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Full text of "Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen III. Band 1911 2. Hälfte"

JAHRBUCH 

FÜR 

PSYCHOANALYTISCHE und PSYCHO- 
PATHOLOGISCHE FORSCHUNGEN. 

HERAUSGEGEBEN VON 

Prof. Dr. E. BLEULER und Prof. Dr. 8. FREUD 

I» ZÜRICH, DC WIEN. 

REDIGIERT VON 



Dr. C. G. JUNG, 

PRITAIDOZBNTEIf DER PSYCHIATBIH IN ZÜHICII. 



III. BAND. 



II. HÄLFTE. 



LEIPZIG dhd WIEN. 



1912. 



KRAUS REPRINT 

Nendeln/Li«chten»tein 

1970 



3 1 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



Verl*g8-Nr. 1907. 



Reprinted by permission of Sigmund Freud Copyrights Ltd., London 

KRAUS REPRINT 

A Division of 

KRAUS-THOMSON ORGANIZATION LIMITED 

Nendeln/Liechtenstein 

1970 

Printed in Germany 
Lessingdruckerei Wiesbaden 



Inhaltsverzeichnis. 



Saite 
Freud: Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Ge- 
schehens 1 

Freud: Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch be- 
schriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoides) 9 

Bertschinger: Illustrierte Halluzinationen 69 

Ferenczi: Über die Rolle der Homosexualität in der Pathogenese der 

Paranoia 101 

Jung: Wandlungen und Symbole der Libido 120 

Binswanger: Analyse einer hysterischen Phobie 228 

Jung: Morton Prince M. D.: The Mechanism and Interpretation of Dreams 309 
Spielrein: Über den psychologischen Inhalt eines Falles von Schizophrenie 

(Dementia praecox) 329 

Rank: Ein Beitrag zum Narcisaismus 401 

Pfister: Die psychologische Enträtselung der religiösen Qlossolalie und 
der automatischen Kryptographie 427 

Bleuler: Eine kasuistische Mitteilung zur kindlichen Theorie der Sexual- 
vorgänge 467 

Jung: Kritik über E. Bleuler: Zur Theorie des schizophrenen Negativismus 469 

Bleuler: Antwort auf die Bemerkungen Jungs zur Theorie des Negati- 
vismus 475 

Maeder: Psychoanalyse bei einer melancholischen Depression 479 

Jung: Buchanzeige (Hitschmann, Freuds Neurosenlehre) 480 

Pfenninger: Untersuchungen über die Konstanz und den Wechsel der 
psychologischen Konstellation bei Normalen und Frühdementen (Schizo- 
phrenen) 481 

Sadger: Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik 525 

Abraham: Bemerkungen zur Psychoanalyse eines Falles von Fuß- und 

Korsettfetischismus 557 

Sachs: Traumdeutung und Menschenkem.! i. , . 568 

Freud: Nachtrag zu dem aiitoliiogiaphisph beschriebenen 1' 1" •. --:i Paranoia 
(Dementia paranoi-les) 588 



IV 



Aptekmann: Experimentelle Beiträge zur Psychologie des psycho-galva- 
nischen Phänomens 591 

Silberer: Symbolik des Erwachens nnd Schwellensymbolik überhaupt . 621 

Silberer: Über die Symbolbildung 661 

Silber er: über die Behandlung einer Psychose bei Justinus Kerner . . . 724 
Pf ist er: Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie und 

der automatischen Kryptographie. (Fortsetzung und Schluß) . . . . 780 

Bjerre: Zur Radikalbehandlung der chronischen Paranoia 795 

Bleuler: Alkohol und Neurosen . • 848 

Ferenczi: Alkohol und Neurosen. Antwort auf die Kritik von Herrn Prof. 
Dr. E. Bleuler) 853 



Zusendungen an die Redaktion sind zu richten an Dr. C. 6t. Jung, 

Kusnacht-Zurich. 



(Anmerkung der Redaktion: Die zweite Hälfte von Jung: Wandlungen 
und Symbole der Libido, wird erst im IV. Band, 1. Hälfte, erscheinen.) 



Aus der psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich 1 ). 



Untersuchungen über die Konstanz und den Wechsel 

der psychologischen Konstellation hei Normalen 

und Frühdementen (Schizophrenen). 

Von W. Pfenalnger (Herisau). 



Einleitung. 

Im Jahre 1888 hielt Kraepelin in der Dorpater medizinischen 
Fakultät einen Vortrag: „Über den Einfluß der Übung auf die Dauer 
von Assoziationen". An 17 aufeinander folgenden Tagen wiederholte 
er dieselben Reizworte. Aus der Zusammenstellung von jeweils 50 Ver- 
suchen fand er, daß etwa bis zur vierten Wiederholung die Versuchs- 
zeiten sieb sehr rasch, später aber langsamer und unter Schwankungen 
verkürzten. Es fiel ihm auf, daß die Versuchspersonen „Tagesdis- 
positionen" zeigten, „welche für manche Tage durchgängig kürzere und 
gleichmäßigere, für andere längere und auseinander fahrende Reaktions- 
zeiten bewirkten". Er fand auch, daß diejenigen Assoziationen, welche 
bei einer "Wiederholung der Versuche nach l 3 / 4 Jahren sich noch konstant 
erhalten hatten, nicht nur jetzt, sondern auch früher ausnahmslos 
kürzere Reaktionszeiten lieferten als jene Assoziationen, bei denen neue 
Vorstellungsverbindungen eintraten, und er stellte fest, daß die- 
jenigen Reizworte, welche in der ersten Reihe eine lange 
Reaktionsdauer geliefert hatten, auch später sich gerne 
in derselben "Weise auszeichneten. Die nach l 3 / 4 Jahren ganz 
neu auftretenden Assoziationen erwiesen sich hinsichtlich der Reaktions- 
zeit noch kürzer als sogar die Versuche des zweiten Tages. Selbst nach 
P/ 4 Jahren traten nur 28% neue Assoziationen hervor, während 72% 
bereits früher dagewesen waren. 

Eine viel spätere Arbeit: Wreschner „Zur Psychologie der 
Assoziationen" (Schweizerische pädagogische Zeitschrift, Jahrgang V, 
Heft 4) behandelt ebenfalls die Erscheinungen, welche sich zeigen, 
wenn dieselben Assoziationsserien in bestimmten (Ttägigen) Intervallen 



*) Arbeiten unter Leitung von Dr. Jung. 
Jahrbuch für psjctioacalTt. u. psTchopathol. For^chuagen. III. «1 



482 W. Pfenninger. 

wiederholt werden. Wr es ebner gelangt dabei zu folgenden Resultaten 
(S. 11): 

Es finden sich an neuen Antworten 

in der 1. "Wiederholung 60%, 
2. „ 49%, 



3. 


41%, 


4. 


34%, 


5. 


27%, 


6. 


31%, 


7. 


21%, 


8. 


20% 



Hierbei fiel auf, daß mit Ausnahme der 6. Versuchsserie die Abnahme 
der neuen Antworten konstant war. 

Was die Reaktionszeit bei solchen Reaktionen, die in jeder Serie 
verändert auftreten, anbelangt, so ergeben sich (Wreschner, S. 11) 
bei Anwendung des Hippschen Chronoskopes für die 1. Serie 1276 a, 
für die 2. Serie 1466 a, für die 3. Serie 1589 o, für die i. Serie 
1772 a, für die 5. Serie 2323 o. Dieses Phänomen deutet Wreschner 
folgendermaßen: Der Grund für dieses Zunehmen der Reaktionszeiten 
liegt auf der Hand : „Die erste Antwort ist einerseits die nächstliegende 
und anderseits ohne starke Konkurrenz mit anderen Antworten; die 
folgenden Antworten dagegen liegen ferner und müssen die früheren 
verdrängen, so daß sie nur unter besonders günstigen Umständen wirksam 
werden." — Auf Grund unserer Zahlen können wir also sagen: „Eine 
Antwort liegt um so ferner und muß sich um so mehr gegen frühere 
Antworten geltend machen, je größer die Zahl der letzteren ist." 

Bleibt die Reaktion in den verschiedenen Serien gleich, so er- 
fordert sie (Wreschner, S. 12) in der 1. Serie 1425 a, in der 2. Serie 
1496 o, in der 3. Serie 1460 o, in der 4. Serie 1429 a, in der 5. Serie 
1319 o. „Man sieht, bis zum fünften Auftreten war die Zeit größer 
als beim ersten Auftreten". Nach Wreschner verzögert die Ent- 
täuschung, daß wieder ein gleiches Reizwort kommt, die Reaktion; 
später erfolge diese dann mechanisch. "Wreschner publiziert Zahlen- 
reihen über die Anzahl der neuen Antworten, über die Wiederholung 
derselben Antwort, über die durchschnittliche Reaktionszeit, wenn 
dieselbe Antwort wiederholt auftritt. Über die Kraepelinschen 
Tagesdispositionen, über die Erscheinung, daß gewisse Reaktionen 
auch nach langer Zeit sich noch durch auffallend hohe Reaktionszeit 



Konstanz und Wechsel der psychologischen Konstellation osw. 483 

auszeichneten, hat er sich nicht ausgesprochen. Gewiß machte er bei 
seinen eigenen Versuchen ähnliche Erfahrungen. 

Jung hat gewissermaßen mit seiner „Reproduktionsmethode" 
(vgl. IX. Beitrag der Diagnostischen Assoziationsstudien) den Re- 
petitionsversuch auch praktisch zur Komplexdiagnose nutzbar gemacht. 
Er faßt die in der 2. Versuchsserie auftretenden Wechsel der Reaktion 
als Komplexmerkmale auf und nennt sie Reproduktionsstörungen, 
da die Versuchsinstruktion laute : Die Versuchsperson habe die frühere 
Antwort genau zu reproduzieren 1 ). Diese Instruktion gilt für den 
Repetitionsversuch allerdings nicht; hier ist die Wahl der Antwort 
völlig freigestellt. Nach den Erfahrungen beim Jungschen Repro- 
duktionsexperiment, die an oben erwähnter Stelle ausführlich 
dargelegt sind, ergibt sich folgender Tatbestand: 

Durchschnittlich liegt die Reaktionszeit von Assoziationen, die 
beim nachfolgenden Reproduktionsexperiment mangelhaft reproduziert 
werden, in 62% der Fälle über dem allgemeinen wahrscheinlichen 
Zeitmittel des ganzen Versuches, in 30*2% darunter. Diese 30'2% von 
Fällen, wo die Reaktionszeit also kürzer ist als das allgemeine wahr- 
scheinliche Mittel, könnten vom Standpunkt der Komplexmerkmale 
aus als perseveratorische Störungen aufgefaßt werden. In diesem Falle 
wäre zu erwarten, daß die der mangelhaft reproduzierten Assoziation 
vorausgehende Reaktion eine verlängerte Reaktionszeit aufweise 
(indem die sogenannte „kritische" Assoziation mit Zeitverlängerung 
verbunden zu sein pflegt und eine perseveratorische Störung der Auf- 
merksamkeit hinterlassen kann, welche als Ursache der Reproduktions- 
störung in Betracht käme). Das ist nun tatsächlich der Fall, indem die 
Reaktionszeit der vorausgehenden Reaktion durchschnittlich 7"8Fünftel- 
sekunden über dem jeweiligen wahrscheinlichen Mittel liegt oder 
4*1 Fünftekekunden über dem jeweiligen arithmetischen Mittel der 
Reaktionszeit des ganzen Versuches. Des ferneren ergab sich, daß die 
mangelhaft reproduzierte Assoziation durchschnittlich etwas mehr als 
doppelt so viel Komplexmerkmale aufweist als die richtig reproduzierte, 
woraus zu schließen ist, daß die „komplexe" Assoziation vorzugs- 
weise Neigung zu unrichtiger Reproduktion besitze. Diese 
Feststellung könnte für den Repetitionsversuch, dessen Instruktion, 

*) Jung läßt unmittelbar nach dem Assoziationsversuch noch einen zweiten 
in Gestalt eines Wiedererirmerungsversuches folgen und nimmt das so vor, daß 
er die Reizworte noch einmal wiederholt und dieses Mal, ohne Rücksicht auf die 
Zeit, die vom ersten Experimente abweichenden W iedererinnerungen notiert. 

31* 



484 W. Pfenniager. 

wie wir gesehen haben, zwar nicht die gleiche ist wie beim Reproduktions- 
experiment, doch belangreich sein, indem es eine gewöhrliche Erfahrung 
ist, daß da, wo richtig reproduziert wird, die Erinnerung sich meist 
glatt und ganz mechanisch einstellt, ohne daß sie das Resultat eines 
absichtlichen Aufsuchungs- und Erinnerungsaktes wäre. Neben den 
Fällen eines „bloßen" Vergessens gibt es aber auch Fälle, wo die un- 
richtige Reproduktion einem gewissen Bedürfnis, etwas neues oder 
„passenderes" zu sagen, zu entspringen scheint, das sich meldet, wenn 
schon die Möglichkeit der richtigen "Wiedererinnerung vorhanden ist. 
Die Instruktion des Reproduktionsexperimentes sucht diesem Bedürfnis 
nach „Abwechslung" entgegenzutreten. Beim Repetitions versuch 
fällt diese Korrektur weg, indem die Reaktionsweise dem freien Ermessen 
der Versuchsperson anheimgestellt wird. Es werden daher ohneweiters 
höhere Zahlen deT veränderten Reproduktion beim Repctitionsversuch 
zu erwarten sein. 

Die theoretische Betrachtung des Assoziationsversuches wird 
ungemein befruchtet durch die Einführung eines neuen psychologischen 
Begriffes, nämlich des gefühlsbetonten Vorstellungskomplexes. 

Der Komplex gibt sich im Assoziationsexperiment durch so- 
genannte Komplex merk male kund. Als solche fassen wir die im 
IX. Beitrag Jungs zu den „Diagnostischen Assoziationsstudien" 
erwähnten Störungen auf 1 ): „Verlängerung der Reaktionszeit über das 
allgemeine wahrscheinliche Zeitmittel des ganzen Versuches, Reaktion 
mit zwei oder mehr Worten (sofern die Versuchsperson gewöhnlich 
nur mit einem Worte reagiert), Reizwortwiederholung, Mißverstehen 
des Reizwortes, Fehler, Versprechen, Übersetzung in eine fremde 
Sprache, Reaktion mit einem ungewöhnlichen Fremdwort, Einschaltung 
von ,Ja' oder Ausrufen vor oder nach der Reaktion, ungewöhnlicher 
Inhalt der Reaktion überhaupt, inhaltliche und formale Perseveration/' 
Sie sollen uns für unsere weiteren Betrachtungen als Grundlage dienen. 

Anschließend an unsere obigen Erläuterungen kommen wir nun 
zur Fragestellung der vorliegenden Versuche: 

Das Ergebnis des Reproduktionsexperimentes, d. h. die Tatsache, 



•) VgL darüber Jung: Diagnostische Assoziationsstudien, Bd. I, passim, 
ferner J u ng: Über die Psychologie der Dementia praecox, Kapitel EL — Über die 
theoretische Berechtigung zu dieser Auffassung vergleiche: Diagnostische Asso- 
ziationsstudien, passim; ferner Jung: Rivista di Psicologia applicata. Anno IV, 
Nr. 4. — Rittershaus: Die Komplexforschung. Journal für Psychologie und 
Neurologie 1909 und 1910. 



Konstanz und Wechsel der psychologischen Konstellation urw. 485 

daß es vorzugsweise komplexe Assoziationen sind, die zu einer Störung 
der Reproduktion führen, kann die Vermutung wachrufen, daß auch 
beim Repetitionsversuch die komplexe Assoziation eine bedeutsame 
Rolle spiele und vielleicht einer der Hauptgründe für den Wechsel der 
, Reaktion bei wiederholter Exposition desselben Reizes sein könne. 
Abgesehen von dieser speziellen Fragestellung war noch ein anderes 
allgemeines Interesse mitbedingend bei unserer Fragestellung. Es 
ist die Frage der psychologischen Tagesdispositionen. Das 
Assoziationsexperiment allein erlaubt uns gewisse Einblicke in dieses 
psychologische Moment. Vom Repetitionsversuch wäre zu erwarten, 
daß er gewisse Einblicke in die Konstanz und den Wechsel der 
psychologischen Konstellation eröffnete. Allerdings ist von 
vornherein anzunehmen, daß dies nur in beschränktem Maße der Fall 
sein wird, indem die Exposition des gleichen Reizes die Konstanz der 
Reaktion auf Kosten des Wechsels beschränkt. Die identischen Reiz- 
reihen sind aber ihrer Vergleichbarkeit wegen den verschiedenartigen 
Reizreihen bei weitem vorzuziehen. — Hätten wir eine gänzlich ein- 
wandfreie und doch zugleich sehr eindringende und feinabgestufte 
Methode zur Klassifikation der Reaktionen, so könnten auch ver- 
schiedenartige Reizreihen verwendet werden und dann wären solche 
der vorliegenden Fragestellung weit besser entsprechend. Da aber das 
vorhandene Klassifikationsschema für diese Zwecke zu wenig fein 
abstimmbar ist 1 ), so muß man sich wohl mit den identischen Reizreihen 
begnügen. 

Meine Versuche begreifen normale und kranke Versuchspersonen 
in sich, letztere vom Typus der Dementia praecox. Diese Gegen- 
überstellung scheint mir von Interesse zu sein, da die psychologische 
Auffassung der Zürcher Schule eine besondere Konstanz der psychischen 
Inhalte (Komplexe) in dieser Krankheit aus analytischen Ergebnissen 
annimmt. 

Unsere Versuchsanordnung ist folgende: 

Bei je vier männlichen und je vier weiblichen un- 
gebildeten Normalen (Wärtern der Anstalt) nahmen wir 
nach dem Jungschen Reizwörterschema I je 100 Asso- 
ziationen auf und notierten Reaktion, Zeit (in Fünftel- 
sekunden) samt allfälligen Störungen. Dieses Experiment 

') Ju ng hat zwar mit einfacher Klassifikation einen beträchtlichen Wechsel 
der Konstellation innerhalb einiger Wochen nachweisen können bei dem Fall 
im VIII. Beitrag der Diagnostischen Assoziationsstudien, Bd. II, S. 33 ff. 



486 W. Pfenninge:-. 

wiederholten wir bei allen acht Versuchspersonen in 
wöchentlichen Intervallen mit demselben Schema achtmal. 

In derselben Zeit haben wir dasselbe Experiment mit 
sechs männlichen und fünf weiblichen Kranken in sicheren 
und reinen Fällen von Dementia praecox angestellt. 

In einem Anhang benutzen wir noch, das Assoziationsmaterial 
von Fräulein Dr. Morawitz, die an weiblichen Dementia praecox- 
Fällen dieselben Experimente ausgeführt hat, wenn auch mit einem 
anderen Reizwörterschema und nur mit 50 Reizworten. 



I. Teil. 
Normale Versuchspersonen. 

1. Die Reaktionszeiten. 

Man kann nicht hoffen, bei derartigen Versuchen ein sehr homo- 
genes Zahlenmaterial aufzufinden, sondern man hat mit großen in- 
dividuellen Streuungen zu rechnen. Die Wichtigkeit des Individuellen 
beim analytischen Standpunkt hat für den experimentellen Standpunkt 
wegzufallen, da dieser ein anderes Ziel hat, nämlich die Orientierung 
über das Durchschnittliche und Allgemeingültige. Trotzdem die In- 
dividualzahlen also durch Durchschnittsberechnungen möglichst ver- 
wischt werden sollen, so werden die Resultate dennoch stark subjektiven 
Charakter haben. Bei unserem Material blieb die Individualität des 
Experimentierenden mit ihren exakt noch unbekannten Einflüssen 
auf die Versuchsperson ein konstanter und eigenartiger Faktor 1 , während 
er natürlich bei anderen Arbeitern einen anderen Wert darstellt. Dann 
wird es auch nicht irrelevant sein, ob der Experimentator Versuchs- 
personen des gleichen oder anderen Geschlechtes vor sich hat. Diesen 
letzteren Einfluß zahlenmäßig festzustellen, ist besonderen Unter- 
suchungen vorbehalten. 

Aus den Reaktionszeiten eines Einzelexperimentes von 100 Reiz- 
worten haben wir das wahrscheinliche Mittel berechnet. Das gleiche 
geschah für alle Wiederholungsserien der männlichen und weiblichen 
Versuchspersonen. Darauf stellten wir die wahrscheinlichen Mittel der 
1. Wiederholungsserie einerseits für alle männlichen und anderseits 
für alle weiblichen Versuchspersonen zusammen und berechneten daraus 



Konstanz und Wechsel der psychologischen Konstellation usw. 48? 



das arithmetische Mittel. Das nämliche geschah für die Wiederholungs- 
serien 2 bis 8. So gelangten wir zu folgenden Zahlenreihen (in Fünftel- 
sekunden angegeben); (Tafel I, Fig. 1): 





Männer 


Frauen 


1. Wiederholungsserie 


10-2 


17-7 


2. 


9-6 


11-7 


3. 


9 


8-5 


8-9 


4. 


9 


92 


8'5 


5. 


9 


9-9 


8-0 


6. 


* 


85 


75 


7. 


9 


80 


7-7 


8. 


9 


7-4 


7-2 


Durchschnitt . . 


8-9 


96 



, Die Tabelle zeigt, wie durchschnittlich die Reaktionszeiten 
von einer Serie zur andern abnehmen. In Übereinstimmung mit den 
früheren Autoren stellen wir eine Abnahme der Zeiten fest: Die 1. Serie 
hat die längsten Reaktionszeiten, dann aber beginnen die beiden Reihen 
zu differieren. Die männliche zeigt im allgemeinen keine großen Schwan- 
kungen. Bis zur 3. Serie fallen die Zeiten langsam, um dann auffallender- 
weise zu steigen und in der 5. einen Kulminationspunkt zu erreichen, 
der beinahe der Zeit der 1. Serie entspricht. Erst dann sinken die Zahlen 
wieder ziemlich gleichmäßig. Die weibliche Reihe zeigt gleichfalls 
bis zur 3. Serie relativ sehr starke Abfälle, verläuft dann bis zur 6. 
ziemlich schwach sinkend, um sich in der 7. wenigstens andeutun°s- 
weise zu erheben und mit einer Senkung in der 8. zu enden. 

Wir finden also keinen kontinuierlichen Abstieg der Reaktions- 
zeiten. Es ist auffallend, daß bei den Männern in der 5. Serie ein aus- 
geprägter Gipfel sich findet, während ein solcher an jener Stelle bei den 
weiblichen Versuchspersonen fehlt 1 ). Dafür setzen diese mit viel höheren 
Anfangszeiten ein als die Männer. Dies kann aus der größeren Be- 
fangenheit der Frau dem Manne gegenüber erklärt werden. Die allgemein 
verlängerten Reaktionszeiten wollen zunächst nur eine gewisse 
Schwierigkeit in der Anpassung an die ganze Situation bedeuten, die 

*) Ich bemerke, daß auch die Individualzahlen dieses Verhalten zeigen 
(bei den Männern keine Ausnahmen, bei den Frauen eine Ausnahme). Vgl. auch 
das parallele Ergebnis beiAptekmann (dieses Jahrbuch, III. Bd., 2. Heft) IL 1. 



488 "W. Pfenning-er. 

speziell verlängerten Reaktionszeiten dagegen erschwerte Anpassung 
an das spezielle Reizwort 1 ). Diese Erschwerung, äußere Störungen 
ausgenommen, ist die Folge der Emotion der Versuchsperson. Die 
Emotion wirkt wie ein „Widerstand" in der Psychoanalyse und ist 
von diesem auch psychologisch keineswegs zu trennen. Wir können 
daher ebensogut von einem Widerstände sprechen, der dem Experiment 
entgegengesetzt wird, wie von emotioneller Erschwerung der An- 
passung. (Ich verweise auf die Ausführungen Jungs*.) Es würde die 
Kurve der weiblichen Versuchspersonen dem Verlaufe eines psycho- 
analytischen Widerstandes nicht übel entsprechen; zuerst starke 
Abwehr gegen die Produktion eigener Reaktionen, dann rasche Ge- 
wöhnung an die Harmlosigkeit der Versuchsbedingungen. Sollte nicht 
ein ähnliches Verhalten auch bei den männlichen Versuchspersonen 
vorliegen? Es kann ja nicht anders sein, als daß sich Versuchsperson 
und Experimentierender beim Experiment in ein gewisses, wenn auch 
in der Hauptsache unbewußtes persönliches Verhältnis setzen. All- 
mählich, im Verlaufe der verschiedenen Versuche, scheinen sich die 
Versuchspersonen des Persönlichen ihrer Reaktionen bewußt zu werden 
oder wenigstens etwas von dieser Art zu fühlen, was sie offenbar zur Zeit 
der ersten Versuche nicht empfanden. Man könnte vielleicht annehmen, 
daß der von den weiblichen Versuchspersonen gleich zu Anfang gezeigte 
Widerstand, der wie ein Mißtrauen gegen die Experimentsituation 
aussieht, bei männlichen Versuchspersonen erst nach mehreren Re- 
petitionen anfängt wirksam zu werden. Nach der Freudschen Theorie 
wäre der Grund dieses zweifellos affektiven Phänomens in der psycho- 
sexuellen Einstellung zu suchen. Das Widerstandsphänomen 
der weiblichen Versuchspersonen wäre als heterosexueller Widerstand 
aufzufassen, bei männlichen Versuchspersonen als homosexueller 
Widerstand. Was für mehr oder weniger intellektuelle Zwischenstufen 
zwischen das Sexuelle und das Phänomen sich einlagern, entzieht sich 
unserer derzeitigen Erkenntnis. 

Bei einem Durchschnitt der männlichen und weiblichen Resultate 
finden wir, daß die Versuchszeiten, wenn wir vom Kulminationspunkt 
in der 5. Serie absehen, anfänglich sehr rasch, später viel langsamer 
sich verkleinern. Dies deckt sich mit der Krae peli nschen Beobachtung. 

*) Jung: The Association method. Lectures in Celebration of the XX Anni- 
versary of the Opening of Clark University 1909, pag. 43. 

*) Jung: The Association Methode. Lectures delivered before the De- 
partments of Psychology and Pedagogy of Clark University. Worcester. Mass. 1910. 



Konstanz und Wechsel der psychologischen Konstellation usw. 489 

Die Durchschnittszahlen zeigen uns, d3ß die Männer etwas rascher 
reagieren als die Frauen (8"5 : 9"6). Wenn wir aber den Durchschnitt 
erst von der 3. Serie an berechnen, so erhalten wir folgende Zahlen: 

Männer: 8*6, Frauen: 7*6. 

Diese Zahlen geben ein anderes Bild von der Reaktionsgeschwindigkeit ; 
sie sagen, daß, wenn bei den Frauen die „Befangenheit" weg ist, diese 
etwas rascher reagieren, ab die Männer, d. h. daß dann bei den Männern 
die „Befangenheit" (der Widerstand) beginnt. — Wreschner findet, 
daß ungebildete Männer 3 / 5 Sekunden rascher reagieren als Frauen; 
wir finden, wie gesagt, durchschnittlich 0'7/5 Differenz, wenn wir die 
1. Serie mitberücksichtigen. Berechnen wir aber den Durchschnitt 
erst von der 4. Serie an, so bekommen wir, wie wir schon erwähnten, 
ein umgekehrtes Verhältnis. 

2. Der Reaktionswechsel. 
Als Reaktionswechsel betrachten wir, wie wir schon einleitend 
bemerkt haben, die Veränderung der Reaktionen in den Wiederholungs- 
serien. Die erste Veränderung einer Reaktion fällt in die 2. Versuchsserie. 
Bei 8 Versuchsserien haben wir also 7 Serien von Reaktionsänderungen. In 
Prozenten ausgedrückt, finden wir pro Serie folgenden Reaktionswechsel : 





Männer 


Frauen 


2. Serie 


62'5 


58-5 


o. ,, 












490 


395 


4. „ . 












445 


295 


5- „ - 












425 


24-5 


6. „ 












425 


21-5 


7- „ • 












365 


20-5 


8. ,, 












28-5 


19-5 


Durchschnitt 


43-2 


305 



Diese Tabelle sagt also, daß bei der zweiten Exposition derselben 
Reizserie z. B. 62'5% der Reaktionen gegenüber der erstmaligen 
Reaktion verändert sind, usw. Die männliche Zahlenreihe zeigt durch- 
wegs bedeutend höhere Beträge an Wechsel als die weibliche Reihe. 
Da die Veränderung der Reaktion in keinerlei Weise mit Bildung oder 
Intelligenz zusammenzuhängen scheint, und auch aus diesem Grunde 
als ein wesentlich affektives Phänomen aufgefaßt werden muß, so ist 
zu schließen, daß die männliche Versuchsperson (unter unseren Ex- 
perimentsbedingungeu) im Vergleiche mit den Frauen erhöhtes Be- 



3 1 A 



490 W. Pfenningen 

dürfnis nach Veränderung de3 sprachlichen Ausdruckes fühlt, die 
psychische Konstellation ist veränderlicher. Während wir bei den 
Frauen ein rasches und regelmäßiges Abfallen der Zahlen (wie bei den 
Reaktionszeiten) finden, zeigen die Männer auch (wie bei den Reaktions- 
zeiten) einen unregelmäßigen Abfall : in der 5. und 6. Serie bleiben die 
Zahlen gleich. Wir erinnern uns, daß im vorigen Abschnitt die 5. Serie 
bereits durch die Verlängerung der Reaktionszeit herausgehoben war. 
Außer diesem Parallelismus zeigt sich noch eine Ähnlichkeit mit dem 
Verlauf der Reaktionszeiten, nämlich: die weibliche Reihe fällt von 
einer ähnlichen Höhe wie die der männlichen Versuchspersonen rasch 
ab und erreicht weit tiefere Werte ab die männliche, welche mit dem 
Abstieg offensichtlich zögert. Diesem Verhalten entspricht auch das 
Verhalten der Reaktionszeiten, wie wir gesehen haben. Wir deuteten 
oben an, daß wir den Reaktions Wechsel für ein vorwiegend affektives 
Phänomen halten. In diesem Parallelgehen mit den Reaktionszeiten, 
deren affektive Bedeutung längst bekannt ist (vgl. IV. Beitrag der 
Diagnostischen Assoziationsstudien, I. Band), liegt eine gewisse Be- 
stätigung unserer Annahme. Wir vermuteten oben, daß die Frauen 
ihren anfänglichen Widerstand rasch aufgeben (Abnahme von Re- 
aktionszeit und Reaktionswechscl), die Männer dagegen erst später den 
Widerstand durchblicken lassen. Das Phänomen des bei Männern 
erhöhten Reaktionswechsels (dessen affektive Natur unten zur Genüge 
erwiesen werden wird), verrät aber, daß unter der Decke einer raschen 
und glatten Anpassung an die Experimentsbedingungen eine affektive 
Unterströmung sich vorfindet, die sich zunächst in erhöhtem Reaktions- 
v.echsel, später in Verlängerung der Reaktionszeit geltend macht. Der 
Reaktionswechsel entspringt ja eigentlich dem Bedürfnis, statt der 
vorangegangenen Reaktion eine andere zu bringen, was wohl nur daraus 
verstanden werden kann, daß nämlich die vorausgehende Reaktion 
„nicht genügend" war, d. h. ein „sentiment d'incompletude" 
mit sich führte (vgL Jung: über die Psychologie der Dementia 
praecox) 1 ). 

Einen ganz wesentlichen Beitrag zur Kenntnis der affektiven 
Vorgänge im Assoziationsexperiment liefern die Komplexmerkmale. 
Der folgende Abschnitt gibt uns darüber eine allgemeine Orientierung. 

*) Für die psychoanalytische Erfahrung findet sich das „sentiment d'in- 
completude" immer bei Verschiebungen der Libidobesetzung auf ein nicht zu- 
gehörige* Objekt, in diesem Fall vermutlich Verschiebung der homosexuellen Libido 
auf den Intelligenzkomplex (Jung). 



Konstanz und Wechsel der psychologischen Konstellation usw. 491 



3. Die Häufigkeit der Komplexmerkmale in den Wiederholungsserien. 

Wir haben die Komplexmerkmale serienweise zusammengestellt 
und ihre durchschnittliche Häufigkeit berechnet. Es ergaben sich 
folgende Zahlen (Tafel I, Fig. 2): 





Männer 


Frauen 


1. Serie .... 


18-8 | 


46-5 




2. „ 








20*8 1 Mittel: 


34-3 


Mittel: 


3. 


> 








16-8 ( 185 


28-0 


35-0 


4. 


1 








177 1 


313 




5. 


J 








9-0 i 




30-5 




6. 


> 








7-0 


Mittel: 


29-5 


Mittel: 


7. 


i 








7-5 


8-5 


39-0 


317 


8. 


j 








10-5 




27-9 




Mittel 


13-5 




334 





Wenn wir diese beiden Reihen durchgehen, so fallen uns zunächst 
die relativ starken Schwankungen und Unregelmäßigkeiten auf. Am 
meisten frappiert die große Durchschnittsdifferenz zwischen den Zahlen 
der Männer und denen der Frauen: 13*5 : 33'4. Betrachten wir die 
Serie der Männer für sich, so finden wir in der ersten Hälfte durch- 
schnittlich 18*5 Koniplexnierkmale pro Serie, in der zweiten nur noch 
8*5, aho eine bedeutende Abuahme. Die weibliche Eeihe fällt nicht 
so stark ab, die erste Hälfte hat im Verhältnis zur zweiten 35*0 : 31'7 
Komplexmerkmale. Von Zeit zu Zeit zeigen sich zum Teil beträchtliche 
Erhöhungen der Zahlen, was also vermehrten Komplexstörungen ent- 
spräche, bei den Männern in der 2., 4. und 8. Serie, bei den Frauen in 
der 1., 4. und 7. Serie. Diese Intervalle sehen sich etwas ähnlich. 
Vielleicht liegt darin etwas Typisches ; die Beschränktheit des Erf ahrungs- 
materiales erlaubt hier aber keine weiteren Schlüsse. 

Seltsam ist es, daß bei kurzen Reaktionszeiten (weibliche Versuchs- 
personen) sich so viele Komplexmerkmale finden, und daß bei den 
mänrüichen Versuchspersonen sich das Verhältnis geradezu umkehrt. 
Hier handelt es sich offenbar um eine bis anhin noch ganz ungenügend 
bekannte Auswahl der Formen der Komplexinterferenz oder des 

3 1 * b 



492 



W. Pfenninger. 



Widerstandes, was psychoanalytisch eigentlich identisch ist. Bei den 
männlichen Versuchspersonen handelt es sich offenbar um einen all- 
gemeinen Widerstand, der sich gegenüber der anfänglichen Bereit- 
willigkeit nur langsam durchsetzt, dafür aber durch die ganze Versuchs- 
zeit erhalten bleibt, während die Einzelkomplexe zu einer relativ geringen 
Demonstration gereizt werden. Bei Frauen dagegen macht der an- 
fängliche starke Widerstand allgemeiner Bereitwilligkeit Platz, wodurch 
aber dann die Einzelkomplese sehr stark gereizt werden. Daraus 
erklärt sich die sehr geringe Abnahme der Komplexmerkmale bei den 
weiblichen Versuchspersonen. Die starke Abnahme der Komplex- 
merkmale bei den männlichen Versuchspersonen erklärt sich durch die 
Zunahme des allgemeinen Widerstandes, der die Wirksamkeit der 
Reizworte stark beeinträchtigt. Daß in beiden Reihen aber auch wie 
in den vorhergehenden allgemein doch Abnahme stattfindet, erklärt 
sich aus der langsam zunehmenden Erschöpfung des Interesses für das 
Reizwort. 

4. Die Reaktionszeit der veränderten Reaktionen. 

Obschon die Ergebnisse von Abschnitt 2 zeigen, daß durchschnitt- 
lich eine große Anzahl von Reaktionswechseln mit relativ kurzen 
Reaktionszeiten und umgekehrt vorkommt, so steht doch im einzelnen 
Fall zu erwarten, daß eine veränderte Assoziation zu ihrer Reproduktion 
einer längeren Zeit bedarf als eine unveränderte Reaktion. Wreschner 
(1. c.) hat auf diese Frage bereits positive Antwort gegeben. Unsere 
Resultate bestätigen daher nur Früheres. 

Wir haben zuerst die Zeiten der Reaktionen notiert, die keine 
Änderungen aufwiesen, nachträglich die Zeiten derjenigen mit Änderung. 
Aus den so erhaltenen Einzelzahlen nahmen wir das wahrscheinliche 
Mittel (die Zeiten sind alle in 1 / 5 Sekunden angegeben): 



Männliche Versuchspersonen: 





Serie 




2 


3 


4 


5 | 6 | 7 j 8 


Ohne Reaktionsänderung . . . 
Mit Reaktionsänderung . . . 


8-5 
10-4 


8-1 
10-1 


8-5 
11-2 


9*4 
102 


8-0 
92 


7-5 
8-7 


7"2 
84 


Allg. wahrscheinliches Mittel . 


9-6 


8*5 


9-2 


99 


8*5 


80 


7*4 



Konstanz nnd Wechsel der psychologischen Konstellation usw. 493 
Weibliche Versuchspersonen: 





Serie 




2 | 3 | 4 


5 


6 I 7 


8 


Ohne Reaktionsänderung . . . 
Mit Reaktionsänderung . . . 


10-2 8-2 
13-2| 11-0 


8-0 
9-6 


8-0 
10-0 


7-5 
10-0 


7-2 
94 


7-0 
9'7 


Allg. wahrscheinliches Mittel . 


11-7 


8*9 


8-5 


8-0 


7-5 


7'7 


7-2 



Wir sehen, daß, wenn wir bei Männern und Frauen die ent- 
sprechenden Reihen vergleichen — sie nehmen beide einen ziemlich 
parallelen Verlauf — , überall die durchschnittliche Reaktionszeit bei 
Reaktionsänderung bedeutend über diejenige bei nicht veränderten 
Reaktionen ansteigt. Ziehen wir das allgemeine wahrscheinliche Mittel 
zum Vergleiche heran, so sehen wir, wie die vorstehenden Zahlen be- 
weisen, daß dann, wenn keine Veränderung vorhanden ist, die Durch- 
schnittszeit das allgemeine wahrscheinliche Mittel nicht erreicht und 
daß dieses allgemeine Mittel bedeutend überschritten wird, wenn 
Änderung stattfindet. 

5. Die Komplexmerkmale in ihrer Beziehung zum Reaktionswechsel. 

Wir vermuten, daß in den nebeneinander gestellten Versuchs- 
serien einer Versuchsperson die Komplexmerkmale nicht gleichmäßig 
verteilt sind, sondern daß sie entsprechend den komplexanregenden 
Reizworten gruppiert sind. Wenn also in der 1. Serie eine Reaktion 
ein oder mehrere Komplexmerkmale aufweist, so ist zu erwarten, daß 
solche wahrscheinlich beim selben Reizwort auch in den späteren Serien 
auftreten werden. Wir teilen deshalb die 1. Serie ein in Reaktionen 

o) mit zu langen Zeiten allein; 

6) mit den übrigen Komplexmerkmalen; 

c) mit zu langen Zeiten und den übrigen Komplexmerkmaleu 
zugleich; 

d) ohne jedes Komplexmerkmal. 

Wenn unsere Voraussetzung richtig ist, daß Komplexmerkmale 
sich an gewissen Stellen gruppieren (vgl. Jung: IX. Beitrag der 
Diagnostischen Assoziationsstudien, II. Band) und daß mit diesem 
affektiven Phänomen der Reaktionswechsel im Zusammenhang steht, 
so können wir erwarten, daß auf d pro Wort am wenigsten Reaktions- 
änderungen entfallen. Wir haben deshalb berechnet, wievielmal durch- 
schnittlich sich die Reaktion im Verlaufe der Wiederholungen ändert 



494 



W. Pfenninger. 



bei den Reaktionen der oben angegebenen Gruppen a bis d. Zunächst 
geschah die Berechnung für den 1. Versuch (Serie 1). Auf Grund der 
folgenden Tabelle sehen wir unsere Erwartung erfüllt: 

1. Serie: 





Reaktionswechsel 


Männer 


Frauen 


a 




33 


2-4 


b 




45 


1-7 






3-5 


2-4 


d 




26 


1*6 









Die Tabelle zeigt, daß bei männlichen Versuchspersonen diejenigen 
Reaktionen von Serie 1, die keinerlei Komplexmerkmale aufweisen (d), 
in den folgenden Serien durchschnittlich nur 2*6 mal sich verändern, 
während z. B. die Reaktionen mit Komplexmerkmalen unter Ausschluß 
der zu langen Reaktionszeit (6) durchschnittlich 4*5 mal sich verändern. 
Die beiden anderen Gruppen liefern entsprechende Zahlen. Das beweist, 
daß es komplexe Assoziationen sind, die in späteren "Wieder- 
holungen zu ausgesprochenem Reaktionswechsel neigen, 
während indifferente Reaktionen stereotyper sind. Das „Bedürfnis 
zu veränderter Ausdrucksweise" (das oben erwähnte „sentiment d'in- 
completude") folgt also den komplexen Assoziationen, die entsprechend 
der Libidotheorie affektive Überströmungen bei sich führen müssen. 
Es fällt aber sofort auf, daß die Gruppe 6, die bei Männern eine so hohe 
Tendenz des Wechsels aufweist, bei Frauen einen relativ geringen Wert 
ergibt. Dieses Verhalten klärt sich ohne weiters auf durch den Hinweis 
auf die oben konstatierten Eigentümlichkeiten der Reaktionszeiten. 
Die Reaktionen mit zu langen Zeiten a haben bei den Frauen eine 
bedeutend höhere Tendenz zum Wechseln als die der Gruppe b, denn 
bei Männern haben, wie wir oben sahen, die Reaktionszeiten ein Störungs- 
element in sich, das in der Kompensation des allgemeinen Widerstandes 
wurzelt: ihre (der Zeit) Größenverhältnisse haben daher komplex- 
diagnostisch nur bedingten "Wert. Bei den Männern findet eine ein- 
seitige glatte Anpassung an ein rasches Reagieren statt, was, wie man 
weiß, ein Zustandekommen sonstiger Komplexmerkmale nicht hindert. 
Diese Einstellung verhindert aber in einem gewissen Grade das Auf- 
treten von zu langen Reaktionszeiten, daher die Männer anfangs be- 



Konstanz und Wechsel der psychologischen Konstellation usw. 495 



deutend rascher reagierten als die Frauen. Bei Frauen, wo umgekehrt 
gerade die Gruppe 6 (mit sonstigen Komplexmerkmalen ohne Reaktions- 
zeit) einen geringen Wechsel ergibt, ist der Widerstand nicht unter- 
drückt, sondern kommt gleich zu Anfang der Versuche klar heraus, 
weshalb sich die Zögerungen offenbar auch an den kritischen Stellen 
befinden, welche die Männer durch ihre einseitige Einstellung zu ver- 
decken bestrebt sind. 

Es ist zu erwarten, daß, wenn man die ganz gleiche Berechnung 
auch für die 2. Serie anwendet, die eben erwähnten Störungen 
wegfallen, so daß sich ein einfaches und der Erwartung entsprechenderes 

Bild ergibt: 

2. Serie. 



Reaktionswechsel 


Männer 


Frauen 




34 
3-0 
37 

2-8 


28 


6 

c ....... - . 


1-9 
3-1 


d . 




1-3 



Diese Tabelle zeigt uns nun ein natürlicheres Bild, das auch den 
theoretischen Erwartungen weit besser entspricht. Das kommt daher, 
weil in der 2. Serie die Emotionen des ersten Versuches bereits ver- 
klungen sind. Auch diese Tabelle bestätigt, daß der Wechsel die kom- 
plexe Assoziation bevorzugt, so daß die Komplexmerkmale schon in 
der ersten Serie die Stelle angeben, wo in den späteren Serien die Re- 
aktion besonders häufig wechseln wird. 

6. Der Reaktionswechsel in seiner Beziehung zu den Komplexmerkmalen. 

Die Frage, die wir uns hier stellen, ist eine Umkehrung der im 
vorigen Abschnitt beantworteten. Wir versuchten dort darauf Antwort 
zu geben, was das spätere Schicksal einer Kcmplexreaktion sei. Wir 
fanden dabei, daß Reaktionen mit Komplexmerkm&len durchschnittlich 
mehr Änderungen erfahren als solche ohne Komplexmerkmale. Um 
diese Untersuchung zu vervollständigen, gehen wir jetzt von den 
Reaktionsänderungen aus, und zwar mit folgender Fragestellung: 
Wieviel Komplexmerkmale weist die Assoziation der 1. und 2. 
Versuchsserie auf, wenn bei ihren Wiederholungen nie, 1 mal oder 2 mal 
usw. ein Wechsel der Reaktion auftritt? 



496 



W. Pfenninger. 



Wir suchen zuerst diejenigen Reizworte heraus, bei denen wir 
in sämtlichen 8 Serien keine Änderung der Reaktion finden und notieren 
uns dann, wieviel Komplexmerkmale (inklusive zu lange Zeiten) pro 
Wort auf die 1. lind 2. Serie entfallen. — Es würde zu weit führen, 
wollten wir so durch alle Serien durch gehen, da ja nur diese zwei prak- 
tischen Wert haben. — Nachher stellen wir diejenigen Reizworte zu- 
sammen, bei denen in den 8 Serien einmal Konstellationsänderung 
erfolgt, und notieren für dieses Reizwort die Komplexmerkmale, die 
die zugehörige Reaktion in der 1. und 2. Serie aufweist. Dasselbe 
geschieht für die Reizworte, welche 2-, 3-, 4- usw. mal die Reaktion 
wechseln; zuletzt kommen diejenigen Reizworte, auf welche die Ver- 
suchsperson mit 7 Reaktionsänderungen reagierte. So erhalten wir 
folgende Tabelle: 



Komplexmerkmale 



Reakt ionsä ndeningen 



Männer 



Frauen 





1. Serie 


2. Serie 


j 1. Serie 


2. Serie 





0-2 


0-2 


0-8 


0-4 


1 


0*5 


0-4 


11 


0-8 


2 


0-7 


0-5 


1-0 


0-9 


3 


0-6 


0-6 


1-3 


11 


4 


0-7 


0-6 


10 


1-2 


5 


0-9 


0-7 


11 


1*0 


6 


0-8 


0-7 


21 


1*6 


7 


0-8 


10 


1-6 


1*7 


Durchschnitt . . 


0-65 


0-59 


1-25 


109 



Die Tabelle zeigt, daß die durch alle Wiederholungen unveränderten 
Reaktionen (0 Änderung) schon in der 1. und 2. Serie durch ein Minimum 
von Komplexmerkmalen ausgezeichnet sind, während umgekehrt 
oftmaliger Reaktionswechsel sich schon zu Anfang durch 
Komplexmerkmale ankündigt. Wir finden, wie oben schon 
bemerkt, daß die Frauen durchschnittlich mehr Komplexmerkmale 
als die Männer aufweisen. Wir sehen ferner, daß die 1. Serie mehr 
Komplexmerkmale liefert als die 2., daß dagegen die 2. Serie mit der 
durchschnittlich konstanten Zunahme der Zahlen für den späteren 



Konstanz und Wechsel der psychologischen Konstellation nsw. 497 

Reaktionswechsel prognostisch wertvoller ist. Woher dieser 
Vorzug kommen dürfte, wurde oben erläutert. Zugleich bestätigt 
dieses Ergebnis die Richtigkeit unserer Ansicht von der größeren Natür- 
lichkeit der 2. Serie. 



7. Die Beziehung der anfänglichen Reaktionszeit zum späteren Reaktions- 
wechsel. 

Wie bekannt, ist eines der gewöhnlichsten Komplexmerkmale 
die verlängerte Reaktionszeit. Es dürfte daher von Interesse sein, 
zu untersuchen, ob und in welchem Grade die verlängerte Reaktions- 
zeit an der prognostischen Bedeutung der anfänglichen Komplex- 
merkmale (der 1. und 2. Serie) teilnimmt. Wir haben zu diesem Zwecke 
folgende Berechnung angestellt: Wir notieren alle Reaktionszeiten 
in der 1. und 2. Serie, und zwar so, daß wir die Zahlen aller Assoziationen, 
deren Wechsel in der 2. Serie beginnt, gesondert zusammenrechnen 
und das arithmetische Mittel aus der Summe ziehen und so fort für alle 
„Beginne" (in der 2., 3., 4., 5. usf. Serie). Auf diese Weise erhalten 
wir folgende Tabellen (die Zeiten sind wie immer in 1 / 5 Sekunden an- 
gegeben) : 

Männer: 



Reaktionszeit 


Der Wechsel beginnt in Serie 


Der Wechsel 
fehlt 




2 


3 


4 


5 


6 


7 


8 


überhaupt 


1. Serie .... 

2. „ .... 


11-5 
10-5 


9-2 

8-7 


11-3 
8-9 


12-1 
91 


12-0 
8-6 




— 


7-1 
8-6 



Frauen: 



Reaktionszeit 


Der Wechsel beginnt in Serie 


Der Wechsel 
fehlt 




2 


3 


4 


5 


6 


7 


8 


überhaupt 


1. Serie .... 

2. „ .... 


19-9 
13-5 


22-3 
14-6 


19-4 
11-4 


— 


26-0 
26-0 


— 


— 


137 

9'5 



Jahrbuch für psychoaualyt. u. psychopathol. Forschungen. Iir. 



32 



498 W. Pfenningen 

Zunächst richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die Kolonne 
„fehlt", welche alle diejenigen Reaktionen der 1. und 2. Serie enthält, 
die später stereotyp sind. Die in dieser Kolonne angegebenen Zeitwerte 
sind die Grundlage, von der die Betrachtung ausgeht. Wir sehen, daß 
mit einer Ausnahme alle anderen Zahlen höher sind, d. h. daß wenn 
irgend in einer späteren Serie ein Wechsel auftritt, die Reaktionszeit 
in der 1. und 2. Serie durchschnittlich über dem Mittel liegt. Man kann 
daher sagen, daß Veränderungen der Konstellation in der Hauptsache 
nur bei komplexen Assoziationen stattfinden, was den Komplex über- 
haupt ab den Fokus des geistigen Lebens erscheinen läßt. Nur die 
drei ersten Kolonnen liefern sichere Zahlen, da die meisten Änderungen 
l»ald eintreten und nicht erst in den späteren Serien. Das zur Verfügung 
stehende Zahlenmaterial ist daher bis und mit der 4. Serie am größten. 
Die Zahlen der späteren Serien fallen teils aus, teils sind sie un- 
zuverlässig. Die Durchschnittszahlen der 1. Serie liegen beträchtlich 
über dem Zeitmittel derjenigen Assoziationen, die keine nachherigen 
Änderungen durchmachen. Damit ist nachgewiesen, daß die Ver- 
längerung der Reaktionszeit in der 1. Serie die Wahrscheinlichkeit 
anzeigt, daß in einer der folgenden Serien ein Wechsel eintreten werde. 
Die Reaktionszeiten der 2. Serie bei Männern sind in dieser Hinsicht, 
wie die obigen Zahlen zeigen, prognostisch kaum zu verwenden, was 
ans den früheren Erörterungen verständlich ist: Die Reaktionszeiten 
der männlichen Versuchspersonen sind kompromittiert durch den 
allgemeinen versteckten Widerstand, den die einseitige anscheinend 
glatte Einstellung kompensiert. Für die 1. Serie der Männer ist 
die Reaktionszeit zwar noch von prognostischer Bedeutsamkeit, 
aber noch lange nicht in dem Grade wie bei den Frauen, wie 
unsere Zahlen deutlich zeigen. 

8. Die Reaktionszeit vor dem Reaktionswechsel. 

Wie wir oben entsprechend den Befunden Wreschners sahen, 
ist eine veränderte Reaktion in der Regel mit einer gewissen Ver- 
längerung der Reaktionszeit verknüpft, was an sich nicht erstaunlich 
ist, denn es handelt sich um die Reproduktion eines neuen Wortes, 
das (wie Wreschner sagt) die früheren Reaktionen gewissermaßen 
zuerst zu verdrängen hat. Es ist uns nun bei der Durchsicht der Ver- 
suchsergebnisse aufgefallen, daß gelegentlich die Reaktionszeit schon 
erhöht ist, noch bevor der Wechsel der Reaktion eingetreten ist, der 



Konstanz und Wechsel der psychologischen Konstellation usw. 499 

dann erst in der nachfolgenden Serie wirklich stattfindet. Wir haben, 
um diesen Eindruck zu verifizieren, eine systematische Berechnung 
angestellt, indem wir einerseits alle Reaktionszeiten zusammenstellten, 
die vor einem Reaktionswechsel kommen, anderseits alle, die vor 
einer unveränderten Reaktion kommen. Diese Reaktionszeiten 
wurden jeweils mit dem wahrscheinlichen Mittel der betreffenden 
Serie verglichen und sodann die Differenzen zu folgender Tabelle 
zusammengestellt : 



a) Wenn sich die nachfolgende Reaktion ändert in Serie: 





n 


4 


5 


6 


7 


8 


Frauen 


+ 1*2 

+ 4-5 


+ 2-5 
+ 2-7 


+ 1-5 

+ T8 


+ 1-2 
+ 2-1 


+ 1-7 
+ 26 


+ 10 

+ 1-7 



b) Wenn sich die nachfolgende Reaktion nicht ändert 

in Serie: 





3 


4 


5 


6 


7 


8 


Männer 


— 1-2 
+ 0-6 


— 0-5 

+ 0-7 


— 1-5 
+ 0-8 


— 


+ 1-0 
+ 1-0 


— 0-5 

+ 1-2 



Aus dem Vergleiche der beiden Tabellen ergibt sich die bemerkens- 
werte Tatsache, daß die Reaktionszeit vor einem Wechsel sich im 
Durchschnitt durchweg erhöht hat, während sie sich umgekehrt bei 
gleichbleibender Reaktion sehr oft unter dem allgemeinen wahrschein- 
lichen Mittel der betreffenden Serie bewegt. 

Zur Kritik dieser Zahlen muß folgendes hinzugefügt werden: 
Die Zahlen sind alle etwas zu hoch, weil die Differenzen als arith- 
metisches Mittel berechnet sind, während sie ursprüngüch aus dem 
Vergleiche mit dem wahrscheinlichen Mittel gewonnen wurden. Das 

32* 



500 



W. Pfenningen. 



beeinträchtigt die allgemeine Konstatierung nicht, sondern erklärt 
bloß die kleinen Plusdifferenzen in der Tabelle b bei den Frauen. Bei 
den weiblichen Versuchspersonen ist auch die Differenz zwischen wahr- 
scheinlichem und arithmetischem Mittel besonders groß, wie immer 
bei Versuchspersonen mit besonders langen Komplexzeiten. 

Das Ergebnis dieser Untersuchung bestätigt also noch einmal 
im Detail die prognostische Bedeutung der verlängerten Reaktions- 
zeit, die auch jeweils in der Serie vorher den kommenden Reaktions- 
wechsel sozusagen „in der Regel" anzeigt. 

9. Die Lokalisation des Reaktlonswechseb in den fortschreitenden 

Wiederholungsserien. 

Wir haben bereits gesehen, wie Assoziationen, die schon anfangs 
durch Komplexmerkmale ausgezeichnet sind, eine deutliche Tendenz 
haben, später ihre Konstellation relativ häufig zu ändern. Wir kommen 
hier zu einer etwas modifizierten Fragestellung: Wenn in der 2., 3., 
4. usf. Serie ein Wechsel auftritt, gehört er dann zu einer Assoziation, 
deTtn Konstellation sich oft cder selten ändert? Man könnte geneigt 
sein anzunehmen, daß schließlich so ziemlich alle Assoziationen im Laufe 
der 7 Versuchswochen sich ändern, so daß alle relativ gleichmäßig vom 
Wechsel betroffen würden. Diese Annahme ist aber unrichtig, indem die 
Wechsel der späteren Wiederholungen nicht auf beliebige Assoziationen 
fallen, sondern vorzugsweise auf solche, die sowieso eine starke Tendenz 
zur Veränderung besitzen, wie folgende Tabelle zeigt: 

Zahl der Reaktionswechsel in allen Serien, 
wenn der Wechsel auftritt in Serie: 



Männer 
Frauen 



2 


3 


4 


5 


6 


7 


3-5 


39 


4-1 


4-2 


42 


4-5 


2-8 


2-3 


39 


4-0 


4-2 


44 



4-2 
3-7 



Die Tabelle zeigt folgendes : Wenn in der 2. Serie eine Veränderung 
auftritt, so findet sie sich bei einer Assoziation, die bei Männern 
3*5 Wechsel in allen Wiederholungsserien überhaupt durchmacht, bei 



Konstanz und Wechsel der psychologischen Konstellation usw. 501 

Frauen 2"8. Die übrigen Zahlen geben dasselbe an für die 3., 4. usf. Serie. 
Die Zahlen nehmen zu mit fortschreitender Wiederholung, d. h. ein 
Wechsel, der in der 6. oder 7. Serie vorkommt, gehört zu einer 
Assoziation, die durchschnittlich mehr Wechsel durchmacht als andere 
Assoziationen. Die Wechsel lokalisieren sich daher nicht zufällig, 
sondern im allgemeinen meistens an solchen Stellen, wo gewöhnlich 
Wechsel stattfinden, d. h. bei den Komplexreaktionen. In der 8. Serie 
nehmen die Zahlen wieder etwas ab, d. h. die in der 8. Serie auftretenden 
Veränderungen gehören etwas weniger oft dem anfangs ausgezeichneten 
Komplexreaktionen an. Dieser Umstand dürfte vielleicht davon ab- 
hängen, daß bei späteren Wiederholungen allmählich eine allgemeine 
Veränderung der Gesamtkonstellation sich geltend macht, wie das ja 
kein Wunder wäre nach 8 wöchentlicher Versuchszeit. Es ist im Gegen- 
teil bemerkenswert, wie fest die Komplexwerte der Reizworte sind. 
Durchschnittlich entfallen auf jede Assoziation überhaupt: 

bei Männern 3*0 Änderungen, 

bei Frauen 2"1 Änderungen. 

10. Das Verhalten der Störungsketten in der Wiederholung. 

Man macht beim Assoziationsexperiment häufig die Beobachtung, 
daß eine Komplexreaktion einen durch mehrere Assoziationen per- 
severierenden Einfluß hinterläßt. Das nämliche sieht man besonders 
häufig im Reproduktionsversuch 1 ), wo sogenannte „inseif örmige" 
Störungen der Reproduktion vorkommen. Diese inselförmigen Re- 
produktionsstörungen nun nennt man auch „Störungsketten" und 
versteht darunter die Tatsache, daß sehr häufig die Reaktionsänderungen 
nicht vereinzelt, sondern in perseverierenden Reihen oder „Ketten" 
auftreten. Bei unseren Versuchsreihen finden wir, daß sehr oft Wechsel 
nacheinander auftreten in perseverierenden Ketten, die gelegentlich 
bis 10 Glieder zählen 2 ). Im einfachen Assoziationsexperiment sind solche 
Ketten in der Regel unverkennbar Komplexsymptome. Längere als 
viergliedrige Ketten sind allerdings selten und wenn sie vorkommen, 
so durften sie dadurch bedingt sein, daß zufällig 2 Komplex- 
perseverationen unmittelbar aneinander anschließen. Die Ketten 
werden im Wiederholungsexperiment natürlich leicht kürzer, da längere 
Zeit zwischen dem ersten und zweiten Experiment vergeht, wobei 

x ) Vgl. Jung: IX.- Beitrag der Diagnostischen Assouiationsstudien, II. Bd. 

2 ) So lange Ketten dürften allerdings bloß durch das zufällige Konglo- 
merieren mehrerer komplexer Assoziationen zustande kommen. 
3 2 



502 



W. Pfenn 



inger. 



mehr vergessen wird als bei kurzem Intervall. Für das gewöhnliche 
Assoziationsexperiment ist der Ursprung der Perseverationen vom 
Komplex aus durch die Analyse höchst wahrscheinlich gemacht. Wir 
verwenden daher auch hier die Komplexhypothese als Grundlage unserer 
Fragestellung. Damit geben wir von vornherein die Annahme auf, 
daß die Störungsketten überhaupt rein zufälliger Natur seien. Wir 
fragen uns zunächst, wieviel Reaktionsänderungen überhaupt auf 
eine Assoziation fallen. Die Zahlen hierfür finden sich in der ersten 
Kolonne der untenstehenden Tabelle. 

Um das Verständnis für das Prozedere der etwas komplizierten 
Berechnungsmethode zu erleichtern, setze ich ein schematisch.es Ver- 
suchsprotokoll hierher: 

1. VerBuchsprotokoll: 





Exposition. 


1 


2 


3 


4 


5 


6 


7 


8 


1. 


Reizwort 


Reaktior 


+ 1 ) 


- 1 ) 


+ 


+ 


— 


+ 


+ 


2. 


>» 


55 


i 

i 


+ 


— 


— 


+ 


+ 


+ 


3. 


5 


55 


' — 


+ 


+ 


+ 


+ 


+ 


+ 


• 


4. 


55 


■5 


■ 


' — 


'+ 


{" 


+ 


— 


— 




5. 


55 


55 


+ 


— 


• — 


I- 


+ 


— 


+ 


6. 


55 


)5 


+ 


+ 


— 


+ 


— 


+ 


— 




'7. 


55 


>5 


' — 


■ 


' 


— 


+ 


' 


+ 


' 


8. 


55 


>; 


— 


, — ■ 


— 


+ 


— 


< 


— 




9. 


55 


)5 


.— 


+ 


. — 


— 


+ 




+ 


10. 


J5 


>} 


+ 


+ 


+ 


+ 


— 


+ 


+ 


11. 


55 


55 


— 


+ 


+ 


+ 


+ 


— 


+ 




12. 


55 


5) 


+ 


— 


+ 


— 




+ 


+ 



x ) -\- bedeutet reproduziert, — verändert reproduziert, was sich immer 
auf die unmittelbar vorausgehende Reaktion bezieht, nicht auf die Anfangs- 
reaktion. 



Konstanz und Wechsel der psychologischen Konstellation usw. 503 
2. Schema der Störungsketten: 





Exposition 


2 


3 


4 


5 usw. 


1. 




Wechsel 


1 Wechsel 


Wechsel 


Wechsel 


2. 




„ 


„ 


1 „ 


1 


3. 




[2 gliedr. 
1 Wechsel 


„ 


„ 


„ 


i. 




l2 „ 


f2 gliedr. 
| Wechsel 


„ 


(2 gliedr. 
{ Wechsel 


5. 




Wechsel 


(2 „ 


5 gliedr. 
Wechsel 


!2 „ 


6. 




„ 


„ 


5 „ 


Wechsel 


i. 




3 gliedr. 
Wechsel 


2 güedr. 
Wechsel 


5 „ 


1 „ 


8. 




3 „ 


2 „ 


5 „ 





9. 




3 „ 


Wechsel 


5 „ 


1 


10. 




Wechsel 


„ 


Wechsel 





11. 




1 „ 


„ 


„ 





12. 




„ 


1 „ 


„ 


1 



Die Klammern in den Kolonnen der 2., 3. usw. Exposition zeigen 
die Störungsketten an, d. h. die in der einzelnen Wiederholungsserie 
aufeinander folgenden Reaktionswechsel. Das nebenstehende Schema 
zeigt die Wertung des Protokolls. Wechsel heißt: unverändert re- 
produziert. 1 Wechsel heißt: die betreffende' Reaktion ist verändert, 
befindet sich aber nicht in einer vertikalen Kette von veränderten 
Reaktionen, sondern ist isoliert. 2gliedriger Wechsel heißt: es sind 2 
(durch Klammern angezeigte) veränderte Reaktionen. Die Frage- 
stellung ist nun folgende: Wieviel Reaktions- (Konstellations-) Wechsel 
finden sich bei der z. B. in der 2. Serie veränderten Assoziation in sämt- 
lichen Wiederholungen? Z. B. für Assoziation 11, die in 2. Exposition 
einen Wechsel aufweist, finden sich total (in sämtlichen Wiederholungen) 
2 Wechsel. Für Assoziation 10 (unverändert in 2. Exposition) 1 Wechsel 
total. Für Assoziationen 4 und 5 finden sich total 9 Wechsel, d. h. pro 
Assoziation 4*5 Wechsel. Für Assoziationen 7, 8 und 9 (2. Exposition) 



504 



W. Pfenninger. 



finden sich total 15 Wechsel, d. h. pro Assoziation 5*0 Wechsel. Die 
Fragestellung lautet demnach : Wieviel Reaktionswechsel finden sich 
von der 2., 3. usw. Exposition aus berechnet für unveränderte Re- 
produktionen (0 Wechsel), veränderte Reproduktionen (1 Wechsel), 
für 2 gliedrige Veränderungen (2 gliedrige Wechsel), 3 gliedrige usw. % 
So gelangen wir zu folgender Tabelle: 

Von der 2. Serie aus betrachtet: 





pro 
Asso- 
ziation 


Wech- 
sel 


1 Wech- 
sel 


2 


3 


4 


5 


6 


Wechsel 


gliedriger 
Konstellationswechsel 


Frauen 


3-0 
21 


2-2 
17 


3-9 

2-7 


34 

2-7 


3-8 
3-2 


— 


3-3 


3-2 

4-0 



Die Betrachtung ist hier, wie bemerkt, von der 2. Serie aus durch- 
geführt. Es entfallen auf jede Assoziation bei Männern 3*0 Wechsel 
in den folgenden 6 Wiederholungen. Geht man von der 3. Serie aus, so 
entfallen natürlich weniger Wechsel auf jede Assoziation, da von dort 
aus nur noch 5 Wiederholungsserien vorhanden sind. In der 3. und 
4. Kolonne (1 Wechsel und 2gliedrige Konstellationswechsel) nehmen 
die. Zahlen zu, d. h. jeder Wechsel, der in Kettenform auftritt, 
fällt auf eine Assoziation, die durchschnittlich eine größere 
Veränderungstendenz besitzt, als solche Assoziationen, 
die in der betreffenden Serie unverändert reproduziert sind. 
Da wir bereits wissen, daß Assoziationen mit vermehrter Veränderungs- 
tendenz als Komplexreaktionen zu betrachten sind, so können wir 
hier sagen, daß Störungsketten überwiegend von Komplexen sich her- 
leiten und daher auch ihre vermehrte Veränderungstendenz beziehen. 

Die folgenden Tabellen geben dieselbe Betrachtung, aber von der 
3. und 4. Serie aus, wieder. 



Von der 3. 


Serie aus 


betr 


achte 


t: 






Wechsel 


pro Asso- 
ziation 





l 


2 3 4 


5 


6 


Wechsel 


gliedrige Konstellationswechsel 


Männer 


2-4 
1-6 


1-6 

0-9 


3-3 
2-6 


3-4 

2-8 


3-7 
2-5 


2-4 
1-2 


3-1 
3-0 


3-1 
3-5 



Konstanz und Wechsel der psychologischen Konstellation usw. 505 
Von der 4. Serie aus betrachtet: 





pro Asso- 
ziation 


1 


2 3 4 5 


6 




Wechsel 


gliedrige Konstellationswechsel 


Frauen 


1-9 
1-2 


1-3 
0-6 


2-9 

2-4 


2-9 

2-8 


2'5 

2-5 


2-9 
3-1 


2-8 
2-8 


3-0 



Diese Tabellen, die im Prinzip dasselbe Resultat wie oben ergeben, 
zeigen auch., daß der Reaktionswechsel bei den männlichen Versuchs- 
personen im Bereiche der Störungsketten um durchschnittlich 0'2 
niedriger ist als der totale Reaktionswechsel der vereinzelt auftretenden 
veränderten Reproduktionen, daß also mithin eine relativ geringe 
Tendenz zu ausgiebigen Perseverationen vorhanden ist, was mit der 
geringen Anzahl von Komplexmerkmalen bei den Männern trefflich 
übereinstimmt. Bei den Frauen hingegen sind die Reaktionswechsel 
im Bereich der Störungsketten durchschnittlich um - 3 höher als 
bei vereinzelt auftretenden veränderten Reproduktionen, was auf eine 
deutliche Tendenz zu Perseverationen (Kettenbildung) schließen läßt, 
was wiederum mit der oben konstatierten gro ße n Anzahl von Komplex- 
merkmalen gut zusammenstimmt. 

Zusammenfassend ist zu bemerken, daß Störungsketten keine 
zufälligen, sondern meist fest lokalisierte Erscheinungen sind, wie das 
auch im Versuchsprotokoll (vgl. oben) für die Assoziationen 4 bis 5 
und 7 bis 9 ad oculos demonstriert ist. 



11. Der Reaktionswechsel in den letzten Wiederholungsversuchen. 

Daß die Reaktions Wechsel nicht einfach wahllos auftreten, sondern 
bestimmten Gesetzen gehorchen, können wir auch dadurch nach- 
weisen, daß wir die Wiederholungsversuche von den letzten Serien 
aus betrachten. Wie wir schon oben nachwiesen, sinkt die absolute 
Zahl der Wechsel in einer gewissen ziemlich gleichmäßig abfallenden 
Abstufung, so daß in der letzten Serie ungefähr nur noch die Hälfte der 
Wechsel der 2. Serie vorhanden ist. -Wir versuchen nun die gesetz- 
mäßige Verteilung der Wechsel in den letzten Wiederholungen nach- 
zuweisen. Finden wir z. B. in der 8. Serie eine Änderung, so notieren 
wir zugleich, wie viele Änderungen in sämtlichen Serien auf das be- 
treffende Reizwort in der gleichen Horizontalreihe folgen. Genau 
3 l * 



506 



W. Pfenninge!-. 



dasselbe tun wir, wenn in der 8. Serie keine Änderung auftritt und 
berechnen dann die Durchschnitte. Ähnliche Berechnungen stellen 
wir auch von der 6. und 7. Serie aus an. In der unten stehenden Tabelle 
sind die erörterten Zahlen einander gegenübergestellt. Die Rubrik 
,, verändert" gibt an, wieviel Wechsel die Assoziation durchgemacht 
hat, auf welche noch ein Wechsel in der 8. Serie gefallen ist. Die Rubrik 
„nicht verändert" gibt an, wieviel Wechsel die Assoziation im ganzen 
durchgemacht hat, auf die in der 8. Serie kein Wechsel mehr gefallen 
ist. Dasselbe besagen die anderen Zahlen für die 7. und 6. Serie. 





8. Serie 


7. Serie 


6. Serie 




verändert 


nicht 
verändert 


verändert 


nicht 
verändert 


verändert 


nicht 
verändert 


Männer . . . 
Frauen . . . 


4-4 
3-8 


2-5 
1-7 


43 
4*6 


2-4 
1-6 


42 
43 


2-4 
1-6 



Bei den Männern finden wir zwischen den Zahlen unter „ver- 
ändert" und „nicht verändert" eine Differenz von 1*9 Wechsel in 
der 8. Serie, 1'9 in der 7. Serie wieder und T8 Konstellationsänderungen 
in der 6. Serie pro Reizwort, bei den Frauen in der 8. Serie 2*1, in der 
7. 2*8, in der 6. 2"7. Die Differenz ist überall sehr deutlich, und zwar 
bei den Frauen noch bedeutend größer als bei den Männern. Es zeigt 
sich also, daß in den letzten Serien die Wechsel in der Haupt- 
sache nur da auftreten, wo auf ein Reizwort, in sämtlichen 
Serien überhaupt, viele Wechsel entfallen. Damit ist er- 
wiesen, daß auch der Konstellationswechßel der letzten Serien sich mit 
großer Regelmäßigkeit auf Assoziationen von höherer Veränderungs- 
tendenz beschränkt. 



Konstanz und Wechsel der psychologischen Konstellation usw. 507 

II. Teil. 
Kranke Versuchspersonen. (Dementia praecox.) 

Vorbemerkungen. 

Wie wir schon in der Einleitung sagten, handelt es sich auch hier 
durchweg um ungebildete Versuchspersonen. Wir bemühten uns, nur 
reine Fälle zum Experiment zu benutzen. 

Die Versuchsserien haben wir in genau derselben Weise wie bei den 
Normalen aufgenommen. Es mag gleich hier beigefügt werden, daß 
die einzelnen Experimente sich sehr oft nicht so glatt abwickelten, 
wie bei den Normalen. Bei den letzteren konnte es ja auch vorkommen, 
daß sie sich zum Experiment nicht richtig disponiert fühlten, müde 
waren, leichte Kopfschmerzen vorgaben, nie aber mußte deshalb das 
Experiment verschoben werden. Bei den Kranken war die psychische 
Einstellung zum Experiment bedeutend unsicherer; einzelne weigerten 
sich mehrere Male direkt zum Versuch zu kommen, so daß dieser ver- 
schoben werden mußte; andere zeigten je länger je mehr einen offenbaren 
Widerwillen gegen den Versuch, reagierten aber ungefähr in demselben 
Typus wie bei den ersten Versuchen. Eine Versuchsperson wiederum 
entwickelte im Laufe der Versuchsserien neue Wahnideen. Sie hatte 
von Anfang an ziemlich hohe Reaktionszeiten, überhaupt viel Komplex- 
merkmale und weigerte sich während des 8. Versuches, von einem be- 
stimmten Wort an, überhaupt zu reagieren; sie war auch später nicht 
mehr für die Experimente zu haben. Es ist also klar, daß bei diesem 
pathologischen Material mannigfaltige neue Bedingungen mitspielen; 
vielleicht daß diese Faktoren auch schon bei Normalen vorhanden sind, 
aber in weniger auffälliger Art. Trotz der unleugbar größeren Schwierig- 
keiten, welche Kranke dem Experiment entgegensetzen, muß man 
danach trachten, Fragestellungen, welche sich unter normalen Be- 
dingungen bewährt und klare Resultate ergeben haben, auch unter 
pathologischen Bedingungen festzuhalten. 

1. Die Reaktionszelten. 

Die durchschnittliche Reaktionszeit aller Reihen beträgt: 

a) bei den Männern (6 Versuchspersonen): 24'9; 

b) bei den Frauen (5 Versuchspersonen): 34*1; 



508 



"W. Pfenninger. 



bei den Normalen fanden wir: 

d) bei den Männern: 8*9; 
6) bei den Frauen: 9'6. 

Die Kranken brauchten also für ihre Reaktion durchschnittlich das 
dreifache. Diese enorme Länge der Reaktionszeit deutet auf eine 
mangelhafte, affektive Bereitschaft der Versuchspersonen. Wie oben 
erläutert, nennt man dies vom psychoanalytischen Standpunkt aus 
„Widerstand". Die psychiatrische Terminologie hat dafür den Ausdruck 
„Negativismus" geschaffen, der allerdings zunächst für nur diejenigen 
Fälle in Anwendung kommt, wo der Widerstand auch für die gewöhn- 
liche oberflächliche Betrachtung auffällig ist. Insofern ist der Ne- 
gativismus nur ein Spezialfall des bei Dementia praecox (Schizophrenie, 
Bleuler) ganz allgemeinen Widerstandes. 

Das wahrscheinliche Mittel der einzelnen Serien verhält sich 
folgendermaßen (Tafel I, Fig. 1): 



Serie 


I 


2 


3 


4 


5 


6 


7 


8 


Frauen 


31-9 

25*0 


22-6 
33-6 


29-1 
43-2 


27*2 
35-0 


22-4 

28-8 


24-1 
38-0 


233 
31-8 


19-7 

27-0 



Schon bei den normalen männlichen Versuchspersonen fiel uns 
auf, daß der Abfall der Reaktionszeiten nicht regelmäßig war und wir 
fragten uns dort, woher wohl diese Unregelmäßigkeiten rühren möchten. 
Wir haben dafür einen anfangs versteckten, später manifesten Wider- 
stand verantwortlich gemacht. Bei den Kranken 1 ) finden wir nun die 
Schwankungen noch viel kräftiger, besonders bei den weiblichen. Wir 
bemerken bei dem ohnehin schon hohen Durchschnitt der weiblichen 
Reihe je einen steilen Anstieg in der 3. und 6. Serie mit nachherigem 
ebenso jähem Abfall. Dabei ist besonders auffallend, daß die Versuchs- 
zeit der ersten Serie die niedrigste der ganzen Reihe von Versuchen 
überhaupt ist. Auch in der männlichen Reihe finden wir Höhepunkte 
in der 1., 3. und 6. Serie; allerdings ist hier die Spannweite zwischen 
höchsten und tiefsten Zahlen nicht so groß wie bei den Frauen. Bei 



*) Bei den Männern weisen die Individualzahlen für den anfänglichen 
Abfall der Zeit keine Ausnahme auf. Der Anstieg von 1 zu 2 bei den Frauen ist 
bedingt durch die eine Hälfte der Individualzahlen. Der von 2 zu 3 hingegen durch 
V 4 der Individualzahlen. 



Konstanz und Wechsel der psychologischen Konstellation usw. 509 



beiden Reihen fällt einem erst in zweiter Linie der allmähliche Abfall 
von Anfang gegen Ende auf. 

Betrachten wir zunächst die männliche Reihe etwas näher! 
Wir finden gleich zu Anfang einen jähen Abfall, der viel mehr an die 
weibliche normale Kurve erinnert als an die männliche normale, 
wo wir im Gregenteil eine geringe Anfangshöhe und geringe Abnahme 
nachher hatten. Wir nehmen deshalb einen starken Widerstand anfangs 
an, der sich aber nachher nicht erledigt, wie bei den normalen Frauen, 
sondern bald einem erneuten Widerstand in der 3. Serie Platz macht. 
Bei normalen Männern trat der Widerstand eigentlich erst in der 5. Serie 
deutlich zutage, hier schon gleich zu Anfang. Merkwürdigerweise zeigen 
nun die kranken Frauen genau das entgegengesetzte Bild: Sie fangen 
mit der kürzesten Reaktionszeit der ganzen Versuchsreihe an und steigen 
in der folgenden Serie sofort zur allerlängsten Reaktionszeit der ganzen 
Versuchsreihe an, d. h. der anfänglich erhöhten Bereitschaft folgt 
alsbald der größte Widerstand. Wir haben also sowohl bei den männ- 
lichen wie bei den weiblichen Kranken gerade das umgekehrte Bild der 
Normalen. Auch die Verlaufstendenz im ganzen ist umgekehrt. Während 
die normalen Männer eine eher gleichbleibende oder wenigstens nur 
schwach nach unten verlaufende Kurve namentlich gegenüber den 
normalen Frauen zeigen, ist es bei den kranken Versuchspersonen gerade 
umgekehrt : 

Durchschnitte der Reaktionszeiten der ersten 4 
und der letzten 4 Versuchsserien: 



Erste 
4 Serien 



Letzte 
4 Serien 



Differenz 



Bei normalen Männern. 
Bei abnormen Männern 
Bei normalen Frauen . 
Bei abnormen Frauen . 



9'3 
27-7 
11*7 
342 



8-8 
22-3 

7-6 
31-2 



— 0-9 

— 5-4 

— 4-1 

— 3'0 



Wie die Tabelle zeigt, haben sich die Verhältnisse der Zeitabnahme 
bei den Kranken gegenüber den Normalen geradezu umgekehrt, so daß 
die kranken Männer sich dem normalen weiblichen Typus, die kranken 
Frauen aber sich dem normalen männlichen Typus annähern. Sollten, 
wie wir oben andeuteten, die psychosexttellen Widerstände hier mani- 
festerweise eingreifen, was man hypothetisch gelten lassen könnte, 



510 



W. Pfenniiiger. 



so müßte man erwarten, daß ein weiblicher Experimentator ein anderes 
Bild hervorbringen müßte : Das ist nun tatsächlich der Fall (vgl. unten). 
Fräulein Dr. Morawitz hat mit 6 weiblichen Kranken ähnliche Ex- 
perimente gemacht, die folgendes Eesultat ergaben: 



Serie 


1 


2 


3 


4 


5 


6 


7 


8 




22-7 


16-0 


22'8 


20-0 


17-6 


18'7 


16-2 


18-2 



Obschon dieses Resultat mit den hypothetischen Erwartungen 
übereinstimmt, gebietet das beschränkte Material doch Vorsicht. 

Wir können bei den Kranken zwei Typen aussondern, wenn wir 
die Individualzahlen betrachten, nämlich: 

1. den Typus, der in der Art der Normalen reagiert mit 
allmählich immer weniger verkürztem Serienmittel. 

4 Versuchspersonen: 2 männliche, 2 weibliche. 



Serie 


1 


o 


3 


4 


5 


6 


7 


8 


Versuchsperson 


1 


12 


9 


8 


8 


8 


8 


9 


8 


77 


2 


21 


18 


17 


13 


12 


14 


13 


13 


77 


3 


13 


10 


12 


11 


9 


12 


11 


11 


77 


4 


18 


20 


13 


19 


11 


14 


12 


12 



Das allgemeine Mittel dieser vier Versuchspersonen nähert sich 
dem der normalen Versuchspersonen: So ist das allgemeine Mittel 

a) bei den Männern 11*6 (Normale 8*9), 

b) bei den Frauen 13'0 (Normale 9*6). 

2. den Typus der hohen und stark schwankenden 
Reaktionszeiten. 

2 Versuchspersonen: 1 männliche, 1 weibliche: 



Serie 


1 


2 


3 


4 


5 


6 


7 


8 


Versuchsperson 1 


52 


37 


44 


46 


34 


40 


38 


42 


2 


29 


71 


108 


42 


26 


46 


20 


20 



Auffallend ist es, daß bei diesen Versuchspersonen von Anfang 
an und meist bis an den Schluß hohe Reaktionszeiten bestehen. Auf 



Konstanz und "Wechsel der psychologischen Konstellation usw. 511 



der Individualtabelle folgen sich die übermäßig langen Reaktionszeiten 
je nach dem Individuum in scheinbar unregelmäßiger und unerklärlicher 
Reihenfolge. 

Es steht zu vermuten, daß die Verlängerungen des Serienmittels 
das Symptom eines sehr labilen Gefühlszustandes sind. Bei der Art 
der Krankheit könnte man sich diesen Zustand am ehesten als Wider- 
stand denken, der bald verstärkt, bald abgeschwächt, immer aber vor- 
handen ist, wobei, wie es scheint, die Männer sich den weiblichen, die 
Frauen dem männlichen Typus nähern. Wenn man die anfängliche 
„Befangenheit" aus der psychosexuellen Einstellung ableiten will, 
so könnte man nach diesem Ergebnis unter Vorbehalt schließen, daß 
die heterosexuelle Befangenheit der normalen Frauen bei den Kranken 
durch anscheinende relative Ungeniertheit ersetzt ist, aber sofort durch 
einen gewaltigen negativistischen Widerstand in der 2. Serie kom- 
pensiert wird. Dasselbe, aber umgekehrt, fände bei den Männern statt. 
Sollte dem so sein, so würde dieses Ergebnis sich der Jungschen Auf- 
fassung von der „Entblößung des Unbewußten" in der Dementia 
praecox gut anpassen (vgl. Jung: Psychologie der Dementia praecox, 
Kapitel V). 





2. 


Der Reaktionswechsel 


• 






Männer 


Frauen 






Prozent 


Prozent 


2. 


Serie 


74*2 


69-4 


3. 


33 




. . . 


69-8 


68-2 


4. 


5) ' 






62-3 


61-8 


5. 






. . . 


63-2 


50-8 


6. 


33 * 




. . . 


65-0 


46-0 


7. 


js 




. . . 


60-0 


37-4 


8. 


33 • 




. . . 


61-0 


50-4 




Durchschnitt . . 


65-1 


54-8 




Norma 


le 


. . . 


432 


30-5 



Man wäre vielleicht geneigt anzunehmen, daß die Kranken infolge 
ihrer notorischen Tendenz zur Verarmung an Gedanken und Ausdruck 
(Stereotypie) einen sehr geringen Reaktions- (Konstellations-) Wechsel 
aufwiesen. Wie die Tabelle zeigt, ist dem gar nicht so, denn die Zahlen 



512 W. Pfenninger. 

der Kranken sind soj;ar bedeutend höher als die der Normalen. Auch 
hier fällt wieder auf, daß die Frauen bei durchschnittlich längerer 
Reaktionszeit weniger Wechsel haben als die Männer. Die Zahlenreihe 
der Männer zeigt im allgemeinen sinkende Tendenz. Wir können auch 
wieder ein rasches Ansteigen bei der 6. Serie beobachten, doch ist der 
Höhepunkt der 6. Serie wesentlich niedriger als der der 2. Die weib- 
liche Reihe sinkt nach der 3. Serie stark ab, um dann in der 7. Serie das 
Minimum zu erreichen, von wo aus sie wieder ebenso steil aufsteigt. 
Die weibliche Reihe der Normalen bietet ein ganz anderes Bild. Die 
Zahlen sinken zuerst stark und verkleinern sich, je weiter nach unten 
man sie verfolgt, um so weniger. Wenn wir aber wieder die Individual- 
zahlen berücksichtigen, so finden wir bei zwei normalen weiblichen 
Versuchspersonen denselben Charakter, wie wir ihn bei den weiblichen 
Kranken schilderten: starken Abfall bis in die 7. Serie, nachher noch 
ganz geringen Anstieg. 

In den letzten Serien tritt wieder eine ganz deutliche „Ver- 
schlechterung" in der Reaktion ein. Von vornherein sollte man ja an- 
nehmen, daß die Wechsel sich mit Regelmäßigkeit auf einen bestimmten 
Minimalsatz verringern wurden. Das ist aber nicht der Fall. Wir können 
uns diesen Anstieg von der 7. auf die 8. Serie nicht ohne weiteres erklären. 

Die männlichen Versuchspersonen weisen, wie schon gesagt, in 
der 6. Serie eine Anschwellung der Wechsel auf. Diese Erscheinung 
stimmt wieder mit der bei den Normalen gefundenen Tatsache überein, 
daß auch die Reaktionszeit gerade auf diese Serie hin wieder zunimmt. 

Im allgemeinen läßt sich folgendes sagen : Die Anzahl der Wechsel 
nimmt gegen das Ende der Wiederholungen ab. Wie die Normalen 
haben die kranken Männer bei kürzerer Reaktionszeit mehr Wechsel, 
die Frauen umgekehrt weniger Wechsel bei längerer Reaktionszeit. 
Der Abfall der Zahlenreihe erfolgt nicht so kontinuierlich wie bei Nor- 
malen, sondern weist erneute Anstiege auf. Die Reihe zeigt, wie die 
Reaktionszeiten, ein unruhigeres Verhalten, zugleich höhere Werte als 
die Normalen. Die Einstellung auf das Experiment ist also bedeutend 
unsicherer und ungenauer, was man nur durch die Störung der Auf- 
merksamkeit erklären kann, die ihrerseits wieder endopsychischen 
Störungsfaktoren zugeschrieben werden muß. Wie die obigen Unter- 
suchungen bei Normalen zur Genüge dargetan haben, steht der Re- 
aktionswechsel im innigen Zusammenhang mit der komplexen Asso- 
ziation. Wir werden daher zur Annahme gedrängt, daß der vermehrte 
Wechsel auf eine verstärkte Einwirkung der Komplexe zurückgeführt 



Konstanz und Wechsel der psychologischen Konstellation usw. 513 



werden muß. Diese Annahme führt zur Jungschen Dementia praecox- 
Hypothese, welche bekanntlich ein Überwuchern des Komplexgehaltes 
über die Anpassungsfunktion der Persönlichkeit annimmt. 

3. Die Häufigkeit der Komplexmerkmale in den Wiederholungsserien. 



Komplexmerkmale 


Männer 
Prozent 


Frauen 
Prozent 


1. Serie 


86-2 


109-6 


2. „ 












67-8 


99-0 


3. „ 












62-5 


90-0 


4. ,.. 












55-2 


75-0 


5. „ 












58-5 


76-2 


6. „ 












62-2 


77-8 


7- „ 












58-3 


74-8 


8. „ 












64-8 


72-0 


Durchschnitt 


64*4 


84-3 


Nc 


)rn 


na 


Le: 






13-5 


33-4 



Es wird auch hier wie bei den Normalen deutlich, daß die Frauen 
im allgemeinen einen wesentlich höheren Prozentsatz an Komplex- 
merkmalen zeigen. Die Kranken weisen aber im allgemeinen einen ganz 
bedeutend höheren Prozentsatz auf als die Gesunden. 

Bei beiden Reihen {Tafel I, Fig. 2) ist von der 1. Serie an eine ent- 
schiedene und rasche Verminderung zu beobachten; jedoch fällt eine 
leichte Anschwellung in der 6. Serie bei den Frauen auf und eine noch 
stärkere bei den Männern. Bemerkenswerterweise haben die normalen 
Frauen eine beträchtliche Zunahme der Komplexmerkmale in den letzten 
Serien, während umgekehrt die kranken Frauen eine ausgesprochene 
Abnahme zeigen. Die normalen Männer dagegen haben am Schluß 
eine nur ganz unwesentliche Zunahme, während die kranken eine gegen- 
über den kranken Frauen auffallende Vermehrung der Komplexmerkmale 
aufweisen. Auch das würde auf die Umkehrung des psychosexuellen 
Typus deuten, auf die wir schon oben hinwiesen. 

Diese Zahlen Verhältnisse haben einen im ganzen bloß relativen 
Wert, da es oft schwierig war, die Komplexmerkmale als solche zu 
erkennen und einzuschätzen. Dazu kommt noch ein Punkt: Bei den 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psjchopathol. Forschungen. III. 33 



514 W. Pfenninger. 

Normalen haben wir nämlich bestimmte Komplexmerkmale, wie z. B. 
mehrere Wörter zugleich, als Reaktion, nicht als Komplexmerkmale 
gerechnet, wenn sie in der Serie in mehr als 30 bis 50% auftraten. 
Gerade dieses Beispiel kam bei den Normalen mehrmals in Betracht. 
Wir konnten beobachten, daß, wenn sich diese ungebildeten Versuchs- 
personen einmal in eine gewisse Manier von „Antworten" hineingearbeitet 
hatten, sie diese Manier für die ganze Serie und auch für die späteren 
beibehielten. Bei den Kranken ist die Situation nicht mehr die gleiche. 
Es gibt verschiedene Varietäten: Bei einem der Patienten z. B. hatten 
wir, besonders wenn wir noch die anderen Komplexmerkmale berück- 
sichtigen, den Eindruck, daß wenn er in mehreren Worten oder ganzen 
Sätzen reagierte, er momentan dann sicher unter dem mehr oder weniger 
intensiven Einfluß einen gefühlsbetonten Komplexes stand. Es ist also 
doch ein merklicher Unterschied da, indem wir dies nicht als Manier 
auffassen können. Trotzdem wir aber da vollwertige Komplexmerkmale 
haben, verzichten wir auf sie, da die relativen Verhältnisse für uns wert- 
voller sind als die absoluten. — Ein anderer Kranker hat eine aus- 
gesprochene Tendenz zu Beziehungsideen, wie es scheint hauptsächlich 
sexueller Natur. Er faßt die Reizworte fast in der Regel als versteckte 
Anspielungen auf und reagiert sehr häufig mit bejahenden oder ver- 
neinenden Worten wie „nicht", „auch", „kein" usf. Dies sind also 
meistenteils mittelbare Assoziationen; man sollte sie eigentlich als 
Komplexmerkmale auffassen. Möglicherweise können sie auch eine Art 
von allgemeinem Negativismus gegenüber dem Experimentierenden 
sein im Sinne: „Diese intimen Angelegenheiten gehen Sie nichts an!", 
oder die Kranken wollen nicht recht mit der Sprache heraus, etwa in 
der Art: „Ja, weiß schon, unangenehme Geschichten, — aber laß mich 
jetzt in Ruhe !" 

Trotzdem diese erwähnten Symptome vollwertige Komplex- 
merkmale sind, haben wir sie bei unserer statistischen Berechnung 
nicht mitgezählt, weil wir so einen besseren Maßstab bekommen für die 
Schwankungen der Komplexmerkmale in den einzelnen Serien 
und uns diese Labilität wichtiger erscheint als eine allgemeine Durch- 
schnittszahl der Komplexmerkmale. Es ist ja klar, daß die letztere 
sich bei derselben Versuchsperson mit demselben Experimentierenden 
je nach Stimmung und äußeren Umständen ganz bedeutend ändern 
kann. 

Es können sich mit der Reaktion, besonders bei mehreren Kranken, 
noch andere Faktoren verbinden. Eine Patientin z. B. hing beinahe 



Konstanz und Wechsel der psychologischen Konstellation usw. 515 

jeder ihrer Reaktionen die Stereotypie : „lustig" an. Sie reagierte nicht 
in allen Serien gleichmäßig rasch. Wenn sie längere Sperrungen hatte, 
konnte man sehr oft ein leises halluzinatorisches Zwiegespräch beachten, 
das kritisierenden Inhalt hatte, z. B. ; „Was sagt sie jetzt wieder?", 
um nachher laut und prompt zu reagieren. 

Aus dem Gesagten geht hervor, daß unsere obigen Zahlen also 
eher Minimalwerte sind. Man hätte bei Anwendung rigoroserer Kri- 
terien leicht noch höhere Zahlen herausbekommen. 

Dieses Resultat ist eine Bestätigung für die Annahmen am Schlüsse 
von Abschnitt 2 des zweiten Teiles, wo wir erhöhte Frequenz der Wechsel 
in Beziehung setzten zu den stärker ansprechenden Komplexen. Die 
Massenhaftigkeit der Komplexmerkmale spricht deutlich für die Tat- 
sache beständiger Komplexinterferenzen im Anpassungsakt, was wieder 
nur durch das Überwuchern des Komplexgehaltes erklärt werden kann. 



4. Die Reaktionszeit der veränderten Reaktionen. 

Bei den Normalen fanden wir folgende Durchschnitte: 



Mä 



Fri 



Zeit bei nicht veränderter Reaktion . . . 

Zeit bei veränderter Reaktion 

Allgemeiner Durchschnitt der Reaktionszeit 



8-2 
9-8 
8-8 



8-0 
10-4 

8-5 



also eine deutliche Verlängerung gegenüber dem wahrscheinlichen 
Mittel, wenn sich die Reaktion geändert hat und umgekehrt. 
Bei den Kranken ergibt sich mit folgender Tabelle 



Männer 



Frauen 



Zeit bei nicht veränderter Reaktion . . . 

Zeit bei veränderter Reaktion 

Allgemeiner Durchschnitt der Reaktionszeit 



17-5 
26-9 
23-2 



25-9 
31-9 
26-2 



das nämliche Resultat, allerdings mit erhöhten Werten. Auch hier 
fügen sich die Kranken im allgemeinen den bei Normalen gefundenen 
Regem, soweit sie elementarer Natur sind. 

33* 



516 



W. Pfenninger. 



5. Die Komplexmerkmale in ihrer Beziehung zum Reaktionswechsel. 

Bei den Normalen fanden wir, daß am wenigsten Wechsel auf 
diejenigen Reizwörter entfielen, die in der ersten Serie eine Reaktion 
ohne Komplexmerkmal ergaben. 

Bei den Kranken ergibt sich dasselbe, wie die folgenden Zahlen 
zeigen, die analog dem im I. Teil, Abschnitt 5, gegebenen hergestellt 
wurden; nur sind hier die Verhältniszahlen höhere: 

Reaktionen : 

a) mit zu langen Zeiten allein; 

b) mit den übrigen Komplexmerkmalen; 

c) mit zu langer Zeit und Komplexmerkmalen ; 

d) ohne jedes Komplexmerkmal. 





Reaktions Wechsel 








1, Serie 


2. £ 


erie 


in der 


Männer 


Frauen 


Männer 


Frauen 




4-9 
4-7 
5-0 
4-1 


41 
4-2 
4-0 
3-4 


4-5 
3-8 
4-1 
3-5 


3-1 


h 


3-2 




3*1 


d 


2-6 







Die Tabelle, die zu der entsprechenden im I. Teil in Vergleich 
gesetzt werden muß, ergibt mit höheren Einzelwerten prinzipiell das- 
selbe Resultat, wie die Berechnung bei den Normalen, d. h. der Wechsel 
bei den Kranken folgt ebenfalls vorzugsweise der komplexen Assoziation, 
was wiederum ein elementares Phänomen ist, welches die Krankheit 
nicht verändert hat. Die einzige Verschiedenheit ist das Verhalten 
der kranken Männer in a und & der 1. Serie. Bei den entsprechenden 
Normalen fanden wir eine bedeutend höhere Zahl bei b als bei a, was 
zu der Bemerkung Anlaß gab, daß die einseitig glatte Einstellung der 
Männer die komplex-diagnostische Bedeutung der Reaktionszeiten 
entwertete, so daß die übrigen Komplexmerkmale in dieser Hinsicht 
höhere Bedeutung erhielten. Die „glatte" Einstellung fällt bei unseren 
Kranken weg, daher die Reaktionszeiten wieder in ihr Recht treten, 
und dementsprechend findet sich bei a ein höherer Wert als bei b 
(vgl. die entsprechenden Erörterungen im I. Teil, Abschnitt 5). Die 
durchschnittliche Maximaldifferenz zwischen sämtlichen Werten von d 
und dem höchsten Werte von a, b oder c bei Normalen beträgt 1*3, 



Konstanz und Wechsel der psychologischen Konstellation usw. 517 



bei den Kranken bloß 0'8; d. h. die bei den Kranken herausgebrachten 
Werte für a, b, c und d sind nicht so plastisch gesondert wie bei den 
Normalen. Das rührt einzig daher, daß 3 von den 11 kranken Versuchs- 
personen insofern fast unbrauchbare Resultate lieferten, als sie teils 
bei jeder Reaktion Komplexmerkmale hatten oder maximalen Kon- 
stellationswechsel, wodurch eine Differenzierung schlechterdings un- 
möglich wird. 

Die bei den Normalen herausgebrachte elementare Regel, daß 
der Reaktionswechsel der komplexen Assoziation folgt, bestätigt sich 
auch bei den Kranken. Abgesehen von der Tatsache der enormen Ver- 
mehrung der Komplexmerkmale und der Wechsel ergibt diese Be- 
trachtung entsprechend den früheren nur eine Verschiedenheit 
der affektiven Einstellung und keine Veränderung der 
psychologischen Elementarfunktionen, was theoretisch für 
die Auffassung der Dementia praecox von Belang ist. 

6. Der Reaktionswechsel in seiner Beziehung zu den Komplexraerkmalen. 

Bei unseren Normalen fanden wir 1., daß oftmaliger Reaktions- 
wechsel sich schon in den beiden ersten Versuchen durch vermehrte 
Komplexmerkmale ankündigt; 2. daß die 1. Serie mehr Komplex- 
merkmale liefert als die 2. und 3., daß die 2. Serie durchschnittlich 
eine sicherere Prognose gibt als die erste. 

Gehen wir nun zum Vergleich mit den Kranken über: 

Normale: 



Männlicher 
Durchschnitt 


1. Serie 


2. Serie 


Weiblicher 
Durchschnitt 


1. Serie 


2. Serie 


Wechsel 


Komplex] 


nerkmale 


Wechsel 


Komplex! 


nerkmale 





0-2 


0-2 





0-8 


0-4 


1 


0-5 


0-4 


1 


l'l 


0-8 


2 


0-7 


0-5 


2 


10 


0-9 


3 


0-6 


0'6 


3 


1*3 


1-1 


4 


0-7 


0-6 


4 


10 


1-2 


5 


0-9 


0-7 


5- 


1-1 


ro 


6 


0-8 


0-7 


6 


21 


1-6 


7 


0-8 


1-0 


7 

Durchschnitt 


1-6 


1-7 


Durchschnitt 


0-6 


0-5 


1-2 


1-0 


l 3 













518 



W. Pfenninger. 



Kranke: 



Männlicher 
Durchschnitt 



Wechsel 



Serie 



Komplex- 
merkmale 



Weiblicher 
Durchschnitt 



Wechsel 



Serie 



Komplex- 
merkmale 



1. 
Serie 



2. 
Serie 



Männer 



1. 

Serie 



2. 

Serie 



Frauen 



Komplexmerkmale 
Durchschnitt 



. . . . 

1 .... 

2 

3 . . . . . 

4 

5 ...... 

6 

7 

Durchschnitt 



1-7 


0-5 


1-0 


0-2 


0-6 


0-6 


0-6 


0-5 


0-9 


0-6 


0-9 


0-8 


1*3 


0-8 


0-9 
1-4 


0-9 


0-6 





1 

2 .... ~. 

3 

4 

5 

6 

7 

Durchschnitt 



1-0 
1-3 
0-9 
1-0 
1-0 
l'l 
1-1 
1-3 



1-1 



10 
1-0 
0-9 
0-9 
0-9 
1-2 
l'l 
1-3 



10 



0-9 



1-0 



0-4 



0-7 



1-0 



ri 



0*9 



11 



Die Zahlen weisen nicht überall die erwarteten Werte auf. Sowohl 
in der männlichen wie in der weiblichen Tabelle finden wir den Satz, 
daß oftmaliger Wechsel sich in der Regel schon in den ersten Versuchs- 
reihen durch Komplexmerkmale ankünde, bedingt bestätigt. Die zum 
Vergleich beigesetzte Tabelle der Normalen liefert sehr deutlich zu- 
nehmende Werte für die Komplexmerkmale entsprechend der Zunahme 
der Wechsel. Die Tabelle der Kranken zeigt unregelmäßigere Ver- 
hältnisse, obschon die Grundregel, wie die rechts beigefügten Durch- 
schnitte beweisen, beibehalten ist. Diese Verschleierung der Grundregel 
ist auf die gewaltige Überlastung des Materials mit Komplexmerkmalen 
und Wechseln zurückzuführen. Diese Überlastung macht vielerorts 
die Differenzierung beinahe unmöglich. Immerhin läßt sich das Vor- 
handensein des elementaren Phänomens deutlich erkennen, es ist bloß 
durch das Überwuchern der affektiven Manifestationen etwas über- 
deckt. 

Die weitere Untersuchung des Materials z. B. nach den Regeln 
der „Störungsketten" ist eben wegen der besagten Überlastung un- 
möglich, da die Möglichkeiten der Differenzierung fehlen. 



Konstanz und Wechsel der psychologischen Konstellation usw. 519 



III. Teil. 

Wiederholungsversuche mit 6 Patientinnen 1 ) 
(Schizophrenie). 

Einleitung. 

Die Versuche sind in derselben Art wie die vorstehenden an- 
gestellt worden, jedoch mit einem Reizwörterschema von nur 50 Worten. 
Die Kranken sind reine Fälle von Dementia praecox, alle in vor- 
geschrittenen Stadien. 

Außer einer Bestätigung unserer Resultate bei der gleichen Frage- 
stellung erhoffen wir aus der Bearbeitung dieser Versuche eine Antwort 
darauf, ob die Beziehungen des Geschlechtes des Experimentierenden 
zu den Versuchspersonen das Resultat in einer bestimmten Art ändern. 
Auf die Beziehung zu dem Verlaufe der Reaktionszeit bei meinen weib- 
lichen Kranken wurde schon im II. Teil, Abschnitt 1, hingewiesen. 

1. Die Reaktionszeiten. 

Die durchschnittliche Reaktionszeit aller Reihen beträgt 18*7; 
meine Fälle ergaben 341, also eine bedeutend höhere Reaktionszeit. 
Bei normalen Frauen hatten wir die Zahl 9'6 ermittelt. 

Einzelne Serien: 



1 


2 3 


4 


5 


6 


7 


8 


9 


10 


22-7 


16-0 22-8 


20'0 


17*6 


18-7 


16-2 


18-2 


19-4 


177 



Wir finden von der 1. zur 2. Serie (Tafel I) einen bedeutenden 
Abfall, in der 3. Serie den bekannten hohen Gipfel, dann wieder in den 
folgenden Serien eine Verkürzung mit einer deutlichen Verlängerung 
der Reaktionszeit in der 6. Serie. Berücksichtigen wir noch die 9. und 
10. Serie, so sehen wir auf die 9. hin einen erneuten Aufstieg, der schon 
in der 8. Serie vorbereitet ist. Der Umstand, daß das Mittel der Re- 
aktionszeit bedeutend kürzer ist als bei meinen Fällen, dürfte zum Teil 
auch von der Auswahl der Falle • abhängen, die entschieden weniger 
pathologisch sind als die meinigen. Es ist daher nicht möglich zu sagen, 
ob die kürzere Reaktionszeit in diesen Fällen geringeren Widerstand 

*) Die Versuche wurden von Fräulein Dr. Morawitz angestellt. 



520 



W. Pfenninge!-. 



bedeute. Der Verlauf, respektive der Abfall der Zahlenreihe entspricht 
nicht nur im Anfangsverhalten der entsprechenden Zahlenreihe der 
kranken Männer, sondern auch im weiteren Verlauf. 

2. Der Reaktionswechsel. 

Wir bekommen einen allgemeinen Durchschnitt von 47-5%, 
während wir bei meinen entsprechenden Versuchspersonen 54*8% 
Wechsel feststellten. 

Auf die einzelnen Serien erhalten wir: 



Serie 


2 


3 


4 


5 


6 


7 


8 




61-0 


60-4 


61-6 


56-4 


52-6 


42-6 


45-6 







Diese Zahlen sind, um ein übersichtlicheres Vergleichsmaterial 
zu haben, wie unsere Versuche es erfordern, auf 100 ergänzt, d. h. mit 
2 multipliziert worden. (Es wurden bloß 50 Reaktionen jeweils auf- 
genommen.) Dieses Verfahren ist nicht ganz genau, da die 1. und 
2. Hälfte eines Assoziationsversuches keine sich deckenden Resultate 
zu ergeben braucht (vgl. Jung und Riklin, I. Beitrag der Dia- 
gnostischen Assoziationsstudien, I. Band). Wir müssen deshalb diese 
Ergebnisse mehr schätzungsweise betrachten. Abgesehen von den 
kleinen Werten bietet der Verlauf der Zahlenreihe kein von meinen 
Feststellungen abweichendes Resultat. Die kleinen Werte dürften 
von der Auswahl des Krankenmaterials abhängen. 

S. Die Häufigkeit der Komplexmerkmale in den Wiederholungsserien. 

Wir berechnen durchschnittlich 67'4% Komplexmerkmale, und 
zwar macht das auf die einzelnen Serien: 



Serie 


1 2 


3 


4 


5 


6 


7 


8 


Prozent 


104-0 79-6 


72-0 


60-6 


60-0 


55-6 


49-5 


58-0 



Der allgemeine Durchschnitt (Tafel I, Fig. 2) deckt sich im großen 
ganzen mit dem unserer Männer : 67*4 : 64*4. Die Zahl der Komplex- 
merkmale in der 1. Serie ist gewaltig. Darauf folgt ein ausgiebiger 
Abfall, der am Schlüsse in einen ziemlich beträchtlichen Anstieg über- 
geht, unähnlich meinen kranken Frauen, ä h n 1 i c h aber meinen k r a n k e n 
Männern und meinen normalen Frauen. Dieser Fall spricht wieder 



Konstanz und Wechsel der psychologischen Konstellation usw. 521 



für eine Umkehrung des psychosexuellen Typus gegenüber dem weib- 
lichen Experimentator. 

4. Die Komplexmerkmale in ihrer Beziehung zum Reaktionswechsel. 

Reaktionen : 

a) mit zu langen Zeiten; 

b) mit den übrigen Komplexmerkmalen; 

c) mit zu langer Zeit und Komplexmerkmalen; 

d) ohne jedes Komplexmerkmal. 
Wir erhalten folgende Zahlen: 



a 
b 

G 

d 



1. Serie 



4-1 
3-6 

4-1 

3-7 



2. Serie 



3-7 
3-4 
3-7 
2-7 



Die 2. Serie stimmt mit der theoretischen Erwartung überein. 
In der 1. Serie ist b zu nieder. Ein ganz ähnliches Resultat haben 
wir wieder bei den normalen Frauen, wo 6 in 1. Serie nur um 0"1 
höher ist als d. In zweiter Linie besteht eine Ähnlichkeit mit b der 
kranken Männer. Wir haben hier also wiederum eine ähnliche Be- 
ziehung, wie wir sie zu Ende des vorigen Abschnittes konstatierten, 
nämlich eine Umkehrung des Typus gegenüber meinen kranken 
Frauen. Auch diese Beobachtung könnte wieder im Sinne einer Um- 
kehrung der psychosexuellen Einstellung aufgefaßt werden. Eine solche 
Umkehrung, deren tatsächliches Vorhandensein allerdings erst an einem 
weit umfangreicheren Material experimentell festgestellt werden müßte, 
würde sich der psychoanalytischen Theorie wohl anpassen, indem die 
psychoanalytische Erfahrung für viele Fälle von Dementia praecox 
eine bemerkenswerte Hervordrängung der homosexuellen Komponente 
gegenüber einer entsprechenden Zurückdrängung der heterosexuellen 
Komponente festgestellt hat (Jung) 1 ). 

*) Ea ist zu bemerken, daß Freud schon vor Jahren privatim diese Lehre 
aufgestellt hat. Vgl. dazu Freud: Psychoanalytische Bemerkungen über einen 
autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia (Dementia paranoides). Jahr- 
buch für psychoanalytische und psychopathologische Forschung. Bd. III, l.Heft, 
1911. Vgl. auch die Arbeit von Ferenczi in diesem Jahrbuch. 
3 3 *• 



$22 W. Pfenninger. 



Zus ammenf assung. 

I. Teil: Normale. 

1. Die Reaktionszeit. Bei den männlichen Versuchspersonen 
sind die Reaktionszeiten kürzer als bei den weiblichen. Der Verlauf 
der Zeitmittel in den Wiederholungsserien steigt langsam und mit 
Schwankungen ab bei Männern, bei Frauen rasch in umgekehrter 
Parabelform (siehe Tafel I). 

2. Der Konstellation Wechsel. Bei Männern findet sich ein 
geringerer Prozentsatz an Wechseln als bei Frauen. Der Verlauf des 
Prozentsatzes an Wechseln ist bei Männern zuerst langsam, dann rasch 
absteigend, bei Frauen rasch absteigend und gegen den Schluß wieder 
ansteigend. 

3. Durchschnittlich weisen die Frauen mehr als doppelt soviel 
Komplex merk male auf als die Männer. Im Laufe der Versuche 
vermindern sich die Komplexmerkmale bei Frauen durchschnittlich 
nur um ein kleines — im Gegensatze zu den Männern. Obschon eine 
Tendenz zur Abnahme da ist, Verhalten sich doch die einzelnen Serien 
viel unregelmäßiger als dies bei den Wechseln oder gar bei den Re- 
aktionszeiten der Fall war. 

4. Weist eine Reaktion der 1. oder auch der 2, Serie ein oder 
mehrere Komplexmerkmale auf, so folgen ihr in den übrigen Reihen 
mehr Wechsel, als wenn sie nicht durch Komplexmerkmale aus- 
gezeichnet ist. 

5. Bei nicht veränderter Reaktion erreicht die Durchschnittszeit 
das allgemeine wahrscheinliche Mittel nicht, umgekehrt wird aber 
dieses bedeutend überschritten durch eine veränderte Reaktion. 

6. Oftmaliger Wechsel kündigt sich in der 1. und 2. Versuchs- 
serie durch Vermehrung der Komplexmerkmale an. In der 2. Serie 
kommt der Satz zu sicherem Ausdruck: daß bei einer größeren Zahl 
von Komplexmerkmalen auch eine entsprechend größere Anzahl 
von Wechseln zu erwarten ist. 

7. Ist die Reaktionszeit in der 1. Serie erhöht, so ist in einer der 
nächsten Serien ein Wechsel zu erwarten, und zwar um so früher, je 
mehr die Reaktionszeit das allgemeine wahrscheinliche Mittel übersteigt. 



Konstanz und Wechsel der psychologischen Konstellation usw. 523 

8. Die Reaktionszeit unmittelbar vor einem Wechsel steht durch- 
schnittlich über dem allgemeinen wahrscheinlichen Mittel, bei gleich- 
bleibender Reaktion meist darunter. 

9. In den Wiederholungen treten Wechsel hauptsächlich nur da 
auf, wo auf ein Reizwort überhaupt mehr als die durchschnittliche 
Zahl von Wechseln folgen, also bei komplexen Reaktionen. 

10. Die Wechsel fallen meistens in eine Assoziationsreihe, die von 
einem perseverierenden Komplex gestört ist. 

II. Teil: Kranke. 

1. Unsere Kranken reagieren durchschnittlich dreimal langsamer 
als unsere Normalen. Wir bemerken aber, daß bei den Kranken weit 
auseinandergehende individuelle Differenzen bestehen; die leichten 
hebephrenen oder paranoiden Fälle brauchen eine nicht wesentlich 
von den Normalen verschiedene Reaktionszeit; schwere Katatoniker 
aber ganz unverhältnismäßig lange. Damit soll nicht gesagt sein, daß 
der eigentliche Assoziationsvorgang verlangsamt ist, sondern bloß der 
angepaßte sprachliche Ausdruck. 

Der Verlauf der Zeitmittel ist folgender : Die Männer setzen mit 
hoher Reaktionszeit ein, dann folgt ein Abfall, der sofort wieder in einen 
Aufstieg übergeht. Umgekehrt setzen die Frauen mit relativ kurzer 
Zeit ein, worauf ein steiler Aufstieg erfolgt, der nach einem ebenso 
steilen Abfall sich wiederholt. (Umgekehrtes Verhalten gegenüber 
Normalen.) Diese Schwankungen sind als Widerstandsphänomene 
in psychoanalytischem Sinne aufzufassen. 

2. Der Reaktionswechsel. Es findet sich ein hoher Prozent- 
satz an Wechseln, bei Männern mehr als bei Frauen. Gegen Ende der 
Wiederholungen nimmt der Wechsel ab. Die Vermehrung der Wechsel 
bei Dementia praecox (Schizophrenie) steht in Zusammenhang mit 
dem Überwuchern der Komplexe. 

3. Die Zahl der Komplexmerkmale nimmt bei Männern rasch 
ab, um später wieder nicht unbeträchtlich zuzunehmen (siehe Tafel II), 
ähnlich dem entsprechenden Resultat bei normalen Frauen. Die kranken 
Frauen zeigen einen fast kontinuierlichen Abstieg, vergleichbar den 
normalen Männern. (Umkehrung der psychosexuellen Einstellung?) 

4. Es bestätigt sich auch bei den Kranken, daß wenn eine Reaktion 
der 1. oder 2. Serie ein oder mehrere Komplexmerkmale aufweist, 



524 W. Pfenninger. 

ihr durchschnittlich mehr "Wechsel folgen, als wenn keine solchen vor- 
handen sind. 

5. Obschon die Resultate keine regelmäßigen Werte liefern, ist 
auch bei den Kranken die Neigung vorhanden, oftmaligen Wechsel 
schon in der 1. und 2. Serie durch Vermehrung der Komplexmerkmale 
anzuzeigen. 

6. Die bei den Normalen aufgefundenen elementaren Regeln 
für den Wechsel und die Konstanz der Konstellation sind bei den 
Kranken ebenfalls vorhanden, die einzigen Differenzen liegen in den 
Anzeichen der affektiven Einstellung, z. B. der Massenhaftigkeit der 
Komplexmerkmale. 

III. Teil: Wiederholungsversuche mit weiblichem Experimentator 
und weiblichen Versuchspersonen. 

1. Der Verlauf der Zeitmittel nähert sich mehr dem Typus der 
entsprechenden Kurve der kranken Männer als dem der Frauen. (Um- 
kehrung der psychosexuellen Einstellung?) 

2. Der Verlauf der Frequenz der Komplexmerkmale nähert sich 
dem entsprechenden Typus der kranken Männer an, sowie dem der 
normalen Frauen. (Umkehrung der psychosexuellen Einstellung?) 

3. Auch hier erweisen sich 1. und 2. Serie als prognostisch wichtig 
für die Lokalisation der späteren Wechsel. Das Resultat nähert sich 
wiederum dem entsprechenden bei den normalen Frauen und bei den 
kranken Männern an. (Umkehrung der psychosexuellen Einstellung?) 



Haut-, Schleimhaut- und Muskel erotik. 

Von Dr. J. Sadger, Nervenarzt in Wien. 



Unter den erogenen Zonen, deren Sinn und Bedeutsamkeit Fre ud 
uns gelehrt hat, ragen zwei ganz besonders hervor: die Haut, welche 
stellenweise in die Schleimhaut übergeht oder sich zu den Sinnesorganen 
differenziert, und zweitens die Muskulatur des Körpers, die willkürliche 
sowohl, als vielleicht noch mehr die glatte, dem bewußten Wülen ent- 
zogene. Beide beherrschen vor allem die gesamte Kindheit, bis in der 
Pubertät das Primat einer einzigen erogenen Zone, der Genitalien, 
für ein paar Dezennien festgelegt wird, um in der fallenden Hälfte 
des Lebens der ursprünglichen Haut- und Muskelerotik wieder Platz 
zu machen. Übrigens wirken die letzteren auch bei der Betätigung 
der Genitalerotik teils direkt, teils zur Erzeugung der Vorlust wesent- 
lich mit und ersetzen sie nicht allein physiologisch im Kindesalter, 
sondern Vikariieren selbst in der Zeit der vollen Geschlechtsreife oft 
sehr weitgehend. So ist es bekannt, daß unter Prießnitz, wo Haut 
und Muskulatur fast den ganzen Tag den verschiedensten Einwirkungen 
ausgesetzt wurden, das genitale Bedürfnis auf ein Minimum sank, 
und eine ähnliche Ablenkung erzielt zur Stunde der so verbreitete 
Freiluftsport. Wo der letztere fehlt, z. B. bei wenig sportfreudigen 
Bureaumenschen, steigt die Sexualität oft übermäßig hoch. 

Daß die Haut des Körpers sich an manchen Stellen zur Schleim- 
haut umwandelt, hat neben den allgemein bekannten noch einen 
wichtigen erotischen Sinn. Vor allem ist dies nur bei den Ein- und 
Ausgangspforten unseres Leibes der Fall, von welchen wir wissen, 
daß sie die Bedeutung von erogenen Zonen besitzen. Dies gilt ganz 
ebenso für Anus, Vaginal- und Urethralmündung, als für Mund und 
Nase, Orbita und den äußeren Gehörgang. Wir können es direkt als 



526 J. Sadger. 

Regel aufstellen: wo sich die Haut zur Schleimhaut differenziert, da 
liegt ganz sicher eine erogene Zone. Auch rein anatomisch scheint die 
Natur dies festgelegt zu haben. An all diesen Übergangsstellen, die 
Havelock Ellis geradezu „sekundäre sexuelle Zentren" zu nennen 
sich bemüßigt fand, sind nämlich die Tastkörperchen am reichlichsten 
und kompliziertesten mit anastomosierenden Nervenfasern unter- 
einander verbunden, zumal an den Genitalien, wodurch sich die ganz 
besondere Empfindlichkeit jener Stellen erklärt. Sind es doch, wie 
Charles Fere hervorhebt, immer die empfindlichsten Teile des Körpers, 
die Liebkosungen zu empfangen oder zu geben suchen. Des weiteren 
bietet die Umwandlung in Schleimhaut den großen Vorteil, daß die 
bessere Durchfeuchtung eine stete sexuelle Bereitschaft setzt, wie 
später bei den eigentlichen Genitalien das Feuchtwerden der Scheide, 
die Füllung der Corpora cavernosa membri, in höheren Graden 
die Urorrhoea ex libidine. Je turgeszenter und sukkulenter die 
Haut aber ist, nach einem Bade z. B., desto größer das sexuelle 
Verlangen. Daher dann auch das viele Waschen lüsterner Völker oder 
Menschen, abgesehen von jener zwangsmäßigen Reinlichkeit, die der 
unterdrückten Masturbation aufs Kerbholz zu setzen ist. 

"Wenn Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik gewöhnlich auch 
zusammen auftreten, so gibt es doch nicht wenige Fälle von 
reiner und unkomplizierter Hauterotik. Man hat z. B. die Er- 
fahrung gemacht, daß man geschlechtlich sehr Erregbaren, ferner 
Herzneurotikem, die, wie wir wissen, meist an unbefriedigter Libido 
oder steter frustraner Erhitzung leiden, kein kohlensaures Bad ver- 
abfolgen darf, weil dieser überaus mächtige Hautreiz wie ein starkes 
Aphrodisiakum wirkt. Wer Hysterische systematischen Wasserkuren 
aussetzt, wird eine merkwürdige Wahrnehmung machen. Die eine Pa- 
tientin kann nicht genug kalte Applikationen bekommen, die andere hat 
nicht nur ihren Worten nach, sondern direkt unter den Augen des 
Arztes vom kalten Wasser viel eher Schaden, hingegen glänzenden 
Erfolg vom warmen. Woher dies seltsame Phänomen? Mich dünkt 
die Erklärung darin zu suchen, daß Wärme und Kälte die Hauterotik 
anregen können, und zwar individuell durchaus verschieden, was immer 
nur praktisch erprobt werden kann. Darum werden je nach der Ero- 
genität die einen richtige Kaltwasserfanatiker, die das kalte Naß nicht 
nur dort anwenden, wo es nachweisbar hilft, sondern davon überhaupt 
nicht genug kriegen können, die anderen hinwieder beben davor wie 
vor der Pest zurück und schwärmen für warme oder heiße Prozeduren. 



Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik. 527 

Ähnliches gilt dann ferner für die Luft-, Licht- und Sonnenbäder, bei 
welchen wohl auch die Exhibitionslust kräftig mitspricht. Das außer- 
ordentliche Wachstum der Naturheilvereine beweist, wie verbreitet 
die Hauterotik ist und wie dringend das Bedürfnis nach ihrer Be- 
friedigung. Auch der kühle wie der warme Luftstrom wirken mitunter 
auf Haut und Schleimhaut mächtig erregend. Manch liebendes Weib 
fühlt sich durch den heißen Atem des Geliebten, der ihre seitliche Hals- 
partie trifft, äußerst wohlig gekitzelt. Ein männlicher Hysteriker gab 
mir wiederum an, wenn er schwer atme oder die Luft hinaufblase, 
spüre er in Nasenspitze und Nasenlöchern eine kolossale Wollust. Viele 
kleine und halbwüchsige Mädchen empfinden eine enorme Lust, wenn 
sie mit bloßem Gesäß auf Steinen sitzen und ein kühler Luftstrom 
Nates und Genitalien bestreicht. Ahnlich auch manche erwachsene 
Frauen, wenn ein starker Wind ihnen beim Spazierengehen an die Ge- 
schlechtsteile schlägt. Vielleicht hängt auch die Fähigkeit geliebter 
Personen, Kindern Schmerzen wegblasen zu können, ein wenig mit 
dieser Hauterotik zusammen, wenn jenem Phänomen auch sicher noch 
tiefere Wurzeln eignen, die ich im späteren aufzeigen will. Eine be- 
sondere Hautlust kann endlich auch noch dazu führen, daß kleine 
Kinder sich mit Vorliebe bepissen oder bemachen oder den Körper 
auch direkt mit Urin salben oder mit Kot beschmieren, was eventuell 
in einer späteren Psychose wieder belebt wird. Natürlich spielen in 
all diesen Fällen Uro- und Koprophilie erheblich mit. 

Wie Wärme, Licht und Kälte wirkt auch das einfache Streicheln 
mit der Hand sowie Elektrisieren auf manche Menschen sexuell er- 
regend. So erzählte eine Kranke von ihrer Cousine: „Wenn ich zufällig 
ihre Hand oder Arm berührte, sagte sie gleich : ,Mach' das noch einmal, 
das ist so angenehm!' Dann bat sie mich, ihre Hand und ihren Arm 
ganz leicht zu streicheln, sie war davon ganz entzückt und wollte immer 
wieder gestreichelt werden. Dann hatte sie es auch gern, wenn man 
ihr offenes Haar in die Hand nahm und schüttelte. Sie sagte, es sei für 
sie das größte Vergnügen, wenn man sie kämme. Als sie schon ganz 
erwachsen, über 20 Jahre alt war, berührte ich einmal zufällig ihren 
Arm. Sie reagierte sofort: ,Ach, das ist angenehm, mach' das noch 
einmal!' Ich lachte und erinnerte sie, daß sie das als Kind auch schon 
immer haben wollte. Ihr Bruder aber meinte: .Emma, du bist ganz 
verrückt, du weißt doch, daß dich das so nervös macht !' und bat mich 
es ihr ja nicht zu tun." Ein ähnliches Phänomen, bei welchem dann 
freilich noch mehr die Muskelerotik vorwiegt, ist die allgemeine Körper- 



528 J. Sadger. 

massage, von der ein erfahrener Spezialarzt sagte: „Sie erzeugt das 
Gefühl der wohltätigen Ermattung, welches der sexuellen Befriedigung 
äußerst ähnlich ist". Bekannt ist auch, daß die alten Griechen und 
Römer sich nicht nur zu Heilzwecken, sondern auch zum Vergnügen 
massieren ließen. Endlich berichtet mir ein Patient mit auch sonst stark 
entwickelter Hauterotik: „Als ich 22 Jahre zählte, schaffte ich mir eine 
Elektrisiermaschine an, um mich durch den elektrischen Reiz sexuell 
erregen zu lassen, d. h. ich legte die Elektroden an die verschie- 
densten Körperstellen an und ließ den Strom z. B. in den Achsel- 
höhlen und am Bauche wirken." 

Die intimste Beziehung zum Sexuellen zeigt jene Modifikation 
des Hautsinnes, die wir als Kitzelgefühl ansprechen. Abgesehen davon, 
daß manche Sprachen, wie die der Feuerländer für kitzeln und koitieren 
dasselbe Wort haben 1 ), beweist schon der Umstand, daß auch sehr kitz- 
liche Mädchen, sobald sie regelmäßigen Geschlechtsverkehr aufnehmen, 
ihre Kitzlichkeit verlieren, daß endlich just in diesem Punkt ein ge- 
waltiger Unterschied zwischen verheirateten und unverheirateten 
Frauen besteht, die zweifellos sexuelle Natur jenes eigentümlichen 
Gefühles. Es weist bekanntlich enorme individuelle Verschiedenheiten 
auf. Doch nicht bloß auf Island erkennt man die sexuelle Intaktheit 
junger Leute beiderlei Geschlechtes an ihrer Empfänglichkeit für das 
Kitzeln. Eine Wiener Patientin teilte mir einen Volksbratich mit, 
den sie von ihrer Großmutter kennt. Mit gespreiztem Daumen und 
Zeigefinger greife man einem oberhalb der Kniescheibe rasch in die 
Tiefe, was neben der direkten Muskelreizung auch ein Kitzeln der 
so empfindlichen Kniehaut erzeugt. Wer da irgendwie ausschlage, 
der „könne das Heiraten nicht geraten". In der Ambulanz interner 
Abteilungen hat man häufig Gelegenheit wahrzunehmen, daß manche 
junge Mädchen bei der Berührung mit Hörrohr und Plessimeter sich 
biegen und winden, was immer auf eine hochgradige sexuelle Reiz- 
barkeit bei Mangel regelmäßigen Geschlechtsverkehres hinweist. Hierher 
gehört auch der Bericht eines Arztes (zitiert bei Ellis: „Die Gatten- 
wahl"), verheiratete Frauen hätten ihm ihre Beobachtung mitgeteilt, 
daß sie „seit der Hochzeit unter den Armen und an den Brüsten weniger 
kitzlich sind, obgleich sie vor der Verheiratung bei jedem Kitzeln oder 



x ) Die bisher beste Zusammenstellung unseres Wissens über das Kitzel- 
gefühl gab H. Ellis in seinem Buche „Die Gattenwahl beim Menschen", dem 
ich eine Reihe von Beispielen dieses Abschnittes entnehme. 



Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik. 529 

Berühren dieser Stellen, besonders durch einen Mann aufsprangen 
oder nervös wurden oder ,komisch', wie sie sich ausdrückten". Sehr 
richtig bemerkt dieser Kollege: „Vielleicht ist Kitzlichkeit bei jungen 
Mädchen ein natürlicher Selbstschutz gegen sexuelle Annäherung und 
Vergewaltigung und das junge Mädchen kriecht, um instinktiv die 
Achselhöhlen, Brüste und andere Stellen zu decken, in sich zusammen. 
Die verheiratete Frau, die einen Mann liebt, versteckt diese Stellen 
nicht, da sie den Avancen, die er macht, entgegenkommt; sie bedarf 
der Kitzlichkeit als eines Schutzes gegen sexuelle Attaken nicht mehr." 
Ähnlich steht's mit der Schamhaftigkeit bei ledigen und verheirateten 
Frauen, indem die letzteren sie nicht mehr brauchen. „Von diesem 
Gesichtspunkt aus erscheint die allgemeine Kitzlichkeit der Haut 
als eine Art Schamhaftigkeit des Körpers." (Ellis.) 

