(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen I. Band 1909 1. Hälfte"

JAHRBUCH 

FÜR 

PSYCHOANALYTISCHE und PSYCHO- 
PATHOLOGISCHE FORSCHUNGEN. 

HERAUSGEGEBEN VON 



Prof. Dr. E. BLEULER und Prof. Dr. S. FREUD 

nr züiucff, nr wibk. 



REDIGIERT VON 



Dr. C. G. JUNG, 

PRITATDOZEKTBH DBB PSYCHIATRIE Hf ZÜBICff. 



LBAND. 



I. HÄLFTE. 



LEIPZIG ükd WIEN. 



1909. 



KRAUS REPRINT 

Nendeln/Liechtenstein 

1970 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 



DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Vorbemerkung der Redaktion. 



Im Frühling 1908 fand in Salzburg eine private Vereinigung aller 
derer statt, die sich für die Entwicklung der von Sigmund Freud 
geschaffenen Psychologie und für deren Anwendung auf Nerven- und 
Geisteskrankheiten interessierten. In dieser Versammlung wurde an- 
erkannt, daß die Bearbeitung der betreffenden Probleme sich bereits 
anschicke, die Grenzen des medizinischen Interessenkreises zu über- 
schreiten, und es wurde dem Bedürfnisse nach einem Periodikum Aus- 
druck verliehen, welches die bisher überall zerstreuten Arbeiten dieser 
Richtung sammeln könnte. Aus solcher Anregung ist unser Jahrbuch 
hervorgegangen , dessen Aufgabe die fortlaufende Publikation aller 
Arbeiten sein soll, die sich in positivem Sinne mit der Vertiefung und 
Lösung unserer Probleme beschäftigen. Auf diese Weise wird das 
Jahrbuch nicht nur einen Einblick in den steten Fortschritt der Arbeit 
auf diesem zukunftsreichen Gebiete, sondern auch eine Orientierung 
über den jeweiligen Stand und Umfang der für jede Geisteswissen- 
schaft wichtigen Fragen ermöglichen. 

Zürich, im Januar 1909. 

Dr. C. GL Jung. 



Analyse der PhoMe eines 5jährigen Knaben. 

Mitgeteilt von Sigm» Trend (Wien). 



I. Einleitung. 

Die auf den folgenden Blättern darzustellende Kranken- und 
Heilungsgeschichte eines sehr jugendlichen Patienten entstammt, 
streng genommen, nicht meiner Beobachtung. Ich habe zwar den 
Plan der Behandlung im ganzen geleitet und auch ein einziges Mal in 
einem Gespräche mit dem Knaben persönlich eingegriffen; die Behand- 
lung selbst hat aber der Vater des Kleinen durchgeführt, dem ich für 
die Überlassung seiner Notizen zum Zwecke der Veröffentlichung zu 
ernstem Danke verpflichtet bin. Das Verdienst des Vaters reicht aber 
weiter; ich meine, es wäre einer andern Person überhaupt nicht gelungen, 
das Kind zu solchen Bekenntnissen zu bewegen; die Sachkenntnis, 
vermöge welcher der Vater die Äußerungen seines 5 jährigen Sohnes 
zu deuten verstand, hätte sich nicht ersetzen lassen, die technischen 
Schwierigkeiten einer Psychoanalyse in so zartem Alter wären unüber- 
windbar geblieben. Nur die Vereinigung der väterlichen und der ärzt- 
lichen Autorität in einer Person, das Zusammentreffen des zärtlichen 
Interesses mit dem wissenschaftlichen bei derselben, haben es in diesem 
einen Falle ermöglicht, von der Methode eine Anwendung zu machen, 
zu welcher sie sonst ungeeignet gewesen wäre. 

Der besondere Wert dieser Beobachtung ruht aber in Folgendem: 
Der Arzt, der einen erwachsenen Nervösen psychoanalytisch behandelt, 
gelangt durch seine Arbeit des schichtweisen Aufdeckens psychischer 
Bildungen schließlich zu gewissen Annahmen über die infantile Sexua- 
lität, in deren Komponenten er die Triebkräfte aller neurotischen 
Symptome des späteren Lebens gefunden zu haben glaubt. Ich habe 
diese Annahmen in meinen 1905 veröffentlichten „Drei Abhandlungen 

Jahrbuch für paychoanalyt. u. psjchop&thol. Forschungen. I. 1 



2 8igm. Freud. 

zur Sexualtheorie" dargelegt; ich weiß, daß sie dem Fernerstehenden 
ebenso befremdend erscheinen wie dem Psychoanalytiker unabweisbar. 
Aber auch der Psychoanalytiker darf sich den Wunsch nach einem 
direkteren, auf kürzerem Wege gewonnenen Beweise jener fundamentalen 
Sätze eingestehen. Sollte es denn unmöglich sein, unmittelbar am Kinde 
in aller Lebensfrische jene sexuellen Regungen und Wunschbildungen 
zu erfahren, die wir beim Gealterten mit soviel Mühe aus ihren Ver- 
schüttungen ausgraben, von denen wir noch überdies behaupten, daß 
sie konstitutionelles Gemeingut aller Menschen sind und sich beim 
Neurotiker nur verstärkt oder verzerrt zeigen? 

In solcher Absicht pflege ich meine Schüler und Freunde seit 
Jahren anzueifern, daß sie Beobachtungen über das zumeist geschickt 
übersehene oder absichtlich verleugnete Sexualleben der Kinder sammeln 
mögen. Unter dem Material, welches infolge dieser Aufforderung in 
meine Hände gelangte, nahmen die fortlaufenden Nachrichten über den 
kleinen Hans bald eine hervorragende Stelle ein. Seine Eltern, die 
beide zu meinen nächsten Anhängern gehörten, waren übereingekommen, 
ihr erstes Kind mit nicht mehr Zwang zu erziehen, als zur Erhaltung 
guter Sitte unbedingt erforderlich werden sollte, und da das Kind sich 
zu einem heiteren, gutartigen und aufgeweckten Buben entwickelte, nahm 
der Versuch, ihn ohne Einschüchterung aufwachsen und sich äußern 
zu lassen, seinen guten Fortgang. Ich gebe nun die Aufzeichnungen des 
Vaters über den kleinen Hans wieder, wie sie mir zugetragen wurden, 
und werde mich selbstverständlich jedes Versuches enthalten, die 
Naivität und Aufrichtigkeit der Kinderstube durch konventionelle 
Entstellungen zu stören. 

Die ersten Mitteilungen über Hans datieren aus der Zeit, da er 
noch nicht ganz drei Jahre alt war. Er äußerte damals durch verschiedene 
Beden und Fragen ein ganz besonders lebhaftes Interesse für den Teil 
seines Körpers, den er als „Wiwimacher" zu bezeichnen gewohnt war. 
So richtete er einmal an seine Mutter die Frage: 

Hans: ,,Mama hast du auch einen Wiwimacher?" 

Mama: „Selbstverständlich. Weshalb?" 

Hans: „Ich hab' nur gedacht." 

Im gleichen Alter kommt er einmal in einen Stall und sieht, wie 
eine Kuh gemolken wird. „Schau, aus dem Wiwimacher kommt Müch." 

Schon diese ersten Beobachtungen machen die Erwartung rege, 
daß vieles, wenn nicht das meiste, was uns der kleine Hans zeigt, sich 
als typisch für die Sexualentwicklung des Kindes herausstellen wird. 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 3 

Ich h^be einmal ausgeführt 1 ), daß man nicht zu sehr entsetzt zu sein 
braucht, wenn man bei einem weiblichen Wesen die Vorstellung vom 
Saugen am männlichen Gliede findet. Diese anstößige Regung habe eine 
sehr harmlose Abkunft, da sie sich vom Saugen an der Mutterbrust 
ableitet, wobei das Euter der Kuh, — seiner Natur nach eine Marrfma, 
seiner Gestalt und Lage nach ein Penis — eine passende Vermittlung 
übernimmt* Die Entdeckung des kleinen Hans bestätigt den letzten 
Teil meiner Aufstellung. 

Sein Interesse für den Wiwimacher ist indes kein bloß theoretisches ; 
wie zu vermuten stand, reizt es ihn auch zu Berührungen des Gliedes. 
Im Alter von 3^2 Jahren wird er von der Mutter, die Hand am Penis, 
betroffen. Diese droht: „Wenn du das machst, lass' ich den Dr. A. 
kommen, der schneidet dir den Wiwimacher ab. Womit wirst du dann 
Wiwi machen?" 

Hans: „Mit dem Popo." 

Er antwortet noch ohne Schuldbewußtsein, aber er erwirbt bei 
diesem Anlasse den „Kastrationskomplex", den man in den Analysen 
der Neurotiker so oft erschließen muß, während sie sich sämtlich gegen 
die Anerkennung desselben heftig sträuben. Über die Bedeutung dieses 
Elementes der Kindergeschichte wäre viel Wichtiges zu sagen. Der 
„Kastrationskomplex" hat im Mythus (und zwar nicht nur im griechi- 
schen) auffällige Spuren hinterlassen; ich habe seine Rolle in einer 
Stelle der „Traumdeutung" (p. 385 der zweiten Auflage) und noch ander- 
wärts gestreift. 

Etwa im gleichen Alter (3V 2 Jahre) ruft er in Schönbrunn vor 
dem Löwenkäfige freudig erregt aus: „Ich hab 1 den Wiwimacher vom 
Löwen gesehen." 

Die Tiere verdanken ein gutes Stück der Bedeutung, die sie im 
Mythus und im Märchen haben, der Offenheit, mit der sie dem kleinen, 
wißbegierigen Menschenkinde ihre Genitalien und ihre sexuellen Funk- 
tionen zeigen. Die sexuelle Neugierde unseres Hans leidet wohl keinen 
Zweifel, aber sie macht ihn auch zum Forscher, gestattet ihm richtige 
begriffliche Erkenntnisse. 

Er sieht auf dem Bahnhofe, 3 3 / 4 Jahre alt, wie aus einer Loko- 
motive Wasser ausgelassen wird. „Schau, die Lokomotive macht 
Wiwi. Wo hat sie denn den Wiwimacher?" 

Nach einer Weile setzt er nachdenklich hinzu: „Ein Hund und 



') Bruchstück einer Hysterieanalyse, 1905. (Wieder abgedruckt in der 
Zweiten Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 1909.) 

1 * 



* Signa. Freud. 

ein Pferd hat einen Wiwimacher; ein Tisch und ein Sessel nicht." 
So hat er ein wesentliches Kennzeichen für die Unterscheidung des 
Lebenden vom Leblosen gewonnen. 

Wißbegierde und sexuelle Neugierde scheinen untrennbar von- 
einander zu sein. Hans' Neugierde erstreckt sich ganz besonders auf 
die Eltern. 

Hans, 3 3 / 4 Jahre: „Papa, hast du auch einen Wiwimacher?" 

Vater: „Ja, natürlich." 

Hans: „Aber ich hab* ihn nie gesehen, wenn du dich ausgezogen 
hast." 

Ein andermal sieht er gespannt zu, wie sich die Mama vor dem 
Schlafengehen entkleidet. Diese fragt: „Was schaust du denn so?" 

Hans: „Ich schau' nur, ob du auch einen Wiwimacher hast?" 

Mama: „Natürlich. Hast du denn das nicht gewußt?" 

Hans: „Nein, ich hab' gedacht, weil du so groß bist, hast du 
einen Wiwimacher wie ein Pferd." 

Wir wollen uns diese Erwartung des kleinen Hans merken; 
sie wird später zu Bedeutung kommen. 

Das große Ereignis in Hansens Leben ist aber die Geburt seiner 
kleinen Schwester Hanna, als er genau 3V 2 Jahre alt war [April 1903 
bis Oktober 1906]. Sein Benehmen bei diesem Anlasse wurde vom 
Vater unmittelbar notiert : „Früh um 5 Uhr, mit dem Beginne der Wehen, 
wird Hans' Bett ins Nebenzimmer gebracht; hier erwacht er um 7 Uhr 
und hört das Stöhnen der Gebärenden, worauf er fragt: „Was hustet 
denn die Mama?" — Nach einer Pause: „Heut' kommt gewiß der 
Storch." 

„Man hat ihm natürlich in den letzten Tagen oft gesagt, der Storch 
wird ein Mäderl oder Buberl bringen, und er verbindet das ungewohnte 
Stöhnen ganz richtig mit der Ankunft des Storches." 

„Später wird er in die Küche gebracht; im Vorzimmer sieht ex 
die Tasche des Arztes und fragt: „Was ist das?", worauf man ihm 
sagt: „Eine Tasche." Er dann überzeugt: „Heut' kommt der Storch." 
Nach der Entbindung kommt die Hebamme in die Küche und Hans 
hört, wie sie anordnet, man möge einen Tee kochen, worauf er sagt: 
„Aha, weil die Mammi hustet, bekommt sie einen Tee." Er wird dann 
ins Zimmer gerufen, schaut aber nicht auf die Mama, sondern auf 
die Gefäße mit blutigem Wasser, die noch im Zimmer stehen, und 
bemerkt, auf die blutige Leibschüssel deutend, befremdet: „Aber 
aus meinem Wiwimacher kommt kein Blut." 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 5 

„Alle seine Aussprüche zeigen, daß er das Ungewöhnliche der 
Situation mit der Ankunft des Storches in Zusammenhang bringt. 
Er macht zu allem, was er sieht, eine sehr mißtrauische, gespannte 
Miene, und zweifellos hat sich das erste Mißtrauen gegen 
den Storch bei ihm festgesetzt.*' 

„Hans ist auf den neuen Ankömmling sehr eifersüchtig und sagt, 
wenn irgend wer sie lobt, schön findet usw., sofort höhnisch: „Aber 
sie hat noch keine Zähne". 1 ) Als er sie nämlich zum erstenmal sah, 
war er sehr überrascht, daß sie nicht sprechen kann, und meinte, sie 
könne nicht sprechen, weil sie keine Zähne habe. Er wird in den ersten 
Tagen selbstverständlich sehr zurückgesetzt und erkrankt plötzlich 
an Angina. Im Fieber hört man ihn sagen: „Aber ich will kein Schwe- 
sterl haben!" 

„Nach etwa einem halben Jahre ist die Eifersucht überwunden, 
und er wird ein ebenso zärtlicher wie seiner Überlegenheit bewußter 
Bruder. 2 )" 

„Ein wenig später sieht Hans zu, wie man seine einwöchentliche 
Schwester badet. Er bemerkt: „Aber ihr Wiwimacher ist noch klein," 
und setzt wie tröstend hinzu: „Wenn sie wachst, wird er schon größer 
werden *)." 



*) Wiederum ein typisches Verhalten. Ein anderer, nur um zwei Jahre 
älterer Bruder pflegte unter den gleichen Verhältnissen ärgerlich mit dem Ausrufe: 
„zu k(l)ein, zu k(l)ein," abzuwehren. 

2 ) „Der Storch soll ihn wieder mitnehmen," äußerte ein anderes, älteres, 
Kind zum Willkomm des Brüderchens. Vergleiche hierzu, was ich in der „Traum- 
deutung" über die Träume vom Tcde teuerer Verwandter bemerkt habe, 
(p. 175 ff. 2. Aufl.) 

3 ) Das nämliche Urteil, in den identischen Worten ausgedrückt und von der 
gleichen Erwartung gefolgt, wurde mir von zwei anderen Knaben berichtet, als 
sie den Leib eines kleinen Schwesterchens zuerst neugierig beschauen konnten. 
Man könnte über diese frühzeitige Verderbnis des kindlichen Intellektes erschrecken. 
Warum konstatieren diese jugendlichen Forscher nicht, was sie wirklich sehen, 
nämlich, daß kein Wiwimacher vorhanden ist? Für unseren kleinen Hans können 
wir allerdings die volle Aufklärung seiner fehlerhaften Wahrnehmung geben. Wir 
wissen, er hat sich durch sorgfaltige Induktion den allgemeinen Satz erworben, 
daß jedes belebte Wesen im Gegensatze zum Unbelebten einen Wiwimacher 
besitzt; die Mutter hat ihn in dieser Überzeugung bestärkt, indem sie ihm bejahende 
Auskünfte über solche Personen gab, die sich seiner eigenen Beobachtung entzogen. 
Er ist nun ganz und gar unfähig, seine Errungenschaft wegen der einen Beobachtung 
an der kleinen Schwester wieder aufzugeben. Er urteilt also, der Wiwimacher 



v Sigm, Freud. 

„Im gleichen Alter, zu 3 3 / 4 Jahren, liefert Hans die erste Erzählung 
eines Traumes. „Heute, wie ich geschlafen habe, habe ich geglaubt, 
ich bin in Gmunden mit der Mariedl." 

„Mariedl ist die 13jährige Tochter des Hausherrn, die oft mit 
ihm gespielt hat.* 4 

Wie nun der Vater den Traum der Mutter in seiner Gegenwart 
erzählt, bemerkt Hans richtigstellend: „Nicht mit der Mariedl, ganz 
allein mit der Mariedl." 

Hierzu ist zu bemerken: „Hans war im Sommer 1906 in Gmunden, 
wo er sich den Tag über mit den Hausherrnkindern herumtrieb. Als 
wir von Gmunden abreisten, glaubten wir, daß ihm der Abschied und 
die Übersiedlung in die Stadt schwer fallen würden. Dies war über- 
raschenderweise nicht der Fall. Er freute sich offenbar über die Ab- 
wechslung und erzählte durch mehrere Wochen sehr wenig von 
Gmunden. Erst nach Ablauf von Wochen stiegen öfter lebhaft ge- 
färbte Erinnerungen an die in Gmunden verbrachte Zeit in ihm auf. 
Seit etwa 4 Wochen verarbeitet er diese Erinnerungen zu Phantasien. 
Er phantasiert, daß er mit den Kindern, Berta, Olga und Fritzl, 
spielt, spricht mit ihnen, als ob sie gegenwärtig wären, und ist imstande, 
sich stundenlang so zu unterhalten. Jetzt, wo er eine Schwester be- 
kommen hat und ihn offenbar das Problem des Kinderkriegens be- 
schäftigt, nennt er Berta und Olga nur mehr >,seine Kinder" und fügt 
einmal hinzu: „Auch meine Kinder, Berta und Olga, hat der Storch 
gebracht." Der Traum, jetzt nach 6 monatlicher Abwesenheit von 

iat auch hier vorhanden, er ist nur noch sehr klein, aber er wird wachsen, bis er 
so groß geworden ist wie der eines Pferdes. 

Wir wollen zur Ehrenrettung unseres kleinen Hans ein Weiteres tun. Er 
benimmt sich eigentlich nicht schlechter als ein Philosoph der W u ndtschen Schule. 
Für einen solchen ist das Bewußtsein der nie fehlende Charakter des Seelischen, 
wie für Hans der Wiwimacher das unentbehrliche Kennzeichen alles Lebenden. 
Stößt der Philosoph nun auf seelische Vorgänge, die man erschließen muß, an denen 
aber wirklich nichts von Bewußtsein wahrzunehmen ist — man weiß nämlich nichts 
von ihnen und kann doch nicht umhin, sie zu erschließen — so sagt er nicht etwa, 
dies seien unbewußte seelische Vorgänge, sondern er heißt sie dunkelbewußte. 
Der Wiwimacher ist noch sehr klein! Und bei diesem Vergleiche ist der Vorteil 
noch auf Seiten unseres kleinen Hans. Denn, wie so häufig bei den Sexual* 
forsohungen der Kinder, ist auch hier hinter dem Irrtume ein Stück richtiger 
Erkenntnis verborgen. Das kleine Mädchen besitzt allerdings auch einen kleinen 
Wiwimacher, den wir Klitoris heißen, wenn er auch nicht wächst, sondern ver- 
kümmert bleibt. (Vgl. meine kleine Arbeit „Über infantile Sexualtheorien," 
Sexualprobleme» 1906.) 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 7 

Gmunden, ist offenbar als Ausdruck seiner Sehnsucht, nach Gmunden 
zu fahren, zu verstehen." 

So weit der Vater; ich bemerke vorgreifend, daß Hans mit der 
letzten Äußerung über seine Kinder, die der Storch gebracht haben 
soll, einem in ihm steckenden Zweifel laut widerspricht. 

Der Vater hat zum Glück mancherlei notiert, was später zu 
ungeahntem Werte kommen sollte. „Ich zeichne Hans, der in letzter 
Zeit öfter in Schönbrunn war, eine Giraffe. Er sagt mir: „Zeichne 
doch auch den Wiwimacher." Ich darauf: „Zeichne du ihn selbst dazu/' 
Hierauf fügt er an das Bild der Giraffe folgenden Strich [die Zeichnung 




_- Wiwimacher 



Fig. 1. 

liegt bei], den er zuerst kurz zieht und dem er dann ein Stück hinzufügt, 
indem er bemerkt: „Der Wiwimacher ist länger." 

„Ich gehe mit Hans an einem Pferde vorbei, das uriniert. Er 
sagt: „Das Pferd hat den Wiwimacher unten so wie ich." 

„Er sieht zu, wie man seine 3 monatliche Schwester badet, und 
sagt bedauernd: „Sie hat einen ganz, ganz kleinen Wiwimacher." 

„Er erhält eine Puppe zum Spielen, die er auskleidet. Er schaut 
sie sorgfaltig an und sagt: „Die hat aber einen ganz kleinen Wiwi- 
macher." 

Wir wissen bereits, daß es ihm mit dieser Formel möglich gemacht 
ist, seine Entdeckung [vgl. p. 4] aufrechtzuhalteru 

Jeder Forscher ist in Gefahr, gelegentlich dem Irrtume zu ver- 
fallen. Ein Trost bleibt es, wenn er, wie unser Hans im nächsten 
Beispiele, nicht allein irrt, sondern sich zur Entschuldigung auf den 
Sprachgebrauch berufen kann. Er sieht nämlich in seinem Bilder- 
buche einen Affen und zeigt auf dessen aufwärts geringelten Schwanz : 
„Schau, Vatti, der Wiwimacher." 



8 Sigm. Freud- 

in seinem Interesse für den Wiwimacher hat er sich ein ganz 
besonderes Spiel ausgedacht. „Im Vorzimmer ist der Abort und eine 
dunkle Holzkammer. Seit einiger Zeit geht Hans in die Holzkammer 
und sagt: „Ich geh' in mein Kloset." Einmal schaue ich hinein, um 
zu sehen, was er in der dunklen Kammer macht. Er exhibiert und 
sagt: „Ich mache Wiwi" Das heißt also: er „spielt" Kloset. Der 
Spielcharakter erhellt nicht nur daraus, daß er das Wiwimachen bloß 
fingiert und nicht etwa wirklich ausführt, sondern auch daraus, daß 
er nicht ins Kloset geht, was eigentlich viel einfacher wäre, vielmehr 
die Holzkammer vorzieht, die er „sein Kloset" heißt." 

Wir würden Hans unrecht tun, wenn wir nur die autoerotischen 
Züge seines Sexuallebens verfolgten. Sein Vater hat uns ausführliche 
Beobachtungen über seine Liebesbeziehungen zu anderen Kindern 
mitzuteilen, aus denen sich eine „Objektwahl" wie beim Erwachsenen 
ergibt. Freilich auch eine ganz bemerkenswerte Beweglichkeit und 
polygamische Veranlagung. 

„Im Winter (3 3 / 4 Jahre) nehme ich Hans auf den Eislaufplatz 
mit und mache ihn mit den beiden, ungefähr 10 Jahre alten Töchterchen 
meines Kollegen N. bekannt. Hans setzt sich neben sie, die im Gefühle 
ihres reifen Alters ziemlich verächtlich auf den Knirps herabblickeh, 
und schaut sie verehrungsvoll an, was ihnen keinen großen Eindruck 
macht. Hans spricht trotzdem von ihnen nur als „meine Mäderln." 
„Wo sind denn meine Mäderln? Wann kommen denn meine Mäderln?" 
und quält mich zu Hause einige Wochen lang mit der Frage: „Wann 
geh* ich wieder auf den Eisplatz zu meinen Mäderln?" 

„Ein 5jähriger Cousin von Hans ist bei dem nun 4jährigen zu 
Besuch. Hans umarmt ihn fortwährend und sagt einmal bei einer 
solchen zärtlichen Umarmung: „Ich hab 1 dich aber heb." 

Es ist dies der erste, aber nicht der letzte Zug vonHomosexualität, 
dem wir bei Hans begegnen werden. Unser kleiner Hans scheint wirklich 
ein Ausbund aller Schlechtigkeiten zu sein! 

„Wir sind in eine neue Wohnung eingezogen. (Hans ist 4 Jahre 
alt.) Von der Küche führt die Tür auf einen Klopfbalkon, von wo 
aus man in eine vis-ä-vis gelegene Hofwohnung sieht. Hier hat Hans 
ein etwa 7 — 8jähriges Mäderl entdeckt. Er setzt sich nun, um sie zu 
bewundern, auf die Stufe, die zum Klopfbalkon führt, und bleibt 
dort stundenlang sitzen. Speziell um 4 Uhr p. m., wenn das Mäderl 
aus der Schule kommt, ist er nicht im Zimmer zu halten und 
läßt sich nicht abbringen, seinen Beobachtungsposten zu beziehen. 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 9 

Einmal, als das Mäderl sich nicht zur gewohnten Stunde beim Fenster 
zeigt, wird Hans ganz unruhig und belästigt die Hausleute mit Fragen : 
„Wann kommt das Mäderl? Wo ist das Mäderl?" usw. Wenn sie dann 
erscheint, ist er ganz selig und wendet den Blick von der Wohnung 
gegenüber nicht mehr ab. Die Heftigkeit, mit der diese „Liebe per 
Distanz" 1 ) auftrat, findet ihre Erklärung darin, daß Hans keinen 
Kameraden und keine Gespielin hat. Zur normalen Entwicklung des 
Kindes gehört offenbar reichlicher Verkehr mit anderen Kindern." 
„Dieser wird dann Hans zuteil, als wir kurz darauf (i l / A Jahre) 
zum Sommeraufenthalte nach Gmunden übersiedeln. In unserem 
Hause sind seine Spielgefährten die Kinder des Hausherrn: Franzi 
(etwa 12 Jahre), Fritzl (8 Jahre), Olga (7 Jahre), Berta (5 Jahre) und 
überdies die Nachbarländer: Anna (10 Jahre) und noch zwei Mäderl 
im Alter von 9 und 7 Jahren, deren Namen ich nicht mehr weiß. Sein 
Liebling ist Fritzl, den er oft umarmt und seiner Liebe versichert. 
Er wird einmal gefragt: „Welches von den Mäderln hast du denn am 
liebsten?" Er antwortet: „Den Fritzl." Gleichzeitig ist er gegen die 
Mädchen sehr aggressiv, männlich, erobernd, umarmt sie und küßt 
sie ab, was sich namentlich Berta ganz gerne gefallen läßt. Als Berta 
eines Abends aus dem Zimmer kommt, umhalst er sie und sagt im 
zärtlichsten Tone: „Berta, du bist aber lieb," was ihn übrigens nicht 
hindert, auch die anderen zu küssen und seiner Liebe zu versichern. 
Auch die etwa li Jahre alte Mariedl, ebenfalls eine Tochter des Haus- 
herrn, die mit ihm spielt, hat er gerne und sagt eines Abends, als er 
zu Bette gebracht wird: „Die Mariedl soll bei mir schlafen." Auf die 
Antwort: „Das geht nicht," sagt er: „So soll sie bei der Mammi oder 
dem Vatti schlafen." Man erwidert ihm: „Auch das geht nicht, die 
Mariedl muß bei ihren Eltern schlafen," und nun entwickelt sich fol- 
gender Dialog: 

Hans: „So geh' ich halt hinunter zur Mariedl schlafen." \i{ 
Mama: „Du willst wirklich von der Mammi weggehen, um unten 
su schlafen?" 

Hans: „No, früh komm' ich doch wieder herauf zum Kaffee- 
trinken und Aufdieseitegehen." 

Mama: „Wenn du wirklich von Vatti und Mammi gehen willst, 
so nimm dir deinen Bock und deine Hose und — adieu!" 

1 ) W. Bosch: Und die liebe per Distanz 

Kurzgesagt, mißfällt mir ganz. 



10 Signa* Freud. 

„Hans nimmt wirklich seine Kleider und geht zur Treppe, um 
zur Mariedl schlafen zu gehen, wird natürlich zurückgeholt." 

„[Hinter demWunsche: „Die Mariedl soll bei uns schlafen," steckt 
natürlich der andere: Die Mariedl, mit der er so gerne beisammen 
ist, soll in unsere Hausgemeinschaft aufgenommen werden. Zweifellos 
sind aber dadurch, daß Vater und Mutter Hans, wenn auch nicht 
allzuhäufig, in ihr Bett nahmen, bei diesem Beieinanderliegen erotische 
Gefühle in ihm erweckt worden, und der Wunsch, bei der Mariedl zu 
schlafen, hat auch seinen erotischen Sinn. Bei Vater oder Mutter im 
Bette liegen, ist für Hans wie für alle Kinder eine Quelle erotischer 
Regungen. ]« 

Unser kleiner Hans hat sich bei der Herausforderung der Mutter 
benommen wie ein rechter Mann, trotz seiner homosexuellen An- 
wandlungen. 

„Auch in dem folgenden Falle sagte Hans zur Mammi: „Du, ich 
möcht einmal so gerne mit dem Mäderl schlafen." Dieser Fall gibt uns 
reichlich Gelegenheit zur Unterhaltung, denn Hans benimmt sich hier 
wirklich wie ein Großer, der verliebt ist. In das Gasthaus, wo wir zu Mittag 
essen, kommt seit einigen Tagen ein etwa 8 jähriges hübsches Mädchen, 
in das sich Hans natürlich sofort verliebt. Er dreht sich auf seinem 
Sessel fortwährend um, um nach ihr zu schielen, stellt sich, nachdem 
er gegessen hat, in ihrer Nähe auf, um mit ihr zu kokettieren, wird 
aber feuerrot, wenn man ihn dabei beobachtet. Wird sein Blick von 
dem Mäderl erwidert, so schaut er sofort verschämt auf die entgegen- 
gesetzte Seite. Sein Benehmen ist natürlich ein großes Gaudium für 
alle Gasthausgäste. Jeden Tag, wenn er ins Gasthaus geführt wird, 
fragt er: „Glaubst du, wird das Mäderl heute dort sein?" Wenn sie 
endlich kommt, wird er ganz rot wie ein Erwachsener im gleichen 
Falle. Einmal kommt er glückselig zu mir und flüstert mir ins Ohr: 
„Du, ich weiß schon, wo das Mäderl wohnt. Dort und dort habe ich 
gesehen, wie sie die Stiege hinaufgegangen ist." Während er sich gegen 
die Mäderl im Hause aggressiv benimmt, ist er hier ein platonisch 
schmachtender Verehrer. Dies hängt vielleicht damit zusammen, daß 
die Mäderl im Hause Dorfkinder sind, diese aber eine kultivierte Dame. 
Daß er einmal sagt, er möchte mit ihr schlafen, ist schon erwähnt 
worden." 

,,Da ich Hans nicht in der bisherigen seelischen Spannung lassen 
will, in die ihn seine Liebe zu dem Mäderl versetzt hat, habe ich seine 
Bekanntschaft mit ihr vermittelt, und das Mäderl eingeladen, nach- 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 11 

mittags zu ihm in den Garten zu kommen, wenn er seinen Nachmittags- 
schlaf absolviert hat. Hans ist durch die Erwartung, daß das Mäderl 
zu ihm kommen wird, so aufgeregt, daß er zum erstenmal am Nach- 
mittage nicht schläft, sondern sich unruhig im Bette hin und her- 
wälzt. Die Mama fragt ihn: „Warum schläfst du denn nicht? Denkst 
du vielleicht an das Mäderl?", worauf er beglückt „ja" sagt. Er hat 
auch, als er aus dem Gasthofe nach Hause kam, allen Leuten im Hause 
erzählt: „Du, heute kommt mein Mäderl zu mir," und die 14jährige 
Mariedl berichtet, daß er sie fortwährend gefragt hat: „Du, glaubst 
du, daß sie mit mir lieb sein wird? Glaubst du, daß sie mir einen Kuß 
geben wird, wenn ich sie küß?" udgl." 

„Nachmittags regnete es aber und so unterblieb der Besuch, 
worauf sich Hans mit Berta und Olga tröstete." 

Weitere Beobachtungen noch aus der Zeit des Sommeraufent- 
haltes lassen vermuten, daß sich bei dem Kleinen allerlei Neues vor- 
bereitet. 

„Hans, 4 1 /« Jahre. Heute früh wird Hans von seiner Mama wie 
täglich gebadet und nach dem Bade abgetrocknet und eingepudert. 
Wie die Mama bei seinem Penis, und zwar vorsichtig, um ihn nicht 
zu berühren, pudert, sagt Hans: „Warum gibst du denn nicht den 
Finger hin?" 

Mama: „Weil das eine Schweinerei ist." 

Hans: „Was ist das? Eine Schweinerei? Warum denn?" 

Mama: „Weil es unanständig ist." 

Hans (lachend): „Aber lustig 1 )!" 

Ein etwa gleichzeitiger Traum unseres Hans kontrastiert recht 
auffällig mit der Dreistigkeit, die er gegen die Mutter gezeigt hat. 
Es ist der erste durch Entstellung unkenntliche Traum des Kindes. 
Dem Scharfsinne des Vaters ist es aber gelungen, ihm die Lösung 
abzugewinnen. 

„Hans, 4 1 /, Jahre. Traum. Heute früh kommt Hans auf und 
erzählt: „Du, heute nachts habe ich gedacht: Einer sagt: Wer will 

*) Einen ähnlichen Verf ührungsversueh berichtete mir eine selbst neurotische 
Mutter, die an die infantile Masturbation nicht glauben wollte, von ihrem 3 1 /, Jahre 
alten Töchterchen. Sie hatte der Kleinen Unterhöschen anfertigen lassen und 
probierte nun, ob sie nicht im Schritt zu eng seien, indem sie mit ihrer Hand an 
der Innenfläche des Oberschenkels nach aufwärts strich. Die Kleine schloß plötzlich 
die Beine über die Hand zusammen und bat: „Mama, laß die Hand doch da. Das 
tut so gut." 



12 Sigm. Freud. 

zu mir kommen? Dann sagt jemand: Ich. Dann muß er 
ihn Wiwi machen lassen." 

„Weitete Fragen stellten klar, daß diesem Traume alles Visuelle 
fehlt, daß er dem reinen Type auditif angehört. Hans spielt seit einigen 
Tagen mit den Kindern des Hausherrn, darunter seine Freundin 
Berta (7 Jahre) und Olga (5 Jahre), Gesellschaftsspiele, auch Pfänder- 
auslösen. (A.: Wem gehört das Pfand in meiner Hand? B.: Mir. Dann 
wird bestimmt, was B. zu tun hat.) Diesem Pfänderspiele ist der 
Traum nachgebildet, nur wünscht Hans, daß derjenige, der das Pfand 
gezogen hat, nicht zu den usuellen Küssen oder Ohrfeigen verurteilt 
werde, sondern zum Wiwimachen, oder genauer: jemand muß ihn 
Wiwimachen lassen." 

„Ich lasse mir den Traum noch einmal erzählen; er erzählt ihn 
mit denselben Worsen, nur ersetzt er anstatt: „dann sagt jemand" — 
„dann sagt sie". Diese „sie" ist offenbar Berta oder Olga, mit denen 
er gespielt hat. Der Traum lautet also übersetzt: Ich spiele mit den 
Mäderln Pf änderauslösen. Ich frage: Wer will zu mir kommen? Sie 
(Berta oder Olga) antwortet: Ich. Dann muß sie mich Wiwi machen 
lassen. [Beim Urinieren behilflich sein, was j Hans offenbar an- 
genehm ist."] 

„Es ist klar, daß das Wiwimachenlassen, wobei dem Kinde die 
Hose geöffnet und der Penis herausgenommen wird, für Hans lust- 
betont ist. Auf Spaziergängen ist es ja zumeist der Vater, der dem 
Kinde diese Hilfe leistet, was Anlaß zur Fixierung homosexueller Neigung 
auf den Vater gibt." 

„Zwei Tage vorher hat er, wie berichtet, die Mama beim Waschen 
und Einpudern der Genitalgegend gefragt: „Warum gibst du nicht 
den Finger hin?" Gestern, als ich Hans auf die Seite gehen ließ, sagte 
er mir zum erstenmal, ich solle ihn hinters Haus führen, damit nie- 
mand zuschauen könne, und fügte hinzu: „Voriges Jahr, wie ich 
Wiwi gemacht habe, haben mir die Berta und die Olga zugesehen." 
Ich meine, das heißt, voriges Jahr war ihm dieses Zuschauen der 
Mädchen angenehm, jetzt aber nicht mehr. Die Exhibitionslust unter- 
liegt jetzt der Verdrängung. Daß der Wunsch, Berta und Olga mögen 
ihm beim Wiwimachen zuschauen [oder ihn Wiwi machen lassen] 
jetzt im Leben verdrängt wird, ist die Erklärung für dessen Auf- 
treten im Traume, in dem er sich die hübsche Einkleidung durch das 
Pfänderspiel geschaffen hat. — Ich beobachtete seither wiederholt, 
daß er beim Wiwimachen nicht gesehen werden will." 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 13 

Ich bemerke hierzu nur, daß auch dieser Traum sich der Regel 
fügt, die ich in der „Traumdeutung" [p. 255, 2. Aufl.] gegeben habe: 
Reden, die im Traume vorkommen, stammen von gehörten oder 
selbst gehaltenen Reden der nächstvorigen Tage ab. 

Aus der Zeit bald nach der Rückkehr nach Wien hat der Vater 
noch eine Beobachtung fixiert: „Hans (4r x / a Jahre) sieht wieder zu, 
wie seine kleine Schwester gebadet wird, und fängt an zu lachen. Man 
fragt ihn: „Warum lachst du?" 

Hans: „Ich lache über den Wiwimacher der Hanna." — 
„Warum?" — „Weil der Wiwimacher so schön ist." 
„Die Antwort ist natürlich eine falsche. Der Wiwimacher kam 
ihm eben komisch vor. Es ist übrigens das erstemal, daß er den Unter- 
schied zwischen männlichem und weiblichem Genitale in solcher Weise 
anerkennt, anstatt ihn zu verleugnen." 



II. Krankengeschichte nnd Analyse. 

„Geehrter Herr Professor! Ich sende Ihnen wieder ein Stückchen 
Hans, diesmal leider Beiträge zu einer Krankengeschichte. Wie Sie 
darauslesen, hat sich bei ihm in den letzten Tagen eine nervöse Störung 
entwickelt, die mich und meine Frau sehr beunruhigt, weil wir kein 
Mittel zu ihrer Beseitigung finden konnten. Ich erbitte mir die Er- 
laubnis, Sie morgen zu besuchen, habe Ihnen aber .... das 

verfügbare Material schriftlich aufgezeichnet." 

„Sexuelle Ubereregung durch Zärtlichkeit der Mutter hat wohl 
den Grund gelegt, aber den Erreger der Störung weiß ich nicht an- 
zugeben. Die Furcht, daß ihn auf der Gasse ein Pferd beißen 
werde, scheint irgendwie damit zusammenzuhängen, daß er durch 
einen großen Penis geschreckt ist — den großen Penis des Pferdes 
hat er, wie Sie aus einer früheren Aufzeichnung wissen, schon zeitig 
bemerkt, und er hat damals den Schluß gezogen, daß die Mama, weil 
sie so groß ist, einen Wiwimacher haben müsse wie ein Pferd." 

„Brauchbares weiß ich damit nicht anzufangen. Hat er irgendwo 
einen Exhibitionisten gesehen? Oder knüpft das Ganze nur an die 
Mutter an? Es ist uns nicht angenehm, daß er schon jetzt anfängt 
Rätsel aufzugeben. Abgesehen von der Furcht, auf die Gasse zu gehen, 
und der abendlichen Verstimmung ist er übrigens ganz der alte, lustig, 
heiter.'* 



14 Sigm. Freud. 

Wir wollen uns weder die begreiflichen Sorgen noch die ersten 
Erklärungsversuche des Vaters zu eigen machen, sondern zunächst 
uns das mitgeteilte Material beschauen. Es ist gar nicht unsere Auf- 
gabe, einen Krankheitsfall gleich zu „verstehen"; dies kann erst spater 
gelingen, wenn wir uns genug Eindrücke von ihm geholt haben. Vor- 
läufig lassen wir unser Urteil in Schwebe und nehmen alles zu Be- 
obachtende mit gleicher Aufmerksamkeit hin. 

Die ersten Mitteilungen aber, die aus den ersten Jännertagen 
dieses Jahres, 1908, stammen, lauten: 

„Hans (4 3 / 4 Jahre) kommt morgens weinend auf und sagt der 
Mama auf die Frage, warum er weine: „Wie ich geschlafen häb\ hab' 
ich gedacht, du bist fort und ich hab' keine Mammi zum Schmeicheln 
(= liebkosen)." 

„Also ein Angsttraum," 

„EtwasÄhnliches habe ich schon im Sommer in Gmunden bemerkt. 
Er wurde abends im Bette meist sehr weich gestimmt und machte 
einmal die Bemerkung (ungefähr): wenn ich aber keine Mammi hab", 
wenn du fortgehst, oder ähnlich; ich habe den Wortlaut nicht in Er- 
innerung. Wenn er in einer solchen elegischen Stimmung war, wurde 
er leider immer von der Mama ins Bett genommen." 

„Etwa am 5. Jänner kam er früh zur Mama ins Bett und sagte 
bei diesem Anlasse: „Weißt du, was Tante M. gesagt hat: „Er hat 
aber ein liebes Pischl *)." [Tante M. hatte vor 1 Wochen bei uns gewohnt; 
sie sah einmal zu, wie meine Frau den Knaben badete, und sagte Obiges 
tatsächlich leise zu meiner Frau. Hans hat es gehört und suchte es 
zu verwerten.]" 

„Am 7. Jänner geht er mit dem Eindermädchen wie gewöhnlich 
in den Stadtpark, fängt auf der Straße an zu weinen und verlangt, 
daß man mit ihm nach Hause gehe, er wolle mit der Mammi „schmei- 
cheln". Zu Hause befragt, weshalb er nicht weiter gehen wollte und 
geweint hat, will er es nicht sagen. Bis zum Abend ist er heiter wie 
gewöhnlich; abends bekommt er sichtlich Angst, weint und ist von 
der Mama nicht fortzubringen; er will wieder schmeicheln. Dann wird 
er wieder heiter und schläft gut.' ; 

„Am 8. Jänner will die Frau selbst mit ihm spazieren gehen, 



1 ) Pischl = Genitale. Liebkosungen der Kindergenitalien in Worten oder auoh 
Tätlichkeiten von Seiten zärtlicher Verwandter, mitunter auch der Eltern selbst, 
gehören zu den gewöhnlichsten Vorkommnissen, von denen die Psychoanalysen 
▼oll sind. 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 15 

um zu sehen, was mit ihm los ist, und zwar nach Schönbrunn, wohin er 
sehr gerne geht. Er fängt wieder an zu weinen, will nicht weggehen, 
fürchtet sich. Schließlich geht er doch, hat aber auf der Straße sichtlich 
Angst. Auf der Rückfahrt von Schönbrunn sagt er nach vielem Sträuben 
zur Mutter: Ich hab' mich gefürchtet, daß mich ein Pferd beißen 
wird. (Tatsächlich wurde er in Schönbrunn unruhig, als er ein Pferd 
sah.) Abends soll er wieder einen ähnlichen Anfall bekommen haben 
wie tags vorher, mit Verlangen zu schmeicheln. Man beruhigt ihn. Er 
sagt weinend: „Ich weiß, ich werde morgen wieder spazieren gehen 
müssen," und später: „Das Pferd wird ins Zimmer kommen." 

„Am selben Tage fragt ihn die Mama: „Gibst du vielleicht die 
Hand zum Wiwimacher?" Darauf sagt er: „Ja, jeden Abend, wenn 
ich im Bette bin." Am nächsten Tage, 9. Jänner, wird er vor dem Nach- 
mittagsschlaf gewarnt, die Hand zum Wiwimacher zu geben. Nach dem 
Aufwachen befragt, sagt er, er hat sie doch für kurze Zeit hingegeben," 
Dies wäre also der Anfang der Angst wie der Phobie. Wir merken 
ja, daß wir guten Grund haben, die beiden voneinander zu sondern. 
Das Material erscheint uns übrigens zur Orientierung vollkommen 
ausreichend und kein anderer Zeitpunkt ist dem Verständnisse so günstig 
wie ein solches, leider meist vernachlässigtes oder verschwiegenes 
Anfangsstadium. Die Störung setzt mit ängstlich-zärtlichen Gedanken 
und dann mit einem Angsttraume ein. Inhalt des letzteren: Die Mutter 
zu verlieren, so daß er mit ihr nicht schmeicheln kann. Die Zärtlichkeit 
für die Mutter muß sich also enorm gesteigert haben. Dies das Grund- 
phänomen des Zustandes. Erinnern wir uns noch zur Bestätigung der 
beiden Verführungsversuche, die er gegen die Mutter unternimmt, von 
denen der erste noch in den Sommer fällt, der zweite, knapp vor dem 
Ausbruche der Straßenangst, einfach eine Empfehlung seines Genitales 
enthält. Diese gesteigerte Zärtlichkeit für die Mutter ist es, die in Angst 
umschlägt, die, wie wir sagen, der Verdrängung unterliegt. Wir wissen 
noch nicht, woher der Anstoß zur Verdrängung stammt; vielleicht 
erfolgt sie bloß aus der für das Kind nicht zu bewältigenden Intensität 
der Regung, vielleicht wirken andere Mächte, die wir noch nicht erkennen, 
dabei mit. Wir werden es weiterhin erfahren. Diese, verdrängter ero- 
tischer Sehnsucht entsprechende Angst ist zunächst wie jede Kinder- 
angst objektlos, Angst noch und nicht Furcht. Das Kind kann nicht 
wissen, wovor es sich fürchtet, und wenn Hans auf dem ersten Spazier- 
gange mit dem Mädchen nicht sagen will, wovor er sich fürchtet, so weiß 
er es eben noch nicht. Er sagt, was er weiß, daß ihm die Mama auf der 
2 



!6 Signi-fteud. 

Straße fehlt, mit der er schmeicheln kann, und daß er nicht von der 
Mama weg will. Er verrät da in aller Aufrichtigkeit den ersten Sinn 
seiner Abneigung gegen die Straße. 

Auch seine an zwei Abenden hintereinander vor dem Schlafen- 
gehen wiederholten ängstlichen und noch deutlich zärtlich getonten 
Zustände beweisen, daß zu Beginn der Erkrankung eine Phobie vor der 
Straße oder dem Spaziergange oder gar vor den Pferden noch gar nicht 
vorhanden ist. Der abendliche Zustand würde dum unerklärlich; wer 
denkt vor dem Zubettgehen an Straße und Spaziergang? Hingegen ist 
es vollkommen durchsichtig, daß er abends so ängstlich wird, wenn 
ihn vor dem Zubettgehen die Libido, deren Objekt die Mutter ist, 
und deren Ziel etwa sein könnte, bei der Mutter zu schlafen, verstärkt 
überfallt. Er hat doch die Erfahrung gemacht, daß die Mutter sich durch 
solche Stimmungen in Gmunden bewegen ließ, ihn in ihr Bett zu 
nehmen, und er möchte dasselbe hier in Wien erreichen. Nebenbei 
vergessen wir nicht daran, daß er in Gmunden zeitweise mit der Mutter 
allein war, da der Vater nicht die ganzen Ferien dort verbringen konnte ; 
ferner daß sich dort seine Zärtlichkeit auf eine Reihe von Gespielen, 
Freunde und Freundinnen, verteilt hatte, die ihm hier abgingen, so daß 
die Libido wieder ungeteilt zur Mutter zurückkehren konnte. 

Die Angst entspricht also verdrängter Sehnsucht, aber sie ist 
nicht dasselbe wie die Sehnsucht; die Verdrängung steht auch für 
etwas. Die Sehnsucht läßt sich voll in Befriedigung verwandeln, wenn 
man ihr das ersehnte Objekt zuführt; bei der Angst nützt diese Therapie 
nichts mehr, sie bleibt, auch wenn die Sehnsucht befriedigt sein könnte, 
sie ist nicht mehr voll in Libido zurückzu verwandeln; die Iibidonrird 
durch irgend etwas in der Verdrängung zurückgehalten 1 ). Dies zeigt 
sich bei Hans auf dem nächsten Spaziergange, den die Mutter mit ihm 
macht. Er ist jetzt mit der Mutter und hat doch Angst, d. h. ungestillte 
Sehnsucht nach ihr. Freilich, die Angst ist geringer, er läßt sich ja doch 
zum Spaziergange bewegen, während er das Dienstmädchen zum 
Umkehren gezwungen hat; auch ist die Straße nicht der richtige Ort 
fürs „Schmeicheln", oder was der kleine Verliebte sonst möchte. Aber 
die Angst hat die Probe bestanden und muß jetzt ein Objekt finden. 
Auf diesem Spaziergange äußert er zuerst die Furcht, daß ihn ein Pferd 
beißen werde. Woher das Material dieser Phobie stammt! Wahrscheinlich 



l ) Ehrlich gesagt, wir heißen eben eine ängstUch-aehnsüchtige Empfindung 
von dem Momente an eine pathologische Angst, wenn sie nicht mehr durch die 
Zuführung des ersehnten Objektes aufeuheben ist. 



Analyse der Phobie eine« 5jährigen Knaben. 17 

aus jenen noch unbekannten Komplexen, die zur Verdrängung beige* 
tragen haben und die Libido zur Mutter im verdrängten Zustande er- 
halten. Das ist noch das Rätsel des Falles, dessen weitere Entwicklung 
wir nun verfolgen müssen, um die Lösung zu finden. Gewisse Anhalts- 
punkte, die wahrscheinlich verläßlich sind, hat uns der Vater schon 
gegeben, daß er die Pferde wegen ihrer großen Wiwimacher immer mit 
Interesse beobachtet, daß er angenommen, die Mama müsse einen Wiwi- 
macher haben wie ein Pferd u. dgl. So konnte man meinen, das Pferd 
sei nur ein Ersatz für die Mama. Aber was soll es heißen, daß Hans am 
Abende die Furcht äußert, das Pferd werde ins Zimmer kommen? Eine 
dumme Angstidee eines kleinen Kindes, wird man sagen. Aber die 
Neurose sagt nichts Dummes, sowenig wie der Traum. Wir schimpfen 
immer dann, wenn wir nichts verstehen. Das heißt, sich die Aufgabe 
leicht machen. 

Vor dieser Versuchung müssen wir uns noch in einem andern 
Punkte hüten. Hans hat gestanden, daß er sich jede Nacht vor dem 
Einschlafen zu Lustzwecken mit seinem Penis beschäftigt. Nun, wird 
der Praktiker gerne sagen, nun ist alles klar. Das Kind masturbiert, 
daher also die Angst. Gemach! Daß das Kind sich masturbatorische 
Lustgefühle erzeugt, erklärt uns seine Angst keineswegs, macht sie 
vielmehr erst recht rätselhaft. Angstzustände werden nicht durch 
Masturbation, überhaupt nicht durch Befriedigung hervorgerufen. 
Nebenbei dürfen wir annehmen, daß unser Hans, der jetzt 4 3 / 4 Jahre 
alt ist, sich dieses Vergnügen gewiß schon seit einem Jahre [vgl. p. 113] 
allabendlich gönnt, und werden erfahren, daß er sich gerade jetzt im 
Abgewöhnungskampfe befindet, was zur Verdrängung und Angst- 
bildung besser paßt. 

Auch für die gute und gewiß sehr besorgte Mutter müssen wir 
Partei nehmen. Der Vater beschuldigt sie, nicht ohne einen Schein von 
Recht, daß sie durch übergroße Zärtlichkeit und allzu häufige Bereit- 
willigkeit, das Kind ins Bett zu nehmen, den Ausbruch der Neurose 
herbeigeführt; wir könnten ihr ebensowohl den Vorwurf machen, daß 
sie durch ihre energische Abweisung seiner Werbungen [„das ist eine 
Schweinerei"] den Eintritt der Verdrängung beschleunigt habe. Aber 
sie spielt eine Schicksalsrolle und hat einen schweren Stand. 

Ich verabrede mit dem Vater, daß er dem Knaben sagen solle, 
das mit den Pferden sei eine Dummheit, weiter nichts. Die Wahrheit 
sei, daß er die Mama so gerne habe und von ihr ins Bett genommen 
werden wolle. Weil ihn der Wiwimacher der Pferde so sehr interessiert 

Jahrbuch für psyohoanalyt, u. psycho pathol. Forschungen. I. 2 



18 Sigm. Freud. 

habe, darum fürchte er sich jetzt vor den Pferden. Er habe gemerkt, es sei 
unrecht, sich mit dem Wiwimacher, auch mit dem eigenen, so intensiv 
zu beschäftigen, und das sei eine ganz richtige Einsicht. Ferner schlug 
ich dem Vater vor, den Weg der sexuellen Aufklärung zu betreten. 
Da wir nach der Vorgeschichte des Kleinen annehmen durften, seine 
Libido hafte am Wunsche, den Wiwimacher der Mama zu sehen, so solle 
er ihm dieses Ziel durch die Mitteilung entziehen, daß die Mama und alle 
anderen weiblichen Wesen, wie er ja von der Hanna wissen könne — 
einen Wiwimacher überhaupt nicht besitzen. Letztere Aufklärung sei 
bei passender Gelegenheit, im Anschlüsse an irgend eine Frage oder 
Äußerung von Hans zu erteilen. 



Die nächsten Nachrichten über unsere Hans umfassen die Zeit 
vom 1. bis zum 17. März. Die monatlange Pause wird bald ihre Erklärung 
finden. 

„Der Aufklarung 1 ) folgt eine ruhigere Zeit, in der Hans ohne 
besondere Schwierigkeit zu bewegen ist, täglich in den Stadtpark 
spazieren zu gehen. Seine Furcht vor Pferden verwandelt sich mehr 
in den Zwang, auf Pferde hinzusehen. Er sagt: „Ich muß auf die Pferde 
sehen und dann fürchte ich mich." 

„Nach einer Influenza, die ihn für zwei Wochen ans Bett fesselt, 
verstärkt sich die Phobie wieder so sehr, daß er nicht zu bewegen ist 
auszugehen; höchstens geht er auf den Balkon. Sonntags fährt er jede 
Woche mit mir nach Lainz 2 ), weil an diesem Tage wenig Wagen auf der 
Straße zu sehen sind, und er zur Bahnstation nur einen kurzen Weg 
hat. In Lainz weigert er sich einmal aus dem Garten heraus spazieren 
zu gehen, weil ein Wagen vor dem Garten steht. Nach einer weiteren 
Woche, die er zu Hause bleiben muß, weil ihm die Mandeln geschnitten 
wurden, verstärkt sich die Phobie wieder sehr. Er geht zwar auf den 
Balkon, aber nicht spazieren, d. h. er kehrt, wenn er zum Haustore 
kommt, rasch wieder um." 

„Sonntag, den 1. März entwickelt sich auf dem Wege zum Bahnhofe 
folgendes Gespräch: Ich suche ihm wieder zu erklären, daß Pferde 
nicht beißen. Er: „Aber weiße Pferde beißen; in Gmunden ist ein weißes 
Pferd, das beißt. Wenn man die Finger hinhält, beißt es." (Es fällt mir 
auf, daß er sagt: die Finger anstatt: die Hand.) Er erzählt dann folgende 

x ) Was seine Angst bedeute; noch nichts über den Wiwimacher der Frauen. 
2 ) Vorort von Wien, wo die Großeltern wohnen. 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 19 

Geschichte, die ich hier zusammenhängend wiedergebe: „Wie die Lizzi 
hat wegfahren müssen, ist ein Wagen mit einem weißen Pferde vor ihrem 
Haus gestanden, das das Gepäck auf die Bahn bringen sollte. [Lizzi ist, 
wie er mir erzählt, ein Mäderl, das in einem Nachbarhause wohnte.] 
Ihr Vater ist nahe beim Pferde gestanden und das Pferd hat den Hopf 
hingewendet (um ihn zu berühren), und er hat zur Lizzi gesagt: Gib 
nicht die Finger zum weißen Pferd, sonst beißt es dich". Ich 
sage drauf : „Du, mir scheint, das ist kein Pferd, was du meinst, sondern 
ein Wiwimacher, zu dem man nicht die Hand geben soll." 
Er: „Aber ein Wiwimacher beißt doch nicht." 
Ich: „Vielleicht doch," worauf er mir lebhaft beweisen will, daß 
es wirklich ein weißes Pferd war 1 )." 

„Am 2. März sage ich ihm, wie er sich wieder fürchtet: „Weißt du 
was? Die Dummheit" — so nennt er seine Phobie — „wird schwächer 
werden, wenn du öfter spazieren gehst. Jetzt ist sie so stark, weil du 
nicht aus dem Hause herausgekommen bist, weil du krank wärst." 

Er: „0 nein, sie ist so stark, weil ich immer wieder die Hand zum 
Wiwimacher gebe jede Nacht." 

Arzt und Patient, Vater und Sohn, treffen sich also darin, der 
Onanieabgewöhnung die Hauptrolle in der Pathogenese des gegen- 
wärtigen Zustandes zuzuschieben. Es fehlt aber auch nicht an Anzeichen 
für die Bedeutung anderer Momente. 

„Am 3. März ist bei uns ein neues Mädchen eingetreten, das sein 
besonderes Wohlgefallen erregt. Da sie ihn beim Zimmerreinigen auf- 
sitzen läßt, nennt er sie nur „mein Pferd" und hält sie immer am Rock, 
„Hüoh" rufend. Am 10. März etwa sagt er zu diesem Kindermädchen: 
,,Wenn Sie das oder das tun, müssen Sie sich ganz ausziehen, auch das 
Hemd." [Er meint, zur Strafe, aber es ist leicht, dahinter der Wunsch 
zu erkennen.]" 

Sie: „No, was ist da dran? So werd 5 ich mir denken, ich hab 
kein Geld auf Kleider." 

Er: „Aber das ist doch eine Schande, da sieht man doch den 
Wiwimacher." 

Die alte Neugierde, auf ein neues Objekt geworfen, und wie es 

*) Der Vater hat keinen Grund zu bezweifeln, daß Hans hier eine wirkliche 
Begebenheit erzählt hat. — Die Juckempfindungen an der Eichel, welche die Kinder 
zur Berührung veranlassen, werden übrigens in der Regel so beschrieben: Es b ei ßt 
mich. 

2 * 2 * 



20 Signa. Freud. 

den Zeiten der Verdrängung zukommt, mit einer moralisierenden 
Tendenz verdeckt! 

„Am 13. (März früh sage ich zu Hans : „Weißtdu, wenn du nicht mehr 
die Hand zum Wiwimacher gibst, wird die Dummheit schon schwächer 
werden." 

Hans: „Aber ich geb' die Hand nicht mehr zum Wiwimacher." 

Ich: „Aber du möchtest sie immer gern geben." 

Hans: „Ja, das schon, aber , möchten 6 ist nicht ,tun,' und ,tun' 
ist nicht »möchten". (!!) 

Ich: „Damit du aber nicht möchtest, bekommst du heute einen 
Sack zum Schlafen." 

„Darauf gehen wir vors Haus. Er fürchtet sich zwar, sagt aber, 
durch die Aussicht auf die Erleichterung des Kampfes sichtlich gehoben : 
„No morgen, wenn ich den Sack haben werde, wird die Dummheit weg 
sein." Er fürchtet sich tatsächlich vor Pferden viel weniger und läßt 
Wagen ziemlich ruhig vorüberfahren. iC 

„Am nächsten Sonntag, 15. März, hatte Hans versprochen, mit 
mir nach Lainz zu fahren. Er sträubt sich erst, endlich geht er doch 
mit mir. Auf der Gasse fühlt er sich, da wenige Wagen fahren, sichtlich 
wohl und sagte: „Das ist gescheit, daß der liebe Gott das Pferd schon 
ausgelassen hat." Auf dem Wege erkläre ich ihm, daß seine Schwester 
keinen Wiwimacher hat wie er. Mäderl und Frauen haben keinen 
Wiwimacher. Die Mammi hat keinen, die Anna nicht usw." 

Hans: „Hast du einen Wiwimacher?" 

Ich: „Natürlich, was hast du denn geglaubt?" 

Hans: (Nach einer Pause) „Wie machen aber Mäderl Wiwi, wenn 
sie keinen Wiwimacher haben?" 

Ich: „Sie haben keinen solchen Wiwimacher wie du. Hast du noch 
nicht gesehen, wenn die Hanna gebadet worden ist?" 

„Den ganzen Tag über ist er sehr lustig, fährt Schlitten usw. Erst 
gegen Abend wird er wieder verstimmt und scheint sich vor Pferden zu 
fürchten/* 

„Abends ist der nervöse Anfall und das Bedürfnis nach Schmeicheln 
schwächer als an früheren Tagen. Am nächsten Tage wird er von der 
Mama in die Stadt mitgenommen, hat auf der Gasse große Furcht. 
Tags darauf bleibt er zu Hause und ist sehr lustig. Am nächsten Morgen 
kommt er gegen 6 Uhr ängstlich auf. Auf die Frage, was er habe, erzählt 
er: „Ich habe den Finger ganz wenig zum Wiwimacher gegeben. Da 
hab' ich die Mammi ganz nackt im Hemde gesehen und sie hat den Wiwi- 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 21 

macher sehen lassen. Ich hab' der Grete, 1 ) meiner Grete, gezeigt, was 
die Mama macht, und hab' ihr meinen Wiwimacher gezeigt. Dann 
hab' ich die Hand schnell vom Wiwimacher weggegeben." Auf meinen 
Einwand, es kann nur heißen: im Hemd oder ganz nackt, sagt 
Hans: „Sie war im Hemd, aber das Hemd war so kurz, daß ich den 
Wiwimacher gesehen hab'." 

„Das Ganze ist kein Traum, sondern eine, übrigens einem Traume 
äquivalente Onanierphantasie. Was er die Mama tun läßt, dient offenbar 
zu seiner Rechtfertigung : „Wenn die Mammi den Wiwimacher zeigt, 
darf ich es auch". 

Wir können aus dieser Phantasie zweierlei ersehen, erstens, daß 
der Verweis der Mutter seinerzeit eine starke Wirkung auf ihn geübt 
hat, zweitens, daß die Aufklärung, Frauen hätten keinen Wiwimacher, 
von ihm zunächst nicht akzeptiert wird. Er bedauert es, daß es so sein 
soll, und hält in der Phantasie an ihm fest. Vielleicht hat er auch seine 
Gründe, dem Vater fürs erste den Glauben zu versagen. 



Wochenbericht des Vaters: „Geehrter Herr Professor! Anbei 
folgt die Fortsetzung der Geschichte unseres Hans, ein ganz inter- 
essantes Stück. Vielleicht werde ich mir erlauben, Sie Montag in der 
Ordination aufzusuchen und womöglich Hans mitbringen — voraus- 
gesetzt, daß er geht. Ich hab' ihn heute gefragt: „Willst du Montag 
mit mir zu dem Professor gehen, der dir die Dummheit wegnehmen 
kann?" 

Er: „Nein." 

Ich: „Aber er hat ein sehr schönes Mäderl." — Darauf hat er 
bereitwillig und freudig zugestimmt. " 

„Sonntag 22. März. Um das Sonntagsprogramm etwas zu erweitern, 
schlage ich Hans vor, zuerst nach Schönbrunn zu fahren und erst 
mittags von dort nach Lainz. Er hat also nicht bloß den Weg von der 
Wohnung zur Stadtbahnstation Hauptzollamt zu Fuß zurückzulegen, 
sondern auch von der Station Hietzing nach Schönbrunn und von dort 
wieder zur Dampftramwaystation Hietzing, was er auch absolviert, 
indem er, wenn Pferde kommen, eiligst wegschaut, da ihm offenbar 
ängstlich zumute ist. Mit dem Wegschauen befolgt er einen Hat der 
Mama." 



l ) „Grete ist eines der Omundener Mäderl, von der Hans gerade jetzt pha nta- 
siert; er spricht und spielt mit ihr." 



22 Sigm. Freud. 

„In Schönbrunn zeigt er Furcht vor Tieren, die er sonst furchtlos 
angesehen hat. So will er in das Haus, in dem sich die Giraffe befindet, 
absolut nicht hinein, wiU auch zum Elefanten nicht, der ihm sonst viel 
Spaß gemacht hat. Er fürchtet sich vor allen großen Tieren, während er 
sich bei den kleinen sehr unterhält. Unter den Vögeln fürchtet er diesmal 
auch den Pelikan, was er früher nie getan hat, offenbar auch wegen 
seiner Größe/' 

„Ich sage ihm daraufhin: „Weißt du, warum du dich vor den 
großen Tieren fürchtest? Große Tiere haben einen großen Wiwimacher, 
und du fürchtest dich eigentlich vor dem großen Wiwimacher." 

Hans: „Aber ich habe noch nie von den großen Tieren den Wiwi- 
macher gesehen 1 )." 

Ich: „Aber vom Pferde doch und das Pferd ist auch ein großes 
Tier." 

Hans : „Oh, vom Pferd oft. Einmal in Gmunden, wie der Wagen vor 
dem Haus gestanden ist, einmal vor dem Hauptzollamt." 

Ich: „Wie du klein warst, bist du wahrscheinlich in Gmunden in 
einen Stall gegangen " 

Hans (unterbrechend): „Ja, jeden Tag, wenn in Gmunden die 
Pferde nach Haus gekommen sind, bin ich in den Stall gegangen." 

Ich: „ — und hast dich wahrscheinlich gefürchtet, wie du einmal 
den großen Wiwimacher vom Pferde gesehen hast, aber davor brauchst 
du dich nicht zu fürchten. Große Tiere haben große Wiwimacher, kleine 
Tiere kleine^Wiwimacher." 

Hans: „Und alle Menschen haben Wiwimacher, und der Wiwi- 
macher wächst mit mir, wenn ich größer werde; er ist ja angewachsen." 

„Damit schloß das Gespräch. In den folgenden Tagen scheint die 
Furcht wieder etwas größer; er traut sich kaum vors Haustor, wohin 
man ihn nachdem Essen führt." 

Hansenspetzte Trostrede wirft ein licht auf die Situation und 
gestattet uns, die Behauptungen des Vaters ein wenig zu korrigieren. 
Eis ist wahr, daß er bei den großen Tieren Angst hat, weil er an deren 
großen Wiwimacher denken muß, aber man kann eigentlich nicht sagen, 
daß er sich vor dem großen Wiwimacher selbst fürchtet. Die Vorstellung 
eines solchen war ihm früher entschieden lustbetont, und er versuchte 
mit allem Eifer, sich dessen Anblick zu verschaffen. Dies Vergnügen 
ist ihm seither verleidet worden durch die allgemeine Verkehrung von 

*) Das ist falsch. Vergleiche seinen Ausruf beim Löwenkäfige, p. 3. Wahr- 
scheinlich beginnendes Vergessen infoige der Verdrängung. 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 23 

Lußt in Unlust, die — auf noch nicht aufgeklärte Weise — seine ganze 
Sexualforschung betroffen hat, und was uns deutlicher ist, durch gewisse 
Erfahrungen und Erwägungen, die zu peinlichen Ergebnissen führten. 
Aus seiner Tröstung : Der Wiwimacher wächst mit mir, wenn ich größer 
werde, läßt sich schließen, daß er bei seinen Beobachtungen beständig 
verglichen hat und von der Größe seines eigenen Wiwimachers sehr 
unbefriedigt geblieben ist. An diesen Defekt erinnern ihn die großen 
Tiere, die ihm aus diesem Grunde unangenehm sind. Weil aber der ganze 
Gedankengang wahrscheinlich nicht klar bewußt werden kann, wandelt 
sich auch diese peinliche Empfindung in Angst, so daß seine gegen- 
wärtige Angst sich auf der ehemaligen Lust wie auf der aktuellen Unlust 
aufbaut. Wenn einmal ein Angstzustand hergestellt ist, so zehrt die 
Angst alle anderen Empfindungen auf ; mit fortschreitender Verdrängung, 
je mehr die schon bewußt gewesenen affekttragenden Vorstellungen ins 
Unbewußte rücken, können sich alle Affekte in Angst verwandeln. 

Die sonderbare Bemerkung Hansens: „er ist ja angewachsen" 
läßt im Zusammenhange der Tröstung vieles erraten, was er nicht aus- 
sprechen kann, auch in dieser Analyse nicht ausgesprochen hat. Ich 
ergänze da ein Stück nach meinen Erfahrungen aus den Analysen Er- 
wachsener, aber ich hoffe, die Einschaltung wird nicht als eine gewalt- 
same und willkürliche beurteilt werden. „Er ist ja angewachsen": wenn 
das zum Trutze und Tröste gedacht ist, so läßt es an die alte Drohung 
der Mutter denken, sie werde ihm den Wiwimacher abschneiden lassen, 
wenn er fortfahre, sich mit ihm zu beschäftigen. Diese Drohung blieb 
damals, als er 3 x / 2 Jahre war, wirkungslos. Er antwortete ungerührt, 
dann werde er aber mit dem Popo Wiwi machen. Es wäre durchaus 
das typische Verhalten, wenn die Drohung mit der Kastration jetzt 
nachträglich zur Wirkung käme, und er jetzt, l 1 / 4 Jahre später, unter 
der Angst stünde, das teure Stück seines Ichs einzubüßen. Man kann 
solche nachträgliche Wirkungen von Geboten und Drohungen in der 
Kindheit bei anderen Erkrankungsfällen beobachten, wo das Intervall 
ebensoviel Dezennien und mehr umfaßt. Ja, ich kenne Fälle, in denen 
der „nachträgliche Gehorsam" der Verdrängung den wesentlichen 
Anteil an der Determinierung der Krankheitssymptome hat. 

Die Aufklärung, die Hans vor kurzem erhalten hat, daß Frauen 
wirklich keinen Wiwimacher haben, kann nur erschütternd auf sein 
Selbstvertrauen und erweckend auf den Kastrationskomplex gewirkt 
haben. Darum sträubte er sich auch gegen sie, und darum blieb ein 
therapeutischer Erfolg dieser Mitteilung aus: Soll es also wirklich 



24 Signa, Freud. 

lebende Wesen geben, die keinen Wiwimacher besitzen? Dann wäre es 
ja nicht mehr so unglaublich, daß man ihm den Wiwimacher wegnehmen, 
ihn gleichsam zum Weib machen könnte 1 )! 

„In der Nacht vom 27. zum 28. überrascht uns Hans dadurch, daß 
er mitten im Dunkel aus seinem Bette aufsteht und zu uns ins Bett 
kommt. Sein Zimmer ist durch ein Kabinett von unserem Schlafzimmer 
getrennt. Wir fragen ihn, weshalb; ob er sich vielleicht gefürchtet habe. 
Er sagt: „Nein, ich werde es morgen sagen," schläft in] unserem Bette 
ein und wird dann in seines zurückgetragen." 

„Am nächsten Tage nehme ich ihn ins Gebet, um zu erfahren, 
weshalb er in der Nacht zu uns gekommen ist, und es entwickelt sich 
nach einigem Sträuben folgender Dialog, den ich sofort stenographisch 
festlege : 

Er: „In der Nacht war eine große und eine zer- 
wutzelte Giraffe im Zimmer, und die große hat geschrien, 
weil ich ihr die zer wutzelte weggenommen hab\ Dann 
hat sie aufgehört zu schreien, und dann hab' ich mich auf 
die zerwutzelte Giraffe draufgesetzt." 

Ich, befremdet: „Was? Eine zerwutzelte Giraffe? Wie war das?" 

Er: „Ja." (Holt schnell ein Papier, wutzelt es zusammen und sagt 
mir.) „So war sie zer wutzelt. " 

Ich: „Und du hast dich auf die zerwutzelte Giraffe drauf- 
gesetzt? Wie?" 

„Er zeigt mir's wieder, setzt sich auf die Erde." 
Ich: „Weshalb bist du ins Zimmer gekommen?" 
Er: „Das weiß ich selber nicht." 
Ich: „Hast du dich gefürchtet?" 



') Ich kann den Zusammenhang nicht soweit unterbrechen, um darzutun, 
wieviel Typisches an diesen unbewußten Gedankengängen ist, die ich hier dem 
kleinen Hans zumute. Der Kastrationskomplex ist die tiefste unbewußte Wurzel 
des Antisemitismus, denn schon in der Kinderstube hört der Knabe, daß dem 
Juden etwas am Penis, — er meint, ein Stück des Penis — abgeschnitten werde, 
und dies gibt ihm das Recht, den Juden zu verachten. Auch die Uberhebung über 
das Weib hat keine stärkere unbewußte Wurzel. Weininger, jener hochbegabte 
und sexuell gestörte junge Philosoph, der nach seinem merkwürdigen Buche „Ge- 
schlecht und Charakter" sein Leben durch Selbstmord beendigte, hat in einem 
vielbemerkten Kapitel den Juden und das Weib mit der gleichen Feindschaft 
bedacht und mit den nämlichen Schmähungen überhäuft. Weininger stand als 
Neurotiker völlig unter der Herrschaft infantiler Komplexe; die Beziehung zum 
Kastrationskomplex ist das dem Juden und dem Weibe dort Gemeinsame. 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 25 

Er: „Nein, bestimmt nicht." 

Ich: „Hast du von den Giraffen geträumt?" 

Er: „Nein, nicht geträumt; ich hab' mir's gedacht — das Ganze 
hab' ich mir gedacht — aufgekommen war ich schon früher." 

Ich: „Was soll das heißen: eine zerwutzelte Giraffe? Du weißt 
ja, daß man eine Giraffe nicht zusammendrücken kann wie ein Stück 
Papier." 

Er: „Ich weiß' ja. Ich hab's halt geglaubt. Es gibt's ja eh net auf 
der Welt 1 ). Die zerwutzelte ist ganz gelegen auf dem Fußboden, und ich 
hab' sie weggenommen, mit den Händen genommen." 

Ich: „Was, so eine große Giraffe kann man mit den Händen 
nehmen?" 

Er: „Die zerwutzelte hab' ich mit der Hand genommen." 
Ich: „Wo war die große unterdessen?" 
Er: „Die große ist halt weiter weg gestanden." 
Ich: „Was hast du mit der zerwutzelten gemacht?" 
Er: „Ich hab sie ein bißchen in der Hand gehalten, [bis die 
große zu schreien aufgehört hat, und wie die große zum schreien auf- 
gehört hat, hab ich mich draufgesetzt." 

Ich: „Weshalb hat die große geschrieen?" 
Er: „Weil ich ihr die kleine weggenommen hab'." (Bemerkt, daß 
ich alles notiere, und fragt: „Weshalb schreibst du das auf?") 

Ich: „Weil ich es einem Professor schicke, der dir die ,Dummheit' 
wegnehmen kann." 

Er: „Aha, da hast du's doch auch aufgeschrieben, daß sich die 
Mammi das Hemd ausgezogen hat, und gibst das auch dem 
Professor." 

Ich: „Ja, der wird aber nicht verstehen, wie du glaubst, daß man 
eine Giraffe zerwutzeln kann." 

Er: „Sag' ihm halt, ich weiß es selber nicht, und da wird er nicht 
fragen; wenn er aber fragt, was die verwutzelte Giraffe ist, kann er uns 
ja schreiben, und wir schreiben hin oder schreiben wir gleich, ich weiß 
es selber nicht." 

Ich: „Weshalb bist du aber in der Nacht gekommen?" 

Er; „Das weiß ich nicht." 

Ich: „Sag' mir halt schnell, woran du jetzt denkst." 

*) Hans sagt es ganz bestimmt in seiner Sprache, es war eine Phantasie, 



26 Sigm. Freud. 

Er (humoristisch): „An einen Himbersaft.' ^ 

Ich: „Was noch?" J* Seine Wünsche. 

Er: „Ein Gewehr zum Totschießen. 1 )" j 

Ich: „Du hast es gewiß nicht geträumt?" 

Er: „Sicher nicht; nein, ich weiß es ganz bestimmt." 

„Er erzählt weiter: „Die Mammi hat mich so lange gebeten, ich 
soll ihr sagen, weshalb ich in der Nacht gekommen bin. Ich hab's aber 
nicht sagen wollen, weil ich mich zuerst vor der Mammi geschämt hab\" 

Ich: „Weshalb?" 

Er: „Das weiß ich nicht." 

„Tatsächlich hat ihn meine Frau den ganzen Vormittag inquiriert, 
bis er ihr die Giraffengeschichte erzählt hat." 

Am selben Tage noch findet der Vater die Auflösung der Giraffen- 
phantasie. 

„Die große Giraffe bin ich, respektive der große Penis (der lange 
Hals), die zerwutzelte Giraffe meine Frau, respektive ihr Glied, was 
also der Erfolg der Aufklärung ist/* 

,.Giraffe: vide Ausflug nach Schönbrunn. Übrigens hat er ein Bild 
einer Giraffe und eines Elefanten über seinem Bette hängen." 

„Das Ganze ist die Reproduktion einer Szene, die sich fast jeden 
Morgen in den letzten Tagen abgespielt hat. Hans kommt in der Früh 
immer zu uns, und meine Frau kann es dann nicht unterlassen, ihn für 
einige Minuten zu sich ins Bett zu nehmen. Daraufhin fange ich immer 
an sie zu warnen, sie möge ihn nicht zu^sich nehmen („die große hat 
geschrien, weil ich ihr die zerwutzelte weggenommen hab'") und sie 
erwidert hie und da, wohl gereizt, das sei doch ein Unsinn, die eine Minute 
sei doch irrelevant usw. Hans bleibt dann eine kurze Zeit bei ihr. („Dann 
hat die große Giraffe aufgehört zu schreien und dann hab' ich mich auf 
die zerwutzelte Giraffe draufgesetzt.") 

„Die Lösung dieser ins Giraffenleben transponierten Eheszene ist 
also : er hat in der Nacht Sehnsucht nach der Mama bekommen, nach 
ihren Liebkosungen, ihrem Gliede, und ist deshalb ins Schlafzimmer 
gekommen. Das Ganze ist die Fortsetzung der Pferdefurcht." 

Ich weiß der scharfsinnigen Deutung des Vaters nur hinzuzufügen: 
Das „Drauf setzen" ist wahrscheinlich Hansens Darstellung des Besitz- 
ergreifens. Das Ganze aber ist eine Trutzphantasie, die mit Befriedigung 

*) Der Vater versucht hier in seiner Ratlosigkeit die klassische Technik 
der Psychoanalyse zu üben. Diese führt nicht weit, aber was sie ergibt, kann doch 
im Lichte späterer Eröffnungen sinnvoll werden. 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 27 

an den Sieg über den väterlichen Widerstand anknüpft. „Schrei, soviel 
du willst, die Mammi nimmt mich doch ins Bett und die MamTni gehört 
mir." Es läßt sich also mit Recht hinter ihr erraten, was der Vater ver- 
mutet: die Angst, daß ihn die Mama nicht mag, weil sich sein Wiwi- 
macher mit dem des Vaters nicht messen kann. 

Am nächsten Morgen holt sich der Vater die Bestätigung seiner 
Deutung. 

„Sonntag, 29. März, fahre ich mit Hans nach Lainz. In der Tür 
verabschiede ich mich von meiner Frau scherzhaft: „Adieu, große 
Giraffe." Hans fragt: „Warum Giraffe?" Darauf ich: „Die Mammi 
ist die große Giraffe," worauf Hans sagt: „Nicht wahr, und die Hanna 
ist die serwutzelte Giraffe?" 

, , Auf der Bahn erkläre ich ihm die Giraffenphantasie, worauf er sagt : 
Ja, das ist richtig, und wie ich ihm sage, ich sei die große Giraffe, der 
lange Hals habe ihn an einen Wiwimacher erinnert, sagt er : „Die M^ t ^ttm 
hat auch einen Hals wie eine Giraffe, das hab ich gesehen, wie sie sich 
den weißen Hals gewaschen hat 1 )." 

„Am Montag, 30. März, früh, kommt Hans zu mir und sagt: „Du, 
heut hab* ich mir zwei Sachen gedacht. Die erste? Ich bin mit dir in 
Schönbrunn gewesen bei den Schafen, und dann sind wir unter den 
Stricken durchgekrochen, und das haben wir dann dem Wachmanne 
beim Eingange des Gartens gesagt und der hat uns zusammengepackt. " 
Das zweite hat er vergessen." 

„Ich bemerke dazu: Als wir am Sonntag zu den Schafen gehen 
wollten, war dieser Raum durch einen Strick abgesperrt, so daß wir 
nicht hingehen konnten. Hans war sehr verwundert, daß man einen 
Baum nur mit einem Stricke absperrt, unter dem man doch leicht 
durchschlüpfen kann. Ich sagte ihm, anständige Menschen kriechen 
nicht unter den Strick. Er meinte, es ist ja ganz leicht, worauf ich 
erwiderte, es kann dann ein Wachmann kommen, der einen fortführt. 
Am Eingange von Schönbrunn steht ein Leibgardist, von dem ich 
Hans einmal gesagt habe, der arretiert schlimme Kinder." 

„Nach der Rückkehr von dem Besuche beilhnen,der am selben Tage 
vorfiel, beichtete Hans noch ein Stückchen Gelüste, Verbotenes zu tun. 
„Du, heut früh hab' ich mir wieder etwas gedacht." „Was?" „Ich bin 

1 ) Hans bestätigt nur die Deutung der beiden Giraffen auf Vater und Mutter, 
nicht die sexuelle Symbolik, die in der Giraffe selbst eine Vertretung des Penis 
erblicken will. Wahrsoheinlich hat diese Symbolik Recht, aber von Hans kann 
man wahrlich nicht mehr verlangen. 



28 Sigm. Frend. 

mit dir in der Eisenbahn gefahren und wir haben ein Fenster zerschlagen 
und der Wachmann hat uns mitgenommen." 

Die richtige Fortsetzung der Oiraff enphantasie* Kr ahnt» daß 
es verboten ist, sich in den Besitz der Matt» zu setzen; er ist auf die 
Inzestschranke gestoßen. Aber er halt es für verboten an sich. Bei den 
verbotenen Streichen, die er in der Phantasie ausfuhrt, ist jedesmal 
der Vater dabei und wird mit ihm eingesperrt. Der Vater, meint er, 
tut doch auch jenes rätselhafte Verbotene mit der Matter, das er sich 
durch etwas Gewalttätiges, wie das Zerschlagen einer Fensterscheibe, 
durch das Eindringen in einen abgeschlossenen Baum, ersetzt. 

An diesem Nachmittage besachten mich Vater und Sohn in meiner 
ärztlichen Ordination. Ich kannte den drolligen Knirps schon und 
hatte ihn, der in seiner Selbsteicherheit doch so liebenswürdig war, 
jedesmal gern gesehen. Ob er sich meiner erinnerte, weiß ich nicht, aber 
er benahm sich tadellos, wie ein ganz vernünftiges Mitglied der mensch- 
lichen Gesellschaft Die Konsultation war kurz. Der Vater knüpfte 
daran an, daß trotz aller Aufklärungen die Angst vor den Pferden sich 
doch nicht gemindert habe. Wir mußten uns auch eingestehen, daß 
die Beziehungen zwischen den Pferden, vor denen er sich ängstigte, 
und den aufgedeckten Regungen von Zärtlichkeit für die Matter wenig 
ausgiebige waren. Details, wie ich sie jetzt erfuhr, daß ihn besonders 
geniere, was die Pferde vor den Augen haben, und das Schwarze am 
deren Mund ließen sich von dem aus, was wir wußten, gewiß nicht erklären. 
Aber als ich die beiden so vor mir sitzen sah und dabei die Schilderang 
seiner Angstpferde hörte, schoß mir ein weiteres Stück der Auflösung 
durch den Sinn, von dem ich verstand, daß es gerade dem Vater entgehen 
konnte. Ich fragte Hans scherzend, ob seine Pferde Augengläser tragen, 
was er verneinte, dann ob sein Vater Augengläser trage, was er gegen alle 
Evidenz wiederum verneinte, ob er mit dem Schwarzen um den „Mund" 
den Schnurrbart meine, und eröffnete ihm dann, er fürchte sich vor 
seinem Vater, eben weil er die Mutter so lieb habe. Er müsse ja glauben, 
daß ihm der Vater darob böse sei, aber das sei nicht wahr, der Vater 
habe ihn doch gern, er könne ihm furchtlos alles bekennen. Lange, ehe 
er auf der Welt war, hätte ich schon gewußt, daß ein kleiner Hans 
kommen werde, der seine Mutter so lieb hätte, daß er sich darum vor dem 
Vater fürchten müßte, und hätte es seinem Vater erzähl! „Warum 
glaubst du denn, daß ich böse auf dich bin," unterbrach mich hier der 
Vater, „habe Ich dich denn je geschimpft oder geschlagen?" O ja, du hast 
mich geschlagen," verbesserte Hans. „Das ist nicht wahr. Wann denn?" 



Analyse der Phobie eines Sjährigm Knaben. 29 

„Heute vormittag" mahnte der Kleine, und der Vater erinnerte sich, daß 
Hans um ganz unerwartet mit dem Kopfe in den Bauch gestoßen, worauf 
er ihm wie reflektorisch einen Schlag mit der Hand gegeben. Es war 
bemerkenswert, daß er dieses Detail nicht in den Zusammenhang der 
Neurose aufgenommen hatte; er verstand es aber jetzt als Ausdruck 
der feindseligen Disposition des Kleinen gegen ihn, vielleicht auch als 
Äußerung des Bedürfnisses, sich dafür eine Bestrafung zu holen 1 ). 

Auf dem Heimgange fragte Hans den Vater: „Spricht denn der 
Professor mit dem lieben Gott, daß er das alles vorher wissen kann?" 
Ich wäre auf diese Anerkennung aus Kindermund außerordentlich 
stola, wenn ich sie nicht durch meine scherzhaften Prahlereien selbst 
provoziert hatte. Ich erhielt von dieser Konsultation an fast taglich 
Berichte über die Veränderungen im Befinden des kleinen Patienten. 
Es stand nicht zu erwarten, daß er durch meine Mitteilung mit einem 
Schlage angstfrei werden könnte, aber es zeigte sich, daß ihm nun die 
Möglichkeit gegeben war, seine unbewußten Produktionen vorzubringen 
und seine Phobie abzuwickeln. Er führte von da an ein Programm aus, 
das ich seinem Vater im vorhinein mitteilen konnte* 

„Am 2. April ist die erste wesentliche Besserung festzu- 
stellen. Während er bisher nie zu bewegen war, für längere Zeit vors 
Haustor zu gehen, und immer, wenn Pferde kamen, mit allen Zeichen 
des Schreckens zurück ins Haus rannte, bleibt er diesmal eine Stunde 
vor dem Haustore., auch wenn Wagen vorüberfahren, was bei uns ziem- 
lich häufig vorkommt. Hie und da läuft er, wenn er von ferne einen 
Wagen kommen sieht, ins Haus, kehrt jedoch sofort um, als ob er sich 
anders besinnen würde. Es ist jedenfalls nur ein Rest von Angst vor- 
handen und der Fortschritt seit der Aufklärung nicht zu verkennen." 

„Abends sagt er: „Wenn wir schon vors Haustor gehen, werden 
wir auch in den Stadtpark gehen.'* 

„Am 3. April kommt er früh zu mir ins Bett, während er die letzten 
Tage nicht mehr gekommen war und sogar stob auf diese Enthaltung 
schien. Ich frage; „Weshalb bist du denn heute gekommen? if 

Hans: „Bis ich mich nicht fürchten werde, werde ich nicht mehr 
kommen." 

Ich: „Du kommst also zu mir, weü du dich fürchtest?" 

Hans: „Wenn ich nicht bei dir bin, fürchte ich mich; wenn ich 

*) Der Knabe wiederholte diese Reaktion gegen den Vater später, ia deut- 
licherer und vollständigerer Weise, indem er dem Vater zuerst einen Schlag auf die 
Hand gab und dann dieselbe Hand sartlioh küßte. 



30 Sigm. Freud. 

nicht bei dir im Bette bin, da furcht' ich mich. Bis ich mich nicht mehr 
fürchten werde, komme ich nicht mehr." 

Ich: „Du hast mich also gern und dir ist bange, wenn du früh 
in deinem Bette bist, deshalb kommst du zu mir?" 

Hans: „Ja. Warum hast du mir gesagt, ich hab' die Mammi gern, 
und ich furcht* mich deshalb, wenn ich dich gern hab'?" 

Der Kleine zeigt hier eine wirklich überlegene Klarheit. Er gibt zu 
erkennen, daß in ihm die Liebe zum Vater mit der Feindseligkeit gegen 
den Vater infolge seiner Nebenbuhlerrolle bei der Mutter ringt, und macht 
dem Vater den Vorwurf, daß er ihn bisher auf dieses Kräftespiel, das 
in Angst auslaufen mußte, nicht aufmerksam gemacht hat. Der Vater 
versteht ihn noch nicht ganz, denn er holt sich erst während dieser Unter- 
haltung die Überzeugung von der Feindseligkeit des Kleinen gegen ihn, 
die ich bei unserer Konsultation behauptet hatte. Das Folgende, das 
ich doch unverändert mitteile, ist eigentlich bedeutsamer für die Auf- 
klärung des Vaters als für den kleinen Patienten. 

„Diesen Einwand habe ich leider nicht sofort nach seiner Bedeutung 
aufgefaßt. Weil Hans die Mutter gerne hat, will er mich offenbar weg- 
haben, dann ist er an Vaters Stelle. Dieser unterdrückte feindliche 
Wunsch wird zur Angst um den Vater, und er kommt früh zu mir, um 
zu sehen, ob ich fort bin. Ich habe das leider in diesem Momente noch 
nicht verstanden und sage ihm: 

„Wenn du allein bist, ist dir halt bange nach mir und du kommst 
zu mir." 

Hans: „Wenn du weg bist, furcht' ich mich, daß du nicht nach 
Hause kommst." 

Ich: „Hab 1 ich dir denn einmal gedroht, daß ich nicht nach Hause 
komme?" 

Hans: „Du nicht, aber die Mammi. Die Mammi hat mir gesagt, 
daß sie nicht mehr kommt. " (Wahrscheinlich war er schlimm, und sie hat 
ihm mit dem Weggehen gedroht.)" 

Ich: „Das hat sie gesagt, weil du schlimm warst." 

Hans: „Ja." 

Ich: „Du fürchtest dich also, ich geh* weg, weil du schlimm warst, 
deshalb kommst du zu mir." 

„Beim Frühstücke stehe ich vom Tische auf, worauf Hans sagt: 
Vatti, renn mir nicht davon! Daß er „renn" anstatt „lauf" sagt, fällt 
mir auf und ich repliziere: „Oha, du fürchtest dich, das Pferd rennt 
dir davon." Wozu er lacht." 



Analyse der Phobie eines 5jährig"en Knaben. 31 

Wir wissen, daß dieses Stück der Angst Hansens doppelt gefügt 
ist: Angst vor dem Vater und Angst um den Vater. Die erstere stammt 
von der Feindseligkeit gegen den Vater, die andere von dem Konflikte 
der Zärtlichkeit, die hier reaktionsweise übertrieben wird, mit der 
Feindseligkeit. 

Der Vater setzt fort: „Das ist zweifellos der Anfang eines wich- 
tigen Stückes. Daß er sich höchstens vors Haus traut, vom Hause aber 
nicht weggeht, daß er beim ersten Anfalle der Angst auf der Hälfte des 
Weges umkehrte, ist motiviert durch die Furcht, die Eltern nicht zu 
Hause zu treffen, weil sie weggegangen sind. Er klebt am Hause aus 
Liebe zur Mutter, er fürchtet sich, daß ich weggehe, aus feindlichen 
Wünschen gegen mich, dann wäre er der Vater." 

„Im Sommer binich wiederholt von Gmunden nach Wien weggefahren, 
weil es der Beruf erforderte, dann war er der Vater. Ich erinnere daran, 
daß die Pferdeangst an das Erlebnis in Gmunden anknüpft, als ein Pferd 
das Gepäck der Lizzi auf den Bahnhof bringen sollte. Der verdrängte 
Wunsch, ich solle auf den Bahnhof fahren, dann ist er mit der Mutter 
allein („das Pferd soll wegfahren"), wird dann zur Angst vor dem Weg- 
fahren der Pferde, und tatsächlich versetzt ihn nichts in größere Angst, 
als wenn aus dem unserer Wohnung gegenüberliegenden Hofe des 
Hauptzollamtes ein Wagen wegfährt, Pferde sich in Bewegung setzen/' 

„Dieses neue Stück (feindselige Gesinnungen gegen den Vater) 
konnte erst herauskommen, nachdem er weiß, daß ich nicht böse bin, 
weil er die Mama so gerne hat." 

„Nachmittags gehe ich wieder mit ihm vors Haustor; er geht wieder 
vors Haus und bleibt auch daselbst, wenn Wagen fahren, nur bei ein- 
zelnen Wagen hat er Angst und läuft in den Hausflur. Er erklärt mir 
auch: „Nicht alle weißen Pferde beißen; d. h. : durch die Analyse sind 
bereits einige weiße Pferde als ,Vatti 6 erkannt worden, die beißen nicht 
mehr, allein es bleiben noch andere zum Beißen." 

„Die Situation vor unserem Haustore ist folgende: „Gegenüber 
ist das Lagerhaus des Verzehrungssteueramtes mit einer Verladungs- 
rampe, wo den ganzen Tag über Wagen vorfahren, um Kisten u. dgl. 
abzuholen. Gegen die Straße sperrt ein Gitter diesen Hofraum. Vis- 
avis von unserer Wohnung ist das Einfahrtstor des Hofraumes. (Fig. 2.) 
Ich bemerke schon seit einigen Tagen, daß Hans sich besonders fürchtet, 
wenn Wagen aus dem Hofe heraus- oder hineinfahren, wobei sie eine 
Schwenkung machen müssen. Ich habe seinerzeit gefragt, warum er 
sich so fürchtet, worauf er sagt: „Ich furcht' mich, daß die Pferde 
3 



32 



Sigm. Freud. 




Lagerhacus 



vmum fEfflZffl VTTmnrm Waimn, __^^ 

ffofrCLLL/TL. 
> i i < i i i i i i i i I 

Eü 
Untere Viactuctg&sse 



erladnngsrarape 



ffofrCLLL/TL. N \ 

> > i * 1 1 > 1 1 1 1 1 1 1 i i i i — i 

Güzr Einftifuttar 



Fig. 2. 

umfallen, wenn der Wagen umwendet (A)." Ebensosehr fürchtet 
er sich, wenn Wagen, die bei der Verladungsrampe stehen, sich plötzlich 
in Bewegung setzen, um fortzufahren (B). Er fürchtet sich ferner (C) 
vor großen Lastpferden mehr als vor kleinen Pferden, vor bäuerischen 
Pferden mehr als vor eleganten (wie z. B. Fiaker-) Pferden. Auch fürchtet 
er sich mehr, wenn ein Wagen schnell vorüberfährt (D), als wenn die 
Pferde langsam dahertrotten. Diese Differenzierungen sind natürlich 
erst in den letzten Tagen deutlich hervorgetreten." 

Ich möchte sagen, infolge der Analyse hat nicht nur der Patient» 
sondern auch seine Phobie mehr Courage bekommen und wagt es sich 
zu zeigen. 

„Am 5. April kommt Hans wieder ins Schlafzimmer und wird in 
sein Bett zurückgeschickt. Ich sage ihm: „Solange du früh ins Zimmer 
kommst, wird die Pferdeangst nicht besser werden." Er trotzt aber und 
antwortet: „Ich werde doch kommen, auch wenn ich mich fürchte." 
Er will sich also den Besuch bei der Mama nicht verbieten lassen." 

„Nach dem Frühstücke sollen wir hinuntergehen. Hans freut sich 
sehr darauf und plant, anstatt wie gewöhnlich vor dem Haustore zu 
bleiben, über die Gasse in den Hofraum zu gehen, wo er oft genug Gassen- 
buben spielen sah. Ich sage ihm, es werde mich freuen, wenn er hinüber- 
gehen werde, und benütze die Gelegenheit, um zu fragen, weshalb er 
sich so fürchte, wenn die beladenen Wagen sich an der Verladungs- 
rampe in Bewegung setzen (B)." 

Hans : „Ich furcht' mich, wenn ich am Wagen steh' und der Wagen 
geschwind wegfährt, und ich steh 5 drauf und ich will dort auf das Brett 
gehen (die Verladungsrampe) und ich fahre mit dem Wagen weg." 

Ich : „Und wenn der Wagen steht? Dann fürchtest du dich nicht? 
Weshalb nicht?" 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 33 

Hans: „Wenn der Wagen steht, geh* ich geschwind auf den Wagen 
und geh auf das Brett." 

„(Hans plant also, über einen Wagen auf die Verladungsrampe zu 
klettern, und fürchtet sich, daß der Wagen davonfährt, wenn er auf 
dem Wagen oben ist.)" 



Lagerhaus 



Ä=d— *-Veriaämgprarape 



i i i i »■> i i i i i i i i i i i i i ' i i i i i i i i i 



Fig. 3. 

Ich : „Fürchtest du dich vielleicht, daß du nicht mehr nach Hause 
kommst, wenn du mit dem Wagen davonfährst?" 

Hans: „0 nein; ich kann ja immer noch zur Mama kommen, mit 
dem Wagen oder mit einem Fiaker. Ich kann ihm ja auch die Haus- 
nummer sagen." 

Ich: „Also weshalb fürchtest du dich eigentlich?" 

Hans: „Das weiß ich nicht, der Professor wird's aber wissen. 
Glaubst du, daß er es wissen wird?" 

Ich: „Warum willst du eigentlich hinüber aufs Brett?" 

Hans: „Weil ich noch nie drüben war, und da hab* ich so gern 
wollen dort sein, und weißt du, warum ich hab' wollen hingehen? Weil 
ich hab* wollen Gepäck aufladen und einladen und auf dem Gepäcke 
dort hab' ich wollen herumklettern. Da mag ich so gerne herumklettern. 
Weißt du, von wem ich das Herumklettern gelernt habe? Buben haben 
auf dem Gepäcke geklettert und das hab' ich auch gesehen und das will 
ich auch machen." 

„Sein Wunsch ging nicht in Erfüllung, denn wenn Hans sich auch 
wieder vors Haustor getraute, die wenigen Schritte über die Gasse in 
den Hofraum wecken in ihm zu große Widerstände, weil im Hofe fort- 
während Wagen fahren." 

Der Professor weiß auch nur, daß dieses beabsichtigte Spiel Hansens 
mit den beladenen Wagen in eine symbolische, ersetzende Beziehung 
zu einem andern Wunsche geraten sein muß, von dem er noch nicht» 
geäußert hat. Aber dieser Wunsch ließe sich, wenn es nicht zu kühn 
schiene, schon jetzt konstruieren. 

Jahrbuch für pBycboanaljt. u. psych opathol. Forschungen. I. 9 



34 Sigm, Freud. 

„Nachmittags gehen wir wieder vors Haustor und zurückgekehrt 
frage ich Hans: 

„Vor welchen Pferden fürchtest du dich eigentlich am meisten?" 

Hans: „Vor allen." 

Ich: „Das ist nicht wahr." 

Hans: „Am meisten furcht' ich mich vor den Pferden, die am 
Munde so etwas haben." 

Ich: „Was meinst du? Das Eisen, das sie im Munde haben?" 

Hans: „Nein, sie haben etwas Schwarzes am Munde (deckt seinen 
Mund mit der Hand zu)." 

Ich: „Was, vielleicht einen Schnurrbart?" 

Hans (lacht): „O nein." 

Ich: „Haben das alle?" 

Hans: „Nein, nur einige." 

Ich: „Was ist das, was sie am Munde haben?" 

Hans: „So etwas Schwarzes/* Ich glaube, es ist in der Realität 
das dicke Riemenzeug der Lastpferde über der Schnauze." 




Fig. 4. 

„Auch vor einem Möbelwagen furcht' ich mich am meisten." 

Ich: „Warum." 

Hans: „Ich glaub', wenn die Möbelpferde einen schweren Wagen 
ziehen, fallen sie um." 'i 

Ich: „Bei einem kleinen Wagen^fürchtest^du dich also nicht?" 

Hans: „Nein, bei einem kleinen Wagen und einem Postwagen 
furcht' ich mich nicht. Auch wenn ein Stellwagen kommt, furcht' ich 
mich am meisten." 

Ich: „Warum, weil er so groß ist?" 

Hans: „Nein, weil einmal bei so einem Wagen ein Pferd umge- 
fallen ist." 

Ich: „Wann?" 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 35 

Hans: „Einmal, wie ich mit der Mammi gegangen bin trotz der 
,Dummheit', wie ich die Weste gekauft hab'." 

„[Dies wird nachträglich von der Mutter bestätigt.]" 

Ich: „Was hast du dir gedacht, wie das Pferd umgefallen ist?" 

Hans: „Das wird jetzt immer sein. Alle Pferde werden beim Stell- 
wägen umfallen." 

Ich: „Bei jedem Stellwagen?" 

Hans: „Ja! Und auch beim Möbelwagen. Beim Möbelwagen nicht 
so oft." 

Ich: „Du hast damals die Dummheit schon gehabt?" 

Hans : „Nein, ich hab' sie erst gekriegt. Wie das Pferd vom Möbel- 
wagen umgefallen ist, hab' ich mich so sehr erschrocken, wirklich KWie 
ich gegangen bin, hab' ich sie gekriegt." 

Ich: „Die Dummheit war doch, daß du dir gedacht hast, ein Pferd 
wird dich beißen, und jetzt sagst du, du hast dich gefürchtet, daß ein 
Pferd umfallen wird." 

Hans: „Umfallen und beißen wird 1 )." 

Ich: „Weshalb bist du so erschrocken?" 

Hans: „Weil das Pferd mit den Füßen so gemacht hat (legt sich 
auf die Erde hin und macht mir das Zappeln vor). Ich hab' mich er- 
schrocken, weil es einen , Krawall' gemacht hat mit" den 
Füßen." 

Ich: „Wo warst du damals mit der Mammi?" 

Hans: „Zuerst am Eislauf platze, dann im Kaffeehause, dann 
eine Weste kaufen, dann beim Zuckerbäcker mit der Mammi und dann 
nach Hause am Abend; da sind wir durch den Stadtpark durch- 
gegangen." 

„(Das alles wird von meiner Frau bestätigt, auch daß unmittelbar 
nachher die Angst ausgebrochen ist)." 

Ich: „War das Pferd tot, wie es umgefallen ist?" 

Hans: „Ja!" 

Ich: „Woher weißt du das?" 

Hans : „Weil ich's gesehen hab' (lacht). Nein, es war gar nicht tot." 

Ich: „Vielleicht hast du dir gedacht, daß es tot ist." 

Hans: „Nein, gewiß nicht. Ich hab 's nur im Spasse gesagt.' 4 (Seine 
Miene war aber damals ernst.) 



') Hans hat recht, so unwahrscheinlich diese Vereinigung auch klingt. Drr 
Zusammenhang ist nämlich, wie sich zeigen wird, daß das Pferd (der Vater) ihn 
beißen werde wegen seines Wunsches, daß es (der Vater) umfallen möge. 
3 • *> 



36 Signa. Freud. 

„Da er müde ist, lasse ich ihn laufen. Er erzahlt mir nur noch, 
daß er sich zuerst vor Stellwagenpferden, dann vor allen anderen und 
zuletzt erst vor Möbelwagenpferden gefürchtet habe." 

„Auf dem Rückwege von Lainz noch einige Fragen: 
Ich: „Wie das Stellwagenpferd gefallen ist, was für Farbe hat 
es gehabt? Weiß, rot, braun, grau?" 

Hans: „Schwarz, beide Pferde waren schwarz." 

Ich: „War es groß oder klein?" 

Hans: „Groß." 

Ich: „Dick oder dünn?" 

Hans: „Dick, sehr groß und dick." 

Ich: „Hast du, wie das Pferd gefallen ist, an den Vatti gedacht?" 

Hans: „Vielleicht. Ja. Es ist möglich." 

Der Vater mag an manchen Stellen ohne Erfolg geforscht haben; 
aber es schadet nichts, eine solche Phobie, die man gerne nach ihrem 
neuen Objekte benennen möchte, aus der Nähe kennen zu lernen. Wir 
erfahren so, wie diffus sie eigentlich ist. Sie geht auf Pferde und auf 
Wagen, darauf, daß Pferde fallen und daß sie beißen, auf Pferde be- 
sonderer Beschaffenheit, auf Wagen, die schwer beladen sind. Verraten 
wir gleich, daß alle diese Eigentümlichkeiten daher rühren, daß die 
Angst ursprünglich gar nicht den Pferden gilt, sondern sekundär auf 
sie transponiert wurde und sich nun an den Stellen des Pferdekomplexes 
fixierte, die sich zu gewissen Übertragungen geeignet zeigten. Ein 
wesentliches Ergebnis der Inquisition des Vaters müssen wir besonders 
anerkennen. Wir haben den aktuellen Anlaß erfahren, nach welchem 
die Phobie ausbrach. Dies war, als der Knabe ein großes schweres 
Pferd fallen sah, und wenigstens eine der Deutungen dieses Eindruckes 
scheint die vom Vater betonte zu sein, daß Hans damals den Wunsch 
verspürte, der Vater möge so fallen und — tot sein. Die ernste Miene 
bei der Erzählung galt wohl diesem unbewußten Sinne. Ob nicht noch 
anderer Sinn sich dahinter verbirgt? Und was soll das Krawallmachen 
mit den Beinen bedeuten? 

„Hans spielt seit einiger Zeit im Zimmer Pferd, rennt herum, 
fällt nieder, zappelt mit den Füßen, wiehert. Einmal bindet er sich 
ein Sackerl wie einen Futtersack um. Wiederholt läuft er auf mich 
zu und beißt mich*" 

Er akzeptiert so die letzten Deutungen entschiedener als er «b 
mit Worten kann, natürlich aber mit Eollenvertauschung, da dae 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 37 

Spiel im Dienste einer Wunschphantasie steht. Also er ist das Pferd, 
er beißt den Vater, übrigens identifiziert er sich dabei mit dem Vater. 

„Seit zwei Tagen bemerke ich, daß Hans sich in entschiedenster 
Weise gegen mich auflehnt, nicht frech, sondern ganz lustig. Ist es, 
weil er sich vor mir, dem Pferde, nicht mehr fürchtet?" 

„6. April. AmiNachmittage mit Hans vor dem Hause. Ich frage 
ihn, bei allen Pferden, ob er bei ihnen das „Schwarze am Munde" sieht; 
er verneint es bei allen. Ich frage ihn, wie das Schwarze eigentlich aus- 
schaut; er sagt, es ist schwarzes Eisen. Meine erste Vermutung, er meine 
die dicken Lederriemen des Geschirres bei den Lastpferden, bestätigt 
sich also nicht. Ich frage, ob das „Schwarze" an einen Schnurrbart 
erinnert; er sagt: nur durch die Farbe. Was es in Wirklichkeit ist, weiß 
ich bis jetzt also nicht." 

„Die Furcht ist geringer; er wagt sich diesmal schon bis zum Nach- 
barhause, kehrt aber schnell um, wenn er in der Ferne Pferdetraben 
hört. Als ein Wagen bei unserem Haustore vorfährt und hält, gerät er 
in Angst und läuft ins Haus, da das Pferd mit dem Fuße scharrt. Ich 
frage ihn, weshalb er sich fürchte, ob er sich vielleicht ängstige, weil 
es so gemacht habe (stampfe mit dem Fuße auf). Er sagt: „Mach 
doch keinen solchen Krawall mit den Füßen!" Vergleiche dazu die 
Äußerung über das gefallene Stellwagenpferd." 

„Besonders schreckt ihn das Vorüberfahren eines Möbelwagens. 
Er lauft dann ins Hausinnere. Ich frage ihn gleichgültig: „Sieht so ein 
Möbelwagen eigentlich nicht wie ein Stellwagen aus?" Er sagt nichts. 
Ich wiederhole die Frage. Er sagt dann: „Na natürlich, sonst würde 
ich mich nicht so vor einem Möbelwagen fürchten." 

„7. April. Heute frage ich wieder, wie das „Schwarze am Munde" 
der Pferde aussieht. Hans sagt: wie ein Maulkorb. Das Merkwürdige 
ist, daß seit 3 Tagen kein Pferd vorüberkommt, an dem er diesen „Maul- 
korb" konstatieren kann; ich selbst habe bei keinem Spaziergange ein 
solches Pferd gesehen, obzwar Hans beteuert, daß es solche gebe. Ich 
vermute, daß ihn wirklich eine Art von Kopfzäumung der Pferde — 
das dicke Riemenzeug um den Mund etwa — an einen Schnurrbart 
erinnert hat, und daß mit meiner Andeutung auch diese Furcht ver- 
schwunden ist." 

„Die Besserung Hansens ist konstant, der Kadius seines Aktion - 
kreises mit dem Haustore als Zentrum größer; er unternimmt sogar 
das für ihn bisher unmögliche Kunststück, aufs Trottoir vis-a-vis 



38 Sigm. Freud. 

hinüberzulaufen. Alle Furcht, die übrig ist, hängt mit der Stellwagen- 
szene zusammen, deren Sinn mir allerdings noch nicht klar ist" 

„9. April. Heute früh kommt Hans dazu, wie ich mich mit ent- 
blößtem Oberkörper wasche." 

Hans: „Vatti, du bist aber schön, so weiß!" 

Ich: „Nicht wahr, wie ein weißes Pferd." 

Hans: „Nur der Schnurrbart ist schwarz (fortfahrend). Oder ist 
es vielleicht der schwarze Maulkorb?" 

„Ich erzähle ihm dann, daß ich am Abende vorher beim Professor 
war, und sage: „Der will einiges wissen," worauf Hans: „Da bin ich 
aber neugierig." 

„ Ich sage ihm, ich weiß, bei welcher Gelegenheit er mit den Füßen 
Krawall macht Er unterbricht mich: „Nicht wahr, wenn ich einen 
„Zürn" habe oder wenn ich Lumpf machen soll und lieber spielen 
will. [Im Zorne hat er allerdings die Gewohnheit, mit den Füßen Krawall 
zu machen, d. h. : aufzustampfen. — „Lumpf machen" bedeutet auf die 
große Seite gehen. Als Hans klein war, sagte er eines Tages, vom Topfe 
aufstehend: „Schau den Lumpf." (Er meinte: Strumpf wegen der Form 
und der Farbe.). Diese Bezeichnung ist geblieben bis heute. — In ganz 
frühen Zeiten, wenn er auf den Topf gesetzt werden sollte und sich 
weigerte, das Spiel stehen zu lassen, stampfte er wütend mit den Füßen 
auf, zappelte und warf sich eventuell auch auf den Boden.]" 

„Du zappelst auch mit den Füßen, wenn du Wiwimachen sollst 
und nicht gehen willst, weil du lieber spielen möchtest.": 

Er: „Du, ich muß Wiwi machen" — und geht hinaus, wohl als 
Bestätigung. u 

Der Vater hatte bei seinem Besuche die Frage [an mich gerichtet, 
woran wohl das Zappeln "mit den Füßen beim gefallenen Pferde Hans 
erinnert haben möchte, und ich hatte Vorgebracht, daß dies wohl seine 
eigene Reaktion bei zurückgehaltenem Harndrange gewesen sein könnte. 
Das bestätigt nun Hans durch das Wiederauftreten des Harndranges 
im Gespräche und fügt noch andere Bedeutungen des Krawallmachens 
mit den Füßen hinzu. 

„Dann gehen wir vors Haustor. Er sagt mir, als ein Kohlenwagen 
kommt: „Du, vor einem Kohlenwagen fürchte ich mich auch stark. 
Ich : „Vielleicht, weil er auch so groß ist wie ein Stellwagen." Hans : „Ja, 
und weil er so schwer beladen ist und die Pferde haben soviel zu ziehen 
und können leicht fallen. Wenn ein Wagen leer ist, furcht' ich mich 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 39 

nicht." Tatsächlich versetzt ihn, wie schon früher konstatiert, nur 
Schwerf nhrwerk in Angst." 

Bei alledem ist die Situation recht undurchsichtig. Die Analyse 
macht wenig Fortschritte; ihre Darstellung fürchte ich, wird dem Leser 
bald langweilig werden. Indes, es gibt in jeder Psychoanalyse solche 
dunkle Zeiten. Hans begibt sich jetzt bald auf ein von uns^nicht in 
Erwartung gezogenes Gebiet. 



„Ich komme nach Hause und spreche mit meiner Frau, die ver- 
schiedene Einkäufe gemacht hat und sie mir zeigt. Darunter ist eine 
gelbe Frauenunterhose. Hans sagt einige Male: „Pfui!" *wirft sich auf 
die Erde und spuckt aus. Meine Frau sagt, er habe das schon einige Male 
getan, sowie er die Hose gesehen habe. 

Ich frage: „Warum sagst du pfui?" 

Hans: „Wegen der Hose." 

Ich: „Warum, wegen der Farbe, weil sie gelb ist und an Wiwi 
oder an Lumpf erinnert?" 

Hans: „Lumpf ist ja nicht gelb, er ist weiß oder schwarz. — 
Unmittelbar darauf: „Du, macht man leicht Lumpf, wenn man 
Käse ißt? [Das hatte ich einmal gesagt, als er mich fragte, wozu ich 
Käse esse.]" 

Ich: „Ja." 

Hans: „Deshalb gehst du immer früh gleich Lumpf machen? 
Ich möchte so gerne Käse auf Butterbrot essen." 

„Gestern schon fragte er mich, als er auf der Gasse herumsprang : 
„Du, nicht wahr, wenn man soviel herumspringt, macht man leicht 
Lumpf?" — Seit jeher macht sein Stuhlgang Schwierigkeiten, Kinder- 
meth und Klystiere werden häufig gebraucht. Einmal war seine habituelle 
Verstopfung so stark, daß meine Frau Dr. L. um Eat fragte. Dieser 
meinte, Hans werde überfüttert, was ja auch stimmt, und empfahl 
mäßigere Kost, was den Zustand auch sofort behob. In der letzten 
Zeit trat Verstopfung wieder häufiger auf." 

„Nach dem Essen sage ich: „Wir werden dem Professor wieder 
schreiben, und er diktierte mir: „Wie ich die gelbe Hose gesehen habe, 
habe ich gesagt: Pfui, da spei' ich, hab' mich niedergeworfen, hab' die 
Augen zugemacht und hab' nicht geschaut." 

Ich: „Warum?" 



40 Sigm. Freud. 

Hans : „Weil ich die gelbe Hose gesehen habe, und bei der schwarzen 
Hose 1 ) habe ich auch so etwas gemacht. Die schwarze ist auch 
so eine Hose, nur schwarz war sie. [Sich unterbrechend*] Du, 
ich bin froh; wenn ich dem Professor schreiben kann, bin ich 
immer so froh." 

Ich: „Weshalb hast du pfui gesagt? Hast du dich geekelt?" 

Hans: „Ja, weil ich das gesehen hab'. Ich hab* geglaubt, ich muß 
Lumpf machen." 

Ich: „Warum?" 

Hans: „Ich weiß nicht." 

Ich: „Wann hast du die schwarze Hose gesehen?" 

Hans: „Einmal, wie die Anna (unser Mädchen) längst da war — 
bei der Mama — sie hat sie erst vom Kaufen nach Hause gebracht." 
[Diese Angabe wird von meiner Frau bestätigt.]" 

Ich: „Hast du dich auch geekelt?" 

Hans: „Ja." 

Ich: „Hast du die Mammi in einer solchen Hose gesehen?" 

Hans: „Nein." 

Ich: „Wenn sie sich angezogen hat?" 

Hans: „Die gelbe hab' ich schon einmal gesehen, wie sie sie 
gekauft hat [Widerspruch! Wie die Mama die gelbe gekauft hat, 
hat er sie zum erstenmal gesehen]. Die schwarze hat sie heute auch 
an [richtig !], weil ich gesehen hab 5 , wie sie in der Früh sie sich aus- 
gezogen hat." 

Ich: „Was? In der Früh hat sie sich die schwarze Hose aus- 
gezogen?" 

