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Full text of "Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen II. Band 1910 2. Hälfte"

JAHRBUCH 



FUS 



PSYCHOANALYTISCHE UND PSYCHO- 
PATHOLOGISCHE FORSCHUNGEN. 



HERAUSGEGEBEN VON 

Prof. Dr. E. BLEULER und Prof. Dr. S. FREUD 

IN zCRICH, u, WIEN. 

REDIGIERT VON 



Dr. C. G. jung, 

PaiVATDOZBNTEN DER PSYCHIATRIE IN ZÜRICH. 



II. BAND. 



n. HÄLFTE. 



LEIPZIG UND WIEN. 



1910. 



KRAUS REPRINT 

Nendeln/Lieditensteln 

1970 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Verlags-Nr. 1793 



Reprinted by permission of Sigmund Freud Copyrights Ltd., London 

KRAUS REPRINT 

A Division of 

KRAUS-THOMSON ORGANIZATION LIMITED 

Nendeln/Lieditenstein 

1970 



Printed in Germany 
Lessingdruckerei Wiesbaden 



InlialtsAerzeieliiiis- 



Seite 

Abraham: Über bj-f-tcriscbe Traumzustände 1 

Jung: über Konflikte der kindlichen Seele 33 

Sadger: Ein Fall von multipler Perversion mit hysterischen Absenzen . 59 
Ffister: Anah'tische Untersuchungen über die Psychologie des Hasses 

und der Yersöhutiug 134 

Freud: „Über den Gegensinn der Urworte" 179 

Maeder: Psychologisohe Untersuchungen an Dementia praecox-Krankon . 185 

Riklin: Aus der Analyse einer Zwangsneurose 246 

Jung: Randbemerkungen zu dem Buch von Witteis: Die sexuelle Not . 312 
Jones: Bericht über die neuere englische und amerikanische Literatur 

zur klinischen Psychologie und Psychopathologie 316 

Neiditsch: Über den gegenwärtigen Stand der Freudschen Psychologit 

in Rußland . . 347 

Assaglio: Die Freudschen Lehren in Italien ... 349 

Jung: Referate über psychologische Arbeiten fchweizerischer Autoren 

(bis Ende 1909) 356 

Freud: Beiträge zur Psychologie de? Liebeslebens 389 

Rosenstein: Die Theorien der Organminderwn iigkeit und der liisexuaütr! 

in ihren Beziehungen zui- Xciuosenlehrp ..... . . 39S 

Sadgtr: Über üretbralerofik 409 

Robitsek: Die Analyse von Egmonis Traum 451 

Rank: Ein Traum, der sich selbst deutet ..... 465 

Silberer: Phantasie und IMythos ... 541 

Bleulei: Die Psychoanalyse Freuds. Verteidigung und kriijsdit Be- 
merkungen 623 

Rank: Bericht über die II. private p,tycboanalytische Vereiniguuü in 

Nürnberg am 30. und 31. Mürz 1910 731 

Jnng: Zur Kri'ik über Psychoanalyse 743 

Buchan.^eige ... . 747 



Beiträge zur Psychologie des Lletoeslebens. 

I. 

Über einen besonderen Typus der Objektwahi 
beim Manne. 

Von Sigm. Frend (Wien). 



Wir haben es bisher den Dichtem überlassen, uns zu schildern, 
nach welchen „Liebesbediiigungen" die Menschen ihre Objektwahl 
treffen, und wie sie die Anforderungen ihrer Phantasie mit der Wirklich- 
keit in Einklang bringen. Die Dichter verfügen auch über manche 
Eigenschaften, welche sie zur Lösung einer solchen Aufgabe befähigen, 
vor allem über die Feinfühligkeit für die Wahrnehmung verborgener 
Seelenregungen bei anderen und den Mut, ihr eigenes Unbewußtes 
laut werden zu lassen. Aber der Erkenntniswert ihrer Mitteilungen 
wird durch einen Umstand herabgesetzt. Die Dichter sind an die Be- 
dingung gebunden, intellektuelle und ästhetische Lust sowie bestimmte 
Gefühlswirkungen zu erzielen, und darum können sie den Stoff der 
Reahtät nicht unverändert darstellen, sondern müssen Teilstücke 
desselben isolieren, störende Zusammenhänge auflösen, das Ganze 
mildern und Fehlendes ersetzen. Es sind dies Vorrechte der sogenannten 
„poetischen Freiheit". Auch können sie nur wenig Interesse für die 
Herkunft und Entwicklung solcher seelischer Zustände äußern, die sie 
als fertige beschreiben. Somit wird es doch unvermeidHch, daß die 
Wissenschaft mit plumperen Händen und zu geringerem Lustgewinne 
sich mit denselben Materien beschäftige, an deren dichterischer Bear- 
beitung sich die Menschen seit Tausenden von Jahren erfreuen. Diese 
Bemerkungen mögen zur Rechtfertigung einer streng wissenschaft- 
Hchen Bearbeitung auch des menschlichen Liebeslebens dienen. Die 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psyohopathol. Forschungen. II. 26 



390 Sigm. Freud. 

Wissenschaft ist eben die vollkommenste Lossagung vom Lustprinzip, 
die miserer psychischen Arbeit möglich ist. -. , 



Während der psychoanalytischen Behandlimgen hat man reich- 
liche Gelegenheit, sich Eindi-ücke aus dem Liebesleben der Neurotiker 
zu holen, und kann sich dabei erinnern, daß man ähnliches Verhalten 
auch bei durchschnitthch Gesunden oder selbst bei hervorragenden 
Menschen beobachtet oder erfahren hat. Durch Häufung der Eindrücke 
infolge zufälliger Gunst des Materials treten dann einzelne Typen deut- 
licher hervor. Einen solchen Typus der männlichen Objektwahl will 
ich hier zuerst beschreiben, weil er sich durch eine Reihe von ,, Liebes- 
bedingungen" auszeichnet, deren Zusammentreffen nicht verständlich, 
ja eigenthch befremdend ist, und weil er eine einfache psychoanalytische 
Aufklärung zuläßt. 

1. Die erste dieser Liebesbedingimgen ist als geradezu spezifisch 
zu bezeichnen; sobald man sie vorfindet, darf man nach dem Vor- 
handensein der anderen Charaktere dieses Typus suchen. Man kann 
sie die Bedingung des ,, Geschädigten Dritten" nennen; ihr Inhalt 
geht dahin, daß der Betreffende niemals ein Weib zum Liebesobjekt 
wählt, welches noch frei ist, also ein Mädchen oder eine alleinstehende 
Frau, sondern nur ein solches Weib, auf das ein anderer Mann als Ehe- 
gatte, Verlobter, Freund Eigentumsrechte geltend machen kann. 
Diese Bedingung zeigt sich in manchen Fällen so unerbittlich, daß 
dasselbe Weib zuerst übersehen oder selbst verschmäht werden kann, 
solange es niemandem angehört, während es sofort Gegenstand der 
Verliebtheit wird, sobald es in eine der genannten Beziehungen zu einem 
anderen Manne tritt. 

2. Die zweite Bedingung ist vielleicht minder konstant, aber 
nicht weniger auffällig. Der Typus wird erst durch ihr Zusammen- 
treffen mit der ersten erfüllt, während die erste auch für sich allein 
in großer Häufigkeit vorzukommen scheint. Diese zweite Bedingung 
besagt, daß das keusche und unverdächtige Weib niemals den Reiz 
ausübt, der es zum Liebesobjekt erhebt, sondern nur das irgendwie 
sexuell anrüchige, an dessen Treue und Verläßlichkeit ein Zweifel ge- 
stattet ist. Dieser letztere Charakter mag in einer bedeutungsvollen 
Reihe variieren, von dt m leisen Schatten auf dem Ruf einer dem Flirt 
nicht abgeneigten Ehefrau bis zur offenkundig polygamen Lebens- 
führung einer Kokotte oder Liebeskünstlerin, aber auf irgend etwas 



Beiträge zui- Psycliologie deg Liebeslebens I. 391 

dieser Art wird von den zu unserem Typus Gehörigen nicht verzichtet. 
Man mag diese Bedingung mit etwas Vergröberung die der „Dirnen- 
liebe" heilten. 

Wie die erste Bedingung Anlaß zur Befriedigung von agonalen, 
feindseligen Regmigen gegen den Mann gibt, dem man das geliebte 
Weib entreißt, so steht die zweite Bedingung, die der Dirnenhaftigkeit 
des Weibes, in Beziehung zur Betätigung der Eifersucht, die für 
Liebende dieses Typus ein Bedürfnis zu sein scheint. Erst, wenn sie 
eifersüchtig sein können, erreicht die Leidenschaft ihre Höhe, gewinnt 
das Weib seinen vollen Wert, und sie versäumen nie, sich eines An- 
lasses zu bemächtigen, der ihnen das Erleben dieser stärksten Emp- 
findiuigen gestattet. Merkwürdigerweise ist es nicht der rechtmäßige 
Besitzer der Gehebten, gegen den sich diese Eifersucht richtet, sondern 
die neu auftauchenden Fremden, mit denen man die Gehebte iu Ver- 
dacht bringen kann. In grellen Fällen zeigt der Liebende keinen Wunsch, 
das Weib für sich allein zu besitzen, und scheint sich in dem dreieckigen 
Verhältnis durchaus wohl zu fühlen. Einer raeiier Patienten, der vmter 
den Seitensprüngen seiner Dame entsetzlich gehtten hatte, hatte doch 
gegen ihre Verheiratung nichts einzuwenden, sondern förderte diese 
mit allen I\Iittein; gegen den Mann keigte er daun durch Jahre niemals 
eine Spur von Eifersucht. Ein anderer t.ypischer Fall war in seinen 
ersten Liebesbeziehimgen allerdings sehr eifersüchtig gegen den Ehe- 
gatten geAvesen und hatte die Dame genötigt, dea ehelichen Verkehr 
mit diesem einzustellen; in semen zahlreichen späteren Verhältnissen 
benahm er sich aber wie die anderen und faßte den legitimen Mann nicht 
mehr als Störung auf. 

Die folgenden Punkte schildern nicht mehr die vom Liebesobjekt 
geforderten Bedingungen, sondern das Verhalten des Liebenden gegen 
das Objekt seiner Wahl. 

3. Im normalen Liebesleben wird der Wert des Weibes durch seine 
sexuelle Integrität bestimmt und durch die Annäherung an dea Cha- 
rakter der Dirnenhaftigkeit herabgesetzt. Es erscheint daher als eine 
auffällige Abweichung vom Normalen, daß von den Liebenden unseres 
Typus die mit diesem Charakter behafteten Frauen als höchstwertige 
Liebesobjekte behandelt werden. Die Liebesbeziehungen zu diesen 
Frauen werden mit dem höchsten psychischen Aufwand bis zur Auf- 
zehrung aller anderen Interessen betrieben; sie sind die einzigen Per- 
sonen, die man heben kann, und die Selbstanforderung der Treue wird 
jedesmal wieder erhoben, so oft sie auch in der Wirkhchkeit durch- 

26* 



392 Sigm. Freud. 

brochen werden mag. In diesen Zügen der beschriebenen Läebes- 
beziehxingen prägt sich über deutlich der zwanghafte Charakter 
aus, welcher ja in gewissem Grade jedem Falle von Verliebtheit eignet. 
Man darf aber aus der Treue und Intensität der Bindung nicht die 
Erwartmig ableiten, daß ein einziges solches Liebesverhältnis das 
Liebesleben der Betreffenden ausfülle oder sich nur emmal innerhalb 
desselben abspiele. Vielmehr wiederholen sich Leidenschaften dieser 
Art mit den gleichen Eigentümlichkeiten — die eine das genaue Abbild 
der andern — mehrmals im Leben der diesem Typus Angehörigen, 
ja die Liebesobjekte können nach äußeren Bedingungen, z. B. Wechsel 
von Aufenthalt und Umgebung, einander so häufig ersetzen, daß es 
zur Bildung einer langen Reihe kommt. 

i. Am überraschendsten wirkt auf den Beobachter die bei den 
Liebenden dieses Typus sich äußernde Tendenz, die Geliebte zu 
„retten". Der Mann ist überzeugt, daß die Geliebte seiner bedarf, 
daß sie ohne ihn jeden sittlichen Halt verlieren und rasch auf ein be- 
dauernswertes Niveau herabsinken würde. Er rettet sie also, indem 
er nicht von ihr läßt. Die Rettungsabsicht kann sich in einzelnen Fällen 
durch die Berufung auf die sexuelle Unverläßlichkeit und die sozial 
gefährdete Position der Geliebten rechtfertigen; sie tritt aber nicht 
minder deutlich hervor, wo solche Anlehnungen an die Wirklichkeit 
fehlen. Einer der zum beschriebenen Typus gehörigen Männer, der 
seine Damen durch kixnstvolle Verführung und spitzfindige Dialektik 
zu gewinnen verstand, scheute dann im Liebesverhältnis keine An- 
strengung, um die jeweilige Geliebte durch selbstverfaßte Traktate 
auf dem Wege der „Tugend" zu erhalten. 

Überblickt man die einzelnen Züge des hier geschilderten Bildes, 
die Bedingungen der Unfreiheit und der Dirnenhaftigkeit der Geliebten, 
die hohe Wertung derselben, das Bedürfnis nach Eifersucht, die Treue, 
die sich doch mit der Auflösung in eine lange Reihe verträgt, und die 
Rettungsabsicht,so wird man eine Ableitung derselben aus einer einzigen 
Quelle für wenig wahrscheinlich halten. Und doch ergibt sich eine 
solche leicht bei psychoanalytischer Vertiefung in die L^bensgeschichte 
der in Betracht kommenden Personen. Diese eigentümlich bestimmte 
Objektwahl und das so sonderbare Liebesverhalten haben dieselbe 
psychische Abkunft wie im Liebesleben des Normalen, sie entspringen 
aus der infantilen Fixierung der Zärtlichkeit an die Mutter und stellen 
einen der Ausgänge dieser Fixienmg dar. Im normalen Liebesleben 
erübrigen nur wenige Züge, welche das mütterliche Vorbild der Objekt- 



Beiträge zur Psychologie des Liabeslebena I. 393 

wähl unverkennbar verraten, so z. B. die Vorliebe junger Männer für 
gereif tere Frauen; die Ablösung der Libido von der Mutter hat sich 
verhältnismäßig rasch vollzogen. Bei unserem Typus hingegen hat die 
Libido auch nach dem Eintritte der Pubertät so lange bei der Mutter 
verweilt, daß den später gewählten Liebesobjekten die mütterlicben 
Charaktere eingeprägt bleiben, daß diese alle zu leicht kenntlichen 
Muttersurrogaten werden. Es drängt sich hier der Vergleich mit der 
Schädeldeformation des Neugeborenen auf; nach protrahierter Geburt 
muß der Schädel des Kindes den Ausguß der mütterlichen Beckenenge 
darstellen. 

Es obliegt uns nun wahrscheinlich zu machen, daß die charak- 
teristischen Züge unseres Typus, Liebesbedingungen wie Liebesverhalten, 
wirklich der mütterlichen Konstellation entspringen. Am leichtesten 
dürfte dies für die erste Bedingung, die der Unfreiheit des Weibes oder 
des geschädigten Dritten, geUngen. Man sieht ohne weiteres ein, daß 
bei dem in der Familie aufwachsenden Kinde die Tatsache, daß die Mutter 
dem Vater gehört, zum unabtrennbaren Stück des mütterüchen Wesens 
wird, und daß kein anderer als der Vater selbst der geschädigte Dritte 
ist. Ebenso ungezwimgen fügt sich der überschätzende Zug, daß die 
Gehebte die Einzige, Unersetzliche ist, in den infantilen Zusammenhang 
ein, denn niemand besitzt mehr als eine Mutter, und die Beziehung zu 
ihr ruht auf dem Fundament eines jedem Zweifel entzogenen und nicht 
zu wiederholenden Ereignisses. 

Wenn die Liebeaobjekte bei tmserem Typus vor allem Mutter- 
surrogate sein sollen, so wird auch die Reihenbildung verständlich, 
welche der Bedingung der Treue so direkt zu widersprechen scheint. 
Die Psychoanalyse belehrt uns auch durch andere Beispiele, daß das 
im Unbewußten wirksame Unersetzliche sich häufig durch die Auf- 
lösung in eine unendüche Reihe kundgibt, unendhch darum, weil jedes 
Surrogat doch die erstrebte Befriedigung vermissen läßt. So erklärt 
sich die unstillbare Fragelust der Kinder in gewissem Alter daraus, 
daß sie eine einzige Frage zu stellen haben, die sie nicht über ihre Lippen 
bringen, die Geschwätzigkeit mancher neurotisch geschädigter Personen 
aus dem Drucke eines Geheimnisses, das zur Mitteilung drängt, und das 
sie aller Versuchung zum Trotze doch nicht verraten. 
i^ä Dagegen scheint die zweite Liebesbedingung, die der Dirnenhaftig- 
keit des gewählten Objektes, einer Ableitung aus dem Mutterkomplex 
energisch zu widerstreben. Dem bewußten Denken des Erwachsenen 
erscheint die Mutter gerne als Persönlichkeit von imantastbarer sittlicher 
2 (• 



394 Sigm. Freud. 

Reinlieit, und wenig anderes wirkt, wenn es von außen kommt, so be- 
leidigend, oder wird, wenn ea von innen aufsteigt, so peinigend empfunden 
wie ein Zweifel an diesem Charakter der Mutter. Gerade dieses Verhält- 
nis von schärfstem Gegensatze zwischen der ,, Mutter" und der „Dirne" 
wird uns aber anregen, die Entwicklungsgeschichte und das unbewußte 
Verhältnis dieser beiden Komplexe zu erforschen, wenn wir längst 
erfahren haben, daß im Unbewußten häufig in Eines zusammenfällt, 
was im Bewußten in zwei Gegensätze gespalten vorliegt. Die Unter- 
suchung führt uns dann in die Lebenszeit zurück, in welcher der Knabe 
zuerst eine vollständigere Kenntnis von den sexuellen Beziehungen 
zwischen den Erwachsenen gewinnt, etwa in die Jahre der Vorpubertät. 
Brutale Mitteilungen von unverhüllt herabsetzender und aufrührerischer 
Tendenz machen ihn da mit dem Geheimnis des Geschlechtslebens 
bekannt, zerstören die Autorität der Erwachsenen, die sich als un- 
vereinbar mit der Enthüllung ihrer Sexualbetätigung erweist. Was 
in diesen Eröffnimgen den stärksten Einfluß auf den Neueingeweihten 
nimmt, das ist deren Beziehung zu den eigenen Eltern. Dieselbe wird 
oft direkt von dem Hörer abgelehnt, etwa mit den Worten: Es ist 
möglich, daß deine Eltern und andere Leute so etwas miteinander tun, 
aber von meinen Eltern ist es ganz unmöglich. 

Als selten fehlendes Korollar zur ,, sexuellen Aufklärung" gewinnt 
der Knabe auch gleichzeitig die Kenntnis von der Existenz gewisser 
Frauen, die den geschlechtlichen Akt erwerbsmäßig ausüben und darum 
allgemein verachtet werden. Ihm selbst muß diese Verachtung ferne 
sein; er bringt für dieseUnglücklichen nur eine Mischung von Sehnsucht 
und Grausen auf, sobald er weiß, daß auch er von ihnen in das Ge- 
schlechtsleben eingeführt werden kann, welches ihm bisher als der 
ausschUeßhche Vorbehalt der ,, Großen" galt. Wenn er dann den 
Zweifel nicht mehr festhalten kann, der für seine Eltern eine Ausnahme 
von den häßlichen Normen der Geschlechtsbetätigung fordert, so sagt er 
sich mit zynischer Korrektheit, daß der Unterschied zwischen der Mutter 
und der Hure doch nicht so groß sei, daß sie im Grunde das nämliche 
tun. Die aufklärenden Mitteilungen haben nämlich die Erinnerungsspuren 
seiner frühinfantilen Eindrücke und Wünsche in ihm geweckt und 
von diesen aus gewisse seeUsche Regungen bei ihm wieder zar Ak- 
tivität gebracht. Er beginnt die Mutter selbst in dem neugewonnenen 
Sinne zu begehren und den Vater als Nebenbuhler, der diesem Wunsche 
im Wege steht, von Neuem zu hassen ; er gerät, wie wir sagen, unter 
die Herrschaft des Oedipuskomplexes. Er vergißt es der Mutter nicht 



Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens I. 395 

und betraclitet es im Lichte einer Untreue, daß sie die Gunst des 
sexuellen Verkehrs nicht ihm, sondern dem Vater geschenkt hat. Diese 
Regimgen haben, wenn sie nicht rasch vorüberziehen, keinen andern 
Ausweg, als sich in Phantasien auszuleben, welche die Sexualbetätigung 
der Mutter unter den mannigfachsten Verhältnissen zum Inhalte haben, 
deren Spannung auch besonders leicht zur Lösung im onanistischen 
Akte führt. Infolge des beständigen Zusammenwirkens der beiden 
treibenden Motive, der Begehrlichkeit und der Rachsucht, sind Phan- 
tasien von der Untreue der Mutter die bei weitem bevorzugten ; der 
Liebhaber, mit dem die Mutter die Untreue begeht, trägt fast immer 
die Züge des eigenen Ichs, richtiger gesagt, der eigenen, idealisierten, 
durch Altersreifung auf das Niveau des Vaters gehobenen Persönhch- 
keit. Was ich an anderer Stelle^) als „Familienroman" geschildert 
habe, umfaßt die vielfältigen Ausbildungen dieser Phantasietätigkeit 
und deren Verwebung mit verschiedenen egoistischen Interessen 
dieser Lebenszeit. Nach Einsicht in dieses Stück seelischer Entväcklung 
können wir es aber nicht mehr widerspruchsvoll und unbegreiflich 
finden, daß die Bedingung der Dirnenhaftigkeit des Geliebten sich direkt 
aus dem aiutterkomplex ableitet. Der von uns beschriebene Typus 
des männlichen Liebeslebens trägt die Spuren dieser Entwicklimgs- 
seschichte an sich und läßt sich einfach verstehen als Fixierung an die 
Pubertätsphantasien des Knaben, die späterhin den Ausweg in die 
Realität des Lebens doch noch gefunden haben. Es macht keine 
Schwierigkeiten anzunehmen, daß die eifrig geübte Onanie der Puber- 
tätsjahre ihren Beitrag zur Fixierung jener Phantasien geleistet hat. 
Mit diesen Phantasien, welche sich zur Beherrschimg des realen 
Liebeslebens aufgeschwungen haben, scheint die Tendenz, die GeUebte 
zu retten, nur in lockerer, oberflächlicher und durch bewußte Be- 
gründung erschöpf barer Verbindung zu stehen. Die Geliebte bringt 
sich durch ihre Neigung zur Unbeständigkeit und Untreue in Ge- 
fahren, also ist es begreiflich, daß der liebende sich bemüht, sie vor 
diesen Gefahren zu behüten, indem er ihre Tugend überwacht und ihren 
schlechten Neigimgen entgegenarbeitet. Indes zeigt das Studium der 
Deckerinnerungen, Phantasien imd nächtlichen Träume der Menschen, 
daß hier eine vortrefflich gelungene „Rationalisierung" eines unbewußten 
Motivs vorliegt, die einer gut geratenen sekimdären Bearbeitung 



1) 0. Rank, Der Mythus von der Geburt des Helden, 1909. Schriften zur 
angewandten Seelenkunde, Heft V. Fr. Deuticke, Wien. 



396 Sigm. Preud. 

im Traume gleichzusetzen ist. In Wirklichkeit hat das Rettungs- 
motiv seine eigene Bedeutung und Geschichte imd ist ein selbständiger 
Abkömmling des Mutter- oder, richtiger gesagt, des Elternkomplexes. 
Wenn das Kind hört, daß es sein Leben den Eltern verdankt, daß ihm 
die Mutter „das Leben geschenkt" hat, so vereinen sich bei ihm 
zärthche, mit großmannssüchtigen, nach Selbständigkeit ringenden 
Regungen, um den Wunsch entstehen zu lassen, den Eltern dieses 
Geschenk zurückzuerstatten, es ihnen durch ein gleichwertiges zu 
vergelten. Es ist, wie wenn der Trotz des Knaben sagen wollte: Ich 
brauche nichts vom Vater, ich will ihm alles zurückgeben, was ich ihn 
gekostet habe. Er bildet dann die Phantasie, den Vater aus einer 
Lebensgefahr zu retten, wodurch er mit ihm quitt wird, und diese 
Phantasie verschiebt sich häufig genug auf den Kaiser, König oder 
sonst einen großen Herrn und wird nach dieser Entstellung bewußt- 
seinsfähig und selbst für den Dichter verwertbar. In der Anwendung 
auf den Vater überwiegt bei weitem der trotzige Sinn der Rettungs- 
phantasie, der Mutter wendet sie meist ihre zärtUche Bedeutung zu. 
Die Mutter hat dem Kinde das Leben geschenkt, xmd es ist nicht leicht, 
dies eigenartige Geschenk durch etwas gleichwertiges zu ersetzen. 
Bei geringem Bedeutungswandel, wie er im Unbewußten erleichtert ist, — 
was man etwa dem bewußten Ineinanderfließen der Begriffe gleich- 
stellen kann — gewinnt das Retten der Mutter die Bedeutung von: 
ihr ein Kind schenken oder machen, natürlich ein Kind, wie man selbst 
ist. Die Entfernung vom ursprünglichen Sinn der Rettung ist keine allzu- 
große, der Bedeutungswandel kein willkürlicher. Die Mutter hat einem ein 
Leben geschenkt, das eigene, und man schenkt ihr dafür ein anderes 
Leben, das eines Kindes, das mit dem eigenen Selbst die größte Ähnhch- 
keit hat. Der Sohn erweist sich dankbar, indem er sich wünscht, von 
der Mutter einen Sohn zu haben, der ihm selbst gleich ist, d. h. in der 
Rettungsphantasie identifiziert er sich völlig mit dem Vater. Alle 
Triebe, die zärtlichen, dankbaren, lüsternen, trotzigen, selbstherrUchen, 
sind durch den einen Wunsch befriedigt, sein eigener Vater zu 
sein. Auch das Moment der Gefahr ist bei dem Bedeutungswandel 
nicht verloren gegangen ; der Geburtsakt selbst ist nämlich die Gefahr, 
aus der man durch die Anstrengung der Mutter gerettet wurde. Die 
Geburt ist ebenso die allererste Lebensgefahr wie das Vorbild aller 
späteren, vor denen wir Angst empfinden, und das Erleben der Geburt 
hat uns wahrscheinlich den AJfektausdruck, den wir Angst heißen, 
hinterlassen. Der Macduff der schottischen Sage, den seine Mutter 



Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens I. 397 

nicht geboren hatte, der aus seiner Mutter Leib geschnitten wurde, 
hat daruai auch die Angst nicht gekannt. 

Der alte Traumdeuter Artemidoros hatte sicherlich Recht mit 
der Behauptung, der Traum wandle seinen Sinn je nach der Peraon 
des Träumers. Nach den für den Ausdruck unbewußter Gedanten 
geltenden Gesetzen kann das ,, Retten" seine Bedeutung variieren, 
je nachdem es von einer Frau oder von einem Mann phantasiert wird. 
Es kann ebensowohl bedeuten : ein Kind machen = zur Geburt bringen 
(für den Mann) wie: selbst ein Kind gebären (für die Frau). 

Insbesondere in der Zusammensetzung mit dem Wasser lassen 
sich diese verschiedenen Bedeutungen des Rettens in Träumen und 
Phantasien deutlich erkennen. Wenn ein Mann im Traum eine Frau 
aus dem Wasser rettet, so heißt das : er macht sie zur Mutter, was nach 
den vorstehenden Erörterungen gleichsinnig ist dem Inhalte : er macht 
sie zu seiner Mutter. Wenn eine Frau einen anderen (ein Kind) aus 
dem Wasser rettet, so bekennt sie sich damit wie die Königstcxjhter 
in der Mosessage^) als seine Mutter, die ihn geboren hat. 

Gelegentlich enthält auch die auf den Vater gerichtete Rettunga- 
phantasie einen zärtlichen Sinn. Sie will dann den Wunsch ausdrücken, 
den Vater zum Sohne zu haben, d. h. einen Sohn zu haben, der so ist 
wie der Vater. Wegen all dieser Beziehxmgen des Rettungsmotivs 
zum Elternkomplexe bildet die Tendenz, die Geliebte zu retten, einen 
wesentlichen Zug des hier beschriebenen Liebestypus. 

Ich halte es nicht für notwendig, meine Arbeitsweise zu recht- 
fertigen, die hier wie bei der Aufstellung der Analerotik darauf 
hinausgeht, aus dem Beobachtungsmateriale zunächst extreme und 
scharf umschriebene Typen herauszuheben. Es gibt in beiden Fällen 
weit zahlreichere Individuen, in denen nur einzelne Züge dieses Typus, 
oder diese nur in unscharfer Ausprägung festzustellen sind, und es ist 
selbstverständlich, daß erst die Darlegmig des ganzen Zusammen- 
hanges, in den diese Typen aufgenommen sind, deren richtige Wür- 
digung ermöglicht. 

1) Rank 1. c. 



2 S^ 



Die Theorien der Organmiiiderwertigkelt 

und der Bisexualität in iliren Bezieiiungen 

zur Keurosenlelire. 



Von Gaston Rosenstein (Wien). 



Die so beträchtliclien Ergebnisse der psychoanalytischen For- 
schungen Freuds und seiner Schule, die u^s für die Erkenntnis der 
gesunden und kranken Psyche ganz neue Wege gezeigt haben, sind 
insbesondere für die Neurosentherapie so bedeutsam geworden, daß 
daneben die allgemeinen Fragen nach der Disposition zum abnormen 
Seelenleben etwas in den Hintergrund gerückt wurden. Schuld daran 
trugen wohl in erster Linie die unklaren und verschwommenen Begriffe 
der neuropathischen oder psychopathischen Degeneration, der kon- 
stitutionellen Schwäche des Zentralnervensystems usw., mit denen vor 
Fieud operiert wurde, um alle Erklärung nervöser und psychischer 
Erkrankung damit zu erschöpfen. Die Freudsche Neurosenätiologie, 
basierend auf Kämpfe sexueller Triebe mit verdrängenden Tendenzen 
des Ich^), bedeutete einen kolossalen Fortschritt im wissenschaftlichen 
Stande dieser Disziplin imd stellte gleichzeitig eine große Eea.ktion 
dar auf die vorangegangenen Theorien von bloßer „hereditärer Bela- 
lastung", die gerade durch diese Auffassungen das Eingeständnis thera- 
peutischer Unbeeinflußbarkeit enthalten mußten. Doch konnte damit 
das Problem nur als aufgeschoben betrachtet werden. Von zwei gänzlich 
verschiedenen Seiten ging nun der Versuch einer vertiefteren Auf- 
fassung der Frage nach den organischen Gründen und dieser Versuch 



') Siehe Freuds aämtliche Schriften. 



Die Theorien der Organminderwertigkeit und der Bisexualität usw. 399 

konnte nacli Jer Kenntnis der von Freud aufgedeckten psychischen 
Mechanismen mit weit größerem Erfolg unternommen werden. 

Die hier in Betracht kommenden Autoren sind Adler und Fließ, 
die beide von ganz verschiedenen Seiten und beide mit allgemeineren 
und weiteren biologischen Zielen dem Problem der Disposition zur 
Neurose begegneten^). Beide Forschungsrichtungen bezwecken etwas 
anderes und gehen nebeneinander. Um so interessanter ist die 
Beobachtung, daß sich in den scheinbar weit auseinanderge- 
henden Befunden — der durchgängigen Bisexualität alles Organischen 
(Fließ) und der Organmniderwertigkeit als Grundlage einer 
^bizahl von Lebenserscheinungen (Adler) — Gemeinsamkeiten auf- 
weisen lassen, die zu einer Einfügung in ein biologisches Ganzes 
berechtigen. 

Fließ geht von der Behauptung der bisexuellen Anlage jedes 
Menschen aus und zeigt Verschiebungen dieser ursprünglichen Mischung 
nach der gegen geschlechtigen Seite als ,, sexuelle Zwischenstufe" auf, 
die er als Entartungen charakterisiert; ja er will die Entartung überhaupt 
nur „in einem Verschobensein der männlichen und weiblichen Quan- 
titäten" erblicken (Fließ 1. c. S. 445). (Die zweite Hauptthese Fließ, 
der gesetzmäßige Auf- und Abbau des Lebens nach bestimmten bio- 
logiachen Grundwerten, kommt in diesem Zusammenhange nicht in 
Betracht). 

Dabei fällt auf, daß Fließ dem ,, Zwischenreich" eine Anzahl 
von Erkrankmigen zuschreibt, wie Diabetes, Hernien, Gicht, Hämor- 
rhoiden, ja auch Lungentuberkulose, Blinddarmentzündimg usw. 
Die ,, empirische Tatsache" wird von Fließ registriert, eine ätiologische 
Ableitung im Rahmen der Fließschen Auffassung erscheint nicht 
möglieh. 

Auf der andern Seite hat Adler der menschlichen Pathologie 
eine zusammenfassende Darstellung gegeben; dieselben Erkrankungen, 
die wir oben dem ,, Zwischenreich" zugeschrieben fanden, erscheinen 
in neuer Beleuchtung und auf die Grundlage von ,, Organminderwertig- 
keiten" gestellt, in Adlers Studie wieder. Die Ätiologie ist in an- 
geborenen Minderwertigkeiten einzelner oder mehrerer Organe gegeben. 
Die Minderwertigkeit selbst ist hereditär, es liegt ihr ein ,, fötaler Bil- 
dungsmangel" zugrunde (1. c. S. 9), dieser ist bedingt durch zu starke 



') Adler, Studie über Minderwertigkeit von Organen. Urban & Schwarzen- 
berg, 1907. — Fließ, Der Ablauf des Lebens. Deuticke, 1906. 



400 öaston Bosenstein. 

oder inadäquate Inanspruchnahme des Organs in der Aszendenz be- 
ziehungsweise durch Schädigung des Keimes infolge Lues oder Ver- 
giftungen der Eltern zur Zeit der Zeugung {1. c. S. 72). Die Krankheit 
selbst stellt das Resultat des Kampfes zwischen minderwertigen Organ- 
systemen und der Außenwelt dar. 

Diese beiden Ergebnisse führen zu gemeinsamen Schlüssen. 
Wenn organische Erkrankungen einerseits auf hereditär 
auftretenden Organminderwertigkeiten beruhen, ander- 
seits an die gleichzeitige Erscheinung stärker ausgeprägter 
gegengeschlechtiger Merkmale gebunden sind, so müssen 
die Tatsachen der Organminderwertigkeit und der se- 
xuellen Zwischenstufe überhaupt zusammengehören. 

Wir werden in diesen Schlüssen vielfach bestärkt. Zunächst nehmen 
wir vorweg, daß Adler auch den funktionellen Störungen, den Neurosen 
und Psychosen, unbeschadet der Richtigkeit ihrer ontogenetischen 
Entstehung nach Freud, dieselben disponierenden Ursachen zu- 
schreibt^). Und Fließ wiederum sieht im Hervortreten des Gegen- 
geschlechtigen das Wesen der neurotischen Angst (1. c. S. 509). Weiter- 
hin finden wir, daß Fließ, der als erster die Beziehungen zwischen 
linkshändigkeit und Künstlertum nachgewiesen hat, beide Phänomene 
in sein ,, Zwischenreich" verweist. Die Begabung des Künstlers leitet 
er davon ab, „daß ihm ein größerer Ausschriitt aus dem Psychischen 
benutzbar zur Verfügung steht", weil er „von beiden Psychen mehr 
fürs Bewußte verwendbar besitzt" (1. c. S. 470). 

Adler hingegen betrachtet von seinem Standpunkte aus die Be- 
gabung als das Resultat gelungener zentraler Kompensation und Über- 
kompensation, als die Äußerung des psychischen Überbaues ursprüng- 
lich minderwertiger Organe, denen er gerade vermöge ihres embryonalen 
Charakters eine postfötale stärkere Entwicklungs- und Kompensations- 
fähigkeit, sowohl ihrer selbst als auch ihrer korrespondierenden Nerven- 
bahnen zuschreibt. Es sei hier insbesondere auf die erläuterten Be- 
ziehimgen zwischen minderwertigen Gesichts- und Gehörsorganen 
einerseits, bedeutender Mal- imd Musikbegabung anderseits, hin- 
gewiesen (1. c. S. 65 bis 66). 

Unter diesen Gesichtspunkten werden viele Erscheinungen klar. 



^) Adler 1. c. S. 61 bis 72 und Adler, „Über neurotische Disposition" 
im Jahrbuche für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, 
I. Band, 2. Hälfte, Deuticke, 1909. 



Die Theorien der Organminderwertigkeit und der Biaexualität usw. 40 1 

Wir verstehen die häufige Verbindung von Kunst und Homosexualität, 
wir verstehen auch die Zeiten sogenannter Dekadenz, wie sie in ge- 
wissen Perioden bei den Völkern auftreten. Es sind die Zeiten mit 
stärker ausgeprägten Organminderwertigkeiteii und parallel gehender 
Verschiebung in der Relation der geschlechtigen Substanzen. Wir 
begreifen in diesen Epochen die plötzliche Häufung von Neurosen 
und Psychosen auf der einen Seite, das Hervortreten vielfacher künst- 
lerischer Begabungen auf der andern Seite, wir erkennen ihren Zu- 
sammenhang mit der vermehrten Zahl weibischer Männer und männ- 
licher Frauen, wir verstehen die Verbindung mit dem ästhetisierenden, 
passiven Charakter der Zeit (Überempfindhchkeit, Hemmung des 
Agressionstriebes, Adler). Ebenso gevnnnen wir das Verständnis für die 
sogenannte ,, Lasterhaftigkeit", das Gegenstück der Neurose (Per- 
versionen, insbesondere Homosexualität als gleichgeschlechtliche An- 
ziehung) und für ihr Handinhandgehen mit der verstärkten Zahl or- 
ganischer Erkrankimgen imd dem Auftauchen neuer Erkrankungs- 
formen. -U' 

Die Tatsache des Zusammenbestehens der~von beiden Forschern 
ausgegebenen Befunde kann somit nicht in Abrede gestellt werden; 
eine Vergleichung der umfangreichen Kasuistik in beiden Arbeiten 
wird diese Überzeugung noch verstärken. 

Für den Versuch einer Erklärung des dargestellten Sachverhaltes 
wollen wir zunächst eine Arbeit Haibans heranziehen, der wir manche 
wertvolle Hinweise nach dieser Richtung verdanken^). 

Halban tritt der i\jischa\iung entgegen, nach der die Keim- 
drüsen aus indifferenten Anlagen sekundäre Geschlechtsmerkmale 
hervorbringen und spricht ihnen nur einen ,, protektiven" entwicklungs- 
befördernden Reiz zu, während die ganze Anlage (sowohl die primären 
als die sogenannten sekundären und psychischen Geschlechtsmerk- 
male) schon im Keime enthalten ist. Der einmalige Geschlechtsimpuls, 
dessen Herkunft uns unbekannt ist, bewirkt die Entstehung aller dem 
betreffenden Geschlechte zugehörigen Attribute, nur die Zeit bis zur 
völligen Ausbildung ist für die verschiedenen Organe eine verschiedene. 
Der Hermaphroditismus (dessen Begriff Halban nicht auf den Ge- 
schlechtsapparat beschränkt, sondern auf alle sogenannten sekundären 
und auf die psychischen Geschlechtsmerkmale ausdehnt) ist nach ihm 



^) Halban, Die Entstehung der Geschlechtscharaktere. Archiv für Gynä- 
kologie, 1903, Band 70. 



402 Graston ßosenstein, 

eine Störung des normalen Geschehens, nach der nicht ein einziger, 
sondern ein doppelter Geschlechtsimpuls das Schicksal der fötalen 
und posterabryonalen Entwicklung bestimmt. Von hier bis Fließ 
mit seiner durchgängigen Bisexualität, somit dem stets vorhandenen 
,, doppelten Geschlechtaimpula" ist nur ein Schritt: der Fortschritt 
durch Fließ ist die Annahme nicht bloß sexueller Oigane, beziehungs- 
weise sexueller Charaktere, sondern direkt von männlicher und weib- 
licher Substanz. 

Die Hermaphroditen sind nach Ilalban Degen erationaprodukte. 
Unter verschiedenen Hypothesen für deren Entstehmig führt Halban 
die Möghchkeit an, daß z, B. ein Spermatozoon, mit geringerer Energie 
ausgestattet, die weibHche Tendenz des Eies nicht ganz zu unterdrücken 
vermag und somit der männliche Gliarakter nicht vollständig zum 
Durchbruche kommt. An diese Hypothese reiht sich unmittelbar die 
Organminderwertigkeitstheorie an. ,,Das minderwertige Organ trägt 
in Morphologie und Funktion den embryonalen Charakter an sich" 
(Adler 1. c. S. 72). Verzeichnen wir noch die Tatsache, daß Adler 
meistens mehrfache Organminderwertigkeiten feststellt und für diese 
das gleichzeitige Vorhandensein einer Minderwertigkeit des Sexual- 
apparates postuliert, so ergibt sich der Schluß vo:i selbst, daß der 
Hermaphrodit (in Haibans erweiterter Bedeutung) oder ,,die sexuelle 
Zwischenstufe" nach Fließ ein Individuum darstellt, in dessen ganzer 
Anlage die embryonale Entwicklung nicht ihr normales 
Ende erreichte, der somit mit mehrfachen minderwertigen, also 
embryonalen Organen behaftet ist. Denn wir müssen uns vor- 
stellen, daß im normalen, unbeschädigten Keime, der ja auch 
aus der Vereinigung von männlicher und weiblicher Zelle 
hervorgeht, zufolge einer uns bisher zur Gänze unbekannten 
geschlechtsbestimmenden Ursache, es einem Geschlechts- 
impulse gelingen muß, den entgegengesetzten beinahe 
zu überwinden. W^ie dies vor sich geht, entzieht sich bisher 
gänzlich unserer Erfahrung. Wenn infolge der Ursachen, 
die Adler für die Minderwertigkeit verantwortlich 
macht, sich ein ,, fötaler Bildungsmangel" ergibt, so wird 
diese Normale Entwicklung gehemmt, das gegen- 
geschlechtige Moment wird nicht genügend unter- 
drückt und die Organe bewahren gleichzeitig den 
embryonalen Charakter, der sie zu minderwertigen Or- 
ganen stempelt; die Vollendung ihrer Entwicklung kann nur 



Die Theorien der Orp-anminderwertigkeit und dar ßisexualität usw. 403 

unter günstigen Bedingungen, durch Kompensation, also postem- 
bryonales Wachstum si' h vollziehen. 

Wie weitgehend die Übereinstimmungen sind, erhellt auch daraus, 
daßz. B. die Hypospadie nach r ließ einer Verschiebung der Geschlechts- 
ßubstanzen ihre Entstehung verdankt, nach Halban „ein Effekt beider 
Impulse auf die Anlage des äußeien Genitales" ist, während sie Adler 
in den Komplex der Minderwertigkeitserscheinungen einreiht und 
ihr Auftreten neben anderen gleichwertigen Symptomen in der Aszendenz 
nachweist. Die Heredität wird auch im ,, Zwischenreich" von Fließ 
anerkannt. In diesem Zusammenhange sei eine weitere Hypothese 
eingefügt, die vielleicht geeignet ist, die Verbindung mit der Biologie 
zu befestigen. Kiernan, bei Besprechung der konträren Sexualemp- 
findung, die er dem Begriffe des Hermaphroditisnius miterzuordnen 
sucht, nimmt an, daß bei belasteten Individuen Rückschläge in frühe 
hermaphroditische Formen des Tierreiches, wenigstens funktionell, 
eintreten können. Diese Aiideuturg ermöglicht die Anwendung des 
biogenetischen Grundgesetzes. Die Frucht, die die Phylogenese in der 
Ontogenese zu wiederholen hat, kann infolge ,, fötalen Bildungsmangels" 
die höchste annähernd monosexuale Stufe der Entwicklung rächt er- 
reichen und damit verbunden ist der ganze embryonale Charakter 
einzehier oder der meisten ihrer Organe. Daß es sich aber hier 
nicht um Belastung oder Degeneration schlechthin handelt, sondern 
vielmehr um ,, Regeneration", um den Versuch der Natur, die 
Schädigungen des Organismus in der Aszendenz durch die den 
embrj'onalen Organeii Innewohnende größere Wachstumstendenz 
und Variabilität und durch ihre bessere Anpassungsfähigkeit an 
geänderte Bedingungen auszugleichen, hat Adler ausdrücklich 
betont (1. c. S. 72 bis 75). Dies ist auch der allgemein-biologische 
Gewinn seiner Betrachtungen. 

Es ist bekannt, daß die Gesichtspunkte der BisexuaUtät zur Er- 
klärung der Inversion vielfach herangezogen v/urden. Halban, von 
seinem Standpunkte aus, sagt darüber (1. c. S. 292): ,,In der Regel ist 
die sexuelle Psyche in demselben Sinne angelegt väe die übrigen 

sexuellen Merkmale d. h. ein Ovulum bekommt durch irgend 

einen unbekannten geschlechthchen Impuls einen männUchen, ein 
anderes Ovulum einen weiblichen Charakter. Dann sind siimtliche 
Sexualorgane im weitesten Sinne des Wortes demselben Geschlechte 
entsprechend angelegt, also auch die psychische Anlage be- 
ziehungsweise die derselben entsprechende Hirnpartie. 



404 Gaston Eosenstein. 

Nun können aber, wie wir schon gesehen haben, auch Störungen dieses 
normalen Impulses vorkommen, dann entstehen Hermaphroditen." 
(Hermaphroditen im weitesten Sinne des Wortes.) ,, Ebenso wie ein 
Individuum mit Hoden einen Uterus haben kann, ebenso kann es auch 
eine weibliche Psyche haben und derartige Beobachtungen sind vielfach 
bekannt." 

Wir haben nur neu hinzu gelernt, daß kein prinzipieller Unter- 
schied zwischen der Regel und dem Hermaphroditen besteht, sondern 
nur fließender Übergang; der geschlechtliche Impuls muß erst den 
entgegengesetzten überwinden und dies geschieht mit bald größerem, 
bald geringerem Erfolge. 

Auf ganz anderen Bahnen bewegt sich die psychoanalytische 
Erforschung des Ursprunges konträrer Sexualempfindungen. 

Ihrem therapeutischen Interesse entsprechend mxißte sie in der 
Erkenntnis der erworbenen Momente ihr Hauptziel erblicken. Freud 
nimmt eine mehr indifferente Geschlechtsrichtung (Libido) an, die an 
das Objekt nicht ao fest gelötet ist, wie gemeinhin behauptet wird, 
so daß die Objektfindung durch infantile Erlebnisse, Fixierimg usw. 
mehrfachen Gefahren begegnef^). 

Nach Adler sind es Minderwertigkeitsgefühle, Bewußtsein der 
eigenen Schwäche des Kindes, insbesondere dem Vater gegenüber, 
falsche Wertungen in der Frage des Unterschiedes der Geschlechter 
mid irreführende Sexualtheorien, sowie Organ empfindungen in der 
Anal- und Mundzone, die alle im Knaben ein Gefühl der Weiblichkeit 
hervorbringen, das sich später in der manifesten Homosexualität 
fixiert oder in der Neurose einer nicht vollkommenen Verdrängung 
unterliegt*). 

In allen Fällen werden von psychoanalytischer Seite, wenn auch 
mit Vorbehalt, ontogenetische Momente herangezogen. Aber ohne die 
Annahme einer disponierenden Anlage zur gleichgeschlecht- 
lichen Anziehung kann keine Erklärung bei aller Richtigkeit 
ihrer sonstigen Schlußfolgerungen bis zum Grunde befriedigend 
ausfallen. 

Wenn man auch über die sonstigen Unterschiede der Geschlechter- 
psychen nichts endgültiges aussagen kann, so muß es doch als fest- 



^) Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Deuticke, 1905. 
«) In „Fortschritte der Medizin", Nr. 16, 1910. 



Die Theorien der Organminderwertigfkeit und der Bisexualität uaw. 405 

stellend angesehen werden, daß die Verschiedenheit dei durch den Sexual- 
trieb intendierten Ziele bei beiden Geschlechtem und die Verschieden- 
heit der ihnen bei dem Geschlechtsakte zufallenden Rollen auch eine 
Differenz in der psychischen Anlage mitbedingen ; die Passivitäts- 
und Aktivitätsgefühle der weibhchen und männlichen Psyche müssen 
irgendwie darin vorgebildet sein. Dabei mag es gleichgültig sein, ob 
wir uns ein eigenes sexuelles Zentrum lokahsiert denken dürfen oder 
nicht. Ein angeborenes Beisammensein beider Psychen muß daher bei 
der Inversion vermutet werden und die obige Auffassung Halb ans, 
beziehungsweise die Konzeption der sexuellen Zwischenstufe durch 
Fließ kommt dieser Ansicht entgegen. Selbst Sadger, der als erster 
die Möglichkeit einer Dauerheilung der Inversion durch das psycho- 
analytische Verfahren Freuds bejaht^), gibt zu, daß auch die Psycho- 
analyse, wenn sie auch am weitesten das Problem dem Verständnisse 
nahebrachte, die volle Aufklärung nicht geben konnte. Er sagt bei 
Besprechung eines Falles von geheilter Inversion*): „Die Fixierung 
der männlichen Liebe entstand durch Verdrängung des heterosexuellen 
Empfindens, wie umgekehrt bei jedem Normalgeschlechtlichen die 

Unterdrückung des Homosexuellen Voraussetzung ist Die letzten 

entscheidenden Gründe jedoch, warum es zur Verdrängung in der einen 
oder andern Richtung kommt, sind konstitutionell organischer Art 
und vöUiges Rätsel". 

Doch auch die Feststellung einer bisexuellen Veranlagung aller 
Menschen scheint nicht zu genügen. Es muß vielmehr eine das normale 
Maß überschreitende Gegen geschlechtigkeit vorausgesetzt werden und 
diese ist beim Kinde häufiger als beim Erwachsenen. Darauf weist auch 
Fließ hin und Adler schreibt den Kinderfehlem, die eine fimktionelle 
Minderwertigkeit gewisser Organe vorstellen, große ätiologische Be- 
deutimg für die spätere Neurose zu. Auch hier erkennen wir 
wieder die Notwendigkeit einer Beweisfühnmg von beiden Seiten. 
Denn die Kinderfehler betreffen ja nach den obigen Ausführungen 
nur Kinder, die dem ,, Zwischenreich" angehören. „Linkshändigkeit" 
und „Lüikigkeit" z. B. werden von Adler und Fließ gleichmäßig 
beobachtet. 



1) Dr. J. Sadger, Ist die konträre Sexualempfindung heilbar? Zeit- 
sclirift für Sexualwissenschaften, Heft 12, 1908. 

') Sadger, Zur Ätiologie der konträren Sexualempfindung. „Medizinische 
Klinik", 1909, Nr. 2. 

Jahrbucli für psyohoanalyl. u, psyc^opathol. Forsohungen. II. 27 



406 Gaston Rosenstein. 

Hier ergeben sich nun einige wichtige Fragen. Es wurde kon- 
statiert und der Zwisohenatufentheorie entgegengehalten, daß z. B. 
auch männliche Männer Invertierte seien. Inwieweit eine genauere 
Untersuchung diese Feststellung zurecht bestehen üeße, kann natürlich 
hier nicht erörtert werden. Aber wir erinnern uns, daß die Grundlage 
zur Neurose oder zur Perversion in der kindlichen Psyche zu suchen ist. 
(Freud 1. c). Die Organminderwertigkeit erfährt aber unter günstigen 
Bedingungen im Laufe des Wachstums eine Kompensation oder Über- 
kompensation, die jene Organe zu vollwertigen, ja überwertigen ge- 
staltet. Die gehemmte embryonale Entwicklung wird hierbei 
postembryonal nachgeholt; für die einzelnen Organe und ihre 
übergeordneten zentralen Stellen ist dies durch Adler sichergestellt, 
nach allem Vorhergehenden liegt aber die Vermutung nicht ferne, 
daß diese Kompensation durch nachträgliche Entwicklung sich au! 
den ganzen Organismus beziehen kann imd die Tendenz nach der 
monosexuellen Form aufweist. Es wäre dies die Tendenz zur Erreichung 
der physischen Vollwertigkeit auch in diesem Belange. Selbstredend 
kann hier monosexuell nur ein Grenzbegriff sein, ein gewisses Quantum 
an Gegengeschlechtigkeit scheint für organisches Wachstum überhaupt 
unentbehrlich zu sein. 

Der hohe Grad von Gegengeschlechtigkeit 'im Kindesalter aber 
ist die organische Anlage, welche der „Fixierbarkeit" (Freud 1. c.) 
zugrunde liegt; ob dann eine „Fixierung" erfolgt, wird durch akziden- 
telle Momente gegeben. Die Erforschung dieser und der Ursachen 
späterer Verdrängungen bleibt der psychoanalytischen Arbeit vor- 
behalten. Dabei soll nicht übersehen werden, daß gerade an dieser Stelle 
die Fragen auftauchen, inwieweit bei den Neurosen und Perversionen 
infantile Komponenten und Fixierungen an sich fortwirken oder 
inwieweit sie durch rezente Quellen genährt werden, Fragen der 
Dynamik in der Psychoanalytik, deren Lösung hier keineswegs versucht 

werden soll. 

Überblicken wir kurz die Entwicklung der Neurosenätiologie 
seit Bestand der kathartischen und späteren psychoanal3rtischen Me- 
thode. Sie geht von dem traumatischen Erlebnisse und der Anlage zu 
hypnoiden Bewußtseinszuständen (Breuer und Freud) über zu dem 
ausschließlich sexuellen und infantilen Trauma und endlich zur se- 
xuellen Konstitution Freuds (1. c). 

Die Libido besteht nach Freud aus Partialtrieben, die sich alle 
in der Kindheit vorfinden (der Mensch ist seiner Anlage nach polymorph 



Die Theorien der Organmindervrei Lij.keit und der Bisexualität usw. 407 

pervers), die einzelnen Komponenten münden bei ungestörter Ent- 
wicklung in die normale Sexualität. Bei der sexuellen Konstitution 
finden sich einzelne Komponenten mit angeborener Verstärkung, das 
Kind weist eine sexuelle Frühreife auf, die die Fixierbarkeit perverser 
Triebe zuläßt. Wird die normalgeschlechtliche Libido infolge psychischer 
Konflikte gehemmt, also das Hauptbett verlegt, so werden die „kolla- 
teralen Wege" besetzt, die Verdrängung dieser derart verstärkten 
Perversionstendenzen ruft ein Symptom hervor. ,,Die Neurose ist das 
Negativ der Perversion. "^) Insoweit für die Neurose die Verdrängung 
der homosexuellen Komponenten in Betracht kommt, gilt mutatis 
mutandis alles bei der Inversion gesagte. Die Brücken zur neurotischen 
Disposition aber sind aus allem Vorhergehenden schon gegeben. Für die 
sexuelle Konstitution hat Adler geltend gemacht, daß sie mit dem 
Zustande mehrfacher Organminderwertigkeiten beim Kinde überein- 
stimmt. Die sogenannten erogenen Zonen Freuds und die sexuelle 
Frühreife decken sich mit den minderwertigen „auf primären Lust- 
gewinn ausgehenden" Organen mit ihrer „verstärkten Triebintensität 
und Extensität"'). Damit wurde dei Weg zur neurotischenDisposition 
und in die Biologie wiedergefunden, parallel damit ergibt sich nun 
die Notwendigkeit, auch die Bisexualität in denselben Zusammen- 
hang einzubeziehen, ja die Verschiebung in den geschlechtigen Sub- 
stanzen als stete Begleiterscheinung der Organminderwertigkeiten, 
somit der zur Neurose Disponierten (wenigstens in der Kindheit) anzu- 
sehen. Und beide koordinierte Faktoren kommen als dis- 
ponierende Momente in Betracht. 

Es ergeben sich aber auch weitere Folgerungen. Wenn zwei For- 
schungsrichtungen, die ganz unabhängig voneinander, von differenten 
Gesichtspunkten ausgehend und nach verschiedenen Richtungen 
hinzielend, in ihren resultierenden Ergebnissen derartige sind, daß sie 
in einer und derselben Arbeit, der Neurosenlehre Freuds zusammen- 
treffen, der sie ihre biologische Fundierung geben, so tragen sie auch 
gegenseitig zur Erhärtung ihrer eigenen Wahrheit bei und bestärken 
gemeinsam die durch Freud gewonnenen Erkenntnisse des psy- 
chischen Aufbaues neurotischer Symptome. 

Die Beziehungen zwischen Organminderwertigkeit und Neurose 
hat Adler selbst sehr ausführlich dargetan; der zweite disponierende 
Faktor wird dieselbe Bedeutung verlangen und damit muß eine bessere 

') Adler, Über neurotische Disposition I. c. 
-) Freud, 1. c. 

27* 



408 Gaston ßosenstein. 

Verwertung der gegengeschlechtigen Phantasien in der Psychoanalyse 
platzgreifen. 

Vielleicht können diese Auseinandersetzungen zu weiteren ver- 
gleichenden Studien auf medizinischem, biologischem und psycho- 
analytischem Gebiete anregen. Jedenfalls bezwecken sie eine Synthese : 
die großartige psychologische und therapeutische Leistung Freuds 
einzugUedem in einen biologischen Zusammenhang, der uns durch 
die bedeutungsvollen Arbeiten Adlers und Fließ' gegeben schien. 



über TJrethralerotik. 

Von Dr. J. Sadger, Nervenarzt in Wien. 



Kein, einziger Punkt der Freudschen Sexualtheorie hat derart 
erbitterten, fast persönlich gefärbten Widerspruch gefunden, als die 
von ihm festgelegte Tatsache, daß der Analregion eine erogene Be- 
deutung zukomme. Obwohl die einfachste Überlegung einem jeden 
hätte sagen müssen, daß die Paederastie so alt wie das Menschen- 
geschlecht überhaupt sei und bekanntHch bei den Griechen als förmliche 
soziale Einrichtung bestand, so haben doch die persönlichen Komplexe, 
welchen kein SterbHcher sich entzieht, hier stets am mächtigsten 
eingesetzt. Ärzte, die für jeden, der nicht geflissentlich die Augen 
verschloß, ganz deutlich die Zeichen noch sehr lebendiger Analerotik 
aufwiesen, machten sich über die Angabe lustig, daß sich Kinder an- 
gebhoh den Stuhl aufheben, um den Lustnebengewinn bei der Defä- 
kation nicht verlieren zu müssen. Und als ich selber auf Grund meiner 
psychoanalytischen Erfahrungen Freuds Studien über Aiialerotik 
und Analcharakter in einigen Punkten zu ergänzen versuchte, fand ich 
derart vehemente Gegnerschaft, daß sie durch den einfachen nackten 
Widerspruch gegen meine aufgestellten Behauptungen absolut nicht 
zu erklären war. AU diese Erscheinungen werden nur verständHch, 
wenn man bedenkt, daß die Aftererotik unter allen Sexualbetatigungen 
des Kindes die verbreitetste ist, in den meisten Fällen die stärkstbetonte, 
welche gar nicht selten das ganze Leben hindurch noch fortwährt, 
oder aber mit dem allergrößten Aufwände und einer Wut, die sichtlich 
unterdrückter Libido entspringt, in den tiefsten Orkiis des Unbewußten 
hinunterverbannt wird. 

Bei meinen Studien fiel mir bald auf, daß sehr viele Menschen 
neben dieser Analerotik eine zweite ebenso starke, ja in manchen Fällen 
2 7 



410 J. Sadger. 

noch erheblich mächtigere Erotik besitzen, die sich vornehmlich auf 
den distalen Harnapparat bezieht, sowie die dort ausgeschiedenen 
Produkte \md zum Teil bereits in der aUerfrühesten Kindheit sich kund- 
gibt. Diese „Urethralerotik", wie ich sie vorläufig unpräjudizierlich 
betiteln möchte, ist in einein sehr weiten Sinne zu nehmen. Sowie sich 
bekanntlich die Analerotik keineswegs auf den After beschränkt, 
sondern außen bis an die Nates reicht, nach innen jedoch auch die 
Fäzes und Darmgase mitumfaßt, so begreife ich unter Urethralerotik 
nicht etwa jene der Urethra und des Harnes allein, sondern neben dieser 
zunächst auch noch die Erogenität des gesamten peripheren Harn- 
apparatea von der Blase bis zum Orificium externum urethrae. Von der 
Pubertät ab oder kurz vorher wird diese Urethralerotik i) nicht selten 
vorbildlich für das ganze spätere Sexualleben. Daß sie zu diesem in 
besonders naher Beziehung steht, begreift sich sofort, auch wenn beider 
Produkte von den Patienten nicht regelmäßig psychisch gleichgesetzt 
würden. Verläuft doch im ganzen peripheren Teil der Harn- und Ge- 
schlechtsapparat beim Mann in der gleichen Bahn, der Urethra nämlich, 
und ist doch die sogenannte „Neurasthenia sexualis" abgesehen von den 
hysterischen imd hypochondrischen Phänomenen im Grunde noch mehr 
eine Störung der Harn- als der Geschlechtsfunktionen. Daß der peri- 
phere Hamapparat zu einer Lustzone vorbestimmt ist, erklärt sich 
für das männhche Geschlecht schon durch das Vorhandensein der 
Corpora cavernosa urethrae, also durchaus typischer Wollustorgane, 
dann ferner bei beiden Geschlechtem aus der Bespülung der peri- 
pheren Genitalien durch den Urin. 

Man versteht ohne weiteres, daß sich die infantile Erotik abge- 
sehen vom Ludein hauptsächlich an die Anakegion sowie den peripheren 
Hamapparat heftet. Ist ja doch eine geregelte Entleerung der Abfall- 
produkte die wichtigste Forderxmg, welche auch an die AUerkleinsten ge- 
stellt wird, und bis in relativ späte Zeit ihre einzige Leistung. Alles andere 
wird ihnen höchstens ganz spielend beigebracht, in jener Regelung der 
natürlichen Funktionen aber tritt zum ersten Male und gleich gebieterisch 
die Notwendigkeit des Lebens sie an, hier beginnt die Pflicht imd das 
harte Muß. Und nirgends vermag auf der andern Seite der Wider- 



') Ich bin mir sehr wohl bewußt, daß die Bezeichnung „Urethralerotik'' 
die Sache nicht ausschöpft, ebensowenig wie die „Analerotik". Trotzdem 
betitle ich sie faute de mieux und de potiori mit diesem Namen oder auch 
gelegentlich mit dem Synonymum „Harnerotik" von dem meisterogenen 
Sekrete her. 



über Urethralerotik. 411 

stand des Kindes so wirksam und nachdrücklich einzusetzen, als eben 
in der Verweigerung jener natürlichen Pflichten. 

•; In der Regel gelingt es, Kinder noch vor Ende des ersten Jahres 
oder höchstens im zweiten zimmerrein zu machen^). Sie beginnen 
vorerst die Nächte ruhig durchzuschlafen, ohne ihr Lager mehr zu be- 
schmutzen, und allmählich auch bei Tag rechtzeitig auf den Topf zu 
verlangen, wenn auch zwischendurch gelegentliche EückfäUe vor- 
kommen. Normale, vollsinnige Kinder aber, die bis ins 3. Jahr, eventuell 
noch länger nicht zur Zimmerreinheit zu dressieren sind, werden aller- 
meist starke Urethralerotiker, eventuell auch noch analerotisch sein. 
Nur so erklärt sich, daß jene im übrigen meist ganz besonders geweckten 
Kleinen just in diesem Punkte so schwer zu erziehen sind. 

Was an ihnen oft schon in der allerersten Lebenszeit auffällt, 
ist einmal die Häufigkeit der Harnentleerung, die PoUakurie, nicht 
selten auch mit wirklicher Polyurie vergesellschaftet, sodann Symptome, 
welche darauf hinweisen, daß die Miktion als solche und deren Produkt 
ganz ungewöhnlich lustvoll empfunden werden. Die Eltern kommen 
nicht selten spontan mit der lebhaften Klage, ihre Kleinen müßten 
so häufig pissen oder, etwas später, sie verlangten alleweile auf den 
Topf, man müsse rein hinter ihnen stets her sein. Es gemahne beinahe 
an die Hunde, die für jeden Eckstein und jeden Laternen pfähl Wasser 
zum Begießen in Bereitschaft hätten. 

Diese Häufigkeit des Harndranges, die sieb manchmal fast bis 
zur Inkontinenz steigert imd nicht selten auch in spätere Jahre fort- 
setzt, eventuell nach einer Latenzperiode von neuem aufflackert, 
stellt die Erziehung zur Sauberkeit vor eine mühsame Aufgabe. Solchen 
Kindern gewährt die Entleerung der Blase an sich eine besondere Lust — 
man erkennt dies häufig an dem wie blöden, halb geistesabwesenden 
Gesiehtsausd rucke, welcher einzig dem Orgasmus eigen — und ebenso 
meist die Bespülung des eigenen Körpers mit Urin, was später auf 
andere geliebte Personen übertragen wird. Daß die Miktion erogen 
zu wirken imstande ist, wissen wir alle, die wir gelegentlich aus äußeren 
Gründen den Harn recht lange zurückzuhalten bemüßigt waren, sobald 
wir dann endlich die Blase zu entleeren vermochten. Ein Gleiches 
gilt für die Defäkation unter denselben Umständen. In beiden Fällen 



1) Mindestens gilt dies für die sorgfältig erzogenen Kinder guter 
Familien. In Proletarierkreisen freilich verschiebt sich diese Grenze oft weit 
nach oben. 



412 J. Sadger. 

haben, wir ein ausgesprochenes Wollustgefühl, das aber keineswegs 
bloß Befreiung von einer Unlustempfindung ist. Für urethralerotische 
Kinder jedoch scheint von Haus aus das Harnen als solches erogen 
zu wirken, auch wenn keine großen Quantitäten vorhanden^). Darum 
geben manche Kinder Urin und Kot ausschließUch in dosi refracta 
her, d. h. in wiederholten kleinen Portionen, ganz wie die Hunde, um 
den großen Genuß so möglichst oft auskosten zu können. Einer von 
meinen Urethralerotikern erinnerte sich bestimmt, daß er in den Kinder- 
jahren die Miktion wiederholt zu unterbrechen liebte. Es tat ihm 
zwar häufig weh, wenn er plötzlich aufhörte und ebenso beim Wieder- 
beginne, daneben aber schuf es ihm doch ein starkes Vergnügen. ,,Wenn 
man. den Harn sehr lange zurückhält und dann erst losläßt, hat man 
eine Art Schmerz, die zugleich Lust ist." Kinder mit dieser Gepflogen- 
heit — und ihre Zahl ist nicht gering — nehmen aus ihr für die späteren 
Jahre den starken Impuls mit, die Ejakulation beim Koitus wie in 
masturbatione zur Verlängerung der Lust wiederholt zu unterbrechen. 

Endlich stellt auch die Bespülung des eigenen Körpers mit Urin 
aus später zu besprechenden Gründen eine Extralust dar, die sich 
solche Kinder trotz aller Drohiingen und grimmigster Schläge oft die 
längste Zeit nicht abgewöhnen lassen. Das ist einer der Gründe, weshalb 
sich die Kleinen auf den Topf zu gehen sträuben, ja, nicht selten trotz 
wenig gefüllter Blase geschwind noch vorher in die Kleider nässen, 
trotzdem sie wohl wissen, daß Prügel darauf stehen, bloß um jenes 
Lustgefühl nicht zu verlieren. Einer meiner Patienten wieder liebte, 
sich in die Hand zu pissen, ja, tut es bis zum heutigen Tage. „Ich habe 
ein gewisses Lustgefühl", erklärt er bestimmt, ,,wenn die warme 
Flüssigkeit auf die Hand kommt. Ich wül mir die Hände auch gar nicht 
waschen, sondern esse mit ihnen, trotzdem sie beschmutzt sind, was 
nachher den Gedanken erzeugt, ich habe Urin in mir, und Sodbrennen 
verursacht^)." 



') Man kann die Regel aufstellen: Enuresis über die physiologische Zeit- 
grenze hinaus kommt nur dort zustande, wo das Lustgefühl bei der Harnent- 
leerung wesentlich erhöht ist. Nur ist die Enurese nicht etwa die Folge dieses 
Lustgefühles, sondern beides gleichwertige Phänomene der Harnerotik. 

') Erklärung hierfür ist die kindliche Vorstellung, der Vater uriniert beim 
Koitus die Mutter an (deren Part er da selber spielt, zugleich mit der Rolle des 
pissenden Vaters), sie nehme seinen Urin auf und bekomme ein Kind. Die Mutter 
klagte in der Schwangerschaft regelmäßig über Sodbrennen, das erste Mal schon 
in dem 3. Lebensjahre dieses Patienten. 



über Urethralerotik. 413 

Nun zu einer zweiten nicht minder bedeutungsvollen Seite der 
Urethralerotik, der abnorm frühen Reizbarkeit der Corpora cavernosa 
urethrae durch den zurückgehaltenen Harn, die nicht selten sogar 
schon bei Säuglingen auftritt und in den letzten Konsequenzen zum 
geraden Gegenteil des Dranges führt, zur Retention. Auch hier» sei 
wieder an eine allgemein bekannte Erscheinung der Erwachsenen an- 
geknüpft. Wir wissen insgesamt, daß einer notgedrungenen Urinzurück- 
haltung eine gewisse sexuelle Erregung und Erektion folgt, wie z. B. 
in der morgendlichen Wassersteife. D. h. die nachtsüber stark gefüllte 
Blase wirkt reizend auf die nervi erigentes, was dann Morgenerektionen 
hervorruft, für wenig Potente und männliche Urninge oft die einzige 
Möglichkeit, ihren ehelichen Pflichten nachzukommen. Wer nun darauf 
merkt, kann die Wahrnehmung machen, daß nicht wenige SäugUnge, 
noch häufiger etwas ältere Knaben bei Harnretention eine deutHche 
Steifung des Gliedes bekommen. Ja, bald lernen es die Kinder, sich 
geflissentlich zurückzuhalten, um solche Erektionen und die damit 
verbundenen Lustgefühle zu provozieren, eventuell noch obendrein, 
was wieder zu neuer Lustquelle wird, die Mutter zu reizen, ihr Membrum 
nachhelfend anzupacken. Daß dann die Gliedsteif ung der Miktion im 
Wege steht, darf ich wohl als bekannt voraussetzen. Es ist gar nicht 
selten, daß Kinder im zweiten und dritten Lebensjahre, ja mitunter 
selbst später, diesen ganzen Circulus vitiosus systematisch durch- 
führen : Erst halten sie den Harn vorsätzlich zurück, dann folgt Erektion 
unter Nachhilfe der Mutter, vor der sie sich obendrein mit ihrem nun 
großgewordenen Glied produzieren. Jetzt ist die Urinsperre tatsächlich 
da, bis endlich imter vielem Zureden, eventuell auch Drohungen oder 
gar Schlägen sowie verschiedener manueller Nachhilfe die Entleerung 
gelingt. 

Ich werde im späteren einen derartigen Fall ausführlich berichten. 
Hier will ich bloß von einem Jimgen erzählen, der schon als Säugling 
und bis zum heutigen Tage (er ist jetzt gerade vier Jahre voll) eine 
überaus starke Analerotik aufwies nebst einer etwas schwächeren 
Urethralerotik, eine Kombination, die recht häufig scheint. Mit drei 
Jahren nun ward er von seiner Tante, bei der er eine Zeitlang zu Gast 
war, beobachtet, wie er mit starkem Urindrang im Zimmer herumlief, 
beständig von einem Bein auf das andere hüpfend oder die Schenkel 
zusammenklemmend, während er ein andermal mitten im Hertimtollen 
sich ruhig auf sein Stühlchen setzte, um auf diese Weise sein Wasser 
länger zurückhalten zu können. Hielt man ihm dann vor: „Du hast 
2 7 * 



414 J. Sadger. 

Not, du mußt hinaus!" so wollte er nicht gehen, sondern mußte ge- 
waltsam hinausgetragen werden. Dagegen ist es ihm oft gelungen, 
sein Güed zur Erektion zu bringen, wenn ihn die Mutter zum Urinieren 
hinstellte. 

Genau wie bei der Defakation reservieren harnerotische Kinder 
auch diese Entleerungen dem eigenen Beheben. Der Befehl, die Drohun- 
gen, ja selbst Schläge der Eltern fruchten oft nichts, es entwickelt sich 
ein förmUcher Negativismus, wie später bei der Dementia praecox. 
Wenn bei dieser Psychose der Kranke sich auf das hartnäckigste weigert, 
auf den Leibstuhl zu gehen, gleich darauf jedoch sein Bett beschmutzt, 
so hat dies in jener Harn- imd Analerotik sein Vorbild, wie zum Teil 
die negativistischen Äußerungen überhaupt. 

Eh ich auf weitere Symptome der Urethralerotik eingehe, will 
ich noch die Beobachtung einflechten, daß dem Kinde nicht bloß das 
Selbstbepissen ein lustvolles Tim ist, sondern daß es häufig mit dem 
Anurinieren zweiter Personen seine — Liebe beweist. NatürUch geschieht 
dies oft genug einfach von der überfüllten Vesika her. Noch häufiger 
jedoch, wo dies physiologische Moment gar nicht zutrifft, pißt das Kind 
bloß jene Personen an, die es innig liebt, wie Eltern, Kinderfrau, Ge- 
schwister usw. imd welchen es damit einen warmen Liebesbeweis geben 
wiU, Nun höre ich schon den billigen Einwand : , , Sie haben wohl das Tage- 
buch eines Säuglings entdeckt, mit genauen statistischen Eintragungen 
darin?" und was dergleichen wohlfeile Scherze mehr noch sind. Doch 
abgesehen von der alltägUchen Beobachtimg, daß ein Kind höchst 
selten unddanurwegen Blasenüberfüllung ihm unsympathische Personen 
bepißt, liegen mir zuverlässige Berichte und ganz bestimmte, präzise 
Erinnerimgen ausgesprochener Harnerotiker vor, welche dies be- 
stätigen. So erzählte z. B. einer meiner Kranken in seiner Analyse: 
,,Ganz bestimmt weiß ich, daß ich meine dritte Schwester schon sehr 
früh hebte, einfach weil sie sich um mich mehr kümmerte als sämtHche 
anderen, imd daß ich sie mit Vorliebe anschiffte. Das geht noch ins erste 
Lebensjahr zurück. Diese Erinnerimg habe ich ganz bestimmt. Wenn 
sie mich in die Arme nahm, ließ ich es loß. Auffällig ist, daß ich 
es nur bei ihr tat. Es war etwas ganz Besonderes, ihr Zu- 
gedachtes." Die Lust- und Liebedeutung der Miktion ist oft schon 
aus dem Gehaben des Kindes deutlich zu erkennen. Einer meiner 
Kranken gab beispielsweise an, mit vier Jahren habe er einmal einem 
geliebten Freund direkt in den Mund gepißt, dabei herzHch gelacht 
und eine sehr große Freude empfunden. Ein anderer wieder mit psychi- 



über Urethralerotik. 415 

scher Impotenz, der bei seiner Braut nur dann zu eiigieren vermochte, 
wenn diese vorher sein Membrum fest packte, hatte eine Erinnerung, 
deren Richtigkeit die Mutter bestätigte und welche uns den erotischen 
Sinn der Retention wie des Anpissens ganz klar erweist. Mit drei Jahren 
erwacht er eines Morgens mit kompletter Harnspeire. Darob große 
Aufregung und Zusammenlauf der Verwandten, Mutter und Groß- 
eltern, die besorgt und klagend sein Bett umstehen. Da versucht 
die Großmutter außer warmen Umschlägen auf die Blasengegend 
einen manuellen Eingriff. Sie befreit einen Gänsekiel von der Fahne, 
packt das Membrum des Kleinen und führt den Kiel in das Orificium 
externum urethrae ein. Dies verursachte dem Kranken, wie er präzis 
erinnert, Schmerz, doch gleichzeitig etwas wie eine Erektion, also mindest 
ein starkes Lustgefühl. Und plötzlich ist der Bann gebrochen. In einem 
mächtigen Bogen schifft nun der Knabe just den meistgeliebten Groß- 
vater an, der noch im Jargon die Äußerung tut: ,, Dieser Fallenbogen 
macht, nichts." Ausdrücklich fügt der Kranke hinzu, daß er selber 
bei jener Retention gar keine Angst hatte. Wohl aber habe er, da er 
den Strahl auf den Großvater richtete, hellauf gelacht und große Freude 
empfunden. Ich glaube, die Episode läßt sich so erklären: Mit jener 
Hamsperre und dem folgenden ;Viispritzen seines Großvaters schafft 
sich der Knabe gleich mehrere Erfüllungen geheimer Wünsche. Er 
wird zunächst Mittelpunkt der gesamten Aufmerksamkeit und Sorge, 
Großmutter nimmt ferner sein Membrum in die Hand und führt ihm 
etwas ein — das Anpacken mid Wehtun war seine spezifische Liebes- 
bedingung — und endhch kann er den geliebten Großvater aus Zärt- 
lichkeit anspritzen. Die damaUge Harnsperre war, wie sich in der 
.\jialyse erwies, im Grunde nur der erste Anfall seiner späteren psyclii- 
schen Impotenz. Wir werden ja hören, daß psychische Impotenz uii'.; 
Retentio urinae ätiologisch zusammengehören. 

Wenn meine Beobachtung richtig ist, daß die Kinder nicht bloß 
die Miktion als solche lustvoll empfinden, sondern oft auch andere 
Personen aus Liebe anpissen^), dann ist es nur die natürliche Folge, 
daß sie Sexualakte zwischen den Eltern, die sie tatsächhch sehen oder 



•) Genau das Nämliche gilt auch vom Kot. Auch dessen Absetzung te- 
reitet dem Amilerütiker hohe Lust und beschmutzt er als Kind mit demselben 
auch meist iv.u geliebte Personen, wenn nicht das Rektum just überfüllt ist. Ich 
erinnere nochmals, daß Urethral- und Analerotik nicht bloß konstante Kom- 
ponenten des Geschlechtstriebs sind, sondern auch ia der Regel gemeinsame 
konstitutionelle Verstärkung zeigen. 



416 J. Sadger. 

mindest vermuten, als Änschiffen der Mutter durcli den Vater aus- 
legen, was geradezu die klassische Koitustheorie solcher hamerotischer 
Kinder darstellt^). Kommt später die Wunschphantasie dazu — und 
diese tritt fast regelmäßig auf — von der geHebten Person ein Kind 
haben zu wollen, dann ist das Trinken von deren Urin das geeignetste 
Mittel, von ihr schwanger zu werden. Daß dieser Zusammenhang tat- 
sächlich zutrifft, beweisen nicht selten noch andere typische Schwanger- 
schaftssymptome, die hysterisch imitiert werden, wie etwa das Sod- 
brennen bei dem vorher zitierten Patienten. 

Endlich kann man häufig die Beobachtimg machen, daß Kinder, 
welche schon bett- oder mindestens zimmerrein geworden, perioden- 
weise Nachschübe von Enuresis nocturna und gelegenthch auch noch 
diuma bekommen. Dies geschieht, wie meine Erfahrung mich lehrte, 
konstant in Epochen gesteigerter Geschlechtserregung. Überhaupt läßt 
sich ganz allgemein sagen : „Je lebhafter die SexuaUtät des Kindes, desto 
später kommt es zur Zimmerreinheit." Es gibt Kinder (s. den Fall 
Julie S. am Schlüsse der Arbeit), die seit der Geburt bis in ein recht 
spätes Alter hinauf die Enuresis überhaupt nicht verlieren. Doch 
auch da sind stets Zeiten, wo sie perakut auftritt. Geht man alsdann 
den Ursachen nach, so findet man ausnahmslos, daß dies Perioden 
gesteigerter sexueller Erregung sind. Und man sieht wieder deutlich, 
daß dem Kinde der Harn als Geschlechtsprodukt gilt, was die vorhin 
zitierte infantile Koitustheorie bestätigt. 

Nim wieder zurück zu den übrigen Äußerungen der Urethrai- 
erotik, von der wir bis nun bloß die sexuelle Überwertung des Urins 
besprachen, die ja bekanntlich im Verein mit der Analcrotik der Harn- 
und Drecktherapie des Volkes in letzter Linie zugrunde liegt. Da wäre 
zunächst und mit in erster Reihe die besondere Erogenität des peripheren 
Hamapparates zu nennen. Wer in den Lehrbüchern der Urologie das 
Kapitel „Nervöse Störungen der Harnen tleerimg" Hest, wird eine merk- 
würdige Entdeckung machen. Der eine vielerfahrene Autor hat fast 
regelmäßig in seinen Fällen eine Hyperästhesie der Urethra gefunden, 
bisweilen so arg, daß sie jede Untersuchung unmöglich machte, der 
andere imd kaum mindere Praktiker dagegen weit öfter eine Unter- 
empfindlichkeit. Woher diese seltsame Differenz? Ich glaube, daß ist 
im Grunde gar keine, sondern beide Erscheinimgen ein und dasselbe, 

*) In diesem Wahne pflegen besonders Mädchen zu verharren, nicht selten 
bis in die Ehe hinein. Nicht wenige derselben sind in der Brautoacbt tief ent- 
rüstet, weil nach ihrer Meinung der Gatte unanständigerweise sie angepißt habe. 



über Urethralerotik. 417 

nur Vorder- und Rückseite der gleichen Münze, der Urethralerotik 
nämlich, wobei noch Verschiedenheiten des Krankenmaterials gern 
mitspielen mögen. Wir kennen Ähnliches von der Hysterie. Sowie 
bei dem einen die Schleimhaut des Eachens unempfindlich ist und der 
normale Würgreflex fehlt, den andern dagegen geradezu wahnsinnige 
Angst erfüllt vor dem den Hals untersuchenden Finger, die eine 
Scheide ganz anästhetisch, die andere sich überempfindlich zeigt bis 
zum Vaginismus und beide Phänome doch nur Symptome einer und 
derselben Krankheit sind, so beweisen auch bei der Urethra sowohl 
die Unter- als die Überempfindlichkeit nur die erhöhte Erogenität, 
deren Vorder- und Kehrseite sie eben darstellen. Auf diese Verhältnisse 
zuerst aufmerksam gemacht zu haben, ist das Verdienst von Alfred 
Adler^). Er hält die Unempfindlichkeit für das Primäre, die Über- 
empfindlichkeit für das Spätere, psychisch durch Überkompensation 
Entstandene. 

Die Erotik des peripheren Harnapparates verrät sich abgesehen 
von der schon beiedeten leichten Ansprechbarkeit der Corpora cavemosa 
urethrae noch besonders duich öfters auftretende Kitzelgefühle der Harn- 
röhre, die verschieden lokalisiert werden, von der Eichelmündung 
bis in die Prostata imd das Perinäum hinein, dann ferner durch akut 
auftretende urethrale Schmerzen, meistohne jeden anatomischen Befimd, 
endhch noch durch pollutionsartige Gefühle mit oder anfangs auch 
ohne Sekret, doch stets von enormer Wollust begleitet. Man sieht z. B., 
daß besonders Angst jene Kitzelgefühle wachrufen kann. Eine der wenig 
bekannten Ursachen des Masochismus ist, daß Kinder Schläge direkt 
provozieren, um die dabei auftretenden Wollustgefühle in Urethra 
wieder einmal zu erleben. Nicht selten kommt es, und zwar schon in 
den allerersten Lebensjahren urplötzlich zu Schmerzen in der Harn- 
röhre, denen kein anatomischer Befund entspricht. Sie vergehen auch 
ebenso rasch als sie auftraten, ohne jedes therapeutische Zutun. 

In späteren Jahren können sie durch eine Gonorrhöe oder durch 
infolge von Schwangerschaft ausgelöste Blasenreizung wieder akut 
und dann hysterisch festgehalten werden. Endlich gibt es noch pollu- 
tionsartige Vorgänge bei ganz kleinen Kindern mit oder ohne jedes 
Sekret. Zu ihnen ist auch das einfache Einnässen mit Urin zu rechnen, 



^) Studie über Minderwertigkeit von Organen. Wien, 1907. Urban und 
Schwarzenberg. Adler nennt dort „minderwertiges Organ", was Freud als 
„erogene Zone" betitelt. 



418 J. Sadger. 

das so häufig bei Angst und Schreck^) sich einstellt, mitunter sogar 
beim Anschreien durch geliebte Personen. Zu beachten ist dabei, was 
ich ja schon im früheren ausführte, daß der Miktionsakt als solcher 
eine Quelle der Lust und gleichzeitig eine Tröstung sein kann, genau 
wie später die Masturbation. Drum kann man erleben, daß, wenn einem 
Kinde ein Wunsch versagt wird, es nicht bloß weint, sondern sich auch 
noch trosteshalber bepißt. In der späteren Kindheit scheint neben dem 
Harn auch das Sekret verschiedener Drüsen, zumal der Cowperschen 
und Littreschen sowie der Bartholinschen mit deutlicher Wollust 
ausgeschieden zu werden. Das ist zumal bei Mädchen der Fall, die sich 
viel leichter und öfters besprenzen als etwa die Knaben, trotzdem bei 
letzteren die Enuresis weitaus häufiger zu finden ist. Mädchen hingegen 
besprenzen sich oft schon bei heftigem Husten oder Lachen — bei diesem 
vielleicht noch nebenbei in Erinnerung an sexuelle Gedanken, die so 
häufig Mädchengekicher provozieren — endlich auch noch bei Angst. 
Knaben hinwieder und männlichen Erwachsenen weckt Angst meist 
noch mehr Analerotik, weshalb z. B. Rekruten in der ersten Schlacht 
gewöhnlich in die Hosen machen. 

Vielleicht schon hier wird der Einwand fallen, daß es äußerst 
schwer sei, den Harn- von dem noch unentwickelten Sexualapparat 
zu trennen, weshalb manche Symptome, die ich dem ersteren zurechnete, 
eigentlich auf Konto des letzteren kämen. Es wäre mögUch, daß bei 
vorzeitiger sexueller Reizung vom Urintrakte aus eine Erregung der 
Sexualsphäre weiter folge, so daß die Wollustgefühle nicht der Urethra 
zustünden, vielmehr den noch unentwickelten Sexual organen. Zu- 
zugeben ist die Richtigkeit der allerersten Bemerkmig, daß in der Kind- 
heit der Harn für den noch unentwickelten Sexualapparat gewisser- 
maßen als sein Vormund Zeichen gibt (Freud); daß ferner bei einzelnen 
der letztgenannten Phänomene wie den pollutionsartigen Vorgängen 
oder Kitzelgefühlen in der Harnröhre oft kaum zu entscheiden, was 
dem einen oder dem. andern zukom.mt. Doch aber gibt es eine Reihe 
von Gründen, die für die Berechtigung der Urethr&lerotik sprechen. 
Zunächst die typischen Wollustgefühle, die an den Urin und Miktions- 
akt gebunden sind und die man doch darum einzig und allein dem 
Harnapparat zurechnen kann. Außerdem erfolgen von der Pubertät 
ab. der Zeit der geschlechtlichen Reifupg also, eine Fülle unzweifel- 

') Auf einer gewissen Höhe springt jeder Affekt, darunter auch die Angst, 
ins Erotische über. Das ist auch der Grund, warum Schauerlektüre und Schauer- 
vorstellungen allzeit ein so großes Publikum finden. 



über Uretliralerotik. 419 

hafter Sexualpüänomcnc, die geradezu Fortsetzung der früheren Ure- 
thralerotik sind, deren Sinn und Bedeutung sie gleichfalls übernehmen. 
Ja, man kann geradezu behaupten, daß die infantile Harnerotik vor- 
bildlich wird für die ganze spätere Sexualentwicklung, was um so 
leichter geschehen kann, als der Übergang von einem Sekrete zum 
andern, dem die nl'mliche erotische Bedeutung zukommt, ganz fheßend 
und natürlich erfolgt. Ein Beispiel soll das Gesagte illustrieren. War 
beim Kinde der Kitzel in der Harnröhre gänzlich sekretlos oder höchstens 
von Urinabscheidung begleitet, so erfolgt jetzt statt dessen eine Pollution 
oder Sperma- beziehungsweise Prostatorrhoe. Wurde früher der Ge- 
schlechtsakt einfach durch Anpissen des andern besorgt, so nunmehr 
durch normale Ejakulation, eventuell auch nur bei begleitender Vor- 
stellung in masturbatione oder pollutione. Und die vielfach noch 
rätselhaften Formen der vorzeitigen wie der verzögerten Ejakulation, 
der gehäuften Pollutionen oder Spermatorrhöen, des Congressus inter- 
ruptus zur Lust Verlängerung, der Neuralgien des peripheren Genitales. 
der psychischen Impotenz, der nervösen Harnstörungen bei Erwachsenen 
bekomm.en jetzt ein ganz neues Gesicht. Sie sind nämlich einfach Fort- 
setzimg der kindlichen Harnerotik, mit der nämlichen Bedeutung 
und Erhaltung selbst der äußeren Form, bloß daß nunmehr die eigent- 
lichen Geschlechtsstoffe die sexuelle Rolle übernehmen, ja bisweilen 
sogar die physiologische Ausscheidung des Harnes erotisch behindern. 
V/o früher Incontinentia urinae bestand, kommt es jetzt zu gehäuften 
Pollutionen, zur Spermatorrhöe und Ejaculatio praecox. Die Rententio 
urinae setzt sich in verzögerte Ejakulation um. Wurde früher der 
Harn nur absatzweise hergegeben, in dosi refracta, wird jetzt gern 
masturbatio interrupta geübt oder congressus reservatus. Ja, das 
Verbot, die Mutter anzupissen, oder deren Verwerfung der infantilen 
Erektionen kann sich später in psychische Impotenz wandeln, sobald die 
eingetretene Verlötung mit der Mutter nicht mehr zu lösen ist. Endlich 
finden die Schmerzen ohne Befund beim Urinieren des Kindes jetzt ihr 
Analogon in den verschiedenen Genitalneuralgien, z. B. des Hodens und 
der Samenstränge, noch häufiger freilich der Urethra. Nur ist zu be- 
achten, daß diese Umwandlung bloß stattfinden kann, aber keineswegs 
muß, d. h. die ländliche Harnerotik kann isoliert und vereinzelt bleiben, 
von keinen Beschwerden in der Pubertät oder später gefolgt sein. Wo 
aber letztere in Erscheinung treten, ist immer und ausnahmslos eine 
infantile Harnerotik vorausgegangen. Die Stärke dieses angeborenen 
Triebes im Vereine mit der späteren psychischen Umkleidung bedingt 



420 J. Sadger. 

auch die Schwierigkeit und häufige Erfolglosigkeit so vieler thera- 
peutischen Versuche, zumal wenn dieselben nicht psychisch sind. 

Nun noch ein paar andere wichtige Beziehungen. Der Wiener 
Urologe Maximilian Steiner, dem ich die nächstfolgenden Anregungen 
danke, berichtet von seinen Sexuabieurasthenikem, daß sie ganz 
regelmäßig minder über gestörte Sexuahtäf sich beklagen, als über 
Störungen der Hamfunktionen. Es sei ihm diese Verwechslung so ge- 
läufig, daß er von vornherein bei aolchen Klagen die Übersetzung 
mache. Besonders gern knüpft bekanntlich die sogenannte Neurasthenia 
sexualis an einen verflossenen Tripper an. Derselbe kann vollständig 
abgeheilt sein oder auch Veränderungen meist geringfügiger Art hinter- 
lassen haben. Von da ab jedoch hat der Neurastheniker ein Heer von 
Beschwerden, die sich ebenso auf Störungen der Harnentleerung als jene 
der Sexualfunktionen beziehen. Bezeichnend ist auch das Verhalten 
des Mannes in der Zeit, da seine Sexualfunktion zu Ende geht. Die 
Prostatiker wiederholen da fast die nämlichen Sachen, die uns bei 
Säuglingen und ganz kleinen Kindern geläufig sind. Wenn sie an Harn- 
verhaltung leiden, hilft's oft sofort, sie in ein Bad zu setzen imd ins 
wanne Wasser urinieren zu lassen. Hierher gehört ein von Frisch 
erwähnter Mann, der nur dann imstande war, seine Blase zu entleeren, 
wenn die ersten Tropfen auf ein hartes Papier fielen. Er war daher 
stets genötigt, ein solches vor dem Urinieren in die Klosettmuschel 
zu legen. Vielfach erinnern auch die Manipulationen, welche die Pro- 
statiker zur Erleichterung des Urinierens vornehmen (Ziehen am GUede, 
Kitzeln usw.) an die seinerzeitigen infantilen Behelfe. Man gewinnt den 
Eindruck, daß bei solch älteren Personen die Sexualfunktion durch die 
Hamerotik abgelöst wird, also gewissermaßen eine Rückkehr zum 
infantilen Typus stattfindet. (,,Im Alter wird man wieder kindisch^).") 

^) Noch zwei sehr durchsichtige Beziehungen will ich hier berühren. In 
der Zeit der Reifung und kurz nachher, für viele also in ihrer besten, zeigt sich 
ganz deutUch, daß die Harnfunktion gewissermaßen sexuell betont ist, oder, 
sagen wir besser: eine sexueDe Note hat. Man denke an den „Schiffkomment" und 
die „Biersauereien" der Studenten, die in der durch sexuelle Ungebundenheit 
charakterisierten „Exkneipe" einen breiten Kaum einnehmen und in ihrer Technik 
den kindlichen „Pritschlereien" zum Verwechseln ähnlich sehen. Die sexuelle 
Bedeutung der Harnfunktion sowie überhaupt ihre starke Wirkung auf das 
Unbewußte geht auch aus der großen Rolle hervor, welche ihr in Witz und Anek- 
dote zukommt. Nicht umsonst erfreuten sich zu allen Zeiten just solche Witze 
einer allgemeinen Beliebtheit und waren ihrer Wirkung immer totsicher. Das 
ist nun anders wohl kaum zu erklären, als daß jene Beziehungen jedwedem 
Menschen im Unbewußten mindestens geläufig sind. 



über Urethralcrotik. 421 

Besonders wichtig ist endlich die Beziehung der Harnerotik zur 
Masturbation. Auch hier liegt der Übergang klar auf der Hand. Wir 
hörten, daß das Kind trotz höchster Not seinen Harn oft zurückhält, 
um die Lust zu verlängern, respektive bei der endlichen Miktion zu 
vergrößern. Natürlich entsteht dadurch ein besonderer sexueller Reiz, 
der sich in häufigen Erektionen kundgibt. Die gleiche Zurückhaltung 
gelingt aber auch durch masturbatorische Akte, welche den peripheren 
Reiz obendrein sättigen. Die habituell geübte Retention ist also ge- 
wissermaßen Vorstufe und begünstigendes Moment für spätere Onanie, 
ja löst die masturbatorische Befriedigung vermutlich nicht selten 
reflektorisch aus. Es ist ja bekannt, daß der Masturbant in jeder Notlage 
zu seinem gewohnten Laster greift. Aber auch schon das kleine, zumal 
das harn erotische Kind bepißt sich gerne in jeder Notlage, sobald 
ihm ein lieber Wunsch nicht erfüllt wird. Auch hier wird also Urin und 
Sperma dem Sinn imd Werte nach gleichgestellt. 

Was geschieht nun eigentlich mit der infantilen Urethralerotik 
abgesehen von der Umwandlung in der Pubertät? Da ist folgendes 
zu sagen. Ein Teil derselben verbleibt, wie er ist, oder wird in wenig 
modifizierter Form in die späteren Jahre übernommen. Wenn das Kind 
z. B. nach anfänglicher Retention den Strahl in hohem Bogen ent- 
sendet, so machen das die Lausbuben späterer Jahre genau ebenso 
imd wetteifern höchstens in der Höhe des Bogens. Eine Umkehrung 
ist die große Vorliebe, welche viele haben, von einer Höhe herunter- 
zuschiffen, was ja auch eine größere Krümmimg e-mögUcht. Wieder 
andere gibt es, die nicht gerne ein Klosett aufsuchen, sondern ihr Ge- 
schäft möglichst im Freien verrichten, auf der Gasse oder im Grünen. 
In all diesen Fällen spielt auch die Exhibitionslust, der W^unsch, sich 
vor anderen zu produzieren und besehen zu lassen, gewaltig mit, was 
ja abermals direkt aus dem Kindesleben übernommen ist. Den näm- 
lichen Ursprung hat auch das gegenseitige Anpissen der Gassenjungen, 
nur daß nicht die Liebe, sondern ihre Kehrseite, Spott, Trotz und Haß, 
ßo zum Ausdrucke kommt. Eine larvierte Exhibition besteht ferner 
darin, daß Kinder geflissentlich die Kloaettüre offen lassen, angebhch 
aus Furcht, nicht wieder öffnen zu können, in ^Vahrheit jedoch, um 
von geliebten Personen überrascht zu werden. Nebst der Exhibition 
wirkt oft auch ihr Gegenteil, die Schaulust, mit, besonders das Ver- 
langen, anderen beim Miktionsakte zuzuschauen, was für die psychische 
Dysurie von Wichtigkeit scheint. Endhch hat auch die Vorliebe für die 
Feuerwehr und das Feuerwehrspielen, d. h. eine Flamme mit seinem 

Jahrbucli für psychoanalyt. u. psjcliopathol. ForschiinEren. II. 2a 



422 J. Sadger. 

Wasser zu löschen, eine infantile Wurzel. Bekannt ist die Erfahrung 
der Kinderfrauen, daß Kinder, welche bei Tag mit Feuer oder Zünd- 
hölzchen spielen, in der Nacht einnässen. 

Sehr früh bereits scheint der Miktion sowie dem begossenen Objekt 
ein sexualsymbolischer Nebensinn und erotische Phantasie beigelegt 
zu werden. So z. B. wenn Kinder mit Vorliebe in allerlei dazu nicht 
bestimmte Gefäße harnen, etwa in Gießkannen oder Gläser und Töpfe, 
die später zum Trinken und Kochen benutzt werden, was übrigens 
manchmal auch bei erwachsenen Uriuerotikern noch zu finden ist. 
Von einem kleinen dreijährigen Jungen werden wir hören, daß er sich 
schämte, am Strande auf dem Bauche liegend, in ein Loch im Sande 
zu urinieren. Hier wird nicht nur regelmäßig das Pissen dem späteren 
Ejakulieren in coitu gleichgesetzt, sondern auch die kindliche Vor- 
stellimg benutzt, daß der Vater beim Geschlechtsakte in eine Öffnung 
der Mutter schiffe. Wenn solche Harnerotiker also fortwährend in Koch- 
und Trinkgeschirre ihre Blase entleeren, so üben sie damit beständig 
einen Sexualakt aus. Die anderen, namentlich geliebte Peraonen, sollen 
auch von seinem Urine trinken, eventuell von diesem schwanger werden. 
Manche Potatoren, namentüch Biersäufer, schlucken in ihrer Vor- 
stellung nur größere Quantitäten Harn. Hinter dem Verlangen, Urin 
zu trinken, steckt übrigens auch noch die Erinnerung an die Mutter- 
oder Ammenbrust und das erste Lustgefühl beim Gesäugtwerden. 

Eine weitere wichtige Modifikation erfährt dann die Urethral- 
erotik durch die auf der Hand hegende von der Sprache längst 
sanktionierte Gleichstellung des Harnes mit Wasser oder wässerigen 
Flüssigkeiten. Kinder, die beim Brunnen die Passanten anspritzen oder 
sich von einem Sodawasserautomaten nicht zu trennen vermögen, 
weil dieser ihnen beständig zu pissen scheint, wieder andere, die gerne 
Blumen mit ihrem Urin begießen, sich im Bade gegenseitig anspritzen 
oder sich und andere mit Parfüm oder Waldduft besprengen müssen, 
endlich Leute, welche an keiner Wasserleitung vorüber können, ohne den 
Hahn zu öffrien, sie alle machen sich diese Identifikation zunutze. 
Auch die groSe Vorliebe sovieler Kinder für alles, was mit Wasser 
zusammenhängt, beweist nur deutlich, wie weit verbreitet die Urethral- 
erotik ist. Sie werfen schon früh oft Stunden lang unermüdlich Steine 
in den Teich, beim Baden und Schwimmen können sie kein Ende finden 
und spielen am liebsten mit Gießkannen, Wasserwagen und allen irgend 
erreichbaren Pumpen. Kleine Mädchen wieder waschen unverdrossen 
Pappen wasche. 



über Urethralerotik. 423 

Minder bekannt ist die Sublimierung der Harnerotik, die von der 
Sport- bis zur Berufswahl reicht. Wir sehen, daß so beanlagte Jungen 
sich einzig nur solchen Sporten zuwenden und sie mit leidenschaft- 
lichem Eifer treiben, die irgend mit Wasser zusammenhängen, wie 
Schwimmen, Rudern oder Segeln, oder aber sie wählen aus dem näm- 
lichen Grunde den Beruf des Matrosen oder Seefahrers. Wieder andere 
interessieren hauptsächlich Mühlen, Turbinen imd Wasserwerke, oder 
sie werden bei entsprechenden Fähigkeiten Wasseringenieure, die große 
und kimstvoUe Kanäle anlegen. Alles jedoch mit einem derart inten- 
siven Interesse, daß für den Kundigen kein Zweifel bleibt: hier heize 
ein anderes, ein Sexuelles, das in dieser sublimierten Form seine Be- 
friedigimg durchsetzt. Natürlich sind meine Darlegungen nicht zu 
verallgemeinern oder umzukehren. Man kann also beispielsweise Kapitän 
werden oder Wasseringenieui — und wird es auch häufig — ohne vor- 
stechende Urethralerotik. Doch ein Großteil dieser Leute und besonders 
jene, die mit wahrer Leidenschaft ihrem Berufe obliegen, haben tat- 
sächlich jene konstitutionelle Anlage und lassen sich durch sie zeit- 
lebens bestimmen. 

Aber auch auf die Kunst wirkt die sublimierte Harnerotik oft 
sehr befruchtend, zumal bei der Anlage öffentlicher Brmmen^). Ein 
ganz durchsichtiges Beispiel hierfür ist Rembrandts bekannter 
,,Maeneken pis" und Hermann Hahns ,.Brunnenbuberl" in München, 
wo schon die Objektwahl den Sinn des Ganzen unverhüllt ausspricht. 
Auch an verschiedenen anderen Brunnen läßt sich die Phantasie des 
schaffenden Künstlers gut durchschauen. Der Tugendbrunnen in Nürn- 
berg, wo üppige Frauen Wasser aus ihren Brustwarzen spritzen, der 
,, Dudelsackpfeifer" in der nämhchen Stadt, der Gasteigerbrunnen in 
München, einen Faun darstellend, der ein Bübchen beständig aus 
dem Munde anspritzt und zahllose andere ähnliche Beispiele erweisen 
die Beliebtheit der Harnerotik in direkter oder verschobener Form als 
Vorwurf für die Kunst. 

Es ist hoch an der Zeit, der Frage endlich an den Leib zu rücken. 
was eigentlich eine besondere Disposition zur Harnerotik schafft. 
Da scheint nun in allererster Reihe, ja direkt entscheidend die Ver- 
erbung zu wirken. Man findet ausnahmslos in der Aszendenz von 
Urethralerotikern, und zwar in der Regel väterlicher- wie mütter- 
licherseits, eine Anzahl Mitglieder, die an verschiedenen Harn- 

*) Springbrunnen sind eigentlich nichts anderes als eine Nachahmung 
des infantilen XJrinstrahlbogens. 

28* 



424 J. Sadger. 

beschwerden organisclier oder neurotischer Art mehr weniger schwer 
gelitten haben. So kanr es vorkommen, daß der Großvater einem Stein- 
leiden erliegt oder Carcinoma vesicae, der Vater ein chronischer Pro- 
statiker ist, die Mutter wiederholte Blasenreizungen zeigt ohne irgendeine 
anatomische Basis, der Sohn dann endlich eine mächtige Harnerotik 
aufweist, schon von Geburt ab. 

Neben diesem wichtigsten konstitutionellen Faktor spielen 
eine gleichfalls bedeutsame Rolle die Mängel der Erziehung. Nicht 
wenige Väter lieben es z. B. ihre Stammhalter tändelnd am Membrum 
zu ziehen, natürlich aus eigener noch lebendiger Urethralerotik heraus. 
Oder aber die Mutter und natürlich noch mehr die dienstbaren Geister 
spielen am Genitale des Kindes herum, und zwar nicht bloß etwa bei 
der notwendigen Pflege und Reinigung oder beim Auf-den-Topf-setzen. 
Nicht selten deckt die Psychoanalyse hysterisch gewordener Harn- 
erotiker die allerunglaublichsten Dinge auf. Ein weiterer begünstigender 
Umstand ist, daß die mehrmals täglich notwendige Säuberung dis- 
ponierter Kinder selbst bei größter Vorsicht zu starken sexuellen 
Reizungen führt, sogar zu Erektionen. Dann lernen auch also reizbare 
Kinder sehr früh vor den Eltern zu exhibitionieren, zumal sich mit dem 
so vergrößerten Gliede zu produzieren. Oder aber sie verschaffen sich 
in wahrhaft raffinierter Weise die Hilfe solcher geliebter Personen, 
die ihnen sonst nicht zur Verfügung stehen, z. B. der Väter. Bei Aus- 
flügen nämlich bekommen sie just in dem Augenblicke Not, da die Mutter 
fern ist und auch nicht gleich gerufen werden kann. Diese letztere 
hinwieder schafft nicht selten Unheil, indem sie sich absolut nicht 
nehmen läßt, ihrem Knaben beim jedesmaHgen Auf-den-Topf-gehen 
behilflich zu sein, oft weit über das physiologische Alter hinaus, natürlich 
aus reiner Mutterliebe. Statt ihrem Jimgen die natürHchen Verrichtungen 
selbst zu überlassen, wird sebie Aufmerksamkeit immer von neuem 
just auf diesen Punkt zurückgelenkt und seine Selbständigkeit künst- 
lich möglichst hinausgeschoben, einfach darum, weil die Mutter selber 
harn- und analerotisch ist und ihre Perversionen so straflos befriedigt. 

Aus diesen Gesichtspunkten ergeben sich auch Prophylaxis 
und Therapie. Vorbeugend ist zumal bei disponierten Kindern jede 
überflüssige Reizung von seiten der Eltern oder Dienstboten sorg- 
fältigst zu meiden. Kam es jedoch bereits zur Verdrängung 
und umrankenden Sexualphantasien, dann eignet sich am besten 
zur Wiederherstellung die Psychoanalyse. Ich habe wiederholt die 
Erfahrimg gemacht, daß Kranke, welche aus harn erotischer Konstitution 



über Urethralerotik, 425 

mit folgender Verdrängung z. B. an Pollakurie laborierten, dieselbe 
verloren, nachdem icb Verdrängung und Phantasien aufgedeckt hatte. 
Auch ein gut Teil der sogenannten Sexualneurastheniker sind, wie wir 
wissen, im Grunde Urethralerotiker, die durch eine sachgemäße Psycho- 
analyse weit sicherer zu heilen, als durch jede bloß urologische 
Behandlung. 

Nun zum Schlüsse noch einige, wie ich glaube, instruktive Kranken- 
geschichten. 

Fall 1. 

Im verflossenen Sommer wurde mir zur psychoanalytischen 
Behandlung ein 23iähriger Urning zugewiesen, der lebhaftes sexuelles 
Verlangen ausschließhch nach Knaben von 12 bis 15 Jahren trug. 
Von übrigen bemerkenswerten Symptomen hebe ich hervor ein Asthma 
bronchiale, das sich als hysterisch nachweisen heß, ein hysterisches 
Fieber und eine ganz ungewöhnliche Urethralerotik. Von seinen Lebens- 
umständen führe ich nur an, daß er aus einem alten Patrizierhause 
stammt, das einzige Kind seiner Eltern ist, frühzeitig nüt ganz be- 
sonderer Liebe umgeben wurde und dieselbe zeitlebens auch von aller 
Weit unablässig begehrte. Die Mutter legte nach seiner Geburt ein 
Tagebuch für ihr Baby an (bis zu dessen 11. Lebensjahr fortgeführt), 
das heute den Wert eines historischen Dokumentes besitzt. Weitere 
wichtige Aufschlüsse über die ersten Lebensjahre imseres Urnings 
brachten dann die Briefe seiner Eltern. 

In der Analyse, die ich wegen seiner Inversion mit ihm durch- 
führte, kamen schon am 4. Tage einige sonderbare Dinge zur Sprache. 
Als er vor einem halben Jahre von unterschiedlichen vergeblichen Reisen 
nach dem homosexuellen Ideale zurückgekehrt war, hatte er stets das 
Verlangen, Knaben ihr Wasser abschlagen zu sehen. Bei den Großeltern 
gab es verschiedene Klosetts und dort lauerte er auf hineingehende 
Jungen, teils um deren Membra zu schauen, weil das die einzige Gelegen- 
heit war, solche unauffälhg zu Gesicht zu bekommen, teils in der Idee, 
den Harn dieser Knaben irgendwie aufzufangen und dann zu trinken. 
, , Als ich zwei Monate später in Berlin die hypnotische Kur versuchte, gin g 
ich gleichfalls Knaben meines Typus auf öffentUche Aborte nach, um 
sie beim Urinieren anzusehen, was mich sexuell sehr erregte, und zwar 
sowohl der AnbHck des Penis als das Urinieren. Ich habe auch Bade- 
schwämme zerschnitten und in die Klosettmuscheln der Badeanstalten 
geworfen, um so den Urin von Knaben aufzufangen und dann die 
2 H 



426 J. Sadger. 

Schwämme zum Munde zu führen. Früher hatte ich öfters die Vor- 
stellung, daß ich das Membrum eiaes Knaben in den Mund nähme und 
dieser dann in meinen Mimd urinierte." Diese Sonderbarkeiten reichten 
auch noch in die Analyse herein. Als Patient z. B. während derselben 
an eine Stelle kam, wo ein 11 jähriger geliebter Knabe im Freien sein 
Wasser abgeschlagen hatte, konnte er es nicht lassen, sich zu bücken, 
ein paar naßgewordene Grashalme auszureißen und abzulecken ; ebenso 
später, da er nach einem andern geliebten Knaben aufs Klosett hinaus- 
ging und den Deckel naß fand, seinen Finger einzutauchen und dann 
abzuschlecken. 

Doch ist aU dies keineswegs neueren Datums. So stellte sich z. B. 
heraus, daß unser Urning bereits in der Schule mit 14 Jahren gern 
ins Pissoir ging, zuzusehen, wie seine KoUegen urinierten, und mit 16, 17 
von dem frischgelassenen Harn eines geliebten Vetters zu kosten sich 
nicht entbrechen kennte. Mit 15 erlebte er seine stärkste homosexuelle 
Liebe zu einem 12jährigen Jungen mit gleichfalls starker Hamerotik. 
Dieser hatte einmal in eine Seltersflasche uriniert und, ehe nun Patient 
die Flüssigkeit ausgoß, trieb es ihn unwiderstehlich, von ihr zu kosten. 
„Es machte mir ein Vergnügen, von dem geliebten Knaben etwas zu 
haben, so wie ein normal Liebender eventuell auch das Waschwasser 
der GeUebten trinkt. Gelänge es mir, den Penis eines geliebten Jungen 
in den Mund zu nehmen, so würde ich auch gerne seinen Samen herunter- 
schlucken. Dieser Gedanke kam mir schon mit 14 Jahren, ein Jahr 
vor meiner ^oßen Liebe und etwa gleichzeitig mit der Idee, den Urin 
zu trinken*). Vor 14 Jahren habe ich noch keinen Samen gekannt." 
Es regte ihn auch sinnUch auf, wenn er z. B. in Eisenbahnaborten oder 
wo die Klosettleitung erreichbar war, das Abfließen des Urias hören konnte 
oder gar die Hand an das Abflußrohr legen, um die Wärme des durch- 
fUeßenden Harnes zu spüren. 

Resümieren wir das bisher Gesagte kurz, so finden wir ein merk- 
würdiges Literesse unseres Patienten für alles, was mit dem Urin zu- 
sammenhängt, wie er gelassen wird, sein Abfließen zu hören und seine 



') Hier, wie bei all seinen Gelüsten auf Knaben, steckt in letzter Linie 
die Mutter dahinter. Diese hatte, als er 7 bis 8 Jahre zählte, öfters Flaschen ihres 
Harns, der untersucht werden sollte, auf dem Waschtisch stehen. Der Knabe, 
der ihn für Wein oder Kognak hielt, holte ihn herunter und kostete davon. Elinmal 
erwischte ihn die Mutter dabei, riß ihm rasch die Flasche aus der Hand und sagte, 
das sei Urin, wenn man den trinke, so werde man krank. Von dieser Zeit ab war 
ihm der Urin der Mutter zuwider. 



über ürethralerotik. 4:27 

Wärme zu spüren, dann für den Penis geliebter Knaben, endlich noch 
den Wunsch, sich von solchen in den Mund urinieren, eventueU auch 
ejakulieren zu lassen und diese Flüssigkeit zu schlucken. 

Auch eine Anknüpfung an die Autoerotik ist nicht zu verkennen. 
„Mit 12 Jahren war ich eines Tages auf dem Klosett," erzählt Patient, 
„stellte mich auf den Kopf und versuchte, mir selbst in den Mund zu 
schiffen, was aber nicht gelang. Trotzdem bekam ich nachher 
ganz von selber Orgasmus mit Erektion und das Gefühl des Samen- 
ergusses, wenn auch kein wirklicher Samen abging. Später dachte 
ich mir, ich könnte doch einem geliebten Kollegen oder Knaben meines 
Typus am Ghede lutschen und er mir in den Mund urinieren." Dann 
eine andere Form, bei der sich schon deutlich der Übergang zur Ketentio 
urinae zeigt. „Mit 14, 15 Jahren trieb ich folgendes Spiel: Wenn ich 
im Bette lag, versuchte ich, in die hohle Hand zu schiffen, aber nur sehr 
wenig, nur ein paar Tropfen, die ich dann auszuschlecken versuchte. 
Beim Pissen in die Hand bekam ich meist eine Erektion, die mir jenen 
Akt sehr erschwerte. Schließlich brachte ich ihn doch fertig, aber ich 
mußte lange probieren. Mit 16, 17 Jahren habe ich dann öfters die 
Vorhaut zusanamengenommen und hineingeschifft, so daß das ganze 
Präputium aufgebläht war wie eine Blase^) und durch den kolossalen 
Druck kam mir mit einem Male ein Lustgefühl und Samen, ohne daß 
ich onaniert hätte." Aus früherer Zeit erinnert er, daß er, zum Bade 
ausgezogen, sich manchmal über den ganzen Körper pißte, bisweilen 
auch in den Nabel hinein. „Mit 15 Jahren wünschte ich mir öfters, 
mit dem meistgeliebten Knaben das so zu machen, daß wir die Membra 
zusammentun, die Vorhaut darüber stülpen und in dieselbe hineinschiffen 
sollten." 

Alles bislang Erzählte fällt eigentUch in eine spätere Zeit, in die 
Pubertät, nur weniges schon in das 12. Jahr, die Vorpubertät. Das 
ist nun offenbar für die Entstehung der Symptome zu spät. Wenn 
wir uns nach früheren hamerotischen Äußerungen umsehen, so finden 
wir deren eine schwere Menge, die zum Teil in die allererste Kindheit 
reichen. Zunächst eine Anzahl von Topf geschieh ten. Er hat ungewöhn- 
lich lange nicht stehend, sondern nach Weiberart auf dem Topfe sitzend 
sein Wasser gelassen, genau wie er es bei der Mutter gesehen. Die letztere 
pflegte dabei ihre Hand an seinem Membrum zu halten, „damit nichts 

') In einer späteren Sitzung bemerkt er hinzu: „Das tut man ja auch 
eventuell zum Reinigen" (Erinnerung an die Mutter?). 



428 .1. Sadger. 

vorbeigehe". Noch heute hat er darum die Gewohnheit, seine Hand bei 
der Miktion ad membrum zu legen. „Ich weiß bestimmt/' erzählt er 
in der Psychoanalyse, „daß mir der Vater noch mit 10 Jahren sagte: 
,Man setzt sich doch nicht auf den Topf, wenn man so groß ist !' Ferner, 
daß ich mit Vorliebe den Topf auch benutzte, um gleichzeitig ein großes 
Geschäft zu verrichten, besonders gerne vor der Mutter, vor der ich 
mich wahrscheinlich also produzierte. Auch machte es mir mit 4, 
5 Jahren direkt ein Vergnügen, wenn ich mit anderen Kindern über 
das Auf-dem-Topfe-sitzen sprechen konnte. Solche Gespräche hatten 
für mich stets einen besonderen Reiz und erzeugten ein eigentümhches 
Gefühl in mir, vielleicht weil sie verboten waren und das immer geheim 
gehalten wurde. — Auch wenn wir Kinder uns aus Sesseln und Stühlen 
eine Wohnvmg bauten oder im Garten eine Hütte, so mußte immer 
ein Klosett dabei sein. Das spielte stets eine große Rolle. Endhch hatten 
wir früher Blechtöpfe statt solcher aus Porzellan oder Steingut und 
die schallten viel lauter, weshalb sie Papa oft scherzweise .musikalische 
Töpfe' hieß. Ein andermal wieder bezeichnete er einen gefüllten Topf 
als .Punschbowle', ein Ausdruck, der mir sehr imponierte." Von anderen 
Topfgeschichten werde ich später zu berichten haben. 

Ein Teil der oben beschriebenen Dinge wird durch das Verhalten 
der Eltern erklärt, die sich selbst in relativ späten Jahren noch vor dem 
Sohne wenig genierten. So fand dieser vielfach Gelegenheit, sie bei 
Verrichtimg ihrer kleinen Geschäfte zu beobachten. Zumal der Vater, 
der hierbei Schwierigkeiten zu überwinden hatte, zog sich dazu oft 
nackend aus und entleerte so seine Blase in den Topf. Der Kleine, 
der aus konstitutionellen Gründen auf all diese Dinge besonders achtete, 
fand bald heraus, daß die Mutter es anders mache als jener und ihr Strahl 
auch um vieles stiller fließe. ,,Beim Vater erfolgte es immer stoßweise 
und in .einzelnen Zuckern und es währte stets länger, bis die Geschichte 
herauskam. Bei der Mutter war dies nicht so. Später, mit 15 Jahren 
habe ich bei den Knaben auch immer auf die Zucker geachtet, ob sie, 
wenn es zu Ende geht, auch noch ein paarmal den Urin ausstoßen, 
konnte mir aber keine Gewißheit verschaffen, weil ich nicht nahe genug 
stand. Ich weiß, daß mich das beim Vater immer sehr interessierte." 

Nun einige Berichte, die einen besonders mächtigen Schautrieb 
des Knaben beweisen. , .Mutter nahm mich als Kind oft aufs Klosett 
mit imd, wenn sie oben saß, wollte ich auch mit hinauf und darauf 
sitzen. Dann breitete sie mir Papier auf dem Boden aus imd sagte, ich 
solle darauf mein großes Bedürfnis verrichten. Ich mochte aber gar 



über Uretliralerotik. 42J 

nicht auf den Stuhl gehen. Ich hatte gehört, wie sie urinierte, und mir 
gedacht, es komme bei ihr rascher heraus wie bei mir. Nun hatte ich 
lange Zeit die Vorstellung, es ginge beim Weibe durch den After heraus, 
weil ich bei meiner kleinen Kusine gesehen hatte, daß sie keinen Penis 
besitzt. Das wollte ich immer sehen." Ebenso erinnerte er sich ^us 
einem Badeorte, wo er mit 7, 8 Jahren weilte, daß t sich mit ähnlichen 
Absichten trug. ,,Dort sind sehr primitive Aborte, eigen tüch nur Holz- 
deckel mit runder Öffnung und unten ist eine Grube, durch die man das 
Licht sieht. Wenn meine Mutter nun aufs Klosett ging, saß ich in der 
NebenzeUe und versuchte, sie beim Urinieren zu beobachten, indem 
ich den Kopf durch das Loch hindurchsteckte, und mir ist, als hätte 
ich dabei ihr Gesäß erblickt." Und da er später als richtiger Urning 
von der Mutter auf geliebte Knaben übertrug, warf er die nämüchen 
Phantasien nun auch auf diese, von der Grube ais zu sehen, wie sie 
Wasser und Stuhl ließen. 

Ich berichtete vorhin, er habe die Vorstellung gehabt, bei 
den Frauen käme der Urin durch den After. Noch früher aber gab es 
eine Zeit, da er anderer Anschauung und beim Weib ebenso einen Penis 
vermutete wie beim Manne. Er sagt darüber folgendes: „Ich weiß 
bestimmt, daß es mich intensiv interessierte, wie das bei den Mädchen 
unten eingerichtet sei, wie sie urinierten. Es war mir immer so imbe- 
greiflich, daß die Mädchen sich dabei nicht hinstellten. Das beweist, 
daß ich annahm, die Mutter habe einen Penis. Als ich 5, 6 Jahre zählte, 
ließ ich ein etwas jüngeres Mädchen einmal urinieren, und zwar stellte 
ich das sehr raffiniert an. Ich fragte zuerst (genau wie die Mutter), ob 
sie auf den Topf müßte, und trotzdem sie schon auf dem Topfe gewesen 
war, habe ich sie so beredet und bearbeitet, daß sie schließUch nicht aus 
noch ein wußte und sich mir zu Gefallen hinsetzte. Ich weiß noch ganz 
genau, daß ich ihr unter die Röcke guckte und die Afterspalte erblickte. 
Ich war eigentUch ein bißchen enttäuscht, da ich mir mehr vorgestellt 
hatte. Das Mädchen urinierte nämlich nicht mehr und ich ärgerte mich 
sehr, da ich gerne gesehen hätte, wo es herauskam. Ich dachte damals 
und bis zum 15. Jahre, es komme aus dem After, denn die Frauen setzten 
sich zum Urinieren immer hin und, wenn ich mich hinsetzte, ging immer 
Kot aus dem After ab. Übrigens kam damals, als ich das Mädchen 
setzen ließ, meine Mutter dazu und schalt mich heftig aus. Es stellte 
sich auch heraus, daß das Mädchen es gar nicht nötig gehabt, 
sondern ich es ihr nur aufgezwungen hatte. Endlich erinnere ich 
mich, wenn die Mutter sich beim Urinieren vor mich hinsetzte und 
2 6 t 



430 J. Sadger. 

die Röcke hob, da habe ich immer hingesehen, ob ich etwas erblicken 
könnte." 

Wir haben vorstehend bereits vernommen, welch wichtige Rolle 
der Mutter bei den Harngeschichten zukam, was um so minder wunder 
nehmen wird, als ja bei den Urningen die Übertragung von der Mutter 
auf das männliche Geschlecht wahrscheinlich die Regel ist. Nun gibt es 
jedoch in unserem Falle noch obendrein ganz besondere Beziehungen. 
Zunächst war es üblich, daß der Knabe morgens zu den Eltern ins Bett 
kam, selbstredend erst dann, wenn sie wach geworden. Daß dies ge- 
schehen, erschloß er nun daraus, daß er jene in der Früh urinieren hörte, 
worauf er natürlich mit ganz besonderer Aufmerksamkeit lauschte. 
Was aber die Mutter speziell betrifft, so hatte sie ihrerseits, vermutlich 
gleichfalls aus urethralerotischen und hysterischen Motiven, die echt 
,, mütterliche" Gewohnheit, kleinen Mädchen imd Knaben beim Urinieren 
zu helfen, sie stets nach ihren Bedürfnissen zu fragen, dann hinaus- 
zuführen und ihnen draußen behilflich zu sein, worüber ihr Söhnlein 
stets außerordentlich eifersüchtig wurde. „Das ist auch der Grund, 
weshalb ich jemand aufs Pissoir nachgehe, weil mein Unbewußtes den 
heimlichen Verdacht hat, die Mutter werde ihm helfen. Natürlich 
spiele ich sie da auch selbst, wie sie einem Knaben beim Urinieren 
hilft. Sooft sie einen Knaben dazu hinausnahm, hatte ich daa Gefühl, 
mir entgehe etwas, ein Beklemmungsgefühl. Auch jetzt noch bekomme 
ich dasselbe, wenn ein Junge ins Klosett geht, da habe ich keine Ruhe 
mehr. Es drängt mich, ihm nachzugehen, weil ich denke, ich versäume 
etwas. Auch verspürte ich bei jenem Tun der Mutter immer Eifersucht, 
weil ich darin einen Liebesbeweis erbückte. Ich hatte auch den Eindruck, 
ich bin so verlassen, die Mutter bekümmert sich nicht mehr um mich, 
sobald sie einen andern so hinausführte. Ich war ja dann tatsächhch 
ganz verlassen, allein im Zimmer zurückgelassen." Diese Rolle der 
Mutter hat er dann zeitlebens weiter gespielt oder spielen wollen. So 
war er mit liYg Jahren glühend in ein Mädchen verschossen. Als er 
nun einmal beim Abschied vernahm, sie sei am Abort, überlief ihn 
ein Schauer und er hatte das Gefühl: Schade, daß ich nicht mitkann! 
,, Genau so ist es jetzt, wenn Knaben aufs Klosett gehen, da habe ich 
auch immer den Wtmsch, mit ihnen zusammen zu sein." Auf die aUer- 
bedeutsamste Beziehung jedoch werde ich erst später zu sprechen 
kommen. 

Zunächst aber will ich noch einige Topfgeschichten nachtragen. 
Mit etwa 5 Jahren hatte er einen Freimd, mit dem er ganz sonderbare 



über Urethralerotik, 431 

Spiele trieb. „Wir liebten es nämlich, gemeinsam in einen Topf oder 
ein anderes Gefäß, z. B. eine Gießkanne hineinzuschiffen, und pflegten 
uns dazu im Garten alle möglichen Gefäße zu holen. Dort hatten wir 
eine Ecke und warteten direkt darauf, bis wir wieder Urin hatten. 
Zuerst hat der eine, dann der andere hineingeschifft. Das Urinieren 
selber machte uns wohl das meiste Vergnügen." Daraus erwuchsen 
nun merkwürdige Folgen. So hielt der Knabe für jene Spielereien öfters 
seinen Harn zurück, und fragte ihn die Mutter, ob er nicht hinaus müsse, 
so lautete die Antwort stets, er sei schon auf dem Topfe gewesen, eine 
kleine Wurzel für sein späteres starkes Schuldgefühl. Viel wichtiger 
aber erscheint ihm ein anderes. ,,Wir haben uns immer gegenseitig 
angeschaut, ob der andere potent sei, ob er schon wieder urinieren könne. 
Nun ist es ja durchsichtig, daß der Harn dem Kinde für Samen gilt, 
und ich glaube, daß dies bei meiner späteren Impotenz dem Weibe 
gegenüber psychisch mitwirkte." Endlich gibt er noch an, daß ihn 
nach jenen Spielen mit dem Freunde immer ein tiefes Schuldbewußtsein 
überkam. Eines Abends endlich faßte er sich ein Herz und eröffnete 
sich dem Vater. Nachdem ihn dieser beruhigt hatte, es habe nichts auf 
sich, da fühlte er sich erheblich leichter. Als Erklärung weiß er nebst 
der früher erwähnten kleinen Wurzel nur folgendes zu nennen : „Meine 
Mutter hatte mir stets nachdrücklichst eingeschärft, sie nie zu belügen, 
und ich habe dies auch nie getan. Bei den Harngeschichten aber hatte 
ich die Empfindung, ich betrüge sie, ich tue etwas Verbotenes und ver- 
schaffe mir einen sexuellen Genuß, den ich nicht haben durfte. Die 
Gießkanne war mir zum Blumenbegießen gegeben worden und ich fand 
das so gemein von mir, daß wir andere Dinge damit trieben und hinein- 
urinierten, demnach die Mutter hintergingen. Die glaubte, wir seien artig 
gewesen, während wir in Wirklichkeit imgezogen waren. Sie sagte auch 
einmal in sehr schroffem Ton, es sei unartig, solche Dinge zu treiben." 
Bezeichnend ist an dieser Darstellung, daß er bereits als Knabe wußte, 
dies Tun sei ein unerlaubter Sexualgenuß. Übrigens hat er auch später 
mit Vorliebe in Töpfe hineingepißt, die zu anderen Zwecken ihm ge- 
geben worden, was einen tieferen sexualsymboUschen Sinn verrät. 

Nun noch in Kürze die konstitutionellen Bedingungen dieser 
Harnerotik, soweit ich sie zu erkimden vermochte, sowie die bedeutsam- 
sten Erziehungseinflüsse. Organische Erkrankungen des Harnapparates 
sind in seiner väterüchen Familie häufig. Der Großvater ist an einer 
solchen sogar verstorben — die nähere Diagnose war nicht eruierbar -- 
und der Vater, von dem ich vorhin schon einiges anführen konnte, 



432 J. Sadger. 

der femer an akuten Gichtanfällen leidet, ächzt und stöhnt oft bei 
dei Miktion und soU obendrein sowie der Sohn vor anderen nicht zu uri- 
nieren können. Auuh die Mutter hat gelegentlich ihr Wasser nicht 
lassen vermögen und den Harn wiedeiholt zur Untersuchung schicken 
müssen. Ihre eigene Harnerotik drängte sie dazu, auch fremden Kindern 
bei deren kleinen Geschäften zu helfen. Von Erziehungseinflüssen 
führe ich an, daß der Vater es liebte, wenn der Sohn bei ihm im Bette 
lag, mit dessen Penis zu spielen, was unser Patient ganz sicher erinnert. 
Bei diesem hinwieder regten sich früh neuralgische Gefühle im peri- 
pheren Harnapparate. ,, Schon als Kind", berichtet er, „hatte ich 
Keißen und Schmerzen direkt in der Harnröhre mehr an der Basis. 
Ich hatte mir sogar ein eigenes Wort dafür gebildet, ich nannte sie näm- 
lich ,seelisclie Gefühle', vielleicht weil ich die Seele des Menschen in 
der Harnröhre suchte. Es war weniger Schmerz ak Kratzen oder Eeißen 
und dauerte bis zum 12. Jahre oder noch länger. Es war immer nur ein 
momentanes Gefühl und mehr inwendig, ein Gefühl, wie wenn etwas 
drin verstopft wäre, daß der Urin nicht durch könnte, wie wenn ich 
Sand oder Gries hätte. In Wahrheit war es aber gar nicht verstopft. 
Das Gefühl hatte ich auch nicht beim Urinieren, mindestens band es 
sich nicht an dieses." 

Sehr früh begann er einen Teil seiner mächtigen Hamerotik 
zu symbolisieren und zu Passionen zu sublimieren. Ich gebe im folgenden 
seine Äußarungen in der Psychoanalyse wieder, kontrolliert und gelegent- 
lich zeitlich richtigge3tellt durch das Tagebuch der Mutter. Die letztere 
notiert von ihm, da er noch nicht volle 2 Jahre zählt: ,,Sein größtes 
Vergnügen ist, Steine ins Wasser zu plumpsen," was auch im folgenden 
Jahre besonders vermerkt wird. Dann mit 2^/3 Jahren: „Sein liebstes 
Spiel ist, mit einer kleinen Gießkanne, die er endhch erbettelt, un- 
ermüdlich Pflanzen zu begießen." Mit 2^3 Jahren amüsiert er sich 
in einer Ausstellung am meisten über einen Automaten. ,,Wenn man 
ein 10-Pfennig- Stück hineinsteckt, fließt aus einem Hundekopfe Selters- 
wasser heraus. Er ^var gar nicht wieder fortzubringen und bat in seiner 
Lebhaftigkeit einen neben ihm stehenden Jungen um ein Geldstück, 
damit noch einmal Wasser laufe." Mit S^/^ Jahren bekommt er zu 
Weihnachten eine lau gersehnte kleine Pumpe ,, ordentlich zum Pumpen. 
Er freute sich ganz kolossal darüber und war den ganzen Abend nicht 
davon wegzubringen." All diese Sublimierungen der Harnerotik er- 
innert Patient auch deutlich selber als förmliche ,, Leidenschaften" und 
fügt noch hinzu: ,,Mit 4 Jahren hatte ich in einem Badeorte geradezu 



über Urethralerotik. too 

eine Schwärmerei für Pumpen. Zu jeder Pumpe mußte ich hin und 
selber pumpen. Das fiel so auf, daß meine Eltern mir öfters davon 
erzählten. Ich kannte auch in Bälde sämtliche Pumpen im ganzen 
Orte. Dann folgte eine neue Passion für Wasserwagen, die ich durchaus 
haben wollte. In späteren Jahren kam endUch eine Vorhebe für jegHche 
Art von Wassersport, zumal für das Segeln. Es reizte mich besonders, 
daß, wenn das Schiff durch die Wellen fuhr, das Wasser überspritzte 
oder, wenn es schlecht ging, direkt eindrang. Es war also in Wirkhch- 
keit ein Urinsport. Trotzdem die Eltern es mir strenge verboten hatten 
und ich so großen Schwierigkeiten begegnete, daß jeder andere zurück- 
gewichen wäre, Ueß ich doch nicht locker. Ich hatte z, B. kein Geld 
zu all diesen Dingen, aber ich fertigte mir alles selber an und richtete 
mir die Sache so bilhg ein, daß ich es durchführen konnte." 

Am tiefsten ins Verständnis seiner Harnerotik führt aber ein 
anderes Phänomen: seine ausgesprochene Dysuria psychica. Schon 
am 7. Analysen tage begann er ganz spontan zu erzählen: „Wenn ich 
in einer Bedürfnisanstalt uriniere und sehe jemand, der neben mir steht 
und mich anguckt, dann kann ich kein Wasser lassen. Das habe ich 
seit vielen Jahren und es ist mir schon oft sehr peinUch gewesen. Ich 
habe immer das Gefühl, ich werde mich blamieren, wenn der andere 
sieht, ich stelle mich hin und kann doch nicht schiffen. Die Angst 
löst immer die Hemmung aus. Das habe ich, glaube ich, seit dem 
15. Jahre, seit dem Jungen, den ich am heißesten liebte. Vor dem 
vermochte ich nicht zu urinieren und ging jeder Gelegenheit dazu aus dem 
Wege, weil ich das bestimmte Gefühl hatte, ich würde es nicht können 
und mich nur blamieren. Hätte ich ihn urinieren gesehen, wäre ich 
wahrscheinhch in sexuelle Erregung geraten. Ich hatte auch die Idee, 
er würde versuchen, mein Genitale zu sehen. Ich bekam dann sexuelle 
Gedanken und Erektionen." Der Beginn dieser Wassersperre ist aller- 
dings weit früher anzusetzen, wie sich bald ergab. Zunächst hat er 
schon mit 11, 12 Jahren, als er in einer länger währenden Krankheit 
eine Pflegerin bekam, vor dieser nicht urinieren können. ,, Schon ihre 
Gegenwart hinderte mich, übrigens nachher auch die Gegenwart der 
Mutter." EndUch kam heraus, daß er bereits mit 7, 8 Jahren eine 
solche Sperre bekommen hatte, merkwürdigerweise vor dem nämlichen 
Freunde, mit dem er als 5 jähriger Junge die verschiedenen Topf- und 
Harngeschichten trieb. ,,Wir gingen damals zusammen auf das Klosett 
und urinierten in einen Ausguß. Und da weiß ich noch genau, ich konnte 
kein Wasser abschlagen, weil ich mich ein bißchen vor ihm genierte. 



434 J. Sadger. 

Ich hatte stets das Gefühl, daß er meinen Penis ansieht und infolge- 
dessen Furcht, mich zu blamieren, daß ich nicht schiffen und ihm 
keinen Grund hierfür angeben könnte. Die Sache war mir immer 
schleierhaft. Nur wenn ich viel getrunken hatte und angeheitert war, 
fiel die Hemmung weg. Vor Knaben, mit denen ich sexuell verkehrte, 
überhaupt vor Knaben hätte ich nie urinieren können." 

Nun zur Erklärung dieses Phänomens. Zunächst ein paar ober- 
flächliche Motive. Da will er mit 12 Jahren ein Trauma erlebt haben. 
Er war zu einem Freunde geladen, der ein sehr geiles Brüderchen von 
8 Jahren hatte. Als er nun einmal sein Wasser auf dem Aborte abschlug, 
der dem Kinderzimmer just gegenüberlag — den Riegel hatte er wie 
gewöhnlich vorzuschieben „vergessen" — wird unversehens die Türe 
vom Achtjährigen aufgerissen, der seinem Frävdein zuruft, sie möge 
doch hingucken. Darüber erschrak nun Patient so heftig, daß er nicht 
mehr imstande war zu urinieren. Allerdings muß er dann selber zugeben, 
daß er die Tür vielleicht absichtlich offen ließ, wenn auch nicht für 
den Kleinen, so doch für den älteren Bruder und Freund. Dieser letztere 
drängte sich auch immer mit, wenn er das Klosett aufsuchen mußte, 
und liebte es zuzuschauen, was ihn ein wenig genierte. Ein andermal 
gibt er ausdrücküch an, er habe immer die Tür des Abortes offen ge- 
lassen aus wahnsinniger Angst, sie dann nicht wieder öffnen zu können. 
Er habe sich auch sehr gern überraschen lassen, zuerst von den Eltern, 
später von gehebten Mädchen und Knaben. 

