entwickelte Lehre, 
bald als eine imentwickelte Tendenz. Man ist daher berechtigt, dieser 
Tendenz eine weitere Bedeutung beizumessen und sie als eine typische 
Form der Freud sehen Psychologie zu betrachten. Man midJ sie dann 
aber durchgängig anwenden. 

Sie läßt sich zunächst auf die Hysterie anwenden, und zwar 
auf die hysterischen Schmerzen, denn nur von diesen ist hier die Rede. 
Es fragt sich aber: ist denn der ursprüngliche Affekt — z. B. ein 
sexueller Trieb — mit einem hysterischen Schmerze, der durch ihn 
bedingt sein kann, identisch? Die Voraussetzung des Konstantbleibena 
der Affekte würde eine bejahende Antwort auf diese Frage erfordern. 
Und dann fragt es sich, ob denn das Erlebnis des hysterischen Schmerzes 
sich ebenso auf irgend ein Objekt bezieht, wie ein Streben oder ein 
Affekt. Denn auch dies würde durch die Annahme erfordert sein. 



624 M. Wei68feld. 

daß die hysterische Konversion dem ursprünglichen Affekt ein neues 
Objekt zuführt. Beide Fragen sind im positiven Sinne zu lösen. Dagegen 
würde ihre negative Lösung, indem sie den ursprünglichen Affekt als 
solchen nicht in der Kompromißerscheinung wieder erscheinen ließe 
und indem sie der letzteren kein Objekt zuschreiben wollte, der Trans- 
formationstheorie widersprechen. 

Was die zweite Frage anbelangt, so muß man, wenn man die 
Transformationstheorie mit ihrer Voraussetzung des Variierens der 
Strebungsobjekte aufrecht halten will, auch im Schmerze dieselbe 
Zweiheit, d. i. ein inneres Erlebnis und ein Objekt dieses Erlebnisses, 
erblicken. Und man darf wohl sagen, daß die Eigenschaft des Auf- 
etwas-gerichtet- Seins nicht nur Strebungen, sondern auch jedem 
Schmerze zukommt. Der letztere richtet sich ebenfalls auf etwas. 
Der Schmerz ist immer ein Drängen, ein Sich-Hinneigen ... zu 
etwas. Wenn ich in einem Finger Schmerz empfinde, so ist er 
nicht nur in seinem Entstehen durch eine gewisse Ursache her- 
vorgerufen, sondern er bezieht sich auch in seinem Dasein auf 
etwas. . Denn der Schmerz ist ein zu einem Ziele, zu einem Objekte 
führendes Erlebnis. Dies ersieht man schon daraus, daß wir den 
kranken Finger drücken möchten, eine Handlimg vollziehen möchten, 
die eine Zielobjekt notwendig voraussetzt. Man könnte sagen, 
daß der Druck auf den Finger das Zielobjekt dieses schmerzhaften 
Strebens ist, wenn man nicht von der Unzulänglichkeit 
jedes sprachüchen Ausdrucks für dieses Objekt des Schmerzes 
überzeugt wäre. 

Tatsächlich können die Objekte des Schmerzes durch die Mittel, 
die uns die Sprache zur Verfügung stelUt, adäquat nicht bezeichnet 
werden. Ich bin sogar geneigt, zu behaupten, daß die Objekte des 
Schmerzes unbenennbar sind. 

Für unseren vorliegenden Zweck wird es genügen, wenn wir 
darauf acht geben, daß ein Sehmerz insofern den Strebungen und 
Affekten ähnlich ist, als auch er auf etwas gerichtet ist. Wenn nun 
ein Affekt sich von seinem ursprünglichen Objekt losgetrennt und 
in ein hysterisches Symptom konvertiert hat, so bedeutet es nur, daß 
er sich auf ein anderes Objekt geworfen hat. Nur daß wir die Vereinigung 
des Affekts mit seinem ursprünglichen Objekt — Affekt nennen, 
während seine Vereinigung mit dem neuen, unbenannnten und un- 
benennbaren Objekt durch den Ausdruck ,, Schmerz" oder ,,Leid" 
bezeichnet wird. 



Freuds Psychologie als eine Transformationstheorie. 625 

Für unseren Zweck ist es notwedig, daß wir einsehen, daß ein 
Schmerz ebenso auf ein Objekt gerichtet ist, wie irgend ein Streben 
oder ein Affekt, und dann wird sich die Erscheinung der Konversion 
als ein Austausch von Objekten eines und desselben Affektes darstellen. 
Der ursprüngliche Affekt geht nicht verloren. Er ändert sich auch 
nicht. Wir haben hier an neuen Erscheinungen nur das neue Objekt, 
das das alte ersetzt. Will man aber von der Tatsache des Auf-etwas- 
bezogen-Seins des Leids absehen, so kann man die Erscheinung der 
hysterischen Schmerzen vom Standpunkte der Transformations- 
theorie nicht begreifen, und das Verhältnis des hysterischen Schmerzes 
zum ursprünglichen Erlebnis würde eine andere Erklärung erheischen, 
als etwa das Verhältnis der Zwangsvorstellung zu dem sie bedingenden 
Affekt. Denn, unter der Voraussetzung, daß ein Schmerz keinen Punkt 
oder kein Objekt hat, auf welches er sich beziehen könnte, würde 
sich die Sache folgendermaßen gestalten: Ein inneres Erlebnis X 
bezieht sich auf ein Objekt A. Dann aber löst es sich von diesem Ob- 
jekte los, ohne sich mit einem andern Objekte zu vereinigen. Es bleibt 
somit nur X übrig. Die Formel für diese Auffassung wäre folgende: 

X A 
X — 

Demgegenüber erfordert es die Transformationstheorie, daß 
dem inneren Erlebnisse X, nach seiner Loslösung vom Objekte A, 
irgend ein anderes Objekt A gegenüberstünde. Ich glaube aber, daß 
man eher Grund hat, dem Schmerze ein Objekt zuzuschreiben, als, 
durch den Mangel an einer sprachlichen Bezeichnung für dieses Objekt 
irregeführt, dies zu leugnen und somit die Transformationstheorie 
abzulehnen. 

Man wird vielleicht sagen, daß diese ganze Darstellung falsch 
sei. Denn ich habe vorausgesetzt, daß der Affekt, nach seiner Lostrennung 
von seinem ursprünglichen Objekte, fortfährt, zu existieren, und sah 
darin einen Widerspruch, daß irgend ein Affekt objektlos bleibe. 
Nun aber könnte man einwenden, daß der Affekt A, nach der Los- 
trennimg von seinem Objekt, sich eben in ein Leid verwandelt, das, 
im Unterschiede von einem Affekt, keines Objektes bedarf. Wir hätten 

hier eine neue Formel: 

X A 
Y — 
Ich habe aber darauf hingewiesen, daß ein Leid ebenfalls auf 
eia Objekt sich richten müsse, und sah hierin eine Bestätigung für die 
4 C * 



626 M. Weissfeld. 

Transformationstheorie. Anderseits werde icli noch später darauf zu 
sprechen kommen, daß alle Willenserlebnisse (im weitesten Sinne des 
Wortes) qualitätslos sind, und somit ist ein hysterischer Schmerz 
von dem ihn bedingenden Affekt — sofern sie beide als innere Er- 
lebnisse betrachtet werden — nicht zu unterscheiden. X und Y sind 
gleichbedeutend. Dadurch ist die Transformationstheorie wiederum 
bestätigt, denn sie setzt voraus, daß der Affekt das beharrende 
Element sei, das dem ursprünglichen, bedingenden Phänomen imd 
der nachfolgenden, bedingten Kompromißerscheinung eigen ist. 

Will man dennoch behaupten, daß der Schmerz, erstens, in 
qualitativer Beziehung sich von dem ihn bedingenden Affekte oder 
Triebe unterscheidet und zweitens sich als solcher auf kein Objekt be- 
zieht, so muß man höchstens zu der Kausaltheorie — in einer gewissen 
Bedeutung — Zuflucht nehmen. Diese nimmt eine Ursache an, die von 
ihrer Wirkung verschieden ist, und sie behauptet, daß ein ursprüng- 
licher Affekt mitsamt seinem Objekte verschwindet, um einem ganz 
neuen Phänomen, nämlich dem hysterischen Schmerze, Platz zu 
machen. 

Diese Kausaltheorie ist nicht an die Voraussetzung gebunden, 
daß ein und derselbe Affekt den gemeinsamen Boden abgibt sowohl 
für einen ursprüngUchen, sexuellen Trieb als auch für den durch seine 
Unterdrückung bedingten Schmerz, und daß nur die Objekte des 
Triebes und des Schmerzes verschieden sind. Sie ist auch nicht ge- 
bunden an die Vorausestzung, daß ein Schmerz aus einem Affekt und 
einem Objekt besteht. Sie ist überhaupt an keine psychologischen 
Voraussetzungen gebunden. Allein diese Omnipotenz der Kausal- 
theorie ist einer wissenschaftlichen Unverantwortlichkeit gleich- 
zustellen. 

Ich habe hier eigentlich zwei Themen berührt: das derZwei- 
heit unserer Erlebnisse imddas der Gleichheit aller Willenserlebnisse, 
sofern man von ihren Objekten absieht imd sie als innere Zustände 
betrachtet. Über das letztere Prinzip werden wir noch unten sprechen. 

3. Vr'enn es nun scheint, daß die Transformationstheorie, in An- 
wendimg auf die Hysterie, auf ein Hindernis stößt, da ja, wie man 
irrtümlich glaubt, ein Schmerz sich auf nichts richtet, so daß hier 
der frei gewordene Affekt keine Gelegenheit hat, sich mit einem neuen 
Objekte zu verbinden, so könnte man anderseits gegen die Transfor- 
mationstheorie einwenden, daß es Fälle gibt, wo allerdings Objekte, 



Freuds Psychologie als eine Transformationstheorie. 627 

Vorstellungen da sind, die dazugehörigen Affekte aber fehlen. Die 
Formel dafür wäre 

X A 

— B. 

Man wird sich dabei berufen wollen auf Gedächtnisbilder, 
Träume u. dgl. Das Tatsachenmaterial würde dann etwa folgenden 
Sinn haben: es Avird z, B. ein sexuelles Streben erlebt, in dem wir 
wiederum zwischen einem innern Trieb X und seinem Objekte A 
unterscheiden müssen. Später aber hat das betreffende Subjekt einen 
Einfall, den wir als einen Ersatz für jenes sexuelle Streben erkennen. 
Dieser Einfall ist von keinen Affekten begleitet., so daß dem Menschen 
allerdings ein gewisses Objekt B gegenübersteht, allein es fehlt ihm 
der dazugehörige Affekt X. 

Diese Anschauung ist aber als eine irrtümliche zu bezeichnen 
und die Transformationstheorie kann daher durch sie nicht erschüttert 
werden. Die entgegengesetzte, aber auch die richtigere Anschauuung 
müßte als eine ,,voluntaristische" charakterisiert werden. Eine philo- 
sophisch-psychologische Erörterung dieses Themas muß zur Über- 
zeugung führen, daß die Objekte, sofern sie uns überhaupt gegeben 
sind, erstrebte oder von Affekten begleitete Objekte sind. Anders 
ausgedrückt: Alle Objekte sind Gegenstände unseres Willens. Man 
glaubt gewöhnlich, daß Objekte dem Menschen in zweifacher Weise 
gegeben sein können: erstens, als Objekte seines Strebens (er strebt 
zu A) und zweitens, als Objekte seines Intellekts (er sieht einen Gegen- 
stand, denkt über ihn nach, erinnert sich an ihn usw.). Nun aber 
glaube ich, daß, sofern uns etwas überhaupt gegeben ist, es nur in 
einer Willensbeziehung gegeben ist. Jeder ,, gedachte", ,, gesehene" 
Gegenstand ist daher eigentlich ein Willensobjekt. Wenn wir aber 
bei vielen Vorstellungen keine Affekte, Strebungen u. dgl., spüren, 
so ist es nur so zu erklären, daß die die Objekte ergreifenden Affekte 
oder Strebungen zu ,, schwach" sind. 

Wenn man diesen voluntaristischen^) Standpunkt vertritt, so ist 
ein neues Hindernis für Freuds Psychologie beseitigt und man kann 
nun die Trans formationstheorie auch auf Träume, Gedächtnis- 
erscheinungen u. dgl. konsequent anwenden. Man kann z. B. an das 

^) Es ist klar, daß der Sinn des Wortes ,, Voluntarismus" bei mir nichts 
gemein hat mit dem Sinne, den dieses Wort in einigen philosophischen und psy- 
chologischen Systemen hat. 



628 M. Weissfeld. 

Moment der ,, Verschiebung" in der Traumbildung denken. Denn indem 
dieses Moment die Tatsache zum Ausdruck bringt, daß ein Affekt 
sich von einem Objekt lostrennt, um sich mit einem andern, unan- 
gemesseneren, zu verbinden, sagt es in spezieller Form das Wesen 
der durch die Transformationstheorie beleuchteten Phänomene aus. 

Wenn uns aber von Träumen erzählt wird, die (oder deren ein- 
zelne Bestandteile) von keinen Affekten begleitet waren, die nichts 
anderes waren als Reihen kalter Bilder, so ist dem entgegenzusetzen, 
daß diese „Kälte" nur ein sogenannter schwacher Affekt ist. In 
keinem Falle darf aber behauptet werden, daß unsere Willens- 
beziehungen den Gegenständen gegenüber irgend einmal den Null- 
punkt erreichen können. 

Auch die Einfälle sind nichts anderes als immer neue Bilder, 
neue Objekte, die sich unserer Affektivität aufdrängen. Die Tat- 
sache, daß die Assoziation eine gewisse Reihe von Bildern durchläuft, 
hängt damit zusammen, daß ein Affekt ein Glied dieser Reihe verläßt, 
um sich auf ein anderes Glied zu werfen, und ebenso auch mit dem 
zweiten und dem dritten Gliede verfährt. Gerade hier wird man den vo- 
luntaristischen Standpunkt streng beobachten müssen, denn die ,, freien" 
Einfälle spielen eine große Rolle im analytischen Teile der Freud sehen 
Psychologie. Wir haben ims also den Vorgang folgendermaßen vor- 
zustellen. Ich denke jetzt an A, dann an B, C, D usw. Diese Flucht 
der VorsteUimgsobjekte ist unter Zugrundelegung des voluntaristischen 
Standpunktes nichts anderes als eine Flucht von Strebungsobjekten. 
Freilich sind diese Strebungen oft sehr ,, schwach", aber sie bleiben 
dennoch Strebungen. 

Dasselbe voluntaristische Prinzip ist auch auf die Gedächtnis- 
fehler anzuwenden, deren Schema ist, daß irgend ein richtiges Er- 
innerungsbild A durch ein anderes, falsches Erinnerungsbild B ersetzt 
wird. Hier insbesondere wird man sich gegen den voluntaristischen 
Standpunkt sträuben und behaupten wollen, daß nicht alle unsere 
VorsteUimgen und Erinnerungen affektbesetzt sind. Ich kann hier 
den Versuch nicht anstellen, den voluntaristischen Standpunkt zu 
verteidigen. Ich will aber darauf hinweisen, daß, wenn man die Richtig- 
keit dieses Standpunktes leugnet, man zugleich gezwungen ist, auf 
die Erklärung der Gedächtnisfehler sowie der Träume, Einfälle und 
ähnlicher Erscheinungen zu verzichten, denn wir würden dann in der 
Transformationsreihe nur variable, aber keine konstante Größen vor 
uns haben. Die variablen Größen wären natürlich die Objekte des 



Freuds Psychologie als eine Transformationstheorie. 629 

ursprünglichen und des Kompromißerlebnisses. Aber auch der Affekt 
des ursprünglichen Erlebnisses wäre eine variable Größe, denn er 
sollte ja in der Kompromißerscheinung nicht wieder zum Vorschein 
kommen. Es fehlte also hier das konstante Moment, d. i. das Moment, 
das von der Transformationstheorie ebenso vorausgesetzt wird wie 
das variable Moment. 

Aber kann man hier denn die Transformationstheorie in diesem 
Sinne fallen lassen und etwa die Gedächtnisfehler auf eine andere 
Weise erklären? Ich glaube, dies ist unmöglich. Denn man würde ja 
die Transformationstheorie fallen lassen woUen, um nicht gezwungen 
zu sein, zu behaupten, daß alle Objekte nur Objekte für unsere Affekti- 
vität^sind. Allein will man das Gedächtnis rein intellektuell auffassen, 
d. i. behaupten, daß Gedächtnisbilder möglich sind, die von keinen 
Strebungen oder Affekten begleitet sind, so muß es ganz xmbegreifhch 
erscheinen, daß irgend welche Affekte, Leidenschaften usw. sich in 
Nicht-Affekte, d, i. in gedankUche Wesen, in Gedächtnisbilder um- 
setzen sollen. Das Gedächtnis soll ja zum sogenannten Verstand ge- 
hören, und die Affekte, die für uns eine lebendige Realität haben, 
müßten dann sich in magere, schattenhafte Gedanken umsetzen können. 
Wenn ein reiner, affektloser Gedanke ein Ausweg für die ,, ein- 
geklemmten" Affekte sein soll, so sehe ich keinen Unterschied zwischen 
diesem Ausweg imd einem Verschwinden eines Affekts, imd die 
Freudsche Theorie wäre somit von der banalen Ansicht nicht zu 
unterscheiden, wonach ein Affekt, eine Strebung einem ihr entgegen- 
gebrachten Nein sich unterwerfen und gänzlich verschwinden könne. 
Demgegenüber behauptet die Freudsche Theorie, daß die Affekte 
einer Fortexistenz fähig sind, indem sie sich auf immer neue Objekte 
werfen. 

Ich glaube also, daß die Umsetzung eines affektiven Erlebnisses 
in eine gedankhche Arbeit dem Verschwinden dieses Erlebnisses gleich- 
kommt. Der Versuch wäre daher berechtigt, in den sogenannten intel- 
lektuellen Erscheinungen nur Strebungserlebnisse zu sehen. 
Freilich bedarf dieser Versuch zu seiner Ausführung einer tiefgehenden 
philosophischen und psychologischen Arbeit. 

4. Ich habe die Transformationstheorie bis jetzt mit zwei Grund- 
prinzipien zu verbinden versucht: mit dem voluntaristischen Prinzip 
und mit dem Prinzip der Zweiheit oder des Auf-etwas-gerichtet- Seins 
aller unserer Willenserlebnisse. Unter Zugrundelegung dieser beiden 



630 M. Weissfeld. 

Prinzipien gewinnt die Transformationstheorie viel an Beweiskraft. 
Unsere Formel 

__^ A , XA 

^ -^^^^ B ''^^ XB 



erweist sich somit als die einzige wissenschaftlich mögliche. 

Die Einsicht in das Wesen des durch diese Formel bezeichneten 
Prinzips macht es uns aber auch möglich, den Umfang der Tatsachen, 
mit denen es die Transformationstheorie zu tun hat, zu bestimmen. 
Denn einerseits muß die Transformationstheorie von gewissen Tat- 
sachen absehen. Anderseits aber muß sie sich auf gewisse andere 
Tatsachen beziehen. 

Was den ersten Punkt anbelangt, so ist zu berücksichtigen, daß 
die Transformationstheorie mit keinen hysterischeu Analgesien 
und ähnlichen Erscheinimgen rechnen darf. Denn wenn wir uns die 
Entstehung der hysterischen Schmerzen so vorstellen müssen, daß ein 
Affekt sich von seinem früheren Objekte A loslöst und einem andern 
Objekte zuwendet, so daß hier nur ein Austausch von Objekten statt- 
findet, wird ims in bezug auf die Analgesie zugemutet, daß wir an 
die Möglichkit glauben, daß an Stelle eines Affekts und seines Objektes 
ein Nichts entstehe. Ich spreche hier von einem Nichts im Sinne 
eines Fehlens von irgendwelchen Emotionen, Affekten usw. Wir müssen 
uns dann die Sache folgendermaßen vorstellen. Wir empfinden ein 
Streben zu einem Gegenstande ; dieses Streben muß aus verschiedenen 
Gründen von seinem Gegenstande losgelöst werden; dies geschieht; 

zugleich aber verschwindet es imd anstatt seiner erleben wir 

nichts, was sich eben in der Tatsache der mangelnden oder fehlenden 
Empfindlichkeit äußert. Die Formel für diesen Sachverhalt wäre: 

X A 

Wenn dies möglich wäre, so würden wir uns auch hier zu sehr 
der vulgären Ansicht nähern, daß ein ,,Nein", das einem Wunsche 
oder einer Leidenschaft entgegengebracht wird, diesen Wim.sch auch 
ganz vernichten könne. Immer wieder muß betont werden, daß Freuds 
Verdienst eben darin liegt, daß er diese Vernichtungsmöglichkeit auf- 
hebt imd mis zeigt, wie ein mißbilligter Affekt dadurch seine Existenz 
fortführt, daß er sich mit einem andern, nicht beanstandeten Objekte 
vereinigt. Ich glaube daher, daß die mangelnde oder fehlende Schmerz- 
empfindlichkeit nicht zu den Phänomenen gehört, die mit Freuds 



Freud:. Psychologie als eine Traiisfoimationstheorie. 631 

Lehre — im Sinne einer Trausfomiationstheorie — übereinstimmen 
können. Sie können übrigens auch durch keine andere Auffassung 
dieser Lehre erklärt werden. 

Allein, es läßt sich vielleicht erfahrungsgemäß beweisen, daß die 
fehlende Empfindhchkeit von irgend einem nebenherlaufenden Emp- 
findlichkeitsphänomen begleitet wird. Dies würde mit der Trans- 
formationstheorie übereinstimmen, denn das ursprüngliche Erlebnis 
würde dann in einem neuen Affekt oder in einem neuen Leiden wieder 
zum Vorschein kommen, d. h. das frühere Objekt würde durch ein neues 
ersetzt werden. Das Interesse des Psychologen, der sich mit Freuds 
Transfomiationstheorie einverstanden fühlt, würde aber dann nicht der 
fehlenden, sondern der nebenherlaufenden Empfindlichkeit gelten. 

Prinzipiell ist dieser Weg bei Freud angebahnt, und zwar in 
bezug auf die Gedächtnisfehler. Freud vermutet nämlich, daß das 
Fehlen eines Gedächtnisbildes, das durch gewisse intime Erlebnisse 
bedingt ist, dennoch keine Leere bedeutet, denn es läuft im Gedächt- 
nisse etwas anderes nebenher, das nun die Ersatzerscheinung für das 
Verdrängte bildet. Beispiel: Es hat jemand den Vers aus Vergil 
,,Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor" zitieren wollen. Dabei 
wurde das Wort ,, aliquis" vergessen. Es erwies sich aber, daß dafür 
das Wort ,,exoriare" mit stärkerem Nachdruck, als es notwendig war, 
betont wm-de. Das sogenannte Vergessen ist also kein Nichts, keine 
Leere. Nur wenn es möglich wäre, auch bei den Erscheinungen der 
hysterischen Analgesie dieselben Ersatzerlebnisse ausfindig zu machen, 
könnte man sie durch Freuds Lehre befriedigend erklären. 

Am besten wäre es, wenn wir das eben zitierte Beispiel genauer 
betrachteten. Auf diese Weise werden wir den Umfang der Tatsachen, 
für die die Transformationstheorie gültig ist, bestimmen können. Der 
junge Mann, der den lateinischen Vers nicht gut zitieren konnte, befand 
sich in einer unruhigen Stimmung. Er erwartete unangenehme Nach- 
richten. Die Objekte dieser Stimmung wurden aber verdrängt, d. i. 
die Affektivität trennte sich von ihnen los. Es fragt sich aber, was 
folgte dieser Verdrängung als eine die ursprüngliche, unangenehme 
Stimmung ersetzende Kompromißerscheinung? Ist das Vergessen des 
Wortes ,, aliquis" oder das allzu starke Betonen des Wortes ,,exoriare" 
als eine Kompromißerscheinung zu betrachten? Ich glaube, daß es 
für die Transformationstheorie keinen andern Ausweg gibt, als von 
dem Vergessen des Wortes ,, aliquis" gänzlich abzusehen und nur das 
stark betonte ,,exoriare" als eine Kompromißbildung zu betrachten. 

.lahrbncU für ps.yohoanaljt u psyohoprithol. Forscluinjen V. 41 



Ö32 M. Weissfeld. 

Denn was behauptet denn die Transf ormationstbeorie ? Sie ver- 
folgt die objektiven Umwandlungen der Affekte. Sie bemerkt, daß 
ein Affekt sich von seinem ursprünglichen Objekt losgerissen hat, 
und sie fragt nun, worauf, d. i. auf welches neue Objekt, auf welche 
neue variable Größe, er sich jetzt bezieht. Sie kann also nicht annehmen, 
daß zugleich mit jener Lostrennung alles gleichsam verschwunden 
ist, sich in ein absolutes Vergessen umgewandelt hat. 

Nun aber wird man sagen, daß von einem absoluten Vergessen 
freilich in einem gewissen Sinne nicht die Rede sein darf, und zwar in- 
sofern, als das Vergessene ins Unbewußte hinuntersteigt. Auf diese Weise 
wäre das unbewußt gewordene Wort ,,aliquis" mit der Kom- 
promißerscheinung zu identifizieren. Allein ich darf hier davon absehen, 
denn ich werde noch unten über das Unbewußte zu sprechen kommen. 

Hier will ich aber darauf hinweisen, daß das absolute Vergessen 
oder das Vergessen als solches nicht als eine Kompromißerscheinmig 
zu betrachten ist, denn dies würde der Transformationstheorie mit ihren 
spezifischen Problemen und ihren spezifischen Problemlösungen 
widersprechen. Eis fragt »ich aber, wodurch kann das Vergessen als 
solches erklärt werden? Denn es ist ja nicht zu leugnen, daß der junge 
Mann das Wort ,,aUquis" vergaß. Darauf ist zu erwidern, daß dazu 
jedenfalls irgend welche andere, jenseits der Transformationstheorie 
liegende Prinzipien notwendig wären. Vielleicht lassen sich sogar in 
Freuds Werken Andeutungen auffinden, die hierauf Bezug haben, 
denn Freuds Psychologie ist sehr reich an Motiven. Aber dasjenige 
Motiv seiner Psychologie, das zur Transformationstheorie führt, hat 
mit dem gänzlichen Vergessen und ähnlichen Erscheinungen nichts zu 
tun. Die Transformationstheorie kann daher nur das stark betonte 
,,exoriare" als eine Kompromißerscheinung betrachten. Das stark 
betonte ,,exoriare" bringt mit sich natürlich neue Wahrnehmungen, 
d. i. neue Objekte (Empfindungsobjekte) und mit diesen neuen Ob- 
jekten hat sich nun der frei gewordene Affekt verbxmden. 

Insofern es also in unserem Leben Gebiete gibt, wo eine gänzliche 
Leere eintritt, insofern kann die Transformatinostheorie nicht gelten. 
Diese Erscheinungen (fehlende Schmerzempfindlichkeit, gänzliches Ver- 
gessen) sind also entweder durch andere Prinzipien zu erklären oder 
aber, sollten sie doch der Transformationstheorie zugänglich werden, 
so müßte sich erweisen, daß sie von anderen Erscheinungen begleitet 
sind, die Äußerungen von Empfindlichkeit, respektive Äußerungen 
einer Gedächtnistätigkeit sind. Ungefähr dasselbe ist auch von einer 



Freuds Psychologie als eine Transformationstheoiie. 633 

Kategorie der Bewegungen zu sagen. Wenn es nämlich Bewegungen 
und Handivmgen gibt, bei deren Vollziehung wir gar nichts, keine 
Emotionen, empfinden, die daher keinen Strebungscharakter haben 
können, so muß man diese Kategorie der Bewegungen aus dem Bereich 
der der Freudschen Psychologie zugänglichen Tatsachen, ebenso wie die 
Erscheinungen der h3'sterischen Analgesie und die Erscheinungen des 
gänzlichen Ausfalls von Gedächtnisbildern, ausscheiden. Denn all' diese 
Erscheinungen setzen allerdings einen ursprünglichen Affekt voraus, 
anderseits aber soll dieser Affekt mit seinem Objekt unter gewissen 
Bedingungen versch^vinden, um einer Null, einem gänzlichen Mangel 
an Affektivität Platz zu machen. Es ist hier keine Kompromiß- 
erscheinung vorhanden, denn der Affekt bezieht sich auf kein neues 
Objekt mehr, er existiert überhaupt nicht mehr, — Behauptungen, 
mit denen die Transformationstheorie nichts anzufangen weiß. 

5. Ich muß hier noch darauf hinweisen, daß alle Teile der 
Freudschen Psychologie, sofern die letztere vom Standpunkte der 
Transformationstheorie aus betrachtet wird, einer wichtigen An- 
nahme bedürfen. Ich meine die Annahme der Qualitätslosig- 
keit aller Affekte und Strebungen. Denn man könnte sich darüber 
verwundern, daß unsere Affekte zu Transformationen gleichsam bereit 
sind, daß sie es fertigbringen, sich von einem Objekt-e loszureißen 
imd auf ein anderes zu werfen. Wenn etwa eine unbefriedigte sexuelle 
Strebung sich in gewisse andere Formen umsetzt, so könnte man es 
als einen sinnlosen Austausch betrachten. Ich glaiibe sogar, daß 
hier der stärkste Einwand gegen Freuds Theorie liegen 
könnte. Dieser Einwand könnte folgende konkrete Form annehmen. 
Der Zomaffekt z. B. ist eben Zomaffekt, der sich von einem Schmerze 
spezifisch unterscheidet, und es bleibt nun unklar, auf welche Weise 
er vom letzteren ersetzt werden könnte'). Sollten wir in der Tatsache, 
daß z. B. ein unbefriedigter Zomaffekt zu einem hysterischen Schmerze 
führt, nur eine listige Maßnahme erblicken, mit der die Natur uns 
täuscht, damit wir das unerträgliche Zornerlebnis loswerden? Allein 
diese List der Natur wäre an sich ein unerträglicher Gedanke, denn 
es bliebe trotzdem imklar, auf welche Weise gewisse Affekte in Er- 
lebnisse sich umsetzen können, die mit ihnen nichts gemein haben. 

Allein dieser Einwand ist nur so weit berechtigt, als man zugleich 



^) Dieses Beispiel erinnert an ältere Stadien der psychoanalytischen Lehre. 
Allein unsere Problemstellung und Problemlösung wird dadurch nicht beeinflußt. 

41* 



634 M. Weissfeld. 

die Ansicht hegt, daß die Affekte gewisse Eigenschaften haben und 
daß ein Affekt sich von einem andern eben duich seine Eigenschaften 
unterscheidet. An dieser Ansiclit wurde in der Geschichte der Psycho- 
logie noch nie gerüttelt. Man glaubt, daß alle inneren Erlebnisse ge- 
wisse Qualitäten haben, die eben dem Charakter der betreifenden 
Objekte entsprechen. So soll der Zornaffekt gleichsam etwas Zomhaftes 
enthalten und sich insofern von einem Kachebedürfnis oder einer 
sexuellen Regimg unterscheiden. Will man diese Ansicht nicht ver- 
lassen, so ist man gezwungen, Freuds Transformationstheorie zu 
verwerfen, denn dann käme es einem Wunder gleich, daß z. B. ein 
Zomaffekt sich in einen Schmerz oder daß eine sexuelle Regung, mit 
ihrer besonderen Qualität, sich in irgend eine Willenserscheinmig, die 
ja eine ganz andere Qualität hat, umsetzen solle. 

Denn wenn der Zornaffekt als solcher eine Eigenschaft hat, die 
etwa als eine Eigenschaft des Zornhaften anzusprechen ist, so ist es 
unklar, was für eine Verwendung eben dieses Zornhafte bei 
einer Transposition des ursprünglichen Erlebnisses in einen Schmerz 
finden könne. Wenn der sexuelle Trieb, als inneres Erlebnis, die Eigen- 
schaft des Sexualen hat, so bleibt es unklar, was für eine Rolle spiele 
denn diese Sexualität, wenn das innere Erlebnis sich sublimiert und 
künstlerischen Zwecken zuwendet. Anderseits, nach derselben Voraus- 
setzung, daß die inneren Erlebnisse Qualitäten haben, müßte auch das 
künstlerische Streben eine Qualität haben. Es wäre also, seiner Natur 
nach, ,, künstlerisch" und somit würden Avir die Annahme fallen lassen 
müssen, daß die Sexualität von früheren Zwecken her gebracht wurde. 

Daraus ist klar zu ersehen, daß die Transformationstheorie nicht 
mit der Annahme zusammen bestehen kann, daß Affekte und Strebungen, 
als innere Erlebnisse, Qualitäten haben. Allein nicht die Transfor- 
mationstheorie, sondern diese irrige Annahme ist falsch. Während 
jedes Ding eine Qualität hat, können wir dies von den Strebungen 
und Affekten nicht aussagen. Sie sind natürlich weder weiß, noch 
rund, noch scharf, noch schwer. Diese Eigenschaften kommen nur den 
Objekten zu. Sie haben aber auch andere Eigenschaften nicht, und 
wenn wir von diesem oder jenem Affekte sagen, er sei Zorn, Sexualität, 
Rachedurst, Haß usw., so geben diese Worte keineswegs irgend welche 
charakteristischer Eigenschaften dieser Affekte an, sondern sie weisen 
nur auf ihre spezifischen Objekte hin. Sehen wir z. B. bei einer Sexual- 
strebung von allen ihren Objekten ab, dann bleibt ein wesenloses, 
eigenschaftslose 3 Etwas übrig, daß wir nur ecwa durch die Worte ,,ed 



Freuds Psychologie ah eine Tiansformationstheorie. 635 

strebt" oder ..es tut weh" bezeichnen könnten. Anders ausgedrückt, 
stehen wir bei einer Sexualerregung eines Mannes von den Zielpimkten 
dieser Erregiuig, z. B. von gewissen Geschlechtsmerkmalen eines Weibes, 
die eine Erregung des Mannes hervorrufen, ab, und geben wir 
acht auf diese Erregung, als innern Zustand, so müssen wir wahr- 
nehmen, daß sie sich von dem Zorne oder dem Haß usw. gar nicht 
unterscheidet. Das Gemeinsame zwischen Sexualität, Rachedurst, 
Zorn, Heimweh usw. besteht in der absoluten Eigenschaf tslosigkeit 
all' dieser inneren Erlebnisse, und ihre unterscheidenden Merkmale 
beziehen sich nur auf die Unterschiede ihrer Objekte. 

Jetzt wird es klar, warum ein Affekt ein Objekt verlassen kann, 
um das andere zu ergreifen, warum etwa die Feindschaft einer nahen 
Person gegenüber die Form einer Sorge um ihr Wohlbefinden annehmen 
kann. Denn die Feindschaft ist Feindschaft, d. i. etwas Qualitätsvolles 
nur in bezug auf ihre Objekte. Der erwünschte Tod der nahestehenden 
Person , das Mord Werkzeug us w. , alle diese q u a 1 i t ä t s v o 1 1 e n Obj ekte der 
Feindschaft sollen uns aber über die Qualitätslosigkeit der Feind- 
schaft als solcher nicht hinwegtäuschen. Eben diese Qualitätslosigkeit der 
Feindschaft, als eines inneren Zustandes, macht es möglich, daß sie sich 
in eine ängsthche Sorge um dieselbe Person umsetzt. Denn diese Sorge 
ist wiederum nur durch ihre Objekte (das Wohlsein, das Glück der be- 
treffenden Person u.dgl.) qualifiziert, an sich aber ist sie in keiner Be- 
ziehung von der Feindschaft unterschieden. Sie ist diese Feindschaft selber, 
insofern sowohl die Sorge als die Feindschaft jeglicher Eigenschaften bar 
und somit einander gleich sind. Nur ihre Objekte sind verschieden. 

Diese Grundansicht über die Eigenschaftslosigkeit der Strebungen 
muß das eigentliche Fundament der Freudschen Psjrchologie sein. 

Wir müssen hier ein Problem berühren, das eigentlich weniger 
mit der Transformationstheorie als vielmehr mit der Theorie der be- 
stimmten Transformationen, von der später die Rede sein wird, zu 
tun hat. Man wird vielleicht einwenden, daß, wenn die Affekte frei 
von allen Eigenschaften wären, sie eben damit gleichsam jenseits jeder 
Wahl stehen imd jedes beliebige Objekt ergreifen würden. Die Welt 
unserer Strebungsobjekte würde dann einem ordnungslosen Chaos 
;ileichen, und Laune wäre das Gesetz für alle Transformationen. Dieser 
Einwand muß auf folgende AYeise entkräftet werden. 

Erstens ist nicht abzusehen, warum nur die Affekte, als innere 
Zustände, für die Wahl der Objekte bestimmend sein sollen. Dies 
könnte ja von den Objekten selber geschehen, indem etwa ein vorher- 



636 W. Weissfeld. 

gegangenes Strebungsobjekt für den Charakter des nächsten Sbrebungs- 
objektes bestimmend wäre. Hiermit will ich nicht sagen, daß die Be- 
ziehungen zwischen dem vorhergehenden und dem nachfolgenden 
Objekte immer einfach wären, indem etwa zwischen ihnen nur eine 
Ähnlichkeitsbeziebung bestehen müßte. Denn diese Beziehungen 
könnten ja sehr mannigfaltig und kompliziert sein. 

Zweitens, wenn man sagen wollte, daß die Art der nachfolgenden 
Objekte eben durch die Art der sie ergreifenden Affekte, nicht aber 
durch die Art der vorangegangenen Objekte erklärt werden könne, 
so sollte man versuchen, die Eigenschaften irgend eines Affektes an- 
zugeben, und man wird dann sehr bald bemerken, daß alle charakteri- 
sierenden Angaben sich eben auf O b j e k t e beziehen . Mag man versuchen , 
irgend eine sexuelle Kegung zu bestimmen, und man wird gezwungen sein, 
auf ihre Zielpunkte hinzuweisen, ohne sogar mit einem Worte die sexuelle 
Kegung selber, als inneres Erlebnis, zu erwähnen. Wenn also jede Kenntnis 
der Affekte eigentlich eine Kenntnis ihrer Objekte ist, so ist es klar, daß 
die angebliche Möglichkeit, die nachfolgenden Objekte nur durch die 
Eigenschaften der Affekte erklären zu können, im Widerspruche zu 
der Unmöglichkeit steht, die Eigenschaften der Affekte überhaupt 
anzugeben. Wenn man also den Charakter eines nachfolgenden Strebungs- 
objektes durch die Eigenschaften des Strebens selber zu erklären 
meint, so geschieht diese Erklärung bei näherem Zusehen nicht durch 
die Berücksichtigung der Eigenschaften der Affekte, sondern durch 
die Berücksichtigung der vorangegangenen Objekte der letzteren. 

Die Eigenschaftslosigkeit der Willenserscheinungen betrachte ich 
daher als ein Grundprinzip der Psychologie. Die Ausdrücke ,,ich 
strebe", ,,es tut mir weh" usw. geben keine Eigenschaften an. ,, Streben", 
,, Affekte" usw. sind keine Wesenheiten, sondern bilden nur so- 
zusagen den Ton (rovog = Spannung), den Willenston unseres Lebens. 
Wir haben es also hier mit zwei Prinzipien zu tun: 1. Die Willens- 
erscheinungen haben keine Qualitäten — Prinzip der Qualitätslosigkeit ; 
2. sie haben nur einen ,,Ton", eine Spannung, die aber keine Qualität 
ist. Dieser Ton ist in allen Willenserscheinungen gleich — Prinzip 
der Gleichartigkeit des Willenstones. 

6. Die Qualitätslosigkeit der Affekte ermöglicht ihre Transposition, 
denn die Vereinigung mit dem neuen Objekt wäre immöglich, wenn der 
Affekt irgend welche Eigenschaften, — die dann natürUch mit der Natur 
des alten Objektes in Zusammenhang stünden, — mitbringen würde. 

Aber nicht nur die neue Verbindung, sondern auch die ihr voran- 



Freuds Psychologie als eine Transformationstheorie. 637 

gehende Lostrennung bedarf einer wichtigen Annahme. Wenn nämlich 
das Objekt A in sich etwas Erstrebenswertes enthielte, so würde sich 
das Streben von ihm nicht losreißen können. Um einen Vergleich zu 
gebrauchen, könnte man sagen, daß, wenn der Tisch, an dem ich 
jetzt schreibe und den ich jjmein" nenne, in sich diese Eigenschaft 
des ,,Mein-Sein" enthielte, er gewiß in einer recht intimen Beziehung 
zu mir stehen würde. Und ebenso wenn das Objekt A, zu dem ich 
jetzt strebe, an sich ,,gut" wäre, es nie aufhören würde, dies zu sein. 
Tiefere Gründe lassen aber erkennen, daß zwischen dem Willen mid 
seinen Objekten keine intime Beziehung besteht, daß die Dinge jeglicher 
Eigenschaften bar sind, die ein Streben bedingen könnten, daß 
unsere Strebungsbeziehungen zu diesen oder jenen Objekten von Um- 
ständen abhängen, die außer den erstrebten Dingen bestehen. Anders 
ausgedrückt, die Strebungen sind durch die Natur der Objekte als 
solche nicht bestimmt. Stellen wir uns ein Wesen vor, das jeglicher 
Strebimgen bar wäre, und stellen wir uns dann weiter vor, daß dieses 
sonderbare Wesen unsere Welt besuchen wollte. Wenn man ihm dann 
die Welt unserer Strebungsobjekte zeigte, alle diese Farben und Formen, 
all dies Greifbare und Ungreifbare, bei dessen Anblick das Begehren 
im Menschen so leicht entbrennt — man denke etwa an Objekte sexueller 
Regiuigen, an Schönheit u. dgl. — wenn man ihm all' dies zeigen wollte, 
so würde er an allen diesen Objekten gar nichts erblicken, was auf 
die tatsächlich vom Menschen erlebten Strebungen hinweisen könnte. 
Möge er die Gegenstände drehen und wenden, wie er will, er würde nichts 
entdecken, was ihn vermuten ließe, daß diese Gegenstände eine Strebung 
bedingen können. Denn die Tatsache des Strebens zu einem Objekte A 
kann durch die Natur des letzteren nicht erklärt werden. Nur irgend 
welche äußere Verhältnisse — temporäre oder jahrelang dauernde — 
führen eine Strebung und einen Gegenstand einander zu. 

Es ist daher nicht zu verwundern, daß ein Streben sich von seinem 
Objekte lostrennt. Dies wäre natürlich unmöglich, wenn in dem Objekte 
A etwas wäre, das unserer Strebung als etwas ,, Erstrebenswertes" 
entgegenkommen würde. Da aber das Objekt in dieser Beziehung 
gleichsam tot ist und unseren Willen zu ihm gar nicht rechtfertigen 
kann, so stellt es keine Hindernisse der Lostrennung des Affekts ent- 
gegen. Da es an sich nichts ,, Erstrebenswertes" ist, so besitzt es die 
Ketten, die Willensketten nicht, um uns an sich zu binden. 

Die Lostrennung wird also ebenso ermöglicht wie die neue Ver- 
bindimg. Einerseits kann die Natur des Objekts als solche keine 
4 1 



638 M. Weissfeid. 

Strebung bedüigeii. Dalier ist die Natur eines Objekts gleichsam irre- 
levant in bezug auf unser Willensverhältnis zu ihm. Sie kann daher 
der Wirkung verschiedener Umstände, die es lostrennen, nicht wider- 
stehen. Anderseits ist aber die Strebung selber qualitätslos, so daß 
sie sich dem neuen Objekte sehr leicht anpassen kann. 