Hans: „In der Früh*, wie sie weggegangen ist, hat sie sich die 
schwarze Hose ausgezogen, und wie sie gekommen ist, hat sie sich noch 
einmal die schwarze angezogen." 

„Ich frage meine Frau, weil mir dies unsinnig vorkommt. Sie 
sagt auch, das ist gar nicht wahr; sie hat beim Weggehen natürlich 
nicht die Hose gewechselt." 

„Ich frage Hans sofort: „Du hast doch erzählt, die Mammi hat 
sich eine schwarze Hose angezogen, und wie sie weggegangen ist, hat sie 
sie ausgezogen, und wie sie gekommen ist, hat sie sie noch einmal an- 
gezogen. Die Mammi sagt aber, das ist nicht wahr." 

*) „Meine Frau ist seit einitren Wochen im Besitze einer schwarzen Reform« 
hi -^ • fiir .Radfahrpartien.*- 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 41 

Hans: „Mir scheint, ich. hab' vielleicht vergessen, daß sie sie 
nicht ausgezogen hat. (Unwillig.) Laß' mich endlich in Ruh 5 ." 

Zur Erläuterung dieser Hosengeschichte bemerke ich nun: Hans 
heuchelt offenbar, wenn er sich so froh stellt, daß er nun über diese 
Angelegenheit Rede stehen darf. Am Ende wirft er die Maske ab und 
wird grob gegen seinen Vater. Es handelt sich um Dinge, die ihm früher 
viel Lust bereitet haben, und deren er sich jetzt nach eingetretener 
Verdrängung sehr schämt, zu ekeln vorgibt. Er lügt geradezu, um dem 
beobachteten Hosenwechsel der Mama andere Veranlassungen unter- 
zuschieben; in Wirklichkeit gehört das An- und Ausziehen der Hose 
in den „Lumpf'-Zusammenhang. Der Vater weiß genau, worauf es 
hier ankommt, und was Hans verbergen will. 

„Ich frage meine Frau, ob Hans öfter dabei war, wenn sie sich 
aufs Kloset begab. Sie sagt: Ja, oft, er „penzt" so lange, bis sie es ihm 
■erlaubt; das täten alle Kinder." 

Wir wollen uns aber die heute bereits verdrängte Lust, die Mama 
beim Lumpfmachen zu sehen, gut merken. 

„Wir gehen vors Haus. Er ist sehr lustig, und wie er fortwährend 
gleichsam als Pferd herumhopst, frage ich: „Du, wer ist eigentlich 
ein Stellwagenpferd? Ich, du oder die Mammi?" 

Hans: (sofort): „Ich, ich bin ein junges Pferd." 

,,Als er in der stärksten Angstzeit Pferde springen sah, Angst 
hatte und mich fragte, warum sie das täten, sagte ich, um ihn zu 
beruhigen: „Weißt du, das sind junge Pferde, die springen halt' 
wie die jungen Buben. Du springst ja auch und bist ein Bub." Seit- 
her, wenn er Pferde springen sieht, sagt er: „Das ist wahr, das sind 
junge Pferde!" 

„Auf jler Treppe frage ich beim Heraufgehen fast gedankenlos: 
„Hast du in Gmunden mit den Kindern Pferdl gespielt?" 

Er: „Ja! (Nachdenklich.) Mir scheint, da hab' ich die Dumm- 
heit gekriegt." 

Ich: „Wer war das Pferdl?" 
Er: „Ich, und die Berta war der Kutscher." 
Ich: „Bist du vielleicht gefallen, wie du Pferdl warst?" 
Hans: „Nein! Wenn die Berta gesagt hat: Hüh, bin ich schnell 
gelaufen, sogar gerannt 1 )." 

Ich: „Stellwagen habt ihr nie gespielt?" 



*) „Er hatte auch ein Pferdchenspiel mit Glöckchen." 



42 Sigm. Freud. 

Hans: „Nein, gewöhnlichen Wagen und Pferd ohne Wagen* 
Wenn das Pferd einen Wagen hat, kann es ja auch ohne Wagen gehen 
und der Wagen kann ja zu Hause sein." 

Ich: „Habt ihr oft Pferdl gespielt?" 

Hans: „Sehr oft. Der Fritzl [wie bekannt, auch ein Hausherrn- 
Tdnd] ist auch einmal Pferdl gewesen und der Franzi Kuteöher, und der 
Fritzl ist so stark gelaufen und auf einmal ist er auf einen Stein getreten 
und hat geblutet." 

Ich: „Ist er vielleicht gefallen?" 

Hans: „Nein, er hat den Fuß in ein Wasser hineingegeben und 
dann hat er sich ein Tuch daraufgegeben 1 )." 

Ich: „Warst du oft Pferd?" 

Hans: „0 ja." 

Ich: „Und da hast du die Dummheit gekriegt." 

Hans: „Weil sie immer gesagt haben: „wegen dem Pferd" und 
„wegen dem Pferd" [er betont das „wegen"], und so hab* ich vielleicht, 
weil sie so geredet haben „wegen dem Pferd", hab' ich vielleicht dif* 
Dummheit gekriegt 2 )." 

Der Vater forscht eine Weile fruchtlos auf anderen Pfaden. 

Ich: „Haben sie was erzählt vom Pferde?" 

Hans: „Ja!" 

Ich: „Was?" 

Hans: „Ich hab's vergessen." 

Ich: „Haben sie vielleicht erzählt vom Wiwimacher?" 

Hans: „0 nein!" 

Ich: „Hast du dich dort schon vor dem Pferde gefürchtet?" 

Hans: „0 nein, ich hab' mich gar nicht gefürchtet." 

Ich : „Hat vielleicht die Berta davon gesprochen, daß ein 
Pferd ..." 



a ) Siehe darüber später. Der Vater vermutet ganz richtig, daß Fritzl 
damals gefallen ist.J 

2 ) Ich erläutere, Hans will nicht behaupten, daß er damals die Dummheit 
gekriegt hat, sondern im Zusammenhange damit. Es muß ja wohl so zugehen, 
die Theorie fordert es, daß dasselbe einmal Gegenstand einer hohen Lust war, 
was heute das Objekt der Phobie ist. Und dann ergänze ich für ihn, was das 
Kind ja nicht zu sagen weiß, daß das Wörtchen „wegen" der Ausbreitung der 
Phobie vom Pferde auf die W a g e n [oder wie Hans zu hören und zu sprechen 
gewohnt ist: Wägen] den Weg eröffnet hat. Man darf nie daran vergessen, 
um wieviel dinglicher das Kind die Worte behandelt als der Erwachsene, wi& 
bedeutungsvoll ihm darum Wortgleichklänge sind. 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 43 

Hans: (unterbrechend) „Wiwi macht? Nein! 4 ' 

„Am 10. April knüpfe ich an das gestrige Gespräch an und will 
wissen, was das „wegen dem Pferde" bedeutet habe. Hans weiß sich 
nicht zu erinnern, er weiß nur, daß früh mehrere Kinder vor dem 
Haustore gestanden sind, und „wegen dem Pferde, wegen dem Pferd" 
gesagt haben. Er selbst war dabei. Wie ich dringender werde, erklärt 
er, sie hätten gar nicht „wegen dem Pferde" gesagt, er habe sich falsch 
erinnert." 

„Ich: „Ihr wart doch auch oft im Stalle, da habt ihr gewiß 
vom Pferde gesprochen." — „Wir haben nicht gesprochen." — „Wovon 
habt Ihr gesprochen?" — „Von nichts/' — „Soviel Kinderwart ihr und 
ihr habt von nichts gesprochen?" — „Etwas haben wir schon ge- 
sprochen, aber nicht vom Pferde." — „Was denn?" — „Das weiß ich 
jetzt nicht mehr.'' 

„Ich lasse das fallen, weil die Widerstände offenbar zu groß sind 1 ), 
und frage: „Mit der Berta hast du gern gespielt?" 

Er: „Ja, sehr gern, mit der Olga nicht; weißt, was die Olga getan 
hat? Die Grete droben hat mir einmal einen Papierball geschenkt und 
die Olga hat ihn ganz zerrissen. Die Berta hätt' mir den Ball nie zer- 
rissen. Mit der Berta hab' ich sehr gern gespielt." 

Ich: „Hast du gesehen, wie der Wiwimacher von der Berta aus- 
sieht?" 

Er: „Nein, vom Pferde aber, weil ich immer im Stalle war, und 
da hab' ich vom Pferde den Wiwimacher gesehen." 

Ich: „Und da warst du neugierig, wie sieht der Wiwimacher von 
der Berta und von der Mammi aus?" 

Er: „Ja!" 

„Ich erinnere ihn daran, daß er mir einmal geklagt hat. dieMäderl 
wollen immer zuschauen, wenn er Wiwi macht," 

Er: „Die Berta hat mir auch immer zugeschaut (durchaus nicht 
gekränkt, sondern sehr befriedigt), öfters. Wo der kleine Garten ist, 
wo die Eettige sind, hab' ich Wiwi gemacht, und sie ist vor dem Haus- 
tore gestanden und hat hergeschaut. " 

Ich: „Und wenn sie Wiwi gemacht hat, hast du zugeschaut?" 

Er: „Sie ist ja aufs Kloset gegangen." 

Ich: „Und du warst neugierig?" 

*) Es ist da nämlich nichts anderes zu holen als die Wortanknüpfung, die 
dem Vater entgeht. Ein gutes Beispiel von den Bedingungen, unter denen die 
analytische Bemühung fehlschlägt. 



44 Sigm. Freud. 

Er: „Ich war ja im Kloset drinnen, wenn sie drinn war." 

„(Das stimmt; die Hausleute haben es uns einmal erzählt, und 
ich erinnere mich, wir haben es Hans verboten.)** 

Ich: „Hast du ihr gesagt, du willst hineingehen?" 

Er: „Ich bin allein hineingegangen und weil die Berta erlaubt 
hat. Es ist ja keine Schande," 

Ich: „Und du hättest gerne den Wiwimacher gesehen." 

Er: „Ja, ich hab' ihn aber nicht gesehen." 

„Ich erinnere ihn an den Gmundner Traum : Was soll das Pfand in 
meiner Hand usw., und frage: Hast du in Gmunden gewünscht, daß 
dich die Berta Wiwi machen lassen soll?" 

Er: „Gesagt hab' ich ihr nie." 

Ich: „Warum hast du's ihr nie gesagt?" 

Er: „Weil ich nicht daran gedenkt hab'. (Sich unterbrechend.) 
Wenn ich alles dem Professor schreib', wird die Dummheit sehr bald 
vorüber sein, nicht wahr?" 

Ich : „Warum hast du gewünscht, daß die Berta dich Wiwimachen 
lassen soll?" 

Er: „Ich weiß nicht. Weil sie zugeschaut hat." 

Ich: „Hast du dir gedacht, sie soll die Hand zum Wiwimacher 
geben?" 

Er: „Ja. (Ablenkend), In Gmunden war's sehr lustig. In dem 
kleinen Garten, wo die Kettige drin sind, ist ein kleiner Sandhaufen, 
dort spiel' ich mit der Schaufel." 

„(Das ist der Garten, wo er immer Wiwi gemacht hat.)" 

Ich: „Hast du in Gmunden, wenn du im Bette gelegen bist, die 
Hand zum Wiwimacher gegeben?" 

Er: „Nein, noch nicht. In Gmunden hab* ich so gut geschlafen, 

daß ich gar nicht daran gedenkt hab 5 . Nur in der gasse 1 ) und jetzt 

hab' ich's getan." 

Ich: „Die Berta hat aber nie die Hand zu deinem Wiwimacher 
gegeben?" 

Er: „Sie hat es nie getan, nein, weil ich ihr's nie gesagt hab'." 

Ich: „Wann hast du dir 's denn gewünscht?" 

Er: „Einen Tag halt in Gmunden." 

Ich: „Nur einmal?" 

Er: „Ja, öfters." 

*) In der früheren Wohnung vor dem Umzüge. 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 45 

Ich: „Immer wenn du Wiwi gemacht hast, hat sie hergeschaut; 
sie war vielleicht neugierig, wie du Wiwi machen tust." 

Er: „Vielleicht war sie neugierig, wie mein Wiwimacher aussieht. " 

Ich: „Du warst aber auch neugierig; nur auf die Berta?" 

Er: „Auf die Berta, auf die Olga." 

Ich: „Auf wen noch?" 

Er: „Auf niemand andern." 

Ich: „Das ist ja nicht wahr. Auf die Mammi auch," 

Er: „Auf die Mammi schon." 

Ich: „Jetzt bist du doch nicht mehr neugierig. Du weißt doch, 
wie der Wiwimacher der Hanna ausschaut?" 

Er: „Er wird aber wachsen, nicht 1 )?" 

Ich: „Ja gewiß, aber wann er wächst, wird er nicht ausschaun 
wie deiner." 

Er: „Das weiß ich. Er wird so sein [sc. wie er jetzt ist], nur 
größer." 

Ich: „Warst du neugierig in Gmunden, wenn die Mama sich 
ausgezogen hat?" 

Er: „Ja, auch bei der Hanna beim Baden hab ich den Wiwimacher 
gesehen." 

Ich: „Bei der Mammi auch?" 

Er: „Nein!" 

Ich: „Du hast dich geekelt, wenn du die Hose von der Mammi 
gesehen hast." 

Er: „Nur wenn ich die schwarze gesehen hab', wenn sie sie ge- 
kauft hat, dann spei ich, aber wenn sie sich die Hose anzieht oder aus- 
zieht, dann spei ich nicht. Dann spei ich, weil die schwarze 
Hose doch schwarz ist wie ein Lumpf und die gelbe wie ein 
Wiwi, und da glaub' ich, ich muß Wiwi machen. Wenn die 
Mammi die Hose trägt, dann seh' ich sie nicht, dann hat sie doch die 
Kleider vor." 

Ich: „Und wenn sie sich auszieht?" 

Er: „Dann spei ich nicht. Wenn sie aber neu ist, dann sieht sie 
aus wie ein Lumpf. Wenn sie alt ist, geht die Farbe herunter und sie 
wird schmutzig. Wenn man sie gekauft hat, ist sie ganz rein, zu Hause 
hat man sie schon schmutzig gemacht. Wenn sie gekauft ist, ist sie 
neu, und wenn sie nicht gekauft ist, ist sie alt." 

Ieh: „Vor der alten ekelt dich also nicht?" 

*) Er will die Sicherheit haben, daß sein eigener Wiwimacher wachsen wird. 



46 Signa. Freud, 



Ö' J 



Er: „Wenn sie alt ist, ist sie ja viel schwärzer als ein Lumpf, nicht 
wahr? Ein bissei schwärzer ist sie 1 ). 

Ich: „Mit der Mammi warst du oft im Kloset?" 

Er: „Sehr oft." 

Ich: „Da hast du dich geekelt?" 

Er: „Ja . . ., Nein!" 

Ich: „Du bist gerne dabei, wenn die Mammi Wiwi oder Lumpf 
macht?" 

Er: „Sehr gerne." 

Ich: „Warum so gerne?" 

Er: „Das weiß ich nicht." 

Ich: „Weil du glaubst, daß du den Wiwimacher sehen wirst." 

Er: „Ja, das glaub 5 ich auch." 

Ich: „Warum willst du aber in Lainz nie ins Kloset gehen?" 

„(Er bittet in Lainz immer, ich soll ihn nicht ins Kloset führen; 
er fürchtete sich einmal vor dem Lärme, den das herabstürzende Spül- 
wasser macht. )" 

Er: „Vielleicht, weil es einen Krawall macht, wenn man her- 
unterzieht." 

Ich: „Da fürchtest du dich." 

Er: „Ja!" 

Ich: „Und in unserem Kloset hier?" 

Er: „Hier nicht. In Lainz erschreck ich, wenn du herunterläßt. 
Wenn ich drin bin und es geht herunter, dann erschrecke ich auch." 

„Um mir zu zeigen, daß er sich in unserer Wohnung nicht fürchte', 
fordert er mich auf, ins Kloset zu gehen und die Wasserspülung in Be- 
wegung zu setzen. Dann erklärt er mir: 

„Zuerst ist ein starker, dann ein lockerer Krawall (wenn das Wasser 
herabstürzt). Wenn es einen starken Krawall macht, bleib' ich lieber 
drin, wenn es einen schwachen macht, geh' ich lieber hinaus. 

Ich: „"Weil du dich fürchtest?" 

Er: „Weil ich immer so gerne mag einen starken Krawall sehen 
(korrigiert sich), hören und da bleib' ich lieber drin, daß ich ihn fest hör'." 

Ich: „Woran erinnert dich ein starker Krawall?" 



*) Unser Hans ringt da mit einem Thema, das er nicht' darzustellen weiß, 
und wir haben es schwer, ihn zu verstehen. Vielleicht meint er, daß die Hosen die 
Ekelerinnerung mir dann erwecken, wenn er sie für sich sieht; sobald sie am Leibe 
der Mutter sind, bringt er sie nicht mehr mit Lumpf oder Wiwi in Zusammenhang, 
dann interessieren sie ihn in anderer Weise. 



Analyse der Phobie eine» 5jährigen Knaben. 47 

Er: „Daß ich im Kloset Lumpf machen muß. [Also dasselbe wie 
■die schwarze Hose]." 

Ich: „Warum?"- 

Er: „Ich weiß nicht. Ich weiß es, ein starker Krawall hört sich 
so an, wie wenn man Lumpf macht. Ein großer Krawall erinnert an 
Lumpf, ein kleiner an Wiwi [vgl die schwarze und die gelbe Hose]." 

Ich: „Du, hat das Stellwagenpferd nicht dieselbe Farbe gehabt 
wie ein Lumpf?" (Es war nach seiner Angabe schwarz.) 

Er (sehr betroffen): „Ja!" 

Ich muß da einige Worte einschalten. Der Vater fragt zu viel 
und forscht nach eigenen Vorsätzen, anstatt den Kleinen sich äußern 
zu lassen. Dadurch wird die Analyse undurchsichtig und unsicher. 
Hans geht seinen eigenen Weg und leistet nichts, wenn man ihn von 
diesem ablocken will. Sein Interesse ist jetzt offenbar bei Lumpf und 
Wiwi, wir wissen nicht, weshalb. Die Krawallgeschichte ist so wenig 
befriedigend aufgeklärt wie die mit der gelben und schwarzen Hose. 
Ich vermute, sein scharfes Ohr hat die Verschiedenheit der Geräusche, 
wenn ein Mann oder ein Weib uriniert, sehr wohl bemerkt. Die Analyse 
hat das Material aber etwas künstlich in den Gegensatz der beiden 
Bedürfnisse gepreßt. Dem Leser, der noch selbst keine Analyse gemacht 
hat, kann ich nur den Hat geben, nicht alles sogleich verstehen zu wollen, 
sondern allem, was kommt, eine gewisse unparteiische Aufmerksamkeit 
zu schenken und das Weitere abzuwarten. 



„11. April. Heute früh kommt Hans wieder ins Zimmer und wird, 
wie in allen den letzten Tagen, hinausgewiesen." 

„Später erzählt er: „Du, ich hab mir was gedacht: 

„Ich bin in der Badewanne 1 ), da kommt der Schlosser 
und schraubt sie los 2 ). Dann nimmt er einen großen Bohrer 
und stoßt mich in den Bauch." 

Der Vater übersetzt sich diese Phantasie: „Ich bin im Bette 
bei der Mama. Da kommt der Papa und treibt mich weg. Mit seinem 
großen Penis verdrängt er mich von der Mama." 

Wir wollen unser Urteil noch aufgeschoben halten. 

, ,FerneT erzählt er etwas zweites, was er sich ausgedacht. „Wir fahren 

*) „Hans wird von der Mama gebadet." 
*) „Um sie in Reparatur zu nehmen. * f 



^8 Sigm. Freud. 

im Zuge nach Gmunden In der Station ziehen wir die Kleider an, 
werden damit aber nicht fertig und der Zug fährt mit uns davon." 

„Später frage ich: „Hast du schon einmal ein Pferd Lumpf machen 
gesehen?" 

Hans: „Ja, sehr oft." 

Ich: „Macht es einen starken Krawall beim Lumpfmachen?" 

Hans: „Ja!" 

Ich: „An was erinnert dich der Krawall?" 

Hans: „Wie wenn der Lumpf in den Topf fällt." 

„Das Stellwagenpferd, das umfällt und Krawall mit den Füßen 
macht, ist wohl — ein Lumpf, der herabfällt und dabei Geräusch macht. 
Die Furcht vor der Defäkation, die Furcht vor jschwer beladenen Wagen 
ist überhaupt gleich der Furcht vor schwerbeladenem Bauche." 

Auf diesen Umwegen dämmert dem Vater der richtige Sachverhalt. 

„11. April. Hans sagt beim Mittagessen : ,Wenn wir nur in Gmunden 
eine Badewanne hätten, damit ich nicht in die Badeanstalt gehen muß. (C 
Er wurde in Gmunden nämlich, um ihn warm zu baden, immer in die 
nahe gelegene Badeanstalt geführt, wogegen er mit heftigem Weinen zu 
protestieren pflegte. Auch in Wien schreit er immer, wenn er zum 
Baden in die große Wanne gesetzt oder gelegt wird. Er muß kniend 
oder stehend gebadet werden." 

Diese Bede Hansens, der nun anfängt, der Analyse durch selb- 
ständige Äußerungen Nahrung zu geben, stellt die Verbindung zwischen 
seinen beiden letzten Phantasien [vom Schlosser, der die Badewanne 
abschraubt, und von der mißglückten Reise nach Gmunden) her. Der 
Vater hatte mit Recht aus letzterer eine Abneigung gegen Gmunden 
erschlossen. Übrigens wieder eine gute Mahnung daran, daß man das 
aus dem Unbewußten Auftauchende nicht mit Hilfe des Vorher- 
gegangenen, sondern des Nachkommenden zu verstehen hat. 

„Ich frage ihn, ob und wovor er sich fürchtet." 

Hans: „Weil ich hineinfall'." 

Ich „Warum hast du dich aber nie gefürchtet, wenn du in der 
kleinen Badewanne gebadet worden bist?" 

Hans : „Da bin ich ja gesessen, da haV ich mich nicht legen können, 
die war ja zu klein." 

Ich: „Wenn du in Gmunden Schinakel gefahren bist, hast du 
dich nicht gefürchtet, daß du ins Wasser fällst?" 

Hans: „Nein, weil ich mich angehalten hab', und de kann ich nicht 



Analyse der Phobie eine« 5jährigen Knaben. 49 

hineinfallen. Ich furcht' mich nur in der großen Badewanne, daß ich 
hineinfall." 

Ich: „Da badet dich doch die Mama. Fürchtest du dich, daß dich 
die Mammi ins Wasser werfen wird?" 

Hans; „Daß sie die Hände weggeben wird und ich falle ins Wasser 
mit dem Kopf." 

Ich: „Du weißt doch, die Mammi hat dich lieb, sie wird doch 
nicht die Hände weggeben." 

Hans: „Ich hab's halt geglaubt." 

Ich: „Warum?" 

Hans: „Das weiß ich bestimmt nicht." 

Ich: „Vielleicht, weil du schlimm warst und du geglaubt hast, 
daß sie dich nicht mehr gerne hat?" 

Hans: „Ja!" 

Ich: „Wenn du dabei warst, wie die Mammi die Hanna gebadet 
hat, hast du vielleicht gewünscht, sie soll die Hand loslassen, damit die 
Hanna hineinfällt?" * 

Hans: „Ja." 

Wir glauben, dies hat der Vater sehr richtig erraten. 

„12. April. Auf der Rückfahrt von Lainz in der zweiten Klasse 
sagt Hans, wie er die schwarzen Lederpolster sieht: „Pfui, da spei ich, 
bei den schwarzen Hosen und den schwarzen Pferden spei ich auch, 
weil ich muß Lumpf machen. 

Ich: „Hast du vielleicht bei der Mammi etwas Schwarzes gesehen, 
was dich erschreckt hat?" 

Hans: „Ja!" 

Ich: „Was denn?" 

Hans: „Ich weiß nicht. Eine schwarze Bluse oder schwarze 
Strümpfe." 

Ich: „Vielleicht beim Wiwimacher schwarze Haare, wenn du 
neugierig warst und hingeschaut hast." 

Hans: (entschuldigend) „Aber den Wiwimacher hab' ich nicht 
gesehen."j &+& -i 

„Als er sich wieder einmal fürchtete, wie aus dem Hoftore vis-a-vis 
ein Wagen fuhr, fragte ich. „Sieht dieses Tor nicht aus wie ein Podl?" 

Er: „Und die Pferde sind die Lumpfe!" Seitdem sagt er immer, 
wenn er einen Wagen herausfahren sieht: „Schau, ein ,Lumpfi' kommt. 
Die Form Lumpfi ist ihm sonst ganz fremd, sie klingt wie ein Kosewort. 
Meine Schwägerin heißt ihr Kind immer „Wumpfi." 

Jahrbuch f&r psyohoanalyt. «. psjchopjuhol. Forschungen. \. 4 



50 Signa. Freud. 

„Am 13. April sieht er in der Suppe ein Stück Leber und sagt: 
„Pfui, ein Lumpt" Auch fachiertes Fleisch ißt er sichtlich ungern wegen 
der Form und Farbe, die ihn an einen Lumpf erinnern." 

„Abends erzählt meine Frau, Hans sei auf dem Balkon gewesen und 
habe dann gesagt : „Ich hab' gedacht, die Hanna ist am Balkon gewesen 
und ist hinuntergefallen." Ich hatte ihm öfter gesagt, er soll, wenn die 
Hanna am Balkon ist, acht geben, daß sie nicht zu nah ans Geländer 
kommt, das von einem sezessionistischen Schlosser höchst ungeschickt, — 
mit großen Öffnungen, die ich erst mit einem Drahtnetze verkleinern 
lassen mußte — konstruiert worden ist. Der verdrängte Wunsch Hansens 
ist sehr durchsichtig. Die Mama fragte ihn, ob es ihm lieber wäre, wenn 
die Hanna nicht da wäre, was er bejaht." 

„14. April. Das Thema Hanna steht im Vordergrunde. Er hatte, wie 
aus früheren Aufzeichnungen erinnerlich, gegen das neugeborene Kind, 
das ihm einen Teil der Liebe der Eltern raubte, eine große Aversion, 
die auch jetzt noch nicht ganz geschwunden und durch übergroße Zärt- 
lichkeit nur zum Teil überkompensiert ist 1 ). Er äußerte sich öfter 
schon, der Storch solle kein Kind mehr bringen, wir sollen ihm Geld 
geben, daß er keines mehr aus der großen Kiste, worin die Kinder 
sind, bringe. (Vgl. die Furcht vor dem Möbelwagen. Sieht nicht ein 
Stellwagen wie eine große Kiste aus?) Die Hanna mache soviel Geschrei, 
das sei ihm lästig." 

„Einmal sagt er plötzlich: „Kannst du dich erinnern, wie die 
Hanna gekommen ist? Sie ist bei der Mammi im Bette gelegen, so lieb 
und brav," (Dieses Lob hat verdächtig falsch geklungen!)" 

„Dann unten vor dem Hause. Es ist abermals ein großer Fortschritt 
zu bemerken. Selbst Lastwagen flößen ihm geringere Furcht ein. Einmal 
ruft er fast freudig : „Da kommt ein Pferd mit was Schwarzem am Munde" 
und ich kann endlich konstatieren, daß es ein Pferd mit einem Maul- 
korbe aus Leder ist. Hans hat aber gar keine Angst vor diesem Pferde." 

„Einmal schlägt er mit seinem Stocke auf das Pflaster und fragt: 
„Du, ist da ein Mann unten . . . einer, der begraben ist . . „ oder gibt's 
das nur am Friedhofe?" Ihn beschäftigt also nicht nur das Rätsel des 
Lebens, sondern auch das des Todes." 

„Zurückgekehrt sehe ich eine Kiste im Vorzimmer stehen und Hans 
sagt' : Hanna ist in so einer Kiste nach Gmunden mitgefahren. Immer 

*) Wenn das Thema „Hanna" das (Thema „Lumpf" direkt ablöst, so 
leuchtet uns der Grund dafür endlich ein. Die Hanna ist selbst ein „Lumpf**, Kinder 
sind Lumpf e! 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 51 

wenn wir nach Gmunden gefahren sind, ist sie mitgefahren in der Kiste. 
Du glaubst mir schon wieder nicht? Wirklich, Vatti. Glaub' mir. Wir 
haben eine große Kiste gekriegt und da sind lauter Kinder drin, in der 
Badewanne sitzen sie drin. (In die Kiste ist eine kleine Badewanne 
eingepackt worden.) Ich hab' sie hineingesetzt, wirklich. Ich kann mich 
gut erinnern 1 )." 

Ich: „Was kannst du dich erinnern?" 

Hans: „Daß die Hanna in der Kiste gefahren ist, weil ich's nicht 
vergessen hab\ Mein Ehrenwort!" 

Ich: „Aber voriges Jahr ist doch die Hanna im Coupe mit- 
gefahren." 

Hans: „Aber immer früher ist sie in der Kiste mit- 
gefahren." 

Ich: „Hat die Mammi nicht die Kiste gehabt" 

Hans: „Ja, die Mammi hat sie gehabt?" 

Ich: „Wo denn?" 

Hans: „Zu Hause am Boden." 

Ich: „Hat sie sie vielleicht mit sich herumgetragen 2 )?" 

Hans: ;,Nein! Wenn wir jetzt nach Gmunden fahren, wird die 
Hanna auch in der Kiste fahren." 

Ich: „Wie ist sie denn aus der Kiste herausgekommen?" 

Hans: „Man hat sie herausgenommen." 

Ich: „Die Mammi?" 

Hans: „Ich und die Mammi, dann sind wir in den Wagen ein- 
gestiegen und die Hanna ist am Pferde geritten und der Kutscher hat 
,Hüöh' gesagt. Der Kutscher war am Bocke. Warst du mit? Die Mammi 
weiß es sogar. Die Mammi weiß es nicht, sie hat es schon wieder ver- 
gessen, aber nichts ihr sagen!" 

„Ich lasse mir alles wiederholen." 

Hans: „Dann ist die Hanna ausgestiegen." 

Ich: „Sie hat noch gar nicht gehen können." 

Hans: „Wir haben sie dann heruntergehoben." 

Ich : „Wie hat sie denn am Pferde sitzen können, sie hat ja voriges 
Jah r noch g ar nicht sitzen können." 

J ) Er beginnt nun zu phantasieren. Wir erfahren, daß Kiste und Badewanne 
ihm das gleiche bedeuten, Vertretungen des Raumes, in dem sich die Kinder 
befinden. Beachten wir seine wiederholten Beteuerungen! 

2 ) Die Kiste ist natürlich der Mutterleib. Der Vater will Hans andeute«, 
daß er dies versteht. Auch das Kästehen, in dem die Helden des Mythus ausgesetzt 
werden, von König Sargon von Agade an, ist nichts anderes. 



4* 



52 Signa. Freud. 

Hans: „0 ja, sie hat schon gesessen und hat gerufen .Hüöh* und 
gepeitscht ,Hüöh, hüöh* mit der Peitsche, die ich früher gehabt hab\ 
Das Pferd hat gar keinen Steigbügel gehabt und die Hanna hat geritten; 
Vatti, aber nicht im Spasse vielleicht." 

Was soll dieser hartnäckig festgehaltene Unsinn? Oh, es ist kein 
Unsinn, es ist Parodie und Hansens Bache an seinem Vater. Es heißt soviel 
als: Kannst du mir zumuten, daß ich glauben soll, der 
Storch habe die Hanna im Oktober gebracht, wo ich doch 
den großen Leib der Mutter schon im Sommer, wie wir 
nach Gmunden' gefahren sind, bemerkt hab\ so kann ich 
verlangen, daß du mir meine Lügen glaubst. Was kann die 
Behauptung, daß die Hanna schon im vorigen Sommer „in der Kiste* ( 
nach Gmunden mitgefahren ist, anderes bedeuten als sein Wissen um die 
Gravidität der Mutter? Daß er die Wiederholung dieser Fahrt in der 
Kiste für jedes folgende Jahr in Aussicht stellt, entspricht einer häufigen 
Form des Auftauchens eines unbewußten Gedankens aus der Vergangen- 
heit, oder es hat speziellere Gründe und drückt seine Angst aus, eine 
solche Gravidität zur nächsten Sommerreise wiederholt zu sehen. Wir 
haben jetzt auch erfahren, durch welchen Zusammenhang ihm die Reise 
nach Gmunden verleidet war, was seine zweite Phantasie andeutete. 

„Später frage ich ihn, wie die Hanna nach ihrer Geburt eigentlich 
ins Bett der Mama gekommen ist". 

Da kann er nun loslegen und den Vater „frotzeln. 

Hans: „Die Hanna ist halt gekommen. Die Frau Kraus (die 
Hebamme) hat sie ins Bett gelegt. Sie hat ja nicht gehen können. Aber 
der Storch hat sie im Schnabel getragen. Gehen hat sie ja nicht können. 
(In einem Zuge fortfahrend.) Der Storch ist bis im Gang gegangen 
auf der Stiegen und dann hat er geklopft und da haben alle geschlafen 
und er hat den richtigen Schlüssel gehabt und hat aufgesperrt und hat 
die Hanna in dein 1 ) Bett gelegt und die Mammi hat geschlafen — 
nein, der Storch hat sie in ihr Bett gelegt. Es war schon ganz Nacht, 
und dann hat sie der Storch ganz ruhig ins Bett gelegt, hat gar nicht 
getrampelt, und dann hat er sich den Hut genommen, und dann ist er 
wieder weggegangen. Nein, Hut hat er nicht gehabt." 

Ich: „Wer hat sich den Hut genommen? Der Doktor vielleicht?" 

Hans : „Dann ist der Storch weggegangen, nach Hause gegangen 
und dann hat er angeläutet und alle Leute im Hause haben nicht mehr 

l ) Hohn natürlich! Sowie die spatere Bitte, der Mama nicht« von dem 
Geheimnis zu verraten. 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 53 

geschlafen. Aber erzähl' das nicht der Mammi und der Tini (der Köchin). 
Das ist Geheimnis!" 

Ich: „Hast du die Hanna gerne?" 

Hans: „0 ja, sehr gerne." 

Ich: „Wäre es dir lieber, wenn die Hanna nicht auf die Welt ge- 
kommen wäre, oder ist es dir lieber, daß sie auf der Welt ist?" 

Hans: „Mir war' lieber, daß sie nicht auf die Welt gekommen 
war'." 

Ich: „Warum?" 

Hans: „Wenigstens schreit sie nicht so und ich kann das Schreien 
nicht aushalten." 

Ich: „Du schreist ja selbst." 

Hans: „Die Hanna schreit ja auch." 

Ich: „Warum kannst du es nicht aushalten?" 

Hans: „Weil sie so stark schreit." 

Ich: „Aber sie schreit ja gar nicht." 

Hans: „Wenn man sie am nackten Popo haut, dann schreit sie." 

Ich: „Hast du sie einmal gehaut?" 

Hans: „Wenn die Mammi sie auf den Popo haut, dann schreit sie." 

Ich: „Das hast du nicht gerne?" 

Hans: „Nein . . . Warum? Weil sie so einen Krawall macht 
mit dem Schreien." 

Ich: „Wenn du lieber hättest, daß sie nicht auf der Welt war', 
hast du sie ja gar nicht gern." 

Hans: „Hm, hm (zustimmend)." 

Ich : „Deshalb hast du gedacht, wenn die Mammi sie badet, wenn 
sie die Hände weggeben möcht', dann möchte sie ins Wasser fallen ..." 

Hans (ergänzt): — „und sterben." 

Ich: „Und du wärst dann allein mit der'Mammi. Und ein braver 
Bub 5 wünscht das doch nicht." 

Hans: „Aber denken darf er's." 

Ich: „Das ist aber nicht gut." 

Hans: „Wenn ers denken tut, ist es doch gut, damit 
man's dem Professor schreibt 1 )." 

i „Später sag' ich ihm: „Weißt du, wenn die Hanna größer sein wird 
und wird sprechen können, wirst du sie schon lieber haben." 

Hans: „O nein. Ich hab' sie ja lieb. Wenn sie im Herbst groß 

>) Wacker, kleiner Hans! Ich wünschte mir bei keinem Erwachsenen trin 
besseres Verständnis der Psychoanalyse. 



54 Sigm. Freud. 

sein wird, werd' ich mit ihr ganz allein in den Stadtpark gehen und werd" 
ihr alles erklären." 

„Wie ich mit einer weiteren Auf klärung anfangen will, unterbricht 
er mich, wahrscheinlich, um mir zu erklären, daß es nicht so schlimm 
ist, wenn er der Hanna den Tod wünscht." 

Hans: „Du, sie war doch schon längst auf der Welt, auch wie sie 
noch nicht da war. Beim Storche war sie doch auch auf der Welt." 

Ich: „Nein, beim Storche war sie vielleicht doch nicht." 

Hans: „Wer hat sie denn gebracht? Der Storch hat sie gehabt," 

Ich: „Woher hat er sie denn gebracht?" 

Hans: „Na, von ihm." 

Ich: „Wo hat er sie denn gehabt " 

Hans: „In der Kiste, in der Storchenkiste." 

Ich: „Wie sieht denn die Kiste aus " 

Hans: „Rot. Rot angestrichen." (Blut?) 

Ich: „Wer hat dir's denn gesagt?" 

Hans : „Die Mammi — ich hab' mir's gedacht — im Buche steht V* 

Ich: „In welchem Buche?" 

Hans: „Im Bilderbuche." (Ich lasse mir sein erstes Bilderbuch 
bringen. Dort ist ein Storchennest mit Störchen abgebildet auf einem 
roten Kamin. Das ist die Kiste; sonderbarerweise ist auf demselben 
Blatte ein Pferd zu sehen, das beschlagen wird. In die Kiste verlegt 
Hans die Kinder, da er sie im Neste nicht findet.)" 

Ich: „Was hat denn der Storch mit ihr gemacht?" 

Hans : „Dann hat er die Hanna hergebracht. Im Schnabel. Weißt, 
der Storch, der in Schönbrunn ist, der in den Schirm beißt." (Reminis- 
zenz an einen kleinen Vorfall in Schönbrunn.) 

Ich: „Hast du gesehen, wie der Storch die Hanna gebracht hat?"' 

Hans: „Du, da hab 5 ich doch noch geschlafen. In der Früh kann 
kein Storch ein Mäderl oder einen Buben bringen." 

Ich: „Warum?" 

Hans: „Das kann er nicht. Das kann ein Storch nicht. Weii.)t 
warum? Daß die Leute nicht sehen, und auf einmal, wenn früh ist, ist 
ein Mäderl da 1 )." 

*) Man halte sich über Hansens Inkonsequenz nicht auf. Im vorigen Gespräch 
ist der Unglaube an den Storch aus seinem Unbewußten zum Vorschein gekommen, 
der mit seiner Erbitterung gegen den geheimtuerischen Vater verknüpft war. 
Jetzt ist er ruhiger geworden und antwortet mit offiziellen Gedanken, in denen 
er sich für die vielen mit der Storchhypothese verbundenen Schwierigkeiten 
Erklärungen zurecht gemacht hat. 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 55 

Ich: „Du warst aber damals doch neugierig, wie das der Storch 
gemacht hat?" 

Hans: „0 ja!" 

Ich: „Wie hat die Hanna ausgesehen, wie sie gekommen ist?" 

Hans (falsch): „Ganz weiß und lieb. Wie goldig." 

Ich: „Wie du sie aber das erstemal gesehen hast, hat sie dir aber 
nicht gefallen." 

Hans: „0 sehr!" 

Ich: „Du warst doch überrascht, daß sie so klein ist?" 

Hans: „Ja!" 

Ich: „Wie klein war sie?" 

Hans: „Wie ein junger Storch." 

Ich: „Wie was noch? Wie ein Lumpf vielleicht? 14 
S Hans: „0 nein, ein Lumpf ist viel größer . > . bisse) kleiner, 
wie die Hanna wirklich." 

Ich hatte dem Vater vorhergesagt, daß die Phobie des Kleinen 
sich auf die Gedanken und Wünsche aus Anlaß der Geburt des Schwester- 
chens werde zurückführen lassen, aber ich hatte versäumt, ihn aufmerk- 
sam zu machen, daß ein Kind ein „Lumpf" für die infantile Sexualtheorie 
sei, so daß Hans den Exkrementalkomplex passieren werde. Aus dieser 
meiner Nachlässigkeit entsprang die zeitweise Verdunkelung der Kur. 
Jetzt nach erfolgter Klärung versuchte der Vater, Hans über diesen 
wichtigen Punkt ein zweites Mal zu vernehmen. 

„Am nächsten Tage lasse ich mir die gestern erzählte Geschichte 
nochmals wiederholen. Hans erzählt: „Die Hanna ist in der großen 
Kiste nach Gmunden gefahren, und die Mammi im Coupe und die Hanna 
ist im Lastzuge mit der Kiste gefahren, und dann, wie wir in Gmunden 
waren, haben ich und die Mammi die Hanna herausgehoben, haben sie aufs 
Pferd gesetzt. Der Kutscher war am Bocke und die Hanna hat die vorige 
(vorjährige) Peitsche gehabt und hat das Pferd gepeitscht und hat immer 
gesagt: ,Hüoh," und das war immer lustig, und der Kutscher hat auch 
gepeitscht. — Der Kutscher hat gar nicht gepeitscht, weil die Hanna 
die Peitsche gehabt hat. — Der Kutscher hat die Zügel gehabt — auch 
die Zügel hat die Hanna gehabt (wir sind jedesmal mit einem Wagen 
von der Bahn zum Hause gefahren; Hans sucht hier Wirklichkeit und 
Phantasie in Übereinstimmung zu bringen). In Gmunden haben wir die 
Hanna vom Pferde heruntergehoben, und sie ist allein über die Stiege 
gegangen." [Als Hanna voriges Jahr in Gmunden war, war sie S Monate 
alt. Ein Jahr früher, worauf sich offenbar Hans' Phantasie bezieht. 



56 Sigm. Freud. 

waren bei 'der Ankunft in Gmunden 5 Monate der Gravidität ver- 
strichen.] 

Ich: „Das vorige Jahr war ja die Hanna schon da." 

Hans: „Voriges Jahr ist sie im Wagen gefahren, aber ein Jahr 
vorher, wie sie bei uns auf der Welt war ..." 
< Ich: „Bei uns war sie schon?" 

Hans : „Ja, du bist doch schon immer gekommen, mit mir Schinakel 
zu fahren, und die Anna hat dich bedient." 

Ich: „Das war aber nicht voriges Jahr, da war die Hanna noch 
gar nicht auf der Welt." 

Hans: „Ja, da war sie auf der Welt. Wie sie erst in der 
Kiste gefahren ist, hat sie schon laufen können, schon ,Anna* sagen." 
(Das kann sie erst seit 4 Monaten.) 

Ich: „Aber da war sie doch noch gar nicht bei uns." 

Hans: „0 ja, da war sie doch beim Storche. 

Ich: „Wie alt ist denn die Hanna?" 

Hans: „Sie wird im Herbste 2 Jahre. Die Hanna war doch da, 
du weißt es doch." 

Ich: „Und wann war sie beim Storche in der Storchenkiste?" 
Hans: „Schon lange, bevor sie in der Kiste gefahren ist. Schon 

sehr lange." 

Ich: „Wie lange kann denn die Hanna gehen? Wie sie in 
Gmunden war, hat sie noch nicht gehen können." 

Hans: „Voriges Jahr nicht, sonst schon." 

Ich: „Die Hanna war doch nur einmal in Gmunden." 

Hans: „Nein! Sie war zweimal; ja, das ist richtig. Ich kann mich 
sehr gut erinnern. Frag* nur die Mammi, die wird dir's schon sagen." 

Ich: „Das ist doch nicht wahr." 

Hans: „Ja, das ist wahr. Wie sie in Gmunden das erstemal 
war, hat sie gehen und reiten können und später hat man sie 
tragen müssen. — Nein, später ist sie erst geritten und voriges Jahr 
hat man sie tragen müssen." 

Ich: „Sie geht aber doch erst ganz kurze Zeit. In Gmunden hat 
sie nicht gehen können." 

Hans: „Ja, schreib's nur auf. Ich kann mich ganz gut erinnern. 
— Warum lachst du?" 

Ich : „Weil du ein Schwindler bist, weil du ganz gut weißt, daß die 
Hanna nur einmal in Gmunden war." 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 57 

Hans: „Nein, das ist nicht wahr. Das erstemal ist sie auf dem 
Pferde geritten . . . und das zweitemal (wird offenbar unsicher)/' 

Ich: „War das Pferd vielleicht die Mammi?" 

Hans: „Nein, ein wirkliches Pferd, beim Einspänner." 

Ich: „Wir sind doch immer mit einem Zweispänner gefahren." 

Hans: „So war's halt ein Fiaker." 

Ich: „Was hat die Hanna in der Kiste gegessen?" 

Hans: „Man hat ihr ein Butterbrot und Hering und Rettig (ein 
Gmundner Nachtmahl) hineingegeben, und da weil die Hanna gefahren 
ist, hat sie sich das Butterbrot aufgeschmiert und hat 50mal gegessen." 

Ich: „Hat die Hanna nicht geschrien?" 

Hans: „Nein!" 

Ich: „Was hat sie denn gemacht?" 

Hans: Ganz ruhig drin gesessen. 

Ich: „Hat sie nicht gestoßen?" 

Hans: „Nein, sie hat fortwährend gegessen und hat sich nicht 
einmal gerührt. Zwei große Häfen Kaffee hat sie ausgetrunken — bis 
in 'der Früh war alles weg und den Mist hat sie in der Kiste gelassen, 
die Blätter von den zwei Rettigen und ein Messer zum Rettigschneiden; 
sie hat alles zusammengeputzt wie ein Has, in einer Minute und sie war 
fertig. Das war eine Hetz'. Ich und die Hanna bin sogar mitgefahren 
in der Kiste, ich hab 5 in der Kiste geschlafen die ganze Nacht (wir sind 
vor 2 Jahren tatsächlich in der Nacht nach Gmunden gefahren] und 
die Mammi ist im Coupe gefahren. Immer haben wir gegessen auch im 
Wagen, das war eine Gaude. — Sie ist gar nicht am Pferde geritten (er 
ist jetzt unsicher geworden, weil er weiß, daß wir im Zweispänner 
gefahren sind) ... sie ist im Wagen gesessen. Das ist das Richtige, 
aber ganz allein bin ich und die Hanna gefahren ... die Mammi ist 
auf dem Pferde geritten, die Karolin' (unser Mädchen vom vorigen 
Jahre) auf dem andern .... Du, was ich dir da erzähl', ist nicht 
einmal wahr." 

Ich: „Was ist nicht wahr?" 

Hans: „Alles nicht. Du, wir setzen sie und mich in die Kiste 1 ) 
und ich werde in die Kiste Wiwi machen* Ich werd 5 halt in die Hosen 
Wiwi machen, liegt mir gar nichts dran, ist gar keine Schand'. Du, 
das ist aber kein Spaß, aber lustig ist es schon !" 

„Er erzählt dann die Geschichte, wie der Storch gekommen ist, 
wie gestern, nur nicht, daß er beim Weggehen den Hut genommen hat. 

J ) Die Kiste für das Gmundner Gepäck, die im Vorzimmer steht. 



58 Sigm. Freud. 

Ich: „Wo hat der Storch den Türschlüssel gehabt?" 

Hans: „In der Tasche." 

Ich: „Wo hat denn der Storch eine Tasche?" 

Hans: „Im Schnabel." 

Ich: „Im Schnabel hat er ihn gehabt ! Ich hab' noch keinen Storch 
gesehen, der einen Schlüssel im Schnabel gehabt hat." 

Hans: „Wie hat er denn hineinkommen können? Wie kommt 
denn der Storch von der Tür hinein? Das ist ja nicht wahr, ich hab' 
mich nur geirrt, der Storch läutet an und jemand macht auf.". 

Ich: „Wie läutet er denn?" 

Hans: „Auf der Glocke." 

Ich: „Wie macht er das?" 

Hans : „Er nimmt den Schnabel und drückt mit dem Schnabel an." 

Ich: „Und er hat die Tür wieder zugemacht?" 

Hans: „Nein, ein Dienstmädchen hat sie zugemacht. Die war 
ja schon auf, die hat ihm aufgemacht und zugemacht." 

Ich: „Wo ist der Storch zu Hause?" 

Hans: „Wo? In der Kiste, wo er die Mäderl hat. In Schönbrunn 
vielleicht". 

Ich: „Ich hab' in Schönbrunn keine Kiste gesehen." 

Hans: „Die wird halt weiter weg sein. — Weißt, wie der Storch 
die Kiste aufmacht? Er nimmt den Schnabel — die Kiste hat auch 
einen Schlüssel — er nimmt den Schnabel und eins (eine Schnabelhälfte) 
läßt er auf und sperrt so auf (demonstriert es mir am Schreibtisch- 
schlosse). Da ist ja auch ein Henkel." 

Ich: „Ist so ein Mäderl nicht zu schwer für ihn?" 

Hans: „0 nein!" 

Ich: „Du, sieht ein Stellwagen nicht wie eine Storchenkiste aus?" 

Hans: „Ja!" 

Ich: „Und ein Möbelwagen?" 

Hans: „Ein Gsindelwerkwagen (Gsindelwerk: Schimpfwort für 
unartige Kinder) auch." 



„17. April. Gestern hat Hans seinen lange geplanten Vorsatz aus- 
geführt und ist in den Hof vis-a-vis hinübergegangen. Heute wollte er 
es nicht tun, weil gerade gegenüber dem Einfahrtstore ein Wagen an 
der Ausladerampe stand. Er sagte mir: „Wenn dort ein Wagen steht. 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 59 

so furcht 7 ich mich , daß ich die Pferde necken werde und sie fallen 
um und machen mit den Füßen Krawall*' 

Ich: „Wie neckt man denn Pferde?" 

Hans: „Wenn man mit ihnen schimpft, dann neckt man sie, wenn 
man hühii schreit 1 )." 

Ich: „Hast du Pferde schon geneckt?" 

Hans: „Ja, schon öfter. Fürchten tu ich mich, daß ich's tu, aber 
wahr ist es nicht." 

Ich: „Hast du schon in Gmunden Pferde geneckt?" 

Hans: „Nein!" 

Ich: „Du neckst aber gerne Pferde?" 

Hans: „0 ja, sehr gerne!" 

Ich: „Möchtest du sie gerne peitschen?" 

Hans: „Ja!" 

Ich: „Möchtest du die Pferde so schlagen, wie die Mammi die 
Hanna? Das hast du ja auch gerne." 

Hans: „Den Pferden schadet es ja nichts, wenn man sie schlägt. 
(So hab' ich ihm seinerzeit gesagt, um seine Furcht vor dem Peitschen 
der Pferde zu mäßigen.) Ich hab's einmal wirklich getan. Ich hab' 
einmal die Peitsche gehabt und hab' das Pferd gepeitscht und es ist 
umgefallen und hat mit den Füßen Krawall gemacht." 

Ich: „Wann?" 

Hans: „In Gmunden." 

Ich: „Ein wirkliches Pferd? Das am Wagen angespannt war?" 

Hans: „Es war außer'm Wagen." 

Ich: „Wo war's denn?" 

Hans: „Ich hab's halt gehalten, daß es nicht da vonrennen soll." 
(Das klang natürlich alles unwahrscheinlich.)" 

Ich: „Wo war das?" 

Hans: „Beim Brunnen." 

Ich: „Wer hat's dir erlaubt? Hat's der Kutscher dort stehen 
lassen? " 

Hans: „Halt ein Pferd vom Stalle." 

Ich: „Wie ist es denn zum Brunnen gekommen?" 

Hans: „Ich hab's hingeführt." 

Ich: „Woher? Aus dem Stalle?" 

*) „Es hat ihm oft große Furcht eingejagt, wenn Kutscher dje Pferde schlugen 
und hü schrien." 



60 Sigm. Freud, 

Hans: „Ich hab's herausgeführt, weil ich es hab' wollen 
peitschen." 

Ich: „War im Stalle niemand?" 
; Hans: „0 ja, der Loial (der Kutscher in G munden)." 

Ich: „Hat er dir's erlaubt?" 

Hans: „Ich hab' mit ihm lieb geredet und er hat gesagt, ich darf 
es tun." 

Ich: „Was hast du ihm gesagt?" 

Hans: „Ob ich das Pferd nehmen darf und peitschen und schreien. 
Er hat gesagt, ja." 

Ich: „Hast du's viel gepeitscht?" 

Hans: „Was ich dir da erzählt, ist gar nicht wahr." 

Ich: „Was ist davon wahr?" 

Hans: „Nix ist davon wahr, das hab' ich dir nur so im Spasse 
erzahlt." 

Ich: „Du hast nie ein Pferd aus dem Stalle geführt?" 

Hans: „0 nein!" 

Ich: „Gewünscht hast du dir's." 

Hans: „O, gewünscht schon, gedacht hab' ich mir's." 

Ich: „In Gmunden?" 

Hans : „Nein, erst hier. In der Früh hab' ich mir's schon gedacht, 
wie ich ganz angezogen war; nein, in der Früh im Bette." 

Ich: „Warum hast du mir's nie erzählt?" 

Hans: „Ich hab' nicht d'ran gedacht." 

Ich : „Du hast dir's gedacht, weil du auf die Straßen gesehen hast." 

Hans: „Ja!" 

Ich: „Wen möchtest du eigentlich gerne schlagen, die Mammi» 
die Hanna odeT mich?" 

Ich: „Die MammL" 

Ich: „Warum?" 

Hans: „Ich möcht' sie halt schlagen," 

Ich: „Wann hast du gesehen, daß jemand eine Mammi schlägt?" 

Hans: „Ich hab's noch nie gesehen, in meinem Leben nie." 

Ich: „Und du möchtest es halt doch machen. Wie möchtest du 
das tun?" 

Hans: „Mit dem Pracker." (Mit dem Pracker droht die Mama öfter 
ihn zu schlagen). 

„Für heute mußte ich das Gespräch abbrechen." 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 61 

„Auf der Gasse erklärte mir Hans: Stellwagen, Möbelwagen, 
Kohlenwagen Beien Storchkistenwagen." 

Das heißt also: gravide Frauen. Die sadistische Anwandlung 
unmittelbar vorher kann nicht außer Zusammenhang mit unserem 
Thema sein. 

„21. April. Heute früh erzählt Hans, er habe sich gedacht: „Ein 
Zug war in Lainz und ich bin mit der Lainzer Großmama nach Haupt- 
zollamt gefahren. Du warst noch nicht herunter von der Brücke und der 
zweite Zug war schon in St. Veit. Wie du heruntergekommen bist, 
war der Zug schon da und da sind wir eingestiegen." 

„[Gestern war Hans in Lainz. Um auf den Einsteigeperron» zu 
kommen, muß man über eine Brücke gehen. Von dem Perron sieht 
man die Schienen entlang bis zur Station St. Veit. Die Sache ist etwas 
undeutlich. Ursprünglich hat sich Hans wohl gedacht: er ist mit dem 
ersten Zuge, den ich versäumt habe, davongefahren, dann ist aus 
Unter-St. Veit ein zweiter Zug gekommen, mit dem ich nachgefahren 
bin. Ein Stück dieser Ausreißerphantasie hat er entstellt, so daß er 
schließlich sagt : Wir sind beide erst mit dem zweiten Zuge weggefahren." 

Diese Phantasie steht in Beziehung zu der letzten ungedeuteten, 
die davon handelt, wir hätten in Gmunden zuviel Zeit verbraucht, um 
dieKleider in der Bahn anzuziehen und der Zug wäre davon gefahren.]" 

„Nachmittag vor dem Haus. Hans läuft plötzlich ins Haus, als 
ein Wagen mit zwei Pferden kommt, an dem ich nichts Außergewöhn- 
liches bemerken kann. Ich frage ihn, was er hat. Er sagt: „Ich fürchte 
mich, weil die Pferde so stolz sind, daß sie umfallen." (Die Pferde 
wurden vom Kutscher scharf am Zügel gehalten, so daß sie in kurzem 
Schritte gingen, die Köpfe hochhaltend^— sie hatten wirklich einen 
„stolzen" Gang,)" 

„Ich frage ihn, wer denn eigentlich so stolz sei." 

Er: „Du, wenn ich ins Bett zur Mammi komm." 

Ich: „Du wünschest also, ich soll umfallen?" 

Er: „Ja, du sollst als Nackter (er meint: barfüßig wie seinerzeit 
Fritzl) auf einen Stein anstoßen und da soll Blut fließen und wenigstens 
kann ich mit der Mammi ein bischen allein sein. Wenn du in die Wohnung 
heraufkommst, kann ich geschwind weglaufen von der Mammi, daß 
du 's nicht siehst." 

Ich: „Kannst du dich erinnern, wer sich am Steine angestoßen 
hat?" 



62 Signa. Freud. 

Er: „Ja der Fritzl.", 

Ich: „Wie der Fritzl hingefallen ist, was hast du dir gedacht 1 )?" 

Er: „Daß du am Steine hinfliegen sollst*" 

Ich: „Du möchtest also gerne zur Mammi?" 

Er: „Ja!" 

Ich: „Weshalb schimpf ich denn eigentlich?" 

Er: „Das weiß ich nicht." (!!) 

Ich: „Warum?" 

Er: „Weil du eifern tust." 

Ich: „Das ist doch nicht wahr!" 

Er: „Ja, das ist wahr, du tust eifern, das weiß ich. Das muß 
wahr sein." 

„Meine Erklärung, daß nur kleine Buben zur Mammi ins Bett 
kommen, große in ihrem eigenen Bette schlafen, hat ihm also nicht sehr 
imponiert." 

„Ich vermute, daß der Wunsch, das Pferd zu „necken", i. e. schlagen, 
anschreien, nicht, wie er angab, auf die Mama, sondern auf mich geht. 
Er hat die Mama wohl nur vorgeschoben, weil er mir das andere nicht 
eingestehen wollte. In den letzten Tagen ist er von besonderer Zärt- 
lichkeit gegen mich*" 

Mit der Überlegenheit, die man „nachträglich" so leicht erwirbt, 
wollen wir den Vater korrigieren, daß der Wunsch Hansens, das Pferd 
zu „necken" doppelt gefügt ist, zusammengesetzt aus einem dunkeln, 
sadistischen Gelüste auf die Mutter und einem klaren Rachedrange gegen 
den Vater. Der letztere konnte nicht eher reproduziert werden, als bis 
im Zusammenhange des Graviditätskomplexes das erstere an die Reihe 
gekommen war. Bei der Bildung der Phobie aus den unbewußten Ge- 
danken findet ja eine Verdichtung statt; darum kann der Weg der 
Analyse niemals den Entwicklungsgang der Neurose wiederholen. 



„22. April. Heute früh hat sich Hans wieder etwas gedacht: „Ein 
Gassenbube ist auf dem Wagerl gefahren und der Kondukteur ist ge- 
kommen und hat den Buben ganz nackt ausgezogen und bis in der Früh 
dort stehen lassen und in der Früh hat der Bub dem Kondukteur 
50.000 Gulden gegeben, damit er mit dem Wagerl fahren darf." 

„[Vis-a-vis von uns fährt die Nordbahn. Auf einem Stockgeleise 

*) Fritzl ist also tatsächlich gefallen, was er seinerzeit geleugnet hat. 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 63 

steht eine Draisine, auf der Hans einmal einen Gassenbuben fahren 
sah, was er auch tun wollte. Ich habe ihm gesagt, das dürfe man nicht, 
sonst käme der Kondukteur. Ein zweites Element der Phantasie ist 
der verdrängte Nacktheitswunsch.] " 

Wir merken schon seit einiger Zeit, daß Hansens Phantasie *,im 
Zeichen des Verkehres" schafft und konsequenterweise vom Pferde 
das den Wagen zieht, zur Eisenbahn fortschreitet. So gesellt sich ja 
auch zu jeder Straßenphobie mit der Zeit die Eisenbahnangst hinzu. 

„Mittags höre ich, daß Hans den ganzen Vormittag mit einer 
Gummipuppe gespielt habe, die er Grete nannte. Er hat 
durch die Öffnung, in der einmal das kleine Blechpfeifchen 
befestigt war, ein kleines Taschenmesser hineingesteckt, 
und ihr dann die Füße voneinander gerissen, um das Messer 
herausfallen zu lassen. Dem Kindermädchen sagte er, 
zwischen die Füße der Puppe zeigend: „Schau, hier ist der 
Wiwimacher!" 

Ich: ,,Was hast du denn heute eigentlich mit der Puppe gespielt?" 

Er: „Ich hab' die Füße auseinander gerissen, weißt warum? Weil 
ein Messerl drin war, was die Mammi gehabt hat. Das hab' ich hinein- 
gegeben, wo der Knopf quietscht, und dann hab' ich die Fuß' auseinander 
gerissen und dort ist es hinausgegangen." 

Ich: „Weshalb hast du die Füße auseinander gerissen? Damit 
du den Wiwimacher sehen kannst?" 

Er : „Er war ja auch zuerst da, da hab' ich ihn auch sehen können." 

Ich: „Weshalb hast du das Messer hineingegeben?" 

Er: „Ich weiß es nicht." 

Ich: „Wie sieht denn das Messerl aus?" 

„Er bringt es mir." 

Ich: „Hast du dir gedacht, es ist vielleicht ein kleines Kind?" 

Er: „Nein, ich hab* mir gar nichts gedacht, aber der Storch hat, 
mir scheint, einmal ein kleines Kind gekriegt — oder wer." 

Ich: „Wann?" 

Er: „Einmal. Ich hab's gehört oder haV ich's gar nicht gehört, 
oder hab' ich mich verredet?" 

Ich: „Was heißt verredet?" 

Er: „Es ist nicht wahr." 

Ich: „Alles, was man sagt, ist ein bissei wahr." 

Er: „No ja, ein bißchen." 

5 



64 Signa, Freud, 

Ich (nach einem Übergänge): „Wie hast du dir gedacht, komme» 
die Hendl auf die Welt!" 

Er: „Der Storch laßt sie halt wachsen, der Storch laßt die Hendl 
wachsen, — nein, der hebe Gott." 

„Ich erkläre ihm, daß die Hendl Eier legen und aus den Eiern 
wieder Bendl kommen." 

„Hans lacht." 

Ich: „Warum lachst du?" 

Er: j,Weil mir's gefallt, was du mir da erzahlst." 

„Er sagt, er habe das bereits gesehen." 

Ich: Wo denn?" 

Hans: „Bei dir!" 

Ich: „Wo hab* ich ein Ei gelegt?" 

Hans: „In Gmunden, ins Gras hast du ein Ei gelegt und auf 
einmal ist ein Hendl außigsprungen. Du hast einmal ein Ei gelegt, das 
weiß ich, das weiß ich ganz bestimmt. Weil mir's die Mammi gesagt hat." 

Ich: „Ich werde die Mammi fragen, ob das wahr ist?" 

Hans: „Das ist gar nicht wahr, aber ich hab schon einmal ein 
Ei gelegt, da ist ein Hendl außigsprungen." 

Ich: „Wo?" 

Hans : „In Gmunden habe ich mich ins Gras gelegt, nein, gekniet und 
da haben die Kinder gar nicht hergeschaut uüd auf einmal in der Früh 
hab' ich gesagt: Sucht's Kinder, gestern hab 7 ich ein Ei gelegt! Und auf 
einmal haben sie geschaut und auf einmal haben sie ein Ei gesehen 
und aus dem ist ein kleiner Hans gekommen. Was lachst du denn? 
Die Mammi weiß es nicht und die Karolin' weiß es nicht, weil niemand 
zugeschaut hat, und auf einmal hab' ich ein Ei gelegt und auf einmal 
war's da. Wirklich. Vatti, wann wächst ein Hendl aus dem Ei? Wenn 
man es stehen läßt? Muß man das essen?" 

„Ich erkläre ihm das.*' 

Hans: „No ja, lassen 's wir bei der Henne, dann wächst ein Hendl- 
Packen wir's in die Kiste und lassen wirs nach Gmunden fahren." 

Hans hat die Leitung der Analyse mit einem kühnen Griffe an 
sich gerissen, da die Eltern mit den längst berechtigten Aufklärungen 
zögerten, und in einer glänzenden Symptomhandlung mitgeteilt: 
„Seht ihr, so stelle ich mir eine Geburt vor." Was er dem Dienst- 
mädchen über den Sinn seines Spieles mit der Puppe gesagt, war nicht 
aufrichtig, dem^Vater gegenüber weist er es direkt ab, daß er nur den 
Wiwimacher sehen wollte. Nachdem ihm der Vater gleichsam als 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 65 

Abschlagszahlung die Entstehung der Hühnchen aus dem Ei erzählt 
hat, vereinigen sich seine Unbefriedigung, sein Mißtrauen und sein 
Besserwissen zu einer herrlichen Persiflage, die sich in seinen letzten 
Worten zu einer deutlichen Anspielung auf die Geburt der Schwester 
steigert* 

Ich: „Was hast du mit der Puppe gespielt?" 

Hans: „Ich hab' ihr Grete gesagt." 

Ich: „Warum?" 

Hans: „Weil ich ihr Grete gesagt hab'." 

Ich: „Wie hast du dich gespielt?" 

Hans: „Ich hab' sie halt so gepflegt wie ein wirkliches Kind." 

Ich: „Möchtest du gerne ein kleines Mäderl haben?" 

Hans : „O ja. Warum nicht? Ich mag eins kriegen, aber die Maxnmi 
darf keins kriegen, ich mags nicht." 

„[Er hat sich schon so oft ausgesprochen. Er fürchtet, durch ein 
drittes Kind noch weiter verkürzt zu werden.]*' 

Ich: „Es bekommt doch nur eine Frau ein Kind." 

Hans: „Ich krieg' ein Mäderl." 

Ich: „Wo kriegst du es denn her?" 

Hans: „No, vom Storch. Er nimmt das Mäderl heraus und 
das Mäderl legt auf einmal ein Ei und aus dem Ei kommt dann noch 
eine Hanna heraus, noch eine Hanna. Aus der Hanna kommt noch eine 
Hanna. Nein, es kommt halt eine Hanna heraus." 

Ich: „Du möchtest gerne ein Mäderl haben." 

Hans: „Ja, nächstes Jahr krieg' ich eins, das wird auch 
Hanna heißen." 

Ich: „Warum soll denn die Mammi kein Mäderl bekommen?" 

Hans: „Weil ich einmal ein Mäderl mag." 

Ich: „Du kannst aber kein Mäderl bekommen." 

Hans: „O ja, ein Bub kriegt ein Mäderl und ein Mäderl kriegt 
einen Buben 1 )." 

Ich: „Ein Bub bekommt keine Kinder. Kinder bekommen nur 
Frauen, Mammis." 

Hans: „Warum denn ich nicht?" 

Ich: „Weil der liebe Gott es so eingerichtet hat." 

Hans: „Warum kriegst denn du keines? ja, du wirst schon 
eins kriegen, nur warten." 



') Wiederum ein Stück infantiler Sexualtheorie mit ungeahntem Sinne. 

Jahrbuch für psychoaaalyt. u. psyehopatbol. Forschungen. I. 5 



66 Sigm. Freud. 

Ich: „Da kann ich lang warten." 

Hans: „Ich gehör' doch dir." 

Ich : „Aber die Mammi hat dich auf die Welt gebracht. Du gehörst 
dann der Mammi und mir." 

Hans: „Gehört die Hanna mir oder der Mammi?" 

Ich: „Der Mammi." 

Hans: „Nein, mir. Warum denn nicht mir und der Mammi?" 

Ich: „Die Hanna gehört mir, der Mammi und dir." 

Hans: „No also!" 

Ein wesentliches Stück fehlt natürlich dem Kinde im Verständnisse 
der Sexualbeziehungen, solange das weibliche Genitale unentdeckt ist. 



„Am 24. April wird Hans von mir und meiner Frau so weit auf- 
geklart, daß Kinder in der Mammi wachsen und dann, was große 
Schmerzen bereite, mittels Drückens wie ein „Lumpf" in die Welt 
gesetzt werden." 

„Nachmittags sind wir vor dem Haus. Es ist bei ihm eine sicht- 
liche Erleichterung eingetreten, er lauft Wagen nach und nur der Um- 
stand, daß er sich aus der Nähe des Haupttores nicht wegtraut respektive 
zu keinem größeren Spaziergange zu bewegen ist, verrät den Rest von 
Angst." 

„Am 25. April rennt mir Hans mit dem Kopfe in den Bauch, was 
er schon früher einmal getan hat. Ich frage ihn, ob er eine Ziege ist." 

„Er sagt: „Ja, einWieder(Widder)."— „Wo er einen Widder gesehen 

hat?" 

Er: „In Gmunden, der Fritzl hat einen gehabt." [DerFritzl hat ein 
kleines, lebendes Schaf zum Spielen gehabt.]" 

Ich: »Von dem Lamperl mußt du mir erzählen, was hat es 
gemacht?" 

Hans : „Du weißt, das Fräulein Mizzi [eine Lehrerin, die im Hause 
wohnte] hat immer die Hanna auf das Lamperl gesetzt, da hat es aber 
nicht aufstehen können, da hat es nicht stoßen können. Wenn man 
hingeht, stößt es schon, weil es Hörner hat. Der Fritzl tut's halt an der 
Schnur führen und an einen Baum anbinden. Er bindet's immer an 
einen Baum an." 

Ich: „Hat das Lamperl dich gestoßen?" 

Hans: „Hinaufgesprungen ist es auf mich, der Fritzl hat mich 
einmal hingegeben ... ich bin einmal hingegangen und hab's nicht 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 67 

gewußt, und auf einmal ist es auf mich hinaufgesprungen. Das war 
so lustig — erschrocken bin ich nicht." 

„Das ist gewiß unwahr." 

Ich: „Hast du den Vatti gern?" 

Hans:„0 ja." 

Ich: „Vielleicht auch nicht?" 

Hans (spielt mit einem kleinen Pferderl. In diesem Momente 
fällt das Pferdl um. Er schreit: „Das Pferdl ist umgefallen! Siehst 
du, wie's Krawall macht!") 

Ich: „Etwas ärgert dich am Vatti, daß ihn die Mammi gern hat." 

Hans: „Nein." 

Ich: „Weshalb weinst du also immer, wenn die Mammi mir einen 
Kuß gibt? Weil du eifersüchtig bist." 

Hans: „Das schon," 

Ich: „Du möchtest halt gern der Vatti sein." 

Hans:„0 ja." 

Ich: „Was möchtest du denn machen, wenn du der Vatti wärst." 

Hans: „Und du der Hans?" 

„Da möcht' ich dich jeden Sonntag nach Lainz fahren, nein, auch 
jeden Wochentag. Wenn ich der Vatti war', war' ich gar brav." 

Ich: „Was möchtest du aber mit der Mammi machen?" 

Hans: „Auch nach Lainz mitnehmen." 

Ich: „Was sonst noch?" 

Hans: „Nix." 

Ich: „Weshalb bist du denn eifersüchtig?" 

Hans: „Das weiß ich nicht." 

Ich: „In Gmunden warst du auch eifersüchtig?" 

Hans: „In Gmunden nicht [das ist nicht wahr). In Gmunden hab' 
ich meine Sachen] gehabt, einen Garten hab' ich in Gmunden gehabt 
und auch Kinder." 

Ich: „Kannst du dich erinnern, wie die Kuh das Kalberl be- 
kommen hat?" 

Hans: „0 ja. Es ist mit einem Wagen hergekommen [Das hat 
man ihm wohl damals in Gmunden gesagt. Auch ein Stoß gegen die 
Storchtheorie] und eine andere Kuh hat es aus dem Podl heraus- 
gedrückt." [Das ist bereits die Frucht der Aufklärung, die er mit der 
„Wagerltheorie" in Einklang bringen will.]" 

Ich: „Das ist ja nicht wahr, daß es mit einem Wagerl gekommen 
ist; es ist aus der Kuh gekommen, die im Stalle war." 
5 * 5* 



68 Sigm. Freud. 

„Hans bestreitet es, sagt, er habe den Wagen in der Früh gesehen. 
Ich mache ihn aufmerksam, daß man ihm das wahrscheinlich erzahlt 
hat, daß das Kalberl im Wagen gekommen sei. Er gibt es schließlich 
zu: „Es hat mir's wahrscheinlich die Berta gesagt oder nein — oder 
vielleicht der Hausherr. Er war dabei und es war doch Nacht, deshalb 
ist es doch wahr, wie ich 's dir sage, oder mir scheint, es hat mir's niemand 
gesagt, ich hab' mir's in der Nacht gedacht." 

„Das Kalberl wurde, wenn ich nicht irre, im Wagen weggeführt; 
daher die Verwechslung." 

Ich: „Warum hast du dir nicht gedacht, der Storch hat's ge- 
bracht?" 

Hans: „Das hab 9 ich mir nicht denken wollen." 

Ich: „Aber, daß die Hanna der Storch gebracht hat, hast du dir 
gedacht?" 

Hans: „In der Früh (der Entbindung) hab' ich mir's gedacht. — 
Du, Vatti, war der Herr Reisenbichler (der Hausherr) dabei, wie das 
Kalberl von der Kuh gekommen ist 1 )?" 

Ich: „Ich weiß nicht. Glaubst du?" 

Hans : „Ich glaub 9 schon . . . Vatti, hast du schon öfter gesehen, 
wie ein Pferd etwas Schwarzes am Mund hat?" 

Ich : „Ich hab's schon öfter gesehen, auf der Straße in Gmunden*)." 
Ich: „In Gmunden warst du oft im Bett bei der Mammi?" 
Hans: „Ja." 

Ich: „Und du hast dir gedacht, du bist der Vatti?" 
Hans: „Ja." 

Ich: „Und dann hast du dich vor dem Vatti gefürchtet?" 
Hans: „Du weißt ja alles, ich hab' nichts gewußt." 
Ich: „Wie der Fritri gefallen ist, hast du dir gedacht, wenn der 
Vatti so fallen möchte,und wie dich das Lamperl gestoßen hat, wenn es 
den Vatti stoßen möcht.' Kannst du dich an das Begräbnis in Gmunden 
erinnern?" [Das erste Begräbnis, das Hans sah. Er erinnert sich öfter 
daran, eine zweifellose Deckerinnerung.]" 
Hans: „Ja, was war da?" 



') Hans, der Grund hat, gegen die Mitteilungen der Erwachsenen mißtrauisch 
zu sein, erwägt hier, ob der Hausherr glaubwürdiger sei ak der Vater. 

3 ) Der Zusammenhang ist der: Das mit dem Schwarzen am Munde der Pferde 
hat ihm der Vater lange nicht glauben wollen, bfc es sich endlich hat verifizieren 
lassen. 



Analyse der Phobie eine« 5jährigen Knaben. 69 

Ich: „Da hast du gedacht, wenn der Vatti sterben möcht\ wärst 
du der Vatti." 

Hans: „Ja." 

Ich: „Vor welchen Wagen fürchtest du dich eigentlich noch?*' 

Hans: „Vor allen/' 

Ich: „Das ist doch nicht wahr." 

Hans: „Vor Fiakern, Einspännern nicht. Vor Stellwagen, vor 
Gepäckwagen, aber nur, wenn sie aufgeladen haben, wenn sie aber 
leer sind, nicht. Wenn es ein Pferd ist und voll aufgeladen hat, da 
furcht' ich mich, und wenn's zwei Pferde sind und voll aufgeladen haben, 
da furcht' ich mich nicht." 

Ich: „Vor den Stellwagen fürchtest du dich, weil drin soviel Leute 
sind?" 

Hans: „Weil am Dach soviel Gepäck ist." 

Ich: „Hat die Mammi, wie sie die Hanna bekommen hat, nicht 
auch voll aufgeladen?" 

Hans: „Die Mammi wird wieder voll aufgeladen sein, wenn sie 
wieder einmal eins haben wird, bis wieder eins wachsen wird, bis wieder 
eins drin sein wird." 

Ich: „Das möchtest du halt gern." 

Hans: „Ja." 

„Ich: „Du hast gesagt, du willst nicht, daß die Mammi noch ein 
Kind bekommen soll." 

Hans: „So wird sie halt nicht mehr aufgeladen sein. Die Mammi 
hat gesagt, wenn die Mammi keins will, will's der liebe Gott auch nicht. 
Wird die Mammi auch keins wollen, so wird sie keins bekommen." [Hans 
hat natürlich gestern auch gefragt, ob in der Mammi noch Kinder sind. 
Ich habe ihm gesagt, nein, wenn der liebe Gott nicht will, wird's in ihr 
auch nicht wachsen.] 

Hans: „Aber die Mammi hat mir gesagt, wenn sie nicht will, 
wird keins mehr wachsen, und du sagst, wenn der liebe Gott nicht will.*' 

„Ich sagte ihm also, daß es so ist, wie ich gesagt habe, worauf er 
bemerkt: „Du warst doch dabei? Du weißt es gewiß besser." — Er 
stellte also die Mama zur Bede, und die stellte die Konkordanz her, 
indem sie erklärte, wenn sie nicht wolle, wolle auch der liebe Gott nicht. J ) " 

Ich: „Mir scheint, du wünschest doch, die Mammi soll ein Kind 
bekommen?" 



*) Ce que femme veut Dieu le veut. Aber Hans hat hier in seinem Scharfsinne 
nieder ein sehr ernsthaftes Problem entdeckt. 



70 Sigm. Freud. 

Hans: „Aber haben will ich's nicht." 

Ich: „Aber du wünschest es?" 

Hans: „Wünschen schon." 

Ich: („Weißt du, warum du es wünschest? Weil du gern der 
Vatti sein möchst." 

Hans: „Ja . . . Wie ist die Geschieht'?" 

Ich: „Welch Geschieht'?" 

Hans: „Ein Vatti kriegt doch kein Kind, wie ist die Geschieht' 
dann, wenn ich gern der Vatti sein möcht'?" 

Ich: „Du möchtest der Vatti sein und mit der Mammi verheiratet 
sein, möchtest so groß sein wie ich und einen Schnurrbart haben und 
möchtest, daß die, Mammi ein Kind „bekommen soll." 

3 ML, A. 

Hans: „Vatti, und bis unverheiratet sein werde, werde ich nur 
eins kriegen, wenn ich will, wenn ich mit der Mammi verheiratet sein 
werde, und wenn ich kein Kind will, will der liebe Gott auch nicht, 
wenn ich geheiratet hab\" 

Ich: „Möchtest du gern mit der Mammi verheiratet sein?" 
[Hans: „Ofra." 

Man merkt es deutlich, wie das Glück in der Phantasie noch durch 
die Unsicherheit über die Bolle des Vaters" und die Zweifel an der 
Beherrschung des Kinderkriegens gestört wird. 



„Am Abende desselben Tages sagt Hans, wie er ins Bett gelegt 
wird, zu mir: „Du, weißt du, was ich jetzt mach'? Jetzt sprech* ich noch 
bis 10 Uhr mit der Grete, die ist bei mir im Bett. Immer sind meine 
Kinder bei mir im Bett. Kannst du mir sagen, wie das ist?" ^- Da 
er schon sehr schläfrig ist, verspreche ich ihm, wir werden das morgen 
aufschreiben, und er schläft ein." 

„Aus"* den früheren Aufzeichnungen ergibt sich, daß Hans seit 
seiner Kückkehr von Gmunden immer von seinen „Kindern" phantasiert, 
erführt mitjhnen Gespräche usw. 1 ) 1 * 

„Am 26. April frage ich ihn also, warum er denn immer von seinen 
Kindern spricht." 



x ) Es ist keine Nötigung, hier bei Hans einen femininen Zug von Sehnsucht 
nach Kinderhaben anzunehmen. Da er seine beseligenden Erlebnisse als Kind bei 
der Mutter gehabt hat, wiederholt er diese nun in aktiver Bolle, wobei er selbst 
die Mutter spielen muß. 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 71 

Hans: „Warum? Weil ich so gerne Kinder haben mag, 
aber ich wünsch 5 mir's nie, haben mag ich sie nicht. 1 )" 

Ich: „Hast du dir immer vorgestellt, die Berta, die Olga usw. 
sind deine Kinder?" 

Hans: „Ja, der Franzi, der Fritzl und der Paul (sein Gespiele 
in Lainz) auch und die Lodi." „Ein fingierter Name, Sein Iieblings- 
kind von dem er am öftesten spricht. — Ich betone hier, daß die 
Persönlichkeit der Lodi nicht erst se!t einigen Tagen, seit dem Datum 
der letzten Aufklärung (24. April) besteht." 

Ich: „Wer ist die Lodi? Ist sie in Gmunden?" 

Hans: „Nein." # fef^ 

Ich: „Gibt's eine Lodi?" 

Hans: „Ja, ich kenn' sie schon." 

Ich: „Welche denn?" 

Hans: „Die da, die ich hab\" 

Ich: „Wie sieht sie denn aus?" 

Hans: „Wie? Schwarze Augen, schwarze Haare... ich hab* 
sie einmal mit der Mariedl (in Gmunden) getroffen, wie ich in die Stadt 
gegangen bin." 

„Wie ich Näheres wissen will, stellt sich heraus, daß dies er- 
funden ist. 2 )" 

Ich: „Du hast also gedacht, du bist die Mammi?" 

Hans: „Ich war auch wirklich die Mammi." 

Ich: „Was hast du denn mit den Kindern gemacht?" 

Hans: „Bei mir hab 5 ich sie schlafen lassen, Mädeln und Buben." 

Ich: „Jeden Tag?" 

Hans: „Na freilich." 

Ich: „Hast du mit ihnen gesprochen?" 

Hans: „Wenn alle Kinder nicht ins Bett hineingegangen sind, 
habe ich welche Kinder aufs Sopha gelegt und welche in den Kinder- 
wagen gesetzt, wenn noch übrig geblieben sind, hab' ich sie am Boden 
getragen und in die Kiste gelegt, da waren noch Kinder und ich hab 1 
sie in die andere Kiste gelegt." 

x ) Der so auffällige Widerspruch ist der zwischen Phantasie und Wirklichkeit 
— wünschen und haben. Er weiß, daß er in Wirklichkeit Kind ist, da würden ihn 
andere Kinder nur stören, in der Phantasie ist er Mutter und braucht Kinder, mit 
denen er die selbst erlebten Zärtlichkeiten widerholen kann. 

2 ) Es könnte doch sein, daß Hans eine zufällige Begegnung in Gmunden 
zum Ideal erhoben hat, das übrigens in der Farbe von Augen und Haaren der 
Mutter nachgebildet ist. 



72 Sign. Freud. 

Ich: „Also die Storchenkiaderkisten sind am Boden gestanden?" 

Hans: „Ja." 

Hans: „Wann hast du die Kinder bekommen? War die Hanna 
schon auf der Welt?" 

Hans: „Ja, schon lange." 

Ich: Aber von wem hast dn dir gedacht, daß du die Kinder be- 
kommen?" 

Hans: „No, von mir. 1 )" 

Ich : „Damals hast du aber noch gar nicht gewußt, daß die Kinder 
von einem kommen." 

Hans: „Ich hab' mir gedacht, der Storch hat sie gebracht." (Offen- 
bar Lüge und Ausflucht 2 } 

Ich: „Gestern war die Grete bei dir, aber du weißt doch schon, 
daß ein Bub keine Kinder haben kann." 

Hans: „No ja, ich glaub's aber doch." 

Ich: „Wie bist du auf den Namen Lodi gekommen? So heißt 
doch kein Mäderl Vielleicht Lotti?" 

Hans: „O nein, Lodi. Ich weiß nicht, aber ein schöner Name ist 
es doch." 

Ich (scherzend): „meinst du vielleicht eine „Schokolodi?" 

Hans (sofort): „Nein, eine Saffalodi 8 ) . . • .weil ich so gern 
Wurst essen tu, Salami auch." 

Ich: „Du, sieht eine Saffalodi nicht wie ein Lumpf aus?" 

Hans: „Ja!" 

Ich: „Wie sieht denn ein Lumpf aus?" 

Hans: „Schwarz. Weißt (zeigt auf meine Augenbrauen und 
Schnurrbart) wie das und das." 

Ich: „Wie noch? Bund wie eine Saffaladi?" 

Hans: „Ja." 

Ich: „Wenn du am Topf gesessen bist und ein Lumpf gekommen 
ist, hast du dir gedacht, daß du ein Band bekommst?" 

Hans (lachend): „Ja, in der **gasse schon und auch hier." 

Ich: „Weißt du, wie die Stellwagenpferde umgefallen sind? Der 



*) Hans kann nicht anders als vom Standpunkte des Autoerotismus aat- 
■worten. 

3 ) Es sind Phantasie-, d. h. Onaniekinder. 

3 ) Saffaladi •= Zervelatwurst. Meine Frau erzahlt gern, daß ihre Tante 
immer Soffilodi sagt, daß mag er gehört haben. 



Analyse der Phobie einet 5 jährigen Knaben. 73 

Wagen sieht doch wie eine Kinderkiste aus, und wenn das schwarze 
Pferd umgefallen ist, war es so * . ." 

Hans (ergänzend): „Wie wenn man ein Kind bekommt." 

Ich : „Und was hast du dir gedacht, wie es mit den Füßen Krawall 
gemacht hat?" 

Hans: „Na, wenn ich mich nicht will am Topf setzen und lieber 
spielen, dann mach' ich so mit den Füßen Krawall." (Er stampft mit 
den Füßen auf.) 

„Daher interessierte es ihn so sehr, ob man gern oder ungern 
Kinder bekommt." 

„Hans spielt heute fortwährend Gepäckkisten auf- und abladen, 
wünscht sich auch einen Leiterwagen mit solchen Kisten als Spielzeug. 
Im Hofe des Hauptzollamtes gegenüber interessierte ihn am meisten 
das Auf- und Abladen der Wagen. Er erschrak auch am heftigsten, 
wenn ein Wagen aufgeladen hatte und fortfahren sollte. „Die Pferde 
werden fallen" 1 ). Die Türen des Hauptzollamtsschuppens nannte er 
„Loch", idas erste, zweite, dritte Loch). Jetzt sagt er „Podiloch". 

„Die Angst ist fast gänzlich geschwunden, nur will er in der Nähe 
des Hauses bleiben, um einen Rückzug zu haben, wenn er sich fürchten 
sollte. Er flüchtet aber nie mehr ins Haus hinein, bleibt immer auf der 
Straße. Bekanntlich hat das Kranksein damit begonnen, daß er auf 
dem Spaziergange weinend umkehrte, und als man ihn ein zweites Mal 
zwang spazieren zu gehen, nur bis zur Stadtbahnstation „Hauptzoll- 
amt" ging, von der aus man unsere Wohnung noch sieht. Bei der Ent- 
bindung der Frau war er natürlich von ihr getrennt, und die jetzige 
Angst, die ihn hindert, die Nähe des Hauses aufzugeben, ist noch die 
damalige Sehnsucht." 



,,30. April. Da Hans wieder mit seinen imaginären Kindern spielt, 

sage ich ihm: „Wieso leben denn deine Kinder noch? Du weißt ja, daß 

ein Bub keine Kinder bekommen kann." 

Hans: „Das weiß ich. Früher war ich die Mammi, jetzt bin ich 

der Vatti." 

Ich: „Und wer ist die Mammi zu den Kindern?" 

Hans: „No, die Mammi, und du bist der Großvatti." 

Ich: „Also du möchtest so groß sein wie ich, mit der Mammi 

verheiratet sein, und sie soll dann Kinder bekommen." 

*) Heißt man es nicht „niederkommen", wenn eine Frau entbindet? 



74 Sigm. Freud. 

Hans: „Ja, das möcht' ich und die Lainzerin (meine Mutter) 
ist dann die Großmammi." 

Es geht alles gut aus. Der kleine ödipus hat eine glücklichere 
Lösung gefunden, als vom Schicksal vorgeschrieben ist. Er gönnt 
seinem Vater, anstatt ihn zu beseitigen, dasselbe Glück, das er für sich 
Verlangt; er ernennt ihn zum Großvater und verheiratet auch ihn 
mit der eigenen Mutter. 

„Am 1, Mai kommt Hans mittags zu mir und sagt: „Weißt was? 
Schreiben wir was für den Professor auf." 

Ich: „Was denn?" 

Hans: „Vormittag war ich mit allen meinen Kindern auf dem 
Kloset. Zuerst hab' ich Lumpf gemacht undWiwi und sie haben zu- 
geschaut. Dann hab' ich sie aufs Kloset gesetzt und sie haben Wiwi 
und Lumpf gemacht und ich hab' ihnen den Podl mit Papier ausgewischt. 
Weißt warum? Weil ich so gerne Kinder haben möcht', dann möcht' 
ich ihnen alles tun, sie aufs Kloset führen, ihnen den Podl abputzen, 
halt alles, was man mit Kindern tut." 

Es wird nach dem Geständnisse dieser Phantasie wohl kaum an- 
gehen, die an die exkrementellen Funktionen geknüpfte Lust bei Hans 
in Abrede zu stellen. 

„Nachmittags wagt er sich zum erstenmal in den Stadtpark. Da 
es 1. Mai ist, fahren wohl weniger Wagen als sonst, immerhin genug, 
die ihn bisher abgeschreckt haben. Er ist sehr stolz auf seine Leistung, 
und ich muß mit ihm nach der Jause noch einmal in den Stadtpark 
gehen. Auf dem Wege treffen wir einen Stellwagen, den er mir zeigt: 
„Schau einen Storchenkistenwagen!" Wenn er, wie geplant ist, morgen 
mit mir wieder in den Stadtpark geht, kann man die Krankheit wohl 
als geheilt ansehen/' 

„Am 2. Mai früh kommt Hans: „Du, ich hab' mir heute was ge- 
dacht." Zuerst hat er's vergessen, später erzählt er unter beträchtlichen 
Widerständen: „Es ist der Installateur gekommen und hat 
mir mit einer Zange zuerst den Podl weggenommen und hat 
mir dann einen andern gegeben und dann denWiwimacher. 
Er hat gesagt: Laß den Podl sehen und ich hab 5 mich umdrehen müssen, 
und er hat ihn weggenommen und dann hat er gesagt : Laß den Wiwi- 
macher sehen." 

Der Vater erfaßt den Charakter der Wunschphantasie und 
zweifelt keinen Moment an der einzig gestatteten Deutung. 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 75 

Ich: „Er hat dir einen größeren Wiwimaeher und einen 
größeren Podl gegeben. 

Hans: „Ja." 

Ich : „Wie der Vatti sie hat, weil du gern der Vatti sein möchtest ? " 

Hans: „Ja, und so einen Schnurrbart wie du möcht' ich auch haben 
und solche Haare". {Deutet auf die Haare an meiner Brust.) 

„Die Deutung der vor einiger Zeit erzählten Phantasie: Der In- 
stallateur ist gekommen und hat die Badewanne abgeschraubt und hat 
mir dann einen Bohrer in den Bauch eingesetzt, rekapituliert sich 
demnach: Die große Badewanne bedeutet den „Podl", der Bohrer 
oder Schraubenzieher, wie damals schon gedeutet, den Wiwimaeher 1 .) 
Es sind identische Phantasien. Es eröffnet sich auch ein neuer Zugang 
zu Hansens Furcht vor der großen Badewanne, die übrigens auch 
bereits abgenommen hat. Es ist ihm unlieb, daß sein „Podl" zu klein 
ist für die große Wanne." 

In den nächsten Tagen nimmt die Mutter wiederholt das Wort, 
um ihrer Freude über die Herstellung des Kleinen Ausdruck zu geben. 



Nachtrag des Vaters eine Woche später: 

„Geehrter Herr Professor! Ich möchte^ die Krankengeschichte 
Hansens noch durch folgendes ergänzen: 

„1. Die Remission nach der ersten Aufklärung war nicht so voll- 
ständig, wie ich sie vielleicht dargestellt habe. Hans ging allerdings 
spazieren, aber nur gezwungen und mit großer Angst. Einmal ging er 
mit mir bis zur Station „Hauptzollamt", von wo man noch die Wohnung 
sieht, und war nicht^ weiter zu bringen." 

„2. ad: Himbeersaft, Schießgewehr. Himbeersaft bekommt Hans 
bei der Verstopfung. Schießen und Scheißen ist eine auch ihm ge- 
läufige Wortvertauschung." 

*) Vielleicht darf man hinzusetzen, daß der „Bohrer" nicht ohne Beziehung 
auf das Wort „geboren", „Geburt" gewählt worden ist. Das Kind würde so 
zwischen „gebohrt" und „geboren" keinen Unterschied machen. Ich akzeptiere 
diese mir von einem kundigen Kollegen mitgeteilte Vermutung, weiß aber nicht 
zu sagen, ob hier ein tieferer allgemeiner Zusammenhang oder die Ausnützung 
eines dem Deutschen eigentümlichen Sprachzufalles vorliegt. Auch Prometheus 
(Pramantha), der Menschenschöpfer, ist etymologisch der „Bohrer". Vgl. Abra- 
ham, Traum und Mythus, 4. Heft der „Schriften zur angewandten Seelen- 
kunde", 1908. 



76 Signa. Freud. 

„3. Als Hans aus unserem Schlafzimmer in ein eigenes Zimmer 
separiert wurde, war er ungefähr 4 Jahre alt." 

„4. Ein Rest ist noch jetzt da, der sich nicht mehr inFurcht.sondern 
in normalem Fragetrieb äußert. Die Fragen beziehen sich meist darauf, 
woraus die Dinge verfertigt sind (Tramways, Maschinen usw.), wer die 
Dinge macht usw. Charakteristisch für die meisten Fragen ist, daß 
Hans fragt, obzwar er sich die Antwort bereits selbst gegeben hat. 
Er will sich nur vergewissern. Als er mich einmal mit Fragen zu sehr 
ermüdet hatte und ich ihm sagte: „Glaubst du denn, daß ich dir auf 
alles antworten kann, was du fragst?", meinte er: „No, ich hab' ge- 
glaubt, weil du das vom Pferd gewußt hast, daß du das auch weißt." 

,,5, Von der Krankheit spricht Hans nur mehr historisch : „Damals, 
wie ich die Dummheit gehabt habV 

„6. Der ungelöste Rest ist der, daß Hans sich den Kopf zerbricht, 
was der Vater mit dem Kinde zu tun hat, da doch die Mutter das Kind 
zur Welt bringt. Man kann das aus den Fragen schließen, wie: „Nicht 
wahr, ich gehör' auch dir?" (Er meint, nicht nur der Mutter). Das: 
wieso er mir gehört, ist ihm nicht klar. Dagegen habe ich keinen direkten 
Beweis, daß er, wie Sie meinen, einen Koitus der Eltern belauscht hätte." 

„7. Bei einer Darstellung müßte vielleicht doch auf die Heftigkeit 
der Angst aufmerksam gemacht werden, da man sonst sagen würde: 
„Hätte man ihn nur ordentlich durchgeprügelt, so wäre er schon spa- 
zieren gegangen." 

Ich setze abschließend hinzu: Mit der letzten Phantasie Hansens 
war auch die vom Kastrationskomplex stammende Angst überwunden, 
die peinliche Erwartung ins Beglückende gewendet. Ja, der Arzt, 
Installateur usw. kommt, er nimmt den Penis ab, aber nur um einen 
größeren dafür zu geben. Im übrigen mag unser kleiner Forscher nur 
frühzeitig die Erfahrimg machen, daß alles Wissen Stückwerk ist, und 
daß auf jeder Stufe ein ungelöster Rest bleibt. 

III. Epikrise. 

Nach drei Richtungen werde ich nun diese Beobachtung von 
der Entwickelung und Lösung einer Phobie bei einem noch nicht 
5jährigen Knaben zu prüfen haben: erstens, inwieweit sie die Behaup- 
tungen unterstützt, die ich in den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie' , 
1 905 aufgestellt habe ; zweitens, was sie zu m Verständnisse der so häufigen 
Krankheitsform zu leisten vermag; drittens, was sich ihr etwa zur Auf- 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 77 

klärung des kindlichen Seelenlebens und zur Kritik unserer Erziehungs- 
absichten abgewinnen läßt. 

I. 

Mein Eindruck geht dahin, daß das Bild des kindlichen Sexual- 
lebens, wie es aus der Beobachtung des kleinen Hans hervortritt, in 
sehr guter Übereinstimmung mit der Schilderung steht, die ich in 
meiner Sexualtheorie nach psychoanalytischen Untersuchungen an 
Erwachsenen entworfen habe. Aber ehe ich daran gehe, die Einzel- 
heiten dieser Übereinstimmung zu verfolgen, werde ich zwei Ein- 
wendungen erledigen müssen, welche sich gegen die Verwertung dieser 
Analyse erheben. Die erste lautet: Der kleine Hans sei kein normales 
Kind, sondern, wie die Folge, eben die Erkrankung, lehrt, ein zur 
Neurose disponiertes, ein kleiner „Hereditarier", und es sei darum un- 
statthaft, Schlüsse, die vielleicht für ihn Geltung haben, auf andere, 
normale Kinder zu übertragen. Ich werde diesen Einwand, da er den 
Wert der Beobachtung bloß einschränkt, nicht völlig aufhebt, später 
berücksichtigen. Der zweite und strengere Einspruch wird behaupten, 
daß die Analyse eines Kindes durch seinen Vater, der, in meinen 
theoretischen Anschauungen befangen, mit meinen Vorurteilen be- 
haftet an die Arbeit geht, überhaupt eines objektiven Wertes entbehre. 
Ein Kind sei selbstverständlich in hohem Grade suggerierbar, vielleicht 
gegen keine Person mehr als gegen seinen Vater; es lasse sich alles 
dem Vater zuliebe aufdrängen zum Dank dafür, daß er sich soviel 
mit ihm beschäftige, seine Aussagen hätten keine Beweiskraft und seine 
Produktionen in Einfällen, Phantasien und Träumen erfolgten natürlich 
in der Richtung, nach welcher man es mit allen Mitteln gedrängt habe. 
Kurz, es sei wieder einmal alles „Suggestion", und deren Entlarvung 
beim Kinde nur sehr erleichtert im Vergleiche mit dem Erwachsenen. 

Sonderbar; ich weiß mich zu erinnern, als ich mich vor 
22 Jahren in den Streit der wissenschaftlichen Meinungen einzumengen 
begann, mit welchem Spotte damals von der älteren Generation der 
Neurologen und Psychiater die Aufstellung der Suggestion und ihrer 
Wirkungen empfangen wurde. Seither hat sich die Situation gründlich 
geändert; der Widerwille ist in allzu entgegenkommende Bereitwillig- 
keit umgeschlagen, und dies nicht allein infolge der Wirkung, welche 
die Arbeiten LiSbeault's, Bernheim's und ihrer Schüler im Laufe 
dieser Dezennien entfalten mußten, sondern auch, weil unterdes die 
Entdeckung gemacht wurde, welche Denkersparnis mit derAnwendung des 
Schlagwortes „Suggestion" verbunden werden kann. Weiß doch niemand 



78 Signa. Freud. 

und bekümmert sich auch niemand zu wissen, was die Suggestion ist, 
woher sie rührt und wann sie sich einstellt; genug, daß man alles im 
Psychischen Unbequeme „Suggestion" heißen darf. 

Ich teile nicht die gegenwärtig beliebte Ansicht, daß Kinder- 
aussagen durchwegs willkürlich und ünverläßlich seien. Willkür gibt 
es im Psychischen überhaupt nicht; die Un Verläßlichkeit in den Aussägen 
der Kinder rührt her von der Übermacht ihrer Phantasie, wie die Un- 
verläßlichkeit der Aussagen Erwachsener von der Übermacht ihrer 
Vorurteile. Sonst lügt auch das Kind nicht ohne Grund und hat im 
ganzen mehr Neigung zur Wahrheitsliebe als die Großen. Mit einer 
Verwerfung der Angaben unseres kleinen Hans in Bausch und Bogen 
täte man ihm gewiß schweres Unrecht; man kann vielmehr ganz deutlich 
unterscheiden, wo er unter dem Zwange eines Widerstandes fälscht oder 
zurückhält, wo er, selbst unentschieden, dem Vater beipflichtet, was 
man nicht als beweisend gelten lassen muß, und wo er, vom Drucke 
befreit, übersprudelnd mitteilt, was seine innere Wahrheit ist, und 
was er bisher allein gewußt hat. Größere Sicherheiten bieten auch die 
Angaben der Erwachsenen nicht. Bedauerlich bleibt, daß keine Dar- 
stellung einer Psychoanalyse die Eindrücke wiedergeben kann, die man 
während ihrer Ausführung empfängt, daß die endgültige Überzeugung 
nie durchs Lesen, sondern nur durchs Erleben vermittelt werden kann. 
Aber dieser Mangel haftet den Analysen mit Erwachsenen in gleichem 
Maße an. 

Den kleinen Hans schildern seine Eltern als ein heiteres, auf- 
richtiges Kind, und so durfte er auch durch die Erziehung geworden 
sein, die ihm die Eltern schenkten, die wesentlich in der Unterlassung 
unserer gebräuchlichen Erziehungssünden bestand. Solange er in froh* 
licher Naivität seine Forschungen pflegen konnte, ohne Ahnung der aus 
ihnen bald erwachsenden Konflikte, teilte er sich auch rückhaltlos 
mit, und die Beobachtungen aus der Zeit vor seiner Phobie unter- 
liegen auch keinem Zweifel und keiner Beanstandung. In der Zeit 
der Krankheit und während der Analyse beginnen für ihn die Inkon- 
gruenzen zwischen dem, was er sagt, und dem, was er denkt, zum Teil 
darin begründet, daß sich ihm unbewußtes Material aufdrängt, das 
er nicht mit einem Male zu bewältigen weiß, zum anderen Teil infolge 
der inhaltlichen Abhaltungen, die aus seinem Verhältnisse zu den Eltern 
stammen. Ich behaupte, daß ich unparteiisch bleibe, wenn ich das 
Urteil ausspreche, daß auch diese Schwierigkeiten nicht größer aus- 
gefallen sind als in soviel anderen Analysen mit Erwachsenen. 



Analyse der Phobie eines 5 jährigen Knaben. 79 

jährend der Analyse allerdings muß ihm vieles gesagt werden, 
was er selbst nicht zu sagen weiß, müssen ihm Gedanken eingegeben 
werden, von denen sich* noch nichts bei ihm gezeigt hat, muß seine Auf- 
merksamkeit die Einstellung nach jenen Richtungen erfahren, von 
denen her der Vater das Kommende erwartet. Das schwächt die Beweis- 
kraft der Analyse; aber in jeder verfährt man so. Eine Psychoanalyse 
ist eben keine tendenzlose, wissenschaftliche Untersuchung, sondern 
ein therapeutischer Eingriff; sie will an sich nichts beweisen, sondern 
nur etwas ändern. Jedesmal gibt der Arzt in der Psychoanalyse dem 
Patienten die bewußten Erwartungsvorstellungen, mit deren Hilfe er 
imstande sein soll, das Unbewußte zu erkennen und zu erfassen, das 
eine Mal in reichlicherem, das andere Mal in bescheidenerem Ausmaße. 
Es gibt eben Fälle, die mehr, und andere, die weniger Nachhilfe brauchen. 
Ohne solche Hilfe kommt niemand aus. Was man etwa bei sich allein 
zu Ende bringen kann, sind leichte Störungen, niemals eine Neurose, 
die sich dem Ich wie etwas Fremdes entgegengestellt hat; zur Bewäl- 
tigung eines solchen braucht es den Andern, und soweit der Andere 
helfen kann, soweit ist die Neurose heilbar. Wenn es im Wesen einer 
Neurose hegt, sich vom „Anderen" abzuwenden, wie es die Charakteristik 
der als Dementia praecox zusammengefaßten Zustände zu enthalten 
scheint, so sind eben darum diese Zustände für unsere Bemühung 
unheilbar. Es ist nun zugegeben, daß das Kind wegen der geringen 
Entwicklung seiner intellektuellen Systeme einer besonders inten- 
siven Nachhilfe bedarf. Aber was der Arzt dem Patienten mitteilt, 
stammt doch selbst wieder aus analytischen Erfahrungen, und es ist 
wirklich beweisend genug, wenn mit dem Aufwände dieser ärztlichen 
Einmengung der Zusammenhang und die Lösung des pathogenen 
Materials erreicht wird. 

Und doch hat unser kleiner Patient auch während der Analyse 
Selbständigkeit genug bewiesen, um ihn von dem Verdikte der „Sugge- 
stion" freisprechen zu können. Seine kindlichen Sexualtheorien wendet 
er auf sein Material an wie alle Kinder, ohne dazu eine Anregung zu 
erhalten. Dieselben sind dem Erwachsenen so überaus ferne gerückt; 
ja, in diesem Falle hatte ich es geradezu versäumt, den Vater darauf 
vorzubereiten, daß der Weg zum Thema der Entbindung für Hans 
über den Exkretionskomplex führen[müsse. Was infolge meiner Flüchtig- 
keit zu einer dunkeln Partie der Analyse wurde, ergab dann wenigstens 
ein gutes Zeugnis für die Echtheit und Selbständigkeit in Hansens 
Gedankenarbeit. Er war auf einmal mit dem „Lumpf" beschäftigt, 



80 Sigm. Freud. 

ohne daß der angeblich suggerierende Vater verstehen konnte, wie er 
dazu kam, und was daraus werden sollte. Ebensowenig Anteil kann 
man dem Vater an der Entwicklung der beiden Phantasien vom In- 
stallateur zuschreiben, die von dem frühzeitig erworbenen „ Kastrations- 
komplexe" ausgehen. Ich muß hier das Geständnis ablegen, daß ich 
dem Vater die Erwartung dieses Zusammenhanges völlig verschwiegen 
habe, aus theoretischem Interesse, um nur die Beweiskraft eines sonst 
schwer erreichbaren Beleges nicht verkümmern zu lassen* 

Bei weiterer Vertiefung in das Detail der Analyse würden sich 
noch reichlich neue Beweise für die Unabhängigkeit unseres Hans von 
der „Suggestion" ergeben, aber ich breche hier die Behandlung des 
ersten Einwandes ab. Ich weiß, daß ich auch durch diese Analyse keinen 
überzeugen werde, der sich nicht überzeugen lassen will, und ich setze 
die Bearbeitung dieser Beobachtung für jene Leser fort, die sich eine 
Überzeugung von der Objektivität des unbewußten pathogenen Ma- 
terials bereits erworben haben, nicht ohne die angenehme Gewißheit 
zu betonen, daß die Anzahl der letzteren in beständiger Zunahme 
begriffen ist. 

Der erste dem Sexualleben zuzurechnende Zug bei dem kleinen 
Hans ist ein ganz besonders lebhaftes Interesse für seinen „Wiwimacher", 
wie dies Organ nach der kaum minder wichtigen seiner beiden Funk- 
tionen und nach jener, die in der Kinderstube nicht zu umgehen ist, 
genannt wird. Dies Interesse macht ihn zum Forscher; er entdeckt 
so, daß man auf Grund des Vorhandenseins oder Fehlens des Wiwi- 
machers Lebendes und Lebloses unterscheiden könne. Bei allen Lebe- 
wesen, die er als sich ähnlich beurteilt, setzt er diesen bedeutsamen 
Körperteil voraus, studiert ihn an den großen Tieren, vermutet ihn 
bei beiden Eltern und läßt sich auch durch den Augenschein nicht ab- 
halten, ihn bei seiner neugeborenen Schwester zu statuieren. Es wäre 
eine zu gewaltige Erschütterung seiner „Weltanschauung", könnte 
man sagen, wenn er sich entschließen sollte, bei einem ihm ähnlichen 
Wesen auf ihn zu verzichten; es wäre so, als würde er ihm selbst ent- 
rissen. Eine Drohung der Mutter, die nichts weniger als den Verlust 
des Wiwimachers zum Inhalte hat, wird darum wahrscheinlich eiligst 
zurückgedrängt und darf erst in späteren Zeiten ihre Wirkung äußern. Die 
Einmengung der Mutter war erfolgt, weil er sich durch Berührung dieses 
Gliedes Lustgefühle zu verschaffen liebte; der Kleine hat die gewöhn- 
lichste und — normalste Art der autociotischen Sexualtätigkeit begonnen. 



Analyse der Phobie eines 5 jährigen Knaben. 81 

In einer Weise, die Alf. Adler sehr passend als „Triebver- 
schränkung" bezeichnet hat 1 ), verknüpft sich die Lust am eigenen 
Geschlechtsgliede mit der Schaulust in ihrer aktiven und ihrer passiven 
Ausbildung. Der Kleine sucht den Wiwimacher anderer Personen zu 
Gesicht zu bekommen, er entwickelt sexuelle Neugierde und liebt es, 
seinen eigenen zu zeigen. Einer seiner Träume aus der ersten Zeit der 
Verdrängung hat den Wunsch zum Inhalte, daß eine seiner kleinen 
Freundinnen ihm beim Wiwimachen behilflich sein, also dieses An- 
blickes teilhaftig werden solle. Der Traum bezeugt so, daß der Wunsch 
bis dahin unverdrängt bestanden hat, sowie spätere Mitteilungen 
bestätigen, daß er seine Befriedigung zu finden pflegte. Die aktive 
Eichtung der sexuellen Schaulust verbindet sich bei ihm bald mit 
einem bestimmten Motiv. Wenn er sowohl dem Vater wie der Mutter 
wiederholt sein Bedauern zu erkennen gibt, daß er deren Wiwimacher 
noch nie gesehen habe, so drängt ihn dazu wahrscheinlich das Bedürfnis 
zu vergleichen. Das Ich bleibt der Maßstab, mit dem man die Welt 
ausmißt; durch beständiges Vergleichen mit der eigenen Person lernt 
man sie verstehen. Hans hat beobachtet, daß die großen Tiere soviel 
größere Wiwimacher haben als er; darum vermutet er das gleiche 
Verhältnis auch bei seinen Eltern und möchte sich davon überzeugen. 
Die Mama, meint er, hat gewiß einen Wiwimacher „wie ein Pferd". 
Er hat dann den Trost bereit, daß der Wiwimacher mit ihm wachsen 
werde; es ist, als ob der Größenwunsch des Kindes sich aufs Genitale 
geworfen hätte. 

In der Sexualkonstitution des kleinen Hans ist also die Genital- 
zone von vorneherein die am intensivsten lustbetonte unter den erogenen 
Zonen. Neben ihr ist nur noch die exkrementelle, an die Orefizien der 
Harn- und Stuhlentleerung geknüpfte Lust bei ihm bezeugt. Wenn 
er in seiner letzten Glücksphantasie, mit der sein Kranksein überwunden 
ist, Kinder hat, die er aufs Kloset führt, sie Wiwi machen läßt und ihnen 
den Podl auswischt, kurz, „alles mit ihnen tut, was man mit Kindern 
tun kann", so scheint es unabweisbar anzunehmen, daß diese selben 
Verrichtungen während seiner Kinderpflege eine Quelle der Lust- 
empfindung für ihn waren. Diese Lust von erogenen Zonen wurde für 
ihn mit Hilfe der ihn pflegenden Person, der Mutter, gewonnen, führt 
also bereits zur Objektwahl; es bleibt aber möglich, daß er in noch 
früheren Zeiten gewohnt war, sich dieselbe autoerotisch zu verschaffen, 

*) „Der Aggreseionstrieb im Leben und in der Neurose". Fortschritte 
der Medizin. 1908. Nr. 19. 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. I. » 



82 Sigm. Freud. 

daß er zu jenen Kindern gehört hat, die die Exkrete zurückzuhalten 
lieben, bis ihnen deren Entleerung einen Wollustreiz bereiten kann. 
Ich sage nur, es ist möglich, denn es ist in der Analyse nicht klargestellt 
worden; das „Krawallmachen mit den Beinen" [Zappeln], vor dem 
er sich später so sehr fürchtet, deutet nach dieser Richtung. Eine auf- 
fällige Betonung, wie bei anderen Kindern so häufig, haben diese Lust- 
quellen bei ihm übrigens nicht. Er ist bald rein geworden, Bettnässen 
und tägliche Inkontinenz haben keine Rolle in seinen ersten Jahren 
gespielt; von der am Erwachsenen so häßlichen Neigung, mit den Ex- 
krementen zu spielen, die am Ausgange der psychischen Rückbildungs- 
prozesse wieder aufzutreten pflegt, ist an ihm nichts beobachtet 
worden. 

Heben wir gleich an dieser Stelle hervor, daß während seiner 
Phobie die Verdrängung dieser beiden bei ihm gut ausgebildeten Kom- 
ponenten der Sexualtätigkeit unverkennbar ist. Er schämt sich, vor 
anderen zu urinieren, klagt sich an, daß er den Finger zum Wiwimacher 
gebe, bemüht sich, auch die Onanie aufzugeben, und ekelt sich vor 
„Lumpf", „Wiwi" und allem, was daran erinnert. In der Phantasie 
von der Kinderpflege nimmt er diese letztere Verdrängung wieder zurück. 

Eine Sexualkonstitution wie die unseres kleinen Hans scheint 
die Disposition zur Entwicklung von Perversionen oder ihrem Negativ 
(beschränken wir uns hier auf die Hysterie) nicht zu enthalten. 
Soviel ich erfahren habe (es ist hier wirklich noch Zurückhaltung ge- 
boten), zeichnet sich die angeborene Konstitution der Hysteriker — 
bei den Perversen versteht es sich beinahe von selbst — durch das 
Zurücktreten der Genitalzonen gegen andere erogene Zonen aus. 
Eine einzige „Abirrung" des Sexuallebens muß von dieser Regel 
ausdrücklich ausgenommen werden. Bei den später Homosexuellen, 
die nach meiner Erwartung und nach den Beobachtungen von 
J« Sadger alle in der Kindheit eine amphigene Phase durchmachen, 
trifft man auf die nämliche infantile Präponderanz der Genitalzone, 
speziell des Penis. Ja, diese Hochschätzung des männlichen Gliedes 
wird zum Schicksal für die Homosexuellen. Sie wählen das Weib zum 
Sexualobjekt in ihrer Kindheit, solange sie auch beim Weibe die Existenz 
dieses ihnen unentbehrlich dünkenden Körperteiles voraussetzen ; 
mit der Überzeugung, daß das Weib sie in diesem Pnnkte getäuscht 
hat, wird das Weib für sie als Sexualobjekt unannehmbar. Sie können 
den Penis bei der Person, die sie zum Sexualverkehre reizen soll, nicht 
entbehren und fixieren ihre Libido im günstigen Falle auf „das Weib 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 83 

mit dem Penis", den feminin erscheinenden Jüngling. Die Homo- 
sexuellen sind also Personen, welche durch die erogene Bedeutung 
des eigenen Genitales gehindert worden sind, bei ihrem Sexualobjekt 
auf diese Übereinstimmung mit der eigenen Person zu verzichten. 
Sie sind in der Entwicklung vom Autoerotismus zur Objektliebe an einer 
Stelle, dem Autoerotismus näher, fixiert geblieben. 

Es ist ganz und gar unzulässig, einen besonderen homosexuellen 
Trieb zu unterscheiden; es ist nicht eine Besonderheit des Trieblebens, 
sondern der Objektwahl, die den Homosexuellen ausmacht. Ich ver- 
weise darauf, was ich in der „Sexualtheorie" ausgeführt habe, daß wir 
uns irrigerweise die Vereinigung von Trieb und Objekt im Sexual- 
leben als eine zu innige vorgestellt haben. Der Homosexuelle kommt 
mit seinen — vielleicht normalen — Trieben von einem, durch eine 
bestimmte Bedingung ausgezeichneten Objekt nicht mehr los; in seiner 
Kindheit kann er sich, weil diese Bedingung überall als selbstverständlich 
erfüllt gilt, benehmen wie unser kleiner Hans, der unterschiedslos zärtlich 
ist mit Buben wie mit Mädchen und gelegentlich seinen Freund Fritzl 
für „sein liebstes Mäderl" erklärt. Hans ist homosexuell, wie es alle 
Kinder sein können, ganz im Einklänge mit der nicht zu übersehenden 
Tatsache, daß er nur eine Art von Genitale kennt, ein Genitale 
wie das seinige. 