Von verschiedenen Seiten wurde behauptet, man könne sich nicht 
selber kitzeln. Ich halte dies nach Mitteilungen von Neurotikern minde- 
stens nicht für allgemein richtig. Zuzugeben ist nur, daß ein Selbst- 
kitzeln wie überhaupt jede erotische Selbstreizung eine weit geringere 
Lust gewährt, als das durch fremde Hand besorgte. Immerhin ist 
ein solches möglich, wie Fall I am Schlüsse dieses Aufsatzes erweist. 
Das Kitzeln durch andere kann derart wohlig und lustvoll betont sein, 
daß z. B. Kinder davon nicht genug kriegen können, ja an manchen 
Stellen so mächtig erregt werden, daß sie oft unter endlosem Lachen 
heftig um sich schlagen und die Lust geradezu unerträglich wird 1 ). 
Manchen bereitet das Kitzeln beim Rasieren, sei es durch eigene oder 
fremde Hand, einen wollüstigen Reiz, weshalb sie sich am liebsten 
täglich rasieren oder rasieren lassen möchten. Andere wieder kennen 
keine andere Masturbation als die Hautonanie. Sie kitzeln sich zu 
onanistischen Zwecken und können z. B. nicht anders einschlafen, 
als indem sie ihre Brustwarzen kitzeln. Sie reizen ihre Haut wie andere 
die Genitalzone. Dann gibt es verschieden empfindliche Personen, 
die, wenn sie lang genug gekitzelt werden, zum Schlüsse Lachkrampf 
und Harnentleerung bekommen, welch letztere der Pollution analog 
ist. Und endlich dünkt es mich wohl zu begreifen, daß man Menschen 
auch zu Tode kitzeln kann, was vom Volk allgemein geglaubt wird und 
neuerdings von einem modernen Dichter in plastischer Schilderung 
ausgemalt wurde 2 ). 

*) Darum erscheint es mir unzutreffend, wenn Ellis meint, der Genuß 
des Kitzeins trage bei Kindern keinen sexuellen Charakter. 

5 ) Johannes V.Jensen: „DasRad", 4. Auflage, S.Fischer, 1908, 8.211 bis214. 

Jahrbuch für psychoanalyt. ti. psychopathol. Forschungen. III. «* 



530 J. Sadger. 

Die besondere Empfindlichkeit einzelner Hautstellen für das 
Kitzeln hat auch biologische Bedeutsamkeit. Nach Simpson führt 
die hohe exzito-motorische Reizbarkeit der Haut an Fußsohlen, Knien 
und Seiten, eine Reizbarkeit, die schon vor der Geburt besteht, dazu, 
daß Muskelbewegungen eintreten, welche nötig sind, um den Fötus 
in der für die Geburt günstigsten Lage in utero zu halten. 

Anderseits beweist die enorme Kitzlichkeit mancher Partien, zumal 
am Halse, nicht bloß eine besondere Erogenität dieser Hautstellen, 
sondern auch der tiefer liegenden Schleimhäute. Einer meiner 
Kranken mit kolossaler Überempfindlichkeit am Halse, einer Hyper- 
ästhesie, die ihm beispielsweise unmöglich machte, sich das Nacht- 
hemd vom Vater dort zuknöpfen zu lassen, wies gleichzeitig tiefere 
Sexualität der gesamten Schleimhäute von der Nase bis zu den Bron- 
chien auf, was zur Grundlage von schwerem Asthma wurde 1 ). Nicht 
wenige Kranke mit jener äußeren Hyperästhesie bekommen als Kinder 
häufig die sogenannte falsche Bräune, als Erwachsene wiederum alle 
paar Wochen Halsbeschwerden, Anginen und Tonsillitiden oder auch, 
was die erogene Natur am besten erweist, Parästhesien bis zu Schmerzen 
in der Mandelgegend, denen gar kein objektiver Befund entspricht. 
So sah ich selber bei dem vorgenannten Asthmatiker eine Temperatur- 
steigerung bis 39-9 ohne irgend ein Allgemeinsymptom von Fieber 
und ohne eine andere Klage des Kranken als Schmerzen in der rechten 
Halsseite, für welche aber nicht die geringste objektive Veränderung 
daselbst zu entdecken war. Nehmen wir als Ursache der Hyperthermie 
auch einen larvierten Asthmaanfall an, so beweist doch jene Schmerz- 
haftigkeit eine Tiefenerogenität des Halses. Hysterische mit solcher 
Halshyperästhesie fühlen beispielweise nach Genuß von Fisch oder 
manchen Mehlspeisen lange im Rachen eine Gräte oder ein Bröserl 
stecken 2 ), wenn sie nicht gar wähnen, an Polypen oder Karzinom 
zu leiden. Manche verlieren ihre ewig rezidivierende Angina wieder, 
wenn sie singen lernen, weil damit eine gewisse Sexualbetätigung für 
die Kranken gesetzt ist. Noch andere endlich bekommen zeitweise 

*) Genauer mitgeteilt in meiner Studie: „Ist das Asthma bronchiale eine 
Sexualneurose?" Zentralblatt für Psychoanalyse, 1. Jahrgang, Heft 5/6. 

») Hier findet eine psychische Überdeterminierung statt. Ich will gleich 
hervorheben, daß ich in diesem ganzen Artikel wesentlich von der angeborenen, 
konstitutionell verstärkten Erogenität handle, die natürlich jederzeit eine psy- 
chische Überdetenninierung erfahren kann und tatsächlich auch recht häufig 
erfährt. Doch gehe ich auf die letztere hier nicht ein, wenn es nicht ausdrücklich 
anders vermerkt ist. 



Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik. 531 

auf ganz geringe Anlässe hin eine Heiserkeit bis fast zur Aphonie bei 
ganz minimaler oder gar keiner Veränderung des Kehlkopfbildes. 

Beim Kitzeln von Kindern und ganz besonders von jungen Mäd- 
chen in der Geschlechtsreife ist uns schon oben als Reaktion ein end- 
loses Lachen und ein sozusagen „komisches Gefühl" begegnet. Ich 
will dies Lachen, das, streng genommen, der Muskelerotik zuzurechnen 
ist, schon hier besprechen, weil es sich an dieser Stelle gut einfügt. 
Das Lachen im allgemeinen scheint mit der Sexualität nicht unmittel- 
bar zusammenzuhängen. Wer über einen guten Witz sich ausschüttet 
oder über eine urdrollige Szene, kann von jeder Erotik im Augenblick 
frei sein, wenn auch der Umstand, daß die meisten Witze zynisch sind 
und soviele Menschen bei Anspielungen auf sexuelle Dinge lachen müssen, 
auf eine engere Verknüpfung hinweisen. Neben diesem gut motivierten 
Lachen, dem jedermann verfällt, gibt es ein anderes, das nur bestimmten 
Altersstufen eigen. Wir wissen, daß Kinder besonders leicht lachen, 
vor allem sind es aber junge Mädchen in der Pubertät, die ihres Kicherns 
kein Ende finden, auch dort wo Erwachsene ganz ruhig bleiben. 
Ihnen kommen alle Dinge „so komisch" vor. Eine Frau, deren hoch- 
entwickelte Hauterotik ich zum Schluß erzähle (Fall I), hieß beispiels- 
weise in diesen Jahren „die ewig Lächelnde", ja, galt darum bei ihren 
Lehrern als ein halber Narr. Dies ewige Lächeln hinderte sie nicht, 
10 Jahre später, da sie Witwe geworden, schweren Depressionen zu 
verfallen. Auch ihre Tcchter erhielt in den Jahren der Pubertät von 
einer Kollegin den Übernamen „der lachende Krug". So stark war 
die Lachlust bei ihr entwickelt, daß sie ihre Mutter oft direkt in Wut 
und Verzweiflung setzte, wenn sie für deren Ermahnungen und Schelte 
nichts anderes hatte als stetes Lachen, obgleich ihr innerlich gar nicht 
wohl zumute war. Bei Mädchen dieser Altersstufe läuft die miterregte 
Sexualität nicht in den Genitalien ab — sofern nicht etwa durch frühe 
Verführung letztere vorzeitig in Tätigkeit kommen — sondern schlägt 
sich auf andere Komponenten des Geschlechtstriebes, die Muskel-, 
Haut- und Schleimhauterotik, nach außen sich kund tuend in Lach- 
explosionen oder dem Verlangen nach glühenden Küssen und heißer 
Umarmung. Lernen solche Mädchen später den regelrechten Sexual- 
verkehr kennen, dann hört jenes ewige Lachen und Kichern von selber 
auf, ganz so wie die große Kitzüchkeit, während anderseits die Haut- 
und Schleimhauterotik zur Erzeugung von Vorlust dauernde Ver- 
wendung findet. 

Noch ein zweites Symptom ist dem Kitzeln nahe verwandt: 

34* 



532 J. Sadger. 

das nervöse Hautjucken oder der Pruritus, von dem man bekanntlich 
einen allgemeinen und lokalen unterscheidet. Das umschriebene Jucken 
beschränkt sich, wie Ferdinand Winkler betont 1 ), ausschließlich 
auf erogene Zonen und ist am häufigsten ein Pruritus vulvae oder ani, 
daneben auch scroti, perinaei oder orificii urethrae. Auch daß der 
Pruritus, allgemein wie örtlich, gern in der Menopause auftritt und 
in der Bettwärme exazerbiert, daß ferner das Kratzen im Juckanfall 
ausgesprochen wollüstigen Charakter besitzt mit Erweiterung der 
Pupillen — Jaqu et redet direkt von einem Onanisme pruritique — spricht 
für die sexuelle Natur des Hautjuckens. Ebenso endlich für eine starke 
Hauterotik, daß bei manchen Personen, die an langwährenden juckenden 
Dermatosen litten, der Juckreiz fortbesteht, trotzdem die eigentliche 
Ursache bereits längst abgelaufen ist. Das Benehmen des Pruritus- 
kranken gleicht auf ein Haar dem Furor eroticus, wie die klassischen 
Schilderungen Neissers und Kaposis erhärten. So heißt es bei 
letzterem: „Der Impetus scabendi, der Drang zum Kratzen, ist un- 
widerstehlich. Die größte moralische Anstrengung vermag ihm nicht 
zu widerstehen. Je länger er unterdrückt wird, desto heftiger macht 
er sich mit elementarer Gewalt geltend, alle Rücksicht der Über- 
legung, des gesellschaftlichen Zwanges beiseite schiebend. Mitten in 
der Konversation oder bei offener Szene im Theater muß der Pruritus- 
kranke auffahren, alles in Stiche lassen, gleichgültig, zu welchen 
Glossen er Gelegenheit geben mag, um sich ein einsames Plätzchen 
aufzusuchen, wo er die ihn quälende Haut seinen rächenden Nägeln 
preisgeben kann". Und ähnlich bei Neisser: „Der ganze Gedanken- 
und Gefühlsgang, alles Sinnen und Trachten dreht sich um das Jucken 
und um die Angst vor dem Jucken; ohne Widerstand zu leisten, ohne 
Rücksicht auf Umgebung und Ort gebärden sich die Kranken wie 
bei einem akuten maniakalischen Anfalle. Sie zerkratzen sich mit 
den Nägeln, reiben sich an den Türkanten, scheuern sich mit Bürsten 
oder irgend welchen Kratzinstrumenten und kommen nicht eher zur 
Ruhe, als bis sie sich durch tiefe Kratz- und Rißwunden eine Erleichte- 
rung verschafft haben, wobei nicht selten derartige Anfälle auch mit 
anderen schweren Nervenkrisen einhergehen. Mögen die Folgen solchen 
Kratzens auch noch so schmerzhaft und entstellend sein, selbst junge 
Mädchen lassen sich oft nicht abhalten, ihr Gesicht, ihre Arme usw. 
zu zerkratzen. Man wird sicherlich diese oft als „Dermatothlasie" 

x ) „Über den Pruritus cutaneus universalis", Monatshefte für praktische 
Dermatologie, Band 52, 1911. 



Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik. 533 

bezeichnete Kratzmanie gerade so als neuro pathisch auf- 
fassen müssen, wie das Nägelkauen und das Selbstepilieren 
von Augenbrauen, das Haarabreißen vom Körper, das 
Fingerlutschen und ähnliche bei Hysterischen undNerven- 
kranken gefundene Erscheinungen". Darum bezeichnet auch 
Winkler mit vollem Rechte das nervöse Hautjucken als psycho- 
sexuelle Erkrankung und heischt, den Pruritiker genau so zu behandeln 
wie einen Hysteriker, d. h. mit der psychoanalytischen Methode 1 ). 
Er selber hatte nach mündlicher Mitteilung in zwei einschlägigen 
Fällen damit guten Erfolg, desgleichen verfügen Paul Federn und 
ich über ähnliche Heilresultate in leichteren Fällen. 

Außer dem Pruritus stehen noch andere Dermatosen zweifellos 
in sehr enger Beziehung zur Hauterotik, wenn diese bislang auch noch 
wenig durchforscht ist. Am sichersten wissen wir dies von der Akne, 
die meist in der Pubertät beginnt, um nach deren Vollendung all- 
mählich zu verschwinden oder mindestens stark zurückzutreten. Sie 
wird durch Masturbation befördert, sodann bei Frauen durch die 
Menstruation. Endlich tritt sie nicht selten im Wechsel auf und be- 
vorzugt nach Laycock jene Körperteile, die durch sexuelle Be- 
schwerden heimgesucht wurden. Auch andere Hautausschläge, wie 
manche Formen von Urtikaria und Ekzem dürften mit der Haut- 
erotik zusammenhängen und dadurch ausnehmende Hartnäckigkeit 
erlangen, wie beispielsweise die sogenannten „Vierziger" der Kinder. 
Ekzeme scheinen besonders gern dort zu entstehen und zu rezidivieren, 
wo eine konstitutionell erhöhte Erotik den Boden gepflügt hat. 

Noch eine spezifisch erogene Hautzone, die Fingerspitzen, er- 
fordert eine kurze Besprechung. Ein Patient mit traumatischer Neurose 
erklärte mir bestimmt, daß er nicht bloß ein Ludler gewesen, sondern 
schon in seiner frühesten Kindheit, wenn die Mutter ihm die Nagel 
beschnitt, etwas unsagbar Unangenehmes empfunden habe wegen 
des damit verbundenen prickelnden Gefühles, ein Empfinden, das 
ihn noch heute beim Selbstschneiden überkomme 2 ). Leute, die ihre Nägel 

*) Auch hier ist zu unterscheiden zwischen der angeborenen Hauterotik, 
die das somatische Entgegenkommen setzt und natürlich unabänderlich bleibt, 
und ihrer psychischen Überdeterminierung, der hysterischen Fixation, die durch 
das Freudsche Verfahren weicht. 

s ) Ähnliches erzählt Friedrich Hebbel aus seinen frühesten Kinderjahren. Eine 

Nachbarsfrau „machte sich ein Geschäft daraus, mir die Nägel zu beschneiden, so 

oft es not tat, und das war mir wegen des dan it verbundenen prickelnden Gefühles 

in den Nervenenden äußerst verhaßt". („Aufzeichnungen aus meinem Leben.") 

3 4 



534 J. Sadger. 

mit Wollust beißen, verfügen nicht nur über eine verstärkte Schleim- 
haut- und Muskelerotik des Mundes, sondern auch eine ähnliche Ero- 
genität der Fingerspitzen. Bei letzteren wurde sogar eine eigene Neurose 
beschrieben, die Akroparästhesia Friedrich Schultz e, die be- 
zeichnenderweise am häufigsten Frauen im Klimakterium befällt, 
der Epoche des letzten erotischen Vorstoßes, und am stärksten nachts 
und morgens auftritt, den gewöhnlichen Zeiten sexueller Erregung. 

Die Haut-, Schleimhaut- und Muskelsexualität vermag uns 
vielleicht auch eines der Hysterierätsel mindestens teilweise aufzulösen, 
die Entstehung nämlich der verschiedenen Stigmata, welche jeder 
psychoanalytischen Deutung durchaus widerstehen. Ich will voraus- 
schicken, daß vollkommen zutrifft, was Alfred Adler in seiner Studie 
„Minderwertigkeit von Organen" betont, daß die Hyperästhesie das 
Primäre ist, die Unterempfindlichkeit oder gar Fühllosigkeit ein 
Sekundäres, und beide äußere Kennzeichen sind von minderwertigen 
oder, wie wir mit Freud betiteln, erogenen Partien. Die Pariser 
„Societe de Neurologie" hat unter Führung Babinskis die These 
des Pithyatismus aufgestellt. Die sogenannten hysterischen Stigmata 
nämlich, wie gewisse Krampfzustände, Lähmungen und Kontrakturen, 
An- und Hyperästhesien etc. etc., seien wenigstens in der Mehrzahl der 
Fälle Produkte einer unbewußten Suggestion, und zwar meist der 
ärztlichen. Babinski betonte, unterstützt' durch eine Reihe von 
Fachkollegen, daß, seit er die Untersuchung unter ganz bestimmten 
Kautelen durchführe, er keine Stigmata mehr entdecke, ja, erklärte 
sogar am Schlüsse der Diskussion, es sei nicht bewiesen, daß Stigmata 
außerhalb der Suggestion überhaupt existierten. Ist solches nun frag- 
los zu weit gegangen, da es beispielsweise sichergestellte hysterische 
Hemianästhesien gibt ohne jedwedes ärztliche Dazutun, so kann ich 
trotzdem aus einer ganz erklecklichen Anzahl eigener Untersuchungen 
an frischen Fällen tatsächlich bestätigen, daß ich bei genügend vor- 
sichtiger Prüfung keine Hyper- oder Anästhesien traf. Sobald ein Fall 
aber ärztlich mehrfach durchgeprüft worden, war immer eine Vorliebe 
für eine Körperhälfte zu finden im Sinne einer Hyperästhesie. Ge- 
denken wir weiters der absoluten Regellosigkeit hysterischer An- 
ästhesien, welche nie dem Verlaufe der Nervenstämme folgen, sondern 
regionär sind und häufig auch wechseln, berücksichtigen wir endlich 
die Erscheinung des Transfert oder der akuten halbseitigen Fühl- 
losigkeit, z. B. auf Weisung des Professors, so wird die Ableitung 
von Auto- oder Fremdsuggestion immer naheliegender. Nun hat 



Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik. 535 

Freud es als Erster ausgesprochen und Ferenczi 1 ) weiter ausgeführt, 
daß das Wesen der Suggestion und des Hypnotismus Verliebtheit ist, 
Verliebtheit in den Arzt oder den jeweils Einwirkenden. Scheint sich 
die Aufmerksamkeit des Arztes nun nach der Meinung des Kranken 
der einen Körperhälfte mehr zuzuwenden, so genügt diese subjektive 
Ansicht, die betreffende Seite empfindlicher zu machen. Die Rolle 
des also dirigierenden Medikus vermag unter anderem auch ein Trauma 
zu übernehmen, welches nur die eine Körperhälfte trifft, wie dies bei 
traumatischer Neurose meist der Fall ist. 

Aus meinen Untersuchungen über das letztere Leiden will ich 
hier einige Ergebnisse anführen. Wer viele solcher Kranken gesehen 
und geprüft hat, dem wird es auffallen, daß, wenn jene Neurose erst 
einige Zeit bestanden hat, ganz regelmäßig das geschlechtliche Fühlen 
erstorben scheint. Die Frauen erklären mit voller Überzeugung, beim 
Verkehre mit dem Manne jetzt gar nichts zu empfinden, auch wenn 
sie vordem sehr libidinös waren, und den Männern fehlt jeder sexuelle 
Impuls, als wäre ihr Geschlechtstrieb aufgehoben. Dies gilt aber nur 
für jene Fälle, bei welchen das Leiden schon länger gewährt hat. In 
frischen Neurosen ist das Bild ganz anders, ja mitunter geradezu ent- 
gegengesetzt. Da findet man nämlich eine akute, frei flottierende 
Libido, bereit und willig, sich auf alles zu stürzen, auf einen traumati- 
schen Impuls sowohl, als auf Mann oder Weib. Der Schreck hat näm- 
lich eine große Quantität Libido entbunden, aus ihrer Verankerung frei- 
gemacht, die obendrein, weil in statu nascendi, eine ganz besondere 
Affinität besitzt. Daß ein mächtiger Schreck, wie jeder starke Affekt 
überhaupt, auf das Sexuelle übergreift, ist ja längst bekannt. Geben 
viele doch übereinstimmend an, den ersten Orgasmus empfunden zu 
haben, als sie z. B. unter einem strengen Lehrer in die Schule zu spät 
kamen oder einer Prüfung nicht genügen korinten. Je gewaltiger der 
Schreck, desto mächtiger auch die- entbundene Libido, wie z. B. nach 
einem Eisenbahnunglücke. Und wir wissen aus der Chemie, daß manche 
Körper in statu nascendi eine außerordentliche Bindekraft haben. 

Aus dieser akut auftretenden Libido, die sich keineswegs auf 
Schreck oder die traumatische Neurose beschränkt, erklären sich 
manche rätselhafte Zeichen. Zunächst die hysterische Hyperästhesie 
in allen vom Arzte vermeintlich favorisierten Partien, sodann die 
Möglichkeit, die Libido von einer Seite auf die andere zu werfen auf 

x ) „Introjektion und Übertragung", Jahrbuch für psychonanalytisehe und 
psychopathische Forschungen, 1. Band, 2. Hälfte, S. 422 ff. 



536 J. Sadger. 

bloßes Kommando oder Suggestion. Vorauszusetzen ist da immer 
eine akute Übertragung auf die Person des Arztes, die dem Psycho- 
analytiker ja vollkommen geläufig ist. Noch interessanter sind die Phä- 
nomene der traumatischen Neurose. Die meisten Symptome entwickeln 
sich bei ihr gar nicht akut, sondern ganz allmählich im Verlaufe von 
Tagen, Wochen, ja Monaten. Das rührt nun daher, daß solche Kranke 
für ihre akute große Libido nicht nur keine Anknüpfung finden können, 
sondern obendrein ihre Rechtsansprüche dem Staat oder einer wider- 
strebenden Privatgesellschaft unter harten Kämpfen abringen müssen. 
Ihr Recht aber knüpft sich an ihre Symptome, die deshalb eine be- 
sonders libidinöse Besetzung erfahren. Statt daß man dem Liebes- 
bedürfnis der Kranken entgegenkäme, werden sie durch wiederholte 
Untersuchungen feindlicher Ärzte der Gegenpartei, durch den auf- 
gedrungenen Kampf stets auf sich selbst zurückgeschleudert. Die 
flottierende Libido wird autoerotisch, sich an der eigenen Krankheit 
fixierend. Darum werden die Patienten dieser Art so gern hypochon- 
drisch. Ist doch das Wesen der Hypochondrie nichts anderes als Ver- 
liebtheit in das eigene Leiden. Wer an traumatischer Neurose er- 
krankt ist, verbeißt sich besonders leicht darin. Und versucht man 
z. B. unvernünftigerweise, Symptome gewaltsam zu beheben, Kon- 
trakturen etwa durch Streckmaschinen, dann werden sie oft unlösbar 
fixiert 1 ). Nur wo dem Patienten Liebe begegnet und er zu übertragen 
noch fähig ist, also ganz zu Beginn des schweren Leidens und bei jüngeren 
Individuen, ist eine völlige Heilung möglich. Am besten durch Psycho- 
analyse, wie ich in einem Falle feststellen konnte. 

Er betraf einen 18jährigen Studenten, den ich 8 Tage nach einem 
Eisenbahnzusammenstoß in Behandlung bekam. Von seinen Symptomen 
seien hier nur diejenigen genannt, die zu unserem Thema der Haut-, 
Schleimhaut- und Muskelerotik in Beziehung stehen. Er zeigte bei 
wiederholter Untersuchung gewisse Störungen der Hautempfindlichkeit. 
die oft während der nämlichen Untersuchung wechselten. Konstant 
aber blieb eine erhebliche Steigerung der Sensibilität der rechten 
(Trauma-) Seite in Sinne aller drei Qualitäten, öfters geriet bei der 
Prüfung der Reflexe der ganze Körper oder einzelne Muskeln in stärkere 
Zuckung. Die Muskelkraft erschien herabgesetzt, war aber durch 

2 ) Auch viele subjektive Phänomene, die bei dieser Neurose so häufig sind, 
wie Schmerzen und Parästhesien in den verschiedensten Teilen, nächtliches Auf- 
schrecken, schlechter Schlaf und Herzerscheinungen, entsprechen dem Bilde 
einer völlig unbefriedigten Libido. 



Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik. 537 

Zureden leicht zu steigern. Die vorgestreckten Hände kamen leicht 
in einen schüttelnden Tremor. 

Erkennt man aus dem bisher Gesagten bereits ganz deutlich, 
daß sowohl das Eisenbahnunglück selber, als die Untersuchung durch 
die Ärzte richtunggebend wirkten, so war am verblüffendsten seine 
Dermatographie. Vier Ärzte, darunter Professor Freud, haben diese 
mit aller Sicherheit gesehen. Der letztere beschrieb sie in seinem Gut- 
achten folgendermaßen: „Streicht man mit dem Finger oder einem 
stumpfen Instrument an Brust und Rücken über die Haut, so bilden 
sich zuerst durch Gefäßkontraktion bleiche Stellen, die dann bald 
intensiv gerötet werden und durch Minuten stark hyperämisch 
bleiben. Es ist so möglich, auf der Haut mit dem Finger oder einem 
hölzernen Stile zu schreiben'." Obwohl demnach der Dermatogra- 
phismus in einwandfreier Weise von vier Ärzten gleichmäßig festgestellt 
worden, blieb er ein fünftes Mal, wie ich mich mit eigenen Augen über- 
zeugte, vollständig aus. Die Erklärung ist freilich unschwer zu geben. 
Der fünfte Arzt nämlich, von der Bahn gesandt, verriet durch sein 
ganzes Inquirieren und Gehaben, daß er den Patienten aufs Eis führen 
wollte, was dieser seiner späteren Angabe nach auch sofort durch- 
schaute. Auf einen so gegnerischen Arzt zu übertragen, war ihm schlecht- 
weg unmöglich, ja, er schloß geradezu die Libido vor ihm ab. Da blieb 
auch die Hauterotik ganz aus, die bisher bei keinem Arzte noch ver- 
sagt hatte. Für den feindlichen Kollegen hatten seine Hautgefäße 
gar nichts übrig! 

Ich konnte aber noch eine weitere merkwürdige Erfahrung machen. 
In der Psychoanalyse erwies sich gar bald, daß seine Libido sehr rege 
war. Trat er bis heute auch noch mit keinem Weibe in Geschlechts- 
verkehr, so war er doch von je recht liebebedürftig, was durch den 
Eisenbahnzusammenstoß nicht nur keine Einbuße erfahren hatte, 
sondern eher eine erhebliche Verstärkung. Schon zur Abreise aus der 
Heimat nach Wien entschloß er sich wesentlich, weil er sich hier eine 
Base wußte, die für ihn flammte. In Wien aber schrieb er nicht nur 
eine Fülle von Liebesliedern auf früher und jetzt angeschwärmte 
Mädchen, ferner auf die Mutter und seinen heißgeliebten Großvater, 
sondern ließ sich das Herz von dem Mühmchen wärmen nebst der 
obligaten Übertragung auf den Arzt. 

Schon am dritten Tag erfuhr ich in der Psychoanalyse, daß er 
seinem Onkel gegenüber mich als „sehr lieb" bezeichnet hatte. Ich 
sollte von dieser prompten Übertragung bald Gebrauch machen können. 



538 J. Sadger. 

Beim Zusammenstoße war er ins rechte Knie geworfen worden, worauf 
er fortab das rechte Bein nachzuschleppen begann, ob man auch 
äußerlich nur eine rasch heilende Hautabschürfung sah. Hier den 
Hebel ansetzend, fragte ich ihn am vierten Tage: „Warum ziehen Sie 
eigentlich das Bein so nach? Geschehen ist Ihnen im Grunde doch 
nichts. Denn eine solche Hautabschürfung haben Sie als Junge sicherlich 
hundertmal überstanden ohne jede Folge. Ich glaube, mit ein bißchen 
gutem Willen könnten Sie leicht ganz gerade gehen !" Schon am nächsten 
Tag ging er tatsächlich besser und in 2 bis 3 Tagen war jenes Symptom 
für immer behoben. Und die Erklärung dieser raschen Heilung? Der 
Kranke hatte auf mich übertragen, darum wurde mein Wort auch 
autoritär und er gab die Fixierung seiner Libido an die Muskelerotik 
des rechten Beines aus Liebe zu mir auf, von der Autoerotik auf mich 
übertragend. 

Ganz ähnlich vermag die ganze Atmosphäre berühmter Ärzte, 
wie sie zumal an Kliniken herrscht, jene Übertragungsmöglichkeit, die 
natürlich zuletzt auf den Vater zurückgeht, augenblicklich zu schaffen. 
Nach seinem Belieben kann solch ein Professor Fühllosigkeit diktieren 
und versetzen, Kontrakturen erzeugen und wiederum lösen, ja, gar 
nicht selten, wie bei den verschiedenen Hyperästhesien, geschieht dies 
ganz ohne jede Absicht, selbst durch die jüngsten Ärzte der Klinik, wenn 
diese dem Kranken nur sympathisch sind. 

Noch einen wichtigen und bisher unbesprochenen Punkt will ich 
berühren, der für ein volles Verstehen notwendig ist. Daß die Hysteri- 
schen so suggestibel sind, begreift sich aus ihrem enorm ge- 
steigerten Liebesverlangen, das allzeit lebendig, anheftungsbereit ist. 
Warum aber wirft sich die bewußte und unbewußte Suggestion just 
auf Haut, Schleimhaut und Muskulatur? Mich dünkt die Erklärung 
darin zu liegen, daß bei jener Neurose meistens eine Rückkehr zur 
infantilen Erotik statt hat, die weniger eine genitale ist als die ganz 
ursprüngliche Haut-, Schleimhaut- und Muskelsexualität. Diese Re- 
gression ins Prähistorische gibt erst die Basis für die verschiedenen 
Stigmata ab. Die äußeren, scheinbar schuldtragenden Anlässe sind nur 
der Funke ins Pulverfaß, entscheidend aber bleibt die jeweilige Kon- 
stitution des Kranken. D. h. auf welche Stigmen die Neurose sich wirft, 
hängt ab von der angeborenen Verstärkung der Haut-, Schleimhaut- 
und Muskelerotik. Sehr häufig sind auch die genannten drei Gruppen 
unter sich kombiniert, z. B. eine Dauerkontraktur mit einer anästheti" 
sehen Hautzone darüber. Ja, es will mich bedünken, daß man nach 



Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik. 539 

dem jeweiligen Verhalten der Libido sogar eine Einteilung treffen 
könnte. Verstärkung derselben führt bei der Haut- und Schleimhaut- 
erotik zur Hyperästhesie, bei der Muskelerotik zu rasch vorübergehenden 
Kontraktionen, zum Tremor und zu erhöhten Reflexen, Verdrängung 
der Libido zu voller Fühllosigkeit, wie zu dauernden Streck- und Beuge- 
kontrakturen. 

Ich bin der Entwicklung meines Themas vorausgeeilt, was zum 
Teil dadurch notwendig wurde, daß die Haut- und Schleimhaut- 
sexualität in den meisten Fällen von der Muskelerotik nicht scharf zu 
trennen ist. Ja, man kann sogar sagen, eine reine Schleimhautsexualität, 
die gibt es gar nicht, immer wirkt auch die Muskelerotik mit. So bei 
der Lippen- und Analerotik, dem' Ludein und Küssen, der Fellatio 
wie dem Cunnilinguus, dem Durchpressen der Skybala wie bei den 
Kontraktionen der Urethralerotik. Sogar vom genitalen Orgasmus 
beim Manne wie beim Weibe steht es heute über jedem Zweifel, daß 
er nichts anderes als ein Muskelkrampf ist und der Erguß von Flüssig- 
keiten nur Begleitsymptom, das unter Umständen wie beim Orgasmus 
der geschlechtlich noch Unreifen vollständig fehlt, ohne doch der 
Wollust Eintrag zu tun. Auch gibt es direkte Neurosen der Schleimhaut- 
und Muskelsexualität, wie das Asthma bronchiale, die Colitis muco-mem- 
branacea und die Pertussis 1 ), und es hat gewiß einen tieferen sexuellen 
Sinn, wenn man die Impotenz mit Sonden behandelt, d. h. die Schleim- 
haut und Muskulatur der Harnröhre bis zur Schmerzhaftigkeit reizt. 
Eine große erotische Bedeutsamkeit hat endlich auch noch die 
Schleimhaut der Nase, die ein wirkliches Genitalorgan darstellt mit 
erektilem Gewebe. Ihre Reizung in Form des Nasenbohrens wird zumal 
von Kindern, aber auch von Erwachsenen direkt zur Erzeugung von 
Orgasmus benutzt, was an charakteristischen Zeichen zu erkennen ist. 
(Siehe Fall II am Schlüsse dieses Aufsatzes !) Es gibt Leute, welche 
geradezu Nasenonanie betreiben, geheim, unwiderstehlich und krampf- 
haft und, was besonders bezeichnend, mit genau den nämlichen psychi- 
schen Folgen (Magenerscheinungen, Störungen der Aufmerksamkeit 
usw.), die wir als Symptome der Neurasthenia vera kennen. Auch daß 
viele Kinder und manche Große sich nicht schneuzen mögen, weil die 
Durchtränkung der Nasenschleimhaut Lustgefühle macht, fußt auf der 
nämlichen Sexualität, ganz ebenso wie der nervöse Schnupfen. 

*) Den sexuellen Charakter all dieser Krankheiten erweist die regelmäßige 
Besserung, wenn solche Patienten von den geliebten Personen (Eltern, Haus- 
genossen usw.) getrennt und ferngehalten werden. 



540 J. Sadger. 

Ganz kurz will ich die Erotik der anderen Sinnesorgane hier 
noch streifen. Praktisch am bedeutsamsten sind die nervösen Seh- und 
Hörstörungen, wie Blendungsgefühl, Flimmern vor den Augen, Mouches 
volantes, Sehen von leuchtenden Punkten, Sternen u. dgl., die nervöse 
Asthenopie und die hysterische Blindheit; ferner Hyperakusie, Ohren- 
sausen, Klingen, Pfeifen und Zischen vor den Ohren und hysterische 
Taubheit, Symptome, die sich häufig durch eine besondere Hart- 
näckigkeit auszeichnen. Wo diese zu finden, ist, abgesehen von der 
psychischen Überdeterminierung, von vornherein auf eine erhöhte 
Erogenität des betreffenden Sinnesorgans zu schließen. Schon äußerlich 
verrät sich eine solche oft durch Jucken und Kitzeln der Augenlider 
wie des äußeren Gehörganges, was zu starkem onanistischen Reiben 
führt mit ausgesprochenem Lustgefühle dabei. Eine meiner Kranken, 
die sich früher häufig die Klitoris reizte, gibt direkt an, jetzt Mastur- 
bation im Ohra zu treiben als Ersatz der genitalen, die sie aus anderen 
Gründen perhorresziert 1 ). 

') Aus ihrer Analyse setze ich die betreffenden Stellen her: „Ich habe jetzt 
immer ein Jucken im Ohr, worauf ich mit Wattepfropf oder Haarnadel in den 
Gehörgang fahre und solange reibe, bis eine Flüssigkeit kommt. Diese Gewohnheit 
habe ich, solange ich zurückdenken kann, und zwar von der Mutter her, die mir 
in dieser Weise die Ohren putzte, was mir so unangenehm war, daß ich immer schrie. 
An der Klitoris zu reiben, wage ich jetzt nicht mehr. Ich täte es sehr gerne, fürchte 
aber die Verstärkung meiner Beinschmerzen. Hingegen onaniere ich jetzt im Ohre» 
wenn ich erregt bin. Das ist dann ein Ersatz für die wirkliche Masturbation und 
bereitet mir auch ein sehr angenehmes Gefühl. Vielleicht verlege ich es jetzt ab- 
sichtlich an eine anständige Stelle, wo ich es immer tun kann, und vielleicht 
verbinde ich es auch mit irgendeiner Sexualphantasie. Wenn ich jetzt im Ohr 
onaniere, habe ich nachher auch Schmerzen, genau so wie bei der genitalen Onanie, 
und eine Flüssigkeit kommt auch. Wenn mich als Kind der (heißgeliebte) Vater 
schlug und ich also unbefriedigt war, da habe ich mir durch die Onanie geholfen. 
Ich ging in den Garten oder sonst an einen Ort, wo ich allein war, nahm mir ein 
Buch oder Süßigkeiten und masturbierte, genital oder im Ohre. Das war solange 
ich mich zurückerinnere. In späteren Jahren hatte ich abends oft ein fürchterliches 
Sausen im Ohr, das mich sogar zum Arzte trieb, der aber nichts fand. Das Sausen 
wird auch nervös sein und daraus ist dann das Jucken geworden. Häufig plagt 
mich abends ein so fürchterliches Jucken, da lege ich mich ins Bett, nehme ein 
Buch und die Onanie ist gleich fertig. Das werde ich als Kind auch so gemacht 
haben, weil sie immer ein großes Trostmittel für mich war. Vor s / 4 Jahren 
habe ich zweimal im Theater auf dem rechten Ohr gar nichts gehört und 
fürchtete schon, etwas angestellt zu haben. Zum Ohrenarzt zu gehen, wie 
ich große Lust hatte, hielt mich mein Mann ab: ,Es wird nur nervös sein.' 
Nach einer Woche war es tatsächüch von selber gut, ohne daß ich etwas 
dazu getan hätte." 



Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik, 541 

Wie die Erotik der Schleimhaut immer, so ist jene der Haut in 
den meisten Fällen mit der der Muskulatur gepaart. Das tritt z. B. 
bt im Ringen und Raufen der Schuljugend zutage. Da packt so ein Knirps 
ein zweites Kerlchen aus irgend welchem Scheingrunde oder gar nicht 
so selten auch ohne solchen und fängt ein lustiges Raufen an, bloß um 
für seine mächtige Sexualität einen Ausweg zu finden. Viele wissen 
ganz sicher, daß sie bei solchem Raufen ihren ersten Orgasmus emp- 
funden haben. Und selbst der Unterliegende und Durchgeprügelte 
empfindet weniger Wut und Schmerz als ein Gefühl befriedigter 
Libido, auch wenn er sonst gar nicht masochistisch ist. Nicht einmal 
Erwachsene können dem Impulse zum Hinschlagen widerstehen, wenn 
irgend welche Nates, z. B. von Kindern oder Pferden, ihnen gar zu 
aufdringlich entgegenblicken. Hierher gehört auch das Angreifen, 
Umarmen und innige Küssen von Eltern und Kindern, Freunden 
und Freundinnen. In Frankreich, dem Lande der höchsten Kultur, 
sind die Lippen eines jungen Mädchens streng für den Verlobten 
reserviert. Es kommt sogar vor und ist psychologisch sehr wohl be- 
gründet, daß Mädchen, die ein einziges Mal von einem Manne geküßt 
würden, damit ihre Jungfräulichkeit verloren zu haben glauben. Bei 
den meisten Mädchen besserer Kreise, die keine vorzeitige Reizung 
erfuhren, besteht zur Pubertätszeit ein heftiges sexuelles Drängen. 
Nur weckt dies nicht etwa Verlangen nach geschlechtlichem Verkehre, 
wie in der Epoche nach vollendeter Reife, sondern bloß ein solches nach 
heißen Küssen und inniger Umarmung, worin sie volle Befriedigung 
finden. Die Reinheitsgloriole, die so viele junge Mädchen umgibt, beruht 
auf dem Fehlen der genitalen Sinnlichkeit trotz aller Stärke ihrer Haut-, 
Schleimhaut- und Muskelerotik. Endlich fühlen sich viele aus starker 
Haut- und Muskelsexualität zum Turnen gedrängt oder zum Bergkraxeln, 
während andere aus gleichen physiologischen Gründen berüchtigte Rauf er 1 ) 
und Plattenbrüder werden oder mindestens Masseure und Masseusen. 

Es erscheint recht fraglich, ob eine isolierte Muskelerotik über- 
haupt existiert. Am ehesten wäre an sie noch zu denken bei den lust- 
vollen Tätigkeiten der Kindheit, dem Schreien und Strampeln, Laufen 
und Springen, die nicht auf entsprechende durchsichtige Anlässe, 
sondern auf endogenen Reiz hin erfolgen. Ein solcher ist der zumal in 
der Kin dheit so mächtige Überschuß an Muskelerotik. Ein Kind kann 

*) Von seinen friesischen Landsleuten erzählt Friedrich Hebbel, „seit 
den ältesten bis auf die neuesten Zeiten schlugen sie sich (auf dem Schlacht- 
felde) nicht bloß, weil es ihnen Pflicht dünke, sondern noch mehr, weil es 
ihnen Wollust sei''. 



542 J. Sadger. 

z. B. scheinbar motivlos zu schreien oder zu laufen anheben, was mit- 
unter selbst noch in die Pubertät hineinreicht, wo ein Jüngling etwa 
sich unwiderstehlich gedrängt und gereizt fülüt, einen Fluch oder 
Kraftausdruck hinauszuschmettern. Allerdings läßt sich beim Schreien 
und Fluchen auch die Schleimhauterotik nicht ganz ausschließen, ja, 
bei den sogenannten „Schreiern" oder „Brüllern" unter den ganz 
kleinen Kindern ist sie wohl mit Sicherheit anzunehmen 1 ). Andere 
Kinder können oft bis in recht späte Jahre vom „Hetzen" nimmer 
genug bekommen und verlangen unermüdlich Wiederholung 2 ). 

Eine von der Hautlust nicht freie Betätigung der Muskelerotik 
ist die Lust am Tanze 3 ), der ja vielleicht am geeignetsten ist, den Zu- 
stand der Tumeszenz zu erzielen. Er findet sich bekanntlich bereits 
in der Tierwelt und wird selbst bei den niedrigsten Völkern schon 
dazu benutzt, sexuelle Erregung auszulösen. In der Kulturwelt ist nach 
Havelock Ellis 4 ) der Tanz nicht bloß ein Anreiz zur Liebe, sondern 
oft auch Ersatz des Liebesgenusses, „da er etwas von dem Genüsse 
befriedigten Verlangens gewahrt. Man kann das besonders häufig bei 
jungen Mädchen sehen, die manchmal einen großen Kraftaufwand 
durch Tanzen treiben und sich so nicht Ermüdung, sondern Glück 
und Ruhe schaffen; nach dem Beginne geschlechtlichen Verkehres 
verlieren Mädchen bezeichnenderweise oft viel von ihrer Tanzlust" 5 ). 

*) Es gibt auch Kinder und Erwachsene, die beim Weinen und Heulen 
geradezu einen Genuß empfinden. Desgleichen beginnen manche Frauen beim 
Koitus zu winseln und zu heulen, weil das ihre Lustgefühle erhöht (vgL hierzu 
auch Fall III am Schlüsse). 

*) Es könnte der Einwand erhoben werden, daß ich Organ- und sexuelle 
Lust miteinander verwechsle. Inwieweit die beiden zusammenhängen, ist eine 
noch wenig durchforschte Frage, auf welche ich hier nicht näher eingehe. Nur 
das eine läßt sich schon heute sagen: eine jede physiologische Betätigung erzeugt 
bis zu einem gewissen Grade Lustgefühle. Daneben geht immer eine gewisse 
Abspaltung für das Sexuelle mit. Wo besondere Lustgefühle erregt werden, 
scheint das Sexuelle ausnehmend mächtig miterregt zu werden, was meist auf dem 
Boden einer konstitutionellen Verstärkung geschieht. Daneben besteht natürlich 
allzeit die Möglichkeit noch einer psychischen Uberdeterminierung. Doch setzt 
auch diese mit Vorliebe ein, wo eine angeboren erhöhte Erotik den Boden bereitete. 

3 ) Mindestens gilt das vom Tanz mit einem Partner, wenn auch nicht für 
den solitären Tanz, z. B. bei wilden Völkerschaften. 

4 ) „Das Geschlechtsgefühl", übersetzt von H. Kurella, 1903, S. 57 ff. 

5 ) Was Havelock Ellis hier so glänzend schildert, ist das große sexuelle 
Lustgefühl der Muskelerotik, das zur Zeit der Pubertät weit mächtiger ist als das 
genitale. Ich behandle jetzt eine Jungverheiratete Gattin und Mutter, die präzis 
angibt, seit ihrer Ehe von jedem Balle mit Schuldgefühlen nach Hause zu gehen. 



Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik. 543 

Endlich sei noch erwähnt, daß eine Neurose der Muskelerotik existiert, 
und zwar der Tik, welcher seine Beziehung zum Sexuellen auch dadurch 
verrät, daß er so häufig mit allerlei Zwangsimpulsen verbunden ist. 

Vergleichen wir nunmehr im allgemeinen die Haut-, Schleimhaut- 
und Muskelerotik mit der genitalen, so zeigen jene weit mehr als die 
letztere einen deutlich autoerotischen Charakter. Durchgreifend ist 
freilich der Unterschied nicht. Denn auch Masturbation ohne Phantasie 
ist autoerotisch, während anderseits Tanz, Kuß und andereBetätigungen 
der ersteren Art ein zweites Objekt notwendig voraussetzen oder mindest 
meist haben. Gleichwohl darf man sagen: die Haut-, Schleimhaut- 
und Muskelerotik ist gewöhnlich auf das eigene Ich beschränkt und 
diesem die größte Lust bereitend, die genitale hingegen meist auf ein 
fremdes Objekt gerichtet und dadurch erst sozial geworden und dem 
Gemeinwesen Kräfte zuführend. 

Der Gegensatz zwischen dem primären, selbstsüchtigen Ich des 
Kindes und dem sekundären sozialen des Erwachsenen ist im wesent- 
lichen Fortschreiten vom Autoerotismus zur Liebe für andere. Immerhin 
ist die ursprüngliche Autoerotik nicht gering anzuschlagen. Bleibt 
sie doch der älteste, fast unsterbliche Born, der die Sexualität stets 
wiederum tränkt, ihr allzeit neue Stärke gebend wie dem Riesen 
Antäus die Mutter Erde. In vorgerückteren Jahren endlich, wenn 
der eigene Geschlechtsapparat atrophisch geworden, wird sie allein- 
herrschend wie einst in der Kindheit. 

Noch mehr, es ist die hohe Entwicklung jener Autoerotik ganz 
unerläßlich, um auch die genitale zu höchster Entfaltung kommen zu 
lassen. Man kann dies deutlich am Laufe der Geschichte, bei den wilden 
Völkern, ja, selbst zur Stunde an unserer eigenen Plebs studieren. 
Die Haut-, Schleimhaut- und Muskelempfindlichkeit 1 ) der wilden 
Nationen und geistig Tiefstehender ist weitaus stumpfer als die des 
hochzivilisierten Kulturmenschen. Aber auch bei dem letzteren hat 
selbst noch in geschichtlicher Zeit eine ungeheure Fortentwicklung 

Trotzdem sie noch keinem Tänzer je das mindeste gewährte, plagt sie doch immer 
die Empfindung, sich dirnenhaft benommen zu haben, als wäre sie von jenem 
koitiert worden. Hie und da hat sie direkt ein Bauschgefühl. Der Tanz ist nicht 
bloß ihr selber ein teilweiser Ersatz des Geschlechtsverkehres, sondern sie ver- 
mutet mit Fug und Grund das nämliche auch bei vielen ihrer Tänzer (nähere 
Beschreibung in Fall III am Schlüsse dieses Aufsatzes). 

*) Die Empfindlichkeit läuft der Erotik parallel. Je empfindlicher im 
allgemeinen Haut, Schleimhaut und Muskeln, desto größer auch die sexuelle 
Lust, die von ihnen ausgeht. 



544 J. Sadger. 

platzgegriffen. Lesen wir z. B., was in früheren Jahrhunderten Menschen 
an Schmerzen ausgehalten haben, welch raffinierte Qualen und Tor- 
turen ausgedacht und ertragen wurden, die Leichtigkeit der Selbst- 
verstümmelung, ja, der Selbstvernichtung noch zu Zeiten der Römer, 
das kaltblütige Hinschlachten großer Massen durch ihre Fürsten, den 
Stolz, den die Indianer dreinsetzen, die größten Martern lautlos zu 
ertragen, sehen wir endlich an unseren heutigen chirurgischen Kliniken 
die große Hypalgesie der Plebs, dann wird man zu dem Schlüsse gedrängt, 
daß die Muskel-, Haut- und insbesondere die Schmerzempfindlichkeit 
sich durch die Kultur ganz außerordentlich gesteigert hat. Ja, wir 
dürfen dreist sagen, an dieser Verfeinerung der Schmerzhaftigkeit 
hängt sehr viel von unserer Zivilisation. 

Sie beginnt im Grunde bereits im Tierreiche, als in der stammes- 
geschichtlichen Entwicklung die Menschenaffen zum ersten Mal ein 
Hymen ansetzten. Dies findet sich bekanntlich nur bei jenen und 
dem Menschen selber. Mich dünkt dies neuerdings zu beweisen, 
daß auch der intellektuelle Fortschritt von der Steigerung der 
Sexualität abhängig, wie ja die geistig so hochstehenden Affen 
die geilsten unter allen Tieren sind und höchstens einige hoch- 
zivilisierte Haustiere ihnen nahe kommen. Beim Kinde der Kultur 
erkennen wir deutlich, daß seine geistigen Fähigkeiten, sagen wir 
mindestens parallel gehen der Sexualität. Die auffallend Geweckten 
und Gescheiten nämlich sind regelmäßig solche mit ausnehmend starken 
geschlechtlichen Teiltrieben. Ja, es kann passieren wie bei Christian 
Friedrich Daniel Schubart, daß die Sexualität bis zum 7. oder 8. Jahre 
schlummert und das Kind bis dahin ein Schaf zu sein scheint. Durch 
irgendwelche endogene Reize erwacht dann mit eins die Sexualität, um 
gleich enorm hoch anzuschwellen, worauf dann jenes nicht bloß in Kürze 
das Versäumte nachholt, sondern sämtliche Genossen weit übertrifft. 

Auch das Kind der geistig hochstehenden Klassen zeigt eine 
merkwürdige Unterempfindlichkeit wider den Schmerz gleich den 
Wilden und Erwachsenen der Plebs. Nur hat seine Hyp- oder Analgesie 
ganz andere Gründe. Bekanntlich erleidet es öfters Insulte, die jedem 
Erwachsenen höchst schmerzhaft wären, ohne darauf besonders zu 
reagieren. Es verzieht vielleicht einen Moment den Mund, um sich, wenn 
es keine Beachtung findet, rasch wieder zu beruhigen. Eventuell vermag 
eine kluge Mutter den allzu argen Schmerz mit Leichtigkeit ihm weg- 
zublasen, was beim Erwachsenen ja unmöglich wäre. Ganz anders 
jedoch, wenn seine Lieben besorgt dreinsehen. Dann beginnt es zu 



Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik. 545 

heulen, und zwar desto mehr, je heißer das Bemühen jener ist, es zu 
besänftigen. Woher dies widerspruchsvolle Verhalten? Die Haut- und 
Muskelsexualität ist beim Kinde nicht nur um vieles stärker, sondern 
auch diffuser, was z. B. das schlechte Lokalisieren seiner Schmerzen er- 
klärt. Ein schmerzhafter Insult erregt sofort die ganze Hauterotik kräftig 
mit, so daß ein zwiespältiges Empfinden entsteht, nicht einfach Unlust 
wie beim Erwachsenen. Kommt durch das Wegblasen ein neuer Reiz 
und Liebesbeweis seiner Nächsten dazu, beruhigt sich jenes auf der 
Stelle. Nur allzu besorgt darf man nimmer tun, sonst winkt dem Kinde 
die willkommene Gelegenheit, durch vehemente Schmerzäußerung 
potenzierte Liebe zu erzwingen, worauf es natürlich desto stärker heult, 
je mehr man es zu beruhigen trachtet. 

Beim gesunden Kulturmenschen tritt nun nach Vollendung der 
Pubertät die diffuse Haut- und Muskelerotik zugunsten einer einzigen 
Partie zurück, der genitalen. Nur bei den Neurotikern bleibt ein gut 
Teil jener diffusen infantilen Sexualität erhalten, was dann die Haut- 
und Muskelstigmen der Hysterie und traumatischen Neurose erst 
ermöglicht. Aber auch beim Gesunden erlischt sie nie völlig, nur daß 
sie nicht mehr die höchste Wol- und Endlust erzeugt, sondern bloß 
die Vorlust, welche die genitale ad maximum steigert. In den Jahren 
der Pubertät bestehen eine Zeitlang eng nebeneinander die diffuse 
infantile Haut-, Schleimhaut- und Muskelsexualität und die erwachende 
genitale. Dies Nebeneinander setzt die Genialität der Entwicklungsjahre, 
die auch den später beschränkten Köpfen in einem gewissen Maße 
eignet. Wie hat nur Nestroy einmal gesagt: er möchte doch wissen, 
wohin all die gescheiten Schusterbuben kämen, denn die Meister seien 
allesamt Idioten. Die Meister sind natürlich gesetzte Männer, bei welchen 
jene diffuse Erotik auf ein Minimum beschränkt ist, um der der eigent- 
lichen Geschlechtsorgane Platz zu machen. 

Man erkennt schon da die große Bedeutung der extragenitalen 
Sexualität. Doch ich möchte noch weiter gehen und direkt behaupten, 
daß die höchste Kulturentwicklung der Menschheit an ihr Fortbestehen 
gebunden ist. Wer Augen hat zu schauen, wird sich der Einsicht nicht 
verschließen können, daß in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts 
mit ihren außerordentlichen Fortschritten auf allen Gebieten, einem 
Fortschritte, der weitaus die Leistungen von Jahrtausenden vorher 
aufwiegt, auch ein enormer Zuwachs von Sexualität ganz unverkennbar 
Hand in Hand geht, und zwar vorwiegend der extragenitalen. Erst 
diese Epoche hat beispielsweise den Sport in seinen verschiedensten 

Jahrbuch für psychoanaljt. u. psyoliopathol. Forschungen. III. 35 



546 J. Sadger. 

Formen, d. h. die Erregung von Haut- und Muskelsexualität für die 
breiten Volksmassen groß gezogen, so das Bergsteigen bis zur Alpinistik, 
das Schwimmen, Turnen und Eudern, Ead- und Automobilfahren, 
Tennis- und Golfspiel, Wintersport der verschiedensten Art sowie 
Reisen und Jagen in fremden, unerforschten Weltteilen. Die Haut- 
und Muskelerotik der Menschen ist also an sich viel mächtiger geworden 
und weit verbreiteter, nicht etwa bloß als Erzeugerin der Vorlust. 
Doch auch im allgemeinen ward das Geschlechtsleben unserer Kultur- 
völker nach jeder Erfahrung viel intensiver. Der Schrei nach dem 
Ausleben der Individualität hätte nicht so kräftigen Widerhall ge- 
funden und zum Exempel in der modernen Mädchenerziehung so vieles 
ehedem ganz Ungeheuerliche durchgesetzt, wäre nicht die Geschlechts- 
lust der Menschen in toto so gewaltig gestiegen und so unwiderstehlich. 
Bei dieser Zunahme der Geschlechtsbedürftigkeit kommt der 
extragenitalen Erotik eine ganz besondere Wichtigkeit zu. Ermöglicht 
doch sie erst weitgehendste Steigerung der Sexualität und aller kulturell 
so wichtigen Sublimierungsmöglichkeiten, ohne daß die erregte Sinn- 
lichkeit verheerend über die Stränge schlüge 1 ). Man braucht nur an die 
sittlichen Zustände in der Verfallszeit Roms zu denken. In dieser 
Epoche gab es nur eine Sexualbetätigung, die genitale, und keine 
andere Ablenkung für sie als in wüsten Orgien. Hingegen wirkt die 
Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik der modernen Menschen wie 
eine Art von Leydener Flasche. Sie gestattet Aufspeicherung einer 
großen Menge von Sexualität, ohne daß sie doch darum zügellos würde. 
Schon deshalb nicht, weil sie autoerotisch und darum weit besser 
geeignet ist zur Sublimierung. Wer den Geschlechtstrieb des Menschen 
verfolgt, wird sich der Erkenntnis nicht verschließen können, daß die 
Zeit der stärksten und mächtigsten Sublimierung diejenige der Auto- 
erotik ist. Genitale Betätigung läßt für die Vergeistigung wenig übrig. 
Nach vollendeter Reife, wenn man für die liebe gemeinhin einen 
Partner braucht, wird sie dadurch allerdings altruistisch, doch freilich 
zunächst und bei den meisten überhaupt bloß für jenen und höchstens 
die Familie. Betrifft dagegen die extragenitale Sexualität gemeinhin 
auch nur die eigene Person, so schafft ihre Sublimierung gleichwohl 
eine Reihe von ganz gewaltigen Triebkräften, die später der Gesellschaft 

x ) Darum ist die Behauptung eine Strecke weit zutreffend, daß moderner 
Sport ein Blitzableiter für genitale Libido sei. Ohne jenen würde der Geschlechts- 
trieb noch viel ärger wüten, als es zur Stunde bereits der Fall ist, wenn auch 
natürlich der Sport bloß eine Ableitung darstellt, im übrigen jedoch durch die 
Hebung des allgemeinen Körperbefindens auch die Sexualität in toto steigert. 



Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik. 547 

zugute kommen. Damit aber wird sie sozial viel wertvoller als jene 
scheinbar altruistische, doch bloß auf den engsten Kreis beschränkte 1 ). 

Noch weitere Vorteile eignen der Haut- und Muskelerotik. Sie 
ist viel höher potenzierbar, intensiver zu stauen als die gemeine genitale. 
Und während ein Teil stets wieder der Sublimierung verfällt, wird 
neue Autoerotik gespeichert. Selbst von der natürlichen physiologischen 
Abnutzung der Geschlechtsorgane macht sie den Menschen bis zu 
einem gewissen Grad unabhängig und verlängert die Möglichkeit seines 
Liebeslebens nach oben und unten, in die Kindheit wie ins Greisenalter. 
Zumal dem Weibe gestattet sie mit der Mutterschaft zu warten, bis 
es anatomisch und physiologisch voll leistungsfähig worden, ohne 
doch bis dahin auf die so notwendige Sexualität verzichten zu müssen. 
Man erkennt jetzt unschwer, wie bedeutsam es wird, daß die Sexualität 
kein Einfaches ist, nicht auf die Fortpflanzungsorgane beschränkt, 
sondern unerschöpfliche Lustquellen birgt in der extragenitalen Erotik. 
In diesem Sinne ist das Abwerfen des Haarkleides, welches noch unseren 
unmittelbaren tierischen Vorfahren zueigen gewesen, eine Bedingung des 
Kulturfortschrittes, ähnlich wie die steigende Schleimhauterotik erst eine 
artikulierte Sprache, das typisch Menschliche, zur Entwicklung brachte. 

Ich möchte endlich noch nachdrücklich hervorheben, daß ich 
durchaus nicht mein ganzes Material erschöpfend auslegte. Einen Teil 
hielt ich vorläufig zurück, um ihn bei der Darstellung des sadistisch- 
masochistischen Komplexes in einem späteren Aufsatze grundlegend zu 
nutzen. Hier will ich nur noch aus meiner psychoanalytischen Praxis 
drei einschlägige Fälle kurz berichten, soweit sie die extragenitale 
Erotik zu beleuchten geeignet sind. 

Fall I. 

51jährige Hysterika, von deren zahllosen Beschwerden ich bloß 
jene hervorhebe, die hier in Betracht kommen. Ich zitiere nach den 
stenographischen Auf Zeichnungen der Psychoanalyse, möglichst mit den 
Worten der Patientin: 

„Als Kinder haben wir uns gern entweder in der Handfläche oder 
an der Innen- (Radial-) Seite des Vorderarmes hinauf kitzeln lassen, 
was uns ein besonderes Lustgefühl bereitete. Gewöhnlich machten wir 

x ) Bezeichnend ist auch, daß die Frauen mit ihrer meist so viel stärkeren 

Extragenitalerotik sich zur Kinderpflege besonders eignen, weil jene dabei am 

besten auf ihre Rechnung kommt. Hingegen wollen sehr sinnliche Frauen mit 

enormer Genitalerotik oft keine Kinder, und wenn sich dann dennoch solche 

einstellen, sind sie mindest in ihrer Betreuung sehr lässig. 

35* 



548 J. Sadger. 

Geschwister einander das gegenseitig und am liebsten hätte ich mir 
das alleweil fortsetzen lassen. Auch an der Fußsohle haben wir uns 
wechselseitig gekitzelt, aber das hielten wir nicht aus und hauten wild 
herum. Ähnlich empfindlich war ich unter den Achseln und am Halse, 
da vertrug ich das Kitzeln gleichfalls nicht. Hingegen kitzelte ich mich 
selber häufig um die Brust herum, besonders an den Brustwarzen, wo 
ich empfindlicher war, ferner an den Bauchseiten. An beiden Stellen 
war es direkt ein wohliges Gefühl. Wenn wir uns an den Sohlen 
kitzelten, lachten wir soviel, daß Großmutter bemerkte : ,Da kann man 
sich zu Tode lachen !' Auch am Rücken ließen wir uns sehr gern kitzeln 
und hinterdrein, wenn es gar zu arg geworden, kratzen. Wenn es uns juckte, 
hatten wir direkt starke Lustgefühle davon. Da kriegt man nicht genug, 
man hat immer mehr haben wollen. Den anderen wurde es schon zuwider 
und ich habe immer von neuem anfeuern müssen : ,Noch ein bißchen !'" 

Seit einer Ohnmacht mit 30 Jahren, dem Beginne ihrer jetzigen 
schweren Hysterie, leidet sie auch häufig an Pruritus cutaneus, und 
zwar sind es immer bestimmte Stellen, die fortwährend jucken, z. B. 
die Schulterblätter und der Raum zwischen ihnen oder jene Punkte, 
wo die Glutaei in die Lendenmuskeln übergehen. „Ich kriege dieses 
Hautjucken immer beiderseits, eventuell kommt es auch an beiden 
Knöcheln vor, mitunter auch am Rist oder den Fußballen. Wenn ich 
es auf der einen Körperhälfte verspüre, kann ich sicher sein, es wird 
alsbald auch auf der andern auftreten. Dabei ist äußerlich nie etwas 
zu sehen. Erst in den letzten Jahren (Beginn des Klimakteriums) habe 
ich starkes Jucken an den Genitalien vor und nach der Menstruation 
und häufig auch Jucken an der Brust." Zu ergänzen ist noch, daß sie 
sich öfters vor Brustkrebs fürchtet und während der Menses stets 
ziehende Schmerzen in den Mammae bekommt. 

„Als ich mit 9 Jahren spontan auf das Onanieren kam, indem 
ich mich zwischen zwei Sesseln hutschte, mußte ich lachen und weinen 
zu gleicher Zeit und spürte ein Kitzeln an den Genitalien und am Bauch 
nebst einem gewissen Schmerze oberhalb der Schamgegend. Wenn 
ich jetzt aufgeregt bin oder Angstzustände habe oder mich vor irgend 
etwas fürchte, kriege ich ein Laufen und Ziehen längs des Rückgrats 
bis zum Bauche hin, also auch eine Art Kitzeln. Bei diesem Laufen zieht 
es mich förmlich in die Höhe und es stellen sich Angstzustände ein, vor- 
nehmlich die Furcht zu sterben oder närrisch zu werden. Vielleicht 
rührt dieses Ziehen längs des Rückens daher, daß mich meine Brüder 
in Spiel und Streit oft an den Zöpfen bis zur Erde niederzogen, was 



Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik. 549 

mir direkt Schmerz bereitete, kein Wollustgefühl." Auch der Vater 
drohte häufig: „Ich ziehe dich bei deinen Haaren in die Höhe !", weshalb 
es sie jetzt mitunter heraufzieht. „Als Kinder ließen wir uns oft am 
Kopfe in die Höhe heben, bis Großmutter sagte : ,Das dürft ihr nicht 
tun, da könnt ihr euch ja den Halswirbel ausrenken !' Dann hätte 
ich auch sehr gerne Zöpfe und Haare recht schwer gehabt, daß sie 
mich herunterziehen, wie ich in Märchen gelesen hatte. Da waren es 
immer Königstöchter oder sie wurden wenigstens Königinnen." — 
Hinter dem ziehenden Schmerz beziehungsweise Kitzel stecken also 
wohl infantile Größenphantasien? — „Ja, ich habe mir immer gewünscht, 
eine Fee solle kommen und mir drei Wünsche freistellen. Da hätte ich 
genannt : schöne goldblonde Haare bis zum Boden hinunter, 20.000 fl. 
und die ewige Seligkeit. Als Kinder haben wir auch häufig gespielt, 
ein Haar zu packen und in die Höhe zu ziehen. Bevor man es packt, 
kitzelt die Haut, nachdem man es hat, sticht es beim Anziehen und 
das nämliche Gefühl habe ich immer zwischen den Schulterblättern, 
Jucken mit Stechen (verschieden von dem bloßen Jucken in den 
Schulterblättern). Beim Vater sah ich sehr oft, daß er ein Haar von 
der Nase nahm und es sich ausriß. Das tut er jetzt auch noch." — 
Stecken da nicht noch andere Haare dahinter? — „Ja, als Mädel habe 
ich auch an den Schamhaaren gezogen und sie mir auch immer ab- 
geschnitten, weil sie mich genierten. Beim Jucken an den Schulter- 
blättern habe ich an ein Wimmerl gedacht oder an einen Floh, weil 
es wurlt." Mit 12 bis 13 Jahren hatte sie einmal in der Schamspalte 
einen Furunkel, der aufging und stark sezernierte. Sie glaubte damals 
ihn von einer Näherin akquiriert zu haben, die bei ihnen als Bettgeherhi 
wohnte. Der Vater aber verdächtigte sie sogar, mit einem Manne Umgang 
gepflogen zu haben, und konsultierte ihretwegen einen Arzt. — Da 
bedeutet also das Jucken zwischen den Schulterblättern unter anderem 
auch den Wunsch nach wirklichem Sexualverkehr mit dem Manne. — 
„Noch eins. Großmutter erzählte, sie habe im Wechsel Schröpfköpfe 
am Rücken bekommen zur Blutentziehung. Sie sagte: ,Das ist, wie 
wenn man mit Nadeln gestochen würde.' Ich identifiziere mich offenbar 
mit ihr, wenn ich zwischen den Schulterblättern Stechen und Jucken be- 
komme. Das Jucken in der Lende habe ich von meiner Stieftochter über- 
nommen" (mit der sie den Mann beziehungsweise Vater gemeinsam hatte). 
Ihre im theoretischen Teil erwähnte Kitzlichkeit am Halse ver- 
riet eine tiefere Brogenität. Hatte sie als Kind unzählige Male falsche 
Bräune, so als Erwachsene häufig das Gefühl der Schwellung oder des 
1 5 



550 J. Sadger. 

Brennens im Rachen (ohne objektiven Befund) oder die Empfindung, 
als hinge im Halse etwas herunter wie ein Polyp, so daß sie schlucken 
und schlucken mußte, ohne doch den vermeintlichen Polypen weg- 
zubekommen. Andere Male wieder spürte sie einen Druck, als ob 
an der Seite des Kehlkopfes ein Knopf oder eine Kugel stäke, oder 
einen krampfartig zusammenziehenden Schmerz im Larynx. Nicht 
selten beschleicht sie auch die Furcht vor Kehlkopf karzinom, oder daß 
sie ersticken müsse, weil jener Krampf nach innen ging, bisweilen auch 
bis zur Brust hinunter. Nach Fischgenuß fühlt sie regelmäßig eine 
Gräte, nach gewissen Mehlspeisen ebenso konstant ein Bröserl innen 
im Halse stecken. Endlich gab diese Schleimhauterotik ihr noch die 
Möglichkeit, verschiedene Phallusphantasien in Schlund und Rachen 
zu versetzen. 

Fall II. 

Von einer Dame, die eine Psychoanalyse durchgemacht hat, 
erhalte ich über meine Bitte folgende Zuschrift: 

„Soweit ich an mir und anderen Beobachtungen über Hauterotik 
gemacht habe, glaube ich bemerkt zu haben, daß sie mit zunehmendem 
Alter abnimmt, d. h. im Kindesalter sich mehr äußert als zur Zeit 
der vollen Reife. Was sich dann noch in dieser Hinsicht zeigt, sind 
nur Überreste jener jugendlichen Lustgefühle. So vor allem das Nasen- 
bohren, eine Unart, die bei Kindern immer, bei Erwachsenen nur in 
gewissen minderen Klassen, da aber recht häufig zu sehen ist. Aus 
meiner eigenen Kindheit erinnere ich mich, daß weder Ermahnungen 
noch Strafen mich hinderten, wenn ich unbeobachtet war, mit so 
stillem Vergnügen mich dieser Tätigkeit hinzugeben, daß Mama wieder- 
holt aus der ungewohnten Ruhe auf etwas Verbotenes schloß. Ob es 
sich hierbei um eine Verschiebung von unten nach oben handelt, er- 
scheint mir fraglich, mindestens dürfte es nicht bei allen zutreffen. 
Daß aber die Reizung der Nasenschleimhaut gewiß erotisch betont 
ist, das läßt sich an den verträumten, weltentrückten Blicken, ja häufig 
an dem Aufsteigen der Röte in die Wange gleicherweise beim Kinde 
wie beim Erwachsenen erkennen, ebenso an dem Auffahren, wenn der 
Sünder ertappt wird. Vielen Erwachsenen haftet die Gewohnheit an, 
beim Schneuzen die Nase mit Taschentuch und Finger zu reinigen, 
was sicher mehr eine unbewußt erotische Reizung der Schleimhaut 
als bloß die Entfernung des Staubes bezweckt. Auch das ,Aufziehen c 
der Kinder mag gleiche Ursachen haben, ebenso die unappetitliche Art 
mancher Menschen, sich zu räuspern. Was mich selbst betrifft, muß 



Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik. 551 

ich sagen, daß mir infolge der Lockerung der Schleimhäute ein leichter 
Schnupfen angenehm ist, besonders das leichte Vibrieren, das man 
dann beim Sprechen in der Nase fühlt, ebenso bei Heiserkeit. Ich kenne 
einen kleinen Knaben, der gleiche Lust aus dem, wie er es nennt, 
, Schleim aufkutzen' schöpft. Auch die Abneigung der Kindergegen das 
Schneuzen dürfte vielleicht auf dem gleichen beruhen. 

Besonders empfindlich ist bei mir die Schleimhaut der Mund- 
höhle. Ein leichtes Berühren des Gaumens mit der Zunge verursacht 
mir eine solche Mischung von Lust und Mißbehagen, daß mir momentan 
jede Beschäftigung unmöglich wird. Daß auch das Herumbohren der 
Zunge in hohlen Zähnen eine erotische Beimengung hat, vermute ich bloß 
aus dem Umstände, daß man es trotz des Schmerzes immer wieder tut. 

Die äußere Körperhaut ist bei mir an einzelnen Stellen sehr 
empfindlich. Schon als Kind hatte ich es gerne, wenn Mama mich am 
Handteller kratzte, bis eine Wasserblase entstand. Dies dürfte von ihr 
ererbt sein, da auch meine Schwester Gleiches hebte. Auch das Streichen 
über das zurückgekämmte Haar favorisierte ich besonders vor dem 
Einschlafen. Davon blieb mir bis in die Gegenwart das Spielen mit 
dem Haare beim Lernen und Lesen, eine Gewohnheit, die man ebenso 
wie das fortwährende Kämmen, Feststecken der Haarnadeln und 
Kratzen im Haare bei Kindern und jungen Mädchen allgemein wahr- 
nehmen kann. Knaben reißen sich mitunter ganze Büschel Haare 
aus, wobei die masochistische Komponente wohl ebensowenig fehlt 
als beim Zwicken und Kratzen des eigenen Leibes. Es ist nicht ganz 
ausgeschlossen, daß meine große Vorliebe für Katzen, von denen ich 
mich schon als Kind erbärmlich kratzen und beißen ließ, auf Ähnliches 
zurückgeht. Auch ließ ich keiner solchen Verletzung Zeit zum Heilen, 
sondern riß immer wieder die Borke ab, was mir, wie ich bestimmt 
erinnere, nebst dem Schmerze großes Vergnügen machte. Recht enge 
Strumpfbänder, die mir ganze Striemen einschnitten, bevorzugte ich 
und rieb mir dann letztere blutig mit der Nebenvorstellung, entweder 
mich einer Operation unterziehen zu müssen, bei der ich ohne Schmer- 
zensäußerung (Erziehung seitens meines Papas) aushielt, oder eine 
unmenschliche Strafe zu erleiden, die ich stets mit dem Klosterleben 
in Verbindung brachte, obwohl ich nie Derartiges erlebt hatte. Es 
dürfte vielmehr auf irgendwelchen Erzählungen beruhen, woher zum 
Teil auch meine noch heute bestehende große Abneigung gegen alles 
Klösterliche stammt. Gleiche Vorstellungen wie beim Aufkratzen der 
Striemen an den Waden hatte ich beim Aufreißen von Gelsenstichen. 



552 J, Sadger. 

Auch grub ich mir als Kind gerne die Nägel in die Haut ein, besonders 
an den Armen, dem Rücken und den inneren Handflächen. Noch jetzt 
wache ich oft mit langen Kratzwunden am Rücken und an den Schultern 
auf und reibe auch im Bade, bis solche entstehen. Die Reizbarkeit 
der Haut geht bei mir soweit, daß ich in schlaflosen Nächten kein 
Fleckchen habe, wo ich nicht Jucken empfände, regelmäßig bei 
trockener Hitze der Haut. Schon als Kind haßte ich die Hemden, weil 
sie mit jeder Falte kitzeln, und zog sie in der Hose hoch hinauf. Im 
Bette schob ich es bis über den Bauch und auf den Rücken oder 
wickelte mich darein wie in einen festgespannten Sack. Das Streicheln 
über den Rücken ist mir noch heute besonders angenehm und erzeugt 
in mir die Vorstellung, ich sei eine Katze, so daß ich innerlich schnurre, 
was wieder eine lustvolle Vibration des Kehlkopfes bedingt. 

Von unseren und anderer Kinder Spielen weiß ich, daß das An- 
legen und Zucken fremder Wimpern an den Wangen sehr angenehm 
wirkt. Manche Kinder legen auch den Mund leicht an den Nacken 
oder die Hand eines andern und vibrieren mit den Lippen, bis sich 
der andere mit einem Schrei und Gelächter frei macht. Auch das 
,Einknipsen', d. h. ein Druck an einer bestimmten Stelle der Taille, 
machte uns großes Vergnügen. Viele Kinder zwicken sich selbst blutig. 
Endlich liegt vielleicht auch manchem , Gesichterschneiden' der Kinder 
Haut- respektive Schleimhaut- und Muskelerotik zugrunde. Dies scheint 
mir insbesondere für das Einziehen der Lippen oder Wangen zwischen 
die Zähne und das darauf folgende Ausschnellenlassen zu gelten. 

Vom Kitzeln habe ich die unangenehmsten Erinnerungen darum, 
weil Papa uns gerne kitzelte, aber doch böse wurde, wenn ich zu arg 
schrie oder herumschlug. Am empfindlichsten war ich, wie die meisten 
Kinder, unter den Knien, den Achselhöhlen und am Halse. Manche 
Kinder lieben es, mit einem Grashalme usw. am Halse, an der Nase 
gereizt zu werden, wobei sie anfangs erwartungsvoll stillhalten, bis 
das alberne Spiel schließlich in Kreischen seinen Gipfelpunkt erreicht. 
Das Anwerfen der Badewellen gegen die Haut und das Umspülen der 
Hand durch die Wellen ruft sicher erotische Gefühle hervor. Gern 
tauchen junge Mädchen beim Kahnfahren in Gesellschaft von Männern, 
die ihnen den Hof machen, die Hand ins Wasser und lassen sie von 
den Wellen umspielen, vielleicht aus dem unbewußten Wunsche heraus, 
ebenso von den Männern gestreichelt zu werden. Ein kleiner 4jähriger 
Junge hält stundenlang ruhig still, wenn man ihm aus einer Blumen- 
spritze Wasser ins Gesicht stäubt. 



Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik. 553 

Von mehreren Frauen verschiedenster Gesellschaftsschichten 
hörte ich sagen, daß ihnen das Erzählen gruseliger Geschichten geradezu 
wegen des kalten Schauers über den Rücken (eine sagte: ,Es ist, wie 
wenn einen jemand umarmte') so angenehm sei. 

Vom Küssen weiß ich nicht viel zu sagen. Ich habe es nie besonders 
geliebt, wohl deshalb, weil wir als Kinder wenig geküßt wurden." 

Fall III. 

Aus der Analyse einer 21jährigen Hysterika zitiere ich folgende 
hierhergehörige stenographische Aufzeichnungen: „Als Kind mußte 
ich immer Fäustlinge tragen, weil ich mich sonst im Gesichte blutig 
kratzte, so ein fürchterliches Jucken hatte ich daselbst, doch ohne 
Ausschlag. Dann hatte ich die komische Gewohnheit, mich von dem 
Stubenmädchen an der Sohle kitzeln oder am Kopfe krauen zu lassen. 
Schon seit frühester Kindheit hatte ich eine Wanne, in welcher ich 
mir beim Baden immer die Oberhaut herunterkratzte mit dem Ge- 
danken: ich bin schmutzig, ich bin schmutzig, ich kriege mich nicht 
rein.'' — Das hängt wohl mit Ihrer Onanie zusammen? — ,,Nein, das 
nicht. Jede Frau hat doch eine Hautausdünstung, das spüre ich ja 
an anderen Frauen. Wenn man : sich nicht täglich badet oder wäscht, 
wird die gräßlich und, wenn viele Frauen beisammen sind, riecht man 
das förmlich. Vor meiner ersten Menstruation befiel mich ein gräßliches 
Jucken im ganzen Körper. Noch früher, mit 10 oder 11 Jahren, war 
ich besonders kitzlich. Wenn ich jetzt im Theater oder Konzerte ganz 
nahe bei anderen sitze und sie fast berühre, spüre ich ein Prickeln 
der Haut, wie einen Strom im ganzen Körper bis in die Fingerspitzen 
hinein, doch stets nur bei Personen, die mir entweder sehr sympathisch 
sind, oder gegen die ich einen starken Widerwillen habe. Früher ver- 
meinte ich, etwas ganz Besonderes zu sein durch meine große Haut- 
empfindlichkeit. Wenn ich einen Menschen kennen lernte, schätzte ich 
ihn nicht mit meinem Verstände ab, sondern geistig und physisch 
mit einer gewissen Tastempfindlichkeit. Ich empfinde förmlich körper- 
haft, ob er sexuelles Temperament besitzt oder nicht. Auch für geistige 
Vorzüge habe ich ein ähnliches innerliches Gefühl, ein ganz instink- 
tives, welches ich nicht erklären kann.. Endlich weiß ich. daß ich mit 
17 Jahren nach kohlensauren Bädern vor sexueller Erregung halb wahn- 
sinnig wurde. Ich war ganz besoffen, fast toll. Später, nach der Verdrängung 
dachte ich nicht mehr" daran, ja, sie wurden mir direkt unangenehm. 
Ich liebe es bis zum heutigen Tage, mir die Finger zu beißen f 
1 5 . 



554 J, Sadger. 

aber auch die Zungenspitze. Früher hatte ich auch kurze Haare, die 
ich zum Munde vorbog, um in sie hineinzubeißen. Zwischen 10 und 
17 Jahren konnte ich nicht einschlafen, ohne mein Taschentuch fest 
in der Hand zu halten. Wenn ich es nicht mehr in der Hand hatte, 
wachte ich auf und war totunglücklich." 

In der Ehe für den Geschlechtsverkehr ganz anästhetisch, liebt 
sie hingegen, sich an den Körper des Mannes anzupressen und vor allem 
das Küssen. „Eine Kußfetischistin war ich von jeher. Am meisten hat 
mich mit 17 Jahren ein lungenkranker Onkel gereizt. Er war damals 
schon sehr krank und ich saß viel bei ihm. Einen Onkel darf man ja 
abbusseln, so oft man will, und das tat ich auch eifrig, bis er es schließ- 
lich merkte und zurückbusselte. Als er mir aber einmal unter die Röcke 
griff, lief ich augenblicklich davon. Das Küssen war mir immer die 
Hauptsache. Er hat das auch riesig geschickt gemacht mit seinen 
weichen, schmalen, süßen, schlangenglatten Lippen. Und mit der 
Zunge hat er auch geküßt, was mich besonders reizte. Er trank einen 
förmlich aus. So hat keiner mehr zu küssen verstanden!" Auch bei 
den Flirts ihrer Mädchenjahre ging sie nie über die Haut- und Schleim- 
hauterotik hinaus. Sie ließ sich z. B. von einem Verehrer küssen und 
andrücken, dann aber verschwand sie regelmäßig, um ein Mehr zu 
verhindern. Wäre sie auf den Koitus erpicht gewesen, dann hätte 
sie es längst schon getan. Bei ihrer vaginalen Anästhesie hat sie 
eine kolossale Überempfindlichkeit des äußeren Genitales, so daß 
ihr der Mann beim Verkehre stets weh tut. Sie führt dies darauf 
zurück, daß ihre ersten Kinderfrauen sie bei den notwendigen 
Körperwaschungen unten angeblich stets so stark frottierten, daß 
sie direkt Schmerzen davon bekam. Daß hier jedoch eine kon- 
stitutionelle Verstärkung vorliegt, ist aus verschiedenen Umständen 
erweisbar. So findet sie es auch jetzt bei ihrem eigenen Kinde, daß 
es von der geschulten Schwester viel zu stark gerieben werde, was 
notwendig schmerzen müsse. Nach ihrer Entbindung glaubte sie 
auch, sie werde nie mehr sitzen können, so schrecklich weh tat es 
ihr unten. Darum führte sie auch überall einen großen Luftpolster 
mit, um die Reibung zu mildern. 

Merkwürdig ist, daß sie beim Verkehre oft zu heulen beginnt. 
„Nicht etwa aus Schmerz, es war mir direkt angenehm zu flennen. 
Der Akt war mir dann nicht so unangenehm wie sonst, weil mir war, 
als hätte ich mich für den fehlenden Genuß schadlos gehalten durch 
das Weinen. Auch nach den verschiedenen Krachs zu Hause habe 



Haut-, Schleimhaut- und Muskelerotik. ooo 

ich immer so geheult, was mir stets ein Vergnügen machte. Je mehr 
ich heulte, desto besser ward mir. Es hat wohl und weh getan zu 
gleicher Zeit." — Wie kamen Sie darauf? — „Ich. habe einmal zu meinem 
großen Erstaunen gemerkt, daß es gar nicht so unangenehm ist.' 1 — 
Haben Sie vielleicht durch "Weinen in der Kindheit Vieles durchgesetzt 
oder Liebe erzwungen? — „Nein, es hat direkt physisch wohl getan 
auf der Brust. Es ist auch so riesig angenehm, wenn man sich gerade 
in der Hälfte des Gesichtes von der Haargrenze herunterfährt. Das 
tut auch wohl und weh zu gleicher Zeit. Ähnlich ist es auch, wenn 
man sich an einem Ellbogen so anschlägt, daß es weh tut, dann 
muß man es auch am andern tun. Das ist analog dem Weinen, zugleich 
ein Weh und ein angenehmes Gefühl." 

Seit ihrem 11. oder 12. Jahre leidet sie alle paar Wochen an 
Halsbeschwerden. „Von Zeit zu Zeit kommt ein Tag, an dem ich mich 
so matt fühle und am nächsten Morgen habe ich unbedeutende weiße 
Tupfen an den Mandeln und einen eingenommenen Kopf. Man sieht 
es mir auch an und das Reden fällt mir schwer. Gleichzeitig spüre 
ich außen den Hals geschwollen bis zum Ohre hinauf und es legt sich 
auch in die Augen hinein. Heuer konsultierte ich einen Spezialarzt, 
der mich bepinselte, aber es hat nichts geholfen. Am Halse spüre ich 
es wie einen Knödel so dick, aber meist äußerlich." — Die Schwellung 
am Halse außen bei Rötung innen bedeutet wohl ein erigiertes Glied, 
das Sie mit sich herumtragen, und die weißen Tupfen sollen Sperma 
vorstellen, natürlich unbeschadet der häufigen Infektion auf Grund 
der besonderen Halserotik. Zur letzteren gibt sie ferner noch an, 
außen am Halse besonders kitzlich und überempfindlich zu sein, wenn 
man ihr in den Rachen schaue, oft an Heiserkeit zu leiden und 
sich vor Halskrebs zu fürchten. Endlich noch folgende wichtige 
Momente: Mit 3 oder 4 Jahren machte sie eine Diphtheritis durch, 
während welcher sie von der heißgeliebten Mutter besondere Zärt- 
lichkeit erfuhr. Auch für den Beginn der häufigen Angina weiß sie 
eine interessante psychologische Beziehung. Sie wollte damals durchaus 
zu einer Freundin fahren. Weil sie jedoch hätte allein reisen müssen, 
so sträubte sich die Mutter lange. Endlich gab diese ihrem Drängen 
doch nach und die Koffer wurden schon gepackt. Da brach ihre Angina 
aus und die Reise fiel ins Wasser. Sie hat also durch die Krankheit den 
Wunsch der Mutter erfüllt, durch ein großes Opfer ihre Liebe erhärtet. 

Während der Psychoanalyse juckt sie recht häufig die Haut 
der Lider, und zwar so heftig, daß sie sich reiben muß. „In den letzten 



556 J. Sadger. 

Monaten der Schwangerschaft habe ich auch angefangen, auf dem 
rechten Auge schlecht zu sehen. Der Arzt erklärte aber, es werde 
schon gut werden, was tatsächlich eintraf, doch erst vor 2 oder 3 Wochen. 
Warum ich das bekam, weiß ich nicht. Allerdings hatte ich meine 
Augen damals sehr angestrengt und viel Handarbeiten gemacht, wie 
meine Mutter es immer tut. Ich konnte mich ja doch nicht rühren und 
mir war so mieß." — Und da half sich Ihre Natur so, daß Sie auf einmal 
schlecht sahen und so die Handarbeit aufgeben mußten. 

Eine ihrer Hauptklagen ist das stete Gefühl der Langeweile, 
inneren Leere und Öde. „Mir ist so furchtbar mieß. Das habe ich selbst 
nach dem Koitus." Den keineswegs impotenten Ehegatten quält sie 
unablässig, er solle ihr Erleichterung verschaffen, ihr sagen, was sie 
tun solle, wobei ihr aber gar kein Vorschlag recht ist. „Manchmal 
hetze ich herum wie ein kleines Kind, da ist mir nicht mieß. Als kleines 
Mädchen durfte ich das gelegentlich auch mit dem Hofmeister meines 
Bruders oder den Dienern und da war ich ganz glücklich. Weit öfter 
aber hinderte mich die Mutter an körperlicher Betätigung. Weil mein 
älterer und bevorzugter Bruder wegen eines Fußleidens Schienen 
tragen mußte und nur wenig gehen konnte, mußte auch ich, die Ge- 
sunde, Schienen tragen und mir Beschränkungen des Gehens gefallen 
lassen, damit wir beide nur ja ganz gleich gehalten würden. Als ich 
anfing größer zu werden, so mit 11 oder 12 Jahren, durfte ich wieder 
nicht allein laufen, sondern mußte wieder schön brav neben meiner 
dicken und schwerfälligen Mama spazieren gehen. Ich konnte mich 
nie richtig austoben. Am Lande z. B. wurde mir nie gestattet, mich 
an größeren Partien zu beteiligen, überall war sie dabei und hielt mich 
zurück: ,Ein Mädel muß bei der Mutter bleiben!' Sie war mir ein 
Bleigewicht. Später konnte ich mich noch am ehesten beim Tanzen 
austoben und da fühlte ich mich auch ganz zufrieden, nur hinterdrein 
kam häufig ein peinliches, drückendes Schuldgefühl, zumal in der 
Ehe. Ich bin eine sehr leidenschaftliche und ausdauernde Tänzerin 
und da ist mir oft, als gäbe ich mich durch das Tanzen dem Partner 
hin und würde von diesem tatsächlich koitiert. Dabei habe ich noch 
bei keinem je Liebe empfunden, nur hie und da etwas wie ein Rausch- 
gefühl. Aber meist habe ich die Empfindung, das Tanzen mit mir 
ersetzt dem andern den Koitus. Trotz meines Schuldgefühls habe ich 
jetzt gar nichts davon und tue es nur mit kaltem Blute, wobei ich mir 
aber bewußt bin, mich wegzuwerfen." 



Bemerkungen zur Psychoanalyse eines Falles 
von Fuß- und Korsettfetischismus. 

Von Dr. Karl Abraham (Berlin). 



Die psychoanalytische Forschung hat bis in die letzten Jahre 
den Problemen des Fetischismus keine besondere Aufmerksamkeit 
zugewandt. Noch in der ersten Auflage der „Drei Abhandlungen zur 
Sexualtheorie" wies Freud ihm eine Sonderstellung zu, sowohl gegen- 
über den anderen sexuellen Abirrungen als auch gegenüber den Neurosen. 
Die fortschreitenden Erfahrungen haben aber gelehrt, daß in nicht 
wenigen Fällen Fetischismus und Neurose bei dem gleichen Individuum 
zusammentreffen. Die zweite Auflage der genannten Schrift enthält 
einen kurzen Hinweis darauf, daß Freud die Entstehung der feti- 
schistischen Phänomene jetzt auf eine eigentümliche Abart der Ver- 
drängung („Partialverdrängung") zurückführt. Der früher betonte 
Gegensatz ist somit aufgehoben. 

Die Analyse eines Falles von Schuh- und Korsettfetischismus, 
über die ich im folgenden berichte, ergab mir bestimmte Resultate über 
die Psychogenese dieser Form des Fetischismus; andere Fälle haben 
diese Ergebnisse vollauf bestätigt. 

Als Grundlage muß eine eigentümliche sexuelle Konstitution ange- 
nommen werden, welche durch die ursprünglich abnorme Stärke 
bestimmter Partialtriebe charakterisiert ist. Auf dieser Basis ist 
der uns interessierende Komplex von Erscheinungen entstanden durch 
das Zusammenwirken zweier Faktoren : der bereits erwähnten Partial- 
verdrängung und eines näher zu erörternden Verschiebungs- 
vorganges 1 ). 



x ) Über den Begriff der Verschiebung vgl. Fre ud, Traumdeutung, S. 209 f. 



558 Karl Abraham. 

Der Patient, über den ich nunmehr in möglichster Kürze berichte, 
war zur Zeit der Analyse 22 Jahre alt und studierte an einer Hoch- 
schule. Er übergab mir bei Beginn der Behandlung eine Autobiographie, 
die besonders seine Sexualität eingehend berücksichtigte. Von diesen 
Aufzeichnungen ist zunächst erwähnenswert, daß Patient sich in der 
Pubertät von seinen Altersgenossen deutlich unterschied, indem ihm 
deren sexuelles Interesse für das weibliche Geschlecht durchaus fremd 
Wieb. Aber auch für männliche Personen spürte er keine Liebesneigung 
im gewöhnlichen Sinne. Er gelangte auch auffallend spät zu bewußtar 
Kenntnis der wichtigsten Tatsachen des Geschlechtslebens; als er sie 
aber erworben hatte, stieg ihm alsbald die Vermutung auf, er werde 
impotent sein. Gegen die von gleichaltrigen jungen Leuten geübte 
manuelle Selbstbefriedigung fühlte er eine starke Antipathie. 

Sein Sexualinteresse wandte sich nach anderer Richtung. Mit 
14 Jahren begann er sich selbst zu fesseln; er wiederholte dies, so oft 
er zu Hause ungestört war. Er fand Gefallen an Büchern, in denen 
von Fesselungen die Rede war, so namentlich an Indianergeschichten, 
in denen die Gefangenen an den Marterpfahl gebunden und dann 
gepeinigt wurden. Er versuchte aber niemals, einen andern zu fesseln, 
noch reizte es ihn, von anderen dergleichen in Wirklichkeit zu er- 
dulden. 

Als er zirka 15 Jahre alt war, sah er in einem Kurort einen etwa 
8- bis 10 jährigen Knaben, der seine Aufmerksamkeit sofort durch 
elegante Schuhe auf sich zog. „Bei jedem Zusammentreffen — so 
schreibt Patient in seiner Selbstbiographie — wo ich auf seine Stiefel 
achten konnte, empfand ich Freude, und ich sehnte die Gelegenheit 
dazu herbei." Aus den Ferien zurückgekehrt, achtete er auch in der 
Heimatstadt auf elegante Schuhe, besonders bei seinen Mitschülern. 
Bald verschob sich dieses Interesse aber auf weibliche Schuhe und 
wurde nun zur Leidenschaft. „Meine Augen wurden wie von magischer 
Gewalt auf weibliche Schuhe gezogen .... Ein uneleganter Schuh 
stößt mich ab und flößt mir Abscheu ein." Beim Anblick schöner 
Damenschuhe erlebt er seither eine „innere Freude". Dieses Wohl- 
gefühl geht manchmal in heftige Erregung über, besonders wenn er 
Lackstiefel mit hohen Absätzen sieht, wie sie vielfach von Halbwelt- 
damen getragen werden. Was ihn erregt, ist aber nicht nur der Anblick 
der Schuhe, sondern er malt sich lebhaft aus, wie unbequem das Gehen 
in solchen Schuhen sein müsse. Um das Gefühl eines quälenden Druckes 
an den Füßen aus eigener Erfahrung kennen zu lernen, hat er öfter 



Psychoanalyse eines Falles von Fuß- und Korsettfetischismus. 559 

seine eigenen Stiefel mit einander vertauscht und den rechten Fuß in 
den linken Stiefel, den linken Fuß in den rechten Stiefel gezwängt. 

Bald nach dem Interesse für die Fußbekleidung entstand das- 
jenige für Korsette. Mit 16 Jahren nahm er ein altes Korsett seiner 
Mutter an sich, schnürte sich fest darin ein und trug es verschiedentlich 
auf der Straße unter seinem Anzüge. Charakteristisch ist folgende 
Schilderung in der Lebensbeschreibung: „Sehe ich enggeschnürte 
Frauen und Mädchen, und vergegenwärtige ich mir den Druck des 
Korsetts auf ihre Brust und Unterleib, so kann ich Erektionen erzielen. 
Schon öfters ist mir dann der Wunsch aufgetaucht, ein Weib zu sein, 
um mich tüchtig schnüren zu können, Damenstiefel mit hohen Hacken 
tragen, und ohne aufzufallen vor Korsettläden stehen bleiben zu können. 
Da das nicht geht, so ist es mitunter mein sehnlicher Wunsch, Frauen- 
kleider, Korsetts und entsprechendes Schuhwerk tragen zu können." 

Das Ausschauen nach eleganten Schuhen oder nach enggeschnürten 
Taillen wurde zur hauptsächlichsten Sexualbetätigung des Patienten. 
Dieses Interesse nahm auch in seinen lebhaften Tagträumereien den 
ersten Platz ein. Nächtliche erotische Träume handelten oft von Kor- 
setts, vom Schnüren usw. Als Lektüre wählte Patient, wie erwähnt, 
mit Vorliebe Erzählungen von sadistischem Charakter. 

Alles auf seine Neigungen Bezügliche hatte Patient streng geheim 
gehalten, bis er den Rat eines Spezialarztes suchte, der ihn zum Zwecke 
der Psychoanalyse an mich wies. In bezug auf den therapeutischen 
Erfolg verhielt ich mich von vornherein skeptisch. 

Akzidentelle Ursachen, denen in der älteren Literatur eine große 
ätiologische Bedeutung für die Entstehung fetischistischer Neigungen zu- 
geschrieben wurde, konnten in unserem Falle nicht eruiert werden. Daß 
Patient als Knabe zu öfteren Malen seiner Mutter zusah, wenn sie ihr 
Korsett anlegte, kann nicht im Sinne eines psychischen Traumas 
gewirkt haben. Das Interesse, welches er dem Korsett der Mutter 
oder später den Schuhen eines Knaben zuwandte, war zweifellos 
schon eine Äußerung seiner Perversion. Ein ätiologischer Wert kann 
diesen Vorkommnissen nicht beigelegt werden. 



Was in unserem und in jedem gleichartigen Falle am schärfsten 
hervortritt, das ist die außerordentliche Herabsetzung der sexu- 
ellen Aktivität. Von sexuellen Handlungen kann eigentlich kaum 
geredet werden, wenn man davon absieht, daß Patient in früherer 



5Ö0 Karl Abraham. 

Zeit Schnür- und Fesselungsversuche an sich selbst verübt hat. An 
anderen Personen hat er nie ein sadistisches oder sonstiges Gelüsten 
betätigt; seine dahin zielenden Wünsche befriedigte er lediglich in der 
Phantasie. In der Praxis hat er nie die Grenzen des Autoerotismus 
überschritten. 

So wenig von geschlechtlicher Aktivität bemerkbar ist, so lebhaft 
ist der sexuelle Schautrieb. Aber auch er ist von seinem eigentlichsten 
Interessengebiet abgekehrt. Er richtet sich nicht auf den Gesamt- 
eindruck des Körpers anderer Personen, noch auch auf die primären 
und sekundären Geschlechtscharaktere bei diesen, sondern auf gewisse 
Teile der Bekleidung. Nicht also auf den nackten Körper, sondern 
auf dessen Verhüllung. Hier wiederum hat er sich auf die Fußbekleidung 
und auf die einengende Bekleidung des Oberkörpers beim weiblichen 
Geschlechte spezialisiert. Über das Betrachten dieser Objekte geht das 
sexuelle Verlangen nicht hinaus. Es handelt sich also um die Fixierung 
eines vorläufigen Sexualziels. (Vgl. „Drei Abhandlungen zur 
Sexualtheorie".) Der Anblick weiblicher Schuhe erregt jedoch nur 
dann Lust, wenn sie in Form und Ausführung elegant sind; plumpe, 
häßliche Fußbekleidung erregt Ekel. Man findet hier also neben der 
Neigung zur Sexualüberschätzung des Fetisches eine ausgesprochene 
Neigung zu affektiver Ablehnung, ganz wie der Neurotiker sie bietet. 
Die hohen Anforderungen, die der Schuhfetischist in bezug auf ästhe- 
tische Werte an sein Sexualobjekt zu stellen pflegt, beweisen ein starkes 
Bedürfnis nach Idealisierung des Objektes. 

Ist die sexuelle Aktivität derartig reduziert wie im vorliegenden 
Falle, und findet der Trieb sein Genügen in der Erreichung vorläufiger 
Sexualziele, so darf daraus keineswegs der Schluß gezogen werden, 
daß eine primäre Schwäche der Libido vorliege. Die Analyse der Neurosen 
zeigt aufs deutlichste, wie ein ursprünglich übermäßig starker Trieb 
durch Verdrängung paralysiert werden kann. Für den in Rede stehenden 
Fall von Fetischismus ergibt die Analyse einen ganz analogen Hergang. 
Ein reiches Tatsachenmaterial, das hier nur zum Teil referiert werden 
kann, läßt den sicheren Schluß zu, daß die aktiv-sadistische Trieb- 
komponente und die sexuelle Schaulust ursprünglich von abnormer 
Stärke waren. Beide Triebe, die sich in inniger „Verschränkung" 
(Adler) befanden, fielen gemeinsam der Verdrängung anheim. 

In diesen Verdrängungsprozeß waren jedoch, wie sich erwies, 
noch andere Teiltriebe einbezogen. Das besondere Bedürfnis des Feti- 
schisten nach ästhetischen Werten bei seinem Sexualobjekt ließ er- 



Psychoanalyse eines Falles von Fuß- und Korsettfetischismus. 561 

warten, daß die Libido ursprünglich nach gewissen Zielen drängte, die 
dem normalen Erwachsenen im allgemeinen besonders unästhetisch 
erscheinen und seinen Ekel erregen. Meine Aufmerksamkeit wurde, 
bevor ich in die Analyse eintrat, auf ein bestimmtes Gebiet des Trieb- 
lebens gelenkt. Aus einer privaten Mitteilung Prof. Freuds erfuhr ich, 
daß nach seinen Beobachtungen die Verdrängung der koprophilen 
Riechlust eine eigentümliche Rolle in der Psychogenese des Fuß- 
fetischismus spiele. Meine eigenen Untersuchungen brachten alsbald 
die volle Bestätigung dieser Anschauung. Es ergab sich, daß auch in 
diesem Falle von Fetischismus die Lust an „ekelhaften" Körpergerüchen 
primär von ungewöhnlicher Stärke gewesen war. Die gemeinsame 
Verdrängung der koprophilen Riechlust, der Schaulust 
und der sexuellen Aktivität hat zur Entstehung von Ersatz- 
bildungen geführt; eben diese bilden die charakteristischen Eigen- 
tümlichkeiten des Fußfetischismus. 

Es gibt Fälle von Fetischismus, in denen sich die sexuelle Ano- 
malie durch eine unverdrängte, also vollkommen bewußte Lust an 
ekelhaften Gerüchen äußert. Bei diesem sogenannten Geruchs- 
fetischismus bezieht sich die Riechlust besonders häufig auf die 
Ausdünstungen des ungereinigten Fußes. Dieser zieht gleichzeitig auch 
die Schaulust auf sich. In dem von mir analysierten Falle ergab sich, 
daß der Patient ein Stadium durchlaufen hatte, das dem soeben geschil- 
derten Geruchsfetischismus entsprach. Danach hatte sich die eigenartige 
Umwandlung vollzogen: die Riechlust wurde verdrängt und die Schau- 
lust zur Lust an einer ästhetisch wirkenden Fußbekleidung sublimiert. 

Wie aber konnten sich Schautrieb und Riechtrieb in solchem 
Maße dem Fuße zuwenden, anstatt sich auf die Sexualorgane respektive 
deren Sekrete zu richten? 

Auf Grund gewisser Erfahrungen ließ sich die Vermutung hegen, 
daß das Interesse beider Triebe ursprünglich auch der Genitalzone 
gegolten habe, daß aber andere erogene Zonen frühzeitig mit dieser 
in Konkurrenz getreten seien. Eine solche Bevorzugung anderer erogener 
Zonen (Mund, After usw.) ist uns aus der Lehre von den sexuellen 
Abirrungen ebenso geläufig wie aus der Analyse der Neurosen und der 
Träume. 

Tatsächlich ergab die Analyse, daß der genitalen Zone von Seiten 
der analen frühzeitig eine starke Konkurrenz erwachsen war; daß das 
eigentliche Sexualinteresse in der ersten Kindheitsperiode zurücktrat 
zugunsten des Interesses an den Exkretionsvorgängen ; daß in der 

Jahrbach für psychoanaljt. u. psychopatliol. Forschungen. III. 36 



562 Karl Abraham. 

Pubertät ein in gleicher Richtung zielender (weiblicher) Verdrängungs- 
schub stattfand. Der Patient verharrte auffallend lange bei gewissen 
infantilen Anschauungen, die den Exkretionsvorgängen die Bedeutung 
von Sexualfunktionen zuschreiben. Seine Träume weisen eine dem- 
entsprechende Symbolik auf. Seine Schau- und Riechlust blieben — 
soweit sie nicht auf den Fuß verschoben wurden — in hohem Maße 
auf die Vorgänge der Urin- und Stuhlentleerung respektive deren 
Produkte gerichtet. 

Die Erinnerungen des Patienten an seine frühe Kindheit beziehen 
sich vorzugsweise auf Eindrücke des Geruchsinnes, erst in zweiter 
Linie auf Gesichtseindrücke. Erwähnt seien zunächst gewisse obse- 
dierende Einfälle, die sich häufig vordrängten, wenn Patient auf seine 
frühe Kindheit gelenkt wurde. Dann fiel ihm zuerst der Geruch von 
Jodoform und Holzessig ein, zwei Substanzen, die sich in seiner Kindheit 
im Gebrauche der Mutter befanden. Ein anderer wiederkehrender 
Einfall betraf eine Szene, die sich in einem Badeorte abgespielt hatte. 
Dem Patienten trat jedesmal seine Mutter vor Augen, wie sie ins 
Wasser watete. Die eigentliche Bedeutung dieser Erscheinung wurde 
erst durch ergänzende Einfälle geklärt. Der Knabe hatte sich zu jener 
Zeit einige Male verunreinigt; die Mutter führte ihn deswegen in den 
See, um ihn zu reinigen. 

Auch aus der späteren Kindheit brachten die Einfälle des Pa- 
tienten auffallend viele Reminiszenzen an Gerüche: wie er z. B. im 
Zimmer der Mutter ein Paket mit Haaren fand, deren Geruch ihm 
angenehm war; wie er die Mutter zärtlich umarmte, um den Geruch 
ihrer Achsel einzuatmen. Auf die frühe Kindheit führt noch eine Er- 
innerung zurück: wie die jüngere Schwester an der Brust der Mutter 
lag, wie er selbst mit dem Munde die andere Brust berührte und dabei 
den Körpergeruch der Mutter angenehm empfand. 

Die Zärtlichkeit gegenüber der Mutter währte bis gegen das 
zehnte Lebensjahr des Patienten. Bis dahin hatte er häufig das Bett 
der Mutter aufgesucht. Jetzt machte die Zuneigung einer Abneigung 
Platz. Er wurde äußerst empfindlich gegen den Körpergeruch weib- 
licher Personen. Mit der Verdrängung der Riechlust wandte sich sein 
Sexualinteresse vom weiblichen Geschlechte ab und wandte sich dem 
nächstliegenden männlichen Objekt — dem Vater — zu. 

In diese Übertragung spielt nun das Interesse für die Körper- 
entleerungen in auffälligster Weise hinein. Ereilich wurde durch gewisse 
Eigenheiten des Vaters die Aufmerksamkeit des Knaben besonders 



Psychoanalyse eines Falles von Fuß- und Korsettfetischismus. 563 

auf diese Vorgänge gelenkt. Der Vater pflegte z. B. öfter vor den 
Augen der Kinder zu urinieren. Die Phantasie des Knaben befaßte 
sich im höchsten Maße mit allem, was diese Funktionen bei ihm 
selbst und seinem Vater betraf 1 ). 

Mit der Übertragung auf den Vater steht der Wunsch, selbst 
Weib zu sein, in innigem Zusammenhange. Er erhielt sich, wie schon 
eingangs erwähnt wurde, auch nach der Pubertät. Dieser Wunsch 
richtete sich aber, soweit er bewußt war, nicht darauf, die geschlecht- 
lichen Funktionen des Weibes zu erfüllen. Vielmehr erschien dem 
Patienten das Wünschenswerte, wie ein Weib „Schnürschuhe und 
Korsetts tragen und entsprechende Schaufensterauslagen unauffällig 
ansehen zu können." Während der Pubertätszeit hat er — wie bereits 
berichtet — tatsächlich ein paarmal ein Korsett unter seinen Kleidern 
getragen. Unbewußt äußerte sich der Wunsch, Weib zu sein, durch 
mancherlei Erscheinungen, über welche noch zu berichten ist. 

Die Eegungen der infantilen Auflehnung und Eifersucht mußten 
sich bei dem Patienten wechselnd gegen Vater und Mutter richten. 
Mit diesen Erscheinungen stehen in dem uns geläufigen Zusammen- 
hange Todes- und Kastrationsphantasien. Diese letzteren sind 
bald aktiver, bald passiver Natur. Die aktiven Kastrationsphantasien 
haben auch die Mutter zum Objekte, welcher die infantile Phantasie 
ein männliches Geschlechtsorgan andichtet. Die passiven Kastrations- 
vorstellungen entsprechen dem Wunsche des Patienten, Weib zu sein. 
Sie entstammen einer Zeit, in der die Anschauung herrschte, das weib- 
liche Geschlecht sei des ihm ursprünglich eigenen Penis durch Ka- 
stration beraubt. Alle die genannten Vorstellungen spielen eine große 
Rolle in seinem Traumleben. Er muß etwa einer Frau einen Finger 
amputieren. Oder er muß an einem Manne (Vater) eine Operation 
vollziehen; nachher hilft die Mutter ihm beim Vernähen der Wunde. 
In anderen Träumen soll ein Kind geköpft werden. Unter den perennie- 
renden Träumen des Patienten ist die Verfolgung durch einen Mann, 
der ein Messer in der Hand trägt, erwähnenswert. Die besondere Aus- 
prägung des Kastrationskomplexes zeigt die ursprüngliche Gewalt der 
sadistisch-masochistischen Triebregungen. 

Die Kastration hat in der Phantasie des Patienten nicht nur die 



*) Es entwickelte sich im Anschluß daran eine mit der von Freud be- 
schriebenen absolut identische Pferde- und Giraffensymbolik (vgl. Die Analyse 
der Phobie eines 5jährigen Knaben). 

36* 



564 Karl Abraham. 

selbstverständliche Bedeutung der Entmannung, sondern sie weist 
daneben auf eine bestimmte Vorstellung hin, die von jeher sein 
besonderes Interesse in Anspruch genommen hat. Es ist die Idee, in- 
folge der Kastration nicht mehr urinieren zu können. Von hier führen 
Fäden zu einem andern Vorstellungskomplex hinüber. 

Bei allen Neurotikern, deren Anal- und UrethraLzonen in be- 
sonderem Maße erogen sind, besteht die Neigung zur Retention 
der Exkrete. Für den vorliegenden Fall gilt dies in ungewöhnlichem 
Maße. Die Erinnerungen aus der Kindheit beschäftigen sich großenteils 
mit einstmals geübten lustvollen Betätigungen in dieser Richtung. Ein 
nervöses Symptom — das Harnstottern — steht ebenfalls mit solcher 
Betätigung in Zusammenhang. 

In seiner Phantasie hat Patient sich von jeher Situationen aus- 
gemalt, in denen man zur Zurückhaltung der Bedürfnisse gezwungen 
ist. Mit Vorliebe malte er sich aus, wie er von Indianern gefesselt und 
an den Marterpfahl gebunden würde und dann zur Zurückhaltung des 
Blasen- und Darminhaltes gezwungen wäre. Hier tritt ein stark maso- 
chistisches Element hinzu. Ebenso war es eine seiner Lieblingsvor- 
stellungen, er wäre Polarforscher und würde durch entsetzliche Kälte 
verhindert, auch nur für kurze Zeit zum Zwecke der körperlichen 
Entleerungen die Kleidung zu öffnen. 

Auch die Versuche, sich selbst zu fesseln, waren u. a. durch solche 
Motive determiniert; sie fanden bezeichnenderweise im Klosett statt. 
Überhaupt gewann die Fesselung, welche im Vorstellungsleben der 
Sadisten und Masochisten die bekannte Rolle spielt, bei dem Patienten 
wesentlich ihre Bedeutung durch die assoziative Verknüpfung mit den 
Funktionen der Körparentleerung. Das Einschnüren des Körpers übte 
einen Druck auf Darm und Blase aus, den der Patient lustvoll em- 
pfand. Als er zum ersten Male ein Korsett anlegte, traten Erektionen 
ein, die von einer Urinentleerung gefolgt waren. 

Eine wichtige Determinierung des Einschnürens (Korsett, Schnür- 
stiefel) liegt in gewissen autoerotischen Gewohnheiten des Patienten, 
die mit einer Einklemmung der Genitalien einhergingen. 

Die außergewöhnlich starke Betonung der Analzone findet 
ihren Ausdruck darin, daß diese Körperstelle in der Kindheit des 
Patienten einer eigentümlichen autoerotischen Betätigung diente: 
Patient pflegte sich so niederzulassen, daß die Ferse des einen Fußes 
einen Druck auf die Analgegend ausübte. In den entsprechenden 
Erinnerungen finden wir die unmittelbare assoziative Verknüpfung von 



Psychoanalyse eines Falles von Fuß- und Korsettfetischismus. 565 

Fuß und After. Die Ferse dient gewissermaßen als männliches, der 
Anus als weibliches Organ. 

Diese Verknüpfung wird jedoch außerordentlich verstärkt durch 
die koprophile Riechlust des Patienten. Sein Autoerotismus findet 
eine ausgiebige Befriedigung in den Gerüchen seiner eigenen Körper- 
absonderungen. Die Ausdünstungen der Haut, der Genitalgegend 
und des Fußes erregten schon früh besondere Lust. So konnte der 
Fuß in der unbewußten Phantasie des Patienten Genitalbedeutung 
erlangen. 

Hinsichtlich der koprophilen Riechlust sei erwähnt, daß häufige 
Träume des Patienten entweder im Klosett spielen oder in durch- 
sichtiger Symbolik analerotische Wunscherfüllungen bringen. Cha- 
rakteristisch ist besonders ein Traumbild, in dem er seine Nase zwischen 
zwei große Halbkugeln steckt. 

Daß auch der Schautrieb vorzugsweise auf das Exkrementelle 
gerichtet ist, wurde bereits erwähnt. In den Träumen treten Vater 
und Bruder des Patienten häufig in entsprechenden Situationen auf. 
In weitaus den meisten Träumen kommt das Wasser als Symbol vor. 
Von Interesse ist ein Traum des Patienten, in dem er mit seinem Bruder 
auf einem Schiffe durch einen Hafen fährt. Um aus dem Hafen zu 
kommen, müssen sie einen eigentümlichen, wie ein Haus über dem 
Wasser gebauten Durchlaß passieren. Sie fahren dann durch freies Wasser, 
sind dann aber plötzlich auf dem Lande und fahren mit dem Schiffe 
durch eine Straße, ohne jedoch den Boden zu berühren. Sie fahren 
in der Luft ; ein Schutzmann sieht ihnen dabei zu. — Zur Erklärung 
dieses Traumes nur einige Bemerkungen ! Zunächst ist auf den Doppel- 
sinn des Wortes Hafen (in gewissen Dialekten = Topf) und auf den 
Anklang des Wortes „Schiff" an einen vulgären Terminus für „Uri- 
nieren" hinzuweisen. Der Durchlaß, welchen man an der Hafenausfahrt 
passieren muß, erinnert ihn an die abgeschrägten Säulen des Tempels 
von Philae. Ein weiterer Einfall lautet: „Koloß von Rhodos". Der 
Koloß stellt einen Mann dar, der mit auseinander gestellten Beinen 
über dem Hafeneingang von Rhodos steht. Er erinnert den Patienten 
an seinen Vater, den er als Knabe in entsprechender Körperhaltung 
urinieren sah. Das nachherige gemeinsame Schiffahren mit dem Bruder — 
wobei das Schiff durch die Luft fährt — knüpft an eine Kindheits- 
erinnerung an, nämlich an einen unter Knaben nicht seltenen Wett- 
streit in bezug auf das Urinieren. Von Bedeutung ist auch das exhibi- 
tionistische Moment in diesem Traume: das Urinieren geschieht vor 



■566 Karl Abraham. 

den Augen eines Schutzmannes; die Erfahrung lehrt, daß aufsicht- 
führende Personen im Traume den Vater bedeuten. 

Das außerordentlich reiche Traummaterial, welches der Patient 
im Laufe der Analyse lieferte, enthält ähnliche Anspielungen in großer 
Menge. Die erstaunliche Variabilität dieser Träume läßt darauf schließen, 
daß die koprophile Schaulust in ganz ungewöhnlichem Maße die 
Phantasie des Patienten beschäftigt. 

Erwähnt sei, daß der Patient die typischen Charakterzeichen 
sublimierter Analerotik bietet; insbesondere treten eine pedantische 
Sparsamkeit und Ordnungsliebe hervor. 

In welchem Maße für den Patienten der Fuß dem männlichen 
Genitale substituiert ist, geht in bemerkenswerter Weise aus gewissen 
Träumen hervor, von denen zwei kurz wiedergegeben seien. Einmal 
trägt Patient im Traume Pantoffeln an den Füßen; die Schuhe sind 
hinten niedergetreten, so daß seine Fersen sichtbar sind. Dieser Traum 
entpuppt sich als Exhibitionstraum ; die Ferse wird zur Schau gestellt 
wie in den gewöhnlichen Exhibitionsträumen die Sexualorgaae. Der 
Affekt war der gleiche, wie wir ihn aus den typischen, mit Angst einher- 
gehenden Exhibitionsträumen kennen. 

In einem andern hierher gehörigen Traume berührt Patient eine 
Frau mit seinem Fuße und beschmutzt sie dadurch. Dieser Traum ist 
ohne weiteres verständlich. 

In diesem Zusammenhange wird klar, warum den Patienten 
besonders die hohen Absätze an Frauenschuhen interessieren. Der 
Absatz des Schuhes entspricht der Ferse; gerade diese aber hat durch 
den besprochenen Verschiebungsvorgang die Bedeutung eines männ- 
lichen Genitale erhalten. So lebt in der Vorliebe für den weiblichen 
Fuß und seine Bedeckung, besonders aber für den Absatz das infantile 
Sexualinteresse fort, das der Patient einst dem von ihm supponierten 
Penis des Weibes entgegenbrachte. 

Das angeführte Tatsachenmaterial stellt nur einen geringen 
Bruchteil dessen dar, was die Analyse zutage gefördert hat. Es scheint 
mir aber ausreichend, um den Nachweis zu erbringen, daß dem Fuße 
die Bedeutung eines Genitalersatzes zukommt. Schautrieb 
und Riechtrieb, von jeher in auffälligem Maße auf das Exkrementelle 
gerichtet, wurden einer weitgehenden, freilich sehr ungleichen Um- 
wandlung unterworfen: der Riechtrieb wurde in weitem Ausmaße 
verdrängt, der Schautrieb hingegen um so stärker betont, freilich von 
seinem ursprünglichen Interessengebiet abgelenkt und idealisiert. 



Psychoanalyse eines Falles von Fuß- und Korsettfetischismus. 567 

Dieser Vorgang, dem nur der eine der beiden in Frage kommenden 
Triebe zum Opfer fällt, verdient den ihm von Freud gegebenen Namen 
„Parti alverdrängung". 

Seit der ausführlichen Analyse dieses Falles hatte ich mehrfach 
Gelegenheit, bei Neurotikern fetischistische Züge, welche gewisser- 
maßen einen Nebenbefund bildeten, der Analyse zu unterwerfen. In 
allen Fällen erhielt ich die gleichen Resultate bezüglich der Bedeutung 
derjenigen Triebe, die in dem mitgeteilten Falle als Grundlagen des 
Fetischismus ermittelt wurden. Wegen dieser Gleichförmigkeit der 
Resultate unterlasse ich es, Einzelheiten aus diesen Analysen mit- 
zuteilen. 

Es erübrigt noch, einiges über die therapeutische Wirk- 
samkeit der Psychoanalyse im obigen und in anderen Fällen von 
Fetischismus hinzuzufügen. Zu einer Beseitigung des Fetischismus bin 
ich in dem geschilderten Falle nicht gelangt. Wohl aber hat die Auf- 
klärungsarbeit der Analyse der sexuellen Abnormität sehr viel von 
der Macht genommen, die sie bis dahin über den Patienten gehabt 
hatte. Seine Widerstandskraft gegenüber den Reizen weiblicher Schuhe 
usw. war wesentlich gewachsen. Während der Analyse tauchten des 
öfteren normal-sexuelle Regungen auf. Ich halte es nicht für unmöglich, 
daß eine konsequent fortgesetzte Behandlung allmählich zu einer 
Stärkung der normalen Libido geführt hätte. 

Günstiger scheinen die Chancen mir da, wo es sich um weniger 
ausgeprägte Fälle handelt; wenn z. B. Erscheinungen fetischistischer 
Art neben einer Neurose bestehen. Ein kürzlich von mir analysierter 
Fall dieser Art scheint mir den Beweis zu liefern, daß die Symptome 
der Neurose und des Fetischismus mitsammen durch die Psycho- 
analyse zum Schwinden gebracht werden können, um einem normalen 
geschlechtlichen Verhalten Platz zu machen. 



Traumdeutung und Menschenkenntnis. 

Von Dr. Hanns Sachs (Wien). 



The Conscious and the Unconscious blended 
inscrutably in this our inscrutable Life. 

Carlyle. 

Was die Ereignisse des Tages an Begierde und Besorgnis, Liebe 
oder Abneigung in dem Träumer geweckt haben, das geht auch in seine 
Träume über. Die aktuellen Wunschregungen sind nach dem schönen 
Freudschen Gleichnis als „Unternehmer" am Zustandekommen des 
Traumes beteiligt, aber nicht alle in gleicher Weise. Diejenigen, welche 
während des Wachdenkens abgelehnt, unterdrückt, verdrängt wurden, 
sind dadurch mit dem Infantilen in Verbindung geraten und treten 
deshalb in den Traumgedanken ganz besonders hervor. So zeigt der 
Traum gerade das, was das Wachdenken verbirgt, was aber auch für 
das Wachdenken nicht bedeutungslos ist. Er gibt uns den Schlüssel 
zu manchen, sonst unverständlichen Besonderheiten des Träumers; 
die Verteilung der Affekte, die sein Seelenleben regieren, erscheint nicht 
mehr willkürlich, wir lernen erkennen, mit welchen Vorstellungen sie 
ursprünglich verbunden waren und wie und warum sie losgelöst und 
an andere festgelötet wurden. Gerade die individuellen Züge, das was 
wir die Charakteranlage eines Menschen nennen, werden ohne Kenntnis 
seines Unbewußten niemals völlig verständlich sein. Doch muß man sich 
wohl hüten, die Wünsche, die uns die Traumdeutung verraten hat, 
ohne weiteres in den Charakter des Träumers hineinzuverlegen. Es sind 
ja im Gegenteile die abgelehnten Wünsche, deren Ausführung sich der 
Träumer unter keinen Umständen gestatten will, die im Traume zu 
Wort kommen. Sie sind freilich deshalb nicht minder aktive Kräfte, 
aber nicht in ihrer ursprünglichen Form, sondern durch Keaktions- 
bildung und Sublimierung verändert. Nur etwa in kleinen, wenig 



Traumdeutung und Menschenkenntnis. 569 

beachteten Zügen oder in Symptomhandlungen treten sie ohne Hülle 
an das Licht des Tages. 

Im folgenden sollen an einigen Beispielen solche aktuelle Wünsche 
des Traumes aufgezeigt werden; wer sich mit Traumdeutungen be- 
schäftigt hat, wird wohl auch ohne Mühe die Zusammenhänge mit in- 
fantilen Wünschen erraten können, die ich, um größere Klarheit der 
Darstellung zu erzielen, wenig berücksichtigt habe. Was der Traum uns 
an Beziehungen zur Gegenwart kundgetan hat, wollen wir dann auch 
im Bewußtsein aufsuchen und dürfen uns nicht wundern, wenn wir 
das Ungeheuer, das wir unter dem Vergrößerungsglase der Analyse 
gesehen haben, dann als Infusionstierchen wiederfinden. 

Leider konnte ich diese Analysen fast nirgends vollständig wieder- 
geben. Das ist eine unangenehme Notwendigkeit, gegen die ich keine 
Abhilfe weiß. Die Rücksicht auf den Träumer und seine Umgebung 
nötigt zur Diskretion, gleichviel, ob man fremde oder eigene Träume 
gedeutet hat. Ein anderer Teil muß der Darstellbarkeit aufgeopfert 
werden. Eine Analyse enthält ohnehin schon eine schwer übersehbare 
Masse von Einfällen und Kombinationen. Will man diese alle dem Leser 
verständlich machen, so müssen noch Exkurse hinzugefügt werden, welche 
den Teil der Lebensgeschichte, auf den die Einfälle Bezug nehmen, 
erzählen und dadurch entsteht dann ein fast unübersehbares Gewirre. 
Eine vollständige Deutung ist wohl nur darstellbar, wenn der Leser 
schon mit der Vorgeschichte vertraut ist, wie in Freuds „Bruchstück 
einer Hysterieanalyse". Wo die Deutung eines einzelnen Traumes 
aus dem seelischen Zusammenhange gerissen wiedergegeben wird, muß 
man sich damit begnügen, das mitzuteilen, was für das gewählte Thema 
von Interesse ist und auf die Lücken, die man nicht auszufüllen vermag, 
hinzuweisen. Die Forderung, die man an jede vollständige Analyse 
zu stellen berechtigt ist, daß jedes Element des Trauminhaltes durch 
die Deutung zum mindesten einfach determiniert sei, kann hier 
unmöglich erfüllt werden. 

Beispiel I. 

Vor mehreren Jahren unterhielt ich mich mit einer hochgebildeten 
Dame über die Probleme der Traumdeutung. „Sie wissen ja, daß ich 
als übermäßig prüde im Verrüfe stehe und sogar ein bißchen stolz 
darauf bin. Meine Träume wird man also wohl nicht deuten können," 
bemerkte sie mit Anspielung auf die große Rolle der Sexualität in der 
Lehre von der Traumdeutung. Zum Beweise erzählt sie mir sogleich 
folgenden Traum: 



570 Hanns Sachs. 

Ich habe große Gesellschaft. Herr X. tritt ans Klavier. 
Er ist in Hemdärmeln und singt ein parodistisches Lied 
(das sie näher bezeichnet). Meine Schwester sagt zu mir: „Er 
macht es gut." Ich antworte: „Er macht alles gut." 

Zu meiner Aufklärung fügt die Erzählerin hinzu, Herr X. Bei 
der reichste Mann ihres Stadtviertels. 

Ich meine, der Traum ist geeignet, den Satz der Träumerin, den 
er beweisen soll, völlig zu widerlegen und damit den richtigen Sach- 
verhalt darzutun. Gerade in den Träumen unerfahrener junger Mädchen 
oder besonders prüder Frauen sind die Anspielungen aufs Sexuelle 
sehr leicht zu verstehen. Da sie alles Derartige aus ihrem Bewußtsein 
verbannen, braucht es keiner besonders schwierigen Verkleidung, um 
unkenntlich zu sein. Ganz anders verhält es sich bei jenen Leuten, 
die es sich zum Lebenszwecke gemacht zu haben scheinen, überall 
Anspielungen auf das Geschlechtliche zu suchen und zu finden. Wenn 
bei solchen Meistern der Zote dann etwas Verbotenes ins Bewußtsein 
eingeschmuggelt werden soll, muß es vorher so sorgfältig unkenntlich 
gemacht werden, daß es bei der Deutung keine geringe Mühe braucht, 
um die Traumentstellung wieder zu redressieren. 

Wir lassen uns also nicht entmutigen und gehen an die Deutung, 
ohne weiteres Material von der Träumerin zu fordern. Auf die feineren, 
individuellen Bezüge sowie auf die Sicherheit, die die Aufdeckung 
des mehrfachen Zusammenhanges der einzelnen Elemente unter- 
einander einer Analyse gibt, müssen wir freilich verzichten. Aber 
immerhin können wir aus diesem Traume, der fast nur aus typischen 
Elementen besteht, manches Interessante erfahren. 

Die „große Gesellschaft" ist uns als Wunschgegensatz zu einer 
geheimen Unterhaltung schon bekannt. Der reiche Mann ist als ver- 
mögender, oder noch deutlicher als potenter, aufzufassen 1 ). Die Hemd- 
ärmel sind die Andeutung eines weiter gehenden Entblößungswunsches. 
Die Kenntnis der Bedeutung der Schwester als Genitale verdanken 
wir Stekel 2 ). Der Sinn der Wechselreden braucht dann nicht erst 
erläutert zu werden. Der ganze Traum ist die wenig entstellte Wieder- 
gabe des Gedankens: Ein Koitus mit einem potenten Manne wäre gut. 

Wie verhält sich nun dieser Traum zur Wirklichkeit? Es stimmt 
jedenfalls nicht schlecht zu unserer Deutung, daß die Träumerin vor 

x ) Freud, „Bruchstück einer Hysterieanalyse" in der „Sammlung kleiner 
Aufsätze zur Neurosenlehre", 2. Folge, S. 40. 

*) „Beitrage zur Traumdeutung" im Jahrbuch, I. Band, II. Hälfte, S. 473. 



Traumdeutung und Menschenkenntnis. 571 

nicht allzu langer Zeit Witwe geworden ist. Die ungewohnte Abstinenz 
muß sich bei ihr fühlbar machen und es wäre nicht unbegreiflich, wenn 
sie die Absicht hätte, dem Geschlechtsverkehre noch nicht definitiv 
zu entsagen. Anderseits läßt sich der Traum mit den mir bekannten 
Eigenschaften der Dame anscheinend schwer vereinigen. Sie war immer 
die zärtlichste Mutter, die beste Gattin und wird ihrem Manne ganz 
gewiß über den Tod hinaus die Treue bewahren. Wäre ich so unvor- 
sichtig gewesen, ihr meine Deutung mitzuteilen, sie hätte sie mit 
ungeheuchelter Entrüstung von sich gewiesen. Ich glaube aber doch, 
daß wir durch unseren Fund, wenn wir ihn nur richtig einzuschätzen 
verstehen, einen Einblick in ihr Wesen gewinnen können, der uns sonst 
versagt bliebe. Die Prüderie und den Stolz, den sie darein setzt, können 
wir jetzt leicht als die gesteigerte Sexualablehnung bei einer geschlecht- 
lich bedürftigen und dabei ästhetisch und ethisch hochentwickelten 
Persönlichkeit erkennen. Aber auch manches andere, das ich hier 
leider nicht detaillieren kann, und das von ihrer Umgebung unter dem 
Titel einer „Übertriebenheit", als „Unsinn" oder „Abgeschmacktheit" 
ohne Erklärung hingenommen wird, ist durch die Traumdeutung durch- 
sichtig geworden. 