7. Auf diese Weise läßt sich die Tranformationstheorie begründen, 
d. h. in Zusammenhang mit philosophischen Prinzipien bringen. 

Ich habe mich jetzt mit zwei weiteren Problemen zu befassen: 
Ich wende mich zunächst zu dem Agens, das die Transformationen 
bedingt. In einem Aufsatze, der 1894 erschienen ist, hat Freud darauf 
hingewiesen, daß nur die zwei Endpunkte der Transformationsreihe, 
d. i. der ursprünghche Affekt und die Kompromißerscheinung, uns 
gegeben sind, daß aber der AVeg, der sie miteinander verbindet, uns 
nicht gegeben ist. ,,Die Trennung der sexuellen Vorstellung von ihrem 
Affekt und die Verknüpfung des letzteren mit einer andern, passenden, 
aber nicht unverträglichen Vorstellung — dies sind Vorgänge, die 
ohne Bewußtsein geschehen, die man nur supponieren, aber durch 
keine klinisch-psychologische Analyse erweisen kann" (Kleine Schrifteil , 
Bd. I, S. 52). ,,Ohne Bewußtsein", das sollte hier so viel bedeuten, 
als daß wir darüber gar nichts wissen. Dessenungeachtet wollte er 
damals diesen Weg, der von der ursprünglichen zur Kompromiß- 
erscheinung führt, als ein System von physischen Vorgängen bezeichnen. 
Daraus ist zu ersehen, daß diese ,,Supposition" keine Hypothese im 
wissenschaftlichen Sinne des Wortes war. Vielmehr wollte hier Freud 
nur eine subjektive, zu nichts verpflichtende Meinung ausdrücken. 
Allein später wurde diese Meinmig zu einer Überzeugung, wenn er 
auch den physischen, die beiden Endpunkte der Transformations- 
reihe verbindenden Vorgang durch einen psychischen Vorgang ersetzt 
hat. Diese neue Annahme, die als die Lehre über das Unbewußte auf- 
trat, enthält in sich zwei Behauptungen: 1. daß die beiden Endpunkte 
durch einen gewissen psychischen Vorgang oder Akt verbunden 
sind und 2., daß dieser Vorgang sich im Menschen ,als ein Bestand- 
teil seines Ich, abspielt. Allein die Beobachtungen und Theorien Freuds 
sind nicht unbedingt an diese zwei Annahmen gebunden. Sie können 
auch durch zwei andere, ihnen entgegengesetzte Prinzipien erklärt 
werden. Es sind dies folgende Prinzipien: 1. die Endpunkte der Trans- 
formation.sreihe sind durch keinen Vorgang oder Akt verbimden; 
die Kompromißerscheinung entsteht, ohne ers^t durch gewisse euer- 



Freuds Psychologie als eine Transformationstheoiie. 639 

getische Faktoren bedingt zu sein; 2. die Entstehung der Kompromiß- 
erscheiuung ist durch eine äußere, höhere Macht bedingt. Und ich 
glaube, daß sich diese beiden Annahmen sehr gut beweisen lassen. 
Allein die Transformationstheorie als solche nimmt sowohl in bezug 
auf diese zwei Prinzipien, als auch in bezug auf Freuds Prinzipien, 
eine neutrale Stellung ein. Man braucht nicht Theorien, die eine selb- 
ständige Bedeutung haben, so miteinander zu verweben, daß dadurch 
die Annahme jeder einzelnen von ihnen erschwert wäre. Die Tatsache, 
daß unsere Äff ekte eine große Transformationsfähigkeit besitzen, erregt 
zwar weitere Fragen danach, ob die Transformationen der Affekte 
durch irgend eine Tätigkeit bedingt sind und ob der sie bedingende 
Faktor einen Bestandteil unserer Persönlichkeit bildet, allein sie in- 
volviert keine bestimmte Lösung dieser Fragen. 

Halten wir uns an imser Schema, das uns die Transformations- 
theorie verbildlichen soll: ein Affekt verläßt sein Objekt A und richtet 
sich auf ein Objekt B. Man könnte glauben, dies setze einen gewissen 
Prozeß voraus, der sich eben darin kundgibt, daß ein Affekt ein Objekt 
verläßt und ein anderes ergreift, daß er sich von einem Richtungs- 
pmikt auf einen andern verschiebt. Man darf aber nicht durch den 
Gebrauch dieser Verben sich veranlaßt fühlen, die andere Möglich- 
keit zu leugnen, daß zwischen der Erscheinung X A und der Er- 
scheinung XB gar keine Tätigkeit vermittle. Wir dürfen also auch 
behaupten, daß, nachdem X sich nicht mehr auf A bezieht, es sich 
auf B bezieht. Jedenfalls ist weder der energetische oder dynamische, 
noch der anenergetische, adynaraische Standpunkt, den ich für richtig 
halte, von der Transformätionstheorie gefordert. 

Dasselbe ist auch von der zweiten Annahme zu behaupten. Ob 
die Transformationen, dynamisch oder adynamisch aufgefaßt, durch 
unser Ich bedingt sind, ist mindestens nicht wahrscheinlicher, als daß 
sie durch höher stehende Mächte bedingt sind. Daß ich jetzt zu A 
imd später zu B strebe, — dies ist durch Wesenheiten bedingt, die 
außer mir stehen. Allein weder diese Theorien der Eingebung durch 
höhere Mächte, noch auch die Theorie der Bedingtheit unserer Affekt- 
verschiebungen durch unser Ich, sind logische Voraussetzimgen der 
Tranformationstheorie. Und weil die letztere sich von Tendenzen, die 
ihr fremd sind, befreien kann, gewinnt sie an wissenschaftlicher Stärke. 

8. Und eben dieses Streben, die Transformationstheorie klai' 
herauszuheben und die zu ihr nicht passenden Elemente von ihr ab- 



640 M. WeUsfeld. 

zusondern, zwingt mich, hier noch ein anderes Problem zu berühren. 
Dieses Problem bezieht sich auf das Schicksal des ursprünglichen 
Objekts, von dem ein Affekt sich losreißt. 

Das Schicksal des ursprünglichen Objekts kann durch verschie- 
dene Ausdrücke, aber immer nur in neutraler Weise, bezeichnet werden. 
Wenn wir Anlaß haben, zu behaupten, daß ein Streben X sich früher, 
aber später nicht mehr, auf A bezog, so können wir das gegenwärtige 
Nicht-bezogen-Sein des Affekts auf das Objekt A etwa als eine ,, Unter- 
drückung" des letzteren bezeichnen. Wenn wir also von unterdrückten 
Vorstellungen sprechen, so bedeutet es nur, daß diese Vorstellungen 
nicht mehr den Zielpunkt meiner zentrifugalen Erlebnisse abgeben. 
In derselben neutralen Bedeutung kann ich dann auch den Ausdruck 
,, Dissoziation" gebrauchen. Die Vorstellung A ist ,, dissoziiert" — dies 
hieße somit so viel, als daß sie nicht mehr die Beziehung zu mir hat, 
die sie früher hatte. Sie hatte nämlich früher eine Willensbeziehung 
zu mir, d. h. sie war das Objekt meines Willens, jetzt aber ist sie 
, .dissoziiert", abgelöst davon, unterdrückt. Sie erregt nicht mehr mein 
Interesse. Da aber alle Objekte nur insofern mir gegeben sind, als sie 
Objekte meines Willens sind, so bedeutet die ,, Dissoziation" oder die 
Unterdrückung eines Objekts nichts anderes als ihr Nichtsein für 
mich. Das Objekt A ist für mich nicht mehr da. 

Nun aber sagt Freud, daß dieses Objekt in einer gewissen Form 
doch für mich da ist, imd zwar als etwas ,, Unbewußtes." Es ist klar, 
daß die Transformationstheorie als solche der Annahme des ,, Un- 
bewußten" in diesem Sinne nicht bedarf. Denn sie hat zu ihrem Gegen- 
stande nur die Vertauschung der Strebungsobjekte. Insofern ist ein 
Einfall oder ein Traum zur Genüge dadurch erklärt, daß die betreffenden 
Bilder unsere Affektivität, die früher sich auf etwas anderes bezog, 
an sich rissen. Diese Erklärung bedarf also keiner Voraussetzungen 
darüber, wie es nun mit diesen von der Affektivität losgetrennten 
Objekten steht. Wozu sind also die letzteren da, wenn man sie in dem 
Bereiche des Ich zurücklassen will? Fahren sie fort, einen Bestandteil 
meines Ich zu bilden, damit etwa die Affektivität einmal wieder zu 
ihnen zurückkehren könnte? Allein die Affekte können noch einmal 
in Verbindung mit früheren Objekten treten, ohne daß die letzteren 
im Unbewußten darauf gleichsam warten müßten. Die Tatsache der 
Erinnerung z. B. könnte stattfinden, ohne daß die vergessenen Gegen- 
stände im Unbewußten aufbewahrt würden. 

Auch Ebbinghaus verteidigt das Unbewußte im Sinne Freuds. 



Freuds Psychologie als eine Transformationstheorie. 641 

Da die Psychologie, wie Ebbinghaus sagt, sich genötigt sieht, Nach- 
wirkungen früher stattgehabter seelischer Prozesse anzunehmen, und 
„da von Nachwirkungen über ein Nichts hinweg nicht gut die Eede sein 
kann, so sind wir eben gezwungen, außer dem psychophysischen Seinein 
Sein anzunehmen, das nach dem Ablauf eines psychophysischen Pro- 
zesses eine etwas andere Beschaffenheit hat, insbesondere leichter zur 
Wiederholung des betreffenden Prozesses -veranlaßt werden kann als 
vorher. Dieses Sein ist das Unbewußte, das die Bewußtseinsvorgänge 
überdauert." (Ebbinghaus, Grundzüge der Psychologie,, 3. Aufl., 1911, 
S. 56.) Ich glaube aber, daß das Herüberreichen eines Objektes aus 
dem Unbewußten gewissermaßen ebenfalls ,,über ein Nichts" geschieht, 
denn jetzt z. B. sind wir uns einer Vorstellung nicht bewußt und in 
einer Sekunde wird dieses Nichts durch sie ausgefüllt. 

Man wird vielleicht auch behaupten wollen, daß die losgetrennten 
und unbewußt gewordenen Objekte einen Teil der früheren Affektivität 
behalten. Insofern aber dies der Fall ist, insofern ist die Transformations- 
theorie aufgehoben. Denn wenn das Objekt A den Affekt noch an sich 
reißt und ihn besitzt, so darf man dann nicht behaupten, daß ein Objekt 
B diesen Affekt an sich gezogen hat, und die Träume, Schmerzen usw. 
bleiben dann unerklärt. Anders ausgedrückt, will man von einer nicht 
vollkommen gelungenen Verdrängung eines Triebes sprechen und 
somit behaupten, daß die betreffende Vorstellung sich in affektiver 
Form im Unbewußten ^befindet, so kann man von keinen Ersatz- 
erscheinungen für den ursprünglichen Trieb sprechen. Hier muß 
entweder ,,ja" oder ,,nein" gesagt werden. Bleibt ein Affekt auf 
sein ursprüngliches Objekt gerichtet, so ist er also auf ein anderes 
Objekt nicht gerichtet. Ist er aber auf ein anderes Objekt gerichtet, 
dann ist er vom ursprünglichen losgelöst. Nehmen wir ein Beispiel. 
In einem sehr interessanten Aufsatze will Freud die Zwangshandlungen 
erklären und sie in Zusammenhang mit den religiösen Gebräuchen 
bringen. Den ursprünglichen Affekt der Zwangshandlungen erblickt 
er in einer Komponente des Sexualtriebes. Die Verdrängung dieser 
Komponente führt zur peinlichen Gewissenhaftigkeit und zu einem 
System von kleinlichen Handlungen, die eben das Charakteristische 
der Zwangshandlungen ausmachen. Setzen wir voraus, daß die ver- 
drängten Objekte der ursprünglichen sexuellen Regung einen Teil des 
Sexualtriebes oder des Sexualaffektes behalten haben. Wir müßten 
dann sagen, daß der sexuelle Trieb, d. i. die Sexualstrebung — als 
intimes Erlebnis, gerichtet auf ein bestimmtes Objekt — aus dem Un- 



t;.i2 M. Weissfeld. 

bewußten heraus einen EinfluJJ ausübt, und zur Abwehr dieses an- 
ilrängenden Triebes sollen die Zwangshandlungen und die dazu gehÖrige}i 
Verbote dienen. Wenn aber der Trieb mitsamt seinem Objekte sich noch 
im Unbewußten befindet, dann weiß ich wirklich nicht, was für eine 
Erklärung für die Zwangshandlungen gegeben ist. Denn einerseits 
ist die ursprüngliche Vorstellung mitsamt ihrem Affekt im Unbewußten 
da, d. h. diese Vorstellung und dieser Affekt sind voneinander nicht 
losgelöst. Neben diesem Phänomen entsteht nun eine peinliche Ge- 
wissenhaftigkeit, ein System von kleinlichen Handlungen usw. Diese 
neuen Bildungen tragen an sich so sehr den Stempel des Kleinlichen, 
des Verschobenen und Verschrobenen, daß man dagegen wohl mit 
Recht einwenden könnte, die Gesetze unseres Lebens seien viel be- 
deutender und inhaltsreicher. Denn es ist nicht abzusehen, auf welche 
Weise kleinliche verschrobene Handlungen, die sich etwa auf die Art 
des Zubettegehena richten, einen sexuellen Trieb bewältigen können. 
Ich sehe hier einfach keinen Zusammenhang. 

Wohl aber ist dieser Zusammenhang da, v,'enn wir behaupten, 
daß diese neuen Bildungen den Affekt, der sich ursprünglich auf ein 
sexuelles Objekt bezog, gänzlich an sich rissen. Dann wird die Sache 
erklärt, denn diese kleinlichen Handlungen erscheinen dem ursprüng- 
lichen sexuellen Triebe insofern als kommensurable Größen, als in 
ihnen dieselbe Affektivität steckt wie in jenem. 

Allein man wird erwidern, daß, abgesehen von der Frage, ob 
die losgetrennten Objekte affektlos oder affektbesetzt sind, und ab- 
gesehen von den Schwierigkeiten, die sich an diese beiden Annahmen 
knüpfen, sich die Existenz des Unbewußten, als einer Zufluchtstätte 
für die losgetrennten Objekte, durch die Tatsache und die Art des 
Sicherinnems wohl bestätigt. Hierbei ist zu denken an die Art, wie man 
etwa den Patienten dazu bringt, sich längst Vergangenes zu vergegen- 
wärtigen. Der Patient behauptet, — und zwar ganz aufrichtig — er könne 
nichts über eine gegebene Erscheinung mitteilen, er wisse gar nichts 
darüber und dennoch gibt er allmählich verschiedene Erinnerungen 
heraus. Soll dadurch die Existenz des Unbewußten nicht bewiesen sein? 

Ich glaube diese Frage verneinen zu dürfen. Denn das Auf- 
tauchen von Erinnerungsbildern beweist nur, daß Erlebtes eine Ten- 
denz hat, unter gewissen Bedingungen als Erinnerungsbild wieder- 
zukommen, sagt aber über das Schicksal, über den Aufenthaltsort 
dieser Bilder nichts aus. Das Auftauchen der längst vergessenen Er- 
innerungsbilder könnte sowohl durch ihr Dasein in irgend einer Sphäre 



Freuds Psychologie aU eine Tran-iformationätbeorie. l>t--^' 

unseres Ich, also im Unbewußten, als auch durch ihr Dasein außer 
unserem Ich, im Universum, wo sie Wirklichkeiten oder Möglich- 
keiten wären, bedingt sein. Denn dieses Auftauchen der vergessenen 
Objekte bedeutet nur, daß die Transformationen einen bestimmten 
Gang gehen (siehe 9), daß z. B. die Einfälle des Patienten nicht Dich- 
tungen und Phantasien, sondern gewissermaßen ein Rückschritt der Er- 
lebnisse sind. Wollen wir ans der Tatsache des Auftauchens vergessener 
Bilder logisch-berechtigte Schlüsse ziehen, sodürfenwir nur sagen, diese 
Bilder gehören während ihres Vergessenseins zu einer Welt von 
Möglichkeiten. Logisch unberechtigt aber wäre es, wenn wir sagen 
wollten, daß diese Welt der Möglichkeiten eine Welt der Wirkhchkeiten 
ist, und sogar, daß diese W^elt der Wirklichkeiten in uns als ein ,, Un- 
bewußtes" sich befindet. 

Was speziell die zweite Annahme anbelangt, so ist zu berück- 
sichtigen, daß man irgend welche Eigenschaften des Unbewußten 
angeben müßte, denn man kann nicht die Existenz eines Dinges be- 
haupten, über welches, als solches, man gar nichts aussagen kann. 
Die Angabe, daß es unbewußt ist, genügt nicht, denn auch unter der 
Voraussetzung, daß die losgetrennten Objekte nicht in rmserem Ich, 
sondern außer ihm, in einer Welt von Möglichkeiten oder Wirklich- 
keiten weilen, könnte man sagen, sie seien unbewußt. 

Wenn man aber eine andere Eigenschaft angeben möchte imd 
etwa sagen wollte, das Unbewußte bestehe aus Trieben, Wünschen, 
.so ist darauf zu erwidern, daß hier keine Charakteristik enthalten ist, 
denn damit wird nur angegeben, aus welchen Bestandteilen sich da.s 
Unbewußte zusammensetzt, nicht aber, worin sich die einzelnen B'- 
standteile des Unbewußten von denen des Bewußten unterscheiden. 
Man müßte angeben, worin unterscheidet sich ein unbewußter Wunsch 
von einem bewußten. j 

Wir haben .somit keinen Grund, das Unbewußte im Sinne einer 
Zufluchtstätte für die verdrängten Objekte anzunehmen. Oben hab^' 
ich den Begriff des Unbewußten noch in einem andern Sinne ver- 
worfen, nämlich als den Inbegriff von Vorgängen, die zwischen de» 
Trennung des Affekts von einem Objekt und .seiner Verbindung mit 
einem neuen Objekte vermitteln. Damit will ich aber nicht sagen. 
daß der Begriff des Unbewußten überhaupt zu verwerfen ist. Er 
hat nämlich noch andere Bedeutungen, die ihn annehmbar machen. 
Denn es wäre ein großer Irrtum, zu glauben, daß dieser Begriff ein- 
deutig ist. Auch in Freuds Werken kommt er iu verschiedenen B^- 



^^ M. AVeiisfeld. 

deutungen vor. Nur in einigen dieser Bedeutungen, — aber nicht in 
allen, — ist die Annahme des Unbewußten eine unumgängliche Stütze 
für psychologische Untersuchungen. Wenn man nämlich die oben 
besprochenen Bedeutungen des Unbewußten berücksichtigt und wenn 
man sie mit der Transformationstheorie konfrontiert, so erweist es 
sich, daß die Annahme des Unbewußten in jenen zwei Bedeutungen 
teils für die Transformationstheorie entbehrlich ist, teils in einem 
Widerspruche zu ihr steht. 

9. Auf diese Weise gliedere ich die Grundtendenz der Freud- 
schen Psychologie in meine Auffassung ein. Ich meine die Grundtendenz, 
die Objekte der Strebungen als variable Elemente, die Strebungen 
aber als konstante Elemente zu betrachten. Diese Grundtendenz be- 
zeichnete ich ja als eine „Transformationstheorie." 

Allein der Transformationstheorie als solcher gliedert sich noch 
eine zweite Theorie an, die wir als die der bestimmten Transfor- 
mationen bezeichnen können. Diese Theorie ist es, die das Motiv für 
die meisten Forschungen aus der Freudschen Schule abgibt. Ich 
möchte im folgenden nur kurz auf diese Theorie hinweisen, denn mein 
hauptsächliches Interesse gilt nicht den von ihr beleuchteten Tat- 
sachen, sondern der Tatsache und der Möglichkeit der Transposition 
unserer Affekte überhaupt, abgesehen von ihren bestimmten Ausgangs- 
pimkten imd Richtungen. 

Und gerade die Betonung bestimmter Ausgangs- und Endpunkte 
bildet das Eigentümliche der Theorie der bestimmten Transforma- 
tionen. Was den Ausgangspunkt anbelangt, so ist hier an die Betonung 
des Sexuellen zu denken. Die Behauptung, daß alle ursprünglichen 
Erlebnisse, alle X A, eigentlich sexuelle Erlebnisse sind, hat für mich 
nicht die Bedeutung, daß der sexuelle Trieb in allen seinen Variationen 
einen spezifischen Charakter besitzt und als solcher eine vorherr- 
schende oder sogar exklusive Rolle bei der Bildung von Kompromiß- 
erscheinungen spielt, sondern sie bedeutet nur, daß gewisse Objekte, 
deren Charakter eben die Bezeichnung des Streben» als ,, sexuellen 
Strebens" rechtfertigt, vorherrschend oder sogar typisch sind. Bleiben 
wir bei unserer Formel 

X A 

XB, 
>io bedeutet sie nicht, daß das X im ersten, ursprünglichen Erlebnis 
( X A) sexueller Art sei. Dies ist unmöglich, denn die Triebe als solche, 
d. i. als innere Erlebnisse, sind qualitätslos. Sie dürfen weder mit 



Freuds Psychologie als eine Traiisformationstheoiie. 645 

dem Worte „Sexualität", noch mit dem Worte ,, Selbsterhaltungs- 
trieb", noch mit irgend welchen anderen charakterisierenden Aus- 
drücken bezeichnet werden. Die Bestimmtheit des urpsrünglichen Er- 
lebnisses kann aber bedeuten, daß A einen bestimmten Charakter 
hat, so daß dem X, das sich später auf verschiedene Weisen verschiebt, 
ursprünglich Objekte bestimmter Art gegenüberstehen. Das A ist 
somit das mannigfaltige Objekt des sexuellen Triebes in seinen ver- 
schiedenen Variationen. Dieses A erst rechtfertigt die Bezeichnung 
des Erlebnisses X A als eines sexuellen Erlebnisses. 

Nun aber verläßt X das ursprüngliche Objekt A imd wirft sich 
auf B. Die Theorie der bestimmten Transformationen behauptet mit 
Recht, daß dieses B ebenfalls einen bestimmten Charakter hat, wenn 
auch in einem andern Sinne. Sie sagt, daß die Objekte unserer Affekte 
und Strebungen nicht regellos auftreten, daß hier gemsse Regelmäßig- 
keiten zu bemerken sind, denn nicht beliebige Objekte werden vom 
frei gewordenen Affekt ergriffen. Ich will hier hauptsächlich die soge- 
nannten freien Einfälle berücksichtigen. Wenn man sagt, die Er- 
setzbarkeit der Strebungsobjekte trage einen bestimmten Charakter, 
so kann man denselben Gedanken auch auf eine andere Weise for- 
mulieren, indem man sagt, die Transformationsmöglichkeit sei in der 
Wahl ihrer Objekte gehemmt. A wird ersetzt durch B, nicht aber 
durch C oder D. Diese gehemmte Transformationsmöglichkeit ist 
insbesondere auf dem Gebiete der Einfälle wichtig und liegt der eigen- 
tümlichen Untersuehungsmethode Freuds zugrunde. Wenn wir uns 
ein ursprüngliches Strebimgsobjekt A vorstellen, das verdrängt werden 
mußte und das etwa am Ende einer mehr oder minder langen Kette 
von Kompromißerscheinimgen durch eine falsche Erinnerung E ersetzt 
wurde, so meint nun Freud, daß, wenn man seine Einfälle in bezug 
auf dieses falsche Bild mitteilt und dabei den Assoziationen freien Lauf 
läßt, sie keineswegs in verschiedene Richtungen verlaufen, sondern zum 
ursprünglichen Strebimgsobjekte A führen und dabei ungefähr denselben 
Weg schreiten werden, den der ursprüngliche Affekt genommen hat, 
als er sich in die betreffenden Kompromißerscheinungen verwandelte. 

Es wäre aber verfehlt, wenn man glauben wollte, daß die Bestimmt- 
heit der Transformationen sich rationell beweisen lasse, so daß wir 
begreifen könnten, warum ein Affekt, nach seiner Trennung von A, 
sich auf B oder auf C richtete, oder warum er dann die Reihe von be- 
stimmten Kompromißobjekten — angefangen mit B und bis E — 
durchlief. Was speziell Freuds Untersuchungsmethode anbelangt, so 



646 M. Wei33feld. 

hat man den Vorschlag, diese Methode zuerst anzuwenden und 
dann erst zu beurteilen zu versuchen, durch den Einwand wider- 
legen wollen, daß man nicht eine Methode anwenden kann, ehe man 
sie beurteilt hat, und da sie nur als eine falsche zu betrachten ist, so 
sind daher praktische Versuche mit ihr überflüssig. Denn, sagt man. 
auf welche Weise kann z. B. bewiesen werden, daß der ,, freie" Gang 
der Assoziationen eben den Weg geht, den das ursprüngliche Erlebnis 
gegangen ist, als es sich in eine Kompromißbildung verwandelte? 
Es ist darauf zu erwidern, daß dies wirklich nicht rationell zu beweisen 
ist, denn diese bestimmte Ordnung der Einfälle ist uns nur in der 
Erfahrung gegeben. 

Anders ausgedrückt, die Theorie der bestimmten Transfor- 
mationen basiert auf unerklärbarer Erfaluimg. Diese Erfahrimg 
wäre vielleicht erklärt, wenn man die Affekte für qualitätsvoll halten 
würde. Vielleicht würde man dann die Ordnimg der Objekte durch 
die Qualitäten der Affekte erklären können. Es ist aber eigentlich ein 
sinnloses ,, Vielleicht", denn man kann so eine Voraussetzimg nicht 
verwirklichen. Daß unsere Strebungen und Affekte völlig eigenschafts- 
los sind, — dies ist eine Behauptung, deren eine wahre Psychologie 
des Willens nicht entraten kann. 

Es bleibt also übrig, die Strebungsobjekte mit einander zu 
konfrontieren imd auf diese Weise Regelmäßigkeiten aufzufinden. 
Dann werden wir zeigen können, daß etwa ein Zielpunkt des sexuellen 
Triebes diu'ch eine Eigentümlichkeit des künstlerischen Lebens ab- 
gelöst wird, allein dieses regelmäßige Aufeinanderfolgen ist 
noch kein prinzipielles Durcheinandersein. 

10. Nur der Vollständigkeit halber möchte ich noch bemerken, 
<iaß die Transformationen nach Freud nicht nur einen bestimmten, 
sondern auch einen zweckmäßigen Charakter haben. Man braucht 
hier bloß an die Wimscherfüllung, als das Wesen der Träume, hin- 
zuweisen. Allein ich brauche nicht weiter in das Wesen der Theorie 
der zweckmäßigen Transformationen einzugehen, wie ich 
auch die Theorie der bestimmten Transformationen nicht ausführlich 
behandelt habe. Diese beiden Theorien sind nur Ergänzungen zur 
Transformationstheorie überhaupt. Meine Aufgabe bestand nur darin, 
die Möglichkeit der Verschiebung unseres Willens von einem Objekt 
auf ein anderes, von einem Richtungspimkt auf einen andern Richtungs- 
punkt begreiflich zu machen. 



ülber (las TraumproMem. 

Von Dr. A. Maeder (Sanatorium Dr. Birclier, Zürich). 

Nach einem am Kongresse der Psychoanalytischen Vereinigung gehaltenen 
Vortrage, München, September 1913. 



Meine Damen und Herren! 

Den Anlaß zur Wahl dieses Themas als Hauptdiskussionsthema 
der heutigen Vereinssitzung gab meine Veröffentlichung über den 
gleichen Gegenstand, welche besonders im Kreise unserer Wiener 
Kollegen Opposition hervorgerufen hat. Da ich den bestimmten Ein- 
druck hatte, mißverstanden worden zu sein, ergriff ich gern die Ge- 
legenheit, heute über die Fra.ge zu referieren. Das Mißverständnis 
hat meiner Ansicht nach zwei Hauptgründe. Der eine ist wohl der, 
daß es mir damals nicht gelang, das, was ich darüber zu sagen hatte, 
richtig auszudrücken (die vor 1 Jahr im Jahrbuch erschienene Arbeit 
wurde vor 2^2 Jahren redigiert, zu einer Zeit, wo das Problem mir 
noch nicht sehr vertraut war), der wichtigere zweite Grund liegt darin, 
daß die dort vertretene Auffassung eine neue OrientieruJig des Denkens 
in der Psychoanalyse verrät, welche uns bewid^t werden muß. Diese 
Orientierung ist nicht ein individueller Zug, denn sie ist auch in den 
Arbeiten der letzten Jahre, welche hauptsächlich Jung, Riklin 
H. Silberer und in gewisser Hinsicht auch Adler usw. verfaßt haben, 
erkennbar. Ich halte es für außerordentlich wichtig für uns alle, daß 
wir Gelegenheit haben, über diese Fragen, welche uns so sehr be- 
schäftigen, öffentlich und gemeinsam zu debattieren, dies irm so mehr, 
als ich die Überzeugung habe, daß kein wirklicher und notwendiger 
Gegensatz zwischen nns besteht, denn das von uns Zürchern Erstrebte 

Jahrbuch für psychoaiiiilvt . \i. lisyelioijatbol. Poi's<?liungen. V. 42 



648 A. Maeder. 

ist eine natürliche Fortsetzung dessen, was uns von Freud gegeben 
wurde. Die neue Orientierung, von welcher ich soeben sprach, ent- 
spricht der neuen Ansicht, welche sich dem Wanderer zeigt, wenn er 
bei einer Biegung seines Weges angelangt ist. Bevor ich an das Thema 
selbst herantrete, bemerke ich, daß meine heutigen Ausführimgen 
keine offizielle Darstellung des Zürcher Standpunktes bedeuten, 
sondern bloß Ausdruck meiner persönlichen Überzeugung und Stellung- 
nahme sind; aber sie eignen sich, wie ich hoffe, nichtsdestoweniger, 
die bestehende Meinungsdifferenz Ihnen darzulegen. 

In der zur Diskussion gestellten Arbeit habe ich zwei Haupt- 
funktionen des Traumes angenommen, die kathartische und die 
vorübende, vorbereitende. In meinem heutigen Referat konzen- 
triere ich mich auf die zweite Funktion als die wichtigste und zugleich 
am meisten bestrittene. Meine damalige Formulierung muß eine 
Änderung erfahren, indem ich erkannt habe, daß die erwähnten Funk- 
tionen nicht nur für den Traum spezifisch sind, sondern für fast alle 
Produkte der unbewußten Tätigkeit gelten (also für die Tagesphantasie, 
für das Kunstwerk, für das Spiel, die Visionen usw.), es sindFunktionen 
des Unbewußten selbst, welche in diesen Phänomenen zum 
Ausdruck gelangen. Es wird die Aufgabe späterer Arbeiten sein, 
den Nachweis der Zusammengehörigkeit dieser Erscheinungen zu 
liefern. Sie erinnern sich übrigens, daß Freud hier wie in allen anderen 
Gebieten vorgearbeitet hat, indem er den Satz aufstellte, daß die 
neurotischen Symptome als ,, mißlungene Heilungsversuche" auf- 
zufassen seien. Der Traum nimmt unter diesen verschiedenen 
Elaborationen der unbewußten Funktionen eine besondere Stellung 
ein, indem er ständig, jede Nacht, am Werke ist. Er ist ein bescheidener 
Diener, welcher im Stillen seine Arbeit verrichtet; er sucht nach der 
befriedigenden Formulierung der unbewußten Situation, er ringt nach 
ihrem Ausdruck. Diese Traumarbeit kann eine wahrhaft befreiende 
Wirkung ausüben, welche eine innige Verwandtschaft zum Kunst- 
werk verrät. Verschiedene Autoren haben auf diese Beziehung schon 
aufmerksam gemacht, unter anderen Bank. In den bisherigen 
Formidierungen aber ist der Hauptakzent auf die kathartische 
Wirkung gelegt worden, auf die Gefühlsentladimg, während die Über- 
windung des Konfliktes, die wahre Befreiung durch die Sublimierung, 
meiner Ansicht nach die Hauptfunktion des Kunstwerkes ist. 
Mensendieck, welchem wir wertvolle, leider noch nicht veröffent- 
lichte Untersuchungen auf diesem Gebiete verdanken, wird Ihnen 



über das Traumproblem. 649 

in seinem Vortrag über Wagner^) (Die prospektive Tendenz des 
Unbewußten in Wagners erstem Drama und der Parsival) 
diese Seite des Problems eingehend beleuchten. Der Künstler ver- 
sucht an seinem Kunstwerke die Lösung seines Aktual- 
konfliktes, oder besser seines persönlichen Lebensproblems 
zu realisieren. Es handelt sich um einen langen Versuch, der sich 
auf sein ganzes Werk ausdehnt und welcher den wenigsten weitgehend 
gelingt. In bescheidenem Maße und in ganz anderen Proportionen ver- 
sucht der Traum das gleiche für jeden Menschen zu leisten. 
Das Kunstwerk übt dank seiner hohen geistigen Verarbeitung eine 
vorbildliche, soziale Funktion aus, während der Traum sich 
mit der Rolle eines rein individuellen Ausdrucksmittels zu begnügen 
hat, immerhin eine noch recht bedeutsame Rolle. Schon die Verwendung 
der Träume in den antiken Religionen gilt uns als eine Vorahnung 
der jetzt wirklich erkannten Zusammenhänge, wie folgender dem 
Werke Homeffers über den ,, Priester" entnommene Satz deutlich 
illustriert; ,,Die kranken Griechen die zum Asklepiosheiligtum wall- 
fahrten, um den Tempelschlaf zu halten, wollten nicht den Krankheits- 
erreger erfahren, sondern hofften, mit dem Heiligen Asklepios in 
Traumverkehr zu treten und von ihm Angaben über das einzuschlagende 
Heilverfahren zu erhalten." Die vorübende, befreiende Traumfunktion 
wird in diesem Passus als Gotteswink auf der sogenannten , ,mythischen 
Stufe der Erkenntnis" ausgedrückt, der Traum selbst wird, wie ich 
es tue, zum He ilungs Vorgang gerechnet. Sie gestatten mir noch, 
Sie an den scharfsinnigen Spruch Hebbels über diesen gleichen Punkt 
zu erinnern. Er lautet: „Das weiß ich, solche Träume soll man nicht 
geringachten ! Sieh, ich denk mir das so. Wenn der Mensch im Schlaf 
liegt, aufgelöst, nicht mehr zusammengehalten durch das Bewußtsein 
seiner selbst, dann verdrängt ein Gefühl der Zukimft alle Gedanken 
und Bilder der Gegenwart, und die Dinge, die kommen sollen, gleiten 
als Sshatten durch die Seele, vorbereitend, warnend, tröstend. Daher 
kommt es, daß uns so selten oder nie etwas wahrhaft überrascht, daß 
wir auf das Gute schon lange vorher so zuversichtlich hoffen und vor 
jedem Übel unwillkürlich zittern." 

Von unserem speziellen Standpunkte aus lassen sich zwei Ka- 
tegorien von Künstlern unterscheiden, diejenigen, welche eine 
Art Spiegelbild und Ausdruck ihrer Zeitströmung wiedergeben, und 



•) Dieser Vortrag wurde im gleichen Kongreß in München gehalten. 

42"= 



650 A. Maeder. 

eine zweite wertvollere Art, welche die Vorkämpfer und Befreier 
der Mensclilieit sind, die wahren Träger der prospektiven Funk- 
tion der Menschheit. Die Kunstwerke wirken auf die Menschen 
dementsprechend verschieden, mehr entladend oder befreiend, wie 
schon eingangs erwähnt wurde, je nach Prävalenz der prospektiven 
oder der retrospektiven Einstellung. Etwas Ähnliches läßt sich von 
den Träumen und ihrer Wirl^ung auf das Individuum sagen. Die 
Unterschiede beziehen sich aber nicht bloß auf die einzelnen Men- 
schen, sondern auch auf die Phasen der persönlichen Entwicklung 
des Einzelnen. Ich werde diese Behauptung an Hand von Beispielen 
später demonstrieren. Besonders wertvoll erwiesen sich in der Hin- 
sicht die Traumreihen eines Menschen, da sie eine graduelle Ent- 
wicklung des laufenden ethischen Konfliktes darstellen. Wir 
besitzen z. B. von Eo segger eine solche Reihe, welche etwas weiter 
unten (S. 668) behandelt wird imd klar den Wert einer Betrachtung 
des Traumproblems in einem größeren Zusammenhang zeigt. Men- 
sendieck verdanken wir parallele Untersuchungen an den Reihen 
von Kunstwerken des gleichen Dichters (Hebbel, Wagner usw.), 
welche ein ganz ähnliches Resiütat zeigen; die betreffenden Werke 
können förmlich als Erinnerungsmarken des desindividualisierten , 
objektivierten Entwicklungsprozesses ihres Verfassers bezeichnet 
werden. 

Aus den schon jetzt vorgeschlagenen Definitionen (der Nachweis 
folgt erst nach) ist schon zu entnehmen, daß die Formulierung des 
Traumes als einer Wunscherfüllung für meine Auffassung zu unscharf 
imd namentlich zu einseitig ist, da sie tatsächlich die wichtige teleo- 
logische Seite der unbewiißten Funktion nicht umfaßt. Ich fasse den 
Traum als ein Ausdrucksmittel des Unbewußten, als eine 
eigentliche Sprache auf. Diese Traumsprache ist eine , .Übersetzung" 
des verarbeiteten Materials des Unbewußten, zuhanden des Bewußt- 
seins. Dank der besonderen ..Durchlässigkeit des psychischen Dia- 
phragmas" im Schlaf zustand, dringt dieser Bote oder besser noch 
dieser Dolmetscher vom Unbewußten ins Bewußtsein. Diese Aus- 
drucksfunktion muß noch näher präzisiert werden. Die Träume 
geben autosymbolische Darstellungen der aktuellen Libido- 
situation, welche dem Bewußtsein übermittelt werden. Letzteres ver- 
hält sich, wie Freud gezeigt hat, als bloßes ,,Wahrnehmimgsorgan". Das 
Unbewußte strebt im Traum nach einem adäquaten Ausdruck, sagte 
ich; dadurch wird eine Beziehung zwischen den beiden autonomen, psy- 



über das Traumproblem. 651 

chisclien Apparaten hergestellt. Das Unbewußte bedient sieb vieler 
anderer Ausdrucksmittel zum gleichen Zwecke: des Spiels, der 
Tagesphantasie, des Kunstwerkes, der Visionen, der neuro- 
tischen Symptome, der Fehlleistungen usw. Die Fehlleistung 
verrät mehr das Unbewußte, als sie es direkt darstellt, wie der 
Traum, welcher dank seiner komplizierten Struktur eine besondere 
Bedeutung besitzt. Seine Verwandtschaft zum Kunstwerke wurde 
schon hervorgehoben (übrigens em Gedanke, der schon wiederholt 
formuliert wurde, unter anderen von Rank), ich glaube, daß eine 
nahe Zukunft uns gerade in diesem Punkte mehr Licht bringen wird. 
Den Künstlern, welche sich über ihre Technik des Schaffens äußern, 
verdanken wir wertvolle Daten zu diesem Problem. C. Spittelers 
Ausführungen liefern uns eine sehr schätzenswerte Bestätigung der 
innigen Beziehungen zwischen der Gestaltung des Traumes und der- 
jenigen des Kunstwerkes. Wiederholt haben mir Traumanalj-sen den 
Eindruck gegeben, daß echte künstlerische Begabungen in allen 
Menschen schlummern, von denen nur wenig zur Manifestierung 
gelangt. Freud hat den Ausspruch getan, daß der Traum die ,,via 
regia" sei, welche ins Unbewußte führt; die oben gegebene Definition 
des Traumes als autosymbolische Darstellung der aktuellen Libido- 
situation paßt sehr gut dazu. Der Mechanismus, welcher unter der 
Formel ,, Rücksicht auf die Darstellbarkeit" bekannt ist und von 
Bleuler angezweifelt wurde, verdient demnach eine ganz besondere 
Beachtung. Die Prävalenz des visuellen Materials im Aufbaue des 
T'aumes hängt mit seiner Vorstellbarkeit zusammen, also auch mit 
der Ausdrucksfunktion des Traumes im seelischen Haushalte. 

Nach diesen einleitenden Worten gehe ich zu meiner eigent- 
lichen Aufgabe über, an der Haud einer ausführlichen Traumanalyse 
die aufgestellten Gedanken und Formulierungen zu demonstrieren. 
Das wird mir Gelegenheit geben, verschiedene Anregungen zu machen, 
z. B. über die Bedeutung des manifesten Trauminhaltes für die Deutung 
des Traumes, über die Beziehung des Traumes zu seiner psychischen 
Umgebung, ferner über die Polyvalenz der Symbole und die Be- 
deutung der prospektiven Richtung in der Analyse. Ferner werde 
ich versuchen, an der Hand einer Traumanalyse eine Parallele 
zwischen den Deutungen von Freud und seinen unmittelbaren Schülern 
und den unserigen zu geben, welche Anlaß zur Feststellung der 
gegenseitigen Stellung geben wird. 

Ich beginne mit einer Traumanalyse. 



652 A. Maeder. 

Beispiel einer Traumanalyse. 

Vorbericht zur Traumanalyse. 
Der Träumer ist eia 18 jähriger Jüngling; er stammt aua einer 
tüchtigen Familie alten Geschlechtes, welche aber zahlreiche neu- 
rotische Züge aufweist. Er ist zwischen einem in seinen Forderungen 
überaus strengen und heftigen, aber im Grunde genommen lieben 
Vater und einer weichen, nachgiebigen, feinen und gebildeten Mutter 
aufgewachsen. Als Knabe lernte er mit großem Geschicke dem Vater 
ausweichen, sich um die Lebensforderung herumdrücken, wozu. er 
eine echte Begabung, Menschen für sich zu gewinnen, mißbrauchte. 
So gelang es ihm, sein eigener Meister zu sein, Lust und Laune und 
eigene Interessen in seinem Leben walten zu lassen. Allmählich wurden 
gewaltige Lücken in seiner Entwicklung bemerkt. Bin Jagen von 
einer Schule zur andern setzte ein. Nach Jahren kam der Jüngling 
wie unberührt, ganz außergewöhnlich imwissend aus diesen Ver- 
hältnisssen heraus. Die psychoanalytische Behandlung setzte dann 
neben entsprechendem Unterricht und Erziehung ein. Allmählich 
fing er an, sich an die Erledigung des enormen Aufgabenpensums 
heranzumachen; nach etwa einem Jahre war er imstande, in ordent- 
lichem Tempo eine gute Arbeit zu leisten. Der unten analysierte 
Traum stammt aus einer Zeit der Analyse, wo er die schlimmsten 
Schwierigkeiten, die gröbsten Kämpfe überwimden hatte. 

Der Traum lautet in des Patienten Niederschrift folgendermaßen : 
„Mit M.i) in einem Hallenschwimmbad gewesen; es 
schwammen nur ein Herr und eine Dame darin, ich wollte 
mit M. auch darin schwimmen, aber da die Schwimmhalle 
verkracht war, glaubte ich, daß niemand offiziell darin 
schwimmen dürfe. Es gelang aber mit einigen Schwierig- 
keiten in das, glaube ich, anfänglich sehr kalte Wasser 
hineinzukommen, was mir nachher warm vorkam, jedenfalls 
fror ich nachher gar nicht. Mit dem Eade fuhren wir dann 
weiter bis an den See^), wo wir O. und einen Reiter mit einer 
grünen Uniform trafen, welcher auf einem Pferde mit ganz 
wunderschönem blauen Felle ritt. Bevor er auf die Brücke 
kam, stieg er ab und zeigte einem Burschen, welcher 
plötzlich da war, das linke Vorderbein des blauen Pferdes. 