Die weitere Entwicklung unseres kleinen Erotikers geht aber nicht 
zur Homosexualität, sondern zu einer energischen, sich polygam ge- 
bärdenden Männlichkeit, die sich je nach ihren wechselnden weiblichen 
Objekten anders zu benehmen weiß, hier dreist zugreift und dort sehn- 
süchtig und verschämt schmachtet. In einer Zeit der Armut an anderen 
Objekten zur Liebe geht diese Neigung auf die Mutter zurück, von der 
her sie sich zu anderen gewendet hatte, um bei der Mutter in der Neu- 
rose zu scheitern. Erst dann erfahren wir, zu welcher Intensität die Liebe 
zur Mutter sich entwickelt und welche Schicksale sie durchgemacht 
hatte. Das Sexualziel, das er bei seinen Gespielinnen verfolgte, bei 
ihnen zu schlafen, rührte bereits von der Mutter her; es ist in die 
Worte gefaßt, die es auch im reifen Leben beibehalten kann, wenngleich 
der Inhalt dieser Worte eine Bereicherung erfahren wird. Der Knabe 
hatte auf dem gewöhnlichen Wege, von der Kinderpflege aus, den Weg 
zur Objektüebe gefunden und ein neues Lustergebnis war für ihn be- 
stimmend geworden, das Schlafen neben der Mutter, aus dessen Zusam- 
mensetzung wir die Berührungslust der Haut, die uns allen konstitutionell 
eignet, herausheben würden, während es nach der nur artefiziell er- 
6 * 6* 



84 Sigm. Freud, 

scheinenden Nomenklatur von Moll als Befriedigung des Kontrektations- 
triebes zu bezeichnen wäre. 

In seinem Verhältnisse zu Vater und Mutter bestätigt Hans aufs 
grellste und greifbarste alles, was ich in der „Traumdeutung "und 
in der „Sexualtheorie" über die Sexualbeziehungen der Kinder zu den 
Eltern behauptet habe. Er ist wirklich ein kleiner ödipus, der den 
Vater „weg", beseitigt haben möchte, um mit der schönen Mutter allein 
zu sein, bei ihr zu schlafen. Dieser Wunsch entstand im Sommerauf- 
enthalte, als die Abwechslungen von Anwesenheit und Abwesenheit 
des Vaters ihn auf die Bedingung hinwiesen, an welche die ersehnte 
Intimität mit der Mutter gebunden war. Er begnügte sich damals mit 
der Fassung, der Vater solle „wegfahren", an welche später die Angst, 
von einem weißen Pferde gebissen zu werden, unmittelbar anknüpfen 
konnte, dank einem akzidentellen Eindrucke beim Wegfahren eines 
andern Vaters. Er erhob sich später, wahrscheinlich erst in Wien, 
wo auf Verreisen des Vaters nicht mehr zu rechnen war, zum Inhalte, 
der Vater solle dauernd weg, solle „tot" sein. Die aus diesem Todes- 
wunsche gegen den Vater entspringende, also normal zu motivierende 
Angst vor dem Vater bildete das größte Hindernis der Analyse, bis sie 
in der Aussprache in meiner Ordination beseitigt wurde 1 ). 

Unser Hans ist aber wahrlich kein Bösewicht, nicht einmal ein 
Kind, bei welchem die grausamen und gewalttätigen Neigungen der 
menschlichen Natur um diese Zeit des Lebens noch ungehemmt ent- 
faltet sind. Er ist im Gregenteile von ungewöhnlich gutmütigem und 
zärtlichem Wesen; der Vater hat notiert, daß sich die Verwandlung 
der Aggressionsneigung in Mitleiden bei ihm sehr frühzeitig vollzogen 
hat. Lange vor der Phobie wurde er unruhig, wenn er im Ringelspiele 
die Pferde schlagen sah, und er blieb nie ungerührt, wenn jemand in 
seiner Gegenwart weinte. An einer Stelle der Analyse kommt in einem 
gewissen Zusammenhange ein unterdrücktes Stück Sadismus bei ihm 
zum Vorschein 2 ) ; aber es war unterdrückt, und wir werden später aus 
dem Zusammenhange zu erraten haben, wofür es steht, und was es er- 
setzen soll. Hans hebt auch den Vater innig, gegen den er diese Todes- 



x ) Die beiden Einfälle Hansens: Himbeersaft und Gewehr zum Totschießen 
werden gewiß nicht nur einseitig determiniert gewesen sein. Sie haben wahr- 
scheinlich mit dem Hasse gegen den Vater ebensoviel zu tun wie mit dem Ver- 
stopfungskomplex. Der Vater, der die letztere Zurückführung selbst errät, denkt 
bei „Himbeersaft" auch an „Blut". 

s ) Die Pferde schlagen und necken wollen. 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben, 85 

wünsche hegt, und während seine Intelligenz den Widerspruch bean- 
standet 1 ), muß er dessen tatsächliches Vorhandensein demonstrieren, 
indem er den Vater schlägt und sofort darauf die geschlagene Stelle 
küßt. Auch wir wollen uns hüten, diesen Widerspruch anstößig zu 
finden; aus solchen Gegensatzpaaren ist das Gefühlsleben der Menschen 
überhaupt zusammengesetzt 2 ); ja, es käme vielleicht nicht zur Verdrän- 
gung und zur Neurose, wenn es anders wäre. Diese Gefühlsgegensätze, 
die dem Erwachsenen gewöhnlich nur in der höchsten Liebesleiden- 
schaft gleichzeitig bewußt werden, sonst einander zu unterdrücken 
pflegen, bis es dem einen gelingt das andere verdeckt zu halten, finden 
im Seelenleben des Kindes eine ganze Weile über friedlich nebenein- 
ander Eaum. 

Die größte Bedeutung für die psychosexuelle Entwicklung unseres 
Knaben hat die Geburt einer kleinen Schwester gehabt, als er 3 x / 2 Jahre 
alt war. Dieses Ereignis hat seine Beziehungen zu den Eltern verschärft, 
seinem Denken unlösbare Aufgaben gestellt, und das Zuschauen bei der 
Kinderpflege hat dann die Erinnerungsspuren seiner eigenen frühesten 
Lusterlebnisse wiederbelebt. Auch dieser Einfluß ist ein typischer; in 
einer unerwartet großen Anzahl von Lebens- und Krankengeschichten 
muß man dieses Auf flammen der sexuellen Lust und der sexuellen Wiß- 
begierde, das an die Geburt des nächsten Kindes anknüpft, zum Aus- 
gangspunkte nehmen. Hansens Benehmen gegen den Ankömmling 
ist das in der „ Traumdeutung" 3 ) geschilderte. Im Fieber wenige Tage 
nachher verrät er, wie wenig er mit diesem Zuwachs einverstanden ist. 
Hier ist die Feindseligkeit das zeitlich Vorangehende, die Zärtlichkeit 
mag nachfolgen 4 ). Die Angst, daß noch ein neues Kind nachkommen 
könne, hat seither eine Stelle in seinem bewußten Denken. In der Neu- 
rose ist die bereits unterdrückte Feindseligkeit durch eine besondere 
Angst, die vor der Badewanne, vertreten; in der Analyse bringt' er den 
Todeswunsch gegen die Schwester unverhohlen zum Ausdrucke, nicht 
bloß in Anspielungen, die der Vater vervollständigen muß. Seine Selb- 
kritik läßt ihm diesen Wunsch nicht so arg erscheinen wie den analogen 
gegen den Vater; aber er hat offenbar beide Personen in gleicher Weise 

3 ) Vgl. die kritischen Fragen an den Vater p. 30. 
7 ) „Das macht, ich bin kein ausgeklügelt Buch. 

Ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch/' 

C- F. Meyer, Huttens letzte Tage. 

3 ) p. 177, 2. Aufl. 

4 ) Vgl. seine Vorsätze, wenn die Kleine erst sprechen kann, p. d4. 



86 Sigm. Freud. 

im Unbewußten behandelt, weil sie beide ihm die Mammi wegnehmen, 
ihn im Alleinsein mit ihr stören. 

Dies Ereignis und die mit ihm verknüpften Erweckungen haben 
übrigens seinen Wünschen eine neue Richtung gegeben. In der sieg- 
haften Schlußphantasie zieht er dann die Summe aller seiner erotischen 
Wunschregungen, der aus der autoerotischen Phase stammenden und 
der mit der Objektliebe zusammenhängenden. Er ist mit der schönen 
Mutter verheiratet und hat ungezählte Kinder, die er nach seiner Weise 
pflegen kann. 

IL 

Hans erkrankt eines Tages an Angst auf der Straße. Er kann noch 
nicht sagen, wovor er sich fürchtet, aber zu Beginn seines Angstzustandes 
verrät er auch dem Vater das Motiv seines Krankseins, den Krankheits- 
gewinn. Er will bei der Mutter bleiben, mit ihr schmeicheln; die Erin- 
nerung, daß er auch von ihr getrennt war zur Zeit, als das Kind kam, 
mag, wie der Vater meint, zu dieser Sehnsucht beitragen. Bald erweist 
sich, daß diese Angst nicht mehr in Sehnsucht zurückzuübersetzen ist, 
er fürchtet sich auch, wenn die Mutter mit ihm geht. Unterdeß erhalten 
wir Anzeichen von dem, woran sich die zur Angst gewordene Libido 
fixiert hat. Er äußert die ganz spezialisierte Furcht, daß ihn ein weißes 
Pferd beißen wird. 

Wir benennen einen solchen Krankheitszustand eine „Phobie" 
und könnten den Fall unseres Kleinen der Agoraphobie zurechnen, 
wenn diese Affektion nicht dadurch ausgezeichnet wäre, daß die sonst 
unmögliche Leistung im Räume jedesmal durch die Begleitung einer 
gewissen dazu auserwählten Person, im äußersten Falle des Arartes, 
leicht möglich wird. Hansens Phobie halt diese Bedingung nicht ein, 
sieht bald vom Räume ab und nimmt immer deutlicher das Pferd Eum 
Objekte; in den ersten Tagen äußert er auf der Höhe des Angstzustandes 
die Befürchtung: „Das Pferd wird ins Zimmer kommen", die mir das 
Verständnis seiner Angst so sehr erleichtert hat. 

Die Stellung der „Phobien" im Systeme der Neurosen ist bisher 
eine unbestimmte gewesen. Sicher scheint, daß man in den Phobien 
nur Syndrome erblicken darf, die verschiedenen Neurosen angehören 
können, ihnen nicht die Bedeutung besonderer Krankheitsprozesse ein- 
zuräumen braucht. Für die Phobien von der Art wie die unseres kleinen 
Patienten, die ja die häufigsten sind, scheint mir die Bezeichnung „Angst- 
hysterie" nicht unzweckmäßig; ich habe sie Herrn Dr. W. St ekel 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 87 

vorgeschlagen, als er die Darstellung der nervösen Angstzustände unter- 
nahm, und ich hoffe, daß sie sich einbürgern wird 1 ). Sie rechtfertigt sich 
durch die vollkommene Übereinstimmung im psychischen Mechanismus 
dieser Phobien mit der Hysterie bis auf einen, aber entscheidenden und 
zur Sonderung geeigneten Punkt. Die aus dem pathogenen Material 
durch die Verdrängung entbundene Libido wird nämlich nicht kon- 
vertiert, aus dem Seelischen heraus zu einer körperlichen Innervation 
verwendet, sondern wird als Angst frei* In den vorkommenden Krank- 
heitsfällen kann sich diese „Angsthysterie" mit der „Konversions- 
hysterie" in beliebigem Ausmaße vermengen. Es gibt auch reine 
Konversionshysterie ohne jede Angst sowie bloße Angsthysterie, die sich 
in Angstempfindungen und Phobien äußert, ohne Konversionszusatz; 
ein Fall letzterer Art ist der unseres kleinen Hans. 

Die Angsthysterien sind die häufigsten aller psychoneurotischen 
Erkrankungen, vor allem aber die zuerst im Leben auftretenden, es sind 
geradezu die Neurosen der Kinderzeit. Wenn eine Mutter etwa von 
ihrem Kinde erzählt, es sei sehr „nervös", so kann man in 9 unter 10 
Fällen darauf rechnen, daß das Kind irgend eine Art von Angst oder 
viele Ängstlichkeiten zugleich hat. Leider ist der feinere Mechanismus 
dieser so bedeutsamen Erkrankungen noch nicht genügend studiert; 
es ist noch nicht festgestellt, ob die Angsthysterie zum Unterschiede 
von der Konversionshysterie und von anderen Neurosen ihre Bedingung 
in konstitutionellen Momenten oder im akzidentellen Erleben hat, oder 
in welchen Vereinigung von beiden sie sie findet. Es scheint mir, daß es 
diejenige neurotische Erkrankung ist, welche die geringsten Ansprüche 
auf eine besondere Konstitution erhebt, und im Zusammenhange damit 
am leichtesten zu jeder Lebenszeit aquiriert werden kann. 

Ein wesentlicher Charakter der Angsthysterien läßt sich leicht 
hervorheben. Die Angsthysterie entwickelt sich immer mehr zur 
„Phobie"; am Ende kann der Kranke angstfrei geworden sein, aber 
nur auf Kosten von Hemmungen und Einschränkungen, denen er sich 
unterwerfen mußte. Es gibt bei der Angsthysterie eine von Anfang an 
fortgesetzte psychische Arbeit, um die frei gewordene Angst wieder 
psychisch zu binden, aber diese Arbeit kann weder die Rückverwandlung 
der Angst in Libido herbeiführen noch an dieselben Komplexe an- 
knüpfen, von denen die Libido herrührt. Es bleibtihr nichts anderes übrig, 
als jeden der möglichen Anlässe zur Angstentwicklung durch einen psy- 



x ) W. Stekel, Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung. 1908. 



88 Signa. Freud. 

chischen Vorbau von der Art einer Vorsicht, einer Hemmung, eines Ver- 
botes zu sperren, und diese Schutzbauten sind es, die uns als Phobien 
erscheinen und für unsere Wahrnehmung das Wesen der Krankheit 
ausmachen. 

Man darf sagen, daß die Behandlung der Angsthysterie bisher eine 
rein negative gewesen ist. Die Erfahrung hat gezeigt, daß es unmöglich, 
ja, unter Umständen gefährlich ist, die Heilung der Phobie auf gewalt- 
tätige Art zu erreichen, indem man den Kranken in eine Situation bringt, 
in welcher er die Angstentbindung durchmachen muß, nachdem man 
ihm seine Deckung entzogen hat. So läßt man ihn notgedrungen Schutz 
suchen, wo er ihn zu finden glaubt, und bezeugt ihm eine wirkungslose 
Verachtung wegen seiner „unbegreiflichen Feigheit". 

Für die Eltern unseres kleinen Patienten stand von Beginn der 
Erkrankung an fest, daß man ihn weder auslachen noch brutalisieren 
dürfe, sondern den Zugang zu seinen verdrängten Wünschen auf psycho- 
analytischem Wege suchen müsse. Der Erfolg belohnte die außerordent- 
liche Bemühung seines Vaters, dessen Mitteilungen uns Gelegenheit 
geben werden, in das Gefüge einer solchen Phobie einzudringen und den 
Weg der bei ihr vorgenommenen Analyse zu verfolgen. 



Es ist mir nicht unwahrscheinlich, daß die Analyse durch ihre 
Ausdehnung und Ausführlichkeit dem Leser einigermaßen undurch- 
sichtig geworden ist. Ich will darum zuerst ihren Verlauf verkürzt 
wiederholen mit Weglassung alles störenden Beiwerks und Hervor- 
hebung der Ergebnisse, die sich schrittweise erkennen lassen. 

Wir erfahren zunächst, daß der Ausbruch des Angstzustandes 
kein so plötzlicher war, wie es auf den ersten Bück erschien. Einige Tage 
vorher war das Kind aus einem Angsttraume erwacht, dessen Inhalt 
war, die Mama sei weg und er habe jetzt keine Mama zum Schmeicheln. 
Schon dieser Traum weist auf einen Verdrängungsvorgang von bedenk- 
licher Intensität. Seine Aufklärung kann nicht lauten, wie bei vielen 
Angstträumen sonst, daß das Kind aus irgend welchen somatischen 
Quellen im Traume Angst verspürt und diese Angst nun zur Erfüllung 
eines sonst intensiv verdrängten Wunsches aus dem Unbewußten 
benützt hat [Vgl. Traumdeutung p. 358], sondern es ist ein echter Strat- 
um! Venlrängungstraum, bei dem auch die Funktion des Traumes 
fehlschlägt, da das Kind mit Angst aus dem Schlaf erwacht. Der 
eigentliche Vorgang im Unbewußten läßt sich leicht rekonstruieren. 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 89 

Das Kind hat von Zärtlichkeiten mit der Mutter geträumt, bei ihr ge- 
schlafen, alle Lust ist in Angst und aller Vorstellungsinhalt in sein Gegen- 
teil verwandelt worden. Die Verdrängung hat den Sieg über den Traum- 
mechanismus davongetragen. 

Aber die Anfänge dieser psychologischen Situation gehen noch 
weiter zurück. Schon im Sommer gab es ähnliche sehnsüchtig-ängstliche 
Stimmungen, in denen er ähnliches äußerte, und die ihm damals den 
Vorteil brachten, daß ihn die Mutter zu sich mit ins Bett nahm. Seit 
dieser Zeit etwa dürften wir den Bestand einer gesteigerten sexuellen 
Erregung bei Hans annehmen, deren Objekt die Mutter ist, deren Inten- 
sität sich in zwei Verführungsversuchen an der Mutter äußert — der 
letzte ganz kurz vor dem Ausbruche der Angst — , und die sich nebenbei 
in allabendlicher masturbatorischer Befriedigung entlädt. Ob dann 
der Umschlag dieser Erregung sich spontan vollzieht oder infolge der 
Abweisung der Mutter oder diirch die zufällige Erweckung früherer 
Eindrücke bei der später zu erfahrenden „Veranlassung" der Er- 
krankung, das ist nicht zu entscheiden, ist wohl auch gleichgültig, da 
die drei verschiedenen Fälle nicht als Gegensätze aufgefaßt werden 
können. Die Tatsache ist die des Umschlages der sexuellen Erregung 
in die Angst. 

Von dem Benehmen des Kindes in der ersten Zeit der Angst 
haben wir schon gehört, auch daß der erste Inhalt, den es seiner Angst 
gibt, lautet: Ein Pferd wird ihn beißen. Hier findet nun die erste Ein- 
mengung der Therapie statt. Die Eltern weisen drauf hin, daß die Angst 
die Folge der Masturbation sei, und leiten ihn zur Entwöhnung von 
derselben an. Ich sorge dafür, daß die Zärtlichkeit für die Mutter, die 
er gegen die Angst vor den Pferden vertauschen möchte, kräftig vor 
ihm betont werde. Eine geringfügige Besserung nach dieser ersten 
Einflußnahme geht bald in einer Zeit körperlichen Krankseins unter. 
Der Zustand ist unverändert. Bald darauf findet Hans die Ableitung 
der Furcht, daß ihn ein Pferd beißen wird, von der Reminiszenz eines 
Eindruckes in Gmunden. Ein fortreisender Vater warnte damals sein 
Kind: Gib den Finger nicht zum Pferde, sonst wird es dich beißen. Der 
Wortlaut, in den er die Warnung des Vaters kleidet, erinnert an die 
Wortfassung der Onanieverwarnung [den Finger hingeben]. Die Eltern 
scheinen so zuerst recht zu behalten, daß Hans sich vor seiner ona- 
nistischen Befriedigung schreckt. Der Zusammenhang ist aber noch ein 
loser, und das Pferd scheint zu seiner Schreckensrolle recht zufällig 
geraten zu sein. 



90 Sigxn. Freud. 

Ich hatte die Vermutung geäußert, daß sein verdrängter Wunsch 
jetzt lauten könnte, er wolle durchaus den Wiwimacher der Mutter 
sehen. Da sein Benehmen gegen ein neu eingetretenes Hausmädchen 
dazu stimmt, wird ihm vom Vater die erste Aufklärung erteilt: Frauen 
haben keinen Wiwimacher. Er reagiert auf diese erste Hilfeleistung 
mit der Mitteilung einer Phantasie, er habe die Mama gesehen, wie 
sie ihren Wiwimacher berührt habe. Diese Phantasie und eine im Ge- 
spräche geäußerte Bemerkung, sein Wiwimacher sei doch angewachsen, 
gestatten den ersten Einblick in die unbewußten Gedankengänge des 
Patienten. Er stand wirklich unter dem nachträglichen Eindrucke 
der Kastrationsdrohung der Mutter, die l*/ 4 Jahre früher vorgefallen 
war, denn die Phantasie, daß die Mutter das gleiche tue, die gewöhnliche 
„Retourkutsche" beschuldigter Kinder, soll ja seiner Entlastung dienen; 
sie ist eine Schutz- und Abwehrphantasie. Indes müssen wir uns sagen, 
daß es die Eltern waren, welche aus dem in Hans wirksamen pathogenen 
Material das Thema der Beschäftigung mit dem Wiwimacher hervor- 
geholt haben. Er ist ihnen darin gefolgt, hat aber noch nicht selbsttätig 
in die Analyse eingegriffen. Ein therapeutischer Erfolg ist nicht zu 
beobachten. Die Analyse ist weit weg von den Pferden, und die Mitt- 
teilung, daß Frauen keinen Wiwimacher haben, ist durch ihren Inhalt 
eher geeignet, seine Besorgnis um die Erhaltung des eigenen Wiwi- 
machers zu steigern. 

Es ist aber nicht der therapeutische Erfolg, den wir an erster 
Stelle anstreben, sondern wir wollen den Patienten in den Stand setzen, 
seine unbewußten Wunschregungen bewußt zu erfassen. Dies erreichen 
wir, indem wir auf Grund der Andeutungen, die er uns macht, mit 
Hilfe unserer Deutekunst den unbewußten Komplex mit unseren 
Worten vor sein Bewußtsein bringen. Das Stück Ähnlichkeit zwischen 
dem, was er gehört hat, und dem, was er sucht, das sich selbst, trotz 
aller Widerstände, zum Bewußtsein durchdrängen will, setzt ihn in den 
Stand, das Unbewußte zu finden. Der Arzt ist ihm im Verständnisse um 
ein Stück voraus; er kommt auf seinen eigenen Wegen nach, bis sie sich 
am bezeichneten Ziele treffen. Anfänger in der Psychoanalyse pflegen 
diese beiden Momente zu verschmelzen und den Zeitpunkt, in dem ihnen 
ein unbewußter Komplex des Kranken kenntlich geworden ist, auch 
für den zu halten, in dem der Kranke ihn erfaßt. Sie erwarten zu viel, 
wenn sie mit der Mitteilung dieser Erkenntnis den Kranken heilen 
wollen, während er das Mitgeteilte nur dazu verwenden kann, mit dessen 
Hilfe den unbewußten Komplex in seinem Unbewußten, dort wo er 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 91 

verankert ist, aufzufinden. Einen ersten Erfolg dieser Art erzielen 
wir nun bei Hans. Er ist jetzt nach der partiellen Bewältigung des 
Kastrationskomplexes imstande, seine Wünsche auf die Mutter mit- 
zuteilen, und er tut dies in noch entstellter Form durch die Phantasie 
von den beiden Giraffen, von denen die eine erfolglos schreit, weil 
er von der andern Besitz ergreift. Die Besitzergreifung stellt er unter 
dem Bilde des Sichdaraufsetzens dar. Der Vater erkennt in dieser 
Phantasie eine Reproduktion einer Szene, die sich morgens im Schlaf- 
zimmer zwischen den Eltern und dem Kinde abgespielt hat, und ver- 
säumt nicht, dem Wunsche die ihm noch anhaftende Entstellung ab- 
zustreifen. Er und die Mutter sind die beiden Giraffen. Die Einkleidung 
in die Giraffenphantasie ist hinreichend determiniert durch den Besuch 
bei diesen großen Tieren in Schönbrunn wenige Tage vorher, durch die 
Giraffenzeichnung, die der Vater aus früheren Zeiten aufbewahrt hat, 
vielleicht auch durch eine unbewußte Vergleichung, die an den langen 
und steifen Hals der Giraffe anknüpft. 1 ) Wir merken, daß die Giraffe 
als großes und durch seinen Wiwimacher interessantes Tier ein Kon- 
kurrent der Pferde in ihrer Angstrolle hätte werden können, und auch 
daß Vater und Mutter, beide als Giraffen vorgeführt werden, gibt 
einen vorläufig noch nicht verwerteten Wink für die Deutung der 
Angstpferde. 

Zwei kleinere Phantasien, die Hans unmittelbar nach der Giraffen- 
dichtung bringt, daß er in Schönbrunn sich in einen verbotenen Raum 
drängt, daß er in der Stadtbahn ein Fenster zerschlägt, wobei beide 
Male das Strafbare der Handlung betont ist und der Vater als Mit- 
schuldiger erscheint, entziehen sich leider der Deutung des Vaters. 
Ihre Mitteilung bringt darum auch Hans keinen Nutzen. Aber was 
so unverstanden geblieben ist, das kommt wieder; es ruht nicht, wie 
ein unerlöster Geist, bis es zur Lösung und Erlösung gekommen ist. 

Das Verständnis der beiden verbrecherischen Phantasien bietet 
uns keine Schwierigkeiten. Sie gehören zum Komplexe des Besitz- 
ergreifens von der Mutter. In dem Kinde ringt es wie eine Ahnung 
von etwas, was er mit der Mutter machen könnte, womit die Besitz- 
ergreifung vollzogen wäre, und er findet für das Unfaßbare gewisse 
bildliche Vertretungen, denen das Gewalttätige, Verbotene gemeinsam 
ist, deren Inhalt uns so merkwürdig gut zur verborgenen Wirklichkeit 
zu stimmen scheint. Wir können nur sagen, es sind symbolische Koitus- 

x ) Dazu stimmt die spätere Bewunderung Hansens für den Hals seines 
Vaters. 



02 Sigm. Freud. 

Phantasien, und es ist keineswegs nebensächlich, daß der Vater dabei 
mittut: „Ich möchte mit der Mama etwas tun, etwas Verbotenes, ich 
weiß nicht was, aber ich weiß, du tust es auch." 

Die Giraüenphantasie hatte bei mir eine Überzeugung verstärkt, 
die sich bereits bei der Äußerung des kleinen Hans: „Das Pferd wird 
ins Zimmer kommen" geregt hatte, und ich fand den Moment geeignet, 
ihm ein als wesentlich zu postulierendes Stück seiner imbewußten 
Regungen mitzuteilen: seine Angst vor dem Vater wegen seiner eifer- 
süchtigen und feindseligen Wünsche gegen ihn. Damit hatte ich ihm 
teilweise die Angst vor den Pferden gedeutet, der Vater mußte das 
Pferd sein, vor dem er sich mit guter innerer Begründung fürchtete. 
Gewisse Einzelheiten, das Schwarze am Munde und das vor den Augen 
[Schnurrbart und Augengläser als Vorrechte des erwachsenen Mannes], 
vor denen Hans Angst äußerte, schienen mir direkt vom Vater auf die 
Pferde versetzt zu sein. 

Mit dieser Aufklärung hatte ich den wirksamsten Widerstand 
gegen die Bewußtmachung der unbewußten Gedanken bei Hans be- 
seitigt, da ja der Vater selbst die Rolle des Arztes bei ihm spielte. Die 
Höhe des Zustandes war von da an überschritten, das Material floß 
reichlich, der kleine Patient zeigte Mut, die Einzelheiten seiner Phobie 
mitzuteilen und griff bald selbständig in den Ablauf der Analyse ein 1 ). 

Man erfährt erst jetzt, vor welchen Objekten und Eindrücken 
Hans Angst hat. Nicht allein vor Pferden und daß Pferde ihn beißen, 
davon wird er bald stille, sondern auch vor Wagen, Möbelwagen und 
Stellwagen, als deren Gemeinsames sich alsbald die schwere Belastung 
herausstellt, vor Pferden, die sich in Bewegung setzen, Pferden, die 
groß und schwer aussehen, Pferden, die schnell fahren. Den Sinn dieser 
Bestimmungen gibt Hans dann selbst an; er hat Angst, daß die Pferde 
umfallen, und macht so alles zum Inhalte seiner Phobie., was dies 
TTmfallen der Pferde zu erleichtern scheint. 

>>■'{•■" Es ist gar nicht selten, daß man den eigentlichen Inhalt einer 
Phobie, den richtigen Wortlaut eines Zwangsimpulses u. dgl. erst nach 
einem Stücke psychoanalytischer Bemühung zu hören bekommt. Die 



!) Die Angst vor dem Vater spielt noch in den 'Analysen, die man als Arzt 
mit Fremden vornimmt, eine der bedeutendsten Rollen als Widerstand gegen 
die Reproduktion des unbewußten pathogenen Materials. Die Widerstände 
sind zum Teil von der Katar der „Motive", zum andern Teil ist wie in diesem 
Beispiele ein Stück de» unbewußten Materials inhaltlich befähigt, als Hem- 
mung gegen die Reproduktion eines andern Stückes zu dienen. 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 93 

Verdrängung hat nicht nur die unbewußten Komplexe getroffen, sie 
richtet sich auch noch fortwährend gegen deren Abkömmlinge und 
hindert den Kranken an der Wahrnehmung seiner Krankheitsprodukte 
selbst. Man ist da in der seltsamen Lage, als Arzt der Krankheit zu Hilfe 
zu kommen, um Aufmerksamkeit für sie zu werben, aber nur wer das 
Wesen der Psychoanalyse völlig verkennt, wird diese Phase der Bemühung 
hervorheben und darob eine Schädigung durch die Analyse erwarten. 
Die Wahrheit ist, daß die Nürnberger keinen henken, den sie nicht 
zuvor in die Hand bekommen haben, und daß es einiger Arbeit bedarf, 
um der krankhaften Bildungen, die man zerstören will, habhaft zu 
werden. 

Ich erwähnte schon in den die Krankengeschichte begleitenden 
Glossen, daß es sehr instruktiv ist, sich so in das Detail einer Phobie 
zu vertiefen und sich den sicheren Eindruck einer sekundär hergestellten 
Beziehung zwischen der Angst und ihren Objekten zu holen. Daher das 
eigentümlich diffusse und dann wiederum so streng bedingte Wesen 
einer Phobie. Das Material zu diesen Speziallösungen hat sich unser 
kleiner Patient offenbar aus den Eindrücken geholt, die er infolge 
der Lage der Wohnung gegenüber dem Hauptzollamte tagsüber vor 
Augen haben kann. Er verrät auch in diesem Zusammenhange eine jetzt 
durch die Angst gehemmte Regung, mit den Ladungen der Wagen, 
dem Gepäcke, den Fässern und Kisten wie die Buben der Gasse zu 
spielen. 

In diesem Stadium der Analyse findet er das an sich nicht bedeut- 
same Erlebnis wieder, welches dem Ausbruche der Krankheit un- 
mittelbar vorausgegangen ist, und das wohl als die Veranlassung für 
diesen Ausbruch angesehen werden darf. Er ging mit der Mama spazieren 
und sah ein Stellwagenpferd umfallen und mit den Füßen zappeln. 
Dies machte ihm einen großen Eindruck. Er erschrak heftig, 
meinte, das Pferd sei tot; von jetzt ab würden alle Pferde umfallen. 
Der Vater weist ihn darauf hin, daß er bei dem fallenden Pferde an 
ihn, den Vater, gedacht und gewünscht haben muß, er solle so fallen 
und tot sein. Hans sträubt sich nicht gegen diese Deutung ; eine Weile 
später akzeptiert er durch ein Spiel, das er aufführt, indem er den Vater 
beißt, die Identifizierung des Vaters mit dem gefürchteten Pferde und 
benimmt sich von da ab frei und furchtlos, ja, selbst ein wenig über- 
mütig gegen seinen Vater. Die Angst vor Pferden hält aber noch an, 
und infolge welcher Verkettung das fallende Pferd seine unbewußten 
Wünsche aufgerührt hat, ist uns noch nicht klar. 



94 Sigm.. Freud. 

Fassen wir zusammen, was sich bisher ergeben hat; Hinter der 
erst geäußerten Angst, das Pferd werde ihn beißen, ist die tiefer liegende 
Angst, die Pferde werden umfallen, aufgedeckt worden, und beide, das 
beißende wie das fallende Pferd sind der Vater, der ihn strafen wird, 
weil er so böse Wünsche gegen ihn hegt. Von der Mutter sind wir unter- 
des in der Analyse abgekommen. 

Ganz unerwartet und gewiß ohne Dazutun des Vaters beginnt 
nun Hans seid mit dem „Lumpfkomplex" zu beschäftigen und Ekel 
vor Dingen zu zeigen, die ihn an die Stuhlentleerung erinnern. Der 
Vater, der hier nur ungern mitgeht, setzt mittendrin die Fort- 
setzung der Analyse durch, wie er sie leiten möchte, und bringt Hans 
zur Erinnerung eines Erlebnisses in Gmunden, dessen Eindruck sich 
hinter dem des fallenden Stellwagenpferdes verbirgt. Fritzl, sein geliebter 
Spielgenosse, vielleicht auch sein Konkurrent bei den vielen Gespielinnen, 
hatte im Pferdespiele mit dem Fuße an einen Stein angestoßen, war um- 
gefallen und der Fuß hatte geblutet. An diesen Unfall hatte das Er- 
lebnis mit dem fallenden Stellwagenpferde erinnert. Es ist bemerkens- 
wert, daß Hans, der zurzeit mit anderen Dingen beschäftigt ist, das 
Umfallen Fritzls, das den Zusammenhang herstellt, zuerst leugnet, 
erst in einem späteren Stadium der Analyse zugesteht. Für uns mag 
es aber interessant sein hervorzuheben, wie sich die Verwandlung von 
Libido in Angst auf das Hauptobjekt der Phobie, das Pferd, projiziert. 
Pferde waren ihm die interessantesten großen Tiere, Pferdespiel das 
liebste Spiel mit seinen kindlichen Genossen. Die Vermutung, daß der 
Vater ihm zuerst als Pferd gedient hat, wird durch Erkundigung beim 
Vater bestätigt, und so konnte sich bei dem Unfälle in Gmunden der 
Person des Vaters die Fritzls substituieren. Nach eingetretenem Ver- 
drängungsumschwunge mußte er sich nun vor den Pferden fürchten, 
an die er vorher soviel Lust geknüpft hatte. 

Aber wir sagten schon, daß wir diese letzte bedeutsame Auf- 
klärung über die Wirksamkeit des Krankheitsanlasses dem Eingreifen 
des Vaters verdanken. Hans ist bei seinen Lumpfinteressen und wir 
müssen ihm endlich dorthin folgen. Wir erfahren, daß er sich früher 
der Mutter als Begleiter aufs Kloset aufzudrängen pflegte, und daß 
er dies bei der damaligen Stellvertreterin, der Mutter, seiner Freundin 
Berta wiederholte, bis es bekannt und verboten wurde. Die Lust, bei 
den Verrichtungen einer geliebten Person zuzuschauen, entspricht 
auch einer „Triebverschränkung" von der wir bei Hans bereits ein 
Beispiel bemerkt hatten. Endlich geht auch der Vater auf die Lumpf- 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 95 

Symbolik ein und anerkennt eine Analogie zwischen einem schwer be- 
ladenen Wagen und einem mit Stuhlmassen belasteten Leibe, der Art, 
wie der Wagen aus dem Tore herausfährt, und wie man den Stuhl aus 
dem Leibe entläßt u. dgi. 

Die Stellung Hansens in der Analyse hat sich aber gegen frühere 
Stadien wesentlich geändert. Konnte ihm der Vater früher voraussagen, 
was kommen würde, bis Hans, der Andeutung folgend, nachgetrabt 
war, so eilt er jetzt mit sicherem Schritte voraus und der Vater hat 
Mühe ihm zu folgen. Hans bringt wie unvermittelt eine neue Phantasie : 
Der Schlosser oder Installateur hat die Badewanne losgeschraubt, 
in welcher Hans sich befindet, und ihm dann mit seinem großen Bohrer 
in den Bauch gestoßen. Von jetzt an hinkt unser Verständnis dem 
Materiale nach. Wir können erst später erraten, daß dies die angst- 
entstellte Umarbeitung einer Zeugungsphantasie ist. Die große 
Badewanne, in der Hans im Wasser sitzt, ist der Mutterleib; der „Bohrer", 
der schon dem Vater als ein großer Penis kenntlich wird, dankt seine 
Erwähnung dem Geborenwerden. Es klingt natürlich sehr merkwürdig, 
wenn wir der Phantasie die Deutung geben müssen : Mit deinem großen 
Penis hast du mich „gebohrt" [zur Geburt gebracht] und mich in den 
Mutterleib hineingesetzt. Aber vorläufig entgeht die Phantasie der 
Deutung und dient Hans nur als Anknüpfung zur Fortführung seiner 
Mitteilungen. 

Vor dem Baden in der großen Wanne zeigt Hans eine Angst, 
die wiederum zusammengesetzt ist. Ein Anteil derselben entgeht uns 
noch, der andere wird durch eine Beziehung zum Baden der kleinen 
Schwester alsbald aufgeklärt. Hans gibt den Wunsch zu, daß die Mutter 
die Kleine beim Baden fallenlassen möge, so daß sie sterbe; seine eigene 
Angst beim Baden war die vor der Vergeltung für diesen bösen Wunsch, 
vor der Strafe, daß es ihm so ergehen werde. Er verläßt nun das Thema 
des Lumpfes und übergeht unmittelbar darauf auf das der kleinen 
Schwester. Aber wir können ahnen, was diese Aneinanderreihung be- 
deutet. Nichts anderes, als daß die kleine Hanna selbst ein Lumpf ist, 
daß alle Kinder Lumpfe sind und wie Lumpfe geboren werden. Wir 
verstehen nun, daß alle Möbel-, Stellwagen nnd Lastwagen nur Storchen- 
kistenwagen sind, auch nur als symbolische Vertretungen der Gravidität 
Interesse für ihn hatten, und daß er im Umfallen der schweren oder 
schwer belasteten Pferde nichts anderes gesehen haben kann als eine — 
Entbindung, ein Niederkommen. Das fallende Pferd war also nicht 
nur der sterbende Vater, sondern auch die Mutter in der Niederkunft. 

7 



96 Sigm. Freud. 

Und nun bringt Hans die Überraschung, auf welche wir in der Tat 
nicht vorbereitet waren. Er hat die Gravidität der Mutter, die ja mit 
der Geburt der Kleinen endigte, als er 3Y 2 Jahre war, bemerkt und sich 
den richtigen Sachverhalt, wenigstens nach der Entbindung, kon- 
struiert, wohl ohne ihn zu äußern, vielleicht ohne ihn äußern zu können; 
es war damals nur zu beobachten, daß er unmittelbar nach der Ent- 
bindung sich so sehr skeptisch gegen alle Zeichen, die auf die Anwesen- 
heit des Storches deuten sollten, benahm. Aber daß er im Unbe- 
wußten und ganz im Gegensatze zu seinen offiziellen Beden 
gewußt, woher das Kind kam und wo es früher verweilt 
hatte, das wird durch diese Analyse gegen jeden Zweifel sicher dar- 
getan; es ist vielleicht das unerschütterlichste Stück derselben. 

Den zwingenden Beweis dafür erbringtdie hartnäckig festgehaltene, 
mit soviel Einzelheiten ausgeschmückte Phantasie, daß Hanna schon 
im Sommer vor ihrer Geburt mit ihnen in Gmunden war, wie sie hin- 
gereist ist und damals soviel mehr leisten konnte als ein Jahr später, 
nach ihrer Geburt- Die Frechheit, mit der Hans diese Phantasie vorträgt, 
die ungezählten tollen Lügen, die er in sie einflicht, sind beileibe nicht 
sinnlos; das alles soll seiner Bache am Vater dienen, dem er wegen der 
Irreführung durch das Storchmärchen grollt. Es ist ganz so, als ob er 
sagen wollte: hast du mich für so dumm gehalten und mir zugemutet 
zu glauben, daß der Storch die Hanna gebracht hat, so kann ich dafür 
von dir verlangen, daß du meine Erfindungen für Wahrheit nimmst. 
In durchsichtigem Zusammenhange mit diesem Kacheakte des kleinen 
Forschers an seinem Vater reiht sich nun die Phantasie vom Necken 
und Schlagen der Pferde an. Sie ist wiederum doppelt gefügt, lehnt sich 
einerseits an die Neckerei an, der er eben den Vater unterzogen hat, und 
bringt anderseits jene dunkeln sadistischen Gelüste gegen die Mutter 
wieder, die sich, zuerst von uns noch unverstanden, in den Phantasien 
vom verbotenen Tun geäußert hatten. Bewußt gesteht er auch die Lust, 
die Mammi zu schlagen, ein. 

Nim haben wir nicht mehr viele Käteel zu erwarten. Eine dunkle 
Phantasie vom Zugversäumen scheint eine Vorläuferin der späteren 
Unterbringung des Vaters bei der Großmutter in Lainz zu sein, da sie 
eine Heise nach Lainz behandelt und die Großmutter in ihr vorkommt. 
Eine andere Phantasie, in der ein Bub dem Kondukteur 50.000 fl, gibt, 
damit er ihn mit dem Wagen fahren läßt, klingt fast wie ein Plan, dem 
Vater, dessen Stärke ja zum Teil in seinem Eeichtume liegt, die Mutter 
abzukaufen. Dann gesteht er den Wunsch, den Vater zu beseitigen, und 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 97 

die Begründung desselben, weil er seine Intimität mit der Mutter störe, 
mit einer Offenheit ein, zu welcher er es bisher noch nicht gebracht 
hatte. Wir dürfen uns nicht verwundern, wenn dieselben Wunsch- 
regungen im Laufe der Analyse wiederholt auftreten; die Monotonie 
entsteht nämlich erst durch die angeknüpften Deutungen; für Hans sind 
es nicht bloße Wiederholungen, sondern fortschreitende Entwicklungen 
von der schüchternen Andeutung bis zur vollbewußten, von jeder Ent- 
stellung freien Klarheit. 

Was nun noch folgt, sind solche von Hans ausgehende Bestäti- 
gungen der für unsere Deutung bereits gesicherten analytischen Er- 
gebnisse. Er zeigt in einer unzweideutigen Symptomhandlung, die er 
nur vor dem Hausmädchen, nicht vor dem Vater leicht verkleidet, 
wie er sich eine Geburt vorstellt; aber wenn wir genauer zusehen, zeigt 
er noch mehr, deutet auch auf etwas hin, was in der Analyse nicht mehr 
zur Sprache kommt. Durch die runde Lücke im Gummileibe einer Puppe 
steckt er ein kleines Messerchen hinein, das der Mama gehört, und 
läßt es wieder herausfallen, indem er ihr die Beine auseinanderreißt. 
Die darauffolgende Aufklärung durch die Eltern, daß Kinder tat- 
sächlich im Leibe der Mutter wachsen und wie ein Lumpf heraus- 
befördert werden, kommt zu spät; sie kann ihm nichts mehr Neues 
sagen. Durch eine andere, wie zufällig erfolgende Symptomhandlung 
gibt er zu, daß er den Vater tot gewünscht hat, indem er ein Pferd, mit 
dem er spielt, umfallen läßt, d. h. umwirft, in dem Momente, da der 
Vater von diesem Todeswunsche spricht. Mit Worten bekräftigt er, daß 
die schwer beladenen Wagen ihm die Gravidität der Mutter vorstellten, 
und daß das Umfallen des Pferdes so war, wie wenn man ein Kind 
bekommt. Die köstlichste Bestätigung in diesem Zusammenhange, 
der Beweis, daß Kinder „Lumpfe" sind, durch die Erfindung des 
Namens „Lodi" für sein Lieblingskind kommt 'nur verspätet zu unserer 
Kenntnis, denn wir hören, daß er mit diesem Wurstkinde schon die 
längste Zeit gespielt hat 1 ). 

Die beiden abschließenden Phantasien Hansens, mit denen seine 
Herstellung vollkommen wird, haben wir bereits gewürdigt. Die eine, 
vom Installateur, der ihm einen neuen und, wieder Vater errät, größeren 



*) Ein zunächst befremdender Einfall des genialen Zeichners T. T. Heine, 
der auf einem Blatte im Simplizissimus darstellt, wie das Kind des Selchermeisters 
in die Wurstmaschine gerät und dann als Würstchen von den Eltern betrauert, 
eingesegnet wird und gen Himmel fliegt, findet durch die Lodiepisode unserer 
Analyse seine Zurückführung auf eine infantile Wurzel. 

Jahrbuch für psychoaualyt. n. psychopathol. Forschungen. I. 



98 Sigm. Freud. 

Wiwimacher ansetzt, ist doch nicht bloß die Wiederholung der früheren, 
die sich mit dem Installateur und der Badewanne beschäftigte. Sie ist 
eine siegreiche Wunschphantasie und enthält die Überwindung der 
Kastrationsangst. Die zweite Phantasie, die den Wunsch eingesteht, 
mit der Mutter verheiratet zu sein und viele Kinder mit ihr zu haben, 
erschöpft nicht bloß den Inhalt jener unbewußten Komplexe, die sich 
beim Anblicke des fallenden Pferdes gerührt und Angst entwickelt 
hatten, — sie korrigiert auch, was an jenen Gedanken schlechterdings 
unannehmbar war, indem sie, anstatt den Vater zu töten, ihn durch 
Erhöhung zur Ehe mit der Großmutter unschädlich macht. Mit dieser 
Phantasie schließen Krankheit und Analyse berechtigterweise ab. 



Während der Analyse eines Krankheitsfalles kann man einen 
anschaulichen Eindruck von der Struktur und Entwicklung der Neurose 
nicht gewinnen. Es ist das die Sache einer synthetischen Arbeit, der 
man sich nachher unterziehen muß. Wenn wir diese Synthese bei der 
Phobie unseres kleinen Hans unternehmen, so knüpfen wir an die 
Schilderung seiner Konstitution, seiner leitenden sexuellen Wünsche 
und seiner Erlebnisse bis zur Geburt der Schwester an, die wir auf früheren 
Seiten dieser Abhandlung gegeben haben. 

Die Ankunft dieser Schwester brachte ihm mehrerlei, was ihn 
von nun an nicht zur Ruhe kommen ließ. Zunächst ein Stück Ent- 
behrung, zu Anfang eine zeitweilige Trennung von der Mutter und dann 
später eine dauernde Verminderung ihrer Fürsorge und Aufmerksamkeit, 
die er mit der Schwester zu teilen sich gewöhnen mußte. Zuzweit eine 
Wiederbelebung seiner Lusterlebnisse aus der Kinderpflege, hervor- 
gerufen, durch all das, was er die Mutter mit der kleinen Schwester 
vornehmen sah. Aus beiden Einflüssen ergab sich eine Steigerung 
seiner erotischen Bedürftigkeit, der es an Befriedigung zu mangeln 
begann. Für den Verlust, den ihm die Schwester gebracht hatte, ent- 
schädigte er sich durch die Phantasie, daß er selbst Kinder habe, und 
solange er in Gmunden mit diesen Kindern wirklich spielen konnte, 
fand seine Zärtlichkeit genügende Ableitung. Aber nach Wien zurück- 
gekehrt, war er wieder einsam, heftete alle seine Ansprüche an die 
Mutter und litt weitere Entbehrung, als er mit 4 Jahren aus dem Schlaf- 
zimmer der Eltern verbannt wurde. Seine gesteigerte erotische Erregbar- 
keit äußerte sich nun in Phantasien, welche die Sommergespielen in 



Analyse der Phobie eineB 5jährigen Knaben. 99 

seine Einsamkeit beschworen, und in regelmäßigen autoerotischen Be- 
friedigungen durch rnasturbatorische Reizung des Genitales. 

Drittens brachte* ihm aber die Geburt der Schwester die An- 
regung zu einer Denkarbeit, die einerseits nicht zur Lösung zu bringen 
war, anderseits ihn in Gefühlskonflikte verstrickte. Das große Rätsel 
stellte sich für ihn ein, woher die Kinder kommen, das erste Problem 
vielleicht, dessen Lösung die Geisteskräfte des Kindes in Anspruch 
nimmt, von dem das Rätsel der thebanischen Sphinx wahrscheinlich 
nur eine Entstellung wiedergibt. Die ihm gebotene Aufklärung, der 
Storch habe die Hanna gebracht, wies er ab. Er hatte doch bemerkt, 
daß die Mutter Monate vor der Geburt der Kleinen einen großen Leib 
bekommen hatte, daß sie dann zu Bett gelegen, bei der Geburt gestöhnt 
hatte und dann schlank aufgestanden war. Er schloß also, die Hanna 
ist im Leibe der Mutter gewesen und dann herausgekommen wie ein 
„Lumpf". Dieses Gebären konnte er sich lustvoll vorstellen, unter An- 
knüpfung an eigene früheste Lustempfindungen beim Stuhlgange, 
konnte sich also mit doppelter Motivierung wünschen, selbst Kinder 
zu haben, um sie mit Lust zu gebären und dann (mit Vergeltungslust 
gleichsam) zu pflegen. In all dem lag nichts, was ihn zu Zweifel oder zu 
Konflikt geführt hätte. 

Aber es war noch etwas anderes da, was ihn stören mußte. Der 
Vater mußte etwas mit der Geburt der kleinen Hanna zu tun haben, 
denn er behauptete, Hanna und er selbst, Hans, seien seine Kinder. 
Er hatte sie aber gewiß nicht in die Welt gesetzt, sondern die Mama. 
Dieser Vater war ihm bei der Mutter im Wege. Wenn er da war, konnte 
er nicht bei der Mutter schlafen, und wenn die Mutter Hans ins Bett 
nehmen wollte, schrie der Vater. Hans hatte erfahren, wieguter's bei 
Abwesenheit des Vaters haben könnte, und der Wunsch, den Vater zu 
beseitigen, war nur gerechtfertigt. Nun erhielt diese Feindseligkeit 
eine Verstärkung. Der Vater hatte ihm die Lüge vom Storch erzählt, 
und es ihm damit unmöglich gemacht, ihn in diesen Dingen um Auf- 
klärung zu bitten. Er hinderte ihn nicht nur, bei der Mutter im Bette 
zu sein, sondern vorenthielt ihm auch das Wissen, nach dem er strebte. 
Er benachteiligte ihn nach beiden Richtungen, und dies offenbar zu 
seinem eigenen Vorteile. 

Daß er nun diesen selben Vater, den er als Konkurrenten hassen 
mußte, seit jeher geliebt hatte und weiter lieben mußte, daß er ihm Vor- 
bild war, sein erster Spielgenosse und gleichfalls sein Pfleger aus den 



100 



Signa. Freud. 



ersten Jahren, das ergab den ersten, zunächst nicht lösbaren Gefühle 
konflikt. Wie Hansens Natur sich entwickelt hatte, mußte die liebe 
vorläufig die Oberhand behalten und den Haß unterdrücken, ohne ihn 
aufheben zu können, denn er wurde von der Liebe zur Mutter her immer 
von neuem gespeist. 

Der Vater wußte aber nicht nur, woher die Kinder kommen, er 
übte es auch wirklich aus, das, was Hans nur dunkel ahnen konnte. 
Der Wiwimacher mußte etwas damit zu tun haben, dessen Erregung 
all diese Gedanken begleitete, und zwar ein großer, größer als Hans 
seinen fand. Folgte man den Empfindungsandeutungen, die sich da 
ergaben, so mußte es sich um eine Gewalttätigkeit handeln, die man 
an der Mama verübte, um ein Zerschlagen, ein öffnungschaffen, ein 
Eindringen in einen abgeschlossenen Raum, den Impuls dazu konnte 
das Kind in sich verspüren; aber obwohl es auf dem Wege war, von 
seinen Penissensationen aus die Vagina zu postulieren, so konnte es doch 
das Rätsel nicht lösen, denn so etwas, wie der Wiwimacher es brauchte, 
bestand ja in seiner Kenntnis nicht; vielmehr stand der Lösung die 
Überzeugung im Wege, daß die Mama einen Wiwimacher wie er besitze. 
Der Losungsversuch, was man mit der Mama anfangen müßte, damit 
sie Kinder bekomme, versank im Unbewußten, und beiderlei aktive 
Impulse, der feindselige gegen den Vater wie der sadistisch zärtliche 
gegen die Mutter, blieben verwendungslos, der eine infolge der neben 
dem Hasse vorhandenen Liebe, der andere vermöge der Ratlosigkeit, 
die sich aus den infantilen Sexualtheorien ergab. 

Nur in dieser Weise vermag ich, auf die Resultate der Analyse 
gestützt, die unbewußten Komplexe und Wunschregungen zu kon~ 
struieren, deren Verdrängung und Widererweckung die Phobie des 
kleinen Hans zum Vorscheine brachte. Ich weiß, daß damit dem Denk- 
vermögen eines Kindes zwischen 4 und 5 Jahren viel zugemutet ist, 
aber ich lasse mich von dem leiten, was wir neu erfahren haben, und 
halte mich durch die Vorurteile unserer Unwissenheit nicht für ge- 
bunden. Vielleicht hätte man die Angst vor dem „Krawallmachen 
mit den Beinen" benützen können, um noch Lücken in unserem Beweis- 
verfahren auszufüllen. Hans gab zwaran, es erinnere ihn an das Zappeln 
mit den Beinen, wenn er gezwungen werden sollte, sein Spiel zu unter- 
brechen, um Lumpf zu machen, so daß dieses Element der Neurose 
in Beziehung zu dem Problem gerät, ob die Mama gerne oder nur 
gezwungen Kinder bekomme, aber ich habe nicht den Eindruck, daß 
hiemit die volle Aufklärung für das „Krawallmachen mit den 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 101 

Beinen" gegeben ist. Meine Vermutung, daß sich bei dem Kinde 
eine Reminiszenz an einen von ihm im Schlafzimmer beobachteten 
sexuellen Verkehr der Eltern geregt habe, konnte der Vater nicht 
bestätigen. Begnügen wir uns also mit dem, was wir erfahren 
haben. 

Durch welchen Einfluß es in der geschilderten Situation bei Hans 
zum Umkippen, zur Verwandlung der libidinösen Sehnsucht in Angst 
gekommen ist, an welchem Ende da die Verdrängung eingesetzt hat, 
das ist schwer zu sagen und könnte wohl nur durch die Vergleichnng 
mit mehreren ähnlichen Analysen zu entscheiden sein; ob das intel- 
lektuelle Unvermögen des Kindes, das schwierige Problem der Kinder- 
zeugung zu lösen und die durch die Annäherung an die Lösung ent- 
bundenen aggressiven Impulse zu verwerten, den Ausschlag gab oder 
ein somatisches Unvermögen, eine Intoleranz seiner Konstitution gegen 
die regelmäßig geübte masturbatorische Befriedigung, ob die bloße 
Fortdauer der sexuellen Erregung in so hoher Intensität zum Umschlage 
führen mußte, das stelle ich als fraglich hin, bis uns weitere Erfahrung 
zu Hilfe kommt. 

Dem Gelegenheitsanlasse für den Ausbruch der Krankheit zuviel 
Einfluß zuzuschreiben, verbieten die zeitlichen Verhältnisse, denn An- 
deutungen von Ängstlichkeit waren bei Hans lange vorher, ehe er das 
Stellwagenpferd auf der Straße umfallen sah, zu beobachten. 

Immerhin knüpfte die Neurose direkt an dieses akzidentelle Er- 
lebnis an nnd bewahrt die Spur desselben in der Erhebung des Pferdes 
aum Angstobjekt. Eine „traumatische Kraft" kommt diesem Eindrucke 
an und für sich nicht zu; nur die frühere Bedeutung des Pferdes als 
Gegenstand der Vorliebe und des Interesses und die Anknüpfung an das 
traumatisch geeignetere Erlebnis in Gmunden; wie Fritzl beim Pferde- 
spiele umfiel, sowie der leichte Assoziationsweg von Fritzl zum Vater, 
haben den zufällig beobachteten Unfall mit so großer Wirksamkeit aus- 
gestattet. Ja, wahrscheinlich hätten auch diese Beziehungen nicht 
ausgereicht, wenn nicht dank der Schmiegsamkeit und der Viel- 
deutigkeit der Assoziationsverknüpfungen der gleiche Eindruck sich 
auch geeignet erwiesen hätte, an den zweiten der im Unbewußten bei 
Hans lauernden Komplexe, an den von der Niederkunft der graviden 
Mutter zu rühren. Von da an war der Weg zur Widerkehr des Ver- 
drängten eröffnet, und nun wurde er in der Weise beschritten, daß 
das pathogeneMaterial auf denPferdekomplex umgearbeitet 



102 Sigm. Freud. 

(transponiert) und die begleitenden Affekte uniform 
in Angst verwandelt erschienen. 

Bemerkenswerterweise mußte sich der nunmehrige Vorstellungs- 
inhalt der Phobie noch eine Entstellung und Ersetzung gefallen lassen, 
ehe das Bewußtsein Kenntnis von ihm nahm. Der erste Wortlaut 
der Angst, den Hans äußerte, war: das Pferd wird mich beißen; er rührt 
aus einer andern Szene in Gmunden her, die einerseits Beziehung zum 
feindseligen Wunsche gegen den Vater hat, anderseits an die Onaniever- 
warnung erinnert. Es hat sich da ein ablenkender Einfluß geltend ge- 
macht, der vielleicht von den Eltern ausging; ich bin nicht sicher, ob 
die Berichte über Hans damals sorgfältig genug abgefaßt wurden, um 
uns entscheiden zu lassen, ob er seiner Angst diesen Ausdruck gegeben, 
ehe oder erst nachdem ihn die Mutter wegen seiner Masturbation 
zur Eede gestellt hatte. Im Gegensatze zur Darstellung der Kranken- 
geschichte möchte ich das letztere vermuten. Im übrigen ist unverkenn- 
bar, daß der feindselige Komplex gegen den Vater bei Hans überall 
den lüsternen gegen die Mutter verdeckt, sowie er auch in der Analyse 
zuerst aufgedeckt und erledigt wurde. 

In anderen Krankheitsfällen fände sich weit mehr über die Struktur 
einer Neurose, ihre Entwicklung und Ausbreitung zu sagen, aber die 
Krankheitsgeschichte unseres kleinen Hans ist sehr kurz; sie wird als- 
bald nach ihrem Beginne von der Behandlungsgeschichte abgelöst. 
Wenn die Phobie sich während der Behandlung dann weiter zu ent- 
wickeln schien, neue Objekte und neue Bedingungen in ihren Bereich 
zog, so war der selbst behandelnde Vater natürlich einsichtsvoll genug, 
darin nur ein Zumvorscheinkommen des bereits Fertigen und nicht 
eine Neuproduktion, die man der Behandlung zur Last legen könnte, 
zu erblicken. Auf solche Einsicht darf man dann in anderen Fällen 
von Behandlung nicht immer rechnen. 

Ehe ich diese Synthese für beendigt erkläre, muß ich noch einen 
andern Gesichtspunkt würdigen, bei dem wir mitten in die Schwierig- 
keiten der Auffassung neurotischer Zustände geraten werden. Wir sehen, 
wie unser kleiner Patient von einem wichtigen Verdrängungsschube 
befallen wird, der gerade seine herrschenden sexuellen Komponenten 
betrifft 1 ). Er entäußert sich der Onanie, er weist mit Ekel von sich, 



x ) Der Vater hat sogar beobachtet, daß gleichzeitig mit dieser Verdrängung 
ein Stück Sublimierung bei ihm eintritt. Er zeigt vom Beginne der Ängstlichkeit 
an ein gesteigertes Interesse für Musik und entwickelt seine hereditäre musi- 
kalische Begabung. 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 10S 

was an Exkremente und an Zuschauen bei den Verrichtungen 
erinnert. Es sind aber nicht diese Komponenten, welche beim 
Krankheitsanlasse (beim Anblicke des fallenden Pferdes) angeregt 
werden, und die das Material für die Symptome, den Inhalt der 
Phobie, liefern. 

Man hat also da Anlaß, eine prinzipielle Unterscheidung aufzu- 
stellen. Wahrscheinlich gelangt man zu einem tieferen Verständnisse 
des Krankheitsfalles, wenn man sich jenen anderen Componenten zu- 
wendet, welche die beiden letztgenannten Bedingungen erfüllen. Dies 
sind bei Hans Regungen, die bereits vorher unterdrückt waren und sich, 
soviel wir erfahren, niemals ungehemmt äußern konnten, feindselig- 
eifersüchtige Gefühle gegen den Vater und sadistische, Koitusahnungen 
entsprechende Antriebe gegen die Mutter. In diesen frühzeitigen Unter- 
drückungen liegt vielleicht die Disposition für die spätere Erkrankung. 
Diese aggressiven Neigungen haben bei Hans keinen Ausweg gefunden, 
und sobald sie in einer Zeit der Entbehrung und gesteigerten sexuellen 
Erregung verstärkt hervorbrechen wollen, entbrennt jener Kampf, 
den wir die „Phobie" benennen. Während derselben dringt ein Teil 
der verdrängten Vorstellungen als Inhalt der Phobie, entstellt und auf 
einen anderen Komplex überschrieben, ins Bewußtsein; aber kein 
Zweifel, daß dies ein kümmerlicher Erfolg ist. Der Sieg verbleibt der 
Verdrängung, die bei dieser Gelegenheit auf andere als die vor- 
dringliche Komponente übergreift. Das ändert nichts daran, 
daß das Wesen des Krankheitszustandes durchaus an die Natur der 
zurückzuweisenden Triebkomponenten gebunden bleibt. Absicht 
und Inhalt der Phobie ist eine weitgehende Einschränkung der Bewe- 
gungsfreiheit, sie ist also eine machtvolle Reaktion gegen die dunkeln 
Bewegungsimpulse, die sich besonders gegen die Mutter wenden 
wollten. Das Pferd war für den Knaben immer das Vorbild der 
Bewegungslust („Ich bin ein junges Pferd," sagt Hans im Herum- 
springen), aber da diese Bewegungslust den Koitusimpuls einschließt, 
wird die Bewegungslust von der Neurose eingeschränkt und das 
Pferd zum Sinnbilde des Schreckens erhoben. Es scheint, daß den 
verdrängten Trieben in der Neurose nichts anderes verbleibt als 
die Ehre, der Angst im Bewußtsein die Vorwände zu liefern. Aber 
so deutlich auch der Sieg der Sexualablehnung in der Phobie ist, 
so läßt doch die Kompromißnatur der Krankheit nicht zu, daß das 
Verdrängte nichts anderes erreiche. Die Phobie vor dem Pferde ist 
doch wieder ein Hindernis, auf die Gasse zu sehen, und kann als 



104 Sigm. Freud. 

Mittel dienen, um bei der geliebten Mutter im Hause zu bleiben. Darin 
hat sich also die Zärtlichkeit für die Mutter siegreich durchgesetzt; 
der Liebhaber klammert sich infolge der Phobie an sein geliebtes Objekt, 
aber freilich ist nun dafür gesorgt, daß er unschädlich bleibt. In diesen 
beiden Wirkungen offenbart sich die eigentliche Natur einer neuro- 
tischen Erkrankung. 

Alf. Adler hat kürzlich in einer gedankenreichen Arbeit, 1 ) der ich 
vorhin die Bezeichnung Triebverschränkung entnommen habe, aus- 
geführt, daß die Angst durch die Unterdrückung des von ihm so genann- 
ten „Aggressionstriebes" entstehe, und in weitumfassender Synthese 
diesem Triebe die Hauptrolle im Geschehen, „im Leben und in der 
Neurose" zugewiesen. Wenn wir zum Schlüsse gelangt sind, daß in un- 
serem Falle von Phobie die Angst durch die Verdrängung jener Aggres- 
sionsneigungen, der feindseligen gegen den Vater und der sadistischen 
gegen die Mutter, zu erklären sei, scheinen wir eine eklatante Bestätigung 
für die Anschauung Adlers erbracht zu haben. Und doch kann ich 
derselben, die ich für eine irreführende Verallgemeinerung halte, nicht 
beipflichten. Ich kann mich nicht entschließen, einen besonderen Aggres- 
sionstrieb neben und gleichberechtigt mit den uns vertrauten Selbet- 
erhaltungs- und Sexualtrieben anzunehmen. Es scheint mir, daß Adler 
einen allgemeinen und unerläßlichen Charakter aller Triebe, eben das 
„Triebhafte", Drängende in ihnen, was wir als die Fähigkeit, der Mo- 
tilität Anstoß zu geben, beschreiben können, zu einem besonderen Triebe 
mit Unrecht hypostasiert habe. Von den anderen Trieben erübrigte 
dann nichts anderes als die Beziehung zu einem Ziele, nachdem ihnen 
die Beziehung zu den Mitteln, dieses Ziel zu erreichen, durch den 
„Aggressionstrieb" abgenommen wird; trotz all der Unsicherheit 
und Ungeklärtheit unserer Trieblehre, möchte ich vorläufig an 
der gewohnten Auffassung festhalten, welche jedem Triebe sein 
eigenes Vermögen aggressiv zu werden, ohne sich auf ein Objekt zu 
richten, beläßt, und in den beiden bei unserem Hans zur Verdrän- 
gung gelangenden Trieben würde ich altbekannte Komponenten der 
sexuellen Libido erkennen. 

*) S. o. 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 105 

III. 

Ehe ich nun in die voraussichtlich kurz gehaltenen Erörterungen 
eintrete, was aus der Phobie des kleinen Hans allgemein Wertvolles 
für Kinderleben und Kindererziehung zu entnehmen ist, muß ich dem 
lange aufgesparten Einwände begegnen, der uns mahnt, daß Hans 
ein Neurotiker, Hereditarier, Degenere ist, kein normales Kind, von dem 
aus auf andere Kinder übertragen werden darf. Es tut mir lange schon 
leid, daran zu denken, wie alle die Bekenner des „Normalmenschen" 
unseren armen kleinen Hans mißhandeln werden, nachdem sie erst 
erfahren haben, daß ihm tatsächlich hereditäre Belastung nachgewiesen 
werden kann. Seiner schönen Mutter, die in einem Konflikte ihrer Mäd- 
chenzeit neurotisch erkrankte, hatte ich damals Hilfe geleistet, und 
dies war sogar der Anfang meiner Beziehungen zu seinen Eltern. Ich 
getraue mich nur ganz schüchtern, einiges zu seinen Gunsten vorzu- 
bringen. 

Zunächst, daß Hans nicht das ist, was man sich nach der strengen 
Observanz unter einem degenerierten, zur Nervosität erblich be- 
stimmten Kinde vorstellen würde, sondern vielmehr ein körperlich 
wohlgebildeter, heiterer, liebenswürdiger und geistig reger Geselle, 
an dem nicht nur der eigene Vater seine Freude haben kann. An seiner 
aexuellen Frühreife freilich ist kein Zweifel, aber es fehlt da viel Ver- 
gleichsmaterial zum richtigen Urteile. Aus einer Sammeluntersuchung 
aus amerikanischer Quelle habe ich z. B. ersehen, daß ähnlich frühe 
Objektwahl und Liebesempfinden bei Knaben nicht gar so selten ange- 
troffen wird, und aus der Kindergeschichte von später als „groß" er- 
kannten Männern weiß man das nämliche, so daß ich meinen möchte, 
die sexuelle Frühreife sei ein selten fehlendes Korrelat der intellek- 
tuellen und darum bei begabten Kindern häufiger anzutreffen, als man 
erwarten sollte. 

Ferner mache ich in meiner eingestandenen Parteilichkeit für 
den kleinen Hans geltend, daß er nicht das einzige Kind ist, das 
zu irgend einer Zeit seiner Kinderjahre von Phobien befallen wird. Solche 
Erkrankungen sind bekanntlich ganz außerordentlich häufig, auch bei 
Kindern, deren Erziehung an Strenge nichts zu wünschen übrig läßt. 
Die betreffenden Kinder werden später entweder neurotisch, oder sie 
bleiben gesund. Ihre Phobien werden in der Kinderstube niederge- 
schrien, weil sie der Behandlung unzugänglich und gewiß sehr unbe- 
quem sind, Sie lassen dann im Laufe von Monaten oder Jahren nach, 



106 Sigm. Freud. 

heilen anscheinend; weiche psychischen Veränderungen eine solche 
Heilung bedingt, welche Charakterveränderungen mit ihr verknüpft 
sind, darein hat niemand Einsicht. Wenn man dann einmal einen erwach- 
senen Neurotiker in psychoanalytische Behandlung nimmt, der, 
nehmen wir an, erst in reifen Jahren manifest erkrankt ist, so erfährt 
man regelmäßig, daß seine Neurose an jene Kinderangst anknüpft, 
die Fortsetzung derselben darstellt, und daß also eine unausgesetzte, 
aber auch ungestörte, psychische Arbeit sich von jenen Kinderkonflikten 
an durchs Leben fortgesponnen hat, ohne Rücksicht darauf, ob deren 
erstes Symptom Bestand hatte oder unter dem Drange der Verhältnisse 
zurückgezogen wurde. Ich meine also, unser Hans ist vielleicht nicht 
stärker erkrankt gewesen als so viele andere Kinder, die nicht als „Dege- 
nerierte" gebrandmarkt werden; aber da er ohne Einschüchterung, 
mit möglichster Schonung und möglichst geringem Zwang erzogen 
wurde, hat sich seine Angst kühner hervorgewagt. Die Motive des 
schlechten Gewissens und der Furcht vor der Strafe haben ihr gefehlt, 
die sonst gewiß zu ihrer Verkleinerung beitragen. Mir will scheinen, 
wir geben zuviel auf Symptome und kümmern uns zuwenig um das, 
woraus sie hervorgehen. In der Kindererziehung gar wollen wir nichts 
anderes als in Ruhe gelassen werden, keine Schwierigkeiten erleben, 
kurz das brave Kind züchten und achten sehr wenig darauf, ob dieser 
Entwicklungsgang dem Kinde auch frommt. Ich könnte mir also vor- 
stellen, daß es heilsam für unseren Hans war, diese Phobie produziert 
zu haben, weil sie die Aufmerksamkeit der Eltern auf die unvermeid- 
lichen Schwierigkeiten lenkte, welche die Überwindung der angeborenen 
Triebkomponenten in der Kulturerzfehung dem Kinde bereiten muß, 
und weil diese seine Störung die Hilfeleistung des Vaters nach sich zog. 
Vielleicht hat er nun vor anderen Kindern das voraus, daß er nicht 
mehr jenen Keim verdrängter Komplexe in sich trägt, der fürs spätere 
Leben jedesmal etwas bedeuten muß, der gewiß Charakterverbildung 
in irgend einem Ausmaße mit sich bringt, wenn nicht die Disposition 
zu einer späteren Neurose. Ich bin geneigt so zu denken, aber ich weiß 
nicht, ob noch viele andere mein Urteil teilen werden, weiß auch nicht, 
ob die Erfahrung mir recht geben wird. 

Ich muß aber fragen, was hat nun bei Hans das Anslichtziehen 
der nicht nur von den Kindern verdrängten, sondern auch von den 
Eltern gefürchteten Komplexe geschadet? Hat der Kleine nun etwa 
Ernst gemacht mit seinen Ansprüchen auf die Mutter, oder sind an Stelle 
der bösen Absichten gegen den Vater Tätlichkeiten getreten? Sicherlich 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 107 

werden das viele befürchtet haben, die das Wesen der Psychoanalyse 
verkennen und meinen, man verstärke die bösen Triebe, wenn man sie 
bewußt mache. Diese Weisen handeln dann nur konsequent, wenn sie 
um Gotteswillen von jeder Beschäftigung mit den bösen Dingen abraten, 
die hinter den Neurosen stecken. Sie vergessen dabei allerdings, daß sie 
Ärzte sind, und geraten in eine fatale Ähnlichkeit mit Shakespeares 
Holzapfel in „Viel Lärmen um nichts", der der ausgeschickten Wache - 
gleichfalls den Rat gibt, sich von jeder Berührung mit den etwa 
angetroffenen Dieben, Einbrechern recht fernzuhalten. Solches Gesindel 
sei kein Umgang für ehrliche Leute! 1 ).,, 

Die einzigen Folgen der Analyse sind vielmehr, daß Hans gesund 
wird, sich vor Pferden nicht mehr fürchtet, und daß er mit seinem 
Vater, wie dieser belustigt mitteilt, eher familiär verkehrt. Aber was der 
Vater an Respekt etwa einbüßt, das gewinnt er an Vertrauen zurück : 
„Ich hab' geglaubt, du weißt alles, weil du das vom Pferde gewußt hast." 
Die Analyse macht nämlich den Erfolg der Verdrängung nicht rück- 
gängig, die Triebe, die damals unterdrückt wurden, bleiben die unter- 
drückten, aber sie erreicht diesen Erfolg auf anderem Wege, ersetzt den 
Prozeß der Verdrängung, der ein automatischer und exzessiver 
ist, durch die maß- und zielvolle Bewältigung mit Hilfe der höchsten 
seelischen Instanzen, mit einem Worte: sie ersetzt die Verdrän- 
gung durch die Verurteilung. Sie scheint uns den lange ge- 
suchten Beweis zu erbringen, daß das Bewußtsein eine biologische 
Funktion hat, daß mit seinem Insspieltreten ein bedeutsamer Vorteil 
verbunden ist. 

Hätte ich allein die Verfügung darüber gehabt, so hätte ich 's 
gewagt, dem Kinde auch noch die eine Aufklärung zu geben, welche 
ihm von den Eltern vorenthalten wurde. Ich hätte seine triebhaften 
Ahnungen bestätigt, indem ich ihm von der Existenz der Vagina und des 
Koitus erzählt hätte, so den ungelösten Rest um ein weiteres Stück 
verkleinert und seinem Fragedrange ein Ende gemacht. Ich bin über- 
zeugt, er hätte weder die liebe zur Mutter noch sein kindliches Wesen 



l ) Ich kann die verwunderte Erage hier nicht unterdrücken, woher diese 
Gegner meiner Anschauungen ihr so sicher vorgetragenes Wissen beziehen, ob 
die verdrängten Sexualtriebe eine Rolle in der Ätiologie der Neurosen spielen 
und welche, wenn sie den Patienten den Mund verschließen, sobald sie von ihren 
Komplexen und deren Abkömmlingen zu reden beginnen ? Meine und meiner An- 
hänger Mitteilungen sind ja dann die einzige Wissenschaft, die ihnen zugänglich 
bleibt. 



108 Sigm. Freud. 

infolge dieser Aufklärungen verloren, und hätte eingesehen, daß seine 
Beschäftigung mit diesen wichtigen, ja imposanten Dingen nun ruhen 
muß, bis sich sein Wunsch, groß zu werden, erfüllt hat. Aber das pädago- 
gische Experiment wurde nicht so weit geführt. 

Daß man zwischen „nervösen" und „normalen" Kindern und 
Erwachsenen keine scharfe Grenze ziehen darf, daß „Krankheit" 
ein rein praktischer Summationsbegriff ist, daß Disposition nnd Erleben 
zusammentreffen müssen, um die Schwelle für die Erreichung dieser 
Summation überschreiten zu lassen, daß infolgedessen fortwährend 
viele Individuen aus der Klasse der Gesunden in die der nervös Kranken 
übertreten, und eine weit geringere Anzahl den Weg auch in umgekehrter 
Richtung macht, das sind Dinge, die so oft gesagt worden sind und 
soviel Anklang gefunden haben, daß ich mit ihrer Behauptung gewiß 
nicht allein stehe. Daß die Erziehung des Kindes einen mächtigen Einfluß 
geltend machen kann zugunsten oder Ungunsten der bei dieser Sum- 
mation in Betracht kommenden Krankheitsdisposition, ist zum min- 
desten sehr wahrscheinlich, aber was die Erziehung anzustreben und wo 
sie einzugreifen hat, das erscheint noch durchaus fragwürdig. Sie hat 
sich bisher immer nur die Beherrschung, oft richtiger Unterdrückung 
der Triebe zur Aufgabe gestellt; der Erfolg war kein befriedigender und 
dort, wo es gelang, geschah es zum Vorteile einer kleinen Anzahl bevor- 
zugter Menschen, von denen Triebunterdrückung nicht gefordert wird. 
Man fragte auch nicht danach, auf welchem Wege und mit welchen 
Opfern die Unterdrückung der unbequemen Triebe erreicht wurde. 
Substituiert man dieser Aufgabe eine andere, das Individuum mit der 
geringsten Einbuße an seiner Aktivität kulturfähig und sozial ver- 
wertbar zu machen, so haben die durch die Psychoanalyse gewonnenen 
Aufklärungen über die Herkunft der pathogenen Komplexe und über 
den Kern einer jeden Nervosität eigentlich den Anspruch, vom Er- 
zieher als unschätzbare Winke für sein Benehmen gegen das Kind 
gewürdigt zu werden. Welche praktischen Schlüsse sich hieraus ergeben 
und inwieweit die Erfahrung die Anwendung derselben innerhalb unserer 
sozialen Verhältnisse rechtfertigen kann, dies überlasse ich anderen zur 
Erprobung und Entscheidung. 

Ich kann von der Phobie unseres kleinen Patienten nicht Abschied 
nehmen, ohne die Vermutung auszusprechen, welche mir deren zur 
Heilung führende Analyse besonders wertvoll macht. Ich habe aus 
dieser Analyse, streng genommen, nichts Neues erfahren, nichts, was 
ich nicht schon, oft in weniger deutlicher und mehr vermittelter Weise, 



Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben. 109 

bei anderen, im reifen Alter behandelten Patienten hatte erraten können. 
Und da die Neurosen dieser anderen Kranken jedesmal auf die näm- 
lichen infantilen Komplexe zurückzuführen waren, die sich hinter der 
Phobie Hansens aufdecken ließen, bin ich versucht, für diese Kinder- 
neurose eine typische und vorbildliche Bedeutung in Anspruch zu 
nehmen, als ob die Mannigfaltigkeit der neurotischen Verdrängungs- 
erßcheinungen und die Reichhaltigkeit des pathogenen Materials einer 
Ableitung von sehr wenigen Prozessen an den nämlichen Vorstellungs- 
komplexen nicht im Wege stünden. 



Die Stellung der Verwandtenelle in der Psychologie 

der Neurosen. 1 ) 

Von Dr. Karl Abraham (Berlin). 

Die Anschauung, daß die Ehe unter Blutsverwandten auf die 
Nachkommenschaft einen nachteiligen Einfluß ausübe, ist sehr alt. 
Besonders daß die Konsanguinität der Eltern den Grund zu den ver- 
schiedenartigsten Nerven- und Geisteskrankheiten lege, wird 
in der medizinischen Literatur wie auch im Volksglauben allgemein 
angenommen- Daß in vielen Familien Inzucht und nervöse oder psy- 
chische Störungen zusammentreffen, kann keinem Zweifel unterliegen. 
Daraus folgt aber nicht ohne weiteres, daß beide Erscheinungen in dem 
einfachen Verhältnis von Ursache und Wirkung zu einander stehen 
müssen. Es fragt sich vielmehr, ob das Vorkommen von Verwandten- 
ehen in gewissen Familien nicht seinerseits eine spezifische Ursache hat, 
ob nicht gerade in neuropathischen Familien eine eigentümliche Ver- 
anlagung dazu drängt, daß die Familienmitglieder unter einander 
heiraten. Versucht man, die Verwandtenehe als psychopathologisches 
Phänomen zu betrachten, so bemerkt man, daß sie sich als solches 
von einer Reihe anderer Phänomene nicht sondern läßt, mit welchen sie 
bestimmte psychologische Wurzeln gemein hat. 

Die Ansichten über die Psychologie der Verwandtenehe, die ich 
im folgenden mitteile, erheben keinen Anspruch auf allgemeine Gültig- 
keit. Natürlich kann eine Ehe unter Blutsverwandten ebenso wie eine 
andere aus rein praktischen Gründen geschlossen werden. Oder äußere 
Gründe, wie z. B. das Abgeschlossensein vom allgemeinen Verkehr, 
lassen eine Verbindung mit fremden Familien nicht zustande kommen. 
Auch dürfte nach Rassen und gesellschaftlichen Schichten die Neigung 
zur Inzucht verschieden groß sein. Für diejenigen Fälle aber, in welchen 
Verwandte nur durch individuelle Sympathie zusammengeführt werden, 

*) Mit Benutzung eines Vortrags (Sitzung der Berliner Gesellschaft für 
Psychiatrie und Nervenkrankheiten am 9. November 1908.) 



Die Stellung der Verwandtenehe in der Psychologie der Neurosen. 111 

nennte ich an, daß die Fähigkeit, die Liebesneigungen auf fremde Per- 
sonen zu übertragen, unzureichend ist, während die Zuneigung zu 
Mitgliedern der eigenen Familie das normale Maß übersteigt. 

Ein solches Verhalten läßt sich von den Eigentümlichkeiten 
der Sexualität bei den Neurotikern herleiten. Abweichungen von vier 
Norm treten bei ihnen ja schon in der Kindheit hervor. Neuropathische 
Kinder zeigen schon früh ein übermäßiges erotisches Verlangen. Das 
übertriebene Liebesbedürfnis der neuropathischen Kinder bedeutet 
freilich nur eine Steigerung der normalen Verhältnisse 1 ). Auch das 
normale Kind überträgt seine Neigung naturgemäß zuerst auf die Per- 
sonen, mit welchen es ständig zusammenlebt. Daß es sich hier um 
eine Äußerung der Sexualität handelt, kann schon deshalb keinem 
Zweifel unterliegen, weil sich die Zuneigung des Knaben vorzugsweise 
auf Mutter oder Schwester, die des Mädchens auf Vater oder Bruder, 
richtet. 2 ) In der zweiten Kindheitsperiode lassen die Äußerungen dieser 
Liebe oft auch keinen Zweifel an ihrer Natur aufkommen. Neurotische 
Kinder zeigen mit Bezug auf die geliebte Person eine starke Eifersucht, 
verlangen sie allein zu besitzen und sehen in den übrigen Familien- 
angehörigen nur Rivalen, ganz nach Art verliebter Erwachsener. Es 
sei übrigens bemerkt, daß neurotische Kinder in dieser ihrer Eigenart 
oft noch von den Eltern bestärkt werden» indem diese die Kinder ver- 
zärteln, ihre Ansprüche auf Liebesbeweise steigern und gelegentlich 
wohl auch vorzeitig geschlechtliche Sensationen bei ihnen hervorrufen. 

Unter normalen Verhältnissen verfällt die infantile Sexual- 
übertragung auf den andersgeschlechtlichen Teil der Eltern (resp. auf 
Geschwister des anderen Geschlechtes) der Sublimierung, d. h. der 
Umwandlung in Gefühle der Verehrung, der Pietät u. s. w. Durch diesen 
Prozeß wird, wie Freud ausgeführt hat, die Liebe zu Eltern und Ge- 
schwistern des Bewußt- Sexuellen entkleidet. Nur in gewissen Träumen 
lebt die infantile Inzestphantasie fort 3 ). 



*) Vgl. Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 1905. 

2 ) Unter den Autoren, welche die Anschauungen Freud's im allgemeinen 
ablehnen, verweist Oppenheim (Lehrbuch der Nervenkrankheiten, 5. Auflage 
S. 1256) auf die besondere Zärtlichkeit, die überschwengliche Liebe der hyste- 
rischen Kinder; er erblickt in diesen Erscheinungen jedoch keine Äusserungen 
der kindlichen Sexualität. Vgl. den Sitzungsbericht der Berliner Gesellschaft für 
Psychiatrie und Nervenkrankheiten vom 9. November 1908 im Neurolog. Zbl. 1908, 
Heft 23). 

3 ) Bezüglich des „Ödipusmotivs" im Traume vgl. besonders Freud, Die 
Traumdeutung. 2. Aufl. 1909, Seite 185. 

6 



112 Karl Abraham. 

Die Pubertät mit ihren psychischen Umwälzungen führt eine, 
je nach der Individualität verschieden weitgehende Ablösung des 
Kindes von der elterlichen Autorität herbei. Die Libido wird frei, um 
auf fremde Personen des andern Geschlechtes übertragen zu werden; 
die Personen der nächsten Familie sind fortan von der Objektwahl 
ausgeschlossen. Im Unbewußten bleibt freilich der verdrängten infantilen 
Neigung ein wichtiger Einfluß erhalten. Vielfach läßt sich z. B. deutlich 
erkennen, daß der Mann durch solche weibliche Personen angezogen 
wird, bei welchen er Eigenschaften seiner Mutter (oder Schwester) 
wiederfindet. 

Bei neuropathischen Individuen ist der Ablauf dieses wichtigen 
Entwicklungsvorganges gestört. Die abnorme Stärke der infantilen 
Sexualübertragung hindert die vollkommene Verdrängung der Inzest- 
phantasie. Sie erschwert ferner die Ablösung von der elterlichen Autorität. 
Bei vielen Neurotischen bleibt daher eine kindliche Unselbständigkeit 
bestehen. Bleibt der Sohn nun in der Pubertät unter dem unge- 
schmälerten Einfluß der Eltern, bleibt seine Libido auf das infantile 
Sexualobjekt übertragen, so entstehen daraus für ihn doppelte Folgen. 
Erstens wird ihm die normale Übertragung auf fremde weibliche 
Personen zeitlebens erschwert, ja auf Jahre hinaus unmöglich gemacht. 
Zweitens wird die Neigung zu einer so nahen Angehörigen von der 
herrschenden Moral verworfen. So kommt es zur Trieb unter- 
drück ung. Der neurotisch Veranlagte schwankt ja stets hin und her 
zwischen der abnormen Stärke seiner Libido und seiner Tendenz zur 
Triebverdrängung. Hier bietet sich ihm der Anlaß zu einer weitgehenden 
Unterdrückung seiner Triebe. Als Paradigmen dieses Vorganges nenne 
ich die Mustersöhne und -töchter, denen wir gerade in neuropathischen 
Familien begegnen; ihre Liebe zu den Eltern bewahrt auch nach der 
Pubertät den infantilen Charakter 1 ). 

Aus dieser eigentümlichen psychosexuellen Entwicklung können 
für den Neurotischen sehr verschiedenartige praktische Eonsequenzen 
hervorgehen. In der Reihe dieser Möglichkeiten nimmt auch die uns 
besonders interessierende Erscheinung, die Verwandtenehe, ihren Platz 
ein. Wenn ich die der Verwandtenehe psychogenetisch nahestehenden 
Erscheinungen aufzähle, so muß ich mit derjenigen beginnen, die streng 
genommen nicht hierher gehört, nämlich mit dem wirklichen Inzest. 
Kommt es tatsächlich zum inzestuösen Verkehr, so fehlt ja die Trieb- 

*) Vgl. hierzu: Freud „Die kulturelle Sexualmoral" usw. in der Zeitschrift 
„Sexu&lprobleme", 1908. S. 123. 



Die Stellung der Verwandtenehe in der Psychologie der Neurosen. 113 

Unterdrückung. Ein kurzer Hinweis scheint mir aber gerechtfertigt. 
Einmal erfährt man aus der Anamnese nervöser Personen nicht selten, 
daß in der Kindheit zwischen den Geschwistern sexuelle Handlungen 
vorgekommen sind. Sehr bemerkenswert ist aber die starke Neigung 
zum Inzest unter den an Dementia praecox leidenden Geisteskranken. 
Ich verfüge über ein Anzahl einwandfreier Beobachtungen dieser Art, 
die sich auf das Zusammenleben geisteskranker Geschwister (resp. von 
Vater und Tochter) beziehen. 

Ich gehe auf die Frage des wirklichen Inzestes nicht näher ein, 
sondern wende mich zu den neuropathischen Personen, deren Neigung 
im Unbewußten auf das infantile Sexualobjekt fixiert bleibt und denen 
deshalb die Applikation an fremde Personen des andern Geschlechtes 
erschwert ist. Dem Manne stehen zunächst zwei Möglichkeiten offen: 
er bleibt unverehelicht, oder er heiratet eine Bluts- 
verwandte 1 ). Die Betrachtung dieser beiden Fälle läßt sich nicht 
trennen, weil sie überraschend oft in der gleichen Familie zusammen- 
treffen. Familien, in denen sich die Verwandtenehen häufen, pflegen 
auch viele ehelose Personen aufzuweisen 2 ). Ich erwähne z. B. eine 
Familie, in welcher während mehrerer Generationen Verwandten- 
ehen vorkamen. In einer Generation blieben die meisten Geschwister 
ledig und von den zwei Brüdern, welche heirateten, wählte einer eine 
Verwandte. 

Offenbar liegt in solchen Familien eine verminderte sexuelle Ak- 
tivität vor. Die Wahl einer Verwandten erfordert geringere Initiative; 
man ist der Schwierigkeit enthoben, einer Fremden näherzutreten. 
Ein Mädchen aus der Verwandtschaft kennt man entweder von Jugend 
auf, oder die Bekanntschaft wird doch sehr erleichtert. Wichtiger aber 
erscheint mir noch, daß man bei einer Verwandten am leichtesten 
gewisse Eigenschaften wiederfindet, die man bei Mutter oder Schwester 
besonders liebte. So wird namentlich die Cousine zum Ersätze der 
Schwester. Mir sind zwei Fälle bekannt, in welchen der Mann seine 
Cousine heiratete, weil er der festen Überzeugung war, daß er keine 
andere als eine Verwandte wählen könne. Der eine dieser beiden Herren, 
der wegen nervöser Beschwerden in meiner Behandlung stand, war zu 
Studienzwecken ins Ausland gegangen und besuchte dort Verwandte, 
die er vorher nie gesehen hatte. Während er sonst eine sehr 



J ) Ich spreche hier vorwiegend vom Manne, weil er häufiger der Wählende ist. 
*) Diese Beobachtung wurde mir u. a. auch von Herrn Professor Oppen- 
heim aus seiner Erfahrung bestätigt. 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psych opathol. Forschungen, I. ° 



11* Karl Abraham. 

spröde Natur war, verliebte er sich sofort in seine Cousine und 
heiratete sie. 

Ein Teil der Männer mit solcher Veranlagung heiratet erst sehr 
spät. In solchen Fällen trifft die Wahl mit Vorliebe auf eine Nichte. 
Ich habe eine kleine Anzahl solcher Ehen eruiert. Sie haben unter 
einander eine merkwürdige Ähnlichkeit, indem stets der Mann völlig 
unter der Herrschaft der Frau steht. Es handelt sich in allen mir 
bekannten Fällen um sehr unselbständige Männer, die als der 
schwächere Teil in die Ehe eintraten, weil sie auf diese eine Frau 
angewiesen waren. 

Die Häufung der Verwandtenehen in manchen Familien 
spricht natürlich sehr für das Vorhandensein einer eigentümlichen 
Veranlagung. Mir sind Familien bekannt, in welchen durch mehrere 
Generationen eine merkwürdig konsequente Inzucht getrieben wurde. 
In einem Falle z. B. heirateten drei Brüder ihre drei Cousinen, die 
untereinander Schwestern waren. Diese Familie leistete an Inzucht 
Derartiges, daß ihr Stammbaum kaum entwirrbar ist 1 ). 

In manchen Familien tritt die Ehelosigkeit auffallender hervor 
als die Neigung zur Inzucht. Nach den wenigen Erfahrungen, die mir 
in dieser Hinsicht zu Gebote stehen, scheint es sich hier um schwer 
neuropathische Sonderlinge zu handeln, die sich auch sonst von der 
Welt abschließen. Ich erwähne eine Familie, in welcher sämtliche 
acht Brüder unverheiratet blieben. Ob hier noch anderweitige psycho- 
sexuelle Abnormitäten im Spiele sind, kann ich leider nicht entscheiden 2 ). 

Den Neuropathen, welche dauernd ehelos bleiben, steht eine andere 
Gruppe nahe. Sie umfaßt solche Individuen, welche außerstande sind, 
selbst eine Wahl zutreffen. Interessant ist es nun, daß solche Männer 
es vielfach ihrer Mutter oder Schwester überlassen, eine Frau für sie 
auszuwählen. Diese Unselbständigkeit zeigt die außerordentliche Macht 
der infantilen Übertragung. Ein berühmtes Beispiel dieser Art 
werde ich noch erwähnen. 

Es gibt unter den Neuropathen ferner Männer, die zwar außerhalb 

x ) Herrn Dr. M. Hirschfeld verdanke ich die sehr interessante Mitteilung, 
daß Männer mit homosexueller Veranlagung häufig ihre Cousinen heiraten. Da 
bei solchen Männern die sexuelle Aktivität gegenüber dem weiblichen Geschlecht 
minimal ist, so ist für sie die Wahl einer Verwandten eine besondere Bequemlichkeit. 

2 ) Selbstverständlich soll nicht behauptet werden, daß jedem Falle von 
Ehelosigkeit Ursachen wie die hier geschilderten zugrunde liegen. 



Die Stellung der Verwandtenehe in der Psychologie der Neurosen. 115 

ihrer Familie eine Wahl treffen, aber ihre Liebe auf eine bedeutend 
ältere weibliche Person richten. Nicht selten gelingt der Nachweis, 
daß ein Ersatz für die Mutter gesucht wurde. 

Allen diesen Gruppen aber ist eine psychosexuelle Eigentümlich- 
keit gemeinsam, die ich als monogamischen Zug bezeichnen möchte. 
Bei den meisten anderen Männern ist es die Regel, daß die Neigungen 
der Pubertätszeit nicht von Bestand sind, daß vielmehr die Neigung 
sich nacheinander verschiedenen Personen zuwendet, ohne daß eine 
endgültige Wahl erfolgt. Es kommt außerdem sehr gewöhnlich zu 
intimen Beziehungen, welche wieder gelöst werden. Bei vielen Ange- 
hörigen solcher Familien, welche eine Neigung zur Inzucht erkennen 
lassen, ist die Entwicklung eine andere. Es fehlt ihnen die polygamische 
Neigung. Sie eignen sich nicht zum Flirt, zum raschen Anknüpfen 
und zum raschen Wechseln persönlicher Beziehungen. Wie es ihnen 
schwer wird, die früheste Fixierung ihrer Libido zu lösen, so ergeht es 
ihnen auch späterhin. Übertragen sie ihre Neigung auf eine Person 
des andern Geschlechtes, so pflegt diese Neigung dauernd und endgültig 
zu sein. Kommt es bei diesen Personen nicht zur Heirat mit einer Ver- 
wandten, so ist doch die Beschränkung in der Auswahl auch hier 
kenntlich. 

Bis hierher hatten wir es mit Äußerungen der neurotischen Libido 
zu tun, die man gewöhnlich nicht als krankhaft bezeichnet, obschon 
eine Abweichung vom Normaltypus vorliegt. Es gibt nun auf der gleichen 
psychologischen Grundlage eine Reihe anderer Erscheinungen, die un- 
bedingt als pathologisch erscheinen. Für sie ist aber mit Nachdruck 
zu betonen, daß an ihrer Entstehung noch andere, ebenso wichtige 
psychologische, vielleicht auch somatische Faktoren beteiligt sind. 
Hierher gehört beim Manne die psychische Impotenz. Die abnorme 
Fixierung der Libido auf Mutter oder Schwester, d. h. eine verdrängte 
Inzestphantasie, legt den Grund zu diesem Krankheitszustande. Andre 
konkurrierende Faktoren treten hinzu. Ich verweise in dieser Beziehung 
besonders auf die von Stekel 1 ) veröffentlichten Analysen. Ich habe 
selbst verschiedene Fälle dieser Art beobachtet, in denen sich dieser 
Faktor als sehr bedeutsam herausstellte. Ich erwähne z. B. zwei Brüder, 
welche beide an psychischer Impotenz leiden. Beide waren in einem 
entschieden abnormen Grade in ihre Schwester verhebt. 

! ) Stekel, Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung. Berlin und 
Wien 1908, 

8 * 8 * 



116 Karl Abraham« 

Weibliche Personen, die ihre Neigung im Übermaße auf Vater 
oder Bruder übertragen haben, sind sehr häufig frigid in der Ehe. 
Bei solchen Personen wirkt also ihre infantile Sexualübertragung 
mit anderen Faktoren zusammen, um sie im späteren Leben zu einer 
erfolgreichen Übertragung unfähig zu machen. 

Andere Personen bestreben sich, die Inzestphantasien gewaltsam 
zu unterdrücken. Während sie ihnen ausweichen, werden sie nun leicht 
auf die Bahn homosexueller Neigungen gedrängt. Sie wenden sich von 
der Mutter ab dem Vater zu. Auch hier fehlt es nie an anderen Ursachen, 
die in der gleichen Richtung wirken. Ich möchte hier auf die Tatsache 
verweisen, daß nach den Beobachtungen der erfahrensten Autoren 
viele Homosexuelle, die sonst kein Interesse für weibliche Personen 
zeigen, mit einer vergeistigten, sublimierten Liebe an ihrer Mutter 
hängen 1 ). 

Bei ausgesprochener Neurose bestehen noch weitere Ausdrucks- 
möglichkeiten für die uns beschäftigenden sexuellen Infantilismen, 
auf die ich kurz hinweisen will. Nicht selten drücken hysterische 
Symptome den Wunsch des Patienten aus, sich mit einer bestimmten, 
geliebten Person zu identifizieren. Ein Patient, den ich wegen psy- 
chischer Impotenz behandle und bei dem eine abnorme Verliebtheit 
in die Mutter deutlich hervortritt, kopiert z. B. diese in einer Anzahl 
von Symptomen 2 ). 

Bei chronischen, in das Gebiet der Dementia praecox gehörenden 
Geisteskrankheiten sind mir besonders zwei Arten aufgefallen, in denen 
die infantile Inzestphantasie zum Ausdruck kommt. Ein Teil der 
Kranken bildet einen Wahn, der die Vereinigung mit der in der Kind- 
heit geliebten Person als vollzogen darstellt. Ich erwähne kurz ein 
Beispiel aus einer meiner früheren Publikationen 3 ): Bei dem Patienten 
stand im Mittelpunkte seiner Wahnbildungen eine Schwester, die er 



*) Zwischen Konsanguinität und Homosexualität dürften noch andere 
Beziehungen bestehen. Herr Dr. M. Hirschfeld teilte mir eine wertvolle Be- 
obachtung mit: Der aus einem Inzest von Vater und Tochter hervorgegangene 
Sohn ist homosexuell. 

*) Vgl. hierzu besonders Freud, Bruchstück einer Hysterieanalyse. Monats- 
schrift für Psychiatrie und Neural. 1905, Bd. 18 und neu herausgegeben in seiner 
„Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre IL" (Erscheint demnächst.) 

3 ) Abraham, Über die Bedeutung sexueller Jugendtraumen für die Sym- 
ptomatologie der Dementia praecox. Zentralblatt für Nervenheilkunde. 1907. 
S. 409 f. 



Die Stellung der Verwandtenehe in der Psychologie der Neurosen. 117 

in seinem zehnten Lebensjahre durch den Tod verloren hatte. Sie 
erschien auch beständig in seinen Halluzinationen. Einmal fand ich 
den Patienten ganz einer Vision hingegeben. Er sah — so teilte er mir 
m jt — wie ein sehr schöner Jüngling in den Besitz einer schönen Jungfrau 
zu gelangen suchte. Es waren Apollo und Diana. Die Diana trug die 
Züge der verstorbenen Schwester des Patienten, Apollo glich dem 
Patienten selbst. Apollo und Diana sind ja im Mythus Geschwister. 
So sprach sich die infantile Fixierung der Libido noch in den Halluzi- 
nationen des Erwachsenen aus. 

Eine andere Möglichkeit bei der Dementia praecox ist das Um- 
schlagen der übermäßigen Übertragung in Negativismus und Ver- 
folgungswahn gegen die früher geliebte Person. Ich habe diesen Hergang 
in einer früheren Arbeit genauer behandelt 1 ). 

Zum Schluß möchte ich ein paar berühmte Beispiele anführen, 
die mir sehr zugunsten meiner Ansichten zu sprechen scheinen. Sie 
ließen sich gewiß vermehren. Aber auch aus diesen wenigen Beispielen 
dürfte hervorgehen, daß meine Anschauungen nicht auf künstlichen 
Deutungsversuchen beruhen. 

Ein Beispiel für den reellen Inzest ist Lord Byron. Er konnte 
sich nie von der Neigung zu seiner Schwester befreien. Seine Ehe mit 
einer Fremden nahm daher einen unglücklichen Ausgang. Der Dichter 
Konrad Ferdinand Meyer hing mit einer abnormen Verliebtheit 
an seiner Mutter und Schwester 2 ). Er heiratete in vorgeschrittenem 
Alter ein Mädchen, das seine Schwester für ihn ausgewählt hatte. 
Endlich sei Mörike erwähnt, dessen Neigung in außerordentlichem 
C4rade seiner Schwester galt; er ging erst mit 47 Jahren eine Ehe ein. 

Die hergebrachte Lehre, daß die Ehe unter Blutsverwandten 
nervöse und psychische Erkrankungen der Nachkommenschaft zur Folge 
habe, trägt der Kompliziertheit der Verhältnisse nicht genügend 

Rechnung. 

Die eigentümhche psychosexuelle Konstitution, welche nach 
Freud die Grundlage der Neurosen bildet, ist selbst die wichtigste 
Ursache der Verwandtenehe. Letztere wird erst sekundär zum 
belastenden Moment, indem durch sie die bereits vorhandene neu- 

*) Abraham, Die psychosexuellen Differenzen der Hysterie und der Demen- 
tia praecox. Zentralblatt für Nervenheilkunde. 1908. S. 521 f. 

*) Vgl.Sadger, Konrad Ferdinand Meyer. In: Grenzfragen des Nerven - 
und Seelenlebens. Wiesbaden, 1908. In dieser Schrift findet auch die homosexuelle 
Komponente Berücksichtigung. 



118 - Karl Abraham. 

rotische Veranlagung gezüchtet wird. Die Verwandtenehe ist also in 
erster Linie eine Folge neuropathischer Veranlagung, und erst 
sekundär ein die nervöse Disposition steigerndes Moment. 

Die ihr gebührende Stellung kann man der Verwandtenehe unter 
den Phänomenen der Neurosenpsychologie nur dann anweisen, wenn 
man sie mit einer Reihe anderer Erscheinungen unter gleichen Gesichts- 
punkten betrachtet. In ihrer Gesamtheit zeigen sie, welch außerordent- 
liche Bedeutung den sexuellen Infantilismen im Seelenleben des 
Erwachsenen zukommt. 



Aus der psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich. 



Sexualität und Epilepsie. 

Von Dr. Alpfaonse Maeder, gewes. Assistenzarzt der Schweizer. Anstalt für 
Epileptische, Zürich, z. Z. Assistenzarzt der psychiatrischen Klinik, Zürich. 



I. Die Sexualität der Epileptiker. 



Die psychiatrische und die forensische Literatur enthält zahl- 
reiche Notizen über die Sexualität der Epileptiker. Eine zusammen- 
hängende Darstellung und Klassifizierung der mannigf altigenÄußerungen 
des Geschlechtstriebes dieser Kranken fehlt noch. Ich habe es versucht, 
in den folgenden Zeilen den Rahmen zu einer solchen Monographie zu 
geben. Der Aufenthalt in einer Anstalt für Epileptische gab mir die Ge- 
legenheit, ein großes Material über die Frage zu sammeln; ich konnte 
mich dabei überzeugen, welch große Rolle die Sexualität in dieser 
Krankheit spielt. In diesem ersten Teile werde ich eine Schilderung 
der Manifestationen des Geschlechtstriebes geben (zwar lediglich auf 
meiner Kasuistik fußend, um die Einheit der Auffassung zu bewahren); 
der Frage nach der Bedeutung der Sexualität für die Krankheit 
selbst hoffe ich in einem zweiten Teil etwas näher zu treten. 

Wie aus Folgendem ersichtlich, wird der Begriff der Sexualität 
hier sehr weit gefaßt; es wurde damit gemeint alles, was direkt 
oder indirekt mit der Erzeugung und Erhaltung einer neuen Generation 
zusammenhängt. So zum Beispiel auch gewisse präliminare Handlungen, 
wie das Betasten, der Kuß, ferner Phantasien sexuellen Inhaltes, sym- 
bolische Darstellungen eines geschlechtlichen Aktes usw. 

Als bequemste Einteilung dieser mannigfaltigen Phänomene ergab 
sich diejenige von Freud 1 ), der ich im großen und ganzen gefolgt bin: 
Auterotismus und Allerotismus. 

Beim Allerotismus ist die Libido auf ein Sexualobjekt ge- 
richtet; gewöhnlich handelt es sich um ein Objekt des andern Ge- 
schlechtes; wenn nicht, spricht man von Homosexualität. Beim 

x ) Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Deuticke. 1905. Leipzig 
und Wien. 



120 Alphon se Maeder. 

Auterotismus ist das Sexualobjekt die eigene Person, mit Leib 
und Seele. Normalerweise ist das sexuelle Endziel die Vereinigung 
der Genitalien. Das Verweilen bei gewissen, sonst vorläufigen 
Vorzielen gehört zu den Perversionen : Beschauen (aktiv: Schau- 
lust; passiv: Exhibition), Betasten (Berührungstrieb), das mit 
Sadismus und Masochismus in intimem Zusammenhange steht. 
An das Kapitel über die Perversionen habe ich noch die sogenannte 
Koprophilie, die bei den Geisteskranken eine bedeutende Kolle spielt, 
angeschlossen. 

Ich fange mit der Mitteilung des Materials gleich an und will nur 
vorausschicken, daß das mir zur Verfügung stehende Material aus 220 
Patienten besteht, Insassen der schweizerischen Anstalt für Epileptische 
(90 Männer, 80 Frauen und 50 Kinder), plus 59 frischen Aufnahmen 
(im Jahre 1907) 1 ). Die meisten Fälle sind chronisch, zu einem guten 
Teile vorgeschritten, viele mit starker erblicher Belastung. Von diesen 
Kranken haben mir über 120, die ich näher beobachtet/ respektive 
untersucht habe, Material zu dem Thema geliefert., 

I. Auterotismus (= Selbstbefriedigung s. !.)• 

Auterotisch ist diejenige Sexualbetätigung, bei welcher der 
Trieb sich an der eigenen Person, Leib und Seele befriedigt 
und nicht auf andere (Sexual-) Objekte gerichtet ist. (Havelock 
Ellis. Freud 2 ). Eine der wichtigsten Äußerungen des Auterotismus 
ist die Masturbation. 

Die Masturbation. 

Es ist bekannt, daß die Epileptiker sehr viel onanieren. Das 
Anstaltsleben und die eigentümliche Pariastellung, welche die Epileptiker 
in der Gesellschaft einnehmen, begünstigt selbstverständlich die so- 
genannte Notonanie. Damit ist aber nicht alles erklärt; wir wissen, 
daß diese Kranken sehr häufig schon in der frühesten Kindheit mastur- 
bieren, ein Beweis, daß es sich um eine echte auterotische Erscheinung 
handelt. 

Aus einer Krankengeschichte entnehme ich folgende Daten, die 
in unseren Zusammenhang passen: 

') Für das freundliche Entgegenkommen und diu Überlassung des Materials 
bin ich Herrn dirigierenden Arzte Dr. Ulrich sehr zu Dank verpflichtet 

2 ) Freud faßt den Begriff noch weiter: für ihn Ist eine Phantasie mit er- 
fundenen Objekten auch auterotisch. 



Die Sexualität der Epileptiker. 121 

L. E., 22jäliriges Mädchen. Mit 4 Jahren fing sie spontan an zu ma- 
sturbieren. Abends, wenn die Mutter sie küßte, hatte sie den unwidersteh- 
lichen Drang, die Oberschenkel aneinander zu drücken, was ihr angenehm 
war. Sie macht es jetzt noch, wenn sie sich mit dem Arzte unterhält; es 
läuft wie eine klonische Zuckung ab, begleitet von einem eigenartigen Vor- 
treiben des Leibes, so daß sie sich immer nähert, bis zur körperlichen Be- 
rührung. Als kleines Mädchen hatte sie Wollustempfindungen, wenn die 
Großmutter sie auf dem Aborte abwischte (sogenannter Analerotismus), 
zeigte auch sonst ein lebhaftes sexuelles Interesse für dieses Gebiet. Wenn 
jemand im Abtritte war, guckte sie immer durch ein kleines Loch, regte sich 
dabei auf, stellte sich gerne in Gedanken ihre Bekannten, namentlich die 
Leute, die in der Familie verkehrten, auf dem Aborte vor. Als „Pendant" 
zu dieser Schaulust hat sie jetzt noch eine starke Tendenz zum Exhi- 
bieren. Über den Inhalt ihrer Wahnideen, die sie im Dämmerzustande 
hat, gefragt, zeigt sie sofort mit dem Finger nach den Genitalien, sie will 
sich immer aufdecken, springt aus dem Bette wenn der Arzt zur Visite 
kommt. Sie fragt ihn, ob sie voronanieren soll. Wenn sie sich ärgert und 
zornig wird, zum Beispiel in der Schule, wenn sie nicht gut nachkommt, 
oder wenn man sie irgendwie aufregt, bekommt sie die Lust zu „sperzen", wie 
sie sagt (Krafft-Ebing führt ein ähnliches Beispiel in seiner Psychopa- 
thologia sexualis an). Patientin hat einen Ausdruck, um den Orgasmus 
zu bezeichnen, der angeführt werden muß, da er anschaulich zeigt, wie die 
so auffallende Religiosität der Epileptiker mit der Sexualität verbunden ist. 
Sie unterscheidet zwischen dem Onanieren der Kindheit und dem der Jetzt- 
zeit. Jetzt gebe es einen Augenblick, wo „der Gott kommt." (In ihren 
Wahnideen ist sie manchmal der zweite Jesus oder der Teufel.) 

In welchem Alter der Orgasmus bei solchen Menschen zum ersten 
Male eigentlich auftritt, wird schwer festzustellen sein. Vielleicht recht 
früh. Ein 8jähriges Mädchen, das viel onanierte, wurde gereizt, wenn 
man sie während des Aktes störte: „Jetzt noch nicht aufhören, 
nachher", sagte sie; sie hörte später spontan auf, blieb eine Zeitlang 
anscheinend befriedigt. 

Die Masturbation steht sehr häufig mit den akuten Erscheinungen 
der Epilepsie in Zusammenhang, sie tritt z. B. prae- oder postparo- 
xysmell auf, während eines Schwindels, inAbsenzenundDämmer- 
zuständen, aber auch intervallär, speziell unter dem Einflüsse eines 
Affektes, vielleicht als Äquivalent, wenn sie in paroxysmeller Form 
abläuft, wie in einem Falle, wo sie mit gehobener Stimmung das hervor- 
stechendste Symptom einer Aufregung von zirka 24 Stunden Dauer 
war (Fere hat auch solche Fälle beschrieben). Die Onanie wird häufig 
schamlos getrieben, auch von nicht sehr Dementen, speziell unter den 
jungen Patienten (z. B. selbst während der ärztüchen Untersuchung). 
Die Frage des möglichen Zusammenhanges der Onanie mit den akuten 



122 Alphonse Maeder. 

Symptomen der Epilepsie weide ich in einer nächsten Arbeit 
ventilieren. 

Wir müssen jetzt zwei seltenere Formen der Masturbation be- 
sprechen, den Analtypus und den Mammartypus, da sie bei der 
Epilepsie eine nicht unerhebliche Rolle spielen und bis jetzt in der 
Literatur recht wenig berücksichtigt worden sind. 

E. U., 37 jährige Epileptica, dement, reizt sich an den Brüsten, wenn 
sie geschlechtlich aufgeregt ist. Sie versucht auch immer die Hand des 
Arztes auf ihren nackten Busen zu legen und will Reibbewegungen aus- 
führen. Diese Betätigung alterniert mit gewöhnlicher Manustupration oder 
mit Exhibition. 

Die Mammae sind als erogene Zonen schon längst bekannt. 
Man braucht kaum die wichtige Rolle zu erwähnen, welche sie in der 
Erotik spielen. Das Stillen sogar ist für die Mutter eine Quelle von 
Wollust. Von einer sinnlichen Frau, die ihren Mann nicht sehr intensiv 
liebt, hörte ich neulich sagen: Das Stillen sei ihr jedenfalls ebenso wol- 
lüstig wie der Geschlechtsverkehr selbst. Die Beobachtung, daß die 
Frauen ihre selbstgestillten Kinder lieber haben als die Flaschenkinder, 
wird dadurch in ein neues Licht gerückt. Die Laktation wirkt wie jede 
geschlechtliche Erregung sehr schädlich auf die epileptische Mutter; 
man hat schon längst die Beobachtung gemacht, daß bei ihr die An- 
fälle aufhören, wenn das Brustkind entwöhnt wird. 

Vom Analtypus wird in einem der nächsten Abschnitte aus- 
führlich die Rede sein. Ich will jetzt nur erwähnen, daß bei bestimmten 
Menschen wollüstige Empfindungen vom Sphincter ani (auch vom 
Rectum?) ausgelöst werden können, welche von einzelnen höher ge- 
schätzt werden als die Lust bei der gewöhnüchen Onanie. Es ließen 
sich in kurzer Zeit 6 Fälle konstatieren, mit allen Variationen, vom 
einfachen: „Reiben am Schamloch" (nach dem Ausdrucke des Patienten 
selbst), bis zum blutigen Kratzen und bis zur digitalen Extraktion 
der Kotballen. Diese Analerotiker waren alle Stuhlhypochonder 
(fast alle Koprophagen, bei welchen die Defäkation aus mir jetzt 
leicht begreifüchen Gründen eine überwertige Idee war). Daß dieser 
Analerotismus eine größere Rolle spielt, als in psychiatrischen Kreisen 
bis jetzt angenommen wurde, erhellt darauf, daß zum Beispiel Rabelais 
in seinem „Gargantua und Pantagruel" dieser Erscheinung ein ganzes 
Kapitel widmet. 

In diesen Zusammenhang gehört zweifellos eine Reihe von Er- 
scheinungen, die den typischen Charakter des Auterotismus haben. 
Das Bodenreiben ist die beliebteste Arbeit von vielen Patientinnen 



Die Sexualität der Epileptiker. 123 

der Anstalt, trotz der nicht unbedenklichen körperlichen Anstrengung 
und der unbequemen Haltung, die es erfordert. Sie halten sich beinahe 
in Knieellenbogenlage und führen ausgedehnte rhythmische Bewegungen 
des Beckens aus; sie sind dabei recht schwer abzulenken und machen 
ein strahlendes, hochbeglücktes Gesicht, das man zuerst gar nicht ver- 
steht. Auf jede Frage wird mit einer typischen Uberschwänglichkeit 
geantwortet z. B. : „Mir macht es eine Freude am ganzen Körper." (Wo 
speziell?) „Im Herzen, ich reibe fest, es tut mir wohl, von allen Arbeiten 
habe ich die am liebsten." Sie befindet sich in einer Stimmung, in welcher 
sie die ganze Welt umarmen möchte. Sie packt "die Hand des Arztes 
leidenschaftlich: „Ich wünsche Ihnen Glück und einen recht schönen 
Tag." Diese Szene trägt den ausgeprägtesten Charakter der sexuellen 
Mimik (die sich leider noch nicht in unserer Sprache schildern läßt) 
und läßt keinen Zweifel über die betreffende Gefühlsqualität. 

Die Muskeltätigkeit, speziell die rhythmischen Bewegungen 
des Beckens, vielleicht auch die durch die Haltung bedingte Hyperämie 
des Unterleibes, die Reibung der Kleider wirken wahrscheinlich erregend, 
genau wie das Velofahren, das Nähen an der Maschine, das 
Kaffee mahlen, deren Wirkungen auf die Genitalsphäre sehr sorg- 
fältig beschrieben worden sind (Siehe speziell Havelock Ellis). 

Fere : l'Instinct sexuel sagt: Mouvement- Sensation 
genitale : 

Les sensations de mouvement peuvent aussi chez quelques in- 
dividus provoquer Texcitation sexuelle. L'erection peutetre excitee 
par des contractions musculaires violentes, dans Paction de monter a une 
corde avec les mains, dans Tadduction forcee des cuisses, dans la con- 
striction d'un corps volumineux entre les genoux etc. Des pertes 
seminales peuvent se produire en consequence d'un effort musculaire, 
comme en consequence d'une emotion forte. Certains individus, des 
femmes surtout sont particulierement excites par certains exercices: 
la machine a coudre, le cycle, le chemin de fer. 

Das Händereiben. — Die Bedeutung der Hände bei den 

epileptisch Dementen. 