II. Beispiel. 

Es ist im Dianabad; der Teufel schwimmt, ich sehe 
seine außerordentlich kräftigen Schulterblätter, suche 
ihm zu suggerieren, daß er sich nicht rühren kann; ich 
bin sehr stolz, wie es mir gelingt, daß ich auch über den 
Teufel Macht habe. 

Es ist dies ein Fragment aus dem Traum einer jungen Frau, die 
auch nicht sehr bewandert in der Sprache der sexuellen Anspielung 
ist, weshalb wir hier wie im ersten Falle ohrte weiteres Material aus- 
kommen können; zu meinem größten Glücke übrigens, da mir dieses 
nicht zugänglich gemacht worden wäre. Die Träumerin ist erst ein 
Jahr verheiratet: die Kenntnis dieser Tatsache reicht zur Deutung aus. 

Das Dianabad, eine bekannte Wiener Schwimmanstalt, erhält 
sein Recht im Traume vertreten zu sein durch den Umstand, daß es 
den Namen der jungfräulichen Göttin, der Beschützerin der weiblichen 
Keuschheit in seinem Titel enthält. Der Teufel ist eben jener, der in 
der bekannten Novelle des Dekamerone „Alibech in der Thebaide" 
so oft in die Hölle geschickt wird: der Penis. Das Schwimmen ist. wie 
sonst so häufig das Fliegen, eine Darstellung der Aktion beim Koitus. 



572 Hanns Sachs. 

Das „außerordentlich kräftig" ist keiner Erklärung bedürftig. Eine 
sichere Deutung der „Schulterblätter" kann ich ohne Analyse nicht 
geben, doch scheint die von Dr. St ekel in seinem Buche „Die Sprache 
des Traumes" gegebene Regel: „Alle paarigen Organe können für- 
einander stehen" hier anwendbar zu sein ; die Schulterblätter könnten 
dann vielleicht als die zum Penis gehörigen Hoden aufzufassen sein. 
Der Teufel, der sich nicht rühren kann, ist natürlich der in der Vagina 
festgehaltene Penis und die Schlußworte: „Ich bin sehr stolz usw." 
geben der Siegesstimmung, die man so oft bei jungen Ehefrauen finden 
kann, charakteristischen Ausdruck. Es ist der berechtigte Stolz darüber, 
die große Leistung, der das junge Mädchen jahrelang mit sehnsüchtiger 
Erwartung, aber auch mit Angst und Zweifel in seine Fähigkeiten 
entgegengeharrt hatte, nun wirklich vollbracht zu haben. 

Die nun folgenden beiden Träume bringen uns ihren Sinn nicht 
so bequem entgegen. Sie stammen von einem Träumer, dessen Zensur 
nicht so leichten Kaufes hintergangen werden kann, von mir selbst. 

III. Beispiel. 

Auf der Schmelz. Ein Pülcher sagt: „Die neue Schule 
in der Wallensteinstraße (oder Andreas - Hofer - Gasse), 
das kann ich nicht aushalten, ich stell' etwas an." 

Bald darauf, auf der Spitze eines "Wiesenhügels, ein 
Revolverschuß. Der Verletzte wird heruntergebracht, es 
sind ihm ein Lungenflügel und eine Gehirnhälfte zer- 
schmettert und er stirbt sofort. Der Mörder, der einen 
grünen Samthut trägt, sagt: „Jetzt muß ich scheißen." 
Wie man hinaufeilt, hat er das getan und sich dann mit 
dem Revolver unter dem Hemd erschossen. Das Hemd 
hat einen Blutfleck vorn. 

Ich führe mich, wie man sieht, nicht in gewinnender Weise ein. 
Es ist so recht der Typus eines „gemeinen" Traumes. Gemein ist nicht 
nur die äußere Fassade, sondern auch nicht minder der Inhalt der 
Traumgedanken. 

Die Schmelz ist der Exerzierplatz der Wiener Garnison und 
ein beliebter Sammelplatz für allerlei Gesindel. Das Wort präludiert 
dem Exkrementellen, das dann später im Traume so überdeutlich zu 
Worte kommt, denn „schmelzen" heißt im Wiener Dialekt das 
Defäzieren. Gleichzeitig hat der Ausdruck aber auch auf meine Be- 
mühungen um psychoanalytisches Wissen Bezug. Denn in einem Vor- 



Traumdeutung und Menschenkenntnis. OVO 

trage, den ich in der "Wiener psychoanalytischen Vereinigung hielt, 
sagte ich eingangs, ich habe zur Zeit der Anmeldung meines Vortrages 
nicht ahnen können, daß sich gerade über das darin behandelte Problem 
noch vorher hitzige Debatten entspinnen würden und verglich mich mit 
einem Manne, der ein stilles Plätzchen zum Ausruhen gefunden zu 
haben glaubt und dann bemerken muß, daß er sich inmitten eines 
Exerzierplatzes befindet. Es sind also durch das Wort „Schmelz" 
zwei Wege eröffnet. Wir lassen das exkrementelle Thema ganz beiseite 
und folgen nur der andern, für die Analyse wie für die Darstellung 
leichter zugänglichen Spur. „Pülcher" heißt in Wien ein arbeits- 
scheuer Herumtreiber oder Zuhälter. Zur Wallenstein- respektive 
Andreas-Hof er- Gasse kommt mir folgendes in den Sinn: Meine Frau 
hat diese Woche angefangen Schule zu halten. Sie bereitet eine Dame 
zur Maturitätsprüfung vor und gibt ihr Stunden in deutscher Literatur- 
geschichte. Aus diesem Anlasse las sie den Wallenstein wieder und 
wir unterhielten uns einige Male über das Stück. Ferner brachte sie 
zu demselben Zwecke ein Lesebuch für Mittelschulen nach Hause, in 
dem ich beim Blättern auf das bekannte Gedicht Andreas Hof er 
von Mosen („Zu Mantua in Banden" usw.) traf. Die Stunden hatte 
meine Frau übernommen, um einen Teil ihrer Ausgaben selbst be- 
streiten zu können. Am Traumtage hatten wir eine Budgetdebatte 
gehabt, in der davon die Rede war, wieviel man sich gestatten dürfe, 
auf welche Genüsse man verzichten müsse. Jemanden „aushalten" 
heißt nicht nur seine Anwesenheit ertragen können, sondern auch ihm 
den Unterhalt gewähren. Der Sinn des ersten Absatzes lautet sonach 
etwa so: Das Schulehalten meiner Frau genügt mir nicht; ich will 
sie nicht mehr länger erhalten, sie soll sich eine Anstellung suchen 
(„ich stell' etwas an" im Traume). Ich will nichts arbeiten, mich nach 
Belieben in der Welt herumtreiben und von meiner Frau ernähren 
lassen wie ein Zuhälter. 

Die Deutung des nächsten Satzes kann ich nicht mitteilen; die 
Lücke unterbricht glücklicherweise den Zug der Traumgedanken 
nicht wesentlich. 

„Heruntergebracht" und „Lungenflügel" sind mir leicht ver- 
ständliche Anspielungen. Ich litt vor wenigen Wochen an einem hart- 
näckigen Bronchialkatarrh. Die Besorgnis, daß daraus die Erkrankung 
eines Lungenflügels sich entwickeln könnte, veranlaßte meine An- 
gehörigen mir dringend zu raten, ich möchte mir Urlaub nehmen und 
auf ein paar Tage ins Gebirge gehen. So wurde ich von ihnen mit 



57 * Hanns Sachs. 

sanfter Gewalt auf einen hochgelegenen Erholungsort hinaufgebracht 
(im Traume : heruntergebracht). Am Traumtage hatte meine Schwester 
gemeint, ich müsse trotz des guten Erfolges, den jener Aufenthalt im 
Gebirge hatte, mir noch längere Zeit große Schonung auferlegen. 
Dagegen hatte ich lebhaft protestiert und mich für ganz gesund erklärt. 
Im Traume ist gerade das Gegenteil der Fall, ich stelle mein Leiden 
viel ärger dar, als es ist: ein Lungenflügel ist schon zerschmettert, die 
Krankheit hat mich vollständig heruntergebracht. Im Zusammen- 
hange mit der Deutung des ersten Traumstückes kann das nur heißen: 
Ich freue mich, daß ich krank bin, weil das einen willkommenen Anlaß 
bietet, nichts mehr zu arbeiten und wegzureisen. Gegen diese Deutung 
lehne ich mich anfangs entschieden auf; ist mir eine dauernde Inva- 
lidität nicht immer als ärgstes Schreckbild vor Augen gestanden? 
Aber die Assoziationen, die sich an die Traumelemente knüpfen, 
zerstreuen jeden Zweifel. Der Andreas Hofer führt mich nach 
Meran, wo ich im Volksschauspiele sah, wie er erschossen wurde — • 
noch dazu bei den Klängen der Melodie jenes Mosenschen Liedes. 
Der tapfere Sandwirt wurde damals von einem Schuster dargestellt 
und als „Schuster" mußte ich mich selbst in jungen Jahren un- 
zählige Male bezeichnen lassen, weil ich den Namen des berühmten 
Nürnberger Schuhmachers und Poeten trage. Also kann doch nur ich 
es sein, der im Traume erschossen wird. Meran ist ein Kurort für 
Lungenkranke, mir aber um seiner landschaftlichen Schönheit willen 
besonders lieb, so daß ich oft schon gewünscht habe, dort ein paar 
Monate zubringen zu dürfen. Schließlich muß ich mir vorhalten, mit 
welcher Virtuosität ich in der Schule jede Krankheit auszunutzen 
verstand und den kleinsten Schnupfen als schwere Erkältung dar- 
zustellen wußte, wenn es galt, mich einer unangenehmen Pflicht zu 
entziehen. Die wenigen Tage Urlaub und Müßiggang haben mir offenbar 
so sehr zugesagt, daß sich der Wunsch gebildet hatte, jene Technik 
der Schuljahre wieder hervorzusuchen und auf meine gegenwärtigen 
Verhältnisse anzuwenden. Seinen Höhepunkt findet dieser Gedanken- 
gang in den Worten „und stirbt sofort". Das „stirbt" ist durch 
sein Gegenteil zu ersetzen und bedeutet: Jetzt, durch meine Krankheit 
vor Erwerbssorgen geschützt, fange ich zu leben an. Ich werde ein 
„Lebemann". 

Die Umkehrung von Tod in Leben ist ohne weiteres gestattet, 
da man „zunächst von keinem eines Gegenteiles fähigen Elemente 
weiß, ob es in den Traumgedanken positiv oder negativ enthalten 



Traumdeutung und Menschenkenntnis. 575 

ist" 1 ). In diesem Falle aber ist es mit Sicherheit erweislich, daß der 
Tod im entgegengesetzten Sinne aufzufassen ist. 

Am Traumtage hatte ich mich sehr intensiv mit einer Strophe 
eines Gedichtes aus den „Carmina burana" beschäftigt; sie schildert 
den Paradisus amoris, den Hain des Liebesgottes und beginnt mit 
den Worten: 

Immortalis fieret 

Tbi manens homo 2 ). 

Kurz vorher hatte ich in der Odyssee nicht ohne Rührung die 
herrliche Stelle gelesen, wo Odysseus den Antrag der Kalypso, sie 
wolle ihn unsterblich machen, zurückweist, weil er die Heimkehr 
und das Wiedersehen mit der Gattin der ewigen Jugend vorzieht. 
Daran schließt sich wieder ein Zitat aus Unland: 

Den Homerus ließ ich liegen, 
Nun ich selbst Ulysses ward. 

Diese Stellen bestätigen die Deutung so, daß kein Zweifel mehr 
möglich ist: im Sexualgenusse (Hain des Amor), im freien Herumtreiben 
und Fernbleiben von Heimat und Pflicht liegt für mich das wahre 
Leben. 

Nun zum letzten Teile des Traumes. Ein grüner Samthut 
ist mir an einem Kollegen aus dem psychoanalytischen Verein unlängst 
aufgefallen. Es ist das gerade jener, mit dem ich mich unablässig ver- 
gleiche, wenn ich mir auch längst eingestehen mußte, daß er mir an 
Wissen und Können überlegen ist. Der Revolver ist der Penis. Sich 
selbst erschießen heißt masturbieren, was durch den Zusatz „unter 
dem Hemd" noch deutlicher gemacht wird. Auch der Blutfleck 
vorn ist mir nicht lange zweifelhaft: Es ist ein Samenspritzer, wie 
ihn die im Pubertätsalter stehenden Masturbanten oft voll Verwun- 
derung und Schrecken auf ihrem Hemde sehen. Von sehr intensiver 
Masturbation habe ich gehört oder gelesen, daß der Same zuletzt mit 
Blut vermischt ejiziert wird. Übrigens trifft diese Auflösung mit einer 
der symbolischen Gleichungen, die Dr. Stekel in seinem Buche ,,Die 
Sprache des Traumes" aufgestellt hat, zusammen. 

Die Deutung erweckt einen höchst düsteren Gedankenzug. Die 
Freude, daß mich die Krankheit aller Arbeitspflicht enthebt, wird 



*) „Die Traumdeutung", 1. Auflage, S. 218. 

a ) „Carmina burana", herausgegeben von J. A. Schmeller, De Phyllide 
et Flora, Strophe 66, S. 163. 



S'b Hanns Sachs. 

getrübt durch die Besorgnis, aus meinen psychoanalytischen Studien, 
auf die ich soviel Hoffnung setze, die meinen Ehrgeiz und Wissens- 
drang so mächtig angespornt haben, herausgerissen zu werden. Ein 
bloßes Genußleben verdummt, auch kann durch schrankenlose Aus- 
nutzung der sexuellen Freiheit eine Erkrankung, die mit Verblödung 
endet (die zerschmetterte Gehirnhälfte) akquiriert werden. Und an 
diesen Gedanken von den schädlichen Folgen der Ausschweifung schließt 
sich eng eine Befürchtung, die sich wohl bei jedem Manne, der in der 
Pubertät masturbiert hat, finden wird. Habe ich mich nicht dadurch 
auf Lebenszeit zu geistiger Anspannung unfähig gemacht? Darf ich 
überhaupt noch hoffen, selbständige, intellektuelle Leistungen auf- 
zubringen? 

An diesem peinlichen Gedankenmateriale bewährt sich die wunsch- 
erfüllende Kraft des Traumes am glänzendsten. Alle meine Befürchtungen 
werden durch ein höchst einfaches Mittel abgewehrt, ja zur Wunsch- 
erfüllung umgewandelt, durch ein Mittel allerdings, das eine Skrupel- 
losigkeit erfordert, wie ich sie hoffentlich nur im Traume aufbringe. 
Der Traum schiebt nämlich alles Peinliche einfach meinem Kon- 
kurrenten, dem Träger des grünen Hutes, zu. Er benimmt sich wie 
ein kindisch gewordener Geisteskranker, der seine Bedürfnisse nicht 
mehr beherrschen kann (jetzt muß ich seh . . . .n); er ist es, der 
exzessiv onaniert hat, der vielleicht noch onaniert; von einem solchen 
Rivalen habe ich nichts zu fürchten, ich kann mich ungestört dem 
Lebensgenüsse hingeben — er wird mir nicht gefährlich werden. 

Ich glaube, wie gesagt, nicht, daß ich fähig bin in Wirklichkeit 
ähnlich rücksichtslos zu verfahren — aber das Wesentliche dieses 
Traumes muß ich doch als richtig zur Kenntnis nehmen. Was mein 
fortwährendes Vergleichen, auch auf Gebieten, wo wir nichts Gemein- 
sames haben, schon im Wachleben andeutet, das drückt der Traum 
mit voller Klarheit aus: ich habe gegen diesen Kollegen die typische 
Konkurrenz-Einstellung, er ist der Rivale, der Nebenbuhler, den ich 
mir in jeder neuen Situation neu erschaffe und den ich stets aufs neue 
übertreffen und beseitigen will. Warum ich gerade ihn unter soviel 
Mitstrebenden, die die gleiche Eignung besitzen, für diese Rolle aus- 
erkoren habe, das ist mir durch die Deutung eines andern Traumes 
klar geworden : er trägt den Namen eines verstorbenen Anverwandten, 
gegen den ich schon in den ersten Kinderjahren jene Rivalitäts- 
Einstellung vornahm. Die Feindseligkeit gegen seinen jetzigen Nach- 
folger ist natürlich durch den Überbau kultureller und moralischer 



Traumdeutung und Menschenkenntnis. 577 

Hemmungen längst verdeckt; sie hat die Formen eines friedlichen Wett- 
streites angenommen, bei dem ich seine Leistungen neidlos anerkenne. 
Aber die Urform meines Verhältnisses zu ihm bleibt doch jene alte 
Rivalität der Kindheit. 

Ähnlich verhält es sich mit dem Komplexe, der mit meiner Frau 
verknüpft ist. Sie glaubte mir in den letzten Tagen den Vorwurf der 
Verschwendung machen zu müssen, weil ich sie allzu reichlich beschenkt 
habe. Ich bin nicht der Ansicht, daß ich auf meine Freigebigkeit stolz 
sein darf; sie ist nichts anderes als eine Reaktionsbildung, hervor- 
gerufen durch die egoistischen und — in jedem Sinne — schmutzigen 
Gedanken, die an jenem Traume mitgewirkt haben. 

Vor Beginn der Deutung war ich und wohl auch der Leser der 
Ansicht, daß der im Anfange redende „Pülcher" mit dem Manne im 
grünen Samthute identisch sei. Es wird zwar nicht ausdrücklich aus- 
gesprochen, aber der Gesamteindruck zielt offenbar dahin. Die beiden 
sind aber, wie die Deutung gezeigt hat, in Wirklichkeit zwei verschiedene 
Personen. Dieser irreführende Anschein ist ein Erfolg der „sekundären 
Bearbeitung", die es hier vorzüglich verstanden hat, ursprünglich ganz 
inkohärente Bestandteile zu einer scheinbar durchaus geschlossenen 
und logisch gefügten Erzählung zusammenzuschweißen. 

Noch eine Bemerkung muß ich zur besseren Verständlichkeit 
des Traumes hinzufügen. Er fand gegen Morgen statt, wie ich mit 
Sicherheit feststellen kann, da ich vorher, etwa um fünf Uhr, eine Weile 
wachgelegen war. Zu dieser Zeit pflegen sich die körperlichen Be- 
dürfnisse schon ziemlich energisch zu melden. Ich vermute daher, daß 
an dem Zustandekommen des Traumes ein Leibreiz beteiligt war, der 
schon in dem Worte „Schuß" anzuklingen begann, dann aber offenbar 
so heftig wurde, daß der Traum ihn in unverhüllter, ja überdeutlicher 
Form (jetzt muß ich . . .) aufnehmen mußte, da er schon zum Weckreiz 
zu werden drohte. Indem der Traum nun meinem Rivalen alle meine 
Schwächen zuschiebt, befreit er mich auch von der Gefahr, durch 
diesen Reiz wirklich geweckt zu werden. Nicht ich, sondern er ist die 
Person, die jene unaufschieblichen körperlichen Bedürfnisse hat und 
ich darf also nicht nur den Vorsatz fassen, mein Leben zu genießen, 
sondern auch — wenn auch nur für eine Weile — ruhig weiter schlafen. 

IV. Beispiel. 

Ich führe einen Fremden in der Stadt herum, zeige 
ihm verschiedene Geschäfte, wobei er etwa sagt: „Das ist 

JahrLuch für psychoanalyt. und psychopathol. Forachuugen. III. 37 



578 Hanns Sachs. 

teuer" und ich: „Aber sehr solid (oder dauerhaft)". Am 
Graben, wo das Geschäft von Klein ist, ein neues Geschäft 
mit Schwarz-Weiß-Ornamentik. Wir gehen durch einige 
Straßen, kommen in den Schottenhof, wo aber die Tor- 
einfahrt ein gotisches Gewölbe ist, dazwischen ein Stück 
unbehauener Fels, das nicht imstande erscheint, das Ge- 
wölbe zu tragen. Furcht, daß es einstürzen könnte. Wir 
kommen in den Hof, hier ist eine große Waldlandschaft, 
vorne Wiesen und ein Bach (oder Weg). Ich sage: „Das ist 
doch ganz anders. Wenn die Berge nicht in Wolken wären, 
müßte man die Schneegipfel sehen." 

Wir haben es hier mit einem äußerst inhalts- und beziehungs- 
reichen Traum zu tun. Seine Analyse umfaßt viele Seiten und doch 
glaube ich ihn nicht ganz erschöpft zu haben. Ich will zunächst einiges 
vorweg nehmen, das nicht zu unserem Thema gehört und doch nicht 
ganz unbesprochen bleiben darf. 

Zu dem „gotischen Gewölbe" fällt mir eine Stelle aus Grill- 
parzers Tagebüchern ein, die ich vor kurzem als deutliche „Mutter- 
leibsphantasie" für die Psychoanalyse in Anspruch genommen habe. 
Sie lautet : „Wenn der Held eines Romans nach mannigfaltigen Schick- 
salen wieder in das Haus zurückkommt, in dem er seine Jugend verlebt 
hat, so stelle ich mir dasselbe immer gotisch und finster vor, gesetzt. 
auch es wäre als ganz anders geschildert worden." 

An „gotisch" knüpft sich aber noch ein zweites Zitat, jenes aus 
„Dichtung und Wahrheit" bekannte epigrammatische Briefchen Heider" 
an Goethe: „Der von den Göttern du stammst, von Goten oder 
vom Kote . . . ." Es ist also nicht nur ein gotisches, sondern auch 
ein kotiges Gewölbe, womit nur die Nates gemeint sein können. Und 
doch weist das „abstammen" von ihm wieder auf den Mutterleib. 
Wie lassen sich diese beiden Deutungen vereinigen? Der Widerspruch 
wäre unlösbar ohne Kenntnis gewisser typischer Vorstellungen aus der 
Kinderzeit. Unter den von Freud gefundenen „infantilen Sexual- 
theorien" 1 ) findet sich auch jene, daß die Kinder, wie der Kot au« 
dem Anus an die Welt befördert werden. Diese Theorie war offenbar 
auch die meinige, ebenso wie die meines Namensbruders, des kleinen 
Hans 2 ), und sie hat auf meine frühesten Phantasien (bestimmend 
eingewirkt. Defäzieren und Gebären wird identifiziert, die Kinder 

*) „Sammlung kleiner Aufsätze zur Neurosenlehre", 2. Folge, S. 159 f. 
*) „Analyse der Phobie eines 5 jährigen Knaben", von Fre ud, Jahrbuch I ' L. 



Traumdeutung und Menschenkenntnis. 579 

„stammen vom Kote", sind selber einmal Kot gewesen. An diese 
Geburtsphantasie knüpfen sieb, aber, wie nicht anders zu erwarten, 
die Todesgedanken, die „Furcht, daß das Gewölbe einstürzen könnte". 
Soll das heißen, daß mir kein langes Leben mehr beschieden ist? Das 
„dauerhaft" im Traume klingt wie eine tröstende Antwort auf diese 
Frage. Mir scheint meine Konstitution nicht stark genug zu sein, um 
ein hohes Alter zu verbürgen, sie „erscheint nicht imstande 
das Gewölbe zu tragen". Allerdings kann ich mich damit be- 
ruhigen, daß ich höchst regelmäßig lebe, alle gesundheitsschädlichen 
Exzesse meide. Ich bin nicht robust — „aber sehr solid". 

Wir sind hier schon wieder aus der Tiefe des Infantilen an die 
Oberfläche emporgetaucht. Wir wollen nun zum Anfange des Traumes 
und seinen Tagesanknüpfungen zurückkehren. 

„Ich führe einen Fremden in der Stadt herum." Die 
Rückreise von jenem Erholungsorte im Gebirge machte ich in Gesell- 
schaft mehrerer Bekannten. Unter ihnen befand sich eine junge Dame , 
mit der ich ein längeres Gespräch führte. Da sie Ausländerin ist, bot 
ich mich ihr als Führer an, um ihr Sehenswürdigkeiten, Vergnügungs- 
stätten u. dgl. zu zeigen. Im Traume ist dieser Vorschlag bereits ange- 
nommen worden, nur hat sich die junge Dame in einen „Fremden" 
verwandelt. Der Traumentstellung ist dieser Wechsel des Geschlechtes 
offenbar sehr günstig, aber woher schöpft die Traumarbeit ihre Be- 
rechtigung dazu? Der Grund ist sehr einfach. Der Familienname der 
Dame endet auf „Mann" (etwa wie Bethmann) und der Traum hat 
bekanntlich das Vorrecht, sich an Wortlaut und Namen zu halten. 
Übrigens ist auch die andere Hälfte des Namens im Trauminhalte 
vertreten. 

„Zeige ihm verschiedene Geschäfte". Diese Stelle blieb mir 
zunächst unklar und ich mußte weitergehen, ohne befriedigende Auf- 
klärung gefunden zu haben. Erst als ich aus den anderen Teilen des 
Traumes die Kenntnis jener exkrementellen Phantasien geschöpft hatte, 
fiel mir bei, daß ich in einem Aufsatze von Otto Bank vor kurzem 
die Defäkation und das Urinieren mit den Ausdrücken „das große" 
respektive „das kleine Geschäft" umschrieben gefunden habe. Die 
„verschiedenen Geschäfte" sind damit wohl erklärt, aber daß 
ich exhibitionistische Phantasien, die sich nur auf Kindergepflogenheiten 
beziehen können, an jene Dame geknüpft haben sollte, scheint mir 
ganz unglaubwürdig. Aber hier kommt mir, wie bei dem „gotischen 
Gewölbe" die Erinnerung an einen Fund, den ich für die Psychoanalyse 

37* 



580 Hanns Sachs. 

gemacht zu haben glaube, zu Hilfe. Nicht durch Zufall, denn Anspie- 
lungen auf diese kleinen Entdeckungen durchziehen mit wunsch- 
erfüllender Absicht den ganzen Traum. Es handelt sich um die lite- 
rarische Bestätigung einer der von Freud beobachteten kindlichen 
Sexualtheorien, welche in demselben Aufsatze, wie jene andere im 
Traume selbst vorkommende, enthalten ist. Nach Freud erwarten 
die Kinder von der Ehe ein Hinwegsetzen über die Scham, was am 
häufigsten mit den Worten: „daß man dann voreinander uriniere" 
ausgedrückt wird. Ähnlich erklärt Simplicissimus, der Held des be- 
kannten Romans von Hans Jakob Christopher von Grimmeishausen, 
nachdem er zum ersten Male einem Koitus zugesehen hat, ohne die 
Bedeutung des Vorganges zu verstehen, auf Befragen, was denn eigent- 
lich geschehen sei: „Ich meine, der Mann wollte sein Wasser abge- 
schlagen haben; das Frauenzimmer hob sich die Röcke auf und wollte 
dazu scheißen." Die Stelle ist von der von Freud am häufigsten 
gehörten Aussage ein wenig verschieden, da sich bei Grimmeishausen 
die beiden nicht das kleine Geschäft (im Traume: das Geschäft von 
Klein), sondern verschiedene Geschäfte zeigen. Dieser Ausdruck 
wurde in den Traum mit geringen Veränderungen aufgenommen und 
bedeutet nach der Ableitung offenbar die Ausübung des Koitus. Meine 
unbewußten Wünsche haben sich also jenes Gespräches, das, wie ich 
wohl nicht erst zu versichern brauche, vollkommen harmlos war, 
bemächtigt und es nach ihrer Gewohnheit seiner Harmlosigkeit gründlich 
beraubt. Ich bin aus dem Führer der Verführer der Dame geworden. 
Das Gewölbe und das Stück unbehauener Fels sind Erinnerungen 
an die zahlreichen Tunnels, die wir bei jener Reise durchfuhren — 
und das Eisenbahntunnel gilt ja, in Romanen und Witzblättern 
wenigstens, als ein für die sexuelle Aggression ganz besonders 
geeigneter Ort. 

In einem Geschäfte, dessen Inhaber Klein heißt, hatte ich am 
Traumtage Einkäufe gemacht und bei dieser Gelegenheit bemerkt, 
daß nebenan, an die Stelle eines Spielzeuggeschäftes, dessen Auslage 
das Entzücken meiner Kinderjahre war, ein neues Geschäft, 
nämlich die Filiale einer Bank, eingezogen sei. Dabei wurde ich an 
Geschäfte, die ich mit einer andern Bank abzuwickeln habe, gemahnt. 
Diese andere Bank heißt Verkehrsbank und ein ihr angehöriger Beamter 
hatte sich bei jener Reise auch in der Gesellschaft befunden. Diese 
Tatsachen werden im Traume stark verdichtet. Die „Verkehrsbank" 
dient einerseits der Darstellung sexueller Phantasien, denn „verkehren", 



Traumdeutung und Menschenkenntnis. 581 

d. h. natürlich geschlechtlich verkehren, müßte man während einer 
Bahnfahrt allerdings auf der Bank, während sie anderseits die Er- 
innerung an jenen Beamten und damit auch an die übrige Reise- 
gesellschaft wachruft. Wenn das Wort trotzdem nicht in den Traum- 
inhalt aufgenommen wurde, so hat dies seinen Grund darin, daß seine 
Beziehungen nur auf jene eine, an die Bahnfahrt anknüpfende Phan- 
tasie anwendbar sind, während in den Traumgedanken auch andere, 
ältere Erinnerungen und Wünsche vorkommen und Darstellungen 
verlangen, wofür sich der allgemeine Ausdruck, das neue Geschäft, 
besser eignet. Der Sinn ißt eine lebhafte Ablehnung: Kein „Spielzeug- 
geschäft" mehr, sondern ein neues Geschäft, regelrechter geschlecht- 
licher Verkehr! Diese Forderung, die eine Zeitlang in den Jahren 
nach der Pubertät alle anderen in den Hintergrund schiebt, wird 
wieder einmal hervorgeholt. Ich muß hier leider wieder eine Lücke 
lassen; von den Deutungen des zunächst folgenden Stückes kann ich 
nur mitteilen, daß die Schwarz- Weiß-Ornamentik sich in einem 
Etablissement am Graben befindet, welches zur Abmachung des 
kleinen Geschäftes dient, und daß die große Walcflandschaft 
eine Erinnerung an jenen Aufenthalt im Gebirge und zugleich ein 
Stück sexueller Topographie enthält. 

,, Vorne Wiesen und ein Bach (oder Weg)" ist eine Re- 
miniszenz an einen kleinen Ausflug, den ich wenige Tage vorher in 
der nächsten Umgebung Wiens gemacht hatte. Diese Spaziergänge 
unternehme ich regelmäßig in Gesellschaft meiner Frau. An diesem 
Tage war sie aus einem Anlasse, der ebenfalls im Traume vertreten 
ist, zu Hause geblieben und ich ging allein. An einer Wegbiegung 
überraschte ich ein Liebespaar in zärtlicher Umarmung. Ich wäre 
gern ncch länger ausgeblieben, aber die Berge waren in Wolken 
gehüllt und ein plötzlicher Donnerschlag nötigte mich zur Rückkehr. 

Der Bach ähnelt dem Namen des Besitzers meines Stammkaffee- 
hauses: Pach; dort habe ich als Junggeselle meist jene Stunden zu- 
gebracht, die ich jetzt den gemeinsamen Spaziergängen widme und 
meine Frau ist der Ansicht, daß ich mich auch jetzt dort häufiger 
als nötig aufhalte. 

Der Weg ruft mir den Titel zweier Werke Schnitzlers ins Ge- 
dächtnis, die größtenteils die Umgebung Wiens zum Schauplatze 
haben: „Der einsame Weg" und „Der Weg ins Freie". 

Nicht zum ersten Male wird hier meiner Frau übel mitgespielt. 
Wenn ich noch als Junggeselle einsam meines Weges ginge, wenn 
i 7 



o82 Hanns Sachs, 

meine Frau weg wäre, dann könnte ich nach freier Wahl Abenteuern 
nachgehen oder im Kaffeehause im Kreise der Freunde sitzen — so 
lauten die Traumgedanken. Der „einsame Weg" gehört auch dem- 
selben Komplexe an wie „Spielzeuggeschäft", der „Weg ins Freie" 
bildet den Abschluß der Geburtsphantasie. 

„Wenn die Berge nicht in Wolken wären, müßte man die Schnee- 
gipfel sehen". Der Deutung dieses Satzes verdanke ich die Aufklärung 
über ein Stück meines Innenlebens, das mir bis jetzt ganz unverständlich 
war. Die Analyse kehrt zunächst zu jener Unterhaltung im Eisenbahn- 
coupe zurück. Auch ein bekannter Dermatologe war in unserer Gesell- 
schaft und die schon mehrfach genannte Dame erkundigte sich bei 
ihm nach irgend einem Kosmetikum. Dabei wurde auch der Haut- 
farbe und ihrer Wirkung bei der Balldekolletage Erwähnung getan. 
Dieser kleine Zwischenfall scheint meine Phantasie in Tätigkeit gesetzt 
zu haben, da der Traum den Wunsch ausdrückt, daß „man die 
Schneegipfel sehen müßte". Hinter dieser ersten Erklärung, die 
mir nach dem Vorhergehenden wenig Neues sagt, liegt aber noch eine 
zweite, die in eine ganz andere Gedankenregion gehört. Bei „Schnee" 
muß ich nämlich auch an den Schnee des Alters, das Erbleichen der 
Haare denken. Diese Erscheinung ist mir aber an einem Manne auf- 
gefallen, dem mein Interesse und meine Verehrung im höchsten Maße 
gilt. Ich habe wohl das Recht, sein Haupt mit einem Gipfel zu ver- 
gleichen, da ich.es, wer weiß wie oft, ausgesprochen habe, daß er unter 
uns dastehe wie Quinbus Flestrin, der Mann-Berg, unter den Lili- 
putanern. Über den plötzlichen Wechsel seiner Haarfarbe habe ich 
aber erst in letzter Zeit mit einem seiner Angehörigen gesprochen, 
der mir sagte, auch seiner Familie sei dasselbe aufgefallen, als der 
Unermüdliche von einer weiten Reise zurückkehrte. Nun erinnere ich 
mich, daß ich bald nachher einen ehemaligen Gymnasialprofessor 
getroffen habe, an dem mir auch auffiel, daß sein Haar so weiß geworden 
ist. Mir steht aber noch ein dritter weißhaariger Kopf vor Augen, in 
dem ich schließlich meinen, wie ich glaubte, längst vergessenen Volks- 
schullehrer erkenne ; im selben Augenblicke taucht in mir die Erinnerung 
an einen kleinen Vorfall auf. Ich war bei dem verehrten Manne zu 
Gast gewesen und er hatte uns, seinen Gästen, einige Stücke aus seinen 
Sammlungen vorgewiesen. Als er mir dabei einen Gegenstand unter 
die Augen hielt, fiel mein Blick auf seine Hand. Es war die Hand eines 
älteren Mannes, mit tiefen Furchen und Falten. Bei diesem Anblicke 
durchzuckte mich ein ganz sonderbares, unerklärliches Gefühl, das ich 



Traumdeutung 1 und Menschenkenntnis. 583 

nur als eine Art vom plötzlichen Wiedererkennen, gemischt mit 
Schrecken, schildern kann. 

Man wird es nicht unglaubwürdig finden, daß ich diese Episode 
bald wieder vergessen hatte und zur Zeit, als ich die Deutung dieses 
Traumes begann, was etwa zwei Monate nachher geschah, nicht mehr 
im entferntesten daran dachte. Nun taucht sie wieder im Bewußtsein 
auf und findet sofort Verständnis. Die Hand hatte mich an die Hand 
meines Volksschullehrers erinnert. Das war ein alter Mann, der sich 
an die neue, humane Form der Erziehung durchaus nicht gewöhnen 
konnte. Er prügelte trotz des gesetzlichen Verbotes weiter darauf los 
und verbreitete unendliche Angst in den Herzen seiner kleinen Zöglinge. 
Seine Hand bekam ich wohl nur dann aus nächster Nähe zu sehen, 
wenn er mich züchtigte, was allerdings nicht gar selten der Fall war. 

Diese Erinnerungen geben allerdings keinen Anhaltspunkt, warum 
ich jenen Schultyrannen gerade mit dem Manne, von dem ich stets 
nur gewählte Höflichkeit und liebenswürdiges Entgegenkommen 
erfahren habe, zusammenstelle. Aber bin ich nicht gewohnt, mich 
mit Stolz seineu Schüler zu nennen und ihn „meinen Lehrer in specie", 
da ich ihm mehr als irgend einem anderen für meinen geistigen Besitz- 
stand verpflichtet bin? Auch die Namen der beiden haben eine gewisse 
Verwandtschaft miteinander. Es muß wohl so sein, die beiden Lehrer, 
mein erster und mein letzter, hat mein Unbewußtes mit einander ver- 
schmolzen. 

Jetzt beginnt mir auch das Verständnis einer Erscheinung zu 
dämmern, über die ich schon oft vergeblich nachgedacht habe, nämlich 
daß ich nie ohne Angst und innerliche Beklemmung in der Gegenwart 
des Mannes, dem ich soviel Gutes verdanke, weilen konnte. Er hat 
mir dazu wahrlich niemals Anlaß gegeben. Aber es ist die Angst vor 
dem strengen Lehrer meiner Kindheit, die ich noch ungeschwächt in 
mir trage und jetzt seinem. Nachfolger entgegenbringe, als ob ich er- 
warten würde, daß er unversehens über mich herfallen und mich durch- 
prügeln werde. Diese nie erlöschende Kinderangst hat W. M. Thakeray 
an einer Stelle seines Romans „Vanity fair" sehr gut geschildert: 
„So kenne ich z. B. einen alten Herrn von achtundsechzig Jahren, 
der eines Morgens beim Frühstücke mit höchst erschüttertem Gesichts- 
ausdrucke zu mir sagte: , Heute nacht habe ich geträumt, daß ich 
von Dr. Raine durchgeprügelt werde/ Die Phantasie hatte ihn 
im Verlaufe des Abends um fünfundfünfzig Jahre zurückgetragen. 
Dr. Raine und sein Stock waren ihm im Herzen ebenso schrecklich 



584 Hanns Sachs. 

mit achtundsechzig Jahren, als sie es mit dreizehn gewesen waren." 
(II. Kapitel.) 

Hier ist der Knotenpunkt, in dem die verschiedenen Gedanken- 
züge des Traumes zusammentreffen. Kindheitswünsche, aber auch ein 
bestimmtes Kindheitserlebnis, werden durch die Deutung kenntlich. 
Doch noch einen weiteren Bezug auf die Gegenwart hat diese 
Partie des Traumes, den ich leider nicht unterschlagen darf. Die Grau- 
samkeit des alten Lehrers hat außer der Angst doch auch wohl ein 
Gefühl des Hasses bei mir wachgerufen und es wäre nicht zu ver- 
wundern, wenn ich dieses so gut wie jene auch auf seinen Nachfolger 
übertragen hätte. Im Traume ist denn auch jener Haß und die 
Wünsche, die ihm entspringen, deutlich kerinbar. Schon daß das Kenn- 
zeichen des Alterns, die weißen Haare, so stark betont wird, ist sehr 
bedenklich. Ganz unzweideutig sprechen aber die Worte: „Wenn 
die Berge nicht in Wolken wären." Wer der Berg, nämlich der 
„Menschen-Berg" ist, haben wir schon erfahren und wenn ich nun 
den großen Mann in die Wolken versetze, so vergöttere ich ihn damit 
in des Wortes wörtlichster Bedeutung. Es ist eine Himmelfahrt, etwa 
wie jene Apotheose, in welcher der Reiniger des Augiasstalles von den 
auf Wolken lagernden Göttern empfangen wird. 

Zu allertiefst liegt der Angst und dem Hasse ein Gefühl der Zu- 
neigung zugrunde und beide, Liebe und Haß, werden in dem einen 
Schlußsatze ausgedrückt: „Ich möchte ihn recht oft sehen" sagt der 
Hauptsatz, und: „Er ist in den Himmel emporgestiegen, er ist tot" 
der Konditionalsatz. 

Die Traumdeutung hat mir die Eigentümlichkeit meines Ver- 
hältnisses zu einigen Personen, die mir nahe stehen, erst verständlich 
gemacht. Nun erst, da ich die Motive an das Licht des Bewußtseins 
emporgehoben habe, kann ich meine Gefühle übersehen und beherrschen. 

V. Beispiel. 

nach einer Weile geht ein General der Kaval- 
lerie hinter mir. Ich glaube, es war auch seine Tochter 
mit ihm, es ist mir aber unsicher. 

Der Traum, dem ich dieses kurze Fragment entnommen habe, 
stammt von einem Bekannten, der sich mir für die Traumdeutung zur 
Verfügung gestellt hatte. Zu General fällt ihm die Stelle aus Hamlet: 
Caviar to the general ein; ferner Mrs. General aus „Little Dorrit" 
von Dicken«, der „köstliche Typus der geschlechtslosen Gouvernante", 



Traumdeutung und Menschenkenntnis. 585 

wie er sie^ nennt. Kavallerie teilt er sich in Ka, was nach unserem 
Dialekte mit „kein" gleichbedeutend ist, und Valerie ab und erklärt 
mir die zweite Hälfte als Vornamen einer jungen, hübschen, und wie 
er annehme, nicht übermäßig sittenstrengen Schauspielerin seiner 
Bekanntschaft. Koch eine zweite Valerie fällt ihm ein, deren Familien- 
name an eine anstößige Anekdote erinnert. Dann das Wort Kalorie, 
das ja mit Kavallerie eine ziemlich große Klangähnlichkeit hat und 
von ihm mit „Wärmemenge" übersetzt wird. Ich mache ihn darauf 
aufmerksam, daß auch dieses Wort sich ebenso wie Kavallerie ab- 
teilen lasse, wobei als zweite Hälfte ein weiblicher Vorname (Lori) zum 
Vorschein kommt. Die weiteren Einfälle lassen sich nicht mitteilen, 
aber ich glaube, diese genügen zur Deutung vollständig, denn sie weisen 
alle auf denselben Punkt hin: Kaviar, der als Stimulans bei Männer- 
schwäche einen großen Ruf besitzt; die geschlechtslose Gouver- 
nante; die Mädchen, die er sich versagen muß — das alles kann sich 
nur auf eine Vorstellung beziehen: die „geschlechtslos" machende 
Impotenz. 

Der Satz wäre also zu übersetzen: „Nach einer Weile werde ich 
impotent." Das ist als Wunsch eines normalen Mannes völlig unver- 
ständlich und der Träumer protestiert auch lebhaft dagegen. Trotzdem 
kann ich nicht sehr fehlgegangen sein, denn mitten unter seinen Pro- 
testen fällt ihm ein Gedicht ein, das er in dem Wiener Witzblatt „Die 
Muskete" gelesen hat, worin ein älterer Offizier das Verwelken seiner 
Manneskraft humoristisch beklagt. Es sei ja noch nicht aufgeklärt, 
was die Tochter bedeute, tröste ich ihn. Er repliziert aber damit, 
daß es hier überhaupt nichts zu deuten gebe, weil dieses Detail ja 
nicht einmal sichergestellt sei und er davon vielleicht gar nicht ge- 
träumt habe usw. Glücklicherweise finde ich nach einigem Nachdenken 
die Lösung, ohne daß ich ihn um neues Material angehen müßte, da 
mir die genaue Kenntnis seiner Lebensverhältnisse zu Hilfe kommt. 

Ich weiß, daß er Vater mehrerer Kinder ist, aber schon seit einer 
Reihe von Jahren keinen Familienzuwachs mehr erhalten hat, offenbar 
weil er keinen mehr erhalten wollte, woraus er übrigens kein Geheimnis 
macht. Seine Schwester, deren Ehe eine Zeitlang kinderlos war, was 
auch den Wünschen ihres Gatten entsprach, hatte vor einiger Zeit 
eine Tochter bekommen. Es ist mir nun nicht mehr unverständlich, 
was sein Wunsch, impotent zu sein, bedeuten soll. Die Traumgedanken 
lauten etwa so: Bei aller Vorsicht bin ich doch stets unsicher, ob 
ich nicht ein- Kind erzeugt habe; so ist es ja mit seinem Schwager 



586 Hanns Sachs. 

passiert, dessen Frau unversehens seine Tochter bei sich hatte. 
Wäre ich impotent, so könnte ich dieser Sorge völlig überhoben sein. 
Die Unsicherheit des Trauminhaltes gehört also in die Traumgedanken, 
ganz wie es Freud in der „Traumdeutung" gelehrt und an einem 
Beispiel erläutert hat 1 ). 

Ich teile dem Analysanden die Deutung mit, die er ohne weiteren 
Protest zur Kenntnis nimmt. Die Fortsetzung der Analyse bringt 
dann die vollkommenste Bestätigung. Der nächste Satz des Traum- 
inhaltes beginnt mit den Worten: „Zu beiden Seiten des Weges . . ." 
und dem Träumer fällt dazu ein, daß er gehört habe, eine Hoden- 
entzündung auf beiden Seiten mache zur Kinderzeugung dauernd 
untauglich. 

In diesem Traume wurde also ein bewußtseinsfähiger und aner- 
kannter Wunsch zu einem andern, dem Bewußtsein des Träumers 
unbekannten Wunsche erweitert und dann dieser zur Darstellung 
gebracht. Der erste Wunsch bezieht sich auf die Gegenwart, der zweite 
stammt aus infantilen Quellen, die erst im späteren Verlaufe der 
Analyse aufgedeckt werden. Ja, er hat wirklich einmal gewünscht, 
gar keine Genitale zu haben, da es ihm zum Mittelpunkte quälender 
Wünsche, verbotener Phantasien geworden war. Der in den Kinderjahren 
durchgestrittene Kampf gegen die Inzestschranke, die zuletzt siegreich 
blieb, leiht dem aktuellen Wunsche die Form und die Affektintensität, 
die ihn befähigt, im Traume zu erscheinen. 

Aber nicht bloß im Traume — und das ist das Bedeutsame dieses 
Falles — sondern auch im Wachdenken wird oft die Lebhaftigkeit 
des aktuellen Wunsches durch den von ihm verdeckten infantilen 
begründet. Wer den infantilen Wunsch nicht aufzudecken vermag, 
wird vergeblich zu verstehen suchen, warum auch die intelligentesten 
Menschen sich manchmal ganz unzugänglich gegen einleuchtende 
Vernunftgründe zeigen und in schrullenhafter Weise auf eine scheinbar 
nebensächliche Wunscherfüllung nicht verzichten wollen. 

Die Traumdeutung beweist uns, daß außer der Einstellung, die 
wir im Leben des Tages kennen gelernt haben, bei jedem Menschen 
noch eine zweite vorhanden ist, die ausschließlich dem Lustprinzipe 
dient; was ihn reizt, will er besitzen, was ihn stört, beiseite stoßen, 
gleichviel welches Gebot damit verletzt wird. Doch läßt sich nicht 
behaupten, daß die Hemmungen, die von Ekel, Scham und den ethisch- 
sozialen Komplexen ausgehen, im Traume vollständig fehlen. Sie 

>) „Die Traumdeutung", 1. Auflage, S. 258 



Traumdeutung und Menschenkenntnis. 587 

wirken ja als Zensur bei seiner Entstehung mit, verursachen die Traum- 
entstellung und bei der Deutung den Widerstand, aus dessen Inten- 
sität man wieder auf jene zurückscMießen kann. Traum und Wach- 
denken stehen einander ergänzend gegenüber. Es ist für den, der bisher 
nur das eine kannte, wenn er zur Kenntnis des andern fortschreitet 
„als wenn man die flamändischen Tapeten auf der unrechten Seite 
sieht, denn ob sie gleich die Figuren zeigen, so sind sie doch voller 
Päden, die sie entstellen und sie zeigen sich nicht in der Schönheit 
und Vollkommenheit, wie auf der rechten Seite", um den Vergleich 
des geistreichen Junkers von der Mancha zu gebrauchen. In dem 
einen sind die bewußten, in dem andern die unbewußten Wünsche 
vorherrschend. In beiden Fällen kann man durch feinere Beobachtung 
fiuch den Einfluß des andern Teiles erkennen, die unbewußten Wünsche 
im Wachleben an Symptomhandlungen u. dgl., den Aufbau der Hem- 
mungsvorstellungen im Traume an Entstellung und Widerstand. Es 
gibt einen Grenzfall, wo die unbewußten Strebungen auch im Wach- 
leben dominieren: die Neurose; und einen korrespondierenden, wo die 
Hemmungen in den Traum eingreifen und ihm ein Ende bereiten: 
den Angsttraum. Wer den gesamten psychischen Mechanismus eines 
Menschen erkennen will, muß ihn von beiden Seiten her zu erforschen 
suchen. Traum und Wachen, Bewußtes und Unbewußtes, Infantiles und 
Aktuelles machen zusammen erst den ganzen Menschen aus. 

Aber nicht alles im Seelenleben ist bald wichtig, bald neben- 
sächlich, bald groß, bald klein, je nach der Art wie man es betrachten 
will, wie die Dinge, die man abwechselnd durch das eine und das andere 
Ende eines Opernglases besieht. Es gibt auch eine Macht, die mitten 
im ewigen Wechsel unzerstörbar und unveränderlich bleibt, und das 
ist der Affekt. Die Vorstellungen, mit denen er verbunden ist, ver- 
schwinden und machen anderen Platz, die sutilimierten rücken an die 
Stelle der primitiven, aber der Affekt bleibt, der er war. Eine einzige 
Wandlung kennen wir an ihm, er kann sein Vorzeichen mit dem ent- 
gegengesetzten vertauschen; aber ob darin eine wirkliche oder bloß 
scheinbare Ausnahme liegt, müssen wir noch dahin gestellt sein lassen. 

So ist der Afiekt, der immer sich selbst gleich bleibend, nicht 
täuschen und irreführen kann, der einzig sichere Orientierungspunkt 
für jeden, der sich um das Verständnis der Menschenseele bemüht. 



Nachtrag zu dem autobiographisch beschriebenen 
Falle Ton Paranoia (Dementia paranoides). 

Von Sigm. Freud (Wien). 



In der Behandlung der Krankengeschichte des Senatspräsidenten 
Schreber 1 ) habe ich mich mit Absicht auf ein Mindestmaß von Deutung 
eingeschränkt, und darf darauf vertrauen, daß jeder psychoanalytisch 
geschulte Leser aus dem mitgeteilten Material mehr entnommen haben 
wird, als ich ausdrücklich ausspreche, daß es ihm nicht schwer gefallen 
ist, die Fäden des Zusammenhanges enger anzuziehen und Schluß- 
folgerungen zu erreichen, die ich bloß andeute. Ein freundlicher Zufall, 
der die Aufmerksamkeit anderer Autoren des gleichen Bandes auf die 
Schreb ersehe Selbstbiographie gelenkt hat, läßt auch erraten, wieviel 
noch aus dem symbolischen Gehalt der Phantasien und Wahnideen 
des geistreichen Paranoikers zu schöpfen ist*). 

Eine zufällige Bereicherung meiner Kenntnisse seit der Ver- 
öffentlichung meiner Arbeit über Schreber hat mich nun in den 
Stand gesetzt, eine seiner wahnhaften Behauptungen besser zu würdigen 
und als mythologisch beziehungsreich zu erkennen. Auf Seite 48 
erwähne ich das besondere Verhältnis des Kranken zur Sonne, die ich 
für ein sublimiertes „Vatersymbol" erklären mußte. Die Sonne spricht 
mit ihm in menschlichen Worten und gibt sich ihm co als ein belebtes 
Wesen zu erkennen. Er pflegte sie zu beschimpfen, mit Drohworten 
anzuschreien; er versichert auch, daß ihre Strahlen vor ihm erbleichen, 
wenn er gegen sie gewendet laut spricht. Nach seiner „Genesung'' 

J ) Siehe den Aufsatz im ersten Halbband dieses Jahrbuches, Band II], 
, uf Grundlage der „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken". 

2 ) Vgl. Jung, Wandlungen und Symbole der Libido, ebenda S. 164 und 207, 
Spielrein, Über den psychischen Inhalt eines Falles von Schizophrenie usw., 
Fi. 350. 



Nachtrag zu dem Falle von Paranoia (Dementia paranoides). 589 

rühmt er sich, daß er ruhig in die Sonne sehen kann und davon nur in 
sehr bescheidenem Maße geblendet wird, was natürüch früher nicht 
möglich gewesen wäre. (Anmerkung auf Seite 139 des Schreberschen 
Buches.) 

An dieses wahnhafte Vorrecht, ungeblendet in die Sonne schauen 
zu können, knüpft nun das mythologische Interesse an. Man liest 
bei S. Reinach 1 ) (nach Keller, Tiere des Altertums), daß die alten 
Naturforscher dieses Vermögen allein den Adlern zugestanden, die als 
Bewohner der höchsten Luftschichten zum Himmel, zur Sonne und 
zum Blitze in besonders innige Beziehung gebracht wurden 2 ). Dieselben 
Quellen berichten aber auch, daß der Adler seine Jungen einer Probe 
unterzieht, ehe er sie als legitim anerkennt. Wenn sie es nicht zustande 
bringen, in die Sonne zu schauen, ohne zu blinzeln, werden sie aus dem 
Nest geworfen. 

Über die Bedeutung dieses Tiermythus kann kein Zweifel sein. 
Gewiß wird hier den Tieren nur zugeschrieben, was bei den Menschen 
geheiligter Gebrauch ist. Was der Adler mit seinen Jungen anstellt, 
ist ein Ordale, eine Abkunftsprobe, wie sie von den verschiedensten 
Völkern aus alten Zeiten berichtet wird. So vertrauten die am Rhein 
wohnenden Kelten ihre Neugeborenen den Fluten des Stromes an, um sich 
zu überzeugen, ob sie wirklich ihres Blutes wären. Der Stamm der 
Psyllen im häutigen Tripolis, der sich der Abkunft von Schlangen 
rühmte, setzte seine Kinder der Berührung solcher Schlangen aus; 
die rechtmäßig Geborenen wurden entweder nicht gebissen oder erholten 
sich rasch von den Folgen des Bisses 3 ). Die Voraussetzung dieser 
Erprobungen führt tief in die totemis tische Denkweise primitiver 
Völker hinein. Der Totem — das Tier oder die animistisch gedachte 
Naturmacht, von der der Stamm seine Abkunft herleitet — verschont 
die Angehörigen dieses Stammes als seine Kinder, wie es selbst von 
ihnen als Stammvater verehrt und eventuell verschont wird. Wir sind 
hier bei Dingen angelangt, die mir berufen scheinen, ein psycho- 
analytisches Verständnis für die Ursprünge der Religion zu ermöglichen. 

Der Adler, der seine Jungen in die Sonne schauen läßt und verlangt, 
daß sie von ihrem Lichte nicht geblendet werden, benimmt sich also 
wie ein Abkömmling der Sonne, der seine Kinder der Ahnenprobe 



x ) Cultes, Myth.es et Religions, T. III, 1908, p. 80. 

2 ) An den höchsten Stellen der Tempel waren Bilder von Adlern angebracht, 
als „magische" Blitzableiter zu wirken (S. Reinach 1. c). 

3 ) Siehe Literaturnachweise bei Reinach I. c, T, III und T, I, p. 74. 



590 Sigm. Freud. 

unterwirft. Und wenn Schreber sich rühmt, daß er ungestraft und 
ungeblendet in die Sonne schauen kann, hat er den mythologischen 
Ausdruck für seine Kindesbeziehung zur Sonne wiedergefunden, hat 
uns von neuem bestätigt, wenn wir seine Sonne als ein Symbol des 
Vaters auffassen. Erinnern wir uns daran, daß Schreber in seiner 
Krankheit seinen Familienstolz frei äußert („Die Schrebers gehören 
dem höchsten himmlischen Adel an 1 )"), daß wir ein menschliches 
Motiv für seine Erkrankung an einer femininen Wunschphantasie 
in seiner Kinderlosigkeit gefunden haben, so wird uns der Zusammen- 
hang seines wahnhaften Vorrechtes mit den Grundlagen seines Krank- 
seins deutlich genug. 

Dieser kleine Nachtrag zur Analyse eines Paranoiden mag dartun, 
wie wohlbegründet die Behauptung Jungs ist, daß die mythen- 
bildenden Kräfte der Menschheit nicht erloschen sind, sondern heute 
noch in den Neurosen dieselben psychischen Produkte erzeugen wie in 
den ältesten Zeiten. Ich möchte eine früher gemachte Andeutung 2 ) 
wieder aufnehmen, indem ich ausspreche, daß für die religionsbildenden 
Kräfte dasselbe gilt. Und ich meine, es wird bald an der Zeit sein, einen 
Satz, den wir Psychoanalytiker schon vor langem ausgesprochen haben, 
zu erweitern, zu seinem individuellen, ontogenetisch verstandenen 
Inhalt, die anthropologische, phylogenetisch zu fassende Ergänzung 
hinzuzufügen. Wir haben gesagt: Im Traume und in der Neurose 
finden wir das Kind wieder mit den Eigentümlichkeiten seiner Denk- 
weisen und seines Affektlebens. Wir werden ergänzen: auch den 
wilden, den primitiven Menschen, wie er sich uns im Lichte der 
Altertumswissenschaft und der Völkerforschung zeigt. 



*) Denkwürdigkeiten, S. 24. — „Adel" gehört zu „Adler". 
2 ) Zwangshandlungen und Religionsübung. 1907. 



Aus der psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich 1 ). 



Experimentelle Beiträge zur Psychologie 
des psycho-galvanisehen Phänomens. 



Von Esther Aptekmann. 



ERSTER TEIL. 
I. Vorbemerkungen und Fragestellungen. 

Das physiologisch noch ungenügend aufgeklärte „psychogal- 
vanische Reflexphänomen", um dessen Erforschung sich Veraguth 2 ) 
besondere Verdienste erworben hat, steht in einer unleugbaren Be- 
ziehung zu affektiven Vorgängen, deren Natur es ist, sowohl psychisch 
als somatisch zu wirken. Nachdem schon Veraguth diese Tatsache 
ausgiebig belegt hat, hat Binswanger mit eingehender Analyse die 
begleitenden und als ursächlich wirksam zu betrachtenden psycho- 
logischen Vorgänge untersucht. Ebenso wie Veraguth, Jung 3 ), 
Peterson und Jung*), hat auch Binswanger 5 ) das Assoziations- 
experiment als Mittel und Weg zur Untersuchung der psychischen 
Vorgänge gebraucht. Binswanger hat zunächst in sorgfältigster Weise 
den Komplexzusammenhängen nachgespürt. Diese Untersuchung 
ergab, daß den Komplexreaktionen in den meisten Fällen „zu lange 
galvanische Ausschläge" entsprechen (d. h. solche, die über dem Mittel 
der Serie liegen). Der „zu lange" galvanische Ausschlag ist 



1 ) Arbeiten rnter Leitung von Dr. Jung. 

2 ) „Das psychogalvanische Reflexphänomen", Berlin, Verlag S. Karger. 
Vgl. auch Aebly: Zur Analyse der physikalischen Vorbedingungen des psycho 
galvanischen Reflexes mit exosomatischer Stromquelle. Diss. Zürich 1910. 

3 ) Journal of Abnorm. Psycho!. Vol. I, Nr. 6. 

4 ) Brain. Vol. 30, 1907. 

3 ) Diagnost. Assoc. Studien. Bd. II, p. 113. 



°J° Esther Aptekmana. 

daher als ein „wertvolles neues Komplexmerkmal" zu be- 
trachten. Für diese Regel fand Binswanger aber wesentliche Be- 
schränkungen, die prinzipiell wichtig sind. Die obige Regel gilt nur 
für den Fall, daß eine gewisse Stimmungslage nicht vorhanden ist, 
die Binswanger als „bestehenden Komplex" definiert oder als „Dauer- 
affekt, Dauerkonzentration der Aufmerksamkeit auf etwas anderes 
als die Experimentreize". Diese Stimmungslage oder „Einstellung" 
hemmt die psychische Verarbeitung des „Reizes", infolgedessen er 
„assoziations- und gefühlsarm" bleibt. „Aus dem Mangel an neuen 
Affekten ergibt sich der Mangel an neuen Innervationen, und daher 
auch das Verschwinden der Ausschläge" (p. 193, 1. c). Binswanger 
hat diese Tatsache überzeugend nachgewiesen, sowohl durch die 
Beobachtung eines Falles, wo ein bestehender Daueraffekt tatsächlich 
die Apperzeption und die daraus sich ergebende affektive Innervations- 
änderung hemmte, als auch durch die Verwendung der von June 
und Riklin ersonnenen Ablenkungsmethode 1 ). Die Zerspaltung der 
Aufmerksamkeit bei dieser Methode verhindert in durchsichtiger Weise 
die Apperzeption des Reizes, so daß derselbe nicht mehr die Wirkungen 
entfalten kann, wie bei voller Apperzeption, welche allein eine ent- 
sprechende affektive Reaktion auslösen kann. So dürfte es wohl in 
der Regel sein, wenn schon die Untersuchungen von Nu nberg 2 ) deutlich 
zeigen, daß auch unbewußte Komplexreize, die also keine volle Apper- 
zeption erfahren haben, beträchtliche Gefühlswirkungen auslösen 
können. Nach denselben Untersuchungen scheint es aber doch all- 
gemeine Regel zu sein, daß die Apperzeption größere affektive 
Wirkung besitzt als unbewußte Assimilation an einen abgespaltenen 
Komplex. 

Ein Phänomen, auf das Peterson und Jung 3 ) aufmerksam 
gemacht haben, verdient hier erwähnt zu werden, nämlich die Tatsache, 
daß gelegentlich die nochmalige Wiederholung einer Reizwortserie 
ein entschieden „besseres" Resultat, d. h., eine plastischere Heraus- 
hebung komplexer Assoziationen ergibt als die erste Exposition. Der 
Grund dieser Erscheinung ist in der allgemeinen „Experimenterregung" 
des ersten Versuches zu suchen, wie die Autoren annehmen. Wie Bins- 
wanger, haben auch Peterson und Jung gesehen, daß die gal- 

J ) Diagnost. Assoc. stud. Bd. I, p. 11. 

2 ) Diagnost. Assoc. stud. Bd. II, p. 208 ff. 

3 ) Psycho-physical Investigations etc. Brain Vol. 30, 1907. 



Experimentelle Beiträge zur Psychologie usw. obo 

vanischen Ausschläge bei Assoziationen mit „zu langen" Zeiten durch- 
schnittlich erhöht sind. Ferner wiesen Peterson und Jung nach, 
daß Assoziationen, die in der folgenden Wiederholungsserie verändert 
reproduziert sind, durchschnittlich größere Ausschläge aufwiesen 
als solche, die nachmals unverändert reproduziert wurden, was ein 
deutliches Anzeichen für die affektive („komplexe") Natur der Re- 
aktionsveränderung ist. Diesen Nachweis suchte Jung 1 ) schon früher 
zu bringen, indem er zeigte, daß die Reaktionszeit der nachmals falsch 
reproduzierten Reaktionen über dem wahrscheinlichen Mittel der 
ganzen Serie liegt. „In der Hauptsache fällt die Reproduktionsstörung 
auf eine zu lange Reaktionszeit; wo sie nicht damit zusammenfällt, 
pflegt die vorausgehende Reaktionszeit in der Mehrzahl der Fälle 
zu lang zu sein 2 )." „Die mangelhaft reproduzierte Assoziation weist 
durchschnittlich etwas mehr als doppelt so viel Komplexmerkmale 
auf als die richtig reproduzierte 3 )." 

Neuerdings hat Pfenninger 4 ) ausführlich dargetan, daß auch 
bei vielfacher und über mehrere Wochen ausgedehnter Wiederholung 
die Reaktionsänderungen (die notabene ganz dem Belieben der Ver- 
suchspersonen anheimgestellt waren) eine ausgesprochene Tendenz 
zeigen, sich da zu lokalisieren, d. h., bei den Reizwörtern, die schon 
in der I. oder II. Serie durch Komplexmerkmale ausgezeichnet waren. 
Daraus geht hervor, daß offenbar vom Komplex die Tendenz öfterer 
Erneuerung seines sprachlichen Ausdruckes ausgeht. 

Es ist nun von besonderem Interesse, zu erfahren, wie sich dieses 
besondere Verhalten der Komplexe physisch abbildet, d. h. welche 
Effekte davon auf das psychogalvanische Phänomen ausgehen. — 
Schon 1908 haben Jung und Brill 5 ) an der Züricher Klinik derartige 
Untersuchungen durchgeführt, ohne sie zunächst zu publizieren. Ich 
verdanke Herrn Dr. Jung die Überlassung dieses Materials zur Be- 
arbeitung und zur Publikation. Diese Untersuchungen werden uns 



L ) Über die Eeproduktionsstörungen usw. Diagnost. Assoc. stud. 
Bd. II, p. 67. 

2 ) L. c. p. 73. 

3 ) L. c. p. 76. 

*) Über die Konstanz und den Wechsel der psychologischen Kon- 
stellation, Jahrbuch für psychoanalyt. und psychopatholog. Forschung. III. Bd. 
2. Hälfte. 

6 ) Dr. A. A. Brill, Nervenarzt in New York. 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. III. 38 



594 Esther Aptekmann. 

also zunächst (im ersten Teil) beschäftigen. Die Apparatanordnung 
dieser Versuche war so, daß die Elektroden (Messingplatten, auf welche 
die Versuchsperson die Hände legt) sich in einem andern Zimmer 
befand als das Galvanometer. Die Hände wurden nach einem von 
Jung ausprobierten Verfahren mit kleinen Sandsäcken belastet, um 
Fingerbewegungen zu verhindern. Dieses Verfahren hat auch den 
Vorteil, daß die Versuchsperson vom Gefühle befreit wird, beständig 
auf die Hände aufpassen zu müssen, um sie ruhig zu halten; was bei 
längeren Versuchsserien sehr in Betracht kommt. Im übrigen war die 
Apparatanordnung dieselbe wie bei den früheren einschlägigen Arbeiten 
der Züricher Klinik. Die Versuchsanordnung war folgende : I. Es wurde 
auf 50 Reizwörter während 6 Wochen jede Woche einmal reagiert. 
Die Versuchspersonen waren 4 Ungebildete, Wärter. II. Es wurde 
auf 25 Reizwörter täglich zu gleicher Zeit während 7 Tagen reagiert. 
Die Versuchspersonen waren 5 Wärter, davon 4 dieselben wie bei der 
wöchentlichen Repetition. Es wurden natürlich überall und in allen 
Repetionen dieselben 50 oder 25 Reizwörter exponiert. Zuerst werden 
wir uns mit den Ergebnissen der wöchentlichen Repetition zu beschäftigen 
haben. Pfenninger (1. c.) hat ebenfalls wöchentliche Repetitionen. 
Es ist daher von Interesse, die Resultate dieser gänzlich getrennten 
Untersuchungen zu vergleichen, natürlich mit dem Bewußtsein, daß 
die Versuchsbedingungen andere waren] als hier, indem hier noch das 
galvanometrische Arrangement dazukommt, was immerhin von Ein- 
fluß sein dürfte. Ähnlicherweise hat Pf e n ni ng er auch mit Ungebildeten 
gearbeitet. 

II. Reaktionszeit und Reaktions Wechsel 
bei wöchentlicher Repetition. 

1. Die Reaktionszeit. 

Es wurde bei der einzelnen Versuchsperson aus jedem Repe- 
titionsversuche das wahrscheinliche Zeitmittel ausgerechnet. Diese 
wahrscheinlichen Mittel wurden mit den entsprechenden Zahlen der 
anderen Versuchspersonen summiert und die Summe wurde durch die 
Anzahl der Versuchspersonen dividiert. Daraus ergab sich unten- 
stehende Tabelle I. Die erste Kolonne enthält die Zahlen des Ju ng- 
Brillschen Materials, die zweite die Zahlen aus der Pfenninger- 
schen Arbeit. 



.Experimentelle Beiträge zur Psychologie usw. 



595 



Tabelle I. 
Die Zeiten sind alle in Vs Sekunden angegeben. 



Ju 



n g 



Brill 



Erstmalige Exposi 
tion I. . . . 

Repetition II 
III 
IV 

v 

VI 



11-2 

8'0 

7-7 
7-7—8-3 
Durchschnitt 

8-3 

7-3 



Pfe 



nninger 



Erstmalige Exposi- 
tion I . . . . 
Repetition II . 
III 
IV . 

V . 

VI . 

VII . 

VIII . 



10-2 
9-6 
8-5 
9-2— £-9 
Durchschnitt 
9-2 
8-5 
8-0 
7-4 



Abgesehen von dem Umstände, daß die Zahlen Pfenningers 
etwas höher wie die unsrigen liegen, was vielleicht von der Art des 
Versuchsleiters abhängen könnte (?), zeigt sich im Prinzipe eine be- 
merkenswerte Übereinstimmung zwischen den beiden Reihen. Das 
unerwartete Ansteigen der Zahlen von der IV. Repetition an findet 
sich auch in unseren Zahlen. Dieses Zusammentreffen verstärkt den 
Eindruck, daß es sich dabei um ein mehr als bloß zufälliges Resultat 
handelt. Pfenninger nimmt, unter Anwendung der Preudschen 
Theorie an, daß es sich um einen psychosexuellen Widerstand handle, 
und zwar um einen verspätet eintretenden homosexuellen Widerstand. 
(Ich verweise auf die Ausführungen Pfenningers.) 

Im Zusammenhalte mit der folgenden Tabelle II ist hervor- 
zuheben, daß die I. Reaktionszeit höher ist als die entsprechende Zahl 
bei Pfenninger. 

2. Der Reaktionswechsel. 

Unter Reaktions Wechsel verstehen wir die Tatsache, daß bei den 
verschiedenen Repetitionen die Reaktionen nicht immer dieselben 
bleiben, sondern wechseln. 

38* 



596 



Esther Aptekmann. 



Tabelle II. 
Die Zahlen sind in Prozenten angegeben. 



Jung- Brill 


Pfenninger 


II. Serie . . 


f>7"0Reaktionsweehs. 


II. Serie .... 


62-5 


III. „ 


34-0 


III. „ .... 


490 


IV. „ . . 


30-0— 354 
Durchschnitt 


IV. „ .... 


44-5 


v. „ . . 


25-3 


V. „ .... 


42-5—43-2 
Durchschnitt 


vi. ., 


23-3 


VI. „ .... 


42-5 






VII. „ .... 


36-5 






VIII. „ .... 


28-5 



Unsere Zahlen liegen wieder niederer als die Pfenningers mit 
Ausnahme der ersten Zahl. Dieses Verhalten stimmt mit den Re- 
aktionszeiten zusammen. (Siehe Tabelle I.) Der höheren Reaktions- 
zeit entspricht eine höhere Anzahl von Reaktionsänderungen. Im 
übrigen ist der Abstieg der Zahlen gleichmäßig, ähnlich wie bei 
Pfenninger. 



3. Der Reaktionswechsel in seiner Beziehung zu den Komplexmerkmalen. 

Die bemerkenswerte Feststellung Pfenningers, daß der Reak- 
tionswechsel sich auf die durch Komplexmerkmale in der I. Exposition 
ausgezeichneten Assoziationen konzentriert, ist für unser Versuchs- 
material von besonderem Werte, indem es ja die Komplexe sind, die 
eine ganz besondere psychophysische Wirksamkeit vermöge ihrer 
affektiven Betonungen entfalten. Wir werden daher ebenfalls ver- 
suchen, das vorliegende Material nach den Gesichtspunkten der 
Pfenningerschen Arbeit zu betrachten. Wir begnügen uns dabei, 
die Reaktionen der I. und II. Serie (d. h. die Assoziationen, die bei der 
erst- und zweitmaligen Exposition der Reizwörter herauskamen) in 



Experimentelle Beiträge zur Psychologie usw. 



597 



solche mit und in solche ohne Komplexmerkmale einzuteilen. 
Die Komplexmerkmale wurden bestimmt nach den Angaben Jungs 
in seiner Arbeit über „Reproduktionsstörungen." (Diagnostische Asso- 
ziationsstudien, Bd. II.) Die Frage ist die : Wieviel Reaktionswechsel 
in den späteren Serien erfolgen durchschnittlich auf Reizwörter, die 
in der I. und II. Serie (= Exposition) Komplexmerkmale erregt 
haben? 

Tabelle III. 



Jung - Brill 



Serie I 


Serie II 


Auf Reaktionen mit Komplexmerkmalen 
erfolgen später durchschnittlich : T9 Reak- 
tionswechsel 


1"8 Reaktionswechsel 


Ohne Komplexmerkmale: 1*6 Reaktions- 
wechsel 


1-3 





Pfenninger 




Serie I 


Serie II 


Mit Komplexmerkmalen : 
Wechsel 

Ohne Komplexmerkmale : 
Wechsel 


3*5 Reaktions- 
2*6 Reaktions- 


3'7 Reaktionswechsel 

2-8 



Wir sehen zunächst, daß auf Assoziationen mit Komplexmerk- 
malen mehr Reaktionswechsel in den späteren Serien erfolgen als auf 
solche ohne Komplexmerkmale. Die II. Exposition zeichnet sich 
dadurch aus, daß die Zahlen besser der Erwartung entsprechen, d. h. 
es ist hier viel deutlicher, daß nach Komplexmerkmalen am Anfange 
der Expositionen in den folgenden Repetitionen an den entsprechenden 



598 



Esther Aptekmann. 



Stellen mehr Reaktionswechsel auftreten. Dieses bessere Resultat 
der II. Serie dürfte darauf hinweisen, daß die Apperzeption der Reize 
bei der I. Exposition durch Emotion behindert war, was bei der gal- 
vanometrischen Versuchsanordnung nicht erstaunlich ist. Bei den 
daneben gestellten Zahlen Pfenningers fehlt dieses Phänomen, 
was auf die einfachere Versuchsanordnung zurückgeführt werden dürfte. 

4. Die Reaktionszeit der veränderten Reaktionen. 

Die Berechnung geschah in folgender Weise: Die Zeiten der 
veränderten und der nicht veränderten Reaktionen wurden gesondert 
und aus ihnen das wahrscheinliche Mittel genommen. 

Tabelle IV. 
Reaktionszeit in 1 / s Sekunden. 



Jung 


-Brill 










Serie 


II 


III 


IV 


V . 


VI 


Keine Reaktionsänderung. . . . 
Mit Reaktionsänderung .... 


6-5 
7-0 


6-.0 

7-2 


52 

7-2 




5-7 
8-0 


5-7 
8-5 



Pfenninger 



Serie 


II 


III 


IV 


V 


VI 


VII 


VIII 


Keine Reaktionsänderung . 
Mit Reaktionsänderung . . 


8-5 
10-4 


8-1 
101 


8-5 
112 


9-4 
10-2 


8-0 
9'2 


75 

8-7 


7.2 
8-4 



Das Ergebnis stimmt mit den Resultaten früherer Untersuchungen 
(Wreschner, Pfenninger). Die Zahlen sind für die einzelnen Re- 
petitionen angegeben. Wenn wir untersuchen, wie der Verlauf der 
Differenzen zwischen den hinteren Zahlenreihen ist, so sehen wir, daß 
bei den Jung- Brillschen Zahlen die Differenz mit der Zunahme 
der Repetition größer wird, bei den Pfenning er sehen Zahlen dagegen 
wird sie in ebenso deutlicher Weise kleiner. Dieses Verhalten ist mir 



Experimentelle Beiträge zur Psychologie usw. 



59» 



nicht erklärlich. Bei der täglichen Repetition (vgl. Tabelle V) zeigt 
aich wieder ein umgekehrtes Verhalten. 

5. Die Reaktionszeit der I. und II. Serie in ihrer Beziehung 
zum Reaktionsweehsel. 

Die Fragestellung dieses Abschnittes ist folgende : Sind Reaktionen, 
die im weiteren Verlauf der Repetitionen sich öfter verändern, schon 
bei der erstmaligen Exposition durch Komplexmerkmale ausgezeichnet? 
Pfenninger hat auf die Frage positive Antwort gegeben. Da im 
Jung - Brillschen Material die Komplexmerkmale (mit Ausschluß 
der verlängerten Reaktionszeit) außerordentlich spärlich sind (die 
Versuchspersonen sind alle sehr eingeübt), so mußte ich mich auf die 
Reaktionszeit als Komplexmerkmal einschränken, was natürlich 
eine gewisse Einseitigkeit bedeutet. 

Tabelle V. 

Reaktionszeit in 1 / i Sekunden. 



Reaktions Wechsel 





1 


2 


3 


4 


5 


Serie I 

Serie II 


11-2 

7-0 


12-3 

7-4 


12-9 
10-0 


124 
10-1 


6-9 
9'0 


13'3 
10-3 



Tabelle V zeigt folgendes : Eine Assoziation, die bei den folgenden 
Repetitionen sich Omal ändert, hat bei der erstmaligen Exposition 
eine durchschnittliche Reaktionszeit von 11*2, bei der II. Exposition 
eine solche von 7*0. Die folgenden Kolonnen geben die Resultate 
wieder, für diejenigen Assoziationen, die sich 1-, 2-, 3 mal usw. später 
ändern. Wir sehen besonders in der II. Serie (vgl. oben !) eine deutliche 
Erhöhung der Reaktionszeit in denjenigen Fällen, wo die Assoziation 
sich nachmals mehrfach verändert. Dieses Ergebnis stimmt mit den 
Beobachtungen Pfenningers über ein. 



III. Reaktionszeit und Reaktionswechsel 
bei täglicher Repetition. 

Täglich repetiert wurde, wie erwähnt, bei 5 Versuchspersonen 
in 7 Tagen. Die Fragestellungen und Berechnungsmethoden der fol- 



600 



Esther Aptekmann. 



genden Abschnitte sind dieselben wie bei der wöchentlichen Repetition. 
Zum Vergleiche setze ich jeweils noch die Zahlen der wöchentlichen 
Repetition dazu. 

1. Die Reaktionszeit. 
Tabelle VI. 



Tägliche Repetition. 


Wöchentliche 


Repetition. 


Serie I . - 


11-2 


Serie I . . 


11-2 


H 


8-4 


II 


8-0 


„ HI 


7-6 


„ HI . 


7-7 


„ iv . 


7-8 


„ iv . 


7-7 


v 


6-4 


v . . 


8-8 


„ VI 


4-7 


vi . . 


7-3 


„ VII . 


4-7 







Tabelle VI zeigt den Verlauf der Reaktionszeit in den einzelnen 
"Wiederholungsserien. Wie bei der wöchentlichen Repetition, finden 
wir eine nachträgliche Erhöhung der Reaktionszeit, die aber ganz auf 
die IV. Serie fällt. Es scheint daher, daß dieses Phänomen (erhöhter 
Widerstand?) nicht durch die Dauer des Intervalles wesentlich affiziert 
wird. Bemerkenswert dagegen ist der Einfluß des kleineren Intervalles 
auf das Absteigen der Reaktionszeit, welche hier viel rascher und aus- 
giebiger abnimmt als bei der wöchentlichen Repetition. Die rascher 
aufeinanderfolgenden Expositionen verringern die Emo- 
tionsgröße der Reize und finden die früheren Reaktionen 
reproduktionsbereit vor. So dürfte wohl der Sinn dieses Phä- 
nomens formuliert werden. 



2, Der Reaktionswechsel. 



Die folgende Tabelle zeigt den Verlauf der Reaktionswechsel 
in den Wiederholungsserien. 



Experimentelle Beiträge zur Psychologie usw. 
Tabelle VII. 



601 



Tägliche Repetition 


j 

Wöchentliche Repetition 


Serie II 


44-2 


Serie II 


67-0 


„ HI 


28-2 


„ HI 


34-0 


„ iv 


250 


„IV 


30-0 


V 


18-4 


„ v 


25-3 


„ vi 


8-5 


„ vi 


25-3 


„ VII 


8-3 







Tabelle VII zeigt durchgehend niedrigere Zahlen in der Kolonne 
der täglichen Repetition als bei der wöchentlichen Repetition. Dieses 
Verhalten kann, was den Anfang der Repetition betrifft, auf der Aus- 
wahl der Reizwörter beruhen, indem bei der kürzeren, wöchentlichen 
Reizreihe einige entschieden sehr kritische Reizwörter sich befinden. 
Das tiefe Absinken der Wechsel gegen den Schluß ist wiederum als eine 
klare Folge des kleineren Intervalles zu betrachten, insofern infolge des 
kleineren Intervalls die frühere Reaktion noch eher reproduktions- 
bereit ist als bei siebentägigem IntervaDe. 

3. Der Reaktionswechsel in seiner Beziehung zu den Komplexmerkmalen. 

Tabelle VIII. 

Tägliche Repetition 



Serie I 



Serie II 



Mit Komplexmerkmalen 1*5 Reaktionswechsel 
Ohne Komplexmerkmale 1/0 Reaktions Wechsel 



1*6 Reaktionswechsel 
- 8 Reaktionswechsel 



Wöchentliche Repetition 



Serie I 



Serie II 



Mit Komplexmerkmalen 1"9 Reaktionswechsel 
Ohne Komplexmerkmale 1*6 Reaktionswechsel 



1*8 Reaktionswechsel 
1*3 Reaktionswechsel 



Tabelle VIII zeigt, daß auch bei täglichen Repetitionen auf kom- 
plexe Anfangssasoziationen in den späteren Serien mehr Wechsel 



602 



Esther Aptekmann. 



erfolgt als auf indifferente Reizworte. Daß die prognostische Be- 
deutung der Anfangsreaktion (I. und II. Serie) hier noch deutlicher 
heraustritt als bei der wöchentlichen Repetition, dürfte eine Wirkung 
des kürzeren Zeitintervalls sein. 

4. Die Reaktionszeit der veränderten Reaktion. 
Tabelle IX. 



Serie 


II 


III 


IV 


V 


VI 


VII 


Keine Reaktionsänderung . . . 
Mit Reaktionsänderung .... 


8-1 
9-6 


4-9 
10-4 


7'3 
11-5 


60 

7-8 


4-7 
6-7 


4-7 
6-2 



Tabelle IX zeigt die schon bekannte Erhöhung der Reaktionszeit 
für veränderte Reaktionen. 

5. Reaktionszeit der I. und II. Serie in ihrer Beziehung 
zum Reaktionswechsel. 

Tabelle X. 
Reaktionszeit in V* Sekunden. 



Tägliche Repetition. 



Serie 





1 


2 


3 


4 


I 


11-3 

7-9 


17-0 
95 


11-8 
11-2 


11-7 
125 


52-7 


II 


155 







Wöchentliche Repetition (Tabelle V). 



Serie 





1 


2 


3 


4 


5 


I 


11-2 
7-0 


12-3 
7-4 


129 
10-0 


12-4 
10-1 


6-9 
9-0 


133 


II 


10*3 









Tabelle X entspricht, was Inhalt und Berechnung anbetrifft, der 
Tabelle V, die oben bereits besprochen wurde. Es zeigt sich, daß auch 



Experimentelle Beiträge zur Psychologie usw. 



603 



hier diejenigen Assoziationen, die sich in der Wiederholung mehrfach 
ändern, schon in der I. und II. Serie durch verlängerte Reaktionszeiten 
ausgezeichnet sind. Auch diesmal ist die II. Serie prognostisch die 
zuverlässigere, was aus der mit der Anzahl der nachmaligen Wechsel 
regelmäßig zunehmenden Reaktionszeit zu ersehen ist. Das „bessere" 
Resultat der II. Serie dürfte wohl ganz auf Rechnung des Wegfalls 
der anfänglichen Experimenterregung zu setzen sein. Das kürzere 
Zeitintervall wirkt wiederum „verbessernd" auf das Resultat ein, 
indem weit weniger Gelegenheit vorhanden ist zu neuen Konstellationen 
als bei der wöchentlichen Repetition. 

IV. Die psychogalvanischen Erscheinungen 
bei wöchentlicher Repetition. 

1. Der galvanische Aussehlag 1 ). 

Tabelle XL 



Galvanischer Ausschlag 



Reaktionszeit. 



Serie I 

II 

III 

IV 

V 

VI 



5-4 
66 
54 
5-2 
4-8 
2-9 



Serie I 

II 

III 

IV 

V 

VI 



11-2 

8-0 
7-7 
7-7 
8-3 
7-3 



Verschiedene Autoren haben es versucht, in exakter Weise 
nähere Beziehungen zwischen der Reaktionszeit und dem gal- 
vanischen Phänomen aufzufinden. Es hat sich dabei ein gewisser 
Parallelismus ergeben, der es tatsächlich erlaubt, an einen bestimmten 
Zusammenhang zu denken. Immerhin muß sehr berücksichtigt 
werden, daß dieser Parallelismus nur im ganzen und großen vor- 
handen ist und daß im einzelnen erhebliche Abweichungen von der 
statistischen Regel stattfinden, auf die schon Bins wanger 2 ) mit 



') Öfter abgekürzt als G. A. 

2 ) Über das Verhalten des psychogalvanischen Phänomens beim Asso- 
ziationsexperiment. Diagnost. Assoc. atud. II. Bd. 



604 Esther Aptekmann. 

einer besonderen Auffassung hingewiesen hat. Eine allgemeine Ver- 
gleichung der galvanischen Ausschläge und der Reaktionszeiten hat 
daher zunächst nur einen allgemein orientierenden Wert. 

Wenn wir die beiden Reihen vergleichen, so zeigt sich nur ein 
bedingter Parallelismus. Der sehr langen Anfangsreaktionszeit steht 
ein relativ kleiner Ausschlag, der Abnahme der Reaktionszeit von der 
I. zur II. Serie ein vergrößerter Ausschlag gegenüber. Wir haben in 
den obigen Abschnitten gesehen, wie eben diese Versuchsreihen dadurch 
gekennzeichnet sind, daß nicht die I. Exposition diejenige Auffassung 
des Reizwortes herbeiführt, welche prognostisch den größten Wert 
besitzt, sondern erst die II. Exposition. Es ist bei Peterson und 
Jung darauf hingewiesen, daß die Experimenterregung während 
der I. Exposition eine völlige Apperzeption der Reize verhindert, 
so daß infolge davon die psychophysische Reaktion (der körperliche 
Untergrund des „Gefühlstones", Jung) notwendigerweise mangelhaft 
ausfallen muß. Diese Tatsache ist von Binswanger nicht nur durch 
das Ablenkungsexperiment ausgiebig erhärtet, sondern auch durch 
die schöne Beobachtung eines akuten Affektzustandes direkt nach- 
gewiesen worden. Die Experimenterregung erhöht allgemein die Re- 
aktionszeit, indem sie die Bereitschaft deutlich hindert, zugleich wird 
dadurch die Apperzeption mangelhaft, was eine entsprechend ver- 
minderte psychophysische Reaktion zur Folge hat. Daher in der I. Serie 
die Reaktionszeit lang, der galvanische Ausschlag kurz ist, in der II. Serie 
umgekehrt. Solche Beobachtungen legen es nahe, das psychogalvanische 
Phänomen mit Jung als einen Maßstab der Apperzeption auf- 
zufassen. Mit dieser Auffassung gewinnt das Phänomen der in der 
IV. und V. Serie auftretenden Verlängerung der Reaktionszeit ein 
bestimmtes Aussehen. Wir sehen, daß jene Verlängerungen der Re- 
aktionszeit nicht begleitet sind von entsprechenden Erhöhungen des 
galvanischen Ausschlages. Daraus wäre zu schließen, daß nicht etwa 
eine vermehrte Affektgröße plötzlich neue, störende Bedeutungen zur 
Apperzeption bringt, sondern daß vielmehr das Gegenteil der Fall zu 
sein scheint, nämlich ein Absinken des Interesses und damit der affek- 
tiven Reaktion. Wenn wir aber genau zusehen, so liegt die Sache nicht 
so einfach, nämlich, während in der Kurve der Reaktionszeiten die 
erneuerte Verlängerung der Reaktionszeit stattfindet, ist der Abfall 
der Größe des galvanischen Ausschlages erheblich langsamer als vor 
und nachher. Folgende Zusammenstellung der Differenzen veran- 
schaulicht diese Beobachtung: 



Experimentelle Beiträge zur Psychologie usw. 



605 



Serie 


II 


III 


IV 


V 


VI 


Reaktionszeit 

Galvanischer Ausschlag .... 


— 3-2 
-|- 1-2 


— 0-3 

— 1-2 


^o-o 

— 0-2 


— 0-4 


— ro 

— 1-9 



Dieser Verlauf zeigt deutlich, wie im Bereiche der Zeitverlängerung 
das starke Abfallen der psychophysischen Reaktionsgröße doch ent- 
schieden aufgehalten ist, was sich nach dem oben Gesagten wohl nur 
als verbesserte Apperzeption auffassen läßt. Die Untersuchung der 
Individualzahlen ergibt, daß die Größe der galvanischen Ausschläge 
in der IV. und V. Serie zwar auch abnimmt, daß dieses Absteigen aber 
unterbrochen ist von einzelnen erheblichen Zunahmen der Reaktions- 
größe. Diese Zunahmen beeinflussen das arithmetische Mittel natürlich 
erheblich und verursachen direkt das scheinbar vergrößerte Abfallen 
der Größe des galvanischen Ausschlages. Diese Zunahmen erfolgen 
natürlich an Komplexstellen und sind tatsächlich als Folgen erhöhter 
Apperzeption aufzufassen. Die Tatsache, daß kritische Reizworte 
von einer größeren Anzahl von Reaktionswechseln gefolgt sind als 
indifferente, weist darauf hin, daß ihre Konstellation häufig wechselt, 
weshalb reichlich Gelegenheit zur Apperzeption neuer Bedeutimgen 
vorhanden ist. Die Erhöhung der Reaktionszeit um die 
IV. Serie erweist sich demnach nicht als ein einfaches Nachlassen 
des Interesses, als was es bei oberflächlicher Betrachtung imponieren 
könnte, sondern als ein Aufspringen neuer Bedeutungen von 
größerem Affektwert (an Komplexstellen). Wir werden bei der täglichen 
Repetition sehen, daß dort in der IV. Serie sogar eine erneuerte Ver- 
mehrung des galvanischen Ausschlages eintritt, parallel der Zeiterhöhung. 



2. Die Bedeutung des galvanischen Ausschlages für den Reaktionswechsel. 

Die Frage, die ich hier zu beantworten suche, ist die, ob dem 
galvanischen Ausschlage dieselbe prognostische Bedeutung zukomme 
wie den Komplexmerkmalen der I. und II. Versuchsserie. Die Frage- 
stellung ist daher: Hat eine Assoziation, die am Anfange der Versuche 
durch einen über dem Mittel (der betreffenden Serie) liegenden gal- 
vanischen Ausschlag ausgezeichnet ist, mehr Reaktionswechsel im 
Gefolge als eine Assoziation, deren anfänglicher galvanischer Ausschlag 
unter dem Mittel liegt? Diese Fragestellung könnte also einen weiteren 



606 



Esther Aptekmann. 



Beitrag bringen zur Auffassung des galvanischen Ausschlages als eines 
Komplexmerkmales. 

Tabelle XII. 



Serie 



II 



Galvanischer Ausschlag über dem Mittel gefolgt von 
Galvanischer Ausschlag unter dem Mittel gefolgt von 



1-75 
1-35 



l-851Reaktions- 
1*151 Wechsel 



(Tabelle III.) 



Serie 


I 


II 


Assoziation mit Komplexmerkmalen 
Assoziation ohne Komplexmerkmale 


1-9 
1-6 


r8|Reaktions- 
1*3 ) Wechsel 



Aus diesem Resultat ersehen wir, daß der in der I. oder II. Serie 
auftretende und über dem Mittel liegende galvanische Ausschlag vor- 
zugsweise eine Assoziation bezeichnet, die nachmals einem größeren 
Wechsel unterworfen sein wird. Auch hier gibt die II. Serie das pro- 
gnostisch bessere Bild, was in völliger Übereinstimmung mit den früheren 
Feststellungen ist. Der galvanische Ausschlag verhält sich also wie ein 
Komplexmerkmal. Vergleichen wir nun die prognostische Leistung 
des galvanischen Ausschlages mit der entsprechenden Leistung der 
Komplexnierkraale in Tabelle III, so sehen wir, daß der galvanische 
Ausschlag sogar noch präziser prognostiziert als die Komplexmerkmale. 
Dieses Resultat ist wiederum äußerst bezeichnend für die durchaus 
psychogene Natur des psychogalvanischen Phänomens. 



3. Die Bedeutung des Reaktionswechsels für den anfänglichen 
galvanischen Ausschlag. 

Die Frage ist, ob der galvanische Ausschlag in der I. oder II. Serie 
größer oder kleiner ist, wenn die Assoziationen der nachfolgenden 
Repetitionen viel oder wenig wechseln. Die folgende Tabelle zeigt die 
Größe des galvanischen Ausschlages für den Fall, daß kein Reaktions- 
wechsel nachher auftritt, sowie für 1, 2 usw. Reaktionswechsel. 



Experimentelle Beiträge zur Psychologie usw. 
Tabelle XIII. 



607 



Reaktio ns Wechsel 



1 



Serie I. 
Serie II. 



6-8 
4-9 



7-4 
4-4 



9-7 
7-2 



8-9 
7-1 



7-0 
9-0 



10-1 
7-0 



Galvanischer 
Ausschlag 



Das Resultat ergibt, daß im allgemeinen mehrfacher Wechsel 
sowohl in I. wie in II. Serie durch höhere galvanische Ausschläge im 
voraus angezeigt ist als nachheriges Stereotypbleiben der Assoziation. 
Die II. Serie zeigt hier keine Begünstigung. 

4. Der galvanische Ausschlag der veränderten Reaktion. 

Die Fragestellung ist dieselbe wie in Abschnitt II, 4, wo dieselbe 
Betrachtung in bezug auf die Reaktionszeit durchgeführt war; es hat 
sich dort (ebenso III, 4) klar ergeben (in voller Übereinstimmung mit 
früheren Autoren), daß die Reaktionszeit einer veränderten Reaktion 
in der Regel immer höher ist, als einer unveränderten. 

Tabelle XIV. 



Serie 


II 


III 


IV 


V 


VI 




Keine Reaktionsänderung 
Mit Reaktionsänderung . . 


45 

5-9 


4-8 
4-3 


3-7 
7-3 


3-2 
3-1 


2-6 
31 


Galvanischer 
Ausschlag 



Die Tabelle zeigt, daß das galvanische Phänomen die sichere 
Erhöhung der Zeit nur zum Teil mitmacht. Das könnte darauf hin- 
deuten, daß der affektive Anteil an einem Reaktionswechsel bei wöchent- 
lichem Intervalle relativ gering ist respektive daß in diesem Intervalle 
Wechsel vorkommen, die affektiv sehr indifferent sind. Es ist schon 
hier bemerkenswert und wird sich bei der täglichen Repetition noch 
deutlicher zeigen, daß die Differenzierung der veränderten und nicht 
veränderten Reaktionen sehr zu wünschen übrig läßt, im Gegensatze 
zur Reaktionszeit, welche, wie aus Abschnitt II, 4 und III, 4 hervorgeht, 
die Differenzierung streng aufrecht erhält. Dieses Phänomen hängt 
mit der allgemeinen Tatsache zusammen, daß das galvanische Phä- 



608 



Esther Aptekmann. 



nomen außerordentlich achwach wird, sobald eine gewisse Gewöhnung 
und Indifferenz der Versuchsperson eingetreten ist. Allein an der Ge- 
wöhnung liegt es aber nicht, denn Versuchspersonen, die schon längst 
ans Experiment gewöhnt sind, können wieder sehr kräftige Ausschläge 
haben; die Bedingung ist nur, daß die Reize eine gewisse Aktualität 
und Wirklichkeit haben. Ohne das sinkt die psychogalvanisch 
sich ausdrückende Affektivität öfters bis auf Null. Die mangelhafte 
Differenzierung in der V. und VI. Serie könnte leicht diesem Umstände 
zu verdanken sein. Die unerwartet niedere Zahl der dritten Serie (die 
sich übrigens auch bei der täglichen Repetition findet, vgl. V, 2) kann 
allerdings nicht dadurch erklärt werden, sondern ist zunächst in Zu- 
sammenhang zu bringen mit der affektiven Steigerung in der IV. Serie. 
Es muß danach wohl angenommen werden, daß in der III. Serie das 
Interesse einen Tiefstand erreicht, der durch eine plötzliche Erneuerung 
in der IV. Serie überwunden wird. 



V. Die psychogalvanischen Erscheinungen 
bei täglicher Repetition. 

1. Der galvanische Ausschlag. 

Wir untersuchen wiederum zuerst den Gesamtverlauf der Mittel 
des galvanischen Ausschlages durch Repetitionsserien. Zum Vergleiche 
ist rechte die Tabelle der Reaktionszeit hingesetzt. 

Tabelle XV. 



Galvanischer Ausschlag 



Reaktionszeit 



Serie I 

,. n 
„ m 

IV. 

v 
„ vi 

VII 



10-7 


Se 


7-2 




5-5 




6.5 




4-7 




1-2 




3-8 









I 

II 
III 

IV 

V 

VI 

VII 



11-2 

8-4 
7-6 
7-8 
6-4 
47 
4-7 



Experimentelle Beiträge zur Psychologie usw. 



609 



Was zunächst auffällt, ist der Umstand, daß nicht wie bei der 
wöchentlichen Repetition (Tabelle XI) eine Vermehrung des gal- 
vanischen Ausschlages in der II. Serie eintritt. Wir haben eine kon- 
stante Abnahme bis zur IV. Serie, wo mit der Erhöhung der Reaktions- 
zeit eine Vermehrung des galvanischen Ausschlages eintritt. Auf diese 
Weise schmiegt sich die Kurve des galvanischen Ausschlages ganz der 
der Reaktionszeit an. Das erneuerte Ansprechen des galvanischen 
Phänomens in der IV. Serie wurde schon oben diskutiert und dort 
erwähnt. Diese Vermehrung der Innervationsgröße ist, wie eben oben 
gesagt wurde, in der Hauptsache auf die beträchtliche Erhöhung 
gewisser Ausschläge zurückzuführen, was wohl kaum anders erklärt 
werden kann, als daß es sich entweder um ein Aufspringen neuer Kom- 
plexbedeutungen oder Wiedererwachen alter Bedeutungen handelt. 
Durch gewöhnliche Befragung läßt sich in dieser Hinsicht bei Un- 
gebildeten sehr wenig machen (auch bei Gebildeten pflegt die Ausbeute 
gering zu sein); das galvanische Phänomen kann auch imbewußte 
Komplexbedeutungen registrieren. (Vgl. Binswanger 1. c. ebenso 
Nunberg, II. Bd. der Diagnost. Assoc. stud.) Das ist in diesem 
Falle sehr wahrscheinlich so, daß die Auffrischung der Komplexwirk- 
samkeit sich zum großen Teile der Apperzeption entzieht. 

2. Der galvanische Ausschlag der veränderten Reaktion. 

Berechnung und Fragestellung ist dieselbe wie in IV, 4. 

Tabelle XVI. 



Serie 


II 


III 


IV 


V 


VI 


VII 


Ohne Reaktionswechscl . 
Mit Reaktionswechsel . . 


6-9 

7-58 


5-6 
5*2 


6-4 

7-7 


3-9 

7-7 


3-8 
4-2 


4-5 
44 



Die Tabelle zeigt uns im Prinzipe dieselben Phänomene wie in 
IV, 4, den Tiefstand des Ausschlages in der III. Serie und die mangel- 
hafte Differenzierung gegen das Ende. Ich muß daher ganz auf die 
Erörterungen in IV, 4 verweisen und hebe nur hervor, daß die Ver- 
kürzung des Intervalles von keinem erheblichen Einfluß auf diese 
Phänomene war. 

Jahrbuch für psyehoaualyt. u. psychopathol. Forschungen. III. 3» 



610 



Esther Aptekmanii. 



3. Die Bedeutung des galvanischen Ausschlages für den Reaktionswechsel. 

Die Fragestellung ist dieselbe wie in Abschnitt IV, 2, nämlich 
die prognostische Bedeutung des galvanischen Ausschlages in der I. 
oder II. Serie. 

Tabelle XVII. 



Serie 



Galvanischer Ausschlag über dem Mittel 
Galvanischer Ausschlag unter dem Mittel 



Tabelle VIII (zum Vergleiche hergesetzt). 




Serie 


I 


II 


Assoziation mit Komplexmerkmalen .... 
Assoziation ohne Komplexmerkmale .... 


1-5 
1-0 


1-6 
0-8 



Die zum Vergleiche hergesetzte Tabelle VIII, welche dieselbe 
Frage, aber in bezug auf Komplexmerkmale beantwortet, zeigt, daß 
die prognostische Bedeutung des galvanischen Ausschlages in dieser 
Form der Berechnung als relativ gering erscheint. Die Komplex- 
merkmale ergeben in dieser Hinsicht viel besser differenzierte Zahlen. 
Die detaillierte Fragestellung der folgenden Tabelle XVIII zeigt, worauf 
dieses mangelhafte Resultat im wesentlichen zu beziehen ist: Gerade 
die häufigen zweimaligen Reaktionswechsel (die vieilfachen Wechsel sind 
relativ seltener) sind ganz ungenügend durch hohe galvanische Ausschläge 
in der 1. und II. Serie ausgezeichnet, obschon sie durch Komplex- 
merkmale bestimmt sind. Dieser mangelhafte Parallelismus deutet 
wiederum darauf hin, daß der galvanische Ausschlag sich unähnlich 
den Komplexmerkmalen verhält. Er findet naturgemäß bei den kom- 
plexen Assoziationen statt, nicht aber bei den in der gleichen Serie 
nachfolgenden Assoziationen, welche infolge der Affektperseveration 
noch durch Komplexmerkmale ausgezeichnet sind und dementsprechend 



Experimentelle Beiträge zur Psychologie usw. 



611 



auch ihre Form in den Repetitionen gerne wechseln, obschon sie nicht 
eigentlich kritische Assoziationen sind. Im übrigen verweise ich auf die 
gründlichen Ausführungen Binswangers. (Diagnost. Assoc. stud., 
II. Band.) 

4. Die Bedeutung des Reaktionswechsels für den anfänglichen 
galvanischen Aussehlag. 

Die Fragestellung ist dieselbe wie in Abschnitt IV, 3. 
Tabelle XVIII. 



Reaktions- 
wechsel 



3 



Serie I. . . 
„ II. . . 



11-2 

7-9 



17-2 
9-5 



8-2 
7-2 



15-0 
12-1 



28-3 
16-1 



Galvanischer 
Ausschlag 



Wie schon im vorhergehenden Paragraphen erwähnt wurde, zeigt 
sich bei dieser eingehenderen Untersuchung, daß es ausschließlich der 
zweimalige Reaktionswechsel ist, der in I. und in II. Serie nicht durch 
erhöhten galvanischen Ausschlag ausgezeichnet ist. Die übrigen Re- 
aktionswechsel sind durch erhöhten galvanischen Ausschlag in der 
I. und in der II. Serie trefflich hervorgehoben. 



Zusammenfassung des ersten Teiles. 

a) Die von Pfenninger erhobenen Regeln lassen sich an unserem 
Material durchaus bestätigen. 

b) Der galvanische Ausschlag geht den psychologischen Er- 
scheinungen bis auf einige eng umschriebene Stellen genau parallel, 
soweit sich das durch statistische Darstellung überhaupt bestimmen 
läßt. Jedenfalls dürfte es keinem Zweifel unterliegen, daß in der Mehr- 
zahl der Fälle ein enges Zusammengehen zwischen den rein psycholo- 
logischen Phänomenen des Assoziationsexperimentes und dem gal- 
vanischen Phänomen stattfindet. Der galvanische Ausschlag kommt 
in Wegfall, wo ein Affekt perseveriert. Diese Tatsache kann die Sta- 
tistik wesentlich beeinflussen, so daß Ausnahmen von der gegebenen 
Regel vorkommen können. 

39* 



612 Esther Aptekmann. 

c) Die Erschöpfung derReizwirkung durch Wiederholung drückt 
sich nicht in einer regelmäßig abfallenden Kurve aus, sondern es er- 
folgt in der IV. Serie eine relative Auffrischung der psychophysischen 
Reaktion, die anscheinend mit dem Intervall nichts zu tun hat. 



ZWEITER TEIL. 

Repetitionsversuche mit verschiedenen 
Experimentatoren. 

Die Versuche waren in folgender Weise angelegt: Der männliche 
Experimentator war Dr. Jung, der weibliche Verfasserin. Als Versuchs- 
personen dienten 6 Männer und 6 Frauen, mit einer Ausnahme alle 
Gebildete. Die erste Reizreihe bestand aus 25 Reizworten. Bei weib- 
lichen Versuchspersonen wurde sie zuerst vom weiblichen und bei 
männlichen Versuchspersonen vom männlichen Experimentator auf- 
genommen. Unmittelbar darauf wurde die Reizreihe repetiert, diesmal 
vom gleichgeschlechtigen Experimentator aufgenommen. Eine II. Ver- 
suchsserie von 12 Reizworten wurde zuerst vom ungleichgeschlechtigen 
und dann vom gleichgeschlechtigen Experimentator aufgenommen. 
Eine III. Versuchsserie bestand darin, daß eine Reizreihe von 21 Reiz- 
worten zuerst vom gleichgeschlechtigen Experimentator aufgenommen 
und unmittelbar darauf zweimal repetiert wurde. Am folgenden Tage 
geschah dasselbe mit dem ungleichgeschlechtigen Experimentator und 
anderen Reizworten. Der männliche Experimentator ist Dr. Jung, 
der weibliche Verfasserin. Die Absicht dieser Versuchsanordnung 
ist klar. Es handelt sich zunächst um die allgemeine Frage, ob ver- 
schiedene Experimentatoren einen nachweisbaren Einfluß auf das 
Experiment haben, und sodann um die spezielle Frage, ob das Ge- 
schlecht des Experimentators einen nachweisbaren Einfluß hat. Es 
muß im voraus bemerkt werden, daß man a priori die Möglichkeit 
erwarten könnte, daß diese Versuchsanordnung einen eindeutigen 
Einfluß nachweist, daß aber ein negatives Resultat noch keineswegs 
dartut, daß dieser Einfluß nicht existiert. Ein negatives Ergebnis 
könnte, wie immer bei experimentellen Untersuchungen, bloß heißen, 
daß der eingeschlagene Weg der unrichtige war. 



Experimentelle Beiträge zur Psychologie usw. 613 

Unmittelbare Repetition. 
1. I. und II. Versuchsserie mit weiblichen Versuchspersonen. 



I. Versuchsserie 


II. Versuchsserie 




5 1 ) 


S 




9 


<5 


Reaktionszeit ■ . ■ 
Galvanischer Aus- 
schlag 


13-5 
54 


11-0 

5-7 


Reaktionszeit . . . 
Galvanischer Aus- 
schlag 


10-2 

6-8 


10-5 

6-5 



Die Zahlen dieser Tabelle sind Durchschnittszahlen. Das Resultat 
der I. Versuchsserie, wo der gleichgeschlechtige Experimentator voraus- 
geht, sieht so aus wie die Resultate der oben berichteten Repetitions- 
versuche. Die Vergrößerung des galvanischen Ausschlages in der Wieder- 
holung durch den männlichen Experimentator unterscheidet sich in 
nichts von dem oben erörterten Phänomen der verbesesrten Apper- 
zeption. Die II. Versuchsserie dagegen zeigt ein anderes Bild. Hier 
liegen die Versuchsverhältnisse gerade umgekehrt. Es ist, wie wenn 
der männliche Experimentator von der kürzeren Reaktionszeit und 
dem größeren galvanischen Ausschlag gefolgt wäre. 

2. I. und II. Versuchsserie mit männlichen Versuchspersonen. 



I. Versuchsserie 


II. Versuchsserie 




9 


c? 




9 


d 


Reaktionszeit . . . 
Galvanischer Aus- 
schlag 


10-0 

6-9 


11-0 
5-2 


Reaktionszeit . . . 
Galvanischer Aus- 
schlag 


11-0 
5-7 


9-0 
4-7 



Das Resultat zeigt, daß der männliche Experimentator bei der 
männlichen Versuchsperson nicht die Wirkung hat wie bei der weib- 
lichen. Aber auch der weibliche Experimentator gelangt nicht zu dem 



l ) 9 und (j 1 bedeuten weibliche und männliche Experimentatoren. 



? 9 



614 



Esther Aptekmann. 



Einflüsse, den man hätte erwarten können, indem in der I. Versuchs- 
ßerie die Wiederholung eine längere Reaktionszeit und einen kleineren 
galvanischen Ausschlag das Zeichen erschlafften Interesses gebracht 
hat. Diese Beobachtung weist darauf hin, daß wohl noch andere Fak- 
toren als der Geschlechtsunterschied bei dieser Experimentfrage in 
Betracht kommen. 

3. III. Versuchsserie mit weiblichen Versuchspersonen. 

Die Versuchsanordnung besteht hier, wie oben erwähnt, in der 
zweimaligen Repetition einer Reizreihe mit demselben Experimentator. 

Weibliche Versuchspersonen. 



Weiblicher Experimentator. 



Serie 


I 


II 


III 




123 

4-8 


11-5 

5-6 


10-4 


^ 


4-6 



Das Ergebnis bietet keine Besonderheiten. Die Zunahme des 
galvanischen Ausschlages in der II. Serie ist das uns bereits bekannte 
Phänomen verbesserter Apperzeption. 

Die Tabelle gewinnt ihr Interesse durch Vergleichung mit der 
ihr folgenden Darstellung: 

Weibliche Versuchspersonen. 



Männlicher Experimentator. 



Serie 


I 


II 


III 


Reaktionszeit 


11-4 
10-0 


9-3 
6-7 


8-3 


Galvanischer Ausschlag 


51 



Wir sehen hier einen nicht unbeträchtlichen Unterschied zu 
obiger Tabelle. Die Reaktionszeiten sind kürzer und die galvanischen 



Experimentelle Beiträge zur Psychologie usw. 



615 



Ausschläge größer: das Interesse ist stärker gespannt, daher auch das 
Phänomen der in der II. Serie verbesserten Aufmerksamkeit wegfällt, 
denn infolge des stärkeren Interesses erfolgt schon in der I. Serie eine 
völlige Apperzeption der Reizwortbedeutung. 



4. III. Versuchsserie mit männlichen Versuchspersonen. 

Wir gelangen nun zu den entsprechenden Versuchen mit Männern. 

Männliche Versuchspersonen. 



Männlicher Experimentator 


Weiblicher Experimentator 


Serie 


I 


II 


III 


Serie 


I 


II 


III 


Reaktionszeit . . . 
Galvanischer Aus- 
schlag 


10-4 
9-5 


8-7 
5-5 


8'3 
4-5 


Reaktionszeit • • ■ 
Galvanischer Aus- 
schlag 


11-7 
5-4 


9-9 
4-6 


8-9 
3-9 



Das Resultat ist anders als bei den Frauen. Die überwiegende 
affektive Wirkung kommt dem männlichen Experimentator zu, was 
als Folge seiner autoritativen Stellung leichtverständlich ist. Was wir 
oben in Abschnitt 2 bloß angedeutet fanden, bestätigt sich hier völlig, 
daß nämlich außer dem Geschlechtsunterschiede das Persönliche be- 
trächtlich ins Gewicht fällt; in unserem Falle so sehr, daß die Wir- 
kungen des Geschlechtsunterschiedes dadurch ganz verwischt werden, 

5. Vergleichung der durchschnittlichen Reizwortwirkung. 

a) Gleichgeschlechtiger Experimentator. 

Als „Reizwortwirkung" ist in diesem Falle der galvanische Aus- 
schlag zu verstehen. Es handelt sich hier um die Frage, wie die ein- 
zelnen Reaktionen sich durchschnittlich verhalten unter den vorgängig 
geschilderten Experimentbedingungen. Da für die gleichgeschlechtigen 
Versuche dieselben Reizreihen benutzt wurden, so stelle ich die beiden 
entsprechenden Tabellen zusammen, so daß man vergleichen kann, wie 
die weibliche und die männliche Versuchsperson durchschnittlich auf 
die einzelnen Reize reagiert. Die Anfangsreize sind aus natürlichen 
Gründen immer von großen Ausschlägen begleitet, sie können daher 
nicht wohl in Betracht kommen. 



616 



Esther Aptekmann. 



Weibliche Versuchspersonen 



Weiblicher 
Experimentator 



II 



III 



1. neu 

2. beten . 

3. Geld . 

4. dumm 

5. Heft . 

6. verachten 

7. Finger 

8. teuer . 

9. Vogel . 

10. fallen . 

11. Buch . 

12. ungerecht 

13. Hunger 

14. weiß . 

15. Kind . 

16. aufpassen 

17. Bleistift 

18. traurig 

19. Haus . 

20. Heiraten 

21. Glas . 



9-8 
8-3 
7-3 
8-3 
4-6 
8-3 
6-1 
7-0 
2-6 
5-5 
3-5 
8-8 
2-3 
3-0 
5-6 
5-5 
3-0 
3-6 
2-3 
17-3 
4-6 



13-4 
52 

14-6 
4-6 
9-3 
6-3 
4-1 
7-5 
3-8 
9-6 
2-8 
3-3 
3-1 
2-3 
3-5 
1-8 
2-6 
3-8 
2-5 

16-1 
2-8 



9-1 
9-8 
35 
2-5 
3-1 
2-3 
3-8 
3-6 
2-6 

14-1 
2-5 
3-8 
21 
3-1 
4-6 
2-3 
21 
3-0 
0-5 

13-3 
2-8 



Männliche Versuchspersonen 



Männlicher 
Experimentator 



II 



III 



1. 
2. 

3. 

4. 

5. 

6. 

7. 

8. 

9. 
10. 
11. 
12. 
13. 
14. 
15. 
16. 
17. 
18. 
19. 
20. 
21. 



neu 


16'3 


15*0 


beten .... 


14-8 


9-3 


Geld .... 


14-8 


130 


dumm .... 


9-0 


61 


Heft 


7-8 


4-3 


verachten . . 


10-3 


5-1 


Finger .... 


10-0 


5-0 




5-3 


6-1 


Vogel .... 


8-7 


6-1 


fallen .... 


6-8 


3*7 


Buch .... 


6-5 


3-6 


ungerecht . . 


8-1 


2-5 


Hunger . . . 


233 


6-6 




9-1 


1-3 


Kind 


7-8 


4-3 


aufpassen . . . 


11-3 


1-3 


Bleistift . . . 


57 


1-8 


traurig .... 


7-5 


6-3 


Haus .... 


4-1 


6-9 


heiraten . . . 


120 


7-5 


Glas 


3-7 


o-o 



71 

6-1 
5-6 
3-1 
2'6 
6'1 
6-1 
21 
37 
10-6 
T5 
3-6 
3-6 
3-9 
4-7 
1-7 
21 
2-7 
2-0 
91 
2-0 



Bei Reaktion 3 „Geld" sehen wir bei den Männern sofort die 
stärkere und anhaltende Wirkung. Bei Frauen tritt erst in der II. Serie 
die völlige Apperzeption ein. Die Worte dumm und verachten 
sind bei beiden Geschlechtern von Wirkung, während Finger und 
Vogel für die Männer bedeutsamer zu sein scheinen. Eine außerordent- 
liche Wirkung entfaltet Hunger bei männlichen Versuchspersonen. 
Der Gedanke des sozialen Erfolges ist wohl dahinter zu suchen. Eine 
besonders nachträgliche Wirkung hat das Wort fallen bei beiden 
Geschlechtern. Bei Frauen wird die Bedeutung von heiraten sofort 



Experimentelle Beiträge zur Psychologie usw. 



617 



voll apperzipiert, bei Männern gewürdigt. Das Wort stärkster Wirkung 
bei Frauen ist heiraten, bei Männern Hunger. Diese Beobachtung 
scheint darauf hinzudeuten, daß bei gleichgeschlechtiger Experiment- 
leitung besonders der soziale Komplex eingestellt wird. 



b) Ungleichgeschlechtiger Experimentator. 



Männlicher Experimentator 



Weiblicher Experimentator 



Weibliche 
Versuchsperson 



II 



III 



Männliche 
Versuchsperson 



I 



II 



III 



1. alt . . . 






12-6 


2. Liebe . . 






9-0 


3. groß . . 






5-0 


4. Mann . . 






8-0 


5. Teil . . 






7-8 


6. schlagen 






5-6 


7. Blume 






6-8 


8. wild . . 






4-6 


9. Familie . 






6-0 


10. waschen 






5-6 


11. Kuh . . 






8-0 


12. fremd . 






7-0 


13. Glück . 






145 


14. lügen . . 






7-6 


15. Bruder . 






10-6 


16. fürchten. 






13-8 


17. Frau . . 






7-3 


18. Angst 






6-8 


19. küssen . 






34-0 


20. Tür . . 






2-8 


21. zufrieden 






7-0 



12-3 

11*6 
2-5 
8-5 
8-6 
5-3 
4-8 
6-6 
6-1 
4-1 
3-5 
5-1 

11-8 
5-3 
4-0 
4-3 
8-6 
4-6 

14-3 
3-1 
3-3 



9-6 
2-1 
4-5 
4-5 
3-0 
6-8 
6-0 
2-5 
4-1 
3-0 
6-8 
2-5 
8-3 
3-8 
2-8 
4 

6-3 
4-5 
19-0 
4-3 
2-6 



1. 

2. 

3. 

4. 

5. 

6. 

7. 

8. 

9. 
10. 
11. 
12. 
13. 
14. 
15. 
16. 
17. 
18. 
19. 
20. 
21. 



alt. . . 
Liebe . 
groß . . 
Mann . 
Teil . . 
schlagen 
Blume . 
wild - . 
Familie 
waschen 
Kuh . . 
fremd . 
Glück . 
lügen . 
Bruder 
fürchten 
Frau . 
Angst . 
küssen . 
Tür 
zufrieden 



25-3 

10-3 
55 
5-3 
5-1 
8-5 
6-5 
4-8 
4-7 
3-1 
5-1 
5-5 
9-0 
51 
4-5 
5-0 

10-3 
5-3 

14-9 
1-1 
8-1 



T 

o, 
O 

6' 
3 
4 
3 
1 
1 
4 
3' 
3' 
3' 
1 
2' 
2' 
3' 
3' 
18' 
1 
3' 



5-1 
5-6 
3-5 

2-8 
5-0 
1-1 
2-3 

2-8 
10-8 
2-0 
2-7 
2-7 
2-0 
2-7 
4-0 
3-3 
50 
6-1 
4-8 
1-7 
4-1 



Die Worte stärkster Wirkung sind: 



küssen und Glück. Bei 
Frauen kommt dazu noch fürchten, bei Männern Frau. Diese Effekte 



618 



Esther Aptekmann. 



schildern stark den erotischen Untergrund einer sonst ganz indifferenten 
Beziehung. Diese Konstatierung ergibt einen bezeichnenden Gegensatz 
zur vorhergehenden Tabelle, wo weniger der erotische als vielmehr 
der soziale Komplex eingestellt zu sein scheint. 



c) Durchschnittlicher Verlauf eines anfänglich großen 
galvanischen Ausschlages. 

a) Weibliche Versuchspersonen. 



Weiblicher Experimentat 


Dr. 






Wiederholungen 


I 


II 


III 




11-8 

4-8 


8-6 
5-6 


7-4 
46 



Die großen 1 ) galvanischen Ausschläge der ersten Exposition 
wurden herausnotiert, ebenso die galvanischen Ausschläge derselben 
Assoziationen in den folgenden Wiederholungen. Der Vergleich 
mit dem Mittel aller galvanischen Ausschläge dieser Versuchsserie 
zeigt, daß solche Assoziationen durchschnittlich dauernd über dem 
Mittel blieben, obschon ein ziemlich beträchtlicher Abfall von der 
I. bis III. Exposition zu verzeichnen ist. 



b) Weibliche Versuchspersonen. 



Männlicher Experimentat( 


Dr. 






Wiederholungen 


I 


II 


III 


Große galvanische Ausschläge 


24-0 
100 


10-0 
6-7 


6*9 
5-1 



l ) Unter großen galvanischen Ausschlägen sind diejenigen zu verstehen, 
die über dem arithmetischen Mittel der betreffenden Serie liegen. 



Experimentelle Beiträge zur Psychologie usw. 



619 



Wir beobachten hier dasselbe Phänomen, nur in stark erhöhtem 
Maße wie vorhin, nämlich ein rapides Abnehmen der anfänglichen 
Wirkung. 

c) Männliche Versuchspersonen. 
Männlicher Experimentator. 



Wiederholungen 


I 


II 


III 


Mittel aller galvanischen Ausschläge 


17-0 
9-5 


6-7 
5-5 


44 
4-5 



Hier ist die Abnahme so erheblich, daß in der III. Reihe der 
anfänglich große galvanische Ausschlag sogar unter das allgemeine 
Mittel sinkt. Die großen Effekte scheinen sich weit mehr zu erschöpfen 
als eine relativ geringe Reaktion, die ihren Affektwert fast stetig bei- 
behält. Dieses geringere Absteigen bei schwächeren Aniangswerten 
zeigt sich auch in folgender Tabelle: 

d) Männliche Versuchspersonen. 



Weiblicher Experimentator. 



Wiederholungen 


I 


II 


III 




161 
5-4 


5-3 
4-6 


57 

3-9 



Hier begegnen wir dem bemerkenswerten Phänomen einer Zu- 
nahme der Reizwirkung in der III. Reihe bei den großen galvanischen 
Ausschlägen. Wir deuten diese Zunahme entsprechend unseren 
früheren Überlegungen als Folge eines Apperzeptionszuwachses. Die 
beträchtliche Abnahme in der II. Reihe entspräche einer „Unter- 
schätzung", die zu einer nachherigen Berücksichtigung gewisser Affekt- 
werte führt. Überblicken wir alle vier Tabellen, so sehen wir den Satz 
bestätigt, daß im allgemeinen die Reizerschöpfung desto stärker ist, 
je größer die Anfangswirkung war. Die Anfangswirkung des männlichen 



620 Eether Aptekmann. 

Experimentators ist überall die stärkere. Dagegen rindet bei der 
männlichen Versuchsperson gegenüber dem weiblichen Experimentator 
eine nachträgliche Erhöhung der Reizwirkung statt. 

Zusammenfassung des zweiten Teiles. 

Die Versuche ergeben, daß die affektive Wirkung des männlichen 
Experimentators die größere ist. Diese Wirkung verwischt die wahr- 
scheinlichen Effekte des Geschlechtsunterschiedes. Unsere Versuchs- 
anordnung bewährt sich also als ein experimentelles Hilfsmittel der 
Persönlichkeitsbestimmung, jedoch nicht der Versuchsperson, 
sondern des Experimentators. 

Ferner scheint es, als ob beim gleichgeschlechtigen Experimen- 
tator mehr der soziale Komplex, beim ungleichgeschlechtigen mehr der 
erotische Komplex eingestellt ist. 



Zum Schluß erlaube ich mir, Herrn Privatdozenten Dr. Jung 
für die gütige Überlassung eines Teiles des experimentellen Materials 
und für die Mithilfe bei den Versuchen und bei deren Bearbeitung 
meinen ergebensten Dank auszusprechen. 



Symbolik des Erwachens 
und Sehwellensymbolik überhaupt. 

Von Herbert Silberer (Wien). 



Sowohl im ersten als im zweiten Bande dieses Jahrbuches (1909 
und 1910) habe ich mich bemüht, die Zweckmäßigkeit eines Begriffes 
der ., funktionalen" Kategorie symbolisierender Phänome darzutun. 
Die psychischen Erscheinungen, bei denen Bewußtseinsinhalte in die 
anschauliche Form von Bildern, bildmäßigen Handlungen und Phan- 
tasien gegossen werden (Träume, Träumereien, Halluzinationen, Aus- 
drucksbewegungen, hysterische Symptome, Mythen usf.), können durch 
ihre Symbolik nämlich zweierlei ausdrücken; erstens einmal Inhalte 
von Gedanken und Vorstellungen (z. B. gedachte abstrakte Begriffe, 
den Gegenstand von Wünschen usw.); zweitens den Zustand oder 
die Funktionsweise der Psyche selbst. Die zweite Art der Symbolik, 
die sich nicht auf das Gegenständliche, sondern auf das Zuständliche 
bezieht, führt zu dem Begriffe der funktionalen Kategorie symboli- 
sierender Phänome. Von einer ausführlicheren Erörterung dieses 
Begriffes kann ich diesmal wohl absehen, weil ich einerseits auf jene 
Arbeiten hinweisen kann, wo er in genügender Breite behandelt wird 1 ), 
und weil anderseits mein heutiges Vorhaben mit prinzipiellen Eintei- 
lungsfragen nicht direkt zu tun hat. 

Es soll von der Symbolik des Erwachens (und des Einschlafens) 
die Rede sein. Eine der Materien, die sich das funktionale Phänomen 

!) „Bericht über eine Methode, gewisse symbolische Halluzinations- 
erscheinungen hervorzurufen und zu beobachten", Jahrbuch für psychoanalytische 
und psychopathologische Forschungen Bd. I, Wien und Leipzig (Deuticke); 
„Phantasie und Mythos", ebenda, Bd. II; „Über die Symbolbildung", ebenda, 
S. 661 ff. des vorliegenden Bandes. 



622 Herbert Silberer. 

zur bildlichen Umsetzung als Thema wählen kann, ist der Übergang 
von einem psychischen Zustande zu einem andern. Das, was hierbei 
symbolisiert wird, ist das Passieren einer Schwelle (auch dieser Ter- 
minus ist natürlich schon ein anschauliches Sinnbild) und man kann 
daher vielleicht ganz allgemein von einer Schwellensymbolik 
sprechen. Diese Schwellensymbolik wäre eine besondere Art der 
funktionalen Symbolik überhaupt. Die wichtigste oder wenigstens die 
nächstliegende Erscheinung der Schwellensymbolik aber muß diejenige 
des Überganges vom Zustande des Wachseins in denjenigen des nor- 
malen Schlafes und umgekehrt sein, woran sich das der Willkür und 
der Beobachtung noch besser zugängliche^Passieren von Somnolenz- 
phasen knüpft. 

Als ich vor einigen Jahren einem befreundeten Psychologen den Wert 
der Studien über hypnagogische und hypnopompische Halluzinationen 
für die Traumforschung auseinandersetzen wollte, bediente ich mich un- 
gefähr folgender einleitenden Worte: „Wenige Probleme ermuntern den 
Forscher so sehr zu phantastischer Behandlung wie das des Traumlebens ; 
und kein Problem scheint ihm dazu mehr Berechtigung zu geben. Daß 
die Ermunterung nicht fehlgeschlagen hat und daß von dem Recht oder 
Scheinrecht fleißig Gebrauch gemacht worden ist, wissen wir. Die große 
Freiheit der Gedanken, die Uberschwänglichkeit des Hypothesenspiels 
bilden den auszeichnenden Vorzug und gleichzeitig das verdächtige Mal 
am Leibe gar vieler Spekulationen über das Traumleben. 

Eine der Schwierigkeiten, welche der Traum seiner wissenschaft- 
lichen Erforschung entgegensetzt, stellt sich als eine wunderbare Entrückung 
dar; denn zu ihm schwingt sich das Bewußtsein von dem Getriebe des Wach- 
zustandes weg in weite Fernen, gleichsam auf das jenseitige Ufer eines 
mächtigen Stromes. Der Forscher mag seine Phantasie nachfliegen lassen, 
um das jenseitige Gelände zu untersuchen. Er wird das Wunderland wie 
ein Dichter schauen; mit seinem Seherblicke wird er es als Ganzes auf 
einmal umfassen, doch wird er stets Gefahr laufen, Träume durch Träume 
zu erklären. 

Es gibt einen bescheideneren Weg zur Erforschung des Traumlandes, 
der mühseliger ist, zugleich aber solider erscheint: Brücken schlagen. Man 
wird sich auf diesem Wege freilich nur langsam dem Ziele nähern ; und wenn 
man jenseits angelangt ist, wird man zunächst nur jene Uferstelle vor seinen 
Augen haben, die man gerade betritt. Aber das Wenige ist in der Er- 
kenntnis wertvoll, wenn es verläßlich ist. Nichts hindert übrigens, von den 
gewonnenen Stützpunkten ins Unbekannte mit der Zeit weiter vorzudringen 
usw." (Als eine der möglichen Brücken schilderte ich dann die „auto- 
symbolischen Phänomene".) 