') Schwefster des Träumers. 
2) In Zürich. 



über das Traumproblem. 653 

Nachher sprach irgend ein Herr mit uns über Dr. D. und 
sprach von einer Nummer, die er, glaube ich, aus Versehen 
mitgenommen hatte. Ich bot mich dann an, sie mit hinauf- 
zunehmen^), aber er sagte, er hätte mit seiner Schwester 
schon etwas verabredet. Ich bin inzwischen oft aufgewacht und 
war ziemlich ärgerlich immer noch nichts geträumt zu haben. Erst 
als ich richtig wach war, bemerkte ich meinen Tramn. Papier und 
Bleistift lagen unter meinem Kopfkissen." 

Assoziationen. 

Nach Angabe des Jünglings ist die Szene mit dem blauen 
Pferde der Mittelpunkt des Interesses im Traume, die Gefühls- 
betonung dieses Bildes ist sehr stark. (Zu bemerken ist, daß das Pferd 
für den Träumer selbst wie für sein ganzes Milieu viel bedeutet.) Ich 
lasse die Assoziationen zuerst vom blauen Pferde ausgehen^): 

,,Das blaue Pferd hat eine ähnliche Farbe wie der Bisvogel. 
Solche Pferde gibt es nicht. Die Affen können solche Farben am 
Gesäß (lacht) oder im Gesichte haben ... Es war so schön (starker 
Affekt!). Fräulein v. X. liebt das Blau vor allem (siehe unten, wer 
Fräulein v. X. ist), blaues Blut (der Träumer ist adeliger Ab- 
stammung, wie Fräulein v. X.), adelig; gestern abend hatten wir eine 
Besprechung über Koedukation, es wurde erzählt, daß die Mädchen 
in einem gemischten Institute wie Magneten auf die Jungen wirken; 
träumen wollte ich diese Nacht (um Material für die Psychoanalyse 

zu haben) jetzt fällt mir plötzlich Harringa oder Harraschid 

ein, ich weiß nicht warum, Harringa ist ja blau eingebunden (es handelt 
sich um den berühmten Roman Poper ts, welcher vom Träumer 
mit großem Interesse gelesen wurde), ein anderes Blau freilich ist es; 
der andere Name war nicht Harraschid, sondern Harun al Raschid, 
jetzt weiß ich, um 800 n. Chr., ein famoser Name, nicht? [Träumer 
gibt den Inhalt des Romans folgendermaßen wieder, mid zwar auf 
eine Frage hin, welche ich am Ende der Aufnahme der Assoziationen 
stellte: Der Held ist ein junger Student, welcher im betrunkenen Zu- 
stande in ein Bordell geht, sich dort eine venerische Krankheit holt und 
sich nach vielen Schwierigkeiten das Leben durch Ertrinken nimmt. — 



') D. h. zum Arzt, der in einem höheren Stadtteil wohnt. 

') Zwischen Klammern sind Bemerkungen des Referenten gesetzt. 

4 2 



654 A. Maeder. 

Harun al Raschid ist der Lieblingsheld seiner Mutter, ein bedeutender 
Kalif, welcher zu gleicher Zeit wie Karl der Große, um 800 herum, 
lebte, er teilt die Bewunderung seiner Mutter (famoser Käme!)]; 
jetzt fällt mir Y ein (ein Kamerad), der alles aufs Sexuelle bezieht: 
er soll eine Geschlechtskrankheit haben ... ich habe mich über den 
Traum gefreut (Träume sind bei ihm selten), gestern habe ich onaniert 
und wollte es nicht sagen." 

Die zweite Assoziationskette nehme ich vom Offizier mit 
der grünen Uniform aus: „Der Herr v. X (der Vater des Fräuleins 
V. X) in seiner Uniform, er ist in tadelloser Situation, wie der König 
in seinem Reiche, er verfügt darüber, er fährt famos. Er war mir lange 
Zeit Vorbild. Ich möchte auch Jäger werden (im Militär), man hat 
ja eine grüne Uniform. Die grüne Wiese, auf welcher ich ein Luftbad 
genommen habe, es war während eines Spazierganges mit Fräulein 
V. X., sie hatte gewünscht, mich so zu sehen. Man hatte uns auf eine 
l^tägige Tour allein gehen lassen; wir haben alles mögliche dort 
fertiggekriegt., im Gasthof zusammengeschlafen, wir hatten ein 

schlechtes Gewissen, Angst uns verraten zu haben, ich sollte 

einen falschen Namen angeben, L. v. X., damit man uns nicht für ein 
Liebespärchen halte (die Dame war über 12 Jahre älter wie er. Ein 
Verhältnis hat tatsächlich längere Zeit zwischen den beiden be- 
standen), die Verhältnisse im Gasthofe waren ungünstig." 

Die dritte Reihe geht aus von: „Er zeigte das linkeVorderbein 
des Pferdes. (Bemerkenswert ist, daß der Jüngling sich verspricht 
und sagt das rechte Bein; er wird nachdenklich und sagt schließlich: 
,,nein das linke ist es." Den Grund des Versprechens werden wir später 
kennen lernen.) Der Offizier hebt das Bein in die Höhe, untersucht 
es. Ein Pferd ist gegenwärtig lahm am linken Vorderbein bei uns; 
ich wäre sehr gern zu Hause jetzt, direkt Heimweh habe ich, Sehnsucht 
nach dem Norden, während ich hier arbeiten muß; den Lehrer S. habe 
ich nicht gern, man kommt langsam vorwärts mit ihm, ich war in der 

letzten Zeit faul, habe viel Zeit verloren, bin unzufrieden der 

stramme Zug fehlt mir gegenwärtig, vorhin als ich von der 

Nacht im Gasthof sprach, habe ich etwas verschwiegen, ich muß es 
doch sagen, ich war in dieser Nacht besonders erregt; Fräulein v. X. 
hatte gewünscht, daß ich Weißwein trank, was ich sonst nie tue; ich 
hatte es schließlich doch getan; ich hatte keinen ,, Schwips" bekommen, 
war aber mächtig erregt, (Was ihm damals besondere Schwierigkeiten 
machte.) Ich habe daraus gesehen, wie das Trinken kolossal gefährlich 



über das Tvauniprobltm. 655 

ist; seitdem bin ich entschlossen, nicht mehr za trinken (man erinnere 
sich an den Inhalt des Popertschen Eomans aus der ersten xisso- 
xiationsreihe !), unsere Gespräche über die Alkoholfrage (mit Referenten) 
fallen mir noch ein." 

Die folgende Reihe geht vom Burschen aus: „Der Bursch vom 
Pferdestall, Karl, bei uns. Er trinkt gern, ein schwieriger Kerl; er hat 
wiederholt nach mir geschlagen mit der langen Peitsche, wenn er 
betrunken war. Jetzt ist eine Kindheitserinnerung da, die ich, wie 
ich glaube, nie erzählt habe. Es war im Bad, als kleiner Kerl. Ich war 
sexuell erregt; die Mutter war da. Ich sagte ihr : das Glied sei so komisch 
hart, sie solle es doch ansehen. Der Bursch fällt mir wieder ein; einmal 
drohte er mir mit seinem Degen, weil ich von seinem Benehmen etwas 
,, ausgeschwätzt" hatte. Er schlug mich mit dem platten Säbel, ich 
war fuchswild, wehrte mich, warf ihm ein riesengroßes Bügeleisen 

auf die Füße. Es war auch eine wüste Plätterin bei uns, (nach 

einer Pause) vor paar Tagen hatte ich im Unterricht plötzlich eineri 
heftigen Schmerz am liiiken Ohr. Sofort kam der Gedanke, der Lehrer 
will dir eine Ohrfeige geben (dabei war gar nichts los, der Unterricht 
sehr friedlich, der betreffende Lehrer hat niemals gezüchtigt) ,,du 
mußt dich wehren". (Der Jüngling machte eine kleine Abwehr- 
bewegung mit der Hand, bis er merkte, daß es sich um einen lein intra- 
psychischen Vorgang handelt. Für ihn ein typischer Ausdruck seiner 
Erwartung, vom Vater schlecht behandelt zu werden, Erwartung, 
welche in Zeiten, wo er seine Pflicht nicht erfüllt, besonders leb- 
haft ist. (Siehe die dritte Assoziationsreihe!)." 

Wir gehen jetzt von Otto aus, mit dem er im Traum ein 
Gespräch führt: 

,,0. erzählte neulich, er sei mit 3 Studenten zusammen gewesen; 
man habe getrunken und die ganze Zeit über Weiber gesprochen, von 
9 Uhr abends bis 2 Uhr nachts. Einer von denen habe in vier Sprachen 
darüber erzählt. Ich war unangenehm überrascht, ich dachte, O. sei 
abstinent. Er erzählte über die Schwierigkeiten, welche Dr. D. draußen 
mit seiner Diätetik habe, und von einem unberechtigten Protest der 
Studenten gegen einen Professor, . . Das Deutsch der Hannoveraner 
gefällt mir am meisten; den Schweizerdialekt mag ich nicht. Der 
neue Bademeister sagte mir sofort, ich müsse von Norden herkommen, 
er merke es an meiner Sprache ; es war mir angenehm." (Der Konflikt 
Nord und Süd hat eine individuell-psychologische Bedeutung bei 
unserem Jünglinge; Nord ist ihm das korrekte, sich beherrschende 



65G A. Maeder. 

Element in sich, was er sehr schätzt, während Süd ihm das sich aus- 
tobende, gemeine Element ist). 

Vom Gespräch über Dr. D. erhalten wir folgende Assoziationen ; 
„Die Widerstände, welche Dr. D. in der Stadt gefunden hat, 
der Kampf gegen sie. Die Studenten mit ihrem Proteste fallen mir 
wieder ein. . . . Es ist ganz auffallend, daß mein Bein ganz zugeheilt 
ist, denken Sie H. Dr. ! Es hat mich sehr gewundert, es war so schlecht 
gewesen . . . meine Schwester D. wird am 15. nach W. zur Frauen- 
ärztin, . . . ich habe in der letzten Zeit ein besonderes Gefühl in mir, 
etwas, was schneidet, wie wenn ich etwas in der Lunge hätte, an einem 
wichtigen Teil, wie wenn mir etwas abgeschnitten worden wäre in 
der Brust, wie wenn eine Axt selbständig in mir schneiden würde. 
Was soll ich ändern? Wie tun? Jetzt wird es anders gemacht. Aber 
wie? Wie sich die Wunde erklären?" (Die Beinwunde des Jungen ist 
am rechten Bein, was uns das obige Versprechen erklärt, er iden- 
tifiziert sich mit dem Pferde. Er hat eine merkwürdige Wunde am 
Fußrücken, welche immer auftritt, wenn er im Widerstände ist, und 
die nut in den psychisch-guten Zeiten heilt. Der Zauber liegt darin, 
daß er sich den betreffenden Fuß in schlechten Zeiten während der 
Arbeitszeit unter dem Fuße des Stuhles, auf dem er sitzt, klemmt, 
wodurch eine ständige mechanische Reizung besteht, welche die Wunde 
nicht heilen läßt. Der Junge hat die Einsicht bekommen \md ver- 
meidet jetzt so zu sitzen. Aber da er noch nicht die richtige Verwendung 
seiner Libido gefunden hat, muß er sich weiter selbst quälen — 
Symptom der Libidostauung — , deswegen das neue Ersatzgefühl des 
, , Sich-selbst- Schneidens' '). 

Die Unterhaltung wird über die Nummer weitergeführt: 
,,Die Nummer, welche man im Wartezimmer des Dr. D. bekommt. 
Neulich soll ein Herr aus der Stadt die Nummer aus Versehen mit- 
genommen haben. Die Menschen werden mit Nummern versehen. 
G. wie es dort gehen wird? (eine Schule in welche der Träumer nach 
der Kur gehen soll), ich bin ja besser, aber wenn ein Rückfall kommt, 
kann ich allein herauskommen? Etwas hindert mich noch, die Sache 
zu überwinden. Fräulein K. ist nicht so weit, wie ich dachte, sie ist 
noch zu schwankend; Fräulein S. ist diese Tage in übler Verfassung" 
(zwei Patientinnen des Referenten). 

Ich biete mich an, die Nummer zurückzubringen: 

„Aus Höflichkeit (er ist es außerordentlich, zum Teil aus 



über das Traumproblem. 657 

„Deckung"), eine üble Nummer darstellen, z. B. mein Benehmen in 
der Schlafwagenaffäre (seine unentschiedene Haltung bei einem homo- 
sexuellen Angriffe, wodurch er unterlag, trotzdem er vorher klar die 
Situation erraten hatte und sich ermahnt, diesmal standhaft zu sein), 
E. (ein Schulkamerad, auch Homosexueller, eine üble Nummer), 
Fräulein v. X.; es ärgert mich, daß ich noch viel an sie denke und von 
ihr träume." 

Analyse. 

Wenn wir das gewonnene Material der Deutung imterziehen, 
finden wir in erster Linie, in der oberflächlichen Schicht, auf der 
Objektstufe nach dem trefflichen Ausdrucke Jungs, folgendes: 

Das blaue Pferd ist die Geliebte, welche durch die ersten Ein- 
fälle schon charakterisiert ist (der Eisvogel soll ihre nordische Qualität 
ausdrücken, der Affe ihre Sinnlichkeit, welche durch andere Asso- 
ziationen, wie ihren Wunsch nach dem Luftbade und speziell den 
Trinkwunsch im Gasthofe, näher illustriert werden), das Pferd ist noch 
mehr, nämlich die Mädchen mit ihrer magnetischen Einwirkung, 
die Mutter, für deren sexuelle Bedeutung die Szene im Bad während 
der Kindheit einen Beleg liefert. 

Der grüne Offizier, sein Vorbild, ist der Träumer selbst, der 
das Pferd reitet, die Geliebte, mit welcher er die Tour (Ritt) damals 
machte. Eine Parallele dazu gibt uns der erste Abschnitt des Traumes: 
die verbotene Badanstalt, welche hier nicht berücksichtigt wurde, 
um nicht allzulange zu werden. Die Schwester, welche die Geliebte 
hier vertritt, ist diejenige, mit der er die meisten Kinderstreiche ausge- 
führt und auf welche er eine starke Übertragung hat. 

Der Offizier untersucht das Pferd mit dem Burschen zusammen. 
Letzterer ist auch eine Identifikationsfigur des Träumers, natürlich 
das gemeine Ich, das wenig edle und aristokratische (das süd- 
deutsche !) in ihm. Der Junge hat auch getrunken bei der Tour, wie der 
Biirsch, wie der Student in Harringa; bei dieser Gelegenheit hätte 
er sich beinahe ins Unglück gestürzt (die oben angedeutete Schwierig- 
keit — die starke Erregung). Die Identifikation hilft uns verstehen, 
warum in der Assoziationskette des Burschen unvermittelt die Er- 
innerung an die Verführungsszene der Mutter im Bade auftaucht. 
Mit der Wahl dieses Symbols nimmt der Träumer eine Selbstwertung 
vor. ,,Ich bin auch ein gemeiner Bursch." 

Die beiden untersuchen das Ifranke Vorderbein des Pferdes. 
^t 1 • 



658 A. Maeder. 

Man hat das Pferd zu stark geritten^). Das Bein als Phallussymbol ist 
hinreichend determiniert, nämlich durch den Studenten im Romane, 
welcher sich eine Geschlechtskrankheit im Bausche zugezogen hat, 
dann durch den geschlechtskranken Kameraden Y; in der gleichen 
Reihe haben wir noch die Onanie, gegen welche unser Träumer seit 
längerer Zeit erfolglos ankämpft. Er leidet unter seiner Schlappheit, 
denn im Grunde genommen liebt er das Stramme. Es kommt in 
der letzten Zeit vor, daß der Orgasmus sich bei der Onanie nicht 
einstellt. Dazu gehört noch der ganze Komplex der eigenen Fuß- 
wunde, die nicht heilen will (hübsche Parallele zur Amfortaswunde 
in Parzival) und das sonderbare Gefühl, sich ins eigene Fleisch zu 
schneiden. 

Danach ist aber der Träumer auch mit dem Pferde (durch das 
kranke Bein) identifiziert. Somit wären wir in die tiefere Schicht, 
auf die Jungsche Subjektstufe angelangt. Das Pferd wird zu einem 
Libidosymbol, nota bene, zu emem Symbol der eigenen Libido. In 
dieser Schicht beziehen sich alle Symbole auf den Träumer selbst 
und zwar sind sie als Personifikationen der verschiedenen 
Tendenzen der Psyche aufzufassen. Was auf der Objektstufe 
als S3Tnbol der Geliebten bezeichnet wurde, wird auf der Subjektstufe 
als ein Symbol derjenigen Libido aufgefaßt, welche nach dem Objekt 
tendiert (die Tendenz ist durch ihr Ziel symbolisiert!). 

Dieser Traum abschnitt sagt uns also: Ich (Träumer) bin 
zu viel (stark ) geritten, etwas ist in mir nicht in Ordnung, 
was untersucht werden muß. Ein ernstes Leiden (die Beine 
beim Pferde !, das lebenswichtige Organ in seiner Brust, welches ange- 
griffen ist). D. h. eine Einsicht dämmert dem Träumer auf. 
Nach der äußerUchen Trennung von der Geliebten bheb der Junge 
noch über ein Jahr lang in Korrespondenz mit ihr, also innerlich noch 
intensiv an sie gebunden. Durch die Analyse fühlte er sich veranlaßt, 
mit ihr zu brechen, da er alhnählich anfing einzusehen — allerdings 
rein intellektuell — wie schädlich für seine Entwickelung dies Er- 
lebnis gewesen war (er ist nämlich geistig auffällig zurückgeblieben). 
Innerlich war er damals mit dem Bruche nicht einverstanden, versteckte 
er sich und seinen Widerstand hinter mir dem Sündenbocke. Dieser 
Traum zeigt uns einen weiteren Schritt in der Entwicklung des Jüng- 
Imgs. Die Einsicht in seine Lage, die richtige Wertung seines Aben- 

•) Nachtrag des Träumers. 



über das Traumproblem. 659 

teuers wird zur Zeit des Traumes affektiv, nicht bloß intellektuell. 
Diese Einsicht mit dem doppelten Charakter des Intellektuellen 
imd Affektiven ist sehr bedeutsam und bildet einen Kardinalpunkt in der 
analytischen Kur ; denn wer sie besitzt, handelt wirklich nach eigenen 
Grundsätzen und eigener Überzeugung, steht damit also zum Analytiker 
in einem anderen Verhältnisse als früher. Der Arzt ist nicht mehr 
einer, der dieses oder jenes behauptet, was man annimmt oder verwirft 
je nach dem Überwiegen der positiven oder negativen Einstellung, 
sondern er ist ein Führer, welcher sieht und zeigt, was man in seinem 
eigenen Innern trägt, aber selbst nur mühsam erkennt, er ist derjenige, 
welcher einem hilft, sich selbst besser zu kennen und die Selbst- 
führung zu übernehmen. 

Die Einsicht des Jünglings sagt nicht bloß, daß er innerlich krank 
ist, sie sagt mehr: meine Libido verbrauche ich schlecht, ich beschädige 
mich selbst, indem ich soviel Libido auf unterer Stufe verbrauche 
(der Bursch!). Er ist in guten Zeiten ein außerordentlich frischer, netter 
und tüchtiger Mensch. Dieser Teil seiner selbst leidet unter dem 
anderen; er sehnt sich nach einer Regelung seiner inneren Verhält- 
nisse, nach einer Befreiung seiner Seele. Am Traumtag erzählte er, 
ein Fremdwort verfolge ihn seit Tagen, dessen Sinn ihm ganz ent- 
schwunden sei: ,,chastete" (Keuschheit). Danach sehnt er sich tat- 
sächlich. Mit ihr würde er auch die Kühe seines Gewissens wieder- 
finden, mit ihr würde er die Tüchtigkeit seiner Vorfahren erwerben, 
er, welcher seit Jahren von einer Schule zur andern herumirrt und 
von seinen Eltern schon fast aufgegeben war. 

In unserer Sprache würden wir diese Sehnsucht des Jungen 
als einen Antrieb nach Domestizierung seiner Libido bezeichnen. 

Der letzte Traumabschnitt, welcher von dem Gespräche über den 
Doktor und die Nummer handelt, ist wenig plastisch in seinem mani- 
festen Inhalt, er ist es auch wenig im latenten Inhalt. Der Grund 
liegt meiner Ansicht nach darin, daß eine ganze Seite des Problems 
der Libidoentwicklußg beim Jungen noch zurücksteht; er vermag 
die Verwirklichung der gewonnenen Einsicht noch nicht klar zu 
übersehen, geschweige sie zustande zu bringen. 

Otto, mit welchem er sich unterhält, ist in seiner Ambivalenz 
eine deutlich erkennbare Identifikation des Jünglings; er ist, im Grunde 
genommen, ein sehr ernster Junge, schon Student, der gegen seine 
Kollegen für den Professor (in der Protsstfrage) einsteht, wenn er 
aiich die Gespräche über die Weiber mitanhört. Er spricht von d'-o 



660 A. Maeder. 

Schwierigkeiten des Dr. D., d. h, von Kämpfen für die gute Sache. 
Kämpfen ist überhaupt die Formel des neuen Lebens für unseren 
Träumer, nachdem er bisher fast nur seiner Lust und Laune gefolgt 
ist. Der Dr. ist für ihn der Vertreter der Pflicht, der Forderung, des 
Grewissens; er nennt ihn auch gelegentlich sein Grewiasen. Ihm, den 
er so lange gefürchtet und gemieden hat, will er die Nummer zurück- 
bringen, was entschieden versöhnlich klingt, wenn auch das Motiv 
vielleicht noch im wesentlichen Höflichkeit heißt. Eine leise, pro- 
gressive Tendenz ist darin enthalten, wie im Gespräche über die 
Alkoholabstinenz. Die üble Nummer sollte man abgeben, das Üble 
aufgeben. Zweifel tauchen noch auf. ,, Werde ich mich allein aus einem 
eventuellen Rückfall herausziehen können?" Das Vorkommen des 
Symbols Nord in_ diesem .Zusammenhange bestärkt die prt^ressive 
Tendenz, denn es bedeutet für ihn Selbstbeherrschung (Gegensatz 
des korrekten Norddeutschen zum sich weniger beherrschenden 
Bayern). 

Dieser wenig koordinierte Abschnitt ist für mich ein symbolischer 
Ausdruck des Zukünftigen, noch ungenügend Vorbereiteten. Eine Be- 
stätigung sehe ich darin, daß der Hauptakzent des manifesten 
Traumes auf die wundervolle blaue Farbe des Pferdes gelegt wird, 
womit meiner Ansicht nach ausgedrückt wird, welche starke Ge- 
bundenheit beim Träumer an das Lustprinzip besteht, welche große 
Anziehung die Lust noch ausübt. Dieses Bild enthält eine Wertung, 
welche uns als Maß für die Einstellung dienen kann. Was dem Träumer 
bevorsteht, ist die Eroberung des Reiches, in welchem das Realitäts- 
prinzip, nach dem trefflichen Ausdruck von Freud herrscht. Wir sagten 
schon oben, daß dies ein Kardinalpunkt der Analyse sei. Es ist der tiefste 
Punkt derselben, welcher zugleich den Beginn des Anstieges bedeutet. 

In Kürze will ich noch auf zwei andere Stücke der Traumanalyse 
hinweisen. Der Psychoanalytiker kommt nicht nur als Doktor im letzten 
Abschnitt vor, sondern auch im mittleren Stück, und zwar versteckt 
hinter dem Burschen und wahrscheinlich hinter dem Offizier. Die 
beiden nehmen die Untersuchung vor. Die Burschidentifikation 
weist auf die negative Seite der Übertragung auf den Arzt hin, der 
Arzt ist für den Träumer der Vertreter des gefürchteten Vaters, der 
Fordernde, die Ursache des Bruches mit der Geliebten! er ist nicht 
adelig (also gemein), kein Norddeutscher (Schweizer, was für ihn 
gleichbedeutend ist mit Süddeutschen). Der Arzt ist ihm aber allmählich 
in manchen Fragen zu einem Vorbilde geworden, wie der Vater von 



über das Traumproblem. 661 

Fräulein v. X. es in gewisser Hinsicht war^). Das letzte, was icli zu 
sagen habe, bezieht sich auf den ersten Abschnitt des Traumes, auf 
welchen ich aber nicht näher eingehen will, um nicht unnötig lang zu 
werden. Er enthält im wesentlichen eine bildliche Darstellung der 
Kindheit und ersten Jugend der Träimiers, eine Zeit, welche über- 
reich an Streichen aller Arten war, vielfach in der Gesellschaft der 
schon erwähnten Schwester. Dieser Abschnitt gehört notwendigerweise 
zur Gewinnung der Einsicht, von welcher schon genügend gesprochen 
wurde, er vervollständigt die Lebensschilderung. Ich füge noch hinzu, 
daß der Jimge mit dieser Traumanalyse ein gutes Stück vorwärts 
kam und daß er mit großem Ernst an die weitere Lösung seiner 
Aufgabe heranging. 

Bedeutung des manifesten Trauminhaltes. 

Die vorgetragene Traumanalyse zeigt, daß ich dem manifesten 
Trauminhalt eine größere Bedeutung gebe, als es bis jetzt bei Freud 
der Fall war. Ich glaube, daß Jung ähnlicher Ansicht ist, ich habe zwar 
nie direkt mit ihm darüber gesprochen. Ich will mich damit nicht in 
Gegensatz zu Freud stellen, sondern möchte den neuen Standpunkt als 
eine Erweiterung der bisherigen Auffassung ansehen. Den Gegensatz zur 
Freud sehen Auffassung vertritt die schlechthin als klassisch zu bezeich- 
nende Lehre der Fachpsychologen , welche im Traum keine psychisch wert- 
volle Leistung erkennen und den Unterschied zwischen manifestem und 
latentem Trauminhalt nicht machen. Freud mußte bei der Entdeckung 
des latenten Trauminhaltes den Hauptakzent auf ihn legen, wodurch 
der manifeste Trauminhalt etwas zu kurz kam. Die Vervollständigung, 
welche ich heute vorschlage, ist somit als ein Schenkel der Schwingungs- 
kurve, welche jede Entdeckung durchmacht, anzusehen. Die schon 
oben angedeutete Auffassung des manifesten Trauminhaltes wird mit 
der Zeit eine Revision und Erweiterung des Begriffes der ,, sekundären 
Bearbeitung*' nach sich ziehen, welche wohl zu sehr nur das Gepräge 
der Verdrängungslehre trägt und dadurch meiner Ansicht nach den 
manifesten Trauminhalt in ein zu einseitiges Licht stellt. 

Aus obigem Beispiel ist ersichtlich, wie ein inniger Zusammen- 
hang zwischen dem latenten und dem manifesten Trauminhalt be- 
steht; dies scheint mir ein reeller Vorteil für die synthetische 
Auffassung des Traumes zu sein. Der dank den Materialien des 



') Die beiden Vorbilder werden identifiziert. 



662 



A. Maeder. 



latenten Traiiminhaltes übersetzte manifeste Trauminhalt schildert 
nns in sjTnbolischer Weise ein ganzes Situationsbild oder einen 
Entwicklungsablauf der unbewußten Prozesse, der Libido- 
tätigkeit. 

Die in obiger Traumanalyse gemachte Annahme einer direkten 
Beziehung zwischen dem plastisch - anschaulichen oder un- 
scharfen manifesten Trauminhalt und dem abgeklärt- reifen 
oder konfusen Stande des unbewußten Konfliktes hat sich 
in meinen Analysen der letzten Monate bestätigt, so daß ich geneigt 
bin anzunehmen, daß es sich beim manifesten Trauminhalt um intra- 
psychische Wahrnehmungsbilder der unbewußten Situation 
(laut Freudscher Terminologie) oder um autosymbolische Er- 
scheinungen (nach Silberer) handelt. Ich möchte diesen Punkt den 
Herren Kollegen zur Prüfung unterbreiten. Die Frage des Auftretens 
unangenehmer Affekte im Traume gewinnt einen andern Aspekt in 
meiner fortgesetzten Deutung des manifesten Trauminhaltes, als es 
bei der Annahme der WanscherfüUung als Grundformel des Traumes 
der Fall war. Der Affekt ist der wirklichen Situation meist durchaus 
adäquat. Es ist bekannt, daß es Träume gibt, welche besonders scharf, 
und zwar für Jahre, dem Gedächtnis eingeprägt bleiben; ich konnte 
wiederholt nachweisen, daß diese prägnanten Träume ein adäquater 
Ausdruck einer abgeklärten psychischen Situation sind. Dies gilt wahr- 
scheinlich für manche sogenannte ,, typische Träume", für wieder- 
kehrende Träume, ja, vielleicht sogar für eine ganz andere Gruppe von 
Erscheinungen, nämlich für gewisse Deckerinnerungen aus der 
Kindheit. Diese ausdrucksvollen Träume können als hieroglyphische 
Anzeiger von Entwicklungsstadien der Persönlichkeit angefaßt werden, 
welche für das Individuum zu typischen Lebenseinstellungen oder 
typischen Reaktionen führen. 

Sehr wertvoll ist mir diese Einsicht für die Entwicklungsstufen 
des neurotischen Konfliktes oder allgemeiner formuliert: für die Ent- 
wicklung der Persönlichkeit selbst geworden. In der Tat sieht man, 
daß die genaue Prüfung der Bilder des manifesten Trauminhaltea 
eine Schilderung des Fortschrittes dieser Entwicklung ergibt. 
Sie erinnern sich an den Traum des blauen Pferdes, in welchem der 
Jüngling die Einsicht zeigt, daß seine Libido der Untersuchung bedarf, 
da ihre Funktionen durch das bisherige Vorleben gestört wurden. 
Einige Wochen früher, während einer starken Widerstandsperiode, 
hatte der Analysand von Menschen geträumt, welche durch 



i.'bei' das Trauiiiproble b'3'j 

einen Kanal schwimmen. In eiiiein kleinen Bote stellt ein 
fitarker Mensch, ^velcher mit einer Harpune die Vorbei- 
öchwimmenden erlegt. Er selbst (der Träumer) sieht zu, 
empfindet aber mächtige Empörung und Haß gegen den 
.L^rausamen „Fischer". 

Die Analyse ergab, daß durch den Fischer das Jüngste Gericht 
symbolisiert war, ein Problem, welches den Jüngling damals im geheimen 
beschäftigte und quälte. Eine der Hauptassoziationen dazu war 
das Gedicht: Prometheus von Goethe, in wi-lchem bekanntlich 
der Protest gegen Gott den Vater verherrlicht wird. Ein blinder 
und ohnmächtiger Haß gegen das Schicksal klingt aus diesem 
Traume. Der Analysand stand noch auf dieser primitiven Stufe der 
Einsicht, nach welcher alles Übel von außen kommt, demgegenüber 
man ohnmächtig ist, über welches man aber schimpft. Die Reaktion 
ist noch nicht gegen das eigene Ich als Ursache des Übels gerichtet. 
Die Einsicht gegen sich selbst gefehlt zu haben, ist noch nicht vor- 
handen. Es wird Zeit brauchen, bis der Eeifungsprozeß so weit ist, 
daß der Analysand versteht, der Haß richte sich eigentlich gegen ihn 
selbst; etwas in ihm, die archaische Libido (nach Jungs trefflichem 
.\usdrucke) muß sterben, geopfert, aufgegeben werden. Wenn dies 
ihm gelungen sein wird, hat das Jüngste Gericht seinen quälenden 
Charakter verloren. Zwischen den zwei mitgeteilten Träumen hat wie 
ersichtlich eine gewaltige innere Verarbeitung stattgefunden, welche 
sich auch äußerlich durch die großen Fortschritte in der Anpassung 
an die Realität dokumentierte. In der Zwischenzeit kam ein Traum 
vor, aus dem ich wie beim vorigen nur einzelne Daten mitteilen will. 
Eine Figur trat dort auf, welche unter der Gestalt eines Mitgliedes 
der Familie eine Personifikation der schlechten Instinkte des Träumers 
und seiner Neigung zur Last und Becjuemlichkeit darstellte. Mitten 
in einer Schnellzugfahrt ging die betreffende Person aus 
dem Coupe heraus, ohne daß der Zug gehalten hätte, 
schritt auf ein Haus za, kletterte an der Leitung des Blitz- 
ableiters bis zur Spitze desselben, worauf sie in die Luft 
verschwand. Dies vrar das ganze Opfer, dessen der Träumer zurzeit 
fähig war. Wenn mein Doppelich, das feindselige, sich verflüchtigen 
kann, ohne mich arg zu stören (der Zug braucht nicht einmal zu halten), 
bin ich damit einverstanden. Der Jüngling wünscht sich die Befreiung 
auf dem Wege des Zaubers; er setzt also seine Kräfte selbst noch nicht 
ein. Der Traum des blauen Pferdes mit der Untersuchung dos Fuße-- 

Jalu-buch für psy<'hoan:ilyt. ii. psjchopatliol. Forscliunsen. V. •*;-! 



664 A. Maeder. 

zeigt einen größeren Ernst, eine tiefere Einsicht. Die Tatkraft aber 
ist noch gering. 

Einem andern Fall entnehme ich eine abgekürzte Reihe von 
Traumabschnitten, welche den progressiven Verlauf der Entwicklung 
der Übertragung und der Stellung der Träumerin zur sexuellen Frage 
illustriert (es handelt sich um ein 28 jähriges Mädchen mit sehr aus- 
geprägter Sexualverdrängung). Ich begnüge mich mit ganz summari- 
schen Angaben: Am 3./4. September träumt Fräulein X: Ein 
Koffer ist gekommen, meine Schwestern A. und M. packen 
ihn aus. Es ist auch eine Schlange darin, M. zeigt mir, wie 
ich ihr den Kopf abschneiden und das Gehirn heraus- 
nehmen könne, wie einem Fische. Ich weiche aber entsetzt 
zurück. Am 23./24. des gleichen Monates: Ich habe einen Schuh 
in einen Laden zur Reparatur des Gummiabsatzes gegeben. 
Die Leute haben mir aber auch ein längliches Stück in die Sohle 
eingesetzt, was ich nicht wünschte, denn das darf nur der 
Schuhmacher tun, der die Stiefel gemacht hat. Da es nun 
einmal so ist, gebe ich mich zufrieden und zahle 50 Centimes. Am 
11./12. Oktober träumt sie: Ein Eichhörnchen läuft auf dem 
Waldboden. Es gelingt mir endlich, es zu fangen. Blitzschnell 
der Gedanke, es könne heiBen. Während der Analyse dieses Traumes 
erfuhr ich, daß die betreffende Dame sich seit einiger Zeit für die 
Weichtiere, besonders für die Regenwürmer, interessiert, Beobachtungen 
und allerlei Experimente an ihnen anstellt. Einige Wochen früher hatte 
sie noch den ausgesprochensten Ekel vor diesen Tieren ausgedrückt. 
Ich bin bei Prof. Y. Ich liege im Bett und er untersucht den Bau 
meines Körpers, darauf erklärt er, ich sei besonders gut befähigt Kinder 
zu bekommen. 

Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, daß ich diese Träume 
erst nach einer eingehenden Analyse als bezeichnend für die Entwicklung 
der Gefühle der Dame erkläre. Es handelt sich also nicht um eine 
Deuterei nach bloßer Kenntnisnahme des manifesten Trauminhaltes. 

Ich lege auf die Wahl der Bilder und Ausdrücke im mani- 
festen Trauminhalt ein großes Gewicht, entsprechend der Formu- 
lierung, daß der Traum eine autosymbolische Darstellimg der psycho- 
logischen Situation des Unbewußten wiedergibt. Ein energisches, 
zielbewußtes und angepaßtes Benehmen im Traume deutet auf eine 
gereifte, erfolgreiche Einstellung zur schwebenden Frage hin. So 
kam z. B. in einem Traiune die handgreifliche Ausweisung eines ge- 



über das Traumproblem. 665 

♦■ 
schwätzigen, eitlen, unsympathischen Geschäftsreisenden aus einer 
Kirche vor, wodurch die ernsten Bemühungen des Träumers geschildert 
wurden, die im Reisenden karikiert dargestellten Eigenschaften des 
eigenen Ich zu überwinden. Der Gedanke, daß die verschiedenen 
Personen des Traumes personifizierte Tendenzen des Träumers selbst 
sind, ist schon beim ersten Beispiel erwähnt worden; ein Gedanke, 
der übrigens nicht neu ist. Freud und Rank haben ihn schon 
früher formuliert. Ich glaube ihn verallgemeinem zu dürfen 
und möchte noch etwas hinzufügen. Es kommt in der Deutung 
sehr darauf an, welche Rolle der Träumer selbst im 
Traum spielt, ferner welche der Personifikationen die Haupt- 
handlung führt (der Kentaur im Prometheusmythus !), das gibt ims 
Winke für die Beurteilung des momentanen Standes des Entwick- 
lungsprozesses. 

Ich habe wiederholt eine echte Bewunderung für die Kunst 
empfunden, welche die Psyche auch des Durchschnittsmenschen in 
der Produktion plastischer, treffender Bilder für die Aktualsituation 
beweist und schätze die Bedeutung der Komposition des mani- 
festen Trauminhaltes höher ein als Prof. Freud, welcher meiner 
Ansicht nach zu einseitig die Zensurfunktion hervorhebt. Ich sehe 
darin eine wirkliche künstlerische Verarbeitung, eine wahre 
Kunst des Ausdrucks, die ich in Beziehung zur Kunst überhaupt 
setzen möchte: der Traum ist vielleicht das primitive 
Kunstwerk. 

Beobachtungen der letzten Monate lassen mich vermuten, daß 
die besonders plastischen und gut komponierten Träume {bei 
welchen Freud eine besonders intensive sekundäre Verarbeitung 
annimmt) eine klar erfaßte und intensiv empfundene Situation 
darstellen. Sie sind häufig bedeutsam, kommen in wichtigen Augen- 
blicken des Lebens vor, z. B. vor entscheidenden Phasen des Lebens 
oder als Reaktion auf wichtige Ereignisse. Diese Träume können sich 
im Leben wiederholen. In einigen Fällen erreichen sie einen außer- 
ordentlichen Grad von Durchsichtigkeit, so daß sie schon vom Be- 
wußtsein des Träumers ahnungsmäßig verstanden werden und für 
das bewußte Handeln als Motiv verwertet werden. Ich denke an einen 
Traum, welcher das klassische Motiv des ,, Herkules am Scheideweg" 
darstellte und die Dame in einer gefährdeten Situation regelmäßig 
heimsuchte. Diese Dame zeichnete sich übrigens durch ihre reichen 
und wertvollen Vorahnungen und ihre feine psychische Organisation 

43' 



666 A. Maeder. 

aus^). Manche historisch gewordeneu Träume, ich denke z. B. an den 
Traum der Mutter Caesars vor ihrer Entbindung, gehören hierhc>r. 
Ein kurzer Hinweis auf gewisse Visionen finalen Charakters sei hier ge- 
stattet, bei welchen vermutlich eine noch intensivere Verarbeitung des 
unbewußten Materials stattgefunden hat, so daß der Sinn dem Bewußtsein 
sehr zugänglich geworden ist. Die berühmten Visionen des Benvennto 
Cellini, deren Analyse ich im Internationalen Kongreß für Psycho- 
therapie des vergangenen Jahres mitgeteilt habe (und die in meinem 
Buche über den Heilungsvorgang erscheinen wird), gehören hierher. 



*) Eine hübsche Bestätigung des soeben aufgestellten Satzes hat mir die 
Praxis im Augenblick der letzten Durchsicht meines ^Manuskriptes vor der Druck- 
legung geliefert, welches ich meinen Lesern nicht vorenthalten möchte. 

Eine Dame, welche sich seit vier Tagen in kurzer psychotherapeutischer 
Behandlung befindet (es handelt sich mehr um eine Orientierung als um eine 
eigentliche Behandlung), erzählte mir spontan folgenden Traum, dem sie selbst 
eine große Bedeutung beimißt (Es sei ausdrücklich bemerkt, daß ich mit ihr kein 
Wort über die Verwertung oder Bedeutung der Träume in einer psychischen 
Kur gesprochen habe): 

Ich bin bei einer (schon längst verstorbenen) Tante, im Land- 
haus der Eltern. Ich sitze bei ihr; eine andere Verwandte ist dabei. 
Sie sagt mir, in ihrer liebenswürdigen, immer aufmunternden und 
dezidierten Art: Stehe auf, gehe zu Karl (der Ehemann der Träumerin) 
und den Kindern . . Aber ziehe das Rosakleid an. 

Die Dame erwacht und ist über ihren Traum sehr glücklich. Sie achtet 
nie auf Träume, hat sonst kaum plastische, klare Trävmie. Sie sieht in ihm 
eine klare Angabe des zu befolgenden Weges, — Die psychische Situation der 
Dame ist folgende: Sie ist 40 Jahre alt, verheiratet, Mutter von drei Kindern, 
welche ihr neulieh große Sorgen verursacht haben (Erziehungsschwierigkeiten), 
Den Mann liebt sie, sie verehrt ihn sehr, sie steht ihm aber doch nicht nahe; 
sie liat Angst vor ihm, wf.gt nicht, sich neben ihm zu behaupten; er ist ein be- 
deutender Geist von herrscherischer Veranlagung. Die Dame hatte eine sehr 
sonnige Kindheit und Jugend, wuchs in einer großen Familie auf. Die Heimat 
hat sie mit der Verheiratung verlassen. Das Leben hat ihr seitdem viele Schwierig- 
keiten bereitet, sie hat sich immer noch nicht an das neue Milieu angepaßt, sehnt 
sich nach dem Elternhause oder nach dem Tode. Sie hat verschiedene Depressionen 
durchgemacht, leidet unter gewissen Phobien. Seit anderthalb Jahren hat sie 
(huch eine geheilte Verwandte von psychischen Kuren gehört und hoffte, im 
Stillen, eine solche durchzumachen. Endlich ist es ihr nach langem Sehnen ge- 
lungen, sich für einige Tage frei zu machen, um Referenten zu sprechen und ihn 
um Rat für ihre Lebensführung zu fragen. Sie ist eine tief angelegte Natur, Avelche 
;iber entfernt ist, den für sie möglichen Grad psychischer Entwicklung erreicht 
zw haben (sie ist schon 40jälirig!). Sie hat schon viel über ihre Lage nachgedacht. 
Ihr Eigensinn sagt ihr, sie solle sich beim Arzt Kraft holen, um gegen ihren M;'.nn 
vorgehen zu können, sie fühlt aber auch, daß dieser Weg nicht verspricht, fnicht- 



Qber das Traumproblem, 667 

Das gleiche gilt wohl von manchen Visionen im Vorgang der reli- 
giösen Bekehrung und in den ..automatismes teleologiques anti- 
rsuicides" von Flournov. 

Der Traum in seiner psycliischeii Xiugebuug. 