0. E., 42 Jahre, spaziert den ganzen Tag herum; er reibt seine Hände 
fast unausgesetzt aneinander, schaut sie an, achtet auf ihre Farbe und 
sonstige Beschaffenheit, „schau da, wie sie bald rot, dann wieder weiß werden, 
sie zeigen eine Gedünnerigung und eine Gedickerigung, werden steif und 
dick . . . dann fühle ich wie eine Bewärmigung bis ins Bauchli (Mundart- 



124 Alphonse Maeder. 

ausdruck für Bäuchlein) herunter und eine himmlische Befreudigung", 
alles das mit dem höchsten Ausdrucke der Wollust gesagt. Patient kommt 
immer wieder, vielmal täglich das ganze Jahr hindurch darauf zurück. 
Die Beobachtung des Zustandes der Hände ist ihm zur Lebensaufgabe ge- 
worden. Sein Gespräch zeigt die gleiche Monotonie ; er hat für nichts In- 
teresse; das wenige, was er erzählt, ist lediglich sexuellen Inhaltes; er erzählt 
spontan allen Leuten, die ihn anhören wollen, wie seine Eltern „geprak- 
tiziert" und ihn „beschafferet" haben, was eine Schlechtigkeit gewesen sei. 
Er sei noch bei keiner „Madame" gewesen, trotz seinen 40 Jahren, er 
wisse schon, wie in Rußland und Frankreich und in den großen Städten 
,, gehuret" wird, was die „Herren und Madames zusammen machen" (alles 
in läppischem Tone). Er läßt sich zu keiner Arbeit zwingen, stößt aber gerne 
den Kinderwagen der Hausmutter mit besonderer Freude, unterhält sich 
lebhaft mit ihr, sagt ihr allerdings die gleichen Unanständigkeiten wie 
den anderen. 

Was bedeutet das Händereiben bei dem Patienten? Die 
Auswahl der Ausdrücke für die Beschreibung der Hände ist etwas 
sonderbar, die begleitende Mimik recht sexuell, wie die Reden des 
Patienten; sehr verdächtig ist auch das eigentümliche Gefühl der Wärme 
im Bauche, im Momente, wo die Finger steif und dick werden. O. E. ist 
ein inveterierter Onanist; er gesteht gerne, daß etwas anderes kalt 
oder warm sein kann, was dick und dünn und steif werden kann . . . 
Ich glaube annehmen zu können, daß das Interesse vom Patienten 
für seine Hände der Ausdruck einer Verlegung nach oben (im Sinne 
Freuds) ist, d. h. die Hände vertreten ein weiter unten gelegenes Organ. 
Es ist übrigens kein Zufall, daß gerade die Hände diese Rolle über- 
nehmen; für einen alten Onanisten wie er, der durch das Anstaltsleben 
auf diese Betätigung angewiesen ist, spielt die Hand eine vermittelnde 
Rolle, sie trägt zur Erzeugung der Lust bei und bekommt dadurch 
eine Überbetonung 1 ). Man weiß ja auch z* B., daß gerade die Rein- 
haltung ganz besonders der Hände bei sehr vielen Masturbanten eine 
Hauptsorge ist. Bei einem Studenten des Polytechnikums, der ebenfalls 
das Laster der Masturbation durch einen übertriebenen Waschzwang 
kompensiert, fand ich sogar folgende auch chemisch blödsinnige Ein- 
richtung; er konstruierte sich eine Büchse, um die Zahnbürste am Tage 
trocken, aseptisch aufzubewahren, in welche er Schwefelsäure und 



*) Von vielen Frauen wird [der Phallus wie eine Art Fetisch behandelt 
(ein Rest des Priapuskultus des Altertums?), für den sie ein besonderes Gefühl 
haben. Bei Impotenten und Masturbanten läßt sich ebenso eine Übertonung des 
Phallus feststellen (sehr anschaulich mit dem Assoziationsexperiment von- Jung 
nachzuweisen, Komplexmerkmale bei Reizworten, wie Stengel, Stock, lang, Teil, 
Rübe ). 



Die Sexualität der Epileptiker. 125 

Formalinpastillen hineinbrachte. Bei einigen Patienten, die zeitweise 
sehr ausgesprochene. Versündigungsideen haben, tritt intervallär (wahr- 
scheinlich kompensierend) ein echter Waschzwang, eine förmliche 
Reinlichkeitssucht auf. Die Patienten waschen und reiben sich, bis sie 
blutige Hände und blutiges Gesicht bekommen, an diesen Tagen sind 
sie meistens verschlossen und reizbar; es ist dann nicht gut, sie nach 
dem Grunde ihrer Symptomhandlungen zu fragen; sie werden dadurch 
gewaltig aufgeregt; in der Depression geben sie bessere Auskunft; fast 
ausnahmslos handelt es sich um Vorwürfe wegen der Masturbation 
(seltener wegen sonstiger sexueller Delikte). Von einer Dame (nicht 
epileptisch) hörte ich einmal sagen, sie habe den unwiderstehlichen 
Trieb, sich gründlich zu waschen, wenn sie mit dem Manne nur aus 
Pflichtgefühl verkehrt habe, wenn sie sich mit vollem Herzen 
dazu hingibt, falle ihr dieses Gefühl des Unreinseins und der Wasch- 
trieb nie ein. Von einem Patienten kann ich noch eine andere zweck- 
mäßige Art erwähnen, sich des Lasters der Onanie zu erwehren. Nach 
einer Depression, während welcher er in Briefen an seine Mutter alle 
erdenkbaren Versprechungen gemacht hatte, um sich die Masturbation 
abzugewöhnen, taucht plötzlich in ihm die Idee auf, man habe ihn am 
Bauche operiert und etwas herausgenommen, er brauche nicht zu sagen 
was, der Doktor wisse es selbst; er (der Patient) spüre es schon, er könne 
jetzt nichts mehr machen (er sei kastriert). Es handelte sich für ihn 
um die momentane Lösung eines moralischen Konfliktes; er fühlte 
in der Tat sich eine Zeitlang wieder erleichtert, hatte die Gewißheit, 
daß er dem Laster nicht mehr anheimfallen könne (eine Wunsch- 
erfüllung). 

Diese Uberbetonung der Hände bei den Epileptikern ist 
von den Psychiatern schon längst bekannt. Viele können die Frage 
nach ihrem Befinden nur dann beantworten, wenn sie ihre Hände 
konsultiert und nach verschiedenen Kichtungen hin geprüft haben; 
eine andere überbetonte Vorstellung dieser Kranken ist der Stuhl- 
gang (an der Hand eines größeren Materials wird diese Frage in 
einem besonderen Abschnitte über die Koprophilie behandelt). 

Das Lutschen. 

Zu den auterotischen Erscheinungen gehört auch in den meisten 
Fällen das Lutschen, das auch zugleich einen Infantilismus dar- 
stellt. Es ist bei erwachsenen Epileptikerinnen nicht sehr selten, z. B. : 



126 Alphonse Mmnier. 

A. U., 22 Jahre, ist postparoxysmal ein sehr verschlossenes Wesen, 
negativistisch und reizbar. Sie liegt in diesem Stadium stundenlang auf dem 
Bauche, lutscht und onaniert alternierend; drückt die Befriedigung mimisch 
sehr klar aus ; ihre Lippen haben die eigentümliche Unruhe und den Aus- 
druck, der bei allen sehr sexuellen Leuten auffällt (es gibt sicher ein „se- 
xuelles Gesicht"). Gewöhnlich küßt sie die Mitpatientinnen bestandig. 
Ihr Benehmen ist sonst auch sehr erotisch (in der Kindheit hat sie ein se- 
xuelles Attentat erlebt), sie exhibiert gerne, hat starke hetero- und homo- 
sexuelle Neigungen. Einmal kommt sie auf den Arzt zu, umarmt ihn, flüstert 
in sein Ohr (es ist kein Flüstern mehr, sondern ein Ohrkuß) : „Ich möchte 
von Ihnen einen Nucki (= Sauger) haben". 

In diesem Zusammenhange ist auch der Haarerotismusc er- 
wähnenswert, über den ich leider nur sehr spärliche Beobachtungen 
sammeln konnte; diese Notiz möge aber die Kollegen zur Mitteilung 
ihrer eigenen Erfahrungen anregen. Ein Patient erzählte mir, er habe 
beim Haarschneiden eine eigentümliche Empfindung von sehr an- 
genehmem Charakter, eine Art wollüstigen Schauders, der sich vom 
behaarten Kopfe diffus ausbreitet; er könne das am besten mit der 
angenehmen Empfindung bei dem Akte der Defäkation vergleichen; 
es sei etwas Sexuelles. In seinen Träumen entpuppt er sich als ein Haar- 
fetischist, der Pollutionen beim Streicheln vom Zöpfen bekommt. Ähn- 
liche Beobachtungen konnte ich bei verschiedenen Patienten sammeln. 

Ein 6 jähriger Patient, ein lebhafter Bursche hat die Gewohnheit, 
die Hand der Wärterin zu packen; er legt sie auf seinen Kopf und läßt 
sie reibende Bewegungen ausführen, er regt sich dabei auf, wird laut, 
fängt an mit allen Gliedern zu zappeln, schließlich springt er auf die 
Wärterin und küßt sie leidenschaftlich. (Kleine Mädchen spielen mit den 
Haarkämmen halbe Tage lang ohne Unterbrechung. — Gewisse prä- 
paroxysmelle Tics, wie das Zerren bis zum Auszerren der Schnurrbart- 
haare zum Beispiel.) 

Der Narcissismus. 

Der Narcissismus (das Verliebtsein in die eigene Person) ist eine 
auterotische Erscheinung par excellence. 

R. O. 22 Jahre liefert uns ein gutes Beispiel davon. Ich will nur voraus- 
schicken, daß Patientin den epileptischen Charakter in hohem Grade be- 
sitzt; sie hat eine stark hervortretende Sexualität, homo- und heterosexuelle 
Triebe (das erstere aktiv), sie onaniert allein oder mit Freundinnen seit 
der Kindheit. . . An einem Sommernachmittage bringt sie ihre Matratze 
samt Bettdecken in den Garten hinunter, richtet das Bett auf der Wiese her 
und legt sich hin (nota bene in normalem Bewußtseinszustande). Sie hält 
im Bette einen großen Wandspiegel vor sich und bewundert sich darin in 



Die Sexualität der Epileptiker. 127 

stiller Selbstzufriedenheit (ob sie dabei onaniert, kann ich nicht erfahren). 
(Warum sie so etwas mache?) „Es macht mir Lust;" der gleiche Ausdruck, 
den sie braucht, wenn sie von der Selbstbefleckung spricht. Sie stellt auch 
sonst immer ein paar Spiegel vor sich hin, auf ihren Arbeitstisch oder auf 
den Nachttisch, wenn sie im Bette bleiben muß. Sie hat gewöhnlich noch 
eine Photographie ihres Heimatsdorfes bei sich, welche sie immer sehr 
bewundert. (Warum so gerne?) „Ja, sehen Sie, da bin ich darauf," sie zeigt 
ein kleines Mädchen, das man unter der Volksmenge auf dem Platze kaum 
erkennen kann .... Das geht sicher über die Grenzen der gewöhnlichen 
Eitelkeit hinaus, das Mädchen ist ganz einfach in sich selbst verliebt. 

Die Eitelkeit selbst ist übrigens ein sehr erwähnenswerter 
Charakterzug der Epileptiker, der bis jetzt entschieden zu wenig hervor- 
gehoben worden ist; er betrifft die männlichen und die weiblichen Pa- 
tienten in gleichem Grade. Es gibt nichts Schwierigeres als einem Epi- 
leptiker einen Verband zu machen; er darf vor allem nicht zu auffallend 
sein, darf am Sonntage nicht getragen werden; wie häufig sind Erwachsene 
zu mir gekommen mit der Bitte, sie für den Sonntag von dem Ver- 
bände zu befreien, sie würden am Montage wieder kommen ; am Sonntage 
schicke es sich doch nicht, mit dem Zeuge spazieren zu gehen ; das erste 
was ein Epileptiker nach dem Verbinden im Operationssaale noch macht, 
ist, seinen Taschenspiegel herausnehmen, um das Aussehen zu kon- 
trollieren. Ich kenne viele sehr häßliche Männer, von Frauen, ganz 
abgesehen, die kategorisch das Brom refüsieren, wegen der „unschönen 
Bromakne". Ein Muttermal sogar an einer bedeckten Körperstelle ist 
ihnen ein Schönheitsfehler; viele drängen deshalb zur Operation. Die 
Schwierigkeiten, die man in einer Anstalt der Kleider wegen hat, brauche 
ich nicht zu erwähnen. Einen etwas indirekten Ausdruck findet die 
Eitelkeit in den häufig vorkommenden Geziertheiten der Sprache und 
der Schrift. (Offenbar hängt dies mit dem berüchtigten Egoismus und 
mit der sexuellen Gefallsucht zusammen.) 

Periodische Verschlossenheit. 

Wie bis jetzt schon ersichtlich, spielen bei den Epileptikern die 
auterotischen Phänomene eine bedeutende Bolle. Wir sind übrigens 
noch nicht am Ende der Beschreibung derselben; es ist vielleicht an- 
gebracht, schon jetzt die Bemerkung zu machen, daß eine Charakter- 
eigentümlichkeit, die noch zu wenig erwähnt worden ist, die merk- 
würdige, vielfach periodisch auftretende Verschlossenheit und 
Zurückgezogenheit der Patienten, möglicherweise in einem ge- 
wissen Zusammenhange mit dem Auterotismus steht. Die Masturbation 
9 



128 Alphonse Maeder. 

wird in französischer Sprache sehr treffend „habitude s ol it air e" genannt. 
Die Einsamkeit begünstigt in der Tat die Entwicklung des Autero- 
tismus; derjenige, welcher sich in sich selbst zurückzieht, lernt es, sich 
selbst genügen. Man kann allerdings die andere Fragestellung vorziehen 
und sagen: Wird die Einsamkeit gesucht, um sich dem Auterotismus 
hinzugeben? Das letztere ist mir das wahrscheinlichere, chronologisch 
reicht ja die Selbstbefriedigung sensu lato sehr weit, bis in die früheste 
Kindheit zurück. Eine gegenseitige Wirkung ist auch denkbar. Wie 
ich noch etwas später erwähnen werde, nimmt dieser Charakterzug 
der Epileptiker immer zu mit der fortschreitenden Demenz, er wird 
sogar zu einem Hauptmerkmale derselben (siehe unten). 

Die Verschlossenheit der Epileptiker ist meistens periodisch 
(allerdings ohne richtige Gesetzmäßigkeit); sie wird bei vielen durch 
eine ausgesprochene Expansivität und Geselligkeit abgelöst, 
die sehr gut beschrieben worden ist. Die Patienten, welche nicht mehr 
sprechen wollten und sich versteckten, sobald sie jemanden in der Nähe 
sahen, werden plötzlich gesprächig, überschwänglich, sie schmiegen 
sich an einen an, sie werden so klebrig, daß man sie nicht mehr los wird; 
sie waren auterotisch, sie werden allerotisch; gewöhnlich treten die 
akuten epileptischen Anfälle in diesem letzten Stadium 
auf. 

Diese Perioden von Verschlossenheit sind z. B. früher wahr- 
scheinlich als Verstimmungen beschrieben worden, die Patienten sind 
aber lange nicht immer verstimmt, man sieht im Gegenteile manchmal, 
wie sie für sich lachen und leichten Schrittes gehen; sie wollen nur 
nichts mit den anderen zu tun haben; sie setzen sich auf eine Bank, 
möglichst weit weg vom Anstaltegebäude, oder sie verstecken sich in 
eine dunkle Ecke des Ganges oder im Keller, genau wie die Kata- 
toniker (bei denen Verschlossenheit und Unnahbarkeit typisch sind); 
wenn man sie ansprechen will, weichen sie einem aus, ohne ein Wort 
zu sagen; sie wollen einfach allein sein; während dieser Zeit phantasieren 
sie wahrscheinlich alles mögliche (wie die Normalen); sie realisieren 
ihre Wünsche (Gesundheit . . ., sie sättigen ihr Liebesbedürfnis). 

Wie ich zeigen werde, gehören diese Phantasien zu einem guten 
Teile zum Auterotismus; sie sind fast ausschließlich sexuellen Inhaltes 
und gewähren eine gewisse temporäre Befriedigung. 

Als klassisches Beispiel möchte ich noch folgenden Fall skizzieren: 

F. R., 42jährige Epileptica. Sie sitzt oder liegt (je nach dem Grade, 
den sie jedesmal erreicht), vollkommen apathisch, in sich versunken, ver- 



Die Sexualität der Epileptiker. 129 

schlössen, auf der Abteilung; läßt sich nur ungerne in ihrer Einsamkeit 
stören, brummt bei jedem Versuche, ihr die Hand zu geben, drückt dabei 
nicht im geringsten durch ihre Mimik eine Depression aus. Das Stadium 
dauert 5 bis 10 Tage (eventuell mehr); ganz allmählich taut sie auf, sie 
wird lebhafter, fängt an Interesse für die Umgebung zu zeigen, schließlich 
springt sie förmlich im Zimmer herum, läuft dem Arzt entgegen, drückt 
und streichelt seine Hand, „es gehe ihr ganz gut" (sie sagt es spontan); sie 
benimmt sich erotisch (allerotisch), fängt an von ihren Träumen zu er- 
zählen, in denen es heißt, sie könne noch eine Frau werden (ist ledig) ; in 
diesem Stadium, dessen Dauer 5 bis 10 Tage und mehr beträgt, wird sie 
menstruiert; sie empfindet jedesmal das Bedürfnis, den Arzt darauf 
aufmerksam zu machen, daß das Bett voll Blut sei, will es immer zeigen. 

Die epileptischen Anfälle treten ausnahmslos im expansiven 
Stadium auf, und zwar eher in der zweiten Hälfte desselben. 

Auf diese Tatsachen komme ich im zweiten Teile ausführlicher 
zurück; ich verdanke die ersten Beobachtungen darüber Dr. Ulrich. 



Träume. Tagesphantasien. Dämm erzn stände. 

Zum Auterotismus gehören auch die Träume und Träume- 
reien (= Tagesträume), sofern sie sexuellen Inhaltes sind. Beim Nor- 
malen schon spielen bekanntlich die Sexualerregungen im Aufbaue 
der Träume eine sehr große Rolle; bei den Epileptikern ist das noch 
viel mehr der Fall, wo die Libido sexualis elementarere, massivere 
Wirkungen entfaltet; die Wunscherfüllungen sind häufig unverhüllt, 
nach dem kindlichen Typus, die Darstellungsmittel, speziell die Sym- 
bolik, entsprechend einfach und durchsichtig. Ich will nur nebenbei 
darauf aufmerksam machen, daß die rote Farbe, welche bekanntlich 
in dieser Krankheit eine große Rolle spielt, immer mit Blut (Men- 
struation), feuriges Blut (Temperament) und Feuer (Liebesfeuer) 
assoziiert wird und der Hauptsache nach ein&exualsymbol darstellt. 
Eine Patientin spürt einige Tage vor der Menstruation ein Brennen 
in den Brüsten, an den Genitalien, spricht nur von Feuer, Blitz, Blut, 
„es brennt", sobald der Arzt zu ihr kommt. Sie onaniert coram publico 
und exhibiert. Die ersten Zeichen der sexuellen Aufregung zeigen sich 
meistens in den Träumen von exquisit sexuellem Inhalte, mit reich- 
licher Verwendung der symbolischen roten Farbe (dafür in einer 
späteren Publikation zahlreiche Belege). Ich habe Gelegenheit gehabt, 
einige Hunderte von Träumen von der gleichen Patientin zu lesen 
resp. zu hören, vorläufig will ich zusammenfassend sagen: Es kommt 
darin zu einem wirklichen schrankenlosen AustobendesGeschlechts- 

Jahrbuch fOr pajcJoanalyt. u. pßych.opatfcol. Forschungen, I. y 



130 Alphonse Haeder. 

trieb es. Die Äußerungen desselben fallen durch ihren Polymor- 
phismus auf. Diese Art Träume sind Begleiterscheinungen der 
Menses und Pollutionen und auch der epileptischen Anfälle (siehe oben 
den schon erwähnten Parallelismus der epileptischen und sexuellen 
Phänomene). Nach der Libido ist der Krankheitskomplex (im Sinne 
Jungs) der Haupttraumbildner. 

Die Tagesträume, in denen sexuelle Phantasien bis zu den 
letzten Details ausgedacht werden, sind wie die anderen Träume als 
eine Art Ersatzfunktion, eine Kompensation der sonst unbefriedigten, 
intensiven Libido aufzufassen. Das gleiche gilt auch teilweise für die 
traumartigen und die echten Dämmerzustände. Es spielen hier 
der Hauptsache nach, die gleichen Faktoren wie dort eine Rolle (Ge- 
schlechts- und Krankheitskomplex, aber mit anderen Mitteln). Ich 
schildere zuerst in aller Kürze einen Fall von traumartigem 
Zustande: 

E. E., 36 Jahre, epileptisches Fräulein mit seltenen Anfällen. Der 
Zustand stellt sieh, paroxysmell oder intervallär, ziemlich prompt ein. Pa- 
tientin liegt (zirka 2 bis 3 Wochen) still im Bette, meistens stumm; pro- 
duziert sehr wenig nach außen — einige Stimmungsschwankungen zeitweise 
glänzende, feurige Augen — „die schlimmen 1 ) Augen", wie die Wärterin sie 
heißt — ein Lächeln, dabei erotische Stimmimg; zeitweise totaler Mu- 
tazismus, Nahrungsverweigerung, Depression usw., ein paar Symptomhand- 
lungen (siehe später Szene mit dem Eheringe). Auf Anreden reagiert sie nur, 
wenn sie nicht im depressiven Stadium ist. Gemütlicher Rapport dann sehr 
gut, Orientierung ebenso, sie ist weniger gehemmt, als im normalen Zu- 
stande. Nach einigen Wochen erwacht sie wieder, allerdings definitiv erst 
nach ein paar Bückfällen. Es besteht eine partielle Amnesie, die einen 
eigentümlichen Charakter trägt; ich möchte sie systematisch-sexuelle 
Amnesie nennen. Sie erzählt nachher, wie sie überall freundlich empfangen 
wurde, sich mit der Tochter des früheren Fabrikdirektors intim befreundete ; 
(sie war vor der Internierung Arbeiterin), dann sei sie gestorben, seziert 
worden;' dort hätte es sich herausgestellt, daß sie gar nicht an Epilepsie 
gelitten hatte, sondern an „Herzweh", sie konnte wieder lebendig werden; 
ihr Bruder sei vom Gerichte verurteilt worden und habe epileptische Anfälle 
als Strafe bekommen. Von sexuellen Erlebnissen will sie gar nichts wissen. 
Während der Dauer des betreffenden Zustande» habe ich täglich Asso- 
ziationen von ihr aufgenommen, teilweise analysiert; manchmal wollte sie 
nicht mündlich antworten; schrieb aber die Antwort auf ein vorgelegtes 
Papier. Der ganz stereotype Inhalt dieser eigentümlichen Reaktionen 
lautet: „Vom Kusse der ersten Liebe, elektrisiert, v 2 ), gev . . . . s ) 

*) Schlimm hier im Sinne von erotisch, verliebt. 
*) koitieren. 
:i ) koitiert. 



Die Sexualität der Epileptiker. 131 

mit dem Armeninspektor, in die G *), der G 3 ) usw. 

Er entspricht der von außen konstatierten, erotischen Stimmung, Fexner 
konnte ich bruchstückweise erfahren, daß sie mit 5 Jahren, ein zweites Mal 
mit 12 Jahren ein sexuelles Attentat erlebt hatte. Kurz nach dem zweiten 
Angriffe traten die Anfälle auf ; diese Szenen erlebte sie in dem Zu- 
stande wieder. In diesem langen Traume verkehrte sie geschlechtlich 
mit ihren früheren Lehrern, mit dem Pastor, dem Fabrikdirektor und dem 
Aufßeher, mit einigen Ärzten, die sie behandelt hatten. 

An diesem Beispiel ersieht man, wie die Amnesien (hysterische 
und viele epileptische) dem Inhalte nach determiniert sind, was ich in 
vielen anderen Fällen ebenso klar konstatieren konnte; das „vergesse ne" 
(verdrängte) Material hat einen unangenehmen Gefühlston, es ist 
etwas Uneingestehbares. Von diesen Ausschweifungen und sexuellen 
Erlebnissen wußte Patientin nach dem Erwachen tatsächlich nichts 
mehr; ihr Benehmen ist, in normalen Zeiten, durchaus korrekt und 
zurückhaltend. Aus einer Symptomhandlung (im Sinne Freuds) konnte 
ich mit Sicherheit auf das Stadium, in welchem sie sich befand, schließen : 
An dem Ringfinger der linken Hand trägt sie einen Ring, welcher an 
einer erweiterten Stelle ein eingraviertes Monogramm trägt. Wenn E. E. 
in ihrem traumartigen Zustande ist, dreht sie den Ring derart, daß das 
Monogramm auf die Volarseite des Fingers zu liegen kommt, so daß 
der Ring dann wie ein Ehering aussieht (siehe oben den Inhalt" ihres 
langen Traumes). Von der ersten Stunde an, wo sie wieder klar ist, 
wird der Ring auch normal getragen; wenn sie einen Rückfall bekommt, 
was im Laufe der dritten Woche (Übergangszeit) immer vorkommt, 
wird der Ring entsprechend gedreht. Es handelt sich hier wirklich um 
ein Symbol der Ehe, respektive des intimen Verkehres (wieder eine 
symbolische Wunscherfüllung im Sinne Freuds). In einem solchen 
Zustande soll sie früher leise gesagt haben: „Ich bin jetzt keine alte 
Jungfer mehr, sondern eine junge Frau." 

In allen epileptischen Dämmerzuständen, die ich beobachten 
konnte, spielte die Sexualität eine gewisse Rolle, in einzelnen Fällen 
sogar eine maßgebende, speziell da, wo sie im Normalen nicht 
zur Äußerung kam (Erziehung, äußere Umstände usw.). R. N. 21 J. 
Epileptiker, im interparoxysmellen Zustande keine sexuelle Be- 
tätigung irgend welcher Art, unterhält sich nie über solche Themata. 
Im Dämmerzustande leistet er um so mehr, er heiratet eine Jugend- 
freundin, von welcher er zwölf Kinder bekommt, er gebiert aucii 



*) Vulva oder Vagina. 

-) Penis. Im Originaltexte lauter Auedrücke vulgärster Sorte» 

9* 



132 Alphonse Maeder. 

selbst, er ist im Paradiese mit Eva und ißt den Apfel, er onaniert vor den 
Ärzten und begeht eine Reihe von sexuell betonten Handlungen, welche 
in einem besonderen Kapitel über die Koprophilie analysiert werden 
sollen. Es ist, als ob der Geschlechtstrieb sich bei ihm anfallsweise ans- 
toben würde, wie die Epilepsie selbst. Der psychologische Inhalt dieser 
Zustände mit eingeengtem Bewußtsein ist also sehr oft sexuell, wie der- 
jenige der Wunschdelirien und Anfälle bei Hysterischen — (Freud, 
Jung, Riklin) und Dementia praecox Kranken (Bleuler, Jung 
usw.). Das gilt ganz besonders für Epileptiker mit hysterischen Attacken. 
Zur Illustration sei das Resume einer längeren Krankengeschichte mit- 
geteilt. Es handelt sich um eine 

31 jährige Epileptica mit hysterischen Anfällen. R. B. Mit 12 Jahren 
ein sexuelles Attentat (von einem Italiener), das formgebend für die folgenden 
hysterischen Vorkommnisse wirkte. Traumata bis zur Zeit der Pubertät. 
(Belauschung des Beischlafes usw.) Mit der ersten Regel die ersten Anfälle, 
zuerst hysterische, dann auch epileptische. Zwei Typen (Haupttypen) 
von hysterischen Anfällen: im ersteren Abwehr gegen sexuellen Angriff, 
im zweiten, als Gegensatz, Spreizen der Beine, Arc-de-cercle . . . ., der 
psychologische Inhalt entspricht der Mimik; in sehr vielen Träumen gleiches 
Thema; Assimilation und Identifikation sämtlicher Männer ihrer Bekannt- 
schaft mit dem Attentäter. Identifikation der Patientin mit allen ihr bekannten 
Opfern geschlechtlicher Angriffe. In den Träumen sexuelle Phantasien, 
bis in die feinsten Details ausgedehnt; Graviditäten, darunter verlängerte 
bis zu 10 Monaten, Entbindungen mit Forceps, Stillen und Puerperal- 
komplikationen usw. . . . Ein einziges Beispiel sei angeführt, um die 
Assimilationstendenz des Geschlechtskomplexes zu illustrieren. Bei Tische 
wurde von einem im Männerbaue begangenen Diebstahle gesprochen; kurz 
darauf sah sich die Wärterin veranlaßt, der Patientin (R. B.) das Verlassen 
des Gartens ohne ihre Erlaubnis zu verbieten. (Patientin wollte immer den 
Ärzten Johannisbeeren vom Garten bringen.) R. B. fängt an vor Referenten 
zu weinen; sie will keine Antwort geben und wälzt sich auf dem Boden, 
mit den Zeichen der größten Verzweiflung; „sie sei die schlechteste, ver- 
rufenste Person der Welt, sie könne nicht hier bleiben ; die Wärterin habe 
gesagt, sie sei eine ganz schlechte Person usw. Der Zustand dauerte Stunden 
an. Am nächsten Tag erzählte Patientin, sie habe gehört, daß ein Sittlich- 
keitsatte ntat im Männerbau stattgefunden habe und sie sei die be- 
treffende Frau gewesen .... daher war sie so unglücklich .... die 
Assoziationsglieder zwischen Diebstahl und Sittlichkeitsattentat im Männer- 
bau sind ohne weiteres klar, sobald man die Vorgeschichte der Patientin und 
den Inhalt ihrer Phantasien kennt. 

Psychische Onanie. 

Auterotisch ist die sogenannte psychische Onanie. Hier ißt 
der Geschlechtstrieb weniger subliniiert, wie in den Träumereien 



Die Sexualität der Epileptiker. 133 

und Phantasien. Diese Form der Betätigung trifft man viel bei Epi- 
leptikern. 

A. J-, 36 Jahre, Patient schreibt in seinem Journale Tag für Tag: „Am 
1. April 1906 führte ich einen reinlichen Lebenswandel," oder „einen gottes- 
fiirchtigen," oder „in der Keinheit gelebt." 4 April: „Heute rieb ich vor 
und nach Anfall an dem Mandli = (Glied) 1 )" „Dienstag den 10. April war 
ich mehr mit Gartenarbeit tätig, als mit dem Sündenleben; am 11. April 
vor dem Schwindel, machte ich zweimal, was Kinder erzeugt." — Das ist 
der ganze Inhalt seines Journals jahrelang. — E. IT., 36 Jahre. Patientin 
füllt einen guten Teil ihres Journals mit Aufzählung ihrer menstruellen 
Parästhesien, Darmentleerungen und ähnlichen scatologischen Erscheinungen 
aus (siehe: Die Koprophilie). 

Religiosität. 

Man hat schon längst vermutet, daß ein eigentümlicher Zu- 
sammenhang zwischen Sexualität und Religiosität bestehe. Dafür 
spricht eine ganze Anzahl von Erfahrungen. Die religiösen Anwand- 
lungen der jungen Knaben und Mädchen (abgesehen von der Über- 
tragung auf den Pfarrer) zur Zeit der Pubertät, die auffällige Religiosität 
vieler unglücklich Verheirateter und vieler alten Jungfern — welche 
durch folgenden Satz so trefflich charakterisiert werden: „I was not 
good enough for man and so I am given to God." H. Ellis macht darauf 
aufmerksam, daß die Zeit der Liebe auch die der Bekehrungen ist. 
Wahrscheinlich ist ein Anteil der Libido in dem stärksten unserer 
Triebe zu suchen; dieser Anteil wird immer größer sein, je weniger die 
Sexualwünsche befriedigt sind. Das Leben der Heiligen liefert genug 
Beispiele der mehr oder weniger erfolgreichen Sublimierung der 
Libido. „Gewisse sanguinische Brüder", sagt Swift, „versicherten 
mir, daß sie auf dem Höhepunkte und Orgasmus ihrer frommen 

Übungen oft (Samenfluß) bekamen, nachdem sie sofort Nachlassen 

der Geistes- und Nervenspannung verspürten" (siehe auch „Das Hohe 
Lied" im Alten Testamente). Bei Epileptikern mit ihrer gesteigerten 
Affektivität und ihrem intensiven Geschlechtstriebe kommt das eigen- 
tümliche, oben angedeutete Verhältnis besonders kraß zum Vorscheine; 
alles, was von der Epilepsie beeinflußt wird, wird plump, grobzügig. 

E. ü. (schon oben angeführt), 36 Jahre alte Jungfer, hat zur Zeit 
der Periode erotisch-religiöse Anwandlungen, sie ruft, prämenstruell, stunden- 
lang, speziell wenn die Ärzte bei ihr sind: „ Lieber Gott, zeige mir die Wahr- 
heit!" Dabei exhibiert sie und onaniert schamlos; in ihren Phantasien und 
Träumen ist sie die Prau Christi, aber auch die Torliter und die Fraii de.- lieben 

*) Mandir= Männlein. 



134 Alphonse Maeder. 

Gottes. Gesichts- und Gehörshalluzinationen, fast lediglich religiösen In- 
haltes (Gott und Engel), hat sie nur auf dem Abort. In Traumen kommt 
es häufig vor, daß sie sich vor Herren in einer Kirche auskleiden muß, um 
„über ihren Glauben" geprüft zu werden. 

A. K M 29 Jahre, Epileptiker, wurde mit der Krankheit (23 Jähre) 
religiös: „Ich habe den Heiland so lieb bekommen." Im Dämmerzustande 
nimmt seine Liebe zu Christus einen sexuellen Charakter an; er verlangt 
immer ein Bild von ihm in sein Bett, will unter keinen Umständen ohne ihn 
schlafen (siehe vom Verfasser „Symbolik in Träumen, Legenden, Märchen. 
Psychologisch-Neurologische Wochenschrift Nr. 6, 1908). „O, hätte ich dich 
in meinem Bette, holdseliger Emanuel, des freute sich mein Leib und Seel ! IC 
A. K. ist homosexuell, wie ich im Laufe dieser Arbeit noch zeigen werde. 
Interessant ist das Verhalten der Libido bei ihm. Einige Wochen vor dem 
Ausbruche dieses Dämmerzustandes hatte er, von einer heiligen Wut er- 
griffen, einen Roman von Zola und ein anderes Buch mit Venusbildern 
zerrissen. Er will als Missionär nach Afrika gehen, um die Heiden zu bekehren 
und ihnen Feuerwaffen zu verkaufen; mit dem verdienten Gelde wird er 
dann heiraten können. Die scheinbar vernichtete, durch den Patienten nur 
verdrängte Sexualität tritt müder unter einem neuen heiligen Gewände 
hervor, die sexuelle Liebe zum Heiland. 

Ich habe oben den Ausdruck einer Patientin: „der Gott kommt" 
für den Augenblick des Orgasmus schon erwähnt. Dieselbe Person sagt 
auch: „ich bin der zweite Jesus, oder der Teufel." 

Es wäre ein leichtes, eine große Anzahl von Beispielen dieses 
sonderbaren erotisch religiösen Gemisches aufzuzählen ; aus der Literatur 
ließe sich ebenfalls ein reichliches Material sammeln. — Ich möchte 
hier nur darauf hingewiesen haben, die richtige Würdigung dieser Be- 
ziehungen zwischen Sexualität und Religion würde die Grundlage 
eines wichtigen Kapitels der Psychologie des Epileptikers abgeben. 
Fast sämtliche Erscheinungen, die hier in Betracht kommen, gehören 
in die Gruppe des Auterotismus (abgesehen von der Übertragung der 
Libido auf die menschlichen Vertreter Gottes, Schwärmereien für den 
Pfarrer usw.). Ich glaube, daß die sublimierte Sexualität (Auterotismus) 
in dem bei Epileptikern so ausgesprochenen Triebe zum Dichten zum 
Ausdrucke kommt (Vergleich mit den Schwärmereien der heirats- 
fähigen Mädchen). 

Diese Stichproben aus einem ziemlich umfangreichen Material 
mögen genügen, um die Bedeutung der auterotischen Komponente 
der Epileptikersexualität zu illustrieren. 

Das Auterotische im Verlaufe der Epilepsie, Die Demenz. 
Freud, der die Äußerungen der kindlichen Sexualität 
näher untersucht hat, ist zu der Überzeugung gekommen, daß dieselben 



Die Sexualität der Epileptiker. 135 

hauptsächlich eine auterotische Richtung hat (die Geschlechts- 
organe, welche dem heterosexuellen Verkehre angepaßt sind, sind noch 
nicht zur Ausbildung gelangt). 

Beim normalen Erwachsenen, der die möglichst größte Anpassungs- 
fähigkeit und Anlehnung an die Außenwelt zeigt, tritt selbstverständlich 
das Auterotische zurück. Das trifft nach den obigen Ausführungen 
für den Epileptiker nicht zu. Er behält, trotz den hinzukommenden 
allerotischen Neigungen, viel vom infantilen Auterotismus. In der 
epileptischen Demenz wird er sogar zu einem Hauptcharakter 
derselben. Die epileptisch Verblödeten haben mit den Senilen und 
Paralytikern gemeinsam die erschwerte Wahrnehmungsfähigkeit neuer 
Eindrücke und die schlechte Auffassung und Verarbeitung derselben, 
eine Verarmung der Vorstellungen. Trotzdem verhalten sich die dementen 
Epileptiker recht verschieden von den anderen organisch Dementen. 
Sie verschließen sich und leben, ich möchte sagen, rein vegetativ, in sich 
selbst zurückgezogen. Ihre Libido, die noch recht aktiv ist, wird fast 
ausschließlich auterotisch (eine gewisse Analogie mit den Endzustanden 
der Katatonie ist wirklich vorhanden) und auf Masturbation (ver- 
schiedener Art) Lutschen, Koprophagie reduziert; das alles in einem 
Stadium der Verblödung, wo Senile, Paralytiker noch allerotisch 
sind, Stuprumversuche an Kindern ausüben, vor Frauen und Kindern 
exhibieren. Bei noch menstruierten dementen Epileptikerinnen sieht 
man nur noch zur Zeit der Periode Versuche, sich heterosexuell zu be- 
tätigen; es ist beinahe ihre einzige nach außen entwickelte Tätigkeit. 



II. Allerotismus. 

Unter dem Namen Allerotismus werden wir alle sexuellen Be- 
tätigungen, bei welchen, im Gegensatze zum Auterotismus, die Libido 
anf ein Objekt (außerhalb des eigenen Körpers) gerichtet ist, be- 
schreiben. 

Exhibitionismus. 

Epileptiker, Senile, Paralytiker, Alkoholiker, Idioten und 
Degenerierte usw. wie auch die Kinder exhibieren. Es lassen sich 
verschiedene Arten Exhibition unterscheiden. — a) Bei den 
Kindern handelt es sich um eine Sexualbetätigimg für sich; sie ist in 
den meisten Fällen Selbstzweck. Das Beschautwerden — wie 
übrigens das Beschauen selbst — ist ihnen ein und der einzige Lust- 



136 Alphonse Maeder. 

gewinn; mehr wollen sie und können sie nicht erreichen; sie haben 
nicht die organische Möglichkeit, eine typische oder im engeren Sinne 
sexuelle Tätigkeit zu entwickeln. Die Organe fehlen ihnen dazu, d. h. 
sie haben den erforderlichen Grad der Entwicklung noch nicht 
erreicht, b) Viele Senile, Paralytiker usw., welche exhibieren, sind 
impotent; sie wollen beschaut werden, und zwar meistens von 
Frauen und Kindern, um sich aufzuregen, ähnlich den chronischen 
Masturbanten, welche nur noch mit Hilfe von Vorstellungen erotischer 
Szenen Samenerguß hervorrufen können. Es besteht hier ein klares 
Mißverhältnis zwischen der Libido und der physiologischen Leistungs- 
fähigkeit (also eine gewisse Analogie mit dem Verhalten der 
Kinder), c) Endlich dient nicht selten die Exhibition als Einladung 
zum Geschlechtsakte; sie kommt unter dieser Form auch bei 
sogenannten Normalen vor. Booth stellt die kräftige Männlichkeit 
der Exhibitionisten in Abrede; für diese letztere Art möchte ich ihm 
rechtgeben. 

Die Exhibition bei Kindern ist überaus häufig ; schon ganz kleine 
Kinder zeigen sich gerne nackt vor gewissen Personen; sie besuchen 
zu mehreren den Abtritt, zeigen sich ihre Genitalien, sie beobachten 
einander beim Urinieren und bei der Defäkation. Das Schamgefühl 
muß anerzogen werden; es handelt sich nicht um einen sogenannten 
Instinkt, wie von gewisser Seite behauptet wird; die vergleichende 
Völkerpsychologie hat es uns gelehrt. (Bei gewissen Völkern ist das 
Schamgefühl auf das Essen, und nicht auf die Geschlechtssphäre verlegt.) 

Das Kind lernt allmählich diese Sexualbetätigung verdrängen; 
zur Zeit der Pubertät wird sozusagen nur noch in den Träumen 
exhibiert (vide Freud-Traumdeutung), das sind die typischen Nackt- 
heitsträume der heranwachsenden Jugend. Ein Mädchen träumt z, B., 
die Hosen des Herrn Professors fallen ihm während einer Demonstration 
an der Wandtafel hinunter; sie erwacht mit großer Angst, Herzklopfen 
usw. Ich will noch eine Anzahl von Zwangsvorstellungen in diesem 
Alter, als Ausflüsse der verdrängten Exhibitionslust, anführen. Ein 
18jahriger Bursche beklagt sich, er habe immer Angst, seine Hosen 
seien nicht zugeknöpft. Sobald er in Gesellschaft komme, wo weibliche 
Personen sind, müsse er nachsehen, um sich zu versichern, und glaube 
es dann noch nicht. Er scheute sich vor einigen Jahren roch in der 
Gesellschaft aufzutreten, da er immer von der Vorstellung geplagt 
wurde, die Frauen -jähen seine Genitalien durch die Kleider. Im Aborte, 
trotzdem die Fenster und Türen geschlossen sind, fürchtet er immer 



Die Sexualität der Epileptiker. 137 

beobachtet zu werden, desgleichen, wenn er sich auszieht. In der Kindheit 
hat er sich häufig derart (die Art der Kinder) betätigt und schämt 
sich jetzt deswegen. Meiner Erfahrung nach scheinen die Exhibitions- 
träume bei Gesunden mit dem Alter allmählich zu verschwinden; 
die Sexualität tritt in eine aktive Phase ein. Eine Ausnahme scheinen 
die alten Jungfern zu machen, welche bis noch spät ins Klimakterium 
hinein in den Träumen exhibieren. 

Die eine Form der Exhibition bei Epileptikern ist mit der soeben 
beschriebenen Exhibition der Kinder wahrscheinlich identisch. — In 
traumhaften und in echten Dämmerzuständen führen die Kranken 
dasjenige aus, was wir alle als kleine Kinder gemacht, was wir als 
Jungen geträumt haben. Z. B. : 

A. H., 26 Jahre, seit der Pubertät epileptisch, leicht imbezill. Im Däm- 
merzustande hält er sein Hemd hoch und steht entblößt still und blöde 
vor Ärzten und Wärtern da, genau wie ein kleines Kind (obwohl er im 
Normalzustande ein sehr entschlossener Mensch ist) ; manchmal uriniert er 
auf das Parkett der Zelle und versucht den Wasserstrahl möglichst weit zu 
führen. Nach dem Erwachen aus dem Zustande erzählt er, er habe es mit 
einem Mädchen zu tun gehabt, deswegen Streit mit dem Vater bekommen; 
zwei schwarze Männer hätten ihm das Glied abgeschnitten; die Gesundheit 
könne er wieder erlangen, wenn er weit spritze usw. 

(An dieser Stelle mache ich auf den überall verbreiteten Ge- 
danken, daß Geschlecht und Epilepsie eng zusammenhängen, auf- 
merksam.) 

Solche Szenen von stark kindlichem Gepräge sind relativ 
häufig, z. B. in den kurzen Dämmerzuständen nach einem Anfalle. 

Die häufigste Art der Epileptiker Exhibition ist, wie die folgende 
Kasuistik zeigen wird, etwas anderen Charakters; ich schicke voraus, 
daß das Sichausziehen nach dem Anfalle häufig unter einer sexuellen 
Konstellation geschieht, es alterniert z. B. mit Onanie. Das Erwachen 
aus dem kurzen dämmerigen Zustand erfolgt häufig sehr zweckmäßig; 
im Momente, wo die Betreffenden daran sind, sich total zu entblößen, 
beim Ausziehen von Hemd und Hose; sie schämen sich und ziehen 
sich schnell wieder an (Andeutung von dem bekannten Automatisme 
teleologique). 

A. K, 29jähriger Mann, seit 5 Jahren epileptisch. Patient ist in inter- 
vallären Zeiten sehr reserviert und spröde, wollte sich z. B. vom Arzte nicht 
verbinden lassen in der Angst, man könnte von seinem nackten Körper 
mehr sehen, als für eine Wundbehandlung am Knie nötig sei; er hielt deshalb 
das gespannte Hemd bis zur Wunde am Knie krampfhaft fest. Er schämt 
sich, von Stuhlgang mit dem ihn behandelnden Arzte zu sprechen ; leicht 



138 Alphonse Maeder. 

verlegen, errötet, findet die Ausdrücke nicht, um schließlich über Durch- 
fall zu klagen. In einem Dämmerzustande dringt er im Hemde wie eine 
Bombe in das Doktorzimmer hinein, zieht das Hemd aus und ladet den 
Arzt ein, mit ihm „das auszuführen, was im Paradiese gemacht wurde". Zwei 
Tage lang bleibt er nackt in der Zelle, will unter keinen Umständen sein 
Hemd wieder anziehen. 

Ein anderer Epileptiker, 27 Jahre, der es abstreitet, sich irgendwie je 
sexuell betätigt zu haben, will im Dämmerzustande sein Hemd nie anziehen ; 
es sei ihm zu dumm," sagt er, „zwei Hemde aufeinander zu tragen." Er ex- 
hibiert sonst bei anderen Gelegenheiten gerne (will im gemeinsamen Bade 
auf der Abteilung nie Badhosen anziehen, wie die anderen Patienten es tun). 

E. U., 36jähriges Fräulein, exhibiert, wenn sie dämmerig ist, oder 
wenn klar, aber aufgeregt, namentlich zur Zeit der Periode oder der Anfalle. 
Sie steht plötzlich vor dem Arzte auf, lehnt sich direkt an ihn, hebt die 
Röcke in die Höhe: „Willst du?", oder sie exhibiert und onaniert bei der 
ärztlichen Visite, versucht den Besuchenden zu sich in ihr Bett zu ziehen. 
Sie träumt häufig, sie müsse nackt herumlaufen oder vor einem Engel 
oder vor dem lieben Heilande sich ausziehen, um geprüft zu werden. 

In diesen Fällen ist es klar, daß die Exhibition eine Einladung 
zum Koitus ist; sie dient als AnlockungsmitteL Sie hat den Charakter 
der Passivität des Kindes, den ich oben erwähnte, verloren, sie hat sogar 
etwas Aggressives an sich, wenn Frauen sie in dieser Art ausüben. Sie 
kommt auch in dieser Form speziell bei Patienten vor, bei welchen 
Exhibition und Schaulust schon in der Kindheit eine außergewöhnliche 
Bedeutung hatten (siehe das erste Beispiel L. E. bei Besprechung 
der Masturbation). 

Freud hat darauf aufmerksam gemacht, daß bei den Perversen 7 
die beiden entgegengesetzten Perversitäten immer zugleich, aber in 
verschiedener Mischung, vorkommen. Sicher bestehen häufig Schau- 
lust und Exhibition nebeneinander: 

O. P., 32 jähriger Mann, weigert sich immer, Badhosen anzuziehen; 
einmal steht er ganz nackt auf dem Fensterrande, da ein Dienstmädchen 
Teppiche vor dem Hause klopft, (er ist nicht im geringsten verwirrt). 
Nach Anfällen zieht er sich immer aus und will die anderen ebenso ausziehen, 
er greift nach ihren Genitalien. (Beschauen und beschaut werden.) 

Als mildere Art der Exhibition ist auch die Gewohnheit vieler 
Epileptikerinnen aufzufassen, in Gegenwart der Ärzte vom Bette 
aufzustehen und im Hemd, womöglich noch zur Zeit der Menstruation, 
im Zimmer herumzulaufen. Eine alte Demente (ledig), die regelmäßig 
2 — 3 Wochen lang absolut mutistisch war, wurde zur Zeit der Periode 
gesprächig, sie pflegte mir zu erzählen, wie ihr Bett schon wieder voll 
Blut war, sie habe geträumt, sie könne noch „eine Frau werden". Bei 



Die Sexualität der Epileptiker. 139 

vielen derartigen Patientinnen fällt es dem Arzte leichter, den Unterleib 
für die Untersuchung zu Gesicht zu bekommen, als z. B. die Zunge. 
Die Exhibition spielt, wie ersichtlich, bei den Epileptikern eine 
recht große Rolle, dafür sind hauptsächlich drei Faktoren in Betracht 
zu ziehen: die Intensität der Libido, die Demenz (Wegfall der 
Hemmungen) und der Infantilismus, drei Punkte, auf die ich im Laufe 
der Arbeit zurückkommen werde. Bei Hysterischen sieht man kaum 
etwas Derartiges. Eine Hysterica in der „grande crise" 1 ) (arc-de- 
cercle et contorsions . . .) zeigt immer noch eine gewisse Zurückhaltung; 
es handelt sich kaum je um eine solche elementare Entladung der 
Sexualität, wie oben geschildert. Ein kleiner 11 jähriger Hystericus 
führte im Bette koitusartige Bewegungen aus ; sobald ich die wollene 
Decke entfernte, änderte sich der Typus des Anfalles — die Zuckungen 
des Unterleibes gingen allmählich in schüttelnde Bewegungen des 
Oberkörpers, zuletzt des Kopfes und der Arme über. Mit der rechten, 
zuckenden Hand gelang es dem Kleinen, in sehr geschickter Weise 
das Hemd so weit hinunter zu ziehen, bis die entblößten Genitalien wieder 
zugedeckt wurden. Im hysterischen Dämmerzustande ist immer noch 
ein kleiner Teil des normalen Ichs vorhanden, der die Korrektur besorgt 
und das Individuum vor großen Ausschreitungen schützt. Bei Epilep- 
tikern welche hysterische Anfälle haben ist in dieser Hinsicht der 
Unterschied zwischen dem hysterischen und epileptischen Anfällen 
sehr kraß. 

Normale (heterosexuelle) Neigungen« 

Die normalen Neigungen zum andern Geschlechte sind bei den 
Epileptikern vorhanden; sie bestehen neben den anderen sogenannten 
perversen Trieben (homosexuelle, auterctische). Fast sämtliche Patienten, 
die in den Kapiteln über Exhibition, erogene Zonen, Auterotismus, 
Homosexualität . . . angeführt sind, können auch in dieser Gruppe zitiert 
werden. Die Libido ist polyvalent, um diesen Ausdruck aus der Chemie 
zu gebrauchen, d. h. die Sättigung erfolgt durch multiple Bindungen 
(Freud nennt diese Eigenschaft polymorph pervers). Diese Be- 
zeichnung scheint sehr klar zu sein. Zu meinem Erstaunen hörte ich sie 
vor kurzem aus dem Munde eines Mädchens der höheren Töchterschule, 
und zwar in demselben Sinne gebraucht. „Man sage in der Schule, 
sie sei polyvalent wie der Schwefel, weil immer eine Anzahl von Buben 



l ) Man erinnere sich an die Ric her sehen Bilder der grande hysterie. 



HO Alphonse Maeder. 

und Mädchen in sie verliebt seien." Der heterosexuelle Trieb bei den 
Epileptikern weist verschiedene Stufen der Betätigung auf, von den 
schwächsten Regungen bis zu den schrankenlosesten Handlungen (Ver- 
gewaltigungen, Inzesten; cf. Literatur, Krafft-E bi ng : Psychopathologia 
sexualis . .). Ich kann mich auf wenige charakteristische Beispiele 
beschränken; die einmalige Durchmusterung einer Anstalt für Epi- 
leptische würde mehr Eindruck machen als eine ausführliche Kasuistik. 

E. E., 30*Jahre (bei Besprechung der Traumzustande schon erwähnt), 
hat in ihren Phantasien und Traumerlebnissen, Dämmerzuständen ein 
sexuelles Verhältnis zu ungefähr allen Männern, mit denen sie in der Wirk- 
lichkeit zusammengekommen ist, d. h. zu den Lehrern der Sekundärschule, 
Pfarrern, Ärzten (5 bis 6), Aufsehern und Fabrikdirektoren — sie war Ar- 
beiterin. In den intervallären Zuständen ist sie dem Arzte sehr ergeben, 
ihm gegenüber immer sehr anständig, dafür grob und tyrannisch mit den 
Mitpatientinnen und mit dem größten Teile des weiblichen Personals. 

R. B., 31 Jahre, Epileptica (siehe bei den Traumen und hysterischen 
Anfällen), assimiliert und identifiziert sich mit allen verführten Mädchen, 
mit allen Bräuten und Müttern, von denen sie etwas best oder hört. 

S. S.» 50 Jahre, Epileptica mit Depression und beständigen hypo- 
chondrischen Klagen, queruliert seit vielen Jahren im gleichen Tone, so 
daß das ganze Haus sich vor ihr fürchtet und sie flieht. Das Assoziations- 
experiment wird mit ihr ein paarmal ausgeführt. Ihr Verhalten ändert 
sich zusehends; sie verjüngt, putzt sich, wenn der Arzt kommt, lauft ihm 
nach, hängt sich förmlich an ihn, so daß man sie kaum erkennt, sie fühlt 
sich überglücklich, schläft ausgezeichnet ... sie ist eine andere Person 
geworden, fängt an spontan von ihrer Jugend zu sprechen ; wie sie „ein nettes 
Mädchen war" (benimmt sich wieder kokett wie eine 18jährige). Eine Er- 
innerung steigt in ihr auf und bleibt seit dieser Wiedergeburt beständig in 
ihrem Bewußtsein; etwas, was sie noch niemandem anvertraut und was sie 
dem „lieben Herrn Doktor" erzählen will: es ist natürlich ein sexuelles 
Erlebnis, der Versuch eines Sittlichkeitsattentates auf sie in ihrer Kindheit. 

Spuren dieser normalen Richtung des Sexualtriebes trifft man 
noch bis ins spätere Alter hinein. 

Eine 63jährige, demente Patientin, interessiert sich nur noch für die 
Herren, welche sie sieht. Sie fühlt sich beleidigt, wenn der schöne Kutscher, 
bei einer Ausfahrt nicht mit ihr spricht (sie stammt aus einer alten adeligen 
Familie) ; sie weiß, daß der eine Doktor weiße Hosen trägt und der andere 
eine weiße Weste. Wenn der Arzt sich auf der Abteilung mit einer andern 
Patientin etwas lange unterhält, kommt sie heimtückisch hinter die betref- 
fende und prügelt sie; mit der Wärterin ist sie meistens grob oder ganz 
kalt, mit dem Doktor immer sehr freundlich, klebrig-süßlich. 

Die Übertragung auf den behandelnden Arzt im Laufe der Psych- 
analyse ist bei diesen Kranken sehr intensiv und wegen des Mangels 
an Korrektur (Demenz) in gewissen Fällen störend. 



Die Sexualität der Epileptiker. Hl 

Das positive Gefühl zum andern Geschlechte ist in den inter- 
vallären und in den akuten Zuständen vorhanden. (Viele Fuguee der 
weiblichen Patientinnen sind nach dem Männerbaue orientiert.) Das 
Gesagte gilt für die beiden Geschlechter. 

Homosexuelle Tendenzen (Inversion). 

Absolute Inversion konnte ich bei keinem Patienten (Epileptiker) 
nachweisen (Fälle aus der Literatur sind mir auch nicht bekannt), 
dafür fielen die homosexuellen Neigungen einer großen Anzahl 
von Epileptikern umso mehr auf; diebetreffenden sind also amphigen 
i n verti e r t oder psychosexuell hermaphroditisch. Der Ausdruck 
„Neigungen" paßt vielleicht am besten, da es sich in sehr vielen Fällen 
nicht um sexuelle Betätigungen im engeren Sinne handelt, sondern um 
einen dumpfen Trieb, der wenig Erscheinungen oder Symptome macht. 
(Mutuelle Onanie ist in den Anstalten sicher nicht selten; kann 
allerdings zu einem Teile auf die Klaustration zurückgeführt werden — 
als „faute de mieux"). 

A. Y., 29 Jahre, Epileptiker von gutem Körperbaue, war Soldat. Haut 
wenig pigmentiert, zart. — Brüste etwas prominenter als bei Normalen. 
Genitalien O. B., Gesichtsausdruck eines leicht Imbezillen. Mädchenhafte 
Züge im Benehmen, macht manchmal Knickse, wie ein Backfisch beim 
Grüßen. In seinem Zimmer hat er immer Blumen oder Laub ; an der Wand 
hängt ein Fächer, den er wie eine Dame im Ballsaale regelrecht hin und her 
schwenkt. Er kann das Fluchen nicht hören, hat immer die Ausdrücke 
„so nett", „so hübsch", „so fein" im Munde. „Ich bin ein Gemütsmensch." 
Er schämt sich, vor dem Arzte über Durchfall zu sprechen, will sich nicht 
genügend entblößen für die Behandlung einer Wunde am Knie. Seine deut- 
lich homosexuelle Liebe zum Heilande ist in dem Abschnitte über Religiosität 
erwähnt worden. Mit einem der Ärzte hat er einen auffallend guten Rapport, 
will nur mit ihm zu tun haben, den andern haßt er. Die echte Natur dieser 
Zuneigung kam in einem Dämmerzustande zum Ausdrucke. Er streichelt 
und liebkost den betreffenden Arzt, findet seine Krawatte so schön, bewun- 
dert sein Haar; später zeigt er sich nackt vor ihm — er, der Schamhafte, 
welcher sich im normalen Zustande nicht entschließen, kann das Knie bloß 
zu zeigen — und ladet ihn direkt zum Geschlechtsverkehre ein ; dieser Arzt 
sei ihm „die liebste Person vom ganzen Kanton Zürich." Für bestimmte 
Wärter hat er auch warme Sympathie. Absolut invertiert ist A. K. nicht; 
im gleichen Zustande ruft er eine Jugendfreundin zu sich in sein Bett. 
Intervallär ist er mit den Damen sehr galant. 

H. M., 32 jähriges Fräulein, zeigt somatisch nichts Abnormes. In der 
anfallsfreien Zeit (8 bis 14 Tage) soweit normal, eher etwas verschlossen. 
Zur Zeit der Anfälle wird sie gesprächig; unterhält sich und die ganze Ab- 



142 Alphonse Maeder. 

teilung von Heirat und Hochzeit, spricht aber nur von Frauen, Patientinnen 
oder Wärterinnen; „das wäre eine gute oder schöne Frau, die ist gut gebaut;" 
dieser Zustand dauert 4 bis 8 Tage an; das Thema der Unterhaltung bleibt 
immer das gleiche, so daß die ganze Abteilung jedesmal über sie klagt. H 
H. sonst zurückhaltend, küßt in diesen Stadien die Oberwärterin schwär- 
merisch, liebkost sie, nennt sie „mein liebes Schatzerl", wenn sie sie allein 
trifft. In ihrem Verhalten zu den Männern zeigt sie kaum solche auffallende 
Schwankungen, sie ist aber nicht ablehnend. 

R. O., 22 jähriges Mädchen (siehe Narcissismus), wollte schon in der 
frühesten Jugend mit einer Freundin immer zusammenschlafen und trieb 
mit ihr mutuelle Onanie. In der Anstalt hat sie einige „intime" Freund- 
schaften, und zwar zu zwei sehr erotischen Patientinnen, vom typischen, 
ekelhaft-süßlichen, klebigen, unterwürfigen Charakter. Sie verlangt, immer 
mit ihnen schlafen zu können. Man findet sie häufig am Tage in dem Bette 
einer Wärterin versteckt, welche einzelne männliche Züge in ihrem Wesen 
und Benehmen hat und für die einige andere Patientinnen auch schwärmen. 
Patientin ist auch sehr heterosexuell, nimmt Arzt und Pfarrer sehr in An- 
spruch durch ihr anhängliches, klebriges Wesen. 

Von männlichen Epileptikern ließen sich Dutzende von Bei- 
spielen anführen. Viele erwachsene Epileptiker benehmen sich echt 
weiblich, geradezu wie servile Mägde (echte, treue Kindermädchen). 
Sie schwärmen für den Pfarrer oder den Arzt, wie ein Backfisch, laufen 
ihm entgegen mit strahlendem Gesichte, schmiegen sich an ihn, möchten 
seine Hand küssen (dieser letzte Zug ist um so mehr auffallend, als der 
Handkuß in unserer Gegend ganz ungebräuchlich ist). Es ist unzweifel- 
haft, daß der sehr gute gemütliche Rapport, der Berührungs- 
trieb, der leidenschaftliche Ton des Gespräches des Epilep- 
tikers zum guten Teile durch seine Sexualität (homo- und 
hetero-) bedingt sind 1 ). (Siehe auch im Abschnitte über die 
Koprophilie, die Zeugungs- und Entbindungsphantasien von J. N., in 
welchen ein psychosexueller Hermaphroditismus zutage tritt.) jf!$-*frj 



Der „Berühruiigstrieb" der Epileptiker. 

Man kann geradezu von einem „Berührungstriebe" bei Epi- 
leptikern sprechen. Ein jeder, der mit Epileptikern viel verkehrt hat, 
versteht, was ich damit bezeichnen möchte. Die Kranken haben eine 
starke Tendenz nach körperlicher Berührung, nach Flächenan- 

*) Ich kann hier nur wiederholen, daß der tägliche Verkehr mit den Patienten 
ein sehr reiches Material zur Unterstützung dieser Auffassung liefert. Leider läßt 
sich die Mimik der Menschen zu schwer beschreiben. — Eine Beschreibung wirkt 
wenig überzeugend, auch wenn sie ganz ausführlich ist. 



Die Sexualität der Epileptiker. 143 

näherung. Berüchtigt ist schon längst der Handschlag. Es genügt 
ihnen nicht, die Hand zu nehmen, sie müssen sie in ihrer eigenen Hand 
halten, sie einige Male drücken, möglichst lang (bis 20 und 30 Sekunden) ; 
gelegentlich fahren sie rasch mit ihrer Hand in den Ärmel der zu grüßen- 
den Person oder kitzeln den Handteller; manchmal wird der öruß 
von einer typischen Kußmimik begleitet. Wenn die Spannung noch größer 
ist, nehmen sie die Hand des andern und legen sie auf ihr Herz, auf den 
Schoß oder drücken sie an ihre Wange. Sie begleiten gern die Szene 
mit Streicheln des Gesichtes oder des Rumpfes. Manche erotische 
Patientinnen schmiegen ihren Körper an, bis zur Berührung des Leibes, 
suchen Einen an der Taille zu fassen. Sie erzählen gerne Geheimnisse, 
die man ins Ohr möglichst nah, bis zum Ohrkusse, flüstern kann. Wie 
die weiblichen Patienten, die Knaben, ja sogar die Männer einander 
küssen, ist auch bekannt. 

Man muß es unterlassen, die eminent erotische begleitende Mimik 
zu beschreiben. Sicher ist dieser Berührungstrieb zum guten Teile 
eine sexuelle Betätigung, wie die Berührungstendenz der Verliebten 
[man vergleiche auch das Verhalten speziell der jungen Mädchen zur 
Zeit der Pubertät, die ein starkes Verlangen nach Berührung zeigen 
(namentlich mit Vater und Brüdern, aber auch mit weiblichen Wesen)]; 
d . h . eine Teilerscheinung des sogenannten Kontrektations- 
triebes von Moll. Er paßt in die Definition der Liebe, welche die 
Enzyklopädisten in Frankreich (XVIII. Jahrhundert) gegeben haben: 
,,L 5 amour est le contact de deux epidermes". 

Das liefert uns wieder ein Beispiel der mehrwertigen, expansiven 
Sexualität der Epileptiker (Polyvalenz) und gibt eine partielle Er- 
klärung des bekannten Satzes von Legrand du Saulle: „Les alienes 
se repoussent, les epileptiques s'attirent". — 

In diesem Zusammenhange sollten die erogenen Zonen be- 
sprochen werden. Der Versuch wäre vielleicht verfrüht; so viel will ich 
vorläufig sagen, daß wir im Laufe dieser Arbeit schon an mehreren 
Orten Überschreitungen der normalen erogenen Zonen konstatiert 
haben (z. B. Analerotismus, Mammartypus). Hierher gehört auch das 
eigentümliche Zusammentreffen von Koprophagie und Analerotis- 
mus (siehe: Koprophilie), wo der Mund den Anus einigermaßen vertritt 
und beide Quelle von sexueller Lust sind. Bei einigen speziell homo- 
sexuell Veranlagten ist der After eine erogene Zone (also Vertreter 
des weiblichen Geschlechtsorganes), Die Bulimie (Gefräßigkeit) der 
Epileptiker hat wahrscheinlich auch eine sexuelle Wurzel. Für die 
1 o 



144 Alphonse llaeder. 

Annahme einer erogenen Zone (im Munde) sprechen einige Gründe, 
die ich jetzt umgehen möchte.: 



Koprophilie, das Parerotische. 

Unter dem Namen der Koprophilie möchte ich eine große An- 
zahl von größtenteils bekannten Erscheinungen zusammenfassen, wie 
KotessenundKotschmieren, Urintrinken und -ab Waschungen, 
die Riten der Stuhlhypochonder... der Neologismus scheint 
mir berechtigt, da das Interesse von vielen Menschen für die Funktion 
des Harn- und Darmapparates einen ganz bestimmten sexuellen 
Charakter annehmen kann. 

Bekanntlich spielen normale Kinder besonders gerne mit Kot 
und Urin; sie beschmieren die Decke, das Bett, das eigene Gesicht; 
noch mehr, sie stecken den schmutzigen Finger in den Mund. Etwas 
älter gehen sie zu 2 oder zu mehreren auf den Abort, schauen sich 
die Defäcation gegenseitig an; die Knaben versuchen, wer am 
weitesten spritzen kann. Sie wissen dabei ganz gut, daß es sich um 
einen sexuellen Akt handelt, sie können es Jahre später mit absoluter 
Sicherheit noch angeben. In den Klosetts werden obszöne Zeich- 
nungen, Anspielungen und Witze an der Wand angebracht. Kurz 
es laßt sich nicht leugnen, daß diese Handlungen Äußerungen der noch 
verkappten Sexualität darstellen. In diesem Alter sind die Ge- 
schlechtsorgane nicht genug entwickelt, es kommt noch in den meisten 
Fällen nicht zu spezifischen Sexualempfindungen; der Trieb ist aber 
schon längst vorhanden, er bemächtigt sich der benachbarten Organe; 
das Interesse des Kindes wird auf den Darm- und Harnapparat lokalisiert. 
Im strengen Sinne des Wortes ist es noch nicht eine sexuelle Betätigung. 
Man mag es parerotische Betätigung nennen. 

Bei vielen Erwachsenen (Neurotikern und Geisteskranken) 
spielt die Koprophilie ebenso eine sehr große Rolle. Bei den meisten 
ist sie als Infantilismus aufzufassen, bei anderen vielleicht als Ver- 
legung, d. h. als Äußerung der verdrängten Libido. Ich gebe ein typisches 
Beispiel dieses Parerotismus. 

N. J., 27 jähriger, gebildeter Ungar, seit 12 Jahren schwer epileptisch : 

In Dämmerzuständen beschmiert er sich nicht selten mit Kot am 
ganzen Körper, oder er wäscht sich mit Urin. In der Nacht hat er manchmal 
den Trieb, einen Kotballen zu essen; er erhält Befehl, es zu tun (das Stück 
hat die Größe einer Zwetsche), es ist unwiderstehlich; er sagt sich dabei: 
„Schlimmsten Falles hast du eine Sauerei gemacht; ich habe mich aber be~ 



Die Sexualität der Epileptiker. 145 

friedigt." Er soll seit der Kindheit ein lebhaftes Interesse für den Stuhl 
gehabt haben. Jetzt muß er noch ein großes Blatt unter sich legen und 
prüft jedesmal den Stuhl auf seine Farbe und Konsistenz. (Stuhlhypo- 
chonder.) Die Defäkation ist ihm manchmal sehr angenehm, namentlich 
wenn er eine „große Wurst" macht (also Analerotik). Das Wort „Wurst" 
ist bei ihm sehr kritisch; er assoziiert daran: Zipfel, rote Wurst, Zipfelmütze, 
Gassenjunge mit Hemdzipfel aus dem Hosenschlitze, Tannenzapfen, Wurst, 
Durst, Gespräch über Sexualfragen, Form der Wurst, Schlange, Emailwaren, 
Klosettschalen. — Hunger. — (Warum er einen Kotball gegessen habe?) 
— „Hängt es mit der Heirat zusammen?" „Ich weiß es wirklich nicht. — " 
(später) .... „Was ich gegessen habe, hatte die Form einer Schlange, 
einer Wurst. Ich habe die Schlange der Sünde gesehen und den Baum im 
Paradiese und Eva. Ich habe die Schlange gegessen, damit sie den Apfel 
nicht anbeißt, d. h. ich habe den Apfel selbst gegessen." (In dem Zustande 
selbst sagte er, er sehe den Apfelbaum im Paradiese mit der Schlange der 
Verführung.) 

Von der Schlange sagt er deutlicher: „Jeder Mann hat ja seine 
Schlange (Penis); im Akte führt der Mann seine Schlange hinein . . . .; 
(dann) . . ." der Kotballen ist ein Keim der neuen Geburt, er steht 
am nächsten vom Zentrum". Exkremente ein Düngerstoff, scheinbare 
„Keime der neuen Geburt". 

So viel ist bis jetzt sicher, daß die Koprophagie für ihn eine symbolische 
sexuelle Handlung ist (er ißt den Apfel der Sünde) ; er geht noch weiter, 
er nimmt den Keim eine,r neuen Geburt zu sich, was sonst ein spezifisch 
weiblicher Akt ist; inderTat, er gebiert auch Kinder; einmal trifft man ihn 
nackt auf dem Boden der Zelle, in seinem Urin badend, „es habe eine Ent- 
bindung stattgefunden" — (also eine homosexuelle Komponente, das Ver- 
schlingen der Schlange deutete schon darauf hin). Von dem Kotballen kommt 
er auf eine merkwürdige skatologische Weltauffassung: die Erde ist ein 
Hämorrhoidalball; hält sich dabei selbst für die Erde; „wie er wächst, 
wächst sie; er befindet sich „im Zentrum der Welt", er muß in einer be- 
stimmten Eichtung liegen, „auf der Weltachse, um das Gleichgewicht zu 
bewahren". Übrigenssoll er auch in der Jugend Hämorrhoildalknoten gehabt 
haben, was er immer sehr gern erzählt. In seinem Weitsystem ist zum Bei- 
spiel das Weltall ein menschlicher Körper, die Sterne rote und weiße Blut- 
körperchen, welche auf der Milchstraße als Ader zirkulieren. 

Die Riten mit dem Urin verlangen auch ein paar Worte der Erklärung. 
Schon als Knabe hat sich R. N. im Badezimmer eingeschlossen, um Urin 
zu trinken und sonst Spiele auszuführen; er wußte damals schon vage, daß 
ein Zusammenhang mit der Sexualität bestehe, er habe es bei den Katzen 
und Hunden, die sich lecken, gemerkt. 

(Warum die Abwaschungen und das Trinken im Dämmerzustände?) 
,,Bei uns in Ungarn sagen die Bauern, man soll die Wanden mit Urin wa- 
schen, sie heilen besser." Patient machte das in der Tab zu einer Zeit, wo vi 
am ganzen Körper Schürfungen von einem schweren r>W'inovi>en T Amu h- ■ 
;: ii fülle hatte. Es lieü sich analytit- U ivstulvlh-n, r! .H <■:- r .. ( f , ],. ,(, k ; / u * ; f . v<i : 



146 Alphonse Maeder. 

mit einem Löwen identifiziert hatte, der nach dem berühmten Gedichte 
des nationalen Poeten Petöfi das ungarische Vol k personifiziert ; die Wunden 
am ganzen Körper stammten vom Befreiungskämpfe her. Die Urinab- 
waschungen und das Trinken haben aber noch einen andern Sinn, eine 
sexuelle Komponente. Patient glaubt, daß im Urin der Samen enthalten 
ist. (Zahlreiche Patientinnen sagen, sie dürfen weder Urin noch Milch 
trinken, sonst werden sie schwanger,) „Der Urin ist für ihn der Anteil 
des Mannes an der Schöpfung eines neuen Lebewesens. Der „Brunzel" 
werde bei der Annäherung mit der Frau eingeführt, das „Brunzeln" selbst 
sei der wichtigste Akt. Am nächsten Tage ist der Boden der Zelle ganz 
naß: „ich habe mich hingelegt und laufen lassen; das verbreitet das Leben, 
eine Zeugung hat stattgefunden." In diesem Stadium erlebt er regelmäßig 
die Sintflut, die er selbst, als Gott, durch Urinieren macht. Er betont gern. 
„Sündflut", er hat gesündigt. Eine Jugendfreundin tritt regelmäßig als 
Eva auf. Die Epilepsie sei auch eine Buße für die Sünde. (Wir treffen 
wieder die eigentümliche Mischung von Erotischem und Eeügiösem.) 

In Parallele zu diesen Ausführungen eines verwirrten Menschen 
möchte ich ein paar Daten aus der Völkerpsychologie stellen. In einigen 
Gegenden glauben die Knaben, daß der Schaum im Urin ein Zeichen von 
großer Potenz sei. Die Wilden essen das Herz der Feinde nach dem 
Kampfe, um sich ihren Mut anzueignen. Warum sollte man nicht den 
Urin (der wirklich als Samen enthaltend betrachtet wird, die gemein- 
same Öffnung dient zur Identifikation der beiden Sekrete) trinken, 
um seine Potenz zu steigern? (Daß Urintrinken befruchtend wirkt, wie 
Milchtrinken, habe ich schon oben erwähnt.) Ein Katatoniker, den ich 
schon lange beobachte, wird angriffelustig auf die Umgebung jedesmal 
wenn er Kot gegessen hat. Er sei jetzt kräftig und könne wieder „v — " x ) 
Es ist sehr wahrscheinlich, daß solche Vorstellungen zu der Zusammen- 
setzung der alten Arzneien aus der Zeit der sogenannten Dreckapotheke, 
wo Exkremente eine große Rolle spielen, geführt haben. In ge- 
wissen Teilen Rußlands mischen die Hexen jetzt noch den Urin von 
bestimmten Männern und Weibern zusammen, um gegenseitige Liebe 
zu wecken . . . 

Nebenbei will ich ein anderes Beispiel von Verlegung des Sexuellen 
auf den benachbarten Harn besonders anführen. Ein alter Masturbant 
und Epileptiker hatte die sonstigen hypochondrischen Vorstellungen 
über die Impotenz und Rückenmarkerkrankung auf die Blasenfunktion 
hingelenkt — er konnte in Gegenwart anderer Menschen nicht mehr 
urinieren, er hatte keinen richtigen Strahl mehr. 

Dieser eigentümliche Zusammenhang zwischen Analerotik, 

J ) koitieren. 



Die Sexualität der Epileptiker. 147 

Koprpphagie und Kotschmieren ließ sich in einer Anzahl von 
ganz ähnlichen Fällen nachweisen 1 ). 

Aus allem dem geht hervor, daß bei Koprophilen die Def äkation 
eine besondere Rolle spielt, sie bedeutet einen Lustgewinn. Dieser 
positive Gefühlston wird auf die Exkremente selbst übertrafen. 
Das normale Ekelgefühl wird neutralisiert, ja sogar überkompensiert; 
Patient bringt es fertig, seine Exkremente zu essen, mit Kot zu spielen. 
Man könnte beinahe sagen, der Stuhlgang wird ihnen zu einer Art Lust- 
quelle, zu einem Fetisch im sexuellen Sinne. Der Kranke wird auf eine 
infantile Stufe zurückversetzt, wo der Ekel noch nicht anerzogen ist, 
wo der „Parerotismus" besteht faute de mieux. 

Die Stuhlhypochonder (es sind ihrer sehr viele unter den 
Epileptikern) sollten noch genauer psychanalytisch erforscht 
werden; die Hauptwurzel ihres Leidens wird wohl immer sexuellen 
Ursprunges sein. 

Zum Schlüsse noch eine Bemerkung: Die meisten Psychiater 
üben, wenn sie vor solchen Problemen stehen, die berüchtigte „Nicht- 
beachtungstherapie". Sie wollen nicht auf das „schmutzige" Thema 
eingehen und glauben damit recht zu handeln. 

Ich glaube aber, daß der Versuch, diese Probleme zu erforschen, 
mindestens auch berechtigt ist. Der Chemiker läßt sich nicht davon 
abhalten, schlecht riechende Substanzen zu analysieren. Ich hoffe, 
daß die obigen Ausführungen ein gewisses licht auf die sonst unbegreif- 



*) H. H, ? 38 Jahre, typischer Stuhlhypochonder, klagt den dirigierenden 
Arzt vor dem Komitee an, er erkundige sich nicht genug über seinen Stuhlgang. 
Die rechte Ssite bai ihm ssi schwerer als die linke; die linke sei verstopft, die Ver- 
dauung könne daselbst nicht normal vor sich g^hen, er müsse zeitweise etwas Kot 
essen, um das alles aufzulösen. Es schmecke übrigens nicht schlecht; er habe es 
schon zur Zeit dar Schule gemacht; er läßt sich auch manchmal von einem Patienten 
in den Mund hinein urinieren. Um Gafühl auf dieser toten, verstopften linken Seite 
zu bekommen, müsse er mit der linken Hand „am Schamloch reiben" (also Anal- 
erotik); hält dafür stundenlang am Tag die linke Hand in steifer gebeugter 
Haltung, dicht am Oberkörper (zur Strafe). Seine beliebteste Beschäftigung ist 
das Kübelleeren; er geht auch ein paar Stunden täglich mit einem Eimer und 
sucht aus dem Miste und Straßenschmutze nach verlornen Gegenständen (alles 
aus eigenem Antriebe). 

Ein anderer Koprophage bemalt fast täglich die Wände seines Zimmers mit 
seinen Exkrementen (für ihn ist diese Beschäftigung kein Schmieren); er hat sich 
durch Analonanie und Digitalextraktion der Kotballen aus dem Rektum einen 
schweren Prolaps zugezogen. 

10* 



1 



148 Alphonse Maeder. 

liehen Handlungen des dämmerigen Epileptikers J. N. werfen 
werden. 1 ) 

Masochitische und Sadistische Neigungen. 

Die sogenannte Algolagnie (Sammelbegriff der beiden innig ver- 
wandten Perversitäten) scheint bei Epilepsie nicht sehr häufig vor- 
zukommen. Ich konnte sie in keinem Falle sehr deutlich nachweisen 
und fand in der Literatur auch kein entsprechendes Material. Tendenzen 
zum Masochismus oder zum Sadismus sind sehr häufig, allerdings bei 
sogenannten Normalen und bei Neurotikera ebenso ; sie sind aber nicht 
zu einer echten Perversität ausgebildet. Ich muß mich also mit An- 
deutungen begnügen; wie man sehen wird, ist der Begriff der Algolagnie. 
wie überhaupt der Begriff der Sexualität, sehr weit gefaßt worden, es 
ist das einzige Mittel, um das Pathologische aus dem Normalen ab- 
zuleiten; die Deduktion läßt sich in ganz ungezwungener Weise machen. 

E. E. erlebt im hysterischen Anfalle und im epileptischen Schwindel 2 ) 
(in psychogenen Anfällen überhaupt) ein sexuelles Attentat der Jugend 
wieder. Der Angriff soll sehr roh und grob gewesen sein; dieser Charakter 
haftet ihm jetzt noch an (nach über 22 Jahren) in seinen zahlreichen immer 
wiederkehrenden Reproduktionen, in den Anfällen und Träumen. Der Inhalt 
lautet immer: E. wird von dem Jugendgeliebten vergewaltigt. Niemand 
befindet sich in der Nähe, der ihr helfen könnte (?). Oder einige Männer 
streiten sich um sie und mißhandeln sie in der schlimmsten Art; jeder will 
sie besitzen. Die Folge davon ist, daß Patientin schwanger wird; sie muß 
noch viel Schlimmes durchmachen, Entbindungen, meistens von Zwillingen, 
vielfach mit Komplikationen (Anlegung der Zange), Kindbettfieber, sogar 
Mastitis, so daß sie nicht stillen kann. Man sieht daraus, wie die Phantasie- 
einer sonst ehrbaren und gut erzogenen Tochter sich im Unbewußten 
austobt. 

Patientin hält sich für ein vielgeplagtes Wesen. Während der Analyse 
zum Beispiel macht sie häufig ein wehmütiges Gesicht, man plage sie furcht- 
bar. Der Doktor sei ein „schlimmer Plagegeist", dabei lächelt sie ihn sehr 



*) Die Koprophilie kommt im „Journal" der Epileptiker (fast jeder Patient 
macht Notizen über die Ereignisse des Tages) sehr klar zum Ausdrucke. Darm- 
Entleerungen, Konsistenz des Stuhles — werden beschrieben, bei den schwer 
Dementen sogar in Zusammenhang mit sexuellen Erlebnissen. . . . (siehe auch oben 
Masturbation, die psychische Onanie). 

Das Vorkommen von Koprophagie (meiner Erfahrung nach immer mit 
Analeroti3mus und Kotschmieren verbunden) und Bulimie beim selben Indi- 
viduum ist auch erwähnenswert; es handelte sich immer um ganz besonders 
erotische Menschen. 

*) Siehe Binswanger, Die Epilepsie. 



Die Sexualität der Epileptiker. 149 

freundlich an, identifiziert ihn in ihren Träumen mit dem obenerwähnten 
Jugendgeliebten, will unbedingt, daß er als Ausdruck dieser Assimilation 
eine Visitenkarte von ihm und eine von ihm vor Jahren an sie geschickte 
Ansichtskarte mitnimmt. Als Lohn für die Mißhandlung (— Analyse) bringt 
E. dem Arzte bei jeder Sitzung ein kleines Geschenk, ein Bild, ihre eigene 
Photographie .... 

Seit dem bekannten Beispiele von J. J. Rousseau (siehe Con- 
fcssions) weiß man allgemein, daß der Masochismus schon in der Kind- 
heit Erscheinungen machen kann. 

L. B T (Patientin haben wir bei der Besprechung der Onanie schon 
angetroffen) wurde in der Kindheit wegen ihrer Unarten geprügelt; in den 
Dämmerzustanden zeigt sie jetzt noch, wie sie „traktiert" wurde und ver- 
langt lachend die gleiche Behandlung; in diesem Stadium erlebt sie 
symbolische Schlachten, in denen sie selbst stark beteiligt ist, die Rolle 
eines Soldaten spielt; sie wird aber auch verfolgt und mit einem mächtigen 
Speere bedroht (nach dem Modelle eines Bildes einer Schlacht, das früher 
auf sie einen starken Eindruck gemacht hatte, Sie hält sich im Dämmer- 
zustande stundenlang in der gleichen Haltung wie die abgebildeten Krieger). 
Es ist die Patientin von der ich erzählt habe, daß sie jedesmal onaniert, 
wenn sie in einen Zornaffekt kommt, d. h. bei ihr besteht eine gewisse 
Verknüpfung zwischen Sexualempfindung und der Wut (wahrscheinlich 
eine Andeutung von Sadismus neben masochistischen Zügen). Die Iden- 
tifikation mit einem Soldaten ist für ein 22jähriges Mädchen an sich schon 
sonderbar und verdächtig. 1 ) 

Eine 41jährige, sehr empfindsame und feinfühlige Patientin, welche 
durch ihre Unterwürfigkeit und Anhänglichkeit dem Arzte gegen- 
über immer aufgefallen war, mußte eine breite Inzision de3 Handtellers, 
wegen einer schweren Entzündung mit mächtiger ödematöser Schwellung, 
durchmachen. Mit einer unerwarteten Überschwänglichkeit, in dem freu- 
digsten Tone sagte sie dem Artze: „Wenn Sie es für gut finden, machen Sie 
es nur recht gut," und ertrug die Operation mit Lächeln zum Erstaunen 
aller Anwesenden, die sie seit Jahren als eine wehleidige, sehr hypochon- 
drische Person kannten. 

Von einer andern kann ich anführen, daß sie immer auf dem Ge- 
sichte den höchsten Ausdruck der Wollust darstellte, wenn sie über pe- 
riodisch bei ihr wiederkehrenden Durchfall und Bauchweh klagte .... 

Vielleicht gelingt es einmal, auf psychanalytischem Wege einen 
kompletten Zusammenhang zwischen der so berüchtigten Grausam- 
keit der Epileptiker und dem Sadismus auf der einen Seite, zwischen 
der typischen ekelhaften Unterwürfigkeit und dem Masochismus 
derselben zu entdecken. Geeignete Subjekte, um einen solchen Nach- 

J ) Also wieder ein Fall, wo die beiden scheinbar entgegengesetzten Per Ver- 
sionen bei der gleichen Person zusammen vorkommen. {Siehe Freud, Drei Ab- 
handlungen '/mt Sexaaltheorie. Dcuticke. Wien, Leinzür.) 



150 Alphonse Maeder. 

weis zu bringen, konnte ich nicht finden, ich habe aber den bestimmten 
Eindruck gewonnen, daß etwas daran sein konnte. 



Charakterisierung der Sexualität der Epileptiker. 
Das Infantile. — Der Charakter. 

Aus allem dem geht mit Deutlichkeit hervor, daß die Epileptiker 
sehr erotisch sind. Ich möchte beinahe sagen libidinös, denn sämt- 
liche Äußerungen des Geschlechtstriebes, die hier beschrieben worden 
sind, fallen durch das Grobe, Plumpe, Geile auf. (I) 

Ferner ist auffallend das frühzeitige Auftreten der sexuellen 
Betätigungen (Masturbation häufig in den ersten Lebensjahren), das 
Vorkommen von sexuellen Erlebnissen, wie Attentate (ab aktive 
oder passive Teilnehmer) schon in den ersten Lebensjahren (z. B. in 6 
näher untersuchten Fällen, bei Mädchen; 2 männliche Patienten übten 
mit 6 Jahren schon regelmäßigen sexuellen Verkehr mit Schwestern). 
Nach der eigenen Beschreibung der Attentate der kleinen Mädchen 
hat man den Eindruck, daß bei den meisten ein deutliches Entgegen- 
kommen ihrerseits stattgefunden hat (Siehe die Abrahamsche Arbeit: 
Zentralblatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie 1907: Das Erleiden 
von sexuellen Traumen als Form infantiler Sexualbetätigung); d. h. 
daß schon in der frühesten Kindheit sexuelle Betätigungen zum Aus- 
drucke kommen, 

Der Reichtum an Erscheinungen des Sexualtriebes bei den er- 
wachsenen Epileptikern erhellt zur Genüge aus dem mitgeteilten Material, 
man kann geradezu hier von einem Panerotismus sprechen. Die Literatur 
über das Thema ist sehr umfangreich, man findet die Beschreibungen 
von allen denkbaren Attentaten, von Inzesten, von allen Perversitäten, 
viele Fälle von Satyriasis (respektive Nymphomanie). (Siehe Krafft- 
Ebing, Psychopathologia sexualis, Fer£, L'instinct sexuel . . .) 

Ich habe versucht, im Laufe dieser Arbeit auf gewisse Zusammen- 
hänge aufmerksam zu machen, und möchte sie zur weiteren Prüfung 
empfehlen; ich meine besonders, daß man eine ganze Anzahl von Eigen- 
tümlichkeiten des bis jetzt noch recht wenig analysierten Charakters 
des Epileptikers durch Verwendung der so Symptomenreichen Se- 
xualität in bestimmte Beziehungen zueinander bringen kann, so z. B. den 
typischen Berührungstrieb, die Klebrigkeit und Anhänglich- 
keit, das unterwürfige, süßliche Wesen, die sonderbare Reh- 



Die Sexualität der Epileptiker. 151 

giosität, den auffallend guten gemütlichen Rapport, die Eitel- 
keit und Gefallsucht 1 ). 

Eine Einschränkung ist vielleicht hier angebracht, ich habe die 
Beobachtung gemacht, daß in den Fällen wo die Epilepsie relativ 
spät aufgetreten ist, also nach den zwanziger Jahren das sexuelle 
Element weniger im Vordergrunde steht, im Charakter wie in den 
akuten Anfällen; dafür tritt das Hypochondrische mehr hervor. 
Der Krankheitskomplex (Komplex im Sinne von Bleuler und 
Jung) übernimmt die führende Rolle in der Entstehung der 
psychogenen Symptome. 

II. Die Epileptiker sind, wie schon oben erwähnt, sexuell poly- 
valent, d. h., sie sind auterotisch, aber auch allerotisch, sie haben 
normale heterosexuelle Triebe, aber auch eine ausgesprochene homo- 
sexuelle Komponente. Der Versuch einer Sättigung ihres Triebes er- 
folgt immer nach mehreren Richtungen. 

Sind diese mannigfaltigen Betätigungen auf die Intensität der 
Libido überhaupt zurückzuführen (indem die normale Bahn der Ent- 
ladung als insuffizient erkannt wird), oder handelt es sich vielleicht um 
eine Steigerung der von Freud beschriebenen polymorph-perversen 
Anlage des normalen Kindes? Jedenfalls muß darauf hingewiesen 
werden, daß sich sehr viele infantile Züge finden (siehe Auterotismus, 
Exhibitionismus, Koprophilie, Masochismus). 

Das Bestechendste an dieser Auffassung ist das, daß man damit 
die Abnormitäten auf einseitige (übertriebene) Entwicklung bestimmter, 
normalerweise vorhandener Elemente zurückführen kann, d. h, das 
Pathologische ist einigermaßen nur eine Karikierung des Nor- 
malen. Für die Psychopathologie würde also das gleiche Prinzip 
gelten, wie in der pathologischen Anatomie und Physiologie. 

Beim Kinde lassen sich Keime von allen Perversitäten nachweisen, 
welche nicht zur Geltung kommen, wenn die Umwandlung der Pubertät 
normal vor sich geht. Beim erwachsenen Epileptiker ist es zu 
einer Entwicklung dieser Anlagen gekommen, die polymorph- 
perverse Anlage scheint zu einer sexuellen Polyvalenz geworden 
zu sein. Die Form der Sexualität (ich betone den Ausdruck Form) 
ist also infantil geblieben. 



*) Die merkwürdigen Schwankungen der Epileptiker in ihrem Verkehre 
der Umgebung gegenüber werden uns etwas klarer werden, wenn der Zusammen- 
hang zwischen der akuten Epilepsie- und den Sexualerscheiuungen beleuchtet wird. 



152 Alphouse Maeder. 

Infantilismen. 

Es lassen sich bei Epileptikern noch viele andere Infantilismen 
nachweisen, was meine Auffassung der Entwicklungshemmung unter- 
stützt. Ich kann hier nur einige Andeutungen davon machen, um die 
Arbeit nicht allzusehr zu vergrößern: Infantil ist der Lobdurst der 
Epileptiker, welche für die geringste Arbeitsleistung Lob und Lohn 
verlangen; sie können nicht einen Tisch abwischen, ohne Einen darauf 
aufmerksam zu machen; ihre Geschäftigkeit und Wichtigtuerei 
gehören auch dazu. Sie spionieren sich gegenseitig wie unartige 
Schulkinder aus und beeilen sich alles auszuschwatzen. Sie sind 
neidisch aufeinander, wollen ebensoviel Milch und genau soviel 
Kirschen und Ferientage haben wie der Nachbar. Die berüchtigte 
Familiensimpelei bedeutet auch das Zurückbleiben auf einer in- 
fantilen Stufe; sie bleiben das ganze Leben in dem Stadium, welches 
jeder Normale auch durchmacht, in welchem die Mitglieder der Familie 
speziell die Eltern idealisiert, zu großen Helden werden, mit allen guten 
Eigenschaften und Tugenden. 

Alle diese Charakterzüge stehen zweifellos in Zusammenhang 
mit der sogenannten Egozentrizität der Kinder, welche im sexuellen 
Gebiete Auterotismus heißt. 

Bei dieser Gelegenheit mache ich auf das Resultat der Enquete 
von Varendonck: Les ideals d'enfants (Archives de Psychologie 
Tome VII 1908) aufmerksam, in der V. ausdrücklich sagt, daß die 
ersten altruistischen Tendenzen beim Kinde mit 11 — 12 Jahren 
auftreten, d. h. gerade in der Zeit, wo das Kind die Umwandlung des 
auterotischen Triebes in die Objektfindung (Allerotismus) durch- 
macht. 

Ich füge noch einige Beispiele hinzu: 

Die Freude an der Uniform. (G. W., 36 Jahre, ein sonst sehr 
langsamer, apathischer Epüepticus läuft wie besessen, wenn er von weitem 
einen Soldaten sieht), der Sammeltrieb: jeder Patient will Schachteln 
voll nichtigen Zeuges haben, was er gefunden oder von anderen eingetauscht 
hat;die Spiele: F.K., 27 Jahre, sehr intelligent veranlagt, dement geworden 
spielt mit einem Luftdrachen, H. H. 37 Jahre, dem das Rauchen verboten 
ist, stellt sich im Gange in die Nähe des Arztes mit einer Schokoladen- 
zigarre im Munde auf, in der Hoffnung geschimpft zu werden, oder er streicht 
sich die Nase mit Mennig rot an, kommt hinkend zum Arzte als ob er sich 
blutig verletzt hätte. Die Freude an ihrem Geburtstage und an den kleinen 
feeschenken hat auch diesen infantilen Charakter in hohem Maße. 



Die Sexualität der Epileptiker. 153 

Das Vorhandensein dieses Infantilismus wird noch dadurch 
bestätigt, daß die Epilepsie in den meisten Fällen sehr früh zum 
Ausbruche kommt und bekanntermaßen eine Entwicklungs- 
hemmung schwerer Art für den Organismus bedeutet. 

Aus einigen Statistiken über das erste Auftreten der Krankheit ent- 
nehme ich folgendes: Nach Lange 534% erkranken vor dem 10. Jahre, 
35-6% zwischen 10—20 Jahren, also 89% vor dem 20. Jahre. — 
v.Sarbo (Ungarn) 76% bis zum 20. Jahre, —Turner (England) 78% 
(Material von 1000 Fällen). Lut und Bratz unterscheiden zwischen 
männlichen und weiblichen Patienten : männlich 35*5% (1—10 Jahren); 
27-3% (10-20 Jahren), Summa 628%; weiblich 49-4% (1— 10 Jahren); 
33% (10—20 Jahren), Summa 82-7%; also im Durchschnitt 77*7% 
für beide Geschlechter. 

Das Material der Anstalt lieferte mir folgende Zahlen : Männlich 
von 114 sind 82 vor dem 15. Jahre, also 72%; 97 vor dem 20. Jahre, 
also 85%; weiblich von 91 sind 80 vor dem 15. Jahre, also 88%: 84 vor 
dem 20. Jahre also 92%. 

Die sogenannte infantile Form der Sexualität, mit den 
polyvalenten Tendenzen, die hier bei den Epileptikern geschildert worden 
ist, wird auch bei anderen Patienten angetroffen. Freud hat bekannt- 
lich zuerst bei Neurotikern, speziell bei Hysterischen, den Nachweis 
dieser Form der Sexualität geliefert, Bleuler, Jung, Riklin haben 
es bestätigt und auch bei den Fällen vonDementiapraecox gefunden. 
Es handelt sich wie daraus ersichtlich, um sehr bedeutende psycho- 
pathologische Tatsachen. Vom nosologischen Standpunkte aus ist 
besonders interessant zu konstatieren, daß die Epilepsie und die Hysterie 
sich puncto Sexualität ähnlich verhalten, man stellt sie ja im provi- 
sorischen Rahmen unserer Einteilungssysteme immer nebeneinander. 
In sexuellen Dingen erscheint der Unterschied zwischen den beiden 
Krankheiten ein gradueller zu sein, die Epilepsie übertreibt, karikiert 
die Hysterie (die Infantilismen z. B. kommen bei der ersteren viel 
krasser zum Vorschein 1 ). 

Die Frage nach dem Warum dieses Verhaltens ist immer noch 
pendent, es kann sich um eine abnorm starke Libido oder um sehr 
abgeschwächte Hemmungen handeln, das letztere in Verbindung 
mit der vorschreitenden Demenz? Vielleicht liegt beides vor ? 

s ) Im Vortreten des Auterotismus bei der Epilepsie liegt vielleicht ein wich- 
tiger differentieller Faktor. 



154 Alphonae Maeder. 

Zusammenfassend können wir sagen: 

Die Sexualität der Epileptiker ist charakterisiert 
durch das Hervortretendes Autrund Allerotismus. Sie hat vieles 
der infantilen Form behalten, hat aber eine gewisse Entwick- 
lung genommen, welche ich mit dem Ausdrucke „sexuelle 
Polyvaleni" bezeichne. Die Libido scheint aus noch unbe- 
kannten Gründen eine besondere Intensität erlangt zu haben. 



(Aus der psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich.) 



Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal 
des Einzelnen. 

Von Dr. C. G. Jung, Privatdozent der Psychiatrie. 



Ducunt volentem fata, nolentem trahunt. 

Freud hat an vielen Orten 1 ) mit unmißverständlicher Deut- 
lichkeit auf die Tatsache hingewiesen, daß das psychosexuelle Ver- 
hältnis des Kindes zu den Eltern, insonderheit zum Vater eine aus- 
schlaggebende Bedeutung für den Inhalt einer späteren Neurose besitzt. 
Das Verhältnis zu den Eltern ist in der Tat der infantile Kanal par 
excellence, in den die auf Hindernisse stoßende Libido 2 ) des späteren 
Lebens zurückflutet und dadurch längst vergessene Kindheit&träume 
wieder belebt. Immer ist es ja so im menschlichen Leben, wenn wir 
vor einem zu großen Hindernisse, einer drohenden schweren Ent- 
täuschung oder dem Wagnis eines zu weitreichenden Entschlusses 
zurückweichen, daß die zur Lösung der Aufgabe angestaute Energie 
des Wollens ohnmächtig zurückflutet und die Nebenströme, die als 
unzweckmäßig aufgegebenen Systeme der Vorzeit, wieder auffüllt. 
Wem das Glück der Liebe zum Weibe in entmutigender Weise fehl- 
schlägt, der geht zurück auf das Surrogat der schwärmerischen Freund- 
schaft, auf Onanie, auf Religiosität, und ist der Enttäuschte ein Neu- 
rotiker, so greift er noch weiter zurück auf die von ihm bis dahin nie 
ganz verlassenen Kindheitsbeziehungen, an die auch der Normale mit 
mehr als einer Kette geschlossen ist, auf das Verhältnis zu Vater und 
Mutter. Jede Psychoanalyse, die einigermaßen gründlich durchgeführt 
ist, zeigt die Regression mehr oder minder deutlich. EineBesonderheit, 
die auch aus den Arbeiten und Ansichten Freuds hervorleuchtet, ist 
der Umstand, daß namentlich die Beziehung zum Vater eine über- 

*) Vgl. besonders Freud, Die Traumdeutung. II. Auflage. Deuticke. Wien 
1909. 

2 ) Libido ist das, was die älteren Psychiater „Wollen" und „Streben" 
nannten. Der Freudsche Ausdruck ist eine denominatio a potiori. 



156 C. G. Jnng. 

wiegende Bedeutung zu besitzen scheint. Diese Bedeutung des Vaters 
für die Prägung der kindlichen Psychosexualität finden wir auf einem 
ganz andern Gebiete wieder und zwar auf dem entlegenen Gebiete 
der Familienforschung *). Die neuesten grundlegenden Forschungen 
zeigen den oft jahrhundertelang vorherrschenden Einfluß des Vater- 
charakters in einer Familie. Die Mütter scheinen in der Familie weniger 
zu bedeuten. Wenn dies schon auf dem Gebiete der Vererbung der 
Fall ist, wieviel mehr dürfen wir erwarten von den psychologischen 
Einflüssen, die vom Vater ausgehen. Diese Erfahrungen und nicht 
zum. mindesten eine gemeinsam mit Dr. Otto Groß durchgeführte 
Analyse haben mir die Berechtigung dieser Anschauung eindringlich 
nahegelegt. Erheblich gefördert und vertieft wurde das Problem durch 
die Untersuchungen meiner Schülerin, Fräulein Dr. E. Fürst, über 
die familiäre Übereinstimmung im Reaktionstypus 2 ). Fürst hat bei 
100 Versuchspersonen, die 24 Familien angehörten, Assoziations- 
versuche aufgenommen. Von dem umfangreichen Material sind bis 
jetzt erst die Ergebnisse bei 9 Familien mit 37 Versuchspersonen (sämt- 
lich Ungebildete) bearbeitet und herausgegeben. Die sorgfältigen Be- 
rechnungen erlauben aber bereits einige bemerkenswerte Schlüsse. 
Die Assoziationen wurden auf Grund des von mir vereinfachten und 
modifizierten Kraepelin-Aschaffenburgschen Einteilungsschema klassi- 
fiziert, sodann wurde die Differenz jeder Qualitätsgruppe einer Versuchs- 
person mit der entsprechenden Gruppe jeder anderen Versuchsperson 
berechnet. Daraus ergaben sich schließlich Mittelzahlen der Differenz 
im Reaktionstypus überhaupt. Das Resultat ist folgendes: 

Nichtverwandte Männer differieren unter sich um 5,9 
Nicht verwandte Frauen differieren unter sich um 6,0 
Verwandte Männer differieren unter sich um ... 4,1 
Verwandte Frauen differieren unter sich um . . . 3,8 



') Sommer, Familienforschung und Vererbungslehre. Barth. Leipzig 1907. 
— Joerger, Die Familie Zero. Aren. f. Rassen- und Gesellschaftsbiologie. 1905. — 
M. Ziermer (Pseudonym), Genealogische Studien über die Vererbung geistiger 
Eigenschaften. Arch. f. Rassen- und Oesellschaftsbiologie. 1908. 

2 ) E. Fürst, Statistische Untersuchungen über Wortassoziationen und über 
!u miliare Übereinstimmung im Reaktionstypus bei Ungebildeten. X. Beitrag der 
diagnostischen Assoziationsstudien herausgegeben von Pr. C G. Jung. Journal 
tür Psychologie und Neurologie. l*d- I X\ 19**7 . (Krachend HpfiUr im Fl. Hand der 
-«igefccbenen ?-\*ui ntiunu.. ) 

r*. 0. .i -ii«; 4>-scx-iationM H*lI:Vs r.^-'UVy. Anh. d- iVyrteJ. T. V!l. 1 >'>7. 



Die Bedeutung des Vaters fiir das Schicksal des Einzelnen. 157 

Verwandte und besonders verwandte Frauen haben also durch- 
schnittlich Ähnlichkeit im Reaktionstypus. Diese Tatsache will besagen, 
daß die psychologische Einstellung von Verwandten relativ wenig 
differiert. Bei der Untersuchung der verschiedenen Verwandtschafts- 
verhältnisse ergab sich folgendes: 

Die mittlere Differenz des Gatten und der Gattin beträgt: 4,7. 
Der Streuungswert dieser Mittelzahl ist aber 3,7, also ein sehr hoher 
Betrag, was bedeuten will, daß die Mittelzahl 4,7 aus sehr ungleich- 
artigen Zahlen zusammengesetzt ist: es gibt Ehen mit sehr großer 
Übereinstimmung im Reaktionstypus und solche mit sehr geringer. 
Im ganzen stehen sich aber Väter und Söhne und Mütter und 
Töchter beträchtlich näher. 

Die Differenz von Vätern und Söhnen beträgt 3,1 
Die Differenz von Müttern und Töchtern beträgt 3,0. 

Ausgenommen einige Fälle von Ehegatten (deren Differenz bis 
auf 1,4 heruntergehen kann) sind dies mit die niedersten Differenz- 
zahlen. Darunter weist die Fürstsche Arbeit sogar einen Fall auf, wo 
die 45jährige Mutter und die 16jährige Tochter bloß um 0,5 differieren. 
Gerade in diesem Falle differieren aber Mutter und Tochter um 11,8 
vom Typus des Vaters. Der Vater ist ein roher und dummer Mensch, 
dazu Potator, die Mutter geht zur „Christian Science". Diesem Um- 
stand entspricht die Tatsache, daß Mutter und Tochter einen extremen 
Wertprädikattypus 1 ) aufweisen, der nach meiner Erfahrung semiotisch 
wichtig ist für die Diagnose einer mangelhaften Besetzung des Sexual- 
objektes. Der Wertprädikattypus wendet in offensichtlicher Weise 
eine übermäßige Gefühlsmenge nach außen und zeigt seine Gefühle 
mit dem uneingestandenen aber nichtsdestoweniger durchsichtigen 
Bestreben, beim Experimentator ein Gegengefühl zu wecken. Mit dieser 
Ansicht läßt sich die Tatsache, daß beim Fürstschen Material die Anzahl 
der Wertprädikate mit dem Alter der Versuchspersonen zunimmt, 
unschwer vereinigen. (Verg. 1. c.) 

Die Tatsache der erheblichen Ähnlichkeit zwischen dem Reaktions- 
typus der Nachkommenschaft und dem der Eltern gibt zu denken. Das 
Assoziationsexperiment ist gar nichts anderes als ein kleiner Ausschnitt 
aus dem psychologischen Leben eines Menschen. Das tagtägliche Leben 
ist im Grunde genommen nichts anderes als ein ausgedehntes und viel- 

*) Ich verstehe unter diesem Typus Reaktionen, die zum Reizwort immer 
statt einer objektiven Beziehung ein subjektiv betontes Prädikat fügen, z. B. : 
Blume: angenehm; Presch: abscheulich; Klavier: schrecklich; Salz: schlecht: 
8ingen: lieblich; Kochen: nützlich. 



158 C. G. Jung. 

fach variiertes Assoziationsexperiment, und im Prinzip reagieren wir 
hier wie dort, wie wir eben sind. So einleuchtend diese Wahrheit auch 
ist, so bedarf sie doch einer gewissen Überlegung und Einschränkung. 
Nehmen wir als Beispiel den oben erwähnten Fall der 45jährigen, 
unglücklichen Mutter und der 16jährigen ledigen Tochter. Der extreme 
Wertprädikattypus der Mutter ist zweifelsohne der Niederschlag eines 
ganzen Lebens voll getäuschter Hoffnungen und Wünsche. Hier wundert 
einen der Wertprädikattypus nicht im mindesten. Die 16jährige Tochter 
aber hat ja noch gar nicht eigentlich gelebt; ihr reales Sexualobjekt 
ist noch gar nicht gefunden, und doch reagiert sie so, wie wenn sie die 
Mutter wäre und ebenfalls zahllose Enttäuschungen hinter sich hätte. 
Sie hat die Einstellung der Mutter, insofern ist sie mit der Mutter 
identifiziert. Die Einstellung der Mutter aber ist auf das Verhältnis 
zum Vater zu beziehen und dies mit aller Evidenz. Die Tochter ist aber 
mit dem Vater nicht verheiratet und bedürfte dieser Einstellung darum 
nicht. Sie hat aus Milieueinfluß diese Einstellung angenommen und 
wird sich später mit dieser familiären Bruchfläche der Welt an- 
zupassen suchen. In dem Grade, wie eine unpassende Ehe unzweck- 
mäßig ist, wird auch die daraus resultierende Einstellung unzweck- 
mäßig sein und um sich anzupassen, wird dieses Mädchen im späteren 
Verlaufe seines Lebens über die Hindernisse seines familiären Milieus 
hinübersteigen müssen; oder sie wird nicht darüber hinwegkommen 
und dann dem Schicksal verfallen, das durch eine solche 
Einstellung vorbereitet ist. 

Es gibt für ein solches Schicksal natürlich unendliche Möglich- 
keiten. Die Glättung der infantilen Bruchfläche, die Auffüllung des 
Negativs des Elterncharakters kann, von der Umgebung unbemerkt, 
im Innern des Menschen vorgehen, in Gestalt von ihm selbst unver- 
standener Hemmungen und Kämpfe. Oder der Heranwachsende 
gerät in schmerzhaften Konflikt mit der Welt der Dinge, in die er 
nirgends hineinpaßt, und ein Schicksalsschlag nach dem anderen muß 
ihm allmählich die Augen öffnen über seine infantile, schlecht an- 
gepaßte Eigenart. Die Quelle der infantilen Anpassung an die Eltern 
ist natürlich die affektive Beziehung von beiden Seiten, d. h. die Psycho- 
ßexualität der Eltern einerseits und die des Kindes anderseits. Es ist 
eine Art psychischer Ansteckung, von der wir ja wissen, daß nicht 
logische Wahrheiten, sondern Affekte und deren körperlicheÄußerungen 1 ) 

*) Vgl. Vigouroux et Juqueliers, LaJOontagion mentale. Chapifcre 
VI. Doin. Paris. 1905. 



Die Bedentang des Vaters für das Schicksal des Einzelnen. 159 

ihre wirkenden Kräfte sind. Diese sind es, die dem Kinde mit der Kraft 
des Herdeninstinktes sich in die Seele drängen, sie formen und prägen. 
In der bildsamsten Zeit vom 1. — 5. Jahre dürften alle wesentlichen 
Bildungslinien, die genau auf die elterliche Matrize passen, sich heraus- 
gearbeitet haben, denn, wie uns die psychanalytische Erfahrung lehrt, 
fallen in der Regel die ersten Anzeichen des späteren Konfliktes zwischen 
Elternkonstellation und individueller Selbständigkeit, des Kampfes 
zwischen Verdrängung und Libido (Freud) vor das 5. Lebensjahr. 

Ich möchte im folgenden an der Hand einiger Anamnesen zeigen, 
wie die besprochene Elternkonstellation die Anpassung der Nach- 
kommenschaft hindert. Ich begnüge mich damit, bloß die Hauptereig- 
nisse des Lebens darzustellen, d. h. also die Erlebnisse der Sexu- 
alität, 

Erster Fall. 55 jährige, gut erhaltene Frau ; ärmlich aber sorgfältig, 
mit einer gewissen Eleganz in Schwarz gekleidet, sorgsam frisiert; höf- 
liche, deutlich gezierte Manieren, auch die Sprache gewählt, devot. 
Die Patientin könnte die Frau eines kleinen Beamten oder Kaufmannes 
sein. Sie gibt aber an, geschiedene Frau eines gewöhnlichen Bauers 
zu sein, wobei sie stark errötet und die Augen niederschlägt. Sie kommt 
in die Poliklinik wegen Depression, nächtlicher Angst, Palpitationen, 
leichter nervöser Zuckungen in den Armen; sie zeigt also das typische 
Bild einer leichten klimakterischen Neurose. Zur Vervollständigung 
des Bildes fügt sie bei, daß sie an heftigen Angstträumen leide, es 
komme ihr im Traume vor, es springe ihr Einer nach, auch wilde Tiere 
überfallen sie, usw. 

Ihre Anamnese beginnt mit der Familiengeschichte. (Ich repro- 
duziere soviel wie möglieh die Worte der Patientin) : Ihr Vater war ein 
großer, stattlicher, etwas korpulenter Mann von imposantem Aussehen. 
Er war mit der Mutter sehr glücklich verheiratet, denn die Mutter 
verehrte ihn. Er war ein gescheiter Mann, ein Handwerksmeister, 
und hatte ein würdevolles Auftreten. Es waren bloß 2 Kinder da, die 
Patientin und eine ältere Schwester. Die Schwester war der Liebling 
der Mutter und Patientin der Liebling des Vaters. Als Patientin 5 Jahre 
alt war, starb der Vater plötzlich an einem Schlaganfalle im Alter 
von 42 Jahren. Patientin fühlte sich vereinsamt und von da an auch 
von der Mutter und der älteren Schwester als Aschenbrödel behandelt. 
Sie merkte ganz gut, daß die Mutter die ältere Schwester besser mochte 
als sie. Die Mutter blieb Witwe, da ihre Verehrung für den Vater viel zu 
1 1 



160 C. G. Jung. 

groß gewesen sei, als daß sie einen zweiten Mann hätte heiraten können. 
Sie habe das Andenken des Vaters „wie mit einem religiösen Kultus" 
umgeben und in diesem Sinne auch ihre Kinder erzogen. 

Später heiratete die Schwester relativ bald, Patientin heiratete 
erst mit 24 Jahren. Sie hatte nie Gefallen an jungen Männern gefunden, 
die kamen ihr alle zu fad vor; dagegen war ihr Sinn immer auf reifere 
Männer gerichtet, Sie lernte auch mit zirka 20 Jahren einen etwas 
über 40 Jahre alten, stattlichen Herrn kennen, dem sie sehr zugetan 
war. Aus verschiedenen Gründen zerschlug sich aber das Verhältnis. 
Als sie 24 Jahre alt war, lernte sie einen Witwer kennen, der 2 Kinder 
hatte. Der Mann war groß, stattlich, etwas korpulent und auch eine 
imponierende Figur wie der Vater, außerdem 44 Jahre alt. Diesen 
Mann heiratete sie und habe ihm mit großer Verehrung angehangen. 
Die Ehe blieb kinderlos und die beiden Kinder erster Ehe des Mannes 
starben an einer ansteckenden Krankheit. Nach 4jähriger Ehe starb 
der Mann an einem Schlaganfalle. 18 Jahre lang blieb sie ihrem Manne 
eine treue Witwe. Mit 46 Jahren aber {dicht vor dem Tore der Meno- 
pause) habe sich ein großes Liebesbedürfnis gemeldet. Da sie keine 
Bekanntschaft hatte, wendete sie sich an eine Heiratsvermittlung und 
heiratete den ersten besten, d. h. einen etwa 60jährigen Bauern, der 
schon zweimal wegen Roheit und Verschrobenheit gerichtlich war 
geschieden worden, was Patientin schon vor der Hochzeit wußte. Bei 
diesem Manne hielt sie 5 unerträgliche Jahre aus, bis sie sich schließlich 
auch scheiden ließ. Einige Zeit nach der Scheidung setzte die Neu- 
rose ein. 

Epikrise. Für den Leser mit psychanalytischer Erfahrung 
erübrigt sich alle weitere Erörterung. Der Fall ist zu durchsichtig. 
Für die der Psychoanalyse unkundigen Leser hebe ich hervor, daß die 
Patientin bis zu ihrem 46. Lebensjahre eigentlich nichts anderes erlebte, 
als eine möglichst getreue Kopie des Milieus ihrer frühesten Jugend. 
Die endlich zu spät und zu dringlich sich meldende Sexualität führt 
noch zu einer verschlechterten Auflage des Vatersurrogates, womit 
Patientin um die Spätblüte ihrer Sexualität gebracht wird. Die Neurose 
zeigt die unter der Verdrängung noch flackernde Erotik der alternden 
Frau, die noch immer gefallen möchte (Geziertheit), ihre Sexualität 
sich aber nicht einzugestehen wagt. 

Zweiter Fall. 34jähriger Mann von kleiner Statur und klugem, 
gutmütigem Gesichtsausdrucke. Er ist leicht verlegen, errötet öfters. 



Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen. 161 

Patient kommt zur Behandlung wegen „Nervosität". Er sei sehr reizbar, 
leicht ermüdbar, habe nervöse Magenstörungen, oft tief verstimmt, 
so daß er schon öfters an Selbstmord gedacht habe. 

Bevor der Mann in meine Behandlung trat, hat er mir ein um- 
fängliches Schriftstück, eine Autobiographie oder vielmehr seine eigene 
Krankengeschichte zugesendet, um mich auf seinen Besuch vorzu- 
bereiten. Seine Geschichte hub folgendermaßen an: „Mein Vater war 
ein sehr großer und starker Mann." Dieser Satz rief meine Neugier 
wach; ich schlug eine Seite um und da stand auch schon: „Als ich 
15 Jahre alt war, nahm ein großer 19 jähriger Bursche mich mit in 
den Wald und verging sich sittlich an mir." 