Ein weiteres Motiv für die Dysurie hege auch noch darin, daß er 
sich vor anderen schäme in Nachahmung und Identifikation mit der 
Mutter, Als er noch ganz klein war, nach dem Tagebuche etwas über 
4 Jahre, da wollte die Mutter einmal im Zimmer auf den Topf gehen und 
sagte dem Dienstmädchen : „Beschäftigen Sie sich nebenan \" Das habe 
er getreulich imitiert. Zwar erinnere er sich selber nicht daran, doch 
stehe im Tagebuche wörtlich zu lesen: ,,Als ich (die Mutter) ihn neuUch 
ins Schlafzimmer zum Waschen schickte, wo just das Mädchen fegte, 
da hörte ich, wie Fritz sagte: , Gehen Sie hinaus, ich wünsche allein zu 
bleiben. Sie können sich solange auf dem Vorplatze beschäftigen.* 

Eine andere Erzählung führt schon etwas tiefer. ,,Mit 7, 8 Jahren 
Hebte ich, am Strande des Badeortes auf dem Bauch zu liegen, mir ein 
Loch zu graben und hineinzuschiffen. Wenn ich das tat, vermochte 
ich stets nur schwer zu urinieren, weil mir dann sexuelle Gefühle kamen 
und ich den Harn zurückhielt. Ich hatte den Gedanken, es könnte 
jemand kommen und mich überraschen, und da genierte ich mich. Ich 



über Urethralerotik. 435 

weiß, daß ich mich schon sehr früh schämte, vor Bekannten und Freunden 
zu urinieren, mehr als andere Jungen. Mit 5 Jahren hatte ich noch 
mit meinem ersten Freunde zusammen die Sache, mit 7, 8 habe ich mich 
sicher schon geschämt. Die Erziehung macht doch viel aus beim so- 
genannten Schämen." Fachmännern brauche ich wohl nicht erst zu 
sagen, daß seine ewige Furcht, überrascht zu werden, nur den Wunsch 
bedeutet, dies solle geschehen. Welchen Anteil jedoch die Erziehung 
besitzt an diesem Schämen, wird späterhin seine Aufklärung finden. 

In einer der bisherigen Retentionsgeschichten ward ein Punkt 
schon berührt, der dem Kern der Sache ganz nahe liegt. Wenn Patient 
mit 14, 15 Jahren ein paar Tropfen in die Hohlhand hineinurinierte, 
bekam er besondere Lustgefühle und eine Erektion, die das Wasser- 
lassen besonders erschwerte. Im Verlaufe der Analyse aber stellte sich 
heraus, daß die Harnsperre durch Erektion sich bis in die zarteste Kind- 
heit unseres Kranken mit Sicherheit zurückverfolgen läßt. Schon in 
seinem 2. Lebensjahre stellten sich regelmäßig beim Wasserlassen 
Gliedateifungen ein, die eine Retention bewirkten. Daran erinnert er 
sich nicht bloß selbst, es wird auch von Vater und Mutter bestätigt 
und ist obendrein in einer Amateurphotographie des Vaters fixiert, 
die ich mit eigenen Augen sah. Patient hat ferner die bestimmte Er- 
innerung, daß er Stuhl und Urin stets zurückhielt und sich erst durch 
vieles Drängen der Mutter auf den Topf zu gehen bewegen ließ. Das 
verstärkte natürUch die angeborene Neigung zu Erektionen noch ganz 
beträchtlich. 

Interessant sind die Eigenerinnerungen des Kranken sowie deren 
Bestätigung durch Vater und Mutter, die ich anfragen ließ. ,,Ich bekam 
jedesmal beim Urinieren Gliedsteifung. Auch Vater hat es mir direkt 
gesagt und meine Mutter schreibt wörtlich: ,Ich habe natürlich den 
Teil des Körpers berührt, um ihn in den Topf hineinzustecken, da sonst 
alles ins Bett gegangen wäre. Das betreffende Glied war immer 
steif. Wenn ich Dich auf den Topf setzen wollte und es eilig hatte, 
da konntest Du nichts machen, weil der Teil steif war. Ich in meiner 
Dummheit wußte das nicht und war ärgerlich darüber.' Mir kommt 
jetzt schwach in Erinnerung," fährt der Patient fort, ,,daß ich nicht 
urinieren konnte, aus dem Wunsche heraus, Mutter oder Vater sollten 
ihre Hand hinhalten und mir helfen. Dann erinnere ich noch zwei 
Episoden. Mit 4 Jahren hielt ich einmal den Urin zurück, worüber ich 
ganz blaß wurde. Das bemerkte Mutter und sagte: ,Du siehst so blaß, 
mußt du nicht auf den Topf gehn?' Und dann schärfte sie mir ein, 



436 J. Sadgp' 

das dürfe man nicht bei sich behalten, das sei sehr ungesund. Vielleicht 
habe ich es darum als etwas Geschlechtliches angesehen. Als ich später, 
mit 14 Jahren wegen eines Furunkels am Oberschenkel zum Arzt 
gehen'mußte und dieser dabei zufällig am Penis ankam, hatte ich große 
Angst, eine Erektion zu bekommen. Damals hatte ich nämüch die 
ersten Gliedsteifungen in der Pubertät und dachte, das wäre etwas 
Ungebeuerliches, Verbotenes, weil meine Mutter mich mit 2 Jahren, 
wenn sie mein erigiertes Glied in den Topf hineinsteckte, ausgescholten 
hatte: .Stell dich nicht so an!' Mich dünkt, daß damals die Erektion 
von ihrem Anfassen herrührte und die Harnsperre wieder von der Erek- 
tion und den sexuellen Gedanken." 

Ich glaube, wir dürfen uns den wahren Zusammenhang so vor- 
stellen: Das Primäre ist die konstitutionell verstärkte Erogenität des 
peripheren Harnapparates und des Urins. Sinnfällig spricht sich diese 
aus in den Lustgefühlen bei der Miktion, in der Neigung zu frühen Erek- 
tionen, eventuell sogar schon im Säuglicgsalter, sodann in dem Hange 
zur Urinretention. Die Kleinen haben es bald heraus, daß sie durch 
letztere sich besondere Wonnegefühle schaffen können, und üben sie 
fortab regelmäßig. Kommt bei den Knaben nun dazu, daß die Eltern 
ihnen Hilfe durch Packen des Membrums angedeihen lassen, so erhöht 
dies natürlich die Wollust noch mehr. Außerdem genügen jene dadurch 
ihrer Bxhibitionslust und produzieren sich vor den Eltern mit einem 
großen Penis. Noch bedeutsamer ist die Gegensatzkomponente des 
starken Schautriebs, der sich in erster Linie auf die Eltern und deren 
Miktion bezieht. Die spätere Dysuria psychica nun ist einerseits Fort- 
setzimg jener Harnretention in den allerersten Lebensjahren und wie 
diese bedingt durch die erhöhten erogenen Qualitäten des Harnapparates, 
andererseits jedoch dem Konflikte entsprungen zwischen erogener 
Funktion der Urethra und ihrer physiologischen Leistung, der Ham- 
entleenmg, beides natürlich mit der späteren psychischen Umkleidung^). 
Die Schau- und Exhibitionslust bei der Miktion, der eignen wie geliebter 
Personen fiel der Kulturen twicklung zum Opfer, dann aber steht es 
nicht mehr dafür, noch zu urinieren. Und besonders wird diese Hemmimg 
erzeugt, wenn durch die Anwesenheit eines Geliebten die alten und 
verdrängten Wünsche wieder lebendig werden. Li unserem Falle 
würden die letzteren etwa also lauten: Möchte er mir doch beim Uri- 

') Über solche Konflikte vgl. Freud „Die psychogene Sehstörung in 
psychoanalytischer Auffassung", Ärztliche Fortbildung, wissenschaftliche Beilage 
der Ärztlichen Standeszeitung, Nr. 9, 1910. 



über ürethralerotik. ^37 

nieren helfen, mein großes und starkes Glied bewundern ! Oder anderer- 
seits wieder: Ich möchte so gerne ihm zusehen, seinen Urin auffangen 
oder gar trinken ! Muß man all diese lustvollen Begvmgen und "Wünsche 
stets neu verdrängen, dann hat die Miktion überhaupt keinen Wert 
und die Rache der unterdrückten sexuellen Teiltriebe ist eben jene 
Dysurie. Selbstredend fehlt auch die spätere psychische Umkleidung 
nicht, z. B. die Furcht, i. e. der Wunsch, sich zu blamieren, damit der 
andere helfend eingreife, wie seinerzeit etwa Vater und Mutter. Die 
Angst hinwieder beweist die unterdrückte Libido. 

Zum Schlüsse will ich noch zwei Symptome der Harnerotik an- 
führen, von welchen das erstere in scheinbarem Gegensatze zur Re- 
tention steht, das andere wieder den Übergang bildet zu onanistischer 
Betätigung. „Ich weiß," berichtet unser Patient, „daß, wenn ich mit 
meinem Freunde Versteckens spielte imd irgendwo ruhig saß, es auf 
einmal über mich kam und ich urinieren mußte. In viel späteren Jahren, 
da ich Regatta segelte und wußte, ich bin auf mindestens zwei Stunden 
an mein Boot festg|enagelt, da bekam ich regelmäßig heftigen Harn- 
drang. Das kann doch nicht daher kommen, wie ich mir einbildete, 
daß wir durch die Spritzwellen ganz naß wurden und keinen trockenen 
Faden mehr am Leibe hatten, daß es also durch die viele Nässe kam. 
Vielleicht habe ich mir die Vorstellung gemacht, ich sei anuriniert 
worden." Natürlich ist hier wie bei der Retention die gesteigerte Ham- 
erotik entscheidend, auf die sich dann erst Phantasien aufbauen. 

Endlich noch eine frühe pollutionsartige Regung infolge von Angst. 
„Mit 10, 11 Jahren kam ich einmal zu spät in die Schule, wo ein sehr 
gefürchteter Lehrer waltete. Als ich nun an der Schuluhr sah, daß ich 
10 Minuten zu spät gekommen, überfiel mich eine furchtbare Angst 
und zugleich ein so schönes, wundervolles Gefühl im Penis, das ich nie 
vergessen werde. Endlich stellten sich auch Zuckimgen ein, wie vor 
der Ejakulation, doch ohne Samenerguß. Ich habe nicht masturbiert, 
es löste sich einfach von selber aus. Das Gefühl im Penis war das näm- 
liche, wie wenn ich jetzt masturbiere, nur um vieles herrlicher. Ich 
gäbe mein halbes Leben darum, wenn ich es noch einmal erleben könnte." 
Ein ähnliches Gefühl, wenn auch minder stark, ergab sich, als er später 
einmal mit der Mutter Rad fuhr und unschlüssig war, ob er zurückfahren 
solle oder nicht. ,,Ich glaube, ich hatte noch etwas anderes vor. Schließ- 
lich fuhr ich doch zurück \md heß die Mutter allein und, da ich schon 
ein Stück Weges fort war, überkam es mich : wärst du doch lieber mit- 
gefahren ! Die Angst, daß ich etwas versäumt hätte, löste noch einmal 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. ps^'chopatliol. Forschungen, II. ^'' 



438 j. Sadget. 

das Lustgefühl aus." Ea ist wohl kein Zweifel, daß es sich hier um 
pollutionsartige Vorgänge handelt, wenn auch olme Ejakulat, Vor- 
gänge, welche ähnliche Lustgefühle provozieren, nulR^m vieles stärker 
als die Masturbation. Wir wissen, daß Angstgefühle wie überhaupt 
jeder starke Affekt am Ende ins Sexuelle umschlagen und dann sehr 
leicht zur Onanie verführen, dem großen Trostmittel, In der Schul- 
epiaode finden wir auch noch Nachahmung des Vaters bei seiner Miktion 
— die letztere für das Kind bekanntlich gleichbedeutend mit dem Ge- 
schlechtsakte — in der zweiten ein anderes psychisches Moment, die 
scheinbar unbegründete Furcht, etwas zu versäumen. Nach anderen 
Analysen möchte ich glauben, es sei die aus seiner infantilen Vorzeit 
übernommene Furcht, der Vater könne mit der Mutter verkehren, 
wenn er nicht zugegen. 
Nun zu dem 

2. Fall, 

der in manchem Betracht ein Gegenstück bildet. Es handelt sich um 
einen 32 jährigen Zwangsneurotiker mit starker Harnerotik in der 
Kindheit. Als ich ihn zur Psychoanalyse übernahm, da hatte er kurz 
vorher sich pensionieren lassen, weil er vor lauter Zwangsgedanken 
überhaupt schon berufsunfähig geworden. Doch auch die Befreiung 
von allen Pflichten brachte keine Besserung, denn fortab übertrug 
er seine Zwangsbefürchtungen einfach auf jede Handlung seines 
Lebens. Z. B. konnte er im Gasthaose niemals seine Zeche bezahlen, 
ohne hinterdrein zu fürchten, et hätte eine falsche Münze herausgegeben 
oder zu wenig angesagt, keinen Einkauf besorgen, ohne nachträgliche 
Angst, den Verkäufer hiebei bemogelt zu haben. Immer und überall 
fühlte er sich schiddig und ein Betrüger und sehnte sich förmlich, 
Strafe zu erleiden. Eine allerdings geringe Lösung ergab sich aus 
seiner Harnerotik. Eines Tages nämlich kam er zu mir mit einer kuriosen 
Erzählung. Bei seiner Wirtin habe er sich bedungen, er müsse nach der 
Morgentoilette noch einmal frisches Wasser bekommen. Mittags nun 
habe ihn das Verlangen gepackt, sich gründhch zu waschen, trotzdem 
er dies gar nicht nötig hatte, bloß damit die Wirtin nicht etwa glaube, 
er habe seine Forderung nur aus Caprice gestellt. Kaum aber gab er 
dem Impulse nach, stellte sich sofort der Zwangsgedanke ein, jetzt 
habe er seine Wirtin geschädigt, sie müsse für das Wasser nun mehr 
bezahlen, soviel gebühre ihm ja gar nicht, er habe sie also betrogen 
usw. usw. Durch eine nahehegende Assoziation kam er vom Wasser 
auf sein Wasferlassen, worüber er folgende Angaben machte: 



über [Jrethralerotik. 439 

„Als kleines Kind, sicher schon mit 3, 4 Jahren, wahrscheinhch 
auch früher, habe ich sehr viel uriniert, und zwar auch bei Tag, so daß 
meine Hosen ganz braun davon waren. Nachts, wenn ich im Bette lag, ist es 
auf einmal losgegangen und ich habe mich gefürchtet, der Vater, der 
sehr jähzorniger Art, werde mich dann schlagen^). Trotzdem aber hatte 
ich immer direkt ein Wonnegefühl, wenn der Harn herauskam. Auch 
bei Tag habe ich kolossal uriniert. Mein Hauptvergnügen war, wenn 
es so heiß herausfloß, mir heiß über meine Beine Uef und unten bei den 
Hosen heraustrat. Ich weiß, daß ich als Kind von 3 bis 5 Jahren die 
Hosen absichtHch nicht aufmachte, um diesen Genuß nicht einzubüßen. 
Auch ging ich da sehr raffiniert zu Werke. Bei Nacht habe ich immer 
darauf gewartet, daß das Leintuch austrockne, damit es am Morgen 
nur niemand bemerke. Bei Tag aber ließ ich Tropfen für Tropfen, 
damit sich die Nässe nur mählich verbreite und man es nicht sehe. 
Solang man die braune Verfärbung noch nicht wahrnahm, konnte ich 
hineinurinieren, soviel ich woUte, was ich denn auch nach Herzenslust 
tat. Erst wenn man das an den Hosen schon merkte, war ich imglücküch. 
Übrigens trieb ich es gewöhnhch auf der Gasse, so daß es keiner der 
Meinen sah und ich es heimlich durchführen konnte ohne jede Be- 
strafung. Ich habe also damals raffiniert betrogen und mich der ge- 
bührenden Strafe entzogen. Die muß ich jetzt hundertfach in meinen 
Zvvangsgedanken abbüßen, indem ich mich beständig schuldig fühle 
imd der schwersten Strafe entgegensehe." Ein andermal berichtet er, 
schon als ganz kleiner Bub den Koitus der Eltern \\aederholt belauscht 
und beobachtet zu haben, da der Vater vor dem jüngsten Kinde, 
welches immer im Bette der Eltern schlief, sich gar nicht genierte. ,,Ich 
weiß, ich hatte stets den Gedanken, der Vater uriniert die Mutter an. 
Vielleicht ahmte ich dies nach, indem ich in die Hosen und das Bett 
urinierte." Später ergänzte er: „Möglicherweise rührt das Bettnässen 
auch davon her, daß ich ganz zuerst das größte Vergnügen daran fand, 
auf dem Schöße der Mutter oder des Dienstmädchens sitzend, also die 
weiche Unterlage fühlend, zu urinieren. Da' ich nun im Bette lag, 
werden die weiche Unterlage desselben und meine eigenen Beine die 
Ähnlictkeit mit der weielien Unterlage des Schoßes und den Beinen 

der Mutter dargestellt haben." Natürlich ist dies nur spätere Phantasie. 
Wohl aber kann der Drang, just in das Bett zu schiffen, auf das An- 
pissen der Windeln durch den Säugling zurückgehen, dann ferner 

1) Daneben gab es jedoch auch masochistische Gelüste, sich vom Vater 
erwischen und schla:en zu lassen. Siehe darüber später im Texte. 

29* 



440 J. Sadger. 

darauf, daß der Kitzel der Haut durch den eigenen Urin für liarnerotische 
Kinder oft besonders groß und luätvoU ist. 

Ich bin hier bei einer wichtigen Seite der Harnerotiker angelangt, 
die ich bislang noch nicht besprach. Sehr viele so veranlagte lünder 
besitzen außer ihr noch eine zweite konstitutionell verstärkte erogene 
Zone: die Hautdecke nämlich. Deren besondere Erogenität spricht sich 
vomehmhch in außerordentlich erhöhter KitzHchkeit aus, welche 
wieder nicht selten mit der Harnerotik in Zusammenhang steht. Es 
gibt nämlich Leute, zumal junge Mädchen, die man z. B. nur unter den 
Armen zu kitzeln braucht, damit sie sich augenbhckhch besprenzen. 
Wieder andere finden bei solchem Kitzeln des Lachens kein Ende. 
So hatte der vorbesprochene Urning eine erorme Überempfindlichkeit 
der Haut. „Wenn Vater mir beim Schlafengehen das Nachthemd am 
Halse zuknöpfen wollte," erwähnte er einmal, „da konnte ich ea nicht 
ertragen. Es kitzelte mich derartig, daß ich vor Vergnügen und Lachen 
stets schrie, und zwar jedesmal, wenn seine Hand mich amHalse berührte. 
Das war überhaupt mein größtes Vergnügen." Ebenso war ihm die 
Vorstellung des Impfens, daß seine Haut geschabt werden müßte, 
ganz unerträghch. Ein gleichfalls schon zitierter anderer Patient be- 
kam besondere Lustgefühle, wenn er sich selber in die Hand urinierte 
und die warme Flüssigkeit auf die Finger kam. In unserem Fall endhch 
ist die Reizung der Schenkelhaut durch seinen heiß überströmenden 
Urin von ganz enormer Lust begleitet. 

Interessant ist auch, wie bei imserem Zwangsneurotiker die oben 
besprochene Enureae schwand. Sie währte recht lange, bis zu seinem 
9. Lebensjahre. ,,Ala ich mich jedoch in der 3. Klasse in einen äußerst 
netten und peinlich sauberen Lehrer verliebte, da faßte ich plötzüch 
den Entschluß, anders zu werden und meine üblen Gewohnheiten ab- 
zulegen. Ich wollte ebenso rein und nett werden, wie der geliebte 
Lehrer, der immer tadellose Wäsche trug, und mich nicht mehr besudeln." 

Von den übrigen Äußerungen seiner Urethraler otik will ich zu- 
nächst seinen häufigen Kitzel in naembro nennen. Als er z. B. als acht- 
jähriger Junge eine steile Mauer hinaufkletterte tmd dies sehr schwer 
ging, hatte er ein starkes Gefühl der Angst und gleichzeitig damit ein 
Kitzelgefühl in Urethra. Mit 8, 9 Jahren quälte ihn eine Zeitlang ein 
fürchterliches Jucken in der Harnröhre, infolgedessen er beständig 
an seinem GUede rieb, und zwar offen vor allen. Er hat oft schon darüber 
nachgedacht, ob er eine Ursache wüßte, aber keine gefunden. Auf meine 
direkte Frage, ob er vielleicht damals sexuelle Gedanken auf jemand 



Ober TTrethralerotik. 441 

gehabt, meint er : vielleicht auf das Kindermädchen. In den ersten zwei 
Volksschulklassen, also im 7. und 8. Jahre hatte er einen äußerst strengen 
Lehrer, welcher sie nicht hinausgehen ließ. Infolgedessen mußte er 
den Urin zurückhalten, bekam ein Kitzelgefühl in der Harnröhre und 
masturbierte wie bei jeder späteren Notsituation. Hier bestand ja *ich 
eine wirkliche Not. Derselbe strenge Lehrer pflegte seine Schüler mit 
dem Staberl auf die Hand zu schlagen, worüber Patient als ganz ver- 
läßliche Erinnerung berichtet: ,,Wenn er mich auf die Hand schlug, 
verspürte ich einen sexuellen Reiz. Ich glaube, bereits die Angst vor der 
Strafe hat niir Reiz gemacht, ich könnte erwischt und geprügelt werden. 
Schon das allein erzeugte einen Kitzel in der Harnröhre, vielleicht 
aber auch das heftige Schlagen. WahrscheinHch war es bereits die Angst, 
denn jener war ein roher Mensch, der fürchterlich zuschlug. Auch beim 
Vater hatte ich ähnhche Angst. Wenn er uns verfolgte, liefen wir um 
den runden Tisch herum und suchten, bei einer günstigen Gelegenheit 
durch die Türe zu entwischen. Beim Laufen bekam ich auch so ein 
Gefühl, wenn ich nur entkommen könnte, und dabei das Kitzelgefühl 
in der Harnröhre wie später vor der Pollution, ein Kitzeln und gleich- 
zeitig ein Wollustgefühl," So sehr er übrigens die Schläge seines Vaters 
fürchtete, — dieser ist natürlich das Vorbild des strengen Lehrers — 
so hat er sie doch gelegentlich auch durch allzu häufige Miktion provoziert, 
natürlich nicht um der Schläge willen, sondern weil ihm diese einen 
Kitzel in der Harmöhre verursachten, was eine der Wurzeln des Maso- 
chismus ist. 

Nun zu der Umwandlung in der Pubertät. Da bekam er regel- 
mäßig PoDutionen, wenn er davon träumte, er laufe, um den Eisen- 
bahnzug noch rechtzeitig zu erwischen, oder wenn er sich mit der 
Schularbeit sehr beeilte. In der letzten Gymnasialzeit und noch mehr 
an der Universität häuften sich die Pollutionen derart, daß er mit 
21 Jahren zu einem Internisten ging, der ihn sodann zum Weibe schickte. 
„Angst und Kitzel in der Harnröhre dürften bei mir immer zusammen- 
fallen. In Bedrängnis habe ich gewöhnHch eine Pollution. Vielleicht, 
daß ich auch deshalb jetzt immer onaniere, wenn ich mich gedrängt 
fühle .... Ich habe auch immer dann masturbiert, wenn ich keinen 
Ausweg mehr wußte und bevor ich noch meine Gedanken geordnet hatte, 
daß ich eigentlich nichts Strafbares begangen und mir nichts geschehen 
könnte. In dem Gefühle der Verlassenheit onaniere ich immer. Das wird 
wahrscheinlich auch mit den Prügeln zusammenhängen. Die Furcht 
vor dem Geprügeltwerden erzeugte immer ein gewisses Gefühl in der 
2 1 



442 .T. Sadger. 

Ilarniölire, welches zum Masturbieren führte. Ebenso koitiere ich 
jetzt meine Frau, wenn ich mich elend fühle, nur daß ich da, statt zu 
onanieren, den Koitus ausführe, also Trost durch einen sexuellen Genu5. 
In der Kindheit habe ich immer bei großen Aufregungen oder, wenn ich 
mich fürchtete, den Urin herunterfließen lassen und mir auf diese Weise 
gioßen sexuellen Genuß und Trost verschafft, wie später durch das 
Masturbieren imd Koitieren. Sperma und Harn setzte ich offenbar 
gleich." 

Von konstitutionellen und Erziehungsmomenten weiß unser 
Patient nachstehendes zu sagen: ,, Mutter griff sich häufig hinunter, 
als wenn sie den Harndrang zurückhalten müßte, und lief dann gleich 
hinaus aufs Klosett. Ich sehe das noch förmlich vor mir, als müßte die 
Mutter den Drang zurückhalten. Der Vater wieder hatte die Gewohn- 
heit, alle seine Buben ,aus Zärtlichkeit' am Penis zu ziehen, was als 
Liebkosung galt. Die älteren Brüder machten es dann ebenso bei den 
jüngeren. Der jeweils Jüngste lag immer neben dem Vater im Bette 
und wurde am Gliede gekitzelt. Ich tat dies gleichfalls bei all meinen 
jüngeren Geschwistern und ebenso später bei meinem eigenen Söhnchen 
vor der Analyse." Dies geschah angeblich immer ohne sexuelle Er- 
regung, bloß weil es bei ihnen so übhch war und als selbstverständlich 
galt. Andere verderbliche Erziehungseinflüsse gingen noch von den 
Dienstboten aus, die sicher mit seinem Membrum spielten, wenn sie es 
zur Miktion herausnehmen mußten. Er habe darum vielleicht auch 
absichtlich öfter uriniert, als notwendig war. Mitunter zogen sie ihn 
auch zur Strafe an seinem Penis, wenn er sich angeschifft hatte, worauf 
er jämmerüeh schrie und dann zur Besänftigimg am GHede gestreichelt 
wurde, was ihm wieder sehr wohl tat. 

Ich wiU hier noch einige seiner hochinteressanten Phantasien 
anknüpfen. Er hatte das Symptom der hysterischen Vergeßlichkeit, 
das er also erklärt: ,, Nachts vergaß ich sehr häufig, daß ich im Bette 
lag, und glaubte, ich säße am Klosett oder Nachttopf, und in diesem 
halbbewußten, halb unbewußten Zustand urinierte ich dann, ja ent- 
leerte sogar den Stuhl ins Bett. Ich glaube ganz sicher, des Nachts 
vergessen zu haben, daß ich im Bette lag, und in diesem halb bewußten, 
halb unbewußten Zustand xmd dem sich anknüpfenden Kitzelgefühl 
in der Harnröhre war mir das Urinieren direkt eine Wollust. Da dies 
nur meinem Vergessen entsprang — bei Tag war der Gedanke an die 
vStrafe so stark, daß er mich vom Urinieren, wenigstens vor den Meinen, 
zurückhielt — so habe ich dann das Vergessen als Quelle der höchsten 



über IJrethralerotik. 443 

Wollust hysteiiscli fixiert. Bei den Pollutionen in späteren Jahren 
ergab sich ein Analogen dazu. Ich träumte und, da der Erguß kam, 
wollte ich mich heftig dagegen wehren. Doch wußte ich mich durch die 
Vorspiegelung, dies sei ja nur ein angenehmer Traum, dann selber zu 
veranlassen, den Widerstand aufzugeben und den angenehmen Samen- 
erguß erfolgen zu lassen. Ich erinnere mich genau, daß auch beim Bett- 
nässen in der Kindheit sich stets derselbe Kampf einstellte. Halb 
schlafend, halb wachend sagte ich mir immer: Du darfst nicht urinieren, 
du bist ja im Bette und das wird bestraft. Aber diese Stimme unterlag 
und ich folgte der andern, welche mir sagte: Du träumst ja nur, du 
kannst nichts dafür, du handelst im Schlafe, also unverantwortlich. 
Wenn ich dann am Morgen die Bescherung sah, war ich tief unglückUch. 
Ich konnte es mir auch gar nicht erklären, da ich doch fest und steif 
geglaubt hatte, in einen Topf zu urinieren oder höchstens das Klosett. 
In diesem Gedanken war ich gliickhch gewesen und hatte mich gehen 
lassen, Nun sah ich zu meinem Schrecken, daß ich doch ins Bett uriniert 
hatte und damit der Strafe verfallen war. Ich konnte also tun, was ich 
wollte, ich war unrettbar der Strafe verfallen, em Grund meiner jetzigen 
Zwangsideen." 

Vorstehender Kranke hatte ein Mädchen zum Weibe genommen, 
das offenbar gleichfalls mit schwerer Urethralerotik behaftet. So bekam 
sie regelmäßig in jeder Schwangerschaft einen sogenannten Blasen- 
katarrh mit Harndrang, Schmerzen und Brennen bei der Miktion, 
ja sogar Urintrübung, und zwar sofort, wenn die Menses das erstemal 
ausgeblieben waren. Ging aber die Gravidität zu Ende, so hörten all die 
genannten Sj^mptume von selber auf, was ein durchaus regelwidriges 
Verhalten. Auch während der Analyse ihres Mannes bekam sie einmal 
wieder diesen Harndrang, woraus sie den Schluß zog, sie sei von neuem 
schwanger geworden. Als die Menstruation zwei Wochen später zur 
rechten Zeit eintrat, verschwand er urplötzlich ohne jede Behandlung. 
Nathträglich beichtete sie ihrem Gatten, sie sei in der Kindheit Bett- 
näs.ser!n gewesen und habe oft geträumt, daß sie uriniere. Selbst jetzt 
noch träume sie gelegen tüch davon, daß sie Harndrang habe. Sie wehre 
sich dagegen mit der Motivierung, sie müsse sich doch vor ihrem Manne 
schämen, da sie ja verheiratet sei. Erwacht aber, finde sie tatsächlich 
ein paar Tropfen Harn im Bette vor. 

Der Ehe dieser beiden Urethralerotiker entsprossen zwei Kinder, 
welche die Symptome dieser Erotik schon von Ceburt ab in aus- 
gesprochenster Form darbieter. Besprechen wir zuerst 



444 J. Sadger. 

Fall 3, 

das Mädchen, geboren 11. November 1907. Von früh auf erweist 
sich die Kleine als außerordentlich sinnlich veranlagt. Mit ly^ Jahren, 
da ich sie zum ersten Male sehe, kokettiert sie mit mir bei der ärztlichen 
Untersuchung, schlägt die Augen verschämt nieder oder seelenvoll 
auf, dann kneift sie das eine verschmitzt ein und sieht mich mit dem 
andern herausfordernd an, kurz benimmt sich wie ein äugelnder Back- 
fisch. Ein halb Jahr später erpreßt ihr ähnUches Benehmen in der 
Straßenbahn einem Herrn den Ausruf : ,, Schau, wie das Kind kokettiert !" 
„Wird sie vor fremden Herren freundlich behandelt," erzählt der 
Vater, „so macht sie direkt theatralische Gebärden, hebt die Hände 
und rollt die Augen (das Rollen der Augen hat sie bei mir gesehen). 
Kommen meine jüngeren Brüder zu Besuch, dann läuft sie ihnen gleich 
zu, verlangt, auf den Schoß genommen zu werden, was sie sehr glücklich 
macht, und will auch später inmaer neben dem Besucher sitzen." Als 
sie mit 2 Jahren sieht, wie ihr einjähriges Brüderchen von der Groß- 
mutter gewaschen wird, zeigt sie auf dessen Membrum und sagt wieder- 
holt: „Omama, was ist das?", ohne sich irgend ablenken zu lassen. 
Später dieselbe Frage an die Mutter. Am bezeichnendsten aber ist ihr 
Verhalten zum Vater, in welchen sie direkt verliebt zu sein scheint. 
Mit 1^/^ Jahren erhält sie von der Mutter eine Photographie desselben, 
der just verreist ist. Die läßt die Kleine nun nicht mehr los, nimmt sie 
zu sich ins Bett und auf die Spaziergänge mit. Sie ist ihr liebstes Spiel- 
zeug, das sie jedermann zeigt, wobei sie „Tata" sagt. Mit 2 Jahren 
2 Monaten überrascht sie dieser, wie sie immer „Schöne Männer, schöne 
Männer!" vor sich hinsingt^), und als er sie fragt, wer das sei, bückt 
sie ihn verschämt an: ,,Der Tata!" 

Nun zu ihren verschiedenen Harngeschichten. Sie hat eigentlich 
von Geburt an stets viel und häufig uriniert, was ihr schon früh von 
Seiten des Vaters Schläge eintrug, der sie in Erinnerung an die eigenen 
Erlebnisse in diesem Punkte sehr strenge behandelt. Schon im 2. Lebens- 
jahre uriniert sie auch immer, wenn sie Angst oder Schreck kriegt, 
und zwar genügt schon ein bloßes Anschreien oder in den Winkel 
stellen. Wenn man ihr mit 1^/^ Jahren einen Wtmsch nicht erfüllt, 
sie z. B. nicht auf den Arm nimmt, so fängt sie bitter an zu weinen 
und sich zu belullen, nur in selteneren Fällen verlangt sie aus Furcht 



*) Der Vater hatte ihr kiirz vorher Figuren auf einem Plakate als „schöne 
Männer" bezeichnet. 



Üter Urethraleroük. 445 

vor Prügeln nach dem Topfe. Mit 1 Jalir 10 Monaten notiert der Vater : 
,,,Ich habe jetzt schon zweimal, wenn sie, vor mir stehend, plötzlich 
auf den Teppich lullte, bemerkt, daß sie einen wie blöd, wie geistes- 
abwesend ansieht. Neben der Angst vor Prügeln ist es so, wie wenn 
einer vor Wollust die Besinnung verliert, z. B. beim Onaniereu. Halb 
ist es, als wenn es ihr sehr angenehm wäre, und halb ist sie wie geistes- 
abwesend. Sie begeht offenbar mit dem Lullen einen Sexualakt und, 
wenn sie jemand dabei anschaut, vielleicht mit der betreffenden Person.'" 
Und etwas später: ,,Ich bemerke sehr häufig, daß das Kind sich, an- 
gekleidet, mitten im Spiele oder auch sonst mit den Händchen in die 
Gegend der Genitaüen fährt^) (über der Schürze), so wie ich dies bei 
meiner eigenen Mutter, also des Kindes Großmutter, bemerkt zu haben 
glaube. Es ist so, als würde das Kind damit den Urindrang zurück- 
halten wollen." Endlich hat die Kleine, noch nicht 2 Jahre alt, einen 
Tag, an dem sie beim Urinieren weint und fürchterlich schreit. Die 
Mutter will sie mit Vaselin einschmieren, was sie absolut nicht zuläßt. 
Am nächsten Morgen ist alles spurlos verschwunden. 

Äußerst bezeichnend ist der Zusammenhang ihres Harndranges 
mit der Anwesenheit des geliebten Vaters. Die Famihe lebt in L., während 
der Vater in Wien Psychoanalyse macht und nur alle 14 Tage zu den 
Seinen fährt. Da merkt nun die Mutter ganz deutlich, daß die Enuresis 
nachläßt oder auch ein paar Tage völlig sistiert, wenn jener längere 
Zeit ferne weilt. Kaum aber kommt der Vater zu Besuch oder weiß nur 
das Mäderl, daß er in der Nacht ankommen soll, so beginnt es tagsüber 
in die Hosen zu lullen, nachts unruhig zu schlafen, sich hin und her 
zu wälzen und blutig zu kratzen, beständig nach der Mutter zu rufen 
und selbstverständlich auch einzunässen. Der Vater reist ab und sofort 
ist die Wendung zum Besseren da. Die Enuresis sowohl wie das Blutig- 
kratzen^) läßt erhebhch nach. Am charakteristischesten ist folgende 



1) Wir haben hier direkt den Übergang zur Onanie. Beide Eltern bemerken, 
daß sie wiederholt zu ihren Genitaüen greift, zumal im Bette. Die Mutter behauptet 
sogar, daß sie sich mit dem Finger in die Vagina fahre. Doch ist sie schwer in 
flagranti zu ertappen, da sie sich stets sorgfältig mit dem Oberbette zudeckt 
und, wenn man sich ihrem Bette nähert, rasch die Hände heraufzieht und sich 
an einer harmlosen Stelle kratzt. 

2) Dies Blutigkratzen (ex pruritu cutaneo) ist ein Symptom der infan- 
tilen Angstneurose gleich wie ihre häufige Urtikaria. Das Mäderl bekam nämlich, 
wie der Vater erzählt, nach jedem Flohstich nicht die übliche Purpura, sondern 
Urtikariaquaddeln, die sie blutig kratzte. Die Gelegenheit benutze sie auch 

2 'i f 



446 J. Sadger. 

Episode noch vor ihrem vollendeten 2. Jahre. Der Vater ist unerwartet 
nachts gekommen. Sie hatte auch nicht eingenäßt, wovon sich die 
Mutter frühmorgens überzeugte. Kaum aber vernimmt das erv/achende 
Kind im Nebenzimmer die Stimme des Vaters, so belullt sie sofort 
das ganze Bett, was sie vordem noch niemals getan. 2 Jahre und 1 Woche 
alt, sucht sie aus einem Haufen von Photographien zwei heraus, ihre 
eigene und das Büd des Vaters, spielt damit, nimmt beide zu sich ins 
Bett und uriniert „fürchterlich". Am nächsten Morgen sind beide 
Photographien total durchnäßt. Der Vater hat die Gewohnheit, nicht 
bloß alles mit ihr zu besprechen, sondern sie auch zu fragen, was sie 
eigentlich mit dem oder dem woUe, Dinge, die das ungewöhnlich geweckte 
Mäderl anseheinend ausgezeichnet versteht. So examiniert er: „Du hast 
das Bild des Tata ins Bett genommen, du willst dir also den Tata ins 
Bett nehmen und ihn anlullen?" worauf sie ruhig und bestimmt er- 
widert: „Ja!" Wenn beim Spazierengehen der Vater in einen Laden 
tritt, etwas zukaufen, beantwortet die Kleine den wenn auch nur kurzen 
Verlust des Vaters mit Lullen in die Hose, ihrem alten Trostmittel. 
Ähnhch übrigens auch, wenn die Mutter fort muß oder gar am Abend 
beide Eltern ins Theater gehen. 

Wir haben früher vom Vater gehört, daß er in der Kindheit enorme 
Lustgefühle bekam, wenn der warme Urin über seine Schenkel floß 
und dies aus einer erhöhten Erogenität der Hautdecke abgeleitet. 
Eine solche ist auch sicher bei den Kindern nachweisbar. Jedesmal, 
wenn die Magd dem Mäderl die Strümpfe auszieht oder die Mutter 
das Kleidchen und ihr das Tag- mit dem Nachthemd vertauscht, 
lacht sie ganz überlaut, ebenso wie auch ihr kleines Brüderchen aus 
gleichem Anlasse. Das Verlangen, sich von gehebten Personen am 
Körper herumhantieren und kitzeln zu lassen, treibt sie zu sonderbaren 
Handlungen. So knöpft sie sich z. B. die Höschen unter dem Kleide 
auf, dann lockert oder löst sie Schürzen und Schuhbändchen, damit 
sie Vat«r und Mutter wieder binden und sie selber am Körper kitzeln 
mußten. Einmal riß sie sogar alle Knöpfe am Nachthemdchen ab, damit 
die Mutter beim Wiederannähen an ihrem Körper herumhantiere. 
Besonders gerne verlangt sie auch vom Vater, daß er sie am Halse 
kitzle. 



immer dazu, sich an den Genitalien zu kratzen. Ein weiterer Zusammenhang 
besteht mit der erhöhten Erogenität der allgemeinen Hautdecke, wovon später 
im Texte die Rede sein wird. 



über Urethralerotik. 447 

Sehr früh und ausgeprägt finden sich bei ihr negativistische 
Äußerungen. Zuerst kommt natürUch der hartnäckige, langandauernde 
Widerstand — noch heute keineswegs beendet — die Exkrete nur in 
den Topf zu lassen. Viel lieber entleert sie in ihre Höschen oder ins Bett 
trotz aller Schläge, welche ihr drohen. Mit 2 Jahren 2 Monaten be- 
ginnen nun stärkere negativistische Äußerungen. Der kontrollierende 
Vater kommt morgens in ihr Zimmer mit der Frage: ,,Hast du ge- 
lullt?" Sie überlegt und sagt: ,,Nein !" Da zeigt er ihr den großen Fleck 
im Leintuch und schlägt sie auf die Hand. Am Abend gütliches Zureden, 
sie solle sich brav zurückhalten, dann würden die Eltern sie wieder 
gern haben. Da er endlich aber fragt: „Wirst du Lullu machen?" er- 
widert sie hartnäckig: „Ja!" Und beim Weggehen ruft sie ihm noch 
nach: „Tata, Lullu gemacht." ,,Sie schemt mich also zu frozzeln", 
legt dieser ihre Worte aus. „Ich soll vielleicht hingehen und sehen, 
sie hat nicht Lullu gemacht und soll sie loben. Ich gehe also weg von 
ihr, ohne hinzuschauen." Von da ab sagt sie immer auf die Frage, ob 
sie lullen werde: „Ja!", ob sie brav und folgsam sein werde: „Nein!" 
,, Gerade wie zum Trotze tut sie dies. Ebenso antwortet sie der Mutter, 
die wissen möchte, ob eine Speise, die ihr sichtlich mundet, gut sei: 
„Nein!" Und ähnlich auch in anderen Dingen und Fragen. Ja, sie 
läßt davon nicht ab, auch wenn sie sich ins eigene Fleisch damit schneidet. 
So, als der Vater sie einmal fragt: „Willst du Äpfel?" — „Nein!" — 
„Gut, dann bekommst du auch keine", wobei es auch sein Bewenden hat. 

Weitaus den allergrößten Raum in den Notizen des Vaters nimmt 
aber der jahrelange, heute noch nicht beendete Kampf der Eltern mit 
dem Kinde um Bett- und Zimmerreinheit ein. Immer wieder trotz 
der schärfsten Strafen sträubt sich die Kleine, Urin und Kot rechtzeitig 
und in den Topf herzugeben, tut dies meist nur auf Schläge m\ä in ver- 
teilter Dosis und läßt beide Dejekte noch immer am liebsten in die Höschen . 
Es scheint, daß sie förmlich darauf bedacht ist, ja nicht um diesen 
Genuß zu kommen. Wenn sie z. B. auf dem Spaziergange brav war 
und keine Spur von Harndrang zeigte, so braucht sie dann nur in die 
Nähe des Elternhauses zu kommen, damit sie auf einmal diingendst 
hinaus verlangt und, ehe man noch zu Hause sein kann, in die Hosen 
lullt, trotz aller Strafen, die ihrer dann warten. Manchesmal will es den 
Anschein haben, als wäre mit Liebe mehr auszurichten, denn mit der 
Strenge. Der Vater tritt beispielsweise abends an ihr Bett und fragt sie, 
ob ihr das Lullen wohl täte, was sie immer bejaht. Dann schärft er ihr 
ein, wenn sie sich nachts hielte, würden Vater und Mutter sie gerne 



448 j. Sadger. 

haben. „Ich glaube auch, sie hat mich verstanden, weil sie in der fol- 
genden Nacht das erste Mal nach langer Zeit nicht urinierte. Das kon- 
statierte sie auch freudig am nächsten Morgen : „Nicht LuUu gemacht ! 
Mama, Tata gern haben!" Leider hält diese Besserung nur ganz kurz 
an. Es genügt eine Kleinigkeit, z. B. der Besuch eines jungen Mannes 
oder der Anblick eines Rauchfangkehrers, um alle Vorsätze zuschanden 
zu machen. Auch ein neuerliches Zureden des geliebten Vaters erweist 
sich jetzt wirkungslos. Immer wieder zeigt sich die Erziehung zu schwach 
gegenüber der angeborenen Konstitution, und es braucht viele Monate 
schwersten Ringens, bis es gelingt, sie und ihr Brüderchen nur halb- 
wegs zimmerrein zu machen, natürlich nicht ohne schwere Rückfälle 
von Zeit zu Zeit.^) 

Nun zu dem letzteren, dem 

4. Fall. 

Der kleine Junge, geboren am 30. Jänner 1909 zeigt schon sehr 
früh auf geringe Reize hin Erektionen und unverkennbares Wollust- 
gefühl bei Berührung seiner GenitaUen. Dem S^/g Monate alten 
wäscht die Mutter die Glans, als sich plötzlich sein Membrum zu erigieren 
beginnt, worüber die junge Mutter derart erschrickt, daß sie davon- 
läuft. Am nächsten Tag bemerkt sie beim Aufmachen seiner Windeln, 
daß, wie er sich streckt, ganz deutlich eine Erektion stattfindet. Als er 
24 Stunden später wieder aufgewickelt daliegt, fährt er sich manchmal 
mit der Hand ans Glied, und spielt in der Weise, daß er leicht darauf 
greift, und ist sehr erstaunt, wenn ihm man dafür eins über die Hand gibt. 
Um die nämliche Zeit und sogar schon früher bemerkt die Mutter, daß 
wenn sie ihn unten mit Reismehl einstaubt, er immer sehr lacht, und zwar 
ein so eigentümliches Lachen, daß es deutlich Wollustgefühle verrät. 
Ebenso, wenn sie ihm beim Baden die Füße in die Höhe hebt, um ihn 
unten zu waschen. Aus dem 9. Monat wird vermeldet, daß, wenn ihm 
beim Auspacken Flanellfäden am Membrum oder Skrotum haften 
bleiben und die Mutter sie zu entfernen sucht, er immer furchtbar 
zu lachen beginnt wie bei einem Kitzel, trotzdem jene, von ihrem 
Gatten aufmerksam gemacht, dies nur mit äußerster Vorsicht tut. In 
seinem 13. Monate hat die Mutter öfter Gelegenheit, folgendes zu sehen. 
Sie will den noch schlafenden Jungen nachmittags zum Spaziergang 

1) Im Oktober 1910 teilte mir der Vater nachträglich mit, daß sein 
Mäderl nach längerer ßuhepause ohne nachweisbaren Grund schwer rezidiv 
geworden, während sich der Junge jetzt andauernd hält. 



über Urethralerotik. 449 

nehmen und hebt die Bettdecke weg. Da sieht sie, daß sein Membrum 
stark erigiert ist, was solange währt, bis er uriniert hat. Er zählt noch 
nicht ganz 15 Monate, da spielt sich in einer Parkanlage eine cha- 
rakteristische Episode ab. Er verlangt Lullu und die Mama öffnet ihm 
die Höschen. Jetzt aber weigert er sich zu urinieren, spreizt sich, er mag 
nicht. Die Mutter spricht ihm vorerst gütüch zu, aber er tut es nicht, 
imd sie bemerkt deutlich, wie sein Membrum sich zusehends aufstellt. 
Jetzt bekommt er mehrmals auf die Hand, worauf er ein ganz klein 
bißchen hergibt, den Hauptteil aber zurückbehält. Nun schlägt die 
Mutter kräftiger zu. Jetzt endHch spritzt er in großem Bogen den 
Urin heraus und lacht dabei. Der Vater macht dazu die Bemerkimg: 
,,Wahrscheinhch will er es auf sie machen, sie steht aber hinten. Gleich- 
zeitig exhibitioniert er oder produziert sich vor der Mutter mit seinem 
großen Penis." 

In schärfster Weise macht er Opposition, wenn er seine Ge- 
schäfte über Verlangen der Eltern in den Topf besorgen soll. Zuerst 
schreit er, als wenn er am Spieße stäke, dann leistet er einen förmhchen 
Widerstand, um aber sofort sein Bett zu beschmutzen, wenn er endlich 
zurückgelegt worden. ,,Das Schreien, wenn man ihn auf den Topf 
setzt", bemerkt der Vater, ,, erweist ganz deutüch, daß er nicht gern 
dort sitzen mag. Er will seine Geschäfte verrichten, wann und wo 
es ihm paßt, d. h. in die Hosen, auf die Erde und namentlich ins Bett. 
Bezeichnend ist, daß wenn man ihn morgens auf den Topf setzt, nach- 
dem er sich nachts gehalten, seine Blase also gefüllt ist, er trotzdem 
nichts in den Topf entleert, sondern sich alles für das Bett aufspart. 
Mit besonderer Vorliebe schifft er morgens in mächtigem Bogen aus dem 
Bette heraus oder andere Personen, zumal seine Mutter, an. Später, 
nachdem er an den Topf schon gewöhnt ist, gibt er seine Exkrcte in 
möghchst kleinen Portionen her, dafür aber desto häufiger, so daß er 
die Seinen, vor allem die Mutter stets in Atem hält. Selbst die heftigsten 
Schläge, damit er alles auf einmal hergebe, wollen nichts fruchten." 

Ich will auf eine Eeihe interessanter Symptome, die er soiiKt 
noch bietet, hier nicht näher eingehen und nur eines hervorheben : 
die ungewöhnlich frühe Sexualobjekt wähl. Hatte das Mädchen sehr 
bald dem Vater sich zugewandt, an demselben hängend trotz aller 
Schläge, so liebt — man kann es nicht anders heißen — schon der Ein- 
und Zweijährige seine Mutter heiß, während er den Vater direkt haßt. 
131/2 Monate zählte der Nigel, da beobachtet die Mutter, wie er dem 
Vater, der ihm im Vorbeigehen ,, Garstiger Bub !" zugerufen hatte, 



450 J. Sadger. 

die Zunge nachstreckt. Auch der letztere selber macht die Wahr- 
nehmung : „Die Blicke, die er mir zuwirft, wenn ich ihm wegen seiner 
Ungezogenheiten eine Leckerei versage, zeigen großen Haß und Wut 
gegen mich. In meiner Anwesenheit fühlt er sich immer gedrückt, 
dagegen lebt er sofort auf, wenn ich weg bin, auch wenn die Mutter 
strenge zu ihm ist. Im Parke, wo er spielte, erzählt meine Frau, war er 
förmUch heiter, dagegen verstimmt, als ich kam. Er sah mich mit 
Augen an, aus denen direkt tödlicher Haß sprach. Er kennt keinen 
anderen Ruf als ,Mama!' und ruft in Gefahr und Not nur diese." 
Mit 14^/j Monaten ist folgendes vermerkt: „Der Junge hat sich 
nachts gehalten und wird von der Mutter mit dem Lobe ,Brav !' bedacht. 
Das versteht er sofort und wiehernd lacht er sie an sowie ein Alter. 
Als ich bald darauf ins Kabinett komme und ihn streicheln will, sieht 
er mich mit einem BUcke der Abneigung an und dreht sich mehrmals 
von mir weg. Erst später kommt er wieder zu mir gelaufen. Wiederholt 
läuft er während des folgenden Tages zur Mutter und ruft sie föradich 
wie ein Liebender ,Mama ! Mama !' an. Das ist ein ganz eigentümhcher 
Ton. . . Während er mich immer wütend ansieht, blickt mich mein Mäderl, 
trotzdem ich sie nicht weniger jämmerlich schlage, stets liebevoll an." 



Die Analyse von Egmonts Traum. 

Von Dr. phil. Alfred Robit»ek (Wien). 



Bei der Lektüre von Goethes Egmont war mir die Gebärde auf- 
gefallen, mit der der Held des Dramas aus seinem letzten Schlummer 
vor der Hinrichtung erwacht. Seine erste Bewegung ist, nach dem 
Haupte zu greifen. Ich bemerkte, daß diese Gebärde, die den im Traume 
erschauten Lorbeerkranz sucht, ebensogut der Ausdruck der Angst 
eines Mannes sein könnte, der unmittelbar vor seiner Enthauptung 
steht; ich begriff, daß sie als ,, Symptomhandlung" im Sinne Freuds 
aufzufassen ist. Angeregt durch diese Beobachtung sowie durch die 
von Freud^) durchgeführte Analyse von gedichteten Träumen wendete 
ich seine Methode auf Egmonts Traum an, ein Versuch, dessen Re- 
sultat hier folgt. 

Egmonts Schicksal ist entschieden. Durch Albas Abgesandten 
ist ihm im Gefängnis sein Todesurteil verkündigt worden und das 
Gespräch mit Ferdinand hat ihm gezeigt, daß jede Hoffnung auf Be- 
freiung vergebens ist. Er weiß, daß er in wenigen Stunden hingerichtet 
wird. Wie stark, wie zuversichtlich war seine Hoffnung auf Befreiung: 
,,0 ja, sie rühren sich zu Tausenden ! Sie kommen, stehen mir zur Seite. — 
Die Tore spalten sich, die Gitter springen, die Mauer stürzt vor ihren 
Händen ein und der Freiheit des einbrechenden Tages steigt Egmont 

fröhlich entgegen. AchKlärchen, wärst Du Mann, so sah' ich Dich 

gewiß auch hier zuerst und dankte Dir, was einem Könige zu^dankeii 
hart ist — Freiheit." 

Jetzt aber ergibt er sich in das Unabänderliche. Und ,,80 legt der 
Müde sich noch einmal vor der Pforte des Todes nieder und ruht tief 
aus, als ob er einen weiten Weg zu wandern hätte". 

') Der Wahn, und die Träume in W. Jensens Grradiva. Wien. 1907. 



452 Alfred Robitsek. 

„Er entschläft, die Musik begleitet seinen Schlummer. Hinter 
seinem Lager scheint sich die Mauer zu eröffnen, eine glänzende Er- 
scheinung zeigt sich. Die Freiheit in himmlischem Gewände, von einer 
Klarheit umflossen, ruht auf einer Wolke. Sie hat die Züge von Klärchen 
und neigt sich gegen den schlafenden Helden. Sie drückt eine be- 
dauernde Empfindung aus, sie scheint ihn zu beklagen. Bald faßt sie 
sich und mit aufmunternder Gebärde zeigt sie ihm das Bündel Pfeile, 
dann den Stab mit dem Hute. Sie heißt ihn froh sein, und indem sie ihm 
andeutet, daß sein Tod den Provinzen die Freiheit verschaffen werde, 
erkennt sie ihn als Sieger und reicht ihm einen Lorbeerkranz. Wie sie 
sich mit dem Kranze dem Haupte nahet, macht Egmont eine Be- 
wegung, wie einer, der sich im Schlafe reget, dergestalt, daß er mit 
dem Gesichte aufwärts gegen sie liegt. Sie hält den KJranz über seinem 
Haupte schwebend ; man hört ganz von weitem eine kriegerische Musik 
von Trommeln und Pfeifen; bei dem leisesten Laut derselben ver- 
schwindet die Erscheinung. Der Schall wird stärker. Egmont erwacht. 
Seine erste Bewegung ist, nach dem Haupte zu greifen; er steht auf 
und sieht sich um, indem er die Hand auf dem Haupte behält." — 
,, Verschwunden ist der Kranz. Du schönes Bild, das Licht des Tages 
hat Dich verscheuchet ! Ja, sie waren's, sie waren vereint, die beiden 
süßesten Freuden meines Herzens. Die göttliche Freiheit, von meiner 
Geliebten borgte sie die Gestalt. — Mit blutbefleckten Sohlen trat sie 
vor mir auf, die wehenden Falten des Saximes mit Blut befleckt. Nein, 
es ward nicht umsonst vergossen. Schreitet durch! Braves Volk! Die 
Siegesgöttin führt Dich an!" 

Wie gänzlich verschieden ist Egmonts Stimmung vor und nach 
diesem Traume ! War er nach Ferdinands Abschied erschöpft, resigniert, 
in sein Schicksal ergeben, so geht er jetzt im Triumphgefühl eines 
Siegers dem Tode entgegen: ,,Auch ich schreite einem ehrenvollen 
Tode aus diesem Kerker entgegen, ich sterbe für die Freiheit, für die 
ich lebte und focht und der ich mich jetzt leidend opfere. Schützt 
Euere Güter ! Und Euer Liebstes zu erretten, fallt freudig, wie ich Euch 
ein Beispiel gebe." Wie wir sehen werden, ist dieser Umschlag in Egmonts 
Stimmung von Resignation in Triumph das Resultat der im Schlafe, 
im Unbewußten geleisteten psychischen Arbeit, der Übertragung 
des Affektes von der Vorstellung der Vernichtmig auf ihr Gegenteil, 
auf die des Sieges. 

Versuchen wir nun, diesen Traum nach der von Freud ge- 
schaffenen analytischen Methode zu imtersuchen, ihn in seine Elemente 



Die Analyse von Bgmonts Traum. 453 

aufzulösen, die Anknüpfungen an Wachgedanken und „Tagesreste" 
nachzuweisen, seine Symbolik zu deuten, Hnter dem manifesten den 
latenten Inhalt zu zeigen, den Charakter der Wunscherfüllung im 
allgemeinen und einzelnen zu finden, so werden wir uns nicht wundern, 
daß die Analyse dieses gedichteten Traumes ganz ähnHche Resultate 
ergibt, wie sonst Traumanalysen; hat doch Freud^) nachgewiesen, 
daß die gedichteten und die geträumten Träume als aus denselben 
psychischen Quellen entstammend, nach denselben Gtesetzen gebildet 
sind. Durch Identifizierung des Dichters mit seinen Gestalten wird sein 
Unbewußtes das ihre. -1 • 

Vor allem ist nun der Charakter der Wunscherfüllung auch im 
manifesten Trauminhalt augenscheinlich. Die Freiheit und die Ge- 
liebte, die „beiden süßesten Freuden seines Herzens" erscheinen ihm. 
Er sieht sein Land, sein Volk befreit und ihm verdanken sie die 
Freiheit; die Göttin reicht ihm den Lorbeerkranz des Siegers. — Lösen 
wir den Traum in seine Elemente auf, so zeigt sich auch im Detail der 
Wunschcharakter: „Hinter seinem Lager scheint sich die Mauer 
zu eröffnen; eine glänzende Erscheinung zeigt sich." Ver- 
gleichen wir damit die Stelle aus dem Monolog im Gefängnis: ,,Die 
Mauer stürzt vor ihren Händen ein ! — Ach Klärchen, wärst Du Mann, 
so sah ich Dich gewiß auch hier zuerst und dankte Dir Freiheit". Heißt 
es aber hier noch: „und der Freiheit des einbrechenden Tages steigt 
Egmont fröhlich entgegen", so hat er im Traume den Wunsch nach 
seiner persönUchen Befreiung zum Siege seines Volkes sublimiert, 
dem er der imsterbhche Held wird. Er hat also doch Kerker und Tod 
überwunden. Wir sehen hier auch die Grundtendenz dieses Traumes, 
die Verwandlung von Vorstellungen in ihr Gegenteil, wirksam. Er, 
der Gefangene, wird zum Befreier. 

,,Die Freiheit in himmlischem Gewände, von einer 
Klarheit umflossen, ruht auf einer Wolke. Sie hat die Züge 
von Klärchen." Auch dies eine großartige Wunschphantasie, die 
Apotheose seiner Geliebten. Der Mechanismus der Vereinigung mehrerer 
Personen in eine durch den Traum, die „Verdichtimg", ist uns aus 
Freuds Studien wohl bekannt. Interessant ist die Wortähnlichkeit 
von „Klarheit" und „Klärchen"*); solch eine Wortverbindung ist 

') 1. c. 

*) Im ersten Aufzuge heißt sie noch „Klare", wie Goethe sie im ersten 
Entwürfe des Dramas genannt hatte; wohl eine Eeaktion auf den Abbruch seines 
unklaren Verhältnisses zu Lilly Schönemann. „In der Darstellung des Verhältnisses 

Jahrbuch für psychoaualyt. u. ps^otiopatbol. Forschungen. II. 30 



454 Alfred Kobitsek. 

dem Charakter des Traumes ganz entsprechend; sie gewährt mis einen 
Einblick in das imbewußte Denken und ist, wie so oft. der Ausdruck 
einer tieferliegenden Sinnverbindung. Sie zeigt uns einen der Wege, 
auf denen hier die Verdichtung erreicht worden ist. Der Hauptweg 
dazu ist der obenerwähnte Wimsch Egmonts, Klärohen als Befreierin 
zu sehen. 

Daß er seine Geliebte wiedersieht, von ihr gleichsam Abschied 
nimmt, ihre Teilnahme — lauter erfüllte Wünsche. Auch die Vergött- 
lichung Klärchens, die im Leben sozial tief unter ihm steht und die er 
im Traume gleichsam über sich erhebt, ist eine Verkehrung ins Gegenteil 
und erscheint wie eine Überkompensation eines unbewußten, be- 
dauernden Gedankens Egmonts an die Unebenbürtigkeit seiner Ge- 
liebten. Die Apotheose Klärchens durch den Traum scheint auch die 
Erledigung eines ,, unerledigten Tagesrestes" zu sein, denn die Worte, 
mit denen Egmont sie Ferdinand anvertraut, sind gar zu dürftig. Die 
Sorge, ob die Welt sie nicht verachten werde, die sich in den Worten 
an Ferdinand: „Du wirst sie nicht verachten, weil sie mein war" verrät, 
findet in der Erhebung Klärchens im Tiaume ihre Beruhigimg. Noch 
eine andere abgebrochene Gedankenreihe wird im Traume wieder auf- 
genommen, der Gedanke an die Zukunft seines Volkes. Im Gespräche 
mit Ferdinand: ,,Kann mein Blut für viele fheßen, meinem Volke 
Frieden bringen, so fließt es willig. Leider wird's nicht so werden ! Doch 
es ziemt dem Menschen, nicht mehr zu grübeln, wo er nicht mehr wirken 
soll." — Resignation! Ganz anders klingt es nach der Vision von Sieg 
und Freiheit: „Es war mein Blut und vieler Edlen Blut. — Nein, es 
ward nicht umsonst vergossen. Schreitet durch! P.raves Volk! Die 
Siegesgöttin führt dich an!" Ist es nicht, als erklänge dasselbe Thema 
einmal als Trauermarsch, das andere Mal als Triumphmarsoh ; auch 
hier die Verkehrung des Affektes in sein Gegenteil. 

„Sie drückt eine bedauernde Empfindung aus, sie 
scheint ihn zu beklagen." Von ihrer Göttinrolle abgesehen, er- 



zwischen Egmont und einem ihm und seiner Große ganz hingegebenen Mädchen 
aus dem Volke suchte der Difhter ein Gegenbild zu seinem eigenen abgebrochenen 
mit Lilly zu schaffen; hier sollte alles vorhanden sein, was er vermißt, alles be- 
seitigt, was ihn gequält hatte. Für die Wunden, die seinem Oemüte geschlagen 
waren, suchte der Dichter liier Heilung und Sammlung" (v. l,oeptr. Zu Dichtung 
und Wahrheit, IV, S. 231). Der kleine Umstand, daß Goethe den Namen später 
in Klärehen änderte, wohl als das Erlebnis Lilly zu verblassen begann, es aber 
hier vergaß, mag beweisen, daß der Name für ihn besondere Bedeutung hatte. 



Die Analyse von Egmonts Traum. 455 

sclieint Kläreben dem Träumeudru wie soiiet ala die, die iim iu t^rnstoii 
Stunden aufheitert. Sagt doch Egmont nach dem erregenden Abschied 
von Oranien: „Und von meiner Slirne die sinnenden Runzeln wegzu- 
baden, gibt es jawohl noch ein fieundlich Mittel." Im Traume scheinen 
mir ihre „aufmunternde Geberde", das „sie heißt ihn froh sein" Er- 
innerungen Egmonts an diesen Zug ihres Wesens, den er besonders 
liebte, zu sein. Auffallend hingegen ist, daß 8ich Egmont in seinem 
Triumphtraum von ihr bedauern, beklagen läßt. Der Widerspruch 
in diesem Teile des Traumes zeigt an, daß hier Stücke, die verschiedenen 
Schichten des Bewußtseins angehören, verlötet sind. Wäre es zu kühn, 
in der bedauernden Empfindung, die die Erscheintmg ausdrückt, einen 
mütterlichen Zug zu sehen und einen leisen Anklang der Sehnsucht 
des Träumenden, Todgeweihten nach seiner Mutter, ihrer Zärthchkeit, 
der Sicherheit bei ihr? Wir würden dann hier die tiefste, infantile 
Wurzel des Traumes, einen der imbewußten, traumbildenden Wünsche 
berühren. Wir wissen ja, daß der erste Tyrann aller späteren Freiheits- 
helden und Revolutionäre der eigene Vater ist. Es ist ganz typisch, 
daß der Vater den Sohn tyrannisiert, während die Mutter ihm mehr 
Freiheit läßt, ihn verwc'mt, ihn wohl auch gegen den Vater in Schutz 
nimmt. Die Auflehnung gegen den Vater geht dann immer mit einem 
besonders zärtUchen Verhältnis zur Mutter einher. So führen also 
sowohl von der Freiheitsgöttin, wie von der Geliebten Beziehungen 
zur Kindheit. Daß wir Klärchen im Traume Egmonts nicht willkürlich 
zu einer Inkarnation seiner Mutter machen, dafür scheinen ihre eigenen 
Worte zu zeugen. Ihre Mutter nennt ihr Lied „Glücklich allein ist die 
Seele, die liebt" ein „Heyopopeyo". Und sie darauf: ..Scheltet mir'a 
nicht! Ea ist ein kräftig Lied. Hab' ich doch schon manchmal 
ein großes Kind damit schlafen gewiegt." Und ihre Mutter 
darauf: „Du hast doch nichts im Kopfe als deine Liebe." Also ist ihr 
,, Egmont, der Graf Egmont, der große Egmont, der so viel Aufsehen 
macht, von dem in den Zeitungen steht, an dem die Provinzen hängen" 
auch ein großes Kind, das sie iu Schlaf wiegt^). Und anmittelbar darauf, 
als Egmont, in einen Reitermantel gehüllt, kommt; „Warum habt 
ihr die Arme in den Mantel gewickelt wie ein Wochen- 
kind?" — Das ist ihr der naheUegendste Vergleich. — Goethes 

^) Gleicht Egmonts durch nichts zu enttäuschender Optimismus, der 
noch nach der Verkündigung des Todesurteils nicht an den vollen Ernst glaubt, 
nicht dem eines Kindes, das sich von allen geliebt weiß und Drohungen, Strafen 
nicht allzu tragisch nimmt? 

30* 



456 Alfred Robitsek. 

gestaltender Genius fühlte alles, die Muttersehnsucht des todgeweihten 
Helden und die unbewußte Mütterlichkeit des Mädchens. 

„Sie zeigt ihm das Bündel Pfeile, dann den Stab mit 
dem Hute." Das Bündel Pfeile bedeutet wohl die Kraft der gegen den 
T3rrannen geeinten Provinzen. Egmont erwähnt seinem Sekretär gegen- 
über, wie er das „gefährhche Symbol" ,,in leichtem Übermut" auf 
seiner Diener Ärmel sticken üeß; die Regentin nimmt in ihrem Gespräche 
mit Machiavell Anstoß daran, spricht von den ,, törichten Abzeichen". 
Es war eines der Dinge, die ihn veidächtig machten und Avird so im 
Traume zum Symbol seines ganzen Strebens: ,,Ich stehe hoch und kann 
und muß noch höher steigen". Er fühlte wohl nur den dämonischen 
Trieb, das Ziel mag ihm selbst nicht klar bewußt gewesen sein. Die 
Pfeile in der Hand der Freiheit scheinen aber auch die symboUsche 
Erledigung eines, wie Egmont selbst sagt, „bei Seite gelegten" Ge- 
dankens zu sein. 

Ferdinand: „Und wie ich punktweise alle diese Beschuldigungen 
wieder in der Anklage fand und Deine Antworten ! Gut genug, Dich zu 
entschuldigen, nicht triftig genug. Dich von der Schuld zu befreien." 

Egmont: ,,Diea sei bei Seite gelegt! Es glaubt der Mensch, sein 
Leben zu leiten, sich selbst zu führen und sein Innerstes wird unwider- 
stehlich nach seinem Schicksale gezogen. Laß uns darüber nicht sinnen; 
dieser Gedanken entschlag' ich mich leicht." — 

Daß Egmont hier abbricht, scheint auf geheime Selbstvorwürfe 
zu deuten; daß er der Regentin gegenüber einen kleinen Hinterhalt 
habe, gesteht er ja im Gespräche mit Klärchen. Im Traume spricht 
ihn sein Gewissen frei. Dies bedeutet das ursprüngHch im Übermute 
angenommene Symbol in der Hand der Göttin. {Es kam in das "Wappen 
der vereinigten Provinzen, für die Egmonts Hinrichtung das Signal 
zum Befreiungskämpfe wurde.) 

Der Hut auf dem Stabe ist zunächst das antike Symbol der 
Freiheit, das die niederländische Revolution wieder aufnahm^). 

In der Hauptszene des Traumes: „Sie erkennt ihn als Sieger 
und reicht ihm einen Lorbeerkranz" den Wunschcharakter 
erst betonen zu wollen, ist wohl überflüssig; doch sehen wir hier die 
tieferen, latenten Traumgedanken und Wünsche durchschinMuem 
und zam entstellten, symbolischen Ausdruck gelangen. Der Gedanke 

*) Die niederländische Bepublik prägte nach der Vertreibung der Spanier 
Münzen mit einem Hute zwischen Dolchen, eine Nachahmung von römischen, 
die Brutus nach Caesars Ermordung prägen ließ. 



Die Analyse von Egmonts Traum. 457 

an das ihm Bevorstehende, EntsetzUche, an Schmach, Hinrichtung, 
Vernichtung muß Egmonts Seele ao beherrschen, daß er ihm auch in den 
Schlaf folgt, den Schlaf stören würde, gelangte er in das Traumbewußt- 
sein. Er wird unterdrückt und der Traum so „zum Hüter des Schlafes"^), 
der Wunsch des Schläfers weiter zu schlafen, erfüllt; aber zum tot- 
stellten Ausdruck gelangt der VorsteUimgskomplex doch; nur ist er 
vöUig umgearbeitet, in sein Gegenteü verwandelt. Statt Niederlage — 
Sieg, statt Schmach — Ruhm, statt Vernichtung — Unsterblichkeit 
und statt der Vorstellung des Henkers, des imehrlichen Freimannes, 
dessen Schwert schon über seinem Haupte schwebt — die Freiheits- 
göttin, die „den Kranz über seinem Haupte schwebend hält". Der 
feindliche Mann (Alba; der Henker) ist durch die ihm geneigte Frau 
ersetzt (,,sie neigt sich gegen den schlafenden Helden"); so wie das 
Kind vor der Drohung des Vaters zur Mutter flüchtet. Die sich zu 
ihm neigende Göttin ist übrigens auch die Umkehrung der Hinrichtungs- 
szene, bei der er sein Haupt vor dem Henker neigen muß. Die ,, glän- 
zende Erscheinung, von einer Klarheit umflossen", ist das Gegenteil 
der düsteren, vermummten des Henkers. Auch der auf den Stab auf- 
gepflanzte Hut ist wie das Gegenteil des Gerüstes, auf dem das Haupt 
fällt, und wie die übermütige Abwehr der Vorstellung von dem auf dem 
Spieß aufgepflanzten Haupt^). 

An zwei Stellen kommt in dem Traume die Todesvorstellung 
zum direkten Ausdruck und gerade diese zeigen, wie völlig ihr der 
Affekt entzogen ist und mit ihm die Fähigkeit, den Schlaf zu stören. 
Die Göttin deutet ihm an, daß sein Tod den Provinzen die 
Freiheit verschaffen werde. Nicht an die schreckUche Gegenwart, 
sondern an die frohe Zukunft wird er gemahnt; bezeichnend ist, daß 
die Traumschilderimg das Wort ,, andeuten" gebraucht. Es ist eben kein 
klares Bewußtsein von dem drohenden Tode, das in den Traum gelangt, 
sondern nur eine verklärende Andeutung. — Die zweite Stelle des 
Traumes, an der die verdrängte Vorstellung von der Vernichtung an- 
deutungsweise zum Durchbruch gelangt, ist in dem eigen thchen „Traum- 
text" gar nicht enthalten, ja sie steht in Widerspruch mit ihm. Es sind 
Egmonts Worte nach dem Erwachen: ,,Mit blutbefleckten Sohlen trat 
sie vor mir auf, die wehenden Falten des Saumes mit Blut befleckt." 



1) Freud, Traumdeutung, II. Aufl., S. 352 f. 

^) Goethes Quellen erwähnen, daß Egmonts und Hoorns Köpfe auf Spieße 
aufgepflanzt wurden, 

3 



458 Alfred Robitsek. 

In der Traumschilderung heißt es: „Sie ruht auf einer Wolke"; von 
blutigen Sohlen, einem blutbefleckten Saume des „himmlischen Ge- 
wandes" erwähnt der Traum nichts. Es ist bekannt, daß während der 
Analyse von Träumen plötzlich ein bis dahin vergessenes Stück des 
Traumes, ein ,, Nachtrag" produziert wird. Mit einem solchen haben 
wir es hier zu tun und wir wissen aus Freuds Studien^), daß ein Nach- 
trag immer besonders bedeutungsvoll ist, meist das wichtigste Stück 
des Traumes bildet, oft den Schlüssel zu seiner Deutung enthält. So 
auch in Egmonts Traum. Hier kommi; die unterdrückte Vorstellung 
vom Blutgerichte, wenn auch nur als Andeutung, zum Ausdruck; 
die Traumarbeit hat hier doppeltes geleistet, indem sie die Vorstellung 
von Blut auf die Erscheinung verschob und vom Haupte bis zum Saume 
des Kleides, den Fußsohlen verdrängte. Die Traumschilderung hat 
dieses Detail zimächst vergessen, unterdrückt, weil es direkt zum Kern 
des Traumes führt, weil sich hier der latente Inhalt zu deutlich an die 
Oberfläche wagte. Egmont selbst beweist es mit seiner Deutung: „Es 
war mein Blut und vieler Edlen Blut". Der wehende blutige Saum 
des himmlischen Kleides der Freiheit wäre auch als symbolische 
Darstellung des Morgenrotes der Freiheit anzusehen und auf die Worte 
Klärchens zu beziehen: ,, Gewiß, er sieht das Morgenrot am freien 
Himmel wieder." 

Der Widerspruch zwischen den beiden erwähnten Traumstückeu 
ist zunächst als Produkt des Widerstandes der Traumzensur anzusehen. 
Aber wir können noch mehr aus ihm schließen. Erwarten wir schon, 
daß die Siegesgöttin, die das Volk zum Siege führen soll, fest auf der Erde 
auftrete, nicht gleichsam an den Himmel projiziert sei, so ist ein noch 
stärkerer Widerspruch, daß die Göttin auf einer Wolke ruht und doch 
ihre Sohlen, der Saum ihres Gewandes blutbefleckt sind. Bei der Analyse 
wirklich geträumter Träume würden wir uns weiter nicht wundern, 
solche Widersprüche zu finden, ja sie gehören zu ihrem Charakter. 
.Sielassen darauf schließen, daß die sekundäre Bearbeitung mit disparaten, 
aus verschiedenen Schichten stammenden Teilen des Traumes nicht 
fertig geworden ist, es nicht zustande gebracht hat, sie in eine Form 
zu bringen. Wir würden dann die entscheidenden Determinierungen 
in tieferen Schichten zu suchen haben und sie in besonders affekt- 
beionten, infantilen Erinnerungen finden. So könnten wir auch in 
Egmonts Traum das Bild der auf der Wolke ruhenden Göttin, von 



') Traumdeutung, II. Aufl., S. 319. 



Die Analyse von Egmonts Traum. 459 

seiner erotischen, auf Klärchen bezügliolien Bedeutung abgesehen, 
als durch eine Kindererinnerung an die ruhende Mutter mitbestimmt 
betrachten. 

Den Beweis, daß die Vorstellung von der Enthauptung wirklich 
im Unbewußten wirksam ist, hinter dem manifesten Traum steht, Hefert 
uns Egmont seibat durch eine ,,Symptomhandlung"^). ,,Egmont 
erwacht. Seine erste Bewegung ist, nach dem Haupte zu 
greifen; er steht auf und sieht sich um, indem er die Hand 
aufdemHauptebehält." , , Verschwunden ist der Kranz ! Du schönes 
Bild, das Licht des Tages hat dich verscheuchet!" — Egmont emp- 
findet das Wirklichkeitsgefiihl, das beim Erwachen so oft für 
Träume empfunden wird! Freud erklärt dies so, daß das Gefühl echt, 
berechtigt ist, aber zu einer unbewußt bleibenden Vorstellung gehört. 
Die Symptomhandlung ist deutüch. Er greift nach dem Haupte, er sieht 
sich um, er behält die Hand auf dem Haupte — wie in Angst vor dem 
Drohenden, wie um es zu schützen, sich zu vergewissern, daß er es noch 
besitzt. In seinem Bewußtsein ist nur das Bild der Göttin mit dem 
Kranz, aber „das unvollkommen unterdrückte, vom Bewußtsein ab- 
gedrängte, psychische Material ist doch nicht jeder Fähigkeit sich zu 
äußern beraubt"^), ja der Affekt ist so stark, daß er nicht nur das 
Wirklichkeitsgefühl erzeugt, er erlangt sogar die Verfügung über die 
motorische Innervation und sucht in einer Bewegung seinen Ausdruck; 
der Traumarbeit ist es aber gelungen, ihn von der Vorstellung der 
Enthauptung zu lösen und ihn auf ihr Gegenteil, auf die der Sieges- 
krönung zu übertragen. Dies ermöglicht die Triumphstimmung, in der 
Egmont zum Tode geht. — Auch die Bewegung Egmonts im Schlafe 
ist durch die Abwehr gegen die Vorstellung der Enthauptimg deter- 
miniert. Seine Lage ,,mit dem Gesichte aufwärts" ist dann das Gegenteil 
der bei der Enthauptung. 

Die mit großem Aufwände an psychischer Energie gelungene 
Umwandlung der Vorstellungen wird wie ein Kartenhaus durch den 
geringsten Stoß der Wirklichkeit zerstört; ,,Beim leisesten Laut der 
Tronameln verschwindet die Erscheinung"; doch die Affektverwandlung 
bleibt bestehen. Die psychische Kraft, die Egmont diese ermöglichte, 
finden wir in seinem unzerstörbaren Optimismus, dem Grundzug seines 
ganzen Wesens, der die Warnung Oraniens in den Wind schlug, der 



1) Freud, Zur Psychopathologie des Alltagslebens, 3. Aufl., S. 105. 
») Freud, 1. c, S., 149. 



460 Alfred Robitsek. 

selbst Albas Sohn gegenüber noch zweifelt, daß „es der strenge, ernste 
Wille seines Vaters sei, ihn zu töten". Egmont: „Dieses Urteil wäre 
nicht ein leeres Schreckbild, mich zu ängstigen, durch Furcht und 
Drohung zu strafen, mich zu erniedrigen und dann mit könighcher 
Gfnade mich wieder aufzuheben?" Als aber seinem Optimismus der 
letzte Schimmer von Hoffnung in der Wirklichkeit genommen ist, 
flüchtet er in den Traum — und behält Recht. 

Die Erscheinung Klärchens, die Egmont den Kranz reicht, dient 
aber noch zur Darstellung eines anderen latenten Wunsches; sie ist 
„überdeterminiert". Es ist die Erinnerung des Todgeweihten an seinen 
Sieg über Klärchens Jungfräulichkeit, an ihr Kränzlein, das sie ihm 
gegeben und die Erscheinung ist die symboüsche Erfüllung des Wunsches, 
sich in diese glückhche Zeit vollsten Lebens zuiückzuversetzen. Auch 
dies eine Reaktion des starken, sich gegen die Todesvorstellung 
wehrenden Lebens. Erst die erotische Bedeutung der Erscheinimg, 
das wirklich Erlebte, das sie darstellt, und der im Unbewußten bleibende, 
traumbildende Wunsch machen die Verwendung des Bildes zur Dar- 
stellung des Sieges überhaupt mögüch. Auch der Sieg über Klärchen 
war ja ein Sieg der Freiheit. Daß wir dem Kranze in Klärchens 
Hand nicht willkürlich eine erotische Bedeutung beilegen, beweisen 
uns wieder Egmonts eigene Worte: „Alter Freund, immer getreuer 
Schlaf", heißt es im Gefängnismonolog, „fhehst Du mich auch wie die 
übrigen Freunde? Wie wiUig senktest Du Dich auf mein freies Haupt 
herunter und kühltest wie ein schöner Myrtenkranz der Liebe 
meine Schläfe," eine „Tagesphantasie", die zima Traume hinüber- 
führt, übrigens ein füi einen Mann imgewöhnUches Bild, dessen voUe 
Bedeutung sich erst im Traume zeigt^). Auch Brackenburgs Worte haben 
wohl einen unbewußten erotischen Sinn : „O Egmont, welch preiswürdig 
Los fällt Dir! Sie geht voran; der Kranz des Siegs aus ihrer Hand 
ist Dein, sie bringt den ganzen Himmel Dir entgegen!" Es erscheinen 
hier die zwei verschiedenen Bedeutungen des Kranzes*) auf dem Wege 

*) Dieses feminine Gleichnis so\de der Wunsch : „Ach Klärchen, wärst Du 
Mann, so sah' ich Dich gewiß auch hier zuerst", die den sonst so männlichen 
Monolog eröffnen und schUeßen, sind auffällig; es kommt hier ein femininer Zug 
des Dichters zum Ausdrucke. 

') So wie dem Kranze, wäre auch dem Stabe mit dem Hute in diesem 
latenten Trauminhalt eine Bedeutung zuzuerkennen. Wir wissen ja, daß all den 
Freiheits- und Maibäumen eine ursprünglich phallische Bedeutung zukommt; 
auch dies also ein Symbol des über den Tod triumphierenden Lebens. -— Z. B. : 



Die Analyse von Egmonts Traum. 461 

ZU ihrer Verdichtung im Traume. An diesen Stellen, wie in den Worten 
Klärchens, läßt Goethe das Thema, das im Traume voll ertönt, leise 
anklingen : „Und irgendeinen Engel sendet der Gott — vor des Boten 
heiliger Berührung lösen sich Riegel und Bande, und er umgießt den 
Freund mit mildem Schimmer ; er führt ihn durch die Nacht zur Freiheit 
sanft und still. Und auch mein Weg geht heimhch in dieser Dunkelheit, 
ihm zu begegnen." 

Es ist noch auf eine zweite „Phantasie" Egmonts hinzuweisen, 
die gleichfalls den Weg zeigt, den das unbewußte Denken gegangen 
ist und die Ersetzung der Vorstellung „Enthauptung" durch die von 
der Krönung mit dem grünen Kranze ermöglichte. Im Gespräche 
mit dem Sekretär: „Noch hab' ich meines Wachstums Gipfel nicht 
erreicht; und steh' ich droben einst, so will ich fest, nicht ängstlich 
stehen. Soll ich fallen, so mag ein Donnerschlag, ein Sturmwind — mich 
abwärts in die Tiefe stürzen", — und im Gefängnisse unmittelbar 
nach dem Gleichnisse von Schlaf und Myrtenkranz; ,,Wenn Stürme 
durch Zweige und Blätter sausten, Ast und Wipfel sich knirrend be- 
wegten, blieb innerst doch der Kern des Herzens angeregt. Was schüttelt 
dich nun? — Ich fühl's, es ist der Klang der Mordaxt, die an meiner 

Thomas Inman in „Ancient Pagan and Modern Christian Symbolism"", New 
York, 1874, S. 70: „It has long been known, that the ancient eustom of erecting 
a may-pole, surrounding it with wreatha of flowers, was a relio of the ancient 
eustom of reverencing the aymbol of creation invigorated by the returning spring 
time"; oder Richard Payne Knight in „Le Culte de Priape" ,Bruxeiles, 1883, 
S. 131: ,,Ijes puritains croyaient fermement, qua le Maypole etait un reliquat 
substantiel du paganisme et ils avaient sans nul doute raison; il y a tout lieu 
de croire, qu'a une epoqne quelconque le maypole a pris la place du phallus. 
Les cerSmonies pour l'iaauguration des deux objets 6taient identiques: les memes 
joyeuseB processions amenaient le phallus au milieu de la vüle ou du village, ou 
on le pavoisait avec des guirlandes et l'adoration avait le meme caractöre." — 
Fast alle europäischen Völker hatten die Sitte, den Beginn des Frühlings durch 
Aufstellen grüner Bäume zu feiern; ihre erotische Bedeutung wird durch den 
Gebrauch bewiesen, daß die jungen Männer sie vor den Fenstern ihrer Bräute 
pflanzten. Die Identität von Maibaum und Freiheitsbaum zeigt auch der 
historische Umstand, daß im Mai 1790 in allen französischen Dörfern ,,arbres 
de la libert6" die die Jakobinermütze trugen, gepflanzt wurden, ein Brauch, 
der in den nordamerikanischen Unabhängigkeitskriegen aufgekommen war. 
Es wurde durch das Symbol des FriihUngs in der Natur der politische 
Frühling, die politische Freiheit durch das Symbol sexueller Freiheit ausgedrückt 
— wie in Egmonts Traum. Goethe dürfte den Freiheitsbaum den revolutionären 
Szenen, die um die Zeit der Vollendung des Egmont in den österreichischen 
Niederlanden spielten (1787), entnommen haben. 
' » 



462 Alfred Robitsek. 

Wurzel nascht. Noch steh' ich aufrecht und ein innerer Schauer durch- 
fährt mich. Ja, sie überwindet, die verräterische Gewalt; sie untergräbt 
den festen hohen Stamm und eh' die Rinde dorrt, stürzt krachend 
und zerschmetternd deine Krone^). Wir haben in diesen Phan- 
tasien die Mittelvorstellungen, in denen die Gedanken von Leben 
imd Tod, ja auch schon von der Enthauptung bereits auf das sym- 
bolische Gebiet übertragen werden; der Beginn der Verwandlung 
ins Gegenteil. Diese Tagesphantasien, die das Traumdenken fertig 
vorfindet, vermitteln zwischen den beiden gegenteiligen Vorstellungen. 
Freud*) sagt in bezug auf die Rolle der Phantasien im Traume: „Wo 
ein solcher Tagtraum bereits im Zusammenhange der Traumgedanken 
gebildet ist, da wird dieser Faktor der Traumarbeit" (die sekundäre 
Bearbeitung) ,,sich seiner mit Vorliebe bemächtigen und dahin wirken, 
daß er in den Trauminhalt gelange. — Im übrigen werden diese Phan- 
tasien wie alle anderen Bestandteile der Traumgedanken zusammen- 
geschoben, verdichtet, die eine durch die andere überlagert und der- 
gleichen ; es gibt aber Übergänge von dem Falle, wo sie fast unverändert 
den Trauminhalt oder wenigstens die Traumfassade bilden dürfen" 
(wie die Phantasie vom Myrtenkranz), „bis zu dem entgegengesetzten 
Falle, wo sie nur durch eines ihrer Elemente oder eine entfernte An- 
spielung an ein solches im Trauminhalt vertreten sind" (die Blätter- 
lorone). Die Doppelbedeutung des Wortes „Krone" (Baum- 
krone — Lorbeerkrone) ist die Brücke, die die beiden Kom- 
plexe Enthauptung und Siegeskrönung verbindet. Längs 
dieses Wortes ist die Umwandlung ins Gegenteil vor sich gegangen. — 
Die Verknüpfung von Myrte und Lorbeer erinnert uns daran, daß sie 
auch sonst bei Goethe nebeneinander zu finden sind, wie in Mignons 
Lied „Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht"- — 

Auch die Affektverkehrung wiid durch diese Tagträume und 
Phantasien vermittelt ; sie ist schön im Gefängnismonologe vorgebildet, 

*) Im Verlauf einer Psychoanalyße würden wir nicht anstehen, diese 
Phantasie ala Abkömmling des infantilen Kastrationskomplexea anzusehen, der 
so oft die Auflehnung gegen den Vater und die Flucht zur Mutter mitbegründet. 
Der aufrechte Stab mit dem Hute wäre dann auch als Abwehrprodukt gegen 
diesen tiefverdrängten, aber immer wirksamen Komplex aufzufassen. Daß Eg- 
mont, was er erlebt und was ihm bevorsteht, bereits im Gefängnismonologe in 
die Kindheit zurückzuphantasieren begirmt, zeigt das ungewöhnliche Bild: „Auf 
der Woge des Lebens ruht ich leicht atmend, wie ein aufquellender Knabe in 
Deinen Armen" (Moiiolog). 

^} Traumdeutung, II. Aufl., S. 305. 



Die Analyse von Egmonts Traum. 463 

wo zunächst das Bild vom gefällten Baiun Todesangst ausdrückt, 
unmittelbar gefolgt von einem Dithyrambus auf Freiheit und Leben. 
„Und frisch hinaus, da wo wir hingehören ! Ins Feld, wo aus der Erde 
dampfend jede nächste Wohltat der Natur und durch die Himmel 
wehend alle Segen der Gestirne uns umwittern — wo das Verlangen 
vorzudringen, zu besiegen — durch die Seele des jungen Jägers glüht, 
wo der Soldat — in fürchterlicher Freiheit — verderbend streicht und 
keine Grenzen kennt, die Menschenhand gezogen." „Erinnerungs- 
traum des Glücks" nennt ea Egmont selbst. Dieselbe Stimmung 
finden wir in Egmonts Siegesgewißheit nach dem Traum und auch hier 
wieder ein Naturbild für den Befreiungskampf: „Und wie das Meer 
durch Eure Dämme bricht, so brecht, so reißt den Wall der Tyiannei 
zusammen^)." Die erfrischende Ursache von Egmonts Traum ist das 
Versinken ins Unbewußte, in die Kindheit, ,,wo wir dem erdgeboren en 
Riesen gleich, von der Berührung unsrer Mutter kräftiger uns in die 
Höhe reißen" (Gefängnismonolog Egmonts). 

i " Fassen wir das Resultat der Analyse zusammen : Egmonts Traum 
verwandelt die schlafstörende Vorstellung von der bevorstehenden 
Hinrichtung, die den Selbsterhaltungstrieb beschäftigt, in eine Frei- 
heits- und Triumphphantasie, zu der ihm Kindheit und Erotik die un- 
bewußten, traümbildenden Wünsche und das darstellende Material 
liefern. In der Symbolik vereinigen sich alle drei Vorstellungskreise. 
Was bedeutet nun die Erscheinung, daß der von Goethe gedichtete 
Traum so ganz die Charaktere zeigt, die wir sonst an Träumen finden. 
Diese volle Lebenswahrheit scheint für die tiefe Identifizierung des 

') Über die Affektverkehrung sagt Freud (Traumdeutung, 8. 292 f.): 
„Die Trautnarbeit kann mit den Affekten der Traumgedanken noch etwas 
anderes vornehmen, als sie zuzulassen, oder zum Nullpunkte herabzudrücken. 
Sie kann dieselben in ihr Gegenteil verkehren. — Solche Verwandlung ins 
Gegenteil wird durch die innige assoziative Kettung ermöglicht, die in unserem 
Denken die Vorstellung eines Dinges an die seines Gegensatzes fesselt. 
Wie jede andere Verschiebung dient sie den Zwecken der Zensur, ist aber 
auch häufig das Werk der Wunscherfüllung, denn die Wunscherfüllung 
besteht ja in nichts anderem als in der Ersetzung eines unlieb- 
samen Dinges durch sein Gegenteil. Ebenso wie die Dingvorstellungen, 
können also auch die Aifekte der Trauragedanken im Traume ins Gegenteil 
verkehrt erscheinen. — Es ist auch hier nicht nötig anzunehmen, daß die 
Traumarbeit einen derartigen Gegenaffekt ganz von neuem schafft; sie findet 
ihn gewöhnlich im Material der Traumgedanken bereit liegend und erhöht 
ihn bloß mit der psychischen Kraft der Abvvehrmotive, bis er für die Traum- 
bilduiig überwiegen kann." 



464 Alfred Robitsek. 

Dichters mit seinem Helden zu sprechen. Auch „Egmont" ist ja ein 
Bruchstück jener großen „Konfession", zu der nach Goethes eigenen 
Worten alles gehört, was von ihm bekannt geworden ist. Daß in Egmont 
besonders viel von seinem eigenen Leben lebt, dafür scheint mir zum 
Beispiel zu zeugen, daß ,, Dichtung und Wahrheit" mit Worten Egmonts 
an seinen Sekretär schließt, die Goethe selbst in einem bedeutungs- 
vollen Augenblick seines Lebens ausrief. Egmont ist ein Abbild von 
Goethe selbst in einer gewissen Zeit seines Lebens^). Der Traum ist 
so sehr Produkt von Egmonts ganzem Wesen, das ganze Drama gipfelt 
so in ihm, er ist so sehr Ausdruck des „Dämonischen", vor dem Goethe 
sich zu retten suchte, indem er es gestaltete^), daß Schillers Urteil^) un- 
begreiflich erscheint, der ihn ,,ein Salto mortale in die Opern weit" 
nannte. 

So dürfen wir sagen: Der Traum Egmonts ist ein Traum, den 
Goethe eine seiner Traumgestalten, seiner Trauminkarnationen träumen 
läßt und also sein eigener. Wir schheßen mit dem Hinweis auf die Worte 
Hans Sachs' Wagners: 

„Grad das ist Dichters Werk, 

Daß er sein Träumen deut und merk; 

Glaub mir, des Menschen wahrster Wahn 

Wird ihm im Traume aufgetan. 

All Dichtkunst und Poeterei . 

Ist nichts als Wahrtraumdeuterei." 



>) Vgl. z. B. Hehn, Gedanken über Goethe, S. 89. 

») Dichtung und Wahrheit, XX. 

*) Zitiert nach Düntzer, Goethes Egmont, S. 129. 



Ein Traum, der sich seihst deutet. 

Mitgeteilt von Otto Rank (Wien). 

„Zwar ist's mit der Gredankenfabrik 
Wie mit einem Webermeisterstück, 
Wo ein Tritt tausend Fäden regt. 
Die Schifflein herüber hinüber schießen. 
Die Fäden ungesehen fließen. 
Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt!" 

(Faust.) 

I. Die Technik der Traumanalyse. 

Ein nicht neurotisches junges Mädchen meines Bekannten- 
kreises, die mein Interesse für die Traumprobleme vom Hörensagen 
kennt, erzählt mir einen ,, poetischen, märchenhaft schönen Traum" 
und fordert mich halb scherzhaft auf, meine Deutekunst an ihm zu 
erproben. Die Bedingungen derartiger nicht in therapeutischer Absicht 
bei Neurotikern oder zum Zwecke rein theoretischer Erkenntnis an eige- 
nen Träumen unternommener Deutungsversuche sind meist so ungünstige, 
daß ihre Ergebnisse fast nie beweiskräftig oder bedeutsam genug aus- 
fallen, um sich zur wissenschaftlichen Verwertung zu eignen. Auch in 
diesem Falle leitete die Träumerin bei dem Verlangen nach einer Deutung 
ihres Traumes weder ein praktisch-therapeutisches noch ein theoretisch- 
wissenschaftliches Interesse; vielmehr erwartete sie neben der Be- 
wunderung des wirklich schönen Traumbildes das Eingeständnis seiner 
Undeutbarkeit zu hören, im günstigsten Falle jedoch eine sich auf ihre 
Zukunft beziehende glückverheißende Auslegung im Sinne des banalen 
Volksaberglaubens. Anderseits fühlte sich der Beobachter vor die, 
wenn auch verlockende, so doch ziemlich aussichtslose Aufgabe gestellt, 
gänzlich frei von dem Ehrgeiz, die zahlreichen technisch einwandfreien 
Traumanalysen, welche sich im Verlaufe fast jeder psychoanalytischen 



*66 Otto Rank. 

Behandlung ergeben , um eine nur durch ihre Mangelhaftigkeit und Un Voll- 
ständigkeit ausgezeichnete zu vermehren. Wenn sich trotz dieser ein- 
schränkenden Voraussetzungen die nachstehende Traumdeutung dennoch 
der Mitteilung in diesen fachwissenschaftUchen Blättern würdig erwies, 
so verdankt sie ihren Vorzug vor ähnlich laienhaften Versuchen einem 
seltenen und bemerkenswerten Umstände. Der dieser Mitteilung 
zugrunde gelegte Traum hat nämhch die Eigentümlichkeit, daß er 
seine eigentliche Bedeutimg ziemhch unverhüllt durchblicken läßt, 
indem er uns ein Stück der Deutung, das wir sonst durch mühselige 
psychoanalytische Arbeit zu gewinnen suchen, ganz offen darbringt. 
Um zu zeigen, in welch speziellem Sinne das gemeint ist und inwieweit 
sich eine solche Auffassung theoretisch rechtfertigen läßt, erweist es 
sich als notwendig, auf einige wesentUche Punkte der Traumdeutungs- 
technik, wie sie von Freud geschaffen wurde, näher einzugehen. 

Freud unterscheidet bekanntlich neben dem erinnerten ,, mani- 
festen Trauminhalte" die durch analytische Deutungsarbeit gewonnenen 
sogenannten „latenten Traumgedanken", für welche alle am manifesten 
Inhalte so heftig bestrittenen Traumcharaktere — insbesondere deren 
bedeutsamster, die Wunscherfüliung — eigentlich nur Geltung haben. 
Es erweist sich nun als zweckmäßig xmd den psychologischen Ver- 
hältnissen durchaus angemessen, den latenten Traumgehalt wieder in 
zwei Materialgruppen zu zerlegen: in das eigentlich unbewußte, 
von psychischen Überlagerungen verdeckte, somit dem Träumer am 
tiefsten verborgene Material und in andere, der bewußten Erfassung 
leichter zugängliche Traumgedanken, die wir uns in jener psychischen 
Region lokalisiert denken dürfen, welche in der Traumtheorie als das 
Vorbewußte bezeichnet ist (Tr. S. 334)*). Diese beiden praktisch nicht 
scharf gesonderten Materialquellen lassen sich bei der Deutungsarbeit 
bis zu einer gewissen Grenze unschwer auseinanderhalten. Zu Beginn 
der Traumanalyse ist es dem Träumer bei einiger Konzentration seiner 
Aufmerksamkeit ein leichtes, ohne merklichen Widerstand und in rascher 
Aufeinanderfolge eine Reihe von Einfällen zu bringen, die zu seinem 
größten Erstaunen seinem bewußten Denken entfallen waren, aber doch 
in einer innigen Beziehung zum Trauminhalte stehen und ihm einen 
guten Sinn geben. Von diesen mit den manifesten Traumelementen 
assoziativ verknüpften Einfällen führt bei weiterer ungestörter Ge- 

*) Alle in dieser Arbeit mit der Bezeichnung Tr. angeführten Seitenzahlen 
beziehen sieh auf die 2. Auflage der Traumdeutung (Deuticke, Wien und 
Leipzig, 1909). 



Ein Traum, der sich selbst deutet. ±67 

dankenfolge eine geschlossene Assoziationskette zu den zutiefst im 
Unbewußten verborgenen letzten traumbildenden Elementen; und 
man wird bald an der Spärlichkeit und Zaghaftigkeit der Einfälle 
sowie an der Stärke des gegen ihr Bewußtwerden arbeitenden Wider- 
standes merken, in welchem Maße man sich den tiefer verborgenen 
(vorbewußten oder gänzUch unbewußten) Regungen nähert. Bald ver- 
siegen die Einfälle gänzüch, der Träumer ist nicht mehr imstande, 
neues Material in das Bereich des Bewußtseins zu bringen, und die Deu- 
tungsarbeit ist scheinbar beendet. Freud hat jedoch nachdrücküch 
davor gewarnt, sich bei solchen voreihgen Lösungen zu beruhigen, 
auch „wenn man eine vollständige Deutung des Traumes in Händen hat, 
die sinnreich, zusammenhängend ist und über alle Elemente des Traum- 
inhaltes Auskunft gibt" (Tr. S. 322). Die Traumlehre muß vielmehr zur 
vollständigen Deutung die Aufdeckung zumindest emes aus der tiefsten 
Schichte des Unbewußten stammenden infantilen Wunsches 
(Triebes) fordern, der in der Kindheit aktuell war, später die Ver- 
drängung ins Unbewußte erfahren hatte und der sich nun im Traumleben 
neuerdings — jedoch in entstellter Form — zu realisieren versucht. 
,,Die Theorie der Psychoneuroaen behauptet aber mit ausschließender 
Sicherheit, daß es nur sexuelleWunschregungenausdem Infantilen 
sein können, welche in den Entwicklungsperioden der Kindheit die 
Verdrängung erfahren, in späteren Entwicklungsperioden dann einer 
Erneuerung fähig sind, . . . und die somit die Triebkräfte für alle psycho- 
neurotische Symptombildung abgeben" (Tr. S. 376). Mußte es Freud 
in der ersten Auflage der Traumdeutung (1900) noch „dahingestellt 
sein lassen, ob die Forderung des Sexuellen imd Infantilen auch 
für die Theorie des Traumes erhoben werden darf", so hat die 
seither auf Grund vermehrter Erfahrungen vertiefte Einsicht diese 
Forderung unabweisbar gemacht. Freud trägt dieser Tatsache in 
einem beachtenswerten Zusätze der 2. Auflage (Tr. S. 197) mit folgenden 
Worten Rechnxmg: „Je mehr man sich mit der Lösung von Träumen 
beschäftigt, desto bereitwilliger muß man anerkennen, daß die Mehrzahl 
der Träume Erwachsener sexuelles Material behandelt und erotische 
Wünsche zum Ausdruck bringt. Nur wer wirklich Träume analysiert, 
d. h. vom manifesten Inhalt derselben zu den latenten Traumge- 
danken vordringt, kann sich ein Urteil hierüber bilden . . . Stellen wir 
gleich fest, daß diese Tatsache uns nichts Überraschendes bringt, 
sondern in voller Übereinstimmung mit unseren Grundsätzen der Traum- 
erklärung steht. Kein anderer Trieb hat seit der Kindheit so viel Unter- 



468 Otto Rank. 

drückung erfahren müssen, wie der Sexualtrieb in seinen zahlreichen 
Komponenten*), von keinem anderen erübrigen so viele und so starke 
unbewußte Wünsche, die nun im Schlaf zustande traumerzeugend 
wirken." Nach dieser Feststellung wird es niemand verwundern 
zu hören, daß es der Deutungsarbeit keineswegs in allen Fällen gelingt, 
die eigenthch unbewußten, infantil-sexuellen Wunschregungen auf- 
zudecken, und daß demnach „die Frage, ob jeder Traum zur Deutung 
gebracht werden kann, praktisch mit Nein zu beantworten ist. Man 
darf nicht vergessen, daß man bei der Deutungsarbeit die psychischen 
Mächte gegen sich hat, welche die Entstellung des Traumes verschulden. 
Es wird so eine Frage des Elräfteverhältnisaes, ob man mit seinem intel- 
lektuellen Interesse, seiner Fähigkeit zur Selbstüberwindung, seinen psy- 
chologischen Kenntnissen und seiner Übung in der Traumdeutung 
den inneren Widerständen den Herren zeigen kann. Ein Stück weit 
ist das immer möglich, so weit wenigstens, um die Überzeugung zu 
gewinnen, daß der Tratmi eine sinnreiche Bildung ist, und meist auch 
um eine Ahnung dieses Sinnes zu gewinnen" (Tr. S. 322). Wir haben 
guten Grund zu vermuten, daß dies in der Regel ungefähr soweit möglich 
sein wird, als jenes aus dem Vorbewußten stammende Material in 
Betracht kommt, das man zum Unterschiede von dem primitiv- 
sexuellen Charakter des Unbewußten als „kulturelles" Material 
bezeichnen könnte. Denn es umfaßt nicht nur im individuellen Sinne 
die gesamte aktuelle Persönlichkeit mit allen ihren Interessen und Bezie- 
hungen, sondern scheint auch entwicklungsgeschichtlich den ganzen über 
dem primitiven Triebleben aufgerichteten Sublimierimgsüberbau des 
Kulturlebens widerzuspiegeln. Bedient man sich zur Veranschaulichung 
der unfaßbaren dynamischen Verhältnisse, welche den Grad der Bewußt- 
seinsfähigkeit bestimmen, mit Vernachläsaigimg aller kaum merklichen 
Übergänge der bildlichen Hilfsvorstellung streng geschiedener psy- 
chischer Lokalisationen, so entstammte etwa der manifeste Trauminhalt 
dem Bewußten, die kulturellen Traumgedanken dem Vorbewußtsein und 
das primitiv-sexuelle Traummaterial dem Unbewußten. Die den 
verschiedenen Schichten angehörigen Deutungselemente sind natürlich 
vöUig ungleichwertig und müßten auch in der Wiedergabe einer voll- 
ständigen Traumanalyse formal auseinander gehalten werden. Dabei 
ist wohl zu beachten, daß die aus dem Vorbewußten stammenden, 
zum Teil sogar aktuellen Traumgedanken ebenfalls als wesentlichsten 



*) Vgl. Freud, Drei Abhandlungen zur Sezuaitheorie, 2. Auflage, 1910. 



Ein Traum, der sich selbst deutet. 469 

Charakter die Wunscherfiillung erkennen lassen. Diese Tatsache steht 
in vollem Einklänge mit einem Fundamentakatze der Traumtheorie, 
welche einen Anteil von derartigen harmloseren — meist eigennützigen, 
ehrgeizigen, rachsüchtigen oder gewisse rezente Besorgnisse beruhigen- 
den -- Wunscherfüllungsphantasien als Bedingung der Traumbildung 
voraussetzt. Allerdings mit dem bedeutsamen Zusätze, daß der Traum 
nicht zustande käme, wenn der vorbewußte Wunsch sich nicht als Ver- 
stärkung eines gleichlautenden unbewußten zu bedienen ver- 
möchte. Es gelingt jedoch nur selten, einen Traum soweit aufzulösen, 
daß die Übereinanderlagerung der einzelnen so ungleichwertigen 
Wunscherfüllungsphantasien deutlich wird*). Wo keine therapeutische 
Nötigung oder besondere wissenschaftliche Absicht vorliegt, wird man 
sich fast immer mit der Aufspürung des vorbewußten Materials begnügen, 
das übrigens meist beweiskräftig genug ist und wie die Freudsche 
,, Traumdeutung" zeigt, zur theoretischen Würdigung der psychologi- 
schen Traumprcbleme vollkommen ausreicht. Die psychoanalytische 
Praxis ist aber stets genötigt, gerade die letzten Wurzeln des Traumes 
bloßzulegen, zu deren Aufdeckung der Träumer selbst fast gar nichts 
beitragen kann, da eben ihre Bewußtseinsunfähigkeit eine der Be- 
dingungen für die Traumentstehung ist. Der schwierige Zugang zu den 
eigentlich unbewußten Traumquellen legte es nun einzelnen Psycho- 
analytikern nahe, auf Mittel zu sinnen, um dieses mühselige und lang- 
wierige Verfahren in gewissen Fällen erleichtern oder abkürzen zu können, 
und es hat in der Tat den Anschein, als ob diese Versuche nicht aussichts- 
los wären. Der Ausbau der psychoanalytischen Technik und eine 
auffälhge Gleichförmigkeit gewisser Ergebnisse haben es seither ge- 
stattet, bei den Traumanalysen namentlich neurotischer Personen auf 
Grund einer intimen Kenntnis der Lebensverhältnisse und des Seelen- 
zustandes der Patienten, sowie aus gewissen typischen Arbeitsweisen 
der unbewußten Seelentätigkeit und der Beherrschung einer allgemein- 
menschlichen, in den Träumen besonders beredten symboHschen Sprache 
einzelne Stücke der eigenthch unbewußten Traumbedeutung mit einem 
hohen Grade von Sicherheit zu erraten. Ein solcher von den Bedürf- 
nissen des Praktikers diktierter Versuch ist kürzUch von St ekel**) 
unternommen worden. Wenn er bei manchem mit der Sprache des Un- 

*) Ein schönes Beispiel dieser Art bietet die in Freuds „Bruchstück 
einer Hysterieanalyse" (1905) mitgeteilte Traumdeutung (2. Folge der Sammlung 
kleiner Schriften zur Neurosenlehre, 1909). 

**) „Beiträge zur Traumdeutung". Dieses Jahrbuch, I, 1909. 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Porsehungen. II. 31 



470 Otto Rank. 

bewußten nicht völlig vertrauten Leaer auf mangelndes Verständnis 
stieß, so mag das darin seinen Grund haben, daß in der Assoziations- 
kette, die vom manifesten Traumin halte durch das weite Bereich 
des vorbewußten Gedankenlebens zu den unbewußten Wurzeln führt, 
gewisse, dem allgemeinen Verständnis leichter zugängliche Gheder 
übergangen waren und die im Trauminhalte zumeist durch eine betremd- 
hche Symbolik entstellte primitiv-sexuelle Bedeutung des Traumes 
direkt und unvermittelt bloßgelegt wurde. ' Vom Standpunkte des 
Praktikers erscheint es natürlich vollkommen gerechtfertigt, ja mitunter 
sogar geboten, die für eine theoretische Würdigung des Traumes imer- 
läßliche und entwicklungsgeschichthch für das Studium der Schichtung 
des Seelenlebens überaus lehrreiche vorbewußte ,,Kulturachicht", die 
dem Arzte ohnehin meist aus der psychoanalytischen Behandlung des 
Patienten bekannt ist, bei gewissen Träumen zu vernachlässigen und 
einzelne Elemente des manifesten Inhalts auf Grund von empirisch 
festgestellten, allgemein-menschlichen Symbolismen ohne weiters 
aus dem Dialekt des Unbewußten ' zu übersetzen. Denn im 
praktischen Verfahren dient die langwierige Abwicklung der ganzen 
Gedankenkette nur dazu, das bewußte Denken des Patienten längs 
der assoziativ gebahnten Wege auf die in letzter Linie traumbildenden 
unbewußten Komplexe zu lenken, die am untersten Ende dieser Reihe 
stehen. Und da das mittlere Stück der analytischen Arbeitsleistung 
noch nicht lauter eigentliche Traumgedanken hefert, sondern auch die 
sogenannten „Kollateralen", „die nicht notwendig sämtlich bei der 
Traumbildung beteiligt gewesen sein müssen" (Tr. S. 226), so kann man 
ohne wesentlichen Schaden für das Verständnis des Traumes Zeit und 
Mühe ersparen, wenn man sich in gewissen Fällen eines solchen ab- 
gekürzten Verfahrens bedient. Als Voraussetzung wird nur die Gewähr 
gelten müssen, daß man sich bei Anwendung dieser Methode vom ge- 
sicherten Boden der Empirie nicht entferne. 

Wenn wir nach diesen technischen Vorbemerkungen uns dem 
vorliegenden Traume wieder zuwenden, so können wir die Art seiner 
Selbstdeutung, die ihn auszeichnenden Eigentümhchkeiten sowie 
deren theoretische Bedeutung folgendermaßen charakterisieren. Auch 
die Selbstdeutung dieses Traumes wird eich im wesentlichen auf 
die Darlegung seiner primitiv-sexuellen Wurzehi beschränken, die 
jedoch in diesem Falle der Traum selbst, unabhängig von der Über- 
setzungaarbeit des Deuters, leistet. Es hängt zwar mit der hervor- 
stechendsten Besonderheit dieses Traumes zusammen, wirft aber dank 



Ein Traum, der sich selbst deutet. 471 

einer anderen seiner Eigentümlichkeiten doch ein entscheidendes Licht 
auf den sexuellen Wunscherfüllungscharakter der Träume überhaupt, 
daß es gerade diesem Stücke des Materials gelang, den offenen Durch- 
bruch durch die entstellende Traumhülle zu erzwingen. Die erste dieser 
Besonderheiten besteht darin, daß der Traum mit einer Pollution 
endet. Dieser seine Beweiskraft auf eine enge Gruppe von Träumen ein- 
schränkende Charakter wird aber wettgemacht durch einen zweiten 
Umstand, welcher diesen Pollutionstraum vor vielen anderen seiner Art 
auszeichnet. Er besteht nämhch aus zwei sowohl inhaltlich als zeitlich 
gesonderten Teilen, die zwar unmittelbar nacheinander in derselben 
Nacht geträumt wurden und — wie sich in Bestätigung einer Traum- 
regel ergibt — auch ihrer Bedeutung nach eng zusammengehören^^)*), 
von denen jedoch nur der zweite als Pollutionstraum im eigentlichen 
Sinne bezeichnet werden kann. Dieser zweite Traum ist es nun, welcher 
vermöge der den meisten Pollutionsträumen eigentümlichen Offenheit eine 
regelrechte Deutung des ersten Traumstückes bringt, imd zwar gerade 
den Teil der Deutung, welcher der psychoanalytischen Bemühung am 
schwersten zugängUch ist, weil er von so gut fundierten seelischen 
Mächten, wie ,, Schamgefühl, Ekel, den ästhetischen und moralischen 
Vorstellungsmassen"**) am Auftauchen gehemmt ist. Bis zu diesem 
Kern des Traumes vorzudringen, dürfte bei Selbstanalysen schwer 
mögUch sein und von fremden Personen kämen dabei nur die in 
psychoanalytischer Behandlung stehenden Neurotiker in Betracht, 
bei denen das gleichsam durch und durch gelockerte Gefüge des 
Seelenlebens unter dem intensiven Drange nach Gesiuidung dem 
Bewußtwerden des Unbewußten auf die Dauer keinen Widerstand 
zu leisten vermag. Ganz unmöglich erscheint es jedoch bei einer 
gesunden Person, deren normaler weiblicher Charakter gerade von 
den genannten seelischen Reaktionsbildungen getragen wird, diese 
letzten, gänzlich verschütteten Elemente der Traumbedeutung zutage zu 
fördern, wenn uns nicht — wie in diesem Falle — die besondere Gunst 
der Verhältnisse der nahezu aussichtslosen Bemühung überhebt. Diesen 
begünstigenden Umständen ist es auch zu verdanken, daß imsere Deu- 
tungsarbeit nicht wie sonst von den einzelnen Traumelementen und 
den dazu gehörigen Einfällen des Träumers ausgehen muß, welche die 
ursprünglichen Traumgedanken zerstückelt und in verschiedene Zu- 
sammenhänge verstreut liefern, sondern daß sie die mit seltener Deutlich- 

*) Die Nummern beziehen sich auf die Nachträge (S. 52S u. ff.). 

**) Sexualtheorie, S. 38. 

31* 



472 Otto Rank. 

keit durchschimmernden unbewußten Komplexe zum Ausgangspunkte 
nehmen kann und so das inhaltlich zusammengehörige Material in seinem 
ganzen jeweiligen Komplexzusammenhange zu überblicken vermag. 
Die aus dem rezenten Tagesleben vmd dem Vorbewußten nachgetragenen 
Einfälle des Träumers dienen nur zur Vervollständigung und Be- 
stätigung der durchschauten Komplexinhalte*). 

Das Interesse an diesem durch so seltene Charaktere ausge- 
zeichneten Traum wird erhöht durch den theoretischen Wert, welcher 
ihm zugesprochen werden muß. Dieser ist nicht so sehr darin gelegen, 
daß er ims neue Erkenntnisse vermittelte, die wir nicht schon 
aus der ,, Traumdeutung" erfahren könnten, als daß er durch seine 
mehrfachen Eigentümlichkeiten in ausgezeichneter Weise geeignet 
erscheint, gleichsam als Prüfstein der bisher bekanntgewordenen 
Ergebnisse zu dienen. Die offene Darlegung seiner geheimsten 
Bedeutung, die ohne präjudizierlichen Eingriff des analytisch ge- 
schidten Beobachters erfolgt, versetzt uns diesem Traume gegenüber 
in die überlegene Situation, eine in den wesentlichsten Punkten von 
theoretischen Vorurteilen imbeeinflußte Traumdeutimg auf uns wirken 
zu lassen und uns so davon zu überzeugen, inwieweit die so heftig be- 
strittenen Behauptimgen und Erwartungen der Traumlehre zutreffen. 
Es kann vorausgeschickt werden, daß diese Probe über Erwarten günstig 
für die in Frage stehende Theorie ausfällt. Sie demonstriert gleichsam 
ad oculos sowohl das Zutreffende gewisser Annahmen über den Aufbau 
des Seelenapparates, wie sie eine Einsicht in die psychischen Vorgänge 
der Traumbildung nahelegt, als auch die Unerschütterlichkeit der 
Fundamentalsätze der Traumdeutungslehre. Den Praktiker aber ver- 
mag sie davon zu überzeugen, mit welch verblüffender Sicherheit 
er sich der von Freud und seinen Schülern gegebenen technischen 
Anleitimgen und Kunstgriffe zur Auslegung der zimächst unverständlich, 
ja oft sinnlos erscheinenden Traumbilder bedienen kann. 

II. Der Traum und seine Deutung. 

Den Traum erzählt die Träumerin mit folgenden Worten: 

1. 
„Ich war in einem königlichen Schlosse als Kinder- 
fräulein. Die Königin**), eine ältere Dame, die ein chinesi- 

♦) Diese Eigenart des Traumes und der Deutungstechnik versucht die 
folgende Darstellungsweise wiederzugeben. 

**) Bei der Wiederholung: „Die Frau". 



Ein Traum, der sich selbst deutet. 473 

sches^leid mit einer langen Schleppe trug, sollte abreisen. 
Ich mußte vom Kinde weggehenf), um von ihr Abschied zu 
nehmen. Ich so Ute mich dazu auf den Boden legen, wollte es 
aber nicht tun. Da schlug sie mich mit einer Rute ins Ge- 
sicht; dann erst legte ich mich ganz nieder, so daß ich tttit 
der Nase den Boden berührte. Ich dachte mir: Nein, so einen 
guten Posten habe ich getroffen! Und nun schlug sie mich, 
daß es mir weh tat. Nachher reichte sie mir die Hand, die 
ich küßte. Die Königin gab nun einer Gesellschafterin 
den Auftrag, mich zur Belohnung in ein Lilazimmer*) zu 
führen, das sonst verboten war. Als ich hineinkam, war 
ich sehr erstaunt, daß ich doch nicht so schlecht behandelt 
werde, da mir die Ehre zuteil wird, das Zimmer zu besichti- 
gen. Die Gesellschafterin sagte mir, daß hier auch Vögel 
sind, und plötzlich sah ich von rückwärts einen herrlichen 
Vogel heranfliegen, der sich bei mir niederließ; er hatte 
einen langen Schwanz und kam stolz und elastisch, wie 
eine Bachstelze, daher; seine Farbe war lila wie die des 
Zimmers. Dann sah ich grüne oleanderartige Bäume in 
blauen Gefäßen vor einem Eingange des Lilazimmers^ und 
die Sonne schienff). Inzwischen hatte sich der Hofmeister, 
ein großer schlanker Mann, ebenfalls von der Königin 
verabschiedet und durfte auch das Zimmer besichtigen; 
doch sagte ihm dieKönigin, er müsse warten, bis ich heraus- 
komme; aber er wollte doch hinein und die Gesellschafterin 
sagte, daß sie erst absperren muß. Dann wurde wieder auf- 
gesperrt und er ist hinein. Die Gesellschafterin (oder 
Stubenmädchen) bekam zur Belohnung 20 Gulden. Dann 
wurde mir von der Königin ein Zimmer angewiesen, das 
rosa aussah und eine schöne rosa Waschgarnitur enthielt 
(während das erste Empfangszimmer gelb gewesen war). 
Ich überraschte denKönig, einen jungen feschen schwarzen 



t)Nachtrag: „Ich weiß nicht, ob es einBuboderMädel war". 

tt) Nachtrag: „Durch diese torartige Öffnung sah ich 
einen Garten und dachte: Gott, wenn ich doch auch in den 
Garten hineingehen könnte; ich bin aber nicht hinein- 
gekommen." 

*) Bei der Wiederholung; „in ein chinesisches Lilazimmer". 

3 1 



474 Otto Rank. 

Mann, beim Toilettemachenf). Er sagte: Pardon, das ist 
nicht Ihr Zimmer. Ich entschuldigte mich und ging hinaus, 
wobei ich dachte: der König ist doch so ein fescher Mann 
und sie eine so alte Frau; er paßt gar nicht zu ihr. Dann 
traf ich ihn wieder im Empfangszimmer und er hat sich 
nach mir umgedreht, als wäre er in mich verliebt (auch 
ich hätte mich in ihn verlieben können) und gesagt, er fährt 
auch wegff). Erstaunt sagte ich: So, Sie fahren weg? 
Ja, sagte er, ich fahre weg. Das Stubenmädchen mußte 
schnell die Sachen vom Herrn packen. Ob sie wegfuhren, 
weiß ich nicht. Das Kind sah ich dann auch nicht mehr." 
Wer diesen schönen imd an sich ganz sinnreichen Traum hört, 
würde dahinter schwerlich deutlich erotische Wünsche und grob sexuelle 
Situationen vermuten, obwohl es an vereinzelten Anspielungen der 
feineren Erotik, wie sie etwa in einem Märchen auch vorkommen 
könnten, nicht fehlt. Ist man , wie der Beobachter, auch nur einigermaßen 
mit den persönhchen Verhältnissen der Träumerin bekannt, so wird 
es einem nicht schwer fallen, die oberflächliche WimscherfüUungstendenz 
des Traumes ohne weiteres zu durchschauen. Die Träumerin ist seit 
einigen Jahren vom Elternhause fern, auf sich selbst angewiesen und 
tatsächlich als Kinderfräulein tätig. Zur Zeit des Traumes ist sie 
außer Stellung und auf der eifrigsten Suche nach einem neuen Platze. 
Sie wünscht natürhch einen „guten Posten" in einem möghchst vor- 
nehmen Hause (könighches Schloß) mit vieler Dienerschaft (Gesell- 
schafterin, Hofmeister, Stubenmädchen), wo man sein eigenes schön 
eingerichtetes (rosa) Zimmer sowie sonstige Annehmlichkeiten (Garten) 
zur Verfügung hat und auch gebührend geehrt (Ehre, das Zimmer zu 
besichtigen) und entsprechend entlohnt wird (20 Gidden). Der Traum 
zeigt ihr die vollkommenste Erfüllung dieser Wimschphantaaie: sie ist 
in einem königlichen Schlosse als Kinderfräulein; weiter kann man es 
in ihrem Berufe nicht mehr bringen. Die Wirklichkeit setzt aber selbst 
der Erreichung ihrer weniger hochgespannten realen Anforderungen 



•j-) Nachtrag: „Erst sah ich ihn im Spiegel und dann 
erst wirklich. Er bürstete sich das Haar hinauf; er hat es 
noch naß gehabt und es ist noch steif gestanden." 

•ff) Nachtrag: „Dabei schaut er im gelben Zimmer 
wieder in den Spiegel als wollte er sich überzeugen, daß 
er mir gefalle." 



Eia Traum, der sich selbst deutet. 475 

größere Schwierigkeiten entgegen, als ihr lieb ist. Sie kann nicht einmal 
in einem besseren Bürgerhause eine dauernde und angenehme Stellung 
finden, sondern zerschlägt sich jedesmal sehr bald mit der Frau mid 
verläßt in der Regel wegen Nachstellungen von selten der männ- 
lichen Hausbewohner den Dienst. Der Traum versäumt es auch nicht, 
sie an aU diese Mißhchkeiten ihres Berufes zu erinnern: Wie streng 
man von der Frau gehalten wird (Schläge), wie man sich vor ihr bücken 
und ducken (auf den Boden legenj^"), ihr schöntun (Handküssen) und 
mit dem Herrn lieb sein (verheben) muß, wenn man auf eine Belohnung 
rechnen will. Der Widerspruch gegen die Wunscherfüllungstendenz, 
welcher in der Betonung dieser störenden Gedankengänge zu hegen 
scheint, löst sich sogleich, wenn man erkannt hat, daß sie nur einer 
zweiten Wunschphantasie zum Durchbruche verhelfen sollen. Diese 
mißhchen Verhältnisse sowie die Sorge um eiae gesicherte Zukunft 
haben der Träumerin nämhch in letzter Zeit den Gedanken nahegelegt, 
ob es. nicht besser wäre, statt der Stellung einen Mann zu suchen und 
ein eigenes, natürhch auch möghchst vornehmes und behagliches Heim 
zu gründen, dessen Idealbild ebenfalls in der Szenerie des Traumes zu 
finden ist*). Man wird wohl nicht erwarten dürfen, die Phantasie des 
Mädchens in der Wahl eines Gatten weniger anspruchsvoll zu finden, 
als bei der Suche nach einer Lebensstellung. Der Mann, den sie sich 
wünscht, soll selbstverständUch „jung, fesch" und hebevoll, außerdem 
noch möghchst reich und vornehm (König) sein. Auch den Weg zur 
Reahsierung dieser typischen Mädchenphantasie zeigt ihr der Traum 
in Anknüpfung an vorgebildete Träxraiereien ihres Wachbewußtseins. 
Der Herr des Hauses (der König), der eine viel zu alte Frau hat („er 
paßt gar nicht zu ihr"), verliebt sich ja in sie und auch sie wäre nicht 
abgeneigt, ihm ihre Liebe zu schenken. Aber auch hier mengen sich 
wieder störende Momente ein: Die gestrenge Frau weiß eine so uner- 
wünschte Konkurrentschaft wirksam zu verhindern (sie trifft Anstalten, 
mit dem König abzureisen). 

Was ich hier aus der mir bekannten aktuellen Situation der 
Träumerin imter ihrer vollen späteren Beistimmung als offenkundigsten 
Sinn des Traumes in die Formen ihres bewußten Denkens gekleidet 
habe, ist gleichsam die oberste Schichte ihres rezenten Phantasielebens, 
dessen Inhalt sie wohl schwerhch in direkter Mitteilung preisgegeben 
hätte. Ihre fast lückenlose Aufnahme in den Trauminhalt verdanken 
diese ehrgeizig-erotischen Tagesphantasien der von Freud sogenannten 
,sekundären Bearbeitung' des Traummaterials, welche die 



476 Otto Rank. 

Tendenz hat, den Traum dem Vorbilde eines verständlichen Erleb- 
nisses anzunähern" und deren verschiedenartiger Erfolg sich zu- 
nächst der oberflächlichen Betrachtung als Fassade des Traumes dar- 
bietet^"). Durch diese Leistung der Traumarbeit kommen oft „Träume 
zustande, die für die oberflächliche Betrachtung tadellos logisch und 
korrekt erscheinen mögen .... Diese Träume haben die tiefgehendste 
Bearbeitung durch die dem wachen Denken ähnliche psychische Funktion 
erfahren ; sie scheinen einen Sinn zu haben, aber dieser Sinn ist von der 

wirklichen Bedeutung des Traumes auch am weitesten entfernt 

Ea sind das Träume, die sozusagen schon einmal gedeutet worden sind, 
ehe wir sie im Wachen der Deutung unterziehen" (Tr. S. 303). Sind 
wir einerseits schon gewarnt, uns mit solchen allzu offensichtlichen 
und glatten Lösungen zufrieden zu geben, so dürfen wir anderseits 
erwarten, daß ein Traum, welcher die sonst als sorgliches Geheimnis 
gehüteten erotischen Tagträume so offen verrät, das nur tut, um damit 
andere, noch weniger mitteilungsfähige Wunschphantasien zu verbergen. 
Die Freimütigkeit, mit der ein solcher Traum sich scheinbar gibt, sowie 
seine formal und logisch einwandfreie Einkleidung sollen gleichsam 
die kritische Bewußtseinsinstanz bestechen, jede weitere Nachforschung 
nach einer etwaigen tieferen Bedeutung des „ohnehin sinnreichen" 
Traumes aufzugeben'^). 

'■"'- Läßt man sich von der wohlgebauten Traumfassade und ihrer an- 
scheinend zureichenden Aufklärung nicht bestechen, so kann man 
hinter der ehrgeizigen Stellungsphantasie und der erotischen 
Heiratsphantasie aus vereinzelten allzudeutlichen Anzeichen 
des manifesten Trauminhaltes eine bereits tiefer gelagerte sexuelle 
Hotelphantasie mit einer gewissen Sicherheit erschließen*). Das 
große prächtige Haus mit den vielen verschieden eingerichteten Zimmern 
weist direkt auf das Hotel hin, einen Ort, welcher bekanntlich die Phan- 
tasie aller in der Großstadt lebenden Mädchen aufs intensivste be- 
schäftigt. Das Hotelzimmer ist tatsächlich ein den Mädchen verbotener 
Baum und die detailliert geschilderte Vogelszene, die sich darin abspielt, 
weist in einer für den Traum imzweideutigen Sprache auf den Grund 
dieses Verbotes hin**). Der schlanke junge Mann (Hofmeister), von 
dem in zweideutigen Wendungen erzählt wird, daß er in das Zimmer 
eingedrungen sei, sowie das Stubenmädchen, das auf- und zusperrt und 
dafür zur Belohnung ein Sperrgeld (in Wien von 20 Kreuzern, pro Person 
10 Kreuzer) erhält, vervollständigen diese Phantasie, als deren Abschluß 
sich das Toilettemachen (Waschgarnitur, Spiegel) passend anfügt^ ). 



Ein Traum, der sich selbst 'leutet. 477 

Außer der dem bewußten Denken der Träumerin angehörigen Stel- 
lungs- und Heiratsphantasie, welche der manifeste Trauminhalt deutlich 
verrät, und der leiser angedeuteten, dem Vorbevvußten entstammenden 
Hotelphantaaie, gestattet dieser selten durchsichtige Traum auch eine 
zutiefst gelagerte unbewußte Phantasie zu erschüeßen, welche die Trattm- 
bildung erst ermöglicht hat. Wir müssen ans dazu mit vorläufiger Bei- 
seitesetzung der bisher eruierten Traumbedeutung der vorhin erwähnten 
abgekürzten Technik bedienen, welche durch Übersetzung gewisser 
typischer, allgemein-menschlicher Symbohsmen die unbewußten Traum- 
quellen auf dem direktesten Wege zu erschließen gestattet. Schon die 
Wahl des allervomehmsten Milieus, welches den ehrgeizigen Wünschen 
der Träumerin die vollkommenste Erfüllung ermögUcht, erweist sich 
bei Anwendung eines der verläßUchsten symbohschen Schlüssel als 
tiefer determiniert. Wir wissen aus der Traumdeutung und konnten 
es an einer uralten, bei allen Kulturvölkern wiederkehrenden mythischen 
Tradition auch für das Phantasieleben ganzer Völker bestätigt finden*), 
daß „der Kaiser und die Kaiserin (König und Königin) wirkhch zumeist 
die Eltern des Träumers darstellen" (Tr. S. 200). Im vorstehenden 
Traume würde es zum Muttercharakter der Königin nicht übel stimmen, 
daß sie (der Tochter gegenüber) als ältere und strenge Dame geschildert 
wird, deren Willen sich das Kind bedingungslos unterwerfen muß und 
die Prügelszene, die auf das Verhältnis zu einer Dienstgeberin gar nicht 
paßt, legt eine Beziehung auf die Mutter direkt nahe. Weniger deutUch 
ist die Identifizierung des Königs mit dem Vater, obgleich wir aus den 
Psychoanalysen gewohnt sind, eine solche gegenseitige erotische Zu- 
neigung, wie sie im Traum angedeutet ist, als typisches Verhältnis 
zwischen einem liebevollen Vater und seinem frühreifen zärthchkeit- 
bedürftigen Töchterchen anzusehen**). Es läge also diesem Traume 
die von Freud aufgedeckte typische Inzestphantasie***) zugrunde, 
die sich immer unzweifelhafter als der eig enthebe ,, Kernkomplex 
der Neurosen"****) erweist, aber auch normalerweise das erotische 

*) Rank, Der Mythus von der Geburt des Helden. 5. Heft der Schriften 
zur angewandten Seelenkunde; herausgegeben von Prof. Dr. S. Freud. Wien 
und Leipzig, Deuticke, 1909. 

**) Vgl. das diesbezüglich typische ,, Bruchstück einer Hysterieanalyse" 
(1. c. S. 48 u. f.). 

***) Tr. S. 180 u. ff.; Sexualtheorie, S. 64 u. ff.; Analyse der Phobie eines 
fünfjährigen Knaben; Jahrb. I. 

****) Vgl. Freud, Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose, 
Jahrbuch, I, S. 394, Anmerkung. 

3 1 * 



478 Otto Hank. 

und soziale Verhalten der Menschen im späteren Leben entscheidend 
bestimmt*). Diese infantile Konstellation der Verliebheit in den Vater 
and der Empfindung einer störenden Konkurrentschaft der Mutter 
dürfen wir uns nach der zentralen Stellung, welche sie in diesem Traume 
einnimmt, sowie ihrer besonders affektiven Betonung wegen als ur- 
sprünglich sehr intensiv und nachhaltig wirkend bei unserer Träumerin 
vorstellen. Mit der Aufdeckung dieser zutiefst im Unbewußten veran- 
kerten, eigentlich traumbildenden Kindheitsphantasie wird die eingangs 
hervorgehobene Übereinanderlagerung der verschiedenen ungleich- 
wertigen Phantasieschichten handgreiflich. Wir erkennen z, B. ohne 
weiteres, daß die Wahl des königlichen Milieus nicht wie andere 
Elemente der bewußten Stellungsphantasie aus dem Tagtraume, sondern 
aus der infantilen Konstellation stammt, merken aber zugleich, daß 
es nur darum in den Trauminhalt gelangen konnte, weil es sich in einer 
gewissen Übereinstimmung mit den bewußten Tagesphantasien befindet, 
die nach einem möglichst vornehmen Milieu tendieren^'). Ebenso dürfte 
auch die Prügelszene infantilen Ursprungs sein und in ähnlicher Weise 
ihre Aufnahme in den Trauminhalt dem Umstände zu verdanken haben, 
daß sie ihrem bildlichen Sinne nach zur Unterwürfigkeit gegen die 
Dienstgeberinnen gehört [vgl. die Identifizierung von Königin und Frau ; 
Anmerkung**) S. 472], wobei das Handküssen möglicherweise als ver- 
bindendes, der rezenten wie der infantilen Situation angehöriges 
Element gedient haben mag**). Ähnliche Deckungen der rezenten 
(bewußten) imd der infantilen (unbewußten) Phantasien in wesentlichen 
Punkten sowie einzelne charakteristische Abweichungen in dieser 
Parallelisierung lassen sich hinter der Mischperson erkennen, die den 
Vater (den König) mit verschiedenen Dienstherren indentifiziert [man 
vgl. z. B. das Überraschen beim Toilettemachen, das beim Vater un- 
ausweichlich, aber auch im Hause des Dienstgebers fast nie zu ver- 
meiden ist**)]. Nach diesem Muster lassen sieb auch einzelne Situationen 
des Traumes als „Deck- und Mischgebilde" (Tr. S. 233) auflösen, wie 
z. B. die Zimmer nicht nur der Heirats- und Hotelphantasie angehören, 
sondern auch auf das Elternhaus (das königliche Schloß) hinweisen, 
wie es dem Mädchen in kindlicher Überschätzung erschienen 
sein mag. 

•) Vgl. Jung, Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des einzelnen. 
Jahrbuch, I, S. 155 ff. 

**) Diese vorläufigen Annahmen werden nachträglich von der Träumerin 
voll bestätigt. 



Ein Traum, der sich selbst deutet. 479 

Dem wachen Denken der Träumeiin erscheint die ungewöhnliche 
Abschiedszeremonie am befremdlichsten, zu deren möglichem Verständ- 
nis uns eines ihrer Elemente leiten könnte, welches sich unserer infantilen 
Auffassung dieser ganzen Szene am wenigsten zu fügen scheint. Es ist 
der dem einheitlich strenge gezeichneten Charakter der Mutter wider- 
sprechende Zug, daß sie der Tochter nach den Schlägen nicht nur durch 
den Handkiiß verzeiht, sondern ihr außerdem eine Belohnung zuteil 
werden läßt, die noch dazu in der Erlaubnis von etwas sonst Verbotenem 
besteht. Dieser Umstand widerstrebt unserem Deutungsversuch, der 
ja die Mutter gerade als Hindernis des Verbotenen (der Verliebtheit 
in den Vater) aufzeigen konnte. In solcher Verlegenheit gibt uns die 
Traumlehre ein erprobtes Hilfsmittel an die Hand, das man in darartigen 
Fällen niemals unversucht lassen sollte. Es handelt sich dabei um den 
Kunstgriff, einen derartigen der Deutung hartnäckig widerstrebenden 
Bestandteil des manifesten Trauminhaltes umgekehrt zu lesen, 
worauf nicht selten der Zusammenhang sofort klar wird*). Wenden wir 
diese empirisch gefundene Eegel auf das in Eede stehende Detail an, 
so dürfen wir in ,, zeitlicher imd inhaltlicher Umkehrung" seines mani- 
festen Textes dessen Vorstufe in den Traumgedanken etwa so rekon- 
struieren : Ich bin in ein verbotenes Zimmer gegangen imd wurde zur 
Bestrafung{im Traume B el ohnung) dafür von der Mutter mit der Rute 
geschlagen, worauf ich sie um Verzeihung bat. Aus dieser sinnvollen 
Zurechtlegung könnte man schließen, daß diese Traumsituation eine 
infantUe Szene reproduziere, bei der die Träumerin, weil sie etwas Ver- 
botenes tat, von der Mutter empfindlich gezüchtigt worden sein dürfte. 
In dieser Form ist aber der Gedanke zu offenkundig und darum 
zu peinlich. Durch die Verkehrung ins Gegenteil werden diese 
beiden anstößigen Charaktere verwischt. Die Umkehrung dient also 
zunächst dazu, der Wunscherfüllung gegen ein bestimmtes Element 
der Traumgedanken Geltung zu verschaffen und es ist charakteristisch 
für die Leistung des Traumes, daß der Träumerin in der Umkehrung 
gerade das als Belohnung zuteil wird, wofür sie den ursprünglichen Traum- 
gedanken nach die Bestrafung verdiente. Ganz besonders wertvoll er- 
weist sich also die Umkehrung im Dienste der Zensur, indem sie ein 
Maß von Entstellung des Darzustellenden zustande bringt, welches das 
Verständnis des Traumes zunächst geradezu lahmt (Tr. S. 238). 