Wir kehren zur Betrachtung des Traumes und seiner Beziehung 
zur psychologischen Situation zurück, zu dem, vras man in der Biologie 
die Frage de Milieus bezeichnet. Bisher wurde der Traum zu wenicr 
klinisch untersucht und zu sehr als ein Symptom für sich angesehen. 

bar zu werden. In den drei Besprechungen, welche dem Traum vorangegangen 
sind, konnte ich ihr ihre infantile, unadaequate Einstellung zum Mann und deren 
Beziehungen zur Elternkonsrellation zeigen. Sie hatte verstanden, daß ihre Todes- 
sehnsucht einen bildlichen Ausdruck ihres Zurückkrebsens vor ihrer Lebensaufgabe 
bedeutete, nämlich ihrem Älanne ein reifes V.'eib, ihren Kindern eine hebende und 
entschlossene JVIutter zu sein. Die Dame hatte immer von ihrem Manne die 
gleiche überreiche Anerkennung erAvartet, A\elche ihre ganze Familie ihr in der 
Jugend gezollt hatte. Sie ärgert sieh immer noch.daß die Art des Gatten eine andere 
sei. AniTage nach der dritten Besprechung kam der Traum, welcher ihr sagte, ,,Gehe 
zu deinem Mann und zu deinen Kindern, und zwar mit dem Rosaklcid". Dieses 
Kleid ist ein Kleid der Jugendzeit, welches sie bv-i feierlichen Anlässen trug. Mit 
Tränen in den Augen sitzt sie sonst in ihrem Hause, sie soll jetzt das Rosakleid 
tragen. Nicht gegen ihren Mann soll sie losziehen, sondern zu ihm zurück, aber 
sie soll in richtigerer Weise vor ihm stehen wie zuvor, nicht in der infantilen 
.Stellung der ewig Erwartenden, sondern in derjenigen der Gebenden (.Alutter 
and Gattin). Was ihr bevorsteht, ist gerade dies Stück Nachentwicklung, ^■ün 
der Tante berichtet sie, sie sei eine bedeutende Erzieherin genesen (Leiterin eines 
großen Hauses) und die einzige, welche verstanden habe, ihr als Kind das l'u- 
angenehmste (Vorwürfe) in einer Weise zu sagen, daß das eigensinnige Mädchen 
es annehmen mußte und der Tante dankbar dafür war. Sie ist also eine Personi- 
fizierung einer Tendenz der Mutterimago. Das Landhaus ist der Geburtsort dei- 
Jlutter unserer Träumerin und zugleich das Paradies ihrer Kinderzeit. Der Traum 
ermahnt die Dame, dieses Paradies zu \-erlassen (ihre Muttorübertragung zu übei - 
winden), um in ihr eigenes Heim zu ziehen. Die Beziehung zum Arzt ist die gleiche. 
wie diejenige zur erwähnten Erzieherin und Tante. 

Für denjenigen, welcher die Konstellation des Traumes kennt, erscheint 
er sehr durchsichtig: er bedeutet den ersten entschiedenen Schritt zur Lösung 
der so lange pcndent gebliebenen Aufgabe der Dame, Er ist nicht nur der erste 
Schritt nach einer neuen Richtung, sondern das Glied einer langen Kette von 
Erscheinungen, das selbst durch eine lange Elaboration vorbereitet ist. welche mir 
den Gesprächen der geheilten Verwandten (ebenfalls Patientin des Referenten) 
eine besonders aktive Phase begonnen hat. Dies Beispiel gibt wieder chw 
Illustrierung der in dieser Arbeit hej\ orgehobenen Notwendigkeit, den Traum 
in einem großen Zusammenhang zai betrachten. (Im folgenden Abschnitt d-- 
Textos wird diese Frage behandelt.) 



668 A. Maeder. 

Eine eingehendere Prüfung, von diesem Standpunkte aus, würde eine 
Ernte von wertvollem Material zur Lösung zaUreiclier Fragen ergeben. 
Z. B. erscheint mir die Berücksichtigung des klinischen Verhaltens 
des Träumers nach dem Traum wesentHch zur Lösung der bestrittenen 
Frage der wirklichen Traumfunktion. Die Stimmung beim Erwachen 
und im folgenden Tage kann ein wichtiges Indizium für den Erfolg 
der Traumarbeit abgeben. Diesbezügliche Andeutungen habe ich 
bei der Analyse des Traumes des ,, blauen Pferdes" schon gemacht. 
Der sogenannte Pflegerintraum, welcher in der zweiten Hälfte des 
Referates analysiert wird, ist ein klares negatives Beispiel der miß- 
lungenen Traumarbeit. Ich möchte Ihnen jetzt ein überzeugendes 
Beispiel des Erfolges eines Traumes vortragen, welches ich der dritten 
Auflage der Traumdeutung von Freud entnehme. S. 317 wird 
eine Reihe von Träumen Roseggers besprochen, die ich an- 
führen will: 

,,Es gibt eine Klasse von Träumen, die auf die Bezeichnung 
als jheuchlerische' einen besonderen Anspruch haben und dieTheorie 
der Wunscherfüllung auf eine harte Probe stellen^). Ich 
wurde auf sie aufmerksam, als Frau Dr. M. Hilferding in der Wiener 
psychoanalytischen Vereinigung den im nachstehenden abgedruckten 
Traumbericht Roseggers zur Diskussion brachte." 

,,Ro segger in Waldheimat, II. Band, erzählt in der Geschichte 
,Fremd gemacht' (S. 303): ,Ich erfreue mich sonst eines gesunden 
Schlummers, aber ich habe die Ruhe von so mancher Nacht eingebüßt, 
ich habe neben meinem bescheidenen Studenten- und Literatendasein 
den Schatten eines veritabebi Schneiderlebens durch die langen 
Jahre geschleppt, wie ein Gespenst, ohne es los werden zu können. 
Es ist nicht wahr, daß ich mich tagsüber in Gedanken so häufig mit 
meiner Vergangenheit beschäftigt hätte. Bin der Haut eines Philisters 
entsprungener Welt- und Himmelstürmer hat anderes zu tun. Aber 
auch an seine nächtlichen Träume wird der flotte Bursch kaum 
gedacht haben; erst später, als ich gewohnt worden war, über alles 
nachzudenken oder auch, als sich der Philister in mir wieder ein 
wenig zu regen begann, fiel es mir auf, wieso ich denn — wenn ich 
überhaupt träumte — allemal der Schneidergesell war und daß ich 
solchergestalt schon lange Zeit bei meinem Lehrmeister vmentgeltlich 
in der Werkstatt arbeitete. Ich war mir, wenn ich so neben ihm saß 

') Von mir unterstrichen. 



über das Traumproblem. 00» 

und nähte und bügelte, sehr wohl bewußt, daß ich eigentlich nicht 
mehr dorthin gehöre, daß ich mich als Städter mit anderen Dingen 
zu befassen habe, doch hatte ich stets Ferien, war stets auf der 
Sommerfrische und so saß ich zur Aushilfe beim Lehrmeister. Es war 
mir oft ganz unbehaglich, ich bedauerte den Verlust der Zeit, in 
welcher ich mich besser und nützlicher zu beschäftigen gewußt hätte. 
Vom Lehrmeister mußte ich mir mitunter, wenn etwas nicht ganz 
nach Maß und Schnitt ausfallen wollte, eine Eüge gefallen lassen; 
von einem Wochenlohne jedoch war gar niemals die Kede. Oft, wenn 
ich mit gekrümmte)^ Rücken in der dunkeln Werkstatt so dasaß, nahm 
ich mir vor,, die Arbeit zu kündigen und mich ,fremd' zu machen. 
Einmal tat ichs sogar, jedoch der Meister nahm keine Notiz davon, 
und nächstens saß ich doch wieder bei ihm und nähte. Wie mich nach 
solch langweiligen Stunden das Erwachen beglückte ! Und da nahm 
ich mir vor, wenn dieser zudringliche Traiun sich wieder einmal ein- 
stellen sollte, ihn mit Energie von mir zu werfen und laut auszurufen: 
Es ist nur ein Gaukelspiel, ich liege im Bette und will schlafen. . . . 
Und in der nächsten Nacht saß ich doch wieder in der Schneider- 
werkstatt .... So ging es Jahre in unheimlicher Regelmäßigkeit fort. 
Da war es einmal, als wir, der Meister und ich, beim Alpelhofer 
arbeiteten, bei jenem Bauern, wo ich in die Lehre getreten war, daß 
sich mein Meister ganz besonders unzufrieden mit meinen Arbeiten 
zeigte. ,Möcht nur wissen, wo du deine Gedanken hast!' sagte er und 
sah mich etwas finster an. Ich dachte, das vernünftigste wäre, wenn 
ich jetzt aufstünde, dem Meister bedeutete, daß ich nur aus Ge- 
fälligkeit bei ihm sei, und wenn ich dann davon ging. Aber ich tat es 
nicht. Ich ließ es mir gefallen, als der Meister einen Lehrling aufnahm 
und mir befahl, demselben auf der Bank Platz zu machen. Ich rückte 
in den Winkel und nähte. An demselben Tage wurde auch noch ein 
Geselle aufgenommen, bigott, es war der Böhm, der vor 19 Jahren 
bei uns gearbeitet hatte und damals auf dem Wege vom Wirtshause 
in den Bach gefallen war. Als er sich setzen wollte, war kein Platz da. 
Ich blickte den Meister fragend an, und dieser sagte zu mir: ,,Du hast 
ja doch keinen Schick zur Schneiderei, du kannst gehen, du bist , fremd' 
gemacht. ,So übermächtig war hierüber mein Schreck, daß ich 
erwachte . . 

,,Das Morgengrauen schimmerte zu den klaren Fenstern herein 
in mein trautes Heim. Gegenstände der Kunst umgaben mich; im 
stilvollen Bücherschrank harrte meiner der ewige Homer, der gigan- 
4 3 



670 A. Maeder. 

tische Dante, der unvergleichliche Shakespeare, der glorreiche Goetli ', 
die Herrlichen, die Unsterblichen alle. Vom Nebenzimmer her 
klangen die hellen Stimmchen der erwachenden und mit ihrer Muttor 
schäkernden Kinder. Mir war zu Mute, als hätte ich dieses idyllisch 
süße, dieses friedensmilde und poesiereiche, helldurchgeistigte Leben, 
in welchem ich das beschauliche menschliche Glück so oft und tief 
empfand, von neuem wieder gefunden. Und doch wurmte es mich, 
daß ich mit der Kündigung meinem Meister nicht zuvorgekommen, 
sondern von ihm abgedankt worden war. Und wie merkwürdig ist 
mir das: Mit jener Nacht, da mich der Meister .fr^id gemacht' hatte, 
genieße ich Ruhe, träume nicht mehr von meiner in ferner Vergangenheit 
liegenden Schneiderzeit, die in ihrer Anspruchslosigkeit ja so heiter 
war und die doch einen so langen Schatten in meine späteren Lebens- 
jahre hereingeworfen hat." 

,,In dieser Traumreihe des Dichters, der in seinen jungen Jahren 
Schneidergeselle gewesen war, fällt es schwer, das Walten der Wunsch- 
erfüllung zu erkennen. Alles Erfreuliche liegt im Tagesleben, während 
der Traum den gespenstigen Schatten einer endlich überwundenen 
unerfreulichen Existenz fortzuschleppen scheint. Einige Träume von 
ähnlicher Art haben mich in den Stand gesetzt, einige Aufklärung 
über solche Träume zu geben. Ich habe als junger Doktor lange Zeit 
im chemischen Institut gearbeitet, ohne es in den dort erforderten 
Künsten zu etwas bringen zu können, und denke darum im Wachen 
niemals gerne an diese unfruchtbare und eigentlich beschämende 
Episode meines Lernens. Dagegen ist es bei mir ein wiederkehrender 
Traum geworden, daß ich im Laboratorium arbeite, Analysen mache, 
verschiedenes erlebe usw., diese Träume sind ähnlich unbehaglicli 
wie die Prüfungsträume und niemals sehr deutlich. Bei der Deutun™ 
eines dieser Träume wurde ich endlich auf das Wort , .Analyse" auf- 
merksam, das mir den Schlüssel zum Verständins bot. Ich bin ja seither 
.Analytiker' geworden, mache Analysen, die sehr gelobt werden, 
allerdings Psychoanalysen. Ich verstand nun, wenn ich auf diese Art 
von Analysen im Tagesleben stolz geworden bin, mich vor mir selbst 
rühmen möchte, wieweit ich es gebracht habe, hält mir nächtlicher- 
weile der Traum jene anderen mißglückten Analysen vor, auf die stolz 
zu sein ich keinen Grund hatte; es sind Strafträume des Empoi- 
kömmlings, wie die des Schneidergesellen, der ein gefeierter Dichter 
geworden war. Wie wird es aber dem Traume möglich, sich in dem 
Konflikt zwischen Parvenüstolz und Selbstkritik in den Dienst der 



über das Traumproblem. 671 

letzteren zu stellen und eine vernünftige Warnung anstatt einer 
unerlaubten Wunscherfüllung zum Inhalt zu nehmen? Ich erwähnte 
schon, daß die Beantwortung dieser Frage Schwierigkeiten macht. 
Wir können erschließen, daß zunächst eine übermütige Ehrgeizphantasic 
die Grundlage des Traumes bildete, an ihrer statt ist aber ihre 
Dämpfung und Beschämung in den Trauminhalt gelangt. Man darf 
daran erinnern, daß es masochi&tische Tendenzen im Seelenleben 
gibt, denen man eine solche Umkehrung zuschreiben könnte. Genaueres 
Eingehen auf einzelne dieser Träume läßt aber noch anderes erkennen. 
In dem undeutlichen Beiwerk einer meiner Laboratoriumsträume 
hatte ich gerade jenes Alter, welches mich in das düsterste und erfolg- 
loseste Jahr meiner ärztlichen Laufbahn versetzt ; ich hatte noch keine 
Stellung und wußte nicht, wie ich mein Leben erhalten sollte, aber 
dabei fand sich plötzlich, daß ich die Wahl zwischen mehreren Frauen 
hatte, die ich heiraten sollte! Ich war also wieder jimg und vor allem. 
sie war wieder jung, die Frau, die alle diese schweren Jahre mit mir 
geteilt hatte. Somit war einer der unablässig nagenden Wünsche des 
alternden Mannes als der unbewußte Traumerreger verraten. Der in 
anderen psychischen Schichten tobende Kampf zwischen der Eitelkeit 
und der Selbstkritik hatte zwar den Trauminhalt bestimmt, aber der 
tiefer wurzelnde Jugendwunsch hatte ihn als Traum allein möglich 
gemacht. Man sagt sich auch manchmal im Wachen: Es ist ja sehr 
gut heute und es war einmal eine harte Zeit; aber es war doch schön 
damals; du warst ja noch so jung." 

Nach der vorgeschlagenen Deutung von Freud wäre also der 
Sinn des letzten Traumes etwa: ,,Wäre ich noch jimg wie damals, wo 
ich Schneiderlehrling war." Wenn ich mich frage, ob diese Deutung 
den klinischen Bericht, namentlich die befreiende Wirkung des 
allerletzten Traumes der Eeihe verständlich macht, muß ich das ver- 
neinen. Wenn ich mich nämlich im' Traume intensiv nach meiner Jugend 
sehne, sehe ich nicht ein, warum das Erwachen rmd die Feststellung 
meines reiferen Alters und meiner jetztigen Lage mich so beglücken 
würde, wie es dort der Fall ist. Eine zweite Frage taucht auf: AVarum 
wirkt denn nur der letzte Trairm der Reihe befreiend, und zwar 
definitiv befreiend? Ich mache mir von diesem Traum folgenden Vers: 
Rosegger hat sich durch seine eigene Leistung auf eine hohe Lebens- 
stellung heraufgearbeitet. Es hat ihn stolz und eitel gemacht, zwei 
Eigenschaften, welch*- bekanntlich den Menschen leicht beunruhigen, 



672 A. Maeder. 

indem sie ihn in Gegenwart von höher Gestellten leiden lassen, in 
Gegenwart von niedrig Gestellten aber in eine parvenühafte Ein- 
stellung bringen, welche sich mit wirklicher Gefühlsfeinheit nicht 
verträgt. Diese Eigenschaften vergiften die Psyche. In der Tiefe findet 
beim fein veranlagten Dichter eine allmähliche Elaboration, ein 
Stück Entwicklung der moralischen Persönlichkeit statt. 
Die ideale Lebensauffassung Ro seggers ist bekannt und rechtfertigt 
meine Vermutung. Der Zufall hat mir in den letzten Tagen eine Privat- 
korrespondenz zwischen dem Dichter und einem literarischen Freunde 
in die Hände gegeben, welche gerade diesen Punkt der Eitelkeit und 
des Stolzes Ro seggers behandelt, was mir eine unerwartete Be- 
stätigung der vorgebrachten Auffassung war. Die lange Reihe der 
plagenden Träume zeigt uns die Entwickelung des seelischen Pro- 
zesses, welcher in einer tiefen, aber auch wirksamen Demütigung 
des Träumers endigt. Nachdem er lange umsonst beim Meister gear- 
beitet, sehr viel ungerecht gerügt worden ist, wird er noch einem Trunken- 
bold und Taugenichts vorgezogen, er wird weggeschickt. Er wird 
,, fremd" gemacht. Dieses Fremdmachen symbolisiert meiner Ansicht 
nach die Überwindung des parvenühaften Stolzes iind der 
Eitelkeit. Der Dichter wird davon nach langem Ringen befreit (wir 
wissen, daß die Träume ihn jahrelange verfolgt hatten). Von da an 
kann er mit vollem Rechte, aber in aller Einfachheit das, was er durch 
seine Leistungen gewonnen hat, genießen, er hat sich die moralische 
Berechtigung dazu geholt. 

Roseggers Traum ist also für mich ein autosymbolischer 
Ausdruck eines Stückes Entwicklung der moralischen Per- 
sönlichkeit des Dichters. Er eignet sich dazu, uns die teleologische 
Seite der psychischen Erscheinimgen klar zu demonstrieren. Die 
Deutung von Freud bezieht sich auf einen berechtigten Wunsch des 
reifen, sogar alternden Menschen ,,jung zu sein"; diese Auffassung 
enthält bloß die regressive Seite des Phänomens, denn ein solcher 
Wunsch ist ja regressiv. Die Träume enthalten aber auch eine pro- 
gressive Seite, welche für mich die bedeutsamere ist; wir wollen 
im Leben noch etwas anderes, als uns nach der Vergangenheit 
zurücksehnen; der Dichter will noch aus dem Rest seines Lebens 
etwas machen. Dazu vefhilft ihm die Arbeit seines Unbewußten, 
welche die progressive wie die regressive Sehnsucht ausdrückt. Auf 
diesen Punkt komme ich ausführlicher nach der Analyse des soge- 
nannten Pflegerintraumes zu sprechen. 



über das Traumproblem. 673 

Typen von Träumen. 

Diesen Abschnitt meines Referates, welcher den manifesten 
Trauminhalt behandelt, schließe ich mit einer kurzen skizzenhaften 
Unterscheidung von Traumkategorien. Sie erinnern sich an die 
Formel, der Traum sei ein autosymbolisches Phänomen. Es 
lassen sich zwei extreme Formen unterscheiden, zwischen denen wohl 
alle Übergänge vorkommen. In der ersten Form läßt sich im Traum 
die Darstellung eines intensiven Aktivitätszustandes der Psyche 
erkennen. Die Handlung ist lebhaft oder sicher, energisch, oder die 
ausgesprochenen Worte sind der klare Ausdruck eines Entschlusses 
usw. Diese Qualität läßt sich prognostisch verwerten, sei es im 
Sinne einer intensiven progressiven Leistung oder eines aktiven Wider- 
standes. In der zweiten Form dominiert sozusagen das statische 
Moment. Gleichgültigkeit, Unsicherheit, Unklarheit, Ungeschick- 
lichkeit, Zweifel, oder Stagnation, Fixierung ergeben sich schon aus dem 
manifesten Traiiminhalt. Solche Träume kommen gern in Zeiten des 
flauen passiven Widerstandes oder auch in Inkubationszeiten. Es hat 
auch eine gewisse prognostische Bedeutung für die augenblickliche 
Phase. 

Ich frage mich, ob es nicht eine dritte Kategorie von Träumen 
gibt, in welchen ein anderes neues Mom.ent stark mitwirkt, nämlich 
der prospektive Blick; Träume, in denen nicht so sehr ein aktuelles 
Situationsbild als eine Vision der erstrebten, im Individuum potentiell 
enthaltenen Zukunft liegt. Ich muß vermeiden, hier Anlaß zu Mißver- 
ständnissen zu geben ; selbstredend handelt es sich nur um eine Wahr- 
nehmung der im Betreffenden enthaltenen Potenz, ohne Berück- 
sichtigung der möglichen äußeren Schwierigkeiten. Es handelt sich also 
nicht um eine prophetische Vision, sondern um eine Voraussicht, um 
die Angabe einer Richtung, welche der Reaktionsart und den 
Kräften des Betreffenden entspricht. Im Laufe des Referates werde 
ich auf eine gewisse individuelle Reaktionsformel als eine Art 
Konstante zu sprechen kommen, eine Konstante, welche erlaubt, 
bis zu einem gewissen Grade eine Prognose zu stellen. Ich nehme an, 
daß dies der wahre Kern des Glaubens an die prophetischen Träume 
ist. Eine verwandte Auffassung vertritt Adler mit seinem ,, Lebens- 
plane", Adler, welcher bekanntlich eine bis zur Einseitigkeit entwickelte 
finale Auffassung der Psyche gegeben hat. Ich habe persönlich Anhalts- 
punkte, anzunehmen, daß z. B, gewisse sogenannte Kindheits- 
erinnerungen eine symbolische Voraussicht späterer wichtiger 
'i 's * 



674 A. Maeder. 

Lebenserfahrungen wiedergeben, und zwar dank der beim Kind 
schon ausgebildeten Reaktionsformel. Zwei Kindheitserinnerungen 
des Künstlers Benvenuto Cellini haben mir diesen Gedanken zum 
ersten Male demonstriert. Ich werde ihn in dem schon angekündigten 
Buch über den ,, Heilungsvorgang", welches eine Analyse des Florentiner 
Künstlers enthält, ausführen. An der Analyse des Prometheusmj'thos 
werde ich mich daselbst bemühen, diesen Gedanken vom Leben des 
Individuums auf dasjenige eines Volkes zu übertragen. Übrigens ist 
an diesem Orte die Gelegenheit gegeben, zu erinnern, daß Freud 
diesen selben Gedanken in seiner schönen Leonardoanalyse schon 
formuliert hat, wenn auch seine Auffassung eine andere ist. 

Die prospektiven Träume, von denen die Rede war, erscheinen 
nicht in beliebigen Augenblicken des Lebens, sondern nur im ge- 
eigneten Momente. In zwei Arbeiten habe ich schon auf die Be- 
deutung des ersten Traumes in der Kur hingewiesen (Zur Ent- 
stehung der Symbolik im Traume usw., Zentralbl,, I. Jahrg., S. 34<S 
und in: Über die Funktion des Traumes*). Stekel und vielleicht andere 
noch, die mir momentan nicht gegenwärtig sind, haben es ihrerseits 
auch getan. Diese ersten Träume gehören vielfach (ob immer?) dieser 
letzten Kategorie an. Dieses ganze Gebiet steht der Erforschung noch 
offen, wie überhaupt alles, worauf ich heute hinweise. Eine schönt, 
reiche Arbeit steht uns allen bevor! 

Zar Frage der Symbolik im Trauiue. 

Wenn ich meine Symboldeutungen der letzten zwei Jahre über- 
blicke, wird es mir klar, daß ganz allmählich und zuerst rein unbewußt 
eine Umwandlung derselben eingesetzt hat. Der Inhalt des Symbols 
ist nicht mehr monovalent sexuell, sondern er ist reichhaltiger 
geworden. Die Sexualdeutung ist sozusagen eine erste Stufe, 
in gewisser Hinsicht sogar eine Vorstufe geworden. Dafür ist die 
Bedeutung der gegenwärtigen Situation des Träumers immer mehr 
hineinbezogen worden. Eine gelegentliche Besprechung des sogenannten 
Aktualkonfliktesder Neurose imPaychoanalytikerverein durch Ju ng, vor 
bald zwei Jahren, bestätigte mich in meiner Orientierung und half mir 
in dieser Wandlung. Auf den Aktualkonflikt komme ich heute noch 
an einer andern Stelle des Referates zu sprechen. Ich will jetzt auf die 
Frage der Symboldeutung näher eingehen. Am besten läßt sie sich 
an einem Beispiel demonstrieren. 

>/ Dies Jahrbuch B<1. IV. 



über das Tiaumpioblem. D<5 

Freud gibt in der 3. Auflage der Traumdeutung eine kurze 
Symboldeutung, welche ich als Ausgangspunkt nehmen m.öchte. Der 
betreffende Traum eines jungen Mannes lautet folgendermaßen (S. 207): 
Er befindet sich in einem tiefen Schacht, in dem ein Fenster 
ist, wie im Semmeringtunnel. Durch dieses sieht er zuerst 
eine leere Landschaft und dann komponiert er ein Bild 
hinein, welches dann auch sofort da ist und die Leere aus- 
füllt. Das Bild stellt einen Acker dar, der vom Instrument 
tief aufgewühlt wird, und die schöne Luft, die Idee der 
gründlichenArbeit, die dabei ist; die blauschwarzenSchollen 
machen einen schönen Eindruck. Dann kommt er weiter, 
sieht eine Pädagogik aufgeschlagen und wundert sich, 
daß den sexuellen Gefühlen des Kindes darin so viel Aus- 
merksamkeit geschenkt wird, wobei er an mich (Prof. 
Freud) denken muß. Die gegebene Deutung ist die einer Phantasie 
des jungen Mannes, ,, welcher schon die intrauterine Gelegenheit zur 
Belauschung eines Koitus zwischen den Eltern benützt". Einfälle 
sind nicht mitgegeben. 

Das Tunnelbild ist unschwer als eine , ,Exteriorisation" gewisser 
Körperteile, nämlich des Uterus mit Vagina zu erkennen. Das Be- 
bauen des Ackers ist unter anderem ein bekanntes Koitussymbol. Die 
vorgelesene Traumdeutung stützt sich offenbar auf die Kenntnis dieser 
zwei Symbole, sie gibt uns aber keinen Aufschluß über den zweiten 
Teil des Traumes, welcher die aufgeschlagene Pädagogik enthält. 

Ich fasse diese Deutimg als eine präliminare Stufe der Deutung 
selbst auf. Jung hat uns in seinen ,, Wandlungen und Symbolen der 
Libido" auf das Wiedergeburtsproblem aufmerksam gemacht. 
Ich selbst wurde vorletzten Sommer durch die Analyse der Visionen 
des Florentiners B. Cellini mit diesem Motiv näher vertraut. In 
unserem Traum scheint mir ein ähnliches Symbol vorzuliegen, denn 
sobald wir diese Annahme gemacht haben, wird der ganze Traum 
(I. und II. Teil) durchaus klar. „Der junge Mann steckt noch im Mutter- 
leib und schaut hinaus", wäre der Inhalt des ersten Bildes, welcher 
sich vollkommener, in der Sprache des Bewußtseins, so ausdrücken 
läßt: er steckt noch auf dem Wege seiner geistigen Ee- 
generation (Entwicklung) — denn das Wiedergeburtsmotiv ist 
ein archaisches Bild für die geistige Entwicklung, wie Dieter ich 
es gezeigt hat — , er schaut hinaus und sieht einen Acker, der tüchtig 
bearbeitet wird. Der Acker ist nicht nur ein Sexualsymbol, er ist autl. 



676 A. Maeder. 

ein S3Tnbol des Feldes seiner Tätigkeit, seiner Lebensaufgabe über- 
haupt. Den Acker bebauen heißt nicht nur Koitieren, sondern ,,sein 
Werk tun". Der junge Mann sieht ein neites arbeitsreiches Leben 
vor sich, nach der Heilung (Geburt). Der Gefühlston im Traum paßt 
ganz gut dazu. Durch diesen Gedankengang ist der Sinn des letzten Teiles 
des Traumes auch klar geworden, das neue Arbeitsgebiet des Träumers 
näher präzisiert, er wird sich mit Pädagogik*), unter Berück- 
sichtigung der Ergebnisse der Psychoanalyse, seinem Ana- 
lytiker zuliebe, befassen. 

Diese Deutung gibt ims ein Situationsbild der Tätigkeit, 
welche sich im Analysanden abspielt, dem Patienten selbst gibt 
sie eine Orientierung über sein Streben und den Gang seiner Kur. Was 
kann er, rein pragmatisch gedacht, mit der Deutung der intrauterinen 
Belauschung des elterlichen Koitus anfangen? 

Die Deutung von Freud betrachte ich als eine Vorstufe der 
integralen Deutung; sie ist sozusagen das bildliche Material, welches 
ins intellektuelle übersetzt werden muß; sie gibt das ,, Woher" des 
Symbols an, aber nicht das ,, Wohin", noch anders ausgedrückt, das 
retrospektive, aber nicht das prospektive. Jung hat diesen 
Gedanken einmal bildhch ausgedrückt, indem er sagte, das Unbe- 
wußte spreche eine Negersprache, welche in die Sprache des 
Kulturmenschen übersetzt werden müßte. Der Terminus Adlers, 
die Sexualsprache der Neurose sei ein ,, modus dicendi", ist wohl im 
gleichen Sinne aufzufassen. 

Diese doppelseitige Beschaffenheit des Symbols pflege ich in meinen 
Analysen folgendermaßen zu erklären: die Erforschung des Symbols 
läßt sich mit der Betrachtung eines Baumes vergleichen, bei welcher 
man den unterirdischen Teil, die Wurzeln, und den oberen Teil, aus 
Stamm, Zweigen, Blättern usw. bestehend, berücksichtige. Beim 
Symbol entspricht das Sexualsymbolische der Wurzel, der intel- 
lektuelle Inhalt dem Stamme mit Zweigen. 

Sie gestatten mir noch ein kurzes Beispiel zur Illustrierung: 
Der Regenzauber und Befruchtungszauber vieler wilden Völker, 
Zauber, -welche jetzt noch in manchen Gebräuchen unserer hiesigen 
Bauern lebendig erhalten sind, erweisen sich, retrospektiv betrachtet, 
als offenkundige Begattungssymbole. Sie sind aber nicht bloß 
das, sie sind mehr als das. Sie stellen nämlich einen offenkundigen 



') Menschenführung, unter anderem Selbstführung. 



über das Traumproblem. O'" 

Versuch des primitiven Menschen dar, einen Naturvorgan g"-) vor- 
zustellen und zu beeinflussen. Er benutzt bloß, dank seiner aus- 
gesprochen anthropomorphischen Einstellung, Anschauungsmaterial 
aus einem ihm bekannten Vorgang, um eine neue Vorstellung zu ge- 
winnen. Dies ist das Ergebnis der prospektiven Betrachtung; 
tatsächlich dürfen wir die Vorstellung dieses Zaubers als die m y thische 
Stufe der Meteorologie imd der auf die Landwirtschaft angewandten 
Chemie erblicken. So bescheiden sieht der Anfang unserer vornehmen 
Wissenschaft aus!*) 

Meine ursprüngliche Absicht war, an der Hand des Parzival 
zu zeigen, wie die Freud sehe Symboldeutung auf dem richtigen 
Wege zur Lösung ihrer Aufgabe haltmacht und dadurch unfruchtbar 
wird; ich muß aber diese Absicht für eine spätere Veröffentlichim^g 
aufsparen, da ich zu lang werden müßte, und begnüge mich mit dem 
Hinweise darauf, daß die Zurückführung des Grales und der Lanze 
auf den weiblichen, respektive auf den männlichen Geschlechtsteil nur 
über die Urquelle dieser Symbole, nicht aber über ihren eigent- 
lichen Inhalt Aufschluß gibt. Eine rezente Analyse des Prometheus- 
mythos ließ mich eine ganz analoge Erfahrung wieder machen, nämlich, 
daß die Freud sehe Mythenanalysen bloß den Anfang der eigentlichen 
Analyse enthalten, was zum guten Teil das geringe Verständnis erklärt, 
welches sie bei den nicht Eingeweihten gefunden haben. Sie entsprechen 
der Entzifferung des Alphabetes einer unbekannten Sprache, erheben 
sich aber nicht bis zur Kenntnis der Worte selbst. Belege dafür werde 
ich nächstens liefern. 

Wir sollen in der Symboideutung keinen Halt beim konkret- 
sexuellen Vorgang machen, wir haben die Aufgabe, die pro- 
spektive Betrachtung der retroskopischen anzuschließen. Es 
freut mich, an dieser Stelle anzuerkennen, daß Freud selbst den ersten 
Ansatz dazu gemacht hat, indem er die Kettungsphantasien der 
Neurotiker in Zusammenhang mit den Geburtsträumen brachte, denn 
die Deutung der Rettungsphantasien bis zur Subjektstufe führt 
ohne weiteres zum Wiedergeburtsmotiv. Putnam hat vor zwei Jahren 
in unserem Kreise einen, wie ich glaube und bedauere, wenig ver- 
standenen Vortrag gehalten, in welchem er die soeben vertretene 



^) Die Befruchtung. 

') Ich verweise auf die reichhaltige ethnologische Literatur (für Literatur- 
angaben, und als Nachschlagebuch: W. Wundt's: Völkerpsychologie). 



678 A. Maedcr. 

Richtung sehr klar andeutete. Der letzte Satz seiner Rede, welcher 
als Motto dieses Abschnittes meines Referates dienen könnte, lautete : 
Mit Recht rühmen wir mis, die Bedeutung des Kirchturmes sjTnbolisch 
betrachtet, vou einer Seite beleuchtet zu haben. Es obliegt uns 
jetzt als wichtigste Aufgabe, die anderen Bedeutungen mit 
gleicher Genauigkeit verstehen zu lernen. 

Es ist nicht schwer zu begreifen, warum eine Wandlung in 
unserer Methodik nötig geworden ist. Was die bisherige Psychoanalyse 
als Methode so fruchtbar machte, war die systematische Einführung 
des genetischen Denkens in die Psychologie. Die Forschung ist aus- 
gesprochen nach dem Ursprünge, nach der Vergangenheit orientiert. 
Sie würde erstarren, wenn sie auf der Dauer einseitig retrospektiv 
eingestellt bliebe. Ein große«, neues Arbeitsfeld nach vorwärts wartet 
auf sie. Der prospektive Weg führt in die Realität, er verspricht uns 
therapeutisch die wichtigsten Einsichten, während der retrospektive 
Weg in allererster Linie einen großen wissenschaftlichen Gewinn für 
mis bedeutete. Der Biolog, welcher die Phylogenie des Unterkiefers 
des Menschen bis zu den Kiemenbögen der Fische zurückverfolgt 
hat, kehrt nach Kenntnisnahme dieses wichtigen Befundes zum Unter- 
kiefer des Menschen zurück, um seinen Bau, seine Funktion tiefer zu 
erforschen und zu verstehen. Wir sind, meine Damen und Herren, 
in einer ähnlichen Lage, welche wir klar erkennen müssen, um 
unsere Arbeit fortsetzen zu können. Die schönen Amerika vortrage, 
welche Jung soeben veröffentlicht hat, sind ein klarer Ausdruck dieser 
Notwendigkeit. 

Die prospektive Fähigkeit, welche wir nach den zahlreichen 
Erfahnmgen der letzten Jahre (die Verdienste von Jung sind 
hier in allererster Linie hervorzuheben) der Libido zusprechen dürfen 
und von welcher wir annehmen, daß sie eine rege Tätigkeit im Un- 
bewußten entwickelt, steht in inniger Beziehung zur Funktion 
des Symbols. Wir haben immer mehr die Symbolfunktion als ein 
..mythisches Organ" der Erkenntnis kennen gelernt, das Symbol als 
Ausdruck einer noch unscharf erfaßten Realität. Ich erinnere Sie an 
die erste, mythische Stufe der Erkenntnis von Auguste Comte, 
femer an die bedeutsamen Arbeiten H. Silbercr's. Silberer 
schildert in seiner Arbeit ,,Über Symbolbild nng" einen ersten 
Typus des Symbols, welcher folgendermaßen deliniert wird: Der 
erste Typus des Sj-mbols ist derjenige, welcher entsteht, wenn die 
Idee unbehindert von störenden Konkurrenzideen (konkurrierenden 



über das Traumproblem. 679 

affektbetonten Komplexen) bloß auf Grund jener „apperzeptiven 
Insuffizienz" zum Bilde wird, die auf intellektueller Basis entstanden 
isf'i). 

Dieser erste SjTnboltypus liefert eine theoretische Grundlage 
zu der von mir rein empirisch aufgestellten Auffassung der vor- 
übenden, vorbereitenden Funktion des Traumes (oder des Un- 
bewußten); die möglichen, angepaßten Lösungen der Konflikte 
werden vom Symbol, wie tastend gesucht und ausgedrückt. Die Frage 
der Intuition, welche eine so dominierende Rolle in der Philosophie 
Bergson's spielt, wäre hier anzuschließen. Diese ganze Seite der 
Symbolik wächst über den Eahmen der bisher aufgestellten , .Zensur" 
hinaus und zeigt die Notwendigkeit der Prüfmig und Erweiterung 
unserer Anschauungen über die Traumpsychologie. 

Über die Wiener und Züricher Richtung in der Psychoanalyse. 

Freud hat mir in einer rezenten Veröffentlichimg Gelegenheit 
gegeben festzustellen, daß ich mich in meiner Arbeit über die Funktion 
des Traumes (Jahrbuch, IV. Bd.) mißverständlich ausgedrückt haben 
muß, denn er läßt mich dort Gredanken sagen, welche tatsächlich nicht 
die meinen sind. Es handelt sich in dieser Publikation aus dem 1. Heft 
der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse, um einen Traum, 
dessen Analyse imter anderem ein indirektes Geständnis für eine am 
Vortage begangene Tat enthält. Freud zeigt, daß dieser Traum neben 
dem eigentlich nebensächlichen Geständnis einen tieferen Sinn 
besitzt, welcher aus der Übersetzung der Symbolik herausgelesen 
mrd. ,, Somit ist auch bewiesen, daß es keine Notwendigkeit gibt, 
Geständnisträume zuzugeben, genau wie es sinnlos ist von Reflexions- 
träumen, Warnungsträumen zu sprechen." Diese Annahme wird als 
eine Regression auf voranalytische Zeit aufgefaßt. 

Ich muß Freud ganz und gar Recht geben, wenn er zeigt, wie ein 
solcher Traum, noch nicht analysiert ist, wenn das Geständnis heraus- 
gelesen wurde und wenn er von der regressiven Anschauung solcher 
Analytiker spricht. Widersprechen muß ich aber, wenn er eine solche 
Auffassung bei mir annimmt. Es ist mir angenehm, hier klar aus- 
drücken zu können, daß es sich um ein totales Mißverständnis handelt. 



') Silberer zeigt in seiner Orientierung eine sehr große Verwandtschaft 
iLiit flerjenigen, welche wir in Ziiricli vertreten, venn auch beide Denkarten durcli- 
i\i4s sell>ätändigen Ursprunges sind. 

Jahrbuch für psyclioanalyr. u. psychopntliol. Forschungen. V. 44 



680 A. Maeder. 

Um die Situation aufzuklären, habe ich mich entschlossen, diesen 
selben Traum nach den Materialien, die uns zur Verfügung stehen, 
zu deuten. Ich vermute, daß die Analyse, welche ich Ihnen jetzt vor- 
tragen werde, diejenige ist, welche ein anderer Züricher Kollege 
auch machen würde. Dadurch wird es mir möglich sein, die beiden 
Auffassungen, welche gegenwärtig in unserem Verein bestehen, gegen- 
überzustellen. 

Vorauszuschicken ist, daß der betreffende Traum von einer 
Pflegerin herrührt. und von einer Patientin Freuds analysiert wurde 
und daß Freud selbst die Deutung angenommen und vertieft hat. 

Freud berichtet: 

Eine Dame, die an Zweifelsucht und Zwangszeremoniell leidet, 
stellt an ihre Pflegerinnen die Anforderungen, von ihnen keinen Moment 
aus den Ai^en gelassen zu werden, weil sie sonst zu grübeln beginnen 
würde, was sie in dem unbewachten Zeitraum Unerlaubtes getan 
haben mag. Wie sie nun eines Abends auf dem Divan ausruht, glaubt 
sie zu bemerken, daß die diensthabende Pflegerin eingeschlafen ist. 
Sie fragt: Haben Sie mich gesehen? die Pflegerin fährt auf und ant- 
wortet: Ja, gewiß. Die Kranke hat nun Grund zu einem neuen Zweifel 
und wiederholt nach einer Weile dieselbe Frage. Die Pflegerin beteuert 
es von neuem; in diesem Augenblicke bringt eine andere Dienerin das 
Abendessen. 

Dies ereignet sich eines Freitags abends. Am nächsten Morgen 
erzählt die Pflegerin einen Traum, der die Zweifel der Patientin 
zerstreut. 

Traum. Man hat ihr ein Kind gegeben und sie hat das 
Kind verloren. Sie fragt unterwegs die Leute auf der Straße, 
ob sie das Kind gesehen haben. Dann kommt sie an ein großes 
Wasser, geht über einen schmalen Steg. (Dazu später ein 
Nachtrag: Auf diesem Stege ist plötzlich die Person einer 
andern Pflegerin wie eine Fata Morgana vor ihr auf- 
getaucht.) Dann ist sie in einer ihr bekannten Gegend und 
trifft dort eine Frau, die sie als Mädchen gekannt hat, die 
damals Verkäuferin in einem Eßwarengeschäft war, später 
aber geheiratet hat. Sie fragt die vor ihrer Tür stehende 
Frau: Haben Sie das Kind gesehen? Die Frau interessiert 
sich aber nicht für diese Frage, sondern erzählt ihr, daß sie 
jetzt von ihrem Manne geschieden ist, wobei sie hinzufügt, 
daß es auch in der Ehe nicht immer glücklich geht. Dann 



über das Traumproblem. 681 

wacht sie beruhigt auf und denkt sich, das Kind wird sich 
schon bei einer Nachbarin finden. 

Ich muß im folgenden auf die Mitteilung des umfangreichen 
Materiales verzichten und verweise die Leser auf die erwähnte Ver- 
öffentlichung Freuds^), ich begnüge mich mit der Wiedergabe der 
dort gegebenen Deutung und gehe dann gleich auf die Mitteilung 
meiner eigenen Deutung über. 

Die Deutung des Traumes durch die Dame ergibt, daß die Pflegerin 
sich über ihre Pflichtverletzung beunruhigt und fürchtet, deswegen 
weggeschickt zu werden. Im Traume ist dadurch eine Art Geständnis 
enthalten. Hervorzuheben ist nämlich, daß die Pflegerin den Traum 
morgens der Dame erzählt und hinzugefügt hatte, der Freitag sei 
ihr häufig verhängnisvoll (es war der Tag, an dem der Vorfall sich 
ereignet hatte). 

Diese Deutimg wird von Freud angenommen, aber sie wird 
erweitert und vervollständigt, indem der ,, tiefere Sinn des Traumes", 
der aus dem Unbewußten stammende, traumbildende Wunsch erraten 
wird. Letzterer lautet wie folgt: ,,Also gut, ich habe die Augen zuge- 
macht und meine Verläßlichkeit als Pflegerin kompromittiert, ich 
werde jetzt die Stelle verlieren. Werde ich so dumm sein, ins Wasser 
zu gehen, wie die X.? Nein, ich bleibe überhaupt nicht Pflegerin, ich 
will heiraten, Weib sein, ein leibliches Kind haben, daran lasse 
ich mich nicht hindern." Diese letzte Deutung stützt sich nicht im 
wesentlichen auf Einfälle der Träumerin, sondern, wie Freud sagte, 
auf ,, unsere Kenntnis der Traumsymbolik" (das große Wasser, der 
Walfisch mit dem Jonasmythos, der enge Steg). 