Die vielen Lücken der Krankengeschichte veranlaßten mich, eine 
genauere Anamnese von dem Manne zu erheben, die zu folgenden 
bemerkenswerten Ergebnissen führte: 

Patient ist der jüngste von 3 Brüdern. Der Vater, ein großer, 
rothaariger Mann, war ein ehemaliger Soldat der päpstlichen Schweizer- 
garde, später war er Polizist geworden. Er war ein strenger, bärbeißiger 
Militär, seine Söhne erzog er mit militärischem Drill; er kommandierte, 
rief sie nicht beim Namen, sondern pfiff den Jungen. Seine Jugend hatte 
er in Eom verlebt und von den Stürmen jener Zeit zeugte eine Lues, 
an deren Folgen er noch in vorgerücktem Alter laborierte. Auch wußte 
er von seinen damaligen Abenteuern zu erzählen. Sein ältester Sohn 
(beträchtlich älter als Patient) glich ihm völlig, er war groß, stark 
und hatte rötliches Haar. Die Mutter war eine kränkliche, früh ge- 
alterte Frau, erschöpft und lebensmatt imd starb mit 40 Jahren, als 
Patient 8 Jahre alt war. Patient bewahrt seiner Mutter ein zärtliches 
und schönes Andenken. 

Als Patient in die Schule kam, war er immer der Prügeljunge und 
immer der Gegenstand des Spottes seitens 'der Mitschüler. Patient 
meint, sein andersartiger Dialekt trage die Schuld daran. Später kam 
er in die Lehre zu einem strengen und bösen Meister, bei dem er mehr 
als 2 Jahre unter den kärglichsten Umständen aushielt, was ihm keiner 
der anderen Lehr jungen nachmachte, denn alle liefen sie vorher davon. 
Mit 15 Jahren passierte das oben erwähnte Attentat, an das sich noch 
einige kleinere homosexuelle Extravaganzen schlössen. Dann verschlug 
ihn das Schicksal nach Frankreich, Dort machte er die^Bekanntschaft 
eines Südfranzosen, eines großen Renommisten und Sexualheld eil. Der 
schleppte ihn ins Bordell, wohin Patient widerwillig ging, bloß weil 
er äich vordem andern genierte. Er war dort auch impotent,. Später kam 

J.ihrbuch für psychoj-nalyt. \i, pgychoputhol. Forschungen;. I. I * 



162 C. G. Jung. 

er nach Paris, wo sein ältester Bruder (das Abbild des Vaters) Maler- 
meister war und ein liederliches Leben führte. Dort blieb Patient lange 
bei schlechtem Lohne und half mitleidig seiner Schwägerin. Der Bruder 
schleppte ihn oft ins Bordell und immer war Patient impotent. Einmal 
verlangte der Bruder von ihm, er solle ihm sein Erbteil, 6000 Franken 
geben. Patient beriet sich vorher mit dem zweiten Bruder, der ebenfalls 
in Paris war. Der riet ihm dringend ab, dem Bruder das Geld zu geben, 
weil der es doch nur verlottere. Darauf ging Patient hin und gab dem 
Bruder sein Erbe und der verjubelte es binnen kurzem. Und der zweite 
Bruder, der abgeraten hatte, fiel dabei auch noch mit 500 Franken herein. 
Auf meine erstaunte Zwischenfrage, warum er denn dem Bruder das 
Geld so leichten Herzens, ohne Garantie gegeben habe, meinte er: Er 
habe es eben verlangt, das Geld reue ihn nicht im geringsten; er würde 
ihm noch einmal 6000 Franken geben, wenn er sie hätte. Der älteste 
Bruder kam ganz herunter und seine Frau ließ sich von ihm scheiden. 
Patient ging wieder in die Schweiz zurück und war 1 Jahr ohne regel- 
mäßigen Verdienst und oft litt er Hunger. In dieser Zeit lernte er eine 
Familie kennen, in der er viel verkehrte. Der Mann war ein verschro- 
bener Sektierer und Heuchler und vernachlässigte die Familie. Die 
Frau war ältlich, krank und schwach und zu alledem in der Hoffnung. 
Es waren 6 Kinder da und es herrschte große Armut. Zu dieser Frau 
faßte Patient eine warme Zuneigung und teilte mit ihr das Wenige, 
das er besaß* Die Frau klagte ihm ihr Leid und sagte ihm, daß sie 
im Wochenbette sterben werde. Da versprach er ihr (er, der gar nichts 
besaß), die Kinder zu sich zu nehmen und zu erziehen. Die Frau starb 
richtig im Wochenbette. Das Waisenamt mischte sich jetzt aber drein 
und ließ dem Patienten nur 1 Kind. Er hatte nun ein Kind, aber keine 
Familie und konnte natürlich das Kind allein nicht aufziehen. Er 
kam daheT auf den Gedanken zu heiraten. Da er sich aber bis dahin 
überhaupt noch nie in ein Mädchen verliebt hatte, so war er in 
großer Verlegenheit. Da fiel ihm ein, daß sein älterer Bruder sich 
von seiner Frau geschieden hatte, und er beschloß, sie zu heiraten. 
Er schrieb der Frau nach Paris seine Absicht. Sie war zwar 17 Jahre 
älter als er, aber dem Plane nicht abgeneigt. Sie lud ihn ein, zur Be- 
sprechung der Sache nach Paris zu kommen. Am Abend vor der 
Abreise aber wollte es das Schicksal, daß er sich einen großen eisernen 
Nagel durch den Fuß trat, so daß er nicht reisen konnte. Nach einiger 
Zeit, als die Wunde geheilt war, reiste er doch und fand, daß er ßich 
seine Schwägerin und jetzige Braut doch jünger und schöner vorgestellt 



Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen. 163 

hatte, als sie in Wirklichkeit war. Die Hochzeit fand statt und ein 
Vierteljahr später auch der erste Koitus auf Initiative der Frau. 
Er selber trug kein Verlangen danach. Sie erzogen nun zusammen 
das Kind, er auf schweizerisch und sie auf pariserisch, da sie eine 
Französin war. Als das Kind 9 Jahre alt war, lief es einem Velofahrer 
ins Rad und wurde getötet. Da wurde es dem Patienten sehr einsam 
und sonderbar zu Hause. Er schlug seiner Frau vor, sie wollten eine junge 
Magd ins Haus nehmen, worauf sie in wilde Eifersucht ausbrach. Da, 
zum erstenmal in seinem Leben, verliebte er sich in ein junges Mädchen 
und zugleich setzte die Neurose ein mit tiefer Depression und nervöser 
Erschöpfung, denn sein Leben zu Hause war mittlerweile zur Hölle 
gediehen. 

Mein Vorschlag, sich von der Frau zu trennen, wurde rundweg 
abgelehnt mit der Begründung, das könne er nicht auf sich nehmen, 
daß die alte Frau wegen ihm noch unglücklich würde. Er zieht also 
offenbar vor, sich noch weiter quälen zu lassen, denn die Erinnerung 
an seine Jugend scheint ihm lieber zu sein als alle Freuden der 
Gegenwart. 

Epikrise: Dieser Fall bewegt sich ebenfalls sein ganzes bisheriges 
Leben hindurch im Zauberkreise der familiären Konstellation. Am 
stärksten und verhängnisvollsten dominiert das Verhältnis zum Vater, 
dessen masochistisch-homosexuelle Färbung überall deutlich hervor- 
tritt. Selbst die überaus unglückliche Heirat ist durch den Vater 
determiniert, indem Patient die geschiedene Frau seines ältesten Bruders 
heiratet, d. h. so viel wie seine Mutter. Zugleich ist die Frau auch die 
Vertreterin des Muttersurrogates der im Wochenbette verstorbenen 
Freundin. Die Neurose tritt auf im Momente, wo sich die Libido aus 
dem infantil konstellierten Verhältnis in offenkundiger Welse zurück- 
zieht und zum erstenmal im Leben sich dem individuell determinierten 
Sexualziel nähert. In diesem wie im vorliegenden Falle erweist sich 
die familiäre Konstellation als bei weitem stärker, so daß dem Streben 
der Individualität bloß der schmale Raum der Neurose bleibt. 

Dritter Fall 36jährige Bauernfrau, von mittlerer Intelligenz, 
gesundem Aussehen und kräftiger Statur, Mutter von 3 gesunden 
Kindern. Geordnete ökonomische Verhältnisse. Patientin kommt zur 
poliklinischen Behandlung aus folgenden Gründen: Seit einigen Wochen 
ist ihr so merkwürdig schwer und bang, sie schläft schlecht, hat ängst- 
liche Träume und auch untertags befällt sie öfters Angst und Depression. 
1 < , 11* 



164 C. G. Jung. 

Alle diese Erscheinungen sind angeblich grundlos, sie müsse sich selber 
darüber wundern und dem Manne ganz recht geben, der immer sage, 
es sei Einbildung und Unsinn. Aber sie komme einfach nicht darüber 
hinweg. Oft befielen sie auch sonderbare Gedanken, sie müsse sterben, 
dann werde sie in die Hölle kommen. Mit dem Manne komme sie sehr 
gut aus. 

Die psychanalytische Aufklärung des Falles ergab zunächst 
folgendes: Vor einigen Wochen seien ihr fromme Traktate, die schon 
seit längerer Zeit ungelesen im Hause lagen, in die Hände gefallen. Dort 
habe sie gelesen, man komme in die Hölle, wenn man fluche. Das sei 
ihr schwer aufs Herz gefallen und seither müsse sie immer denken, sie 
sollte die Menschen eigentlich am Fluchen hindern, sonst komme sie auch 
in die Hölle. Etwa 14 Tage bevor sie diese Schriften las, war ihr Vater, 
der in ihrer Familie lebte, plötzlich an einem Schlage gestorben. Sie war 
im Momente des Todes nicht zugegen, sondern kam erst dazu, als der 
Vater schon tot war. Ihr Schrecken und ihre Trauer seien groß gewesen. 

An den dem Todesfalle folgenden Tagen dachte sie viel daran, 
wie der Vater so plötzlich habe sterben müssen. Während dieser Medita- 
tionen fiel ihr plötzlich ein, daß das letzte Wort, das sie vom Vater 
vor dem Tode noch gehört hatte, lautete: „Ich gehöre auch zu denen, 
die dem Teufel vom Karren gefallen sind." Diese Erinnerung erfüllte 
sie mit Besorgnis, und sie erinnerte sich daran, wie der Vater oft wüste 
Flüche ausgestoßen hatte. Sie dachte auch daran, ob es wohl ein Leben 
nach dem Tode gebe, ob der Vater jetzt wohl im Himmel oder in der 
Hölle sei. Während dieses Nachgrübelns fielen ihr die frommen Traktate 
in die Hände und sie begann darin zu lesen bis zur Stelle, wo es hieß, 
daß die Flucher in die Hölle kommen. Da befiel sie eine große Bangigkeit 
und Angst, sie überhäufte sich mit Selbstvorwürfen, sie hätte den Vater 
am Fluchen hindern sollen und hätte es sträflicherweiße unterlassen. 
Dafür müsse sie sterben und werde in die Hölle verdammt. Von Stund' 
an war sie traurig, grüblerisch, plagte den Mann mit ihren Zwangsideen 
und floh alle Fröhlichkeit und Geselligkeit. 

Die Lebensgeschichte der Patientin (zum Teil mit ihren 
eigenen Worten reproduziert) ist folgende: 

Patientin ist von 5 Geschwistern das jüngste und war immer der 
Liebling des Vaters. Der Vater tat ihr alles zuliebe, was er nur 
konnte. Wenn sie z. B. ein neues Kleid wünschte, und die Mutter ihr 
diesen Wunsch abschlug, so konnte sie sicher sein, daß es der Vater das 
nächste Mal aus der Stadt mitbrachte. Die Mutter starb ziemlich früh. 



Die Bedeutung des Vaters tür das Schicksal des Einzelnen. 165 

Mit 24 Jahren heiratete Patientin den Mann ihrer Wahl gegen den 
Willen des Vaters. Der Vater war einfach mit ihrer Wahl nicht 
einverstanden, obschon er nichts Spezielles gegen den Mann einwenden 
konnte. Nach der Hochzeit nahm sie den Vater zu sich ins Haus. Das 
verstand sich, wie Patientin meint, von selbst, denn die anderen 
Geschwistern hätten nichts davon gesagt, daß sie den Vater wollten. 
Der Vater war nämlich ein händelsüchtiger Flucher und Schnaps- 
säufer. Gatte und Schwiegervater vertrugen sich, wie leicht verständlich, 
gar nicht. Immer gab es Zank und Wortwechsel, aber Patientin holte 
dazu dem Vater getreulich den Schnaps im Wirtshaus. Patientin findet 
zwar ihren Mann „recht". Er ist ein braver und geduldiger Mann, der 
nur den einen Fehler hat, daß er dem Vater zu wenig gehorcht. Patientin 
findet das unbegreiflich und würde es lieber sehen, wenn ihr Mann sich 
dem Vater unterwürfe. Der Vater ist eben immer doch der Vater. An den 
häufigen Streitszenen beteiligte sie sich als unterstützende Partei des 
Vaters. Trotzdem gegen ihren Mann nichts einzuwenden ist und er auch 
meistens mit seinen Reklamationen recht hat, muß man doch dem 
Vater helfen. 

Schon früh kam es öfters dazu, daß Patientin es als Unrecht gegen- 
über dem Vater empfand, daß sie gegen seinen Willen geheiratet hatte 
und oftmals fühlt« sie nach einer Zänkerei, daß ihre Liebe zum Manne 
gänzlich verschwand. Und seitdem der Vater tot ist, kann sie den 
Mann überhaupt nicht mehr lieben, denn er war mit seinem Ungehorsam 
die häufigste Ursache zu den Wut- und Fluchanfällen des Vaters gewesen. 
Einmal wurde dem Manne der Unfriede doch zu arg und er bewog die 
Frau, den Vater in ein anderes Logis zu bringen. Dort wohnte der Vater 
2 Jahre lang. In dieser Zeit lebten die Gatten friedlich und glücklich. 
Allmählich aber stellten sich bei Patientin Vorwürfe ein, sie dürfe den 
Vater nicht allein wohnen lassen, er sei trotz allem der Vater. Und schließ- 
lich holte sie trotz den Protesten des Mannes ihn wieder zurück, weil sie, 
wie sie sagt, den Vater im Grunde genommen mehr liebt wie den Mann. 
Kaum war der Alte im Hause, so hob auch der Krieg wieder an. Und so 
ging es bis zum plötzlichen Tode des Vaters. 

Nach dieser Erzählung brach Patientin in eine Eeihe von Klagen 
aus: Sie müsse sich von dem Manne scheiden lassen; sie hätte es schon 
längst getan, wenn die Kinder nicht wären. Sie habe nämlich ein großes 
Unrecht, eine schwere Sünde begangen damit, daß sie ihren Mann gegen 
den Willen des Vaters geheiratet habe. Sie hätte den Mann nehmen 
sollen, den ihr der Vater vorgeschlagen hat. Der hätte dem Vater gewiß 



166 CG. Jung. 

gehorcht und dann wäre ja alles gut gewesen. — Ach, der Mann sei lange 
nicht so gut wie der Vater, beim Vater habe sie alles erzwingen können, 
beim Manne aber nicht- Der Vater habe ihr alles gegeben, was sie 
wünschte. Sie möchte jetzt am liebsten sterben, damit sie 
beim Vater wäre. 

Nachdem diese Exklamationen vorüber waren, erkundigte ich 
mich neugierig, aus was für Gründen sie den vom Vater proponierten 
Bräutigam ausgeschlagen habe? 

Der Vater, ein kleiner Bauer auf einem mageren Gütchen, hatte 
zur Zeit, als seine jüngste Tochter auf die Welt kam, ein Findelkind, 
einen armseligen, kleinen Jungen, als Knecht angenommen. Der Knabe 
entwickelte sich in unerfreulicher Weise : Er war so dumm, daß er weder 
lesen noch schreiben, noch überhaupt recht reden lernte. Er war ein 
ausgemachter Trottel. Als er sich dem Mannesalter näherte, entwickelte 
sich an seinem Halse eine Reihe von Drüsen, von denen sich einige 
öffneten und unaufhörlich eine eitrige Flüssigkeit entleerten, was dem 
so wie so schmutzigen und häßlichen Menschen ein abschreckendes 
Äußeres verlieh. Mit dem Alter war sein Verstand nicht gewachsen, 
und deshalb blieb er als Knecht ohne bestimmten Lohn auf dem Hofe 
des Bauern. 

Diesem Jünglinge wollte der Vater seine Lieblings- 
tochter zur Frau geben. 

Damit war das Mädchen glücklicherweise nicht einverstanden, 
aber jetzt muß sie es bedauern, denn dieser Idiot hätte dem Vater un- 
zweifelhaft mehr gehorcht als ihr braver Mann. 

Epikrise: Bei diesem Tat bestände muß noch einmal ausdrück- 
lich betont werden, daß diese Patientin ebensowenig wie der vorher- 
gehende Fall, schwachsinnig ist. Beide verfügen über eine normale 
Intelligenz, die aber mit den Scheuklappen der infantilen Konstellation 
versehen ist. Das geht mit ganz besonderer Evidenz aus dieser Kranken- 
geschichte hervor. Der Vater geht diskussionslos über alles ! Es macht 
nicht das mindeste aus, daß er ein händelsüchtiger Trunkenbold, die 
offenkundige Quelle alles Haders und jeglichen Zerwürfnisses ist; im 
Gegenteil, der legitime Gatte muß sich sogar dem Popanz unterordnen 
und zum Schlüsse muß es die Patientin sogar noch bereuen, daß es dem 
Vater nicht gelungen ist, ihr Lebensglück ganz und gar zu vernichten. 
Dafür besorgt sie es jetzt selber durch ihre Neurose, die ihr den Wunsch 
aufdrangt, zu sterben, um in die Hölle zu kommen, wo sich — nota bene 
— auch schon der Vater befindet. 



Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen. 167 

Wenn wir je eine dämonische Schicksalsmacht am Werke sehen 
wollen, so sehen wir sie hier in diesen düstern und schweigsamen Tra- 
gödien, die sich langsam und qualvoll in den kranken Seelen unserer 
Neurotiker vollenden. Die Einen befreien sich Schritt für Schritt unter 
beständigem Kampfe gegen die unsichtbaren Mächte aus den Klauen 
des Dämons, der die Ahnungslosen von einem brutalen Schicksale ins 
andere zwängt; die anderen bäumen sich auf und gewinnen das Freie, 
um später, von der Schlinge der Neurose eingefangen, auf ihre alten 
Pfade zurückgeführt zu werden. Niemand darf einwenden, daß diese 
Unglücksmenschen eben Neurotiker oder „Degenerierte" seien. Wenn 
wir Normale unser Leben psychanalytisch durchforschen, so sehen auch 
wir, wie eine mächtige Hand uns unfühlbar zu Schicksalen leitet, und 
nicht immer ist diese Hand eine gütige zu nennen 1 ). Oft nennen wir 
sie die Hand Gottes oder die des Teufels, denn die Macht der infantilen 
Konstellation ist im Laufe der Jahrtausende zum beweiskräftigen Ma- 
teriale der Religionen geworden. 

Mit alledem will nicht gesagt sein, daß wir die Schuld der Erbsünde 
auf unsere Eltern abwälzen müssen. Ein empfindsames Kind, das mit 
größter Einfühlung die Unzweckmäßigkeiten der Eltern in seiner Seele 
nachbildet, trägt die Schuld am Verhängnisse in seiner Eigenart. Aber 
wie unser letzter Fall zeigt, ist dem nicht immer so, sondern die Eltern 
können auch (und tun es leider nur zu oft) das Schlimme in die Seele 
des Kindes hineinbilden, indem sie die Unmündigkeit ausnutzen, um das 
Kind zum Sklaven ihrer Komplexe zu machen. In unserem Falle ist 
dieses Beginnen des Vaters unzweifelhaft. Denn es bleibt nicht verborgen, 
zu welchem Zwecke er die Tochter diesem abschreckenden Scheinwesen 
vermählen wollte; Er wollte sie behalten und so dauernd zu 
seiner Sklavin machen. Was er tut, ist nichts als eine krasse Über- 
treibung dessen, was Tausende sogenannter anständiger und gebildeter 
Eltern tun, die den obligaten Erziehungsdusel mitmachen. Die Väter, 

*) „Inzwischen glauben wir unserer Taten in jedem Augenblicke Herr zu 
sein. Allein, wenn wir auf unseren zurückgelegten Lebensweg zurücksehen und 
zumal unsere unglücklichen Schritte nebst ihren Folgen ins Auge fassen, so be- 
greifen wir oft nicht, wie wir haben dieses tun und jenes unterlassen können, so 
daß es aussieht, als hätte eine fremde Macht unsere Schritte gelenkt. Deshalb sagt 
Shakespeare: 

„Fate show thy force: ourselves we do not owe; 
What is decreed must be, and be this so!" 
Schopenhauer: Über die anscheinende Absichtlichkeit im Schicksale 
des Einzelnen. Parerga und Paralipomena. 



168 C. G. Jung. 

die ihren Kindern alle selbständigen Gefühlsregungen abkritisieren, mit 
schlecht verhehlter Erotik und Gefühlstyrannei ihre Töchter ver- 
hätscheln, ihre Söhne bevormunden, in Berufe hineinpressen und 
schließlich „passend" verheiraten, und die Mütter, die ihre Kinder schon 
in der Wiege mit ungesunder Zärtlichkeit erhitzen, sie später zu leib- 
eigenen Puppen machen und dann schließlich mit Eifersucht die Erotik 
der Nachkommen durchwühlen, sie alle handeln im Prinzipe nicht anders 
als dieser dumme und rohe Bauer. 

Man wird sich fragen, worin die Zauberkraft der Eltern besteht, 
welche die Kinder oft zeitlebens an sie fesselt. Der Psychanalytiker 
weiß, daß es nichts als die Sexualität ist von beiden Seiten. 

Man sträubt sich ja immer noch, dem Kinde seine Sexualität 
zuzugestehen. Dies geschieht aber nur aus geflissentlicher Ignoranz, 
die sich heutzutage wieder einmal recht breit macht 1 ). 

Ich habe in den oben referierten Fällen keine eigentliche Analyse 
gegeben. Wir wissen darum nicht, was in diesen Schicksalsmenschen 
vorgegangen ist, als sie Kinder waren. Einen bis jetzt unerreicht tiefen 
Einblick in die Kinderseele, wie sie leibt und lebt, gibt die Publikation 
Freuds im I. Halbjahrband dieser Jahrbücher.. Wenn ich es wage, nach 
der meisterhaften Darstellung Freuds noch einen kleinen Beitrag zur 
Kenntnis der Kinderseele zu bringen, so geschieht es, weil mir psycho- 
analytische Kasuistik immer wertvoll erscheint. 

Vierter Fall. Sjähriger, intelligenter, etwas zart aussehender 
Knabe, wird wegen Enuresis von der Mutter zu mir gebracht. Während 
der Konsultation klammert sich der Junge immer an die Mutter, eine 
hübsche, jugendliche Frau. Die Ehe der Eltern ist glücklich, nur ist der 
Vater streng, und der Knabe (das älteste Kind) fürchtet ihn etwas. 



*) Man hat das am Amsterdamer Kongresse 1907 erlebt, wo ein hervor- 
ragender französischer Gelehrter versicherte, daß die Freudsche Lehre nur 
„une plaisanterie" sei. Dieser Herr hat nachweisbar weder Freuds 
neuere Schriften noch die meinigen gelesen, versteht also von der 
Sache weniger als ein unmündiges Kind. Diesem, so ausgezeichnet fun 
damentierten Urteile schließt sich mit Applaus ein bekannter deutscher Pro- 
fessor in seinem Kongreßberichte an. Vor solcher Gründlichkeit muß man sich 
beugen. — Am gleichen Kongresse verewigte ein anderer namhafter deutscher 
Neurologe seinen Namen mit folgendem geistvollen Baisonnement: 

,,Wenn die Hysterie nach Freuds Auffassung tatsächlich auf verdrängten 
Affekten beruht, dann müßte ja die ganze deutsche Armee hysterisch sein." 



Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen. 169 

Die Mutter kompensiert die Strenge des Vaters mit entsprechender 
Zärtlichkeit, die der Junge dadurch beantwortet, daß er der Mutter 
überhaupt nie von der Schürze geht. Nie spielt er mit seinen Schul- 
kameraden, nie geht er allein auf die Straße, wenn er nicht gerade in die 
Schule muß. Die Roheit und Gewalttätigkeit der Schuljungen fürchtet 
er und zieht zu Hause sinnige Spiele vor oder hilft der Mutter bei weib- 
lichen Hausarbeiten. Auf den Vater ist eT äußerst eifersüchtig; er kann es 
nicht leiden, wenn der Vater mit der Mutter zärtlich ist. 

Ich nahm den Jungen beiseite und fragte ihn nach seinen 
Träumen: 

Er träumt sehr oft von einer schwarzen Schlange, die ihn 
ins Gesicht stechen will. Dann schreit er auf und die Mutter muß aus dem 
Nebenzimmer zu ihm ans Bett kommen. 

Abends geht er ruhig ins Bett. Beim Einschlafen aber ist es ihm, 
als ob ein böser schwarzer Mann mit einem Säbel oder einer 
Flinte auf seinem Bette läge — ein großer, magerer Mann, der 
ihn töten will. 

Im Nebenzimmer schlafen die Eltern. Es träumt ihm oft, als 
passiere drüben etwas Schreckliches, als seien drüben große schwarze 
Schlangen oder böse Männer, die die Mama töten wollen. 
Dann muß er schreien und dann kommt die Mutter, um ihn zu trösten. 

Jedesmal, wenn er naß gemacht hat, ruft er die Mutter, die ihn 
trocken legen muß. 

Der Vater ist ein großer, magerer Mann. Jeden Morgen stellt er 
sich nackt vor den Augen des Jungen an den Waschtisch, um eine große 
Waschung vorzunehmen. Der Junge erzählt mir auch, daß er nachts 
oft plötzlich aus dem Schlafe auffahre an einem sonderbaren Geräusch 
im Nebenzimmer, dann sei ihm immer furchtbar Angst, wie wenn dort 
etwas Ängstliches geschähe, ein Kampf — aber die Mutter beruhige ihn, 
es sei nichts. 

Es ist ohne Schwierigkeit ersichtlich, woher die schwarze Schlange 
kommt und wer der böse Mann ist und was im Nebenzimmer geschieht. 
Ebenso ist leicht verständlich, was der Knabe bezweckt, wenn er die 
Mutter zu sich ruft: er ist eifersüchtig und trennt sie vom Vater. Das 
tut er ja auch tagsüber, sobald der Vater zärtlich wird. Insofern ist der 
Kleine nichts anderes als der mit dem Vater rivalisierende Liebhaber 
der Mutter. 

Nun kommt aber dazu die Tatsache, daß die Schlange und der 
böse Mann auch ihn bedrohen, es geschieht ihm das Gleiche, was der 



170 C. G. Jung. 

Mutter im Nebenzimmer. Er identifiziert sich also mit der Mutter 
und begibt sich so in ein ähnliches Verhältnis zum Vater wie die Mutter. 
Das ist seine homosexuelle Komponente, die dem Vater gegenüber 
weiblich fühlt. Was die Enuresis in diesem Falle bedeutet, ist vom 
Freud sehen Standpunkte aus unschwer zu verstehen. Der Urindrang- 
traum gibt uns darüber Aufschluß. Ich verweise auf eine derartige 
Analyse in meiner Arbeit: L'analyse des reves, Annee psychologique 
1909. Die Enurese hat den Wert eines infantilen Sexualsurrogates und 
wird auch im Traumleben des Erwachsenen gerne als Bekleidungs- 
material für den Drang des Geschlechtstriebes angewendet. 

Dieses kleine Beispiel zeigt, was in der Seele eines 8jährigen 
Kindes vorgeht, das bereits in das Abhängigkeitsverhältnis zu den Eltern 
getreten ist, nicht ohne Mitschuld des zu strengen Vaters und der zu 
zärtlichen Mutter. 

Die infantile Einstellung ist, wie man sieht, nichts anderes als 
infantile Sexualität. Wenn wir jetzt noch einmal zurückblicken auf all 
das, was die infantile Konstellation vermag, so müssen wir sagen, daß 
unsere Lebensschicksale mit den Schicksalen unserer Sexua- 
lität im Wesentlichen identisch sind. Wenn Freud und seine 
Schüler dabei der Sexualität in allererster Linie nachspüren, so geschieht 
dies wahrhaftig nicht, um pikante Sensationen aufzustöbern, sondern 
um eine tiefere Einsicht in die treibenden Kräfte im Schicksale des 
Einzelnen zu gewinnen. Damit ist nicht zu viel, sondern eher zu wenig 
gesagt. Denn, wenn sich uns die Schicksalsprobleme im Einzelnen ent- 
schleiern, so erweitert sich auch allsogleich der Blick von der Individual- 
geschichte auf die Völkergeschichte. Und in erster Linie blicken wir auf 
die Geschichte der Religionen, auf die Geschichte der Phantasiesysteme 
ganzer Völker und Epochen. Die alttestamentliche Religion hat den 
pater familias zum Jehova der Juden erhoben, dem das Volk mit Angst- 
zu gehorchen hat. Eine Mittlerstufe zur Gottheit sind die „Erzväter 1 '. 
Die neurotische Angst der jüdischen Religion, ein unvollkommener 
respektive mißglückter Sublimationsversuch eines noch zu barbarischen 
Volkes, gebiert aus sich die peinliche Strenge des mosaischen Gesetzes, 
das Zwangszeremonial des Neurotischen 1 ). Von ihm befreien sich nur 
die Propheten, denen die Identifikation mit Jehova, die vollkommene 
Sublimation, geglückt ist. Sie werden zu Vätern des Volkes, Christus, 
der Erfüller der Propheten, wehrt der Furcht Gottes und belehrt die 



l ) Vgl. Freud, Zeitschrift für Religionspsychologie 1907. 



Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen. 171 

Menschen, daß die wahre Beziehung zur Gottheit die „liebe" sei. 
Damit zerstört er das Zwangszeremonial des Gesetzes und gibt das 
Beispiel des persönlich liebenden Verhältnisses zumGotte. Die späteren 
unvollkommenen Sublimationen der christlichen Masse fähren wieder 
zum Zeremonial der Kirche, von dem sich nur selten die sublimations- 
fähigen Gehirne vieler Heiligen und Reformatoren befreien können. 
Nicht vergebens spricht daher die moderne Theologie von der be- 
freienden Bedeutung des „innern" oder „persönlichen" Erlebnisses, denn 
immer noch hat die Inbrunst der liebe Angst und Zwang in eine 
höhere und freiere Form des Fühlens aufgelöst. 

Was wir im weltgeschichtlichen Prozesse sehen, finden wir um- 
gekehrt auch wieder im Einzelnen, nämlich den Ursprung und die 
Wandlungen der Gottheit. Wie ein höheres Schicksal leitet die Eltern- 
macht das Kind. Wenn es aber heranwächst, so beginnt der Kampf der 
infantilen Konstellation mit der Individualität, der aus vorhistorischer 
(infantiler) Zeit datierende Elterneinfluß wird verdrängt, gerät ins Unbe- 
wußte, ist damit aber nicht eliminiert, sondern leitet mit unsichtbaren 
Fäden die anscheinend individuellen Schöpfungen des reifenden Geistes. 
Wie alles, was ins Unbewußte geraten ist, schickt auch die infantile 
Konstellation noch dunkle, ähnungsreiche Gefühle ins Bewußtsein, die 
Gefühle geheimer Lenkung und jenseitigen Einflusses. Das sind die 
Wurzeln der ersten religiösen Sublimierungen. An Stelle des Vaters mit 
seinen konstellierenden Tugenden und Fehlern tritt einerseits eine 
absolut erhabene Gottheit, anderseits der Teufel, letzterer in moderner 
Zeit meist gemildert durch die Anschauung der eigenen moralischen 
Verantwortlichkeit. Ersterem wird die sublime liebe zur Verfügung 
gestellt, letzterem die niedere Sexualität. Sobald wir das Gebiet der 
Neurose betreten, so spannt sich dieser Gegensatz aufs höchste. Gott 
wird zum Symbol der höchsten Sexualverdrängung, der Teufel zum 
Symbol der sexuellen Lust. So erhält der bewußte Ausdruck der Vater- 
konstellation, wie jeder im Bewußtsein erscheinende Ausdruck eines 
unbewußten Komplexes, sein Janusgesicht, seine bejahende und seine 
verneinende Komponente. Ein selten schönes Exempel für dieses tücki- 
sche Spiel des Unbewußten ist die Liebeeepisode im Buch Tobiae: 
Sarah, die Tochter Raguels zu Ekbatana will heiraten ; nun will es ihr 
böses Geschick, daß sie siebenmal nacheinander einen Mann auswählt, 
der ihr in der Brautnacht stirbt. Der böse Geist Asmodi, von dem sie 
verfolgt wird, tötet ihr die Männer. Sie bittet Jehova, er möge sie lieber 
sterben lassen, als daß sie diese Schmach noch weiter erdulde. Sie wurde 



172 ;C. G. Jung. 

nämlich von den Mägden ihres Vaters deshalb geschmäht. Der achte 
Bräutigam, Tobias, wird ihr von Gott gesandt. Auch er wird in die Braut- 
kammer geführt. Der alte Raguel aber, der nur scheinbar zu Bett ge- 
gangen ist, steht wieder auf und geht hinaus und gräbt dem Schwieger- 
sohne vorsorglich das Grab und am Morgen schickt er eine Magd in das 
Brautgemach, um den erwarteten Todesfall zu konstatieren. Diesmal 
aber hatte Asmodi seine Rolle ausgespielt, denn Tobias lebte. 

Leider verbietet es mir die ärztliche Diskretion, einen Hysteriefall 
zu berichten, der genau auf dieses Schema paßt, nur waren es nicht 
sieben Männer, sondern bloß drei, die unter allen Anzeichen der infan- 
tilen Konstellation unglücklich ausgewählt wurden. Unser erster Fall 
gehört aber ebenfalls hierher und in unserem dritten Falle sehen wir den 
alten Bauern am Werke, der sein Kind dem Verhängnisse zu weihen sich 
anschickte. 

Als fromme und dem Vater gehorsame Tochter (vgl. ihr schönes 
Gebet im III. Kapitel) hat Sarah die übliche Sublimation und Spaltung des 
Vaterkomplexes vollzogen und ihre infantile liebe einerseits zur Gottes- 
verehrung erhöht, anderseits die obsedierende Vatergewalt zum ver- 
folgenden Schicksalsdämon Asmodi gemacht. Die Legende ist so schön 
ausgeführt, daß sie uns den Vater Raguel auch gerade in seinen beiden 
Rollen darstellt, einerseits als untröstlichen Brautvater, anderseits als 
heimlichen, vorsorglichen Totengräber des Schwiegersohnes. 

Diese schöne Fabel ist mir ein geschätztes Paradigma für meine 
Analysen geworden, denn so wenig selten sind solche Fälle, wo der 
Vater-Dämon seine Hand über seine Tochter geschlagen hat, daß sie 
Zeit ihres Lebens, auch wenn sie heiratet, ihren Mann innerlich nie finden 
kann, weil sich sein Bild mit dem unbewußten und ewig wirksamen 
infantilen Vaterideal nicht zur Deckung bringen läßt. Nicht nur für 
Töchter gilt das Gesagte, sondern auch für das Schicksal der Söhne. 
Ein schönes Beispiel einer derartigen Vaterkonstellation findet sich in 
der kürzlich erschienenen Arbeit von Dr. Brill: Psychological factors 
in dementia praecox. An analysis. Journal of Abnormal Psychology. 
Vol. III. p. 219. 1908. 

Nach meiner Erfahrung ist meist der Vater das für die kindliche 
Phantasie maßgebende und gefährliche Objekt, und wenn es die Mutter 
einmal ist, so konnte ich hinter ihr einen Großvater entdecken, dem sie 
innerlich angehört. 

Diese Frage muß ich offen lassen: meine Erfahrung reicht nicht 



Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen. 173 

zur Entscheidung. Die Erfahrung der kommenden Jahre wird hoff entlich 
auf diesem jetzt noch dunkeln Gebiete, das ich nur flüchtig 
beleuchten konnte, tiefere Schächte graben und ein Mehreres auf- 
decken von der geheimen Werkstatt des schicksalleitenden Dämons, 
von dem Horaz sagt: 

Seit Genius natale comes qui temperat astrum, 
Naturae deus humanae, mortalis in unum — 
Quodque caput, vultu mutabilis, albus et ater. 



Aus der psychiatrischen Klinik in Jena 
(Geh. Rat Prof. Dr. O. Binswanger). 



Versuch einer Hysterieanalyse. 

Von Dr. med. Ludwig Biaswanjer 
(gew. Assistenzarzt der Klinik). 



Die Kranke, um die es sich hier handelt, wurde mir am 29. Mai 
1907 von meinem Onkel, Herrn Geheimrat Binswanger in Jena 
übergeben, mit dem Rate, bei ihr die psychanalytische Methode Freuds 
anzuwenden. Ein ziemlich schwerer Fall von Hysterie, der seit 
Februar 1907 in der Behandlung meines Onkels stand. Die Tatsache, 
daß die Kranke, die großes Vertrauen zu meinem Onkel gefaßt hatte, 
ganz spontan, unter starken Aufregungszuständen anfing, über 
schwere psychische Traumata, die sie erlitten, zu berichten, und ihr 
unverkennbares Bedürfnis nach solchen Aussprachen überzeugten 
meinen Onkel, daß der Fall für die psychanalytische Methode ge- 
eignet sei. 

A. Vorgeschichte. 

Die Kranke, ein junges Mädchen von 22 1 / 2 Jahren, das wir 
Irma nennen wollen, stammt aus einer gutsituierten Familie einer 
deutschen Kleinstadt. Der Vater starb an den Folgen einer Lungen- 
entzündung als Patientin 3 1 /« Ja^e alt war. Die kleine Familie, in der 
sie aufwuchs, bestand aus der energischen, mit gesundem Menschen- 
verstände ausgestatteten Mutter, einem 3 Jahre älteren aufgeweckten 
Bruder und einer 4 Jahre älteren, angeblich sehr intelligenten Schwester. 
Das Haupt der Familie aber war der verwitwete Großvater mütter- 
licherseits, der den Kindern den Vater ersetzte. Er muß ein etwas 
autokratischer Herr gewesen sein, zu dem die Enkel mit Respekt, 
aber auch mit Liebe emporblickten. Als Patientin 18 Jahre alt war, 
soll er nach deren Ausspruch „in die zweite Kindheit" eingetreten 
sein, was sich durch Vergeßlichkeit und häufige Gereiztheit kundgab. 
Vor' allem duldete er jetzt durchaus keinen Widerspruch mehr, was 
die „dumpfe Luft" in der Familie, die in Irmas Kindheit durch sein 



Versuch einer Hysterieanalyee. 175 

Temperament hervorgerufen worden sei, noch verstärkte. Als Irma 
21 Jahre alt war, soll er einen leichten Schlaganfall erlitten haben, 
von dem er sich aber gut erholte. Kurz nach Beendigung von Irmas 
Kur ist er gestorben. Auf ihm soll das Schicksal eines jüngeren 
Bruders schwer gelastet haben, eines leichtsinnigen Menschen, vier 
sich in Amerika das Leben genommen hat. Dieser Großonkel und 
der Großvater sind die einzigen Verwandten Irmas, die, was 
erbliche Belastung anlangt, in Frage kommen. Wir werden sehen, 
daß der Großonkel durch sein etwas dunkles Schicksal auch unmittelbar 
auf die Seele des Kindes und jungen Mädchens eingewirkt hat. 

Die schädlichsten Einflüsse aber, denen Irma von frühester 
Kindheit an ausgesetzt war, gingen von einer Freundin der Mutter 
aus, einer Französin, die wir Fräulein Faure nennen wollen, und die 
bei der Geburt des Kindes schon im Hause war. Durch ihr Leben und 
mehr noch durch ihren Tod hat sie tief in die Entwicklung und Krank- 
heit Irmas eingegriffen, wie aus der Analyse hervorgehen wird. Sie 
starb, als Patientin 12 Jahre alt war. 

Über die Vorgeschichte der Kranken selbst besitze ich einen 
ausführlichen schriftlichen Bericht von deren Mutter, der mir leider 
erst gegen das Ende der Kur hin zuging. Er wird uns einen Einblick 
in den Charakter Irmas, ihre Schicksale und eine Anzahl ihrer Krank- 
heitssymptome gestatten. Es ist aber lehrreich zu sehen, wie selbst 
der ausführlichste Bericht der Angehörigen uns über das Innen- 
leben solcher Kranken kaum die dürftigsten Enthüllungen macht* 
Hier muß erst die Psychanalyse einsetzen. 

Die Mutter schreibt 1 ): 

„Irma wurde am 19. Dezember 1884 geboren. Sie kam als ein 
kräftig entwickeltes Kind zur Welt und gedieh aufs beste. Schon 
frühzeitig machte sich bei ihr ein sehr starker Eigenwille bemerkbar, 
und sie versuchte mit allen Mitteln ihren Willen durchzusetzen. Durch 
nichts war sie zu bewegen, mit Personen, auch kleinen Kindern, die 
ihr unsympathisch waren, zu verkehren. Mit 5 Jahren kam sie zu 
einer alten Dame, die eine große Kinderfreundin war, in die Strick- 
stunde. Sie traf hier mit vielen gleichaltrigen Kindern zusammen 
und lernte dadurch auch kennen, daß ihr Wille nicht immer durch- 

*) Ich habe an dein folgenden Berichte, für dessen Abfassung ich der Mutter 
vorher einige Richtlinien gegeben, fast nichts geändert, abgesehen davon, daß ich 
die Orts- und Personennamen unkenntlich gemacht und besonders wichtige Stellen 
im Drucke hervorgehoben habe. 

t 2 



176 Ludwig Binswanger. 

zusetzen war. Sie hat besonders im Anfange manche schlimme Szene 
gemacht und ich war als Mutter oft ganz beschämt darüber. Als ich 
der Dame eines Tages mein Bedauern aussprach, daß sie bo viel Mühe 
mit dem Kinde habe, tröstete sie mich damit, Irma sei ein solch eigen- 
artiges Kind, anders als die vielen, die schon bei ihr gewesen seien, 
und es sei ihr interessant, wie weit sie Einfluß auf sie gewinnen könne. 
Für Irma war die Zeit, die sie hier verbrachte, von großem Vorteil 
und sie spricht noch heute gern darüber. Dann kam die Schulzeit. 
Irma war für alle Fächer gut begabt, und daß sie nicht immer 
mit den besten Zensuren abschloß, war nur in dem oft mangelnden Fleiß 
zu suchen. Sie war zu unruhig zum Lernen und hatte zu wenig 
Geduld. In einem ihrer späteren Schuljahre war durch irgend einen 
Vorfall ihr Ehrgeiz erweckt worden, sie setzte beim Lernen ihre Kräfte 
ein und schloß dafür am Schulschluß mit lauter 1 ab. Unter ihren 
Schulgefährtinnen nahm sie immer eine führende Stellung ein, 
wo sie war, ging's lustig zu und gern ordneten sich ihr die anderen 
unter. Zu nahe zu treten wagte ihr keine, da sie außergewöhnlich 
schlagfertig war und in jedem Wortgefechte Siegerin blieb. Im 
ersten Schuljahre starb eine ihrer Klassengefährtinnen, ver- 
schiedene Kinder wurden beauftragt, einen Kranz in das Trauerhaus 
zu tragen und sahen bei dieser Gelegenheit auch die kleine Tote. Irma 
selbst hat sie nicht gesehen, aber es wurde von den Kindern noch lange 
davon gesprochen. Einige Jahre darauf hat sie allerdings bedauerlicher- 
weise einen schrecklichen Anblick erlebt. Seitlich von unserer 
Wohnung zieht sich eine Reihe von Wiesen Ins an das Ufer des Flusses. 
Hier spielten die Kinder oft im Herbste und hier wurde sie eines Tages 
Zeuge, wie eine Leiche gelandet wurde. Sie war riamafe sehr 
heftig erschrocken und dieses Ereignis scheint gegenwärtig ihren 
Geist wieder lebhaft zu beschäftigen. Sonst verfloß ihre erste Jugend- 
zeit ganz ruhig, wir haben alljährlich in den Sommerferien eine Reise 
mit den Kindern gemacht, die ihr immer eine besondere Freude be- 
reitete. Im Jahre 1892 war eine Reise an den Rhein geplant. Durch 
unsere Hausgenossin Fräulein Faure war ihr eine ziemliche Ab- 
neigung g0$£h jedes größere Wasser anerzogen worden, so daß 
sie sofort die Bedingung stellte, daß von jeder Dampferfahrt abgesehen 
werden mülse, sonst würde sie lieber auf die Reise verzichten. All 
unser Zureden war umsonst, sie blieb lieber zu Hause. Waren es nun 
die begeisterten Schilderungen der Geschwister, oder hat sie sich 
allein besonnen, bei einer späteren Reise an den .... See im Jahre 



Versuch einer Hysterieanalyse. 177 

1895 machte sie keinerlei Einwendungen gegen die Seefahrt, im Gegen- 
teile sie hatte große Freude daran, und eine große Vorliebe fürs 
Wasser ist ihr gebheben. Im Jahre 1894 hatte sie in ganz leichter 
Weise Scharlach, mehrere Jahre vorher die Schafblattern, von 
sonstigen Kinderkrankheiten blieb sie verschont. 

Im Dezember 1896 trat bei meiner ältesten Tochter das Schar- 
lachfieber, verbunden mit Diphtherie, in bösartiger Weise auf, beinahe 
3 Wochen schwebte sie zwischen Leben und Tod. Durch die Aufregung 
und nicht zum wenigsten durch eine geheime Furcht vor An- 
steckung wurde auch Fräulein Faure krank.- Es trat ein leichter 
Fall von Diphtherie bei ihr ein und wohl zu gleicher Zeit eine geistige 
Störung, die wir zwar nicht sofort als solche erkannten- Sie behauptete 
schwer krank zu sein, trotz der gegenteiligen ärztlichen Aussage, schrie 
und jammerte um ihr Leben, sie ritzte sich den Hals blutig und 
gab an, bei ihr sei der Luftröhrenschnitt gemacht worden. Dann 
wieder flehte sie, man solle sie nicht begraben, ehe sie gestorben 
sei! Wir hatten sofort Schritte zu ihrer Überführung in das Kranken- 
haus getan, aber es sind doch 2 Tage vergangen, ehe sie dort Auf- 
nahme finden konnte. Den Kindern war streng verboten, in das 
Zimmer zu ihr zu gehen, aber es war leider nicht zu vermeiden, daß 
sie das laute Schreien und Sprechen hören konnten. Auf Irma, die 
eine große liebe zu Fräulein Faure gefaßt hatte, hat es jedenfalls einen 
unauslöschlichen Eindruck gemacht. Es verursachte ihr noch längere 
Zeit Grauen, die Räume zu betreten, in denen Fräulein Faure sich 
aufgehalten hatte. Am Tage vor Weihnachten wurde auch mein Sohn 
noch scharlachkrank und nun war sie ganz auf sich angewiesen, der 
Umgang mit anderen Kindern war abgeschnitten und so hat sie sich 
jedenfalls in ihren Gedanken viel mit dem Erlebten beschäftigt. Am 
zweiten Weihnachtßfeiertag starb dann Fräulein Faure in der Irren- 
anstalt zu * * *. Sehr betrübt war Irma auch darüber, daß das 
Weihnachtsfest, für das sie von jeher mit Begeisterung schwärmte, 
bei uns nicht gefeiert werden konnte. Daß diese traurigen Vorkomm- 
nisse einen dauernden Einfluß auf ihr Gemütsleben ausgeübt hätten, 
war nicht zu bemerken. 

Ostern 1899 wurde sie konfirmiert und das Jahr darauf verließ 
sie die Schule. Im Laufe des Sommers (1900) besuchte sie dann die 
Tanzstunde und gehörte zu den begehrtesten Tänzerinnen. Die Er- 
folge, die sie feierte, die Schmeicheleien, die ihr zuteil wurden, erzeugten 
in ihr ein gewisses Gefühl der Tiberhebung über andere und erweckten 

.Tabrbach für psyclioanaJjt. u. ppycliopathol. Forschungen. I. 12 



178 Ludwig- Binswanger. 

gleichzeitig in ihr den Glauben, daß ihr nichts fehlschlagen könnte. 
Schon damals stieg in mir die Befürchtung auf, daß eine etwaige Ent- 
täuschung, die ihr das Leben bringen könnte, schlimme Folgen für 
sie haben würde. Ziemlich gegen Schluß der Tanzstunde bezeigte 
ihr einer der Oberprimaner großes Interesse, sie fand gleichfalls 
Gefallen an ihm und auch nach Schluß der Tanzstunde trafen sie sich 
öfters zu Partieen oder bei Gängen in die Stadt. Ostern darauf verließ 
der junge Mann die Schule, um sich der Offizierslaufbahn zu widmen. 
Sie blieben auch in schriftlichem Verkehr, der sich allerdings nur auf 
Postkarten beschränkte. Seinen jeweiligen Urlaub brachte er stets in 
* * * zu. Dann trafen sie sich öfters und bei Bällen bevorzugte er 
sie in jeder Weise. 

Mit seinem Weggange von * * * trat bei Irma eine Änderung 
ihres Wesens ein (1901). Die ersten 8 Tage war sie überhaupt 
fassungslos, dann wartete sie ängstlich von einer Nachricht auf 
die andere. Das blieb nicht ohne Folgen für ihre Gesundheit, sie wurde 
bleich und mager, und ich nahm an, daß sich vielleicht Blutarmut 
bemerklich mache. Unser Hausarzt, den ich zu Rate zog, verordnete 
ihr Eisen. Sie erklärte sofort, daß es ihr nicht einfalle, etwas für 
ihre Gesundheit zu tun. 

Nun muß ich nochmals etwas zurückgreifen. Irma hatte eine 
außergewöhnlich schöne Stimme, schon in der Schule erregte sie Auf- 
sehen durch ihren Gesang, und wir beschlossen, sie ausbilden zu 
lassen. Sie selbst hatte große Neigung Opernsängerin zu werden, 
und ich hatte auch nichts gegen diesen Plan einzuwenden, nur war 
sie mir noch zu jung und unerfahren, ihre Ansichten vom Leben 
waren so verschieden von der Wirklichkeit, daß es mir bedenklich 
schien, sie schon ihren eigenen Weg gehen zu lassen. Um sie einst- 
weilen für ihre künftige Laufbahn vorzubilden, erhielt sie Gesang- 
und Klavierunterricht. Merkwürdigerweise setzte sie auch hierbei 
nicht ihre ganze Kraft ein, sondern sie schien sich dem Glauben hin- 
zugeben, auch hier ihr Ziel spielend erreichen zu können. Sobald der 
junge Offizier von ihrer Absicht hörte, versuchte er sie von ihrem 
Vorhaben abzubringen und nach einiger Zeit gab sie ihren Plan auf. 
Vielleicht hätte sie in dieser Laufbahn Befriedigung gefunden. 

Inzwischen war der Sommer des Jahres 1902 herangekommen, 
ihr Befinden Keß noch immer zu wünschen übrig. Eines Tages erhielt 
sie von einer Freundin eine Einladung, mit noch einigen Bekannten 
an einer Landpartie teilzunehmen. Hierbei lernte sie einen jungen 



Versuch einer Hysterieanalyae. 179 

Herrn kennen, der ihr reges Interesse bezeigte. Du selbst machte die 
Bekanntschaft mit dem jungen Herrn Freude, da er ein sehr guter 
Gesellschafter war. Kurze Zeit darauf ließ der Herr anfragen, ob er 
sich wohl der Hoffnung hingeben dürfe, ihr einst näher treten zu 
können. Die Frage kam ihr vollständig unerwartet, die Dame, die*die 
Übermittlung übernommen hatte, redete ihr sehr zu, diese vorteilhafte 
Verbindung doch nicht auszuschlagen und zählte alle möglichen Vor- 
züge auf. Dadurch war sie in einen solchen Zwiespalt mit sich 
selbst geraten, daß sie den ganzen Abend heftig weinte und immer 
wieder den Wunsch aussprach, wenn sie nur einmal den jungen Offizier 
sehen könnte, dann würde sie wissen, was sie tun müsse. Noch in der- 
selben Nacht sah sie ihn vom Fenster aus, er war auf der Durchreise 
einige Stunden in * * * und benutzte die Zeit zu diesem Spaziergang. 
Jetzt war ihr Entschluß sofort gefaßt, sie fühlte, daß sie ihn nicht 
vergessen würde und deshalb nicht daran denken könne, einem andern 
anzugehören. 

Im August darauf (1902) unternahmen wir eine Reise nach G. 
Hier erhielt sie eine Postkarte, die ihr die Ernennung ihres jungen 
Freundes zum Leutnant anzeigte. Das war das letzte Schriftstück, 
das sie von ihm erhielt, auf eine Karte, die sie schrieb, erhielt sie keine 
Antwort. Von dieser Zeit an ging eine Veränderung mit ihr 
vor. Sie behauptete, nichts mehr essen zu können, saß den 
ganzen Tag beschäftigungslos da und wartete auf den Briefboten. 
Sie wurde zusehends elender, war aber nicht zu bewegen, ihre 
Lebensweise zu ändern. So kam Weihnachten heran, er kam auf Urlaub 
nach Hause und auf dem Kasinoballe trafen sie zusammen. Er tanzte 
mit ihr, war ihr Tischherr und zeichnete sie aus wie sonst, und beide 
waren glückselig. Damals tauchte in mir der Gedanke auf, daß seine 
Angehörigen vielleicht dieses Verhältnis nicht gern sehen würden und 
er auf ihren Wunsch den Briefwechsel aufgegeben habe, denn er selbst 
schien sie noch eben so gern zu haben wie früher. Während seines 
Aufenthaltes in * * * war meine Tochter wunschlos glücklich, nach 
seinem Weggange kamen die alten Zweifel und Sorgen, und so ging 
es weiter in stetem Wechsel. Ihre Gesundheit litt darunter, manche 
anzügliche Bede, die sie von Bekannten hören mußte, wurde die 
Ursache, daß sie sich mehr und mehr von allem abschloß. 

Im Februar 1903 quälte sie mich unausgesetzt, ich möchte sie 
auf ein paar Wochen von zu Hause weglassen. Da ich keine Verwandte 
oder auswärtige Bekannte besitze, so blieb mir nur die Möglichkeit, 
12*. 12* 



180 Ludwig Binswanger. 

sie in einer Damenpension unterzubringen, und da mir eine solche in 
M. empfohlen war, ließ ich sie auf 3 Wochen dahin reisen. Ich gab 
mich selbst der Hoffnung hin, daß eine Veränderung vielleicht gut 
für sie sei, es war jedoch nicht so. Sie hatte heftige Sehnsucht nach 
Hause und kam noch bleicher und angegriffener zurück. Ende Mai 
schickte ich sie dann nach Stahlbad * * * zur Kur. Ein nennenswerter 
Erfolg wurde auch hier nicht erzielt, da sie nur die allergeringste 
Nahrung zu sich nahm. Im Monat Juli desselben Jahres war sie dann 
noch 4 Wochen in B. mit ihrem Großvater. Inzwischen war sie körp er- 
lich noch mehr zurückgegangen, sodaß ihr Gewicht nur noch 
75 Pfund betrug, das einst so blühende, schöne Mädchen war kaum 
mehr zu erkennen. Der Magen versagte vollständig, oft blieb 
tagelang nichts bei ihr und es trat ein förmlicher Kräfteverfall ein. 
Jetzt endlich mochte sie einsehen, daß es so nicht weiter gehen könne. 
Sie nahm auf ärztlichen Wunsch mehrmals des Tages Sanatogen und 
versuchte auch zu essen; der Erfolg blieb nicht aus, ihr Körpergewicht 
hob sich wieder. Zu einer regelmäßigen, . ordentlichen Lebensführung 
war sie aber nicht zu bewegen. 

Im Frühjahre 1904 war sie dann nochmals in Stahlbad * * * , 
sie hatte eine Anschwellung unter dem rechten Schulterblatte be- 
kommen (es ist nicht klar, worum es sich damals handelte) und wurde 
abwechselnd mit Jod und Moorbädern behandelt, außerdem trank sie 
Stahlbrunnen. Die Anschwellung verging durch diese Behandlung, aber 
es traten Rückenschmerzen ein, von denen nicht zu ergründen 
war, wo sie herrührten. Die Nahrungsaufnahme war wieder sehr mangel- 
haft, sie nahm nur mittags ein kleines Stück Fleisch zu sich ohne Zukost. 
Herr Professor N. schrieb mir, ich möchte alles aufbieten, um sie zu einer 
vernünftigen Lebensweise zu veranlassen, da ihr Körper sonst nicht 
dem geringsten Anstürme standhalten könne. Es war alles umsonst, 
weder durch Bitten noch durch Drohen war etwas zu erreichen. Herr 
Professor N. hatte sich ihrer sehr hebenswürdig angenommen, sie war 
öfters bei seiner Tochter zum Kaffee eingeladen gewesen und hat bei 
einem solchen Besuch auch einmal flüchtig Frau Professor N. ge- 
sehen, die menschenscheu war und nur mit wenigen ihr sympa- 
thischen Personen verkehrte. Eine Bekannte von mir verkehrte viel 
in der Familie, hat aber nie davon gesprochen, daß der Anblick von 
Frau Professor N. erschreckend sei. Im August dieses Jahres reisten 
wir mit der ganzen Familie an den * * *-See. Irma hatte von der Reise 
wenig Genuß, da sie ständig von Rückenschmerzen geplagt war und 



Versuch einer llysterieanalyse. 181 

öfters liegen mußte. Ich machte mir ernstliche Sorgen, da ich fürchtete, 
die Schmerzen gingen vom Rücken marke aus. Nach unserer Heimkehr 
ließ ich sie von unserem Hausarzte nochmals untersuchen, er konnte 
aber auch nicht feststellen, woher die Schmerzen rührten. An Nerven 
dachte niemand. Gegen Ende des Jahres (1904) stellte sich ziemliche 
Schlaflosigkeit bei ihr ein, auch eine gewisse Unruhe kam über sie, 
zum Arbeiten war sie nicht zu bewegen, zum Teil auch zu schwach dazu, 
und ihre einzige Beschäftigung war Lesen, Die Klavier- und Gesang- 
stunden hatte sie längst aufgeben müssen, da ihre Kraft nicht mehr 
dazu reichte, auch ihre schöne Stimme hatte merklich gelitten. Eines 
Tages machte sie mir die Mitteilung, sie habe sich entschlossen, Schau- 
spielerin zu werden, und verlangte, ich sollte sofort die nötigen Schritte 
tun, um ihr den Eintritt in eine Theaterschule zu ermöglichen. Ich 
schlug ihr diese Bitte nicht direkt ab, sondern erklärte ihr nur, ich wäre 
gern bereit, ihr diesen Wunsch zu erfüllen, so bald ihre Gesundheit das 
erlaube; sie selbst möge dazu beitragen, daß dies bald geschehe. Sie tat 
nicht das Geringste, und so blieb alles beim Alten. Von ihren Bekannten 
hatte sie sich ganz zurückgezogen, sie weigerte sich in ihren Kranz 
zu gehen und ging kaum mehr aus. Zu jener Zeit merkte ich öfters, daß 
ihre Aussagen nicht immer wahrheitsgetreu waren (1904). 
Weihnachten kam der junge Offizier auf Urlaub, sie hatte ihn seit langer 
Zeit nicht mehr gesprochen. Durch eine Bekannte wurde ihr die Mittei- 
lung gemacht, daß er eine junge Dame verehre. Hierüber geriet sie in 
solche Aufregung, daß sie alles versuchte, sich Gewißheit zu verschaffen. 
Sie bat einen befreundeten jungen Herrn darum, ihr mitzuteilen, ob das 
Gehörte auf Wahrheit beruhe. Durch ihn erfuhr sie, daß alles un- 
wahr sei. Darauf war sie ganz glücklich und vergnügt. Leider dauerte 
dieser Zustand nur wenige Wochen, dann saß sie oft stundenlang 
und starrte auf einen Fleck, dann wieder hatte sie die unsinnig- 
sten Wünsche, und wurden sie ihr nicht erfüllt, geriet sie in die 
größte Wut, warf mit Messern und Scheren um sich, oder 
sie fing herzbrechend an zu weinen und jammerte um ihre 
verlorene Jugend. Sie tat alles, um ihre Gesundheit zu unter- 
graben, weil sie hoffte, auf diese Weise ihrem Leben ein Ende 
machen zu können. Ich war ratlos, um so mehr, da sie mir alles 
mögliche androhte, falls ich unseren Arzt zu Rate ziehen würde. 

Anfangs März 1905 wollte sie wieder fort, ich ging darauf ein 
unter der Bedingung, daß ich sie in ein Sanatorium bringen dürfe. Sie 
erklärte sich hierzu bereit und ich brachte sie nach A. Herr Dr. C. ver- 



182 Ludwig Binswanger. 

langte, daß ich eine Reihe von Tagen mit in der Anstalt bleiben solle, 
da der Ausdruck ihrer Augen darauf schließen lasse, daß entweder eine 
schwere Krankheit im Anzüge sei oder sie mit Selbstmordgedanken 
umgehe. Sie war mit dem Wechsel ihres Aufenthaltes ganz einverstanden, 
saß teilnahmslos da oder weinte/ dann wollte sie wieder nach Hause. 
In dieser Zeit fing sie an» sich in Gedanken mit Fräulein 
Faure zu beschäftigen und beschuldigte sich, den Tod der- 
selben herbeigeführt zu haben. Auf mein fortgesetztes Drängen, 
mir die Einzelheiten zu erzählen, gab sie an, Fräulein Faure habe von 
ihr ein Taschentuch verlangt, sie habe ihr eines gegeben, darauf habe 
dieselbe einen entsetzlichen Schrei ausgestoßen und habe gerufen, sie 
sei vergiftet. Ich bewies ihr, daß ein solcher Fall ganz unmöglich 
gewesen sei, und daß die Ärzte ja sofort bemerkt hätten, wenn eine 
Vergiftung vorgelegen hätte. Manchmal beruhigte sie sich dabei, dann 
wieder war sie durch nichts von ihrem Glauben abzubringen. 

Nach und nach faßte sie Zutrauen zu Herrn Dr. C. und ich konnte 
wagen abzureisen. Nach wenig Tagen wurde ich schon wieder gerufen 
und ich hatte Mühe sie zum Bleiben zu bewegen. Ostern war sie nicht 
mehr zu halten, ich mußte sie abholen. Die ersten Tage war sie wieder 
mit dem Wechsel zufrieden, dann erschien ihr alles unerträglich und 
sie. wollte nach A. zurück. Ich brachte sie zum zweiten Male dahin. 
Einmal kam sie unvermutet und unangemeldet allein nach Hause. Nach 
und nach trat doch ein kleiner Wechsel ein, Fräulein C, eine andere 
junge Dame und ein junger Leutnant versuchten sich ihr zu nähern, und 
nach einiger Zeit gelang es auch, sie zusammen zu bringen. Nun wurde 
es etwas besser, fiie ging mehr auf den Verkehr ein und war auch gegen 
die übrigen Patienten nicht mehr so abweisend. So wurde es nach und 
nach immer besser, nur eins wollte Bich nicht verändern, sie b e h a u p t e t e, 
in Gegenwart anderer nicht essen zu können, und auch ich 
mußte während sie ihre Mahlzeit einnahm, das Zimmer 
verlassen. Herr Dr. C, dem ich mein Bedenken darüber aussprach, 
meinte, das würde sich später von selbst geben, es war aber nicht so. 

Zu Anfang des Jahres 1902 hatte sich ihr Unwohlsein ver- 
loren, es war noch einmal während des Aufenthaltes an der See ein- 
getreten, dann nicht mehr. Ich sorgte mich darum um so mehr, da sie 
sich körperlich in A. vollständig erholt hatte, von dieser Seite also kein 
Grund vorlag. Ich ging deshalb mit der Absicht um, sie längere Zeit 
an die See zu schicken, da ich hoffte, die Seeluft würde es herbeiführen. 
HeTr Dr. C. war mit meinem Vorschlag einverstanden. Am 20. Juli 1905 



Versuch einer Hysterie&nalyse. 188 

verließ sie A,, um nach dem Seebad Z. überzusiedeln; ihr Bruder be- 
gleitete sie dahin. Die erste Bedingung, die sie hier stellte, war wieder: 
„Alleinessen." Sie hielt sich von allem Verkehr mit den übrigen 
Pensionsgästen fern, pochte bei jeder Gelegenheit auf Erfüllung ihrer 
Wünsche und machte ihrem Bruder das Leben ziemlich schwer. 8ie 
verlangte aufs Meer gerudert zu werden, ohne Rücksicht darauf, ob 
Gefahr drohe oder nicht. Wir hielten dies weniger für krankhaft, als für 
ungezogen, da sie selbst angab, sie habe keine Lust mehr, sich einem 
fremden Willen unterzuordnen. Eines Tages schrieb sie mir, sie habe 
sich jetzt bestimmt entschlossen, Schauspielerin zu werden, und ich 
möchte die nötigen Schritte dazu tun, andernfalls werde sie sich allein 
helfen. Herr Dr. C. habe ihr auch entschieden dazu geraten, einen Beruf 
zu ergreifen, da dies die sicherste Gewähr für ihre Gesundheit sei. Ich 
schrieb, sie möchte wenigstens noch einige Zeit warten und ihre Gesund- 
heit erst noch befestigen, aber sie wollte nichts davon wissen und mein 
Sohn riet mir, ihre Bitte zu erfüllen. Ich leitete also alles Nötige ein 
und zum 1. Oktober sollte ihr Unterricht beginnen. Sie selbst blieb im 
Seebad Z., ihr Bruder war noch einige Zeit mit ihr zusammen und 
reiste dann zurück. Nunmehr trat sie in Verkehr zu den übrigen 
Pensionsgästen, sie war verschiedene Male von den übrigen Damen 
aufgefordert worden, sich anzuschließen und fand schließlich Gefallen 
an den gemeinsamen Partien. Bei dieseT Gelegenheit lernte sie auch 
ihren nunmehrigen Bräutigam Dr. Ernst P. kennen, mit dem sie 
dann während ihres dortigen Aufenthaltes viel verkehrte 1 ). 

Am 30. September reiste sie ab, um mit mir in Berli n zusammen- 
zutreffen. Am ersten Tage ihres dortigen Aufenthaltes trat die Regel 
bei ihr ein, ich bat sie, sich möglichst zu schonen, aber sie befolgte keinen 
meiner Katschläge. Während ihres Berliner Aufenthaltes stellte sich 
dieselbe nicht wieder ein. Während der Weihnachtsferien, die sie zu 
Hause verbrachte, trat die Regel vollständig normal ein, ebenso dann 
nach ihrer Rückkehr zu uns Ende Februar 1906. Im Sommer darauf 
blieb sie wieder weg, Ende des Jahres trat sie dann öfters zur rechten 
Zeit und in den richtigen Zwischenräumen ein. Schon vor Eintritt und 
auch während der Dauer machte sich bei ihr eine große Aufregung 
bemerklich, die auch zur bestimmten Zeit eintrat, wenn die Regel 
ausblieb. Sie besuchte in Berlin keine Theaterschule, sondern sollte 
durch einen als Lehrer sehr empfohlenen Künstler privatim ausgebildet 

*) Von dem in diesem Bad erlittenen schweren psychischen Trauma (siehe 
spater Begegnung mit Dr. Wu.) weiß die Mutter nichts. 



184 Ludwig Binswanger. 

werden. In ihren Briefen schrieb sie mit Begeisterung von ihrem er- 
wählten Berufe und versicherte immer wieder, volle Befriedigung 
gefunden zu haben. Das wäre ja erfreulich gewesen, mir machten ihre 
Briefe jedoch öfters den Eindruck des Erkünstelten. Ende November 
kam dann Herr Dr. P. auf kurze Zeit nach Berlin und sie kamen während 
dieser Zeit öfters zusammen. Sie war damals noch nicht mit ihm verlobt, 
schrieb mir aber, es sei sein heißester Wunsch, ihr näher treten zu dürfen, 
er habe sie bereits im Seebad Z. darum gebeten, sie könne sich jedoch 
nicht entschließen, da das Bild des andern noch nicht in ihr verblaßt 
sei. Ich möge ihr keinen Kat in der Sache geben, sie müsse das ganz 
allein ausmachen. Weihnachten kam sie nach Hause und gestand mir, 
daß sie bereits seit Wochen keine Stunden habe nehmen können, sie 
sei zu aufgeregt und wäre außerstande zu lernen. Ich wollte 
sie durchaus zu Hause behalten, aber sie war nicht zu halten und reiste 
anfangs Januar 1906 nach Berlin zurück. Sie schrieb, daß sie ihre 
Studien wieder aufgenommen habe und fleißig lerne. Dann machte sie 
einen großen Ball im Offizierkasino mit, zu dem sie von dem jungen Leut- 
nant eingeladen war, den sie in dem Sanatorium A. kennen gelernt hatte. 
Sie schrieb ganz begeistert davon und machte ganz den Eindruck 
eines vergnügten jungen Mädchens. Gegen Ende des Monates schrieb 
sie, daß sie in Kürze mit verschiedenen Anfängern vor geladenem Pu- 
blikum auftreten werde, und daß sie zu diesem Zwecke verschiedene 
Kleidungsstücke brauche. Ich war ganz glücklich darüber, daß scheinbar 
alles so gut ging. Mitte Februar bekam ich einen Brief von einer mir 
sehr befreundeten Dame, die sich in Berlin aufhielt und bei der meine 
Tochter öfters verkehrte. Sie schrieb mir, ich möchte sofort kommen, 
Irmas Befinden verursache ihr die größten Bedenken. Ich reiste am 
nächsten Morgen ab, und es war die höchste Zeit. Sie war in großer 
Erregung, seit Wochen hatte sie keine Stunden mehr und ihr Lehrer 
hatte ihr selbst geraten, ihre Studien aufzugeben, da sie den Anstren- 
gungen des Berufes nicht gewachsen sei, trotzdem hatte sie das Geld 
für die Stunden von mir weiter bezogen und mich in dem Wahne gelassen, 
es sei alles in bester Ordnung. Alle Fragen nach dem Gelde waren ver- 
geblich, sie behauptete von nichts zu wissen. Da fand ich unter ihren 
Sachen ein Beutelchen mit Goldstücken, auf meine Frage, ob es das für 
die Stunden bestimmte Geld sei, wurde sie furchtbar heftig und sagte, 
es sei eigen verdientes Geld, sie habe verschiedene schriftstellerische 
Arbeiten an Herrn * *, den Verleger der * * *-Zeitung abgeliefert und 
er habe ihr diesen Betrag dafür eingeschickt. Ihr Versprechen, mir die 



Versuch einer Hysterieanalyse. 185 

Sachen zum Lesen zu übergeben, hat sie nie gehalten. Mir war sofort 
klar, daß es nicht wahr sei 1 ); um ihre Erregung nicht zu steigern, gab 
ich scheinbar nach und sagte, ich würde das Geld auf eine Sparkasse 
für sie einzahlen. Ich habe das auch getan, und sie behauptete auch in 
späteren ruhigeren Zeiten, daß sie es verdient habe. Sie war in Pension 
bei einer fein gebildeten Dame, die in jeder Weise auf ihr Wohl bedacht 
war, über die Verschlechterung im Zustande meiner Tochter wagte sie 
mir nichts zu schreiben, da diese es aufs heftigste verboten hatte* Auch 
während meiner Anwesenheit in Berlin verhinderte sie jegliche Aus- 
sprache und erklärte offen, sie würde uns nicht von der Seite gehen, 
da sie nicht ertragen könne, wenn sich andere um ihre Angelegenheiten 
bekümmerten. Sie kehrte also mit nach Hause zurück. 

Anfangs März 1906 trat ich mit ihr eine Reise nach dem Süden an, 
wir blieben erst acht Tage in L. und gingen dann nach F. Schon in den 
ersten Tagen verlangte sie, ich möchte ihr erlauben, ein paar Tage 
fasten zu dürfen, da sie sich dann wohler fühle, sie würde später ganz 
pünktlich essen. Dazu kam es während der ganzen Reise nicht. Sie aß 
oft gar nichts, dann wieder Obst in Mengen, sie stellte mehrfach das 
Ansinnen an mich, ihr Essen wegzuschließen, da ihr Wille nicht 
stark genug sei, es zu verschmähen. Wir gingen viel spazieren 
und trotz der geringen Nahrungsaufnahme war sie körperlich ganz 
frisch, nur klagte sie über beständiges Brennen und Sausen im Kopf. 
In Gegenwart anderer war sie vollständig normal, und niemand merkte 
ihr etwas Krankhaftes an. Sie war ganz gesellig und verkehrte mit ver- 
schiedenen anderen Hotelgästen* Kurz nach unserer Ankunft in F. 
trafen auch ein * * Offizier und seine Frau ein, die wir mehrere Jahre 
früher in * * * kennen gelernt hatten. Wenige Tage später erlitt der 
Mann einen Blutsturz und zugleich trat eine geistige Störung 
ein. Er nahm rührenden Abschied von seiner Frau und erklärte, sich 
nun das Leben nehmen zu wollen. Während ich mittags im Speisesaale 
war, trat ein neuer Blutsturz bei ihm ein und er versuchte sich vom 
Balkone zu stürzen. Meine Tochter war durch das Geschrei ans Fenster 
gelockt worden und hatte nun den entsetzlichen Anblick, wie er blut- 
überströmt mit dem Arzte rang. Sie stürzte in den Korridor und 
schickte Leute zu Hilfe. Der Vorfall hat sie furchtbar erregt. Der 

*) Lange nach der Entlassung aus der Behandlung hat die Kranke mir ge- 
standen, daß sie in der Tat damals eine „Skizze" an einen Verleger eingeschickt 
hatte, die wider ihr Erwarten angenommen und honoriert worden war. Sie sei sehr 
stolz darauf gewesen. 



186 Ludwig Binswanger. 

Herr wurde nach H. in eine Anstalt gebracht, von wo er nach mehreren 
Monaten geheilt entlassen wurde. Ich habe die Nachricht von 
seinen Angehörigen erhalten und meiner Tochter auch mitgeteilt. 
Nach mehrwöchigem Aufenthalte traten wir die Heimreise an. Meine 
Tochter wäre gern noch länger geblieben und versuchte auf jede. Weise, 
das zu erreichen. Mit einem Male hustete sie, spuckte Blut und schien 
sich gar nicht wohl zu fühlen, sprach oft über Lungenkrankheiten. Ich 
war zuerst heftig erschrocken, da bei ihrer Lebensweise nicht ausge- 
schlossen gewesen wäre, daß sie sich ein derartiges Leiden hätte zuziehen 
können, merkte jedoch nach kurzer Zeit, daß es kein Blut aus der 
Lunge sein konnte, ich nahm also gar keine Notiz mehr von ihrem 
Leiden, und nach kurzer Zeit war Husten und Blutspucken vorbei. 

Irma hatte versprochen, sofort nach unserer Rückkehr nach A. ins 
Sanatorium zu gehen. Sie schob jedoch die Zeit immer mehr hinaus und 
erklärte schließlich, überhaupt nicht hinzuwollen. Zu dieser Zeit lebte 
sie in der merkwürdigsten Weise: sie aß tagelang nicht, dann 
wieder war nichts sicher vor ihr, sie aß von früh bis abends ununter- 
brochen, kochte sich noch Kakao und Schokolade dazwischen und wurde 
nach und nach entsetzlich dick. Das war nicht nach ihrem Sinne, 
sie verlangte also, wir sollten sie am Essen verhindern, dabei hatte sie 
aber solchen Hunger, daß sie es doch nicht lassen konnte. 

Eines Tages erklärte sie, das sei ein tierischer Zug bei ihr, der 
unterdrückt werden müsse, und nun fing sie wieder zu fasten an. Aß 
sie doch, gab's Szenen, dazwischen war sie sehr vernünftig, beschäftigte 
sich im Haushalte und war oft recht vergnügt Da sie zu Hause nicht 
zu bewegen war auszugehen, um keinen Bekannten zu begegnen, brachte 
ich sie nach Bad W. Hier fühlte sie sich ganz wohl. Nach einigen Wochen 
kam sie eines Tages unerwartet bei uns an. Sie bat mich, ihr doch eine 
Zusammenkunft mit dem Leutnant, (den sie in der Tanzstunde kennen 
gelernt) zu ermöglichen, da sie der Überzeugung sei, daß sie dann Ruhe 
finden würde. Ich schrieb also an den Herrn und fragte, ob er geneigt 
sei, ihre Bitte zu erfüllen. Er erklärte sich sofort bereit und versprach, 
sie Pfingsten aufzusuchen. Die genaue Zeit war nicht vereinbart. Kurz 
vor Pfingsten kam sie von Bad N. ; je näher die Zeit ihres Zusammen- 
treffens heranrückte, um so erregter wurde sie. Am zweiten Pfingst- 
feiertag 1906 hatte die Erregung ihren Höhepunkt erreicht, sie fiel 
plötzlich bewußtlos um. Nach einiger Zeit fing sie an, irr zu reden, 
verlangte ungestüm nach der versprochenen Unterredung und war durch 
nichts davon abzubringen. Wir waren in ernstlicher Sorge um sie und 



Versuch einer Hysterieanalyee. 187 

entschlossen uns, den Herrn zu uns zu bitten. Er kam sofort, setzte sich 
zu ihr und gleich wurde sie ruhiger, ohne die Augen jedoch zu öffnen; 
sie sprach von allem möglichen, ohne zumBewußtsein zu kommen. 
Nachdem er wohl eine Stunde bei ihr gesessen hatte, bat ich ihn zu gehen, 
doch am nächsten Tag noch einmal bei uns vorzusprechen. Nach und 
nach wurde sie ruhiger und schlief ein. Am nächsten Morgen war sie 
ganz klar, konnte sich aber auf nichts besinnen, was vorgegangen 
war. Mittags fand die Zusammenkunft statt, sie dauerte zu meiner Über- 
raschung nur wenige Minuten, Was die beiden zusammen gesprochen 
haben, habe ich nie erfahren. Meine Tochter sagte mir nur, sie habe 
gefühlt, daß ihre Kräfte nicht standhalten würden und habe deshalb 
nur Abschied von ihm genommen und ihm alles Glück für sein ferneres 
Leben gewünscht. Als sie zu uns ins Zimmer kam, war sie vollständig 
starr, kein Wort kam über ihre Lippen und sie nahm weder diesen noch 
die folgenden Tage irgend welche Nahrung zu sich. In meiner Ver- 
zweiflung schrieb ich an Herrn Dr. C. Er antwortete, ich solle sie nach 
Jena bringen, wenn nötig mit Gewalt. Da mit einem Male trat eine Ver- 
änderung ein, es war als ob ein Druck von ihr genommen wäre. Sie 
wurde ganz vernünftig, sprach von der Zukunft und daß sie daran dächte, 
einen Beruf zu ergreifen, um einen Lebenszweck zu haben. Ich redete 
ihr zu, vorerst wieder nach Bad W. zu gehen und ihrer Gesundheit zu 
leben, im Herbste wollten wir dann etwas Fassendes aussuchen. Sie 
sprach inzwischen schon davon, jedenfalls Kindergärtnerin werden 
zu wollen, da sie die Kinder sehr lieb habe. Sie reiste also wieder ab, 
kam aber öfters auf einen oder mehrere Tage zu uns. Ihr Befinden 
besserte sich langsam, das war nicht zu verkennen. Am Abend des 
9. September 1906 erhielt ich eine Depesche, die mir ihre Ankunft 
anzeigte. Glückstrahlend kam sie mir aus dem Zuge entgegen und 
teilte mir mit, daß sie sich mit Dr. P. verlobt habe. Ich war heftig 
erschrocken, da eine Verlobung unter den bestehenden Verhältnissen 
bedenklich erschien. Auf meine sofortige Frage, ob sie ihrem Verlobten 
erzählt habe, daß sie nicht gesund sei, erwiderte sie, daß er das bereits 
im Seebad Z. erfahren habe. Leider war dies der Wahrheit nicht ent- 
sprechend, sondern er hat erst Pfingsten 1907, bei unserem Zusammen- 
sein in * *, durch mich erfahren, daß meine Tochter leidend ist. 
(Ich habe inzwischen aus verschiedenen Briefen ersehen, daß meine 
Tochter wiederholt Mitteilungen über ihre Krankheit gemacht hat, 
und daß sie auch nicht verschwiegen hat, daß sie die Künstlerlaufbahn 
deshalb aufgeben mußte.) Sie blieb nun bei uns und es ging ihr ver- 



188 Ludwig Binswanger. 

hältnismäßig gut. Sie beschäftigte sich im Haushalte, machte Hand- 
arbeiten, ging in Theater und Konzerte und war ganz vergnügt, ihr 
körperliches Befinden war gut, nur im Kopfe wollte das Brennen 
und Sausen nicht vergehen. Ich redete ihr zu, nochmals in das Sana- 
torium zu gehen, da ich hoffte, sie würde in kurzer Zeit vollständig 
hergestellt sein. Sie ging bereitwillig auf meinen Vorschlag ein, da es 
ihr eigener Wunsch war, bald gesund zu werden. Lustig und vergnügt 
reiste sie ab, und ihre Briefe ließen darauf schließen, daß es ihr gut 
ging. Nach 14 Tagen traf sie abends unangemeldet bei uns ein mit 
ganz verstörtem Gesichtsausdrucke. Ich bat Herrn Dr* C mir doch 
mitzuteilen, was er von dem Zustande meiner Tochter halte. Er schrieb 
mir, sie würde von Halluzinationen geplagt, ich solle versuchen 
zu erfahren, welcher Art sie seien. Ich merkte gleich, die alte Geschichte 
mit Fräulein Faure ging ihr wieder im Kopfe herum, auch machte 
sie sich Gedanken, daß ihr dereinst der Aufenthalt im Irrenhause 
beschieden sei. Sie blieb nun bei uns und es ging ihr nicht besonders 
gut, sie aß nichts oder einen Teller Hafersuppe. Sie vertröstete midi 
immer auf Weihnachten, da wolle ihr Bräutigam kommen und dann 
sollte ich keine Klage mehr über sie haben. Sie bat sich auch während 
seines Besuches Mühe gegeben und war ganz glücklich. Bald nach seiner 
Abreise sprach sie selbst den Wunsch aus, sich in ärztliche Behandlung 
begeben zu wollen, sie fühle, daß es sich rasch mit ihr verschlechtere, 
und so brachte ich sie mit ihrem Einverständnis nach Jena. 

Eine Eigentümlichkeit hat sich noch in den letzten 2 Jahren bei ihr 
geltend gemacht. Anfang 1905 fing sie an, einzelne Tage auf dem 
Kalender mit Strichen zu bezeichnen; auf meine Frage, was das 
bedeute, schwiegsie. Nach und nach wurden mehr Tage bezeichnet und 
auch mitzählen versehen. Sie legte sich kleine Taschenkalender zu, die 
auch gezeichnet wurden, und ihre ständige Bitte war, ihr einen solchen 
zu kaufen. Mir war das Ganze lange Zeit rätselhaft, bis ich merkte, 
daß sie mit den Strichen ihre Fasttage bezeichnete, und 
zwar auf Wochen voraus. Hatte ich sie durch irgend eine Ursache 
veranlaßt, an einem solchen Tag zu essen, gab's danach eine heftige 
Szene. Am Tage vor ihrem Eintritte in die Anstalt sagte sie plötzlich, 
sie wolle mir noch mitteilen, weshalb sie oft trotz größten Hungers 
nicht gegessen habe, es Bei eine selbstauferlegte Buße für die 
vielen Lügen, die sie im Leben gesagt habe. Ich solle das auch Herrn 
Geheimrat Binswanger erzählen. Verderblich für sie war auch die 
von ihr gewählte Lektüre. Sie hat sehr viel gelesen, unter anderen 



Versuch einer Hysterieanalyse. 189 

Tolstoi, Feuchtersleben, Nietzsche, d'Annunzio, Ibsen usw. 
In Berlin hat sie unzählige Werke moderner Schriftsteller gelesen. 
Sie war für all das zu unreif und hatte sich Anschauungen angeeignet, 
die uns erschreckten." Soweit der Bericht der Mutter. 

Im Februar 1907 begann die Behandlung durch meinen Onkel. 
Über diese Zeit (Februar bis Ende Mai 1907) stehen mir folgende Nach- 
richten zu Gebote: 

Die Untersuchung durch meinen Onkel ergibt eine linksseitige 
Hemihypästhesie; sonst keine Störungen von Seiten des Nerven- 
systems. Die inneren Organe sind gesund. Am 18. Februar war sie 
nach Jena gekommen, am 22. Februar hatte sie abends einen „An- 
fall"; Sie liegt steif auf dem Sofa, alle Glieder in tonischer Spannung, 
die Augen weit aufgerissen, gibt Antwort auf Fragen, aber ganz langsam, 
traumhaft. „Es kommen schwarze Gedanken." Am 25. Februar bei 
der Visite ein ähnlicher Zustand. Sie liegt in Rückenlage regungslos 
da, die Augen ins Leere gerichtet, die Pupillen sind weit, Lidschlag 
enorm selten. Puls 64. Behält einen Bissen, den man ihr reicht, un- 
beweglich in der Hand auf dem Wege zum Munde. Erkennt den Arzt7 
Fragt: „Hören Sie nicht das Brausen?" Bis zum 1. März scheint 
sie in „einem hysterisch-kataleptiformen Zustand" gewesen zu sein, 
für den sie jetzt amnestisch ist. Weiß nicht, daß der Arzt bei ihr war 
und was er mit ihr gesprochen hat. Sie zeigt jetzt eine ausgespro- 
chene linksseitige Hemiparese, mit Hemihypästhesie, He- 
mianalgesie und Hemithermanästhesie. Sie erklärte in der 
somnambulen Phase, sie habe Angst vor Mondscheinnächten. 
Es kämen ihr immer so schreckliche Bilder vor, über die sie nicht 
sprechen könne. Jetzt äußert sie, daß sie in der Anfallzeit häufig die 
Vision von Fräulein Faure gehabt, deren Tod sie verschuldet 
habe, indem sie ihr ein Taschentuch reichte, von dem die Geisteskranke 
sagte, es sei vergiftet. Nun erscheine ihr immer diese Dame, die ihr 
zurufe: „Mörderin, du hast mich vergiftet." Am 2. März wird 
sie von meinem Onkel hypnotisiert, was sehr leicht gelingt. Sie gibt 
dieselbe Auskunft über ihre Vision wie im Wachen. Fühlt sich danach 
sehr wohl und ißt. 3. März. Parese durch Hypnose wenig beeinflußt. 
8. März. Die somnambulen Phasen häufen sich. Patientin rennt oft 
aus dem Zimmer, schreit. Angst wegen einer Erinnerung, die sie nicht 
sagen könne. Will nicht wieder hypnotisiert werden aus Angst, „man 
könnte ihr das Geheimnis entreißen". Am 9. März will sie nicht essen, 
erklärt, es käme jetzt eine Periode, wo sie nicht essen dürfe. 23. März. 



190 Ludwig Bins wanger. 

Bald klar, bald verworren. Sieht oft Gestalten, läuft (mit ihrer Parese!) 
triebartig mit weit geöffneten Augen und starrem Blicke im Garten 
umher. (Dreimal wurde sie im Garten aufgehalten, als sie auf den 
benachbarten Friedhof zueilte.) 5. April. Parese hält an; meist 
traumhaft müde. 15. April. Der gehemmte, fast stuporöse Zustand 
hat einer leichten Erregung Platz gemacht. Patientin spricht und 
lacht viel, geht gern spazieren. Schläft wenig und hat nachts viel Angst. 
Parese des linken Armes behoben. 1. Mai. Synkopaler Anfall; danach 
lethargischer Zustand. Gibt wenig Antwort, klagt über Kopfschmerz. 
4. Mai. Erzählt als „Letztes" von ihrer Krankheit: Sie sei im Hause 
eines Arztes gewesen (Professor N.), dessen geisteskranke Frau die 
Freßsucht gehabt habe. Diese habe einmal erklärt, wenn man sie am 
Essen hindern wolle, ginge sie auf den Kirchhof, um Leichen 
auszugraben. Seitdem habePat. Ekel vor dem Essen. Zeitweilige 
Halluzinationen mit Identifikation ihrer selbst mit dieser Dame. Am 
15. Mai wird sie für einige Tage beurlaubt, um auf Rat meines Onkels 
ihrem Bräutigam sein Versprechen zurückzugeben, da sie zu krank 
zum Heiraten sei. Der Bräutigam erklärt jedoch, an ihr festhalten 
zu wollen. Sie kommt in schlechtem Zustande von diesem Urlaube 
zurück. In der letzten Zeit des Monates Mai erzählt sie meinem Onkel, 
noch von dem jungen Leutnant, in den sie so lange verliebt war, sodann 
von dem Erlebnisse in dem südlichen Kurorte F. Sie berichtet, der 
fremde Offizier habe sich in einem Tobsuchtsanfalle zum Fenster 
hinausgestürzt unter starkem Schreien und sie sähe ihn noch in seinem 
Blute auf der Erde liegen. Dieser Anblick quäle sie oft noch sehr 1 ). 

Der Kranken wurden in den letzten Wochen etwa dreimal wöchent- 
lich in der Hypnose Schlafsuggestionen gegeben, die sehr gut wirkten. 
Außerdem wurden prolongierte Bäder angewandt. Eine Einzelpflegerin 
war erst zu allerletzt eingeführt worden. Bisher hatte sie meist allein 
geschlafen und auf ihren ausdrücklichen Wunsch allein gegessen. 
Sie hatte sich immer sehr gegen eine Pflegerin gesträubt, bis sie 
einer Dame gewahr wurde, die sie sich sofort als Pflegerin ausbat, 
da jene etwas „Beruhigendes" an sich hatte. 

Halten wir aus dem Bisherigen namentlich folgendes fest: Es 
handelt sich um ein intelligentes Mädchen von großer Schlage 
fertigkeit, aber unwillig zum Lernen und von dem Glauben 
beherrscht: alles spielend zu erreichen, ein Mädchen von großer 

*) Ende Mai läuft sie wieder einmal auf den Friedhof, ritzt sich die 
Vorderarme mit einem Draht. 



Versuch einer Hysterieanalyee. 191 

Selbstüberhebung, Herrschsucht und einem enormen Eigen- 
willen. — Beginn der Erkrankung 1901 (sie dauert also seit 
6 Jahren an). Patientin wird bleich und mager und will nichts für 
ihre Gesundheit tun. Der äußere Anlaß ist der Weggang eines jungen 
Mannes, in den sie verliebt ist. Wenn sie wieder mit ihm (oder ihrem 
künftigen Bräutigam) zusammenkommt, kann sie „wunschlos glücklich 
sein", sobald die geliebte Person fort ist, ist sie auch wieder krank. 

1902, als sie nichts mehr von ihrem Geliebten hört, tritt „Kräfte- 
verfair und Erbrechen ein. Will nichts essen. 

1903 geht sie körperlich noch mehr zurück. 

1 904 tritt Schlaflosigkeit und Unruhe bei ihr ein und die Kranke 
zieht sich immer mehr von anderen Menschen zurück. Ihre Aussagen 
sind auf einmal nicht mehr wahrheitsgetreu. Sie gerät oft in un- 
sinnige Wut und wird dabei tätlich. Kann stundenlang auf einen Fleck 
starren, will ihrem Leben ein Ende machen. In dieses Jahr fällt die 
Begegnung mit Frau Professor N. 

1905 fängt sie an regelrecht zu fasten und ihre Fasttage auf dem 
Kalender anzustreichen. Will jetzt auch nicht mehr in Gegenwart 
anderer essen. Im Herbste dieses Jahres erleidet sie ihr schwerstes 
psychisches Trauma (siehe später Dr. Wu). 

Oktober 1905 bis Februar 1906: Aufenthalt in Berlin. 
„Besorgniserregender Zustand". 

1906. Im Frühjahre vorübergehendes Blutspucken im An- 
schlüsse an den Tobsuchtsanfall und Blutsturz des fremden Offiziers. 
Nahrungsverweigerung wechselt ab mit Heißhunger. Läßt das 
Essen oft wegschließen, da sie nicht stark genug sei, zu widerstehen. 

Am zweiten Pfingsttag erster hysterischer Anfall, im An- 
schlüsse an die letzte Begegnung mit ihrem Jugendfreunde. 

Im September Verlobung mit Dr. P., der sich seit 1905 um sie 
beworben hat. Bald darauf Auftreten von Halluzinationen (Reminis- 
zenzen an Fräulein Faure). 

1907 Februar; Tritt in die Behandlung von Herrn Geheim- 
rat Binswanger ein. Hat kataleptiforme, synkopale, konvulsivische 
Anfälle und somnambule Zustände, zeigt eine linksseitige Hemiparese 
mit Hemihypästhesie usw. Wird von schreckhaften Visionen geplagt 
(Fräulein Faure, Frau Professor N., der fremde Offizier), hat Angst 
vor Mondscheinnächten und einen triebartigen Hang, auf den 
Friedhof zu laufen, um Leichen auszugraben. Ekelt sich vor 
1 3 



192 Ludwig Binswanger. 

dem Essen und ißt nur allein. Schiebt Fasttage ein. Der ganze 
Zustand ist äußerst wechselnd, Stimmung bald sehr deprimiert» bald 
heiter. Das , , Abreagieren" einzelner Erlebnisse hat begonnen. 



Noch einige Bemerkungen seien gestattet, bevor ich die Analyse 
beginne. Auf ein wichtiges Hilfsmittel mußte ich bei der Kur von Anfang 
an verzichten, nämlich auf die Träume; denn Irma erklärte, niemals 
zu träumen oder wenigstens sich nicht ihrer Träume zu erinnern. Ich 
war somit hauptsächlich auf die „Einfälle" der Kranken angewiesen, 
um in ihr unbewußtes Seelenleben einzudringen. Ich forderte Irma 
von Anfang an auf, nach dem Vorgang Fr e uds, nicht nur zu sagen, was 
gerade zu dem Thema gehöre, über das wir jeweilig sprächen» sondern 
auch a!les mitzuerzählen, was ihr nebenbei noch durch den Kopf gehe, 
und wenn es scheinbar auch nicht den geringsten Zusammenhang mit 
unserem Thema haben sollte. Habe ich diese Forderung nicht eindringlich 
genug wiederholt oder war Irma überhaupt nicht imstande, mehrere 
nebeneinander einhergehende Gedankenreihen oder plötzliche Einfälle 
zu apper^ipieren — kurz auch diese Quelle versagte fast ganz. Später 
habe ich dann systematisch da, wo die direkte Ausforschung nichts 
mehr zutage förderte, frei assoziieren lassen. Als drittes Hilfsmittel 
wäre mir noch das Assoziationsexperiment, wie ich es in der Züricher 
Klinik auszuführen gelernt habe, zu Gebote gestanden. Von einem kleinen 
Versuche am Anfange» einem größeren am Schlüsse der Kur wird be- 
richtet werden. Wenn ich auch hierauf verzichtete, geschah es deshalb, 
weil das Material, das Irma in der ersten Zeit ganz von selbst lieferte, 
ein außerordentlich großes war. Wie wir sehen werden, hat sich durch das 
direkte Ausfragen und Erzählenlassen das anfangs noch sehr enge Be- 
wußtseinsfeld Irmas nach und nach stetig erweitert, indem ohne 
weitere Hilfsmittel ein Gedanke, ein Erlebnis immer wieder neue hervor- 
rief, für die sie bis dahin amnestisch war. Auf diese Art war der Zweck 
der Kur, die „Amnesien aufzuheben" oder „das Unbewußte dem 
Bewußtsein zugänglich zu machen" (Freud) in der ersten Hälfte der 
Kur erreicht. 

Die Kur zerfällt in mehrere Abschnitte, bedingt durch zwei große 
Dämmerzustände Mitte Juni und Anfang Juli, die 9 bis 12 Tage 
dauerten und die direkte Ausforschung der Kranken unterbrachen. In 
ihnen finden wir den besten Zugang zu den verborgenen, ver- 
drängten Komplexen (Jung) der Kranken. Das spontan in ihnen pro- 



Versuch einer Hysterieanalyse. 193 

duaierte Material ist ein weiterer Strom, der direkt aus der unbewußten 
Gedankentätigkeit Irmas entspringt. Entsprechend diesen Abschnitten 
habe ich auch die Schilderung der Kur eingeteilt, wobei es sich durch- 
aus nicht nur um ein äußerliches Einleitungsprinzip handelt. Ein äußer- 
licher Abschnitt kam dagegen in der ersten Hälfte des August zustande, 
als ich einen fünfwöchentlichen Urlaub antrat. 



B. Die Kur. 

I. Die Zeit bis zum ersten großen Dämmerzustande 
(29. Mai bis 12. Juni). 

Als ich am 29. Mai zu der Kranken geführt wurde, fand ich ein 
junges, sehr großes, sehr blaß aussehendes Mädchen auf der Chaiselongue 
liegend und bei unserem Eintritte liebenswürdig und müde lächelnd. Von 
körperlichen Degenerationszeichen waren die angewachsenen 
und nach unten ausgezogenen Ohrläppchen und die zusammengewach- 
senen Augenbrauen leicht zu bemerken. Irma, die wußte, worum es 
sich handelte, war gleich sehr zugänglich und gesprächig. Ich erkundigte 
mich nach ihren Familienverhältnissen, über die sie rasch und sicher 
Auskunft gab. Wenn sie lebhaft wurde, erhob sie den Oberkörper 
und begleitete ihre Reden mit Handbewegungen, die etwas Geziertes 
an sich hatten. Wenn sie die außergewöhnlich großen Augen starr auf 
den Arzt richtete, gewann man den Eindruck, daß sie nicht in der Wirk- 
lichkeit lebte, sondern wie aus einer „andren Welt" heraus sprach. 

Inder zweiten Sitzung (30. Mai) bitte ich sie, mir noch einmal die 
Erlebnisse zu erzählen, die sie meinem Onkel anvertraut. Ohne Zögern 
berichtete sie über den jungen Offizier, in den sie sich, 16 Jahre alt, 
verliebt und von dem sie durch die Mutter getrennt worden sei 1 ). 
Sie sei darauf hin sehr apathisch geworden, Sie spricht darüber wie 
über längst Überwundenes. Dann kommt sie auf den TodvonFräulein 
Faure zu sprechen, den sie auf 1900 verlegt, der aber, wie wir sahen, 
Weihnachten 1896 erfolgt war 2 ). Hören wir sie selbst: Es sei vor Weih- 



x ) Ist nicht richtig. VgL die Angaben der Mutter hierüber. Wir gewahren 
hier einen feindlichen Zug gegenüber der Mutter, 

*) Diese Erinnerungstäuschung ist um so auffallender, als Irma die 
meisten zeitlichen Verhältnisse der letzten 10 Jahre ziemlich richtig angibt, nicht 
anders als ein Gesunder. Sie ist aber nicht schwer zu erklären. Es handelt sich hier 
ura einen Komplex (im Sinne von Jung), d>r Irma, wie wir bisher sahen, seit 1905 

_ 19 

Jahrbuch für psyclioanulyt. ii. pBjchopathol. «■ : c! uogen. I. lv 



194 Ludwig Binswanger. 

nachten 1900 gewesen, als ihre beiden Geschwister und Fräulein Faure 
an Diphtherie erkrankten 1 ). Eines Tages habe ihr Fräulein Faure 
durch die Tür zugerufen, sie möchte in die Stadt gehen und Taschen- 
tücher für sie kaufen. Sie habe es getan und ihr die Taschentücher, 
nachdem sie dieselben bei der Rückkehr zuerst noch hatte herumliegen 
lassen, auf 's Zimmer geschickt. „Kurze Zeit darauf", fährt Irma fort, 
„hat Fräulein Faure geschrieen, ich hätte die Taschentücher vergiftet, 
ob ich denn nicht warten könne, bis sie tot sei. Das hätte sie nicht um 
mich verdient" 2 ). 

„Zuerst hatte ich das Gefühl, nein ich habe sie nicht vergiftet. Ich 
könnte aber doch unvorsichtig gewesen sein! Wir haben doch Karbol 
und Spiritus im Hause gehabt und Bie hatte einen wunden Hals. (Siehe 
S. 177.) Ich dachte, es könnte etwas daran gekommen sein und sie sei da- 
durch vergiftet worden. Wenn dann der Speichel in den Magen gekommen 
wäre!" Fraulein Faure sei kurz darauf in eine Irrenanstalt gekommen 
und am Weihnachtstage daselbst gestorben. Jetzt erscheine ihr Fräu- 
lein Faure nachts als „entsetzliches Totengerippe". Bei diesen 
Worten wird Patientin aufgeregt und läuft im Zimmer herum. 

Siekommt in der zweiten Sitzung noch auf die bis jetztnur ange- 
deutete Begegnung mit Frau Professor N., wird aber sehr erregt und 
etwas schwindlig. Erklärt, lieber in Gegenwart meines Onkels darüber 
reden zu wollen. 

Beim dritten Besuch (31. Mai) finde ich Irma lang hingestreckt 
auf dem Boden liegend, Gesichtsfarbe sehr blaß. Beide Hände und 
Vorderarme in leichten Zuckungen. Muskulatur der Extremitäten leicht 

sehr beschäftigt. Und gerade jetzt „lebt und webt" sie derart in der Erinnerung 
an jene Erlebnisse, daß sich diese ihrem Geiste mit einer Schärfe und Deutlichkeit 
präsentieren, als wären sie „gestern" gewesen. Es ist daher sehr begreiflich, wenn 
sie den Zeitabschnitt von damals bis heute verkürzt, das Ereignis in der Zeit weiter 
nach vorne schiebt. Interessant ist aber, daß sie den Zeitpunkt gerade auf den 
Beginn ihrer Krankheit (1000) verlegt, wie wenn das Ereignis selbst sie unmittel- 
bar krank gemacht hätte. — Wir werden sehen, daß erst 1904 sich ihre Phantasie 
mit Fraulein Faure zu beschäftigen anfing, bald nach der Begegnung mit Frau 
Professor N. Beide Komplexe hängen eng zusammen. 

1 ) Nicht alles stammt aus der zweiten Sitzung, sondern es ist aus mehreren 
Sitzungen dieses ersten Zeitabschnittes zusammengetragen. Was in Anführungs- 
zeichen steht, sind wörtliche Äußerungen der Patientin, die meist während der 
Sitzung nachstenographiert, nur ausnahmsweise kurz darauf nach der Erinnerung 
fixiert wurden. 

*) In der Hypnose (am 7. August 1907) erwähnt Irma hiezu noch, Fräulein 
Faure habe sie „Mörderin" genannt. 



Versuch einer Hysterieanalyse. 195 

gespannt. Puls regelmäßig, klein, etwas verlangsamt. Es handelt sich 
um einen leichten konvulsivischen Anfall. Mit Hilfe der Pflegerin legte 
ich Irma auf die Chaiselongue, redete sie ruhig an, wobei sie rasch die 
Augen aufschlug. Ich tat, wie wenn nichts geschehen und knüpfte an 
die vorhergehende Sitzung an. Ich bitte sie, das gestern angedeutete 
Erlebnis mir allein zu erzählen, und nicht erst in Gegenwart meines 
Onkels 1 ). 

Unter heftigem Sträuben, Weinen und sich in die Kissen Verbergen, 
beginnt sie zögernd: „Als ich in* * * war (1903), kam ich öfters zu 
einem befreundeten älteren Herrn, dessen Frau geisteskrank war (Frau 
Professor K). Sie wurde von mir ferngehalten. Sie konnte nie 
genug Nahrung kriegen. Ich hörte einmal wie sie sagte: Wenn ihr 

mir nicht genug gebt, gehe ich auf den Friedhof, da 

sind frische Leichen , die werde ich 

essen." Nachdem die letzten Worte unter enorm langen Pausen ausge- 
sprochen sinkt sie zurück, schluchzt laut und vergräbt den Kopf in das 
Kissen. Von dem enormen Widerstände, der bei dieser Erzählung zu 
überwinden war, einen Begriff zu geben, ist unmöglich. Nachdem sie 
sich etwas beruhigt, fügt sie hinzu, sie sei nach jener Begegnung mit 
Frau Professor N. stundenlang herumgeirrt, so daß man sie kaum 
gefunden habe 2 ). Noch in derselben Sitzung bat ich Irma, mir 
auch das letzte Erlebnis mitzuteilen, das sie meinem Onkel erzählt 
habe. Sie sträubt sich anfangs, berichtet dann aber, wie sie im vorigen 
Jahre (1906) in einem südlichen Kurorte geweilt, wo sich folgendes 

x ) Im Beginne der Kur besaß ja mein Onkel das ganze Vertrauen der Kran- 
ken; in der Sprache Freuds: die „Übertragung" (von der wir später ausführlich 
zu handeln haben werden) auf ihn war schon lange vollzogen. Es galt nun, die 
Übertragung auf mich selbst überzuleiten. Zu diesem Zwecke mußte ich Irma 
von Anfang an das Gefühl zu geben versuchen, daß sie sich mir gegenüber ebenso 
leicht aussprechen könne, wie gegenüber meinem Onkel. Daher mußte ich sie auch 
mit der nochmaligen Erzählung jener Erlebnisse quälen, ganz abgesehen davon, 
daß der Arzt, der eine Psychanalyse unternimmt, alles aus dem Munde der Kranken 
selber vernehmen muß; das Mienenspiel, irgendwelche „zufällige" Bewegungen, 
der ganz genaue Wortlaut sind dabei unerläßlich. 

*) An dieser Darstellung hielt Irma noch am Ende der Kur fest. Erst vor 
kurzem, als ich sie bei Bekannten zu sehen Gelegenheit hatte (Herbst 1908), gab 
sie an, Frau Professor N. habe nur mit der Hand nach dem Friedhof gezeigt, 
das übrige habe sie aus den Worten „wenn ihr mir nicht genug gebt, laufe ich dahin- 
über" erschlossen. Wir sehen, daß Irma ihre eigenen Phantasien damals einer 
andern lieh. Der objektive Beobachter könnte ja ebenso leicht die Androhung eines 
Suizids in jenen Worten der Frau Professor N. erblicken. 

13* 



196 Ludwig Binswanger. 

ereignet habe. Sie habe in jener Zeit schon in Gegenwart anderer nicht 
mehr essen können und sei allein im Zimmer gewesen, während ihre 
Mutter bei der Table d'höte weilte. Da habe sie auf einmal ein furcht- 
bares Schreien gehört, das aus dem Zimmer über ihr kam. Sie sei ans 
Fenster gerannt und habe gerade noch gesehen wie sich ein Herr von dem 
Balkon jenes Zimmers auf die Straße stürzte. Er sei gleich tot ge wese n. 
„Das Blut war gräßlich !" Sie selbst sei ganz „starr" gewesen. Vierzehn 
Tage nachher habe sie die Mutter gebeten, den Kurort mit ihr zu ver- 
lassen. Die Erzählung dieses Traumas erfolgte unter viel geringerem 
Widerstände als die des vorigen. 

An dieser Schüderung fällt uns zweierlei auf: 1. daß der Offizier wirklich 
von dem Balkone herunterstürzte und „gleich tot" war, während er doch 
noch von seinem Arzte zurückgehalten werden konnte, und 2. die Angabe, 
Irina habe die Mutter gebeten, den Ort bald zu verlassen, während das 
Umgekehrte der Fall war. Am Ende der Kur gab Irma denn auch an 
(16. September 1907), sie erinnere sich an diese Begebenheit nur bis zu dem 
Augenblicke, wo der betreffende Offizier sich über das Geländer beugte. 
Sie sei in dem Momente vom Fenster weggelaufen, um Hilfe zu holen. „Auf 
einmal verstummte das Schreien." Sie hatte also nach Beendigung der Kur 
ihre Täuschung eingesehen. Schon bei einem gesunden Menschen wäre jene 
durch den starken Affekt bedingte Täuschung über den Ausgang des Kampfes 
am Fenster verständlich gewesen, wieviel mehr bei unserer Kranken, bei 
der anscheinend durch die grenzenlose Angst ein Hypnoidzustand hervor- 
gerufen wurde, in dem sie den gefurchteten und so nahe hervorstehenden 
Sturz von dem Balkone als bereits erfolgt vor sich sah. Das Blut, das dem 
Offizier aus dem Munde quoll, sah sie nun auf der Straße fließen. Den 
Widerspruch zwischen den Angaben über die Abreise von jenem Kurorte 
konnte ich nicht auflösen. 

Die Erzählung der vorangegangenen 4 Begebenheiten wäre natür- 
lich nicht in 3 Sitzungen zustande gekommen, hätte Irma nicht alles 
schon einmal ausgesprochen gehabt. Wir sahen aber, daß namentlich 
bei dem Berichte über die Begegnung mit Frau Professor N. der Wider- 
stand noch ein gewaltiger war. Mit dem einmaligen Aussprechen ist in 
so komplizierten Fällen das „Abreagieren" nicht vollzogen. 

Gehen wir nun zur vierten Sitzung über. (1. Mai.) Irma istheute 
sehr heiter und gesprächig und voller Freude, „daß sie jetzt alles er- 
zählt habe". Dieser Ausspruch ist wohl zu beachten ! Schon in den No- 
tizen aus der Zeit der Behandlung durch meinen Onkel fanden wir einen 
ähnlichen Ausspruch. Wenn wir die Fülle von Erinnerungen und schädi- 
genden Einflüssen, die im Laufe der nächsten Sitzungen ans Licht 
gelangten, übersehen werden, erhalten wir erst einen Einblick, wie eng, 
um mit Janet zu reden, das Bewußtseinsfeld Irmas im Anfange noch 



Versuch einer Hysterieanalyse. 197 

war. — Nur etwas sei ihr noch eingefallen, nämlich wie sie mit 13 Jah- 
ren in der Wut mit einem Messer auf ihren Bruder losgegangen 
sei, der sie gereizt habe. Die Mutter habe sie zurückgehalten. In der 
nächsten Sitzung machte sie noch folgende wichtige Angaben darüber : 
Der Bruder habe sie damit geneckt, daß sie einen Herrn, der ihr 
einen Kuß geben wollte, in den Finger gebissen hatte. Der 
betreffende Herr habe ihr Schokolade gebracht und zum Danke dafür 
hätte sie ihm einen Kuß geben sollen. Sie sei damals etwa drei Jahre 
alt gewesen. (Es scheint, daß der Bruder wußte, daß die Erinnerung an 
jene Episode sie reizte!) Sie habe, als der Bruder sie damit neckte, 
„fortlaufen wollen" wie Fräulein Faure es tat" (wenn sie aufgeregt 
war), aber der Bruder habe sich ihr in den Weg gestellt, worauf sie 
voller Wut zu einem Messer gegriffen habe. 

Daß die Erzählung von dem Bisse in den Finger nicht ganz aus 
der Luft gegriffen ist, geht daraus hervor, daß Irma auch in der Hypnose 
genau dieselben Angaben machte, wenn auch noch ausführlicher. Es war 
am 7. August in der vierten Hypnose: 

Ich hatte Irma gefragt, was für Gedanken der Ausspruch Fräulein 
Faures: „Du Mörderin" in ihr hervorgerufen habe. Sie erwiderte 
darauf (die Äußerungen in den Hypnosen sind alle wörtlich nachsteno- 
graphiert): „Ichhabe michauf einmal vor mir selbergefürchtet 
und war ganz verwirrt." Ist es wirklich so weit gekommen, habe ich 
mich tatsächlich vergessen und es aus irgendeinem Grunde mit Willen 
getan? (Nämlich Fräulein Faure vergiftet.) Ich erinnerte mich 
gleich, daß ich einmal mit dem Messer auf den Bruder losging? 

,, Warum hat diese Begebenheit mit dem Bruder einen so starken 
Eindruck hinterlassen?" 

„Gerade meinen Bruder habe ich sehr geliebt immer, und ich 
würde nie mit Bewußtsein ihm etwas zuleide getan haben. Ich 
habe daher nicht begriffen, wie ich es überhaupt fertig gebracht habe ! 
Seitdem fürchte ich mich, ich könnte mich eines Tages auf irgendeine 
Weise vergessen und die Herrschaft über mich verlieren, dann 
würde ich zu allem fähig sein!" 

„Zu allem fähig sein?" wiederhole ich fragend. 

„Ich habe gedacht, wenn Mama nicht dazu gekommen wäre, hätte 
ich dem Bruder wehgetan und später habe ich gedacht, es hätte nicht 
bei dem Wehtun bleiben können, sondern ihm schaden können, ihn 
vielleicht um das Leben bringen können." 

„Warum sind Sie auf den Bruder mit dem Messer losgegangen ?'* 



198 Ludwig Binawanger. 

„Ich glaube, er hat mich geneckt, weil ich einen Herrn in denFinger 
gebissen habe. Ich glaube, ich war 3 Jahre alt." 

„Warum in den Finger gebissen?" (Krampft die Hände zusammen, 
was im Wachen und in der Hypnose bei ihr ein Zeichen ist, daß man 
auf lebhaften Widerstand gestoßen ist!) Es erfolgt auch keine Antwort. 
Ich frage weiter: „Was für ein Herr war es?" 

„Ich weiß nicht, ob es einer der Herren war, die zum Großpapa 

kamen oder Ich kann mich nur so undeutlich besinnen auf einen 

Herrn, der von auswärts gekommen war und uns immer sehr beschenkte. 
Ob er es war?" 

„Warum haben sie ihn in den Finger gebissen?" 

„Ich wollte mich von ihm losmachen. Ich mochte keine Lieb- 
kosungen." 

„Wie hat er Sie liebkost?" (Schweigt.) 

„Hatten Sie nicht eine besondere Empfindung ihm gegenüber?" 

„Ja doch, er wird mir wohl im ganzen unsympathisch gewesen 
sein!" 

„Warum so geärgert über Bruder?" 

„Ich war immer gleich sehr wütend, wenn mich jemand auf der- 
artige Weise neckte. Wenn man mich mit Sachen neckte, die mir pein- 
lich waren. Hauptsächlich war mir peinlich der Gedanke an die 
Liebkosungen selbst. Er drückte meinen Kopf an seine 
Brust." 

„Waren Sie damals allein mit dem Herrn?" 

„In dem Augenblicke, wie ich ihn in den Finger gebissen, war ich 
allein, aber vorher nicht. Kaum wie es geschehen war, kam Mama wieder. 

Ich war in derartiger Aufregung, daß ich nichts mehr Ich fürchtete 

mich davor, daß ersieh über mich beugen und mich küssen würde. 
Da habe ich ihn gebissen 1 ), 

l ) Wie weit die Schilderung dieser drei Erlebnisse (Vorwurf von Fräulein 
Faure, Attentat auf den Bruder und die Szene mit dem Herrn, der sie küssen wollte) 
der Wahrheit entspricht, weiß ich nicht Vom zweiten und dritten Erlebnis wissen 
Mutter und Bruder nichts, das erste ist überhaupt nicht zu kontrollieren, da keine 
dritte Person dabei war. Immerhin können wir genug aus diesen Angaben lernen. 