♦) Vgl. zu dem folgenden Stück der Deutung den inhaltlich wie formal 
unserem Beispiele auffällig analogen ersten Traum im „Bruchstück einer Hystcrie- 
analyse" (besonders S. 61). 



480 Otto Rank. 

Die zwanglose Auflösung dieser sinnstörenden Umkehrung 
bereitet uns darauf vor, daß auch noch andere zu dieser Szene 
gehörige Elemente eine solche Verwandlung ins Gegenteil erfahren 
haben dürften***). Im Traume geht die Bestrafung wegen Übertretung 
des Verbotes der Abreise der Königin (Mutter) voraus. Aus 
dem Leben der Träumerin wissen wir, daß in Wirklichkeit sie es war, 
die vom Eltemhause abreiste, um sich der allzu strengen Bevormimdung 
durch die Mutter zu entziehen, und wir dürfen aus der Umkehrung 
dieses Verhältnisses im Trauminhalte schUeßen, daß sie seinerzeit 
wohl lieber die Abreise der gestrengen Mutter von ihrem Vaterhause 
gesehen hätte. Wir haben aber guten Grund anzimehmen, daß dieser 
Wunsch nach Entfernung der nur störend empfundenen Mutter sich 
schon früher in dem erotisch einseitig eingestellten Einde geregt haben 
wird und damals etwa die dauernde Beseitigung der Mutter zum Ziele 
nahm^). Auch dieser Reisekomplex mit seiner infantilen Nebenbe- 
deutung des Sterbens (abfahren) findet nur darum Aufnahme in 
den Trauminhalt, weil er sich mit einem aktuellen Gedanken verbinden 
kann. Wie seinerzeit aus dem Eltemhause, so muß die Träu- 
merin auch jetzt wieder aus ihrem derzeitigen Wohnorte abreisen, 
in die Welt hinaus gehen, um sich eine Lebensstellung zu begründen. 
Liest man den Eingang des Traumes in seiner ursprünglichen, dem 
vorliegenden Texte entgegengesetzten Bedeutung, so beginnt er mit 
einem Vorwurfe gegen die Mutter, welche durch ihre übermäßige Strenge 
die Tochter vom Hause forttrieb. ,,Ich mußte vom Kinde weggehen, um 
von ihr Abschied zu nehmen" hieße in diesem Zusammenhange der 
Traumgedanken : Als ich von der Mutter Abschied nahm (vom Hause 
wegging), da mußte ich zum Kinde gehen, d. h. mich als Kinderfräulein 
fortbringen. Aber es geht mir nicht so schlecht, wie es die Mutter vielleicht 
wünscht, sondern ich habe es weit besser als zu Hause : ich bin in einem 
königlichen Schlosse. Das königUche Schloß haben wir aber als infantile 
Ersetzung des Elternhauses verstehen gelernt und in diesem Sinne 
enthält der Eingang des Traumes das Bedauern darüber, daß sie es zu 
Hause nicht besser hatte, sowohl in sozialer wie in erotischer Be- 
ziehung. Man kann deutlich die Enttäuschung über das strenge Ver- 
halten der Mutter aus dem entstellten Traumtexte heraushören („ich 
dachte, daß ich's hier gut haben werde und nun schlägt sie mich") 
und das Bedauern über die Entbehrung der früheren mütterlichen Lieb- 
kosungen: Ich mußte von ihr (von ihrer Liebe) Abschied nehmen als 
ich aufhörte ein Kind zu sein („ich mußte vom Kinde weggehen, um 



Ein Traum, der sich selbst deutet. 481 

von ihr Abschied zu nehmen"). Die Umkehrung im Traum ermöglicht 
eß also, die Schuld an allem mißlichen Geschick der Mutter zuzuschreiben 
und in Form eines Revanchegedankens an ihr Vergeltung zu üben. 
„Wäre es doch umgekehrt gewesen! ist oftmals der beste Ausdruck 
für die Relation des Ich gegen ein peinliches Stück Erinnerung" {Tr. 
S. 238). — Wäre doch damals die Mutter statt meiner abgereist, wäre 
sie an Stelle des Vaters gestorben, so hätte ich jetzt nicht notwendig, 
mich als Kinderfräulein fortzubringen (Stellungsphantasie), sondern 
könnte längst glücklich verheiratet sein [seil, mit dem Vater (König) ; 
infantile Heiiatsphantasie]*). Als Quelle eines derartigen kindlichen 
Todeswunsches gegen den gleichgeschlechthchen Elternteil läßt sich 
regelmäßig das Verlangen nach vöUig ungestörtem und alleinigem 
Besitze des andersgeschlechtlichen, geüebteren Eltern teiles nach- 
weisen**); und auch in diesem Falle bürgt uns das zweifelnde Erstaunen 
der Träumerin bei der Ankündigung der Abreise des Königs dafür, 
daß sie nur die Mutter fortwünschte, um mit dem Vater allein zu sein*). 
Eine so starke Ausprägung des Elternkomplexes ist nur auf Grund einer 
frühzeitig erwachten intensiven Erotik möglich und diese Einsicht legt 
es nahe, hinter dem in der Kindheit übertretenen Verbote, das die Be- 
strafung nach sich zog, ein Vergehen aus der Sphäre des erotischen 
Erlebens zu vermuten oder zumindest das Schuldgefühl in den 
Traumgedanken, das sich in der Bestrafung verrät, aus erotischen 
Quellen abzuleiten. Sehen wir zu, inwieweit der Trauminhalt eine 
solche Vermutung berechtigt erscheinen läßt. Das Verbotene ist dort 
der Eintritt in ein chinesisches Lilazimmer, dessen sexuelle Bedeutimg 
sich schon aus seiuer Zugehörigkeit zur Hotelphantasie ergab. Doch 
diese sozusagen vollwertige Sexualbedeutung entspricht nicht der ver- 
muteten infantilen, auf deren Spur uns vielleicht wieder die Traum- 
symboUk bringen könnte, welche lehrt, daß „Zimmer im Traume zumeist 
Frauenzimmer bedeuten ; die Schilderung ihrer verschiedenen Eingänge 
und Ausgänge macht an dieser Auslegung gerade nicht irre. Der Traum, 
durch eine Flucht von Zimmern zu gehen, ist ein Bordell- oder Harems- 
traum" (Tr. S. 200). Wäre der Traum von einem Manne geträumt, so 



*) Bewoßterweise gibt sie diesem Gedanken in der Form Ausdruck, daß 
de meint, es wäre alles ganz anders, natürlich glücklicher, gekommen, wenn der 
Vater noch lebte. 

••) Über Ursprung und Art solcher Kinderwünsche gibt die Traum- 
deutung (S. 176 u. ff.) und die Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben 
Aufschluß. 



482 Otto ßank. 

bedächten wir uns keinen Augenblick diese Auffassung zu akzeptieren. 
Was aber sollen die „Frauenzimmer" bei einem durchaus weiblich 
gearteten Mädchen bedeuten, bei dem uns jeder Anhaitapunkt zur 
Annahme einer homosexuellen Gefühlsrichtimg fehlt? — — 

Es wird den längst unwillig gewordenen kritischen Leser be- 
friedigen, wie es auch dem Traumdeuter willkommen war, daß seine 
bisher eigenmächtig durchgeführte und darum so ideale Deutunga- 
phantasie an dieser Stelle durch die unerwartete Mitteilung der nichts- 
ahnenden Träumerin unterbrochen wurde, daß der Traum noch nicht 
zu Ende sei, sondern in einem zweiten ,,bei weitem nicht mehr 
so schönen und interessanten Stücke" seine Fortsetzung finde. Diese 
einschränkende Ankündigung, die auf einen geheimen Widerstand 
gegen die Mitteilung dieses Traumstückes schUeßen läßt, darf einen 
auf die folgende Traumerzählung neugierig machen, welche nach 
einigem Widerstreben und mit Hilfe schriftlicher Aufzeichnungen 
erfolgte. 

2. 

„Ich war zu Hause in meiner Heimat und ging zwischen 
Feldern spazierenf), wo ich schöne Gerste- und Kornähren 
abschnitt*). Ich wunderte mich, daß erst die Gerste reif 
ist und dann das Korn, was doch sonst umgekehrt ist, wobei 
mir dieÄhren als besonders schön, voll und reif aufgefallen 
sind. Ich nahm die abgeschnittenen Ähren in die Schürze, 
damit ich nicht verklatscht werde und gehe dann nach 
Hause. Ich gehe an der Mühle vorbei, in deren Nähe aus der 
Badeanstalt ein Jugendfreund Z. kommt, der den Hut vor 
mir zog. Er ging auf das Feld, wo ich eben war und ich wollte 
es daher vermeiden, daß er mich anspricht, weil ich dachte, 
der geht gewiß das Getreide besichtigen und wird sehen, 



f) Nachtrag: „Ich blicke hinunter gegen den Bahnhof 
und sehe einen jungen Mann H. heraufkommen; ich schaue, 
ob er wirklich kommt, aber er ist immer auf demselben 
Fleck stehen geblieben und ich habe ihn bald gar nicht 
mehr gesehen. Dann ist mir ein schönes Kübenfeld auf- 
gefallen mit großen schönen Blättern." 

*) Bei der Wiederholung: „ich dachte mir, abreißen werde ich 
sie nicht, sondern schnitt sie mit einem Messer ab, das ich bei 
mir hatte." 



Ein Traum, der sich selbst deutet. 4:83 

daß ich die. Ähren abgeschnitten habe. Wie ich so nach 
Hause gehe*), begegne ich einem Mädc he nA., dievorderTüre 
stehtf) und etwas schwarzes (Powidl oder etwas ähnliches) 
in der Hand hält. Sie fragt: Woher kommst du? Ich war 
spazieren, sagte ich. Da sieht sie die Ähren, die aus der 
Schürze herausgestanden sind, was mir nicht angenehm 
war, und sagt: Die hast du wohl für die Hühner deiner 
Hausfrau gesucht? Ich sagte: Ja. — Daneben steht eine an- 
dere KolleginB.Das ersteMädchen A. sagt: Die ist auch von 
Wien hier. Ich sage: So! Dann sagte sie auch, daß sie mit 
der B. nicht spricht und ich antwortete: Ich bin auch böse. 
Die A. hat mich dann ein Stückchen begleitet und wir 
kommen an der B. vorbei, die mich aufhält und fragtet): 
Wo warst du? Ich sage spazieren. Was hast du da in der 
Schürze? Ähren. War denn schon das Getreide gemäht? 
Ja. Dann hast du sie wohl nach dem Mähen zusammen- 
geklaubt? Ich sagte ja, weil ich nicht verraten wollte, 
daß ich sie abgerissen habe. Sie hat eine Handarbeit 
in der Hand gehabt und ' ich habe durch's Tor, das 
offen blieb, ihren Garten gesehen, der mich sehr verlockt 
hat. Dann fragte sie mich, ob ich nicht zu ihr gehen kann. 
Ich sagte: Ja, aber erst muß ich die Ähren nach Hause tra- 
gen*). Die Hausfrau war so froh als ich ihr die Ähren gab 
und meinte, die Hühner werden davon schöne Eier legen. 
Dann war ich bei der Kollegin B. in der Wohnung; wir waren 

nackt und liebten uns ." 

Auf den ersten BHck wird es scheinen, als hätte dieses vom 
ersten Traume zeitlich gesonderte zweite Stück auch keine inhaltliche 
Beziehung zum Vortraum aufzuweisen. Doch zeigt schon eine nähere Be- 
trachtung seines naanifesten Inhalts gewisse oberflächliche Paralleli- 
sierungen xmd wir dürfen daher nach eüier Traumregcl auch 



f) Nachtrag: ,,und einen Hund bei sich hatte". 

tt) Nachtrag: „Während wir miteinander sprachen, 
hat sich die A. beim Haustore niedergeknutscht, mit einem 
Stocke (oder Pinsel) am Boden gerührt und getan als höre 
sie uns nicht zu." 

*) Bei der Wiederholung: „ . . . . wird es plötzlich kotig, worüber 
ich mich wundere, da es ja inzwischen nicht geregnet hatte." 



484 Otto Rank. 

tiefere sachliche Verknüpfungen erwarten. Eine genauere Schilderung 
einzelner Details durch die Träumerin läßt bereits erkennen, daß in 
beiden Träumen dasselbe Material von verschiedenen Gesichtspunkten 
aus dargestellt worden ist. Dem Herrn, der im ersten Traum am 
Waschtisch Toilette macht, entspricht im zweiten Traume der junge 
Mann, der aus der Badea nstalt kommt ; dem Vogel des ersten Traumes 
sind die Hühner im zweiten Teile analog; in beiden Traumstücken 
spielt der verlockende Garten eine EoUe; dem Ährenbündel in der 
Schürze*) kommt im ersten Traume das Straf Werkzeug der Mutter 
gleich, das die Träumerin als ein Rutenbündel beschreibt, wie es 
nach einem alten Volksbrauche der Krampus den „schlimmen Kindern" 
zu brmgen pflegt. Endlich fällt die merkwürdig ähnliche Struktur und 
eine gewisse Stereotypie der in beiden Traumteilen vorkommenden 
Reden auf**). Scheint auch auf Grund dieser äußerlichen Übereinstim- 
mungen der zweite Traum geeignet, die für das erste Stück ange- 
nommene Deutung zu versichern und weiterzuführen, so wären uns 
zunächst doch direkte Beweise für die supponierte Deutung des ersten 
Traumes, die wir der weiteren Analysenarbeit zugrunde legen, er- 
wünschter. Zu diesem Zwecke lege ich der Träumerin die Übersetzimg 
von König und Königin als Vater und Mutter dar, worauf sie meint: 
„Das könnte schon möglich sein, denn die Königin des Traumes hat 
dieselbe Augen- und Haarfarbe wie meine Mutter und. auch ein ältliches 
Gesicht wie diese; in den Zügen aber ähnelt sie ihr nicht." Ich erwidere, 
daß die Gesichtszüge wahrscheinlich aus Erinnerungen an verschiedene 
Dienstgeberinnen (vgl. „die Frau", Anmerkung**) S. 472) zusammenge- 
setzt seien, was ebenfalls als „möglich" zugestanden wird^*). Dasselbe 
treffe für den König zu, der auch schwarzes Haar und schwarzen Schnurr- 
bart, habe, wieder Vater, der allgemein als sehr fescher Mann galt und 
in verhältnismäßig jungen Jahren (vor 10 Jahren) starb. Auch das Ver- 
hältnis zu Vater und Mutter, wie es die Träumerin nun auf Befragen 
schildert — allerdings ohne zu ahnen, daß sie damit einen wichtigen 
Beitrag zur Deutung des Traumes liefert — ist für imsere Auffassung 
beweisend. Sie hing als Kind mit ungewöhnlicher Neigung am Vater und 

•) Auch die Schürze des zweiten Traumes ist bereits in der Putzaachürze 
des erstea Teiles präludiert.^) 

••) I.: Der König hat „gesagt, er fährt weg. Erstaunt sagte ich: So, 
Sie fahren weg? Ja, sagte er, ich fahre weg." 

II.: Die Freundin A. fragt: Woher kommst du? Ich war spazieren, 
sage ich usw., was die B. fast wörtlich wiederholt. 



Ein Traum, der sich selbst deutet, 485 

gedenkt seiner auch jetzt noch nur mit aUerschmerzIichster Rührung; 
sie meint, es wäre alles ganz anders gekommen, wenn der Vater noch 
lebte. Mit der Mutter sei sie, soweit ihr Erinnern reiche, niemals gut 
gestanden und dieses gespannte Verhältnis habe sich nach dem Tode 
des Vaters und der bald darauf erfolgten Wiederverehelichung der Mutter 
in der Weise verschärft, daß sie ein volles Jahr mit der Mutter böse 
gewesen sei (während dieser Zeit wohnte sie bei einer Tante) und dann 
ihre Heimat für immer verlassen habe. Wir finden also den supponierten 
Ödipuskomplex feminini generis, wie ihn die griechische Elektrasage 
in krasser DeutUchkeit darstellt, vollauf bestätigt. 

Durch diesen Erfolg ermutigt, unternehme ich es, die Träumerin 
über die Symbolik der Zimmer aufzuklären, mit dem Hinweise, daß 
dieselbe durch die Offenheit des zweiten Traumes über jeden Zweifel 
sichergestellt sei. Es wurde schon angedeutet»«), wie charakteristisch 
die Antworten auf derartige Eröffnungen sind, und der Psychoanalytiker 
ist gewohnt, auch aus einem anfänglichen entschiedenen Nein nichts 
als die Übertönung eines unbewußten Ja herauszuhören. Die Aufklärimg 
der Zimmer als Frauenzinamer quittiert die Träumerin jedoch wie einen 
schlechten Witz und lehnt sie in einer gelassenen Weise ab, die man 
keineswegs als unbewußte Zustimmung aufzufassen berechtigt wäre. 
Ich bemühe mich nun, ihr klar zu machen, daß der zweite Traum selbst 
die Zimmer des ersten Traumes als Frauenzimmer darstelle. Da wird 
sie unwiUig und sagt in einem Tone, der den Abschluß dieser Diskussion 
bedeuten soll: „Ach was, von mir aus sollen es Mannsbilder sein ]" — 
Diese deplacierte Bemerkung ist um so auffälliger, als sie gar nicht 
geeignet erscheint, die Diskussion zu erledigen und in störendem Wider- 
spruche zu der sonst sehr gewählten Auadrucksweise der Träumerin 
steht. Ich erinnere mich sogleich eines ähnlichen Wortspiels (Frauen- 
zimmer — Weibsbilder) aus dem Bruchstück einer Hysterieanalyse 
und verstehe n\m auch den eigentlichen Sinn ihrer Rede, die tatsächlich 
der Diskussion em Ende zu machen geeignet ist. Es ist nämlich eine 
Bestätigung der Deutimg in einer Form wie sie dem Unbewußten möglich 
ist. Es scheint, bildlich gesprochen, als riefe ihr Unbewußtes über ihre 
bewußte Ablehnung hinweg: Oh ja, ich bin schon imstande solche 
zweideutige Wortverbindungen zu gebrauchen. Freud hat solche 
Einfälle als unbewußtes (indirektes) Ja bezeichnet; ein anderes (direktes) 
„Ja" läßt sich aus dem Unbewußten nicht vernehmen („Bruchstück" 
S. 49). Da ich der Träumerin den Sinn dieser unbewußten Bestätigung 
nicht klar mache, ist sie der Meinung, ich hätte auf die Frauenzimmer- 

Jahrbaeli für payi-hoaiinlyt. ii. is.vchopatiio!. Forscliuiigen. II. 32 



486 Otto Rank. 

deutung verzichtet und bringt zur Aufklärung des verbotenen Zimmers 
den ihrer Ansicht nach maßgebenden Einfall. Es sei ihr gleich am Morgen 
nach dem Traume dessen Ähnlichkeit mit dem Märchen vo n Blaubart 
aufgefallen, wo auch neben einer Anzahl erlaubter Zimmer ein verbotener 
Kaum vorkomme und die weibliche Neugierde bei Übertretung des Ver- 
botes schwer gestraft werde. Beruhigt uns diese Reminiszenz zunächst 
darüber, daß wir die Eingangsszene des Traumes mit Recht umgekehrt ge- 
lesen haben (zuerst die Übertretung des Verbotes und dann die Strafe), 
so bringt sie anderseits ganz neues Deutungsmaterial in einer nicht miß- 
zuverstehenden symbolischen Sprache zum Ausdrucke, die nicht dem 
Traum allein zu eigen ist, sondern dem unbewußten Vorstellen über- 
haupt, speziell des Volkes, angehört und im Folklore, in den Mythen, 
Sagen, Redensarten, in der Spruchweisheit und in den umlaufenden 
Witzen eines Volkes vollständiger als im Traume aufzufinden ist*) 
(Tr. S. 199). Im Märchen von Blaubart handelt es sich nun um 
das unerlaubte öffnen einer verbotenen Türe, deren Schlüssel dem 
Mädchen zur Erprobung ihrer Standhaftigkeit anvertraut wird. 
,,Die gründliche Idee von vielen erlaubten aber einer verbotenen 
Tür kehrt vielmal und mit verschiedener Einleitung, wie in dem 
Märchen von Fitchers Vogel (Nr. 46)" und im Marienkind 
(Nr. 3) wieder (Grimm: Kinder- und Hausmärchen, Reclam, III. Bd., 
S. 13). Die Traumdeutung verweist nun darauf, daß ,,das Öffnen 
verschlossener Türen zur gebräuchlichsten sexuellen Symbolik gehört" 
(Tr. S. 197), und zwar enge zur Zimmersymbolik, ,,da es natürlich 
nicht gleichgültig sein kann, ob ein Frauenzimmer ,offen' oder ,ver- 
schlossen' ist". „Auch welcher , Schlüssel' in diesem Falle öffnet, ist 
wohlbekannt" (Bruchstück S. 58, Anmerkung)**). Aus einer psycholo- 
gischen Betrachtungsweise der Märchen gewinnt man nun den Eindruck, 
daß diese deutlich geschlechtüche Symbolik des Traumes und des Volka- 
witzes in den für eine kindhche Nutzanwendung bestimmten Märchen 
dem infantilen Sexualempfinden entsprechend sozusagen im autoeroti- 
schen Sinne verwendet ist und sich auf die dem Kinde verbotene Sexual- 
betätigung, die Masturbation, bezieht. Es muß einem andern Zusammen- 
hange vorbehalten bleiben, dieser Behauptung den Anschein von Will- 

*) Vgl. besonders Riklin, Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen. 
2. Heft der Schriften zur angew. Seelenkunde, 1908. 

♦♦) Wir werden hier auf einen sexualsymbolischen Sinn der Aufsperrezene 
im ersten Traume aufmerksam, welche der erotisch ausgemalten Hotelphantasie 
zugrunde liegt*). 



Ein Traum, der sich selbst deutet. 487 

kürlichkeit zu nehmen. Hier sei nur darauf hingewiesen daß 
diese Märchen, die vom unerlaubten öffnen einer verschlossenen 
Türe handeb, ganz konsequent im Smne dieser sexualsymbolisohen 
Bedeutung immer ein Mädchen als schiddige Sünderin einführen. 
Stekel hat in einem kleinen Aufsatze über ,,die Symbolik des Mär- 
chens"*) die Geschichte von „Fitchers Vogel" als Umgehung des 
Masturbationsverbotes deuten können. Psychologisch getreuer, wenn 
auch in etwas subhmierterer Form**), schildert das Märchen vom 
„Marienldnd" dieses seh werwiegendsteallerinfantilenVergehenmitseinen 
psychischen (Angst) imd kÖrperüchen (Stummheit; Verlegung nach 
oben) Folgen^^). Dürfen wir aus der im ersten Traume verwendeten 
Märchensymboiik ujid dem Blaubarteinfalle der Träumerin, der uns 
auf diese Spur wies, auf eine solche schon in die Kindheit zurückreichende 
Bedeutung des verbotenen Eindringens in den verschlossenen Eaum 
schheßen, so ist es wieder der zweite Traum, welcher diese Annahme 
als begründet erweist. Auch im zweiten Traum ist nämUch der Mastur- 
bationskomplex, jedoch bei weitem deutUcher, ausgesprochen. Liegt 
die Symbohk des Eindringens in einen verschlossenen Raum dem 
Volksempfinden in ihrer virginalen Bedeutung näher, so hat dagegen 
die im Abreißen der Ähren symbohsch ausgedrückte Phantasie einen 
unzweifelhaft masturbatorischen Sinn**). Wir haben eme bei allen 
Kindern gebräuchüche vmd auch bei den ET^-aclisenen beliebte Aus- 
drucksweise für den masturbatorischen Akt, ) ämJich „sich einen aus- 
reißen" oder „sich eiüen herunterreißen" (Tr. S. 195). Wo es sich in 
Träumen um das Abreißen von Blumen, Blüten, Ästen, Früchten usw. 
handelt, da kann man mit Sicherheit auf diese infantile Sexualbedeutung 
schließen (vgl. den Blumentraum bei Freud, Tr. S. 249), die noch 
durch den sexuellen Nebensinn dieser Begriffe (Blume, Blüte, Frucht 
überdeterminiert ist. Daß es sich hier um Ähren handelt, wird seinen 
besonderen Sinn haben, dem wir später nachspüren wollen. Zunächst 
lasse ich jedoch von der Träumerm die Ährenszene ausführhch schildern, 
ohne ihr deren sexuellen Sinn auseinanderzusetzen. Sie bringt nun den 
(S. 482t) mitgeteilten Nachtrag von dem jungen Manne, den sie vom 
Bahnhofe heraufkommen sieht und der dann auf demselben Fleck 
stehen zu bleiben scheint. Dann fährt sie fort: „Ich habe ihn dann nicht 



*) Feuilleton der „Zeit", 1908. 

•*) Ebenso spielt die „Handarbeit" im zweiten Traume auf die Mastur- 
bation an (vgl. daza Stekel, Nervöse Angstzustände, 1908, S. 223). 

• .Q9* 



B2* 



488 Otto Rank. 

mehr beachtet, weil mich inzwischen schon das schöne Kornfeld inter- 
essiert hat, das ich sah. Ich habe mich zuerst nach allen Seiten umge- 
schaut, ob mich niemand sieht und habe dann dieÄhren verstohlen ab- 
gerissen'). Ich hatte dabei Angst*), daß mich jemand sehen und anzeigen 
wird, denn es war ja alles in dem Traum etwas Verbotenes." Ich frage, 
warum sie die Ähren in der Schürze versteckte. „Ich wollte eben, daß 
es niemand sieht, aber es sind mir immerfort (im Traume) Leute be- 
gegnet; es ist eben jedem aufgefallen, daß ich schon Ähren in der Schürze 
habe, obgleich sie ja noch nicht reif waren." Dieser dem Trauminhalte 
keineswegs adäquate Angstaffekt^") kennzeichnet die verbotene und 
heimlich ausgeführte Handlung ganz unzweideutig als sexuelle und macht 
ihre sexualsymbolische Einkleidung als Folge der Verdrängung ver- 
ständlich. In dieser tieferen Etage der Traomibedeutung werden wir 
auch die Verwunderung der Träumerin über die frühe und besonders 
auffäUige Eeife der Gerste im Gegensätze zur Unreife des Koma als 
Gegenüberstellung einer vollen sexuellen Reife und einer Frühreife 
(Unreife), die sich wahrscheinlich auf die eigene Person bezieht (Mastur- 
bation, Elternkomplex), auffassen müssen^"*). Eine weitere Frage nach 
der Bedeutung dieser beiden Getreidearten und der Herkunft der 
Ähren ergibt eine Fülle vorbewußten Materials, welches vins ein Stück 
weit in die Deutung des zweiten Travunes einführt. 

Die Träumerin war im Sommer, der diesem im Dezember erlebten 
Traume vorausgegangen war, nach mehrjähriger Abwesenheit wieder in 
ihrer Heimat zu Besuch gewesen und der Anfang des zweiten Traumes 
klingt wie der bewußte Bericht dieser Tatsache. Ebenso war sie, wie 
sie es als Kind und als junges Mädchen mit Vorhebe getan hatte, zwischen 
den Feldern spazieren gegangen und hatte das schöne und volle Getreide 
bewundert. Neben diesen angenehmen und sentimentalen Kind- 
heitserinnerungen erweckte aber der kurze Aufenthalt in der Heimat 
eine Reihe peinHcher Gefühle; besonders beim Zusammentreffen mit 
der ihr seit langem entfremdeten Mutter und mit einem von ihr be- 
günstigten Bewerber des Mädchens, mit dem sie ehemals so gut 
wie verlobt war, von dem sie sich aber seither innerUch losgemacht 
hatte, ohne diesen Bruch auch äußerhch vollzogen zu haben. Es war 
ihr sehr darum zu tim, ein Zusammentreffen mit diesem jungen Manne 
(H. bezeichnet) zu vermeiden, welches Bestreben im Traum einem 
andern Jugendfreunde Z. gilt. In Wirküchkeit hatte jedoch die eifrige 



•) Vgl. die ähnliche Schilderung des Angstzustandes im „Marienkind". 



Ein Traum, der sich selbst deutet. 489 

Geschwätzigkeit der Mutter diese Absicht vereitelt. Eines Tagea, als 
die Träumerin den oft begangenen Weg zwischen den Feldern, den auch 
das Traumbild zeigt, hinunterspazierte, schickte ihr die Mutter den auf 
einige Tage vom Militärdienste beurlaubten Bräutigam nach. Unter- 
wegs vom Eegen überrascht — im Traume wird es plötzlich kotig, 
ohne daß es geregnet hätte (Anmerkung *) S. 483) — flüchtet sie in 
das nahegelegene Haus einer bekannten Frau und auf dem Heimwege 
sieht sie vom Bahnhofe herauf einen jungen Mann ihr entgegen gehen. 
Er kommt ihr bekannt vor, ohne daß sie ihn noch mit Sicherheit zu 
erkennen vermöchte. Als er sich nähert, erkennt sie in ihm ihren Bräuti- 
gam und ist davon peinlich berührt, da sie nicht recht weiß, wie sie ihm 
entgegentreten soll und wie er ihr begegnen wird. Der erste Nachtrag 
referiert also, wie der Anfang des Traumes, wirkhch Erlebtes, nur mit 
der Wunschkorrektur, daß H. im Traume immer auf demselben Fleck 
zu stehen scheint, ihr also nicht näher kommt^^). Der plötzHche Über- 
gang der Traumszenerie zum Kornfelde will andeuten, daß sie die 
Begegnung deswegen zu vermeiden sucht, weil sie vor dem Bräutigam 
etwas geheimhält (im Traume die abgerissenen Ähren) ; und ihre Befürch- 
tung, daß der später auftauchende Jugendfreund Z., den wir schon ein- 
mal fürH. eintreten sahen^^), das Geheimnis entdecken könnte, bestätigt 
die aufgezeigte Kausalbeziehung, für die noch der Umstand spricht, 
daß die nun folgenden, den beiden Mädchen in den Mund gelegten 
Traumreden, die sich auf die Erkundung des Geheimnisses beziehen, 
zum Teil dem wirkHchen Gespräch mit ihrem Bräutigam entnommen 
sind; zum andern Teil entstammen sie verschiedenen gelegen tüch 
ihres Aufenthaltes in der Heimat gehörten oder seibat gebrauchten 
Redeniä) (Tr. S. 256). 

Reproduziert also der Beginn des zweiten Traumes den für das 
psychische Leben des Mädchens bedeutsamen Sommeraufenthalt in 
der Heimat und bringt die Szene mit dem ihr seinerzeit verlobten 
jungen Mann die Erinnerung an ihre in der Heimat verlebten Jung- 
mädchenjahre wieder, so scheint der letzte Teil des Traumes mit den 
SchulkoUeginnen und den Anspieltmgen auf die Kindererotik das infantile 
Material zu enthalten. Es wird wohl so zugegangen sein, daß der Auf- 
enthalt zu Hause mit seinen verschiedenartigen Eindrücken die ganze 
prähistorische Kindergeschichte wieder belebte, die nun im Traume 
gleichfalls ihren Ausdruck findet. Dementsprechend ist auch im zweiten 
Traume wieder eine Übereinandeilagerung mehrerer Materialschichten 
zu erkennen, die sich in einzelnen bedeutimgsvollen (Knoten-) Punkten 



490 Otto Rank. 

decken und in einer auffälligen Parallelisierung den Phantasien ent- 
sprechen, die der erste Traum zum Ausdrucke brachte. So ist die oberste 
Mateiialschichte des zweiten Traumes, welche die Situation des Sommer- 
aufenthaltes reproduziert, das Gegenstück, gleichsam die idealste Er- 
füllung (königliches Schloß) der aktuellen SteUungsphantasie des 
ersten Traumes; denn sie zeigt die Träumerin aus den Kalamitäten 
ihrer gegenwärtigen unentschiedenen Lebenslage entrückt, sorglos im 
Eltemhause lebend, zwischen Feldern spazieren gehend, wie sie es im 
Sommer (und auch als Kind) getan hatte. In ähnhcher Weise ist die 
Verlobungsreminiszenz des zweiten Traumes gleichsam ein Wink, 
von ihren gegenwärtigen hochsinnigen und ungewissen Heiratsplänen 
abzusehen und sich in bescheidenen Verhältnissen mit einem stillen 
Glücke zu begnügen. Aber wie im ersten Traume, so stellen sich auch 
hier wieder Hindernisse ein und erst die tiefste unbewußt-infantile 
Schichte des Traumes bietet ihr die in ihrem gegenwärtigen Leben wie 
im ersten Traume vergebens ersehnte Befriedigung, wie sie das Kind 
beglückte: sie kann das Verbotene wieder ungestraft tun (Ähren 
abreißen). 

Was gerade die Ähren befähigt, im Traum als Ersatz des ver- 
botenen imd geheim zu haltenden Tims einzutreten, ist der Umstand, 
daß sie in wechselnder Bedeutung durch alle Schichtungen des Traumes 
hindurchzureichen und dieselben zu verbinden vermögen*). Zunächst 
haben sie, in der obersten Schichte, als wirkliche Erinnerung an die 
Pracht des vergangenen Sommers für das schwärmerische Mädchen 
eine ästhetisch-sentimentale Bedeutung. Zwischen diesen schönen 
Ährenfeldern ist sie aber auch anläßlich ihres Sommeraufenthaltes 
mit dem Verlobten spazieren gegangen, ganz wie damals als sie 
ihm noch zugetan war. Während sie jetzt eine peinüche Auseinander- 
setzung auf diesem Spaziergange hatten, war es in früheren Jahren 
schöner gewesen : sie liebten einander und haben auf diesem einsamen 
Feldwege die ersten Küsse getauscht. Die Träumerin flicht hier, wie in 
einer Art ironischer Kechtfertigung, das oft in scherzhafter Weise 
entstellte Sprichwort ein : Einen Kuß in Ehren kann niemand verwehren 
und fügt dann mit deutücher Anspielung auf den erwähnten Scherz 
hinzu: Wir haben uns auch wirklich in Ähren geküßt. Wir merken hier, 
daß der Träumerin dieses Wortspiel nicht zufällig einfällt, sondern daß 

♦) Es sei erwähnt, daß die Träumerin ihre glückverheißende Auffassung 
des Traumes auf dieses Detail stützt, und zwar mit Berufung auf den biblischen 
Traum des Pharao von den sieben vollen und sieben mageren Ähren. 



Ein Traum, der sich selbst deutet. 491 

es eine zwar oberflächliche, aber immerhin vorgebildete Brücke zwischen 
den beiden Traumstücken schlägt. Den Ähren hier entsprechen die 
Ehren, welche der Träumerin in dem königlichen Schloß erwiesen werden 
(Ehre, das Zimmer zu besichtigen). Solche oberflächliche Assoziationen, 
sogenannte Wortbrücken, haben in der Traumdeutung und bei der 
Auflösung neurotischer Symptome eine nicht zu unterschätzende 
Funktion. Die psychoanalytische Forschung hat nämlich ergeben, 
daß „in solchen Fällen unter dem Druck der Zensur eine Verschiebung 
stattgefunden hat von einer normalen, ernsthaften Assoziation auf eine 
oberflächliche, absurd erscheinende. Weil wir von solchen Verschiebtm- 
gen wissen, vertrauen wir uns bei der Traumdeutung auch den 
oberflächhchen Assoziationen ganz ohne Bedenken an". Denn ,, jedes- 
mal, wenn; ein psychisches Element mit einem andern durch eine 
anstößige und oberflächUche Assoziation verbunden ist, existiert auch 
eine korrekte und tiefergehende Verknüpfung zwischen den beiden, 
welche dem Widerstände der Zensur unterliegt" (Tr. S. 326). In imserem 
Falle verliert das Wortspiel an Gezwungenheit dadurch, daß der Volks- 
witz in diesem Sinne bereits vorgearbeitet hat und wir uns mit einem 
größeren Grade von Sicherheit dieser Wortbrücke anvertrauen können^*). 
Die tiefere imd ernsthafte Verknüpfung ergibt sich leicht, wenn wir uns 
der sexualsymbolischen Bedeutung des Ährenabreißens erinnern, 
wodurch der Begriff der Ehre den spezieilen Sinn der geschlechtliehen 
Ehre bekommt, welche durch die infantile Sexualbetätigung befleckt 
erscheint. Jetzt ahnen wir, was sie vor dem Bräutigam und dem mit ihm 
identifizierten Z. geheimhalten will. Wie sie einst wohl als Kind ge- 
fürchtet haben wird, man könnte ihr die Masturbation anmerken, 
so fürchtet sie jetzt die Entdeckung, daß sie — wie es der Traum aus- 
drückt — die Ähren abgerissen (die Ehre abgeschnitten) habe-^). 
Es ist anzunehmen, daß diese Befürchtung, wie sie sich den Kolleginnen 
gegenüber im Unbewußten auf die Masturbation bezieht, dem Bräu- 
tigam gegenüber den Nebensinn eines Zweifels an ihrer Virginität aus- 
drücken solP'^*) (ein früherer Bräutigam hatte sich als Ehrabschneide]" 
entpuppt). In diesem Sinne sind alle zum Ährenkomplexe gehörigen 
Traumelemente in doppelt symbolischem Sinne und außerdem noch in 
einer Art allegorischer Bedeutung (Ehre) zu verstehen, wobei das Ver- 
bergenwollen und^die Furcht vor Entdeckung einen bedeutungsvollen 
Sinn erhalten. 

Die Erkenntnis, daß "der zweite Traum sich als Reproduktion 
und Reaktion der anläßhch des Sommeraufenthaltes in der Heimat 



492 Otto Rank. 

wiederbelebten rezenten Konflikte und infantilen Erinnerungsspuren 
erweist, legt es nahe, sich nach den unmittelbar rezenten Anlässen 
des ganzen Traumes zu erkundigen. Struktur und Tendenz des Vor- 
traumes waren uns so durchsichtig erschienen, daß wir zunächst auf 
dieses dem Träumer am leichtesten zugängliche Material der rezenten 
Traimianlässe verzichten zu können glaubten. Da uns aber als nächster 
Erreger des zweiten Traumstückes der 6 Monate zurückliegende Sommer- 
aufenthalt entgegengetreten ist, den man nicht gut als „rezenten 
Anlaß" im Sinne der Traumtheorie bezeichnen kann^^), so müssen 
wir den Anknüpfungen an die unmittelbaren Tageserlebnisse, welche 
als Traumerreger fungieren, vom ersten Traume aus nachgehen 
und dürfen erwarten, daß die Ermittelung dieser rezenten Traum- 
quellen uns den Zugang zu weiteren Traumgedanken eröffnen wird. 
Eine darauf bezügliche Nachfrage ergibt nun folgende Erlebnisse 
des Vortages, die mit dem Traum in Verbindung stehen. Der jüngere Knabe 
der PamiUe, bei der das Mädchen zur Zeit des Traumes wohnte, 
hatte von einem Kameraden einen Zeisig (Vogel !) zum Geschenk erhalten, 
welchen das Mädchen, eine närrische Tierfreundin, herzte und küßte. 
Sie sprach dann davon, daß sie in der Wiener kaiserUchen Menagerie 
in Schönbrunn schöne buntfarbige Papageien mit rotem, blauem, grünem 
und gelbem Gefieder gesehen habe, die ihr so sehr gefallen hätten, daß 
sie sich lange schon einen solchen Vogel wünschte (Wunsch!). Be- 
sonders war es ein schöner (einfarbiger) rosa Papagei, der ihr Wohl- 
gefallen erregt hatte.*) Es ist ohne weiteres ersichthch, daß der phantasti- 
sche Lilavogel des Traumes mit dem langen Schwänze diesen Eindrücken 
aus der Menagerie und dem darauf bezüglichen Gespräche des Vortages 
entstammt, wenn er auch, wie wir erschließen konnten, in den unbe- 
wußten Traumgedanken in sexualsymboKscher Bedeutung gebraucht 
wird. Ferner hatte die Träumerin tagsvorher in einer Familienzeitschrift 
einen Bericht über Leben, Sitten und Trachten der Chinesen gelesen, 
welche Lektüre zweifellos die chinesische Toilette der Königin mit 
beeinflußt hatte. Endlich hatte sie am Abend vor dem Traume mit 
einem befreundeten jungen Manne ein Gespräch über die merkwürdige 
Begrüßungsart der Eskimo geführt, wobei der Unterredner gemeint 
hatte, es läge, wenn man schon die Nasenspitzen aneinander reibe, 
doch für unsereinen viel näher, einander gleich mit den Lippen zu be- 

) Um dieselbe Zeit träumte sie auch von drei rosafarbigen Papageien, 
die das Gefieder in chinesischer Art gemustert hatten, und wünschte sich im 
Traume einen davon. 



Ein Traum, der sich selbst deutet. 493 

rühren. Auch im Trauminhalte verblüfft uns eine seltsame BegrüßungB- 
zeremönie, wobei die Träumerin mit der Nase den Boden berühren muß 
und die erotische Anspielung ihres Partners bereitet uns darauf vor, 
daß auch daMnter vielleicht sich ein sexualsymbolischer Sinn ver- 
bergen könnte"). Diese im allgemeinen indifferenten Tagesanlässe 
gelangen nach Freud (Tr. S. 125) dadurch im Trauminhalte zu bedeut- 
samer Verwertung, daß sie ein "Verschiebungsersatz für wichtige psychisch 
vollwertige Eindrücke sind, die in einer tieferen Schichte des Seelen- 
lebens logisch wohlgeordneten und zusammenhängenden Gedanken- 
gängen entsprechen. Die Traumarbeit weiß das nur in der Form dar- 
zustellen, daß sie diese scheinbar so disparaten Elemente zu einer 
Einheit zusammenfaßt. Nun trifft es sich in diesem Falle besonders 
günstig, daß ein solches "Verbindungselement, dessen mehr oder weniger 
glücldiche Herstellung sonst der Traumarbeit zufällt, schon in den 
Tagesgedanken gegeben ist. Der Traum ist nämlich eine Nacht vor 
dem Vorabende zum Feste des heiligen Nikolaus (6. Dezember) geträumt, 
welches Fest nicht nur in der Kinderstube seine doppelte Kolle (der 
Belohnung und Bestrafung) spielt, sondern auch von den Erwachsenen 
gerne zu gegenseitiger Beschenkung oder ulkiger Androhung benutzt 
wird. Es ist begreiflich, daß dieser bevorstehende Anlaß zur Be- 
schenkung in der Träumerin eine Menge von Wünschen (rosa Papagei) 
und Erwartimgen weckte, von denen besonders zwei unser Interesse 
in Anspruch nehmen. Sie hatte am letztvergangenen Osterfeste von 
ihrer Mutter, mit der sie ja nicht im besten Einvernehmen lebt, un- 
erwarteter Weise einen rosa Schlafrock zum Geschenk erhalten und 
betrachtete das als ein günstiges Vorzeichen ihres für den Sommer 
bevorstehenden Besuches. Gelegentlich ihrer Anwesenheit zu Hause 
hatte sie dann angedeutet, daß sie sich noch einen zweiten türkisch 
(oder chinesich) gemusterten Schlafrock wünsche, dessen Sendung 
ihr auch für die Weihnachtszeit zugesagt worden war. Sie hatte bei der 
Gelegenheit erfahren, daß ihr ursprüngUch statt des rosafarbenen 
ein getupfter Lilastoff zugedacht gewesen war, gegen dessen An- 
schaffung sich jedoch ihre Schwester ausgesprochen hatte^*). Wir 
stoßen hier auf eine weitere Determinierung des chinesischen Kleides 
und auch für die auffäUigen Farben der Zimmer im Traume ergibt 
sich hier ein neuer Sinn, der in einem gewissen Einklänge mit ihrer 
symbolischen Bedeutung steht (Frauenzimmer — Schlafröcke)'). 
Die Träumerin hoffte nun, den versprochenen türkischen Schlafrock 
schon zum Nikolofeste zu erhalten, war aber im ungewissen darüber, 

^ 2 » 



494 Otto Rank. 

ob diese Erwartung eintreffen werde, da sie von der Mutter auch 
diesmal nicht völlig versöhnt geschieden war und ihr daa lange 
briefliche Schweigen der Mutter deren verbitterte Stimmung verriet. 
Sie erwartete also diesen ersten Anlaß zur Beschenkung, der sich der 
Mutter seit ihrer Abreise vom Hause darbot, mit zweifelnden Emp- 
findungen und einer gewissen Spannung, in der sich ihr ganzes zwie- 
spältiges Verhältnis zur Mutter konzentrierte. Anderseits gibt sie zu, 
von demselben jungen Manne, mit dem sie das Eskimogespräch geführt 
hatte und dessen Beziehungen zu ihr die Überreichung kostbarer oder 
bedeutungsvoller Geschenke ausschloß, wenigstens eine Exampuarute 
erwartet zu haben, wie man sie schlimmen Kindern zur Warnung schenkt 
und wie sie eine solche schon einmal von einem ihrer Verehrer erhalten 
hatte. Im Traume hat nun die Mutter sowohl den chinesischen (oder 
türkischen) Schlafrock an, als auch die Krampusrute in der Hand 
und straft also die Tochter auf doppelte Weise: durch Entziehung 
der Geschenke tmd durch Schläge. Der Traum verrät uns so, daß 
das Unbewußte der Träumerin, im Gegensatze zu ihrer bewußten 
Hoffnung," das Geschenk von der Mutter nicht zu erhalten befürchtete, 
sondern daß ein geheimes Schuldbewußtsein ihr sagt, sie verdiene eher 
eine Bestrafung von der Mutter als eine Belohnung (vgl. die Wunsch- 
gegensatzumkehrung im Traume)^'). Die Frage nach diesem Schuld- 
bewußtsein vermag die Träumerin zunächst in völlig ausreichendem 
Maße zu beantworten. Bei ihrer Abreise im letzten Sommer sei sie 
von Mutter und Schwester auf den Bahnhof begleitet worden und habe 
die ihr peinliche Abschiedszeremonie mit dem Hinweis auf die lange 
Wartezeit, die sie noch vor sich hatten, immer weiter hinausgeschoben, 
bis schließlich der Zug eingefahren sei und keine Zeit mehr dazu blieb. 
Sie küßte der Mutter nur flüchtig die Hand und bestieg rasch den 
eben ausfahrenden Zug. Sie hatte so erreicht, was sie gewollt hatte, 
nämlich den Abschiedskuß zu vermeiden, den sie sich angeblich ,, ge- 
nierte", der Mutter zu geben. Wir sehen nun, wie sinnreich der Traum 
gebaut ist. Es ist nicht nur ihr Sträuben gegen die gehörige Abschieds- 
zeremonie, wofür sie von der Mutter bestraft wird, sondern der Traum 
deutet durch die Elemente Krampusrute und chinesisches Kleid auch 
an, daß die Träumerin wegen ihres imgebührlichen Abschiedes statt 
der Nikolausbescherung — wie einstens wohl als Kind — eine Bestrafung 
von Seiten der Mutter fürchtet^^). Man hätte sich also die Auflösung 
dieser bilderrätselhaften Szene etwa so zu denken. Die Mutter fordert 
im Traume den ihr gebührenden und seinerzeit vorenthaltenen Abschied, 



Ein Traum, der sich selbst deutet. 495 

indem sie gleichsam sagt: Weil du das nicht tun wolltest („ich wollte 
es nicht tun"), behalte ich den Schlafrock für mich und du bekommst 
statt seiner Schläge (zum Nikolo), wenn du nicht das frühere Ver- 
säumnis jetzt gutmachst. Die Träumerin trägt also die in Wirkhchkeit 
nachlässig ausgeführte Verabschiedung im Traume nach, allerdings 
unter dem Zwange der Mutter und mit einer unverkennbar ironisierenden 
Übertreibung, ala ob sie sagen wollte: Vielleicht muß man sich gar 
vor dir verneigen und zu Boden werfen wie vor der chinesischen Köni- 
gin !') — Anderseits ist aber diese übertriebene Devotion ganz ernst- 
haft als nachträgüche Kompensation aufzufassen, die noch rasch vor 
dem Nikoloabende die Mutter versöhnen soll. Bemerkenswert ist, 
daß diese Kompensation nicht wie man erwarten sollte durch den 
tatsächlich verweigerten Kuß erfolgt, sondern wie die Träumerin in 
einer genauen Schilderung dieser Szene angibt, durch eine Verdoppelung 
des Handkusses (vor und nach der Prügelszene). Gilt die Wiederholung 
dieser Ehrenbezeigung, wie schon angedeutet wurde, auch der Iden- 
tifizierung verschiedener Dienstgeberinnen mit der Mutter, so verrät 
der Umstand, daß selbst im Traume noch der wirkHche „Kuß in Ehren" 
vermieden wird, die volle Wirkimg der oben aufgezeigten zwiespältigen 
Regungen gegen die Mutter, welche unzweifelhaft der kindlichen 
Konstellation entstammen: nämlich der maßlosen Verehrung einerseits 
imd der ironisierenden Verspottung anderseits. Sie küßt also die Mutter 
nicht auf den Mund zunächst aus übertriebener Ehrerbietung, weil sich 
ja eine solche Begrüßung der Untertanin gegenüber der Herrin nicht 
ziemt, und außerdem aus Respekt vor einem bildUch angedeuteten 
Befehle der Mutter, der «twa lautet : Weil du mich damals nicht küssen 
wolltest, mußt du jetzt zur Strafe den Boden küssen. In dieser strafenden 
Form der Begrüßung kommt aber zugleich eine Verhöhnung der mütter- 
üchen Strenge zum Durchbruche. Es mutet so an als zeigte das Mäd- 
chen nach Kindesart mit dem Finger auf die Nase*) und riefe dabei aus : 
Ja, da (bei der Nase) werde ich dich küssen ! (nach Art der Eskimo)^ ^). 
So finden wir auch in der rezenten Nikolophantasie eine Begründung 
für die Umkehrung dieser Traumszene. Liegt ihr doch der Gedanke 
zugrunde: 0, hätte ich mich damals ordentüch verabschiedet, so wäre 
es jetzt umgekehrt, so dürfte ich statt der Bestrafung ein Geschenk 
erwarten. Und diesen Wunsch zeigt ihr tatsächUch der Traum erfüllt: 
Es ist umgekehrt, sie hat sich wirklich zur vollsten Zufriedenheit der 

*) Eine Art der Verhöhnung, die sie im Affekte noch jetzt unwillkürüch 
anwendet. 



496 Otto Rank. 

Mutter verabscliiedet, so daß ihr mit vollem Rechte die erselinte Be- 
lohnung (Lilazimmer) zuteil wird^^). 

Damit hätten wir der scheinbar so absurden Begrüßungsszene, 
die wir immer deutlicher als den eigentlichen Kern des ersten Traumes 
erkennen, einen völlig zureichenden Sinn abgewonnen, wenn wir nicht 
schon wiederholt (vgl. S. 478/79) zur Annahme gedrängt worden wären, 
daß diese Prügelszene auch eine infantile Wurzel habe. Auch müssen 
wir nach der Traumtheorie voraussetzen, daß weder die rezente Nikolo- 
phantasie noch die gedanklich mit ihr verknüpfte Abschiedsszene 
von der Mutter — obwohl sich beide gewiß an infantile Vorbilder an- 
lehnen — imstande gewesen wären, einen Traum zu erzeugen, wenn nicht 
infantile, seither unbewußt gewordene Eindrücke und Erlebnisse 
darin ihren geheimen Ausdruck gefunden hätten. Wir sind darauf 
vorbereitet, bei jedem Traume in seinem manifesten Inhalt eine An- 
knüpfung an das rezent Erlebte, in seinem latenten Inhalt aber an das 
älteste Erlebte zu finden (Tr. S. 154). Ließe sich nun zeigen, daß die 
Prügelszene wirklich erlebt oder zumindest das sie voraussetzende 
infantile Schuldgefühl real begründet ist, so hätten wir das von 
der Traumtheorie geforderte infantile Vorbild der phantasierten Traum- 
situation*) und damit einen direkten Zugang zu den infantilen Traum- 
quellen gefunden. Auf die Frage nach einer derartigen besonders ein- 
drucksvollen Prügelszene aus der Kinderzeit' erinnert die Träumerin 
nur ihre letzte Prügelstrafe aus dem 14. Lebensjahre (dem Todesjahre 
ihres Vaters und letzten Schuljahre)***), wo sie einer Lüge w^en von der 
Mutter mit der Rute gezüchtigt worden war, die ausschheßlich diesen 
Strafzwecken diente, welcher Umstand auf eine häufigere Verwendtmg 
derselben schließen läßt, als das Mädchen eingestehen will. Die genauere 
Schilderimg der erlebten Prügelszene wie der Traumsituation ergibt 
nun ein'e gewisse Übereinstimmung zwischen beiden, die vermuten läßt, 
einen wie großen Anteil das reale Vorleben des Mädchens an der Ge- 
staltung dieser Traumszenerie hat. Sie gibt an, im Traume vor die 
auf einer chinesischen Kiste sitzende Königin hingetreten zu sein und 
ihr die Hand geküßt zu haben, worauf sie den Befehl erhalten habe, 
sich auf den Boden zu legen ; sie wollte das nicht tun, weil sie sich ge- 
nierte, und kniete zunächst nur nieder. Da schlug sie die Königin mit 
der Rute ins Gesicht, worauf sie sich in der geschilderten Weise ganz 
niederlegte. Sie sei aber sogleich wieder aufgestanden und habe der 



*1 Bruchstück einer Hysterieanalyse, S. 79, Anmerkung. 



Ein Traum, der sich seibat deutet. 497 

Königin, neuerdings die Hand geküßt. Während der Prozedur habe sie 
geweint und sich gedacht: Was die alles von mir verlangt! Ich muß 
mich da niederlegen wie ein Chinese (vor seiner Königin). — Nun 
pflegte sie tatsächlich, wenn sie Schläge zu verdienen glaubte, ganz 
wie im Traume vor der Mutter niederzuknien und um Verzeihung zu 
betteln, ein — wie ebenfalls der Traum zeigt — meist vergebHches 
Bemühen. Erweist die Prügelsituation des Traumes ihre Abstammung 
von vorzeitigen realen Prügelszenen durch diese Übereinstimmungen 
mit der Wirklichkeit, so veranschaulichen doch erst die Veränderungen, 
welche nach einer Regel (Tr. S. 139) die wirkUchen Situationen bei ihrer 
Aufnahme in den Trauminhalt erleiden, die eigentümüche Leistung, 
insbesondere die Schichtenbildung, der Traumarbeit in charakteristischer 
Weise. Wenn also im Trauminhalte an die Stelle der von der Mutter 
wirkHch gebrauchten Rute ein Rutenbündel tritt, so wissen wir bereits, 
daß diese Umgestaltung der gegensinnigen Nikolophantasie entstammt 
und mit Beziehung auf das Schuldbewußtsein, das dem Ährenbündel 
anhaftet (,, abreißen") gewählt ist. Nun läge es ja nahe, sowohl aus dieser 
Beziehimg wie aus dem sexualsymboüschen Sinn der „Belohnung", 
die im Trauminhalt eingesetzt ist (das verbotene Zimmer), auf die 
Masturbation als Quelle dieses geheimen Schuldbewußtseins zu schUeßen, 
imd es ist ja xmzweifelhaft, daß die Furcht vor Entdeckung und 
Bestrafung dieses Kinderfehlers (das Ährenabreißen), die den Affekt 
des zweiten Traumes charakterisiert, auch am Schuldbewußtsein 
des Vortraumea ihren Anteil hat. Allein es scheint sich speziell für das 
Schuldbewußtsein des ersten Traumes eine näher liegende und tiefer 
reichende Quelle zu erachUeßen. Erwies sich die Prügelszene des Traumes 
formal als Reproduktion ähnhcher infantiler Situationen, so zeigt sie 
sich inhaltlich aufs engste verknüpft mit der aktuellen Abschiedsszene 
am Bahnhofe. Nicht nur indem sie eine übertriebene Korrektur der 
Abschiedszeremonie bringt, sondern vor allem durch den beiden Szenen 
gemeinsamen Affekt des „Genierens" vor der Mutter. Wie sie sich 
in Wirklichkeit „genierte" die Mutter beim Abschiede zu küssen, so 
gibt sie an, sich auch im Traume vor dem Niederlegen in Gegenwart 
der Mutter „geniert" zu haben. Dieser Affekt des ,,Sich-genieren- 
müssens" [im Traume Wuiischgegensatz : Das Geehrtwerden**)] dürfte 
aber, wie die Prügelsituation selbst, einer infantilen Quelle entstammen, 
und wir sind ja längst darauf vorbereitet, als Motiv für die mehrfache 
Entstellung der Begrüßungsszene schwere Verdrängungen eines be- 
sonders anstößigen Komplexes zu finden. Es läßt sich nun aus ver- 



498 Otto Rank. 

einzelten Andeutungen des zweiten Traumes sowie nach analogen Erfah- 
rungen an anderen Fällen mit einem gewissen Grad von Sicherheit er- 
schheßen, worin dieses „genante" und nach dem Inhalte der Begrüßungs- 
szene von der Mutter auch betrafte Tun ursprünglich bestanden haben 
wird. Abgesehen von der schon aufgedeckten Betätigung an der Genital- 
zone (Masturbation), welche die Träumerin zwar nur aus der Vorpubertät 
erinnert imd später auch zugeben muß, die aber nach Freuds Fest- 
stellungen ihre prähistorische infantile Vorperiode hat, handelt es sich 
dabei vornehmlich um die noch weiter zurückliegende frühinfantile Lust- 
gewLnnung an den anderen erogenen Zonen. Dies gilt insbesondere für 
Afterschleimhaut und Blasenhals, deren erogene Betonung normalerweise 
die Exkretionsfunktionen des Säuglings gewährleistet, deren spätere 
Ausnutzung zur Lustgewinnung jedoch zu dem von Eltern und Erziehern 
am strengsten geahndeten Kinderfehler der UnreinUchkeit Veran- 
lassung gibt. Als ich der Träumerin andeuten wiU, daß Kinder sehr 
häufig auch wegen solch hartnäckiger Unreinlichkeit noch bis in 
ein verhältnismäßig spätes Alter gestraft werden, unterbricht sie mich 
mit einem scherzhaft vorgebrachten Einfall, welcher die volle Bestätigung 
unserer Auffassung bringt. Sie meint nämlich, die Bestrafung im ersten 
Traume erinnere sie an die Art wie man Hunde zimmerrein mache, 
indem man sie schlage und ihnen dabei die Nase in die Lake eintauche. 
Auf die Frage, ob sie denn an dem Kinderf ehjer des Einnässens gelitten 
habe und dafür wirklich bestraft worden sei, gibt sie an, das nur von 
ihrem Bruder mit Bestimmtheit zu wissen^*). So erinnere sie etwa 
aus ihrem 11. Jahre, daß der damals zirka 9 jährige Bruder öfter deswegen 
geschlagen worden war ; ja es fällt ihr plötzUch auch die von der Mutter 
dem Bruder gegenüber gebrauchte Drohung ein : Wenn du das noch 
einmal tust, so tauche ich dir die Nase hinein. Diese gefürchtete Be- 
strafung ist also das ursprüngüche unbewußte Vorbild der seltsamen 
Begrüßungszeremonie, deren vorbewußte Bedeutungen wir bereits 
aufzeigen konnten und deren allerletzter unbewußter Sinn uns bald 
ausführlich beschäftigen wird. Betreffs ihrer eigenen Person gibt sie 
nach einigem Drängen zu, sich eines einzigen Males zu entsinnen, wo sie 
das Bett benäßte, und zwar im Anschlüsse an einen Traum. Sie war damals 
etwas über 14 Jahre alt und wohnte, weil sie mit der Mutter böse war, 
bei der Tante; sie habe sich vor ihr, noch mehr aber vor dem großen 
Cousin, sehr geniert (wie im Traume vor der Mutter). Ich mache 
sie auf die nicht zufällige zeitliche Nähe der vorlim erwähnten Prügel- 
szene und dieses Vorfalles aufmerksam ; und indem ich der Vermutung 



Bin Traum, der Bich selbst deutet. 499 

Ausdruck gebe, daß ihr diese beiden Ereignisse als die letzten ihrer Art so 
gut in Erinnerung geblieben sein dürften, nötige ich sie zu dem Versuche, 
sich früherer enuretischer Vergehen zu entsinnen, mit dem Hinweis auf 
die Unwahrscheinlichkeit eines derartigen einzelstehenden Vorfalles. 
Ohne die Möglichkeit früherer Verfehlungen der Art direkt in Abrede 
zu stellen, weiß sie sich doch positiv nur dieses einen Males mit 
Bestimmtheit zu erinnern. Man gewinnt jedoch aus einzelnen auffälligen 
Details des Trauminhaltes den überzeugenden Eindruck, daß solchen 
später gut verdrängten und glatt überwundenen kopro-*^) und 
urophilen Neigungen in der Kindheit des Mädchens eine große Be- 
deutung zukam; nicht allein als Quelle autoerotischer Lust und ge- 
wissermaßen auch als ,, Objektliebe" in den betreffenden Spielen mit 
ihren Gefährtinnen, sondern ebensosehr als eine der Arten des von der 
Mutter verbotenen Tuns, dessen Bestrafung die feindselige Stellung 
der Tochter verschärfen half. Diese allererste prähistorische Periode 
der infantilen Erotik läßt sich aus folgenden Traumelementen re- 
konstruieren. 

Bei der Schilderung der auf den Traum bezüglichen Sommer- 
erlebnisse in der Heimat ist uns ein unscheinbares Detail auffällig ge- 
wesen, weil es in Widerspruch zu der sonst ziemhch getreuen Repro- 
duktion der Wirklichkeit stand. Das pedantisch reinliche Mädchen 
war auf einem ihrer ersten Spaziergänge in ihrem neuen weißen Kleide 
von einem vorübergehenden Regen überrascht worden, der zu ihrer 
Beruhigung keinerlei Kotspuren hinterlassen hatte. Im Trauminhalte 
(vgl. Anmerkung*) S. 483) erscheint dieses Detail nun geradezu ins Gegen- 
teil verkehrt: es wird plötzlich kotig, ohne daß es geregnet hätte. Hinter 
dieser auffäUigen Verkehrung der Tatsachen dürfen wir eine besonders 
intensive Verdrängung am Werke vermuten, wofür auch die im Traum- 
inhalte ausdrückhch betonte Verwunderung der Träumerin spricht. 
Sie gibt nun an, bei Beginn des Regens das schonungsbedürftige Kleid 
auf dem unbegangenen Wege ziemlich hoch gehoben zu haben*^), in 
der steten Befürchtung, von jemand gesehen zu werden (wie beim Ähren- 
abreißen im Traume). Wir dürfen wohl annehmen, daß sich hinter diesem 
Aufheben der Röcke in der menschenleeren Gegend, wobei man nicht 
gesehen werden möchte, ein Hinweis auf die Erledigung des kleinen 
Bedürfnisses (Regen^*) verbirgt, während der „Kot" schon sprachlich 
in unzweideutiger Weise auf das große Geschäft hinweist. Wir stützen 
diese Auffassung auf ein ebenfalls später nachgetragenes Detail (vgl. 
S. 483 ff), worin auch deutlich auf diese körperlichen Funktionen 



500 



Otto Rank. 



hingewiesen ist. Das ungenierte „Niederknutachen beim Haustor", 
wobei das Mädchen tut, als sei sie mit etwas anderem beschäftigt, legt 
mit infantilerNaivität die Bedeutimg des Kockaufhebens dar, bei welchem 
die Furcht, beobachtet zu werden, als Verdrängungsausdruck der kind- 
lichen Ungeniertheit und Schaulust erscheint. Die Schaulust verrät sich 
übrigens auch in einem zum Exkrementalkomplex gehörigen sym- 
bolischen Hinweis, der vermuten läßt, daß unsere Träumerin als eifrige 
Mitgespielin und Zuschauerin bei derartigen Verrichtungen ihrer 
Altersgenossinnen wiederholt die Genitalien zu sehen bekam. Es heißt 
im zweiten Traume: „Ich habe durch's Tor, das offen blieb, ihren 
Garten gesehen, der mich sehr verlockt hat." Dieses Element, das 
sein Analogon in einem fast gleichlautenden Nachtrag des ersten Traumes 
hat*), verwertet die uralte sexualsymbolische Bedeutung des Gartens^«), 
welche mit der des Tores (porta) identisch ist. Auch das unbestimmt 
gelassene Ding von schwarzer Farbe („Powidl oder so etwas Ähnliches"), 
welches dasselbe Mädchen, das sich niederknutscht — offenbar eine 
Personifikation der kindlichen Träumerin selbst — in der Hand hält, 
wird man in diesem Zusammenhang auf die Fäkalien beziehen müssen, 
wie auch das Herumrühren mit dem Stock (oder Pinsel) im Kote auf 
infantile Kotspielereien zurückweist. Übrigens deutet ja der Traum 
selbst, wie die Identifizierung von Regen und Urin, so auch die von 
Straßenkot imd menschlichen Exkrementen in seiner mitunter ganz 
wörtlich zu nehmenden Ausdrucksweise an; wenn es plötzlich „kotig" 
wird, ohne daß es geregnet hätte, so kann eben nur der Vorgang der 
Exkretion damit gemeint sein. Bliebe noch eia Zweifel an der Richtig- 
keit dieser Zusammenhänge, so müßte ihn das verlegene Bemühen 
der Träumerin zerstreuen, ihre eigenen, zuletzt genannten Trauni- 
nachträge aus dem niedergeschriebenen Traumtext zu eliminieren, 
als die Sprache darauf kommt. Sie meint, man könne doch so etwas 
in einer Niederschrift nicht stehen lassen, das schicke sich doch gar 
nicht usf., kurz sie benimmt sich ganz so, als hätte sie unsere Deutung, 
noch bevor ihr dieselbe bekannt geworden war, bereits akzeptiert imd 
produziere darum neuerdings den dazugehörigen Affekt des Genierens, 
der auf diese Weise seine Herkunft aus dem Unreinüchkeitskomplex allzu 
deutlich verrät. Vom Komplex der Zimmerreinheit erhält endlich ein un- 
scheinbarer Nachtrag des zweiten Traumes einen für unsere Auffassung 
der Mädchenspiele beweisenden Sinn. Es heißt nämlich von dem Mädchen, 

*) Siehe Traumnachtrag, ff) S. 473. 



Eia Traum, der sich selbst deutet. 501 

welches etwas Schwarzes in der Hand hält, sie habe auch einen Hund 
bei sich gehabt, ein Hinweis, der gleichsam als kopro- und urophile 
Marke dieser ganzen Kleinkinderszene aufgefaßt werden darf. Die 
Träumerin hat nämlich selbst als Kind Katzen zimmerrein gemacht, 
und zwar genau in derselben Weise, die sie im Traum von Seiten der 
Mutter für ihre Person befürchtete^). 

Mit der Aufdeckung dieser frühinfantilen Anal- und Urethral- 
erotik als tiefstes unbewußtes Traummaterial hätten wir den gesamten 
Traumgehalt von den bewußten Tagesanknüpfungen über den Keich- 
tum des vorbewußten Phantasielebens bis zu den unbewußten Quellen 
erschöpft, wenn uns nicht ein noch unaufgeklärtes, früher fallen ge- 
lassenes Detail auf eine weitere entscheidende unbewußte Traumquelle 
zurückverwiese. Hat uns doch die eigentümlich zwiespältige Betonung der 
inzestuösen Einstellung schwere Verdrängungsvorgänge erkennen lassen, 
welche in emer weitgehenden und mehrfachen Entstellung der Begrüßungs- 
szene ihren Ausdruck fanden. Daß wir bei deren Aufspürung auf die aktive 
Mithilfe der Träumerin verzichten mußten, hegt in der Natur der Sache. 
Aber auch unserer Deutelamst konnten wir uns, gerade was das gemeinte 
Detail betrifft, nicht anvertrauen, ohne dem Vorwurf einer gewissen 
Willkürhchkeit zu begegnen; sind wir doch gewarnt worden, schwer- 
wiegende Konsequenzen, wie eine Inversionsneigimg (Frauenzimmer), 
aus einem einzigen sexualsymbolisch zu nehmenden Detail zu erschheßen. 
Wir müßten uns also damit begnügen, die fast vollständig durchgeführte 
Deutung des ersten Traumes mit dem Hinweis auf die Wahrschein - 
hchkeit einer solchen zutiefst verborgenen homosexuellen Strömung 
abzuschließen, wenn uns nicht gerade an diesem entscheidenden Punkte 
der eingangs hervorgehobene eigentümhche Charakter des Traumes 
zu Hilfe käme, der diese vermutete, aber kaum mit Sicherheit erweisbare 
allerletzte Bedeutung des Traumes ganz un verhüllt verrät. Wir denken 
hier besonders an jenes Detail am Schlüsse des zweiten Traumstückes, 
dessen charakteristische Beziehung zum ersten Traumteil die Mitteilung 
dieser Traumanalyse sowie den ihr vorgesetzten Titel rechtfertigen 
soll, und stehen eigen tUch erst jetzt vor der Aufgabe, diese Besonderheit 
des Traumes eingehend zu würdigen imd zu verwerten. Da leitet uns 
nun ein auf die eigenartige Parallelisierung der beiden Traumstücke 
gestützter Einfall, mit dessen Hilfe sich der für den letzten Teil xmserer 
Deutungsarbeit maßgebende unbewußte Sinn der Begrüßungszeremonie 
enthüllt. Zur Verifizierung dieser Vermutung lege ich der Träumerin 
die Frage vor, in welcher Stellung sie sich am Schlüsse des Traumes 

.Jahrbuch für psyohoanalyt. u. psychopathol. Forschungen, II. 33 



502 Otto Rank. 

befunden habe. Sie weicht zunächst einer detaillierten Schilderung 
dieser sexuellen (Pollutions-) Situation aus, indem sie darauf hinweist, 
daß sie „genau so gelegen" aei, „wie im ersten Traume vor 
der Königin"^'). Diese erwartete Auskunft sagt uns mehr als es die 
ausführlichste Besehreibung der Schlußszene vermocht hätte; sie 
belehrt uns nämlich darüber, daß die sonderbare Abschiedszeremonie 
formal nichts anderes darstellt, als die durch die Anwesenheit der 
gestrengen Mutter verbotene, gleichsam gehemmte (homosexuelle) 
Befriedigung, wie sie am Schlüsse des zweiten Traumes, in Ab- 
wesenheit der störenden Mutter, erreicht wird. Damit erkennen wir aber 
auch, daß die beiden Traumstücke diesbezügUch überhaupt in einem 
charakteristischen Gegensatz stehen, indem das erste die Mutter als 
Störerin, als Hindernis des Sexualgenusses zeigt, während im zweiten 
Traume durch Eliminierung dieser Sexualhemmung das Verbotene 
ungestraft getan werden kann. Der Vortraum zeigt die Mutter nicht nur als 
Hemmnis des homosexuellen Genusses, sondern der kindlichen Erotik 
überhaupt. Sie steht als Konkurrentin der Liebe zum Vater störend 
im Wege (Abreise des Königspaares), bestraft unbarmherzig das Fest- 
halten an der lustbetoaten Enurese, verhindert durch ihre strenge 
Aufmerksamkeit die onanistische Befriedigung (das öffnen der ver- 
botenen Türe), unterbindet die erotischen Beziehungen zu den Freun- 
dinnen (Zimmer)*) und überwacht den Verkehr ihrer Tochter mit jungen 
Männern (Hofmeister)^»). Im zweiten Traum dagegen, wo die Mutter 
beseitigt ist, darf man ungestraft „Ähren abreißen", sich ungehemmt 
mit den Kolleginnen vergnügen, und ungeniert den kopro- und 
urophilen Neigungen fröhnen, kurz den infantilen Sexualbetätigungen 
nachgehen. Auffällig ist dabei nur, daß im ersten Traum, der ja 
fern von der Heimat spielt und sich zum Teil in Zukunftsphantasien 
ergeht, die Mutter vorkommt, während sie im zweiten Traume, 
der doch in die Heimat verlegt ist, fehlt^). Nun wissen wir, daß die 
Abwesenheit der Mutter die Bedingung für die Sexualfreiheit der 
Tochter darstellt, die sich unsere Träumerin — in Umkehrung des 
Traum Wunsches — durch ihre Abreise aus der Heimat zu erringen suchte. 
Im Traume sehnt sie sich aber aus den inneren Unfreiheiten und 
Kalamitäten ihres gegenwärtigen Lebens in die Heimat und in ihre 
Kindheit zurück, die der Traum gleichsam in verbesserter Auflage, 
frei von dem störenden Einfluß der Mutter darstellt, so also, wie sie 
sich das Kind seinerzeit gewünscht hatte: die Mutter solle abfahren 
(Reise-Sterbekomplex) und sie selbst in ungestörter Freiheit zu Hause 



Ein Traum, der sich selbst deutet. 503 

verbleiben können '(sei. mit dem Vater). Gibt also der erste Traum — 
mit vorläufiger Beiseitesetzung der unvermeidlichen Wunschkorrekturen 

— eine in die Form der Anklage und des Vorwurfes gekleidete Darstellung 
ihres Lebens, wie es sich unter dem hemmenden und störenden Einfluß 
der Mutter entwickeln mußte, so zeigt der zweite Traum — natürlich 
ebenfalls in der Form der Wiederbelebung infantiler Wunscherfüllungen 

— wie sich ihr Leben gestaltet hätte, wenn die Mutter nicht dagewesen, 
wenn sie (ihrem imbewußten Wunsche gemäß) gestorben wäre. Der Schluß 
des ersten Traumes, der mit der Abreise (Tod) der Mutter endigt, ist also 
die wesentüche Voraussetzung des zweiten Traumes, der die ersehnte 
Sexualbefriedigung bringt. Freud hat darauf aufmerksam gemacht, 
daß der Traum sich einer solchen zweiteiligen Darstellung zur Andeutung 
der Kausalbeziehung bedient ^^) imd hat diese Erkenntnis an 
dem Traum einer Patientin erläutert, welcher die auch in unserem 
Falle indirekt angedeutete Abkunftsphantasie darstellt*): „Der Ge- 
danke, der sich hinter dem einen Traum verbirgt, heißt also : Weil ich 
aus diesem Hause, aus so kleinlichen und unerquicklichen Verhältnissen 
stamme. Der Haupttraum nimmt denselben Gedanken auf und bringt 
ihn in durch Wunscherfüllung verwandelter Form; Ich bin von hoher 
Abkunft. Eigentlich also: Weil ich von so niedriger Abkunft bin, war 
mein Lebenslauf so und so" (Tr. S. 230). Im vorhegenden Falle 
läge der zweiteihgen Darstellung des Traumes in den unbewußten 
Traumgedanken das gr.immatikalische Verhältnis eines Konditional- 
und eines Wunschsatzes zugrtmde, das etwa lautete: Der Mutter 
wegen konnte ich mich sexuell (und damit auch sozial, Heirat) 
in keiner Beziehung ausleben (I. Traum); wenn sie aber ge- 
storbenwäre, hätte ich alles ungestraft tun und ungehindert erreichen 
können (II. Traum). Nun lebt sie aber (I): 0, wäre es doch um- 
gekehrt (als es wirkhch ist, nämlich so, wie der IL Traum es zeigt)! 

Außer dieser Verwendung zur Darstellung des Wunschsatzes 
(utinam), den der Traum nur positiv, in Umkehrung der imgewünschten 
Wirklichkeit, auszudrücken vermag, hat jedoch das Umkehrungsverhält- 
nis in diesem so vielfach komphzierten und doch verliältnismäßig durch- 
sichtigen Traum noch eine tiefere Bedeutung, die uns wieder dem letzten 
noch zu enthüllenden Sinn der Begrüßungsszene näher bringt. Professor 
Freud hat gelegentlich in der ,,W^iener psychoanalytischen Vereinigung'" 
darauf aufmerksam gemacht, daß Träume, in denen etwas verkehrt 

*) Über die neurotischen und normalen Phantasien gleichen Inhaltes vgl. 
den Familienroman im Mythus von der Geburt des Helden {S. 65 u. ff.). 

;?3* 



504 Otto Rank. 

ist oder umgekehrt gemacht werden soll, in der Regel homosexuelle 
Bedeutung haben. Diese Träume sind nicht zu verwechseln mit denen, 
bei deren Deutung ein Detail im gegenteiligen Sinne zu nehmen ist, son- 
dern diese verkappten homosexuellen Träume enthalten meist in ihrem 
manifesten Text einen Hinweis auf die „Verkehrtheit". Im Inhalte 
unseres zweiten Traumstückes heißt es nim, die Träumerin habe sich 
gewundert, daß erst die Gerste reif werde und dann das Korn, was doch 
sonst umgekehrt sei. Verrät dieser deutliche Hinweis im mani- 
festen Traumtext einerseits, daß tatsächlich in diesem Traum etwas 
umgekehrt zu lesen ist, so bestätigt er anderseits die eben erwähnte 
empirische Traumregel, da er sich ja wirkUch als homosexueller Traum 
zu enthüllen beginnt. Wir müssen so eine Begründung dafür, daß 
in der Begrüßungsszene alle Elemente in ihr Gegenteil verkehrt sind, 
darin sehen, daß in der ihr analogen Pollutionssituation die Träumerin 
selbst verkehrt (invertiert) fühlt und handelt. Um die weiteren und 
vermutlich tieferen Beziehungen zwischen diesen beiden Traumszenen 
aufzufinden, wären nähere Aufklärimgen über die Vorgänge imd Per- 
sonen der den Pollutionsakt auslösenden Schlußsituation erforderlich, 
deren Eruierung allerdings den heikelsten Teil unserer analytischen 
Aufgabe bildet, uns aber die tiefste Bedeutung und letzte Lösung des 
Traumes verspricht. Ich versuche also, die Träumerin mit dem Hin- 
weise auf die Unmöglichkeit einer vollständigen Deutung zu einer mög- 
lichst genauen imd ungenierten Schilderung des Schlußstückes sowie 
zur näheren Charakterisierimg der darin vorkommenden beiden Mädchen 
zu bewegen, imd erhalte so ein zu der vermuteten, endgültigen Deutung 
völlig ausreichendes Material, das im folgenden ohne Andeutung der 
technischen und psychischen Schwierigkeiten seiner Gewinnung mit den 
eigenen Worten der Träumerin wiedergegeben sei. ,,Die erste Freundin, 
(A) die im Traume auftritt, heißt so wie meine jüngere Schwester; ich 
weiß von ihr nur, daß sie ein Kind hatte, ohne verheiratet zu sein. Die 
zweite Freundin (B) heißt Franzi und ist ebenfalls eine Schulkollegin 
von mir. Sie ist mir deswegen in besonderer Erinnerung, weil sie schon 
mit 13 Jahren so voll entwickelt und reif war (überreif, frühreif), daß 
sie die Schule nicht mehr besuchen durfte. Infolgedessen hieß sie bei 
den Kolleginnen ,die Mutter' und sie war auch wirklich wie eine 
Mutter, in körperlicher Beziehung und in ihrem Benehmen zu uns. 
Ich habe mit ihr nur ihrer reichen Eltern wegen verkehrt, die einen 
großen Garten hatten und dem Kind viele und schöne Spielsachen 
kauften. Ich war mit ihr auch wirklich böse, wie es der Traum zeigt. 



Ein Traum, der sieh selbst deutet. 505 

Infolge ihrer besonderen körperlichen Entwicklung hat sie schon früh- 
zeitig begonnen, mit jungen Männern zu gehen, und meine Mutter hat 
mir deshalb den Umgang mit ihr verboten. Sie hat eine ältere Schwester 
Rosa, die jetzt schon verheiratet ist." Dazu fäUt ihr später noch eine 
andere Freimdin desselben Namens ein, die sich auch schon früh ttiit 
jungen Männern abgegeben hat^"*). Auch mit der habe sie weniger aus 
Neigung als wegen der Wohlhabenheit ihrer Eltern verkehrt. Diese 
Menge von realen Erinnerungen legt mir die Frage nahe, ob nicht in 
Wirklichkeit mit der Franzi etwas Ähnhches vorgefallen sei wie am 
Schlüsse des zweiten Traumes. Wird auch diese zunächst liegende 
Vermutung nicht bestätigt, so ergibt sich doch, daß das Mädchen um 
das 10. Lebensjahr mit einer anderen Freundin K. in dieser Weise 
Vater und Mutter zu spielen pflegte. Aus derselben Zeit datiert 
begreifhcherweise auch ihre bewußte Erinnerimg an die Masturbation. 
Von entscheidender Bedeutung ist aber die Tatsache, daß dieses 
Vater imd Mutter spielen schon früher mit dem Bruder begonnen 
hatte, der ebenfalls Franzi heißt. — Hier scheint ein gewisser Abschluß 
erreicht und wir unterbrechen die Ausforschimg, um dieses Material 
auf seinen Deutungswert zu prüfen. Soweit es nicht einzelne Ergeb- 
nisse der bisherigen Deutung bestätigt (z. B. die Bedeutsamkeit 
des Mastuibationskomplexes) oder andere Details ohne weiteres ver- 
ständlich macht, gewährt es uns eine neue Einsicht, die für die weitere 
Auflösung des Traumes entscheidend ist. Da sich nämlich der homo- 
sexuelle Akt als Eeproduktion wirklicher infantiler Befriedigungserleb- 
nisse erweist, so entsteht die Frage, warum nicht auch die wirk- 
liche Sexualpartnerin reproduziert wird, sondern eine scheinbar in- 
differente Person an ihre Stelle tritt. Nun liegt auf Grund des vor- 
liegenden Materials die Antwort auf der Hand. Die Sexualpartnerin 
des Traumes ist zunächst eine Ersatzperson der Mutter, auf die in 
letzter Linie die homosexuelle Neigimg des Mädchens offenbar ge- 
richtet war („sie war wie eine Mutter")*). Ehe wir mit psychiatrischer 
Entrüstimg eine derartige Empfindung als abscheulich von uns weisen, 
werden wir gut tun, uns über den Ursprung solcher Gefühle klar zu 
werden. Freud hat von vielen Perversionen nachgewiesen**), daß 
sie nichts anderes sind als die mit der Sexualenergie des Erwachsenen 
fortgesetzten lustvollen Organbetätigungen der frühesten Kindheit 

*) Auch das Genieren vor der Mutter (vor dem gleichen Geschlecht) weist 
deutlich auf ein© verdrängte Inveräonsneigung hin. 

**) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 2. Auflage, 1910. 



506 Otto Rank. 

und wir werden auch diese homosexuelle Verliebtheit in die Mutter zu- 
nächst nur als eine Steigerung der normalen Zärtlichkeit des Kindes auf- 
fassen können. Nun hat diese Zärtlichkeit ihren Ursprung in dem für das 
Kind lustvollen Ernährungsakt an der Mutterbrust, und wer mit der Psy- 
chologie des Traumes vertraut ist, wird es kaum zu gewagt finden, wenn 
wir diese infantile Situation als den Uikern der homosexuellen Traum- 
szene supponieren. Auf eindringliches Befragen macht die Träumerin 
nun eine Angabe, welche diese Vermutung voll bestätigt. Sie gibt an, 
im Traume in der Weise auf der Freundin gelegen zu sein, daß sie sie 
mit ihren Händen an den beiden Brüsten gehalten habe und diese küßte, 
was vollkommen der Haltung des an der Mutterbrust saugenden 
Kindes entspricht. Der tiefste unbewußte Traumwunsch ist also auf die 
Wiederherstellung dieser infantilen Situation gerichtet, welche die 
Träumerin aus den sozialen und erotischen Kalamitäten ihres gegen- 
wärtigen Lebens in die Zeit zurückversetzt, wo es beides nicht gab, in die 
selige Zeit, wo es keine Nahrungssorgen (vgl. die,, Milchspeise" im Nach- 
trag Nr.5) und keinen Liebeskummer gibt, wo Hunger undLiebeim vollsten 
Ausmaße und in einem Akte restlose Befriedigung finden^*). Dieser Auf- 
fassung gegenüber läge wieder die Einwendung nahe, warum denn nicht 
diese harmlose Wtmschtendenz im Traume ihren direkten Ausdruck ge- 
funden habe, sondern sich hinter einer ähnhchen, aber anstößigeren 
Situation verberge. Nun ist ja klar, daß die Ttäumerin sich nicht 
tatsächlich in die Säuglingssituation zurückwünschen wird, sondern 
nur das Bedauern darüber ausdrücken will, daß sie jetzt eine so restlose 
und ungehemmte Befriedigung entbehren muß, wie sie sie einst an 
der Mutterbrust und als Säugling genossen hatte. Mit anderen 
Worten, sie hat diese infantilen Akte in ihrer unbewußten Phantasie 
sexualisiert, ein Vorgang, den Freud als typisch für die spätere 
Umarbeitung der Kindheitsphantasien aufgedeckt hat (Jahrbuch I, 
S. 393). Da sie aber eine Ersatzperson der Mutter in die sexuelle Be- 
friedigungssituation bringt, so ist anzunehmen, daß sie der Mutter 
im tiefsten Grund erotisch zugeneigt ist oder wenigstens früher einmal 
war, trotz der jetzt bewußt-feindseligen Stellung ihr gegenüber. Dieser 
scheinbare Widerspruch löst sich durch utnsere Kenntnis der Ver- 
drängungsvorgänge, welche einen solchen übertriebenen Haßeffekt 
gegen eine nahestehende Person als Ergebnis der Verdrängung einer 
ursprünglich sehr intensiven Liebesneigung zu derselben Person ver- 
ständlich macht. Ein solches übermäßig zärtliches Verhältnis zur Mutter 
meint nun die Träumerin nach ihrer bewußten Erinnerung nicht «ugeben 



üin Traum, der sich selbst deutet. 507 

ZU können. Dagegen berichtet sie ein solches Verhältnis von ihrer um 
einige Jahre jüngeren Schwester^''), die sie wegen ihrer zärthchen An- 
hänglichkeit an die Mutter wiederholt verspottet hatte. Auch bei ihrem 
letzten Besuche im^ Som.mer hatte sie das nicht unterlassen können, 
wurde aber von der Mutter mit der Bemerkung zurechtgewiesen, sie sei 
selbst als Kind noch viel zärtUcher und anhänglicher gewesen, was sie 
aber sogar der Mutter gegenüber noch aufs heftigste bestritt. Natürlich ! 
Die Verdrängung dieser Liebesneigung war ihr nur zu gut gelungen. 
Darum wird auch nicht die Mutter selbst in die homosexuelle Traum- 
situation eingesetzt, weil sie die ja heute nichts weniger als liebt ; aber der 
Muttercharakter der Freundin und die Säuglingssituation der Träumerin 
weisen unzweifelhaft darauf hin, daß diese homosexuelle Neigung 
ursprüngHch der Mutter gegolten hatte und durch sie geweckt worden 
war. Zugleich drückt aber der Traum in der Begrüßungsszene die Ent- 
täuschung und das Bedauern darüber aus, daß dieses zärtüche Verhältnis 
zur Mutter so bald getrübt und ins Gegenteil verkehrt (umgekehrt) 
wurde, und nun verstehen wir erst, warum sie im ersten Traum vor der 
strafenden Mutter und nicht wie im zweiten Traum (als Kind) auf 
der liebenden Mutter liegt^'): sie macht der Mutter den Vorwurf, 
daß sie durch ihre Schuld, infolge ihrer Kühle und Strenge, ihr die 
zärtliche (homosexuelle) Zuneigung gleichsam ausgetrieben habe, 
so daß sie ihr Zärtüchkeitsbedürfnia an anderen Objekten befriedigen 
mußte. Welcher Art diese Objekte sind, das zeigt ims wieder der Traum, 
wenn wir die Sexualpartnerin dei Träumerin noch näher ins Auge 
fassen. Sie verdankt nämHch ihre Aufnahme in den Trauminhalt nicht 
nur der „mütterhchen" Beschaffenheit ihres Körpers, sondern auch der 
Gleichheit ihres Vornamens mit dem des Bruders, sie ist also ein aus 
verschiedenen Idealen verdichtetes Objekt, wie es auch die Künstler 
darzustellen heben; sie hat den Körper und das Wesen der Mutter, 
den Namen des Bruders und die Gesichtszüge der Freundin. Hält 
man dazu die weitere Angabe der Träumerin, daß diese Freimdin von 
robustem, in gewissem Sinne männhchem Körperbau war und be- 
sonders in der Stimme den maskuhnen Charakter verriet^*), so wird 
klar, daß das Sexualobjekt der Träumerin mannweiblich, bisexuell 
ist und wir erkennen leicht, daß das in der bisexuellen Gefühlsrichtung 
der Träumerin selbst begründet ist, die sich ja in der Pollutionsszene 
in exquisit männlicher Weise benimmt^^*). Ist also, wie schon erwähnt, 
im Traume das Liegen an der Mutterbrust nicht im unschuldigen Sinne 
der Säuglingszeit reproduziert, sondern auf eine männhche Koitus- 



508 Otto Rank. 

Phantasie an der Mutter umgearbeitet, so ist auch nicht schwer zu 
sagen, woher das Material zu dieser Phantasie stammt: offenbar aus 
einer Identifizierung mit dem Vater, dessen Rolle sie bei der Mutter 
spielen will. Nun gesteht sie zu, bei ihrem Vater- und Mutterspielen immer 
selbst der Bub (also der ,, Vater") gewesen zu sein und auch sonst als 
Kind stets bubenhaftes Wesen und Neigungen gezeigt zu haben, so daß 
sie oft von der Mutter zu hören bekam, sie sei eigentlich ein „verdorbener 
Bub". Sie erzählt ferner freimütig, daß sie schon seit jeher und auch 
heute noch den Wunsch hege, ein Mann zu sein. Auf die Frage: Warum? 
meint sie naiv: „Na, wegen der Mädchen"^'). Sie habe ferner aus ihrer 
Kindheit das Verlangen behalten, männliche Kleidung anzuziehen*"), 
und erinnert zwei Gelegenheiten, wo sie es tatsächlich verwirklichte. 
Einmal im Altier von 15 Jahren, bald nach dem Tode des Vaters, wo 
sie die Kadettenuniform des Bruders einer Kollegin anzog und in dieser 
Tracht, Zigaretten rauchend und mit dieser Kollegin als Liebchen am 
Arme, durch die Straßen der kleinen Stadt spazierte zum Erstaimen 
aller Leute, die diesen „feschen Kadetten" nicht kannten. Ein andermal 
habe sie, ungefähr im 20. Lebensjahre, den Waffenrock und die Kappe 
ihres Cousins angezogen. Dabei war sie von einer befreundeten Dame 
überrrascht worden, die ihr gesagt habe: ,,Sie werden keine Braut 
werden." Und auf ihre erstaunte Frage: Warum denn? hätte die Dame 
geantwortet: „Weil Sie Männerkleider anhaben. Kennen Sie denn den 
Volksglauben nicht?" Diese Prophezeiung machte damals großen Ein- 
druck auf das Mädchen und heute noch bei der Erzählung dieser 
Szene meint sie, die Dame werde doch vielleicht recht behalten; 
auch äußerte sie gelegentlich, sie habe keine besondere Neigung zur 
Ehe und würde nur der Versorgung wegen heiraten*'). Die Analyse 
zeigt uns den tiefsten Grrund dieser Stinmiung, indem sie uns als letzten 
Sinn des Traumes den Wunsch enthüllt: 0, wäre es doch umgekehrt, 
wäre ich kein Weib, sondern ein Mann ! Der Traum zeigt ihr diesen 
Wunsch erfüllt, denn sie benimmt sich — wenigstens am Schlüsse des 
zweiten Traumstückes — exquisit männhch. 

Die Angabe der Träumerin, sie sei im zweiten Traume auf der 
Freundin in derselben Stellung gelegen, wie im ersten Traume vor der 
Königin auf der Erde, hat die formale Identität der Begrüßungs- 
zeremonie und der homosexuellen Pollutionsszene aufgedeckt und wir 
dürfen, da sich aus der Analyse der letzteren als wesentlichster Zug 
des zweiten Traumes das bisexuelle Empfinden des Mädchens ergeben 
hat, nunmehr auch den ersten Traum inhaltlich auf eine etwa ver- 



Ein Traum, der sich selbst deutet. 509 

borgene homosexuelle Wunscherfüllungstendenz prüfen. Bei dießem 
Unternehmen, mit dem wir uns vielleicht schon über den Rahmen 
unserer Aufgabe hinaus begeben, werden wir es bei wenigen und auch 
nicht immer völlig sicherzustellenden Hinweisen bewenden lassen 
müssen, denn gerade die gleichgeschlechtliche Gefühlsrichtung hat« im 
ersten Traum die ausgiebigsten Entstellungen und Verhüllungen erfahren. 
Ea ist das die Gefühlsschichte, in der die Deutung nicht gänzlich zu 
Ende geführt werden kann, wo der Traum gleichsam wieder ins dunkelste 
Unbewußte einmündet. Zunächst gewinnen wir aber aus der Durch- 
leuchtxmg des zweiten Traumes Gewißheit über den längst vermuteten 
symbolischen Sinn der Zimmer, die im ersten Traum in vollem mas- 
kulinen Sinne verwendet werden (Frauenzimmer); denn sie fühlt und 
benimmt sich ja im zweiten Traume durchaus als Mann; die Sym- 
boUk erweist sich hier in scheinbarem Widerspruche zu den Tatsachen 
als sicheres psychisches Kriterium selbst über den Unterschied des Ge- 
schlechtes hinaus. Hier erkennen wir aber auch, daß die Reaktion 
der Träumerin auf die Frauenzimmerdeutvmg, die sie mit den Worten ; 
,,Ach, von mir aus sollen es Mannsbilder sein", zurückweist, nicht nur 
ein „unbewußtes Ja" ist, sondern auch der psychische Verrat ihres 
bisexuellen Empfindens : es ist ihr, den Traumgedanken nach, auch alles 
eins, ob's Frauenzimmer oder Mannsbilder sind. Ihre stärkere (unbewußte) 
Neigung gilt jedoch, wie der Traum verrät, den Weibsbildern. Darum 
akzeptiert sie in Wirkhchkeit den von der Mutter begünstigten Bräuti- 
gam nicht, der ihr im Traume gar nicht nahe kommt, und von dem 
weg sie zu ihren infantilen Sexualbetätigungen (Enuresis, Ähren- 
abreißen, Freundinnen) flieht. Deswegen weicht sie auch dem Jugend- 
freund Z. aus, von dem sie fürchtet ,, angesprochen" (i. e. ins Hotel 
eingeladen) zu werden. Als Ablehnung der weibUchen Rolle beim Sexual- 
verkehr ist in diesem Zusammenhang auch die Rede des Königs 
zu verstehen, der ihr sagt: „Pardon, das ist nicht ihr Zinmier." Ebenso 
drückt die Verhinderung des Hofmeisters, zu ihr ins Zimmer zu ge- 
langen, nicht nur einen Strafakt von Seiten der Mutter aus, sondern 
auch den Wunsch in dem verbotenen Zimmer nichts mit dem Manne 
zu tun zu haben. Nur in der Identifizierung mit dem Stubenmädchen 
zeigt sich endlich der Beginn einer wirkHch weibhchen Koitus- 
phantasie (,,das Stubenmädchen mußte schnell die Sachen vom 
Herrn packen"), die aber nicht zu Ende geführt wird („ob sie 
wegfuhren, weiß ich nicht"), auch keine ideal weibUche ist („das 
Kind sah ich auch nicht"), und im Grunde doch wieder besagt, sie 



510 Otto Rank. 

möchte nicht heiraten und auch keine Kinder bekommen*). In 
diesem Sinne enthüllt eigentUch das zu Beginn des Traumes auf- 
tretende Kind, das wir schon früher als infaiitiles Abbild der Träumerin 
selbst deuten konnten, mit wenigen Worten den tiefsten Sinn des ganzen 
Traumes und des Schicksals der Träumerin. Es heißt nämUch von dem 
Kinde: „ich weiß nicht, ob es ein Bub oder Mädel war", was die 
Träumerin nach dem Inhalte der unbewußten Traumgedanken mit 
gutem Rechte von sich selbst behaupten kann. Ist auch der erste Traum 
vorwiegend negierend und demonstriert er die Ablehnung ihrer Weib- 
lichkeit, so deutet er doch iu vereinzelten Zügen schon die männHche 
Position an, welche im zweiten Traum offen durchbricht. Besonders 
charakteristisch kommt sie zum Ausdruck in der bisher nicht befriedigend 
aufgeklärten Hofmeisterszene des ersten Traumes, die wir nach dem 
jetzigen Stand der Deutung als Darstellung der männlichen Gefühls- 
richtung der Träumerin auffassen müssen^*). Ein Hofmeister ist 
das männliche Gegenstück zum Kinderfräulein (Mannabild-Frauen- 
zimmer). Im Traume ist die Identifizierung dieser beiden Personen 
dadurch angedeutet, daß sie ganz das nämliche tun. Wie das Kinder- 
fräulein muß sich der Hofmeister „ebenfalls" von der Königin verab- 
schieden und wie sie erhält er die Erlaubnis, „auch" das Zimmer zu 
besichtigen. Daß er nicht ohne Schwierigkeiten eingelassen wird, hängt — 
abgesehen von den bereits herangezogenen Deutungsmöglichkeiteu 
(Beaufsichtigung duich die Mutter, Hotelphantasie mit Ablehnung des 
Koitus) — mit dem eigentümüchen Charakter und Aufbau des Traumes 
zusammen, demzufolge der erste Traum die Behinderung all der 
Versuche zur Sexualbefriedigung zeigt, die im zweiten Traum erst 
erreicht wird. Wir merken nämlich hier, daß auch der Versuch des 
Hofmeisters, in das vei'botene Zimmer einzudringen, ebenso wie früher 
die Begrüßungszeremonie, nichts anderes darstellt, als die Behinderung 
der Sexualbefiiedigung und das Bedauern der Träumerin ausdrückt, 
ihre männliche Rolle beim Weibe (Frauenzimmer) nicht durchführen 
zu können. Es steigt einem die Ahnung auf, daß alle anderen Situationen 
des ersten Traumes eigentlich auch das gleiche bedeuten. Wie dem Hof- 
meister der Eintritt ins Zimmer erschwert wird, so kann die Träumerin 
auch nicht ia den verlockenden Garten gelangen, der sie im ersten 
Traum so reizt. Auch dieses Eindringenwollen in den Garten ist eine 
deuthch männliche Phantasie; abgesehen von der aggressiven Eolle, 

*) Vgl. zu dieser Phantasie die Reminiszenz an die Freundin, die ein Kind 
hatte, ohne verlieiratet zu sein (S. 504). 



Ein Traum, der sich selbst deutet, 511 

welche der Träumerin dabei zufällt, ist der Garten, wie schon erwähnt, 
ein uraltes und allbekanntes Symbol des weiblichen Genitales. Ebenso 
ist auch die folgende Traumsituation, worin die Träumerin irrtümHch 
das Toilettezimmer des Königs statt des ihrigen betritt, solch ein miß- 
glückter Versuch, die ersehnte Sexualbefriedigung zu erlangen. Diese 
Szene ist übrigens durch ein Detail direkt mit dem Pollutionsakt ver- 
knüpft, dessen Behinderung sie Ja gleichfalls darstellt. Die Träumerin 
gibt an, sie habe das Hinaufbürsten der nassen Haare, wie es im Traum- 
bilde der König zeige (vgl. Nachtrag f) S. 474), einen Tag vor dem 
Traume an dem Bruder des jungen Burschen beobachtet, der den Zeisig 
bekommen hatte. Dieser ungefähr 15jährige Junge, der auch Franzi 
heißt, war ein wenig in das Mädchen verliebt und auch sie zeigte sich ihm 
geneigt. Sie hatte nun beobachtet, wie er sich vor dem Schulbesuche 
die Haare anfeuchtete und sorgfältig hinaufbürstete; es sei ihr lächerlich 
erschienen, daß ein junger Mann so eitel sei wie ein Mädchen. Wir stoßen 
hier wieder auf eine bisexuelle Anspielung und werden das Wohlgefallen 
an dem Jünglinge mit der diesem Alter eigenen wenig ausgeprägten 
Männlichkeit und dem mehr hervortretenden weibhchen Habitus 
in Beziehung bringen. Dazu kommt noch, daß Franzi die Koseform 
sowohl des männlichen (Franz) wie des weiblichen (Franziska) Vornamens 
ist, und daß der Träumerin eine zwei Jahre zurückliegende Szene ein- 
fällt, in der sich einer ihrer ebenfalls halbwüchsigen Schützlinge, der auch 
in sie verliebt war, vor dem Spiegel frisierte und sie dann fragte, ob er 
jetzt schön sei und ihr gefalle^'). Dieser Jüngling hieß Poldi, was 
gleichfalls als Abkürzung für den männlichen (Leopold) und weiblichen 
(Leopoldine) Taufnamen gebräuchHch ist. Auch bei diesem Knaben 
hebt die Träumerin den weiblichen Zug der Eitelkeit hervor. Im König 
des Traumes ist also nicht nur der Vater und der Bräutigam (abreisen), 
sondern auch der Bruder personifiziert und mittels der Namens- 
gleichheit der ihn vertretende, gleichsam bisexuelle (weibliche) Jüngling. 
Mit dem Bruder hat sie aber, wie später mit der Freundin, wirklich 
„Vater mid Mutter gespielt", wobei sie auch die männliche Rolle inne 
hatte. Ihr mißverständliches Eindringen in das Rosazimmer ist also 
ein neuerlicher Versuch, zu einer maskulinen Befriedigung (am Bruder) 
zu gelangen, der jedoch mit einem Verweis auf ihre Weiblichkeit zurück- 
gewiesen wird (,,das ist nicht Ihr Zimmer")^*). Daß endlich auch die 
letzte Traumsituation (bei der Abreise des Königs) die Hemmung 
eines Befriedigungsstrebens, und zwar diesmal eines heterosexuellen 
darstellt, wurde eben ausgeführt. Diese Koitusphantasie bleibt jedoch 



512 Otto ßank. 

verschwommen und unvollständig, weil sie sich im Unbewußten 
auf den Vater (König) bezieht, mit dem sie ja nach der Abreise 
(Tod) der Königin (Mutter) allein zu bleiben hoffte. Wir erkennen 
also die vier Situationen des ersten Traumes, nämlich die Be- 
grüßimgszeremonie, das Eindringenwollen des Hofmeisters in das 
Lilazinmier (und das gleichsinnige der Träumerin in den Garten), 
femer den irrtümlichen Eintritt in das Rosazimmer sowie schheß- 
hch die Szene bei der Abreise des Königs, die sich wieder im 
Empfangszimmer abspielt, sämtlich als behinderte und mißglückte 
Versuche, eine der ersehnten imd im zweiten Traume auch erlangten 
sexuellen Befriedigimgen durchzusetzen. Es wird wohl nicht zu gewagt 
erscheinen, wenn wir gleichsam als experimentellen Beweis dieses 
Deutungsergebnisses das Geständnis der Träumerin ins Treffen führen, 
die vier Gedankenstriche am Schlüsse des von ihr selbst nieder- 
geschriebenen zweiten Traumes bedeuten die ebensooftmalige Wieder- 
holung des Sexualaktes und des Wollustgefühlea. Es würde dies die 
Tatsache des ebenfalls viermaügen erfolglosen Befriedigungaversuches 
im ersten Traume in völlig zureichender Weise aufklären^'*). 

Wie die Träumerin in der Pollutionsszene am Schlüsse des Traumes 
sich männlich (bisexuell) benimmt, so läßt sie auch im ersten Traum 
weder die homo- noch die heterosexuelle Befriedigungsmöglichkeit unver- 
sucht. Und wie das Sexualobjekt bei der Pollution bisexuell ist, so sind 
auch die Objekte des ersten Traumes gleichsam zweigeschlechtlich. Es 
erweisen sich also in dem ganzen Traum sowohl die Träumerin selbst 
in allen ihren Personifikationen als auch sämtliche ihrer Sexualobjekte 
durchgängig als bisexuelle Wesen. Nicht nur der Hofmeister xmd sein 
Gegenstück, das Kinderfräulein, nicht nur der Franzi und Poldi, sondern 
auch das kleine Kind, von dem man nicht weiß, ob es ein Bub oder 
Mädel ist. In ähnlicher Weise ergibt sich für das, später detailliert 
als ein chinesisch eingerichteter Baum geschilderte Lilazimmer, das 
die Träumerin in der Hotelphantasie als Weib und in der Hofmeister- 
situation als Mann zeigt, neben der bereits aufgezeigten urologen Be- 
deutung auch ein doppelgeschlechtlicher (bisexueller) Sinn, wenn 
wir ims wieder eines sexualsymbolischen Schlüssels bedienen. Stekel 
hat darauf aufmerksam gemacht, daß seiner Erfahrung nach der Chi- 
nese ein häufig gebrauchtes bisexuelles Symbol ist, wohl wegen des Zopfes , 
den die chinesischen Männer tragen. Da nun die bisexuelle Gefühls- 
richtung der Träumerin aus der bisherigen Analyse über jeden Zweifel 
sichergestellt ist, dürfen wir diese sexualsymbolische Bedeutung des 



Ein Traum, der sich selbst deutet. S13 

„Chinesischen" auch für unseren Traum in Anspruch nehmen. Wir 
verstehen damit auf einmal die Bedeutung des Traumgedankens: Ich 
muß mich da wie ein Chinese (i. e. wie ein bisexuelles Wesen) nieder- 
legen, verstehen die Heiratsphantasie, die sich von den konventionellen 
Objekten ab-^d einem vornehmen Chinesen (Mannweib) zuwendet^^), 
verstehen endhch auch die chinesische Tracht der Königm-Muttei , 
die als Sexualobjekt (vgl. den Schluß des zweiten Traumes) bisexuell 
gedacht ist (Franzi)^*). Dementsprechend zeigt das erste Traumbild 
die Mutter als chinesisches (Frauen-) Zimmer und das Eindringen 
der (männlichen) Träumerin als Hofmeister in diesen verbotenen Raum 
ist inhaltüch die direkte Antizipierung des Poliutionaaktes, wo sie ja 
an der Mutter den Koitus vollzieht, während die Begrüßungsszene 
nur formal (Lage) die Pollution vorbereitet, nach der Art des Be- 
friedigungsversuches (Bauchlage) jedoch zum Masturbationskomplex 
gehört. Wir merken nun erst, daß die vier Befriedigimgsversuche 
des ersten Traumes ebensovielen verschiedenen Formen erlebter oder 
phantasierter Befriedigungssituationen entsprechen. Erst versucht 
es die Träumerin auf dem Wege der Masturbation (Bauchlage), dann 
mit der männhchen Rolle bei der Mutter (Eindringen ins Lilazimmer), 
femer (im Rosazimmer) mit der Wiederholung des Vater- und Mutter- 
spielens beim Bruder und endhch am Schluß des ersten Traumes 
mit einer weiblichen Liebesphantasie, die sich auf den Vater (König) 
bezieht. Es ist nun für die Verdichtimgsarbeit des Traumes charakte- 
ristisch, daß zur Auslösimg der Pollutionsbefriedigung eine Situation 
gewählt wird, welche alle im ersten Traum vergebens angestrebten 
Befriedigungsmöghchkeiten gewährleistet. Vor allem kommt darin 
die masturbatorische Befriedigung in der Bauchlage zum Ausdruck*'), 
wie ja der ganze Akt eigentlich nur eine am Objekt ausgeführte ,, Ma- 
sturbation" ist, ähnHch dem Vater- und Mutterspielen. Außerdem 
bietet aber die Pollutionssituation auch Raum für die männUche Be- 
friedigungsphantasie an der Mutter (Lilazimmer) in Form der Identi- 
fizierung mit dem Vater (Inzestphantasie) und endhch für die Re- 
produktion des lustvollen (sadistischen) Raufaktes mit dem Bruder. 
Wollte man hier als Argument gegen die Wunscherfüllungstheorie 
geltend machen, daß ja der erste Traum wesenthch Unbefriedigung, 
Sexualhemmimgen und peinUche Strafakte zur Darstellimg bringe, 
so genügte ja z\ir Wiederlegung der Hinweis auf den zweiten Teil, 
welcher der Träumerin die vollste Sexualbefriedigung bietet, sowie 
auf die enge Zusammengehörigkeit und den einheithchen Charakter 



514 Otto Rank. 

der beiden Trauinstücke. Aber der einer Wunscherfiillung besonders 
widersprechende Strafakt des ersten Traumes, der nicht allein aua dem 
mehrfach überdeterminierten Schuldbewußtsein der Träumerin ver- 
ständhch wird, könnte sich nicht so un verhüllt durchsetzen, wenn er 
nicht auch einer — wie sich zeigen läßt — besonders tiefreichenden 
Wunscheifüllung Ausdruck verliehe. Bevor wir auf diese letzte, das 
gesamte Triebleben der Träumerin durchsetzende Wurzel des Traumes 
eingehen, haben wir zu den bereits mitgeteilten aktuellen, vorbewußten 
und unbewußten Bedingungen des Schuldgefühles, noch eine wesent- 
liche infantile Quelle nachzutragen, welche eine bisher offen gelassene 
Verbindung zwischen der wirklich «lebten und der im Traume re- 
produzierten Prügelszene herstellt. Wir haben als eine der wesentüchen 
Quellen des unbewußten Schuldgefühles, das die Sexualhemmung 
im ersten Traume bedingt, die Furcht vor Entdeckung eines Ver- 
gehens aus der erotischen Sphäre erschließen können. In der zur Traum- 
bestrafung erinnerten realen Prügelszene wurde die Träumerin jedoch 
wegen lügenhafter Angaben, die sich auf den verheimüchten Besuch 
bei einer Freundin bezogen, von der Mutter gezüchtigt. Es fehlte hier ein 
Verbindungsstück, das erst aus der Analyse des zweiten Traumteiles 
ersichtlich wird. Es ergab sich da (S. 501), daß die Träumerin mit ihrer 
Freundin Franzi wirkUch böse gewesen war, was ja der Traum selbst in 
einem dem Inhalte der Schlußszene offen widersprechenden Detail auch 
andeutet; es ist ja doch nicht gut verständlich, wieso die Träumeria ihre 
Freundin, mit der sie im Traume selbst angibt, böse zu sein, am Schlüsse 
des Traumes in liebevollster Weise zum Sexualobjekt nehmen kann, was 
überdies in Wirklichkeit niemals der Fall war. Nun erkannten wir aber, 
daß sie diese widerspruchsvolle Rolle der Identifizierung mit der Mutter 
verdankt, ein Zusammenhang, der hier von einer neuen Seite der Traum- 
gedanken aus seine volle Bestätigung erfährt. Wissen wir doch, daß 
die Träumerin lange Zeit hindurch mit der Mutter böse war, wie nach 
einer weiteren Angabe auch mit der wirklichen Sexualpartnerin K. 
Wir sind in diesem Komplex des Böseseins auf den Knotenpunkt 
gestoßen, welcher die drei realen Personen zu dem kombinierten 
Soxualobjekt des Traumes verbindet. Der tiefere Sinn dieser Verbindung 
und seine Beziehung zum Schuldbewußtsein erhellt aus der Angabe 
des Mädchens, daß sie zur Zeit des Vater- und Mutterspielens, so oft sie 
mit ihrer intimen Freundin K. entzweit oder böse war, in beständiger 
Furcht lebte, die Freundin werde der Mutter ihr sexuelles Geheimnis 
verraten, und sich immer nur mit der Erwägung getröstet habe, die 



Ein Traum, der sieb selbst deutet. 515 

Kollegin werde das wegen ihrer eigenen Beteiligung an dem Vergehen 
nicht tun. Erinnert die Träumerin also auch nicht, wie es zur direkten 
Bestätigung unserer Annahme einer sexuellen Quelle des Schuldbewußt- 
seins erforderlich wäre, die Züchtigung einer erotischen Verfehlung wegen 
(einschließlich der Enuresis), so ist doch ihr Hinweis, daß sie stets die 
Entdeckung und darauf folgende Bestrafung eines exquisit sexuellen 
Vergehens fürchtete, im Sinn eines vollgültigen Beweises zu werten. Nun 
läßt sich auch die Erweckung und der hemmende Einfluß des infantilen 
Schuldgefühls verstehen, das Zuflüsse aus verschiedenen Schichten 
des Seelenlebens empfängt. Das aktuelle Schuldbewußtsein der Träu- 
merin, das wegen des unziemlichen Abschiedes von der Mutter die 
drohende Krampusrute (statt des erhofften Geschenkes) fürchtet, ver- 
stärkt sich durch Vermittlung des vorbewußten Schuldgefühles, welches 
der erinnerten Prügelszene aus dem 14. Lebensjahre anhaftet (Lüge 
wegen der Freundin), mit dem unbewußten Schuldgefühl infantiler Her- 
kunft, das bei jeder unerlaubten Sexualbefriedigung die Entdeckung 
durch die böse gewordene Freundin und die Bestrafung von selten 
der ,, bösen" Mutter erwartet. 

Es wäre aber, wie bereits angedeutet wurde, einseitig gefehlt, 
in der Prügelszene des Traumes lediglich den von dem vielfach deter- 
minierten Schuldbewußtsein reproduzierten Straf akt sehen zu wollen. 
Freud hat gelegentlich ausgeführt*), daß derartige Träume bei einer 
in diesem Sinne veranlagten Person als masochistische Wunsch- 
erfüllungen anzusehen sind. Tatsächlich macht auch die Begrüßungs- 
szene, die wir ja als versuchten Sexualakt auffassen mußten, den Eindruck 
einer masochistischen Prügelei*-"). An der Träumerin selbst fällt jedem 
tmbefangenen Beobachter als hervorstechendster Charakterzug das 
stolze, herrische, eigenmächtige — wie wir zusammenfassend sagen 
können — männlich-aktive Wesen auf, das ja mit ihrer im Verlaufe 
der Deutungsarbeit aufgedeckten psychosexuellen Konstitution in 
gutem Einklänge steht. Bei näherer Kenntnisnahme des Gemüts- 
lebens der Träumerin stellt sich jedoch heraus, daß sie zu ge- 
wissen Zeiten ganz im Gegensatze zu ihrer aktuellen Persönhchkeit 
ein sehr sentimentales, weichliches und rührseliges Gemüt zeigen 
kann. Dieser scheinbare Widerspruch wird verständlich durch die 
Einsicht, daß sich sadistische und masochistische Triebregungen und 
Charaktereigenschaften regelmäßig bei ein und demselben Individuum 



*) Der Wahn und die Träume in W. Jensens Gradiva, 1907, S. 81. 



516 Otto Rank. 

vorfinden*), allerdings meist in der Verteilung, daß die eine Trieb- 
richtung der Verdrängung fast gänzlich zum Opfer gefallen ist 
und auf dem Wege des Unbewußten zur Verstärkung oder teil- 
weisen Paralysierung der andern dominierenden Komponente ver- 
wendet wird. Das fast gleichzeitige Nebeneinander und Abwechseln 
beider gegensätzlicher Gefiihlsströmimgen hat jedoch einen neu- 
rotischen Einschlag, für den wir die intensiven Verdrängungsvorgänge 
bei unserer Träumerin (vgl. den Eltemkomplex) verantwortlich machen 
möchten. Über das auffällige Nebeneinander dieser beiden konträren 
Seiten ihres Charakters befragt, weiß das Mädchen neben verschiedenen 
unwesentlichen Details eine „Merkwürdigkeit" aus ihren Entwicklungs- 
jahren zu berichten. Sie habe als Kind mit großer Vorliebe Geflügel, 
insbesondere Hühner geschlachtet und sich bei solchen Gelegenheiten 
immer hinzugedrängt mit dem Vorgeben, sie müsse das erlernen, 
wenn sie einmal eine tüchtige Hausfrau werden wolle. Einmal jedoch 
sei ihr bei einem Huhn das Abschneiden des Halses (vgl, das Ab- 
schneiden der Ähren und die Hühner, die sie fressen, im Traumnachtrag 
Nr. 5) nicht gelungen, das Tier habe sich losgemacht und sei halb 
geschlachtet im Hofe herumgesprungen. Damals habe sie riesige Angst 
gehabt und gefürchtet, das Tier könne auf sie losgehen. Seit dieser 
Zeit könnte sie um keinen Preis der Welt ein Tier töten. Eine Nachfrage 
ergibt, daß sie zur Zeit dieses Erlebnisses etwa 14 Jahre alt war**). 
Heute ist das Mädchen, insbesondere gegen Tiere, in übertriebenem 
Maße mitleidig und zärtlich, jedoch auch in einer für ihr ganzes Trieb- 
leben charakteristischen Weise, indem sie wiederholt geäußert hat, 
sie hätte dies oder jenes Tier so gerne, daß sie es am liebsten erdrücken 
oder erwürgen möchte, wie sie es in der Kindheit oft mit Tauben getan 
habe, die ja nicht geschlachtet werden dürften. Die vom Vortage als 
Traumerreger wirksame Episode mit dem Zeisig, den sie herzte und küßte, 
sowie die an die infantilen Grausamkeiten gemahnende Hühnerszene 
des zweiten Traumes zeigen uns deutlich, welch wesentlichen Anteil 
diese Komponente ihres Trieblebens und Charakterbildes am Zu- 
standekommen und Aufbau des Traumes hat, und zwar sowohl 
in ihren aktiven (sadistischen) wie in den passiven (masochistischen) 
Ausprägungen. Auch hierin stehen jedoch die beiden Traumteile in dem 
schon mehrfach hervorgehobenen charakteristischen Gegensatz, indem 



*) Vgl. Sexualtheorie S. 19, sowie Rank: Der Künstler, Ansätze zu 
einer Sexualpsychologie, 1907, S. 31. 



Ein Traum, der sich selbst deutet. 517 

der erste vorwiegend maaocliistisclie Züge aufweist; nicht nur im grob- 
körperlichen Sinne (Prügelszene), sondern auch in der allgemeinen 
Hemmung des aggressiven Sexualcharakters, sowie nicht zum wenigsten 
in psychischer Hinsicht (Unterwürfigkeit usw.). Der zweite Teil dagegen 
bringt das aktive Gegenstück dazu : die zugreifende Männlichkeit (Ähren 
abreißen), den widerspenstigen Trotz (Nachtrag Nr. 5) und die aggressiv- 
männliche Sexualrolle in der Befriedigungssituation. Aber schon im 
ersten Traume schimmert in der Ironisierung der Unterwürfigkeit, 
in der Durchbrechung der Sexualhemmung (der Hofmeister dringt 
doch ein) und in dem Versuch, der Prügelstraf e auszuweichen (siehe Nach- 
träge Nr. 5 und 25), der auflehnende, sadistisch-trotzige Grundcharakter 
der Träumerin dtirch. Und schließUch kommt ja in der Identifizierung 
mit der Mutter, die ebenfalls im Traume angedeutet ist, die voUe 
sadistische Triebrichtung zum Durchbruche : denn in dieser Eolle ist ja 
die Träumerin die Aktive, Schlagende*«). Auf der anderen Seite werden 
ihre sadistischen Straf- imd Todeswünsche gegen die Mutter durch die 
peinlich und beschämend empfundenen Züchtigungen verstärkt worden 
sein. Wir erkennen so als Grundcharakter des ganzen Traumes eine seiner 
äußerhchen Zweiteilung durchaus entsprechende innerliche Gefühlszwie- 
spältigkeit, welche das gesamte Trieb-, Gefühls- und Gedankenleben 
der Träumerin durchzieht*). Der Traum bringt in charakteristischer 
Verteilung auf zwei einander ergänzende Traumstücke die Verlötung der 
Gegensatzpaare: Sadismus-Masochismus, männlich-weiblich zum Aus- 
druck, sowie die aus der infantilen Konstellation ungelöst restierten 
Alternativen: Vater sterben oder Mutter sterben, Liebe zur Mutter und 
Haß gegen dieselbe und endhch die oberflächlichere Beziehung: Be- 
lohnung oder Bestrafung von selten der Mutter, von welcher die 
Traumarbeit ihren Ausgang nimmt. 

III. Theoretische Bemerkungen. 

Sollen wir schließlieh noch in eine zusammenfassende theoretische 
Würdigung des Traumes und seiner nunmehr abgeschlossenen Analyse 
eintreten, so werden wir uns knapp fassen müssen, da bereits die Deutung 
selbst mehr als billig Interesse und Raum in Anspruch genommen hat. 

*) Nach Freuds „Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose" 
(Jahrbuch I) wäre das Mädchen entschieden dem dort geschilderten Charakter- 
typus zuzurechnen, was auch mit ihrer verstärkten sadistischen Triehrichtung 
in gutem Einklang steht. Dieser Anlage und ihrer Erhaltung verdankt sie es wohl, 
daß sie bisher vor der Hysterie bewahrt blieb. 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psjchopathol. Forschungen. II. o* 



518 Otto Rank. 

Vor allem sei summarisch des im Verlaufe der Deutungsarbeit detailliert 
erbrachten Nachweises von der Zuverlässigkeit und Unerschütterlichkeit 
der Freudschen Traumdeutungstechnik und -theorie gedacht, deren 
Rahmen an keinem Punkte überschritten werden mußte, um zu einer 
befriedigenden Aufklärung des zunächst sinnlos erscheinenden Traum- 
inhaltes sowie zu einem ausreichenden Verständnis der an seinem 
Aufbau beteiligten psychischen Mechanismen und Faktoren des Trieb- 
lebens zu gelangen. Wenn dennoch im folgenden einzelne Einsichten 
noch besonders betont werden, so laßt sich dies mit der Erwägung 
rechtfertigen, daß einerseits die wesentlichen Fundamentalsätze der 
Traumlehre im Vergleiche zu ihrer theoretischen und praktischen 
Bedeutsamkeit noch viel zu wenig gewürdigt sind und nicht oft genug 
an der Hand von Beispielen aufs neue erläutert und bestätigt werden 
können. Anderseits wird uns ihre von allem psychologischen Detail 
abgesonderte Hervorhebung vielleicht gestatten, manche in der „Traum- 
deutung" nur andeutungsweise berührte theoretische Erkenntnis 
schärfer zu erfassen. 

Mag auch dem Leser, der mit kritischem Vorurteil an jede derartige 
Untersuchim^g heranzutreten sich gewöhnt hat, manches in der vor- 
stehenden Traumdeutung willkürlich oder gezwungen oder nicht genügend 
gesichert erscheinen : dem Eindrucke wird sich auch der voreingenom- 
menste Skeptiker, sofern er nicht gänzlich verblendet ist, kaum entziehen 
können, daß der Traum, weit entfernt, ein sinnloses Spiel unserer unbe- 
schäftigten Nerven zu sein, nicht nur einen möglichen Sinn durch eine 
künstliche Ausdeutung bekommen kann, sondern daß er uns vermöge der 
Einsicht in seinen innersten Aufbau geradezu den tiefsten Sinn des be- 
treffenden individuellen Seelen- und Menschenlebens erschließt. Sehen 
wir doch die gesamte Psyche in ihrem weitesten Umfange, mit all ihren 
aktuellen und infantilen Komplexen in direkter und indirekter Weise an 
der Traumbildung irgendwie beteiligt. Damit bestätigt sich auch der von 
Freud nachdrücklich betonte Erfahrungssatz, daß der „Traum nur 
selten die Darstellung, man könnte sagen: Inszenierung eines einzigea 
Gedankens ist, sondern meist einer Reihe von aolchen, eines Gedanken- 
gewebes" (Gradiva S. 50). ,,Der Traum erscheint regelmäßig mehr- 
deutig, es können nicht nur mehrere Wimscherfüllungen nebeneinander 
in ihm vereinigt sein; es kann auch ein Sinn, eine Wunscherfüllung 
die andere decken, bis man zu unterst auf die Erfüllung eines Wunsches 
aus der ersten Kindheit stößt" (Tr. S. 154). Von all diesen Bedeutungen 
ist jedoch die wichtigste und in letzter Linie traumbildende, die man 



Ein Traum, der sich selbst deutet. 519 

als den eigentlichen Traumsinn bezeichnen muß, zutiefst im Unbe- 
bewußten verborgen und verankert und betrifft ausnahmslos einen 
infantilen, seither verdrängten Sexualwunsch (Trieb), der sich an- 
knüpfend an einen aktuellen Sexualwunsch (an ein erotisches Be- 
dürfnis im weitesten Sinne) im Traume in verhüllter Form wieder 
Befriedigung zu verschaffen sucht. Der Traum stellt also regel- 
mäßig auf der Grundlage und mit Hilfe verdrängten, 
infantil -sexuellen Materials aktuelle in der Regel auch 
erotische Wünsche in verhüllter und symbolisch einge- 
kleideter Form als erfüllt dar*)^"). Die aktuelle erotische 
Unbefriedigung im weitesten (auch psychischen) Sinne flüchtet gleich- 
sam in die selige Kinderzeit zurück („Regression" der Libido), wo 
es weder äußere noch innere Sexualhemmungen gab und die erotische 
Befriedigung des Zärthchkeitsbedürfnisses wegen ihrer Harmlosigkeit 
in restloser und ungehemmter Weise erfolgen durfte. Diese ,,aus dem 
Infantilen stammenden, unzerstörbaren und unhemmbaren Wunseh- 
regungen" (Tr. S. 375) haben nun im Laufe der Entwicklung ihre naive 
Harmlosigkeit eingebüßt, sie werden vom bewußten Denken des Er- 
wachsenen verpönt (,, Verdrängung" 1. c); es kann darum die infantile 
Befriedigungssituation nicht unverhüllt im Tranminhalte dargestellt 
werden, weil eine offenkundige „Erfüllung dieser Wünsche nicht mehr 
einen Lust-, sondern einen Unlustaffekt hervorrufen würde" (1. c). 
Wir müssen also die Traumverhüllung („Entstellung") als das Werk 
der seit der Kindheit aufgerichteten Sexualheramungen ansehen (vgl. 
Sexualtheorie). Eine Folge dieser normalen Verdrängungs Vorgänge ist 
die von Fre u d im Abschnitte über die ,, Psychologie der Traumvorgänge ' 
aufgedeckte SchichtenbiJdung des Seelenlebens, die der mitgeteilte Traum 
vermöge seiner eigenartigen Struktur geradezu handgreiflich macht. 
Mit dieser Schichtung und ihrem regressiven Durchlauf (Freud) bei der 
Traumbildung steht es in Zusammenhang, daß unser erstes Traum- 
stück an die rezenten Tagesanlässe anknüpfend vorwiegend die Zukunfts- 
phantasien (die aktuellen Tagträume) in scheinbar asexueller, subh- 
mierter Form zur Darstellung bringt, während der zweite tiefer gelagerte 
Teil die historische und prähistorische Grundlage des , .mythisch" 
ausgeschmückten Vortraumes in ziemhch unverhüllter Form^^), sowie 



*) Diese Erweiterung und Spezialisierung der Freud sehen Formel (Tr, 
S. 115) ist auf Grund einiger nur in diesem Sinne aufzufassenden Zusätze der 
2. Auflage (vgl. besonders S. 197) sowie persönlicher Äußerungen Prof. Freuds 
vorgenonamen. 

34* 



520 Otto Rank. 

auch die aktuelle und infantile Sexualbefriedigung bringt. Unter diesem 
Gesichtspunkte kann eigentüch nur der erste Traum unser volles Interesse 
in Anspruch nehmen, da er uns die Entstellung, sexualsymbolische 
Verhüllung und psychische Überlagerung des primitiv sexuellen Ma- 
terials zeigt, während der zweite Teil eigentlich nur insoweit Interesse 
beanspruchen darf, als er uns die Mittel und Wege verrät, wodurch 
die Traumarbeit die ihr eigentümliche Entstellung zustande bringt. 
Bei einer solchen Betrachtungsweise löst sich auch der Schein von 
Willkürlichkeit, der für manches Empfinden der Deutungstechnik 
anhaftet, indem dieselbe ein Traumelement bald im positiven bald im 
negativen Sinne, bald historisch (als Reminiszenz), bald symbolisch, 
bald wieder im eigenthchen Sinne des Wortes nimmt (vgl. Tr. S. 245, 
Anmerkung): Es können nämlich die einzelnen Traumelemente in jeder 
Schichte des Seelenlebens den einen oder den andern Sinn angenommen 
haben, dessen Feststellung durch ihre zwanglose Einreihung in eine 
bestimmte Seelenströmung (Komplex) mit mehr oder minder großer 
Sicherheit möghch ist. 

Indem wir der Verlockung aus dem Wege gehen, die bisher gar 
nicht in Angriff genommene theoretische Würdigung der Pollutions- 
träume an diesem fast restlos durchschauten Fall zu versuchen, können 
wir doch ein Moment nicht übergehen, dem eine für das Traumleben 
allgemeingültige Bedeutung zuzukommen scheint. Es ist keine theore- 
tische Fiktion, sondern liegt vollkommen im Bereiche der psycho- 
logischen Möghchkeit, wenn wir uns denken, das Mädchen hätte nur 
den ersten Traum geträumt und dann ungestört weiter geschlafen, wenn 
wir also im Sinne unserer früheren Darlegungen annähmen, ihr über 
den Schlafzustand hinweg wachendes erotisches Bedürfnis hätte sich 
mit der in dem ersten Traumstück gebotenen verhüllten (gehenmiten) 
Sexualbefriedigxmg begnügt und beruhigt. Wir wären dann schwerlich 
in die Lage gekommen, den grobsexuellen Sinn dieses Traumes in seinem 
voEen Umfang zu durchschauen, und werden so darauf aufmerksam ge- 
macht, daß vielleicht eine Anzahl von Träumen, zu deren aUertiefster 
Bedeutung wir gar nicht vorzudringen vermögen, auch solche ver- 
kappte Pollutionsträume sein mögen. Bei dieser Auffassung wäre 
nicht nur der durchgängig sexuelle Materialgehalt der Träume dem Ver- 
ständnisse näher gerückt, sondern wir vermöchten auch zu erkennen, 
daß die tatsächliche Befriedigung in so vielen Fällen nicht zustande 
kommt, weil auch die infantile Befriedigungssituation in der Regel 
nur verhüllt reproduziert werden kann. Ist jedoch die Spannung der 



Ein Traum, der sich selbst deutet. Osil 

aktuellen Libido groß genug, um alle psychischen Hemmungen und 
Widerstände restlos zu überwinden, dann tritt auch zumeist die 
im Unbewußten längst fertige infantile Befriedigungssituation oder 
-phantasie in den Trauminhalt ein und begleitet die im Schlaf- 
zustande wiederbelebte Form der infantilen Sexualbefriedigung (Ma- 
sturbation)*^). Haben wir damit schon implizite ausgesprochen, daß 
eigentüch jeder Traum die Tendenz und das Zeug in sich hat, mit einer 
Pollution zu enden, womit sozusagen die vollkommenste Wimsch- 
erfüUung erreicht wäre, so ist als Gegenpol des Pollutionstraumes 
der Angst träum aufzufassen, der eigentlich auch nur ein mißglückter 
Darstellungsversuch des den Schlafzustand gewährleistenden ver- 
hüllten Traumbildes ist. In beiden Fällen, sowohl beim Angst- wie 
beim Pollutionstraum, ist die Traumentstellung mißglückt, die Dar- 
stellung des Unbewußten (des Sexuellen) besonders, man könnte 
sagen zu gut geglückt. Beim Pollutionstraum bricht es unverhüllt 
in Form der infantilen Sexualbefriedigung und in Begleitung einer 
(„perversen") unbewußten Phantasie lustvoU durch; im Angsttraum 
vermag es sich nur in der konträren Form intensivster Sexual Verdrän- 
gung durchzusetzen, d. h. das Ich reagiert darauf wie der Neurotiker 
im Wachzustand : nämlich mit Angst. Angst- und Pollutionsträume 
wären also zwei Formen des mißglückten, quasi neurotischen' (und 
„perversen"), Ausgangs der das normale Seelenleben regulierenden 
Traumarbeit; sie sind dieEndgheder einer Reihe, innerhalb welcher sich 
das Traumleben des Menschen in den verschiedensten Graden und 
Formen der Verhüllung abspielt. 

Es dürfte wohl kaum gegen eine solche allgemeine Verwertung 
der aus dem Verständnisse dieses Traumes geschöpften Erkenntnisse 
der Einwand erhoben werden, die Versuchsperson sei psychisch nicht 
normal, da die Analyse eine paychosexuelle Konstitution imd infantUe 
Erlebnisse aufgedeckt hat, wie wir sie sonst bei den Analysen Neu- 
rotischer zu finden gewöhnt sind. Nun ist es aber nach einem Aus- 
spruche Freuds*) ,, eines der wertvollsten Ergebnisse unserer psycho- 
analytischen Untersuchungen, daß die Neurosen keinen besonderen, 
ihnen eigentümlichen und allein zukommenden psychischen Inhalt 
haben, sondern daß die Neurotiker, wieC. G. Jung**) es ausdrückt, an 
denselben Komplexen erkranken, mit denen auch wir Gesunde kämpfen. 



•) Kleine Schriften, II, S. 160. 
**) Der Inhalt der Psychose. Wien und Leipzig, 1908. 

3 * 



522 Otto Rank. 

Der Unterschied ist nur der, daß die Gesunden diese Komplexe zu be- 
wältigen wissen ohne groben, praktisch nachweisbaren Schaden, während 
den Nervösen die Unterdrückung dieser Komplexe nur um den Preis 
von kostspieligen Ersatzbildungen gelingt, also praktisch mißlingt."' 
Im übrigen aber ,,sind die Neuiotiker Menschen wie andere auch, von 
den Normalen nicht scharf abzugrenzen, in ihrer Kindheit nicht immer 
leicht von denjenigen, die später gesund bleiben, zu unterscheiden." 
Unsere Träumerin ist nun ein glänzender Beweis für diese Be- 
hauptung, erbracht durch die psychoanalytische Durchleuchtung 
einer praktisch nicht neurotischen Person, welche jedoch eine nach jeder 
Richtung hin ausgeprägte Anlage zur Neurose — aber auch zur Nor- 
malität — zeigt. Mit ihrem frühzeitigen und reichhaltigen Sexualleben, 
das übrigens gar nicht so selten ist als man bisher meinte*), sowie mit 
ihren intensiven Verdrängungen scheint sie zur Neurose direkt prä- 
disponiert. War es ihr trotzdem gegeben , sich ihre Aktivität bis j etzt zu b e- 
wahren, so hat sie doch ihre Triebumwandlungen nicht völhg glatt 
überwunden; sie tiägt — wie übrigens fast alle ihre Mitmenschen — 
ihre Normalneurose, die als Niederschlag ihrer hochflutenden Inzest- 
gefühle zurückgebUeben ist, und hat es schon als ihr „Schicksal" ertragen 
gelernt, sich immer aufs neue zwischen Vater und Mutter (ihrer Zög- 
linge) einzudrängen, um bald darauf wegen Zwistigkeiten mit der Frau 
oder Liebeshändeln mit dem Mann das Haus zu verlassen. In diesem 
Sinne hat sie bis jetzt immer nur ihre Kinderrolle weitergespielt und 
wenn sie in ihrem Traume eine Zukimftsphantasie entwirft, so vermag 
sie ihr auch keinen andern Inhalt zu geben. Man wäre versucht zu 
sagen, sie lebe ihre Neurose in der normalen erotischen und sozialen 
Einstellung aus. 