Man bemerkt in diesen bildlichen Worten, die mir damals ganz 
ungesucht, wie von selbst, in den Sinn kamen, einen svmbolischen 



Symbolik des Erwachens und Schwellensymbolik überhaupt. 623 

Ausbau, der sieb, um das Bild eines Stromes, eines Diesseits und Jenseits, 
eines Hinüber und Herüber gruppiert. Der Kern des Bildes trägt ganz 
den Charakter jener „Schwellensymbolik", mit deren Domäne ich den 
Leser heute durch Ausführung einiger Beispiele bekannt machen will. 
Wenn ich auch vorläufig nicht in der Lage bin, dem Leser ein 
reiches Illustrationsmaterial zu bieten, so will ich ihm doch die wenigen 
Früchte einer erst kurzen Sammeltätigkeit nicht vorenthalten; sie 
genügen, um eine gewisse Gesetzmäßigkeit erkennen zu lassen. Ich 
glaube auch bemerkt zu haben, daß die Symbolik des Erwachens bei 
verschiedenen Individuen, je nach den vorwiegenden Assoziationswegen, 
gewisse typische Bilder bevorzugt. Doch kann ich mir bei dem bisher 
noch bescheidenen Material eine bestimmte Behauptung in dieser 
Hinsicht nicht erlauben. Auch werde ich mich in der folgenden Beispiel- 
sammlung vorwiegend auf Phänomene des normalen Schlafes und Halb- 
schlafes mit Träumen und hypnopompischen beziehungsweise hypnago- 
gischen Halluzinationen beschränken. Die Symbolik des Erwachens 
ist vor derjenigen des Einschlafens einigermaßen bevorzugt. Warum, 
liegt auf der Hand. Der Verlauf des letzteren Überganges führt zum 
Schlafe, der des ersteren zum Wachsein, also zu jenem Zustande, in 
dem man sich über das Auftreten des Symbols klare Rechenschaft 
geben und es dem Gedächtnis einprägen kann. Danach könnte es freilich 
scheinen, als ob nur die Symbolik des Erwachens zugänglich wäre. 
Das Vorhandensein und die Beobachtungsmöglfchkeit hypnagogischer 
Bilder dürfte indes allein schon diesem Einwände hinreichend begegnen. 
Zudem ist ausdrücklich zu bemerken, daß nicht bloß die hypnopom- 
pischen, sondern auch die hypnagogischen Halluzinationen in solchen 
Momenten registriert werden, wo, wenn auch bloß auf Sekunden, nach 
dem vorherigen Dämmerzustand ein Wachsein eintritt. Sie werden im 
Dämmer „erlebt"; dieses Erlebnis wird jedoch erst in einer wachen 
Pause „registriert", d. h. als das erkannt, was es ist und in mehr oder 
minder kritischer Art ad notam genommen und als wissenschaftlich 
brauchbares Material festgehalten. A. Maury, der sich mit den hypnago- 
gischen Halluzinationen intensiv beschäftigte und der ihre Identitit 
mit den Traumbildern behauptete (darauf bezieht sich meine obige 
Metapher vom Brückenschlagen), spricht sich schon deutlich über das 
vorübergehende Zurückgewinnen, des Wachzustandes beim Einschlafen 
aus 1 ). Er schildert, wie man auf kurze Zeit in eine Art Lethargie ver- 



x ) A. Maury, „Le Sommeil et les Reves". Paris 1878. 



624 Herbert Silberer. 

fällt, in der bei sonstiger Disposition die Halluzinationen auftreten, 
wie man dann wieder erwacht und wie das vielleicht mehrmals oszilla- 
torisch 1 ) sich wiederholende Spiel mit dem definitiven Einschlafen 
endigt. Ebenso interessant und für derlei Beobachtungen nicht un- 
wichtig ist die Fähigkeit, sich einige Minuten nach dem Einschlafen 
aus dem Schlafe zu reißen — eine Fähigkeit, die beispielsweise G.Trum- 
bull Ladd an sich durch Übung entwickelt hat 2 ). 

Es wäre schließlich noch die Vorerwähnung zu machen, daß für 
die Symbolik des Erwachens und des Einschlafens, für eine Symbolik 
also, deren Bildung sich just auf der Schwelle zwischen Schlaf und 
Wachsein vollzieht, nicht immer ein deutlicher Unterschied zwischen 
der hypnopompischen Halluzination imd dem Traumbilde im engeren 
Sinne gemacht werden kann. Die Grenze zwischen den ersten zwei 
Gruppen von Beispielen, die jetzt folgen sollen, ist infolgedessen als 
fließend zu denken. In die erste Gruppe sind vorwiegend Phänomene 
aus einem mehr oder minder andauernden Dämmerzustand (vor- 
wiegend hypnagogische und hypnopompische Halluzinationen), in die 
zweite die Endstücke von eigentlichen Träumen eingereiht. Der Haupt- 
unterschied zwischen den zwei Gruppen mag wohl der sein, daß in der 
ersten das Traumbild oder der Traumvorgang quasi ein selbständiges 
Ganzes, eine mehr oder weniger reine funktionale Darstellung des 
augenblicklichen psychischen Zustandes ist, während in der zweiten 
Gruppe die mitgeteilte Traumszene etwas Unselbständiges, ein bloßes 
Bruchstück ist, das als Schlußstein zu einem vorherigen Traum gehört, 
sei es, daß es ihm organisch zugehört, sei es, daß es an ihn (etwa durch 
die logisierende Potenz der Freud sehen „sekundären Bearbeitung" 3 ) 
des Traummaterials) plausibel angeknüpft oder „angeschweißt" wurde. 
Anschweißungen dieser Art dürften ja oft dort vorhegen, wo Weckreize 
in den Traum verarbeitet werden. Der dazugehörige (dem die Schwellen- 
symbolik tragenden Schlußstück vorausgehende) Traum muß nicht 
immer bekannt sein. Häufig besteht bloß ein Gefühl, daß ein solcher 
Traum vorausgegangen ist, dessen Abschluß die aktuelle Schwellen- 
szene bildet. Ich werde bei den Beispielen der II. Gruppe anmerken, 
welcher der beiden Fälle vorliegt. 

*) Von diesem oszillatorischen Vorgange wird später in den Beispielen 
der 1. Gruppe nochmals die Rede sein. 

ä ) G. Trumbull Ladd, „Contribution to the psychology of Visual 
Dreams"; „Mind", April 1892. 

3 ) S. Freud, „Traumdeutung". Leipzig und Wien (Deutieke). Ab- 
schnitt // dea Kapitels über die Traumarbeit. 



Symbolik des Erwachens und Schwellensymbolik überhaupt. 625 

Die Symbolik des Erwachens (und des Einschlafens) bedient sich 
solcher Bilder, in welchen eine Situationsänderung, ein Übergang oder 
Untergang, das Beschreiten einer Schwelle das Charakteristikum ist. 
Zu solchen Darstellungen wird oft das Bild der Schwelle selbst (ak 
Türschwelle) verwendet, ferner das Überschreiten eines Gewässers, das 
Tauchen ins Wasser, das Untersinken usw., das Gestörtwerden, das 
Verbinden und Trennen, das Abreisen und Ankommen, das Abschied- 
nehmen und Begrüßen, das öffnen und Schließen und ähnliche Hand- 
lungen und Situationen. 

I. Gruppe. 

Beispiel Nr. 1. — Bedingungen: Abends beim Einschlafen 
findet der oszillatorische Vorgang statt, von dem oben die Rede war. Meine 
Aufmerksamkeit ist eventuellen „autosymbolischen Phänomenen" zu- 
gewendet. Ich bin zuerst in einen diesen Phänomenen günstigen Dämmer- 
zustand gelangt, gerate aber sodann in einen minder erwünschten Zustand 
erhöhten Wachseins. (Ein relatives Erwachen, sozusagen.) 

Halluzinatorische Szene: In meinen stummen Betrachtungen 
sehe ich mich durch eine Dame gestört, die ich wegen ihrer unangenehmen 
Gesprächigkeit nicht leiden mag; sie setzt sich neben mich, und aus ist's 
mit meiner Ruhe. 

Deutung. In dem Symbole wird gleichzeitig der Vorgang des 
Störens wie auch seine in diesem Fall unangenehme Gefühlsbetonung 
zum Ausdruck gebracht. Das „Störende" ist darin hervorgehoben. 

Beispiel Nr. 2. — Bedingungen: Morgens, beim Erwachen. 
In einer gewissen Schlaftiefe (Dämmerzustand) über einen vorherigen Traum 
nachdenkend, ihn gewissermaßen nach- und austräumend, fühle ich mich 
dem Wachbewußtsein näherkommen; ich will jedoch in dem Dämmer- 
zustande noch verbleiben. 

Szene: Ich schreite mit einem Fuß über einen Bach, ziehe ihn aber 
alsbald wieder zurück, trachte herüben zu bleiben. 

Deutung: Das „Herüben" ist der Schlaf-, das „Drüben" der 
Wachzustand. Der Bach ist die „Schwelle" und entspricht dem Strom 
aus meinem oben mitgeteilten Gleichnisse. 

Beispiel Nr. 3. — Bedingungen: Ich liege angekleidet auf einem 
Sofa und bin im Begriffe, mich, dem vorhandenen Schlafbedürfnis ent- 
sprechend, aus dem Wachsein (nach vorherigem kurzen Schlafe) wieder 
zu entfernen. 

Szene: Ich (von irgend jemand begleitet oder abgeholt) ziehe einen 
Mantel an, wie um fortzugehen. 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psycliopathol. Forschungen. III. 40 



626 Herbert Silberer. 

Deutung: Der Schlaf erscheint hier als eine Person, die mich 
abholt. Im „Fortgehen" spiegelt sich die Entfernung aus dem Wach- 
zustande. Der Mantel läßt an die Umhüllung oder Verhüllung des klaren 
Bewußtseins denken. Er spielt dieselbe Rolle wie die verhüllende 
Wolke in manchen Mythen, die als Symbol der Entrückung anzusehen 
ist. Wer sich in den Zustand seelischer Entrückung versetzen will, 
muß nach gewissen Riten einen Mantel umnehmen. 

Symbol quelle: Der Mantel hat in diesem Falle noch eine besondere 
rezente Quelle in einem wenige Minuten vorher aufgetauchten auto- 
symbolischen Phänomen der somatischen Kategorie 1 ). Dieses Phänomen 
war folgendes: 

Subjektiv: Ich ziehe ein Kleidungsstück an, dessen Kragen 
mich rückwärts drückt. 

Objektiv: Ich liege so, daß mein Hemdkragen am Nacken ein- 
schneidet. 

Beispiel Nr. 4. — Bedingungen: Halbschlaf nach einem des 
Morgens erfolgten Wecksignal, nach dem ich noch ein wenig liegen bleibe. 
Ich will aber nicht mehr tief einschlafen, um nicht etwa zu verschlafen. 
Szene: Ich habe einen Gegegenstand (undeutlich) auf einen Kasten 
gelegt; da ich mit den Händen nicht ganz hinaufreiche, habe ich vor- 
sorglich an dem Gegenstande Bänder angebracht, die bis in Reichweite 
herabhängen; so kann ich den Gegenstand jeden Moment wieder haben. 

Deutung: Der Gegenstand, den ich auf den Kasten getan, ist 
mein Wachzustand; ich behalte ihn, obgleich er dem unmittelbaren 
Kontakt entzogen ist, in meiner Gewalt, nämlich an den Bändern 
der Aufmerksamkeit oder des Willens, so daß ich ihn zur rechten Zeit 
wieder haben kann. In diesem Symbol ist auf das Merkmal der Ver- 
bindung (Band - binden) die Betonung gelegt. 

Beispiel Nr. 5. — Bedingungen: Wie im Beispiele Nr. 4. Der 
eintretende Halbschlaf bleibt, wie ich es wünsche, leicht. 

Szene: Ich sehe vor mir eine „automatische Thermouhr" funk- 
tionieren. — Das Werk einer solchen Uhr wird durch einen pendelnden 
Wagebalken getrieben. Der Wagebalken erhält seine Auf- und Abbewegung 
daher, daß eine Kugel, die er an dem einen Ende trägt, intermittierend 
erhitzt wird. Unter der Kugel befindet sich nämlich ein Spirituslämpchen, 
das jedesmal aufflammt, wann der Balken mit der Kugel sich in seine 
Nähe herabsenkt; in diesem Augenblicke der Erwärmung schnellt der 
Wagebalken gleich wieder empor. Offenbar befindet sich, was man von 
außen nicht sehen kann, in der Kugel eine Flüssigkeit mit niedrigem Siede- 
punkte, die jedesmal verdampft und in dem hohlen Balken .ich verteilt, 
worauf sie sich kondensiert und wieder zurückrinnt. 



l ) Die Definition hiervon kann im „Jahrbuch für psychoanalytische 
und psychopathologische Forschungen" 1909, S. 518 nachgelesen werden. 



Symbolik des Erwachens und Schwellensymbolik überhaupt. 627 

Deutung: Der Wagebalken (mein Bewußtseinszustand) kann 
nicht tief hinabsinken (Schlaf), denn jedesmal, wenn er sich senken 
will, wird er von dem Flämmchen (der Aufmerksamkeit) emporgeschnellt 
(in den Wachzustand). Man findet also hier sehr treffend den oben 
besprochenen Vorgang des Oszillierens dargestellt. 

Beispiel Nr. 6. — Bedingungen: Wie im Beispiele Nr. 4. Ich 
will mich noch ein wenig dem Schlafe hingeben. 

Szene: Ich verabschiede mich von jemand und vereinbare mit ihm 
(oder ihr), ihn (sie) bald wieder zu treffen. 

Deutung: Wer das Anschauliche liebt, mag hier an eine Per- 
sonifikation von Leib und Seele denken. Nach mythologischer Auf- 
fassung trennt sich im Schlaf die Seele vom Leib, um sich beim 
Erwachen mit ihm wieder zu vereinigen. — Beim nachherigen Er- 
wachen fiel mir übrigens als erster Gedanke die Gleichsetzung von 
Körper = Weib und Seele = Mann ein. 

Beispiel Nr. 7. — Bedingungen: Abends, beim Einschlafen. 
Szene: Ich bewege mich auf einer Landstraße, die sich in der Ferne 
vor mir im Dunkel eines Tales verliert. 

Deutung: Das dunkle Tal, dem ich mich nähere, ist der Schlaf, 
der im Begriffe ist, mich zu umfangen. 

Beispiel Nr. 8. — Bedingungen: Wie im Beispiele Nr. 4. Voraus- 
schicken muß ich auch, daß ich mich am Abende vorher mit weichem 
(körnigem) und flüssigem Storax beschäftigt habe, wovon ersterer undurch- 
sichtig und fest (teigig) und im Aussehen etwas heller, letzterer aber ein 
im auffallenden Lichte dunkel erscheinender, wenn auch klarer, durch- 
sichtiger Balsam ist. Ich hatte nach dem Wecksignal die Absicht, nicht 
wieder einzuschlafen, geriet aber doch vielleicht in einen etwas tieferen 
Schlummerzustand, als mir lieb gewesen wäre. Als ich — wie durch un- 
bekannte Kraft — dann erwachte, stellte sich das halluzinatorische Phä- 
nomen ein. 

Szene: Ich sehe mich von flüssigem Storax umgeben, der vorher 
(das weiß ich irgendwie) fester Storax gewesen ist; ich habe das Gefühl, 
als wäre der mehrfarbig und heller aussehende körnige, feste Storax in die 
dunkle, einförmige Flüssigkeit übergegangen gewesen. 

Deutung: Der feste, hellere Storax ist ein Bild meines Wach- 
zustandes, der dunkle, flüssige ein Bild meines Schlafzustandes; die 
Flüssigkeit steht da, wie um mich in ihr Dunkel aufzunehmen — analog 
dem Tale des vorhergehenden Beispieles. Ich darf hier an die Redensart 
erinnern: m Schlaf „tauchen" oder „tunken". 

Beispiel Nr. 9. — Bedingungen: Ich werde des Morgens zur 
üblichen Stunde aufgeweckt. Da ich nichts Dringendes vorhabe und Schlaf- 

40* 



628 Herbert Silberer. 

bedürfniß verspüre, beschließe ich, noch ein wenig zu schlafen (ohne die vom 
Beispiele Nr. 4 bekannte Restriktion). Ich werde am Einschlafen durch 
irgend etwas gestört, und zwar, wenn ich mich recht erinnere, durch einen 
andauernden Lärm, der von der Gasse her in mein Zimmer dringt. 

Szene: Ich will mich in einem Zimmer, das mehrere Türen hat, 
einschließen; eine der Türen will aber nicht zugehen, obgleich ich mich 
bemühe, sie zu schließen. 

Deutung: Der Schlaf erscheint hier als ein geschlossenes Zimmer. 
Die Türen stellen die Tore der Sinne dar, die für das schlafende Be- 
wußtsein geschlossen sind. Das Schließen der Türen kommt dem Ein- 
schlafen gleich. Eine der Türen will nicht zugehen, d. h. es gelingt 
mir nicht, mich der störenden Gehörsempfindung zu verschließen. 

Anmerkung: Der Traum trachtet hier erfolglos, sich als „Wächter 
des Schlafes" 1 ) zu bewähren. Die „Türen" des Zimmers sind nämlich auch 
durch die Erwägung determiniert, daß der Lärm nicht zu mir (in mein 
Zimmer) dringen könnte, wenn meine Fenster besser schließen würden. 
Gleich einem Bequemlichkeitstraume setzt mich nun das haUuzinatorische 
Bild in die Lage, dem Übel auf dem primitiven Weg der geträumten Wunsch- 
erfüllung zu steuern; genau so, wie der Traum dem Durstigen ein Glas 
Wasser vorzaubert, das er zum Munde zu führen und auszutrinken glaubt, 
so läßt mich mein Phänomen halluzinierte Türen schließen. Nach Freud 
gelingt es dem Traum als Wächter des Schlafes häufig, dem Schläfer durch 
eine solche fromme Täuschung über einen „toten Punkt" hinwegzuhelfen, 
d. h., ihm den quälenden Wunsch durch scheinbare Erfüllung so lange 
erträglich zu machen, bis der beinahe Erwachte wieder in tieferen Schlummer 
eingewiegt ist, wo ihn der Wunsch nicht mehr stören kann. In dem vor- 
liegenden Falle konnte indes der Traumansatz seiner teleologischen Funktion 
nicht genügen. 

Beispiel Nr. 10. — Bedingungen: Wie im Beispiele Nr. 4, doch 
scheint der unerbeten sich einstellende Schlaf etwas tiefer gewesen zu sein. 

Szene: Ich befinde mich auf einer Straße in der Stadt, weit von 
meiner Wohnung entfernt. Ich fühle mich hier unbehaglich, denn ich hätte 
dringend zu Hause zu tun. Ich wünsche lebhaft meine rasche Heimkehr. 
Wie durch ein Wunder setzt sich dieser Wunsch in die Wirklichkeit um, 
indem ich mich ruckweise immer näher von zu Hause befinde, um schließlich 
in meinem Bette zu erwachen. 

Deutung: Die Tiefe des Schlafes wird hier durch die Größe 
der Entfernung vom Hause (Wachzustand) dargestellt. Die stufenweise 
Annäherung dahin drückt die Phasen des Erwachens aus. 



*) S. Freud, „Traumdeutung", V. Kapitel, c): „In gewissem Sinne sind 
alle Träume Bequemlichkeitsträume ; sie dienen der Absicht, den Schlaf fort- 
zusetzen, anstatt zu erwachen. Der Traum ist der Wächter des Schlafes, nicht 
sein Störer." 



Symbolik des Erwachens und Schwellensymbolik überhaupt. 629 

Beispiel Nr. 11. — Bedingungen: Wie im Beispiele Nr. 9, nur 
ohne die Störung. 

Szene: Ich gehe daran, jemandem etwas (unbestimmt) zu ver- 
pachten. 

Deutung: In dem Begriffe des Verpachtens liegt die Idee des 
Überlassens. Ich überlasse mich oder übergebe mich dem Schlaf. 
Auch die Idee der Befreiung von der Sorge des Verwaltens steckt darin. 
Die Vorstellung des geregelten psychischen Betriebes als eines Haus- 
haltes, der verwaltet wird, ist nicht eben ferneliegend. Ich verweise 
auf Beispiele der II. und III. Gruppe, insbesondere auf Nr. 33 und 38. 

Beispiel Nr. 12. — Bedingungen: Abends, vor dem Einschlafen. 
Ich mache einen psychologischen Versuch, bei dem es darauf ankommt, 
Vorstellungen so lang wie möglich auch im Zustande tiefer Somnolenz 
festzuhalten. Es gelingt mir nicht, in diesen tieferen Zustand zu kommen. 

Szene: Stimmen reden untereinander: „Ah, wenn der . . . (undeut- 
lich; ich bin gemeint) experimentiert, gehen wir nicht hinein." (Akustisch 
vernommen.) 

Deutung: Es liegt hier ein vorübergehender verbo-auditiver 
Automatismus vor. Die automatisch tätigen psychischen Komplexe 
sind nicht näher determiniert. Es ist also nur ein Ansatz zu dem vor- 
handen, was vom Standpunkt des Selbstbeobachters aus wohl am 
besten Dr. L. Staudenmaier als „Personifikationen" (unterbewußter 
psychischer Gruppen) beschrieben hat 1 ). Das „wir" in meinem Bei- 
spiele kann schlechthin als eine Kollektivität von Vorstellungs- und 
Triebgruppen oder Komplexen aufgefaßt werden, die in ihrer Ge- 
samtheit und Zusammenarbeit meine Psyche ausmachen. Wenn der 
Experimentierwunsch in mir überwiegt, so wollen die „anderen" nicht 
schlafen gehen; sie fühlen sich durch ihn belästigt, gestört. Es kommt 
für den Beobachter so heraus, als würden die „anderen" streiken und 
zu Fleiß das nicht tun, was man von ihnen erwartet. Sie wollen nicht 
„hineingehen". Das Einschlafen ist also hier wieder durch ein „Hinein- 
gehen" in irgend einen Kaum bildlich dargestellt. Ich muß noch be- 
merken, daß das akustische Erlebnis von einem schwachen optischen 
Eindruck begleitet war: ich sah ganz undeutlich Leute, die (ich glaube 
in ein Zimmer) nicht eintreten wollten, so, daß auch ich draußen blieb. 

Beispiel Nr. 13. — Bedingungen: Wie im Beispiele Nr. 11. 
Szene: Ich sage mir vor: „Die Dringlichkeit wurde abgelehnt." 

*) Dr. L. Staudenmaier, „Versuch zur Begründung einer wissenschaft- 
lichen Experimentalmagie", erschienen in Ostwalds Annalen der Naturphilosophie, 
IX. Bd., 4. Heft. Vgl. damit die Autonomielehre der Züricher Schule. 

4 



€30 Herbert Silberer. 

Deutung: Das Wecksignal wird als „Dringlichkeitsantrag" auf- 
gefaßt. Der Dringlichkeit des Antrages wird aber im Rate meiner psy- 
chischen Instanzen (siehe Beispiel Nr. 12, Komplexe) nicht Folge 
gegeben. 

Symbol quelle: Tags vorher ist die Rede von einem Dringlichkeits- 
antrag gewesen, dessen Dringlichkeit im Parlament abgewiesen wurde. 

Anmerkung: Das Phänomen ist als Schwellensymbol minder rein 
als die übrigen. 

Beispiel Nr. 14. — Bedingungen: Wie im Beispiele Nr. 4. Ich 
gerate in leichten Schlaf und raffe mich dann, im Gefühl, aufstehen zu 
müssen, daraus empor. 

Szene: . . . (Hergang unbekannt) . . . ich habe eine Dame, offenbar 
zu einer gymnastischen Übung, veranlaßt, in die tiefe Kniebeuge zu gehen. 
Sie soll sich nun wieder aufrichten. Das fällt ihr sehr schwer. Ich helfe 
ihr und sage: „Jetzt kommt das beschwerliche Aufstehen." (Bei diesen 
Worten bin ich wieder nahezu wach und erkenne die Bedeutung des 
Traumes.) 

Deutung: Das Aufrichten aus der tiefen Kniebeuge kommt 
sowohl dem Emportauchen aus dem Schlummer wie auch dem bevor- 
stehenden Aufstehen aus dem Bette gleich. In der ersteren Beziehung 
kommt die Symbolik des Sinkens und Steigens in Anwendung (vgl. 
die Symbolik der Beispiele Nr. 5, 8, 22 usw.). Die zweite Beziehung 
(die mit der Schwellensymbolik nur mittelbar zu tun hat) kommt 
ziemlich deutlich in meiner Rede, einer sprächmotorischen und aku- 
stischen Halluzination, zum, natürlich doppelsinnigen, Ausdruck. Die 
ganze Aufstehszene ist übrigens stark überdeterminiert. Der vom 
Symbole gewählten Dame würde nicht bloß das Aufstehen aus der 
Kniebeuge, sondern auch das vom Bette schwer fallen. Daß ich es 
bin, der sie aufrichtet, hat eine ganz bestimmte Bedeutung. Daß ich 
schon auf bin und die Last des Aufstehens ihr zufällt, ist eine Wunsch- 
erfüllung nach Art der Bequemlichkeiteträume. Das Nichtaufstehen- 
wollen, die Kniebeuge der Dame, führt überdies zu einer Kette, die 
sich auf Begebenheiten früherer Jahre beziehen, in deren Licht die 
aktuelle Szene abermals als eine mehrfach determinierte Wunscher- 
füllung erscheint. Diese Determinationen hier anzugeben, würde zu 
weit führen. Man beachte die „Anmerkung". Die mann-weibliche 
Symbolik erinnert an das Beispiel Nr. 6. Die Kniebeuge ist endlich 
durch eine somatische Empfindung 1 ) gegeben, die kurz vorher auch 
zu einem Traume Material geliefert hat; also durch folgende rezente 

») Vgl. Freud, „Traumdeutung", Abschnitt Ve) und meine „Somatische 
Klasse" Jahrbuch 1909, S. 523 f. 



Symbolik des Erwachens und Schwellensymbolik überhaupt. 631 

Symbolquelle: Ich habe abends vorher gefochten; in der Guarde- 
stellung sind die Knie gebeugt. Im Bette verspüre ich noch am Morgen 
eine gewisse Müdigkeit in den Beinen, insbesondere ein unbehagliches 
Gefühl in den Knien. Vor dem Wecksignal habe ich von Radfahren 
geträumt. 

Anmerkung: Die peinliche Empfindung im Knie öffnet, als aus- 
gesprochene Unlustsensation, die Pforte für das Ausleben einer Phantasie, 
deren Wunschkraft in der Vergangenheit liegt und deren Erfüllung heute 
mit Unlustgefühlen verknüpft wäre. — Ich kann dieser Anmerkung, die ich 
nur vermutungsweise vorbringe, um so weniger überzeugende Kraft ver- 
leihen, als, wie ich schon sagte, eine ausführliche Besprechung jener Kette 
früherer Begebenheiten hier nicht erfolgen kann. Ich will nur kurz jene 
Stelle der „Traumdeutung" von S. Freud (S. 285 f. der I. Auflage) an- 
führen, die meiner Beobachtung vielleicht Sinn verleiht: Peinliche 

Stimmungen während des Schlafes 1 ) werden zu Triebkräften des Traumes, 
indem sie energische Wünsche wecken, die der Traum erfüllen soll. Das 
Material, an dem sie haften, wird so lange umgearbeitet, bis es zum Aus- 
drucke der Wunscherfüllung verwendbar ist. Je intensiver und je domi- 
nierender das Element der peinlichen Stimmung in den Traumgedanken 
ist, desto sicherer werden die stärkst unterdrückten Wunschregungen die 
Gelegenheit, zur Darstellung zu kommen, benutzen, da sie durch die ak- 
tuelle Existenz der Unlust, die sie sonst aus Eigenem erzeugen müßten, 
den schwereren Teil der Arbeit für ihr Durchdringen zur Darstellung bereits 
erledigt finden." 

Beispiel Nr. 15. — Bedingungen: Ähnlich wie im Beispiele 

Nr. 10. 

Szene (beim nachherigen Erwachen): Ich hantiere mit Schlüsseln 
an meiner Wohnungstür, um sie zu öffnen. 

Deutung: Das Heimkommen entspricht der Annäherung an 
den Wachzustand. Ich stehe an der Schwelle. Das öffnen der Tür 
(oder Überschreiten der Schwelle) kommt dem Erwachen gleich. 

Beispiel Nr. 16. — Bedingungen: Wie im Beispiele Nr. 4. Es 
tritt ein Halbschlaf ein, aus dem ich erwache ; dabei folgende 

Szene: Ich komme zurecht in eine Gesellschaft, die mich freudig 
begrüßt. (Einem noch immer vorhandenen Schlafbedürfnis will ich nicht 
nachgeben; Szene): Ich sage: „Ah, ich will denen die Sache nicht über- 
geben, ich werde es selber besorgen." 

Deutung: Die erste Szene entspricht dem Nachhausekommen 
des vorigen Beispieles mit besonderer Betonung des Zurechtkommens. 
Die zweite Szene ist wieder ein Fall der Verwaltungssymbolik des 
Beispieles Nr. 11. Während ich dort beschlossen hatte zu schlafen, 

>) In meinem Beispiel ist die „peinliche Stimmung" durch die aktuelle 
unlustbetonte somatische Sensation sowie durch die ebenso betonte psychische 
Komponente des „Aufstehenmüssens" gegeben. 



632 Herbert Silberer. 

mich also der Verwaltung zu entheben, sieht man mich diesmal die 
Geschäfte selbst in die Hand nehmen, da ich wach bleiben will. Also 
das Gegenstück von vorhin. 

A n m e r k u n g : Die VerwaltungBsymbolik ist noch öfter wiedergekehrt ; 
da sie aber die anderen Male keine wesentlich neuen Situationen brachte, 
lasse ich es bei diesen zwei Beispielen (der I. Gruppe) bewenden. Dieselbe 
Beschränkung gilt übrigens von dem Symbol des Nachhausekommens und 
der Begrüßung. 

Beispiel Nr. 17. — Bedingungen: Abends, beim Einschlafen. 
Meine Aufmerksamkeit ist, wenn auch schwach (weil ich sehr müde bin) 
auf etwaige Bilder gerichtet. 

Szene: Ich steige jene Verbindungsstraße empor, die von dem 
„Hochweg" nächst dem „Hotel Panhans" am Semmeiing über einen 
Wiesensattel zum Hotel „Erzherzog Johann" führt. 

Deutung. (Diese fällt mir ausnahmsweise nicht augenblicklich, 
sondern erst am nächsten Tage ein, mit Hilfe von „freien Assoziationen".) 
Die Szene erweist sich als ein schönes Beispiel von Überdeterminier ung. 
Ich befinde mich auf dem ansteigenden Wegstücke. Hierdurch 
wird die Mühe ausgedrückt, die ich mir durch die gewaltsame Einstellung 
der Aufmerksamkeit mache. Darum ist der Weg in den Schlaf nicht 
eben und bequem wie im Beispiele Nr. 7, sondern beschwerlich. Man 
kann den weiteren Verlauf der Straße von dem Punkte, wo 
ich eben gehe, nicht sehen. Man sieht nur das ansteigende 
Stück vor sich. Auf der andern Seite des Sattels geht's 
hinunter. Auch in dem andern Beispiel konnte man das Ziel des 
Weges nicht sehen, der sich im Dunkel verlor. Der Schlaf ist das dunkle 
oder unsichtbare Ziel des Weges, den der Einschlafende zurücklegt. 
Der Weg führt über einen Sattel. Der Sattel entspricht einer 
Schwelle. Auf der andern Seite geht's hinunter. Wenn die 
Schwelle passiert wird, sinkt man in Schlaf. Auf dem Sattel läuft 
die steirische Grenze, die man, auf der Straße gehend, 
passieren muß. Grenze = Schwelle. Grenze zwischen Schlaf und 
Wachen. Die Straße führt zum Hotel „Erzherzog Johann". 
Dieses ist von meinem Vater als Eigentümer vor einigen Jahren 
an Herrn Panhans verpachtet worden. Verpachtungs- (Ver- 
waltungs-) Symbolik. Das Hotel „Erzherzog Johann" ist der 
Ausgangspunkt mehrerer Partien, die ich in früherer Zeit 
oft zu machen pflegte, nämlich der Radtouren auf der beider- 
seits bergab führenden Reichsstraße und der Fußtour auf 
den Sonnwendstein. Die Radtouren, die man vom Semmeringpaß 



Symbolik des Erwachens und Schwellensymbolik überhaupt. 633 

(Hotel „Erzherzog Johann") aus, sei es nach der niederösterreichischen, 
sei es nach der steirischen Seite, unternimmt, haben das Charak- 
teristische, daß man dabei ganz mühelos, gleichsam schwe- 
bend, abwärts fährt; man läßt das Rad einfach laufen. Dieses 
Hinabschweben oder Gleiten oder Sausen in die Tiefe ist dem Unter- 
tauchen verwandt, von dem im Beispiele Nr. 8 die Rede war und das 
in der II. Gruppe noch erwähnt werden wird. (Sinken ins Bewußtlose. 
Das rasche Dahinsausen auf dem Rad erzeugt auch, angenehm be- 
rauschend, eine Art Traumzustand.) Wenn man die Fußtour 
auf den Sonnwendstein unternimmt, kommt man vom. Paß 
aus bald in einen dichten, finsteren "Wald. Der Weg führt 
also genau wie derjenige des Beispieles Nr. 7 aus der Helle des Wachseins 
in das Dunkel des Schlafes. Wenn man den mächtigen Wald 
durchquert hat, gelangt man auf freie Höhen mit einer ge- 
waltigen Rund- und Fernsicht. Hier finde ich eine Auffassung 
des Schlafes ausgedrückt, die mich wegen ihrer poetischen Größe 
angezogen und beschäftigt hat: die Ansicht, daß der Schlaf die dunkle 
Pforte zu einer Art Befreiung oder Erhebung des Geistes sei, die zu 
einer wunderbaren Helle und Hellsichtigkeit führe. Wenn ich ab- 
sichtlich ein anschauliches Bild für einen geistigen Rundblick suchen 
wollte, würde ich wohl kaum eines näherliegend finden als just den 
Gipfel des von mir oft bestiegenen Sonnwendsteins. Daß die Vorstellung 
von der „Erhebung des Geistes" leicht eine hinreichende emotionelle 
Kraft akquirieren kann, um, einer Wunschphantasie gleich, das Spiel 
der Assoziationen in ihrer Richtung bildnerisch zu beeinflussen, brauche 
ich wohl kaum erst quellenmäßig darzutun. Die Mythologie, die Kunst, 
die Geschichte der Philosophie geben genug der Belege an die Hand. 
Hier mögen als Illustration des Gefühlstons einige Zeilen aus einem 
Gedichtchen stehen, das ich Justinus Kerners berühmtem Werke 
über Frau Friederike Hauffe, die „Seherin von Prevorst" 1 ) entnehme: 

„Tot liegen, meine Glieder, 

Wenn in dem Innersten ein Licht entbrennet, 

Das keiner in dem wachen Leben kennt ..." 

Beispiel Nr. 18.: Eine zu psychologischen Beobachtungen nicht 
ungeschickte 22 jährige weibliche Person von starker Sexualität gibt auf 
Befragen an, daß sie beim Erwachen aus einem ausgiebigen Schlaf — 



a ) Justinus Kerner, „Die Seherin von Prevorst", Stuttgart und Tübingen 
(Cotta). Das Gedichtchen befindet sich in der mir vorliegenden IV.Auflage 

auf S. 51. 

U * 



634 Herbert Silberer. 

d. h. wenn sie sich, dabei „ausgeschlafen" fühlt — eine oft wiederkehrende 
typische symbolische Vorstellung hat. Diese besteht in dem Bilde des 
sexuellen Befriedigtsems. Es ist, als wäre ihre Libido durch eine Um- 
armung gesättigt, während der andere Teil, also die (undeutlich) vorge- 
stellte männliche Person, noch nicht von ihr lassen möchte. 

Deutung: Diese Phantasie ist eine sexualisierende Symbolik 
des Erwachens. Der Partner, der nicht von ihr lassen will, ist der Schlaf. 
Sie aber fühlt sich gesättigt, befriedigt (ausgeschlafen); sie ist lange 
genug in seinen Armen gelegen, denen sie sich jetzt entwindet. 

Anmerkung: Die Dame, die, wie gesagt, Neigungen zur Psychologie 
aufweist, ohne darin gebildet oder belesen zu sein, bemerkt ausdrücklich, 
daß sie in den sexuellen Vorgängen ein außerordentlich geeignetes Material 
finde, um sich alle möglichen Dinge darin symbolisch abbilden zu sehen. 
Man könne zu allem und jedem in der Sexualität beziehungsweise in den 
sexuellen Vorgängen irgend ein korrespondierendes Bild entdecken. Sie 
hat damit instinktiv jenen Beziehungsreichtum erkannt, der es umgekehlt 
dem Neurotiker ermöglicht, für das Sexuelle wieder alles mögliche andere 
als Stellvertretung zu benutzen — als Notengeld in Kurs zu setzen, kann 
man sagen. Das Interessante ist in dem speziellen Fall vielleicht die Tendenz, 
die primäre Wertform, d. h. diejenige Affektgattung, woher die Psyche 
ihre überwiegenden Triebgrößen bezieht, ungeschminkt bestehen zu lassen, 
ja sogar die übrigen an ihr zu messen oder in sie zu übersetzen. Sie tut 
freilich dasselbe, was die Menschheit in ihrer Entwicklung getan hat: 
sie „sexuahsiert das All", um mit Kleinpaul zu reden, der diese Sexu- 
alisierung in trefflicher Weise an der Sprache 1 ) nachwies. — Was die Auf- 
fassung des Schlafes als Person anbelangt, erinnere ich an Beispiel Nr. 6 
und ähnliche als Gegenstücke. Auch hier kann man wieder von einer Per- 
sonifikation sprechen; die Beziehung zur Person ist eine andere; waB in 
früheren Beispielen Verpachtung, Begrüßung u. dgl. war, ist hier zur 
sexuellen Beziehung geworden 2 ). Allerdings kann man anderseits auch — 
und vielleicht mit einigem Becht — die „Person" als das Nebensächliche 
auffassen, was schon durch die fast regelmäßige Undeutlichkeit derselben 
empfohlen wird, und das ganze Schwergewicht auf die „Beziehung" legen. 
Man fühlt sich also versucht, die Beziehung nicht bloß als das Primäre, 
sondern geradezu als das einzig Wesentliche des Traumbildes aufzufassen, 
die „Person" dagegen, zu der in Beziehung getreten wird, als ein leeres 
Korrelat anzusehen. Nun scheint indes, wie mein Beispiel Nr. 12 in Ver- 
bindung mit anderen Beobachtungen 8 ) vermuten läßt, in solchen Personen- 
bildern die Wurzel zur Schaffung von bleibenden Personifikationen (von 



l ) R. Kleinpaul, „Leben der Sprache". Leipzig 1893 (Wühelm Friedrich). 

3 ) Ein Anklang an Sexualität fand sich übrigens bereits in den Beispielen 
Nr. 6 und 14. 

3 ) Wovon man interessante Beispiele in der oben erwähnten Schrift] Dr. 
Staudenmaiers findet. 



Symbolik des Erwachens und Schwellensymbolik überhaupt. 635 

der Art der Automatismen, wie sie Janet, Flournoy, Jung usw. aus- 
führlich behandeln) zu liegen. Als Wurzel, als bloße Möglichkeit, versteht 
sich. Aber das mag genügen, um dem Vorgange der Personifizierung (Auf- 
fassung des Schlafes als Person u. dgl.) eine Rolle zu vindizieren, die über 
die des leeren Beziehungskomplementes hinausgeht. 

II. Gruppe. 

Für diese Gruppe habe ich nur wenig eigene Beobachtungen 
(Beispiele Nr. 19 bis 22) und dafür mehr Traumdarstellungen anderer 
Personen gewählt. Es ist viel leichter, sich von anderer Seite Traum- 
material zu verschaffen als Fälle von hypnagogischen oder hypno- 
pompischen Halluzinationen, zu deren Beobachtung ja immerhin einige 
Übung gehört. Ich erinnere daran, daß ich in dieser Gruppe jene sym- 
bolischen Schwellenerlebnisse bringen will, die sich an einen Traum 
organisch anschließen oder anzuschließen scheinen. Oft genug mögen 
diese Traumanhängsel oder Traumabschlüsse zum Traume selbst 
gehören, was ich mit dem Worte „organisch" soeben ausdrückte. Sie 
spielen dann, meiner Meinung nach, eine durch zwiefache Determination 
bedingte Doppelrolle: einerseits die eines Bestandstückes der Traum- 
handlung (welche zur Darstellung irgend welcher Traumgedanken 
dient), anderseits die eines Schwellensymbols. Oft genug wird sich in 
solchen Fällen eine Symbolik der materialen mit derjenigen der funk- 
tionalen Kategorie 1 ) kreuzen. Ich würde diese Möglichkeit einer Doppel- 
funktion nicht ins Auge gefaßt haben, wenn nicht Freud die Ver- 
dichtung und mehrfache Determination als etwas für die Traumbilder 
geradezu Charakteristisches nachgewiesen hätte. 

In den folgenden Beispielen ist hauptsächlich das uns inter- 
essierende Traumstück, der Schluß des Traumes, verzeichnet; es wird 
immer angegeben, ob das vorangegangene Stück bekannt ist oder nicht. 
Ich bemerke noch, daß den Phänomenen der II. Gruppe als kom- 
plexen, vieldeutigen Erscheinungen keine Beweiskraft zukommt. 
Während die Beispiele der I. Gruppe die Auffassung als Schwellen- 
symbole meiner Empfindung nach geradezu gebieterisch verlangen, 
sollen diejenigen der II. Gruppe nur illustrieren, wie ich mir das Vor- 
kommen der Schwellensymbolik im Traume denke. Die II. Gruppe 
hätte alleinstehend nicht den geringsten Wert für irgend eine Erkenntnis ; 
sie müßte als bloße Spielerei oder Deutelei erscheinen, wenn sie nicht 

l ) Siehe meine bereits erwähnte Studie im „Jahrbuch" 1909, S. 513 ff. 
Das damals mitgeteilte Beispiel Nr. 11 (S. 522 f.) erläutert, was ich meine. 



636 Herbert Silberer. 

durch die Beispiele der I. Gruppe gestützt würde, in denen man es 
mit einer relativ reinen und leicht zu überblickenden Umsetzung des 
Gegenstandes ins Symbol zu tun hat. Diesen Vorteil der Übersicht- 
lichkeit und besseren Überzeugungskraft dank der einfacheren Mechanik 
zeichnet überhaupt die „autosymbolischen" Halluzinationserscheinungen 
vor den Träumen und anderen ähnlich aufgebauten komplexen Phä- 
nomenen aus. 

Beispiel Nr. 19: . . . (Hergang unbekannt) ... ich komme mit 
anderen Leuten zu mir nach Hause, verabschiede mich von ihnen bei der 
Wohnungstür und trete ein. 

Deutung: Das Nachhausekommen bedeutet, wie in früheren 
Beispielen, die Annäherung an den Wachzustand. Genau auf der 
Schwelle tritt das Erwachen ein. 

Beispiel Nr. 20: . . . (Hergang unbekannt) . . . ich bin im Begriffe, 
mit der Eisenbahn nach B. zu fahren. 

Deutung: Nicht nur das Ankommen, auch das Abreisen drückt 
eine der Schwellensymbolik genehme Situationsänderung aus. Der 
Ausgangspunkt, von dem ich mich entferne, ist der Schlaf; und ich 
reise hinüber in den Zustand des Wachseins. Der Ort B. ist übrigens 
mehrfach determiniert. 

Beispiel Nr. 21: . . . (Hergang unbekannt) . . . Eine Frau entsagt 
einem Manne einem andern (mir?) zuliebe. 

Deutung: Anzumerken ist, daß hier ähnliche Verhältnisse vor- 
lagen wie in dem Beispiele Nr, 4. In mir ist der Entschluß latent, nicht 
mehr weiterzuschlafen. Das „Entsagen" bezieht sich (ich fühlte das 
sogleich beim Erwachen) auf meinen Verzicht aufs Weiterschlafen. 
Ich bin 's, der entsagt, und zwar dem Schlafe zugunsten des Wachens. 
Wir haben hier einen Anklang an die sexuella Symbolik der Beispiele 
Nr. 6, 14 und 18. 

Beispiel Nr. 22: Ich wandere in Begleitung mehrerer Personen 
über eine teilweise mit schmelzendem Schnee bedeckte wellige Ebene. 
An einer mit Tümpeln durchzogenen Stelle trenne ich mich von meinen 
Gefährten. Ich glaube zuerst einen günstigeren Weg eingeschlagen zu 
haben als sie, gerate aber über eine Schneefläche plötzlich auf nachgiebiges 
morastiges Terrain und beginne zu versinken. (Wenn ich nicht irre, 
kommen Leute mir zu Hilfe, erreichen mich aber nicht.) Ich werde zuerst 
von namenloser Angst befallen, und ich mache verzweifelte Versuche, 
mich zu befreien — vergeblich. Im Verlaufe des Sinkens kommen mir 
indes tröstliche Vorstellungen vom Wesen des Todes in den Sinn, und ich 
überlasse mich ruhig und gefaßt meinem Schicksale. Sogleich ist die Angst 



Symbolik des Erwachens und Sclrwellensymbolik überhaupt. 637 

gebannt und das Versinken macht mir keine Sorge. Ich mache durchaus 
keine Anstrengung mehr, mich zu befreien. 

Deutung: Das Erwachen ist in bezug auf den Schlaf zustand 
ein Sterben; ein Hinaustreten aus der momentanen Bewußtseins- oder 
Daseinsform. Somit schickt sich der Tod, in welcher Todesart immer 
man sich ihn vorstellen mag, zum Schwellensymbol. Um so mehr 
aber eignet er sich hierzu, wenn man eine Todesart wählt, die in ihrer 
Form an sich schon zum Schwellensymbol taugt, wie z. B. die des 
Untertauchens in eine Flüssigkeit (Ertrinken) oder die des Sinkens 
in einem Abgrund (Absturz); beides Symbolformen, die uns aus 
früheren Beispielen (Nr. 5, 8, 17) bereits bekannt sind und die in 
verwandter Gestalt noch wiederkehren werden. 

Separate Beachtung verdient das emotionelle Element, das bei 
dem vorliegenden Beispiele, wie überhaupt bei den meisten Todes- 
träumen (insbesondere aber denen vom Stürzen und Ersticken), eine 
hervorragende Rolle spielt. Oft genug mag die Erstickungsangst durch 
somatische Quellen (z. B. ganz einfach durch eine mechanische Be- 
hinderung der Atmung durch schwere Bettdecken oder durch An- 
schwellung der Nasenschleimhäute bei geschlossenem Munde) hervor- 
gebracht sein. In denjenigen Fällen aber, wo dies nicht zutrifft, wäre 
es wohl interessant zu erfahren, wie die Todesangst zustandekommt: 
ob erstens die Angst als primäres Moment das aus Ursachen der Traum- 
gedanken oder des Schwellenvorgangs sich bietende Bild des (beispiels- 
weise) Sinkens in ein lebensgefährliches Sinken, also ein Stürzen, ver- 
wandelt, um einen sinngemäßen Zusammenhang zu bekommen; oder 
ob zweitens der Todessturz das von den Traumgedanken oder dem 
Schwellensymbol gewählte Bild ist und die Angst sekundär als ^Todes- 
angst" hervorruft. Den Freudschen Ideengängen scheint mir die 
erste Art der Auffassung, also die der Selbstherrlichkeit der Angst, 
gemäßer. Die Angst hätte dann ihre ganz besonderen Quellen, die 
jedesmal für sich zu suchen wären, und wäre an das Schwellensymbol 
nur angelötet, wobei sie möglicherweise vermittelst einer sekundären 
Bearbeitung die Situation so dreht, daß sie — in unserem Fall als 
„Todesangst" — berechtigt erscheint. Ich getraue mich indes durchaus 
nicht, bei dem wenigen Material, das mir bisher zur Verfügung steht, 
mich bloß auf Grund theoretischer Liebhabereien, die in der Psycho- 
analyse bei mangelnder Vorsicht ein gar leichtes Leben führen, für die 
eine oder die andere Möglichkeit zu entscheiden. 

Ein auffallender Umstand in unserem Beispiele verdient noch 



638 Herbert Silberer. 

hervorgehoben zu werden; daß nämlich die Todesangst in dem Augen- 
blicke schwindet, wo ich mich in den Tod ergebe. Die Angst — gleich- 
viel, aus welcher Quelle sie stammen mag — erscheint als affektives 
Korrelat zur Diskrepanz meines Eigenwillens mit der Naturnotwendig- 
keit und verliert sich, sobald ich meinen Willen mit dem Naturgeschehen 
in Einklang bringe. Die Religion setzt dafür etwa den Begriff vom 
Aufgehen des Eigenwillens im göttlichen Willen und verheißt dem- 
jenigen, der dies zu bemerkstelligen vermag, ein ungetrübtes, seliges 
Dasein. Ich brauche wohl nicht auf die vielen philosophischen Fassungen 
desselben Gedankens einzugehen. Es ist eine alte, schlichte Erfahrung, 
daß in der Zufriedenheit das ruhige Glück wohnt; und zufrieden ist, 
wer sich in den Lauf der Dinge schickt, oder, mit anderen Worten, 
wessen Strebungen mit dem Naturgeschehen übereinstimmen. Die 
schmerzbringende Auflehnung des Eigenwillens scheint mir im „Locken 
wider den Stachel" (Apostelgeschichte 9, 5) ausgedrückt. Wer sich 
dagegen in die göttliche Ordnung schickt, wird alles finden, dessen er 
bedarf, dies ungefähr ist der Tenor von Matth. 6, vers. 25 ff., wo es 
unter anderm heißt: „ . . . Darum sollt ihr nicht sorgen, und sagen: 
Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir 
uns kleiden? . . . Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach 
seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen. Darum sorget 
nicht für den andern Morgen ..." Wer sich die „Vögel unter dem 
Himmel", die „Lilien auf dem Felde" zum Beispiel nimmt, kennt die 
Sorge, die Angst vor dem Kommenden nicht. Ich kann nicht umhin, 
eine Verwandtschaft zwischen Matth. 6. v. 24 und den Anschauungen 
Freuds von den zwei Prinzipien des psychischen Geschehens, dem 
Lustprinzip und dem Realitätsprinzip zu konstatieren. Nach 
dem elementaren Lustprinzip strebt die ungebändigte Psyche sich 
auszuleben; sie stößt dabei auf Hindernisse, lernt Gesetze kennen, 
denen sie sich fügen muß ; sie schließt einen Kompromiß mit der strengen 
Wirklichkeit, indem sie ihre Triebe nach den Gesetzen der Realität 
orientiert. Der nicht umzusetzende Rest wird verdrängt und kann zu 
Surrogatbildungen und Eruptionen der verschiedensten Art führen, 
womit wir uns übrigens nicht weiter zu befassen haben. Der betreffende 
Vers bei Matthäus lautet aber: „Niemand kann zweien Herren dienen, 
entweder er wird einen hassen und den andern lieben oder wird 
einem anhangen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott 
dienen und dem Mammon/' Der „Mammon" entspricht dem 
Lustprinzip, der Dienst Gottes dem (geläutertsten) Realitätsprinzip. 



Symbolik des Erwachens und SehwellenBymbolik überhaupt. 639 

Und aus der Diskrepanz beider entspringt die Sorge. Wenn aus Tiefen 
der Verdrängung Wünsche, die nach dem Realitätsprinzip nicht 
vorhanden sein sollten, gleich Revenants emporsteigen, dann wird 
statt Lust Angst 1 ) empfunden. Diese Angst wird also beim Über- 
schreiten einer Schwelle entbunden. Sollte auch hierin die Schwellen- 
symbolik eine Wurzel haben? Sollte hier eine Erklärung der „Todes- 
angst" im Traum zum suchen sein, die sich ja meist an Schwellen- 
erlebnisse des Erwachenden knüpfen? 

Für meinen Traum im besondern mögen Schriftstellen wie die 
folgende 2 ) von Belang gewesen sein: (Sri-bhagavan, almum numen, 
loquitur) ., . . . et qui obitus tempore mei memor, defunctus corpore, 
hinc proficiscitur, is ad meam naturam pergit sine ullo dubio; vel 
euiuscunque naturae memor corpus suum relinquit in fine vitae, 
eam ipsam adit, Cuntidis nate, semper ad naturam istam conformatus. 
Quare omni tempore mei memento ac pugna! (gegen das feindliche 
Heer, das nichts anderes als die selbstsüchtigen, eigenwilligen Ten- 
denzen bedeutet. Projektion psychischer Potenzen nach außen!) 
Animum mentemque mihi tradens me adibis procul dubio. Cogi- 
tatione ad devotionem exercendam applicata, non aliorsum evagante, 
qui summum Genium coelestem meditatur, is ad eum pergit. Qui 
meminerit vatem antiquum, moderatorem, atomo subtiliorem, Uni- 
versi tutorem, incomprehensibili forma, solis colore supra tenebras 
effulgentem, obitus tempore, animo obfirmato, . . . is omnino 
himc summum Genium coelestem adit". Hinzugefügt sei noch, daß 
der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tode im Traume den Glauben 
ans Erwachen bedeutet. 

Beispiel Nr. 23. — Traumerzählung der männlichen Person A. : 
„. . . (Hergang bekannt) . . . dann suchten wir, dieselben Straßen auch 
auf dem Rückwege passierend, den Bahnhof auf, um heimzufahren." 

Deutung: Symbolik der Heimreise. Nachhausefahren = Auf- 
suchen des Wachzustandes. 

Beispiel Nr. 24. — Traumerzählung des A.: „. . . . (Hergang be- 
kannt) . . . nach Besichtigung der Anlagen fuhr ich in Begleitung von . . 
die Landstraße, über die wir gekommen waren, wieder zurück." 

Deutung: Wie Beispiel Nr. 23. 



*) Vgl. hierzu Freud, „Traumdeutung", VII. Kapitel, das im Abschnitte d) 
über den Zusammenhang von Wunscherfüllung, Unterdrückung und Angst Gesagte. 
(S. 342—343 der I. Auflage.) 

2 ) Bhagavad Gitä, lectio VIII, v. 5 ff. 



640 Herbert Silberer. 

Beispiel Nr. 25. — Traumerzählung des A. : .,. . . (Hergang bekannt) 
. . . endlich fuhr in der Station der Schnellzug ein, der uns nach Hause 
bringen sollte. Wir stiegen ein, ich auf die Lokomotive, zum Maschinisten." 

Deutung: Wie oben. Der Platz auf der Lokomotive beim Ma- 
schinisten scheint (neben den in den. Traumgedanken steckenden Be- 
ziehungen) zu bedeuten, daß dem Träumer bei der ..Reise" eine leitende 
Rolle zukommt; er hegt etwa den Wunsch, bald zu erwachen (unter 
einer Suggestion, rechtzeitig aufzustehen, wie es bei dem Träumer 
A. öfter der Fall ist). Daher das Herbeiwünschen des Zuges : „E ndl ich 
fuhr usw." Daher die Beflügelung des Zuges zum „Schnellzug". 
Seine Sorge ist, ganz vorn zu sein, der Erste zu sein, beim Maschinisten. 
So wird er wirklich um ein paar Sekunden früher anlangen, als wenn 
er hinten Platz genommen hätte. 

Beispiel Nr. 26. — Traumerzählung des A.: „. . . (Hergang un- 
bekannt) . . . dann setzten wir uns wieder in den Eisenbahnzug, um weiter- 
zufahren." 

Deutung: Wieder eine Kombination von Zurückkehren (in den 
Bahnhof und den Zug) und von Eisenbahnfahrt. Die Eisenbahn, die 
Reise, ist aber an und für sich schon geeignet, als räumliche Situations- 
änderung die psychische auszudrücken. (Vgl. Beispiel Nr. 20.) 

Beispiel Nr. 27. — Traumerzählung des A.: ,,. . . (Hergang bekannt) 
. . . Von dem freien Platze aus trat ich in eine Art Vorhalle, . . . sodann 
schritt ich durch die rechte Tür in den Saal." 

Deutung: Hier tritt wieder auf der Türschwelle das Er- 
wachen ein. 

Beispiel Nr. 28. — Traumerzählung der weiblichen Person B.: 
,,. . . (Hergang bekannt) . . . Aus der Lorgnette ist ein Stückchen heraus- 
gebrochen, ich will sie zum Optiker tragen; ich überquere die Straßen- 
kreuzung beim S . . . park, und da war er (ein Begleiter, der im Traum 
eine Rolle spielt) nicht mehr bei mir." 

Deutung: Hier sehen wir die Trennungssymbolik (die bei mir 
selbst oft als ein Verabschieden auftritt) mit derjenigen der örtlichen 
Schwellensituation vereinigt, denn eine Straßenkreuzung ist in der 
Anlage einer Stadt ungefähr dasselbe wie die Schwelle in derjenigen 
einer Wohnung, besonders wenn es sich, wie hier, um eine Straße 
handelt, die zwei Bezirke voneinander trennt, also die Grenze oder 
Schwelle zwischen beiden bildet. Dazu kommt noch, daß die bewußte 
Straße just denjenigen Stadtbezirk umschlingt, in dem die B. zu Hause 
ist, und daß die Route, die die Träumerin verfolgt, in eben diesen 



S3"mbolik des Erwachens und Schwellensymbolik überhaupt. 641 

Bezirk, also gewissermaßen nach Hause fuhrt. Somit schließt sich 
den übrigen Symbolbeziehungen die des Heimkommens an. Nicht 
genug damit, liegt in der Charakteristik der von der Träumerin ge- 
wählten Straßenkreuzung noch ein determinierendes Element, dessen 
Beachtung namentlich durch spätere Beispiele empfohlen wird. An 
der gewählten Stelle herrscht nämlich ein ausnehmend reger Verkehr. 
Keihen von Wagen, Scharen von Fußgängern strömen dort hin und 
wieder. Die Überquerung der Straßenkreuzung führt also gleichsam 
durch einen reißenden Strom, und damit erscheint eine Beziehung 
zum Wasser hergestellt. Der sorglose Fußgänger wird sich vielleicht 
über dieses Strömen wenig Gedanken machen. Nicht so ist's mit der 
Träumerin bestellt. Die B. ist kurzsichtig und muß daher auf den Strom, 
den sie zu durchqueren hat, mit Aufmerksamkeit achten. Er hat 
einen gewissen Gefühlswert für sie, ohne den die von mir hergestellte 
Beziehung zum Strome recht schwach wäre. Ich muß bemerken, daß B. 
infolge ihrer Kurzsichtigkeit bereits einmal ins Wasser gefallen ist — 
eine Erinnerung, die sich bei einem psychanalytischen Experiment, 
wo ich sie einen Traum frei erfinden ließ, als Situation aufdrängte. 
Man beachte, daß sie im Traume das Lorgnon gebrochen hat. Ich 
weiß sehr wohl, daß die Gestalt des Lorgnons mit dem zerbrochenen 
Glas eine sexuelle Deutung sehr nahelegt, ob man jetzt Dr. Stekels 
Ser-Symbolik 1 ) oder die einfachere der (durch „Glück und Glas, wie 
bald bricht das" verschärfte) Symbolik der Perforation einer Membran 
wählen will. Aber wir haben uns heute nicht mit der Auffindung der 
Traumgedanken, sondern mit derjenigen der Schwellensymbolik zu 
befassen, brauchen uns also mit den koexistierenden sachlichen Be- 
deutungen der Traumerlebnisse nicht weiter abzugeben. 

Beispiel Nr. 29. — Traumerzählung der B.: ,,. . (Hergang bekannt) 
. . . Wir kamen zu einem Bache . . . ich ging auf dem Wasser (ohne ein- 
zusinken) hinüber. Da kamen wir auf eine Wiese und liefen; eben fuhr 

der Zug ab." 

Deutung: Hier haben wir zunächst die Reindarstellung der 
Überquerung des Wassers. Sodann kommt die Eisenbahnsymbolik 
hinzu. Der Bach ist außerdem als Begrenzung einer Wiese gesehen. 
Ein Überschreiten der Schwelle zu einer neuen Situation findet also statt. 

Beispiel Nr. 30. — Traumerzählung der B.: „. . . . (Hergang be- 
kannt) . . . Dort verlor ich die H. (eine Begleiterin im Traum) ; eines der 

x ) „Jahrbuch f. psychoan. u. psychopath. Forsch." I. Bd., II. Hälfte. 
S. 499 f. 

Jahrtmch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. III. 41 



642 Herbert Silberer. 

Pferde kommt auf mich zu, zeigt, mir (drohend) die Zähne, ich fahre er- 
schrocken zurück." 

Deutung: Hervorzuheben ist das Verlieren der Begleiterin 
(Trennungssymbolik) sowie das „Zurückfahren", welches ins Erwachen 
führt. Abgesehen davon, daß „Zurückfahren" doppelsinnig ist und 
auch Heimreisen bedeutet (in solche Wortspiele wollen wir uns gar nicht 
einlassen), ist dies Zurückfahren — als Rettung aus der bedrohlichen 
Situation — vollkommen analog dem synchronen Erwachen, welches 
nur eine andere Form dieser Rettung ist. Das eine kann also füglich 
die subjektive Darstellung des andern, des objektiven Vorganges, 
heißen. Daß der Schläfer, wenn alle Stricke reißen, den Ausweg des 
Erwachens sucht, um einer bedrohlichen Situation (Überrumpelung 
der kritischen ^-Schichte durch eruptive Elemente tieferer Schichten) 
zu entkommen, können wir uns leicht vorstellen 1 ). Recht gut möglich 
ist es ferner, daß das Fletschen der Zähne zu der Vorstellung des Ver- 
schlungenwerdens in einer Beziehung steht, die in der Schwellen- 
symbolik dieselbe Bedeutung haben dürfte wie das Bild des Eintauchens 
oder Sinkens in eine Flüssigkeit, das Eintreten in einen Raum usf. 
Treten wir in einen Wald, so gebrauchen wir gerne das Bild: „Das 
Dunkel des Waldes nimmt uns (in sich) auf." Das Milieu, in das wir 
tauchen, kann ebensowohl den Schlaf- oder den Wachzustand be- 
deuten, je nachdem, in welchem Zustande wir uns momentan befinden. 
Es ist das Tauchen in den nächsten Zustand, der uns für den Augenblick 
noch unbekannt ist. Ich will auch die Stelle aus Schillers „Taucher" 

hersetzen : 

„Einen goldenen Becher werf ich hinab, 
Verschlungen schon hat ihn der schwarze Mund." 

Das Versinken in einen Abgrund, in ein Gewässer, wird gerne 
als Verschlungenwerden empfunden. 

Beispiel Nr. 31. — Traumerzählung der B.: ,,. . . (Hergang be- 
kannt) . . . Mittlerweile kommt ein Mann und sagt, auf ein Haus zeigend, 
zu den Leuten: ,So, jetzt könnt ihr schon die Fahnen heraustun, es fängt 
schon an.' In diesem Augenblick ertönt ein Pöllerschuß und ich denke 
mir: Ah, jetzt fängt es an." 

Deutung: Aller Wahrscheinlichkeit wurde die B. durch ein 

Geräusch aufgeweckt, das sie im Traume als einen Schuß empfand. 

Die szenische Bearbeitung dieses von außen gegebenen Elementes 

l ) Fre ud spricht davon in der „Traumdeutung", VII. Kapitel, Abschnitt d 
(S. 342 der I. Aufl.). 



Symbolik des Erwachens und Schwellensymbolik überhaupt. 643 

ist sehr geschickt getroffen, so daß der Schuß nicht bloß in das bisherige 
Traummilieu hineinpaßt, sondern mit seinem Beiwerke gleichzeitig 
auch zu einem Schwellensymbol wird. Sehr wirkungsvoll wird nämlich 
durch dramatische Mittel der Übergang zu einer neuen Szene vorbereitet. 
die da kommen soll: Ein Mann ordnet an, daß die Fahnen, offenbar 
ein Festschmuck, herausgetan werden; der Schuß, als Pöllerschuß 
gedeutet, verkündet den Beginn des Festes und es verbreitet sich eine 
Stimmung der Erwartung: es fängt schon an! Das, was anfängt, ist 
natürlich der Tag, das wache Leben. Es ist die Szene, die jetzt beginnen 
soll. Der Übergang vom Schlafen zum Wachen ist ein psychischer 
Szenenwechsel. 

Beis piel Nr. 32. ■ — Traumerzäblung der B. : „ . . . (Hergang bekannt). 
Die N. steht da und sagt, es wäre besser gewesen, wir wären überhaupt 
nicht hierher (auf Besuch) gekommen. Man ist überflüssig und weiß nicht, 
wohin immer verschwinden vor den vielen anderen Leuten die da kommen ; 
es wäre besser, abzufahren. Darauf sage ich ihr, daß doch das jetzt nicht 
angehe, vor dem Leichenbegängnisse. ,Also, dann gehen wir kochen', 
meint die N., und wir gingen in die Küche." 

Deutung: Ob die Abreisestimmung, nämlich das Gefühl, nicht 
an den Ort zu gehören, sondern lieber heimreisen zu sollen, mit der 
Symbolik des Erwachens zu tun hat, darüber läßt sich kaum eine Ver- 
mutung aufstellen. Dagegen ist es höchst wahrscheinlich, daß in dem. 
„kochen gehen" oder „in die Küche gehen" eine Schwellenbedeutung 
steckt, und zwar deshalb, weil bei der B. dieses „kochen gehen" ein 
mehrfach beobachteter Traumabschluß ist. Inwiefern sich dieses Bild 
zur Schwellensymbolik eignet, wird das nächste Beispiel plausibel 
machen. Zu bemerken ist, daß B. zwar nicht regelmäßig, aber doch 
öfter mit dem Kochen zu tun hat. Sie macht sich oft in der Küche zu 
schaffen. 

Beispiel Nr. 33. — Traumerzählung der B. : „ . . . (Hergang bekannt; 
es ist darin die Rede von einem Rehe, das die B. gleichsam wie ein Kind 
mit sich genommen hat; sie muß des Rehes wegen ihren gegenwärtigen 
Aufenthalt verlassen und begibt sich nach Hause, zu ihrer Mutter.) . . . die 
Mutter schneidet gerade Speckwürfel, um Speck auszulassen. Ich nehme 
ihr den Speck aus der Hand und schneide einen großen Haufen davon. 
Ein riesiges Reindl wird auf den Herd gestellt. Mittlerweile heißt es . . . 
(hier wird eine Episode eingeflochten, die aus gewissen Gründen zu , Speck 
auslassen' gcfühlsstark assoziiert ist und die sie zeitweise an einen andern 
Schauplatz führt) ... da denke ich mir, ,mein Gott, jetzt wird mein Schmalz 
verbrennen'. Ich mache (plötzlich wieder im elterlichen Hause angelangt) 
die Tür (zur Küche) auf und sehe von dem Schmalze folgendes: Es steigt 

41* 



644 Herbert Silberer. 

so ganz hoch (sie zeigt mit der Hand) aus dem Reindi heraus und bildet 
aus braunen Grammeln eine Kuppel; daran winden sich lauter kleine 
Flämmchen hinauf. Auf einmal gehen beide Türen auf (und durch jede Tür 
kommt jemand, um der Träumerin Vorwürfe zu machen, daß öie das Schmalz 
verbrennen läßt). Ich sage: .Schnell hinaus!' und wir rennen rasch hinaus; 
egal, was geschieht, wenn nur uns nichts geschieht ! Ich nehme wieder das 
Reh. Die Mutter schimpft noch weiter und klagt, daß man das Schweindl 
aufzieht, das ganze Jahr füttert und spart, daß man dann auf den Speck 
rechnet und daß er jetzt verbrennt usw. ,Und wer weiß,' sagt sie, ,was noch 
alles verbrennt in der Küche'. leb sage zum Reh : , Jetzt gehen wir schauen, 
was drinnen geschehen ist, machen wir langsam die Tür auf!' Und was 
sehe ich: das Schmalz ist wunderschön im Reindi, brodelt so, wie es sein 
soll. Ich mache die Türe auf (um auch die Mutter hereinzuholen) und 
mache (auf der Schwelle stehend) zur Mutter eine Geste, die sie einladet, 
einzutreten." 

Deutung: Das Grundthema des Traumes ist eine Rechtfertigung 
vor sich selbst, auf deren Wurzeln und Anlässe ich nicht genau ein- 
gehen kann. Das „Verbrennen" des Schmalzes stellt sich als doppel- 
deutig dar, indem es einen Verlust und ein Liebesfeuer gleichzeitig 
zur Darstellung bringt. Der Speck erscheint als ein Resultat wirt- 
schaftlichen Schaltens und Waltens und Sparens. Er hat sowohl eine 
finanzielle als eine allgemeinere Bedeutung, die mit dem symbolischen 
Gehalt von „Küche" und „Kochen" in Verbindung steht. Die B. ist 
nämlich höchst alteriert über gewisse ungeordnete Verhältnisse, unter 
denen sie zu leiden hat. „Eine heillose Wirtschaft" möchte man diese 
Lage benennen. Noch dazu eine solche, an der die B. selbst einige 
Schuld fühlt. Das „Verbrennen" spielt in seiner symbolischen Bedeutung 
stark mit hinein. Eine Bekannte der B. hat aber just beim Schmalz- 
auslassen den Flammentod gefunden. Auch B. trägt sich mit Todes- 
gedanken. B.'s Wunsch wäre natürlich, daß sich die „Wirtschaft" 
(wirtschaftliche Lage in mehrfacher Deutung) ordnen möge und daß 
sie das Gefühl ihrer Unschuld an den widrigen Verkettungen erlangen 
könne. Die doppelte WunscherfüUung liegt darin, daß sie sich in die 
Lage versetzt sieht, der Mutter (d. h. ihrem eigenen Gewissen) das 
normal brodelnde Schmalz zu zeigen. Das Schmalz droht dann nicht 
mehr, jemanden in Brand zu stecken, droht nicht mehr, die Küche 
zu verwüsten. Die Küche ist die „Wirtschaft" im weitern Sinn, die 
Lebenslage, Lebenstätigkeit, Leben. B. assoziiert zu Küche: Herd. 
Zu Herd: Eeuer, Flamme, Licht, Kerze, Unschuld 1 ), Kind, blond, 

l ) Durch einen Volksbrauch vermittelt: Wenn in der heimatlichen Gegend der 
B. ein Kind zu Grabe getragen wird, so trägt man ihm eine gebrochene Kerze nach. 



Symbolik des Erwachens und Schweüensymbolik überhaupt. 645 



Augen, spielen, Weihnacht; ein schönes Familienbild. In einem 
Zimmer, wo sich B. viel aufhält, befindet sich eine Inschrift: ., Eigner 
Herd ist Goldes wert." Herd und Wirtschaft zeigen eine Beziehung 
zum „eignen" Herd, was sich in die sonstige Bedeutung des Traumes 
außerordentlich gut fügt. Beachtenswert ist nun für uns, die wir diesmal 
nur Schwellensymbolik und insbesondere die Erklärung dafür suchen, 
wodurch sich wohl das ,,in die Küche gehen"" zum Symbole für's Er- 
wachen eignen mag, bemerkenswert, sage ich, ist der Umstand, daß B. 
auf „kochen" vorzugsweise „waschen" reagiert. Außer der ein- 
gewerkelten Verbindung dieser Worte besteht ein doppelter Kitt 
zwischen ihnen : der Begriff der Tätigkeit oder Pflicht und das Wasser. 
Das Eintreten in die Küche bedeutet somit den Eintritt in die Tätigkeit 
oder Wirtschaft des Lebens und steht gleichzeitig in einer gewissen 
Verwandtschaft zur (als Schwellensymbolik uns bereits bekannten) 
Wassersymbolik (Kollaterale). „Leben" ist ein Gegenstück zum Traum. 
Zu „Traum" assoziierte B.: „Leben". Daß „Wirtschaft" bei der B. 
nicht bloß meiner Vermutung nach, sondern wirklich eine erhöhte, 
überladene Bedeutung hatte, zeigte das Assoziationsexperiment: 



Nr. 


KW. 


t. 


R. 


Rp. 


87 


Schlange 


5 


beißen 


Gift 


88 


entsetzlich 


5 


furchtbar 


4- 


89 


Leichtsinn 


13 


Frohsinn 


j 


00 


bringen 


G 


tragen 


J r 


01 


Wirtschaft 


— - 




Truthahn 


92 


Prinz 


« 


Gemahl 


_L 


93 


knöpfein 


4 


Schuhe 


Schuh 



EW. bedeutet hier Reizwort, t. die Zeit in Fünftelsekunden, R. die 
Reaktion, Rp. die Reproduktion, -j- das Gelingen der Reproduktion, — 
den Ausfall der Reaktion (den sogenannten „Fehler"). 

Bei dem Reizwort „Leichtsinn" bemerken wir eine abnorme 
Reaktionszeit und einen flachen Assoziationstypus. Der Fehler bei 91. 
(Reizwort: „Wirtschaft") ist als Ergebnis der von „Leichtsinn" noch 
nachwirkenden Störung in Gemeinschaft mit der affektiven Wirkung 
des Wirtschaftkomplexes anzusehen. Auch im Wirtschaftsthema des 
4 1 



646 Herbert Silberer. 

soeben behandelten Traumes spielt der Leichtsinn eine gewisse Rolle. 

Traum und Assoziationsexperiment bestätigen einander gegenseitig. 

Nachdem ich der B. meine Gedanken über ihren Traum auseinander- 
gesetzt — die ihren Empfindungen übrigens vollkommen entsprechen — 
teilt sie mir, überrascht von der Übereinstimmung, mit, daß man in 
ihrer Gegend, wo sie zu Hause ist und wo die Mutter lebt, gern das 
Schwein als „die Sparkasse der armen Leute" bezeichnet. Mein Seiten- 
blick auf die finanzielle Bedeutung des Specks scheint somit sehr be- 
gründet gewesen zu sein. 

Beispiel Nr. 34. — Traumerzählung der B.: „ . . . (Hergang bekannt) 
... wir sollen kochen gehen; ich gehe mit Grauen kochen." 

Deutung: Das „Grauen" entspricht der vorhergehenden Si- 
tuation im Traum, auf die wir uns nicht weiter einlassen wollen. Da 
„kochen gehen" aufwachen heißt, scheint hier ein ähnlicher Fall vor- 
zuliegen wie im Beispiele Nr. 30, wo das Erwachen der Flucht aus einer 
furchterregenden Situation gleichkommt. Biologisch ist das Zuflucht- 
nehmen zum Erwachen vollständig begründet. Denn der Schlafende 
wird sich aus einer bedrohlichen Situation am besten erretten können, 
indem er in den Wachzustand übergeht, um da tätige Abwehrmaßregeln 
zu treffen. Ich fasse, wie man sieht, momentan nur jene Fälle ins Auge, 
wo die bedrohliche Traumsituation die Traumübersetzung eines ob- 
jektiven Eindrucks ist. Daß dieser Eindruck im Traume übertrieben 
wird, scheint auch als biologisch zweckmäßig begründet zu sein; die 
Übertreibung ist vielleicht deshalb notwendig, weil, soll das Erwachen 
und die Abwehrmaßregel die Folge sein, der Widerstand des Schlaf- 
wunsches überwunden werden muß. Es genügt nicht, dem Schlafenden 
ein leichtes Signal zu geben, wie dem Wachenden; dagegen ist er, in 
Träume sich einspinnend, wie gepanzert. Es gilt, diesen Panzer zu 
durchdringen; es gilt, den Schläfer aufzurütteln. Zur bloßen Über- 
schreitung der Schwelle vom Schlafe zum Wachen ist — ohne weiteren 
psychischen Erfolg — gleichsam schon eine Energie notwendig, wie 
zum bloßen Schmelzen von Eis zu Wasser eine gewisse Wärmemenge 
aufgebraucht wird, ohne daß deshalb eine Temperaturerhöhung erzielt 
würde. Der Vergleich ist vielleicht kühn, doch dürfte er das gut aus- 
drücken, was ich meine. Mag sein, daß das Erwachen mehr oder minder 
von dem Einverständnisse einer psychischen Instanz abhängig ist, 
die von seiner Notwendigkeit erst überzeugt oder zu deren Anerkennung 
überredet werden muß. Der Vorschlag zum Erwachen wird aber dieser 
Instanz nicht in der nüchternen Fassung vorgelegt, wie wir sie ihm 



Symbolik des Erwachens und Schwellensymbolik überhaupt. 647 

normalerweise geben würden, sondern in einer bildlichen Darstellung 
oder, mit anderen Worten: in die Traumsprache übersetzt. Wenn ich 
von einer „Instanz" spreche, so ist dies natürlich auch schon ein Bild. 

Beispiel Nr. 35. — Traumerzählung der B. „ . . . (Hergang bekannt) 
... Es läutet. Ich sage, das wird eine Nachricht von H. sein. Ich gehe 
hinaus, öffneü. Ich mache die Tür auf und fühle den hereinwehenden 
kalten Lufzug." 

Deutung: Das Erwachen erfolgt im Augenblicke, wo die Tür 
geöffnet wird. Symbolik der Türschwelle. Im Luftzug mag damit die 
Symbolik des Strömens verbunden sein. 

BeispielNr. 36. — Traumerzählung der B.:„ . . . (Hergang bekannt; 
B. ist in die Gesellschaft jemandes geraten, der ihr lästig ist; sie ist sehi 
froh, in ihrer unbehaglichen Situation einen Bekannten daherkommen 
zu sehen, zu ihrer Erlösung.) Da sehe ich zu meiner Freude den Onkel 
Anton S. kommen, bin froh, daß ich dem . . . entlaufen kann, rufe : , Onkel 
Anton!' und laufe ihm entgegen." 

Deutung: Hier hat man wieder die Fluchtsymbolik. Wenn man 
will, kann man die zwei Personen als Personifikation von Schlaf und 
Wachen ansehen. Die Flucht tritt ein, sobald der Schlaf — der Traum — 
unleidlich wird. Man kann auch umgekehrt sagen: Der Vorgang des 
Erwachens wird der Traumsituation gemäß in das Bild der Flucht 
transponiert und kommt uns solchergestalt symbolisch zum Bewußtsein. 

Beispiel Nr. 37. — Die männliche Person C. teilt mir mit, daß sich 
als Symbol der Erwachens bei ihm häufig die Traumsituation des Tauchens 
in Wasser einstellt. Oft wisse er auch im Traume ganz genau, daß er sich 
durch Eintauchen in Wasser aufwecken oder — vorsichtiger ausgedrückt — 
irgendwie in Sicherheit bringen könne, was natürlich beim Auftreten einer 
Traumgefahr (Verfolgt werden usw.) von Bedeutung ist. Schon oft habe 
er sich im Traume durch einen Sprung ins Wasser oder auch durch ein par- 
tielles Eintauchen aus einer Gefahr oder unangenehmen Situation befreit 
und sei dann prompt aufgewacht. Manchmal' führe dieses Eintauchen 
aber nicht zu einem Erwachen, sondern zu einer Situationsänderung inner- 
halb des Traumes, wie in einem besonderen Falle, wo C. dreimal nach- 
einander, aber erst das drittemal wirklich erwachte; zweimal „erwachte" 
er — durch Eintauchen des Kopfes in ein Gefäß mit Wasser aus einer bösen 
Situation sich rettend — in einem fremden Milieu, wo er nach kurzer Zeit 
erkannte, daß er nicht hingehöre; und erst beim drittenmal erwachte 
er in seiner normalen Umgebung. 

Das geträumte Erwachen ist freilich nur ein Spezialfall der vielen 
möglichen Traumsituationen. Wenn es aber in so strenger Parallele 
zum wahren Erwachen, gleichsam als dessen Vorbereitung oder Vor- 
stadium (meinetwegen als ,, mißlungener Versuch") auftritt und dabei 



648 Herbert Silberer. 

sogar mit derselben Schwellensymbolik (Eintauchen) verknüpft ist, 
da wird ihm doch vielleicht eine Ausnahmestellung einzuräumen sein. 
In einem Falle, wie dem vorliegenden, kann das geträumte Erwachen 
(oder die geträumte „Flucht in den Wachzustand") vielleicht als ein 
partielles Erwachen, zum mindesten als ein Übergang über irgend eine 
psychische Schwelle aufgefaßt werden (Flucht von einer psychischen 
Schichte in eine andere). „Wenn", so könnte man argumentieren, 
„an einer Schichtengrenze durch Eruptionen aus tieferen Schichten 
Angst (Unlust) produziert wird, so verlasse ich (d. h. die Einstellung 
der Apperzeption) diese unleidlich gewordene Schichte, um eine andere 
aufzusuchen." Die radikalste Flucht dieser Art ist im Schlafe das Auf- 
suchen dea Wachzustands. Aber es ist denkbar, daß auch eine minder 
weite Flucht genügt. Welcher wirkliche psychische Vorgang dieser 
„minder weiten Flucht" entspricht, darüber etwas Bestimmtes aus- 
machen zu wollen, wäre ein eitles Beginnen. Man kann nur ganz all- 
gemein bildlich von Schichten und Schwellen sprechen. 

Wir werden durch dies letzte Beispiel über das engere Thema 
der Symbolik des Erwachens und Einschlafens bereits hinausgeführt 
in das weite Gebiet der Schwellensymbolik überhaupt. Ich möchte auch 
aus diesem weiteren Gebiete, nur eben zur Illustration, einige Beispiele 
anführen und vereinige dieselben zur dritten Gruppe. Solche Phä- 
nomene können natürlich ohne a priori mögliche Einschränkung überall 
da auftreten, wo Umsetzungen in Symbole mit Seh wellen Vorgängen 
konkurrieren. 

III. Gruppe. 

Beispiel Nr. 38. — Traumerzählung aus S. Freud, „Die Traum- 
deutung" (I. Auflage, S. 144 f.) : „ . . . (Hergang bekannt) . . . Dann un- 
deutlicher: Als ob es die Aula wäre, die Zugänge besetzt und man müßte 
lliehen. Ich bahne mir den Weg durch eine Reihe von schön eingerichteten 
Zimmern, offenbar Regierungszimmern, mit Möbeln in einer Farbe zwischen 
braun und violett und komme endlich in einen Gang, in dem eine Haus- 
hälterin, ein älteres dickes Frauenzimmer sitzt. Ich vermeide es, mit ihr 
zu sprechen; sie hält mich aber offenbar für berechtigt, hier zu passieren, 
denn sie fragt, ob sie mit der Lampe mitgehen soll. Ich deute oder sage ihr, 
sie soll auf der Treppe stehen bleiben und komme mir dabei sehr schlau vor, 
daß ich die Kontrolle am Ende vermeide. So bin ich drunten und finde einen 
schmalen, steil aufsteigenden Weg, den ich gehe. — Wieder undeutlich . . . 
Als ob jetzt usw." 

Deutung: Ich habe in der Studie „Phantasie und Mythos" im 
vorjährigen ..Jahrbuch" die funktionalen Elemente dieses Traumes 



Symbolik des Erwachens und Schwellensymbolik überhaupt. 649 

bereits aufgedeckt und kann mich daher unter Hinweis auf die be- 
treffende Stelle (S. 555 f.) kurz fassen: Das im Traume vorkommende 
„Passieren" vor der „Haushälterin" ist nicht anderes als 1 ) das Passieren 
der wachsamen Traumzensur, die sich hier wieder einmal täuschen 
läßt, indem sie den Träumer (den Traumgedanken) für berechtigt hält, 
da zu passieren. Dieser Schmuggelvorgang ist ebenso wie das psychische 
Geschehen, worauf die Treppen- und Wegsymbolik anspielt, ein Schwellen- 
vorgang, insofern ein Auf- und Absteigen durch verschiedene psychische 
Schichten, ein Passieren psychischer Instanzen u. dgl. vorliegt. Man 
findet die entsprechenden Bemerkungen am erwähnten Orte, nur daß 
dort der Begriff des „Schwellenvorgangs" beziehungsweise der 
„Schwellensymbolik" noch fehlte. Die am Schlüsse des Beispieles vor- 
kommende Wanderung über die Treppe und den Weg bereitet sym- 
bolisch eine Veränderung des Schauplatzes — vielleicht abermals ein 
Schwellenerlebnis wie im Beispiele Nr. 37 mit dem mehrmaligen Er- 
wachen — bildlich vor. 

Beispiel Nr. 39. — Bedingungen: In dem Werke „Des Indes 
ä la Planete Mars" beschreibt und interpretiert Th. Flournoy einen 
interessanten Fall von Somnambulismus. Die Person, um die es sich handelt 
und die von ihrer Umgebung und ihren Zirkeln als „spiritistisches Medium" 
angesehen wird, heißt Helene Smith (pseudonym). Ihre somnambulen 
Zustände werden zum Teil von zusammenhängenden Romanbildungen 
beherrscht, wovon jede ihre eigenen (wenn auch in gewissem Sinne iden- 
tischen) Personen, Schauplätze usw. hat. Die somnambulen Erlebnisse 
der Helene Smith können somit in gewisse Hauptgruppen eingeteilt werden. 
Man kann z. B. von einem „indischen" Zyklus sprechen, weil manche 
Visionen sich so abspielen, als erlebe sie als indische Prinzessin einen gewissen 
Roman in Indien; ferner von einem „Mars"zyklus, weil eine zusammen- 
hängende Reihe von Erlebnissen von ihr so empfunden und dargestellt 
wird, als spielten sie sich nicht auf der Erde, sondern — angeblich — auf 
dem Mars ab. Es empfiehlt sich (wie ja auch Flournoy selbst es tut), 
für die Romankerne dieser Zyklen dissoziierte psychische Komplexe 2 ) in 
Anspruch zu nehmen, die in tieferen, der wachen Kontrolle unzugänglichen 
psychischen Schichten ihr Wesen treiben, durch die „spiritistischen Se- 
ancen" aufgalvanisiert, ein Scheinleben führen tmd dichterisch tätig sind, 



*) Diese beliebte Phrase ist nichts anderes als. . . " sollte man eigent- 
lich bei Traumanalysen niemals anwenden. Nimmt maus nämlich mit ihrem 
Inhalte genau, so widerspricht sie dem stets gültigen Gesetze der mehrfachen 
Determination ! 

2 ) Ganz allgemein gesprochen. Über ihr Wesen gibt Flournoy sehr 
hübsche Winke, wobei er auch den Standpunkt der Freudsehen „Abwehr'" 
nicht vergißt. 
4 1 * 



650 Herbert Silberer. 

indem sie sich mit allerlei Material, das zu ihnen paßt, verbrämen 1 ). Die 
Entrückung der Helene Smith nach fernen Schauplätzen (Indien, Mars) 
wäre dann so ungefähr das funktionale Phänomen für die psychische Ent- 
rückung in die mehr oder minder tiefen, entlegenen psychischen Schichten. 
Das Eintreten aber in eine solche Schicht, das Eintreten in den somnam- 
bulen Zustand, das Einschlafen oder Übergehen von einer Schicht in die 
andere sowie das Erwachen aus den betreffenden Schichten und Zuständen : 
diese Vorgänge sind Schwellenerlebnisse und können, da durch den som- 
nambulen Zustand auch die Bedingung der Umsetzung in Symbole gegeben 
ist, zu Schwellensymbolen Anlaß bieten. 

Es seil nun ein besonderer Fall betrachtet werden, der sich in Flour- 
noys Werk (S. 141 der 4. Auflage) verzeichnet findet. Bei der Sitzung 
vom 25. November „gewahrt Mlle. Smith in weiter Ferne und großer Höhe 
ein lebhaftes Leuchten. Dann empfindet sie ein Schwanken, das ihr Ublich- 
keiten verursacht, und darauf will ihr scheinen, daß ihr Kopf leer sei und 
sie keinen Körper mehr habe. Sie befindet sich in einem dichten Nebel, 
der nach und nach von Blau in ein leuchtendes Rosa übergeht, dann in 
Grau und Schwarz. Sie schwebt, sagt sie ; und der nur auf ein Bein gestützte 
Tisch 2 ) fängt an, eine eigentümliche Bewegung des Schwebens auszudrücken, 
wobei sich immer die gleichen spiraligen Kurven wiederholen. — Sodann 
sieht sie einen Stern, der größer und größer, ja, schließlich ,größer als unser 
Haus' wird. Helene fühlt, daß sie im Steigen begriffen ist. — Hierauf 
buchstabiert der Tisch: .Lemaitre, was du so sehr wünschtest!' 3 ). — Mlle. 
Smith verliert das Unbehagen und unterscheidet drei riesige Globen, 
worunter einer sehr schön ist. .Worauf schreite ich?' fragt sie. Und der 
Tisch antwortet: ,Auf einer Erde, Mars.' — Helene beginnt nun alle die 
absonderlichen Dinge zu beschreiben, die sich ihrem Blicke bieten und ihr 
ebensoviel Überraschung als Unterhaltung verschaffen. Wagen ohne 
Pferde und Räder, die funkensprühend dahingleiten; Häuser mit Spring- 
brunnen auf den Dächern . . . usw." 

Deutung: Helene Smith erlebt eine Reise. Diese Reise ist ein 
Schwellensymbol für die Entrückung in jene psychische Schicht, wo 
sich der Marsroman abspielt. Das Hinüberwandern in den Marszyklus, 
das Hinüberschreiten von einem psychischen Zustand in einen andern, 
wird hier ebenso als eine räumliche Bewegung, eine Wanderung emp- 

*) Diese schaffende Tätigkeit geht bis zur Komposition ausgeprägter unter- 
bewußter Persönlichkeiten und zur Erfindung eigener Sprachen, nämlich eines 
Pseudosanskrit für den indischen und einer „martischen" Sprache für den Mars- 
zyklus. 

2 ) Ihre Hand liegt auf diesem Tisch und gibt durch ihn Botschaften kund. 
Buchstabieren durch Klopfen. Automatismus. 

3 ) Der anwesende M. Lemaitre hatte in einer früheren Sitzung einmal 
geäußert, es wäre doch interessant, zu erfahren,] was auf anderen Planeten vor- 
ginge. 



Symbolik des Erwachens und Schwellensymbolik überhaupt. 651 

fluiden, wie das Einschlafen in meinem Beispiele Nr. 7, nur daß in 
dem Falle der Helene Smith die Reise infolge der konstellierenden 
Kraft der Marsidee das ganze Bild wie eine Fahrt durch den Weltraum 
gefärbt oder, genauer ausgedrückt, so gestaltet ist, wie sich die in 
Betracht kommende subkonsziente Persönlichkeit der H. Smith 
so eine Reise vorstellt. 

Ich möchte es nicht unterlassen, zur Unterstützung meiner Auf- 
fassung und zum besseren Verständnis dessen, was hier als psychische 
Schichtung u. dgl. bezeichnet wird, einige Worte von Flournoy 
selbst anzuführen. Nach genauer Prüfung der angeblich „martischen" 
Sprache, in der die Marsbewohner mit Helene Smith verkehren und die 
auf die Entstehung und das Wesen des ganzen Marszyklus notwendig 
ein bedeutendes Licht werfen muß, macht es Flournoy am Schlüsse 
vom VI. Kapitel, III, 5 sehr wahrscheinlich, daß diese Sprache einen 
infantilen Ursprung hat. Er sagt u. a. : 

„Wenn man sich erinnert, daß überall in der Literaturgeschichte 
die Poesie der Prcsa, die Imagination dem Verstände, die lyrische Gattung 
der didaktischen vorangeht, so kommt man zu einem Schlüsse, der mit den 
Ergebnissen der vorigen Paragraphen (wo die ,martische' Sprache analysiert 
wird) übereinstimmt. Durch ihre Wendungen und ihren Stil (oder den 
Stil der französischen Sätze, die der .martischen' Sprache als Gerippe 
zugrunde liegen) scheint nämlich die martische Sprache ein Echo aus ferner 
Zeit uns zuzutragen, den Widerschein eines primitiven Seelenzustands, 
von dem Helene Smith in ihrer heutigen Normalverfassung gar weit entfernt 
ist." — „So weit," möchte ich hinzufügen, „wie die Erde vom Mars!" 

Weiter heißt es (VI. Kapitel, IV) : „ . . . Ich folgere daraus, daß die 
martische Unterpersönlichkeit (sous-personnalite), welche eine so fruchtbare 
linguistische Tätigkeit entfaltet, dabei abar so vollständig an die Struktur - 
foimen der Muttersprache gebunden erscheint, ein ehemaliges Stadium 
darstellt, gleichsam eine Art Entwicklungshemmung aus jener Zeit, wo 
Helene noch nicht ihren Deutschunterricht begonnen hatte." (Der Deutsch- 
unterricht hätte ihr nämlich bei der Sprachenerfindung eine freiere Bewegung 
ermöglicht.) Einige folgende Stellen setze ich im Original Wortlaute her, 
jedoch, um den Gang unserer Arbeit nicht aufzuhalten, unter den Strich 1 ). 



1 )„Si Ton songe, d'autre part, ä la tres grande facilite que Je pere de Mlle. 
Smith parait avoir possedee pour les langues, on en vient ä se demander si Ton 
n'assiste pas, dans le martien, ä l'eveil et au deploiement momentane d'une faculte 
heräditaire, dormant sous la personnalite normale d'Belene qui n'en a pas profite 
d'une maniere effective. . . . Qui sait si Mlle. Smith,. . . un jour,. . . ne ferait 
pas refleurir de plus belle les aptitudes polyglottes de son pere, . . . Cela donnerait 
bien ä penser, alors, que le martien de ses somnambulism.es n'etait que la mani- 
festationanormale et rudimentaire de facultes dont eile se trouvait deposi- 



652 Herbert Silberer. 

Beispiel Nr. 40. — Ich habe die Zitate aus Flournoy haupt- 
sächlich des nun folgenden Beispieles wegen hergesetzt, das für eine 
ganze Klasse hier steht. Man beachte in dem Text der Anmerkung 
besonders die gesperrt gedruckten Stellen und bringe sie mit zwei Tat- 
sachen zusammen: mit dem Begriff der dichterischen oder künst- 
lerischen Ekstase, die den von ihr Ergriffenen gleichsam in eine andere 
Welt versetzt (in psychische Schichten nämlich, die seiner nüchternen 
Normalperson unzugänglich sind und aus der ihm nur in weihevollen 
Stunden, wann ihn „die Muse küßt", eine wunderbare „Inspiration" 
wird) und mit der Tatsache, daß die sogenannten spiritistischen Schreib- 
und Sprechmedien, wenn man sie gewähren läßt, förmliche Durchfälle 
von Versen bekommen. (Daß das Gereimte solcher Offenbarungsmedien 
meist recht ungereimt ist, reimt sich gar wohl zu den durch Flournoy 
ausgesprochenen Anschauungen.) Der Quell der Poesie — sei sie nun 
vor dem Kunstkritiker gut oder schlecht — scheint in einem Wunder- 
land zu springen, in das man durch eine Entrückung gelangt. 

Kerner schreibt über die Seherin von Prevorst, von der sogleich 
mehr die Rede sein soll: „öfters im Gefühl ihrer langen Leiden (dies aber 
immer im höheren magnetischen Zustand) machte sie selbst Gebete in 
Versen . . . Da ich schon Verse machte, so war es das nächste zu sagen : 
Frau H. habe dieses Talent durch meine magnetische Einwirkung. Da 
ist aber zu bemerken, daß Frau H., schon, ehe sie in meine Behandlung 
kam, solche kleine Verse macht«. Nicht ohne tiefere Bedeutung war 



taire ä son insu. En attendant, et sans meine invoquer un talent special latent 
chez Helene, on peut attribuer le martien a une survivance, ou a un reveil 
sous le coup de fouet des hypnoses m6diumiques, de cette fonction 
generale, commune ä tous Ies humains, qui est la racine du langage et 
se manifeste avec d'autant plus de epontaneite et de vigueur qu'on remonte plus 
haut vers la naissance des peuples et des individus. L'ontogenese, disent les bio- 
logistes, reproduit en abrege et grosso modo la phylogenese .... Le ,poete mort 
jeune', en chacun de nous, n'est que Pexemple le plus banal de ces retours ata vi - 
ques de tendances et d' emotione qui omVaccompagne les d^buts de I'humanit6, qui 
restent l'apanage des peuples enfants,et qui fönt une poussee d'une energie variable, 
en chaque individu, au printemps de sa vie, pour se figer ou disparaitre tot ou 
tard chez la plupart, ä moins de prendre un nouvel essor et de s'adapter ä des 
conditions superieures chez les vrais artistes. Tous les enfants sont poetes.... 
,, — J'en conclus que le fait meine de la reapparition et du deploiement 
de cette activite dans les etats martiens d'Helene, est un nouvel indice de la nature 
infantile, primitive, arrieree en quelque Sorte et depuis longtemps depassee par 
sa propre personnalite ordinaire, des couches subliminales que l'auto- 
hypnotisation mediumique met chez eile en ebullition et fait re- 
monter ä ]a surface." 



Symbolik des Erwachens und Schwellensymbolik überhaupt. 653 

Apollo der Gott der Dichter, der Seherund der Arzneikunde zugleich. 
Schlafwachen geht im Innern die Kraft zu dichten, zu sehen und 
zu heilen 1 ) auf. Wie herrlich verstanden die Alten diesen Zustand des 
Innern, wie klar lag er wohl in ihren Mysterien aufgedeckt!" 

Der Quellort der Poesie, sagte ich, scheint in einem Wunderland 
zu liegen; in einem fernen „Land", das heißt, in einem von dem gewöhn- 
lichen entfernten Zustande; in Seelentiefen, in die man „entrückt" 
werden kann. Wie eine solche „Entrückung" bildlich empfunden 
werden und somit Gegenstand einer funktionalen Schwellensymbolik 
werden kann, haben wir schon an Helene Smiths Reise nach dem Mars 
gesehen. Als das „klassische Beispiel" möchte ich jedoch die „Seherin 
von Prevorst" aufstellen, bei der die ganze psychische Innenorganisation 
in ungemein reich gegliederter Form zur symbolischen Anschaulichkeit 
ausgeprägt wurde. 

Die „Seherin von Prevorst" empfand die verschieden tiefen 
psychischen Zustände, in denen sie abwechselnd verweilte, als Kreise, 
die zueinander verschiedene Lagen hatten (teils konzentrisch, teils 
exzentrisch) und miteinander ein ganzes System von geometrisch 
gesetzmäßig verteilten Regionen bildeten, mit Grenzen und Übergängen 
von einem zum andern. Sie entwarf auch sehr saubere Zeichnungen, 
die dieses System darstellten. 

„Der magnetische Zustand der Frau H. — so schreibt Kerner — 
teilte sich in vier Grade: 

1. In den, in welchem sie immer war, in dem sie wach zu sein 
schien, aber es doch nicht war, in den ersten Grad eines Lebens im 
Innern . . . usw. 

2. In den magnetischen Traum. In diesem Zustande, behauptete sie, 
befänden fcich manche Menschen, die man für wahnsinnig halte, aber in 
ihm dann in keiner freien Bewegung wie sie (die Frau H.), sondern wie 
eingesperrt seien. 

3. In den Zustand, den ich den halbwachen nannte und der sich 
besonders dadurch zu erkennen gab, daß sie in ihm jene Sprache des Innern 2 ) 
sprach und schrieb . . . usw. Sie sagte: ,Ich schreibe und spreche diese 
Sprache dann, wenn ich freier bin, im halbwachen Zustande; wachend 
kann ich es nicht, mein Körper will nichts davon'. 



') Justinus Kerner huldigt der in früherer Zeit behebten Ansicht, daß 
dit) Somnambulen die Fähigkeit hätten, in ihrem „schlaf wachen" Zustand einen 
hellseherischen ärztlichen Blick zu entwickeln. 

2 ) Mit anderen Worten jenes Stadium, wo sie mit der von Flournoy be- 
trachteten Grundfähigkeit der Sprachbildung oder mit der poetischen Schicht 
in Berührung kommt. 



654 



Herbert Silberer. 



4. In den schlafwachen Zustand, wo sie in den tiefsten Kreis ihres 
Innersten trat, hell sah, (ärztliche) Verordnungen (meist für ihre eigene 
Behandlung) machte. 

Aber zwischen diesem dritten und vierten schien mir noch ein anderer 
magnetischer Zustand, und zwar der kataleptische zu liegen, in welchem sie 
in Erstarrung fiel und Kälte empfand." 

Diese Zustande und die verschiedenen Zwischenstufen und Über- 
gänge von einem zum andern, mit den wechselnden Gemütslagen werden 
durch ihre Zeichnungen (die in Kerners erwähntem Werke zum Teil 
abgebildet sind) erläutert. Diese Zeichnungen sind indes nicht bloß gra- 
phische Erklärungsbehelfe, sondern entsprechen (halluzinatorisch) erlebten 
Symbolen. Wie deutlich dieselben empfunden wurden, geht u. a. aus den 
folgenden Stellen hervor, die ich aus den Reden der Frau H. 1 ) als besonders 
charakteristisch herausgreife : die Parenthesen gehören zu Frau H.'s eigener 
Darstellung : 

„Ich fühle die Zeit, wo ich eingeschlafen bin, bis dahin, wo ich er- 
wachte 8 ), und noch die übrigen Teile (diese Zustände sollte man aber weder 
Einschlafen noch Erwachen heißen) wie einen Ring, der von der Herzgrube 
ausgeht und sich über die Brust verbreitet und da gegen die linke Seite hin 
wie befestigt ist. Dieser Ring liegt mir ganz schwer da und tut mir weh 
(er kratzt mich) ... Ich fühle unter diesem Ringe noch fünf solche Ringe 3 ), 
und über ihm noch einen leeren, ich will aber jetzt nur von diesem sechsten 
sprechen . . . usw. 

„Außerhalb des großen Ringes liegt nur der wirkliche helle Tag und 
die Menschen . . . Dieser äußere Ring mit der in ihm kreisenden blauen 
Flamme 4 ) kommt mir wie eine Mauer vor, durch die nichts an mich konnte. 
Im Ringe selbst bin ich. Denke ich, ich sei außer diesem Kreise, so ist es 
mir fürchterlich und mich befällt eine Angst; denke ich mich aber frei im 
Kreise, so bekomme ich wie ein Heimweh. Aber ich meine, ich könne jetzt 
besser aus dem Kreise zu den Menschen heraussehen als sonst, aber nicht 
herausgehen und nicht in die Ringe des Zentrums, wo ich sonst hin- 
flüchtete, wenn es mir bange wurde ... 

„Sonst konnte ich in diesem Zirkel hin, wohin ich wollte. Je nachdem 
von außen her etwas an mäch kam, konnte ich mich bald dahin, bald dorthin 
in dem großen Kreise flüchten. Es war mir dann, als wäre ich immer 
so einem nach dem Zentrum gehenden Strahl 5 ) nach als wie ein 
Blitz in dieses Zentrum geeilt. Im ersten Ringe des Zentrums (mir 
ist es, als ständen darüber sieben Sterne) war es mir wohl, ich sprach in 

*) Aus dem Kapitel „Der Sonnenkreis und der Lebenskreis" des erwähnten 
Kernerschen Werkes. 

*) Sie meint damit eine Epoche ihres Lebens, nicht ein tägliches Einschlafen 
und Erwachen. 

:1 ) Diese Ringe entsprechen Jahren. 

4 ) Die Flamme stellt den die Frau H. behandelnden Justinus Kerner 
dar. ("Übertragung?) 

5 ) Vorher von der Frau H. beschrieben. 



Symbolik des Erwacheng und Schwellensymbolik überhaupt. 655 

die Welt hinein, in der ich gewesen, und dann hörten Sie (Kerner) es allein, 
ich fühlte nur, daß Sie es hörten." 

„(Ich sagte ihr, daß sich dies nicht so verhalte, sie sei von jedem 
gehört worden . . .). Im zweiten Ringe (die Ringe sind von außen nach 
innen gezählt) war es mir kalt und schaudernd, es muß eine kalte Welt 
sein. Da sprach ich nie, ich schwamm nur wie darüber hin, und ein paarmal 
sah ich hinein. Was ich da gesehen, weiß ich nicht mehr, ich fürchte mich, 
wenn ich daran denke. Da ist es fürchterlich kalt und arg. Dieser Ring 
hat das Licht des Mondes . . . 

„. . . . Oft wiederholte sie: daß dieser Ring 1 ) zugleich unser Sonnen- 
kreis sei, den jeder Mensch auf dem sogleich zu beschreibenden Kreise, 
dem Lebenskreise der Seele, trage . . . 

„. . . Unter jenem großen Ringe (Sonnenkreis) sehe ich einen eben- 
falls großen Ring Hegen, der aber doch um etwas kleiner als jener ist . . . 
Diesen Kreis fühle ich nicht so schwer als wie jenen und nicht so auf den 
Nerven laufend, sondern wie Luft, wie Geist in mir liegen. Im Mittelpunkte 
dieses Kreises aber sitzt etwas, das Zahlen und Worte setzt, und das ist 
der Geist. Wie im Sonnenzirkel diese Welt liegt, so liegt in diesem Lebens- 
zirkel (Seele) eine ganz andere, höhere; daher die Ahnungen, die in einem 
jeden Menschen von einer höheren Welt liegen. Wie auf dem äußeren 
Ringe, dem Sonnenringe, ich meine Gefühle von jeder Abteilung mit 
gewöhnlichen Worten aussprach, so sehe ich sie auf diesem innern Ringe 
(von dem ich sie deutsch auf den andern übertrug) als Zahl und Zeichen 2 ) 
stehen. Die Schriftzeichen sind auch zugleich Zahlen. Von dem Mittel- 
punkte des innersten Ringes, von den drei kleineren in diesem Ringe, 
ging meine Rechnung aus. 

„Von dort aus schaut der Geist in den Mittelpunkt des Sonnen- 
kreises hinein. Auch die Seele schaut und fühlt aus dem Gebiete ihres 
Lsbemkreisss in das gleiche Gebiet des [ihm korrespondierenden. H. S.] 
Sonnsnkreises hinein, welches, je nachdem sie sich vom Geiste hat ziehen 
lassen, eine höhere oder niedrigere Stufe des Mittelreicbes bezeichnet . . . 
Dar Mittelpunkt des Lebenskreises ist der Sitz des Geistes, und in ihm 
i3t er an seiner rechten Stelle, im Wahren. Der erste Kreis um den Mittel- 
punkt ist ein Ziehen der durch den Leib beherrschten Seele; der Geist 
bleibt jedoch noch rein, wenn er innerhalb des ersten Kreises weilt 8 ) . . ." 

Das Eilen von der Peripherie nach dem Zentrum 4 ) bedeutet ein Auf- 
suchen eines mehr verinnerlich ten Zustandes, um Unannehmlichkeiten, 
die von außen zu kommen scheinen, zu entgehen. Also ein Verkriechen, 
ein Fliehen. Wir stehen hier vor einer Abwandlung jener Erscheinung , 
deren Mechanik an den Beispielen Nr. 30 und 34 zur Genüge besprochen 

*) Der größte Kreis in dem System von größeren und kleineren Kreisen. 

2 ) Frau Hauffe hatte ein ganzes System solcher magischer Zeichen — 
Wort und Zahlzeichen — in sich ausgebildet. 

3 ) Man wird hier auf ethisches Gebiet geführt. 

4 ) Oben im Zitat gesperrt gedruckt. 



656 Herbert Silberer. 

wurde. Hier ist nur die Richtung der Flucht eine umgekehrte. Mir 
sind Leute bekannt, denen im Traume — wie sie behaupten — eine ganze 
Reihe solcher verschieden tiefer Lagen oder Zustände zur Verfügung 
stehen, so daß sie gegebenenfalls immer von einem in den andern 
Zustand flüchten können. Ea kann sehr wohl sein, daß die Beobachtung 
solcher Schichtungen im Traumleben und — wie ich annehmen möchte — 
die Möglichkeit ihrer Festigung durch Einübung einen wichtigen Beitrag 
geliefert hat zu dem Glauben, daß die Seele des Menschen in die ver- 
schiedenen Planeten- und Sternensphären, also in die verschiedenen 
Himmel, „exaltiert" werden könne. Falls die Annahme von der 
„Festigung" dieser Erscheinungen durch Einübung auf Richtigkeit 
beruht und es sich hier um eine allgemein menschlich-psychische Eigen- 
heit handelt, die bei den verschiedenen Individuen bloß verschieden 
intensiv in Wirksamkeit tritt, so erscheint es gar nicht unbegreiflich, 
daß solchen Gebilden des Vorstellungsgetriebes vermöge ihrer Gesetz- 
mäßigkeit eine gewisse selbstherrliche Existenz oder Wirklichkeit 
zugemessen wurde, da doch, wie ich schon gelegentlich der Betrachtung 
der Kindheitsphantasien einmal betonte, auch der Zusammenhang 
der sogenannten „Wirklichkeit" oder „wirklichen Außen- 
welt" durch nichts anderes als ihre strenge Gesetzmäßigkeit 
gewährleistet wird. Die Regelmäßigkeit in der Bildung funktionaler 
Symbolphänomene (die ihren Grund in der gleichartigen psychischen 
Grundorganisation der Menschen hat) kann recht gut, wie kürzlich 
in einer diesen Gegenstand betreffenden Diskussion der Psychanalytiker 
Dr. P. Federn äußerte, die Allgemeingültigkeit gewisser Typen von 
Traumsymbolen erklären. Es mag in gewissem Sinne ein allgemein 
gültiges „Traumbuch" geben. Der gute alte Artemidoros ist durchaus 
kein leerer Schwätzer gewesen. 

Ich fahre fort zu zitieren: 

,, . . . In jener Klarheit dieses innersten Ringes, aber auch nicht 
in seinem Mittelpunkte, sah ich immer meine Führer in 1 ), und von da aus 
sind auch die Verordnungen 2 ) gekommen, wie? weiß ich nicht mehr. Wollte 
ich in den mittleren Ring, so mußte ich immer auf seiner rechten Seite 
hinein. Die linke Seite konnte ich dann nicht sehen, wenigstens fühlte ich 
nichts von ihr. Wollte ich überhaupt in diese drei Ringe des Zentrums 
und war irgendwo anders im großen Ringe, so mußte ich mich in den Monat, 
Tag, Stunde, Minute und Sekunde, in denen ich war 8 ), vorher wieder 

*) Die Gestalt der Großmutter, die als ihr guter Genius auftritt. 
2 ) Nämlich die ärztlichen Verordnungen. 

*) Die örtliche Disposition des Ringsystems war nach zeitlichen Bestim- 
mungen orientiert. 



Symbolik des Erwachens und Schwellensymbolik überhaupt. 657 

begeben, indem ich jene Tage, Stunden usw., die vorwärts oder rückwärts 
waren, wieder durchlief und von da aus in geradem Strahl in diese Ringe 
eintreten. Nur in den größeren Ring, der die drei kleineren Ringe weit 
umgibt, konnte ich, wie ich wollte, von allen Seiten und dieser größere Ring 
ist der Traumring . . . Der innere Raum im ganz großen Ringe und in dem 
Traumringe ist heller als unser Tag 1 ), aber es ist in ihnen eine ganz 
andere, eine gleichförmige Helle ohne Licht und Schatten. 

,,In allen diesen Ringen konnte ich rückwärts und vorwärts, wie ich 
wollte, undkonnte so sehen, was geschah und was geschehen wird. Auch in die 
anderen fünf Ringe, von denen mir jeder auch ein Jahr zu umfassen scheint 
und die unter diesen liegen, konnte ich zurückgehen 2 ). Nun fühle ich mich 
aber in jenen Zwischenraum eingeschlossen, kann nicht rückwärts und habe 
vorwärts nur ein banges Gefühl von einem Punkte. . . . Trat ich aus den 
kleineren Ringen wieder in die größeren, so wußte ich nicht mehr, was ich 
in ihnen gesprochen hatte, oder wie es mir war, bis ich wieder in dieselben 
kehrte, aber was mit mir in den großen Ringen vorgegangen, wußte ich, 
und so wußte ich auch im großen Ringe, was mit mir im Traumringe vor- 
gegangen" 3 ). 

Justinus Kerner bemerkt zu dem letzten Satz: „Dies war allerdings 
ganz richtig. In den kleineren Ringen, das heißt, im tieferen somnambulen 
Leben, wußte sie den wacheren Zustand (den großen Ring); kam sie aber 
wieder in den großen Ring, den wachen Zustand, wußte sie nichts mehr von 
dem somnambulen Leben, den kleineren Ringen. Des magnetischen Traumes 
(Traumringes) erinnerte sie sich aber im wacheren Zustand (im großen Ring)". 

Diese Zitate dürften genügen, um die geometrische Ringsymbolik 
in ihrer funktionalen (auf die psychische Zuständlichkeit Bezug habende) 
Bedeutung zu beleuchten. Was von dieser funktionalen Symbolik 
als Schwellensymbolik aufzufassen ist, versteht sich bei dieser durch- 
sichtigen Disposition, welche Grenzen und Schwellen psychischer 
Gebiete (Zustände) direkt durch geometrische Grenzen abbildet, von 
selbst. Das Überschreiten der Grenzen, das Spazierengehen — sit 
venia verbo — von psychischer Schichte zu psychischer Schichte, 
findet aber nicht bloß den trockenen geometrischen, sondern oft auch 
einen poetischen Ausdruck (worauf wir ja lossteuern), besonders wenn 
die vorwiegend funktionale Symbolik der bloßen Räumlichkeit 
(Geometrie) ausgeschmückt wird durch materiale Symbolik, d. h., 

*) Vergleiche die oben von Helene Smith beschriebene Helligkeit des Mars. 

-) Also den Erinnerungen leben. 

3 ) Die bekannte Erscheinung, daß die verschiedenen Zustände der Per- 
sönlichkeit nicht über das ganze Erinnerungsmaterial verfügen. Auch bei Per- 
sönlichkeitsspaltungen findet zumeist eine sehr reinliche Trennung des Er- 
innerungsmaterials statt. Eine gedrängte, lehrreiche Darstellung dieser Verhältnisse 
an einem Beispiel findet man in C. G. Jung, „Zur Psychologie und Pathologie 
sogenannter okkulter Phänomene". Leipzig 1902 (Oswald Mutze). 

Jahrbuch für psyclioanalyt. u. psychopathol. Forschungen. III. *z 



658 Herbert Silberer. 

solche Symbolik, welche den Inhalt von Gedanken, Vorstellungen, 
Wünschen usw. ^verbildlicht. Ich darf nach diesen Einleitungen 
genügendes Verständnis voraussetzen für das folgende konkrete Beispiel, 
das ich hersetze, ohne erst eine besondere Deutung davon geben zu 
müssen. Ich beschränke mich darauf, die für die Schwellensymbolik 
bedeutsamen Stellen in gesperrtem Drucke zu bringen und mit einigen 
Anmerkungen zu versehen. 

Bedingungen: Ein „magnetischer Traum" (nach Kerners Ter- 
minologie). „Frau H. sprach in demselben meistens laut und hatte in ihm 
auch eine sehr ausdrucksvolle Mimik. Sie führte oft den Traum dramatisch 
selbst auf und sprach langsam und oft ganz rhythmisch. Oft lag zwischen 
ihren Reden die Antwort eines andern 1 ), wo sie dann innehielt." Den 
folgenden Traum sprach sie sehr langsam und führte zwischen hinein die 
Handlung mimisch auf. Die Schwester der Frau H. und J. Kerner führten 
das Protokoll. 

Traum (Frau H.'s Rede; in eckigen Klammern stehen die szenischen 
Bemerkungen, worin ihre Attitüden angemerkt werden; ich gebe einen 
bloßen Auszug und deute das Weggelassene durch Punkte an.) 

[Sie richtete sich mit geschlossenen Augen im Bette auf und sprach :] 
Wie bin ich so traurig! 
Die Hoffnung will sinken 



[Nun bog sie sich mit kreuzweise über die Brust gelegten Armen 
etwas nieder.] 

Hier lieg' ich betend 
Vor dir, Allerbarmer, 



[Hebt die Hände auf und richtet die geschlossenen Augen aufwärts.] 
Ist die Prüfung erstanden, 
So dürfen sie fröhlich 



[Sie setzt sich.] 

Ich setze mich hin 
[Pause.] 



Und gewunden wird mir 

Ein Lorbeerkranz 2 ) ums Haupt. 

Ich werde weit hingeführt 

An geistiger Hand: 

An deiner Hand — 



x ) Nämlich irgend einer von ihr halluzinierten Person, 

*) Der Lorbeer ist dem Apollon geweiht. Vergleiche die oben wieder- 
gegebene Bemerkung Kerners über Apollon, den Gott der Dichter und Seher. 
Der Lorbeer dürfte auch für Frau H. ein Symbol der seherischen Ekstase sein, 
die er ja als Pflanze angeblich befördern soll. 



. Symbolik des Erwachens und Schwellensymbolik überhaupt. 659 

[Sie macht eine Bewegung, als legte sie ihre Hand in eine andere.] 
Fühle ich himmlische Ruhe. 
Geistiges Leben 

Bindet sich an geistiges Leben. 
Führe mich hin, du geistiges, liebliches Wesen 1 )! 

[Sie macht Bewegungen, als ginge sie.] 

Du führst mich fort, 
Ich weiß nicht wohin. 
Es wird mir so leicht, 

[Bewegt sich wie schwebend 2 ).] 
Es wird mir so wohl ! 
0, mir wird so klar und rein 
Wie der Quelle hier im Hain; 
Führe mich ferner nur hin! — 

[Sucht sich wie zu halten.] 

Ich lasse dich nicht ! 

Fasse dich fest. 

0! Wo komme ich hin? 3 ) 



[Im höchsten Entzücken:] 

Wo bin ich? was seh' ich? 
Ein himmlisches Kind!*) 



[Bewegung, als fiele sie.] 

Führerin ! halt mich ! 

Es hebt, es umschwebt mich 

Ein himmlisches Land! 



[Pause.] 



Führerin, 

Laß mich in diesem! 

Du gibst mir zur Antwort: 

Das kann ich nicht tun! 

So muß ich denn weiter; 

Und ach dieses himmlische 

Kind darf nicht mit? 5 ) 



J ) Die Führerin ist offenbar der schon erwähnte gute Genius. 

*) Vgl. das spiralige Emporschweben der Helene Smith zum Mars. 

3 ) Vgl. das Erstaunen der Helene Smith bei der Ankunft auf dem Mars. 

*) Wahrscheinlich ihr verstorbenes Kind, bemerkt Kerner. 

& ) Die scheinbare Realität des im Traum auftretenden Erinnerungsbildes 
kann nicht in die Welt des Wachseins mitgenommen werden, die jetzt gleich 
aufgesucht werden soll. 

42* 



660 Herbert Silberer. 

[Pause.] 

Ich tu' es nun gerne, 
Mitnehm' ich die Freude, 
Bei ihm einst zu ruhn 1 ). 

[Bewegung, als ginge sie weiter.] 
Du führest mich weiter, 
Du sagst: nehm' in acht dich 
Auf diesem so schmalen, 
So schwankenden Steg 2 )! 

[Zagend.] 

Jetzt bin ich an diesem — 
Wie komm' ich hinüber? 

[Bewegung mit dem Arm.] 

Ich halte mich an dich! 



[Freudig.] 



glücklich! die Prüfung 
Ist nun überstanden 3 ), 
Wie muß ich dir danken, 
Mein Vater! mein Gott! 



[Pause.] 



Du führest mich wieder 
Ins irdische Haus. 
Du sagst mir, ich müsse 
Jetzt wieder zurücke. 

[Sie erwachte.] 

Deutung: Eine zusammenhängende gründliche Deutung würde 
viel zu weit führen ; und was unsere speziellen Zwecke betrifft, glaube ich, 
wie gesagt, in der Einleitung zu diesem Beispiele genug getan zu haben. 

J ) Hängt mit dem Glauben der Frau H. zusammen, daß der schlafwache 
Zustand eine Gewähr für das Weiterleben nach dem Tode bilde und daß er eine 
ähnliche Trennung von Leit> — Seele — Geist bedeute wie der Tod. Den Realitäts- 
schein kann sie nicht ins wahre Leben mitnehmen, wohl aber den Trost, die 
Hoffnung. 

2 ) Offenbar ein Schwellensymbol mit ethischem Beigeschmack. Vgl. die 
vorige Anmerkung. 

3 ) An den Grenzstellen psychischer Schichten wird, wie zahllose Beispiele 
aus der magischen Literatiir beweisen, leicht Angst entbunden. Die Stelle von 
[,, zagend''[ an bis ,,. . . überstanden" scheint dem Überschreiten einer solchen 
kritischen Stelle gleichzukommen. 



über die Symbolbildung. 

Von Herbert Silberer (Wien). 

Die von S. Freud ins Leben gerufene psychanalytische Methode 
läßt sich, wie man mehr und mehr erkennen kann, auf gar viele und weite 
Gebiete erstrecken. Entsprungen aus der genialen Auffassung gewisser 
Erscheinungen in den Neurosen, trat sie, wachsend und immer be- 
stimmtere Gestalt gewinnend, aus dem engeren Kreis heraus, um sich 
eine in den Anfängen ungeahnte Domäne ihrer Anwendung zu schaffen. 
Beständig mehren sich — neben den unvermeidlichen durch Überhasten 
verursachten Fehlresultaten, die man als Übereiltheiten glimpflich 
zu beurteilen hat — die mit Glück unternommenen Versuche ihrer 
Einführung in diese oder jene Disziplin, wo sie teils überraschende Er- 
klärungen und Lösungen liefert, teils vielverheißende Perspektiven 
eröffnet. Sie erweist sich als fruchtbar ebensowohl in der Psychologie 
des Kranken wie des Gesunden, des einzelnen wie des Volkes. 

Wenden wir uns nun als Psychanalytiker welchem Gebiet immer 
zu, so ist es stets eine unserer Hauptaufgaben, Symbole zu entziffern. 
Wir sind genötigt, eine Menge von Erscheinungen, die uns entgegentreten, 
nicht als bare Münze, sondern als symbolische Vertreter von etwas 
anderem zu nehmen, was hinter ihnen steckt oder ihnen zugrunde 
liegt; als den manifesten Ausdruck von etwas Latentem. Das Verhältnis 
dieser zwei Stücke zueinander ist den Lesern z. B. aus Freuds „Traum- 
deutung" 1 ) ohne Zweifel wohlbekannt, wo das eine als das manifeste 
Traumbild, das andere als die Gruppe der latenten Traumgedanken 
erscheint. Geht man alle die Phänomene, wo derlei Vertretungen vor- 
kommen, aufmerksam durch, so findet man, daß diese Vertretungen 

J ) S. Freud, „Die Traumdeutung". (Leipzig und Wien, F. Deuticke.) 
Die im folgenden vorkommenden Hinweise beziehen sich auf die erste Auflage ( 1900). 

i, 2 



662 Herbert Silberer. 

nach wohlgeregelten Gesetzen vor sich gehen, daß sie eine eigentüm- 
liche Tendenz vom Abstrakten zum Anschaulichen zeigen und daß sie 
im allgemeinen den Charakter richtiger Symbole, d. h. solcher Bilder 
anstreben, die mit dem, was sie bedeuten sollen, eine sozusagen vitale 
Verbindung haben, etwa wie die Pflanze mit dem Boden, worin sich 
das Geäst ihrer Wurzeln verzweigt, um dem Gewächs Halt und Nahrung 
zu verschaffen. 

Dieser Vergleich mit der Pflanze drückt natürlich nur eine 
Eigenschaft des Symbols, den innigen Zusammenhang mit seiner Be- 
deutung, aus. Hinzuzufügen ist die weitere Eigenschaft, daß das Symbol 
mit dem, was es symbolisiert, mehr oder minder wesensgleich erscheint. 
Ein Symbol kann lange unverstanden bleiben; ist es aber einmal ge- 
deutet, so sieht der aufgeklärte Beschauer eine Verwandtschaft zwischen 
dem Symbol und dem Symbolisierten, und zwar oft eine so enge 
Verwandtschaft, daß er sich verwundert, wie er sie denn jemals habe 
übersehen, wie er jemals das Symbol habe unverständlich finden können. 
(Es schließt dies nicht aus, daß, wie später ausgeführt werden wird, 
einem Symbole mehrere „Bedeutungen" zukommen mögen.) 

Das Erlebnis des plötzlichen Klarsehens, dieses Fühlens der 
Verwandtschaft oder organischen Beziehung von Bedeutung und 
Symbol, kommt, wie man ja weiß, nicht gerade nur bei der Anwendung 
der Psychanalyse vor, sondern überall, wo bedeutungsschwangere 
Symbole anfänglich übersehen oder mißverstanden und dann durch 
eigene Arbeit oder durch fremde Anleitung entziffert werden. Das Leben 
ist voll solcher Symbole ; nicht jeder hat das Talent, sie alle zu ent- 
decken. Ich tue am besten, wenn ich, exempli gratia, auf die religiösen 
Symbole verweise. Die Geschichte der Interpretationen der Mythen 
alter Völker ist in dieser Hinsicht ebenso lehrreich wie die inneren 
Erlebnisse des einzelnen, wenn er in so manchem, was ihm. in der 
Jugend dogmatisch beigebracht wurde und zuerst als die Wahrheit selbst 
erschien, später das Symbol erblicken lernt. Das Symbol — wenn 
man es von dieser Seite betrachtet — ist die für einen bestimmten 
Grad der geistigen Entwicklung adäquat« Form der „Wahrheit". 
Jedem Grade der Entwicklung entspricht eine solche Form. Eine 
höhere, der „Wahrheit" näherliegende Form als die jeweilig adäquate 
würde die Kapazität des fassenden Geistes übersteigen und von ihm 
nicht verstanden, also abgewiesen werden. Das Abweisen kann seinen 
Grund außer in der reinen Intellektualität auch in der Affektivität 
haben, wovon wir später ausführlicher sprechen werden. 



Über die Symbolbildung. 663 

Das wenige soeben über das „Symbol" Gesagte läßt wohl schon 
erkennen, in welchem Sinne dieser Ausdruck hier gebraucht wird. Unter 
„Symbol" kann man natürlich verschiedenes verstehen; das Wort hat 
im Laufe der Zeiten mancherlei engere und weitere, eigentliche und un- 
eigentliche Anwendungen gefunden. Man hat damit allemal etwas , An- 
schauliches bezeichnet. Der Sinn, der diesem Anschaulichen (Bild, Zeichen, 
Handlung u. dgl.) zugrunde lag, konnte verschiedenen Gebieten angehören 
und in verschiedenartiger Verknüpfung mit dem Zeichen stehen, so zwar, 
daß in einer verwässerten Anwendung des „Symbols" jene Verknüpfung 
sogar etwas recht Oberflächliches sein konnte. Man gebrauchte die Be- 
zeichnung „Symbola" für allerhand Legitimationen und Marken sowie für 
verabredete Zeichen, an denen sich die Mitglieder einer Sekte oder eines 
Geheimbundes gegenseitig erkannten 1 ). Da ist das Symbol ein durch Über- 
einkunft geschaffenes Erkennungszeichen, das, ohne seine Bedeutung zu 
wechseln, auch ganz anders hätte gewählt werden können. Die Verbindung 
zwischen dem Symbol und seinem Gehalt ist hier oberflächlich, wenn 
auch das betreffende Zeichen außer seiner Funktion als Erkennungsmerkmal 
noch eine separate tiefere Bedeutung haben mag, die ihrerseits mit dem 
Symbol in einem tieferen — ich möchte sagen: dem eigentlich symbolischen 
— Zusammenhang steht. Die gehaltvollere und bevorzugte Anwendung 
der Ausdrücke „Symbol" und „Symbolik" setzt eben jenen tieferen Zu-, 
sammenhang voraus. Das Willkürliche, auf bloßer Verabredung Beruhende 
ist hier ausgeschlossen, und wir erwarten statt dessen etwas Bedeutsames 
und eine gewisse innere Notwendigkeit. Der Unterschied der konventio- 
nellen und der tieferen Verknüpfung im Symbol läßt sich vielleicht in 
der Gegenüberstellung der häufig vorkommenden Handels- oder Fabriks- 
marke ^ mit dem ebenso geformten pythagoräischen Hygieiasymbol 
illustrieren. In dem einen Fall ist das Zeichen ein ganz willkürlich gewähltes, 
das ebenso gut durch eine andere geometrische Figur ersetzt werden und 
dann denselben Dienst versehen könnte — also ein Symbol im ver- 
wässerten Sinn. Im zweiten Fall ist es das, was ich ein „eigentliches" 
vollwertiges Symbol nennen möchte, nämlich ein Zeichen, das mit seiner 
Bedeutung oder seinen Bedeutungen in einem engen Zusammenhang steht 2 ) 
und das ohne schwere Schädigung dieses Zusammenhanges nicht verändert 
werden kann. Ihm kommt der Charakter der Notwendigkeit zu. 