Aus der letzten Begebenheit, sei sie Phantasie, sei sie Wirklichkeit, oder, 
was das Wahrscheinlichste, ein Gemisch von beiden,' erkennen wir Irmas Abnei- 
gung gegen Liebkosungen, speziell gegen das Geküßtwerden und weiter die 
Neigung, zu bei ßen. Das Attentat auf den Bruder halte ich für möglich, trotzdem 
der letztere sich nicht daran erinnert. Wir wissen ja, daß Irma schon als Kind 
sehr jähzornig sein konnte. Baß ihr die Erwähnung der Kußszene peinlich ist, 



Versuch einer Hysterieanalyse. 199 

Kehren wir zurück zur vierten Sitzung. Ich. mache Irma darauf 
aufmerksam, daß sie ein wichtiges Ereignis mir noch nicht mitgeteilt 
habe, worauf sie rasch einfällt: „Ja, daß ich Braut bin." Das Ver- 
schweigen dieser Tatsache ließ unschwer erkennen, daß hier ein Komplex 
vorlag, der ungern von Irma berührt wurde. Ich war dadurch schon 
vorbereitet, auf diesen Komplex mein besonderes Augenmerk zu richten. 
Das absichtliche Verschweigen einer Tatsache ist für den Arzt fast 
ebenso wichtig, als die wirkliche Amnesie, um Anhaltspunkte für den 
weiteren Weg der Forschung zu gewinnen. Irma erklärt auch un- 
umwunden, sie habe die Verlobung nicht erwähnt, weil sie nicht gern 
daran dachte! Sie wolle sich von ihrem Verlobten lossagen* 
Sie habe solche Angst, er könne vor ihr abgeschreckt werden, 
da sie zugleich lebendig und tot sei! Sie wolle nicht, daß 
man sie berühre, denn dann könne man auf einmal merken, 
daß sie tot sei und zurückweichen." 1 ) 

Wirhabenhierdas The ma,daß sichdurchdieganzeAnalyse in vielen 
Variationen und Modifikationen hindurch verfolgen läßt. Ich will keine 
„Deutimg" vornehmen, um diejenigen nicht abzuschrecken, die vor 
solchen „willkürlichen Konstruktionen" einen Horror zeigen. Vielmehr 
ist mein Bestreben, den Sinn dieser Symbolik im Laufe der Darstellung 
sich von selbst ergeben zu lassen, so wie er aus dem Munde der Kranken 
in immer unverhüllterer Form zu vernehmen war. Es sei bemerkt, daß 
ich in der ersten Zeit Ir ma von meinen Vermutungen kein Wort verriet, 
indem sich ja die ganze Tätigkeit im Beginne der Kur auf das Ausfragen 
und Sammeln von Material beschränkte- Wo ich mit Aufklärungen 
eingriff, ist es jeweils vermerkt. 

muß festgehalten werden. Daß sich hinter dem Attentate sexuelle aggressive Motive 
verbergen könnten, sei nur angedeutet. Sehr wichtig ist die Angabe, daß sie sich 
so vergessen könne, daß sie zu allem fähig sei. Das wird nach und nach 
einen immer präziseren Sinn erhalten. 

Die Szene mit Fräulein Faure kann jedenfalls sehr leicht sich so abgespielt 
haben wie Ir ma es angibt. Sie ist auch von dieser Darstellung niemals abgewichen, 
auch nach der Genesung nicht. Tatsache ist auf alle Fälle, daß Irma zeitweise 
glaubt, Fräulein Faure getötet zu haben, daß sie sich Vorwürfe darüber macht 
und die Möglichkeit der Tat damit begründet, daß sie ja beinahe den Bruder 
hätte ermorden können, warum also nicht auch Fräulein Faure? — Zum Attentat 
auf den Bruder sei noch bemerkt, daß Irma sich viel mehr als Junge benahm 
(kaum mit Puppen gespielt!), der Bruder aber mehr ein mädchenhaftes Auftreten 
gehabt haben soll. 

*) Sollte in der Hemiparese und Hemihypästhesie die Konversion dieses 
Zwiespaltes zum Ausdrucke kommen? Ich habe diese Frage nicht weiter verfolgt. 



200 Ludwig Binswanger. 

Ich frage Irma weiter, woraus sie schlösse, daß sie tot sei. Sie 
erwidert 3 einmal daraus, daß sie von Toten besucht würde (die 
nächtlichen Visionen von Fräulein Faure und Frau Professor N.), 
zweitens weil ihre Seele oft davonflöge. Die vergangene 
Nacht sei ihre Seele in Schweden und Norwegen gewesen, 
ihr Körper aber hier. Früher da habe sie sich vorstellen können, 
daß sie in fremden Ländern sei, sie habe dann solchen Vorstellungen ein 
Ende machen können, wenn sie gewollt habe. Jetzt sei aber alles wirk- 
lich und sei von selbst da. Sie habe oft das Gefühl, sie könne fliegen, 
aber dann hielte man sie ja fest. Das wolle sie sich aber nicht nehmen 
lassen. Ich solle sie von den „Geistern" befreien, aber das Fliegen 
dürfe ich ihr nicht nehmen, das sei so schön. 

Schon in der vorigen Sitzung hatte Irma erklärt, seit der Be- 
gegnung mit Frau Professor N. habe sie Angst vor Friedhöfen. 
Sie fürchtet, Frau Professor N. dort zu sehen, fühlt sich aber 
andrerseits auch zu Friedhöfen hingezogen. Sie hat Angst, Frau 
Professor N. könnte die Leiche von Fräulein Faure ver- 
zehren. Bei Mondschein habe sie Ruhe vor Frau Professor N., 
wenn es dunkel sei, erschiene sie aber und winke ihr, mit auf den Fried- 
hof zu kommen, um ihr das Grab von Fräulein Faure zu zeigen. 
Ob ich mit ihr dorthin gehen wolle? Auf meine Frage, Fräulein Faure 
sei doch nicht hier, sondern in * * * (Heimat Irmas) begraben, entgegnete 
sie, ja das sei richtig, aber wenn ihr Geist hierherkäme, suchte er sich 
ein bestimmtes Grab aus auf dem Friedhofe. Nach der Begegnung mit 
Frau Professor N. habe sie sich gesagt: „Wenn es Menschen gibt, 
die Tote verzehren, muß ich nachsehen, ob niemand Fräulein Faure 
verzehrt hat." Sie macht sich Vorwürfe, daß sie nicht auf das Grab 
von Fräulein Faure aufgepaßt habe. 

In der fünften Sitzung (3. Juni) fährt sie fort, sie habe nach 
dem Tode von Fräulein Faure viel Angst gehabt. „Niemand wußte, 
wie die ganze Sache war, niemand wußte, was ich durchgemacht hatte 
und ich konnte nicht darüber sprechen, niemals, weil mir das viel 
schrecklicher war, als wenn ich mich allein fürchtete. Man merkte es, 
daß ich mich fürchtete und sagte, so ein großes Mädchen dürfe das nicht. 
Da nahm ich mich zusammen und sagte es nicht mehr. Die Furcht 
war zuerst unbestimmt, später kam ein Geräusch dazu. Dann 
kam es auch vor, daß ich etwas sah und wenn ich dann hinguckte, 
entdeckte ich, daß es Fräulein Faure war. Und ich habe sie noch lange 
gehört, noch 2 Jahre, jetzt noch manchmal, immer um den runden 



Versuch einer Hysterie&nalyse. 201 

Tisch gehen, immer zu, immer zu. „Da, wo ich nicht bin, da ist 
das Glück" 1 ), jetzt weiß ich, was es heißen soll. Das denken wir ja 
alle: Sie hat damit gemeint, daß das Glück kein Zustand ist, sondern 
nur als solches empfunden wird, so lange es ein Ziel ist. Ich habe 
ein Ziel und soll und soll nicht dazu kommen. Ich möchte von 
hierweg können und möchte, daß die Menschen 2 ) sich nicht vor 
mir entsetzten. Und dann würden wir heiraten; mein Bräutigam 
weiß nicht, wer ich bin, und doch fürchte ich mich, es ihm zu sagen, 
und das ist feige." 

In derselben Sitzimg bat ich Irma, mir die näheren Umstände 
der Begegnung mit Frau Professor N. zu schildern. Ein deut- 
licher Fortschritt ist jetzt zu erkennen, indem sie geläufig und ohne 
merklichen Widerstand, wenn auch noch unter leichten Zeichen des 
Grausens davon berichtet: „Ich war im Wartezimmer (des Professors 
N.), da kam sie herein. Sie fixierte mich wie ein Raubtier." Dann 
habe sie die Worte ausgestoßen, Irma solle ihr etwas zu essen geben, 
sonst ginge sie auf den Friedhof. „Ich sagte, ich hätte nichts," fährt 
I r ma f ort : „Da lachte Bie ganz, ganz schrecklich, es war mehr ein Schreien. 
Dann lief ich lange, lange herum, ehe ich nach Hause ging. Ich dachte 
erst in den nächsten Tagen an Fräulein Faure." Sie habe sich dann 
überlegt, ob es noch mehr solche Menschen gäbe. ,,Die geringste 
Liebe, die ich Fräulein Faure antun kann, ist, wenn ich 
auf ihr Grab achtgebe." — Nach dem Ausspruche von Frau 
Professor N. habe sie sofort an den Friedhof in ihrer Heimat gedacht 
und wie sie eines Abends daran vorbeigegangen sei und ein halb- 
aufgewühltes Grab gesehen habe. „Damals fiel es mir nicht auf. 
Erst als ich sah, daß es solche Menschen gibt, dachte ich, deswegen 
war auch das Grab in * * * aufgewühlt. Vor dem Grabe war eine Mauer. 
Ich graute mich damals schon vor dem Friedhofe, ich mußte 
aber doch hinsehen, weil ich Sehnsucht hatte, das Grab von Fräu- 
lein Faure zu sehen. Da ich nicht wagte, hineinzugehen, ging ich 
herum und spähte. Jeden Tag, wenn ich in die Molkerei ging, um 
Milch zu trinken, ging ich daran vorbei. Ich fing auf einmal an 
zu merken, daß sich etwas daran bewegte. Dann mochte 

*) sagte Fräulein Faure. 

2 ) Nach den Erfahrungen beim Assoziationsexperimente ist „Menschen*' 
in der Regel ein „Komplexvertreter" (Jung) und wäre hier für Bräutigam 
eingesetzt. Gestützt wird diese Annahme durch den Ausspruch in der vorigen 
Sitzung, sie habe Angst: er könne von ihr abgesehreckt werden. 



202 Ludwig Binswanger. 

ich nicht mehr hingucken und mußte doch hingucken 
und sah immer die Gestalt; immer die Gestalt. Und einmal 
habe ich sie bei Tag gesehen, bei hellem Tage, und wissen Sie, was man 
mir sagte, daß es war? Jemand lachte darüber und sagte, es wäre ein 
aufgehängter Regenmantel!" 

Die Zeit der Entstehung der Sehnsucht nach dem Grabe von Fräulein 
Faiire ist etwa nicht nach dem Tode derselben, als Irma 12 Jahre alt war, 
auch nicht gleich nach jener Zeit, in die Irma den Tod von Fräulein Faure 
verlegt (1900), sondern noch später im Jahre 1904 zu suchen. (Im Früh- 
jahre 1904 hatte die Begegnung mit Frau Professor N. stattgefunden!) 
Die genaue Zeitangabe ist dadurch ermöglicht, daß Irma angibt, sie sei 
täglich an dem Friedhofe vorüber, als sie in die Molkerei ging. Von ihrer 
Mutter erfuhr ich aber, daß das im Jahre 1904 war. Anfangs sei Irma 
wirklich hingegangen, schließlich habe die Mutter aber vernommen, daß 
sie seit Wochen nicht mehr dort und trotzdem immer ausgegangen war. Be- 
fragt, ob sie in der Molkerei gewesen sei, versicherte sie es bestimmt. Das 
sei das erstemal gewesen, daß sie bei einer Lüge ertappt wurde. Die Mutter 
hatte natürlich keine Ahnung und weiß auch heute noch nicht, was in der 
Zeit in dem Mädchen vorging. Wir bekommen jetzt einen Einblick, wie 
nach und nach, ganz langsam und stetig, die Krankheit zunahm. Halten 
wir fest, daß 1904 schon das Grauen vor dem Friedhofe und die Beschäfti- 
gung mit Fräulein Faure vorhanden war. 

Die Begegnung mit Frau Professor N. hat aber noch weitere 
Folgen. Irma hat seitdem das „Gefühl", sie müsse selber Leichen 
essen. Ob das so etwas Furchtbares sei? Wir äßen ja auch Tier- 
leichen! „Wir sind selber Raubtiere." (Erinnern wir uns, daß 
Frau Professor N. sie wie ein „Raubtier* angestarrt hat !) Sie fürchtet, 
Frau Professor N. könne sie zwingen, Totenfleisch zu essen. 

Am Schlüsse der Sitzung gibt Irma noch an, sie habe heute 
Morgen gedacht, sie sei jetzt „um soviel Jahre jünger", daher 
wisse sie jetzt „alles". Eine Äußerung, die uns zeigt, daß Irma selbst 
die Erweiterung ihres Bewußtseins wahrnimmt. Ihr Ich-Komplex wird 
allmählich reicher an Assoziationen auf Kosten der verdrängten Kom- 
plexe, die immer mehr ins Bewußtsein treten. Die „regression de la 
personnalite", wie Sollier diesen Vorgang treffend ausdrückt, hat schon 
begonnen. Es handelt sich aber erst um einen kleinen Schritt auf 
einer langen Bahn. 

In der ersten Hälfte der Nacht auf heute hat Irma ohne Schlaf - 
Suggestion geschlafen, wobei es ihr „so wohl war wie noch nie/" 
Sie habe das Gefühl gehabt, sie sei wirklich krank gewesen. Da sei 
auf einmal der Geist von Fräulein Faure in der Ecke erschienen. 



Versuch einer Hysterieanalyse. 203 

worauf ßie wieder Angst bekommen habe. Sie habe diesmal aber kein 
Totengerippe gesehen, sondern nur „Umrisse". — Abends 6 Uhr tritt 
ein von mir nicht beobachteter, anscheinend synkopaler 1 ) Anfall «in, 
der eine Viertelstunde dauert. 

In der folgenden sechsten Sitzung (9. Juni) erzählt sie, sie habe 
zuerst wieder gut geschlafen, dann sei sie plötzlich aufgewacht und 
habe Frau Professor N. gesehen. Diese habe ihr gewinkt, worauf sie 
mit dem Lichte zu ihr wollte. Die Pflegerin habe sie jedoch zurück- 
gehalten. Sie habe sich „sehr entsetzt" und gedacht: „Oh Gott! jetzt 
muß ich wiedeT da hinüber gehen." Wenn sie gegangen wäre, hätte 
sie „alles gesehen"! 

Nachdem mir aus den bisherigen Schilderungen klar geworden, 
daß bei Irma ein exzessiv entwickeltes „Ekelgefühl" vorliegt, bat 
ich sie, mir Auskunft zu geben, ob sie sich leicht ekle. Die Ausführungen 
Freuds über die Rolle des Ekelgefühles in der Entwicklung der Se- 
xualität und der Neurosen überhaupt, veranlaßten mich, auf dieses 
Gefühl ein ganz besonderes Augenmerk zu richten. Irma gab denn 
auch an, sie habe schon als Kind starken Ekel empfunden. Dabei 
fällt ihr eine Episode ein, angeblich aus dem achten Lebensjahre. Sie 
sei auf einem Spaziergange mit ihrer Mutter und einer Bekannten 
vor jenen einhergegangen, wobei sie nach ihrer Gewohnheit neugierig 
auf das Gespräch der Erwachsenen hörte. Sie gibt im voraus an, was sie 
jetzt erzählen wolle, habe sie zuerst auf die Friedhöfe hingewiesen. 
Damals habe sie sich zum ersten Male „geschüttelt" (vor Ekel). Die 
Dame habe erzählt von einem Pensionär, der bei ihr gestorben sei 
und auf dem Friedhofe in * * * beerdigt werden sollte. 

„Da muß — ich habe es nicht genau verstanden," fährt Irma 
fort; „ich weiß nur, es ist mit der Leiche irgend etwas beim Transport 
passiert — der Sarg, der schon vorher geschlossen wurde, weil die 
Leiche sich nicht mehr halten konnte, hat sich geöffnet. — Sie war 
schon in Verwesung übergegangen." Die Dame habe sich selbst vor 
dem Geruch entsetzt. „Damals dachte ich immer, ich möchte auf^ 
schreiben, daß man mich verbrennt, wenn ich sterbe. Ich habe 
dann auch aufgeschrieben, daß ich nicht beerdigt werden möchte, 
damit niemand über mein Grab geht!" 

Aus dieser Angabe scheint hervorzugehen, daß Irma schon als 
Kind und schon vor dem Tode von Fräulein Faure ein besonderes 



*) Vgl. O. Binswanger, Die Hysterie, S. 679. 



204 Ludwig Binawanger, 

Interesse für Friedhöfe gehabt hat und zugleich vernehmen wir einen 
weiteren Gedanken, der mit dem ganzen Komplex Faure-Frau Pro- 
fessor N. eng verknüpft ist, zum ersten Male: Die Sorge um den 
Körper nach dem Tode. — Das Erlebnis selbst, in dem wir ein 
psychisches Trauma aus der Kindheit erblicken müssen, ist von 
der Mutter bestätigt worden. — Zu dem Ekelgefühl bemerkt Patientin 
noch, sie habe sich von jeher vor allem Unschönen und Unästhetischen 
geekelt. Man habe ihr dann oft gesagt: „Das ist Natur." In der 
zwölften Sitzung gab sie ferner ari, sie habe sich geekelt, wenn sie 
die Periode gehabt habe. Sie ekle sich oft vor ihrem ganzen 
Körper. Die jetzige Quelle ihres Ekels sei einmal die, daß sie sehen 
müsse, wie jemand Leichen esse (Frau Professor N.) und zweitens 
daß sie selber Leichen essen müsse. Noch später erzählte sie 
einmal, sie habe sich schon früh auf ihren Reisen bei der Table d'höte 
furchtbar geekelt, wenn sie jemanden unschön essen sah! 

Nachdem ich durch die Erinnerung an jenes Gespräch auf dem 
Spaziergang erfahren hatte, daß der Ekel vor den Toten sich nicht 
nur an deren Anblick knüpft, sondern auch an den Verwesungsgeruch, 
suchte ich mir Klarheit zu verschaffen, ob diesem so ausgesprochenen 
Ekel ein bestimmtes Erlebnis zugrunde liege und ich frug Irma, ob 
sie schon selbst Tote gesehen habe. 

„Ja, in M. auf einer Reise mit der Mutter" fiel ihr hierauf ein. 
Sie sei noch ein Kind gewesen, aber älter als 8 Jahre. Sie habe die 
Toten in dem Totenhause des Friedhofes jener Stadt gesehen: ein 
Kind, eine hübsche junge Frau und einen jungen Mann, der „elend" 
aussah. Dazwischen hätten Blumen gelegen. Die Toten seien „so 
schön, daß man Lust bekommt, sie zu streicheln, und wenn 
man darüber fährt, so schüttelt man sich vor Entsetzen. 
Es ist so etwas Geheimnisvolles um die toten Menschen. Für 
mich war dieses Geheimnis ziemlich gruselig." Befragt, ob sie es 
gern gehabt hätte, wenn man sie selbst streichelte, erwidert sie : „Ich 
weiß, daß ich gern hatte, wenn ich dalag und ein Mensch 
lieb zu mir war. Auf diese Weise hat aber kein Mensch existiert. 
Fräulein Faure war mitunter sehr, sehr stürmisch, aber nicht so, 
wie ich es mir dachte. Ich mochte eigentlich Zärtlichkeiten gar nicht, 
aber eben solche versteckte Zärtlichkeiten, weil mir nur das schön 
vorkam." 

In Wirklichkeit hat Irma die Toten, von denen sie eben erzählte, 
nicht gesehen, vielmehr hat die Mutter oder sonst jemand davon erzählt, 



Versuch einer Hysterieanalyoe. 205 

jedenfalls gibt die Mutter an, sie habe die Kinder nicht in das Leichenhaus 
hineinschauen lassen. Es liegt also eine Erinnerungstäuschung vor, in der 
der damals sicher sehr lebhafte Wunsch, die Toten zu sehen, verwirklicht 
ist. Was sie über die Berührung der Toten sagt, erinnert uns an die Angst 
vor der Berührung durch den Bräutigam, der dabei auch „zurückweichen" 
würde, wenn er merkte, daß sie lebendig und tot sei. 

Im Gegensatze zur vierten Sitzung (4 Tage vor der heutigen) 
erklärt heute Irma, „wenn die Geister vertrieben seien," müsse ich 
machen, daß sie ein Mensch werde wie früher, nicht einMittel- 
di ng. Vorgestern hätten sie die Menschen auf der Straße „so angeguckt", 
da wäre es ihnen sicher zum Bewußtsein gekommen, daß sie kein 
richtiger Mensch sei. Sie habe gleich darauf die Pflegerin gebeten, 
sie anzusehen, ob sie auch wirklich ein Mensch sei." 

Der heutige Tag verläuft ohne Störungen, ebenso die nächste 
Nacht, in der sie nach entsprechender Schlafsuggestion in Hypnose 
(durch meinen Onkel) von abends 9 Uhr bis morgens 7 Uhr ununter- 
brochen schlief. 

Rückblick. 

In der Vorgeschichte war neben den Anfällen die interessanteste 
und wichtigste Symptomengruppe Irmas Verhalten gegenüber 
der Nahrungsaufnahme, dem Essen. Wir hörten von voll- 
ständiger Nahrungsverweigerung (Fasttage!) infolge Ekels vor 
dem Essen, und dem Gegensatz, enormem Heißhunger, ferner von 
einer starken Gene, mit anderen Menschen zu essen; sie nimmt ihre 
Mahlzeiten allein ein. — Über die Anfälle melden uns auch die 
ersten 6 Sitzungen anscheinend nichts, wohl aber weiteres über das 
Thema des Essens und des Ekels davor. Der Ekel vor dem Essen 
geht so weit, daß Irma sich schon als Kind ekelte, wenn sie „unschön 
essen" sah. Daneben ekelt sie sich aber auch vor ihrem ganzen 
Körper und einer andern körperlichen Funktion, der Periode. Kein 
schärferer Gegensatz konnte daneben bestehen als die Vision und 
Obsession des Leichenessens. Sie sieht Frau Professor N. die Leiche 
von Fräulein Faure verzehren und hat ferner die Obsession, selber 
zum Leichenessen gezwungen zu werden. Furchtbare Angst und Ent- 
setzen sind damit verbunden. 

In dem Symptome des Leichenessens vereinigen sich zwei große 
Themata, das der Ernährung lind das vom Tode. Auch das letztere 
spielt schon von Kindheit an eine Rolle.. So hörte Irma frühe von dem 



206 Ludwig Binswanger. 

Tode der Klassengefährtin, erschrak heftig über den Anblick einer 
aus dem Wasser gezogenen Leiche,vernahmmitBegierde die Schilde- 
rung der Toten auf dem Friedhof in M., hörte mit etwa 8 Jahren zu 
ihrem Entsetzen das Gespräch über den offenen Sarg des „Pen- 
sionärs", dessen Leiche schon in Verwesung übergegangen war. Sie 
gibt an, dieses letzte Erlebnis habe sie zuerst auf die Friedhöfe 
hingewiesen, Sie wollte seitdem verbrannt werden, statt begraben. 
Dazu kommt, vielleicht als wichtigstes Moment, das Beispiel von 
Fräulein Faure, deren Angst, lebendig begraben zu werden. Eine 
weitere Ausgestaltung erhält das Thema dann durch die Begegnung 
mit Frau Professor N., die sich wie ein „Raubtier" gebärdete und 
den Eindruck machte, als wolle sie auf den Friedhof, um dort Leichen 
zu verzehren. Der Heißhunger der Frau Professor N. wurde ebenfalls 
wie wir sahen von Irma in ihre Krankheit mit aufgenommen. Die 
Szene mit Frau Professor N. scheint als letztes die Erinnerung 
an den Tod von Fräulein Faure lebendig gemacht zu haben und aus 
der Verquickung beider Erlebnisse entsprangen dann die jetzigen 
Symptome, daß Irma auf das Grab von Fräulein Faure aufpassen, 
Leichen essen muß usw. Ein wichtiger Baustein zu den Friedhofs- 
phantasien wird uns erst am Schlüsse bekannt. 

Die jahrelange intensive Beschäftigung mit dem Thema von 
Tod und Grab und die starken hierher gehörenden Eindrücke haben 
aber noch zu weiteren Folgen geführt: Irma weiß auf einmal selbst 
nicht mehr, ob sie lebendig oder tot ist. Sie wird ja von Toten 
besucht (den nächtlichen Visionen), also „muß sie doch auch tot sein". 
Und ferner fliegt ihre Seele oft fort in fremde Länder und der Körper 
bleibt leblos zurück. 

Zu all dem kommt noch eine Schwierigkeit: Irma ist Braut. 
Lange verschweigt sie diese Tatsache, da sie nicht gerne daran denkt* 
Der Konflikt liegt offen da: bald möchte sie die Verlobung auflösen, 
bald jammert sie, daß sie das Ziel, die Heirat, nicht erreicht. Jedoch 
der erstere Zug überwiegt: Sie will nicht, daß der Bräutigam sie 
berührt, denn dann könne er merken, daß sie tot sei und zurück- 
weichen. Er wisse auch gar nicht, wer sie sei, sie habe aber Angst, 
es ihm zu sagen. Erst am Schlüsse spricht sie deutlich den Wunsch 
aus, sie möchte wieder ein Mensch werden, damit die Menschen (d. h. 
der Bräutigam) nicht vor ihr zurückweichen! 

Über die Vorstellungen, die sie mit dem Totsein selbst verbindet, 
gibt uns die (der Phantasie entsprungene) Schilderung der Toten auf 



Versuch einer Hysterieanalyse. 207 

dem Münchner Friedhofe: Sie sind „so schön, daß man Lust bekommt, 
sie zu streicheln und wenn man darüber fährt, schüttelt man 
sich vor Entsetzen". Eine solche Tote ist sie selbst. Auch sie will schön 
sein und gestreichelt werden, auch sie hat Angst, daß man sich vor 
ihr entsetzt. Sie hat gern, wenn sie daliegt und ein Mensch zärtlich 
zu ihr ist," aber nicht stürmisch wie Fräulein Faure. Nur versteckte 
Zärtlichkeiten kommen ihr schön vor. Eine Abwehr gegen offenkundige 
Liebkosung ist auch in der Schilderung des Herrn gegeben, der sich 
über sie beugt, um sie zu küssen. 

Eine scheinbar isolierte Stellung nimmt das Erlebnis in dem 
südlichen Kurort mit dem fremden Offizier ein, das auch bisher nicht 
stark hervortritt. 

Den Zustand, in dem sich Irma jetzt befindet, kann man nicht 
besser bezeichnen, als mit dem Sollierschen Ausdruck Vigilam- 
bulismus, der nichts anderes bedeutet, als einen Dämmerzustand, der 
den Anschein des Wachens macht 1 ). Dafür spricht die vollständige 
Schlaflosigkeit Irmas, die sehr gut mit der Sollierschen Behauptung 
übereinstimmt, daß da, wo bei Hysterischen Mangel an natürlichem 
Schlafe vorhanden ist, sicherlich ein pathologischer Schlafzußtand 
vorherrscht (den er eben Vigilambulismus nennt), und umgekehrt. 
(Auch hierin ist unser Fall ein Beleg für die Beobachtung S olliers, 
daß die Zunahme des natürlichen Schlafes das erste und sicherste 
Zeichen der Genesung ist (siehe später) 2 ). — Daß wir es durchaus mit 
einem pathologischen Bewußtseinszustand zu tun- haben, zeigen ferner 
die auffallenden Erinnerungstäuschungen und Phantasiebüdungen. 
Wir werden auf diese ein ganz besonderes Augenmerk richten, führen 
sie uns doch auf die so überaus wichtigen Tag- oder Wachträume 
der Kranken. Deren Bedeutung für die Entstehung einzelner Sym- 
ptome haben wir schon kennen gelernt. So hat sie mit dem Gedanken, 
daß ihre Seele in fremde Länder fliege, lange willkürlich gespielt: an- 
fangs konnte sie noch solchen Träumereien Einhalt gebieten, nach 
und nach kamen und blieben sie aber von selbst. So entstand allmählich 
auch das Gefühl, ihre Seele trenne sich von ihrem Körper. Auch daß 



*) Vgl. Sollier, Genäse et Nature de THyaterie (Älcan 1897), p. 489: „som- 
nambulLsme ou . . . . vigilambulismc, ce qui est du reste une seule et meme chose 
qui n'offre qu'une difference consistant dana l'occlusion ou Fouverture des yeux." 

2 ) Ich spreche hier nur von den Beobachtungen Solliers, die ganz vor- 
trefflich sind, nicht aber von seiner Theorie der Hysterie, der ich mich keineswegs 
anschließe. 

1 4 



208 



Ludwig BinBwanger. 



die Vision von Fräulein Faure aus den Tagträumen entstanden ist, 
wissen wir: Zuerst lebhafte Sehnsucht nach deren Grab, langes in 
Erinnerungen versunkenes Verweilen auf dem Friedhofe, dann taucht 
auf einmal die „Gestalt" auf, ein andermal „bewegt" sich auch etwas, 
schließlich kommt noch ein „Geräusch" hinzu und die Halluzination 
ist da. 

In der nächsten (siebenten) Sitzung wende ich das Asso- 
ziationsexperiment nach dem in der Züricher Klinik angewandten 
Schema an. Ich habe nicht lange bei der Analyse desselben verweilt, 
teile es aber dennoch mit, weil es, so kurz und dürftig es auch ist, 
uns doch weitere Aufschlüsse über das Gefüge der vorliegenden 
Psychoneurose gibt. 

Das wahrscheinliche Mittel der Reaktionszeiten beträgt 24Fünftel- 
sekunden, das arithmetische 29.3! 



Nr. 


Beizwort 


Reaktionswort 


Reaktionszeit 


Reproduktion 


1 


Kopf 


Schmerzen 


26 


+ 


2 


grün 


Baum 


12 


+ 


3 


Wasser 


ganze Bilder, 

Meereswellen,ich 

habe das Gefühl, 

wie ich ihnen 

entgegengehe, 

dann auch 

wieder 

stillesWasser 

mit Weiden. 




+ 



Diese Reaktion wird uns verständlich, wenn wir einen Passus 
vorwegnehmen, den Irma 2 Tage später aussprach. Sie erzählte dort, 
wie sie früher öfters versucht habe, ans Wasser zu kommen, um 
sich hinein zu stürzen. Sie habe sich dabei vorgestellt, wie sie im 
Schilfe läge mitlangaufgelöstemHaare. „Und wenn Wellen waren, 
dachte ich, da darf man sich nicht hineinstürzen, da muß man langsam 
hineingehen, mit ausgebreiteten Armen. Dann wäre es schön, wenn die 
Wellen einen behielten und nicht zurückgäben! Es ist schreck- 



Versuch einer Hyaterieanalyse. 209 

lieh im Grabe zu liegen, wo so viele sind. Es soll niemand mein 
Grab kennen!" 

Ich erkläre ihr hierauf, daß sie bei diesen Phantasien offenbar 
Fräulein Faure imitiere. Das macht ihr jedoch keinen Eindruck, viel- 
mehr erwidert sie, sie habe Hamlet so sehr geliebt und beim Lesen 
desselben sich Bilder entworfen und sich danach gesehnt, so im Wasser 
zu liegen, wie sie sich vorstellt, daß Ophelia im Wasser gelegen habe. 
Sie habe Hamlet sehr früh gelesen. 

Es ist nicht schwer, in Shakespeares Hamlet die Stelle zu finden, die 
Irma sowohl hier als im Assoziationsexperimente, wo sie richtiger Weiden 
statt Schilf sagt, vorschwebt. Am Schlüsse des 10. Aktes sagt die Königin : 

„Es neigt ein Weidenbaum sich überm Bach 
und zeigt im klaren Strom sein graues Laub, 
mit welchem sie phantastisch Kränze wand 
von Hahnfuß, Nesseln, Maßlieb, Kuckucksblumen. 
Dort als sie aufklomm, um ihr Laubgewinde 
an den gesenkten Ästen aufzuhängen, 
zerbrach ein falscher Zweig und niederfielen 
die rankenden Trophäen und sie selbst 
ins weinende Gewässer. Ihre Kleider 
verbreiteten sich weit und trugen sie 
Sirenen gleich ein Weilchen noch empor, 
indes sie Stellen alter Weisen sang, 
als ob sie nicht die eig'ne Not begriffe, 
wie ein Geschöpf geboren und begabt 
für dieses Element! Doch lange währt es nicht, 
bis ihre Kleider, die sich schwer getrunken, 
das arme Kind von ihren Melodieen 
hinunterzogen in den schlamm'gen Tod!" 

Ich habe diese Stelle ausführlich zitiert, weil die Identifikation mit 
Ophelia noch weiterhin eine Rolle spielen wird. Wer Hamlet aufmerksam 
durchliest, kann sich" leicht vergegenwärtigen, welchen Einfluß diese Tra- 
gödie auf das Mädchen gehabt hat. Man muß sich nur vorstellen, daß Irma 
es nicht beim Lesen bewenden ließ, sondern das Gelesene im Geiste noch 
lange überdachte, phantastisch auswob und vor allem sich selbst in die 
Rollen der einzelnen Personen mit fabelhafter Leichtigkeit hineindachte. 
Erst lange nach der Genesung gab sie an, daß sie ganze Rollen auswendig 
gelernt und vor dem Spiegel agiert hat, vor allem die der Ophelia 
und Desdemona! $ 

Das Reizwort Wasser stieß in Reaktion 3 auf einen großen Komplex, 
den „Opheliakomplex", dessen Hauptinhalt Selbstmordgedanken 
ausmachen. Die statt eines einzigen Reaktionswortes aneinandergereihten 
Bilder sind nicht etwa im Sinne des „Weiterschweifens" der Manischen 
aufzufassen, auf das Isserlin aufmerksam gemacht hat (Monatsschrift 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. I. 14 



210 



Ludwig Binawanger. 



für Psychiatrie und Neurologie, Band XXII, Heft 6, Seite 525 f.), viel- 
mehr sind sie Bestandteile eines und desselhen Komplexes, gehören daher 
inhaltlich enge zueinander. Der Komplex ist so stark gefühlsbetont, daß 
Patientin nicht imstande ist, eine einzelne Vorstellung aus ihrem Verbände 
hervorzuheben und für sich allein auszusprechen. Die Reaktion erinnert 
mich an ein junges Mädchen, das auf Freundlich: Fülle von Vor- 
stellungen assoziierte, ohne eine einzelne dieser Vorstellungen sprachlich 
ausdrücken zu können. Ich habe gerade bei hysterisch veranlagten Per- 
sonen diese Reaktionsweise nicht selten beobachtet. 



Nr. 


Reizwort 


Reaktionswort 


Reaktionszeit 


Reproduktion 


4 


stechen 


Insekt 


17 


— 



Will das Reizwort zuerst nicht recht verstanden haben. Wahr- 
scheinlich bedingt die Perseveration von 3 das Mißverstehen des Reiz- 
wortes und die Reproduktionsstörung. 



Nr. 


Reizwort 


Reaktionswort 


Reaktionszeit 


Reproduktion 


5 
6 


Engel 
lang 


weiß 
tot 


23 

27 


hell, Licht, weiß 



Patientin fügt bei der Analyse hinzu: „Ich möchte einmal 
ganz lang schlafen, daß ich wie tot daliege." Sie erinnert sich dabei 
an Grillparzers „Sappho". Für die ganze Analyse ist wichtig, daß 
Patientin hier offen den Wunsch ausspricht, wie tot dazuliegen. Ich 
bemerke schon hier, daß dieser Ausdruck symbolisch aufzufassen ist 
(siehe auch Reaktion 23). Reproduktionsstörung und verlängerte (d. h. 
über dem wahrscheinlichen Zeitenmittel befindliche) Reaktionszeit 
zeugen von dem Komplex. 

Wir haben schon in den 6 ersten Reaktionen 2 Reminiszenzen 
an Heldinnen berühmter Tragödien, an Ophelia und Sappho. Es ist 
bemerkenswert, daß beide den Tod im Wasser suchten, und zwar war 
das Motiv für beide: gekränkte, enttäuschte Liebe. Wie mit 
Ophelia, so identifiziert sich Irma offenbar auch mit Sappho. Die Ge- 
stalten beider mögen an der Ausgestaltung der Selbstmordphantasie 
beteiligt sein, deren eigentliche Triebfedern wir freilich noch aufsuchen 
müssen. Aber soweit sind wir noch nicht. Wenn Irma tot daliegen 



Versuch einer Hysterieanalyae. 



211 



möchte, und sich dabei an Sappho erinnert, so sei auf den Schluß der 
Tragödie hingewiesen. Ausführlicher als in der Ophelia-Tragödie ist hier 
der Ausweg aus des „Ringens blut'ger Qual" in den Tod dargestellt: 

„Nur hin! Dort an der Liebesgöttin Altar erfülle sich der 
Liebe dunkles Los." Bemerkenswert sind auch die Worte Ehamaes': 
„Gönnt ihr das Grab, das sie, verschmähend diese falsche Erde, 
gewählt sich in des Meeres heil'gen Fluten." 

Auch Irma will, daß niemand ihr Grab kennt, will nicht in der 
Erde liegen, „wo so viele sind". 



Nr. 


Reizwort 


Reaktiouswort 


Reaktionszeit 


Reproduktion 


7 

8 


Schiff 
Zahlen 


Meer 
Jahr 


23 

35 


H- 

+ 



Die verlängerte Reaktionszeit deutet auf einen besonderen Ge- 
fühlston, Patientin denkt an Jahreszahlen. „Ich dachte, wie lange ich 
von zu Hause weg bin und mich so umhertreibe." 



Nr 


Reizwort 


Reaktionswort 


Reaktionszeit 


Reproduktion 


9 


Fenster 


Bäume 


26 


— 



„In den Bäumen sehe ich so leicht die Gestalten, den Wind, 
wenn er die Bäume biegt." Die im Winde sich biegenden Äste täuschen 
ihr Gestalten vor. 



Nr. 


Reizwort 


Reaktionswor t 


Reaktionszeit 


Reproduktion 


10 


Freundlich 


Frl. L 
(ihre Pflegerin) 


54 


+ 



Die lange Reaktionszeit läßt vermuten, daß sie unter mehreren 
Personen wählte. (Frühere Bekannte, der Arzt?) „Fräulein L. war 
so lieb, daß ich nicht wußte, ob sie es ist oder ein Engel. Wenn sie ein 
Mensch wäre wie andere, würde sie gar nicht so sein können. Sie be- 
schützt mich." 



w " Ludwig Binswanger. 

Vielleicht hat schon bei Rsaktion 5 die Pflegerin mitgespielt. 



Nr. 


Reizwort 


Reaktionswort 


Reaktionszeit 


Reproduktion 


11 


Tisch 


rund 


12 


+ 



Erklärt hier, „das (ßc. das Experiment) gefällt mix nicht!" 
Die Reaktion erinnert sie an Fräulein Faure, die immer „um dea 
runden Tisch" ging. Sie möchte nicht daran erinnert werden. 



Nr. 


Reizwort 


Reaktionswort 


Reaktionszeit 


Reproduktion 


12 


Fragen 


nicht 


21 


+ 



Macht dabei eine Abwehrbewegung mit der Hand. Der Gedanke 
ist derselbe wie bei 11. 



Nr. 



Reizwort 



Reaktionswort 



Reaktionszeit 



Reproduktion 



13 



Staat 



*** 



(ihr Heimats- 
staat) 



40 



+ 



Wie bei Reaktion 8 denkt sie daran, wie lange sie schon nicht mehr 
zu Hause war. 



Nr. 



14 



Reizwort 



Reaktionswort 



Reaktionszeit 



Reproduktion 



trotzig 



Kind 



32 



Erinnert sich hier, daß man in ihrer Kindheit sagte, man könne 
weit gehen, bis man ein so trotziges Kind wie sie fände. 



Nr. 



15 



Reizwort 



Reaktionswort 



Stengel 



Blumen, Lilien 



Reaktionszeit 



12 



Reproduktion 



Lilie 



Versuch einer Hysterieanalyse. 213 

Sie hätte kürzlich gerne Lilie n gehabt, um sie „aufs Grab zu tun". 



\'r. 


Reizwort 


Reaktionswort 


Reaktionszeit 


Reproduktion 


16 


taugen 


3 mal 


60 


— 



Sie habe sich das Tanzen so „wundervoll" vorgestellt, schließlich 
aber wenig Gefallen daran gefunden. Sie habe nur dreimal getanzt. 
Jedenfalls spielt hier die Erinnerung an den jungen Leutnant hinein, 
mit dem sie Tanzstunde hatte. 



Nr. 


Reizwort 


Reaktionswort 


Reaktionszeit 


Reproduktion 


17 


See 


weit 


24 


+ 



„Wenn ich tot bin, kann ich über alle Lande sehen wie über ein 
weites Meer." 



Xr. 


Reizwort 


Reaktionswort 


Reaktionszeit 


Reproduktion 


i 

18 | krank 


nicht 


24 


— 



Sie habe sich oft geärgert, wenn die Menschen sagten, sie sei krank. 



Nr. 


Reizwort 


Reaktionswort 


Reaktionszeit 


Reproduktion 


19 


Stolz 


Ach muß ich 

auch etwas 

Häßliches 

sagen? 


125 


+ 



Erzählt zuerst, als Kind sei ihr viel geschmeichelt worden, daher 
habe sie geglaubt, sie sei mehr „als jeder Mensch". Und noch etwas sei 
ihr hier eingefallen, nämlich wie sie jemanden aus „Stolz und Einge- 
bildetheit" sehr wehe getan habe. Sie habe bei einer Freundin einen 



214 



Ludwig Binswanger. 



Herrn kennen gelernt, der sich in sie verliebt habe. (Siehe den Bericht 
der Mutter, S. 179.) Es habe ihr zuerst Spaß gemacht, das „Feuer 
zu schüren". Sie habe dann eine Aussprache nicht verhindern können 
und ihm wehe tun müssen. Das habe man ihr verargt und es habe ihr 
auch leid getan. Der betreffende Herr sei übrigens reich gewesen und 
sie habe deshalb beinahe ja gesagt, da sie dann ihre kostspieligen 
Passionen hätte befriedigen, „sich alles leisten" können. 



Nr. 


Beizwort 


Reaktionswort 


Reaktionszeit 


Reproduktion 


20 


kochen 


Wasser 


14 


Feuer? 


21 


Tinte 


schwarz 


11 


blau 


22 


bös 


Geister 


16 


Gedanken, 
Geister 


23 


Nadel 


stechen 


50 


+ 



Hier fällt ihr ein, wie sie kurz vor Beginn der Kur (Ende Mai> 
einmal auf den benachbarten Friedhof lief, dachte, es wäre schön, 
da zu liegen (siehe Reaktion 6), und sich eine Verletzung mit einer 
Nadel beibringen wollte. Sie habe aber keine gefunden und sich mit 
einem Draht die Pulsadern geritzt. 



Nr. 


Reizwort 


Reaktionswort 


Reaktionszeit 


Reproduktion 


24 
25 


schwimmen 
Reise 


Wasser 
Schweden 


17 
45 


+ 

Schweden oder 
Ägypten 



Ihre Seele sei nachts oft in fremden Ländern. (Siehe ihre Äuße- 
rung, S. 200.) 



Nr. 


Reizwort 


Reaktionswort 


Reaktionszeit 


Reproduktion 


26 
27 


blau 
Brot 


Himmel 

essen 


14 
27 


+ 
+ 



Versuch einer Hysterieanalyse. 



215 



Man habe sie oft gequält, Fleisch zu essen, sie habe aber lieber 
Brot gegessen! 



Nr. 


Reizwort 


Reaktionswort 


Reaktionszeit 


Reproduktion 


28 


Sünde 


Ruhe 


45 


+ 



Denkt an das Vergehen gegenüber Fräulein Faure (ihren Tod 
durch die vergifteten Taschentücher) ; das lasse ihr keine Ruhe. 



Nr. 



Reizwort 



Reaktionswort 



Reaktionszeit 



29 



Licht 



blau 



35 



Reproduktion 



Denkt an das Licht, mit dem Frau Professor N. ihr erscheint. 



Nr. 


Reizwort 


Reaktionswort 


Reaktionszeit 


Reproduktion 


30 
31 


reich 
Baum 


Eigenschaft 
Buch 


45 
23 


— 



Sie weiß über diese Assoziation nichts anzugeben. 



Nr. 


Reizwort 


Reaktionswort 


Reaktionszeit 


Reproduktion 


32 


singen 


endlos 


55 


— 



Jedenfalls Anklingen des Opheliakomplexes. Erklärt hier beim 
Reproduktionsversuch: „Ich kann meine Gedanken gar nicht mehr 
fassen". 



Nr. 


Reizwort 


Reaktionswort 


Reaktionszeit 


Reproduktion 


33 
34 


Mitleid 

gelb 


sterben 
Gold 


45 
24 


— 



216 



Ludwig Binswanger. 



Wir sehen, daß von Reaktion 29 an die Erinnerung an die Reak- 
tionsworte sie verläßt. In der letzten Reaktion mit gelungener Reproduk- 
tion wird der Komplex des Fräulein Faure, in der ersten mit Erinne- 
rungsverlust derjenige der Frau Professor N. angeregt. Möglich, daß 
von hier aus die Störung ausgeht. Jedenfalls ist diese inseif örmige Re- 
produktionsstörung (29 — 34) charakteristisch für Hysterie. 



Nr. 


Reizwort 


Reaktionswort 


Reaktionszeit 


Reproduktion 


35 


Berg 


Gipfel 


17 


+ 



„Ich möchte ein Berggipfel sein, zu dem keiner kann, als der Wind." 
Sie möchte sich offenbar vom Winde biegen lassen wie die Bäume. 
(Siehe Reaktion 9.) 



Nr. 


Reizwort 


Reaktionswort 


Reaktionszeit 


Reproduktion 


36 


spielen 


Kind 


45 


+ 



Hier sei ihr ihre Kindheit eingefallen, die laut Reaktionszeit sehr 
gefühlsbetont ist. 



Nr. 


Reizwort 


Reaktionswort 


Reaktionszeit 


Reproduktion 


37 


Salz 


" 


~ 


— 



„Ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll; Pflanzen, die Mittel- 
dinge sind zwischen Pflanzen und Tier; sie haben ihre Nahrung nicht 
aus dem Salze der Erde, daher sind sie keine Tiere." Sie meint die 
Protozoen. 



DaijJ das Experiment ohne weiteres die Diagnose der Hysterie 
ergibt (siehe vor allem das Verhalten der Reaktionszeiten und der 
Reproduktionsstörungen; letztere =38°/ ), braucht nur angedeutet zu 



Versuch einer Hysterieanalyse. 217 

-werden. Der Assoziationstypus ist auch leicht als Kornplexkonstellations- 
typus 1 ) zu erkennen. Auffallend für eine Gebildete ist der fast gänzliche 
Mangel an äußeren Assoziationen, sehr bezeichnend das starke Hervor- 
treten der egozentrischen Reaktionen 2 ). 

In der achten Sitzung (6. Juni) suche ich mir zunächst einigen 
Aufschluß über die „Anfälle" zu verschaffen und zu erfahren, wann 
der erste Anfall stattgefunden hat. Schon in der fünften Sitzung hatte Pat. 
erklärt, sie wisse, daß sie Anfälle habe, sie wisse dann aber nicht, wie die 
Tage vergangen seien (sie meint hier offenbar die langen somnambulen 
Phasen), sie denkt, sie sei ,,so lange tot gewesen, daß Geist und 
Körper so lange geschlafen haben". Heute fügt sie hinzu, vor den 
Anfällen hätte sie das Gefühl, wie wenn sie ,,kalt und kälter"würde, 
und wenn das Gefühl dann an den Hals käme, sei der Anfall da. Sie 
könne dann noch hören, aber nicht sehen, müsse ganz still liegen, möchte 
schreien und könne nicht und möchte bitten, man solle sie nicht so 
ins Grab legen". (Von Fräulein Faure kannte sie schon die 
Furcht vor dem Lebendigbegrabensein!) Ohne Pause fährt sie 
hier fort: „Ach, das war voriges Jahr am zweiten Pfingst- 
feiertag. Da soll ich mehrere Stunden starr und bewußtlos ge- 
legen haben. Da habe ich mich sehr aufgeregt. Ich hatte wieder 
das Bedürfnis, ich mochte wieder hinaus und Mensch sein wie 
andere; ich hatte einen Heißhunger, mich auszutoben, zu 
leben und dann kam der Anfall! Ich weiß nur, daß ich schon 
sehr aufgeregt war und laut gesprochen und gerufen habe." (Vgl. 
die Schilderung dieses ersten großen Anfalles durch die Mutter, 
S. 186 f., wo wir erfahren haben, daß die Erwartung des Wieder- 
sehens mit dem jungen Leutnant den ganzen Zustand hervorgerufen 
hat!) Da über die Anfälle heute nichts Weiteres zu erfahren war, 
versuche ich, mir durch die Kranke einen Überblick über ihre 



*) S. Jung, Diagnostische Assoziationsstudien, Leipzig 1906. 1. Bd., S. 111. 

2 ) S. Jung, 1. c, S. 258: Psychoanalyse und Assoziationsexperiment, und 
£3. 192: Über das Verhalten der Reaktionszeit beim Assoziationsexperiment. 

Jung, Assoziation, Traum und hysterisches Symptom. Journal für Psycho- 
logie und Neurologie. Bd. VIII, S. 25. 

Riklin, Kasuistische Beiträge zur Kenntnis hysterischer Assoziations- 
phänomene. Journal für Psychologie und Neurologie. Bd. VII., p. 223. 

Riklin, Analytische Untersuchungen der Symptome und Assoziationen 
eines Falles von Hysterie (LinaH.). Psychiatrisch-neurologische Wochenschrift, 
VI. Jahrgang, p. 305. 



218 Ludwig Binswanger. 

Krankheit seit dem Jahro 1900 geben zu lassen, tappte ich doch 
damals, was die äußere Entwicklung der Krankheit anging, noch 
ganz im Dunkeln. 

Über die Jahre 1901 — 1902 erfahren wir nichts, was nicht schon 
mitgeteilt wäre. Als Bie erwähnt, wie sie im Sommer 1302 oft stundenlang 
im Walde umhergeirrt sei und sich dabei vor sich selbst gefürchtet habe, 
kommt sie auf ein Bild zu sprechen, das sie als etwa 12jähriges Kind 
auf einer Reise in M. in einem Schaufenster gesehen habe. Vorher drückt 
sie wiederum ihr Erstaunen aus, daß sie jetzt so vieles sagen könne, 
woran sie sich nie erinnert habe. Es handelt sich um ein Porträt, 
ein Frauenbildnis. Wenn sie sich „so wild fühle", trete ihr das Bild 
lebhaft vor Augen. „Alle Formen des Gesichtes sind schön, auch der 
Mund an sich, nur ein Zug lag in dem Mädchen, vor dem man sich 
ekeln, entsetzen muß ! Es kam mir so unrein vor." Ich frage darauf, 
ob sie unter unrein etwa sinnlich, lüstern verstehe. Darauf Irma: 
„Lüstern, das mag wohl sein! Zuerst wußte ich nicht, was es eigentlich 
ist. Lange verfolgte es mich unaufhörlich und erst später kam ich dahinter, 
was den Ekel hervorgerufen hat. Eben Unreinheit! Ich würde es 
jetzt noch ganz genau hinmalen können." Sie fürchte sich, wenn sie 
sich so wild fühle, vor sich selbst, weil man ja nicht wissen 
könne, was man täte,,, wenn eine nein Gefühl (das der „Wildheit") 
so übermannen kann". Dann würde man ja ein Raubtier! Als 
die Begegnung mit Frau Professor N. sie so ängstigte, da sei auch 
jenes Bild nebenhergegangen, „vielleicht verbunden mit der unbändigen 
Angst, was kann aus einem Menschen werden, wenn er sich 
einer Sache derartig hingeben muß!" Der Titel des Bildes war 
„Bacchantin"! 

Wir sehen, wie das Thema, das uns zuletzt beschäftigt hatte, 
nämlich von dem Heißhunger sich auszutoben, wieder durchbricht! 
Trotzdem ich Irmas Aufmerksamkeit davon abgelenkt hatte, indem 
ich sie bat, von der Entwicklung ihrer Krankheit zu berichten, lassen 
sich die Gedanken, die zuletzt wachgerufen, nicht zurückhalten. Die 
Analyse geht ganz von selbst ihren bestimmten sicheren Gang, auch 
wenn man, wie ich hier, einen fehler begangen hat, indem man selber 
der Kranken die Richtung vorschreibt. Nicht lange bleibt sie bei 
der ihr aufgenötigten chronologischen Erzählung, sondern fährt da 
fort, wo sie vordem stehen geblieben. Das sinnliche Moment, 
das für den Kenner schon lange hindurchschimmerte und in dem 
Heißhunger, sich auszutoben, erst recht offenkundig wurde, erfährt 



Versuch einer Hysterieanalyse. 219 

jetzt einen prägnanten Ausdruck in der Erinnerung an das Bild von 
der Bacchantin 1 ). 

An die Erinnerung an jenes Bild reiht sich ehe andere, die uns 
wiederein Stück Weges weiterführt. „Vor solcherLüsternheit", fährt 
Irma fort, ,,habe ich mich von Anfang an entsetzt- Wie ich sie zum ersten 
Male kennen gelernt habe, ist mir unvergeßlich. Von einem Lehrer wurde 
uns in der Schule von Nero erzählt. Er brachte uns ein Buch mit, darin 
war ein Bild von Nero. Das hatte schon jenen Zug ! Ich konnte daher 
Quo vadis nicht lesen. Ich verstand nur die Sache der Gastmähler, 
wo man ja war um zu essen, wie ein Tier, das sich voll frißt. Und 
wie die Szenen nach den Gastmählern beschrieben wurden, daß war, was 
mich entsetzt hat' 4 . 

„Wie kann das nur so deutlich kommen, ich hatte es doch ver- 
gessen! Nein, warum soll ich so häßliche, unästhetische 
Sachen aussprechen? Es gibt Dinge, über die ich nicht sprechen 
kann, sowie ich niemanden um mich leiden kann, wenn ich auf häß- 
liche Art krank bin. Ich habe dann E kel vor mir selbst" 2 ). Sie fügt 
hinzu, daß sie kürzlich die Pflegerin aus dem Zimmer geschickt habe 
als sie Blut brechen (?) mußte. Und noch erwähnt sie, sie liebe auch 
Rubens nicht. 

Als ich Irma heute verlasse, erzählt sie noch, es sei ihr gestern 
abend auf einmal so leicht gewesen, daß sie ihren Körper gar nicht 
gefühlt habe. Ich finde ferner die Notiz: Wenn mein Onkel und ich 
Geister bannen könnten, wären wir auch selber Geister. 

7. Juni* Neunte Sitzung. 

In der Nacht auf heute will sie bis 7,2 Uhr geschlafen haben, 
dann wieder auf dem Friedhofe gewesen sein. Sie habe am 
Grabe gestanden und aufgepaßt, ob nichts passiere. Frau Pro- 

x ) Wenn die Aufeinanderfolge der Einfälle in der Analyse anfangs regellos 
und zufällig erscheint, so erkennt man doch bald das gemeinsame Thema, das den 
einen an den andern knüpft und nach und nach eine immer eindeutigere Sprache 
redet, immer unverhüllter zu Tage tritt. Aus den Einfällen der Kranken diese 
Themata, dieses Walten der unbewußten Gedankentätigkeit rechtzeitig zu erkennen 
und dann zu verfolgen, gehört zu den befriedigendsten und schönsten Aufgaben 
des Psychiaters und entschädigt vollauf für Zeit und Mühe, die uns solche Analysen 
kosten. 

2 ) Kurz vor Beendigung der Kur gab sie an, sie habe einmal einen Darm- 
katarrh gehabt. Der Gedanke, „auf diese Art" krank zu sein, sei ihr furchtbar 
gewesen. — Fragen nach besonderen Gewohnheiten bei der Stuhlentleerung ergaben 
damals nichts Abnormes. 



220 Ludwig Binswanger. 

fessorN. sei da gewesen und habe sie angeschaut wie in jenem Augen- 
blicke. 

Ich bitte Irma, mir von 1903 ab den weiteren Verlauf der Krank- 
heit zu schildern. Sie weicht bald ab und kommt auf ihren Wider- 
willen gegen ärztliche Behandlung zu sprechen. „Ich mag mich 
nicht behandeln lassen ! Es ist so hä ßlich ! Schon als Kind bin ich immer 
ausgerissen vor dem Arzte !" Sie erinnert sich einer Szene als Kind, wo 
sie einen bösen Ausschlag 1 ) gehabt und ihr alter Hausarzt sie habe 
untersuchen wollen. Sie habe um alles in der Welt sich nicht ausziehen 
lassen, sei fortgelaufen und habe sich eingeschlossen. Dieser Beweis 
übertriebener kindlicher Schamhaf tigkeit ißt wichtig. 

Ich führe Irma hierauf wieder auf unser Thema zurück. Beim 
Jahre 1904 angelangt, berichtet sie, daß man sie zu einer Mastkur habe 
zwingen wollen, was sie erst recht krank „im GeiBte" und verwirrt 
gemacht habe. Die Dinge seien ihr bald erschienen, wie wenn ein Schleier 
darüber läge. Sie sei dann aber körperlich besser geworden und habe 
eines Tages das Gefühl gehabt, wie wenn sie aus einer schweren Krank- 
heiterwacht wäre. Da sei ihr das Gefühl, kein Mensch mehr zu sein, 
zum ersten Male gekommen. Sie habe dann gedacht, wenn sie doch 
kein Mensch mehr sei, könne sie nur völlige Ruhe finden, wenn sie 
,,ganz zu den Toten" ginge. Sie habe danach versucht, allein ans 
Wasser zu kommen. — Hieran reihte sich dann die oben (Assoziations- 
experiment Reaktion 3) zitierte Opheliaphantasie. 

Irma gelangt heute bis zu ihrem Aufenthalte in Berlin. Ich 
übergehe das Dazwischenliegende. Ich sehe, wie Gesicht und Hände 
zucken, als sie auf diesen Aufenthalt zu sprechen kommt. Daran erkenne 
ich ihren großen Widerstand gegen die Aufgabe, von jener Zeit zu 
r*den. Von der Mutter wissen wir, daß ihre Erregung damals den 
Höhepunkt erreicht hatte. Irma erwähnt nur noch, wie sie dort sehr 
viel herumgelaufen sei und einen furchtbaren Ko nf li kt gekämpft habe. 
{Siehe später.) 

Abends wird sie von meinem Onkel hypnotisiert und schläft darauf 
die ganze Nacht. 

Am nächsten Tage (8. Juni, zehnte Sitzung) erzählt sie, sie hätte 
gestern am liebsten mit den Zähnen geknirscht, als sie von 
Berlin sprach. Auch heute zeigt sie großen Widerstand, als ich sie 
bitte weiterzufahren, wo wir gestern stehen geblieben. — Ihr Verlobter 



l ) Wohl die Schafblattern. Die Szene ist von der Mutter bestätigt. 



Versuch einer Hysterieanalyse. 221 

habe siedort im Herbste besucht 1 ). Sie habe in jenerZeit die Beobachtung 
gemacht, daß sie niemanden mehr lieb haben könne. „Wenn 
jemand lieb zu mir war, hatte ich ein Schuldgefühl. Ich konnte 
jemanden nur aus Schuldgefühl lieb haben. Schon vorher 
konnte ich keine Sehnsucht mehr haben! Das ißt wie ein 
langsames Absterben, davor graut mir. Wie wenn man ein 
Feuer langsam ausgehen läßt!" 2 ) 

In Berlin habe sie zum ersten Male ihr Gedächtnis in Stich gelassen, 
sie habe sich sehr elend gefühlt und habe an Gedankenschwäche ge- 
litten. — Wir werden später noch mehr über diesen Aufenthalt in Berlin 
erfahren. Heute gibt sie noch Auskunft über die Zeit bis zum Eintritt 
in die Behandlung meines Onkels. Es tritt dabei nichts Neues zutage. 

Die Nacht vom 8. zum 9. verläuft außer zwei Stunden Erregung gut, 
sie geht am 9. zwei Stunden spazieren, wird gegen Abend aufgeregt, schläft 
in der Nacht auf den 10. nur bis 12 Uhr, bekommt dann Angst und bleibt 
wach. 

Die nächste Sitzung ist am 10. Sie erzählt, daß sie sehr frühreif 
in ihrer Lektüre gewesen sei. Durch eine Freundin, die Tochter eines 
Buchhändlers, habe sie alles erhalten: Schopenhauer, Ibsen. Die Frau 
vom Meere liebt sie bezeichnenderweise sehr ! Bei diesem Anlasse lenke 
ich unser Gespräch zum ersten Male auf die sexuelle Sphäre. Wer 
bisher gefolgt ist, wird kaum einwenden, daß dadurch willkürlich die 
Aufmerksamkeit der Kranken auf dieses Gebiet gelenkt worden sei. Ver- 
raten doch ihre Phantasien schon längst eine sehr starke sexuelle Kom- 
ponente. Ich frage sie, ob sie auch auf sexuellem Gebiete „frühreif" 
gewesen sei. Antwort: „Nein, im Gegenteil." Darauf ich: „Haben Sie 
einmal eine brüske Erfahrung auf diesem Gebiete machen müssen?" 
Auf diese Frage wird Irma sehr erregt, wendet sich ab, atmet rasch und 
krampft die Finger zusammen. 

Es war im Seebad Z. (1905) gewesen. Sie war dort in einer Pension 
und sollte auf Bitten der Hausdame mit einer Französin ausgehen, da 
jene „so allein" sei. Unterwegs trafen sie einen Herrn (Dr. Wu.) ; der früher 
mit ihnen zusammen in der Pension gewohnt, vor kurzem aber ausgezogen 

1 ) In späterer Zeit erklärte sie einmal, sie habe bei jenem Besuche einen 
furchtbaren Konflikt zu kämpfen gehabt, da ihr der Bräutigam so schwach und 
haltlos vorgekommen sei, was ihr an einem Mann entsetzlich wäre. 

2 ) Janets „sentiment d'incompletude dans les emotions", in diesem Falle 
„sentiment d'indifference (siehe Janet, Obsessions et Psychasthenie, S. 298 ff.); 
„Emotioneller Torpor" der Deutschen (siehe O. Binswanger, Die Hysterie, 
S- 106). 



222 Ludwig Binswanger. 

war. Die Französin ließ sich mit dem Herrn in ein Gespräch ein, an 
dessen Inhalt sich Irma nur vage erinnert, Sie hätten davon gesprochen, 
in einem Seebad ein Etablissement zu gründen, womit sie rasch 
Geld verdienen könnten. Die Französin sei lächelnd darauf einge- 
gangen und der Herr habe ihr für ihre Mitwirkung („denn man bra uch te 
auch Damen dazu") einen bestimmten Preis genannt, der Irma 
sehr hoch vorkam. Nun beginnt von neuem ein großer Widerstand. All- 
mählich fahrt sie fort und berichtet, wie sie in ausgelassener Laune und 
da sie immer viel Geld brauchte, in die Worte ausgebrochen sei, aber 
ohne sich im Geringsten etwas Schlimmes dabei zu denken: „Oh, um 
den Preis würde ich mich auch hingeben!" Befragt, was jener 
Herr darauf geantwortet, gerät sie in die größte Aufregung, beginnt 
zu schluchzen und im Zimmer herumzulaufen und erklärt, das könne 
sie nie und nimmer sagen. Ich suche sie zu beschwichtigen, sage ihr, daß 
durch das Aussprechen die Erinnerung an jenes Erlebnis weniger affekt- 
erfüllt würde, wie sie es ja selbst schon mit der Erinnerung an Frau 
Professor N. erfahren habe; und indem ich ihr jedes Wort gleichsam 
abringe, erklärt sie weiter: „Er sagte etwas Gemeines — das mich 
sofort belehrte — so ungefähr, das konnte ja gleich geschehen." 
Nach abermaliger langer Pause : „Ich sollte in seine Wohn u ng 
kommen." Da ich merke, daß das noch nicht alles war, aber sehe, daß 
nichts Weiteres mehr zu erfahren, frage ich nur noch, ob er davon 
gesprochen, sie in sein Bett zu nehmen. Darauf sie: „Ja, etwas Ähn- 
liches." Den präzisen Ausdruck, der ja für die Analyse so wichtig ge- 
wesen wäre, habe ich nicht erfahren; ich bin auch nicht mehr in die Pa- 
tientin mit weiteren Fragen danach gedrungen, da ich es therapeutisch 
nicht für absolut nötig hielt, und das Feingefühl der Patientin aus rein 
wissenschaftlichen Gründen nicht allzusehr brüskieren wollte 1 ). 



*) Kurz vor Beendigung dieser Arbeit habe ich einsehen gelernt, was für 
einen großen Fehler ich mit dieser Schonung des Feingefühles begangen habe. 
Im Laufe des Sommers 1908 hat Irma einen kurzen Rückfall bekommen, der 
in erster Linie diesem Fehler zu verdanken war. Durch händigen Verkehr mit 
einem Herrn ihrer Umgebung war die Episode in Bad Z. in Irma wieder 
lebendig geworden. Sie kam in immer größere Aufregung und hatte einen furcht- 
baren Drang, den „Rest» der noch in ihr zurückgeblieben", los zu werden und 
sich auszusprechen. Anderseits sträubte sie sich noch immer, die Worte, die Dr, Wu. 
ausgesprochen, auf die Lippen zu nehmen. Darüber kam es zu einem kurzen 
Dämmerzustand, nach dessen Ablauf sie dem behandelnden Arzte jene Worte 
aufschrieb, aber wiederum erst auf energisches Verlangen des Arztes. In kurzem 
war damit der Rückfall vorbei und Irma fühlte sich wohler denn vorher. Zum 



Versuch einer Hysterieanalyse. 223 

Den Sinn des Gespräches zwischen der Französin und dem Herrn 
(Dr. Wu.) will Patientin erst nachträglich erfaßt haben, was ich ihr 
gern glaube. Äußerst bezeichnend ist aber der Ausdruck: Um diesen 
Preis würde ich mich auch hingeben! Geht sie doch damit un- 
bewußt auf den Sinn des vorangegangenen Gespräches ein, so daß 
man wiederum nicht erstaunt ist, wenn jener offenbar rohe Mensch 
sie beim Wort nimmt und den Sinn erfaßt, wie er dem Zusammenhang 
entspricht. Irma selbst wollte mit dem Ausdrucke sagen, daß sie gern 
um den Preis in das Etablissement, das sie für etwas durchaus Reelles 
hielt, eintreten, ihre Freiheit aufgeben wolle. Die Zweideutigkeit des 
Ausdruckes läßt uns aber ahnen, daß das Unbewußte an seiner 
Fassung mit beteiligt ist. Das Wort „sich hingeben" ist uns in der 
Analyse schon einmal begegnet. Die Stelle ist bezeichnend: „Als die 
Sache mit Frau Professor N. kam, ging das Bild (der Bacchantin!) 
nebenher, vielleicht verbunden mit der unbändigen Angst: Was kann 
aus einem Menschen werden, wenn er sich einer Sache derartig 
hingeben muß?" Ob die Verquickung der beiden Komplexe Frau 
Professor N. und Bacchantin (Bulimie und Sexualität) schon 
gleich nach der Bekanntschaft mit der ersteren entstand oder erst nach- 
träglich sich bildete, ist nicht zu bestimmen, da ja die Patientin sich 
öfters in solchen Dingen täuscht. Es genügt aber, daß sie in ihrem 
jetzigen Zustande beides vereinigt. Den Ausdruck „sich hingeben" 
wandte sie also indirekt auf die Freßgier der Frau Professor N. und 
auf die Lüsternheit der Bacchantin an und jetzt zum dritten in 
zweideutiger Weise auf sich selbst! Soviel sei erinnert. 

Nach der heutigen Sitzung ist Patientin noch etwas aufgeregt, 
geht mittags mit der Pflegerin spazieren, kommt aber bald ,,ins 
Rennen". Als ich sie abends noch einmal besuche, läuft sie unruhig 
umher und bittet mich: „Machen Sie mich doch nicht wieder 
zum Menschen." Im Zusammenhange mit dem Gespräche von heute 
Morgen über die Beleidigung des Dr. Wu. gewinnt dieser Ausdruck, 
der uns so oft begegnet, einen präziseren Sinn 1 ). 



Verständnisse der Analyse sei mitgeteilt, daß die Worte „Mirakel der Ehe" und 
„Beischlaf 1 ' vorkamen und das Ganze eine grenzenlose Beleidigung für das „stolze 
Kind" (wie Dr. Wu sagte) war. Auch ein gesundes Mädchen wäre Zeit ihres Lebens 
nicht darüber hinweg gekommen. — An der Schilderung dieses Traumas zu zweifeln, 
liegt kein Grund vor, da Irma heute noch daran festhält, wie am ersten Tag. 

*) Sie will kein Mensch sein, weil unter Menschen so häßliche Dinge vor- 
kommen, wie diejenigen, über die sie Di\ Wu. aufklärte! 

1 5 



224 Ludwig Binswanger. 

Ich frage Irma heute Abend, ob ich sie hypnotisieren solle, worin 
säe rasch einwilligt. Bisher hatte mein Onkel noch die Hypnosen geleitet. 
Nach seinem Vorgehen fixierte ich Patientin etwa x / % Minute, gab ihr die 
gewöhnlichen Suggestionen, die Lider würden ihr schwer, sie würde schon 
ruhig und müde, worauf rasch eine leichte Hypnose erfolgte. In derselben 
suggeriere ich ihr, wie mein Onkel es getan, sie solle zunächst 20 Minuten, 
dann von 9 Uhr abends bis 8 Uhr früh schlafen. Die Nacht verlief dem- 
gemäß mit Schlaf von 9 bis 3 / 4 8 Uhr. 

Am nächsten Morgen (zwölfte Sitzung) ist sie zugänglich, läuft 
aber unruhig im Zimmer herum. Ich frage sie, was nach jenem Gespräche 
im Bad Z. geschehen sei? — Sie habe die beiden anderen stehen lassen 
und sei weggegangen. Die Französin sei bald „weggeschickt" worden 
und auch sie habe das Bad bald verlassen. An die ganze Episode habe 
sie sich erst seit einigen Tagen wieder erinnert! 

Nachdem ich zur Genüge das übertrieben entwickelte Ekelgefühl 
bei Irma konstatiert hatte (z. B. auch Ekel vordem eigenen Körper), 
lag der Verdacht nahe, daß autoerotische Vorgänge bei dessen Ent- 
wicklung mitgespielt hatten, was Patientin aber verneinte. Auffällig 
war dabei, wie ruhig sie auf dieses Thema reagierte, so als berührte 
es ihre Person nicht im mindesten, wie wenn, sie wirklich „kein Mensch'' 
wäre. — Die auffallende Naivität, die Irma bei der Episode in Bad 
Z. an den Tag gelegt, und der enorme Widerstand, der sich bei der 
Reproduktion derselben eingestellt hatte, veranlaßten mich, jetzt 
näher auf die psychosexuelle Konstitution Irmas einzugehen, in der 
wir als abnorme Züge schon lange übertrieben entwickeltes Ekel- und 
Schamgefühl gefunden haben. Um die pathogene Wirksamkeit jener 
Episode würdigen zu können, mußte ich zunächst suchen, wie der 
Boden beschaffen war, auf den der unverhüllt sexuelle Vorschlag 
des Dr. Wu. gefallen war. Hatte ich doch den Eindruck gewonnen, 
als hätte Irma durch jene Worte eine brüske sexuelle Aufklärung 
erfahren. Ich bitte sie daher, mir die Entwicklung ihrer Ansichten 
über dieses Thema zu schildern. 

Sie berichtet, zuerst habe sie an den Storch geglaubt wie andere 
Kinder. Dann fällt ihr sogleich eine Episode angeblich aus ihrem 
18. Jahre ein, wo ein Herr an der Echtheit ihrer fünf jungen Hunde 
gezweifelt und sie entrüstet entgegnet habe : Die Hündin sei ja eine 
ganz echte Basse. Erst nach dieser Episode habe ihre Mutter ihr 
mitgeteilt, daß, um Junge zu bekommen, ein männliches und ein 
weibliches Tier nötig seien. Mehr habe die Mutter jedoch nicht gesagt. 
Auf den Menschen übertragen, habe sie sich dann vorgestellt, die 



Versuch einer Hysterieanalyse. 225 

Kinder entstünden durch das Küssen. Sie kommt dabei auf einen 
bisher nicht erwähnten Jugendfreund namens Max, den sie oft harmlos 
geküßt habe. Er sei 5 Jahre älter als sie gewesen. Sie erinnere sich, 
wie er bei seiner Heimkehr in die Ferien jeweils auf sie zugekommen 
sei und sie geküßt habe. Nachdem sie aber jene Vorstellung vom Küssen 
bekommen habe, hatte sie damit aufgehört und sei ihm „ernst und 
gesetzt" entgegengekommen 1 ). 

In der nächsten (dreizehnten) Sitzung empfängt sie mich mit 
den Worten: „Es ist mir, wie wenn Sie meinen Geist auf eine 
andere Bahn gelenkt hätten," Sie habe die ganze letzte Nacht 
wach gelegen (die Hypnose wurde nur dreimal wöchentlich angewandt !) 
und habe über ihre Zukunft nachgegrübelt (d. h. über ihre Verhei- 
ratung!). Die Geister seien aber nicht gekommen! (Das war 
die erste Nacht ohne Hypnose in der sie nicht von Visionen geplagt 
wurde!) Sie wisse gar nicht, was sie tun solle. „Ich komme mir vor, 
wie ein welkes Blatt, das am Boden liegt und auf den Wind 
harrt, der es hoch heben soll. Der Wind muß schon stark sein, sonst 
fällt es immer wieder zu Boden." Ferner: „Das ganze letzte Jahr 
habe ich alles, alles vergessen gehabt und jetzt fällt mir alles wieder 
ein. Als ob Sie mir die Erinnerung zurückgegeben hätten und 
noch mehr Zurückgeben würden! Ich begreife nicht, daß ich 
die Existenz einer Person vollständig vergessen konnte, einen Menschen, 
mit dem ich viele Jahre zusammen war, nicht nur die Person, das 
ganze Dasein, das ist so komisch. Von selbst wäre ich nicht darauf 
gekommen. So kann ich stundenlang meine eigenen Angehörigen 
vergessen !" 

War nun die Erweiterung ihres Bewußtseinsfeldes, die sie selber 
so frappierte» ein erfreulicher Erfolg, so zeigte sich doch sehr rasch, 
wie schwere Hindernisse für den weiteren Fortgang der Kur sich noch 
entgegentürmten. 

Ich führe Patientin nochmals auf ihre Kindheitsansichten über die 
Entstehung der Kinder zurück, die sie das letztemal so fragmentarisch 

*) Am Schlüsse der Kur, als ich mit der wieder völlig klaren Patientin die 
einzelnen Erlebnisse noch einmal durchging, um sie auf ihre Wirklichkeit zu prüfen, 
erklärte Irm a, sie habe wohl einen Jugendfreund mit Namen Max gehabt, mit dem 
sie sehr gern gespielt habe, aber geküßt hätte sie ihn nie. Hingegen hätte eine 
Gespielin von ihr einen Freund gehabt, der auch Max hieß und den jene öfters 
geküßt habe. Zu jener Freundin habe sie dann gesagt, sie dürfe ihren Freund nicht 
mehr küssen, weil daraus Kinder entstünden. — Wir erkennen hier wieder den Vor- 
gang der hysterischen Identifikation. 

Jahrbuch für psyehoanalyt. u. psyohopathol. Forschungen. I. *' J 



226 Ludwig Binswansrer. 



o 



behandelt hatte. Sie weiß nicht, wann sie nicht mehr an den Storch 
geglaubt habe, sie habe nur bald gefunden, er könne ja gar keine Kinder 
tragen. Was sie dann zunächst geglaubt habe, „das sage sie nicht, das 
sei so furchtbar lächerlich." Als ich sie dennoch bitte, bricht auf einmal 
der ganze Widerstand los, ein Zeichen, daß wir an ein Thema gestoßen, 
das ihr noch unerträglich, auf dem noch die ganze Macht der Ver- 
drängung lastet. Sie erklärt: „Ich möchte an gar nichts denken, ich 
will allein sein, keinen Menschen um mich haben und nicht gequält 
werden. Ich kann nicht mehr und will Ruhe. Ich tauge nicht fürs 
Leben, ich werde nie taugen fürs Leben. Bitte lassen Sie mich allein! 
Ich will ja nicht das werden, was die Menschen gesund 
nennen! Ich will ganz allein sein und nur tun und sehen, was 
schön ist! Das kann man nicht als Kind und nicht, wenn man nicht 
allein ist!" 

Hier haben wir deutlich das Widerstreben gegen ihre Genesung, 
die Zähigkeit, mit der sie an der Krankheit festhält. Wir ahnen aber 
auch schon den Grund ihrer „Flucht in die Krankheit." 

Die Redeweise der Kranken ist „menschlicher", „natürlicher" 
geworden. Während sie anfangs sagte, wenn ihr Bräutigam sie be- 
rühre, könne er nicht wissen, ob sie lebendig oder tot, ein 
Mensch oder ein Geist sei, so hat sich ihre Redeweise allmählich 
des symbolischen Charakters begeben. Zunächst hieß es noch: Sie 
sollen mich wieder zum Menschen machen; oder meistens: ich will 
nicht, daß sie mich zum Menschen machen. Jetzt: Ich will nicht 
das werden, was die Menschen gesund nennen! 

Ich frage nun, was die letzte Äußerung: „nur tun und sehen, 
was schön ist" und „das kann man nicht als Kind usw." bedeute. 
Darauf Patientin: „daß man alles Natürliche schön tut. Die 
meisten Menschen haben für ihre Person, für ihre Gestalt zwei Kleider, 
ein Sonntagskleid und ein Hauskleid. Warum ist das Hauskleid so viel 
weniger schön als das Sonntagskleid? Wenn ich etwas schön tue, tue 
ich's doch für mich und nicht, um anderen Menschen zu gefallen. Wie 
viele nehmen sich zusammen, wenn andere Menschen dabei sind und sonst 
lassen sie sich gehen. Das muß man von allen Menschen, die einem 
fern und nahe stehen, in Kauf nehmen. Was will man als Kind tun? 
Sagen und ändern kann man nichts, und ändern wird man nie etwas 
können, solange man mit anderen Menschen zusammen ist- Hie und 
da gibt es einen Menschen, der das, was natürlich ist, schön und 
anmutig tut. Und es gibt so viele Kleinigkeiten. Ich begreife nicht, 



Versuch einer Hyaterieanalyse. 227 

warum die Menschen keinen Sinn dafür haben. Die können so abstoßen, 
so abschrecken. Ich weiß, ich bin gräßlich in der Beziehung. Selbst 
wenn ein Mensch einen durchaus vornehmen, schönen Charakter hat 
und ich lerne ihn näher kennen und sehe, daß er häßliche Unarten 

hat ich kann mich so schwer darüber hinwegsetzen. '% — 

Sie habe sich furchtbar gegen eine Pflegerin gesträubt, fährt Irma 
fort. „Mit den meisten Menschen kann ich nicht den ganzen Tag 
zusammen sein und mit keinem kann ich das Zimmer teilen 
für die Nacht. Fräulein L. macht eine Ausnahme" (die Pflegerin). 
Hier folgt dann auch der Ausspruch, sie habe sich schon als Kind 
vor jemanden entsetzen können, der unschön gegessen 
habe! 

Diese Ausführungen werden erst recht verständlich, wenn wir 
in Betracht ziehen, daß die Gedanken an ihre Heirat, an die Hochzeits- 
nacht insbesondere schon lange ihren Geist beschäftigen. Mit diesem 
Hintergrunde wird uns vieles klar. (Die Furcht vor dem Sichgehen- 
lassen anderer, nämlich des künftigen Mannes; vor seinem „Haus- 
kleid"; vor seinen Unarten, wenn man ihn näher kennen lernt; die 
Angst, mit einem Menschen den ganzen Tag zusammen zu sein, die 
Unmöglichkeit, mit ihm das Zimmer zu teilen für die Nacht usw. 1 ) 

Rückblick. 
Zu den beiden großen Themen der Ernährung und des Todes 
ist nun als drittes das der Sexualität getreten. Alle drei hängen aufs 
innigste miteinander zusammen 2 ), gegenüber allen dreien zeigt Irma 

') Ich frage Irma noch, ob sie denn auch an nur bei näherer Bekanntschaft 
etwas Abstoßendes, sie Verletzendes bemerkt habe. Darauf sie: „Im Gegenteil! 
Ich habe gesehen, daß Sie von sehr häßlichen Dingen natürlich und 
doch zart sprechen können!" Unter den „sehr häßlichen Dingen" mag sie die 
Periode, autoerotische Sexualbetätigung, alles ihr Ekel Erregende, das Verzehren 
von Leichen u. a. verstehen. Es soll mit dieser Bemerkung der Patientin gezeigt 
werden, daß der Arzt sogar mit Kranken von so exzessivem Scham- und Ekelgefühl 
über derlei Dinge, auch sexueller Art, sprechen kann, ohne diese Gefühle zu ver- 
letzen, ja im Gegenteil, der Arzt wird durch die rein „natürliche", d. h. biologische 
Auffassung dieser Dinge die Kranken beruhigen und, was mehr ist, sie allmählich 
zu einer ähnlichen Auffassung erziehen. 

2 ) Hier mag daran erinnert werden, daß auch in manchen Mythologien Tod 
und Sexualität enge miteinander verknüpft sind, so bei den Indern, wo der Gott 
des Todes neben den Totenköpfen zugleich ein Penissymbol als Attribut hat. Ganz 
allgemein spricht sich Schopenhauer über den Zusammenhang aller drei 
Themen aus, indem er sagt: „Der Ernährungsprozeß ist ein stetes Zeugen, der 
1 5 * 1: > r 



228 Ludwig Binswanger. 

durchaus dasselbe Verhalten. Am deutlichsten tritt bis jetzt die Ab- 
wehr, die Verneinung aller drei zutage, und zwar in der Form des 
Ekels, der eine Beimischung von Entsetzen, Angst und Grauen 
enthält. Sie ekelt sich vor dem Essen (ein neuer Beitrag hiefüx ist 
Nero), vor den Leichen (beides vereinigt zum Leichenessen) und 
ekelt sich vor der Sinnlichkeit. (Personifiziert ist die letztere in 
dem Bilde der Bacchantin.) Mit denselben Worten, denselben Ge- 
bärden des Abscheus gibt sie ihrem Gefühle jeweils Ausdruck. Neben 
dem Ekel finden wir ein mehr oder weniger deutlich ausgeprägtes 
Schamgefühl. Stark übertrieben ist es auf dem Gebiete der Se- 
xualität. Schon als Kind geniert sie sich, sich vor dem Arzte zu ent- 
kleiden. Über sexuelle Dinge zu reden, bringt sie anfangs in die größte 
Aufregung. Gegenüber den Toten zeigt sie eine schamhafte Scheu 
und das Essen besorgt sie am liebsten allein und in solcher Heim- 
lichkeit, wie es bei Gesunden nur bei gewissen anderen körperlichen 
Funktionen der Fall ist 1 ). Neben dem Ekel tritt nun ferner ganz un- 
verhohlen ein ausgeprägter aktiver Drang auf allen drei Gebieten 
auf, eine Sucht nach dem, was eben noch verabscheuungswürdig und ekel- 
haft erschien. Auf dem Gebiete des Sexuellen nennen wir diesen aktiven 
Drang, diesen „Hunger" Libido (Freud). (Mitten zwischen Abwehr 
(Ekel) und Libido steht das Schamgefühl, in dem sich, wie Havelock 
Ellis sehr fein darlegt 2 ), Abwehr und Libido zugleich vereinigen.) 

Zeugungsprozeß ein höher potenziertes Ernähren; die Wollust bei der Zeugung 
die höher potenzierte Behaglichkeit des Lebensgefühles. Anderseits ist die Ex- 
kretion, das stete Aushauchen und Abwerfen von Materie dasselbe, was in erhöhter 
Potenz der Tod, der Gegensatz der Zeugung, ist." Welt als Wille und Vorstellung. 
IV. Buch, S. 326. (Brockhaus 1891.) 

*) Vgl. hiezu den Fall von Raymond et Janet (Les Obsessions et la 
Psychasthönie II, p. 386 f.), den die Autoren als „Obsession de la honte de l'alimen- 
tation" auffassen. Das jetzt 24jährige Mädchen hat schon seit dem 12. Jahre das 
Gefühl „que c'est laid, vilain de manger, qu'on devrait se cacher pour le faire 
comme pour uriner." Es hat auch Angst, beim Essen zu erröten. Es kommt 
zu wochenlanger Nahrungsverweigerung. — Die Autoren weisen mit Recht darauf 
hin, daß solche Fälle nicht unter den Begriff der gewöhnlichen hysterischen Anorexie 
fallen, da, wie auch bei Irma, das Hungergefühl erhalten bleibt. Während bei 
uns ein so ausgeprägtes Schamgefühl beim Essen pathologisch ist, liegt dieser Zug 
der menschlichen Natur doch nicht so ferne. Interessante Angaben darüber 
macht Havelock Ellis ( Geschlechtstrieb und Schamgefühl, deutsch von 
Kötscher, 3. Auflage, S. 71)- Bei gewissen wilden Völkern fällt nur das Essen und 
Trinken unter den Begriff des Schamhaften, die Nacktheit dagegen nicht. 

*) 1. c. p. 4 ff. Die Entwicklung des Schamgefühles. 



Versuch einer Hysterieanalyse- 229 

Irma selbst bezeichnet diesen aktiven Trieb als Heißhunger, 
ein Wesen, das sich ihm hingibt als Raubtier und den Zustand, in 
den wir dabei versetzt werden, als ein Gefühl der Wildheit, des 
Sichaustobens, des Sichhingebens und des Übermanntwer- 
dens, ein Gefühl, bei dem man nicht weiß, was man tut und was aus 
einem wird. Ein Teil dieser Ausdrücke stammt aus dem Gebiete des 
Essens, ein Teil aus dem der Sexualität; das Gefühl selbst ist ganz 
dasselbe gegenüber Frau Professor N., dem Symbol der Bulimie, wie 
gegenüber der Bacchantin, dem Symbol der Sinnlichkeit oder Lüstern- 
heit. Und als drittes finden wir auch neben der Angst den Drang, 
die Toten aufzusuchen, auf den Friedhof zu laufen, auf die Gräber 
aufzupassen. 

Fragen wir uns nun, um einen Schritt weiter zu kommen, welches 
der drei Themen die stärkste Triebkraft für die Entstehung und 
Unterhaltung der krankhaften Symptome Irmas abgibt, so werden 
wir jetzt schon erkannt haben, daß es das zuletzt aufgetretene ist, 
auf dem die Macht der Verdrängung am stärksten lastete, die Sexua- 
lität, Haben wir doch schon gesehen, wie die Sexualität in die beiden 
anderen Gebiete hineingreift, wie Irmas Mund überquillt von Aus- 
drücken aus der sexuellen Sphäre auch da, wo äußerlich nichts von 
Sexualität zu verspüren ist. Beweisend wird erst der weitere Verlauf 
der Analyse sein, wo die sexuelle Sphäre immer stärker hervortritt, 
um schließlich ganz allein zu herrschen. Wir werden für unseren Fall 
die Ansicht Freuds als richtig erkennen, daß die Psychoneuxosen 
„auf sexuellen Triebkräften beruhen," daß „der Beitrag der Energie 
des Sexualtriebes der einzig konstante Anteil und die wichtigste 
Energiequelle der Neurose ist, sodaß das Sexualleben der betreffenden 
Personen sich entweder ausschließlich oder vorwiegend oder nur teil- 
weise in diesen Symptomen äußert 1 )." 

Wie die sexuelle Sphäre in die Todesgedanken hineinspielt, sei 
hier nur kurz erwähnt. Der Umweg, auf dem es geschieht, ist der 
Schlaf. Sie möchte ganz lange schlafen, daß sie wie tot daliegt. Später 
im Dämmerzustand sagt sie einmal: : ,Der Tod ist ein schöner Mann, 



*) Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (Deuticke 1905), II p. 22. 
Die Kenntnis dieser drei Abhandlungen, vor allem des Abschnittes „der Sexualtrieb 
bei den Neurotikern" muß vorausgesetzt werden. Soviel darin auch noch im Fluß 
befindlich und unvollendet ist, so bildet diese Arbeit doch die Grundlage für jede 
weitere Arbeit auf diesem Gebiete und zusammen mit der Traumdeutung das 
unentbehrlichst« Rüstzeug für jeden, der Psychanalyse treibt. 



2*0 Ludwig Binswanger. 

der die Arme um einen schließt." Tod und Schlaf seien Brüder usw. 
Die Verquickung von Tod und Sexualität zieht sich durch die ganze 
Analyse und wirkt tief in die Genese der Anfälle hinein. All das wird 
uns später beschäftigen. Zu einem gewissen Abschluß können wir 
aber jetzt schon das Thema von Ernährung und Sexualität bringen 
und tiefer in die Symptome der Nahrungsverweigerung und des Heiß- 
hungers eindringen. Dann haben wir nachher freie Hand für da» 
Übrige. 

Vorerst müssen wir uns die sexuelle Konstitution Irmas 
vergegenwärtigen. Ist diese doch die Grundlage, auf der und aus der 
heraus sich die krankhaften Symptome entwickeln 1 ). Sofort erkennen 
wir da ein „Stück Sexualverdrängung, welches über das normale 
Maß hinausgeht, eine Steigerung der Widerstände gegen den Sexual- 
trieb, die uns als Scham und Ekel bekannt geworden sind, eine wie 
instinktive Wucht vor der intellektuellen Beschäftigung mit dem 
Sexualprobleme," welche „die volle sexuelle Unwissenheit noch bis 
in die Jahre der erlangten Geschlechtsreife bewahrt hat 2 )." Ich 
erinnere hier daran, daß Irma noch mit 18 Jahren nicht wußte, daß 
ein männliches und ein weibliches Tier an der Erzeugung junger 
Hunde beteiligt sein müssen, daß sie dann später glaubte, die Kinder 
entstünden durchs Küssen. Weitere sehr instruktive Ansichten werden 
wir später hören. Über Scham und Ekel ist genug gesagt, auch diese 
„Widerstände" werden wir nach und nach erst vollständig würdigen 
können. 

Wenn Freud weiter sagt, daß diese Widerstände oft verdeckt 
werden durch die „übermächtige Ausbildung des Sexualtriebes", so ist 
bei Irma bis jetzt das Umgekehrte der Fall. Nur einmal haben 
wir einen offenen'Ausbruch der Libido wahrgenommen: „Ich möchte 
wieder hinaus und Mensch sein wie andere; ich hatte einen Heiß- 
hunger, mich auszutoben, zu leben!" 8 ) Es genügt vorderhand, 

1 ) Es sei hier darauf hingewiesen, daß Freud seit einer Reihe von Jahren 
nicht mehr in den „akzidentellen Erlebnissen", vor allem in den sexuellen Traumen 
der Kindheit das wichtigste Moment für die Entstehung und Entwicklung der 
Psychoneurosen erblickt, sondern in der Disposition, aber nicht in der allgemeinen 
neuropathischen Disposition, sondern in der sexuellen Konstitution. An Stelle 
des „infantilen Sexualtraumas" ist der „Infantilismus der Sexualität" getreten« 
Vgl. Freud, Meine Ansichten über die Rolle der Sexualität in der Ätiologie der 
Neurosen. Nr. XIV der Sammlung kleiner Schriften (Deuticke 1906). 

2 ) Freud, Drei Abhandlungen usw., p. 23. 

3 ) Und dann kam der Anfall, fügte sie damals hinzu! 



Verglich einer Hysterieanalyse. 231 

auf das „Gegensatzpaar zwischen zu weit getriebener Sexualablehnung 1 ) 
und übergroßem sexuellen Bedürfnis" hingewiesen zu haben. 

„Der Anlaji zur Erkrankung ergibt sich für die hysterisch dispo- 
nierte Person, wenn infoge der fortschreitenden eigenen Reifung oder 
äußerer Lebensverhältnisse die reale Sexualforderung ernsthaft an sie 
herantritt. Zwischen dem Drängen des Triebes und dem Widerstreben 
der Sexualablehnung stellt sich dann der Ausweg der Krankheit her, 
der den Konflikt nicht löst, sondern ihm durch Verwandlung der 
libidinösen Strebungen in Symptome zu entgehen sucht 2 )." Auch 
hiefür ist Irma ein Paradigma, wie man überhaupt nur geduldig 
forschen muß, um die Anschauungen Freuds bestätigt zu finden. 
Wir sahen, daß die Krankheit begann, als der Jugendfreund ihre Vater- 
stadt verließ. Über die damaligen Symptome sind wir aber zu ungenau 
unterrichtet. Mit aller Evidenz trifft dann aber beim Ausbruche des 
ersten Anfalles obiger Satz zu. Das „Drängen des Triebes" war äußerst 
stark (vgl. die Anstrengungen, die sie machte, den Geliebten zu sehen), 
das Resultat der Zusammenkunft war aber negativ. Schon bevor der 
Geliebte kam, nur schon infolge des Zwiespaltes zwischen dem Drange, 
„sich auszutoben, zu leben" und dem Gefühle, „daß ihre Kräfte nicht 
standhalten würden," entstand der erste Anfall. Was in diesem Anfalle 
selbst vorging, wissen wir nicht. 

Da wir jenes „Gegensatzpaar" einmal kennen gelernt haben, 
sei gleich auf eine besondere Rätselhaftigkeit aufmerksam gemacht, 
die daraus resultiert, ich meine den Umstand, daß Pat. das eine Mal 
gesund werden will, das andere Mal fleht, man möge sie doch nicht 
gesund machen, daß sie einmal ein Mensch werden will wie andere, 
ein andermal bittet: „Machen Sie mich doch nicht zum Menschen, 
ich tauge nicht fürs Leben," ferner daß sie einmal wünscht, man solle 
nicht vor ihr zurückschrecken, solle sie streicheln, ein 
andermal bittet, man möge sie nicht berühren, weil man dann 
zurückschrecke, da sie lebendig und tot sei. Je nachdem bei Irma 
die Libido oder die Sexualablehnung überwiegt, fällt der Ausspruch 
positiv oder negativ aus. Seien wir uns übrigens klar, daß auch der 
Gegensatz zwischen lebendig und tot aus demselben Konflikte ent- 
springt! 

Nun können wir zu einem weiteren Kriterium des Sexual- 



*) Hiezu gehören vor allem auch die Aussprüche in der letzten (dreizehnten) 
Sitzung, S. 226 f. 

*) Freud, Drei Abhandlungen, S. 24. 



232 Ludwig Binswanger. 

triebes der Neurotiker vordringen, das uns endlich Licht bringen 
wird in de n Zusammenhang zwischen Sexualität und den 
krankhaften Symptomen auf dem Gebiete der Ernährung. Wie 
Freud gezeigt hat, „sind bei den Psychoneurotikern Überschreitungen 
im Unbewußten und als Symptombildner nachweisbar, unter ihnen 
mit besonderer Häufigkeit und Intensität diejenigen, welche für Mund- 
und Afterschleimhaut die Rolle von Genitalien in Anspruch nehmen 1 )." 
Dafür, daß die Afterschleimhaut in unserem Falle in Betracht kommt, 
habe ich wenigstens keine Anzeichen in der Analyse gefunden 
(oder sollte die Angst und die Abscheu vor Darmerkrankungen hieher 
gehören?). Irma zeigt auch nicht den „analen" Charakter (Geiz, 
Ordnungsliebe usw.). Wohl aber scheint die Mundzone bei Irma 
durchaus die Rolle einer erogenen Zone 2 ) übernommen zu haben. 
Schon beim Gesunden ist das ja mehr oder weniger der Fall (Küssen). 
Freud glaubt nun, daß alle Patienten, bei denen „die erogene Be- 
deutung der Lippenzone konstitutionell verstärkt ist", in der Kind- 
heit lebhafte Lutscher waren. Das trifft bei Irma nicht zu; weder sie 
selbst noch ihre Matter wissen etwas davon, daß sie als Kind gelutscht 
habe. Es scheint hier weniger eine konstitutionelle Verstärkung vor- 
gelegen zu haben, vielmehr spielt ein akzidentelles Moment hier die 
Hauptrolle, das ist der Umgang mit Fräulein Faure. Durch ihr 
„stürmisches Küssen" hat sie künstlich die erogene Bedeutung der 
Lippenzone des Kindes großgezogen. Wir sehen aber, daß von früh 
an die Verdrängung auf dem Akt des Küssens lag. Wohl aus einer 
instinktiven Furcht vor der Leidenschaft der Französin waren ihr 
deren Küsse unangenehm. Sie mochte ja solche stürmische Zärtlichkeit 
gar nicht. Wir sahen ferner ihren Abscheu und ihre Angst, daß jener 
Herr, der ihr Schokolade geschenkt hatte, sich über sie beugen und 
sie küssen könnte (es ist hier ganz irrelevant, ob wir es mit einem 
Erlebnisse oder einer Phantasie zu tun haben), und erinnern uns an 
die Szene wo sie ein kleines Mädchen küssen sollte und es um alles 
in der Welt nicht tat. Ihr Glaube, daß Kinder durch das Küssen ent- 
stünden, zeigt weiterhin die erogene Bedeutung, die sie der Lippen- 
zone beimaß. Instruktiv ist ferner, daß die einzige Angabe, daß sie 
gern und oft geküßt habe (nämlich ihren Jugendgespielen Max) auf 
einer Erinnerungstäuschung beruht, die auf dem Wege der Iden- 



*) Drei Abhandlungen S. 25. 

-) Vgl. Drei Abhandlungen, S. 26: Partialtriebe und erogene Zonen. 



Versuch einer Hysterieanalyse. 233 

tifikation mit ihrer Freundin entstanden ist. und als Motiv einen 
Wunsch erkennen läßt, der in der Wirklichkeit wegen der darauf 
lastenden Verdrängung sich nicht durchsetzen konnte und daher in 
den „Wahn" floh. 

Halten wir also fest, daß die Mundzone bei Irma die Bedeutung 
einer erogenen Zone hat und daß darauf die Verdrängung lastet, so daß 
die Betätigung dieser Zone nicht Lust, sondern Unlust hervorruft 
(Affektverkehrung, Freud). Auf welche Weise die Verdrängung 
zustande kam, dieser interessanteste und im Mittelpunkte der Freud- 
schen Lehre stehende Vorgang, können wir uns nur aus der Sexual- 
konstitution Ir ma s erklären, in der wir Scha m, E kel und ästhetisches 
Feingefühl als sehr früh und sehr stark aufgetretene „seelische Mächte" 
erkennen, die bei ihr jegliche Äußerung des Sexualtriebes zu unter- 
drücken bestrebt sind und so die Affektverkehrung herbeiführen. Ver- 
gessen wir aber nicht, daß eine solche Unterdrückung niemals voll- 
ständig gelingen kann. Immer kommt es zu einem „Kompromiß" 
zwischen beiden Strebungen, der sich in der „Verwandlung der libidi- 
nösen Strebungen in Symptome" äußert. 

Nun hat uns Freud gelehrt, daß da, wo die erogene Bedeutung 
der Lippenzone erhöht ist, die „Verdrängung kraft der Gemein- 
samkeit der Lippenzone auf den Nähr ungs trieb über- 
greifen" kann, so daß solche Kranke Ekel vor dem Essen und 
hysterisches Erbrechen produzieren. Das ist der Fall bei unserer 
Kranken. Wir erkennen jetzt schon, daß hier der Zusammenhang 
zwischen Sexualität und Ernährung kein Neben- oder Nacheinander 
ist, sondern daß das eine für das andere eintritt. In den krank- 
haften Symptomen auf dem Gebiete der Ernährung haben 
wir eineÄußerung des Sexualtriebes selbst und der gegen 
ihn gerichteten Mächte (Ekel, Scham)zu erblicken. Die Probe 
auf das Exempel ist das durchaus analoge Verhalten Irmas gegenüber 
dem Essen wie gegenüber dem Sexualtriebe, für das sie sich oft ein und 
desselben Ausdruckes bedient und das in der Assoziation: Frau 
Professor N. — Bacchantin gipfelt. Wir sehen jetzt hinter dem 
Heißhunger den Hunger nach Liebe 1 ) (wie Irma später selber 

*) Wir nehmen an, daß bei dem Eintreten des Nahnmgstriebes für den 
Sexualtrieb der gemeinsame sprachliche Ausdruck ebenfalls mitwirkt, jedoch 
erst sekundär. Anders ist es bei sehr starkem „abaissement du niveau mental", 
wie im Traum (Freud), bei der Dementia praecox (Jung) und natürlich auch bei 
der Hysterie selbst. Da kann dann eine sprachliche Zweideutigkeit primär die 
Vertretung eines Themas durch ein inhaltlich gar nicht verwandtes bewirken. 



234 Ludwig Binswanger. 

einmal sagte: ich hatte solchen Hunger, es möchte mich jemand 
lieb haben), also eine Äußerung der Libido (vgl. vor allem die 
Angabe der Mutter, sie habe das Essen oft wegschließen lassen, da 
sie nicht Kraft genug fühlte, zu widerstehen [Symbolhandlung]), 
hinter dem Ekel vor dem Essen, der bis zum Fasten führt, die 
Sexualablehnung. 

Wir sind jetzt schon dem Verständnisse einer der neun Thesen 
Freuds über das Wesen des hysterischen SymptomB 1 ) nahegerückt 
(siebente These): Das hysterische Symptom entsteht als 
Kompromiß aus zwei gegensätzlichen Affekt- oder Trieb- 
regungen, von denen die eine einen Partialtrieb oder eine 
Komponente der Sexualkonstitution zum Ausdrucke zil 
bringen, die andere dieselbe zu unterdrücken bemüht ist. 

Leider ist aber noch etwas von den krankhaften Symptomen auf 
dem Gebiete des Nahrungstriebes unerklärt geblieben, nämlich das 
Leichenessen. Warum muß die Kranke von diesem scheußlichen Sym- 
ptom geplagt werden? Wie wir sahen, ist der Träger dieses Symptoms. 
Frau Professor N., hinter der sich aber niemand anderes verbirgt, 
als die Kranke selbst, wie auch die Bacchantin nur eine symbolische 
Figur für Irma selbst ist. Wir wissen ja, daß Frau Professor N. 
gar nichts vom Leichenessen gesagt hat; Irma hat ihr ihre eigenen 
Phantasien geliehen, hat sich selbst mit Frau Professor N. identi- 
fiziert. Die Begegnung mit jener Dame hat aus der Phantasie ein Sym- 
ptom gemacht, hat die Phantasie nach außen projiziert. Dazu gab 
das Gebaren der Frau Professor N. den äußeren Anlaß. Sie gebärdete 
sich wie ein Raubtier. Wenn Irma nun angibt, Frau Professor N. 
zwinge sie, Leichen zu essen, so müssen wir das Verhältnis gerade um- 
kehren. Sie selbst hat ja Frau Professor N. zu einer Leichenesserin 
gemacht. So ist es auch leicht verständlich, wenn Irma erklärt, „wir 
sind selber Raubtiere". Der Gedanke, daß wir „Tierleichen essen", mag 
mitbestimmend auf diesen Gedanken eingewirkt haben. Aber das Gefühl, 
selber ein Raubtier zu sein, ist das Primäre, istder Ausgangspunkt der 
ganzen Phantasie. 

Sie entspringt wiederum der sexuellen Sphäre. Denn oft fühlt Pat. 
sich „so wild", daß sie nicht weiß, was sie tun könnte. Sie fürchtet sich, 
von diesem Gefühl der Wildheit übermannt zu werden. „Dann würde 
man ja ein Raubtier!" Ein solches Raubtier ist auch die Bacchantin, 

») Freud, Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität. 

Zeitschrift für Sexualwissenschaft, März 1908. 



Versuch einer Hysterieanalyse. 235 

das Symbol der Sinnlichkeit, ist Irma selbst. Da nun die Mundzone 
alle Energie des Sexualtriebes an sich gerissen hat, da wir in dem Vor- 
gange des Essens bei Irma eine Äußerung des Sexualtriebes erblicken 
müssen, so erkennen wir nun in dem Symptom des Leichenessens das 
Wirken der Sexualablehnung, des Ekels; wir erkennen das Hindernis, 
den Damm, den die Sexualablehnung aufgestellt hat, der aber durch 
den Sexualtrieb eingerissen ist. Wir denken dabei an den Satz Freuds; 
Die Stärke des Sexualtriebes liebt es, sich in der Überwindung dieses 
Ekels zu betätigen. Um es ganz deutlich zu machen: Der Konflikt 
zwischen Sexualtrieb und Sexualablehnung ist scheinbar gelöst. 
Die Krankheit hat einen Ausweg gefunden, indem sie die libidinösen 
Strebungen auf ein anderes Gebiet verlegt, wo sie sich nun aber als 
krankhafte Symptome äußern. Aufgabe der Kur ist es, den Sinn und 
die Genese dieser Symptome zu erraten, den Kranken bewußt zu 
machen. Im unseren speziellen Falle hat die Analyse ganz von selbst den 
Übergang in die Sexualität vollzogen, ohne daß der Arzt die Kranke 
irgendwie aufklären mußte. 

Zu der Raubtierphantasie kommt noch eine weitere Komponente, 
der Trieb zur Grausamkeit, der sich vor allem gerne der Mundzone 
bedient (Beißen!), der uns aber erst beschäftigen wird, wenn wir 
mehr Material gesammelt haben werden. 

Nachdem wir die Sexualkonstitution Irmas einigermaßen kennen 
gelernt haben, können wir an die Würdigung zweier weiterer Tatsachen 
herangehen, nämlich des Traumas in Bad Z. (Beleidigung und sexuelle 
Aufklärung durch Dr. Wu.) und des Brautstandes, dieses perma- 
nenten und für die Kur am allerschwersten zu überwindenden 
Traumas. Beide Traumen müssen ja den Konflikt zwischen Sexualtrieb 
und Sexualablehnung aufs höchste steigern und haben ihn auch ge- 
steigert, so daß der schwere Zustand Irmas uns sehr verständlich wird, 
„Ihre größten Leistungen", sagt Freud, „wird die Neurose jedesmal 
zustande bringen, wenn Konstitution und Erleben in demselben Sinne 
zusammen wirken." 

Schließlich sei auf die häufigen Aussprüche aufmerksam gemacht. 
wo sie der Freude und dem Erstaunen Ausdruck gibt, sich wieder an 
so vieles zu erinnern, das sie vergessen 1 ) (war dochsogar die Dr.Wu.-Szene 
verdrängt gewesen!). Sie ist auf dem besten Wege, „zu erwachen ? 
ihre Persönlichkeit wiederzufinden" (Sollier), ihre Komplexe wieder 

*) Massenhafte Beispiele dieser Art finden sich bei Sollier (1. c.). wenn er 
seinen Kranken die Sensibilität wieder zurückgegeben hat. 



236 Ludwig Binswanger» 

unter die Herrschaft des Ichkomplexes zu bringen (Jung), ihre „tension 
psychologique" zu erhöhen (Janet); da tritt plötzlich ein „abaissement 
du niveau mental" ein, ein ausgesprochener Da m merz ustand. 
Man gewinnt den Eindruck, als sei die Psyche Irmas für all die neuen 
Erkenntnisse noch nicht widerstandsfähig genug, noch nicht stark 
genug all die neuen Synthesen herzustellen, oder in der Sprache Freuds, 
als sei der Konflikt zwischen Libido und Sexualablehnung noch zu groß, 
um im Wachen schon gelöst werden zu können. 

II. Die Zeit des ersten großen Dämmerzustandes 
(12. bis 21. Juni.) 

Es sei gestattet, die Zeit vom 12. Juni abends bis 21. morgens 
unter dieser Überschrift zusammenzufassen. In Wahrheit handelt es sich 
nicht um einen ununterbrochenen somnambulen Zustand, vielmehr 
traten gegen Ende dieser Zeit, wie so häufig bei hysterischen Dämmer- 
zustanden, einige luzide Intervalle ein. Jedoch erinnerte sich Patientin 
derselben nachher nicht mehr, zeigte vielmehr für die ganze Zeit 
eine vollständige Amnesie, so daß sie am 22. Juni behauptete, die 
letzte Sitzung (die am 12. stattgefunden) sei gestern gewesen. 

Wir schreiben noch den 12. Juni. Morgens hatte Irma noch ihr 
Erstaunen ausgedrückt, daß ihr jetzt alles wieder einfalle, wie wenn 
ich ihr die Erinnerung zurückgegeben hätte.. Sie hatte aber schon die 
Nacht vorher „gegrübelt und gegrübelt" und keinen Schlaf gefunden 
(ohne daß die Geister erschienen wären!) und kam sich vor wie ein 
welkes Blatt. Sie hatte angefangen, über die Entwicklung ihrer An- 
schauungen von der Entstehung der Kinder zu berichten, dann aber 
großen Widerstand gezeigt und sich gegen den Arzt aufgelehnt. Sie hat 
erklärt, sie wolle nicht das werden, was die Menschen gesund 
nennen, sie wolle gern allein bleiben. Dann erfolgte auch die lange 
Auslassung, warum sie sich gegen das Zusammensein mit anderen 
sträube. — Nach dieser Unterredung sprach sie zwei Stunden kein Wort, 
ging mittags mit der Pflegerin spazieren, starrte aber auch hiebei viel 
vor sich hin. Abends um 6 Uhr trat ein Gewitter ein, bei dem sich 
Patientin sehr ängstigte und worauf sie in den Dämmerzustand verfiel. 

Ich komme abends um 8 Uhr zu ihr und finde sie leise singend 
im Bett. (Siehe Reaktion 3 und 32 im Assoziationsexperiment!) Sie 
erkennt mich nicht, sieht bei meinem Eintritt auf die Uhr, fragt: „Wie 
spät? Ich muß fort. Wir waren in der Kirche (zur Trauung!) 



Versuch einer Hysterieanalyse. 237 

heut morgen. Ich muß fort, meine Koffer packen (will aus dem 
Bett). Laßt mich zu ihm!" 

Ich frage sie : „Wer bin ich?" und als sie mich nun erstaunt ansieht, 
suche ich ihr zu helfen und beginne; „Der Doktor?" Darauf sie; 
„Dr. Ernst" (Vorname ihres Bräutigams). 

Aus dem leisen Singen der Patientin läßt sich das Schubertsche 
Lied „Der Tod und das Mädchen" erkennen. Ich vernehme noch 
die Worte aus dem Liede; „Vorüber, ach vorüber geh wilder 
Knochenmann. Ach, es ist nicht wild" fügt sie hinzu. Dazu 
erfolgt der Ausspruch: „Meine Madonna, löse deine Zöpfe" (bezieht sich 
auf die Pflegerin). 

Ich bat nun die Pflegerin, eine gebildete, sehr intelligente Dame, 
möglichst alles aufzuschreiben, was die Patientin äußern würde. 

An der Spitze der Aufzeichnungen der Pflegerin finden sich die 
uns vorderhand rätselhaften Worte; 

„König Laurins Rosengarten." 

Ein anscheinend gänzlich neues Leitmotiv, das kaum erklungen, 
auch wieder von der Kranken verlassen wird, um bald darauf wieder 
anzuklingen und schließlich die Führung zu übernehmen und alles 
andere zu übertönen. Es ist das Thema der Übertragung auf den 
Arzt! „Morgen ist meine Hochzeit." — „Ich finde das Lied 1 ) 
nicht so traurig." — „Da, wo ich nicht bin, da ist das Glück." 2 ) 
„Laßt mich, laßt mich, an mir ist kein Glück, bloß Unglück 3 ). Niemand 
zur Freud, jedem zum Leid, haha, so ist's." — „Da, wo ich nicht bin, 
da, wo ich nicht bin " 

„Gott, da hab* ich noch Zeit." 

„Ach, ja, das war ja das verschleierte Bild zu Sais! Die 
Wahrheit, die ist gräßlich. Und wenn man Gräßliches in der 
Kindheit erfährt, da gewöhnt man sich daran, es wächst 
mit einem auf. Nur so mit einem Male ist gräßlich. Die Wahr- 
heit ist nicht schön, man soll in Wahrheit groß werden." — 
(Singt.) 

Bezieht sich auf die Worte des Dr. Wu. in Bad Z., durch die sie so 
plötzlich sexuell aufgeklärt wurde! 

„Schlafen? Nur nicht im Grabe! Im Grabe, da ist es 
entsetzlich. Man soll die Menschen verbrennen, nicht be- 

1 ) Der Tod und das Mädchen. 

*) Ausspruch von Fräulein Faure. 

3 ) Mit anderen Worten: Ich bin zum Heiraten nicht geschaffen* 



^"° Ludwig Binswanger. 

graben. Solang ich leb', wird auf die Gräber aufgepaßt, 
ich passe auf." 

„Ihr müßt alles, alles, auch die kleinste Kleinigkeit lieber offen 
und deutlich erklären. Wenn's auch häßlich ist. Nicht zuviel auf einmal 
darf man da erfahren. Das ist zuviel." (Wiederum Anspielung auf die 
Szene mit Dr. Wu.) 

„Herr Dr. B. ist ja gut und er quält mich nicht. Er darf auch zu 
mir kommen, er und der Geheimrat; sonst niemand, keine Ärzte, 
alle nicht, bloß die beiden." 

„Meine Seele? Die kann doch also weg und ohne die ist 
der Körper machtlos, tot." 

„Herr Dr. B. soll mal kommen, er kann sehr lieb sein, denn 
er kann häßliche Dinge, o so häßliche Dinge doch fein sagen. So ist 
es." (Übertragung auf den Arzt.) 

„Was aber ein Kind unter Kleinigkeiten leiden kann, das ahnt 
niemand; dann heißt es launisch, trotzig, ja so scheint's vielleicht." 

„Gott, die Kleider, die wir nicht mitnehmen, können wir ver- 
schenken. Ich hab ja alles und wenn man heiratet, bekommt man 
alles neu — 's wird ein bißchen knapp mit der Zeit. Da fährt er ab, 
da! (Hört einen Zug). Es kann doch keine Hochzeit ohne Braut 
sei-n; ich muß doch da sein!" — Singt. 

„Mein schönes Fräulein, darf ich's wagen." — „Meine Ruh' ist 
hin, mein Herz ist schwer." — „Ich will die Natur ja nicht korri- 
gieren, ich wundere mich nur, daß bei den Menschen nicht alles schön 
iät. Er (vermutlich der Bräutigam) steht so hoch über den Tieren, 
warum muß er manches mit den Tieren gemeinsam haben? 
Das begreif ich nicht!" 

Man vergegenwärtige sich die lange Rede, vor Beginn des Dämmer- 
zustandes, über das Unschöne an den Menschen, wenn man sie näher kennen 
lernt (S. 226 f.). 

„0 pfui, wie entsetzlich ist das Bild von der Bacchantin und 
dem Nero. So sieht der Mensch aus, wenn das Tier die Herr- 
schaft über ihn gewinnt. So sieht der Dr. Wu. aus. pfui, 
der Mensch." 

„Nein, er (sc. der Arzt) will mich nicht quälen, er sagt alles gut. 
Nein, er hat mich nicht gequält. Aber wie kann er mir denn helfen? 
Er kann mich heben und auf einen andern Platz stellen, aber er kann 
mich doch nicht weiterführen. Das kann er, daß er vieles ändert, 
das weiß ich, bloß wie ich allein dann fertig werde?" 



Versach einer Hysterieanalyse. 239 

Meine Madonna! (zur Pflegerin.) 

, J)as Feuer, das war wild und schön (das sie auf einem Felde beim 
letzten Spaziergange gesehen), das war die Waberlohe! Wer meines 
Speeres Spitze fürchtet, durchschreite das Feuer nie! Das 
ist der Feuerzauber, ach ist der schön!" * 

Hier klingt zum ersten Male das Walkürerunotiv an, das uns bei der 
Analyse der Anfalle beschäftigen wird- 

„Wenn der Mensch die Augen zu hat, sieht er aus wie tot. Es 
heißt ja auch, der Tod ist der Bruder des Schlafes, der Tod 
ist der Bruder des Schlafes {noch mehrmals wiederholt)." 

Auf diese von der Patientin so ausdrücklich hervorgehobene Verwandt- 
schaft zwischen Schlaf und Tod ist schon hingewiesen. 

„Ach Gott, es ist entsetzlich, entsetzlich Ist denn Mond- 
schein? Ich will mal an die Mauer vom Friedhof, an die Mauer, 
auf die Mauer, über die Mauer. Und dann muß ich . . .pfui, pfui" 
{sc. Leichenessen). (Schüttelt sich, verzieht das Gesicht.) „Ich 

furcht' mich." 