Wenn wir schließlich noch, wie es eine vollständig durchgeführte 
Analyse gestatten soll, den Sinn dieses Traumes in einer dem manifesten 
Texte an Knappheit analogen Formel wiederzugeben versuchen, so wäre 
der kürzeste Ausdruck der durch den Nikolovorabend geweckton un- 
bewußten Traamgedanken etwa folgender: Unter dem hemmenden 
Einflüsse der Mutter ist mein (Sexual-) Leben zu seiner 
gegenwärtigen unbefriedigenden Gestaltung gelangt; wäre 
sie doch (an Stelle des Vaters) gestorben (L) oder wäre ich 
ein Bub geworden (II.), dann hätte ich mich ausleben können 
(wie als Kind). Die beiden Wimschaltemativen, die einander übrigens nicht 

*) Vgl. Sexualtheorie. 



Ein Traum, der sich selbst deutet. 523 

ausschließen, tragen dem bisexuellen Empfinden der Träumerin Rech- 
nungä**) und entstammen dem schon umschriebenen Eltemkomplex : 
der Todeswxinach gegen die Mutter soll die ungestörte Verliebtheit in 
den Vater ermöglichen und der bei weitem intensivere Wunsch, ein Bub 
zu sein, gestattet das aus homosexuellen Gefühlen ersehnte Liebes- 
verhältnis mit der Mutter. Aber mit einem gleichsam resignierenden 
Verweis auf die Unmöglichkeit dieser Wimscherfüllungen stellt eine 
Gegenströmung im Traume den tatsächlichen Entwicklungs- und Lebens- 
gang der Träumerin dar. Betrachtet man nämlich die beiden Traum- 
stücke als ein Ganzes und liest diesen Doppeltraum nun von rückwärts 
in umgekehrter Reihenfolge, so ergibt er einen Überblick über die 
innere Entwicklungsgeschichte ihres (Sexual-) Lebens*^). Er bringt 
die Träumerin erst als Säughng an der Mutterbrust liegend, zeigt dann 
die wichtigsten Etappen ihrer sexuellen (und auch sozialen) Ent- 
wicklung (Exkretionslust, Elternkomplex, Masturbation, homosexuelle 
Freundschaften, Verlobung usw.), sowie ihre Unzufriedenheit über 
den Ausgang derselben, die sie durch eine Zukimftsphantasie von ihrer 
hohen Abkunft und vornehmen Heirat (im Rahmen des Elternkom- 
plexes) zu korrigieren sucht. Aber auch diese Projektion ihres infantilen 
Glückes in die Zukunft vermag ihr noch nicht die eigentlich ersehnte 
Befriedigung zu bieten, so daß sie sich in der Wunschphantasie wieder in 
die sehge SäugUngszeit an die Mutterbrust zurückversetzt : aber dies- 
mal als Bub. Ihr sehnlichster Wimsch ist auch tatsächlich, wie sie 
bewußterweise zugibt, noch einmal als Mann auf die Welt zu kommen. 



IV. Nachträge. 

A. Zur Analyse. 

a) Traumnachträge. 

Nr. 1 (zu S. 480) : Der für die weitere Deutung des Traumes ent- 
scheidende Schluß auf einen infantUen Todeswunsch gegen die Mutter 
wird bestätigt durch den späteren Hinweis der Träumerin, sie habe beim 
Abschiede von der Königin im Traume ein enganliegendes 
schwarzes Kleid (mit einer weißen Putzschürze) getragen. Sie findet 
das auffälUg, da sie Trauerkleider nicht zu tragen pflegt und sich nur 
einer solchen Gelegenheit, nämhch des Todes ihres Vaters, erinnert. Von 
damals datiert aber ihre offene Feindseligkeit gegen die Mutter, die sie wohl 
lieber vermißt hätte, als den für ihr manifestes Fühlen geliebteren Vater, 



524 Otto Rank. 

und deretwegen sie aus ihrer Heimat abreisen mußte. — Charakteristisch 
für den bestimmenden Einfluß des unbewußten Gedankenlebens ist die 
Tatsache, daß die Träumerin sich zu ihrer letzten Ferienreise, scheinbar 
unabhängig von dem längst vergessenen Traum, ein solches enganliegendes 
ganz schwarzes Kleid machen ließ und auf die Frage nach dem Grunde 
dieser ominösen Kostümierung meinte: „Man weiß doch nicht, was passieren 
kann; so ist man wenigstens vorbereitet.", 

Nr. 1 o) (zu S. 493) : Bald nach dem rosa Schlafrocke hatte das Mäd- 
chen von der Mutter einen weißen Stoff zum Geschenk erhalten, aus dem 
sie sich ein ,, enganliegendes" Kleid, wie es der Traum zeigt, machen ließ. 
Dieses Geschenk der Mutter ist im Trauminhalt in ein Trauerkostüm zum 
Tode der Mutter umgefärbt, während die weiße Unschuldsfarbe auf die 
Schürze übertragen ist, welcher im zweiten Traum eine sündhafte Be- 
deutung zukommt. 

Später erinnert die Träumerin noch, in einem Lustspiele von L'Ar- 
ronge (,, Hasemanns Töchter") ein Kinderfräulein in derselben Kleidung 
gesehen zu haben, wie sie das Traumbild zeigt : schwarzes Kleid mit weißer 
Schürze, was übrigens auch die typische Stubenmädeltracht ist. — Schwarz 
mit weiß wird besonders von Kindern als Zeichen der Trauer (Halbtrauer) 
getragen und die Lilafarbe hat in manchen Gegenden die gleiche Be- 
deutung. 

Nr. 2 (zu S. 481) : Als später Nachtrag kommt ein die Inzestphantasie 
deutlich verratender Gedanke, welcher die Ankündigung von der Abreise 
der Königin im Traume begleitete; die Träumerin dachte sich: „Wenn sie 
abreist, dann werde ich mit dem König allein sein." 

Nr. 3 (zu S. 495) : Einen ähnlichen Gedanken gibt das Mädchen an, 
im Traume selbst beim Befehle der Königin empfunden zu haben: „Nein, 
was die alles von mir verlangt! — Jetzt soll ich mich gar nieder- 
legen wie ein Chinese." 

Nr. 4 (zu S. 502): Traumnachtrag: „Die Königin hat gesagt, 
das ist ein verbotenes Zimmer und nur der darf hineingehen, 
dem si-e es erlaubt." Das soll heißen: Die Mutter hat den Zugang zu 
den sexuellen Genüssen zu vergeben. Sie hat der Tochter wirklich den 
Umgang mit einzelnen Freundinnen verboten, damit das Mädchen nicht 
,, verdorben" werde. 

Nr. 5 (zu S. 483 und 502) : Als ich der Träumerin'später den auffälligen 
Umstand vorhalte, daß die Mutter gerade im zweiten Traumteile, der ja 
in der Kindheit spielt, fehle, meint sie, dieselbe doch auch da gesehen zu 
haben, und bringt einen darauf bezüglichen Nachtrag, der dort einzusehalten 
ist, wo sie der Freundin sagt, sie müsse erst die Ähren nach Hause tragen 
bevor sie zu ihr gehen könne. „Zu Hause war ich im Hofe; zuerst 
war nur die Schwiegertochter der Hausfrau da, dann auch die 
Hausfrau selbst. Sie haben eine mit Kirschen gefüllte Mehl- 



Ein Traum, der sich selbst deutet, 525 

speise (Buchteln) gegessen; ich sah sie aufgebrochen und 
daiin so schwarz die Kirschen. Ich habe mich dabei ver- 
wundert gefreut, daß es jetzt schon Kirschen gibt. Sie und 
ihre Schwiegertochter bewunderten die Ähren. Sie boten mir 
von der Mehlspeise zu kosten an, ich wollte aber nichts, son- 
dern werfe die Ähren, die ich zwischen den Fingern ausÄin- 
andergerieben hatte, den Hühnern hin, die sie fraßen. (Undeut- 
lich: Die Türe war offen und ich wollte hinein gehen, um der 
Mutter zu sagen, daß ich wieder da bin. Ich habe mich ge- 
wundert, daß sie mich nicht schon sprechen gehört hat.) Eine 
dritte Person ist dabei gestanden und hat auch gegessen. Es 
acheint mir, als könnte diese dritte Person die Mutter gewesen 
sein." 

In dem verworrenen und unklaren Charakter dieses nur zaghaft 
vorgebrachten Schlußdetafls erkennen wir nach einer Traumregel (Tr. 
S. 240 f.) ein wichtiges Stück Mitteilung aus den Traumgedanken. Es 
bestätigt sich vor allem, daß die Abwesenheit der Mütter im zweiten Traum- 
stücke wirklich in dem dargelegten Sinne tendenziös begründet ist. Sie 
darf hier nicht deutlich hervortreten, weil mit ihrer Anwesenheit ja wieder 
alle Hemmungen gegenwärtig wären, die den Sexualgenuß stören und 
hindern. Dies ist der Grund dafür, daß im Traum eine unbekannte Person 
ganz dunkel und veischwommen gesehen wird, die erst unter Bewältigung eines 
Widerstandes vom bewußten Denken als mögliche Personifikation der 
Mutter erkannt werden kann. Der verschwommene und unklare Charakter 
dieses Details sowie der Zweifel an seiner getreuen Reproduktion sind 
,, Abkömmlinge imd Werkzeuge des psychischen Widerstandes" (Tr. S. 319), 
als dessen Werk wir auch die hartnäckige Amnesie in bezug auf diese Szene 
ansehen müssen. Dieses unklar geschaute und unter Schwierigkeiten 
erinnerte Tramnstück, welches die Träumerin an die strafende Mutter 
gemahnt, sie aber zugleich auch beseitigt, ist mit gutem Sinn vor den Sexual- 
akt eingeschoben. Es verrät sich darin ein drückendes Schuldbewußtsein der 
Mutter gegenüber, von dessen verschiedenen Quellen in diesem Zusammen- 
hange die schon erwähnte Prügelstrafe aus dem 14. Lebensjahr eine neue 
Bedeutung erlangt. Das Mädchen war damals geschlagen worden, weil 
sie statt eine Besorgung für die Mutter zu verrichten zu einer Freundin 
gegangen war imd die Mutter über diesen Sachverhalt belogen hatte. Im 
Traume soll sie nun auch zu einer Freundin gehen (um den Sexualakt 
auszuführen), aber da meldet sich das Schuldbewußtsein, erinnert sie 
an die Strafe, die sie in Wirklichkeit (und auch noch im ersten Traume) 
über sich ergehen lassen mußte, und ermahnt sie, zuerst nach Hause zu 
gehen und es der Mutter zu sagen.. Hier verdunkelt aber die Wunsch- 
erfüllungstendenz die Erscheinung der Mutter, die auf diese Weise die 
(sexuelle) Absicht der Tochter weder gutheißen noch bestrafen kann. Ein 
ähnliches Ausweichen vor dem Bestraftwerden zeigt eine Nachtrags- 
szene des ersten Traumes, wo das Kind — offenbar eine Personifikation 
der kindlichen Träumerin selbst — auf dem Wege zu der strafbereiten 

' 4 <■ 



526 Otto Rank. 

Mutter plötzlich von der Seite des Kinderfräuleins verschwindet (vgl. 
Nr. 25). Der Erinnerung an eine reale Prügelszene entstammt auch der 
Schauplatz des gegenwärtigen Nachtrages zum zweiten Traume. Das 
Mädchen war tatsächlich einmal am Hofe mit einem Rutenbesen 
von der Mutter scherzhaft geschlagen worden und auch im ersten Traume 
wird sie — allerdings am königlichen Hofe (i. e. im Elternhause) — mit 
einem Rutenbündel geprügelt. Die Hausfrau, in deren Haus die 
Familie der Träumerin bei ihrem mehrere Jahre zurückliegenden Besuche 
gewohnt hatte, sowie ihre Schwiegertochter finden als Erinnerung an 
real Erlebtes darum unveränderte Aufnahme in den Trauminhalt, weil 
das Verhältnis dieser beiden fremden Personen zueinander gewisser- 
maßen ein Spiegelbild der eigenen Beziehungen der Träumerin zu 
ihrer Mutter darstellt. Zur Zeit ihres damaUgen Aufenthaltes in der 
Heimat hatte sich nämlich diese (Schwieger-) Tochter mit ihrer (Schwieger-) 
Mutter überwerfen und war eben daran, das gemeinsame Haus zu ver- 
lassen. Nun hatte aber auch die Träumerin sich mit ihrer Mutter überwerfen 
und das Haus verlassen, so daß auf Grund dieser Gemeinsamkeit die 
Identifizierung im Traume vor sich gehen kann. Während also der Schluß- 
teil des Nachtrages das furchtsame Ausweichen vor der Bestrafung durch 
die Mutter wiedergibt (infantiler Zug), stellt der Beginn dieser Szene den 
Trotz und die Auflehnung der Erwachsenen (Schwiegertochter) ihrer Mutter 
(Hausfrau) gegenüber dar. Dieser Nachtrag verrät also, wie auch 
die Begrüßungszeremonie im ersten Traume, das Nebeneinander zweier 
gegensätzlicher, auf die Mutter bezüglicher Gefühlserregungen: einer 
furchtsam -verehrenden, zärtlichen und einer trotzig-verhöhnenden, feind- 
seligen. Die Identifizierung mit jener Schwiegertochter soll in diesem Sinne 
cwa besagen: Ich fürchte mich nicht mehr vor dir, wie als Kind, wo ich 
der Strafe feige ausgewichen bin ! Wenn mir deine Behandlung nicht paßt, 
so verlasse ich einfach das Haus, wie diese Schwiegertochter. Ich bin 
ebensowenig von dir abhängig, wie sie von ihrer Schwiegermutter. — Zur 
Zurückweisung der ihr angebotenen Speise erinnert die Träumerin endlich 
noch eine ähnliche, bei ihrem letzten Sommeraufenthalte vorgefallene Szene, 
wo die Hausfrau ihr Kirschenkuchen zum Kosten anbot; sie ekelte 
sich aber davor — ohne Grund — und gab ihn der Mutter zu essen. Es 
wird hier im Traume, unter Verwertung der Redensart: ,,mit jemand 
Kirschen essen", der bei dem Mädchen stark betonte Eß komplex ange- 
spielt, der beim Kinde oft den sexuellen Komplex ersetzt (vgl. Freud, 
Über infantile Sexualtheorien, Kl. Sehr. II). 

Nr. 5 a) (zu S. 506) : In den ersten Tagen ihres Aufenthaltes zu Hause 
und a',ich regelmäßig in der Fremde ekeln sie selbst reinlich und gut, ja 
sogar von der Mutter bereitete Speisen an, so daß sie sich anfangs oft 
selbst kochen muß. Dieses ausgeprägte, fast neurotische Ekelgefühl 
ist beweisend für eine ursprünglich sehr lustvolle Betätigung der Mundzone, 
die sich zunächst im genußreichen Saugen an der Mutterbrust, später im 
Ludein betätigt, dann aber eine intensive Verdrängimg erfährt, die den 
Ekel konstituiert. 



Ein Traum, der sich selbst deutet. 537 

b) Materialnachträge. 

Nr. 6 (zuS. 475): Auf eine spätere Frage nach der Herkunft der ver- 
schiedenfarbigen Zimmer erklärt die Träumerin, sie habe öfter daran gedacht, 
wie sie sich ihre Zimmer einrichten würde, wenn sie verheiratet wäre: 
eines grün, für welche Farbe sie besonders schwärmt, das Schlafzimmer 
rot usw. — Es handelt sich also um eine Phantasie des Mädchens, wie sie 
sich's in der Ehe einrichten würde. 

Nr. 7 (zu S. 493) : Die Farben der Zimmer sind in mehrfacher Weise 
überdeterminiert. So durch die verschiedenen Farben der Papageien 
(rosa Papagei: Vogel), ferner durch die Heiratsphantasie (rosa Schlaf- 
zimmer), wozu noch der Hinweis gehört, daß ihr bei der letzten Anwesenheit 
zu Hause das Schlafzimmer (der Eltern) mit seinen rosa Decken einen 
besonders gefälligen Eindruck gemacht habe. Als das Entscheidende 
hebt sie jedoch den nachhaltigen Eindruck einer Oper: ,,Ariadne und 
Blaubart" von Paul Dukas, einer dramatischen Gestaltung des Blaubart- 
märchens, hervor, wo die sechs erlaubten Zimmer in verschiedenen Farben 
(rot, blau, gelb, weiß usw.) dargestellt waren und sich von einem gemein- 
samen, lila tapezierten Hintergrunde wirkungsvoll abhoben. Die Lilafarbe 
erinnert sie endlich noch an die Kornblumen, die sie im Sommer zwischen 
dem gelben Getreide (gelbes Zimmer) pflückte, sowie an die Uniform des 
Verlobten, die eine ähnliche Färbung zeigte. 

Nr. 8 (zu S. 476): Die erschlossene Hotelphantasie wird be- 
stätigt durch eine späte Aufklärung über die Person des ,, Hofmeisters", 
der Züge (Bart) und Gestalt eines jungen Gymnasiallehrers (Hofmeister) 
trug, welcher das Mädchen seinerzeit verehrt hatte. Nach längerer Be- 
kanntschaft wollte er sie einmal zum Souper einladen (Absperren: Separe). 
sie lehnte jedoch brüsk ab, da sie eine Einladung ins Hotel befürchtete. 
Später habe sie bedauert, ihn nicht schonender zurückgewiesen zu haben. 
Anderseits hatte sie von Anfang an den Eindruck, daß er verheiratet 
sei, also doch keine ernsten Absichten hege. 

Nr. 8a) (zu S. 476) : Nach einer späteren Angabe der Träumerin erweisen 
auch die oleanderartigen Bäume ihre Zugehörigkeit zur Hotelphantasie; 
sie werden denen ähnlich beschrieben, ,,die man vor den Hoteleingängen 
stehen sieht". Im Traume befinden sie sich vor einem Eingange des Lila- 
zimmers, das dadurch direkt als Hotelzimmer charakterisiert wird. 

Nr. 9 (zu S. 488): Sie hatte sich beim Ährenabreißen auch gedacht: 
Wenn sie mich sehen, so werden sie mich einsperren. Nun soll sie ja im Traum 
in das Lilazimmer eingesperrt werden, was auf ähnliche Strafandrohungen 
aus der Kinderzeit zurückgehen wird. 

Nr. 10 (zu S. 488): Sie hatte bei ihren Spaziergängen im letzten 
Sommer, wie so oft als Kind, wirklich Ähren und Kornblumen ab- 
gerissen und gefürchtet, man könnte sie dabei erblicken (A ngst im Traume), 
da das Abreißen besonders des noch unreifen Getreides von den Bauern 



528 Otto Rank. 

ungern gesehen wird. Dieser aktuelle Affekt kann jedoch nur vermöge 
unbewußter Verstärkungen aus der infantilen Sexualsphäre zu seiner Be- 
deutung im Trauminhalte gelangen. Die Verbindung des infantil-erotischen 
und des aktuellen Schuldgefühles beim Ährenabreißen wird durch die Tat- 
sache hergestellt, daß ihr die Mutter in der Kindheit wiederholt das „sünd- 
hafte Abreißen" der Gottesgabe veiboten hat. 

Nr. 10 a) (zu S. 488 und 505) ; Es ist nicht unmöglich, daß die „um- 
gekehrte" Frühreife der Gerste auch insofern homosexuelle Bedeutung haben 
kann, als sie ausdrückt, daß die Träumerin sich noch mit jungen Mädchen 
abgegeben hat zu einer Zeit, wo andere frühreife Kolleginnen schon 
mit jungen Männern gingen, wobei allerdings, — wie zur Rechtfertigung — 
auf die Gefahren dieses Verkehrs (Kind) hingewiesen wird. 

Nr, 11 (zu S. 489): Die Identifizierung der beiden jungen Männer 
im zweiten Traume wird vollkommen durch die Mitteilung, daß der Bräu- 
tigam auf dem Spaziergange gelegentlich des Übersetzens einer Brücke, 
in deren Nahe die Badeanstalt liegt, halb scherzhaft äußerte, er hätte 
Lust, sich ins Wasser zu werfen, wobei er den Waffenrock halb auszog, so 
daß sein Hemd zum Teil sichtbar wurde. Nun war aber nach einer späteren 
Angabe auch der Jugendfreund Z. im Traume nur in Hemdärmeln sichtbar. 
Von dieser harmlosen Jugendfreundschaft mit Z. weiß die Träumerin 
nichts zu berichten, als daß die Tante, bei der sie nach der Wiederverheiratung 
der Mutter und vor ihrer Abreise aus der Heimat wohnte, ihr den Umgang 
mit ihm verboten hatte. Ein Teil seines Zunamens ist jedoch identisch 
mit dem Vornamen ihres ersten Verlobten (hier der Knotenpunkt), mit 
dem sie schlechte Erfahrungen gem.acht hatte. ■ 

Nr. 12 (zu S. 489) : Der Bräutigam war auch in Wirklichkeit einige 
Schritte vor ihr in großer Verblüffung stehen geblieben; sie ging jedoch 
ihren Weg weiter (ihm entgegen) als kennte sie ihn nicht, wobei sie natürlich 
mit ihm zusammenstoßen mußte. 

Nr. 12 a) (zu S. 491) : Die Hervorhebung, daß ihr der Bräutigam 
nicht ,, näher gekommen sei" im Zusammenhange mit dem ausdrücklich 
betonten „Kuß in Ähren" macht eine intimere Beziehung zum Bräutigam 
warscheinlich, was natürlich aus begreiflichen Gründen nicht zu 
erideren war. 

Nr. 13 (zu S. 489) : Bei diesem unvermuteten Zusammentreffen hatte 
er sie gefragt: Woher kommst Du? Sie hatte geantwortet: Ich war 
spazieren, und die Gegenfrage gestellt: Wo kommst Du her? (die Frage des 
zweiten Mädchens). — ,,Die ist auch von Wien hier", bezieht sich zunächst 
auf den Besuch der Träumerin selbst, ist ferner eigene Rede, die eine 
Jugendfreundin betrifft, endlich auch eine Äußerung der Tante über ein 
Mädchen, welches H. früher verehrt hatte. 

Diesem Gespräche mit dem Bräutigam entstammen aber auch die 
Reden des ersten Traimies, so daß sich die ähnliche Struktur der Gespräche 



Ein Traum, der sich selbst deutet. 529 

in den beiden Traumstücken durch itre Herkunft aus derselben Quelle 
erklärt. Im Ansctlusse an die oben mitgeteilten Eingangsworte hatte nämlich, 
der Bräutigam gesagt: „Gerade am letzten Tage muß ich dich noch treffen, 
wo ich schon morgen wegfahren muß." — ,)So," sagte ich, „morgen fährst 
du schon weg?" — ,,Ja, ich muß leider wegfahren." — Daß die Rede neben 
ihrem realen Sinn die früher (S. 481) dargelegte unbewußte Inzestbe- 
deutung hat (Bedauern darüber, daß der geliebtere Vater sterben mußte 
und nicht die störende Mutter an seiner Stelle), ergibt sich aus ihrer Ver- 
wendung im Trauminhalte sowie aus dem Affekte des bedauernden 
Erstaunens, der sie da begleitet, während das Mädchen in Wirklichkeit die 
Mitteilung von der Abreise des Bräutigams eher erlösend empfand, wenn 
sie auch wahrscheinlich ein konventionelles Bedauern dabei geheuchelt 
haben wird. 

Nr. 14 (zu S. 511) : Der König des Traumes, den sie heiraten möchte, 
muß wie der Bräutigam ,, leider wegfahren" (Tod des geliebten Vaters). 
Die Identifizierung dieser beiden Personen zeigt sich ferner darin, daß der 
König im Traume wie der Bräutigam in Wirklichkeit (und der ihn im 
Traume vertretende Jugendfreund Z.) in Hemdärmeln (beim Toilettemachen) 
gesehen wird. 

Die Identifizierung des Traumkönigs mit dem Bruder bestätigt ein 
späterer Hinweis der Träumerin, die zu dem Traumgedanken, der junge 
König habe gar nicht zur alten Königin gepaßt, ergänzt : „Er hätte eher ihr 
Sohn sein können" (d. h. also der Bruder der Träumerin). Auf diesen Bruder 
ist, ebenso wie auf den Bräutigam, die Liebesneigung (Inzestphantasie) 
vom Vater her übertragen. Vermutlich steckt hinter der zurückweisenden 
Bemerkung des Königs („Pardon, das ist nicht ihr Zimmer") die Ent- 
täuschung über das gegenwärtig natürlich nicht mehr so entgegenkommende 
Verhalten des Bruders, mit dem sie auch im Sommer zu Hause zu- 
sammengetroffen war. 

Nr. 15 (zu S. 494 und 496) : In den unbewußten Traumgedanken über- 
wiegt, wie wir sahen, die Befürchtung, daß die Mutter kein Geschenk senden 
werde, zu der die Träumerin außer ihrem persönlichen Schuldbewußtsein 
auch eine reale Begründung hatte. Als sie das erstemal aus der Heimat 
abreiste, erhielt sie außer den Spesen von der Mutter 20 Kronen separat als 
Taschengeld und hatte ein ähnliches Geschenk auch diesmal erwartet. 
In dem Ausbleiben dieser Gabe hat sie nun ein Anzeichen dafür erblickt, 
daß die Mutter ihr gegenüber nicht mehr so freigebig sei und wahrscheinlich 
auch das versprochene Geschenk nicht schicken werde. Auch diese Ent- 
täuschung, welche mit dem Abschied in Verbindung steht (Reisekosten), 
macht der Traum gut. Wie das Kinderfräulein zur Belohnung in ein chinesi- 
sches Lilazimmer geführt wird, so bekommt das Stubenmädchen vor der 
Abreise der Königin (umgekehrt: der Träumerin) von derselben 20 Gulden, 
also das Doppelte (vgl. Doppelhandkuß) des von der Träumerin tatsächlich 
erwarteten Betrages. Wir merken hier eine teilweise Identifizierung der 
Träumerin mit dem Stubenmädchen, welche vermittels der Hotelphantasie 



530 Otto Rank. 

Stattgefunden hat. (Das schwarze Kleid mit der weißen Schürze, welches 
die Träumerin trägt, ist ja die typische Stubenmädeltracht.) Das Stuben- 
mädchen soll dort 20 Kreuzer (Sperrgeld) bekommen; die 20 Gulden sind — 
wie die Identifizierung lehrt — der Träumerin selbst gleichsam als Liebes- 
honorar zugedacht. Der zugrunde liegende gemeinsame Gedanke ist die 
Erwartung einer Belohnung für jeden Liebesbeweis (sei es von der Mutter 
oder von einem Manne), wie sie das Kind zu bekommen gewöhnt ist. 

Nr. 16 (zu S. 508 und 513) : Hier knüpfen wieder die ehrgeizig-erotischen 
Phantasien ihres Wachlebena an, von denen eine das chinesische Milieu 
weiter determiniert. Sie hatte vor nicht allzu langer Zeit gehört, daß sich 
Chinesen in Wien aufhalten, die angeblich keine Kosten scheuten, um die 
Bekanntschaft europäischer Damen zu machen. Sie spann nun die Phantasie 
aus, daß sie eventuell einen solchen oder auch einen Japaner, ja selbst einen 
Neger heiraten würde, wenn er nur einen hohen sozialen Rang einnähme 
(Fürst, König) und sehr reich wäre. Wir stoßen hier auf einen schon be- 
merkten Zug der Träumerin, nämlich für ihre Liebe (im weitesten Sinne) 
immer eine Belohnung zu erwarten. Sobon im manifesten Trauminhalte 
wird sie für ihre Folgsamkeit von der Mutter belohnt und in den Traum- 
gedanken taucht der Wunsch auf, für die Liebesbezeugung dem Manne 
gegenüber (mit 20 Gulden) bezahlt zu werden (Prostitutionsphantasie, 
Hotel). Mit den beiden Freundinnen des Traumes verkehrt sie nur ihres 
Reichtums wegen und in ihren Tagträumen dominiert der reiche vornehme 
Mann — wenn es auch ein Chinese ist. Wie jedoch dieser Wunsch, einen 
König zu heiraten, in letzter Linie auf den Vater zurückgeht, so ist die 
chinesische Königin, welche die Träumerin in ihrer Phantasie bereits so 
sicher geworden war, daß sie schon an die (chinesische) Einrichtung ihrer 
Zimmer dachte, im Traume die Mutter (Identifizierung aus dem Inzest- 
komplexe). 

Nr. 17 (zu S. 478) : Eine spätere Erkundigung ergibt, daß die Träumerin 
tatsächlich schon seit Jahren den Wunsch hegt, in ein gräfliches Haus 
zu kommen, sich aber bewußterweise niemals zu der Phantasie einer Stellung 
im königlichen Palaste verstiegen hat, die eben unbewußt infantiler Her- 
kunft ist. 

Nr. 18 (zu S. 495) : Die Lage im ersten Traume sowie das chinesische 
Milieu entstammen nach einer Mitteilung der Träumerin dem nachhaltigen 
Eindrucke der bekannten Operette: Die Geisha, wo eine ähnliche Szene 
vorkommt. Der Eigentümer des Teehauses begrüßt den Polizeipräfekten, 
indem er vor ihm niederkniet. Doch dieser wünscht eine ehrerbietigere 
Unterwerfung und schlägt den Chinesen mit seinem Fächer auf den kahlen 
Schädel, von dem rückwärts ein langer Zopf baumelt, worauf sich der 
Duckmäuser flach auf den Boden legt, den er mjt der Nase fast berührt. 
Diese Geishaszene ist also das historische Vorbild der Begrüßungszeremonie 
im Traume. (Vgl. den Gedanken im Traume: Ich muß mich da nieder- 
legen wie ein Chinese). 



Ein Traum, der sich selbst deutet. 531 

Nr. 19 (zu S. 502) : Die Königin (Mutter) sagt, der Hofmeister darf 
erst dann das verbotene Zimmer betreten, bis die Träumerin es verlassen 
hat. Sie läßt die beiden also nicht allein im Zimmer, worauf sie in Wirklich- 
keit zimi Ärger der Tochter gelegentlich des Besuches von jungen Leuten 
immer Bedacht nahm. So auch im vergangenen Sommer bei einem Besuche 
des Arztes, dessen Gesichtszüge und blauschwarzen Spitzbart (,, Blau- 
bart") der ,, Hofmeister" zeigt. In letzter Linie wird wohl die affektive 
Nachträglichkeit über diese gar nicht so unberechtigte mütterliche Vor- 
sicht darauf zurückgehen, daß das Kind der Mutter die Störung der 
erotischen Beziehung zum Vater nicht verzeihen kann, mit dem es die Mutter 
nie „allein gelassen" hat (Todes wünsch). Zur Gestaltung der Absperrszene 
hat zweifellos neben infantilen Klosettreminiszenzen noch eine vorbewußte 
Erinnerung der Träumerin beigetragen, welche sich auf einem ihrer Dienst- 
plätze im Zimmer abschloß, wenn sie den Annäherungsversuch eines der 
jugendlichen Hausbewohner befürchtete (vgl. dazu Bruchstück S. 58). — Zum 
Auf- und Zusperren erinnert sie noch eine Szene des vergangenen Sommers, 
wo sie sich auf einem Abenispaziergange mit ihrem gewesenen Bräutigam 
verspätet hatte und in seiner Begleitung vor ihrem Wohnhause angelangt, 
die Mutter schon wartend und hinter der Türe lauernd antraf. Diese habe 
das Tor aufgesperrt, die Tochter hineingelassen und dann wieder zu- 
gesperrt. Auf die Vorwürfe der Mutter habe sie ironisch gemeint: Du 
stehst ja da und schließt auf und zu wie eine Hausmeisterin {Hausmeister - 
Hofmeister). Hier erhalten die 20 , .Kreuzer" Sperrgeld eine weitere 
ironisierende Bedeutung. In dieser Identifizierung mit dem Stuben- 
mädchen, der Hausmeisterin, der man 20 Kreuzer gibt, liegt eine Herab- 
setzung der Mutter, welcher etwa der Traumgedanke entspricht: Ich steh 
um deine 20 Kronen (Reisegeld) nicht, ich schenke dir noch 20 Kreuzer 
dazu, wie einem solchen Frauenzimmer. Man beachte übrigens die ähn- 
lichen Wortbildungen: Hausmeister — Hofmeister, Frauenzimmer -- 
Stubenmädchen (Mannsbilder), wozu noch die Haus-Frau des zweiten 
Traumes als Wortverbindung aus beiden Gruppen dazukommt. Diese 
primitiven (infantilen) Vorgänge der Sprachbildung kommen im Traum- 
leben wieder zur Geltung (vgl. auch lila und lulu in Nr. 25). 



B, Zur Symbolik. 

Nr. 20 (zu S. 475) : ,,Die Kulturhistoriker machen uns darauf aufmerk- 
sam, daß die ältesten historischen Skulpturen ein ähnliches Prinzip be- 
folgen (wie die Traumdeutung), indem sie die Ranggröße der dargestellten 
Personen durch die Bildgröße zum Ausdrucke bringen. . . . Bin Bildwerk aus 
der Römerzeit wird sich zu demselben Zwecke feinerer Mittel bedienen. 
Es wird die Figur des Imperators in die Mitte stellen, ihn hoch aufgerichtet 
zeigen, besondere Sorgfalt auf die Durchbildung seiner Gestalt verwenden, 
die Feinde zu seinen Füßen legen, ihn aber nicht mehr als Riesen 
unter Zwergen erscheinen lassen. Indes ist die Verbeugung des Unter- 



532 Otto Rank. 

gebenea vor seinem Vorgesetzten in unserer Mitte noch heute ein 
Nachklang jenes alten Darstellungsprinzips." (Tr. S. 369.) 

Nr. 21 (zu S. 476): Über den Vogel als Phallussymbol vgl. man 
A. Maeder, Essai d'interpritation de quelques r^ves (Archives de Psy- 
chologie, Tome VI, 24) sowie bei Selig mann (Der böse Blick und Ver- 
wandtes, Berlin, 1910) besonders die Vorstellimg des geflügelten Phallus. 
Dazu auch Freud, Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci 
(Deuticke 1910), S. 22 und 59. 

Nr. 22 (zu S. 487) ; Für die Deutung dieser Märchen im Sinne der 
Masturbation spricht die allzu durchsichtige symbolische Einkleidung. In 
dem einen wird der Finger des Mädchens von der Berührung des himmli- 
schen Feuers in dem verbotenen Zimmer golden gefärbt und daran er- 
kennt die Jungfrau Maria, daß das Kind gesündigt hat. In „Fitchers Vogel" 
bekommt das Mädchen außer dem Schlüssel ein Ei, welches beim Ein- 
tritt in den verbotenen Raum blutig gefärbt wird und so die Sünderin 
verrät. Es sei noch erwähnt, daß der Träumerin diese Märchen von ihrer 
Beschäftigung mit den Kindern her wohlbekannt sind, daß ihr aber spontan 
keines außer Blaubart einfällt. Die im Traume vorkommenden, mit der 
Märchensymbolik identischen Sexualsymbole wie Vogel, Ei, Schlüssel usw. 
entstammen also nicht bewußten Reminiszenzen, sondern dem unbewußt- 
menschlichen Gemeingute. 

Nr. 23 (zu S. 491) : Neben dem ganzen Komplexzusammenhange 
spricht für diese Auffassung die Bedeutung der auch inhaltlich eng zu den 
Ähren gehörigen Schürze, welche in der tiefsten Traumschichte im Sinne 
des Volksaberglaubens (Aufgehen der Schürze = Untreue), der Sprache 
(Schürzenjäger) und in archaischer Auffassung (primitive Kleidung: Feigen- 
blatt, Schurz) zunächst als Verhüllung, dann als Symbol des weiblichen 
Genitales verwendet ist. Eine dazugehörige vorbewußte Reminiszenz 
führt auf einen boshaften Scherz, den sich die Träumerin zur Zeit ihrer 
ersten Verlobung in Wien mit einem ihrer zahlreichen und sehr zudring- 
lichen Verehrer erlaubt hatte, indem sie ihm in sein Bureau einen Brief 
mit der Aufschrift: ,,An den Herrn Schürzenjäger" schickte. Mit ihrem 
ersten Bräutigam hatte sie das Verlöbnis gelöst, weil er sich als Schürzen- 
jäger entpuppt hatte. 

Nr. 23 a) (zu S. 507) : Die tiefste Beziehung dieser Schürzensym- 
bolik erhellt aus dem homosexuellen Sinn des Traumes, in welchem ja 
die Träumerin selbst als „Schürzenjäger" auftritt. Zu dieser männlichen 
Rolle vgl. Adler, Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in 
der Neurose; Fortschritte d. Mediz. 1910. 

Nr. 24 (zu S. 499) : Dem Mythus, der Sage, dem Volksglauben und 
der Sprache ist die Analogisierung von Regen und Harn völlig vertraut. 
So bemerkt Ehrenreich (Die allg. Mythologie, Leipzig 1910, S. 140) 
bezüglich des Regens, daß er ,, auffallend häufig als Exkret (Harn, Schweiß, 



Ein Traum, der sich selbst deutet. 



533 



Speichel) eines himmlischen Wesens gefaßt" werde. Eine von F. Boas 
(Indianische Sagen, S. 174) mitgeteilte Sage der Tlatlasikoalaindianer 
erklärt die Entstehung der Seen und Flüsse durch das Wasserabschlagen 
eines Menschen. In einer andern Sage (S. 238) entsteht beim Harnen einer 
Frau ein großer Fluß. Beweisend für die völkerpsychologische Grundlage 
der in unserem Traume verwerteten Symbolisierung des Urinierens durch 
Regnen ist ein Hinweis Goldzihers (Der Mythos bei den Hebräern, S. 89) 
auf die etymologische Abkunft des arabischen Gewitter- und Regengottes, 
dessen Name, Kuzah, von der Bedeutung urinieren abgeleitet ist, welches 
(speziell in bezug auf Tiere) dem entsprechenden Verbum eigen ist. „Das 
Regnen ist hier im Mythos als ein Urinieren aufgefaßt, was Kennern der 
mythologischen Phraseologie nicht fremdartig klingen wird. Dieser Umstand 
regt dazu an, das hebräische Wort bül = Regen, dann Regenmond, m Ver- 
bindung zu bringen mit arabisch bäla, jabalu, was urinieren bedeutet." — 
Zu erwähnen ist schließlich noch, daß in vielen Gegenden und in gewissen 
Volksschichten das Regnen wie das Urinieren mit dem Ausfirucke „schiffen" 
bezeichnet wird und daß diese Symbolik auch in zahlreichen zweideutigen 
Witzen Verwertung gefunden hat. 

Nr. 25 (zu S. 501) : Im Hinblicke auf gewisse von der Traumarbeit 
häufig verwertete sprachliche Anklänge (z. B. urinieren — ruinieren) 
ist die Vermutung nicht gänzlich abzuweisen, das für den Traum so be- 
deutungsvolle Lila spiele im Wiederbelebung infantiler Wortspielereien 
auf das kindliche lulu an, das allgemein zur Bezeichnung des Urnierena ge- 
bräuchlich ist. Auch die Träumerin hat diesen Ausdruck gebraucht und 
lange Zeit keinen andern für das kleine Geschäft gekannt. Als sie einst 
von einer Dienstgeberin den Auftrag erhielt, das Kind „wischerin" zu 
führen, wußte sie nicht, was damit gemeint sei und genierte sich des- 
halb sehr. An diese Szene erinnert auffällig ein Nachtragsdetail des ersten 
Traumes, wo sie mit dem Kinde an der Hand zur Königin in das verun- 
reinigte Luluzimmer (zimmerrein) geht, dessen gelbe Farbe nun auch nicht 
mehr zufällig erscheint. Das Kind verschwindet dann plötzUch und sie 
hat den Eindruck, als führe es das Stubenmädchen weg, das ja die Zimmer 
rein macht (Hotel). Daß sich das Kind — eine Personifikation der infantilen 
Träumerin selbst zur Zeit, als sie noch unrein war — mit dem Verschwinden 
der Bestrafung durch die Mutter entzieht, ist durchsichtig; es hat jedoch 
anderseits den Anschein als verschwände es aufs Klosett (das Stuben- 
mädchen führt es weg, wie sie selbst das Kind wischerin führen sollte), 
denn die nächste Szenerie ist ja das Lila- (Lulu-) Zimmer, in welches immer 
nur einer nach dem andern hinein kann und das dabei stets auf- und zuge- 
sperrt werden muß. - Zu dieser Klosettptantasie, die vielleicht auch mit 
dem Masturbationskomplex in Beziehung steht, vergleiche die „Toilette" 
(i. e. Klosett) im Rosazimmer, wo der König überrascht wird. 

Nr. 26 (zu S. 500): Winckelmann (Alte Denkmäler der Kunst) 
glaubt daß die Ausdrücke xrjjiog Garten, Aet/^cov Wiese, jiediov Feld, wo- 
rüber der Aphrodite als Göttin der Liebe die Aufsicht zugeschrieben wurde, 

Jahrbuch für psyohoanaljt. u. psyohopathol. Forschungen. II. 



534 Otto ßank. 

einen ganz andern Sinn haben, da sie auch im Scherze für die weiblichen 
Genitalien gebraucht wurden. 

Nr. 27 (zu S. 493, 502 und 507) : Dem Liegen auf der Erde wohnt hier 
zweifellos auch eine symbolische Bedeutung inne und man braucht sich 
nur einzelner besonders auffälliger Verwendungen dieses dem ganzen 
Altertume geläufigen Symbols zu erinnern, um dessen Sinn für unseren 
Traum sogleich zu verstehen. So ist von Julius Cäsar ein Traum vom 
geschlechtlichen Verkehr mit der Mutter überliefert, den die Traumdeuter 
als günstiges Anzeichen für die Besitzergreifung der Erde (Mutter-Erde) 
auslegten. Ebenso bekannt ist das den Tarquiniern gegebene Orakel, dem- 
jenigen von ihnen werde die Herrschaft Roms zufallen, der zuerst die 
Mutter küsse (osculum matri tulerit), was Brutus als Hinweis auf die 
Mutter Erde auffaßte (terram osculo contigit, scilicet quod ea com- 
munis mater omnium mortalium esset. Livius I., LVI.). Die Vorstellung 
der Mutter Erde findet sich außer bei den indoarischen Völkern (Inder, 
Griechen, Germanen) auch bei den Indianern Nordamerikas, welche sie 
geradezu „das horizontal liegende Weib" nennen (Ehrenreich, Die 
allgemeine Mythologie und ihre ethnologischen Grundlagen-, Leipzig, 1910). 
Zur Symbolik der Erde vgl. man auch Aigremont, Fuß- und Schuh- 
Symbolik und -Erotik. 

Auch in der Neurotik spielt diese (unbewußt) symbolische Vor- 
stellung ihre Rolle und Freud konnte kürzlich den Angstanfall eines 
Patienten, den dieser bei einer Erdarbeit (Beschäftigungstherapie) bekam, 
als die Sonne ihn beschien, nach den eigenen Angaben des Kranken dahin 
deuten, daß er Angst vor dem zusehenden Sonnen-Vater hatte, der ihn beim 
Herumarbeiten in der Mutter-Erde überraschte. Das ethnologische Gegen- 
stück dazu findet sich bei den Indianern Nordamerikas, deren Widerstand 
gegen die Pflugkultur sich nach Ehrenreich (a. a. 0.) daraus erklärt, 
daß sie sich scheuen, die Haut der Erdenmutter zu verletzen. 

Ob im vorliegenden Traume die besondere Hervorhebung „und 
die Sonne schien" einen ähnlichen Sinn hat, möchte ich nicht ent- 
scheiden. Der reale Kern dieser Angabe geht darauf zurück, daß am 
Tage des Spazierganges, der im Trauminhalt reproduziert ist, die Sonne 
prächtig schien. 

Nr. 28 (zu S. 513): Mit Hilfe der „chinesischen" Sexualsymbolik 
wird eine weitere Bedeutung der Lilafarbe verständlich, für die das 
Mädchen auch in Wirklichkeit schwärmt. Was lila ist, das ist (im Traume) 
chinesisch^ also bisexuell, wie das Zimmer. Wie Lila eine Mischfarbe 
ist, so bedeutet das Chinesische für die Träumerin das Gemischtgeschlecht- 
liche; sie gibt auch direkt zu, ihr Interesse für alles Chinesische beruhe 
auf dem „gemischtgeschlechtlichen" Eindrucke, den die Vertreter dieser 
Rasse auf sie machen. Der Vogel mag also seine stilvolle Lilafärbung 
dem Umstand zu verdanken haben, daß bei vielen Vogelarten tat- 
sächlich Männchen und Weibchen schwer voneinander zu unterscheiden 
smd; wo sie aber von Natur aus unterschieden sind, da ist das Männchen 



Ein Traum, der sich selbst deutet. 535 

gewölinlicli durch einen auffallenden Schwanz gekennzeichnet. Dieser „lange 
Schwanz" entspricht dem langen auffälligen Zopfe der Chinesen, der im 
Traume durch die lange chinesische Schleppe ersetzt ist. Das Heran- 
fliegen des Vogels von rückwärts erinnert an die Verwechslung der 
Kosazimmer, die von außen (rückwärts) gleich aussehen, und an den 
König, der von rückwärts gesehen nicht als Mann zu erkennen ist. 
Neben dieser schwierigen Geschlechtsunterscheidung machte der Träumerin 
als Kind, wie auch zum Teil heute noch, das Verständnis der Zeugungs- 
und Geburtsvorgänge bei den Hühnern (siehe den Traumnachtrag Nr. 5) 
Schwierigkeiten, bei denen auch das Männchen durch einen auffallenden 
Schwanz vom Weibchen absticht. 



C. Zur Theorie. 

Nr. 29 (zu S. 471 und 503): „Alle Träume derselben Nacht gehören 
ihrem Inhalte nach zu dem nämlichen Ganzen; ihre Sonderung in mehrere 
Stücke, deren Gruppierung und Anzahl, all das ist sinnreich und darf als 
ein Stück Mitteilung aus den latenten Traumgedanken aufgefaßt werden." 
(Tr. S. 241.) 

Nr. 30 (zu S. 476) : „Dieses Moment sucht aus dem ihm dargebotenen 
Material etwas wie einen Tagtraum zu gestalten. Wo aber ein solcher 
Tagtraum bereits im Zusammenhange der Traumgedanken gebildet ist, 
da wird dieser Faktor der Traumarbeit sich seiner mit Vorliebe bemächtigen 
und dahin wirken, daß er in den Trauminhalt gelange." (Tr. S. 305.) Im 
vorliegenden Falle gelingt das besonders gut, weil der größte Teil des un- 
bewußten Materials, das zum Inhalte der Tagträume nicht paßt, in den 
zweiten Traum verwiesen werden kann. — Das Mädchen ist übrigens nach 
eigenem Geständnis eine leidenschaftliche und unermüdliche Tag- 
träumerin. 

Nr. 31 (zu S. 476) : Es ist der Hervorhebung wert, daß die Traumarbeit 
auch durch das entgegengesetzte Ergebnis der ,, sekundären Bearbeitung", 
das also eine besonders absurde Traumfassade liefert, die gleiche Ab- 
wendung der bewußten Kritik des Träumers zu erreichen weiß, die sich 
dann in dem Urteile: Der Traum ist ja ganz unsinnig usw., äußert. 

Nr. 32 (zu S. 492) : Man erkennt hier, wie die rezenten Nikolophantasien, 
welche den unmittelbaren Anstoß zum ersten Traume geben, durch die 
damit verbundene vorwurfsvolle Erinnerung an den unziemlichen Abschied 
im Sommer zur oberflächlichen Fassade des zweiten Traumes hinführen. — 
,,Der Traum kann sein Material aus jeder Zeit des Lebens wählen, wofern 
nur von den Erlebnissen des Traumtages (den ,, rezenten" Eindrücken) 
zu diesen früheren ein Gedankenfaden reicht." (Tr. S. 118.) — „Die traum- 
erregende Quelle muß nicht jedesmal ein rezentes Ereignis sein. Der 
Traumerreger kann ein innerer Vorgang sein, der gleichsam durch die 
Denkarbeit am Tage rezent geworden ist." (Tr. S. 127.) 

c5» 



536 Otto Rank. 

Nr. 33 (zu S. 491): Ebenso verläßlich für die Aufspürung tieferer Zu- 
sammenhänge sind jedoch die dem individuellen Witz und Scharfsinn 
des Träumers entspringenden oberflächlichen Assoziationen. So steht z. B. 
im vorliegenden Traume das Abreißen {der Ähren) mit dem Abreisen 
(der Königin, eigentlich der Träumerin) nicht nur in einer klanglichen 
Beziehung, sondern es führt vom ,,Ausreißen" (der Ähren) eine tiefere 
Assoziation zur Abreise der Träumerin, die ihrer Mutter tatsächlich (ohne 
Abschied) „ausgerissen" ist und zwar wegen der drückend empfundenen 
Einschränkung ihrer (Sexual) Freiheit (Ährenabreißen; Verbot). 

Es ist übrigens für die Feinheit der Traumstruktur bezeichnend, 
daß sowohl vom Abreißen als vom Abschneiden der Ähren die Rede ist. 
Das Abreißen oder Ausreißen gehört zu den Ähren und symbolisiert die 
Masturbation, während das Abschneiden zur Ehre gehört, welche die 
moralische Seite des Komplexes repräsentiert. — In der Traumdeutung 
(S. 134) ist an demselben Beispiele (reisen — reißen) gezeigt, welch ernst- 
hafte Beachtung das im Sprachgebrauche noch unsichere Kind solchen 
Gieichklängen schenken muß. 

Nr. 34 (zu S. 510); Im Verlaufe der Deutung hat sich wiederholt — 
wie kritische Leser meinen werden, allzuoft — die Nötigung ergeben, ein- 
zelne im. Traume auftretende Personen mit der Träumerin selbst zu indenti- 
fizieren, um zu einem tieferen Verständnis der Traumgedanken zu gelangen. 
Wer sich daran stoßen sollte, daß während unserer Analysenarbeit fast 
keine der Traumfiguren von dieser Reduktion auf die Träumerin selbst 
verschont geblieben ist, dem sei ausdrücklich gesagt, daß ja eine der selbst- 
verständlichsten Voraussetzungen jeder Traumpsychologie die Einsicht 
sein wird, daß alle im Traume auftretenden Personen ein Stück der eigenen 
Individualität, des persönlichen Seelenlebens des Träumers selbst repräsen- 
tieren. Dieser Erkenntnis widerspricht keineswegs die Tatsache, daß diese 
Personen daneben im Traume auch ein Stück realer Bedeutung reproduzieren 
können. Nehmen wir doch gar nicht Anstoß daran etwa in einem historischen 
Drama die Verkörperungen realer Persönlichkeiten mit Empfindungen 
und Worten des Dichters ausgestattet zu sehen. 

Nr. 35 (zu S. 484 und 485) : Es muß darauf hingewiesen werden, daß 
eine solche hypothetische Annahme der Aufklärung unbewußter Seelen- 
vorgänge als völlig rückhaltlose Anerkennung angesehen werden darf. „Das 
könnte schon möglich sein" — heißt: Ja, es ist so. Eine direkte Zustimmung 
wird man aus dem Unbewußten nicht erwarten dürfen. 

Nr. 36 (zu S. 498 und 507) : Die Verschiebung derartiger peinlicher 
Erinnerungen auf die Geschwister scheint typisch zu sein (vgl. Freud, 
Bruchstück einer Hysterieanalyse, S. 49 und 64). 

Nr. 37 (zu S. 511): Auf diese doppelt erlebte Szene, wo sich die 
beiden eiteln Jünglinge im Spiegel beschauten, scheint es zurückzugehen, 
daß auch der König des Traumes zweimal (sowohl im Toilettezimmer 
wie vor der Abreise im gelben Zimmer) in den Spiegel sieht. 



Ein Traum, der sicli selbst deutet. 537 

Nr. 37 a (zu S. 512): Es hätte viel Verlockendes, alle Wiederholungen, 
Vervielfältigungen (Verdoppelungen) und Stereotj^pien des Traumes auf 
die im Traume wiederholt angestrebte und schließlich auch mehrmals 
erreichte Sexualbefriedigung zurückzuführen. 

Nr. 38 (zu S. 507): Vgl. Sexualtheorie S. 9 die Bemerkung, daß» die 
aktiv invertierten Weiber besonders häufig somatische und seelische Cha- 
raktere des Mannes an sich tragen. — Bei unserer Träumerin fehlt jedes 
somatische Anzeichen der Männlichkeit, wohl aber zeigt sie einige psychische 
Besonderheiten, die man als männliche bezeichnen muß. Trotzdem ist ihre 
Inversionsneigung als eine latente (unbewußte, verdrängte) anzusehen, 
wie sie auch auf Befragen angibt, daß sie wohl ,, gerne schöne weibliche Bild- 
nisse (Weibsbilder!) sehe", daß ihr aber in Wirklichkeit selten ein Weib 
sympathisch sei. Sie hat auch seit Jahren schon keine Freundin und verkehrt 
lieber mit jungen Männern in freundschaftlich-kameradschaftlicher Weise, 
was zwar den Anschein der vollwertigen Heterosexualität erweckt, dem 
Einsichtigen aber wieder nur ihre Inversionsneigung verrät. 

Nr. 39 (zu S. 508) : Auch in dieser Äußerung bricht wieder nur ihre 
Inversionsneigung durch. 

Nr. 40 (zu S. 508) : Die Vorliebe der Träumerin für maskuline Kleidung 
betrifft hauptsächlich das Aufsetzen von Männerkappen und besonders von 
Uniformmützen. Sie hat auch im vergangenen Sommer die Soldatenkappen 
ihres früheren Bräutigams, ihres Bruders sowie ihres Vetters probiert. 
Sie meint, dieser „Kappenfetischismus" gehe darauf zurück, daß sie "schon 
als kleines Kind immer mit Ungeduld die Heimkehr des Vaters erwartet 
hatte, um seine Beamtenmütze aufzusetzen. Wir müssen daraus auf eine 
schon frühzeitig zum Vorschein gelangte ,, Männlichkeit" schließen, die sich 
in Identifizierungswünschen auf den Vater äußert. Eine solche Identifi- 
zierung ist aber nur auf Grund einer intensiven Verliebtheit in die be- 
treffende Person denkbar. Anderseits hat aber diese Identifizierung mit dem 
Vater offenbar den Sinn, seine (männliche) Eolle bei der Mutter zu spielen, 
was wieder eine erotische Neigung zu dieser voraussetzt. Wir müssen uns 
also die Träumerin ursprünglich in beide Teile des Elternpaares übermäßig 
verliebt denken, bevor ihre einseitige Verdrängung der Mutterliebe und 
ihre Einstellung nach dem Typus des feminen Ödipuskomplexes erfolgte. 
Sie ist tatsächlich das Kind, das die Frage, welchen Elternteil es lieber habe, 
mit der Verliebtheit in beide Teile löst. Darin haben wir die ursprüng- 
lichste Äußerung ihrer bisexuellen Gefühlsrichtung zu erblicken. 

Nr. 41 (zu S. 521) : Besonders deutlich ist das z. B. bei den Pollutions- 
träumen vom geschlechtlichen Verkehr mit der Mutter, die Freud unter 
den typischen Träumen eingehend besprochen hat (Tr. S. 175 ff.). Der 
Sexualakt als solcher ist dabei, wie bei den Pollutionsträumen überhaupt, 
ein autoerotischer (masturbatorischer) , begleitet von der unbewußt ge- 
wordenen Masturbationsphantasie der Knabenjahre, welche den Ge- 
schlechtsakt mit der Blutter zum Inhalte hatte. 



538 Otto Rank. 

Nr. 42 (zu S. 499): Das Mädchen weist einen selten schön ausge- 
prägten „Analcharakter" mit einem besonders betonten Reinlichkeits- 
komplex auf (Badeanstalt, rosa Waschgarnitur usw.). Vgl. Freud, 
Charakter und Analerotik (Sammlung kl. Schriften, 2. Folge). 

Nr. 42 a) (zu S. 480 und 515) : Die dem Analcharakter ursprünglich 
zugrunde liegende Analerotik verrät sich neben den im Trauminhalte 
angedeuteten koprophilen Neigungen auch noch durch eine entferntere 
Beziehung. Es ist doch auffällig, daß im Traume hervorgehoben wird, die 
Mutter habe das Mädchen mit der Rute ins Gesicht geschlagen, da doch 
derartige Strafen gewöhnlich dem entgegengesetzten Körperteile zugedacht 
sind. Da nun Schläge auf die Nates seit Rousseaus berühmtem Be- 
kenntnisse als exquisit (anal-) erotische Befriedigung anerkannt sind, so 
wird uns die Tatsache, daß in dem vielfach verkehrten Trauminhalte 
auch dieser Körperteil durch seinen Gegensatz vertreten ist, als Verdrän- 
gungserscheinung der masochistisch-analen Lustempfindung verständlich. 
Allerdings ist der Träumerin auch die chinesische Prügeljustiz bekannt, 
die Rutenschläge ins Gesicht vorschreibt. 

Nr. 43 (zu S. 499) : In einem Aufsatze: Analerotik und Analcharakter 
(Heilkunde 1910) hat Sadger auf die bei älteren Frauen nicht seltene 
analerotische Wurzel des nicht minder häufig exhibitionistisch bedingten 
Aufhebens der Röcke hingewiesen. — Auch in einem*seiner Fälle spielt die 
Furcht vor dem Einregnen der Kleider mit. 

Nr. 44 (zu S. 497): fAuf den Zusammenhang des unmäßigen 
,, brennenden" Ehrgeizes, der sich im Phantasieleben unserer Träumerin 
verrät, mit früherer Enuresis hat Freud in seiner Studie über den Anal- 
chacakter hingewiesen. Dieser Ehrgeiz der Enuretiker entspringt offenbar 
der Tendenz, die wegen des Kindesfehlers stets gefürchteten Blamagen 
durch die Ehrung für hervorragende Leistungen zu kompensieren. 

Nr. 45 (zu S. 51 6) : Es liegt auf der Hand, daß nicht dieses Ereignis 
die Umwandlung ihrer Grausamkeit in Mitleid bewirkte, sondern daß der 
,, Verdrängungsschub der Pubertät", der das bei der Träumerin übergroß 
anzunehmende Stück Männlichkeit wegschafft (Sexualtheorie, S. 26), 
bereits eingesetzt hatte und daß schon die mißlungene Schlachtung des 
Huhnes ein Anzeichen dieser Wandlung war. Über die Verwandlung der 
ursprünglich aktiv-sadistischen Triebrichtung in die passiv-masochistische 
durch Entziehung libidinöser Besetzung, die unter den normalgeschlecht- 
lichen Entwicklungsanforderungen der Pubertät erfolgt, vgl. meine Arbeit: 
Der Künstler; Ansätze zu einer Sexualpsychologie, 1907, S. 42 und 30. 

Nr. 45 o) (zu S. 496) : Mit diesen Umwandlungsvorgängen dürfte es 
vielleicht zusammenhängen, daß dem Mädchen gerade nur die Prügelstrafe 
aus dieser Zeit in nachhaltiger Erinnerung geblieben ist. 

Nr. 46 (zu 8. 517): Sie gibt sogar zu, einmal im Zorne mit der Hand 
zum Schlage nach der Mutter ausgeholt zu haben. — Zum sadistischen 
Komplexe gehört noch die Reminiszenz der Träumerin, daß sie als Kind 



Ein Traum, der sich selbst deutet. 539 

den Begattungsakt der Hiiliner für ein Raufen gehalten habe (etwas Typi- 
sches) und der Umstand, daß sie auf ihre masturbatorische Objektbefriedi- 
gung (Vater- und Mutterspielen) durch Raufen gekommen war. (Vgl. 
dazu die „sadistische Auffassung des Koitus". Freud: Kleine Schriften 
II, 8. 169). Auch die eindrucksvolle Wirkung der Oper: Ariadne und 
Blaubart sowie der Unterwürfigkeitsszene aus Geisha beruht auf 
sadistisch-masochistischen Triebregungen. — Zur Vereinigung dieser beiden 
Befriedigungsmöglichkeiten in derselben Person vgl. Rank: ,,Der 
Künstler", S. 31. 

Diee Vorliebe des Traumes für die Verwertung wirklich gesehener 
Bühnenbilder (vgl. auch das Kinderfräulein aus ,, Hasemanns Töchter", 
Nachtrag Nr. 1 a) zur Darstellung entsprechender Traumgedanken 
erklärt sich aus der Eigenart der dem Träumer gestellten Aufgabe sowie 
der Beschränktheit der ihm zur Verfügung stehenden Darstellungs- 
mittel. Die Nötigung zu sinnfälliger Darstellung der Traumgedanken 
zeigt sich auch in der Rückkehr zu der ursprünglich ganz konkreten 
dinglichen Auffassung gewisser, später zur bloßen Redensart herab- 
gesunkener Vorstellungen, wie „mit jemand Kirschen essen", „jemand 
etwas unter die Nase reiben" = ihm Vorwürfe machen usw. 

Nr. 47 (zu S. 513) : Auf ausdrückliches Befragen gibt dieTräumerin zu, 
in Bauchlage aus dem Traum erwacht zu sein. Diesen Umstand wird 
man natürlich nicht im Sinne der Leibreiztheoretiker so auslegen dürfen, 
als sei das Mädchen während des Schlafes zufällig in die Bauchlage geraten 
und die dadurch eventuell bedingte Reizung der äußeren Genitalien habe 
die Pollution und das ihr entsprechende Traumbild hervorgerufen. Die 
richtige, durch eine psychologische Traumanalyse begründete Auffassung 
ist vielmehr die Annahme der ursprünglichen libidinösen Erre- 
gung, derzufolge sich das Mädchen im Schlaf zustande in die infantile 
Masturbationslage begibt und die auch die — infantil bedingten — Traum- 
bilder auslöst. 

Nr. 48 (zu S. 487 und 519) : Freud hat auch auf die kulturhistorische 
Bedeutung dieser Schichtung des Seelenlebens hingewiesen. Als besonders 
instruktives völkerpsychologisches Beispiel dieser Art vergleiche man in 
Grimms Kinder- und Hausmärchen die beiden erwähnten Erzählungen 
vom Marienkinde und Fitchers Vogel, die bezüglich ihrer sexual- 
symbolischen Verhüllung und Deutlichkeit in einem analogen Verhältnis 
wie unsere beiden Traumstücke stehen. 

In diesen Zusammenhang gehört die charakteristische Mitteilung 
des überaus häufig und sehr deutlich und lebhaft träumenden Mädchens, 
sie habe im großen und ganzen überhaupt nur zweierlei Träume: so schöne, 
poetische und meist auch blumenreiche nach Art des ersten Traumes 
und dann ,, Träume der zweiten Art". Auf Grund unserer Analyse dürfen 
wir wohl diese scheinbare Gegensätzlichkeit ihres Traumlebens dahin auf- 
lösen, daß sie eigentlich, wie übrigens andere Frauen auch, nur einerlei, 
nämlich grob-sexuelle Träume, allerdings in verschieden geglückter Ver- 



540 Otto Rank. 

Mllung, produziere. Daß auffällig harmlose Träume besonders Anstößiges 
zu verbergen haben, hebt Freud wiederholt hervor (Tr. S. 129, 249). 

Nr. 49 (zu S. 523): Es ist dies nach Freud ein häufiger Typus, die 
sogenannten „biographischen Träume". 

Nr. 50 (zu S. 519^und 523) : Aus der Analyse einer größeren Anzahl 
von Träumen Erwachsener gewinnt man den Eindruck, daß viele, ins- 
besondere die reichhaltigen Träume mit der gegengeschlechtlichen Be- 
deutung allein nicht voll aufgelöst sind, sondern wie das hysterische Symptom 
oft ihren tiefsten Sinn aus dem gleichgeschlechtlichen Gefühlsleben schöpfen, 
also bisexuell sind. Allerdings auch mit der von Freud (Kl. Sehr. II, 
S. 144) für das hysterische Symptom geltend gemachten Einschränkung, 
daß dies weder für alle Träume eines Menschen, noch für jeden Traiim 
überhaupt zu fordern sei. Es finden vielmehr auch hier, neben zahlreichen, 
„bisexuellen" Träumen, häufig genug die entgegengesetzt geschlechtlichen 
(homosexuellen) Regungen gesonderten Ausdruck in einem eigenen Traume. 



Phantasie und Mythos. 

(Vornelimlicb vom Gesichtspunkte der „funktionalen Kategorie" aus 

betrachtet.) 

Von Herbert Silberer. 



Vorwort. 

Zwischen der Individualpsychologie und der Völkerpsychologie 
bestehen gewisse innige Beziehungen, welche es gestatten, . Prinzipien, 
die man aus der ersteren gewinnt, auch auf die zweite und umgekehrt 
anzuwenden. Gesetze, welche die Bildung und den Ablauf von 
Ideen, Entwicklungen und Äußerungen von Trieben, Hemmungs- 
erscheinungen, Gewohnheiten, Charakterbildung, Erziehung, Ge- 
sohmacksbildung usw. beim Individuum betreffen, lassen sich in 
äquivalenten Erscheinungen der Volkspsyche, als da sind: Zeitgeist, 
Volkswille, allgemeines Vorurteil, Sitte, herrschender Geschmack, 
Kunstrichtung usf., mehr oder minder genau nachweisen. 

Als mir vor einigen Jahren die merkwürdigen Entdeckungen 
Freuds, welche die sogenannte „Nachtseite" des Seelenlebens an- 
gehen, bekannt wurden, fand ich die Aufgabe sehr verlockend, nach 
den völkerpsychologischen Äquivalenten der von dem genannten For- 
scher für die Individualpsychologie gefundenen Ergebnisse auszuspähen. 
Vor allem schienen mir die Begriffe der „Verdrängung" und des damit 
zusammenhängenden ,, Widerstandes" für eine Bearbeitung der Völker- 
psychologie nach Freudscher ,,psycho-analy tischer" Methode sich als 
fruchtbar anzukündigen. Es schien mir nämüch, daß insbesondere 
in der Entwicklung der wissenschaftHchen Anschauungen beständig 
Verdrängungen stattfänden, indem das der jeweiligen akademischen 
Ansicht Unbequeme gerne in ein künstUches Vergessen gesperrt werde, 
und daß sich, wenn das so Verdrängte dennoch wieder irgendwie an- 
geregt wird, alsbald Angstgefühle einstellten, welche, mit heftigen 
Widerständen gepaart, den Status quo zu verteidigen trachteten. Gar 
häufig verfalle der wissenschafthche Organismus dann in eine über- 
1 5 * 



542 Herbert Silberer. 

triebene Abwehr, welche den entsprechenden symptomatischen Zwangs- 
handlungen der Abwehmeurosen gleichkämen. Auch fänden Kompromiß- 
bildungen statt, indem sich die verdrängten Komplexe eben doch unter 
gewissen Verkleidungen durchsetzten, indem sie sozusagen die aka- 
demische Farbe als Schutzfärbung annähmen (mimicry). — Ein ganz 
analoger Vorgang sei auch im politischen Getriebe, in der Religionen- 
entwicklung, im. Kunstleben usw. deutlich zu beobachten. 

Mittlerweile haben einige Autoren, wie Riklin, Abraham und 
Rank, die Bearbeitung eines anderen Teiles der völkerpsychologischen 
Erscheinungen mit Glück begonnen; und indem ich mich anschicke, 
auch einen bescheidenen Beitrag zu dieser Arbeit zu liefern, verlasse 
ich die oben erwähnte Richtung^) und begebe mich auch auf das Gebiet, 
das die Genannten betreten haben. Meine Ausführungen knüpfen, wo 
es angängig und nützhch erscheint, an die Ergebnisse meiner Vorgänger 
an, um von deren interessanten Funden zu profitieren. 

Die Arbeiten, auf welche im Laufe meiner Studie in dieser Weise 
zurückgegriffen wird, sind in erster Linie: 

Dr. Franz Riklin: „Wunscherfüllung und Symbolik im 

Märchen." Leipzig und Wien, 1908 (F. Deuticke). 

Dr. Karl Abraham: „Traum und Mythus." Leipzig und 

Wien, 1909 (F. Deuticke). 

Die Kenntnis dieser Schriften wird natürlich dem Leser meiner 
Studie große Dienste tun. Unbedingt setze ich aber lerner eine gewisse 
Vertrautheit mit den Abhandlungen von Sigmund Freud voraus. 
Lesern, welche mit den epochemachenden Arbeiten dieses Autors — 
des Champollion der Hieroglyphen im Seelenleben — nicht bekannt 
sein sollten, möchte ich zur ersten Information seine kleine summarisch 
gehaltene Schrift: 

S. Freud: „Über Psychoanalyse." Fünf Vorlesungen, 

gehalten zur 20jährigen Gründungsfeier der Clark üniversity 

in Worcester Mass. — Leipzig und Wien, 1910 (F. Deuticke) 
angelegenthchst empfehlen. 

Als sehr zweckmäßig wird sich ferner die Lektüre von 

Dr. C. G. Jung: „Über die Psychologie der Dementia 

praecox". HaUe a. S., 1907 (C. Marhold) 
erweisen, namentlich zum Verständnis der „Komplex"-Mechanismen, 
von denen vielfach die Rede sein wird. 



1) Auf die ich vielleicht ein andermal zurückkommen werde. 



Phantasie und Mythos. 543 



I. Das funktionale Phänomen. 

Alle jene psychischen Erscheinungen, bei welchen Bewußtseins- 
inhalte in die anschauliche Form von Bildern, bildmäßigen Handlungen 
und Phantasien gegossen werden, können durch ihre Symbohk sowohl 
Gedankeninhalte (gedachte Wünsche beziehungsweise deren Be- 
friedigungserlebnisse, gedachte abstrakte Begriffe usf.) ausdrücken, 
als auch den Zustand und die Tätigkeit des denkenden Bewußtseins 
selbst zur Darstellung bringen; mit anderen Worten, sie können sowohl 
das Gegenständliche oder Materiale als das Formale oder Funktionale 
der Bewußtseinsoperationen bildmäßig abmalen. Man kann im ersteren 
Falle von der ,,materialen", in dem zweiten von der ,, funktionalen" 
Kategorie der Phänomene sprechen. 

Diese Unterscheidung mag, streng genommen, etwas oberflächlich 
sein. Nichtsdestoweniger ist sie geeignet, einen ganz brauchbaren Führer 
zur Auffindung gewisser eigentümhcher Beziehungen der Symbohk 
zu ihrem Gegenstande abzugeben. Ich stellte die Einteilung symboh- 
sierender Phänomene in die materiale, die funktionale (und die soma- 
tische) Kategorie gelegentlich einer kleinen Studie über gewisse 
hypnagogische Halluzinationen auf, welche ich ,,autosymbohsche" 
nannte^). Die Definition der beiden diesmal in Betracht kommenden 
Kategorien lautete dort: 

,,I. Materiale Phänomene (Inhaltsphänomene) nenne ich 
diejenigen Erscheinungen, welche in der autosymbolischen Darstellung 
von Gedankeninhalten bestehen, d. h. von Inhalten, welche in einem 
Gedankenverlaufe bearbeitet werden, seien sie nun bloße Vorstellungen 
oder Vorstellungsgruppen, Begriffe, die etwa zu Begriffsvergleichungen 
und zu Definitions Vorgängen herangezogen werden, oder aber Urteile, 
Schlußfolgen, die analytischen oder synthetischen Operationen dienen usf. 

,,II. Funktionale Phänomene (Leistungsphänomene) nenne 



') „Berieht über eine Methode, gewisse symbolische Halluzinationserschei- 
nungen hervorzurufen und zu beobachten." Gedruckt im Jahrbuch für psycho- 
analytische und psychopathologische Forschungen", Band I, Wien und Leipzig, 
1909 (Deuticke). 



5*4 Herbert Silberer. 

ich diejenigen autosymbolischen Erscheinungen, durch welche der 
Zustand oder die Leistungsfähigkeit des Bewußtseins des Nachdenkenden 
selbst abgebildet wird. Sie heißen funktional, weil sie mit dem Materiale 
der Denkakte, den Inhalten, nichts zu schaffen haben, sondern bloß 
auf die Art und Weise Bezug haben, in welcher das Bewußtsein 
funktioniert (rasch, träge, leicht, schwer, lässig, freudig, erfolgreich, 
fruchtlos, angestrengt usw.)." 

Um von vornherein den Begriff des „funktionalen" Phänomens 
vollkommen anschauhch zu fixieren und vom „materialen" deutlich 
abzugrenzen, sei hier je ein typisches Beispiel eines materialen und 
eines funktionalen Bildes (beides hypnagogische Halluzinationen der 
„autosymbolischen" Art) angeführt. 

^. Materiales Bild. — Ich nehme mir vor, jemandem von der 
Ausführung eines gefährlichen Entschlusses dringend abzuraten; ich 
denke mir, ich werde zu ihm sagen: „Wenn Sie das tun, wird schweres 
Unglück über Sie hereinbrechen." 

Symbol: Ich sehe über ein düsteres Feld unter schwerem Himmel 
drei Reiter, furchtbar anzuschauen, auf schwarzen Rossen daher- 
stürmen. 

B. Funktionales Bild. — Ich denke über irgend etwas nach, 
gerate jedoch, indem ich mich in gedankUche Nebenwege einlasse, 
von meinem eigentlichen Thema ab. Als ich nun zurück will, stellt sich 
die autosymbolische Erscheinung ein. 

Symbol : Ich klettere mitten in Bergen herum. Die näheren Berge 
verdecken meinem Blicke die ferneren, von denen her ich gekommen 
bin und zu denen ich zurückgelangen möchte. 

In dem Falle A wurde durch die autosymboHsche Halluzination 
der Gedankeninhalt (Vorstellung des gewaltsam hereinbrechenden 
Unglücks), in dem anderen die Funktionsart des Bewußtseinsmechanis- 
mus (Verdeckung und Verlust des Hauptgedankens durch assoziative 
Nebenwege) bildMch dargestellt. Die Funktionsart charakterisiert sich 
dem Bewußtsein in den einfachen Fällen zumeist durch ein deutbares 
Gefühl: z. B. das Gefühl der Mühe, des Überdrusses, der Leichtigkeit 
usw., womit jene Gedankenoperation vor sich geht. Wir haben also auf 
der einen Seite den Gedankeninhalt, auf der anderen das Gefühl. Oben 
sagte ich, daß die Einteilung in die erwähnten Kategorien etwas ober- 
flächlich sei. Man kann nämlich hier an C. G. Jungs tiefe Bemerkung 
denken, daß im Unbewußten — also dort wo die Wurzeln sitzen — 



Phantasie und Mythos. 545 

„Gefühle und Begriffe niclit so reinlich gesondert, eventuell sogar 
Eins sind"i). 

Der Begriff der funktionalen Kategorie ist bisher nur auf die 
„autosymbohschen Phänomene" angewendet worden. Es läßt sich 
unschwer zeigen, daß er sich auch auf andere Halluzinations-, Traum- 
Tind Phantasieerscheinungen — ich beschränke mich vorläufig auf die 
Individualpsychologie — erstreckt, wenn auch die funktionale Be- 
ziehung bei der Symbolbildung selten selbständig, sondern viel öfter 
bloß mitbestimmend auftritt. Um den Nachweis für die weite Domäne 
der funktionalen Kategorie (der nicht das eigentliche Ziel der folgenden 
Betrachtungen sein soll) wenigstens anzudeuten, will ich zunächst 
einige Halbschlafphänomene anführen, welche sich von der einfachsten 
Form schon einigermaßen emanzipieren und den Weg zur weiteren 
Durchquerung der erwähnten Domäne weisen. Ich wähle solche Bei- 
spiele, die in der gelegentlich der oben genannten Studie*) mitgeteilten 
Zusammenstellung nicht enthalten waren und dem dort gebrachten 
Beispiel Nr. 12 (von der ,,Thermouhr") am ähnlichsten sind. 

Beispiel Nr. 1. — Bedingungen: Ich werde morgens aufgeweckt, 
habe aber noch einige Minuten Zeit, im Bette hegen zu bleiben. Ich bin 
schläfrig, will aber nicht tief einschlafen, um nicht zu verschlafen. — 
Traumbild im Halbschlaf : Ich habe einen Gegenstand auf einen Kasten 
gelegt; da ich mit den Händen nicht ganz hinaufreiche, habe ich vor- 
sorglich an dem Gegenstande Bänder angebracht, die bis in Reich- 
weite herabhängen; so kann ich den Gegenstand jeden Moment wieder 
haben. — Deutung: Der Gegenstand, den ich auf den Kasten getan, 
ist mein Wachzustand; ich behalte ihn, obgleich er dem unmittelbaren 
Kontakt entzogen ist, in meiner Gewalt, nämlich an den Bändern der 
Aufmerksamkeit oder des Willens, so daß ich ihn zur rechten Zeit wieder 
haben kann. 

Beispiel Nr. 2. — Bedingungen: Wie im Beispiel Nr. 1. Voraus- 
schicken muß ich auch, daß ich mich am Abend vorher mit weichem 
(körnigem) und flüssigem Storax beschäftigt habe, wovon ersterer un- 
durchsichtig und fest (teigig) und im Aussehen etwas heller, letzterer 
aber ein dunkler, wenn auch klarer, durchsichtiger Balsam ist. Ich 
hatte nach dem Wecksignal die Absicht, nicht wieder einzuschlafen, 
geriet aber doch vielleicht in einen etwas tieferen Schlummerzustand, 

') C. G. Jung: ,,Zur Psychologie und Pathologie sogenannter okkulter 
Phänomene". Leipzig 1902 (Oswald Mutze), S. 120. 
^) „Bericht über eine Methode usw." 



5*6 Herbert Silberer. 

als mir lieb gewesen wäre. Als ich — wie durch unbekannte Kraft — 
dann erwachte, stellte sich das Phänomen ein. — Symbol: Ich sah 
halluzinatorisch vor mir {oder um mich herum, wie der Fisch das Wasser) 
flüssigen Storax, der vorher (das wußte ich irgendwie) fester Storax 
gewesen war; ich hatte das Gefühl, als wäre der mehrfarbig und heller 
aussehende, körnige, feste Storax in die dunkle einförmige Flüssigkeit 
übergegangen gewesen. — Deutung: Der feste, hellere Storax ist ein Bild 
meines Wachzustandes, der dunkle, flüssige ein Bild meines Schlaf- 
zustandes; die Flüssigkeit steht da, wie um mich in ihr Dunkel auf- 
zunehmen. Ich erinnere an die Redensart: in Schlaf „tauchen" oder 
„tunken". 

Beispiel Nr. 3. — Bedingungen: Wie in Nr. 1, doch scheint der 
unerbeten sich einstellende Schlaf etwas tiefer gewesen zu sein. — 
Traumbilder: Mir träumt, daß ich auf einer Straße in der Stadt gehe, 
weit von meiner Wohnung entfernt. Ich hätte aber zu Hause dringend 
zu tun. Ich habe das Gefühl, als wäre ich widerrechtlich fort von zu Hause. 
Ich denke mir nun : Man müßte sich hier demateriahsieren und alsbald 
zu Hause rematerialisieren können; dann wäre die Sache gleich in 
Ordnung. Dabei habe ich die dunkle Empfindung: eigenthch bin ich 
ja zu Hause (oder hege zu Hause im Schlaf?) und träume hier (auf der 
Straße) gewissermaßen bloß; ich müßte nur wollen . . . Dieser dunklen 
Ahnung stellt sich indes das körperhaft realistische Gefühl meines 
Befindens auf der Straße lebhaft entgegen. Wie um diese scheinbare 
„Reahtät" zu erschüttern, vollzieht sich aber mm plötzhch ein Wunder. 
Im Nu bin ich wo anders, in einer anderen Straße, viel näher meiner 
Wohnung. Ermuntert durch diesen Erfolg, eüe ich, meinen Transport 
zu beschleunigen und erwache nun glückhch. Der ganze Vorgang scheint 
außerdem von der hemmenden Erwägung begleitet gewesen zu sein: 
„Wenn ich zu Hause läge, könnte ich doch mit meinem Bewußtsein 
nicht hier auf der Straße sein ; welches zweite Bewußtsein müßte ich 
denn da wohl zu Hause vorfinden?" Und von der Gegenerwägung : „Die 
zwei Bewußtseine sind eben nur ein Bewußtsein und mit dem kann 
ich (gleichzeitig) ebensowohl auf der Straße sein wie zu Hause." Kurze 
Deutung: Die Tiefe des Schlafes wurde hier durch die Größe der Ent- 
fernung von zu Hause (= Wachzustand) dargestellt. 

Man könnte die Einwendung machen, daß das alles materiale 
Phänomene seien, indem die Bewußtseinszustände selbst eben zum 
Inhalte von Gedanken darüber gemacht worden seien, und diese Ge- 
danken hätten sich hernach in Symbole umgesetzt. Es bleibt dahin- 



Phantasie und Mythos. 647 

gestellt, ob nicht der Weg vom Gefühl zum Symbol der nähere ist — 
darüber ist nichts auszumachen. Um so mehr kann ich mich mit dem 
Hinweise begnügen, daß sich diese Symbolik tatsächlich mit der Dar- 
stellung von Bewußtseinszuständen, und zwar nicht bloß gedachter 
Bewußtseinsvorgänge, sondern der von mir im Moment erlebten 
Bewußtseinsvorgänge, unter Hinweglassung sonstiger auf Gegenstände 
bezogener Inhalte befaßt. Wir werden gleich sehen, daß der Begriff 
dieser Symbolkategorie genügenden heuristischen Wert besitzt, um uns 
ein gutes Stück weiter zu bringen. 

Zunächst können wir an die Tagträume herangehen. Die Phanta- 
sien und halbbewußten Prozesse, die unsere Tätigkeiten beständig be- 
gleiten, deren Kraft sich auch hie und da in ein paar unabsichtlich hin- 
geworfenen Worten, in Selbstgesprächen sowie in Äusdrucksbewegungen 
Luft macht, sind durchaus nicht nur dem Material der ihnen zu- 
grundeliegenden Gedanken, Wünsche und Regungen gewidmet. Viel- 
mehr drücken sich in ihnen oft auch Vorgänge des psychischen 
Apparates selbst aus, besonders wenn sie mit Affekt betont sind. 
Ein beliebtes Thema zur plastischen Darstellung durch Phantasie und 
Geste sind zum Beispiel jene Regungen, durch welche ein peinlicher 
Gedanke oder ein Gefühl, das wir los sein wollen, abgeschüttelt oder 
unterdrückt wird. Das „Abschütteln", das „Unterdrücken" sind auch 
sprachlich schon deutliche Hinweise auf das plastische Sinnbild jener oft 
nur halb- oder gar unbewußten Vorgänge im psychischen Mechanismus. 

Die Ausdrucksbewegungen des Mundes, der Nase, der Augen usw. 
beim Vernehmen oder Überdenken eines willkommenen oder eines un- 
willkommenen Geschehnisses können auch als mit den funktionalen 
Phänomenen dieser Art verwandt betrachtet werden. Der Mund und 
seine Stellung haben mit dem Inhalte des angenehmen oder des verab- 
scheuten Gedankens direkt nichts zu tun. Die indirekte Vermittlung 
der Ausdrucksbewegung geht über ein Symbol, und zwar über ein aus 
dem Gebiete des Geschmacksinnes gewähltes Symbol. Wenn wir Dinge 
erzählen hören, die uns angenehm berühren, Nachrichten, von deren 
guter Art wir uns recht viele wünschen, so nehmen wir eine aufnahms- 
bereite Pose, nimmt insbesondere unser lächelnder Mund jene Stellung 
ein, welche gemäß der Verteilung der Geschmackspapillen der äußersten 
Aufnahmsbereitschaft für Speisen von der Geschmackskategorie 
„Süß" entspricht. Bei manchen herben Erfahrungen wird der Mund 
krampfhaft in die Breite gezogen (so beginnt oft das Weinen), genau so, 
wie wenn dem peinlich sauern Geschmack einer in den Mund auf- 



548 Herbert Silberer. 

genommenen Materie ausgewichen werden soll. Des Lebens Bitternisse 
werden gar oft durch eine ähnliche Schüngbewegung quittiert, „hinunter- 
geschluckt" wie eine bittere Pille. Auch das gewaltsame SchUeßen des 
Mundes, die Abwehr gegen den Genuß einer gefiirchteten Speise, die 
Symptome des Ekels vor dem Abstoßenden, Stinkenden usw. werden 
zum Ausdrucke für entsprechende psychische Momente gebraucht. 

Die den Geschmacksarten entsprechenden Stellungen des Mundes 
sind bei physisch vorhandenen Reizen, wie gesagt, durch eine gegen- 
ständHche Ursache, nämhch die Stellung der Geschmackspapillen an 
der Zunge begründet. Diese ist für die verschiedenen Geschmacksreize 
an den einzelnen Teilen ihrer Oberfläche in verschiedenem Grade emp- 
findlich; die hinteren Teüe des Zungenrückens samt dem Gaumen 
sind es vorzugsweise für das Bittere, die Zungenränder für das Saure, 
die Zungenspitze für das Süße. Bei der Einwirkung stark saurer Stoffe 
ziehen wir daher zur Abwehr den Mund in die Breite, so daß sich Lippen 
und Wangen von den empfindlichen Seitenrändem der Zimge entfernen. 
Bittere Stoffe verschlucken wir, während der Gaumen stark gehoben 
und die Zunge niedergedrückt wird, damit beide möghchst wenig den 
Bissen berühren. Beim Genüsse süßer Stoffe wird — was besonders 
beim „Kosten" derselben, z. B. eines guten Weines, zur Geltung kommt — 
der Geschmacksapparat möglichst bereitwiUig an dieselben heran- 
geführt. 

Die mimischen Reflexbewegungen des Mundes „haben sich nun 
so fest mit den Geschmacksempfindungen assoziiert, daß ein reprodu- 
ziertes Bild der letzteren, ohne die tatsächliche Einwirkung eines 
Geschmacksreizes, durch die Bewegung selbst schon entsteht. Sobald 
daher Affekte in uns aufsteigen, die mit den sinnlichen Gefühlen, die 
an jene Empfindungen gebunden sind, eine Verwandtschaft besitzen, 
so werden die nämlichen Bewegungen ausgeführt, die dem Affekt in 
der analogen Empfindung im Gebiete des Geschmacksorganes einen 
sinnUchen Hintergrund geben. Alle jene Gemütsstimmungen, die auch 
die Sprache mit Metaphern wie ,, bitter", „herbe", „süß" bezeichnet, 
kombinieren sich daher mit den entsprechenden Bewegungen des 
Mundes"!). 

Diese Kombination ist meines Erachtens durch ein Zwischenghed 
vermittelt, mit welchem die affektbetonte Erfahrung einerseits, die 

1) Wilhelm Wundt: „Grundzüge der physiologischen Psychologie", 
5. Auflage, III. Band, S. 290—291. — Piderit: „Wissenschaftliches System 
der Mimik und Physiognomik, S. 69. 



Phantasie und Mythos. 549 

Ausdrucksbewegung anderseits in direktem Kontakte steht. Das 
Mittelglied ist ein Symbol, eine sinnüclie Darstellung der Art und Weise, 
wie die Psycte das Erfahrene aufnimmt und zu welcher Affektfunktion 
sie dabei veranlaßt wird. Durch das (halbbewußt oder unbewußt vor- 
schwebende) Bild eines bitteren, ekelhaften, süßen Gegenstandes usf. 
kommt zum symbolischen Ausdrucke, ob die Psyche jene Erfahrung 
widerwillig, mit Hemmungen, bereitwiUig, mit Aufmerksamkeit usf. 
aufnimmt und behandelt. Ein BHck auf die oben gegebene Charakteri- 
stik der funktionalen Kategorie symbolisierender Phänomene wird eine 
enge Zugehörigkeit der mimischen Ausdrucksbewegungen und der 
ihnen zugrundehegenden oder sie begleitenden Phantasien zu dieser 
Kategorie erkennen lassen^). 

Diejenigen Phantasien oder Tagträume, welche das oben erwähnte 
,, Abschütteln" und „Unterdrücken" zu ihrem Thema haben, scheinen 
sich gerne in Kampfbilder zu kleiden. Daß sich in diesen Kampfphanta- 
sien — bei denen wir uns z. B. in eine Schlacht träumen, die wir als 
geniale Feldherren gewinnen usf. — in dem Bilde unseres Gegners, das 
bezeichnenderweise*) meist verschwommen, nicht in klaren Zügen ausge- 
führt und überhaupt der Aufmerksamkeit entzogen ist, soAvie auch in 
anderen Gestalten vielleicht das Material (der Inhalt des zu unter- 
drückenden Gedankengebildes) symbolisiert, geht uns jetzt, wo wir es 
auf die funktionale Seite der Symbolik abgesehen haben, weniger an. 

Ich möchte hier als Beispiel einer streitbaren Unterdrückungs- 
phantasie, die mit Ausdrucksbewegungen verbunden ist, einen selbst- 
erlebten Fall anführen, wie er in meinen Aufzeichnungen steht: 

,,Es ziehen Bilder der Vergangenheit an mir vorüber. Mir fällt 
etwas sehr Peinhches ein, das ich damals Heber nicht hätte tun sollen 
und dessen ich mich jetzt gewissermaßen echämie. Da bemerke ich, daß 
ich plötzhch das seltsame Wort „Pom" leise (aber wirkhch) ausspreche 
und mit der Faust eine kaum merkhche aggressive Geste ausführe. 



') Auch iu der Schrift lassen sich Ausdrucksbewegungen nachweisen. 
Die in ihren Behauptungen freilich etwas unsichere „Graphologie" beruht zum 
Teil darauf. — Man beachte übrigens die Fußnote auf Seite 4 von Bleulers 
Aufsatz: „Über die Bedeutung von Assoziationsversuchen" in den von 
Dr. C. G. Jung herausgegebenen „Diagnostischen Assoziationsstudien", Bd. I., 
Leipzig 1906 (J. A. Barth). 

5) Ich sage „bezeichnenderweise", denn das verdrängte Material pflegt 
sich unserem Blicke durch eine solche Dunkelheit zu entziehen. Es liegt im Wesen 
des verdrängten Komplexes, unerkannt und ungeschaut zu bleiben. 

Jahrbuch für psychoftnalyt. k. psychopathol. Forsehungen. n. 36 



550 Herbert Silberer. 

„Das „Pom" überrascht mich. Ich verstehe nicht, was es heißen 
soll. Ich weiß bloß, daß ich es explosiv ausgesprochen habe, etwa wie 
ein Wort, das jemanden verscheuchen soll. Aber warum gerade ,,Pom" ? 
Da fällt mir ein, daß ich in dem Momente, wo von meinen Lippen das 
,,Pom" fiel, auch eine Gesiohtsvorstellung gehabt habe, die ich, vor 
lauter Verwunderung über das Zauberwort ,,Pom", gleich wieder 
außer acht gelassen. Diese optische Vorstellung war eine mir geläufige, 
die schon oft, ohne daß ich den Grund davon hätte angeben können, 
sich in Tagträume eingeschüchen hat: die Vorstellung, daß ich eine 
Kanone abfeure oder abfeuern lasse. Jetzt wird mir erst klar, daß dieses 
Abfeuern der Kanone bedeutet: das Wegschießen, Vernichten der 
mir unangenehmen Erinnerungen. — Weitere Beobachtungen haben 
dies vollauf bestätigt. Fast jedesmal, wenn Erinnerungen oder Vor- 
stellungen, die mir peinhch sind, auftauchen wollen, tritt der ver- 
scheuchende Schuß ein; und umgekehrt: jedesmal wenn die Schuß- 
und Kriegsphantasie sich einstellt, deutet sie auf ein soeben aufge- 
tauchtes peinliches Element hin — seit ich sie deuten kann. 

,,Nun erklärt sich auch das „Pom". Die Vorstellung des Ab- 
feuerns der Kanone ist nicht rein visuell. Sie ist auch aus Lage-, Be- 
wegungs- und akustischen Vorstellungen mit zusammengesetzt. Dem 
akustischen Bestandteile würde nun, wenn er sich bis zur Reproduktion 
durch den Mund drängt, am ehesten das altgewohnte „Bum!" ent- 
ßprechen. Einer meiner Bekannten hat indes die Gewohnheit, dort, 
wo andere Leute entweder dieses ,,Bum!" oder ein „Bums!", ein 
,,Paff!" gebrauchen würden, das onomatopoetisch nicht ungeschickte: 
„Pomff !" zu wählen, eine Form, die er wohl selbst gefunden hat. Er 
ist schon viel belacht worden wogen dieses ,, Pomff". Ich habe ihn oft 
nachgemacht. Aus dem „Pomff" nun Tind dem „Bum" hat mein Tag- 
traum ein ,,Pom" zusammengebraut. 

„Daß in die Abwehrphautasie ein an den erwähnten Bekannten 
geknüpftes Element eingeht, hat auch wieder seine ganz eigentümliche 
Berechtigung. Jener Mann zeichnet sich nämlich durch die Eigenschaft 
aus, fast stets guter Laune zu sein und sich immer mit Glück aus 
schlimmen Affären zu ziehen. Das Abwehr-„Pom.", welches mich in 
eine ähnliche glückliche, überlegene Situation meinen unangenehmen 
Erinnerungen gegenüber bringen soU (und meistens auch wirklich 
bringt), bezieht also aus der Verbindung mit meinem Bekannten gewisser- 
maßen eine besondere Heilkraft oder, ballistisch gesprochen, Durch- 
schlagskraft." 



Phantasie und Mythos. 551 

(Weitere Ausführungen über Beziehungen meiner Kanonen- 
phantasie zur Abwehr usw., würden hier zu weit führen, weshalb ich 
nicht darauf eingehe.) 

Der ins Kampfgebiet geleiteten Affektenergie unterdrückter 
Gedankenkomplexe wird, wie mir scheint, gar oft durch allerlei kampf- 
artige Spiele eine Abfuhr verschafft. 

Viele Sportspiele sowie auch intellektuelle Kampfspiele wie das 
Schachspiel scheinen die leidensohafthche Besetzung ihrer Ausübung 
zum Teil von jener Quelle her zu beziehen. 

Eine der plastischen Entwicklungen der Tagträume führt zu den 
Selbstgesprächen und zur mehr oder minder bewußten Annahme einer 
oder mehrerer ins Gespräch gezogener Gefährten. Ich möchte hier an 
eine dieses Thema angehende Stelle in Goethes Selbstbiographie 
(„Aus meinem Leben. Wahrheit und Dichtung" III. Teil, 13. Buch, 
Mitte) erinnern. Sie lautet: 

,, . . . Dieser Übergang zu einer andern Darstellungsart (von der 
erzählenden über die dramatische zur Briefwechselform) geschah 
hauptsächlich durch eine Eigenheit des Verfassers, die sogar das Selbst- 
gespräch zum Zwiegespräch umbildete. 

„Gewöhnt, am liebsten eine Zeit in Gesellschaft zu verbringen, 
verwandelte er auch das einsame Denken zur geselligen Unterhaltung, 
und zwar auf folgende Weise. Er pflegte nämlich, wenn er sich allein 
sah, irgend eine Person seiner Bekanntschaft im Geiste zu sich zu rufen. 
Er bat sie, niederzusitzen, ging an ihr auf und ab, bheb vor ihr stehen 
und verhandelte mit ihr den Gegenstand, der ihm eben im Sinne lag. 
Hierauf antwortete sie gelegentlich oder gab durch die gewöhnliche 
Mimik ihr Zu- oder Abstimmen zu erkennen; wie denn jeder Mensch 
hierin etwas Eigenes hat. Sodann fuhr der Sprechende fort, dasjenige, 
was dem Gaste zu gefallen schien, weiter auszuführen, oder was derselbe 
mißbilligte, zu bedingen, näher zu bestimmen und gab auch wohl zuletzt 
seine These gefällig auf... (Die ,, Gäste"...) waren meist Personen, 
die, mehr empfänglicher als ausgebender Natur, mit reinem Sinn einen 
ruhigen Anteil an Dingen zu nehmen bereit sind, die in ihrem Gesichts- 
kreise hegen, ob er sich gleich manchmal zu diesen dialektischen Übungen 
widersprechende Geister herbeirief." 

Es soU nur eine eingeschaltete Bemerkung sein, wenn ich hier 
sage, daß Goethes Wahl von ,,empfänglichen" Partnern zu den phanta- 
sierten Zwiegesprächen ebenso eine Wunscherfüllung bedeutet wie 

36* 



552 Herbert Silberer. 

die Sieges- und Überlegenheitssituation in den oben erwähnten 
Kampf Phantasien . 

Die Fiktion des Partners oder der Partner ist abermals die Ver- 
sinnüchung eines psychischen Mechanismus; und zwar eine Versinnü- 
chung durch Personifikation. Sie gehört zum großen Teil in die funktio- 
nale Kategorie. Die eingebildeten Partner müssen natürlich nicht inamer, 
wie bei Goethe, wirkhche Bekannte sein; oft sind es frei erfundene 
(richtiger : nach gewissen Gesetzen aus Bruchstücken des Erinnerungs- 
materials geformte) Figuren. Was durch dieselben symbohsiert wird, 
sind größere mehr oder minder geschlossene Gedankengruppen oder 
Systeme oder Tendenzen, die innerhalb unserer Psyche in Mehrzahl 
vorkonamen. Was durch die Gesprächsform symbohsiert wird, ist das 
Aneinandergeraten und das Aneinanderreihen dieser verschiedenen 
Gedankenketten oder Tendenzen, wobei jede ihre Ansicht oder ihre 
Richtung zur Geltung zu bringen sucht. Die abstrakte Handlung des 
Nachdenkens, des Erwägens verschiedener MögKchkeiten des Denkens 
oder des Entschlusses wird durch eine Diskussion mehrerer Menschen 
bildlich dargestellt. Eine der Personen, und zwar zumeist die sympathi- 
scheste, diejenige, die Recht behalten soll, ist der Denkende selbst 
(Wunscherfüllung) . 

Die Personifikation eines Teiles unseres Bewußtseinsbestandes 
kann sich pathologisch vertiefen und festsetzen. Wir geraten dam^it 
an jene Phänomene der Bewußtseinsspaltung, deren Ätiologie durch 
0. G. Jung eine interessante Beleuchtung erfahren hat. Unter dem 
Einflüsse von ,, Automatismen" abgespaltene psychische Gruppen 
werden durch Suggestionen zu relativ selbständigen (unterbewußten) 
Persönlichkeiten synthetisiert^). Die Bewußtseinsschichten und deren 
Verhaltungsweisen zueinander werden personifiziert beziehungsweise 
plastisch äyrabolisiert. Dementia praecox, Hysterie und besonders 
der hysterische Somnambuhsmus bieten ein weites Feld für interessante 
Symbolphänomene dieser Gattung. 

Ein weiteres Fortschreiten in der soeben eingeschlagenen Richtung 
unserer Betrachtungen könnte uns in das Gebiet des Aberglaubens 
und der Zauberei führen; ein Gebiet, das in bezug auf Symbolanalyse 
gleichfalls ungemein ergiebig und interessant ist. Da wir aber im vierten 
Kapitel bessere Gelegenheit haben, uns damit zu befassen, und zwar 

>) Man mag das Genauere nachlesen bei C. G. Jung, „Zur Psychologie 
und Pathologie sogenannter okkulter Phänomene". Leipzig 1902 (Oswald Mutze), 
S. 64 ff., sowie bei P. Janet, „Les Obsessions et la Psychasthenie". Paria 1903. 



Phantasie und Mythos. 553 

im Zusammenhange mit den Mythen, wollen wir uns vorläufig auf 
einen Nebenweg begeben, um die funktionalen Symbolerscheinungen 
innerhalb der reinen Individualpaychologie noch ein wenig zu ver- 
folgen. 

Selbstverständüch spielt das funktionale Phänomen auch» im 
Traum eine Rolle. Zu seiner Gattung möchte ich beispielsweise die 
Eigentün[ilichkeit rechnen, daß die psychische Intensität der Elemente 
in den Traumgedanken durch eine entsprechende sinnliche Intensität 
der Elemente im Trauminhalte ausgedrückt wird^); femer die Er- 
scheinung, daß die Elemente mit der größten „Verdichtung" durch 
besondere SinnenfäUigkeit kenntUch gemacht sind. Die Traumanalyse 
lehrt nämüch nach Freud, daß von den lebhaftesten Bestandstücken 
des Traumes auch die meisten Gedankenfäden ausgehen, daß also diese 
lebhaften Stücke auch die bestdeterrainierten sind ; oder, wie man auch 
sagen kann: ,,Die größte Intensität zeigen jene Elemente des Traumes, 
für deren Bildung die ausgiebigste Verdichtungsarbeit in Anspruch 
genommen wurde." Die „Intensität", von der wir reden, ist, neben- 
bei bemerkt, nicht der Gegensatz von „Verworrenheit der Hand- 
lung", sondern von ,, Verschwommenheit des Bildes". 

Wenn man mir nun entgegenhalten wollte, daß die größere Inten- 
sität einfach die Folge der Verdichtung sei, so würde dies erstens 
an der Tatsache, daß ein psychisches Leistungsverhältnis in ein sinnen- 
fäUiges Bild gebracht wurde, nichts ändern, zweitens aber auch nicht 
viel erklären, denn es ist durchaus nicht klar einzusehen, daß mit der Ver- 
dichtung auch jener erwähnte Erfolg eintreten muß. Wäre dies so klar, 
dann wäre es wieder wunderbar, warum jener Erfolg beim Wachsein 
nicht eintritt. Psychische Elemente sind keine Ölfarben, die man neben- 
einander und übereinander aufträgt; und auch diese geben übrigens 
durch Superposition keine besondere Verstärkung der Leuchtkraft, 
da sie einander einfach decken. Man könnte die Wirkung der Ver- 
dichtung allenfalls der ,, additiven" Methode der Farbenmischung ver- 
gleichen, bei der das farbige Bild durch Übereinanderprojektion farbiger 
Lichtstrahlen entsteht. Hier verstärken sich tatsächhch z. B. blaue 
-|- rote -j- grüne Strahlen zu einem leuchtenden Weiß, [während [bei 
der Mischung der entsprechenden Körperfarben die „subtraktive" 
Wirkung einträte und aus Gelb, Rot [und GrürJichblau [ein Jdunkles 
Grau (theoretisch genommen; Schwarz) ergäbe. 

1) Freud, „Traumdeutung", 1. Auflage, Leipzig und Wien, 1900 (Deu- 
ticke), S. 330. 

3 6 



554 Herbert Silberer. 

Freud illustriert den in Kede stehenden Effekt bei der „Ver- 
dicttung" in selir hübscher Weise. Er sagt : „ . . . es ist der nämliche Fall, 
wie wenn ich in einem Buch ein Wort, dem ich einen überragenden 
Wert für die Auffassung des Textes beilege, gesperrt oder fett drucken 
lasse. In der Rede würde ich dasselbe Wort laut und langsam 
sprechen und nachdrücklich betonen. . . . Die Kunsthistoriker 
machen uns darauf aufmerksam, daß die ältesten historischen Skulpturen 
ein ähnhches Prinzip befolgen, indem sie die Ranggröße der dargestellten 
Personen durch die Bildgröße zum Ausdruck bringen. Der König wird 
zwei- oder dreimal so groß gebildet wie sein Gefolge oder der über- 
wundene Feind^)." 

Die gesperrt gedruckten Worte Freuds gemahnen mich an ein 
eigentümüches selbsterlebtes Beispiel akustischer Symbohk, das ich hier 
einfügen will. 

„„Beobachtung während des Lesens. — Bei der Lektüre des §40 
der „Kritik der Urteilskraft" (Kant) nehme ich ein eingeschobenes 
Stück (Kant nennt es eine „Episode") als für den Verlauf der Haupt- 
ausführung minder wichtig etwas flüchtiger durch. Auf S. 154 (der ersten 
Hartenstein-Ausgabe) nimmt Kant den „verlassenen Faden wieder 
auf", und ich spanne meine Aufmerksamkeit wieder in voller Stärke an. 
Da ist mir so, als würde das, was ich jetzt lese, mit lauter Stimme vor- 
getragen, während das frühere nur leise gesagt worden wäre. (Vorher 
waren mir die akustischen Komponenten der Wortbilder überhaupt 
nicht aufgefallen ; sie gelangten jetzt erst, vielleicht durch den Kontrast 
in das Blickfeld der deutlichen Apperzeption.)"" 

Aus entsprechend guten Traumaufzeichnungen ließe sich natürlich 
unter Anwendung der ,, funktionalen Kategorie" manches Interessante 
herauslesen. Ein kleines Beispiel einer solchen Anwendung auf Traum- 
darstellungen in Freuds ,, Traumdeutung" mag folgen. 

Im fünften Kapitel erzählt Freud^) den Inhalt eines „revo- 
lutionären Traumes". Die erste Szene übergehe ich; die zweite Szene 
des Traumes wird so geschildert: 

,, . . . Dann undeutlicher: Als ob es die Aula wäre, die Zugänge 
besetzt, und man müßte fhehen. Ich bahne mir den Weg durch eine 
Reihe von schön eingerichteten Zimmern, offenbar Regierungszimmern, 
mit Möbeln in einer Farbe zwischen braun und violett, und komme 



») Freud, „Traumdeutung", 1. Auflage, S. 353. 
-'i S. 144 der 1. Auflage. 



Phantasie und Mythos. 5;j5 

endlich in einen Gang, in dem eine Haushälterin, ein älteres dickes 
Frauenzimmer, sitzt. Ich vermeide es, mit ihr zu sprechen; sie hält 
mich aber offenbar für berechtigt, hier zu passieren, denn sie 
fragt, ob äxQ mit der Lampe mitgehen soll. Ich deute oder sage ihr, sie 
soll auf der Treppe stehenbleiben und komme mir dabei sehr schlau 
vor, daß ich die Kontrolle am Ende vermeide. So bin ich drunten 
und finde einen schmalen aufsteigenden Weg, den ich gehe." 

Bei der Deutung des Traumes heißt es einige Seiten später; 

„Von der zweiten Szene des Traumes kann ich eine so ausführliche 
Auflösung (wie von der ersten) nicht geben, und zwar aus Kücksichten 
der Zensur^). Ich setze mich hier nämlich an die Stelle eines hohen 
Herrn jener (vorher bei Freud erwähnten) Revolutionszeit, der auch 
ein Abenteuer mit einem Adler gehabt, an Incontinentia alvi gelitten 
haben soll u. dgl., und ich glaube, ich wäre nicht berechtigt, hier 
die Zensur^) zu passieren, obwohl ein Hofrat (Aula, consiharius 
aulicus) mir den größeren Teil jener Geschichten erzählt hat." 

Welche „Zensur" ist hier gemeint? Wohl die Buchzensur. 
Es gibt aber bekannthch auch eine ,,Traumzensur"ä). Man merke 
auf den Doppelsinn! So wie der Autor Freud hier mit Rücksicht auf 
die Buchzensur zu einer ausführlichen Auflösung der Traumszene 
sich nicht versteigen darf, sondern mit Andeutungen sich begnügen 
muß, so kann auch der Träumer Freud, wegen der Traumzensur, 
den zum Ausdruck drängenden latenten Traumgedanken oder Wunsch 
nicht in seiner wahren Form in die Öffentlichkeit des Bewußtseins 
gelangen lassen, sondern muß ihn zustutzen und verkleiden: dann erst 
hält die Traumzensur ihn ,,für berechtigt, zu passieren". 

Dieses durch List erwirkte „Passieren" (Freud kommt 
sich im Traume ,,sehr schlau vor") versinnbildlicht also weniger 
(oder vielleicht gar nicht) den Inhalt des Traumgedankens, als vielmehr 
die psychische Operation, die mit ihm vorgeht, also die Funktions- 
weise des psychischen Mechanismus. Die Symbolik geht noch weiter. 
Die Personifikation der Traumzensur, jene Haushälterin, die den 



') Von mir hervorgehoben. 

^) Von mir hervorgehoben, 

*) So nennt Freud jene psychische Instanz, zu deren Umgehung oder 
Täuschung der latente Trauminhalt seine bildliche Verkleidung Avählen muß. 
Wir werden darauf später (S. 559 f.) zurückkommen. 

Vgl. Preud, „Traumdeutung", IV. Kapitel. 

Natürlich hat Freud das Wortspiel selbst auch bemerkt. 



556 Herbert Silberer. 

Traumgedanken (mit dem, als dem Ausdruck eines Wülens oder 
Wunsches, sich der Träumer identifiziert) passieren läßt, ist bezeich- 
nenderweise mit einer Lampe ausgestattet. Sie ist eine Lichtträgerin 
und vermag alles, was ihr in die Nähe kommt, zur gehörigen Prüfung 
scharf zu beleuchten oder zu durchleuchten. Sie wäre fähig, mit ihrer 
Lampe dem Passierenden scharf ins Gesicht zu leuchten und ihn auf 
seinem weiteren Weg am Ende zu entlarven. Diesmal ist sie aber lässig. 
Sie fragt, ob sie „mit der Lampe mitgehen soll". Selbstverständlich 
lehnt dies der Träumer ab. Er will allein und undurchleuchtet die 
Treppe der Bewußtseinsschichten durchwandern; er ist froh darüber, 
daß er die Kontrolle am Bewußtseinsende der psychischen Stufen- 
folge vermeidet und bis hinunter gelangt. Das Absteigen dürfte dem 
,, regressiven" Weg entsprechen, den der Traumwunsch zurücklegen 
muß, um als halluzinatorisches Bild der Wahrnehmung zugeführt zu 
werden. Der „schmale, steil aufsteigende Weg" des Traumes 
könnte einer „progredienten Strömung" entsprechen. 

Die an eine treppen- oder stufenförmige Anordnung erinnernden 
diagraphischen Darstellungen des psychischen Mechanismus, dessen 
Funktionsweise in dem angeführten Traum zur Abbildung gelangt ist, 
findet man bei Freud, „Traumdeutung" im Kapitel VII 6; weitere 
Erörterungen über „progrediente" und ,,regrediente Strömungen" 
im Kapitel VII d. 

Daß die „Lampe" und andere Elemente des manifesten Traum- 
inhaltes aus rezentem Erinnerungsmaterial stammen, verschlägt natür- 
lich nichts an der von mir versuchten funktionalen Deutung des Traumes. 
Die traumbildende Potenz macht ihren Zwecken bekanntlich gerne 
ein schon vorhandenes Material dienstbar. Es wird damit wohl eine ge- 
wisse Kraftersparnis erzielt. Die psychischen Potenzen gehen haus- 
hälterisch (vgl. die Haushälterin) vor. 

Zum Abschlüsse dieses Kapitels möchte ich noch ein ,, autosym- 
bolisches" Phänomen der funktionalen Klasse,^welches im Ätherrausch 
beobachtet wurde, mitteilen, um hier auch^das Gebiet der narkotischen 
Zustände zu streifen. 

Da ich als Bedingung zum Zustandekommen der autosymbolischen 
Phänomene das Zusammentreffen der zwei Momente: Schlaftrunken- 
heit und Störung des Einschlafens (durch 'gewaltsames Denken usw.) 
aufstellte^), erschien es mögüch, das erste Moment, die Schlaftrunken- 

*) „Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen", 
1909, Band I, S. 518. 



Phantasie und Mythos. 557 

heit, ebenso wie das dem Willen unterworfene zweite, die Störung, 
künstlich hervorzurufen und bei der Anwendung eines Narkotikums 
ähnliche Erscheinungen zu erzielen wie bei dem natürlichen Eintreten 
der Sonmolenz. 

Der Ertrag der diesbezügUchen wenigen Versuche war aus ver- 
schiedenen Ursachen ein ziemlich dürftiger; aus dem geringen Material 
greife ich das folgende Phänomen als das interessanteste heraus. 

Versuch mit unvollkommener Äther nar kose. ^ Die Narkose 
wird so weit getrieben, daß das Bewußtsein gerade noch deutlich er- 
halten bleibt. Aus früheren Erfahrungen weiß ich, daß im Laufe der 
Narkose sich akustische, optische, Tastempfindungs-, Geschmacks- 
und Gefühlsphänomene einstellen, wovon jedes für eine bestimmte 
Tiefe des narkotischen 2ustandes charakteristisch zu sein scheint; 
wenigstens folgen einander die schwer zu beschreibenden Phänomene 
mit einer gewissen Eegehnäßigkeit und ich erkenne sie jedesmal wieder. 
Diesmal tritt nun ein eigentümliches Phantasiebild hinzu: ich sehe 
im Zusammenhange mit den typischen Phänomenen räumliche Schichten 
sich übereinander plastisch ordnen; von jeder dieser Schichten gehen 
Strahlen aus und in irgend einer mittleren Zone treffen die Strahlen- 
bündel zusammen, wodurch ein heUer, leuchtender, schärfer umrissener 
Körper entsteht oder wenigstens entstehen sollte; diesen Körper sehe 
ich nämlich nicht, fühle aber, daß ich selbst, d. h. mein Bewußtsein, 
dieser Körper bin. Mit anderen Worten: Ich sehe eine plastische Dar- 
stellung des Mechanismus des (oder jedes) Bewußtseinserlebnisses, 
welches durch Zusammenwirken von Komponenten aus verschiedenen 
psychischen Schichten oder Instanzen entsteht oder wenigstens dadurch 
bedingt wird. Ein Bewußtseinserlebnis entsteht nach dieser ,, Vision", 
bildhch ausgedrückt, dann, wenn die Strahlen aus verschiedenen psy- 
chischen Regionen aufeinandertreffen oder einander „schneiden", wie 
es in der Geometrie heißt. 



Nun hätten wir einen allgemeinen — natürhch nur skizzenhaften — 
Überblick der Formen des funktionalen Phänomens bei verschiedenen 
traumhaften symbohsierenden Vorgängen gewonnen. Ich möchte nicht 
dadurch, daß ich gemäß dem Vorhaben der vorHegenden Arbeit fast 
immer nur von der funktionalen Kategorie spreche, zu einer Über- 
schätzung von deren Einfluß auf die Symbolbildung verleiten. Ich 
wiederhole daher ausdrücklich, daß nach meiner Meinung das funktionale 
.1 6 . 



558 Herbert Silberer. 

Phänomen selten oder niemals selbständig auftritt und daß ihm daher 
bloß neben den anderen, meist kräftigeren symbolbildenden Einflüssen 
eine determinierende Funktion zukommt. Jedes bei der träum- oder 
phantasiemäßigen VerbildKchung („Regression" nach Freuds Theorie 
der Ablaufsrichtungen in den if- Systemen) auftretende Symbol schöpft 
ja seine Nahrung aus mehreren Quellen. 

Leider ist es mir nicht mögüch gewesen, die Rolle der funktionalen 
Kategorie der Symbohk auch in den vielgestaltigen Erscheinungen 
der Psychoneurosen zu studieren ; die Ausbeute eines solchen Studiums 
würde gewiß ganz statthch ausfallen und ich will daher nicht ver- 
säumen, dazu anzuregen. Ein wesentlicher praktischer Gewinn wird 
zwar durch formale Betrachtungen dieser Art nicht direkt erzielt; 
auch hegt ein guter Teil des möghchen Gewinnes für den ärztlichen 
Psychologen gewiß in den durch die Praxis erworbenen und in die Praxis 
schon verarbeiteten Regeln der psychanalytischen Behandlung ein- 
geschlossen; bekanntüch richtet man sich ja bei der Durchführung der 
letzteren nach bestimmten Anzeichen, welche Vorgänge, Zustände, 
Stadien im psychischen Mechanismus des Patienten angeben, und zwar 
zum guten Teil bildmäßig, symboHsch angeben; dennoch mag die 
angeregte Durcharbeitung des Materials einen Wert haben. Das 
Sichten und Vergleichen unter dem Leitgedanken, dem wir uns an- 
vertraut haben, üefert sozusagen einen roten Faden, der uns zwar zu- 
erst durch lauter schon bekannte Gebiete führt, um dabei allenfalls 
einen oder den andern bisher übersehenen Zusammenhang auffallender 
zu machen, dann aber — wie das folgende Kapitel zeigen wird — unsere 
Schritte auf neues Terrain zu lenken geeignet ist. 

II. Traum, Mythos, Wunscherfüllung. 
Freuds !P- Systeme. 

In der Parallele zwischen Individual- und Völkerpsychologie 
nehmen der Traum einerseits und der Mythos anderseits ungefähr 
korrespondierende Punkte ein. 

Freud hat klar gezeigt, daß die Träume durch ein subtiles psy- 
chologisches Deutungsverfahren gesetzmäßig in Konstituenten zerlegt 
und diese scheinbar sinnlos zusammengewürfelten Bestandteile auf 
sinnvolle Gedanken und Gedankenzüge zurückgeführt werden können. 
Jeder Traum — so ungereimt und phantastisch er erscheinen mag — 
bedeutet irgend etwas ganz Greifbares, Vernünftiges, nur spricht er 



Phantasie und Mythos. 559 

es aus gewissen Gründen in einer Form aus, welche uns unverständlich 
ist, solange wir den Schlüssel zu dem Zauberkasten mit den technischen 
Eequisiten nicht besitzen, deren sich der Hexenmeister Traum bedient, 
um uns auf dem Projektionsschirm unseres Bewußtseins seine bunten 
Bilder vorzugaukeln. Die Gestalten dieser Bilder sind ganz verschieden 
von dem, was sie eigentlich sagen. Mit anderen Worten : Der manifeste 
Inhalt des Traumes weicht von dem latenten Inhalt, also von dem 
zugrundehegenden ,, Traumgedanken" erhebhch, ja bis zur Unkennt- 
lichkeit ab. Das Verhältnis beider Inhalte zueinander ist das einer 
komphzierten gesetzmäßigen Symbohk. 

Der Grund der Umformung und symboHschen Verkleidung des 
Traumgedankens ist darin zu suchen, daß sich im Traume hauptsächüch 
solche Wünsche und Strebungen geltend zu machen, d. h. ins Bewußt- 
sein zu treten bemühen, die wir uns selbst nicht recht eingestehen 
wollen und die wir daher im Wachzustande, wann wir im Vollbesitze 
des psychischen Beherrschungsvermögens sind und über das, was uns 
durch den Kopf geht, strenge Kontrolle üben, nicht aufkommen lassen. 
Die Kontrolle verschwindet nun zwar im Schlafe nicht ganz, sie macht 
sich 's aber sozusagen ein wenig bequem und kann in diesem Stadium 
von dem durch die strenge Tageszenstir abgewiesenen Gedanken- 
material, wenn nicht überwältigt, so doch überlistet werden. Zum 
Zwecke dieser ÜberUstung legen jene abgewiesenen Gedanken und 
Wünsche symbolische Mäntelchen um, spielen Verstecken, vertauschen 
ihre Rollen — kurz sie gebrauchen allerlei ,, Tricks", um unerkannt 
die getäuschte „Zensur" zu passieren, ins Bewußtsein vorzudringen 
und so wenigstens eine bildliche Erfüllung jener versagten Wünsche 
zu erlangen, welche ihr Wesen ausmachen. 

Was ich hier zur Einleitung der folgenden Parallelbetrachtungen 
sage, ist natürhch bloß eine ganz rohe, alles feinere Detail vernach- 
lässigende Darstellung einiger Hauptmechanismen des Traumes. Sie 
soll lediglich als erinnernder Hinweis aufgefaßt werden. Weder sie noch 
die im weiteren Verlaufe meiner Ausführungen zur Nachhilfe ein- 
gestreuten ähnlichen Resümees können den Leser, welcher mit Ver- 
ständnis mir weiter zu folgen wünscht, der Lektüre von Fre uds , .Traum- 
deutung" entheben. 

Im Interesse der AnschauUchkeit, um für die Art und Weise, wie 
schlau der Traum die ,, Zensur" zu umgehen weiß, meinen Lesern ein 
drastisches Beispiel zu bieten, gebe ich einen Traum, den mir vor zwei 
Jahren ein Bekannter, Herr T., erzählte, nebst Deutung wieder: 



560 Herbert Silberer. 

T.8 Tra u merzählu ng. „Mir träum te,ich fahre auf der Eisenbahn. 
Neben mir sitzt ein mädchenhaft zarter junger Mann oder Knabe; seine 
Nähe läßt in mir leicht erotische Gefühle aufkommen. (Mir scheint, 
daß ich meinen Arm um ihn l^te.) Da bleibt der Zug stehen, wir sind 
in einer Station angelangt und steigen aus. Ich begebe mich mit dem 
Knaben in ein Tal, durch welches ein Bächlein fließt, an dessen Ufer 
Erdbeeren stehen. Wir pflücken viele Erdbeeren. Nachdem ich 
eine große Menge gesammelt, begebe ich mich zur Bahn zurück und 
erwache." 

Deutung. Aus einer Diskussion über den Traum ergab sich 
zunächst, daß T., der, soviel ich weiß, gegen Homosexualität eine pro- 
nonzierte Abneigung hegt, kurze Zeit vorher die ausführlichen Be- 
richte über einen damals in Deutschland spielenden Aufsehen erregenden 
Prozeß gelesen hatte, der sich gerade um homosexuelle Vorgänge 
drehte. Ein hieraiis geholtes Moment drängte sich (vielleicht unterstützt 
durch irgend welche verdrängte Kindheitserinnerungen) zur Darstellung 
eines erotischen Wunsches in den Traum. Soweit wäre die Sache ver- 
ständlich gewesen, wenn auch in einer erotischen Tagesphantasie 
das Bild eines Knaben bei den sexuellen Neigungen T.s von ihm ent- 
schieden abgelehnt worden wäre. Wie verhält sich's aber mit den übrigen 
Vorgängen im Traume? Erscheinen sie nicht zusammenhanglos? Nichts- 
sagend? 

Und doch Hegt in ihnen die Erfüllung jenes Wunsches beschlossen, 
der mit der erotischen Erregimg in Gesellschaft des Knaben gegeben ist. 
Der homosexuelle Akt dieser Wunscherfüllung wäre der Traumzensur 
unerträghch gewesen; er mußte symboUsch angedeutet werden. Und 
der Rest des Traumes ist nichts als eine geschickte Verkleidung des 
zensurwidrigen Vorganges. 

Sehon daß der Zug zum Stehen komnit, ist eine artige Um- 
schreibung. Ähnhches meint wohl die Station, welche an die la- 
teinische Form „Status" gemahnt. Der Schauplatz des Waggons 
erinnert übrigens an den Tramwaywitz: „Die Damen müssen (beim 
Aus- und Einsteigen) warten, bis er steht"; oder: ,,Man kann von vorn 
hinein, man kann von hinten^) hinein; nur stehen muß er. Was ist 
das? Auflösung: Ein Tramway wagen." (Diese Scherzfrage ist einer Anek- 
dote entnommen, welche T. von einem Manne gehört hatte, den man 
ihm als einen Homosexuellen bezeichnete.) 



') Von mir wegea des Späteren hervorgehoben. 



PLantasie und Mythos. 561 

Das Entscheidende sind aber die Erdbeeren. T. hatte, wie ihm 
jetzt einfiel, ein paar Tage vor dem Traum eine französische Erzählung 
gelesen, wo die ihm bisher unbekannte Wendung ,,cueiUir des fraises'' 
(,, Erdbeeren pflücken") vorkam. Er wandte sich an einen Franzosen 
um Erklärung dieser Kedensart und erfuhr, daß dieselbe eine zarte 
Andeutung für den Sexualakt sei, da sich Liebespaare im Walde gerne 
unter dem Vorwande des „Erdbeerenpflückens" von der übrigen Ge- 
sellschaft entfernen. 

Der Traum hat diese Umschreibung äußerst geschickt aufgegriffen, 
um die wegen des Knaben zensurunmögüch gewordene erotische 
Situation zu umschreiben und auf diese Art die Wunscherfüllung 
durchzuschmuggeln. Auf welche Axt sich der Traumwunsch das Be- 
friedigungserlebnis dachte, wird durch das Tal (zwischen zwei Hügeln !), 
durch welches der Bach fUeßt, bestimmt genug angedeutet. Hier ge- 
winnt auch das oben hervorgehobene ,,von hinten" vielleicht seine 
Bedeutung. 

Nach diesem kleinen Intermezzo fahre ich fort und wende mich zu 
Abrahams interessanter Bearbeitung der Parallele : Traum — Mythos^). 
Abraham knüpft an gewisse typische Träume an, welche geheime, 
abgewiesene grob egoistische Wünsche zum Ausdrucke bringen, und 
spricht die Lehre aus, daß wir diese vielen oder allen Menschen ge- 
meinsamen Wünsche auch in den Mythen antreffen. Diese Beziehung 
gibt den ersten Vergleichspunkt ab, wo sich Verwandtschaft von Traum 
und Mythos zeigt. Eine Untersuchung der Natur jener Wünsche er- 
weist, je weiter sie fortschreitet, immer mehr Gleichheit zwischen den 
beiden. Der naive infantile Egoismus, die starken sexuellen Gedanken- 
komplexe in dem latenten Material (also hinter der symboUschen Ver- 
kleidung) sind beiderseits gleichmäßig zu finden. Aber auch der archi- 
tektonische Aufbau, der mit diesem Material vorgenommen erscheint, 
ist beiderseits sehr ähnlich. Der Symbolik des Traumes erweist sich die- 
jenige des Mjrthos als wesensverwandt. 

Damit ist auch gegeben, daß der Mythos ebenso der Deutung 
bedarf wie der Traum und daß ferner bei dieser Deutung sogar nach 
denselben Methoden vorzugehen ist wie bei der Analyse der Träume 
gemäß den Freudschen Prinzipien. 

Entspricht der Mythos dem Traum, muß das Volk dem Mythos 
so gegenüberstehen wie der Träimier dem Traum. Und so ist's in der 
Tat. Hören wir, was Abraham (S. 33) hierüber äußert: 

^) Siehe im Vorworte. 



562 Herbert Silberer. 

„Aus den mehr oder weniger bedeutenden Differenzen des latenten 
und des manifesten Trauminhaltes erklärt es sich, daß der Träumer 
nur selten imstande ist, seinen Traum zu verstehen. Er erklärt selbst 
den Traum für unsinnig, für absurd, bestreitet auch wohl, daß dem 
Traume überhaupt ein Sinn innewohne; versucht er wirklich in die 
Bedeutung seines Traumes einzudringen, so gibt er eine unzureichende, 
weil nur den manifesten Inhalt berücksichtigende Erklärung. Nicht 
anders das Volk ! Es versteht den latenten Inhalt seiner Mythen eben- 
falls nicht. Es gibt ihnen eine unzureichende Erklärung. 

,, . . . Die Tatsache, daß das mythenbildende Volk sich seinem 
geistigen Produkt gegenüber gerade so verhält wie der Träumer gegen- 
über seinem Traume, verlangt Erklärung. Den Schlüssel zu diesem 
Rätsel gibt uns Freud. Seine Traumtheorie gipfelt in dem Satze: 
„Der Traum ist ein Stück überwundenen infantilen Seelen- 
lebens . . ." Bei genauer Analyse gelingt der Nachweis, daß die letzte 
Grundlage eines Traumes . . . eine Reminiszenz der Kindheit ist. Das 
Kind erfüllt seine Wünsche, auch die aktuellen, unverdrängten, sofern 
sie nicht verwirklicht werden, in Tages- und Traumphantasien. Im 
späteren Alter wird diese Phantasietätigkeit vorzugsweise auf den 
Schlaf verwiesen*). Im Traume bewahrt der Erwachsene aber nicht nur 
die kindliche Art des Denkens, sondern auch die Objekte des infantilen 
Denkens." 

Freud bezeichnet gelegentlich das KindheitsaHer als die , .vor- 
historische Zeit" des Individuums. Ebenso wie nun alle Träume mit 
ihren Wurzeln in diese vorhistorische Zeit des Einzelmenschen reichen, 
entstammen nach Abraham die Mythen „der vorhistorischen 
Zeit deji Volkes, aus der keine bestimmten Überlieferungen 
auf uns gekommen sind. ...Der Mythos ist ein Stück 
überwundenen infantilen Seelenlebens des Volkes. Er 
enthält (in verschleierter Form) die Kindheitswünsche der, 
Volkes". 

So führt Abraham die Parallele immer weiter und weist in 
den träum- und mythenbildenden Faktoren, von denen uns später 
einige beschäftigen werden, weshalb ich ihre Erwähnung vorläufig unter- 
lasse, Punkt für Punkt die erstaunlichsten Übereinstimmungen nach. 



') Über Tagesphantasien Erwachsener war im I. Kapitel beiläufig die 
Rede. Solche Phantasien entsprechen meistens Wunscherfüllungen. Man baut 
. ,Luf tschlö.sser". 



Phantasie und Mythos. 56B 

Der Mythos ist der Traum des Volkes — der Traum ist der Mythos 
des Individuums. So ungefähr läßt sich das Eesultat in knappen Worten 
sagen, zu welchem uns Abraham führt. Dabei erinnert er an das aus 
der Naturwissenschaft bekannte „biogenetische Grundgesetz", welches 
besagt, daß die Entwicklung des Individuums eine kurze AViederholung 
der Geschichte seines Stammes einschüeßt. Die Formulierung dieses 
Gesetzes bei Ernst HaeckeP) lautet: ,,Die Ontogenesis ist eine kurze 
und schnelle Eekapitulation der Phylogenesis, bedingt durch die phy- 
siologischen Funktionen der Vererbung (Fortpflanzung) und Anpassung 
(Ernährung)". Derselbe Autor erwähnt übrigens auch mehrfach, daß 
dieses Grundgesetz auf psychologischem Gebiete ebensolche Bedeutung 
habe wie auf dem morphologischen^). Das Beispiel von Mythos und 
Traum illustriert, wie weit die Geltung dieses Satzes reicht. 

Ein witziger Mensch, dessen Launen manchmal ins ,,Theosophi- 
sche" schweifen, tat unlängst die Frage an mich: ,, Wissen Sie, woher 
es kommt, daß die kleinen Kinder so lange schlafen?" Als ich verneinte. 
rückte er mit der phantastischen Theorie heraus : ,, Früher einmal waren 
alle Menschen Seher ; ihr Leben spielte sich in einem hellsichtigen Traume 
ab, und das, was wir heute das ,, zweite" Gesicht nennen, war die einzige 
und normale Wahrnehmungsart. Wir verloren diese unschätzbare 
Fähigkeit nach und nach und gerieten dafür in den Bann unserer groben, 
unvollkommenen Sinne. Jetzt ist unser Leben, mit seinen Täuschungen 
und Irrsalen, ein Traum. Damals aber war der Traum ein Leben. Von 
dieser phylogenetischen Tatsache ist der lange Schlaf der Kinder die 
ontogenetische Reminiszenz." 

So abenteuerUch diese Expektoration in ihrer Übertreibung und 
phantastischen Verbrämung klingt, birgt sie doch einen wahren Kern. 
Man muß sie nur cum grano salis aufzufassen verstehen. Auf ihren 
tiefsten Gehalt, der in gewissen erkenntnistheoretischen Erwägungen 
ruht, die über die bloße Psychologie hinausführen, kann ich zwar in 
unserem Zusammenhange nicht eingehen. Dagegen möchte ich an 
gewisse Stellen bei Freud^) erinnern, wo die Annahme nahegelegt wird, 
daß der psychische Apparat im primitiven Zustande die Wünsche 
durch die Halluzination ihrer Erfüllungen befriedigt. ,, Diese erste 



1) Ernst Haeckel, „Generelle Morphologie", Schluß des V. Buches. 
"-) Vgl. u. a. Haeckel, „Die Welträtsel", 5. Auflage. Bonn 1900 (Emü 
Strauß), S. 166 (VIII. Kapitel). 

3) „Traumdeutung", 1. Auflage, S. 333 und 355. 



564 Herbert Silberer. 

psychische Tätigkeit zielt auf eine Wahrnehmungaidentität, 
nämlich auf die Wiederholung jener Wahrnehmung, welche mit der 
(gelegentlich erfahrenen) Befriedigung des Bedürfnisses verknüpft ist'' ; 
die halluzinatorische Herstellung dieser Identität ist der kürzeste Weg 
zur Wunscherfüllung. Die Herstellung dieser Identität durch die 
Sekundär gebildete Methode ist ein Umweg. Diese sekundäre Methode, 
welche für uns die gewöhnliche ist, besteht in einer zweckentsprechenden 
Handlung, einer derartigen Beeinflussung der Außenwelt, daß die vom 
Bedürfnis verlangte Identität, also die WunscherfüHung, durch ein 
,, wirkliches" Ereignis von außen her eintritt. 

Die Leistung des primitiven Weges wird vielleicht am besten durch 
die sogenannten ,,Bequenilichkeit8träume" illustriert. Man wird von 
Durst geplagt und träumt, daß man aufsteht, ein Glas Wasser holt und 
es trinkt. Der Traum meint es gut; er will einem das Aufstehen ersparen ; 
er kommt unter der Einwirkung jenes anderen Wunsches: „Ich bin 
müde, ich wUl ungestört schlafen" zustande. Aber er löscht den Durst 
nicht. Der erste Weg ist illusorisch; doch ist er der kürzeste und, was 
für unsere späteren Betrachtungen sehr wichtig ist, oft der einzig 
gangbare. 

Der Unterschied zwischen einer bloßen Vorstellung (also z. B. 
einer eingebildeten Wunscherfüllung) und der Wirklichkeit beruht 
hauptsächUch darin, daß der zweiten sozusagen eine größere, zwin- 
gendere Kraft innewohnt, indem der wirkUche Gegenstand, der wirkliche 
Vorgang einen lebhafteren Eindruck hervorruft und eine größere Be- 
ständigkeit in allen Verhältnissen, wodurch er als wirklich vorhanden 
beziehungsweise vor sich gehend „bestätigt" wird, besitzt als der 
bloß vorgestellte. Es zeigt sich aber, daß dieses ,, normale" Verhältnis 
von bloßer Vorstellung und Wirklichkeit modifiziert werden kann, 
Indem die erstere ihre Kraft unter Umständen derart steigert, daß sie 
für das betreffende Individuum der zweiten mehr oder minder näher 
rückt, ja ihr gleich wird. Ein solcher Vorgang der Kräftigung der 
bloßen Vorstellung zum psychologischen Wahrnehmungswerte der 
Wirklichkeit findet im Traum, in den Halluzinationen und in ähnlichen 
pathologischen Phänomenen in vollkommener Ausprägung statt. In ge- 
ringerem Maße und für kürzere Zeit kann jene Kräftigung bei Tages- 
phantasien eintreten, welche bekanntüch beim Kind eine besonders 
prädominierende Stellung im psychischen Leben einnehmen. Oft genug 
ist geltend gemacht worden, wie real für das Kind jene eingebildete 
Welt ist, in welcher sich seine Spiele vollziehen. Ein paar Schachteln 



Phantasie und Mythos. 565 

werden in diesen Tagträumereien wirHieli und walirliaftig als Eisen- 
bahnwaggons angesehen, die Bleisoldaten kämpfen wirklich miteinander, 
die Puppe wird in vollem Ernst gehätschelt und gepflegt, das Kind 
sieht sich von Personen, von Landschaften umgeben, die für uns nicht 
da sind. Seine Phantasie ist seine Wirklichkeit und läßt sich durch das, 
was wir die WirkHchkeit nennen, durchaus nicht stören. 

In diesem Sinne ist also tatsächlich der Traum des Kindes sein 
Leben und ist das Kind wahrhaftig ein „Seher"^). So wie der Hellseher, 
der, neben uns stehend, steif und fest behauptet, Dinge und Personen 
ringsumher wahrzunehmen, die durchaus nicht vorhanden sind und die 
wir daher beim besten Willen nicht entdecken können, so sieht auch 
das Kind Dinge, die für uns nicht sind. Diese Dinge sind aber ihrer 
psychologischen Wertigkeit nach nicht bloße Täuschungen, denn sie 
hängen gesetzmäßig untereinander zusammen. Und auf 
mehr als einen „gesetzmäßigen Zusammenhang" kann sich 
auch die Außenwelt und die sogenannte „Wirklichkeit" 
nicht stützen. 

Noch eine wesenthche Anknüpfung ist an die bildUche Theorie 
meines launigen Philosophen oder ,,Theosophen" zu machen — die- 
jenige, um derentwillen ich sie eigenthch hierhergesetzt dabe. Die er- 
wähnte Äußerung enthält nämhch eine Wunscherfüllung. 

Wenn unsere Phantasie etwas, das wir als wünschenswert emp- 
finden, das aber nach unserem Erfahrungswissen außerhalb des Bereiches 
der MögHchkeit Hegt, in diesen Bereich zieht, so malt sie uns eine Wunsch- 
erfüllung vor, wenigstens eine annähernde. Sie schildert ein unerreich- 
bares Gut als erreichbar, indem sie das größte Hindernis, das seiner 
Erreichung im Wege steht, die naturgesetzHche Unmöglichkeit, leugnet, 
und bringt uns damit der Erfüllung unseres Wunsches näher. Ein 
solches Ziehen des Unmöglichen ins Bereich des Möglichen 
findet aber statt, wenn wir es als historisch wirklich vor- 
stellen. 