In der Deutung, welche ich Ihnen vorlegen will, werde ich, wie 
im ersten Beispiel, eine Objektatufe imd eine Subjektstufe unter- 
scheiden. 

Das Kind, das verloren gegangen ist, ist natürlich die der Pfle- 
gerin anvertraute Patientin; die Träumerin könnte ihre Stelle verlieren, 
wodurch sie sich in eine ähnliche Situation bringen könnte wie die X., 
welche ins Wasser ging (Fata Morgana). Die verheiratete Frau, welche 
nach dem Kinde gefragt wird und sich nur für ihre eigenen Sachen 
interessiert, ist zuerst die Herrschaft selbst, die kranke Dame, welche 
die Pflegerin mit ihrer Neurose nicht wenig plagt. Es ist ersichtlich, 



*) Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse, I. Jahrgang, 
1. Heft, 1913, Heller, Wien. 

44* 



682 A. Maeder. 

daß sie eine typische Tantenübertragung auf die Dame bekommen 
hat, bei welcher ein deutliches Element des Trotzes vorhanden ist. 
(Die analysierende Dame hat sich selbst im Traume nicht erkannt, 
weil zu unvorteilhaft geschildert.) Die Qualifikation der Verkäuferin 
im Eßwarengeschäfte bezieht sich auf dieser Stufe wohl auf die 
Herrschaft, von welcher sie ja das Essen bekommt. Freud macht 
auf eine andere Quelle, welche sicher zutrifft, aufmerksam, nämlich 
auf die infantilsymbolische ; die Qualifikation gilt sicher auch der Erb- 
tante, ursprünglich auch der Mutter der Pflegerin. Die verheiratete 
Frau ist aber auch unzweideutig die Tante, wie Freud selbst hervorhebt 
(der bekannte Ort, ferner der Umstand, daß sie noch die Frage der 
Pflegerin nach dem Kinde nicht berücksichtigt, wie die Tante, welche 
gegen das frühere Heiratsobjekt der Träumerin sehr opponiert hatte) ; 
also heißt der Passus, weder die Herrschaft noch die Erbtante 
kümmern sich recht um mich, sie tim bloß, was sie selbst wollen. Der 
Umstand, daß das Gespräch vor einer Türe im bekannten Ort statt- 
findet, läßt wieder vermuten, daß auf die Mutter und die eigene Geburt 
hingewiesen wird. Hiermit wäre eine Anklage gegen „die Mütter" ent- 
halten, aber auch eine Selbstentschuldigung für den begangenen 
Fehler: „Man hat mich so gemacht, erzogen, ich kann nichts dafür." 
Der letzte Traumaatz wird dadurch verständlich: ,,Das Kind wird 
sich schon bei einer Nachbarin finden. Ich brauche die Sache nicht 
so tragisch zu nehmen." 

Wir verfolgen den Traum auf der Subjektstufe: Das ihr anver- 
traute und verlorene Kind, wonach sie jenseits des großen Wassers, 
wo ihr die Fata Morgana entgegentritt, sucht, ist ihre eigene, wertvolle 
Persönlichkeit, noch ein Kind, das groß werden sollte und wieder ver- 
loren gegangen ist, denn sie war am Vortage wieder nicht verläßlich 
im Dienste, nicht geständig, trotzig, gereizt gegen die Patientin. Man 
kann ruhig annehmen, daß der Vorfall des Vortrages die Wiederholung 
unzähliger Fehler war, welche an diesem Unglückstage (Freitag) 
wieder geweckt wurden. Die Pflegerin stand vor einer für sie typischen 
Schwierigkeit und reagierte entsprechend typisch. Die Tante- 
Mutter-Übertragmig ist uns ein Beleg dafür. 

Das verlorene Kind sollte wiedergefunden werden, die ver- 
sunkene moralische Persönlichkeit sollte ,, wiedergeboren" werden, 
und tatsächlich steht sie an einem großen Wasser, wozu der Einfall 
der Jonasmythe gehört. Der Witz des sich durchdrückenden Juden 
Jonas, welcher zum Material gehört, ist bei der uns überlieferten 



über das Traumprobleni. 683 

Deutung nicht vei'wendet worden; er gehört nämlich hierher. Die 
Pflegerin macht es genau so, sie drückt sich durch, sie nimmt es 
nicht ernst und genau: das Kind wird sich schon bei der Nachbarin 
finden, avozu sich quälen? Ich kann es doch nicht, man hat es mir 
nicht richtig gelehrt (Anklage gegen Tante, Mutter!). Die Wieder- 
geburt (alias die moralische Entwicklung) gelingt der Pfle- 
gerin nicht, sie begnügt sich mit einem oberflächlichen Trost. Man 
wird also keine Befreiung von ihr erwarten, keine Entlastung ihrer 
drückenden Stimmung. Tatsächlich wissen Avir, daß sie nach dem 
Traume im Trotze verharrt, das Geständnis nicht ablegt, gereizter 
Stimmung ist usw., sie bleibt bei der typischen Schwierigkeit 
stecken. Die Pflegerin soll aber auch eine Identifikation der früheren 
Verkäuferin des Eßwarengechäftes sein, denn wir erwarten nach 
meiner heute aufgestellten Definition des Traumes, daß sich bei ge- 
nügender Analyse alle Figuren des Traumes als Personifizierungen von 
Tendenzen der Libido erweisen. Es trifft in unserem Falle auch zu, 
indem die Pflegerin selbst sich nicht genügend um die Patientin 
kümmert, sie schläft während der Pflege ein, sie träumt wahrscheinlich 
viel von ihren eigenen Geschichten; die Verheiratung imd Scheidung 
der betreffenden Frau geht sicher auf ihre eigene mißglückte Liebes- 
geschichte zurück, wie Freud es schon gezeigt hat. 

Dieser Traum gibt uns also eine bildliche Darstellung der 
psychologischen Situation der Pflegerin b eim Anlasse des 
Vorfalles des Vortages, er drückt die unzureichenden Ver- 
suche der Träumerin aus, ihre ethische Persönlichkeit zur 
Entwickelung zu bringen: er enthält Ansätze zur Wieder- 
geburt, aber auch deren Mißerfolg, zu welchem die Träu- 
merin die Stellung der resigniert Gleichgültigen schließlich 
einnimmt. Meiner Auffassung nach ist er kein bloßer Geständnis- 
traum, obschon Freud mir diese Ansicht zuschreibt. Der Traum wird 
wohl indirekt, dadurch daß er der Dame erzählt wird, wie auch direkt 
durch seine Analyse als Geständnis erkannt. Er hat im seelischen 
Haushalt der Träumerin aber eine größere Bedeutung als diese, 
denn er schildert in symbolischer Sprache eine typische, psychische 
Reaktion der Träumerin auf einen gegebeneu Reiz der Außenwelt 
hin. Seine Bedeutung geht weit über den veranlassenden Vorfall 
des Vortages hinaus (der Verlust der Stellung wäre für die Pflegerin 
kaum von so großer Bedeutung gewesen, wie vermutet wurde, denn 
solche Stellen sind leicht zu bekommen), es handelt sich um den 



684 A. Maeder. 

aktuellen Konflikt der Träumerin oder unmißverständlicher, um 
ihr aktuelles Lebensproblem überhaupt. Ich glaube ganz im 
Siime des „aktuellen Konfliktes" nach Jung gesprochen zu haben, 
ähnlich wie Riklin es in einem allerdings, wie es scheint, sehr miß- 
verstandenen Aufsatz des „Korrespondenzblattes für Schweizer 
Ärzte" getan hat, nur daß ich den Ausdruck ,, Aktualkonflikt" durch 
,, aktuellen Ausdruck der Lebensaufgabe" ersetzen möchte. 

Ich würde es sehr freudig begrüßen, wenn die Gregenüberstellung 
dieser zwei verschiedenen Deutungen des gleichen Traumes dazu bei- 
tragen würde, ein besseres Verständnis meiner Auffassung anzubahnen. 
Ich wünsche es um so mehr, als ich überzeugt bin, daß kein prinzi- 
pieller Unterschied vorliegt, sondern bloß eine Erweiterung oder lieber 
eine Vertiefung, indem die Frage vom eng-sexuellen ins allgemein- 
psychologische Gebiet gezogen wird. Um richtig verstanden zu werden, 
will ich versuchen zu skizzieren, welche Stellimg ich zur Deutung 
Freuds einnehme. Die Pflegerin versagt an einer Stelle, sie leistet 
die gewünschte Anpassung nicht; ihre Libido regrediert. Die Erfahrung 
lehrt, daß in dieser Libidosituation eine sexuelle Erregung sehr leicht 
stattfindet. (Man beachte das Auftreten der Onanie nach Mißerfolgen 
bei Neuxotikem z. B.) Nun kann sich der bei einem Mädchen biologisch 
wie psychologisch berechtigte Wunsch nach Liebe, Verheiratung und 
Kind in der Phantasie erfüllen. Die Deutung von Freud ist damit 
bestätigt. Wenn ich mich frage, wie es möglich sei, daß zwei ver- 
schiedene Deutungen des gleichen Traumes richtig sind, kommt mir 
ein Gedanke wieder in den Sinn, welchen ich schon lange hegte, ohne 
ihn gebührend systematisch und eingehend zu verfolgen, nämlich: 
der Wunsch des Mädchens nach Liebe imd Kind ist ein Ausdruck 
des Lustprinzips, während das Spiegelbild der fehlerhaften Ein- 
stellung und Reaktion der Pflegerin zum Leben das Werk des Re- 
alitätsprinzipes ist. Der Traum, wie ich ihn gedeutet habe, schildert 
die fehlerhafte Anpassung zur Realität. Die zwei Grundprinzipien 
des seelischen Geschehens, wie Freud sie formuliert hat, müssen 
eigentlich in den seelischen Erscheinungen nachweisbar sein, also im 
Traume ebensowohl wie anderswo. Ich habe allmählich seit etwa zwei 
Jahren den Eindruck bekommen, daß wir in der Psychoanalyse zuerst 
das Lustprinzip und seine zahlreichen Äußervmgen kennen gelernt 
haben, und zwar dank den Bemühimgen Freuds, daß aber das 
Realitätsprinzip als jüngeres Kind etwas vernachlässigt wurde, 
daß seine Förderung im wesentlichen das Werk der Züricher 



über das Traumproblem. 685 

Schule ist, mit Jung an der Spitze. Folgende Stelle aus der Deutung 
von Freud scheint mir eine Bestätigung dieser Auffassimg zu geben: 
,,Der Wunsch, ich will ein Kind haben... scheint besser geeignet, 
die Pflegerin über die peinliche Situation der Realität zu 
trösten" heißt es dort. Es scheint mir ein klarer Ausdruck der Be- 
tonung des Lustprinzipes seitens Freuds zu sem. Es ist Ihnen be- 
kannt , daß der Hauptgedanke meiner bestrittenen Arbeit über die Traum- 
funktion lautete: Im Traume ist eine vorübende, vorbereitende 
Funktion am Werke, welche zur Anpassungsarbeit gehört. Es ist ein 
klarer Ausdruck der Betonung des Realitätsprinzips meinerseits. 

Die beiden erwähnten Hauptprinzipien sind eigentlich bloß 
ein Ausdruck der zwei typischen Betätigungsformen der 
Libido, der progressiv und der regressiv gerichteten Libido. 
Sie sind, bildlich ausgedrückt, die zwei Betten, welche der Libido- 
strömung zur Verfügimg stehen. Die wichtige Frage ist die günstige Ver- 
teilung derselben. Sie sind auch zwei Stimmen vergleichbar, welche mehr 
oder weniger harmonisch das Lied des Lebens singen. In der Neurose, 
wie in der ersten Phase der analytischen Kur, übertönt die Stimme der 
-Regression die andere ; das läßt sich in zahlreichen Träumen nachweisen, 
welche z. B. in der Literatur vorliegen. Ich habe es daher vermieden, 
Beispiele zu geben. Allerdinga lassen sich in allen diesen Träumen Spuren 
der übertönten Stimme der Progression nachweisen. Auf diesen Punkt 
soll der Analytiker der Zukunft meiner Ansicht nach das größte 
Grewicht legen, denn wir sind, meine Damen und Herren, in allererster 
Linie Therapeuten und damit verpflichtet, miseren abgeirrten Pa- 
tienten den in der Feme leuchtenden Punkt zu zeigen. Dieser Licht- 
punkt soll ihnen als Leuchtturm im Sturme der Leidenschaften dienen. 
Allmählich wird im Laufe der Kur die Stimme der Progression lauter, 
um schließlich die dominierende Stellung einzunehmen. Die Bezie- 
hungen zwischen Lust-Unlust-Prinzip und der kathartischen Funktion 
auf der einen Seite und zwischen Bealitätsprinzip und der vorberei- 
tenden Funktion auf der andern können hier nur angedeutet werden. 
Ein Zomausbruch zur Vermeidung der inneren Spannung, das Streben 
nach Brsatzbefriedigung sind offenkundige Entladungen (kathartische) 
Reinigung), die Erwägung und Darstellung einer Konfliktslösung 
bereitet die Befreiung vor und führt zur Realität. 

Ich bin mit meiner Darstellung zu Ende. Sie werden mir mit 
Recht nachsagen können, daß ich nicht versucht habe, das Thema 

4 k 



686 A. Maeder. 

nach allen Seiten zu prüfen; ich habe z. B. die Frage des Traumes 
als Hüter des Schlafes übergangen, jede Polemik bei Seite gelassen 
usw. Ich habe es nicht getan, um mir die Aufgabe leicht zu machen; 
zu meiner Rechtfertigung kann ich sagen, daß ich in allererster Linie 
die Punkte behandeln wollte, welche für mich einen gewissen Grad 
von Klarheit erlangt haben; ferner habe ich mich bemüht, möglichst 
viel positives Material, das zur Diakussion verwertet werden kann, zu 
bringen. Ich hoffe, daß die Lücken, welche ich gezwungen war offen 
zu lassen, von meinem Korreferenten zu Ihrer Befriedigung aus- 
gefüllt werden. 



Bewußtsein kontra Unibewußtsein. 

Von Poul Bjerre, Spezialarzt füi- Psychotherapie in Stockholm. 



Als ich einmal einige Tage in einer fremden Stadt zubrachte, 
besuchte mich eine Frau, um meine Meinung über ihren Zustand zu 
hören., Sie war klein und zart und machte den Eindruck einer tief 
Leidenden. Sie erzählte mir folgende Geschichte: 

Mit 24 Jahren hatte sie aus Neigung geheiratet. Sie war jetzt 
in den ersten Vierziger] ahren. Ihr Mann war Professor und war ihr 
immer mit den wärmsten (Gefühlen entgegengekommen; sie konnte 
sagen, daß ihre Ehe bis zur Zeit der Krankheit ungewöhnlich glücklich 
war. Sie hatte 4 Kinder geboren, welche sämtlich gesund waren und 
sich gut entwickelten. In pekuniärer Hinsicht lebte sie in kleinen Ver- 
hältnissen, aber ohne Kummer. 

Ihr letztes Kind bekam sie vor 10 Jahren und von diesem Er- 
eignis an datiert ihr Leiden. Es war ein schweres Wochenbett. Nachher 
bekam sie Fieber, lag mehrere Wochen zwischen Tod und Leben und 
wurde dabei immer mehr entkräftet. Sie hat sich vorgestellt, daß 
diese starke Erschöpfung die Ursache der Krankheit sei. Der Zu- 
sammenhang zwischen Ursache und Wirkung ist ihr aber ein Geheimnis 
geblieben, über welches sie in allen diesen Jahren täglich gegrübelt hat. 

Während des Wochenfiebers wurde sie von einem älteren Arzt 
gepflegt, der auf beste Weise seinen ärztlichen Pflichten nachkam. Er 
besuchte sie oft am Abend, bisweilen blieb er ein Stündchen im Halb- 
dunkel an ihrem Bette sitzen, ohne viel zu sprechen. Sie bemerkte, 
wie er allmählich in ihr Gedankenleben hineinschlich, sie sehnte sich 
nach seinem Besuche, und die Zeit, wo er bei ihr saß, wurde der Inhalt 
des Tages. Sie barg seine Worte tief in ihrer Seele und fing an mit 
ihm in ihren Gedanken zu reden. 



688 Poul Bjerre. 

Dies alles war nur schön und sie fürchtete es gar nicht. Sie glaubte, 
es käme nur von der Krankheit und davon, daB sein Wesen beruhigend 
wirke. Sie war sicher, daß sie innerlich wieder zu ihrem gewöhnlichen 
Ijeben zurückkehren würde, sobald die Krankheit sie nicht länger 
äußerlich davon absperrte. Als sie aber genesen war, wurde es ihr 
bald klar, daß der Arzt so tief in ihre Seele eingedrungen war, daß sie 
sich nicht wieder von ihm befreien konnte. Sobald sie am Morgen 
erwachte, sah sie sein Bild vor sich imd fragte sich, ob sie ihm heute 
zufällig begegnen würde, was er vorhätte, ob er an sie dächte usw. 
Ging sie hinaus, glaubte sie ihn in jedem zweiten Mann zu sehen. 
Klingelte daa Telephon, dachte sie: ,,Das muß er sein." Las sie etwas, 
redete sie im Gedanken mit ihm über alles. Saß sie allein und ließ 
die Gedanken gehen, wie sie wollten, drängte sich eine Phantasie nach 
der andern ihr auf imd alles drehte sich um ihn. Kurz, in jeder Minute 
des Tages, in allem, was sie vorhatte, war er nicht nur anwesend, 
sondern sogar das Zentrum. 

Diesen Erfahrungen stand sie fremd gegenüber und alle Lebens- 
freude wurde nach und nach vom hoffnimgslosen Grübeln zermahlen. 
Sie mußte sich immer wieder die Frage vorlegen, ob sie nicht im Grunde 
zu diesem Manne gehöre und was geschehen würde, wenn er sagte: 
,,Komm zu mir." Bisweilen fühlte sie sich so eins mit ihm, daß sie 
dachte, alles aufgeben zu können, um ihm gehören zu dürfen. Gleich- 
zeitig konnte sie aber nie glauben, daß ihre Ehe auf einer Lüge auf- 
gebaut sei. Sie gehörte zu ihrem Manne und zu ihren Kindern und 
wollte unter allen Umständen in ihrem Heime bleiben. Sie sprach 
mit ihrem Manne über Alles, er war aber ratlos. In ihrer Not ging 
sie zum Arzte, den sie sonst jetzt nicht mehr traf, und erzählte ihm 
alles, in der Hoffnung, daß dies Erleichterung bringen würde. Es 
half aber nicht und er stand ebenso ratlos wie der Mann. Um nicht 
vollständig zugrunde zu gehen, mußte sie versuchen, die sich auf- 
drängenden Gedanken wegzujagen. Mit aller Stärke ihres unver- 
dorbenen Charakters kämpfte sie planmäßig gegen den Arzt wie gegen 
einen Feind. Sie erfüllte jede Stunde des Tages mit nützlicher Be- 
schäftigung, bis sie am Abend todmüde zu Bette ging. Erst nach 
Jahren gelang es ihr, sich eine halbe Stunde oder etwas mehr frei zu 
fühlen. Auf diese Weise hatte sie also die 10 Jahre verlebt. 

Da schon diese ersten Angaben meine Credanken in bestimmte 
Richtung lenkten, fragte ich sie näher über ihre Kindheit und über 
ihre Ehe aus. 



Bewußtsein kontra Unbewußtsein. 689 

Sie war in durchaus glücklichen Verhältnissen aufgewachsen. 
Der Vater war Lehrer. Beide Eltern lebten noch. Sie hatte einen 
Bruder und die Eltern pflegten zu sagen, daß er das Kind der 
Mutter sei und daß sie zum Vater gehöre. Als kleines Kind war sie oft 
krank und da wurde sie mit der größten Zärtlichkeit vom Vater 
gepflegt. Sie erinnerte sich noch an die FiebernächtCj wo er an ihrem 
Bette saß. Sie liebte ihn schwärmerisch. Eine Kleinigkeit lenkte 
meine Aufmerksamkeit darauf, daß er einen durchgreifenden Einfluß 
auf ihre Entwicklung gehabt hatte. Bei der Konfirmation gab er ihr 
ein Buch, in welches er einige Zeilen geschrieben hatte. Diese Worte 
brannten sich tief in ihre Seele ein und wurden zu einem Leitfaden 
ihres ganzen Lebens. 

Was die Ehe betrifft, spielte es. für sie eine gewisse Rolle, daß 
ihr Mann kränklich war, als sie heirateten. Die Tatsache der Liebe 
drängte sich ihr erst allmählich auf. Eine Freundin pflegte zu sagen: 
,,Da3 wäre ein Mann für dich. Du würdest sein Leben retten können 
und ihm zur Greaundheit helfen." Unzweifelhaft waren die Mutter- 
gefühle dem Manne gegenüber eine starke Ingredienz im Gefühls- 
komplex der Liebe und es blieb so in der Folgezeit. Sie hatte aber 
nichts zu bereuen. Mit großer Befriedigung hatte sie erlebt, wie ihr 
Mann glücklicher und gesünder geworden war. Sie selbst war immer 
so hochgeschätzt imd anfänglich auch so befriedigt worden, wie eine 
Frau vielleicht überhaupt werden kann. Immerhin gab es doch in 
ihrem Leben eine Leere, von welcher sie nicht frei werden konnte 
und die im Laufe der Jahre stärker hervortrat. Einerseits fühlte sie 
bisweilen eine vorübergehende erotische Neigung zu Männern, die sie 
zufällig traf und denen sie sonst nicht näher kommen wollte. Das 
peinigte sie sehr. Auch in den geheimsten Gedanken wollte sie ihrem 
Manne treu bleiben. Sie grübelte darüber, ob das von einem Mangel 
ihres Mannes käme, oder ob sie im Grunde eine schlechte Frau sei, 
oder ob vielleicht alle Frauen etwas Ähnliches fühlten. Anderseits 
wurde sie bisweilen von einer unheimlichen, unbestimmten Sehnsucht 
gequält. Es war ihr schwer, mit Worten anzugeben, worin diese bestand. 
Sie würde ea vielleicht am deutlichsten so ausdrücken können: Sie 
möchte einmal nur ihretwegen geliebt werden, nicht als Mutter, aus- 
schließlich als Weib, ganz unabhängig davon, ob sie dem Manne nützlich 
sei oder nicht. Etwas Tiefes in ihrem weiblichen Wesen revoltierte 
gegen die Ehe. Sie schämte sich darüber, aber sie konnte es nicht 
leugnen. — 



690 Poul Bjerre. 

Es handelte sich hier offenbar um die von Freud entdeckte 
Übertragung des Vaterkomplexes auf den Arzt. 

Die Mitteilung dieser Tatsache machte einen starken Eindruck 
auf die Patientin. Einerseits wurde sie gleich von einer Ahnung er- 
griffen, daß dies das Greheimnis ihres Lebens sei, anderseits verstand 
sie, daß sie niemals dies von selbst hätte herausfinden können, wenn 
sie auch das ganze Leben gegrübelt hätte. 

Als sie am nächsten Tage zurückkam, konnte sie mir mehrere 
Einzelheiten erzählen, die inzwischen aufgetaucht waren und die volle 
Bestätigung brachten. Unter den Zwangsphantasien, die um den Arzt 
kreisten, kam z. B. folgende rätselhafte immÄ wieder zurück: — Sie 
saß auf einem kleinen Schemel in der Ecke eines Zimmers. Der Arzt 
gii^ auf und ab, in einem Buche lesend. Sie saß ganz still, auf die 
Schritte lauschend, und empfand dabei eine selige Wonne. Sie er- 
kannte hier die Neuauflage einer Erinnerung aus der Kindheit. Gerade 
so pflegte sie auf einem Schemel in der Ecke des Arbeitszimmers des 
Vaters zu sitzen und er hatte die Gewohnheit, beim Lesen auf diese 
Weise auf und ab zu gehen. — Über folgende Kleinigkeit hatte sie 
oft gegrübelt: — Wenn sie in der Phantasie den Besuch des Arztes 
durchlebte, klingelte er nicht wie andere fremde Leute; er öffnete 
selbst die Tür und sie hörte seine Schritte draußen in der Entree. 
Gerade so hatte sie immer den Vater bei seiner Heimkehr gehört. 
Kurz, ein Problem nach dem andern fand seine natürliche Lösung. 



An sich bringt diese Geschichte nichts Neues. SelbstverständHch 
habe ich sie auch nicht nur ihretwegen erzählt. Ich habe sie aus- 
gewählt, weil sie mir wegen ihrer schematischen Einfachheit geeignet 
scheint, eine Frage zu beleuchten, welche ich als die Kardinalfrage 
der psychoanalytischen Therapie betrachte. 

Wir stehen hier vor der Zersplitterung des Ichkomplexes in 
zwei Teile, zwischen welchen die Kranke unaufhörlich hin und her 
schwankt, ohne irgendwo Ruhe finden zu können. Der eine Teil besteht 
aus der Vergangenheit, der Kindheit, in der Gestalt des Vaters ver- 
dichtet; der andere Teil besteht aus der Gegenwart, welche in ihrer 
Ehe und in allem, was damit zusammenhängt, ihr Zentrum hat. Man 
kann auch sagen, daß der eine Teil aus ihrem verdrängten Dasein, 
aus dem Unbewußten, besteht; der andere aus dem Bewußten. Die 
Krankheit entstand dadurch, daß die im Laufe des Lebens erbaute 



Bewaßtsein kontra Unbewußtsein. 691 

Organisation der beiden Welten aufgelöst wurde, daß also in ihrem 
aktuellen Leben zwei Gegensätze zu kämpfen anfingen, die normaler- 
weise einander ausschließen mußten. Es entstand die Situation: — 
Bewußtsein kontra Unbewußtsein. Etwas Ähnliches möchte in jeder 
neurotischen Erkrankung zu finden sein. Was von diesem Falle gesagt 
wird, kann also leicht auf jeden beliebigen Fall übertragen werden. 

An dem Punkte, wo ich bei der Beschreibung des Falles Halt 
machte, lag die imbewußte Verwirrung in ihren allgemeinsten Er- 
scheinimgen in großen Zügen vor uns. Mit einer solchen Aufklärung 
ist dem Patienten aber nicht geholfen. Obwohl er intellektuell den 
Zwangszustand durchschauen kann, ist er aber ebenso vmgliicklich in 
ihm wie vorher. Er fragt unwillkürlich: — Was soll ich jetzt tun? 
Wozu sollen diese neuen Einsichten mir helfen? — und der Arzt muß 
sich dementsprechend fragen : — Wie soll ich die Behandlimg weiter- 
führen? 

Diese Frage ist schon in der Psychoanalyse brennend geworden. 
Sie kommt z. B. im letzten Hefte der Zeitschrift für ärztliche Psycho- 
analyse^) in Ferenczi Artikel über ,, Jungs Wandlungen und Symbole 
der Libido" zimi Vorschein. Es heißt da: — „Er (Jung) legt das 
Hauptgewicht der Behandlung Nervöser darauf, daß er ihnen den 
Weg zur Realität zeigt, vor der sie zurückgeschreckt sind. Wir aber 
bleiben dabei, daß die nächste und wichtigste Kealit>ät , die den Kranken 
angeht, seine Krankheitssymptome sind, daß man sich also mit diesen 
beschäftigen muß, während die Hinweise auf die Lebensaufgaben die 
Kranken nur noch schmerzlicher ihre Unfähigkeit zur Lösung der- 
selben empfinden ließen. Um den Lebensplan der Kranken braucht 
man sich in der Analjrse kaum zu kümmern; ist die Analyse tief genug 
gewesen, so finden sich die Patienten auch ohne unsere Hilfe zurecht, 
ja eine richtige analytische Technik muß bestrebt sein, den Patienten 
so unabhängig zu machen, daß er sich sogar von seinem Arzte nichts 
vorschreiben läßt." 

Nach Ferenczi soll also die aufgeworfene Frage etwa folgender- 
maßen beantwortet werden : — Man soll auf dem üblichen Wege weiter- 
gehen imd durch freie Assoziationen immer mehr aus dem Unbewußten 
heraufholen. Dies soU ohne irgend eine Tendenz von selten des Arztes 
gemacht werden; d. h. der Arzt soll auf genau dieselbe Weise arbeiten 
■ 5 der Chemiker, wenn er einen Stoff bis zur Elementaranalyse zerlegt. 



») J. Jahrg., 1913, Heft 4. 



€92 Poul Bjerre. 

Praktisch würde dieses im gegebenen Falle heißen : Man soll die ganze 
dargebrachte Geschichte in Einzelheiten auflösen, wie man einen 
Traum in die einzelnen Traumbilder auflöst, und auf jedem Punkte 
untersuchen, was dahinter steckt. Man soll also jede zufällige erotische 
Neigung ergreifen und alles wieder lebendig machen, was damit irgend 
eine Verbindimg haben kann. Man soll jede Kindheitserinnerung, jedes 
Ereignis in der Ehe, alles auf dieselbe Weise behandeln und damit 
soll man den Patienten gehen lassen. 

Die erste Frage, die dabei gestellt werden kann, ist diese: Wird 
die Analyse je so voraussetzungslos getrieben wie sie prinzipiell werden 
«ollte? 

Es wird von den Gegnern der Psychoanalyse oft hervorgehoben, 
daß man heutzutage immer weiß, wo die Analyse enden wird, sobald 
man den Anfang gelesen hat. Ich will mich nicht darüber äußern, 
ob etwas Wahres darin steckt oder nicht. Ich glaube aber, daß die 
totale Voraussetzungslosigkeit im Grunde unmöglich ist. Wenn der 
Arzt nicht den Fall innerlich für sich zurechtlegt und sich bei der Be- 
handlimg von einer allgemeinen Auffassung der individuellen Sach- 
lage leiten läßt, so läuft er immer Grefahr, sich statt dessen von einer 
vorgefaßten Theorie leiten zu lassen. Niemand möchte es mir übel- 
nehmen, wenn ich glaube, daß es Analytiker gibt, die in diesem Falle 
allmählich bei dem Inzestkomplex angelangt sein würden. Sie hätten 
die Analyse so geleitet, daß es durch die freien Assoziationen an den 
Tag gekommen wäre, daß sämtliche erotische Neigungen Surrogat- 
bildungen für den Vater waren und daß sämtliche Eheereignisse Neu- 
auflagen von den Kindheitserinnerungen waren. Die geläufige Theorie 
steht doch so fest in vielen Köpfen, daß sie überhandnimmt, wenn 
alle anderen leitenden Motive ausgeschaltet werden. Darin können 
wir wohl übereinstimmen, daß das Leben sich nicht in irgend eine 
Theorie hineinpressen läßt, diese mag an sich von der höchsten 
Genialität geprägt imd noch so umfassend sein. 

Will man das Leben in seiner fließenden Mannigfaltigkeit ana- 
lytisch durcharbeiten, darf man überhaupt nie von einem gegebenen 
Punkt außerhalb des Individuums ausgehen; man muß zuerst ver- 
suchen, den Ausgangs- und Übersichtspunkt irgendwo innerhalb des 
Individuums zu finden. Man kann sich vor den gewöhnlichen Analysen 
bisweilen fragen, ob der Widerstand nicht eher ein Widerstand gegen 
die Theorie als gegen die Wahrheit ist. Daß ein Mensch sich gegen die 
Wahrheit sträubt, ist imnatürlich und muß überwunden werden, daß 



Bewaßtaein kontra Unbewnßtsein. 693 

er sich aber gegen die Erstarrung seines Innern in einer fremden 
Theorie wehrt, kommt vom Selbsterhaltimgstrieb und muß respektiert 
werden. 

Vorausgesetzt aber, daß die Analyse ohne jede theoretischen 
Vorurteile gemacht wird, fragt es sich, was dieses Überschwemmen 
des Bewußtseins mit dem unbewußten Lebensmaterial therapeutisch 
bedeut-et. 

Man kann darüber streiten, nach welchen Prinzipien das un- 
bewußte Material geordnet ist, ob es ausschließlich dem Lustprinzip 
imtergeordnet ist oder nicht. Eins möchte doch sicher sein: — daß 
es nicht nach einem Prinzip geordnet ist, das an sich eine absolute 
Lebensanpassimg bedeutet. Ich meine : Wenn es ins Bewußtsein über- 
geführt wird, rangiert es sich nicht von selbst so ein, daß der Patient 
sich ohneweiters zurechtfindet. Das zu behaupten, heißt, das Un- 
bewußte zum Gott zu erheben. Daß das Unbewußte im Gegenteil 
im Verhältnisse zum Bewußten etwas vom Chaos in sich hat, scheint 
mir auf der Hand zu liegen. Jetzt besteht die Krankheit darin, daß 
der Patient sich nicht einmal mit dem Material, das er bisher zu be- 
wältigen gehabt hat, hat zurechtfinden können; wie würde er dann 
leichter aus diesem neuen Chaos herausfinden können? Die Angabe 
Ferenczis, daß der Patient sich ohne unsere Hilfe zurechtfindet, 
stimmt nicht mit meinen Erfahrungen. Man denke sich z. B. die er- 
wähnte Patientin in dieser Situation. Bisher hatte sie in einer Hölle 
gelebt, weil sie nicht wußte, ob sie zum Arzte oder zu ihrem Manne 
gehörte; jetzt mußte sie auch darüber grübeln, ob sie vielleicht zu 
irgend einem der Männer gehörte, für die sie flüchtig erotisch empfunden 
hatte. Sie würde von tausend neuen Fragen zerrissen werden. 

Es ist ganz richtig, was Ferenczi sagt, daß das Endziel der 
Behandlung ist, den Patienten unabhängig vom Arzte zu machen. 
Das wird er aber nie, bevor die reale Lebensanpassung gelungen ist. 
Wenn man einen Patienten in einem Zustande läßt, wo das Leben 
nur ein viel schwereres Problem geworden ist, so muß er entweder 
krank bleiben oder neue Hilfe suchen. 

Mir scheint dieses Grundprinzip für die Analyse ein Überbleibsel 
ihrer ersten Epoche zu sein. Damals glaubte man an eine Erlösung 
auf intellektuellem Wege; wenn nur die verdrängten Wünsche zum 
Bewußtsein kämen, würde sich alles ordnen. Davon ist man ab- 
gekommen. Man fährt aber doch fort die Analyse auf eine Weise zu 
betreiben, als ob man noch daran glaubte. 



694 Pool Bjerre. 

Diese Epoche brachte uns unerhörte neue Kenntnisse vom un- 
bewußten Leben und es kann nicht angezweifelt werden, daß weitere 
Arbeiten nach diesen Eichtlinien das Wissen noch mehr bereichem 
werden. Das ist aber eine wissenschaftliche Sache, die nur indirekt 
für die Therapie Bedeutung hat. Ich glaube, daß ein klarer Stand- 
punkt in diesen Fragen erst erreicht werden kann, wenn man Wissen- 
schaft und Heilkunst schärfer als gewöhnlich voneinander trennt. 
Wir stehen hier vor etwas Ähnlichem, wie man in den ersten Tagen 
der hypnotischen Ära stand. Niemand ^-ird die große wissenschaft- 
liche Bedeutung Charcots bei der Aufklärung der Hysterie leugnen. 
Daß seine Salpetriere-Experimente erhebliche therapeutische Be- 
deutung hätten, beanspruchte er selbst nicht. Mir scheint, daß die 
starken Angriffe gegen die Psychoanaljrae bisweilen darin wuraeln, 
daß etwas für therapeutisch wertvoll ausgegeben wird, das über- 
wiegend wissenschaftliche Bedeutung hat. Die Therapie ist aber eine 
Kunst, die ihre Selbständigkeit behaupten muß und die nicht ohne- 
weiters der Wissenschaft untergeordnet werden darf. 



Der Weise, auf welche Perenczi die Frage von der Fortsetzung 
der Behandlung im g^ebenen Falle beantworten würde, kann ich 
also nicht beistimmen. Ich schließe mich der Auffassung Jungs 
an: — Die AuJ^abe des Arztes ist, dem Patienten den Weg zur Realität 
zu zeigen. 

Es soll gleich, um Mißverständnissen zu entgehen, ein Wort über 
den Begriff „Kealität" eingeschoben werden. Wenn man in die 
empirische Forschung einen Begriff einführt, der von der metaphysi- 
schen Philosophie mißhandelt worden ist, entsteht leicht die Gkfahr, 
daß man auch etwas von Spekulationen einführt, die nicht am Platze 
sind. Empirisch gesehen, leben wir in einer Welt von Relationen; 
eine absolute Realität kommt niemals in Frage. Es gilt nur eine An- 
passung an die außer uns existierenden Relationen, wobei diejenige 
die bestmögliche ist, welche den höchsten Realitätswert hat; d. h, die 
im höchsten Maße die Lust, die Erlösung der Kräfte, die Macht über 
das Leben befördert, kurz, alles, was für uns Lebensbejahung be- 
deutet. 

Nach Jung genügt es also nicht, das unbewußte Lebensmaterial 
an den Tag zu bringen. Man muß auch den Patienten lehren, es zu 
bewältigen, den Unterschied zwischen Sein und Schein zu sehen, man 



Bewußtsein kontra LFnbewußtsein. 695 

muß ihm ein Verständnis dafür geben, wohin die verschiedenen Wege, 
zwischen welchen er zu wählen hat, führen usw. Hier hört die Psycho- 
analyse auf Selbstzweck zu sein und wird einem Prinzip untergeordnet, 
das man als Leitprinzip der ganzen Psychotherapie aufstellen kann. 
Man betritt eine Brücke, welche die Psychoanalyse mit den sonstigen 
psychotherapeutischen Bestrebungen verbindet. Die Analyse muß 
vorgenommen werden, weil der Weg zur Realität von imbewußten 
Komplexen versperrt ist, weil der Kranke von unbewußten Kräften 
von diesem Wege fortgetrieben wird, nicht weil sie an sich Heilung 
bedeutet. 

Wenn man aber die Frage von der Fortsetzung der Behandlung 
auf diese Weise beantwortet, so ist sie damit keineswegs erledigt. Man 
ist nur bei dem Punkte angelangt, wo man vor der eigentlichen Kar- 
dinalfrage der Psychoanalyse als Therapie st«ht. Diese kann folgender- 
maßen formuliert werden: Soll man dem imbewußten oder dem be- 
wußten Leben den höchsten Reahtätswert zuerkennen? Ich sagte 
oben, daß man den Punkt, von welchem das Leben dem Patienten 
klar werden soll, iimerhalb des Patienten suchen muß; — soll man 
dabei den zentralen Punkt des Bewußten oder des Unbewußten wählen? 

Selbstverständhch fordert diese Frage eine bestimmte Antwort, 
wenn, wie im erwähnten Falle, das Unbewußte sich im Streite mit 
dem Bewußten befindet, wo keine Versöhnung möglich ist, wo das 
eine dem andern untergeordnet werden muß, wenn die Patientin sich 
nicht in einer ewigen Zerrissenheit hinschleppen soll. Man muß sich 
kurz entscheiden, ob man den Vaterkomplex oder das eheliche Ver- 
hältnis als das Reale in ihrem Leben darstellen soll; von dieser Ent- 
scheidung hängt die ganze weitere Deutung des Zustandes ab. 

Wählt man die erste Möglichkeit, wird man dem Patienten 
etwa folgendes sagen : — Sie haben Ihren Vater schwärmerisch geliebt 
und er hat Sie in der ganzen Entwicklungszeit beherrscht. Sind Sie 
im Grunde je von ihm losgekommen? Ich glaube kaum. AVas war es, 
das Sie zurückhielt, als Sie Ihren Mann zuerst trafen? Es war das 
Band, womit Sie an Ihren Vater gefesselt waren; ihn zu opfern, das 
hieße, so viel von Ihrem Selbst zu opfern, daß Sie nie mehr im Leben 
würden glückUch werden können. Sie nennen das Gefühl zu ihm 
Liebe und haben es wahrscheinlich als etwas rein Ideales aufgefaßt. 
Wenn Sie genauer nachdenken, wird es Ihnen aber klar werden, daß 
die Sinnlichkeit dabei nicht gefehlt hat. Es war Ihnen eine sinnliche 
Lust, wenn er Sie pflegte. Wenn Sie die Gefühle zurückrufen, weicht' 

JahrbDch für psychoanalyt. u. psycliopatliol. Forschungen. V. 45 



696 Poul Bjerre. 

Sie erfüllten, wenn er Sie berührte, liebkoste, kleidete, zu Bette legte, 
werden Sie finden, daß die Körperlichkeit dabei eine große Kolle 
spielte. Sie sind nie im Leben sexuell befriedigt worden, das sieht 
man besonders an Ihren flüchtigen erotischen Neigimgen. Sie haben 
immer vergebens etwas ersehnt. Die Unfähigkeit zur Befriedigung 
stammt daher, daß die Sexualität an IhreniVater gefesselt geblieben 
ist. Weder in bezug auf die ideale Liebe noch in bezug auf die Körper- 
lichkeit ist es Ihnen gelungen, von ihm loszukommen. Alles, was 
Sie in dieser Hinsicht erlebt haben, ist Surrogat. Ein Surrogat ist 
vor allem Ihre Liebe. Eine Zeit hindurch gelang es Ihnen, den Selbst- 
betrug der ehelichen Befriedigung aufrecht zu halten. Die Natur 
läßt sich aber nicht vertreiben. Als Sie krank wurden und nicht die 
Kraft hatten, die sich aufdrängende Natur durch die Selbstsuggestion 
des Glückes fernzuhalten, nahm Ihr Vater wieder das in Besitz, was 
ihm gehörte. Er kam diesmal in Gestalt des Arztes. Auf ihn haben 
Sie die Liebe zu Ihrem Vater am vollständigsten übertragen können; 
wenn man überhaupt von einem solchen Gefühl in Ihrem Leben reden 
könnte, wäre es von diesem Gefühle. Er ist die vornehmste Surrogat- 
bildung. Wenn Sie diesem Grefühle hätten nachgehen können, würden 
Sie eine viel stärkere Sexualbefriedigung erlebt haben als in der 
Ehe. Usw. 

Es muß jetzt hervorgehoben werden, daß, wenn man dem 
Patienten diesen Weg zur BeaUtät weist, man in der weiteren Analyse 
immer mehr Beweise für die Eichtigkeit dieses Weges zu finden glauben 
wird. Man hat nämlich die unbewußten Mechanismen als die Realität 
festgesetzt und alles, was man von ihnen an den Tag bringt, wirkt 
als Bestätigung. Wenn dieser Weg überhaupt falsch ist, wird man 
also nie im folgenden eine Korrektur einführen; man wird den Patienten 
immer weiter auf den eingeschlagenen Weg treiben. Die Hindemisse, 
die den Weg abzusperren versuchen, wird man als Widerstände auf- 
fassen, die überwimden werden müssen. Der Patient sträubt sich 
gegen eine Lebensumwertimg, die ihm zweifelhaft scheint. Diese 
Abwehr ist im Grunde ebenso verständlich wie die Abwehr, welche 
einer starren Theorie gilt. 

Ich weiß nicht, ob irgend ein Analytiker die Analyse auf diese 
Weise betreiben würde. In der Literatur kommt aber bisweilen eine 
Tendenz in dieser Richtung zum Vorscheine. Das hängt damit zu- 
sammen, daß man die Sexualität als ein starres System von Trieben 
auffaßt, die zwar verdrängt, aber niemals gelöst werden können. Da 



Bewußtsein kontra Unbewußtsein. 