„Und es nützt nichts, auch wenn ich Dr. B. bitte, er soll mir 
helfen" soll mich beschützen." — „Werft das Scheusal in die Wolfs- 
schiucht. Wie geht die Melodie? Ich kann doch den Freischütz noch? 
Den kann ich doch?" „Das jagt so eins ums andere, weiter, weiter — 
wie in Berlin. So machen's die Gedanken, wie ich es damals gemacht 
habe, immer weiter — " „Ach ich möchte mal mit Ihnen nach Bozen 
auf die W. Da steigt man hoch, o so hoch, o dann kann man den 
Kosengarten des Königs Laurin sehen! Da gehen wir abends hin, 
4a sieht entweder alles golden aus, oder leuchtend rot wie Glas, und dann 
tief violett, und dann nur noch Schatten, die die ganze Gegend nah- 
rücken, ganz nah, — o das ist schön — Bozen — das ist der schönste 
Platz auf der ganzen Welt. Wo kann man noch einmal so schön die 
weichen, stUleii verträumten Frühlingsnächte hinbringen als am 
Waltherplatz? O das ist schön." 

„Ach mir ist der Kopf so leicht, als ob's kein Gestern gegeben 
bätte.' Gab es kein Gestern? Oder bin ich erwacht erst? Ich kenne 
kein Gestern und kein Vorgestern, bloß das Jetzt. Und das Jetzt ist 
leicht zu tragen, so leicht." — >, Warum habt Ihr mir nicht alles bei- 
zeiten gesagt? Ihr hättet mir alles sagen sollen, aber schön und scho- 
nend. Die Wahrheit ist meist nicht schön, o zu viel erschreckt, zu 
viel schadet allemal, allemal. (Dr. Wu.!) 

Ich kann's nicht ertragen, ich kann's nicht. Versteht Ihr's denn 
1 6 



2^" Ludwig Binswanger. 

nicht, wenn ich sage, ich sei krank am Leben? Man kann auch am 
Leben sterben, so lächerlich das Wortspiel ist. 

Alles was Natur ist, soll man mit Ruhe und vornehmer Würde 
hinnehmen. 

„Ach nennt mich übertrieben, übertrieben feinfühlig, ach meinet- 
wegen Man soll der Natur nicht aus dem Wege gehen, 

man soll dem Leben nicht aus dem Wege gehen." 

D. h. in diesem Zusammenhange soviel als der sexuellen Betätigung 
nicht aus dem Wege gehen. Das zeigt uns recht deutlich der folgende 
Ausspruch : 

„Geht doch nach Berlin, nach der Leipziger- und der 
Friedrichstraße, wo das Leben pulsiert, ich war nur einmal da, 

ach wie häßlich — Ich will allein sein, allein; nein, mit Fräulein L. 

(der Pflegerin) zusammen ist es schöner. Es ist so wunderbar, 
wie wir uns verstehen! — Ich möchte Blumen haben, Blumen, 
sind denn hier keine Blumen? — Ich möchte mit Dr. B. sprechen, 
kommt er nun bald? Wird er auch nicht bös sein, wenn er kommt, 
o ich weiß nicht mehr, was ich ihm sagen wollte? Ich möchte ja bloß 
mit ihm reden, damit er mich rahig macht. Er kann mich ruhig machen. 
Es kommen immer so viel Gedanken auf einmal, daß ich keine Worte 
finde. Wie kann denn ein Mensch ein paarerlei auf einmal denken? 
Ha — nicht wahr, er wird bald kommen, er wird bald kommen." 

Ich will nicht, daß Ihr einen häßlichen Anblick habt; 
man kann ganz langsam sterben, verlöschen, ich weiß. Ich hab 
doch keine Buhe mehr, keine Buhe mehr." 

„Ich bin eine Mörderin, Mörderin — o ich war nicht am 

Grab, mit dem Licht, o sehen Sie dort die Ecke, da 

kann man's sehen, ganz, ganz langsam. Ich kann 

die Augen nicht sehen, so schrecklich — das sind keine 

Augen, das sind Löcher, ach Ich muß, laßt mich, laßt 

mich — ..." (bäumt sich und springt aus dem Bette. Läuft in der 
größten Erregung gegen Fenster und Türen, rüttelt daran, ruft und schreit. 
— V»12 Uhr abends 0,5 Veronal. Sofort ruhiger, bleibt still liegen, spricht 
leiser): „Wie sagt Goethe? Aus Knochen, Bändern und Sehnen ge- 
flickte Halbnaturen." 

„Zur Hochzeit trag ich Lilien. Ich will keine Myrten. Lilien 
sind die Totenblumen. Am Altar will ich sterben, das ist nicht 

häßlich, das ist schön ." Siehe S. 211 die erwähnten Worte der 

Sappho: „Dort an der Liebesgöttin Altar erfülle sich der Liebe dunkles 
Los !" Am AltaTe sterben heißt soviel als kurz vor der Brautnacht sterben- 



Versuch einer Hysterieanalyee. 241 

„Ach Gott, es gibt solche Konflikte, man verstrickt sich mehr 
und mehr und immer mehr." 

„Was ist nun härter? Nein sagen oder nicht nein 
sagen können?" 

D. h. die Verlobung aufzulösen oder nicht stark genug dazu zu sein. 

„Ach, mein Kopf! — Ich kann etwas Entsetzliches sagen, wobei 
ich mich sehr fürchte, aber ich kann nicht etwas sehr Un- 
schönes sagen. Ich kann es nicht aussprechen und wenn 
es zehnmal natürlich ist. Meinetwegen bin ich töricht, ein törichtes 
Kind. Schlafen? Ja ich will jetzt schlafen, immer — ." 

13. Juni. 

„Die Menschen wissen ja nicht, was sie verlangen. Ich soll alles 
sagen, alles? Kein Mensch braucht alles zu sagen, er darf sich auch 
im Innern verhüllen, er zieht doch auch Kleider auf den Körper an. 
Dazu gibt's viel zu viel häßliche Dinge auf der Welt, man kann doch 
nicht alles aussprechen. Nun kommt bald der Ernst? (Bräutigam.) 
Nun muß ich aufstehen. Wo ist mein weißes Kleid? Ich 
muß mich frisieren, so kann ich ihn doch nicht empfangen! 
Ich seh doch sonderbar aus für 'ne Braut. Wo sind meine 
Rosen? Bitte gebt mir doch die gelben Rosen und Ginster, 
alles auf mein Bett, ach der Ginster, ich möchte mich wieder 
reinlegen- (Singt sehr viel)- — Eine Juninacht, die hat keine Dunkel- 
heit — da grüßt der Abend den Morgen — Gebt mir doch Blumen, 
bin ich nicht mehr Blumen wert? Es ist kalt unter dem Stein, o er 
drückt auf die Brust, so schwer. Alles was man tut, kann man schön 
tun. Man kann auch Schönes häßlich tun. Aber wenige können Häßliches 
schön tun, und schön und vornehm sagen." 

„Kein Sterblicher", sprach das Orakel, „rückt diesen 
Schleier, bis ich selbst ihn hebe." „Wer diesen Schleier 
hebt, soll Wahrheit schauen." Der sagte: „Ich will sie schauen 4; 
und hob den Schleier. „Mir aber ist er heruntergerissen 
worden. Das war gemein, gemein, gemein ". 

„Der hat auch nicht mehr leben können, weil er die 
Wahrheit gewußt hat!" (Reminiszenzen aus dem verschleierten 
Bilde von Sais und Anspielung auf Dr. Wu.) „Es ist komisch, 
so seltsam. Man kann einen Menschen sehr lieb haben und 
möchte immer bei ihm sein und kann sich doch fürchten vor 
etwas, das dieser Mensch verlangen kann, verlangen wird, 

Jahrbuch für psycho analyt. u. psycbopathol. Forschungen. I. 16 



242 Ludwig Binswanger. 

verlangen muß. — Die Pflicht der Frau, wenn's nur nicht 
fto entsetzlich wäre. Warum kann man sich nicht so lieb 
haben und beieinander sein? s'ist wunderbar in der Welt. 
Freundschaft bis ans Lebensende ist doch auch viel wert. Ach, das 
brennt wie Feuer! Wenn man kein Mensch und kein Geist ist, 
kann man fliegen. Ich kann fliegen. (Störst aufs offene Fenster zu.) 
Lassen Sie mich doch fliegen." 

„Ich hab* in München auf dem Friedhof eine tote junge 
Frau gesehen. So lag sie da wie ich — und war ganz zugedeckt 
mit Blumen. Mich deckt niemand mit Blumen zu, ich bin so kalt, so 
kalt. — Er (der Arzt) wollte wissen, was ich gedacht hab\ so mit 16, 
17, 18 Jahren. Ach ich hab' alles Menschliche schöner gedacht, 
viel schöner, s' ist komisch, ich dachte immer, nur die Frauen, 
die schon Angehörige verloren haben, nur die können 
wieder Kinder haben. Denn der Geist von den Verstorbenen stirbt 
nicht mit, sondern kehrt zurück zu denen, die in alter Form ihn früher 
besessen haben. Das ist gewissermaßen die Enschadigung, so dacht' 
ich, ach und alles ist anders, alles ist anders und so häßlich. Und dann 
dacht' ich — haha — dumme, dumme Irma, ich mag's nicht sagen, 
ach nicht doch, ich will nicht gequält sein! Kein Mensch kann vom 
andern verlangen, daß er seine geheimen Gedanken sagt und dabei 
noch solche Sachen." 

Bezieht sich auf meine Fragen nach ihren Ansichten über die Ent- 
stehung der Kinder, die Irma nur sehr ungern und zögernd bisher be- 
antwortet hatte. Es ist bemerkenswert, wie sich auch im Dämmerzustande 
der Zwang, alles sagen zu müssen, wirksam zeigt. Sie hatte zuletzt vor zwei Ta- 
gen erzählt, daß sie glaubte, die Kinder entständen durch 5 s Küssen. Hier 
wird eine neue Ansicht hinzugefügt. Und was sie „dann noch denke" werden 
wir im Wachen nach diesem Dämmerzustande ganz leicht von ihr erfahren. 
Es bedarf nur immer mehr oder weniger langer Zeit, bis die inneren Wider- 
stände überwunden sind, dann kann das, was jetzt noch von der Patientin 
so verabscheut oder gefürchtet wird, ohne Zögern und Scheu ausgesprochen 
werden. Und mit jedem solchen Schritte ist man der Heilung näher gerückt. 

„Noch H Tage und sie lebt nicht mehr, haben die Ärzte 
damals gesagt. Seht Ihr wohl, ich habe mein Leben in der Hand, bloß 
verrat ich nicht wie!" 

Am 28. Juni frag ich Irma, was diese Worte bedeuteten. Nach einigem 
Besinnen fiel ihr ein, daß die Ärzte damals, als sie in den jungen Off izier 
verliebt war und nichts mehr aß, wobei sie sehr stark abmagerte, geäußert 
hätten, wenn dieser Zustand noch ein paar Tage andauerte, müsse sie sterben. 
Sie sei damals froh gewesen, daß sie durch die Nahrungsverweigerung dem 
habe „nachhelfen" können. 



Versuch einer Hysterieanalyse. 243 

„Laßt Eure Hände von mir; wo ich hinkomme, bringe ich Un- 
glück mit, ich bin ein unsteter häßlicher Charakter. Ihr habt mich alle 
viel zu lieb und ich möchte doch sagen: Habt mich lieb. — Ich bin 
nicht geschaffen, andere glücklich zu machen. Woran 

liegt es? Ich will doch so gern . Indien ist meine Wiege 

und wird nach Millionen von Jahren mein Grab sein. Denn Indien 
ist die Wiege der Menschheit. Die Seele kann durch viele Millionen 
Körper hindurch, aber ehe sie verschwindet, sich in Nichts auflöst, 
wird sie einmal dahin kommen, wo sie zum erstenmal gewesen ist. 
Ich lüge nicht und hab' nie gelogen, wenn ich sagte, ich 
war in Indien und wenn ich sagte, ich war in Ägypten . . . , 
ich sehe die Wüste und die Sandhügel, o alles flimmert rot und die 
Pyramiden leuchten rot bis in die Spitzen hinein. — O Gott ist das 
schön! Und in Norwegen, da war ich auch, nicht wie ich jetzt bin, 
aber wie ich manches Mal gewesen bin. — In Italien ist das Meer so 
blau. Aber die Wellen sind träge und rollen so schwer — das macht 
traurig. Aber im Norden da ist es grau und hat weiße Kämme und 
stürmt so wild. Und die weißen Kämme sehen aus wie wilde Schwäne. 
— Überall bin ich gewesen, und überall werde ich noch sein. Da wird 
kein Fleckchen auf der Erde sein, das ich nicht kenne .... Der 
Mohn, der ist schön, so feurig und üppig wie die Südländer. Pfui, 
die lieb ich nicht. Die haben den Zug, das Etwas, das mich so erschreckt. 
Das war auf dem Bild (der Bacchantin). Die Bacchantin und der 
Nero! Und das kommt noch alle Tage vor! Gräßlich, wenn 
man das sieht, wenn ein Mensch zum Tier wird! (Lächelt:) 
König Laurins Rosengarten . . . Eine Frau kann rein 
bleiben und doch die Scheu überwinden. Ob man das lernen 
kann? — Reminiszenz an eine Aussprache des Arztes. 

Ich hab' ja nichts gewußt, ich bin nie mit Gleichaltrigen zusammen 
gewesen und hab' mir so meine eigenen Gedanken gemacht. Und alles 
muß man doch nicht sagen! Ich bin solch ein Kind gewesen mit 
20 Jahren, bis Z., ach und das war zuviel, das war so roh!" 

„Es hieß doch immer die heilige Jungfrau mit dem Jesus- 
kind. Mit ihrem Kind, die Jungfrau und sie war doch heilig. Wie 
hab 5 ich mich blamiert in der Gesellschaft mit 18 Jahren (vgl. S. 224). 
Dann habe ich's gewußt, aber solange hab' ich geglaubt, die Heirat 
ist nicht nötig. Lacht über mich, lacht über mich. — Warum will er 
alles wissen? — Aber was ich dann dachte, mit 18 Jahren, das sag' ich 

nicht, haha, aber schöner war's als die Welt. " 

< e 16* 



2^4 Ludwig Binswanger. 

„Ja, tobe nur und streck die Fäuste aus! — Ich hab's dann so 
verabscheut, das Kleid und erst doch so gern gehabt, das leichte 
goldbraune. Wie kann man das verekelt bekommen. 

„Das blutige Taschentuch, das müßt Ihr wegtun. (Betrachtet 
ihre Hand.) Man sieht's nicht mehr, das Blut, wie ich auf dem Friedhof 
war und wollt' mir die Pulsader aufschneiden, aber ich hab' kein Messer 
gehabt und mußt es mit dem rostigen Draht machen, da ging es nicht." 

„Wo sind die Schwalben? Alle über's Meer und alle haben sich 
die Köpfe eingerannt an dem Leuchtturm. Das leuchtet so hell und 
so weit und sie wissen nicht, was sie tun und daß sie sich die Köpfe 
einstoßen." 

„Köpfe, Köpfe, Köpfe, warum sind drüben in dem gelben 
Hause die Türen gepolstert? Und warum sind Löcher darin? 
Ist es, damit sie sich die Köpfe nicht einstoßen, da drüben in dem 
gelben Hause, wo sie immer schreien." — 

Mit dem gelben Hause ist die Irrenanstalt gemeint. Später erzählte 
Patientin einmal, Bie wisse so genau, wie es in der Irrenanstalt aussähe, da 
mein Onkel sie einmal mit auf die Abteilungen genommen habe. Sie beschrieb 
genau die gepolsterten Türen und die Gucklöcher in denselben. Nach der 
Genesung gab sie an, diese ganze Beschreibung habe sie in einem Buche 
gelesen, in dem eine Irrenanstalt geschildert war. Eines der Beispiele, wo 
sie Gelesenes selbst erlebt zu haben glaubte. 

„An der Westküste von Afrika bin ich gewesen, da war es 
nicht schön, immer das gleiche, Städte und Berge — aber dann in der 
Nähe des Kongostromes, da wird es anders romantisch, da, wo die 
Felsen ins Meer ragen und die Angst einen packt, ob das Schiff richtig 
fahrt und nicht strandet. Und dann fängt es an zu schwanken, wenn 
man an den Kongostrom kommt — o ich weiß noch. 

„Wievielmal meine Seele noch kommen wird? Ich 
möchte in Bozen sein, wenn meine Seele in einem andern 
Körper ist." 

Später gab sie einmal an, sie hätte gewünscht, ihre Seele führe später 
einmal in einen männlichen Körper (Bisexuelle Phantasie) ! 

„Bozen — da gehn wir nach dem Rabenstein und sehen ins Tal 
nach Meran. (Schildert wieder den Rosengarten und König Laurin.) 
Der kann so viel, der ist halb Gott, halb Mensch!" 

„Im Mühltal, da ist das Wasser so hell und klar, da kann man 
bis auf den Grund sehen, aber es ist nicht tief. Aber an dem Fluß, 
da ist es tief und da stehen Birken und Weiden. Da leg 9 
ich mich hin, Seerosen im Haar (Ophelia!). Wasserrosen gibt's 



Versuch einer Hysterieanalyse. 245 

hier nicht, die gibt's nur in den Teichen und die erzählen, daß der 
Himmel den See gern hat. Da war eine schöne klare Nacht und die 
Sterne haben heruntergeschaut und waren vorwitzig und haben sich 
heruntergebogen und sind heruntergefallen. Weg waren sie. Ich habe 
sie gesehen, wie sie ins Wasser gefallen sind und dann wieder gekommen, 
als silberne Sterne, als Seerosen. In solchen See muß man gehen, 
so liegt man dann, so — (Schließt die Augen, streckt die Arme 

lang aus. Ophelia!) Roter Mohn, alles rot, rot, rot, rot, 

Teufel sind auch rot, aber Teufel sind schöner als die gräß- 
lichen Geister. Ach — immer um den runden Tisch, immer rund 
um (Fräulein Faure), jetzt bin ich auf der rechten Spur und das 
mit dem Luftröhrenschnitt ist gar nicht wahr, das hat 
sie sich selbst gemacht!" 

Schon aus dem Berichte der Mutter wissen wir, daß Fräulein Faure 
in den letzten Tagen vor ihrer Überführung in die Irrenanstalt angegeben 
hatte, bei ihr sei der Luftröhrenschnitt gemacht worden. 

Am 27. und 28. Juni habe ich Irma selbst befragt, was es mit dem 
Luftröhrenschnitte für eine Bewandtnis habe. Sie erinnerte sich sofort 
daran, daß Fräulein Faure sich beklagt, man habe ihr den Luftröhren- 
schnitt gemacht, daß ihr die Krankenschwester aber gesagt habe, sie hätte 
sich ihn ja selbst beigebracht. (Es handelte sich nur um eine oberflächliche 
Wunde.) 

Nach dieser Angabe wird es wahrscheinlich, daß es sich auch bei 
Fräulein Faure um eine Hysterie gehandelt hat, worauf ja auch andere 
Angaben hinweisen. Patientin erinnerte sich ferner (ob es sich um eine 
Erinnerungsfälschung handelt, weiß ich nicht), sie habe sich in jenen Tagen 
einmal heimlich zu Fräulein Faure ins Zimmer geschlichen, wobei jene 
lächelnd auf eine kleine Schere gewiesen habe. Ohne zu wissen warum, 
habe Irma die Schere zu sich genommen und bis heute behalten. 

„Wo ist das Pulver? Ist es schlecht, wenn man stibitzt? (Holt 
aus einem Schmuckkästchen ein eingewickeltes Pulver. Lächelt:) Ich 
hab* einmal stibitzt ! (Es donnert im selben Augenblicke) Ha, das sind 
die Geister, die sind böse !" Wirft später das Pulver zum Fenster hinaus 
mit den Worten : „Dann kann's der Doktor nicht untersuchen." Es handelt 
sich um ein Veronalpulver, deren sie mehrere bei sich hatte. Ich hatte sie 
ihr auf ihre dringende Bitte nicht weggenommen, nachdem sie versprochen, 
keines zu nehmen, ohne zu fragen. 

„Ich tauge nicht zum Leben. Wenn ich zum Leben taugen 
könnte, dann hätte es mich nicht so überwältigt, das Mensch- 
liche." Fängt an zu singen, unterbricht sich: „Es ist alles leer, leer, 

leer. Es ist häßlich, durch Gift zu sterben; sieht man dann 
häßlich aus und erschrecken sich die Menschen?" 



246 Ludwig Bins wanger. 

Ein weiterer Beitrag zu dem uns schon bekannten Thema: Was wird 
aus meinen! Körper nach dem Tode? 

„Es ist alles Feuer, der Teppich brennt, mein Kopf 
brennt, fort, fort — " Stürzt gegen Fenster und Türen in größter Er- 
regung, schreit: „Laßt mich fort, fort, es ist die Hölle, ich ver- 
brenne. In diesem Momente trete ich ins Zimmer, nehme sie bei der 
Hand und es gelingt mir, sie langsam zum Bette zurückzuführen. Dabei 
spricht sie mit verklärt- verschämtem Gesichtsausdrucke die Worte aus: 
„Ach, so nahe!" Gleich darauf unter heftigem Sträuben: „Feuer, 
Feuer, alles ist rot." Ich bringe Patientin ins Bett zurück, rede ihr 
ruhig zu und gebe ihr Schlafsuggestionen wie sonst auch: Y 2 Stunde schla- 
fen, nach dem Erwachen zunächst essen und wieder schlafen von 9 bis 7 Uhr 
morgens* Nach dem Erwachen am nächsten Morgen solle sie sich erinnern, 
daß sie in der Klinik sei und ruhig liegen bleiben. Schläft darauf V 2 Stunde 
ruhig. Nach dem Erwachen: ,,Ha kommst du wieder heut?" 
„Die Bösen sind gewachsen aus dem roten Blute, das da 
oben vergossen ist in der Schlacht. So geht die Sage (von 
König Laurins Rosengarten) im Volksmunde, gib mir doch 
Hosen." Singt. 

„Der Tod sieht nicht häßlich aus. Gestorbene Menschen 
sehen später aus — äah — der Tod ist kein Gerippe, ist ein 
schöner Mann, der die Arme um einen schließt." 

Deutlicher Hinweis auf die erotische Komponente, die in dem Thema 
vom Tode enthalten ist. 

„Es war ein Tempel wie klarer Kristall, da wohnte eine Seele. 
Wie alt war ich damals? In 20 langen Jahren hatte ich Zeit genug 
gehabt, den Tempel einzurichten. Schöne Gestalten gingen aus und ein, 
und die Seele lächelte ihnen zu und freute sich über sie. Da war die 
Begeisterung, die hatte in ihrem Zimmer schöne Bilder aufgehängt 
und daneben wohnte die Freude, und was die Freude hatte, das wollte 
sie mit der Dankbarkeit teilen. Und wollt Ihr wissen, wie alles anders 
geworden ist, wie das Haus trüb geworden ist und ich meine Seele 
nicht mehr finde? Meine arme Seele! Ihr müßt die Wahrheit mit in 
den Tempel einziehen lassen. So hätt' ichs tun müssen." (An- 
spielung auf die sexuelle Aufklärung.) 

„Meinen Körper, den haß' ich nun und verabscheue ihn! 
Mich hat kein Engel gebracht, aus Menschen — Menschen — 
Menschen — ääh — ," Singt. 

„Die Geister, die vielen, vielen Geister; und die Wolken sind die 
Hexen, die sie verfolgen, die garstigen schwarzen Hexen ! — Wenn sie 



Versach einer Hysterieanalyse. 247 

mich nicht in den Garten lassen, kann ich nie wieder das Päckchen 
holen. Das ist weg und das andere ist versteckt. Und sie lassen mich 
nicht allein. Und ich krieg' ja nie wieder im Leben so was, nie wieder, 
nie wieder, wie dumm, wie dumm!" 

Nach 8 Uhr abends wieder erregt, ich besuche Patientin um 
Y 2 9. Beruhigungsversuche jetzt schwieriger. Nennt den Arzt fort- 
während du (identifiziert ihn wieder mit dem Bräutigam). Als sie 
ins Bett zurück soll: Man kann einen Menschen doch nicht 
zwingen (bezieht sich auf die „Pflicht der Frau"). Patientin erhält 1,0 
Veronal, das sie nur vom Arzte selbst nimmt, und nur indem sie dauernd 
von ihm fixiert wird. Stößt dabei die Worte aus : „Ihr gebt mir Gift." Erneute 
Schlafauggestionen. Darauf Schlaf von 10 Uhr bis 8 Uhr morgens mit kurzer 
Unterbrechung um 5*/^ Uhr. 

14. Juni. 

„Wo bin ich denn?' - (Erkennt die Pflegerin, jedoch nur kurze 
Zeit.) „Ich bin ein dummes Mädel, sagt der Doktor. Warum hat man 
mir's denn nicht gesagt? Erst war's der Storch — ach und dann 
mußte ich mir andere Sachen ausdenken, erst das und dann das. — 
Und die wahnsinnige Angst, daß mir damals bei N. was 
hätte passieren können. Im Augenblicke nicht, ich hatte 
ja den Hund, aber nachher, Fräulein M. hatte den Greif 
nicht bei sich. Die widerlichen Gerichtsverhandlungen und 
mir ist doch nichts passiert, bloß Fräulein M. Ob's derselbe 
Kerl war, weiß ich nicht, ich sag's nicht, ich will keinen 
Meineid leisten. — Nein, ich hab' gedacht, die Jungfrau Maria ist 
rein, rein! — Ach laßt mich mit der widerlichen Gerichtsverhand- 
lung. Ich weiß von nichts, ich schwöre nicht. Die Leute sagen, ich 
bin krank gewesen, wenn man krank ist, kann man nicht schwören.'* 

Laßt mich doch in B. in Kuh. Wollt Ihr mich denn bis ans End' 
der Welt quälen? K. bis B. —1 — 2 — 3 — 4 — 5 — 6 — 7 — 8 Stunden. 
Er hat mir doch nichts getan, und wenn er mich hinwirft, 
hätte er mir gerade so gut mein Portemonnaie nehmen 
können!" 

Wir erfahren hier ein neues Trauma. 

Am 19. Juni erklärte Patientin, sie habe eigentlich niemanden davon 
erzählen wollen. — Es sei während ihres zweiten Aufenthaltes im Sanatorium 
gewesen (1906/1907), als sie bei einem Spaziergange einem Strolche begegnet 
sei, der ihr längere Zeit nachging. Sie habe einen Hund bei sich gehabt 
und sich nicht sehr gefürchtet. Tags darauf sei ein Fräulein M. im Walde an- 
gefallen und Patientin gefragt worden, ob die Beschreibung, die jene von dem 



24:8 Ludwig Binswanger. 

Manne machte, auf den Strolch, dem sie begegnet sei, paßte. Der Strolch 
habe übrigens rasch fliehen müssen, ohne der Dame etwas angetan zu haben 
Weniger scheint die Episode Irma damals aufgeregt zu haben, als später 
bei ihrem Aufenthalte in Berlin, wohin sie inzwischen verreist war und ge- 
richtlich über den Fall vernommen wurde. Sie scheint genau ausgefragt 
worden zu sein und gab an, es sei ihr „entsetzlich" gewesen, einem jungen 
Manne gegenüber „auf solche Fragen" antworten zu müssen. Außerdem 
habe sie große Angst gehabt, sie müsse schwören, besonders nachdem sie 
gehört, es gäbe Mittel, einen dazu zu zwingen. Sie habe jedoch erklärt ; 
sie könne ein Attest bringen, daß sie damals krank war und daher die Richtig- 
keit ihrer Beobachtungen nicht beschwören könne. Dies sei ihr dann ohne 
Weiteres erlassen worden. Diese Angaben werden von der Mutter bestätigt. 
Es ist noch zu bemerken, daß diese Aufregungen in den Aufenthalt 
in Berlin fallen, wo ihre innere Erregung schon aus anderen Gründen den 
Höhepunkt erreicht hatte. 

„Du bist so schön und rein, und wenn du bei mir bist, ist es 
schön und rein, wie in der Kirche." (Bezieht sich auf die Pflegerin.) 

„Ihr seid töricht, ihr Menschen. Ihr denkt, der Tod ist ein häß- 
licher Sensenmann, o nein, schön und groß wie ein Engel. Der 
schlanke, schöne, große Mann!" (Siehe S. 246.) — „Komm, 
wir wollen gehen." (Geht aus dem Bette und fällt nach wenigen Schritten 
um. Liegt längere Zeit mit geschlossenen Augen. Nachher unruhig. Kalte 
Übergießung. Schreit furchtbar.): „Ihr legt mich ins Grab, das sind 
Leichentücher, Ihr sollt nicht! Bin ich denn tot?" (Nachher 2 Stunden 
ruhig.) „Heiß war's in Ägypten, schrecklich heiß. Die große, große 
Wüste, wie ein verpfuschtes Leben, ha, und wer sein Leben ver- 
pfuscht hat, kommt auch nie heraus. Heiß, heiß, man hat meinen 
Kopf versengt." (Nach Tisch 2 Stunden ruhig.) „Arsenik ist Gift. 
Es ist schon wieder so rot und heiß. Ich muß mich jetzt anziehen 
zur Hochzeit, schnell die Blumen und das Kleid, ich muß mich 
frisieren. (Bad.) Ach das Wasser, immer wollte ich ins Wasser 
gehen, und hier ist es ruhig und weich wie am Wehr, und da habt 
Ihr mich nimmer hingelassen. Das war so schön, da hat das Wasser 
gesungen, nein die Nixen haben gesungen. Nun ist es doch so 
Ophelia." — 

Die Identifikation mit Ophelia ist hier ganz klar. Dazu kommt, daß 
Irma gewöhnlich mit in der Mitte gescheiteltem Haare, zwei auf die 
Brust herabhängenden Zöpfen und mit Blumen spielend im Bette liegt. 

„Die Seele kennt keinen Raum und keine Grenzen." 

Zu ergänzen : Daher kann sie jederzeit in Ägypten, Norwegen, Indien 
usw. sein. Diese so oft betonte Unabhängigkeit der Seele vom Körper ver- 



Versuch einer Hysterieanalyse. 249 

dankt bei Irma ihre Entstehung der Flucht vor dem Körperlichen, dem 
Tierischen im Menschen, dem Sexuellen. 

„Freiheit, Freiheit. Der Weg ist so kurz. Ihr törichten 
Menschen, ihr lauft den langen steinigen Weg, und so viel Widerwärtig- 
keiten liegen da am Wege. Ich nehme den kurzen, schön und rein 
ist der. — Mit der Myrte, mit dem Schleier reißt der schöne 
Wahn entzwei. 

Die Pflicht der Frau. Ich wußt's doch nicht, damals, 
so töricht!" 

„Und wenn Du mich nicht läßt — such' mich heut abend." 
(Unaufgeklärt.) 

„Klärt sie auf die, Kinder, die Schulreform ist gut, 
wenn's auch heißt, die gute alte Zeit. — Ob ich's fasse, fasse, 
fasse, werde ich's je fassen? Ich möchte ja. 

Ich hab' schon als Kind so schwer beten können, ach das waren 
auch so Sachen, bloß liebhaben kann ich." 

„Johannisnacht, die Glühwürmchen, alle leuchten wie 
das Glück in der Dunkelheit — man greift danach; da — fort — ." 

Mit der Johannisnacht gleiten wir schon deutlich in das den Anfällen 
zugrunde Hegende Thema hinüber, wie überhaupt der Vorstellungsinhalt 
der Dämmerzustände mit demjenigen, der die Anfalle hervorruft, die engsten 
Beziehungen hat. Beiden liegen in letzter Linie erotische Vorstellungen zu- 
grunde. 

V 2 8 Uhr mit eintretender Dämmerung Beginn der Erregung. 6 g 
Amylenhydrat. Hypnose. 

Schläft die erste Zeit sehr unruhig, wirft sich hin und her. Erwacht 
um 6 Uhr morgens, liegt still bis 7. Dann klar, erkennt ihre Umgebung; 
klagt über Kopfschmerzen. 

15 f Juni. 

„Soll ich heut aufstehen? Kommt Herr Doktor wieder? Gehen 

wir vorher spazieren usw." (Spricht dann von früher erwähnten Dingen, 
unklar.) 

Nach dem Frühstücke große Schwere und Mattigkeit in den Gliedern. 
Liegt nachher mit geschlossenen Augen und steifen Gliedern da. 1 Uhr 
klarer, ißt mit Appetit zu Mittag. 

„Ich bin sehr müde. Ich habe mich gestern sehr aufgeregt 
wie Herr Doktor da war. Ich weiß ja, er muß fragen und ich will ja 
auch gern alles sagen, aber es ist sehr schwer." 

Meint die Unterredung vom 12, Juni, 



250 Ludwig Binswanger. 

Liegt still, bis 3 Uhr. Dann wieder verwirrt und unruhig. Bad. 
(Ophelia, Hochzeit, ich muß mich schmücken usw.) Unruhe und Angst 
(Feuer, Teufel, ich komme in die Hölle, ich hab's doch, nicht tun 
wollen, sicher nicht usw.) bis y g 6 Uhr. Hypnose; danach: „Es 
ist so heiß, so war's auch als Kind, o ich kann morden. Nur am 
Gartenhäuschen vorbei, daß es niemand sieht. Wie ich dich hasse, 
wie ich dich hasse. — Das findet niemand, nur ich, ich hab' ein 
Kleinod!" (Das Giftfläschchen, das sie am Gartenhäuschen vergraben 
haben will.) 

„Es ist mir doch nichts passiert, warum sagt Ihr denn, 
was hätte passieren können. Er hätte ja gerade so gut mein 
Portemonnaie 1 ) haben wollen! Pfui, der Mensch, ganz zer- 
lumpt, wie kann er ein Mädchen hinwerfen! Fort, fort! Ich 
will keinen Meineid schwören, die Leute sagen, ich bin 
krank gewesen. Ich will nicht in dem Wartezimmer warten 
mit all den häßlichen, zerlumpten Gestalten. Ich will dann 
lieber auf den Korridor. Es ist so lang her, seit ich damals 
inN. gewesen bin. Ich kann mich nicht so genau erinnern, 
nur daß er einen zerlöcherten Strohhut hat und Schuh 
und Strümpfe hat er an. 

Warum habt Ihr mir die Wahrheit nicht gesagt, es ist zu viel 
auf einmal. Ha, wie ich dich hasse, ich kann morden." 

„Mein Fläschchen, wenn ich das nur eher gehabt hätte, nun lassezi 
sie mich nicht allein. Was mach' ich nur? Laßt mich einmal durch den 
Garten gehen! 

Ihr müßt mich lieb ansehen, habt mich doch lieb, nicht zanken. 
Bleiben Sie doch bei mir, nicht nach * * *, wir bleiben hier beim Herrn 
Doktor. Hol* mein Fläschchen, aber sag's niemanden. Ich bekomm's 
ja nie wieder, nicht für Geld und gute Worte. Ich kann ja nicht 
mehr, es ist zu schwer! Das Leben weggeworfen, das dumme 
Leben, es geht so schnell." 

Erwacht pünktlich, wird aber nach 20 Minuten wieder unruhig. 
l / t 9 Uhr Hypnose. Schläft bis 7 Uhr morgens ruhig. 

16. Juni. 

„Ich muß vernünftig sein, nichts von Kopfweh sagen, dann 
laßt Ihr mic h allein! Zusammennehmen! Wie mach' ich's nur? Ich will 

*) Zur Symbolik des Portemonnaies (s. auch S. 247) vgl. Freud, Bruch- 
stück einer Hysterieanalvse. Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie, Bd. 
XVIII, S. 424 ff. 



Versuch einer Hysterieanalyse. 251 

Ihnen (der Pflegerin) ja keinen Kummer machen, sagen Sie dem 
Geheimrat,, Sie wollen nicht bei mir bleiben, Sie wollen Urlaub, Sie 
sollen nichts Häßliches sehen." 

Verlangt nach einer Schere, schlingt mehrmals das Taschentuch fest um 
den Hals, preßt mit beiden Händen den Hals zu. Beruhigt sich langsam 
nach dem Besuche des Arztes, von dem sie 1,0 g Veronal erhält, erkennt 
nach dem Essen die Pflegerin und spricht einige Worte. Fällt mitten im 
Satze zurück und liegt 1 Stunde vollständig steif , zuerst in der Stellung des 
Are de cercle. Kurz nach dem Erwachen verwirrt, 4 bis 5 Uhr Bad. 

„Ich bin einmal im Walde gewesen, da saß ein Mann auf einer 
Bank, der hatte Goldkörner im Schöße. Wo hatte er die denn her? — 
Vor dem Lazarus in der Bibel hab' ich mich immer sehr gefürchtet. 
Das ist alles so häßlich!" 

Später im Wachzustande bestätigt. Die Auferweckung des Lazarus 
habe ihr Ekel bereitet. Es sei so häßlich, zu denken, daß einer, der schon 
tot war, wieder lebendig herumliefe. 

„Da — das sind auch Leichentücher, o ich lieg' auch im Grab, 
und sie (Frau Professor N.) kommt und beißt mich an. Da, 
seht Ihr?" 

Bei diesen Worten beißt sich Irma selbst heftig in den linken 
Oberarm und weist darauf die tiefen Zahneindrücke vor. Ich habe dies 
selbst mit angesehen und war erstaunt über die Leidenschaftlichkeit, mit 
der sie dabei vorging. Es wurde mir dabei klar, daß in diesem Symptome 
des Sichanbeißens ein ihrem innersten Wesen entspringender Zug, eine Art 
Selbstkasteiung, enthalten sein müsse, ein Zug, der in der Darstellung, als 
werde sie von Frau Professor N. angebissen, nur sekundär umkleidet, nur 
symbolisch ausgedrückt wurde. Das hat sich später bestätigt. Es ist dies 
eines der interessantesten Symptome, die Irma aufwies. Selbstverständlich 
zeigte sie eine gänzlich verständnislose Miene, wenn ich ihr auf die Zahn- 
spuren weisend, sagte: Das haben Sie ja selbst gemacht. 

Erregung steigert sich bis 6 Uhr. „Ich muß fort", steht hoch 
auf im Bette, fällt um und bleibt 3 / 4 Stunden steif liegen. Ißt nur Kompott. 
„Geister brauchen nicht zu essen!" 8 Uhr: „Jetzt wird's dunkel, 
ha, seht Ihr's, die Schatten grau und immer dunkler, jetzt — kommt 
die Nacht! — (Furchtbar erregt.) Rühr' mich nicht an, Ernst, 
ich bitte dich, ich hab's ja nicht! gewußt!" — Hypnose. 
Schläft bis gegen 4 Uhr, dann sehr unruhig. Erhält 1,0 Veronal. 

17. Juni. 

Erwacht unklar, starke Kückenschmerzen. Liegt von 10 bis 11 voll- 
ständig regungslos, dann plötzlich sehr starke Erregung. Nach dem Besuch* 1 
des Arztes ruhiger. Erkennt vorübergehend den Herrn Geheimrat, 



252 Ludwig Bins wanger. 

„Warum hat er mir's denn gesagt, der gräßliche Mensch? (Wer?) 
Der Dr. Wu. Pfui, der Kerl." Erkennt gegen 1 Uhr die Pflegerin. 
x / 4 Stunde nach dem Essen wieder ganz unklar. „Ihr müßt mir 
ein langes schwarzes Kleid kaufen usw." Schlaft bis Y 2 4. Beginnende 
Erregung. 3 / 4 Stunden Bad. Singt viel, beschreibt ein Bild von 
Bocklin (Zentaurenkampf) sehr genau, in derselben Art wie früher 
in normalem Zustande. Nach dem Bade sehr erregt, steht hoch auf 
im Bette, beschreibt noch einmal dasselbe Bild und bleibt dann 10 Minuten 
mit halbausgestrecktem Arme starr stehen. Kurze Erregung, wieder Starr- 
heit, fällt nach einigen Minuten um und liegt im Are de cercle da. Fängt 
bald an, lebhaft mit den Augenlidern zu zucken. Rezitiert aus Othello. 

„Seht Ihr, wunderschön ist das alles, aber es ist zu dumm, daß 
Ihr mich das alles schon in der Schule habt lernen lassen. Damals 
habe ich es noch gar nicht zu würdigen gewußt. O Shakespeare, 
da ist mehr drin, als in zwanzig von Euren modernen Sachen. Ihr begreift 
es immer nicht. Wißt Ihr, die Kunst ist nicht für die Kinder, wenigstens 
nicht so, wie Ihr's getrieben habt, so nüchtern. Ach die Kunst, und 
manche verstehen sie nicht. Woher kommt das? Manche verstehen 
Bocklin nicht — und die Medusa von Stuck. Schon und 
gräßlich! Ihr lacht, weil das ein Widerspruch ist. Aber seht sie 
einmal an, die Augen sind schön und die Nase ist wunderschön und 
der Mund ist schön und der Ansatz des Halses, alles wunderschön 
und wenn Ihr's zusammen anseht, ist es gräßlich! Der 
Ausdruck — . 

„Nein, wißt Ihr, die^Natur tut nie weh von selber, nur da, wo 
der Mensch sich selber zu nah tritt, da'gibt's^'ne Wunde, 
die sich nie wieder schließt. Was Menschenhand anrichtet, das 
ist schwer gut zu machen. Seht Ihr, Ihr dürft nicht einander weh 
tun, warum habt Ihr mir denn weh getan, ich wollte Euch nichts tun ! 
Ich hab's nie geglaubt, daß es so gemeine Menschen gibt, die ein 
Mädchen im Walde überfallen. Was nützt denn der Hund? Der 
sieht nicht aus, als ob er bissig wäre. Komm, ich will dich am Halsbande 
nehmen, so! Wenn doch nur Leute kämen, wie mich der Kerl an- 
guckt, ach, das erstickt. Laßt mich doch mit der Gerichtsver- 
handlung! Mir hat er ja auch nicht so viel getan wie Fräulein M. 
Ich weiß ja auch nur, daß es am nächsten Tage und an der- 
selben Stelle war. — Der Referendar kann ja nicht einmal ordent- 
lich schreiben, der streicht ja immer wieder aus. Ich kann's ganz gut 
sehen, von meinem Platze aus. — Ach, die Wahrheit ist zu gräßlich, 
ach der gemeine Dr. Wu. Laßt ein Kind harmlos, so lange es ein Kind 



Versuch einer HyBterieanalyse. 253 

ist, aber nicht wenn es hinaus in die Welt geht. Das ist zu schrecklich. 
Wenn ich doch nie nach Z. gegangen wäre. Wenn ich doch nie mit 
der Französin gegangen wäre, wie konnte Frau * * * sagen, ich soll 
mit ihr gehen. Sieht denn eine erwachsene Frau einer andern nicht 
an, zu was für einer Schichte sie gehört? Ach hätt' ich's doch nie er- 
fahren und auf so gemeine Weise! Die Französin mit ihren seidnen 
Schleppen und ihrem Dutzend Stiefeln. „Schaff sie sich eine Freund 
an, eine Freund mit viele Geld." Ach so ein gemeines Subjekt. Nun weiß 
ich, wes Geistes Kind sie war. Waschen muß man sich, wenn 
man die angefaßt hat. Frau * * *, die ist lieb, die hat mir's doch 
gesagt, aber warum nicht vorher? Sie hat sie doch getroffen in * * * ein 
Jahr vorher mit ihrem — sogenannten — Bruder — ää — Sie hat 
mir's gesagt, aber zu spät. So geht's in den großen Badeorten, pfui, 
wascht mich!" 

Wieder reiht sich hier an die Strolchepisode diejenige im Badeorte Z. 
an. „Pfui, wascht mich" ist besonders hervorzuheben, da die Kranke 
hier selbst eines der Motive für den Waschzwang angibt, an dem 
sie leidet. Sie konnte stundenlang beim Waschen verweilen. Dies wurde 
von der Pflegerin ausgenutzt, weil sie so lange wenigstens ruhig war. Der 
Waschzwang infolge Furcht vor moralischer Beschmutzung durch an- 
dere oder durch sich selbst oder infolge Reue darüber, ist eines der ein- 
fachsten und alltäglichsten Beispiele für den symbolischen Charakter der 
meisten Zwangshandlungen, sowie vieler Symptomhandlungen 1 ) . 

„Lehrt lieber Eure Schulmädel auf feine vornehme Weise den 
natürlichen Hergang der Entwicklungsgeschichte. — Schiller und 
Shakespeare können sie allein lesen, wenn sie wollen. Ich hab* den 
Othello noch gelesen in der vorletzten Klasse. Der * *-See, der hat 
was an sich. Ihr müßt Euch unter die letzten Zypressen der Allee 
nach dem Friedhofe von * * * stellen, da könnt Ihr den einen Teil des 
Sees sehen. (Beschreibt ausführlich die Aussicht.) 

Da möcht' ich begraben sein. Unter einer weißen Marmorplatte, 
auf weißem Marmor, zwischen Marmor, und am Totensonntag soll 
niemand an mein Grab, ich haß' die Völkerwanderungen! 

Fidelio, es ist lang her, daß ich das nicht gesehen hab\ „In des 
Lebens Frühlingstagen ist das Glück von mir gefloh'n, Wahrheit 
wagt ich kühn zu ßagen und die Ketten sind mein Lohn." Beethoven- 
Musik! Wie ist die schön, vornehm, rein und erhaben! Da reicht 
nichts hin. 



l ) Freud, Zur Psychopathologie des Alltagslebens, S. 65 ff. Karger, 1904. 



254 Ludwig Binswanger. 

Es ist schlecht, von Frau * * * zu sagen, ich soll mit der Fran- 
zösin spazieren gehen, sie hätte Heimweh. Die hat zum Rendez- vous 
gehen wollen oder so was. „Wenn Sie wolle so elegante Kleider, müssen 
Sie sich anschaffen eine Freund." Pfui, gibt's so gemeine Menschen? 
Und das erfährt man hinterher. Warum habt Ihr mir nicht gesagt, 
wer sie ist? Der Dr. Wu., der denkt jetzt, ich gehör 7 auch zu der 
Sorte, wie die Französin! Ach, das ist zuviel für mich, ich kann's 
nicht sagen, nicht der Mutter und nicht den Geschwistern. Immer 
allein muß ich's tragen, bis ich tot bin. Auch die Mama soll's nie er- 
fahren, auch wenn ich tot bin. Ich hab' das Schöne immer so 
gern gehabt, ich hab's nie gewußt, daß es so viel Häßliches 
in der Welt gibt. Nichts verraten, sehr zusammennehmen, damit 
die Mutter nichts merkt, alles in sich 'nein, alles in sich 'nein, das ist 

besser." 

Am nächsten Tage, an dem sie mehrere Stunden klar war, frug ich 
I r ma, welcher Art die Gefühle gewesen wären, als Dr. Wu. sie beleidigt hatte. 
Ich sah nämlich bald, daß dabei nicht nur die sexuelle Aufklärung so nach- 
haltig auf sie eingewirkt hatte. Sie nannte dann zuerst das „Entsetzen," 
das ihr die Aufklärung bereitete. In zweiter Linie die „Kränkung", daß 
er sie auf die gleiche Stufe wie die Französin stellte, d. h. für 
eine Demimondaine hielt! Das sei ihr das Allerschrecklichste, 
darüber komme sie nicht hinweg. Die Furcht, für eine Demi- 
mondaine gehalten zu werden, greift tief in die Psychologie Irmas 
ein, und muß uns später noch beschäftigen. An dritter Stelle nannte sie 
ferner „entsetzliche Wut" gegen Dr. Wu. — War der Tod von Fräulein 
Faure für das Kind das schwerste Trauma, so dieses Erlebnis für die 
21jährige Erwachsene. 

„Ich hab gedacht, weil sie die schönen Kleider hat und so schön 
spricht, sie ist eine Dame; wer hätte denn das gedacht! Ich mocht* 
sie bloß nicht leiden, sie hatte so etwas — etwas — aber das hätt' ich 
nicht gedacht! — Hast du schon wieder ein wissenschaftliches Buch. 
Ernst?" (Hält von da an die Pflegerin für den Bräutigam). Von 
8 Uhr große Unruhe und Erregung. Sehr häufige Suizidversuche. 3 Uhr 1 g 
Chloralamid. Mit kurzen Unterbrechungen sehr unruhig bis gegen 6 Uhr 
morgens. Dann Schlaf. 

18. Juni. 

Erwacht sehr müde und zerschlagen. Spricht alles nach — »wir 
wollen frühstücken — ja — ein Brötchen — ja usw." 

„Der Dr. Wu. in Z. hat den gräßlichen Blick wie die 
Bacchantin. Dagegen ist die Sache in N. (mit dem Strolche) leichter. 
Ihr habt mich zwar gequält, aber ich kann keinen Meineid leisten. 



Versuch einer Hyaterieanalyae. 255 

Wie der kleine Referendar sich immerzu verschreibt." — Rezitiert 
aus: „Klage der Ceres" und „Lila". „Ach, wie gern hab ich das 
gelesen (tatsächlich), dort in Weimar, im Naturtheater, wo ich weiß, 
daß Goethe und Karl August und die Korona Schröter es ge- 
spielt haben. „Es beben alle meine Glieder, vom Glück, das ich nicht 
fassen kann." *) Die „Fi scheri n" haben sie noch aufgeführt. Die Haupt- 
rolle war die Korona Schröter. „Und schon dein Name ziert, 
Korona, dich/ 6 

Homer lieb 3 ich sehr, die bilderreiche Sprache mag ich gern. Weißt 
du, das war ein Dichter mit eigenen Gedanken, er hat alles im Bilde ge- 
sehen ! 

Gott ja, ich gebe zu, manches hätt' er anders sagen können, aber er 

war Dichter und Musiker. Und wenn Ihr sagt, das ist Unsinn, , 

das ist kein Unsinn. Ihr müßt nur darüber nachdenken. Das ist sehr schön 
und sinnreich, wie sich das Wagner ausgedacht hat. Zuerst der Uranfang, 
wo die Menschen noch keine ordentlichen Menschen waren, die Rheintöchter 
halb Mensch, halb Tier, dann die Alben, die Zwerge und dann erst die rich- 
tigen Menschen. Und wie der Mensch entstanden ist, so ist auch die Sprache 
entstanden. Erst ein Lallen, dann ein Stammeln, dann Worte. Ist das nicht 
groß gedacht? Erst nachdenken und dann reden und nicht gleich sagen : dum- 
mes Zeug! Wagner ist überhaupt sehr verkannt worden; wie könnt Ihr 
sagen, er sei eingebildet! Ich will mein ganzes Geld sparen, nichts Unnötiges 
mehr kaufen, dann gehe ich nach Bayreuth und sehe noch einmal den Ring, 
und Tristan und Isolde! Ach wie da die Geigen jubeln und klagen, so kann 
kein anderes Instrument weinen und lachen. Ich möchte Geige spielen 
können. 

Du (wohl der Bräutigam) sagst, ich hab 1 so schön gesungen, weißt du, 
ich bin nicht zufrieden, ich hab' die Geige lieber. Die liebsten Menschen 
von den größten Geisteskindern — ich kann nichts dazu — das sind mir 
Wagner und Goethe. 

Ich glaube, Ed. Genast hat am meisten aus der Weimarer Zeit ge- 
wußt, denn der war Regisseur als Goethe da war am Theater als Intendant. 

Du, weißt du, du darfst aber nicht lachen, ich denk' immer, es muß 
doch schön sein, die Frau von einem großen Manne zu sein! Goethe 
und Wagner! Bloß, wenn sie nicht mitkommt und er schreitet da ruber 
weg — o er muß ja, er muß. 

Gibt's da wohl eine Frau, die groß genug denkt, um zu sagen, ich will 
liegen bleiben, ich kann nicht mit Schritt halten und hindern darf ich nicht? 
Gibt's das nicht? 

Was hat der arme Wagner gelitten in seiner ersten Ehe, um Gottes- 
willen, das war eine Ehe! 

Der heutige Tag verläuft ruhiger, ebenso die Nacht. 



*) Reminiszenz aus „Lila**. „Lila" und „Die Fischerin" zeigen mannig- 
fache Beziehungen zu Irma! Nicht minder Korona Schröter. 



1 7 



256 Ludwig Binswanger. 

19. Juni. 

Von 9 Uhr an still, dann steif bis 3 / 4 10 Uhr. Dann ziemlich apathisch. 
Von 11 bis y 2 12 Uhr wieder steif. (Ich selbst konnte leider, obwohl ich die 
Patientin oft viermal täglich sah, solche Zustande von „Steifigkeit" nicht 
beobachten. Wir sind daher auf die Angabe der Pflegerin angewiesen. Nach 
ihren Schilderungen handelt es sich wohl meist um hystero-kataleptische 
Anfälle 1 ). 

Von 12 Uhr an unruhiger. Deklamiert aus Iphigenie. 

„Ich hab' sie so genau verglichen, die Goethesche und die Euri- 
pideische (in ihrem dramatischen Unterrichte): Die Sprache ist so 
wunderbar, so einzig schön in der Goeth eschen, aber — es ist ein 
Gedicht. Ein Drama ist sie nicht. Die des Euripides ist darin glaub' 
ich wertvoller. Ich hab' sie ganz genau gelesen. Die Charaktere, — 
na ja, sie sind ja auch recht verschieden. Goethes ist die reine, 
hehre Frauengestalt usw., die des Euripides ist das leiden- 
schaftliche Weib. Guck, sie ähnelt mehr den Grill parzerschen 
Gestalten, Sappho, Medea und denen. Aber das ist ja Auffassung. 
Deklamiert französisch (Jeanned'Arc). lächeln Sie doch einmal, 
mademoiselle Faure, s'il vous plait, dites-le-moi! — Freude, 
schöner Götterfunken ! Wo kommt denn der Trauermarsch vor? In der 
siebenten oder dritten? Der Eroica? Daß ich das nicht mehr weiß! 

Bloß die Isadora Duncan, die paßt nicht dahin. Ein bißchen 
übertrieben ist der Kultus in Bayreuth, aber schön ist's. Nur die 
Isadora in ihrem griechischen Gewände, die paßt nicht dahin. Wenn 
Sie's haben wollen, Fräulein L., will ich Ihnen auch ein Efeublatt 
aus der Villa Wahnfried schenken. Aber Sie dürfen mich nicht aus- 
lachen. Ich hab' gedacht, es macht Ihnen Spaß. Kunst ist ein edles 
Weib, wer sie erringen will, der muß sie lieben. Behalten Sie mich, 
bitte in der Erinnerung, so wie ich bin, nicht wie auf dem Bilde* — 
Ich finde das Bild ganz gut und schließlich war's doch sehr nett von 
ihr, daß sie mir's gegeben hat.** (Es ist mir nicht erinnerlich, um wen 
es sich handelt.) 

3 / 4 l Uhr. Steht im Bette auf, blickt 5 Minuten gerade aus mit vor- 
gestreckten Armen, fällt dann um, bleibt */ a Stunde steif hegen. Nach 
dem Erwachen klar. a / 2 2 bis y 2 4 Besuch des Arztes. 

Patientin erinnert sich nicht, gestern zeitweise klar gewesen und 
meinen Onkel gesprochen zu haben, dem sie von dem Strolche in N. erzählt 

1 ) S. O. Binswanger, 1. c, S. 697. Wenn O. Binswanger ate Kennzeichen 
der reinen Form dieser Anfälle das Erhaltensein des Bewußtseins und damit der 
Erinnerungsfähigkeit erwähnt, so sei darauf hingewiesen, daß hier die Anfalle 
Teilerscheinungen eines protrahierten Dämmerzustandes sind. 



Versuch einer Hysterieanalyse. 257 

hatte. Ist erstaunt, daß ich diese Episode kenne. Sie habe nicht davon 
reden wollen. Erzählt mir dann den Hergang wie im Dämmerzustande. 
Berichtet ferner von ihrem Großvater und ihrer Kindheit. Kommt auf den 
Bräutigam zusprechen. Sie wisse nicht, was sie tun solle, sie könne 
ihn doch nicht warten lassen, wenn sie ihn später doch nicht heirate. Sie 
wolle ihn aber auch nicht unglücklich machen. Auf meine Frage gibt sie an, 
er sei ein sehr ernster Mensch. Niemals sei er ihr irgendwie zu nahe 
getreten. 

Die Erinnerung I r m a s an die Vorgänge während des Dämmerzustandes 
ist in diesem freien Intervalle gänzlich negativ. Sie verlegt ihren letzten 
Spaziergang auf „gestern". 

Patientin bleibt heute klar bis 5 Uhr. Macht plötzlich die Augen starr 
und weit auf; „Wo ist mein schwarzes Kleid, hör mir's doch." 
V2 6 Hypnose. Schläft bis 7 Uhr. Singt und spricht bis 8 Uhr. Von Zeit zu 
Zeit ängstlicher Blick nach dem Fenster. ,,Wird es dunkel?" Beruhigt 
sich sofort und spricht weiter: 

„Mein Konfirmationstag. Es war alles so anders als ich gedacht 
hatte. All das Kämpfen und Eingen vorher und ich dachte, es müsse 
nachher alles anders sein. Ich hab' immer gewartet auf das Große, aber 
es kam nicht. Der Tag war schön, sehr schön, wie wir in der Kirche 
waren und die Sonne zu den bunten Fenstern hereinschien und wir 
am Altare knieten. Aber nachher war's wieder das alte. — Selig 
sind, die reinen Herzens sind, dies war mein Spruch." — 
Singt Kirchenlieder. — „Ich mag nur sehr, sehr wenige. Viele sind 
so häßlich, die möcht* ich herausreißen." 

Y 3 9Uhr. Fängt an, unruhig zu werden. „Ich will in den Garten." 
Hypnose. Bis 12 Uhr sehr unruhig. Will öfters aus dem Bette und in den 
Garten. Von 12 Uhr an ganz still. 

20. Juni. 

Apathisch. Spricht gar nicht. Weint ab und, zu. 10 Uhr Anfall. 11 Ulir 
Erwachen. Von da an ständiger Wechsel zwischen Wachen und Dämmer- 
zustand in Zwischenräumen von 5 bis 15 Minuten. Von 3 Uhr an voll- 
ständig unklar. 

„Ihr müßt nicht so entsetzliche Auftritte haben. (Ihre Mutter 
und Fräulein Faure!) Sie war eben aufgeregt. Ich weiß, was du 
darunter gelitten hast, arme Mutter, ja, aber sie konnte so lieb 
sein. Sie hat mich ein bißchen zu sehr verwöhnt, aber 
schön war's doch. 

Ich war ein trotziges Kind, aber die Art und Weise von Fräulein 
* * *, das war nicht schön. Das kann mir niemand übelnehmen, daß 
ich den Hut vom Nagel reiße und weglaufe. Laß die Schule Schule 

Jahrbuch für p?yohoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. I. 17 



258 Ludwig Binswanger. 

bleiben. Ich glaube, das hat sie mir nie vergessen und daß ich gesagt 
hab': Ich soll um Verzeihung bitten." 

Y 2 4 Uhr Bad. Dann Unruhe. 5 Uhr Anfall. 

Dann klar. Hypnose. Schläft von 3 / 4 6 bis 3 / 4 7 Uhr. Von da bis 8 Uhr 
vollständig klar. Dann: 

„Mir wird plötzlich so eigen im Kopfe, so leicht — Wir wollen 

den Weg über die Felsen gehen. Ja?" 

Schläft die ganze Nacht bis kurz vor 8 Uhr. 

21. Juni- 

Erwacht unklar. Liegt apathisch, die Augen starr auf einen Punkt 
gerichtet. 10 Uhr 2 Anfälle kurz nacheinander. 11 Uhr dritter Anfall, da- 
nach wenige Minuten halb klar. „Wollen wir frühstücken? Mein Rücken 
tut so weh usw." 

Zwischen 12 und 2 Uhr von Zeit zu Zeit klarer. Nachmittag 4 und 6 Uhr 
je ein Anfall. Nach dem letzten klar, aber äußerst deprimiert. 

„Ich kann nicht hierbleiben. Ihr müßt mich weg- 
lassen." 

Y 2 9 Uhr Besuch des Arztes. (Erklärt, sie sei unzufrieden mit sich, sie 
könne nichts zu Ende führen, sie wolle sich das Leben nehmen.) 

Danach ruhig. Auch die ganze Nacht. Schläft etwas. Am nächsten 
Tag klar. Der erste große Dämmerzustand ist vorüber. 

Rückblick. 

Es handelt sich um einen 9 Tage dauernden, namentlich in der 
zweiten Hälfte von mehr oder weniger langen luziden Intervallen 
unterbrochenen Dämmerzustand, auf dem sich wieder anderweitige, 
kürzer dauernde Paroxysmen abheben: synkopale, kataleptische und 
konvulsivische (Are de cercle) Anfälle, wobei die beiden letzteren sich 
häufig kombinieren 1 ). Es wechseln ferner ruhige Zeiten mit eigent- 
lichen hysterischen Delirien usw. Verhältnismäßig selten kommt es zu 
vereinzelten hysterischen Visionen. (Die Gestalten von Fräulein Faure 
und Frau Professor N.) 

Hierin ist ein gewisser Fortschritt zu erblicken; denn der Kom- 
plex führt jetzt seltener mehr zu einer vereinzelten Vision, die ihn 
symbolisch ausdrückt, vielmehr breitet er sich durch Zuwachs neuer 
Vorstellungen (Erinnerungen) weiter aus, den Gesetzen des normalen 
Vorstellungsablaufes folgend. 

*) Auf die Symptomatologie dieser Anfälle näher einzugehen, Hegt außerhal b 
drs Rahmens dieser Arbeit. 



Versuch einer Hysterieanalyse. 259 

Wir haben am Schlüsse dos letzten Rückblicks ausgesprochen, 
daß der Konflikt zwischen Libido und Sexualablehnung offenbar 
noch zu groß sei, als daß er im Wachen von Irma gelöst werden 
konnte. Wiederum stellt sich „der Ausweg der Krankheit her", wie- 
derum kommt es zu einem hysterischen Symptome, in dem sich die 
„libidinösen Strebungen" ausleben können; diesmal ist das Symptom 
ein Dämmerzustand. Im Wachen oder einem dem Wachzustande 
immer näher gerückten vigilambulen Zustand hatte sich die Sexual- 
ablehnung noch einmal energisch geäußert (nicht gesund werden wollen, 
Angst vor dem Zimmerteilen für die Nacht usw.), nun brach aber 
die Libido mit ihren, dem Ichkomplexc unverträglichen Vorstellungen 
durch, Irma erlebt jetzt den Hochzeitstag! Die Trauung ist 
schon vorbei, sie muß die Koffer packen; vorher verschenkt sie nech 
die alten Kleider. Im Arzte sieht sie ihren Mann. Oder sie sieht sich 
an ihrem Hochzeitstage erwachen, fragt nach ihrem weißen Kleide, 
will sich frisieren, verlangt Rosen, um ihren Bräutigam würdig zu 
empfangen. Oder sie bittet um Lilien, die Totenblumen und will am 
Altare sterben (Sexual Verdrängung). Aber auch die Hochzeits nacht 
erlebt sie: „Ach so nahe", ruft sie aus, als sie vom Arzte ins Bett 
gebracht wird. 

Wir erwähnen hier die zweite und dritte These Freuds: „Das 
hysterische Symptom ist Ausdruck einer Wunscherfüllung" und „Das 
hysterische Symptom ist die Realisierung einer der Wunscherfüllung 
dienenden, unbewußten Phantasie 1 )." 

Wir sehen, daß selbst im Dämmerzustande diese Wunscherfül- 
lung nicht unwidersprochen bleibt. Ja, die Gegenströmung gewinnt 
sogar bald wieder die Oberhand. „Rühr' mich nicht an!" ruft Irma 
in größter Erregung ihrem vermeintlichen Manne entgegen. Sie selbst 
fühlt den „Konflikt" („man verstrickt sich mehr und mehr"). „Was 
ist nun härter? Nein sagen (und dann auf das eheliche Glück verzichten) 
oder nicht nein sagen können (und dann die Pflicht der Frau erfüllen 
müssen)?" „Man kann einen Menschen sehr lieb haben und sich doch 
fürchten vor etwas, das dieser Mensch verlangen kann, verlangen wird, 
verlangen muß. Die Pflicht der Frau! Wenn's nur nicht so entsetzlich 
war'!" Und zuletzt die kindliche Frage: „Warum kann man nicht alles 
Natürliche schön tun?" 

Den breitesten Raum nimmt das Trauma in Bad Z. ein; der 
Komplex ergeht sich in endlosen Variationen. Im Vordergründe stehen 

') Freud, Hysterische Phantasien usw., S. 5. 
1 7 * ^ ^* 



260 Ludwig Binaw&cger. 

die Klagen über die rohe sexuelle Aufklärung „mir ist der Schleier 
herunter gerissen worden" wie dem verschleierten Bilde von Sais), 
„man soll in Wahrheit groß werden", „die Wahrheit, die ist gräßlich", 
„der hat auch nicht mehr leben können (in dem Gedicht), weil er die 
Wahrheit gewußt hat." 

Dr. Wu. ist das vierte Glied in einer bedeutsamen Assoziationen- 
reihe, als deren erstes Glied wir Frau Professor N. kennen gelernt 
haben. Mit dieser wurden assoziiert die Bacchantin und Nero (gleich 
einem Tier, das sich vollfrißt) und nun Dr. Wu. („O pfui, wie entsetz- 
lich ist das Bild von der Bacchantin und dem Nero. So sieht der 
Mensch aus, wenn das Tier die Herrschaft über ihn gewinnt, 
so sieht der Dr. Wu. aus, pfui, der Mensch!)" Als fünftes Glied 
schließen sich daran die Südländer („der Mohn, der ist so schön, so 
feurig und üppig wie die Südländer. Pfui, die lieb* ich nicht, die 
haben den Zug, das etwas, das mich so erschreckt. Das war auch auf 
dem Bild ! Die Bacchantin und der Nero ! Und das kommt nun alle Tage 
vor ! Gräßlich, wenn man das sieht, we nn ei n Mensch z u m Tier wird !) 
Das sechste Glied wird gebüdet von der Medusa von Stuck, die ganz 
analog der Bacchantin beschrieben wird. Als letztes Glied sei der 
Bräutigam genannt (er steht so hoch über den Tieren, warum muß 
er manches mit den Tieren gemeinsam haben?). Frau Professor N. 
und Nero stellen die Symbole der Bulimie dar, die Bacchantin, 
Dr. Wu., die Südländer, die Medusa und der Bräutigam diejenigen 
der Sinnlichkeit, der Libido. Beide Gruppen sind subsumiert unter 
den Begriff Tier, Raubtier. Wie enge diese Assoziationenkette ist, 
wird kaum mehr hervorgehoben werden müssen (vgl. nur die immer 
wiederkehrende Ausdrucksweise!). Ohne weiteres kann ein Glied das 
andere, kann die Bulimie die Sexualität ersetzen. Das Symptom des 
Leichenessens wird uns so immer verständlicher. Denn — und 
darauf wurde ja schon einmal hingewiesen — an den Anfang der 
Kette müssen wir ja Irma selbst setzen. Sie selbst fühlt sich ja so oft 
als Raubtier, erkennt an sich selbst jenen „tierischen Zug, der unter- 
drückt werden muß" ! Sie selbst läßt das Essen vor sich verschließen, um 
sich nicht mit Heißhunger darauf zu stürzen. Sie selbst ist Frau Pro- 
fessor N., ist das Raubtier (die Hyäne?), das die Gräber aufwühlt. 1 ) 
Auf sich selbst muß sie aufpassen, wenn sie auf den Friedhof geht! 

1 ) Ein sehr wichtiges Zwischenglied in der ganzen Kette wird uns ex&t 
am Schlüsse bekannt werden (Gina!). Auch auf Sindbad muß im Torstus 
hingewiesen werden. 



Versueh einer Hystericanalyse. 261 

Mit wunderbarer Klarheit erhärtet dies zuletzt aus dem Symptome 
des Sichanbei ßens. Sie beißt sich selbst in den Arm und sagt mit dem 
Zeichen des größten Entsetzens, Frau Professor N. habe sie ange- 
bissen! Man bekommt hier einen Begriff von der symptombildenden 
Arbeit des Komplexes. Wie im Traume projiziert er sich nach außen, in 
andere Personen, und läßt diese agieren wie Fremde, von denen der 
Kranke Freude und Leid erduldet, nicht wissend, daß es ein Gaukelspiel 
ist, daß er von sich selbst gequält oder getröstet wird. — In dem 
Symptome des Sichanbeißens erkennen wir den Trieb der Grausam- 
keit gegen sich selbst, einen sadistischen Zug gegen sich selbst, der 
uns später noch beschäftigen wird. 

Eine andere Assoziation führt vom Wu.-Komplexe nach Berlin. 
Neben der rohen sexuellen Aufklärung wirkt dieses Trauma ganz 
enorm deswegen nach, weil Dr. Wu. Irma für eine Demimondaine 
gehalten, sie auf die gleiche Stufe mit der Französin gestellt hat. Diese 
Seite des Traumas ist die allerempfindlichste und ist heute (Herbst 1908) 
von Irma noch nicht überwunden. Wir werden sehen, warum. Einen 
Anhaltspunkt haben wir in dem Ausspruche während des Dämmer- 
zustandes: „Geh doch nach Berlin, nach der Leipziger- und der 
Friedrichstraße, wo das Leben pulsiert. Ich war nur einmal da, 
ah, wie häßlich !" Wir sahen, daß in Berlin die Krankheit ihren Höhe- 
punkt erreicht hatte. Irma war furchtbar aufgeregt, begann an Ge- 
dankenschwäche zu leiden und „konnte keine Sehnsucht mehr haben". 
Es war „wie ein langsames Absterben", wie wenn man ein „Feuer 
langsam ausgehen läßt". Wir erblicken in diesem „sentiment d'incom- 
pletude" mit Jung „eine Hemmung", die von einem 5> übermächtigen 
Komplex" ausgeht 1 ). Dieser übermächtige Komplex ist durch die 
Wu.-Episode und das obige Zitat über die Friedrichstraße angeschnitten 
und wird sich nach und nach deutlicher hervorheben. — Nach Berlin 
führten uns auch die Gerichtsverhandlungen wegen des Strolches, 
die noch mehr als die Begegnung selbst im Sinne des Komplexes (Be- 
schäftigung mit dem Sexualproblem) auf Irma einwirken. 

Als Beiträge zum Thema des Konfliktes zwischen Sexualableli- 
nung und Libido ist noch die Walküre zu erwähnen, ein Symbol, das 

*) Vgl. Jung, über die Psychologie der Dementia praecox (Halle 1907), 
S. 100: „Wenn wir von einem Komplex beherrscht sind, so haben bloß die Komplex- 
Torstellungen vollen Ton, d, h. volle Deutlichkeit, alle anderen, von innen oder außen 
stammenden Wahrnehmungen unterliegen der Hemmung, wodurch sie undeutlich 
werden, d. h. am Gefühlston verlieren. Das ist die Grundlage, auf der es zur Un- 
vollstnndigkeit der Tätigkeitsgefühle und schließlich zur Affektlosigkeit kommt." 



^"" Ludwig Binswanger. 

bei der Genese der Anfälle mitspielt. Es ist das Bild der von derWaberlohe 
umgebenen und durch Wodans Speer gegen alle männlichen Angriffe 
geschützten Jungfrau. Sobald aber die Erweckung durch Siegfried 
hinzukommt, tritt das Symbol in den Dienst der Libido, die ja im 
„Feuerzauber" mächtig erklingt. 

Wie stark die Sexualablehnung ist, erkennen wir daran, daß sie 
das mächtigste Motiv für Irmas Suizidgedanken abgibt. „Der 
(in dem Verschleierten Bild von Sais) hat auch nicht iv.ehr 
leben können, weil er die Wahrheit gewußt hat". Sie haßt 
und verabscheut ihren eigenen Körper, weil ihn kein Engel gebracht 
hat, sondern — aus Menschen, Menschen, Menschen! Diese 
Begründung ist zu beachten. Und so stark ist ihr ästhetisches 
Empfinden, daß sie noch voller Sorge ist, um das Aussehen 
ihres Körpers nach dem Tod. „Ich will nicht, daß Ihr einen 
häßlichen Anblick habt; man kann ganz langsam erlöschen, 
sterben." Und: „Es ist häßlich durch Gift zu sterben. Sieht man dann 
häßlich aus und erschrecken sich die Menschen?" Wir wissen ferner, 
daß sie sich nach dem Tode verbrennen lassen will, da ihr der Gedanke 
an die Verwesung des Körpers entsetzlich ist. Mit diesem Wunsche, 
auch noch als Leiche schön zu erscheinen, gehen Hand in Hand die 
Aussprüche über den Tod, den „schönen Mann, der die Arme um 
einen schließt", „den Bruderdes Schlafes". „Er ist kein häßlicher 
Sensenmann, o nein! schön und groß wie ein Engel ist er, der 
schlanke, schöne, große Mann!" Geradezu aufdringlich stellt sich 
hier die Verbindung zwischen Sexualität und Tod dar 1 ). Wir werden 
nun besonders aufmerksam auf die Grabesphantasien und den 
Gegensatz, daß Irma sich bald nach dem Grabe sehnt, bald sich ent- 
setzt, im Grabe schlafen zu müssen. Diese Phantasien greifen wieder- 
um schon in das Thema der Anfälle hinein, die uns immer mehr be- 
schäftigen werden. 

Erwähnt sei noch, daß wir in diesem Dämmerzustande die „Über- 
tragung auf den Arzt" (Freud) schon konstatieren können. Irma 
identifiziert Arzt und Bräutigam, spricht ihre Anhänglichkeit offen aus 
und beschäftigt sich schon mit dem König-Laurin-Thema, das, wie sich 
später zeigen wird, in den Dienst der Übertragung tritt; und ferner 
sei erwähnt, daß die Identifikation mit Ophelia, die schon im 

*) Eine andere Verbindung besteht in dem Glauben, es bekamen nur die- 
jenigen Frauen Kinder, die Angehörige verloren h&tten. 



Versuch einer Hysterieanalj se. 263 

Assoziationsexperimente angedeutet war, im Dämmerzustande eine 
vollkommene wurde. 

III. Die Zeit zwischen dem ersten und zweiten großen Dämmer- 
zustande (22. bis 29. Juni). 

22. Juni. 
Die Erinnerung an den Dämmerzustand ist völlig verschwunden, 
auch an die freien Intervalle. Die letzte Sitzung, die am 12. stattfand, 
wird auf gestern verlegt. „Ich sollte gestern meine törichten 
Kindereien sagen" (über die Entstehung der Kinder). Ich weiß, 
daß ich mich so entsetzlich fühlte, aber nicht warum. Es kochte 
in mir!" 

Wiederum drückt Irma ihr Erstaunen aus, daß ihr „so viele 
Kleinigkeiten jetzt so deutlich einfallen." Sie möchte immer den Kopf 
schütteln, daß sie überhaupt das alles nicht gewußt habe, es habe sie 
ordentlich elektrisiert, das zu erzählen 1 ). Sie habe das Gefühl gehabt, 
wie wenn ein Kind zum ersten Male Worte findet, und auch 
den Sinn davon weiß. 

„Diese Sachen (was sie als Kind dachte und fühlte) seien noch 
nie über ihre Lippen gekommen. So habe sie einmal eine weiße Wand 
in ihrem Kinderzimmer gewünscht, es aber nicht begründen können und 
sie auch nicht erhalten. Sie hätte gern an die Wand malen und schreiben 
dürfen bis zum neuen Jahre, um dann alles wieder übertünchen zu 
lassen." Eine etwas bizarre Idee,die aber lehrreich ist für die Beurteilung 
des Kindes. 

Dann kommt Irma darauf zu sprechen, daß sie eine schwere 
Sorge habe. Es sei ihr aber „so entsetzlich schwer, darüber zu reden". 
„Manchmal denke ich, andern zuliebe kann man mehr tun, als man 
für sich selbst tun kann. Dann denke ich, es geht. Dann faßt mich wieder 
ein namenloses Entsetzen: Nein, nein, es geht nicht!" (nämlich 
das Heiraten). 

„Wie ist es später, wenn ich verheiratet bin? Ich habe Angst, 
den eigenen Willen zu verlieren. Meine Kindheit war ein Martyrium, 
ich fürchte, meine Ehe wird es auch sein." 

Nachdem wir den eigentlichen Grund ihrer Angst kennen gelernt 
haben, ist es interessant, diese im Wachen ausgesprochenen Bedenken, 
die sieh mehr gegen eine, sagen wir geistige Vergewaltigung durch den 

') Sie hatte kurz vorher der Pflegerin sehr lebhaft von ihrer Kindheit erzählt. 



26* Ludwig Binswanger. 

Mann richten, jenem tiefern Grund gegenüberzustellen, der im Dämmer- 
zustande so deutlich, zutage trat. Man erhält so ein gutes Beispiel 
wie hinter rein geistig bedingt erscheinenden Äußerungen Motive 
verborgen sein können, die der sexuellen Konstitution der Patienten ent- 
stammen, gewöhnlich ohne daß die Kranken sich dessen bewußt sind. 

Sie erzählt weiter, sie sei sich nicht ganz klar über ihren Bräutigam. 
Er sei sehr klug, aber manches verstünde er nicht an ihr. So habe sie 
sich einmal „wahnsinnig aufgeregt", als er „nicht sonderlich erbaut" 
war, daß sie Stirner las. 

Ich frage sie nun nach König Laurins Rosengarten, indem 
ich ihr erzähle, daß sie im Dämmerzustande oft davon gesprochen habe, 
König Laurins Rosengarten sei ein Berg in den Dolomiten. Es gäbe 
eine Novelle von Wilbrandt 1 ) mit diesem Titel. 

Ferner eine Sage, die sei ihr aber verworren: „Die Rosen, die 
da oben wachsen, sollen alle aus dem Blute entstanden 
sein, das in einer Schlacht geflossen ist, die geschlagen 
wurde um eine junge Königin, welche König Laurin dort 
gefangen hielt." 

Sie finde die Sage grausig*). Sie habe sie umgedichtet, könne 

*) Der für uns wichtige Inhalt der zuerst in der Gartenlaube erschienenen 
Novelle ist kurz folgender: Ein junges verwaistes, sehr hübsches Mädchen wird 
von ihrem reichen Onkel, einem widerlichen, zwerghaften Sonderling, „gefangen 
gehalten", d. h. sehr streng bewacht und von jedem Verkehr mit den Menschen 
abgehalten. Der Onkel ist in die Nichte verliebt und will sie heiraten; sie jedoch ver- 
abscheut ihn. Bei einem Aufenthalte in Bozen erleidet der Onkel einen Unfall, bei 
dem ihm ein junger Arzt das Leben rettet. Der junge Mann, dem die Sage von 
König Laurins Eosengarten sehr lebhaft vor Augen schwebt, vergleicht bei näherer 
Bekanntschaft mit dem Paare das junge Mädchen mit der gefangenen Prinzessin, 
den zwerghaften Onkel mit König Laurin. Er selbst wird bald der Befreier der 
Gefangenen. Das Mädchen klagt ihm ihr Leid; beide sind von Liebe zueinander 
ergriffen Der eifersüchtige Onkel reist mit seiner Nichte in ein kleines weltabge- 
schiedenes Dorf am Fuße des „Rosengartens", wo er ein Haus mietet und die 
Nichte gefangen hält. Der junge Arzt reist ihnen nach, wird aber von dem Onkel 
überrascht in dem Momente, wo er mit dem Mädchen das Haus verlassen will. 
Ein Abschiedstrunk, den der Onkel den beiden bietet, enthält ein Schlafmittel, 
das seine Wirkung sofort ausübt. Der von dem Onkel gefesselte und mit dem 
Revolver bedrohte Arzt wird von dem Mädchen, das bald erwacht, befreit, indem 
es seinerseits den Revolver auf den Onkel richtet. Von nun an leben beide „in 
jugendfrischer, romantisch verklärter Liebesseligkeit." 

2 ) In Wilbrandts Novelle lautet die Sage etwas anders: „Von Liebe zu einem 
Menschenkinde überwunden, hat Laurin die schöne Künhild entführt, will sie 
zu seiner Königin machen." Kühne Recken aber brechen herein, verwüsten seinen 



Versuch einer Hysterieanalyse. 265 

und wolle aber nicht sagen wie. {Wir werden später sehen warum.) 
Jetzt gibt sie als Grund dafür an, es erwecke so häßliche Szenen in ihr, 
wo sie absichtlich gelogen habe, d. h. Dinge, die sie gar nicht er- 
lebte, so lebhaft geschildert habe, daß sie den Anschein der Wirklichkeit 
erweckten. 

Und zwar falle ihr besonders ein kleiner Eoman von einer Ägyp- 
terin ein, in die sich ein junger Gesandtschaftsattache leidenschaftlich 
verliebt und die er auch später geheiratet habe. Diese Geschichte habe 
sie bei ihrem ersten Besuche in Bozen, als sie 14 Jahre alt war, 
«iner Dame als wirklich dargestellt, und doch sei alles nur ihre Erfindung 
gewesen. Die Mutter sei dazu gekommen, noch ehe sie Zeit hatte, die 
Dame darüber aufzuklären, daß sie „geschwindelt" habe. Sie habe sich 
bei solcher Gelegenheit so „ins Feuer geredet", daßesimmer schöner 
und schöner wurde. Während dessen sei es ihr nicht zum Bewußtsein 
gekommen, daß sie lüge, dagegen habe sie es „vorher und nachher" 
gewußt. 

Diese Stelle ist ziemlich dunkel. Erstens war Irma nur einmal 
in Bozen und nicht mehreremal und ferner nicht als sie 14, sondern als 
sie 22 Jahre alt war, also vor einem Jahr. Zweitens hat sie, wie die Mutter 
ausdrücklich angibt, als Kind durchaus keine pseudologischen An- 
wandlungen gehabt, sondern erst seit dem 20. Lebensjahre. Die ganze 
Episode muß also in die letzten Jahre verlegt werden. 

Die Stimmung ist heute noch starken Schwankungen unterworfen. 
Bald ist die Kranke heiter, bald deprimiert oder stark erregt. Verlangt 
heftig nach Hause. War morgens und mittags kurz im Garten. Hatte beide- 
mal bei ihrer Blickkehr ins Zimmer einen synkopalen Anfall, einen weiteren 
je um 10 Uhr und 1 Uhr nachts. Sonst nachts ruhig. 

23. Juni. 

Erwacht unklar, hat um V 2 10 Uhr einen synkopalen Anfall, ist danach 
den ganzen Tag klar. Liegt nachher still da ; auch nachts ruhig. Ich verschone 
die Patientin heute mit weiteren Fragen. 

24. Juni. 
Nachdem mir seit einiger Zeit, aber immer noch viel zu spät, 
der Verdacht aufgestiegen war, daß die Übertragung auf den Arzt 1 ) 

Kosengarten und Laurin verliert den Zaubergürtel, der ihm Zwölf männerkrafl 
gab. Er reicht ihnen dafür einen Schlaftrunk und bindet sie. Künhild befreit 
sie mit Zauberringen „und wird eines tapferen Helden Weib". 

l ) S. Freud, Bruchstücke einer Hysterieanalyse. Monatsschrift für Psycho- 
logie und Neurologie. Bd. XVIII, S. 462 ff. 



^bö Ludwig Binswanger. 

bereits stattgefunden, ich mich aber der Warnung Freuds erinnerte, 
sie ja rechtzeitig und in den einzelnen Symptomen zu erraten, machte 
ich einen, wenn auch, wie ich heute einsehe, sehr schüchternen Versuch, 
ihrer noch Herr zu werden. Ich muß gestehen, daß ich diesem weitaus 
schwierigsten Stück der Arbeit noch nicht gewachsen war. Nur jahrelange 
Übung und Erfahrung wird den Arzt in den Stand setzen, die Über- 
tragungen rechtzeitig zu erkennen und wieder rückgängig zu machen. 
Aus obigem Grunde schon muß diese Analyse vielmehr als eine Probe, 
denn als ein Muster betrachtet werden. 

Sehr auffallend war ja schon das energische Verlangen Irmas 
„davonzulaufen", die Kur aufzugeben. Ich hatte auch erfahren, daß 
Irma sich darüber aufregte, daß sie das Gefühl ihrem Bräutigam 
gegenüber verlöre zugunsten des Arztes und daß sie das als eine Er- 
niedrigung empfände und daher „fortdränge". 

Ich sage nun Irma, es sei mir klar geworden, daß sie fürchte, 
zu sehr in ein Abhängigkeitsverhältnis zum Arzte zu kommen und 
dadurch ihren Bräutigam zurückzusetzen. Mit geschlossenen Augen hört 
sie zu, bejaht nicht, verneint aber auch nicht. Sie gibt nach und 
nach zu, daß sie ihren Bräutigam mit mir vergleiche. Er sei zu 
weich, er bete sie zu sehr an. Sie fürchte sehr, wenn sie ihn nicht heirate, 
würde nichts Rechtes aus ihm, dann ginge er zugrunde, das könne sie 
nicht ertragen. Aber auch wenn sie ihn heirate, „ginge es schief", 
da er zu weich sei. 

Es war wie gesagt ein schwacher Versuch. Jedenfalls lag mir viel 
daran, Irma nicht im Unklaren zu lassen, daß ich wuJJfce, was in ihr 
vorging, denn sonst gewinnen die Kranken sofort eine gewisse Über- 
legenheit über den Arzt. Anderseits hoffte ich, wenn auch dieses Thema 
in den Bereich unserer Unterhaltungen gezogen und ihr gezeigt werde, 
daß es eben so kühl und objektiv behandelt würde wie alle anderen 
die Übertragung wieder rückgängig zu machen. Wie wir sehen werden, 
vollzog sich dies von selbst, aber erst, wie Freud es als Regel hinstellt, 
nach der Entfernung vom Arzte. 

Im Laufe des Nachmittags wird Patientin wieder sehr erregt. 
Sie bliebe keinen Tag länger hier! Bei der Abendvisite dagegen ist 
sie übertrieben ausgelassen und heiter. „Die Menschen spielen 
sich alle eine Komödie vor! Daß er (der Bräutigam) jetzt 
dort oben sitzt und glaubt, ich dächte an ihn und liebte ihn! 4t 
Erzählt nachher spontan, sie habe sich einmal furchtbar geärgert über 
einen Arzt, der ohne zu wissen, daß sie es hören könnte, sie für einen 



Versuch einer Hysterieanalyse. 267 

interessanten Fall erklärte. Darauf sage ich ihr sofort, es sei sehr 
durchsichtig, warum sie dies plötzlich erwähne. Sie müsse sich in der 
letzten Zeit gefragt haben, ob ich nur deswegen so häufig zu ihr käme, 
weil sie ein interessanter Fall sei oder deswegen, weil ich ein tieferes 
persönliches Gefühl ihr gegenüber gefaßt hätte. Irma bestätigt denn 
auch unumwunden, daß dies der Fall gewesen sei. Ein hübsches Beispiel, 
wie solche Kranken mit oder ohne Wissen indirekt dem Arzte bei- 
zubringen verstehen, was in ihnen vorgeht. 

Ein kleiner Erfolg der Übertragung war der, daß Irma heute 
sich auf meine Bitte mit Handarbeiten beschäftigte, was sie „haßte". 
Bisher war sie fast ohne Beschäftigung. Eine „Beichte", die sie im 
Laufe des Tages geschrieben, hatte sie schnell wieder zerrissen. — 
Hypnose. Nachts schlaflos, aber ruhig. 

25. Juni. 
Keine längere Unterredung. 2 Anfälle. Vor dem zweiten Anfalle 
habe sie sich „blutig unten im Garten liegen sehen/* Dies ist 
die erste Angabe über eine visionäre Aura vor den Anfällen. Hier wird 
später die Analyse der Anfälle einsetzen. — Hypnose. Schläft die 
ganze Nacht. 

2(5. Juni. 
Heute sehr guter Stimmung, aber von etwas geziertem Auftreten. 
Sie fängt selber von ihrem Zusammentreffen mit ihrem Bräutigam 
Mitte Mai des Jahres zu erzählen an. Sie habe damals nachts einen 
Anfall gehabt und sich morgens sehr schlecht gefühlt. Ihr Bräutigam 
sei ganz haltlos gewesen wegen ihres Zustandes. Da sei ihr Gefühl zu 
ihm zum erstenmal erkaltet. Es mache sie toll, wenn man um sie 
besorgt sei. Die letzten Angaben erfolgten erst nach endlosem Wider- 
stände. — 

Die Nacht auf den 27. Juni verläuft ohne Hypnose ruhig. Schläft jetzt 
auch ohne Hypnose einige Stunden, was im ersten Zeitabschnitte nie der 
Fall war. 

27. Juni. 
Ich frage Irma, wie sie denn jetzt über die Geister dächte. 
Sie erwidert, teils glaube sie noch daran, teils nicht. Gibt dann zu, daß 
es sich nur um Produkte ihrer Phantasie handle und daß sie sich 
nicht mehr davor fürchte (nämlich den Visionen von Fräulein 
Faure und Frau Professor N.). 



268 Ludwig Blnswanger. 

Ferner erfahren wir heute wichtige Zusätze zu dem Thema von 
König Laurins Rosengarten. Sie erzählt, als sie eines Abends bei 
Sonnenuntergang hier in ihrem Zimmer gewesen, seien die Wolken 
so rot erschienen 1 ), und die umgebenden Berge wie Mauern, die sie 
von den Menschen trennten. Da habe sie zum erstenmal (und nachher 
noch sehr oft) sich vorgestellt, sie sei die gefangene Prinzessin 
und mein Onkel König Laurin. 2 ) 

Ich frage Irma, wie sie die Sage „umgedichtet" habe: Sie 
habe eine Novelle daraus gemacht 2 ), die sie aus bestimmten Gründen 
in den Rosengarten verlegt habe. Sie sage aber nicht warum. Die 
Grundlage dieser Novelle sei das Schicksal einer Dame gewesen, von 
der sie als Kind gehört habe. Diese Dame sei kurz nach der 
Hochzeit ihrem Manne weggelaufen, da sie sich in einen 
andern Mann verliebt habe. Da jedoch der erste Mann 
dadurch unglücklich wurde, sei auch sie nicht glücklich 
geworden. Auf diese vielversprechenden Andeutungen beschränkt sich 
Irma heute und verweigert kategorisch jede weitere Auskunft 
darüber. 

Ich frage sie darauf nach dem Luftröhrenschnitt, den sie 
im Dämmerzustande erwähnte und über den dort berichtet wurde. 
Darauf kommt sie von selbst auf die erste Tote, die sie sah. Mit 
6 Jahren war sie einmal mit ihrer Mutter einem großen Menschen- 
auflaufe begegnet. Die Mutter habe vorbeigehen wollen, sie aber nicht. 
Es sei gerade eine tote Frau aus dem Wasser gezogen 
worden. Sie habe „ furchtbare Angst und Abscheu gehabt 

*) In Wilbrandts Novelle heißt es; „Da wo die Sonne versunken war, 
lagerte mächtiges Gewölke über den Bergen, es schien ganz unmöglich, daß .... 
noch ein einziger Strahl zum Rosengarten könnte. Es glühte auch von dem ganzen 
Gebirge nur dies eine Stück wie eine Welt für sich ; nicht rötlich, sondern golden, 
metallisch, als glühte es von innen heraus durch eine Flamme im hohlen Berge," 

*) Als dann Ref. bei ihr eingeführt wurde, sah sie in ihm, dem jungen 
Arzte, ganz folgerichtig ihren Befreier, in den sie sich nach dem Vorbild der 
Novelle notwendigerweise verlieben mußte! 

Spater gab Pat. an, der Gedanke von meinem Onkel gefangen gehalten 
zu werden, sei ihr aus dem Gefühle der gänzlichen Abhängigkeit von seinem 
Willen entsprungen. Er habe einen enormen Einfluß auf sie gehabt! Wenn sie 
fort wollte, hielt er sie durch ein Wort, einen Blick fest, sie kam sich wie „ge- 
fangen" vor. Im Zustande des Wachtraumens kam dann leicht die Identifikation 
mit der gefangenen Prinzessin (!) zustande. Ein treibendes Motiv aus der 
Novelle war auch das, daß König Laurin in die Prinzessin verliebt ist, Pat. 
„schwärmte" für meinen Onkel und fand in der Novelle die WunBcherfülIung l 



Versuch einer Hysterttanalyse. 269 

und die Augen geschlossen", aber etwas 1 ) „zwang" sie, die 
Augen zu öffnen und hinzusehen. Die Leiche sei auf- 
gedunsen und blau gewesen. — Irma spricht jetzt ganz ruhig 
von diesem Erlebnisse, das, wie uns die Mutter angab, tatsächlich 
stattfand. Erinnern wir uns, daß Irma im Anfange angab, in 
München zum erstenmal Tote gesehen zu haben und daß diese 
Angabe unrichtig war, indem sie nur von den Toten gehört, sie aber 
nicht gesehen hatte. Es ist sehr lehrreich, zu sehen, durch welche 
Phantasien wir uns durcharbeiten mußten, um zu dem Kern, dem 
Trauma selbst, vorzudringen. 

Heute morgens und abends je ein Anfall. Stimmung erregt. Nacht 
auf den 28. (ohne Hypnose) schlaflos. 

28. Juni. 

Ich versuche, über ihre Ansichten bezüglich der Entstehung der 
Kinder weiteres zu erfahren, Irma ist sehr erstaunt, als ich ihr sage, 
ich wüßte, daß sie einmal geglaubt habe, nur die Frauen, die einmal 
Angehörige verloren hätten, bekämen Kinder. Sie fügt hinzu, sie habe 
geglaubt, die Seelen der Gestorbenen würden im Himmel frei und 
von Engeln wieder zur Erde gebracht. Wann, das würde im Himmel 
bestimmt. Diese Ansicht habe sie bis zum zwölften Jahre gehabt. Sie 
stimmt überein mit ihrem Glauben an die Seelenwanderung. 

Dieser Ansicht folgte diejenige, die im Dämmerzustand zu ver- 
raten sie sich wehrte: Wenn man sich ein Kind recht wünsche, dann 
bekomme man auch eines. Man müsse dann nur eine Kur bei einem 
Arzte machen! 

Natürlich liegt hier eine Wurzel ihrer Scheu vor den Ärzten, wie 
sie selbst zugibt. 

Diesem Glauben huldigte sie angeblich bis zum achtzehnten 
Jahre, wo sie nach der „Blamage" wegen ihrer Hunde von der Mutter 
erfuhr, daß zwei Menschen zur Entstehung von Kindern nötig seien 
und nun im Küssen die Ursache sah. 

Eine jähe rohe Aufklärung erfuhr sie dann, wie wir wissen, im 
einundzwanzigsten Jahre durch Dr. Wu. im Bad Z. Es sei „eine scheuß- 
liche, entsetzliche Offenbarung" gewesen. In Berlin habe sie dann, wie 
sie auf meine direkte Frage angibt, noch im Konversationslexikon 
einiges nachgeschlagen. Letztere Angabe ist insofern wichtig, als wir 

*) Später gab sie an, sie habe eine unüberwindliche Neugier empfunden, 
Tote zu sehen. 



270 Ludwig BinswaDger. 

daraus ersehen, daß die sexuelle Neugier gerade damals, als die Er- 
krankung den Höhepunkt erreicht hatte, mitspielte. Meine Frage, ob 
sie dann nicht bemerkt habe, daß eine Frau, bevor sie Kinder be- 
kommt, an Leibesumfang zunähme, verneint sie! 

Heute nur ein Anfall. Schläft die ganze Kacht mit Hypnose ruhig. 

29. Juni. 

Irma erzählt, sie habe so oft das Gefühl, etwas schon einmal 
erlebt zu haben 1 ), und ferner, sie sei in fremden Gegenden, die sie 
dann „ganz genau kenne". 

Die Analyse geht heute einen bedeutenden Schritt weiter, wird 
aber leider durch das Einsetzen des zweiten großen Dämmerzustandes 
bald wieder unterbrochen. Im Anschluß an meine Frage, warum sie 
sich Gedanken mache über das Begrabenwerden und ob sie glaube, 
daß die Leichen im Grabe nicht in Ruhe gelassen würden, erklärt 
sie, nein, sie habe sich nur vorgestellt, „wie man zuerst schön 
aussähe, nach dem Tode aber anders würde". Dabei fällt ihr 
ein Bild ein, das sie mit 13 Jahren in D. gesehen habe. Es stellt ein junges 
Mädchen dar, das vor dem Spiegel steht, ihm gegenüber ein Gerippe. 
Das habe ihr einen „furchtbaren Eindruck" gemacht. Der Maler habe 
wohl die „entsetzlichen" Gegensätze schildern wollen zwischen lebendig 
und tot. Damals sei ihr zuerst der Gedanke gekommen, sich ver- 
brennen zu lassen! — Erschrocken sei sie nie beim Anblick eines 
wirklichen Totengerippes, sie habe auch nur einmal eines gesehen, 
bei ihrem Hausarzte. 

Mit dem Einfalle dieses Bildes sind wir schon mitten in die 
Analyse der 

Anfälle 

eingetreten, die mit der Erwähnung der Walküre und der Johannis- 
nacht sich vorbereitet hatte. Das wußte ich damals noch nicht. Jetzt 
ist es überaus verlockend, rückschauend die Fäden zu verfolgen, die 
da und dort beginnend, schließlich alle zusammenlaufen zu denjenigen 
Vorstellungskomplexen (Phantasien), die den Anfällen zugrunde 
liegen. Da sich diese in der letzten Zeit so sehr gehäuft, drang ich nun 

') Identifizierende Erinuerungstäuschung, Janets „Sentiment du dejä- 
vu," (s. Obsessions et psychasthenie, S. 287), das er in die größere Gruppe der sen- 
tizncnts de conccption imaginaire (sentiments d'incompletude) einreiht. Diese 
,, Gefühle" sind deutliche Zeichen des ,,abaissement du niveau mental", Folgen 
der gestörten „Function du reel". Wie sehr letztere bei Irma noch darniederliegt, 
zeigt die zweite Behauptung, sie fühle sich in fremden Gegenden. 



Versuch einer Hysterieanalyee. 271 

■energisch vor, um ihre Genese kennen zu lernen, nicht ahnend, daß 
mit dem Bilde in D., der Walküre und der Johannisnacht Irma 
schon ganz spontan in das Gebiet eingetreten war, auf dem die 
Anfälle entstanden 1 ). 

Ich frage sie nach dem ersten Anfall. Er sei aufgetreten^ als 
sie 3 Jahre alt war und auf der Straße das Töchterlein eines Offiziers 
küssen sollte. Sie habe aber durchaus nicht gewollt und sich mit 
dem Mädchen „herumgebalgt, bis es im Kote lag". Sie sei deswegen 
von ihrer Mutter geschlagen und daraufhin bewußtos geworden. Dann 
seien jahrelang keine Anfälle gekommen. (Wie wir sahen, war der erste 
von der Mutter bestätigte Anfall am 2. Pfingstfeiertage 1906, bei der letzten 
Begegnung mit dem jungen Leutnant). 

Der von Irma schon geschilderte Auftritt fand tatsächlich statt; 
jedoch hatte sie keinen Anfall mit Bewußtlosigkeit. Wichtig ist, daß 
sie der Mutter die Schuld an diesem angeblichen Anfalle zuschiebt, 
indem er die Folge der Schläge sein sollte, die ihr die Mutter ver- 
setzte 2 ). 

Meine zweite Frage bezieht sich auf etwaige Sensationen, die 
den Anfällen vorausgehen. Sie erklärt, die Glieder würden starr 
und steif und kalt. „Am entsetzlichsten ist es, wenn die 
Kälte auf die Brust kommt. Dann kann ich mich nicht 
mehr bewegen und habe Angst, ich könnte scheintot be- 
graben werden 3 ). Dieses Gefühl ist aber selten." Meist merke 
sie nur, wenn es „furchtbar in ihrem Kopfe arbeite-und es ihr Schwierig- 
keiten mache, zu denken". Dann „verschwimme" alles. Ob sie dann 
Visionen habe? „Ja." Häßliche Dinge? „Ja. Es gibt jedesmal vor 
dem Anfall einen Kampf zwischen der Natur und mir 4 ). 



*) Im Grunde genommen hängen Bchon die Friedhof- und Grabphantasien 
der allerersten Zeit mit dem Thema der Anfälle zusammen. 

2 ) Schon einmal ist uns ein ähnlicher feindlicher Zug gegen die Mutter 
begegnet, als Irma angab, krank geworden zu sein, als die Mutter sie von dem 
jungen Leutnant trennte. In Wirklichkeit kam die Trennung dadurch zustande, 
daß der junge Mann nach Absolvierung des Abituriums Offizier wurde und die 
Vaterstadt Irmas verließ. Gerade die Mutter hat das letzte Wiedersehen zwischen 
beiden bewirkt und Irma die Entscheidung selbst überlassen, die dann zu einer 
vollständigen Trennung führte. 

3 ) Die Angst, lebendig begraben zu werden, äußerte auch Fräulein Faure! 

4 ) „Natur, die Macht, die gegen mich ist" bedeutet, wie wir aus dem bis- 
herigen Gange der Analyse und aus dem Folgenden ersehen, nichts anderes als die 
sinnliche Leidenschaft, dfe Libido. 

1 8 



272 Ludwig Binsw&nger. 

Ich. will nicht sehen und werde immer wieder auf den Weg 
gebracht, von dem aus ich denken und sehen muß." 

Natur? „Die Macht, die gegen mich ist. Sie kriegt 
mich immer wieder unter." 

Was sehen Sie dann! „Es hängt damit zusammen, daß ich mich 
damit beschäftigt habe, was wird aus dem Körper nach dem 
Tode 1 ). Weil ich mich mit dem Verbrennen beschäftigt habe, habe 
ich mir diese Vorgänge so genau vorgestellt und ich sehe dann .... 
erst wird mir's nur rot, dann kann ich das Feuer unterscheiden .... 
Dann denke ich, ich liege darin, es ist mir ordentlich, als ob der 
Körper sich durch die Flammen aufbäumte 1 ), dann sehe ich 
wie mich die Flamme allmählich verschlingt, bis ich von 
den Flammen aufgezehrt werde und mich derartig auf- 
bäume, als wenn ich mich wehren wollte. So sieht der 
Mensch aus, wenn er verbrannt wird." 

Ich sage hierauf Irma, dieser Vision müsse etwas Bestimmtes 
zugrunde liegen. Darauf sie: „Sie meinen eine Märtyrerin? Ick 
habe an die Hexen gedacht." 

In der Tat dachte auch ich sogleich, daß ihr eine Heienverbrennung 
vorschwebte. Da ihr aber sogleich die Märtyrerin einfiel, scheint auch dieser 
Komplex mitzuspielen. 

Was fällt Ihnen hierzu noch ein? „Ein Bild: ein junges 
Mädchen, das auf einem Holzstoße liegt und mit verzück- 
tem Blicke nach dem Himmel sieht und nicht merkt, wie 
die Flammen sie verzehren." 

Diese Schilderung erweckt in mir einen ? bestimmten Verdacht 
und ich sage Irma, es müsse sich hier um die Reminiszenzen an ein 
bestimmtes Gedicht handeln, worauf sie sofort einfällt: „Ja, von 
Wildenbruch." Es handelt sich um das Hexenlied von Wilden- 
bruch, das sie vor einigen Jahren in ihrer Vaterstadt mit der Musik 
von Max Schillings hatte rezitieren hören. Die Musik habe sie 
damals „wahnsinnig" gemacht. Die Wirkung dieser Aufführung, bei 
der Text und Musik im Ausdrucke sinnlicher Glut wetteifern, ist in 
der Tat auf psychopathische Menschen eine ganz enorme 9 ). 



*) Siehe das Bild in D. und die Bemerkungen, die Irma daran anknüpfte. 

3 ) Wie sie es im Anfalle ausführt (Are de cercle)! 

3 ) Bei der Analyse eines halluzinatorischen Erregungszustandes bei einem 
schwer belasteten, sehr gebildeten Herrn, bin ich schon einmal auf dieses Hexenlied 
gestoßen. Der Kranke hatte eich auf einem Holzstoße stehen sehen inmitten einer 



Versuch einer Hysterieanalyse. 273 

Nachdem Irma noch einmal betont, sie stellte sich „regelrecht" 
vor, wie sie verbrannt werde, frage ich weiter: Im Verbrennungsofen? 
.,Nein!" Auf einem Hohsstoße? „Nein! Ich sehe nur meinen 
Körper, wie er sich aufbäumt; zuerst liegt die Gestalt, 
dann erhebt sie sich, als ob sie sich stellen wollte, nur 
steifer; dann denke ich, sie biegt sich nach hinten um." 
(Are de cercle !) 

An was denken Sie dabei noch? „An die Waberlohe. (Walküre!) 
Ich muß furchtbar oft daran denken (siehe auch im Dämmerzustände!) 
überhaupt wenn ich ein hohes Feuer sehe. Das ist doch nichts Außer- 
gewöhnliches, das kommt mir selbstverständlich vor." Es ißt für uns 
in der Tat selbstverständlich, daß Irma das Bild der Walküre so außer- 
ordentlich nahe liegt. — Sie habe Wagners Walküre vor 4 Jahren 
gehört. Ich frage weiter, warum diese Dinge ihr häßlich vorkommen. 
„Weil das Feuer die Hauptrolle spielt und Feuer, das hat für mich 
etwas Eigenartiges; Feuer und die Farbe rot ... . Ich weiß nicht, das 



großen Volksmenge wie bei einem Hexenprozesse. Auch hier wurde die erotische 
Komponente durch die Reminiszenz an das „Hexenlied" aufgedeckt. 

Die Stellen, die Irma hier vorschweben, lauten: 

„Im Felde draußen, von Scheiten geschichtet, 
stand dunkel und düster der Holzstoß errichtet, 
und aller Augen hingen am Pfahl — 
da stand sie und harrte ihrer Qual. 

„Und siehe, und siehe, verstohlenerweise 
da neigte ihr Haupt sie, da nickte sie leise, 
und ein Lächeln entstand in dem süßen Gesicht, 
wie der scheidenden Sonne verlöschendes Licht. 
Die lodernde Flamme der Henker schwang, 
Ihr lechzendes Aug' in mein Auge sich trank." 
(Das sind die Worte des Mönches, den sie durch ihre Liebe verführt hat.) 
„Und plötzlich, und plötzlich vernahm ich ein Klingen, 
vom brennenden Holzstoß begann sie zu singen, 
wie Frühlingsregen durchrauschend die Nacht, 
so ergriff mich des Liedes sündige Macht. 
Mir war's, als trüge herüber die Luft 
fremdländischer Blumen bestrickenden Duft, 
als sprach eine Stimme zu meinen Ohren 
von seligem Glück, das für ewig verloren. 
Die Flamme ergriff ihren nackten Fuß 
sie neigte sich scheidend zum letzten Gruß" 
usw. 

Jahrbuch für psych oanalyt. u. psychopathol. Forschungen. I. *" 



274 Ludwig Binswanger. 

hat etwas kolossal Aufreizendes, Aufregendes. Dinge, die soweit 
zurückgehen, kann man nicht sagen. Schon als Kind habe ich 
anfangs Dezember an den Himmel geschaut, wenn er 
flammend rot wurde 1 ). Dann waren schwarze Wolkenstreifen, das 
bedeutete Krieg. Da liegen die Lanzen über dem Feuer 8 )." 

An was erinnert Sie ferner die Farbe rot? 

„An Blut und Feuer .... an eine besondere Art von 
Menschen . . . ." 

Die Ihnen sympathisch sind? „Eigentlich nicht, aber " 

Vor denen Sie Angst haben und zu denen Sie sich doch hin- 
gezogen fühlen? 

„Ja, es sind Männer und Frauen (!). Vielleicht meine ich die 
Immoralisten, die sich jenseits von Gut und Böse stellen, 
— rücksichtslos einem Ziel entgegengehen. Die Strecke, 
die sie gegangen, ist verwüstet, wie eine Stadt aussieht, wo 
Feuer etwas aufgezehrt hat. Die immer bloß Kraft fühlen, 
aber nie Zeit zum Weinen haben 5 )." 

Sie wollen einmal einem solchen Menschen in die Hände kommen? 

„Ja. Mit einem solchen möchte ich mich messen, einmal 
kämpfen und das ist dasselbe wie gegenüber dem Blute." 

Es handelt sich also um die Lust an der gefahrvollen Situation? 

„Ja." 

Patientin hat heute um x / a 3 Uhr einen von der Pflegerin folgendermaßen 
beschriebenen Anfall: Sie saß aufrecht auf der Chaiselongue, warf sich 
dann hintenüber und lag 5 Sekunden mit stark gewölbtem 
Körper da, so daß nur Fersen und Hinterkopf das Lager be- 
rührten. Sank dann zusammen und blieb ruhig. Erwacht um 3 Uhr. 
Dieser Anfall stimmt zu der Schilderung, die Irma oben gab; „es ist mir 
als ob der Körper sich durch die Flammen aufbäumte, dann sehe ich, 
wie mich die Flammen allmählich verschlingen, bis ich von den Flammen 
aufgezehrt werde und mich derartig aufbäume, als wenn ich mich wehren 
wollte."*) 

1 ) Wir stoßen hier wieder auf das bei Irma so entwickelte Symptom des 
Tagträumens. Vgl. die obige Steile, wo sie ebenfalls in den Abendhimmel starrt 
und an den Rosengarten erinnert wird. 

2 ) Scheint eine alte Überlieferung zu sein. 

*) Im nächsten Dämmerzustände werden wir sehen, daß sie auch selbst 
gerne ein solcher Mensch sein möchte. Dann könnte sie den Bräutigam vergessen 
und sich ganz der Liebe zum Arzte hingeben! 

*) Vgl.O. Binswanger, I.e. S. 647: „Bestimmte, affektbetonte Vorstellungen 
oder vielleicht auch halluzinatorische Vorgänge scheinen vielfach ausschlaggebend 



Versuch einer Hysterieanalyse. 275 

Geht na ühmittags eine Stunde spazieren, ist aber sehr aufgeregt und 
sagt der Pflegerin, sie fühle, daß bald wieder ein Anfall käme. 

Abends x / 2 9 Uhr zweiter Anfall. Nach dem Nachlassen der tonischen 
Spannung steilen sich diesmal häufige kurze Zuckungen des ganzen 
Körpers und lebhaftes Augenblinzeln ein. Die Glieder sind darauf y 4 Stunde 
lang „vollständig steif", darauf werden sie nach und nach schlaff und Patientin 
liegt ruhig mit geschlossenen Augen noch 10 Minuten da, ehe sie erwacht. 

Es zeigt sich aber, daß sie nicht in ihrem normalen wachen Zustande 
ist, sondern in einem neuen Dämmerzustande, der diesmal 12 Tage 
andauert und mit gehäuften Anfällen und Erregungszuständen von ganz 
bedenklicher Höhe einhergeht. 

Zusammenfassung der Zeit zwischen dem ersten und zweiten 
großen Dämmerzustand. 

Die Stimmung der Patientin während dieser Zeit ist starken 
Schwankungen unterworfen; sie wechselt zwischen tiefster Nieder- 
geschlagenheit, wo sie „davonlaufen" und sich das Leben nehmen 
möchte, und übertrieben heiterer Ausgelassenheit. — Patientin hat fast 
täglich ein oder mehrere Anfälle, teils synkopaler, teils ausgesprochen 
konvulsivischer Natur (Are de cercle). Einige traten auf, als Patientin 
vom Garten in ihr Zimmer trat* 

Ein Teil der Sitzungen ging darin auf, den Kommentar zu den 
Aussprüchen im ersten Dämmerzustande zu finden. Derselbe wurda 
schon dort eingefügt. 

Das Thema der Entstehung der Kinder wird zu Ende ge- 
führt („wenn man sich ein Kind wünscht, muß man eine Kur bei 
einem Arzte machen"). 

Die Erinnerung an die erste Tote, die Irma gesehen, ist wieder- 
gekehrt. 

Von dem Komplexe der bevorstehenden Heirat, dessen somati- 
sche Komponente im vorausgegangenen Dämmerzustand eine so 
große Kolle gespielt, tritt jetzt im Wachen wieder die geistige 
Seite mehr zutage. Die Furcht vor der körperlichen Überwältigung 
durch den Mann wird verdeckt durch die Angst vor der geistigen Unter- 
drückung durch denselben. 

Der Komplex der „Übertragung auf den Arzt" (König Laurins 
Rosengarten) wir^l weiter ausgesponnen. In einem Zustande des Wach- 



für die Gliederstellung im Momente der Tetanisation zu sein."" Froud sagt, daß es 
sich bei der Genese der Anfälle überhaupt stets um erotische, ans den Tagträumen 
entstandene Phantasien handelt, wa3 in unserem Falle leicht nachzuweisen ist, 

18* 



B * 



276 Ludwig Bins wanger. 

träume as vergleicht sich Irma mit der gefangenen Prinzessin der 
Sage, meinen Onkel mit König Laurin. Durch die Anspielung auf 
die Wilbrandtsche Novelle tritt der Komplex in Beziehung zu mir. 
Eine noch engere Beziehung ist angedeutet durch den Hinweis auf 
die von Irma selbst verfaßte Novelle (siehe auch den folgenden 
Dämmerzustand) . 

Die Analyse der Anfälle ist einen wichtigen Schritt vorgeschritten. 
Zu unterscheiden sind zwei verschiedene Phantasien, die die Anfälle 
herbeiführen : 

1* Die Phantasie des Lebendigbegrabenwerdens, 

2. die Phantasie der Leichenverbrennung. 

Nur zur zweiten wird Material herbeigeschafft. Es besteht außer 
in der von früher bekannten Walkürenphantasie in dem Bilde in D. 
(junges Mädchen mit Totengerippe), der Erwähnung der Märtyrerin, 
des Hexenliedes, der Assoziationen Rot — Feuer — Blut — Ini- 
moralisten (die Stätte, wo die letzteren gegangen, ist verwüstet, 
wie eine Stadt aussieht, wo Feuer etwas aufgezehrt hat. Mit solchen 
Menschen möchte sie kämpfen). 

Vor den Anfällen entsteht ein Kampf zwischen der Natur 
und ihr. Dann stellt sie sich vor, wie sie „verbrannt" wird. Sie sieht 
ihren Körper sich „aufbäumen", „als ob er sich wehren wollte", 
und dann „sich hintenüberbeugen". 

IT. Die Zeit des zweiten großen Dämmerzustandes 
(29. Juni bis 10. Juli). 

Wir sind am Abend des 29. Juni. An einen konvulsivischen Anfall 
hat sich eine neue somnambule Phase angeschlossen. Wie beim Aus- 
bruche des ersten Dämmerzustandes liegt Irma, leise vor sich hin- 
sprechend, halb aufgerichtet im Bett- Ihre Zöpfe sind wieder geteilt und 
hängen über ihre Schultern. Das Gesicht ist blasser als im wachen 
Zustande, der Ausdruck kindlicher. Folgendes ist zu vernehmen: 

„Spiele nicht mit dem Feuer! Zuerst ist es nur ein 
Fünkchen, aber dann wird es immer größer, heißer und 
die Flamme verbrennt dich! — König Laurins Eosen- 
garten!" 

Wie der erste Dämmerzustand wird auch dieser von dem Thema 
eingeleitet, das in König Laurins Rosengarten seinen symbolischen 
Ausdruck gefunden hat, nämlich von ihrer Liebe zum Arzte. Während 



Versuch einer Hysterieanalyse. 277 

aber damals die Phantasie der Hochzeitsnacht, bei der Bräutigam und 
Arzt in eine Person verdichtet waren, im Vordergrunde stand, ist jetzt 
der Bräutigam sehr zurückgetreten, das Verhältnis zum Arzte beherrscht 
fast ganz die Szene. Wir erfahren, wie aus dem Fünkchen ein Feuer 
wurde. Sehr bald nehmen wir aber wahr, und darauf ist ein besonderes 
Augenmerk zu richten, wie das Feuer wieder zurückgeht und die 
Patientin sich, bemüht, sich vom Arzte loszureißen. 

„Die Flamme verbrennt dich!' 6 Wir sehen, worauf die 
Verbrennungsphantasie allmählich hinaus läuft. „Ein Schiff 
schwimmt auf dem Meere. Wasser, Wasser überall, und 
doch brennt's! Was nützt das viele Wasser dem Schiff? 
Nichts, weil es von innen heraus brennt!" 