In unserem Beispiel wird ein wünschenswerter Zustand, nämlich 
der der Hellsichtigkeit, als historisch wirkHch dargestellt. Das entspricht 
einer Machtphantasie. Denn die Hellsichtigkeit, der Besitz einer über 
der groben sinnhchen Empfindung stehenden Wahrnehmungsart, 

*) „Es sei denn, daß ihr euch umkehret und werdet wie die Kinder", 
heißt es im Evangelium Matthaei XVIII 3, „so werdet ihr nicht in das Himmel- 
reich kommen." 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psjehopathol. Forschungen. II. 37 



566 Herbert Silberer. 

bedeutet ein gewaltiges Erhabensein über die Täuschung, eine über- 
menschliche, ja übernatürliche^) Fähigkeit. 

In den meisten Märchen werden derlei übermenschliche Fähig- 
keiten, deren Besitz gar sehr zu wünschen wäre, in plastischer Weise 
dargestellt; und einige von ihnen drücken das, was sie damit wollen, 
ziemlich deutlich aus, indem sie gleich in der Einleitung eine Phrase 
gebrauchen wie etwa: „In den alten Zeiten, wo das Wünschen 
noch geholfen hat..." (Ein solcher Märchenanfang findet sich 
beispielsweise gleich bei der ersten Nummer der Gri mmschen Sammlung 
— „Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich".) 

In den Märchen der erwähnten Gattung findet also die Versetzung 
des Unmöglichen in die historische Zeitreihe und damit ins Mögliche 
statt. ,,Es war einmal" ist nichts als die wunscherfüllende 
Modifikation von: ,,0, wäre doch!" Dieselbe Projektion wünschens- 
werter Zustände aus der Welt der Phantasie in diejenige der wirklichen 
Zeitreihe findet statt in den Fiktionen einer „guten alten Zeit", 
eines ,, goldenen Zeitalters" usf. 

Bekanntlich pflegen manche Personen, die an anderen Fähigkeiten 
bewundern, welche ihnen selbst offenkundig abgehen, sich die- 
selben in der Weise anzudichten, daß sie behaupten, diese Fähigkeiten 
früher einmal in hervorragendem Maße besessen und dann erst verloren 
zu haben^). Sie können sich auch in die erfundene Geschichte so hinein- 
leben, daß sie selbst daran glauben. Das „Aufschneiden" nähert sich 
dann unter Umständen der pathologischen Form: Pseudologia phan- 
tastica. Wird dagegen das Sichandichten in einer gewissen Art vom 
egoistischen Zentrum losgelöst, so kann mit Hilfe einer ,,Sublimierung" 
aus dem „Andichten" ein ,, Dichten" werden. 

Die historische (wunscherfüllende) Projektion des Volkswunsches, 
ein mächtiges Geschlecht zu sein, findet ihren Ausdruck in den Mythen, 
wo von der göttlichen Abstammung der Nationalheroen die Rede ist. 
Karl Abraham hat dies in dem schon obenjgenannten Werke "sehr 
richtig geltend gemacht. 

Die Projektion des wünschenswerten Ideales in die historische 



') Je nach der Auffassung des Begriffes der ,, Natur". 

-) Herrn Prof. Freud verdanke ich die Mitteilung, daß Kinder manchmal 
von sich erzählen: „Wie ich einmal groß war . . ." Das Großsein ist bekanntlich 
einer der lebhaftesten Wünsche der Kindheit; seine Erfüllung liegt jedoch in 
weiter Ferne; das Kind hilft sich also durch jene Projektion, welche das weit 
Entrückte als längst erreicht darstellt. ,,0, wäre doch !" wird zu ,,Es war einmal". 



Phantasie und Mythos. 567 

Reihe kann zu den funktionalen Phänomenen gezählt 
werden. Denn das geistige Verhalten des Menschen beziehungsweise 
des Volkes zu seinem Wunschobjekte wird damit gewissermaßen in 
eine anschauliche Form gekleidet, ohne daß durch diese Form das Objekt 
des Wunsches schon zum Ausdrucke gebracht wäre, den erst der Inhalt 
der Fabel leistet. Ein verwandtes Abstammungsbild ist in dem Sprich- 
wort zu finden: „Der Wunsch ist der Vater des Gedankens". 
Ganz nebenbei möchte ich darauf aufmerksam machen, wieviel von 
der durch Freud wissenschafthch-analytisch gefundenen Beziehung 
der 'P-Systeme zueinander^) in dem Sprichworte bildUch eingeschlossen, 
man kann auch sagen ,, verdichtet" ist. 

Ein sehr schätzenswerter, wenn auch älterer und großenteils 
überholter Mythenforscher, Friedrich Cr e uz er, vertrat in seiner ,, Sym- 
bolik und Mythologie" die „Grundlehre von einer anfänghchen reinen 
Erkenntnis und Verehrung Eines Gottes, zu welcher Religion sich alle 
nachherigen wie die gebrochenen und verblaßten Lichtstrahlen zu dem 
vollen Lichtquell der Sonne verhalten"^). Wir sehen also hier die reinste, 
edelste Form, welche die religiöse Entwicklung erreichen kann, wir 
sehen das Ideal an die Spitze der historischen Entwicklungsreihe gestellt. 
Greuzer führt zur Unterstützung seiner Mythentheorie, die selbst 
wieder etwas Mythisches an sich hat, viel beachtenswertes Material an. 
Besonders scheint in sehr alten einfachen und tiefen Symbolen, welche 
unabhängig voneinander in mehreren historischen Reihen auftreten, 
eine Unterstützung seiner Meinung zu liegen. Dennoch dürfte Cr e uz er 
und dürften diejenigen, die ihm gefolgt sind, nur bedingterweise Recht 
haben; nur in einer Hinsicht. 

Wenn sich Symbole in einer gewissen Weise deuten lassen; ja 
selbst wenn sich diese bestimmte Deutung mit Ausschluß aller anderen 
Deutungen (was aber fast nie der Fall ist) aufdrängt, so ist damit 
noch lange nicht bewiesen, daß den Verfertigern der Sym- 
bole deren volle Bedeutung klar bewußt geworden ist. 
Auf dieses interessante Verhältnis des Bewußtwerdens der Symbol- 
bedeutung werde ich später (V. Kapitel) noch zu sprechen kommen. 
In einer Zeit, wo Symbole einer erhabenen Reügion im Gebrauche waren, 
muß der Gehalt dieser Rehgion theoretisch durchaus nicht bekannt 



^) „Traumdeutung", 1. Auflage, S. 333 f., 356 ff. 

'') „Symbolik und Mythologie", 2.' Auflage. Leipzig und Darmstadt, 1819 
bis 1823 (Heyer und Leske), I. Band, Vorrede, S. XI f. 

37* 



568 Herbert Silberer. 

gewesen sein; muß sozusagen die Theologie dieser Religion gar nicht 
vorhanden gewesen sein. 

Das historische Postulat einer ursprünghchen monotheistischen, 
„reinen" ReHgion, von der alle späteren Religionen ein geschwächter 
Abklatsch, ein durch Strahlenbrechung entstandener matter Reflex 
seien, ist in diesem einen, dem theologischen, Sinn ein Mythos, eine 
wunscherfüllende Projektion des Ideals in die Zeitreihe. 

In anderer Hinsicht mag indes die Cr e uz er sehe Richtung wieder 
Recht haben. Das Wesen der Religion ist nicht Erkenntnis (im gewöhn- 
Uchen Sinne), nicht Theorie. In positiver Weise ihr Wesen zu bestimmen, 
kann natürUch nicht Sache dieser kleinen Schrift sein; aber ich will 
nur soviel sagen, daß nach meiner Auffassung der ReHgion das meiste 
auf die affektive Kraft und Reinheit dessen ankommt, was man mit den 
Worten „begeisternde Ahnung" oder „ahnungsvolle Hingabe" skizzieren 
könnte. 

Daß eine „Ahnung" und der psychische Wert einer solchen eine 
von allem Erkennen (im gebräuchHchen Sinne) unabhängige Realität 
haben kann, brauche ich wohl nicht erst darzutun. Ein paar Zeilen 
will ich aber hersetzen, zur Illustration, ein paar Zeilen von Hermann 
Bahr^), weil sie das Gefühl der geheimnisvollen, über das alltägliche 
hinaushebenden Ahnung in ihrer eigentümhchen Beziehung zur Ver- 
standeserkenntnis an einem natürüchen Beispiele hübsch und an- 
schaulich schildern. Um den Fortgang des Textes nicht aufzuhalten, 
füge ich die Stelle unten, als Anmerkung, ein*). 

1) „Zuloaga", Feuilleton, „Neue 3?reie Presse", 26. Juni 1910. 

') ,,.... Noch war im Westen hinter uns die Sonne zu fühlen und irgendwie 
gelang es ihr mit ihrer letzten Kraft, gleichsam durch verborgene Fugen unten 
in der schwarzen Wand, ins Meer zu dringen, das davon hell ergrünend war, 
einer jungen Frühlingswiese gleich; und der aufschäumende Gischt darin wie 
große weiße Blüten, im Winde nickend mit ihren Flocken. Da hatte sich alles 
verwandelt: Wolke zur starren Wand, Wellenschaum in Blütenstaub, Sonnen- 
strahl in Wiesengrün. In solchen Augenblicken hat man das Gefühl, 
daß jetzt gleich der Schein der Welt zergehen wird; und dann werden 
wir ihr ins Auge sehen. 

,,. . . So seltsam war uns alles verwandelt, dies alles rings, was uns seit 
Jahren her doch so vertraut ist ; jetzt aber warf es plötzlich sein Gesicht ab, fremd 
stand es jetzt und unkenntlich vor uns, und wir erblickten es jetzt, als wär's zum 
ersten Male. Und heute noch, da längst der Sturm verbraust und jene schwarze 
Wand zerstoben ist und das Meer wieder in der weißen Sonne lächelnd blaut 
und fern am Horizont die gelben Segel wieder still in den Himmel stehen, heute 
noch erinnern wir uns in den schwer atmenden Mittagsstunden manchmal daran. 



Phantasie und Mythos. 569 

Religion ist (schon nach dem wörtlichen Begriffe der „Ver- 
einigung" genommen) ein Verhältnisbegriff, der Begriff einer Harmonie, 
die ja auf Verhältnissen beruht. Die Harmonie erstreckt sich etwa 
auf das richtige Verhältnis zwischen dem Erkennenden und dem zu 
Erkennenden, zwischen dem Handelnden und der zu vollbringeöden 
Handlung, zwischen der Aufgabe und ihrer Bewältigung. 



als hätten wir damals, da plötzlich Wolke, Wasser, Sonne, Segel, 
ja die weite Welt, alles so ganz anders war, erst erkannt, wie sie 
wirklich sind, und hätten damals auf einmal ihren Sinn und alles 
Geheimnis in ihnen gewußt, nur können wir es leider nicht mehr 
sagen, wir haben es wieder vergessen, und nichts wissen wir mehr von 
ihrem Sinn und ihren Geheimnissen, als daß wir sie einmal gewußt haben, an 
jenem Abende vor dem Sturme, da die schwarze Wand im Norden stand, das 
Wasser Wiesen glich und das gelbe Segel mit dem aufgeblasenen Bauch in die 
Luft zu steigen schien. Haben zwei Menschen, gar Mann und Frau, so was zu- 
sammen erlebt und es beide gleich stark gespürt, dann glauben sie dadurch ein- 
ander nun wieder noch näher zu sein, und erblicken wir seitdem die kleinen 
bittenden blauen Wellen mit den fernen gelben Segeln draußen am Rande, so 
sehen wir uns jetzt mit gedenkenden Augen an, wie zwei, die zusammen ein 
Geheimnis haben. Mein Verstand sagt mir, daß dies eher komisch sei; 
auch dürfe man Abendbeleuchtungen doch nicht überschätzen. Aber wie bloß 
eingebildete Schmerzen ja nicht weniger weh tun als wirkUche, so wird das 
Glück einer Ahnung dadurch nicht geringer, daß wir sie für ima- 
ginär erkennen; wir lassen uns gern von jedem Wahn betrügen, durch den 
wir uns zur Wirklichkeit ermutigt fühlen. Ich weiß ganz gut, daß wir, eingesperrt 
in unsere Sinnlichkeit, nicht hinter die Welt kommen können. In solchen Augen- 
blicken aber, wie neulich jener Abend vor dem Sturme am Meere war, scheint 
mir dennoch das Jenseits plötzlich aufgetan, des Iicbens sonst unverständliche 
Worte und alle diese verstreuten Buchstaben der Welt fügen sich dann zu- 
sammen und haben Sinn, ohne daß ich dabei deshalb aufhöre, zu wissen, daß 
mir armem Menschen das Alphabet der Ewigkeit verschlossen bleiben muß, und 
ohne daß ich am nächsten Tage mehr davon übrig hätte, als ein still seliges Gefühl, 
gestern alle Bedeutungen gewußt, aber freilieh über Nacht wieder verloren zu 
haben. Aber dieser zerronnene Traum, von dem ich nichts wiederfinden kann, 
läßt mir doch die Lust zurück, ihn geträumt zu haben. Diese Lust und einen 
Wunsch nach solcher Lust. Und so bin ich reicher seitdem. Und ich frage meinen 
Verstand, warum er mir das nicht gönnen will. Mag er mir tausendmal beweisen, 
daß ich mich nur von der Abendbeleuchtung täuschen ließ, indem ich einen Licht- 
effekt für Offenbarung nahm, und mich tausendmal verspotten um meinen so 
rasch wieder verlorenen Fund geheimnisvoller Bedeutungen, mir haben seitdem 
diese längst gewohnten Dinge, Wellenspiel, Segel in der Ferne, ja der ganze Strand, 
doch einen neuen Glanz davon, wie plötzlich ganz entfremdet und eben dadurch 
erst so tief vertraut. Ist solcher Wahn, mit solcher Kraft 'erlebt, nicht ebensoviel 
wert, ja mehr als höchste Wahrheit?" 



670 Herbert Silberer. 

Und wenn wir dies „Verhältnis" in mathematischem Sinne 

nähmen, so müßten wir die Größe und den Reichtum des Wissens wahr- 

scheinhch so einführen, daß ihr Betrag sowohl in den Zähler als in den 

Nenner käme und — sich kürzte. Nicht viel anders ginge es mit der 

Ethik. In der mathematischen Formel jenes Verhältnisses wäre wahr- 

ip 
scheinlich ein Bruch zu finden, der, roh geschrieben, so aussieht: — - 

Darin sind "F^ und ^^ die aus Freuds ,, Traumdeutung^) bekannten 
psychischen Systeme. Das eine davon, fj, welches nichts anderes kann 
als wünschen und auf freies Abströmen der Erregungsquantitäten 
gerichtet ist, ist sozusagen das titanische System elementarer psychi- 
scher Gewalten. Das zweite, "Fg, welches eine affektlose Ordnung, 
eine Unterwerfung und weise (oder sagen wir „sublimierte") Anwendung 
der rohen Gewalten, eine Subsumierung unter eine höchste Einheit 
anstrebt, ist jene Athene, die das Herz des von den Titanen zerrissenen 
Zagreus-Dionysos*) bewahrt und die Wiederauferstehung, die 
Apotheosis des Helden ermöglicht. 

Die absolute Größe von f^ und fP^ kam, wie man sieht, in dem 
mathematischen Ausdrucke nicht in Betracht, sondern nur ihre Pro- 
portion. Natürlich ist das roh und fehlerhaft gesprochen; es handelt 
sich auch bloß darum, ein halbwegs anschauUches Bild von dem zu 
bieten, was ich sagen wollte. 

Die „Kultur" wird von einem Ausdruck abhängig sein, in welchem 

neben dem Verhältnis auch die absolute Größe des f- Inhaltes vor- 

ip 

kommen wird, also etwa y"^ + 'f« H -. 

^1 

Der technische und wissenschaftliche Stand eines Volkes ist natür- 
lich noch viel stärker von den absoluten Werten, vom Reichtum der 
f- Systeme an Erfahrung und Wissen, abhängig. 

Da der Reinheitsgrad der Religion von diesen absoluten Werten 
wenig beeinflußt wird, so kann sehr wohl in einer Periode, wo das Wissen 
noch weit hinter dem symbolmäßigen Ahnen zurückbUeb, eine überaus 
reine Religion existiert haben — in dieser Auffassung kann man Gren- 
zers Meinung nicht widerlegen. 

Freud sagt über das System V^ und seine Aufgabe im Haushalte 



') „Traumdeutung", 1. Auflage,^ S. 356 u. ff. 

') Ich ziehe hier natürhch nur die psychische Deutung des Mythos In 
Betracht. 



Phantasie und Mythos. 571 

des Seelenlebens das Folgende: „Die Tendenz des Denkens muß also 
dahin gehen, sich von der ausschließlichen Regulierung durch das 
Unlustprinzip immer mehr zu befreien und die Affektentwicklung 
durch die Denkarbeit auf ein Mindestes, das noch als Signal verwertbar 
ist, einzuschränken. Durch eine neuerhche Überbesetzung, die das Be- 
wußtsein vermittelt, soll diese Verfeinerung der Leistung erzielt werden. 
Wir wissen aber, daß diese selbst im normalsten Seelenleben selten voll- 
ständig geUngt und daß unser Denken der Fälschung durch die Ein- 
mengung des Unlustprinzipes immer zugänglich bleibt." 

Die vollkommene Unterjochung des „titanischen" Affektlebens, 
die vollkommene, reibunglsose Einigung aller Kräfte unter einem ein- 
zigen vernunftgemäßen, vom Pathologischen^) freien Zweckprinzip 
ist ein Ideal. Und da die Herrschaft des ordnenden Gedankens über 
die dunklen Instinkte dasjenige ist, was den menschlichen Geist zum 
,, menschlichen" macht, so gibt die Proportion von "F^ zu fj einen 
Gradmesser der Menschlichkeit ab. Das Ideal aber, dem wir alle zu- 
streben sollen, ist die Vollendung dieser Menschlichkeit, es ist das Ideal 
der Humanität. 

III. Das funktionale Phänomen im Märchen 
und Mythos. 

Das Verhältnis der Systeme 'F^ und T^ zueinander bestimmt, 
zum guten Teil wenigstens, das seelische Gleichgewicht. Das voll- 
kommene Gleichgewicht ist ein Idealzustand, dem die Entwicklung der 
Psyche vielleicht zustrebt ; das vollkommene Gleichgewicht ist aber auch 
ein Endzustand, da es wahrscheinUch zu einem Stillstand des psychi- 
schen Mechanismus führen würde. Physikahsch gesprochen deshalb, 
weil dann alle verwandelbare Energie bereits umgewandelt ist und alle 
den Mechanismus treibenden Spannungen^) beseitigt sind (man denke an 
das Entropiegesetz der Physik); ethisch gesprochen deshalb, weil die 
zu vollbringende Aufgabe erfüllt ist. 

Die Harmonie zwischen y^^ und W^ kann also in WirkUchkeit 
niemals als eine vollständige gegeben sein. Das Maß der Herrschaft 



1) Im Sinne Kants gebraucht. Vgl. „Kritik der praktischen Vernunft", 
I.yTeil, 1. Band, 1. Hauptstück, § 1, Anmerkung, usw. 

') „. . selbstverständlich, da nichts anderes als ein Wunsch unseren see- 
lischen Apparat zur Arbeit anzutreiben vermag." (Freud, „Traumdeutung", 
l.;^Auf]age,^S. 334, oben.) 



572 Herbert Silberer. 

von ^^2 über y^^ oder genauer: das Maß der Unterwerfung des übw 
(Unbewußten) durch das Vbw (Vorbewußte) „ergibt den Grad unserer 
psychischen Normalität"^). Dieses Maß ist labil. „Die Unterwerfung 
des Ubw durch das Vbw ist auch bei völliger psychischer Gesundheit 
keine durchgreifende". 

Geraten die beiden Systeme miteinander in Konflikt, so ent- 
steht ein seelischer Unfriede, eine Disharmonie vom leisesten, kaum 
merklichen Grad angefangen bis zur vöUigen seelischen Zerrissenheit. 
In einer so gestörten Psyche (,, Störung" relativ genommen, da jede 
Psyche im absoluten Sinne „gestört" ist) machen sich dieselben Vor- 
stellungsinhalte, dieselben Ideengruppen funktionell anders geltend, 
wirken anders aufeinander ein, als sie es im Zustande (relativer) Har- 
monie tun. Gesonderte Massen von psychischen Elementen treten ge- 
wissermaßen als Kampfheere gegeneinander auf; leichte Scharmützel, 
schwere Kämpfe, langwierige Belagerungen, kühne Ausfälle und Stürme, 
erbarmungslose Verfolgungen spielen sich ab. Betrug, listige Über- 
vorteilung und rohe Gewalt, Aushungerung, Fesselung und Einkerke- 
rung, Peinigung und Folterung werden angewandt; aber es kann auch 
zur Erlösung kommen, zur Wiedereinsetzung in alte Rechte, zur Ent- 
schädigung, Erhöhung, Verklärung. 

Alle diese psychischen Vorgänge, diese Dramen, welche die Ideen- 
massen untereinander aufführen, insbesondere auch diejenigen, welche 
durch die Freudsche Lehre von der Verdrängung und den daraus ent- 
stehenden Erscheinungen eine der wertvollsten Beleuchtungen erhalten 
haben, alles das Wohl und Wehe psychischer Gewalten, alle die Ränke 
und Schwanke, die Kämpfe und Gewalttaten, die Siege und die Nieder- 
lagen, die Triumphe und die Demütigungen haben ihren Ausdruck 
in Symbolen funktionaler Kategorie in den Gebilden des 
Mythos und Märchens gefunden. Wieder erinnereich, um jedem 
Mißverständnis vorzubeugen, an meine einschränkende Bemerkung 
von vorhin : Die funktionale Kategorie war bei der Bildung der Symbole 
(in unserem Falle i der Märchen- und Mythenstoffe) nicht allein wirksam, 
sondern bloß als determinierender Faktor beteiligt; das aber bei einer 
großen Menge von Märchen und Mythen, vielleicht sogar bei allen. 

Der Kern dieser Theorie steckt eigentlich schon — wenn auch 
unentwickelt — in dem überaus glücklich gewählten Motto aus 

^) Freud, „Traumdeutung", 1. Auflage, S. 343 oben. — Die beiden 
Systeme T^ und IP^ sind ,,der Keim zu dem, was wir als Ubw und Vbw in den 
voll ausgebildeten Apparat einsetzen." (Ebenda, S. 356 oben.) 



Phaatasie und Mythos. 573 

VirgH, Aeneis: „Flectere si nequeo Superos, Acheronta movebo," 
welches Freud an die Spitze seiner „Traumdeutung" gestellt hat. 
Was sind die Unterirdischen, auch dem Gehalte des Mythos nach, 
denn anderes, als unterdrückte, revoltierende psychische Gewalten? 
Den Teufel bezeichnet Freud mit feinem BHck als ,, Personifikation 
des verdrängten Trieblebens"^). Ich werde auf den Teufel, die Dämonen 
und ähnliche Begriffe noch zu sprechen kommen. 

Die internen Vorgänge im psychischen Mechanismus erfahren in 
vielen Märchen eine erstaunlich weitgehende, ausführliche Behandlung. 
Insbesondere erscheinen in einzelnen Erzählungen die Unterdrückungs-, 
Verdrängungs- und die Folgephänomene in hervorragendem Maße 
berücksichtigt*) . 

Ich setze zur bequemen Demonstration des beschriebenen Ver- 
hältnisses vor allem das vollständigste, lehrreichste Beispiel her, welches 
ich habe finden können. Ich entnehme die auszugsweise gedrängte 
Darstellung des betreffenden Märchens (eines Stückes aus Ritters- 
haus, „Sammlungen Neuisländischer Volksmärchen") dem in der Vor- 
rede genannten Buche von Franz Riklin. Die im Druck spationierten 
Stellen sind von mir hervorgehoben. Die Paranthesen rühren von 
Riklin her. Der Auszug lautet: 

„Ein Königssohn tötet seine Eltern und seine Schwester, 
um die Regierung an sich zu reißen. Einige Jahre später heiratet 
er eine schöne Prinzessin und sie bekommen nach einem Jahre eine 
Tochter, namens Ingibjörg. Wie diese erwachsen ist, liegt die Mutter 
auf dem Sterbebette. Sie ruft ihr Kind zu sieh und sagt ihm, nach 
ihrem Tode würde der böse Vater bei ihr schlafen wollen und 
würde sie, um sie an der Flucht zu hindern, mit einem Bande binden. 
Sie sollte nun sehen, ihre Hündin an das Band zu knüpfen, während 
sie selbst durch die Flucht sich rette. Einen Gürtel solle sie dann 
umbinden, dann würde sie nie von Hunger gequält werden. 

,,Die Voraussetzungen der Mutter bewahrheiten sich. Es geUngt 
Ingibjörg, im Dunkel der Nacht zu entkommen und bis zur See 
zu gelangen, wo Kauffahrer sie auf ihr Schiff aufnehmen. Sie kommt 
nun in ein fremdes Königreich und findet hier in einem kleinen 
Bauernhofe Unterkunft. 



') Freud, ,, Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre", II. Folge. 
Wien 1909 (Deuticke), S. 136 unten. 

2) Vgl. S. 580 die Anmerkung über „endo psychische Wahrneh- 
mung" und ,, mythologische Projektion". 

f 7 . 



574 Herbert Silberer. 

„Der Bauer hatte für den jungen, unverbeirateten König alle 
Kleider anzufertigen. Seit Ingibjörg nun dort ist, wird alles so viel 
schöner gemacht, genäht und prächtiger gestickt, daß der König sich 
darüber verwundert und die Sache zu untersuchen beschließt. 

„Wie er nun zum Bauernhofe kommt, sieht er dort die schöne 
Königstochter und entbrennt in Liebe zu ihr. Er bietet ihr seine Hand 
an und Ingibjörg ist gerne mit der Heirat einverstanden. 

„Nur läßt sie sich versprechen, niemals ohne ihr Wissen 
einen fremden Wintergast^) anzunehmen. 

„Der König gelobt es auch. Als dann aber nach einigen Jahren 
ein ältlicher Mann ihn um Aufnahme bittet und den König 
als Pantoffelhelden hinstellt, weil er um eine solche Kleinigkeit erst 
seine Frau fragen müsse, da schämt sich der König seines Versprechens 
und nimmt den Gast auch ohne Zustimmung der Königin auf. 

,,Da8 Motiv der nun beginnenden Verfolgung durch den 
Wintergast {^ Vater), der ihre Kinder umbringt und sie ins Elend 
stürzt, ist eine Wiederaufnahme des anfänglichen Themas. Mit Hilfe 
einer, von einer bösen Stiefmutter in einen Rindsmagen verzauberten 
Königstochter wird Ingibjörg schheßüch ihrem Gatten nach vielen 
Schwierigkeiten wieder zugeführt, der Vater = Wintergast wird 
vernichtet. 

„Die vom Traume geforderte „Einheit der Szene" wird dabei 
in hübscher Weise vom Märchen respektiert: Der König (das heißt der 
Gemahl) wird auf einen Goldstuhl gesetzt, der Wintergast jedoch, 
der sein. Minister geworden ist, auf einen Eisenstuhl mit Eisen- 
klammern, die sich fest um seine Brust schließen. (Angst? Böses Ge- 
wissen'?) Er muß nun, wie dies im isländischen Märchen übHch ist, seine 
Lebensgeschichte erzählen. Sowie er anfangen will zu lügen 
und seine Untaten zu verschweigen, drücken die Eisenklammern 
ihn fester und fester und Eisenstacheln bohren sich in seine 
Brust. — Endüch hat er alles gebeichtet und nun öffnet sich unter 
ihm ein Stein, er fäUt in einen Kessel voll siedenden Pechs und ver- 
brennt. 

,,Der Rindsmagen darf zum Lohn den Bruder des Königs heiraten 
und wird in der Hochzeitsnacht vom Zauber erlöst." 

*) Es ist eine Landessitte auf Island, den im Herbst ankommendea Gast 
über den Winter zu beherbergen. Bi klin bemerkt, daß in den isländischen Märchen 
der Gestalt des „Wintergasts" eine störende Rolle, etwa die eines sexuellen Rivalen 
oder eines Feindes, zufällt. 



Phantasie und Mytho?. 575 

Bevor ich nun zur Deutung dieses Märchens nach der funktionalen 
Kategorie schreite, möchte ich in aller Kürze gewisse Hauptpunkte 
aus der Lehre von der Verdrängung, von den Neuropsychosen und von 
der Psychanalyse dem Leser in Erinnerung bringen, nicht ohne den- 
selben gleichzeitig auf die wichtigsten diese Themata betreffenden 
Schriften Freuds (,, Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre 
1893 — 1906", Stück II, IV und die folgenden; ferner ,, Sammlung 
kleiner Schriften zur Neurosenlehre, zweite Folge", Stück I, V und VI) 
ausdrücklich zu verweisen^). 

Wenn im Haushalte unseres Bewußtseins eine Vorstellung — 
z. B. ein unerfüllbarer Wunsch oder eine peinliche Erinnerung, beides 
meist sexueller Natur — uns unbequem wird; wenn wir der Erregung, 
die daran haftet, keine Abfuhr verschaffen noch sonstwie mit ihr fertig 
werden können, so pflegt sich (unter gewissen Umständen) das Phä- 
nomen der ,, Verdrängung" einzustellen, das heißt die unbequeme Vor- 
stellung gerät in eine Art künsthcher Vergessenheit, in der sie scheinbar 
untergeht. Sie kann dann nicht mehr willkürUch ins Gedächtnis zurück- 
gerufen werden, ist aber imm^er noch, in einer Art isolierten Zustandes, 
vorhanden und entfaltet, gleichsam aus dem Hinterhalte, eine heim- 
tückische Wirksamkeit, indem sie, pathogen geworden, kraft des ihr 
anhängenden unerledigten Erregungsbetrages die verschiedensten krank- 
haften Erscheinungen hervorruft. So wirft sie beispielsweise ihren 
Affektbetrag auf beUebige andere, ganz harmlose Vorstellungen, so daß 
diese zu quälenden Zwangsvorstellungen werden. So kann sie ferner 
Handlungen, die an sich unbedeutend sind, wie z. B. gleichgültige häus- 
liche Verrichtungen, An- und Auskleiden usw., mit einer erdrückenden 
Wichtigkeit belasten oder aber sich in Form scheinbar sinnloser, oft 
ganz lächerlicher Gewohnheiten als ,, Zwangshandlung" durchsetzen^). 



^) Die Schriften sind bei Deuticke in Wien und Leipzig verlegt. 

^) Ich kann mir es nicht versagen, einen besonders illustrativen Fall aus 
den Freudschen Beispielen hier anzuführen: 

Eine Patientin pflegte eine Zeit hindurch eine auffällige und sinnlose 
Zwangshandlung zu wiederholen. Sie lief aus ihrem Zimmer in ein anderes, in 
dessen Älitte ein Tisch stand, rückte die auf ihm liegende Tischdecke in gewisser 
Art zurecht, schellte dem Stubenmädchen, das an den Tisch herantreten mußte, 
und entließ es wieder mit einem gleichgültigen Auftrag. Bei den Bemühungen, 
diesen Zwang aufzuklären, fiel ihr ein, daß die betreffende Tischdecke an einer 
Stelle einen mißfarbigen Fleck hatte und daß sie jedesmal die Decke so legte, 
daß der Fleck dem Stubenmädchen in die Augen fallen mußte. Das Ganze .stellti 
sich heraus als Reproduktion eines Erlebnisses aus üirer Ehe, welches ihren Ge- 



576 Herbert Silberer. 

Das absonderliche Zeremoniell solcher „Zwangshandlungen" (Abwehr- 
und Surrogathandlungen), ebenso wie die Form hysterischer Symptome 
und die Natur der wahnartigen Ideenfolgen in verschiedenen Psychosen 
entpuppt sich dem kundigen Auge zumeist als eine mehr oder minder 
feine Verkleidung des verdrängten Wunsches oder Triebes. 

Die Therapie besteht darin, daß der Arzt die verdrängte Vor- 
stellung, obgleich diese sich hartnäckig zu verbergen und hinter Masken 
unkenntlich zu machen sucht, durch die psychanalytische Behandlung 
ans Licht zerrt. Indem sie hell ins Bewußtsein des Patienten tritt, 
verliert sie nach Ansicht Freuds ihre pathogene Eigenschaft. 

Wir werden nun, nach dieser Vorerinnerung, an unserem Märchen- 
beispiele alsbald gewahr werden, daß die Träume des Volkes, die Mythen 
und Märchen, nicht bloß — wie z. B. Riklin, Abraham und Rank^) 
ausführen — nach Art der Freudschen Mechanismen aufgebaut 
sind, sondern daß zum wenigsten eine Anzahl von ihnen 
diese Mechanismen selbst, insbesondere die Verdrängung 
und ihre Folgeerscheinungen sowie die psychanalytische 
Behandlung, symbolisch darstellen. 

Unter diesem Gesichtspunkte erklärt sich das oben angeführte 
Märchen wie folgt: 

Der gewalttätige Königssohn, der seine Verwandten umbringt 
und die Regierung an sich reißt, ist die unleidliche Vorstellung, jener 
egoistische Wunsch, dessen Affektbetrag übermächtig wird und alles 
tyrannisiert. Er ordnet sich als Herrscher und Gemahl der Prinzessin 
(Vernunft, Harmonie) über. Wenn sie stirbt, ist Ingibjörg (die Psyche) 
in Gefahr, von dem Unholde, ihrem Vater, überwältigt zu werden (es 
droht ein Übergreifen der Leidenschaft, ein Übermanntwerden der 
Psyche durch den tyrannischen Wunschkomplex). Der böse Vater 

danken später ein Problem zu lösen gegeben hatte. Ihr Mann war in der Braut- 
nacht von einem nicht ungewöhnlichen Mißgeschick befallen worden. Er fand sich 
impotent und „kam viele Male im Laufe der Nacht aus seinem Zimmer in ihres 
gerannt", um den Versuch, ob es nicht doch gelänge, zu wiederholen. Am Morgen 
äußerte er, er müsse sich ja vor dem Hotelstubenmädchen schämen, welches 
die Betten in Ordnung bringen werde, ergriff darum ein Fläschchen mit roter 
Tinte und goß dessen lobalt über das Bettuch aus, aber so ungeschickt, daß der 
rote Fleck an einer für seine Absicht sehr ungeeigneten Stelle zustande kam. 
Die Patientin spielte also Brautnacht mit jener Zwangshandlung. „Tisch und 
Bett" machen zusammen die Ehe aus. 

1) Otto Rank, „Der Mythus von der Geburt des Helden". Wien 1909 
(Deuticke). 



Phantasie und Myttos. 577 

würde ,,bei ihr schlafen" wollen (drückt noch besonders den sexuellen 
Charakter des tyrannischen Vorstellungskomplexes aus). Ingibjörg 
muß also entfliehen, dem Unholde sich entziehen, da sie ihm an Kraft 
ja nicht gewachsen ist und nicht mit ihm fertig werden könnte (das 
bedrängte Bewußtsein sucht von der übermächtigen Vorstellung, mit 
der es nicht fertig werden kann, loszukommen, es sucht sich von derselben 
zu isoHeren; die Verdrängung kommt einer Isolation gleich). Der böse 
Vater wird aber die Flucht zu verhindern suchen, indem er Ingibjörg 
mit einem Bande bindet (der zu verdrängende Komplex will die Ver- 
bindung mit dem Bewußtsein nicht aufgeben ; er hakt sich in dasselbe 
sozusagen ein mit Hilfe des Bandes der Assoziation der Vorstellungen 
oder der Ideen Verknüpfung). Ingibjörg knüpft daher an ihrer Statt 
eine Hündin — ein dienstbares Tier — an das Band (die Psyche will 
sich von dem Komplex nicht am Gängelbande führen lassen ; sie salviert 
sich vor ihm und läßt ihm dafür ein Surrogat zurück, an dem er sich 
austoben, an dem er sich sozusagen die Zähne ausbeißen mag; sie bietet 
ihm, mit anderen Worten, Gelegenheit zur Surrogatbehandlung). Die 
Hündin — weiblich — ist, nebenbei bemerkt, ein Geschlechtstier (also 
ein Sexualsurrogat, entsprechend der oben erwähnten sexuellen Färbung 
des Komplexes). Ingibjörg knüpft einen Gürtel (Symbol der Isolation) 
um ; dann wird sie nie von Hunger (erotische Belästigung, Sucht nach 
der Befriedigung im Sinne der verdrängten Komponente) gequält 
werden. 

Ingibjörg entkommt im Dunkel der Nacht (Finsternis, eine Isolier- 
schicht, legt sich zwischen das helle Bewußtsein und den Komplex, der 
im Dunkel gelassen wird) und gelangt zur See, wo sie auf ein Schiff ge- 
nommen wird {^2 als das Oberbewußtsein fährt in der sicheren Arche 
über das Meer der Leidenschaften, das elementare Meer von "F^, dahin). 
Sie gelangt in ein fremdes Königreich (Teilung des psychischen Schau- 
platzes, Isolation) und wird von dem König zur Frau genommen (nor- 
maler Geschlechtsverkehr oder sonstige Herrschaft des als „normal" 
Anerkannten). 

Ingibjörg läßt sich versprechen, daß niemals ohne ihr Wissen ein 
fremder Wintergast angenommen werde (die Psyche sieht sich gegen 
das Eindringen des verdrängten Komplexes ins Bewußtsein vor). Als 
aber ein ältUcher Mann, nämhch der verkleidete Vater-König (der 
alte, verkleidete Komplex) dxinghch um Aufnahme bittet, setzt er diese 
durch (der Wunscli setzt sich als symbolische Zwangshandlung oder als 
sonstiges pathologisches Symptom durch). Ingibjörg erleidet Ver- 



5'ö Herbert Silberer. 

folgungen und Qualen (die Krankheit, Psychoneurose) ; sie verliert ihren 
Gatten (Störung der normalen Sexualbetätigung und der Herrschaft 
des „Normalen" überhaupt). Der Wintergast wird Minister des Königs 
(der Komplex beginnt die Staatsgeschäfte des psychischen Mechanismus 
zu beeinflussen). 

Und nun folgt die Erlösung. Man zwingt den Wintergast, seine 
Lebensgeschichte zu erzählen (man schreitet zur Psychanalyse). Er 
will lügen, will verschweigen (die Hemmungen machen sich geltend); 
Eisenklammern drücken sich ihm in die Brust (der Patient schneidet 
sich ins eigene Fleisch, wenn er die Psychanalyse durch Ausweichen 
aufhält. Hier hat entweder eine Verschiebung im Symbol stattgefunden, 
da die Verhältnisse der Psyche auf die den Komplex symbolisierte 
Person übertragen wurden oder es ist gemeint: das, was der Komplex 
will, seine Befriedigung, kann erst geschehen, wenn er bekannt hat, 
was er ist, und bis dahin bleibt er eingeengt von Fesseln). EndUoh hat 
er alles gebeichtet (die Psychanalyse ist zu Ende, der Komplex ist 
nach seinem wahren Wesen enthüllt) und fäUt der Vernichtung anheim 
(hört auf, als pathogener Komplex zu existieren). 

Die hier vorgetragene Deutung wird vielleicht manchem meiner 
Leser gewagt vorkommen, weil ich vorauszusetzen scheine, daß dem 
alten, naiven Märchen die hochmoderne, raffinierte Theorie von der 
Verdrängung, von den Symptomhandlungen, von der Psychanalyse 
usw. bekannt sei. Wenn man die Sache indes etwas genauer betrachten 
will, wird man finden, daß ich diese Voraussetzung keineswegs mache. 
Psychische Verhältnisse können ihren Einfluß auf Phantasieprodukte 
äußern, lange bevor sie für die Theorie in exakter Form entdeckt sind. 
(Bin Analogen zu der Erscheinung, daß solche Ideenkomplexe, die dem 
Bewußtsein imbekannt, weil verdrängt, sind, sich an der Symbolbildung 
hervorragend beteiligen; zutage gefördert werden sie vielleicht nie 
oder erst spät, durch eine Psychanalyse). Gar viele Erkenntnisse 
prägen sich — bevor sie als eigentUche Erkenntnisse da sind — in 
Symbolen aus. Man nennt das in der Entwicklungsgeschichte der Philo- 
sophie die ,, mythologische Stufe". 

Es gibt eine mythologische Stufe fürs Individuum — die Kindheit; 
und es gibt Verdrängungen und neurotische Erscheinungen an der 
Seele der Gresamtheit. 

Das Verhältnis der im obigen Märchen vorkommenden Symbole 
zu der von mir dargelegten Deutung ist dasselbe, wie das jener früher 
erwähnten reügiösen Symbole zu ihrem latenten Gehalt. Geradeso 



Phantasie und Mythos. 579 

wie es ein Fehler wäre, aus dem Vorhandensein von religiösen Sym- 
bolen darauf zu schließen, daß deren Schöpfern der philosophische Gehalt 
derselben klar, in diskursiver Form, bewußt gewesen wäre: so wäre 
es auch falsch, wegen des Vorhandenseins der auf die Ver- 
drängungslehre anwendbarenMärchensymboledenDichtern 
dieser Märchen die wissenschaftliche oder überhaupt „mani- 
feste" Kenntnis jener Theorie zuzumuten. Im Gegenteil: 
gerade der ausschließliche Gebrauch bloßer Symbole läßt darauf 
scMießen, daß eine Erkenntnis erst auf der mythologischen Stufe an- 
gelangt, also erst auf dem Wege ist, sich aus der Latenz in das Licht 
manifester Erkenntnis durchzuarbeiten. 

Wie wir aus den Arbeiten Freuds wissen, sind es gerade un- 
bewußte Elemente, denen die hauptsächhche Kraft an der Bildung der 
symboMschen Phänomene (mögen sie nun zu den Träumen — den 
Mythen des Individuums — , den Symptomhandlungen, den Hallu- 
zinationen Hysterischer usw. gehören) zukommt. 

Aus den einleitenden Betrachtungen über das funktionale Phä- 
nomen konnten wir ersehen, daß sich dasselbe um so mehr der Breite 
nach entwickelt, je mehr wir uns von der einfachsten Form, wo wir 
es beobachten können (von der autosymbolischen Halluzination im 
hypnagogischen Zustand) zu kompUzierteren Formen begeben. Kein 
Wunder; je mehr man der symbolbildenden Kraft (welche sie auch 
ihrem Wesen nach sei) Gelegenheit gibt, sich zu entfalten und breitere 
Gebiete aus dem Seelenleben in ihrer plastischen Weise zu behandeln, 
desto reicher werden die resultierenden Darstellungen ausfallen und 
desto komplexere, verwickeitere Verhältnisse, Vorgänge usw. werden 
zur bildlichen Projektion gebracht werden. Insbesondere werden die- 
jenigen Formen symbolischer Darstellung, welche nicht ruhende Bilder, 
sondern einen Ablauf von Szenen und Handlungen bieten, zur Dar- 
stellung nicht allein von einzelnen funktionalen Elementen, sondern 
von einem ganzen Getriebe, von einem längeren Vorgang im psychischen 
Organismus geeignet sein. 

Da nun selbst schon in dem relativ unbehilfhchen, mit kargen 
Mitteln arbeitenden autosymbohschen Halluzinationsphänomen die 
funktionale Kategorie neben der materialen kräftig ihr Kontingent 
stellt, da sie ferner in den Tagesphantasien und, was damit zusammen- 
hängt, in den Ausdrucksbewegungen, in manchen Träumen sich geltend 
macht, so wäre es geradezu verwunderlich, wenn sie nicht auch in 
den Mythen und Märchen zu entdecken wäre. Und dies wäre um so 



580 Herbert Silberer. 

verwunderlicher, als ja die Mythen sonst mit den traumartigen Phä- 
nomenen in ihrem Baue aufa Grenaueste übereinstimmen. Dieser sonst 
bis ins Detail gehenden Übereinstimmung würde ein wichtiges Bestand- 
stück fehlen, wenn das funktionale Phänomen im Mythos fehlte. Meine 
Aufgabe war, Märchen- und Mythenmaterial daraufhin zn. prüfen, ob 
nicht die Gesetzmäßigkeit der funktionalen Erscheinungen auch in 
ihnen ihr Äquivalent oder, wenn vnr mit der W^ensgleichheit von 
Traum und Märchen ernst machen: ihren Ausdruck finde. Indem das 
funktionale Phänomen nun hier nachgewiesen wird, gewinnt die Parallele 
von Traum und Mythos, gewinnt die Lehre von dem Aufbau beider 
nach denselben Freud sehen Gesetzen eine neue Kräftigung; und 
darin dürfte der eigentliche Wert der vorhegenden Untersuchung zu 
finden sein. 

Zur Aufzeigung des funktionalen Phänomens hätte es der Wahl 
des oben wiedergegebenen Beispieles nicht bedurft. Es hätten sich 
tausend andere, einfachere Beispiele finden lassen, worin elementarere 
psychische Funktionen ihren symboHschen Abklatsch finden. Das ge- 
wählte Beispiel bietet ein funktionales Phänomen besonders feiner 
Art; ich möchte sagen: zweiten Grades, oder aber ein „kryptogenes" 
funktionales Phänomen. Die Symbolik bezieht sich nämhch" auf einen 
psychischen Vorgang, der nicht manifest, sondern latent ist^). 

Der gewöhnlichere Fall dürfte der sein, daß sich (wie ich in zahl- 
reichen Fällen von hypnagogischen Halluzinationen beobachten konnte) 
ganz offenkundige, leicht zugängliche Funktionsmodi (Müdigkeit, 
BereitwiUigkeit, Abneigung usw.) in Symbolen zeigen. Diese Fälle 
sind, wie man leicht sehen kann, auch im Märchen sehr häufig. In den 
Tagträumen usw., welche schon der Darstellung eines längeren und 
komphzierteren Vorganges Raum gewähren, findet man bereits be- 
trächtliche Andeutungen derjenigen Art des funktionalen Phänomens, 
welche es auf die bildliche Projektion von schwachbewußten und un- 
bewußten Vorgängen (Unterdrückung — Vorstadium der Verdrängung 

') Daß solche dem klaren Bewußtsein entzogene Vorgänge (trotz ihrer 
Verborgenheit) dunkel wahrgenommen und symboUsch nach außen projiziert 
werden können, hat schon Freud in seiner „Psychopathologie des Alltags- 
lebens", BerUn 1910 (S. Karger) plausibel gemacht. Er nennt dort (S. 134 der 
3. Auflage) diese Art der Eigenwahrnehmung innerer seelischer Vorgänge: die 
„endopsychische Wahrnehmung"; die bildliche Verlegung des also Per- 
zipierten nach außen nennt er: die „mythologische Projektion". Beispiele 
solcher „mythologischer Projektionen" werden wir später in Menge kennen lernen. 
Sie gehören zumeist den Symbolphänomenen der funktionalen Kategorie an. 



Phantasie und Mythos. 581 

— von Vorstellungen usw.) abgesehen hat. Die natürliclie Entwicklung 
des Phänomens nach dieser Richtung läßt erwarten, daß dort, wo eine 
besonders weite Gelegenheit zur Entfaltung gegeben ist — wie im 
Märchen — auch eine ausgiebige bildhche Umsetzung der unbewußten 
Funktionen eintrete. 

Die klarste, vollständigste Ausprägung dieser Umsetzung un- 
bewußter Funktionsmodi muß dasjenige Phänomen sein, bei welcher 
die verborgensten bis jetzt bekannten psychischen Funktionen, nämlich 
die der Verdrängung, zur Darstellung gelangen. 

Sowie in den autosymbolischen Halluzinationen neben dem 
Material, dem Inhalt eines Vorstellungsablaufes auch die Funktionsart 
des Bewußtseins abgebildet wird, so konnte man vermuten, daß die 
verdrängten Komplexe nicht bloß ihren Inhalt, sondern auch ihren 
psychischen Mechanismus, ihren Funktionsmodus symbolisch nach 
außen zu projizieren bemüht sein werden. Daß dies der Fall ist, erscheint 
mir hinreichend bewiesen, wenn es mir auch vielleicht nicht geUngen 
mag, alle jene Indizien, aus denen ich diese Meinung schöpfe, mund- 
gerecht meinen Lesern darzubieten. Auch bin ich mir der großen ex- 
tensiven und intensiven Unvollständigkeit meiner Arbeit vollkommen 
bewußt. 

Um also zu rekapitulieren: das ,, kryptogene" funktionale 
Phänomen, welches wir oben kennen gelernt haben, ist das funktionale 
Phänomen der Verdrängung, deren materiale Phänomene zumeist 
den Hauptinhalt der Symptomhandlungen, der Wahnvorstellungen 
Kranker usf. ausmachen. 

Beide, sowohl das funktionale Phänomen als das materiale, ent- 
stehen aus der Tiefe des Unbewußten heraus und besitzen die demselben 
von Freud vindizierte Kraft. Der Funktionsmodus des Verdrängten 
gehört nämlich selbst dem Verdrängungsgebiete an. Genau so, wie der 
Inhalt der zu verdrängenden, weil lästigen Vorstellung, muß auch 
die funktionale Tatsache der Verdrängung aus dem Bewußtsein 
hinwegeskamotiert werden. Das ist im biologischen Zweck der Ver- 
drängung, dieser gewaltsamen, künstUchen Bewußtseinsentlastung, 
gelegen. Würde die Funktion, der Vorgang des Verdrängens^), nicht 
auch der Helle des Bewußtseins entzogen, so wäre möglicherweise 
das Verdrängen^) selbst illusorisch. 



^)_Xebst Folge Vorgängen. 
Jahrbuch für psyclioanalyt. u. pejoliopathol. Forschungen. II. oo 



582 Herbert Silberer. 

IV. Beispiele aus dem Gebiete des Märchens, 
des Mythos und des Zauberglaubens. 

Nun wäre es an der Zeit, zur Illustration der theoretischen Aus- 
führungen eine Anzahl Beispiele heranzuziehen. Zunächst sei erwähnt, 
daß sich an das oben analysierte Märchen (S. 573 ff.) in der Sammlung 
von Rittershaus noch einige ganz ähnliche Stücke anschließen, von 
deren auch Riklin Erwähnung tut. So wird z. B. von Björn Bra- 
gastakkur erzählt: er ist ein „wilder Kampfgeselle, der tief im 
einsamen Walde wohnt; er raubt eine Königstochter und 
zwingt sie zur Ehe. Wie die Frau stirbt, will er auch die Tochter, Helga 
genannt, heiraten. Sie entkommt ihm bei Nacht, indem sie ein 
Holzstück an ihre Stelle an das Seil bindet und dieses bittet, 
für sie zu antworten. Helga hilft nun zuerst dem Koch eines Königs, 
dann dem Schneider, wo der König sie trotz ihres Verbergens entdeckt 
und sie dann heiratet. Ihr eigener Vater wird nun auch hier wider das 
Versprechen Wintergast des Königs, tötet ihre Kinder und bringt 
den König durch List dazu, daß er seine Frau umbringen lassen will. 
Sie wird dann durch Zauber wunderbar gerettet, ebenso die 
Kinder, und später mit ihrem Gemahl e vereint, während der sie 
verfolgende Vater vernichtet wird^). Was die funktionale Deutung 
dieses Beispieles anbelangt, brauche ich wohl nur auf die oben ge- 
gebene Analyse zu verweisen. 

Der Zustand der psychischen Störung wird im Märchen häufig 
durch die „Verzauberung" symboUsiert, was der alten Auffassung 
der Hysterie als ,, Besessenheit" ziemlich nahe kommt. Die Heilung des 
krankhaften Zustandes wird durch die Entzauberung dargestellt, wie 
z. B., wenn aus einem Frosch, einem Baum, einem Eisenofen, einem 
Vogel der Königssohn wird, der durch Verwünschung in jene andere 
Gestalt gebannt war. Daß diese Symbole auch die sexuale Deutung 
zulassen, welche wir aus Riklins Arbeit kennen, und vielleicht auch 
noch andere Deutungen, braucht uns durchaus nicht zu beirren: es 
hat eben eine Verdichtung mehrerer Gedankengänge in eine Symbol- 
gruppe stattgefunden; das entspricht der Verdichtungsarbeit im Traum. 

Das erste Märchen^ bei Grimm*) zeigt deutlich die zwei ver- 
schiedenen Zweige der symbolischen Beziehung. Das Märchen heißt 

>) Riklin, S. 79. 

^) „Kinder- und Hausmärchen", gesammelt durch die Brüder Grimm. 



Phantasie und Mythos. 583 

„Der Froschkönig oder der eiserne Heinricli" und wird bei Riklin^) 
auszugsweise wie folgt wiedergegeben: 

„Die Königstocliter verKert ihren goldenen Ball, welcher ins 
Wasser fallt. Der Frosch, der aus dem Wasser kommt, verspricht, 
ihn wieder zu bringen. Als Belohnung will er aber weder die Kleider, 
noch Perlen und Edelsteine, noch die Krone ; sondern die Königstochter 
muß versprechen, ihn heb zu haben ; er will ihr Geselle und Spielkamerad 
sein, an ihrem Tischlein neben ihr sitzen, von ihrem goldenen TeUerlein 
essen, aus ihrem Becherlein trinken, in ihrem Bettlein schlafen. Auf 
die Zusage hin holt er den Ball; als aber die Königstochter ihr Ver- 
sprechen nicht halten will, kommt der Frosch am folgenden Tag ins 
Schloß gehüpft und verlangt von der Tochter, die sich vor ihm flüchtet 
und Ekel empfindet, das Versprochene usw. 

,, . . . Die Königstochter fürchtet sich, mit dem kalten Frosch, 
den sie sich kaum anzurühren getraut, in ihrem Bettchen zu schlafen. 
Vom Vater gescholten, packt sie das Tier mit zwei Fingern, trägt es 
hinauf und setzt es in eine Ecke. Wie sie aber im Bette hegt, verlangt 
der Frosch auch ins Bett gehoben zu werden. Da wird die Königstochter 
zornig, holt ihn herauf und wirft ihn aus allen Kräften wider die Wand. 
Was herabfällt, ist aber kein Frosch, sondern ein Königssohn, der ihr 
lieber Gemahl wird." 

In dieser Märchenhandlung ist, wie Riklin dartut, der Übergang 
des sexueDen Ekels in Liebe dramatisiert. Deutlich ist hier „die ursprüng- 
liche sexuelle Abneigung und Sprödigkeit des Mädchens, das Unheim- 
liche, die Scheu vor der rohen Sexualität, dem Penis (der dem unheim- 
lichen Frosch mit dem dicken Kopfe verghchen wird), dargestellt. 
Daß damit (das heißt mit der Abneigung und Angst) bereits ein sexueller 
Wunsch vorhanden ist, wissen wir ja. Die Gestalt des verwunschenen 
Prinzen (Schlange, Frosch, Bäru. ä.) . . . stellt das Sexuell-UnheimUche, 
Ekelhafte dar. Statt daß das Märchen die nun folgende Veränderung 
in der Heldin schildert, projiziert sie sie auf den Wunschgegen- 
Btand^). Er wird der Heldin angenehm, also tritt eine Verwandlung 
ein, von der unangenehmen in die angenehme Gestalt, von der ekelhaften 
Tiergestalt in die dea schönen Prinzen." 

Die Deutung ist vorzüghch, allein sie berücksichtigt nur die eine 
Seite des Märchens. Die Entzauberung des Prinzen muß noch nach einer 



>) S. 45. 

2) Übrigens ein funktionales Phänomen; wir werden darauf zurückkommen. 

38* 



684 Herbert Silberer. 

anderen Richtung gewürdigt werden, einer Richtung, die um so weniger 
außer acht gelassen werden darf, als das Märchen sie für wichtig genug 
hält, um sie sogar in seinem Titel anzuzeigen. Wir lesen da von einem 
,, eisernen Heinrich". Was soll der? In dem obigen Auszug kommt er gar 
nicht vor; wir wollen aber seiner gedenken und ich erzähle daher das 
Märchen nach Grimm weiter. 

,, . . . Dann schliefen sie (die Königstochter und der entzauberte 
Prinz) ein und am anderen Morgen, als die Sonne sie aufweckte, kam 
ein Wagen herangefahren, mit acht weißen Pferden bespannt, die 
hatten weiße Straußfedern auf dem Kopfe und gingen in goldenen 
Ketten und hinten stand der Diener des jungen Königs, das war der 
treue Heinrich. Der treue Heinrich hatte sich so betrübt, als sein 
Herr in einen Frosch verwandelt worden war, daß er drei eiserne 
Bande hatte um sein Herz legen lassen, damit es ihm nicht vor Weh 
und Traurigkeit zerspränge. Der Wagen aber soUte den jungen 
König in sein Reich abholen; der treue Heinrich hob beide hinein, 
stellte sich wieder hinten auf und war voUer Freude über die Er- 
lösung. Und als sie ein Stück gefahren waren, hörte der Königssohn, 
daß es hinter ihm krachte, als wäre etwas zerbrochen. Da drehte er 
sich um und rief: 

,, Heinrich, der Wagen bricht." 

„Nein Herr, der Wagen nicht, 

Es ist ein Band von meinem Herzen, 

Das da lag in großen Schmerzen, 

Ala Ihr in dem Brunnen saßt, 

Als Ihr eine Fretsche (Frosch) wast (wart)." 

Noch einmal und noch einmal krachte es auf dem Wege und der 
Königssohn meinte immer, der Wagen bräche und es waren doch nur 
die Bande, die vom Herzen des treuen Heinrich absprangen, weil sein 
Herr erlöst und glücklich war." 

Die hier geschilderte Heimfahrt des jungen Königs, dessen 
Gefühle zum Teil auf die Gestalt des „treuen Heinrich" übertragen 
sind, ist ein bemerkenswertes Gegenstück zu der Flucht Ingibjörgs 
(vgl. S. 573) in die Fremde. Während Ingibjörg die bedrängte, in 
ihrer Harmonie gefährdete Psyche war, ist der entzauberte Prinz als die 
geheilte, erlöste Psyche zu betrachten. Die Rolle, die dort der „Winter- 
gast" (der pathogene Komplex) gespielt hatte, ist hier durch die, jetzt 
beseitigte, Verzauberung vertreten. Die Episode der Heimfahrt des 
Prinzen mit dem treuen Heinrich setzt gewissermaßen dort ein, wo 
das Märchen von Ingibjörg aufhört. 



Phantasie und Mythos. 585 

Xngibjörg hatte in nächtliclier Finsternis fliehen müssen (auch 
im Brunnen, wo sich der Prinz als Frosch aufhielt, war es dunkel!); 
des Prinzen Rückkehr findet bei Sonnenschein statt. Weiße Rosse 
— Sonnentiere, die auch häufig als Symbole für leuchtende Geistes- 
kräfte gebraucht werden — ziehen den Wagen, durch goldene Ketten 
wohl gezügelt; nicht etwa unbändig und regellos. An goldenen Strängen 
wird der Wagen des Königssohnes in dessen Reich gezogen. Ich erinnere 
an die Bedeutung des „Bandes" bei Ingibjörg und das über die Teilung 
des Schauplatzes Gesagte. Doppelt wird das Prinzip der harmonischen^) 
Vereinigung gefeiert: in der Hochzeit und in der Heimkehr. Die 
eisernen Bande des treuen Heinrich erinnern lebhaft an die eisernen 
Klammern, mit denen der „Wintergast" im Ingibjörgmärchen gefoltert 
wird. Solange die Erlösung oder Heilung nicht erfolgt ist, leidet das 
Gemüt unter dem Drucke harter Bande. Das ,, Gemüt" ist in dem 
treuen Heinrich gewissermaßen verselbständigt. 

Die Verzauberung und das Gebanntsein in ein einsames Verlies 
(Brunnen u. dgl.) dürfte in vielen Märchen eine der oben erwähnten 
ähnliche Bedeutung haben. Die Bezauberungen, welche den davon 
Betroffenen zwingen. Bestimmtes zu tun oder zu unterlassen oder 
aber ihn stumm, bUnd usw. machen, lassen an die Zwangsneurosen 
denken sowie an hysterische Störungen physiologischer Funktionen. 
Der böse Geist, der Unhold, die Hexe, kurz jenes Element, das die 
üble Verwandlung des Helden oder der Heldin durch Zauber bewirkt, 
ist in vielen Fällen eine Verdichtung aus der Idee des sexuellen Neben- 
buhlers mit derjenigen des verdrängten unbändigen Trieblebens. 

Die an die Wirkung der Psychanalyse gemahnende Befreiung 
aus einem Zwangszustande durch Geständnis tritt u. a. an dem Märchen 
Nr. 3 bei Grimm schön zutage. Das Märchen heißt: ,, Marienkind " 
und sein Hauptinhalt ist dieser: 

Einem armen Holz hack er, der kaum weiß, wie er für sein Weib 
und sein einziges Kind, ein dreijähriges Mädchen, das tägliche Brot 
beschaffen soU, erscheint eine leuchtende gekrönte Frau; die spricht 
zu ihm: ,,Ich bin die Jungfrau Maria, die Mutter des Christkind- 
leins; du bist arm und dürftig, bring mir dein Kind, ich will es mit 
mir nehmen, seine Mutter sein und für es sorgen." Der Holzhacker 
übergibt das Kind der Jungfrau Maria, welche es in den Himmel nimmt. 

') Beim Niederschreiben passiert es mir, das Wort „harmonischen" zweimal 
hintereinander zu setzen. Ein sinniger Schreibfehler, der das ,, Doppelte" sym- 
bolisiert ! 

3R 



586 Herbert Silberer. 

Dort geht es dem Mädchen über die Maßen wohl. AlsesvierzehnJahre 
alt ist, ruft Maria es zu sich und sagt: „Liebes Kind, ich habe eine große 
Reise vor, da nimm die Schlüssel zu den dreizehn Toren des Himmel- 
reichs in Verwahrung: zwölf davon darfst du aufschließen, das drei- 
zehnte*) ist dir verboten; hüte dich, daß du sie nicht aufschließest, 
sonst wirst du unglückhch." Das Mädchen verspricht, gehorsam zu 
sein, Maria begibt sich fort. Das Mädchen schheßt alle Türen auf, auch 
die verbotene dreizehnte; „es weiß es ja niemand, wenn ich's tue'', 
denkt es. Die Tür geht auf, das Mädchen sieht die Dreieinigkeit 
im Feuer und Glanz sitzen. Es rührt mit dem Finger ein wenig 
an den Glanz, da wird der Finger golden. Das Mädchen verspürt 
gewaltige Angst und läuft davon. Die Angst will nicht wieder 
weichen, was das Mädchen auch beginnen mag; das Herz klopft 
in einem fort und will nicht ruhig werden; auch das Gold bleibt 
an dem Finger und geht nicht ab, trotz Waschens und Reibens. 

Die Jungfrau Maria kehrt zurück und befragt das Mädchen ein- 
dringlich um sein Verhalten; sie bemerkt den goldenen Finger. Das 
Mädchen aber leugnet; es wird darum aus dem Himmel verstoßen. 
Es versinkt in einen Schlaf und erwacht in einer Wildnis. Es wül rufen, 
kann aber keinen Laut hervorbringen; es springt auf und will 
fortlaufen, wird aber beständig von dichten Dornhecken zurück- 
gehalten. Es lebt ein jämmerhches Leben in der Einöde. 

Eines Tages entdeckt ein König auf der Jagd das schöne hilflose 
Mädchen. „Wer bist du?" fragt er; es kann nicht antworten; „willst 
du auf mein Schloß?", und es nickt nur ein wenig mit dem Kopf. Der 
König gewiimt das stumme Mädchen lieb und vermählt sich mit ihm. 
Die Kinder, die aus dieser Ehe entsprießen, werden jedesmal gleich 
nach der Geburt von Maria in den Himmel entführt; Maria sagt zwar 
wiederholt zur Königin : „Willst du gestehen, daß du die verbotene Tür 
geöffnet hast, so will ich dir dein Kind wiedergeben und deine Zunge 
lösen", aber die Königin bleibt verstockt. Die Leute, die von alledem 
nichts wissen, glauben nicht anders, als daß sie ihre Kinder umbringe. 
Nachdem das dritte Kind verschwunden, läßt sich der König von seinen 
Räten überreden, seine Gemahlin hinrichten zu lassen. Auf dem brennen- 
den Scheiterhaufen wird die Königin von Reue erfaßt und da erhält 



1) Die zwölf Himmelstore sind die zwölf normalen Tierkreiszeichen. Das 
dreizehnte (zur Kalenderkorrektur dienende und sonst überzählige) Zeichen ist 
das des „Raben"; es gilt seit uralten Zeiten als Ungtückszeichen. Dreizehn als 
Unglückazahl ist wohl auf diesen Ursprung zurückzuführen. 



Phantasie und Mythos. 587 

sie die Stimme wieder: „Ja Maria, ich habe es getan!", ruft 
sie. Da kommt ein Regen vom Himmel und löscht die Flammen. 
Auch die Kinder werden ihr wiedergegeben. 

Dieses Märchen ist zweifellos in mehrfacher Beziehung interessant. 
Daß das Kind niedriger Herkunft von der Himmelskönigin angenommen 
und dann selbst eine Königin wird, fällt in die Kategorie der von Rank 
behandelten ,, Geburt des Helden". Darauf näher einzugehen, würde 
zu weit führen. Auch über die stark ausgeprägte sexuelle Seite des 
latenten Märcheninhaltes will ich mich nicht verbreiten, obgleich ich 
die betreffenden Stellen im Druck hervorgehoben habe. Ich möchte 
höchstens erwähnen, daß das Dreieck, unter dem man sich die Drei- 
einigkeit dargestellt denken kann, einem Zeugungssymbol gleichkommt, 
wie es z. B. von der kosmischen Zeugung in einem indischen Mythos 
ungefähr heißt: „Als die vierzehn Welten mit der durchgehenden Achse 
und unten das Gebirge Calaya (oder der Berg Meru) sich gebildet hatten, 
da erschien auf seinem Gipfel das Dreieck, die Yoni, und in ihm das 
Lingam, Schiwalingam und Gott Selbst genannt, in welchem das mysti- 
sche Trigrammaton ist." ( Yoni ist bekanntUch das weibhche, Lingam 
das männliche Genitale. ) Die sexuelle SymboHk des Dreieckes ist natür- 
Uch nur eine seiner mannigfaltigen Beziehungen. 

Uns interessiert in dem Märchen am meisten das, was die psychische 
Verdrängung und deren pathologische Folgeerscheinungen angeht. 
Da wäre denn zunächst das Symptom der Angst in Betracht zu ziehen. 
Angst ist bekanntlich verdrängte (durch Verdrängung umgesetzte) 
Libido; das Mädchen verfällt in eine Psychoneurose ; ein charakteristi- 
sches somatisches Störungssymptom — das nervöse Herzklopfen — 
wird eigens angeführt. Das Agens, welches den frei schwebenden 
Angstbetrag erzeugt, ist ein Vorstellungskomplex, den das Mädchen 
zu unterdrücken sich beeilt hat. Die kleine Missetäterin war schon 
von vornherein auf dieses Unterdrücken eingerichtet: ,,Es weiß es ja 
niemand, wenn ich's tue" ; und nun leugnet sie nach Kräften, und zwar 
nicht nur der Maria gegenüber, sondern, wie wir hinzufügen dürfen, 
auch vor sich selbst, denn die Maria ist in diesem Falle die Projektion 
des kritischen Seelenteiles des Mädchens nach außen^). Die Verdrän- 

^) Vgl. die Beispiele von Gehörshalluzinationen — warnender und kriti- 
sierender Stimmen, Gewissensstimmen — bei Jung, ,,Psychol. d. Dem. praec", 
S. 105, undFlournoy: ,,Autoinatisme teleologique antisuicide" Arch. de Psy- 
chologie. Tome VII, pag. 113, sowie die charakterologisch schön ausgebildeten 
Beraterstimmen bei Dr. L. Staudenmaier: „Versuche zur Begründung einer 



588 Herbert Silberer. 

gung hat aber nicht bloß Angstgefühle, sondern auch eine regelrechte 
Zwangshandlung, eine zeremonielle Symptomhandlung zur Folge: 
Krampfhafte Versuche, das Gold vom Finger abzuwaschen. Sowie 
oft der Neurotiker die ,, Schuld", die er sich beimißt, durch eine Sym- 
ptomhandlung (übertriebene ReinUchkeit, pedantische Ordnung) weg- 
zuwaschen bemüht ist, so will sich hier das Mädchen von dem Gold 
am Finger befreien^). Ich erinnere hier an jene Zwangshandlung, 
welcher bei Shakespeare die Lady Macbeth unterüegt. Nach der 
Ermordung des Königs sagt zuerst Macbeth: 

,,Kann wohl des großen Meergotts Ozean 
Dies Blut von meiner Hand rein waschen? Nein; 
Weit eh'r kann diese meine Hand mit Purpur 
Die unermeßÜchen Gewässer färben 
Und Grün in Rot verwandeln." 

Im fünften Akte redet die kranke Lady Macbeth irre. Sie hat 
Waschphantasien. „Wie, wollen diese Hände denn nie rein werden?" 
Arzt und Kammerfrau beobachten sie (1. Szene): 

Arzt: „Was macht sie nun? Schaut, wie sie sich die Hände reibt. 

Kammerfrau: ,,Das ist ihre gewöhnhche Gebärde, daß sie tut, 
als wüsche sie sich die Hände; ich habe wohl gesehen, daß sie es eine 
Viertelstunde hintereinander tut." 

Was das Mädchen erlebt, als es aus dem Himmel verwiesen wird, 
erinnert an bekannte Traumsituationen. Daß das Mädchen ,,in einen 
tiefen Schlaf verfällt" scheint auch darauf hinzudeuten. Es will rufen 



wissenscbaftlichea Experimentatmaigie" in OBtwalds Annal. d. ^Hatiirphilosophie, 
IX. Bd., 4. Heft, j 

^) Man sollte memen, daß man nur um die Beseitigung von Schmutz, 
nicht aber von Gold besorgt sein sollte. Nun hängen aber, wie Freud {Kl. Sehr. 
z. Neurosenlehre, II. Folge, S. 136 f.) erwähnt, Gold und Kot innig zusammen. 
— Man beachte ferner, daß die goldige Verunreinigung, welche das Mädchen 
in Unruh© versetzt und zu Waschzwang führt, durch die Berührung der 
Yoni — wie wir statt des Dreieckes sagen können — durch den Pinger ent- 
standen ist, also gleichsam masturbatorisch ; der Waschzwang ist nach AI phonse 
Maeder (vgl. Jahrbuch für psychoan. [und psychopath. Forschungen, Band I, 
S. 125) geradezu charakteristisch. Aber auch der strahlende Glanz im Himmel, 
der das Mädchen, wie es im Märchen heißt, in staunende Betrachtung versetzt, 
erhält von dieser Seite her eine eigentümliche Bedeutung: eine Patientin (epi- 
leptisch) in Maeders Material bezeichnet den auterotischen Orgasmus als den 
Augenblick, wo ,,der Gott kommt". (Ebenda, S. 121, Ende des ersten Ab- 
satzes. ) 



Phantasie und Mythos. 589 

und kann keinen Laut hervorbringen usw. Diese quälenden Hemmungen 
sind den Angstträumen eigen und ich verweise auf das, was Freud 
von der Beziehung dieser Träume zur Sexualverdrängung sagt^). Bei 
unserem Mädchen ist das, was wir als Traumerlebnis kennen, als ein der 
Wirklichkeit angehörendes Symptom geschildert; ,,eine pathologi^he 
Sprach- und Gehstörung" können wir in dürren Worten sagen; denn 
wenn im Märehen auch von ,, Dornhecken" die Eede ist, welche das 
Mädchen am Fliehen hindern, so werden wir ganz leicht erraten, 
daß diese „Dornhecken" bloß im Gemüte des Mädchens sich befinden. 

Die pathologischen Zustände und alles Leid dauern so lange an, 
bis das Mädchen seine Tat gesteht, also bis das Verdrängte an den Tag 
kommt. Daß das Verdrängte etwas Sexuelles ist, zeigt sich am Schlüsse 
wieder, wo von den „Feuerflammen" die Eede ist, welche gelöscht 
werden. Feuerflammen pflegen aber nach Eiklin und anderen 
Psychanalytikern die Bedeutung erotischer Glut zu haben. 

„Wer seine Sünde bereut und eingesteht", so spricht am Ende 
der Erzählung Maria, ,,dem ist sie vergeben." 

Wenn man sein Herz ausschüttet, erleichtert man bekanntlich 
das bedrückte Gemüt. Am bedeutendsten ist diese Erleichterung, 
wenn unterdrücktes Material zutage gefördert wird. In den Vorstellun- 
gen der Beichte und der Vergebung liegt ein gutes Stück gefühlsmäßiger 
Erkenntnis psychologischer Tatsachen. Die peinUchen Erinnerungen, 
die getanen Sünden, werden um so langlebiger, unaustilgbarer^), je 
mehr sie unterdrückt werden. Das Geständnis erleichtert^) und darin 
steckt eigenthch schon ein Moment der ,, Vergebung". Der Gott, der 
verzeiht, ist, sofern man ihn als fremde Person auffaßt, eine mytho- 
logische Projektion*). Die tiefere Auffassung weiß, daß ein jeder 



1) „Traumdeutung", 1. Auflage; S. 343 ff . 

2) Wie der biblische Kain. Die Erinnyen gehören auch hierher. 

') Die Erleichterung ist zum Teil auch dem Umstände zuzuschreiben, daß 
durch den zur beschreibenden oder schildernden Darstellung der ,, Sünden" oder 
des Bedrückenden überhaupt erforderlichen Gestaltungsakt Erregung gebunden 
wird. Dieser Akt entspricht einer Sublimation, einer teilweisen Umwandlung 
des Affektbetrages in „plastische Kraft" (um einen von Hermann Bahr 
geprägten Ausdruck zu gebrauchen). Inwiefern dabei (das heißt bei jedem noch so 
simplen dichterischen oder erzählerischen Gestalten) ,, Sublimation" im Spiele 
ist, darauf kann ich diesmal leider nicht eingehen, da mich das zu weit vom Wege 
führen würde. 

*) Vgl. Freud, „Psychopathologie des Alltagslebens", 3. Auflage, S. 134. 



590 Herbert Silberer. 

das Himmelreich und die Hölle in sicli trägt. Einen innerlichen Gott 
finden wir z. B. im Kolosserbriefe I, 27: „. . .Welchen Gott gewollt 
hat kund thun, welcher da sey der herrliche Beichthum dieser Geheimnis 
unter den Heyden, welches ist Christus in Euch, der da ist die Hoff- 
nung der Herrlichkeit usw.". Meister Eckhart predigte: „Wir hegen 
hie in der zit von der ewigen gebürte, die got der vater hat geborn 
unde gebirt äne underläj in ewikeit, das diu selbe geburt nü ist geborn 
in der 5it in menschlicher nätüre. E5 sprichet sanctus Augustinus, da5 
dißiu geburt iemer geschehe. So si aber in mir niht geschihet, 
wa5 hilfet mich daj? Aber das si in mir geschehe, da lit ej 
allej an"i). Die indische Esoterik (Upanischaden usw.) wird nicht 
müde zu betonen, daß der innerste Geist des psychologischen Einzel- 
wesens von dem brahman (dem Göttüchen) nicht verschieden ist. 

Der äußerliche Gott ist, psychologisch betrachtet, ein funktionales 
Symbol; der Gott, der gewährt, der sich gnädig zeigt, der straft, der 
alles sieht usf., stellt eine gewaltige „mythologische Projektion" psychi- 
scher Gesetze dar. Gott sieht in uns selbst das, was wir nicht 
sehen; denn die psychische Gesetzlichkeit wirkt über 
unser Bewußtsein hinaus; sie betrifft auch das Unbewußte! 
Göttliche Personen, Heilige, Engel, Dämonen können auch zu deutlich 
phantasierten ,, dramatischen Personen"^) werden, wenn sie etwa von 
Halluzinanten als funktionale Symbole abgespaltener YorsteUungs- 
und Affektgruppen benutzt werden. Derlei eingebildete Personen oder 
Phantasmata können dann leicht eine Kenntnis von Seelentiefen auf- 
weisen, die dem normalen Bewußtsein unerreichbar sind. Jene Kenntnis 
erscheint daher „wunderbar". 

Die Wunderkraft der Zwerge und Gnomen und der übrigen hilf- 
reichen Geister, die in Märchen und Sagen gerne benutzt werden, ent- 
spricht sowohl dem eben Gesagten als auch dem damit verwandten, 
von Jungä) erörterten Phänomen der „unbewußten Mehrleistung". 
Der genannte Autor äußert u. a. : „Der intellektuelle Aufachwung, 
den viele Somnambule in der Ekstase zeigen, ist eine zwar seltene, 



^) Franz Pfeiffer, „Deutsche Mystiker des 14. Jahrhuaderts". Leipzig 
1857 (Göschen), II. Band, S. 3. 

^) Jung, „Psychol. u. Path. sog. occ. Phaen.", S. 91 oben. Stauden- 
maier, „Vers. z. Begr. e. wiss. Experimentalmagie" passim. — Schon die An- 
rufung eines Heiligen ist gewissermaßen ein Verkehr mit einer solchen „drama- 
tischen Person". 

9) S. 109 ff. bei Jung. — Staudenmaier, S. 345 ff . 



Phantasie und Mythos. 591 

aber doch sicher beobachtete Tatsache." Durch die Zuhilfenahme 
von im normalen Zustande unbekannten — also sozusagen unterirdi- 
schen — Bewußtseinsteilen wird im somnambulen Zustand eine Leistung 
vollbracht, die dem betreffenden Individuum im wachen Zustande 
unmögüch wäre, also: eine „unbewußte Mehrleistung". Das Märchen 
drückt dieses Funktionsverhältnis aus, wenn es dem verzückten oder 
begeisterten oder in eine ,, Höhle" gedrungenen Menschen wunderbare 
Helfer an die Seite stellt. 

Bei vielen Märchen fällt es auf, daß irgend ein Machthaber, König, 
Stiefmutter u. dgl., dem Helden oder der Heldin schwierige Aufgaben 
stellen, die in der unsinnigsten Weise gehäuft werden; Aufgaben, von 
deren Erfüllung oft der Machthaber keinen ersichtlichen Vorteil hat. 
Die befehlende Potenz ist ebenso unvernünftig als unersättHch. Man 
wird hier an ein Analogon in der Verdrängungspsychologie denken dürfen : 
ein verdrängter Wunsch ist ebenso unersättUch und der Vernunft ebenso- 
wenig, zugänglich wie jene Machthaber. Dasselbe gut natürlich von den 
als offenkundige ,, Leidenschaften" auftretenden Trieben. 

Die Helden sind in überwiegender Mehrzahl naive Leute und 
Kinder. Was wird damit ausgedrückt? Daß die Vollbringung des 
Schwierigen bis zum Unmöglichen am leichtesten dem 
Kinde (dem kleinen wie dem großen) gelingt, weil die Kinder- 
psyche der Wunscherfüllung am nächsten ist. Das Kind 
betritt nämüch den früher^) erwähnten primären Weg der Wunsch- 
erfüllung — welcher übrigens auch der des Traumes und des Märchens 
ist. Und selbst wenn wir die Kinderfiguren im Märchen als Konzession 
an die Zuhörer — vorzugsweise Kinder — ansehen, mithin als eine 
nachträgliche Bearbeitung der Märchen durch die Erzähler, so kommen 
wir zur Frage, warum sich gerade die Kinder als die besten, 
interessiertestenZuhörer bewähren, und mit deren Beantwortung 
doch wieder zu der eben geäußerten Ansicht zurück. 

Daß die Märchenhelden oft nach VoUbringung schwieriger Taten 
und nach Zeiten der Entbehrung Könige oder große Herren werden, 
dürfte zum Teil auf einer symbolischen Darstellung des psychischen 
Vorganges der „Sablimation" beruhen. Was unter Sublimation 
zu verstehen ist, findet man ausführüch bei Fre ud ; kurz gesagt, besteht 
sie in der Umwandlung niedriger Triebe in höhere, selbstischer Wunsch- 
tendenzen in altruistische Motive. Die Erziehungsarbeit beim Individuum 

1) S. 564 f. 



592 Herbert Silberer. 

beruht wie die Kulturarbeit beim Volke hauptsächlict auf Sublimation. 
Die größten, zur Sublimation geeigneten Kraftmengen werden nacli 
Freuds Ansicht der Psyche von den Sexualtrieben geliefert, und zwar 
namentlich dank der Eigentümlichkeit der letztern, „ihr Ziel verschieben 
zu können, ohne wesentlich an Intensität abzunehmen"^). 

Wenn sich die nutzbaren Kräfte in der Verdrängung befinden 
(wie beim Neurotiker), so gehen sie für die Kulturarbeit verloren; 
denn dann sind sie nicht sublimierbar, sondern sozusagen ,, Dauer- 
präparate" geworden. Sie sind unvertilgbare dämonische Kraftquellen 
geworden, welche der Kulturabsicht entgegenarbeiten. 

Der Teufel und die finsteren dämonischen Gestalten der Mythen 
sind, psychologisch genommen, funktionale Symbole, Personifikationen 
des unterdrückten, nicht sublimierten elementaren Trieblebens. Der 
Teufel stellt seine gewaltige Kraft dem zur Verfügung, der ihn ruft, 
aber zu egoistischen Werken. Sublimieren läßt er sich nicht. 

Daher muß der Teufel auch, wie ohne weiteres einzusehen ist, vor 
dem Kreuze weichen. Das Kreuz ist das Zeichen desjenigen, der den 
am weitesten gehenden Altruismus, die höchste Subhmation egoistischer 
Triebe repräsentiert. Wo das Evangelium der Liebe herrscht, kann das 
Prinzip des Egoismus nicht bestehen. Wer sich der Nächstenliebe zu- 
wendet, verscheucht und tilgt in sich den Teufel. Freilich kann er ihn 
selten ganz vernichten; zumeist wird der Teufel nur unterdrückt und 
in die Unterwelt gebannt; hinter Schloß und Siegel gesetzt, sozusagen. 

Um vom Teufel die Erfüllung von Wünschen zu erlangen, muß 
man sich ihm verschreiben; d. h. : wenn man das Dämonische in sich 
entfesseln und sich ausleben lassen will, so muß man seinem Treiben 
und seiner Befriedigung das „Moralische", das die Tore der Hölle 
für gewöhnlich verschlossen hält, zum Opfer bringen. 

Der Teufel ist nur durch einen „Zwang" zu beschwören, d. h. : 
man begegnet zunächst ^Schwierigkeiten, psychischen Hemmungen, 
Widerständen, wenn man das Dämonische ruft. Das Anerzogene, 
Sublimierte wehrt sich dagegen''). 

Der Teufel zeigt sich unter mancherlei Gestalten. Es sind dies 
symboHsche Verschleierungen und Abspaltungen der verschiedenen 

1) Freud, „Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre", II. Folge, 
S. 181. 

') Die Personifikation dieses sublimierten Teiles, also des „besseren Ich", 
ist der „Genius" oder „Schutzengel". 



Phantasie und Mythos. 5"" 

Triebgruppen, die ihn zusammensetzen. In der wirklichen Gestalt 
erscheint er selten : wenn man ihn zu plötzHch in dieser erbUckt, er- 
schrickt man namenlos : natürlich ! Wir würden erschrecken, wenn wir 
mit einem Male sähen, was wir, in den unterdrückten Tiefen unseres 
Wesens, für Scheusale sind^). Scheusale ~ relativ genommen, denn 
der Normalstand der Kultur, nach dem wir unser Urteil bilden, ist ein 
fließender. 

Wer den Teufel ruft, hütet sich, den ganzen Teufel zu zitieren; 
er beschwört einen Teil desselben, eine besondere dämonische Potenz 
(entsprechend der Erfüllung einer besonderen Wunschgruppe). Gegen 
die übrigen Teile des Teufels, welche bei der Beschwörung über ihn 
hereinbrechen könnten, sichert sich der Zauberer durch einen magischen 
Kreis und die Zauberformeln. 

Der Kreis erinnert lebhaft an jenen Gürtel, mit dem sich IngibjÖrg 
um^bt, um gegen die Übergriffe des bösen Komplexes abzuschließen 
(vgl. S. 577). Während der Beschwörung darf der Zauberer seinen 
Kreis ja nicht verlassen, ja, er darf mit keinem Teile seines Körpers 
hinausfahren, sonst ergeht es ihm, wie dem vorwitzigen Famulus des 
Schwarzkünstlers Doktor Faust, Christoph Wagner. Dieser wollte 
nach einer Konjuration den Zauberkreis zu früh verlassen ; wie er den 
einen Fuß heraussetzte, ward ihm dieser stracks von einem Geist ab- 
gehauen, was den traurigen Magier begreiflicherweise bewog, sich 
schleunigst wieder in den schützenden Kreis zurückzubegeben. 

Wer aus dem Kreise tritt, begibt sich in die Machtsphäre der 
Dämonen. Wer den verzauberten Sümpfen und Teichen zu nahe kommt, 
wird von unsichtbaren Armen in die Tiefe gezogen. (Man sehe z. B. das 
Märchen Nr. 136 der Grimmschen Sammlung: „Der Eisenhans".) 
Wer sich zu tief ins Dämonische einläßt, wird von ihm überwältigt, 
sowie auch das Ende der ,, schwarzen Magier" gewöhnlich darin besteht, 
daß der Teufel sie holt. Doktor Faust wurde, der Volkssage nach, von 
Teufeln zerrissen. 

Der Zauberer braucht zu seinem Schutze außer dem Kreise und 
allerlei Beiwerk auch ein Schwert. Was dies bedeutet, ist wohl klar. 
Um vor den Angriffen der „bösen Geister", also der dämonischen 
Seelenteile, sicher zu sein, muß man einen wehrhaften Willen besitzen. 
Und nun zeigt sich eine „sekundäre Bearbeitung", wie wir sie vom 

1) Man vergleiche Schillers Gedicht: „Das verschleierte Bild zu Sais". 
Der Jüngling wird vom Anblicke der unverhüllten Wahrheit niedergeschmettert. 



594 Herbert Silberer. 

Traum ker kennen^) und wie sie Abraham auch im Mythos nachge- 
wiesen hat^). Das Bewußtsein will von der Verdrängungspsychologie 
nichts wissen; es sträubt sich vor der richtigen Deutung eines durch 
endopsychische Wahrnehmung erzeugten Symbols. Das Schwert ist 
ein solches Symbol. Der Mythos nimmt also seine Zuflucht zu einer 
sekundären Deutung, um sich das Symbol in wörtlicher Auffassung 
plausibel zu machen. Die Zauberer legten sich für die günstige Wir- 
kung des Schwertes die Erklärung zurecht, daß Metallspitzen eine zer- 
streuende Wirkung auf die fluidischen Leiber der Geister ausüben oder 
aber denselben unerträgliche Schmerzen zufügen. 

„ . . . et ücet spiritale corpus (daemonum) sit, maxime tarnen 
sensibüe est, et tactum patitur: et licet resectum, coit ruraum recre- 
atque sicut aer et aqua, Interim tamen maxime dolet: hinc timent 
(daemones) aciem ferri et tela et enses" . . . schreibt beispielsweise 
im XVI. Jahrhundert Henricus Cornelius Agrippa'). 

Da hätten wir also eine „sekundäre Bearbeitung" auf dem Crebiete 
des Zauberglaubens*). Die Beispiele Ueßen sich vermehren, doch genügt 
dieses eine zur Illustration. 

Der Teufel und die Dämonen stellen das unterdrückte Triebleben 
dar. Wenn es mir nun gelingt, Elemente aus dem unterdrückten Material 
meines Seelenlebens, die sich in mein klares Bewußtsein zu schleichen 
drohen, durch das Zauberwort „Pom" hinwegzubannen^), warum 
soll man dann nicht durch magische Formeln „Dämonen" beherrschen 
können ? ! Wer die Namen der Dämonen zu gebrauchen weiß, kann sie 
beschwören; wer ihr Wesen kennt, kann ihrer Kräfte Herr werden*). 

1) Freud, „Traumdeutung", 1. Auflage, S. 268 ff. 
") S. 45 ff. bei Abraham. 

') „De occulta philosophia", III., 19. — H. C. Agrippas Anschauungen 
sind vorwiegend neuplatonisch and kabbalistisch. 

*) Allerdings scheinen solchen Theorien, wie z. B. der vom Zusammen- 
fließen der zerschnittenen „Dämonenleiber" doch auch wieder gewisse Phä- 
nomene ganz eigentümlicher Natur zu entsprechen, zu deren wissenschaftlicher 
Erschließung im modernen Sinn neuestens durch Dr. L. Standenmaier in 
Wilhelm Ostwalds „Annalen der Naturphilosophie" (IX. Bd., 4. Heft), erste 
Schritte gemacht worden sind. Der betreffende Aufsatz wurde bereits oben 
genannt. Man beachte daselbst S. 336. Ich erinnere in diesem Zusammenhang 
an die vielfach unaufgeklärten Experimente orientalischer Pakire (sofern es 
sich nicht um Schwindler handelt). 

') Siehe oben, S. 550. Vgl. auch Jung, „Ps. d. Dem. praec.", pag. 88 o. 

•) Vgl. Nr. 55 („Rumpelstilzchen") bei Grimm. 



Phantasie und Mythos. 595 

Die Namengebung spielt bei der Bildung automatisclier Personen eine 
hervorragene RoUe^). Und im „Faust" heißt es (Erster Teil, I, 3, Stu- 
dierzimmer) : 

„Faust: 

Bei euch, ihr Herrn, kann man das Wesen 
Gewöhnlich aus dem Namen lesen." 

Bekanntlich pflegten die „gelehrten Magier" der Faustzeit die 
(meist hebräischen) Namen und Zeichen der Dämonen aus Symbolen 
von deren Eigenschaften zu synthetisieren. In der Bibel sowie in den 
kabbalistischen Schriften der Juden drücken die Eigennamen oft ge- 
radezu das Wichtigste aus. 

Im klaren Lichte des Bewußtseins verlieren die verdrängten 
Komplexe mehr oder weniger ihre pathogene Kraft. Die aufgedeckten 
Triebkräfte sind minder gefährlich als die verborgenen. Die Psych- 
analyse vernichtet sozusagen die Dämonen, von denen der Neurotiker 
besessen ist. Die Macht der Verborgenen wird gebrochen, wenn das 
Unbewußte mit dem Lichte des Bewußtseins durchleuchtet wird. Darum 
hören wir in den Sagen, daß die Geister vor dem Lichte fliehen müssen. 
Der Chor der Elfen am Beginne von ,, Faust" II. Teil beeilt sich, bei den 
ersten Strahlen der aufgehenden Sonne zu verschwinden. Ariel ruft 
ihnen zu: 

,, Welch Getöse bringt das Licht! 



,, Schlüpfet zu den Blumenkroneu, 
,, Tiefer, tiefer, still zu wohnen, 
,,In die Felsen unters Laub; 
„Trifft es euch, so seid ihr taub.'' 



Licht und Dunkel spielen in der Symbolik eine große Rolle. Nicht 
umsonst fanden die Einweihungen bei den Mysterien bei Nacht statt. 
Nicht umsonst herrscht „mystisches Dunkel" im Innern alter Kirchen 
aus jener Zeit, wo man sich tiefer mit Symbolik befaßte als heute. 
Daß die innere Stimme, die der Andächtige fromm erwartet, sich in der 
Stille des Dunkels eher einstellt als in dem „Getöse" des Lichtes, von 
welchem Ariel sprictt: das ist in der bauliclien Anordnung der gotischen 
Kirchen mit ihren lichtdämpfenden dunkelfarbigen Fenstern gesagt. 

Geheimnisvolle, heiUge Ahnungen können nur aufsprießen, wenn 
tiefe Ruhe, stille Nacht im Gemüte herrscht. Diese stille Nacht, nach 

^) Janefc, „L'Automatisme", pag. 318; zitiert hei Jung, „Ps. und Path. 
sog. occ. Phaen.", pag. 72. 



596 Herbert Silberer. 

außen projiziert, gibt das Kircheninterieur, dessen Beschaffenheit eben 
wegen der wesentlichen Übereinstimmung mit jener Forderung um- 
gekehrt wieder die andächtige Gemütsstimmung hervorzubringen 
geeignet ist. 

Der Gegensatz zu der stillen Nacht ist der schallende Tag. Dieser 
zerstreut ebenso die innere Sammlung, wie er anderseits die Dämonen 
verscheucht. Was sich in der „Stille der Nacht" ereignet, ist eben bei 
verschiedenen Menschen verschieden. Mancher hört in der Abgeschieden- 
heit Worte des Trostes und der Verheißung, die Stimme des Agathodai- 
mon; mancher andere aber hört die verwirrenden Rufe der unter- 
irdischen Geister und die peinigenden Vorwürfe von Rachegöttinnen. 
Die Aufseherin der Nacht ist Hekate — Luna. Ein alter Glaube bei den 
Griechen sagte, daß diese Göttin durch verbotene Zauberkünste auf die 
Erde niedergezwungen werden könne^). Ein solches Unternehmen ist 
frevelhaft ; hier kommen also jene Dämonen zu Wort, die besser schweigen 
sollten. Was tut man nun, um den Zauber der bösen thessaüschen 
Hexen zu brechen und der guten Mondgöttin, der Leuchte der Nacht, 
beizustehen? Man verscheucht die Stille, die den Kunststücken der 
Kakodämonen Gelegenheit gab, durch Erzklang, Hörnerschall und 
Geschrei. Um der drohenden Verfinsterung vorzubeugen, hilft man 
dem Lichtprinzip durch den Schall auf die Beine. Ich erwähnte schon 
oben den Lichtcharakter des Bewußtseins. Die gefühlsmäßige Ver- 
wandtschaft des Lichtes mit dem Schalle zeigt sich unter anderem in 
den Worten „Farben töne" , „Klangfarbe" „Tonmalerei", „schreiende 
Farbe". Ebenso, wie man in verschiedenen Kulten zur Versinnlichung 
des unauslöschlichen Geistes ein „ewiges Licht" kennt, hatte man im 
antiken Heiligtume zu Dodona die „nimmer schweigenden Becken". 
Diese Becken tönten in einem fort, weil — wie Creuzer^) erklärt — 
der Seelen Wanderung lange Zeit hindurch dauert ; der Klang des Erzes 
sollte nämhch auch „die Seele reinigen und sie entzaubern von den 
finsteren Dämonen. Aber es sind der Stufen viele, die der Seele vorge- 
setzt sind. Es ist ein langer Weg, der Weg der Rückkehr (vom irdischen 



1) Aristo phanes, „Wolken", Vers 749. 

2) IV. Band, S. 401 ff. des schon oben angeführten Werkes, 2. Auflage. 
Creuzer ist zwar in vielen Dingen, z. B. in historischen, überholt; in bezug auf 
Symbolik erweist er sich aber als ein so sinniger Interpret, daß ich nicht bloß 
selbst in vorliegender Arbeit aus seinem Werke nach Möglichkeit Nutzen zu ziehen 
trachte, sondern allen denen, die sich für einschlägige Literatur interessieren, 
das leider selten gewordene Werk angelegentUch empfehle. 



Phantasie und Mythos. 597 

zum himmlischen Leben) ; auch wandern immerfort Seelen auf und ab". 
Das heutige Glockenläuten ist wohl eine Keminiszenz an den alten 
Glauben von der Keinigung durchs tönende Erz. Auch der Glaube an 
die Wirksamkeit des Geläutes zur Abwendung von Wetterschäden 
dürfte hierher gehören. 

In der ehrwürdigen x\uffassung des Bewußtseins als Licht 
steckt an und für sich schon ein gutes Stück funktionales Phänomen; 
und die Ausstattimg von Sternen und Lichtgöttern mit geistigen Po- 
tenzen beruht auf mythologischer Projektion endopsychisch wahr- 
genommener Verhältnisse. Freilich schickt sich das Licht schon deshalb 
zum Geistessymbol, weil es in der Tat die Kenntnis der Außenwelt 
in hervorragender Weise vermittelt; keine Beleuchtung der Außen- 
welt — kein Bewußtsein von den Dingen (oder doch nur spärliches Be- 
wußtsein). Aber es gibt noch eine tiefere Analogie: so wie die Gegen- 
stände der Außenwelt im Lichte wahrnehmbar, im Dunkel nicht wahr- 
nehmbar sind, unabhängig davon aber in ihrem Vorhandensein beharren 
und leben, so sind auch die Gegenstände, die sich in unserem Seelen- 
leben vorfinden (die Vorstellungen usw.), abwechselnd wahrnehmbar 
und unsichtbar, je nachdem sie vom Bewußtsein beschienen sind oder 
nicht, beharren aber unabhängig davon und leben und weben im Un- 
bewußten nicht minder als im Bewußtsein. Daß mancher Psycholog 
es vorzieht, die unbewußten Seelentätigkeiten nicht als solche zu be- 
trachten und die Lücken zwischen den Sonnenblicken des Bewußtseins 
durch andere Hilfsbegriffe ausfüllt, ist rein methodische Angelegenheit 
und ändert nichts an den Tatsachen, welche in neuerer Zeit besonders 
schlagend von Freud, Bleuler, Jung u. a. nachgewiesen worden sind. 
Der erstere schreibt z. B. in der „Traumdeutung"^), man könne aus den 
Studien der Traummechanik den Beweis gewinnen, „daß die kom- 
pliziertesten Denkleistungen ohne Mittun des Bewußt- 
seins möglich sind, was wir ohnedies aus jeder Psychoanalyse eines 
Hysterischen oder einer Person mit Zwangsvorstellungen erfahren 
mußten". Man vergleiche übrigens zur methodischen Auffassung die 
geistreichen Werke von Theodor Lipps*). 

Seher nennt man von altersher Leute, denen das bewußt ist, 
was anderen unbewußt ist. „Illuminati", „Erleuchtete" ist eine 
andere, aus dem Lichtbezirke genommene Bezeichnung für sie. 

1) S. 351 der 1. Auflage. 

^) „Gruadtatsachen des Seelenlebens". Bonn, 1883 (M. Cohen & Sohn) 
und „Leitfaden der Psychologie". Leipzig {Engelmann). "; 

Jahrbuch für psjrohoanalyt. u. psyoliopatliol. Porsohungen. II. 39 



598 Herbert Silberer. 

In verfallenen Schlössern, in alten Häusern, spukt es, sagt man, 
allnächtlich zu bestimmter Zeit. Irgend ein ,, Geist" findet keine Ruhe, 
bis jemand ihn „erlöst". Dieser Spuk hat auch wieder sein psychologi- 
sches Analogen, das ihn als ,, mythologische Projektion", als , .funk- 
tionales Symbol" erscheinen laßt. Das, was den „Geist" antreibt, ist, 
wie die Sagen meist zu berichten wissen, allemal ein Wunsch, den der 
Verstorbene nicht mehr ausführen konnte und dem er jetzt als Geist 
beständig nachkonamen muß. Findet sich jemand, der diföien Wunsch 
erfüllt, so hört der Spuk auf und der Geist hat Ruhe. Man findet also 
hier zwei Wunscherfüllungen nebeneinander gestellt: die Herstellung 
der wunscherfüllenden Situation durch Spuk und diejenige durch die 
wirkliche Handlung vermöge einer Mithilfe v o n a u ß e n. Wenn man sich 
die Mühe nehmen will, die Seite 564 nachzuschlagen, wird man finden, 
daß dieses Verhältnis große Ähnlichkeit hat mit demjenigen der primären 
und der sekundären Art der Wunscherfüllung. Die primäre Methode 
— die halluzinatorische oder Spukmethode, wenn man will — kann 
noch so oft wiederholt werden, sie vermag den Wunsch nicht zu be- 
schwichtigen ; derselbe wird erst durch die sekundäre — die motorische 
Handlungs- oder auch Erlösimgsmethode — beseitigt. 

Ein beliebtes funktionales Phänomen verhältnismäßig ein- 
facherer Natur in Märchen und Mythen ist die Projektion der Affekte 
und Gefühlsänderungen von der Person, in der sich diese Vorgänge 
vollziehen, nach außen — entweder durch selbständige Personifikation 
beziehungsweise Objektivierung (z. B. die Dornenhecken, von denen 
S. 589 die Rede war) oder durch bildmäßige Übertragung des Vorganges 
auf diejenige Person oder Sache, die das Objekt dieses Affektes ist. 
Ein treffliches Beispiel dieser Art haben wir oben (S. 583) durch Ri- 
klins Analyse kennen gelernt. Wenn wir das Froschkönigmärchen 
von der Seite des Prinzeßchens aus analytisch betrachten, so stellt 
sich die Gestaltsverwandlung des Froschprinzen in der Tat als Projek- 
tion einer typischen Affektentwicklung aufs Objekt dar. Das Märchen 
behandelt nämlich in dieser Auffassung eine bekannte Erscheinung 
aus der Entfaltung des Sexuallebens: die Verwandlung der anfänghchen 
Scheu in Gewährung, des Ekels in Zuneigung^). Der Märchenprinz 
bedeutet die Erfüllung eines latenten Wunsches, des Verlangens nach 
dem Manne. Das Mädchen empfindet jedoch vor dem Sexualobjekte, 



') ilan lese hierüber nach: Freud, „Drei Abhandlungen zur Sexual- 
theorie". Leipzig und Wien, 1905 (Deuticke). 



Phantasie und Mythos. 599 

wenn dieses sich wirklich einstellt, zunächst Scheu oder Ekel, der sich 
erst nachträglich in die Zuneigung und in den ungetrübten Sexualgenuß 
verwandelt. Diese Wandlung ist eine Gefühlsentwicklung, die sich im 
Innern der Märchenpsyche vollzieM. Das Märchen projiziert dieselbe 
nach außen, indem es das Sexualobjekt zuerst als ekelhaftes oder 
gruseliges Tier (mit leichter Andeutung des Penischarakters), dann 
aber als schönen liebenswerten Jüngling darstellt. Damit wird nicht 
bloß Bildmäßigkeit der Darstellung, sondern auch eine bequeme, naive 
Erklärung^) der eigentlichen Gefühlswandlung im Mädchen erreicht. 
Damit wird die Handlung für den Zuhörer plastischer : es ist glaubhafter 
und sinnfälliger, wenn eine Person vor einem Frosche (Schlange, Bär 
usw.) Ekel, für einen schönen Mann Zuneigung empfindet, als wenn 
sie ein und dasselbe Objekt zuerst verabscheut und dann liebt. Der 
Zuhörer fühlt im ersteren Falle sozusagen unmittelbar mit, während er 
im zweiten Falle sich erst in einen komplizierten seelischen Mechanismus 
hineindenken müßte. Das Märchen dichtet aber naiv und für naive 
Zuhörer. Es dichtet für seinen Dichter; das Publikum des Traumes 
ist der Träumer, auch wenn der Traum ein Märchen und der Träumer 
die Kollektivität des Volkes ist. 

Der Märchen, welche das soeben besprochene Thema der Sexual- 
entwicklung behandeln, ist Legion. Ich unterlasse eine Aufzählung, 
da Riklin bereits viele gute Beispiele geliefert hat und da jedermann 
bei der Lektüre von Märchensammlungen (z. B. Grimm) leicht die 
in diese Klasse gehörigen Stücke erkennen wird. 

Wenn ich mich jetzt anschicke, Beispiele funktionaler SymboMk 
aus der griechischen beziehungsweise griechisch-ägyptischen Theo- 
mythie beizubringen, so brauche ich wohl kaum erst darauf aufmerksam 
zu machen, daß deren Gestalten zu ausgiebigen mythologischen Pro- 
jektionen des Innenlebens benutzt werden. Lichtgötter, Stiirmgötter, 
Erdgötter, Wassergötter, Gewittergötter: alle wurden einem ganz natür- 
lichen Assimiiationsvorgang gemäß zu Personifikationen der ihnen 
ähnlichen oder sonstwie assoziativ verbundenen Charakter- und Gemüts- 
eigenschaften herangezogen. Der Weg von der Erde zu den Sternen^) — 
vom Menschen durchs Dämonen- und Heroentum unter die Götter — 
diese Apotheosis des irdisch Gewesenen scheint mit unserem Begriffe 
der ,, Sublimation" innig verwandt zu sein, welcher hier manchmal 



') Vgl. nächstes Kapitel ,, Mythologisches Erkennen". 

^) Man denke an die Metamorphosen von Ovidiiis. 

39* 



600 Herbert Silberer. 

gewissermaßen symbolisiert sein dürfte. Daß sich in der Daphnesage 
dem liebedürstenden Apoll der Lorbeer bietet, indem sich das Sexual- 
objekt in einen Lorbeerbaum verwandelt, das gibt gleichfalls ein präch- 
tiges Bild für die besprochene Verwandlung (Sublimierung) des Sexual- 
triebes in Kidturarbeit ab. Man merke an, daß der Musaget und Seher 
Apoll es ist, dem die Episode widerfährt und daß nach antiker Ansicht 
der Lorbeer (dessen symbolischer Gehalt uns ja heute noch geläufig ist), 
wenn man seine Blätter kaute, die Kraft der Weisheit und der Poesie 
befördert haben soll. 

Die Titanomachie und ähnliche Kämpfe der oberen mit den 
unteren Gewalten dürften — natürlich neben anderen Stoffen — starke 
mythologische Projektionen psychischer Vorgänge enthalten. Der 
Tartarus, in welchen die Besi^ten geschleudert werden, kommt dem 
Zustande der psychischen Zurückdrängung von Vorstellungs- und 
Triebgruppen in die Tiefen des Unbewußten gleich; und darin, daß der 
Kampfplatz der Kroniden der Olympos, derjenige der Titanen der 
Othrys war, liegt eine räumliche Projektion der psychischen Entfernung 
(wenn ich wieder ein Bild gebrauchen darf) der S'-Systeme. Eine 
besonders enge Verwandtschaft mit dem Teufel, von dem wir oben spra- 
chen, zeigt für die gefühlsmäßige Auffassung der von Zeus in den Tar- 
tarus hinabgeworfene Typhoeus. 

An die psychischen Schichtungen meines oben erzählten Äther- 
traumes erinnert die zu der Wanderung der Seelen in Beziehung 
gesetzte antike Lehre der Himmelssphären ; diese Beziehung zeigt übri- 
gens deuthch, in wie enger Korrelation das Psychische und die „endo- 
psychische Wahrnehmung" zu kosmisch-mythologischen Gebilden steht. 
Einen gegenseitigen Einfluß hier nicht wenigstens als Nebenfaktor 
anzuerkennen, erschiene wohl einigermaßen einseitig. 

Dämonen leiten die Seelen herab ins Leben, hüllen sie in Körper 
und stehen ihnen immer zur Seite^). Die Bahn aber, wodurch die Seelen 
herab und wieder zurück steigen, ist der Zodiakus. Solange die Seele 
in den oberen Sphären ist, hat sie noch die Wahl zur Rückkehr, 
selbst wenn sie schon den Tierkreis erreicht hat, bis in das Zeichen des 
Löwen, wo gleichsam die Grenzmarke und Pforte des leiblichen Daseins 
(incunabula nascendi) ist; dann folgt das Zeichen des Krebses, wo die 
Pforte ist, durch welche die Seelen niedersteigen ; sie wird die Menschen- 
pforte genannt und von Dämonen bewacht; und von nun an geht es 

') Vgl. das S. 592, Anmerkung, über den Schutzengel Gesagte. 



Phantasie und Mythos. 601 

immer weiter abwärts, bis die Seele endlich in einen Leib kommt, 
Sie lebt, und weil sie während des Lebens viele Makel und Mängel an- 
genommen, muß sie geläutert werden. Nach Verlauf von dreitausend 
Jahren aber, wann das große Jahr eintritt, kommt sie wieder an den 
alten Platz. Sie muß denselben Weg zurück. Durch die Götterpforte, 
die von Hunden bewacht wird, steigt sie wieder hinauf, und hier läßt 
sie alles Irdische zurück; sie will nicht zum zweitenmal in den bösen 
Kreislauf und in die Zwingherrschaft der Sinne. Die Pforte, durch die 
sie hinaufsteigt, ist der Steinbock. Sowie die Dämonen das Geschäft 
haben, die Seelen herabznführen, so ist es Sache der Heroen, sie empor- 
zugeleiten. 

„Proclus unterscheidet bestimmt sieben Stufen aller Ordnungen 
(idieig) des menschhchen Lebens. Die erste, sagt er, ist vorzüghch 
dem Monde und der Mondschöpfung (^ noirjots aekrjviax^) unter- 
tänig; denn in diesem Alter leben wir zufolge der ernährenden und 
physischen Kraft. Es ist dies die vegetante Periode des Menschen, 
wo das Nutritionsgeschäft das Hauptsächhchste ist; der Mond aber 
enthält den Grund aller ernährenden Keime; durch sein feuchtes, 
sanft erwärmendes Licht kommt Nahrung und Gedeihen in alle Naturen. 
Hier ist das Ganze zuerst physisch genommen, aber eben dasselbe 
auch ethisch^) auf eine unzweideutige Weise; denn in diesem Alter 
ist die Seele noch reiner und unschuldiger und noch nicht völlig abge- 
sondert von der großen Weltseele, sie ist noch nicht ganz von der Materie 
umdüstert und umschlungen. Die zweite Periode unterwirft uns dem 
Hermes (Merkur); dann gehören wir der iQfiaixij noirjoig an, 
als Knaben, indem sich in uns die erste Wißbegier regt und wir uns 
mit der Kithar, mit der Gymnastik und mit den Elementen der Wissen- 
schaften beschäftigen. Dies aUea ist des Hermes Werk ; daher er auch 
der Vorsteher der Gymnasien ist. Mit der dritten Stufe tritt Venus 
in ihre Herrschaft ein; wir kommen unter die schöpferische Gewalt 
der Venus {äq>Qodiaiaxrj nolrjaig). Dann regen sich im Organismus 
die Zeugungskräfte, wir nähern uns der Pubertät" usw. usw.^). 

So geht es weiter bis zum siebenten Planeten Kronos (Saturn), 
,,der in weiter Ferne mit verhülltem Haupte schimmert. Dies ist Kronos, 
der unoffenbarte Gott (deus in statu non manifesto), der Kneph der 
Ägypter. In dieser Periode machen wir uns aHmähhch los vom leib- 



^) Eine ganz hübsche Verdichtung i 
») Creuzer, a. a. O., I. Band, S. 401 ff. 
3 9 



602 Herbert Silberer. 

liehen und körperlichen Dasein und wenden uns zu einem höheren, 
unkörperlichen Leben; jetzt ist die Zeit des Todes und der Seelenrück- 
kehr. Nun geht es in die Elysäischen Felder. Dies war sicherhch der 
achte Kreis; und wer nicht die sieben Ordnungen durchlaufen hat, 
der muß wieder wandern und dann muß er dreimal wandern. Dann 
erst geht er als ein stark Geprüfter ein in die sehgen Wohnungen''. 

Die Perioden und Zyklen, denen das menschhche Leben nach 
dieser astrologischen Ansicht, deren Ausgestaltung tief in die neuere 
Zeit hineinreicht, unterworfen erscheint, gemahnen, beiläufig bemerkt, 
an die Perioden, von welchen Fließ und seine Anhänger sprechen. 
Auch hier scheint also eine mythologische Projektion auf Grund endo- 
psychischer Wahrnehmung im Werke gewesen zu sein. 

In der Hesiodischen Genealogie zeugt Styx, die älteste der 
Ozeaniden — der Eisfluß — mit Pallas: ZrjXog, Nlxr], Kgätog und Birj. 
In dieser Genealogie läßt sich^) „folgender uralte Sinn erkennen : Sobald 
Pallas (männlich) sich der Styx vermählt, d. h. sobald die finstere 
Quelle der Natur und des natürlichenMenschen erschüttert 
und aufgeregt wird, steigen Passionen und starke Triebe 
herauf, Eifersucht und Gewalttat, die alles besiegen und 
sich unterwürfig machen". 

Jene Pallas (Athene, weiblich), die ich S. 570 erwähnte, steht im 
Gigantenkampfe den Göttern erfolgreich bei. Rettung und Befreiung 
durch Widerstand und Ausdauer ist einer der Hauptbegriffe 
in der Religion der Minerva 'Alia^). Pallas, die Gerüstete, ,, wachet im 
Olympus, bekämpft die finsteren Kräfte, die Giganten, und als es 
den Titanen gelungen ist, den Zagreus-Dionysos zu zerfleischen, so 
rettet sie in seinem noch schlagenden Herzen die Substanz der Natur*). 
Substanz und Wesen ist in allen Dingen ihre Sorge, nicht die ein- 
zelnen Dinge selber. Darum muß auch Osiris-Dionysos als Gott der 
ZeitUchkeit und der Vielheit untergehen. Aber seine Seele, sein ewiges 
Wesen ist bei der Neith-Athenäa geborgen". — ,,Wir stehen hier, bei 
der Pallas, auf dem Gebiete einer höheren Phalluslehre. Oder stiftet sie 
als Isis-Neith nicht etwa den Phallus bei des Osiris Tode, bei dem Tode, 
dessen Feier im Tempelraume der Isis zu Sais begangen wird? Und ist 



i> Nach Creuzer, a. a. o., 11. Band, S. 437. 

2) Creuzer, a. a. 0., II. Band, S. 786 f. 

') Das früher psychisch Gedeutete zeigt sich hier von der kosmologischen 
und metaphysischen Seite. Verdichtung! 



Phantasie und Mythos. 603 

nicht das Phalluszeiclien gerade in Lerna am See einheimisch gewesen, 
wo Dionysos in die Unterwelt hinabstieg? Ja, ohne die Retterin Minerva 
hätte Dionysos gar nicht geboren werden können, da erst durch das 
Verschhngen des Herzens von Zagreu s die Semele fähig wird, den 
Dionysos zu gebären^); gleichwie Zeus erst die Metis verschlingt und 
darauf die Minerva hervorbringt. Es ist diese Pallas die Indische Bhavani- 
Durga. Als Bhavani auf dem Berge Meru ist sie die kosmische Yoni. 
D.h., sie ist die weibliche natura und matrix, aus deren Dreieck (rgiycopov) 
sich der Phallus der Welt erhebt^). . . Als Durga heiBt sie der „schwere 
Zutritt" und wacht und wehret mit Schild und Speer alle un- 
bändigen Dämonen ab, die das Unterpfand alles Lebens, den 
Phallus, zerstören wollen*)." 

Es ist ungemein anziehend, zu betrachten, wie hier die verschiedenen 
Ideen zusammenlaufen. Deren Fäden zu verfolgen, würde hier ins End- 
lose führen. Eine physiologische Seite gewinnen Gallus sowie der Ver- 
fasser einer griechischen Handschrift in Heidelberg der Geburt der 
Athene, die aus dem Scheitel {xoQvcpi]) des Zeus erfolgte, ab. Ersterer 
sucht zu zeigen, wie die Erkenntnis (Athene psychologisch gefaßt!), 
nachdem sie in den unteren Teilen des Leibes empfangen sei, im Kopfe 
ihre Reife gewinne, und vorzüglich im Scheitel, weil in diesem Teile die 
mittlere und wichtigste Gehirnhöhle hege. Der andere ergänzt diese 
Deutung dadurch, daß er den Hephaistos (der dabei mythologisch auch 
eine gewisse Rolle spielt) als die feinste Ausdampfung des Blutes nimmt, 
die durch die Arterien das Haupt des Zeus anrege und das Gehirn ver- 
anlasse, die Gedanken hervorzubringen, d. h. die Athene zu er- 
zeugen *). 

Athene, die Göttin, verteilt das unversehrte Leben von dem 
höchsten Scheitelpunkte des Himmels durch alle sieben Kreise bis 
auf den Mond herab; welchen Mond, als den letzten der sphärischen 
Körper, die Göttin mit Geist erfüllt. Durch sie „schauet der Mond 



') Man gedenke hier der vielen Märchen, wo das kinderlose Weib durch 
Genuß einer Speise schwanger wird. Eine „Verlegung von unten nach oben". 
Vgl. Riklin, S. 61 ff. 

2) Vgl. S. 587. 

') Creuzer, a. a. 0., II. Band, S. 667 f. — Vom historischen Wert der 
griechisch-indischen Parallele wollen wir ganz absehen. Er kann uns gleich- 
gültig sein. 

*) Creuzer a. a. 0., II. Band, S. 763 f. 



604 Herbert Silberer. 

einerseits die intelligiblen Dinge über dem Himmel, teils schmücket er 
unter sich die Materie mit Ideen (Gestalten) aus und nimmt hinweg, 
was in ihr tierisch und unordentlich ist ^)". 

Wir finden hier Athene wieder als Prinzip des zweiten !P-Systems2) 
kosmisch gefaßt, was alsbald noch deutlicher wird. Ich setze fort zu 
zitieren : 

„In diesem Ei nigungs- und Reinigungswerk erscheinen nun 
die Kureten und Korybanten;" sie sind ,,die Ur- und Musterbilder 
aller wohlgeordneten Bewegung . . . Ihnen stehen die Titanen, die 
Bilder der Vielheit und der Verwirrung^), entgegen. Daher sie, die 
Titanen, das Bacchuskind zerreißen . . . Dieses titanische Unternehmen 
wird nun ausgeghchen durch das Bestreben der Pallas, welche als . . . 
geistige Bildnerin der Sitten das noch schlagende Herz des Zagreus- 
Dionysos zu seinem und ihrem Vater Zeus hingetragen imd gerettet 
hatte". 

Am stärksten kommt der psychische Faktor der Mythologie in 
der Mysterienlehre zur Geltung. Es wird darin in reicher Symbolik die 
Rückkehr der Seelen zu ihrem Ursprung behandelt. Die bildmäßigen 
Projektionen psychischer Vorgänge nach außen sind hier üppig ent- 
wickelt. Auch jener Zwiespalt, den wir oben als Kampf der oberen mit 
den unteren Göttern gefaßt sahen, hat hier große Bedeutung. Wenn 
jene Harmonie*) erreicht werden soll, deren Erlangung das Ziel der 
,, Rückkehr" der Seelen über die bewegte Zweiheit (Aväg)^) zur unwandel- 
baren, unbewegten Einheit (Movdg) war, ist ein sieghafter Kampf des 
regelnden Prinzips gegen das wirre, titanische Prinzip notwendig. Daher 
schreibt auch Creuzer*): ,,der Grundgedanke der Cerealischen Religion 
war, wie sich in allen ihren Formen gezeigt hat, der Satz vom Krieg und 
Frieden." Eine Hauptsymbolgruppe, wodurch die Wanderung und die 
Zustände der Seele dargestellt wurden, war die der Wandlungen des 
Samenkorns. 



1) Creuzer, a. a. 0., II. Band, S. 768. 

») Vgl. oben, S. 570 ff. 

*) Avich an den Gegensatz des apperzeptiven zum assoziativen Gedanken- 
verlauf läßt bIcL hier denken, 

*) S. 569. 

*) Wortanklänge, die bei der Symbolbildung behilflich sind, wie im 
Traum: ^väg — Ji5i; (Unglück) — öüetv (untergehen). 

») A. a. o., IV. Band, S. 499, oben. 



Phantasie und Mythos. 605 

„. . . die Zweiheit widerstrebet dem Einen, die Materie, ins Viele 
versunken, verliert sich im Vielen; der Menschengeist, bezaubert durch 
das geteilte, bunte Eeich dea Dionysos, gefällt sich da unten und der 
Leib widerstrebt dem Geiste. Dieses Widerstreben stellt die Lehre der 
Eleusinien in Bildern dar. Darum kommt Ceres mit Messer und Sichel. 
Darum brennt sie am Leibe des Eleuainischen Königssohnes die 
Schlacken der Materie aus^)". 

V. Zur Auffassung der „mythologischen Stufe" 
des Erkennens. — Weitere Beispiele. 

Bevor wir uns mit weiteren Beispielen beschäftigen, wird es zweck- 
mäßig sein, das Wesen der sogenannten ,, mythologischen Stufe" des 
Erkennens etwas genauer ins Auge zu fassen. 

In einem Bericht ^) über symbohsierende Halluzinationserschei- 
nungen (jene elementaren „autos3Tnbohschen" Phänomene, von denen 
bereits oben die Rede war) merkte ich als Bedingungen ihres Zustande- 
kommens zwei Momente an, welche zusammentreffen müssen, nämhch 
Schlaftrunkenheit und Anstrengung zum Denken beziehungsweise 
Schlaftrunkenheit und Störung des Einschlafens. Der durch das Nach- 
denken oder, im weiteren Sinn, durch die Störung gegebene psychische 
Inhalt wird infolge der Schlaftrunkenheit nicht in seiner der normalen 
Apperzeption entsprechenden Form aufgefaßt, sondern in ein anschau- 
liches Bild, ein Symbol, umgewandelt und unter den entsprechenden 
Umständen als solches halluziniert. Diese autosymbolischen Phänomene 
stellten sich als Ermüdungsphänomene dar und als ein Rückschreiten 
von einer schwierigeren Art des Denkens zu einer leichteren, primitiveren. 
Dieser Vorgang, welcher nach der Freudschen Terminologie die „Re- 
gression" heißt, bedeutet eine Verschiebung von einer abstrakteren zu 
einer anschaulicheren Denkform und vom apperzeptiven^) zum assozia- 
tiven Gedankenverlauf. 

Diese Verschiebung scheint, mehr oder minder deuthch, stets 
dann einzutreten, wann ein ,, Gedanke"*), eine „Idee"*) für den momen- 

1) Ibidem, S. 549 f. 

^) „Jahrbuch für psychoanaljrtiache und psychopathologisohe Forschungen", 

Band I, S. 513 u. ff. 

5) Nach der bekannten Wundtschen Terminologie. 

■•) Es ist hier nicht der Ort, zu definieren, was ein Gedanke sei. loh ge- 
brauche absichtlich diesen allgemeinen Ausdruck. 

*) Im landläufigen, nicht im philosophischen Sinn. 

^ 9 * 



606 Herbert Silberer. 

tanen Zustand des Bewußtseins, welches denselben bewältigen will, zu 
,, schwierig" ist. Man kann sowohl im Zustand der Somnolenz als auch 
beispielsweise, wenn man bei dem zu bewältigenden ,, Gedanken" ander- 
weitig gestört ist, häufig genug die Beobachtung machen, daß die ,,Idee" 
sich dann — offenbar weil zu ihrer Bewältigung weniger Denkenergie 
disponibel ist, als sie eigenthch erfordern würde, um zu normaler Auf- 
fassung zu kommen — in der erwähnten leichteren, primitiveren Fassung, 
sei es als hypnagogische Halluzination, sei es als Tagtraumbild usw., für 
das Bewußtsein verkörpert. Gedanken, die im normalen, bestdisponierten 
Bewußtsein ganz gut zu erledigen sind, können also bei einem veränderten 
Zustande des Bewußtseins demselben ,,zu schwierig" sein. Ein Erkenntnis, 
das nair bei normaler Disposition (Wachzustand und richtig eingestellter 
Aufmerksamkeit) möglich und vielleicht sogar geläufig ist, kann mir, 
also ein und derselben Person, unter anderen Bedingungen (bei herab- 
gesetzter Disposition) zu schwierig und somit gezwungen sein, eine un- 
vollkommenere Gestalt (z. B. die des autosymbolischen Bildes) anzu- 
nehmen. Sie senkt sich, gewissermaßen mit einem gröberen, faßlicheren, 
sichtbareren Gewand angetan, in mein Bewußtsein, weil ich sie in ihrer 
reinen Nacktheit oder Abstraktheit nicht fassen kann. 

Ein Gleiches findet jedoch auch dann oft statt, wenn mir, bei 
guter Disposition, eine neue, noch nicht geläufige Idee einfällt. Sie 
erscheint nicht sogleich in der vollgültigen, scharf definierten abstrakten 
Gestalt, sondern zunächst in Form eines anschaulichen Bildes (oder aber 
überhaupt undeutlich). In diesem Stadium ist die neue Idee eben für 
mein Bewußtsein, selbst für das normale, „zu schwierig". Einem andern 
Menschen ist das ganz gleiche Erkenntnis vielleicht nicht zu schwierig, 
vielleicht sogar geläufig. Ich sage: vielleicht; denn es können mir Er- 
kenntnisse klar werden, Ideen einfallen, die überhaupt noch niemandem 
klar geworden sind. Ich kann z. B. Naturzusammenhänge ausfindig 
machen, auf die bisher noch niemand gekommen ist. Wenn nun ein 
solcher Gedanke, der noch von niemandem gedacht wurde, sich — da er 
auch für den einen Menschen, dem er „einfällt", vorläufig noch zu 
schwierig ist — in Symbolform offenbart: so ist dieses Symbol das 
Symbol eines Gedankens, der als solcher nur außerhalb unser 
oder noch gar nicht existiert. Dieses Verhältnis durch die soeben 
ausgesprochenen Worte auszudrücken, küngt zwar einigermaßen paradox ; 
es entspricht aber jenem tief in der menschlichen Natur wurzelnden Be- 
streben, das Gedachte zu verselbständigen. Es würde den Tatsachen 
vielleicht reinlicher entsprechen, den Gedanken in seiner vorhandenen 



Phantasie und Mythos. 607 

Gestalt einfach zu registrieren ; ihn auf etwas anderes zu beziehen, dessen 
Symbol er sei, mag vielleicht, solange dieses „andere" nicht da ist, eine 
Kühnheit sein und ein Hinausschreiten über das Gegebene. 

„Symbol" ist ein relativer Begriff. Symbolische oder mythologische 
Erkenntnisse sind nicht symbolisch, sind nicht mythologisch, solange sie 
die einzigen sind. Solange unsere Vorfahren den Blitz als leuchtenden 
Vogel auffaßten, so lange war diese ,, Erkenntnis" nicht ,, mythologisch" ^). 
Sie wird es erst im Vergleich zu unserer Auffassung desselben Phänomens, 
einer Auffassung, die ihrerseits vielleicht auch einmal als „mythologisch" 
gelten wird. Die mythologische Stufe des Brkennens ist also nur mytholo- 
gisch, insofern sie einer geringeren apperzeptiven Bewältigung ihres 
Stoffes entspricht als eine spätere Stufe^). 

Infolge der Verselbständigung dieses ,, Stoffes", d. h. infolge jenes 
oben erwähnten allgemein menschhchen Bestrebens, den Inhalt der Idee 
oder der Erkenntnis als eine vom Denken unabhängige ,, Wahrheit" zu 
hypostasieren, stellt sich das stufenweise Vorrücken des menschÜchen 
Erkennens (Weltanschauung) so dar, als senkten sich aus der Welt der 
Ideen^), oder wie man 's sonst ausdrücken mag, die Wahrheiten nach und 
nach, zuerst verschleiert, dann immer reiner und unverhüllter, auf die 
Menschheit herab. Die ,, Bilder", die da ,, her abkommen", sind Symbole. 
Die stufenweise immer geistigere, höhere ,, Deutung" der Symbole bringt 
die Menschen der ,, Wahrheit" immer näher. Die ,, Herabkunft des 
Symbols"*) aber ist freiUch eine Phantasie, und jene ,, Wahrheit", die 
wir als Ziel betrachten, bloß eine Idee, und zwar diesmal eine kantische, 
die ein Eegulativ unseres Erkennens abgibt. 

Das Symbol erscheint in dieser Betrachtungsweise als Mittler 
zwischen uns und der Wahrheit oder zwischen Mensch und Gott. 

Das stufenweise Fortschreiten der Erkenntnis geht auf ein Ziel los, 
welches stets unendlich weit entfernt ist, nämlich auf das vollkom- 



'■) Vgl. Hermann Cohen, „Die dichterische Phantasie". Berlin, 1869 
(Harrwitz und Goßmann), S. 44 ff. — Fre ud, „Psychopathologie des Alltags- 
lebens", 3. Auflage, S. 135. 

^) Vgl. auch G. F. Lipps, „Mythenbildung und Erkenntnis". Leipzig 
und Berlin, 1907 ((Teubner). Namentlich den Anfang des Buches. 

Es wäre eine grobe Unterlassungssünde, wenn ich hier der Namen Schel- 
ling und Hegel nicht gedächte. 

') Diesmal sind die platonischen gemeint. 

*) Im Anklang an Adalbert Kuhn, „Die Herabkunft des Feuers und 
des Göttertranks". Berlin, 1859 (F. Dümmler). 



608 Herbert Silberer. 

mene Erkennen, oder, wenn man will, auf die Identität von Subjekt 
und Objekt des Erkennens. Dieser göttliche Zustand ist in einer zeit- 
lichen Entwicklung niemals zu erreichen. Er ist jedoch sowohl zur Be- 
friedigung des menschlichen Wissenstriebes als anderer Wünsche außer- 
ordentlich begehrenswert. Aus den Betrachtungen der pag. 565 ff. wissen 
wir, daß unter solchen Umständen die Phantasie gerne eine Wunscher- 
füllung in der Weise konstruiert, daß sie das in der Zeitreihe der natür- 
lichen Begebenheiten Unerreichbare als etwas historisch Wirkliches in 
die Zeitreihe projiziert und es auf diese Weise der Erreichbarkeit näher 
rückt. TatsächUch wird nun durch den religiösen Mythos der Fall, den 
wir soeben betrachteten, in eben dieser wunscherfüllenden Weise be- 
handelt. Daß der Mensch die Wahrheit erreiche, daß er im Göttlichen 
aufgehe, ist eine Idee, deren Erfüllung in der Unendlichkeit, d. i. außer- 
halb jeder zeitlich erfahrbaren Reihe der Begebenheiten hegt. Der 
wunschkräftige Mythos aber versetzt diesen erwünschten 
göttlichen Zustand des Menschen in die natürliche Zeitreihe, 
indem er sagt; ,, Dieser Zustand ist schon einmal dagewesen, 
von ihm kommen wir Menschen her!" („Ergo", lautet dann 
der wunscherfüllende Schluß, „ist dieser Zustand auch 
wieder zu erreichen.") 

Hier scheint also eine der hauptsächhchsten psychologischen 
Wurzeln der „Rehgion^' zu liegen, der ,, Religion", die schon durch 
ihre Bezeichnung anzukündigen scheint, daß sie die Vereinigung des 
Menschlichen mit dem Götthchen als ein Zurückbinden — als Zurück- 
bringung eines schon dagewesenen Zustandes — auffaßt. Daher auch 
die Mythen vom göttlichen Ursprung, paradiesischen Zustand und 
nachträghchen Fall der Menschen (die Adamsmythen der verschiedenen 
ReHgionen usw.). Über die Vorstellungen vom götthchen Ursprung des 
Menschßn hat übrigens Abraham^) interessante ähnhche Bemerkungen 
gemacht. Als ein hierher gehöriges, gewaltiges Beispiel einer wunscher- 
füllenden Projektion möchte ich jene Anschauung anführen, nach welcher 
das alte jüdische ITti^- Ideal als historisch erfüllt angesehen wird. 

Die hier vorgetragene Ansicht über die Symbohk im Erkennen 
und über das Symbol als Mittler lassen es sogleich plausibel erscheinen, 
was Creuzer mit feinem Verständnis äußert: 

„. . . Es ist vorerst die einfache Bemerkung, daß die, wie gesagt, 
überall und besonders im Altertume herrschende Anschaulichkeit 



1) S. 39 f. und 69 seines mehrfach zitierten Buches. 



Phantasie und Mythos. 609 

und Bildlichkeit der Sclirift und Rede des Denkens und Dichtens 
nicht als eine willkürliche und figürliche, sondern als eine an 
sich und schlechthin notwendige Ausdrucksart zu betrachten 
ist. — Da mithin dieser natürliche Beruf, dieses höhere Nötigen den 
Menschen in den Mittelpunkt der ganzen Schöpfung stellt, damit sich 
in ihm, als in dem Mikrokosmus, die Strahlen aller Wesen sammeln, 
und er folglich alle Naturen in einer Natur erblicket, so vermag er sie*^) 
nicht anders als nach den Gesetzen seiner selbst zu betrachten^). 
Was also der abstrakte Verstand wirkende Kraft nennet, ist der ursprüng- 
lichen, naiven Betrachtungsart Person. Hiermit ist aber sofort das 
Geschlechtliche gegeben') und alle Äußerungen, die daran hängen, 
Liebe und Haß, Verbindung und Trennung, wovon jene Zeugung und 
Gebären, diese Tod und Untergang als unmittelbare Folge setzen. 

„...Somit ist also, was wir Bildliches nennen, nichts 
anderes als das Gepräge der Form unseres Denkens, eine 
Nötigung, der sich auch der abstrakteste und nüchternste Geist nicht 
entziehen kann . . . usw. 

,,. . . Will nun die Seele das Größere versuchen, sich zur Welt der 
Ideen aufschwingen und das Bildliche zum Ausdruck des Unendüchen 
machen, so offenbaret sich vorerst ein entschiedener, schneidender Zwie- 
spalt. Wie könnt« doch das Begränzte, so zu sagen, Gefäß und Aufenthalt 
des Unbegränzten werden? Oder das Sinnliche Stellvertreter dessen, was, 
nicht in die Sinne fallend, nur im reinen geistigen Denken erkannt zu 
werden vermag? Die Seele, befangen in diesem Widerspruche und ihn 
wahrnehmend, siehet sich mithin vorerst in den Zustand einer 
Sehnsucht versetzt. Sie möchte das Wesen erfassen ganz und unver- 
ändert, und es in der Form zum Leben bringen ; aber in die Schranken 
dieser Form will sich das Wesen nicht fügen. Es ist ein schmerzHches 
Sehnen, das Unendliche im Endüchen zu gebären. Der in die Nacht 
dieser Unterwelt gestellte Geist möchte sich erheben und hindurch- 
dringen zu der vollen Klarheit des Tages . . . 

,,. . . Da mithin die Seele, so betrachtet, zwischen der Ideenwelt 
und dem Gebiete der Sinne schwebet, da sie beide miteinander zu ver- 
binden und im Endlichen das Unendhehe zu erringen strebt, wie kann es 
anders seyn, ak daß das, was sie erstrebt und errungen hat, die Zeichen 

^) Die Stelle hat: „sich" statt ,,sie". Jedenfalls ein Druckfehler. 
-) Man erinnere sich der „beseelenden Apperzeption" bei Wundt, der 
,, fundamentalen Apperzeption" bei Jerusalem, des „Einfühlens" bei Th. Lipps. 
') Vgl. Abraham, S. 13 ff.; Zitate aus Kleinpaul. 



610 Herbert Silberer. 

seines Ursprungs an sich trage und selbst in seinem Wesen jene Doppel- 
natur verrathe? 

.,. . ■ Vorerst ist jenes Schweben selbst sein (des Symbols) Loos. 
Ich meine jene Unentschiedenheit zwischen Form und Wesen. 
Es ist im Symbol ein allgemeiner Begriff aufgestiegen, der da kommt und 
fliehet und, indem wir ihn erfassen wollen, sich unserem Bück entidehet. 
So wie es einerseits in der Welt der Ideen, wie aus dem vollem Glänze 
der Sonne abgestrahlt, sonnenähnlich heißen kann, einen Platonischen 
Ausdruck zu gebrauchen, so ist es hingegen durch das Medium ge- 
trübt, wodurch es in unser Auge fällt. Und wie das Farbenspiel 
des Kegenbogens durch das an der dunkelen Wolke gebrochene Bild 
der Sonne entsteht, so wird das einfache Licht der Idee im Symbol in 
einen farbigen Strahl von Bedeutsamkeit zerlegt"^). 

Die Symbolik der mythischen Gebilde — auch der Märchen — ist 
eine derartige, daß sich an die vom Mythos gebrauchten Bilder stets 
mehrere in verschiedene Richtungen führende sinnvolle Anknüpfungen 
machen lassen. Man kann gewissermaßen von jedem Symbol aus mehrere 
,, farbige Strahlen von Bedeutsamkeit" ausgehen sehen, deren jeder auf 
einen bemerkenswerten Gedankenkomplex führt. Freud berichtet in 
seiner „Traumdeutung" ausführlich von der hervorragenden Rolle der so- 
genannten ,, Verdichtung" der Elemente mehrerer Traumgedanken zur 
Hervorbringung eines um so kräftiger gestalteten Symbols, das »ie vertritt. 
Bei der Traumanalyse zerlegt man das durch die Verdichtung entstandene 
Bild in seine Komponenten, indem man die von ihm ausgehenden Assozi- 
ationsketten verfolgt. Bei der starken Analogie von Traum und Mythos 
darf man auch hier wieder korrespondierende Punkte in beiden erbhcken. 
Das Sondern der gehaltvollen Beziehungen eines Mythos zu verschiedenen 
Gebieten durch dessen „Deutung" darf ebensowenig als eine müßige 
Spielerei angesehen werden wie das „Deuten" eines Traumes durch das 
Aufsuchen der assoziativen Wege, die zu seinen verschiedenen Wurzeln 
führen. So wie sich der naive Träumer nicht die Mühe zur gründlichen 
Deutung seiner Träume nimmt, so dringt auch das mythenbildende 
Volk nicht zu einer solchen vor. Es gab jedoch zu allen Zeiten kritische 
Geister, die sich nicht damit begnügten, an der Oberfläche der Dinge 
zu bleiben. Ägyptische Priester, griechische Philosophen, Dichter und 
Mystagogen di-angen unter diese Oberfläche ein und verfolgten die 
geheimen Fäden, die sie fanden, in verschiedenen Richtungen. Die 



C'reuzer, a, a. o.. Band I, S. 54 ff. 