Die Notwendigkeit, die den so gearteten Symbolen zukommt, das 
eigentümliche Verhältnis zu den Ideen, die sie hervorbringen; die Rolle 
der Symbole in der Entwicklung des menschlichen Denkens: dies alles 
führt dazu, die Symbolik, sofern sie eben „eigentliche" Symbolik ist, in 
die Kreise jener Betrachtungsweise zu ziehen, welche in der Geschichte 
der Philosophie und des Wissens überhaupt dem „mythologischen Er- 

*) Die von mir uneigentlich genannte Anwendung des Wortes ist, wie es 
scheint, sprachlich die ältere. Das hat natürlich mit dem Alter der Symbolik 
selbst nichts zu tun. 

2 ) Der jedem, der ihn einmal kennen und verstehen gelernt hat, einleuchtet. 



664 Herbert Silberer. 

kennen" nachspurt. Ich habe auf diesen Zusammenhang bereits aufmerksam 
gemacht 1 ) und darf mich daher hier mit einem Hinweise begnügen. 

Die Symbolik, mit der der Psychanalytiker vorwiegend zu tun hat, 
ist zwar eine Symbolik in weiterem, aber nicht in dem oben erwähnten, 
„verwässerten" Sinn. Denn den Symbolen, die sich ihm bieten, wohnt Not- 
wendigkeit inne. Sie sind nach strengen Gesetzen gebildete Naturprodukte, 
nicht Erzeugnisse einer willkürlichen Konvention. Die psychischen Gesetze 
sind, wenn auch in ihrer Undurchsichtigkeit manchmal verworren, so doch 
nicht minder streng und klar in ihrem Wesen. Gegen den Gebrauch des 
Wortes „Symbol" in den vielen Fällen, wo der Psychanalytiker es benutzt, 
könnte man einwenden, daß man den Begriff hier über Gebühr erweitere. 
Die Erweiterung reicht noch lange nicht an jene Verwässerungen heran, 
die man an dem Begriffe vorgenommen hat, ja, sie führt von den engen 
Fassungen des Begriffes gar nicht weit weg; gerade die wichtigsten Be- 
stimmungsstücke bleiben erhalten. Der Ausdruck „Symbolik" ist den 
Psychanalytikern, besonders wenn der Traum und Ähnliches bearbeitet 
wird, sehr geläufig: warum davon abweichen? Es genügt, wenn man sich 
darüber klar ist, daß auch vieles, was nach einer engeren Begriffsklauberei 
als „Metapher" usw. anzusehen und vom Symbol zu trennen wäre, in 
unsere erweiterte Symbolik hineingehört. Diese Erweiterung ist aber keine 
andere als diejenige, deren ich schon in der erwähnten Abhandlung 2 ) ge- 
dacht habe und die sich mehr oder weniger mit dem „mythologischen Er- 
kennen" kreuzt. 

Wo immer dem Psychanalytiker Symbolik entgegentritt, zeigt 
sich ihre Verwandtschaft zu derjenigen des mythologischen Erkennens. 
Kein Wunder, denn sie entsprießt demselben Stamme. Es ist die mensch- 
liche Natur selbst, es ist die Gesetzmäßigkeit der Psyche, die die Symbole 
bildet, jene bildlichen Zeichen, die etwas vertreten, was sich zur ge- 
gebenen Zeit aus irgend einem Grunde nicht in seiner „eigentlichen" 
Gestalt im Bewußtsein manifestieren kann. 

Die Notwendigkeit liegt also deshalb im echten Symbol, weil 
dieses die durch die psychischen Gesetze bestimmte jeweilige Er- 
scheinungsform des ihm zugrunde liegenden Gedankens (oder 
Gedankenzuges) ist. Ob wir Traumbilder betrachten oder symbolische 
Akte eines Zwangsneurotikers oder ein religiöses Zeremoniell (das wir 
seiner rein historischen Elemente entkleiden müssen) oder die mythischen 
Naturerklärungen alter Völker: immer stehen wir vor Bildern., welche 
der menschliche Geist selbst mit innerer Notwendigkeit, nicht nach 
äußerer Willkür, geschaffen hat und schafft. 

l ) Im letzten Teile der Abhandlung über „Phantasie und Mythos", Jahr- 
buch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, 1910, S. 541 ff. 
*) A. a. 0., p. 605 ff. 



Über die Symbolbildung. 665 

Wenn das Symbol die unter gegebenen Umständen notwendige 
Erscheinungsform von Gedankengruppen ist, so kann das Symbol 
von demjenigen, in dessen Geist es sieb bildet, niebt als bloßes Symbol 
erkannt werden. Denn, um das zu erkennen und sieh sagen zu können : 
„Dieser mein Einfall A ist bloß ein Abbild oder ein Symbol der Idee B", 
dazu gehörte, daß die zugrunde liegende Gedankengruppe auch in der 
Form B dem geistigen Auge erscheinen könnte. Wenn wir indessen 
zugeben, daß in einem gegebenen Zustand der geistigen Entwicklung 
und psychischen Verfassung nur eine Art der Manifestation einer Idee 
möglich ist, so kann nicht, wenn die Form A diesem Zustand entspricht, 
auch schon die Form B im Bewußtsein klar vorhanden sein ; man kann 
bestenfalls ein Gefühl, eine dunkle Ahnung 1 ) haben, daß die Idee, die 
einem vorschwebt, eigentlich nur eine bildliche Umschreibung von 
einem Gedanken sei, den man ein andermal in reinerer Form erfassen 
werde {oder den man in einem lichteren Moment schon einmal reiner 
erfaßt habe, der aber wieder entschwunden sei); ein klarer Vergleich 
ist jedoch unter solchen Voraussetzungen unmöglich. Tatsächlich 
lehrt die moderne Mythenforschung, der Ethnologie und der Sprach- 
wissenschaft verbündet, mit hinlänglicher Klarheit und Überzeugungs- 
kraft, daß die metaphorischen Ausdrucksweisen primitiver Völker 
durchaus nicht allegorienartig absichtlich ersonnene Bilder sind, sondern 
als der Ausdruck der in jener Zeit einzig möglichen (dem geistigen Niveau 
der Volkspsyche adäquaten) Naturauffassung gelten müssen 2 ). Das 
metaphorisch sprechende Volk empfindet das, was es spricht, nicht als 
metaphorisch; die Symbole, die es handhabt, sind ihm nicht Symbole, 
sondern Wirklichkeiten, wenngleich einzelne bevorzugte, ihrer Zeit 
vorauseilende Individuen wissen oder ahnen mögen, daß es außer den 
gangbaren Auffassungen noch ganz andere gibt, die der Wahrheit näher- 
kommen. Ebenso hält der Träumende die Symbole, die ihm sein eigener 
psychischer Mechanismus vorzaubert, durchaus nicht für bloße Svmbole, 



1 ) Vgl. die unten angeführten Zitate aus Schelling. 

2 ) Man darf sich freilich nicht durch die metaphorische Ausdrucksweise 
der Sprache verleiten lassen, obige Ansicht zu weit zu treiben. Vieles vom 
bildlichen Ausdruck des Wissens, der einer Zeit geläufig ist, ist auf Rechnung 
der hinter der Entwicklung zurückbleibenden, ihr nachhinkenden Sprache zu 
betrachten. Die Sprache weist immer auf einen noch früheren Entwicklungs- 
zustand zurück; ihr enger Zusammenhang mit der Bildung der Vorstellungen 
und Begriffe selbst ist deshalb nicht aufgegeben. Das zeitliche Verhältnis ist 
nur einigermaßen verschoben. 



kl* 



666 Herbert Silberer. 

sondern für den wirklichen Zusammenhang der Dinge 1 ). Der Zwangs- 
neurotiker hat — wenn man ihn nicht aufklärt — keine Ahnung davon, 
daß z. B. die Gedanken, die ihn obsedieren, und die Handlungen, die 
er ausführen muß, bloße Symbole sind, Umschreibungen von etwas, 
was dahintersteckt ; Ersatzbildungen für Dinge, die nur in dieser Form 
präsentiert werden können. Rekapitulieren wir: Derjenige, dem eine 
symbolische Anschauungsweise zuteil wird, kann nicht gleichzeitig 
mit Sicherheit erkennen, daß und inwiefern das von ihm Gedachte 
etwas Symbolisches ist. 

Um ein Symbol (etwas Bildliches überhaupt, was immer es sei) 
als solches zu verstehen, ist es nötig, auf einen vorgeschritteneren 
Standpunkt der psychischen Entwicklung zu gelangen, &ls jener war, 
der das Symbol erzeugte. Man muß der mythologischen Auffassung 
entwachsen sein, um sie als solche zu erkennen. Es muß einem — 
um auf das früher erwähnte Beispiel zurückzugreifen — bereits die 
abstraktere, intellektuell feiner ausgearbeitete Form B eines Erkennt- 
nisses geläufig sein, damit man die archaische Symbolform A dieses 
selben Erkenntnisses als ein solches Provisorium agnoszieren kann. 
So sieht die spätere Zeit das Symbolische und Mythische in den Auf- 
fassungen der jeweils früheren Zeitalter 2 ). Das Mythologische hört 
nicht auf: die Stufenfolge geht vermutlich immer weiter, auch in alle 
Zukunft. Bei der Individualpsychologie ist die Sache analog: auch 
hier muß, um das Symbol als solches zu verstehen, ein erhöhter Stand- 
punkt gewonnen werden. Beim Psychopathen nimmt diesen höheren 
Standpunkt der Arzt ein; beim Träumer er selbst, sobald er erwacht. 
Den Neurotiker, an dem ein psychanalytisches Heilverfahren geübt 
wird, führt der Arzt auf jenen höhern Standpunkt zurück, von dem die 
Krankheit ihn herabgestoßen: wenn der Patient die Symbole seiner 
Psyche verstehen lernt, dann legt er in der Regel das Symbol auch ab. 
Ich möchte gleich hier der irrtümlichen Interpretation begegnen, ich 
wolle etwa sagen, daß alle Symptome, die der Neurotiker produziert, 
Symbole seien. Ich gehe bloß von der Tatsache aus, daß der Psych- 



*) Ich möchte hier daran erinnern, daß Abraham in seiner Arbeit „Traum 
und Mythus" (Leipzig und Wien 1909, F. Deuticke) den Mythus als den Traum 
des Volkes behandelt; und daß, wie Bleuler kürzlich hervorhebt, Nietzsche 
in „Menschliches, allzu Menschliches" die Bemerkung macht, daß das Traum- 
denken das gleiche sei wie das „kausale" Denken früherer Zeiten. 

4 ) Dasselbe sehen natürlich jene Geister, die ihrer Zeit vorausgeeilt sind 
und eben deshalb erst von einem späteren Zeitalter verstanden werden. 



Über die Symbolbildung. 667 

analytiker häufig auf Erscheinungen stößt, die er als symbolisch erkennt 
und deutet ; und ich meine, daß auch viele jener Phänomene, die er nicht 
gerade mit dem Begriffe des Symbols ausdrücklich zusammenbringt, 
dennoch mit den Bildungsgesetzen der Symbolik übereinstimmen. 
Mögen die vielen Vertretungen von Eigentlichem durch Uneigentliches 
im Traum,' in den Neurosen, in der Dementia praecox usf. sich auch 
oft von dem, was man „symbolisch" zu nennen gewohnt ist, entfernen, 
so bleibt doch eine fciefgegründete Verwandtschaft zwischen allen diesen 
Fällen bestehen und die Abweichung vom Normaltypus wird sich als 
eine Funktion eines Elementes der Entstehungsbedingungen erweisen. 
(Wir werden später dieses abdrängende Element größtenteils in den 
Affekten beziehungsweise den affektbeladenen Komplexen finden.) 

Nachdem wir so eine wenigstens skizzenhafte Bestimmung unseres 
Standpunktes gewonnen haben, wird es an der Zeit sein, jenem psy- 
chischen Vorgang, der uns interessiert — nämlich der Symbolbildung — - 
etwas näher an den Leib zu rücken, und zwar zuerst allgemein — 
dann an der Hand von Beispielen, die uns durch die Beobachtung 
geliefert werden. Wer den umgekehrten Weg liebt, mag jetzt schon die 
Beispiele durchgehen und dann das hier Folgende lesen. 

Drei Fragen drängen sich uns auf: Worin besteht die Symbol- 
bildung? Wann kommt es zur Symbolbildung? Und: Was bezweckt 
die Symbolbildung? Die beiden letzteren Fragen entstehen aus der 
kausalen und der finalen (teleologischen) Betrachtung derselben Sache; 
ehe wir uns aber auf die Ursachen (Bedingungen) und Zwecke einer 
Sache einlassen, müssen wir dieser selbst sozusagen habhaft geworden 
sein. Wir müssen also vor allem zur ersten Frage Stellung nehmen 
und uns darüber klar werden, was sich denn bei der Symbolbildung 
eigentlich vollziehe. AVir haben uns zwar in den einleitenden Be- 
trachtungen bereits mit dieser Frage beschäftigt und wissen außerdem 
manches aus der Beobachtung; trotzdem wird es nicht überflüssig sein, 
zur Vervollständigung des Bildes, das wir uns machen sollen, hier noch 
einige Züge hinzuzufügen. Durch eine logisierende Betrachtung der so 
entstehenden Zeichnung mag ja dann so etwas wie eine kausale und 
finale Erklärung — eine Antwort auf die zweite und die dritte Frage — 
durchschimmern . 

Wenn wir die zu einem Symbole welcher Gattung immer gehörige 
latente Grundlage aufzufinden trachten, so pflegen wir nicht auf ein 
einzelnes Etwas, sondern auf eine ganze Reihe von Dingen zu stoßen. 
Das Symbol hängt sozusagen nie an einem einzigen Faden, sondern ist 



668 Herbert Silberer. 

in ein ganzes Gewebe verwoben. Strahlenartig lassen sich die Gedanken- 
ketten, welche die Bedeutsamkeit des Symbols ausmachen, von ihm 
als einem Zentrum oder Knotenpunkt nach mehreren Richtungen 
hin verfolgen. Das Symbol ist darum etwas Prägnantes. Das Zusam- 
menlaufen vieler Assoziationsstrahlen in den einen Punkt kann man 
an den mythischen Symbolen der Völkerphantasie ebensowohl 
beobachten wie an jenen, welche das Individuum für sich erlebt. 
In der schon erwähnten Abhandlung über „Phantasie und Mythos" 1 ) 
habe ich das erstere an einem Beispiele zu zeigen versucht. Das letztere 
ist den Psychanalytikern zu wohl bekannt, als daß ich es erst belegen 
müßte. Es ist die wohlbekannte Erscheinung der Üb er deter- 
minierung, die unter einem andern Gesichtspunkt als Verdichtung 
figuriert. 

Freud und seine Schule behaupten ja ohne Vorbehalt, daß alle 
Symptome der Psychoneurosen sowie die Traumbilder mehrfach deter- 
miniert seien, und sie gehen so weit, für ganze Klassen der Phänomene 
eine mehrfache Anknüpfung sogar innerhalb der sexuellen Beziehung 
(Bisexualität usw.) zu vindizieren. Diese näheren Bestimmungen gehen 
uns jedoch hier nichts an, denn das Sexuelle ist meiner Meinung nach 
der Symbolbildung nicht wesentlich. Die Symbolik kann zwar in den Dienst 
der Sexualität (und in den Dienst von Wunscherfüllungen überhaupt) 
gestellt werden, wird es auch sehr oft, muß es aber nicht. Wenn ich noch 
so häufig die Malerei in den Dienst der Kirche stelle (man denke sich um 
ein paar Jahrhunderte zurück), so kann ich darum in der Malerei an sich 
keine religiöse Handlung erblicken. Darum ist die Ansicht mancher Psych- 
analytiker, daß die sexuelle Beziehung ein notwendiges Bestandstück für 
die Symbolbildung (z. B. für das Zustandekommen der Traumbilder) sei, 
meiner Meinung nach ungenügend fundiert. Das Moment der Verbildlichung 
(von dem unten noch die Rede sein wird) kann vielmehr seine Wirkung 
äußern, ohne von dem gedanklichen Hauptgegenstande, den es verbildlieht, 
stark abzuweichen und insbesondere, ohne sexuelle Verbindungen zu schla- 
gen. Der Beweis dafür, daß alle Symbolik ihre Kraft aus der Sexualität 
beziehe, wäre nur dann zu führen, wenn es eine ausgemachte Sache wäre, 
daß das in der Symbolik liegende Moment der Verbildlichung nur auf 
Grund sexueller Verbindungen in Aktion treten könne. Dann könnte man 
nämlich die totale Induktion (Nachweis für jeden einzelnen Fall) zur Ge- 
winnung der These: „Alle Symbolik bezieht ihre Kraft oder einen Teil 
ihrer Kraft aus dem Sexuellen" durch folgenden Schluß ersetzen: Alle 
Verbildlichung geht nur auf Grund sexueller Einflüsse vor sich. In allen 
Symbolen kommt das Moment der Verbildlichung vor; ergo ist an allen 
Symbolen die Sexualität beteiligt. Das wäre einwandfrei. Nun ist aber 
die Propositio major weit davon entfernt, erwiesen zu sein; ja, es scheint, 

!) A. a. O... S. 616 ff. 



Über die Symbolbildung. 669 

daß auch hier wieder eine vollständige (oder doch sehr ausgiebige) In- 
duktion verlangt werden müßte, solange kein einleuchtender kausaler 
Zusammenhang zwischen Verbildlichung überhaupt und den Einflüssen 
der Sexualität herausgefunden ist. Daß die Annahme eines solchen durchaus 
nicht nötig ist, wird die spätere Betrachtung in Verbindung mit den hypna- 
gogisch auftretenden „autosymbolischen Phänomenen" zeigen, wovon eine 
Anzahl Beispiele geliefert werden sollen. Bei diesen relativ einfachen 
Phänomenen, die ihre Erklärung sozusagen in sich tragen, wäre das künst- 
liehe Aufsuchen von sexuellen Verbindungen der Theorie zuliebe eine 
bloße Komplikation, die die Entstehung der Phänomene nicht um ein 
Haar besser erklären würde als die unten mitgeteilte Insuffizienztheorie, 
die schon in einer kleinen Arbeit speziell über die hypnagogischen Hallu- 
zinationserscheinungen („autosymbolische Phänomene") vorbereitet wurde 1 ). 

Wir kehren nun wieder zurück zur Frage der mehrfachen De- 
termination des Symbols. Selbst bei jenen Symbolen, die bei den 
unten beschriebenen autosymbolischen Halluzinationserscheinungen 
entstehen und nur wenig „Vieldeutigkeit" aufweisen, weil sie sich sehr 
eng an das veranlassende psychische Erlebnis klammern, sogar bei 
diesen Symbolen zeigt sich eine mehrfache Determiniertheit; die Fäden 
der Bedeutsamkeit, die von ihm ausgehen, mögen an ganz benach- 
barten Stellen ihre Anknüpfung haben. Dadurch wird die symbolische 
Beziehung (zwischen Symbol und Gegenstand oder sagen wir vorsichts- 
halber: Hauptgegenstand) enger, auffallender und bestimmter. 

Den Charakter der mehrfachen Determiniertheit hat sehr hübsch 
Camilla Lucerna am Symbol hervorgehoben 2 ). Sie zergliedert Goethes 
„Märchen" (das in den Gesamtausgaben am Schlüsse der „Unterhaltungen 
deutscher Ausgewanderten" steht) nach Art der Psychanalytiker in seine 
Bestandteile, deren Wurzeln sie am Faden von Assoziationen nachgeht. 
Sie erkennt in den Hauptgestalten der Dichtung (auf die ich gelegentlich 
zurückkommen werde) Symbole, von denen sie zeigt, daß sie a!s Knoten- 
punkte von Assoziationsketten aufgefaßt werden müssen. Man hat die ver- 
schiedensten Deutungen der Figuren im Goethe sehen Märchen versucht. 
Einer fand Beziehungen zu politischen Dingen der damaligen Zeit, ein 
anderer fand Ethisches, ein dritter Kosmologisches usf.) Camilla Lu- 
cerna dürfte die Sache vermutlich ins rechte Licht gerückt haben, wenn 
sie allen ein wenig recht gibt und nur die einseitige Interpretation ver- 
urteilt. Sowohl die politischen als die naturphilosophischen als die künst- 
lerischen als die naturwissenschaftlichen usw. Verhältnisse partizipieren 



1 ) „Bericht über eine Methode, gewisse symbolische Halluzinations- 
erscheinungen hervorzurufen und zu beobachten." Jahrb. f. psychoan. u. psychop. 
Forschgn. 1909, S. 513 ff. 

2 ) In ihrem für Psychanalytiker sehr lesenswerten Buche: „Das Märchen". 
Goethes Naturphilosophie als Kunstwerk. Leipzig 1910 (F. Eckardt). 



670 Herbert Silberer. 

sozusagen an den Ideen, die sich, in den Symbolen bildmäßig spiegeln; 
alle die Deutungen sind zulässig, denn sie alle haben sich zu diesen Symbolen 
in der dichterischen Phantasie verdichtet. „Zergliedert man die Goethesche 
Dichtung nicht mit dem Verstände, d. h. sucht man ihr nicht mit den 
Hebeln und Schrauben landläufiger Begriffe beizukommen, sondern schaut, 
wie die seligen Knaben aus Pater Seraphicus, durch des Dichters eigene 
Augen, dann löst das bewegliche Bild sich auf in Bezüge (Beziehungen). 
Wir sehen nach und nach alles, was typisch für Goethes Denkweise ist. 
Es ist ein An- und Abklingen bei der Berührung durch die in wunderlichen 
Bahnen kreisende Phantasie, und doch wird daraus die geschlossenste Kom- 
position, das vollkommenste Gefüge." 

Man hat, wie erwähnt, das „Märchen" u. a. auf damalige politische 
und soziale Vorgänge gedeutet. „Daß derlei Zeiterscheinungen an der 
Märchenwelt Goethes mitgebaut haben, ist gar sehr wahrscheinlich. Trotz- 
dem sind die Irrlichter 1 ) nicht (wie man zu deuten versuchte) französische 
Emigranten, und ihr Gold ist nicht französisches Geld, und der Zusammen- 
gesetzte 1 ) ist nicht das Deutsche Reich. Man wird nur daran erinnert. 
Und nicht nur an politische, ökonomische, sozialphilosophische Wirren. 
Illuminaten zogen damals umher, französisch Illumines, manche reisten 
paarweise (also zwei wandernde Leuchten gleich den zwei Irrlichtern des 
„Märchens"), manche von ihnen befaßten sich mit der Goldmacherkunst" 
(im „Märchen" fällt gemünztes Gold zur Erde, wenn sich die Irrlichter 
schütteln). Diese Beziehungen zu diversen Zeiterscheinungen sagen aber 
lange nicht alles. Von den philosophischen Ideen, wohin die Irrlichter und 
ihr Benehmen im Märchen führen, seien drei erwähnt. Die eine ist die 
Idee der Naturbeschränkung. „Daß die irrenden Kräfte sich leiten und 
einfangen lassen zum Dienste des Ganzen, ist eine zweite (Idee), die der 
kulturellen Organisation. Daß es nur darauf ankommt, diese Kräfte ihrer 
Eigentümlichkeit nach zu erkennen und zu verwenden und daß die Ver- 
bindung von Erkennen und Lenken dazu gehört, ist eine dritte." 

Es ist überraschend, nach wie vielen Seiten sich da mit guter Berech- 
tigung Gedankenfäden weiter verfolgen lassen und Material auffinden 
helfen, aus dem vermutlich das „Typische" zur Nahrung des Symbols 
gewonnen wurde. Daß diese Auffassung dem Geiste, in dem sich die Sym- 
bole bildeten, nämlich Goethes Geist, durchaus nicht zuwider ist, erweist 
Camilla Lucerna aus den Aussprüchen des Dichters selbst. Daß ein 
einfaches Einsetzen eines Begriffes für ein ciesen auf Grund oberfläch- 
licher Verbindung vertretendes Bild (Allegorie) hier nicht angängig ist, 
geht einerseits aus den Ansichten Goethes über das Symbol und das 
„Typische ", anderseits aus seiner Absicht hervor, gelegentlich auch ein 
anderes Märchen zu schreiben, das „gerade umgekehrt ganz allegorisch 
werden solle"'. Goethe war sich wohl bewußt, im „Märchen" nicht nur 
an menschliche Tätigkeiten, sondern auch an Naturerscheinungen aller 
Art zu „erinnern". Die meisten Ausleger haben an die Verzweigtheit der 
Symbolbeziehungen nicht gedacht; sie verfielen in den Begriffseintausch, 

*) Figuren, die in Goethes Märchen vorkommen. 



Über die Symbolbildung. 671 

statt sich an die Assoziationen zu halten. Gleichsetzungen wie : „Riese" = 
das revolutionäre Frankreich, oder „Lilie" = Poesie, oder „Lilie" = Ideal, 
oder „Irrlichter" = französische Emigranten sind ihrer Einseitigkeit 
wegen unstatthaft. Indem die Verfasserin dies begreiflich macht, bricht 
sie in logischer Beziehung eine Lanze für den Begriff des T y p us, in psycho- 
logischer aber für die mehrfache Determiniertheit des Symbols, mit 
der wir uns eben beschäftigen. 

Große Aufmerksamkeit verdient eine weitere charakteristische 
Erscheinung bei der Symbolbildung: die, daß der Prozeß zur Anschau- 
lichkeit tendiert. Der symbolische Ersatz einer psychologischen Wesen- 
heit oder eines Gewebes solcher Wesenheiten geht so vor sich, daß das 
Eesultat etwas Sinnfälliges ist, während die dem Symbole zugrunde 
liegenden Wesenheiten verhältnismäßig abstrakter beziehungsweise 
weniger anschaulich zu sein pflegen, auch wenn man sie zum Bewußtsein 
bringt. Man kann also von einer Richtung des Symbolisierungsprozesses 
sprechen und wird so, für die Individualpsychologie wengistens, zu dem 
Freud sehen Begriffe der „Regression" geführt. „Was im hallu- 
zinatorischen Traum so vor sich geht," sagt Freud 1 ), „können wir 
nicht anders beschreiben, als indem wir sagen: die Erregung nimmt 
einen rückläufigen Weg. Anstatt gegen das motorische Ende des 
psychischen Apparates pflanzt sie sich gegen das sensible fort und 
langt schließlich beim Systeme der Wahrnehmungen an. Heißen wir 
die Richtung, nach welcher sich der psychische Vorgang aus dem 
Unbewußten im Wachen fortsetzt, die progrediente, so dürfen wir 
vom Traume sagen, er habe regredienten Charakter." Sofern man 
sich an der allgemeinsten Bedeutung des Begriffs „Regression" ge- 
nügen läßt, können wir auch für unsere Zwecke bei diesem Ausdrucke 
bleiben. Er wird alsbald eine Unterstützung von der entwicklungs- 
geschichtlichen Seite her erfahren. 

Vergessen wir nicht, daß es zwei Zugänge zum Symbol gibt. 
Den einen finden wir im Traum, in der Neurose, in den autosymbolischen 
Halluzinationen usw. Hier stellt sich mir das Symbol als ein Ersatz 
ein für etwas, das ich unter normalen Umständen klar erfassen, denken, 
fühlen könnte. Ein Gedanke, den ich am Tage und bei psychischer 
Intaktheit in voller Klarheit haben konnte, stellt sich mir im Traum usw. 
bloß symbolisch dar. Das Symbol tritt in diesen Fällen auf, wenn ich 
des ihm zugrunde liegenden Gedankens nicht mehr Herr bin. Be- 
trachten wir anderseits die Entwicklungsgeschichte des menschlichen 
Wissens, denken wir daran, wie sich Generation auf Generation durch 



*) „Traumdeutung", S. 319. 



672 Herbert Silberer. 

ganze Reihen von Bildern und Mythologien zum Lichte der Erkenntnis 
durchringt, so erblicken wir das Symbol als den jeweiligen Ersatz 
solcher Gedanken, deren die Menschheit noch nicht Herr ist. Be- 
trachtet man die im Symbol dargestellte Idee oder Ideengruppe (mehr- 
fache Determination) als unverrückbaren Orientierungspunkt, so 
wird der der Symbolbildung günstige Zustand ebensowohl gelegentlich 
der Annäherung an jenes Ziel als gelegentlich der Entfernung von 
ihm erreicht. Das Übersehen der ersteren Möglichkeit erzeugte im 
Verein mit anderen Faktoren seltsame Irrtümer auf kulturhistorischen 
Gebieten, das Außerachtlassen der zweiten bedeutete eine Entwicklungs- 
hemmung für die Psychologie und Psychopathologie. 

Was hier von der Entwicklungstendenz in völkerpsychologischer 
Perspektive gesagt wurde, bezieht sich natürlich auch aufs Individuum. 
Ist doch das Volk aus den einzelnen zusammengesetzt. „Die Philosophie 
der ältesten 1 ) Welt geht nirgends auf bestimmte Begriffe und Grund- 
sätze zurück," sagt Schelling; „dunkel 1 ) nur wirken in ihr die Gesetze 
des Verstandes und der Vernunft, und wenn es hoch kommt, sind es 
nur ahnungsvolle Blicke, die sie ins Heiligtum der Wahrheit wirft. 
Die Einbildungskraft vorzüglich ist es, unter deren Leitung sie sich 
ein eigentümliches Reich der Dichtung verschafft, unter deren Leitung 
sie auch in das Gebiet des Übersinnlichen hinüberschwärmt 2 )." Diese 
Betrachtung hat ihre Gültigkeit, ob wir nun das Volk als Gesamt- 
organismus oder ob wir die Individuen ins Auge fassen. „Wenn wir . . . 
den Geist der ältesten Welt überhaupt kennen, so werden wir es ganz 
natürlich finden, daß selbst diejenigen, die zuerst über höhere Gegen- 
stände nachzudenken anfingen, nicht nur etwa zum Behufe für ein 
sinnliches Volk, sondern auch zu ihrem eigenen Behufe das Gewand 
der Geschichte 3 ) für ihre Philosopheme wählten, daß sie selbst hierzu 
ihr Mangel an vollkommen entwickelten Begriffen, an festen 
Grundsätzen, an Zeichen abstrakter Vorstellungen nötigte, daß sie 
selbst gezwungen waren, das Dunkle ihrer Vorstellungen, das Geheime 
ihrer Ahnungen durch das Licht einer sinnlichen Darstellung auf- 
zuhellen . . . Wenn also z. B. ein denkender Weiser, den die Last des 
Lebens drückte und der, in kummervollen Zweifeln über menschliches 
Schicksal vertieft, im Innersten der Seele wohl fühlte, wo das Elend, 



*) Das ist relativ zu nehmen. 

*) F. W. J. v. Schelling, „Über Mythen, historische Sagen und Philo- 
sopheme der ältesten Welt", II. Im I. Bd. der Cottaschen Gesamtausgabe, S. 72. 
3 ) Also das bildmäßige Mythengewand. 



Über die Symbolbildung. 673 

unter dem die Menschheit seufzt, herstammt, den Ursprung dieses 
Elends erklären wollte: konnte er, der zwar diesen Ursprung in einer 
lichten Stunde vielleicht lebhaft genug ahnte, aber nicht nach 
deutlichen Begriffen erkannte, den Satz, daß das Elend der 
Menschen vorzüglich von ihrer Unzufriedenheit mit dem Gegenwärtigen, 
von ihrer beständigen Begierde nach immer höherer Glückseligkeit, 
höherer Erkenntnis, höherer Freiheit herstamme, ohne weiteres ganz 
abstrakt sich denken und ganz abstrakt ihn darstellen? Mußte er 
nicht vielmehr, um doch seinem Bedürfnisse, über den Ursprung des 
menschlichen Elends nachzudenken, einige Genüge zu tun, vorerst 
seine eigenen Gefühle, seine eigenen Ahnungen aufzuhellen suchen 
und wie konnte er dies anders, als wenn er sich gleichsam seine eigene 
Geschichte 1 ) erzählte?" 

Ein Philosoph, bei dem die mythische Einkleidung der Gedanken 
in großartiger Form auftritt, ist Piaton. Man wandelt mit ihm, wie 
Schelli ng' 2 ) sich ausdrückt, „in einem gewissen Helldunkel, voll hoher 
Ahnungen der Wahrheit; oft beruhen bei ihm selbst seine erhabensten 
Begriffe mehr auf ahnendem. Gefühle als auf klarer Erkenntnis". 
Schelli ng 3 ) unterscheidet übrigens zwischen zwei Fällen: entweder 
wird die Wahrheit, die durch den Mythos versinnlicht werden soll, 
„selbst unmittelbar dargestellt, nur unter historischen Bestimmungen, 
die jene der Sinnlichkeit näherbringen . . . oder wird die zu versinn- 
lichende Wahrheit . . . nur mittelbar, an einem einzelnen Faktum 
dargestellt 4 ). Der erstere Fall trifft z. B. in der mythischen Darstellung 
der Natur der Seele ein, die Pia ton in seinem Phädrus vorgetragen hat. 
Hier wird seine Lehre von Sittlichkeit und Unsittlichkeit, von den 
angeborenen Ideen einer übersinnlichen Welt, von Vernunft und Sinn- 
lichkeit und dem Widerstreit beider, von den Fortschritten, die die 



l ) Die Erkenntnis vom Ursprung des Übels kleidet sich ihm in ein mythi- 
sches Gewand. Das zum Beispiel genommene Problem führt, da es seelische Dinge 
behandelt, zu einer „Projektion nach außen" (Freud) und zu einer Symbolik 
funktionaler Kategorie (wovon später die Rede sein wird). — Die zitierte 
Stelle befindet sich a. a. O., S. 68 ff . 

•) A. a. 0., S. 69. 

s ) A. a. O., S. 81. 

4 ) Freud, „Traumdeutung", S. 320: „. . . Wir heißen es Regression, wenn 
sich im Traume die Vorstellung in das sinnliehe Bild rüekverwandelt, aus dem 
sie irgend einmal hervorgegangen ist." Also auch hier der einzelne historische 
Fall als Repräsentant der Idee. Abermals bewährt sich die von Abraham und 
Riklin durchgeführte Parallele Traum-Mythos. 

Jahrbuch für psyohoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. III. 43 



674 Herbert Silberer. 

Seele im intelligibeln Reiche machen kann, einerseits und den ver- 
schiedenen Stufen der Entfernung von demselben anderseits unmittelbar, 
aber geschichtähnlich, unter der Form der Zeit und des Baumes dar- 
gestellt. Der andere Fall trifft z. B. bei Hesiods Mythus von der 
Fandora ein. Hier wird die Begierde des Menschen nach höherer Würde 
als eine hauptsächliche Ursache des menschlichen Elends an dem 
einzelnen Begriffe des Eigentums . . . dargestellt." Prometheus, der 
das Geschlecht, das er gebildet hatte, zu gottähnlicher Vollkommenheit 
erheben wollte, duldet symbolisch „alle die Leiden, die sein Geschlecht 
dulden mußte, als es der Begierde nach immer höherer Freiheit und 
Erkenntnis in seinem Busen Raum gegeben hatte . . . Der Geier, der 
an seiner Leber nagt, ist- das Bild ewiger Unruhe und rastloser Begierde 
nach höheren Dingen, die die Sterblichen peinigt 1 )". 

Bleibt schon der Philosoph, der sich aus der Dunkelheit des Nicht- 
wissens zum Lichte der Wahrheit durchringen will, in Symbolen stecken, 
so wird dies um so mehr mit dem Dichter geschehen, der sich gerade dort 
heimisch fühlt, wo die Symbole wachsen. Daß er auf seinen Spazier- 
gängen in jenem Reich, ohne zu suchen, so manche bildliche Erkenntnis 
findet, ist nichts Seltenes. Er pflückt die Pflanze, ohne ihren Namen 
zu kennen, und reicht sie uns, zu unserer Freude. Viel später einmal 
kommt ein Botaniker und findet heraus, was das eigentlich für eine 
Pflanze ist. Was vorher um der Schönheit willen da war, jetzt entpuppt 
es sich als ein Mittel zur Erkenntnis. Die Interpretation hat den Inhalt 
des Symbols, das der Dichter bloß ahnend aufgriff, in abstrakter Form 
erkannt, enthüllt. Der Dichter gleicht in dieser Beziehung den 
Seherinnen antiker Heiligtümer, die, von narkotischen Dämpfen 
exaltiert, ohne deutliches Bewußtsein in bedeutungsschwangeren 
Bildern delirierten und deren Reden dann von dem kühlen Verstand 
der Priester in die exaktere Sprache der Begriffe umgesetzt wurden. 
Die Pythien und Sibyllen hätten schwerlich ihr eigenes Gestammel 
auszudeuten vermocht. Die dichterische Begeisterung ist aber der 
seherischen verwandt. Bei Piaton heißts im „Phaidros": ,, . . . Die 
dritte Art von Begeisterung und Wahnsinn ist die von den Musen," 
nachdem kurz vorher ab erste Wahnsinns- (Verzückungs-) Form die 
Weissagekunst angeführt worden 2 ). 



*) Symbolik funktionaler Kategorie. 

2 ) Vgl. die auf das gleiche Thema bezüglichen Stellen meiner im vorliegenden 
Jahrbuch abgedruckten Arbeit über ..Die Symbolik des Erwachens und 
SchweHensymboIik überhaupt". 



Über die Symbolbildung. 675 

Betrachten wir das Zustandekommen des Symbols auf der Linie 
der Evolution, so sehen wir es entstehen, wenn der Mensch geistig 
nach etwas greift, was seiner Fassungskraft noch zu ferne 
ist. Umgekehrt kann das Symbol auch entstehen, wenn seine ehemals 
höhere Fassungskraft abgenommen hat (z. B. im Traum und bei 
geistiger Störung). In beiden Fällen gleitet er beim Versuch, die (dem 
Symbole zugrunde liegende) Idee zu erhaschen, gleichsam ab und 
verfällt in eine niedrigere als die von der Evolution angestrebte Auf- 
fassung. Das Symbol ist ihm, wie wir schon wissen, nicht Symbol; 
es wird es erst, wenn er sich über die momentane Geistesverfassung 
hinausgearbeitet hat. In beiden Fällen muß ihm die Symbolbildung 
als ein Zurückgeworfenwerden von der Idee, als eine Regression 
auf eine minderwertige frühere Geistesstufe erscheinen. Die Traum- 
und Neurosenregression ist zudem ein Regreß nicht bloß auf die un- 
entwickelte Zeit der eigenen Kindheit, sondern wohl auch der analogen 
Menschheitsperiode 1 ). 

Wir haben uns unvermerkt bereits jener Betrachtungsart ge- 
nähert, die in dem zutage geförderten Material die ,, Bedingungen" 
und „Ursachen" eines Vorganges zu sehen sich bestrebt. Es ist wohl 
ohne weiteres klar, daß man das beste Material für diese Betrachtungs- 
weise dann gewinnt, wenn man imstande ist, das Phänomen, um das 
es sich handelt, so sehr wie möglich von allem Beiwerke zu befreien, 
um es in größter Reinheit vor sich zu haben. Nun finden wir das Phä- 
nomen der Symbolbildung, wo es am Individuum vorkommt (und 
in der völkerpsychologischen Perspektive mindestens ebenso) von den 
verschiedensten anderen Dingen umgeben und in der mannigfaltigsten 
Art „verwendet", so wie eine Druckerpresse einmal zur Herstellung 
von politischen Flugschriften, ein andermal zum Drucke von poetischen 
Werken, von wissenschaftlichen Abhandlungen usw. benutzt wird. 

Zur größten Reinheit ausgebildet und vom Beiwerk isoliert ist 
meines Erachtens der Verbildlichungsvorgang, dessen Ergebnis die 
Symbole sind, in denjenigen halluzinatorischen Phänomenen, die ich 
in dem oben erwähnten Berichte (dieses Jahrbuch, 1909, S. 513 ff.) 
zum ersten Male beschrieb und von denen ich heute eine Anzahl weiterer 
Beispiele bringen werde. Mit ziemlicher Reinheit setzt sich in diesen, 
zum Teil gewollt hervorgerufenen hypnagogischen (und einigen hypno- 

*) Vgl. die prinzipiell ähnliche Auffassung bei Freud (Traumdeutung) 
und P. Janet (Les Nevroses): Das Surrogat für eine ausbleibende angepaßte 
Reaktion ist eine niedrigere, respektive ältere Funktionsweise. (Anm. d. Red.) 

43» 



676 Herbert Silberer. 

pompischen) Halluzinationen der Gedankeninhalt oder auch der 
jeweilige psychisch-funktionelle (und in geringerem Grade auch der 
somatische) Zustand in Bildern durch, die nicht nur unverkennbar 
den Stempel ihres Ursprungs tragen, sondern bei deren Auftreten man 
ein gewisses unbeschreibliches überzeugendes Gefühl hat, daß nichts 
weiter vorgegangen sei, als eine Umsetzung des betreffenden Ge- 
dankens, Gefühles usw. in ein anschauliches Symbol. 

Ich sprach in dem damaligen Berichte die Ansicht aus, diese 
Umsetzung sei ein Ermüdungsphänomen. Zum Zustandekommen der 
Phänomene erwiesen sich nämlich in der Praxis zwei Momente als 
notwendig: die Schlaftrunkenheit einerseits und ein dagegen wirkendes 
Moment anderseits, welches in einem festen Willen zum Nachdenken 
oder in Leibreizen o. dgl. liegen kann. Später 1 ) verallgemeinerte ich 
diese Auffassung 2 ) der Bedingungen für die Symbolbildung, indem 
ich die „Regression" dann eintreten ließ, „wann ein Gedanke oder 
eine Idee für den momentanen Zustand des Bewußtseins zu schwierig 

O 

ist". Dann vollzieht sich, nach dieser Auffassung, die Vertretung durch 
ein Bild. Diese Interpretation des Symbolisierungsphänomens verträgt 
sich recht gut auch mit dem völkerpsychologischen Auftreten desselben. 
Allein der Begriff des „Schwierigen" trifft vielleicht nicht so ganz 
das, was er treffen soll; oder er gibt zu wenig Aufschluß. Sofern die 
Regression als ein Übergang vom apperzeptiven zum assoziativen 
Gedankenverlauf in Betracht kommt, unabhängig von anderen Dingen, 
mag dieses „schwierig" ohne weiteren Beisatz gelten. Es gibt indes 
besonders bei den Neurosen und schließlich fast überall, wo ein Affekt 
ins Spiel kommt, viele Fälle, wo wir in dieser Bestimmung eine Lücke 
finden müssen. Bevor wir nun darangehen, diese Lücke auszufüllen, 
wollen wir einiger den Gegenstand betreffender theoretischer Aus- 
führungen namhafter psychopathologischer Autoren gedenken, die mit 
meiner aus Beobachtungen von Halluzinationen und Träumen gezogener 
Meinung ziemlich übereinstimmen. 

Noch wäre vorher (um die „ Seh wierigkeits"- Auffassung plausibel 
zu machen) das bildmäßige Denken und der assoziative Gedanken verlauf 
als das Leichtere gegenüber dem apperzeptiven Denken darzustellen; 
als eine solche Denkmethode also, bei der die verminderte Denkenergie 
(Ermüdung, kann aber auch durch andersartigen Energieentzug ersetzt 

>) „Jahrbuch" 1910, S. 605 ff. 

*) Obgleich sie für die autosymbolischen Halluzinationen in dieser Form 
bestehen bleibt. 



Über die Symbolbildung. 677 

werden) die ihr zugemutete Aufgabe leichter, wenn auch primitiver 
erledigt, und die sie daher dann einschlägt, wenn sie die normale nicht 
bewältigen kann. Hinweise auf die alltägliche Erfahrung dürften hier 
genügen. Sind wir denkfaul, so geben wir uns gerne Träumereien hin. 
Und wenn wir müde und unlustig zum Denken, durch allerlei Störungen 
abgelenkt, im Kaffeehause illustrierte Blätter durchfliegen, so sehen 
wir uns recht gerne „gedankenlos" die Bilder an, werden aber nicht so 
leicht den Entschluß aufbringen, die Texte zu lesen. Wir ziehen in solchen 
Augenblicken (und viele Menschen tun es immer) das Bildmäßige dem 
Abstrakten vor. Es kostet weniger Anstrengung. 

Ganz hübsch stimmt mit diesen Anschauungen das „Prinzip der 
trägen Vernunft" überein, welches Schellin g 1 ) bei der Entstehung der 
Mythen teilnehmen läßt. Er macht es allerdings nicht für deren Bild- 
lichkeit, sondern für die Transszendenz ihrer Gestalten und Vorgänge 
verantwortlich, was freilich beinahe auf eins hinauskommt. Denn 
die Bildlichkeit führt eben mangels einer Heimat in der realen Wirk- 
lichkeit ins Unsichtbare und Überirdische. 

Madeleine Pelletier sagt: „II est ä remarquer que le Symbole 
joue un tres grand role dans les divagations des alienes; chez les per- 
secutes, les debiles, on le recontre a chaque pas; cela est du ä ce que 
le symbole est une forme tres inferieure de la pensee. On pourrait 
definir le symbole la perception fausse d'un rapport d'identite ou 
d'analogie tres grande entre deux objets qui ne presentent en realite 
qu'une analogie vague 2 )". 

An diese Stelle bei Pelletier knüpft C. G. Ju ng die Bemerkung 3 ) : 
„Daraus geht hervor, daß Pelletier die katatonen Symbole zu 
der gestörten Aufmerksamkeit in Beziehung bringt. Unterstützt wird 
diese Annahme auch entschieden durch den Umstand, daß das Symbol 
eine gewöhnliche und längst bekannte Erscheinung bei Träumerei 
und Traum ist." Jung ist vorsichtiger als Pelletier und setzt wohl- 
weislich vor das Wort „Symbole" die Bestimmung „katatone". Für 
das Symbol überhaupt wäre die obige Charakterisierungsformel kaum 
passend. Nur unter gewissen Umständen, aus bestimmten Gründen, 
wird ein dem Gegenstand inadäquates Bild gewählt, wie es 

») A. a. O., S. 76. 

5 ) M. Pelletier, ,,L' Association des Idees dans la Manie aigue et dans la 
Debilite mentale." These de Paris 1903, p. 129. 

3 ) Dr. C. G. Jung, „Über die Psychologie der Dementia praecox". Halle 
a. d. S. 19C7 (Carl Marhold), S. 15. 

k 3 



678 Herbert Silberer. 

Pelletier haben will. Wir werden auf diese Erscheinung zurückkommen. 
Denn nicht immer genügt das Überwiegen der Assoziationsgesetze, um 
die Inadäquatheit des Symbols zu erklären. Es genügt z. B. beim 
Traume durchaus nicht, von einer „apperzeptiven Schwäche" zu 
sprechen, um die Bildungen desselben zu erklären. Freilich spielt die 
apperzeptive Schwäche eine Rolle; sie läßt begreifen, daß ein Symbol 
entstand, aber sie erklärt in den meisten Fällen nicht, warum gerade 
dieses und nicht ein anderes Symbol. Hinter diesem ganzen Getriebe 
im Traum stecken eben gewisse richtunggebende Tendenzen, die wir 
erst dank den Forschungen von Freud erkannt haben. 

Wichtig für die kausale Deutung unseres Materials sind einige 
Stellen in Jungs oben erwähntem Werke. Gelegentlich einer Traum- 
analyse bemerkt er (S. 72) die charakteristischen Züge des 
mythologischen Denkens. Dann sagt er: 

„Ich will nur hervorheben, daß die Vieldeutigkeit der einzelnen 
Traumbilder („Überdeterminierung" Freuds) mit ein Zeichen ißt für 
die Undeutlichkeit und Unbestimmtheit des Traumdenkens. Die Bilder 
des Traumes gehören sowohl dem einen wie dem andern Komplexe 1 ) des 
Wachlebens an, obschon beide Komplexe im Wachzustand scharf getrennt 
sind. Wegen der im Traum herrschenden mangelhaften Unterschieds- 
empfindlichkeit können die beiden Komplexinhalte wenigstens in sym- 
bolischer Form ineinanderfließen . . . 

„Aus Versuchen . . . scheint auch hervorzugehen, daß eine willkürliche 
motorische Tätigkeit durch eine gleichzeitig bestehende automatische 
Tätigkeit (Atmung) nachweisbar beeinflußt wird. Komplexe sind nach 
allem, was wir von ihnen wissen, dauernde automatische Erregungen 
respektive Tätigkeiten; ebenso wie er die bewußte Tätigkeit beeinflußt, 
so wirkt auch ein Komplex gestaltend auf den andern ein, so daß jeder 
Elemente des andern enthält, was man psychologisch als Zusammen- 
schmelzung bezeichnen kann. Freud nennt dies von einem etwas andern 
Standpunkt aus „Überdeterminierung". 

Wir hätten also hier eine ursächliche Erklärung für die in Symbolen 
auftretende Verdichtung. Jung fährt fort, indem er die oberflächlich- 
assoziativen Verbindungen des Traumdenkens unter vergleichsweiser 
Heranziehung dea Assoziationsexperimentes 2 ) zu beleuchten sucht*). Die 
flachen Assoziationen des Traumdenkens gleichen denen des Ablenkungs- 
experimentes. Dieses stützt „die Vermutung, daß das Denken im Zustande 

l ) Ich setze die in psychanalytischen Kreisen gangbare Lehre von den 
Komplexen als bekannt voraus. Ebenso die Begriffe der Dissoziation, der Ver- 
drängung usw. 

') Näheres hierüber in den von C. G. Jung herausgegebenen „Diagnosti- 
schen Assoziationsstudien", Leipzig (J. A. Barth). 

») A. a. O., S. 72 ff. 



Über die Symbolbildung'. 679 

herabgesetzter Aufmerksamkeit nach ganz oberflächlichen Verbindungen 
abläuft. Der Zustand herabgesetzter Aufmerksamkeit drückt sich aus in 
einer verminderten Deutlichkeit der Vorstellungen. Sind die 
Vorstellungen undeutlich, so sind auch ihre Unterschiede undeutlich: 
unsere Empfindlichkeit für Unterschiede der Vorstellungen ist dann na- 
türlich auch weg, denn sie ist nur eine Funktion der Aufmerksamkeit oder 
der Deutlichkeit. Nichts hindert darum die Verwechslung verschiedener 
(sonst getrennter) Vorstellungen („psychischer Moleküle") miteinander". 
Daher die „mittelbaren" Assoziationen beim Ablenkungsexperiment. 
„Wir können die äußere Ablenkung bei unserem Experimente leicht 
ersetzt denken durch einen Komplex, der neben der Tätigkeit 
des Ichkomplexes seine autonome Wirksamkeit entfaltet . . ." 

Ich mache wegen meiner späteren Bemerkungen auf diesen letzten 
und die nun folgenden Sätze besonders aufmerksam. Die spationierten 
Stellen sind von mir hervorgehoben. 

„Wenn der Komplex erregt wird, so wird 1 ) die bewußte Asso- 
ziation gestört und oberflächlich durch Abfluß der Auf merksam keit 
(respektive Hemmung der Aufmerksamkeit) auf den a parte beste- 
henden Komplex. Bei der normalen Tätigkeit des Ichkomplexes müssen 
andere Komplexe gehemmt sein, sonst ist die bewußte Funktion des gerich- 
teten Assoziierens unmöglich. Wir sehen daher, daß der Komplex sich 
nur mittelbar bemerkbar machen kann durch undeutliche 
Symptomassoziationen (-handlungen), welche alle einen mehr oder weniger 
symbolischen Charakter zeigen . . . Die vom Komplex ausgehenden 
Wirkungen müssen in der Norm schwach und undeutlich sein, weil ihnen 
die volle Aufmerksamkeitsbesetzung fehlt, die ja durch den Ichkomplex 
in Anspruch genommen ist . . . Aus diesem Grunde kann der autonome 
Komplex nur oberflächlich, undeutlich, d. h. symbolisch denken und 
ebenso müssen auch die Endglieder (Automatismen, Konstellationen) be- 
schaffen sein, die er in die Tätigkeit des Ichkomplexes, in das Bewußtsein 
hineinschickt." 

Im Schlafe ist die Herrschaft des Ichkomplexes durch die schwächt re 
Hand des Imperativs „Du willst schlafen, du willst dich durch nichts 
stören lassen" ersetzt. „Doch es gelingt den Komplexen fast ebenso wie 
im Geräusch des Tages und des tagwachen Lebens von Zeit zu Zeit, ihre 
blassen, anscheinend sinnlosen Nebenassoziationen dem Schlaf - Ich vor- 
zuführen. Die Komplexgedanken selber können nicht kommen, denn gegen 
sie hauptsächlich richtet sich die Hemmung der Schlafsuggestion . . .Unter- 
drückung der Komplexe heißt aber nichts anderes als Entzug der Auf- 
merksamkeitsbesetzung, id est, der Deutlichkeit. Die Komplexe sind also 
in ihrem Denken auf einen geringen Bruchteil von Deutlichkeit angewiesen, 
weshalb sie sich nur in ganz vagen und symbolischen Ausdrücken bewegen 
können und weshalb sie sich auch wegen mangelnden Unterschiedes ver- 
mischen. Eine eigentliche Zensur für Traumgedanken (im Sinne Freuds) 



l ) Beim Assoziationsexperiment. 



680 Herbert Silberer. 

brauchen wir nicht anzunehmen. Die Hemmung, die von der Schlafsug- 
gestion ausgeht, genügt vollkommen zur Erklärung." 

Die affektstarken Komplexe sind es, die, wie wir aus den Freud- 
schen Arbeiten wissen, im Traum (und in den neurotischen Sym- 
ptomen) jenen Zusammenhang herstellen, der durch die bloße „apper- 
zeptive Schwäche" nicht erklärt wäre. Stekel drückt dies bündig 
aus, wenn er sagt 1 ): „Der Traum ist eigentlich ein Spiel von Dar- 
stellungen im Dienste der Affekte." In der Tat. Auf Grund des abais- 
sement du niveau mental, der Schwächung der Apperzeption, geht 
die Verbildlichung vor sich; und sie ist in den Dienst der Affekte 
gestellt. Um in Dienst gestellt werden zu können, ist eine Beziehung 
erforderlich. Und diese ist damit gegeben, daß bei der Symbolbildung 
die Affekte sowohl, was die Materie (den Inhalt) anbelangt als was 
den Vorgang der Verbildlichung selbst betrifft, mehr oder minder 
im Spiele sind. Dieses „mehr oder minder" ist dehnbar. Wir werden 
noch davon hören. Inwiefern der Ichkomplex von anderen Komplexen 
gestört wird und umgekehrt, haben wir soeben von Jung gehört: es 
geschieht durch partielle Entziehung der Aufmerksamkeit (durch Ent- 
ziehung von „psychischer Kraft 2 ) in einem Konkurrenzkampf", würde 
Theodor Lipps in seiner plastischen Weise wohl sagen). Er erreicht 
jenen der Symbolbildung günstigen Zustand, den wir oben zunächst 
in der Ermüdung, dann in einer apperzeptiven Schwäche fanden, 
durch eine Entziehung der Aufmerksamkeit, die von Komplexen 
ausgeht, die einander gegenseitig stören, gerade so, wie bei dem Hallu- 
zinationsexperimente (autosymbolische Erscheinungen) die Schlaf- 
tendenz ihren Gegenpart, die Denktendenz (oder was sonst hierfür 
eingesetzt werden kann) stört. 

Ich entferne mich durchaus nicht von der Mehrzahl der Autoren, 
wenn ich die hauptsächlichste und allgemeinste Bedingung der Symbol- 
bildung, die sowohl den normalen als den krankhaften Phänomenen 
in der Individual- wie in der Völkerpsychologie gerecht wird, in einer 
Unzulänglichkeit des Auffassungsvermögens seinem Gegenstande 
gegenüber oder, wie man auch sagen könnte, in einer apperzeptiven 
Insuffizienz erblicke. Der Ausdruck „Insuffizienz" betont weit 



x ) Dr. Wilhelm Stekel, „Die Sprache des Traumes". Wiesbaden 1911 
(Verlag von J. F. Bergmann), S. 107. An vielen Stellen dieses reichhaltigen Werkes 
wird die dominierende Rolle der Affekte trefflich aufgezeigt. 

*) Dasselbe, was wir oben mit „Energie" bezeichneten. (Die Sprache der 
Psychanalyse verwendet hier den Terminus „libido".) 



Über die Symbolbildung. 681 

mehr die Relativität des Auffassungsvermögens seinem Gegenstande 
gegenüber als es der manchmal gebräuchliche Ausdruck „Schwäche" 
vermag. Das Verdienst Freuds, Jungs und ihrer Nachfolger liegt 
nun — was unser Thema angeht — hauptsächlich darin, daß 
sie einerseits den Einfluß der Affekte beziehungsweise 
Komplexe auf die Erzielung dieser Insuffizienz ange- 
deutet und daß sie anderseits die Rolle genauer ausge- 
führt haben, die die Komplexinhalte als Gegenstand der 
Symbolik abgeben. Dieses beides ist nicht etwa dasselbe. Denn 
außer dem psychischen Zustande der Insuffizienz, der allgemeinen 
Bedingung des Auftretens der Verbildlichung, muß auch noch ein Stoff 
da sein, an dem diese Verbildlichung geübt wird. Ein Symbol ohne 
einen Stoff (Materie, Gegenstand usw.), worauf es sich bezieht, wäre 
kein Symbol. Endlich kommt — ■ um auch das gleich zu erwähnen — 
noch in Betracht, welche Bilder die Symbolik zu ihrem Ausdruck 
wählt; d. h. wir wollen vom Symbole nicht nur wohl unterscheiden 
den Gegenstand (Materie usw.), den es ausdrückt, sondern auch die 
Quellen (Material), woher es seine Bilder oder Bildelemente bezieht. 
Was das gegenseitige Verhältnis dieser Faktoren zueinander anbelangt, 
findet sich bei Freud in der „Traumdeutung" eine treffliche Stelle, 
welche, wie ich glaube, der Aufmerksamkeit vieler Leser entgangen ist. 
Bevor ich sie zitiere, setze ich noch einen Passus aus Schelling her, 
weil er zu dem Freud sehen in einer gewissen Beziehung steht: 

„Die Darstellung irgend einer Wahrheit kann im Munde eines 
kindischen 1 ) Menschen (d. h. des Menschen der Urzeit) nicht abstrakt, 
nicht bestimmt-philosophisch werden . . . Ein Satz, der im Munde eines 
spätem Philosophen mit wenigen Worten ausgedrückt uns verständlich 
genug wird, muß, jener Darstellung zufolge, in allen seinen einzelnen Be- 
griffen versinnlicht werden. Oft ist es bei jener Darstellung nicht nur um 
Bezeichnung der Begriffe zu tun, sie soll, wie die Lehrart des Sokrates, 
die Begriffe oft erst gleichsam entbinden und ans Licht hervorziehen. 
Ein Philosoph der ältesten Welt kann auf Ideen geleitet werden, die seiner 
Seele noch ganz fremd sind, die noch keinen vollständigen Gehalt, noch 
keinen vollen Sinn und Bedeutung für ihn haben, die er sich nur dadurch 
eigen machen kann, daß er sie an sinnliche Zeichen, an schon vorher 
gefaßte sinnliche Begriffe anknüpft 2 )." 

Bei Freud 3 ) hsißt es, wo vom „Umgießen des Vorstellungsinhalts 

*) In diesem Ausdruck steckt auch die für den Psychanalytiker bedeutsame 
Verwandtschaft zwischen der Kindheit des Einzelmenschen und der Menschheit. 

*) Schelling, a. a. 0., S. 66. 

3 ) Traumdeutung, S. 323 f. Die Hervorhebungen sind zum Teil von mir 
angebracht, um die Beziehung zur Schellingschen Stelle sichtbarer zu machen. 

k 'i * 



682 Herbert Silberer. 

in sinnliche Bilder" die Rede ist: „Wir haben gemeint, diese Regression 
sei wohl überall, wo sie vorkommt, eine Wirkung des Widerstandes, 
der sich dem Vordringen des Gedankens zum Bewußtsein auf dem normalen 
Weg entgegensetzt, sowie der gleichzeitigen Anziehung, welche als 
sinnesstark vorhandene Erinnerungen auf ihn ausüben. Beim 
Traume käme vielleicht zur Erleichterung hinzu das Aufhören der pro- 
gredienten Strömung von den Sinnesorganen, welches Hilfsmoment bei den 
anderen Formen von Regression durch Verstärkung der anderen Re- 
gressionsmotive wettgemacht werden muß. Wir wollen auch nicht ver- 
gessen, uns zu merken, daß bei diesen pathologischen Fällen von Regression 
wie im Traume der Vorgang der Energieübertragung ein anderer sein dürfte 
als bei den Regressionen des normalen seelischen Lebens, da durch ihn eine 
volle halluzinatorische Besetzung der Wahrnehmungssysteme ermöglicht 
wird. Was wir bei der Analyse der Traumarbeit als die „Rücksicht auf Dar- 
stellbarkeit" beschrieben haben, dürfte auf die auswählende Anziehung 
der von den Traumgedanken berührten, visuell erinnerten Szenen zu be- 
ziehen sein." 

Wichtig ist hierin zunächst der Begriff des „Widerstandes, 
der sich dem Vordringen des Gedankens zum Bewußtsein auf nor- 
malem Wege entgegensetzt". Dieser Widerstand ist die Kehrseite 
dessen, was wir oben mit „Insuffizienz" bezeichneten. Und was ist 
der „normale" Weg? Es ist der Weg jener Auffassung des „vordrin- 
genden" Gedankens, die dem geistigen Niveau des wachenden, gesunden, 
heutigen Menschen entspricht: der vollsten diskursiven Bewältigung 
des Gedankens, die uns geläufig oder möglich ist; einer Bewältigung, 
die auf alle minderwertigen Auffassungen desselben Gedankens als 
bloße Vorstufen, als Entgleisungen, als Mythenbildung und, falls das 
Moment der Bildlichkeit dabei ist, als Symbole herabsieht. Vom 
„normalen" Gesichtspunkt aus betrachtet, erlebt also der „kindische 
Mensch" Schellings (aus Gründen mangelhafter apperzeptiver 
Schulung) Widerstände gegen das „normale" (ihm noch gar nicht 
bekannte) Insbewußtseintreten der Idee, die ihm bloß vag vorschwebt. 
Und es findet, vermöge irgend einer (assoziativen) „Anziehung" sinn- 
licher Elemente aus dem reichen Schatz des (zumeist des visuellen) 
Erinnerungsmaterials jene Anknüpfung „an sinnliche Zeichen" statt, 
von der Schelling spricht. Wir haben hier eine vermutungsweise 
ausgesprochene und nicht von der Hand zu weisende Erklärung des- 
jenigen Vorganges vor uns, der das Herbeischaffen des zur Verbildli- 
chung notwendigen Bildermaterials besorgt. 

Einen andern wichtigen Punkt machen die von Freud so ge- 
nannten „Regressionsmotive" aus. Dieser im Plural gesetzte 
Begriff will eigentlich soviel besagen, als daß die (zum Übergang 



Über die Symbolbildung. 683 

vom apperzeptiven Typus des Gedankenverlaufes zum assoziativen 
Typus desselben sowie auch insbesondere zu der damit oft, aber freilich 
nicht immer, Hand in Hand gehenden Verbildlichung und Symbol- 
bildung notwendige) apperzeptive Insuffizienz verschieden- 
artige Ursachen haben kann. Und damit ist eigentlich 
der Schlüssel gegeben zur einheitlichen Auffassung aller 
der Arten von Symbolbildung, die uns begegnen mögen. 
Denn nicht in dem Vorgange selbst scheinen mir die we- 
sentlichen Unterschiede bei den verschiedenen Symbol- 
phänomenen zu liegen; d.h. wenn sich auch die Symbolphänomene 
in Arten unterscheiden, so sind die Unterschiede in ihnen sekundäre Er- 
scheinungen, die nicht die Symbolbildung als solche betreffen. So nder n 
die Unterschiede liegen primär in denjenigen Verhält- 
nissen, welche die apperzeptive Insuffizienz hervorrufen. 

Schon oben 1 ) erwähnte ich vorgreifend, daß die Abweisung einer 
solchen Form einer Idee (Gedanke usw.), welche der gegebenen Ka- 
pazität des fassenden Geistes inadäquat ist, nicht nur aus rein intel- 
lektuellen Gründen, sondern auch aus affektiven Gründen abgewiesen 
werden kann. Die ,, Kapazität des fassenden Geistes", wenn wir so 
sagen wollen, hängt eben nicht bloß von intellektuellen, sondern auch 
von affektiven Momenten ab; und wie weit jenes „Abweisen" oder 
Nichtzulassen von Ideen gerade häufig von den Affekten regiert wird, 
wissen alle, die sich als Paychanalytiker mit Traum- und Neurosen- 
psychologie praktisch befaßt haben. 

Die apperzeptive Möglichkeit der Bewältigung einer Idee im 
Bewußtsein kann nach dem, was wir uns vor Augen geführt haben, 
eine Einschränkung oder Störung von zwei Seiten erfahren; die In- 
suffizienz kann erstens in der mangelhaften Entwicklung (das Kind, 
individuell und völkerpsychologisch) oder in* einer vorübergehenden 
Schwächung (Schlaf usw.) der apperzeptiven Fähigkeit durch allge- 
meine Herabsetzung der Denkenergie verursacht werden; und sie 
kann zweitens durch ein Eingreifen von Affekten entstehen, welche 
entweder durch einen Lust- oder Unlustmechanismus das „Vordringen" 
der Idee erschweren*) oder aber die Aufmerksamkeitsfunktion eines 

*) S. 662. 

7 ) Durch dieses „Erschweren" wird der Vorstellungsinhalt oder die „Idee" 
fürs klare Apperzipierfrwerden zu schwierig und darin bekommt die Theorie 
von der „Schwierigkeit" (vgl. oben S. 676), die zuerst mangelhaft erscheinen 
mußte, einen besseren Sinn. 

Zu dem „Erschweren" durch einen Lust-Unlust -Mechanismus können, 



684 Herbert Silberer. 

Teiles ihrer Energie berauben, indem sie sie für die autonomen Kom- 
plexe (vgl. oben Jung) in Anspruch nehmen. 

Die Affekte begnügen sich indes nicht damit, die apperzeptive 
Funktion zu stören. Sie leisten außer diesem negativen Effekt auch 
eine positive Arbeit, indem sie vermöge der auf sich gelenkten Auf- 
merksamkeitsenergie die Komplexe, denen sie angehören, geltend zu 
machen suchen. Biese Funktion kommt allerdings nicht gerade den 
Affekten als Störungselementen, sondern es kommt dem positiven 
Faktor bei der Symbolbildung zu. Der positive Faktor aber ist jener 
Gegenstand (Idee, Gedanke, auch affektbetonter Komplex), der ins 
Bewußtsein vordringen will oder soll. 

Kommt zu der allgemeinen Bedingung (apperzeptive Schwäche) 
der positive Faktor (der ins Bewußtsein treten sollende Gegenstand, 
dem gegenüber die „Schwäche" erst zur „Insuffizienz" wird) hinzu, 
so bildet sich der positive Faktor zum Symbol um. Er verbildlicht 
sich zu einem Symbol, das sich auf ihn als seine „Bedeutung" bezieht. 

"Was jene vorhin erwähnten Lust-Unlust-Mechanismen betrifft, 
die vorbeugend gewisse Vorstellungen oder wenigstens Teile derselben 
im Keim ersticken, sobald sie auftauchen wollen, ist auf die Tatsachen 
der Verdrängung sowie auf den Begriff der Zensur zu verweisen. 
Bleuler, der eine sehr gedankenreiche Kritik und Verteidigung der 
Freudschen Prinzipien geliefert hat 1 ), findet den Begriff der Zensur 
etwas zu scharf gefaßt. Dieser Begriff „ließe sich wohl ersetzen durch 
den allgemeineren der Hemmung durch widerstrebende affektive 
Bedürfnisse". Die Erzeugung der Widerstände ist also sozusagen 
das Resultat eines Konkurrenzkampfes zwischen mehreren affektiven 
Momenten, wovon der eine dem andern in den Arm fällt. Der Gegen- 
stand, welcher zu apperzipieren wäre, erfährt hierdurch zwei Verände- 
rungen. Erstens wird er mit einem (oder mehreren!) anderen, nämlich 
mit seinem Konkurrenten, vermengt. Zweitens erfährt er durch seinen 
Konkurrenten eine Verfinsterung ; er wollte sozusagen das helle Licht 
des Bewußtseins auf sich lenken 2 ); wurde jedoch durch seine Kon- 
abgesehen von der ganzen Verdrängungslehre, insbesondere die feinen Über- 
legungen „Traumdeutung", Abschnitt VII c bis e herangezogen werden. 

') Prof. E. Bleuler, „Die Psyehanalyse Freuds". Verteidigung und 
kritische Bemerkungen. Jahrbuch 1910, S. 623 ff . 

2 ) „Jeder psychische Vorgang hat die Tendenz der Aneignung der psychi- 
schen Kraft auf Kosten aller übrigen". (Tbeoder Lippe, „Leitfaden der Psycho- 
logie" III. Aufl., Leipzig 1909, bei Engelmann, S. 81 u.) 



Über die Symbolbildung. 685 

kurrenten davon abgehalten und mußte in einem Dämmerlichte ver- 
bleiben; damit ist die apperzeptive Insuffizienz gegeben. Bildlich 
ausgedrückt: das Auge der Aufmerksamkeit ist zu schwach, um den 
von der Konkurrenzströmung beschatteten 1 ) Gegenstand noch deutlich 
wahrzunehmen. „Der Konkurrenzaffekt beschattet den Gegenstand" 
und „der Konkurrenzaffekt zieht einen Teil der Apperzeptionsenergie 
auf sich, so daß zur klaren Erfassung des Gegenstandes zu wenig übrig 
bleibt" — das sind natürlich synonyme Sätze. 

Für die Wirksamkeit des hemmenden Gegenaffektes geben 
Träume eine jedermann zugängliche Quelle von Beispielen ab. Als 
Beispiel flechte ich hier eine von Dr. Ferenczi 2 ) mitgeteilte Traum- 
analyse ein: 

„Ich hatte einmal den ganz kurzen Traum einer Dame zu analysieren; 
sie hatte einem bellenden kleinen weißen Hunde den Hals um- 
gedreht. Sie war höchlichst verwundert, daß sie, die , nicht einmal einer 
Fliege etwas zuleide tun könne', so Grausames träumen konnte : sie erinnerte 
sich nicht, je dergleichen getan zu haben. Doch gab sie zu, daß sie leiden- 
schaftlich gern koche und manchmal eigenhändig Hühner und Tauben ge- 
schlachtet habe. Dann fiel es ihr ein, daß sie den Hals des Hündchens 
im Traume gerade in der Art umgedreht habe, wie sie es bei den Tauben 
zu tun pflegte, um dem Tiere weniger Pein zu verursachen. Die darauf- 
folgenden Gedankenverknüpfungen bezogen sich schon auf Bilder und Er- 
zählungen über die Hinrichtung von Menschen, besonders darauf, daß 
der Henker, wenn er den Strick um den Hals des Verbrechers festgezogen 
habe, auch noch dessen Hals umdrehe, um den Eintritt des Todes zu be- 
schleunigen. Auf die Frage, wem sie denn jetzt sehr feindlich gesinnt sei, 
nannte sie eine Schwägerin und war schier unerschöpflich in der Her- 
zählung ihrer schlechten Eigenschaften und der böswilligen Machenschaften, 
mit denen sie, nachdem sie sich wie eine zahme Taube in die Gunst 
ihres späteren Gatten eingeschlichen hatte, den früher so schönen Familien- 
frieden zerstörte. Unlängst spielte sich zwischen ihr und der Patientin 
eine sehr heftige Szene ab, die damit endete, daß die aufgebrachte Patientin 
der andern mit den Worten die Tür wies: ,Entferne dich, einen bissigen 
Hund kann ich in meiner Wohnung nicht dulden.' Nun war es klar, wer 
denn eigentlich der kleine weiße Hund war, dem sie im Traume den Hals 
umdrehte; ist doch die Schwägerin eine kleine Person von auffallend 
weißer Gesichtsfarbe. Diese kleine Analyse ermöglicht es, den Tiaum 



•) Vgl. bei Lipps, a. a. O. (S. 82) das „Gesetz der Konkurrenz aller psychi- 
schen Vorgänge mit allen gleichzeitigen um. die ihnen gemeinsam zur Verfügung 
stehende (jeweils begrenzte) psychische Kraft". — „Kraft" ist bei Lipps das, 
was wir „Energie" zu nennen gewohnt sind. 

2 ) In seiner Arbeit „Die psychologische Analyse der Träume" (Psych. - 
neurol. Wochenschr. 1910, 11—13). Zitiert bei Stekel, a. a. O., S. 127. 



686 Herbert Silberer. 

bei seiner verschiebenden und dadurch entstellenden Tätigkeit zu beobachten. 
Zweifellos hat der Traum den Vergleich mit dem bissigen Hund dazu benutzt, 
an Stelle des eigentlichen Gegenstandes der Hinrichtungsphantasie, nämlich 
der Schwägerin, einen weißen Hund einzuschmuggeln, ähnlich wie der 
Engel der biblischen Erzählung dem zum Opfern des Sohnes sich vor- 
bereitenden Abraham im letzten Augenblick ein Lamm zu schlachten gab. 
Um dies zu erreichen, mußte der Traum Erinnerungsbilder über die Tötung 
von Tieren so lange anhäufen, bis neben deren verdichteter psychischer 
Intensität das Bild der gehaßten Person erblaßte und der Schauplatz des 
offenbaren Traumes in das Tierreich verschoben wurde. Als Verbindungs- 
brücken der Verschiebung dienten Erinnerungsbilder über menschliche 
Hinrichtungen." 

Gehen wir dem Beispiel mit dem theoretischen Rüstzeug zu 
Leibe: Wir finden die Grundbedingung zur Erzeugung von Symbolen 
(nämlich die apperzeptive Insuffizienz) durch zwei Momente hervor- 
gebracht. Erstens eine Herabsetzung der zur Apperzeptionstätigkeit 
dienlichen Energie auf der ganzen Linie durch den Schlaf. Zweitens 
eine sozusagen tendenziöse Herabsetzung oder Verfinsterung der 
zur Apperzeption „vordringenden" Idee durch eine konkurrierende 
Macht. Das zur Apperzeption „Vordringende" ist natürlich der Bache- 
komplex, der, wenn alles richtig zuginge, in eine offenkundige Hinrich- 
tungsphantasie mit der Schwägerin als der Delinquentin sich ent- 
wickeln würde. „Der Schwägerin soll man den Hals umdrehen" lautet 
ungefähr der Inhalt des Komplexes, der auf den starken Flügeln seines 
Affektes ins Licht des Bewußtseins emporgetragen werden soll. Gleich- 
zeitig regen sich jedoch andere Komplexe, deren Affekte durch den 
Racheaffekt mobilisiert werden und dem Zustandekommen der Rache- 
phantasie entgegenwirken. Es sind dies Komplexe, die man Gesittungs- 
komplexe nennen kann und die mit Affekten, wie: moralische Ent- 
rüstung, Furcht, Mitgefühl, belegt sind. Diese dem Racheaffekte gegen- 
sinnigen Komplexe wirken als das, was Freud die „Zensur" nennt; 
die Komplexe in uns, deren Affekte etwa das Gefühl des „Shocking" 
ausmachen, diese moralische Entrüstung entrüstet wirklich die als 
„shocking" empfundene Phantasie und drängt sie von jenem Wege 
ab, den sie nehmen wollte. Sie entzieht ihr Energie. Sowohl wegen der 
allgemein deprimierten Energieverhältnisse (Schlaf) als wegen des 
Energieentzuges infolge der Konkurrenz tritt die Neigung auf, vom 
Diskursiven oder Begrifflichen zum Anschaulichen überzugehen: die 
Verbildlichung, die Symbolbildung soll eintreten. Die vordringende 
Idee (die Rachephantasie) sucht sich also auf assoziativem Wege bild- 
liches Material. Bei dieser Anziehung wird sie wahrscheinlich überall 



Über die Symbolbildung. 687 

gehindert, wo die Bilder als „shocking" empfunden oder sonstwie auf 
gegensinnige Affekte stoßen könnten. Die geeignetste Verbildlichung der 
Idee wäre die menschliche Hinrichtung. Dieses Bild kommt aber offenbar 
wegen der gegensinnigen Regungen nicht zustande. Die Phantasie 
wird abgedrängt; es wird ihr ein großes Stück Terrain weggenommen, 
und sie muß sich daher vom übrigen Terrain das aussuchen, was eben 
zur Verbildlichung am geeignetsten ist 1 ). „Der Schauplatz wurde", 
wie Ferenczi sich ausdrückt, „in das Tierreich verschoben." 

Das Symbol, welches entsteht (Umdrehen des Halses bei einem 
weißen Hund) ist von der vordringenden Idee selbst gebildet 
worden; d. h. die Kräfte, die sie mobilisiert hat, haben an den stärksten 
vorhandenen Assoziationsbändern, die zugelassen wurden, aus irgend 
welchen Erinnerungselementen Bildmaterial hervorgesucht und zu- 
sammengesetzt. Mann kann auch sagen, sie hat sich in dieses Bilder- 
werk „umgesetzt". Und sie hat das beste Symbol gewählt, 
das unter den gegebenen erschwerenden Umständen zu 
haben war. Daß die Traumidee gerade diese Bildelemente gewählt 
hat, beweist, daß just diese Assoziationsfäden die aktuell- 
sten waren. Somit war das Symbol das momentan Geeignetste. Denn 
ein Symbol ist dann „geeignet", wenn die von ihm ausgehenden Asso- 
ziationen zu jener Idee führen, deren Vertreter das Symbol ist. (Das 
was man Überdeter minier ung nennt, sind zum Teil Parallel- 
fäden 2 ) oder ein ganzes Wurzelgeflecht, das in den verschiedenen Ele- 
menten und Ausläufern der Hauptidee verankert ist, und zum, andern 
Teil solche Fäden, die zu den konkurrierenden Komplexen führen; 
das hübscheste Beispiel für die letztere Art der Überdeterminierung 
sind gewiß die Kompromißbildungen in der Neurose.) 

Aus der vermutlichen Art und Weise, wie die Symbolbildung 
vor sich geht, ist es also erklärlich, warum das Resultat der Verbild- 
lichung als ein richtiges „Symbol", d. h. als ein solches anschauliches 
Zeichen erscheint, das organisch in seiner Idee wurzelt. Es 
ist eben von der Lebenskraft dieser Idee selbst geschaffen 
worden. 

Je nachdem, wie die Lebenskraft der Idee sich ins Symbol um- 
setzen kann, erscheint dieses dem kritischen Betrachter als ein gelun- 
generes oder minder gelungenes Bild. Da nämlich das sich nach psy- 

') Nicht umsonst spricht Freud von der „auswählenden" Anziehung 
(vgl. oben S. 682). 

2 ) Ich erinnere an den von Freud benutzten Begriff der „Kollateralen". 



688 Herbert Silberer. 

chischen Gesetzen von selbst bildende Symbol zwar das jeweilig beste 
ist, das im gegebenen Moment die Psyche sich leisten kann, dabei aber 
doch nur das „jeweilig" beste: deshalb muß es noch lange nicht 
so gut gelungen sein, um außerhalb der Psyche 1 ), in der 
es entsteht, auch für ein gelungenes Symbol gelten zu 
können. Wir sagten eingangs, dem Symbole müsse, damit man es 
als echtes Symbol anerkenne, Notwendigkeit zukommen. Nun, Not- 
wendigkeit kommt dem für die Außenwelt wenig „gelungenen" Symbol 
des Neurotikers, des Träumers usw. ebensosehr zu wie den philosophisch- 
religiösen Symbolen, die in tausend und abertausend Seelen gleich- 
sinnig empfunden werden. Man muß aber unterscheiden zwischen zwei 
Arten der Notwendigkeit: zwischen der des Entstehens und der 
des Verstehens. Man könnte auch von subjektiver und objek- 
tiver Notwendigkeit oder von individueller Geltung und 
Allgemeingültigkeit des Symbols sprechen. Und wenn diese 
Unterscheidung getroffen ist (die auch völkerpsychologisch auf Volks- 
stämme als „Individuen" mit Nationaltugenden und -Untugenden, 
individueller Rassenerfahrung usw. angewendet werden kann), so kann 
man bei allen Symbolen zweierlei Typen unterscheiden. 

Der erste Typus des Symbols ist derjenige, welcher entsteht, 
wenn die Idee unbehindert von störenden Konkurrenzideen (konkur- 
rierenden affektbetonten Komplexen) bloß auf Grund jener „apper- 
zeptiven Insuffizienz" zum Bilde wird, die auf intellektueller 
Basis entstanden ist. 

Der zweite Typus des Symbols ist derjenige, welcher entsteht, 
wenn die Idee im Konkurrenzkampfe mit anderen Komplexen auf 
Grund jener „apperzeptiven Insuffizienz" zum Bilde wird, die auf 
affektiver Basis entstanden ist, wobei gleichzeitig die ins Bewußtsein 
dringende Idee eine Abdrängung erfährt. 

Es muß sogleich angefügt werden, daß wahrscheinlich kaum 
jemals ein Phänomen aufzuweisen sein wird, das einem dieser zwei 
Typen rein entspräche, sondern die Praxis wird immer Mischfälle 
liefern, die den einen oder den andern Typus hervortreten lassen. 

Der erste Typus beruht auf einem mehr oder minder gleich- 
mäßig verteilten (relativen) Schwächezustand des Apperzeptions- 
vermögens, sodaß die Idee, die zum Bewußtsein kommen will, zwar 
unklar, aber nicht verzerrt auftaucht. Es ist, als ob man einen 

*) Und außerhalb des momentanen Zustandes der Pßyche. 



Über die Symbolbildung. 689 

Gegenstand durch einen vollkommen gleichmäßig gewebten Sehleier 
betrachtete. 

Der zweite Typus beruht auf einer einseitigen (man kann 
auch sagen: „tendenziösen") Störung der Apperzeptionstätigkeit, so daß 
die Idee, die ins Bewußtsein treten will, nicht bloß unklar, sondern 
außerdem verschoben auftaucht. Es ist, als ob man einen Gegen- 
stand durch einen gefleckten Schleier oder durch optisch verzerrende 
Gläser betrachtete. 

Beiden Typen kommt die subjektive, dem ersten Typus aber 
vorzugsweise die objektive Notwendigkeit zu. Der erste Typus liefert 
jene Symbole, die auch nach außen hin als „gelungen" gelten können. 
Solcher Symbolik des ersten Typus gehört im großen ganzen das an, 
was man völkerpsychologisch das mythologische Erkennen nennt; 
obgleich auch dieses mythologische Erkennen nicht frei vom zweiten 
Typus ist. (Die Stärke des Einschlages vom zweiten Typus wird in 
der Völkerkunde am besten von Völkern mit anderen Rasseneigen- 
schaften ausgefunden. Denn unter Menschen gleichen Schlages 
gelten auch dieselben affektiven Störungsgesetze; und im Kreise der 
Menschen, unter denen die gleichen psychischen Störungsgesetze 
herrschen, kommt den Störungen selbst eine Allgemeingültigkeit zu, 
so daß eben die „Störung" das „Normale" ist und gegen die Empfin- 
dungsweise des Symbolbetrachters nicht absticht, sondern in ihm 
sofort auf die verwandte Saite 1 ) trifft.) 

Dem Typus I der Symbolik kommt folgendes Beispiel ziemlich nahe. 
Es ist eine hypnagogische Halluzination der ,, autosymbolischen" Art. 

Bedingungen: Ich liege, dem Einschlafen nahe, auf dem Sofa 
und denke über das Wesen der „transsubjektiv gültigen Urteile" nach. 

Szene: Ein mächtiger Kreis (oder eine große durchsichtige Sphäre) 
schwebt in der Luft und alle Menschen ragen mit ihren Köpfen hinein. 

Deutung: Die organischen Beziehungen dieser halluzinatorisch 

*) Hierher gehört auch etwa das Phänomen der Identifizierung. Freud 
erörtert sie („Traumdeutung", S. 104) an der bekannten hysterischen Imitation 
und sagt: „Die psychische Infektion geht etwa auf folgende Weise zu. Die Kranken 
wissen in der Regel mehr voneinander als der Arzt über jede von ihnen. . . . Die 
eine bekommt heute ihren Anfall. . .. Ihr (sc. der anderen) Mitgefühl wird rege, 
es vollzieht sich in ihnen folgender, nicht zum Bewußtsein gelangender Schluß: 
Wenn man von solcher Ursache solche Anfälle haben kann, so kann ich auch solche 
Anfälle bekommen, denn ich habe dieselben Anlässe.... Die Identifi- 
zierung ist also nicht simple Imitation, sondern Aneignung auf Grund des 
gleichen ätiologischen Anspruches; sie drückt ein „gleichwie" aus und 
bezieht sich auf ein im Unbewußten verbleibendes Gemeinsames." 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopatbol. Forschungen. III. 44 



690 Herbert Silberer. 

gesehenen Szene zu der Idee, die sich in ihr veranschaulicht hat, sind leicht 
aufzufinden und sind exquisit Bachlicher Natur. Die Gültigkeit des trans- 
subjektiven Urteiles betrifft alle Menschen ohne Ausnahme: der Kreis geht 
durch alle Köpfe. Diese Gültigkeit muß ihren Grund in etwas Gemein- 
samem haben: Die Köpfe gehören alle derselben, homogen aussehenden 
Sphäre an. Nicht alle Urteile sind transsubjektiv : mit den Leibern und 
Gliedmaßen befinden sich die Menschen außerhalb (unterhalb) der Sphäre 
und stehen als getrennte Individuen auf der Erde. Die Übereinstimmung 
liegt in der „transszendentalen Organisation", während die physiche Or- 
ganisation verschieden ist: Der Gegensatz wird im Symbole billig als jener 
von Kopf und Leib gefaßt; das Haupt ist der Sitz des Geistes, welcher 
anschaut und denkt; der Leib ist das „zufällige" Physische. 

Das in der Halluzination auftretende Symbol gehört so sehr dem 
ersten Typus an und ist von solcher objektiver Notwendigkeit (Allgemein- 
gültigkeit oder allgemeiner Brauchbarkeit), daß es ganz gut in einer Ab- 
handlung über Erkenntnistheorie stehen könnte. 

Für die Mitwirkung des zweiten Typus im Symbol haben wir 
an dem von Dr. Ferenczi mitgeteilten Traum schon ein Beispiel, und 
zwar ein gemäßigtes, denn die durch die Zensur geübte Verschiebung 
ließ das Bild immer noch recht durchsichtig. Je mehr der zweite 
Typus durchschlägt, desto mehr entfernt sich das Symbol von der 
allgemeinen Gültigkeit 1 ) und Verständlichkeit; es wird flach, seicht 
und nähert sich fast schon der früher erwähnten konventionellen oder 
verwässerten Symbolik, deren Gegenstandsbeziehung auf losen Zu- 
sammenhängen beruht. 

Es wurde oben gesagt, daß das Denken in Symbolen und der 
Fortgang vom apperzeptiven zum assoziativen Gedankenverlauf einem 
Regressus auf eine primitivere Denkweise entspreche. Was die Symbol- 
bildung anbelangt, muß noch dazu gesagt werden, daß sie auf das An- 
schauen und auf die Gebärden- und Zeichensprache zurückgreift. Das 
Denken in Begriffen, das Sprechen in Worten wird im Traum, in den 
Neurosen usw. aufgelöst in ein Anschauen (Halluzination) und in ein 
Zeichengeben (Symptomhandlungen). Es ist, als ob die ganze apper- 
zeptive Kulturarbeit, die seit der entsprechenden Zeit der Menschheits- 
entwicklung geleistet (und in Assoziationssystemen magaziniert) 
worden ist, mit einem Male ganz oder partiell verschwunden wäre. 

*) Aus der Häufigkeit individuell verschiedener affektiver Störungsmomente 
sowie aus der trotz aller „Gleichmäßigkeit" des I. Typus doch sehr verschiedenen 
intellektuell-apperzeptiven Verfassung der MenscheD geht hervor, daß man mit 
der Aufstellung „allgemein gültiger" Traumsymbole äußerst vorsichtig sein muß, 
wenn auch eine gewisse Berechtigung eines solchen Kodex, wie ihn Abraham, 
Maeder und Stekel ausarbeiten wollen, zuzugeben ist. 



Über die Symbolbildung. 691 

Man mag sich den Fortschritt dieser Entwicklung vom assoziativ- 
anschaulichen zum apperzeptiv-begrifflichen Denken noch so kon- 
tinuierlich vorstellen: irgendwo muß doch eine „Stufe" sich befinden. 
Denn wohl läßt sich ein kontinuierlicher Übergang vom Assoziativen 
zum Apperzeptiven ausdenken; aber ein „Übergang" vom Anschau- 
lichen zum Begrifflichen bietet dieselbe Schwierigkeit wie jener 
von der anschauenden Sinnlichkeit zum diskursiv arbeitenden Verstand. 
Das Symbol wurzelt in der Sinnlichkeit, und darum ist es unzu- 
länglich, wenn man es bloß als einen Übergang vom apper- 
zeptiven zum assoziativen Gedankenverlauf charakteri- 
sieren will. Das Wachdenken und das Traumdenken (und was ihm 
analog ist) machen eine Dichotomie aus. Und die alte Dichotomie 
Verstand — Sinnlichkeit scheint daher nicht bloß philosophisch, sondern 
auch psychologisch nicht der leere Wahn zu sein, als den man sie in 
moderner Zeit manchmal hat hinstellen wollen. 

Wir haben uns nun, so gut es ging, über die ersten zwei Fragen 
(worin die Symbolbildung bestehe und was ihre Bedingungen seien) 
ausgesprochen; wir wollen die dritte kurz betrachten. (Was die Symbol- 
bildung für einen Zweck hat?) 

Überall in der Welt des Lebendigen ist das systematische Auf- 
suchen der Zwecke sinnvoll und bildet die finale (teleologische) Be- 
trachtungsweise das Gegenstück der kausalen. 

Unter den führenden Geistern der psychanalytischen Forschung 
hat wohl S. Freud am meisten die teleologische Auffassung heraus- 
gearbeitet. Die markantesten Begriffe und Termini, die von ihm 
stammen und die man „künstlerisch" gesehen und geprägt fand, 
verdanken diese Nuance zum guten Teil dem teleologischen Stand- 
punkt, den ihr Schöpfer einnahm. Das „Zweckmäßige", wenn wir 
einen Organismus objektiv betrachten, ist wohl dasjenige, was zu 
seiner Erhaltung und Behauptung gegen feindliche Einflüsse dient; 
man kann auch sagen: dasjenige, was die Idee dieses Organismus 
dauernd in seiner Umgebung durchsetzt. In der subjektiven Be- 
trachtung, d. h. wenn man das Innenleben dieses Organismus in Augen- 
schein nimmt — dieses Getriebe von Vorstellungen, Affekten, Kom- 
plexen, das selbst wieder eine Axt Organismus, den psychischen 1 ), 
bildet — , begegnet einem natürlich auch diese Tendenz, sich dauernd 



*) Durch diesen Hilfsbegriff soll indes niemand verleitet werden, eine seelische 
Substanz im metaphysischen Sinne zu hyposta eieren! 

44* 



692 Herbert Silberer. 

durchzusetzen, sich zu behaupten 1 ); die subjektiv fühlbare Orien- 
tierung dieser Tendenz ist aber kaum etwas anderes als die Strömung 
von der Unlust zur Lust; das Fliehen und Abwehren der Unlust, das 
Aufsuchen und Erkämpfen der Lust. Alle Ausdrücke, Begriffe und 
Prinzipien, die die psychischen Vorgänge unter diesem Gesichtspunkt 
systemisieren, sind teleologisch 2 ) gesehen. Man wird mich gleich ver- 
stehen, ohne daß ich mich weiter hierüber ausbreite; ich brauche wohl 
nur ein paar Termini anzuführen, wie: „Lustgewinn", „Lustprämien", 
„Flucht in die Krankheit", „Krankheitsgewinn", um zu zeigen, auf 
welcherlei Begriffe sich meine Bemerkung bezieht. Natürlich ist auch 
der Mechanismus des Verdrängens eine zweckmäßige Einrichtung. 

Wir haben uns hier mit der Frage abzugeben, inwiefern die 
Symbolbildung zweckmäßig sein kann. Eine wirkliche Beantwortung 
dieser Frage könnte freilich nur erfolgen, wenn wir wüßten, was ge- 
schähe, wenn die Symbolbildung nicht einträte; und wenn wir über- 
haupt über die Mechanik dieses Vorganges besser unterrichtet wären, 
als wir es in Wirklichkeit sind. Vermutungen dürfen wir uns jedoch 
erlauben; jene Ansichten, die aus allem, was wir bisher gehört, von 
selbst auszufließen scheinen. 

Betrachtet man den psychischen Apparat vom intellektuellen 
Standpunkt aus seiner (nützlichen) Tätigkeit des Erkennens nach, 
so wird man die Einrichtung des symbolmäßigen Denkens gewiß nicht 
unzweckmäßig finden; einerseits stellt sie, bei der progredienten 
Entwicklung des intellektuellen Vermögens, einen Mechanismus dar, 
der das Verständlichmachen des noch Unverständlichen ermöglicht. 
Am Faden dieser Art von Erkenntnis bildet der Mensch seine Be- 
griffe 3 ). Anderseits bietet sie bei nachträglicher apperzeptiver Insuffi- 
zienz (durch Ermüdung oder sonstige Störungen) einen Ersatzmecha- 
nismus dar, der den zu apperzipierenden Ideen oder Komplexen 

') Dr. Adler hat für diese Grundtendenz die recht prägnante Bezeichnung 
„Aggressionstrieb" a potiori gewählt. 

3 ) Der Gesichtspunkt ist auch in weiterem Sinne richtig; denn die Lust- 
UDlust-Orientierung ist in den Organismen, wo es zur Geltung gebracht ist, geradezu 
das Triebwerk und der Wegweiser 7um Nützlichen. 

Die Lust strebt nach Selbsterhaltung, denn: 

„ . . . . alle Lust will Ewigkeit, 

Will tiefe, tiefe Ewigkeit." (Nietzsche.) 

3 ) Wie ja Schelling sagt: „Ein Philosoph der ältesten Welt kann auf 
Ideen geleitet werden. . ., die er sich nur dadurch zu eigen machen kann, daß 
er sie an sinnliche Zeichen anknüpft." 



Über die Symbolbildung. 693 

gestattet, auch, unter diesen gestörten Apperzeptionsverhältnissen sich 
wenigstens irgendwie vernehmlich zu machen 1 ). Es ist, wie wenn in 
einem elektrisch beleuchteten Haus die umsichtige Hausfrau auch 
Petroleumlampen und Kerzen bereit hält für die Fälle, wo der elek- 
trische Strom versagt. 

Auch die „Zensur" der Freudsehen Traum- und Neurosen- 
mechanik ist ein teleologischer Begriff. „Zensur" heißt im Staate die- 
jenige Behörde, welche in der Publizistik alles das unterdrückt, was 
den Häuptern der Regierung unangenehm sein, was die Autorität 
schwächen, was der Staatsidee gefährlich werden könnte. Ordnende 
Absicht waltet über der inneren Ruhe, unterdrückt störende Tendenzen. 
Ein ähnlicher Mechanismus in der menschlichen Seele führt — in 
gleicher Weise, wie es, mutatis mutandis, bei der Konzeption von 
Piatons „Politeia" zugegangen sein dürfte — geradezu notwendig 
zum gleichen Begriffe: zur „Zensur". Derselbe wurzelt in der finalen 
Betrachtungsweise und befindet sich mit kausalen Erwägungen durch- 
aus nicht in Widerspruch. Wenn Bleuler, der von seinem Standpunkt 
auch ganz recht hat, den Begriff der Zensur lieber ersetzt sehen würde 
durch „den allgemeineren der Hemmung durch widerstrebende affek- 
tive Bedürfnisse", und wenn man nach Jung 2 ) eine „eigentliche Zensur 
im Sinne Freuds nicht anzunehmen braucht": so ist dies durch das 
Vorwiegender kausalen Betrachtungsweise bei diesen beiden Zürcher 
Autoren erklärlich. Dasselbe Verhältnis obwaltet beim Begriff des 
Traumes als „Hüters des Schlafes", ferner bei dem der „Rücksicht 
auf die Darstellbarkeit" usw. Freud sieht hier das Finale; als Be- 
trachter des Kausalen muß aber Bleuler 3 ) finden: 

„Bei Freud hat aber die Symbolik noch eine positive Bedeutung: 
Der Traum stellt in , absichtlich' entstellter Form verdrängte Wünsche 
dar. In den Symbolen liegt ein Zweck, wie überhaupt im ganzen Traume, 
der als ,Hüter' des Schlafes unerledigte Gedankenreste vom Tage für den 
Schlaf unschädlich zu machen hat. Den genügenden Beweis für die Richtig- 
keit dieser Auffassung finde ich in den Schriften Freuds bis jetzt nicht . . . 



*) Man kann hier auch eine Zweckmäßigkeit vom Standpunkt clor 
Komplexe als autonomer Personen finden. Insbesondere wenn man 
die Symbolbildung als das Mittel zur Täuschung der Konkurrenzkomplexe 
ansieht. Die ganze finale Betrachtungsweise ist ja ein Unterlegen von Ab- 
sichten. . .. 

s ) „Über die Psychologie der Dementia praecox". Halle a. d. S. 1907 t S- 76. 

3 ) Jahrbuch f. ps. u. ps. Forsch. 1910, S. 724 ff. 



694 Herbert Silberer. 

bin noch nicht überzeugt, daß die Bedeutung des Traumes darin bestehe, 
den Schlaf zu hüten. Der Traum an sich, d. h. der Umstand, daß man 
träumt, kann für mich 1 ) bis jetzt auch ein bloßes Ausfallssymptom sein. 
Der Inhalt des Traumes allerdings läßt sich nur im Sinne der Tiefen- 
psychologie erklären. Ich kann auch den Einwand eines Gegners nicht 
recht entkräften, daß die Traumarbeit nicht viel nutze, wenn, wie so oft 8 ) 
die unangenehmen Affekte doch an den entstellten Vorstellungen hängen 
bleiben. . . . Sollte ein direkter Zweck des Traums fehlen, so ist auch nicht 
nachzuweisen, daß es eine ,Rücksicht auf die Darstellbarkeit' gebe. Dieser 
Begriff kann ersetzt werden durch die Vorstellung, daß eben dargestellt 
wird, was die uns unbekannten Traumvorgänge darzustellen erlauben. 
. . . Daß Wünsche als erfüllt dargestellt werden, ist direkte Folge der Affekt- 
mechanik, welche das Feld beherrscht, sobald die Logik ihre Macht verliert. 
Daß gerade verdrängte Wünsche leichter durch Symbole dargestellt 
werden als direkt, ist wohl selbstverständlich, weil die Symbole nicht so 
leicht assoziativ den Grund der Verdrängung aktuell machen. Die un- 
verhüllte Erfüllung des Wunsches muß eben oft schon in statu nascendi 
auf diesem Wege verdrängt werden. (Die Jungfrau, die einen moralischen 
Abscheu hat, den Mann der Schwester zu heiraten, den sie doch liebt, 
kann sich auch im Traume nicht leicht vorstellen, daß sie mit ihm ver- 
heiratet sei, ohne den moralischen Widerstand zu erwecken; durch irgend 
eine Verhüllung mag aber der Widerstand 8 ) umgangen werden.)" 

Das scheinbar Gegensätzliche beider Ansichten hebt 
sich auf, sobald man gewahr wird, daß bei Freud die finale, 
bei Bleuler die kausale Betrachtungsweise vorwiegt. Keine 
der beiden Betrachtungsweisen verdient den Vorzug vor 
der andern; in psychischen Dingen ist die „Kausalität" 
ein genau ebenso gefährliches Gebiet wie die „Finalität". 
Ergeben in einer Sache aber beide Betrachtungsweisen 
ein Ding, das Hand und Fuß hat, so kann man damit zu- 
frieden sein. 

Über diejenigen Symbolerscheinungen, die die „Flucht in die 
Krankheit" mit sich bringen mag (und wohl auch zum Teil über die- 
jenigen des normalen Traumes), ließe sich vielleicht noch sagen, daß 
sie den eingeklemmten Affekten vermöge der symbolischen Betätigung 
eine Art Ventil öffnen; sie geben ihnen statt der Originalbefriedigung, 

*) Für jeden Betrachter der kausalen Zusammenhänge! 

2 ) Die schnellen Füße des Hasen retten ihn nicht immer vor den Klauen 
des ihn verfolgenden Raubvogels; dennoch sind sie zweckmäßig. Die Mimicry, 
die durchaus nicht immer nutzt, muß dennoch unter dem Gesichtspunkte der 
Zweckmäßigkeit betrachtet werden. "~~" 

3 ) Eben dieser Wideretand wirkt also, final betrachtet, als Zensur.; 



Über die Symbolbildung. 695 

die vielleicht schädlich oder den äußeren Verhältnissen unangepaßt 
wäre, ein Surrogat, woran sie sich die Zähne ausbeißen können. Die 
Überdeterminierung nimmt, final gesehen, sehr häufig den Charakter 
der „Kompromißbildung" an. 

Damit haben wir neben der kausalen auch der finalen Betrach- 
tungsweise einige Beachtung geschenkt und wenden uns einem neuen 
Thema zu. 

* * 



Wie ich in früheren Abhandlungen schon erwähnte, läßt sich eine 
nützliche Einteilung der Symbolphänomene nach der Herkunft der 
Ideen machen, die den Symbolen zugrunde liegen 1 ). Wir unterschieden 
oben scharf zwischen dem Gegenstande des Symbols (d. i. dem Ge- 
danken, der Idee, dem Komplex usw., welcher symbolisiert wird) und 
den Quellen des Symbols (woraus es die Bildelemente nimmt, aus 
denen es sich zusammensetzt). Man kann natürlich auch sagen, aus den 
Quellen (Erinnerungen) nehme das Symbol sein Bildermaterial; 
dieses „Material" hat aber, wie ich gleich von vornherein betonen muß, 
um Mißverständnisse auszuschließen, gar nichts zu tun mit der unten 
definierten „materialen Kategorie" der Symbolphänomene. Unsere 
folgende Einteilung der Symbolerscheinungen in drei Kategorien hat 
mit den Quellen und dem Bildermaterial, kurz mit der manifesten 
Seite des Symbols, nichts zu tun; sondern sie richtet sich nach 
der Natur des latenten „Gegenstandes", der dem Symbol 
zugrunde liegt. 

Gegenstand der Symbolik 2 ) können sein: 

I. Gedankeninhalte, Vorstellungsinhalte, kurz: das Inhaltliche 
oder Gegenständliche des Denkens und Vorstellens. Die Materie des 
Denkens — sie sei nun bewußt oder unbewußt'; 

II. Der Zustand, die Tätigkeit, die Struktur der Psyche; die Art 
und Weise, wie sie funktioniert und sich befindet. Die Funktions- 
weise der Psyche — sei sie nun bewußt oder unbewußt. 

III. Somatische Vorgänge (Leibreiz). Diese dritte Gattung von 
Gegenständen ist den anderen beiden nicht streng koordiniert. 



J ) Also nach der Natur des oben erwähnten „positiven Faktors", der 
sich, unter der gegebenen Grundbedingung (Insuffizienz) ins Symbol umsetzt. 

2 ) Wo immer Symbolik auftritt. Traum, Halluzination, Hysterie, Märchen, 
Mythos usw. 



696 Herbert Silberer. 

Diesen drei Gruppen gemäß sind die Symbolphänomene ein- 
zuteilen in drei Kategorien: 

I. Materiale Phänomene, wobei sich die „Inhalte 1 )" in Symbole 
umsetzen. 

II. Funktionale Phänomene, welche deshalb so heißen, weil 
sie mit der Materie oder dem Inhalte der Denk- und Vorstellungsakte 
nichts zu schaffen, sondern bloß auf die funktionellen Momente der Psyche 
Bezug haben. Die Momente der Zuständlichkeit können z. B. folgende 
Charaktere haben: Leichtigkeit, Beschwerlichkeit, Lässigkeit, Trägheit. 
Freudigkeit usw. des Funktionierens ; Gehemmtsein, Widerstände; 
Anstrebung, Abwehr; Beharrlichkeit, Wechsel, Zunahme, Abnahme; 
innerer Widerstreit, Anziehung, Abstoßung, Unterdrückung, Ver- 
drängung, Affekteinklemmung, Kompromißbildung, Spaltung, Disso- 
ziation und das ganze Register der neurotischen Mechanismen; Über- 
gang von einem Zustand in einen anderen, wie Einschlafen, Er- 
wachen, Regression usw. Viele von diesen Vorgängen machen subjektiv 
eine Gefühlsbetonung aus. — 

III. Somatische Phänomene, das sind solche, in denen sich 
somatische Vorgänge und Zustände welcher Art immer symbolisch 
widerspiegeln: sowohl äußere als „innere" Empfindungen, Druck-, 
Spannungs-, Gelenks-, Muskel- und Lageempfindungen, Temperatur- 
und äußere Schmerzempfindungen, alle Arten von Gemeinempfin- 
dungen, optische, akustische, chemische und mechanische Eindrücke 
und Nervenreize, Sehmerzempfindungen in den inneren Organen usw., 
sowie auch die spezifischen Gefühle, welche mit all diesen Empfin- 
dungen, Empfindungskomplexen als solchen oder mit ihrem Verlaufe 
verbunden sind. (Beispiele: Druck einer Decke auf den Fuß, Kitzeln 
in der Nase, rheumatischer Schmerz in einem Gelenke, Luftzug, 
der die Wange streift, Herzklopfen, Urindrang, Empfindung der je- 
weiligen Körperlage, Knistergeräusch, Blumenduft, Beklemmung, Atem- 
not usw.). 

Diese Einteilung wurde in roheren Umrissen bereits in dem 
oben erwähnten „Berichte 2 )" getroffen. Damals stand für die Demoii- 



') Man wäre versucht zu sagen: „Bewußtseinsinhalte", was aber nicht 
angeht, weil auch unbewußte Inhalte Gegenstand der Symbole sein können und 
man nicht gut von „unbewußten Bewußtseinsinhalten" sprechen kann. 

2 ) „Bericht über eine Methode usw.", Jahrb. f. ps. u. ps. Forsch. 1909, 
S. 513 ff. 



Über die Symbolbildung;. 697 

atration derselben nur ein dürftiges Material zur Verfügung; seither 
hat sich das Einteilungsprinzip, das auf die Verbindung von Symbol 
und Gegenstand einiges Licht werfen mag, an einer größeren Menge 
von Beispielen bewährt. Unten werden Fälle mitgeteilt, die aus dem 
Reich der Halluzinationen und Träume geholt sind. 

Um eine strikte Unterscheidung der drei Kategorien gleich von 
vornherein in der Anwendung zu zeigen, will ich schon jetzt je ein 
Beispiel für jede Kategorie anführen. Ich entnehme die Paradigmata 
dem Gebiete der autosymbolischen Halluzinationen. 

I. Materiale Kategorie. — Als Beispiel mag liier die bereits er- 
wähnte Halluzination dienen, bei der sich die Idee des „transsubjektiv 
gültigen Urteils" hypnagogisch in das Bild einer Sphäre umsetzte, die durch 
die Köpfe aller Menschen ging. 

II. Funktionale Kategorie. — Bedingungen: Abends vor dem 
Einschlafen. Ich suche, trotz meiner Schlaftrunkenheit eine Idee zu ent- 
wickeln; statt damit weiterzukommen, verliere ich sie immer mehr. — 
Szene: Ich steige einen Abhang hinauf, rutsche aber bei jedem Schritt 
stark zurück, wobei immer Geröll abgeht. — Deutung: Die hypnagogisch 
erlebte Szene stellt in mehrfacher Beziehung den psychischen Vorgang dar, 
ohne auf den Inhalt der Gedanken, die ich hatte, einzugehen. Sic stellt 
meine psychische Bemühung dar, indem sie mich einen beschwerlichen 
Abhang emporsteigen laßt. Sie drückt die Erfolglosigkeit der Bemühung 
aus, indem sie mich immer abgleiten und das Ziel, dem ich zustrebe 
(Bergesgipfel = klare Erfassung der Idee, der ich nachgehe), nicht er- 
reichen läßt. Sie illustriert die Abnahme des Apperzeptionsgrades der 
von mir ins Auge gefaßten Idee durch das „Abbröckeln" des Gerölls. 
Das feste Gefüge der Gedanken zerbröckelt unter den Schritten meiner 
Bemühungen. 

III. Somatische Kategorie. — Bedingungen: Abends vor dem 
Einschlafen. Eingenommener Kopf. Dumpfer Schmerz. — Szene: Ich 
sehe eine Zündhölzerschachtel vor mir, die verkehrt aufgestellt ist (d. h. so 
aufgestellt, daß die Köpfchen der Zündhölzer unten sind). — Deutung: 
Die Köpfchen der Zündhölzer beziehen s ; ch auf meinen Kopf. Ich fühle 
mich entzündet, daher die Zündhölzer, in deren Köpfen auch ein latentes 
Feuer steckt, das zum Ausbruch kommen kann, so wie bei mir die zu 
erwartende entzündliche Krankheit (Influenza). Die Zündhölzer stecken 
in einer Holzschachtel; auch mein Kopf ist wie mit Brettern vernagelt. 
Die Zündhölzer haben die Köpfchen unten: mein Gefühl ist so, als stünde 
ich auf dem Kopfe (Blutandrang). 

Diese drei Beispiele sind so ziemlich „reine" Fälle der drei Ka- 
tegorien. Ganz reine Fälle, die das Typische nur einer der drei Kate- 
gorien aufweisen, gibt e ; freilich kaum. Ich glaube, daß in jedem Symbol- 



698 Herbert Silberer. 

phänomen, gehöre es nun den Halluzinationen, den Träumen, den 
Mythen usw. an, wenigstens zwei der erwähnten Kategorien der Gegen- 
standsbeziehung anzutreffen sind. Selbst die sorgsam ausgesuchten 
Paradigmata zeigen bei genauer Prüfung Anklänge an die anderen 
Kategorien. Insbesondere läßt sich die dritte Kategorie (die soma- 
tische) von der zweiten (der funktionalen) schwer gänzlich scheiden. 
Ihnen beiden ist nämlich etwas gemeinsam: das Gefühlsmoment. 
Betrachtet man daraufhin die obigen Paradigmata dieser zwei Kate- 
gorien, so findet man in der Tat eine teilweise Übereinstimmung. Die 
tertia comparationis zwischen Symbol und Gegenstand sind in dem 
einen Falle: Bemühung, Anstreben eines Zieles, Erfolglosigkeit, Klar- 
heit, Zerfall. Im andern Beispiel: Äußerliche Ähnlichkeit und Namens- 
gleichheit (Kopf), Hitze, Brett vor dem Kopfe, Kopf unten. Diese 
tertia sind die bei der Symbolbildung hauptsächlich berücksichtigten 
Elemente 1 ) des symbolisierten Gegenstandes. Das Übereinstimmende 
beider Fälle liegt nun darin, daß in beiden ein Teil der tertia com- 
parationis Gefühlsmomente sind. Besonders ausgeprägt scheint mir 
das Gefühlsmoment des funktionalen Beispiels in dem Datum: „Be- 
mühung" zu sein. Im somatischen Beispiel kommt das Gefühlsmoment 
mehr zur Geltung, hauptsächlich in den Datis: „Hitze", „Kopf unten". 
Natürlich stecken neben den Gefühlstönen auch Empfindungselemente 
darin. Nun kann man allerdings die Gefühle nach ihren Qualitäten 
dermaßen scheiden, daß man eine psychische und eine sinnliche Gruppe 
erhält, wovon die erste 2 ) bei der Symbolbildung die funktionalen, die 
zweite 3 ) die somatischen Symbolphänomene hervorriefe. Denkt man 
sich die in Betracht kommenden Faktoren, nämlich die Gefühle (zwei 
Gruppen), die Gedankeninhalte und die Empfindungsinhalte sche- 
matisch zusammengestellt, so erhält man für das Entstehen der drei 
Kategorien von Symbolen etwa folgende Figur, wozu noch zu be- 
merken wäre, daß die Gefühle beziehungsweise Affekte und Willens- 
momente (Strebungen usw.) als das eigentlich Treibende anzusehen 
sein dürften. 



1 ) Je mehr diese Elemente für den Gegenstand „typisch" oder charak- 
teristisch sind, desto größer ist die Allgemeingültigkeit des Symbols. Dies sei 
hier nur nebenbei bemerkt. 

2 ) Wahrscheinlich stets in Verbindung mit Vorstellungsinhalten; 
sind die letzteren das Überwiegende, so entsteht das materiale Phänomen. 

3 ) Wohl stets in Verbindung mit körperlichen „Empfindungen" beziehungs- 
weise Empfindungsinhalten. 



Über die Symbolbildung. 



699 



Allein — man wird immer auf Übergänge stoßen und auf eine 
strikte Abgrenzung verzichten müssen; was nicht hindert, sich in der 
Praxis der erwähnten Gruppen als „Typen" zu bedienen. Die genaue 
Abgrenzung außerhalb der Theorie ist schon deshalb unnötig, weil 
die Symbolphänomene, wie ich bereits sagte, ohnedies mehrfach 
determiniert zu sein pflegen, und zwar so, daß einige 
Determinationszweige dieser, andere jener Kategorie an- 
gehören. Insbesondere pflegt bei Symbolen der II. Kategorie wenig- 
stens eine Determinierung der I. Kategorie anzugehören (und auch 
der umgekehrte Fall ist häufig). 



Miaue 



Oefühle 



TforsteUungm Jntiellefuual- 
gefuhle 



Materielles 
Ftiänamen 




Funktionales 
ffiänomm 




% 
Somatisches 

Phänomen 



Trotz dieser in der Praxis so häufigen innigen Verflechtung sind 
doch die I. und II. Kategorie recht gut auseinanderzuhalten und das 
bewußte Trennen der beiden führt zu ganz interessanten Funden 1 ). 

Zu der klaren Auffassung und Aufstellung der drei Kategorien, 
über die sich noch manches sagen lassen wird, gelangte ich durch eine 
Gruppe von Phänomenen, an der sich die Symbolbildung in der alier- 
einfachsten Form beobachten läßt: den hypnagogischen Halluzinationen. 
Die Art und Weise, wie sich diese Erscheinungen als „autosymbo- 
lische" zur Beobachtung heranziehen lassen, habe ich in dem mehrfach 
erwähnten „Bericht" („Jahrbuch" 1909, S. 513 ff.) dargetan und es 
erübrigt mir heute nur, darauf hinzuweisen, daß die autosymbolischen 
Erscheinungen eben wegen der Reinheit, in welcher der symbolbildende 
(Regressions-) Prozeß bei ihnen auftaucht, den aus ihnen gewonnenen 



') Man sieht dies in der schon erwähnten Arbeit über „Phantasie und 
Mythos" begründet. 



7 °0 Herbert Silberer. 

Resultaten ein größeres Maß von Überzeugungskraft gewährt, als es 
etwa bei den viel komplizierteren Träumen der Fall ist. Ich beschränke 
mich deshalb vorläufig auf die Wiedergabe solcher Halluzinationen 
und hebe mir die analogen Demonstrationen an anders geartetem, 
komplizierterem Material für eine spätere Gelegenheit auf. 

Es wird Zeit sein, mit der Durchsicht der Beispiele zu beginnen : 
einige theoretische Bemerkungen werden sich später noch einflechten 
lassen. 

Da, wie gesagt, die verschiedenen Determinationen eines Symbols 
zumeist mehreren Kategorien angehören, so konnte die nachfolgende 
Gruppierung natürlich nur a potiori getroffen werden. Zu bemerken 
wäre noch, daß bei den hypnagogischen Halluzinationen (und auch bei 
den Träumen, was an Schemers Beispielen sehr schön zu zeigen ist) 
die somatischen Reize gar oft das „Rohmaterial" jener Bilder bei- 
zustellen scheinen, deren sich dann die Symbolik der materialen und der 
funktionalen Kategorie bedient, um ihre Gedanken und Gefühle darein 
zu kleiden 1 ). Die Beispiele stammen zur überwiegenden Mehrzahl 
aus meinen eigenen Beobachtungen. Wo nicht anders bemerkt, sind die 
Halluzinationen hypnagogische und treten unmittelbar nach einem 
Denk- oder Gefühlsvorgang auf, dessen unter dem Schlagwort „Be- 
dingungen" Erwähnung getan wird. Die halluzinierten Szenen sind 
visuell. 

I. Materiale Kategorie. 

BeispielNr. 1. — BedingungenrEin durch ein Gespräch mit einem 
Bureauvorstand angeregter Gedankengang, die Bestimmung des Anfangs- 
gehaltes neucin tretender Beamter betreffend, fand, als ich abends einschlafend 
im Bette lag, ungefähr darin seinen Abschluß, daß ich mir, die Ansichten 
jenes Bureauvorstandes billigend, sagte: „Da man dem Beamten nach 
einer gewissen Zeit eine Gehaltserhöhung gewähren wird, wäre es nicht 
zweckmäßig, schon jetzt mit einer hohen Bezahlung anzufangen. Gibt man 
ihm nämlich jetzt schon so viel, als man ihm nach jener Probezeit ständig 
zahlen will, so will er, wann die Zeit der definitiven Anstellung kommt, 
ja erst recht wieder eine Zulage haben. Die Leute wollen ja immer mehr . . ." 

a ) Am besten wird dieses Verhältnis vielleicht in dem Beispiel Nr.. 1 des 
vorerwähnten „Berichtes" illustriert: 

Bedingungen: Ich denke daran, daß ich vorhabe, in einem Aufsatz 
eine holprige Stelle auszubessern. 

Szene: Ich sehe mich ein Stück Holz glatt hobeln. 

Anmerkung: Das Stück Holz hat genau die Lage und ungefähr 
die Größe meines Unterschenkels. Ich fühle gleichzeitig gewisser- 
maßen, daß er dieses Stück Holz ist. 



Über die Symbolbildung. 701 

Szene: Ich blättere in einem Buche. Je weiter ich blättere, desto 
schönere, kunstvollere Illustrationen zeigen sich mir. Angelangt bei einem 
herrlichen Blatt, einem weiblichen Akt, glaube ich, bei dem Summum 
des Schönen angelangt zu sein und nicht weiter blättern zu sollen. Und 
doch schlage ich das Blatt um, und eine noch herrlichere Figur ist zu sehen. 

Deutung: In der Steigerung beim sukzessiven Blättern drückt 
sich der menschliche Drang aus, immer mehr zu erreichen. Daß dieser 
Drang auch dann besteht, wenn der Mensch eigentlich zufrieden sein 
sollte, zeigt sich in jenem Augenblicke, wo ich zwar glaube, das Schönste 
bereits erreicht zu haben, und dennoch weiter blättere. Der letzte 
Teil meines obigen Gedankenganges (. . . die Leute wollen ja immer 
mehr . . .) hat sich seinem Inhalte nach sachlich in ein entsprechendes 
Bild umgesetzt; nicht nur die sukzessive Steigerung des Gewollten 
ist im Bilde ausgedrückt, sondern auch die Nuance, daß der Begehrende 
,, immer" mehr will, d. h. auch dann, wenn er sich befriedigt fühlen 
sollte und sein Verstand ihm sagt: bis hierher und nicht weiter ziemt 
dir zu gehen. 

Quelle. Die Bilder, die der obige Gedankenverlauf gebrauchte, 
um sich darein zu kleiden, stammen natürlich irgendwoher, d. h. aus 
irgend einem Erinnerungsmaterial. Es ist nicht notwendig, daß die 
Bilder des Symbols mit denjenigen des Erinnerungsmaterials überein- 
stimmen; vielmehr werden aus allerhand Elementen des Erinnerungs- 
materials die Bilder meist frisch zusammengesetzt 1 ). Das bilder- 
liefernde Material ist sehr häufig auf rezente Eindrücke zurückzuführen 
(was mit den von S. Freud in seiner „Traumdeutung" niedergelegten 
Erfahrungen wohl übereinstimmt). In dem vorliegenden Falle sind 
die weiblichen Akte rezent, weil ich wenige Tage vorher einige solche 
Kunstblätter in Händen gehabt hatte. Das aufmerksame Blättern in 
illustrierten Schriften kam in jener Zeit häufig bei mir vor, da ich mich 
lebhaft für künstlerische Photographien und photographische Zeit- 
schriften mit gutem Bildermaterial interessierte. Es kam oft vor, 
daß ich blätternd gustierte, welches Bild aus einer Ausstelhmgsserie 
wohl das meiste Lob verdiene. Mitbestimmend für die Heranziehung 
der weiblichen Aktstudien als Symbolmaterial wird freilich auch die 
nie schlummernde affektbetonte erotische Komponente des Denkens 
und Fühlens gewesen sein: der latente sexuelle Komplex wirkte ,,kon- 
stellierend" auf die Auswahl des manifesten Bildmaterials. 

*) So zwar, daß es oft richtiger ist, die Bilder, deren Charakteristikum 
ja mehr in der Art der Zusammensetzung der Elemente als in den Elementen 
selbst liegt, als Neuschöpfungen des sj mbolbildenden Vorganges zu bezeichnen. 



702 Herbert Silberer. 

Beispiel Nr. 2. — Bedingungen: Ich denke mir: Man muß, um 
in einer Streitsache ein richtiges Urteil zu bekommen, die Ansichten beider 
Parteien objektiv berücksichtigen. 

Szene : Ich halte meine Hände über das Gewoge zweier undefinierbarer 
dunkler Massen. Ein schönes, gläsernes Gefäß in Form einer Bonbonniere 
wird in meine Hände gelegt. 

Deutung: Das Gewoge ist der Streit der zwei Parteien. Die 
gegeneinanderwogenden Massen sind undefinierbar und dunkel, denn 
die Meinungen der Parteien sind einseitig und entbehren daher der 
Klarheit; sie sind durch Leidenschaft getrübt. Um ein klares Urteil 
zu gewinnen, muß man über den Parteien stehen. Daher halte ich meine 
Hände über die wogenden Massen. Meine Hände aber sind wie die 
eines Richters: sie können den Stab brechen über einem der Streit- 
teile; sie könnten auch segnen; in Beziehung zu dem Gefäß gebracht, 
erinnern sie an das „Waschen in Unschuld", an ein Waschen, das die 
Unberührtheit von den Trübungen leidenschaftlicher Einmengung 
verbildlicht. Meine Hände suchen aber auch etwas ; sie sind ausgestreckt, 
um etwas zu empfangen. Ich suche nämlich im Gegensatze zu dem 
trüben Gewoge unter mir das reine klare Urteil. Dieses wird in der 
Tat dem zuteil, der über den Parteien steht: ich bekomme ein Gefäß 
in die Hände. Ein schönes Gefäß aus Glas; Glas ist durchsichtig: 
das vollkommene klare Urteil, das über die Parteien gefällt wird. Das 
Gefäß enthält gewissermaßen das Schicksal, das über sie ausgegossen 
wird wie aus einem Füllhorn oder dem mystischen Krater. 

Quelle: Das mir in die Hände gelegte Gefäß hätte mit ebenso 
gutem Rechte die Form eines Pokals oder dergleichen haben können 
wie die einer Bonbonniere. Diese geht auf etwas Rezentes zurück. 
Ich habe einer Dame eine gläserne schalenförmige Bonbonniere geschickt. 
Die Rezenz allein hätte indes das Bild nicht ins Symbol gebracht, wenn 
nicht auch in der Bonbonniereepisode eine Beziehung zum „Streit 
der Parteien" läge. Die Bonbonniere sandte ich nämlich einer von 
zwei Schwestern, deren jede meinte, von mir der andern vorgezogen 
zu werden: es herrschte zwischen ihnen eine Konkurrenz; der Ent- 
scheidende bin ich, und die Bonbonniere, als Zeichen der Aufmerk- 
samkeit (außerdem enthält sie Süßigkeiten!), die Verkörperung meines 
Urteils. Auch diesmal mag also der immer in Bereitschaft liegende 
sexuelle Komplex, der die Menschen ja zur symbolischen „Sexuali- 
sierung des Alls" treibt, konstellierend mitgewirkt haben. 

Beispiel Nr. ö. — Bedingungen: Ich denke mir (in irgend einem 
juristischen Zusammenhang): „Den A. würde ich einen Eid schwören 



Übet die Symbolbildung. 703 

lassen, der ihn fürs ganze Leben bindet, den B. einen solchen Eid, der ihn 
nur für eine begrenzte Anzahl von Jahren verpflichtet." 

Szene: Eine Art Gerichtszimmer. Feierliches Milieu Ich halte 
ein großes altehrwürdiges Buch in der Hand, woraus ich zweien Menschen 
die Eidesformeln vorlesen soll. Der Text ist zweispaltig gedruckt. Die 
linke Spalte gilt für den A. und ist von oben bis unten zu lesen ; in der rechten 
Spalte aber, die für den B. gilt, ist die untere Hälfte des Textes ausgestrichen. 

Deutung: Der voll zu lesende Text bedeutet den Eid auf Lebens- 
zeit, der gekürzte Text den Eid auf eine Anzahl Jahre. Das alte Buch 
verbildlicht gewissermaßen die ehrwürdige Institution des Eides, der 
ja auch unter Umständen auf ein Buch (heilige Schrift) geleistet wird. 
In dem Originalgedanken hieß es: ich würde den A. so und den B. so 
schwören lassen. Ist dieses der Verbildlichung schwer zugängliche 
Moment auch im Bilde ausgesprochen? Ist der Modus irrealis, das „Ich 
würde" drin zu finden? Tatsache ist, daß ich in dem Traumgesichte 
mit einer ungewohnten Würde umkleidet bin; der ganze Vorgang 
strotzt sozusagen von Würde. Wenn ich mir billige Wortspiele zunutze 
machen wollte, so könnte ich nun das „Ich würde" mit meiner Würde 
in der halluzinierten Szene in einen ursächlichen Zusammenhang 
bringen. Solche Brücken werden in der Psychanalyse oft benutzt und 
sind, wie genaue Traumanalysen zeigen, nicht unberechtigt. Ich ziehe 
indessen eine weise Vorsicht der „Würde" vor und begnüge mich mit 
dem bloßen unverbindlichen Hinweis auf die witzige Übereinstimmung. 

Quelle: Beschäftigung mit alten Schriftwerken zum Teil 
religiösen Inhalts (Eid, heilige Schrift, feierliches Milieu!). 

Beispiel Nr. 4. — Bedingungen: Ich beschäftige mich in Ge- 
danken mit dem Entschlüsse, mich nach längerer Pause wieder einmal 
dem Studium Immanuel Kants zuzuwenden, um mit neuem Elan in 
gewisse Fragen tiefer einzudringen. 

Szene: Ich dringe, einen schweren Beisekoffer schwingend, in eine 
helle Wohnung ein. 

Deutung: Das Eindringen in das Zimmer kommt dem Ein- 
dringen in Kants Philosophie gleich. Das Zimmer ist hell: man denke 
an Goethes Bemerkung, er habe, wenn er sich mit Kant beschäftige, 
die Empfindung, in ein helles Zimmer zu treten. Der Koffer deutet an, 
daß ich von der Reise wieder heimkomme: ich war eine Zeitlang von 
Kant entfernt. Ich führe mein Gepäck mit: ich habe jetzt die Absicht, 
mich in dem Zimmer recht häuslich niederzulassen. Der Koffer ist 
schwer: mein Vorhaben ist nicht ohne Schwierigkeit. Ich schwinge 
ihn wie eine Keule : bereit, jeden Widerstand (eben die Schwierigkeiten 



704 Herbert Silberer. 

des Studiums) niederzuschlagen. In meiner starken Hand ist aber 
der Koffer leicht (ich schwinge ihn ja wie eine Keule) : "Wunscherfüllung; 
das Schwere soll mir leicht sein. 

Quelle: Für das Zimmer vielleicht die Bemerkung von Goethe. 
Für den Koffer : ich habe selten mit dem Heben schwerer Gegenstände 
zu tun, am ehesten auf Reisen, mit Koffern. 

Beispiel Nr. 5. — Bedingungen: Ich hatte eine noch unfertige 
dramatische Arbeit einem Manne vorgelegt, dessen Urteil ich einiges Gewicht 
beimaß. Er riet mir, eine bestimmte Figur aus dem Stücke wegzulassen. 
Ich erwäge nun im Zustande der Somnolenz, ob es nicht möglich wäre, die 
Figur durch eine andere Fassung doch zu erhalten, sehe aber gleichzeitig 
auch ein, daß mein Freund mit seinem Rate recht hat. 

Szene: Ich feile und bessere an einzelnen Stellen eines Manuskript- 
blattes herum, dessen gesamter Inhalt schon durch zwei mächtige, sich 
kreuzende rote Striche ungültig gemacht ist. 