697 



Jetzt der Inzest der tiefste Kern dieses Triebsystems ist, so wäre es 
die äußerste Konsequenz der ganzen Anschauung geradeaus zu sagen, 
daß der Mensch sich mit dem Inzest abfinden muß, wenn er überhaupt 
vollständige Sexaalbefriedigung erreichen will. Tatsächlich hat 
Freud schon diese Konsequenz gezogen. Mir ist es wenigstens schwer 
in folgenden Zeilen etwas anderes zu lesen: ,,Es klingt wenig anmutend 
und überdies paradox, aber es muß doch gesagt werden, daß, wer 
im Liebesleben wirklich frei und damit auch glücklich werden soll, 
den Eespekt vor dem Weibe überwunden, sich mit der Vorstellung 
des Inzests mit Mutter oder Schwester befreundet haben muß."^) Es 
wäre sehr wünschenswert, wenn Freud auch ein Beispiel aus seinen 
Erfahrungen gegeben hätte, daß irgend ein heutiger Mensch auf dem 
Wege des Inzestes das Lebensglück und die innere Freiheit erreicht 
hätte. Wenn eine Theorie zu Konsequenzen führt, die so offenbar 
mit den allereinfachsten Tatsachen in Widerspruch stehen, muß etwas 
schon in ihrem Grunde falsch sein. 

Man muß die Libidoauffassung Jungs in dieser Hinsicht als 
einen unschätzbaren Fortschritt begrüßen. Er entfernt aus dem Be- 
griffe jene Starrheit, die nicht nur der Libido, sondern überhaupt 
allem, was dem Leben angehört, fremd ist. Statt dessen zieht er in 
den Begriff die überall zu beobachtende Transformationsfähigkeit der 
Libido ein. Wie ich mich ihm in seiner Auffassung vom Ziele der Be- 
handlung anschließen mußte, so muß ich ihm auch auf diesem Punkte 

beistimmen. ^ , 

Ich halte überhaupt jede Tendenz, das Unbewußte als Realität 
zu proklamieren und den Patienten zur Anpassung an seine Mecha- 
nismen anzuleiten, für falsch. Ist man genötigt, zwischen dem Un- 
bewußten und dem Bewußten zu wählen, scheint es mir auf der Hand 
zu liegen, daß der höchste Realitätswert dem bewußten Leben zu- 
kommt. Die vollständige Motivierung dieser Auffassung würde zu 
einer Diskussion über das Wesen des Unbewußten führen, was weit 
außerhalb des Rahmens dieser Arbeit fallen würde. Ich muß mich 
darauf beschränken, die leitenden Gedanken meiner Unterredung mit 
der Patientin kurz zu erwähnen: 

„Der Kern der Krankheit besteht darin, daß Sie unbewußt den 
Arzt mit ihrem Vater verwechselt haben. Es gilt für Sie, das richtige 



1) Freud, Beittäge «ur Psychologie des Liebeslebens. Jahrbuch für 
psychoanalytische und paychopathologische Forschung. Band IV, Heft I. 

45* 



698 



Poul Bjerre. 



Verständnis für diese Verwechslung zu bekommen, dann werden Sie 
auch verstehen, wie Sie sich von ihren Folgen werden frei machen 
können. 

Das Leben ist ein Schaffen, durch welches wir jeden Tag, jeden 
Augenblick aus der Vergangenheit als Material einen Wert hervor- 
zubringen suchen. Durch das Wochenfieber wurden Sie von dieser 
unaufhörlich fortschreitenden Produktion des realen Daseins ab- 
geschnitten. Statt die Gegenwart auszubeuten, statt weiter der Zukunft 
entgegenzugehen, sanken Sie in die Vergangenheit zurück. Die gegen- 
wärtige Wirklichkeit entschwand Ihnen und das schon Durchlebte 
trat als Wirklichkeit hervor. Durch die Krankheit waren Sie wieder 
ein kleines hilfloses Kind geworden; die Fiebemächte der Kindheit 
und alle Erinnerungen, die damit verbunden waren, erfüllten wieder 
Ihr Bewußtsein. Da kam eine Sehnsucht nach der Wonne, die Sie 
empfunden hatten, als Ihnen in der Hilflosigkeit vom Vater geholfen 
wurde. Zu erschöpft, um die Korrektur der Wirklichkeit, die zum 
normalen Lebensprozeß gehört, durchführen zu können, wurde jede 
sehnsuchtsvolle Phantasie zur Tatsache. Wenn Sie den Arzt in der 
Nähe fühlten, verwebte sich seine Person so fest mit der Vatererinnerung, 
daß Sie nachher die Fäden nicht entwirren konnten. Als Sie nach 
der Genesung wieder zur Wirklichkeit zurückkehrten, trugen Sie dies 
Stück Unwirklichkeit mit ins reale Leben hinein. Daß Sie es mit dieser 
unerhörten Zähigkeit festhielten, hat eine besondere Ursache. Sie 
haben von einer Leere in Ihrem Leben gesprochen, von einer un- 
begreiflichen, unheimlichen Sehnsucht. Einerseits hat die Ehe nicht 
das werden können, was Sie wollten; anderseits haben Sie die Lerre 
nicht durch ein außereheliches Verhältnis ausfüllen können; 'ab- 
gesehen von Rücksichten auf Mann und Kinder, haben Sie instinktiv 
gefühlt, daß es nicht der richtige Weg sei. Im Zustande der Erschöpfung 
glitten Sie aber aus der Wirklichkeit heraus und dabei entstand ein 
neuer Weg zum Ausfüllen der Leere, nämlich der Weg der Phantasie, 
der Unwirklichkeit. Da gruben Sie aus der Vergangenheit diejenige 
Situation hervor, die dem am meisten entsprach, was Sie ersehnten. 
Sie wollten ausschließlich Ihretwegen geliebt werden, abgesehen davon, 
ob Sie dem Manne nützlich waren oder nicht. Eine solche Liebe gibt 
es im tiefsten Sinne nur im Herzen der Eltern dem Kinde gegenüber. 
Unter erwachsenen Menschen spielt immer eine gewisse Gegenseitigkeit 
eme Rolle in der Liebe. Sie retteten sich also von den Enttäuschungen, 
welche das Leben mit sich geführt hatte, dadurch, daß Sie ziu- ersten 



Bewußtsein koatra Unbewußtsein. 

Kindheit zurückkehrten; - dann wurden Sie zwischen zwei Welten, 
zwischen der Kindheit und dem erwachsenen Leben hm und her 
gerissen. Jetzt müssen Sie aber weiter im Erschaffen Ihres realen 
Daseins Die Krankheit darf nichts anderes bedeuten, als daß Sie 
einmal zurückgegangen sind, um einen verlorenen "^'^^l' ^'"^ .^'^''l 
Leben mithaben wollten, zu holen. Sie können glückhch sem, daß 
Ihr Liebesleben in den ersten Tagen so festgelegt wurde, wie es im 
Verhältnisse zu Ihrem Vater geschah; - das muß aber eine Tat- 
sache für sich bleiben, die nicht mit Ihrem Leben als Frau vermischt 
werden darf. Nichts wäre verhängnisvoller gewesen, als wenn Sie 
dem Gefühle für den Arzt hätten nachgehen können, - das wäre 
einer Phantasie nachjagen; dadurch wäre Ihr Leben wahrschemhch 
in eine hoffnungslose Verwirrung geraten. Sie können sicher sein, daß 
Ihre Ehe auf echtem Grunde erbaut ist. Wenn sie auch bisher nicht 
die vollständige Befriedigung hat bringen können, so ist dies doch 
gar nicht für die Zukunft ausgeschlossen. Es geschieht um so mehr, 
ie mehr Sie da einen Ausfluß für alle Gefühlsstimmungen m Ihrem 
Herzen finden können. Da hängt selbstverständUch vieles von Ihrem 
Manne ab. Wenn er Ihnen mit Verständnis für Ihr Leiden entgegen- 
kommt so wird er die Leere Ihres Lebens ausfüllen können. Jedenfalls 
müssen Sie aUe Kräfte darauf verwenden, sich von der Unwirkhchkeit 
frei zu machen und Ihre Ehe zur höchstmöglichen Vollkommenheit 

zu entwickeln." 

* * * 

Wenn man auf diese Weise die Analyse als ein Mittel ausnutzt, 
dem Patienten zur Realität zu verhelfen, und wenn man diese als die 
erwünschte bewußte Lebensanpassung auffaßt, so verändert sich die 
Behandlung nicht unerheblich. 

Z B in bezug auf die Zeit. Es ist mehrmals hervorgehoben, 
besonders von Freud in seinen „Ratschlägen", daß die Analyse eine 
sehr langwierige Methode sei. Was die lange Zeit nötig macht, ist 
aber das Anhäufen des unbewußten Materials. Wenn man sich darauf 
beschränkt, nur so viel heraufzuholen, als absolut notwendig ist, um 
die unbewußten Zusammenhänge in großen Zügen zu sehen, so stellt 
sich die Sache anders. Als Beispiel kann ich wieder auf den erwähnten 
Fall hinweisen. Wie gleich ersichtlich werden wird, führte diese Be- 
handhmg zu einem so vollständigen Resultat, wie es nur erwünscht 
werden kann; und dazu waren nur drei Stunden nötig. Ich will damit 



'^^^ Poul Bjerre. 



nicht sagen, daß eine so starke Verkürzung ab Regel aufgestellt werden 
kann, ich will nur hervorheben, daß sie unter glücklichen Umständen 
moghch ist. Waa sie hier ermöglichte, war vor allem, daß die Krankheit 
noch nicht zur eigentUchen SymptombUdung fortgeschritten war. Der 
Konfhkt befand sich in einer Art prolongiertem Statu nascendi 
Waren Zwangs- oder Konversionssymptome aus ihm hervorgegangen 
wäre die Behandlung eine viel längere Sache geworden. Unter solchen 
Verhaltnissen braucht man das große Material, um den Patienten vom 
wirklichen Zusammenhang zu überzeugen; man muß immer wieder 
neue Tatsachen hervorholen, die die Richtigkeit der Deutung bestätigen 
Und dieses kann sich über Jahre ausdehnen. 

Es gibt aber auch etwas anderes, was die Behandlung lang macht 
und das ist die Tatsache, daß die psychischen Ver^andlmigen sich nu^ 
langsam abspielen. Gegen die Verkürzung kann man einwenden daß 
man im Laufe von Tagen oder Wochen nicht das Resultat sehen kann^ 
Streng genommen, kann man das aber auch nicht im Laufe von Mo- 
naten und Jahren. Die Neurose ist kein begrenztes Einzelereignis im 
Leben des Kranken, mit einem gewöhnüchen Erlebnis vergleichbar- — 
die Neurose ist ein Faden, der mit der Geburt anfängt und mit dem 
Tod endet. Die Behandlung bringt eine Verwandlung; die Bedeutung 
dieser Verwandlung kann im Grunde erst beurteüt werden wenn 
man das ganze Leben überbücken kann. Die höchste Verwandlung 
besteht m einer Umwertung von Lebensvemeinung zu Lebensbejahung 
Das Ziel ist erst erreicht, wenn die Neurose im Dienste des Lebens 
ausgebeutet worden ist. Das ist aber etwas, das erst alhnählich durch 
die Weiterentwicklung nach der Behandlung geschehen kann Nur 
wenn man das innere Geschehen eine längere Zeit nach der Behandlung 
untersucht, bekommt man einen Einblick in ihre Bedeutung Ich 
komme in dieser Hinsicht gleich auf den FaU zurück. 

Abgesehen von den rein praktischen Vorteilen dieser Verkürzung 
der Behandlung scheint sie mir in einem sehr wichtigen Punkte von 
Bedeutung zu sein, _ nämlich in bezug auf die Übertragung 

Die Übertragung auf den Arzt ist eine wissenschaftliche Tat- 
Sache; - ich kann aber diesem Prozesse nicht den therapeutischen 
Wert zuschreiben, wie man es im allgemeinen tut. Nichts kann besser 
als dieser Fall zeigen, was die Übertragung im Grunde für den Patienten 
bedeutet. Hier wurde eine Unwirklichkeit in ihr Leben hineingezogen 
die der Kern emer Zwangskrankheit wurde; - auch wenn die Ver- 
haltnisse nur selten so offenbar sind, glaube ich doch, daß die Über- 



701 

Bewußtsein kontra Unbewußtsem. 



tragung im allgemeinen etwas Ähnliches bedeutet, d. h eme Verwirrung 
des Erschaffens des realen Daseins. Im Leben gilt es reale Ver- 
bindungen, nicht Imago-Verbindungen. Man erwidert dagegen daß die 
Übertragung im Laufe der Behandlung gelöst wird. Überschätzt man 
aber dabei nicht die Kranken? Wenn ein Mensch un Laufe emiger 
Jahre einem andern alle Geheimnisse anvertraut hat, ihn m alle 
Gedanken alle Gefühle hat hineinblicken lassen, so ist eme psyc^che 
V fb"di:i'g zustande gekommen, die sich weder auf Befehl noch durch 
eine Analyse lösen läßt. Es gibt im Grunde nur zwei Möglichkeiten 
Entweder muß der Kranke sein Verhältnis zum Arzte auf ähnliche 
Weise arrangieren wie der treue Katholik zu seinem Beichtvater, oder 
auch muß man die Verbindung plötzlich abbrechen, was m der Rege 
Z den Patienten eine schwere Katastrophe bedeutet. Das erste ist 
angenehmer für den Patienten, das zweite ist angenehmer für den 
Arzt - beide Möglichkeiten sind aber so schwer, daß eine dritte 
dringend erwünscht scheint. Eine solche entsteht dadurch daß man 
dL Verbindung mit dem Arzte und dadurch auch die Übertragung 
soweit wie mögüch reduziert; es kommt niemals zu irgend einem 
r ngement. sondern der Arzt verschwindet, sobald er seine Rolle 
als Vermittler zwischen dem Patienten mid der Realität ausgespielt hat. 
Gegen diese Weise, die Psychoanalyse zu betreiben, können 
riele Einwände gemacht werden. Erstens kann man sagen: - Es ist 
überhaupt keine Psychoanalyse. - Das ist es nicht, wenn man diesen 
Begriff im Freudschen Sinne streng begrenzt; das ist es aber, insofern 
hier eine Analyse der psychischen Verwirrungen absolut notwendig ist. 
Ohne das Verständnis für die Übertragung und die Regression wurde 
kein Mensch dem Patienten in diesem Falle haben helfen komien. 
Zweitens kann man sagen: - Die Psychoanalyse erstrebt, dem 
Patienten Macht über das Unbe^te zu geben die Ausdehnmxg des 
Bewußtseins kann niemals schaden. Es muß deshalb ak em prin- 
zipieUer Fehler betrachtet werden, der .\nalyse enge Grenzen zu 

stecken usw^^ ersten Satz betrifft, muß hervorgehoben werden, daß 
die Psychotherapie überhaupt erstrebt, die Macht über das Leben zu 
,ben Macht über das Leben und Macht über das Unbewußte darf 
acht ohneweiters identifiziert werden. Wenn man Hunderte von 
analerotischen Kindheitserinnerungen wieder lebendig macht so 
braucht das nicht erhöhte Lebensmacht zu bedeuten ^3 kami so 
sein wenn dieser Komplex noch lebenshemmend wirkt, - wemi das 



^ b 



roul Bjerre. 



nicht der J dl ist, bedeutet die Analj^se gerade das Gegenteil von dem 
was sie erstrebt^ Sie lenkt nämlich die Aufmerksamkeit und dadurch 
die psychische Energie auf verschwundene UnwesentUchkeiten statt 
sie auf zukünftige Wesentlichkeiten einzustellen; - d h doih d e 
Blachtstellung dem Leben gegenüber verringern 

Die Diskussion dieser und ähnlicher Einwände hat nun wenig 
Interesse. Da es eine praktische Frage gilt, hängt alles von der Tt 
wort ab welche die praktischen Erfahrungen unmittelbar geben. Hätte 
ch mich nicht an guten Erfolgen auf dem hier erwähnten Wea er- 

IXln^T^' rl" "' T """ "^'^ dogmatischen Psychoanalyse 
gebheben. Ich kehre zu dem Falle zurück. Er scheint mir auch in 
^es^ ansieht geeignet, die Frage zu beleuchten und die möglichen 
-Ciinwande zu widerlegen. 

Anderfril^^T?'^'"^'""^ ^'^" '"^ ^'' ^^*^^^*"^ "i*'^'* ^'^^ gesehen. 
Andertha b Jahre später bekam ich einen Brief, aus welchem ich 

nige Zeilen zitieren möchte, - nicht nur, weil ich ihn als eine bI 

s at,g^g der Richtigkeit meiner Auffassung betrachte, sondern vor 

nach de Behandlung gibt, als eine Beschreibung zweiter Hand geben 
kann. ^ enn jemand vielleicht an der etwas überschwenglichen Schreib- 
weise Anstoß nimmt, will ich hinzufügen, daß die Lientin e"er 
Famihe angehorte, aus welcher ein großer Dichter hervorgegangen ist 
und daß sie selbst in einer Atmosphäre von Poesie erzogen war Wenn 
ZX 1 p7 .?''' Überschwenglichkeit den Schluß zieht. 'sie sei 
na h der Behandlung ebenso hysterisch wie vorher, so ist die Antwort: 
Mit der personhehen Eigenart des Patienten hat der Arzt nichts 
.u tun; seme Aufgabe ist nur, dem Patienten zu helfen, mit dem Leben 
zurechtzukommen, wie er ein für allemal geschaffen ist und wie das 
Leben ein für allemal sein muß. 
Also den Brief. 

„Gerettet, _ absolut und für immer - sende ich Ihnen in 
großer Sicherheit und in dankbarer Erinnerung einen Gruß. Es gibt 
keine Kraft d,e nicht zu höheren Werten ausgenutzt werden kann 
Darm ist das vollständig glückhche Verhältnis zwischen mir und 
meme^ Manne zu verstehen, das sich zum Siege durchgekämpft 

In der Nacht, nachdem es von Ihnen, Herr Doktor, Abschied 
genomn^en hatte, das Kind-Weib, das Ihren Weg in X. kreuzte, ge- 
schah etwas, für das ich versuchen will, einen verständlichen Ausdruck 



Bewußtsein kontra Unbewußtsem. 

ZU finden Was im Innern zersplittert war, in zwei Beobachter, die 
immer verschieden nrteilten, in zwei Willen, fiel in einem Augenblick 
vollständig auseinander, und der Gedanke bahnte sich emen Weg, 
den Sie mir angedeutet hatten. Auf der einen Seite das lebendige 
Ich bewußt, unzerteilt, eines, - auf der andern Seite em totes Schein- 
Ich der krankhafte Auswuchs, der Parasit. Wirklichkeit und Un- 
wirklichkeit wurden getrennt. Welches Erlebnis ! Welches berauschende 
Gefühl von Freiheit! War dies Gesundheit? Konnte das Leben so 
merkwürdig sein? Wissen die Gesunden, was sie haben? Welche 
Ungerechtigkeit gegen diejenigen, die einen doppelten Kampf kämpften . 
Ohne Gedankenzwang! Befreie einen Vogel aus dem Käfig, mid frage 

dann, ob er dir dankt! 

Auf der Seite der Wirklichkeit war aber etwas zurückgeblieben, 
das mit Streit drohte. Es durfte nicht da sein. Die Kraft, die es verbarg, 
mußte in andere Richtung geleitet werden. Selbst mußte es mit der 
Wurzel herausgerissen werden. Teurer als das Teuerste schien m 
diesem Augenblicke der Gegenstand des Streites. Auf dieses zu ver- 
zichten, war dasselbe, wie dem eigenen Dasem zu entsagen, - 
wenigstens der Weiterentwicklung. Aber aus Tiefen, die niemand 
gelotet hat, rief eine Stimme mit der Kraft des Unvergänghchen : - 
nicht dahin blicken! hierher blicken! den Sprung wagen! Es gilt 
mehr als dein Leben. - - Aus dem Entschluß erwuchs die rat: - 
ob er (ihr Mann) ihr ein Gespräch gewähren wollte. Natürlich! 

Sie ergriff die Gelegenheit, von einer imüberwmdhchen inneren 
Notwendigkeit getrieben; sie legte die Tatsachen bloß, sie bat um 
Verzeihung, so wie nur ein Mensch, den Tod vor den Augen sich ent- 
blößt und bittet. Gesegnet sei das Leben, weil ihr eine emfache^h^- 
lichkeit, Wahrheitsliebe, Achtung entgegenkam! - - " 

Es wurde mir endlich, als ob mein ganzes Wohl und Wehe 

an der ersten Silbe hinge. Er konnte mich töten, - aber mcht durch 
das Stillschweigen. Das wäre zu hart gewesen. 

Er antwortete: - verzeih mir; - mein war der Fehler. 
Hier entsprang der Strom, welcher gleich einem reinigenden 
Bad über Menschenseelen sich ergoß, über Menschenschicksale, über 
vergangene Jahre, über Tage und Nächte, über Stunden, Minuten 
Sekunden .... der Strom, welcher alles rein machte, erneuerte und 
stärkte. Und der vereinte, - der mit den freiesten Banden band. - 
Noch gab es aber etwas, das sie woUte: - emem ihres- 
gleichen begegnen, welcher sozusagen für den Kristall Blick hatte, 



'^^^ Poul Bjerre. 

der irgendwo in dem Ich sich bildete, dessen Trägerin sie war; — der 
das sehen konnte, was von einem Fremden entdeckt, anerkannt und 
geschätzt war. Noch eine Äußermig des Bedürfnisses „ihrer selbst 
wegen" geliebt zu werden. — Kam es nicht da in der Feme, — fing 
sie nicht an, das zu empfinden, was sie so leidenschaftlich ersehnt 
hatte? 

Seitdem ist alles ein einziger Lobgesang. Alles vom 

Kleinsten bis zum Größten, ist unendlich bedeutungsvoU geworden 
Alles hat semen Platz im einzigen, großen Ganzen gefunden. 

Mit gefalteten Händen hat das Kind-Weib seinen Weg fort- 
gesetzt, — gleichwie sich selbst von außen her schauend, ~ als ob ein 
Zügel von der Hand eines bewußten Willens genommen wurde, indem 
sie einen entschiedenen Befehl hörte: — nicht dahin — nein hierher 
mußt du gehen! Größere Tiefen sollst du erzielen, Hingegebenheit I - 
Weiter sollst du wachsen, Herz! . 



über Assozlationsversuche bei Schizopbreiieii 
und den Mitgliedern llirer Familien. 

Von Josef B. Lanff, Zürich, 



Emma Fürst hat im X. Beitrag zu den „Diagnostischen 
AssoziationsBtudieni)" eine inhaltsreiche Arbeit über die fa- 
miliäre Übereinstimmung im Reaktionstypus bei Un- 
gebildeten veröffentlicht, die neue und interessante Fragestellungen 
für die psychologische Familienforschung enthält. Ich habe mir nun 
auf Anregung von Herrn Prof. Bleuler und Herrn Privatdozent 
Jung die Aufgabe gestellt, zu untersuchen, wie sich der Schizophrene 
zu seiner Familie im Assoziationsexperiment einstellt. 

I. Einleitung. 

Es wurden Assoziationen aufgenommen bei 11 Familien mit zu- 
sammen il Versuchspersonen; diese setzen sich aus 11 Schizophrenen 
(10 männlichen und 1 weiblichen), 11 männhchen und 25 weibHchen 
gesunden Familienangehörigen zusammen. Zur Entscheidung einer 
wichtigen Frage wurden noch 2 normale Familien zur Bearbeitung 
hinzugezogen, welche aus 3 männlichen und 5 weiblichen Personen 
bestehen, so daß sich die Zahl der in der Arbeit verwerteten Versuchs- 
personen auf 55 beläuft. Die Familien setzen sich folgendermaßen zu- 
sammen : 

4 Familien mit je 2 Versuchspersonen 



2 

2 
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4 

„ !> >> Ö 

1 Familie mit 6, 7, 


8 


33 

VersucliBpersonen, 



>) G. G. Jung, Diagnostische Asaoziationsstudien, H. Band, Leipzig, 
Joh. Ambrosius Barth. 
4 5 * 



706 Josef B. Lang. 

Was die Sprachverhältnisse anbetrifft, ist die Zusammensetzung 
eine relativ gleichmäßige, indem alle Versuchspersonen, mit Ausnahme 
der Familie IV Zentral- und Kordwestschweizer sind, die für gewöhnlich 
den Schweizer Dialekt sprechen. Die beiden Mitglieder der Familie IV 
sind Ausländer und sprechen etwas gebrochen ]Jeutsch. Was das 
Bildungsniveau der Versuchspersonen anbelangt, gehören wieder alle, 
die Familie IV auch da ausgenommen, der Klasse der Ungebildeten 
an; etwa die Hälfte der Versuchspersonen haben nur Volksschul- 
bildung genossen, während die übrigen auch noch Sekundär- und 
etwelche Berufsbildung absolviert haben. Die Familie IV, wie auch 
die Familie VI, welch letztere aber eine normale ist, gehören den ge- 
bildeten Ständen an. Personen mit deutlich imbezillen Zügen finden 
sich unter meinem Versuchsmaterial keine; ich habe den Eindruck ge- 
wonnen, daß sich meine Versuchspersonen durchschnittlich auf einem 
höheren intellektuellen Niveau befinden, als jene, bei denen E. Für st ihre 
Assoziationsversuche gemacht hat. Das Alter der Versuchspersonen 
schwankt zwischen 5 und 67 Jahren. Was die kranken Versuchs- 
personen anbetrifft, sind, wie bemerkt, alle, mit einer Ausnahme, 
männlichen Geschlechtes; es kommt dies daher, weil ich an der Heil- 
und Pfiegeanstalt St. Urban, wo ich die Mehrzahl der Fälle beob- 
achtet habe, Arzt der Männerabteilung war. 

Die Versuche wurden teils in der Irrenanstalt bei Besuchen, 
teils in der Wohnung der Versuchspersonen aufgenommen, aber stets 
nur mit der jeweiligen Versuchsperson allein, d. h. nicht im Beisein 
anderer Personen. Dem Experiment ging jeweils eine gründliche Er- 
klärung des Versuches voraus und das Experiment wurde erst be- 
gonnen, wenn ich mich überzeugt hatte, daß die betreffende Person 
den Sinn des Experimentes begriffen hatte und der gewöhnlich zuerst 
auftretende Emotionsstupor möglichst überwunden war. Die Reiz- 
wörter wurden den Versuchspersonen in Schriftdeutsch zugerufen, 
alle reagierten unaufgefordert in der Regel ebenfalls in der schrift- 
deutschen Sprache, doch wurden die ausnahmsweise in Dialektform 
auftretenden Reaktionen natürlich als vollwertig angesehen. Bei allen 
Versuchspersonen wurden je 100 Assoziationen aufgenommen, und 
zwar wurde das von Jung ausgearbeitete Reizwörterschema I bei 
allen Versuchen verwendet. Gleich nach der Beendigung der Aufnahme 
wurde die Reproduktionsfähigkeit geprüft. Es wurden natürlich 
auch die Reaktionszeiten gemessen, und zwar mit der Pünftel- 
sekundenuhr. 



Assoziationsversuche bei Schizophrenen. 



707 



Die Einteilung der Assoziationen wurde nacli dem gegenwärtig 
wohl am brauchbarsten vereinfachten Jungschen Schemai) vor- 
genommen, das einerseits den Vorteil der leichten Klassifikation hat 
und deswegen vergleichbare Kesultate liefert, was bei den meisten 
andern gekünsteltem nicht der Fall sein dürfte, da dabei ^as sub- 
iektive Moment des jeweiligen Forschers eine recht große KoUe 
spielen kann, das anderseits aber am wenigstens bloße Wülkürlichkeiteii 
und Zufälligkeiten zutage fördert. v, ,• v 

Die Differenz respektive die mehr oder weniger große Ahnhcü- 
keit zwischen ]e zwei Versuchspersonen wurde ebenfalls nach dem 
von Jung angegebenen'-) Modus auf folgende Weise berechnet: z. B., 
um die Differenz zwischen dem kranken Bruder und der gesunden 
Schwester Klara der Familie I zu ermittehi, wurde folgenderweise 
verfahren : 



Assoziationsqualität 



1. Koordinationen 

2. Sub- und SupraOrdinationen 

3. Kontrastassoziationen 

4. Wertprädikate 

5. Sonstige Prädikate 

6. Subjekt- und Objektverhältnisse 

7. Bestimmung von Ort, Zeit, Mittel, Zweck . . 

8. Definitionen 

9. Koexistenzen 

10. Identitäten 

11. Sprachlich-motorische Formen 

12. Wortzusammensetzungen 

13. Wortergänzungen 

14. Klangassoziationen 

15. Restgruppe (Fehler, sinnlose, mittelbare, Asso 
ziationen, Wiederholung des Reizw ortes). ■ ■ 

Total . . 
30 
15 




Durchschnittliche Differenz --=r33. 



1) 0. G. Jung, Aäsociationa 
1907, Tome VII. 

») C. G. Jung, 1. 0. 



didfes familiales. Archives de Psychologie, 



^^^ Josef ß. Lang. 



Diese durchschnittUche Differenz ist ein sehr brauchbares Mittel 
für die übersichtliche Darstellung der Unterschiede respektive Ähn- 
lichkeiten der verschiedenen Versuchspersonen, wie die schon ge- 
nannte Fürstsche und auch die vorliegende Arbeit beweisen. 

II. Beschreibung der einzelnen Familien. 

I. Familie. 

Der Vater dieser FamiHe war ein schwerer Potator, unter dessen 
Trunksucht die Famiüe sehr zu leiden hatte; er ist schon 13 Jahre 
tot. Die Mutter lebt, macht aber einen recht nervösen Eindruck- sie 
ist ]etzt 53 Jahre alt; sie ist Handarbeitslehrerin in einem Dorfe 

Der älteste Sohn Alois, 31 Jahre alt, war ein fleißiger und begabter 
Schuler, er besuchte nach der Volksschule noch 3 Jahre die Sekundär- 
schule und machte dann eine dreijährige kaufmännische Lehrzeit in 
der französischen Schweiz durch, war seither als Buchhalter in einem 
Geschäfte tätig; wegen seiner Tüchtigkeit und Gewissenhaftigkeit wurde 
er von semem Chef sehr geschätzt. Er lebte meistens fem von seinem 
Eltemhause. Von jeher war er schüchtern und menschenscheu; da- 
neben war er ein sehr guter Sohn, der stets auf der Seite der Mutter 
stand und ihr den ganzen Lohn zur Verfügung stellte für die Bedürf- 
nisse der Familie. Er ist seit 6 Jahren stark krank, äußerte schon 
längere Zeit ab und zu Beziehungsideen, war wegen stärkerer Erregung 
auch zeitweise arbeitsunfähig. Seit ungefähr einem Jahre wurde er 
immer verschlossener, in sich gekehrter und entwickelte nach und 
nach einen ausgesprochenen Verfolgungswahn, hauptsächUch gegen 
seme Zweitälteste Schwester Klara, die jetzt 19 Jahre alt ist noch 
im Eltemhause wohnt, wo sie die Mutter in ihren Arbeiten unterrtützt 
In etwas geringerem Maße hat er auch Verfolgungsideen gegen die 
Mutter. Er behauptet, von Klara und der Mutter vergiftet zu werden- 
sie täten ihm allerlei Arzneien und giftige Sachen in die Speisen, um 
Ihn zu rumieren, d. h., wie näheres Eingehen zeigte, um ihn zur Onanie 
zu zwmgen und bei ihm schändliche Träume hervorzulocken. In seinen 
Traumen spielt eine Feuersbrunst in seinem Eltemhause eine sehr 
wichtige RoUe. Er wurde nach und nach immer aufgeregter und drohte 
gewalttätig gegen die Famiüe und besonders gegen Klara und die 
Mutter zu werden, so daß er interniert werden mußte. Emige Zeit 
vor dem Auftreten der Verfolgungsideen soU er sich nach Angabe der 
Mutter mit Heiratsgedanken getragen, aber niemals sich irgendwie 



Assoziationsversuche bei Schizopttenen. 



709 



emstUcli um die Bekanntschaft mit einem passenden Mädchen be- 
worben haben; dagegen sei er zu dieser Zeit oft und lange aUem im 
Walde spaziert; wie er mir zugab, erwartete er, im Walde seme ihm 
vom Schicksal bestimmte Braut zu finden, Stimmen hätten ihm dies 

^^^^In der Anstalt war er meistens ruhig, aber verschlossen und 
mißtrauisch gegen Alle und Alles. Seine Verfolgmigsideen, die er 
während seines Anstaltsaufenthaltes noch weiter ausbaute, erwiesen 
sich jeder Korrektur als unzugängUch. - Klinische Diagnose; Para- 
noide Form der Dementia praecox. 

Außer bei diesen genannten 3 Familienmitgliedern wurden noch 
Assoziationen aufgenommen bei den folgenden Geschwistern des 
Patienten: Karl, Zimmermann von Beruf, im Alter von 26 Jahren; 
Lina 24 Jahre alt, die als Dienstmädchen in St^Uung ist und bei 
dem iüngsten Kinde Marie, die, 13 Jahre alt, noch die Primarschule 
besucht und im Eltemhause wohnt. - Karl und Lina sind schon 
etwa 10 Jahre in der Fremde. Diese beiden machen einen gut ange- 
paßten Eindruck, ganz im Gegensatz zu den übrigen Mitgliedern, 
die alle etwas Sentimentales, Wirklichkeitsabgewandtes haben. Alle 
FamiHenmitglieder sind ziemlich intelligent; mit Ausnahme des Pa- 
tienten haben alle nur Primarschulbildung genossen. 













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Assoziationsversuche bei Schizophrenen. "H 

Wie man aus der obigen Zusammenstellung und diesen wenigen 
Beispielen deutlicli ersieht, zerfallen die Mitglieder dieser Familie in 
zwei voneinander scharf gesonderte Gruppen: Karl und Lina emer- 
seits, der Kranke mit den ührigen Familienangehörigen 

anderseits. 

Karl und Lina sind ausgesprochene Koordinationstypen. 
Wir verstehen darunter solche Personen, die zum Reizwort eine ob- 
jektive Assoziation, wie z. B. Bei-, Über-, Unterordnungen oder Kon- 
traste geben. Die Differenz zwischen diesen beiden Geschwistern 
beträgt nur 2-67 und in 31% der Assoziationen reagieren sie sogar 
mit dem gleichen Worte. Diese beiden Geschwister haben schon äußer- 
lich viel Gemeinsames; sie waren auch längere Zeit auswärts im gleichen 
Dorfe in Stellung und haben sich wahrscheinlich so weitgehend an- 
einander angeglichen; sie machen auch einen viel freieren Eindruck 
als die übrigen Familienangehörigen, es dürfte ihnen eben gelungen 
sein sich von den Banden ihrer Familie relativ befriedigend loszu- 
lösen wofür auch der ganz verschiedene objektive Assoziationstypus 
im Gegensatz zum ganz subjektiv gefärbten Typus der anderen Gruppe 

sprechen würde. 

Alle Angehörigen der zweiten Gruppe gehören dem so- 
genannten Wertprädikattypus an. Es sind das Reaktionen, die 
zum Reizwort statt einer objektiven Beziehung, wie der Koordmations- 
typus, ein subjektives Prädikat fügen, wie z. B.: Blume - schon; 
Frosch — ekelhaft; freundlich — Mensch usw. 

Die einzelnen Versuchspersonen dieser Gruppe haben folgende 
Differenzen gegeneinander: 



Zwischen Mutter und Alois D. = 2-13 
„ Klara D. = 1-93 
,. Marie D. = 5-33 



Tabelle II. 

Mittlere Abweichung = 3'13. 



Zwischen Alois und Mutter D. = 2-13 
,, Klara D. = 1-33 
.. Marie D. = 4'13 



Mittlere Abweichung = 2-53. 



Zwischen Klara und Mutter D. = 1-93 ] 

Alois ü. = 1"33 I Mittlere Abweichung = i Vrf. 

„ Marie Ü. = 4-93 ] 

46 

Jal.rbueh für psyehoanalyt. u psycl.opathol. Forsclmngen. V. 



^^2 Josef B. Lang. 

BCittlere Abweichung = 4*79. 



Zwischen Marie und Mutter D. = 5'33 

» >, „ Alois D. = 4"13 

„ Klara D. = 4:-93 



Wenn wir die obigen Individuakahlen näher betrachten, so 
fäUt auf den ersten BKck auf, daß die kleinste Differenz zwischen 
dem Patienten und der Schwester Klara besteht, nämüch 
nur 1'88 (Emma Fürst fand bei ihrem Material [gesunde Familien] 
als durchschnittUche Differenz zwischen ungleichgescUechtUchen Ge- 
schwistern 4-4). Wie machen also da die Beobachtung, daß der Pa- 
tient mit jenem Familienmitgliede die beste Übereinstim- 
mung hat, gegen welches er Verfolgungsideen produziert. 
Wir erinnern uns, daß er auch die Mutter in sein Verfolgungssyutem 
einbezogen hat; in der Tat beträgt seine Differenz mit der 
Mutter auch nur 2-13 (nach Emma Fürst differieren Mutter und 
Sohn durchschnittUch um 4-7), während er mitKarl um 8-13 (zwischen 
Brüdern fand Emma Fürst eine durchschnittUche Differenz von 4-?) 
und mit Lina sogar um 9-60 differiert. Der Kranke hat also mit 
jenen Familienmitgliedern, mit denen er sich in seinem 
Verfolgungssystem nicht beschäftigt, eine auffallend 
geringe Übereinstimmung. 

Bei Betrachtung der obigen Zusammenstellung zeigt sich weiter, 
daß die mittlere Abweichung des Dementia praecox - Kranken 
von aUen Mitgliedern dieser Gruppe die geringste ist. Dabei ist 
wohl zu beachten, daß er mehr Bildung genossen hat als die 
andern FamiHenmitgUeder und daß er schon über 14 Jahre meistens 
außerhalb der Familie gewohnt hat. 

II. Familie. 

Bei dieser FamiUe gelang es mir aus äußern Gründen nur bei 
zwei FamiüenmitgUedem Assoziationen aufzunehmen: bei einem 
Bruder und seiner Schwester. Der Vater ist schon lange tot; die 
Mutter lebt, ist aber körperlich derart chronisch erkrankt, ' daß 
es mir unmöglich war, bei ihr das Assoziationsexperiment vor- 
zunehmen. 

Der Sohn E r n s t ist 24 Jahre alt. Er war geistig gut beanlagt, 
absolvierte die Primarschule mit gutem Erfolge; nachher bebaute er 



7 1^ 

Assoziationsversuche bei Schizoptrenen. 

mit seiner älteren Scliwester das Bergheimwesen seiner Eltern. Er 
war eine grüblerisch veranlagte, religiöse Natur. Seine Scliwester 
schildert ihn als einen sehr verschlossenen Menschen, der nur im engem 
Famihenkreise hie und da auftauen könnt«. Seit etwa zwei Jahren 
wurde er noch verschlossener, wurde immer mißtrauischer, äußerte 
schließlich deutliche Verfolgungsideen gegen seine alte Mutter und 
besonders auch gegen seine Schwester Marie, die jetzt 40 Jahre alt 
ist Die Verfolgungsideen und die Erregung steigerten sich dann der- 
art daß er gegen Mutter und Schwester tätlich werden wollte und 
darum interniert werden mußte, um ein Unglück zu verhüten. Die 
ersten Zeichen der manifesten Krankheit traten auf, als Patient be- 
merkte, daß sich seine Schwester mit Heiratsgedanken trug, wodurch 
er selber an die Heirat erhmert wurde. Zeitweise äußerte er vage 
Versündigungsideen, er sei ewig verloren, behauptete, er habe sich schwer 
verfehlt; näheres Eingehen zeigte deutlich, daß er sich Onanievorwurfe 
machte. In der Anstalt benimmt er sich meist ruhig und geordnet, 
ist ein sehr fleißiger Arbeiter, aber sobald man auf seine Beziehungen 
zu seinen Angehörigen zu sprechen kommt, verfinstert sich sem Aus- 
druck und er wird dann sehr erregt. Zeitwelse ist er stark deprimiert, 
man vernimmt dann meistens von ihm, daß er seinen stereotypen Traum 
wieder geträumt hat, daß nämlich sein Haus niedergebrannt sei. Emmal 
habe ich von ihm erfahren können, daß er regehnäßig bei diesem 
Traum eine Pollution habe. (Übrigens wollte er vor seiner Intemierung 
auch sem Haus in Brand stecken.) Am Tage nach diesem Traum 
drängt er immer in kindischer Weise nach Hause, da er an die 
Eealität seines Traumes glaubt. Bei einem Besuche seiner Schwester 
in der Anstalt wurde er einmal äußerst erregt und äußerte dabei 
in deutlichster Weise Vergiftungsideen gegen diese Schwester, auch 
beschuldigte er sie, daß sie ihn nicht habe heiraten lassen, was 
natürlich gar nicht der Fall war. In seinen ruhigen Zeiten macht 
er über seine Wahnideen nur vage Andeutungen. Es fehlt dem 
Patienten jede Krankheitseinsicht. Klinische Diagnose: Dementia 

paranoides. 

Die Schwester ist, wie bemerkt, 40 Jahre alt, hat auch nur Volks- 
schulbildung genossen. Sie macht wie der Bruder einen sehr mtelli- 
genten Eindruck. Sie hat immer mit dem Bruder zusammengewohnt 
und führte ihm die Haushaltung. Vor der Erkrankung des Bruders 
soll das Zusammenleben der beiden Geschwister ein sehr gluckhches 
gewesen sein. 



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Josef B. 


Lang. 




















Tabelle III. 








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Marie 














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1 
2 


2 




1 


6 



Wie man aus dieser Tabelle ersieht, gehören beide Versuchs- 
personen einem ausgesprochenen Koordinationstypus an. Ihre 
Übereinstimmung ist eine äußerst weitgehende, indem ihre durchschnitt- 
liche Differenz nur 0-93 beträgt und sie sogar in 33% aller Asso- 
ziationen mit dem gleichen Worte reagieren. Aus den fol- 
genden Beispielen ersieht man, wie die beiden Geschwister auch in den 
feineren Reaktionsverhältnissen einander auffaUend ähnlich sind 
und wie trotis ihrer etwas dürftigen Schulbildung und ihres sehr ab- 
geschlossenen Lebens (sie wohnen in einem kleinen Weiler in einem 
abgelegenen Hochtale mit recht schlechten Schulen) ihr Wortschatz 
etwa nicht irgendwie auffallend beschränkt ist. 



Reizwort 


Ernst 


Marie 




(Kranker) 


(Verfolger) 


Stengel 


Kraut 


Kraut 


tanzen 


spielen 


spielen 


See 


Bach 


Bach 


krank 


gesund 


Gesundheit 


Stolz 


Sanftmut 


sanftmütig 


kochen 


essen 


essen 


Lampe 


Laterne 


Laterne 


sündigen 


Buße tun 


beichten 


Brot 


Anken 


Käs 


reich 


arm 


arm 


Sitte 


Berg 


Schatten 
(Reproduktion: Be:g) 


fallen 


Mäuse- 


Vogelschlag 


Pelz 


Waren 


Waren 


groß 


klein 


klein 


Rübe 


Kabis 


Kabis. 