Phantasie und Mythos. 611 

Mythendeutungen solcher führender Geister sollten auch von der 
modernen Mythenanalyse beachtet werden, als Wegweiser zu jenen 
assoziativen Anknüpfungen, welche behufs Auflösung der Verdichtungen 
in ihre Determinanten zu befolgen sind. Denn jene ,, führenden" Persön- 
lichkeiten stehen, als Blüten ihres Zeitalters, dem Geiste desselben nahe ; 
sie sind in Fühlung mit den Mythenbildnern, deren Erzeugnisse wir 
größtenteils als fertig Gegebenes empfangen. Die Wurzeln der Mythen 
reichen freilich weiter zurück als die historischen Zeiten der Erklärer, 
die ich hier meine. Die Mythenbildung wirkte aber auch damals fort, ja 
ihre Kräfte wirken noch immer fort. 

Wenn ein Symbol oder ein Mythos im Laufe der Zeiten oder auch 
gleichzeitig verschiedene einander scheinbar ausschheßende Erklärungen, 
historische und etymologische Ableitungen erfuhr, so kann es freilich 
sein, daß einige dieser Deutungen wertlos sind, doch ist immer anzu- 
nehmen, daß ein guter Teil von ihnen berechtigt ist und Elemente ent- 
hält, welche bei der Bildung des Mythos oder Symbols beteiligt waren. 
Die später aüs dem Mythos ausgewickelten Gedanken lagen 
demselben als latente Gedanken^) für seinen manifesten 
Inhalt bereits zugrunde. 

Es würde eine fehlerhafte Verallgemeinerung bedeuten, wenn wir 
nun erwarteten, daß jedes einzelne Erzeugnis der Folklore, jedes Kinder- 
märchen usw. in seinem Material Elemente aufweise, die auf unendliche 
, .religiöse" Ideen hinführten, wie es bei den großen Mythen mit kosmo- 
gonischem Gehalt der Fall ist. Es gibt genug Märchen, welche weiter 
nichts bieten als kindlich-mythologische Apperzeptionen irgend- 
welcher banaler Gegenstände. Solche Beispiele findet man u. a. mehr- 
fach in der Grimmschen Sammlung. Als Beispiel sei das Märchen 
Nr. 18 (,, Strohhalm, Kohle und Bohne") angeführt, wo die drei als 
menschhch apperzipierten Gegenstände auf die Wanderschaft gehen 
und wo zum Schluß die an der Bohne sichtbare ,,Naht" damit erklärt 
wird, daß ein Schneider die Bohne mit schwarzem Zwirn zusammenge- 
näht habe. Oder Nr. 175, („Der Mond"), wo der Mond als Lampe auf- 
gefaßt wird, Nr. 147 (,,Das junggeglühte Männlein"), wo es zum Schluß 
heißt: ,,. . . darob sich die zwei, die mit Kindern (schwanger) gingen, so 
entsetzten, daß sie noch dieselbe Nacht zwei Junge gebaren, die waren 
nicht wie Menschen geschaffen, sondern wie Affen (offenbar sind abor- 
tierte Fötus gemeint), liefen zum Wald hinein; und von ihnen stammt 



') Siehe S. 622. 



612 Herbert Silberer. 

das Geschlecht der Affen her". Es gibt eine Unzahl von Mythenbildungen 
dieser Gattung; viele von ihnen (wie z. B. das erste der jetzt angeführten 
Märchenbeispiele) geben eine ganz richtige Vorstellung von der einer 
Wortbildung oder einem bildlichen Sprachausdrucke zugrundeliegenden 
mythologischen Apperzeption. {Die „Naht" der Bohne.) Deutungen 
dieser Art sind kleine Ansätze zu Mythenanalysen. 

Man hat, wie ich glaube, der Freudschen Traumdeutung vorge- 
worfen, daß sie willkürlich vorgehe, indem sie Assoziationsketten, 
welche von den Knotenpunkten des Traumbildes ausgehen, nach ihrem 
Gutdünken verfolge und dann ohne Berechtigung behaupte, die so 
aufgefundenen Elemente seien just die bei der Traumbildung wirksam 
gewesenen. Ähnliches könnte man natürlich auch der Mythendeutung 
nachsagen. Die Kritik könnte nänüich geltend machen: ,,Daß man von 
einem einzelnen Elemente des Traumes (und Mythos) irgend wohin 
gelangt, ist nichts Wunderbares. An jede Vorstellung läßt sich assoziativ 
etwas knüpfen; es ist nur merkwürdig, daß man bei diesem ziellosen 
und willkürlichen Gedankenablauf gerade zu den Traumgedanken 
gelangen soll^)." Wenn nun Freud dem gegenüber beweist, daß der 
scheinbar „ziellose" und „willkürliche" Gedankenablauf bei der 
Aufsuchung der Deutungsketten durchaus nicht unabhängig von jenen 
Gesetzen ist, die im Traum wirksam waren, sondern bestimmten Regeln 
gemäß zu den gesuchten wichtigen Knotenpunkten hinführt, so gilt 
dies wohl ebensogut für die Mythendeutung als für die Traumdeutung. 
Besonders, wenn sich zu einer Zeit, wo der Mythos aktuell ist, Erklärer 
finden, die sich, im Gegensatz zum allgemeinen naiven Glauben, einer 
vom Buchstaben sich entfernenden, tieferen oder feineren Deutung 
desselben zuwenden, läßt sich stets vermuten, daß auf diese Weise 
latente Mythengedanken aufgefunden werden, d. h. jene vom symboli- 
schen Ausdrucke scheinbar verschiedenen Grundgedanken, welche bei 
der Bildung des Mythos (bei der Verdiehtungsarbeit) beteiligt waren. 
Denn jene Erklärer sind im Organismus der Volkspsyche den Mythen 
gegenüber dasselbe, was mein kritisches Deutungsvermögen in meiner 
Individualpsyche meinen Träumen gegenüber ist. Solche Deutungen 
pflegen nicht aus der Luft gegriffen zu sein, denn sie selbst gehen gesetz- 
mäßig vor sich*). EtwEis Derartiges hat auch Creuzer im Auge, wenn 



1) Freud, „Traumdeutung", 1. Auflage, S. 308. 

^) Freilich werden oft auot sogenannte „sekundäre Bearbeitungen" dabei 
sein. Ich muß aber darauf aufmerksam machen, daß die „sekundäre" Bearbeitung 



Phantasie und Mythos. 613 

er, von den symbolischen Bräuchen der bacchisch-cerealischen Mysterien 
sprechend, das Folgende äußert: 

,,. . . Zur Andeutung des Zusammenhanges, worin das mythische 
Gewebe der Persephone mit Feuchtigkeit und Gewässer gedacht wird, 
gab man auch folgender homerischen Dichtung (Odyss. XIII, 107 ff.) 
von der Nymphengrotte den Sinn, daß die zur Geburt herabgestiegenen 
Seelen, die feuchten Seelen (Najaden), am Gewebe Lust haben. (S. 
Porphyrius, „De antro Nympharum", cap. 14.) Die homerische 
Stelle lautet nach Voss also: 

Auch Webstühle von Stein sind darinnen gestreckt, wo die Nymphen 
Schöne Gewand' aufziehn, meerpurpurne, Wunder dem Anblick; 
Auch unversiegende Quellen durchrinnen sie. — 

,,0b das homerische Bild diesen Grund hatte, lasse ich hier auf sich 
beruhen. So viel beweist di^e Auslegung unstreitig, daß in den 
Mysterien diese Ideenverbindung gewöhnlich sein mußte^)". 

Schon vorher spricht Creuzer^) von der „Vielseitigkeit der 
antiken Symbolik, zumal dieser mysteriösen". Er sagt ferner, er müsse 
öfter von zwei Seiten sprechen, welche die Bildnerei habe, meint, es 
müsse das in allen Religionen der Fall sein, und führt eine Stelle des 
Erasmus („Enchiridion militis Christiani, Canon V.) an, wo es heißt: 
,,Idem observandum in omnibus literis, quae ex simplici sensu et mysterio 
tamquam corpore atque animo constant, ut contemta litera ad myste- 
rium potissimum spectes etc.". 

Es ist durchaus nicht notwendig, daß der Mythenbildner (auch 
wenn wir ihn als Einzelperson voraussetzen) den feinen, den ,, mysti- 
schen "Gehalt seines eigenen Werkes klar verstehe. Er drückt etwas aus, 
dessen Regel er in sich trägt, ohne vielleicht deren geheimen 
Sinn klar zu erfassen. Er mag z.B. „endo psychische" Vorgänge 
wahrnehmen und sie symbolisch auffassen, also ,,mytholo- 
gisch" apperzipieren und zum Ausdrucke bringen. Er ist dann 
gewissermaßen das unbewußte, blinde, Werkzeug einer Idee, die nach 
Ausdruck ringt. Ein Beispiel hierzu liefert diese Stelle aus Creuzer: 



auch wieder ein durchaus relativer Begriff iat; das ehemals „sekundäre" wird 
später „primär" ia bezug auf weitere Bearbeitungen. Die Mythen setzen sich 
eben aus vielen Schichten zusammen. 

1) Creuzer, a. a. O., III. Band, S. 502. 

ä) Ebenda, S. 476. 
Jalirbucli für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. II. »ü 



ßl-t Herbert Silberer. 

„Bei der Odyssee, als Ganzes genommen, entsteht eine eigene 
Frage: Es haben schon die Alten jene feine folgerichtige Anlage dieses 
Epos nachgewiesen, und es kann noch jetzt niemandem leicht entgehen, 
mit welchem Verstände alle Motive künftiger Handlungen gleich von 
vornherein angelegt, und wie richtig sie durchgeführt sind. Darum wage 
ich aber doch nicht zu behaupten, daß der oder die Dichter 
auch die allegorische Folge in ihrem Zusammenhange ver- 
standen haben, die innerlich und, so zu sprechen, unter der äußeren 
Hülle der Volksdichtung durch einen großen Teil dieses Werkes hinzieht. 
Es läßt, von dieser Seite gesehen, ein altes hieroglyphisches Gebilde im 
Hintergrunde erraten, eine Allegorie des menschlichen Lebens 
vielleicht i)." 

Deutlich ist diese ,, Allegorie des menschlichen Lebens" in der 
Bhagavad-Gitä, wo die vorkommenden Kriegshelden menschliche 
Seelenkräfte vorstellen. 

Es war oben die Rede von der Herabkunft des Symbols und vom 
stufen weisen Erkennen. Dieses stufenweise Vorschreiten ist ein funktio- 
naler Vorgang in der Psyche des Volkes und, als solcher, Gegenstand 
einer endopsychischen Wahrnehmung und einer Symbolik 
der ,,f unktionalen" Kategorie, sobald er symbolisch nach außen 
projiziert wird. Er erscheint (wie ich glaube) nach außen pro- 
jiziert und anschaulich gemacht in jenen mythischen Ge- 
nealogien, wo derselbe Gott in verschiedener Gestalt sich 
mehrmals wiederholt und gleichsam einj Stufenleiter einer 
Vergröber ung durchmacht. Als Beispiel für dieses interessante 
„funktionale Phänomen" auf völkerpsychologischem Gebiete will ich 
vor allem eine Stelle aus Creuzer^) anführen, welche gleichzeitig auch 
den Mechanismus der „Abspaltung"^) und der „Verdichtung" be- 
leuchtet : 

(Zuerst war die Rede von Osiris, dem wasserverleihenden Gott 
des ägyptischen Landes ; dann wird fortgefahren :) „. . . da dem ganzen 
Osirisdienste . . . auch die allegorische Anschaimng des Sonnen- und 
Mondes Jahres zum Grunde liegt, so wenden sich diese Ideen nun auch so : 
Die Sonne im Widder, das erste Licht des neuen Frühjahres ist Amun, 

') Creuzer, a. a. O., II. Band, S. 450. Derselbe meint allerdings (gemäß 
seiner Ansicht, die ich S. 567 mitteilte), daß Homer (oder die Dichter) die „hiero- 
glyphischen Gebilde" aus alter Zeit her übernommen hätten. 

2) A. a. O., T. Band, S. 289 ff . 

') Über „Abspaltung" siehe z. B, Abraham, S. 53. 



Phantasie uud ^Jythos. 615 

die Sonne im Stier, das zweite Licht Osiris. Dalier im Mythos auch ge- 
sagt wird, Osiris sey vom Juppiter-Ammon an Sohnes Statt ange- 
nommen . . . Wann der Sonnenstier, Osiris im Neumonde die Mondes- 
kuh, Isis, befruchtet, dann beginnt die Vegetativkraft auf Erden. (Daher 
denn auch . . . Joseph in den sieben fetten und den sieben mageren 
Kühen ebenso viele Jahre erblickt.) 

,,Hier werden also Osiris und Isis zu allgemeinen Naturgottheiten 
und bedeuten die Kräfte der Natur. . . 

,, Endlich aber wird der Sohn Amuns, Osiris, selber zu Amun; 
Osiris wird nun metaphysisch als höchstes Wesen selbst genommen. 
Nämlich in der theologischen Denkart der ägyptischen Priester, sowie 
des ganzen Morgenlandes, ist ein Emanations- oder Evolutions- 
system gegeben, in der Weise, daß das ewige, höchste Wesen nach seinen 
Eigenschaften nicht etwa bloß gedacht, sondern gewissermaßen in 
dieselben zerlegt^) wird, so zwar, daß jede Eigenschaft zu einer eigenen 
Person wird." (Bei der Herabkunft des Symbols findet also auch eine 
Zerteilung in eine Vielheit statt.) ,,Da aber jede Eigenschaft in Gott 
wieder Gott ganz ist, ... so wird jede solche emanierte Person, wie 
Osiris, in ihrer höchsten Potenz gedacht, zum höchsten Wesen selber; 
oder Osiris wird eine der Offenbarungen des höchsten Wesens. Es 
offenbart sich aber dieses höchste Wesen: a) als Amun {'Auovv, 
Amon-Juppiter), insoweit es die unoffenbarten Urbilder der Dinge, 
die Prototypen, die Ideen, ans Licht bringt — als Allmacht; b] als 
Phthas in seiner demiurgischen Vollkommenheit, insofern es jene Ideen- 
welt zur Wirklichkeit bringt, ... — als Weisheit; c) als Osiris, . . . als 
Quell alles Lebens und Segens — als Güte. 

,, Dieses höchste Wesen . . . hieß im allgemeinen Volksglauben 
Osiris ; ... im Priestersystem vielleicht bald Ammon, bald Kneph. . . . 
Nach dieser Voraussetzung wäre also Osiris . . . zuvörderst als Kneph, 
das höchste Wesen selber. \iya&odaifj.(ov. In zweiter Instanz aber ist er 
Sonne; hier wird er Adoptivsohn des Amun, d. h. diese physische Sonne 
ist nur der Ausfluß des metaphysischen Lichtes . . . Ferner Osiris, als 
Nil, ist nichts weiter ... als ein Abstrahl des Segens, morgenländisch 
als Wasser gedacht'^)." 



') Vgl. diö obige Stelle von der Zerlegung des Sonnenstrahls in seine 
Farben, S. 610. 

^) Wenn man in dieser Daxstellung eine von Griechenland ,, gefälschte" 
ägyptische Mythologie erblicken sollte, wäre zu entgegnen, daß die Bearbeitung 
eben wieder ein Mythos ist. Ein in solcher Weise bearbeiteter Mythos ist kein 

40* 



616 Herbert Silberer. 

In den griechischen und anderen Theogonien zeigen und erzeugen 
sich bekanntlich gleichfalls wichtige Göttergestalten {z. B. die Feuer-, 
die Licht- und Sonnengottheit) in mehrfacher Auflage. Ich will die 
Beispiele nicht über Gebühr vermehren. Aber von < iner Doppeldeutung 
des eben Gehörten soll jetzt die Kede sein. Der Stoiker Chäremon 
sagt von der ägyptischen Religion, sie sei materiaUstisch, der Neu- 
platoniker Jamblichus behauptet von ihr, sie sei idealistisch. Beide 
dürften recht haben. Nach Chäremon wären die ägyptischen 
Götter: die Planeten, die Zeichen des Zodiakus, deren Dekane, die Sonne, 
der Nil usw. Nach Jamblichus: ein vovs oder Xöyog, eine demiurgische 
Intelligenz, usw. Was bei dem einen etwa feine Materie ist, ist bei dem 
andern IntelUgenz ; was bei dem einen die Ungebundenheit kosmischer 
Elemente, ist bei dem andern etwa die Freiheit des Willens^). Jeder 
faßt bloß einen der Faktoren ins Auge, in der Trennung voneinander, 
statt beide in ihrer Verbindung. Der Gegensatz Chäremon- Jamblichus 
hat auch heute noch nicht aufgehört. Hoffenthch ringt sich aber mit der 
Zeit doch die versöhnliche Überzeugung durch, daß alle Teile — ein- 
schließlich der historisch erklärenden Partei — recht haben, wofern 
sie nicht Exklusivität beanspruchen zu sollen glauben. 

Wie fein oft Himmlisches und Menschliches, Astronomisches^), 
Irdisches und Ethisches verdichtend ineinandergreift, das läßt sich an 
zahlreichen Mythen bewundern. Ein letztes Beispiel soll uns zeigen, wie 
überaus traumbildmäßig das obenerwähnte^) Prädikat der Seele: 
,, feucht" überdeterminiert erscheint. 

Das Hauptthema der bacchisch-cerealischen Mysterienlehre war 
das Schicksal der Seelen, welche sich haben verlocken lassen, ihr 
himmlisches Leben zu verlassen, um sich ins irdische zu senken*). Diese 
Seelen — also diejenigen der Erdenmenschen — heben das Feuchte 
und heißen „feuchte" Seelen. Die Mysterien aber lehren die Umkehr, den 
Rückweg zum himmhschen Zustande. 



falscher Mythos, sondern eine Ausgestaltung, ein natürliches Produkt des 
Mythenwawihstums. 

^) Siehe Creuzer, a. a. O., I. Band, S. 384 f. 

') Eine „Abwehr" anzunehmen, die wegen sittlicher Anstößigkeit der 
Mythen dieselben an den Himmel projiziert, wie Bank („Mjrthua v. d. Geb. d. 
Helden", S. 10) meint, halte ich für recht überflüssig. 

•) S. 613, wo von den Cerealien und der Odysee die Bede ist. 
«) Vgl. S. 600 ff. 



Phantasie und Mythos. 617 

Die aus ihrer wahren Heimat herabgesunkenen iSeelen haben sich 
durch eine Lust verlocken lassen, durch die Lust an jenem. Dionysos, 
der (als Zagreus von den Titanen zerrissen, zerstückt wird und), im 
Gegensatz zur göttlichen Einheit, die Vielheit und Buntheit der Natur 
und des Naturlebens bedeutet. Dionysos-Bacchus ist der Gott »des 
Weines, weiß also durch ein zauberisches Naß die Seelen zu berauschen. 
Den feuchten Seelen dünkt die Welt schön, obgleich sie an sich (wie 
Plo tinus und Porphyri US sich ausdrücken) einer finsteren, feuchten 
Höhle^) gleicht. 

Der Begriff des Feuchten führt weiter zu dem der Beweglichkeit 
des Wassers. Die irdische Seele gleicht dem Meere ^). Im Wesen sich 
gleichbleibend, ist sie zuständlich wandelbar wie dieses, im Affekt. 
Wenn Stürme der Leidenschaft über sie hinwegbrausen, tobt sie und 
wirft gewaltige Wogen, wie das Meer; AVogen und Gischt zerreißen und 
trüben ihre Oberfläche, die im ruhigen Zustand das Hirnmlische zu 
spiegeln vermag, wie das Meer denHimmel und dessen Lichter reflektiert. 
Auch stellt der Meergott Poseidon das Auseinanderfahrende, Beweg- 
liche vor. Aber auch Dionysos hat Beziehungen zum Wasser und zum 
Meer. Er flieht vor Lykurgus in den Schoß der Thetis und schenkt 
den Nereiden eine Amphora^). Dionysos- Bacchus ist von Nymphen, 
also von Quell- und Wassergottheiten, erzogen worden; seine Amme 
Ino soll geradezu eine Personifikation des Wassers sein*), was physika- 
lisch einen verständlichen Sinn hat, da der Weinstock aus dem feuchten 
Boden seine Nahrung zieht. Als mütterhche Erzieherin eines Dionysos 
wird auch die Nymphe Maja genannt, welche vom Vater her aus dem 
Äther, von der Mutter aus dem Ozean abstammte und die als Führerin 
des Plejadenchors den Regen aus dem Schoß der Wolken vorbedeutete. 

Der Regen sowie die Gestalten der Maja (Mutter) und der wachs- 
tumsfördernden Ino führen uns zur Idee der Befruchtung der Erde 
durch das Wasser. Die Idee von dieser Bedeutung des Wassers spielte 
bekanntlich in der Religion Ägyptens eine Hauptrolle, und zwar wohl 
deshalb, weil in diesem Lande aller Segen vom Nil abhängt. Wir haben 
schon oben Osiris als Nil kennen gelernt, und von Osiris zu Dionysos 
ist nicht weit. In den griechischen Mysterien scheint sich so manch 



') Creuzer, a. a. O., IIL Band, S. 429. 

*) Vgl. oben, S. 577, Ingibjörgs Seefahrt. 

ä) Homer, Dias, VI. Gesang, 130 ff., Odysee, XXIV. Gesang, 73 ff., uew. 

*) Creuzer, a. a. 0., III. Band, B. 97, Anmerkung, 27. 

4 



Ö18 Herbert Silberer. 

altägyptisches Bestandstück zu befinden. Möglich, daß die Analogien 
andere Gründe als historische Übertragung haben: das ist für uns 
schließlich egal. Da alles Gedeihen vom Nil abhing, und vielleicht noch 
aus anderen Gründen, ward das Wasser das Symbol alles Natur- 
lebens. Eines der heiligsten Symbole war also begreiflicherweise jener 
Wasserkrug, den bei der Isisprozession der Oberpriester in den Falten 
seines Gewandes trug. (Wir werden auf Was.ser und Krug noch zurück- 
kommen.) Die Wasserbiume Lotos war eine heilige Pflanze; sie entsproß 
dem Nilschlamm; der Nilschlamm, die befeuchtete Erde, ist aber Hyle, 
die Urmateriei). Lotos ist das nie erlöschende Naturleben, ja auch Sinn- 
bild der (seelischen) Unsterblichkeit. So ist denn das Wasser, welches 
aus der toten Erde die Lotosblume hervorbringt, gleichsam das Seelische 
für den Körper und das körperliche für die Seele. Sowie das Wasser 
aus der toten Erde Lebendiges macht, so belebt die Seele den 
Körper, der ohne sie tot wäre. 

Die Befruchtung durch das Wasser läßt jedoch auch eine sexuelle 
Deutung zu. Soma, der indische Göttertrank, läßt sich bekanntlich als 
der männliche Samen auffassen^). Und das „Feuchte" der Seelen, 
ihre ,,Lust am Feuchten" läßt sich gar wohl als die Freude an dem 
dionysischen Göttertrank der geschlechtlichen Fortpflanzung deuten, 
welcher sie sich ja hingeben, sobald sie ins Erdenleben sinken. Übrigens 
tun die sinkenden Seelen der Mysterienlehre tatsächlich einen Trunk. 
(Ich will die „Verlegung nach oben", die bei diesem Symbol im Spiele 
sein mag, als zu weit hergeholt, außer acht lassen.) 

Die herabsinkenden Seelen trinken also aus einem „feuchten 
Dionysoskelch", der sie die höhere Natur vergessen macht*) und sie 

'> Creuzer, a. a. 0., I. Band, 282 bis 238. 

*) Der Soma ist zeugung^räftig; vgl. Kuhn, a. a. O., passim; Abraham, 
S. 63, spricht den Gedanken deutlicher aus. — Eine weitere Brücke zwischen 
Seele und Feuchtigkeit ließe sich über den Mond führen. Die Mondsphäre ist 
die niedrigste, was den gesunkenen Seelen entspricht. Nun ist Soma = Mond, 
wofür z. B. in Upanischaden zahlreiche Belege zu finden sind. Die Beziehungen 
Seele — Blond und Mond — Wasser sind auch sonst im Mythenwesen öfter 
betont. 

') Vgl. Macrobius, In Somnium Scipionis, I, 12. „... arcani huius in- 
dieium est crater Liberi patris ille sidereus in regione quae inter cancrum 
est et leonem locatus, ebrietatem illic primum descensuris animis evenire silva 
influente signifieans. Unde et comes ebrietatis oblivio animis incipit latenter 
obrepere . . . oblivionem quidem omnea descendendo hauriunt . . ." etc. Man be- 
achte das mitbestimmende astronomische Moment; wir werden alsbald darauf 
zu sprechen kommen. 



Phantasie und Mythos. 619 

zur irdischen Geburt hinleitet. Auch der Sexualakt läßt, wie im 
Rausch, alles andere vergessen und leitet zur irdischen Geburt 
hin. Dieser Becher und ein zweiter, der Weisheitbecher, entsprechen 
wieder dem demiurgischen Krater (worin die Weltseele gemischt wird) 
und dem kleinen oder zweiten Krater, dem dionysischen Mischgefäß 
der Natur. 

Gefäß und Flüssigkeit haben indes noch eine andere Beziehung 
zur Seele. Sowie nämlich das Wasser im Gefäß, so ist die Seele im 
Kör per. Das gröbere umgibt das feinere; zerbricht das Gefäß, so rinnt 
die Flüssigkeit aus. Ebenso ist jedoch die Flüssigkeit im ELrater ein Bild 
des im Uterus aufgenommensn Spermas; aus ihm entstehen 
im kosmologischen Sinn Welt und Natur. Von den Krügen mit Nil- 
wasser war schon oben die Rede, und die Amphora des himmlischen 
Wassermannes wird noch betrachtet werden. Im Gefäß-Symbol laufen 
so viele Fäden zusammen, dasselbe ist dermaßen überdeterminiert, 
daß es sich zu einem gegenständlichen Requisit der Kult- 
handlungen „verdichtete". Dasselbe könnte vom Spiegel^) und 
anderen Paraphernalien des GeremonieUs gezeigt werden, das ist jedoch 
unser Vorhaben nicht. Wir wollen das Gewebe des ,, Feuchten" aus 
seinen Zusammenhängen herausschälen. 

Zu einer neuen Beziehung der ,, feuchten Seele" zum Meer wird 
uns die Betrachtung des Geistes als Licht führen, von der ich oben^) 
sprach. Sonne und Planeten scheinen, wenn sie ihren täglichen Lauf 
vollenden, im Meere unterzugehen. Das Meer ist gewissermaßen die 
Untervfelt, in der die Sonne verschwindet, um jeden Morgen wieder 
erneut daraus hervorzugehen. Auch die geistige Sonne, das Bewußtsein, 
erlischt allabendlich, um des Morgens frisch zu erwachen. Der Schlaf 
i.st sozusagen die nasse Region des Bewußtseins. Das ganze 
Erdenleben aber — so ungefähr war ja die Ansicht der Mysterienlehre — 
ist, neben dem göttlichen Leben betrachtet, eine finstere Nacht (in 
einer Höhle!), also ein Vegetieren in der Wasserregion, fern vom 
lichten Tag göttlicher Erkenntnis. Sowie aber die Sonne siegreich aus 
dem Dunkel steigt, soll auch die Seele ihren Lichtweg neu beginnen. 
Damit ist jedoch die Beziehung: Sonne — Seele — Meer noch lange nicht 
erschöpft. Sehen wir uns ein bißchen weiter am Himmel um. Wir finden 

'■) Auch mit der Weltlust in Verbindung. Vgl. den Mythos vom XarciO, 
wo die Begriffe von Spiegel und Wasser im Wasserspiegei zusammen- 
treffen. 

-) S. .597. 



620 Herbert Silberer. 

da im Zodiakus (um nicht noch weiter auszuholen!) einige Zeichen, 
in denen das Wasserelement betont ist: den Wassermann und die 
Fische. Wir wissen bereits, daß die Seelen beim Auf- und Absteigen 
den Zodiakus und die Planetensphären passieren müssen^). Wir erfahren 
ferner aus einer interessanten Studie von Dr. Hugo Winckler ^), daß 
die Wasserzeichen im Tierkreis, die dem Winter angehören, nach alter 
Auffassung einer ,, Wasserregion" des Himmels entsprechen. Der 
Tierkreis zerfällt nämlich in Analogie zu unserer Erde in ein Luft-, 
ein Erd- und ein Wasserreich, wovoii das letztere auf dem Zodiakus die 
Unterwelt vertritt. Die Zeichen dieser unteren, wässerigen, Region 
sind astronomisch für die Zeit von 3000 bis 700 v. Chr. der Steinbock, 
der Wassermann, die Fische und der Widder. Der Südhimmel gilt als 
Wasserflut und da er zur Winterszeit tagsüber ,,oben" ist, so steht, 
bildlich gesprochen, im Winter die Welt unter Wasser (Sintflut). 
Der Wintersonnengott huldigt nach Ablauf seiner Herrschaft dem Gott 
der Frühlingssonne, indem er ihn, auf der abnehmenden Flut mit einem 
Nachen fahrend, besucht'). Dieser Nachen ist heute noch bekannt: 
es ist der car-naval (Karneval), ein Hauptsymbol des ursprünglichen 
Neujahrafestes. 

Da nun das Erdenleben für die Seele gleichsam den Winter oder 
den Aufenthalt in einer Unterwelt*) bedeutet, verglichen zur Tages- 
und Sommerregion des ursprünglichen göttlichen Daseins, so erscheint 
auch hier wieder der Ausdruck „feucht" für die in die Erdenregion „ge- 
tauchten" Seelen ganz am Platze. 

Wir sind aber noch immer nicht fertig. Eine der schönsten Determi- 
nierungen führt über das Wort yjvxij selbst. Einschalten muß ich noch, 
daß der Seele, welche die Sphären zu durcheilen hatte, in bildlicher 
Auffassung jenes naheliegende körperliche Svmbol zukam, mit welchem 
auch manche Göttergestalten (z. B. Hermes Psychopompos usw.) aus- 
gestattet waren, wenn der Sinn es erforderte; ich meine die Flügel. Zu 
den Flügeln gelangen wir aber für die Seele auch auf einem andern, 
kollateralen Weg. ^vx^ heißt zuvörderst Hauch, Athem und bedeutet 
sodann zwei hauchähnliche Wesen: die Seele und den Schmetter- 



1) S. 601 f. 

') Winckler, „Himmels- und Weltenbild der Babylonier", 2. Auflage. 
Leipzig, 1903 (J. C. Hinrichs), S. 29 und 56. 

') In Babylon wurde dieser Besuch jährlich zeremoniell dargestellt. 

■*) Vgl. Thomas Taylor, ,,Die Eleusinischen und Bacchischen Mysterien". 
Wien (bei Manz). 



Phantasie und Mythos. 621 

ling; ^aher denn dieses leiclitbeschwingte Tierchen sicli wie von selbst 
zur sinnbildlichen Stellvertretung für die „Seele" darbot, welche dadurch 
Flügel erhielt. Der Schmetteiling ist jedoch als Seelensymbol auch 
wieder mehrfach determiniert. Ich will nicht erst auf die Buntheit seiner 
Flügel und seine Freude an den bunten Blumen eingehen; nur sfeine 
biologische Entwicklung soll hier in Betracht gezogen werden, die ihn 
für die Mysterienlehre als Seelenbüd besonders geeignet erscheinen 
lassen mußte. Er ist zuerst Raupe, macht dann einen todähnHchen 
Zustand als Puppe mit und ersteht sodann, wie neugeboren, in der 
Gestalt des vollendeten, beschwingten Schmetterlings — ein Bild der 
unsterblichen Seele, die nach überstandenem Erdenleben 
und Tod dem ewigen. Licht entgegenschwebt. 

Die Seele hat also ganz bestimmte Flügel: Schmetterlings- 
flügel. Wenn die zarten Flügel eines Schmetterlings von Wasser 
benetzt werden, verlieren sie ihre Flugkraft, und der Schmetter- 
ling wird zur Erde herniedergezogen. Mit den Seelen wird's wohl ebenso 
gehen. Tatsächlich bleiben nach der Mysterienlehre die geflügelten 
Seelen, welche die Geburt füehen, vorsichtig in den höheren Sphären 
und sorgen, daß ihre Flügel nicht befeuchtet und beschwert werden^). 
Die Seelen, die herabsinken, verheren ihr Gefieder. Sie müssendann 
die ganze Schmetterüngsexistenz durchmachen, vom Raupenzustand 
angefangen. Der göttlichen Herkunft unbewußt, puppen sie sich im 
Dunkel ein. Aber ein Trunk aus dem Becher der Weisheit bringt sie zur 
Besinnung und nach mühseHger Wanderung und mancher Reinigung 
können sie, aufs neue beschwingt, durch die Zodiakalpforte des Stein- 
bockes ihren Weg aufwärts nehmen: die Rückkehr in ihre Heimat*). 

Die Bezeichnung der beiden Wege als ,, abwärts" und ,, aufwärts" 
statt nach räumlich anders gerichteten Gegensätzen ist übrigens ein 
funktionales Phänomen; denn das Bild des Aufwärtssteigens z. B. 
beruht auf den befreienden Gefühlen, die bei dem Steigen in immer 
höhere Bergesregionen auftreten, und wird symbohsch auf psychische 
Zustände angewandt. 



1) Vgl. Piaton, „Phädrus", Plotinus, IV, 8, 1. (Creuzer, a. a. O., 
III. Band, S. 428.) 

^) Porphyrius behandelt diesen Rückweg in einem eigenen Werke: 
,,"j4voöo^". Zu dem ganzen Vorstellungskreise vergleiche man übrigens Piaton, 
Timäus; Proclus, Piaton-Kommentare; Porphyrius, de antro Nympharum; 
Plotinus, Enneaden us.v. 
4 - 



622 Herbert Silberer. 

Ich. kann diese Arbeit nicht schHeßen, ohne auf ihre UnvoUständig- 
keit hinzuweisen, welche sich besonders im letzten Teile geltend macht. 
Hier erscheint eine deutliche Bruchfläche, wo das Mitgeteilte gleichsam 
aus einem Zusammenhang losgerissen wurde. Ich meine die Stelle 
(pag. 611), wo davon die Rede ist, daß die aus einem Mythos nachträglich 
ausgewickelten Gedanken demselben bei seiner Entstehung als „latente 
Mythengedanken" bereits zugrunde lagen. In die „latenten Gedanken" 
wurden hier zwei Gruppen von Elementen zusammengedrängt, die eigent- 
lich nicht so ohne weiteres zusammengehören: die inf an tilen^) verdrängten 
Vorstellungen des Wunschmaterials (als treibender mythenbildender 
Faktor) einerseits, die mythologisch apperzipierten Gedanken des 
Erkenntnismaterials (als materialliefernder Faktor) anderseits. 

Geht man dem Inhalt des ersten Faktors nach, so bewegt man 
sich rückläufig auf ein unendlich fernes Ziel, den geistigen Anfang 
des Menschengeschlechtes, zu ; geht man dem Inhalt des zweiten Faktors 
nach, so bewegt man sich vorwärts, ebenfalls einem unendHch fernen 
Ziele, der geistigen Voltendung des Menschengeschlechtes, zu. In der 
Mitte begegnet sich also solches latentes Material, das manifest ge wese n 
ist, mit solchem, das manifest werden wird. 

Damit wären wir glücklich wieder auf dem Gebiet der „unge- 
dachten Gedanken" angelangt, bei einem Probleme, welches psycho- 
logisch mit demjenigen des ,, Unbewußten" (sowohl in der Individual- 
als in der Volkspsych.e) mehr oder minder zusammenfällt. Dieses Thema 
weist indes über die vorliegende Arbeit, der ich nur enge Grenzen steckte, 
hinaus; vielleicht wird es ein anderes Mal zur Behandlung kommen. 



') Hier natürlich im Siane der Völkerpsychologie genommen. 



Die Psychanalyse Freuds. 

Verteidigung und kritische Bemerkungen von Prof. Bleuler. 



Nachdem die Tiefenpsychologie Freuds lange Zeit ignoriert 
worden, steht sie nun im Vordergrund einer lebhaften Diskussion; 
von allen Seiten wird sie angegriffen, so daß ich mich zu einer Ver- 
teidigung gedrängt fühle. Ich hoffe auch, das Befremden, das die 
Freudschen Theorien erregt haben, dadurch etwas mildern zu können, 
daß ich zu zeigen versuche, wie wenig eigentlich ihre tatsächlichen 
Grundlagen über das hinausgehen, was der beobachtende Psychologe 
schon längst gewußt hat; und last not least möchte ich sehr deutlich 
sagen, daß ich mit manchen Einzelpublikationen der Schüler Freuds 
teils des Inhaltes, teils der Form wegen nicht einverstanden bin*). 

Nicht leicht habe ich mich zu dieser Arbeit entschlossen. Man 
muß ja Leuten, deren Wissenschaftlichkeit oder Leistungen auf anderen 
Gebieten man hochschätzt, entgegentreten und man hat die un- 
dankbare Aufgabe, mehr affektive Einwände (d. h. Glaubenssätze) 
als logische Gründe zu bekämpfen. 

Die Abwehr. 

Die affektiven Motive allerdings wirft man zunächst den Psych- 
analytikern vor. Friedländer, der die Angriffe auf die Psychanalyse 
recht sorgfältig gesammelt hat, meint, daß die Anhänger Freuds an 
Stelle der Belehrung und ruhigen Beweisführung Temperament und 
Dogma setzen. Ergänzen wir das durch eine kleine Bemusterung der Aus- 



'■) Ich glaube zwar nicht, daß die Auswüchse hier zahlreicher seien als 
bei jeder andern neuen Lehre. Sie sind aber hier um so mehr zu bedauern, als 
sie die einmal in die Poleraik hineingetragenen Affekte unterhalten. 



624 E. Bleuler. 

drücke von gegnerischer Seite, so sehen wir, daß auch sie frei sind von 
aller Heuchelei : „das wirkt befreiend komisch — Orthodoxie, die frei von 
jeder Ängstlichkeit ist — ungeheuerlichste Zumutungen in intellek- 
tueller Beziehung — Sekte — Unsinn — Maulhuren — Hokuspokus — 
Warnung vor Ärzten und Anstalten, die solche Wissenschaft und solche 
Praxis betreiben", usw. 

Es wird also wahr sein, daß die Diskussion mit Affekt ,, besetzt" 
worden ist ; und wenn auch das Karnikel angefangen hat, ist es gewiß 
unnötig abzuwägen, wer den andern an Temperament übertroffen hat; 
man wird dafür besser versuchen, diese unangenehme Erscheinung 
verständlich zu machen und damit verzeihen und begraben zu lassen^). 

Und man müßte kein Psychologe sein, wenn man sie nicht ver- 
stehen könnte: Allen Neuerungen, die die Auffassung des eigenen 
Innern ummodeln wollen, stellt sich mehr als der gewöhnliche Miso- 
neismus entgegen. Und speziell Freuds Lehre rührt nicht nur an tief 
in der Seele eingerostete wissenschaftUche Dogmen, sondern eben 
auch an Gefühle, die uns lieb und heilig sind und die mit der jetzigen 
Auffassung der Moral in so engem Zusammenhange stehen, daß sich 
Viele das eine nicht ohne das andere vorsteilen können. Es sind also 
unter anderem sehr lobenswerte Empfindungen, die die Psychanalytiker 
von der intellektuellen Seite als kritiklose Phantasten und von der 
moralischen als leichtfertige Verderber guter Sitten beim Einzelnen wie 
bei der G^iellschaft ansehen lassen. Wenn nun aber solche Auffassungen 
herausgesagt werden, ist es gewiß selbstverständlich, daß die Anhänger 
des Neuen, die Jahre mühsamer Arbeit geopfert haben, um die Wissen- 
schaft zu fördern und eine neue Waffe gegen verbreitete und schwere 
Krankheiten zu schmieden, solchen Vorwürfen gegenüber nicht immer 
die Affektlosigkeit einer Dementia praecox zur Schau stellen können, 
besonders da sie immer wieder sehen müssen, wie ihre eifrigsten Gegner 
das gar nicht kennen, was sie bekämpfen. 

Da ist einer, der spricht an einem internationalen Kongresse gegen 
Freud; er ist aber nicht imstande, dessen Werke in der Ursprache 

*) Daß der Affekt eigentlich ganz unnötig verschwendet wird, zeigen 
Kräpelins vornehme Art der Ablehnung, die sachliche und verständnisvolle 
Kritik Binswangers oder die Einwendungen Heilbronners, die auf eigenen 
Nachprüfungen beruhen. Auch Isserlin bleibt sachlich. Wenn ich gerade ihm 
in der Folge am meisten entgegentreten muß, so ist es eben deshalb, weil er 
wirkliehe Einwände macht, die ich nur deshalb nicht gelten lassen kann, weil 
sie noch auf ungenügender Kenntnis der Lehren Freuds beruhen. Vgl. auch 
Näcke u. a. 



Die Psyctanalyse Freuds. 625 

ZU lesen; und in seine Sprache sind nur einige Nebensachen aus der 
Zeit der ersten Anfänge psychanalytischer Studien übersetzt. 

Ein anderer schreibt: „Wer überhaupt noch eine Empfindung 
für die Erfordernisse einer wissenschaftlichen Feststellung hat, der 
wird bei der Lektüre, z. B. der Ereudschen Schriften über das Wesen 
des Traumes den Eindruck der Phantasterei so überwältigend be- 
kommen, daß er nicht mehr weiter zu lesen vermag. Geradezu ekel- 
erregend und bezeichnend für die naive Sicherheit des Verfassers in 
seiner fast monomanischen Deutungsmethode, die schließlich alle 
erhabenen Erlebnisse und Konfhkte des Menschen auf sexuelle Stö- 
rungen und Verirrungen zurückführt, ist seine Deutung des ödipus- 
dramas^)". Obschon sich der Verfasser gewiß zu denen rechnet, die 
noch eine Empfindung für die Erfordernisse einer wissenschaftlichen 
Feststellung haben, wollen wir einmal zu seinen Gunsten annehmen, 
er habe etwas übertrieben und die Traumdeutung Freuds doch über 
die ödipuasteUe hinaus gelesen. Seine Sache wird aber dadurch nicht 
besser ; denn niemand, der etwas vom Lesen versteht, wird nach diesen 
Worten sich vorstellen können, daß der geekelte und die ganze Axt 
der Behandlung nur als fast monomanische Deutungsmethode be- 
trachtende Verfasser die komplizierte und gar nicht leicht zu erfassende 
Arbeit noch zu Ende verstanden habe^). Wir finden dementsprechend 
nur ein absolutes Fehlen aller Hindeutung auf ein Verständnis. 

Der gleiche Kritiker meint, eine Heirat mit einem Hochgestellten 
im Märchen stelle meist die Erfüllung des Wunsches eines armen 
Menschenkindes nach glänzendem Schicksale ,,und gar nichts Sexu- 
elles" dar. Wer diese Auffassung vom Sexuellen hat, kann Freud, 
ich möchte sagen, in keinem Satze verstehen. Und was muß einer, der 
so was schreiben kann, für Beobachtungen im Leben gemacht haben, 
ganz abgesehen von dem, was uns das Märchen selbst sagt. Nichts 
hat er gesehen von dem Alltäglichsten. Ist nicht da die ,, naive Sicher- 
heit?" 



') Foerster, Psychoanalyse und Seelsorge. Evangelische Freiheit, 1909, 
S. 342. 

*) Ich selber nmßte z. B. Freuds „Bemerkungen über einen Fall von 
Zwangsneuiose" (Jahrbuch für psychoanalytische Forschung, I, 1909, S. 357) 
dreimal lesen, bis ich das WesentUche — ich sage nicht: „alles" — erfaßt hatte. 
Der Grund liegt nicht bloß darin, daß das Studium viel Zeit erfordert, sondern 
vor allem darin, daß ich in der Analyse von Zwangazuständen keine eigene prak- 
tische Erfahrung habe. 



626 E. Bleuler. 

Der Autor könnte sich z. B. einmal ein paar Dutzend Schizophrene 
mit diesem Komplexe der Standeserhöhung durch Heirat ansehen und 
dann wäre er vielleicht auch imstande, die gleichen Dinge in den 
Schlaf- und Tagträumen der Gesunden zu sehen. Aber er hat ja Ekel, 
sie zu sehen. 

Man kann allerdings so schreiben ; solche Sachen mögen sich sogar 
in einer theologischen Zeitschrift, wo es sich um ganz andere Dinge 
als um irdische Erkenntnis der Wahrheit handelt, ganz hübsch machen i). 
Aber komplexanregend ist es denn doch, wenn man die bloß von will- 
kürlichen ethischen, ästhetischen und religionsdogmatischen Vor- 
aussetzungen ausgehenden Ergüsse als Einwände in einer wissen- 
schaftlichen Ej'itik zitiert findet, die überall als besonders objektiv 
gerühmt wird^). Sie wäre aber nur dann wirklich objektiv, wenn der 
Kritiker nicht unterlassen hätte, hinzuzufügen, daß sich der Verfasser 
seine Einwände aus den Fingern gesogen hat. Wenn sonst jemand als 
Autorität angeführt wird, so wird vorausgesetzt, er sei eine Autorität 
auf dem Gebiete, um das es sich handelt, und nicht einer, der sich 
nicht die Mühe genommen hat, das Abc der Disziphn zu lernen, auf 
der er sich bewegt'). 

Diese beiden Beispiele mögen genügen zur Illustration der 
chemisch reinen Farce, die mit der Wissenschaft nichts zu tun hat. 

1) In der gleichen Zeitschrift (Jahrgang 10, S. 1) hat sich Pfister die 
Mühe genommen, den Autor in ebenso eleganter wie schneidiger Weise zu wider- 
legen. 

"3 Friedländer, Psych. -neur. Wochenschrift 1910, S. 437. 

^) Den gleichen Fehler begeht der Kritiker, wenn er S. 394 sagt, daß ge- 
wisse Ergebnisse der Psychanalyse von anderen „Beobachtern" aufs ent- 
schiedenste geleugnet werden. Die meisten dieser Leugner sind allerdings Be- 
obachter, aber nicht in bezug auf das, worauf es ankommt; hier sind sie, wie sie 
meist selbst konstatieren, Leute, die nicht beobachten wollen. — Ein Seiten- 
stiick zu dieser (natürlich unbewußten) Entstellung der Tatsachen finden wir 
angeführt in Friedländer (8. 436): „Heilbronner sprach auf Grund seiner 
zahlreichen eigenen Untersuchungen der Freudschen Methode und Therapie 
auch jede wissenschaftliche Bedeutung ab (zitiert nach Alts Sitzungs- 
bericht)." Ich kenne nun Alts Sitzungsbericht nicht, aber im offiziellen Sitzungs- 
bericht (S. 301) des Kongresses in Amsterdam sagt Heilbronner, daß Schnitz- 
ler in seiner Klinik Untersuchungen über die Komplezempfindlichkeit der Asso- 
ziationsmethode gemacht, und daß sich diese als viel geringer herausgestellt 
habe, als nach den Angaben der Freudschen Schulen zu erwarten gewesen. 
„Von Seiten der Anhänger Freuds wäre vor allem eine derartige exakte Begrün- 
dung ihrer Angaben zu verlangen; erst dann erscheint ihm die Anwendung der 
Prinzipien auf die Therapie überhaupt diskutabel." 



Die Ps3'chan3lyse Freuds. 62/ 

Es bleibt mir noch übrig zu zeigen, daß auch die sonst ernst zu nehmen- 
den Gegner weder die Sache aus Erfahrung kennen noch unsere 
Schriften so gelesen haben, daß sie wissen, was sie enthalten. Gerade 
da ich dieses schreibe, wird mir Hoches Vortrag in Baden-Baden^) 
übergeben. Der Autor bekämpft unseren Einwand, daß diejenigen, die 
die Sache nicht kennen, kein Recht haben, in der Diskussion über 
ihren wissenschaftlichen Wert mitzusprechen, damit, daß er eben die 
Freudsche Behandlungsmethode für ärztlich unerlaubt halte. Letzteres 
ist sein gutes Recht. Aber mit der Ablehnung beweist er nicht, daß 
er befähigt sei, mitzusprechen, sondern das Gegenteil. Ho che fährt 

fort: ,,wenn irgendwo die Theorie auftauchte, daß man nervöse 

und psychische Zustände durch Verordnung von Onanie zu heilen 
vermöchte, so würde ich auch diese therapeutische Methode nicht mit- 
machen, ohne mir durch diesen Verzicht das Recht einer Meinung 
, wegen Mangels an eigener Erfahrung' nehmen zu lassen." Hier ver- 
wechselt der Autor das Recht, die experimentelle Prüfung einer 
Theorie a priori abzulehnen, mit dem Rechte, über die sich nur aus 
der Prüfung ergebenden Resultate derselben abzusprechen respektive 
über etwas zu diskutieren, das er nicht kennt. Uns scheint es 
selbstverständlich, daß er das Recht hat, die supponierte Behand- 
lungsmethode durch Onanie abzulehnen; aber er hat dann nicht das 
Recht, sich über die Wirkungsweise der Behandlungsmethode aus- 
zulassen. Die Zulässigkeit der Therapie und die Richtigkeit der Theorien 
sind zwei ganz verschiedene Dinge. 

Es ist eine ebensolche Unklarheit, wenn man aus der Ablehnung 
der Freudschen Therapie die Ablehnung der Nachprüfung der wissen- 
schaftlichen Resultate herleitet. Man kann sehr gut aus wissenschaft- 
lichen Gründen bei Gesunden und Schizophrenen Träume respektive 
Wahnideen analysieren, ohne irgendwie den Bedenken zu begegnen, 
die bis jetzt geäußert sind. Ich selber habe keine Zeit, Nervöse zu 
analysieren; ich habe meine Erfahrungen aus den Analysen Gesunder 
und Schizophrener; allerdings habe ich angenehmerweise auch noch 
Gelegenheit, die Psychanalysen Anderer als Dritter zu verfolgen. Auch 
der Gegner der Freudschen Therapie hätte also wie ich genug Ge- 
legenheit, sich zu orientieren, und die Ausrede, er dürfe auch ohne 
Erfahrung über den Wert der Sache mitsprechen, deswegen, weil sein 
Gewissen ihm verbiete, Erfahrung zu sammeln, hat keine Gültigkeit. 



>) Med. Klinik, 1910, S. 1007. Eine psychische Epidemie unter Ärzten. 



628 E. Bleuler. 

Es wird uns dann wieder vorgeworfen, daß wir „Freuds Rolle 
mit der geschichtUclien Stellung von Keppler, Kopernikus oder Semmel- 
weis in Parallele setzen", „wobei in komisch wirkender Logik der 
Beweis in der gemeinsamen Tateaclie gesucht werden muß, daß sie 
alle mit dem Widerstände der Zeitgenossen zu kämpfen hatten". 

Es ist mir nun sehr unwahrscheinlich, daß schon die erste Hälfte 
des Satzes richtig sei. Meines Wissens habe ich einen derartigen Vergleich 
zuerst gebraucht^), aber in einem ganz andern Sinne; Ich habe gesagt, 
unsere Gegner benehmen sich wie die Gegner von Semmelweis, 
die einfach verdammten, ohne nachzuprüfen. Und dieser Ver- 
gleich ist absolut zutreffend, wie ich nun an drei Beispielen 
gezeigt habe und noch weiter an anderen zeigen werde. Und Jung*) 
hat geschrieben: „Freud ist wahrscheinlich vielen menschlichen 
Irrtümern unterworfen; das schließt aber noch lange nicht aus, daß 
unter der krausen Hülle ein Wahrheitskern verborgen liegt, von 
dessen Bedeutung wir uns noch keine genügenden Vorstellungen 
machen können. Noch selten ist eine große Wahrheit ohne phan- 
tastisches Beiwerk ans Tageslicht getreten. Man denke an Keppler 
und Newton!" Auch das ist etwas Richtiges und etwas ganz anderes 
als man uns vorwirft. Einen besseren Beweis für die teuflische Ge- 
walt der Komplexe als solche Beispiele kann es kaum geben; es 
weiß doch jedermann, daß unsere Kritiker sonst lesen können. 

Ferner bezweifle ich denn doch sehr, daß auch nur der unbe- 
deutendste Anhänger von Freud irgend ein einziges Mal deduziert 
habe, daß seine Theorien deswegen richtig seien, weil sie wie diejenigen 
jener großen Männer von den Zeitgenossen nicht verstanden werden. 
In den Worten Hoch es liegt dieser unberechtigte Vorwurf implizite; 
ein anderer Autor hat ihn direkt so kraß ausgedrückt, wie ich es eben 
getan. Man sollte uns aber nicht solche Sachen in den Mund legen. 
Ja, wenn es auch wahr wäre, daß einem mal eine solche Entgleisung 
begegnet wäre, so dürfte man sie denn doch nicht der ganzen Sekte 
in die Schuhe schieben. 

„Der Sekte". Ho che erklärt die Erfolge der Therapie durch 
suggestive Beeinflussung der Patienten und der Ärzte. Gegen die 
theoretische Auffassung erhebt er gar keinen Einwand. Er stellt sie 
magistraUter als grotesken Unsinn und unverständlich hin. Er dis- 



') Zeatralbl. f. Nervhk. u. Ps. 1906, 460. 
») Münch. Med. Wschr. 1906, Nr. 47. 



Die Psychantilyse Freuds. 629 

kreditiert sie indes indirekt, indem er den Beweis leisten will, daß 
die Anhänger Freuds eine Sekte sind und daß es sich nur um eine 
vorübergehende geistige Epidemie handelt. Das letztere ist geistreich; 
aber: auch Irrsinnige können eine richtige Entdeckung machen; der 
Nachweis des sektiererhaften Charakters der Psychanalytiker beweist 
also noch nichts gegen die Richtigkeit ihrer Ansichten. Und zweitens 
ließen sich mit des Autors Worten die meisten unserer 
Gegner recht hübsch ebenfalls als Sektierer zeichnen. 

Was an der Sache wahr ist, ist etwas ganz anderes als das, worauf 
der Autor hinaus will. Die Freudschen Ideen werden ungeprüft ver- 
worfen; Verteidigungen werden nicht angehört. Was nützt da eine 
Diskusaion? Ist es nicht gescheiter, seine Zeit dazu anzuwenden, daß 
man weiter forscht, unter sich bleibt und sich die Resultate der For- 
schungen mitteilen läßt und diskutiert, als daß man sich Mühe gibt 
die schlimmsten Tauben, diejenigen, die nicht hören wollen, zu über- 
zeugen? Ob man diese Frage mit ja oder mit nein beantwortet, ist 
Sache des Temperaments. Ich persönlich möchte sie verneinen, weil 
hier wie überall eine Entwicklung ohne Opposition gefährlich ist. 
Aber man braucht gar nicht ein Sektierer im Sinne Hoches zu sein, 
um sich unbekümmert um all die Einwendungen, die keine sind, die 
Zeit zu sparen, der Forschung zu leben und die Entscheidung der 
Zukunft zu überlassen. 

Damit hängt auch zusammen der gedruckte Vorwurf, daß ,, diese 
Herren" nicht an die Kongresse kommen^). Könnte das nicht ganz gute 
Gründe haben? Zunächst ist doch das Streiten, auch wenn es sich 
um wissenschaftliche Fragen handelt, nichts Angenehmes und gar nicht 
jedermanns Sache. Dann ist es einfach unmöglich, die Fülle von zu- 
sammenhängenden und einander bedingenden Ideen der Tiefen- 
psychologie in einem einzigen Referat oder gar in einer Diskussion zu 
erläutern. Man weiß ferner, daß man doch schon fertig gebildeten 
Meinungen gegenübersteht; daß man mit Ansichten zu tun hat, denen 
man weder mit Tatsachen noch mit Logik beikommen kann; mit den 
Tatsachen nicht, weil man sie nicht sehen will, mit der Logik nicht, 
schon weil sie sich auf die Tatsachen stützen sollte. Man kann auch 
nicht immer von der Arbeit weg, wenn gerade eine Versammlung ab- 
gehalten wird. Trotz alledem habe ich es einmal unter Überwindung 

^) So wie der Vorwurf geäußert wurde, ist er übrigens falsch. Auf den 
Versammlungen der schweizerischen Psychiater figurieren seit Jahren psych- 
analytiache Arbeiten in den Traktanden. Aber da fehlen leider die Gegner. 
Jahrtucli für psyohoanalyt. u. psyohopathol. Forschungen. II. 41 



630 



E. Bleuler. 



nicht kleiner Schwierigkeiten möglich gemacht, einer Zusammenkunft 
beizuwohnen, wo ein wissenschaftlich denkender Gegner die Psychana- 
lyse angriff. Man fand das Referat zu schön für eine Diskussion. Wäre 
ich letzthin nach Baden-Baden gekommen, was ich sehr gerne getan 
hätte, so wäre es mir ebenso gegangen. — Vielleicht wäre es besser, 
solche Dinge außer Diskussion zu lassen, aber sie sind nun einmal 
hineingetragen. 

Noch ein anderer Gedanke wäre nach Aschaffenburg und 
anderen — ich möchte sogar auch mich selbst dazu zählen — besser 
nicht in die Diskussion hineingetragen worden. Sadger meinte einmal, 
die Prüderie der Ärzte habe in dieser Frage weniger einen prinzipiellen 
als einen psychologischen Untergrund; man wolle doch nicht gern 
sich selbst oder nächste Angehörige als hysterisch bezeichnen. Mit 
dieser Bemerkung hat er sich allerdings zweier Fehler schuldig gemacht, 
eines in der Sache nicht ganz unbedeutenden und eines nebensäch- 
lichen. Wichtig scheint mir, daß er nur einen von sehr vielen möglichen 
Komplexen genannt hat ; man kann natürlich noch aus vielen anderen 
affektiven Momenten in den Streit rücken. Dann ist es nicht immer 
artig und nicht immer opportun, das enfant terrible zu spielen und 
vor keuschen Ohren alle Dinge zu nennen, die konsequente Intellekte, 
seien sie keusch oder nicht, als selbstverständlich denken. Allerdings 
liegt es wissenschaftlich gerade bei diesem Thema ungemein nahe, 
auch die Beweggründe zu untersuchen, welche hochachtbare Männer 
zu so temperamentvollen und so unwissenschaftlichen Angriffen ver- 
anlassen. Es weiß doch jedermann, daß man in abstrakten Gebieten 
nicht deshalb gleich als Kämpfer auftritt, weil irgendwo ein logischer 
Fehler gemacht wird, sondern aus Gründen, die die Persönlichkeit 
mehr berühren. Tausend logische Schnitzer unserer näheren und fer- 
neren Bekannten lassen uns kalt; nur auf wenige reagieren wir, — 
eben weil diese mit irgend einem unserer Komplexe zusammenhängen. 
Es sind hochinteressante Fragen zur individuellen Psychologie und 
Pathologie, die Sadger da angedeutet hat: warum schreibt dieser 
Mediziner gerade über jene Krankheit? Warum bearbeitet ein anderer 
gerade jenes spezielle Gebiet? Diese Fragen sind im einzelnen, wenn 
man die Leute kennt, oft zu beantworten, und zwar meist nicht aus 
Zufälligkeiten, sondern aus den Anlagen und den Komplexen heraus. 
Wo, wie bis jetzt bei der Bekämpfung der Psychanalyse, fast nur der 
Affekt zu Worte kommt, sind selbstverständlich solche Gründe 
immer das treibende Moment. Nun könnte es auch die den Patienten 



Die Psychanalyse Freuds. 631 

durch eine ungeschickte Therapie drohende Gefahr sein, die besorgte 
Ärzte zu einer mehr affektiven Diskussion führt. Aber zu einer so 
affektiven und so persönlichen denn doch erfahrungsgemäß nicht. 
Bei einem unserer vielzitierten Gegner kenne ich zufällig die psycho- 
logischen Gründe seiner Ablehnung sehr genau, bei zwei and(;ren 
wenigstens einen Komplex, der dabei mitspricht. Mit all diesen Dingen 
bewege ich mich nicht auf dem Gebiete der Mystik, sondern auf dem 
der gewöhnlichen Beobachtung. Wer diese nicht selbst ,übt, kann 
vielleicht überzeugt werden, wenn er den schönen Artikel Forels 
,,Wie Ansichten entstehen", liest, der vor längeren Jahren in der 
,, Zukunft" erschienen ist^). 

Vergleichen wir die Bemerkung Sadgers mit der Rede von 
Ho che, so bekommen wir das schönste Beispiel, was für verschiedene 
Maßstäbe man anlegt. Dort eine nebensächhche Bemerkung von ganz 
selbstverständlicher Richtigkeit, die vom Standpunkte des Verfassers 
aus in keiner Weise einen Stachel gegen die Personen enthält, sondern 
nur eine psychologische Erklärung des gegnerischen Vorgehens gibt, — 
hier eine ganze Rede, gehalten in einer großen Versammlung von Pach- 
genossen und gleich nachher in einer gelesenen Zeitschrift reproduziert, 
die zwar relativ höfhch die Psychanalytiker zunächst zu den von einer 
nicht krankhaften Epidemie ergriffenen Sektierern zählt, diese mil- 
dernden Umstände aber gleich im nächsten Satz wieder zurücknimmt, 
indem Verfasser konstatiert, daß bei ihrem ,, Verlust der eigenen Kritik 
und Besonnenheit" ,,der psychologische Mechanismus im wesentlichen 
ganz der gleiche ist wie bei der Übertragung krankhafter Seelen- 
zustände". Gegenüber diesem Chimborasso eines ausführlichen An- 
griffes auf die PersönHchkeit des Gegners ist Sadgers Ausspruch, 
auch wenn man eine Beleidigung hineinlegt, nur ein bescheidener 
Maulwurfshaufe. 

Dieses Beispiel ist typisch. Ich hoffe, daß das Bisherige und 
auch noch ein Teil des Nachfolgenden zeigt, daß, wenn auch alle Fehler, 
die uns imputiert werden, wirklich begangen worden wären, sie kaum 
an die unserer Kritiker heranreichen dürften. 

Wieder auf unser Kapitel der direkten Mißverständnisse zurück- 
kommend, möchte ich noch einen andern Vorwurf Hoch es erledigen. 
Der Autor sagte an einem andern Orte, der Einwand: wer die Sache 
nicht geprüft habe, könne nicht mitreden, sei hier verfehlt, weil sie 



1) Die „Zukunft", 1902/3, S. 1. 

41* 



632 E. Bleuler. 

(die Gegner) die ganzen Voraussetzungen für hinfällig halten. Das ist 
aber gerade, was wir den Gegnern vorwerfen, daß sie a priori die 
Voraussetzungen für hinfällig halten, statt sie zu prüfen. 

Genau das gleiche gilt für Weigandt. Er sagt^): „Wenn jemand 
auf Grund einer mangelhaften Färbemethode, die die Nervenzell- 
substanzen oder den Kern destruktiv verändert, neue Befunde bei 
allen möglichen Rückenmarkskrankheiten veröffentlicht, soll man da 
wirklich die fehlerhafte Methode erst in allen ähnlichen Rückenmarks- 
krankheiten durchprobieren, ehe man ein kritisches Wort über ihre 
Bedeutung sagen darf?" Wieder die gleiche petitio principii. Er hat 
ja noch nicht nachgewiesen, daß die Färbemethode falsch ist. 

Iss erlin hat versucht, den Fehler zu vermeiden. Nicht aller- 
dings, daß er bei dieser Gelegenheit etwas gegen die Richtigkeit der 
Grundlagen eingewendet hätte, er setzt die letzteren einfach als falsch 
voraus. Dagegen macht er auf diesem Boden folgende Überlegung^) : 
„Wenn es mir heute einfallen wollte, mit mathematischen und physi- 
kalischen Deduktionen zu behaupten, das Zystoskop sei ein falsch 
gebautes Instrument, das zu trügerischen Ergebnissen führen müsse, 
wäre es da eine Widerlegung zu behaupten: ich verstünde nicht zu 
zystoskopieren." Gewiß wäre es eine Widerlegung, denn wenn er es 
verstünde, so hätte Iss erlin seine falschen mathematischen und 
physikalischen Deduktionen unterlassen oder korrigiert, weil uns das 
Zystoskop Dinge zeigt, deren Existenz man auf anderem Wege nach- 
weisen kann. Genau das gleiche ist der Fall mit der Psychanalyse; 
man kann manches, was sie ergibt, auf anderem Wege als richtig er- 
weisen; damit ist der Beweis geleistet, daß die apriorischen Deduk- 
tionen der Gegner falsch sind. 

Am häufigsten macht man sich die Diskussion durch folgende 
Überlegung leicht: Freud stellt unwahrscheinliche Behauptungen auf, 
liefert aber keine Beweise. Da ist es eine sonderbare Zumutung, wenn 
seine Schüler immer darauf aufmerksam machen, daß die Gegner 
Gegenbeweise auch nicht einmal versuchen. So könnte man den größten 
Unsinn behaupten und dann verlangen, daß, wer nicht daran glauben 
wolle, den Gegenbeweis leiste. 

Hier ist die Voraussetzung falsch. Wir liefern Beobachtungen, 
aus denen wir bestimmte Schlüsse ziehen können. Das sind für uns 

1) Monatsschrift für Psychologie, Nr. XXII, S. 290. 

2) Zentralblatt für Nerrenheilkunde und Psychiatrie, 1907, S. 304. 



Die Psychanalyse Freuds. 633 

die Beweise und sie müssen auch die der Anderen sein, wenn sie die 
gleichen Beobachtungen machen und die gleiche Logik haben. Wider- 
spricht aber ihre Beobachtung oder ihre Logik, so müssen sie diese 
Widersprüche bezeichnen und den unseligen entgegenstellen, d. h. den 
Fehler nachweisen können, den wir gemacht. So ist es in der ganzen 
Welt sonst üblich. Unsere Gegner aber lassen sich nicht bewegen, in 
unser Fernrohr zu sehen, genau wie die Gegner Galileis. Wer ins 
Zystoskop geguckt und dann bei Operationen und Autopsien die 
gleichen Dinge gesehen hat wie im Zystoskop, der weiß, daß die mathe- 
matischen Deduktionen Isser lins falsch sind. Wer aber die experi- 
mentelle Kontrolle verweigert und unsere theoretischen Einwendungen 
gegen die mathematischen Schlüsse von der Hand weist, ohne zu sagen 
warum, dem kann man iiberhaupt nichts beweisen, und der hat kein 
Recht, gehört zu werden. 

Man wirft uns auch den Mangel an historischem Sinn und philo- 
sophischer Schulung vor. Was würde ein solcher Mangel schaden? 
Wenn man etwas Neues erfindet, so wird oft die Historie über den 
Haufen geworfen, das läßt sich nicht ändern. Und je weniger Philo- 
sophie man in naturwissenschaftlichen Dingen anwendet, um so besser 
scheint es mir. Doch, da man auch anderer Meinung ist, will ich an- 
führen, daß der Psychiater, der wohl die beste philosophische Schulung 
hat, Sommer, sich in der Vorsicht gegenüber der Psychanalyse höchst 
verschieden verhält von unseren Gegnern, und ferner, daß gerade einer 
der eifrigsten Anhänger Freuds auch eine wenigstens für einen 
Psychiater ungewöhnliche philosophische Bildung besitzt. 

Drei Muster von Anwendung philosophischer Grundsätze in dieser 
Sache, die mit Philosophie auch gar nichts zu tun hat, sind nicht 
sehr ermutigend. 

Da schreibt ein Kollege im Korrespondenzblatt für Schweizer 
Ärzte 1910, S. 575: ,,Wir anerkennen keinen solchen Konflikt zwischen 
Oberbewußtsein und Unterbewußtsein, sonst wäre ja die leitende Idee 
der Evolution der Untergang der Menschheit und damit sinnlos; der 
Schöpfer hätte den Menschen ein unerreichbares Ziel gesteckt und 
sich in seinen Mitteln vollständig vergriffen." Und Monatsschrift für 
Psychiatrie und Neuralgie, XXII. Jahrgang, S. 297, schreibt ein an- 
derer: ,,Als eine Entgleisung vom Standpunkte der physiologischen 
Psychologie, sowohl des Parallelismus wie der Wechselwirkungs- 
theorie, erscheint es, wenn das fragliche Toxin einmal als hoch ent- 
wickelter Körper gedacht wird, der sich überall an die psychischen 
i* 1 



<534 E. Bleuler. 

Vorgänge, besonders an die gefiihlbetonten heftet." Diese Philosophie 
brauche ich vor dem naturwissenschaftUch gebildeten Leser wohl nicht 
anzugreifen; ich möchte nur zu dem letzteren Beispiel bemerken, daß 
es auch die Idee von Jung ganz ungenau wiedergibt. 

Auch Isserlin versucht sich auf den von Hoche gerühmten 
Bahnen: „Sie (die Psychologie Jungs) ist eine assoziationspsychologi- 
che Modifikation, an welcher speziell französische Einflüsse recht 
kenntlich sind. Ihr Charakteristikum ist die Zerspaltung des seelischen 
Erlebnisses in Komplexe ; sie steht somit im Gegensatze zu der psycho- 
logischen Grundforderung, an einem einheitlichen Bewußtsein als 
Grundphänomen des seelischen Erlebens festzuhalten. Ohne daß wir 
hier in eine Diskussion von psychologischen Prinzipien eintreten, 
betonen wir nur die Lebensfremdheit jeder Psychologie, welche die 
Beziehung auf ein Ich als psychologisches Elementarphänomen nicht 
beachtet. Auch die Psychopathologie wird bei der Theorie der Be- 
wiißtseinsspaltung diese Grundtatsache niemals übersehen dürfen^)." 

Wer zuerst beobachtet und dann danach die Theorien macht, 
wird nur antworten können: tant pis für die psychologische Grund- 
forderung. 

Einige weitere Einwände mögen so kurz als möglich erledigt sein : 

Heilbronner bemerkt einmal, die Methode liefere keine Tat- 
sachen, sondern nur Schlüsse, und andere sehreiben ihm gerade das 
gläubig nach. Die Methode liefert aber ein so enormes Tatsachen- 
material, daß man es nie publizieren kann und daß die daraus ge- 
zogenen Schlüsse eben leider für den, der keine eigene Erfahrung hat 
und deshalb nicht imstande ist nachzuprüfen, schlecht oder gar nicht 
begründet erscheinen*). 

Friedländer (S. 425) schreibt, was für und gegen Freud zu 
sagen sei, habe Aschaffenburg so ziemlich alles vorgebracht. Die 
Quantität des auch von anderen Leuten auf beiden Seiten Ge- 
schriebenen macht die Behauptung gewiß recht unglaublich. 

Weigandt (MS. XXII, 290) erklärt, daß die Dementiapraecox- 
fälle auch von Freud und seinen .Anhängern durchaus noch nicht 



^) Zentralblatt für Kerveiiheilkunde und Psychiatric, 1907, S. 341. 

-) Freud selbst entfernt sieh so wenig von den Tatsachen, daß er es ver- 
schmäht, dies unter einheitlichen Gesichtspunkten zu ordnen; es gibt keine 
vollständige Freud sehe Psychologie, sondern nur Berichte über Tatsachen, aus 
denen er die nächsten Schlüsse zieht und die er einzeln zu verstehen sucht ; darin 
liegt für das Studium seiner Schriften eine nicht zu unterschätzende Schwierigkeit. 



Die Psychanalyse Freuds. 635 

lange und geduldig untersucht worden seien, „sondern die einschlägigen 
Publikationen erfolgten vielfach auf Grund eines oder weniger Fälle". 
Außer dem ersten von Freud publizierten Falle, der der Natur der 
Sache nach isoliert war, ist das Gegenteil richtig. Wir haben, bevor 
etwas publiziert wurde, jahrelang Hunderte von Fällen untersucht, 
und zwar recht viele davon soweit, als es eben bei der Dementia praecox 
möglich ist. 

Weigandt bekämpft ferner unsere Auffassung der Dementia 
praecox in folgender Weise (MS. XXII, 298): „Jener Versuch, die 
Störungen der Dementia praecox als Abwehrneuropsychose, als psy- 
chisch, durch Verdrängung peinlicher Affekte bedingt aufzufassen, 
läßt er sich nicht am besten dadurch ad absurdum führen, daß man 
als seine Konsequenz auch die durch psychische Jugendtraumen be- 
dingte Paralyse oder den etwa durch Masturbation bedingten Alters- 
blödsinn an die Wand malt?" 

Diese Deduktion ist so falsch als möglich und so recht geeignet 
zu demonstrieren, wohin man kommt, wenn man über unbekannte 
Dinge absprechen will. Im Traume, bei Nervenkrankheiten, bei der 
Dementia praecox, da beobachten wir Verdrängung und Symbolik. 
In der Symptomatologie der organischen Krankheiten spielen diese 
Mechanismen eine geringere Rolle als beim Gesunden, sie können nur 
oberflächliche Nebensymptome bestimmen. Die beiden Krank- 
heitsgruppen sind gerade in der Beziehung, auf die es 
ankommt, fundamentale Gegensätze. Schließt man nun per 
analogiam von einem auf den andern, so führt man allerdings etwas 
ad absurdum, aber nicht uns^). 

Tromner (Neurologisches Zentralblatt 1910, S. 660) erklärt, daß 
die sexuelle Ätiologie der Hysterie sicher nur für einen Teil der Fälle 
gelten könne, ,, zumal Hysterische meist sexuell frigid seien". Und 
in einer KUnik wurde bei der Vorstellung eines „Neurasthenikers" " 
bemerkt, daß hier eine sexuelle Ätiologie ausgeschlossen sei, weil der 
Mann impotent sei. Ist es wirklich nötig, daran zu erinnern, daß nach 
der Auffassung Freuds (und der Erfahrung Vieler) die Frigidität 
der Frauen gewöhnlich nicht einem Mangel an Sexualität entspricht, 
sondern dem Mangel eines adäquaten Objektes? Außerdem wird es 



M Auch Isserlin übersieht die fundamentalen Unterschiede der verschie- 
denen Krankheiten. Zentralblatt für Xervenheilkunde und Psychiatrie, 1907, 
S. 336. 



636 E. Bleuler. 

scliwer zu leugnen sein, daß ein Impotenter an der Sexualität ange- 
griffen ist. 

Aschaffenburgi) meint, es gebe keine Methode Freuds, weil 
jeder etwas anders vorgeht. Die ,, Methode Freuds" ist aber die, daß 
man die verdrängten Komplexe aufsucht; wie, das ist vorläufig gleich- 
gültig. 

Weigandt erklärt (MS. XXII, S. 291): „Einen Grundzug des 
Traumes kann man in ihr (der Wunscherfüllung) nicht erblicken; oft 
genug bleibt es bei unlustgefärbten Vorstellungen, ohne daß sie im 
Traume überwunden werden." Hat er wirklich nicht gelesen, wie 
Freud sich mit dieser allbekannten Tatsache abfindet? Ebenso meint 
Semi Meyer (Zeitschrift für Psychologie 1909, S. 53) einen Einwand 
gegen Fre ud zu machen, wenn er erklärt, es gebe keinen abgeschlossenen 
Traum, weil schon die Erzählung eine Ergänzung sei. Freud kennt 
die Beobachtung, soweit sie richtig ist, natürlich schon lange, erklärt 
aber ausdrücklich, inwiefern die Ergänzung zum Trauminhalte 
gehöre. 

Friedländer (WS., S. 406) macht zu der Ausführung Freuds, 
daß die Zote ursprünglich an das Weib gerichtet und einem Ver- 
führungsversuche gleichzusetzen sei, die Bemerkung: „Wenn also in 
Herrengesellschaft ,Zoten gerissen' werden, so ist das ein Beweis, 
daß dieselbe aus Homosexuellen besteht." Freud führt aber sehr 
deutlich etwas ganz anderes aus. 

Zwei ebenso schlimme Entgleisungen begegnen sogar Iss erlin: 

„Auch der Druck auf die Stirn des Patienten, den Freud so sehr 
preist, erscheint Fernerstehenden kein vöUig überzeugendes Bfweis- 
verfahren." 

An einer andern Stelle ersetzt der Autor, ohne es zu merken, 
die Worte Jungs durch einen Unsinn. Er sagt*): ,, Jungs Behauptung, 
daß es mit der Freudschen Methode möglich sei, aus jedem psychischen 
Partikel die ganzen psychischen Konstellationen zu rekonstruieren, 
erscheint als ein unheimlicher Irrtum." An der von Isserlin 
zitierten Stelle*) steht aber: ,,Es ist daher in potentia*) möglich, 



1) Die neueren Theorien der Hysterie. Deuteche Medizinische Wochen- 
schrift 1907, Nr. 44. 

=) Zeitschr. f. d. g. N. u. Ps. Orig. I., 75. 

5) Ber. über d. I. internat. Kongr. f. Psychiatrie. Amsterdam 1907. 
S. 278. Vgl. auch Mschr. f. Ps. XXIII, H. 4. 

*) Vom Ref. gesperrt. 



Die Psychanalyse Freuds. 637 

aus jedem Partikel die Konstellationen zu rekonstruieren: das will 
die Freudsche Methode." 

„Ganz merkwürdig ist es, wie man behaupten kann, die Ergebnisse 
der Psychanalyse brauchen nicht wissenschaftheh erwiesen zu werden, 
sondern sie kommen wie eine Erleuchtung über den Therapeuten." 
Und wir streiten die ganze Zeit gerade darum, daß niemand sich die 
große Arbeit der Nachprüfung nehmen will! 

Nicht minder auffallend ist auch Hoches Behauptung, die 
Psychanalyse sei eine Geheimlehre. Es ist ungefähr, wie wenn ich 
das Russische als eine Geheimsprache erklären würde, weil ich es 
nicht gelernt habe. Ja, Ho che schreibt es auf unser Schuldkonto, 
daß Freud für seine neuen psychologischen Begriffe auch neue Aus- 
drücke braucht. Daß aber jeder Wissenschafter unter gleichen Um- 
ständen einen „eigenen Jargon" in diesem Sinne bildet^), findet man 
überall in der Welt für selbstverständlich, nur bei den Psychanalytikern 
ist das ein Zeichen von Sektiererei. 

Der gleiche Autor wird „in fataler Weise" an die Zwiesprachen 
erinnert, die bei den Teufelaustreibungen an hysterischen Personen 
zwischen dem austreibenden Geistlichen und dem sich sträubenden 
Teufel gewechselt wurden. Was ist da Fatales? Für den, der sich in 
die Sache hineingedacht hat, ist eine gewisse Ähnlichkeit selbstver- 
ständlich. Hysterische sind eben Hysterische vor dem Arzte wie vor 
dem Exorzisten. Fatal wäre die Ähnlichkeit nur, wenn man die enormen 
Unterschiede zwischen beiden Prozeduren übersehen wollte. 

Auch Iss erlin meint uns vorzuwerfen, daß es uralte Besessen- 
heitsvorstellungen seien, die wieder vor uns auftauchen^). Das ist 
aber in Wirklichkeit ein Lob, denn zum ersten Male werden nun 
die Besessenhcitsvorstellungen, die bei Kranken und Gesunden so 
hartnäckig durch die Jahrtausende sich erhalten haben, restlos ver- 
ständhch durch die von Iss erlin nicht gesehene Spaltung der Psyche. 

Dieser praktischen und theoretischen Unkenntnis der Spaltung 
entstammt auch der folgende Einwand des nämlichen Autors: ,,Die 
Komplexe werden zu mythisch gedachten Persönlichkeiten, Parasiten 
der Seele, welche dem Ichkomplex sein Dasein beschränken." Als eine 
Art unvollständige Persönlichkeiten kann man sie meinetwegen be- 
zeichnen, wenn man will, aber wo denke ich mir etwas Mythisches? 



■•) Sogar die Sekte der Jäger hat ihren eigenen Jargon, 

*) Zentralblatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie, 1907, S, 342. 



638 E. Bleuler. 

Ich beobachte (bei der Dementia praecox), daß ihre assoziative Ver- 
bindung mit der übrigen Psyche gestört ist, daß sie folglich selbständiger 
sind als sonst, daß von ihnen aus allerlei Erscheinungen ausgehen, 
deren Genese (bei Halluzinationen) und oft auch deren Existenz 
(Symptom handlungen) der bewußten Persönlichkeit verborgen bleibt. 
Wie kann man das als „mythisch" bezeichnen? 

Man sagt auch folgendes : Sätze wie die, daß die Menschen, wenn 
die Realität ihnen die Erfüllung ihrer sehnsüchtigen Bedürfnisse ver- 
sage, ,,sich in die Krankheit flüchten, seien so tiefsinnig, daß bloß 
ein Mitglied der Sekte sie ganz zu würdigen vermöge". Auch dem muß 
ich sehr energisch widersprechen. Ich kenne eine Menge Laien, die 
teils aus eigener Beobachtung, teils durch Belehrung zu einer solchen 
Ansicht gekommen sind. Ja sogar psychiatrisch gebildete Leute können 
auf solche dunkle Ideen verfallen, und zwar auch dann, wenn sie 
Freud ablehnen oder nicht verstanden haben oder nicht kennen. Die 
Flucht in die Krankheit ist denn auch ein Begriff, der schon lange vor 
Freud existierte; Sokolowski z. B. benannte ihn „Blitzableiter für 
die Verzweiflung"!). 

Diese Blütenlese ist zwar klein; sie wird aber genügen, um jedem, 
der sehen will, zu beweisen, daß man durchweg Freud bekämpft, 
ohne daß man sich die Mühe genommen hätte, etwas von dem zu ver- 
stehen, was er gesagt hat. Daß man uns Dinge zum Vorwurfe macht, 
die man sonst in der Welt als selbstverständlich ansieht, ist ein Neben- 
ergebnis, das allerdings auch im folgenden oft wieder zutage treten wird. 

Gehen wir über zu Einwendungen, die mit den Freudschen 
Ansichten wirklich etwas zu tun haben. 

Ein Vorwurf, der gegen alle gewissenhaften Forscher erhoben 
wird, ist der, daß sie ihre Ansichten wechseln. Auch bei Freud ist 
noch recht vieles flüssig ; und es ist in so komplizierten Dingen einfach 
nicht möglich, immer alle Vorbehalte zu sagen, ohne entsetzlich lang- 
weilig zu werden. Wer aber Freud gelesen hat, sieht klar, wie viele 
von seinen Ergebnissen er als vorläufige Formulierungen seines AVissens 
betrachtet (z. B. die ganze Neurosenlehre und die Abhandlungen zui- 
Sexualtheorie). Der Vorwurf ist ein unberechtigter. 

Einen vielgehörten Einwand hat Alt am besten formuliert: 
,, Durch Freud sei über die armen Hysteriker wieder die Acht (des 
Pubhkums) heraufbeschworen." Dem gegenüber beweist gerade Freud 

') JJer „Mangel an historischem Sinn" zeigt sich hier wie bei vielen ähnlichen 
Aussetzungen doch wohl nicht auf unserer Seite? 



Die Fsychaiialyse Freuds. 639 

in allen seinen Deduktionen, daß die Konflikte, die seine Hysterien 
hervorbringen, naoralische sind, die eben nur bei feineren, besseren 
Naturen vorkommen. Ein moralischer Idiot kann onanieren, soviel er 
will, er bekommt keine Neurose, weil er nicht fähig ist, sich Vorwürfe 
zu machen ; die Frau, die ,, sündhaft" genug ist, den Mann ihrer Schwester 
ohne Gewissensbisse zu begehren, braucht nichts zu verdrängen und 
kann gesund bleiben, im Gegensatze zu der besseren, vielleicht allzu 
feinen Natur, die schon erschrickt, wenn nur bei Gelegenheit einmal 
ein solcher Gedanke einen Moment auftaucht. Nun aber kann man 
wirklich voraussetzen, daß mancher Laie ebenfalls nichts von Psych- 
analyse versteht und es zugleich als einen Makel ansieht, eine Sexualität 
zu haben. Solche Leute mögen nun die Hysterischen wieder etwas 
schlechter einschätzen, aber kaum schlechter als die vielen noch lange 
nicht ausgestorbenen Ärzte, die in Wirklichkeit die Hysterischen 
von jeher nicht besser betrachtet und nicht besser behandelt haben. 
Und wenn irgendwo in der Laienwelt ein Mißverständnis existiert, 
sollte man sich bestreben, dasselbe aufzuklären, und nicht faktisch oder 
scheinbar mitmachen. 

Es ist also an dem Vorwurf etwas Richtiges, nur ist es kein Vor- 
wurf. Wer hat das gleiche gesagt, als m.an mit dem Nachweise der luischen 
Ätiologie einen ebensolchen Makel wieder auf die Rückenmarks- 
schwindsüchtigen und die Paralytiker warf? Und gehört ein solcher 
Einwand in eine wissenschaftliche Diskussion? Ist er ein Grund gegen 
die Wahrheit der Freud sehen Auffassungen? 

Nicht besser ist die ,, Entrüstung", die uns so oft entgegen- 
geschleudert wird: ,, Zieht nicht unsere heiligsten Gefühle, unsere 
Liebe und Verehrung zu den Eltern, die uns beglückende Liebe unserer 
Kinder in den Schmutz Euerer Phantasien hinab durch die fort- 
währende Unterschiebung widerlicher sexueller Motive" (Mendel, 
Neurologisches Zentralblatt 1910, 8. 321). Wir wollen denn doch 
hoffen, daß in der Wissenschaft ein solcher Appell ungehört verhalle. 
Ästhetische oder ethische Gründe gegen eine Wahrheit 
gibt es nicht, sondern nur tatsächliche und logische. 
Wer die W^ahrheit nicht verträgt, soll von der Wissenschaft fern bleiben, 
und wer Wissenschaft treiben will, soll sich nicht darum kümmern, 
ob ihm etwas heilig oder v,äderlich sei, sondern einzig darum, wo die 
Wahrheit stecke. Solche Überlegungen, ebenso wie die über den mo- 
ralischen Wert oder Unwert der Tiefenpsychologie, gehören in die 
Erörterungen über die therapeutische xVnwendung, aber nicht in solche 



640 E. Bleuler. 

über den Wahrheitswert der Theorien. Es ist bemerkenswert, daß nicht 
schon ein einziger solcher Satz genügt, dem Blindesten begreiflich zu 
machen, auf welcher Seite KeUgion statt Wissenschaft geboten wird. 

Der „Pansexualismus". 

Die heftigsten Angriffe werden gegen die Freudsche Auffassung 
der Sexualität gerichtet, „die geradezu groteske Formen annehmende 
Überschätzung des Sexualfaktors hat von Anfang an die besonnenen 
Elemente unter den Nervenärzten und Psychiatern abgestoßen", kurz 
Freuds sexuelle Anschauungen erscheinen seinen Gegnern vom in- 
tellektuellen Standpunkt aus ein Unsinn und vom affektiven aus als 
etwas Ekliges und von beiden als ethisch höchst verwerflich. 

Ein großer Teil der Opposition gegen Freud beruht auf der Ver- 
schiedenheit der persönlichen Auffassungen sexueller Verhältnisse. Es 
ist deshalb nicht wohl möglich verstanden zu werden, wenn man nicht 
seinen eigenen Standpunkt fixiert. Unter dem Vorbehalte, daß nur ein 
Teil meiner Ansichten wissenschaftlich genügend begründet, das übrige 
individuelle Ansicht über eine dem Beweise noch nicht zugängliche Materie 
ist, möchte ich folgendes sagen: Einerseits: wer keinen Sexualtrieb hat, 
ist ein Krüppel. Es ist keine Schande, einen Sexualtrieb zu haben; es 
ist deshalb ein ganz unnötiger und ethisch nicht zu rechtfertigender Verstoß 
gegen die Wahrheit, wenn die Sitte verlangt, daß man sich den Anschein 
gebe, man habe keinen Geschlechtstrieb, oder man sehe es als eine Schande 
an, ihn zu betätigen, auch wenn letzteres in legaler Form geschehe. Die 
Sexualität hat für unser ganzes Sein eine unendlich größere Bedeutung, 
als man sich so gewöbnhch vorstellt, wenn man in der Wissenschaft nicht 
beobachtet, sondern die Dinge bloß nach dem, was in den Büchern nieder- 
gelegt ist, beurteilt. Die jetzige Art der Sexualverdrängung und der Sexual- 
heuchelei ist vom ethischen und vom hygienischen Standpunkte aus äußerst 
verwerflich. Durch Änderung dieser Zustände kann man kaum etwas ver- 
lieren, aber sehr viel gewinnen. 

Anderseits: Der ideale Zustand wäre bei unseren Kulturverhältnissen 
die Einehe (mit Auflösungsmöglichkeit unter bestimmten, nicht zu weit 
ausgedehnten Voraussetzungen) und Keuschheit außerhalb der Ehe. Was 
man unter sexuellem Ausleben versteht, ist ethisch und hygienisch ver- 
werflich, auch wenn es in einzelnen Fällen nützen könnte. Keuschheit ist 
für Gesunde durchaus unschädlich. Auch ist ein direkter Schaden der- 
selben für krankhafte Naturen nicht nachgewiesen. Die nervösen 
Beschwerden, die durch wirkliche Keuschheit entstehen sollen, sind wenig- 
stens zum großen Teil Folgen von Begehrungsvorstellungen, d. h. Aus- 
reden, die man sich schafft, um vor sich und anderen den Geschlechtsgenuß 
zu rechtfertigen (analog den traumatischen Neurosen). Bei einem andern 
Teil ist es in erster Linie gar nicht die Entbehrung des Koitus, als solche. 



Die Psychanalyse Freuds. 641 

die die nervösen Symptome schafft, sondern der Mangel an Befriedigung 
in der sexuellen Liebe überhaupt; letztere ist ein viel weiterer Be- 
griff und kann sogar ohne Koitus bestehen. Daß sexuelle Reizung 
ohne Befriedigung krankhafte Symptome, z. B. Angstzustände schaffen 
kann, will ich gerne glauben. Sexiielle Reizung ist aber nicht Keuschheit. 
Wenn die moderne Literatur neben der Anpreisung der sexuellen Unge- 
bundenheit oft wieder im Gegensatze dazu tut, wie wenn es keine Moral 
als die sexuelle gäbe, und wenn sie alle Konflikte nur aus sexuellen Ver- 
fehlungen herleiten will, so ist das eine Verirrung. Sexualität und Moral 
haben selbstverständlich sehr vieles gemeinsam, da sie beide den gleichen 
Zweck, die Erhaltung des Genus haben. Aber die Moral hat noch andere 
Seiten als die sexuelle; die letztere hat nur das Besondere, daß bei ihr 
Theorie und Praxis in unseren Verhältnissen am weitesten auseinander- 
gehen. 

Der nächstliegende und scheinbar nicht ganz unberechtigte 
Einwand gegen die Alleinherrschaft des sexuellen Komplexes in der 
Pathologie der Neurosen ist der, daß Freud eben in jedem Falle danach 
suche und sich nicht zufrieden gebe, bis sich unter den unendlich vielen 
Assoziationen auch solche finden, die die Sexualität betreffen. Wir 
werden also den Beweis für die Kichtigkeit der sexuellen Auffassung 
nicht darin sehen, daß man immer einen assoziativen Zusammenhang 
von Symptom und sexuellem Erlebnis gefunden hat, wenn man nur 
weit genug analysierte, sondern auf die Art dieses Zusammen- 
haDges, die ausnahmslos folgendermaßen charakterisiert ist: 

1. Die Gefiihlsbetonung des sexuellen Konfliktes ist eine der- 
artige, daß dieser und nur dieser das Zustandekommen der Krankheit 
genügend erklärt. 

2. Es besteht ein ganz direktes logisches Band zwischen Symptom 
und Komplex (Kälte in den Knien, weil beim sexuellen Ereignisse die 
Knie kalt waren). 

Wenn nun bei den analysierten Einzelsymptomen sich immer 
diese direkten Zusammenhänge von selbst ergeben, so ist damit 
die Grenze der nervösen Symptomatologie aus der Sexualität besser 
erwiesen als QO^/o der sonst in der Medizin geltenden Theorien; 
denn es wird niemand imstande sein, durch irgend eine andere Hypo- 
these diese Tatsachen zu erklären, noch hat bis jetzt einer unserer 
Gegner gleichwertige Zusammenhänge der Krankheit mit anderen 
Ideen nachgewiesen. 

Ich weiß, daß z. B. Frank und Bezzola Neurosen mit thera- 
peutischem Erfolge analysiert haben, ohne auf den sexuellen Komplex 
zu stoßen, und auch ich bin immer noch geneigt anzunehmen, daß — zwar 



642 E. Bleuler. 

selten, aber doch unter Umständen — auch andere Komplexe gleich- 
wertige Krankheitsbilder verursachen können. Sogar Freud selbst läßt 
es ausdrücklich offen, ob bei den traumatischen Neurosen^) ein sexueller 
Faktor mitwirke, wenn er auch daran denkt, daß jede Abspaltung eines 
sexuellen Agens bedürfe. Aber bis jetzt sind asexuelle Genesen nur aus- 
nahmsweise gefunden worden, und Frank erwähnt z. B. ausdrücklich, 
daß er sich nicht veranlaßt sehe, tiefer zu graben, wenn der Patient schon 
vorher geheilt sei. Auch Jung war anfänglich geneigt, den sexuellen Zu- 
sammenhang nicht als notwendig anzusehen, ist aber durch weitere Er- 
fahrungen ganz auf Freuds Standpunkt gekommen. 

Hier könnten also die Gegner einsetzen, wenn sie eine wirkliche 
Diskussion wollen, Sie müßten Beispiele bringen, in denen ebenso klare 
und enge, affektive und logische Zusammenhänge der Symptome mit 
anderen Komplexen vorhanden sind, oder sie müßten wenigstens zeigen, 
daß sie die einzelnen Fälle auch anders erklären können. 

Die Heileffekte will man bloß der Suggestion zuschreiben. Die 
ist leider hier wie anderswo nirgends direkt auszuschließen ; wer einmal 
an die Allherrschaft der sexuellen Ätiologie glaubt, mag bei der Analyse 
trotz aller Vorsicht doch einen hoffnungsvolleren Ton auf die sexuellen 
Erörterungen legen. Aber wir selbst hatten mit Frank, Bezzola und 
Anderen die bloß sexuelle Ätiologie zunächst abgelehnt. Wenn wir 
uns also nicht genügend vor Suggestion hüteten, so mußte das den 
entgegengesetzten Effekt haben; die Erfahrung hätte uns dann von der 
sexuellen Auffassung immer mehr abbringen müssen. Das Gegenteil 
war aber der Fall. 

Wer übrigens nur eine oder zwei Analysen verfolgt hat, kann 
an der Richtigkeit der Beobachtung nicht zweifeln: bei jeder Idee 
von pathogener Bedeutung, die ausgegraben wird, sieht man eine 
Menge von affektiven Wirkungen; schon zum voraus Geburtswehen, 
aber nicht nur Sperrungen, wie Iss erlin meint, sondern ein ganz 
anderes Befinden, Schlaflosigkeit, andere Träume, oft eigentliche Ver- 
schlimmerungen des Zustandes. Während der Entwicklung kommen 
neue Affekte; und nachher tritt meist Beruhigung ein, alles in so 
mannigfaltiger und komplizierter Weise, daß man es nicht beschreiben 
kann. Wer es aber gesehen hat, der kann keine andere Ansicht mehr 
haben. Nur darf man eben nicht a priori ablehnen, ins Fernrohr zu 
sehen. 

Reichardt^) meint: ,, Selbstverständlich sind aber solche Er- 
zählungen (von sexuellen Erlebnissen) ,, Hysterischer", d. h. größten- 

^) Daß man ihm so oft diese entgegenhält, beruht also nur auf Unwissenheit, 
') Leitfaden zur psychiatrischen Klinik. Jena, Fischer, 1907, S, 178. 



Die Psychanalyse Freuds. 643 

teils Paranoischer, Produkte paranoischer Einbildung oder Sinnes- 
täuschungen." Wäre der Einwand nicht in dieser übertriebenen 
Weise formuhert, so könnte man ihn wirklich diskutieren. Man muß 
sich ja bei vielen Hysterischen und den Schizophrenen vor Gedächtnis- 
täuschungen hüten und man kann nicht bei jeder einzelnen Angäbe 
entscheiden, ob sie richtig ist oder nicht. Bei den meisten aber kann 
man es, wenn man etwas von Psychopathologie versteht, und man 
kann sich auch etwa die Mühe nehmen, sich objektive Zeugnisse, ja 
sogar gerichtliche Akten zu verschaffen. Würde Reichardt das kennen, 
was er mit so unfehlbarer Selbstverständlichkeit verdammt, so hätte 
er unter anderem durch die Publikation Riklins^) eines Besseren 
belehrt werden können. 

Meine persönliche Erfahrung bei der Schizophrenie gibt Freud 
in einer Weise recht, die mich selber höchst überraschte. Von den 
Hunderten von Patienten, die wir analysieren, war keiner ohne sexu- 
ellen Komplex. Bei den meisten war dieser der alleinige Beherrscher 
der Symptome; bei einem Reste, der bei den Männern viel größer 
war als bei den Frauen, spielten andere Komplexe (intellektuell zu 
glänzen, Standeserhöhung, Macht usw., vergleiche die B. S. in Jungs 
,, Dementia praecox"), mit, und nur in wenigen Fällen, fast nur bei 
Männern, treten diese ganz in den Vordergrund. Nun wird niemand, 
der die Schizophrenen kennt, behaupten wollen, wir hätten ihnen 
diese Dinge suggeriert, ganz abgesehen davon, daß wir uns in den 
ersten Jahren vor dieser Klippe mit großer Sorgfalt hüteten. Auch 
war wohl kein einziger wie viele zur Psychanalyse kommende Neurotiker 
zum voraus darauf eingestellt, nach sexuellen Erlebnissen ausgefragt 
zu werden. 

Greifen wir noch einige andere Beispiele heraus. Wie Freud bei 
der Enuresis der Kinder, so haben wir häufig den Zusammenhang 
der Sexualität mit dem Bettnässen bei Schizophrenen gesehen. Das Ver- 
hältnis ist manchmal so deutlich, daß das Wartepersonal (lange vor Fre ud) 
spontan darauf aufmerksam machte (es ist ja auch bekannt, daß sexuelle 
Erregung bei gesunden Frauen^) oft mit Harndrang oder geradezu mit 
Urinahgang verbunden ist). Eine unserer Katatonikeriniien, von der man 
eben meldete, daß sie wieder eingenäßt habe, wurde gefragt: Warum machen 
Sie immer ins Bett? Da änderte die torpide Kranke sofort ihr Benehmen, 
wurde wie manisch, lachte, gestikulierte, brachte ein lebhaftes Durch- 



i\ 



1) Psychiatr.-neurol. Wochenschrift, Jahrgang 1905, Nr. 46. 
') Eben haben wir einen Mann zur Untersuchung da, bei dem das 
Nämliche der Fall ist. 



644 



E. Bleuler. 



einander von Worten hervor, aus dem man zunächst nur den Namen eines 
Arztes verstehen konnte. Auf die Frage: Was ist denn mit dem Dr. N.? 
kam zuerst ein groberotisches Lachen, dann: „nichts; aber wenn ich von 
Dr. N. träume, so brünzle (pisse) ich ihn an" (mit exquisit sexuellem 
Gesichte). Nun haben wir allerdings ja keinen Beweis, daß die Kranke 
wirklich von Dr. N. träumte, aber wenn wir hundertmal unter gleichen 
Umständen solche Berichte hören, so werden sie in mindestens 99 Fällen 
richtig sein, und jedenfalls ist richtig, daß die Patientin selbst das phan- 
tasierte Verhältnis mit dem Dr. N. in Zusammenhang mit dem Bettnässen 
bringt. 

Nimmt man den sexuellen Ursprung des pathologischen 
Versündigungswabnes, so kann man a priori nicht einsehen, warum 
dieser nicht auch direkt aus irgend welchem nicht sexuellen Verschulden 
entstehen sollte. Ich weiß aber bis jetzt bloß einen Fall,i) wo nicht, 
sobald man näher untersuchen konnte, hinter der Versündigung se- 
xuelle Vorwürfe (fast immer Onanie, kaum je bloßer illegaler Verkehr) 
steckten. Daß die letzteren wirklich das Wesentliche waren, daran hat noch 
keiner gezweifelt, der dabei war. Während Schizophrene ihre Selbstanklagen 
meist ohne intellektuellen Zusammenhang ganz abrupt vorbringen und 
dabei die Gefühlsäußerungen gar nicht organisch mit dem intellektuellen 
Inhalt verbunden sind, kann man mit ihnen über den wirklichen Komplex 
diskutieren; und vor allem entspricht dann der Affekt in allen Nuancen 
dem, was die Patienten sagen. Wir ersehen ferner, daß die zimächst an- 
gegebenen Gründe nur Zufälligkeiten sind, daraus, daß sie oft beim gleichen 
Patienten wechseln, während der sexuelle Hintergrund immer derselbe 
bleibt. — Ganz charakteristisch ist auch der Fall von Pfister, wo ein 
(nicht schizophrener) Knabe während längerer Zeit Kleinigkeiten gestohlen 
hatte, aber erst anfing, sich deswegen Gewissensbisse zu machen, nachdem 
er zur Onanie verführt worden war; dafür blieben die Selbstvorwürfe 
wegen Onanie aus. 

Man hat auch die Behauptung unsinnig gefunden, daß bei der 
Hypnose eine Übertragung auf den Arzt etwas Gewöhnliches sei. Ich 
persönlich möchte nun nicht ausschließen, daß nicht auch andere Gefühle, 
wie das des Dominiertwerdens, Zuständen zugrunde liegen können, die wir 
eben so gut Hypnose nennen wie die gewöhnlichen mit der Übertragung 
(z. B. bei Kinderhypnosen) ; aber das Gewöhnliche scheint mir eben doch 
die Übertragung. Die folgenden , , Gedanken über das Hypnotisieren" scheinen 
mir typisch, obschon in den einzelnen Fällen die Übertragung auch ganz 
andere Nuancen annehmen kann. 

,, Hypnotisiert zu werden von jemandem, den man hochachtet und 
von ganzem Herzen verehrt, ist beseligend. — Ich lege mich hin, im Innern 
voll Angst und Unruhe, dann darf ich in die Augen sehen, das heißt für 
mich : in der Seele lesen ! Kaum wage ich es, da ich weiß, daß diese Seele 

') Und auch bei diesem sind Wahrscheinlichkeitsgründe vorhanden, daß 
es sich ebenfalls um eine Übertragung des zur Onanie gehörenden Schuldgefühls 
»uf das „Äpfelstehlen" handelt. 



Die Paychanalyse Freuds. 645 

Großes und Herrliches enthält. Andacht erfüllt mich, wie in der Kirche, 
ich wünsche, daß ich lange Zeit in diese Augen blicken dürfte. — Jetzt 
fühle ich die Hand auf mir und im selben Momente legt sich der Sturm 
in meinem Innern, um wunderbarer Ruhe Platz zu machen; ich bin — 
geborgen. — Kann der Gesunde ermessen, welch eine Welt von Frieden 
dies eine Wort in sich schließt? So, treu behütet möchte ich einschlafen, 
um nicht mehr zu erwachen. 

Nach kurzer Zeit muß ich ins wirkliche Leben zurück, doch wandle 
ich wie im Traume, wo ich gehe und stehe, bin ich nicht mehr allein und 
abends, wenn ich einschlafen sollte, zaubere ich mir das Erlebte zurück, 
ich sehe wieder in die Augen und fühle die Hand. Mein ganzes Sinnen 
und Denken ist von der Erinnerung erfüllt und kaum kann ich es erwarten, 
bis ich wieder gehen darf! — um ein kurzes Weilchen mich loszulösen 
von allem, was mir angst und bange macht. Immer bestimmter wird mein 
Sehnen, immer mächtiger der Wunsch: von diesen Augen bewacht, von 
dieser Hand beschützt zu werden für immer! 

Ist das Hypnotisieren ebenso gefährlich als wunderbar?" 

In diesem ganz spontanen Erguß das Erotische übersehen zu 
wollen, wäre eben so falsch, als irgend etwas hineinlegen, was auch 
dem schlimmsten Reinlichkeitsfanatiker als unrein erscheinen könnte. 
Dabei wich das Verhältnis zwischen Arzt und Patientin in keiner 
Weise von dem gewöhnlichen ab. 

Aus all diesen Gründen meinen wir, daß hinter der 
Auffassung von Jahrtausenden und von den verschieden- 
sten Völkern über den Ursprung der „Hysterie" doch sehr 
viel Wahres sei; wieviel, das wollen wir der Zukunft zu 
entscheiden überlassen. 

Manche Einwände gegen die Sexual theorie wären unterblieben, 
wenn man den Freudschen Begriff des Sexuellen verstanden 
hätte. Da man aber nur verurteilte und nicht studierte, hat man nicht 
gemerkt, daß die Freudsche „Libido" ein ungleich weiterer 
Begriff ist als der gewöhnliche des sexuellen Verlangens. 
In gewissen Beziehungen gehört all unser Streben, soweit es positiv 
ist, dazu; trennt der Autor doch seinen Sexualtrieb (beim Säugling) 
nicht einmal vom Nahrungstrieb. 

Dieser Auffassung liegt eine andere Psychologie zugrunde als die 
gewöhnliche. Auch ich selbst möchte den Fortpflanzungstrieb mit allen 
seinen Wurzeln und Ästen trennen von dem Selbsterhaltungstrieb — 
soweit man es kann^). Aber man kann es eben in der Wissenschaft 

^) Ich bin also zurzeit noch lange nicht überzeugt, daß das Lutschen im 
Prinzip etwas Sexuelles sei, wenn ich auch Fälle kenne, in denen es un- 
Jahrbuch für psychoaualyt. u. psychopathol. Forschungen. II. 42 



646 E. Bleuler. 

nicht immer, so wenig wie in der Vulgärpsychologie und in der Sprache, 
die ein Beefsteak ebenso wie ein Mädchen „liebt" und für ein Gemälde 
einen „Liebhaberpreis" bezahlen läßt. Die Konzeption Freuds ist 
also durchaus nicht unsinnig, wenn ich sie auch bis jetzt nicht an- 
nehmen möchte, und vor allem sollte niemand gegen seine 
Theorien Einwände machen, welche nur darauf beruhen, 
daß er unter den gleichen Worten etwas anderes versteht 
als der Autor. 

Nicht zu der spezifischen Begriffsbestimmung Freuds möchte 
ich es rechnen, daß er von infantiler Sexualität spricht. Wer die 
infantile Sexualität nicht sieht, ist einfach blind gegenüber einer all- 
täglichen Sache. Und man kann sie nicht wegdisputieren damit, daß 
man sagt: ja, das, was man beim Kinde „sexuell" nenne, sei eben etwas 
ganz anderes 1). Es ist psychisch objektiv und subjektiv das gleiche, 
wenn auch quantitativ der Detumeszenztrieb vor dem Kontrektations- 
triebe sehr stark zurücktritt. Der Kontrektationstrieb ist in den ersten 
Jahren ein durchaus körperücher, steht also dem sexuellen Akte im 
engeren Sinne noch bedeutend näher als die Sexuaütät der Pubertät, 
die sich normalerweise mehr weniger mit psychischer Kontrektation 
begnügt. Die infantile Sexualität dokumentiert sich in einer besonderen 
Freude an der Berührung des andern Geschlechtes, namenthch des 
nackten, in Liebesverhältnissen, die meist nicht auf koitusartige Hand- 
lungen ausgehen, aber sich sonst in keiner Weise unterscheiden von 
denen des Jünglingsalters (unter denen viele des direkten Strebens 
nach Koitus ebenfalls entbehren), und drittens in einer ganz besonderen, 
eben der sexuellen Gefühlsbetonung des Interesses an den Genitalien 
des andern Geschlechtes. Wer Kinder beobachten kann, der weiß das, 
und wer sich an seine eigene Jugend erinnern kann, weiß es ebenfalls. 
Ich habe absolut sichere Erinnerungen sexueller Gefühle vom vierten 
Jahre an. Mit 6 Jahren kam ich zur Schule; alle 62 Mitschüler und 
Mitschülerinnen waren in dieser Beziehung gleich. Da man unter sich 



zweifelhaft mit der Sexualität zusammenhing, und wenn ich auch 
weiß, daß ein Teil der Gefühlskomplexe beider Tätigkeiten iden- 
tisch ist. 

*) Forel machte u. a. diesen Einwand (Versammlung schweizerischer 
Psychiater in Zürich, XT, 1909); er hätte sich vom Gegenteile überzeugen können, 
wenn er nicht abgespalten hätte, was in „Ich suche meine Mutter",'Geschichte 
eines Findelknaben (Reinhardt, München) steht, einem Buche, zu dem er selbst 
die Vorrede geschrieben. 



Die Psychanalyse Freuds. 647 

ganz offen war, kann ich bestimmt versichern, daß keines onanierte; 
damals, und soweit ich das spätere Leben verfolgen konnte, war über- 
haupt niemand in irgend einer Weise sexuell abnorm. Es handelt sich 
also nicht um eine Ausnahme. Wer weiß, wie die Gefühle einander 
assozieren, und wie einmalige Kindheitseindrücke für den Gefühlston 
bestimmter Erfahrungen für das ganze spätere Leben maßgebend sein 
können, und wer namentlich in der Pathologie der Sexualität gesehen 
hat, wie oft bestimmte Perversionen auf solche Kindheitserlebnisse 
zurückgreifen, kann in keiner Weise überrascht sein von der Behaup- 
tung, daß auch die normale Sexualität schon in der Kindheit geprägt 
sei; und es spricht gar nichts gegen die Annahme, daß namentUch 
das vierte Jahr von Bedeutung für die spätere Gestaltung des sexuellen 
Fühlens sei, wie Freud und Frank, gestützt auf ihre Analysen, 
annehmen. 

In den Selbstbiographien von psychologisch sich interessierenden 
Leuten, namenthch Dichtern, findet man in der Regel Schilderungen 
von kindlichen Liebesverhältnissen. 

Mit der Konstatierung der infantilen Sexualität hängt zusammen 
die Entdeckung des Ödipuskomplexes. Sie ist allerdings der Gipfel 
des Unverstandes, äer Pietätlosigkeit, das ekelhafte Produkt einer aus- 
schweifenden Phantasie, so daß ein unwiderleglicher Gegenbeweis gegen 
die Existenz sexueller Gefühle zwischen Eltern und Kindern in dem 
Ausrufzeichen oder den gleichwertigen Bemerkungen liegt, die man 
der Erwähnung der Mißgeburt jeweilen beifügt. Aber dieser Ödipus- 
komplex existiert trotz dieses streng wissenschaftlichen Gegenbeweises, 
und zwar wird er, wenn man darnach sucht, so regelmäßig gefunden, 
daß die Annahme, er sei allen Meiischen eigen, die von anders ge- 
schlechtigen Eltern aufgezogen sind, die wahrscheinlichste ist. 

Als ich zum ersten Male davon las, hatte ich genau die gleichen 
Gefühle wie die meisten unserer Kritiker. Schließlich — im Laufe von 
zirka 4 Jahren — habe ich ihn bei mir selber in ganz krasser Form 
nachgewiesen, und zwar aus Zeichen, die aus der Pubertätszeit, also 
lange vor Freuds Publikation, datieren. Ich mußte merkwürdiger- 
weise die betreffenden ganz klaren, in keiner Weise zu „deutenden" 
Träume als solche gar nicht aus der Verdrängung holen, ich hatte 
dieselben in anderem Zusammenhange oft erinnert, aber ich war — 
charakteristisch genug — so lange nicht fähig gewesen, die Vorstellung 
des Ödipuskomplexes daran zu assozieren. 

Bei meiner Frau habe ich bewußt wichtige ÄhnHchkeiten mit 

•12* 



648 E. Bleuler. 

meiner Mutter erst lange nach der Verheiratung entdeckt, aber bevor 
ich meine Ödipuskomplexe kannte. Solche Ähnlichkeiten sind bei ihr 
auch von anderen Leuten, die nichts von Freud wissen, ganz zufällig 
konstatiert worden. Und in den allerdings seltenen Träumen, in denen 
meine Frau kurz auftritt, ist sie meist mit meiner Mutter verdichtet. 
(Sie ist 12 Jahre jünger als ich.) An meinem älteren Knaben und 
meinem Mädchen habe ich den Ödipuskomplex vom ersten Jahre an 
(inklusiv) absolut sicher konstatiert (Kontrektationstrieb zum anders 
geschlechtigen Elter, Eifersucht^) auf den gleichgeschlechtigen). Bei 
meinem zweiten Knaben haben wir aus der geringen Ausbildung des 
Komplexes im ersten Jahre (sie) auf ein geringes Hervortreten der 
HeteroSexualität geschlossen : er hat in den folgenden Jahren, im großen 
Gegensatze zum älteren, Eitelkeit auf Äußeres und manche anderen 
weiblichen Eigenschaften gezeigt. Jetzt ist er 5^/2Jährig und besorgt 
unter anderem mit Liebe die Puppe seines Schwesterchens, kurz, er 
ist immer noch „ein halbes Mädchen", wenn auch das Männchen mehr 
und mehr durchdringt. 

Bei erwachsenen Gesunden und Kranken (Dementia praecox) 
ist der Ödipuskomplex oft sehr leicht zu finden. Was beweist gegen 
nur einige hundert solcher Fälle ein Ausrufzeichen? Daß der Verfasser 
nicht ins Fernrohr hat sehen wollen, sonst nichts. 

Auch die Analerotik wird durch Entrüstung*) widerlegt. Nun 
ist sie als solche auch schon von anderen Leuten konstatiert worden 
und nicht so ganz unbekannt, z. B. bei der Schizophrenie und der Homo- 
sexualität. Reine Fälle aber sind allerdings so selten, daß es vielleicht 
noch verfrüht ist, den Zusammenhang der Anomalie mit bestimmten 
Charaktereigenschaften als etwas Konstantes hinzustellen, wenn auch 
die beiden Fälle meiner eigenen Erfahrung ganz den Voraussetzungen 
Freuds entsprechen. 

Die Versehen der Normalen. 

Weiüger eifrige Angriffe erfährt die Psychologie des Alltags- 
lebens. Glauben hat allerdings auch sie bei niemandem gefunden, 
der nicht eigene Erfahrung hat. Der Beweis für die Richtigkeit auch 
dieser Aufstellungen liegt aber nicht nur darin, daß bei Beobachtung 

') Die Kinder sind sonst auffallend wenig eifersüchtig; gegenüber den 
Neuankommenden haben sie nie eifersüchtige Begangen gezeigt. 

2) Z. B. 0. Fischer, Prag, Medizinische Wochenschrift 1910, Nr. 8, zitiert 
nach Mendel, Zentralblatt für Neurologie, 1910, S. 321. 



Die Psychanalyse Freuds. 649 

des alltäglichen Versagens scheinbar irrelevanter Funktionen und 
eventuell anschließender Analyse alle diese „Zufälle" einen guten 
Sinn und logischen Zusammenhang mit vielen anderen Einzeltatsachen 
bekommen, sondern vor allem auch wieder darin, daß man dabei 
Komplexe findet, die sich auch auf andere Weise nachweisen lassen. 
Damit ist die Richtigkeit des Prinzips für den, der überhaupt einer 
Diskussion zugängUch ist, bewiesen und ich kann darauf verzichten, 
auf alle Einzelheiten dieser Symptomengruppe einzugehen. Bin 
Beispiel allein möge nur noch zeigen, daß man sogar im einzelnen Falle 
mit ganz anderen Wahrscheinlichkeiten rechnen muß als die Gegner 
meinen. 

Ein Herr wollte, als von dem Unrecht die Kede war, das seiner 
Rasse zugefügt wird, zitieren : Exoriare ahquis nostris ex ossibus ultor, 
fand aber das ,,aUquis" nicht. Freud glaubte nun durch eine kurze 
Analyse gefunden zu haben, daß das deswegen der Fall war, weil das 
Wort sein Unbewußtes an das Nichtfließen einer mit Sehnsucht er- 
warteten Menstruation erinnerte. 

Dazu bemerkt Isserli ni^) „Tatsache ist doch nur jene (übrigens 
von Fragen unterbrochene) etwas kompUzierte Reihe von Assoziationen, 
welche schließlich auf die Periode der Geliebten führt. Daß diese 
letztere unlustbetonte Vorstellung Ursache des Vergessens von aliquis 
sei, ist eine durchaus nicht bewiesene Annahme, ebenso wie es eine 
völlig unbegründete Hypothese ist, daß — wenn man Freuds Ver- 
drängungsmechanismen akzeptiert — man überhaupt mit einiger 
Sicherheit darauf rechnen kann, mit Hilfe der zwanglosen Assoziationen 
den ätiologischen Komplex zutage zu fördern." 

Gewiß hat der x\utor recht insofern, als einem isolierten Beispiel 
nie eine volle Beweiskraft zukommt. Aber vielleicht wäre es doch gut 
gewesen, wenn er das Beispiel etwas genauer angesehen hätte, bevor 
er dieses schrieb. So schlimm ist denn doch die Überlegung nicht 
einmal dann, wenn man sie ganz für sich betrachtet. 

Schon daß man gerade ein so gewöhnUches Wort wie aliquis nicht 
findet, ist außerordentlich und bedarf einer besonderen Begründung; 
noch viel auffallender aber ist es, daß das Wort in den nächsten Asso- 
ziationen in a und liquis zerlegt wird. Man versuche einmal einer 
größeren Anzahl von Lateinern den Vers zu sagen und sie dann zu 
fragen, was ihnen einfällt, wenn sie die Aufmerksamkeit auf aliquis 



') Zeatralblatt für Nervenheilkunde und Psychiatrie, 1907, S. 335/6. 

4 ? 



650 



E. Bleuler. 



richten; es wird kaum je eine solche Zerlegung zu treffen seini). Daß 
die Zerlegung hier vorkommt, muß also seinen speziellen Grund haben. 
Eine andere, wenigstens recht auffällige Tatsache ist die, daß an liquis 
nurReliquien und flüssig assoziiert wird, wobei das letztere ausgesponnen 
wird. Liquis heißt schief und die Form des Wortes paßt gar nicht zu 
den verschiedenen Ableitungen des Stammes von liquidus. Das Wort 
oder der Begriff „liquidus" müssen also in diesem Falle irgendwie in 
Bereitschaft gewesen sein^). Millionen Menschen werden das Wort 
aliquis gehört und gebraucht haben, ohne an eine Verwandtschaft 
mit liquidus zu denken. Eine besondere Neigung zu Klangassoziationen 
tritt bei der Beobachtungsperson nicht hervor; immerhin könnte auch 
eine solche Disposition an sich den sinnlosen Kalauer nicht er- 
klären. 

Kann man also diese beiden Assoziationen Zufall nennen?, d. h. 
Vorkommnis, das bei beliebigen anderen Personen unter gleichen 
Umständen ebenso hätte geschehen können? Nehmen wir die Wahr- 
scheinlichkeit der Teilung des Wortes in a und liquis zu 100.000*) und 
die, daß, wenn überhaupt etwas vergessen wird, gerade das gewöhnliche 
Wort aliquis ausfällt, nur zu einem Hundertstel, so ist schon von hier 
aus die Wahrscheinlichkeit des „Zufalles" ein Zehnmillionstel, die des 
besonderen Zusammenhanges also 10,000.000 : 1. Schon viel kleinere 
Wahrscheinlichkeiten rechnen wir praktisch mit Recht immer als 
Gewißheiten. Wissenschaftliche Hypothesen lassen wir unwidersprochen 
als richtig gelten, auch wenn sie unvergleichlich geringeren Wahrheits- 
wert haben. 

Es ist überhaupt viel zu wenig bekannt, wie eng begrenzt unter 
gegebenen Voraussetzungen unsere Denkmöglichkeiten sind. Die Ge- 
schichte der geistigen Fortschritte auf allen Gebieten wird in dieser Richtung 
gar nicht gewürdigt: Jahrhundetelang kann eine Idee, eine Erfindung 
vollständig bereit liegen, bis ihre Zeit gekommen, d. h. bis die psychische 
Konstellation so ist, daß sie allgemein gedacht werden kann. Auch aus- 
gesprochene neue Ideen können Jahrhunderte- und jahrtausendelang 

i *) Ich habe allerdings nie lateinische Assoziationen aufgenommen, aber 

unsere Erfahrungen mit deutschen Assoziationen berechtigen uns zu dieser Be- 
hauptung. Analog wäre etwa Uschwein — Ti- Schwein. 

') Ich habe seit bald 30 Jahren bei mir auf solche Assoziationen geachtet. 
Die Einzelbeobaehtungen zählen nach Zehntausenden. Ich weiß deshalb, wie 
selten es ist, daß man den Grund der Bereitschaft nicht findet. 

ä) Ich setze diese Zahl, weil die von uns beobachteten Assoziationen sich 
in dieser Größenordnung bewegen. 



Die Psychanalyse Freuds. 651 

liegen bleiben, bis sie von mehr als Einzelnen erfaßt werden. Man hat Ver- 
suche gemacht, wie groß die Wahrscheinlichkeit sei, daß man sich z. B. ein 
Dreieck oder einen Kreia denke, wenn man aufgefordert wird, sich eine 
beliebige Zeichnung vorzuBtellen. Das Resultat war so, daß die Wahr- 
scheinlichkeit des zufälligen Zusammentreffens gleicher Vorstellungen bei 
verschiedenen Versuchspersonen eine sehr große ist, so daß man aus diesem 
Umstände das scheinbare Gelingen vieler telepathischer Versuche ohne 
weiteres erklären kann. Ja, Pseudogedankenleser, die solche Regeln kennen, 
können gestützt auf dieselben erfolgreiche Vorstellungen in der Öffent- 
lichkeit wagen^). Ich möchte auch auf Ausführungen über die geringe 
Zahl der Komplexe und ihre Ausdrucks weisen aufmerksam machen 
(siehe unten). 

Wir machen also keinen größeren, sondern einen viel kleineren 
Fehler, als man sonst bei jedem Schritte in der Naturwissenschaft 
macht, wenn wir beim Vergessen des Wortes aliquis und für seine 
Teilung in a und liquis die Annahme des Zufalles ablehnen und dafür 
annehmen, es müsse etwas in der besonderen Konstellation des jungen 
Herrn gelegen haben, was diesen auffallenden psychischen Vorgang 
hervorbrachte. 

Nun führen die Assoziationen tatsächlich spiralförmig zu einer 
besonderen Konstellation: einerseits besteht die Furcht vor dem nicht 
Eintreten der Periode und anderseits das mit Rachegefühlen verbundene 
Bewußtsein des Unterdrücktseins. Die erste der beiden Ideen ist eine 
so aktuelle und wichtige, daß seine Psyche ohne dieselbe undenkbar 
ist. Die zweite war im kritischen Moment im Bewußtsein. Es ist also 
keine Fiktion, daß sie den Gedankengang beeinflussen mußten. 

Nun aber, haben sie gerade das Vergessen des aliquis hervor- 
gebracht? Mathematisch zu beweisen ist das nicht. Aber äußerst wahr- 
scheinlich ist es. Alle die Assoziationen, die sich daran anschließen, 
mit Ausnahme einer einzigen, die wir nicht genügend kennen, haben 
direkte oder ganz nahe Verbindung zum Komplexe der Periode: 
Reliquie, Flüssigkeit, „Blutbeschuldigung" wegen hingemordeter 
Kinder, Blutwunder, ein Heiliger, der als Kind geopfert wurde, ein 
Artikel über die Stellung des heiligen Augustin zu den Frauen, Kalender- 
heilige, Flüssigwerden des Blutes an einem bestimmten Tage und der 
Aufruhr, der entsteht, wenn das Ereignis nicht eintritt. AUe diese 
anscheinend verschiedenen Fäden laufen direkt in der ausgebliebenen 

^) Vgl. Rfarbe, Über das Gedankeniesen und die Gleichförmigkeit des 
psychischen Geschehens, Zeitschrift für Psychologie, Band 55, S. 241. Leipzig, 
Barth, 1910. 



652 E. Bleuler. 

Periode zusammen. (Eine Ausnahme macht nur der Herr Benedikt, 
der ein Original ist; oder scheint es zu machen: denn wir wissen ja gar 
nicht, ob der nicht auch mit der Periode zusammenhängt). Das ist 
wieder zu viel, um „zufällig" zu sein. Wer das behaupten will, sollte doch 
einmal den Gegenbeweis versuchen, daß er mit beliebigen Assoziationen 
auch so nahe an den Komplex kommt. Man darf eben nicht, wie es 
manche tun, sich mit der Vorstellung begnügen, daß es leicht sei, von 
jeder Idee aus auf jeden Komplex zu geraten; kommt es doch auch 
darauf an, auf welchem Wege man dazu gelangt; wenn es direkte 
Bahnen sind, so ist der Zusammenhang notwendigerweise schon vorher 
gegeben. Wir selber sind genötigt, die Gegenprobe alle Augenblicke zu 
machen. Es sind ja so häufig bei einer Analyse die bewußten und unbe- 
wußten Widerstände so groß, daß zunächst nur ausweichendes Material 
zutage gefördert wird. Wir müssen nun beständig versuchen, dieses 
mit dem Komplexe in eben so enge Verbindung zu bringen; es gelingt 
aber nur ausnahmsweise mit einer einzelnen dieser Ideen, und zwar 
auch dann, wenn wir den Komplex bereits kennen. Die Kritiker stellen 
sich die Arbeit des Zusammensetzens der verschiedenen Ideen zu einem 
logischen Ganzen ungefähr vor, wie das Aufbauen eines Gebäudes 
mit dem Ankerbaukasten, wo man aus den gegebenen Steinen die 
verschiedensten Bauwerke konstruieren kann und die meisten Elemente 
durch andere beliebig ersetzbar sind, während in Wirklichkeit diese 
Arbeit (soweit sie nicht von den Versuchspersonen selbst getan wird) 
viel mehr ähnlich ist den alten Geduldspielen mit einer Menge von 
unregelmäßig geformten Steinen, von denen jeder mit vielen anderen 
in Berührung kommt, aber nm- an einer ganz bestimmten Stelle, an die 
kein anderer hinpaßt, eingeordnet werden kann. (Hierbei rede ich von 
den Hauptsachen; wir werden niemals eine solche Übersicht über die 
menschliche Seele haben können, daß nicht Nebensachen oder einige 
Hyperdeterminierungen nach „Gutdünken" eingereiht werden müssen.) 
Wer eine kleine Ahnung hat von diesen mannigfaltigen Zusammen- 
hängen, die sich allerdings nur zum geringen Teil mitteilen lassen, 
teils weil sie affektiv sind, teils weil die Arbeit eine unmögliche Weit- 
läufigkeit verlangte, der kann nicht schreiben; ,, Scheint eine Annahme 
einigermaßen möglich, so ist die akzeptiert und erledigt und es wird 
dann gegen den Gegner eingewendet, die Lehren seien nicht widerlegt" 
(Zentralbiatt für Nervenheilkunde und Psychologie 1907, S. 335), 
oder ,, Freud und seine Anhänger machen es einfach so, daß sie die Vor- 
stellung, bei welcher ihnen die Möglichkeit gegeben erscheint, daß 



Die Psychanalyse Freuds. 653 

sie die zu erklärende Erscheinung verursache, einfach als wirklich 
verursachend ansehen" (ibid. 336). Entsetzlich phantasiearm müssen 
die Freudianer sein, daß sie (bei Behandlung von Krankheiten) unter 
Umständen ein Jahr lang zu arbeiten haben, bis ihnen eine solche 
„Möglichkeit" gegeben erscheint. Merkwürdigerweise ist diese ftot- 
wendige Folgerung aus den obigen Anschauungen in einem gewissen 
Widerspruch zu der beliebten Behauptung, es seien alles nur Phantasie- 
gebilde. Der Periodenkomplex muß also im Falle ,,aliquis" als ein 
wichtiges konstellierendes Agens der ziellosen Assoziation aufgefaßt 
werden. Sollte er wirklich bei der Zitation des Spruches, wo direkt an 
die zukünftige eigene Nachkommenschaft gedacht wurde, nicht angetönt, 
nicht wirksam gewesen sein? Das wäre denn doch merkwürdig. 

Nun aber hat er gerade das Vergessen bewirkt? Wir wissen, 
daß man Komplexe verdrängt; wir sehen, daß das Wort aliquis einen 
Augenblick später durch die Teilung an den Komplex assoziiert ist, 
also einen Bestandteil des Komplexes bildet. Wir haben allen Grund 
anzunehmen, daß das auch schon während der Zitation des Verses 
der Fall war; man kann also sagen, es ist nicht nur wahrscheinlich, 
daß das Wort verdrängt wurde, sondern es ist sicher, daß es einem 
verdrängenden Widerstände gegenüberstand. Was wir supponieren 
müssen, ist bloß das, daß der Widerstand so stark gewesen sei, daß 
das Wort nicht zu finden war. Diese Supposition ist eine Kleinigkeit, 
nachdem sich gezeigt hat, daß das Vergessen in diesem Falle einen 
besonderen Widerstand voraussetzt und daß gerade dieser Widerstand 
vorhanden war. Jedenfalls müßte er mitgewirkt haben, auch wenn 
noch ein anderes Hindernis vorhanden gewesen wäre. 

So ergibt die genaue Betrachtung schon des einzelnen Beispieles 
eine so hohe Wahrscheinlichkeit für die Richtigkeit der Deduktion, 
wie sie in ganzen Bänden therapeutischer Zeitschriften nur ausnahms- 
weise erreicht wird. 

Die Wahrscheinlichkeit, daß das Vergessen des aliquis durch den 
Periodenkomplex bedingt worden sei, läßt sich etwa durch folgendes Beispiel 
illustrieren: In einem Walde wird ein Mann erschossen. Daselbst gibt es 
viele Leute mit Gewehren. Unter ihnen können mehrere sein, die Gründe 
haben, den Verunglückten zu erschießen. Nachgewiesen ist aber das letztere 
nur von einem. Von diesem ist ferner nachgewiesen, daß er auf den^ Er- 
schossenen gezielt hat, man hat gesehen, daß im kritischen Momente 
sein Gewehr losgegangen ist und die mörderischeKugel ist gleich der von 
dem Verdächtigten verwendeten Munition. Es ist nun nicht auszuschließen, 
daß nicht der verdächtigte Schütze sein Ziel verfehlt, und daß im gleichen 

4 2 « 



654 E. Bleuler. 

Moment ein anderer auf das Opfer geschossen habe ; aber ich möchte doch 
den Staatsanwalt sehen, der unter solchen Umständen nicht den Beweis 
der Schuld als geleistet hinstellen würde. Und da handelt es sich um ein 
Menschenleben. Wer allerdings nur erfahren hat, daß in dem Walde viele 
Schützen waren, und daß man einen als den Täter abgefaßt hat, mag den 
Staatsanwalt der Leichtfertigkeit bezichtigen — oder sich selber, daß er 
sich nicht besser erkundigt. 

Das Assoziationsexperiment. 

Es bleiben noch einige Worte zu sagen über die experimen- 
tellen Assoziationen, die von Jung in Verbindung mit Freud- 
scher Forschung gebracht worden sind. Sie haben zwar weniger leiden- 
schaftlichen Widerstand erregt, sind aber doch nicht unbeanstandet 
geblieben. Die Jungschen Komplexzeichen sollen nicht charak- 
teristisch sein, weil die gleichen Erscheinungen auch durch manche 
andere Ursachen hervorgebracht werden können. Letzteres ist 
selbstverständlich richtig. Dennoch haben wir in gewiß 100.000 
Assoziationen nur Bestätigung der Jungschen Auffassung gefunden. 
Störungen der Aufmerksamkeit z. B., die von außen kommen, muß 
man eben registrieren. Solche, die von innen kommen, bemerkt man 
z. B. an der allgemeinen Disposition der Assoziationen. Dennoch muß 
es wieder einen speziellen Grund haben, wenn einzelne Reaktionen 
normal, andere abnorm vonstatten gehen; der Grund ist meist in 
Komplexen zu finden. Dann ist es doch klar, daß ceteris paribus — 
und nur ceteris paribus darf man vergleichen, — der Zustand der Auf- 
merksamkeit wieder abhängig ist von dem Affektzustande, id est, von 
den eben regierenden Komplexen. 

Für den, der ein bißchen wirkliche Psychologie kennt, ist es auch 
selbstverständlich, daß nicht jeder Komplex sich in jedem Momente 
äußert. Man kann ferner die nämliche Vorstellung mit oder ohne be- 
gleitenden Affekt haben. Man spricht z. B. häufig vom Tode eines 
lieben Angehörigen, ohne jeden entsprechenden Affekt; unter wenig 
veränderten Upiständen macht die gleiche Vorstellung einen lebhaften 
Affekt. Ich habe einmal beim Experimente am Galvanometer versucht, 
die Kurve steigen zu lassen dad\irch, daß ich mir lebhaft vorstellte, 
wie ich gerade verleumdet wurde, ohne mich verteidigen zu können; 
die Vorstellung blieb, wie ich nachher aus der Kurve sah, ohne Wir- 
kung. Als aber der Versuchsleiter auf die gleiche Sache zu sprechen 



Die Psychanalyae Freuds. 655 

gekommen war, nahm mein elektrischer Hautwiderstand sehr stark 
ab. Wir haben uns viel Mühe gegeben, diese Unterschiede der aka- 
demischen und gefühlsbetonten Vorstellungen genauer zu erfassen 
oder wenigstens zu definieren, sind aber bis jetzt zu keinem befriedigen- 
dem Resultate gekommen, wenn sich auch darüber verschiedenes 
Richtige sagen ließe. 

Auch in pathologischen Fällen spielt natürlich diese affektive 
Komplexbereitschaft eine nicht kleine Rolle. Es wird zwar niemand er- 
warten, daß sich in einem gegebenen Versuch Komplexe oder gar alle Kom- 
plexe ausdrücken müssen, und auch dann, wenn man Komplexzeichen 
findet, kann man nicht immer erwarten bei einem verstockten Schizo- 
phrenen gleich herauszubringen, was für eine gefühlsbetonte Idee 
dahinter ist. Hingegen hilft sehr oft geduldiges Warten, indem dann 
in spontanen Äußerungen das Gesuchte zum Vorschein kommt. 

Wenn man aber mit dem Experimente umzugehen weiß, wird 
man sich nicht leicht täuschen. Gerade hier kann man sich ex- 
perimentelle Beweise holen, soviel es einem beliebt; und 
das haben wir getan und tun wir immer noch, wenn auch jetzt zu 
anderen Zwecken. Jeder unserer Ärzte hat Hunderte, einzelne gewiß 
über tausend Komplexe bei unbekannten Leuten aufgedeckt. Jung 
hat einmal einem Kollegen einer andern Fakultät, der sich für die 
Sache interessierte, nach 15 Einzelassoziationen die fünf Sorgen nennen 
können, die ihn beschäftigten. Der Kollege war so überrascht von der 
Treffsicherheit, daß er sofort seiner Frau rief, das müsse sie doch auch 
erleben ; als sie aber erschien, hatte er schon die andere Seite gesehen, 
und schickte sie wieder fort, sie möge sich doch lieber nicht zum Ex- 
perimente hergeben. Das ist nur ein Beispiel von vielen aber ein 
recht bezeichnendes. 

Was will es dagegen sagen, wenn andere Leute die Komplexe 
in den Assoziationen nicht gefunden haben? 

Die nächste Vermutung ist die, daß die meisten nicht in richtiger 
Weise gesucht haben. Eine zweite, die vielleicht da und dort (z. B. 
bei Heilbronne r) zutreffen mag, ist die, daß es eben auf die Art 
ankomme, wie man das Experiment anpackt. Es kann ja sein, daß 
bei anderen Experimentatoren die Einstellung für den Versuch aus 
irgend einem Grunde, den wir vorläufig nicht abschätzen können, 
zufällig eine solche ist, daß die Komplexe nicht auf diese Weise heraus- 
kommen. Jedenfalls ist es unrichtig, wenn man glaubt, Jung habe 



656 E. Bleuler. 

nur ausgewählte Fälle publiziert^). Wir finden prinzipiell ganz das 
gleiche bei allen unseren Versuchspersonen. 