Deutung: Beide Tendenzen kommen in dem Bilde zum Aus- 
druck; sowohl diejenige, durch Änderungen das Beanständete zu er- 
halten, als die andere, es gänzlich wegzulassen. In der Verbindung 
beider Momente miteinander wird mir aber noch eine Erkenntnis an- 
gezeigt, die ich wachend vielleicht gar nicht einmal so deutlich fühlte: 
daß ich eine verlorene Arbeit verrichte, daß ich, um mich drastisch 
auszudrücken, einem Toten die Zähne plombiere. — Das Beispiel greift 
schon stark in die funktionale Kategorie der Symbolik hinüber. Eine 
der Determinationen der gekreuzten zwei Striche dürfte gewiß 
in dem Streite liegen, den die beiden Tendenzen in mir aufführen. 
Sie sind einander entgegengesetzt, durchkreuzen einander. Das ist 
etwas Psychisch-Funktionales, das in mir vorgeht. Ferner wirkten die 
beiden roten Striche auf mich gleichsam abschreckend. Sie sym- 
bolisierten den inneren Widerstand, der sich den Verbesserungs- 
bestrebungen entgegensetzte, die psychischen Schwierigkeiten, die 
sich bei meinen Anderungsplänen ergaben : also wieder eine funktionale 
Beziehung. 

Quelle: Das Bild des Manuskripts, des Korrigierens, der roten 
Striche — das ist alles aus der Beschäftigung mit dem wirklichen 
Manuskript des dramatischen Entwurfs herzuleiten. 

Beispiel Is T r. G. — Bedingungen: Ich vergegenwärtige mir eine 
Szene in einem Theaterstück, an dem ich gerade arbeite. Eine Person tritt 
da überraschend ein, gerade als man von ihr spricht. 

Szene.: Vor meinen Augen erscheint eine Schüssel Kartoffeln. 

Deutung: Dazu muß man die Quelle, eine rezente Episode, 
kennen. In einem Restaurant hatte man vergessen, mir zu einer Fleisch- 



Über die Symbolbildung, 705 

speise die bestellten Kartoffeln zu bringen, und ich dachte mir, jetzt 
wird man sie servieren, wann ich schon mit dem Fleische fertig bin. 
Überraschenderweise kommen die Kartoffeln sehr rasch und gerade 
noch zur rechten Zeit. Die Kartoffeln hatten somit dank dem kleinen 
Begebnis eine Wertigkeit, die ihnen gestattete, im Symbol zur Dar- 
stellung eines überraschenden Eintreffens a tempo zu dienen. Freilich 
gehört dieses Symbol schon zu jenen Formen, denen die objektive 
Notwendigkeit (die Allgemeingültigkeit) gänzlich fehlt. Der Faden, 
durch den der auslösende Gedanke mit dem auftretenden Bilde ver- 
bunden ist, ist dürftig; man könnte von ,. fadenscheiniger Symbolik" 
sprechen. 

Quelle: Bereits angegeben. 

Beispiel Nr. 7. — Bedingungen: Ich entwerfe einen Dialog. 
Dabei lasse ich eine Person sagen: ,, . . . ja wenn du unabhängig . . ." 
Bei dem letzten Wort verliere ich den Faden und es tritt die autosymbolische 
Erscheinung ein. 

Szene: Ich sehe das Zeichen CV) vor mir. 

Deutung: Dieses Zeichen ist, wie mir alsbald klar wurde, ein 
Symbol für „unabhängig", weil die Richtung der unteren Krümmung 
von der oberen unabhängig ist; sie ist selbständig; der Punkt, der 
diese Kurve beschreibt, vollbringt mitten in seinem Lauf einen Akt 
ungebundenen Willens, indem er sich, ungeachtet seines bisherigen 
Weges plötzlich nach der andern Seite wendet. Eine weitere Beziehung — 
doch eine viel losere — ergibt sich daraus, daß das Zeichen demjenigen 
gleichkommt, das die Gabelsbergersche Stenographie für „ng" 
gebraucht, einem Buchstabenkomplex, der in dem stenographischen 
Wortbilde von „unabhängig" stark dominiert. Ich muß hinzufügen, 
daß das Wort „unabhängig" zu einem affektbeladenen Komplex 
führt; daß der klar gebrachte Satz just an dieser Stelle abbrach, dürfte 
hierin seine Erklärung finden. Im normalen Zustande hätte ich ruhig 
weiter „gedacht". Im Zustande der Somnolenz aber war die ablenkende 
Wirkung des Komplexes hinreichend, um das zur Symbolbildung 
nötige Energiedefizit herzustellen. Zur Erzeugung der Insuffizienz 
konkurrierten also die Somnolenz und die Aufmerksamkeitsentziehung 
durch den Komplex. Konstellierend auf diese Gestaltung des Symbols 
trat der letztere wohl nicht auf. 

Quelle: Als Quelle für die halluzinatorisch gesehene Figur 
kommt vielleicht meine eigene Körperlage in Betracht. Wenigstens 
fühlte ich in jenem Momente meinen hinter den Kopf gelegten rechten 

Jahrbuch für payohoanalyt. u. psyehopathol. Forschungen. III. **> 



706 Herbert Silberer. 

Arm samt der Schulter ungefähr das erwähnte Zeichen bilden. Freilich 
ist dies keine direkte Symbolquelle; das heißt: der rechte Arm lieferte 
mir ja nur Lageempfindungen, keine visuellen Eindrücke. Das visuelle 
Bild ist den Lageempfindungen bloß assoziiert; es tritt dafür ein, und 
man hat schon hier eine der somatischen Kategorie angehörende Ver- 
bildlichung. 

Beispiel Nr. 8: Grillparzer 1 ) erzählt in seinem Tagebuche: 
„Neulich, nachts, voi dem Einschlafen, als ich einem eifersüchtigen Zwiste 
nachdachte, den ich mit Katty gehabt hatte, stellte sich dieser mir un- 
vermerkt nach und nach als eine verwickelte Schachpartie mit einem 
Abzugschach dar. Beide Vorstellungen hoben sich aber nicht eine die andere 
wechselseitig auf, sondern ich dachte sie nebeneinander und untereinander 
auf die wunderbarste Weise fort, so daß bald eine, bald die andere die Ober- 
hand behielt, bis sich alles verwirrte und ich einschlief." 

Deutung: Dr. Stekel bemerkt zu dem Beispiel: „Der bekannte 
Wunsch des Dichteis, Katty los zu werden (odei sie schachmatt zu setzen), 
verrät sich im Abzugschach. Der Kundige erkennt sofort als konsequente 
Folgerung des Hasses den Todeswunsch." 

Anmerkung: In der Tat drückt sich der Gedanken- (und 
Wunsch-) Inhalt betreffend Katty in der Schachszene recht hübsch aus. 
Ich möchte an meine Bemerkung 2 ) erinnern, daß die treibende Affekt- 
kraft, die uns zu den Kampfspielen und auch zum Schach bewegt, 
vielleicht identisch ist, mit jener unterdrückenden und verdrängen- 
den Kraft, die zur Abweisung unangenehmer Vorstellungen und Er- 
innerungen dient und die ebensowohl in abwehrende Akte als in 
Abwehr- und Kampfsymbole umgesetzt werden kann. 

Das Grillparzersche Beispiel ist ferner deshalb besonders 
wertvoll, weil es das Oszillieren des Bewußtseins um die Schwelle des 
klaren und des bildlichen Apperzipierens wunderschön demonstriert. 
Hier wird uns vielleicht mehr als durch die übrigen Beispiele klar- 
gemacht, wie sehr identisch 3 ) der auslösende Gedanke mit dem von ihm 
ausgelösten Symbol ist; daß Symbol und abstrakter Gedanke nur 



') Ich entnehme dieses Beispiel Dr. Stekels Werke über „Die Sprache 
dos Traumes", S. 490 f. 

*) Vgl. „Phantasie und Mythos", Jahrbuch 1910. 

3 ) Vollkommen ist die Identität allerdings selten; denn es pflegen die in 
Bereitschaft, gleichsam auf der Lauer liegenden affektbelasteten Komplexe bei 
der Symbolbildung ein Wörtchen mitzureden. Hier redet auch ein solcher Komplex 
mit, derselbe steckt aber schon im auslösenden Gedanken, bringt also keine fremden 
Elemente hinzu. 



Über die Symbolbildung. 707 

zwei Formen einer und derselben Sache sind. Eins springt im gegebenen 
Moment automatisch für das andere ein. 

Beispiel Nr. 9. — Bedingungen: Eines Tages hatte ich mit einem 
Freunde eine Diskussion. Er wollte ein lateinisches Wort, das ich auf der 
drittletzten Silbe betonte, durchaus auf der vorletzten betont haben. 
Beim Einschlafen fällt mir, einen Tag später, die Sache wieder ein. Ich 
denke über die absonderliche hartnäckig festgehaltene Idee meines Freundes 
nach und sage mir, man müßte ihm doch beweisen können, daß das nicht 
geht. 

Szene: Ich stecke eine Kerze in eine Laterne, sie paßt aber in den 
Hälter nicht hinein, weil sie zu voluminös ist. 

Deutung: Ganz allgemein ist die Kerze, die in den Halter nicht 
paßt, ein Ausdruck für das Nichtadäquate. Der Vorgang verbildlicht 
wohl auch mein vergebliches Bemühen, meinem Freund „ein Licht 
aufzustecken". Nicht außer acht zu lassen ist endlich, daß das Bild 
von der Kerze und der Laterne sexuelle Beziehungen haben dürfte. 

Beispiel Nr. 10: Dieses Beispiel zeigt insofern eine neue Nuance, 
als mir zuerst das Symbol und dann erst der verbildlichte Gedanke einfiel. 
Dieser tauchte also zuerst bloß bildlich, dann in seiner „eigentlichen " 
Foim auf; man hat hier eine progrediente Richtung von der primitiveren 
zur vollkommeneren Apperzeption. 

Szene: Jemand schreibt einige Worte verkehrt (das Obere unten) auf. 

Bedeutung: Unmittelbar nach der Halluzination fällt mir ein, 
daß mir tatsächlich jemand irgend etwas in eine verkehrte Ordnung er- 
bracht hat und ich mir vorgenommen habe, das Richtige wiederherzustellen. 
Dann fällt mir übrigens auch ein, was es ist: eine Viertelstunde vorher 
hat ein Bekannter, der zu mir auf Besuch kam, photographisehe Diapositive 
verkehrt in ihre Rahmen gesteckt. 

Quelle: Ein Gespräch tagsvorher über die Sage, daß die Schrift 
auf den (durchbrochen gedachten) Tafeln Mosis doppelseitig zu lesen 
gewesen sei. Durchbrochene Tafeln — Diapositive. Beide sind von 
zwei Seiten, richtig und verkehrt, zu betrachten. 

IL Funktionale Kategorie. 

Beispiel Nr. 11. — Bedingungen: Eines Morgens noch schläfrig 
im Bette liegend, denke ich über eine Episode nach, die mir geträumt hat. 
Ich bin mir dessen bewußt, diese Nacht „mehrere Träume" gehabt zu haben 
und bemühe mich, nun herauszufinden, welchem von diesen (in sich ab- 
geschlossen gedachten) Traumbegebenheiten die erwähnte Episode angehört. 

Szene: Ich blättere in einem Buche; das Buch hat mehrere Kapitel, 
wovon ich eines suche. 



45 



,* 



708 Herbert Silberer. 

Deutung: Die Kapitel sind natürlich die Träume; eines der 
Kapitel soll die fragliche Episode enthalten. Um es zu finden, blättre 
ich in dem Buche meiner Erinnerungen. Man sieht sofort, daß dieses 
Symbol mit den „Inhalten" meiner Gedanken, nämlich mit dem Meri- 
torischen der Traumepisode und der Traumkapitel nichts zu tun hat, 
sondern bloß meine psychische Tätigkeit des Suchens oder des 
Sichtens von Erinnerungen bildlich wiedergibt. Es liegt daher ein 
funktionales Phänomen vor. Ich darf wegen einer späteren An- 
merkung nicht unerwähnt lassen, daß das Suchen des betreffenden 
„Kapitels" gefühlsbetont war, und zwar unlustbetont wegen der 
Schwierigkeit, die es im Zustande der Somnolenz machte und die ich 
durch meinen Willen zu überwinden trachtete. In der Tat ging das 
Suchen erfolglos vor sich. Es hätte sich nun diese Erfolglosigkeit 
meines psychischen Funktionierens ihrerseits wieder durch ein Symbol 
(widerliches Gesicht, das mich schadenfroh angrinst u. dgl.) illustrieren 
lassen können, wie es in einigen anderen Fällen geschah (vgl. Beispiel 
Nr. 13). 

Quelle: Blättern in einem Buch, um eine Stelle darin zu suchen — 
ein häufiges Vorkommnis. 

Beispiel Ni. IL'. — Bedingungen: Ich suche mir die Trennung 
zweier Begriffe klarzumachen. 

Szene: Zwischen zwei Gegenständen (unklar) ist als Scheidewand ein 
Pappendeckel aufgestellt, der etwa so aussieht, wie der Deckel einer Schachtel 
von photographischen Trockenplatten. 

Deutung: Die unklar umrissenen Gegenstände sind natürlich 
jene Begriffe, deren reinliches Trennen mir in dem schlaftrunkenen 
Zustand Schwierigkeiten macht. Meine psychische Funktion besteht 
momentan darin, zwischen diese zwei unklaren Massen eine Scheide- 
wand zu zwängen, die sie trennt. Durch die Trennung sollen die Be- 
griffe auch geklärt werden. Es soll Licht auf das Dunkle fallen. Daher 
die Wahl eines Gegenstandes aus der photographischen Rüstkammer. 
Die Platten sind lichtempfindlich ; das Bild ist nach der Aufnahme zuerst 
latent und kann entwickelt werden. Auch Klärungsprozesse gibt es 
in der Photographie. Die Anspielung ist also nicht übel gewählt. 

Quelle: Beschäftigung mit Photographie. 

Beispiel Nr. 13. — Bedingungen: Ich denke über den Unter- 
schied psychologischer und naturwissenschaftlicher Betrachtungsweise 
des „Gegebenen" nach und komme damit im schlaftrunkenen Zustande 
nicht recht vom Fleck. 



Über die Symbolbildung. 709 

1. Szene: Zwei Pfeiler stellen sich meinem Vordringen entgegen. 
Gefühl der Mühe, des Gehemmtseins. 

2. Szene : Es erscheint mir das lachende Gesicht meines sarkastischen 
Freundes A., der mich so von der Seite ansieht, als ob er sagen -wollte: „Na, 
das hast du wieder notwendig gehabt" oder : , , Gib dir keine Mühe, du kommst 
ja doch nicht drauf!" 

Deutung: Die Pfeiler, die sich meinem. Vordringen entgegen- 
stellen, zeigen die Denkschwierigkeiten an: meine Funktion ist ge- 
hemmt. Daß es just zwei Pfeiler sind, ist zum Teil eine inhaltliche 
Bestimmung (in die materiale Kategorie gehörig), herrührend von 
den zwei „Betrachtungsweisen des Gegebenen", die in der Tat zwei 
Grundpfeiler der Philosophie abgeben. In der „materialen Kategorie" 
ruht aber nur ein Zweig der Wurzel des Symbols. Die übrigen Be- 
stimmungen ergeben funktionale Wurzeln. Pfeiler hemmen wirklich 
die Bewegung, sind also als Symbole des Hemmenden determiniert. 
Daß es zwei sind, rührt auch von der Doppelseitigkeit der Schwierigkeit 
her, die sich mir entgegensetzt. Die „zwei Pfeiler" sind also von der 
materialen und der funktionalen Seite her determiniert. — Das Gesicht 
meines Freundes, der (seinem Wesen ganz charakteristisch) meiner 
Bemühungen spottet, ist ein Symbol für deren Erfolglosigkeit. Es hat 
mit dem Sachlichen nichts zu tun; ist rein „funktional". 

Beispiel Nr. 14. — Bedingungen: Ich will mir eine Eintragung, 
die ich tagsvorher in ein Notizbuch gemacht habe, ins Gedächtnis zurück- 
rufen. Ich gebe mir alle erdenkliche Mühe, und es glückt nicht. Endlich 
suche ich auf Umwegen drauf zukommen, indem ich öitliche Assoziationen 
zur Hilfe heranziehe : ich suche im Geiste die Bibliothek auf und jene Stelle, 
wo das Buch seinen Platz hat; ich nehme im Geiste das Buch heraus, öffne 
es und suche die Zeilen zu erfassen. In diesem Momente tritt das Symbol ein. 

Szene: Aus dem Buch steigt eine grinsende Fratze mit einem 
unglaublich dummen Gesichtsausdruck mir entgegen. Vielleicht das 
dümmste Gesicht, das ich im Leben gesehen. 

Deutung: Eine Verkörperung meiner eigenen geistigen Hilf- 
losigkeit. 

Quelle: Unbekannt. 

Beispiel Nr. 15. — Bedingungen: Nach einem Abend im Kaffee - 
hause, wo ich ein mir wenig behagendes Dessertgebäck verspeist habe, 
lege ich mich schlafen. Ich fühle den bekannten Dämmermoment kommen, 
der die autosymbolischen Phänomene zu bringen pflegt. Da entsteht in 
mir der lebhafte Wunsch, es mögen sich Gedankeninhalte, nicht aber, 
wie es allzuoft vorkommt, bloß die Ermüdung und Denkunfähigkeit (das 
bei den autosymbolischen Halluzinationen häufigste funktionale Phänomen) 
darstellen. Ich will nun eben nach einem passenden Gedankeninhalt fahnden, 

4 S 



710 Herbert Silberer. 

um meine Aufmerksamkeit darauf zu weifen, als die halluzinierte Szene 
eintritt. 

Szene: Ich sitze im Kaffeehause. Ich weise mit einer Handbewegung 
den Teller mit dem Gebäck von mir und wende mich einem Herrn der 
Gesellschaft zu, mit dem ich Gespräche metaphysichen Inhalts zu führen 
pflege. 

Deutung: Das Dessertgebäck, das ich abweise, steht für das 
funktionale Ermüdungsphänomen, der Gesellschafter, dem ich mich 
zuwende, für das materiale Phänomen. Zunächst fällt die Verbild- 
lichung des Abweisens und Anstrebens auf. Eine genauere Betrachtung 
ergibt eine weitergehende Symbolik, denn das Bild enthält auch jenes 
Werturteil, das mich veranlaßt, dem einen Ding vor dem andern den 
Vorzug zu geben. Ebenso wie (nach meiner damaligen Ansicht, die 
ich heute nicht mehr hege) das funktionale Phänomen etwas mehr 
Äußerliches, minder Interessantes, das materiale Phänomen etwas 
Gediegeneres ist, so ist auch das Dessertgebäck (das noch dazu schlecht 
ist !) ein mehr äußerlicher, oberflächlicher, das metaphysische Gespräch 
der gehaltvollere Genuß. Das Phänomen wies eine prononzierte Ge- 
fühlsbetonung auf. 

Quelle : Unter „Bedingungen" bereits angegeben. Der betreffende 
Herr war auch an jenem Abend im Kaffeehause. 

Beispiel Nr. 16. — Bedingungen: Ich denke längere Zeit über 
eine, wie mir scheint, rein theoretische Frage nach. Plötzlich kommt mir 
unerwartet zum Bewußtsein, daß das treibende Moment in der Behandlung 
jener Frage für mich eigentlich nicht in theoretischem, sondern in egoistisch- 
praktischem Interesse bestand. Gleichzeitig mit dieser Entdeckung taucht 
das Symbol auf. 

Szene: Vor mir zeigt sich ein Bursche mit einem höchst pfiffigen 
Lächeln um die Lippen. Er freut sich offenbar unbändig, mit Beiner Schlau- 
heit hinter meine Schliche gekommen zu sein. 

Deutung: Ergibt sich wohl von selbst. Das Phänomen könnte 
insofern auch zur „materialen Kategorie" gezählt werden, als der 
schlaue Bursche das sachliche Erkenntnis personifiziert: „Das Interesse, 
das dich treibt, ist ja egoistisch, du hast dir's nur nicht eingestehen 
wollen." Dies Erkenntnis läßt sich indes schwerlich vom affekt- 
betonten Ich-Erlebnis loslösen. Abgesehen davon, daß Personifikationen 
der geschilderten Art an und für sich schon zumeist nur aus funktionalen 
Wurzeln entspringen und eine Projektion psychischer Komplexe und 
Vorgänge nach außen darstellen, ist auch in diesem speziellen Fall 
die Affektlage so, daß man kaum mehr von einem sachlichen „ma- 
terialen Phänomen" sprechen kann. Die affektive Lebhaftigkeit 



Über die Symbolbildung. 711 

der Personifikation weist vielmehr deutlich darauf hin, 
daß ich es mit einer Projektion eines lebendigen Stückes 
meines eigenen Seelenlebens nach außen zu tun habe; 
mit einem Spiege! dessen, was gerade aktuell in mir vor- 
geht, und noch dazu mit einer Affektbetonung, die genau 
jenem Spiegelbild entspricht. 

Quelle: Eine besondere Quelle braucht hier vielleicht nicht 
angenommen zu werden. 

Beispiel Nr. 17. — Bedingungen: Eines Morgens noch ziemlich 
müde im Bette liegend, überlege ich, ob ich trotz der Müdigkeit schon 
aufstehen solle oder nicht. 

Szene: Ich lege einen Strähn meiner Haare mehrmals versuchs- 
weise nach rechts und nach links, ungewiß, ob er auf diese oder jene Seite 
der ,, Abteilung" gehöre. 

Deutung: Das Schwanken zwischen zwei Möglichkeiten drückt 
sich hier aus. 

Quelle: Ich habe abends vor dem Schlafengehen bemerkt, 
daß meine Haare stark in Unordnung gebracht waren. 

Beispiel Nr. 18 (Hypnopompisch). — Bedingungen: In einer 
gewissen Schlaftiefe des Morgens über einen eben entschwundenen Traum 
nachdenkend — ihn gewissermaßen nach- und austräumend — fühle ich 
mich dem Bewußtsein nähern; ich will aber lieber in dem Schlummer- 
zustande bleiben. 

Szene: Ich schreite mit einem Fuß über einen Bach, ziehe aber den 
Fuß wieder zurück, um herüben zu bleiben. 

Deutung: Das Überschreiten des Baches illustriert das Über- 
schreiten jener psychischen Schwelle, die das Schlafen vom Wachen 
trennt. Mein Innehalten, da ich im Schlummerzustand bleiben will, 
wird durch das Zurückziehen des eben schon schreitenden Fußes sehr 
angemessen dargestellt. Das Beispiel, ein Fall sehr rein ausgeprägter 
funktionaler Kategorie, gehört jener wichtigen Art von Dartsellung 
an, die ich erst kürzlich definiert und behandelt habe 1 ), nämlich der 
Schwellensymbolik. Die Schwellensymbolik, wovon man an der 
obigen Stelle viele Beispiele findet und die ich immer mehr beachten 
lerne, je mehr Fälle ich aus diesem Gesichtspunkt betrachte, gehört 
natürlich ganz in die funktionale Kategorie- 
Beispiel Nr. 19. — Bedingungen: Ich habe die Einrichtung ge- 
troffen, daß man mich täglich des Morgens um eine bestimmte Stunde 

*) In der Abhandlung über „die Symbolik des Erwachens und Schwellen- 
symbolik überhaupt", enthalten im vorliegenden Jahrbuch. 



712 Herbert Silberer. 

weckt. Ich bin gewohnt, dieses Wecken als ein, wenn auch zumeist un- 
erwünschtes, so doch beherzigenswertes Signal zum Aufstehen zu be- 
trachten, und die Furcht, infolge nochmaligen Einschlafens meine Zeit 
zu versäumen, dominiert selbst dann, wenn ich einmal wirklich vollauf 
Muße hätte, länger im Bette zu bleiben. — Eines Tages wache ich nun, 
was manchmal vorkommt, schon eine Viertelstunde vor dem Wecksignal 
auf. Ich fühle mich sehr müde, denn ich bin spät ins Bett gekommen. 
Mir fällt ein, daß ich Vormittag nichts Dringendes zu tun habe, und be- 
schließe darum, auf das Wecksignal noch nicht aufzustehen, sondern mich 
ruhig weiter auszuschlafen. Ich schlafe wieder ein und erwache bald darauf 
durch das übliche Klopfen an der Tür. Meines Vorhabens eingedenk, 
bemühe ich mich nun, von dem Klopfsignale so wenig Notiz zu nehmen 
als möglich, um nicht durch den Gedanken daran in dem beabsichtigten 
Weiterschlafen behindert zu sein. Ich will also das soeben gehörte Signal 
aus meiner Erinnerung weghaben. 

Szene: Ich stecke einen Brief in meine linke Brusttasche. 

Deutung: Diejenigen Briefe und Schriftstücke, die ich bald 
erledigen und an die ich also erinnert sein will, trage ich in der rechten 
Brusttasche, deren Inhalt mir täglich mehrmals vor Augen kommt. 
Briefe, die einer baldigen Erledigung nicht bedürfen, stecke ich in 
die linke Brusttasche, deren Inhalt ich oft tagelang nicht beachte. 
Der „Brief" in dem autosymbolischen Phänomen steht also für den 
Eindruck des Wecksignals; ich stecke ihn in die linke Brusttasche, 
heißt soviel als: er soll mir nicht so bald unter die Augen kommen. 
Daß ein Brief in dem Symbole vorkommt, hat eine selbständige Deter- 
minierung auch wieder darin, daß das Wecksignal auch eine Botschaft 
oder gleichsam die allererste ,, Morgenpost" ist. Die Hauptdeterminierung 
liegt aber natürlich in der Gleichung „Nicht erinnert sein wollen" — 
„In die linke Brusttasche stecken". Das Beispiel ist ein sehr hübscher 
Fall von halluzinierter Symptomhandlung. 

III. Somatische Kategorie. 

Beispiel Nr. 20: Ich lege mich abends zu Bette, um zu schlafen, 
und zwar auf die rechte Seite. Die rechte Hand lege ich zur Unterlage 
halb unter den Kopl, und zwar so, daß der Daumen an der Schläfe, der Zcige- 
fingei ziemlich gestreckt ober der Augenbraue an der Stirn, die anderen 
drei Finger aber gekrümmt vor dem Auge sich befinden. Plötzlich taucht 
ganz unvermittelt das Bild eines Revolvers auf, dessen Griff rechts unten, 
dessen Lauf nach links oben gerichtet ist. Als ich mir über dieses Bild 
Rechenschaft zu geben suche, fällt mir die ganz unwillkürlich eingenommene 
Lage meiner Hand erst auf. Die Stellung der Finger ist fast dieselbe wie 
beim Halten eines Revolvers ; der gestreckte Zeigefinger stimmt zwar nicht 
ganz dazu, vervollständigt aber das Gesichtsbild: er markiert den Lauf 



Über die Symbolbildung. 713 

der Waffe- Das Gesichtsbild des Revolvers meiner Halluzination ist somit 
an Lage- und Druckempfindungen assoziiert worden. — Da mir das Ein- 
schlafen schwer wird, drehe ich mich, an den Revolver kaum mehr denkend, 
auf die linke Seite herum. Da taucht urplötzlich wieder das Bild des Re- 
volvers vor mein Auge, nur diesmal eine anders geformte, mehr längliche 
Waffe, deren Griff sich links befindet und deren Lauf nach rechts oben 
gelichtet ist. Ich habe nämlich, ohne darauf zu achten, in analoger Weise, 
wie voiher die rechte Hand, jetzt die linke Hand halb unter den Kopf 
gelegt, nur etwas mehr auseinandergespreizt. Daher die längere Waffe. 
Im übrigen war das Bild natürlich symmetrisch zum rechtsseitigen. — 
Das Bild des Revolvers muß freilich außer den Lageempfindungen auch 
noch andere Determinationen gehabt haben. Leider sind sie mir unbekannt 
geblieben. 

Beispiel Nr. 21. — Subjektiv: In einer hypnagogischen Hallu- 
zination zeige ich jemandem einen stark rauchenden Kamin und spreche 
angelegentlich über die Menge des daraus entströmenden Qualms. 

Objektiv: Später bemerke ich erst, daß ich — wahrscheinlich 
infolge einer beginnenden Rhinitis — ein leichtes Kitzeln in der Nase 
verspüre. 

Deutung: Infolge der in der Schlaftrunkenheit herabgesetzten 
Unterschiedsempfindlichkeit apperzipiere ich unrichtig; ich schreibe 
den Reiz in der Nase einer unrichtigen Ursache zu, nämlich einem 
Rauch statt einem Schnupfen. Mit der bloßen Konstatierung dieser 
„mangelhaften Unterschiedsempfindlichkeit" ist der Fall aber nicht 
abgetan. Eine genauere Betrachtung zeigt, daß die halluzinierte 
Szene ein in mehrfacher Hinischt passendes Bild, ein gutes Symbol, 
für den Tatbestand und die sich an ihn knüpfenden Erwägungen ist. 
Die Nase wird einem Kamin verglichen ; und gerade so wie der Schorn- 
stein qualmt, ist zu befürchten, daß die Nase rinnen wird. Es muß 
ein Schornsteinfeger verständigt werden, der den verstopften Kamin 
(Doppelsinn von „Züge": Feuerzüge und Atemzüge; der Ofen hat 
„Luft", die Nase hat „Luft"; das sind sachliche, nicht bloß sprachliche 
Übereinstimmungen) dadurch wieder frei macht, daß er ihn durch- 
bürstet (Durchpinselung mit Mentholvaselin oder Lapislösung; mein 
Arzt gebrauchte manchmal den Ausdruck „ausbürsten"). Der Mann, 
mit dem ich über den rauchenden Kamin spreche, ist der Schorn- 
steinfeger oder der Arzt. Die ärztliche Behandlung ist bei mir fast 
in jedem Falle von Schnupfen notwendig, da sich die Nasenschleimhaut 
in ungebührlicher Weise auflockert und von selbst nicht ordentlich 
heilt. Wenn im Kamin Ziegel (rot, wie die Schleimhaut) gelockert 
sind, kann auch Rauch entweichen. — Über „Schornstein" und „Ziegel" 
führt eine Assoziation zu der bekannten Lesebuchgeschichte von 

4 5. 



714 Herbert Silberer. 

jenem Manne, der auf die Mitteilung, daß am Dach seines Hauses 
ein Ziegel fehle, bloß die Achseln zuckt, der auch das nächste 
Jahr, als schon mehrere Ziegel fehlen, nichts von einem Dachdecker 
wissen will und der für seinen unangebrachten Sparsinn durch einen 
furchtbaren Schaden bestraft wird. Auch bei mir ist die Beschädigung 
des Ziegelwerkes (Nasenschleimhaut) nichts Gleichgültiges. Der Schaden 
muß (wenn's auch eine kleine Überwindung kostet; Unannehmlichkeit 
der Behandlung) beizeiten behoben werden, sonst breitet er sich aus 
und richtet allerlei Verheerungen an (an einen unschuldig scheinenden 
„Schnupfen" haben sich bei mir schon die unangenehmsten Folgschaften 
gehängt). — Alle diese Erwägungen dürften mitbestimmend gewesen 
sein für die Gestalt des somatischen Symbols. 

Beispiel Nr. 22: Eines Vormittags hatte ich mit jemandem eine 
wichtige Unterredung. Es lag mir daran, daß ein Wunsch, den ich hatte, 
Verwirklichung fände. Ich befürwortete meine Sache nach Kräften und 
legte im Verlaufe des eifrigen Gesprächs meine Rechte auf eine Hand jener 
Person, gleichsam um meinen Worten mehr Gewicht zu geben. Da wurde 
aber die Hand zurückgezogen, ein ablehnendes Symptom. — Nachmittags 
fühle ich mich müde und wohl auch verstimmt darüber, daß ich von jener 
Seite, die ich vormittags konsultierte, keine Förderung meiner Idee zu er- 
warten habe. Ich versuche zu schlafen. Da plötzlich sehe ich die Szene 
von vormittag vor mir. Diesmal finde ich mehr Verständnis. Die Person, 
mit der ich spreche, behandelt mich ganz väterlich, nimmt wohlwollend 
meine Hand in beide Hände und verspricht, mich in meiner Bestrebung 
wärmstens zu unterstützen — so wie ich's erhofft hatte. Meine üble 
Stimmung weicht sogleich einem Gefühle der Erleichterung. — 
Allerdings mache ich bald darauf die enttäuschende Entdeckung, daß 
der herzliche Händedruck darauf zurückzuführen ist, daß ich auf meiner 
Hand liege. 

Anmerkung: Das somatische Material, der „Leibreiz", wird 
hier in den Dienst einer wunscherfüllenden Phantasie gestellt und 
dementsprechend apperzipiert. In diesem Beispiel herrscht deutlich 
eine jener „Komplex"-Konstellationen, wie man sie im Traume so 
häufig nachweisen kann. — In der gesperrt gedruckten Stelle offenbart 
sich die teleologische Seite der Wunscherfüllung im Traum, in deren 
Dienst die Symbolik bekanntermaßen oft gestellt wird. Der Schlaf 
soll leibliche und seelische Erquickung bringen; diese ist (wofern über- 
haupt geträumt wird) nur möglich, wenn seelische Mißtöne beseitigt, 
quälende Wünsche vorübergehend als erfüllt dargestellt werden. Daß 
sich dann zwischen mehreren Wünschen ein Kampf ab- 
spielen kann, der das Angestrebte in Peinliches verwandeln 



Über die Symbolbildung. 715 

und neue Konflikte heraufbeschwören kann, das ändert 
nichts an der Zweckmäßigkeit der Einrichtung an sich. 

Beispiel Nr. 23 (hypnopompisch) : In der Nacht gerate ich nach einem 
unruhigen Schlaf in einen halbwachen Zustand. Dabei erlebe ich folgende 

Szene: Ich breche eine Anzahl Zweigs von einem Tollkirschenstrauch 
und stecke einige von den Früchten in den Mund. Um mich nicht zu ver- 
giften, spucke ich die zerkauten Kirschen wieder aus, es gelingt mir aber 
nicht, den widerlichen Geschmack wegzubekommen. Auch besorge ich, 
etwas von dem giftigen Saft verschluckt zu haben. 

Deutung: Beim vollständigen Erwachen konstatiere ich, 
daß ich mich in einem fieberhaften Zustande befinde (wahrscheinlich 
Reaktionsfieber nach einer Lapisbehandlung der Nasenschleimhaut) 
und daß ich einen schlechten Geschmack im Munde habe. Dazu kommt 
ein durch Schleimmassen verursachter Brechreiz. In der traumhaften 
Apperzeption dieses Sachverhaltes hat die toxische Eigenschaft der 
Tollkirschen zur Erklärung des Unwohlbefindens, ihr widerlicher 
Geschmack {den ich allerdings nicht aus eigener Erfahrung kenne) 
zur Erklärung des eklen Geschmackes im Munde gedient. Vermutlich 
ist das Bild noch durch irgend einen Komplexeinfluß herangezogen 
worden, welcher den Ausschlag gab, daß unter mancherlei möglichen 
Bildern gerade das der Tollkirschen gewählt wurde. Die Assoziation 
vom Übelbefinden und schlechten Geschmacke zu den Tollkirschen 
erscheint mir zu schwach, um allein zu genügen (wie etwa 
die schöne assoziative Verankerung von Symbol und Gegenstand 
im Beispiel Nr. 21, vom rauchenden Kamin), obgleich ich mich 
damals mit Solaneen beschäftigte und die Tollkirschen daher nicht 
gerade weitab lagen. 

Beispiel iNr. 21: Ein Ubergangsfall zwischen Traum und hypno- 
pompischei Halluzination. Des Morgens: 

Sze ne : Ich stehe vor einem Spiegel und sehe mein Gesicht fürchterlich 
entstellt. Mein linkes Auge ist verkniffen, verschwollen, verfärbt. Die 
Geschwulst nimmt sich so entsetzlich aus, daß ich mich frage, ob denn in 
den Falten des bläulichen Fleischklumpens der Augapfel überhaupt noch 
vorhanden oder ob er nicht am Ende zerstört sei. Ich versuche krampfhaft, 
das linke Auge zu öffnen. Mit einiger Anstrengung gelingt dies auch ein 
bißchen, doch — was sehe ich da im Spiegel? Unter dem Auge, das durch 
die Geschwulst fast ganz verdeckt ist, steckt ja im Fleisch ein pflaumen- 
großes Gebilde, das sich eben den Weg nach außen bahnt ! Ich helfe tapfer 
nach — so, wie wenn man einen Mitesser ausdrückt — und, richtig, die 
Kugel läßt sich herausquetschen. Ich erwache, indem mir, gleichsam als 
Fortsetzung eines Satzes aus der Beschreibung einer Operation, die Worte 
gegenwältig sind: ,, . . . und einen großen Tumor entfernte". 



716 Herbert Silberer. 

Deutung: Nach dem Erwachen nehme ich wahr, daß ich mit 
der linken Gesichtshälfte auf meiner linken Hand liege und daß der 
Knöchel des Daumens dicht unter dem Auge einenhartenDruckausübt. — 
Dieses Beispiel zeigt noch deutlicher als das vorige den Einfluß anderer 
Momente als der durch die somatische Sachlage gegebenen. Die Ein- 
drücke werden tendenziös so apperzipiert, daß sie einen Angstaffekt 
mit nachherigem Erleichterungsgefühle scheinbar begründen. Es ist 
mir leider nicht bekannt geworden, welcher Komplex die von den Leib- 
reizen gegebenen Data zu seiner Darstellung benutzte. 

Beispiel Nr. 25. — Bedingungen: Abends im Bette liegend, will 
ich mir versuchshalber irgend eine Zahl einfallen lassen, die meinen gegen- 
wärtigen Zustand (ich meinte mehr den seelischen als den körperlichen) 
symbolisieren soll. Ich habe die Absicht, den Einfall nachträglich psych- 
analytisch zu betrachten. 

Einfall (visuell): 247. 

Deutung: Als ich diese Zahl vor mir sehe, habe ich fast gleich- 
zeitig das Gefühl, daß ich selbst durch meine Körperlage das Bild der 
Zahl liefere. Es ist mir nicht sofort klar, wie : aber nach einigen Sekunden 
wird mir Aufschluß. Die Zwei wird durch die Lageempfindung in 
meinem linken Arme, der unter dem Kopfe zurückgelegt ist, hervor- 
gerufen 1 ), die anderen beiden Ziffern durch die Lageempfindungen 
der Beine. Die Beine sind gekreuzt (sie bilden in Wirklichkeit das 
Ziffernbild 4, denn ein Bein ist gestreckt, das andere im Knie ungefähr 
rechtwinklig gebogen) ; 4 und 7 sind die einzigen Ziffern, in denen sich 
je zwei gerade Linien kreuzen; sie sind also die einzig geeigneten und 
dabei sehr geeigneten Abbilder meiner Beinstellung. Außerdem ist 
4 — |— 7 = 11 ; und die Beine nennt man „die Elfer". 



In diesen und ähnlichen Beispielen, welche man durch Hervor- 
rufung hypnagogischer Halluzinationen gewinnen kann, kommt mehr 
oder minder sichtbar jene Tendenz jedes vorgestellten Gegenstandes 
zum Ausdruck, „voll erlebt zu werden oder adäquat, das heißt, 

in einem adäquaten Bild erfaßt zu werden 2 ) Diese Tendenz besteht 

in uns jederzeit und sie ist jederzeit um so stärker, je mehr die Vor- 
stellung des Gegenstandes in uns Kraft hat oder wir ihr hingegeben 



1 ) Ganz ähnlich war das auf derselben Grundlage beruhende Bild des 
Beispiels Nr. 7. 

2 ) Theodor Lipps, a. a. O., S. 246. 



Über die Symbolbildung. 717 

sind. Und dies wird jederzeit um so mehr der Fall aein, je mehr der 
Gegenstand uns bedeutet oder je eindrucksfähiger er ist, je mehr psychi- 
sche Energie mit anderen Worten die Vorstellung hat". 

Diese psychische Energie, die als das treibende Moment bei dem 
früher 1 ) erwähnten „positiven Faktor" der Symbolbildung anzusehen 
ist, kann ebensowohl in einer willkürlichen Anstrengung oder „Hin- 
lenkung" der Apperzeption gesucht werden als in einer Aifektbesetzung 
des Gegenstandes, der sich ins Bewußtsein schiebt und in Symbol- 
form sich durchsetzt. Die durch willkürliche Aufmerksamkeitshin- 
lenkung hervorgebrachte Energiebesetzung des Gegenstandes er- 
möglicht eben das willkürliche Hervorrufen der autosymbolischen 
Phänomene, wie ich es in dem mehrfach erwähnten „Berichte" dartat. 
Besonders können die reinen „materialen" Phänomene nur dann 
zustande kommen, wenn die Energiebesetzung von der rein sachlich 
orientierten Aufmerksamkeit und nicht von den tendenziösen Affekten 
herrührt. Affektbesetzung pflegt bei den Phänomenen, sofern sie 
zur materialen Kategorie gezählt werden, eine Störung zu bedeuten, 
eine Abdrängung von der strengen Sachlichkeit und daher eine Ver- 
schiebung vom Symbole des I. Typus zu einem solchen des II. Typus. 
Bei den Phänomenen der funktionalen Kategorie 2 ) dagegen ist das 
affektive Moment kein Fremdkörper, sondern ganz im Stil dieser 
Kategorie gelegen. Gehören doch die Affekte als psychische Ee- 
aktionsweisen gerade zum funktionalen Dasein der Psyche ! 

Die Frage der Affektbetonung wird auch von Stekel 3 ) angeschnitten. 
Bezugnehmend auf meine Beobachtungen und auf das Grill parzersche 
Beispiel, macht er einige Bemerkungen, zu denen ich bei dieser Gelegenheit 
Stellung nehmen will. „Ich bin", so schreibt er, „gleichfalls in der Lage. 
einige Beispiele zur Symbolisierung unbewußter Gedanken im Einschlafen 
zu bringen. Ich verweise diesbezüglich auf die bereits 4 ) analysierten Bei- 
spiele, da der während der Kur Einschlafende statt des psychoanalytisch 
forschenden Arztes den Zahnarzt erblickt, der ihm auf den Zahn fühlt. 
Bemerkenswert ist, daß mit der Symbolisierung sofort die Sexualisierung 
eintritt. Ich kann nach meinen Erfahrungen nicht immer einen Zusammen- 
hang zwischen dem hypnagogen Bild und den Wachgedanken herausfinden. 
Abweichend von Silberer, habe ich oft (auch bei mir 5 ) selbst !) Bilder kon- 
statieien kön nen, die keine Assoziation an die Wachgedanken erkennen 

*) S. 684. 

2 ) Oder sofern gemischte Phänomene (und sie sind ja fast alle „gemischt" !) 
unter dem Gesichtspunkt der funktionalen Kategorie betrachtet werden. 

») Stekel, a. a. O., S. 491. 

4 ) Nämlich a. a. O. 

») Stekel. 



718 Herbert Silberer. 

ließen. Ich glaube, der Unterschied der Beobachtung läßt Bich leicht auf- 
klären. Nur affektbetonte Wachgedanken gehen in den Traum 
über. Schlafe ich vor Langeweile ein, so melden sich ganz andeie, fremde, 
aber affektreiche Bilder, die ich zurückgedrängt habe. Ich habe vielleicht 
aus diesem Grunde mich gelangweilt und keine Aufmerksamkeit aufbringen 
können. " 

Gemäß meinen oben gemachten aus der Erfahrung geschöpften Be- 
merkungen kann die gesperrt gedruckte Formel in Stekels Ausführungen 
nur in dem Fall unverändert aufrecht erhalten bleiben, wenn man den 
Willen oder die Anspannung der Aufmerksamkeit unter die Affekte rechnet. 
Denn ich halte es für erwiesen, daß nicht bloß die apperzeptive Insufficienz 
auf rein intellektualer Basis (ohne Affektmitwirkung) entstehen kann, 
sondern daß auch der „positive Faktor", also der, welcher sich zum Symbol 
durchringt, ebensowohl von der Anspannung der Apperzeptions- 
kraft als von den Affekten her jene Energiebesetzung erhalten kann, 
die zum „Durchringen" notwendig ist. Daß man nicht beides in einen Topf 
werfen sollte, das ergibt sich meines Erachtens schon aus den verschiedenen 
Symboltypen, die sich in den zwei möglichen Fällen ergeben. Eine Be- 
ziehung der Halluzinationen zu den Wachgedanken, die Stekel oft vermißt, 
ergibt sich nur, wenn diese energiebesetzt (das ist wohl ein besserer Aus- 
druck als „affektbesetzt") waren. Geht man darauf aus, eine Umsetzung 
der Wachgedanken in ein Symbol zu erzielen, so muß man sie eben (wie es 
mein „Bericht" angibt), willkürlich mit Aufmerksamkeit besetzen. Geschieht 
dies nicht, so werden sich freilich die stets bereiten affektbeladenen Kom- 
plexe des Einschlafenden bemächtigen und (ohne Rücksicht auf die Wach- 
gedanken) selbst zur symbolischen Darstellung zu gelangen suchen. In 
solchen Fällen, d. h. wo die Affekte mitzureden haben, tritt freilich sehr 
leicht „mit der Symbolisierung sofort die Sexualisierung" ein. Nach meinem 
Dafürhalten muß dies jedoch nicht immer sein; die Holle der Sexualität 
habe ich in meinem Beispiel Nr. 1 am Schlüsse hinreichend gewürdigt. 
Noch ist zu Stekels Worten zu erwähnen, daß — wie meine Beispiele 
deutlich erweisen — nicht bloß „unbewußte" Gedanken zur symbolischen 
Darstellung gelangen. Dies nur, um einer irrtümlichen Auffassung zu 
begegnen ! 

Dem Ungeübten mag es vielleicht manchmal Schwierigkeiten 
machen, ein Phänomen als materialea oder funktionales zu agnoszieren. 
Insbesondere mag es bei komplexen Phänomenen schwer fallen, die 
materialen und funktionalen Elemente (Determinationen) heraus- 
zufinden und voneinander zu scheiden. Ich gebe zu, daß manchmal 
beide Arten von Determinationen dergestalt miteinander verwachsen 
sind, daß ein Isolieren des einen Momentes vom andern kaum gelingt; 
es gibt eben Übergangs- und Grenzfälle. Doch läßt sich die Scheidung 
meistenteils recht gut durchführen. 

Zum Auseinanderkeimen der Phänomene erster und zweiter 



Über die Symbolbildung. 719 

Kategorie ist außer der rein logischen Betrachtung die Würdigung 
des Umstandes sehr nützlich, daß die halluzinierten Szenen der funktio- 
nalen Kategorie (in ihrem manifesten Auftreten) eine Affektbetonung 
aufzuweisen pflegen. Diese Tatsache stimmt mit jenem Prinzip iiber- 
ein, welches ich geradezu als das „Kriterium" zur Erkennung des 
funktionalen Phänomens bezeichnen möchte: Zum funktionalen 
Phänomen ist eine Ichbeziehnug notwendig, die aktuell sein muß. 
Diese Ichbeziehnug muß Erlebnis sein, nicht etwa bloß Gegenstand 
des diskursiven Denkens 1 ). Es genügt daher zum funktionalen Phä- 
nomen nicht, daß das Symbol, welches auftritt, etwas Psychisches 
zum (latenten) Gegenstande habe. Sondern dieses Psychische muß 
in meiner eigenen Psyche aktuell sein, indem ich es entweder erlebe 
oder nachfühle (letzteres durch Erinnern und „Einfühlen" in fremde 
psychische Zustände). Das unbeteiligte Nachdenken über einen Gegen- 
stand (und beträfe er auch psychische Verhältnisse) liefert, falls es 
zur Verbildlichung kommt, das Symbol der materialen Kategorie. 
Die mitgeteilten Bestimmungen hindern nicht, daß auch das funktionale 
Phänomen unter Umständen einen ganz „sachlichen" Charakter haben 
und dem Symbol des ersten Typus eingereiht werden kann. 

Wir können uns nun zum Schlüsse mit noch einigen Beispielen 
befassen, die teils eigentümliche Verflechtungen von Determinationen 
verschiedener Kategorien, teils andere Eigentümlichkeiten zeigen. 
Es sind wieder hypnagogische Halluzinationen der autosymbolischen 
Art. Ich bringe sie ohne Einteilung in Gruppen. 

Fortsetzung der Beispiele. 

Beispiel Nr. 26: Es handelt sich, wie man gleich sehen wird, um 
einen jener Fälle, wo ein psychischer Vorgang (Funktion) Gegenstand der 
Symbolik ist, aber so, daß dieser Vorgang nur theoretisch gedacht (als ein 
Inhalt!), nicht aber aktuell eilebt (als aktuelle Funktion) wird. Der 
Gegenstand der Symbolik ist für mich nur psychologisch, nicht aber 
psychisch. Daher ist das auftretende Phänomen ein materiales, nicht ein 
funktionales. 

Bedingungen: Angeregt durch den Wundtschen Gedanken an 
die „psychologische Kausalität", suchte ich mir zu vergegenwärtigen, wie 
es wäre, wenn man den ganzen Vorstellungsverlauf (samt Gefühlen, Willens- 



J ) Ich kann ja über einen psychischen Zustand oder eine psychische Funktion 
ebensogut auch bloß als ein Unbeteiligter „nachdenken" als ihn in mir (bewußt 
oder unbewußt) erleben. Dieses Erleben aber ist zum funktionalen Phänomen 
erforderlich. 



720 Herbert Silberer. 

handlungen, kurz, den gesamten in das Licht der Apperzeption tretenden 
Gang von Bewußtseinserscheinungen) während eines Tages oder mehrerer 
Tage aufschreiben würde. Ich stieß, als ich über die praktische Durch- 
führbarkeit nachdachte, auf die Schwierigkeit, die es geben würde, wenn 
man all die subtilen Schattierungen des Gefühlslebens genau wiedergeben 
wollte: anders als in Bildern und Umschreibungen ließen sich die fein 
nuancierten Gefühle nicht wiedergeben ; die Bilder aber sind keine präzisen 
Ausdruckswerkzeuge und würden das Ganze in unbestimmten Umrissen 
malen, statt es unverrückbar fest begrifflich zu fixieren. Der Ausdruck 
in Bildern wäre gewissermaßen zu extensiv : er würde gleichsam den scharf 
umrisBfenen Punkt, um den es sich handelt, in ein mehr oder minder phan- 
tasiereich ausgeschmücktes Band auseinanderziehen. Nur wenn ein solches 
extensives „Auseinanderziehen" — so dachte ich weiter — nicht planlos, 
sondern in solchen Richtungen geschähe, daß diese durch ihre Beziehungen 
zueinander den richtigen Brennpunkt unverkennbar angeben würden, 
nur dann wäre die Forderung, welche man an die Darstellung stellen muß, 
erfüllt. 

Symbol: Zwei rechtwinklig gekreuzte Schwerter. 

Deutung: Die Schwerter bedeuteten zwei Richtungen, in welchen 
sich die zur Veranschaulichung des zu beschreibenden Gefühls dienlichen 
Exkurse bewegen mochten; der Schnittpunkt dieser Richtungen aber, der 
Kreuzungspunkt der Schwerter, war daDn natürlich das Sinnbild der 
eindeutigen Bestimmtheit des zu definierenden Gefühls. In der Tat ist 
in der Planimetrie ein Punkt durch zwei Koordinaten eindeutig bestimmt, 
so groß die außerhalb des Punktes liegenden Stücke der beiden Koordinaten 
auch sein mögen. Die Schwertschneiden haben außerdem eine Beziehung 
zur Schärfe der eindeutigen Bestimmtheit. Es wurde ja ein ., scharf" 
umrissener Punkt gesucht! 

Quelle: Fechtunterricht. 

Anschließendes funktionales Symbol: Den geschilderten 
Gedankengang wollte ich mir — ich war nahe dem Einschlafen — rasch 
noch rekapitulieren, um ihn nicht zu vergessen. Sogleich stand, mit er- 
staunlicher Deutlichkeit, ein großer livrierter Lakai vor mir, gleichsam 
meine Befehle erwartend. (Analogon zu dem „sarkastischen Freund" von 
früher. Diesmal fühlte ich nicht jene Denkschwierigkeit wie damals und 
rechnete auf eine günstige Erledigung der gestellten — leichteren — Auf- 
gabe: daher das Bild des dienstfertigen Helfers, nicht des Spötters.) 

Beispiel Nr. 27.: Ein Fall sinniger Verschmelzung materialer und 
funktionaler Symbolik. Ebenso Beispiel Nr. 28. 

Bedingungen: Ich denke über die verschiedenen Arten der Gesetz- 
mäßigkeit in der Natur (Kantsches Problem) nach und sehe da zwei 
Probleme innig miteinander verwoben. Ich gebe mir Mühe, sie zu trennen, 
meine Urteilskraft läßt mich aber im Stiche. Die Begriffe verblassen immer 
mehr und ich erlebe endlich diese 

Szene: Ich bin an einer Melonenschnitte damit beschäftigt, den 
eßbaren Teil von der innig damit verbundenen Schale loszutrennen: ich 
schneide und schneide — aber es will nicht gehen. 



Über die Symbolbildung. '«1 

Deutung: Ein materiales Bild der innigen Verwobenheit der zwei 
Probleme (welche gleichsam zwei Seiten, Innen- und Außenseite, eines 
und desselben Dinges betreffen) und gleichzeitig ein funktionales Bild meiner 
erfolglosen Bemühung: die zwei Teile haften so aneinander, daß ich sie nicht 
trennen kann. Widerstand bei einer psychischen Operation. Die Szene 
ist affektbetont mit dem Gefühle der ärgerlichen Anstrengung. 

Quelle: Eezente Beschäftigung mit einem geometrischen Problem, 
wobei melonenschnittartige Figuren vorkamen, die mir anfangs auch 
Kopfzerbrechen machten. 

Beispiel Nr. 28. — Bedingungen: Durch das Zeitproblem an- 
geregt, bemühe ich mich, im Gegensatze zur kantischen Auffassung, die 
Vorstellung der Zeit als „Begriff" zu nehmen und Analogien unter anderen 
Begriffen zu finden, wonach sich die einzelnen Zeiträume zur Gesamtzeit 
eben&o verhalten sollten wie etwa stoffliche Mengen zur Gesamtmenge 
eines unter einem Begriffe gedachten materiellen Stoffes. 

Szene: Ich drücke eines jener Spielereiteufelchen, die aus einer 
Überraschungsbüchse herausspringen, in die Büchse hinein; jedesmal 
aber, wenn ich die drückende Hand wegziehe, springt das Teufelchen mit 
der Spiralfeder wieder lustig heraus: vergebliche Arbeit! 

Deutung: Die vergebliche Bemühung — das ist die funktionale 
Beziehung. Das gewaltsame Hineinpressen einer Sache in einen Begriff, 
als logisch gedachtes Verhältnis, als sachlicher Gegenstand meiner Über- 
legung, macht die materiale Seite der Determinationen aus. 

Beispiel Nr. 20. — Bedingungen: Es kommt mir eine Angelegen- 
heit in den Sinn, die ich für jemand zu ordnen hatte. Mir fällt ein, daß 
ich die Sache bereits erledigt habe, und komme zu dem Schlüsse, daß ich 
nichts mehr zu besorgen (nämlich keine Schritte in dieser Sache mehr zu 
tun) habe. 

Szene: (Zuerst eine akustische Halluzination materialer Kategorie, 
die ich an anderer Stelle 1 ) bereits beschrieben habe. Sodann:) Ich sehe 
einen müden, geneigten Kopf vor mir, mit matten, weißlichen Haaren, 
welche schlaff herabhängen. Dei Kopf eines greisen Mannes. 

Deutung: Dieser Greis hat in derTat (auf der Welt) „nichts mehr 
zu besorgen". Die Umdeutung der Worte „nichts mehr zu besorgen" auf 
ihren Nebensinn mag unter dem Einfluß eines affektbeladenen Komplexes 
vor sich gegangen sein. Jedenfalls stellt sie eine stark tendenziös aus- 
sehende Verschiebung längs einer Assoziationsbahn dar. Der unter „Be- 
dingungen" mitgeteilte Gedanke ist kaum mehr als der ,. Gegenstand" 
dieses Symbols anzusehen. 

Beispiel Nr. 30: Eine typische Verknüpfung von somatischer mit 
funktionaler Symbolik. 

Bedingungen: Abends vor dem Einschlafen habe ich ein quälendes 
Trockenheitsgefühl in der Nase, namentlich in deren oberen Partim. Ich 
möchte sehr gerne mit Mentholvaseline nachhelfen, wie ich es häufig tue, 

*) In dem mehrfach erwähnten „Bericht". 

Jahrlmcli für psychoanalyt. u. p.-o chopathol. Forschungen. III. 



722 Herbert Silberer. 

habe aber den Entschluß gefaßt, es heute nicht zu tun, um mich nicht daran 
zu gewöhnen und dann davon abhängig zu sein. 

Szene: Eine Verschwörung (etwa gegen einen Fürsten oder König) 
ist im Werk. Ich, im Gefühl es sei unrecht, tue nicht mit, bin aber doch 
irgendwie dabei beteiligt. 

Deutung: Verschwörung gegen den Herrscher: die Nase ist oben, 
wie der König und ist ein lästiger Herrscher. Man soll ihm mit Vaseline 
zu Leibe gehen, ich halte mich aber standhaft vor diesem Angriffe nach 
oben zurück. Dennoch bin ich an einer Verschwörung beteiligt, deren 
Ziel es ist, lästige Ketten abzuschütteln: ich strebe ja die Unabhängigkeit 
an, nämlich die Unabhängigkeit von den Kaprizen der Nase und den Fesseln 
der drohenden Angewöhnung. 

Quelle: Lektüre von „Hernani". 

Anmerkung: Die starke ethische Betonung der Verschwörungs- 
szene pfropft sich der ethisch bedeutungslosen Nasenangelegenheit auf. 
Es kann wohl nicht angezweifelt werden, daß durch Wiederholung und 
Gewöhnung solcherart inadäquate ethische Betonungen allem Möglichen 
sich aufpfropfen. Anerziehung von überflüssigen Hemmungen ! 

Beispiel Nr. 31.: Ein Fall, wo das auftretende Bild nicht für 
einen bewußt vorhandenen, sondern für einen gesuchten Inhalt, nämlich 
für ein mir entfallenes Erinnerungsmaterial symbolisch eintritt. 

Bedingungen: Ich denke über einen Versuch nach, „des Sängers 
Fluch" von Unland in Musik zu setzen. Ich vergegenwärtige mir die 
Stelle : 

„Sie singen von Lenz und Liebe" usw. 

welche ich bisher zwar zu formen schon versucht habe und die mir in einzelnen 
Teilen schon lange vorschwebt, die aber noch keine feste Gestalt angenommen 
hat und auch nicht niedergeschrieben ist. Ich habe das Gedicht nur mehr 
mangelhaft im Kopf. Ich denke mir die Strophe rein musikalisch (ohne 
die Worte) zu Ende — dann stocke ich, weil ich den Übergang zu der dra- 
matischen Szene nicht mehr recht weiß. Da tritt das Symbol auf. (Hin- 
zuzuiügen ist noch, daß ich erkältet bin und mich nicht wohl fühle; leichte 
Erregung.) 

Szene in 3 Stadien: 1. Ich stehe mit den Füßen in einer Art Rille, 
die sich meinen Beinen seitlich anschmiegen zu sollen scheint. — 2. Die 
Rille wird flacher und entpuppt sich als die Hohlkehle eines Pfeilerprofils 
in einer (wahrscheinlich gotischen) Kirche. Da ich senkrecht zur Kehle 
stehe, liege ich eigentlich (horizontal). — 3. In der Hohlkehle bemerke ich 
Zeichen eingegraben. Es ist, als ob ich, einem Ritual folgend, diese Zeichen 
(durch meine Stellung) auszudrücken hätte. 

Deutung in 2 Stadien: 

1. Gleich beim Erwachen aus dem Dämmerzustände glaube ich aus 
dem Symbol dies entnehmen zu sollen : ich habe die Aufgabe, das, worauf 
ich stehe oder fuße, die Zeichen in der Rille, auszudrücken; kann mit 
ihnen aber niemals übereinkommen, da ich senkrecht zur Rille stehe. 
Die Bedeutung ist somit: Unmöglichkeit, den Gehalt des Gedichtes über- 



Über die Symbolbildung. 723 

einstimmend musikalisch auszudrücken. Außerdem: die Ver- 
geblichkeit des Nachdenkens und der Bemühung, mir die entfallene Stelle 
in die Erinnerung zurückzurufen und in den Zusammenhang einzufügen. 
Ein Gewebe aus funktionalen und materialen Beziehungen. 

2. Tags darauf fällt mir die Bedeutung der Kirche erst auf, als ich 
mir — diesmal mit Erfolg — die Stelle des Gedichts ins Gedächtnis zurück- 
rufe: Sie lautet: 

„Die Höflingsschar im Kreise verlernet jeden Spott; 

Des Königs trotz'ge Krieger, sie beugen sich vor Gott." 

Das Wesentlichste an dem Phänomen scheint mir jetzt die Umsetzung 
dieses Inhalts, der mir in der Originalfassung nicht einfallen wollte, ins 
Symbol zu sein. Eine husche Ersatzbildung! In dem Symbol findet sich 
die gesperrt gedruckte Stelle des Zitates wiedergegeben. Die Beziehungen 
sind hergestellt durch Gott — Kirche, und durch Beugen (Anbetung) ■ — 
Beinstellung (mit ritueller Bedeutung). 

Quellen: Beschäftigung mit Mathematik (Achsen, Normale) kurz 
vor Auftreten des Phänomens, im Bette. — Beschäftigung mit Keliefs, 
Abraxen, Steinmetzzeichen. — Somatische Quelle: Meine horizontale 
Lage; ein Unterschenkel liegt in einer nach gewissen Riten symbolisch 
bedeutsamen Stellung senkrecht abgebogen unter dem andern Bein. (Vgl. 
die dritte Phase der halluzinierten Szene.) 



46* 



Über die Behandlung einer Psychose 
bei Justinus Kerner. 

Von Herbert Silberer (Wien). 



Am 28. März 1828 kam zu Justinus Kerner der Graf von Mal- 
deghem und überbrachte ihm ein Schreiben seines Arztes Dr. Endres, 
worin dieser die Krankengeschichte der psychotischen Gräfin von Mal- 
deghem, der Gemahlin des Grafen, darstellt. Der Zweck des Besuches 
bei Kerner war eine Konsultation der Seherin Frau Hauffe, die 
in Kerners Behandlung stand und angeblich sowohl für sich selbst 
als für andere Personen erfolgreiche Heilmittel angegeben hatte. 

Aus der Krankengeschichte wäre zu erwähnen: . . . Schon in ihrer 
Jugend entwickelte sich „eine höchst reizbare Stimmung des Nerven- 
systems ... In ihrem 23. Jahre vermählte sie sich mit dem Grafen von M. 
Sie lebten mehrere Jahre glücklich miteinander, und ihr jetziges psychisches 
Leiden datiert sich von dem zweiten Wochenbette . . . Ihr Gemütszustand 
ist ein wachendes Traumleben. Sie hat drei fixe Ideen, die gleichsam 
den Kreis bilden, in dem sich alle ihre Traumbilder bewegen, nämlich 
1. Zweifel an der Persönlichkeit ihres Mannes und ihrer Kinder (sie hielt 
diese und andere Personen für bloße Scheinbilder) ; 2. Erwartung oder 
vielmehr heiße Sehnsucht nach einer Umwandlung ihres Wesens (sie sah 
sich als Scheusal, vernahm Stimmen, die sie beschimpften, kam sich 
eingekerkert vor und erwartete sehnsüchtig die Befreiung usw.) und 
3. Erwartung einer überirdischen Erscheinung, durch welche ihre Ver- 
wandlung bewirkt werden soll." 

Das definitive Eintreten in diese ., Traum weit" geschah am 
31. Oktober 1827 in der vierten Woche einer Niederkunft. Die Spuren 
dieses Zustandes reichen viel weiter zurück, ohne indes in dem von 
Kern er mitgeteilten Bruchstücke der Krankengeschichte erörtert 
zu werden. 



Über die Behandlung einer Psychose bei Justinus Kerner. 7-><> 

Die Seherin von Prevorst, Frau H., die man in dem anscheinend 
hoffnungslosen Fall konsultierte, meinte in ihrer Bildersprache: 

„Ich fühle sie im Traumringe, aber in einem eingesperrten, 
fixierten Zustande 1 ). Sie muß in diesen Ring weiter hinein und muß 
in ihm ungebunden sein können, oder noch besser heraus, in die Außen- 
welt. Im ersteren Falle wird sie magnetisch und ist dann leichter zu 
heilen, im zweiten Falle wird sie sogleich gesund." 

Und sie ordnete verschiedene sympathetische Heilmittel an, 
von denen man Gebrauch machte. Bald darauf, am 18. April, fand 
sich Graf von M. samt seiner Gemahlin bei Kerner ein. Er erzählte, 
daß er laut Vorschrift vom 3. April an die Behandlung der Kranken 
begonnen habe. An den ersten sechs Tagen sei keine wesentliche Ver- 
änderung zu bemerken gewesen. Am 9. April aber habe ihn seine Frau 
aus einer Gesellschaft, in der er gerade gewesen, gerufen und ihm folgendes 
eröffnet: Sie habe auf einmal aufs innigste an jene Frau (die Seherin 
von Prevorst) denken müssen und habe sich von da an gezwungen 
gefühlt, „dem Grafen zu sagen, was sie eigentlich in diesen 
Zustand gebracht, was sie noch keiner Seele gesagt und was 
auch dem Grafen unbekannt war. Von nun an, und nament- 
lich nach dieser Eröffnung an den Grafen seien die vorigen 
Verwirrungen weg gewesen und die Gräfin wie aus einer 
Traumwelt in die "Wirklichkeit versetzt worden. Sie habe 
nun den Grafen und ihre Kinder wieder als die wirklichen erkannt etc." 
Die Gräfin war nun geheilt, wenn auch noch nicht vollkommen. 
Dr. Endres berichtete: „Der Schlagbaum scheint nun niedergerissen 
zu sein, der die Gräfin von der wirklichen Welt trennte und in eine 
Welt voll Träume versetzt hatte. Ihre fixen Ideen sind größtenteils 
niedergegangen, nur die Nachklänge von ihnen sind noch im Bewußt- 
sein vorhanden, diese aber kommen oft sehr laut, doch nicht anhaltend ." 
Das Bewußtsein und die Auffassung der Wirklichkeit waren nicht mehr 
getrübt, wie früher, sondern nur mehr durch Anklänge der früheren 
Zweifel öfter gestört; sie hörte auch noch öfters die sehmähenden 
Stimmen. Das Bestreben der Frau H., die von der Gräfin häufig besucht 
wurde, ging mm hauptsächlich dahin, „i n dem Her zender Leidenden 
wieder das Licht des Glaubens und Vertrauens anzufachen, 
welches nur durch Gebet geschehen konnte ..." Als die Gräfin fragte: 
„Wie kann ich denn aber diese beunruhigenden Gedanken vergessen?" 

!) Vgl. damit die Auffassung der Dementia praecox in der Zürcher Schule. 
(Jung: Psychologie der Dementia praecox und Idem: Der Inhalt der Psychose.) 

4 6 



726 Herbert Silberer. 

antwortete sie ihr: „Vergessen wirst du sie nicht, aber bald 
wirst du sie mit anderen Augen ansehen." Im Mai war die 
Gräfin, welche die Anordnungen der Frau H. pünktlich befolgte, voll- 
kommen genesen und blieb gesund. 

Die ganze Darstellung zeigt deutlich, daß die Psychose der Gräfin 
von M., abgesehen von der Disposition hierfür, ganz auf einem patho- 
genen Komplex aufgebaut war. Die zweite der von Dr. Bndres in der 
Krankengeschichte angeführten „fixen Ideen" zeigt eine schöne Pro- 
jektion des ümern Zustandes nach außen; eines jener gestaltungs- 
kraftigen funktionalen Phänomene, die ich für die Bildung der Märchen- 
und Mythenstoffe in Anspruch nehmen zu sollen glaube 1 ). Daß sich 
die Kranke eingekerkert, durch Schranken in ihrer Freiheit gehemmt 
daß sie sich in unterirdische Gänge gesperrt fühlt, daß sie Stimmen 
(Personifikationen dissoziierter Vorstellungs- und Triebgruppen) hört 
daß sie an eine Rettung durch „Befreiung" glaubt, das alles sind Bilder,' 
die auf den Aufbau ihres psychischen Zustandes Bezug haben. Sie' 
sind - wie Freud sagen würde - „endopsychisch" wahrgenommen 
und in die Außenwelt projiziert. Sie erinnern lebhaft an beliebte Märchen- 
motive (verwunschene Prinzessin, in lichtlose unterirdische Räume 
gesperrt; qualvolle Wanderung durch finstere Klüfte; Erlösung durch 
einen wunderbaren Befreiungsakt); und die Verwandtschaft wird noch 
augenfälliger, wenn ich (nach K er n er) mitteile, daß der Gräfin Menschen 
die ihr sonst Heb gewesen waren, in Gestalt von Tieren erschienen,' 
genau als ob sie von einer Märchenhexe verzaubert worden wären' 
„Gatte und Kinder ließen sie völlig kalt" - dieses Nichterkennen 
der Gehebten ist auch ein bekanntes Märchenmotiv. Die Gräfin sah 
m sich selbst ein Scheusal, „vor dem alle Menschen zurückschrecken 
oder sich in Spott ergießen" (das verspottete Aschenbrödel usw ) 
weswegen sie auch ihr Gesicht beständig vor den Menschen verbarg 
und allen Umgang mit ihnen floh (etwa wie Prinzessin Allerleirauh 
sich am Hofe des fremden Königs verbirgt). Die Gräfin war, nach 
Kerner, „sehr lieblich" anzusehen. Wir haben also hier die in ein 
abschreckend häßliches Wesen verzauberte Schöne, die schließlich 
wunderbar erlöst werden soll. Den ganzen Sinn des Bildes — wie auch 
der anderen Bilder — können wir unmöglich ergründen. Freilich ist 
es ein Symbol des innern Zustandes (funktionales Symbol); außerdem 
ist es aber s pezifisch bestimmt (als materiales Symbol) durch irgend ein 

») Man findet hierüber Näheres in meiner Abhandlang „Phantasie und 
Mythos , im vorjährigen IL Halbbande dieses „Jahrbuches". 



Über die Behandlung einer Psychose bei Justinus Kerner. 727 

zur Traumenkette gehöriges Ereignis, worin man den Grund dafür suchen 
müßte, warum unter vielen Möglichkeiten gerade dieses und jenes 
Bild gewählt wurde. Leider erfahren wir nichts Näheres darüber. Die 
Krankengeschichte bei Kerner läßt uns im Stich. 

Ebenso, wie die Gräfin H. die Struktur ihres psychischen Zu- 
standes (endopsychisch) wahrnahm und bildlich erkannte 1 ), so fühlte 
auch die darüber konsultierte Seherin von Prevorst ohne kritisches 
Verständnis, instinktiv, das nichtige. Auch sie erkennt die Sachlage 
„mythologisch". (Sie sagt ja: „Ich fühle sie im Traumringe, aber in 
einem eingesperrten, fixierten Zustande" usw.) Sie fühlt auch, daß 
eine „Befreiung" möglich ist, wenn man die Kranke aus dem „Traum- 
ring" herausführt. 

Die Bolle, die die Seherin bei der Heilung der Gräfin spielt, ver- 
dankt sie offenbar dem Vertrauen, das man in sie setzt. Mit anderen 
Worten: Während Justinus Kerner die Kolle der Frau H. als ein 
Beispiel von magnetischer oder magischer Heilung auffaßt, die man 
der fernwirkenden und divinatorischen Fähigkeit der Seherin verdanke, 
darf sich der Kritiker höchstens so weit versteigen, in Frau H. ein 
Idol eines wirksamen Glaubens zu sehen. Der Glaube kann Berge 
versetzen kraft seiner suggestiven Wirkung. Die Gräfin glaubte 
an Frau H., und darum setzten sich die Berge, die sich im Innern der 
Gräfin aufgetürmt und gewisse Geheimnisse behütet hatten, in Be- 
wegung. Ein kathartisches Ereignis 2 ) bereitete sich vor. Aus der 
zerklüfteten Seele stiegen die verschütteten, die lebendig begrabenen 
Geheimnisse empor. Gräfin von M. fühlte sich gedrängt, dem 
Grafen Mitteilung zu machen von dem, „was sie eigentlich 
indiesenZustand gebracht", also vom pathogenenKomplcx. 
Und nach dieser erleichternden Mitteilung trat die Besserung mit 
einem Schlage ein — wie in den analogen Momenten der psychana- 
lytischen Behandlung. 

Die Heilung war indes noch keine vollkommene. Dafür mochte 
es zwei Gründe geben. Erstens war nur ein Stück der Komplexgeschichte 
ausgelöst und abgestoßen worden; das Hauptglied vielleicht, aber 
immerhin nicht alles; nicht der ganze Komplex samt seinen Wurzeln, 
denen der gewissenhafte moderne Analytiker noch nachgehen würde. 

J ) Analog dem „mythologischen Erkennen" in der Geschichte der Phi- 
losophie. Vgl. die Abhandlung „Phantasie und Mythos". 

J ) Freud nannte sein Heilverfahren lange Zeit hindurch: die „kathartische 
Methode". 



728 



Herbert Silberer. 



Zweitens, was wohl ebenso wichtig ist, fehlte das Moment der psychischen 
Kräftigung, welchem nach Jung ja sogar der Löwenanteil an dem 
Heilerfolge zukommt. In seinen „Assoziationsstudien 1 )" schreibt dieser 
Autor am Schlüsse des ersten Bandes, gelegentlich der Darstellung 
eines psychanalytisch behandelten Falles von Zwangsneurose: 

„. . . Die Beichte ihrer Gedankensünden dürfte Patientin erheblich er- 
leichtert haben. Aber es erscheint unwahrscheinlich, daß es das Aussprechen 
oder „Abreagieren" allein ist, worauf man die Heilung zurückführen kann. 
Em dauerndes Niederhalten der krankhaften Vorstellungen gelingt nur 
einer starken Energie 2 ). Zwangsmenschen sind schwach, sie sind unfähig 
ihre Vorstellungen im Zaume zu halten. Energiekuren wirken darum bei 
ihnen am besten. Die beste Energiekur aber ist, wenn man die Patienten 
mit einer gewissen Schonungslosigkeit zwingt, die ihrem Bewußtsein uner- 
träglichen Vorstellungen hervorzuholen und breitzulegen. Dadurch wird 
nicht nur die Energie auf eine harte Probe gestellt, sondern das Bewußtsein 
wird auch an die Existenz der ehemals verdrängten Vorstellungen gewöhnt. 
Die psychischen Sonderexistenzen werden zertrümmert dadurch, daß sie 
mit Willensanstrengung aus der Verdrängung hervorgerissen werden ans 
Tageslicht, Sie verlieren dadurch bedeutend an Nimbus und darum an 
Gefährlichkeit und zugleich bekommen die Patienten auch wieder das 
Gefühl, ihrer Vorstellungen Herr zu sein. Ich lege also den Nachdruck auf 
die Hebung und Stärkung des Willens und nicht auf das bloße „Abreagieren*' 
wie Freud es früher getan hat." 

Im Verlauf einer umständlichen Psychanalyse kann eine solche 
Kräftigung, wie sie Jung fordert, erfolgen. Bei der Gräfin von M. 
fehlte die vollständige Analyse wie auch die Kräftigung. Der Komplex 
war wohl aufgedeckt, auch war ein „Abreagieren" erfolgt, aber die 
Energie der Kranken war nicht kräftig genug, um der „Nachklänge" 
ihres krankhaften Zustandes Herr zu werden. Wieder erkannte Frau H. 
gefühlsmäßig, was not tat. Sie suchte, ihren eigenen frommen Tendenzen 
gemäß, das Gemüt der Gräfin mit religiöser Kräftigung zu versehen 
und erlegte ihr Gebetsübungen auf, gegen die die Gräfin sonst ein 
gewisses Widerstreben zeigte, wie Kerner erwähnt. Sie erweckte 
also in der Patientin nicht bloß Energie in Form von Zuversicht, sondern 
sorgte auch dafür, daß die Energie durch Überwindung von Widerständen 
gestählt werde. Mit anderen Worten, sie führte eine Energiekur ein. 
Daß diese einen religiösen Einschlag hatte, ist, insofern die Seherin 

J ) Di. C. G. Jung, „Diagnostische Assoziationsstudien". Leipzig 1906 
(J. A. Barth.) F S 

2 ) Man hat auch beobachtet, daß die quälenden Zwangsphänomene mindere 
Gewalt haben, wenn die Patienten eine Kräftigung (physisch) erfahren haben. 



Über die Behandlung einer Psychose bei Justinus Kerner. 729 

es so bestimmte, ein akzidentelles Faktum; insofern aber die Energie- 
kur mit religiöser Färbung bei der Gräfin wirklich verfing und für sie 
offenbar (wie die Heilung erweist) das Richtige war, ist sie ein wesent- 
liches Moment, fundiert in der aus der Kerner sehen Darstellung 
zu entnehmenden Tatsache, daß auch das Gemütsleben der Gräfin 
sozusagen relgiös orientiert und ihr Wahn mit religiösen Ideen durchsetzt 
war. Die Gräfin hatte eine wichtige Zeit ihrer Jugend in einem Kloster 
verbracht und gerade dort konnte „sie oft zu keiner klaren Überzeugung 
kommen, ob ihr ganzes Sein und Tun Wirklichkeit oder Traum sei". 
Indem, dank der zufällig gleichsinnigen Orientierung beider Frauen. 
gerade jene Saiten angeschlagen wurden, die in die Welt des Kom- 
plexes hineintönten, und indem die Energiekur auf eben diesen Linien 
in der Richtung von der religiösen Verzweiflung zur religiösen Zuversicht 
bewerkstelligt wurde, bildete sich sozusagen ein Rettungsseil, an dem 
die Gräfin aus den „unterirdischen" Räumen emporgezogen werden 
konnte. 

Nicht verdrängt sollten die „psychischen Sonderexistenzen'' 
(ich gebrauche Jungs Worte), sondern die Patientin sollte mit ihnen 
im Energiekampfe fertig werden. „Sie verlieren dadurch" — sagt 
oben Jung — „an Nimbus" usw.; und Frau H. drückt nichts anderes 
aus, wenn sie auf die Frage der Gräfin, wie sie die quälenden Gedanken 
(Zwangsgedanken) vergessen könne, antwortet: „Vergessen wirst 
du sie nicht, aber bald wirst du sie mit anderen Augen ansehen." 

Es liegt hier einer der so häufigen und immer wieder interessanten 
Fälle vor, daß instinktmäßig eine Wahrheit gefühlt wurde, deren ver- 
standesmäßige Erkenntnis einer späteren Zeit vorbehalten war. 



4 h + 



Die psychologische Enträtselung der religiösen 
Glossolalie und der automatischen Kryptographie. 

Von Dr. Oskar Pflster, Pfarrer in Zürich. 
(Schluß.) 



IL 
Analyse einiger graphischer Automatismen. 

Eine Woche nach der ersten analytischen Besprechung erzählte 
mix Simon, daß er seit drei Jahren eine eigentümliche Gewohnheit pflege. 
Eines Tages fühlte er sich nämlich innerlich gedrungen, Papier zu 
holen und eigentümliche Zeichen darauf zu entwerfen. Anfangs lachte 
er über dieses Treiben, allein die innere Nötigung kam immer wieder. 
Allmählich füllte er eben ganzen Band mit den rätselhaften Zügen. 
Da er jedoch letzteren keinen Sinn beilegte, vernichtete er das Werk, 
an dem er so lange gearbeitet hatte, was mir die Mutter bestätigte. 
Durch Zufall blieben mehrere vor einem halben Jahr geschriebene 
Blätter verschont und gingen in meinen Besitz über. Seither schrieb 
er noch immer dann und wann seine ihm unverständliche Geheim- 
schrift. 

Auf meine Aufforderung bin verfaßte er in einem Nebenzimmer, 
während ich die Zungenrede der Schwester analysierte, vier enge Seiten, 
zu denen er nur etwa drei Minuten gebraucht zu haben glaubt. Die 
zahlreichen in meiner Gegenwart gefertigten Handschriften lassen mich 
jedoch annehmen, daß ungefähr die doppelte Zeit nötig war. 

Die Schrift erinnert an Stenographie; doch nahm der Jüngling 
erst vor einem Monat drei Privatstunden zur Erlernung dieser Kunst, 
und zwar nach Stolze-Schrey. Früher kannte er vom bloßen Ansehen 
das System Gabelsberger, ohne es lesen zu können. Alle Stenographie 
war ihm widerwärtig; deshalb gab er den Versuch, sie zu erlernen, 
bald auf. Schon jetzt erwacht somit der Verdacht, es bilde die automa- 
tische Zeichenschrift ein genaues graphisches Seitenstück zur Glossolalie. 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie usw. 731 

Die Analyse der Schrift kam so zustande, daß ich Simon ver- 
anlaßt», kritiklos Zeichen um Zeichen zu fixieren und das einfallende 
Wort zu nennen. In der Folge erwies es sich als nützlich, zuerst angeben 
zu lassen, wieviel Zeichen ihm zusammenzugehören scheinen, wobei 
allerdings bisweilen Irrtümer einflössen, indem noch ein Zeichen hinzu- 
genommen oder weggelassen werden mußte, um einen Worteinfall 
zu erhalten. Obwohl ich keinen AugenbÜck den Verdacht hatte, daß 
eine vorbereitete Rede hergesagt werde, verdeckte ich die gelesenen 
Zeilen. Nur mühsam stellten sich die Einfälle ein. Sobald ich mich 
auch nur einen Schritt entfernte oder ihn selbst die „Umschrift" be- 
sorgen lassen wollte, kam keinerlei neues Material zum Vorscheine. 
Aus dem Zusammenhange gerissene Zeichen konnten nicht entziffert 
werden, so z. B. konnte das zu „Fordere" gehörige Zeichen auf Z. 24 
nachträglich auch bei scharfer Einstellung nicht mehr gelesen werden, 
und statt „Seelenleben" in 21 ergab sich das einigermaßen synonyme 
„Innersten". Dagegen rief eine ganze Zeile nach langer Unterbrechung 
einen Satz ins Bewußtsein (Schluß der 4. Seite). 

Erste Schriftprobe (I). 

1. Wer sich selbst und in sich sein Wesen bezwingen kann, der ist 

2. ein Held. Viele können alles wohl um sich her bemeistern, jedoch 

3. ihr eigenes Selbst ist in ihnen ein unbezwingbarer Dämon. 
i. Übe in dir intensiv die Selbstbemeiste- Deine Erfolge überwiegen 



rung! 



5. mächtige Kämpfe, welche niemals ausbleiben. Jeder errungene Sieg kann 



F32 



Oskar Pfister. 



-6 ^- ~P~v 
6. eine Perle sein 



/- -> 



in deinem Leben. In der Hoffnung (auf) dieselbe 

7. überwinde jegliche Hindernisse. Sollte(n) sich i m Laufe großer 

8. Kämpfe Niederlagen zeigen, so erhebe alle deine Blicke zu 




9. deinem überwindenden Helfer und sei dir wohl bewußt, daß 

10. deine scheinbar unersetzlichen Verluste wieder aufgehoben werden können. 

11. Bedenke, daß in jenen größten Kämpfen auch wohl 

12. deine größten Siege liegen. Menschenkind, werde in dieser Zeit 



13. deines Gottes in dir wohl bewußt, suche deinen 



14. großen, wunderbaren und allsiegreichen 

15. Erlöser in dir! Wisse wohl, daß die Harmonie mit dem 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie usw. 733 



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16. Unendlichen deine Erlösung bedeutet. Konzentriere jeglichen 

17. deiner Gedanken auf dieses Ziel hin, so muß deine 



18. völlige Erlösung in dem vollsten Sinne anbrechen. Laß deinen Lebens- 

19. mut niemals sinken, sondern das Bewußtsein dieser Wahrheit 

20. soll dich deine Blicke erheben lassen. Freiheitsklänge 

21. sollen dieselben in deinem innern Seelenleben bedeuten. 

22. Unbewußt aber hoffnungsvoll bricht diese göttüche Allmachtswirkung 

23. hervor. Lenke jeglichen Gedanken auf diese Kichtung hin, 

24. bewahre deine Sinne in dir selbst. Fordere niemals in der 





25. Bedrängnis alles von deinem Gott ! Fordere mehr von dir 

26. selbst! Selbsterziehung ist dir vonnöten. Gehe nicht zu viel 



734 



Oskar Pfister. 



27. aus dir heraus! Gehe mehr in dich hinein, so erwächst dir 

28. ein namenloser Segen. Vergeude deine Zeit nicht mit 

29. nutzlosen Fragen, sondern durch die Realität 



^--^r^^h^ -^r 



, -R. 



*~" 




30. deines Lebenskampfes fördere deinen Lebenswert. 

31. Jeder, welcher diese Anforderung seines Lebens erfüllt, 

32. erwirkt in sich das ersehnte Paradies, Ein in dir 

33. angefangenes Werk erfordert nachdrücklich seine 

34. baldige Vollendung. Verlasse dich nicht 

35. auf äußere Mächte, verlasse dich 

36. völlig auf deine in dir wohnende Lebenskraft! 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie usw. 735 

Die erste Frage, die unser Analysand wachruft, lautet: Erhielten 
wir in den uns übergebenen Einfällen eine wirkliche Übertragung? 
An sich wäre ganz gut denkbar, daß die automatischen Zeichen mit den 
assoziierten Worten ebensowenig zu tun hätten, als die Zungenrede 
mit den von einer andern Person auf Grund einer „Eingebung" pro- 
duzierten „Auslegung". 

Wir prüfen daher zuerst, ob den nämlichen Worten dieselben 
Zeichen entsprechen. Bald werden wir inne, daß dies keineswegs immer, 
aber doch öfter der Fall ist. 

Das Wörtchen „dein" begegnet uns in folgenden Formen (die 
Zahl betrifft die Zeile): 

«) £Ä „ deine " 4 > fast g leich 12 ' nw sptang die Feder ab ' femer 
25 „deinem". Auch 9 „deinem", 10 „deine", 13 „deines" und 
36 „deine" gehören demselben Typus an. Eine weitere Form, 
die mehrfach auftritt, begegnet uns Zeile 8: 

ß) r \£>t^s~ 8. Dieselbe Figur erscheint 17 erweitert, ähnlich 21, wo 
aber die erste Schleife des Zeichens in 8 durch die voranstehende 
Gerade aufgehoben wird, dagegen die beiden oberen Ecken durch 
Schleifen ersetzt sind. — Es fällt uns auf, daß das Wort „dir" 
öfters ähnlich repräsentiert ist, nämlich 9: 

~y ^ 13 und 24. Auch das Wort „dich" wird einmal 
durch die charakteristische Figur vertreten : 34 : ^_J- 
Selbst „sein" 1 ist ungefähr wie „dein" in 8 repräsentiert. 
Wenn wir nun die Zeichen für „dein" in 9, 10 und 13 mit den 
beiden Haupttypen vergleichen, so erkennen wir, daß sie Übergangs- 
formen bilden, und es erwies sich der erste Typus, der anfangs mit dem 
zweiten nichts Gemeinsames zu besitzen schien, als die erste Hälfte des 
zweiten Haupttypus. Warum jedoch diese erhebliche Verstärkung 
des ersten Zeichens eintrat, entzieht sich unserer Beobachtung. 

Der Umstand, daß phonetisch so stark verschiedene Worte wie 
„deine", „dir", „dich" durch dieselbe Figur graphisch dargestellt 
werden,'legt die Vermutung nahe, daß die automatischen Zeichen 
Simons nicht sowohl die einzelnen Laute, sondern vielmehr 
den durch die Sprache ausgedrückten Begriff vertreten. 
Eine Stenographie ist diese Schrift somit keinesfalls, eher 
eine Ideographie. Warum jedoch bald dieses, bald jedes Zeichen 



736 Ü8kar Pfister. 



bevo^gt wird, läßt sich aus der logischen Stellung jenes Inhalts kaum 

Noch auf andere Arten wird die Vorstellung „dein" fixiert 
y) Durch zwei winzige Linien 6, 18, 20, wobei die Lage variiert- 
ähnlich „dir" 27. 

6) Durch zwei Linien, von denen die zweite einen scharfen Winkel 
nach unten beschreibt: 13, 17. 

e) Durch die singulare Form \^ 24, deren Anfang an d), deren 
Fortgang an ß) m 21 erinnert, nur daß die letzte (unvollendete) 
Schleife nach unten gezogen wird. 

C) Durch „ /sr " 30. Der Anfang dieses Zeichens wiederholt den 
von ß), der Schluß denjenigen von ß) auf Zeile 17. Genauer be- 
trachtet stimmen f) und die letztgenannte Figur vollständig 
uberein, nur daß hier die zweitoberste Ecke einen winzigen, dort 
einen mächtigen Strich nach unten aufweist. 

"») < >- 16 - Dieser Typus weist, soviel ich sehe, keine 

Verwandtschaft mit den übrigen Darstellungen des Possessiv- 
pronomens auf. 

'?) ^~ „deine" 28 = „deinen" 30, aber auch = „dich" 27. 

i) Ö"V^ „deine" 10 und C=X^ 13 (Anfang von «) und ß). 
Noch andere Ähnlichkeiten der Ausdrücke für Pronomina der 
zweiten Person kommen vor. 

Auch andere Wörter bezeugen auf den ersten Blick konstante 
Übereinstimmung von Form und Gedankeninhalt, z. B. „bemeistern" 2 
und „Bemeisterung" 4, einigermaßen auch „Gottes" 13, „göttliche" 22, 
„Gott" 25, „bewußt" 9 und „Bewußtsein" 19 usf. Allein sehr oft ist 
der gleiche Sinn in verschiedene Zeichen niedergelegt, oder überein- 
stimmenden Figuren entsprechen disparate Vorstellungen, z. B. O^ 
31 „jeder" und, nur am Anfange und Ende minimal variiert, sowie 
weitläufig ergänzt, „erfüllt". 

Es wäre vergebliche Mühe, diesen Verhältnissen ausführlich nach- 
zuspüren. Genug, daß der Leser vorläufig sieht, daß absolut sicher ein 
Zusammenhang zwischen Zeichen und Worteinfall besteht, daß es sich 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie usw. toi 

aber unmöglich um einen Simon selbst klar bewußten Zusammenhang 
handeln kann. Da ich selbst mehrere Monate lang einem Rätsel gegen- 
überstand, wird man mir nicht gram sein, wenn ich die Neugierde 
in etweleher Spannung lasse. Um so genußreicher wird sich das psycho- 
logische Bild entrollen, wenn wir an die psychanalytische Enträtselung 
der graphischen Automatismen herantreten. 

Vorerst müssen wir zum Inhalte der Schrift, deren erste Hälfte 
wir in verständliche Sprache „übertragen" ließen, einige Bemerkungen 
machen. 

Die moralischen Reflexionen, die aus Simons Schriftprobe hervor- 
sprangen, unterscheiden sich sowohl durch ihr intellektuelles Niveau 
als durch ihren Gedankengehalt sehr stark von seinen in banalem 
Traktatstil verfaßten, von pietistischer Frömmigkeit eingegebenen 
Veröffentlichungen. Während der Analyse flocht unser Schriftsteller 
beständig abschätzige Bemerkungen ein, wie: ,,Das ist ein Blast 
(«schweizerisch für „Geschwätz, Geflunker")!" oder: „Das ist eine 
Predigt! Wie komme ich dazu, solches Zeug zu schreiben?" Aufs leb- 
hafteste betonte er, daß die geäußerten Gedanken ganz und gar nicht 
die seinigen seien, daß er ganz anders gesonnen sei. Besonders daß man 
nicht von Gott, sondern von sich selbst Hilfe fordern solle, lief seinem 
religiösen Empfinden zuwider. Es liegt somit auf der Hand, daß die 
graphischen Automatismen Simons eine neurotische Leistung, eine 
eruptive Komplexmanifestation darstellen, und zwar erlaubt uns die 
vornehme Diktion, der edle Schwung, die Schönheit und Tiefe der 
Gedanken, von einer neurotischen Mehrleistung zu reden. 

Nicht daß die kundgegebenen Gedanken originell wären. Schon 
der Ausdruck „Harmonie mit dem Unendlichen" deutet auf Ralph 
Waldo Trine. Nun behauptet Simon, er kenne die Schriften dieses 
Amerikaners nicht, die von ihm produzierten Gedanken kommen ihm 
neu vor. Allein er erinnert sich, daß er vor vier Tagen die drei ersten 
Seiten aus Trines Anthologie „Der Geist in dir sei dein Berater" vorlas. 
Diese Stelle enthält indessen nichts, was an Simons Predigt erinnerte, 
außer etwa der Quellenangabe „In Harmonie mit dem Unendlichen" 
und dem Buchtitel. 

Andere Stellen in der angegebenen Exzerptensammlung klingen 
wider in unserer Schriftprobe. Die Forderung, unseres Gottes in uns 
bewußt zu werden, durchzieht Trines Betrachtungen (z. B. S. 64, 107. 
1.12, 149, 152, 156 usw. 1 ) und andere Werke. Doch betont Simon stärker 

J ) Trine, Der Geist in dir sei dein Berater. 6. — 10. T. Stuttgart 190S. 
.lahi'bucli für psychoanalyt. n. psycliopathol. Forschungen. III, 4i 



738 



Oskar Pfister. 



als Trine die Notwendigkeit eines sittlichen Kampfes. Wieviel Krypto- 
mnesie vorliegt, wieviel eigene Schöpfung, vermag ich nicht zu ent- 
scheiden. 

Die 3. und 4. Seite des Kryptographenmanuskriptes sind hier 
nicht abgebildet, da sie nicht entziffert wurden. 



Zweite Schriftprobe (II). 

Unmittelbar nach der Ablesung der Hälfte des in meiner Ab- 
wesenheit entworfenen Schriftmaterials wünschte ich von Simon eine 
Probe in meiner Gegenwart. Mit erstaunlicher Schnelligkeit schrieb er 
in 20 Sekunden die folgenden fünf Zeilen, während er in aller Gemüts- 
ruhe erklärte: „Ich schreibe mit großer Kraft." Schon dieses gleichzeitige 
rapide Schreiben und affektfreie Reden beweist die innere Dissoziation, 
den automatischen Charakter der graphischen Leistung. 

Ich bemerke noch, daß die letzte Linie der vierten Seite ergab : „Der 
König in deiner Seele ist Sieger." Hierauf schrieb Simon: 



v4~^ ~7^^ 



1. In dieser Forderung 

2. heimnis 



liegt 



das 



Ge- 



einer 



Autorität, 



3. 



welche 



einwirkt. 



unbewußt 



auf 



dein 



Seelenleben 



?*- 7&- 



Bilde 



dich 



selbst 



in 



dir 




5. zu 



der bewußten 



Autorität ! 



Wieder dasselbe Bild! Einige Züge sind aus der ersten Probe 
herübergenommen, so „dieser" 1 aus I, 22. Wiederum haben „dein" 3 
und „dich" 4 ungefähr dasselbe Zeichen, und zwar dasjenige, das wir 



Die psychologische Enträtselung der religiösen GrlosBolalie usw. 739 

in I als Variationen von ß) auffanden. Nehmen wir hinzu, daß jetzt die 

Figur für „wirkt" (4): \^> in derjenigen für „Autorität" (5) 
wiederkehrt, so dürfen wir es als bewiesen ansehen, daß uns nicht 
eine Laut-, sondern eine Vorstellungsschrift vorliegt. Das psychologische 
Verständnis wird uns freilich nicht im geringsten erleichtert. Auf die 
Inkongruenz zwischen Zeichen und Wort aufmerksam gemacht, be- 
merkte Simon: „Gewiß, es ist merkwürdig, ich kann es mir nicht er- 
klären. Allein ich muß eben sagen, was mir einfällt!" Und darin hat 
er recht, uns aber wird so das Rätsel nicht gelöst. 

Dritte Schriftprobe (III), 29 Tage später. 
1. Verbreite Licht auf deinen Wegen. Wer das tut, 




2. erntet reichen Segen. Das Licht ist Leben. 

3. Du erntest, was jemals du gesät. Fordere niemals 

4. Erntesegen, wo du nichts 

5. hast. Verbreite vollkommener (n), bestehender(n) Segen! 

Auch dieses binnen 25 Sekunden in meiner Gegenwart nieder- 
geschriebene Dokument führt uns nicht weiter. Wir registrieren die 
Ähnlichkeit der Zeichen für „erntet" (2), „du erntest" (3) und den 
Anfang von „Erntesegen" (4), ferner für „gesät (3)" und den Schluß 
von „ausgestreut" (4). Warum „verbreite" (1, 5), „Licht" (1, 2), „Segen" 
(2, 5) kein feststehendes Symbol erhielt, können wir nicht eruieren. 
„Deiner" (1) ähnelt wieder Ict und ß, „Du" (3) I, 6 („deinem"); noch 
mehr „Du" (4) den zwei kleinen Strichen I, 18 und 20. 

47* 



740 Oskar Pfister. 

Um nicht zu ermüden, gebe ich nur noch eine einzige, und zwar 
ganz anders aussehende unanalysierte graphische Produktion wieder 
und überlasse es dem Scharfsinne jedes beliebigen Schriftkundigen, 
aus diesen Hieroglyphen ohne die Freudsche Technik klug zu werden! 
Es wird ihm gewiß nicht gelingen. 

Vierte Schriftprobe (IV), 7 Tage später. 

Die Stelle, auf die wir nun zu sprechen kommen, versetzt uns 
in die Sitzung, der wir die aus graphischen Automatismen hervor- 
gegangene 3. und 4. Zungenrede verdanken. Die Züge zur 3. glossolalen 
Rede erinnern noch ganz an I. Nachdem ich sie empfangen hatte, 
ersuchte ich Simon, mit innerer Sammlung einige Verse aus dem 
2. Korintherbrief zu lesen und sich auf religiöse Gedanken zu kon- 
zentrieren. Nach wenig Augenblicken schrieb er in 58 Sekunden die 
folgenden Zeichen, die wir alsbald in der gewohnten Weise „um- 
schrieben" : 

i r», a T, a K D die von dem un- n ,, . 

i.LiieL.iebe, a ichtbaren ln unseTe Herzen strömt, ist die 

2. Triebfeder all unseres Tuns. Die Kräfte der a^ömen- Macht der Liebe 

3. sind wunderwirkend. Wenn wir uns versenken in das Meer dieser 

<^> ; ^ - -^ x - ~ 7 y~*-. /\ a i "H - t 

/Na 

4. Liebe, so werden unsere Herzen erfaßt. Sie ist Balsam in das vom 

5. Getriebe dieser Welt verwundete Herz. Schenk' uns die Liebe! 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie usw. 741 

Die feststellenden Verbindungen von Form und Inhalt sind noch 
seltener geworden. Sie beschränken sich, soviel ich sehe, auf die Zeichen, 
für „die" in 1 (2 mal) und 2. 

Ein zweiter Leseversuch scheiterte, da sich keine Einfälle mel- 
deten. Ebensowenig gelang es, das Gelesene in die Zeichensprache 
zurückzuübertragen . 

An die 4. Schriftprobe schloß sich der Automatismus der 4. Zungen- 
rede an. 

Am Schlüsse der Besprechung teilte mir Simon mit, daß er oft 
sinnlose Zeichen machen müsse, von denen er jetzt anzunehmen 
geneigt sei, daß sie doch etwas bedeuten könnten. Ich lud ihn zu 
einem Versuche ein und erhielt so die 

Fünfte Schriftprobe (V). 



-^o ~n 



Auch dieses Zeichen wurde mit größter Schnelligkeit entworfen. 
[Was bedeutet es?] Ich weiß es nicht. 

[Betrachten Sie Zug um Zug!] Es heißt (langsam lautierend): „An- 
betungsvoll liege!" Vielleicht kann man herausbringen, wie 
ich zu diesem Zeichen kam! 
[Versuchen Sie es!] Ich frage mich, ob der erste Aufstrich nicht, da 
er „aufsteigt", den des „a" bedeute. So sehe ich ihn an. 
Der nächste Abstrich geht „nieder", „»". 
C ist ein „Bogen", daraus nehme ich ,,&". 
>- ist ein kleines ,,e". 



ist rund, daraus nehme ich „u". 
geht wieder nieder, also wieder „m". 




4 7 



742 Oskar Pfister. 

Wenn man in der oberen Figur den Bogen schlösse und das 
zweite Zeichen hinzunähme, so erhielte man: 



das paßte zu anbetungs„f"oll. 



~i 




= o. 



•-JJ = l, nur ist der letzte Teil des Buchstabens nach links, statt 

nach rechts gezogen. Die Verdoppelung ist durch Verdickung 

angedeutet. 

In dieser Sprache (so!) schrieb ich manche Predigt und eine 
merkwürdige Geschichte, die ich noch besitze. So weit Simon. 

Wir begrüßen die erhaltenen Aufschlüsse, erklären uns von ihnen 
jedoch nicht völlig befriedigt. 

Die ersten Erklärungen verraten uns bekannte Mechanismen des 
Traumes, besonders die doppelte Determiniertheit, die verbale 
Vermittlung des Symbols und die Verdichtung. 

/ bedeutet „auf" und den Anfang des „a". 

/ muß nicht allein genommen werden; mit dem Anfang 
zusammen ergibt sich: --7, was dem „n" schon näher kommt. 
Die Verbalvermittlung liegt im Worte „nieder". 

£ kann ebenfalls mit der Umgebung verbunden werden, 
dann erhalten wir: -£., also ein ziemlich vollkommenes „b". 

Die lautliche Determinierung liegt im Worte „Bogen", das durch 
Anlaut und Inhalt auf „b" weist. Hier sind bereits die Zeichen 
von vier Buchstaben (anbe) zu einem einzigen verdichtet, oder 
vielmehr, es ist der eine Buchstabe durch eine kleine Veränderung 
(Beseitigung der Schleife) zur sukzessiven Eepräsentation von 
vier Buchstaben befähigt worden. 

„e" ist nur einfach determiniert, weil der ganze Buchstabe in 

der komplizierten Schleife enthalten ist, nicht nur ein Teil von ihm. 

Eine zweite Buchstabengruppe beginnt bei der aufsteigenden 

Linie, die als t gedeutet wurde. Dies ist merkwürdigerweise schon 

dadurch markiert, daß die erste Linie aufhört und eine neue einsetzt. 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie usw. 743 

Das t ist durch den steilen Strich mit anschließender Horizontale re- 
präsentiert. 

Das Zeichen — "V. bildet insofern eine Ausnahme, als 
nach dem Einfalle „rund" lediglich eine inhaltliche, sozusagen be- 
griffliche Beziehung zwischen der Figur und dem zu Bezeichnenden 
obzuwalten scheint, während sonst die Buchstabenform determiniert 
hatte. Dabei war der kryptographe Schriftzug in seiner Entstehung 
oder Form mit einem Worte beschrieben worden („auf", „nieder", 
„Bogen"), wobei der Anlaut dieser Charakteristik den auszudrückenden 
Laut nannte. Die Schreibtätigkeit bildete somit die Brücke zwischen 
Laut und Zeichen. Anders verhält es sich bei der Vertretung des „u". 
„Rund" lautet der Einfall, den das Ringlein hervorrief. Rund ist aber 
nicht der Buchstabe u, sondern der Mund, der ihn ausspricht. Die Ver- 
mittlung zwischen Laut und Zeichen ist somit durch die Sprech- 
tätigkeit vermittelt, anders ausgedrückt: Die Schrift entnim m t ihr 
Bild der Anschauung des Sprechenden. Sie verläßt die konventionelle 
Buchstabenform und wird Bilderschrift. Bei dieser Ausnahme 
ergibt nun auch nicht mehr der Anlaut den zu schreibenden Laut, 
sondern der dem Ohre auffallendste Laut, der Vokal. 

Etwas kärglich ist nach Simon das auf u folgende n begründet, 
nämlich lediglich durch eine niedersteigende Linie: Da wir jedoch 
sofort den Nachweis führen werden, daß der Analysand sich auch 
sonst durch äußere, naheliegende Assoziationen auf Seitenbahnen locken 
ließ und am Geheimnisse des Unbewußten vorüberging, wage ich eine 
etwas einfachere und reicher determinierte Interpretation. 

Das zweite n unseres Wortes könnte nämlich genau gleich wie 
das erste durch die folgende fast senkrechte, etwas nach links verlaufende 
Linie ausgedrückt sein, die durch eine Wagrechte abgegrenzt würde. 

Dann hätten wir wieder die hübsche mehrfache Determinierung, 
die uns sonst mangelte und nur hier bei einem unvollständig dargestellten 
Buchstaben fehlen würde. 

Der Buchstabe g ist nicht nur, wie Simon findet, durch die Schleife 
ausgedrückt, sondern auch durch das Vorangehende: 



<t 




Der Buchstabe ist nur etwas auseinandergezogen. 



744 



Oskar Pfister. 



Das Zeichen für s hat Simon richtig erkannt, ganz unrichtig 
dagegen dasjenige für v. Obwohl er die Figur lange anschaute, fand 
er die höchst einfache Lösung nicht und griff zu einer komplizierten 
Konstruktion, die nach allerlei gewaltsamen Verrenkungen ein kläg- 
liches / herausbrachte, während doch der Analysand ganz gut weiß, 
daß „voll" mit v geschrieben wird. Ein kräftiger Komplex muß ihn 
gehindert haben, das gesuchte Vexierbild des v zu sehen. Der Leser 
wird vielleicht bereits vermutet haben, wo der vermißte Buchstabe 
steckt, nämlich im Zeichen: 




V 



Wir werden sehen, daß diese Deutung, obwohl richtig, nicht 
ganz ausreicht. 

Der Punkt, wo die Linie unterbrochen ist, bezeichnet das Ende 
des s, wo auch das Wort „anbetungs-" aufhört. Die Trennung ist 
somit nicht mehr graphologisch wie vorhin, sondern logisch. Neigt 
man das automatische V etwas mehr nach links, so wird es noch deut- 
licher. 

Wir finden also, daß im Buchstaben >C f^ z = g genau wie 



in b mehrere Buchstaben nach demselben Prinzipe kunstvoll verflochten 
sind. Beide Male ist es der zweitletzte Buchstabe, der die umfassende 
Einheit bildet. 

Die äußerst lange Endung des V schafft Raum für den Schluß 
des Wortes. Hierüber später. Wie die erste Buchstabengruppe die 
Linie ausgehen ließ, so jetzt die zweite. 

Man kann aber auch, da die Linie unterbrochen ist, das v anders 
ausgedrückt finden, wie ja auch im Traume und in der Kryptolalie 
dieselbe Vorstellung mehrfach repräsentiert ist, nämlich so: 



-M , umgedreht vT) 



Diese Form ist, wie wir sehen werden, die wichtigere. 

Die letzte, vierte Linie des ersten Zeichens bildet kein ganzes 
Oval, deutet es aber an. 

Schwierig war es für das Unbewußte, gleichzeitig o und l aus- 
zudrücken. Schloß sich das Oval, so kam die Repräsentation des l 



Die psychologische Enträtselung der religiösen (ilossolalie usw. 745 

zu kurz. Simon geriet auf den Ausweg, den wir im Traume und der 
Zungenrede vielfach beobachten: auf die Umkehrung. Das Zeichen: 






ist lediglich das Spiegelbild des Buchstabens L. Die Verdickung hat 
Simon richtig als Verdoppelungszeichen gedeutet. 

Auch diese dritte Buchstabengruppe ist in einem einzigen Buch- 



staben zusammengeschlossen, dem 



'(V 



Und dieses kleine graphische Kunstwerk kam mit rapider Schnellig- 
keit zustande ! Der Analysand hätte mit Aufbietung alles Scharfsinns 
auch bei Kenntnis der Traumgesetze, von denen er natürlich keine 
Ahnung hat, kein solches Werk aussinnen, ja auch bei großer Kunst- 
fertigkeit es nie im beobachteten Tempo reproduzieren können. 

Das vom Analysanden nicht explizierte Wort „liege" bereitet 
uns keine Schwierigkeiten mehr. Es entspricht auf das genaueste 
den drei Gruppen des ersten Wortes. 



ohne das Häkchen geht auf i, dessen zugehöriger Punkt durch 
das e gebildet wird. Letzteres ist rechts oben nämlich wie in 
„anbetungsvoll" durch eine zusammengezogene Schleife gebildet, 
und zwar vielleicht zweimal, das von „ie" als winzige, ausgefüllte 
Schleife am untersten Punkt des l respektive i auf dem Kopfe stehend, 
welche Umkehrung uns später oft begegnen wird. Doch möchte 
ich die Anwesenheit dieses ersten stummen e nicht mit Sicherheit 
behaupten, wenn auch die sonst straffe Sparsamkeit der Formen- 
bildung das Anhängsel ohne diese Deutung rätselhaft erscheinen läßt. 
Die ganze Figur erinnert etwas an G, wobei zum vierten Male alle 
Buchstaben in einen einzigen zusammengefaßt wären und letzterer zum 
dritten Male an zweitletzter Stelle stünde. Sicher ist es aber nicht. 

Woher dieser sonderbare Umstand? Welcher Komplex hat 
überhaupt das ganze überaus kunstvolle Gebilde geschaffen? Mein 
ungeberdiger, durch kein reales Interesse an die Analyse gefesselter 
Künstler ließ mich im Stiche, als ich diese Geheimnisse ergründen 



746 Oskar Pfister. 

wollte. Jedenfalls trägt zur Erklärung des Inhaltes bei, was wir un- 
mittelbar vor der Niederschrift besprachen. Simon erzählte mir nämlich, 
die Zungengabe sei meistens oder immer mit sexuellen Anfechtungen 
verbunden. Beim Taufen sei es Mode gewesen, auf den Boden zu fallen. 
Einst habe er gesehen, wie sich eine Frau in Anwesenheit von 2 bis 
3 Personen auch in diese Stellung begab, um sich dann auf das scham- 
loseste zu entblößen. Der Inhalt des Kryptogramms („Anbetungsvoll 
liege !") dürfte den Wunsch nach einem derartigen Anblicke verdrängen 
und religiös sublimieren. Daß wenige Augenblicke dem Unterbewußten 
zur Ausarbeitung des kompliziertesten phonetischen oder graphischen 
Kunstwerks genügen, konnte ich öfters feststellen. 

Nach Verlauf von fünf Monaten suchte ich zu eruieren, welche 
Bedeutung die Lettern „b, g, v, G" für unseren Kryptographen be- 
säßen, erhielt aber nur die Einfälle: „B(ete) G(ott) v(oll) G(üte). Wahr- 
scheinlich steckt jedoch unliebsames, bewußtseinsunfähiges Material 
dahinter. 

Wir vernehmen bereits, daß Simon nach dieser Sitzung, die auch 
das übernatürliche Gnadengeschenk der inspirierten Geheimschrift auf 
das Niveau des Irdisch-Natürlichen herabzog, mich mied. Erst nach 
einem Besuche bei der Mutter, einer persönlich liebenswürdigen Frau, 
sowie auf Grund einer Entschädigung für den künftig zu erleidenden 
Zeitverlust konnte ich einige weitere Sitzungen erobern. 

Sechstes Kryptogramm (VI), 2% Monate später. 

Simon erzählt von seinem Konflikte mit der Mutter, die ihn zu 
religiösen Großtaten, besonders zur Gründung einer Gemeinschaft 
zwingen wollte, während er sich hierbei der Heuchelei schuldig machen 
müßte. Die Zungensprache stehe ihm jeden Augenblick zu Gebote, 
doch übe er sie nicht mehr. Letzte Woche sei er in die stärkste Ekstase 
geraten, eine Macht sei über ihn gekommen und habe ihn getrieben. 
Nach der Ursache seiner geröteten Augen befragt, gab er an, er habe 
letzte Nacht über seine traurige Lage heftig geweint. Er bemühe sich 
um feste Arbeit und bedauere lebhaft, daß er sich manches Jahr von 
der Mutter, statt von seiner Überzeugung habe leiten lassen. 

Ich ersuchte ihn um eine Schriftprobe und stellte in Aussicht, 
daß wir die Formen seiner Schrift untersuchen wollen. Hierauf schrieb 
er in 15 Sekunden das folgende Kryptogramm, von dessen Sinn er keine 
Ahnung zu besitzen angab. Die Einfälle kamen bei den ersten Zeilen 
langsam, später etwas schneller. 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie usw. 747 
Kräfte Sieg Leben Fülle Führung Macht Erfüllung Erscheinung 



Offenbarung 



Lichtgestalt 



Meeres tiefen 



Bergeshöhe 



(ß~ 



absondern 



hineindringen erschaffen 



Liebe 



l 



Wir wollen nun zuerst nachsehen, was für Einfälle Zeichen und 
Wort hervorrufen, um dann nachher scharf auf die Figur zu achten. 

1. \r/ Kräfte.] Im 12. Jahre rang ich einst mit mehreren 
Kameraden auf Befehl des Lehrers. Ich siegte über sechs von ihnen, 
beim siebenten unterlag ich zu meinem großen Ärger. [Sehen Sie jetzt 
das Schriftzeichen an.] Was soll mir jetzt in den Sinn kommen? [Das 
weiß ich doch nicht.] Es kommt mir allerlei in den Sinn. Es kommt 
darauf an, was Sie meinen. [Ich meine gar nichts. Sie sollen das Schrift- 
zeichen, das wir psychologisch zu verstehen suchen, ansehen.] Es 
erinnert mich an das Anpacken. Es sind zwei Arme, q / ist der 
eine, ^— ^— der andere Arm. Ersterer gehört meinem Gregner, der 

stehen blieb, letzterer mir. Mein Arm kam nämlich in eine eigentümlich 
verdrehte Lage, die hier im Zeichen ausgedrückt ist. Ohne dieses durch 
eine unvorsichtige Bewegung hervorgerufene Mißgeschick hätte ich 
meinen Gegner besiegt. [Demonstrieren Sie Ihre damalige Lage.] 
(Tut es.) [Auf Ihrer Zeichnung ist aber Ihr Arm nicht so stark ge- 
krümmt, wie er damals war.] Ich kann es mir nicht erklären. [Auf 
Ihrer Figur scheint auch die Schulter und der Hals des Gegners an- 
gedeutet.] Als er mich an sich zog und mein verdrehter Arm furchtbar 
schmerzte, verlangte ich, er solle mich loslassen. Da er es nicht tat, 
biß ich ihn trotz der Anwesenheit des Lehrers in die Schulter. Nun 
konnte ich mich losreißen. (Sein Arm ist nicht mehr verdreht.) 

2. \y Sieg]. Nichts. [Doch!] Es betrifft wieder das gleiche, 
nämlich, daß ich sechsmal siegte. 

/ bezeichnet meinen Arm, mit dem ich den Gegner 
niederdrücke. Bei 



748 Oskar Ffister. 

^ sehe ich ihn am Boden liegen. Der Anfang des Zeichens 
bezeichnet Oberkörper und Oberschenkel, der Scheitel der Linie 
das Knie, das Übrige Unterschenkel und Füße. 

3 - [l^J Leben. Nichts. Es geht ein wenig schwerer. — In 
meinem 10. oder 11. Jahre gingen unser drei in ein Tobel. Da sprang 
ein Italiener mit offenem Messer auf uns zu. Ich weiß nicht, was er 
im Schilde führte. Vielleicht wollte er im Teiche fischen und uns ein- 
für allemal verjagen. 

[Das Zeichen] *? ist der Weiher. 
^p ist der Ort, wo der Mann stand. 
J? Der zweite Punkt bezeichnet das Turbinenhäuschen, 
wo wir uns befanden. 

Das Ende gibt die Richtung an, in der wir flohen. 



'•fe 



Fülle. 



Wir hüteten einmal abends zu lange das Vieh. 
Deswegen bekam "eine Kuh die „Fülle" (schlechte Übersetzung des 
schweizerischen „Völli", eigentlich „Vollsein", von Gasen aufgetrieben 
werden). Rechts und links in meiner Figur sehen Sie die Hörner, in 
der Mitte den Kopf der Kuh. Das Tier lag auf dem Boden und ver- 
drehte den Kopf, wie wenn es sterben wollte. Darum ist das Zeichen 
hier schief. Die Kuh wurde dann gestochen, damit die Blähung einen 
Ausweg finde, und genas. Wir wurden tüchtig gescholten, kamen aber 
schließlich gut davon. Ich war übrigens nicht verantwortlich, ich 
leistete nur Beihilfe. 

5- [t^t^ Führung.] Wir hatten öfters einen Blinden zu Besuch. 
Eines Tages sollte ich ihn die Treppe hinunterführen. Er machte einen 
Fehltritt und fiel 3 — i Tritte die Treppe hinunter, da ich zu schwach 
war, ihn zu halten. 

«-— bezeichnet meinen gestreckten Arm, mit dem ich den 
Strauchelnden halten wollte. 

c- geht auf den gebeugten Arm des Blinden, den ich über 
dem Ellbogen hielt. Dem Blinden machte es nichts, doch erschrak ich 
furchtbar. 

6. [-^, t-" Macht.] Ein Kinderspiel. Gegen 50 Kameraden 
der oberen Schulklassen trieben ein Kriegsspiel. Ich führte gewöhnlich 
eine der beiden Abteilungen an. Einmal nahmen wir Stellung zwischen 
einer steilen Berghalde und einem breiten Bach. Im Eifer rannte 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie usw. 749 

ich in den Bach und mußte hindurchwaten, wurde aber von den Feinden 
herausgezogen und zwei Stunden in nassen Kleidern gefangengehalten. 
Einige Tage später bekam ich heftigen Lungenkatarrh. 

X Der steile Bergeshang und die wagrechte Ebene, die 
wir besetzt hielten. {Das Zeichen ist ähnlich dem für „Leben", 
das auf die nämliche Gefahr, ins Wasser geworfen zu werden, 
deutet; darum ist die topographische Darstellung des Berges- 
hanges hier schlecht). 

*% Das abschüssige Ufer, das ich hinabrannte. 

•V Der Bach. 
t^. Die feindliche Position. 
Ich verhielt mich damals zu eifrig. 

7 |y c *> — v Erfüllung. Es ist die Fortsetzung. Am fol- 
genden Tag spielten wir wieder, wobei unsere Partei siegte. 

\?n Der X-Wald von oben gesehen, a zeigt den Vor- 
sprung, in dem wir lagen. 

*£ Etwa 500 Meter von uns entfernt lag die Landstraße. 
Ab- 
weiche durch meine Linie beschrieben wird. Bei a und b be- 
fanden sich die Feinde. Als ich sah, daß sie zwei Abteilungen 
bilden, verteilte ich meine Mannschaft nach b und c der oberen 
Figur. 

( weist den Ort auf, wo wir zusammenstießen. In jener Nacht, 
als ich unterlag, hatte ich einen Traum, laut welchem ich tags 
darauf siegen werde. Das erfüllte sich, daher das Wort „Erfüllung". 

8. [*~~L»»_— ^ Erscheinung.] Der Schluß ist nicht gut gezeichnet. 
Es bedeutet die Straße, auf welcher ich die Teufelserscheinung hatte. 

v ist das Dorf, in dem das verleumdete Mädchen wohnte. Die 
Straße ist genau gezeichnet. Etwas rechts davon stand der Baum, 
hinter dem der Teufel stand. Letzte Woche hatte ich eine ähnliche 
Erscheinung, die ich nicht abwehren konnte, aber nicht dieselbe Körper- 
form wie früher darstellend. Ich hoffte, dieses Zeug los zu sein, jetzt 
fängt es wieder an. [Wir können es ja gleich untersuchen.] Wollen wir 
nicht zuerst die Schrift bereinigen? 



750 Oskar Pfister. 

9 - [^ J_ Offenbarung.j Ein Traumgesicht, das ich letzte 
Woche hatte. Die Figur zeigt genau den Weg, den ich im Traume ging. 
(Nach 5 Monaten: Ich ging kreuz und quer, ohne festes Ziel. Man ver- 
folgte mich mit schweren Verleumdungen; nur bei Gott hoffte ich 
Zuflucht zu finden.) 

(J 1 *— Wo das Ringlein liegt, wurde ich überfallen. Ich 
sprang um den Angreifer herum und eilte weiter. 

(a Bei a war eine Art Höhle, in die ich mich flüchtete, 
ein Bergungsort. 

Der Traum ging nachher mehr geistig in Erfüllung. Ich wurde 
von einer Seite her furchtbar angegriffen, konnte aber ausweichen. 
Meine zukünftige Schwiegermutter sagte, ich solle nur zu Gott meine 
Zuflucht nehmen. Das tat ich und kam zum Ziele. Was ich träume, 
trifft meistens ein. 

1°- [-^>^^v_^^- Lichtgestalt.] Letzte Woche hatte ich 
abends 5 Uhr in wachem Zustand eine Engelserscheinung, während 
ich schrieb. Die Lichtgestalt sagte mir, ich müsse noch manchen Weg 
und Umweg machen, manche Anhöhe übersteigen, bis ich am Ziele 
sei. Diese Anhöhen sind hier gezeichnet wie auch in dem darunter- 
stehenden Worte „hineindringen" der folgenden Zeüe; das will besagen, 
ich müsse in die Schwierigkeiten hineindringen. 

"-^■^X^v_^^ < -' Ich sehe hierzu wieder das erste Bild: 
Mein Unterliegen im Ringen. 

v_— - bezeichnet meinen Standpunkt in einer kleinen Ver- 
tiefung des Bodens. 

JZ^ Dazu steigt mir auf mein in der anfänglichen Ringer- 
stellung gebogener Arm, der in den des Gegners eingreift. 

V/v — ~-"^ Wieder die Hörner. (5 Monate später: Es 
kommt mir vor, die Hörner seien ungleich, das linke nach 
unten, das rechte nach oben geneigt. Es gelang mir einige Male, 
den Kopf eines Stieres durch kräftigen Ruck schief zu drehen, 
so daß das Tier wehrlos war. Dazu ist ein starker Standpunkt 
nötig.) 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie usw. 751 

^^-^ Ich stelle mir meinen ausgestreckten Arm. den 
Leib und die Knie meines Gegners vor. 

Diese Bilder besagen im Zusammenhange mit Leichtigkeit, daß 
mir Siege und Niederlagen bevorstehen, zuletzt aber werde ich siegen. — 
Wollen wir nicht gleich das darunterstehende Wort „hineindringen" 
an die Reihe nehmen? Es belästigt mich. 



14. 



Der erste Teil stimmt 



hineindringen. 

ziemlich genau mit, ,Leben"Z. 1, nur hat es einen größeren Ringbogen, weil 
jetzt meine Ehre gefährdet ist und ich einen größeren Umkreis machen 
muß, um in Sicherheit zu kommen. (5 Monate später): Der Anfang 
des Zeichens stimmt genau mit demjenigen für „Meerestiefen". Ich 
will also in letztere hineindringen.) 

^ — stimmt mit „Erfüllung", wenn es auch anders 

gedreht ist. Die Lichtgestalt will mich mahnen, aus der Ver- 
gangenheit gute Lehren zu ziehen und ihrer Weissagung zu 
trauen. 

jts^i-— Gleicht in meinen Augen sehr dem Zeichen für 

„Macht", nur ist jetzt die Schleife nach oben gerichtet, statt 
wie früher nach unten (!). Dies ist nötig, weil der Engel auf 
das Vorhergehende weist. In meinen Augen sind die Zeichen 
ganz übereinstimmend, nur nicht exakt gezeichnet. Auch das 
kleine zweite Zeichen, das zu „Macht" gehört, findet sich jetzt 
wieder als Schlußbogen. 

Die Lichtgestalt sagt somit, ich solle nur mutig in die Schwierig- 
keiten eindringen, ich werde das Leben gewinnen, indem ich siegreich 
aus dem Kampfe hervorgehe, wie mir verheißen sei. (Die Zeichen er- 
scheinen in umgekehrter Reihenfolge, wie oft die Buchstaben der 
Zungenrede. Den Grund der Umstellung werden wir kennen lernen.) 

11. «^\ » — <— ^s,. Meerestiefen. 

wieder da. (Der Anfang beider Figuren ist gleich.) Er sagte, es 
gehe durch Meerestiefen und über Bergeshöhen. Hier begegnen uns 
wieder Zeichen, die schon da waren. 

•^"Y. w ist ziemlich genau dasjenige von „Macht". (Richtig) 



Der Engel ist auch 



75 - Oskar Pfister. 

c — t "" >s \ dasjenige von „Erfüllung" (trifft ebenfalls zu). 
[Was haben „Macht" und „Erfüllung" mit Meerestiefen zu 
tun?] Vielleicht hilft uns der Einfall, den ich zu „Macht" 
hatte, auf die Spur. Was berichtete ich da? [Daß Sie aus dem 
Wasser gezogen wurden.] Gewiß, das entspricht der „Meeres- 
tiefe". Nein, wie mich das freut! Das ist doch hochinteressant. 
Wenn das meine Mutter wüßte ! Es stärkt einen ganz. 

12. [~~?"V "* — Bergeshöhen.] Der Anfang ist wie der von 

„Lichtgestalt", wenn man von dem abgesprengten Einleitungsböglein 
dieses Wortes absieht. Die Lichtgestalt begleitet mich von den Meeres- 
tiefen zu den Bergeshöhen. 

~y^* ~~~ mft mir jetzt wieder die Hörner der Kuh oder 
des Stieres ins Gedächtnis. (5 Monate später: Das eine Hörn ist 
abgebrochen.) 

» — kennzeichnet die Knie meines besiegten Feindes. 

1 '' d-^ — *" absondem - Die Form ist der von „Offenbarung" 
verwandt. Der Anfang ist genau gleich, das Folgende genau besehen 
auch, jedoch abgetrennt und verkleinert. Der Engel sagte, ich müsse 
mich von allen schädigenden Einflüssen religiöser Natur absondern 
und aus eigenem Antriebe handeln. [Bin ich gemeint?] Nein, Sie be- 
einflussen mich religiös in keiner Weise. Gemeint sind gewisse Gemein- 
schaftskreise, die mich angreifen. 

Die Höhle, die im Zeichen für „Offenbarung" angedeutet war, 
fehlt jetzt. Ich muß mich nicht mehr verbergen, als selbständiger Mensch 
nicht mehr Unterschlupf an einem Bergungsorte suchen. 



15. 




erschaffen. 



Es erinnert an „Macht'-, nui 



ist es ausemandergezogen, so daß die Schleife fehlt. Diese Vereinfachung 
durch Weglassung der Schleife bedeutet, daß die Dinge nicht mehr 
so verwickelt liegen sollen (?). 

Die beiden Strichlein bedeuten ebenfalls einen Teil des Zeichens 
für „Macht". Es ist jetzt zerlegt. Die gerade Linie bedeutet meinen 
Arm, die gebogene wieder das Knie des Unterlegenen. Ich durfte 
meinen Arm zurückziehen, weil letzterer wehrlos daliegt. 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie usw. 753 

Wer seinen Feind so bezwingt, „erschafft" sich sein Glück und 
, ,Macht' ' . (Unbefriedigend ! ) 



10. 



~\ 



Liebe. | 




l 

Das erste Zeichen ist das von „Erfüllung", nur auseinandergerissen. 
= e-- in „Erfüllung". 

*—->.. das dritte Zeichen desselben Wortes. 
Nimmt man das eben erwähnte Zeichen aus „Erfüllung" mit 
dem folgenden "\ zusammen, so hat man das Zeichen für 

„Erscheinung", nur durchbrochen, i ~ 



Hinter diesem Worte steckte die Teufelsvision; jetzt ist das 
Teufelsbild zerrissen. Damals handelte es sich um eine mir an- 
gedichtete Liebe. Nach Liebe sehnte ich mich. Jetzt ist jenes 
Lügengewebe zerrissen und ich erfreue mich der Erfüllung meines 
Wunsches nach wirklicher Liebe; darum steht am Ende von 
„Erfüllung" jetzt noch eine Fortsetzung, die das Neue, Erfreuliche 
bedeutet. 

Diese Analyse dauerte 2% Stunden. Man fühlt, daß sie gegen das 
Ende hin oberflächlicher wurde. Bei der geringen Zuverlässigkeit meines 
Besuchers erstrebte ich einen Abschluß, erlitt aber Einbuße bezüglich 
der Gründlichkeit und Zuverlässigkeit. Wer sich gegenwärtig hält, 
daß Simon durch die Analyse immer noch trotz interessanter Zwischen- 
spiele nur zu verlieren erwartete, wird den Analytiker nachsichtig 
beurteilen, wiewohl er viel wissenswertes Material hinter den Riegeln 
der Widerstände liegen ließ. Ich bin nicht geneigt, alle Einfälle Simons 
für die wichtigsten Determinanten zu halten, muß mich aber doch 
zunächst auf sie stützen. 