Assoziationsversuche bei Schizophrenen. '15 

Zur Erklärung der seltsamen Reaktion Sitte— Berg, Schatten 
(Reproduktion Berg) möchte ich bemerken, daß hier beide Versuchs- 
personen, offenbar aus Komplexgründen, das Reizwort als eine Dialekt- 
form für das hochdeutsche , Seite' aufgefaßt haben, trotzdem sie, 
wie ich mich überzeugt habe, das Wort Sitte sehr gut kennen, und 
zwar aus ihren Schulzeugnissen, wo es die am meisten gefürchtete 
, Sittennote' gab. Auch das Reizwort ,fallen' wurde von beiden als 
Substantiv ,Falle' aufgefaßt. Daß dafür die Interferenz von stark 
gefühlsbetonten Komplexen die Schuld trägt, beweist die auffallende 
Häufung von Komplexmerkmalen auf diese Assoziationen. 

III. Familie. 

Auch bei dieser FamiUe konnte ich nur bei zwei Familienmit- 
ghedern Assoziationen aufnehmen, nämlich bei dem geisteskranken 
Eduard und seiner Schwester Hedwig. Vater und Mutter sind vor 
zirka 6 Jahren kurz nacheinander gestorben, die anderen drei Ge- 
schwister waren leider für das Experiment nicht erreichbar. 

Eduard, jetzt 27 Jahre alt, war von Jugend auf körperhch 
sehr schwächlich und wurde als jüngstes Kind sehr verzärtelt. Er war 
von jeher menschenscheu und zurückgezogen. Intellektuell war er 
mittelmäßig begabt, aber ein fleißiger und musterhafter Schüler. Trotz 
allen Fleißes machte er in den oberen Klassen nicht mehr befriedigende 
Fortschritte, brachte es aber dennoch zu einem selbständigen Berufe, 
den er auch einige Jahre, allerdings mit mangelhaftem Erfolge, aus- 
übte. Nach dem Tode seiner Eltern wohnte er ganz mit seiner älteren 
jetzt 38 Jahre alten Schwester Hedwig zusammen, er hatte immer 
ihr gegenüber eine ausgesprochene Sohneseinstellung, umgekehrt 
hatte und hat die Schwester eine starke Mutterbeziehung zum Patienten. 
Vor etwa 4 Jahren entwickelte Eduard gegen diese Schwester 
anfangs nur vage, später immer deutHchere Verfolgungsideen, er be- 
hauptete, sie wolle ihn sexuell verführen, schicke ihm nachts schlechte 
Weiber auf sein Zimmer, die ihn mißbrauchen sollten. Es ist zu be- 
merken, daß er zu dieser Zeit zum ersten Male eine etwas stärkere 
Übertragung auf ein fremdes Mädchen hatte. Also auch hier, wie in 
den beiden vorigen Fällen, sehen wir, wie vor dem Ausbruch der mani- 
festen Krankheit eine Lebensforderang an den Patiencen herantrat, 
die von hm Loslösung von bisherigen Übertragungsobjekten verlangte, 
die er aber offenbar nicht leisten konnte. Anstatt der Anpassungs- 
leistung treten Verfolgungsideen auf. 



716 



Josef ß. Lang. 



Nach und nach dehnte er sein Verfolgungsaystem immer weiter 
aus. Es gelang mir meistens, hinter den Verfolgern diese Schwester 
zu entdecken. IntiCressant für seine doppelgesichtige Einstellung gegen 
die Schwester ist folgende Aufzeichnung des Patienten, die bewußt 
zwar einer weiblichen Übertragung galt (er meinte, eine sozial und 
intellektuell bedeutend über ihm stehende Dame, die auch älter war 
als er, wolle ihn heiraten, daneben entwickelte er auch Verfolgungs- 
ideen gegen dieselbe). 

„Mein Bewußtsein ist weg," so heißt es in dieser Aufzeichnung, 
„in diesem Zustande weiß ich nicht, wer bei mir ist. Dich selbst kann 
ich auch nicht erkennen. Erst später, wenn ich erwacht bin, kann ich 
mich dieser nächtlichen Vorkommnisse erinnern, denn das Gedächtnis 
belehrt mich, wie und wer es war. — Ich liebe Dich über Alles! Bitte, 
wecke mich, sei jedoch vorsichtig! Man hetzt mich auf Dich. — Droht 
Dir jedoch Gefahr, dann sage mir langsam, deutlich und klar, wer 
Du bist. Das rettet Dich. Träfe Dich dennoch ein Leid, um so mehr 
liebe ich Dich. — Stößt Dir ein Unglück zu, was Gott verhüten möge, 
und stürbest Du, dann hat das Leben keinen Zweck mehr für mich, wir 
fänden uns dann im besseren Jenseits wieder." 

Charakteristisch für seine Muttereinstellung zur Schwester ist 
auch, daß er mir anfangs deren Alter stets einige Jahre höher angab, 
als es tatsächlich ist. Da er nach und nach sehr erregt und gemein- 
gefährlich zu werden drohte, mußte er versorgt werden. In der Anstalt 
äußerte er eine Fülle von Verfolgtmgsideen, hauptsächlich sexueller 
Natur, halluzinierte beständig und zeigte gar keine Krankheitseinsicht. 
Klinische Diagnose: Dementia paranoides. 

Die Schwester Hedwig ist Bureauangestellte, sie macht einen 
sehr nervösen Eindruck. Sie hat scheinbar ihre ganze Libido auf diesen 
Bruder übertragen. Beide Geschwister haben einige Klassen Real- 
schule durchgemacht. 

Tabelle IV. 



Versuchs- 


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(Verfolger) 


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5 


1 


2 


4 


— 


— 


— 



AsBOziationsversuche bei Schizophrenen. 



717 





Eduard 


Hedwig 


Reizwort 


(Kranker) 


(Verfolger) 


freundlich 


unhöflich 


unhöflich 


Stengel 


Blume 


Blume 


Tinte 


Feder 


Feder 


schwimmen 


baden 


baden 


blau 


rot 


rot 


stechen 


Nadel 


Nadel 


Mitleid 


Erbarmen 


arm 


Geld 


Gold 


Gold 


dumm 


klug 


gelernt 


fallen 


heben 


aufheben 


ungerecht 


rechtlich 


gerecht 


Bleistift 


Halter 


Bleistifthalter 


Anstand 


höflich 


gebildet 


€1^ 


weit 


weit 


Storch 


Nest 


Nest 


rein 


weiß 


weiß 


zufrieden 


glücklich 


Glück 



Auch in dieser Familie gehören beide Mitglieder dem Koordination s- 
typus an. Ebenso ist auch hier die Differenz zwischen beiden wieder 
sehr klein, nämlich 1*47 und auch die feinere Übereinstimmung in den 
AssoziatioMqualitäten ist eine recht weitgehende, wie die mitgeteilten 
Beispiele zeigen, in 30% reagieren beide Versuchspersonen mit dem 
nämlichen Worte. 



IV. Familie. 

Ein junger Mann im Alter von 17 Jahren und seine Schwester, 
21 Jahre alt, beide sind sehr gebildet und sehr inteUigent. Sie sind 
einzige Kinder. Vater und Mutter, die beide für das Experiment un- 
erreichbar waren, leben fremd nebeneinander. Diebeiden Kinder stehen 
ganz auf Seite der Mutter; das gegenseitige Verhältnis war bis anhin 
ein sehr intimes. Der Sohn Anton leidet gegenwärtig an einer aus- 
gesprochenen Dementia praecox: er ist oft sehr traurig, versteht 
4 fi 



718 



Josef B. Lang, 



nicht mehr, warum man leben soll, hat oft Taedium vitae, spinnt sich 
immer mehr ein, in der Schule kommt er auch nicht mehr so weiter 
wie früher. Auffallend ist, daß er sich jetzt immer mehr von der poli- 
tischen Überzeugung seiner Mutter und Schwester, die für jene Ver- 
hältnisse völhg adäquat und bisher auch voll und ganz die seinige 
war, entfernt und dafür viel infantilere Ansichten produziert; sein 
jetziges Ideal ist, Hofpage beim Kaiser zu werden. Er fühlt es genau, 
daß er dadurch seine Schwester und Mutter sehr schwer trifft, aber 
es sei halt doch seine Überzeugung, der er folgen müsse. Es handelt 
sich hier vielleicht um einen übertriebenen Loslösungsversuch des 
jungen Mannes von seinen bisherigen Übertragungsobjekten, was ja. 
an und für sich ein normaler Entwicklungsvorgang ist, das Krank- 
hafte liegt darin, daß dieser Prozeß hier allzu massiv vor sich geht 
(wir können diesen Vorgang als eine Vorstufe von Verfolgungsideen 
auffassen) und das Resultat desselben ist nicht nur keine Anpassung 
an die Forderungen der Realität, sondern im Grunde eine weiter zurück- 
gehende Regression, wenn sie auch wohl ein Versuch ist, den negativen 
Vater- und den positiven Mutterkomplex zu überwinden. (Der Vater 
des Patienten huldigt aus Komplexgründen ähnlich reaktionären poh- 
tischen Anschauungen, wie diejenigen, für die der Sohn jetzt zu 
schwärmen beginnt.) Wenn dieser pathologische Loslösungsprozeß 
noch weiter fortschreiten würde, so dürften manifeste Verfolgungs- 
ideen gegen Mutter und Schwester auftreten. 













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Versuchs- 
personen 


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(Kranker) . 


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20 


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1 


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Schwester 
































(Verfolger) 


34 


6 


17 


15 


5 


11 






6 


1 


1 


4 







— 



Assoziationsversnche bei Schizophrenen. 



719 



Reizwort 


Bruder 
(Kranker) 


Schwester 
(Verfolger) 


zahlen 


Geld 


Geld 


fragen 


antworten 


antworten 


Nadel 


Faden 


Faden 


Sitte 


gut 


gute 


beten 


Gott 


Gott 


teuer 


Stiefel 


Korb 


scheiden 


Familie 


Eltern 



Kind 

heiraten 

Haus 

Glas 

waschen 

fremd 

Stroh 

Spott 

schimpfen 



erwachsen 

Mädchen 

groß 

Wein 

Wäsche 

Land 

Dach 

schlecht 

böse 



groJ3 

Frau 

klein 

Wasser 

Wäsche 

Land 

Dach 

schlecht 

unhöflich 



Die beiden Versuchspersonen gehören, wie ein Blick auf die 
ob'ge Tabelle lehrt, einem gemischten Wertprädikattypus an. 
Die Differenz zwischen beiden Geschwistern beträgt auch in diesem 
Falle nur 1*73; in 20% der Assoziationen reagieren beide mit dem 
gleichen Worte und auch sonst herrscht in der feineren Eeaktionaart 
eine recht gute Übereinstimmung, wie die oben mitgeteilten Assozia- 
tionen zeigen. Ich möchte noch ausdrücklich bemerken, daß beide Ver- 
suchspersonen nur mangelhaft Deutsch sprechen, die hochgradige 
Übereinstimmung ist deshalb nur um so bemerkenswerter, da eine 
Wiederholung der gleichen Reaktionsworte im ganzen Versuche keines- 
wegs häufig vorkommt. 

In den bisher angeführten Fällen hat der Dementia praecox- 
Kranke mit demjenigen Famihenmitgliede, auf das er Verfolgungs- 



720 



Josef E. Laug. 



ideen hat, eine weitgehende Übereinstimmung gezeigt; da dürften 
wir uns wohl fragen, wo denn in der Norm eine solch große 
Übereinstimmung vorkommt, und was sie dort zu bedeuten 
hat. Bei der Betrachtung der Familie IV haben wir soeben gesehen, 
daß der Kranke früher eine besonders starke positive Grefühlsbeziehung 
auf seine Schwester hatte, mit der er in seinen Assoziationen nur 
wenig differiert und daß er diesen verwandten Assoziationstypus auch 
dann noch beibehält, als er schon die ersten Vorboten von Verfolgungs- 
ideen entwickelt. Wir sind deshalb geneigt, anzunehmen, daß eine 
weitgehende Übereinstimmung im Keaktionstypus zweier Menschen 
eine starke Angleichung des einen an den andern, oder was dasselbe 
besagt, eine starke und wohl lange Zeit bestehende Übertragung an- 
zeigt. Daß diese Annahme Anspruch auf Richtigkeit hat, möchte 
ich kurz an zwei normalen Familien demonstrieren. 

V. Familie. 

Ich habe bei der 423ährigen Mutter und ihrem 10 Jahre alten 
Töchterchen Assoziationen aufgenommen. Die Mutter ist eine typische 
Hysterika mit äußerst starken Widerständen gegen ihren Mann. Sie 
hat nun ihre Libido zum großen Teil auf ihre Tochter übertragen, 
die sie verzärtelt und verhätschelt. Das Kind hinwiedenmi hängt mit 
größter liebe an seiner Mutter. Auch aus den beidseitigen Träumen 
ist diese starke Bindimg deutlich ersichtlich. 













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Versuchs- 
personen 


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setzungen 


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Mutter 
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1 




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7 
7 


6 
3 


2 
6 


3 
3 


— 


2 


— 



Wie die Vergleichung der beiden obigen Zahlenreihen ergibt, 
beträgt die Differenz dieser im Alter so weit auseinander stehenden 



Assoziationsversuche bei Schizophrenen. 



721 



Reizwort 



Mutter 



Tochter 



freundlich 

Tisch 

fragen 

Dorf 

Stengel 

kochen 

Salz 

Sitte 

Pflaume 

heiraten 

Haus 

waschen 

falsch 

Frau 



unfreundlich 

Stuhl 

antworten 

Stadt 

Blüte 

putzen 

Zucker 

Unsitte 

Birne 

Ehe 

Hütte 

Seife 

recht 

Mann 



unfreundlich 

Stuhl 

antworten 

Stadt 

Blume 

spülen 

Zucker 

Unsitte 

Birne 

verloben 

Hütte 

Seife 

unfalsch 

Mann 



Menschen nur 1-33 (E. Fürst fand als Durchschnittadiffeienz zwischen 
Mutter und Tochter 3-0) und die Assoziationskonkordanz beträgt 
sogar 35% Dabei ist wohl zu beachten, daß die Mutter einen sehr 
objektiven Typus darstellt, daß sie aber das lOjährige, allerdings sehr 
intelligente Mädchen darin noch übertrifft. 

Bei der 

VI. Familie 

gelana es mir, bei folgenden 6 Familienmitgliedern das Assoziations- 
experiment zu machen: akademisch gebildeter, sehr intelHgenter Vater, 
43 Jahre alt; gebildete Mutter von 42 Jahren, deren verheiratete 
Schwester von 44 Jahren; Sohn Alfred, IS«/, Jahre alt, Gymnasiast; 
Sohn Wilhelm, Sextaner, 11 Jahre alt; emziges Töchterchen Netty 
5 Jahre alt. Zwischen Vater und Mutter bestehen große Widerstände, 
die Frau ist sexueU anästhetisch; sie hatte nach der letzten Geburt 
einen Anfall von Melancholie durchgemacht, ihre Schwester ist soeben 
von einem Melancholieanfall geheilt worden, auch diese Versuchs- 
person hat starke Widerstände gegen ihren Mann. Der Vater hatte 
die größte positive Gefühlsbeziehung zum zweiten Sohn Wilhelm; 
nach der Geburt des Töchterchens aber konzentrierte er alle seine 
Liebe auf dieses Kind, ^das seinerseits wieder mit [größter Liebe an 
seinem Vater hängt, von diesem wohl auch verzärtelt wird. Der älteste 
Sohn steht auf der Seite der Mi^tter. 



4 ^ 



722 



Josef ß. Lang. 





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§ 





Assoziatiousversuche bei Schizophrenen. 



723 



Tabelle VlI. 



Versuchs- 
personen 



Vater . . . 
Mutter . . 
Schwägerin 
Alfred. . . 
Wilhelm. . 
Netty . . 



O! ö 



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35 
13 
47 



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1 

60 
66 
14 
28 
6 



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16 
19 

10 

27 

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1 



Diese Tabelle ist in mehrfacher Beziehung interessant und lehr- 
reich. In erster Linie fällt die große Ähnlichkeit der Mutter mit ihrer 
Schwester auf. Die Differenz beträgt nur 1-60. Beide sind ausgesprochene 
Wertprädikattypen. Nach der Auf fassung von C. G. Jung scheint 
dieser Assoziationstypus in einer eigentümlichen Beziehung zur Sexua- 
lität zu stehen, was hier zutrifft, da ja die Mutter frigide gegen ihren 
Mann ist und auch ihre Schwester eine unzweideutige Abneigung 
gegen ihren Mann hatte, so daß man den Eindruck bekam, sie hätte 
sich aus Widerstand gegen ihn in die Melancholie geflüchtet. Ich 
möchte noch anführen, daß E. Fürst (loc. cit.) gefunden hat, daß 
bei den Frauen mit dem 40. Lebensjahr eine starke Zunahme der 
Wertprädikate aufzutreten pflegt. 

Sodann fällt uns die wahrhaft verblüffende Übereinstimmung 
des 43 jährigen, akademisch gebildeten Vaters mit seinem 5jährigen 
Töchterchen auf, die Differenz beträgt nur 2-53. (E. Fürst fand 
in ihrem Material eine Durchschnittsdifferenz zwischen Vater und 
Tochter von 4-9.) Das Kmd scheint sich also seinem Vater sehr stark 
anzugleichen, was auf eine intensive Liebesbeziehung schüeßen läßt. 
Es entfernt sich denn auch von der Mutter mit einer Differenz von 10-27, 
ähnlich dem Vater, es stellt sich auf seine Seite, wie übrigens auch die 
Träume sehr deutlich zeigen; ich möchte auch noch darauf die Auf- 
merksamkeit lenken, daß es mit Ausnahme des Vaters, obwohl das 
Jüngste (vergleiche damit die diesbezüglichen Mitteilungen bei der 
Familie Xll!) doch die geringste Zahl von Wertprädikaten hat, was 
ebenfalls auf eine starke Sättigung seines Bindungsbedürfnisses hm- 
weisen würde. 



724 

Josef B. Lang. 



Interessant sind in diesem Zusammenhange noch die Verhältnisse 
beim zweiten Sohne Wilhelm. Netty hat ihm ein hohes Maß von 
Liebe und Zärtlichkeit des Vaters, das er bisher genossen, weggeschnappt 
und er hat offenbar noch nirgends entsprechende Entschädigung dafir 
gefunden. Der Erfolg davon ist. daß er. wahrscheinlich sekundär aus 
einer Ubertragungsnot heraus wieder einen ausgeprägten Prädikat- 
typus angenommen hat. Wie stark er noch nach dem Vater hinschielt 
beweisen emerseits die 13o/„ Koordinationen und dann die 24% Subjekt^ 
und Objektverhältnisse, die etwa in der Mitte zwischen PrMikat- 
und Koordmationsbeziehungen stehen. 

Wie lassen sich die Zahlen des Sohnes Alfred erklären? Wir 
haben gehört, daß er von der Mutter viel Libido bekommt. Deswegen 
w r"""!!^! ^'^' '° ^'°^^ Libidostauung, die sich in einem ausgeprägten 
Mertpradikattypus einen Ausweg zu suchen hätte. Anderseits drängt 
Ihn die normale Entwicklung doch auch nach der Seite der Vaterimago 
hin, der er sich offenbar als ein recht gesunder Junge zu nähern sucht. 

Diese beiden letzten Familien haben uns zeigen können, daß eine 
starke positive Gefühlsbeziehung (Übertragung) zweier Famiüemnit- 
gheder und eme hohe Übereinstimmung in dem Assoziationsmodus ein- 
ander parallel gehen, sogar auch dann, wenn die beiden Verwandten in 
den äußeren Bedingungen (Alter, Bildmig usw.) stark verschieden sind 
und daß selbst schon im frühesten Kindesalter enorme Angleiciungs- 
leistungen voUbracht werden können, falls das Kind ein geüebtes 
und hebendes Vorbild hat. 

Doch kehren wir nach dieser scheinbaren Abschweifung wieder 
^u unseren Dementia praecox-Familien zurück. 

VII. Familie. 

Diese Familie besteht aus vier Personen. Die Mutter ist schon 
lange tot; sie war eine Zeitlang melancholisch. Ein Sohn der Familie 
endete durch Suizid, als er wegen Dementia praecox in die Anstalt 
gebracht werden sollte. Der Vater ist jetzt 67 Jahre alt, er ist ein 
Sonderling, zeigt, wie überhaupt aUe FamiUenmitglieder, einen aus- 
geprägten sogenannten Analcharakter (Freud i) 

Die älteste Tochter Klara, 31 Jahre alt, war intellektuell gut 
beanlagt und eine gute Schülerin, aber von jeher eigensinnig, daneben 
schüchtern u nd menschenscheu. Mit 12 Jahren bekam sie auf einmal 

S. Freud: Kleine Schriften der Neurosenlehre.II. Folge. Deuticke, Wien. 



Assoziationsversuche bei Schizophrenen. 



725 



Krämpfe am ganzen Körper, ohne daß man wußte, woter die Er- 
scheinungen kamen. Sie war, wie die ganze Familie, sehr rehgios. In 
den letzten Jahren hatte sie längere Zeit eine Bekanntschaft mit emem 
Bauemsohn, die sie auf einmal abbrach, ohne zu sagen warum. Von 
nun an war sie wie verändert. Eine Zeitlang hielt sie sich für gravid 
(ohne jeden objektiven Grund), bekam mehr und mehr Angst, äußerte 
Versündigunsideen, wollte nicht mehr arbeiten, wurde gegen ihre 
Angehörigen grob und reizbar, machte Selbstmorddrohungen und 
wurde deswegen interniert. In der Anstalt war sie oft verstimmt, 
weinte viel, ohne anzugeben warum, z. B. nach Beendigung des Asso- 
ziationsversuches. Sie schloß sich in der Anstalt kaum an jemand 
näher an. Ausgesprochene Verfolgungsideen ließen sich während des 
Anstaltsaufenthaltes bei der sehr introvertierten und mißtrauischen 
Patientin nicht nachweisen. Als ich sie nach ihrer Entlassung m ihrem 
Familienkreise besuchte (sie war als leicht gebessert entlassen worden), 
behauptete sie, man wolle sie in die Sklaverei verkaufen und hatte dabei 
hauptsächhch den Bruder Josef, der jetzt 25 Jahre ist. im Verdacht; 
mit diesem wollte sie auch gar nicht mehr verkehreu, benahm sich 
auffallend scheu gegen ihn, wie ich mich selber überzeugen konnte. 
Daneben ist noch eine jüngere Schwester, Anna, im Alter von 19 Jahren. 
Die Kranke macht von den drei Geschwistern den intelligentesten 
Eindruck. Alle leben zusammen, ziemlich isoliert auf einem Bauern- 
gute; alle haben nur Priraarschulbildung genossen. 











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Versuchs- 
personen 


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Sonstige 
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Sprachlich- 
torischePor 


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Vater . . . 


30 


9 


19 


13 


5 


4 


3 


2 


3 


3 5 


1 




1 


2 


Klara 






























1 


(Kranke) . 


26 


9 6 


23 


9 


17 


— 


— 


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1 


2 


4 




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Josef 










1 








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1 
2 


(Verfolger) 


28 


8 1 


18 


8 


23 


' 3 


— 


8 


— 


1 


9 


— 


. 


Anna . . . 


22 


3 


8 


30 


12 


V 


— 


0-5 


4 
4-2 


i 


2 


— 




Durchschn. 


;26-5 


7-2 


8-5 


21-0 


8-5 


12-7 


1-5 


1-2 


2-5 


1 3-8 


_ 
i 


0-2 


1-5 



Wie uns diese Tabelle zeigt, gehören ale Familienmitglieder 
einem gemischten Prädikattypus an. Auch hier ergibt die Bc- 



726 



Josef B. Lang. 



trachtung der Differenz der einzelnen Versuchspersonen bemerkens- 
werte Ergebnisse, ich lasse die Individuakahlen folgen: 



Zwischen Vater und Klara 
>> ,, ,, Josef 

>> ,) ,, Anna 

Zwischen Klara und Vater 
>> ,, ,, Josef 

ji ,. ,, Anna 

Zwischen Josef und Vater 
>) ,, ,, Klara 

>, „ ,, Anna 

Zwischen Anna und Vater 
j) ,. ,, Klara 

j) ,, ,, Josef 




mittlere Abweichung = 4'30. 



mittlere Abweichung = 2'98. 
mittlere Abweichung = 3*69, 



mittlere Abweichung ~ 4'00. 



= 2-27' 
= 4-53J 

D. == 4-80] 
D. = 2-67 [ 
D. = 4-53J 

Wir sehen aus dieser Zusammenstellung, daß die Patientin mit 
dem Bruder Josef die geringste Differenz hat, nämlich 2-27. Wie 
oben bemerkt, hat sie gegen dieses Familienmitglied deutliche Anzeichen 
von Verfolgungsideen. Die Patientin hat auch hier wieder die geringste 
mittlere Abweichung von allen Familienmitgliedern. Auch die Ge- 
nauere Betrachtung der einzelnen Reaktionen illustrieren die nähere 
Übereinstimmung von Klara und Josef recht gut, wie die unten 
mitgeteilten Beispiele veranschaulichen mögen. 



Reizwort 


Vater 


Klara 
(Kranke) 


Josef 
(Verfolger) 


Anna 


Freundlich 


zornig 


Menschen 


Menschen 


unfreundlich 


Stengel 


ein Halm 


Blume 


Gras 


abhauen 


See 


Wasser 


Sempachersee 


Sempach 


Wasser 


krank 


gesund 


Frau 


Mensch 


schmerzlich 


kochen 


essen 


Tochter 


Weib 


abwaschen 


bös 


frei 


Weib 


Tier 


unfreundlich 


Schwimmen 


laufen 


Knabe 


Fisch 


Wasser 


sündigen 


Tugend üben 


Menschen 


Mensch 


nicht schön 


stechen 


beißen 


Nadel 


Nadel 


weh 


teuer 


mittelmäßig 


alles 


Brot 


Hungersnot 


scheiden 


weh 


Eheleute 


Leute 


unanständig 


Rübe 


süß 


gut 


Vieh 


süß 


alt 


alt und jung 


Greis 


Vater 


jung 


wild 


zahm 


Hase 


Has 


schnell 


Bruder 


Mitglied 


Peter 


Peter 


zwei 


rein 


sauber 


guteMenschen 


gut 


schmutzig 


Frau 


zur Heirat 


gute 


rechte 


Fräulein 



Assoziationsversuche bei Schizophrenen. 



727 



VIII. Familie. 

Diese Familie bestellt aus zwei Brüdern und zwei Schwestern, 
aUe nocli ledigen Standes. Vater und Mutter sind seit zirka acht Jahren 
tot. Es ist eine in ärmlichen Verhältnissen lebende Bauernfamihe, 
alle Mitglieder haben nur Volksschulbildung genossen und sind von 
mittelmäßiger Intelligenz. 

Der älteste Sohn Alois, von Jugend auf körperhch mißbildet 
(Kyphoskoliose), war von jeher eine stiUe, aber sehr reizbare Natur. 
Er war sehr religiös: er hatte schon zwei Schübe von Dementia praecox 
durchgemacht und erholt sich eben vom dritten; er ist aber zur Zeit 
des Experimentes noch deutlich erregt. 

Es ist seinen Leuten aufgefallen, daß er besonders gegen die 
jüngste Schwester Amalie, gegen die er in gesunden Tagen besonders 
nett und lieb war, zur Zeit seiner Aufregungszustände gewalttatig 
wird; er äußert gegen diese Schwester dann auch Vergiftmigs- und 
Beemträchtigungsideen, wenn auch nicht konstant. 

Außer bei der Schwester Amalie, die sehr nervös ist und oft 
kränkelt (Alter 24 Jahre), wurden noch beim 28 Jahre alten Bruder 
Eduard und bei der 261/2 Jahre alten Schwester Gertrud Asso- 
ziationen aufgenommen. Ich möchte noch bemerken, daß ich bei 
diesen drei Geschwistern das Experiment an einem sehr arbeitsreichen 
Emtetage vornahm, was ihnen selbstverständlich sehr ungelegen war, 
aber aus Respekt vor dem Arzte ihres Bruders zeigten sie keinen offenen 
Widerstand. 



Tabelle X. 



Versuchs- 
personen 





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bc 



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Alois 
(Kranker) 

Eduard . 
Gertrud 
(Verfolger) 
Amalia . 



Durchschn. 

Jahrbuch 



33 ,20 
11 '• 4 



13 
36 



23-3 



2 
13 



9-8 



3 
16 



5-0 



4 14 1^- • —l |3 
47 jl7 ^6 :3 I — ' 



11 
5 



16-8 



6-5 



12 ; — ! — 



5-OiO-7 0-2 



2-5 



14 ;io 14 : 3 

19 12 i-i 1 



52 
14 



2-0 



22-2 



3-5 



für psychoanalyt. u. psvoliopathol. Forschungen. V. 



10; rOiO-5 

47 



728 



Josef B. Lang. 



Reizwort 



singen 

Dorf 

tanzen 

Lampe 

Mitleid 

beten 

ungerecht 

Kasten 

Storch 

Braut 

hübsch 

schimpfen 



Alois 
(Kranker) 



Sprache 

Flecken 

singen 

Licht 

Erbarmen 

fasten 

Gerechtigkeit 

Kasse 

Vogel 

Mädchen 

Schönheit 

tadeln 



Eduard 



schön 

ist groß 

lustig 

große 

großes 

gut 

urteilt 

großer 

Vogel 

schöne 

Pferd 

nicht recht 



Gertrud 



Lied 

gehen 

lustig 

Licht 

haben 

gern 

nicht 

Holz 

fliegen 

nein 

schön 

nicht 



Anialie 
(Verfolger) 



reden 

Stadt 

singen 

Licht 

Liebe 

fasten 

gerecht 

Kommode 

Vogel 

Frau 

fein 

spotten 



Der Kranke und die Schwester Amalia gehören einem aus- 
gesprochenen Koordinationstypus an, während der Bruder Eduard 
ein exquisiter Wertprädikattypus ist; die Schwester Gertrud bietet 
das Bild des sprachlich-motorischen Typus. Es fällt auf, daß bei 
dieser ganz ungebildeten Familie aUe Mitglieder relativ viele sprachlich- 
motorische Formen auftreten. Das wird mit eine Folge der oben 
angedeuteten augenblicklichen KonsteUation der Versuchspersonen zur 
Zeit des Experimentes sein, die eine starke innere Ablenkung bedingte; 
die Versuchspersonen hatten eben weniger Aufmerksamkeitsbesetzung 
als gewöhnlich für das Experiment übrig und reagierten daher sehr 
oberflächlich, deshalb treffen wir sehr viele Reaktionen mit „ja, nein, 
nicht", die eben gleich bei der Hand Hegen. Daß auch der KrankJ 
viele äußere Reaktionen zeigt, hängt gewiß zum großen Teil von seinem 
damaligen hypomanischen Zustand ab, daß er aber viele Wortzusammen- 
setzungen und -ergänzungen aufweist, dürfte sowohl auf seine größere 
Belesenheit und Intelligenz als der anderen Familienmitglieder beruhen, 
wie auch durch die durch seine hypomanische Stimmungslage erleichterte 
Wortfmdung bedingt sein. Leider habe ich es versäumt, beimPatienten 
in ruhigeren Phasen das Experiment zu wiederholen. 

Wie die in der Tabelle mitgeteilten Zahlen lehren, ist die Überein- 
stimmung in dieser Familie eine recht geringe. Es ist nun interessant 
zu sehen, wie sich hier der Kranke verhält und ob sich unsere bisher 
gefundenen Ergebnisse auch in dieser höchst ungünstig gelegenen 
Familie bestätigt finden. Ich lasse zu dieser Feststellung wieder die 
Individualzahlen der einzelnen Differenzen vollständig folgen: 



Assoziationsversuche bei Schizophrenen. '29 

Zwischen Alois und Eduard D. = 8'67 ] , « ™ 

Gertrud D. = 8*33 > mittlere Abweichung = 6'77. 

" " Amalia D. = 3-33} 

Zwischen Eduard und Alois D. = 8-67 1 , , . , „ -.« 

Gertrud D. = 7'73 | mittlere Abweichung = 8-39. 

'' ", 'l Amalia D. = 8'67 J 

Zwischen Gertrud und Alois D. ::= 8'33 l . , . , „ „r, 

Eduard D. == 7-73 > mittlere Abweichung = 7*79. 

'', Amalia D. = 7-33 j 

Zwischen Amalia und Alois D. = 3-33 1 

Eduard D. = 8-67 J mittlere Abweichung = 6'44. 

" Z " Gertrud D. -^ 7'33 ) 

Wenn auch die Übeteinstimmung eine recht geringe ist, so be- 
stätigt sich auch hier wieder, in sehr schöner Hervorhebung, einerseits, 
daß der Kranke mit demjenigen Familienmitgliede, gegen welches 
er Verfolgungsideen hat, weitgehend übereinstimmt (Differenz nur 
3-33), während seine Differenzen zu den anderen zweiMitgUedem mehr als 
doppelt so groß sind, anderseits, daß der Kranke und das zum Ver- 
folger gewählte Famiüenglied die geringste mittlere Abweichung haben. 

IX. Familie. 

Diese FamUie ist eine sehr intelligente Handwerkersfamiüe. 
Alle Mitglieder haben Sekundarschul- und etwelche berufliche Aus- 
bildung g°enossen. Beide Eltern leben noch, der Vater ist 59, die Mutter 
57 Jahre alt. Der älteste Sohn ist vor einigen Jahren gestorben. Es 
leben noch fünf Geschwister, alle unverheiratet: drei Schwestern und 
zwei Brüder. Die Geschwister stehen in folgendem Alter: Viktor 
38 Jahre alt, Anna 25 Jahre, Eduard 23 Jahre, Klara 21 Jahre und 

Flora 19 Jahre. 

Viktor war von jeher sehr schüchtern und menschenscheu, 
in sich gekehrt, entwickelte sich sonst aber körperlich und geistig 
vollkommen normal. Mit 24 Jahren wurde er plötzlich ohne äußerlich 
erkennbaren Grund sehr deprimiert, fing an zu träumen, wollte nicht 
mehr arbeiten, halluzinierte, äußerte anfangs nur vage Versündigungs- 
ideen. Er machte mehrere solche Schübe durch, während denen er 
jedesmal für kurze Zeit versorgt werden mußte, sie ließen aber bis jetzt 
wenig Defekte zurück. In seinen Dementia praecox - Anfällen 
äußerte er deutliche Vergiftungs- und Beeinträchtigungsphantasien 
gegen seine beiden jüngeren Schwestern Klara und Flora und auch 



780 



Josef B. Lang. 



gegen den Vater und bedrohte dieselben jeweila. In den gesunden 
IntervaUen, wie auch vor seiner Erkrankung war er ganz auf der Seite 
dieser zwei Schwestern, wahrend er sich zur Zeit seiner manifesten 
Krankheit am besten von seiner Mutter und der ältesten Schwester 
führen ließ. 

Wie die folgende Zusammenstellung zeigt, hat diese Famiüe 
eme recht weitgehende Übereinstimmung. Wenn wir aber näher zu- 
sehen, so bemerken wir, daß sie in zwei voneinander deutlich geschiedene 
Gruppen zerfällt: einerseits Mutter, Anna und Eduard, die sich 
durch eine größere Zahl von Prädikaten und sprachlich-mo- 
torischen Assoziationen von der andern Gruppe: Vater, Viktor, 
Klara und Flora unterscheiden, die alle einem ausgesprochenen 
Koordinationstypus angehören. Es fällt ohneweiters auf, daß 
alle jene Personen, gegen die er Verfolgungsideen produziert, seiner 
Gruppe zugehören. 

Tabelle XII. 



Versuchs- 
personen 



Mutter . . 
Va*er 

(Verfolger) 
Viktor 

(Kranker) 
Anna . . . 
Eduard . . 
Klara 

(Verfolger) 
Flora 

(Verfolger) 




Durchschn . 

Betrachten wir nun wieder die Individualzahlen der Differenzen 
und der Prozentzahl jener Assoziationen, bei denen die betreffenden 
zwei Personen mit dem gleichen Worte reagieren. (Ich lasse die beiden 
Zahlenreihen unmittelbar nebeneinander folgen und überschreibe 
die Prozentzahlen der gleichen Reaktionsworte mit , , Assoziationa- 
konkordanz".) 



Assoziationsversuohe bei Schizophrenen. 



731 



Zwischen Mutter und Vater 
» Viktor 
„ „ .. Anna 

„ Eduard 
,= Klara 
„ Flora 



Tabelle XIII. 
Differenzen 
5-87 
4-40 
2-80 
3-87 
4-40 
4-53 



mittlere 
Abweichung 4'31 



Assoziationskonkordanz 

17 

22 

17 

17! 

18 

24 



Mittel 19-1. 



Zwischen Vater 



und Mutter 5-87 

„ Viktor 3-33 

„ Anna 6'53 

„ Eduard 6*40 

„ „ Klara 3-47 

„ Flora 3-33 . 

Zwischen Viktor und Mutter 4*40 

„ Vater 3*33 

„ Anna 4-80 

„ Eduard 4*40 

„ „ Klara 1-07 

„ „ Flora 1-60 

Zwischen Anna und Mutter 2'80 

„ Vater 6-53 

„ „ Viktor 4-80 

„ ,, Eduard 1-87 

., Klara 5*07 

,, Flora 4-93 

Zwischen Eduard und Mutter 3-87 

„ Vater 6-40 

,, Viktor 4-40 



mittlere 
Abweichung 4'40 



17 

26 
18 
8 
24 
31 

22 
26 
mittlere 18 

Abweichung 3*28 13 
27 
31 



Mittel 20*7. 



Mittel 28-0. 



17 
18 
mittlere 18 i 

Abweichung 4-33 12 ^ Mittel 16-7. 
16 
19 



Anna 
Klara 
Flora 



4-67 
5-00 



mittlere 



17] 

8 

13 



1-87 ( Abweichung 4-37 12 



Mittel 12-3. 



Zwischen Klara und Mutter 4-40 

„ Vater 3-47 

„ „ Viktor 1-07 

„ Anna 5-07 

„ Eduard 4-67 

„ „ Flora 2-00 

Zwischen Flora und Mutter 4-53 

„ „ Vater 3-33 

„ „ Viktor 1-60 

„ Anna 4-93 

„ Eduard 5-00 

„ Klara 2-00 



13 
11 

18 
24 
mittlere 37 

Abweichung 3*45 16 | 
13 
31 

24 
31 
mittlere 31 

Abweichung 3-56. 19 
11 
31 



Mittel 21-5. 



Mittel 24'5. 



732 



Josef B. Lang. 



Diese Zusammenstellung läßt uns erkennen, daß der Kranke 
mit jenen Pamilienmitgliedem, gegen die er Wahnideen hat, sehr 
geringe Differenzen aufweist, ganz im Gegensatze zu seinem Verhalten 
zu den übrigen Personen. Sodann hat er die geringste durchschnittliche 
Differenz aller Versuchspersonen. Die Verfolger haben, allerdings 
der Vater ausgenommen, nächst dem Kranken die geringste durch- 
schnittliche Differenz. Ein analoges Verhalten zeigen auch die Zahlen 
der Assoziationskonkordanz. 

Ich lasse noch einige Assoziationsbeispiele sämtlicher Familien- 
mitglieder folgen, welche die Gruppenteilung recht hübsch illustrieren: 

X. Familie. 

Bei dieser Familie gelang es mir, bei den beiden Eltern und den 
sechs Kindern Assoziationen aufzunehmen. Sie stehen in folgendem 
Alter: Vater 42 Jahre, Mutter 43 Jahre, Josef M Jahre, Luise 
13 Jahre, Alois 12 Jahre, Anna 11 Jahre, Klara 10 Jahre, Ida 
9 Jahre. Es ist eine sehr intelligente Bauemfamilie. Vater und Mutter 
haben nur Volksschulbildung genossen, die Kinder besuchen- jetzt 
mit sehr gutem Erfolg die Primarschule. 

Der Vater ist seit zirka 4 Jahren geisteskrank. Er hat schon 
ein ganzes religiöses Wahnsystem ausgebaut. Ein Brief des Kranken 
an eine imaginäre Freundin gibt uns ein gutes Bild seines geistigen 
Zustandes. 

Werte Amalie! 

Da ich weiß, daß Du auch so aufrichtig für den Himmel streitest, 
will ich Dir ganz genau mitteilen, was der Weltuntergang, der nach der 
Wissenschaft gar nicht mehr so ferne sein soll, uns bringen wird, öffent- 
lich dürfte ich das hier in X. nicht sagen, sonst würden sie mich sofort 
nach St. ürban abliefern. Das könnte zwar auch jeder Geistüche sagen, 
aber für diese wäre das Verrat. 

Unsere Speisen werden nämlich gekocht und zubereitet und es wird 
so lange gekocht, bis die Pfanne kaput ist, das ist dann der Weltuntergang, 
wo wir in das Land einziehen, wo Milch und Honig fließt, auch Paradies 
oder Himmel genannt. 

Die ganze biblische Geschichte halte ich für wahr, aber es sind alles 
nur Lehren, Sinnbilder und Vorbilder, ein Kätsel, das die Welt so langsam 
lösen kann. Ich will Dir im nachstehenden noch zeigen, daß wir das 
Hündlein der Weisen sind. 

Nach Auslegung der heiligen Schrift sind wir der Kain, der den 
Abel getötet hat; das Zeichen, das uns Gott an die Stirne gemacht hat. 



Assoziationaversuche bei Schizophrenen. 



733 



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^^* Josef B. Lang. 

ist die Kirche; die Kirche ist auch der schwere Stein, der unserem Jesus 
Christus heute vor dem Grabe liegt. Sie ist auch unsere Beschneidung. 
Die Kirche ist auch die Arche, die nur ein Fenster hat von oben. Ich glaube 
aber, sie werden die Taube bald ausfliegen lassen. Die eifrigen Anhänger 
der Kirche sind auch diejenigen, welche nicht über den Jordan ins gelobte 
Land hinüberkommen, weil sie nicht sehen können. 

Das Verdrießlichste von allem ist demnach, daß wir noch Juden 
in der babylonischen Gefangenschaft sind. Der Baum des Lebens, 
der unseren Leib vor dem Tode bewahrte, wird auch heute bewacht. 

Wir suchen also den allmächtigen christlichen Gott im himmlischen 
Mauseloch. 

Mit Gruß 
X X. 

1 

Der Patient hatte einen sehr rohen und gewalttätigen Vater, 
der sich um seine zahlreichen Kinder — er war dreimal verheiratet — 
wenig bekümmerte. Patient hing sehr an seiner Mutter, die aber früh 
starb. Seine Trauer um dieselbe soU eine recht tiefe und langdauemde 
gewesen sein, die erst aufhörte, als er ein Mädchen fand, das ihm einen 
Ersatz für seine Mutter gab. (Patient brach bei dieser Erzählung in 
heftiges Schluchzen aus.) Zu der Stiefmutter sei er nie in ein richtig 
mütterliches Verhältnis gekommen. Später verheiratete er sich mit 
dieser Jugendgeliebten, gegen den WiUen des Vaters, denn er war, 
wie der Vater, reformierter, die Braut aber streng katholischer Kon- 
fession, zudem war sie mitteUos. Die Ehe war nach Versicherung 
der beiden Eheleute in den ersten 10 Jahren sehr glücklich, wenn 
sie auch immer mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten 
und ein Kind nach dem andern kam. Seit etwa sechs Jahren ist der 
Mann impotent gegen seine Frau geworden und nun wurde der sonst 
lebensfrohe und gesellschaftliche Mann verschlossen, grob und rück- 
sichtslos gegen seine Frau. Er fing an sein religiöses Wahnsystem 
auszubauen, daneben aber entwickelte er auch Verfolgungsideen gegen 
seine Frau: dieselbe sei seine Feindin, sie habe s ch gegen ihn mit der 
Kirche und mit den Priestern verbündet, zeitweise glaubte er, sie 
wolle ihn vergiften, sie trage die Schuld daran, daß sie finanzieU so 
schlecht stehen (Patient hat seit Begmn seiner Krankheit wenig mehr 
gearbeitet) und daß er sich nicht weiter entwickeln könne. Nahrung 
fand er für seine Wahnvorstellungen darin, daß die Frau sich wieder 
mehr und mehr in die Eeligion flüchtete und dort die Befriedigung 
suchte, die ihr früher der Mann gewährt hatte, sie ging fleißiger zur 



Assoziationsversuche bei Schizophrenen. 