Ein bißchen komisch ist es, wenn man deduziert, das auffallende 
Vergessen der Komplexassoziationen könne nicht vorkommen, weil 
gefühlsbetonte Erlebnisse weniger leicht dem Vergessen anheimfallen 
als andere*). Der betreffende Autor steht auf dem Standpunkte Hegels, 
der aus theoretischen Gründen die Möglichkeit der Existenz vom 
Himmelskörpern zwischen Mars und Jupiter leugnete, nachdem die 
Ceres entdeckt war. Anders ist es, wenn Isserlin dieses Vergessen, 
trotz Suchens, nicht beobachtet hat. Wir beobachten es aber. Wo nun 
der Unterschied steckt, kann wohl allein die Prüfung der verschiedenen 
Einstellung zeigen. Ich weiß auch, daß durch eine allgemeine Kon- 
stellation das Vergessen so begünstigt werden kann, daß nicht affekt- 
betonte Assoziationen ebenfalls vergessen werden, aber das ändert an 
der Tatsache nichts, daß ceteris paribus Komplexwörter besonders gerne 
vergessen werden. 

Natürlich ist auch die umgekehrte Beobachtung, daß affektbetonte 
Dinge weniger leicht vergessen werden als gleichgültige, nicht falsch. Es 
gibt eben eine Komplexbereitschaft und eine Komplexver- 
drängung. Es wäre aber ein interessantes und gewiß lösbares Problem, 
zu untersuchen, welche affektbetonten Assoziationen abgespalten und welche 
besonders leicht assoziiert werden. Der Unterschied deckt sich nach unserer 
Erfahrung nicht ganz mit der Wirkung positiver und negativer Affekte, 
wenn auch natürlich nur die letzteren eine verständliche Tendenz zur 
Verdrängung haben. 

Ein ähnlicher Einwand ist der, die Messung mit der Fünftel- 
se künde nuhr sei nicht fein genug. Sie hat sich ja als fein genug 
erwiesen, und gegen die Erfahrung gibt es keinen Einwand. Viel eher 
möchte ich vermuten, daß die Anwendung feinerer Messungsmethoden 
(Lippenschlüssel [) die Einstellung so ändern mag, daß die Komplexe 
sich auf diese Weise nicht mehr ausdrücken können. 

Ganz sonderbare Schwierigkeiten hat man bei der Tatbestands- 
diagnostik finden wollen; z. B., sie sei vor Gericht nicht brauchbar, 



'^) Eine gewisse Auswahl hat natürlich stattgefunden, aber nicht nach 
der Deutlichkeit der Komplezzeichen, sondern in bezug auf die leichte Durch- 
führbarkeit und Darstellbarkeit der Analyse. 

') Ich verstehe auch nicht, warum der Autor bemerkt: „Es ist jedenfalls 
nicht einfach so, daß Assoziationen, hinter denen sich ein unangenehmer Kconplex 
verbirgt, regelmäßig schnell vergessen werden." Es tönt, wie wenn wir so etwas 
gedacht hätten. 



Die Psychanalyse Freuds. 657 

weil sie auch täuschen könne, oder weil auch der Unschuldige einen 
Affekt auf die Ideen lege, die mit dem imputierten Verbrechen zu- 
sammenhängen. Zunächst ändert das an der theoretischen Bedeutung 
nichts, und dann werden vor Gericht noch viele andere „Methoden" 
gebraucht, bei deren Anwendung etwas Verstand nötig ist. Man kann 
eben den Versuch nur machen, wenn es einen Sinn hat, und man darf 
nur das aus seinen Ergebnissen schließen, was man unter gegebenen 
Umständen schließen darf. 

Eine erwähnenswerte Geschichte passiert Heilbronner. Gestützt 
auf interessante Versuche in seiner lüinik, die aus uns unbekannten 
Gründen in der Hauptsache negativ ausfallen, schreibt er eine Ab- 
handlung gegen die Bedeutung der Tatbestandsdiagnostik, berichtet 
aber im Vorbeigehen von einer wunderschönen Tatbestandsdiagnostik, 
die er selbst gemacht hat; Der Reagent „hatte, um sieh möglichst 
wenig zu verraten, sich auf den Komplex eines verhafteten Diebes 
.eingestellt', mit solchem Erfolge, daß ich ihm diese Vorsichtsmaß- 
regel unmittelbar nach Ablauf des Versuches auf den Kopf zusagen 
konnte"'). 

Wir haben also auch hier zu den Einwendungen nichts zu be- 
merken als immer das gleiche: Wiederholt die Versuche, sagt genau 
die Bedingungen, dann kommt für die Wissenschaft etwas heraus; 
nicht aber durch Leugnen von Tatsachen, die wir so oft konstatieren 
können, als es uns beliebt. 

Deutung und Symbolik. 

Ganz besonders schlecht beleumdet ist die Symbolik und das, 
was man „Deutung" nennt, überhaupt. Sie wird entweder a priori als 
Unsinn abgelehnt oder dann in der Weise abgetan, daß man einfach 
ungewohnte Deutungen aus dem Zusammenhange reißt, unter Weg- 
lassung jeder Begründung nacheinander aufzählt und dann etwas 
bemerkt, was wörtlich oder dem Sinne nach heißt : sapienti sat. Einzig 
Iss erlin hat meines Wissens versucht, die bei der Deutung gemachten 
Fehler aufzudecken. Er meint, es beruhe alles direkt oder indirekt 
auf der Beobachtung der Widerstände, der Sperrungen. In dieser 
kolossalen Täuschung rächt sich die ,, wahre Verkehrung aller wissen- 
schaftlichen Maximen", die er doch wohl selber begeht, wenn er eine 



*) Heilbronner, Grundlagen der „psychologischen Tatbestandsdiagno- 
stik". Zeitschrift für die gesamte Strafrechtswissenschaft, 1906/07, S. 639. 



658 E. Bleuler. 

Methodik bekämpft, von deren Wesen er keine Ahnung hat, wie er 
in dieser Kritik beweist. Es würde zu weit führen, alle seine unzu- 
treffenden Voraussetzungen einzeln zu widerlegen. Ich möchte im 
folgenden nur versuchen, eine kurze Aufzählung der beschreibbaren 
Tatsachen zu geben, die mit zwingender Notwendigkeit zur Aner- 
kennung einer Symbolik im Sinne Freuds führen. Das Wichtigste 
kann ich allerdings durch keine Beschreibung ersetzen, die direkte 
Beobachtung, auf die in psychologischen Dingen schließUch doch alles 
ankommt. 

Das, was mit dem Worte ,, Deutung" bezeichnet wird, ist etwas 
sehr vages. Deutung und Analyse lassen sich in einer allgemeinen 
Überschrift nicht gut trennen. Ich werde auch im folgenden die Sym- 
bolik der Träume, die der Dementia praecox, die Schlüsse von Krank- 
heitssymptomen auf bestimmte Erlebnisse usw. nicht auseinander- 
halten. Die größte persönliche Erfahrung habe ich in bezug auf die 
Dementia praecox, die geringste in bezug auf die Neurosen. 

Stellen wir an die Spitze die tausendfältige Erfahrung, daß man 
durch Kenntnis der Symbohk in den Stand gesetzt wird, bei ganz 
fremden Personen auf Erlebnisse oder Komplexe zu schließen, die sich 
auf anderem Wege als wirkUch erweisen lassen. Wenn ich sage ,, tausend- 
fältig" so meine ich das wortlich und übertreibe nicht. Da schicke ich 
Freud, der mich bis dahin bloß dem Namen nach kennt, einen Traum 
von mir, ohne Erklärungen, und schon in der nächsten Antwort hat 
er Komplexe von mir aufgedeckt, von denen außer meiner Frau über- 
haupt niemand etwas wissen konnte. Ich habe aus den Schriften und 
aus einem Krankheitssymptom eines bedeutenden Dichters, den ich 
fast nur vom Hörensagen kenne, die Trennung desselben von seiner 
Frau prophezeien können, und das zu einer Zeit, wo kein Mensch daran 
dachte, auch er selbst nicht, wie ich aus seinem Leben während der 
kritischen Jahre und durch möglichst genaues Ausholen durch einen 
intimen Freund mit aller in solchen Dingen möglichen Wahrscheinlich- 
keit feststellen konnte. Bei einem mir in bezug auf sein Zusammen- 
leben ganz unbekannten Ehepaar, das ich gerade zu jener Zeit über- 
haupt lange nicht gesehen hatte, konnte ich aus dem Berichte von 
einem körperlichen Symptom bei der Ehefrau auf ein Zerwürfnis mit 
dem Gatten schließen, das die allernächst Stehenden nicht erkennen 
konnten, das aber drei Viertel Jahre nachher zutage trat. Die durch 
Deutung oder Analyse erschlossenen Erlebnisse, sogar solche aus der 
Jugend, werden oft von objektiven Zeugen als wirklich erhärtet, und 



Die Psychanalyse Freuds. 659 

Riklin hat, wie erwähnt, einen Teil des Erschlossenen sogar in gericht- 
lichen Akten festgelegt gefunden. Auch bei der Dementia praecox 
lassen sich viele der durch Analyse herausgebrachten Ereignisse und 
Komplexe verifizieren. Bei einem beträchtlichen Teil allerdings muß 
man sich mit den Erzählungen des Patienten selbst begnügen. Da kann 
nun einmal ein Fehler mit unterlaufen; aber gewiß nicht häufig, wenn 
man vorsichtig ist. Gerade bei einer Analyse wird es meist so leicht, 
die unvollständig ausgebauten Wahngebilde von der Wirklichkeit zu 
untersuchen. Aber wenn auch von vielen hundert Ergebnissen einmal 
eines nicht ganz der Wirklichkeit entspräche, was würde das an der 
Richtigkeit des Prini,ips ändern? Leidet kein Schizophrene an Kopfweh, 
weil es mögUch ist — ja gewiß vorkommt — daß einer den Arzt fälsch- 
Uch überredet, er habe Kopfweh? Keine Erkenntnis innerhalb der ver- 
schlungenen Wege der praktischen Psychologie ist unfehlbar, weil man 
nie alles kennen kar.n, was möglicherweise mitspielt. Und doch richten 
wir uns im Leben alitüglich nach psychologischer Erkenntnis — und 
in der Psychiatrie auch. Lese man doch die Krankengeschichten; was 
wird da alles den Patif.nten geglaubt; zum größten Teil mit Recht, 
zu einem anderi^ allerdings auch aus purer Sorglosigkeit. Wir haben 
aber viel weniger Anhaltspunkte, einem Patienten zu glauben, der uns 
Kopfweh angibt, und tun es doch ; und da, wo die ganze Methode den 
Untersucher zwingt auf der Hut zu sein und alle Mittel gegen eine 
Täuschung anzuwenden, da soll gar nichts erlaubt sein von dem, was 
sonst alltäglich Gültigkeit hat. So haben wir aus den Wahnideen und 
Halluzinationen eines uns vollständig unbekannten Schizophrenen auf 
die Liebe zu einer jungen Stiefmutter geschlossen. Die junge Stief- 
mutter ließ sich objektiv verifizieren wie alles, was der Patient uns 
über seine Verhältnisse angab. Er sagte uns außerdem, daß er in seine 
Stiefmutter verhebt sei; warum sollte gerade diese einzige Angabe, 
die nicht objektiv bewiesen ist, falsch sein? Unter gewöhnhchen Um- 
ständen wäre kein Arzt auf die Idee gekommen, die Richtigkeit zu 
bezweifeln. Weil aber die Tatsache zunächst durch Psychanalyse, d. h. 
durch Deutung von Wahnideen (Vater habe sich den Hals abgeschnitten 
usw.) erschlossen worden ist, und man die Richtigkeit der psych- 
analytischen Schlüsse anficht, überträgt man den Zweifel auf die Tat- 
sache. Mit anderen Worten: Eine sonst ganz unverdächtige 
Mitteilung des Patienten wird angezweifelt, nur weil ihr 
Inhalt außer durch seine Aussage auch noch durch die 
Psychanalyse konstatierbar ist. Logisch ist das nicht, aber die 
Einwendungen unserer Skeptiker gehen diesen Weg. 



660 E. Bleuler. 

In vielen Fällen aber haben wir es mit Gesunden zu tun. Die 
Ärzte des Burghölzli haben einander nicht nur die Traume ausgelegt, 
wir haben jahrelang auf jedes Komplexzeichen aufgepaßt, das gegeben 
wurde: Versprechen, Verschreiben, ein Wort über die Linie schreiben, 
symbolische Handlungen, unbewußte Melodien summen, Vergessen 
usw. Auf diese Weise haben wir einander kennen gelernt, bekamen 
gegenseitig ein einheitliches Bild von unserem Charakter und unseren 
bewußten und unbewußten Strebungen und man war ehrlich genug, 
die richtigen ,, Deutungen" als solche anzuerkennen. Da gibt es im 
Laufe weniger Jahre viele Hunderte von verifizierten Einzelfällen. 

In jeder andern Kontroverse könnte ich mich eigentlich mit 
diesem Beweise begnügen; denn es gibt keinen besseren Anhaltspunkt 
für die Richtigkeit einer Theorie als die Möglichkeit, aus ihr auf Tat- 
sächliches zu schließen, dessen Existenz sich nachher erweisen läßt. 
Hier wird es nicht angehen, da man ganz andere Anforderungen stellt 
als sonst. Auch ist es gut einmal zu zeigen, was alles unsere Kritiker 
nicht wissen wollen. 

Ein weiterer Beweis der Richtigkeit der Voraussetzungen liegt 
in der Menge und annähernden Vollständigkeit von zusammengehörigen, 
sonst unverständlichen Tatsachen, die sie dem Verständnisse zugänglich 
machen. Jungs B. S. war 20 Jahre lang ihren vielen Ärzten ein 
Rätsel oder ein Beispiel vollständiger Verwirrtheit. Die Psychanalyse 
zeigte den logischen, respektive affektiven Zusammenhang des ganzen 
Kunterbunts^). 

Wie in diesem speziellen Falle werden die Wahnideen der De- 
mentia praecox überhaupt verständlich, und nicht nur das : nach genau 
den gleichen Gesetzen erklären sich die Träume, die mythologische 
S5''mbolik, vieles in der Sage, im Märchen und in der Dichtung. Die 
einzelnen Tatsachen sind, wenn auch unter einen einheithchen Begriff 
zu subsumieren, doch sehr verschiedenartig; es ist nicht eine Wieder- 
holung des Gleichen; auf unzählbare Vorkommnisse mannigfachster 
Art im Leben des Einzelnen wie der Gesamtheit wird Licht geworfen. 

Auf diese Weise werden in der Wissenschaft meistens die Hypo- 
thesen verifiziert. Je mehr verschiedene Vorkommnisse eine Hypo- 
these erklärt, je weniger dazu gehörige Dinge sie unerklärt läßt, um so 
größeren Wahrheitswert hat sie. Die Kopernikanische Hypothese von 

') Einzelne Kritiker meinen, die Patientin habe die benutzten Antworten 
nur einmal gegeben und nur einem Untersucher. In Wirklichkeit sagte sie 
das jedem beliebigen, sooft man wollte. 



Die Psychenalyse Freuds. 661 

der Bewegung der Erde um die Sonne erklärt so restlos alle Erschei- 
nungen, die man damit in Zusammenhang bringen muß, daß sie 
selten mehr jemand anzugreifen wagt. Die Darwinsche Theorie läßt 
noch recht viele Fragen ungelöst ; sie ist deswegen von Modifikanten 
und Ungläubigen noch viel bekämpft^). Bei den Freudschen Theorien 
über die Symbolik kennt man bis jetzt keine Lücken oder gar Wider- 
sprüche, die gegen die Anwendbarkeit des Prinzips sprechen würden. 

So wird auch in dieser Beziehung in keiner Weise anders ge- 
schlossen als in jedem andern Falle, da man eine Hypothese begründet. 
Ich kann deshalb Isserlin einfach nicht verstehen, wenn er schreibt: 
,,Der Hinweis auf die Unwahrscheinlichkeit, daß, was so vollständig 
aufzudecken und zu erklären scheine, nicht auch durch reelle Hinter- 
gründe gestützt sein soUte, ist so recht ein Argumentum ad hominem. 
Hier stützt eben ein Gutdünken das andere*)." Das kann man auf 
jede Theorie anwenden. Wenn eine zusammenhängende Reihe von 
Tatsachen durch das ursprüngliche Gutdünken (im gewöhnlichen 
Sprachgebrauche „Hypothese") erklärt wird, so verliert eben die 
Supposition ihren ursprünglichen Charakter als Gutdünken und be- 
kommt einen Wahrscheinlichkeitswert, der sich je nach der Zahl er- 
klärter Tatsachen dem Wahrheitswerte zwar asymptotisch, aber doch 
so weit nähern kann, daß die Hypothese allgemein angenommen wird. 

Oder meint der Autor vielleicht, man könne beliebige Dinge 
nach Freudschen Prinzipien deuten; dann kennt er eben die ganze 
Deutungsarbeit nicht. Weygandt gibt ein hübsches Beispiel dieser 
Auffassung'): Eine Frau hat ihren Mann beim Kohlendiebstahl unter- 
stützt und ist in der Untersuchungshaft an hysterischen Symptomen 
erkrankt. ,,Nach Freudscher Deutekunst würde hier, wo der zu- 
grunde liegende Komplex der Störungen doch offenbar in dem Kohlen- 
diebstahl zu suchen ist, wahrscheinHch die Lähmung in eine innere 
Beziehung zu der gleichzeitigen Festhaltung des Mannes gesetzt w^erden. 
Die halbseitigen Symptome müßten sich aus der Tatsache erklären, 
daß die Frau in Gemeinschaft mit ihrem Manne, als dessen Ehehälfte, 
die Delikte beging, das Kriechen unter das Bett würde auf die Flucht 

^) Diese Vergleiche stelle ich nicht an, um zu sagen, daß die Freudschen 
Entdeckungen jenen an Bedeutung gleich seien, sondern um an den bekanntesten 
Beispielen zu zeigen, wie verschieden die Anforderungen sind, die man uns stellen 
will, und die, die man sonst in ähnlichen Fällen stellt. 

') Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie, 1910, S. 69. 
') Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie, Band XXII, S. 294. 
Jabrbncli für psychoaualyt. u. payciopatliol, Porsohunffeii. 11. 43 



662 E. Bleuler. 

im nächtlichen Dunkel hinweisen und die Schweißausbrüche müßten 
davon herrühren, daß es sich eben um den Diebstahl eines Heizmaterials, 
der Steinkohlen, gehandelt hat." Es wird dem Autor niemand bestreiten, 
daß das ein Unsinn ist. Aber er stammt nicht aus der Freudschen 
Sekte. Der maßgebende Unterschied liegt darin, daß die Freudschen 
Deutungen im wesentlichen von den Patienten selbst gegeben werden, 
durch eine Menge von Zusammenhängen mit den Symptomen ver- 
bunden sind, und auch darin, daß sie bis zu einem gewissen Grade 
von Patient zu Patient den gleichen Typus repräsentieren. Den näm- 
lichen Irrtum begeht Weygandt, wenn er — übrigens mit anderen — 
meint, man könne dieselben Behauptungen wie von der Hysterie und 
der Dementia praecox, auch von anderen Psychosen aufstellen. Man 
kann es eben nicht, und wir schließen daraus (und übrigens auch noch 
aus andern Tatsachen), daß die Delirien bei anderen Psychosen einen 
ganz andern Ursprung haben. Wie die Tiefenmechanismen bei den 
organischen Psychosen eine durchaus untergeordnete Rolle spielen, so 
ist es auch bei einem Delirium tremens eines nicht schizophrenen Al- 
koholikers sehr selten, daß Komplexerscheinungen in den Vordergrund 
treten; ja, sie sind in den meisten Fällen gar nicht zu finden (während 
z. B. die Fieberdelirien, soweit ich sie kenne, Komplexdelirien sind). 
Warum ist unsere Erklärungskunst hier abgeprallt? Bloße Produkte 
unserer Phantasie ließen sich doch gewiß ebenso gut mit diesen Dingen 
in Verbindung bringen, wie mit den andersartigen. Aschaffenburg 
meint, in einem Falle, wo Freud das Eintauchen des Fingers in das 
Handtäschchen bei einem Mädchen als Zeichen von Onanie deutete, 
hätte das Täschchen ebenso gut den Magen vertreten können, wie 
die Vagina. Da soll er einmal den Beweis leisten. Uns sind ähnliche 
Experimente nie gelungen und wir haben es redlich versucht. Es ist 
gar nicht so leicht, die vielen Dinge, die bei der erschöpfenden Deutung 
eines Falles oder eines Traumes in Betracht kommen, alle willkürlich 
unter einen Hut zu bringen. Ich zweifle nicht, daß ein großer Dichter 
bei beschränktem Materiale auch einmal so etwas zustande bringen 
könnte ; aber wir Naturforscher dürfen uns solcher Dinge nicht vermessen, 
ohne wenigstens durch den Versuch bewiesen zu haben, daß wir so genial 
sind. Ich habe einmal die Probe gemacht und einen Traum konstruiert, in- 
dem ich durch Einstecken einer großen Nadel in ein Lexikon eine Anzahl 
Worte ausloste, diese auf Kärtchen schrieb, mischte und dann von einer 
dritten Person mit möglichst wenigen Zutaten zu einer traumartigen Ge- 
schichte zusammensetzen ließ, welche ich als meinen Traum erzählte. 



Die Psychanalyse Freuds. 663 

Dann ließ ich mich mehrere Stunden lang analysieren. Da die Kollegen 
mich genau kannten, kam natürlich auch einiges heraus, was bei mir zu- 
treffen konnte; aber keine Spur von Zusammenhang und nichts, das 
mich im Sinne eines Komplexes beschäftigte. Ein andermal erzählte 
ich einen wiikhchen Traum, mußte mich aber während der Analyse 
entfernen. Mit Hilfe meiner Frau wurde weiter geforscht, mit dem 
Erfolge, daß allerdings ein Komplex herauskam, aber einer, der teils 
meiner Frau, teils einem der Analysierenden, aber nicht mir angehörte, 
und daß von einem Zusammenhange, von einem auch nur annähernden 
Verstehenmachen des ganzen Traumes, von einer Einbeziehung der 
Einzelheiten in die Grundidee wieder keine Rede sein konnte. 

Daß nicht viel mehr solcher Kontrollversuche gemacht sind, 
empfinde ich als eine große Lücke. Nicht daß ich dächte, sie könnten 
das Wesentliche der Symbolik umstoßen. Aber es ließe sich daraus noch 
recht viel über die Assoziationsbereitschaft der Komplexe lernen ; denn 
was man uns entgegenhält, daß man von jeder Idee aus durch eine 
genügende Zahl von Assoziationen zu jedem andern Gedanken, also 
auch zu jedem beliebigen Komplexe kommen kann, ist natürlich richtig. 
Nur ist das kein Einwand, weil eben nicht behebige Zusammenhänge 
benutzt werden, sondern nur solche, die gewissen affektiven und 
logischen Bedürfnissen entsprechen. Aber die Grenzen zwischen den 
Verbindungen, die wir verwerten, und denjenigen, die irrelevant sind, 
kennen wir immerhin noch ungenügend; es ist also ein dringendes 
Bedürfnis, daß solche Versuche im großen gemacht werden; aber es 
hat nur dann einen Sinn, wenn sie von Leuten unternommen werden, 
die die Methode ganz beherrschen. 

Wenn ich nun sage, daß die Freudsche Symbolik in Wirklichkeit 
existiere, so soll damit nicht behauptet werden, daß jede einzelne 
Deutung als erwiesen zu gelten habe. Im Gegenteil, es ist z. B. bei 
einer Traumdeutung nicht möglich, alle Einzelheiten zu verifizieren, 
schon weil man sonst riskierte sein Lebensende zu erreichen, bevor 
man fertig wäre; aber auch deswegen nicht, weil mehr nebensächliclie 
Momente sich nicht immer so klar als mitbestimmend erweisen lassen 
wie die wichtigeren. Man kann also eine Anzahl der Determinierungen 
nur als hypothetische bezeichnen. So werden falsche Annahmen in 
den Details nicht ganz zu vermeiden sein. Sogar in den wichtigen 
Dingen kann man sich täuschen, aber nur dann, wenn man eine 
genaue Analyse unterläßt. Auch wird der Anfänger natürlich Lehrgeld 
zahlen müssen. 

43* 



664 E. Bleuler. 

Immerhin sind auch, dann, wenn man sich auf sein Flair verläßt, 
die Dinge gar nicht so willkürlich, wie der Unerfahrene sich vorstellt. 
Es wiederholen sich ja von Mensch zu Mensch immer wieder die gleichen 
Symbolismen, ebenso wie in den Wahnideen immer der gleiche Inhalt 
wiederkehrt. Der Grundzüge der Komplexe sind wenige; sie sind fast 
Btereotjrp. Wer also Übung hat, wird sich auch dann gar nicht soviel 
täuschen, wenn er sich aufs Raten verläßt, kann doch der gewiegte 
innere Kliniker auch ohne genauere Untersuchung in vielen Fällen 
gleich sagen, ob es sich um eine Pneumonie oder einen Typhus handelt. 
Wenn man einmal etwas Erfahrung hat, findet man die Vermutungen, 
die man z. B. bei der Dementia praecox meist gleich im Beginne der 
Beobachtung aus den Symptomen erschließt, nachher zum großen 
Teil bestätigt. Es ist deshalb manches flüchtig Erschlossene gar nicht 
so selbstverständlicher Unsinn, wie man es hinzustellen beliebt. Nehmen 
wir z. B. an, daß ein großer Teil der von Stekel mitgeteilten Analysen 
nicht besser begründet seien, als aus seinen (in Wirklichkeit gewiß 
unvollständigen) Mitteilungen hervorgeht, so folgt daraus noch lange 
nicht, daß sie alle falsch seien. Sie entsprechen vielmehr so sehr den 
Erfahrungen, daß ein großer Teil davon richtig sein muß. Man hat 
sich auch lustig gemacht über meine mehr als Illustration der Konstanz 
wie als praktische Anregimg gemeinte Äußerung, man könnte ein 
Lexikon anlegen, das über die Bedeutung der einzelnen Symbole 
orientieren würde, und über den Stekelschen Versuch, den Anfang 
zu einem solchen Verzeichnisse wirklich zu machen. Wer nur einige 
hundert Male das gleiche Symbol in der gleichen Bedeutung gesehen 
hat, der muß anders davon reden. Aber es ist selbstverständlich 

1. daß jetzt, wo man erst angefangen hat, auf diese Dinge zu 
achten, noch lange nicht alles bekannt sein kann, und 

2. daß ein Symbol, das viele Male immer die gleiche Bedeutung 
hatte, einmal bei einer weniger gewöhnlichen Konstellation eine andere 
haben kann. 

Kann man die Träume der gleichen Person längere Zeit verfolgen, 
Bo findet man oft alle Übergänge vom einfach ausgedrückten Wunsche 
durch leichte Verschleierung bis zu dunkelster Symbolik. In manchen 
Fällen macht es den Eindruck, daß gerade das Aufdecken eines Kom- 
plexes die stärkere Verhüllung befördere. Man sieht dann die Deutlich- 
keit der Komplexe von Traum zu Traum im Verhältnisse zu den Auf- 
klärungen abnehmen. Bei einem Mädchen in der Pubertät, von dem 
ich mir die Träume ohne Analyse und ohne jede Bemerkungen meiner- 



Die Psychanalyse Freuds, 665 

seits aufsckreiben ließ, konnte ich während des Überganges vom Mädchen 
zur Jungfrau sehr hübsch verfolgen, wie die zuerst sehr durchsichtigen 
erotischen und mütterlichen Triebe sieh immer mehr versteckten, so 
daß nach etwa zwei Jahren ohne Analyse nicht mehr viel aus den 
Träumen zu lesen war. » 

Bei der Schizophrenie ist es etwas gar nicht Seltenes, daß die 
Patienten, ohne von Freud etwas zu wissen, die Deutungen der Träume 
selber geben, und zwar haben wir bis jetzt dabei noch nie etwas erlebt, 
was nicht bis aufs kleinste Detail mit den Freudschen Deutungen 
zusammenfiel. Es gehörte ein merkwürdiger Mut dazu, das Zufall zu 
nennen. Die Erscheinung ist so häufig, daß einer unserer Kollegen die 
gar nicht unbegründete Vermutung aussprach, man könnte sie differen- 
tialdiagnostisch verwerten: wenn ein Patient mühelos seine Träume 
von sich aus deuten könne, so handle es sich immer um eine Dementia 
praecox, auch wenn sonst keine sicheren Zeichen der Krankheit zu 
finden seien. Wer weiß, wie sich bei der Schizophrenie die Grenzen 
von bewußt und unbewußt verwischen, dem sagt das nichts Auffallendes ; 
registriert doch der delirierende oder dämmerige Schizophrene meist 
die wirklichen Ereignisse ganz deutlich neben den ihnen widersprechen- 
den erträumten. So braucht es auch bei den den Träumen durchaus 
ähnlichen Halluzinationen und Wahnbildungen des schizophrenen 
Wachens sehr oft keine Deutung von selten des Arztes. Man muß nur 
die Patienten reden machen und geduldig abhören, dann werden sie 
oft den Zusammenhang zwischen Symbol und Komplex selber geben. 
Es ist nichts Außergewöhnliches, daß Jungs Paranoide B. S. auf 
die einfache Nennung ihrer „Kunstausdrücke" die Erklärung gab. 
Besäßen unsere Kritiker' etwas eigene Erfahrung, so hätte ihnen 
eine einzige solche Beobachtung erspart, uns ungerechtfertigterweise 
Deutekünstelei vorzuwerfen; wir reproduzieren meist nur in kürzeren 
Worten, was die Patienten uns gegeben. Die Vermutungen, die man 
sich etwa zu Beginne der Analyse bUdet, lassen sich, wenn man über 
haupt die Untersuchung fortsetzen kann, regelmäßig durch die weiteren 
Ergebnisse als richtig oder als falsch erweisen. Daraus mag man er- 
sehen, daß die Autosuggestion des Arztes doch wenigstens nicht die 
EoUe spielt, die man ihr zuschreibt. 

Schwieriger ist es, sich vor den Suggestionswirkungen der 
nervösen Patienten und namenthch vor ihrer Autosuggestion zu 
schützen — aber keineswegs unmöglich. Daß wir aber allen unseren Hun- 
derten von Schizophrenen die Antworten suggeriert hätten, kann 
4 3 



666 E. Bleuler. 

niemand im Ernste behaupten, der den abnormen Widerstand der 
Dementia praecox gegen direkte Fremdsuggestion kennt. 

So weisen denn auch die Kranken falsche Vermutungen meist 
sehr bestimmt ab, teils durch Mangel an Reaktion, teils durch offenen 
Widerspruch und man kann den letzteren meist ganz gut unterscheiden 
von der Abweisung a limine, die bei Gesunden und Kranken auch 
richtige Deutungen im ersten Momente zu erfahren pflegen; beschreiben 
läßt sich allerdings der enorme Unterschied im Tone bei den beiden 
versclüedenen Arten von Widerspruch nicht. 

Wer übrigens sich selbst hat analysieren lassen, der kennt den 
Unterschied zwischen einer richtigen Auslegung und einer falschen 
sehr bald. Die richtige trifft bestimmte Gefühle in der Weise, daß es 
unmöglich ist zu zweifeln; der Gefühlston gibt der Auslegung eine 
subjektive unmittelbare Sicherheit. Deswegen wird der Ausdruck, den 
wir hier für diese Erscheinung brauchen, ,,die Deutung schlägt ein". 
von den meisten gleich verstanden. Natürlich gibt es aber noch viele 
andere Zusammenhänge zwischen der richtigen Deutung und dem 
Gedeuteten, so z. B. die häufige Gleichheit der affektiven Betonung usw. 

Wie die Entstehung der Symbole kann man oft auch die V e r- 
legungsn von sexuellen Stereotypien und Halluzinationen direkt 
beobachten. Bei zwei katatonischen Frauen habe ich gesehen, wie im 
Laufe von einigen Wochen die ursprünglichen Koitusbewegungen 
schheßlich in Bewegungen des Kopfes verwandelt wurden, indem sie 
immer weiter hinaufrückten; bei einem männlichen Patienten habe 
ich im Verlaufe von mehr als einem Jahre die stereotypen Bewegungen 
der Hand, die zuerst in der Nähe der Genitalien nach der Aussage des 
Patienten selbst Onaniebewegungen symbolisierten, zum Munde hinauf- 
rücken sehen. Oft allerdings wird die Verlegung auch sonst ganz klar, 
so in zwei Fällen, wo dreijährige Kinder von dem ,,dick gewordenen 
Köpfchen" der graviden Mutter sprachen, in einem Falle wo ein 
Knabe ungefähr des nämlichen Alters, der die Genitalien eines Er- 
wachsenen gesehen hatte, auf die Magengegend deutete, als er fragte, 
ob denn alle Männer ,,da einen so großen Muggel haben". Wenn, wie 
so oft, die Wahnkinder durch den Mund geboren werden^), so muß 

'^) Die Märchenkinder werden oft auch durch den Mund (durch die Nahrung) 
gezeugt (vgl. Ei kl in, Wunscherfüllung oder Symbolik im Märchen. Leipzig und 
Wien, Deu ticke, 1908.) In einem Traume der Pubertätszeit forderte mich ein 
Mädchen zum „Essen" auf und erklärte die Bedeutung des Wortes auf meine 
Fragen als „Küssen". Ich habe aber damals schon das Wort für einen Euphe- 
mismus gehalten. 



Die PsyclianalyBe Freuds. 667 

doch der Mvmd eine andere Öffnung vertreten; daß es sich aber um 
eine wirkliche Verlegung des Geburtsorganes und nicht um eine andere 
Vorstellung über die Physiologie der Schwangerschaft und der Geburt 
handelt, kann man oft daraus ersehen, daß auf einmal statt des Mundes 
in genau der gleichen Bedeutung die Vagina („der Unterleib") genannt 
wird. Überhaupt erscheinen viele Verlegungen nur als Verlegenheits- 
aasdrücke und nicht als veränderte Vorstellung, etwa wie das alte 
Testament statt des Genitale die Lenden nennt: oft lokalisieren die 
Patienten gewisse Körperhalluzinationen zunächst in den Kopf oder 
die Brust, wenn man aber etwas intimer geworden ist, werden di:- 
gleichen Empfindungen glatt dem Genitale zugeschrieben. Daß aucli 
ganz unregelmäßig Verlegung und ursprüngliche Lokalisation wechseln 
kann, ist bei der Psychologie der Schizophrenie selbstverständlich. 

Eiji besonders wichtiges Hilfsmittel der Analyse und der Kon- 
trolle bietet die Beachtung der Mimiki). Es gibt allerdings noch viele 
Leute, die theoretisch und bewußt diese Dinge kaum beobachten und 
gar nicht verwerten können, obgleich im praktischen Leben jedermann 
von Kindheit auf nicht nur auf die Worte und Handlungen, sondern 
ebenso gut auf die Mimik und den Ton der Stimme in sicherer und höchst 
feiner Weise reagiert. Mit Säuglingen und unseren Haustieren verkehren 
wir in Wirklichkeit nur wenig mit Worten, vielmehr durch das Mittel 
des Tones und der anderen mimischen Äußerungen, Daß diese Dinge 
unmöglich zu beschreiben sind, ist das größte Hindernis der Geltend- 
machung unseres Standpunktes. Da hilft eben das Lesen von Be- 
schreibungen nicht, sondern nur das Selbersehen^). Man kann mit 

') Mimik im weitesten Sinne. Außer den statischen und dynamischen 
Vor inderungen in den beweglichen Teilen des Gesichtes gehören auch die des 
Rumpfes und der Glieder hinzu, wobei z. B. die Mimik der Füße gar nicht weniger 
wichtig ist, als die der Hände. Erröten, Erblassen, Zittern, Tränen, Atmungs- 
veränderungen, Änderung der Stimme, Bewegungen und Haltungen von allen 
äußeren Körperteilen, alle.s das muß beachtet werden. Wichtig ist außerdem der 
Eintritt oder die Lösung von Sperrungen, von Stupor; das Verstummen, während 
die Finger den Stuhl bearbeiten; Drüberwegreden; Änderungen in der Ausdrucks- 
wei.?e; plötzliches Einsetzen oder umgekehrt Aufgeben eines besonderen Jargons 
oder Übergehen in eine manirierte Redeform; Eintritt stereotyper Bewegungen 
usw., usw. 

=) Könnte nicht darin u. a. eine Erklärung für den von Hoche hervor- 
gehobenen Umstand liegen, daß man als Skeptiker hingeht, um die Psychanalyse 
bei einem, der sie versteht, zu studieren, und als Anhänger zurückkommt. Jeden- 
falls liegt eine solche Erklärung näher als die Hochesche durch die suggestive 
Kraft dieser Forscher. 



668 E. Bleuler. 

dem Worte „ja" in bestimmter Betonung ebenso sicher „nein" sagen 
wie mit dem Worte „nein" und umgekehrt. Eine rasche „Obenhin- 
Antwort" beweist, daß man bewußt oder unbewußt Grund hat, ab- 
zulehnen, ohne zu überlegen; ein gewisser für jeden Zuschauer ver- 
ständlicher Ausdruck des Gesichtes bei anscheinend indifferenten 
Bemerkungen beweist mit Sicherheit, daß hinter diesen ein erotischer 
Komplex steckt usw. Alle diese Dinge haben im Verkehre der (gesunden) 
Menschen unter sich eine enorme Bedeutung und werden von jeder- 
mann richtig verstanden; nur die Psychopathologie ignoriert sie 
geflissentlich. 

Wer sich auf Kunst versteht, kann vielleicht nachfühlen, worauf 
es ankommt. Die Kopie eines Gemäldes kann so genau sein, daß man 
die Unterschiede physikalisch durch Größen- und Farbenmessung 
kaum heratisfindet; sie kann uns aber doch einen ganz andern Eindruck 
machen als das Original. Ein Musiker, ein Sänger kann die Technik 
bis zur Vollendung beherrschen und doch wirkungslos bleiben, ohne 
daß man in verständlicher Weise sagen kann, was ihm fehlt; wenn 
man von „mangelnder Empfindung" spricht, so beschreibt man die 
Wirkung und nicht die verursachenden Töne. 

Auch solche feine Unterschiede sind für uns wichtig. Die Be- 
schreibung scheitert aber bereits bei der Feststellung viel gröberer 
Dinge schon deswegen, weil nur endlose Abhandlungen der Kom- 
pliziertheit dessen, was man beobachtet, gerecht werden könnten. Wer 
will Änderungen der Haltung, des Blickes, der Mundform, der Be- 
wegungen der Hände und Füße bei jedem Worte, das der Kranke 
spricht, zu Papier bringen? Wir können im allerhöchsten FaU etwa 
soviel Anhaltspunkte zur psychologischen Beurteilung geben wie ein 
geschriebene Drama, aus dem die Darsteller manchmal ungefähr das 
Gegenteil machen von dem, was der Dichter beabsichtigte. 

Auch ein Stenogramm würde niemals alles Wichtige, dafür aber 
sehr häufig ganz Falsches sagen. Ein ,,ja" kann eben nicht nur je 
nach der Betonung bejahen oder verneinen, noch häufiger heißt es 
etwa: „ich weiß es nicht recht, will aber annehmen, daß Sie recht 
haben" und ähnliches. Ein Lob kann je nach der Betonung einen Tadel 
bedeuten und umgekehrt. In aU diesen Fällen kann die schriftliche 
Reproduktion nicht einmal den ungefähren Sinn des Gesagten wieder- 
geben. Die Worte sind beim Kranken noch viel häufiger als beim 
Gesunden nur das gleichgültige Material, das aus Gründen zufälliger 
Konstellation Verwendung findet, während das, was der Patient aus- 



Die Psychanalyse Freuds. 669 

drückt — icli sage mit Bewußtsein nicht: „das, was der Patient aus- 
drücken will" — durcli den Tonfall und durcli die Mimik und alles, 
was drum und dran Längt, gegeben wird. Die gleicke Antwort, die 
der Kranke in Worten gibt, kann er auch durch ein Grunzen, ein 
Achselzucken, ein schnelleres Atmen geben; solche Äußerungen aind 
oft gerade das Wesentlichste der Reaktion; ob Worte dazu kommen 
und welche, ist dann ganz Nebensache. Natürlich gilt dies nicht nur 
da, wo es sich um „ja" und „nein" handelt, sondern noch vielmehr 
ist der Tonfall und die Mimik da maßgebend, wo Nuancen der Be- 
stimmtheit oder sonst eines Grades ausgedrückt werden müssen. Das 
letztere ist übrigens aus der alltäglichen Erfahrung bei Gesunden schon 
besser bekannt. Bei Kranken, namentlich bei Schizophrenen, muß man 
noch sorgfältiger beobachten; so oft antworten sie in den Tag hinein; 
bei der Untersuchung ist oft nur ein kleiner Prozentsatz der Gegen- 
reden als wirkliche Antwort zu taxieren; alles andere, was der Patient 
uns bietet, sind Worte, die für ihn keinen Sinn oder keinen direkten 
Zusammenhang mit der Frage haben, und von uns, wenn überhaupt, 
dann in ganz anderer Richtung zu verwerten sind wie als Antworten 
auf unsere Frage. Der geübte Untersucher merkt dieses In-den-Tag- 
hinein-antworten meist rasch und geht darüber weg. Die wirklichen 
Antworten haben andern Ton und sind, wenn es sich um die ver- 
senkten gefühlsbetonten Komplexe handelt, meist von deutlichen 
Zeichen eines Affektes begleitet. 

Wenn eine Patientin sich beklagt, der Arzt steche sie in die Seite, 
und dabei mit der Hand jedesmal die Genitalgegend berührt, so kann 
man das zur Not noch beschreiben, wenn wir auch gewiß hier schon 
auf Ungläubige stoßen mit unserer Auffassung, daß diesmal ,, Seite" 
die Genitalien bedeute oder ursprünglich bedeutet habe. Wenn aber 
die Patientin gefragt wird, ob die Stiche nicht auch im Unterleibe zu 
spüren seien, und man läßt die Antwort drucken: „natürlich spüre 
ich sie beständig im ünterleibe", so braucht kein Leser zu glauben, 
daß das nicht eine bloße Gefälligkeitsantwort oder eine suggerierte 
Antwort auf eine Suggestivfrage sei. Wer aber gehört hat, mit welcher 
erlösenden Explosion die Kranke diese Worte ausgestoßen hat, der 
zweifelt niemals, daß die Verlegung in die Seite nur ein bewußter oder 
unbewußter Euphemismus war^). Meist hat allerdings das erotische 
Gesicht des Patienten gleich von Anfang an gezeigt, worum es sich 
handelt. 



*) Um nicht Gelegenheit zu neuen Angriffen zu geben, möchte ich noch 

4 3 * 



670 E. Bleuler. 

So kann nur der, der dabei gewesen, ein Urteil haben, ob die 
Beobachtungen und die daraus gezogenen Schlüsse richtig sind. Alles 
beschreiben wollen, ist verlorene Liebesmühe. Ich habe ein Jahr lang 
die Untersuchungen nachstenographieren lassen. Kein einziges Pro- 
tokoll ist an sich konkludent, nicht nur deshalb, weil die Stenographie 
nicht alles Nötige wiedergeben kann, sondern weil sie zu oft gerade 
das, woraul es ankommt, verschweigt oder entstellt. Und da will 
man die Methode lächerlich machen, indem man einige Sätze aus 
einem publizierten Protokoll herausgreift und die Schlüsse da zusetzt, 
die der Beobachter gezogen hat. 

In der Technik der Untersuchung ist noch folgendes wichtig: 
Wenn man alle die Gedankeninhalte nimmt, die beim nämlichen 
Kranken die gleiche mimische Reaktion erzeugen, so bilden dieselben 
ein logisch zusammenhängendes Ganzes. Eine gewisse Mimik oder eine 
bestimmte Manier zu sprechen, kommt z. B. immer zum Vorscheine, 
wenn von einem früheren Geliebten einer Patientin gesprochen wird.. 
eine andere, wenn man von ihrem Manne spricht, oder die Idee des 
Mannes nur andeutet. Man kann somit manchmal experimentell 
an der Hand der Mimik feststellen, was alles zum Komplexe gehört 
und was nicht, und kann im Verlaufe der Beobachtung die Beweise 
beliebig vermehren. Ein Fehlen der Reaktion erlaubt allerdings 
höchstens dann einen negativen Schluß, wenn der Patient deutlich 
auf die gebotene Idee eingeht. 

Wie die affektiven, geben oft auch die intellektuellen Assoziationen 
bestimmte Aufschlüsse über die Zusammenhänge der verschiedensten 
Art. Wenn eine Patientin an die Idee des Feuers, von dem sie oft spricht, 
mehrfach genau die gleichen Gedanken knüpft wie an die ihres Lieb- 
habers, so muß ein Zusammenhang zwischen beiden sein. Wenn eine 
andere an die Idee des Geliebten und an die Christi, und nur an diese 
beiden, immer die gleichen Assoziationen — sinnvolle oder sinnlose — 
bringt, in welchem Zusammenhange ihr auch die Idee geboten werde, 
so ist eine enge Beziehung der beiden Persönlichkeiten natürlich sicher. 
Ja, wenn etwa der liebe Gott karrierte Hosen anhat, einen blonden 
Schnurrbart trägt und sächsischen Dialekt spricht, ganz wie der Geliebte 
der Kranken, so ist doch gewiß schon durch diese Tatsache der 
Wahrscheinlichkeitsschluß auf eine ,, Identifikation" der beiden Träger 

erwähnt haben, daß solche Suggestivfragen bei unseren grundlegenden Unter - 
.suchungen nach Möglichkeit vermieden worden sind, so daß sich daraus keine 
Täuschungen erklären lassen. 



Die Psychanalyse Freuds. 671 

der Eigentümlichkeiten rechtfertigt. Und wenn dann die Patientin 
in anderen Zusammenhängen als Braut und als die Frau Gottes 
auftritt, so wird es immer schwerer, vernünftige Einwendungen gegen 
diese.s Deutekunststückchen zu machen. 

Man sieht, es ist doch recht viel Tatsächliches, aus dem die 
Freudschen Zusammenhänge deduziert werden, und die Sperrungen, 
auf die schließlich alles herauskommen soll, sind ein recht kleiner und 
ein ganz entbehrlicher Teil der Grundlagen unserer Schlüsse. 
Wer von all dem etwas gesehen oder gehört hat, kann vielleicht doch 
auf die Idee kommen, es sei besser, zuerst im Zystoskop zu sehen, ob 
die Theorien, die man sich über das unbekannte Instrument gemacht 
habe, richtig seien, als seiner im Ungewissen aufgebauten Theorie 
blindlings zu vertrauen. 

Aber auch das bis jetzt Angeführte ist noch lange nicht allef*. 
Jede einzelne Tatsache für sich kann allerdings dem Erfahrenen An- 
haltspunkt zu einem ziemlich sicheren Schlüsse werden, aber nicht zu 
einem absolut sicheren. Sicherheit bekommen wir erst durch den 
Zusammenhang der verschiedensten Tatsachen. In dieser Beziehung 
ist nun folgendes zu konstatieren: 

1. Die verschiedensten Anhaltspunkte ergeben oft die nämliche 
Deutung. Mimik, Assoziationen, Stereotypien, logischer und affektiver 
Zusammenhang, Träume, Wahnideen, Halluzinationen der nämlichen 
Person weisen auf eben denselben Punkt. 

2. Verschiedene Beobachter finden bei den nämlichen Patienten 
Identisches. 

3. Die gewonnenen Regeln und Gesichtspunkte finden in den 
verschiedensten Fällen und unter den verschiedensten Umständen auf 
ähnliche Erscheinungen ihre Anwendung, aber nur auf ähnliche Er- 
scheinungen: Während die organischen und alkoholischen Geistes- 
krankheiten sowie das manisch-depressive Irresein nur in Neben- 
symptomen Freudsche Zusammenhänge aufweisen, finden wir diese 
im Wach- und Schlaf träume des Gesunden, in der Symptomatologie 
der nervösen Krankheiten und der Schizophrenie, im Mythus, in der 
Dichtung. 

4. Der psychologische Zusammenhang, der weiter unten noch 
besprochen werden soll, wird zeigen, daß die Fre udschen Mechanismen 
nichts Besonderes sind, sondern daß ihre Bedingungen überall in der 
Psyche wirksam sind, so daß man geradezu aus der Kenntnis der nor- 
malen Psyche ableiten kann, daß solche Dinge vorkommen müssen. 



672 E, Bleuler. 

gerade wie Griesinger vermutete, daß wir die Delirien verstehen 
könnten, wenn wir es unterließen, die Anforderungen des bewußten 
Denkens an sie zu stellen. 

Punkt 3 bedarf noch einiger Ergänzung. Die Mythologie benutzt 
genau die gleichen Symbolismen wie der Traum und die Krankheit. Und 
zwar ist das nicht eine Behauptung bloß der Freud sehen Schule, sondern 
einzelne Forscher haben das schon lange vor Freud gewußt. Vergleiche 
Abraham: Traum imd Mythus, Leipzig imd Wien, Deuticke, 1909. 

In der Dichtung finden wir viele Freudsche Symbolisierungen. Es 
ist mir bei zwei für Poesie empfänglichen Backfischen aufgefallen, daß 
sie Ottegebens Worte am Schlüsse von Gerhard Hauptmanns „Armem Hein- 
rich": „nun sterb ich doch den süßen Tod" besonders schön fanden. Es 
stellte sich heraus, daß sie sich hinter diesem anscheinend so rätselhaften 
Spruche gar nichts suchen mußten. Die Worte drückten ihnen das aus, 
was man unter solchen Umständen fühlt. Daß es sich um einen symbolischen 
Ausdruck handelte, der durch das Bild des Todes die Liebe ausdrückt, 
kam ihnen gar nicht zimi Bewußtsein. Man lese ferner einmal Mörikes 
Gedicht: „Erstes Liebeslied eines Mädchens" einem beliebigen Publikum 
vor und man wird bemerken, daß trotz des „süßen Aals" alles nicht nur 
richtig verstanden wird, sondern den Weg zu den Gefühlen gerade deshalb 
ganz direkt findet, weil die süße Unheindichkeit der ersten Liebe in solch 
affektiven Begriffen geschildert wird. 

Sogar für die Traumsymbohk existiert bis zu einem gewissen Grad 
ein natürliches Verständnis. Einen von Jung in amtlichem Auftrage 
untersuchten Traimi eines kleinen Mädchens, dessen Folgen viel Staub 
aufgeworfen haben, hat die ganze Schuljugend instinktiv tmd ohne zu 
denken, daß es auch anders sein könnte, als Symbol eines sexuellen Ver- 
hältnisses der Träumerin zum Lehrer aufgefaßt. Das nämliche, was von 
Freud durch Deutung oder Auslegung herausgebracht wird, erschien 
dem naiven Bewußtsein als direkt ausgedrückt, nur vergriff sich die 
Skandalsucht der Kleinen imd Großen insofern, als der Wunsch für Wirk- 
lichkeit gehalten wurde. 

In der Dichtung ist noch eine andere Seite wichtig: die Komplexe 
der Dichter selbst. Alle guten Dichtungen kommen axis den Komplexen 
heraus^). Es wäre eine hochinteressante Arbeit, diese Zusammenhänge bei 
den einzelnen größeren Dichtem zu verfolgen. 

In der Sage, der Tradition überhaupt, sind die Komplexe nicht nur 
insofern beteiligt, als sie die Mythen schaffen und verändern, sondern auch 
insofern, als sie bestimmen, was für Material von der Überlieferung erhalten 
und welches fallen gelassen wird. 

Betrachtet man die Deutungen an sich, ohne den Zusammenhang 
mit den Komplexzeichen, so kann man sie in bezug auf ihre Sicherheit 

*) Vgl. die Andeutungen in Bleuler, Freudsohe Mechaniamen in der 
Symptomatologie von Psychosen. Psych. -neur. Wochenschrift, 1906, Nr. 35/6. 



Die Psychanalyse Freuds. 673 

mit der Entzifferung einer unbekannten Schrift vergleichen. Solange 
nur einzelne Wörter gelesen werden, handelt es sich um Vermutungen. 
Bin einzelnes Wort kann „Scheide" bedeuten, wie man probeweise 
annimmt, aber ebensogut „Magen". Können wir aber die Chiffern 
widerspruchslos nur eine einzige Periode sagen lassen, so hören bereits 
alle vernünftigen Zweifel auf, und wenn wir eine Seite sinnvoU lesen 
können, nehmen wir ruhig einige Schreibfehler in den Kauf, ohne nur 
daran zu denken, die entzifferte erotische Anekdote könnte in Wirk- 
lichkeit eine Abhandlung über Verdauungsstörungen sein. Wenn dann 
noch verschiedene Forscher, unter verschiedenen Umständen und bei 
verschiedenen Untersuchungsmethoden immer wieder auf das nämliche 
Alphabet stoßen,so gewinnt die Deutung nicht nur soviel Sicherheit, 
wie überhaupt eine Hypothese je bekomimt, sondern eine größere, d. h. 
sie verliert den Charakter als Hypothese. 

Nicht leicht ist es, sich vorzustellen, wie die Symbolik eigentlich 
gedacht wird. Sehr wahrscheinlich ganz verschieden. Von der offenen 
Wortverschiebung, die den Penis Bohrer nennt, bis zur vollständigen 
Verschleierung vor dem Bewußtsein, die ein anständiges Mädchen bei 
der unpassendsten Gelegenheit in unbefangener Weise ihre sexuellen 
Wünsche in Symbolen ausdrücken läßt, gibt es wohl alle Übergänge. 
Die sexuellen Beziehungen, die sich auch bei der gleichgültigsten 
Begegnung mit einer Person des andern Geschlechtes gewöhnlich 
einstellen, kann man allerdings in fast beliebigen Worten durch den 
Ton und die Mimik ausdrücken, so daß man auf der andern Seite — 
zwar nicht immer mit dem Verstände, aber unfehlbar mit dem Ge- 
fühle — verstanden wird. Immerhin ist es die Regel, daß man ebenfalls 
die Worte und die Themata so wählt, daß auch sie irgendwie das gleiche 
ausdrücken. Auf diese Weise wird man in allen möglichen feinen und 
unfeinen Gesellschaften in irgend einer Richtung animiert. Wer zu 
beobachten versteht, kann das alle Tage konstatieren. 

In den Tramwagen steigt ein erwachsenes Mädchen mit einem 
Kätzchen auf dem Arme. Natürlich bildet das Tierchen sofort den Gegen- 
stand der Unterhaltung, die inhaltlich ganz gleichgültig scheint, nur einmal 
darauf hinzielt, daß das Mädchen auch einen Schatz haben könne, hier 
aber abbricht. Um so ausgesprochener erotisch war die ganze Stimmung 
während der zehn Minuten, da Mädchen und Katze im Wagen waren, und 
zwar bei allen anwesenden Personen ohne Ausnahme. Man spielte mit 
dem Feuer und wurde verstanden. Ähnlich, meine ich, liegt der Verständnis- 
wert des Symbols meist nicht in klaren Vorstellungen, sondern im Gefühle ; 
das Symbol ist von den gleichen Affekten begleitet, wie die von ihm be- 



674 E. Bleulev. 

zeichneten Vorstelkingen. Wenn von der Schlange oder vom Absätze 
die Rede ist, denkt man nicht klar an den Penis, aber man hat das gleiche 
Gefühl, wie wenn vom Penis gesprochen würde. Ich erinnere mich aus 
meinem achten oder neunten Jahre, wie in der Schule von Zwetschgen 
die Rede war, und einer fragte, ob auch aufgesprimgene dabei gewesen 
seien. Es wiirde kein sexuelles Wort gesprochen {obschou man sich in 
dieser Beziehung unter sich recht frei fühlte), jeder und jede der An- 
wesenden faßte aber die Frage als eine Zote auf, sie wurde in diesem 
Tone jedem neu Hinzukommenden erzählt, und von da an weiß ich, daß 
die Zwetschge ein Symbol des weiblichen Genitale ist. 

Die Therapie. 

Die meisten Angriffe auf Freud gehen mehr oder weniger bewußt 
von der Tlierapie aus. Hier kann man wirklich diskutieren. Daß 
das der psychanalytischen Behandlung zugrunde liegende Prinzip 
richtig sei, läßt sich meinem Brach tens objektiv noch nicht beweisen, aber 
auch ebensowenig das Gegenteil. Manches spricht allerdings fiir die 
,, Methode". 

Schon die erste Frage: Ist die Therapie wirksam? wagt auch 
Hoche nicht zu verneinen^). Ich selbst habe Fälle zumPsychanalytiker 
geschickt, die meiner Erfahrung nach durch eine andere Therapie 
schwerlich geheilt werden könnten, die nun aber geheilt sind. 

Man erzählt allerdings auch einige Schauergeschichten von 
Kranken, die zum Gegner des Psychanalytikers kamen und erklärten, 
daß sie trotz langer Behandlung nicht geheilt oder sogar schlimmer 
geworden seien. Xun aber wollen viele Nervöse nur behandelt, aber 
nicht geheilt sein; andere sind aus anderen Gründen unheilbar; solche 
gehen von Arzt zu Arzt und schimpfen über die frühere Behandlung, 
zunächst versteckt, dann offen, wenn sie Echo finden*). Dies ist eine 
alltägliche Erfahrung; und wenn man auf solche Dinge Gewicht legen 
wollte, könnte man auch die angesehensten Heilmethoden und ihre 
Träger alle in der gleichen Weise ,, vernichten ". Mit solchen Beweisen 
ist es überhaupt nichts und hier weniger als sonst. Wenn man auf die 
Komplexe tippt, wird ja in der Regel der Zustand schlimmer, bis alles 
heraus ist. Läuft der Patient in diesem Zustande ans der Behandlung, 
so hat er leicht schimpfen. 

') Wenn auch der Autor die Wirkungsweise ganz anders auffaßt ats 
die Psychanalytiker. 

^) Da- sind nun unsere Gegner wohl diejenigen, die sich oft von den 
Hysterischen etwas weismaclien lassen? 



Die Psj-cLanalysc Freude. 675 

Die Frage: Ist die Ps yclianalyse eine überflüssige Me- 
thode? scheint mit beantwortet, sobald nachgewiesen ist, daß man 
damit Fälle heilt, die anderen Behandlungsarten unzugänglich sind. 
Nun hat auch der ärztereichste Nervöse nicht alle Therapien und nicht 
alle Therapeuten über sich ergehen lassen, bevor er zum Psychanaly- 
tiker geht. Man kann also in jedem schwierigen Falle, der erst durch die 
Psychanalyse geheilt wird, die Ausrede haben, auf eine andere \¥eise 
wäre es auch gegangen. Das gleiche kann man aber bei Xervö?en 
gegenüber jeder andern Heilmethode sagen. Und wenn man eine Anzahl 
von vornherein recht hoffnungsloser Fälle (z. B. Zwangsideen ohne 
nervöse Erschöpfung und ohne melancholischen Zustand) hat heilen 
sehen, so möchte man gerade hier die Ausrede erst recht nicht braucLo.i. 
Ich glaube also, daß es Fälle gibt, die nur auf diese Weise zu heilen 
sind. 

Nun aber: Wie wirkt die Methode? 

Die Gegner meinen, bloß durch Suggestion und durch das Eii - 
gehen auf das Seelenleben des Patienten. Es ist selbstverständlich, 
daß sich diese Faktoren nicht nur nicht ausschließen lassen, sondern 
daß sie jeder Psychanalytiker als Unterstützungsmittel der Kur mit- 
benutzen wird, soweit er es kann. Oft aber sind die Leute der schon 
ringst angewendeten Suggestion satt. Immerhin kann man weder beim 
Arzt noch beim Patienten Suggestion je sicher ausschließen. Aber: 

1 . Die Suggestion wirkt bei dem einen in dieser Form, beim andern 
in jener. Man könnte also froh sein, eine neue v/irksame Form ihrer 
Anwendung zu besitzen. 

2. Gerade diese Art der Suggestion (wenn es eine ist) heilt nach 
allem, was wir wissen, noch Fälle, die auf keine andere Weise geheilt 
werden können und speziell der Suggestion sonst nicht zugänglich sind. 

3. Es sind denn doch neben der Suggestion allgemein bekannte 
Einwirkungen, die mitwirken müssen. Einer unserer Gegner ver- 
teidigt die Aussprache der Beichte — nicht wie sie ist, sondern wie er sie 
sich vorstellt. Was bei der Beichte wirksam ist, muß auch bei der 
Psychanalyse wirksam sein, verstärkt dadurch, daß aus dem 
Unbewußten und Halbbewußten eine Menge gerade der 
wichtigsten Dinge herbeigezogen werden können, die der 
Reichte entgehen. Warum soll die Aussprache gerade bei der 
Psychanalyse unnütz oder schädlich .sein? 

4. Es ist ebenfalls eine bekannte und unbestrittene Tatsache, 
daß viele Dinge, die uns schwer ängstigen, sofort ihre Schrecken ver- 



676 E. Bleuler. 

lieren, wenn man sich ihnen klar gegenüberstellt, wenn man sie logisch 
bearbeitet und zu Ende denkt. Nun wird nicht wohl ein Nervenarzt, 
auch wenn er die Psychanalyse ablehnt, leugnen wollen, daß solche 
unverarbeitete'^) Komplexe bei den Nervösen häufig vorhanden sind. 
Warum soll das Sich-offen-den-Tatsachen-gegeniiberstellen nur dann 
nichts nützen, wenn es in der Psychanalyse geschieht? 

5. Jeder Laie weiß, daß hinter dem Begriffe des Abreagieren» 
eine alltägliche und wichtige Erfahrung steckt. Man weiß allgemein, 
daß Weinen und alle anderen Affektäußerungen beruhigen können, daß 
dagegen Affekte, die „man herunterwürgt", anhaltend schädlich wirken. 
Man ist ja von anderer Seite so weit gegangen zu behaupten, daß manche 
Erkältungskrankheit durch die heilsame Einrichtung des Niesens 
abreagiert, d. h. gleich im Anfange kupiert werde. Warum soll gerade 
bei der Psychanalyse das Abreagieren nichts nützen? 

6. Wer die Psychanalyse ausübt, weiß, daß man sich oft zunächst 
täuscht, indem man glaubt, einem wichtigen Komplex auf der Spur 
zu sein, der sich aber dann als nicht pathogen erweist. Solche Ent- 
deckungen bewirken entgegen der Vorstellung des Arztes keine Bes- 
serungen. Dagegen hat das Zutagetreten pathogener Komplexe immer 
einen Einfluß auf das Befinden, meist während der Geburt einen auf- 
regenden oder beängstigenden, nach derselben einen beruhigenden. 
Etwas Gewöhnliches ist geradezu das Wiederauftreten oder di* Ver- 
stärkung von Symptomen, die in Verbindung mit einem eben auf- 
zuklärenden Komplexe stehen; so können sich bei der Aufdeckung 
eines Schwangerschaftskomplexes Graviditätszeichen einstellen. Wer 
das oft gesehen hat, kann an dem Zusammenhange nicht jr)ehr 
zweifeln. Daß ein Komplex pathogen ist, läßt sich nicht etwa 
bloß aus der Wirkung des Ausgrabens, sondern vor allem aus 
dem direkten logischen Zusammenhang desselben mit den Symptomen 
erweisen; wir machen also keinen Zirkelschluß, wenn wir deduzieren, 
die Aufdeckung der pathogenen Komplexe und nur dieser habe un- 
abhängig von suggestiven Einflüssen eine therapeutische Wirkung. 

7. Durch L. Binswanger bin ich noch auf folgenden Umstand 
aufmerksam gemacht worden, den ich übersehen hatte: Wenn die 
gewöhnliche Suggestionstherapie wirksam ist, so suggeriert sie in der 
Kegel den Kranken das, was sie wünschen : tuto, cito et jucunde geheilt 

^) Ob bewußt oder nicht, ist zunächst irrelevant, doch zeigt die Analyse 
ihre Macht eben gerade den sonst unzugänglichen unbewußten Komplexen 
gegenüber ganz besonders. 



Die Psychanalyse Freuds. 677 

zu werden, d. h. mit Umgehung der Widerstände, die auf den Komplexen 
lasten. In der Analyse dagegen müßte man den Patienten etwas gegen 
ihren Willen suggerieren, das Zugeben der Komplexe, die gerade des- 
wegen unbewußt geworden sind, weil sie sie nicht einmal sich selber 
zugeben wollten. Die Suggestion steht also hier zunächst vor einer 
nahezu oder ganz unmöglichen Aufgabe. Der Analytiker schafft im 
Gegenteile immer Gegensuggestionen gegen sich. 

Umgekehrt ist es eine häufige Beobachtung, daß Patienten im 
Beginne der Einsicht in die unbewußten Komplexe behaupten, der 
Arzt habe ihnen dieselben suggeriert. Halten die Kranken nun trotzdem 
aus, so erkennen sie, und können sie es selbst beweisen, daß sie die- 
selben lange vor der Kur kannten. Der Arzt muß sich also unter 
anderem in jedem Falle, bevor er die Kur unternimmt, darüber ver- 
gewissern, ob der Patient moralisch kräftig genug ist, sie zu Ende 
zu führen, wenn derselbe nicht in einer geschlossenen Anstalt ist. 

Es kommt uns zwar nicht ,, befreiend komisch", aber doch ein 
bischen komisch vor, daß man uns immer vorwerfen wiU, wir übersehen 
die Suggestion. Wir haben sie im Burghölzli schon lange genau gekannt, 
als man an den meisten Orten noch diejenigen als ungemein weise ansah, 
die uns mit recht ähnlichen Worten bekämpften, wie sie jetzt die Anti- 
analytikei anwenden. Leiden wir wirklich an Größenwahn, wenn wir nun 
meinen, diejenigen, die zuerst gewußt haben, was Suggestion ist, sollten 
nicht schlechter wissen als die anderen, was Suggestion nicht ist, und 
wenn wir uns wenig anfechten lassen durch die Behauptungen derjenigen, 
die noch nicht bewiesen haben, daß sie die Suggestion kennen, aber dafür 
in jedem Satze beweisen, daß sie die Psychanalyse nicht verstehen und nun 
proklamieren, die Ärzte suggerieren sich und den Patienten und die Pa- 
tienten suggerieren sich und den Ärzten alle die von uns akzeptierten Dinge? 

Die Frage: Ist die Methode gefährlich? läßt sich nur durch 
die Erfahrung entscheiden. Unter „Gefahr" kann man allerdings Ver- 
schiedenes verstehen. Zunächst muß damit gemeint sein, die Möglich- 
keit einer Verschlimmerung des Zustandes durch das Aufrühren se- 
xueller Komplexe. A priori kann man eine solche fürchten. Man gibt 
sich aber den Anschein, wie wenn das sicher wäre. Die Erfahrung 
spricht indes bis jetzt dagegen. Jedenfalls überwindet ein geschickter 
Arzt die vorübergehenden Verschlimmerungen der Komplexantastung 
und die Methode ist auch sonst nicht gefährlicher als irgend eine andere. 

Aber es besteht die Gefahr, daß die Psychanalysierten ihre Reinheit 
verlieren, so daß Friedländer einverstanden wäre, eine Tochter lieber 
lebenslang hysterisch zu haben als sie einer solchen Behandlung zu 
unterziehen. Wenn man unter „Reinheit" versteht, daß man die 

Jahrbuch für psych oanalyt. u. psyohopathol. Forschungen. II. 44 



678 E. Bleuler. 

Sexualität im Bewußtsein möglichst abspalte und sie nur im Un- 
bewußten, in seinen Träumen und in seinen Krankheitssymptomen 
austoben lasse, dann haben diese Ängstlichen recht. Man kann sie 
weder von ihrem Standpunkte aus bekämpfen, noch ihren Standpunkt 
angreifen. Das ist Sache des Geschmackes, des Charakters, der Re- 
ligion, der Erziehung. Ich persönlich halte eine solche Reinheit für 
sehr minderwertig. Mir scheint als das ungleich Höhere, zu kennen, 
was zu erstreben und zu vermeiden ist, und dann nach dieser Er- 
kenntnis zu handeln. Warum ein solcher Grundsatz höchstens für 
Männer gelten soll, ist mir unerfindlich. 

Nun aber die Gefahr, daß wirklich die Sitten durch die Psych- 
analyse verderbt werden. Ich sehe das nicht; ich glaube es also auch 
nicht. Ich kenne viel gefährlichere Therapien, gegen die man bis jetzt 
immer noch mit wenig Erfolg predigt, z. B. die mit Alkohol oder die 
rektale Elektrisation bei Kindern. Warum gerade die im schlimmsten 
Falle viel unschuldigere Psychanalyse mit solchem Eifer bekämpfen? 

Nun hat man mir privatim gesagt, es solle vorkommen, daß 
ein Psychanalytiker irgend einem Fräulein das „Ausleben" geraten 
habe. Kann ja sein. Es ist aber schon von jeher von anderen Ärzten 
auch angeraten worden; eine solche Therapie entspringt den persön- 
lichen Ansichten des Arztes über geschlechtliche M(»-al überhaupt, nicht 
aber der Psychanalyse, wenn es auch denkbar ist, daß man auf dem 
Wege der genaueren Seelenforschung eher dazu kommt, Mangel 
sexueller Betätigung an der Wurzel der Krankheit zu finden. Ich 
persönlich kann mir keinen Fall denken, wo ich so vorgehen würde; 
und Freud selbst sagt^): „Darum kann der Rat der sexuellen Be- 
tätigung bei Psychoneurosen eigentlich nur selten als guter Rat be- 
zeichnet werden". 

Die Psychanalyse stellt ganz besonders hohe Anforderungen an 
den Takt des Arztes. Taktlosigkeit wird aber immerhin unverdorbene 
Patienten von vornherein abschrecken, und an verdorbenen ist eben 
nichts zu verderben. Aber in beiden Fällen schadet der Arzt sich selbst 
und dem Rufe der Psychanalyse mehr als dem Patienten. Es wäre 
deshalb hier noch etwas mehr als bei manchen anderen therapeutischen 
Anwendungen gut, wenn man die Unberufenen fernhalten könnte. Aber 
das kann man hier halt auch nicht. 

Die psychanalytische Therapie ist erst im Werden ; die persönliche 
Erfahrung und das Geschick des Einzelnen ist noch das Wesentliche; 

^) Sammlung kleiner Schriften. Leipzig und Wien, Denticke, 1906. S. 217. 



Die Psychanalyse Freuds. 679 

bestimmte Vorschriften über das Vorgehen gegenüber Einzelheiten 
kann man noch nicht geben. Der Kompliziertheit der Fälle gegenüber 
besitzen wir noch eine viel zu geringe Kasuistik und viel zu wenig 
gute Katamnesen. Man muß sich also ganz klar sein, daß noch Jahre 
vergehen müssen, bis man bestimmter reden kann, und auch dann 
wird es wie bei allen psychischen^Behandlungen viel mehr auf das wie 
und wer, als auf das was ankommen^). 

Zur Kritik. 

Aus dem Bisherigen ergibt sich, wie groß der Wahrheitswert ist, 
den ich den Freudschen Theorien zuschreibe. Wenn ich nun noch 
einige Einwendungen machen möchte, so kostet mich das Überwindung, 
nicht bloß deswegen, weil mir die nörgelnden Modifikationen einer 
Theorie ebensowenig imponieren, wie diejenigen einer Färbemethode, 
sondern weil ich zu gut die Tragweite des Umstandes 
kenne, daß Freud bis jetzt, soweit ich ihn nachprüfen 
konnte, immer recht behalten hat, auch wenn es sich um 
Dinge handelte, die mir zunächst unwahrscheinlich oder 
gar absurd erschienen. Ich meine also noch gar nicht, daß Freud 
unrecht habe, auch da, wo ich vorläufig anderer Ansicht bin, sondern 
nur, daß da seine Ansicht noch bewiesen werden müsse. Ich möchte 
auch ausdrücklich hervorheben, daß sich manche meiner Bemerkungen 
viel mehr auf einzelne seiner Schüler als auf Freud selbst beziehen. 
Wenn man den Meister zu lesen versteht, so muß man im Gegenteile 
bewundern, mit welcher Vorsicht und mit wie gewissenhafter Dar- 
legung seines Materials er seine Schlüsse und Hypothesen aufbaut. 
Immerhin bedeutet auch die Anerkennung dieser Tatsache nicht das 
Schwören auf alle Details der vom Autor selber oft nur als Hypothese 
gegebenen Lehren, und es mag gut sein zu zeigen, daß man an den 
Freudschen Ideen soviel Kichtiges finden kann, auch wenn man 
sich bei aller Anerkennung der Überlegenheit Freuds sein eigenes 
Urteil vorbehält. Vor allem aber ist es hier nötig, auch in Kleinigkeiten 
und Kleinlichkeiten meinen Standpunkt zu fixieren, damit der folgende 
Abschnitt nicht mißverstanden werde. (Einige „andere Auffassungen" 
z. B. über den Traum werde ich dort im Zusammenhange anführen.) 

Zunächst ist mehr als bisher zu betonen, daß natürlich An- 

^) Putnam hat ungefähr 20 seiner Patienten, die schon längere Zeit von 
ihm behandelt worden waren, analysiert und findet nun die Resultate „in fast 
jedem Falle" besser als die früheren, Journ. of nerv. a. ment. Disease, 1910, S. 657. 

44* 



680 E. Bleuler. 

Spruch auf Sicherheit nur diejenigen Schlüsse machen, die 
tatsächliche Grundlagen wie die angeführten haben. Dabei 
kann aber nicht gefordert werden, daß in jedem einzelnen Falle alle 
jene Beweise vorliegen; je nach der Sachlage können einzelne oder 
einige wenige derselben vollkommen genügen, um den Schlüssen mehr 
Wahrscheinlichkeit zu geben, als die meisten in der übrigen Medizin 
gültigen Annahmen besitzen. 

Eine absolute Sicherheit läßt sich in psychologischen Dingen 
überhaupt nicht gewinnen — so wenig wie in den meisten anderen 
Wissenschaften. Aber der Wahrheitswert des einzelnen Schlusses kann 
und soll für uns ein höherer sein als 2. B. der vieler ethymologischen 
Hypothesen, die die Sprachforschung unbeanstandet lehrt. Immerhin 
ist nicht zu vergessen, daß es gerade in der Psychologie kaum Regeln 
ohne Ausnahme geben kann. In dem komplizierten Maschen werk 
unserer Seele sind der Wege von einem Punkte zum andern unendlich 
viele; wir übersehen nur gewisse Bahnen, die unter bestimmten Um- 
ständen so regelmäßig eingeschlagen werden, daß wir in Praxis und 
Theorie mit den Ausnahmen nicht rechnen. Es kann aber gelegentlich 
einmal, auch wenn man alles Menschenmögliche kennt, irgend eine 
Erscheinung anders zu deuten sein als in den vieldn uns identisch schei- 
nenden Fällen. Über solche Dinge muß man sich klar sein, wenn man An- 
forderungen an den Wahr heits wert von Schlüssen in der Psychologie stellt. 

Man wirft uns vor, bekannt seien nur bestimmte Tatsachen, 
alles für uns Wesentliche seien Zusammenhänge, die von uns kon- 
struiert seien. Das ist nur ein relativer oder subjektiver unterschied 
gegenüber allem andern Schließen, der bei genauem Zusehen in nichts 
zerfließt. Ich drücke auf den Abzug eines geladenen Gewehres. Dieses 
geht los. Das sind zwei Tatsachen. Daß das Abdrücken an dem Los- 
gehen schuld sei, ist schon eine Konstruktion, wenn auch eine dem 
Europäer selbstverständlich erscheinende. — A nennt B einen Schafs- 
kopf. Dieser gibt ihm eine Ohrfeige oder fordert ihn. Bekannt sind 
nur diese beiden Tatsachen. Daß. die eine die Folge der andern sei, 
schließen wir aus der täglichen Erfahrung, daß solche Zusammenhänge 
vorkommen und im psychologischen Mechanismus subjektiv und 
objektiv begründet sind. Bei den Tiefenreaktionen ist der Zusammen- 
hang für die, die die Sache nicht kennen, nicht so einfach; deswegen 
kommt ihnen die „Konstruktion" zum Bewußtsein. Für uns, die wir 
an uns und an anderen die Tiefenreaktionen kennen, sind auch diese 
Konstruktionen zur Selbstverständlichkeit geworden. Absolut sicher 



Die Psychanalyse Freuds. 681 

ist aber auch der Schluß, daß im obigen Beispiel das Wort Schafskopf 
die Ursache der Ohrfeige sei, nicht: einem Schizophrenen oder einem 
Schwerhörigen gegenüber wäre es ganz gut möglich, daß der Schafs- 
kopf und die Ohrfeige in gar keinem kausalen Zusammenhang stünden. 
Der Unterschied in unseren Schlüssen und denen der Gegner ist iilso 
kein prinzipieller ; wenn die letzteren unsere Erfahrungen haben, müssen 
sie zu gleichen Resultaten kommen. So sind die Beweise, daß die von 
Gänse r,Ruedinund Birnbaum beschriebenen Symptomenkomplexe 
Wünschen und Befürchtungen entsprechen, gar nicht zwingender als 
die Wunschgenese bei schizophrenen Wahnideen — vorausgesetzt, daß 
man die Tatsachen kenne, die in beiden Fällen zu dem Schlüsse 
führen. 

Nun existieren in der Literatur der Tiefenpsychologie nicht wenige 
Auslegungen, die offenbar nicht bewiesen sind; das heißt noch nicht, 
daß sie falsch seien ; wer Erfahrung und psychologisches Geschick hat, 
wird auch hier meist richtig raten, so gut wie im praktischen Leben, 
wo man gewöhnlich (unbewußt) aus gleichen oder ähnlichen Zeichen 
täglich die Absichten und Charaktere der Nebenmenschen beurteilt 
und danach handelt^). In einer wissenschaftlichen Arbeit aber soll 
man sich aufs Raten nicht verlassen, weil es sich darum handelt, die 
Existenz von bestimmten Zusammenhängen erst zu beweisen. Man 
kann Hypothesen als solche aufstellen, indem man die Grundlagen 
nennt, aus denen man schließt, und damit den Leser selbst über den 
Wahrscheinlichkeitswert der Annahme urteilen läßt (vergleiche die 
hübsche Arbeit von Freud über Leonardo da Vinci). Man wird auch 
sonst, zur Illustration und für seinen Hausgebrauch und beim thera- 
peutischen Handeln, wo es nicht darauf ankommt, nur mit höchsten 
Wahrscheinlichkeiten zu rechnen, sich auf sein Flair verlasssen, aber 
solche Schlüsse nicht als Beweise verwerten, solange es sich darum 
handelt, das Prinzip festzustellen. So hat man mir selbst schon Kom- 
plexe imputiert, die ich nach meiner begründeten Überzeugung nicht 
habe; es ist selbstverständlich, daß auch andere falsche Diagnosen 
gemacht worden sind und gemacht werden, wenn man zu wenig tat- 
sächliches Material hat; Anfänger und Enthusiast müssen hier herein- 
fallen, so gut wie an allen anderen Orten. Damit kann indessen das 



*) Außerdem ist bei der Beobachtung manches eindeutig, was in der niemals 
vollständigen Reproduktion nicht genügend begründet erscheint. Ein einzelnes 
mit schlechter Schrift geschriebenes Wort kann oft nicht entziffert werden, im 
Zusammenhange wird seine Deutung vollständig sieher gestellt. 

4 « 



682 E. Bleuler. 

Prinzipielle der Tiefenpsychologie so wenig angegriffen werden, wie 
eine verfrühte Typhusdiagnose die diagnostischen Regeln umstößt. 

Für den, der einmal weiß, daß z. B. ein Vergreifen unter gewissen 
Umständen in der Eegel in einem Komplexe begründet ist, ist es auch 
ohne weiteren zwingenden Beweis fast unmöglich, auf die Annahme 
eines Zusammenhanges zu verzichten, wenn einerseits das Versehen 
und anderseits der es erklärende Komplex nachgewiesen ist; in solcher 
Weise schließen wir in Theorie und Praxis alltäglich ganz ungestraft. 
Wenn der Richter wegen Diebstahlsversuchs einen Professionsdieb ver- 
urteilt, der sich mit Nachschlüsseln in ein Haus eingeschlichen hat, 
so wird ihn das schlechte Gewissen kaum plagen, obschon es theoretisch 
denkbar wäre, daß der Mann das Haus nur darum betreten habe, um 
sich zu wärmen oder der Frau oder der Magd des Hauses einen Besuch 
abzustatten. 

Eine gefährliche Klippe für jede neue Wissenschaft sind die 
vorzeitigen Verallgemeinerungen. Von Groß, dessen Ansichten 
ich in den meisten Teilen ablehne, will ich hier absehen. Es muß aber 
auch noch bewiesen werden, daß das Nichteinschlafen der Kinder 
immer seinen Grund in sexueller Neugierde habe, oder daß die Freude 
der Kinder an der Eisenbahn immer auf sexuelle Gefühle zurück- 
zuführen sei usw. Auch die Mythologie ist natürlich nicht bloß 
sexuell zu deuten, aber die Sexualität gibt ihren Beitrag zu 
deren Gestaltung so gut wie die Mondphasen und die Jahres- 
zeiten. Das ist eigentlich a priori selbstverständlich; wie soll der 
Naturmensch die wichtigste Triebfeder seiner Psyche hier ausschalten 
können^)? 

Manches erscheint da, wo es zum ersten Male geäußert wird, 
durch den Zusammenhang und die ganze Art der Darstellung so prä- 
zisiert, daß niemand an etwas Falsches denken kann, der wirklich 
imstande ist zu lesen. Wenn aber solche Sätze in einer Kritik oder 



') Der Übertreibungen machen sich aber viel mehr unsere Gegner schuldig. 
Mehrfach habe ich mündlieh den (ernst gemeinten) Einwand gehört, man könne 
ja nicht einmal mehr die Hände in die Hosentaschen stecken, ohne in den Ver- 
dacht einer sexuellen Symbolhandlung zu kommen. Die Leute wissen eben nicht, 
worauf es ankommt, können keinen Unterschied machen zwischen den Situationen, 
wo solche Handlungen symbolische Bedeutung haben, und denen, da sie aus 
anderen Gründen ausgeführt werden. Sie sind auf dem Standpunkte der kleinen 
Kinder, in deren Vorstellung der Papa alles kann, weil er vieles kann, was sie 
nicht können. 



Die Psychanalyse Freuds. 683 

auch etwa in einer der Schule Freuds angehörenden Arbeit abrupt 
zitiert werden, so erscheinen sie durch den Wortlaut als Übertreibungen. 
An ihrem Platze sind aber solche Äusdrucksweisen notwendig, wenn 
man nicht den Stil durch alle möglichen Vorbehalte ganz unleserlich 
machen will; sie sind überall üblich und fallen nur hier auf, weil die 
Freudschen Ideen noch so Vielen zu neu erscheinen, als daß sie auch 
selbstverständliche Vorbehalte zwischen den Zeilen lesen könnten. 
„Was immer die Fortsetzung der Arbeit stört, ist ein Widerstand", 
kann natürlich sehr mißbräuchlich angewendet werden — und wird 
es auch etwa von einem Kritiker. Und wenn Freud im Jahibuche 
für Psychanalyse (I, S. 388) schreibt: „Was aber der Erfolg einer 
Krankheit ist, das lag in der Absicht derselben; die anscheinende 
Krankheitsfolge ist in Wirklichkeit die Ursache, das Motiv des Krank- 
werdens", so wird niemand unter den ,, anscheinenden Krankheits- 
folgen" alle Kleinigkeiten verstehen, die durch die Krankheit bedingt 
werden; sogar so wichtige Sachen, wie das Eingesperrtwerden in eine 
Irrenanstalt können selbstverständlich außerhalb des „Krankheits- 
willens" liegen, d. h. vom Patienten weder bewußt noch unbewußt 
vorausgesehen sein. 

Am wenigsten einverstanden bin ich mit den Pathographien wie 
die über Kleist, Conrad Ferdinand Meyer, Lenau, und zwar aus fol- 
genden Gründen : Um so etwas zu schreiben, müßte man das vorhandene 
tatsächliche Material zunächst kritisch sichten; dann würde man erst 
noch das Bedürfnis empfinden, neues Material zu gewinnen; denn die 
Lebensgeschichten auch von viel beschriebenen Leuten sind gerade in 
den psychologisch wichtigen Dingen nicht nur äußerst lückenhaft, 
sondern es fehlt oft so ziemlich alles, was man eigentlich 
haben sollte. 

Wären indes auch die psychologischen Grundlagen qualitativ und 
quantitativ unendlich viel besser, als sie jetzt sind, so müßte man zu 
solchen .Ausführungen immer noch recht viele Wenn und Aber hin- 
zusetzen. Ohne speziell darauf gerichtete Untersuchungen am Lebenden 
wird man ja nur ausnahmsweise alle die tausend Einzelheiten, die man 
zu einem .sicheren psychanalytischen Urteil braucht, eruieren können. 
Und außerdem ist denn doch unsere Erfahrung noch lange nicht so 
augedehnt, daß man sich darauf verlassen kann, wir kennen alle die 
überhaupt in Betracht kommenden Momente. Es ist doch im Gegenteile 
zu erwarten, daß da noch recht viel zu entdecken geblieben ist. Es 
fehlt mir also der Beweis, daß man unsere jetzigen Kenntnisse einfach 



684 E, Bleuler. 

auf Fälle übertragen könne, bei denen ein spärliches^) Material an 
sich noch keinen Schluß erlaubt. Die gegebenen psychologischen Zu- 
sammenhänge können also der Wirklichkeit entsprechen, sie ent- 
halten nichts, was man nicht in anderen Fällen wirklich beobachtet 
hat, aber zwingend sind die Schlüsse noch lange nicht. Es handelt 
sich um Möglichkeiten. 

Nun haben solche Ausführungen oft dennoch wissenschaftlichen 
Wert und man bringt außerdem auch manchen Möglichkeiten, wenn sie 
gut ausgedacht sind, Interesse entgegen. Dennoch würde ich solche Ar- 
beiten lieber nicht vor ein größeres Publikum bringen, ja, ich hätte 
Bedenken, es zu tun, auch wenn alles Gesagte gesicherte wissenschaft- 
liche Wahrheit wäre. Man kann ja nicht zuerst in ein Paar Bogen aus- 
einandersetzen, was man eigentlich mit dem, was man sagt, meint. 
Weise und gelehrte Leute, die meinen, dieFreudschen Schriften studiert 
zu haben, verstehen sie noch nicht. Und da soll jeder Beliebige, dem 
einmal eine solche Abhandlung vom Buchhändler oder von seiner 
Zeitschrift geboten wird, sich ohne weitläufige Erläuterungen aus- 
kennen? Das Publikum, das die Sachen in die Hände bekommt, muß 
sie ja mißverstehen. Was soll der Unvorbereitete mit der Bemerkung 
anfangen, daß Conrad Ferdinand Meyer ein erotisches Verhältnis zur 
Mutter respektive Schwester gehabt habe? Er muß sich irgend etwas 
Ekliges im Sinne von wenigstens gedanklichem Inzest denken, weil er 
die Weite des Freudschen Sexualbegriffes nicht kennt, und weil er 
nicht weiß, daß man bei genauer Analyse in jedem solchen Verhältnis 
eine sexuelle Komponente finden kann. Der Autor meint aber etwas 
ganz anderes, etwas Hohes, das in seinem wirklichen Werte durchaus 
nicht verschieden ist von dem, was man unter Außerachtlassung der 
durch das Mutterverhältnis beeinflußten Gefühle gegenüber der 
Schwester etwa in die banaleren Worte fassen könnte, daß der Dichter 
in seiner Schwester eine ihm geistig ebenbürtige Genossin geschätzt 
habe^). 



^) Spärlich in jedem einzelnen Falle im Verhältnisse zu dem, was man 
sonst bei einer Psychanalyse benutzt. 

^) Ich kann übrigens nicht verhehlen, daß ich sehr verwundert war, als 
ich nach der Xiektüre verschiedener entrüstungsvoller Rezensionen die Arbeit 
im Original las. Der Ton derselben verdient den Tadel denn doch nicht, 
und der Inhalt hat eben seinen Wert als Hypothese über und neben vielen 
anderen Hypothesen, die man in Literatur- und Naturgeschichte sonst unbe- 
denklich schluckt und verdaut. 



Die Psychanalyse Freuds. 685 

l^her befreunden kann man sich mit Untersuchungen wie die 
von Jones über Hamlet. Ich halte es allerdings trotz der scharfsinnigen 
Ausführungen des Verfassers noch nicht für sicher nachweisbar (aus der 
deutschen Ausgabe Shakespeares), daß Hamlet wegen seines Mutter- 
komplexes der große Zauderer geworden ist, wenn auch diese Hypothese 
von allen die einzige ist, die sein Verhalten genügend erklären könnte. 
Aber die anderen mir bekannten Pathographien von dichterischen 
Helden rechnen mit viel größeren Unwahrscheinlichkeiten, ohne daß 
man sie deswegen gleich als Unsinn verschreit. 

Verständlich können alle solchen Arbeiten nur für den sein, der 
eben aus Analogie anderer Erfahrungen weiß, daß er in dieser Richtung 
suchen kann. Die Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit der Erklärungen ist 
zum wenigsten in dem jeweilen gegebenen Material begründet, sondern 
vielmehr in den sonstigen Ergebnissen der Tiefenforschung. Wer solche 
Sachen ohne Kenntnis der ganzen Freud sehen Psychologie liest, er- 
wartet Beweise und findet statt deren Behauptungen und Deduktionen, 
von deren Grmidlagen er keine Kenntnis hat. Die Arbeiten können einen 
Wert darin haben, daß sie zeigen, wie vieles sich unter Fre udsche Gesichts- 
punkte bringen und dadurch erklären läßt. Daß aber die Erklärung im 
einzelnen Falle zutrifft, wird sich an historischem Materiale nur selten, 
an dichterischem wohl nie mit Sicherheit nachweisen lassen. 

Nur in ähnlichem Sinne scheinen mir eine Anzahl anderer Arbeiten, 
die die Ideen Freuds an einzelnen Fällen bis in die minutiösesten Kon- 
sequenzen verfolgen, von Wert zu sein. Natürlich hat z. B. jeder Teil unserer 
Psyche Beziehungen zu unseren homo- und heterosexuellen Komponenten. 
Aber um diese Feinheiten in jedem Falle herauszuarbeiten, dazu gehört 
so vielerlei, daß ich die angeführten Resultate noch nicht für gesichert 
ansehe, und gar Verallgemeinerungen derselben, wie sie, gestützt auf ein- 
zelne Fälle, etwa versucht werden, für durchaus verfrüht halte. Ich bin 
z. B. nicht überzeugt, daß Sühnphantasien in der Regel Ausdruck der 
masochistischen Komponente seien. Es wird auch in der Menge von Einzel- 
behauptungen kaum mehr möglich sich zu orientieren, imd gewiß ist 
niemand imstande, alles widerspruchslos unter einen Hut zu bringen. 
Dennoch enthalten solche Arbeiten eine Menge von Anregungen zu weiteren 
Untersuchungen, und das Verdienst, die Tragweite der Freud sehen Ideen 
nach allen Seiten zu zeigen, kann ihnen nicht abgesprochen werden. 

Etwas anderes ist es mit Arbeiten wie die Freuds über die 
Sexualtheorie und den Witz. Die erstere ist enorm gedankenreich 
und enthält ganz sicher sehr vieles, was uns über die Genese sexueller 
und „nervöser" Abnormitäten Licht bringt^). Aber ea ist wenigstens 
für mich noch zu beweisen, daß der dort entwickelte weite Sexual- 



') Die Ideen beruhen denn auch meist auf Beobachtungen an Neurotischen. 

4 (. * 



686 E. Bleuler. 

begriff richtig ist, daß die Sexualität im Säuglingsalter autoerotisch 
und somatisch und psychisch soviel umfangreicher i) sei als später, 
daß die Abspaltungen überhaupt und dainit das Unbewußte in tote 
auf dia infantile Sexualität zurückzuführen seien usw. — Die Forschungen 
über den Witz bringen eine Menge neuer und sicher zu berücksichtigender 
Gesichtspunkte, sind jedoch nicht abschließend^). Beide Arbeiten 
aber sind durchaus ernst zu nehmende wissenschaftliche Unter- 
suchungen, die ein hypothetisches Resultat der weiteren Forschung 
unterbreiten. Letztere wird entscheiden, wie viel daran richtig ist; 
ich vermute, nicht^alles, aber recht vieles. 

Ich möchte mich noch gerne davor schützen, daß diese Auseinander- 
setzungen falsch ausgelegt werden in dem Sinne, als ob ich einen prinzi- 
piellen Gegensatz zwischen Freud und seiner Schule oder gar seinen 
Schülern konstruieren wollte und die letzteren als Prügeljungen empfehlen 
möchte. Obschon Freud entschieden den Durchschnitt seiner Nachfolger 
auch an wissenschaftlicher Vorsicht und Kritik übertrifft, so gibt es doch 
unter seinen Schülern Männer, mit deren meisten Arbeiten man in allem 
wesentlichen oder sogar auch in den Einzelheiten einverstanden sein kann. 

Es scheint mir auch nötig Widerspruch zu erheben gegen die 
Darstellungsweise einzelner Publikationen anderer Autoren, die nur 
die Schlüsse aus ihren Untersuchungen anführen, ohne zu sagen, worauf 
sie beruhen. Für die Kenner der Sache sind solche Abkürzungen na- 
türlich gar nicht unangenehm zu lesen ; sie wissen auch, was sie daraus 
machen sollen und was nicht. Der Wahrheitswert derselben ist vor 
allem abhängig von der Zuverlässigkeit des Autors. Da aber die psych- 
analytische Literatur doch nicht esoterisch ist/ wie naan der psych- 
analytischen Wissenschaft vorwirft, wäre es taktisch klüger, jetzt noch 
auf solche Darstellungen zu verzichten. Wenn uns die Gegner lächerlich 
machen wollen, so stellen sie oft in Rezensionen eine Anzahl Deutungen 
und Auffassungen nebeneinander, ohn^ anzugeben, wie der Autor dazu 
gekommen ist und was sie eigentlich sagen wollen. Dem ahnungslosen 
Leser, der vom logischen Zusammenhang gar nichts weiß, müssen 
solche Behauptungen als rein aus der Luft gegriffener Unsinn erscheinen. 
Das gleiche ist der Fall bei ähnlich geschriebenen Originalpublikationen. 



') Im Sinne von Freud müßte ich eher sagen, die infantile Sexualität 
bestehe aus einer Anzahl vonPartialtrieben, von denen ein einziger beim normalen 
Erwachsenen die anderen unterdrücke, 

') Wie klar und ehrlich Freud selber seine Hypothesen wertet, vgl. Witz, 
S. 151/52 und Abhandlungen zur Sexualtheorie, Vorwort zur zweiten 
Auflage. 



Die Psychanalyse Freuds. 687 

Und solange man selbst solche Unvorsichtigkeiten begeht, kann man 
sich nicht einmal über unfaire Kampfesweise i) der Gegner beklagen, 
obschon die zwei Parteien das gleiche aus sehr verschiedenen 
Gründen tun. 

Auch an anderen Mißverständnissen ist die Ausdrucksweise 
mancher Psychanalytiker nicht ganz unschuldig. So -an dem Vorwurfe, 
was immer die Fortsetzung der Analyse störe, sei uns ein Widerstand. 
Wir wissen selbstverständlich, daß es auch etwa äußere und innere 
Störungen gibt, die nicht Widerstand im Freudschen Sinne sind; 
aber die Wahrscheinlichkeit, da£ man auch nachweisbare andere 
Störungen dazu benutze, das Bewußtwerden der Geheimnisse vor sich 
selbst zu verhindern, ist so groß, daß man in jedem Falle gut tut, genau 
zu erwägen, ob nicht ein Widerstand im engeren Sinne sich hinter der 
Maske einer gewöhnlichen Störung verberge. Jeder Selbstbeobachter 
weiß, wie leicht man sich in einer unangenehmen Arbeit stören läßt. 

Ganz besondere Schwierigkeiten bieten natürlich die prak- 
tisch-therapeutischen Anwendungen der Theorie und der 
Verkehr mit den zu Analysierenden überhaupt. Es gehört 
wenigstens gegenüber Gesunden und noch mehr gegenüber Neurotischen 
ein Takt zu dieser Art Behandlung und Ausforschung, der auch nicht 
jedem Arzte zu Gebote steht; und solange die bestehende Sitte sich 
gegen das Aussprechen sexueller Dinge (außer in der Zote und in 
lasziven Anspielungen!) sträubt, sind eigentliche Konflikte nicht zu 
vermeiden. Es besteht auch jetzt noch die Gefahr, daß dieser 
oder jener Arzt oder Laie in dilettantischer Weise darauf losarialysieren 
möchte, ohne sich die nötigen Kenntnisse zu erwerben. Solange die 
Sache neu ist, ist sogar mit Bestimmtheit zu erwarten, daß sich zunächst 
verhältnismäßig viele ungeeignete Elemente auf die ,, Methode" stürzen. 
Und ich selbst kenne Anhänger, die ich viel lieber bei den Gegnern 
sehen würde. Das ist ein Unglück für uns und manche Patienten, aber 
kein Beweis gegen die Richtigkeit der Freudschen Theorien. 

Sehr unbefriedigend ist die psychanalytische Abgrenzung von 
Krankheiten, eine Aufgabe, für die übrigens auch die gewöhnliche 
Neurologie noch gar nichts als Scheinlösungen gebracht hat. Man 
kann die Begriffe der Hysterie und der Neurasthenie bestimmen, wie 

>) Natürlich ist das Fehlerhafte in solchen Zitaten bis jetzt unbewußt, 
weil die Referenten die Zusammenhänge selber nicht gemerkt haben. Das primär 
Unrichtige liegt eben auch hier darin, daß man über Dinge schreibt, von denen 
man nichts verstehen will. 



688 E. Bleuler. 

man will, wirkliche Grenzen findet man in praxi nicht. Dagegen findet 
man zwei einigermaßen auseinanderzuhaltende Symptomengruppen, 
die man in Anlehnung an bisherige (falsche) Auffassungen hysterisch 
und neurasthenisch nennen mag. Nicht weiter scheint mir die Psych- 
analyse zu führen, obschon sie durch Nachweis verschiedener Wurzeln 
für die einzelnen Symptomengruppen eine vertiefte Einsicht gestattet. 
Freud selber ist noch weit entfernt von der Ansicht, hier etwas De- 
finitives geschaffen zu haben. Ich bin aber wohl noch etwas skeptischer 
als Freud, indem ich überhaupt noch daran zweifle, daß auf diesem 
Wege ,, Krankheiten" abzugrenzen seien. Natürlich weiß ich, daß es 
eine hysteriforme, angstneurotische, schizophrene usw. Bearbeitung der 
Komplexe gibt, und daß sich diese Fälle in den Typen scharf unter- 
scheiden lassen. Ich konnte mich aber noch nicht überzeugen, daß 
sich die Unterscheidung ganz konsequent werde durchführen lassen, 
und glaube ich noch an Übergangs- und Mischfälle. 

Es ist für uns vorläufig ganz gleichgültig, wie das Kräfteverhältnis 
von Disposition und Anlaß in Wirklichkeit sei. Mir scheint im allgemeinen 
die Disposition das Wichtigere, wenn ich auch als selbstverständlich voraus- 
setze, daß unter gewissen Umständen ein lange anhaltendes und sehr starkes 
Traiuna auch bei einem Nichtdisponierten zu einer Neurose führen könne. 
Man hat Freud einen Vorwurf machen wollen, daß er in der Therapie 
die Disposition nicht beseitige; wer tut denn das? Ich persönlich glaube 
auch, daß es neben den angeborenen Dispositionen noch andere geben 
könne, nach Analogie derjenigen der Dementia praecox, die hinter vielen 
als Neurosen bezeichneten Krankheiten steckt. Es kann irgend eine andere 
Störxmg (organische oder toxische usw.) die Tiefenmechanismen von ihren 
regulierenden Hemmungen befreien; ich glaube sogar, daß es' ganz akute 
Dispositionen im Sinne Charcots gibt, so daß das Trauma auch zugleich 
die („hypnoide") Disposition schafft, auf der es die Krankheitssymptome 
hervorbringt. Ich stelle mir in jedem Falle, wo die Disposition nicht selbst- 
verständlich ist (Neurotische, Schizophrene), die Frage, warum entfesselt 
die Gelegenheitsursache gerade diesmal die Tiefenmechanismen? muß aber 
hinzufügen, daß ich sie bis jetzt nur selten mit einiger Wahrscheinlichkeit 
beantworten kann. 

Für mich scheint folgendes am besten dem gegenwärtigen Stand 
des Wissens gerecht zu werden: 

Die Tiefenmechanismen sind ein integrierender Bestandteil 
unserer Psyche, sei sie gesund oder krank. Sie kommen in auffälliger 
Weise zur Geltung bei besonderen Erlebnissen oder bei besonderer 
Disposition der Psyche (schizophrene Degeneration, nervöse, hysterische 
neurasthenische usw. Konstitution). Je nach den Elrlebnissen und je 
nach der Disposition äußern sich die entstehenden Symptome in 



Die Psychanalyse Freuds. Oo9 

qualitativ und quantitativ verschiedener Weise. Ob eine Zwangsneurose 
oder ein hysterisches Symptom entsteht, wird also durch das Zu- 
sammenwirken mehrerer oder vieler Ursachen bestimmt, die teils 
dem Anlaß (frühere und rezente Erlebnisse) teils der Disposition zu- 
geteilt werden können 1). Bis jetzt ist es nicht gelungen, als Grundlage 
der Einteilung nur den Anlaß oder gar nur die (bei den eigentlichen 
Neurosen noch gänzlich unfaßbare) Disposition hinzustellen, unter 
anderem auch deshalb, weil bei manchen Patienten mehrere ver- 
schiedenartige Symptome vorkommen, was nach der obigen Auf- 
fassung zu erwarten war. 

Meine Erfahrung bei der Dementia praecox zeigt nun, daß auf 
einer einzigen Disposition alle möglichen Freudschen Symptome 
erwachsen können, und daß die Diagnose der Krankheit nur aus anderen 
begleitenden Erscheinungen oder allenfalls aus bestimmten Färbungen 
der Symptome zu machen ist, die erfahrungsgemäß auf Schizophrenie 
hindeuten. Durch die Analyse wurde in der Regel das Bild der zugrunde 
liegenden Krankheit so verwischt, daß wir uns im Anfange der Studien 
nach einer mehrstündigen Untersuchung oft fragen mußten, ob wir 
wirklich einen Schizophrenen oder nur einen Neurotischen vor uns 
hätten oder gar einen Gesunden, von dessen Psyche ein Teil infolge 
starker Affektwirkung in Unordnung geraten sei*). 

Die Psychanalyse wird also vielleicht nur insofern Bj-ankheiten 
abgrenzen helfen, als sie bestimmen wird, welche Symptomengruppen 
vorwiegend oder ausschließlich auf welche Schädlichkeiten folgen und 
inwiefern durch die persönliche Reaktionsweise die Symptome bedingt 
und modifiziert werden können. Letzteres wird aber erst möglich sein, 
wenn man die Reaktionsweisen, die Dispositionen, besser gefaßt haben 
wird. In der Zwischenzeit, meine ich, könne man innerhalb 
der Neurosen gar nicht von Krankheiten reden, sondern 
nur von Syraptomenkomplexen. Die letzteren mag man als 
hysterische, neurotische, als Zwangs-, Verdrängungs-, Konversions- 
syndrome usw. bezeichnen, um sich vorläufig zu verständigen. Was 
darüber hinausgeht, steht in der Luft. 



*) Auch die disponierenden Momente können beim nämlichen Individuum 
m der Mehrzahl vorhanden sein. 

') Ich glaube, daß wer mehr Ei-fahrung an Neurotischen hat, ein besseres 
Auge hierfür bekommt und so aus der Art der Bearbeitung der Komplexe doch 
meist spezielle Diagnosen machen kann. Das Obige entspricht meinen bisherigen 
persönlichen Erfahrungen und darf nicht verallgemeinert werden. 



690 E. Bleuler. 

Was die Ätiologie betrifft, so möchte ich doch noch besonders 
deutlich hervorheben, daß es nicht richtig ist, wenn man nun sexuell 
und nervös identifiziert oder mit Isserlin^) sagt: „Die sexuelle Kon- 
stitution, die infantile Sexualität und ihre Entwicklung ist nunmehr 
(d. h. nach Freud) der letzte Grund zur Neurose." Es braucht nicht 
so zu sein. Es kann irgend eine andere, nicht sexuelle Konstitutions- 
anomalie sein, die den sexuellen Noxen besondere Angriffspunkte 
bietet; oder es kann eine ,, nervöse" Konstitution die Wirkungen der 
sexuellen Komplexe begünstigen, oder es kann auf das Verhältnis von 
allgemeiner Konstitution und Sexualität ankommen, so daß in den 
Grenzfällen möglicherweise der eine der beiden Faktoren normal und 
bloß der andere abnorm sein kann. 

Ganz offen lassen muß ich die Frage, ob es eine nicht sexuelle 
Ätiologie der Neurosen gebe. Einerseits scheinen die traumatischen 
Neurosen (die noch nicht analytisch untersucht worden sind) restlos 
durch die Begehrungsvorstellungen erklärbar, anderseits haben Freud 
und die meisten seiner Schüler bei jeder einigermaßen vollständigen 
Analyse gewöhnlicher Neurosen die wesentliche Wurzel der Krankheit 
in der Sexualität gefunden und die Vermutung liegt nahe, daß die 
wenigen Fälle, die von einigen Schülern als nicht sexuell bezeichnet 
werden, nicht fertig untersucht worden seien. Ebenso muß der Zukunft 
überlassen werden, zu entscheiden, ob es nicht eine gemischte Ätiologie 
gebe, und eventuell welchen relativen Anteil man den sexuellen und 
den übrigen Ursachen zuzuschreiben habe. 



o^ 



Anknüpfung an Bekanntes. 

Ich bin also nicht in der Lage, alles, was Freud gesagt, nach- 
zuprüfen. Einen Teil seiner Anschauungen möchte ich sogar vorläufig 
nicht annehmen, wobei es sich allerdings nur umNebensachen handelt. 
Das aber, was ich sicher kenne, läßt mich die Ergebnisse der Tiefen- 
forschung für einen der ^ößten Fortschritte in der Kenntnis unserer 
Psyche halten. Die Berechtigung zu dieser Ansicht gibt mir nicht nur 
die spezielle Erfahrung auf diesem Gebiete, sondern auch der Umstand, 
daß die Freudschen Ideen der bisherigen Psychologie gar nicht so 
fremd waren, wie es manchen scheinen mag, die die Psyche bisher von 
ganz anderer Seite zu erforschen gesucht hatten. Recht viele der 
Details waren eben nicht ganz unbekannt, nur hatte ihnen niemand 

^) Zeitschrift für Neurologie und Rsychiatrie, 1910, S. 62. 



Die Psychanalyse Freuds. 691 

die Beachtung gezollt, die sie verdienen^). Das Geniale der Ideen liegt 
außer in der Methodik viel weniger in der Entdeckung der einzelnen 
Tatsachen als in dem Zusammenhange, den Freud hinein brachte, 
und in der Bedeutung, die er den Erscheinungen zu geben wußte. 
Manches auch braucht nur um eine Nuance anders oder gar nur mit 
gewohnteren Worten geschildert zu werden, und es paßt vollständig 
in den Rahmen dessen, was wir schon gewußt haben, oder deckt sich 
sogar zu einem gewissen Teil damit. Schon bisher habe ich vielfach 
Gelegenheit gehabt, auf solche Berührungspunkte hinzuweisen. Im 
folgenden soll im Zusammenhange angeführt werden, was noch nicht 
erwähnt werden konnte. Leider kann ich nicht auch unsere psycho- 
logischen Auffassungen in toto skizzieren, sonst ließe sich leicht zeigen, 
daß die Existenz von Tiefenmechanismen von einem ganz andern 
Standpunkt als dem Freu dschen geradezu ein Postulat ist, und daß 
man sich nur fragen kann, wie groß ihr Einfluß in unserer Psyche 
denn ist. 

Wenn ich Freuds Anschauung durch andere Auffassung oder 
andere Ausdrucksweise der gewöhnlichen Psychologie zn nähern ver- 
suche, so weiß ich, daß ich ihr zugleich unrecht tue. Seine künst- 
lerisch einheitliche Lehre wird verwässert und verflacht. 
Ich glaube aber, daß der Zweck ein Mittel heiligt, das die Sache dem 
einen oder andern genießbarer macht, und ich meine auch, daß jede 
neue Doktrin schließlich mit dem früheren Wissen in logische Ver- 
bindung treten muß. Ich möchte aber auch hier wieder ganz deutlich 
meine Vorbehalte machen: Wenn ich z. B. den Zweck des Trau- 
mes noch nicht für erwiesen halte oder den scharfen 
Zensurbegriff Freuds durch die gewöhnlichen Wirkungen 
der Affekte ersetze, so weiß ich, daß ich lange nicht soviel 
Erfahrung besitze wie Freud, und daß mir manches ent- 



^) Es ist ein Korn Wahrheit in der Ansicht von Fei z mann, daß Freud 
eigentlich mit Ausnahme des Hinweises auf die Bedeutung der Sexualität in der 
Kindheit, nichts grundlegend Neues gezeigt habe. (Zur Frage der Psychoanalyse 
und Psychotherapie. Zeitgenössische Psychiatrie [russisch] 1909. Referat. Neu- 
rologisches Zentralblatt, 1910, S. 599.) Immerhin ist „nichts grundlegend Neues" 
in der Weise zu verstehen, daß auch Köper nikus nichts „grundlegend Neues" 
gefunden hat, denn seine Theorien waren 2000 Jahre früher auch schon geäußert 
worden. Die zwingenden Beobachtungen und die ordnenden Ideen haben aber 
nur diejenigen hineingebracht, deren Namen sich an die neue Lehre knüpft. So- 
weit die Parallele hier ausgeführt ist, stimmt .sie; ob dabei Großes mit Kleinem 
verglichen werde, ist irrelevant. 



692 E. Bleuler. 

gangen sein muß, was ihn zu der engeren und klaren For- 
mulierung veranlaßt hat. Beweist er dann das, was ich nach 
meinem Wissen noch nicht als bewiesen betrachten kann, so hat meine 
Bemerkung einen Nutzen gehabt; andernfalls wird sie nicht schaden. 
Die Sublimierung der Sexualität und die Verdrängung kennen 
die Dichter von jeher und sogar manchen Ärzten ist wenigstens die 
erstere bekannt, sonst würden sie sich nicht bestreben, ihren mit den 
Liebesansprüchen gescheiterten „Nervösen" eine Lebensaufgabe zu 
geben und sie dadurch gesund zu machen. Wie leicht die Sublimierung 
der Sexualität in Religiosität stattfindet, weiß übrigens auch das Volk 
ganz gut, wir brauchen nicht einmal auf den Psychiater v. Krafft- 
Ebing zu rekurrieren. Die Absperrung und Umwandlung von Er- 
innerungen ist auch Nietzsche gut bekannt^). 

„Daß die Verdiängung schon früher eine gewisse Bolle spielte," 
ist auch Pick bekannt, Hellpach hält sie geradezu für das Grund- 
prinzip der Hysterisierung^). Auch Kräpelin fügt der Behauptung, 
daß die Freudschen Auffassungen sehr weit über das Ziel hinaus- 
schießen, die Bemerkungen bei: doch sei „nicht zu bezweifeln, daß 
die Verdrängung von Erinnerungsbildern durch Gemütsbewegungen 
tatsächlich stattfinden kann*)". Daß die Hysterie mit der Sexualität 
zusammenhänge, ist in ihrem Namen ausgedrückt worden, und viele 
sonstige nervöse Symptome werden vom Volke wie von Ärzten (Ver- 
ordnung der Heirat!) jetzt noch auf die gleiche Wurzel zurückgeführt. 
Die kindliche Sexualität habe ich selber von jeher mit Bewußtsein 
gekannt, und zwar nicht bloß durch Selbstbeobachtung, die ja ein 
ausnahmsweises Individuum betreffen könnte, sondern bei allen 
meinen männlichen und weiblichen Kameraden. Ich habe etwa elf- 
jährig in einer Weise, die ich jetzt noch für durchaus richtig halten 
muß, die traumatische Neurose eines Schulmädchens von dem un- 
geschickten Verhalten der Umgebung abgeleitet; mit 14 Jahren habe 
ich die „Flucht in die Krankheit", die Hoche so mysteriös vorkomnat, 
als Ursache hysteriformer Erscheinungen gekannt; in meinem Tage- 
buche aus dem gleichen Jahre finde ich die Geschichte einer ,,Über- 

^) ,,Das habe ich getan, sagt mein Gredächtnis; so kann ich nicht getan 
haben, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich gibt das Gedächtnis 
nach." Jenseits von Gut und Böse. IV 68. 

*) Schultz, Psychoanalyse. Zeitschrift für angewandte Psychologie, 1909, 
S. 486. 

ä) Psychiatrie, 8. Auflage, I, S. 126. 



Die Psychanalyse Freuds, 693 

tragung" der ersten Liebe mit allem Bewußtsein angeführt und mit 
Benutzung dieses Ausdruckes. Vor 36 Jahren habe ich zum ersten 
Male ein klares Wunschdelir beobachtet, und vor 29 Jahren war mir 
der Zusammenhang gewisser Diarrhöen mit der Sexualität sicher; 
seit ich Arzt war, habe ich mich und andere bei jedem hysterischen 
Symptom gefragt: Warum hat die Patientin das? usw. Die Grund- 
anschauungen meiner 1905 geschriebenen „Affektivität" datieren in 
bezug auf die Affektwirkung von viel früher und sind z. B. in einer 
Arbeit, die im Jahre 1894 gedruckt worden, angedeutet; und was 
ich in den Jungschen Assoziationsstudien über das Unbewußte sagte, 
war im wesentlichen schon 1896 geschrieben. Von diesem meinem 
Standpunkte aus ist die Existenz aller wichtigen Freu dachen 
Mechanismen selbstverständlich; fragen kann man sich nur, wie 
groß ihre Bedeutung sei. Trotzdem es für mich kein Lob ist^ 
daß ich hilflos gewartet habe, bis Freud das Ei auf die Spitze stellte, 
führe ich diese Beispiele an, um zu zeigen, daß außer den Dichtern 
(und Mythologen) auch der einfache psychologische Beobachter von 
sich aus auf gleiche Resultate kommen muß wie Freud. Und 
das ist um so bezeichnender, als meine psychologischen Grundvor- 
stellungen von denen Freuds ganz prinzipiell verschieden sind; es 
kann also ebensowenig eine vorgefaßte Meinung wie eine Suggestion 
sein, die mich gleiche Beobachtungen machen ließ. 



Notwendige Voraussetzung der meisten Fr e udschen Auffassungen 
ist die Kenntnis des Affektes als einer Quantität, die in 
direktem Zusammenhange mit der Energie steht, die die affektbetonte 
Idee besitzt. Diese Energie erkennt man aus der Stärke, mit der die 
Idee zur Entladung, d. h. zum Handeln, zu mimischen Äußerungen 
und zu anderen Affektwirkungen, wie Assoziationshemmungen u. dgl, 
drängt. Die Vorstellung ist nun durchaus nichts Neues. Es ist zwar 
selbstverständlich, daß ein (sehr kleiner) Teil unserer Energie auch 
abhängig ist von anderen Momenten, direkt von der Stärke der Reiz- 
wirkung, dann vom Zustande des Nervensystems überhaupt usw. 
Aber in unserer komplizierten Psyche sehen wir eigentlich klar nur die 
Affekte die Energie des Handelns beherrschen; das wissen viele Ärzte, 
ich nenne nur Dubois, einen Gegner Freuds. In den Übertreibungen, 
die die Psychosen schaffen, steht die Energie des Handelns immer 
im direkten Verhältnisse zur Stärke der übrigen subjektiven wie ob- 

Jahrbuch für psyehoanalyt. n. psychopathol. Forschungen. II. 45 



694 B. Bleuler. 

jektiven Äußerungen, an denen wir die Stärke der Affekte abmessen 
(Manie — Dementia praecox). 

Dem dynamischen Begriff der Quantität entspricht es nun, wenn 
man annimmt, daß diese „Kraft" disponibel bleibe, wenn sie nicht 
irgendwie verbraucht, „entladen", „abgeführt" werde. Wir haben 
oben gesagt, daß der Begriff des Abreagierens auf tatsächlichen und 
bekannten Beobachtungen beruhe. 

Die Affekte sind wohl die einzigen Psychismen, bei denen wir bis 
jetzt mit Sicherheit von einer Stärke des Vorganges sprechen können 
(die dynamischen Untersuchungen der physiologischen Psychologie be- 
wegen sich unterhalb der eigentlichen Psyche ; Wahrnehmung eines stärkeren 
Reizes muß nicht stärkerer psychischer Vorgang sein). Die rein dynamischen 
Auffassungen in der Psychologie (z. B. Unterschied von Empfindung und 
Vorstellung; die F e r e sehen dynamogen wirkenden Reize; Aufmerksam- 
keitsphänomene) stehen sonst noch ganz in der Luft und sind in der Weise, 
wie sie geäußert worden sind, gewiß unrichtig; es ist aber selbstverständlich, 
daß der Mangel einer psychologischen Dynamik nur dem Mangel genügender 
Untersuchungsmethoden. zuzuschreiben ist. 

Auch in bezug auf die Dynamik der Affekte sind wir auf bloße 
oberflächliche Schätzungen angewiesen. Ich bin auch noch weit entfernt 
von der Auffassung, daß der Affektbetrag einer Idee ein ganz bestimmtes 
Quantum sei. Ich nehme vielmehr als selbstverständlich an, daß auch 
die Affektenergie unter Umständen in dem gesamten Energieverbrauche 
des Gehirns (Stoffwechsel und Tätigkeit) auf andere Weise als in den uns 
bekannten Formen des Abreagierens untergehen könne, ganz abgesehen 
davon, daß (Freud selbst drückt sich hier sehr vorsichtig aus) der Affekt 
selber gar nicht etwas zu sein braucht, was einer Energie entspricht; es 
kann ja das Primäre und Wesentliche im Affekte auch nur auf der Schaltung 
oder Schleusenstellung beruhen, die mehr Kraftverbrauch zuläßt. Ich bin 
mir auch ganz klar, daß die Energievorstellung der Affekte sich noch nicht 
ganz widerspruchslos durchführen läßt. Wäre der Affekt ein Energie- 
quantum, so müßte sich, sollte man meinen, dieses auch dann ,, erschöpfen", 
wenn es durch Verdrängung und Konversion vom Unbewußten aus oder 
nach Übertragung auf eine ganz andere Idee beständig krankhafte Symp- 
tome hervorbringt; außer man würde sich etwa einen Mechanismus vor- 
stellen wie den der Gravitation eines Gestirnes, das in der Kreisbahn 
gehalten wird, ohne daß die Anziehungskraft, die bei der Instituierung 
der Kreisbewegung wirksam war, sich nun weiter ausgibt. . . . 

Eine eigentliche Dynamik der Affekte läßt sich auch deswegen 
nicht so leicht schaffen, weil wir es nicht mit einfachen Verhältnissen zu 
tun haben, sondern immer mit einer Differenz von Kräften minus Hem- 
mungen oder Gegenkräfte, und Kräfte wie Widerstände außerdem meist 
in der Mehrzahl vorhanden sind. So ist es nicht leicht zu sagen, ob in einem 
konkreten Falle der Sexualtrieb abnorm stark sei; geringe Hemmungen 



Die Psychanalyse Freuds. 695 

können einem schwachen Trieb eine recht ausgedehnte Betätigung er- 
möglichen, während ein kräftiger Trieb von einem moralischen Menschen 
im Zaume gehalten wird. 

Da enthält also unser Wissen noch große Lücken, deren Aus- 
füllung wohl an Nebensachen und namentlich an Worten 
in der Darstellung der Freudschen Theorien, nicht aber am 
Wesentlichen etwas ändern könnte. 

Weniger verstanden wird die Selbständigkeit des Affektes 
d. h. der Umstand, daß der Affekt von seiner ursprünglichen Idee 
losgelöst und auf andere Ideen übertragen werden kann. Und doch ist 
auch diese Beobachtung nicht neu. Daß der Überbringer einer schlimmen 
Nachricht, der Ort, an dem zufällig etwas Schlimmes begegnet ist, 
gehaßt wird, ist allbekannt, meist unter dem Namen der Irradiation 
der Affekte. Der Zornige ist leicht geneigt, Dinge zu zerstören, die 
an seinem Affekte ganz unschuldig sind; die in der Ehe unglückliche 
Frau ,,läßt ihren Ärger am Dienstmädchen aus". Das alles weiß man. 
Schon im letzteren Beispiele drückt sich aber nicht nur eine Ver- 
breitung des Affektes auf andere Ideen aus, sondern eine gewisse Ab- 
lösung von der ursprünglichen, den Affekt tragenden Vorstellung. Das 
Dienstmädchen, ja auch die zerschlagene Tasse dient oft als „Blitz- 
ableiter" für den ursprünglichen Gegenstand des Affektes. Nun kann 
man diesen Vorgang unter Umständen auch bloß als eine Art des Ab- 
reagierens ansehen: da man den Zorn am Dienstmädchen ausgelassen 
hat, ist er nicht mehr vorhanden, er ist nicht vom Manne genommen 
und auf das Dienstmädchen übertragen worden. Aber es gibt auch 
Situationen und Charaktere, wo die Übertragung sicher stattfindet; 
die Frau ist chronisch gereizt gegen das Mädchen, ohne den Ärger 
an ihm auszulassen oder wenigstens ohne ihn in entsprechendem 
Maße abzureagieren, sie selbst kennt die wirkliche Ursache 
ihrer Unzufriedenheit mit dem Mädchen gar nicht und 
sucht sie im Verhalten des Mädchens; und doch ist alles anders, wenn 
der Mann anders ist, mit dem sie doch sonst glaubte zufrieden zu sein 
und mit dem sie den betreffenden Affekt gar nicht in Beziehung brachte. 
Auch diese Tatsache ist allgemein bekannt. Wie oft hört man sagen, 
daß der Mann den Ärger, den ihm sein Beruf verursacht, an der Familie 
auslasse. All das zeigt, daß Freud auch hier nicht etwas behauptet, 
das Unerhörtes in unsere Psychologie hineinbrächte. Es kommt aber 
hinzu die alltägliche Erfahrung, daß wir beliebige affektbetonte Ideen 
auch ohne den entsprechenden Affekt im Bewußtsein haben können 
(vergleiche oben die , .Aktualität" der Vorstellungen). Nun wäre es 

45* 



696 E. Bleuler. 

ganz merkwürdig, wenn dieser, sicher alltägliche Vorgang der Los- 
lösung des Affektes nicht aktiv begünstigt würde durch die immer 
vorhandene Tendenz, sich unangenehme Affekte fernzuhalten. Sie 
läßt sich allerdings hier, soweit ich weiß, außer mit der Psychanalyse 
nicht direkt nachweisen. Wir sehen sie aber täglich darin tätig, daß 
ganze Vorstellungen samt ihrem unangenehmen Affekte abgesperrt, 
vergessen, überhaupt dem Bewußtsein unzugänglich oder doch schwer 
zugänglich gemacht werden. Es ist nun allerdings richtig, daß sonder- 
barerweise diese psychomechanische Eudämonie nicht überall bekannt 
ist, wo man es voraussetzen sollte ; wer aber beobachten kann, der 
sieht das an sich und an anderen sooft als er will. 

Nun aber ist der Erfolg solcher totaler Absperrungen nicht immer 
ein vollständiger. Der unterdrückte Affekt äußert sich doch in irgend 
einer Weise. Nach einer herben Enttäuschung ist man dauernd „ein 
anderer geworden". Vorübergehend ist jeder Gesunde nach Unter- 
drückung eines Affektes in irgend einer den Umständen scheinbar 
nicht angemessenen Stimmung; er fühlt sich gedrückt oder gereizt 
oder ängstlich, und wenn er ein wenig psychologisches Interesse hat, 
sucht er nach der Ursache, kann sie aber zunächst nicht finden, bis 
eine zufällige Assoziation (oder eine zielbewußte Analyse) die Ursache 
aufdeckt. Oft aber, wie im Falle des Dienstmädchens, wird der Affekt 
wirklich mit einem ganz andern Objekt verbunden. 

Sowohl die Verdrängung wie die Übertragung der Affekte ist 
also etwas, was die gewöhnliche Beobachtung ebensogut zeigt wie die 
Analyse. Nun bleibt noch nachzuweisen, daß auch die verdrängten 
Affekte, abgesehen von den oben erwähnten Verstimmungen, allerlei 
Teufeleien anstellen können. Das ist leicht geschehen durch den Hin- 
weis, daß jedermann weiß, wie sehr „heruntergewürgte" Affekte aller Art 
geneigt sind, das ganze subjektive und objektive Befinden, das Ge- 
baren eines Menschen zu beeinflussen, ihn direkt krank zu machen. 
Man findet es sehr natürlich, daß z. B. Gouvernanten so oft nervös 
oder geisteskrank werden, weil ihre Stellung sie zwingt, eigene Meinungen 
und eigene Gefühle fortwährend zu unterdrücken. Das Neue an der 
Lehre Freuds von der Verdrängung und Konversion ist also nur 
das, daß er eben zeigte, daß gerade die hysterischen Symptome auf 
solche Affekte zurückzuführen sind, und 'daß er die Methode erfand, 
im einzelnen Falle diesen Beweis zu leisten. 

Die Vorstellung von den eingeklemmten Affekten, welche sich zu 
allerlei Symptomen konversieren, ist später zum Teil verändert worden 



Die Psychanalyse Freuds. 697 

in die, daß der Affekt (die Libido) beständig vorhanden sei, aber 
durch Verdrängung auf falsche Bahnen gerät, so daß er sich in 
Konversionssymptomen oder Zwangsideen usw. äußert. Den beiden 
Anschauungen liegen ungefähr die gleichen Tatsachen zugrunde; 
die spätere wird aber der dynamischen Vorstellung der Affekte 
leichter gerecht. 

Dagegen hat sie eine andere Konsequenz, die vielen nicht an- 
nehmbar erscheint : der Affekt wird also oft gar nicht als solcher über- 
tragen, sondern nur die Quantität Energie, die er vertritt ; unterdrückter 
Haß soll so zur Verstärkung der Liebe dienen können. Ich bin nun 
gegen einzelne Fälle solcher Übertragungen, die sich in der Literatur 
finden, recht mißtrauisch; aber eigentlich nur deshalb, weil mir in 
casu der BeweivS des Zusammenhanges ungenügend erscheint. Das 
Prinzip ist auch hier unzweifelhaft richtig. Zunächst ist festzustellen, 
daß oft der verdrängte und der verstärkte Affekt zueinander imVerhält- 
nissevon Gegensätzen stehen und daß Gegensätze einander psychologisch 
viel ähnlicher sind, als man sich gewöhnlich vorstellf^). Was geliebt 
oder gehaßt wird, kann leichter gehaßt oder geliebt werden als etwas, 
das indifferent erscheint. „Wo ein Weib haßt, da liebt sie, hat sie 
geliebt oder wird sie lieben" ist ein wahres Sprichwort; und bei den 
Schriftstellern ist es ein nicht seltener Trick, die Geschichte einer 
Verliebung hinauszuziehen und interessanter zu machen, dadurch, daß 
sie im Anfange der Bekanntschaft eine Abneigung zwischen den 
späteren Liebesleuten eintreten lassen. Auf pathologischem Gebiete, 
z. B. in der Hysterie und der Schizophrenie, sehen wir den Umschlag 
von Liebe in Haß auch ohne psychanalytische Untersuchungen fast 
alltäglich. Dabei ist es gahz unzweifelhaft, daß die beiden Gegensätze 
in ihrem qualitativen Verhalten einander ungefähr entsprechen. Eine 
große Liebe kann nicht in eine geringe Abneigung verwandelt werden*). 
Man kann also die Beobachtung auch so beschreiben, daß man sagt, 
der Energiebetrag der Liebe sei in Haß umgewandelt worden. 

^) Vgl. Bleuler, Negativismus. Psychiatrisch-neurologische Wochen- 
schrift, 1910, Nr. 1. Ferner die hübsche Arbeit von Freud, Jahrbuch für Psycho- 
analyse, Band II, in der gezeigt wird, wie eine ganze Sprache, das Alt-ägyptische, 
die Neigung hat, Gegensätze als einen Begriff zusammenzufassen und z. B. 
für gut und böse das gleiche Wort hat. 

') Bei Männern kann die große Liebe allerdings auch verschwinden, also 
in Gleichgültigkeit und damit auch in alle Grade von Abneigung „verwandelt" 
werden, das ist aber ein ganz anderer Vorgang als die Verschiebung, von der wir 
eben sprechen. 

4 5 



698 E. Bleuler. 

Hier bandelt es sich nicht nur um Gegensätze, also um affektiv 
Zusammengehöriges, sondern zugleich um Identität des Gegenstandes, 
der mit dem Affekte besetzt wird. 

Die Affektenergie kann aber auch auf anscheinend ganz hete- 
rogene Triebe übertragen werden, wobei dann der ursprüngliche Komplex 
dem, der nun die Energiebesetzung erhält, sowohl in der Idee (im 
intellektuellen Vorgang) wie in der Affektart ganz fremdartig ist. 
Meist aber ist bei der Übertragung auf eine andere Vorstellung der 
verstärkte Affekt dem ursprünglichen artverwandt. Jemand, der 
einen großen Haß hat, wird viel eher geneigt sein, diesen Affekt auf 
Dinge zu übertragen, die dem Bedürfnisse nach Bekämpfung oder Ver- 
nichtung von irgend etwas entsprechen können, als auf positiv betonte 
Komplexe. Liebe, die kein entsprechendes Ziel mehr hat, wird sich 
eher wieder in irgend einer Form von Liebe betätigen als in Haß. Doch 
sind das keine Regeln ohne viele Ausnahmen. Sicher aber ist, daß es 
von jeher bekannt war, wie z. B. eine verunglückte Liebe die Leute 
verändern kann, wie die Verschmähten sich nun mit einem ähnlichen 
Affektbetrag auf andere Unternehmungen stürzen, bald auf gute, in 
denen sie dann besonders Tüchtiges leisten, bald auf moralisch gleich- 
gültige (Pflege von Möpsen, Katzen) oder auch auf schlimme, in denen 
sie verkommen. 

Zum Zusammenhange von Sexualität und Religion ist noch 
folgendes zu bemerken; Hier haben wir eine große Ähnlichkeit der 
Affekte; die erotische und die religiöse Idee sind gefühlsverwandt. 
Einesteils hat die Liebe (bekannt namentlich beim Backfischalter) 
soviel Schwärmerisches, vom Körperlichen Abgelöstes, daß solche 
Gefühle sich bei dem Wechsel des Themas kaum zu ändern brauchen. 
Andernteils wissen wir, wie sexuell im engsten Sinne die Liebe zum 
Erlöser oder zur Jungfrau recht oft aufgefaßt wird, auch wenn man 
Leute wie die heilige Katharina von Siena und Zinzendorf als psycho- 
pathisch von der Betrachtung ausschließt. Drittens ist die Liebe zu 
Gott, wie wir allerdings in pathologischen Fällen häufiger und direkter 
nachweisen können als in normalen, oft nichts als ein Symbol für eine 
ganz bestimmte irdische Liebe; der liebe Gott vertritt dann einen 
konkreten Menschen; oder es wird einfach sein Name genannt, um den 
Pfarrer selbst zu bezeichnen. Trotz dieser engen Zusammenhänge und 
trotzdem bei jedem Falle von religiös angehauchter Schizophrenie, den 
ich einigermaßen analysieren konnte, eine der drei Genesen nach- 
zuweisen war, glaube ich nicht, daß ,,die Religion allein in der Sexualität 



Die Psychanalyse Freuds. 699 

wurzle". An ihrer Entstehung sind gewiß noch andere Triebe beteiligt; 
ich möchte mir aber nicht anmaßen, etwas Abschließendes darüber 
zu sagen. 

Auch auf die Theorien, die in verschiedenen Richtungen die 
Ästhetik (die Künste im Ausüben und im Genießen) aus der Sexualität 
ableiten wollen, gehe ich nicht ein: ein gewisser Zusammenhang ist zu 
klar, als daß man ihn zu beweisen hätte; aber das Wesen des ästhetischen 
Genusses ist uns vorläufig noch so fremd, daß meines Wissens nicht 
einmal plausible Vermutungen darüber existieren^). Daß aber alle 
echten Dichter in den Dichtungen ihre Komplexe abreagieren, steht 
mir fest. So gewinnt der oft gehörte Gedanke, daß ein Dichter un- 
glücklich lieben müsse, um etwas Großes zu produzieren, seine 
Wahrheit. 

Wohl weil Wulffen^) manches von Freud akzeptiert hat, macht 
man es ihm zum Vorwurfe, daß er Ethik, Religion, Kunst von der Sexu- 
alität ableitet. Vor Freud haben das aber ungestraft schon andere getan, 
z. B. V. Krafft-Ebing. 

Trotz allem dem bin ich noch nicht überzeugt, daß jede Betätigung 
in einer nicht direkt dem Broterwerbe dienenden Sache respektive die 
Begeisterung dafür ausschließlich auf sublimierten Affekten beruhe, 
die eigentlich der Sexualität angehören, aber von dieser auf andere 
Gebiete übertragen worden sind. Ich halte z. B. auch für gar nicht 
bewiesen, daß der Wissenstrieb eigentlich nur ein Ausbau oder ein 
Ersatz der einen großen Frage der Kindheit sei, woher wir kommen. 
Es scheint mir im Gegenteile, daß der Wissenstrieb für das Aufsteigen 
der Menschheit von so fundamentaler Wichtigkeit gewesen sei und 
noch sei, daß man ihm eine größere Selbständigkeit zuschreiben muß. 



*) Einzelne Wurzeln, die der Ästhetik Säfte zuführen, kenne ich natürlich 
auch. In diesem Zusammenhange mag z. B. erwähnt werden, daß in Dichtung 
und bildenden Künsten erstrebenswerte Objekte geschildert werden, so daß 
man die Kunst in dieser Beziehung geradezu als eine Wunscherfüllung unseren 
Tag- und Nachtträumen an die Seite stellen muß. So haben die Höhlenmenschen 
ihre Jagdtiere gemalt. Aber warum gewisse Toniolgen ästhetisch wirken, andere 
nicht, ist unaufgeklärt, trotz der Regeln, die die Physiologie der Musik und die 
Harmonielehre herausgefunden haben. Noch weniger weiß ich, warum gewisse 
Farbenzusammenstellungen, warum eine bestimmte Landschaft erhebende oder 
überhaupt angenehme Gefühle in mir erregt. 

2) Ich persönlich möchte weder hier noch sonst alle Ansichten Wulffens 
unterschreiben. 



700 E. Bleuler. 

So sehen wir ihn denn auch in der Form von Neugierde bei hoch ent- 
wickelten Tieren, z. B, bei den Vögeln, denen er gewiß bei ihren in- 
tellektuellen Reaktionen auf komplizierte Verhältnisse sehr zustatten 
kommt ^). 

Ich denke mir etwa folgendes: Es steht allerdings fest, daß es 
eine Sublimierung im Sinne Freuds gibt. Es ist aber nicht sicher, 
wie groß die Rolle ist, die wir ihr zuschreiben dürfen. Vor allem ist noch 
zu beweisen, daß die Reduktion einer normaliter in der ersten Jugend 
übergroßen Sexualität mit ihrer Ausdehnung auf weitere Körperzonen 
und ihrer Anlage zu Perversionen mit einer solchen Sublimierung ein- 
hergeht. 

Da aber, wo wir eine auffällige Sublimierung der Erotik kon- 
statieren, handelt es sich um Leute mit lebhaften Affekten und leb- 
haftem Streben. Sie werden also unter allen Umständen sich bei irgend 
einer Betätigung stark ins Zeug legen. Haben sie mehrere Bestrebungen 
zugleich, so hemmen diese einander in der für jeden Psychologen 
selbstverständlichen Weise. Von allen Bestrebungen hat die erotische 
ein kolossales Übergewicht; ihre Energie ist in der Regel quantitativ 
größer als die aller anderen zusammen. Fällt sie weg, so werden die 
anderen Bestrebungen von dieser allerstärksten Gegenstrebung, d. h. 
von den schwersten Hemmungen befreit und zugleich kann sich die 
psychische Energie, die immer nur einen begrenzten Betrag aufweist, 
nun in vollem Maße diesen anderen Zielen zuwenden. 