So viel steht fest, daß wir es nicht mehr, wie bei V 
mit einer verdichteten Buchstabenschrift, sondern mit 
einer reinen Bilderschrift zu tun haben. In 15 Sekunden 
zogen die bildlichen Repräsentanten einer erstaunlichen Menge von 
Phantasien an uns vorüber. Diese Fülle steht hinter derjenigen der 
Zungenreden oder der freien Assoziationsketten nicht zurück. Auch 

Jahrbuch für psyehoanalyt. u. psycliopathol. Forschungen. III. 4?> 



754 



Oskar Pfister. 



abstrakte Begriffe werden durch Anspielungen auf Erlebnisse geschickt 
ausgedrückt (z. B. „Fülle", „Leben".) 

Den Sinn des Kryptogramms werden wir unschwer erraten, 
wenn uns auch manche feineren Beziehungen entgehen. Zum Über- 
flüsse sei auch hier wieder bemerkt, daß jeder peinlichen Erinnerung 
aus der Kindheit und ihrer Beschwichtigung analoge Gedanken hin- 
sichtlich der Gegenwart entsprechen. 



„Über- 
tragung" des 
Krypto- 
gramms: 

1. Kräfte 



2. Sieg 



3. Leben 

4. Fülle 

5. Führung 

6. Macht 

7. Erfüllung 

8. Erschei- 
nung 

9. Offen- 
barung 



Komplex- 
erinnerung; 

Du erlittest eine Nieder- 
lage vor dem starken 
Feinde. 



Ich schwebte in Lebens- 
gefahr. 

Ein anderes Wesen 
mußte meinetwegen 
leiden. 

Ein deiner Führung an- 
vertrauter Mensch 
stürzte. 

Beim Kampfe fiel ich 
in einen Bach. 

Letzthin erschien mir 
wie früher der Teufel. 

Ich bewege mich auf 
krummem Wege, wer- 
de vom Feinde über- 
fallen. 



Beschwichtigung: 



Heute ist mein Arm nicht 
mehr so verkrümmt, ich 
kann mich vorsichtiger ver- 
halten. Oft warst du Sieger, 
du kannst es auch jetzt 
werden. Schon damals be- 
saßest du eigentlich mehr 
Kräfte als der Gegner. 

Du wurdest errettet. 

Es genas, ich war nicht der 
Verantwortliche . 

Ich war damals zu schwach; 
der Sturz war harmlos. 

Es geschah aus Übereifer. 
Die Niederlage verwandelte 
sich in Sieg. 

Jene Erscheinung war gering- 
fügig ; dazu gehört als Trost 
das Folgende. 

Ein Engel verhieß Bettung. 
Du findest einen Bergungs- 
ort. 



Die psychologische Enträtselung der religiösen (ilossolalie usw. 755 



10. Licht- 
gestalt 



IL Meerestiefe 



12. Berges- 
höhen 

13. absondern 



14. 


hinein- 




dringen 


15. 


erschaffen 


16. 


Liebe 



Ich fürchte mich vor 
Umwegen und Hin- 
dernissen, denen ich 
erliegen könnte (Erg. 
an 1, 2 und 3). 

Ich fürchte mich vor der 
drohenden Meeres- 
tiefe (Erg. an 6 und 7). 

Ich fürchte mich vor 
steilen Bergeshöhen 
(Erg. an 10, 4, 2). 

Die Trennung vom re- 
ligiösen Einflüsse der 
Mutter und der Ge- 
meinschaften kostet 
schweren Kampf 

(Erg. an 9). 

Ich bin über Lebens- 
gefahr beunruhigt 
(Erg. an 3). 

Ich fürchte eine Nieder- 
lage (Erg. an 6). 
Die Teufelserscheinung 

(Erg. an 8). 



Ein Engel weissagt das Er- 
reichen des Zieles. 



Du wurdest schon einmal aus 
dem Wasser gezogen und 
siegtest. 

Dein. Engel geleitet dich zum 
schönen Ziel. 

Du gewinnst Selbständigkeit 
und Freimut. 



Dein Engel verheißt Errettung 
(Erg. an 7). 

Du wirst dir Macht und Glück 
schaffen (Erg. an 2). 

Sie ist vernichtet, die Sehn- 
sucht nach wahrer Liebe 
ist dir erfüllt worden. 



Wie man sieht, hat der Berufskomplex an Virulenz verloren, 
was natürlich nicht ausschließt, daß er morgen wieder auftaucht. 

Die Zeichen 1 — 7 reden von Kämpfen und Mißgeschick, 
aus denen der Kryptograph siegreich hervorgeht. 

Nr. 8 — 16 bearbeiten den peinlichen Eindruck, den inmitten der 
zuvor erwähnten Verwicklungen eine Teufelserscheinung hervorrief. 
Die Unlustgefühle werden paralysiert durch die Erinnerung, daß die 
frühere gleichartige Vision sich als harmlos herausstellte, daß ihm 
nach krummem Weg ein Asyl verheißen sei; eine neue Erscheinung, 
ein Engel, weissagt ihm ein schönes Ziel als Lohn für Kämpfe mit 
Gefahren und Hindernissen, männliche Selbständigkeit, Macht und. 

Liebesglück. 

48* 



756 Oskar Pfister. 

Warum wollte Simon Nr. 14 vor Nr. 11 analysieren? Wir sehen 
jetzt, daß diese Versetzimg inhaltlich richtig war, denn die allgemeine 
Weissagung neben der Reminiszenz an Lebensgefahr gehört zu Nr. 10. 
Warum aber wurde das Wort von dem ihm gebührenden Platze ver- 
drängt und unter, statt neben das zugehörige Wort gesetzt? Weil die 
Zusammenstellung ,, Lichtgestalt (= Braut, siehe unten) — hinein- 
dringen" als unerlaubt schon unter der Bewußtseinsschwelle abgelehnt 
wurde. Während des Analysierens fiel diese Vorstellungsverbindung 
weg, deshalb rückte das Wort Nr. 14 wieder an die richtige Stelle, 

Den Inhalt des 6. Kryptogramms können wir summarisch 
zusammenfassen in den Satz: Schwere Kämpfe und Gefahren von 
Seiten dämonisch gesinnter Feinde stehen mir bevor; aber durch alle 
Nöte führte mich mein guter Engel (die Geliebte) zum Siege. 

Zum Schlüsse der Sitzung kamen noch einige Erscheinungen zur 
Sprache, die etwas Licht auf das Besprochene werfen: Zuerst 

die zweite Teufelsvision. 

,,Elf Tage vor der Konferenz sah ich auf der I-Straße hinter 
einem Baum ein Teufelsbild. Der Teufel stand still und blickte mich 
an, machte aber nichts." 

[Beschreiben Sie den Teufel.] Ich weiß nichts, seine Züge waren 
nicht zu sehen. [Groß?] Nein, mittelgroß. [Schwarz?] Weiß. [Nackt?] 
Bekleidet. [Händeringend?] Nein. [Hörner?] Nein. [Bart?] Nein. Ich 
schaute weg, weil ich mir sagte, es handle sich nur um eine Illusion. 
[Schließen Sie die Augen!] — Die Teufelsfigur glich einer Freundin 
meiner Braut. Jene Freundin verfolgt mich hart. Jetzt fällt mir auf, 
daß der Teufel ganz genau die Figur jenes Mädchens hatte, vorher sah 
ich es nicht. Jetzt ist mir auch die Gestalt deutlich ins Bewußtsein 
getreten. Meine Feindin verleumdete mich kolossal bei der Braut. 
Übrigens ist sie homosexuell, sie wollte immer bei meiner Braut schlafen. 

[I-Straße.] „In diesem Namen steckt unverändert der meiner 
Feindin, an der Stelle beim Baume kam es vor einem halben Jahre 
zum ersten Streite mit ihr." 

Wir sehen nun den Grund ein, weshalb die Figur so sehr undeutlich 
erscheint: Schon der Ort legte die Entdeckung nahe. Es ist uns recht 
angenehm, nun den Feind zu kennen, mit dem sich das Kryptogramm 
befaßte. 

In der Nacht darauf (10 Tage vor der Analyse) empfing Simon 
eine Engelserscheinung, 
die zwar nur einen Traum darstellt-, aber die Lebendigkeit einer Hallu- 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie usw. '57 

zination annahm und daher ihr gleichwertig erachtet wurde. Sofort 
erkannte Simon in dem himmlischen Wesen seine Braut. 
Über die 

„eingegebene" Auslegung der Zungenreden 

äußerte sich der Analysand heute sehr freimütig, daß Text und Kom- 
mentar miteinander nichts zu tun haben. Die Auslegung richte sich, 
obwohl sie über den Sprechenden komme, doch nach seiner Intelligenz 
und seinem Sprachschatze. 

Das siebente Kryptogramm (VII), 5 Tage später. 

Auf meine Anfrage bestätigt mir Simon seine früher erteilte 
Erlaubnis, seine Analyse auszuarbeiten und zu veröffentlichen. Da ich 
die Darstellungsweise der grammatischen Formen kennen zu lernen 
wünschte, gab ich die Weisung: [Schreiben Sie in automatischer Schrift 
eine kurze belehrende Andacht]. 

In 13 Sekunden schrieb mein Künstler: 

■V - ^ "*" "" V. - - - 

Gott ist ein Wesen, das alle 

Kreatur durchdringt. Was wir vor 




\^- 



haben, ist alles ihn. 



Ott. 



Nichts (lange Pause). Immer nichts. [Halt, e* i^t 



falsch, wir nahmen zwei Zeichen zusammen.] 

1. | "*T, Gott.l Gott ist im Herzen. Das Zeichen bildet einen Teil 
des Herzens ab, eine halbe Herzform. [Das Häkchen unten.] Der 
Halt an Gott. 

[Warum nur das halbe Herz?] Ich weiß es nicht. [Das halbe 
Heiz.] Heute sagte mir die Mutter, ich gebe Gott nur das halbe Herz, 
darum finde ich keinen Halt an ihm. Allein ich finde an ihm Halt 
nach meine: eigenen Gottesanschauung, die größer ist als die ihrige. 
t, 8 



758 Oskar Pfister. 



2. 



< 



ist. Ist — existiert. Der erste Strich bedeutet Gott; 



das Häklein davor entspricht dem Schlüsse des Zeichens für Gott. 
Beide Häklein gehören zueinander. Der untere Bogen ~N» bezeichnet 
einen hilflos am Boden liegenden Menschen, wie in VI 2 . Gott hebt 
den Darniederliegenden in die Höhe. Er verläßt mich nicht, auch wenn 
andere es tun. Er ist nicht so klein, daß er auf menschliche Schwach- 
heiten sieht. — Der Punkt bezeichnet den Menschen in seiner Nichtig- 
keit gegenüber der Realität Gottes, die uns tröstet. 



~S 



ein. 



Es gibt nur einen existierenden Gott, nicht 

drei göttliche Personen. Diese Frage beschäftigt mich in letzter Zeit 
ziemlich viel. Die Figur bezeichnet das Allumfassende. Ich sehe sie 
als zwei Anne, die etwas einschließen. Gottes Arme schließen alles ein. 

4. [~>- *~~ - Wesen.] Da kommt Gottes Realität zum Aus- 
drucke. Daß man Gott überall verkörpert sehen kann. 

•->- drückt den Flug Gottes aus. Gott erscheint hier als Vogel. 
Er fliegt über Mauern und Berge. Wenn er den Menschen zu sich hinauf- 
zieht, so kann dieser es auch. 

« — - bezeichnet den Menschen in seiner Nichtigkeit. Er sitzt da. 
Wenn er das eben Gesagte begreift, so richtet er sich auf an der Re- 
alität Gottes. 

5. A das. „Das" ist die Hoffnung. Hier ist ein Mensch 

gezeichnet, der sich an Gott hält. Der untere Teil r \ ist ein Arm, 
der ßich mit Gottes Hand verknüpft. Der obere Halbring ist Gottes 
Hand. 

6. [£-- "V v__ alle.] Er ist über allem Meister. Das 
dritte Zeichen schildert einen Menschen, der am Boden liegt, das zweite 
einen, der auf jenen hinabsieht, das erste beide beisammen in 
kämpfender Stellung. [Ich sehe letzteres nicht ein.] Ich wüßte es 
schon, will es aber nicht sagen. (Errötet.) Ich sehe das erste Zeichen 
als Ende eines männlichen Geschlechtsteiles an. Man beschuldigte 
mich, mit einer Person ein Geschlechtsverhältnis unterhalten zu 
haben. Es war aber nicht in dieser Weise wahr. Einmal ging ich nach 
Mitternacht in ihr Zimmer und setzte mich an ihr Bett. Da sah 
mich ihr Knabe und plauderte es aus. 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie usw. 759 

Ich bin der am Boden Liegende, die Witwe kommt in der Zeichnung 
nicht vor (?). 



Es geht schwer, es gibt 



7: ^_J2 -" "> Kreatur. 

jedenfalls wieder etwas Schönes ! Sie sagten eine Zeitlang, die Person 
sei in der Hoffnung, was aber nicht der Fall war. Später, als ich schon 
ein Jahr lang nicht mehr mit ihr in Verkehr stand, kam sie durch einen 
zugereisten Prediger in andere Umstände. Auf mich fiel kein Ver- 
dacht. — Das erste Zeichen betrifft den Kopf des erwarteten Kindes, 
das zweite die Brust der Frau, wie sie früher war, das dritte, wie sie 
wurde. Einige Glieder ihrer Gemeinschaft behaupteten nämlich, sie 
haben eine derartige Veränderung entdeckt. (Nach 5 Monaten: Vor 
jener Analyse hatte mich ein zungenredender Prediger öffentlich ver- 
leumdet, ich habe meine Braut geschwängert und behauptet, der 
Heilige Geist habe es getan. Beides ist erlogen.) 



8. 



Sc^_ v ""*~~~> durchdringt. 



Der erste Teil geht wieder 



auf das Kind. Ich kann es nicht fertigbringen. 

(Wegen vorgerückter Nachtstunde verschieben wir die Fort- 
setzung um 9 Tage.) 

[Das zweite Zeichen.] In jener Zeit wurde meiner Freundin eine 
Banknote gestohlen. Man bezichtigte mich des Diebstahls, bis später 
eine Hausbewohnerin der Tat überführt wurde. 

^ ~p : Links ist eine Hand an einem verdrehten Arm. Wenn 
man zeigt, daß jemand gestohlen habe, verdreht man auch so den 
Arm, etwa so: 

Das Geld lag oben im Schranke, daher ist die Diebshand nach 
oben gekehrt. [Durchdringt.] Die Wahrheit über den Diebstahl und 
die ganze Affäre dringt durch. 

9. I^\, «- was.] o ist das Geld, das Folgende der Arm, 

der sich nach ihm ausstreckt. Die Hand umklammert das Geld. [Warum 
ist er dick? ] Ich bringe es nicht heraus. Vielleicht hilft das Folgende 
nach. [Das zweite Zeichen.] Es mahnt mich an eine halbe Banknote. 



760 Oskar Pfister. 

Eine ganze zu 100 Franken wurde aus einer Blechschachtel gestohlen. 
Die Diebin wechselte sie in zwei ä 50 Franken um und sandte die eine 
davon ihrem Verwandten zu, die andere verbrauchte sie für sich. 
[„Was"]. Was sie mit dem Gelde machte, ist die Frage. [Warum 
ist der Arm dick?] Hier haben wir die Diebin erwischt, darum tritt 
der Arm hervor. (Man beachte die merkwürdige Ähnlichkeit der 
Zeichen für „das" (Nr. 5) und „was" (Nr. 9). Letzteres liefert gleichsam 
die Bekräftigung der im ersteren aufgestellten religiösen Idee.) 

10. *- -<^^wir. Als die Geldgeschichte passierte, bekamen 
wir einen schmutzigen Brief wegen der geschlechtlichen Angelegenheit. 
Der Bogen im Winkel bezeichnet wieder das Glied. Unser Rechtsanwalt 
ließ die Schrift untersuchen und entlarvte als Schreiberin die erwähnte 
Diebin. Darauf klagte die Frau, mit der ich verleumdet wurde, und 
ich zusammen gegen jene. Der Winkel sagt, daß wir zwei, obwohl wir 
uneins geworden waren, hier eins waren (?). 



11. 



U 



vor. 



Geht auf die nämliche Geldgeschichte. 
Das zweite Zeichen ist wieder die Hand, jetzt nicht mehr in der Weise 
eines Diebes verkrümmt. Mein Anwalt beschuldigte zuerst fälschlich 
einen gewissen S. Die erste Figur stellt sein auffallend vorspringendes 
und herabhängendes Kinn dar. [Vor.] Er mußte „vor" (Schweizerd. 
Ausdruck für „vor den Richter"). Ich hatte den Mann sonst gern, 
er war auch in meiner Gemeinschaft. 

12 - I V5J v Augen. 



Der erste Teil ist wieder wie „Kre- 
atur". Das folgende Strichlein gehört auch dazu, ebenso das nächst- 
folgende: v s. Die Figur deutet an, daß der ganze Klatsch als 

nichtig erfunden wurde. Der Kinderkopf ist entzwei, die Brüste sind 
in den Augen der Leute wieder klein. „Augen" heißt: Da macht man 
die Augen auf; vorher machte man sie nicht recht auf, jetzt desto 
mehr. 

Ich sehe ein, daß ich nicht ein heiliger Mensch bin, der aus dem 
Jenseits Eingebungen bekäme. Gott leitet die Menschen anders als 
durch verworrene Eingebungen. 

13. — \ haben. Da hat Gott Gerechtigkeit ans Licht ge- 
bracht. Der wagrechte Strich bedeutet eine Ebene. Was über dem 
Striche ist. ist das über das Geschwätz Erhabene, was darunter ist, 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie usw. 761 

das alte böse Gerede. Ich machte den Strich von unten nach oben. 
Das Rechte kam an den Tag aus seiner unterirdischen Vergangenheit, 
[haben.] Ich habe das Recht erhalten, ich besitze es. 

14. [ \ -^ v ist.] Gott ist. Was sagte ich bei "Wesen? Hier 

ist das gleiche Zeichen, nur nicht mehr zerstückelt. Er hat sich als 
Einheit bewährt. Das bei „Wesen" Gesagte ist nun bewiesen, ß-~ - = 

Der fliegende "Vogel. ") = das zweite Zeichen von Wesen, nur der 
Winkel weniger scharf. Hier sitzt der Mensch nicht mehr, er steht. 
Das oberste nach links geneigte Stücklein stellt den Kopf vor. 

^"^ Es ist das dritte Böglein von „Wesen", nur nach oben 
gekehrt. 

[„ist"]. Gottes Realität ist jetzt ausgewiesen, er „ist". (In 
Wirklichkeit ähnelt die Figur Nr. 3 „ein"; auch der Einfall, daß Gott 
sich als Einheit bewährte, paßt besser hierzu; setzen wir diesen Begriff 
in die Sentenz, so wäre etwa zu sagen: „Was wir vor Augen haben, 
eines (ist) alles, (nämlich) er." Am Inhalte ist dabei nichts geändert 
worden.) 

15. [ . *■ alles. Ich glaube, man muß das Folgende 



noch hinzunehmen,. 



16. I ^ ihn. 



Die drei oberen Stücke gehen auf die drei 

Personen der Dreieinigkeit, der dicke obere Strich sagt, daß sie eines 
sind. Der erste Bogen ist Gott- Vater. Man hat ihn auseinandergerissen. 
Ein Kreis bedeutet für mich stets eine Einheit, das Geschlossene, ein 
Halbkreis also das Zertrennte. Der Heilige Geist ist der andere Halb- 
kreis. Diesen hebt die Pfingstgemeinde so stark hervor, als wäre er 
höher und größer als der Vater. Beides deutet die Zeichnung an, doch 
machte ich das Zeichen für Gott- Vater dick, das andere dünn, weil 
jener die Hauptsache ist, nicht dieser. Der Mittelpunkt ist der Sohn. 
Auch Jesus stellte man als göttliche Person dar. In der Gottheit ist 
er die Liebe. Für mich ist Jesus Gott, Jesus und Gott sind eins, der 
Heilige Geist und Gott auch. Jesus stellt die Liebe Gottes dar. (Auch 
hier ist also, wie in Figur 14, sofern wir sie mit 3 gleichsetzen, die 
Einheit betont, was trefflich zum Inhalte des Ganzen paßt.) 

Die untere Figur schildert im dicken Striche den Arm Gottes, 
4 8 * 



762 Oskar Pfister. 

der in die Tiefe greift. Die Dicke bedeutet die Kraft. Der daneben 
befindliche Strich geht auf des Menschen Arm. Gottes Hand geht 
tiefer, als das Menschen Kleinheit fallen kann. Hier hat sich der Mensch 
schon aus der untersten Tiefe gehoben. 

[alles ihn]. Er regiert alles und macht alles recht, („ihn", Schweizer- 
deutsch = „er"; Simon will hier Schriftdeutsch reden). 

[Gott ist ein Wesen, das alle Kreatur durchdringt]. Er ist überall 
und in allem, in Bäumen, Menschen, in uns, nicht nur außer uns. Auch 
Schwierigkeiten sind nur dazu da, seine Hilfe zu erkennen. Man kann 
ihn als überall vorhandene Kraft vorstellen. 

[was wir vor Augen haben, ist alles er]. „Die Natur und alles 
ist Gott, Kraft Gottes. Das las ich nirgends. Früher dachte ich ganz 
anders. Seitdem ich von Ihnen analysiert werde, finde ich, Gott sei 
ein Wesen, das in allem sei, nicht nur im Jenseits, von wo aus es Ein- 
gebungen zu uns herübersende. Ich sehe ein, daß Gottes Stimme in 
uns selber aufsteigt." 

Um Raum zu sparen, unterlasse ich es, die Komplexvorgänge 
tabellenartig zusammenzustellen. Der Leser hat bereits beachtet, wie 
hinter der religiösen Manifestation allerlei Komplexe liegen (verletztes 
Ehrgefühl, Liebessehnsucht), als deren sublimierte Triebauswirkung 
der Hinweis auf Gottes Allgegenwart erscheint. 

Den Zentralgedanken des Kryptogramms können wir um- 
schreiben mit den Worten: Wie sehr ich auch wegen eines angeblich 
ehebrecherischen Verhältnisses verleumdet werde, Gott wird kraft 
seiner Allgegenwart und Allmacht, wie er mich früher aus derAnschul- 
digung des Konkubinates, der Schwängerung und des Diebstahls er- 
rettet hat, so auch jetzt meine Unschuld an den Tag bringen. 

Dankbar anerkennen wir, daß Simon meiner Aufforderung zur 
kurzen belehrenden Andacht in vorzüglicher Weise nachgekommen 
ist. In äußerst feiner Symbolik schildert er Gott, aber nicht als reines 
Objekt, sondern als den, an welchem sein angeblich nur kaltes Herz 
einen Halt findet. Weiter wird Gott geschildert als der Helfer des Ge- 
fallenen, der Eine, Allumfassende, der wie ein Vogel alle Hindernisse 
überfliegt, den Armen bei der Hand faßt, den der Schwängerung und 
des Diebstahls bezichtigten Frommen beschützt, den Übeltäter entlarvt, 
die Verleumder beschämt und so seine Realität als alles sehender, sich 
aller Bedrängten erbarmender, einiger Helfer kundgibt. 

In dieser religiös-theologischen Demonstration ist eine Beschwich- 
tigung quälender Komplexe enthalten. Mit den religiösen Skrupeln 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie usw. 763 

wegen mindere! Frömmigkeit verbinden sich die weit peinlicheren 
Gedanken an die Vorwürfe auf Immoralität und Diebstahl. Der religiöse 
Ideengang hilft auch diese Komplexe zu lindern. 

Die von uns beobachtete Grammatik der Kryptographie ist 
ähnlich der logischen Darstellungsform des Traumes höchst primitiv. 
Es gibt keine Flexionen, keine Satzgefüge. Die nämliche Form kann 
Substantiv und Verbum, Relativpronomen oder Adjektiv, Subjekt oder 
Prädikat sein. Welche Bedeutung die Figur innehat, ergibt sich aus 
der Stellung im Ganzen. Dabei entläßt ein Schriftzeichen gelegentlich 
ein Wort, das in jenem keineswegs gelegen hatte, allein zur Idee paßt, 
welche das Zeichen darzustellen hat. Der Sinn des Zeichens, seine 
„Übertragung ins Sprachliche" ist also völlig vom Ganzen 
abhängig. Von einer wirklichen „Übersetzung" oder „Übertragung" 
ist daher keine Rede. Wir werden diese Beziehungen später unter- 
suchen. Vorläufig nur noch eines: Sehr zu beachten ist, wie der 
phantastische Reichtum der Zeichensprache bei der Umsetzung in 
Worte elendiglich verloren geht. Die nüchterne Reflexion zerstört mit 
unbarmherziger Strenge die üppigen Blüten, die im Urwalde des Subli- 
minalen in so verschwenderischer Fülle sprießen. 

Simon erkannte diesen Verlust, wenn er auch seine sittliche 
Kraft zunehmen fühlte. Seinen Widerstand gegen die Erschließung 
seiner Geheimnisse konnte ich nicht brechen. Wenn ihn eine Komplex- 
manifestation beunruhigte, so behalf er sich mit einer, wenn auch 
noch so dürftigen Autanalyse und ich hatte das Nachsehen. Dies gab 
er mir ruhig zu. Und doch sieht der erfahrene Analytiker, wo eigentlich 
der wunde Punkt steckt. 

Das achte Kryptogramm (VIII), 7 Tage später. 

* 

., Gestern nacht wurde ich von einem unwiderstehlichen Schreib- 
zwang erfaßt, wie noch nie. Wenn kein Papier zur Stelle gewesen wäre, 
hätte ich auf den Tisch schreiben müssen. Hier sind die Blätter, die 
ich in etwa 10 Minuten schrieb!" 

Simon übergibt r"" - zwei Blätter mit etwa zwölf Schriftarten, die 
wir teilweise prüfen wollen. Die Komplexzugehörigkeit lassen wir 
diesmal außer acht. 

Dir dro- hen gros- se ern- ste Widerwärtigkeiten, 



764 



/ 1 - 



J~ 



*>• 



Oskar Pfister. 



vie- le Sor- 



/*- 



gen, und Linde- rung fin- 

^ Ä ^ ' / '/"* ^T ^ ^ - 



det 



man durch 



Ge- 



bet. Lege 



gern 



alles 

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deines durch 

gern 

.... ■ & < A 
die Hö- 



nieder zu den 




sen 



^ ^ 
^ 



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die Hin- dernisse führenden Gottes, 



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füh- 



ret er dich 



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he. Du wirst es erfahren, 



daß 



wie- der 




er 



mäch- 



tig 



f **S .^-2 ,~^ „^ 



hin- aus- führt. Darum 



,*£-z-^ 



und 



harre 



sei nur unverzagt 
des Herrn. 



j o( ^ Dir.] Das erste Zeichen ist der Anfang eines „D", unigekehrt 
üer eines „J", das zweite = ir. 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Grlossolalie usw. 765 



n drohen. 



1 = Anfang eines D, schräg 



■i 3 4 5 6 

betrachtet ist es ein „r"; [2] ist umgekehrt gesehen (" ) em r, 
gerade gesehen ein o. 3 = h, umgekehrt gesehen -\^> = e. 

4, 5 und 6 = n. 



<\ j^ g^ße. 



1 = g, aber auch r. 2 = o. 3 



4 =z $ (Schluß-s), umgekehrt ( ^ )= e. (5 ist nur schwach, 
kaum sichtbar gezogen, wohl eine Verdeutlichung des e.) 
[ov Q^ a cn ernste.] 1 = umgekehrtes e, 2 = r, man könnte es 

12 3 4 

auch so machen: j° . 3 — n, s, t. 4 = umgekehrtes e. 
[(T^*- * C — ^ Widerwärtigkeiten.] (7&- = W , ?~~ = um- 

1 2 3 4 

gekehrtes i, J*- = d. 2 = umgekehrtes e und aufrechtes r, aus- 
einandergezogens w und o, mit 3 zusammen ö. 4 = r, £, 
auch = i und umgekehrtes g (*>). Ganz 4 = k, e, i, t, e, 
< = n. (Das erste i liegt im Anfang von 1 als J.) 

Ich glaube, im folgenden ist nichts Neues zu finden. Wäre es 
nicht langweilig, die ganze Stelle so zu untersuchen? [Ich erwarte 
es nicht, richte mich aber nach Ihrem Wunsche.] 

Nach demselben Schema waren einige der folgenden Krypto- 
gramme aufgebaut. Wir haben es mit einer unsorgfältig durchgeführten 
Verdichtungsschrift zu tun, die sich gerne der Umdrehung bedient. 
In drei verschiedenen Schriften lieferten die Inschriften den Text: 
„Die Liebe höret nimmer auf. Ob auch die Weissagung und die 
Sprachen aufhören werden, (so doch) niemals die Liebe. Die Liebe 
glaubt alles, sie hofft und duldet alles. Die Liebe höret nimmer auf. 
Darum strebet nach der Liebe." (Nach 1. Kor. 13.) 

„Der Glaube sieht alles in weiter Ferne; was dem Auge un- 
sichtbar, das erschaut der Glaube mit seinem scharfen Auge. Der 
Glaube ist ein köstlich Ding." 

„Die Hoffnung bildet dem Menschen ein festes Fundament," 

Es folgt ein Kryptogramm, das sich durch seine Durchsichtigkeit 
und Einfachheit von allen früheren unterscheidet: 



766 Oskar Pfister. 

Das neunte Kryptogramm (IX). 

Die Lie- be höret nimmer auf. 

Rückkehr zum vorangehenden Typus finden wir in dem sich 
anschließenden Passus: 

„Gott ist das Wesen, in dem diese schönen Eigenschaften wohnen, 
und mit Gott in uns." (Gemeint ist vollkommenes Lieben, Glauben 
und Hoffen.) 

Das zehnte Kryptogramm (X). 

Auf diese Weise gibt es Frieden. 

IX und X waren die einzigen Geheimschriften, die Simon ohne 
meine Hilfe hatte in Worte umsetzen können. 

Aus den unmittelbar nachfolgenden Zeilen gewinnt unser Ana- 
lysand den Satz: „Singe dem Herrn ein neues Lied zu seinem Lobe." 
Hierauf weist der mitgebrachte Zettel eine seltsame Schrift auf, die 
folgendermaßen aussieht: 

Das elfte Kryptogramm (XI). 

Dein 

guter 

Gott *~ 

regiert 

die. ganze 

weite Welt. 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie usw. 767 

Mit diesen Zeichen war analytisch nichts anzufangen. Sieben 
Wochen später vernahm ich auf der Straße von Simon, er habe jetzt 
den Ursprung dieser Telegraphenschrift gefunden. Er besitze ein 
Buch, in welchem letztere geschildert sei; Schrift und Text stimmen 
genau zusammen. Allein das internationale Morsealphabeth, das doch 
wohl allein in Frage kommen könnte, stimmt fast nirgends zu unserem 
Befunde. Höchstens der erste Buchstabe {d = — . .) trifft zu. Um 
Kryptomnesie handelt es sich kaum, zumal der Unterschied zwischen 
Punkt und Strich in unseren Zeichen oft verwischt ist. 

Die Fortsetzung bringt uns eine Mischung von angeblichen Tele- 
graphen- und verdichteten Buchstabenzeichen. Es führt auf den Text: 
„Die Macht ist sein." 

Damit schließt die Satzschrift. Wir erhalten noch einige Schnörkel, 
deren erster die folgende Form trägt: 

Das zwölfte Kryptogramm (XII). 




Nach kurzem Besinnen liest Simon: 
„auflegen" und analysiert: 

^ = a . -^-z_ = u. <f = t^ - f, J - l ^? =e. 



Was diese in deutscher Verdichtungsschrift gebildete Figur 
besagt, wurde nicht analysiert, da mein Gast an jenem Abende seine 
Personalien überhaupt sorgfältig verbarg. 

Den Abschluß bildeten sechs Schneckenornamente: 

Das dreizehnte Kryptogramm (XIII). 




(Langes Besinnen, plötzliches Zusammenfahren: 
„Es bedeutet „Robert". 



768 Oskar Pfister. 



f 



j @) = °- K = b ' die Sc U e i fe ist "ur umgekehrt, 

nach unten statt nach oben gerichtet. 



; 



Das vierzehnte Kryptogramm (XIV). 




„Louise." 



^ 



Ganz ähnlich sind aufgebaut die Schnörkel, aus denen die 
Einfälle : 

„Gebet", „Herz", „alles" und „F . . . . (Familienname der 
Braut) folgen. 

Es ist sehr schade, daß eine genauere Analyse abgelehnt wurde. 
Später erfuhr ich, daß Simon von seiner Familie wegen des Heirats- 
projektes damals heftig bedrängt war, aber an seinem Plane zähe 
festhielt. Diese Sachlage klärt uns über den Komplexgrund der meisten 
Reaktionssätze auf: Die Ermahnung zu betender Ergebung im Ver- 
trauen auf Gottes Hilfe, das doppelte Lob der nimmer aufhörenden 
Liebe, des Glaubens und der Hoffnung, die fromme Erwartung des 
Empfanges dieser Kräfte durch mystische Aufnahme Gottes, die 
Gewißheit künftigen Friedens, der Hymnus auf den Höchsten, der 
gütig die Welt regiert (XI) nach seiner Macht, aber auch Lasten auflegt, 
endlich die Worte: „Robert, Louise, Gebet, Herz, alles, F . . . . (Fa- 
milienname der Braut)" drehen sich um dieselbe Angelegenheit, wobei 
als Ergebnis der religiösen Überlegung die analog stilisierten Namen 
wichtiger Personen hervortreten. 

Ungern vermissen wir die Einzelauflösung, die allerdings viel 
Peinliches enthalten haben muß, wie schon der Zwangscharakter dieser 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie usw. 769 

Kryptogramme andeutet. Allein Simon blieb unter Einsendung eines 
in heftigen Worten eine nichtige Anschuldigung vorschützenden Briefes 
aus und zerschnitt jede weitere Verbindung. 

Mit außerordentlichen Anstrengungen erlangte ich sieben Wochen 
später eine letzte Sitzung, nachdem unterdessen seine Vermählung auf 
Grund göttlicher Eingebungen gefordert und bewilligt worden war. 
Ich gewann einige ergänzende Aufschlüsse über die früheren Glosso- 
lalien und Kryptogramme. Weitere Sitzungen wurden versprochen, 
allein ich besuchte und erwartete Simon öfters zur festgesetzten 
Stunde vergeblich. Der Leser muß sich daher leider gleich mir mit 
einem allerdings wertvollen Torso zufriedengeben. Den Ungeheuern 
Formenschatz des jungen Mannes zu ergründen, überstiege ohnehin 
die Grenzen einer bloßen Abhandlung. 

III. Analytische Fragmente aus der Untersuchung 
anderer Zungenredner. 

Am fünften Tage nach der ersten Sitzung mit Simon stattete 
ich seiner Familie einen Besuch ab, um bei dieser Gelegenheit die 
glossolale Hausandacht kennen zu lernen. Ich traf die Mutter, eine 
etwa 16jährige Schwester Lina und eine zirka 45jährige Freundin, 
Frau T. Die Erstgenannte besitzt die Zungengabe seit zwei Jahren 
und redet in mancherlei Dialekten, spricht aber bescheiden von 
ihrem Charisma: „Die Kühe in Jesus und daß wir mit ihm über- 
winden können, ist mir wichtiger als die Zungenrede. Nur bei ge- 
heiligten Personen besitzt sie Kraft." Lina redet gleichfalls fleißig 
in Zungen, was sie aber ganz besonders auszeichnet, ist die Gabe der 
von Gott eingegebenen Auslegung. Alle sind einig, daß sie aus eigener 
Kraft so schöne Gedanken und Worte nicht finden könnte. Am meisten 
Gewicht auf die Glossolalie legt Frau T., welche behauptet: „Der 
Heiland reinigt uns durch die Zungensprache." Eine später beobachtete 
Zungenrednerin gab an: „Der Zungenredner bessert sich selbst." 

Meine Bitte um Glossolalie stößt zuerst auf Widerstand. Zuletzt 
entschließt sich die Hausmutter zu einem Gebet. Alle knien und ich 
schreibe am Tische nach. In sehnsüchtigen, gezogenen Tönen betet 
die Führerin ^der Gruppe, indem sie die Anwesenden dem Herrn über- 
gibt und um Empfang seiner Person, um seine eigene Kede fleht. Frau T. 
seufzt beständig. Kaum ist das Amen gesprochen, so beginnt sie zu 
flüstern. Ich verstehe die immer wiederkehrenden Worte: 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. III. 49 



770 Oskar Pfister. 

„Santa matona matina", daneben vereinzelt: „messak", „las- 
kona", „esperantina" usw. 

Ich wage zuerst keine Unterbrechung; sowie die Rednerin 
schweigt, wünsche ich eine Wiederholung, die als unmöglich erklärt 
wird. Darauf bitte ich die Erlaubnis aus, die Worte der Zangen- 
rednerin nachzusprechen, um sie richtig nachschreiben zu können. 
Es wird freundlich gewährt. Anscheinend stört es auch nicht im ge- 
ringsten. Frau T. gerät wiederum in religiöse Erregung (eigentliche 
Ekstase war es nicht) und beginnt zu sprechen. So erhalte ich die 
Gelegenheit, nachzuschreiben : 

„Tschina wastora matina to — 
elewatina w (m?) atina watö — 
wesperantina wastora waitö — 
elegantina wastora waitö — 
tira wastöna tina waitö — 
elegatöna wastina to — 
o santa matona." 

Kaum hatte sie ihre stark skandierten Verse beendet, als Lina 
sich vernehmen ließ: 

„Heidufon eindugostik — holein du sti — hoi du go- 
stln — o lin di stik — o fein du stok — ein du sthoid — 
holin stigo — hei du gothi — hoi du fang schfk — hoidu 
gothi — höf du stoi do — oi du goithi — ei of a naschlk — 
hoi du goid — hei logostlk — a la main dog — u fein du 
de — ha fain dög — e lim i niste — o lin di stög — o 
lein du stög — o ni li fi — hei lo stik — ho lo mein dö — 
o lin di stei — o sei a no tscho — a ra mein töko — e sein 
theik." 

Der Vater tritt hinzu und bezeugt, daß ihm diese Geistesgabe 
große Freude bereite, wiewohl er sie selbst nicht besitze. 

Frau H. belehrt mich, daß man selten seine eigenen Reden aus- 
legen könne; es gelinge überhaupt nur, wenn man ganz beim Herrn 
sei, und nicht das Geringste störe. So bekam ich denn leider keine 
Auslegung zu genießen. Dafür entschloß sich die Mutter zu einem 
noch innigeren Gebet um eine Zungenrede. Darauf begann sie: 

„O sela pei — o giti sila bei gei la bei gohe si (Lücke) 
gu sali bagatö — e ti la pa ga la bagatö — o si (Lücke) 
se la pa sela — bagatona — le ta pei se la pei go — hi se 
la bagata — o se la pei sela bei gotona — o me si la selo to." 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie usw. 771 

(Erschöpft.) „Ich kann nicht mehr. Es muß ein Gebet gewesen sein. 
Den Inhalt kenne ich aber nicht. Ich spürte des Herrn Nähe. Ich 
leide heute an Kopfschmerzen wegen der Kämpfe, die ich mit finstern 
Mächten führen muß." 

Darauf berichtet sie über ihre Halluzinationen, die wir schon 
erwähnten. Auch ihre Tochter hatte ein Gesicht: Vor einem Jahre 
sah sie in einer Versammlung plötzlich ein Ährenfeld mit kleinen Hütten 
vor sich. Frau T. durfte sich keiner solchen Gnadenerweisungen 
rühmen; dafür war sie von einem schweren Unterleibsleiden hart vor 
der Operation wunderbar geheilt worden. 

a) Die Zangenrede der Frau T. in analytischer Bearbeitung. 

Leider waren die Widerstände so groß, daß eine ordentliche Er- 
gründung sich nicht durchführen ließ. Besonders die Führerin des 
kleinen Zirkels lehnte es rundweg ab, über ihre Aussagen Rede und 
Antwort zu stehen. 

Frau T. dagegen ließ sich, da mir die Zeit zur Analyse fehlte, 
in freundlicher Weise dazu herbei, meinem Freunde Herrn Pfarrer 
Adolf Keller in Zürich Auskunft zu erteilen. Wer jemals Personen 
explorierte, die ihre Abnormität überaus liebten, weiß auch, was für 
gewaltige Schwierigkeiten zu überwinden waren, um die spärlichen 
Andeutungen zu gewinnen, die wir im folgenden reproduzieren. Dem 
Analytiker, der sich dem unangenehmen und von vornherein wenig 
aussichtsreichen Geschäft mit verhältnismäßig gutem Erfolge unterzog, 
sei auch hier Dank gesagt. 

1. [Santa matona] Ich dachte, es sei ein Gebet; ich dachte an Gott 

und seine wunderbaren Wege. In unserem Geschäft sind viele 
Italiener. 

2. [Tschina] Ich denke an China. 

3. [wastora] Dora, ein Fräulein, das in eine zungenredende Gemein- 

schaft, aber nicht die Pfingstgemeinde geht. 

4. [matina] Nach China. Ich glaube bestimmt, daß unser Freund 

Simon nach China ausgeschickt wird. In den betreffenden Kreisen 
kommt auch Zungenrede vor. — Matina mahnt mich auch an 
eine Nebenarbeiterin Martha, die nicht fromm ist, mit der man 
aber gut auskommen kann. 

5. [to] tina to, tot. Vielleicht, weil ich sterben möchte. Matina to 

erinnert an Martina. 

6. [elewatina] = elegatina. 

49* 



772 Oskar Pfister. 

7. [watina] Nichts. (Ich hatte mich wohl verschrieben; in meinem 

Manuskripte, das ich Herrn Pfarrer Keller zustellte, war in 
Klammern „matina" angegeben, aber mit Fragezeichen versehen. 
Frau T. erklärt dieses Wort für richtig und verweist auf Nr. 4.) 

8. [Wato] Wart' du! Ich weiß nicht, bei welcher Gelegenheit ich es 

sagte. 

9. [wesperantina] Esperanto. 

10. [wastora] Schon beantwortet. 

11. [waito] wai erinnert mich an einen Weiher. Nun kommt mir ein 

Bild,' das Simon hatte (Simon bestätigt, daß es sich um eine Vision, 
keine bloße Phantasie handle), in den Sinn: Es war in der Hölle, 
und dicke Finsternis herrschte. Als Simon zur Finsternis heraus- 
kam, lag da ein Weiher. Es blieb mir keine andere Wahl, als 
entweder zurück in die Finsternis oder vorwärts in den Weiher. 
Ich will lieber ertrinken, als noch einmal ins Dunkel zurück. 
Ich springe hinein und werde ganz hinabgestoßen. Dann sah 
mich Simon auf der andern Seite ganz verklärt heraussteigen. 
Die Finsternis war mein früheres Leben in Sünde, als ich noch 
ein armes Weltkind war, wie es nie ein elenderes gab. Das Ein- 
tauchen in den Weiher ist der Tod für das Fleisch, das Auftauchen 
die Wiedergeburt. 

Simon hatte auch ein anderes Gesicht (Frau T. hatte es mir 
unmittelbar nach der Zungenrede gleichfalls erzählt). Er sah 
mich auf einer grünen Au etwas suchen. Da sprach er zu mir: 
„Was suchst du?" Ich entgegnete: „Ich suche ein Kräutlein, 
daß mein Ich sterben müsse." Da sagte er: „Hier findest du 
keines, aber komm mit mir !" Ich befand mich vor einem hohen 
Berg. Er wünschte, daß ich mit ihm hinaufsteige ; allein es war 
mir zu steil. Ich lehnte darum ab mit den Worten: „Nein, da 
hinauf kann ich nicht steigen, ich will lieber nicht!" Er ver- 
sicherte: „Nur da oben findest du das Kräutlein, sonst gar 
nirgends!" Ich fand nun: „Dann kann man's ja probieren!" 
Wir kletterten hinauf und fanden unter viel Gras ein Kräutlein, 
in dessen Mitte ein Kreuzlein war (dieser Zug wurde mir ver- 
schwiegen), und mitten im Kreuzlein lag ein Tröpflein Blut. 
Er sagte: „Sieh, das ist jetzt das Kräutlein!" Ich nahm es und 
biß hinein, um alsbald auszurufen: „Aber das ist bitter!" Er rief: 
„Natürlich, wenn man sterben will, so ist das bitter!" Ich aß 
nun das Kräutlein, schluckte und schluckte, bis es verzehrt war. 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie usw. 773 

Darob hatte ich. Freude und sang das Lied: „Wie herrlich ist's, 
erlöst zu sein, Herr, durch dein Blut!" Dies war der Schluß seines 
Gesichtes. 

12. [elegatina] „Elegant" sagte ich schon oft. 

13. [wastora] Schon beantwortet. 

14. [waito] Schon besprochen. 

15. [tira] (Unterbrechung, um aufzuräumen.) Ein Wesen wie das 

Tier der Offenbarung Johannis, ein Ungeheuer mit Hörnern 
steigt vor mir auf. 

16. [wastona] Ich denke an Jona. Er mußte in Ninive Buße predigen 

und wollte anfangs ausweichen. 

17. [tina] China. Im Anfange unserer Bewegung kamen einige Zungen- 

redner aus China von solchen her, die nach China ausgesandt 
worden waren. 

18. [waito] Schon erledigt. 

19. [elegatona] Niemand. Nur auf der Straße sah ich jemand in einem 

schönen Kleid. 

20. [wastina] Was, Lina? So fragte ich sie schon. 

21. [to] Schon besprochen. 

22. [matona] So sagen die Italiener oft. Sie meinen die Madonna. 

Dieses Ergebnis ist, wie bemerkt, recht mager. Und doch dürfen 
wir, ohne uns der Voreiligkeit und Willkür schuldig zu machen, einige 
Schlüsse wagen. Ich kann freilich nicht ganz unvorbereitet an die Mit- 
teilungen des Herrn Pfarrer Keller herantreten. Auf dem Heimwege 
von der glossalen Versammlung erzählte mir nämlich Frau T. allerlei 
Dinge, von denen ihr Herz voll war und offenbar auch ihre Zungenrede 
Zeugnis ablegte. Die Zungenrednerin sang nämlich das Lob ihres 
jungen geistlichen Freundes mit so überschwänglichen Worten, daß 
ich nicht umhin konnte, sie für verliebt zu halten, ob sie es sich auch 
vielleicht selber nicht klar machte. Auch redete sie von einigen jungen 
Mädchen, mit denen Simon in Beziehung stand und die angeblich 
von bösen Geistern besessen waren, in einem Tone, der mir den Verdacht 
der Eifersucht nahe legte. 

Daß Simon in der Zungenrede eine beherrschende Stellung 
einnimmt, ist auf den ersten Blick ersichtlich. Er begegnet uns in 
Nr. 2 (vgl. 4): Aussendung nach China. 11: Er führt die Glossolalin 
ins Wasser und verklärt hinaus, er hilft ihr, daß das Ich sterbe, und 
klettert mit ihr den Berg hinan, er gibt ihr das Kreuzblümchen mit 
dem Blutströpfchen zu essen (Visionen Simons). 14: Wiederholung 
4 9 



'74 Oskar Pfister. 

des eben Gesagten. 16: Simon weigert sich, als Prediger in einem fernen 
Lande (Ninive entspricht China) aufzutreten, wie sie und die Mutter 
ihm zureden, gehorcht aber zuletzt. 17: Nochmals China, wo Zungen- 
redner angesehen sind. 18: =11 und 14. 

Die Wünsche unserer Analysandin gehen somit auf Vereinigung 
mit Simon, dem sie nach China folgen möchte. 

Von Eifersucht zeugen die Reminiszenzen 4 und 7: Martha. 
Simon bestätigt nämlich, daß dieses Mädchen auch die Zungenstunden 
besuchte, und hält es für wahrscheinlich, daß Frau T. auf sie eifersüchtig 
war. Letztere verteidigt er warm als brave Frau. In den glossalen 
Kreisen sei die Erotik allgemein stark erregt. Alle jene Frauen, auch die 
ältesten, seien von auffallender Verliebtheit. Nr. 3, 10 und 13 betreffen 
eine Dora, die Simon nicht kennt. Wahrscheinlich ist sie eine Deck- 
figur für das Mädchen, das einige Wochen später zum Verdruß der 
Familie und der Frau T. die Braut des jungen Mannes wurde. Bei 6 
und 19 befaßt sich die Analysandin mit der zweifelhaften Eleganten 
auf der Straße. Marthas Name dürfte auch anklingen in 5 (Matina to), 
wo die Silbe to Todesgedanken wachruft (subliminale Entfernung der 
Nebenbuhlerin?); sie oder andere Rivalinnen kommen endlich auch 
vor in 8 (wato): Wart' du! (Drohung gegen sie.) 

Es kann aber auch ein anderes Mädchen gemeint sein, hat sich 
doch Frau T. über mehrere ungünstig ausgesprochen. Vielleicht sind 
in Dora die Züge dieser unliebsamen Gestalten verdichtet, vielleicht 
teilen sich Dora, Martha und die Elegante in deren Repräsentation. 

Jedenfalls enthalten die Unfrömmigkeit der Martha, die Untreue 
der apostolisch-katholischen Dora und die Eleganz der Unbekannten eine 
Wunscherfüllung, insofern die Zungenrednerin sich von den angegebenen 
Vorwürfen frei weiß und ihr höheres Anrecht auf Simon bestätigt sieht. 

Auf die innerlich verwandten beiden Gdeankenkreise weisen 
somit deutlich fast alle Zungenworte, wenn wir auch leider ihr Ge- 
heimnis nicht gänzlich enthüllen können. Unerledigt sind 9: Wes- 
perantino, doch enthält der Einfall „Esperanto" wahrscheinlich einen 
Hinweis auf den ihr geistesverwandten Zungenvirutosen Simon und 
seine Aussendung in ein fremdes Land oder auf den Anspruch, in der 
Zungenrede ein allen Völkern verständliches Esperanto zu besitzen. 
Vielleicht kennt auch Frau T. den Zusammenhang des Wortes mit 
„esperer". 

Unerklärt ist ferner 15: tira. Wer mit Freud, Rank und vielen 
anderen die symbolische Bedeutung des Wassers (Geburt) bestätigt fand, 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie usw. 775 

wird nicht anstehen, dem nach Offenbarung Johannis 13! aus dem 
Wasser steigenden Tier mit den Hörnern auch hier die entsprechende 
Symbolik beizulegen. Es ist sicher kein Zufall, daß die Szene vom 
Sprunge ins Wasser voranging. In der Apokalypse wird erzählt, daß das 
Tier in die Verdammnis iahren muß (17 8 ). Da die Zungenrednerin, wie 
schon die von ihr eingestandenen vielen Anfechtungen durch den 
Teufel verraten, sexuell bedrängt ist, gehen wir kaum fehl, wenn wir 
hinter dem apokalyptischen Tier die rohe Geschlechtslust vermuten, 
die verdrängt wird, wie auch der Wunsch nach einem Kind von Simon. 
Hierzu stimmt das einzige ungelöste Wort Nr. 1 und 22 : matona. 
Frau T. will sich zuerst nicht erinnern, daß es Maria bedeutet. Die 
entschiedene Protestantin gibt nicht gerne zu, daß sie zur Jungfrau 
betet. Daher die Versicherung, daß sie bei „Santa matona" an Gott 
dachte. Was konnte die Beterin veranlassen, Maria zu bevorzugen? 
Auch nach orthodox-protestantischer Lehre ist sie die Reine, die als 
Jungfrau den Heiland gebar. Wir wissen, daß Frau T. früher ein lockeres 
Leben führte und von der Zungenrede Reinigung erwartet. Unsere 
bisherigen Erfahrungen verraten uns, daß die erotischen Wünsche 
in ihr stark sind, aber auch energisch verdrängt werden. Vor der 
Sexualität hat sie ein Grauen. Ist es nun nicht leicht verständlich, 
daß die als unrein abgelehnten Begierden bei ihrer Sublimierung sich 
an die göttliche Person wenden, welche Gattin und Mutter war, aber 
dennoch jungfräuliche Reinheit bewahrte? Die unerlaubte Libido 
ging auf direkte Befriedigung aus. In der sublimierten Verdrängung 
finden wir das Verlangen nach primärer Erotik entstellt, indem das 
bekannte Kompromiß zustande gekommen ist. Durch die Einkehr 
zur göttlichen Jungfrau wird der primärerotische Anspruch durch 
den Charakter der irdischen Gattin und Mutter in Maria befriedigt, 
der primärerotischen Verdrängung wird genügt durch die Negation 
des Sexualverkehrs, durch Jungfräulichkeit. Überdies erhalten diese 
Charaktere eine religiöse Sanktion. Im Gebete liegt auch hier der 
Wunsch nach einer Identifikation. 

So wenig uns das analytische Ergebnis befriedigt, so vergönnt es 
uns doch einen zuverlässigen Einblick in den der Zungenrede zu- 
grunde liegenden Komplex: die eifersüchtige Liebe zu Simon, 
und in die Phantasien, durch welche die verdrängten Wünsche ver- 
wirklicht werden: Die Vorzüge der eigenen Person; Frömmigkeit, 
Treue, Einfachheit, Wiedergeburt zu einem reinen Leben werden den 
Nebenbuhlerinnen gegenüber herausgestrichen, der geliebte Jüngling 



776 Oskar Pfister. 

# 

erscheint als Ketter aus sittlich-religiöser (und erotischer) Not, er 
ermöglicht die Verbindung, indem er als zungenbegabter Missionär 
nach China auszieht, wie einst auch Jona trotz anfänglicher Weigerung 
schließlich nach Ninive hinaufpilgerte. Die Gemeinschaft mit Simon 
ist angedeutet durch das gemeinsame Klettern, Ins- Wasser-geraten 
(auch Jona mußte sich ins Wasser bequemen, bevor er nach der Heiden- 
stadt wanderte), durch das gemeinsame Suchen des das Ich abtötenden 
Krautes. Endlich wird die ganze Liebe im Sinne der göttlichen Jungfrau, 
der katholischen Liebesgöttin, sublimiert. 

Wir werden in Anbetracht dieser Leistungen Frau T. das Zeugnis 
nicht absprechen, daß sie ihre erotischen Neigungen durch ihre Glosso- 
lalie in einer Weise bearbeitet hat, die Achtung verdient. So bestätigt 
sie durch ihren Automatismus den günstigen Eindruck, den ihr ganzes 
Auftreten erweckt hatte. 

b) Linas ZuHgenrede. 

Das junge Mädchen wird von Mutter und Bruder als störrisch 
geschildert. Nicht leicht gelingt es, sie zwei Tage nach ihrer Rede 
zur Analyse zu bewegen. 

Lina gibt an, der ihr verliehene Geist sei nicht direkt Gott, komme 
aber von ihm her. 
[Heidufon] Wenn es nicht beisammen gewesen wäre? [Hei] hörte ich 

einmal den Kommissär der Heilsarmee sagen. Man sang Indisch. 

Dabei kam vor die Stelle : „Hannewi hei tschi". Der Kommissär 

redete von Lazarus, für den sie im Himmel alles bereit machten, 

damit sie ihn heim holten, 
[fon] = fönt, sie machen. Ich denke daran, wie die Engel im Himmel 

für Lazarus alles bereit machen, 
[eindugostfk] ein = in den Himmel, du = du, gost = gehst, stik = 

stiegst (Zürcherdeutsch für „steigst"). 

Die folgenden in Klammern gegebenen Übersetzungen verschwieg 
ich Lina, deren Einfälle jene Vermutungen als nicht zu kühn erscheinen 
lassen. 

[holein] Daß es im Himmel hieß: „Holt einen", 
[du sti] (du steigst), 
[hoi du gostin] (hui, du gehst ein), 
[o lin di stik] (o Lina, du steigst). 
[o fein du stok] (o fein steigst du.) 
[ein du sthoid] hoid = heute (heute noch steigst du auf). 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie usw. 777 

[holin stigo] o Lina, steig auf! 

[hei du gothi] Heim zu Gott hin! 

[hoi du fang schlk) Nichts (vgl. das erste Zungenwort). 

[hoi du gothi] Heim zu Gott hin! 

[höf du stoi do] Nichts. (Der eben eingetretene Bruder: „Hof" hörtest 
du oft im Englischen). (Vielleicht : „Hoffe ! du stehst da !" - Ähnlich 
in der Himmelfahrtsgeschichte Apostelgeschichte l u : „Was 

stehet ihr da und sehet gen Himmel? Dieser Jesus wird 

wiederkommen. " ) 

[oi du goithi] du gehst hin! 

[ei of a naschlk] naschik geht darauf, daß der Heiland oft („of") einen (a) 
Engel nachschickt. (Der Bruder: Der Kommissär bemerkte 
jenesmal, der Heiland habe die Engel nachgeschickt, um die 
Leute vorzubereiten.) 

[hoi du goid] Hin zu Gott. 

[hei logostik] Heim steigen lassen, (lo zürch. = lassen, go zürch. = um 

zu). 

[a la mein dog] (Alle meine Tage, gemäß Linas spontanem und un- 
beeinflußtem Einfall zu „ho lo mein dö", siehe unten). 

[u fein du de] (Und fein [hast] du es dann [de Schweizerdeutsch = 
dann]). 

[ha fein dog] Hast feine Tage. 

[e lim i niste] Und Lina nistet sich ein. 

[o lein du stög] Lina, du steigst („Leina", englische Aussprache von 
„Lina", wie China englisch „Tscheina"). 

[o ni li fi] Ohne . . . 

[hei lo stlk] Heim laßt steigen! 

[ho lo mein dö] Alle meine Tage. 

[o lin di stei] Lina, du steigst! 

[o sei a no tscho] Nichts. (Simon: „Tscho" sagt eine andere Zungen- 
rednerin D. B., die von Lina ausgelacht wird, weil ihre Reden 
so dumm klingen und ihre Auslegungen ihre eigenen Wünsche 
verraten. Lina mag überhaupt die Hälfte der Menschen nicht 
leiden.) 

[a ra mein töko] Nichts. 

[e sein theik] Nichts. 

Das Mädchen verrät gegen das Ende hin immer deutlicher seine 

Ungeduld und Enttäuschung über den Verlauf der Besprechung. Eine 

ihr heilige Kunst zerfließt in ein kindisches Geplauder. Ihr scheues 

4 9 p 



778 Oskar Pfister. 

Wesen verweigert die tiefere Analyse des entschiedensten. Was wir 
zu hören bekamen, war ein infantiler Typus der Glossolalie, vergleich- 
bar dem sinnvollen Kindertraum. Die Wünsche in den Himmel zu 
kommen und Englisch zu reden, determinieren das Gebilde. Gewiß 
stecken hinter der verzerrten Sprache Komplexe, die mit intimen 
Verhältnissen eng zusammenhängen. Allein das junge Mädchen ist 
nicht gesonnen, ihre Geheimnisse preiszugeben. Daher erlitt der Ana- 
lytiker einen gewissen Mißerfolg, der immerhin einiges Verständnis 
des beobachteten glossalen Automatismus im allgemeinen übrig läßt. 
Der wesentliche Inhalt der Zungenrede liegt offen vor uns. 

Lina wurde durch unsere Besprechung derart ernüchtert, daß sie 
von Stund an für mehrere Monate die Zungenrede preisgab. Gegen 
meine Zusicherung, ihr eine passende Stelle zu verschaffen, stellte sie 
mir eine neue Rede und Analyse in Aussicht. Als ich mein Anerbieten 
ausgeführt hatte, weigerte sich das wankelmütige Mädchen, den Posten 
anzunehmen. Somit hatte ich keine Hoffnung mehr, eine bessere Probe 
ihrer Glossolalie zu erhalten, und mußte dem Leser ein bescheidenes 
Fragment vorlegen 1 ). 

Als göttliches Gnadengeschenk betrachten alle Zungenredner, 
die ich untersuchte, die Auslegung, die nicht durch Denken, sondern 
nur nach 1. Kor. 12 10 durch Inspiration erlangt wird. Diese „Aus- 
legungen", deren nicht alle Glossolalen habhaft werden, fallen bereits 
unter den Begriff der „Weissagung" (jtQocprjteia 1. Kor. 12 10 ), die 
aber auch für sich allein automatisch auftritt, manchmal mitten in 
einem Gespräche, gewöhnlich eingeleitet durch die Worte: „So spricht 
der Herr: Ich . . .". Als Inhalt nannten mir die Ohrenzeugen überein- 
stimmend Trost, Ermahnung, Ankündigung künftiger Ereignisse und 
Aufdeckung einer verborgenen Sünde. Diese „Unterscheidung der 
Geister", zurückgehend auf die Paulinischen „diaxQtßEtz nvivfumatv" 
1. Kor. 12 10 , ist hoch geschätzt. Simon wird gepriesen, weil er den Leuten 
ihre innersten Gedanken ansieht, besonders die in diesen Kreisen sehr 
oft vorkommende Nötigung, mit dem Teufel in der Seele zu ringen. 

*) Einige Monate später hörte ich zwei andere religiöse Zungenrednerinnen, 
die sieh der Analyse leider widersetzten. Die eine (Mutter) kam trotz mehrerer 
Versuche nicht über die Wiederholung der Worte: „Diagassöna caravala- 
tina gattö" hinaus. Die andere (Tochter) sprach mit schöner, deutlicher Stimme: 
„Lafrenj ata iosanti weisagoranja tora. Riol latarüfan wotei si- 
quasikatei ri avarön skei distju rabattasari ralvatüra. Soll ich 
fortfahren? (Ja.) Häfju skeK disgju schalvatiske'I risto siosk^i wios- 
sunjä schei siathü eolvarü." 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie usw. 779 

Erwähnenswert ist die Tatsache, daß alle mir bekannten Glosso- 
lalen versicherten, der Teufel habe in den Gemeinschaften mehr Arbeit 
als bei andern Leuten. Doch erklärt man sich diesen Umstand daraus, 
daß die heiligsten Wohnstätten des Geistes den Grimm des Satans 
am stärksten reizen. Im Durchschnitte lernte ich meine Zungenredner 
als harmlose, wohlgesinnte Leute von geringer Bildung und überreizter 
Erotik kennen. Unter den Neurotikern der Gemeinschaftskreise ver- 
treten sie keineswegs eine der gefährlicheren Observanzen. Bei 
öffentlichen Versammlungen könnten sie allerdings durch hysterische 
Krisen Schaden stiften. 

IV. Zur Theorie der Glossolalie. 

1. Psychologische Erörterung. 

Wir sehen uns nun vor die Aufgabe gestellt, das Wesen und die 
psychologischen Verhältnisse der Glossolalie anzugeben. 

Aus unseren Untersuchungen ergibt sich die Definition: „Unter 
Glossolalie oder Zungenrede verstehen wir sprachenähn- 
liche automatische Neubildungen, deren Inhalt dem 
Eedenden unbekannt ist". Diese Formel unterscheidet sich er- 
heblich von Lombards Satz: „Bei der Glossolalie handelt es sich 
um lautliche Automatismen, welche die Form einer Sprache oder einer 
vom Subjekt im normalen Zustand nicht geredeten Sprache annehmen 
oder anzunehmen trachten 1 )." Zu unserer abweichenden Begriffsbildung 
veranlassen uns historische und psychologische Überlegungen. Der 
Ausdruck stammt aus dem 1. Korintherbriefe, wo die Zungenrede 
unserer Bestimmung gemäß beschrieben ist. Die Pfingsterzählung 
(Apostelgeschichte 2) redet nur von einem „Reden in anderen Zungen 
oder Sprachen", also jener psychologisch *fragwürdigen, jedenfalls 
als tatsächlich vorkommend wissenschaftlich nicht gesicherten Rede- 
weise, die Lombard als Xenoglossie bezeichnet 2 ). Letztere beruht 
offenbar großenteils auf Kryptomnesie und stellt eine von der Leistung 
des Paulus völlig verschiedene Funktion dar. Ebenso lehne ich die 
Zusammenkuppelung der Zungenrede mit liturgischen Stereotypien, 
wie oataCa — aiat tota r\t,ri usw. 3 ) ab, solange nicht feststeht, ob 
diese Bezeichnungen wirklich auf Automatismus beruhen, oder aus 

*) Lombard, Classification des glossolalies, p. 3. 
2 ) A. a. 0. 34. 
s ) 20. 



780 Oakar Pfister. 

bewußten Überlegungen hervorgegangen sind. Feststehende Formeln 
sind jedenfalls im Gebrauch der Liturgen keine Automatismen mehr. 
Auszuscheiden ist auch die subliminale Erschaffung einer neuen Sprache 
dann, wenn ihr Sinn dem Redenden klar ist. Höchstens sofern die 
Neologismen, welche das gewöhnliche Wort vertreten, einen unver- 
standenen Automatismus darstellen, können sie als „Zungenworte" 
gelten. Neologismen fand ich einmal bei einer epileptischen Hysterika, 
welche sich ein eigenes Lexikon schuf. Mich nannte sie z. B. Teil, was 
sich als Abkürzung von Telemach herausstellte. Doch verband sie mit 
den Ausdrücken ihres beschränkten Vokabulars bestimmte Vor- 
stellungen, auch waren die künstlichen Wörter kaum rein automatisch 
entstanden, so daß ich auch diese Erscheinungen nicht unter den Begriff 
der Zungenrede sublimieren kann. 

Die von uns untersuchten Glossolalien lassen sich mühelos in 
zwei Gruppen zerlegen. Die erste ist als automatische Verzerrung 
einer normalen Sprache, kurz ausgedrückt, als automatische 
Verzerrungssprache zu beurteilen. Wir fanden sie bei Lina an 
das Englische anklingend, doch kann sie selbstverständlich jedes be- 
liebige Idiom nachahmen. Diese Redeweise trägt infantilen Charakter 
und geht, abgesehen von der Suggestion durch die Vorbilder, hauptsäch- 
lich aus dem Wunsche hervor, die betreffende Sprache zu beherrschen. 
In der Tat finden wir bei spielenden Kindern Anfänge einer ähnlichen 
Sprachentstellung. Die automatische Verhüllungsarbeit geht natürlich 
viel weiter. 

Die zweite Art von Glossolalie dürfen wir als ungrammatische 
oder imaginative Zungenrede bezeichnen. Wir fanden sie bei 
Simon und Frau T. in der Gestalt ausgebildet, daß die Redeteile eine 
große Zahl von Erinnerungen durch einen meistens äußerst charak- 
teristischen knappen Ausdruck repräsentierten, wobei jede grammatische 
Organisation, Formen- oder Satzbau, gänzlich fehlt. Gewisse äußer- 
liche Übereinstimmungen nehmen wir wahr: Gemeinsame Anklänge 
an eine bestimmte Sprache, Reim, Rhythmus, Erscheinungen, die im 
Traumleben der sogenannten sekundären Bearbeitung des Traum- 
materials analog sind und darauf ausgehen, dem grotesken Gebilde 
den Anstrich einer wirklichen Sprache zu verleihen. 

An Stelle der grammatischen Struktur finden wir in der Glosso- 
lalie einen psychologischen Aufbau, welcher mit dem des Traums, des 
hysterischen Symptoms und überhaupt aller neurotischen Phänomene 
im Prinzipe völlig übereinstimmt und den nämlichen allgemeinen 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie usw. 781 

Gesetzen gehorcht. Deshalb konnten wir auch ohne weiteres die psych- 
analytische Methode auf die automatische Symbolsprache anwenden. 
Unser Ergebnis entsprach genau dem bei allen neurotischen Erscheinun- 
gen zutage tretenden: Aus der Apperzeption der Redeteile erhielten wir 
eine Anzahl von Reminiszenzen, die anscheinend bunt herumwirbelten. 
Allmählich aber erkannten wir in der verwirrenden Fülle von Einfällen 
gemeinsame Züge, bis endlich die disjecta membra sich als Glieder 
eines Organismus herausstellten, so daß wir ein kunstvoll angeordnetes, 
sinnreiches Ganze vor uns sahen. 

Als organisierendes Prinzip entdeckten wir wie im Traume 
und in der Neurose einen Komplex oder ihrer mehrere, die sich in 
kunstvoll verschlungenen phonetischen Äußerungen eine maskierte 
Betätigung zu verschaffen wußten. Hinter allen Zungenreden, die wir 
genügend zu erforschen Gelegenheit hatten, entdeckten wir peinliche 
Gedanken, welche ihnen analoge verdrängte, und zwar bestätigende, 
meist infantile Erlebnisse neu belebten und zum verschleierten Ausdruck 
brachten, aber nur dann, wenn jene Erlebnisse gleichzeitig einen gün- 
stigen Ausweg fanden, der in ähnlicher Weise auch aus der gegen- 
wärtigen Schwierigkeit zu führen Aussicht bietet. 

Als Komplexe fanden wir die gewöhnlichen. In erster Linie drängte 
sich uns die erotische Verdrängung als zungenbildendes Motiv auf 1 ), 
aber auch Ehrgeiz, Sehnsucht nach lohnender Lebensstellung usw. 

Das Material wurde fast immer der Kinderzeit entnommen, wie 
auch der Ausdrucksform infantiles Gepräge eignet. Auf diese Tatsache 
hat schon Lombard hingewiesen, ohne jedoch ihren Grund nennen 
zu können. Er liegt darin, daß die in der Glossolalie ausnahmslos 
vorherrschende Triebstauung die Libido allezeit in die infantilen Bahnen 
zurückfluten läßt. Darum kann man die Glossolalie wie jede Neurose 
als Infantüismus bezeichnen. Die infantile Wurzel der Zungenrede 
ist sogar meistens noch deutlicher aufzudecken als :m Traume. 

l ) Auch bei Pastor Paul liegt der sexuelle Komplex offen zutage. In 
seiner Zeitschrift „Die Heiligung" (Heft Nr. 93, Juni 1906) verwirft er die 
Fleischeßlust bei der Zeugung als unnatürlich und sündlich (S. 9). Ebenso ver- 
rät Barratt, a. a. 0. 7, 30, der die Hand des Heilands auf der Brust fühlte 
und seine Zuhörer auf dasselbe Erlebnis hindrängt, den sexuellen Untergrund 
seiner Frömmigkeit dem Kenner deutlich genug. Die delphische Pythia 
ließ, nachdem sie heilige Speisen genossen hatte, Dämpfe aus der Erde durch 
ihren Schoß in den Leib eindringen, um in glossolale Ekstase zu geraten (vgl. 
die Schwängerung des Geiers durch Wind bei Freud, Eine Kindheitserinnerung 
Leonardo da Vincis). Die griechische Seherin redete somit infolge sexueller 
Anreizung (Kemmerich, Prophezeiungen, S. 39). 



782 Oskar Pfister. 

Jedes Glied des zu besprechenden Automatismus ist mehrfach, 
mindestens doppelt determiniert. Dies ergibt sich schon daraus, daß 
jede Reminiszenz nur dann aufgenommen wird, wenn sie inhaltliche Ver- 
wandtschaft mit gegenwärtigen Situationen enthält. 

Die Glossolalie tritt anfänglich nur in enthuastischer Stimmung 
auf, indem sie den Menschen mit unwiderstehlicher Gewalt überfällt. 
Allmählich erscheint sie auch in ruhiger affektiver Lage und auf Wunsch. 
Bewußtseinsverlust trat aber auch bei Erregung in allen von mir 
beobachteten Fällen nicht ein und bildet wohl eine Ausnahme. 

Die biologische Bedeutung der Zungenrede läßt sich nun 
leicht angeben. Sie liegt wie beim Traum und neurotischen Symptom 
darin, daß den in der Wirklichkeit unbefriedigten Ansprüchen der Seele 
im Reiche der Phantasie Befriedigung geschaffen wird. Darum ist der 
Sinn jeder Glossolalie eine Wunscherfüllung im Sinne Freuds. 

Somit stimmen die zungenrednerischen Gebilde in ihrer Struktur, 
inhaltlichen und biologischen Bedeutung völlig überein mit den Neo- 
logismen des Traumes 1 ), des Witzes 2 ), gewisser Stilprodukte 8 ) und 
der Dementia praecox 4 ). 

Wie aber wird die Psyche veranlaßt, sich in so auffallender Weise 
zu betätigen? Offenbar genügen die übrigen Ausdrucksmittel des 
Wortes, des Traumes, der hysterischen Kundgebung nicht, um dem 
Komplex ausreichende Entladung zu verschaffen. In sämtlichen 
von mir beobachteten oder durch die nachpaulinische Literatur be- 
kannten Fällen von religiöser Glossolalie hat die urchristliche Zungen- 
rede suggestiv gewirkt und teils direkt, wie bei Simon, teils durch 
Vermittlung glossolaler Persönlichkeiten aus der Umgebung die Kanäle 
der Triebfunktion gegraben. Wie die „Pfingstbewegung", die „Gemeinde 
der Kinder Gottes", die „apostolisch-katholische" Kirche der Irvin- 
gianer und andere Organisationen zeigen und auch unsere Exploranden 
bestätigen, spielt die Suggestion eine sehr starke Rolle, doch gibt 
der Komplex dem äußeren Vorbilde erst suggestive Kraft. Wie sehr 
die Gemütsstimmung den Ausschlag gibt, beweisen auch die bei Geistes- 
kranken öfter vorkommenden ganz spontanen Fälle von Zungenrede. 

*) Freud, Traumdeutung J , 219 f. 

*) Freud, Der Wilz u. seine Beziehung zum Unbewußten, 10 — 15. 

3 ) Leo Spitzer, Die Wortbildung als stilistisches Mittel exemplifiziert 
an Rabelais. Halle 1910. — H. Sachs, Über Wort-Neubildungen, Centrlbl. f. 
Psychoanalyse, I., Heft 5/6. 

*) A. Maeder, Jahrb. f. ps.-an. u. ps.-path. F., II., 220 — 227. 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie usw. 783 

Daß Simon am Pfingattage von seinem Automatismus überrascht wurde, 
beweist auch seine Abhängigkeit von der Bibel. Wie aber erklären 
wir die Glossolalie des Paulus? 

2. Religionsgeschichtliche Untersuchung. 
(Die Glossolalie des Paulus.) 

Die Merkmale der Zungenrede, wie sie in den paulinischen Briefen 
geschildert werden, sind folgende: 

a) Bezüglich des psychologischen Vorgangs ist hervorgehoben: 

1. Der irrationale Charakter: 1. Kor. 14 19 : Die Zungenrede ist 
nicht ein „i<5 vot fiov kalrjocu", ein „Reden mit meiner Vernunft". 
Ein traumartiger oder gar bewußtloser Zustand ist damit nicht aus- 
gesagt. 

2. Der automatische Charakter: „Nach 1. Kor. 14 32 hatte sich 
der Zungenredner auch nicht so wie der nQoyrjTrjg in der Gewalt, 
obgleich Paulus (Vers 28) auch von ihm Schweigen fordert." 
(Schmiedel 1 .) 

3. Der enthusiastische Charakter: 1. Kor. 14 23 : Uneingeweihte 
oder Ungläubige würden eine Gemeinde von lauter Zungenrednern 
für rasend halten (ovx egovoiv oxi fmiveofte). 

b) Hinsichtlich der sprachlichen Natur der Glossolalie gibt Paulus an : 

1. Die Undeutlichkeit der produzierten Laute: 1. Kor. 

2. Die Unverständlichkeit: 1. Kor. 14 2 : „Niemand versteht 

ihn". 

3. DieKlassifizierbarkeit. 1. Kor. 12 10 , g8 : „yevrj yXo>ooä>v", 
Arten von Zungenreden. Schmiedel findet mit Recht, daß 1. Kor. 
14 14 _ 17 unterschieden werden ydlfoiv nvtvfmxi „lobsingen im 
Geiste" und Tiqootvxta^ai nvev/uaxi „beten im Geiste", wahrschein- 
lich auch tvloyüv jivevfxari „danken im Geiste". Jedenfalls aber 
beobachtete auch Paulus die Anklänge der Zungenrede an das eine oder 
andere normalsprachliche Idiom. 

c) Mit Hinblick auf die religiöse Bedeutung der Glossolalie. 
1. Der pneumatische Ursprung. 1. Kor. 12 10 : (Durch den 
Geist Gottes wird die Gabe der Zungenrede verliehen). 

*) J. W. Schmiedel, Handkommentar zum Neuen Testament. II. Bd., 
2. Abt. 2 1892, S. 183. 



784 Oskar Pfister. 

2. Die theopetale Abzweckung: 1. Kor. 14 2 : „6 XaXäw 
yXmaarf ovx äv&Q(ü7iois XaXeZ äXXä dem" '„Wer mit Zungen redet, 
der redet nicht mit Menschen, sondern mit Gott". 

3. Die selbsterbauliche Wirkung: 1. Kor. 14 4 : 'O XaXcäv 
yXtboofl eavtov oixodojueT: „Wer in Zungensprache redet, erbaut sich 
selbst". 

Alle diese Merkmale begegneten uns auch in den von uns ana- 
lysierten Zungenreden. Sie waren ausnahmslos irrational, sofern sie 
die Verstandestätigkeit völlig vermissen lassen, formell automatisch, 
wenn auch der allgemeine Impuls zur Glossolalie mehr oder weniger 
willkürlich erteilt wurde und die Nachwirkungen des einen oder andern 
Wunsches sich bemerkbar machten, so wie aus anfänglichem, sich bei 
gemeinsamer Erbauung stets neu einstellendem Enthusiasmus geboren. 

Die philologischen Eigenschaften der paulinischen Glossolalie 
fanden wir unverändert in unseren Beobachtungen wieder, die Undeut- 
lichkeit, die erst unserem Eingriffe wich, die Unverständlichkeit und 
die Klassifizierbarkeit. 

Wir hörten, daß auch der moderne Zungenredner die Botschaft 
seines unterschwelligen Seelenlebens als unmittelbar göttliches oder doch 
übernatürliches Gnadengeschenk betrachtet und durch sein Handeln 
sich mit mehr oder weniger Erfolg erbaut. 

Um bloße absichtliche Nachäfferei des Paulus kann es sich nicht 
handeln, sondern um eine Komplexbefriedigung, zu welcher allerdings 
der gewaltige Missionar die Anleitung gab. Unsern Simon treibt ganz 
entschieden oft ein Bedürfnis, das mit unabweislicher Forderung über 
ihn kam, bei sehr vielen ist Glossolalie aber nur ein Produkt von außen 
kommender Anreizung, welche durch den Enthusiasmus der sich hoch- 
begnadigt fühlenden Zungenredner und die eigene Eitelkeit des Kan- 
didaten zu heftigen Erregungen geschürt wird. Der Enthusiasmus kann 
bald verfliegen, die Prozedur wird zu einer bloßen Liebhaberei, bei 
welcher man darauf achtet, wer „am schönsten" in Zungen rede. 

Auch bei Paulus, dem ältesten sicher bezeugten Glossolalen 1 ), 
sind äußere Motive zu seiner Tätigkeit nachweisbar, wenn auch gerade 

*) Apostelgeschichte 2 redet nur von Xenoglossie, veranlaßt durch die 
rabbinische Überlieferung, die Gesetzgebung des Mose, an welche Pfingsten 
erinnerte, sei bei ihrer Ausrufung von allen Nationen in ihrer Muttersprache 
verstanden worden. (Wendt, Die Apostelgeschichte. Göttingen 1898, 83.) 
Glossolalie können Apostelgeschichte 10^ (Caesarea) und 19 5 (Ephesus) im 
Auge haben (Mosiman 17 f.), allein die Berichte sind nicht ganz zuverlässig. 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie usw. 785 

er als eigentliche causa efficiens seine Komplexbedrängnis verrät. 
Bekanntlich, sucht er die durch das Christentum hervorgerufenen 
Neuerungen aus dem Alten Testament herzuleiten. So auch die Glosso- 
lalie. 1. Kor. 14 21 beruft ersieh auf ein Wort des „Gesetzes": „Durch 
Anderssprachige und durch Lippen anderer (eventuell „Fremder") 
werde ich zu diesem Volke reden und auch so werden sie nicht auf mich 
hören, spricht der Herr." Gemeint ist Jesaja 28 11 _i 2 , das in getreuer 
Übersetzung lautet: „Durch mit der Lippe stammelnde (oder: „bar- 
barisch redende 1 ) Leute und in einer andern Zunge (oder Sprache) 
wird er (Gott) zu diesem Volke sprechen ... sie aber wollten nicht 
hören." Jesaja redet von der den Juden unverständlich klingenden, 
aus Stammellauten zusammengesetzt erscheinenden Sprache der 
Assyrer 2 ), was aber nur bei sorgfältiger Exegese hervortritt. Genau den 
nämlichen Eindruck einer unverstandenen, bloßem Stammeln ähn- 
lichen Fremdsprache erwecken unsere Zungenredner, und Paulus wird 
ähnliche Automatismen produziert haben, wenigstens spricht gerade 
die hier besprochene Auffassung des Jesajawortes dafür, während nichts 
die herkömmliche Auffassung begünstigt, es handle sich um ein Auf- 
schreien, Jauchzen, Stöhnen 3 ). Es war für den Apostel schwierig, eine 
griechische Übersetzung des hebräischen Terminus zu finden. Seine 
Umschreibung „Anderszüngig" oder „Fremdsprachig" kommt dem 
Sinne des Originals weit näher als die Septuaginta mit ihrem „cpavkaudg 
XeiIeoiv" = „Spott der Lippen". 

Dennoch hätte Paulus seine geschickte Übersetzung und die 
streng genommen unerlaubte Übertragung des zitierten Passus aus der 
dritten in die erste Person*) nimmermehr zustande gebracht, wenn er 
nicht durch schwere Komplexe getrieben und durch äußere Analogien 
gelockt worden wäre, seine seelischen Spannungen zungenrednerisch 
zu betätigen. Vom ersteren Faktor soll jetzt nicht die Rede sein. Da- 
gegen sei noch auf die äußeren Determinanten hingewiesen. Schon die 
alten Propheten fühlten sich von einer Gottesstimme inspiriert. Die- 

J ) Das Verbum la'äg bedeutet eigentlich stammeln, dann aber auch 
„unverständlich", besonders in ausländischen Sprachen reden (weil dieses dem 
Unkundigen als sinnloses Stammeln erscheint). (Gesenius, Hebr. u. aram. Hand- 
wörterbuch, ll 1890.) 

2 ) Guthe, in „Die heilige Schritt des Alten Testaments", herausgegeben 
von E. Kautzsch, 1909, S. 592 f. 

3 ) Auch Lombards Klassifikation hat psychologisch wenig Wert. 

4 ) Die Gedächtnistäuschung realisiert den Wunsch, daß Gott selbst die 
Glossolalie verheißen habe, während Jesaja sie von sich aus weissagt. 

JahrbuoU für psyclioanaljt. u. psyctiopathol. Forschungen. III. »v 



786 Oskar Pfister. 

selbe „Eingebungsrede", wie Schmiedel das Wort „ngo^jeta" 
trefflich übersetzt, besitzt der Apostel und rechnet sie unter die Gaben 
des Heiligen Geistes; wahrscheinlich stellt auch dieses Charisma einen 
Automatismus dar. Der fremdsprachliche Anstrich hängt außer von 
der erwähnten Jesajastelle vielleicht ab von der Praxis der Mysterien, 
von deren okkulten Ausdrücken Paulus wahrscheinlich etwelche Kunde 
erlangt haben mußte, auch wenn er einzelne Beispiele nicht kannte. 
Wie hoch er Mysterien wesen und Gnosis einschätzte, verrät u. a. eine 
Stelle, die sich zwischen den Äußerungen über die Glossolalie befindet, 
nämlich 1. Kor. 13 2 : „Und wenn ich Eingebungsrede hätte und wüßte 
alle Mysterien und alle Gnosis und hätte allen Glauben . . . und hätte 
nicht Liebe, so wäre ich nichts". Hauptsache aber ist, daß die Glosso- 
lalie seinem bedrückten Herzen durch ihren neurotischen Funktions- 
wert Luft zu schaffen wußte. 

Unter den anderen „Geistesgaben", die 1. Kor. 12 g _ 10 aufgezählt 
werden, ist die Glossolalie diejenige, welche wegen ihrer Unverständ- 
lichkeit die geringste Gelegenheit zur Übertragung einschließt und somit 
nur auterotische Befriedigung gewährt. Daß Paulus diesen Mangel 
erkannte, ist als ein wahres Glück für die christliche Religionsentwicklung 
zu bezeichnen. 

V. Zur Theorie der automatischen Kryptographie. 

1. Psychologische Untersuchung. 

Die automatische Geheimschrift gab sich uns als genaues gra- 
phisches Gegenstück der Glossolalie zu erkennen. Wir formulieren daher 
ihre Definition in analoger Weise: 

Unter automatischer Kryptographie verstehen wir 
schriftähnliche automatische Neubildungen, deren Inhalt 
dem Schreibenden unbekannt ist. 

Die Wurzeln und Ausdrucksmittel der automatischen Geheim- 
schrift sind denen der Zungenrede analog. Nie vermissen wir als ge- 
staltendes Prinzip den Komplex. Auch die Arten unseres jetzigen 
Objektes sind denen der phonetischen Parallelerscheinung völlig konform. 
Wir unterscheiden nämlich: 

1. Die automatische Bearbeitung einer normalen Buch- 
stabenschrift (literale Kryptographie). 

2. Die imaginative Kryptographie oder automatische 
Bilderschrift. 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie usw. 787 

Die automatische Buchstabenschrift verhüllte ihr Geheimnis in 
zwiefacher Weise: 

a) Als einfache Entstellung der gewöhnlichen Schrift 
(vgl. Kryptogramm IX und X). Dieser Typus entspricht der ent- 
rätselten Zungenrede Linas und trägt gleichfalls infantilen Charakter. 

b) Als Verdichtungsschrift. Ihre Gebilde können, wie wir 
sahen, ein sehr feines Gefüge aufweisen (vgl. V, VIII, XII ff.). 

Schon der Zwang, unter dem ein Teil der mitgeteilten Krypto- 
gramme zustande kam, beweist, daß auch die geheime Buch- 
stabenschrift Komplexmanifestationen bildet, wenn uns auch Simon 
sein Innerstes nicht weit genug aufschloß, um klar blicken zu können. 
Daß in einer Zeit, da seiner Eheschließung große Hindernisse im Wege 
lagen, der Spruch: „Die Liebe höret nimmer auf" sich in mehreren 
kryptographen Versionen hervordrängt, bestätigt unsere Vermutung, 
löst aber das Eätsel nicht. Es ist denkbar, daß die zerrissene Schrift 
sagen will: Man versucht, uns Liebende auseinanderzureißen, wie mit 
diesen Buchstaben geschehen ist. Und dennoch ergibt sich, daß die 
Liebe ewig dauert; so auch unsere Liebe. 

Umgekehrt könnte scheinbar die geheime Verdichtungsschrift 
den Gedanken der völligen Vereinigung mit der Geliebten symbolisieren. 
Da jedoch dieselbe Kondensation auch bei Worten stattfindet, die 
keinen derartigen Hintergedanken voraussetzen, ist diese Annahme 
abzulehnen. Genug, daß die graphische Verdichtung wie ihre an der 
Traumarbeit beteiligte Schwester jenes Kompromiß zustande bringt, 
welches dem Betätigungsdrange des Unterbewußten wie dem Veto der 
verdrängenden Instanzen Genüge leistet. Wir haben dann im öfters 
beobachteten Falle, daß derselbe Buchstabe mehrfach ausgedrückt ist, 
vor uns jene Disjektion, die schon im Traume als Gegenstück der Ver- 
dichtung eine so erhebliche Rolle spielt. 

Die imaginative Kryptographie lernten wir gleichfalls in doppelter 
Form kennen: Als Wortschrift, bei welcher in den Zeichen 
ein bestimmtes Wort enthalten liegt, und als Satzschrift, in der die 
genaue Form des ausgedrückten Wortes nicht aus den gegebenen 
Symbolen ersichtlich ist, sondern durch die Stellung innerhalb des 
psychologisch-logischen Ganzen bestimmt wird. 

1. Die literale Kryptographie. 
Auch sie kommt nach dem Mechanismus der Träume und Hallu- 
zinationen zustande, wenn man sie auch nicht geradezu als aufge- 

50* 



788 Oskar Pfister. 

zeichnete Halluzination bezeichnen darf. Verdichtung und Verschiebung 
treten auch bei ihr in jeder einzelnen Schöpfung zutage. 

Wir fanden hierbei kunstvolle Bearbeitungen : Zusammenfassungen 
in Gruppen, die eine Einheit für sich bilden (z. B. die Worte „anbetungs- 
voll liege", ausgedrückt durch „b, g, v und Q"), Darstellung eines 
Buchstabens durch die Umkehrung des vorangehenden, Stilisierungen 
durch Schnörkel usw. 

Sicherlich sind auch diese Gestaltungen so gut determiniert und 
überdeterminiert wie nur irgend ein Traumgebilde, wenn auch die 
bedauerliche Verschlossenheit meines Analysanden unsere Wißbegierde 
manchmal ungestillt ließ. 

2. Die imaginative Kryptographie. 

Es ist überflüssig, auch jetzt wieder die Einreihung der zu be- 
handelnden Phänomene in das Eeich der neurotischen Tatsachen im 
einzelnen nachzuweisen. Bewunderungswürdig ist oft die feine Mar- 
kierung der Reminiszenz durch einen charakteristischen Strich, z. B. 
in VI die Darstellung der Flucht beim Weiher, der kranken Kuh, der 
Episode vom stürzenden Bettler usw. Gelegentlich fanden wir auch 
mangelhafte Skizzierungen; vielleicht ist aber auch die Deutung eine 
ungenaue oder gar falsche. Doch können solche immerhin spärliche 
Möglichkeiten den Wert des Übrigen und des Ganzen nicht reduzieren. 
In der Regel sind Bild und Deutung so prägnant und ihre Zugehörigkeit 
zu einem erst am Schlüsse des analytischen Verhörs ersichtlichen 
geistigen Organismus so bezeichnend, daß eine kleine Abweichung in 
kollaterale Bahnen nichts zu besagen hat. 

Um zu erfahren, ob die produzierten Einfälle schon vor der 
Niederschrift des Kryptogramms bereit lagen, wandte ich einen kleinen 
Kniff an, der durch ein Versehen zustande kam. Ich legte nämlich 
Simon urtümlich ein Zeichen vor, das mit dem seinigen nicht über- 
einstimmte. Im zweiten Zeichen von VII setzte ich statt des winzigen 
Häkchens einen Punkt ein, welcher als Zeichen der Nichtigkeit ge- 
deutet wurde, was in den Zusammenhang paßt. Auf den Irrtum auf- 
merksam gemacht, beharrte Simon bei seiner Deutung, die ich nicht 
für ganz richtig halte, da das Unterbewußte Punkt und Häklein gewiß 
unterscheidet, auch wenn sie einander ähnlich sind. Wie bei den Perse- 
verationen des Assoziationsexperiments findet sich somit die Neigung 
vor, von der fremden, störend von außen eingeschobenen zu komplex- 
vrerwandten Vorstellungen überzugehen, also die Störung zu über- 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie usw. 789 

winden 1 ). Beachten wir aber diese Tendenz, so dürfen wir sie eben- 
sogut als Fortsetzung der die Kryptographie erzeugenden Arbeit 
betrachten, wie wir die nachträgliche Traumbearbeitung im Wach- 
zustand der Traumarbeit an die Seite setzen. Die Möglichkeit der 
Traumanalyse beruht ja bekanntlich auf der Tatsache, daß durch die 
Apperzeption des Traumes die psychischen Kräfte eingestellt werden, 
welche den Traum schufen. So auch die Ergründung der Glossolalie 
und Kryptographie. Da im Augenblicke der graphischen Tätigkeit 
die äußeren Störungen möglichst ausgeschaltet sind, dürfen wir nach 
allem, was die Traum- und Neurosenlehre gesichert hat, den analytischen 
Befund unter die kryptographischen Bedingungen aufnehmen. M. a. W. 
Die analytischen Reaktionen auf das kryptographische 
Phänomen sind als Ausdruck seiner virtuellen Koeffi- 
zienten zu betrachten. Jede Lebensbetätigung ist schließlich 
ein Gesamteffekt aller vorangehenden Lebensprozesse. Anders wäre 
auch nicht einzusehen, wie die nachträglichen Einfälle auf Apper- 
zeption des Kryptogramms bei ausgiebiger Fülle auf jene fast immer 
so offenkundige Einheit (den Komplex) weisen oder sie auch direkt 
aussagen könnten, als deren Auswirkungen wir das graphische Produkt 
mit einem Schlage kausal begreifen 2 ). Nehmen wir an, wir finden im 
Scheibenstand eines Artillerieschießplatzes durchlöcherte Scheiben und 
in einiger Entfernung dahinter Eisenstücke, welche ihrer Form nach 
in die betreffenden Löcher passen und durch ihre Stellung zu letzteren 
die Linien angeben, die sich in einem Punkte schneiden, so wird doch 
wohl niemand Einwendungen zu erheben haben, wenn jemand be- 
hauptet, diese Splitter gehören zu einer Granate, die an dem und dem 
Ort krepierte. Wenigstens würde man nicht gerne und nicht ohne 
dringende Motive zu der Erklärung greifen, es habe irgendwer die 
Eisenstücke, die eigentlich nicht einmal zusammengehören, so raffiniert 
zugeschnitten und nach sorgfältiger Berechnung in den Boden gestoßen, 
ferner die Löcher in die Leinwand geschnitten usw. Bekanntlich kann 
Kausalität immer nur erschlossen, nie gezeigt werden. 

Wie aber verstehen wir von da aus die verbale „Übersetzung" 
des automatischen Geheimzeichens? Sie verbirgt noch das komplex- 

!) Daß diese Leistung die Enträtselung der Schriftzüge illusorisch mache, 
erweist sich bald als unmöglich. Die Zeichen drängen zu Einfällen, die ohne sie 
in der Regel nimmermehr erschienen wären, da sie weit abseits hegen und mit 
durch die Figur als verwandt auszuweisen sind. 

s ) Vgl. Bleuler, Die Psychanalyse Freuds. Jahrbuch II, 722. 
5 



790 Oskar Pfister. 

bildende Material, enthält aber einen harmlos lautenden Ausdruck, 
welcher mit jenem inhaltlich verwandt ist. Die apperzipierte 
„Übersetzung" ins Sprachliche ist daher nicht ein ana- 
lytischer Vorgang, sondern eine Fortsetzung der Entstel- 
lungsarbeit, und zwar eine Sublimierung, hervorgerufen 
durch die mangelhafte Verhüllung des Kryptogramms. In 
der graphischen Leistung lebte sich der Komplex aus. Da nun die 
Apperzeption das verdrängte Material aufzustöbern drohte, flüchtete 
sich das Subjekt in ein Komplexprodukt zweiten Eanges, wobei die 
Schriftähnlichkeit der primären Manifestation die Form der Ablesung 
begünstigte. Genau genommen, liefert die imaginative 
Kryptographie ebensowenig eine Schrift wie die ima- 
ginative Glossolalie eine Sprache. 

Diese Erklärung reicht jedoch für die Satzschrift nicht aus. 
Da scheint es, als wäre das logische Gefüge das Einheitsband, das 
alle Teile zusammenhält. Schärfer besehen, herrscht aber auch Einheit 
unter den in den Zeichen ausgedrückten Vorstellungen, sofern sie sich 
um den Komplex drehen, ganz wie in VI, dessen zugehörigen Worte 
keinen Satz ergaben 1 ). Das vermeintlich abgelesene Wort stimmte 
denn auch einige Male nicht zu dem betreffenden Zeichen, bestärkte 
aber den Sinn des Ganzen, dem auch das Motiv des Zeichens diente. 
Die Satzeinheit, deren religiös belehrender Inhalt der graphischen 
Komplexauswirkung, also auch den hinter ihr liegenden Reminiszenzen, 
im Sinne der Beschwichtigung genau entspricht, ist gleichsam nur der 
sublimierte Oberbau, ähnlich wie ein und derselbe Traum oft eine 
primärerotische und eine religiöse Deutung, beide aber inhaltlich 
korrespondierend, erheischt. 

Die grammatische Bearbeitung ist hierbei, wenn wir den Ersatz 
der Zeichen durch Worte als sekundär bezeichnen, eine tertiäre 
Funktion. Die abstraktesten Satzteile, wie die Kopula oder das Re- 
lativpronomen, sind dabei durch sinnliche Zeichen nicht ausdrücklich 
repräsentiert. Wir finden durch diese ideographischen Tatsachen 
bestätigt, was die Völkerpsychologie bereits erkannt hat, daß der Satz 
keineswegs als Gefüge ursprünglich selbständiger Wörter zu verstehen 

*) Jene Worte sind ähnlich zu verstehen, wie die des Kindes, das anfangs 
seine Gedanken durch einzelne Worte ausdrückt. Ein 2 x / 2 jähriger Knabe schilderte 
z. B. den Besuch des Feuerinspektors mit den Worten: „Ma, Ofe, Hönzi, Gäcke, 
Heez" = zürcherdeutsch: Ma, Ofe Hölzli, Stacke, Cheerz („Mann, Ofen, Hölz- 
lein, Stecken, Kerze"). 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie usw. '"1 

sei, ja, daß die Scheidung von Wort und Satz vielfach erat auf der 
Willkür des Sprachforschers beruhe 1 ). Unsere Analyse unterstützt 
Wundts Bemerkung: „Der Satz bildet nicht minder eine Vorstellungs- 
einheit als das Wort; ja es ist diesem gegenüber insofern die ursprüng- 
lichere, als der in dem Satze ausgedrückte Inhalt auf jeder Stufe des 
Denkens ein gegenüber anderen ähnlichen Inhalten scharf abgegrenztes 
Ganzes ist, während das einzelne Wort mehr oder weniger innig mit 
den anderen Bestandteilen verbunden sein kann 2 )." Daß aber die 
Beobachtung der graphischen Repräsentation eines bestimmten Teiles 
jener den Satz aus sich entlassenden Vorstellungseinheit gerade die- 
jenige grammatisch korrekte Wortform ins Bewußtsein ruft, die nachher 
in dem jetzt noch unbekannten Satze als inhaltlich zutreffend erfunden 
wird, ist nur denkbar unter der Annahme, daß jener ganze Satz als 
Subhmierungsschicht schon vor der Abgabe des Kryptogramms sub- 
liminal da war. Doch kann nicht der religiöse Gedanke zur Glossolalie 
und Kryptographie treiben, so daß letztere eine Art Übersetzung bildeten, 
kann doch die religiöse Idee sich direkt manifestieren. Vielmehr subli- 
miert sich der Komplex, währenddem er seine virulenten Antezeden- 
tien graphisch betätigte, in der religiösen Oberschicht, die wegen ihres 
unverfänglichen Inhaltes vor der persönlich-peinlichen Erinnerungs- 
schicht bewußt werden kann. Von einem „Lesen" oder „Entziffern" 
der Schriftzeichen ist also bei der Herstellung des erbaulichen religiösen 
oder moralischen Textes aus dem Kryptogramm mit Hilfe der ein- 
fachen apperzeptiven Assoziation keine Rede. 

In die Entstehungsbedingungen religiöser Gedanken und Stim- 
mungen läßt uns die Analyse unserer Kryptogramme somit tiefe 
Blicke tun. 

2. Philologische Bemerkungen. 

Unser Ergebnis ist schriftpsychologisch nicht uninteressant. 
Bekanntlich war die Schrift — abgesehen von den Kerbhölzern, Knoten- 
schnüren und ähnlichen Hilfen der Gedankenmitteilung — in ihren 
Anfängen Bilderschrift (Piktographie), Dabei wählte man anfangs 
möglichst leicht erkennbare Zeichen, die das Auszusagende einfach 
abbildeten, ging dann aber bald zu stilisierten, konventionellen, nur dem 
Eingeweihten erkennbaren Formen über. Manche Begriffe konnten 
nur symbolisch ausgedrückt werden. Als Brücke der Gedanken mußten 



*) Wundt, Völkerpsychologie I, 1, 560. 
a ) A. a. 0. 562. 





792 Oskar Pfieter. 

die Zeichen stereotyp werden und immer mit denselben Begriffen ver- 
bunden sein. So befanden sich im Tempel von Sais die Zeichen für 
Kind, Greis, Sperber, Fisch und Nilpferd, welche bedeuten: Entstehen, 
Untergang, Gott, Haß, Frevel. Die Zeichenserie vertritt den Satz: 
„O ihr, die ihr entsteht und vergeht, Gott haßt den Frevel" 1 ). Man 
achte auf den symbolischen Charakter der Hieroglyphen. 



<e* 



Allmählich wurden die Bilder abgekürzt. 

Diese Bilderschrift, die man ungeschickt als Ideographie 2 ) zu be- 
zeichnen pflegt, ließ so viele Mißverständnisse aufkommen, daß man 
bei synonymen Worten zu einer näheren Präzisierung des gewünschten 
Begriffs durch die Andeutung des betreffenden Genus überging. 

Bald bediente man sich jedoch einer phonetischen Schreibweise, 
indem man das Bildzeichen, das bisher einen Gegenstand repräsentierte, 
als Vertretung der Hauptsilbe oder des Anlautes der bezeichneten 
Sache benutzte. Die Sachhieroglyphen werden zu Silben- und endlich 
zu Buchstabenzeichen. 

Die automatische Geheimschrift erneuert teilweise diese in die 
Kindheit unseres Geschlechts hinaufreichenden psychologischen Prozesse. 
Sie greift vergangene Ereignisse auf und bildet sie ab, jedoch nicht in 
der Absicht, von anderen verstanden zu werden, so wenig der Glossolale 
anderen zuliebe redet. Im Gegenteil verbirgt der Kryptograph wie der 
Träumer den ihm peinlichen Stoff, der sich nicht gänzlich verdrängen 
läßt, vor dem eigenen Bewußtsein und dem der anderen. So liefert er 
historische Zeichen, die auf eine bestimmte Szene gehen und 
Gemeinverständlichkeit vorsichtig vermeiden. 

Auch Symbolismen zeitigt der graphische Geheimautomatismus 
so gut wie die chinesische oder ägyptische Hieroglyphe. Aber auch 
jene hüten ihr Geheimnis. Gebräuchliche Ausdrucksformen kommen 
nicht vor. 



x ) J. Dümichen, Geschichte des alten Ägyptens, in Onckens Allgemeiner 
Geschichte I, 2, S. 275. 

2 ) In der französischen und englischen Sprache ist der Ausdruck zulässig, 
da idee (idea) nicht nur Idee bedeutet. 



Die psychologische Enträtselung der religiösen Glossolalie usw. 793 

Stereotype Bilderzeichen lassen sich nicht umgehen, doch 
fanden wir für denselben Begriff auch mehrere sich eventuell wieder- 
holende Figuren (I bis IV, VII, 5 und 9). Dasselbe Zeichen erhält 
genau wie in der alten Hieroglyphie durch Beisetzung eines andern 
einen ganz andern Sinn (z. B. VI e „Macht" und 7 „Erfüllung" kom- 
biniert in !, „Meerestiefen"). 

Die automatische Kryptographie bildet somit, wie 
so viele andere neurotische Phänomene einen Atavismus, 
sofern in ihr uralte Mechanismen der Schriftbildung in 
Tätigkeit treten. Die Unterschiede beider Formationen erklären 
sich aus der Verdrängung und dem Verzicht auf Mitteilung an andere 
in der Kryptographie, womit die Unbewußtheit ihrer Entstehung 
zusammenhängt. 

Schluß. 

Meine Untersuchungen mußten vorzeitig abgebrochen werden, 
da Simon trotz zahlreicher Versprechungen von seiner Seite zu keiner 
Sitzung mehr zu bewegen war. Nur elf analytische Verhandlungen 
wurden mir gewährt, indes Flournoy während fünf Jahren seine 
Helene Smith in ungefähr zehnmal soviel Sitzungen beobachten durfte, 
bevor er sein schönes Buch über die interessante Hysterika schrieb 1 ). 
Ich bedaure sehr, daß die Analyse nicht tiefer eindringen konnte. 
Immerhin werden die erfahrenen Kenner der Freudschen Tiefen- 
forschung, und nur solche können meine Abhandlung völlig verstehen 
und beurteilen, ein ziemlich deutliches Bild der seelischen Einstellung 
Simons und einen ausreichenden Blick in die Genese der Glossolalie 
und automatischen Kryptographie erhalten. 

Im Jahre 1900 schrieb Th. Flournoy: „Von den verschiedenen 
automatischen Erscheinungen ist die Zungenrede eine derjenigen, 
welche zu allen Zeiten die Neugierde am meisten aufstachelten 2 )." 
Ich hoffe, daß diese Neugierde durch die vorstehenden Untersuchungen 
im großen und ganzen befriedigt wird und eines der auffallendsten 
Rätsel der Religionsgeschichte aufhörte, ein solches zu sein. 

Ein freundlicher Zufall fügte, daß während der Drucklegung 
dieser Arbeit Pierre Bovet, Professor an der Universität Neuchätel, 
einen verständnisvollen Artikel über „das Zungenreden der ersten 

2 ) Flournoy, des Indes ä la Planete Mars. Paris 1900 4 . Nouvelles 
Oontributions sur un cas de somnambulisme avec glossolalie. Archives de 
Psyschologie, I, 112 (1901). 

2 ) A. a. 0. 190. 

5 , 



794 Oskar Pfister. Die psychol. Enträtselung d. religiösen Glossolalie usw. 

Christen und seine psychologischen Bedingungen" x ) veröffentlicht, 
der in bescheidener Weise auf letzte Lösung des Probleme« ver- 
zichtet, aber bereits andeutet, daß Freuds Traumdeutung zum Ver- 
ständnis des Rätsels beitragen werde. Es freut mich, daß die Weis- 
sagung des trefflichen Gelehrten so bald in Erfüllung geht. 

Die automatische Kryptographie reiht sich ihrer phonetischen 
Schwester als ebenbürtig, ja, an Mannigfaltigkeit der Formen wohl 
noch überlegen an. Wenn wir bedenken, daß sie an Schnelligkeit mit 
der Stenographie wetteifern kann, an geistigem Gehalt ihr aber un- 
vergleichlich überlegen ist, wenn wir dazu ihren kunstvollen Bau und 
die mitunter fast unergründliche Fülle ihrer Schöpfungen berück- 
sichtigen, so können wir ihr staunende Bewunderung nicht versagen. 

Wer bedauert, die beiden von uns analysierten automatischen 
Erscheinungen in seinem Erfahrungsbereiche nicht anzutreffen, sei hin- 
gewiesen auf meinen im folgenden Band dieses Jahrbuches gelieferten 
Nachweis, daß auch der Normale zu Produktionen befähigt ist, die 
jenen völlig konform sind. Folglich ist jeder der Autanalyse Kundige 
befähigt, sich den hohen psychologischen Genuß der von uns an- 
gestellten Tiefenforschung zu verschaffen. 

Meine Arbeit bestätigt die längst gewonnene Einsicht, daß Freud 
der Bahnbrecher einer neuen Religionspsychologie ist, die unter gün- 
stigen Bedingungen mit großartiger Sicherheit und Gründlichkeit 
auch die verwickeltsten Fäden der Glaubensgestaltung zu entwirren 
und bisher mit der hilflosesten Verständnislosigkeit angestammte 
Glaubensverirrungen zu erklären weiß. Daß die Geschichte der 
Religionspsychologie einst in eine Periode vor und nach 
Freud eingeteilt werden wird, ist für alle, die das wu ndervolle 
Instrument der Psychanalyse zu handhaben wissen, keine 
Frage mehr. Seit ich eingesehen habe, wie es den Schlüssel zu einer 
enormen Anzahl der wichtigsten und folgenschwersten Rätsel der 
theoretischen und praktischen Theologie darbietet, stehe ich nicht an, 
meine Bekanntschaft mit Freuds Forschungen das wichtigste 
Ereignis meiner theologischen Laufbahn zu nennen. Hierin weiß ich 
mich einig mit denjenigen Fachgenossen, die sich dem mühsamen 
Studium der Psychanalyse und seiner empirischen Erprobung ernst und 
verständnisvoll hingaben. 

*) Revue de l'histoire des religions. 1911. Auch Dr. Lombard ist seit Er- 
scheinen meines ersten Artikels der hier gegebenen Auslegung beigetreten. 
{Journal de Geneve vom 3. Dez. 1911, 2. Ausg.) 



Zur ßadikalfoehandlung der chronischen Paranoia. 

Von Dr. Paul Bjerre, Spezialarzt der Psychotherapie in Stockholm. 



I. Einleitung, Übersicht und Diagnose des Falles. 

Die vorliegende Studie ist einem Falle entnommen, in welchem 
es mir gelungen ist, ein zehnjähriges, fest gebautes Verfolgungssystem 
analytisch aufzulösen und der Patientin, einer unverheirateten Dame 
von 53 Jahren, die vollständige Krankheitseinsicht beizubringen. Seit 
Beendigung der Behandlung im April 1910 zeigt die Patientin keine 
Spur weder von geistiger Krankheit noch Schwäche. Es wird hier 
meine Aufgabe sein, nicht nur den Zustand der Patientin vor und 
nach der Behandlung darzustellen, sondern vor allem klarzumachen, 
wie die innere Verwandlung zustande gekommen ist. Ich werde also 
versuchen, die Kräfte aufzuspüren, welche beim Aufbaue der Krankheit 
wirksam gewesen sind, und ebenso die, durch welche sie abgebaut 
wurde. Der Übersichtlichkeit wegen kann ich das Material nicht immer 
in der Ordnung darstellen, wie es mir zugeflossen ist. Ich habe es etwas 
arrangieren müssen, und zwar in folgender Weise: 

Ich gebe zuerst eine Übersicht des Falles, die etwa mit der gewöhn- 
lichen klinischen Krankengeschichte zusammenfällt, und diskutiere im 
Anschlüsse daran die Diagnose. Dann folgt ein Kapitel über die Behand- 
lung; dieser schicke ich einige Bemerkungen über die Stellung der 
Literatur zur Paranoiabehandlung voraus sowie einige Worte über die 
therapeutischen Prinzipien, von welchen dieser Versuch geleitet wurde. 
Bei der Darstellung der Behandlung folge ich, soweit möglich, der 
chronologischen Ordnung. Das letzte Kapitel umfaßt eine Diskussion 
der so gesammelten Erfahrungen. Da ich mich bei der Behandlung 
ausschließlich von therapeutischen Gesichtspunkten leiten ließ, sind 
diese leider in wissenschaftlicher Hinsicht sehr mangelhaft. Ich habe 



796 Paul Bjerre. 

diesem Mangel in der Weise abzuhelfen versucht, daß ich im Jahre 
nach der Heilung die Patientin über viele Einzelheiten ausgefragt 
habe. Ich habe auch ihre Aufzeichnungen zu einer Selbstbiographie, 
die sie 1900 — 1903 machte und die eine Art Verteidigung sein sollte, 
durchstudiert. Leider habe ich vor dieser Behandlung nicht die Ge- 
legenheit gehabt, die persördiche Bekanntschaft Prof. Freuds zu 
machen. Wenn ich durch seine mündlichen Mitteilungen ein tieferes 
Verständnis für seine Psychoanalyse erworben hätte, würde der wissen- 
schaftliche Nebengewinn sicher reicher ausgefallen sein. Ich erlaube 
mir, ihm an dieser Stelle meinen besten Dank für die freundliche Durch- 
sicht meines Manuskriptes auszusprechen. 



Die Patientin besuchte mich zum ersten Male am 10. Dezember 
1909. Sie brachte einen Brief mit sich von einer mir befreundeten 
Dame, Fräulein K., die sich in der Frauenbewegung einen Weltnamen 
verschafft hat. Sie bat mich, zuerst diesen Brief zu lesen. Der Inhalt 
des Briefes war teils eine lebhafte Versicherung, daß weder der Chef 
der Firma, in welcher die Patientin angestellt war, noch irgend ein 
anderer, soweit sie wußte, jemals eine schlechte Meinung von ihr 
gehabt; teils eine Aufforderung, mich aufzusuchen, um von ihren 
falschen Gedanken befreit zu werden. 

Sobald sie zusprechen anfing, sagte sie jedoch, daß sie mich gar 
nicht suchte, um mit mir über ihre Gedanken zu sprechen. Sie leide 
seit Jahren an einer Struma und sei deshalb etwas nervös. Vielleicht 
würde ich durch hypnotische Behandlung dieses bessern können. Sie 
hatte gehört, daß es gelungen wäre, die Struma durch den Hypnotismus 
sogar zum Verschwinden zu bringen. Wenn ihre Nervosität, welche 
von der Struma kam, sich dann besserte, würde sie vielleicht auch 
besser gegen die Verfolger standhalten können. Und jetzt müsse 
sie auf irgend welche Weise Hilfe bekommen, denn deren Frechheit 
kennte keine Grenzen mehr. Ihre Lage sei einfach unerträglich 
geworden. 

Ich fragte, wie es sich mit dem Briefe verhielt. 

Sie hatte den Schritt gewagt, an Fräulein K. zu schreiben. Sie 
wußte, daß sie mit dem Chef befreundet war, und dieser mußte endlich 
etwas gegen den täglichen Unfug im Bureau tun. Alle ihre eigenen 
Klagen waren ohne Erfolg geblieben. Ohnedies hatte sie geglaubt, 
daß Fräulein K. gerade ein zentraler Punkt der Verschwörung war, 



Zur Radikalbehandlung der chronischen Paranoia. 797 

besonders, daß sie auf ihren Reisen viele von den Keimen auf dem 
Kontinente ausgesäet hatte. Sie sei wirklich über den Inhalt des 
Briefes sehr erstaunt. Aber wenn es auch wahr wäre, daß Fräulein K. 
nichts von der Verfolgung wußte, so würde das natürlich im Grunde 
nichts ändern. Die übrigen Beweise seien zahllos und strömten täglich 
von allen Menschen auf sie ein. Sie meinte, es wäre überflüssig, mir 
davon zu erzählen. Ich kennte natürlich schon ihre Geschichte und 
wüßte von der Verfolgung. 

Als ich dieses verneinte, schien sie sehr erstaunt und wollte mir 
zuerst nicht glauben. Sie ließ sich aber doch davon überzeugen, daß 
ich nichts wußte. Allmählich zog ich sie in ein Gespräch über die Ver- 
folgung. Ihre langen Ergüsse können folgendermaßen zusammen- 
gefaßt werden: 

Sie merkt die Verfolgung vor allem durch allerlei Zeichen, man 
scharrt mit den Füßen, man macht eigentümliche Bewegungen mit den 
Beinen und Armen, zeigt ihr Federn, Scheren und ähnliche Gegenstände 
in beleidigender Absicht; besonders streckt man ihr die Zunge heraus in 
ganz unverkennbarer Weise. Sobald sie sich am Morgen auf der Straße 
zeigt, fangen die Menschen an. So ist es überall. Sie kann in keine Läden 
gehen, wo man sie kennt. Wenn sie etwas kaufen muß, sucht sie einen ent- 
fernten Laden auf, wo sie hoffen kann, noch unbekannt zu sein. Bisweilen 
geht es das erstemal. Das zweitemal merkt sie aber schon, daß die Laden- 
diener mit in die Verschwörung gegen sie hineingezogen sind. Mit den 
Straßenbahnangestellten ist es ebenso. Da alle früheren, die sie gepeinigt 
hatten, nach dem großen Streik verabschiedet wurden, hoffte sie zuerst, 
daß die neuen sich nicht an dem Unfuge beteiligen würden. Aber schon 
nach einigen Tagen fingen sie auch an. Am schlimmsten ist es im Bureau, 
wo sie angestellt ist. Der Kassierer ist ein wahrer Teufel; er hetzt alle die 
anderen auf und leitet die Verfolgung. Jedesmal, wenn er die Tür passiert 
macht er draußen ein Zeichen. Die Versicherung im Briefe, daß der Chef 
nicht beteiligt sei, bedeutet nicht das geringste. Er hat ihr auch die Zunge 
herausgestreckt; sie hat es mehrere Male gesehen. Im Restaurant, wo sie 
mittags ißt, da ihre Wohnung entfernt liegt, ist es unerträglich geworden; 
gleich bei ihrem Eintritte fangen die Gäste an. Auch ihre nächste Freundin, 
Fräulein D., bei welcher sie lange hoffte Schutz zu finden, verfeindete 
sich mit ihr vor einigen Monaten. Alle die übrigen grüßen sie seit langem 
nicht mehr; sie hat unzählige Beweise, daß sie alle sich den Feinden ange- 
schlossen haben. Sie wäre ohne Mittag geblieben, wenn nicht eine Nichte 
ihr angeraten hätte, bei ihr zu essen. Da fühlt sie sich ziemlich sicher, 
obwohl sie die Zeichen der Verfolgung sogar bei deren zweijährigen Tochter 
gesehen habe; ein unverschämtes Dienstmädchen hat die Kleine dazu 
verleitet. Sie lebt bei ihrer Mutter. Glücklicherweise lassen die Verfolger 
sie im allgemeinen dort in Ruhe. 



798 



Paul Bjerre. 



Damit ich nicht glaube, sie übertreibe, wollte sie mir gleich erzählen 

es war beim zweiten Besuche — daß die Verfolgung eine tatsächliche Ur- 
sache habe. Es gibt so viele Leute, die um jeden Preis zu verhindern 
Buchen, daß eine Frau sich ihr Leben so einrichtet, wie sie will. Sie hat 
ein Verhältnis gehabt. Das war ihr volles Kecht, und sie empfindet keine 
Reue darüber. Sie wollte sich als Weib ausleben und hat es getan. Das 
konnten die Menschen aber nicht vertragen. Das war der Grund zur ganzen 
Geschichte. Sie wurde von der Gesellschaft ausgestoßen, sie könnte sagen, 
zum Tode verurteilt. Die Verfolger tun nichts anderes, als daß sie die' 
Strafe zur Ausführung bringen. Sie fragt mich, ob ich die Geschichte 
Fräulein Xs. kenne: Es gelang ihren Verfolgern, das Geheimnis aus ihrem 
Arzte herauszulocken, daß sie gravid war; als das ihr bekannt wurde, 
tötete sie sich. (Die Geschichte ist wahr.) Es ist die Absicht ihrer Verfolger, 
auch sie zum Selbstmorde zu hetzen. Sie glaube auch, daß es ihnen gelingen 
werde. Mit allen Kräften kann sie nicht länger standhalten. In diesen 
10 Jahren hat die Verschwörung immer mehr um sich gegriffen. Sie weiß 
sehr wohl, wo sie ihr Zentrum hat, es ist der Frauenbund Fr. Es ist eine 
anerkannte Tatsache, daß dieser Bund eine wahrhaft inquisitorische Tätig- 
keit ausübt. Er steht mit der Schule in nächster Verbindung und ver- 
mittelt Plätze für Geschäftsleute, Krankenhäuser usw.; er hat Einfluß 
überall und kann so die Verfolgung überall leiten. Die Mitglieder spionieren 
mit unglaublicher Aufmerksamkeit. Sobald sie einen neuen Laden besucht, 
werden die Angestellten aufgefordert, sie zu beleidigen. Sie war früher 
mehrere Jahre lang Lehrerin; man wollte sie sogar zur Vorsteherin einer 
der größten höheren Töchterschulen machen. Jetzt gehören die Schulen 
zu den schlimmsten Herden. Sie weiß genau, welcher Schurke dort die 
Verfolgung organisiert. Sie ist auch Journalistin gewesen. Ganz sicher 
wurde die Verfolgung zuerst von der Presse verbreitet. Alle kannten sie 
dort. Von großer Bedeutung war besonders eine Karikatur über sie in 
„Pucks" Weihnachtsnummer 1899 und ein Artikel in „Was Neues" im 
Februar 1900, wo sie scharf angegriffen wurde. Damals konnte sie keine 
Zeitung öffnen, ohne Angriffe und Andeutungen zu finden, welche sicher 
von allen Menschen verstanden wurden. Das kommt übrigens noch oft 
vor. Eine entscheidende Rolle spielte eine damalige Sitzung im Journalisten- 
verein, wo ihre Sache verhandelt wurde. Durch einen anonymen Brief, in 
welchem sie der widerwärtigsten Dinge beschuldigt wurde, ist es ihr klar 
geworden, daß sie verurteilt sei. Diesen Brief verbrannte sie gleich, um ihn 
zu vergessen ; das ist aber nicht gelungen. Bisweilen ist die Verfolgung weniger 
intensiv gewesen ; aber dadurch haben die Feinde neue Kräfte gesammelt 
und sie ist wieder heftiger als je geworden. 1903 schien eine Wendung 
zum Besseren einzutreten, aber seit 1906 hat die Verschwörung wieder 
um sich gegriffen. Besonders ist es nach der Operation im Juni 1908 
schlimmer geworden. 

Ich fragte, ob sie jemals hat kontrollieren lassen, ob diese Zeichen 
auch von anderen wahrgenommen werden können. 

Sie gehören alle einer Zeichensprache an, die überall verbreitet 
ist. Ihre Nächsten haben versucht, ihr einzureden, daß alles nur eine 



Zur Radikalbehandlung der chronischen Paranoia. 799 

Einbildung Bei. Ihre Beweise sind aber so massenhaft, daß sie nicht einen 
Augenblick an der Wirklichkeit zweifeln kann. Einmal bat sie die Nichte, 
sie zur Post zu begleiten und den Beamten genau zu beobachten, so 
würde sie sich selbst überzeugen können. Das Fräulein dort streckte die 
Zunge bis zum Ohre heraus. Nachher sagte ihre Nichte, daß sie es nicht 
gesehen hätte, aber das konnte unmöglich wahr sein. 

Ob sie jemals früher einer ähnlichen Verfolgung ausgesetzt 
gewesen sei? 

Nein, gar nicht. Sie hat immer im besten Verhältnisse zu ihren 

Mitmenschen gelebt. 

Genauer über den Anfang ausgefragt, erzählt sie, daß sie schon 
im Frühjahre 1899 merkte, daß sie in besonderer Weise beobachtet werde ; 
man beleidigte sie auch bisweilen. Die Zeichen merkte sie zum ersten- 
mal einige Monate später in X-Burg, wohin sie ihren Geliebten begleitet 
hatte. Sie kehrte nach Stockholm zurück in der Hoffnung, daß die Zeichen 
da nicht bekannt seien; aber sie entdeckte diese auch dort bald. Im 
Februar 1900 brachen sie von allen Seiten über sie herein, so daß sie Bich 
gar nicht wehren konnte. — Einige Jahre vorher war sie von einem schweren 
Erlebnis getroffen worden, das ihren sonst frohen Lebensmut gebrochen 
hatte. Sie litt noch daran in jener Zeit. Sonst war ihre Stimmung nicht 
gedrückt. Sie war früher durchaus heiter und nie stärkeren Schwankungen 
unterworfen gewesen. 

Körperlich ist sie, abgesehen von der Struma, gesund gewesen. 
Diese merkte sie zuerst 1906. Sie litt im Frühlinge an Halsschmerzen, 
behandelte diese mit Embrokation und glaubte, die Struma sei davon 
gekommen. Diese wurde eine Zeitlang ohne Effekt mit Jod behandelt. 
Puls damals 80—85; selten über 90. Kein Exophthalmus. 1907 die 
Füße bisweilen ein wenig angeschwollen; doch nicht so viel, daß sie sich 
darüber beunruhigte. Vom Frühlinge 1909 hat sie Herzklopfen, hatte 
Schwierigkeit, auf der rechten Seite zu liegen. 

Die Menses waren früher regelmäßig. Gewöhnlich stellten sich Kopf- 
schmerzen den Tag vorher ein, welche sie aber nicht an der Arbeit hin- 
derten. 1903 schwache Blutung während 2 Wochen, die von selbst auf- 
hörte; nach dieser Zeit zu viel, 4—5 Tage, aber sonst keine Störung. 1908 
ununterbrochene Blutungen von März an. Am 10. Juni wurde der Uterus 
und das linke Ovarium weggeschnitten; seitdem keine Störungen. 

Über ihre Heredität hat die Patientin viel zu erzählen, wovon 
ich nur das Wichtigste erwähne. Ihr Großvater väterlicherseits war der 
uneheliche Sohn eines damals unter dem Namen „der tolle X." bekannten 
Grafen. Vor der Ehe hatte der Großvater Kinder mit sieben jungen Mädchen 
gehabt. In seiner Ehe wurde laut einer alten Beschreibung „eine Anzahl 
Kinder" geboren. „Im vorgeschrittenem Alter," heißt es weiter in der 
Beschreibung, „wurde er so von Hypochondrie geplagt, daß er zeitweise 
nicht bei Verstand zu sein schien." Der Vater der Patientin war die Frucht 
einer zufälligen Verbindung mit einem Bauernmädchen. Er war ein tüch- 
tiger und begabter, aber sehr sonderbarer Mensch. Sein lohnendes Geschäft 
eines Uhrmachers gab er auf, um mehrere Zeitungen zu gründen, von 



800 Paul Bjerre. 

welchen wenigstens eine bedeutend wurde. Immer massenhafte Projekte, 
deren nur wenige zur Ausführung kamen. Er richtete z. B. eine 
„hygienische" Bäckerei ein, arbeitete viele Jahre auf einem Wagen, der 
auf Schienen gehen sollte, welche er selbst automatisch vor sich hinlegte; 
nahm unzählige Patente auf die verschiedensten Sachen. Die meisten 
waren verrückt. So erfand er z. B. einen Erfrischungsapparat für das 
Militär : — von einer Gummiblase zwischen dem Fuße und der Sohle gingen 
Schläuche zum Kopfe, aus welchen bei jedem Schritt ein Luftstrom ins 
Gesicht geblasen wurde. Sein letztes Patent war eine neue Methode, die 
wollene Bettdecke über den Kopf zu ziehen. Er querulierte mit allen 
Menschen und lag immer in Prozessen. Davon wurde er doch etwas zurück- 
gebracht, als er einmal sehr nahe daran war, wegen Meineides verurteilt 
zu werden. 

Sämtliche Halbgeschwister des Vaters waren eigentümliche, ver- 
schlossene Menschen. Einer z. B. war ein sehr begabter Mann, aber menschen- 
feindlich, abenteuerlich, ein pathologischer Lügner und oft in Preßprozesse 
verwickelt. Ein anderer, der noch lebt, ist notorischer Querulant. Eine, 
die als Schriftstellerin berühmt wurde, konnte als Kind die Wirklichkeit 
nicht von der Phantasie trennen ; sie kam nach Hause und erzählte selbst- 
erfundene Erlebnisse, an welche sie fest glaubte. Eine andere litt am Zwange, 
immer mit der Ringbahn herumzufahren; sie stürzte sich schließlich aus 
dem Zuge und starb. Noch eine andere wurde wegen Geisteskrankheit 
interniert und starb in der Irrenanstalt. 

Mütterlicherseits nichts zu bemerken. Die Mutter ist mit 80 Jahren 
bei besten geistigen und körperlichen Kräften. 

Von den zwölf Geschwistern der Patientin sind fünf früh gestorben. 
Alle die übrigen mehr oder weniger nervös belastet. Ein Bruder leidet 
seit Jahren an einer Aphonie; er bildet sich ein, verfolgt zu sein. Eine 
Schwester leidet an Phobien (Angst vor Finnen, Mor Tee, Staub usw.). 
Zwei Schwestern haben tiefe Persönlichkeitsumwandlungen durchgemacht. 
Die eine war in der Jugend eine kalte, rücksichtslose Natur, hat sich 
glücklich verheiratet und kommt sich jetzt wie eine Heilige vor, die schon 
in einer andern Welt lebt, ist Theosophin, Vegetarianerin usw. Auch 
bei den Kindern der Geschwister sind nervöse Krankheiten und Eigen- 
tümlichkeiten gewöhnlich. Einer, ein junger Neurastheniker, wollte seine 
Mutter töten, weil sie Kinder geboren hatte, obwohl sie wußte, daß sie 
zu einer tief degenerierten Familie gehörte. — Prozesse sind mehrmals 
innerhalb der Familie vorgekommen. 

Was jetzt den Status betrifft, so ist die Patientin von mittlerer 
Größe und zeigt, abgesehen von angewachsenen Ohrläppchen, in ihrem 
Äußeren nichts Abnormes. Keine männlichen Züge. Die oben erwähnte 
Struma ist linksseitig und so groß wie ein kleiner Apfel. Da3 Herz von 
normaler Größe. Töne rein; Puls 90. -Keine Stigmata. Schlaf gut. 

Geistig ist ein unruhig gespannter Ausdruck am meisten auffallend; 
er beherrscht das ganze Auftreten, die Gesichtszüge und besonders den 
Blick. Das intellektuelle Vermögen ist ausgezeichnet. Wenn sie spricht, 
kommen die Gedanken in streng logischer Ordnung. Die Patientin ist 



Zur Radikalbehandlung der chronischen Paranoia. öUl 

ohne Zweifel sehr begabt und ihr Urteil über Dinge, die außerhalb der 
Wahnvorstellungen liegen, vortrefflich. Die Beziehungs- und Verfolgungs- 
ideen sind in der Anamnese besprochen. Was die Frage von Größenideen 
betrifft, ist zu bemerken, daß die Patientin sowohl als Lehrerin wie 
Journalistin ungewöhnlich geschätzt worden ist; das Selbstgefühl ist 
über die natürlichen Grenzen hinausgewachsen. 