Wie Irma im Wachen selber angab, ist sie selbst das Schiff, das von 
innen heraus brennt. 

„Das müßt Ihr nicht tun, nicht den Vogel in den Käfig sperren, 
mich nicht hinter die vergitterten Fenster tun. Da kann man nicht 
heraus. Da hat der Himmel lauter Streifen, Nicht hinüber in die Anstalt, 
wo sie so laut schreien. Ich tue Euch nichts, aber sperrt mich nicht ein." 

Bezieht sich auf die Drohung, Irma auf die geschlossene Abteilung 
zu versetzen, falls sie zu laut und aufgeregt sei. 

.,Wenn ein Boot übers Wasser hinfährt, das sieht so glatt aus. 
Ihr denkt aber nicht daran, daß derjenige, der drin ist, stillsitzen muß. 
Wenn er sich bewegt, wenn er zu wild ist, kippt's um." 

Neues Symbol für ihren eigenen Zustand. 

„Die sind nicht hoch, die Urnen. Da steht bloß der Name und das 
Datum drauf. Ich will die Blumen wieder hinausbringen, ich fahre hin 
an das Hallesche Tor oder den Park (in Berlin). Dann geh ich bis 
xu den Hallen. Es riecht so stark nach Blumen dort. Nicht allein, da 
fürchte ich mich, ich allein und Menschenasche!'' 

Hier erinnern wir uns, daß Irma erzählte, ihre Visionen im Beginn 
der Anfälle hingen damit zusammen, daß sie sich mit dem Verbrennen 
der Leichen beschäftigt, daß sie sich den Vorgang der Kremation so 
genau vorgestellt habe. Es scheint, daß dieses Thema vordem in Berlin 
eine große Rolle spielte (oder entstand?), indem sie dort dem Krema- 
torium Besuche abstattete. Wir wissen jetzt auch, wie der erotische 
Komplex die Verbrennungsphantasie in seinen Dienst stellt. Menschen- 
asche ist bereits als Symbol für den von der Leidenschaft aufgezehrten 
..ausgebrannten" Menschen zu erkennen. 

Irma hat heute Abend V 2 11 Uhr den dritten Anfall. Schläft mit 0/> 
Yeronal gut. 



278 Ludwig Binswanger. 

30. Juni. 

Drei Anfälle. Zeitweise sehr erregt und laut. 

„Ohne Sonne ist es kalt. Und der Mensch kann die Sonne 
nicht halten. Ihr müßt nicht sagen, ich sei ein Sonnenkind, ich habe 
nichts gemein mit den Sonnenkindern. Nur daß ich so friere wie 
sie, wenn die Sonne weg ist." 

Bisher hörten wir fast ausschließlich von Feuer- und Hitzegefühlen, 
die den Anfallen vorangehen. Wir wissen, daß hie und da aber auch 
Kälteempfindungen eine Rolle spielen. Diese Aussprüche werfen auf den 
Zusammenhang zwischen beiden ein interessantes Licht. 

„Was soll man denn machen, wenn das eigene Blut 
sich zum Kampf gegen das eigene Ich entschließt? 
Blut! Blut! Das kann tosen und brausen im Kopfe!" 

„N'allez pas croire que j'ignore qu'il faut souffrir." 

„Wenn man seine Pflicht 1 ) tut, lernt man dann wieder lachen? 
Ich habe keine Sünde tun wollen, ich tu's auch nicht. Hab* ich denn 
mein Wort gebrochen?" 

„Krank sein ist besser als schlecht sein; lieber immer 
krank sein." 

Wenn Irma weiter in der Behandlung des Arztes bleibt, handelt 
sie schlecht an ihrem Verlobten, wie sie glaubt- Gibt sie die Kur auf, so hat 
sie alle Aussicht, immer krank zu bleiben. 

„Vergleichen, warum kann man das nicht lassen? Und wird 
es immer tun, so lang man ein Herz in der Brust hat. Von Stein 
müßte man sein, aber kein Feuer in sich haben statt 
Blut! Noch schlimmer, wenn das Feuer sich mit einer 
Gewalt von außen verbindet, ach, das brennt!" 

Vergleichen: Siehe S. 266. Ander Symbolik der Verbrennungs- 
phantasie bleibt uns nicht mehr viel aufzulösen. ~ 

„Die Kraft drängt sich mit Gewalt ans Licht; was 
es tfein mag, sie unterdrückt alle anderen." 

Die Kraft: seil, der Libido. 

„Aus dem Grunde möchte ich es nicht sagen, weil ich mein Ge- 
heimnis unberührt haben möchte, damit es rein und schön bleibt. Wenn 
man eine Sache zergliedert, übt man unwillkürlich Kritik. Laßt mir's 
doch schön, was niemand ahnt und was niemand weh tun kann." 

Das Geheimnis ist die Liebe zum Arzte, die sie in ihrer Novelle „Rosen- 
garten" vorausgeahnt haben will. Den Inhalt dieser Novelle hat sie aber 
bisher um alles nicht preisgegeben, nur kurz angedeutet. 

*) D. h« dem Verlobten treu bleibt.. 



Versuch einer Hysterieanalyse. 279 

„Ich dachte einmal, ich könnte es, aber nun kommt's anders. Es 
gibt Menschen, die können nichts halten, es zerrinnt zwischen den 
Fingern. Ich will es doch halten und es als Ganzes betrachten und kann 
doch nicht. Es hat seine Schönheit eingebüßt!" 

Wir sehen voraus, daß sie ihr Geheimnis preisgeben wird. Damit hat die 
Liebe zum Arzte ihre Schönheit eingebüßt und verliert an Wert. 

„Und wenn du denkst, es geht nicht mehr, das ist Einbildung. 
Der Mensch ist ein zähes Ding. Erst dann geht's nicht mehr, wenn 
das Feuer alles innen aufgezehrt hat, und nur die äußere 
Schale übrig bleibt. Dann geht's schnell (sc. zu Ende, nämlich das 
Leben.) Habe ich immer Feuer statt Blut gehabt?" 

Diese Stelle beleuchtet ihre Todesgedanken! Sobald sie nicht mehr 
lieben kann, kann sie auch nicht mehr leben, mit andernWorten; dann 
hat das Leben keinen Sinn mehr (siehe ihr Verhalten nach der Trennung 
von dem jungen Offizier, ihrem Jugendgeliebten). Siehe die nahen Be- 
ziehungen zwischen den Urnen, gefüllt mit „Menschenasche" und den 
Worten: „Wenn das Feuer alles aufgezehrt hat und nur die äußere 
Schale übrig bleibt. 

Wir sehen, wie tief ihre Vorliebe für die Kremation psychologisch 
begründet ist. 

„Es gibt Worte, die brauchen keine Beiworte. Wenn ich sage, ich 
hasse dich oder ich habe dich lieb, — das geht ins Grenzen- 
lose." (Singt den Feuerzauber.) 

„In meiner Seele ist solch ein Feuer, und wenn du nicht 
durchkannst, kriegst du meine Seele nie!" (sc. und meinen 
Körper!) 

Immer wieder sehen wir, wie bei der Hysterie alles einen Sinn hat. 
Es ist hübsch, daß Irma uns selbst erklärt, warum das Walkürenmotiv 
solche Gewalt über sie hat, was es für sie bedeutet. Vor allem sehen wir 
immer wieder die enorme Kolle, die die Symbolik spielt. Ich füge hier 
gleich eine andere Äußerung über das Walkürenthema hinzu, die 
sie wenige Tage später im Dämmerzustande aussprach; 

„Walküre ! Das Bild mag ich gar nicht, wie sie auf dem Stein liegt. 
DftS eher, wo man im Hintergrunde die Waberlohe sieht und vorn liegt 
sie mit der Eüstung und dem Speer, den sie krampfhaft in 
der Hand hält!" 

Noch deutlicher als früher drückt sich Irma hier aus. Mit Rüstung 
und Speer, umgeben von der Waberlohe, scheint die Walküre gegen 
jeden Angriff auf ihre Jungfräulichkeit geschützt. — 



280 Ludwig Binswanger. 

„Du sagst, ich sei jung,' das nimmt mir die Ruh', 
du sagst, ich sei schön, ich weine dazu. 
Was soll mir die Jugend, ich bin ja allein, 
was taugt mir die Schönheit, sie ist ja nicht dein. 
Ich habe dich lieb und du fühlst nicht wie sehr, 
ich trage ein Leid und du weißt nicht wie schwer, 
einst hatt J ich ein Hoffen, das ist nun tot, 
Gott, erbarme sich meiner!" 
In diesen Versen, die sie öfters vor sich her singt, findet Irma 
offenbar den richtigen Ausdruck für ihre momentane Lage. 

„N'allez pas croire que j'ignore qu'il faut souffrir, mais je suis 
jeune encore, ne me laissez pas tant souffrir!" 1 ) 

„König Laurins Rosengarten! Ihr habt ja mein Urteil 
gesprochen, ich weiß es ja. Aber das war keine Lüge. Ihr kennt ja meine 
Art. Es ist so schwer, etwas von sich zu erzählen. Tut man, als ob's 
von den andern wäre, dann ist's leichter. Es geht ja nicht mehr." 
Vgl. S. 232. 

Abends sehr unruhig. Mit großer Mühe erreiche ich, daß sie 0,5 Veronal 
einnimmt. Nach vielen Anstrengungen gelingt es, Patientin, die immer 
wieder aus dem Bette aufspringt, in Hypnose zu versetzen. Sie schläft 
darauf ruhig bis Morgens 6 Uhr. 

1. Juli. 

Unklar. 3 / 4 9 Uhr erster Anfall. 3 / 4 10 Uhr zweiter Anfall, darauf 
V 2 Stunde Bad. V 2 12 Uhr dritter Anfall. 2 bh 3 Uhr sehr erregt. („Warum 
bin ich denn in der Hölle, ich habe doch nichts getan?") 

3 Uhr vierter Anfall (von 10 Minuten Dauer, die übrigen von y.> 
Stund:). V 2 4 Uhr fünfter Anfall. 6 Uhr sechster Anfall. V 2 7 bis 8 Uhr 
äußerst erregt, schreit aut und schlägt um sich, 3 / t 9 Uhr Hypnose, sehr 
erschwert. Nachts mehrmals unruhig, nicht laut. 

x ) Es handelt sich hier um eine Reminiszenz an das Gedicht: „La petite 
mendiante" von Boucher de Perthes, dessen vorletzte Strophe folgendermaßen 
lautet: 

„N'allez pas croire que j'ignore 
Que dans ce monde il faut souffrir; 
Mais je suis si petite encore! 
Ah ! Ne me laissez pas mourir ; 
Donnez a la pauvre petite. 
Et pour vous corame eile prira! 
Elle a faim, donnez, donnez vite! 
Donnez, quelqu'un vous lo rendra!" 
H uuger wieder als Ersatz für Libido und die Bettlerin ein Symbol für Ir m a. 



Versuch einer Hrsterieanalyse. 281 

2. Juli. 

Unklar, unruhig. y 2 9 Uhr erster Anfall. (10 Minuten.) 9 Uhr zweiter 
Anfall, V 4 Stunde. Erhält 1,0 Veronal. 10 Uhr dritter Anfall. Nachher: 

„Ihr müßt mich nicht wieder ins Grab legen, da ist 
t;s so kalt. Nehmt die Eisbeutel fort. 1 )." 

12 Uhr vierter Anfall. Ißt wie gewöhnlich in diesen Tagen nur wenig, 
etwa« Fleisch und Kompott. Spricht dann zum ersten Male zusammen- 
hängender : 

„Weißt du, auf der Mole, da ging die Sonne unter und brannte 
wie Fe uer. Da hab' ich mich gefürchtet. Ihr habt nicht gewußt, warum. " 

Wir wissen schon, wie gefährlich für Irma die Zeit des Sonnen- 
unterganges ist, die fruchtbarste für die Entstehung ihrer Wachträume. 

„Wie habe ich das in der Singstunde oft gesungen: Vorüber, ach 

vorüber 2 ). Wer doch noch singen könnte! Wer singen kann, 

braucht nicht zu lachen und zu weinen. Singen ist mehr als beides." 

„Das Kuckucksei? Bin ich das wirklich? Ich hab's doch immer 
so bös aufgefaßt, wenn er (der Bruder?) das zu mir gesagt hat. Und nun 
denk 5 ich manchmal, ich bin es wirklich." (Vgl. S. 294 und 299.) 

Der Gedanke, daß sie mit den Ihrigen nicht verwandt, insbesondere 
nicht das Kind ihrer Mutter sei, wird später wiederkehren. 

„Schriftlich ist alles anders, wie die nackte Wirklichkeit ist. Warum 
hat der Mensch Phantasie? Warum muß er alles schöner oder häßlicher 
denken und meistens schöner? (Die Heirat.) Das ist ja Lüge, Lüge!' 4 

Diese Äußerungen beziehen sich auf ihre Novelle „Rosengarten", 
wo sie ihren Konflikt, in den sie durch die Übertragung auf den Arzt 
gekommen ist, vorausahnend geschildert zu haben glaubt. Sie habe 
öfters sich als wirklich vorgestellt, was sie aus der Phantasie nieder- 
geschrieben. Sie könne sich selbst nicht kontrollieren, sie könne es nicht 
sagen, wenn sie lüge. (Äußerungen vom 31. Juli.) 

„Wenn ich ein Arzt wäre und hätte Patienten, von denen ich 
wüßte, daß sie nicht gesund werden und nur sich und ihre Umgebung 
quälen, ich würde ihnen Gift geben. Dann sterben sie schnell und 
schön!" 

Am 31. Juli bemerkte Ir ma hiezu im Wachen : „Wenn ein Mensch 
täglich lügt, es nicht weiß und gräßlich darunter leidet, so soll man ihn 
sterben lassen, wenn er sich deswegen so haßt! Ich bekam als Kind 

1 ) Vgl. die Angabe vom 29. Juni, es sei am schrecklichsten, wenn div 
Kälte auf die Brust käme. 

2 ) „Der Tod und das Mädchen." S. den Beginn des ersten Dämmerzustandes. 



282 Ludwig Binswanger. 

täglich zu hören: „Pfui, Kind, man darf nicht lügen." Daher habe ich 
mich gänzlich zurückgezogen." Auf diese Begründung ihrer Suizid- 
gedanken stoßen wir bei Irma öfters. 

„Es müßte ganz bequem sein Gib 5 deinem Gewissen 

einen Fußtritt wie einem Hunde und es geht weg. Wer kann denn das? 
Töricht, so etwas zu sagen, das ist ein schlechtes Evangelium, für Ein- 
brecher und schlechte Menschen, 's ist eben nichts für die Menge." 

Es ist mir nicht bekannt, von wem dieseÄußerung über das Gewissen 
stammt. Sie zeigt uns wieder, wie von andern gehörte Aussprüche im 
Dämmerzustande wieder zutage treten. Wir finden viel mehr Bruch- 
stücke schon fertiger Sätze, die aus dem Wachen herstammen, als im 
Dämmerzustande selbst entstandene Überlegungen und Aussprüche. 

Die obige Äußerung ist deswegen aktuell für Irma, weü ihr Gewissen 
darunter leidet, daß sie ihren Verlobten betrogen zu haben glaubt (siehe 
auch S. 278). 

„Das war in D. ! Da hab' ich's doch gesehen, wo denn, wo hab r 
ich's nur wieder gesehen? Hätt' ich's nur nie gesehen!" 

Bezieht sich auf das Bild von dem jungen Mädchen und dem Toten- 
gerippe (siehe 3. 270). 

„Triton und Nereide! Es hat gar nicht so lang gedauert. Ich 
hab' mich bloß auf das Sofa gesetzt, um die Menschen anzusehen, was 
für Gesichter sie dazu machen. Jeder macht ein anderes Gesicht!" 

Dieser Zug spricht für sich. 

„Schön ist es nicht, das Waltherdenkmal, aber lieb haben muß 
man's doch. Wenn die Stühle und die Bänke dastehen, im Mondschein 
leuchtet es und die Vajolettürme und der Rosengarten. Hab' ich ihn 
deswegen so lieb?" 

„Ich wollte wissen, ob das eine Sünde ist und ob das verdammt 
werden kann oder nicht (nämlich daß sie als Braut für einen andern als 
den Verlobten wärmer fühlte). Man erzählt doch auch Märchen, warum 
nicht von sich selbst, wenn man etwas wissen möchte und weiß sich nicht 
zu helfen? Ich scheue mich doch, von mir selbst zu sprechen, damals 
war's anders. Aber ich war so traurig, war das eine Ahnung?" 

Dieser Passus bezieht sich darauf, daß Irma einige Tage vor Aus- 
bruch des zweiten Dämmerzustandes der Pflegerin von einer Dame erzählt 
hatte, die, obwohl verheiratet, sich in einen andern Mann verliebt hatte, 
ohne Gegenliebe zu finden. Sie frug darauf die Pflegerin, was sie von 
einer solchen Frau hielte. Diese hatte ihr ahnungslos erwidert, die 
Tatsache, daß jene einen andern Mann liebe, sei kein Grund, sie zu ver- 
urteilen, sondern daß sie in seiner Nähe blieb, trotzdem 



Versuch einer Hysterieanalyse. 283 

er ihre Liebe nicht erwiderte. Ihr Stolz hätte ihr Kraft geben 
müssen, sich loszureißen. Natürlich war die Erzählung Irmas erfunden, 
weshalb, das spricht sie hier im Dämmerzustande aus. Zu den Worten, 
„ich war so traurig, war das eine Ahnung?", ist zu bemerken, daß Irma 
inzwischen gefühlt haben muß, daß der Arzt ihre Gefühle nicht erwidert, 
im Gegenteil, sie objektiv analysiert wie alle übrigen. Das „Urteil" der Pfle- 
gerin über die fingierte „Frau" hat Irma daher schwer getroffen und in 
ihr Konflikte verursacht, die sie wieder „umwarfen." 

„Es gibt Wunder, die sterben nie aus. Wenn man's im Augenblicke 
nicht merkt, sieht man's später." 

Diese Äußerung kann ich nur auf ihre Novelle, beziehen, in der sie 
ihre momentane Lage, „voraussehend", wie sie meint, geschildert hat. 
(Siehe später den Inhalt der Novelle.) 

„Hell, dunkel, wieder hell, das ist der Übergang zur Hölle." 

Hierauf tritt ein Anfall ein. Vergleiche hiezu die obigen Worte: 
ob das eine Sünde sei und verdammt werden könne ! Hölle : ein neuer 
Baustein zum Material für die Entstehung der Anfälle. 

Der eben genannte Anfall ist der fünfte heute. Patientin wird 
danach unruhig, es gelingt aber, sie in Hypnose zu versetzen. Sie schläft 
darauf ruhig, hat aber um */,? Uhr abends den sechsten Anfall. Schläft 
jedoch weiter bis gegen Morgen. 

3. Juli. 

Bis 12 Uhr mittags ruhig, spricht viel, aber sehr leise und unver- 
ständlich. Jedoch ist folgendes zu vernehmen: 

„Ein grauer Aal ist besser als eine schillernde Schlange. 
Wer hat denn das gesagt? Pfui!" 

Nach dem Inhalt, dem Ausdruck des Absehens und der Kontinuität 
mit dem folgenden Ausspruche darf man hier einen erotischen Hinter- 
grund vermuten, 

„Ich will nicht allein durch die Friedrichstraße gehen 
und nicht bei Abend, bitte nicht!" 

Der Erwähnung der Friedrichstraße sind wir schon einmal begegnet 
(„wo das Leben pulsiert", „ach, wie häßlich", S. 240). 

„Unser Doktor macht mich gesund. Er ist kein Zauberer und der 
Geheimrat ist kein Zauberer, nur Menschen. Bitte, nehmen Sie 
das Feuer weg, jemand anders kann's doch nicht!" 

Sehr hübsch ist hier die Übertragung auf den Arzt symbolisch 
ausgedrückt. 

Irma wird heute noch sehr aufgeregt und laut. Drängt mit aller 
Gewalt zur Türe hinaus. Erhält 2 g Trional. Hat im Laufe des Tages 
5 Anfälle, schläft nachts ohne Hypnose von y 2 ll bis 4 Uhr. 



284 Ludwig Binswanger. 

4. Juli. 

Heute wieder 5 Anfälle. Einer ist genau beschrieben: 10 Uhr morgens. 
Betrachtet lange ein Bild und spricht flüsternd damit. Legt es dann platzlich 
hin, starrt einige Minuten gerade aus mit gekrampften Fingern, wirft sich 
hinten über und bleibt einige Sekunden im Are de cercle. Hierauf häufigere 
Zuckungen in den Extremitäten. Liegt dann mit geschlossenen Augen 
25 Minuten ruhig da. Nach dem Erwachen: 

„Warum legt Ihr mich denn ins Grab? Ich bin ja 
ganz kalt! Bin ich tot? Mach" mich wieder lebendig!" 

12 Uhr beginnende Unruhe. Hypnose. 1 g Veronal. Schläft 2 Stunden 
darauf. Läuft um 4 Uhr sehr erregt im Zimmer herum, schlägt mit den 
Fäusten gegen die Fensterscheiben: 

„Ich will fliegen!" 

Wird wiederum nach großen Anstrengungen in Hypnose versetzt, 
Schläft bis 7y a Uhr, ißt ruhig zu Nacht, hat jedoch aus dem Schlafe heraus 
um 12 Uhr und 4 Uhr je einen Anfall. 

Folgendes konnte heute aufgezeichnet werden: 

„König Laurins Rosengarten! Ihr wißt nicht, was das für 
mich bedeutet! Man darf doch lieb haben, wenn man sich nichts dabei 
vergibt! Ich will mir nie was vergeben! (Gemeint ist natürlich ihre 
Liebe zum Arzte.) Fräulein L. (die Pflegerin) paßt auf. Ihr dürft nicht 
alles wissen, auch nicht, daß ich krank bin! Nur Fräulein L., die ist 
ein Mädchen, die darf ich lieb haben, die muß nun alles 
kriegen und ich habe soviel Liebe in mir." 

Die Äußerung, „die muß nun alles kriegen", zeigt, daß Irma sich 
schon vom Arzte zurückziehen will, enttäuscht, daß er ihre Gefühle 
nicht erwidert- Sofort muß aber die Libido anderweitig besetzt werden 
und zwar ist das Objekt jetzt die Pflegerin. Einer starken Neigung zu 
dieser sind wir schon öfters begegnet. Hier ist sie offen ausgesprochen. 
Es ist lehrreich zu sehen, wie die Besetzung der heterosexuellen Kom- 
ponente der Libido durch die der homosexuellen abgelöst werden kann. 

„Das ist die Bestie im Menschen, die fragt nicht, wie warst du, 
wie bist du erzogen! Fort, fort, fort!" 

Bezieht sich wie Irma im Wachen beim Vorlesen der Stelle angab, 
auf das „Attentat" des Dr. Wu. in Bad Z. 

„König Laurins Kosengarten. Ich habe nicht gewußt, daß 
das eine Ahnung ist, wie ich es hingeschrieben habe." 

„Es ist keine Sünde, wenn man jemanden (den Arzt) lieb hat 
und es niemand sagt. Bloß meiner Pflegerin. Die ist eins mit mir, 
der darf ich alles sagen. Du (die Pflegerin) mußt mich sehr, sehr 
lieb haben, ich habe ja sonst nichts auf der Welt !" (Siehe oben!) 



Versuch einer Hysterieanalyse. 285 

„Ach, ich kann nicht in die Kirche gehen, Großpapa, gewiß nicht; 
auch nicht im Gesangbuche lesen, die Lieder und Gebete. Ich denke so 
anders!" 

In der Tat hat Irma sich schon sehr früh vom dogmatischen Glauben 
frei gemacht. 

„Der Glaube ist fürs Volk. Es gibt einen Gott, der gibt alles und 
macht alles. Das ist gut, das muß sein, aber nicht für uns, ich kann's 
nicht! Mein Konfirmationsspruch! Ich warte noch immer, daß 
er in Erfüllung geht" (nämlich: Selig sind, die reinen Herzens 
sind!). 

„Als Kind habe ich gedacht, ach, ich möchte aufjauchzen in der 
lieben, schönen Welt und sie lachte mich an und ich lachte ihr wieder 
ins strahlende Gesicht. Ach, und alles ist anders ! Ich möchte sterben!" 

,,Da, wo du nicht bist, da ist das Glück!" 

Reminiszenz an Fräulein Faure. 

„Es war, als hätt' der Himmel die Erde still geküßt!" 

„Warum habt Ihr denn gesagt, ich soll hingehn? Ich habe mich so 
gefürchtet! Aber sie war schön, die kleine Elisabeth! Warum habt 
Ihr mir nicht gesagt, daß sie schön ist ! Dann hätte ich mich nicht die 
zwei Tage zu furchten brauchen! Ich will den Kranz nicht hintragen, 
nein!" 

Bezieht sich auf eine kleine Schulkameradin, die plötzlich starb. 
Irma mußte im Auftrage der Schule, 6 Jahre alt, der Toten Blumen bringen. 
Die Mutter glaubt sich zu erinnern, daß Irma jene gar nicht zu Gesicht 
bekam. 

„Wenn ich in den Bau gehe zur Schwester H., dann kann ich 
ihn (den Arzt) doch nicht mehr lieb haben! Aber ich will ja nicht! Ich 
möchte hier bleiben! Lieb haben kann ich ihn ja doch, bloß sehe ich ihn 
dann nicht mehr (wenn sie doch in das andere Haus ginge). Das ist 
gleich!" 

Irma beschäftigt sich in diesem Dämmerzustände sehr viel mit dem 
Gedanken, in ein anderes Haus umzuziehen, wo sie nicht mehr von mir 
behandelt würde. 

„Er quält mich in den Stunden, aber das schadet nichts. Er kann 
so lieb sein! Er quält mich ja nicht. Ich quäle mich ja selber!" 

„Warum veränderst du dich immer? Bißt du ein Zauberer? Ich 
habe dich doch so lieb gehabt und jetzt kann ich dich nie mehr lieb haben. 
Immer anders, immer anders. Heut nacht warst du da, so dick und 
groß, oh, wie die Frau Professor. Geh fort, ich haV Angst vor dir. 
(Weint.) Warum bist du ein Zauberer?" (Alles an die Pflegerin gerichtet.) 



286 Ludwig Binswanger. 

Wir hatten einigemale zur Ablösung eine andere Pflegerin während 
der Nacht bei Irma wachen lassen. Irma scheint dieselbe einmal bemerkt 
zu haben und sehr darüber erschrocken zu sein; denn sie schien Ähnlichkeit 
mitFrauProfessor N. zu besitzen (beide waren groß und dick). Sie glaubte 
daher nachträglich, 1. Frau Professor N. sei nachts bei ihr gewesen und 
2. die Pflegerin, Fräulein L., habe sich in dieselbe verwandelt. Wir konnten 
deshalb die Aushilfspflegerin nicht wieder an das Bett der Kranken lassen. 

„Meine Seele war doch sonst hell wie Glas und jetzt kann ich nicht 
mehr durchsehen. Es ist ein dicker Vorhang davor und ich kann ihn 
nicht wegschieben". 

Die Trübung, der Vorhang, ist die Liebe zum Arzte, in der sie einen 
Fehltritt sieht. 

„Hast wieder kein Geld? (Hatte sie bei einer Gelegenheit zum 
Bruder gesagt.) Das wäre ja nicht so schlimm, aber es ist eben in der 
Familie, das mit dem Geldausgeben. Der Bruder vom Großvater 
hat sich auch erschossen, ach!" 

Hier ein Zeugnis dafür, daß sie glaubt, der Leichtsinn jenes Groß- 
onkels habe sich auf die jüngeren Generationen vererbt. (Siehe 
später noch.) 

„Die Dantebüste möchte ich haben von weißem Marmor; aber es 
ist zu teuer, ich kann es nicht. Ich denke mir, wenn, man die Büste 
küßt, dann kommt Leben hinein, Leben!" 

Eine für Irmas Psychologie wertvolle Äußerung. Ein weiterer 
Beitrag zu ihren Kußphantasien. 

5. Juli. 

Wiederum 5 Anfälle, davon einer wie der vorgestern geschilderte. 
Ruhige Stunden wechseln mit solchen großer Unruhe. Um 1 Uhr und 8 x / a Uhr 
Hypnose, die jeweils für einige Zeit Buhe bringt. Irma hält die Pflegerin 
wiederum für Frau Professor N. Nachts nochmals unruhig. 2 Anfälle. 

6. Juli. 

4 Anfälle. Von Mittag an unruhig. Erhält 1 g Verona]. Mittags und 
Abends Hypnose, ohne daß länger als eine Stunde Schlaf zu erzielen ist. Hat 
Angst vor der Pflegerin und drängt fort. Antwortet hie und da auf eine 
Frage. 

7. Juli. 

In der Nacht auf heute unruhig. „Es ist mir langweilig, ich will fort !" 
Um 4 Uhr Morgens ein Anfall. Eichtet sich im Bette auf mit den Worten: 

„Es ist so heiß, das ist Feuer." 

Neigt sich darauf im Are de cercle hinten über. Wirft sich kurz darauf 
im Bette herum, zuckt mit den Extremitäten während 10 Minuten, bleibt 



Versuch einer Hysterieanalyse. 287 

dann V2 Stunde steif und regungslos liegen. Legt sich auf die Seite und 
bleibt noch 10 Minuten ruhig atmend liegen. Fängt endlich an, ruhig, 
aber immer im Dämmerzustände zu reden. 

Erzählt viel von ihrem dramatischen Unterrichte. 

„Der O. (ihr Lehrer) hat gesagt, wenn man dramatischen Unter- 
richt gehabt hat und nicht zur Bühne geht, schauspielert man im Leben. 
Ich mag nicht mehr mit Menschen zusammen sein, man wird so be- 
fangen." 

„Alles unwahr, pfui Teufel, und man kann doch nichts dazu. Ihr 
habt gewußt, daß nie was draus wird (aus ihrer Schauspielerei). Dr. X. 
{ihr früherer Arzt) hat gesagt, er hat es gewußt und er hat nur gedacht, 
es lenkt mich ab. Pfui! — Mir schlägt alles fehl!" 

In Reminiszenzen aus" ihrem dramatischen Unterrichte werden wir am 
Schlüsse der Kux die letzten, sehr wichtigen Bausteine für die Analyse 
finden. 

„Ich weiß ganz genau, wo meine Fehler sind! Dr. X. sagte: Sie 
üben zu scharfe Selbstkritik. Er ist der einzige Mensch, der mich 
versteht!" 

Hier zeigt sich deutlich die Abwendung vom Arzte. Infolge der Iden- 
tifikation der Pflegerin mit Frau Professor N. schreckt sie aber auch von 
dieser zurück und so taucht aus der Erinnerung ihr früherer Arzt auf, an 
den sie sich jetzt anklammmert. Indem sie ausspricht, daß dieser der einzige 
Mensch ist, der sie verstehe, nimmt sie auf sehr scharfe Weise Rache an 
mir, denn dieser Ausspruch stellt ein Mißtrauensvotum für mich dar, wie es 
nicht besser hätte ausgedrückt werden können. Erst Wochen später wird 
diese Rache auch im Wachen vollzogen, indem sie ihrer Mutter bei einem 
Besuche (L August) erzählt, sie habe das Vertrauen zu mir verloren. 

,,Ich weiß ganz genau, wie ich bin. Ihr braucht's mir nicht zu 
sagen. (Weint.) Ich bin nicht schlecht, aber ich habe so viele Fehler, 
wie nur ein Mensch haben kann. Warum habe ich nicht sagen dürfen, 
was ich denke? Immer habt Ihr gesagt, das schickt sich nicht und jenes. 
Ich habe nie etwas Unrechtes gesagt, nur was ich gedacht habe, 
und wenn Menschen dabei waren. Nun weiß ich nie mehr, ob ich was 
sagen darf oder nicht, nie mehr. (Weint sehr heftig.) Guck 5 doch die 
Bäume an, die die Kronen abgeschnitten bekommen und angebunden 
werden, die sind auch alle häßlich. Was werden sollte und nicht 
geworden ist! (Lacht laut, weint gleich danach wieder.) Ich habe 
niemanden lieb, (schreiend) keinen Menschen, pfui, ich 
will allein sein, dann brauche ich mich nicht vor mir 
selbst zu ekeln, dann darf ich sein, wie ich will! Laßt 
mich allein!" 
1 9 



288 Ludwig Binswanger. 

Hier und im Folgenden bricht der ganze Haß Irmas gegen alle durch, 
die sie in ihrer freien Entwicklung gehindert haben, wie sie glaubt. Vor 
allem gegen die Mutter. DanebenmachtsichaberauchderHaß gegen mich 
geltend. Vielleicht wäre sie an der Seite des Arztes etwas gewor- 
den! Doch dieser erwidert ihre Liebe nicht und nun will sie überhaupt 
niemanden mehr lieb haben, keinen Menschen und will allein sein, damit 
sie ihren Gefühlen freien Lauf lassen kann und sich nicht mehr vor sich 
selbst zu ekeln braucht. Dieser Ekel vor sich selbst ist bei der immerhin 
sehr feinfühligen Patientin aber leicht verständlich. Er stammt zum Teile 
daher, daß sie ihrem Gefühle freien Lauf gelassen, sich in den Arzt verliebt 
und sich dabei bloßgestellt hat. Das kann sie sich nicht verzeihen und sie 
weiß sehr gut, nur wenn sie allein bleibt, werden ihr Wiederholungen er- 
spart werden. 

„Ein trotziges Kind und ein ungeratenes Kind, ein Kind, das 
Sachen sagt, die es nicht sagen soll, weil es alles sagt, was es denkt, das 
paßt nicht in die Welt, das muß abgeschliffen werden. Alles schön und 
glatt wie ein Stein im Meer, da ist auch einer wie der andere. Ich bin 
krank am Leben und will am Leben sterben! Wißt Ihr noch, 
wie ich gefragt habe, was hat dem Bruder (des Großvaters) gefehlt? 
Da habt Ihr gesagt: Er ist am Leben gestorben. Da hab' ich's nicht 
verstanden. Jetzt weiß ich's! Es ist ja doch nichts haften geblieben, 
Mama (sc. von deiner Erziehung), bloß die Ordnung und Reinlichkeit, 
bloß nach außen hin, sonst nichts!" 

Deutlich sagt hier Irma, daß alle Versuche, sie zu einem brauch- 
baren Menschen zu machen, nutzlos, die ererbten lebensfeindlichen 
Tendenzen in ihr zu stark seien und schließlich zum Tode führen müßten : 
Ein Gedankengang, den wir kaum als krankhaft bezeichnen dürfen. - — 
Im Zusammenhange heißt das alles nichts anderes (siehe besonders den 
folgenden Ausspruch), als: Was nützt alle Erziehung, mein ganzes 
Leben überhaupt, wenn ich für die Ehe nicht tauge und mich niemand 
zur Frau begehrt! 

„Ich habe solchen Hunger gehabt, es sollte mich 
jemand lieb haben. Nun kann ich nie mehr schön von mir 
denken." (Vgl. S. 233 f.) 

„Ich habe so hassen können, schon als Kind und wie habe ick 
mich gehaßt!" 

Aus dem Ekel vor sich selbst, entspringt dann auch der Haß gegen 

sich selbst. 

Irma wiederholt dann das eben über Herrn Dr. X., ihren früheren 
Arzt, Gesagte und schließt mit den Worten: „Kennt kein Maß weder in 
Liebe noch in Haß." 



Versuch einer Hysterieanalyae. 289 

„Der kennt die Welt. (Dr. X.) Wie sagt er: Kalt bin ich nicht, 
mich hat das Leben ernst gemacht. Er ist alt und hat mich doch 
lieb und kennt alle meine Schattenseiten." 

Wer sich in den Fall vertieft, wird leicht heraushören: Also warum 
hat mich denn der jetzige Arzt, der ja noch so jung ist und die Welt nicht 
kennt, nicht erst recht lieb? Es ist ja ganz klar, daß Irma sich gefragt 
haben muß, warum ich ihre Liebe nicht erwidere. 

Auf diesem Wege entstand dann die starke Betonung ihrer Fehler 
und Schattenseiten und die Hervorhebung, sie sei trotzdem „nicht 
s c hl e ch t" (und amEnde dochliebenswert !). Da aber auch diese Hoffnung 
zerschellt, flüchtet sie sich wieder in die Krankheit („ich bin krank 
am Leben und will auch am Leben sterben") und damit bricht der alte 
Ekel vor sich, selbst, vor ihrem unnützen Dasein, ihrem verpfuschten 
Leben wieder durch. Aber der Fortschritt ist klar: Wir haben es jetzt 
nicht mehr mit dem konvertierten Symptome (Ekel vor dem Essen usw.) 
zu tun, sondern mit einer der ursprünglichen psychischen Re- 
gungen, aus denen jenes Symptom entstand. 

„Ihr wißt nicht, wie ich mich hassen konnte schon als Kind, und 
andere Menschen konnte ich hassen und lieb haben konnte ich mich nicht 
und niemanden. Ach, derEkel, wenn man doch sterben könnte !" 

Dann wieder: 

„Dr. X. versteht mich" usw. 

Irma bekommt bald nach diesen Reden (8 Uhr) heute den zweiten An- 
fall (synkopaler Art), hat nachher wieder Angst vor der Pflegerin, will nicht 
trinken: „Ich nehme nicht, was Ihr zurecht macht!" 12 Uhr besuche ich sie 
und gebe ihr nach heftigem Sträuben 1 g Trional. Nach meinem Weggange 
richtet sich Irma auf: „Es wird so kalt, so kalt," greift mit den Händen 
auf der Decke umher: „Helft doch !" darauf dritter Anfall mit Are de cercle. 
Liegt darin 20 Minuten ganz ruhig. Nach dem Erwachen : „Ich bin so kalt, 
sie haben mich ins Grab gelegt!" Wird durch Reiben wärmer. „Werde 
ich wieder lebendig gemacht?" 10 Minuten später vierter Anfall mit mehr- 
maliger Are de cercle- Stellung. Erklärt abends, sie wolle fort zu Dr. X. 
8 1 / 2 Uhr Hypnose. Schlaf bis 4 Uhr morgens. 

8. Juli. 

5 Anfälle^ Wieder sehr laut, schlägt gegen Fenster und Türen und 
will fQj^i Abends Hypnose und 1 / 2 g Verona!, worauf die Nacht ruhig 
verläuft - 

9. Juli. 

1 Anfälle. Sehr deprimierter Stimmung, weint viel. 

„In Brasilien hat er (der Bruder des Großvaters) sich erschossen 

Jahrbuch fttx psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. I. U 



290 Ludwig Binswanger. 

oder in Nordamerika. Erbat zu viel gelebt, darum ist er nach Amerika. 
Ach die Tau sende, die der Großpapa dahingehörten hat. Wenn ich 
nur nicht auch so etwas geerbt habet Es ist eben in der Familie. 
Arme Mama, du hast kein Glück*" 

„Da, wo du nicht bist, da ist das Glück, hat sie gesagt (Fräulein 
Faure). Ach, sie ist ja tot!" 

„Das war eine Vorahnung, als ich das (ihre Novelle) damals 
aufgeschrieben habe. Da habe ich's schon gefühlt." 

Mittags sehr erregt, sieht zum Fenster hinaus, schreit laut auf, läuft 
vor den Spiegel, betastet sich und ruft: 

„Noch ganz!" 

Dasselbe wiederholt sich 1 Stunde später. Abends Hypnose, gefolgt 
von ruhigem Schlafe bis zum andern Morgen. 

10. Juli. 

Um 7 Uhr Morgens ein großer Anfall mit häufiger Are de cercle- Stellung 
Zuckungen der Extremitäten, Herumwerfen des ganzen Körpers und nach- 
folgendem kataleptischen Zustande (Dauer über 1 Stunde). Um 10, um 12 
und 2 Uhr, je ein weiterer Anfall derselben Art. Erwacht nach dem 
letztenklar. Erkennt die Pflegerin, glaubt, es sei Morgen, will frühstücken, 
spricht von dem „gestrigen" Spaziergange. 

„Ich weiß nicht, mir ist so sonderbar, ich will fort, will Menschen 
sehen; entweder es passiert was Schreckliches oder es ist etwas Schreck- 
liches geschehen, was ist denn nur?" 

Steht im Bette auf und schreit: 

„Ich war kalt und ich bin nicht tot, und lebendig 
bin ich auch nicht. Ich bin eine Lüge, eine Lüge, geht fort, 
— rührt mich nicht an!" 

Hierauf fünfter (synkopaler) Anfall, nach dem sie wieder klar 
und ruhig erwacht. Nach und nach wieder erregter: 

„Nichts ist wirklich. Ich weiß ja nie mehr, wenn ich 
etwas tue oder sage, ob es wirklich ist oder nicht. Ich bin 
kalt und doch nicht tot und kann doch nicht schreien." 

Abends Hypnose , schläft ruhig ; erwacht am nächsten Morgen klar. 

Zusammenfassung der Zeit des zweiten großen Dämmerzustandes. 

Der zweite Dämmerzustand bietet äußerlich das Bild des ersten, 
dauert aber drei Tage länger und weist noch häufigere, namentlich kon- 
vulsivische Paroxysmen und noch stärkere motorische Affektentladungen 
auf. Ein gewisser Rapport mit der Patientin ist fast immer vorhanden, 



Versuch einer Hysterieanalyse. 291 

jedoch in den Zeiten starker Erregung nur äußerst schwer soweit her- 
zustellen, daß eine leichte Hypnose möglich wird. Die Nahrungsauf- 
nahme ist nur mäßig, aber immer spontan. 

Psychologisch läßt er sich schon tiefer analysieren als der erste. 
Im Vordergrunde steht Irmas Verhältnis zum Arzte. Schon die 
ersten Worte, die zu vernehmen sind, sagen alles: „Spiel' nicht mit 
dem Feuer. Zuerst ist es nur einFünkchen, aber dann wird 
es immer größer und heißer und die Flamme verbrennt 
dich. König Laurins Rosengarten!" Von einschneidender Be- 
deutung für den Gang der Ereignisse ist jener Vorfall gewesen, daß 
Irma der Pflegerin, die sie wie eine Heilige verehrte, wenige Tage 
vor Ausbruch des Dämmerzustandes ihre Novelle mitteilte, die die 
Liebe einer verheirateten Frau zu einem „andern Mann" zum Inhalte 
und den Titel „König Laurins Rosengarten" erhalten hat. 

Jedoch verschweigt Irma, daß es sich um eine von ihr verfaßte 
Novelle handelt, und vor allem, was der Grund dieser Mitteilung war 
(„Ich wollte wissen, ob das verurteilt werden kann, ob das eine Sünde 
ist und verdammt werden kann. Man erzählt doch auch Märchen, warum 
nicht von sich selbst, wenn man etwas wissen möchte und weiß 
sich nicht zu helfen"). Was aber in der Novelle, wie wir sehen 
werden, nicht enthalten ist, und Irma ad hoc erfunden haben muß, 
ist, daß jener Mann die Liebe der Frau nicht erwidert. Gewaltig trifft 
sie daher das „Urteil" der Pflegerin: Nicht daß eine Frau sich verliebe, 
könne verurteilt werden, aber daß sie in der Nähe des geliebten Mannes 
bleibe, wenn jener ihre Liebe nicht erwidere. Davor müsse sie ihr Stolz 
bewahren. Nun bricht der Konflikt los zwischen Pflicht und Liebe 
zwischen der „Natur* und ihr selbst, zwischen ihrem „eigenen Ich" 
und „ihrem Blute". Und es ist lehrreich, zu verfolgen, wie bald diese, 
bald jene Regung die Oberhand gewinnt und dann bestimmend auf 
das Empfinden der Kranken im Dämmerzustande gegenüber ihrer 
Umgebung wirkt. Anfangs moralisierende Bemerkungen über die Ent- 
wicklung ihrer Leidenschaft (Vergleich mit dem brennenden oder um- 
kippenden Schiffe, Hilflosigkeit, wenn das „eigene Blut sich zum 
Kampfe gegen das eigene Ich entschließt", Verteidigung des Ver- 
gleichenmüssens, „so lang man ein Herz in der Brust hat", und 
„Feuer in den Adern statt Blut"). Dann aber kommt die Gegen- 
strömung: Lieber krank sein als schlecht, lieber ungeheilt vom Arzte 
fort, als dem Bräutigam das Wort gebrochen. Schon hat die Liebe 
zum Arzte ihre „Schönheit eingebüßt". Eigentlich müßte man darüber 

1 9 * ™* 



292 Ludwig Binswanger. 

zugrunde gehen, jedoch „der Mensch ist ein zähes Ding. Erst dann 
geht's nicht mehr, wenn das Feuer alles innen aufgezehrt hat und 
nur die äußere Schale übrig ist (Beziehung zu den Urnen, gefüllt 
mit Menschenasche). 

Dann am 3. Juli wieder volles Vertrauen zum Arzte, nur er kann 
das Feuer wegnehmen! Tags darauf wieder Selbstverteidigung. „Ich 
will mir nie etwas vergeben." Dafür muß nun die Pflegerin alle 
liebe kriegen. Kampf, ob sie auf eine andere Abteilung soll und den 
Arzt verlieren oder bei ihm bleiben. Sieg der zweiten „Partei". Dann 
wieder Selbstvorwürfe: Es ist ein dicker Vorhang vor meiner Seele! 
Doch sehr bald Ausbruch der Anklagen gegen ihre Umgebung von 
Kindheit an und Wut und Gram über ihr verpfuschtes Leben. (Ich 
bin nicht schlecht, aber ich habe so viele Fehler usw. Immer habt 
Ihr gesagt, das schickt sich nicht und jenes, mir schlägt alles fehl !) 
Sie ist wie ein Baum, dem die Krone abgeschnitten wurde. Und nun 
„zieht sie sich von allem wieder zurück, auch von der Pflegerin. 
(Schreiend:) Ich habe niemanden lieb, keinen Menschen, pfui!" Sie 
ekelt sich vor sich selbst und will allein sein. Sie hat solchen 
Hunger gehabt, es solle sie jemand lieb haben, nun kann 
sie nie mehr schön von sich denken. Sie will sterben vor Ekel 
und vor Haß gegen sich selbst. Da fällt ihr der frühere Arzt, Dr. X., 
ein, der einzige Mensch, der sie versteht und lieb hat trotz aller ihrer 
Fehler, und'noch einmal wird ihre Libido auf jenen fixiert und wird 
jener gegenüber dem jetzigen Arzte ins Feld geführt. 

Mancher Leser wird nun den Kopf schütteln, einmal über die 
Kur selbst, die der geplagten Kranken zu all ihren Leiden noch ein 
neues hinzufügt, nämlich die Übertragung der Libido auf den Arzt 
mit all ihren Folgen, zweitens aber über die allzu breite Darstellung, die 
das Verhältnis zum Arzte hier findet. Dem sei entgegengehalten, daß, 
wie Freu|d sagt, die Kur nicht die Übertragung, die bei jeder erfolg- 
reichen Hysteriebehandlung stattfindet, schafft, sondern sie nur auf- 
deckt, aber nicht zur Spielerei, sondern zu einem ganz bestimmten, 
dem allerwichtigsten Zwecke überhaupt. Denn, sagt Freud 1 ), „jede 
. . . Störung, die wir in der Wissenschaft als Psychoneurose zu be- 
zeichnen gewohnt sind, hat die Verdrängung eines Stückes des Trieb- 
lebens, sagen wir getrost des Sexualtriebes, zur Voraussetzung und 
bei jedem Versuche, die unbewußte und verdrängte Krankheitsursache 

*) Der Wahn und die Träume in W. Jensens „Gradiva", S. 78, Wien und 
Leipzig, bei Heller, 1907. 



Versuch einer Hysterieanalyse. 293 

ins Bewußtsein einzuführen, erwacht notwendig die betreffende 
Triebkomponente zu erneutem Kampfe mit den sie ver- 
drängenden Mächten 1 ), um sich mit ihnen, oft unter heftigen 
Reaktionserscheinungen zum endlichen Ausgang abzugleichen. 
In einem Liebesrezidiv vollzieht sich der Prozeß der Genesung, 
wenn wir alle die mannigfaltigen Komponenten des Sexualtriebes als 
„Liebe" zusammenfassen und das Rezidiv ist unerläßlich, denn die 
Symptome, wegen deren die Behandlung unternommen wurde, sind 
nichts anderes als Niederschläge früherer Verdrängungs- oder Wieder- 
kehrkämpfe und können nur von einer neuen Hochflut der 
nämlichen Leidenschaften gelöst und weggeschwemmt 
werden. Jede psychoanalytische Behandlung ist ein Versuch, ver- 
drängte Liebe zu befreien, die in einem Symptom einen 
kümmerlichen Kompromißausweg gefunden hatte." Und 
weiter fügt er hinzu, „daß auch in der analytischen Psychotherapie, 
die wieder geweckte Leidenschaft, sei sie Liebe oder Haß, jedesmal 
die Person des Arztes zu ihrem Objekte wählt." Aber: „Der 
Arzt ist ein Fremder gewesen und muß trachten, nach 
der Heilung wieder ein Fremder zu werden!" 

In diesem letzten Satze hat Fr e ud, wie mir scheint, eine Warnung 
an seine Schüler ausgesprochen, die nicht nur für die Technik der 
Psychanalyse wichtig ist, sondern für das Verhalten des Arztes gegenüber 
den Kranken überhaupt. Es liegt darin ein Stück ärztlicher Ethik. 
Man hat soviel geschrieben über die Gefährlichkeit dieser Kur, über 
die zu große Intimität, die dabei zwischen Patienten und Arzt ent- 
steht. Man hat dabei übersehen, daß nicht von der Kur die 
Gefahr herrührt, sondern von der Persönlichkeit des Arztes selbst. 
Wie in der Chirurgie das Messer nur dann ein gefährliches In- 
strument ist, wenn der Arzt nicht damit umzugehen versteht. Wir 
werden gefährliche Operationen nicht verbieten, weil es Ärzte gibt, 
die damit Unheil stiften, sondern wir werden unsere Angehörigen nur 
denjenigen anvertrauen, deren Gewissenhaftigkeit und Geschicklich- 
keit wir kennen. Der großen Verantwortlichkeit, die er auf sich 
nimmt, muß jeder Arzt, der Psychanalyse treibt, sich zu allererst 
bewußt sein. Seine Eignung für die Kur muß er in angestrengter, 
geduldiger Arbeit erproben. Nicht ohne mannigfaltige Hindernisse geht 
es dabei ab. Eine ernste wissenschaftliche Überzeugung muß ihn tragen* 

*) Die Hervorhebungen finden sich'nicht im Originale. 



294 Ludwig Binswanger. 

damit er aas Ziel gelangt. Nur diese wird ihn durch alle Fährlichkeiten 
geleiten und soweit bringen, daß er seinen Kranken helfen kann 1 ). 

T. Die Zeit zwischen dem zweiten Dämmerznstande nnd dem 

Ende der Kur. 

11. Juli. Häufige Anfälle, zum Teil mit darauffolgender etwa 
halbstündiger somnambuler Phase. 

12. Juli. Tagsüber ruhig und klar. Abends äußerst erregt und laut. 

13. Juli. Eintreten der Periode, die aber nur bis abends dauert, zwei An- 
fälle, sonst ruhig. Die Periode selbst regt sie nicht auf. Die Mißstimmung 
gegen die Pflegerin, die im letzten Dämmerzustande entstanden war, führte 
zu einer Aussprache zwischen beiden, wonach das alte gute Verhältnis 
wieder hergestellt war. 

14. bis 16. Juli. Wieder zahlreiche Anfalle und starke Affektent- 
ladungen. Aus den den Anfällen folgenden somnambulen Phasen kann 
sie vom Arzte erweckt werden. Sie gibt an, sie könne die Kur nicht länger 
durchmachen, ihre Kräfte seien zu Ende, sie wolle nach Hause. Sie be- 
schäftige sich in diesen Tagen immer mit der Vergangenheit, da ihre Phan- 
tasie keine neue Nahrung habe. Die Kindheiteerinnerungen stürmten auf 
sie ein, sie lebe ihre ganze Kindheit wieder durch, u. a. erzählt sie Folgendes ; 

Mit etwa 6 Jahren habe sie mit ihrem Bruder ein Eisenwerk 
gesehen. Das Feuer daselbst habe ihr großen Eindruck gemacht. Sie 
erinnere sich vielleicht deswegen daran, weil sie im Kopfe etwas wie 
Feuer verspürt habe. Sie sieht noch die großen Räder vor sich, die 
schwarzen Gestalten und hört den betäubenden Lärm. „So muß es 
in der Hölle aussehen." Sie machte sich dabei klar, daß sie, wenn 
sie nur einen Schritt vorwärts täte, von den Rädern erfaßt würde. 

Ferner erzählt sie von ihrem ersten Kirchenbesuch (etwa 7 Jahre 
alt), wie sie Angst hatte vor dem dämmerigen Raum, wie sie weinte 
als die Orgel ertönte und die Mutter sie hinausbrachte. Auch fällt ihr 
ein, wie sie mit 3 oder 4 Jahren immer behauptet habe: „daß sie dem 
Storche sicher zu schwer gewesen sei, deswegen habe er sie 
bei ihrer Mutter niedergelegt und nicht in dem benachbarten Palais. 
Eigentlich sei sie eine Prinzessin! 

Der Gedanke, nicht das Kind ihrer Mutter zu sein, beschäftigte 
sie wie wir sahen öfters. Vgl. S. 281: Kuckucksei! 

17. Juli. 

Wir erfahren heute weitere wichtige Aufschlüsse über die Genese 
der Anfälle. 

1 ) Über die Bedeutung der Übertragung auf den Arzt vgl. ganz besonders 
Freud, Bruchstück einer Hysterieanalyse, S. 462 ff. 



Versuch einer Hysterieanalyse. 295 

Sie habe vor den Anfällen hie und da auch ein GlutgefühL Hie 
und da aber ganz scharfe Visionen. Es fällt ihr hier ein Werk von 
Fitger ein, betitelt; „Die Hexe". Sie erinnert sich auch an eine 
Szene, nämlich wie die Hexe verbrannt wird und das Volk mit 
Steinen nach ihr wirft. 

Wir werde a später sehen, warum diese Szene der Patientin solchen 
Eindruck macht. Sie fürchtet, daß auch sie eine Ausgeschiedene wild, 
(gleich denen in der „Friedrichstraße**). Eine andere Seite dieses Hexen- 
problems beschäftigte uns schon bei Erwähnung des Hexenliedes von 

Wildenbruch. 

Patientin erklärt, sie wisse, warum sie heute wieder einen Anfall 
bekommen habe. Sie sei am Kirchhofe vorbeigegangen, habe dort 
einen Grabstein mit einer Urne gesehen, was die alten Gedanken an- 
geregt habe, ob es besser sei, sich begraben oder verbrennen zu lassen. 
Sie habe sich dann wieder vorgestellt, es müsse schön sein, so ruhig 
unter der Erde zu liegen, wenn man nur glauben dürfte, daß man 
bliebe wie man war. Sonst sei das Verbrennen viel schöner. „Ich 
stelle mir vor, daß der Mensch, der dann ganz steif ist, 
durch die Kraft der Flamme aufgerichtet wird und dann 
erst in sich zusammensinkt/' Zum erstenmal seien ihr diese 
Verbrennungsgedanken in der Urnenhalle in Treptow gekommen. 
Bei ihrem Aufenthalte in Berlin sei sie öfters dorthin gewandert. „Es 
gefiel mir so gut in der Urnenhalle." Ich dachte dann, wenn die Menschen 
einem so etwas antun können, wie mir der Dr. Wu. in Bad Z., dann 
ist es besser, wenn man gar nicht mehr lebt. Zuerst dachte ich stets 
an die Beleidigungen, dann auch an das, was hätte folgen können. 
Wenn ich jetzt noch daran denke, fürchte ich mich ganz 
entsetzlich! Wenn er| mir's nun angetan hätte 1 )! Davor 
fürchte ich mich dann. Um Gotteswillen, es hätte doch so sein können, 
da ich so unerfahren war. Wie gut ist es, daß die ganze Gesellschaft 
zusammen war. Ich mußte immer denken, wenn ich ihn nun allein 
angetroffen hätte! (Weint.) Auf meine weitere Fragen gibt sie 
dann an, sie denke sich in ihrer Phantasie immer aus, was hatte ge- 
schehen können. 

„Wie stellen Sie sich vor, daß es hätte sein können?" 



1 ) Deutlich ist hier zu lesen: Hätte er es doch getan! ein Wonach, 
der wie die Wünsche im Traume natürlich nur im Unbewußten rege ist. VgL die 
zweimal sich findende Äußerung im Anschlüsse an die Begegnung mit dem Strolche: 
Er hätte ja gerade so gut mein „Portemonnaie" nehmen können ! 



296 



Ludwig Binswanger. 



Hierauf die ausweichende Antwort: 

„Ich wurde ja bald krank." 

„Beschäftigen Sie diese Gedanken nicht enorm?" 

„Aber sicher. Ich kann's vielleicht noch sagen, was er sagte. 
Jetzt ist's noch zu viel für mich, es geht noch nicht." 

„Grübeln Sie darüber nach, wie es hätte werden können?" 

„Nein, ich sehe nur immer das Gesicht, das werde ich nicht los." 

„Dachten Sie aber nicht auch, wie nun alles zugegangen wäre, 
wenn Dr. Wu. seinen Vorschlag ausgeführt hätte?" 

„Ja, das hat mich gequält, seit mir das passiert ist." 

„Sind Sie sich klar, wie das zugeht?" 

„Nein." 

„Denken Sie oft daran, wie es sein könnte?" 

„Ja, ich bin doch verlobt und muß später die Pflichten 
der Frau erfüllen. Nun weiß ich nicht einmal, wie weit diese 
reichen." 

Hierauf halte ich den Zeitpunkt für gekommen, die Patientin, 
die von den sexuellen Problemen sicherlich noch viel mehr gequält 
wird, als es hier den Anschein hat, ruhig und sachlich aufzuklären. 

Beim Pflanzenreich beginnend, dann zu den niederen Tieren und 
schließlich zuifc Menschen übergehend, erläutere ich ihr in knapper 
Weise den Vorgang der Befruchtung, mich durchaus der biologischen 
Ausdrucksweise bedienend. Patientin hört aufmerksam und ruhig zu. Ich 
frage sie, ob das, was sie jetzt erfahren, eine Erleichterung für sie 
bedeute. 

Hierauf die Patientin: „Nein." 

„Warum sind Sie jetzt so unglücklich?" 

„Ich kann nichts dafür, dieser ganze Akt entsetzt mich 
und wenn ich mir sage, ich bin auf diese Weise entstanden 
und alles — das ist entsetzlich." 

„Sehen Sie ein, daß dieses Gespräch nötig war?" 

„Ja. Ich möchte noch etwas wissen, aber ich kann nicht fragen." 

Nach einer Pause: 

„Ich begreife einfach nicht, wie das zwischen den Menschen bei 
vollständig klarem Bewußtsein möglich ist. Der Gedanke 
daran ist mir so entsetzlich, peinlich, furchtbar. Wie ist 
es möglich!" 

Der Ausdruck „bei vollständig klarem Bewußtsein" ist sehr 
bezeichnend, da gerade bei der Patientin die sexuellen Phantasien sich 



Versuch einer HysterieaiiÄlyse. 297 

hauptsächlich bei unklarem Bewußtsein, d. h. im Dämmerzustande 
oder Anfalle abspielen. 

Heute ist die Pflegerin zu einem kurzen Urlaub abgereist. Stim- 
mung trotzdem ganz gut. Nur ein Anfall. Abends Hypnose. Die Pflegerin 
wird von zwei katholischen Schwestern vertreten. 

18. Juli. 

Patientin bittet, sie doch ganz allein zulassen, ohne die Schwestern, 
sie könne nicht mehr mit Menschen zusammen sein. Es komme manch- 
mal eine solche Angst über sie. 

Ich frage Patientin, warum sie heute morgens nach dem Bade 
wiederum einen Anfall gehabt habe. 

Sie erwidert, sich über das Thema des gestrigen Gespräches 
aufgeregt zu haben. „Das Letzte, woran ich dachte, war die Be- 
gegnung mit Dr. Wu." Die habe sie den ganzen Morgen beschäftigt. 
Das sexuelle Thema an sich beschäftige sie aber jetzt mehr als die 
Beleidigung durch jenen Herrn. Sie müsse nun immer an ihre Heirat 
denken. 

Ich lege deswegen solchen Nachdruck auf die sexuellen Phan- 
tasien der Patientin, weil früher durchaus keine sexuelle Komponente 
gefunden worden war. Der Fall zeigt sehr deutlich, wie vorsichtig man 
sein muß mit der Annahme, die dann gewöhnlich als Beweis gegen 
Freud ausgespielt wird, es liege in einem Falle nichts Sexuelles vor. 

Nun kommt aber noch die andere wichtige Komponente zu dem 
Erlebnisse mit Dr. Wu. hinzu. Patientin wird neben allen andern ganz 
besonders von folgenden Gedanken gequält: „Hat er dich für 
so jemanden halten können, daß er die Äußerung wagen 
durfte?" 

Wir sind diesen Gedanken schon verschiedentlich begegnet (siehe 
S. 254). 

Heute erwähnt Irma als Neues, daß in der Friedrichstraße 
in Berlin ein Herr ihr nachgegangen sei und sie unter unverschämten 
Blicken gefragt habe: „Meine Dame, ist's erlaubt?" 

Das habe sie wahnsinnig aufgeregt. „Das ist nun schon das zweite 
Mal, daß ich beleidigt wurde. Ich konnte mich stundenlang 
vor den Spiegel stellen und hineinstarren, um zu ent- 
decken, woran es läge, daß ich zweimal so beleidigt werden 
konnte." 



298 Ludwig Bütswanger. 

19. Juli. 

Wir erhalten heute weiteres Material zur Analyse der 

Anfälle, 

und zwar derjenigen mit vorausgehender Verbrennungsphantasie. 

Auf die Frage, was dem heutigen Anfalle vorausgegangen sei, 
erwiderte Irma: „Das Übliche, die Verbrennung." 

„Fällt Ihnen nichts Neues ein zu der Verbrennungsszene?" 

„Wenn ich dieses Gefühl des Verbrennens zuerst habe, denke 
ich an die Worte: Meine Mutter stiehlt, ich stehle auch!" 

„Woher kommen diese Worte?" 

„Das Findelkind" (aus dem „Johannisfeuer" von Suder- 
mann) sagt sie: Es hat ein Liebesverhältnis mit dem Bräutigam des 
Mädchens, deren Eltern sie aufgenommen haben. Vielleicht spielt das 
Johannisfeuer selbst mit. Die Worte kommen, wenn ich schon 
bewußtlos bin. 

„Ich habe das Stück in Berlin gesehen. Die Worte sind mit einem 
andern Gedanken direkt verbunden, der mit ihnen zu gleicher Zeit 
auftritt, nämlich, daß mir als Kind das als das Begehrenswerteste 
erschien, was momentan unerreichbar war. Wenn es von 
etwas ausgeschlossen war, daß ich es bekommen konnte, dachte ich: 
nun erst recht !" 

20. Juli. 

„Was fällt Ihnen noch ein zu dem Thema: Meine Mutter stiehlt, 
ich stehle auch?" 

„Daß ein Herr einmal in meiner Gegenwart zu meiner Mutter 
gesagt hat; Das soll Ihr Kind sein? Das ist ja eine kleine Zigeunerin 1 ). 
Ein Zigeunerkind zu sein, das stellte ich mir herrlich vor. Die sind 
frei und ungebunden und dürfen tun und lassen, was sie wollen/' 

Mit etwa 8 Jahren habe sie ein Zigeunerlager gesehen. 

, ,Der Appetit verging mir aber gänzlich, denn wir brachten Unge- 
ziefer mit heim. So hatte sich auch dieses Begehren als nichtig 
erwiesen." Nach langem Zögern erzählt sie ferner, daß ihr als Kind 
das Programm der Sozialdemokraten riesigen Eindruck gemacht 
habe, besonders sei ihr davon haften geblieben, daß ein jeder nehmen 
dürfe, was ihm gefalle. Das Begehrenswerte an der ganzen Reform 

*) Als Kind glaubte sie auch, ihre Seele habe früher in einer Zigeunerin 



Versuch einer Hysterieanalyse. 299 

schien ihr zu sein, daß dann kein Unterschied mehr herrsche 
zwischen Mein und Dein. 

„Was fällt Ihnen weiter zu Ihrer Mutter ein?" 

„Ich bin sehr anders als sie. Ich wurde von jeher das Kuckucks- 
ei genannt 1 ). Das sollte heißen, daß ich äußerlich und innerlich 
anders sei als die andern. Ich bekam das oft zu hören. Man erzählte 
mir, daß die Eltern sich oft unterhalten hätten in meiner frühesten 
Kindheit, wem ich wohl ähnlich sähe. Keiner wollte wahr haben, daß 
ich ihm ähnlich sähe. Ich habe auch eine Zeitlang mit Mißtrauen 
beobachtet, ob man mich so lieb hätte wie die anderen Ge- 
schwister. Mit 13 oder 14 Jahren fing ich dann an, mich hinauszusehnen, 
ich konnte mich nur als Künstlerin denken und man nannte mich 
auch die geborene Schauspielerin. Ich wollte mir mein Leben so 
einrichten, daß ich tun und lassen konnte, was ich wollte.Etwas 
Häßliches würde ich nie tun! Eine kurze Zeit habe ich es so gehabt 
in Berlin. Wenn ich nicht krank gewesen wäre, hätte ich jene Zeit sehr 
genießen können." 

Die Phantasie, nicht das Kind ihrer Mutter zu sein, wodurch die 
Mutter zur Stiefmutter gestempelt wird, ist auch von theoretischem 
Interesse. Riklin 2 ) hat besonders auf diesen „Wahn" aufmerksam 
gemacht und ihn zur Erklärung gewisser Stiefmuttermärchen heran^ 
gezogen. Ganz so, wie Ri kli n sich die Entwicklung dieses Wahnes denkt, 
baut er sich bei Irma auf. 

„Was können Sie mir noch zum Johannisfeuer sagen?" 

„In meinem Kopfe sind die Flammen des Johannisfeuers 
identisch mit sehr großer Leidenschaft. Als ich die Worte hörte: 
Meine Mutter stiehlt usw., dachte ich mir: Ich war ein Kind, das kein 
Maß und Ziel halten konnte. Habe ich das nun gelernt oder würde ich 
wie die Marike handeln (die in Sudermanns Stück mit maßloser Leiden- 
schaft den Bräutigam eines anderen Mädchens küßt)?" 

Über die Bedeutung der Johannisnacht klärt sie mich folgender- 
maßen auf. 

„Es heißt dort, wenn ein Mann in der Johannisnacht ein 
Mädchen küßt, wird ihn die nie vergessen können. So heißt 
es im Stücke, sonst ist es auch umgekehrt. Ich glaubte den Johannistag 
diesmal mit Bewußtsein erleben zu können !" 

x ) Vgl. den Ausspruch im zweiten Dämmerzustand (S. 281): „Das 
Kuckucksei? Bin ich das wirklich?" usw. S. auch S. 294. 

2 ) Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen, S. 74 ff, Deuticke. 1908. 



300 Ludwig Binswanger. 

(Patientin war an jenem Abend sehr aufgeregt und wurde daher 
hypnotisiert.) 

Ich rekapituliere nun mit der Patientin: 

„Sie werden also in Ihren Anfällen von den Flam- 
men des Johannisfeuers verzehrt. Johannisfeuer ist für 
Sie identisch mit sehr großer Leidenschaft, die Flammen 
sind also das Symbol für leidenschaftliche Liebe. Sie 
wissen nun auch, was es bedeutet, wenn Ihr Körper sich 
in den Flammen aufrichtet und von ihnen verzehrt 
wird." 

21. Juli. 

Das letzte, was sie vor dem heutigen Anfalle gedacht habe, sei 
folgendes: „Was die Leute an mir extravagant genannt haben, das 
umgibt mich wie eine Waberlohe. Meine Extravaganz umgibt mich 
wie die Waberlohe die Walküre umgeben hat. Da findet sich auch 
niemand hindurch und jeder läßt sich abschrecken." 

„Was ist Ihnen noch zum Johannisfeuer eingefallen?" 

„Nichts." 

„Ich bin gewiß, doch etwas.*' 

„Eine Kleinigkeit. Es ist doch schade, daß das alles Märchen sind, 
was man sich von der Johannisnacht erzählt. Man könnte sonst so 
leicht andere Menschen glücklich machen/' 

„Wen speziell? — Ihren Bräutigam?" 

„Ja. Der Widerstreit fiele dann weg." (Zwischen dem 
Wunsch, ihren Bräutigam glücklich zu machen und ihrer Angst vor dem 
sexuellen Verkehre.) 

Wir kommen im Laufe der Unterhaltung auf jenes Bild, das sie 
mit 13 Jahren in D. gesehen hat, wo ein junges Mädchen seitlich vor 
einem Spiegel steht und direkt einem Gerippe gegenüber. Man sieht 
die Mädchengestalt von allen Seiten, auch im Spiegel. Bei der 
Erinnerung an jenes Bild läuft Patientin sehr erregt im Zimmer auf und 
ab. Sie glaubt, das Bild stelle zwei junge Mädchen dar, das eine lebendig, 
das andere tot. Der Gedanke sei: Memento mori. Totengerippe hätten 
sie immer interessiert; denn sie habe sich häufig gefragt: wie sehe ich 
innerlich aus? Namentlich habe sie der Kopf interessiert. In Ver- 
bindung damit habe sie so häßliche Gedanken gehabt, die sie hie und da^ 
fast verrückt gemacht hätten. Die Gedanken rührten davon her, daß 
sie einmal hörte: „Gott, der sieht so schlecht aus, das ist der reinste 
Totenkopf". Sie weiß nicht von wem dies gesagt wurde. „Ich dachte : 



Versuch einer Hysterieanalyse. 301 

wie wäre es, wenn ein Mensch seinen regelrechten Körper hätte und 
statt des Gesichtes einen Totenkopf ? Wie wäre ich dann? Dann müßte 
man das Zimmer in schwarz halten und rote Beleuchtung machen. 
Das Ganze sah dann aus, wie ich mir das Innere eines Sarges 
vorstellte." 

Wir sehen hier die Bedeutung des Wachträumens für eine 
Kategorie ihrer Anfälle. Ich erkläre der Patientin vorderhand, daß die 
Idee, während der Anfälle im Sarge zu liegen, auf jene Phantasie zurück- 
ginge, daß Sarg und Zimmer dasselbe bedeuteten. Hierauf sie: „Da 
würden wir ja auch den Schlüssel zu diesen Anfällen haben." Sie re- 
kapituliert die inneren Vorgänge vor diesen Anfällen: Ich fühle mich 
kalt, dann tot, dann kommt die Angst, nicht für einen 
lebenden Menschen gehalten zu werden, dann liege ich im 
Sarge, dann kommt der Anfall 1 ). 

Während die Patientin die letzten Tage im allgemeinen guter Stim- 
mung war, auch nur einen Anfall hatte, wird sie heute gegen 3 Uhr sehr 
erregt und fällt bald in einen Dämmerzustand, indem sie wiederum laut 
schreit. Es gelingt sie gegen Abend aufzuwecken und dann zu hypnotisieren, 
so daß die Nacht ruhig verläuft. 

22. Juli. 

Gibt an, bevor sie unklar wurde, an die Walküre gedacht zu 
haben. „Ich sah die Flammen/' 

Weitere Angaben zum Sarge: „Ich habe gedacht man könnte 
leben und doch aufgehoben sein, wie in einem Sarge. Man würde mit 
sich ein solches Spiel treiben, daß man zweifeln könnte, bin 
ich tot oder lebendig. Von der Totenkopfphantasie sei sie rasch zu 
der Sargphantasie gelangt. „Beides paßt ja zueinander. Da ich 
mir vorstelle, ich hätte einen Totenkopf, richte ich mir das 
Zimmer ein wie einen Sarg, schwarz. Aber der übrige Körper 
lebt doch und braucht doch Licht. Nun suche ich mir das 
meinen Vorstellungen angemessenste Licht und das ist rot." 

Weitere Einfälle zu diesen Bemerkungen: 

1. „Man hat doch auch andere tote Glieder, es könnte sein, daß 
eine Störung in der Zirkulation wäre, dann könnte doch 
der Kopf nicht genügend ernährt werden." 

1 ) All diese Phantasien sowie die betreffenden Anfälle selbst werden wir 
erst ganz verstehen, wenn wir einen Roman kennen (Vollmondzauber von Ossip 
Schubin), aus dem Irma hier sehr ausgiebig, wenn auch größtenteils unbewußt, 
geschöpft hat. 



302 Ludwig Binswanger. 

2. Sie habe einmal einen alten Herrn mit einer wunderbaren Figur 
gesellen, der hatte einen breiten roten Streifen um den Hals. 
Es habe ausgesehen, wie wenn auf den Körper ein fremder 
Kopf gekommen wäre, weil Körper und Kopf so wenig 
harmonierten. 

3. Sie habe „mit den Gedanken gespielt", vielleicht käme die 
Wissenschaft so weit, daß sie einem einen anderen Kopf aufsetzen 
könne. Diesen Gedanken habe sie dann weiter gesponnen und sich 
vorgestellt, es könne dann einmal jemand zu ihr kommen und ihr sagen: 
,,Mein Kopf paßt nicht zu meiner Gestalt, gib mir deinen 
dafür. Dann habe sie sich vorgestellt, wie „jener" alle möglichen 
Instrumente hervorzieht und sagt; „Jetzt können wir gleich 
an die Operation gehen." 

Weiter habe sie daran gedacht, wie sie sich wohl vor einem solchen 
Menschen, den sie für einen Wahnsinnigen halten würde, retten 
könnte. Doch nur durch Kaltblütigkeit. Die besitze sie aber nicht und 
daher wäre sie in einem solchen Falle verloren ! 

4. „Ich sah dann hie und da vor mir, daß nun ein solcher Kopf - 
wechsel wirklich zwischen zwei Männern stattfände." Dem einen habe sie 
ihre eigenen Gefühle geliehen, den habe sie mit sich selbst identifiziert. 
Dieser (ihr männliches Ich) habe dann dem andern das Anerbieten zum 
Austausche der Köpfe gemacht. Zugleich habe sie sich die Qualen 
des andern vorgestellt, wenn ihm dieses Anerbieten gemacht würde. Der 
eine, mit dem sie sich selbst identifizierte, sei eine große Gestalt gewesen 
mit kleinem Kopfe, der zweite habe alt ausgesehen, einen grauen 
Vollbart gehabt. Er habe sie an die Gestalt von König Laurin erinnert, 
mit dem sie sich damals, als jene Vision auftrat, sehr lebhaft be- 
schäftigt habe. 

Lange nach der Genesung gab sie eine etwas andere Version dieser 
Phantasien, die sehr durchsichtig ist. Sie stellt sich vor, in einem unter- 
irdischen Gange mit einem Manne zusammenzutreffen, der ihr irgend- 
einen Vorschlag macht, den sie aber abschlägt. Darauf gerät jener in 
solchen Zorn, daß sie zum Scheine darauf eingeht. Sie sieht dann nur 
noch, wie er sein Instrument hervorholt. Dabei starkes Angst- 
gefühl ! 

23. Juli. 

Zum Symptom: in den Spiegel starren fällt ihr heute ein, 
wie sie einmal als Kind am Silvester mit einem flackernden Lichte, wie 
angewurzelt vor dem Spiegel gestanden und hineingestarrt habe. Das 



Versuch einer Hysterieanalyse. 



303 



Licht habe sie hinter sich gestellt, das Zimmer habe wie ein Sarg aus- 
gesehen, ihre Gesichtszüge seien ihr im Spiegel ganz verzerrt und tot 
erschienen. 

Ich frage Patientin hierauf, ob sie sich als Kind keine Vorwürfe 
gemacht habe über gewisse Manipulationen, infolge deren man blaß 
und wie tot aussehen könne. Sie negiert das ruhig und will überhaupt 
mit Masturbation niemals etwas zu tun gehabt haben. 

Sie sieht heute auf dem Spaziergang einen Leichenwagen, wird 
sehr erregt dadurch, hat rasch hintereinander zwei Anfälle, ist nach dem 
zweiten unklar, schreit, spricht von Feuer, Sarg und Gift, kann aus dem 
Dämmerzustand aufgeweckt und hypnotisiert werden. 

24. Juli. 

Heute gegen Abend wieder unklar, es kann jedoch noch Rapport 
mit ihr hergestellt werden. Zwischen Wachen und Dämmerzustand er- 
zählt sie: 

Sie habe vor einem Jahre gehört, daß die Negerfrauen leben- 
dig mit ihren Männern begraben würden. Sie habe sich dann 
vorstellen müssen, was sie täte, wenn sie lebendig begraben wäre. Sie 
würde schreien, aber es würde wohl nichts nützen. Besonders habe sie 
auch das beschäftigt, daß man einem immer anmerke, wenn 
man bei einem Toten gelegen habe, und zwar an dem Verwesungs- 
geruch. Unter Zeichen großen Entsetzens erzählt sie dann, wie sie einen 
älteren Herrn, einen Bekannten, auf dem Totenbette habe liegen sehen. 
,,Er roch schon." (?) Will sich wieder zum Fenster hinausstürzen. 
„Ich möchte wissen, wie es tut. Ich merke ja gar nicht, daß 
ich falle. Meine Glieder sind ja heil!" 

25. Juli. 

Patientin ist heute wieder größtenteils unklar. Kann für kurze Zeit 
geweckt werden. Fällt aber immer wieder in den Dämmerzustand zurück. 
Ist ungeheuer aufgeregt, schreit furchtbar, will ihre Koffer packen und 
abreisen. 

26. Juli. 

Auch heute noch meist unklar. Gleicher Zustand wie gestern. WiTd 
gegen Abend Mar, verhält sich nachts ruhig. 

27. Juli. 

Klar, sieht ein, daß sie die Kur fortsetzen muß. Erzählt der Schwester, 
sie sei doch abscheulich, es sei besser, sie wäre gestorben; denn sie habe 

2 



304 Ludwig Binsw&nger. 

ihren Bruder schon einmal mit dem Messer erstechen wollen. — Rückkehr 
der Pflegerin, große Freude darüber. 

28. Juli. 

Sehr heiter und vergnügt. Morgens wie gewöhnlich ein Anfall. 

29. Juli. 

Erzählt, den ersten Ohnmachtsanf all in der Schule gehabt zu haben, 
im Anschlüsse an die Lektüre des „Armen Heinrich", und zwar speziell 
an die Beschreibung der Operation. Ich frage Patientin, was ihr noch 
bei dem Lebendigbegrabensein, wie es bei den Negern üblich sei, ein- 
falle. Darauf Patientin: Sie habe mit 13 Jahren viel mit einem Neger- 
knaben gespielt. Er sei sehr anhänglich an sie gewesen, habe vor 
ihrer Tür gelegen, um auf sie zu warten, sie habe oft seine Hand gehalten, 
damit sie weiß würde; er sei ihr oft nachgesprungen, um sie zu küssen, 
in der Meinung, er würde dadurch weiß. Sie habe oft Grauen gehabt, 

mit einem Neger allein zu sein. „Ich nahm ihn oft in mein " 

(Bett?) 1 ) 

Stimmung gut, kein Anfall. 

30. Juli. 

Ich teile Patientin den bevorstehenden Besuch. der Mutter mit. 
Wird aufgeregt darüber, ihre Mutter habe sie nie verstanden, 
habe sie eine Lügnerin genannt. 

„Wie schrecklich, wenn man seine Mutter hassen muß. Ich 
muß immer die Menschen hassen, die ich liebe." 

Patientin hat seit einigen Tagen folgende neue Vision: Ein 
älterer Mann mit grauem Barte geht in Wolken neben ihr 
her, beugt den Oberkörper, streckt einen Arm aus, um nach 
ihr zu greifen. Sie hat dann das Gefühl, sie müsse fliehen, es 
nütze aber nichts, da jener sie doch einhole. Sie kommt dabei 
nicht von der Stelle. Der Mann erinnere sie an jenen alten Grauen 
(Laurin), dessen Kopf von dem jungen Großen zum Austausche verlangt 
wird. Er habe wunderbare halb erschreckte Augen, mache fast den 
Eindruck eines Geisteskranken. 



*) Es handelt sich hier nur umsein Phantaaiegebilde I 



Versuch einer Hysterieanalyse. 305 

Ich will hier gleich die Erklärung einfügen, die Patientin am 
4. August zu dieser Vision gibt: Die Vision erschrecke sie manchmal 
mehr, manchmal weniger. „Wenn ich sie sehe, verwirren sich meine 
Gedanken und mein Kopf wird unklar." Die Augen erinnerten sie an 
Dr. Wu., der Bart sei ein struppiger Bart, wie der des Strolches. 

Zum Arme: „Es ist, wie wenn mein Bräutigam nach mir 
griffe und mich ganz für sich behalten wollte." 

„Steckt nicht noch jemand hinter dieser Vision?" 

Nach langer Pause: „Ich denke an Herrn Doktor, daß ich mir 
selbst nicht entrinnen kann." Im Anschlüsse hieran frage ich 
die Patientin, warum sie so schrecklich von hier fortgedrängt habe, 
worauf sie nach endlosem Sträuben erklärt: „Weil ich hier zu 
viel verbrauche, was meinem Bräutigam gehört." (An 
Liebe!) 

Diese durchaus an ein Traumgebüde erinnernde Vision ist seither 
nie wieder aufgetreten, trotz ihrer unvollständigen Analyse. Sie muß uns 
später noch beschäftigen. 

Patientin hat es im Laufe des heutigen Tages über sich gebracht, 
mir endlich den Inhalt ihrer eigenen, „König Laurins Rosengarten" 
betitelten Novelle mitzuteilen, und zwar schriftlich, wie folgt: 

„König Laurins Rosengarten handelt in dem in Betracht 
kommenden Teile von einem jungen Ehepaare, das sich einst in Bozen 
kennen lernte und verlobte. 

Kurz nach der Hochzeit erkrankt die junge Frau und muß sich 
zu einer Operation entschließen. Nur langsam erholt sie sich davon, 
hat also genügend Zeit, den sie Umgebenden näher zu treten. Hiezu 
zählt vor allen Dingen ein Arzt, den sie mit steigender Leidenschaft zu 
lieben beginnt. Nach langem Ringen mit Pflicht und Gewissen 
teilt sie ihrem Manne diese Tatsache mit; zugleich ihren Entschluß, sich 
von ihm selbst zu trennen. Sie erzwingt auch die Trennung; indessen 
darüber hinwegzukommen, wird ihr von ihm unmöglich gemacht durch 
den Selbstmord, den er begeht. Er erschießt sich nämlich auf einer Tour, 
die er von Bozen aus über die Vajolet-Türme nach König Laurins Rosen- 
garten unternommen hat, ebendaselbst usw." 

Patientin ist sich der hier ausgesprochenen Liebeserklärung wohl 
bewußt, erklärt jedoch gleichzeitig, sie fürchte nicht, der Arzt könne 
ihre Gefühle mißdeuten. Es sei doch ganz natürlich, daß man einen 
Menschen, von dem man so viel erhalte, wärmere Gefühle entgegen- 

Jahrbucn für psyehoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. 1. -0 



306 Ludwig Binswanger. 

bringe. Sie weide das ihrem Bräutigam nicht verschweigen und er weide 
es auch sicher einsehen. 

Patientin war heute früh sehr erregt, hatte zwei Anfalle, drängte heftig 
fort, wird durch einen zweiten Besuch des Arztes gegen Abend ruhiger und 
schreibt hierauf den mitgeteilten Inhalt ihrer Novelle. 

31. Juli. 

Patientin gibt heute mündlich noch folgende Ergänzung zu 
ihrer Novelle: 

„Der Rosengarten leuchtet allabendlich. Die Frau muß 
immei und immer an den Selbstmord ihres Mannes denken. 
Ihre^Gedanken verwirren ßich. Sie glaubt, daß die Bösen da 
oben durch daß Blut ihres Mannes entstanden sind. Sie hat 
sich davor gefürchtet, geht doch hin; den Anblick des 
Rosengartens kann sie aber nicht ertragen." 

Patientin erklärt, mit 14 Jahren jene Novelle leicht skizziert, 
später in Bozen 1906 eist ausgearbeitet zu haben. Patientin bringt 
dann die wichtige Eröffnung, ihr Biäutigam würde sich das 
Leben nehmen, wenn sie ihn nicht heirate. In der Tat habe 
er früher einmal Selbstmordideen geäußert. 

Auf die Frage, ob sie sich unter der Operation etwa'eine gynä- 
kologische vorgestellt habe, erklärt sie : „0 nein. Mit der Kindererzeugung 
hat es gar nichts zu tun." Sie habe sich nur gedacht, es dürfe keine 
Krankheit mit Bewußtseinsstörung sein und keine solche, wo die 
Kranke hinsieche. 

Zu König Laurin gibt Patientin heute noch folgende Er- 
klärung; Sie habe sich an die Sage zuerst erinnert, als sie sich in Jena 
so von der Menschheit losgetrennt gefühlt habe* Sie habe den Bann 
gefühlt, den Herr Geheimrat auf sie ausgeübt habe, und da sei ihr 
König Laurin eingefallen, der müsse einen ähnlichen Druck ausgeübt 
haben auf das Mädchen, um das Dietrich kämpfte. „Ichjkann 
ebensowenig hier weg, wie jenes Weßen von König Laurin. 
Ich drängte fort, und wenn Herr Geheimrat sagte: „Sie 
bleiben hier", so war ich wieder beruhigt. Da frug ich mich : 
„Bin ich denn verhext, verzaubert?" „Jene Frau ging unvor- 
sichtig in König Laurins Bereich; ebenso ging ich hieher." 
(Vgl. S. 268.) 



Versuch einer Hysterieanalyse. 307 

1. August. 

Morgens Besuch der Mutter, bei dem sie sich ruhig verhält. Patientin 
wird aber nachher sehr aufgeregt, da sie weiß, daß der Arzt mit der Mutter 
über sie spricht. Wird nach dem Essen sehr laut und ungeberdig, schreit, 
daß sie nach Hause wolle. Hat ersten Anfall. y 2 5 Uhr nochmaliger kiyzer 
Besuch der Mutter, bei dem Patientin sich wieder ruhig verhält, aber erklärt, 
sie habe das Vertrauen zum Arzte verloren. 

Nach dem Weggange der Mutter wird sie unklar und fällt wiederum 
in einen Dämmerzustand, der bis zum nächsten Mittag anhält- Glaubt 
nach dem Erwachen (2. August), sie sei die letzte Zeit zu Hause gewesen, 
„es hat sich soviel dort verändert ... Zu dumm, daß ich wieder hieher 
zurückgekommen bin." 

Im Dämmerzustand hat sie folgendes geäußert: „Bis um 12 Uhr 
tut's gut, aber dann,' wenn die Mitternacht ^kommt, dann 
sieht man's an der Haut. Das haV ich schon gesehen, wie ich 
noch ein Kind gewesen bin. Es ist schrecklich, meine Haut 
wird anders dann." 1 ) 

Wichtig ist die Angabe der Mutter, Patientin habe den Neger- 
knaben, von dem sie kürzlich sprach, nur ganz wenig gesehen, der 
Bruder der Patientin habe hingegen öfters mit ihm gespielt. Immerhin 
erklärte Patientin am 11. Oktober, als ich sie vor ihrer Entlassung 
noch einmal über die verschiedensten Dinge inquirierte, sie sei in der 
Tat einmal mit ihm bei Bekannten zusammengekommen, wo er sie 
habe küssen wollen. Auch daß sie seine Hände habe weiß machen wollen, 
sei richtig. In ihrem Zimmer sei er jedoch nie gewesen, habe sich auch 
nie bei ihr vor die Schwelle gelegt, dagegen bei ihren Bekannten, 
die ihn ; aus Afrika, mitgebracht hätten. Sie habe übrigens Angst vor 
dem Negerknaben gehabt, „man fürchtete sich, daß man mit einem 
Negerknaben doch mehr beachtet würde als allein." 

3. August. 

Patientin will nicht aufstehen. „Ich stehe überhaupt nie mehr auf." 

4. August. 

Stimmung wieder ruhig und heiter. Ich versetze sie heute zum 
erstenmal zum Zwecke der Analyse in Hypnose, in der Hoffnung, 
so schneller zu Wege zu kommen, da mein Urlaub bevorsteht. Zugleich 



x ) Diese Äußerung ^.entstammt wiederum Jj^der Lektüre des Romans von 
Osaip Schubin (s. später). 

2 0, 20 * 



308 Ludwig Binswanger. 

hoffe ich in der Hypnose noch Aufschluß zu erhalten über Dinge, 
die die Patientin bisher verschwiegen hat. 

In der ersten JHypnose suche ich Klarheit zu bringen in 
einige zeitliche Verhältnisse und Erinnerungstäuschungen verschiedener 
Art. Die Angaben, die Patientin in der Hypnose macht, stimmen mit 
denen der Mutter überein. Hierüber ist Patientin nach dem Erwachen 
sehr erfreut, fragt, ob sie in der Hypnose nicht die Unwahrheit sagen 
könne. Als dies verneint wird: „Dann möchte ich immer hypnotisiert 
werden." 

5. August, 

Zweite Hypnose. Ich suche, ob in der Hypnose noch neues 
Material zu den Anfällen erhalten werden kann und frage, wann 
der erste Anfall mit Sargphantasie aufgetreten sei. Es sei in jener 
Zeit gewesen, wo sie nichts mehr essen konnte und ganz abgemagert war. 

„Warum nichts essen?" 

„Einmal, weil ich diesen furchtbaren Magenschmerz hatte. Zwei- 
tens, weil mir alles gleichgültig war." 

„Warum gleichgültig?" 

„Weil ich mir zu Herzen genommen hatte, daß man mich und 
den Leutnant getrennt hatte." 

„Hatten Sie schon bei diesem ersten Anfall das Gefühl, Sie lägen 
im Sarg?" 

„Ob ich direkt an den Sarg dachte, weiß ich nicht. Ich weiß aber, 
daß ich mich vor dem Grabe fürchtete und daß es mir so feucht und 
kalt vorkam. Ich hatte vorher immer viel ans Grab gedacht, weil 
ich genau wußte, daß es nicht mehr lange so mit mir 
weitergehen konnte, daß eine Änderung in meiner Lebens- 
weise eintreten mußte, oder daß ich tatsächlich sonst bald hätte 
sterben müssen. — Ich wollte schreien vor Entsetzen, wenn ich dachte 
was aus mir würde." 

„Was glaubten Sie?" 

„Ich würde verwesen und davor ekelte ich mich." 

„Warum ekeln vor dem Verwesen?" 

„Ich mußte immer an meine Kindheit denken, wo ich einmal 
etwas gehört hatte, was ich nie wieder vergessen konnte." (Folgt die 
Geschichte von dem gestorbenen Pensionär und dem offenen Sarg.) 



Versuch einer Hysterieanalyse. 309 

„Warum so vor der Verwesung des eigenen Körpers geekelt?" 

„Der Gedanke, daß ein Körper auf so entsetzliche Weise ver- 
schwinden sollte, war mir immer unerträglich." 

„Warum unerträglich?" 

„Ich dachte: wenn ich mich anfasse, kann ich mich so ruhig 
anfassen wie ich jeden Menschen anfassen würde. Besonders wenn ich 
einen Bchönen Menschen sah (ich habe schöne Menschen immer gern 
gesehen), dachte ich, ich möchte hingehen und ihn anfassen. Dann 
kam das Bild von demselben Menschen, wenn es etwa 14 Tage 
im Grabe gelegen hat. Drum wollte ich gar keinen Menschen 
mehr sehen." 

„Wo wollten Sie die Menschen anfassen?" 

„Ich habe die Frauen mit rotblondem und schwarzem 
Haare immer besonders gern gehabt und wollte das Haar 
auflösen und ihnen über Stirn und Haar streichen." (Folgen 
schon bekannte Dinge.) 

„Was hat es für eine Bewandtnis mit dem Totsein?" 

„Es hatte für mich als ganz kleines Kind den Sinn von etwas, 
das häßlich war. Die Begriffe gingen für mich Hand in Hand. Wenn 
ich etwas Häßliches sah, fiel mir immer das Wort tot oder Leiche 
ein." Erzählt dann von toten Tieren, die sie im Flusse hatte schwimmen 
sehen. Über Fräulein Faure befragt: „Es war manchmal schreck- 
lich, wenn ich ausgekleidet im Bette lag und sie ungestüm 
wurde." 

„Wie ungestüm?" 

„Sie küßte mich ziemlich wild auf Mund und Augeü." 
Sie habe auch einmal vorübergehend mit Fräulein Faure im Zimmer 
geschlafen. 

Patientin zuckt hier deutlich mit den Fingern. 

„Was dachten Sie eben?" 

„An eine Mitschülerin. Sie hat etwas sehrHäßliches zu mir gesagt." 
Patientin krampft dabei die Hände. Es folgt nun eine Geschichte, 
wo jene Freundin und Patientin an einem Kinderwagen standen, in 
dem ein „schönes Kind" lag. Sie stritten sich, ob es ein Mädchen oder 
Junge sei. „Ich sagte: jetzt kannst du es noch gar nicht wissen, du 
mußt erst warten, dann siehst du es an den Kleidern. Sie lachte mich 
aus und sagte: Du mußt das Kind nackt sehen, sie sagte noch etwas 



310 Ludwig Bins wanger. 

Häßliches, der Ton kam mir so häßlich vor, ich habe es nicht ver- 
standen." 

Nach dem Erwecken aus der Hypnose rekapitulierte ich der 
Patientin alles,, was sie mir erzählt hat. 

6. August. 

Wir kommen heute im Wachen auf jene Mitschülerin zu sprechen, 
die gestern in der Hypnose erwähnt wurde. Wir werden gleich sehen, 
daß das Zucken und Zusammenkrampfen der Hände nicht nur von 
jener Szene am Kinderwagen herrührte. Wir erfahren nämlich noch 
folgendes über jenes Mädchen: „Ich hatte einen Widerwillen gegen 
sie seit jener Szene. Sie ist Sängerin geworden. Ihr Wesen trat später 
noch deutlicher hervor. Sie gab jedem harmlosen Wort einen andern 
Sinn. Sie hat später eine Dummheit gemacht mit einem 
Herrn." 

Wir werden gleich nachher in der Hypnose noch mehr von ihr 
erfahren. Über ihre Vorliebe für schöne Frauen befragt, erklärt sie, 
früher nicht gewußt zu haben, daß ein Maler nie ein vollkommenes 
Wesen, sondern von dem einen den Körper, von dem andern 
den Kopf nimmt. Patientin gibt auf Befragen an, sie glaube, daß 
von hier Beziehungen zu ihren Phantasien (des KopfaustauEches) führten. 
Sie sei jetzt aber vorsichtig geworden, da sie jetzt oft nicht wisse, 
ob sie manche Dinge früher schon gedacht habe, wie sie sie 
jetzt sage. Sie erklärt ferner, wie sie das vollkommen Schöne gesucht 
habe, so habe sie auch Interesse für das Komische gehabt. „Könnte 
man nicht ein Zerrbild machen, wenn man von einem 
Menschen diesen, von einem andern jenen Körperteil 
nähme und sie zusammenfügte? fif 

Hierauf versetze ich Patientin in Hypnose (die dritte) und 
frage sie nach der Genese des Anfalles von gestern abend: 

„Ich fühlte das Feuer in mir und sah es um mich her. 
Wie die Flammen von außen mich erfaßt haben und wie 
auf einmal alles brannte, ich ganz und gar von innen und 
von außen. Ich dachte: jetzt falle ich zusammen. Nichts 
weiter." 

Auf weiteres Fragen fährt sie fort : 

„Das Brennen habe ich echon als Kind gekannt. Das war irgend 
eine leidenschaftliche Sehnsucht. Woher, weiß ich nicht. Das 



Versuch einer Hysterieanalyse. 311 

habe ich nur gespürt, wenn ich mich so leidenschaftlich sehnte, nach 
etwas anderem sehnte und nicht wußte wonach." 

„Wo haben Sie das Brennen gespürt?" 

„Es war, als ob es in mir brannte. Mein ganzes Innere, so daß 
die Flamme durch den Körper bis in den Kopf heraufkam." 

.,Wo fing die Flamme an?" 

„An den Füßen?" 

„Nein!" 

„Wo spürten Sie die Flamme zuerst?" 

„Von der Brust an." 

„Wann fühlten Sie das Brennen auf der Brust zum erstenmal?" 

„In der Art, daß ich ein bestimmtes Gefühl dabei hatte, vielleicht 
mit 14 Jahren." 

„Bei welcher Gelegenheit?" 

Hierauf stellt sich bei der Patientin wiederum jenes krampfhafte 
Ballen der Hände ein, das wir schon bei der gestrigen Hypnose wahrge- 
nommen, als ihr jene Mitschülerin einfiel. Zugleich bewegt sie die Lippen, 
aber erst nach und nach sind ihre Worte zu verstehen : 

„Ich — es war damals, als die Schulgefährtin, die H. Z., das 
Häßliche tat. Ich war dabei, als sie es einer andern Gefährtin erzählte." 

Nach enormem Widerstände: „Es war etwas inbezug auf den 
Verkehr mit ihres Vaters Pensionären. Sie erzählte etwas, ich wußte 
nicht bis dahin, daß sie sich um die Pensionäre kümmerte." 

Nun folgt unter langem Sträuben, wie jene Mitschülerin erzählte, 
daß sie eines Abends als ihre Eltern im Konzerte waren und sie schon 
im Bette lag, den Pensionär nach Hause habe kommen hören. Da habe 
sie ihn gerufen und er kam zu ihr. „Sie sprach so widerlich. Was 
für Empfindungen sie gehabt hatte, und " 

„Dann hatten Sie ähnliche Empfindungen?" 

„Ja!" 

„Was für Empfindungen?" 

„Ich weiß nicht mehr, wie sie sich ausdrückte." 

„Wollüstige Empfindungen?" 

„Ja, so muß es gewesen sein. Sie sprach, wie er sie an sich ge- 

d rückt habe, und dann wie sie ich hörte bloß noch etwas, dann 

ging ich weg. Sie sagte, daß sie ihn zusich gezogen habe, (Patientin atmet 
hier rasch) und daß sie die ganze Zeit an seiner Brust gelegen habe 



312 Ludwig Binswauger. 

und daß ihr ganz heiß gewesen sei. Ich hatte das Gefühl, wie ich das 
letzte hörte, als ob ich vom Kopfe bis zu den Füßen rot geworden 
sein müßte, und da wurde mir so heiß, seit der Zeit hatte ich so oft 
dieses Brennen." 

„Dachten Sie denn bei den Anfällen an einen bestimmten Mann, 
an dessen Brust sie lägen?" 

Ich hatte Angst davor, ich möchte es nie tun. Dann kam der 
Gedanke, dann hätte ich mich doch nicht verloben dürfen." 

„Ich fürchte mich vor dem Augenblick, wo ich denken 
muß, daß dieses (an der Brust eines Mannes zu ruhen) eintritt. 
Ich will schon, daß er mich küßt, aber nicht stürmisch." (Siehe 
den ganz analogen Ausspruch in bezug auf Fräulein Faure, S. 204!) 

Hierauf wecke ich Patientin auf. Sie hat das Gefühl, eine große 
Aufgabe gelöst zu haben. Sie weiß, das wir von dem „furchtbar heißen 
Gefühle" sprachen. Ich teile der Patientin wiederum das Ergebnis der 
Hypnose mit, das sie mit großem Interesse, wenn auch unter erneuten 
Zeichen des Abscheues, in sich aufnimmt. 

Patientin hatte heute früh einen Anfall. Die Stimmung nach der 
Hypnose bleibt gut. Schreibt einen Brief an den Bräutigam, des Inhaltes, 
er möge sich gedulden, sie könne noch nichts Bestimmtes sagen. 

7. August. 

Vierte Hypnose. Patientin glaubt nachts einen Anfall gehabt 
zu haben, bei dem sie wieder kalt geworden sei. 

„Was haben Sie weiter dabei verspürt?" 

„Wie mein Körper starr wurde; ich wollte ihn noch bewegen, 
aber es ging nicht; da dachte ich, so ist wohl das Gefühl, wenn 
man im Begriffe ist, zu sterben!" 

Das kalte Gefühl war lange Zeit hindurch für sich allein auf- 
getreten, bis schließlich in B. (im Jahre 1901) die Unfähigkeit sich 
zu bewegen hinzugetreten sei. Einen bestimmten Anlaß dafür weiß 
sie nicht anzugeben. Zum ersten Male sei die Unfähigkeit, sich zu be- 
wegen, an einem Regennachmittage aufgetreten, als sie sich gerade sehr 
mit ihren Todesgedanken abgegeben hätte. Außerdem habe sie auch 
hier schon das Gefühl gehabt, sie liege im Grabe, und zwar: „nicht 
direkt ich liege im Grabe, sondern: es wird so kalt und 
dunkel als wie ein Grab!" 

Weiterhin berichtet Irma in der Hypnose, daß das Kältegefühl 
zum ersten Male deutlich aufgetreten sei, als Fräulein Faure „Du 



Versuch einer Hysterieanalyse. 313 

.Mörderin" zu ihr gesagt habe. Hieran schließt sich dann die aus- 
führliche Schilderung jenes Erlebnisses mit allen Assoziationen, die 
sich daran knüpfen, wie an anderer Stelle berichtet wurde (siehe S. 1971). 
Ferner erzählt Patientin heute, daß von früh an ihre Phantasie viel 
Nahrung durch die Geschichte der Kindheit Jesu empfangen habe. 
Sie habe sich „die schönsten Bilder darin ausgedacht". Auch die „un- 
befleckte Empfängnis" habe sie sehr beschäftigt. Heute ist sie 
auf dem Standpunkte, daß Christus doch der Sohn der Maria und des 
Josef sein könne, „und nur als Gottes Sohn anerkannt wurde, weil 
er ein außergewöhnlicher Mensch war." Hier erwecke ich sie aus der 
Hypnose. — Patientin hatte morgens wieder einen Anfall. Geht die 
letzten Tage fleißig spazieren mit der Pflegerin. 

8. August. 

Bis zum 16. Jahre habe sie sich sehr viel mit religiösen Fragen 
beschäftigt, mit 14 sei sie derartig verdreht gewesen, daß sie nicht mehr 
wußte, was sie glauben sollte. Als sie gelesen hatte, Christus sei „der 
Sohn der Maria und eines römischen Centurio" und er sei auch sehr 
phantastisch gewesen, da habe sie einen freisinnigen Geistlichen gefragt, 
deT ihr eine große Rede hielt, die ihr eine ebenso große Enttäuschung war. 

In der fünften Hypnose tritt zuerst nichts Neues zutage. Unter 
sehr starkem Widerstände beichtet sie dann, daß sie als Schulmädchen und 
auch jetzt noch öfters gedichtet habe. Ihre Gedichte seien aber von 
niemanden beachtet oder höchstens verlacht worden. Darauf habe 
sie niemanden mehr ein Gedicht von sich gezeigt. Unter erneutem 
Widerstand erzählt sie von einem sehr frühreifen Gedichte, betitelt der 
„Herrenmensch", indem sie denjenigen geschildert habe, „der sich 
rücksichtslos über alles hinwegsetzt, der kein Gut und kein 
Böse kennt, immer nur vorwärtsschreitet, nie stehen bleibt, 
um zu trauern oder zu weinen." Wir wissen schon, daß sie einen 
solchen Menschen sucht. Ich frage sie nochmals in diesem Sinne, 
worauf sie (immer in der Hypnose) erwidert; „Ja, der mich sogar 
zertrümmern würde, selbst wenn wir uns liebten." 

Heute ist der erste Tag, an dem Irma keinen Anfall hat! 

9. August. 

Im wachen Zustande erhalten wir heute einen weiteren Beitrag 
zu den interessanten Phantasien über die Trennung des Kopfes vom 



314 Ludwig Binswanger. 

Leibe. Es habe sich um eine Hi nri c ht u ng in ihrer Vaterstadt gehandelt. 
Ihr Bruder erzählte, der Körper habe noch gezuckt als der Kopf 
schon vom ihm getrennt war. „Da stellte ich mir vor, wie ein 
Mensch in rasend schnellem Laufe über die Ebene rennen und plötzlich 
sterben würde; ob dann der Körper die Bewegungen noch 
eine Zeitlang machen würde ohne Kopf? Ich stellte es mir sehr 
lebhaft vor, weil ich einmal gesehen habe, wie eine Blindschleiche 
sich an einem Grashalme entzweischnitt und Kopf- und 
Schwanzteil allein sich bewegten." 

In der heutigen (sechsten) Hypnose ist vom Selbstmorde 
die Rede. „Das Leben ist bloß eine Brücke {Nietzsche?), mancher kann 
darüber gehen, mancher will sich den Weg sparen und erlöst sich selber. 
Ich denke mir: nur da kann etwas harmonisch weiter existieren und in 
Frieden, wenn es wieder dahin zurückgekehrt ist, wo es her- 
stammt." 

„Woher kommt denn der Mensch?" 

„Das war ja immer das große Rätsel! Wie kann aus dem 
Nichts der Mensch entstehen, wie kann er eine Zeitlang existieren 
und wieder zu dem Nichts zurückkehren?" 
„Wie haben Sie das Rätsel gelöst?" 

Hier zuckt wieder Irma lebhaft zusammen, wie immer, wenn 
man an ihr Innerstes rührt : „Zuerst habe ich gedacht, der Geist existiert 
ungesehen weiter in der Luft und der Geist, der sich während 
des Lebens schön erwiesen hat, bringt schöne Naturer- 
scheinungen mit her vor und der, der sich als häßlich er wiesen 
hat, die schrecklichen. Später dachte ich, daß ich die Geister 
sehen, mich mit ihnen verständigen könnte. Manche quälten 
mich! — Ich stellte mir die Geister vor, wenn ich mir 
Gewissensbisse machte über irgend etwas, dann nahm das, 
was mich quälte, die Gestalt an." (Im Wachen fügt sie hinzu, 
Ahnungen, die sie vor etwas zurückhielten, hätten nach und nach 
Gestalt angenommen. Sie habe an Ahnungen geglaubt.) 
„Was hat Sie besonders gequält?" 

„Nichts Bestimmtes, aber so lange ich denken kann, habe ich 
mich immer vor dem Leben gefürchtet, weil immer so etwas Selt- 
sames, Unerklärliches [in mir fortlebte, weil ich immer 
dachte, ich werde noch einmal schlecht; ich glaube, ich bin 
schlecht." 



Versuch einer Hysterieanalyse. 315 

Im weiteren Verlaufe der Hypnose berichtet Irma, wie sehr sie 
darunter gelitten habe, daß sie oft nicht bei der Wahrheit blieb, Dinge 
anders wiedergab, als sie waren. An ihrem Konfirmationstage habe sie 
nur eine Bitte gehabt, nämlich, daß sie nicht mehr lügen möchte oder 
daß sie eher am selben Tage sterben sollte ( Janet's manie des pactes) : 
„Und ich habe es felsenfest geglaubt, daß das eine oder andere eintreten 
würde. Als nun nichts eingetreten war, glaubte ich mich erlöst." 

Sie habe schon früh angefangen, sich für das Lügen selbst zu 
strafen, zuerst durch Fasttage. Sie habe dann 3 Tage überhaupt 
nichts gegessen. 

Ob sie sich noch andere Strafen ausgedacht habe? „Ja, ich 
habe mir weh getan. Ich habe mich geschlagen und wenn 
ich gar nichts hatte, habe ich mich gebissen, bis das Blut 
kam." Im Wachen ergänzt: „Ich habe vor lauter Leidenschaft 
keinen Schmerz davon verspürt!" 

„Wohin haben Sie sich geschlagen?" 

„Auf den Rücken." 

„Womit?" 

„Ich nahm ein Stück Seil, in das ich Knoten machte." 

„Was haben Sie damit nachgeahmt?" 

„Ich dachte, so wurden die Hexen gefoltert und wenn 
ich lüge, bin ich auch eine Hexe!" 

Diesem Ausspruche folgt eine, wenn auch nur scheinbare Ab- 
schweifung vom Thema: 

„Nach dem Tode von Fräulein Faure war ich in einem Theater- 
stücke, das hieß „Der Andere" (von Paul Lindau). Es handelt von 
einem Juristen, der als gerecht in der ganzen Stadt bekannt ist und 
der des nachts, ohne daß er am Tag eine Ahnung von seinem nächtlichen 
Tun hat, stiehlt. Und da begriff ich nie, wie ein Mensch nichts von 
sich wissen soll und nichts von dem, was er selber in der Nacht tut. 
Ich war einmal bei X's zu Besuch und schlief mit Marie X. zusammen 
und sie behauptete, ich sei des nachts aufgestanden und mit einem 
brennenden Lichte an meine Kommode gegangen und ich wußte nichts 
davon. Da dachte ich, wenn ich von solchen Kleinigkeiten nichts weiß, 
vielleicht kann ich dann Gott weiß was tun und weiß nichts 
davon. Vielleicht habe ich dann gemordet und bilde mir bloß ein. 
ich habe es nicht getan." 



316 Ludwig Binswanger. 

„Gab es Momente, wo Sie Fräulein Faure tatsächlich hätten 
morden können?" 

„Ich weiß nur, daß ich manchmal als Kind so rasend wurde, wenn 
man mir mit Gewalt entgegen kam. Vielleicht bin ich auch einmal 
auf Fräulein Faure losgegangen." 

„Hatten Sie hie und da das Gefühl, Sie würden für den Mord an 
Fräulein Faure bestraft?" 

„Manchmal dachte ich: ich muß doch eigentlich in die Welt hinaus 
schreien: das ist behauptet worden, untersucht es doch, und wenn ich 
es getan habe, straft mich doch! Ich glaubte, ich müßte getötet 
werden, und ich habe Grauen davor gehabt, aber es kam mir als das 
einzig Richtige vor."Im Wachen ergänzt: Sie seilange überzeugt gewesen, 
sie habe Fräulein Faure getötet. Wenn man sie dann habe trösten 
wollen, habe sie geglaubt, man wolle sie schonen. 

Ob sie sich auch Gedanken über ihre Hinrichtung gemacht habe? 

Zuckt zusammen: „Ich wußte nicht, ob die Angehörigen den Kör- 
per bekommen können, sonst, dachte ich, kommt er sicher in irgend 
einen anatomischen Saal und dann .... Der Bruder hat soviel 
von der Anatomie erzählt. Er sprach davon, daß der Leichnam 
erst ganz und gar mit Karbol, jinfiziert 1 )" wird und dann zerlegt 
und die einzelnen Teile oft viele Tage alt würden und einen entsetz- 
lichen Geruch verbreiteten. Denn ganz ließe sich der Ge- 
ruch nicht vertreiben! 

Ich hatte nach dem Tode von Fräulein Faure so Sehnsucht, 
sie noch einmal zu sehen, wagte aber nicht, es zu sagen. Man hätte es 
nicht erlaubt wegen der Ansteckung. Da habe ich mir einmal aus- 
gedacht, wenn ich sie sehen wollte, müßte ich schon des Nachts auf den 
Friedhof gehen und ans Grab und die Leiche ansehen, und dann dachte 
ich: um Gottes willen, sie liegt dann schon so lange tot. Dann hat sie 
den Leichengeruch schon und wenn ich sie berühre und den Sarg- 
deckel aufmache, wird der Geruch in meine Kleider gehen und 
ich bringe ihn nie wieder heraus. Und seitdem fürchte ich 
mich vor jedem Friedhofe!" 

„Warum hätten Sie Fräulein Faure so gerne noch einmal ge- 
sehen?" 



x ) Das Versprechen ist sehr bezeichnend. Einige Zeilen weiter unten ist 
wiederum von Ansteckung die Bede. Der Komplex der Infektionsangst 
wird immer deutlicher zutage treten und immer eindeutiger. 



Versuch einer Hysterieanalyse. 317 

„Ich hatte das Gefühl, ich müßte eine Aufklärung bekommen, 
es müßte mir klar zum Bewußtsein kommen, ob ich sie getötet habe 
oder nicht." 

„Wie kommt es, daß Sie sich dann selbst im Sarge liegen sahen?" 

„Ich war einmal mit Herrn Professor N. in der Kirche (1901). 
Es herrschte dumpfe Luft. Ich dachte: so muß es in einer Gruft sein. 
Ich sah einen Sarg stehen und da dachte ich .... die enge Luft kam 
mir wie Totenluft vor. Ich wurde ohnmächtig." 

„Warum ohnmächtig?" 

„Weil ich an den Sarg dachte, wie eng der ist und wie 
der Mensch hineingezwängt wird, das fand ich so 
schrecklich." Erwachen. 

Nach der Hypnose: Hineinzwängen: Es fällt ihr ein Gedicht 
von Chamisso ein, „Die alte Waschfrau". „Als ich las, daß sie sich 
ihr Sterbehemd zurecht machte, erkundigte ich mich, ob denn 
die Toten nicht besonders geschmückt würden. Da sagte man mir: 
Gott, ein toter Mensch ist doch so steif und starr, der läßt 
sich nicht in die Kleider zwängen!" 

Irma erzählt des weiteren, daß ihr als ganz junges Mädchen, 
etwa mit 15 Jahren, einmal ein Heiratsantrag gemacht wurde. Sie sei 
in einen großen Konflikt gekommen, „denn zu Hause gab es vieles, was 
ich ändern wollte. Wenn es ganz schlimm war (daß sie mit der Mutter 
nicht auskam), dachte ich, ich könnte alles verändern, wenn ich hei- 
ratete. Ich kam aber über den Mann nicht hinweg. Ich sah, das war 
noch viel schrecklicher. Er war mir unerträglich, als er das entscheidende 
Wort sprach. Der einzige Ausweg aus beidem schien mir der Selbst- 
mord zu sein. Damals war es zum ersten Male, daß ich einem Manne 
auf die Weise entgegentrat. Er sprach einmal sehr leidenschaft- 
lich und davon wurde mir schon Angst genug. Er fragte, ob ich 
seine Frau werden wollte. Er war Ende Zwanzig. Lieber tot, als es 
dulden müssen, daß jemand mir jederzeit nahe kommen 
kann!" 

Ganz aus sich heraus fügt Irma hinzu, daß hier die Wurzel 
all ihrer Todesgedanken zu suchen sei. Sie ist der Analyse 
mit großem Verständnisse gefolgt.' Sie weiß nun selbst, daß all die Sym- 
ptome, denen Todesgedanken zugrunde liegen, aus der Abwehr der 
sexuellen Gedanken entsprungen sind. Wie immer ist aber auch hier 
die Abwehr nur teilweise gelungen, so daß die Symptome zugleich die 
sexuellen Gedanken, wenn auch in veränderter Form, enthalten. 



318 Ludwig Binswanger. 

Heute ist der weite Tag ohne Anfall. Schläft aber Nachts nicht. 

10. August. Dritter Tag ohne Anfall. Bis 5 Uhr große innere Unruhe, 
dann heiter und lebhaft. Schläft nach Hypnose gut. 

11. August. Stimmung sehr deprimiert. Morgens 4 Uhr Anfall. 

Ich besuche Patientin, um für meinen Urlaub Abschied zu nehmen. 
Ihr Benehmen ist recht unleidlich. Sie hat die letzten Tage schon stark 
nach Hause gedrängt. Ich habe ihr verboten, bevor ich zurückgekehrt 
sei, nach Hause zu gehen. Sie soll mit der Pflegerin an einen ruhigen 
Kurort, wo ein Kollege für alle Falle seine Hilfe liebenswürdig in Aus- 
sicht gestellt hat. Nun trotzt sie und erklärt, wir würden uns kaum 
wiedersehen. Sie käme nicht mehr in meine Behandlung zurück. Ich 
entgegne ihr mit mehr äußerlicher als innerlicher Bestimmtheit, daß 
ich überzeugt sei, sie nach meiner Kückkehr wieder anzutreffen, um 
die Kur fortzusetzen. 

12. August. 

Große Müdigkeit, starke Kückenschmerzen. Hat nachts die 
früheren Visionen gehabt! — Abreise nach D. 

(Schluß folgt im IL Halbjahrbande.)