Es kommt noch hinzu, daß der plötzliche Ausfall des Betätigungs- 
zieles ein ünlustgefühl hinterläßt, das nur auf zwei Arten vermindert 
werden kann: erstens dadurch, daß man aus dem Verlorenen einen 
Kultus macht, der einem die Wirklichkeit ersetzt, oder dann dadurch, 
daß man sich möglichst von der unlustbetonten Idee ablenkt, indem man 
sich mit aller Energie auf anderes wirft und so kräftige Konkurrenz- 
hemmungen schafft. Dadurch wird allerdings auch in einem gewissen 
Sinne die erotische Bestrebung durch eine andere , .ersetzt", aber es 
ist etwas anderes, als wenn eine Kraft, die eigentlich sexuell ist, in 
eine andere umgewandelt wird. 

So ließe sich die Sublimierung in allem Wesentlichen aus bekannten 

^) Immerhin muß ich erwähnen, daß ich durch Herrn Pfarrer Dr. Pfister 
von einem Manne gehört habe, der nur dann seine weltbeglückendeu Bestrebungen 
treibt, wenn er Coitus interruptus übt, bei normaler Sexualfunktion aber seinen 
näheren Interessen lebt. Das läßt sich aber auch anders erklären. 



Die Psychanalyse Freuds. 701 

Prinzipien erklären. Die intimere Beobachtung sablimierender Leute 
machte aber auf viele, nicht nur auf die Freudsche Schule, den Ein- 
druck, daß wirklich eine Kraft, ein Eifer, der sonst für erotische Be- 
strebungen verbraucht würde, sich auf etwas anderes geworfen habe. 
Je näher man mit solchen Leuten bekannt wird, um so bestimmter 
wird man zu dieser Ansicht gedrängt. Sie wird also wohl nicht ganz 
falsch sein, obschon ich keine direkten und objektiven Beweise dafür 
nennen könnte. 

Wird nun aber auch die ursprünglich sexuelle Libido zu künst- 
lerischer oder wissenschaftlicher Betätigung verwendet, so heißt das 
noch nicht, daß die Sexualität in ganz neuen Bahnen laufe und etwas 
schaffe, in etwas verwarjdelt sei, was vorher nicht vorhanden war. 
Hinter manchen Aussprüchen von Schülern Freuds scheint diese 
Ansicht zu stecken. Ich kenne aber für sie noch gar keinen Beweis. 
Es ist mir im Gegenteile wahrscheinlicher, daß die wissenschaftlichen 
oder ästhetischen Bestrebungen primär vorhanden sind und daß erst 
sekundär sich die Libido ihnen zuwendet und ihnen damit die Stärke 
und die lebenausfüllende Bedeutung gibt. 

. Eine ganz besonders geartete Umwandlung der unterdrückten 
Libido ist diejenige in Angst. „Die Angst ist ein libidinöser Impuls, 
der vom Unbewußten ausgeht und vom Vorbewußten gehemmt wird." 
(Traumdeutung, 2. Auflage, S. 243.) ,,Die neurotische Angst entspricht 
einer von ihrer Bestimmung abgelenkten, nicht zur Verwendung ge- 
langten Libido." (Ibid. S. 115.) 

Um die Psychopathologie der Angst, soweit eben möglich, zu 
verstehen, müssen wir unterscheiden zwischen primärer, zunächst 
objektloser Angst, die sich dann allerdings sekundär ein Schein- 
objekt finden kann, und der Angst um etwas, der Angst, es könnte 
jemandem etwas begegnen. Beide decken sich zum Teil insofern, 
als es sich bei der zweiten Form selbstverständlich meist um den 
Verlust von Personen handelt, die geliebt sind, auf die die Libido über- 
tragen ist, und als auch eine Verdrängung stattfindet, aber nicht der 
Libido, sondern einer gegenteiligen Kegung. 

Aufklärung über die zweite Form geben uns alltägliche Vorkomm- 
nisse des Traumes und der Schizophrenie. Man liebt jemanden und 
haßt ihn zugleich. In der Dissoziation der beiden genannten Zustände 
bestehen beide Affekte nebeneinander. Während die normale Frau 
(wenn auch in Schwankungen) den Mann wegen seiner Trunksucht 

4 5* 



702 E. Bleuler. 

weniger liebt, als es oline dieselbe der Fall wäre, also eine tSubtraktion 
der negativen von den positiven Eigenschaften mit ihren zugehörigen 
Affekten vornimmt, haßt sie ihn in den beiden Zuständen wegen seiner 
Fehler und liebt ihn wegen seiner Vorzüge zugleich. Die Konsequenz 
des Hasses ist, „daß ihn der Teufel holen möge", kurz, daß er ihr aus 
dem Wege komme. In den Dissoziationen aller Art werden Wünsche 
gern als erfüllt gedacht; so auch hier. Der Wunsch, der Mann möchte 
sterben, wird aber mehr oder weniger unterdrückt, meist ist er gar 
nicht im Bewußtsein vorhanden. Bewußt bleibt aber das Resultat 
des Vorganges, die Wahnvorstellung des gestorbenen Gatten, und da 
die Frau ihn auch liebt, so reagiert sie auf diese Vorstellung mit 
ungeheuchelter Trauer, mit wirklicher Verzweiflung. 

Dies der Grenzfall. Außerhalb der tieferen Denkstörungen geht 
die Wunscherfüllung nicht so weit. Man weiß ja, daß der Gatte, mit 
dem man immer verkehrt, noch lebt, aber man fürchtet, er könnte 
umkommen, man ängstigt sich um ihn in einer den tat- 
sächlichen Verhältnissen widersprechenden pathologischen Weise; 
man erfüllt den Wunsch wenigstens in Form der hypothetischen 
Vorstellung. 

Die Auffassung, daß hinter jeder solchen übertriebenen Ängst- 
lichkeit, hinter jeder traumhaften oder schizophrenen Wahnidee vom 
Tode eines Angehörigen ein Wunsch, ihn beseitigt zu sehen, stecke, 
läßt sich natürlich nicht direkt beweisen, und es ist auch gar nicht 
auszuschließen, daß nicht ein solcher Wahn auch einmal auf irgend 
einem Umwege anders entstehen könne. Daß aber die Genese wirklich 
so sein kann und daß sie gewöhnlich so ist, läßt sich wohl unwider- 
leglich dartun durch die Erfahrung, daß man hinter all diesen 
Erscheinungen, ganz gleichgültig, wie viele Einzelerfahrungen 
man besitze, regelmäßig nicht nur einen nebensächlichen, sondern 
einen das affektive Sein der Beobachtungsperson tief angreifenden 
Abneigungskomplex wirklich findet. Es muß also ein Zusammenhang 
zwischen dem Hasse und der Wahnidee respektive der Befürchtung 
vorhanden sein; und da wir den Übergang von Wunschvorstellung 
in Wirklichkeitsvorstellung ah Tatsache und zugleich theoretisch als 
assoziativ-affektiven Mechanismus kennen, kann man vernünftiger- 
weise an nichts anderes als den oben erwähnten Vorgang via Wunsch- 
erfüllung denken. 

Eine Anzahl Beispiele habe ich in dem in Vorbereitung befindlichen 
Handbuch der Psychiatrie von Aschaffenburg, Verlag von Franz 



Die Psychanalyse Freuds. 703 

Deuticke in Wien, (Schizophrenie) zusammengestellt. Hier nur noch einige 
Beobachtungen zur Illustration besonderer Erscheinungsweisen des gleichen 
Phänomens. 

Wir reden in Gesellschaft von Träumen. Eine Dame berichtet, wie 
traurig es sei, seit einiger Zeit träume sie immer vom Tod eines ihrer Kinder. 
Da die übrigen Anwesenden die Bedeutung kannten, wußte man nicht 
zu antworten, worauf die Dame in scheinbar völlig abrupter und höchst 
unpassender Weise von Differenzen mit ihrem Manne zu sprechen begann. 
Zufällig ließ sich nachweisen, daß die Differenz mit dem Gatten und die 
Träume in der gleichen Zeit begonnen hatten. Ferner war das umgebrachte 
Kind das Lieblingskind des Mannes. Zur Erklärung ist hinzuzufügen, 
daß Kind und Gatte in solchen Fällen ganz gewöhnlich identifiziert 
werden-'). 

Ein junges Fräulein, das später an Schizophrenie erkrankte, war in 
unangenehmer Weise ängstlich um die Mutter. Sobald diese aus dem Hause 
war, mußte sie immer ans Fenster gehen, um zu sehen, ob die Mutter nicht 
komme, es könnte ihr etwas begegnen. Mutter und Vater harmonierten 
nicht gut miteinander, um so besser aber Vater und Tochter, die beide 
künstlerisch veranlagt waren. Die Anwesenheit der Mutter war das Hindernis 
für ein intimeres (ideal gedachtes) Verhältnis zum Vater. 

Ich selber hatte 13 Jahre lang eine ältere Haushälterin, deren 
Charakter sich in schwierigen Situationen während ihres ganzen Lebens 
als ein absolut gewissenhafter und aufopferungsfähiger erprobt hatte. 
Als ich mich verheiratete, ließ man sie im Hause, behandelte sie mit aller 
Rücksicht, ja, man überließ ihr vollständig das Technische in der Direktion 
des Haushaltes. Mit großer Liebe besorgte sie meine Kinder. Schon bald 
zeigten sich an sich unbedeutende, aber nicht seltene und sichere Zeichen 
unbewußter Eifersucht. Sie fiel auch auf durch übertriebene Ängstlichkeit 
um die Kinder; aus einer kleinen Unpäßlichkeit machte sie eine gefährliche 
Krankheit; sie war sehr unzufrieden mit mir, daß ich die Kinder, trotz 
ihrer Krankheiten, so leichtfertig behandelte, Schließlich verließ sie uns, 
besorgte uns aber noch während mehreren Abwesenheiten die Kinder. 
Da fiel uns nun auf, daß ihnen jedesmal etwas fehlte, nichts Bedeutendes, 
aber es war nie soviel los, wie wenn sie da war. Ich bin absolut überzeugt, 
daß sie die Kinder mit tadelloser Gewissenhaftigkeit pflegte; vielleicht 
wirkten ihre Ängstlichkeit und ihr allzu großes Entgegenkommen (sie war 
vorher eine ausgezeichnete Krankenpflegerin, die aus Instinkt alles Er- 
wünschte, aber nie zuviel machte) suggestiv in ungünstigem Sinne. So 
verzichteten wir auf ihre Hilfe und seitdem ist es besser. 

Ein moralisch tüchtiges Mädchen aus dem Volke heiratete unter 
Zwang der Eltern einen Mann, dem sie einen andern vorzog. Nach der 
Geburt ihres ersten Kindes äußerte sie öfter ohne jeden verständlichen 
Grund, so daß es auffiel : ,,Wenn nur dem Bubi nichts begegnet." Schließlich 



1) Sogar bei Tieren. Möbius (Geschlechter der Tiere, II, 24) erzählt von 
einer Störchin, die, vom Gatten verlassen, die bebrüteten Eier aus dem Neste 
warf und das Nest voll Rasen trug. 



704 B. Bleuler. 

vergiftete sie es in einer (schizophrenen) Zwangshandlung; gleich nachher 
reute sie die Tat, sie versuchte das Kind noch zu retten, ohne Erfolg. Sie 
war nun einige Wochen lang tief unglücklich, jammerte verzweifelt, zeigte 
aber immer, wenn sie von dem Kinde sprach, keine einheitliche Miene, 
sondern (meist im unteren Teile des Gesichtes) eine direkt fröhliche Mimik, 
so daß man meinen mußte, sie lache, wenn man nur den unteren Teil des 
Gesichtes sah und sie nicht gerade laut jammerte; zur gleichen Zeit 
drückte die obere Gesichtshälfte größten Schmerz aus. 

In allen solchen Fällen ist also die Angst das Eesultat eines 
Konfliktes zweier Komplexe, von denen der eine den Wunsch hat, 
jemanden zu vernichten, den der andere liebt. 

Die andere Art Angst (im Sinne der zitierten Aussprüche Freuds) 
hat einen Zusammenhang mit der Sexualität, den ich nicht genügend 
verstehe, der aber ganz sicher ist und schon seit langer Zeit mehr oder 
weniger bekannt war. 

Anderswo^) habe ich kurz ausgeführt, wie unsere meisten (psychi- 
schen, motorischen, chemischen) Funktionen dadurch reguliert werden, 
daß zwei entgegengesetzte Kräfte einander hemmen. In der Betätigung 
der Sexualität sehen wir neben dem positiven Trieb die Henomung^) 
wenigstens beim Weibchen sehr in die Augen springend. Die entgegen- 
stehenden Affekte sind Angst und Ekel. Beim menschlichen Backfisch 
ist die sexuelle Libido deutlich mit dem Affekte der Angst besetzt. 
Auch bei Männern sehen wir Erscheinungen,- die sonst der Angst zu- 
geschrieben werden (z. B. Zittern). Bei uns gibt es ein Volkslied, das 
in witziger Weise den sexuell erregten Zitternden tröstet, das Haus 
falle nicht um. In Jakobsens Niels Lyhne (Reklamausgabe 56) trifft 
ein Knabe die Tante in entblößtem Zustande, die Knie zittern ihm, 
er hat Angst. Auch Goethe bringt in Wilhelm Meister, 5. Kapitel, 
Wollust und Angst in folgender Weise in Verbindung: ,,Die Kinder 
sind aufmerksam auf alle Ritzen und Löcher, wo sie zu einem ver- 
botenen Naschwerk gelangen können, Sie genießen es mit einer solchen 
verstohlenen wollüstigen Furcht, die einen großen Teil des kindischen 
Glückes ausmacht." Daß die pathologische Angst (namentlich in Ver- 
bindung mit der Wahnidee der Sünde, die nicht verziehen werden 
kann) meist mit „sexuellem Reize, wenn nicht sexueller Reizung", 
zusammenhängt, wußte Savage schon Anfang der Ach tziger jähre- 

^) Negative Suggestion. Psychiatrisch-neurologiache Wochenschrift, XII. 
Jahrgang, 1910, Nr. 1. 

*) Natürlich rede ich hier nicht von den künstlichen Hemmungen der 
sogenannten Sitte. 



Die Psyclanalj'se Freuds. 705 

Bei Zwangszuständen, zu denen sich ja, sobald man widerstrebt, meist 
Angst gesellt, kannte man von jeher den Zusammenhang mit Onanie 
(die französischen Autoren, ferner Spielmann 1855). Sogar vom Angst- 
traume wußte V. Krafft-Ebing (Psychopath, sexualis, 10. Auflage, 
S. 228), daß er sexuelle Bedeutung haben kann: bei Pollutionen 
in psychischer Hermaphrodisie findet er selten Träume von Män- 
nern, nie von Weibern; dafür Sterbeszenen, Angefallenwerden von 
Hunden u. dgl. 

Daß umgekehrt die Angst sexuelle Gefühle anregen kann, ist 
ebenfalls eine alte und häufige Erfahrung. Sexuelle Empfindungen bis 
zu Orgasmus kommen vor infolge von brüsker Behandlung durch 
die Lehrer, bei Angst, zu spät zu einer wichtigen Angelegenheit zu 
kommen. 

Da ist es eigentlich eine Ergänzung unseres Wissens, nicht etwas 
prinzipiell Neues, wenn man durch Freud erfährt, daß die Angst- 
träume und alle möglichen anderen Angstzustände mit der Sexualität 
zusammenhängen. Neu war nur, daß eine sexuelle Verdrängung oder 
frustrane Erregung dahinter stecke, und dies wird durch die Erfahrung 
bewiesen, daß man diese sexuelle Ursache regelmäßig findet und daß 
sich der Zustand mit Beseitigung der Ursache heben läßt. 

Natürlich weiß ich sehr gut, daß es auch eine Angst gibt infolge 
Gefährdung des Individuums. Nach v. Wyß^) bedeutet die Angst bei 
Fieberdelirien Ermattung der Herztätigkeit und hat schlimme Bedeutung. 
Arteriosklerose kann bekanntlich Angstzustände hervorrufen. Indirekt 
psychopathologisch ausgelöste Angst hat sich uns bis jetzt immer als 
sexuell bedingt erwiesen. 

Merkwürdige Schwierigkeiten macht auch noch die Voraus- 
setzung der unbewußten psychischen Tätigkeit, die unter Um- 
ständen in die bewußte eingreift und sie mitbestimmt. Es handelt 
sich da um Anerkennung von Vorgängen, die unbewußt sind, aber in 
allen anderen Beziehungen sich den gewöhnlichen bewußten Vorgängen 
identisch verhalten. In Frankreich sind die dieser Vorstellung zu- 
grunde liegenden Tatsachen und der Begriff des Unbewußten schon 
längst anerkannt; Pierre Janet braucht den letzteren zu seiner 
bekannten Theorie der Hysterie. Bei uns ist Lipps für ihn ein- 
getreten. Und doch wird man meist noch angesehen, wie wenn man 
die Existenz der Telepathie als bewiesen betrachtete, wenn man 
damit operiert. 

^) V. Wyß, Beitrag zur Pathologie und Therapie der fibrinösen Pneu- 
monie. Habilitationsschrift. Zürich 1910. 



706 B. Bleuler. 

Für das Dasein unbewußter Funktionen kann ich hier nicht 
eintreten; ich habe anderswo^) eine Anzahl der Tatsachenreihen zu- 
sammengestellt, die das Dasein des Unbewußten beweisen. 

Von den damaligen Ausführungen ist meines Wissens nichts 
widerlegt worden. Die Tatsachen aber, die zum Begriffe des unbewußten 
Psychismus führen, sind so alltäglich, daß ich geradezu glaube, die 
Leugner derselben können das eigentlich Psychologische nur ganz 
ungenügend beobachten. Jedenfalls haben wir uns um Leute nicht zu 
kümmern, die Tatsachen nicht sehen, die alltäglich vor ihren Augen 
stehen*). 

Den Nachweis, daß das Unbewußte unser bewußtes Denken und 
Handeln beeinflusse, kann ich mir aber hier nicht ersparen. Es kommt 
vielen zu sonderbar vor, daß bei der Psychanalyse Assoziationen, die 
gar nicht vom Willen dirigiert werden und bei denen jede bewußte 
Direktive ausgeschlossen ist, dennoch auf ein bestimmtes Ziel los- 
gehen sollen. 

Die Mitwirkung unbewußter Konstellationen an unserem Ideen- 
gang schien mir, seit ich psychologisch beobachte, selbstverständlich. 
Ich habe denn auch lange vor Freuds Publikationen versucht, durch 
fortlaufende Assoziationen dem Unbewußten auf die Spur zu kommen, 
allerdings ohne Resultat. 

Zunächst sollte es für keinen modernen Naturwissenschafter 
eines Beweises bedürfen, daß es ursachenlose Dinge in unserer Psyche 
nicht gibt. Auch die Assoziationen, die ohne bekannten Zusammenhang 
mit vorhergehenden auftauchen, müssen ihre determinierenden Ur- 
sachen haben. An physiologische (somatische) Ursachen kann niemand 



^) In: Jung Diagnostiache Assoziationsstudien, Band I, Barth, Leipzig 
oder Journal für Psychologie und Neurologie, Band VI, 1905, S. 126. 

^) Bei Vielen handelt es sich nur um eine petitio principii, respektive um 
eine andere Umschreibung des Begriffes des Psychischen, indem sie annehmen, 
das Wesen des Psychischen liege in der Bewußtheit. Das ist natürlich nicht falsch, 
aber es verschließt, wie wir sehen, die Möglichkeit des Verständnisses vieler psycho- 
logischen Erscheinungen. Ganz klar ist sich von den Gegnern der unbewußten 
Psychismen nur Kassowitz (Allgemeine Biologie, IV. Band, Wien, Perles, 1906), 
und wir könnten alle seine Überlegungen mitmachen, wenn wir die kausalen 
Zusammenhänge, die wir innerhalb des Bewußten nicht finden, in der physio- 
logischen Tätigkeit des Gehirns nachweisen könnten. Bis dahin bilden das Be- 
wußte und das Unbewußte zusammen ein kausales und phänomenales Ganzes, 
das sich von allen anderen Dingen oder Vorgängen wesentlich unterscheidet. 



Die Psychanalyse Freuds. 707 

glauben, der sicli die Kompliziertheit der einfachsten psychischen 
Gebilde vorstellen kann. Wenn also nicht der sonst für diese Vorgänge 
angerufene Dämon die Assoziationen von außen eingibt, so müssen 
doch wohl die im Unbewußten liegenden Ursachen das Auftauchen 
bestimmen. Ich weiß nicht, wie man aus diesem Dilemma heraus- 
kommen könnte. 

Die Überlegung wird durch die Beobachtung bestätigt. Überläßt 
man sich einem scheinbar ziellosen Gedankengang, so konstatiert 
man fast inamer bald eine bestimmte Richtung, die in der Regel affektiv 
bestimmt ist : irgend etwas, was uns beschäftigt, wird weiter gesponnen, 
sei es ein Wunschtraum oder eine Befürchtung oder eine wissenschaft- 
liche Kontroverse oder ähnliches. In solchen Fällen wird natürlich 
die Direktive rasch bewußt. Anders ist es aber, wenn wir über ein 
bestimmtes Thema gerade nicht denken möchten, wenn wir es bewußt 
oder unbewußt ausschalten wollen. Dann kann es in einer einzigen 
Viertelstunde vielfach vorkommen, daß der Gedankengang die Di- 
rektion gerade auf dieses Thema hin nimmt, auch wenn es uns gelingt, 
es für einige Zeit vollständig aus dem Bewußtsein auszuschalten. Und 
wenn wir dann genau zusehen, so ist es gar nicht immer sc, daß eine 
bestimmte Assoziation das in Bereitschaft liegende Thema in gewöhn- 
licher Weise angeregt hat, sondern man findet bei Rekapitulation oft 
schon in den Assoziationen, die dem Bewußtwerden des Komplexes 
vorausgegangen sind, den Weg auf diesen hin. Übrigens ist der Unter- 
schied zwischen den beiden Arten der Assoziation durchaus kein 
prinzipieller. Die ,, Bereitschaft" ist ja auch schon eine im Unbewußten 
liegende Konstellation; der Unterschied besteht nur darin, daß der 
im Unbewußten dirigierende Komplex hier gleich bei der ersten Asso- 
ziation bewußt wird; aber eben diese erste Assoziation ist von ihm 
dirigiert worden, bevor das Bewußtwerden möglich war. So wenn ich 
in einem Buche einen Namen suche, aber, durch die Lektüre gefesselt, 
meine Absicht samt dem Namen vergesse, bis der Name vor meine 
Augen tritt und er sofort die zurückgedrängte ursprüngliche Aufgabe 
ins Gedächtnis ruft, oder wenn man einen Brief in die Tasche nimmt, 
nicht mehr daran denkt, bis der Anblick eines Briefeinwurfes uns 
daran erinnert. Im letzten Falle ist die Wirkung der Bereitschaft eine 
sehr klare: der Briefeinwurf bleibt sonst von unserem Bewußtsein 
unbeachtet; er wird diesmal beachtet wegen der unbe^vußten Kon- 
stellation durch die Aufgabe, den Brief hineinzuwerfen. Überhaupt 
sind die durch Konstellation im Unbewußten dirigierten Assoziationen 



708 E. Bleuler. 

auch den Psychologen bekannt. Ich füge als weitere Beispiele noch 
hinzu, das unbewußte Summen von Liedern, das oft direkt einen 
bestimmten Komplex verrät, die Assoziationen des pathologischen 
Beziehungswahnes, die am liebsten dann auftreten, wenn der Patient 
gar nicht an seine Komplexe denkt. Ferner die Verlesungen, deren 
ich gewiß nach Zehntausenden analysiert habe, und selten ohne die 
im Unbewußten liegende Konstellation zu finden. Ein weiteres leicht 
zu beschaffendes Material sind die Verscbreibungen, in denen wir 
auch eine nicht geringe Erfahrung haben, da wir gewohnt sind, einander 
darauf aufzupassen. (Hier, wo ein größerer Aufmerksamkeitsaufwand 
Aberrationen hemmt, sind die konstellierenden Ideen meist gefühls- 
betonte Komplexe, während bei den häufigeren Verlesungen, die einem 
begegnen, wenn man etwas geschrieben sieht, ohne daß man überhaupt 
die Absicht hat, es zu lesen, auch ganz gleichgültige Konstellationen 
in Wirksamkeit treten können. Der Unterschied ist sehr bezeichnend, 
wenn auch selbstverständlich.) 

Eine ganz der Freudschen Methodik ähnliche Benutzung der 
Direktive des Unbewußten wird allgemein angewendet: wenn einem 
ein Name entfallen ist, so ist es am besten, sich mit dem Gegenstande 
nicht mehr zu beschäftigen; nach einiger Zeit taucht er recht häufig 
ohne jeden Zusairmienhang mit dem aktuellen Gedankengang wie aus 
dem Nichts auf (allerdings gerne erst, wenn man seiner nicht mehr 
bedarf). 

Bei Künstlern und Dichtern ist es eine nicht ganz seltene Be- 
obachtung, daß die Arbeit des Schaffens im Unbewußten geschieht, 
so daß sie das fertige Resultat auf einmal vor sich haben. Auch mathe- 
matische Probleme sind in der Weise gelöst worden^). Es hat deshalb 
auch gar nichts Befremdendes, stimmt aber mit der Selbstbeobachtung, 
daß, wie Freud annimmt, auch die Schöpfung des Witzes im wesent- 
lichen im Unbewußten geschieht. 

Eine mit der Freudschen identische, aber nur bei visuell be- 
sonders begabten Personen anwendbare Methode, das Unbewußte 



') Beispiele siehe namentlich bei Carpenter, Mental Physiology. Wenn 
man auch einen Teil dieser Fälle dadurch erklären könnte, daß die Arbeit des 
künstlerischen Gestaltens in einem Momente vor sich gehen könne (es ist das 
nicht unsinnig), so bleibt für uns als das Wesentliche die Tatsache, daß das Resultat 
ohne Zusammenhang mit dem aktuellen Bewußtseinsinhalte auf einmal ins Be- 
wußtsein springt. 



Die Psyehanalyse Freuds. 709 

bewußt zu maclien, hat Urhantschitsch^) angewandt, indem er die 
Versuchspersonen bei geschlossenen Augen angeben ließ, was sie jetzt 
vor sich sehen; die Bilder ergaben dann oft das gewünschte Resultat. 
Man hat auch empfohlen, die hypnagogischen Halluzinationen in 
gleicher Weise zu benutzen, und kann damit Erfolg haben^). 

Wer sich und Andere genauer beobachtet, findet recht oft, daß 
die bewußten Motive einer Handlung gar nicht ausreichen, sie zu be- 
stimmen. Sucht man gründlich nach anderen, so bleibt man selten im 
ungewissen darüber, daß und welche treibende Kräfte im Unbewußten 
mitgewirkt haben; ,, mitgewirkt" ist übrigens nicht einmal der ganz 
richtige Ausdruck; denn die unbewußten Momente erweisen sich meist 
als die ausschlaggebenden. Ich verweise zur Illustration wieder auf 
Foreis „Wie Ansichten entstehen" (Zukunft 1902/03, S. 1) und ferner 
auf Lord Mansfields feine Ermahnung an einen jungen Richter, er 
möge sich hüten, Motive für seine Urteile zu geben, denn die Urteile 
werden zwar meistens richtig sein, die Begründungen aber meistens 
falsch. Beobachtet man sich in jenen Fällen genau und ganz ehrlich, 
so sagt es einem schon das bestimmte subjektive Gefühl, sobald man 
die eigentlichen Motive gefunden hat. Die unbewußte Motivierung 
kann in den kleinsten Kleinigkeiten, aber ebensogut und (vielleicht 
am regelmäßigsten) in den wichtigsten Angelegenheiten eintreten. Man 
kann sich fragen, warum man heute auf dem Unken Trottoir gehe, 
gestern auf dem rechten, ebensogut, wie man sich fragen kann, warum 
man diese oder jene Stelle annehme oder sich gerade mit dieser^Person 
verlobe. 

Zwei Beispiele aus der letzten Vergangenheit: Aus dem Anstalts- 
bureau führt direkt in meine Wohnung eine Treppe, die ich 11 Jahre lang 
beständig benutzt hatte. Nun traf ich mich eine Zeitlang oft, daß ich den 
etwas weiteren Weg durch den Korridor einschlug. Erst Wochen, nachdem 
ich diese Beobachtung Dutzende von Malen gemacht, fand ich endlich den 
Grund: Ich bin mit Amtsgeschäften überladen, so daß ich mir z. B. zu 
wissenschaftlichen Arbeiten die Zeit stehlen muß. Das hat natürlich Einfluß 
auf meine Geschäftsführung und auf meine private Stellung zu den Ärzten. 
Ich habe ein Insuffizienzgefühl, das mich (meist unbewußt) zwingt, den 
.irzten zu sagen, daß ich über meine Zeit zu wenig verfügen könne. Nun 
hatte ich damals zum ersten Male, seit ich im Burghölzli bin, meine Zeit 
durch die dringlichen Geschäfte nicht ganz ausgefüllt. Ich konnte ans 



') Über subjektive optische Anschauungsbilder, Leipzig und Wien, Deuticke, 
1907. Und derselbe: Über subjektive Hörerscheinungen usw. Ebenda, 1908. 

^) Silberer, Jahrbuch für Phychoanalyse. 1909, S. 12. Wien, Deuticke. 
Jahrbuch für psych oanalyt. u. psychopathol. Forschungen. II. 45 



710 



E. Bleuler. 



dem Bureau in meine Wohnung gehen und Arbeiten nachholen, die ich 
lange Zeit hatte liegen lassen müssen. Der Sachverhalt stimmte für damals 
nicht mehr ganz mit dem, was ich sonst zu sagen gewohnt war, deshalb 
genierte ich mich, vor den Augen der Ärzte direkt in meine Wohnung 
zu gehen. Ich hatte diese Erklärung, die unzweifelhaft die richtige ist, 
erst gefunden, nachdem ich durch längere Beobachtung konstatiert hattet 
daß der ungewohnte Weg nur dann gewählt wurde, wenn die Ärzte im 
Bureau waren. 

Eines Tages fühlte ich mich gedrungen, mitten aus der Arbeit zu 
meiner Frau zu gehen und ihr zwei Grüße auszurichten, die man mir schon 
vor einiger Zeit aufgetragen hatte, die zu vergessen ich aber mit Bewußtsein 
als gleichgültig angesehen hatte. Es fiel mir auf, daß ich auf die Grüße 
auf einmal so viel Wert legte, und ich dachte mir, sie müßten doch eine 
Wichtigkeit haben, die mir jetzt entfallen sei. Später kam mir bei Ge- 
legenheit ein anderer Gruß in den Sinn, den ich auszurichten hatte und 
der die den ersten zugeschriebene Wichtigkeit und den fälschlich auf sie 
übertragenen Gefühlston hatte. 

Bloße Affektreaktionen, die nicht zum Handeln führen, Erröten, 
andere Stimmung usw., sehen wir gelegentlich an uns wie an Kranken, 
namentlich an Schizophrenen, in der Weise, daß auf gewöhnlichem 
Wege, z. B. durch indirektes Antonen, ein Komplex angeregt wird, 
der die entsprechende Mimik, Erröten, Zupfen an den Kleidern, zornigen 
Ausdruck bewirkt, ohne aber zum Bewußtsein zu kommen. 

Am besten lassen sich die unbewußten Motivierungen in den 
posthypnotischen Suggestionen objektiv demonstrieren. Die 
meisten posthypnotischen Aufträge werden bekanntlich ohne Kenntnis 
der Ursache ausgeführt. In einzelnen Fällen nun haben sie den Cha- 
rakter von Zwangserscheinungen, meist aber glauben die Versuchs- 
personen aus eigenem Antriebe zu handeln und geben bona fide dafür 
Gründe an, die in Wirklichkeit gar nichts mit der Handlung zu tun 
haben. 

Gehen wir zu den psychanalytischen Untersuchungen selbst, so 
sehen wir ganz beständig Wirkungen der unbewußten Konstellation in 
den experimentellen Assoziationen, sowohl in ihrem Inhalte wie in 
ihren Komplexzeichen. Es gibt ja Leute, die die Bedeutung der Kom- 
plexzeichen leugnen; aber wenn man damit viele Hunderte von psy- 
chischen Diagnosen gemacht hat, die sich als richtig erweisen ließen, 
so fällt das für diese Frage außer Betracht. Schon vor Freud galten 
übrigens die mittelbaren Assoziationen vielen als ein sicheres Zeichen 
der Konstellation durch das Unbewußte. Alle diese Dinge haben deshalb 
einen ganz besonderen Wert, weil sie sich an jedem beliebigen Gesunden 



Die Psychanalyse Freuds. 711 

wiederholen lassen und deshalb auch subjektiv verifiziert werden 
können. 

In der „Psychologie des Alltagslebens" hat man sich darüber 
lustig machen wollen, daß jede „zufällig" genannte Zahl eine Bedeutung 
haben solle. Da es aber selbstverständlich ist, daß es in psychologischen 
Dingen ebensowenig wie in physikalischen wirklichen Zufall gibt, muß 
es durch die Konstellation eindeutig bestimmt sein, warum man eine 
bestimmte Zahl nennt. Es fragt sich nur, wie oft und eventuell wie 
weit wir diese Konstellation ergründen können. Nun haben wir oben 
gesehen — und die Psychopathologie zeigt das sonst noch hundert- 
fach — , daß die Komplexe eine größere Bereitschaft haben als andere 
Gedanken. Es ist also ganz selbstverständlich, daß mit Komplexen 
zusammenhängende Zahlen verhältnismäßig häufig auftauchen müssen. 
Befremden mag manche Leute nur, daß sie verarbeitet sind, daß eine 
rasch aufs Geratewohl genannte Zahl ihre Begründung in mehreren 
Zahlen, ja, in komplizierteren mathematischen Verhältnissen haben 
könne, so daß z. B, 2467 aus dem 24. Geburtstage, dem Alter (43 Jahre) 
plus diesen 24 zusammengesetzt ist. Wenn man aber aus ganz anderen 
Erfahrungen weiß, was z. B. beim automatischen Schreiben der un- 
bewußte Automatismus für Mätzchen zu machen gewöhnt ist, so 
erscheint es selbstverständlich, daß auch solche und noch viel kom- 
pliziertere Dinge vorkommen müssen. Daß nun jede durch kurze 
psychanalytische Prozeduren herausgebrachte Motivierung einer Zahl 
in allen Teilen richtig sein müsse, wird nicht zu beweisen sein, ist aber 
ganz gleichgültig, da das Prinzip selbstverständlich ist. Es tut dem 
letzteren auch gar keinen Abbruch, wenn man, wie ich annimmt, 
daß nicht nur affektive, sondern auch intellektuelle Konstellationen 
wesentlich mitbestimmend sein können, so daß mir z. B. jetzt während 
des Schreibens als Beispiel 365 einfällt, in erster Linie, weil ich diese 
Zahl meinen Patienten in dem häufigsten Rechenbeispiel vorzulegen 
gewohnt bin. 

Auch das unbewußte, aber im Sinne irgend eines Komplexes 
zweckmäßige Zerstören von Dingen halte ich für ein selbstverständliches 
Vorkommnis^). Etwas, das man nicht liebt, wird man ceteris paribus 



^) Bei allen Arten von Versehen, genügt es zur Erklärung nicht, eine Zer- 
streutheit oder Ungeschicklichkeit oder etwas Ähnliches anzunehmen. Das genügt 
nur zur Erklärung, daß ein Versehen stattgefunden, aber nicht, daß gerade dieses 
von tausend möglichen gewählt \vorden. 

46* 



712 E. Bleuler. 

doch weniger sorgfältig in die Hände nehmen, als etwas Angenehmes. 
Und daß man leicht durch unwillkürliche Bewegungen das anstößt, 
was einem auch nur psychisch im Wege ist, zeigt doch die Selbst- 
beobachtung jedem, der sie geduldig übt. 

Ich bin auf diese Dinge vor 29 Jahren zum ersten Male aufmerksam 
gemacht worden. Ich hatte eine Anstaltsapotheke zu besorgen, in der 
viel unnützes Zeug herumstand, das man aber aus Pietät gegen eine ver- 
storbene Besorgerin der Apotheke nicht gleich fortwerfen durfte. Manches 
davon, Glasgeschirr und andere Dinge verschwanden aber nach und nach 
unter meinen Händen. Gleich beim ersten Fläschchen, das ich beim 
Zapfenausziehen in einer Weise zerbrach, wie man es sonst nicht tut, 
prüfte ich mich nach Möglichkeit, ob ich so perfid gewesen sei, das Ding 
absichtlich zu zerbrechen. Ich fand mein ganzes Bewußtsein frei von 
Schuld, traute aber doch nicht. Bei späteren gleichen Vorkommnissen 
wurde mir die Tücke des Unbewußten immer wahrscheinlicher, aber ich 
wagte nicht, das sicher anzunehmen. Daß dann die Beobachtung anAnderen 
durch Fre ud und seine bestimmte Erklärung, die sich noch auf die Psych- 
analyse stützen konnte, mir wie eine Erleuchtung vorkommen mußte, ist 
selbstverständlich. Durch die Psychanalyse war nun ja der „Zufall" aus- 
zuscbließen, indem man in jedem Falle, der auffällig war, den Komplex 
aufsuchen konnte. 

Selbstverständlich gibt es auch Versehen und sonstige Fehler, 
die nicht komplexbedingt sind. Wenn ich etwas Größeres in der linken 
Hand zu tragen habe, gelingt es mir schwerer als sonst, mit der rechten 
die etwas diffizilen Anstaltsschlösser aufzumachen, offenbar weil meine 
ganze Haltung eine ungewohnte ist und ich nur für eine bestimmte 
Stellung eingeübt bin. Wenn ich mich im Schlüssel vergreife (Abteilung 
statt Wohnung oder Bureau), so finde ich ausnahmlos, daß ich eben 
an den Ort gedacht habe, der dem Schlüssel entspricht; er brauchte 
aber nicht gefühlsbetont zu sein^). Ich glaube also, daß in solchen 
Kleinigkeiten die intellektuelle Konstellation auch ohne die affektive 
das Versehen verursachen und in der Richtung bestimmen könne*). 
(Daß nie eine Ursache allein wirksam ist, weiß ich natürhch.) 



*) Solche schwache Einflüsse können nur unter relativ gleichgültigen 
Umständen zur Wirkung kommen. Es ist gewiß von Bedeutung, daß alle diese 
nicht komplexbedingten Schlüsselversehen nur dann beobachtet worden sind, 
wenn ich den Schlüssel nicht gleich brauchte, sondern ihn unbewußt aus der 
Tasche nahm, lange bevor ich an der betreffenden Tür war. Ich habe dann 
auch den Fehler fast immer noch rechtzeitig korrigiert. 

') Damit setze ich mich nicht in Widerspruch zu Freud; ich wollte aber 
doch im Hinblicke auf etwas unvorsichtige Aussprüche einzelner Schüler die 
Einschränkung erwähnen. 



Die Psychanalyse Freuds. 713 

Nach der Freudschen Auffassung hat das Unbewußte seine 
Wurzel im Infantilen. „Das Infantile ist nämlich die Quelle 
des Unbewußten; die unbewußten Denkvorgänge sind keine anderen, 
als welche im Kindesalter einzig und allein hergestellt werden" (Witz, 
S. 145). Ich muß gestehen, daß ich diese Annahme nicht genügend 
verstehe, was nicht heißen will, daß sie falsch sei. Immerhin ist sie 
für mich unnötig und vorläufig auch unwahrscheinlich. Das Unbewußte 
ist ein so integrierender Bestandteil unserer Psyche und wirkt das 
ganze Leben hindurch in gleicher Weise und bezieht sich ganz direkt 
auch auf spätere Erlebnisse, daß ich gar nicht weiß, wie Freud hat 
zu dieser Einschränkung kommen können. Aber nähere Zusammen- 
hänge mit kindlichen Komplexen sind natürlich auch für mich vor- 
handen. Wie unten noch auszuführen, werden in der ersten Jugend 
viele Gefühlsreaktionen definitiv kreiert. Ferner werden manche kind- 
lichen Erlebnisse abgesperrt, man wird also, wenn man in die Tiefe 
des Unbewußten gräbt, selbstverständlich auf viele Zusammenhänge 
mit der kindlichen Psyche stoßen müssen. Etwas ist also auch meiner 
Meinung nach sicher an der Freudschen Auffassung richtig. 

Noch eine andere Vorstellung ist hier zu erwähnen: 

Die abgespaltenen Affekte usurieren sich nicht, weil 
sie nicht abreagiert werden können, und zwar auch dann nicht, wenn 
sie in allerlei Konversionen und anderen Symptomen sich betätigen 
oder auf bewußte Ideen übertragen worden sind. Hier ist mir noch 
manches nicht klar. Daß sie sich bei der Dementia praecox nicht usurieren, 
weiß ich aus Erfahrung. Aber auch die Komplexe, die im Bewußtsein 
bleiben, können sich da von der Zeit der ersten Liebe bis ins höchste 
Alter erhalten. Das ist m& also kein Beweis für die Freudsche Auf- 
fassung. Und ich weiß nicht, wie man nachweisen soll, daß nicht 
in hundert Fällen ins Unbewußte versunkene Affekte doch nach 
und nach abgeflaut sind. Wir bekommen ja nur mit denen zu tun, 
die noch wirksam sind. Sei dem nun, wie ihm wolle, die Auffassung 
enthält nichts Unsinniges und die Beobachtungen deuten so sehr in 
dieser Richtung, daß auch Pierre Jan et von seinem ganz andern 
Standpunkt aus dazu gekommen ist, die Usur der abgespaltenen 
Komplexe zu leugnen. Auch hier enthält also Freuds Auffassung im 
schlimmsten Falle nichts, was den auf die Bekämpfung gerichteten 
Affekt lohnte. 

Die unbegrenzte Wkkung ins Unbewußte versunkener oder auf 
inadäquate Dinge übertragener Affekte läßt sich auch dadurch er- 
4 8 



714 E. Bleuler. 

klären, daß sie eben durch die Tatsache der falschen Verknüpfung 
respektive der Absperrung auf logischem Wege unbeeinflußbar sind. 
Die Verdrängung, die assoziative Isolierung der Kom- 
plexe und die daraus folgende Spaltung der Persönlichkeit will 
ich hier nur des Zusammenhanges wegen anführen. Sie sind Erfahrungs- 
tatsachen, die sich so oft beobachten lassen, als man will. Die letztere 
findet sich in ausgesprochener Weise nur bei der Schizophrenie und 
Hysterie^). Ihr physiologisches Prototyp sind die „zwei Seelen", die 
man in der Brust fühlt, wenn sich zwei widerstreitende Komplexe 
nicht zu einer Resultante vereinigen wollen. Nicht selten fühlt auch 
der Gesunde die beiden Strebungen nicht gleichzeitig, sondern nach- 
einander; dann herrscht wie bei einer pathologischen Spaltung je- 
weilen für kurze Zeit nur ein Komplex, während der andere unter- 
drückt, abgespalten ist. 

j: ij Gehen wir zur intellektuellen Seite der Tiefenforschung, so haben 
wir uns zunächst klarzumachen, daß es für die hier in Betracht 
kommenden Verhältnisse drei Arten des Gedankenganges, des asso- 
ziativen Fortschreitens, gibt: 

1. Assoziationen als Wiederholung der durch die Er- 
fahrung gegebenen Bahnen. Die Grundlage des logischen Denkens. 

2. Assoziationen nach Ähnlichkeit. Man hat sich heut- 
zutage geradezu die Frage vorgelegt, ob es Assoziationen nach Ähn- 
lichkeit gebe^). Sie ist aber a priori mit Sicherheit zu bejahen. Wenn 
wir im Sinne von 1 sagen : Wir haben a und h oft beisammen gesehen. 
Wenn nun einmal a allein gesehen wird, so wird b assoziativ angeregt 
werden, — so ist das nicht ganz richtig ; denn es gibt nicht zwei iden- 
tische Sinneseindrücke, sondern nur mehr oder weniger ähnliche. Der 
spätere Sinneseindruck a ist also in Wirklichkeit ein Sinneseindruck a^ ; 
und indem er dennoch h anregt, muß das auf dem Wege über das von 
«2 aus angeregte a geschehen. Diese Anregung war also eigentlich eine 
Ähnlichkeitsassoziation. Die Unterschiede von a und a^ können ganz 

^) Immerbin ist die affektive Abspaltung von Ideen für die Beobachtung 
etwas so alltägliches und für die Theorie eine so selbstverständliche Folge der 
Affektwirkung, daß ich mich mit der Vorstellung Freuds einer ausschließlichen 
oder auch nur vorwiegenden Genese der Abspaltung aus sexuellen Verdrängungen 
noch lange nicht befreunden kann. 

2) Vgl. z. B. Peters, Ähnlichkeitsassoziationen. Zeitschrift für Psychologie, 
Band 56, 1910, S. 161. 



Die Psychanalyse Freuds. 715 

beträchtlich sein, ohne daß die Assoziation wegfällt (für den 
Säugling Anblick der Mutter vom Busen aus oder auf einige Meter 
Distanz; Mutter in anderen Kleidern usw.). Auch der Umstand, daß 
63 einen (schwankenden) Schwellenwert für die Erkennung von 
Unterschieden gibt, bedingt Ahnlichkeitsassoziationen. Und wenn 
in Analogieschlüssen Ähnlichkeiten wie Gleichheiten behandelt 
werden, so muß dem Schlüsse eine Ahnlichkeitsassoziation voraus-, 
gegangen sein. 

Je weniger scharf nun die Unterschiede aufgefaßt werden und je 
weniger einzelne Unterschiede in den niemals einfachen Psvchismen 
der Wahrnehmungen und Begriffe bemerkt werden, um so eher werden 
Ähnlichkeiten den Wert von Identitäten bekommen. In einem Denken 
mit reduzierter Zahl von Assoziationen (Dissoziation, im Traume, in 
der Schizophrenie) können sehr geringfügige Ähnlichkeiten und Ana- 
logien wie Identitäten behandelt werden. Die beiden Worte ,, Italiener" 
und „Bern" können, trotzdem die Unterschiede viel größer und zahl- 
reicher sind als die Gleichheiten, von Kindern, von Träumenden, von 
Schizophrenen verwechselt werden. In dem Gefühle der Liebe ist 
etwas Ähnliches wie in der Empfindung des Feuers, etwas ,, Warmes"; 
Feuer und Liebe können in der Dissoziation der Schizophrenie identi- 
fiziert werden. Das sind Erfahrungstatsachen, die zeigen, wie das 
Symbol, die Identifikation, die Verdichtung entsteht. 

Alle diese Dinge sind nicht neu. Nietzsche bemerkt schon, 
daß das Traumdenken das gleiche sei wie das ,, kausale" Denken früherer 
Zeiten (in Menschliches, allzu Menschliches), das uns jetzt zum Teil 
als ein Denken in Symbolen vorkommt. Einer unserer Schizcphi'enen 
erklärte spontan, das Traumdenken sei identisch mit dem Stimmen- 
hören. Ruths (Fundamentalgesetze der psychischen Phänomene, 
Darmstadt 1898, S. 9) kennt die Verdichtung; die Mythologie macht 
von Verdichtungen und Zerlegungen von Persönlichkeiten ausgiebigen 
Gebrauch usw. 

Die Vorgänge sind auch nichts, was sich vom gewöhnlichen 
Denken anders als graduell unterscheidet. Ähnliche Sinneseindrücke 
werden, wie dargelegt, zu dem Begriff eines individuellen Dinges (Mutter 
usw.) verdichtet; in der Begriffs bildung (Tisch, Haus) werden ähnliche 
Dinge identifiziert. Das Kind identifiziert wenigstens für die Sprach- 
bezeichnung (nicht immer auch für seine Begriffe) Dinge, die für uns 
nicht zusammengehören (Ente, Fliege, Wasser, Fisch werden unter 
dem Namen Quak zusammengefaßt). 



716 



E. Bleuler. 



3. Das Denken nach affektiven Bedürfnissen. An an- 
derer Stelle 1) habe ich gezeigt, wie schon im ersten Lebensjahre un- 
abhängig von der Erfahrung Reaktionen nach bloß affektiver Direktion 
vorkommen (ein Kind antwortet in einer Art, die dem bewußten Hohne 
gleichwertig ist, auf "Vorwürfe usw.), und von wie großer Bedeutung 
auch im späteren Leben solche Vorgänge sind. Man greift an, oder 
verteidigt, und zwar in ganz bestimmten Nuancen (nicht nur mit 
den Händen, sondern auch mit Worten und noch häufiger mit dem Tone 
der Worte), ohne sich dessen genau bewußt zu sein; auch ganz wichtige 
Handlungen werden in der Geschwindigkeit rein „instinktiv", d. h. 
ohne Überlegung nach rein affektiver Direktion gemacht. Zuneigung 
verlangt eine Annäherung, Haß eine Entfernung oder einen Angriff usw. 

Es gibt aber außerdem auch ein rein inneres Denken, das sich 
ebenfalls in erster Linie nach affektiven Bedürfnissen richtet. Uns 
selbst überlassen, malen wir uns leicht unsere Wünsche als erfüllt 
aus, oder in anderer Stimmung werden Befürchtungen als reell gedacht 
und in beiden Fällen werden widerstrebende Assoziationen unterdrückt. 
Währeiid diese Inaktualitäten, namentlich die Wunscherfüllungen, in 
den Tagträumen der gesunden Erwachsenen und in ihren damit 
ziemlich identischen Dichtungen als unbedeutende Spielerei erscheinen, 
beherrschen sie den Traum und feiern sie in den Delirien der 
Schizophrenen wahre Orgien. In sonderbaren, aber ebenfalls durch 
affektive Bedürfnisse bedingten Umgestaltungen finden wir sie bei den 
Neurosen. 

Auch das sind bekannte, nur ungenügend gewürdigte Dinge: Was 
man wünscht, glaubt man (Sprichwort); das Herz hat Gründe, die die 
Vernunft nicht kennt (Pascal). Sie sind die selbstverständliche Folge 
der allgemeinen Eigenschaft der Affekte, ihnen adäquate Ideen zu 
bahnen-, entgegenstehende zu hemmen. 

Die Kenntnis dieser für die Tiefenpsychologie fundamentalen 
Affektwirkungen ist leider noch nicht so allgemein, wie sie sein sollte. 
Es bleibt daher wohl nichts anderes übrig, als sie hier kurz zu beschreiben. 
Leider kann ich das nicht in Freud sehen Ausdrücken und Freud scher 
Auffassung, weil ich eben in dieser Beziehung die psychologischen Vor- 
stellungen des Autors nicht kenne. Insofern kann der Mangel auch ein 
Vorteil sein, als er recht deutlich zeigt, wie man von ganz verschiedenen 
Seiten zu ähnhchen Kesultaten kommen kann (wobei ich meine theoretischen 
Forderungen an Wert nicht mit den tatsächlichen Entdeckungen Freuds 
vergleichen will). 

1) Affektivität usw. Halle, Marhold, S. 34 f. 



Die Psychaaalyse Freuds. 717 

Die zentrifugale Seite der Affekte besteht darin, daß man das Un- 
angenehme vermeidet und abschüttelt, das Angenehme festhält und erstrebt. 
Das Angenehme ist im Durchschnitte das das Individuum oder das Genus 
fördernde , das Unangenehme das Gegenteil. Der nächste „Zweck" der Ein- 
richtung ist also klar. Im Speziellen wirken die Affekte unter anderem 
dadurch, daß sie die ihnen adäquaten Psychismen bahnen, die anderen 
hemmen. Dadurch wird das Handeln im Sinne der aktuellen Affekte er- 
leichtert; das Ziel der affektbetonten Idee erscheint wichtiger, als es ist, 
und vor allem werden die entgegengesetzten Überlegungen und Strebungen 
gehemmt: Das Streben wird einheitlich im Sinne des Affektes und zugleich 
energischer. 

Nun lebt der Mensch, vor allem der Kulturmensch nicht bloß in der 
Gegenwart, sondern auch in der Vergangenheit und Zukunft. Er ersehnt 
sogar manches, wozu kein Anlaß ist, was überhaupt nicht erreichbar ist. 
So beschäftigen ihn unangenehme Erlebnisse der Vergangenheit, Ent- 
täuschungen, unerfüllte und unerfüllbare Wünsche, Das ist nur insofern 
zweckentspechend, als es zu neuem Handeln oder zur Vorsicht treibt. Eine 
Übertreibung dieser Eigenschaft ist also sehr leicht. 

Es scheint mir nun sicher, daß diese Anlage, die den Menschen vor- 
züglich vom Tiere und weiter in ihrer stärksten Ausbildung, den Kultur- 
menschen vom primitiveren unterscheidet, schon in der Phylogenese wirklich 
etwas übers Ziel hinausgegangen sei^) ; respektive, daß die schlimmen Folgen 
sich noch nicht so lange und so hochgradig geltend gemacht haben, daß 
der Fehler durch andere Eigenschaften korrigiert werden könnte: Vor 
allem aber drängt unsere ganze Erziehung mit ihren künstlichen Schranken 
und künstlich ausgetüftelten Anwendungen der Gewissenstätigkeit in 
höchstem Grade zu einer funktionellen Übertreibung dieser Inaktualitäten ; 
Gewissensbisse plagen den anständigen Kulturmenschen viel mehr und 
viel länger, als gut ist; eine einmalige Enttäuschung kann ein ganzes Leben 
unglücklich machen, „man erholt sich nicht mehr davon". Sorgen für 
eine bloß gedachte Zukunft nach dem Tode haben ein Jahrtausend lang 
die Geschicke Europas beherrscht und mehr Blut gefordert und mehr 
Grausamkeit hervorgebracht als der eigentliche Kampf ums Dasein der 
Völker und Klassen usw. 

Diese teils von Natur hypertrophierten, teils im Treibhause der 
Kultur künstlich übertriebenen Seeleneigenschaften müssen nun oft in 
Konflikt kommen mit den älteren Aktualitätstrieben. Das beständige 
Widerkauen eines einmaligen Verlustes ist schädlich, der damit verbundene 
Affekt ist an sich ein psychischer Schmerz, den sich fernzuhalten die 
gesunde Natur verlangt. Wünsche, die materiell nicht erfüllbar sind, oder 
die infolge ethischer Bedenken wenigstens für die bestimmte Person un- 
erreichbar sind, bringen beständige Konflikte zwischen Gewissen und 
ursprünglicheren Trieben. Überwiegt der Trieb zum Leben vor dem, sich 
passiv in sein Elend zu versenken, so muß der positive Affekt die unan- 

^) Etwa analog dem Geweihe der ausgestorbenen Riesenhirsche. 



718 E. Bleuler. 

genehmen Gedanken und damit die unangenehmen Gefühle ganz oder 
teilweise unterdrücken, absperren. Es ist das gar nichts prinzipiell Neues, 
denn, wie schon erwähnt, hemmen alle Affekte ihnen inadäquatePsychismen. 
Dagegen wendet sich die Wirkung des Mechanismus hier auf in tieferen 
Kulturstufen so seltene und so unbedeutende Verhältnisse, daß aus dem 
quantitativen Unterschiede fast ein qualitativer wird. Kurz, die auf einer 
niedrigeren Stufe kaum bemerkbaren psychischen Inaktualitäten schaffen 
eine Welt von Verdrängungen, die fast ganz als ein Novum auftritt, aber 
immerhin in bezug auf die dabei tätigen psychischen Mechanismen nichts 
prinzipiell Neues bedingt. 

Natürlicli sind die drei Assoziationsweisen nicht scharf getrennt 
und wirken sie in concreto niemals einzeln, sondern zusammen. Beim 
logischen Denken bestimmt die Affektivität das Ziel. Da es genau 
genommen niemals identische, sondern nur ähnliche Erfahrungen 
gibt, sind auch die einfachsten Schlüsse, die man praktisch zu machen 
hat, in Wirklichkeit nur Analogieschlüsse, beruhen also auf Ähnlich- 
keitsassoziationen usw. 

Eine besondere und noch nie genügend gewürdigte Art von 
Ähnlichkeitsassoziationen sind die der Affektivität. Angeregte Ge- 
fühle und Affekte rufen früher erlebte ähnliche Gefühle 
und Affekte wieder hervor, so gut wie angeregte Ideen ähnliche 
Ideen assoziativ hervorrufen^). Immerhin besteht ein allerdings nur 
quantitativer, aber doch recht deutlicher Unterschied zwischen den 
intellektuellen und den affektiven Assoziationen : Wenn ich an Rom — 
Papst assoziiere, so beeinflussen beide Vorstellungen einander nur in- 
sofern, als ich mir den Papst in Rom wohnend vorstelle. Wenn ich 
aber bei dem Gefühlseindxucke, den mir eine eben vorgestellte Person 
macht, an den Gefühlseindruck „erinnert" werde, den eine andere 
mir früher machte, so wird nicht nur der : frühere Affekt wieder mehr 
oder weniger aktuell*) werden, sondern beide Gefühle haben außerdem die 



1) Eine sich gut beobachtende Dame erzählte mir, daß ihr, wenn sie an 
eine ihrer Backfischilammen erinnert werde, ihr sofort alle anderen einfallen. 

^) Sinneswahrnehmung und Erinnerung intellektueller Vorgänge (Vor- 
stellung) werden in Myriaden von Fällen, denen nur wenige Ausnahmen gegen- 
überstehen, scharf geschieden durch die Projektion nach außen, die bei der 
ersteren vorhanden ist, bei der zweiten fehlt. Dieser prinzipielle Unterschied 
besteht nicht zwischen Erleben und Erinnern eines Affektes. Wie die Erinne- 
rung an einen Gedanken den Gedanken wieder aktuell werden läßt, so wird 
die lebhafte Erinnerung au einen Affekt leicht wieder zu einem 
Affekt, der die Stärke des ursprünglichen erreichen kann und 
jedenfalls demselben qualitativ identisch oder ähnlich ist. 



Die Psychanalyse Freuds. 719 

Neigung, in einen einheitliclien Affekt zusammenzufließen; der erst 
erlebte Affekt wird so zum integrierenden Bestandteil des 
späteren, ähnlichen; mit anderen Worten: Ein Erlebnis, das 
zum ersten Male einen bestimmten Affekt erfahren läßt, 
kreiert gleichsam die betreffende Affektqualität fürs 
ganze Leben. Alle späteren ähnlich betonten Erlebnisse schaffen nur 
Modifikationen des ersten Affektes. Diese Erscheinung ist wieder den 
Dichtern von jeher bekannt. 

Natürlich sind auch die späteren (intellektuellen) Vorstellungen 
nicht ganz frei von Beeinflussungen durch die erstmalige Anregung der 
Vorstellung. Auch der Gebildetste wird wohl in der sublimiertesten Gottes- 
vorstellung immer noch ein klein wenig von seinem infantüen Gottesbegriffe 
finden, und manche einzelnen Begriffe kommen sogar von wichtigen Bestand- 
teilen, die, in der Kindheit erworben aber später als falsch befunden wurden, 
nie ganz los. Doch wird in der Vorstellung auch des Halbgebildeten vom 
(astronomischen) Himmel kaum mehr etwas zu finden sein, was an den 
kindlich-christlichen Himmel erinnert. Aus zufälligen Gründen hat sich 
bei mir die Vorstellung im Gedächtnis erhalten, die ich mir das erstemal 
vom Volke der Griechen machte. In der späteren Vorstellung, zu der der 
Grund etwa im siebenten Jahr gelegt wurde, finde ich beim genauesten 
Durchsuchen nichts mehr von dem ursprünglichen Begriffe. Wenn so 
etwas auf dem Gebiete der Affekte überhaupt vorkommt, so ist es jeden- 
falls äußerst selten. Die Beeinflussung des späteren Psychismus 
durch den ersten analogen ist also auf intellektuellem Ge- 
biete numerisch und graduell unendlich geringer als auf 
affektivem. 

Die Kreierung der Affekte durch das erstmalige Erleben ist von 
Wichtigkeit für die Psychologie überhaupt und ganz besonders für die 
Tiefenpsychologie. Durch sie ist, soweit ich sehe, in erster Linie die 
kolossale Bedeutung der infantilen Erlebnisse für das ganze spätere 
Leben begründet. 

Auf einem Gebiete besitzt diese Erkenntnis schon längst Bürger- 
recht in der Wissenschaft, und zwar bezeichnenderweise auf dem der 
Deviationen der Sexualität. Man nimmt schon lange an, daß das erst- 
malige Auftreten sexueller Gefühle dauernd ihre Richtung bestimmen 
könne, und streitet sich bloß noch über die relative Bedeutung dieses 

Mechanismus gegenüber der Anlage. 

In ganz analoger Weise können wir uns das Nachwirken kindlicher 
Gefühle auf anderen Gebieten erklären. Wenn man sagt, daß ein ner- 
vöses Symptom, eine bestimmte sonst nicht recht verständliche Liebe, 
eigentlich den Wunsch ausdrücke, ,,sich an die Stelle des Vaters zu 



720 E. Bleuler. 

setzen und mit der Mutter ein Kind zu zeugen^)", so stößt man viele 
Leute so vor den Kopf, daß sie alles Folgende ohne weitere Überlegung 
verwerfen. Daß der Ausdruck wirklich falsch sei, kann ich nun nicht 
beweisen; es mag sogar Fälle geben, wo er die Tatsachen zutreffend 
bezeichnet. Jedenfalls aber kann er von den wenigsten Leuten im Sinne 
des Autors verstanden werden, und ich persönlich glaube auch, daß 
er für die meisten Fälle einseitig oder geradezu unrichtig sei. Man 
würde vielleicht besser sich so ausdrücken: Die Liebe zur Mutter war 
die erste Liebe (wie selbstverständlich). Sie enthielt von Anfang an 
oder bekam früh eine sexuelle Komponente. Die späteren sexuellen 
Empfindungen assoziierten und assimilierten die ursprüngliche Affekt- 
lage, so daß sie in bezug auf Qualität und Stärke eine ungefähre Wieder- 
holung jener Ersten Liebe zur Mutter darstellen müssen. Inwieweit 
unbewußte oder gar bewußte intellektuelle Assoziationen an die Mutter 
miterregt werden und die ganze psychische Situation mitbestimmen, 
ist für unsere Frage irrelevant, so wichtig es auch im einzelnen Falle in 
anderer Beziehung sein mag. Es genügt zu wissen, daß der assoziierte 
Affekt auch seinen intellektuellen Parallelvorgang in beliebigen Graden 
der Klarheit, der Vollständigkeit und der Bewußtheit mitheraufziehen 
kann, aber nicht muß*). 

In gleicher Weise wird oft der Vaterkomplex das Prototyp für 
spätere Ehrfurch ts- und Abhängigkeitskomplexe (Gott r«o Vater), der 
Wissenstrieb enthält als wichtige Komponente Gefühle, die sich an 
die infantilen sexuellen Fragen knüpfen usw. 

Von dieser Erkenntnis aus kann man es sehr gut verstehen, daß 
man sich seine Geliebten aus Ähnlichkeits- oder Kontrastfiguren 
zum andersgeschlechtigen Elter aussucht, (wobei die Ähnlichkeit, 
respektive der Kontrast, natürlich nicht die ganze Person, sondern nur 
einzelne für den Liebenden maßgebende Eigenschaften betreffen muß). 
Es erscheint auch als ganz selbstverständlich, wenn verschiedene 
Geliebte eines Mannes in einer bestimmten Hinsicht sich gleichen, 
sei es, weil sie alle der Mutter ähnlich sind, sei es, weil die erste den 
Typus kreiert hat. 



') Diese krasse Ausdrucksweise stammt nicht von Freud. Vgl. Traum- 
deutung, 1. Auflage, S. 175 bis 183. 

') F6t6 (les ömotions) leitet die Sekundärempfindungen (Farbenhören 
usw.) davon ab, daß Empfindungen verschiedener Sinne, die den gleichen Ge- 
fühlston besitzen, einander via Affektivität konstant assoziieren. Die Erklärung 
ist sicher nicht genügend; etwas Richtiges ist^aber doch an der Auffassung. 



Die Psyctanalyse Freuds. 721 

Es wird ferner selbstverständlich, daß neue Erlebnisse unter 
Umständen einen so starken Gefühltson haben können, daß er sich 
von da aus gar nicht erklären läßt. Die Stärke kommt dann von dem 
ersten, meist infantilen, analogen Erlebnis, mit dessen Affekt die 
frische Erfahrung besetzt wird. 

Diese Auffassung macht es auch von dieser Seite unnötig, in den 
Nachwirkungen der kindlichen Erlebnisse etwas Besonderes zu sehen, 
und z. B. die Abspaltung und das Unbewußte als solches als Vorgänge 
aufzufassen, die in der Kindheit wurzeln müssen. 

Wie sehr sich Affekte erhalten können, auch wenn sie nicht im 
Unbewußten abgesperrt sind, habe ich in der letzten Zeit besonders deutlich 
erfahren, da meine Knaben anfangen, sich für Naturgegenstände zu inter- 
essieren. Die Gefühle, die sich an bestimmte Steine, gewisse Schmetterlinge 
anknüpfen, kommen bei solchen Gelegenheiten nach fast fünfzigjähriger 
Latenz oft mit großer Stärke wieder zum Vorscheine. 

Bei den assoziativen Vorgängen der Tiefenpsyche spielt die 
Hyperdeter minier ung eine große EoUe. So sehr sie angefochten 
wird, so selbstverständlich ist sie in Wirklichkeit. Keine unserer ge- 
wöhnlichen Assoziationen, auch nicht die einfachste, ist eindeutig 
bestimmt. Als Beispiel suche ich während des Schreibens eine Asso- 
ziation auf „Berlin" und es fällt mir ein bestimmter Kollege ein. An 
„Berlin" habe ich tausend andere Assoziationen zur Verfügung. Warum 
gerade den Kollegen? Ich habe mich dieser Tage gerade mit dem 
Kongresse für Irrenpflege beschäftigt; diese Vorstellung hat bewußt 
die Assoziation mit determiniert. Es hängen aber noch viele andere 
Kollegen in meiner Vorstellung eben so eng mit dem Kongresse zu- 
sammen. Dieser speziell wurde ausgewählt, weil er mit einem aktuellen 
Komplexe in Beziehung steht. Mit dem Komplexe stehen aber noch 
einige andere in Beziehung; unter diesen habe ich die Auswahl ge- 
troffen, offenbar, weil („zufällig") dieser in letzter Zeit in diesem Zu- 
sammenhange am meisten vorgestellt worden war. Natürlich sind 
damit noch lange nicht alle Determinanten gegeben; ich weiß nicht, 
warum bei einer Assoziation an Berlin gerade der Kongreß mit- 
bestimmend sein muß und nicht ebensogut eine andere an Berlin 
geknüpfte Idee usw. Ein psychologischer Vorgang kann 
also nur durch viele Determinanten eindeutig bestimmt 
werden; ich möchte geradezu behaupten, daß wir niemals alle mit- 
wirkenden Kräfte kennen können, so viele wir auch in einem einzelnen 
Falle aufzufinden vermögen^). 

1) Bei Untersuchungen von Eisenbahnunfällen wirken oft als Ursachen 



722 



E. Bleuler. 



Die Hyperdeterminierung hat aber noch eine andere ebenso 
wichtige Seite. Wenn eine Idee einmal aus irgend einem Grunde da ist, 
so assoziiert sie verwandte Ideen. Ist sie eine gefühlsbetonte, gehört 
sie also irgend einem „Komplexe" an, so hat sie nicht nur die Tendenz 
länger zu verweilen und öfter wiederzukommen, sondern sie wird 
auch mehr anderes Material assoziieren, als wenn es sich um eine gleich- 
gültige Vorstellung handelte (man denke an den Beziehungswahn der 
Gesunden und der Kranken). Dieses nachträglich mit der Idee 
verbundene Material erhöht natürlich die Bedeutung derselben eben- 
falls, und dies um so mehr, da der Affekt, wie wir eben gesehen, von 
sich aus gleich betontes Material heraufzuziehen bestrebt ist. Wenn 
also die Analyse jeweilen eine Menge von Vorstellungen manifest macht, 
die anscheinend ein Symptom, sagen wir z. B. eine Zwangsidee, bedingt 
haben, so sind wh- uns klar darüber, daß ein Teil derselben erst nach- 
träglich mit dem Komplexe in Verbindung gebracht worden sein kann. 
Das ändert natürlich an der Bedeutung dieses Materials sehr wenig, 
soweit es chronische Fälle betrifft; denn ob es primär das Auftauchen 
einer Vorstellung bedingte oder erst sekundär daran assoziiert wurde, 
es hat doch die nämliche Wirkung, den Affektbetrag des ganzen Kom- 
plexes zu erhöhen. In flüchtigen Symptomkomplexen allerdings, wie 
im Traume, hat dieses zweite Material natürlich weniger Bedeutung 
als in der Neurose, wenn es sich auch in der Analyse in ähnlicher Weise 
fühlbar machen muß. Für die Erforschung der Psyche ist der Unter- 
schied nun gleichgültig, da nur gleichsinniges Material an den Komplex 
assoziiert wird, aber man muß sich doch denken, daß nicht alles, 
was bei der Analyse herauskommt, auch mitbestimmend bei der Ent- 
stehung der TraumvorsteUung gewesen sein muß. 

Im ferneren ist es ganz klar, daß dieser Unterschied von nach- 
träglich assoziierten und eigentlich determinierenden Vorstellungen gar 
nicht ein absoluter ist. Man kann nie ausschließen, daß auch das scheinbar 
später Herbeigezogene nicht doch auch mitbestimmend war. Ja, es 
ist positiv anzunehmen, daß ein großer Teil desselben mehr od^ weniger 
mitbestimmend war, denn es ist unwahrscheinlich, daß eine mit einer 
Vorstellung assoziativ verbundene zweite Vorstellung nicht auch schon 

so viele Fehler mit, daß nicht aur die Zeitui^sschreiber sich verwuadern, sondera 
auch das Gericht in Verlegenheit kommt, den Schuldigen zu bezeichnen; denn 
keiner der vorgekommenen Fehler für sich allein hätte das Unglück herbeiführen 
können, es bedurfte der Konkurrenz aller oder doch mehrerer. Dies zur Illustration, 
daß es überhaupt einfach determinierte Vorgänge selten gibt. 



Die Psychanalyse Freuds. 723 

bei der Aktivierung der ersteren in irgend einem Grade mitaktiviert 
worden, also auch mitbestimmend gewesen sei. Der Unterschied ist 
also nur ein relativer, und was wir als zwei Arten beschrieben, sind 
bloß die theoretischen Grenzfälle, die in Wirklichkeit gar nicht vor- 
kommen. 

Im Traumdenken speziell sehen wir verschiedene Momente, die 
eine Hyperdeterminierung zum voraus erwarten lassen. Wir sehen, 
daß im wachen Denken des Gesunden die Tendenz zu Seitenassozi- 
ationen gehemmt wird durch die Denkrichtung. Sobald die Direktive 
wegfällt oder nur schwächer wird, bei der Ideenflucht, in der Inkohärenz 
der Dementia praecox, in Intoxikationen, so treten eine Menge Neben- 
assoziationen auf, d. h. Gedanken, die man bei guter Eigenbeobachtung 
auch an sich selber bemerken kann, aber instinktiv unterdrückt. Im 
Traume nun ist diese Direktive, soweit sie eine logische ist, sehr wenig 
wirksam. Es ist also keine Kraft da, die die Nebenassoziationen unter- 
drückt und unschädlich macht. Mit jedem Gedanken werden also 
viel leichter als im Wachen noch irgend welche andere irgendwie asso- 
ziativ verbunden auftauchen und den Gedankengang bestimmen. Eine 
Folge dieser Denkweise sehen wir in den Verdichtungen, die allerdings 
außerdem noch mitbedingt werden müssen durch die Verwechslung 
von Identität und Ähnlichkeit. Jeder verdichtete Begriff, jeder ver- 
dichtete Gedanke ist notwendig von verschiedenen Seiten determiniert, 
weil in ihm verschiedene Assoziationsfäden zusammenlaufen. 

Ist es unter diesen Umständen nicht selbstverständlich, daß 
Freud möglichst viele Determinanten sucht und suchen muß? Und 
hat es wirklich etwas Befremdendes an sich, daß er nicht nur die ge- 
wöhnlichen intellektuellen Assoziationen berücksichtigt, sondern auch 
die affektiven und sogar die Wortassoziationen nicht verschmäht und 
daß er die Konstellationen auch aus dem Unbewußten heraus wirken 
läßt, nachdem doch einmal unzweifelhaft ist, daß alle diese Dinge 
den Gedankengang mitbedingen ^ Etwas anderes ist es, wenn man nun 
den Beweis leisten sollte, daß in jedem Falle jeder einzelne der möglichen 
oder wahrscheinlichen Faktoren wirklich mitbestimmend gewesen sein 
müssen. Das ist unmöglich; die Kriterien sind in Kleinigkeiten oft 
subjektiv. Und wenn auch bei Anfängern oder sogar bei gewiegten 
Psychanalytikern etwa ein Einzelzusammenhang fälschlich angenommen 
sein sollte, was tut das zur Sache? 

Nach dem Vorausgehenden versteht sich das meiste, was wir 
vom Traume zu sagen haben, von selbst. Wir haben gesehen, daß 



724 



E. Bleuler. 



es unter gewissen Bedingungen ein Denken gibt, das nicht an die durch 
die Erfahrung geschaffenen Assoziationsbahnen gebunden zu sein 
braucht, daß dann die Affekte regieren und Ähnlichkeiten den Wert 
von Identitäten bekommen können. Die wichtigsten Folgen dieser Art 
Denken sind, daß die Affekte die Situation in ihrem Sinne umgestalten, 
vor allem wird das Bestreben, Unangenehmes (also auch unangenehme 
Affekte) fernzuhalten, die Assoziationen beeinflussen; die Hindernisse, 
die der ErfüUung unserer Wünsche entgegenstehen, werden abgesperrt! 
ja, meist die Wünsche als erfüllt gedachti). Die Ersetzung mancher 
Vorstellungen durch ihnen ähnliche führt zu Fälschungen aller Art, 
namentlich auch zum Gebrauche von Symbolen, die oft behandelt 
werden wie die ursprünglichen Begriffe. Solches Denken finden wir 
angedeutet in der Poesie, schon deutlicher in der Mj^hologie und in 
unseren Tagträumen, dann in der Schizophrenie, wo es bald nur als 
Zugabe zu einem sonst wenig gestörten Denken auftritt, bald die 
Psyche ganz in Beschlag nimmt, am ausgesprochensten aber in hysteri- 
formen Dämmerzuständen, in Fieberdelirien, in gewissen organisch be- 
dingten Delirien, und eben im Schlaftraume. Wir finden außerdem bei 
Nervösen eine Menge von Einzelerscheinungen ganz gleicher Art bei 
sonst anscheinend gutem Denken. 

Die Ähnlichkeiten und die Verschiedenheiten aller dieser Zustände 
in bezug auf das, worauf es hier ankommt, bedürfen noch eines be- 
sonderen Studiums. Wir müssen uns aber merken, daß die Art und 
Weise der Wirkung der Tiefenmechanismen je nach dem Boden, auf 
dem diese ablaufen, recht verschieden ist. Einkleromung von Affekten 
z. B. beherrscht die Symptome der Dementia praecox, tritt aber stark 
zurück oder fehlt in organischen Delirien, wenn sich da überhaupt 
Freudsche Symptome zeigen. 

Aus dem unvollständigen Denken (in der Mythologie) und aus 
der Dissoziation der Ideen- und Begriffskomplexe (Traum, Dementia 
praecox) können wir wie gesagt die Symbolik solcher Zustände er- 
klären. Bei Fr e u d hat aber die Symbolik noch eine positive Bedeutung : 
der Traum stellt in „absichtlich" entstellter Form verdrängte Wünsche 
dar. In den Symbolen liegt ein Zweck, wie überhaupt im ganzen Traume, 
der als „Hüter" des Schlafes unerledigte Gedankenreste vom Tage für 
den Schlaf unschädlich zu machen hat. 

•) Der Wunschbegriff muß hier recht weit gefaßt werden. Man „wünscht" 
im gewöhnlichen Sprachgebrauche nicht, daß ein lieber Verstorbener zurückkomme, 
weil das unmöglich ist, aber man sehnt sich doch moh ihm. 



Die Psychanalyse Freuds. 725 

Den genügenden Beweis für die Richtigkeit dieser Auffassung 
finde ich in den Schriften Freuds bis jetzt nicht. Ich kenne allerdings 
aus eigener Erfahrung Träume, die mir irgend eine Aufgabe, wegen 
der ich aufstehen sollte, als erfüllt darstellten und mich so weiter schlafen 
ließen. Ich weiß ferner, daß man nach einem Schlafe unangenehmen 
Ereignissen, die einen geplagt haben, oft ganz anders und dann meist 
ruhiger gegenübersteht als vorher, und zwar ist es nicht etwa die 
Kräftigung durch den Schlaf, die die Veränderung bewirkt, denn auch 
ein am Tage ohne Ermüdung erzwungenes kurzes Schläfchen kann 
den gleichen Erfolg haben^). "Wie oft hört man den Rat, eine unklare 
Sache zunächst zu beschlafen. Es findet also im Schlafe unzweifelhaft 
irgend eine Verarbeitung von Komplexen statt, die unter Umständen 
nützlich sein kann. Daß diese Veränderung bloß im Traume geschehe, 
ist allerdings schwer zu beweisen; sicher aber kommt das vor, weil man 
sich etwa an die Veränderung durch den Trauminhalt erinnert. Auch 
ist es eine häufige Erfahrung, daß man zu bestimmten Personen, nach- 
dem man von ihnen geträumt hat, eine Zeitlang, oft mehrere Tage, 
in einem andern Verhältnisse steht als vorher (namentlich in bezug auf 
sexuelle Gefühle). Es geschieht also sicher im Traume eine Umwandlung 
von affektbesetzten Vorstellungen, die im "Wachen nicht vorkommt. 

Dennoch bin ich noch nicht überzeugt, daß die Bedeutung des 
Traumes darin bestehe, den Schlaf zu hüten. Der Traum an sich, d. h. 
der Umstand, daß man träumt, kann für mich bis jetzt auch ein bloßes 
Ausfallssymptom sein. Der Inhalt des Traumes allerdings läßt sich 
nur im Sinne der Tiefenpsychologie erklären. Ich kann auch den Ein- 
wand eines Gegners nicht recht entkräften, daß die Trauinarbeit nicht 
viel nütze, wenn wie so oft die unangenehmen Affekte doch an den 
entstellten Vorstellungen hängen bleiben*); und ich vermisse auch noch 
den Grund, warum im Wachen ganz verdrängte Wünsche im Schlafe 
nicht verdrängt bleiben können, wenn doch ein Widerstand (Zensur) 
da ist. Sollte ein direkter Zweck des Traumes fehlen, so ist auch nicht 
nachzuweisen, daß es eine „Rücksicht auf die Darstellbarkeit" gebe. 
Dieser Begriff kann ersetzt werden durch die Vorstellung, daß eben 
dargestellt wird, was die uns unbekannten Traumvorgänge darzustellen 
erlauben. 



') Ein direkter Einfluß des physischen Schlafvorganges auf die Gedanken- 
entwicklung ist natürlich undenkbar. 

') Im Fieber und in der Melancholie fürchtet man sich oft vor dem Ein- 
schlafen, gerade deshalb, weil man träumt. 

.Tahrbuch für psjchoanalyt. a. payohopatliol. Forschungen. II. 47 



726 E. Bleuler. 

Nach meiner Vorstellung liegt also die Neigung zu Symbolen, 
d. L. zum Setzen von Ähnlichkeiten an die Stelle von Identitäten, 
in dem Schlafmechanismus, der das Denken unscharf macht, und aus 
den durch die Erfahrung gegebenen Bahnen herauszutreten erlaubt. 
Aus dem letzteren Grunde muß auch die Logik zurücktreten. Daß 
Wünsche als erfüllt dargestellt werden, ist direkte Folge der Affekt- 
mechanik, welche das Feld beherrscht, sobald die Logik ihre Macht 
verliert. Daß gerade verdrängte Wünsche leichter durch Symbole 
dargestellt werden als direkt, ist wohl selbstverständlich, weil die 
Symbole nicht so leicht assoziativ den Grund der Verdrängung aktuell 
machen. Die unverhüllte Erfüllung des Wunsches muß eben oft schon in 
statu nascendi auf diesem Wege verdrängt werden. (Die Jungfrau, 
die einen moralischen Abscheu hat; den Mann der Schwester zu heiraten, 
den sie doch liebt, kann sich auch im Traume nicht leicht vorstellen, 
daß sie mit ihm verheiratet sei, ohne den moralischen Widerstand zu 
erwecken; durch irgend eine Verhüllung mag aber der Widerstand 
umgangen werden.) 

Selbstverständlich findet auch die Erinnerung an die Traum- 
erfüllung des Wunsches weniger Widerstand, je besser diese hinter 
einem Symbol versteckt ist. Warum die Wünsche, die beim Erwachsenen 
den Traum beherrschen, meist ambivalent^) sind, kann ich nicht be- 
friedigend erklären, wenn es auch selbstverständlich ist, daß gerade 
die unerledigten Konflikte uns stark beschäftigen müssen, wenn die 
Affekte das Feld beherrschen. Aber auch die Freudschen Erklärungen 
scheinen mir ungenügend. 

Ich weiß ferner nicht, warum das Unbewußte nur wünschen und 
nicht auch abweisen oder befürchten soll*). Das Fürchten scheint mir 
so primär wie das Begehren {der im Käfige aufgewachsene Singvogel 
fürchtet den Habicht). Ich weiß ferner noch nicht, warum der Traum- 



^) Ambivalent: von entgegengesetzten Gefühlen zugleich betont. Man 
träumt nicht leicht, daß ein Feind, den man nur haßt oder wenigstens nur aus 
dem Wege wünscht, gestorben sei. Der Traum bringt meist Leute um, die man 
zugleich liebt und haßt. In den Halluzinationen und Wahnideen der Dementia 
praecox finden wir fast nur ambivalente Komplexe. 

2) Auch Duboia führt alle Strebungen auf das positive Begehren zurück. 
Wenn man indes sagt, in jeder Befürchtung liege der Wunsch, daß etwas Un- 
angenehmes fernbleibe, so kann man natürlich nichts dagegen einwenden. Aber 
dann liegt außerhalb der Freudschen Psychologie kein Grund mehr vor, 
darüber überhaupt zu diskutieren, denn auf diese Weise können alle affektiven 
Bedürfnisse als Wünsche aufgefaßt werden. 



Die Psychanalyse Freuds. 727 

wünsch immer ein infantiler sein muß. Daß man in der Regel infantile 
Wünsche bei der Traumanal3'se finden muß, scheint mir nach dem, 
was oben über die Assoziation der Affekte gesagt wurde, auch ohne 
jene Auffassung selbstverständlich. Die aktuellen Wünsche sind eben 
in der Regel bewußt oder namentlich unbewußt mit gefühlsverwandten 
infantilen Wünschen assoziiert und diese müßten analytisch zum 
Vorschein kommen, auch wenn sie nicht das eigentlich treibende Moment 
wären. Ich möchte auch nicht behaupten, daß die starke Affektivität, 
mit der ein aktueller Komplex, der den Trauminhalt bedingt, besetzt 
ist, immer aus dem Infantilen stamme. 

Es fehlt mir ferner noch der Nachweis, daß alle Träume nach 
Freud zu deuten seien. Ich wenigstens scheitere manchmal bei der 
Analyse, indem ich keine Assoziationen an den Trauminhalt bekomme. 
Das kann daran liegen, daß der Analyse zu 'große Widerstände ent- 
gegengesetzt werden, und wird wohl meist so sein, m u ß es aber nicht 
in jedem Falle. Mir fehlt somit noch der Beweis, daß nicht die ana- 
lysierten Träume eine Auslese darstellen und daß es daneben noch 
Träume gebe, bei denen diese Erklärungen nicht mehr im gleichen 
Maße gültig sind. Andere Arten wird man erst ausschließen können, 
wenn man genauer weiß, wie die Träume zustande kommen. 

Bei dem jetzigen Zustande unseres Wissens möchte ich auch 
nicht den Satz unterschreiben, daß der Schlafzustand die Traumbildung 
ermögliche, indem er die endopsychische Zensur herabsetze (Traum, 
2. Auflage, S. 323). Dieser Begriff der Zensur scheint mir überhaupt 
noch etwas zu scharf. Er ließe sich wohl ersetzen durch den allge- 
meineren der Hemmung durch widerstrebende affektive Bedürfnisse. 
Die Vorstellung, daß die eine Bewußtseinstufe die andere zensiere, ist 
vielleicht doch nicht überall durchzuführen. Bei der Schizophrenie sind 
oft Strebung und Widerstand gleichmäßig im Bewußtsein und sogar 
die Bedeutung der Traumsymbolik kann vom Träumer primär ver- 
standen werden. 

Sehr gut kenne ich die Macht der Affekte beim Vergessen; ich 
weiß auch, daß die Analyse zeigt, wie gern gerade die wichtigen Dinge 
vergessen werden. Dennoch darf man wohl nicht übersehen, daß das 
Vergessen des Traumes außerdem noch einen andern Grund haben 
kann: die ganze psychische Schaltung ist im Wachen eine andere; 
von der veränderten Konstellation aus müssen die Traumassoziationen 
natürlich schwieriger zu finden sein (das gleiche nach Dämmerzuständen 
aller Art, Rausch usw., wo di^ Erinnerung im Normalzustande un- 

47* 



728 



E. Bleuler. 



möglich ist, aber im nächsten ähnlichen Zustande sich einstellt). Bei 
mir werden Träume meist um so leichter vergessen, je rascher ich 
erwache; das kann seinen Grund darin haben, daß dann die Traum- 
vorstellungen ungenügend Zeit haben, sich mit den Vorstellungen des 
Wachens zu assoziieren. 

Diese Bedenken bezeichne ich ausdrücklich als vorläufige; ich 
äußere sie, um zu zeigen, daß ich gegen Lücken nicht blind bin und 
doch die Traumdeutung im wesentlichen für eine der sichersten Errungen- 
schaften der Tiefenpsychologie halte. Ich weiß aber sehr gut, daß ein 
Teil der Lücken Freud so gut wie um bekannt ist und daß ein anderer 
Teil möglicherweise nur in meiner geringen Erfahrung begründet 
sein mag. 

Von der Sexualität und ihrer Alleinherrschaft nur wenige 
Worte. Wir haben zwei große Triebe, zu denen alle anderen Strebungen 
im Verhältnisse von Teilsymptomen stehen: den der Erhaltung des 
Individuums und den der Erhaltung der Axt. Der erstere wird in der 
Natur aus begreiflichen Gründen immer dem letzteren untergeordnet; 
beim Kulturmenschen verliert er außerdem noch enorm an Bedeutung 
dadurch, daß sein wichtigster Partialtrieb, der Nahrungstrieb, ver- 
kümmert ist; das Nahrungsbedürfnis wird sehr indirekt und ohne die 
ursprüngliche Triebfeder des Hungers relativ leicht befriedigt; ja, die 
Gesellschaft erhält das Individuum, auch wenn es nichts dafür tut 
und sc'gar gegen seinen Willen. Wir haben also einzig den Sexualtrieb 
als großen Instinkt erhalten. Seine »Bedeutung für das Gemütsleben 
wird außerdem dadurch erhöht, daß die Kultur Forderungen an seine 
Beherrschung stellt, denen der Durchschnitt der Menschen nicht' ge- 
wachsen ist. Deshalb muß der Trieb immer unser inneres Verhalten 
beeinflussen, wie ein wundes Glied alle unsere Bewegungen modifiziert, 
und deshalb führt er zu beständigen äußeren und inneren Konflikten. 

Im Speziellen möchte ich einzig auf den Begriff der Bisexualität 
eingehen. Auch er ist nichts Neues und ihm liegen Beobachtungen 
zugrunde. Unter bestimmten Umständen (Fremdenlegion, Schiffs- 
mannschaften, Internate aller Art), wo das andere Geschlecht fehlt, 
kann auch der normale Mensch dazu kommen, sich homosexuell zu 
betätigen und bis zu einem gewissen Grade wirklich homosexuell zu 
fühlen, der eine mehr, der andere weniger ausgesprochen. Bei der 
Psychanalyse stoßen wir bei Gesunden und Kranken häufig auf homo- 
Bexaelle Strebui]gen, ja, ich möchte geradezu sagen, bei jeder fertigen 



Die Psyohanalyse Freuds. 729 

Analyse, So muß man annehmen, daß vom absolut Heterosexuellen, 
der vielleicht gar nicht existiert, alle Übergänge durch die psychische 
Hermaphrodisie bis zur (reinen?) Homosexualität vorkommen. Die 
Stärke der beiden Komponenten läßt sich bei genauer Untersuchung 
oft (relativ) abschätzen. Es gibt ferner eine Anzahl Triebe, die rtian 
mit ziemlich viel Recht spezifisch männlich oder weiblich nennt, 
ohne daß sie direkt mit der Richtung des sexuellen Fühlens zu- 
sammenhingen: so Sadismus, Herrschsucht, anderseits Masochismus, 
Neigung sich zu unterwerfen usw.; auch diese Gefühlskomponenten 
sind von Individuum zu Individuum sehr verschieden verteilt und 
werden in dem Begriffe der „homo-" respektive ,, heterosexuellen 
Komponenten" mitgefaßt. 

Diesen Tatsachen wird der Begriff der Bisexualität gerecht. 
Bei Freud kommt noch die Vorstellung hinzu, daß die „homosexuelle 
Komponente" wie die anderen abnormen Sexualtriebe, die im nor- 
malen Menschen schlummern, alle in der Säuglingszeit vorhanden 
seien und daß beim Gesunden nach und nach eine Beschränkung auf 
die normale Sexualität stattfinde, daß aber diese Rückbildung ge- 
wöhnlich keine absolute sei. Wenn ich auch die letztere Hypothese 
noch nicht für bewiesen halte, so weiß ich doch, daß die Neufosen- 
forschung nach dieser Richtung zu deuten scheint. Andere Hypothesen 
brauchen wir hier nicht; es gibt auch keine mehr, die integrierende 
Bestandteile der Freudschen Psychologie bilden. In dem ausgeführten 
Sinne aber enthält der Begriff der Bisexualität weder etwas Mystisches 
noch etwas Unvernünftiges, sondern er ist einfach der Ausdruck be- 
stimmter Erfahrungstatsachen. 



Es war natürlich nicht meine Absicht, den ganzen Schwärm von 
Einwendungen zu widerlegen noch alle Einzelheiten der Freudschen 
Lehre in meiner Auffassung zu besprechen. Wenn der Leser von diesen 
Stichproben sich nicht überzeugen läßt, so wird ihm eine erschöpfende 
Darstellung auch nicht weiter helfen. Ich hoffe aber immerhin, da 
und dort jemanden, dessen Komplexe nicht bereits fixiert sind, davon 
überzeugt zu haben, daß es sich lohnt, Freud zu studieren; tut er es, 
so mag er selber sehen, inwieweit Freud recht hat und wie weit man 
ihn und seine Anhänger unverdient angeschwärzt hat. Jedenfalls aber 
möge er den Ausspruch Aschaffenburga beherzigen; ,,Um das 
Gesamtbild eines Menschen zu gewinnen, darf uns kein Ereignis zu 
4 7 



730 E. Bleuler. 

geringfügig sein ; es kann uns vielleicht den Schlüssel bieten zu vielem 
Rätselhaften" (Deutscher Juristen tag; Band 2 Sonderausgabe,, S. 18). 

Resume. 

Außer etwa den Untersuchungen Heilbronners kenne ich bis 
jetzt keine Angriffe auf die Freud sehen Lehren, die wirklich die Sache 
treffen. Die meisten beruhen auf theoretischer und praktischer Un- 
kenntnis der Tiefenpsychologie. Die Angriffe auf die Therapie haben 
zum größten Teil ihren Grund in der Stellung Freuds zur Sexualität, 
die man unwissenschaftlicherweise mit ethischen Motiven bekämpft. 
Wenn die Freud sehe Schule in Darstellung und Polemik Fehler ge- 
macht hat, so wird sie in dieser Beziehung von ihren Gegnern weit 
übertroffen. 

Ein großer, ich möchte sagen, der wesentliche Teil der Freud- 
schen Lehren stützt sich in logischer Weise auf sichere Tatsachen, 
so daß man sie als richtig annehmen muß. Es ist auch manches, was 
in der Darstellung Freuds die Leute verblüfft, in Wirklichkeit gar 
nicht so neu, sondern nur in einen neuen Zusammenhang gebracht. 
Wenn man die Tätigkeit der Affektivität in unserer Psyche gut kennt, 
erscheinen die meisten Freudschen Mechanismen geradezu als ein 
apriorisches Postulat; man kann sich nur noch fragen, wie groß ihre 
Wirkung in Wirklichkeit sei. Der übrige Teil der Freudschen Psy- 
chologie ist nicht Unsinn, sondern diskutable Hypothese, die sich als 
sehr fruchtbar erweisen kann. Daß in der Kleinarbeit der ganzen Schule 
noch manche Einzelheit problematisch, zu früh verallgemeinert oder 
direkt falsch ist, kann nicht befremden. Es wäre merkwürdig, wenn 
auf diesem frisch geackerten Felde und in der unendlichen Kompli- 
kation unserer Psyche nicht ebensogut falsche Schlüsse gezogen würden 
wie auf jedem andern Gebiete. 



Bericht ülber die II. private psyclioanalytische Ver- 
einigung in Nürnberg am 30. und 31. März 1910. 



Referate von Otto Rank (Wien). 



I. Prof. Dr. S. Freud (Wien): 

Die zukünftigen Chancen der psyclioanalytiscben Tlierapie. 

Von drei Seiten her ist eine Steigerung der psychotherapeuti- 
sclien Chancen zu erwarten: 

1. durch den inneren Fortschritt unserer Erkenntnis; 

2. durch den Zuwachs an äußerer Autorität; 

3. durch die allgemeine Wirkung der psychoanalytischen Arbeit. 

ad 1. ist insbesondere die Ausgestaltung und Vervollkommnung 
der psychoanalytischen Technik gemeint. Die Kur setzt sich aus zwei 
Leistungen zusammen: erstens aus dem, was der Arzt dem Kranken 
sagt, und zweitens aus dem, was der Kranke mitteilt. Je mehr nun 
der Arzt dem Kranken zu sagen weiß, desto mehr kann dieser aus 
seinem Unbewußten zutage fördern. Nun wissen wir lange noch nicht 
alles, dessen man zur Übersetzung des vom Kranken Vorgebrachten 
bedarf. Eine Bereicherung unserer Kenntnisse steht insbesondere 
noch bevor in betreff der Symbolismen des Traumes und des 
Unbewußten, wovon mehrere Beispiele gegeben werden. Andere Fort- 
schritte beziehen sich auf die Auflösung der Widerstände, denen 
in der heutigen Technik die Aufmerksamkeit vorwiegend gilt. Es 
scheint, als ob bei männlichen Patienten die wichtigsten Arten des 
Widerstandes vom Vaterkomplex ausgingen. Noch andere Ver- 
besserungen der Technik betreffen den Arzt selbst. Dieser darf seine 
eigene Übertragung auf den Patienten, die sogenannte „Gegenüber- 
tragung", nicht übersehen, sondern muß sie jedesmal restlos auf- 
4 7« 



732 Otto Eank. 

zuheben trachten. Überhaupt scheint die Vorbedingung für eine 
erfolgreiche Anwendung der psychoanalytischen Technik zu sein, 
daß der Arzt seine Erziehung zur Analyse mit einer Selbstanalyse be- 
ginne. Endlich wird jede Form der Neurose einer besonderen Abänderung 
der Technik bedürfen, wie z. B. eine vertiefte Einsicht in das Wesen 
der Phobien eine solche dem Charakter dieser Erkrankungsform an- 
gepaßte technische Änderung bereits ergeben hat. Auch wird die 
Technik je nach den Trieben des Kranken abzuändern sein (ein 
Masochist wird z. B. anders behandelt werden müssen wie ein Sadist) ; 
die Behandlung darf dem verdrängten Trieb ein gewisses Maß von Be- 
friedigung bringen. 

; ad 2 werden die Chancen der psychoanalytischen Therapie be- 
deutend günstigere werden, sobald sie die allgemeine Autorität, die 
noch gegen sie gerichtet ist, auf ihrer Seite haben wird. Es wird auf die 
Bedeutung der Autorität für die große Mehrheit der Menschen hin- 
gewiesen, sowie auf die Suggestion, die von der Autorität ausgeht und 
betont, daß alle bisherigen Erfolge der Psychoanalyse gegen diese 
Autorität errungen werden mußten. 

ad 3 darf man erwarten, daß mit Bekanntmachung des geheimen 
Sinnes der Symptome die psychoneurotischen Erkrankungsformen 
ihre Existenzmöglichkeit verlieren werden. Die Kranken müßten 
sich andere, noch nicht durchschaute Formen der Verhüllung schaffen, 
die jedoch mit Hilfe der vervollkommneten Technik auch bald erraten 
würden. 

Die ausführliche Wiedergabe des Vortrages ist im ersten Heft 
des „Zentralblattes für Psychoanalyse" (Oktober 1910) zu finden. 

11. Dr. Karl Abraham (Berlin): 

Psychoanalyse eines Falles von Schuh- und Korsettfeti- 
schismus. 

Der Fetischist zeigt eine auffällige Herabsetzung der sexuellen 
Aktivität. Er begnügt sich — abgesehen von autoerotischer Betätigung 
— im wesentlichen mit der Betätigung des Schautriebes, der jedoch 
in eigentümlicher Weise umgewandelt ist. Der Schautrieb ist speziali- 
siert auf eine bestimmte Körpergegend oder mehrere solche, ist ver- 
schoben vom nackten Körper auf dessen Bekleidung und ist idea- 
lisiert, insofern als der Fetischist meist übergroßen Wert auf ästhetische 
Qualitäten bei seinem Sexualobjekte legt. 

Diese Umwandlung kommt durch einen eigenartigen Ver- 



Bericht über die II. private psychoanalytische Vereinigung' usw. 733 

drängungs Vorgang zustande. Von diesem werden besonders die 
sadistische Komponente des Sexualtriebes, die Schaulust und die 
koprophile Riechlust betroffen. Von großem Belange ist ferner die 
Verdrängung und Sublimierung der Analerotik. Die Analyse ergibt 
ferner, daß der Fuß auf Grund verschiedenartiger Determinierungen 
die Bedeutung eines Genitalersatzes erlangt hat. 

Eine ausführliche Mitteilung folgt im „Jahrbuch für psycho- 
analytische Forschungen". (Autoreferat,) 

III. Dr. J. Marcinowsky (Haus Sielbeck in Holstein): 

Sejunktive Prozesse als Grundlage der Psychoneurosen.. 

Die Bedeutung des sexuellen Traumas in der Entstehungsgeschichte 
einer Neurose ist nicht die eines krankmachenden Faktors, denn diese 
Form der Sesuahtät ist Allgemeingut auch aller Gesunden; aber 
selbst als krankheits auslösendes Moment hat es nur bedingte Geltung. 
Die Sexualität ist vielmehr nur das von der Neurose ergriffe ne Gebiet, 
weil sie den natürlichen Tummelplatz für jene angeborene Neigung zu 
Empfindungskonfhkten und Zwiespältigkeiten abgibt, die das eigent- 
liche Wesen der Neurose ausmacht, welche also in einer angeborenen 
Neigung zur Sejunktion, zu Bewußtseinsspaltungen, kurz in einem 
zur Dissoziation veranlagten Charakter besteht, einem Charakter, der 
als Lockerung des zentralen Ichverbandes zu bezeichnen ist, also als eine 
gewisse in jeder Richtung bestehende Minderwertigkeit des nervösen 
Organismus. Die Lehre von dem Bestehen ausgesprochen infantiler 
Sexualität wird als erwiesene Tatsache hiervon nicht berührt. 

(Autoreferat.) 

IV. Dr. A. Stegmann (Dresden): 

Psychoanalyse und andere Behandlungsarten in der nerven- 
ärztlichen Praxis. 

Wer die Psychoanalyse in der nervenärztlichen Praxis als thera- 
peutisches Hilfsmittel verwenden will, muß sich in erster Linie vor Über- 
eifer hüten und muß sorgfältig die für diese Art der Psychotherapie 
geeigneten Fälle auswählen. Ist dies geschehen, so bleiben aber noch 
mancherlei Hindernisse zu überwinden, die leicht unterschätzt werden 
und die doch oft genug das Zustandekommen der Kur vereiteln. 

So ist es zunächst meist schwer, das Vertrauen der Kranken zu 
gewinnen, zumal wenn sie durch zahlreiche vorausgegangene Kuren 
an ein Übermaß von örtlicher Behandlung gewöhnt sind und die Be- 



734 Otto Eank. 

deutung der psychoanalytischen Besprechungen nicht gleich zu ver- 
stehen vermögen. Noch schwerer gelingt es, die Angehörigen davon 
zu überzeugen, daß eine Kur wirksam sein könne, deren wichtigster 
Bestandteil einfache Unterredungen sind, und nicht selten wecken sie 
durch ihre unverständigen, wohl auch durch falsche EmpfindHchkeit 
geleiteten Reden das Mißtrauen des Kranken von neuem, nachdem 
es eben mühsam überwunden war. 

In solchen Fällen, ferner aber auch bei sehr lebhaften Beschwerden 
ist die Verwendung unterstützender Kurmittel neben der eigentlichen 
Psychotherapie unerläßlich, und je erfahrener der Arzt ist, um so sicherer 
wird er im Einzelfalle das Richtige finden, ohne in Polypragmasie zu 
verfallen oder das eigenthche Ziel aus den Augen zu verlieren. 

Als Überleitung zur psychoanalytischen Behandlung sind u. a. 
besonders diätetische Vorschriften sowie die Regelung von Arbeit und 
Ruhe durch bestimmten Tagesplan verwendbar und sehr oft gebraucht 
man mit Vorteil die ärztliche Suggestion im Wachzustande oder in 
Hypnose. Vortragender glaubt die Hypnose überhaupt als therapeutisches 
Hilfsmittel höher einschätzen zu sollen, als Freud es tut; er macht auch 
während der psychoanalytischen Kur von ihrer beruhigenden Wirkung 
Gebrauch und verwendet sie gerne, um am Ende der Behandlung einen 
gewissen Abschluß zu erzielen und die Rückkehr in die alte Umgebung 
zu erleichtern. 

Die Wirkung der Allgemeinbehandlung haben Freud imd seine 
Schüler zwar stets betont, ihre Hervorheb ang scheint aber gerade 
jetzt besonders geboten, da die Psychoanalyse in größerem Umfange 
in die ärztliche Praxis einzudringen beginnt. Anderseits dürfte die 
Kenntnis der Freudschen Lehren für das therapeutische Handeln 
jedes, auch des in der allgemeinen Praxis stehenden Arztes ungemein 
nutzbringend werden, während freilich die Anwendung der eigent- 
lichen Psychoanalyse nur in der Hand des besonders geschulten Psycho- 
therapeuten ihren Zweck erfüllen wird, {Autoreferat. ) 

V. Dr. J. Honegger (Zürich): 

Über paranoide Wahnbildung. 

Vortragender legt das ausführliche Wahnsystem einer paranoiden 
Demenz vor. Die psychoanalytische Betrachtung desselben ergibt, 
daß es entstanden ist durch ausgiebige Projizierung der eigenen Kom- 
plexe auf die nächste Umgebung und auf das ganze Weltall. Es lassen 
sich dabei eine ganze Reihe von Neuschöpfungen uralter mythologischer 



Bericht über die II, private psychoanalytische Vereinigung usw. 735 

und philosophischer Vorstellungen nachweisen, von denen Patient, 
ein Kommis mit einfacher Sekundarschulbildung, keine Ahnung gehabt 
haben konnte. Erwähnt wird die Idee der ewigen Wiedergeburt der 
Welt, die Generatio acquivoca, die vollständige Identifizierung des 
Weltalls mit Gott (d. h. mit dem Patienten), die Idee der Selbst- 
ausbrütung (Phoenix oder Scarabäussage), die Vorstellung, daß die 
Gottheit ursprüngUch weiblich war (vorderasiatischer Mutterkultus), 
der Mond als Samenbewahrer (asiatische Mythologie), die Versetzung 
der Toten an den Himmel als Sterne, eine Variation der Seelenwanderung, 
eine Modifikation der Vampyrsage. Wichtig ist, daß Pat. trotz genauer 
Kenntnis der modernen Weltauffassung wieder zum ptolemäischen 
Weltsystem zurückkehrt: Die Erde ist flach und rings vom unendlichen 
Meer umflossen. Es lassen sich im wesentlichen zwei Denkformen kon- 
statieren: 1. die symbolisch-mythologische, das Traumdenken, 2. die 
dialektische, die als eine Denkübung zur Kompensation der sym- 
bolischen Denkweise aufzufassen ist. Das autochthone Wiederaufleben 
antiker Mythen, philosophischer Vorstellungen und Weltanschauungen 
stellt sich als eine Regression dar, die nicht nur bis auf die Kindheit 
des Individuums, sondern auf die der ganzen Rasse zurückgeht. Sie 
läßt sich auf anatomischem Gebiete den Mißbildungen vergleichen, 
die einen ontogenetischen Rückschlag auf Vorstadien der Phylogenese 
darstellen. Ursache der Regression ist die Introversion der Libido. 
Zahlreiche Übereinstimmungen zwischen Traum- und Wahnsystem 
werden aufgedeckt und die Behauptung aufgestellt, daß auch die schein- 
bar unsinnigsten Wahnideen theoretisch restlos analysierbar sein 
müssen, wenn wir uns nicht durch Werturteile der analytischen Arbeit 
entheben wollen. 

Eine ausführliche Darstellung des Falles wird demnächst in diesem 
Jahrbuch erscheinen. (Autoieferat.) 

VI. Dr. L. Löwenfeld (München): 
über Hypnotherapie. 

Referent bespricht zunächst die einzelnen hypnotherapeutischen 
Methoden, von denen in erster Linie der Schlaf zustand Erwähnung 
verdiene (Wetterstrand), obwohl er in Deutschland wenig Verwendung 
finde und man große Dinge davon nicht erwarten dürfe. In großer 
Ausdehnung bediene man sich dagegen der gesteigerten Sugeje- 
stibilität und als dritte Methode komme in Betracht die Ausnutzung 
der gesteigerten Reproduktionsfähigkeit in der Hypnose, 



736 Otto Rank. 

die jedoch nicht nur zur Reproduktion vergessener Vorstellungen benutzt 
wird, sondern auch solcher, die im Unterbewußtsein existieren oder 
existiert haben und die einen großen Einfluß auf den Zustand des 
Patienten ausüben. Diese Art Kausalanalyse (Psychoanalyse) ist 
jedoch an eine gewisse Tiefe der Hypnose gebunden, kann dann aber 
auch, wie Muthmann gezeigt hat, zur ausgedehnten Analyse schwerer 
Fälle von Hysterie verwendet werden. 

Von den Neurosen wird zunächst die Neurasthenie besprochen, 
deren Grundsymptome als nicht besonders günstige Objekte der 
Hypnotherapie bezeichnet werden. 

Bedeutende Erfolge lassen sich dagegen bei den Störungen 
der sexuellen Sphäre (Onanie, Ejakulatio praecox, Pollutionen) 
erzielen. Eine besondere Rolle spielen für die hypnotische Behandlung 
die sogenannten Perversionen (wie HomosexuaUtät, Fetischismus), 
bei denen sich oft, namentHch bei den sogenannten Bisexuellen, günstige 
Erfolge ergeben. 

Die Störungen der Gemütssphäre, die man bei Neurasthenie, 
Hysterie, Zwangsneurose, melancholischer Verstimmung usw. findet, 
stellen die geeignetsten Objekte für die Hypnotherapie dar, in der man 
auch ein Machtmittel gegen die affektive Übererrregbarkeit hat. 

Bei der Hysterie ist zu bemerken, daß sich die Erwartungen, 
die man in den Achtzigerjahren an die glänzenden Erfolge Bern- 
heims knüpfte, nicht erfüllten. Trotzdem lassen sich auf hyp- 
notischem Wege, nicht nur durch Suggestion, sondern auch durch 
Kausalanalyse des Unterbewußtseins, einzelne Symptome beseitigen 
und dadurch der Gesamtzustand heben. Besonders gilt das für die- 
Hyperästhesien, hysterischen Schmerzen, Lähmungserscheinungen und 
Schwächezustände, weniger für die Spasmen, Kontrakturen und An- 
fälle. Bei den letzteren sind jedoch die Resultate sehr verschieden, 
was uns verständlich geworden ist, seit wir durch die Analyse die kom- 
plizierten Mechanismen kennen, die dabei ins Spiel kommen. 

Für die Zwangsneurose sind die Bedingungen günstiger als 
für die Angstneurose und es ist bemerkenswert, daß die oft über- 
raschenden Erfolge nicht variieren nach Grad und Ausbreitung des 
Leidens. Bei der Angstneurose, wo die ätiologischen Momente 
häufig sexueller Natur sind, läßt sich wohl durch Hypnotherapie die 
Angst einschränken, aber nicht der Einfluß dieser ätiologischen Mo- 
mente ausschalten. 

Die Phobien mit flottierendem Vorstellungsinhalt (Topophobie, 



Bericht über die II. private psychoanalytische Vereinigung usw. 737 

Agoraphobie, Klaustrophobie) lassen sich, jedoch nur bei noch nicht 
langem Bestände, günstig beeinflussen. Schwierigkeiten bieten dagegen 
die Situationsphobien, während die Funktionsphobien (Schauspieler, 
Sänger, Studenten usw.) günstigere Objekte bilden. Die Zwangs- 
erscheinungen der motorischen Sphäre sind keineswegs leicht zu be- 
einflussen, während die Tics, die sexuellen Zwangshandlungen (Onanie, 
Exhibition) und nicht zu sehr eingewurzelte Zwangsimpulse im all- 
gemeinen günstige Objekte sind. Auch die verschiedenen Zwangs- 
affekte sind nicht selten Gegenstand der Hypnotherapie. 

Endlich bei den kurzdauernden periodischen Depressions- 
zuständen,die bei verschiedenen Neurosen vorkommen , läßt sich durch 
Analyse in der Hypnose nicht selten die veranlassende Vorstellung 
eruieren. 

Referent kommt zu dem Schluß: Wenn auch die Hypno- 
therapie der aufsteigenden Entwicklung der Psychoanalyse gegenüber 
schon etwas außer Fasson gekommen ist, so berechtigen uns die der- 
zeitigen Erfahrungen doch nicht, sie gänzUch zu vernachlässigen. Um 
so weniger, als die damit erzielten, wenn auch manchmal nur vor- 
übergehenden Besserungen verhältnismäßig rasch und ohne besondere 
Schwierigkeiten erreicht werden. In Zukunft wird es sich allerdings 
als notwendig erweisen, um das zwar radikalere aber entsprechend 
langwierige und kostspieUge Verfahren der Ps3'choanalyse allgemeiner 
anwendbar zu machen und auch auf kurzem Wege doch wesentliche 
und dauernde Erfolge zu erzielen, die Hypnotherapie mit der Psycho- 
analyse zu verbinden. 

VII. Dr. C. G. Jung (Zürich): 

Bericht über Amerika. 

Vortragender schildert eine Reihe von Eindrücken, die er auf 
zwei Reisen in Nordamerika gesammelt hat. Die psychologische Eigen- 
art der Amerikaner weist Züge auf, die der psychoanalytischen Be- 
trachtungsweise zugänglich sind. Es sind Züge, die auf energische 
Sexualverdrängung hindeuten. Die Gründe für die Verdrängung sind im 
spezifisch amerikanischen Komplex, nämlich dem Zusammenleben 
mit niederen Rassen, besonders den Negern zu suchen. Das Zusammen- 
leben mit barbarischen Rassen wirkt suggestiv auf die mühsam ge- 
bändigten Instinkte der weißen Rasse und zieht nach unten. Daher sind 
stark entwickelte Abwehrmaßregeln nötig, die eben in jenen besonderen 
Zügen der amerikanischen Kultur zutage treten. (Autoreferat.) 



738 Otto Rank. 

VIII. Dr. Alfred Adler (Wien): 

Über psychischen Hermaphroditismus. 

Eine eingehende Untersuchung der Neurosen in bezug auf herma- 
phroditische Züge ergibt folgende Resultate: 

Körperliche Erscheinungen des gegensätzlichen Geschlechtes 
finden sich auffallend häufig. Ebenso gegensätzhche sekundäre Ge- 
schlechtscharaktere, insbesondere aber Minderwertigkdtserscheinungen 
an den Genitalien, denen sich Minderwertigkeitserscheinungen an 
anderen Organen hinzugesellen. 

Diese objektiven Erscheinungen geben vielfach Anlaß zu einem 
subjektiven Gefühl der Minderwertigkeit, besonders dem 
Vater gegenüber. Dadurch werden diese Kinder in eine Rolle gerückt, 
die ihnen xmmännüch eracheint. Der Verzicht auf Männlichkeit ist 
aber in der kindlichen Wertung gleichbedeutend mit Weiblichkeit, 
so daß das Kind — wie zum Teil auch unser Kulturbewußtsein — alle 
Formen der Aggressionshemmung als weiblich, der Aggression selbst 
als männlich ansieht. 

Diese Wertung der weiblichen Linien im Sinne eines Kinderfehlers 
führt bei Verstärkungen des psychischen Hermaphroditismus auf dem 
Wege zwangsmäßig erfolgender Überkompensation zu einem männ- 
lichen Protest, aus dem jede Form von innerem Zwange bei Normalen 
wie Neurotikern abzuleiten ist (z. B. Onaniezwang). Die Neurose zeigt 
die vielfach verschlungenen Linien der weiblichen Tendenzen durch 
Kompromißbildung maskiert und durch Subümierungen überbaut 
(Symbolisierung usw.) im Dienste hypertrophisch männlicher Wünsche 
und Bestrebungen. Darin liegt aber nicht nur der Keim des Mißerfolges, 
sondern auch die Prädestination zu den genialen und künstlerischen 
Leistungen. Die Neurose setzt ein durch das Scheitern des männlichen 
Protestes auf einer Hauptlinie. 

Damit gerät auch das Traumleben unter die Herrschaft des 
männlichen Protestes und jeder Traum zeigt bei der Analyse die Tendenz, 
von der weibUchen Linie zur männUchen abziirücken. Besonders deutUch 
die enuretischen Träume (urinieren wie ein Mann oder ein Erwach- 
sener); die Pollutionsträume, Alpträume und Angstträame zeigen stets 
Spuren der männlichen Gegenwehr. 

Exhibitionistische und narzissis tische Züge werden begünstigt 
durch die Tendenz, sich als Mann zu zeigen, im Fetischismus kommt 
neben der weiblichen Linie (weibliche Kleidungsstücke usw.) stets der 
männliche Geltungs- und Erobervmgsdrang zum Durchbruche. 



Bericht über die II. private psychoanalytische Vereinigung usw. 739 

Das Kind bedient sich zur Darstellung seiner verschiedengesdilecht- 
lichen Tendenzen der Züge seiner Eltern. Im Gefolge des männlichen 
Protestes, worin das Kind den Vater zu übertreffen sucht, kommen 
sekundär jene Züge zustande, die auf die Mutter gerichteten Be- 
gehrungsvorstellungen entsprechen (ödipusmotiv). 

Sache der Pädagogik und Neurosentherapie ist es, diese Dynamik 
bewußt zu machen, wodurch die Erscheinungen des aufgepeitschten 
Trieblebens verschwinden. 

Der Vortrag ist in den „Fortschritten der Medizin", 1910, 
Nr. 16 erschienen. 

IX. Dr. Alphonse Maeder (Bad Kreuzungen): 
Zur Psychologie der Paranoiden. 

Redner beschränkt sich auf den Zusammenhang zwischen 
Elternkomplex und den Wahnideen in einem Falle von paranoider 
Form der Dementia praecox (ausführliche Mitteilung in diesem Jahr- 
buche, II. Band, 1. Hälfte). Der Größenwahn enthält zuerst eine 
Genealogie des Patienten ; nur die Mutterseite wird anerkannt. Sämt- 
üche Ahnen von Abel bis Philipp von Orleans, von Prometheus bis Jesus 
Christus lassen Züge erkennen, welche der Mutter des Patienten gehören. 
Der zweite Teil ist die Schilderung des Patienten als Helden. Sämthche 
unbefriedigte Wünsche seiner ganzen Vorgeschichte bis zur Jetztzeit 
gehen in Erfüllung, in einer maßlosen, korrekturlosen Form. Der Größen- 
wahn entsteht durch Introversion der Libido (Übertragungsunfähigkeit 
der Dementia praecox), es kommt zu einer Regression, welche das 
Infantile des Wahnes erklärt, eine Regression, welche mit sekundärer 
Bearbeitung des „ursprünglichen Famihenromans des Neurotikers" 
kompliziert ist; in dieser Zeit entstehen auch die Erinnerungstäu- 
schungen. Eine besondere Form der Projektion des eigenen Körpers, 
die Exteriorisation genannt wird, wird beschrieben. 

Der Verfolgungswahn läßt sich auf den Vater und auf die 
Ehefrau (Vatersurrogat) zurückführen. Sämtliche Züge der Verfolger 
sind den beiden entlehnt. Der größte Teil des physikalischen Ver- 
folgungswahnes des Patienten ist eine homosexuelle Verfolgung, ver- 
bunden mit Geburtsphantasien. 

Neben dem Freud sehen Mechanismus der Verfolgung durch 
Projektion des eigenen Wunsches mit negativem Zeichen wird eine 
neue Form skizziert, wo das Hindernis zur Erlangung irgend eines 
Objektes beseelt, belebt wird und als aktiver Widerstand, als Ver- 



740 Otto Eank. 

folgung, vom Patienten empfunden wird. Anlehnung an den Ani mis m us 
der Primitiven (Tylor),. an Kinderpsychologie. Entweder das erwünschte 
Objekt oder irgend ein Hindernis zur Erlangung desselben werden zur 
Verfolgung, im ersten Fall unter dem Einflüsse der Verdrängung, im 
zweiten wegen des empfundenen (passiven) Widerstandes. Beide Fälle 
kommen jedenfalls kombiniert vor. (Autoreferat.) 

X. Dr. WUhelm Stekel (Wien): 

Vorsehläge zur Sammelforsehung auf dem Gebiete der Sym- 
bolik und der typischen Träume. 

Eeferent geht von der Deutung eines rezenten eigenen Traumes aus, 
der einen Beitrag zur Farbensymbolik liefert. Im Anschlüsse an die 
Ausführungen Honeggers bespricht er die kosmische Symbolik 
und erwähnt den Hinweis Freuds, wonach in zwei Fällen die Sonne 
für den Patienten im symbolischen Sinne den Vater bedeutete. Nach 
dem Prinzipe der Bisexualität bedeute sie aber auch die Mutter. Re- 
refent verbreitet sich nun des weiteren über die Symbolik von Mond, 
Sterne und Erde. Von der Erde kommt er auf die Symbolik des Fußes und 
des Gehens, das in vielen Sprachen beiwohnen bedeutet (coire). Dabei 
wird zum ersten Male das Prinzip der symbolischen Gleichungen 
des Neurotikers erwähnt. So ist z. B. Penis = Fuß — Busen = 
= Schenkel — Finger = Podex. Eine zweite symbolische Gleichung 
wäre: Milch = Urin = Samen = Wasser = Blut = Eiter = Schweiß = 
= Schleim = Luft = Sprache = Geld = Gold = Kot; das sind für 
den Neurotiker adäquate Begriffe, die füreinander gesetzt werden 
und auch als Symbole der Seele und des Lebens überhaupt dienen. 
Diese Gleichungen werden an einer Reihe von Beispielen belegt. Von der 
Milch kommt Redner auf die Amme und weist darauf hin, daß alle 
Kletterträume, Träume vom Heraufheben, Gehobenwerden sich auf 
Ammenphantasien beziehen. Bei der Symbolik der Eisenbahn 
wird auf deren Beziehungen zum Tode (abfahren; Vorfahren, Nach- 
fahren) sowie zur Onanie (Zug — ziehen; reisen — reißen) auf- 
merksam gemacht. 

Nachdem Referent so die Notwendigkeit einer genauen Kenntnis 
der Symbolik an einzehien Beispielen belegt hat, wird über seine An- 
regung ein dreigliedriges internationales Komitee zur Anlegung einer 
großen Sammelforschung auf dem Gebiete der Traum- und Neu- 
rosensymbolik gewählt. Im Interesse dieser Sammelforschung werden 
alle Mitarbeiter gebeten, diesbezüghches, entsprechend belegtes Material, 



Bericht über die II. private psychoanalytische Vereinigung usw. 741 

das ihr geistiges Eigentum bleibt, an einen der drei genannten Herren 
gelangen zu lassen: 

Dr. Wilhelm Stekel, Wien, I., Gonzagagasse 21; 

Dr. Karl Abraham, Berlin, W., Rankestraße 24; 

Dr. Alphonse Mae der, Konstanz, Belle vue. 

XI. Dr. S. Ferenczi (Budapest): 

Referat über die Notwendigkeit eines engeren Zus^unmen- 
sehlusses der Anhänger der Freudsehen Lehre und Vorschläge 
zur Gründung einer ständigen internationalen Organisation. 

Referent überblickt zunächst die Geschichte der Psycho- 
analyse, in der er drei Perioden unterscheidet. Die erste, ,, heroische 
Periode", in der Freud ganz allein, von seinem ursprünglichen 
Mitarbeiter verlassen, die grundlegenden Werke schafft. In der zweiten 
Periode, gekennzeichnet durch die Mitarbeiterschaft zunächst der 
Wiener, dann der Züricher Anhänger, wird in einer Art „Guerilla- 
krieg" — ganz unorganisiert — das ungeheure wissenschaftliche 
Terrain erobert. Endlich eine dritte Periode, die gegenwärtig ihren 
Anfang nehme^ die der Organisation. 

Bei aller Anerkennung der bisherigen Vorteile des „Guerilla- 
krieges" scheint doch, angesichts der gänzlich veränderten Ver- 
hältnisse sowie des wachsenden Einflusses der psychoanalytischen 
Richtung in der Psychiatrie und Neurologie, bei gleichzeitig ent- 
schiedenem Rückgange der anatomischen und experimental-psycho- 
logischen Richtung, der Vorschlag zur Gründung einer ,, Inter- 
nationalen psychoanalytischen Vereinigung" zeitgemäß. Re- 
ferent skizziert die Richtungslinien der Tätigkeit einer solchen Ver- 
einigung. Er gibt einen Überblick über die monotonen ethischen und 
logischen Einwürfe der Gegner und weist die Widersprüche in deren 
Kjitik nach. Er findet eine weitgehende Übereinstimmung des Wider- 
standes neurotisch Kranker mit dem der Neurologen, die sich so be- 
nehmen, als stünden sie sämtlich in Behandlung. Der „Internationalen 
psychoanalytischen Vereinigung" fiele es zu, diese Behandlung , zu 
systemisieren und nicht dem Zufalle zu überlassen. Weitere Aufgaben 
wären: die Kontrolle der verkappten und sich unberechtigterweise 
so nennenden Psychoanalytiker; die Schaffung einer Zentrale und 
mehrerer Zweigvereinigungen ; Systenüsierung der Kongresse ; Gründung 
eines Korrespondenzblattes usw. 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psyohopathol, Forscliaiigen. n. 48 



742 Otto ßank. 

Referent schließt mit einem Hinweise auf die günstigen Aus- 
sichten einer Vereinigung, deren Mitglieder durch ihre psychoanalytische 
Einsicht und Selbstbeherrschung die üblichen Mängel des Vereinslebens 
vermeiden könnten, und legt schließlich einen Statutenentwurf vor. 

XII. In der anschließenden Diskussion spricht sich die Mehrzahl 
der Redner im Prinzipe für die offizielle Vereinsgründung — jedoch nicht 
als Kam^pforganisation — aus. Stekel (Wien) kündigt neben dem 
bereits bestehenden Jahrbuch und dem zu gründenden Korrespondenz- 
blatt die Herausgabe eines Periodikums für kleinere Arbeiten an. 
Jung hebt im Sinne des Vorschlages ausdrücklich hervor, daß die 
Bewegung nicht auf das medizinische (therapeutische) Gebiet beschränkt 
werden könne, und betont die Vorteile einer Organisation auch als 
Informationsstelle für Überweisung von Patienten. Abraham weist 
auf die Notwendigkeit ärztlicher Kurse über Psychoanalyse hin usw. 

Nach Abschluß der Diskussion konstituiert sich die ,, Internationale 
psychoanalytische Vereinigung" und nimmt nach Ablehnung eines 
Gegenvorschlages (Adler, Wien) den vorgelegten Statutenentwurf 
nach gründUcher Durchberatung im Plenum mit einzelnen Veränderungen 
an. Zum Präsidenten der „Internationalen psychoanah tischen Ver- 
einigung" wird auf Vorschlag Freuds und auf Antrag Steiners 
(Wien) Dozent Dr. C. G. Jung (Zürich-Kiisnacht) gewählt, der als 
Sekretär Dr. Franz Biklin (Zürich) nominiert. 



Zur Kritik über Psychoanalyse. 

Von Dr. C. 6. Jung, 



Es ist eine dem Psychoanalytiker wohlbekannte Tatsache, 
daß Laien, auch relativ geringer Bildung, das Wesen und die 
Vemii^ftigkeit der Psychoanalyse ohne zu große Verstandes- 
schwierigkeiten zu erfassen vermögen. Ebenso geht es Gebildeten, 
seien es nim Gelehrte oder Kaufleute oder Journalisten oder 
Künstler oder Lehrer. Sie alle verstehen die Wahrheiten der Psycho- 
analyse. Sie verstehen auch sehr wohl, warum Psychoanalyse nicht in 
der gleichen Weise überzeugend dargestellt werden kann wie ein mathe- 
matischer Lehrsatz. Denn der gemeine Menschenverstand weiß, daß 
ein psychologischer Beweis notwendig anders aussehen muß als ein 
physikalischer imd daß jeder wissenschaftlichen Materie eine nur ihr 
eigentümliche Evidenz des Beweises zukommt. Es wäre interessant 
zu erfahren, welche Art empirischen Beweises die uns applizierte Kritik 
erwartet, doch offenbar den Beweis durch die empirischen Tatsachen? 
Existieren diese Tatsachen? Wir weisen auf unsere Beobachtungen 
hin. Unsere gegnerische Kritik sagt dazu einfach nein. Was sollen wir 
denn beibringen, wenn unsere tatsächlichen Beobachtungen mehr oder 
weniger un verhüllt schlechthin negiert werden? Unter diesen Um- 
ständen sind wir doch gezwungen zu erwarten, daß unsere Kritiker 
in ähnlicher vertiefter Weise (ich sehe dabei von der psychoana- 
lytischen Methode ganz ab) die Neurosen und Psychosen studieren 
und uns über deren psychologische Gesetzmäßigkeit Tatsachen von 
wesentlich anderer Art aufzeigen. Wir warten darauf seit mehr als 
zehn Jahren. Das Schicksal hat sogar gewollt, daß alle Forscher auf 
diesem Gebiete, die unabhängig vom Entdecker der neuen Lehre, aber 
in ähnlich vertiefter Weise gearbeitet haben, zu gleichen Ergebnissen 

48* 



744 C. G. Jung. 

wie Freud gelangt sind, und daß diejenigen, die sich die Mühe genommen 
haben, einige Zeit darauf zu verwenden, bei dem einen oder andern 
Psychoanalytiker dia nötigen Kenntnisse zu erwerben, eich ebenfalls 
den Zugang zum Verständnis erobert haben. 

Im allgemeinen kann man bei Medizinern und Psychologen den 
heftigsten Widerstand erwarten, in erster Linie wegen der wissen- 
schaftlichen Vorurteile, die ihre Existenz einer mit Zähigkeit fest- 
gehaltenen andersartigen Denkweise verdanken. Unsere Kritiker haben 
gegen früher den Fortschritt gemacht, daß sie versuchen, ernst- 
hafter zu sein und einen ruhigeren Ton anzuschlagen. Sie begehen aber 
den Fehler, die psychoanalytische Methode zu kritisieren, wie wenn 
sie auf aprioristischen Prinzipien beruhte, während sie doch -in Tat 
und Wahrheit rein empirisch ist imd einer endgültigen theoretischen 
Bearbeitung noch durchaus ermangelt. Was wir von ihr wissen, ist 
eigenthch bloß, daß sie den kürzesten Weg darstellt zur Auffindung 
der für unsere Psychologie wichtigen Tatsachen, deren Kenntnis man 
sich, wie die Geschichte der Psychoanalyse zeigt, auch auf anderen, 
wenn auch mühsamen und umständüchen Wegen verschaffen konnte. 
Wir wären natürlich froh, wenn wir eine analytische Technik besäßen, 
die noch rascher und zuverlässiger zum Ziele gelangte als die jetzige 
Methode. Unsere Kritiker werden aber wohl kaum imstande sein, durch 
Bestreitung unserer Befunde uns zu einer geeigneteren und zugleich 
den Voraussetzungen der bisherigen Psychologie besser entsprechenden 
Technik zu verhelfen. Solange die Frage der Tatsachen nicht erledigt 
ist, steht die Kritik der Methode gänzUch in der Luft, denn über die 
letzten Geheimnisse der Assoziationsvorgänge wissen imsere Gegner 
ebenso wenig wie wir. Das dürfte jedem ruhig erwägenden Kopfe 
einleuchten: es handelt sich einzig und allein um die Er- 
fahrungstatsachen. Beschränkt sich die Kritik auf die Methode, 
so könnte sie eines Tages leicht auf den Standpunkt geraten, die Existenz 
von Tatsachen zu bestreiten, weil die Methode ihrer Auffindung ge- 
wisse theoretische Mängel aufweise, womit man glückhch ins tiefste 
Mittelalter zurückgerutscht wäre. In dieser Hinsicht begeht die Kritik 
schwere Irrtümer. Es ist die Pflicht der Einsichtigen, darauf hinzuweisen, 
denn Irren ist menschlich. 

Gelegentlich nimmt aber die Kritik Formen an, welche das Inter- 
esse des psychologischen Forschers in höherem Maße wachrufen, indem 
die wissenschaftliche Bemühung des Kritikers in überraschender Weise 
von Symptomen persönlicher Anteilnahme in den Hintergrimd ge- 



Zur Kritik über Psycboanalyae. • ^o 

drängt wird. Solche Kritiken bilden einen wertvollen Beitrag zur 
Kenntnis persönUcher Unterströmungen sogenannter wisaenschaft- 
licher Kritik. Wir können es uns nicht versagen, ein derartiges „Docu- 
ment humain" auch einem weiteren Publikum in extenso zugänglich 
zu machen. 

Referat von Kurt Mendel [im Neurologischen Zentralblatt 1910] 
über eine Darstellung Freudscher Anschauungen 

[im Korrespondenzblatt für Schweizer Ärzte, 1910]. 

,, Referent, der viele Arbeiten Freuds und seiner Schüler gelesen 
und sich auch selbst praktisch mit der Psychoanalyse be- 
schäftigt hat^), muß gestehen, daß ihn vieles in dieser Lehre, insbesondere 
die neueren Anhängsel bezüglich der Analerotik und der Sexualität des Kindes, 
direkt anwidert. Nach Lesen der Arbeit des Verfassers trat Referent an 
das Bettchen seines jüngsten, unschuldig daliegenden Kindes und sprach 
also: „Armer, kleiner Bubi! Ich wähnte dich rein und keusch, nun weiß ich 
aber, du bist lasterhaft und voll Sünde ! ,Vom ersten Tage deiner Existenz 
an führtest du ein sexuelles Leben' (S. 184) ; nun bist du (S. 185) ein Ex- 
hibitionist, Fetischist, Sadist, Masochist, Analerotiker, Onanist, kurzum 
,polymorph pervers'. ,Es gibt kaum einen Don Juan unter den Erwachsenen, 
dessen erotische Phantasie sich mit den Produkten deines Kindeshirns 
messen könnte' (S. 185). Wie konnte es aber auch anders kommen? Denn 
du bist schwer belastet. Von deinem Vater rühmt man, daß er besonders 
ordentlich und sparsam sei, die Freudianer halten ihn aber für eigensinnig, 
weil er ihre Lehre durchaus nicht voll anerkennen will. .Besonders ordent- 
lich, sparsam und eigensinnig!' Also ein schwerer Analerotiker ! (s. Freud, 
Charakter und Analerotik; Psych.-neur. Wochenschr. IX, Nr. 51). Deine 
Mutter aber macht alle vier Wochen G-roßreine. ,Das Reinemachen, noch 
besser das Großreinemachen ist die spezifische weibliche Reaktion auf unter- 
drückte Analerotik' (s. J. Sadger, Analerotik und Analcharakter; Die 
Heilkunde, 1910, Februarheft). Also bist du von Vaters und Mutters Seite 
aus analerotiseh belastet! Hast du doch auch vorhin vor dem Schlafen- 
gehen ,den Darm nicht entleeren wollen, als man dich auf den Topf setzte, 
weil du aus deiner Defäkation noch einen Lustnebengewinn beziehen willst 
und darum an der Stuhlzurückhaltung Vergnügen findest'. Früher sagte 
dein Vater einfach in solchem Falle zu Muttern : Der Junge ist verstopft ; 
gib ihm etwas .Briistpulver !' Pfui! Wie war ich doch damals schamlos 
pervers, ein wahret Kuppler und Verführer zur Unzucht ! Einen Gutenacht- 
kuß bekommst du nicht mehr wie früher, denn eine solche Liebkosung meiner- 
seits würde ,deine Sexuahtät erwecken' (S. 191). Bete mir auch nicht dein 
sonstiges Abendgebet vor: ,Ich bin klein, mein Herz ist rein!'; denn dann 
lügst du; du bist verdorben, bist ein Exhibitionist, Fetischist, Sadist, 



^) Von mir gesperrt. 



746 C. G. Jung. 

Masochist, Änalerotiker, Onanist, kurzum ,polymorph pervers' — durch 
mich, durch deine Mutter und durch dich seibat! Armer kleiner Bubi!" 

Freudianer! Des öfteren habe ich ausgesprochen, daß die Freudsche 
Lehre nach mancher Richtung hin wertvolle Anregungen gegeben hat. 
Laßt aber nun endlich ab von euren maßlosen Übertreibungen und sinn- 
losen Phantastereien! Bringt uns statt Wortwitze Beweise! Statt 
Arbeiten, die sich wie die „Fliegenden Blätter" lesen, ernste und 
ernst zu nehmende Mitteilungen! Beweist mir eure unreine, lästerhafte 
Behauptung (S. 187): ,,Es existiert nur eine Form der Liebe und das ist 
die erotische!" Zieht nicht unsere heiligsten Gefühle, unsere Liebe und Ver- 
ehrung zu unseren Eltern, die uns beglückende Liebe imserer Kinder in 
den Schmutz eurer Phantasien hinab durch die fortwährende Unterschie- 
bung widerlicher sexueller Motive! Eure ganze Beweisführung gipfelt in 
dem Satze: „Freud hat es gesagt. Also ist es so!" — Ich sage aber mit 
Goethe, dem Sohne eines Analerotikers (s. Sadger 1. c): 

„ein Mensch, der spekuliert, 
Ist wie ein Tier, auf dürrer Haide 
Von einem bösen Geist im Kreis herum geführt, 
Und rings umher liegt schöne grüne Weide." 



Buclianzeige. 



Staatsanwalt Dr. Erieh Wulffen: Der Sexualverbrecher. Ein Handbuch 
für Juristen, Verwaltungsbeamte und Ärzte. Mit zahlreichen krimi- 
nalistischen Originalaufnahmen. 1910. Verlag Dr. P. Langen.scheidt. 
BerUn-Groß-Lichterfelde. 717 Seiten. Brosch. Mark 18 — . 

Wulffen gibt eine weitausgreifende Schilderung des Sexual- 
delikts, die sich nicht bloß auf kriminalistische Kasuistik beschränkt, 
sondern auch den psychologischen und sozialen Fundamenten des Ver- 
brechens nachzugehen sucht. Etwa 250 Seiten allein sind der allgemeinen 
Sexualbiologie, Sexualpsychologie und — Charakterologie und allge- 
meinen Sexualpathoiogie gewidmet. Im Kapitel über Sexualpsychologie 
wird Verfasser gewiß selber auch das Fehlen der psychoanalytischen Ge- 
sichtspunkte beklagen. Die weiteren kriminalistischen Kapitel sind, nicht 
zum mindesten deshalb, weil sie von einem erfahrenen Kriminalisten 
geschrieben sind, von hohem In<;eresse und gewähren dem Forscher 
auf diesem Gebiete reiche Anregung. Die Abbildungen sind durchgehends 
gut, zum Teil von großem psychologischem Wert. 

Für eine zukünftige psychoanalytische Durchforschung dieses 

Gebietes dürfte Wullfens Buch neben den Sammlungen des Pitaval 

eine schätzenswerte Quelle sein. 

Jung.