735 



Kirche und verkehrte mehr mit den Geistlichen. Patient redete oft von 
Scheidung, ohne daß er aber in dieser Hinsicht je einen Schritt getan 
hätte. Er verlangte von seiner Frau, daß sie ihm eine Freundin ver- 
schaffe und bezeichnete seine Frau als den Hemmschuh seines Glückes. 
Er nannte auch seine Frau nie anders als ,, Mutter". Auch in seinen 
Träumen hat seine Frau immer deutliche Mutterbedeutung. Aus diesen 
wenigen Notizen verstehen wir auch seinen oben mitgeteilten Brief. 
Wir sehen, wie der Kranke hauptsächlich an dem leidet, was in der 
psychoanalytischen Terminologie mit Mutterkomplex bezeichnet 
wird. Man kann die Krankheit so auffassen, daß er die starke Bindung 
an die Mutter in der Form des Verfolgungswahnes überkompensiert, 
und zwar als Verfolgungswahn gegen die Frau, die ihm die Mutter 

repräsentiert. 

Ich darf vielleicht noch anführen, daß er nach Beginn seiner 
Krankheit sich daran machte, eine Musik ohne Instrumente za 
erfinden, ganz nach Analogie des Vogelgesanges. Er glaubte denn auch, 
dieses Problem richtig gelöst zu haben, und fuhr einmal nach Paris, 
um daselbst seine Erfindung zu verkaufen, kehrte aber, ohne erst ent- 
sprechende Bemühungen unternommen zu haben, sofort wieder um. 
KUnische Diagnose: Dementia paranoides, 

Tabelle XIV. 



Versuchs- 
persoaen 



Vater 
(Kranker) 

Mutter 

(Verfolger) 
Josef 
Luise . 
Alois . 
Anna 
Klara . 
Ida. . 



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Assoziationsversnche bei Schizophrenen. 



737 



Wie wir aus dieser Tabelle ersehen, zerfällt die Familie in zwei 
sehr deutlich geschiedene Gruppen: einerseits Vater und Mutter, 
die eine hochgrad^e Übereinstimmung zeigen. Ihre Differenz beträgt 
nur 1-47 und in 31% der Assoziationen besteht Konkordanz, Das 
spricht für eine enge Bindung und gegenseitige Angleichung ; wir dürfen 
es den Eheleuten glauben, daß bis zum Ausbruche der Krankheit 
ihr Zusammenleben ein recht gutes war. 

Dieser Gruppe stehen nun anderseits alle Kinder gegenüber, 
die alle dem Wertprädikattypus angehören. Die geringe Überein- 
stimmung mit den Eltern ließe sich nach den Jungschen Ideen so er- 
klären, daß die Eltern vermöge der eigenartigen Bindung aneinander 
zu wenig Libido für die Kinder übrig hatten, deren Liebesbedürfnis 
so nicht gesättigt wurde, so daß sie sehr viel überflüssige Libido abzu- 
geben haben, ein Zustand, dessen psychologischer Ausdruck der aus- 
geprägte Wertprädikattypus ist. 

Wenn wir nun die Zahlen der Kinder näher ins Auge fassen, 
so finden wir einen bemerkenswerten Parallelismus zwischen den 
Werten der Wertprädikatassoziationen und dem Alter 
der Kinder, und zwar in folgender Weise: 



Tabelle XV. 



Kind 



Alois 
Josef 
Ida . 

Klara 
Anna 
Luise 



Alter 



Wert- 
prädikate 



Sonstige 
Prädikate 



12 Jahre 
14 Jahre 

9 Jahre 

10 Jahre 

11 Jahre 

13 Jahre 



65 

43 ' 

73 

54 

30 

10 



21 
21 
17 
14 
17 
26 



Summe 



86% 

90% 
68% 
47% 
36% 



Davon Wert- 
prädikate in 
Prozenten 



75-5% 
67-2% 
81-1% 
79-2% 
63-8% 
27-8% 



Der besseren Übersichtlichkeit halber lasse ich die Summe der 
Prädikate graphisch dargestellt folgen: 



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738 



Josef B. Lang. 
Tafel I. 




Alois 


Josef 


Ida 


Klara 


Anna 


Lai«e 


12 Jahre. 


14 Jahre. 


9 Jahre. 


10 Jahre. 


11 Jahre. 


13 Jahre, 



"Wie ein Blick auf die verschiedene Höhe dieser Säulen zeigt, 
verhalten sich die Knaben und Mädchen in diesem Punkte ganz ver- 
schieden: bei den Mädchen ist die Abnahme der Prädikate überhaupt 
und des Verhältnisses der Wfertprädikate zu den Gesamtprädikaten 
eine früher einsetzende und viel raschere als bei den Knaben, 
so daß dem 14 jährigen Knaben das etwa 10 jährige Mädchen und dem 
12 jährigen Knaben das 9jährige Mädchen entspricht. Man denkt hierbei 
unwillkürlich an die Befunde von E. Fürst, daß bei Frauen die Wert- 
prädikate vom 40. Jahre an bedeutend zunehmen, während bei den 
Männern erst vom 60. Jahre an. In der Jugend scheint es also gerade 
umgekehrt zu sein. Es geht dies parallel der früheren sexuellen Keifung 
der Mädchen, aber auch der eher einsetzenden sexuellen Involution 
der Frauen. Diese Beobachtung habe ich übrigens auch bei anderen 
Familien gemacht (vgl. Familie I). 



Assoziationsversuche bei Schizophrenen. 'oJ 

XI. Familie. 

Diese Familie besteht aus Mann und Frau, die schon über 10 Jahre 
verheiratet sind und drei Kinder im Alter von 3 bis 8 Jahren haben. 
Ich konnte aber 'nur bei den beiden Eheleuten Assoziationen auf- 
nehmen, bei den Kindern gelang es mir nicht wegen derer allzu großen 
Schüchternheit. 

Der Mann war von jeher ein Sonderling, der in der Ehe nie in 
eii> intimeres Verhältnis zu seiner Frau kam. Seit zirka fünf Jahren 
ist er aber noch verschlossener. Er beschäftigt sich seit mehreren Jahren 
mit der Erfindung des Perpetuum mobile, vernachlässigt dabei seinen 
Beruf, so daß er mit seiner Familie in große Not geriet. Er ergeht sich 
auch in typisch schizophrenen Spekulationen über das Leben. Einer 
solchen Abhandlung, die betitelt ist „An der Quelle des Lebens" 
und in der er das Leben als „natürliche Bewegung" (er begreift darm 
auch das Leben der sich bewegenden Himmelskörper) definiert, eme 
Begriffsbestimmung, die ihm dazu dient, auch das Perpetuum mobile 
als Leben aufzufassen, setzt er folgendes Motto voran: 
Laßt euch nicht falsche Tränen fließen 
Um alles, was da stürzt und fällt, 
Wir wollen hoch das Glück genießen 
In einer bessern schönern Welt. 
Die erste Frage, die er in der Irrenanstalt an mich richtete, war, 
ob ich ihn etwa für impotent halte. Die Impotenz wurde mir nachher 
von seiner Frau bestätigt, und zwar sei es mit der Potenz schlimmer 
geworden ungefähr seit jener Zeit, wo er mit der Konstruktion des 
Perpetuum mobile begonnen habe. Recht charakteristischerweise 
glaubte er nämlich, durch diese Erfindung sich einen imgeheuren Reich- 
tum zu erwerben. (Vielleicht gilt hier die Gleichung: Geld = Macht - 
Potenz, Perpetuum mobile = ewige Bewegung = ewiges Leben.) 
Es wäre dann eme Überkompensation seiner Insuffizienzgefühle. Da 
ihm die Konstruktion des Perpetuum mobile nicht gelingen wollte, 
so wurde er nach und nach sehr erregt, meinte, seine Feinde verfolgten 
ihn, rauben ihm seine Erfindung, wenn er jeweils fast ans Ziel gelangt 
sei. Er wurde nach und nach sehr unruhig, ging stets bewaffnet umher, 
hatte große Angst vor seinen Feinden und mußte interniert werden, 
damit kein Unglück passierte. 

In der Anstalt äußerte er physikalische Verfolgungsideen: er 
wird mit elektrischen Strömen mißhandelt, behauptet, es kommen 



740 



Josef B. Lang. 



„Gotteastrahlen" über ihn, die ihm große Macht verleihen, er stehe 
in direkter Verbindung mit der Sonne usw. Er hatte anfangs eine 
starke positive Übertragung auf den Arzt und andere Männer, die aber 
bald in Verfolgungsideen umschlug. Er ist jetzt 38 Jahre alt. 

Die Ehe rau des Patienten ist 37 Jahre alt, sie macht den Ein- 
druck einer psychisch sehr unter der Situation leidenden Frau. 

Beide Versuchspersonen sind ziemlich intelligent, haben aber 
nur Volksschu.bildung genossen. 

Tabelle XVI. 



Versuchs- 
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Singen 


lachen 


kalt 


warm 


Stengel 


Stamm 


Stolz 


schlicht 


kochen 


kalt essen 


blau 


grün 


sündigen 


versündigen 


Brot 


Speck 


verachten 


warum? 


ungerecht 


Gerechtigkeit 


heiraten 


ist nicht immer gut 


schlagen 


nicht schlagen 


lügen 


die Wahrheit sagen 


küssen 


oh, es ist eilaubt 


Glück 


Unglück 


falsch 


aufrichtig 


fremd 


in der Fremde 


Bruder 

eng 


Schwester 
weit 



schön 

unangenehm 

lang 

nicht schön 

gut 

schön 

wüst 

schmackhaft 

sündhaft 

unangenehm 

jung 

unangenehm 

Sünde 

Liebende 

angenehm 

töricht 

Reisender 

brav 

unangenehm 



Aasoziationsversuclie bei Schizophrenen. 741 

Während der Mann einem ausgesprochenen Koordinations- 
typuB angehört, stellt die Frau einen exquisiten Wertprädikat- 
typus dar. Die Übereinstimmung ist eine äußerst geringe, die Differenz 
beträgt sogar lO'OO. Wir haben hier den gerade umgekehrten Fall, 
wie in der vorigen Familie: während dort der Mann Verfolgungsideen 
gegen seine Frau und parallel damit eine hohe Übereinstimmung mit 
ihr hatte, hat in diesem Falle der Mann keine näheren Beziehungen 
zu seiner Frau und beschäftigt sich auch in seinem Wahnsystem nicht 
mit ihr, parallel damit zeigt er auch in den Assoziationen gar keine 
Annäherung an seine Gattin. Ich möchte mit einem Worte noch darauf 
hinweisen, daß die Frau, die nichts von ihrem Mann bekommt, dies 
im Wertprädikattypus deutlich zum Ausdruck bringt. 

XII. Familie. 

Diese Familie besteht aus fünf Mitgliedern: der Mutter, im 
Alter von 64 Jahren, einer seit drei Jahren verheirateten Schwester 
Margarete, 40 Jahre alt, der unverheirateten Tochter Luise, 34 Jahre 
alt, dem Sohne Stephan, der Monteur, zirka sieben Jahre verheiratet 
und jetzt 38 Jahre alt ist und endlich dem jüngsten Sohne August, 
er ist 26 Jahre, unverheiratet, Schreiner von Beruf. Alle Familien- 
mitglieder mit Ausnahme von August haben nur Primarschulbildung 
genossen, während dieser auch noch die Sekundarschtde besuchen 
konnte. Er ist offenkundig auch intellektuell am besten begabt. Seine 
Mutter schildert ihn als einen guten, fleißigen Schüler imd sehr anhäng- 
lichen Sohn, der ganz auf der Seite der Mutter stand. Der Vater war 
Potator, ein eigensinniger und grober Mensch, der zu seinen Kindern 
und seiner Frau nie ein inneres Verhältnis fand. Es gab daher in der 
Familie viele Zwistigkeiten. Der Vater starb nun plötzHch an einem 
Herzschlage, nachdem er und August sich kurz vorher noch heftig 
gezankt hatten. Einige Zeit nach dem Tode des Vaters wurde August 
immer verschlossener und brütete viel vor sich hin. Bald fing er an 
zu behaupten, die Mutter und die jüngere Schwester hätten den Vater 
mit Salmiak getötet und streuten nun unter den Leuten aus, daß er 
der Mörder wäre. Sie stellten ihm selber auch nach dem Leben. Er wurde 
nach und nach heftig erregt, bedrohte Mutter und Schwester, wollte 
sie aufhängen, so daß er, tun ein Unglück zu verhüten, in der Anstalt 
versorgt werden mußte. In der Anstalt ist Patient verschlossen und 
anfangs gar nicht zugänglich. Er halluzinierte in der ersten Zeit viel 
und war zeitweise sehr erregt. 



742 Josef B. Lang. 

Die ersten Anzeichen einer geistigen Verändening des Patienten 
zeigten sich, als et eine Liebschaft, die er vier Jahre gehabt, ohne er- 
kennbaren Grund aufgelöst hatte. Als wir einmal darüber sprachen, 
sagte er, daß er sich deshalb von diesem Mädchen getrennt habe, 
weil sie ihn zum Sexualverkehr habe verleiten wollen. Da habe er sich 
in ihr getäuscht gefühlt, er habe aber noch oft Sehnsucht nach ihr 
gehabt. Von da an sei er immer in sich gekehrter geworden, habe sich 
dann wieder mehr und mehr an die Mutter und die Lieblingsschwester 
Luise angeschlossen imd sei auch wieder religiöser geworden. (Er war 
in der Jugend sehr religiös, wie übrigens auch Mutter und Schwester.) 
Diese so angedeutete Rückkehr zur Mutter drückt sich auch in seinen 
Träumen sehr deutlich aus. Dieselben sind einander sehr ähnlich; 
ich will hier einen sehr durchsichtigen Traum von ihm folgen lassen: 
,,e8 erschien mir eine alte Frau, wie wenn es meine geliebte Mutter wäre. 
Sie hatte ein weißes Gewand an, wie ein Priester am Altare {Patient 
war in seiner Jugend Altardiener), sie hatte einen Strick um den Leib wie 
ein Kapuziner. Ich sah, wie sie auf mich zukam. Ich hatte große Freude 
dabei. Es ist mir, wie wenn sie bei mir im Zimmer gewesen wäre." — Hie 
und da tritt auch die Schwester Luise an Stelle der Mutter oder mit dieser 
zusammen in den Träumen auf. Nach dem Tode des Vaters treten dann 
die Verfolgungsideen auf gegen Mutter und Schwester Luise. 

Eine eingehendere Beschäftigung mit dem Patienten zeigte mir 
dann, daß er seinen individuellen Konflikt an den Himmel zu pro- 
jizieren begann und mit dem Vorschreiten dieses Projektionsvorganges 
wurde der Patient immer ruhiger und zugänglicher und gewann auch 
wieder Interesse an der Arbeit und seinem Berufe. Aus Koraplex- 
gründen kehrte er auch wieder zum Ptolemäischen Sonnensystem 
zurück. Er kannte die Gründe, die für das Kopernikanische System 
sprechen, voll und ganz und gab auch deren Beweisstärke zu, aber 
trotzdem .... ,,denn es sei doch wohl am Platze, daß die Sonne 
der Erde den Hof mache", wie er auf meine Einwände sagte. Ich möchte 
noch ausdrücklich bemerken, daß er sich und seinen Vater ganz be- 
wußt mit der Sonne, die Mutter mit der Erde gleichsetzte. 

Es gehören alle Glieder dieser Familie dem Wertprädikat- 
typus an; das Maximum der Wertprädikate hat die verheiratete 
Schwester, dann folgt die Mutter, dann die jüngere Schwester, dann 
der Patient und am wenigsten hat der ältere verheiratete Bruder, 
der auch von allen den am meisten angepaßten Eindruck macht. Wie 
verhalten sich nun die Differenzen in diesem Fallet 



Assoziationsversuehe bei Schizophrenen. 



743 











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XVII. 
















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18 


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2 


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— 


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2 


August 
































(Kranker) 


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— 


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2 


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1 


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— 


1 


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0-8 


0-8 


54-8 


8-2 


14-6 


2-2 


— 


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— 


8-8 


0-8 


0-4 


— 


0-8 



Tabelle XVIII 

Zwischen Mutter und Margarete D. = 2'67 
„ Luise D. = 1-60 
., Stephan D. == 7-73 
„ August D. = 5-60 

Zwischen Margarete und Mutter D.= 2'67 
.. Luise D.— 3"73 
„ Stephan ü.=10-20 
„ August D.^ 8-OOj 

Zwischen Luise und Mutter D. = 1'60 

., ,, ., Margarete D. = 3*73 

., Stephan D. ^ 7-20 

\, „ ., August D. = 4-80 

Zwischen Stephan und Mutter D. = 7'73 
., MargareteD. = 10-20 
., Luise D. = 7 
,, ,, ,, August I). = 3 

Zwischen August und Mutter D. = 5'60 

„ Margarete D. =^ 8*00 

[] ., ., Luise D. ^ 4-80 

„ Stephan D. =-- 3-73 

Hier finden wir nun ein Resultat, das auf den ersten Blick in 
unsere bisherigen Befunde nicht hineinzupassen scheint. Zum ersten 
hat der Kranke nicht die geringste durchschnittliche Abweichung 
vom Familientypus. Wir müssen aber bedenken, daß die Familie dem 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. V. 4» 



7-20 ( 
3-73 J 



mittlere Abweichung = 4*40. 



mittlere Abweichung = 6"15. 



mittlere Abweichung == 4*33. 



mittlere Abweichung := 7'2l. 



mittlere Abweichung = 5'54. 



744 



Josef B. Lang. 

































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Assoziationsversuche bei Schizophrenen. «45 

Wertprädikattypus angehört; nun wissen wir aus den schon mehr- 
fach zitierten Untersuchungen von E. Fürst, daß der exquisite 
Wertprädikattypus hauptsächlich bei den Frauen, und zwar im 
höheren Alter vorkommt, daß die Männer für gewöhnlich bei weitem 
nicht so viele Wertprädikate aulweisen als die Frauen. Da nun in 
unserer Familie drei Frauen imd nur zwei Männer sind, so ist voraus- 
zusehen, daß hier die Frauen a priori Aussicht haben, eine geringere 
durchschnittUche Abweichung zu bekommen als die Männer, was hier 
denn auch tatsächlich zutrifft. Sehen wir aber näher zu, so finden 
wir, daß der Kranke eine weit geringere mittlere Abweichung hat 
als der Bruder Stephan und die ältere Schwester Margarete und daß 
er nur von der Mutter und der Schwester Luise bierin übertroffen wird, 
was nach dem Gesagten erklärlich erscheint. Zweitens'sind wir darauf 
vorbereitst, daß der Patient gegen jenes Familienmitglied Verfolgungs- 
ideen produziert, mit welchem er die größte Überebistimmung im 
Reaktionstypus hat. Nun sehen wir aber, daß er mit dem altern Bruder 
die weitgehendste Assoziationsähnhchkdit hat, gegen welchen er doch 
keine Verfolgungsideen entwickelt. Allerdings ist aus den oben aus- 
einandergesetzten Gründen zu erwarten, daß er mit den weiblichen 
Familiengliedem keine so weitgehende Übereinstimmung haben wird 
und kann. Aber es zeigt sich, daß jene zwei Personen, die er in sein Ver- 
folgungssystem einbezogen hat, besser mit ihm übereinstimmen als 
die unbeteiligte ältere Schwester. Wichtiger scheint mir jedoch die 
Tatsache zu sein, daß jene Familienmitglieder, mit denen er sich in 
seinem Verfolgungswahn beschäftigt, die geringste durchschnittliche 
Abweichung haben und darin die ältere Schwester und auch den Bruder 
ganz wesentlich übertreffen. 

XIII. Familie. 

Diese Familie besteht aus der 60jährigen Mutter, der 28jährigen 
verheiratsten Tochter und den drei Söhnen: Josef, 24 Jahre, 
Alois, 23 Jahre, Peter, 18 Jahre. Es ist eine imintell gente Arbeiter- 
familie, alle Glieder haben nur dürftige Primarschulbildung genossen. 
Der Vater war Alkoholiker und ist schon lange tot. 

Der zweitjüngste Sohn Alois, der bis dahin immer ein heiterer 
anhänglicher Sohn war und, wie übrigens auch die anderen Geschwister, 
einen guten Familiensinn entwickelte, erkrankte vor zirka einem Jahre 
plötzlich mit ausgesprochen kata tonen Symptomen, machte in der 
Anstalt, in die er seiner Gemeingefährlichkeit halber gebracht werden 

48* 



746 



Josef B. Lang. 



mußte, mehrere starke imd länger dauernde Erregungszustände durch 
mit ausgeprägtem Negativismus und massenhaften Halluzinationen 
des Gesichte und Gehörs. Allmählich wurde er wieder ruhiger und 
zugänglicher, hörte aber noch längere Zeit Stimmen, besonders deutlich 
vernahm er die Stimme seiner Schwester, die ihm allerlei Schimpf- 
worte zurief; Näheres hierüber konnte oder wollte er mir nicht angeben. 
Einmal sagte er mir, daß er früher diese Schwester am meisten geliebt 
habe (seine Angehörigen bestätigten diese Angabe), daß sie es ihm 
aber ,, schlimm" gemacht habe; was er damit andeutete, konnte ich 
nicht aus ihm herausbringen. In der Anstalt entwickelte er kosmische 
Wahnideen; er sprach viel von der Sonne und der Erde; die Sonne habe 
seit einiger Zeit ihren schönen Glanz verloren, es sei ein tiefer Zwie- 
spalt zwischen diesen beiden Himmelskörpern vorhanden. Er redete 
oft von der Schlechtigkeit der Erde, wie wenn diese ein großes unsühn- 
bares Verbrechen begangen hätte, das er aber nicht näher beschreiben 
wollte; sobald er darauf zu sprechen kam, traten unüberwindliche 
Sperrungen auf. ,,Wenn deswegen nur nicht das Ende der Welt kommt", 
jammerte er emmal. Als er wieder von der Untat der Erde sprach, er- 
zählte er mir scheinbar ganz zusammenhanglos, daß seine Schwester 
vor einigen Monaten ein Kind bekommen habe. Tatsache ist, daß 
kurz nach dieser Geburt der erste katatone iinfall ausgebrochen ist 
und daß die einzigen Andeutungen von Verfolgungsideen sich auf 
diese Schwester beziehen, zu der er je nach seiner Stimmungslage 
eine deutlich ambivalente Einstellung hat. 













l'abelle 


XIX. 
















Versuchs- 
personen 


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12*2 


7-6 


19-0 


10-8 


10-4 


0-1 


1-2 


2-1 


6-2 


3-2 


5-8 


0-4 


0-4 


0-2 



Assoziationsveisuclie bei Schizophrenen. 



747 



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748 



Josef B. Lang, 



Wie wir aus dieser Zusammeiistellung ersehen, gehören, alle 
Versuchspersonen einem gemischten Prädikattypus an. Daß die 
60 Jahre alte Mutter am meisten Wertprädikate hat, entspricht wieder 
den schon mehrfach erwähnten Befunden von E. Fürst. Nächst 
der Mutter weist der Kranke am meisten Wertprädikate auf, was für 
eine stärkere Libidostauung spricht. Auffallend ist, daß der jüngste 
Sohn am wenigsten Wertprädikate aufweist (nur 7%). Er macht von 
allen drei Brüdern entschieden den freiesten Eindruck. 

Ich lasse nun wieder die Individualzahlen der Differenzen der 
verschiedenen Versuchspersonen folgen: 



Tabelle XX. 

Zwischen Mutter und Tochter D. = 3*20 

„ „ „ Josef D. = 4-67 

„ „ „ Alois D. = 4-13 

„ Peter D. = 6*40 

Zwischen Tochter und Mutter D. = 3'20 
„ Josef D. = 3-87 
„ Alois D. = 3-20 
„ Peter D. = 4-67 



mittlere Abweichung = 4*60. 



mittlere Abweichung = 3'73. 



Zwischen Josef und Mutter 


D. 


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Tochter 


D. 


= 3-87 


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Mutter 


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Zwischen Peter und 


Mutter 


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= 6-40 


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Josef 


D. 


= 4-53 


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Alois 


D. 


= 2-40 



mittlere Abweichung = 4'09. 



mittlere Abweichung = 8*26. 



mittlere Abweichung = 4'50. 



In diesem Falle zeigt es sich wieder, daß der Kranke die kleinste 
mittlere Abweichung vom Familientypus hat; femer sehen wir, wie in 
der vorigen FamiHe, daß nicht jene Person, mit der er persönlich 
die größte Übereinstimmung hat (Peter) zum Verfolger gewählt wird. 



Assoziationsversuche bei Schizophrenen. 



749 



sondern wieder jenes Mitglied, das nach ihm dem Familientypus am 
nächsten kommt (Tochter). Der jüngste Bruder, von dem wir oben 
sagten, daß er den freiesten Eindruck mache, hat eme relativ große 
mittlere Abweichung. 



III. Zusammenfassung der Resultate. 

Wenn wir die besprochenen Versuchspersonen (ich berücksichtige 
da natürlich nur die Mitglieder der 11 Dementia praecox-Familien) 
nach ihrem Reaktionstypus zusammenstellen, so bekommen wir 
folgendes Bild: 

I. Prädikattypusi). 

a) gesunde Männer : 3 Fälle = 27-0% ' 

b) kranke Männer : 3 Fälle = 30-0% 

c) gesunde Frauen : 13 Fälle = 52-0% 

d) kranke Frauen : Fall = 0-0% 



40-5% 



II. Gemischter Prädikattypus^) 
ä) gesunde Männer : 6 Fälle = 55'0% 
6) kranke Männer : 1 Fall = 10-0% 

c) gesunde Frauen : 3 Fälle = 12-0% 

d) kranke Frauen : 1 Fall = 100% 

III. Koordinationstypus. 



23-4°/, 



a) gesunde Männer 

b) kranke Männer 

c) gesunde Frauen 

d) kranke Frauen 



2 Fälle = 18% " 
6 Fälle = 60% 
8 Fälle =^ 32% 
Fall = 0% 



34-0% 



IV. Oberflächlicher Typus^). 

a) gesunde Männer ; Fall = 0% 

b) kranke Männer : Fall = 0% 

c) gesunde Frauen : 1 Fall == 4% 

d) kranke Frauen : Fall = 0% 



2-1% 



») Ich rechne dazu jene Fälle, die mindestens den dritten Teil Prädikate 
aufweisen. 

2) Ich rechne dazu jene Fälle, die mehr als 10% und weniger als 33% 
Prädikate haben. 

ä) Ich rechne dazu jene Fälle, die über die Hälfte äußere Asso- 
ziationen haben. 



750 Josef B. Lang. 

Wie man aus dieser Zusammenstellung ersehen kann, gehören 
die große Mehrzahl aller Versuchspersonen dem Prädikattypus an 
(64%), dagegen nur 34% dem Koordinationstypus. Den oberflächlichen 
Typus repräsentiert nur eine Versuchsperson; bei derselben ist die 
oberflächliche Reaktionsart aus dem bei der Beschreibung dieser 
(VIII.) Familie angeführten Grunde auf die bei ihr zur Zeit des Ex- 
perimentes bestehende innere Ablenkung^) zurückzuführen, dafür 
sprechen auch die 14% Prädikate, die diese Versuchspersonen neben 
den 52% sprachlich- motorischer Formen aufweist. Sie würde also 
unter normalen Versuchsbedingungen wahrscheinlich dem Prädikat- 
typus zugehören. 

Wenden wir uns zuerst der Betrachtung der Prädikattypen 
zu; vorerst fällt uns auf, daß von den gesunden Männern 82% diesen 
Typus repräsentieren, denen nur 64% der gesunden Frauen gegen- 
überstehen. Von den kranken Männern gehören ihm gar nur 40% an. 
Die eine kranke Frau gehört auch zu dieser Gruppe. Es scheint also, 
als ob die kranken Männer die größere psychologische Verwandtschaft 
mit den normalen Frauen hätten als mit den normalen Männern. Diese 
Umkehrung der psycho sexuellen Einstellung der Dementia 
praecox- Kranken hat meines Wissens zuerst W. Pfenninger in 
seiner sehr interessanten Arbeit: Untersuchungen über die Kon- 
stanz und den Wechsel der psychologischen Konstellation 
bei Normalen und Frühdementen*) nachgewiesen. 

Von allen Prädikattypen der kranken Männer sind 75% 
reine Prädikattypen, von den gesunden Männern nur 33%, von 
den gesunden Frauen aber 81%, während von den kranken Frauen 
0%. Umgekehrt verhält es sich bei dem gemischten Prädikattypus: 
kranke Männer = 25%; gesunde Männer = 67%; gesunde Frauen — 
19%; die einzige Dementia praecox-Frau gehört hierher. Also auch 
so finden wir wieder deutlich die oben erwähnte Umkehrung der Ein- 
stellung. Außerdem sehen wir: wenn ein Dementia praecox-kranker 
Mann dem Prädikattypus angehört, so stellt er in der großen Mehr- 
zahl der Fälle einen reinen Prädikattypus dar. 

Beim Koordinationstypus finden wir nur 18% gesunde 
Männer, dagegen 60% kranke Männer; von den gesunden Frauen 
sind 32% Koordinationstypen. 

^) Vergleiche Jung und Riklin: Diagnostische Assoziationsstudien, 
I. Beitrag. 

■') Dieses Jabibuch, III. Bd., 2. Heft. 



Assoziationsverauche bei Schizophrenen. 



751 



Icli lasse jetzt eine detaillierte Gregenüberstellung der einzelnen 
Gruppen folgen und gebe auch die entsprechenden Befunde von 
E. Fürst an; 

Tabelle XXI. 



Assoziationsqualität 



9.1 



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1. Koordinationen 

2. Sub- und Supraotdinationen . . 

3. Kontrastassoziationen .... 

4. Wertprädikate 

5. Sonstige Prädikate 

6. Subjekt- und Objektverhältniase 

7. Bestimmung von Ort, Zeit usw. 

8. Definitionen 

9. Koexistenzen 

10. Identitäten 

11. Sprachlich-motorische Formen . 

12. Wortzusammensetzungen . . . 

13. Wortergänzungen 

li. Klangassoziationen 

15. Restgruppe 



19-0 

6-6 

13-2 

22-9 

11-8 

7-3 

0-7 

0-4 

2-9 

2-5 

7-0 

2-0 

0-2 

0-8 

11 



101 
6-4 
2-6 

12-9 

23-2 
9-7 
1-8 

10-2 
9-2 
1-7 
71 
3-0 

0-1 

0-1 






29-3 
8-3 
15-4 
11-7 
7-2 
8'4 
0-2 
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3-7 
3-4 
6-3 
3-9 
05 
1-4 
1-0 



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5-4 
12-6 
34-5 
8-4 
7-5 
0-3 
0-2 
3-0 
2-4 
6-8 
3-0 

0-6 
10 



90 

5-0 

1-7 

24-6 

24-0 

12-1 

1-5 

1-0 

6-2 

1-6 

7-7 

4-2 

0-2 

0-7 



Diese Zusammenstellung zeigt, daß mein Material eine von dem- 
jenigen von E. Fürst recht verschiedene Zusammensetzung hat, 
und zwar nach der Seite hin, daß meine Versuchspersonen mehr 
Koordinationen, Kontraste, Wertprädikate, Klangassozia- 
tionen und Assoziationen der Beatgruppe, dagegen weniger 
Bestimmungen von Ort und Zeit usw., Definitionen, Ko- 
existenzen und hauptsächlich sachliche Prädikate haben. Das 
mag einerseits daher kommen, weil mein Untersuchungsmaterial 
offensichtlich einer intelligenteren Schichte angehört (daher weniger 
Definitionen, Bestimmungen von Ort und Zeit, Subjekt- und Objekt- 
verhältnissen), anderseits von der eigenartigen affektiven Ein- 
stellung der Versuchspersonen zum Experimentator, der der 

4 8 * 



7^2 Josef B. Lang. 

Arzt ihres geisteskranken Verwandten ist. Da nun Geistes- 
krankheit unter dem Volke mit intellektueller Schwäche unter 
einen Hut gebracht zu werden pflegt, so liegt es nahe, daß diese Ver- 
wandten und die Kranken natürlich ebenso das Experiment aus diesen 
Gründen in hohem Maße als eine Intelligenzprüfung auffaß en 
und deswegen möglichst sinngemäß, d. h. gescheit zu assoziieren 
strebten, daher die hohe Zahl der innem Assoziationen. Daß die großen 
Unterschiede nicht etwa an einer mangelhaften Klassifikation 
liegen, geht schon daraus hervor, daß sich gerade in jenen Rubriken, 
die besonders leicht zu erkennen sind, wie den Kontrasten, Subjekt- 
imd Objektverhältnissen, Klangassoziationen und Bestgruppe sehr 
große Differenzen vorkommen. 

Ich habe dann bei sämtlichen kranken und normalen Versuchs- 
personen der 11 Dementia praecox-Familien die individuellen Differenzen 
herausgerechnet, wozu 1081 Einzelvergleichungen notwendig waren. 

Als mittlere Differenz der nicht verwandten gesunden 
Männer wurde so 6*57 gefunden, während E. Fürst nur ö'B er- 
mittelte. Bei den nicht verwandten gesunden Frauen fand ich 
6'86, während E. Fürst ebenfalls nur 6*0 ermittelte. Die nicht ver- 
wandten gesunden Familienmitglieder differieren also bei den 
Dementia praecox-Familien vielleicht mehr als bei den nor- 
malen Familien, und zwar hier wie dort die Frauen etwas mehr 
als die Männer. 

Kranke Männer mit gesunden, nicht verwandten 
Männern haben eine mittlere Differenz von 6*32, während kranke 
Männer mit gesunden, nicht verwandten Frauen eine solche 
von 6*71 haben. Leider kann ich für die weiblichen Kranken keine 
entsprechenden Zahlen anführen, weil da mein Material noch zu gering 
ist. Die kranken Männer differieren mit verwandten gesunden 
Männern um 6*22, während sie mit verwandten gesunden Frauen 
nur mit durchschnittlich 4*14 abweichen. Die kranken Männer 
stimmen also bedeutend besser mit den verwandten Frauen über- 
ein, als mit den verwandten Männern. Das erklärt sich wahr- 
scheinlich durch die Feststellung, daß die Frauen die Familienart 
besser repräsentieren als die gesimden Männer, wie folgende 
Zusammenstellung zeigt: 

Familiendurchschnitt : gesunde Männer D. = 3-66 
„ : gesunden Frauen D. = 3-43 

,, : kranke Männer D. = 2'93. 



Assoziationsversuche bei Schizophrenen. 753 

Die kranken Männer stellen also die Familienart am besten 
dar, sie sind das konservativste Element der Familie, dann folgen die 
gesunden Frauen und am freiesten erweisen sicli die gesunden Männer. 

Ich habe sodann von den einzelnen Familien die mittleren Ab- 
weichungen bei allen Mitgliedern herausgerechnet, dieselben addiert 
und durch die Zahl der Familienmitglieder der jeweiligen Familie 
dividiert, diese Zahl ergibt die mittlere Abweichung der betreffenden 
Familie. Diese Berechnung habe ich bei den einzelnen Familien durch- 
geführt, die Zahlen der mittleren Abweichungen derselben addiert und 
die Summe durch die Zahl der Familien dividiert, so bekam ich 
die mittlere Abweichung innerhalb der Dementia praecox- 
Familien; dieselbe beträgt 4*1; auf gleiche Weise berechnete ich 
die mittlere familiäre Abweichung auch aus dem bis jetzt bearbeiteten 
Fürstschen Material, das mir Herr Dr. Jung gütigst zur Verfügung 
stellte; ich fand bei demselben 5'03, also einen deutlich höheren Wert. 
Das könnte dafür sprechen, daß bei den Dementia praecox.- 
Familien [die Beeinflußbarkeit durch das außerfamiliäre 
Milieu eine geringere ist, als bei den normalen Familien. 

Betrachten wir jetzt noch einige Spezialfälle: 

Bruder u. Schwester, beide gesund, haben eine durchschn. Diff. von 5"23 
Bruder u. Schwester, eines krank, das and. ges. ,, ,, 3"77 

Schwester u. Schwester, beide gesund ,, ,, 5"55 

Bruder u. Bruder, einer krank ,, j, 5*10 

Unter den Geschwistern hat also das kranke Geschwister zu dem 
ungleichgeschlechtlichen gesunden Geschwister die weitaus beste Über- 
einstimmung. 

Mutter zu gesundem Sohn, durchschnitthche Differenz ~ 6-94 
Mutter zu krankem Sohn ,, ,, = 4"06 

Mutter zu gesunder Tochter ,, ,, = 5"09 

Die Mutter hat also zu dem ungleichgeschlechtlichen kranken 
Kind die größte Übereinstimmimg, dann folgt das gleichgeschlechtliche 
gesunde Kmd und erst viel später das ungleichgeschleehtliche gesunde 
Kind. Leider fehlt mir vorläufig auch hier noch das Material zu den 
entsprechenden Berechnungen mit den gleichgeschlechtlichen kranken 
Kindern und zu den Parallelen mit dem Vater. 

Bezüglich der Reaktionszeit möchte ich folgende Mitteilung 
machen. Ich habe in der letzten Zeit beobachtet, daß der Quotient 



754 



Josef 6. Lang. 



aus dem arithmetischen und wahrscheinlichen Mittel der 
Reaktionszeiten einen recht brauchbaren Maßstab für 
die Größe des Widerstandes im psychoanalytischen Sinne zwischen 
Versuchsperson und Experimentator ergibt (ich hoffe demnächst in 
einer besonderen Arbeit hierüber Mitteilung machen zu können) und 
ich habe diese Zahl deswegen Widerstandsquotient genannt. 
Dieser Widerstandsquotient hat nun bei unseren Versuchspersonen 
folgende Werte ergeben; 

bei den gesunden Männern ist der Widerstandsquot. durchschn. = 1-229 
bei den kranken Männern ist der Widerstandsquot. durchschn. = 1"355 
bei den gesunden Frauen ist der Widerstandsquot. durchschn. = 1"351 
bei den krailken Frauen ist der Widerstandsquot. durchschn. = 1*29P) 
Der besseren Übersichtlichkeit halber lasse ich diese Zahlen 
graphisch dargestellt folgen: 

Widerstandsquotient. 
Tafel II. 



Gesunde Männer. Kranke Männer. Gesunde Frauen. Kranke Frauen. 

Auch aus dieser Zusammenstelltmg geht eine Bestätigung der 
schon mehrfach in dieser Arbeit erwähnten Beobachtung von W. Pf en- 

^) loh habe zu dieser Berechnung noch einige Dementia praecox-Fälle 
aus der gleichen intellektuellen und sozialen Schicht verwendet. 



As80ziationsversnche bei Schizophrenen. «ö» 

ninger hervor, daß die Dementia praecox-Kranken mit den ungleich- 
geschlechtliclien Gesunden die größte Übereinstimmmig haben, in 
unserem speziellen Falle, daß die kranken Männer den gleichen 
Widerstand gegen den Experimentator haben, wie die 
gesunden Frauen und die kranken Frauen wie die gesunden 

Männer. 

Aus den hier mitgeteilten Untersuchungen dürfen wir vielleicht 
folgende als Diskussionsresultate hingestellte vorläufige Sätze auf- 
stellen : 

Der Dementia praecox - Kranke hat die geringste 
mittlere Abweichung von allen Familienmitgliedern. 
Wenn der Kranke Verfolgungsideen bekommt, so werden 
jene Familienmitglie"der als Verfolger gewählt, mit denen 
er die größte Übereinstimmung im Reaktionstypus hat. 

Zum Schlüsse ist es mir eine angenehme Pflicht, Herrn Prof. 
Dr. E. Bleuler für die Anregung zu dieser Arbeit meinen besten Dank 
auszusprechen. Zu ganz besonderem Dank bin ich meinem hoch- 
verehrten Lehrer, Herrn Privatdozenten Dr. C. G. Jung, verpflichtet 
für die Einführung in das Arbeitsgebiet der Assoziationen imd der 
Psychoanalyse und für seme mir so wertvollen Ratschläge und sein 
großes Interesse an dem Fortgang dieser Arbeit. 



Berichtigung. 

In meiner Arbeit „Neue Traumexperimente« usw., publiziert 
im V. Band dieses Jahrbuchs, bin ich in meinem Eifer, dem 
Verdienst Scherners gerecht zu werden, zu weit gegangen. S. 248 
steht: „Sowohl in der Übersicht der Traumliteratur als bei der 
Besprechung seiner eigenen Hypothesen entbehren wir bei Freud 
ungern die Erwähnung der Tatsache, daß ein Schriftsteller vor 
Freud, wenigstens in einzelnen Träumen, eine Wunacherfüilung 
gesehen hat." 

Diese Bemerkung ist aber unbegründet, denn auf der ersten 
Seite des Abschn. IV der „Traumdeutung« (der von der Traum- 
entstellung handelt) steht: „Daß es Träume gibt, welche als 
Wunscherfüllungen zu verstehen sind, ist nicht neu, sondern längst 
von den Autoren bemerkt worden. (Vgl. Badestock p. 137—138, 
Volkelt p. 110—111, Purkinje p. 456, Tissie p. 70, M. Simon 
p. 42 über die Hungerträume des eingekerkerten Baron Trenck, 
und die Stelle bei Griesinger p. 111.)" 

Beim Schreiben meines Aufsatzes habe ich in der „Traum- 
deutung" einmal die Stellen, wo Scherner erwähnt wurde, nach- 
gelesen, und dabei die erwähnte Stelle übersehen. 

J. Stärcke. 



Erklärung des Herausgebers Prof. Bleuler. 

Nach Abschluß dieses Bandes trete ich als Herausgeber 

zurück, werde aber natürlich der Zeitschrift auch fernerhin mein 

Interesse bewahren. 

Bleuler. 



Erklärung der Redaktion. 

Ich habe mich genötigt gesehen, als Redakteur des Jahr- 
buches zu demissionieren. Die Gründe für meine Demission 
sind persönlicher Natur, weshalb ich eine öffentliche Diskussion 
verschmähe. 

C. ö. Jung. 



Mitteilung des Verlages. 

Nach dem Ausscheiden von Prof, Dr. Bleuler und Dr. Jung 
wird Prof. Dr. Freud dieses Jahrbuch weiterführen. Der nächste 
Band desselben wird Mitte 1914 erscheinen unter dem Titel: 

Jahrbuch der Psychoaiialyse. 

Redigiert von Dr. K. Abraham (Berlin) und Dt. E. Hitschmann (Wien). 

Fr. Deuticke.