Abgesehen von der Empörung, welche oft die Erzählung von der 
Verfolgung begleitet, zeigt die Affektivität keine Eigentümlichkeit. 

Die Patientin hat ununterbrochen ihre Arbeit ausführen können. 
Ihre Handlungen sind nur in der Weise von der Krankheit beeinflußt 
worden, daß sie ihre Nächsten und Vorgesetzten mit Klagen belästigt hat. 



Schon nach dieser Übersicht möchte die Feststellung der Diagnose 
möglich sein. Wenn ich den Fall als eine chronische Paranoia 
auffasse, habe ich den von Kraepelin 1 ) umgrenzten Begriff im Auge. 
Der zentrale Punkt seiner Charakterisierung liegt in folgenden Worten : 

„Anderseits aber gibt es ohne Zweifel eine Gruppe von Fällen, bei 
denen die Wahnvorstellungen, wenn auch nicht das einzige, so doch das bei 
weitem hervorstechendste Krankheitszeichen bilden. Hier pflegt sich 
ganz langsam ein dauerndes, unerschütterliches Wahnsystem bei voll- 
kommener Erhaltung der Klarheit wie der Ordnung im Denken, Wollen 
und Handeln herauszuentwickeln. Diese Formen sind es, denen ich die 
Bezeichnung der Paranoia vorbehalten möchte. Sie führen mit Notwendig- 
keit zu einer tiefgreifenden Umwandlung der gesamten Lebensanschauung, 
zu einer , Verrückung' des Standpunktes, welchen der Kranke gegenüber 
den Personen und Ereignissen seiner Umgebung einnimmt." 

Die Langsamkeit der Entwicklung wird stark betont. Hier 
scheint das Verfolgungssystem schon nach etwa drei Viertel Jahren 
fertig zu sein. Zu bemerken ist aber doch, daß es sich stetig in den 
folgenden Jahren weiter entwickelte. Die Unerschütterlichkeit läßt 
nichts zu wünschen übrig. Es ging immer mit allen tatsächlichen Auf- 
klärungen über ihre Irrtümer auf dieselbe Weise wie mit dem hier 
erwähnten Briefe: — im ersten Augenblick erregten sie wohl ihr Er- 
staunen; schon im nächsten waren sie aber vom System verschlungen. 
„Das beweist nichts ; alle die übrigen Beweise sind zu fest etc." Das 
System ging seinen Weg über alle Aufklärungen hinweg mit der or- 
ganischen Notwendigkeit eines Karzinoms. Ich brauche nicht hinzu- 
zufügen, daß jeder Versuch eines Widerspruches meinerseits nicht nur 
vollständig fruchtlos geblieben wäre, sondern auch den Weg für weitere 
Behandlung verschlossen hätte. 

*) Kraepelin, Lehrbuch der Psychiatrie. 
Jahrbuch für psychoana'.yt. u. psychopathol. Forschungen. III. 51 



802 Paul Bjerre. 

Was die übrigen Merkmale der Paranoia anbelangt, so halten 
sich die Größenideen nach Kraepelin oft im Rahmen eines stark 
erhöhten Selbstgefühls. So war es hier der Fall. — Die Bedeutung 
der Halluzinationen bei der Wahnbildung wird von ihm nicht 
hoch angeschlagen. Diese vollzieht sich hauptsächlich durch krank- 
hafte Auslegung wirklicher Erlebnisse, vor allem durch Erinnerungs- 
fälschungen. „Weit seltener sind eigentliche Sinnestäuschungen." 

Wie später an den Tag kommen wird, war vieles auf Erinnerungs- 
fälschungen basiert. Daß Illusionen täglich vorgekommen sind, möchte 
unzweifelhaft sein. Wahrscheinlich hat die Patientin wohl oft, wie in 
dem Falle, wo sie von der Nichte kontrolliert wurde, die Zungenbewe- 
gungen halluziniert. 

Durch die begriffliche Abgrenzung Kraepelins werden zuerst 
alle Fälle ausgeschlossen, die mit deutlicher geistiger Schwäche ver- 
bunden sind, und dann alle, wo die Störungen des Gefühlslebens prä- 
dominieren. Die Differentialdiagnose gilt mit anderen Worten der 
Dementia paranoides und manisch-depressivem Irresein. 

Die erste Abgrenzung hat hier keine Diskussion nötig. Nirgends 
ließ sich ein Mangel an Koordination und Planmäßigkeit im Denken, 
Handeln und Wollen der Patientin aufspüren. Sowohl ihre Leistungs- 
wie Genußfähigkeit war nur in dem Maße beeinträchtigt, als ihr Leben 
überhaupt von den krankhaften Ideen beeinflußt war. 

Die zweite Abgrenzung würde beinahe ebenso leicht sein, wenn 
ich ausschließlich das System Kraepelins in Betracht zöge. Die 
gedrückte Stimmung infolge trauriger Erlebnisse, welche der Krankheit 
einige Jahre vorausgegangen waren, möchte nicht mit der depressiven 
Periode einer Psychose verwechselt werden können, besonders da die 
Patientin keine Neigung zu Stimmungsanomalie früher gezeigt und 
niemals etwas Ähnliches wie jetzt erlebt hatte. — Ich kann aber nicht 
vollständig an der lebhaften Diskussion an diesem Punkte in Kraepe- 
lins Paranoiabegriff vorbeigehen. Durch die Untersuchungen über die 
Bedeutung des Gefühlslebens für die Wahnbildung ist die Grenze zum 
manisch-depressiven Irresein gelockert worden. Man hat gemeint, daß 
die intellektuelle Verrückung sich immer aus einer Verrückung des 
Gefühlslebens entwickelt. „Die Paranoiafrage in ihrer neuen Gestalt 
ist also eine affektpsychologische Frage," sagt Gadelius 1 ). Für ihn 

*) Gadelius, Paranoia och paranoida tillständ (Paranoia und paranoide 
Zustände). — Tidskrift för nordisk retemedicin og psyehiatri. G. Aarg. Heft 1, 
Kristiania 1910. 



Zur Radikalbehandlung der chronischen Paranoia. 803 

ist die diagnostische Hauptsache, zu entscheiden, aus welchem Affekte 
die Krankheit sich anfänglich entwickelt hat; aus einer erhöhten oder 
deprimierten Stimmung, von welcher das Vorstellungsleben beeinflußt 
worden ist, oder aus Mißtrauen (Sandberg) und gespannter Er- 
wartung (Linke), die es allmählich auf ein falsches Geleise geschoben 
haben. S pecht 1 ) sucht überhaupt die Paranoia im manisch-depressiven 
Irresein aufgehen zu lassen; er meint, daß die Verfolgungsideen sich 
immer aus einer Depression, die Größenideen aus einer Exaltation 
entwickeln. Persönlich glaube ich, daß Bleuler 2 ) in seiner Kritik 
über diese Bestrebungen recht hat und daß kein bestimmter Affekt 
beim Entstehen der Paranoia maßgebend ist. Soweit ich habe finden 
können, würden die Vertreter der anderen Ansichten einen Fall wie 
diesen zu Paranoia rechnen — wenn sie nicht überhaupt den Begriff 
aus der Welt schaffen wollen. 

Differentialdiagnostisch kommen noch zwei Krankheiten in Betracht. 
Wie bekannt, hat Fried mann 3 ) unter dem Titel „Milde Paranoiaformen" 
Zustände beschrieben, die er folgendermaßen charakterisiert: — Geraten 
diese — d. h. Personen, die von Natur sensibel, eigensinnig und exaltiert 
sind — unter einen stärkeren äußeren Konflikt — so entwickelt sich im 
Laufe einer Reihe von Monaten oder auch noch langsamer ein Wahnsystem, 
das sich mit den Ursachen oder den Folgen jener Schädigung beschäftigt 
und bei welchem bestimmte Personen beschuldigt werden, welches sich 
aber ausschließlich auf diese einzige Gedankenkette beschränkt. Was 
noch hinzutritt, das ist ein ebenfalls beschränkter Beobachtungswahn; 
dagegen haben in allen Fällen die Halluzinationen gefehlt. — Nach einer 
Zeit der Blüte, welche 1—2 Jahre dauert, verblaßt der Affekt sehr deutlich, 
die Patienten gewinnen ihre Ruhe wieder und sprechen selten mehr von der 
ganzen Sache. Doch haben sie ihren Wahn nicht korrigiert, sie verheim- 
lichen ihn auch keineswegs, sondern halten seine Realität noch eigensinnig 
aufrecht. Indessen kommt in den echten Fällen nichts mehr hinzu und die 
Personen sind im praktischen Sinne als geheilt zu betrachten. Ziemlich 
gleichmäßig beansprucht dieser ganze Verlauf den Zeitraum von 2 — 3, 
meist 27 2 Jahren. — Sowohl die Ausbreitung des Wahns, die lange Zeit, 
in welcher er das Leben der Patienten beherrscht, wie vor allem der voll- 
ständige Mangel an Heilungstendenz im Sinne Friedmanns, macht es 
unmöglich, hier für den Fall einen Platz zu finden. 



') Specht, Über die klinische Kardinalfrage der Paranoia. Zentralblatt 
für Nervenheilkunde und Psychiatrie. Halle 1906. 

s ) Bleuler, Affektivität, Suggestibilität, Paranoia. Halle 1906. 

*) M. Friedmann, Beiträge zur Lehre von der Paranoia. Monatschrift 
für Psychiatrie und Neurologie, 1905. 

51* 



804 Paul Bjerre. 

Es wäre überflüssig, hier an die Diagnose Hysterie zu denken 1 ), 
wenn diese nicht, wie bekannt, als eine allgemeine Einwendung gegen 
die Psychotherapie gebraucht wird. Hier würde man sagen können: 
— wie ihre Geschwister leidet die Patientin von Anfang an Hysterie, 
die ganze Geschichte ist nur eine sonderbare Erscheinungsform dieser 
Krankheit, ein Bruder scheint ja sogar an etwas Ähnlichem gelitten 
zu haben. Man würde auf die querulierenden Tendenzen in der Familie 
hinweisen können und einerseits die Beziehungen zwischen der Krank- 
heit und dem Querulantenwahn, anderseits jene zwischen dem Queru- 
lantenwahn und der Hysterie hervorheben. Dieses um so mehr, als 
Heilbrunner 2 ) diese letzte Frage neulich behandelt hat. Auf zwei 
Fälle gestützt, in welchen die Krankheit sich auf hysterischem Boden 
entwickelt hatte, sucht er den Querulantenwahn von der Paranoia 
Kraepelins zu trennen. Der eine Fall ist hier nicht von Interesse, 
den andern möchte ich kurz erwähnen. 

Sine unverheiratete Hysterika von 43 Jahren, die sich nach schweren 
Zänkereien von ihrer Familie getrennt hatte, wurde eine Zeitlang von einem 
Arzte behandelt. Als dieser sich verlobte, fing sie an, ihn in der gröbsten 
Weise sexueller Attentate usw. zu beschuldigen, zog ihn vor Gericht, und 
da sie in allen Instanzen verlor, beschuldigte sie die Richter und andere 
mit ihm in Verbindung zu stehen, bis sie endlich interniert wurde. Die 
Krankheit bestand seit 8 Jahren. Der Wahn war durch die ganze Zeit 
auf den Arzt und jene, die mit ihm in unmittelbare Berührung gekommen 
waren, begrenzt. 

Gegen die Diagnose Hysterie will ich folgendes hervorheben. 
Erstens habe ich hier keine frühere Hysterie konstatieren können; die 
Patientin ist tatsächlich, wie ich von ihrer Nichte gehört habe, bis zum 
Ausbruche der Krankheit als die normalste in der Familie betrachtet 
worden. Zweitens scheint mir ein sehr wichtiger Unterschied zu sein 
zwischen einem Wahne, welcher so wie im Falle Heilbrunners be- 
grenzt bleibt, und einem, der alle Grenzen überschwemmt. Drittens 
will ich schon hier erwähnen, daß die folgende Untersuchung über- 
raschende Beziehungen zur Hysterie an den Tag bringen wird; aber 
gleichzeitig wird sich auch eine besondere Abzweigung davon zur 

*) Das Problem der hysterischen Paranoia erscheint diskutabel. 
Vgl. Ju ng, The Association Method. Letures delivered at the XX, Anniv. of Clerk 
University. Worcester M. 1910. 

Anmerkung der Redaktion. 

*) Heilbronner, Hysterie und Querulantenwahn. Zentralblatt für Nerven- 
heilkunde und Psychiatrie. Oktober 1907. 



Zur Radikalbehandlung der chronischen Paranoia. 805 

paranoischen Entwicklung zeigen. Viertens: — wenn man diesen 
Fall als Hysterie bezeichnete, würde die Hysterie hier in sonderbarer 
Weise eine Paranoia vorgetäuscht haben. Aber zu sagen, daß eine 
funktionelle Krankheit eine andere funktionelle Krankheit vortäuscht, 
ist das nicht ein Streit mit Worten? — 

Endlich muß ich hier die Frage von der Unheilbarkeit der Paranoia 
streifen. Viele, wie Kraepelin selbst, haben diese als ein Charak- 
steristikum in den Begriff aufgenommen. Man sollte da wenigstens 
Spontanunheilbarkeit sagen, um nicht alle Gedanken an die Möglichkeit 
einer Therapie auszuschließen. Die eitrige Peritonitis heilt nicht spontan ; 
eine Operation kann aber gelingen. 

Es gibt aber auch Forscher, die vor einer zu dogmatischen Auf- 
fassung warnen. 

So sagt Thomsen 1 ); — „Wenn man sich nur die hllerchronischsten 
Fälle der Pflege anstalten aussucht, dann läßt sich das Dogma der Unheil- 
barkeit einigermaßen festhalten, obwohl auch unter diesen Voraussetzungen 
seltene Fälle völliger Heilung langjähriger typischer Paranoiafälle bekannt 
sind." Und Jolly meint, daß zu den natürlichen Grenzen des Paranoia- 
begriffes „sicher nicht die Unheilbarkeit, wenigstens nicht die Unheilkarbeit 
der Wahnideen" gehört. 

Wenn man aber versucht, in der Literatur völlig geheilte Fälle 
zu finden, so scheinen diese nicht zahlreich zu sein. In der sehr gründ- 
lichen Dissertation Petrens 2 ), wo aus der deutschen, französischen, 
englischen, italienischen, holländischen und skandinavischen Literatur 
alle Fälle von vieljährigen geheilten Psychosen zusammengestellt sind, 
gibt es eigentlich nur einen Fall, der hier von Interesse ist. In einem 
andern (von Paris beschrieben, 1898) sind die anamnestischen 
Angaben zu spärlich, um eine paranoide Form des manisch-depressiven 
Irreseins mit Sicherheit ausschließen zu können. In noch einem andern 
sehr merkwürdigen Falle (von Keay beschrieben, 1891) erfährt man 
zwar, daß die Wahnvorstellungen und Sinnestäuschungen verschwanden, 
man bekommt aber keinen Aufschluß über den psychischen Zustand 
im übrigen; auch sind die katamnestischen Angaben gar zu spärlich. 
Der zurückbleibende Fall ist 1896 von van Deventer veröffentlicht 
und hat so viele Berührungspunkte mit dem unsrigen, daß ich ihn 
vollständig nach Petren wiedergeben muß : 



x ) R. Thomsen, Wahnbildung und Paranoia. Medizinische Klinik. 
August 1908. 

2 ) A. Petren, Über Spätheilung von Psychosen. Stockholm 1908. 

5 1 



806 Paul Bjerre. 

„Er betrifft eine 45jährige Frau, die intellektuell hervorragend 
entwickelt, aber von einem sehr empfindlichen Temperament war. Ihre 
Mutter und Schwester waren beide ziemlich nervös. Selbst hatte sie im Alter 
von 12 Jahren eine Gehirnkrankheit durchgemacht, von der sie jedoch 
vollkommen genas. Sie hatte stets ein stilles und eingezogenes Leben 
geführt und war in des Wortes voller Bedeutung ein braver Mensch. Im 
Alter von 22 Jahren litt sie lange an hochgradiger Schlaflosigkeit, durch 
Bandwurm verursacht; nachdem sie von diesem befreit worden war, kehrte 
zwar wieder der Schlaf zurück, es entwickelte sich indessen allmählich 
und unmerklich eine gewisse Unbeständigkeit und Reizbarkeit. Patientin 
klagte über die Einförmigkeit der Straße, in der sie wohnte, und wünschte 
Veränderung zu einem bewegteren Leben. Auf ihren dringenden Wunsch 
wurde eine andere Wohnung gemietet und der frühere Hauswirt erhielt 
Schadenersatz. Gleich darauf fühlte Patientin indessen Reue darüber, 
daß sie in ihrem überspannten Zustand den Umzug durchgesetzt hatte, 
schämte sich aber, mit jemand darüber zu sprechen. Um ihre Familie 
nicht betrübt zu machen, bemühte sie sich, sich in sich selbst zu verschließen, 
genau darauf achtgebend, ob die Umgebung ihr etwas anmerkte. Dann 
meinte sie, daß diese ihr gegenüber ein verändertes Benehmen zeigte, und 
es entwickelte sich ein krankhafter Argwohn; indem die Überzeugung 
in ihr immer stärker wurde, daß sie verhöhnt und belächelt werde, und daß 
verschiedene Personen sich verschworen hätten, ihren guten Namen und 
Ruf zu beflecken. Diese Wahnvorstellungen nehmen — soweit es nach den 
spärlichen Äußerungen der Patientin zu beurteilen möglich war — seit ihrem 
30. Jahre langsam fast unmerklich an Intensität zu. Nach einiger Zeit 
begann sie ferner darüber zu klagen, daß ihre früheren Bekannten auf der 
Straße an ihr vorbeigingen, ohne zu grüßen. Tag und Nacht grübelte sie 
darüber nach, wer ihre Verfolger sein könnten, da sie nie etwas Böses getan 
hatte. Zufällig erfuhr sie, daß die Personen, denen sie auf der Straße be- 
gegnete und die sie nicht wiedererkennen wollten, mit ihrem früheren 
Wirt in Verbindung standen und Mitglieder derselben Genossenschaft 
waren. Da ging ihr plötzlich ein Licht auf und sie begriff nun, daß sie ein 
Opfer des Hasses des früheren Hauswirts war, weil sie sein Haus in Miß- 
kredit gebracht hatte. Von diesem Augenblicke an fühlte sie sich nieder- 
geschlagen und konnte nicht mehr froh und lebenslustig sein. Sie bemerkte 
allerhand Zeichen, woraus hervorging, daß der fragliche Hauswirt sie und 
ihre Familie auf allerhand Weise an den Pranger zu stellen versuchte. 
Wenn jemand ihrer Bekannten in ihrer Gegenwart etwas äußerte, verstand 
sie sofort, daß es sich auf sie bezog und daß es von ihrem Verfolger ge- 
kommen war. Von dieser Zeit an merkte sie auch, daß Personen, die ihr 
auf der Straße begegneten, ihr Grimassen schnitten und sie dabei höhnisch 
ansahen. Schließlich wurde sie auf der Straße, ja von den Dächern herab, 
aller möglichen Schändlichkeiten bezichtigt und überall schrie man laut, 
daß sie ein ausschweifendes Leben geführt habe, so daß sie, wie sie sich 
ausdrückte, in ihrer Ratlosigkeit nahe daran war, wahnsinnig zu werden. 
Sie wurde auf alle Weise gepeinigt und gemartert, in natürlicher und un- 
natürlicher Weise, körperlich und geistig, so daß sie schließlich ganz un- 



Zur Radikalbehandlung der chronischen Paranoia. 807 

empfindlieb, wurde; schwärende Finger, monatelanger Husten, schlaflose 
Nächte, Erbrechen, Jucken, Schweiße, Rückenschmerzen u. dgl. gehörten 
zu ihren ständigen Leiden. Je mehr sie litt, desto mehr amüsierten sich ihre 
Verfolger und deren Anhänger mit Gesang, Musik und Tanz. Sie wurde 
von diesen der unsittlichsten Handlungen bezichtigt, wurde vom Gerichte, 
ohne gehört zu sein, verurteilt, und es wurde dabei beschlossen, daß sie 
zum warnenden Beispiel für andere bestraft werden sollte ; dazu trugen sich 
draußen vor ihrer Wohnung täglich die schändlichsten und unsittlichsten 
Handlungen zu. Schließlich wurde An3taltspflege notwendig, da sie auch die 
Wahnidee bekam, daß das Essen vergiftet sei und sie sich deshalb weigerte, 
zu essen. In die Irrenanstalt überführt, zeigte Patientin sich hier unruhig 
und jammerte laut, lag unter der Decke, die Hände vor das Gesicht 
geschlagen, weigerte sich anfangs zu es3en und zeigte Suizidtendenzen. 
Sie behauptete, daß man auch hier in der Anstalt sie auf allerhand Weise 
peinigte, und glaubte, daß auch ihre Familie hier aufgenommen sei, um 
gleichfalls derselben unmenschlichen Behandlung unterzogen zu werden. 
Die Briefe, die die Familie ihr sandte, um sie von dem Gegenteil zu über- 
zeugen, hielt sie für von ihren Feinden geschrieben, um sie auf eine falsche 
Spur zu bringen. Tag und Nacht wurde sie voa Stimmen geplagt und mußte 
die schändlichsten und unsittlichsten Reden anhören, obwohl sie rein und 
vollkommen unschuldig war, ein Vorbild für andere. Auf Verlangen ihrer 
Verfolger wurde sie ohne Erbarmen von den Wärterinnen mit Spott und 
Hohn behandelt und wurden ihr von ihnen unsägliche Qualen verursacht ; 
sie kamen mit den gröbsten Schimpfwörtern, setzten ihr das schlechteste 
Essen vor, gaben ihr schädliche Stoffe ein, peinigten ihren Körper mit 
Insekten und quälten sie auf die schändlichste Weise, während ihre Mit- 
patienten dagegen mit Geduld und aufopfernder Liebe gepflegt wurden 
und eine außerordentliche Fürsorge genossen. Und doch wollten sie sie 
zwingen, freundlich zu sein und sich wie ein Hund zu benehmen, der die 
Hand leckt, die ihn mit Schmutz beworfen. Ein Buch über Krankenpflege, 
das eine der Wärterinnen auf dem Tische hatte liegen lassen, erregte ihre 
tiefe Entrüstung und sie glaubte, daß das Buch dahin gelegt war, damit 
sie einen Blick hineinwerfen und dann so unsittlicher Handlungen be- 
schuldigt werden sollte, daß sie sich darüber nicht äußern könnte. 

Während der ersten Zeit des Anstaltaufenthalts war Patientin ver- 
schlossen und einsilbig, gab kurze und mürrische Antworten, ließ sich nur 
ausnahmsweise über die sie beherrschenden Wahnvorstellungen aus; aus 
ihren Äußerungen ging aber hervor, daß sie alles, was in ihrer Umgebung 
geschah, mit ihrem Zustande in Zusammenhang brachte; jeder Blick, 
jede Bewegung und Gebärde, Notizen in den Zeitungen usw. waren An- 
spielungen. Schließlich erklärte sie, daß sie fortan nur der Zeichensprache 
sich bedienen und ihre Gedanken zu Papier bringen wolle, damit ihre Worte 
nicht falsch ausgelegt werden könnten. Wenn ihre Familie ihr sagte, daß 
sie unrecht habe, erwiderte sie, daß sie sich irren könnten, wie Koch es 
bezüglich des Tuberkulins getan habe. 

Nach 1% jährigem Aufenthalte in der Anstalt wurde Patientin 
zugänglicher und gesprächiger und begann allmählich sich mit Lesen und 



808 Paul Bjerre. 

Handarbeit zu beschäftigen; sie sagte, sie würde nicht mehr so sehr ge- 
peinigt, zeigte sich indessen unfreundlich und mürrisch, sprach in gebie- 
terischem Tone, beklagte sich über schlechte Behandlung und machte, 
wenn man sie ansprach, abwehrende Bewegungen. Sie schlief indessen 
gut und hatte guten Appetit, so daß ihr Ernährungszustand sich besserte. 
Einige Monate später bemerkte Patientin spontan, daß sie möglicherweise 
sich geirrt haben könnte; ihr Zusammensein mit den anderen Patienten 
habe sie auf andere Gedanken gebracht. Dann wurde sie mehr und mehr 
gesellig, war dankbar, zufrieden und dienstfertig und zeigte vollständige 
Krankheitseinsicht; sie wünschte indessen durchaus nicht, eher entlassen 
zu werden, als bis ihre früheren Wahnvorstellungen, Erzeugnisse eines 
kranken Gehirns, vollständig verschwunden wären. 

Über ihre Krankheit befragt, gab Patientin an, daß sie anfangs in 
der Vorstellung lebte, daß die Hinrichtungen, die vor ihrer Aufnahme auf 
der Straße vor ihrer Wohnung stattfanden, hier fortgesetzt werden sollten ; 
ihre Umgebung hielt sie für Komödianten, die nur Spott mit ihr trieben, 
um sie als ein warnendes Beispiel für andere hinzustellen. Sie stand bis- 
weilen stundenlang stumm vor Erstaunen über alle die Gräßlichkeiten, 
die sie mit ansehen mußte, und begriff nicht, wie man monatelang sie, 
einen vollkommen unschuldigen Menschen, der Sittenlos) gkeit bezichtigen 
konnte. Die Vermutung begann bei ihr Eingang zu gewinnen, daß man 
sie eingesperrt habe, um ihre Schönheit zu verbergen, damit sie die der 
anderen nicht in den Schatten stelle und damit sie, eine Frau mit fort- 
geschrittenen Ansichten, nicht dem männbchen Geschlechte Abbruch tun 
solle. Doch hatten diese Gedanken nicht lange Bestand. Als sie 1 Jahr 
in der Anstalt gewesen war, begann sie mehr acht auf ihre Umgebung 
zu geben und bemerkte nun, wie ihre Mitpatienten von Stimmen und 
Lauten redeten, die offenbar nur in ihrer Einbildung vorhanden waren, 
und da begriff sie, daß sie sich in einer Krankenanstalt befand. Hiernach 
stellte sie genauere Studien über ihre Mitpatienten an und sah nun ein, 
daß auch sie selbst unter dem Einflüsse von Sinnestäuschungen und krank- 
haften Einbildungen gestanden hatte; die freundliche Gesinnung ihrer 
Umgebung brachte sie dann schließlich dahin, sich selbst als Patientin zu 
betrachten. Nachdem sie mehr als 1 Jahr stumm gewesen war und nur 
im größten Notfalle Wünsche geäußert hatte, begann sie dann etwas mehr 
zu sprechen, wenn auch anfangs widerwillig, und sie begann auch von dem 
freundlichen Wohlwollen, das sie täglich erfuhr, Notiz zu nehmen und sich 
dafür empfänglich zu zeigen. Anfangs beherrschte sie noch ein Gefühl 
des Unwillens, der Empörung und des Zweifels daran, daß sie, ein Mensch 
mit gesunder Vernunft, der nichts ohne Beweis annahm und der nicht aber- 
gläubig war, hatte krank werden, nicht die Herrschaft über sich behalten 
können, um sich selbst und anderen Leiden zu ersparen. War wirklich 
alles Einbildung, fragte sie sich oft, war es nicht ein Übelwollender, der 
aus Haß sie peinigte? Doch die Krankheit der anderen Patienten, die 
Liebe, die sie erfuhr, bewiesen ihr stets das Gegenteil. 

Nach 2 jährigem Anstaltsaufenthalte wurde Patientin dann als genesen 
entlassen." 



Zur Radikalbehandlung der chronischen Paranoia. 809 

Gegen diesen Fall ist nichts anderes einzuwenden, als daß es 
schade ist, daß er nicht näher untersucht wurde. Man versteht von 
der Beschreibung weder, wie die Patientin krank, noch, wie sie gesund 
geworden ist. 

II. Die Behandlung. 

Nur wenige Stimmen haben sich in der Literatur für die Möglich- 
keit einer psychischen Paranoiatherapie erhoben und keine, soweit 
ich habe finden können, für eine radikale. Die Anstaltsärzte haben 
von jedem Gedanken in dieser Bichtung Abstand genommen und die 
Repräsentanten der verschiedenen psychotherapeutischen Schulen haben 
sich ihnen in diesem Punkte angeschlossen; ebenso die Hypnotiseure. 

Auch die, welche den Wert der Hypnotherapie bei den sonstigen 
Geisteskrankheiten hoch schätzen, wie z. B. Voisin 1 ) und Geijer- 
stamm 2 ), haben von der Paranoia nichts zu sagen. 

Rentergehm 3 ) spricht unter dem Titel „Systematisierter Wahn" 
von zwölf behandelten Fällen; in zwei „leichte oder übergehende 
Besserung", in einem „wesentliche oder dauernde Besserung", in keinem 
Heilung. Keine näheren Angaben. In der „New York Psychiatrical 
Society" wurde die Frage 1907 diskutiert. August Hoch 4 ) trat für 
die Möglichkeit einer Paronoiatherapie ein und belegte seine Auffassung 
mit einigen Fällen. Er meinte, daß die Paranoia durch Konflikte und 
unhygienische Behandlung von diesen entstände und daß Hilfe möglich 
sei, wenn man gleich am Anfange an die Wurzel ginge und dem Kranken 
den Ursprung seiner Ideen auseinandersetzte und ihn in gesunde geistige 
Gewohnheiten einübte. Auf alle Fälle konnte man natürlich nicht 
einwirken. In der Diskussion teilte nur Jelliffe seine Auffassung. 
Die übrigen meinten, daß Hochs Fälle nicht echte Paranoia wären, 
sondern paranoide Zustände in anderen Krankheiten. 

Auch von den Psychoanalytikern sind bisher keine Versuche in 
dieser Richtung veröffentlicht. Auf ihre wissenschaftlichen Unter- 
suchungen über Paranoia werde ich später mehrmals zurückkommen. 



*) Voisin, Emploi de la Suggestion bypnotique dans certains formes 
d'ahenation mental. Paris 1897. 

*) Geijerstam, Kan hypnotismen fä nagon betydelse isinnessjukdomarnas 
terapi. Hygiea 1910. 

») Rentergehm, Dritter Bericht über die in der psychotherapeutischen 
Klinik in Amsterdam erhaltenen Resultate während den Jahren 1893 — 1898. 
Zeitschrift für Hypnotismus, Bd. VIII. 

4 ) Hoch, The psychol. med. rec. N. Y. 1907. 
S i + 



810 Paul Bjerre. 

Da die Paranoia im allgemeinen als eine funktionelle Krankheit 
aufgefaßt wird — somatische Veränderungen sind wenigstens bisher 
nicht nachgewiesen — so kann die Möglichkeit einer kausalen, psychi- 
schen Therapie nicht ohne weiteres in Abrede gestellt werden. 

Im täglichen Leben wechseln immer psychische Synthesen und 
Analysen. Immer strömen uns neue Eindrücke zu, die sich mit den 
früheren verbinden, und immer lösen sich solche Verbindungen, um 
neuen Platz zu machen. Gibt man genau acht, so findet man leicht, 
daß die neuen Eindrücke einen sehr verschiedenen Lebenswert haben. 
Einige gleiten an uns flüchtig vorüber und lassen höchstens eine Er- 
innerungsspur zurück; andere prägen sich tief ein und werden zu 
lebendigen Kräften, zu Suggestionen, welche auf unsere Weise zu 
sehen und zu handeln Einfluß üben. 

Bei der suggestiven Behandlung merkt man oft, daß die Wider- 
stände, welche die Krankheit gegen diese neuen psychischen Kräfte 
mobil macht, zu stark sind: — alles scheint beim alten zu bleiben. 
Hier fängt die große Schwierigkeit der Suggestionsbehandlung an, die 
überwunden werden muß. Methodisch geschieht das so, daß man 
unbemerkt im Unbewußten Gedankenkeime aussät, welche, langsam 
wachsend, zum Bewußtsein emporsteigen und sich als Suggestionen 
realisieren. Das kann sich über Monate oder Jahre erstrecken. Es ist 
zwar sozusagen töricht, ein Verfolgungssystem mit Widerspruch — in 
Hypnose oder im Wachen, das ist einerlei — überwältigen zu wollen. 
Es ist aber nicht ebenso töricht, im Unbewußten eines Paranoikers 
unaufhörlich Zweifel einzupflanzen, ohne daß er etwas davon merkt. 
Einmal glaubten die Menschen auch an den Einfluß der Sterne ebenso 
fest, wie irgend ein Paranoiker an sein System glaubt; gelang es nicht 
der wissenschaftlichen Aufklärung, allmählich diesen Wahn zu zer- 
stören? 

Gegen diesen letzten Vergleich wendet man ein, daß ein para- 
noisches Wahnsystem doch in seinem Wesen etwas anderes ist als 
ein durch mangelhafte Beobachtungen entstandener Irrtum. Der 
Einwand scheint mir ganz richtig. Beim Erbauen des Wahnsystems 
spielen ohne Zweifel viele von der Freudschen Schule entdeckte 
Mechanismen eine große Rolle. Diese haben innere Widerstände von 
ganz besonderer Art geschaffen. Ohne Zweifel können diese so stark 
sein, daß sie unter kernen Umständen von Suggestionen durchbrochen 
werden können. Die Behandlung muß dann die analytische Auflösung 
derselben erzielen. Je tiefer im Unbewußten die Krankheit steht, je 



' Zur Radikalbehandlung' der chronischen Paranoia. 811 

stärker die Widerstände organisiert sind, um so mehr tritt die Psycho- 
analyse in den Vordergrund. 

Diesen Prinzipien gemäß machte ich folgenden Plan der Be- 
handlung: — zunächst das ganze Leben der Patientin in allen Einzel- 
heiten von der frühesten Kindheit bis zum heutigen Tage durch- 
zuarbeiten, dabei alles Falsche umzuwerten, tausend Keime des 
Zweifels an den Wahn auszusäen, dann allmählich die unbewußten 
Komplexe an den Tag zu bringen und sie aufzulösen. Diesen ganzen 
Vorgang darzustellen, ist natürlich unmöglich. Er umfaßt ein Gespräch 
von etwa 40 Stunden, das so konzentriert war, daß eigentlich jedes 
Wort wiederholt werden sollte. Durch einige Fragmente bekommt 
man aber einen Einblick in den Vorgang. 

Die Behandlung fing schon beim ersten Besuche an. Die An- 
knüpfung des Rapportes ist vielleicht gerade das Allerschwersta in 
einem Falle, wo die Patientin auf Haß gegen alle Welt eingestellt ist 
und in jedem neuen Menschen einen neuen Verfolger sieht. Daß die 
Patientin sich in meinem Sprechzimmer gleich von Anfang ruhig 
fühlte und leicht sprechen konnte, ist eine Tatsache. Die Ursache dazu 
kann ich aber nicht mit Sicherheit angeben. Vielleicht hat der 
Empfehlungsbrief von Fräulein K. einigermaßen suggestiv eingewirkt. 
Das wichtigste; glaube ich doch, war, daß ich mich so vollständig wie 
möglich in ihre Lage einzufühlen suchte. Ich zeigte nicht den entfern- 
testen Zweifel daran, daß sie wirklich verfolgt war, und sprach mit ihr 
über diese Tatsache wie über jede andere Tatsache. Ich spielte diese 
Rolle so vollständig, daß sie fühlte, daß sie endlich einen Menschen 
gefunden, der ihre Lage verstand und ihr nicht die gewöhnlichen, 
schwachsinnigen Einwendungen machte. Ich bekam so eine Sonder- 
stellung, die sich teils darin zeigte, daß sie meine Worte wirklich anhörte, 
teils darin, daß ich nicht in die Schar der 'Verfolger hineingezogen 
wurde. Zwar erklärte sie eines der ersten Male, daß sie auch bei mir 
die Zeichen der Verfolgung bemerkt hätte, und es war sehr nahe- 
liegend, daß sie sich auch mit mir verfeindete ; es gelang mir aber, den 
Verdacht im Keime zu ersticken und sie zu überzeugen, daß sie nichts 
zu fürchten hätte. Ich war aber nicht sicher, ob sie das nächste Mal 
zurückkommen würde. Die Ursache, daß sie kam, war wahrscheinlich 
ganz einfach die, daß es sie amüsierte, mit mir zu sprechen. Zuerst 
war es ihr eine Befriedigung, Verständnis zu finden, dann zog ich sie 
allmählich ins Gespräch. Ich zeigte ein lebhaftes Interesse für ihre 
Familiengeschichte, für ihre Kindheit usw. Unmerklich wurde es 



812 Paul Bjerre. 

ihr so zur Gewohnheit, mich jeden zweiten Tag zu besuchen. 
Ebenso unmerklich fing ich an ihre Erzählungen mit Worten 
zu unterbrechen, in welchen sie keine Absicht ahnte. Daß sie doch 
alle mit einer festen Planmäßigkeit suggeriert wurden, ist selbstver- 
ständlich. Allmählich machte ich kleine Auseinandersetzungen, die sie 
sehr interessierten. Als sie von ihren Eltern erzählt hatte, sprach ich 
von der Vererbung, wie ein Mensch mit einem Defekt geboren werden 
kann, der sein Leben tief beeinflussen kann, ohne daß er sich dessen 
bewußt ist. Ich gab ihr Beispiele, die sie zum Nachdenken anregten. 
Dann kam die Rede auf die Kindheit. Diese verlebte die Patientin in 
einer Kleinstadt. Sie hat eine schöne Erinnerung an die Heimat; das 
war ausschließlich das Verdienst der Mutter, sie machte alles um sich 
warm und heiter. Der Vater stand zur Familie wie ein Fremder. Seinen 
Projekten stand die Patientin ebenso feindlich gegenüber wie die übrige 
Familie. „Man gewöhnte sich daran, in dem Mann einen Eindringling 
zu sehen; er mischte sich unnötigerweise in alle Angelegenheiten und 
zerstörte mit seinen mißlungenen Plänen die Ökonomie der Familie." 
Und doch hatte die Patientin eine gewisse Bewunderung für die Tüchtig- 
keit des Vaters, für seine Phantasie und Arbeitskraft. Sie gibt zu, 
daß sie ihm in vielem ähnelt, vor allem in ihrem Hange nach Ver- 
änderungen; er hat auch ihre literarischen Interessen erweckt. An der 
Mutter ist die Patientin immer mit der wärmsten Liebe hängen ge- 
blieben. — Ich erzähle ihr von der merkwürdigen Tatsache des unbe- 
wußten Einflusses der Eltern, und wie dieser oft unerhört viel größer 
sein kann, als jemand ahnt, wie ein Mensch Züge oder beinahe das ganze 
Schicksal seines Vaters nachmachen kann, ohne es selbst zu verstehen, 
wie z. B. eine solche Tendenz, wie das Querulieren, sich in die Seele 
des Kindes einschleichen und für immer festsetzen kann usw. 

Von den ersten Regungen des innern Lebens erinnert die Patientin 
sich einer sehr lebhaften Phantasie. Bei ihren Spielen lebte sie sich so 
in erdichtete Landschaften und Situationen hinein, daß es ihr oft 
schwer war, den Weg zur Wirklichkeit zurückzufinden. Die Steck- 
nadeln wurden ihr leicht zu Reitern und das Nadelkissen zum Walde, 
durch welchen sie in der Nacht flohen. Als sie älter wurde, lebte sie in 
Tagträumen. Da war sie die Prinzessin im schlafenden Schlosse, die 
vom Prinzen erweckt wurde; — immer kam er aus der unbekannten 
Ferne und führte sie weit von allen Alltäglichkeiten weg. — Ähnliche 
Erzählungen geben mir Anlaß, von der Phantasie und von der Wirklich- 
keit zu sprechen und von der dringenden Notwendigkeit, die sub- 



Zur Radikalbehandlung der chronischen Paranoia. 813 

jektiven und die objektiven Werte scharf auseinanderzuhalten. Sie 
gibt zu, daß sie in dieser Hinsicht immer eine ähnliche Schwierigkeit 
wie ihre früher erwähnte Tante gehabt; aber sie meint, daß das sieher 
keine Rolle in ihrem Leben gespielt habe. 

Das Verhältnis unter den Geschwistern war sehr gut. Besonders 
liebte die Patientin ihre zwei Jahre ältere Schwester. Bei ihr fand sie 
den Schutz, den sie so nötig hatte; denn sie war immer sehr scheu 
und unsicher. In der Gesellschaft verbarg sie sich hinter der Schwester 
und ließ sie für beide plaudern; sie nannte die Schwester ihre „Trom- 
pete". Schon früh kamen sie überein, nie zu heiraten; sie wollten 
sich „gegenseitig heiraten". Als sie nach Stockholm kamen — die 
Patientin war damals 13 Jahre — suchten sie eine Wohnung aus, wo 
sie als alte Jungfern leben sollten. In der Heimat verkehrten viele 
Knaben in ungezwungener Weise; Schwärmereien kamen wohl vor, 
aber waren bald wieder vergessen. 

Als die Patientin 18 Jahre alt war, kam ihr großes Erlebnis. 
Schon früh hatte sie angefangen, mit der Schwester Zeitungen zu 
schreiben, die in den näheren Kreisen verbreitet wurden. Die Mysti- 
fikation der Anonymität amüsierte sie sehr. Aus Scherz rückten sie 
eine Heiratsannonce in eine öffentliche Zeitung ein. Eine Antwort 
wurde der Anfang einer Korrespondenz, die mit Unterbrechungen 
20 Jahre dauerte, ohne daß die Patientin den Brief Schreiber persönlich 
kennen lernte, obwohl er in Stockholm lebte. Ihr Verhältnis zu diesem 
Unbekannten war ihr Glück und seine Briefe erwartete sie mit aller 
Spannung und Freude der sehnsüchtigen Liebe. Sie wurde nicht nur 
mit der ganzen Seele an ihn gebunden; er fesselte auch in eigentüm- 
licher Weise ihr erotisches Leben. 

Ihn würde sie heiraten können; ihm würde sie sich hingeben können. 
Er war der Märchenprinz, von welchem sie immer geträumt. — In den 
Zwanzigerjahren machte sie die Bekanntschaft eines jungen Mannes, der 
ihr sympathisch war und welchen sie liebte. Sie verliebte sich, aber nach 
7 jährigem Zweifel und innerem Streite brach sie mit ihm; sie fühlte deutlich, 
sie könnte sich nie vom Briefschreiber befreien, sie war mit mystischem 
Bande für ewig an ihn gebunden. Noch kann sie nicht von dieser Korre- 
spondenz reden, ohne daß die Augen feucht werden, und sie betont stark, 
daß diese trotz allem der Inhalt ihres Lebens gewesen ist. Das Zerreißen 
dieses Bundes ist ihr schwerstes Erlebnis. Das geschah im Laufe einiger 
Jahre; mehrere Umstände spielten dabei eine Rolle. Aber nur einer war 
entscheidend. Als sie den Mann in ihrem 38. Jahre persönlich in einer 
Gesellschaft traf, verstand sie gleich, daß sie sich vollständig geirrt hatte. 
Das Ideal, das sie hinter den Briefen zu sehen geglaubt, existierte gar nicht 



81* Paul Bjerre. 

in der Wirklichkeit. Statt seiner einen ganz gewöhnlichen Menschen zu 
finden, der sogar m einem Liebesverhältnisse zu ihrer jüngsten Schwester 
stand, das war ihr ein zu harter Schlag. Sie wollte ihn nie mehr sehen. 
Sie fing sogar an, ihn zu hassen, und sie wurde gegen alle Welt bitter. 
Bei diesem sehr wichtigen Abschnitt ihres Lebens hielt ich mich 
lange auf. Ich zeige ihr, wie tief dieses sonderbare Erlebnis in ihrem 
Wesen wurzelt, und deute an, daß dieses Wesen auch krankhafte Ver- 
schiebungen zwischen der Phantasie und der Realität würde produzieren 
können. Das letzte kann sie doch nicht glauben; abgesehen von der 
Struma ist sie ja immer gesund gewesen. 

Äußerlich hatte sich ihr Leben in diesen Jahren folgendermaßen 
gestaltet: — nach Beendigung der Schule half sie während einigen Jahren 
dem Vater bei der Herausgabe seiner Zeitungen. Mit 23 Jahren bezog 
sie ein dreijähriges Seminar und arbeitete dann während 13 Jahren als 
Lehrerin, teils in Familien, teils in höheren Töchterschulen. Vom Zwange 
im Seminar litt sie sehr und die Arbeit als Lehrerin paßte ihr nicht. Wie 
früher erwähnt, wurde sie jedoch überall geschätzt. Den Platz als Vorsteherin 
nahm *>ie nicht an, weil sie nicht resignieren konnte, sich für immer dem 
Berufe der Lehrerin zu widmen. Als sie sich vom Briefschreiber frei gemacht 
hatte, fühlte sie sich stark genug, um einen entscheidenden Schritt zu 
unternehmen. Sie gab ihre Stellung als Lehrerin für immer auf und wurde 
in einer Wochenzeitung angestellt. Hier arbeitete sie während 2 Jahren 
und schaffte sich eine hervorragende Stellung. Ohne eigentlichs Gründe 
gab sie diese im Oktober 1898 auf; sie wollte nirgends gebunden sein. Bis 
April folgenden Jahres hatte sie zufällig Arbeit in verschiedenen Zeitungen, 
m einer Versicherungsanstalt und dergleichen. — Während dieser Jahre 
kam sie in nähere Berührung mit vielen Leuten, teils mit vornehmen 
Familien, wo sie Kinder unterrichtete, teils mit Lehrerkreisen, und vor 
allem mit den Kollegen in der Presse. Zwecks Studien besuchte sie Deutsch- 
land, England und Frankreich. Überall machte sie Bekanntschaften und 
fand ohne Schwierigkeit Anschluß. Sie hatte ein lebhaftes Interesse für 
viele Sachen, Geschichte, Politik, Literatur usw. Vor allem interessierte 
sie sich für die Frauenbewegung und bei jeder Gelegenheit verteidigte sie 
die Rechte der Frau. 

Ich hebe die Bedeutung davon hervor, daß sie in allen Jahren 
der stärksten Entwicklung an eine Arbeit gebunden war, die ihr im 
Grunde nicht paßte. Ihre Unzufriedenheit in diesen Jahren hatte wohl 
ihre stärkste Wurzel in der sexuellen Hemmung. Hätte sie ihre Kräfte 
in einer Arbeit sammeln können, die ihren Wünschen und ihren Fähig- 
keiten entsprochen hätte, so wäre diese Unzufriedenheit einigermaßen 
ausgeglichen worden. Und was noch wichtiger ist: — sie hätte dann 
in lebendigerer Verbindung mit der äußeren Wirklichkeit gelebt. Denn 
eine Wirksamkeit, welche gleichzeitig den Menschen befriedigt und 



Zur Radikalbehandlung der chronischen Paranoia. 815 

den Mitmenschen nützt, ist nebst der Sexualität die stärkste Brücke 
zwischen dem Ich und der Welt. Auf dem Gebiete der Sexualität war 
sie schon von der Realität zur Phantasie zurückgetrieben, jetzt wurde 
sie es auch auf dem Gebiete der sozialen Wirksamkeit. Wenn die täg- 
liche Arbeit nicht befriedigt, entschädigt man sich mit Tagträumen. 
Ihr schon vom Hause aus mangelhaftes Vermögen, die reellen Werte 
aufzufassen, wurde im Laufe der Jahre noch mehr abgestumpft. Ihre 
kindliche Neigung, in einer Traumwelt zu leben, wurde nie vollständig 
überwunden. — Daß dieses alles im Grunde richtig ist, kann sie nicht 
verneinen; daß es aber eine tiefere Bedeutung gehabt, glaubt sie 
nicht. 

Im Winter 1898—1899 begann sie ein Verhältnis mit einem 
Herrn C, der sich geschäftlich in Stockholm befand. Sie mußte ihn 
wegen eines Auftrages in seinem Hotel besuchen. Schon das zweite- 
mal fing er an, sich ihr zu nähern, und sie gab nach; — nicht weil sie 
ihn liebte, das bildete sie sich nicht einmal ein. Sie wollte sich als 
Weib ausleben und benutzte die Gelegenheit, die ihr hier in den Weg 
kam. Statt des Glückes, das sie verloren hatte, wollte sie wenigstens 
Erfahrung und Kenntnisse haben. Das war ihr Recht und sie hat es 
nie bereut. Im April 1899 folgte sie C. in eine Stadt auf dem Kon- 
tinente, X-burg, um da in seinem Kontor Anstellung zu nehmen. Sie 
blieb dort bis November, da die Geschichte zu Ende war, und kehrte 
dann nach Hause zurück. Schon in Stockholm merkte sie, daß man 
sie ausspionierte. Einmal, als sie das Hotel verlassen wollte, stellte 
sich ihr ein Kellner in den Weg und machte eine Grimasse. Er hatte 
sicher an der Tür gehorcht. Von ihm hat sich die Verfolgung unter 
den Kellnern verbreitet; da ist einer der schlimmsten Herde. 

Als ich jetzt anfing, sie näher über die ersten Zeichen der Ver- 
folgung auszufragen, wurde eine Sache mir klar, die ich schon früher 
bemerkt hatte: — sie suchte immer von den zu behandelnden Einzel- 
heiten wegzukommen, sie konnte überhaupt keine Sache fest anschauen 
und sie in Gedanken festhalten, bis sie vollständig erledigt war. Wenn 
sie zu einem gewissen Punkte in der Erzählung gekommen war, lösten 
sich die Gedankenfäden auf und alles zerfaserte in Undeutlichkeit. Ich 
versuchte dieses zu verhindern und machte sie vielmals darauf auf- 
merksam. „Nein, nicht weiter, jetzt bleiben wir hier, bis wir fertig 
sind." Das irritierte sie sehr, und es war deutlich, daß ich auf einen 
schwachen Punkt gestoßen war; sie wurde jedesmal ärgerlich, aber 
ich gab nie nach. Endlich sagte sie: — „Ich kann nicht mit jener Ge- 



816 Paul Bjerre. 

nauigkeit denken; ich habe überhaupt nie mit dem Intellekt gedacht, 
sondern immer mit dem Gefühle. Wenn wir weiter kommen wollen, 
müssen Sie mir erlauben, auf meine Weise zu denken." 

Ich erkläre ihr die absolute Notwendigkeit, mit dem Intellekt 
denken zu können. Wenn sie das bisher nicht gekonnt, so wäre es 
höchste Zeit, es zu lernen. Ich halte ihr eine längere Vorlesung über 
Gefühlsdenken, um ihre Begriffe klarer zu machen und beschreibe ihr, 
wie das Seelenleben sich entwickeln muß, wenn man nie versucht, 
die Gedanken von zufälligen Stimmungen und Sensationen zu reinigen, 
und welchen Gefahren man sich dann aussetzt. Endlich erlaubte sie 
mir, bei jeder Einzelheit so lange zu verweilen, bis es mir sicher schien, 
daß diese in ihrer Seele vollständig ausgearbeitet war. Kurz, ich mußte 
sie das Denken lehren. Es wurde ein mühevolles Stück Reedukation, 
wovon sie gern fortlaufen möchte. Wenn wir in der Erzählung weiter 
gehen, zwinge ich sie, jedes Ereignis wieder durchzuleben — nicht so, 
wie sie sich seiner erinnerte, sondern so, wie sie es durchgelebt haben 
würde, wenn sie damals befähigt gewesen wäre, klar und scharf zu 
sehen und zu denken. 

Vom ersten Male, als sie die Zeichen der Verfolgung gewahr 
wurde, erzählt sie jetzt folgendes: 

Sie sollte einem Pferderennen in X-Burg beiwohnen, um darüber 
in einer Zeitung zu schreiben. Auf der Reportertribüne machte sie die 
Bekanntschaft einer elegant gekleideten Dame, die neben ihr saß. Sie 
bemerkte allmählich, daß diese Dame Gegenstand der besonderen Auf- 
merksamkeit der Herren zu sein schien. Sie sah, daß der eine Herr nach 
dem andern ihr eigentümliche Zeichen machte, besonders kleine Be- 
wegungen mit der Zunge. Zuerst verstand sie dieses nicht; dann wurde es 
ihr klar, daß die Zeichen einen verborgenen sexuellen Sinn haben mußten. 
Sie schied von der Dame, ohne zu wissen, wer sie war und ohne sie mehr 
zu treffen. — In den nächsten Tagen merkte sie mit großem Schrecken, 
daß die Laute auf der Straße anfingen, ihr ähnliche Zeichen zu machen. 

Im Laufe des Gespräches lege ich ihr mit großer Vorsicht folgende 
Deutung davon vor: 

„Natürlich kann es sich gerade so verhalten haben, wie Sie glauben, 
das will ich gar nicht verneinen. Aber es scheint mir auch möglich, daß 
Sie hier das Opfer eines eigentümlichen Irrtums geworden sind. Ähnliches 
in geringerem Grad erleben wir alle gelegentlich, aber es entzieht sich 
im allgemeinen unserer Beobachtung. Das Leben ist voll von Illusionen 
und viele Menschen bleiben immer in ihren Irrtümern stecken. Während 
die Erfahrungen des Heute sich über die des Gestern schichten, verlieren 
die Menschen die bewußte Übersicht und damit die Macht über das eigene 



Zur Radikalbehandlung der chronischen Paranoia. 817 

Leben — sie werden zum Spielballe unbewußter Motive. Je mehr die 
Erfahrungen sich häufen, je überwältigender sie sind, um so schwerer 
wird es, sie unmittelbar mit dem Ich zu bewältigen. Setzen Sie z. B. den 
Fall, daß Sie einen großen Verlust gehabt haben; Sie machen eine Reise, 
um zu vergessen, d. h. Sie suchen Ihren Schmerz unter der Masse neuer 
Eindrücke zu begraben. Sie werden von diesen mitgerissen — Sie vergessen 
sich selbst. Erst allmählich schmilzt diese neue Ablagerung von Erfahrungen 
mit den alten zusammen. Noch deutlicher tritt dieses hervor, wenn Sie 
einem Menschen begegnen, der auf Sie einen tiefen Eindruck macht. Wer 
ist nicht in seiner Jugend von einer großen Persönlichkeit so beeinflußt 
worden, daß er nicht an sie sein Ich verloren hätte? — Er hat mit deren 
Augen gesehen, vielleicht auch mit deren Feder geschrieben. Es kann 
Jahre dauern, bevor das eigene Ich eine solche Überlagerung durchbricht 
und ihr gesammeltes Material mit sich assimiliert — wenn es überhaupt 
je gelingt. Hier sind die Wege für Störungen und Entwicklungshemmungen 
offen und in feineren Abstufungen sind solche sehr gewöhnlich. Bei wie 
vielen bleiben nicht einzelne Züge fremder Persönlichkeiten für immer 
unverdaut zurück und lenken das Leben, ohne daß man sich dessen bewußt 
wird, aus seiner rechten Bahn? Wie viele Menschen haben nicht insgeheim 
geglaubt, daß sie ein Hamlet seien und sind davon in ihren Handlungen 
gehemmt geworden? Beim gesunden Menschen gibt es aber psychische 
Sicherungstendenzen gegen solche Störungen: — er schaut in sein Inneres 
hinein und spürt alle falschen Züge auf. Um das zu können, muß man 
aber klar sehen und scharf denken können. Wenn man aber, wie Sie, immer 
mit Gefühlen gedacht hat und die verschwommenen Erfahrungen nicht 
durchgearbeitet hat, dann ist man allen möglichen Irrtümern ausgesetzt. 
Und diese Gefahren sind, wie alle Gefahren, um so größer, je weniger man 
gegen sie vorbereitet ist. Die schlimmsten Störungen entstehen gerade 
dadurch, daß eine Überlagerung ins Bewußtsein sich einschleicht, ohne 
daß man es überhaupt merkt. Wenn ein Mensch Sie stark beeinflußt, ohne 
daß sie dieses Einflusses gewahr werden, dann können nicht nur die Ge- 
danken dieses Menschen, sondern auch seine Persönlichkeit, sogar sein 
Schicksal, sich in der Tiefe Ihres Unbewußten so mit Ihrem eigenen Ich 
verweben, daß sie nachher die Fäden nicht entwirren können. Sie können 
sich unbewußt mit jenem identifizieren. Auf diese Weise übernimmt ein 
Mensch oft z. B. die Schmerzen eines andern. — Um dieses zu verstehen, 
muß man noch eine sehr wichtige Tatsache des unbewußten Lebens er- 
wägen. Dieses ist nicht wie das bewußte zentralisiert; dort sind die Kon- 
glomerate der früheren Jklebnisse nicht in einem Ich verbunden. Unter 
besonderen Umständen können solche Konglomerate, man pflegt sie Kom- 
plexe zu nennen, eine gewisse Selbständigkeit erhalten, wachsen und 
einen verhängnisvollen Einfluß auf das bewußte Ich bekommen. Wie das 
Ich unter normalen Verhältnissen von der äußern Welt Nahrung auf- 
nimmt und alles assimiliert, was mit ihm harmoniert, so kann ein unbe- 
wußter Komplex, ohne daß Sie es merken, alles heranziehen, was mit ihm 
übereinstimmt. So können Sie leicht in die Macht des Unbewußten geraten ." 

Jahrbuch für psychoanalj-t. u. psychopathol. Forschungen. III. ^2 



818 Paul Bjerrc. 

Es gelingt mir, der Patientin diese Verhältnisse klarzumachen, 
natürlich erst nach langen Auseinandersetzungen und nach vielen 
Beispielen aus dem Alltagsleben und aus der pathologischen Psychologie. 
Sie interessierten sie sehr; aber daß sie eine besondere Bedeutung für 
sie hatten, das konnte sie gar nicht glauben. Durch das Suggerieren 
dieser Kenntnisse waren doch die Geleise durch ihre Seele gezogen, 
auf welchen ihre Gedanken sich weiter zum tieferen Verständnisse 
ihres Lebens durcharbeiten konnten. 

Ich fuhr in meinen Erläuterungen folgendermaßen fort: 

„Vielleicht werden Sie jetzt das eigentümliche Erlebnis in X-Burg 
besser verstehen können. Sie lebten also seit einigen Monaten in einem 
Verhältnisse, das Ihr ganzes Leben beherrschte. In diesem suchten Sie 
einen Ersatz für das verlorene Glück zu finden und durch dieses wollten 
Sie vor allem Ihnen selbst das Recht der Frau, sich sexuell auszuleben, 
demonstrieren. Aber dieses Verhältnis durfte nicht bekannt werden; wenn 
es das wurde, würde es Sie für immer schädigen. Sie haben nicht umhin 
können, sich darüber zu ängstigen." — (Sie gibt zu, daß sie vor der Möglich- 
keit einer Konzeption große Angst hatte.) — „Sicher haben Sie sich in 
der Phantasie ausgemalt, was die Folge davon sein könnte. Vor allem 
haben Sie gefürchtet, daß Ihr Verhältnis Sie herunterziehen würde ; daß 
die Sexualität, einmal entzündet, Sie weiter und weiter treiben würde. 
Die Frauenrechtlerin 9agte, daß Sie in ihrem vollen Rechte waren; das 
Weib aber sagte, daß Sie sich einer großen Gefahr ausgesetzt hatten. Es 
regte sich jedenfalls in Ihrem Unbewußten ein Komplex, der von Furcht 
und ängstlicher Erwartung stark betont war. In diesem Zustande be- 
gegneten sie jener unbekannten Dame. Von ihrer Toilette und von ihrem 
Auftreten schlössen Sie unbewußt, daß es mit ihrer Unschuld nicht so 
ganz richtig sei. Ihr bewußtes Ich fühlte sich nicht zu ihr hingezogen; 
Sie macht«n nicht absichtlich ihre Bekanntschaft. Zufälligerweise' be- 
kamen Sie einen Platz neben ihr. Das will aber sagen, daß der Komplex 
sich zu ihr hingezogen fühlte ; denn Zufälligkeiten gibt es nicht. Der Kom- 
plex gab Ihnen wie ein Mephistopheles ein: — so eine wirst du auch werden, 
suche gleich die Gesellschaft, wohin du gehörst. Als Kokette mußte die 
Dame einer besonderen Aufmerksamkeit ausgesetzt sein, schlössen Sie 
unbewußt und Ihre Aufmerksamkeit richtete sich stark auf diesen Punkt. 
Sie bemerkten es wohl gleich. Vielleicht war sie es auch. Wenn sie es auch 
nicht war, hätte es Ihnen unter diesen Umständen so scheinen können. 
Man sieht alles, was man will. Noch sicherer ist es aber, daß man alles 
sieht, was ein Komplex einem aufzwingt; — so entstehen sogar Hallu- 
zinationen. Vielleicht hat jemand, oder viele, der Dame in einer Weise 
zugelächelt, daß die Zunge dabei hervortrat. Wie es auch geschehen sei, 
Sie haben eigentümliche Zungenbewegungen beobachtet und das hat auf 
Sie einen tiefen Eindruck gemacht. Ich fasse zusammen: — Ein unbe- 
wußter Komplex hat jene Dame unbemerkt in Ihr Inneres hineingezogen 
und so stark mit sich assoziiert, daß Sie sich unbewußt mit ihr identifiziert 



Zur Radikalbehandlung der chronischen Paranoia. 819 

haben. In den nächsten Tagen versuchte diese unbewußte Identifizierung 
Ihr eigenes Ich zu durchsetzen. Die Folge davon war, daß Sie nicht mit 
Ihren eigenen Augen sahen, sondern mit den Augen Jener Dame, daher 
Ihnen die Leute auf der Straße ähnliche Zungenbewegungen machten, 
wie sie es jener Dame gegenüber getan hatten." 

Sie begegnet dieser Auslegung mit einem überlegenen Lachen. 
Es wäre sehr möglich, daß so etwas geschehen könnte, meint sie. Aber 
sie hätte sich nie so irren können, sie könnte sich unbedingt auf ihre 
Augen verlassen usw. Ich suche sie nicht zu überzeugen, sondern er- 
widere nur einfach: — es ist sehr wahrscheinlich, daß Sie recht haben; 
ich sage gar nicht, daß es so sein muß, wie ich vorgeschlagen, aber es 
ist immerhin eine Möglichkeit, mit welcher man rechnen muß. Wenn 
man eine Sache vollständig untersuchen will, muß man alle Möglich- 
keiten prüfen, nicht nur die wahrscheinlichen. 

Ich nehme das Zungenthema wieder auf und frage sie über pein- 
liche Erfahrungen aus, in denen die Zunge eine Rolle gespielt hatte. 
Sie erinnert sich unter anderm, daß sie einmal auf einer Straße in 
Stockholm einem Manne begegnete, der wahnsinnig geworden war und 
schrie und die Zunge aus dem häßlichen Munde herausreckte. Dieses 
Bild brannte sich mit peinlicher Deutlichkeit in ihrer Erinnerung ein. 

Ich erklärte ihr, wie ein solches affektbetontes Bild immer leicht 
wieder wachgerufen wird und wie es strebt, alles mit sich zu assoziieren, 
was auch nur die schwächste Ähnlichkeit hat. Wahrscheinlich würde 
sie nie diese winzigen Zungenbewegungen bemerkt haben, wenn nicht 
schon in ihrem Bewußtsein ein überdeterminiertes Bild der ausgestreckten 
Zunge existiert hätte 1 ). Auch das konnte sie nicht glauben. 

Ich setze ihr jetzt die unabsichtlichen Symptomhandlungen des 
Alltagslebens auseinander. Ich erkläre ihr, daß man immer viele kleine 
Bewegungen macht, an welche man selbst nicht denkt und welche von 
der Umgebung nicht bemerkt werden. Zu diesen Bewegungen gehört 
auch, daß man die Lippen mit der Zunge befeuchtet. Es ist mit diesem 
Phänomen wie mit dem blinden Fleckchen auf der Netzhaut: — man 
bemerkt es nicht, wenn die Aufmerksamkeit nicht besonders darauf 
eingestellt ist. Von einem überdeterminierten Bild einer ausgereckten 
Zunge ist ihre Aufmerksamkeit überstark auf jede kleine Zungen- 
bewegung eingestellt — sie attrahiert auch die geringste mit derselben 



1 ) Ohne Zweifel war das Bild der Zunge von viel tieferen Erlebnissen 
determiniert, die eine tiefere Analyse hätte an den Tag bringen können. Davon 
weiter unten. 

52* 



820 Paul Bjerre. 

Sicherheit, wie der Magnet die Eisenfeilspäne attrahiert. Obwohl sie 
meint, daß es ein objektives Phänomen sei, so ist es ein subjektives. 
Sie lacht über eine so tolle Behauptung. 

Ich gehe weiter. Ich erkläre ihr die Tatsache, daß man leicht 
einen starken Gedanken mit einer Bewegung begleitet. Denkt man 
intensiv an die Zunge, so ist es schwer, sie vollständig ruhig zu halten. 
Dazu kommt eine andere Tatsache: Alle diese Bewegungen sind sehr 
ansteckend. Wenn jemand in einer Gesellschaft zu gähnen anfängt, 
kommt bald der eine, bald der andere nach. Der Zusammenhang kann 
also folgender sein: — Dank Ihren beständigen Gedanken an die aus- 
gereckte Zunge haben Sie selbst sie ungewöhnlich oft herausgestreckt. 
Und dies gerade, wenn sie gefürchtet haben, daß andere die Zunge 
herausstrecken könnten. Ihre Zungenbewegungen haben die anderen 
angesteckt. Also: — Was Sie beobachtet haben, ist im Grunde von 
Ihnen selbst gekommen. 

Sie findet diese Annahme außerordentlich lustig und will gar 
nicht glauben, daß ich sie ernst nehme. Jeder Versuch, den Komplex 
von dieser Seite anzugreifen, siößt gegen unüberwindliche Widerstände. 
Die Bewegungen waren und blieben die Zeichen einer sexuellen Ver- 
folgung, für welche sie unzählige sichere Beweise hatte. Sie hatte bei 
mehreren modernen Verfassern gelesen, daß solche Zeichen allgemein 
bekannt sind, und dadurch war die Sache noch klarer geworden. S. läßt 
z. B. einen Herrn einer Dame solche Zeichen machen, als er ihr bei 
einem Mittagmahle zutrinkt. Einige haben eine merkwürdige Fähigkeit, 
mit der Zunge die Form des männlichen Gliedes nachzuahmen, so daß 
dieses ihr aus dem Mund entgegengehalten wird. Das ist leider eine 
Tatsache, die sich nicht wegerklären läßt. Auch die übrigen Be- 
wegungen sind an sich Beweis genug. Die Bedeutung der Bein- 
bewegungen ist unzweifelhaft. Der Kassierer hat sogar die Hand zu 
seinen Genitalorganen geführt. Usw. 

Ich lasse sie nun einfach weiter erzählen: 

Als sie X-Burg verließ, hoffte sie, daß ihr Verhältnis nur dort bekannt 
wäre und daß sie nicht weiter der Verfolgung auch an anderen Orten 
ausgesetzt sei. Sie entdeckte aber bald, daß die Zeichensprache auch in. 
Schweden bekannt war und gegen sie benutzt wurde. Sie verstand also, 
daß ihr Verhältnis hier bekannt worden war. Das wurde auch auf an- 
dere Weise deutlich. Wo sie immer hin kam, sprachen die Menschen über 
tue, und sobald sie den Rücken kehrte, lachten sie insgeheim. Ein Artikel, 
den sie für die Woehenzeitung geschrieben hatte, wurde nicht angenommen, 
was früher nie geschehen war. Auf der Redaktion wurde sie übrigens eigen- 



Zur Radikalbehandlung der chronischen Paranoia. 821 

tümlich behandelt; der Redakteur verließ das Zimmer ohne Ursache, als 
sie kam. Die früheren Bekannten begegneten ihr auffällig kalt; bisweilen 
grüßten sie sie nicht auf der Straße. Dies war um so schmerzhafter, als 
sie entdeckte, daß tie nicht einmal ihren ältesten Freunden vertrauen 
konnte. Anfangs glaubte sie, daß das Gerücht sich auf privatem Wege 
verbreitet hätte. Sie hatte als Nachfolgerin im Kontor in X-Burg eine 
Schwedin empfohlen; sie glaubte, daß diese auch einer Verführung aus- 
gesetzt gewesen sei und sich jetzt auf diese Weise zu rächen suchte, daß 
sie dorthin gelockt worden sei. 

Dann kam der verhängnisvolle Februar 1900, wo es mit einem Male 
klar wurde, daß dies alles nur die Vorboten einer allgemeinen Verfolgung 
gewesen waren. Wie sie schon erzählt hat, stürzte es von allen Seiten über 
sie herein. Wo sie hinkam, sah sie die Zeichen und überall sprachen die 
Menschen über sie und gingen ihr aus dem Wege. Es erschien ihr absolut 
sicher, daß die Verfolger sich öffentlicher Organe bedient hatten. Ihr Ver- 
hältnis war also in der ganzen Stadt bekannt geworden und sie war von 
der Gesellschaft verurteilt und ausgestoßen. Es war also ihr Schicksal 
geworden, zu Tode gehetzt zu werden. Und das nur, weil sie etwas getan, 
wozu sie ein vollständiges Recht gehabt. Sie wurde feindlich gegen alle 
und schloß sich in sich selbst ein. Dies hat sich also mit den Jahren so 
entwickelt, daß sie jetzt mit ihrer Mutter ganz allein lebt. Indessen hat 
sich die Verschwörung über ganz Europa verbreitet; sie hat sichere Be- 
weise, daß es auch in Amerika Herde der Verfolgung gibt. — Sie bricht 
in Klagen gegen die Gesellschaft aus, die einen Unschuldigen so behan- 
deln kann. 

Ich schlage jetzt den Weg ein, jeden einzelnen Beweis der Ver- 
folgung genau zu untersuchen und umzuwerten. Ich fordere sie also 
auf, jede Begebenheit mit allen Einzelheiten so vollständig zu be- 
schreiben, wie sie sich ihrer erinnern kann. Ich fange mit den öffent- 
lichen Beweisen an und gehe weiter zu den privaten. Dies alles dar- 
zustellen, ist überflüssig; deshalb nur einige Beispiele. 

Einleitungsweise erzählte sie, daß eine Karikatur in „Pucks" Weih- 
nachtsnummer 1899 und ein Artikel in „Was Neues" im Februar 1900 
eine große Rolle gespielt. 

Ich telephonierte zur Redaktion „Pucks", um die Nummer zu be- 
kommen; aber „Puck" existierte 1899 noch nicht. Ich versuchte vergebens, 
die Karikatur anderswo zu finden. Ich teile ihr dieses mit und fordere 
sie auf, mir ohne jede Furcht zu helfen. Es gelingt ihr, die Karikatur in 
der Weihnachtsnummer eines andern Witzblattes von 1902 zu finden; 
im Text entdeckt sie aber, daß diese einer anderen Journalistin galt. Den 
Artikel in „Was Neues" findet sie auch. Er war wegen eines Sittlichkeits- 
vortrages ohne irgend welche persönliche Anspielungen geschrieben. Sie 
muß also zugeben, daß sie hier zwei unzweideutige Erinnerungsfälschungen 
gemacht hat. Sie ist zwar erstaunt, aber es imponiert ihr doch wenig. Die 
Tatsache der Verfolgung bleibt absolut unverändert. Diese war nur auf 

5 2 



822 Paul Bjerre. 

anderen Wegen zustande gekommen, als sie geglaubt. Vielleicht ausschließlich 
durch die Februarsitzung des Journalistenvereines, wo ihr Fall behandelt 
wurde; oder vielleicht durch Artikel, welchen sie damals wenig Bedeutung 
beigelegt hatte. 

Als Beispiel der Umwertung hinsichtlich der Verfolgung durch die 
Freunde kann folgender Fall dienen. 

Eine mit ihr befreundete, in einer Provinzialstadt lebende Familie 
besuchte Stockholm und wohnte in einem Hotel. Als sie ihnen einen Besuch 
machte, wurde sie mit der gewöhnlichen Herzlichkeit empfangen. Man 
scherzte und die Stimmung war die beste. Plötzlich wurde der Herr von 
einem Kellner hinausgerufen. Als er nach einer Weile zurückkam; war er 
ganz verändert, kalt und abstoßend und wirkte auf seine Frau und Tochter 
durch heimliche Zeichen so ein, daß sie es auch wurden. Das Gespräch 
stockte. Sie fühlte sich gezwungen, Abschied zu nehmen, die Verbindung 
mit der Familie war zerrissen. Als diese spater Stockholm besuchte, wurde 
sie nicht einmal davon benachrichtigt. — Sie meint, daß der Kellner den 
Herrn hinausgerufen hatte, um ihm alles mitzuteilen. Wie schon erwähnt^ 
sind die Kellner einer der Hauptherde. 

Ich gebe ihr folgende Umdeutung ein: Der Herr wurde vom Kellner 
zum Fernsprecher gerufen. Hier in Stockhohn wird man ja dies wenigstens 
jede Viertelstunde. Vielleicht suchte ihn jemand persönlich. Wie jedes 
Ereignis überhaupt, erweckte auch dieses Ihr Mißtrauen. Sie wurden von 
dem Verdacht ergriffen : — jetzt wird jemand ihm das erzählen und so wird 
diese freundschaftliche Verbindung vernichtet sein. Ihre Aufmerksamkeit 
richtete sich auf diesen Gedanken und das Mißtrauen war gespannt, jede 
Kleinigkeit zu ergreifen und durch falsche Deutung in ihr einen Beweis 
zu finden. — Als der Herr zurückkam, waren seine Gedanken von den 
Nachrichten, die er erhalten hatte, erfüllt. Die Frau und die Tochter be- 
merkten es und wurden darauf neugierig. Vielleicht erwarteten sie gerade 
eine wichtige Nachricht. Die Familie kann also schweigsam geworden sein 
von ganz anderen Ursachen, als Sie gefürchtet. Sie glaubten aber, in der 
Schweigsamkeit den sicheren Beweis bekommen zu habeD, daß die Familie 
sich den Verfolgern angeschlossen hatte. Und Sie handelten danach. Sie 
wurden bitter und abstoßend, nahmen mit beleidigender Kalte Abschied, 
zeigten kurz, daß Sie nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollten. Die 
Familie konnte nichts anderes tun, als sich schweigend darein zu finden. 
Sie weist diese und ähnliche Umdeutungen mit überlegener Sicherheit 
zurück. Sie hätte sich nicht irren können usw., usw. 

Ich gehe aber ruhig und unaufhaltsam weiter. Besonders genau 
begrenze ich die Verhältnisse im Bureau. 

Sie erzählt, daß der oben erwähnte Kassierer ein Weiberhasser ist; 
er will alle Weiber aus dem Geschäfte ausrotten. Das ist eine Tatsache. 
Eb ist ihm schon mit einer gelungen. Frau L., die im September 1909 an 
der Schwindsucht starb, wurde von ihm zu Tode gehetzt. Die Patientin 
ist nicht die einzige, die davon überzeugt ist. Er hat auch sie immer gehaßt. 
Nach dem Tode der Frau L. ist es aber viel schlimmer geworden. Nachdem 
er mit ihr fertig geworden war, konzentrierte er seinen Haß auf sie. Jedesmal, 



Zur Radikalbehandlung der chronischen Paranoia. 828 

wenn er ihre Tür passiert, kratzt er draußen mit den Füßen. Ich erkläre 
ihr, wie Streitigkeiten immer durch die tägliche Reibung entstehen müssen, 
wo' viele Menschen in derselben Wohnung arbeiten. Vielleicht hat der 
Kassierer besonders mit Frau L. um die Gunst des Chefs geworben. Daß 
ihre Schwindsucht damit in Zusammenhang gebracht werden kann, scheint 
mir aber zweifelhaft. — Setzen Sie aber den Fall, sage ich, daß Frau L. 
wirklich einer so schweren Verfolgung ausgesetzt gewesen ist. Ihre An- 
sicht, daß der Kassierer nach ihrer Abfertigung Sie in besondere Be- 
handlung genommen hat, braucht deshalb nicht richtig zu sein. Sie 
können hier wieder das Opfer einer Täuschung gewesen sein. Sie erinnern 
sich, wie ich von Ihrer Neigung, sich selbst mit anderen zu verwechseln — 
unbewußt natürlich — schon gesprochen habe; und Sie erinnern sich, 
wie ich erklärte, daß ein Mensch auf diese Weise z. B. die Schmerzen eines 
andern übernehmen kann. Ich behandle jetzt einen alten Herrn, der 
an Magenschmerzen und Erbrechen leidet; es sind die Symptome seiner 
an Magenkrebs verstorbenen Frau, die er auf sich übernommen hat. Haben 
Sie nicht in ähnlicher Weise die eventuell tatsächliche Verfolgung der 
Frau L. nach ihrem Tode übernommen? 

Auf diese Weise schreitet die Behandlung mit Unterbrechung 
von zwei Wochen nach Weihnachten jeden zweiten Tag bis Mitte 
Februar fort, also etwa 7 Wochen. Das Resultat scheint gleich Null 
zu sein. Viele der neuen Erfahrungen und Gesichtspunkte hatten zwar 
ihr Erstaunen erweckt und momentan ihre Position erschüttert; schon 
nächstes Mal waren aber die Erfolge vom System vernichtet; und sie 
konnte alles auf ihre Weise erklären. Auch in ihrem Verhältnisse zur 
Umgebung war keine Besserung eingetreten; eher das Gegenteil. Am 
Neujahr hatte sie beim Chef um ein privates Gespräch gebeten; sie 
wollte ihm ausführlich von der Verfolgung erzählen und die Bestrafung 
des Kassierers und der anderen durchsetzen. Mit größter Mühe gelang 
es der oben erwähnten Nichte, es zu verhindern. Wahrscheinlich wäre 
die Patientin sonst verabschiedet worden, und da sie mittellos ist, 
wäre wohl die Internierung bald notwendig geworden. 

All dessen ungeachtet, glaube ich doch, daß in der Tiefe ihres 
Unbewußten eine Veränderung angefangen hat. Ihr ganzes Auftreten 
ist nicht mehr so hart und gespannt, ihre Stimme hat nicht die frühere 
absolute Sicherheit, wenn sie von der Verfolgung spricht, und das 
Lachen ist nicht mehr so überlegen wie bisher. Es scheint mir möglich, 
daß die auf hundert verschiedenen Wegen suggerierten Zweifel doch 
Wurzeln geschlagen und im verborgenen wachsen. Sie befindet sich 
in derselben Lage wie ein Mensch, der auf seinen Glauben an Gott 
gebaut, aber angefangen hat, den von außen angreifenden Zweifeln 
nachzugeben. Man spricht zwar noch in der früheren Weise, aber das 



Paul ßjerre. 



Herz tut nicht mehr mit. Ich entschließe mich, einen wichtigen Schritt 
zu wagen. Ich sage ihr, daß ich selbst angefangen habe zu zweifeln, 
daß sie wirklich emer Verfolgung ausgesetzt sei. Viele Verhältnisse 
kamen mir so eigentümlich vor und dieser Zweifel peinige mich. Ich 
wolle Klarheit haben. So frage ich sie, ob sie erlaube, daß ich mich 
an irgend einen wende, der notwendigerweise die Verfolgung kennen 
muß, wenn diese überhaupt existiert. Ich schlage einen Kollegen vor 
den ich in der doppelten Eigenschaft des Freundes und des Hausarztes 
ihrer Famüie seit Jahrzehnten kannte. Sie hatte seinen Namen mehr- 
mals genannt und ihm eine gewisse Rolle bei der Verbreitung der Ver- 
wenden ZUgeSChrieben - Sie hat nichfcs g e § en mei *en Vorschlag einzu- 

Es ist überflüssig, hinzuzufügen, daß dieser Schritt aussichtslos 
gewesen wäre, wenn nicht die fiuggestilität der Patientin im Laufe 
der Behandlung unerhört gewachsen wäre. Hätte ich diesen Schritt 
früher gemacht, wäre das Resultat sicher wie bei allen ähnlichen früheren 
Schritten vollständig negativ gewesen. Jetzt war der Boden aber so 
gut vorbereitet, daß es mir möglich schien, daß eine Suggestion auch 
über die schwersten Widerstände würde siegen können. Ich spanne 
ihre Erwartung auf die kommende Untersuchung dadurch, daß ich 
diese von Tag zu Tag aufschiebe. Ich spreche dann mit dem Kollegen- 
er wußte, daß die Patientin an Paranoia litt, und konnte mir einige 
interessante Einzelheiten aus ihrem früheren Leben erzählen. 

Am 28. Februar teilte ich der Patientin mit, daß er weder das 
geringste V on ihrem Verhältnisse noch von einer Verfolgung gehört 
hatte und daß er absolut überzeugt sei, daß kein Mensch schlecht von 
ihr gedacht oder gesprochen habe. Ich benutze eine halbe Stunde, 
um diese Tatsache ihr eindringlich zu machen. Sie kann vor Erstaunen 
kaum sprechen. Als sie ging, war es mir klar, daß die Konstatierung 
Effekt gemacht hat; und das nächste Mal erfahre ich, daß dieser größer 
ist, als ich zu hoffen gewagt. Der Streit zwischen dem Komplexe und 
den Suggestionen scheint nicht länger aussichtslos zu sein. Der Zweifel 
am System ist augenscheinlich auf dem Wege, die Oberfläche zu er- 
reichen. Die Unwissenheit des Familienfreundes wird der erste Anstoß 
zur Erlösung. Alles, was vorsichtig während der Behandlung aus- 
gesät worden ist und in den Tiefen des Unbewußten gekeimt hat, 
langt jetzt an zur Oberfläche hinaufzudrängen und der Grund unter 
dem System fängt an unsicher zu werden. Zwar gibt die Patientin 
nicht ohne weiteres ihren Standpunkt auf, sondern kommt mit den 



Zur Radikalbehandlung der chronischen Paranoia. 825 

gewöhnlichen Einwendungen. Ich habe aber an Terrain gewonnen 
und wegen ihrer Unsicherheit wage ich jetzt, mit energischen Sug- 
gestionen herauszurücken. Jetzt heißt es nicht mehr: „ — so kann 
es geschehen sein", sondern: ,, — so ist es geschehen, absolut sicher, 
Sie haben sich vollständig geirrt." Ich nehme alle die früher behan- 
delten Motive wieder auf und zeige ihr mit zwingender Logik, daß 
meine Beutung die einzig mögliche ist. Ich gebe ihr wenig Gelegenheit 
zu sprechen, sondern gehe unaufhörlich mit neuen Argumenten weiter. 
An die Stelle des zurückweisenden Lachens tritt allmählich das er- 
staunte Horchen. Sie fängt an die Möglichkeit der Befreiung zu ahnen, 
aber wagt noch nicht daran zu glauben. Mit jeder Sitzung schreitet 
aber die Ahnung weiter und ich versichere ihr, daß sie eine vollständige 
innere Aufklärung erleben wird. Wenn diese auf sich warten läßt, soll 
sie nicht ungeduldig sein. 

Sie müssen sich klarmachen, sage ich, welche unerhörte Entwicklung 
es hier gilt. Wie lange Zeit brauchten die Menschen nicht, um einzusehen, 
daß die Erde sich um die Sonne bewegt und nicht umgekehrt. Hier gilt 
es eine noch tiefere Umwertung der Vorstellungen. Die Verfolgung ist Ihnen 
eine äußere Tatsache gewesen. Jetzt werden Sie zur Einsicht kommen, 
daß sie ihre Wurzeln nur in Ihrer Seele gehabt hat. Sie ist ausschließlich 
eine innere Tatsache gewesen. Sie ist durch krankhafte Verschiebungen 
in Ihrem Unbewußten zustande gekommen. 

Während dieses Abschnittes der Behandlung tritt die innere 
Verwandlung immer deutlicher hervor und Hand in Hand damit ver- 
ändert sich auch ihr Verhältnis zur Außenwelt. Die mächtige innere 
Spannung gibt nach und die Symptome werden schwächer. 

Sie erzählt, daß sie wohl noch die Zeichen sieht ; aber diese scheine» 
entfernter, sie drängen sich nicht auf, wie früher, und sie fängt an, sich 
nicht mehr darum zu kümmern. Sie kann jetzt ohne größeres Unbehagen 
Läden besuchen, wo sie früher unerhört gepeinigt wurde. Im Bureau wird 
es auch besser. An ihrem Namenstage fand sie Blumen auf dem Schreib- 
tische. Sie waren von der Tochter der Frau L. dahingelegt, in welcher sie 
immer einen versteckten Feind gefürchtet. — Ich erkläre ihr, wie sie früher 
sicher in diesen Blumen ein Zeichen der Verfolgung gesehen hätte. — Sogar 
der Kassierer wird auffallend höflicher. Von mir aufgefordert, besucht sie 
eine von früher bekannte Familie und ist erstaunt, bei ihr keinen Unwillen 
zu finden. — Auf jedem Punkte machte ich ihr natürlich den Zusammen- 
hang zwischen diesen scheinbar äußeren Veränderungen und der tat- 
sächlichen inneren Verwandlung klar. 

Am 11. März tritt das Entscheidendste der ganzen Behandlung ein. 

Sie fängt gleich an zu erzählen, daß in den letzten Tagen sich 

zwei Erinnerungen ihr aufgedrängt haben, ohne daß sie weiß warum. 

5 2 * 



826 Paul Bjerre. 

Während Jahren hat sie gar nicht an diese Sachen gedacht und jetzt 
sind sie ohne jede äußere Ursache vollständig klar für ihr Bewußtsein 
hervorgetreten. 

Als sie 17 Jahre alt war, hatte sie eine Freundin, die einige Jahre 
älter war. Diese liebte einen jungen Mann; ihr Vater widersetzte sich aber 
der Verbindung. Es wurde der Patientin erzählt, daß die Freundin nach 
einer Provinziaistadt gereist sei; nach einiger Zeit bekam sie aber einen 
Brief, daß die Freundin in einer Vorstadt* Stockholms im geheimen lebte 
und ein Kind erwartete. Als das Kind geboren war, besuchte sie eines 
Abends zusammen mit ihrer Schwester die Freundin. Auch das geschah 
insgeheim. Sie traf den jungen Vater da und sie wurde von der glücklichen 
Stimmung, die dort herrschte, bezaubert. Dies alles machte einen tiefen 
Eindruck auf sie und erregte ihre Phantasie lebhaft. 

Als sie davon spricht, bekomme ich den Eindruck, daß alle ihre 
eigenen jugendlichen Träume auf einmal wieder lebendig geworden 
waren. Gleichzeitig hebt sie aber ihre Empörung über alles Lügen 
und allen Betrug, mit welchen diese Menschen sich umgeben müßten, 
um der Verfolgung durch ihre Nächsten zu entgehen, so stark hervor, 
daß ich glauben muß, daß diese soziale Seite der Geschichte ihr damals 
eine Hauptsache war. 

Die andere Erinnerung gilt einer Sache, die noch tiefer in ihr 
Leben eingeriffen hat. 

Unter den Mädchen, mit welchen sie zusammen konfirmiert wurde, 
blieb sie mit einem intim befreundet. Diese verließ später Stockholm und 
die anfängliche Korrespondenz hörte allmählich auf, so daß die Patientin 
nur selten von ihr Nachricht bekam. Nach einigen Jahren — es war 1889 — 
hörte die Patientin zufälligerweise, daß die Freundin krank aussähe und 
ihre schöne Figur verloren habe, aber sie dachte nicht weiter darüber 
nach. Einige Monate später, als die Patientin in einer Pension in England 
lebte, las sie in der Zeitung, daß die Freundin wegen Kindesmordes ver- 
haftet worden sei; man hatte die Leiche in einer Puppenstube versteckt 
gefunden. Die Patientin war von der Unschuld ihrer Freundin überzeugt 
und empörte sich über diese Infamie aufs höchste. Es wurde aus der Ge- 
schichte in den Zeitungen eine Sensation gemacht, und die Freundin wurde 
durch die ganze Presse geschleppt. Überall diskutierte man ihren Fall. 
Durch die Obduktion wurde es aber klar, daß das Kind nie gelebt hatte. 
Der Skandal war von einem der Familie verfeindeten Beamten in Szene 
gesetzt worden. Die Freundin war aber durch die Verachtung der Menschen 
und durch alle Verfolgungen, welchen sie infolgedessen ausgesetzt war, 
gebrochen. Sie konnte nicht länger in Schweden bleiben, sondern reiste 
nach Amerika, um sich dort zu verbergen. Dort hatte sie viele Wider- 
wärtigkeiten durchzumachen. 



Zur Radikalbehandlung der chronischen Paranoia. 827 

Patientin braucht die stärksten Worte, um auszudrücken, wie sie 
von dieser Geschichte erschüttert wurde. Es war aber nicht nur aus 
Mitleid mit der Freundin; ihr Rechtsgefühl war vor allem beleidigt. 
Sie fühlte es als eine Beleidigung gegen ihr Geschlecht. Sie wollte 
sogar öffentlich einschreiten, um den Abgrund einer Moral zu ent- 
schleiern, dank welcher ein Weib auf diese Weise behandelt werden kann, 
wenn sie über ihr eigenes Leben bestimmen will. 

Kach diesen Erzählungen frage ich sie, ob sie von selbst erraten 
kann, warum diese Erinnerungen gerade jetzt aus dem Unbewußten 
tauchten. Wenn auch zögernd, bringt sie es doch in Zusammenhang 
mit allem, was ich später von der krankhaften Identifizierung u. dgl. 
auseinandergesetzt habe. Sie erinnert sich des Ereignisses beim Pferde- 
rennen in X-Burg und meint, daß ihre Gedanken, nachdem sie Klarheit 
darüber gewonnen hatte, sich allmählich zu diesen analogen Erlebnissen 
durchgearbeitet haben. Ohne das Verständnis für jenes Ereignis würde 
sie nie verstanden haben, daß sie unbewußt ihr Schicksal mit dem 
Schicksal ihrer Freundin verwechselt hat. 

Ich spare keine Worte, um ihr vollständig klarzumachen, daß der 
Kern des Verfolgungswahns jetzt an den Tag gekommen ist, bis sie sich 
schließlich von der Wahrheit überzeugt. Was sie in diesen zehn Jahren 
durchlebt hatte, war also keine Verfolgung gegen sie; denn keine Spur 
von einer solchen hatte je existiert. Es war die Verfolgung gegen die 
Freundin. Diese hatte, in falscher Weise mit ihrem eigenem Ich 
amalgamiert, in der Tiefe ihres Unbewußten geruht und war von den 
Erlebnissen in X-Burg wachgerufen worden. Sie befand sich hier in einer 
Situation, die in gewisser Hinsicht an die Lage der Freundin erinnerte. 
Sie fürchtete eine Gravidität und unbewußt zog sie den Schluß, daß 
diese ähnliche Folgen mit sich bringen würde, wie sie sie bei der Freundin 
gehabt. So entbrannte im Unbewußten der Kampf mit den Gegnern 
der Frauenrechte, und sie machte sich bereit, von ihnen allen verfolgt 
und gehetzt zu werden. Allmählich brach dieser Verfolgungskomplex 
ins Bewußtsein durch. Er benutzte dabei schon gebahnte Wege und 
bemächtigte sich immer mehr der Herrschaft über ihr Ich, dabei ihrem 
Leben immer engere Grenzen steckend. Also wurde sie das Opfer des 
Wahns. 

Nachdem diese Aufklärung akzeptiert worden ist, scheint das 
Gefühl der Befreiung festen Fuß zu gewinnen und sie findet immer 
mehr Anschluß an die Außenwelt. Der Streit zwischen dem Komplexe 
und der Realität ist aber noch nicht zu Ende. Es ist ihr eine beinahe 



828 p au l Bjerre. 

übergroße Schwierigkeit, die Umwertung aller zehnjährigen Erfahrungen 
durchzuführen. Ich muß fortfahren, die innere Arbeit mit energischen 
Suggestionen zu unterstützen. Trotz allem will der Zweifel immer 
wieder erwachen und die unerhörte Stärke des Wahns tritt an den Tag; 
es ist ihr unmöglich, zu glauben, daß alle ihre tausend Beweise der Ver- 
folgung wirklich falsch gewesen seien; anderseits ist die Befreiung ein 
so großes Glück, daß sie nicht an diese Wirklichkeit glauben kann. 
Ich finde mich endlich veranlaßt, ihr vorzuschlagen, mich an noch 
einen der eingebildeten Verfolger zu wenden. Ich schlage Fräulein D. 
vor; sie war die letzte, mit welcher die Patientin hatte verkehren können. 

Die Patientin will sich die Sache überlegen. Am 24. März erhalte 
ach eine Karte mit folgenden Zeilen: — „Nein, Dr. B., es geht nicht mit 
Halbheiten. Ich muß an Fräulein D. appelüeren. Ihre Meinung scheint 
mir notwendig, damit ich eine wahre Auffassung von meinem Geistes- 
zustände und von meiner Stellung zur Welt bekomme. Bitte, wollen Sie 
ihr also schreiben!" 

Als ich der Patientin am 1. April mitteilte, daß ich mit Fräulein D. 
gesprochen und daß diese keine Ahnung von einer Verfolgung habe, er- 
widert sie nur: — „Dann fällt das letzte. Aber wie ist es möglich, daß 
ein Mensch einem solchen Wahne anheimfallen kann?" 

Von diesem Tage an kann die Patientin als geheilt betrachtet 
werden. Als sie mich nach einer Woche wieder besucht, fühlt sie sich 
ganz frei. Sie hat Fräulein D. besucht und die alte Freundschaft ist 
ebenso lebendig wie je gewesen. Sie hat wieder angefangen im Re- 
staurant zu essen und die Freunde haben sie dort mit einem Feste 
bewillkommnet. 

Sie fährt fort, mich einmal in der Woche zu besuchen, bis ich Anfang 
Juni die Stadt verlasse. In dieser Zeit knüpft sie alte Verbindungen 
wieder mehr und mehr an. Es ist ihr ein Genuß, in der Straße zu gehen 
und die Läden zu besuchen, ohne das geringste Unbehagen zu fühlen. 
Sie ist glücklich, mit dem Leben wieder in natürlichem Rapport zu 
stehen. Sie spricht mit vollkommener Objektivität von der durch- 
gemachten Krankheit. Einmal will sie z. B. meine Meinung hören, ob 
sie Halluzinationen gehabt hat oder nicht. Sie glaubt, daß die Zungen- 
bewegungen bisweilen Halluzinationen waren, weil sie blitzschnell 
gemacht worden, wie wirkliche Bewegungen nicht gemacht werden 
können. Wahrscheinlich hat sie das Kratzen mit den Füßen oft hallu- 
ziniert. — Ich meine, daß sie in diesen Erwägungen recht hat. Nach 
dem Sommer besuchte die Patientin mich wieder. Sie hat ihre Ferien 
zusammen mit einer Freundin am Meere zugebracht und viel genossen. 



Zur Radikalbehandlung der chronischen Paranoia. 829 

Dort hat sie angenehme Leute getroffen, mit welchen sie täglich verkehrt 
hat. Die alten Gedanken waren nie zurückgekommen. Sie sagt einfach: 
j; — es war eine Krankheit, die jetzt überstanden ist." 

Im letzten Jahre hat die Patientin mich ein dutzendmal besucht. 
Wir haben über Literatur und Tagesereignisse gesprochen; bisweilen 
habe ich die Gelegenheit benutzt, um sie über Einzelheiten der Ver- 
gangenheit auszufragen. Ich habe nie das geringste Zeichen weder 
vonRückfall noch von geistiger Schwäche konstatieren können. Sie hat mit 
vollen Kräften gearbeitet und keine Gelegenheit, das Leben zu genießen, 
versäumt. 

Einige Male hat sie den Wunsch ausgedrückt, daß ich ihre Kranken- 
geschichte veröffentlichen soll. „Vielleicht wird sie irgend einem helfen 
können; dann habe ich dieses fürchterliche Leiden nicht vergebens durch- 
gemacht." Als ich entschlossen war, es zu tun, teilte ich ihr dieses mit. 
Es freute sie sehr. 

Ich habe nach der Behandlung die Bekanntschaft der oben erwähnten 
Nichte, einer sehr intelligenten und hochgebildeten Frau, gemacht, Sie 
wußte mit Sicherheit, daß das Verhältnis der Patientin in X-Burg keine 
Phantasie, sondern wirklich erlebt war. Sie hatte den Betreffenden gekannt. 
Ich habe durch sie die tatsächlichen Angaben der Patientin über die 
Familie u. dgl. verifizieren können. Während der Behandlung traf sie 
die Patientin täglich und diese diskutierte alle neuen Gesichtspunkte mit 
ihr. Ich habe an ihr wahrscheinlich eine gute Stütze gehabt. 

Wir haben noch die Frage zu diskutieren, ob noch andere Verhält- 
nisse als die Behandlung auf die Wiederherstellung der Patientin einen 
Einfluß gehabt haben. Die einzige Veränderung in ihrem Leben während 
dieser Zeit war der Tod ihres Vaters. Er traf am 10. Jänner ein und er 
ging an ihr allem Anscheine nach als ein gleichgültiges Ereignis vorbei. 
Denselben Tag kam sie wie gewöhnlich zur Behandlung und ich würde 
nichts geahnt haben, wenn ich nicht ihren Trauerhut gesehen hätte. 
Er war alt und krank und wie die ganze Familie fühlte die Patientin 
seinen Tod nur als eine Befreiung. Ich bin überzeugt, daß diese Sache 
auch keinen unbewußten Einfluß auf ihren Geisteszustand gehabt. 
Ich bin auch überzeugt, daß keine mir unbekannten Verhältnisse mit- 
gewirkt haben. Die Nichte, die alle Einzelheiten des Lebens der Pa- 
tientin kannte und sie während der Behandlung genau kontrollieren 
konnte, würde das sicher bemerkt haben 1 ). 



») Der Tod des Vaters könnte wohl von Belang gewesen sein. Das gleich- 
gültige Verhalten der Patientin ist kein genügender Gegenbeweis, vielleicht sogar 
das Gegenteil. Anmerkung der Redaktion. 



830 



Paul ßjerre. 



III. Diskussion des Falles und der Behandlung. 

Wenn ich jetzt versuche, mir die Struktur dieser Krankheit und 
deren Rückgang während der Behandlung verständlich zu machen, scheint 
mir dieses beinahe auf jedem Punkte wegen Mangel an Material un- 
möglich. Wie ich schon eingangs hervorhob, war die Analyse aus- 
schließlich von therapeutischen Gesichtspunkten geleitet, und sobald 
die Befreiung erreicht war, wurde sie beendigt. Es war mein Ziel, 
die psychische Operation so schnell und reaktionslos wie möglich zu 
machen, natürlich ohne dabei durch mangelnde Gründlichkeit ein 
Rezidiv zu riskieren. Die Gegner der Psychoanalyse richten so oft ihre 
Angriffe gegen die eingehende und umständliche Ausforschung des 
Sexuallebens. Daß diese dem Arzte für gewöhnlich zur Notwendigkeit 
wird, scheint mir unzweifelhaft. In diesem Falle geschah es nicht, obwohl 
die Störungen des Sexuallebens deutlich im Vordergrunde der Krankheit 
stehen; ich zeige damit also, daß das therapeutische Ziel auch ohne 
die allseitige Analyse des Sexuallebens erreicht werden kann. Auch 
wenn die Patientin ihre sexuellen Zwangsgedanken brachte, z. B. das 
Bild des aus dem Munde herausgereckten Penis, nahm ich dies nicht 
zur näheren Besprechung auf. Kurz, die ganze Behandlung wurde nur 
in großen Zügen durchgeführt. Eine viel tiefere Analyse wäre nötig 
gewesen, um sichere Antwort auf alle die Fragen zu erhalten, die sich 
einem hier aufdrängen. 

Es scheint mir aber doch, daß einige Dinge mit Sicherheit ausgesagt 
werden können. Es wäre vergebens, diesen Fall auf einem der alten 
psychiatrischen Wege erklären zu wollen. Schon bei dem flüchtigsten 
Überblick sieht man, wie alle Kräfte des Lebens an der Wahnbildung 
zusammengewirkt haben, und wie alle tieferen Erlebnisse der Patientin 
sich darin widerspiegeln. Die Krankheit ist aus ihren Konflikten 
hervorgegangen und ist das endgültige Resultat ihres Kampfes um 
das Leben. Dem gegenüber sagen zu wollen, daß sie aus „Mißtrauen" 
oder aus „gespannter Erwartung" oder aus einer „Störung der Apper- 
zeption" oder aus etwas Derartigem entstanden ist, das wäre einfach 
absurd. Die ganze Problemstellung der alten Psychiatrie ist hier nutzlos. 
Sicher scheint es mir auch, daß die Problemstellung Bleulers 1 ) 
*) O. e. 



Zur Radikalbehandlung der chronischen Paranoia. 831 

richtig ist, welcher, nachdem er die einseitigen Erklärungsversuche 
der Paranoia kritisiert hat, sagt: 

„In unseren Beispielen bildet ein affektbetonter Vorstellungskomplex 
den Ausgangspunkt der Wahnideen und vielleicht der Paranoia. . . . Wir 
sind. .. überzeugt, daß eine spätere Untersuchung für die meisten Fälle 
erstens noch eine konstitutionelle Disposition und zweitens noch eine Kette 
von Freudschen prädisponierenden Erlebnissen nachzuweisen haben wird. 
Die konstitutionelle Prädisposition wird erklären, warum gerade diese Person 
an Paranoia erkrankt. Der Freudsche Komplex soll uns sagen, warum 
gerade das kritische Erlebnis die Paranoia hervorgebracht hat, eventuell, 
warum sich die entstehende Paranoia gerade an dieses Ereignis anknüpft." 

Daß in diesem Falle ein Kausalzusammenhang zwischen der 
Krankheit und dem Komplex existiert, welcher sich allmählich während 
der Behandlung herausarbeitete und mit dessen vollständigem Bewußt- 
werden der Wahn verschwand, ist über allen Zweifel erhaben; es wird 
ex juvantibus bewiesen. Und daß die Krankheit ohne eingehendes 
Studium der Struktur dieses Komplexes nicht verstanden werden kann, 
scheint mir auch sicher. Ebenso sicher ist aber auch, daß dieses Studium 
allein nicht hinreichend ist. Schon bei der oberflächlichen Betrachtung 
fallen andere Mechanismen als diese Identifizierung ins Auge: Die 
Verdrängung der Sexualität, der ungewöhnlich starke männliche Protest, 
eigentümliche Sublimierungsvorgängeusw. und daß diesen auch Bedeutung 
beigelegt werden muß, liegt auf der Hand. Sowohl die ganze Lebens- 
geschichte der Patientin, als auch ihre sonderbare Familiengeschichte 
läßt ahnen, daß konstitutionelle Abnormitäten eine Rolle spielten. 
Die Aufgabe ist also, zu zeigen, wie alle diese Verhältnisse bei der 
Bildung der Krankheit mitgewirkt haben. 

Schon vor vielen Jahren wies Freud 1 ) den Verdrängungsprozeß 
bei Paranoia nach. Wie er früher gezeigt hatte, daß die Hysterie die 
Verdrängung durch Konversion in die Körperinnervation, die Zwangs- 
neurose durch Substitution bewerkstelligt, so suchte er hier zu zeigen, 
daß die Paranoia, indem sie das Abwehrsymptom des Mißtrauens 
gegen andere errichtet, sich einen besonderen Weg schafft. Er nannte 
diesen „Projektion". Fer e nczi 2 ) hat später diesen Begriff aufgenommen 
und einen ihm entgegengesetzten gebildet, den er „Introjektion" 



*) Freud, Weitere Bemerkungen über die Abwehrneuropsychosen. 
Neurologisches Zentralblatt, 1896, Nr. 10. 

s ) Ferenczi,IntrojektionundÜbertragung. Jahrbuch für psychoanalytische 
und psychopathologische Forschungen. Bd. I, 2. Hälfte, 1909. 



832 Paul Bjerre. 

nennt. Mit Zuhilfenahme dieser zwei Begriffe hofft er die Psychologie 
der Neurose und der Paranoia prinzipiell trennen zu können. 

„Der Neurotische ist stets auf der Suche nach Objekten, mit denen 
er sich identifizieren, auf die er Gefühle übertragen, die er also in den In- 
teressenkreis einbeziehen, introjizieren kann. Auf einer ähnlichen Suche 
nach Objekten, die zur Projektion unlusterzeugender Libido geeignet sind, 
sehen wir den Paranoischen. So entstehen am Ende die gegensätz- 
lichen Charaktere des weichherzigen, rührseligen, zu Liebe und Haß, zu 
aller Welt leicht entflammenden oder leicht erzürnenden, erregbaren 
Neurotikers und der des engherzigen, mißtrauischen, sich von der ganzen 
Welt beobachtet, verfolgt oder geliebt wähnenden Paranoikers. Der 
Psychoneurotiker leidet an Erweiterung, der Paranoiker an Schrumpfung 
des Ich (S. 429)." r 8 

In seiner letzten Arbeit präzisiert Freud 1 ) den Projektions- 
begriff. 

, .Eine innere Wahrnehmung wird unterdrückt und zum Ersatz für 
sie kommt ihr Inhalt, nachdem er eine gewisse Entstellung erfahren hat, 
als Wahrnehmung von außen zum Bewußtsein. Die Entstellung besteht 
beim Verfolgungswahn in einer Affektverwandlung; was als Liebe innen 
hätte verspürt werden sollen, wird als Haß von außen wahrgenommen. 
Man wäre versucht, diesen merkwürdigen Vorgang als das Bedeutsamste 
der Paranoia und als absolut pathognomonisch für dieselbe hinzustellen, 
wenn man nicht rechtzeitig daran erinnert würde, daß erstens die Pro- 
jektion nicht bei allen Formen die gleiche Eolle spielt, und zweitens, daß 
sie nicht nur bei Paranoia, sondern auch unter anderen Verhältnissen im 
Seelenleben vorkommt, ja, daß ihr ein regelmäßiger Anteil an unserer Ein- 
stellung zur Außenwelt zugewiesen ist." 

Tch werde später auf diesen Mechanismus zurückkommen. Jetzt 
muß ich nur an einige andere Punkte dieser grundlegenden Arbeit 
erinnern, die ich übrigens als bekannt voraussetze. 

In der darauffolgenden Diskussion über paranoischen Mechanismus 
kommt Freud zu einer Grundauffassung vom Wesen der Krankheit, 
welche meines Erachtens zum Ausgangspunkt für das Studium der 
Paranoia sehr geeignet ist. 

„Was wir für die Krankheitsproduktion halten, die Wahn- 
bildung, ist in Wirklichkeit der Heilungsversuch, die Re- 
konstruktion. Diese gelingt nach der Katastrophe mehr oder minder 
gut, niemals völlig; eine tiefgreifende innere Veränderung', nach den 
Worten Schrebers, hat sich mit ihm vollzogen. Aber der Mensch hat eine 

*) Freud, Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch 
beschriebenen Fall von Paranoia. Jahrbuch für psychoanalytische und psycho- 
pathologische Forschungen, Bd. III, 1. Hälfte, 19] 1. 



Zur Radikalbehandlung der chronischen Paranoia. 



833 



Beziehung zu den Personen und Dingen der Welt wiedergewonnen, oft eine 
sehr intensive, wenn sie auch feindlich sein mag, die früher erwartungsvoll 
zärtlich war. Wir werden also sagen: Der eigentliche Verdrängungsvorgang 
besteht in einer Ablösung der Libido von vorher geliebten Personen — und 
Dingen. Er vollzieht sich stumm; wir erhalten keine Kunde von ihm, 
sind genötigt, ihn aus den nachfolgenden Vorgängen zu erschließen. Was 
Bich uns lärmend bemerkbar macht, das ist der Heilungsvorgang, der die 
Verdrängung rückgängig macht und die Libido wieder zu den von ihr ver- 
lassenen Personen zurückführt. Er vollzieht sich bei der Paranoia auf dem 
Wege der Projektion. Es war nicht richtig zu sagen, die innerlich unter- 
drückte Empfindung werde nach außen projiziert; wir sehen vielmehr ein, 
daß das innerlich Aufgehobene von außen wiederkehrt." 

Es scheint mir, daß diese Grundanschauung allein den Blick 
richtig auf unseren Fall einstellen kann. 

Von 18 bis 38 Jahren lebte die Patientin in einem idealen Verhältnis, 
das ihr Leben so erfüllte, daß sie noch jetzt nicht ohne Tränen in den 
Augen davon sprechen kann. Das war die tragende Kraft ihres Daseins. 
Alles, was sie von Liebe zu den Menschen und zur Welt fühlte, stammte 
aus dieser großen Liebe. Diese Briefe waren der Sonnenschein ihrer 
Tage und dank ihnen konnte sie die Last der Arbeit tragen. Sie drückt 
sich immer in starken und schönen Worten über die Bedeutung dieses 
Verhältnisses aus. Äußere Umstände zerstörten diese Verbindung 
und die Patientin vereinsamte. Der Grund, worauf sie ihr Leben gebaut 
hatte, wurde ihr entzogen; und damit fing ihr Leben an krankhaft 
zu werden. Wenn die Patientin von diesem Ereignisse spricht, kommen 
immer Ausdrücke zurück, wie: — „Dann brach alles los", „dann stürzte 
alles über sie"; sie will damit nur sagen, daß etwas Wichtiges, aberUn- 
greifbares in ihrem Innern geschah. Obwohl diese Verwandlung haupt- 
sächlich in den stummen Tiefen vor sich ging, kamen doch deutliche 
Zeichen derselben zur Oberfläche des Bewußtseins. Ihre Stimmung 
wurde gedrückt. Sie fing an nicht nur den, welcher sie so schwer 
getäuscht hatte, zu hassen, sondern sie wurde bitter gegen alle Welt 
und ihre Einstellung gegen sie wurde immer mehr vom Hasse beherrscht. 
Seitdem das Band der Liebe zerrissen war, war sie innerlich von den 
Menschen und der Welt losgelöst. Aber auch äußerlich gab sich diese 
Auflösung des Lebens kund. Sie gab die Beschäftigung auf, in welcher 
sie während 15 Jahren gearbeitet, und von welcher ihre Existenz ab- 
hängig war. Das tut ein Mensch nicht ohne zwingenden Grund. Sie 
gibt an, daß sie damals die Kraft fühlte, diesen Schritt zu tun, — das 
will aber nur sagen, daß sie nicht länger Kraft hatte, ihre Wirksamkeit 



Jahrbuch für psyehoanalyt. u. psjchopathol. Forschungen 



in. 53 



834 Paul Bjerre. 

fortzusetzen. Denn es zeigte sich bald, daß sie auch nicht die Kraft 
hatte, bei der verlockenden Tätigkeit einer Journalistin zu bleiben. 
Obwohl sie sich dieser innerlichen und äußerlichen Auflösung nicht 
bewußt war und das Ziel, auf das sie hinsteuerte, nicht verstand, muß 
sie doch eine unbestimmte Furcht gehabt haben, die sie zum Handeln 
zwang. Sie mußte auf irgend eine Weise die gestörte Verbindung 
mit dem Leben wieder herstellen. In ihrer Not griff sie nach — dem 
Sexualverkehre. Bei der Behandlung gab sie an, daß sie diesen Schritt 
tat, um Kenntnisse zu erwerben, weü sie das Recht hatte, sich als 
Weib auszuleben usw. Nachträglich hat sie eher hervorgehoben, 
daß es in der Hoffnung geschah, dadurch von dem Zwange befreit zu 
werden, an dem sie ihr ganzes Leben gelitten 1 ), und vor allem um 
dichterische Befreiung zu erreichen. Hinter diesen ohne Zweifel an sich 
richtigen bewußten Motiven steckt aber das unbewußte Motiv, sich vor 
der immer mehr um sich greifenden Auflösung zu retten. Man kann 
sich nicht denken, daß sie diese Handlung, die gegen ihre Natur und 
gegen ihre ganze Lebensrichtung ging, ohne ein unerhört stark zwingendes 
Motiv unternahm. Es kommt uns als etwas Absurdes vor, wenn sie sich 
nach einem ganzen Leben idealer Liebe in die Arme des ersten besten 
wirft, ohne auch nur Sympathie für ihn zu fühlen. Ja, sie hebt stark 
hervor, daß dieses Verhältnis „sexuell und nicht erotisch war", womit 
sie ausdrücken will, daß sie weder von einem körperlichen Lustgefühl 
dazu getrieben wurde noch je ein solches verspürte. Durch dieses 
Verhältnis wurde die abgebrochene Verbindung mit den Menschen 
wieder angeknüpft. Innerlich zeigte sich diese Rekonstruktion dadurch, 
daß sie wieder in ein Gefühlverhältnis zu allen Menschen, mit welchen 
sie früher in Verbindung gewesen war, kam. Äußerlich zeigte sie sich 
dadurch, daß sie wieder fähig wurde, bei einer bestimmten Arbeit zu 
bleiben und diese konsequent durchzuführen. Wie früher erwähnt, 
ist sie in den zehn Jahren nach dem Verhältnisse auf demselben Platz 
geblieben. Die Rekonstruktion wurde aber eine wahnhafte. Um zu 
verstehen, warum sie das unter den gegebenen Verhältnissen werden 
mußte, ist es notwendig, einige Grundtatsachen näher zu betrachten, 
vor allem die Sexualität der Patientin. 

Während der Behandlung wurde von der Sexualität nur wenig ge- 
sprochen. M it Zuhilfenahme der Anamnese und nachträglicher Angaben 

x ) Es scheint mir möglich, daß sie sich dieses Gefühls des Zwanges erst 
dann vollständig bewußt geworden ist, nachdem sie das Gefühl der Befreiung voll- 
ständig erlebt hatte. 



Zur Radikalbehandlung der chronischen Paranoia. 835 

sind mir wenigstens deren Hauptzüge klar geworden. Es scheint mir un- 
zweifelhaft, daß die Patientin vom Hause aus eine starke Sexualität ge- 
habt, und daß diese sehr früh und sehr stark verdrängt worden ist. Der 
größte Teil ihrer Biographie handelt von sexuellen Träumereien, Gedanken 
und Erlebnissen, bis diese vom Verhältnisse zum Korrespondenten voll- 
ständig beherrscht wird. Hinter den zahlreichen Bildern schimmert die 
sexuelle Symbolik deutlich durch. Die Sexualität wird immer nur als 
eine feindliche Macht, etwas Greuliches empfunden. (Als kleines Kind 
masturbierte sie, wurde aber durch die Mutter davon entwöhnt.) — Bei 
der Behandlung ahnt man hinter ihrem Streite für die Rechte des Weibes 
einen Btarken männlichen Protest (Adler); in der Biographie findet man 
ihn beinahe überall, wo sexuelle Verhältnisse besprochen werden. Diese 
fängt sogar damit an, daß das 7 jährige Mädchen in ihrer Aufgabe von dem 
Fluche Gottes über das Weib liest, sich darüber empört und erst beruhigt 
wird, als die ältere Schwester ihr erklärt, daß der Fluch nur den Frauen 
gilt, welche einen Mann haben und Kinder bekommen. Dann entschließt 
sie sich, nie zu heiraten, und bleibt bei diesem Entschlüsse. Sie will nie 
unter die Herrschaft des Mannes kommen; die Ehe ekelt sie an. ,,Der 
Mittelpunkt in dieser geheimnisvollen Finsternis war die Hochzeitsnacht. 
Dort erzwangen die Männer sich etwas, das bewirkte, daß die Weiber 
nachher immer wieder Kinder kriegten. Was es war, wußte sie nicht. 
Waren alle Männer Missetäter und Henker?" 

Wie dieser männliche Protest entstanden ist, bleibt eine später zu be- 
handelnde Frage. Daß die ersten Kindereindrücke von der Stellung des 
Vaters in der Familie dabei eine Bedeutung gehabt, scheint mir wahr- 
scheinlich. In der Biographie läßt sie ihn tot sein • — eine einfache Wunsch- 
erfüllung — und sie beschreibt, wie schön und ruhig es jetzt ist, da man 
nicht mehr immer zu fürchten braucht, daß er jede Freude zerstören wird. 
Im geheimnisvollen Verhältnis zur Mutter war er ein Unterdrücker, ein 
Verbrecher. Einmal, als sie als junges Mädchen das neue Heim einer 
Freundin besucht, fällt ihr in deren Schlafzimmer folgendes ein: „Sie sah 
vor sich das ins Dunkel des Schlafzimmers eingeschobene Doppelbett im 
Elternhause. Es schien ihr immer, als ob dieses von geheimnisvollem 
Schreck umgeben wäre. Daher entströmten in den Nächten grausame, un- 
erklärliche Laute, welche sie, als sie noch ihren Platz im Schlafzimmer der 
Eltern hatte, mit namenloser Angst erfüllten." 

Aus dieser inneren Spannung rettet sich die Patientin in eigentümlicher 
Weise. Ihre von Natur lebhafte märchenerfüllte Phantasie kam ihr zu 
Hilfe, und sie erschuf sich eine Sublimierung, die tatsächlich während 20 Jahre 
ihre Sexualität befriedigte. Die Sexualität hat s ; ch nicht zum Durchbruche 
bringen können, um die Patientin mit realer Wollust zu erfüllen und sie 
zu einer ebenso realen Verbindung mit einem Menschen zu zwingen. Es 
war dasselbe Verhältnis mit der Sexualität überhaupt wie mit folgender 
Regung: „Gleichwie unabsichtlich näherte er sein Knie ihrem Knie. Ein 
Funke entsprang der Berührung. Sie fühlte, wie eT schleichend suchte, sich 
Weg zu bahnen, aber atemlos widerstand sie; und der Funke erlosch, wo 
er entzündet worden war." Sobald die Sexualität sich zu erheben suchte, trat 

53* 



836 Paul Bjerre. 

die Verdrängungstendenz so stark in Wirksamkeit, daß sie nie die zwingende 
Macht erreichte. Aber die Briefe des Korrespondenten erfüllten sie mit 
unbeschreiblicher Wollust. „Sie waren wie eine körperliche Berührung." — 
Die Sexualität blieb in einem träumerischen Zustand fixiert, den man wohl 
am ehesten Narzissismus nennen kann. Denn während dieser Zeit blieb 
im Grunde die Patientin selbst der Gegenstand ihrer Sexualität. Die Sub- 
limierurg hatte zwar einen fremden Mann zum Inhalt, aber sie war doch 
wesentlich eine Schöpfung ihres eigenen Ich, ein Teil desselben. Wie sehr 
dies der Fall war, trat deutlich zutage, als sie endlich diesem Manne be- 
gegnete — und ihn in keiner Weise mit dem Bilde identifizieren konnte, 
das sie sich von ihm gemacht hatte. Sie hatte geglaubt, einen wirklichen 
Mann zu lieben; sie hatte aber im Grunde nur sich selbst geliebt. — Nur 
auf diese Weise wird die sonst unglaubliche Tatsache verständlich, daß sie 
während 20 Jahre in derselben Stadt wie ihr Geliebter gelebt, ohne ihn je 
zu treffen. Sie hatte sich unbewußt gegen jede Begegnung gesträubt ; sie hatte 
instinktiv geahnt, daß eine Begegnung das Ende des Verhältnisses werden 
mußte, — und sie hatte auch instinktiv die Katastrophe geahnt, die dann 
kommen mußte. 

Mit dieser Katastrophe wurde sie in die frühere Spannung zurück- 
geworfen. Eine sehr wichtige, später mitgeteilte Tatsache ist, daß sie 
dabei wieder der Masturbation anheimfiel; der beste Beweis, wie vollständig 
die Sublimierung sie befriedigt hatte, scheint mir zu sein, daß sie in allen 
jenen Jahren nicht masturbierte. Jetzt fuhr sie damit fort, nicht nur in den 
Jahren vor dem sexuellen Verhältnis, sondern auch während und nach diesem. 

Wenn die Diskussion also jetzt zu dieser Wiederkehr der jugendlichen 
Sexualspannung und zu deren Folgen kommt, ist es notwendig, eine Frage 
zu streifen, der ich bisher ausgewichen bin: Spielten pathologische Kom- 
ponenten in ihr eine Rolle? Ihre ersten sexuellen Regungen waren an 
Knaben geknüpft. Aber das Verhältnis zur zwei Jahre älteren Schwester 
war doch sehr sonderbar. Diese „Ehe" war so fest, daß die Schwester sich 
erst verheiratete, als die gemeinsamen Zukunftspläne an äußeren Um- 
ständen gescheitert waren; sie hat der Patientin geradezu erzählt, daß 
sie den Mann wählte, nur weil sie nicht bei ihr bleiben konnte. Sichere 
Beweise, daß eine sexuelle Neigung in der Tiefe unter dieser Verbindung 
steckte, habe ich nicht. Es kann aber nicht ausgeschlossen werden. 
Ebensowenig kann man eine versteckte Homosexualität hinter den vielen 
und sehr wannen Freundschaftsverbindungen der Patientin ausschließen. 

Für die, welche Wert auf die Traumdeutung legen, wird vielleicht 
folgender Traum, welcher um 1900 fiel und genau in der Erinnerung zurück- 
geblieben ist, als Beleg für Homosexualität dienen können. „Ich stehe im 
Peristyl des Seminars, den Rücken gegen die Barriere. Diese bricht, und 
ich falle schwindelnd nach hinten. Im letzten Augenblick ergreife ich aber 
die wie eine Tür aufgeschlagenen Barrierehälften und ziehe mich mit dem 
Arme wieder herauf, wo ich ohnmächtig in die Arme eines Weibes falle." 

Das manifeste Material ist vom Seminar genommen. Hinter dem Fallen 
steht — was die Patientin selbst gleich herausfand — eine Turnbewegung, 
die sie als Kind sehr liebte, weil sie ein schönes, schwindelndes Gefühl 



Zur Radikalbehandlung der chronischen Paranoia. 



837 



erzeugte. Kehrt mau die Ordnung der einzelnen Elemente um, so entdeckt 
man leicht die Masturbationsprozedur, das Ergreifen der auseinander 
geklappten Schamlippen und den schwindelnden Orgasmus; und das in 
den Armen eines Weibes! 

Ich ziehe es aber vor, mich über diese Frage mit großer Vorsicht 
zu äußern, da es mir scheint, daß das geringe Material keine Entscheidung 
erlaubt. Wegen einer besonderen Ursache, zu welcher ich bald kommen 
werde, habe "ich an der Frage nicht ganz vorbeigehen können. 

Mit dieser Kenntnis vom Sexualleben der Patientin ist es leichter, 
die nach demüntergange der Sublimierung eintretende kritische Situation 
zu verstehen. Mit deren Zuhilfenahme war ihre innere Welt erbaut 
und auch die Libidobesetzung der äußern Welt war von ihr abhängig ; 
— mit deren Zerstörung mußte ihr Ich in einen Zustand der Auflösung 
geraten und auch ihr Verhältnis zur äußere Welt mußte Verschiebungen 
erleiden. Wie weit diese Auflösung sich hätte entwickeln können, 
wenn sie sich Jahre hindurch unaufhaltsam fortgesetzt hätte, kann man 
natürlich nicht sagen. Aber es möchte nicht zu kühn sein anzunehmen, 
daß ihr Endziel die Verblödung war, und daß sie dies hätte erreichen 
können, wenn keine Sicherungstendenzen (Adler) in Wirksamkeit 
getreten wären. Denn aus diesem jugendlichen Sexualkonflikt, aus 
welchem die Patientin sich einmal durch die Sublimierung gerettet 
hatte, gab es jetzt eigentlich keinen Ausweg. Der männliche Protest 
arbeitete wie eine übermächtige Naturkraft, um das Sexualleben 
noch stärker zu verdrängen, als er es in der Jugend getan. Aber 
auch abgesehen von ihm bestand keine Aussicht, daß eine Fixierung, 
die sich während 20 Jahre konsolidiert hatte, sich hätte lösen können. 
Gleichzeitig arbeitete die starke Sexualität unter diesem Berge von 
Widerständen mit der ganzen Stärke der ungebrauchten Jugendkraft. 
Der Weg zur Eettung, den sie mit 18 Jahren gefunden, war jetzt ver- 
schlossen; denn noch einmal aus sich selbst eine so unerhörte Schöpfung 
wie das ideale Bild des Korrespondenten vollbringen zu können, dazu 
hatte sie mit ihren 38 Jahren weder Phantasie noch Vitalität genug; 
so etwas tut der Mensch überhaupt nur einmal in seinem Leben. 

Es entsteht jetzt die Frage, warum das sexuelle Verhältnis, in 
welches sich die Patientin instinktiv geworfen hatte, um sich vor den 
geahnten Gefahren zu retten, diese Situation überhaupt veränderte, 
und warum diese Veränderung gerade in diese Krankheit auslaufen mußte. 

Das einzige, was allein die Patientin hätte retten können, war 
eine Liebe, die sowohl alle Sehnsucht ihrer Seele wie alle gärenden 
sexuellen Kräfte befreit hätte. Durch eine solche würde ihr Herz sich 



5 3 



838 Paul Bjerre. 

erweitert haben, um wieder die Menschen und die Welt mit zärtlichen 
Gefühlen zu umfassen; durch die neue Übertragung wäre auch die 
Realität und ihre Verbindung mit ihr erneuert worden. 

Dieses sexuelle Verhältnis beeinflußte aber nicht ihre Seele, ihre 
Gefühle. Die Einstellung, welche durch den Untergang der Sublimierung 
aus Liebe in Haß verwandelt worden war, wurde nicht verändert, sondern 
blieb dieselbe. Aber gleichzeitig wurde durch das Nachgeben gegenüber 
der Sexualität alles in ihrem Innern wirklicher; und da das Verhältnis 
eine neue Anknüpfung mit der Außenwelt mit sich führte, so wurde 
auch die äußere Welt wirklicher. Das heißt, daß sowohl ihr eigenes 
Gefühl vom Haß wie die Empfindung des Hasses der Welt wirklicher 
wurde. Die neuerschaffene Welt war eine Welt des Hasses. Hiezu 
kommt eine sehr wichtige Tatsache. 

Durch die Sublimierung hatte sie sich nicht nur vor dem sonst 
unlösbaren sexuellen Konflikt gerettet. Diese hatte auch eine andere, 
vielleicht nicht weniger wichtige Bedeutung gehabt. Aus der Biographie 
geht es deutlich hervor, daß das Verhältnis zum Korrespondenten 
dieselbe Bedeutung für ihre Entwicklung hatte, welche nur die wirkliche 
Liebe hat: — Es war für sie die Brücke von dem kindlichen träu- 
merischen Halbbewußtsein zum vollen klaren Bewußtsein des Weibes. 
Und die Sublimierung hatte eine ebenso entscheidende Bedeutung für 
das Erhalten der Bewußtseinshöhe wie für das Erhalten der Affekt- 
einstellung. Da sie durch den Untergang der Sublimierung zum Nar- 
zissimus, zur Masturbation usw. zurückfiel, wurde sie auch der Gefahr 
in die Macht unbewußter Komplexe zu geraten, mehr ausgesetzt, als 
sie es bisher gewesen war. 

Da das sexuelle Verhältnis sie jetzt nicht wieder erhob, wie die 
Sublimierung es früher getan, so machte es diese Gefahr nicht kleiner. 
Eher umgekehrt. Wie die neue Libidobesetzung alles wirklicher machte, 
so gab sie auch den unbewußten Komplexen neues Leben. Damit 
der Komplex, der sich um die verfolgte Freundin gebildet hatte, ins 
Bewußtsein hereinbrechen könnte, war es nicht nur nötig, daß der 
Widerstand durch Lockerung des Ichbewußtseins geringer geworden 
war ; der Komplex hatte einen neuen Zuschuß von Kraft nötig, und 
diese bekam er durch die Libidobesetzung. 

Warum gerade dieser Verfolgungskomplex sich die Macht über 
das Ich der Patientin erzwang, scheint mir jetzt ohne weiteres ver- 
ständlich zu sein. Als ich diese Frage bei der Behandlung der Patientin 
auseinandersetzte, hielt ich mich wesentlich bei der rein assoziativen 



Zur Radikalbehandlung der chronischen Paranoia. 839 

Seite auf: Die Identifizierung geschah hauptsächlich wegen der 
Ähnlichkeit der Situation, in welcher die Patientin sich jetzt befand, mit 
jener, in welcher die Freundin sich einmal befunden hatte. Aber die 
affektive Seite muß doch als wichtiger betrachtet werden: Der Haß 
zog jenen Komplex ins Bewußtsein hinein, der überhaupt am stärksten 
von Haß betont war. Dazu kommt eine andere, vielleicht noch wichtigere 
Erwägung. Man identifiziert sich am leichtesten mit einem Menschen, 
der die eigenen geheimen Wünsche und Strebungen verkörpert hat. Diese 
Rolle hatte die Freundin im Leben der Patientin gespielt, vor allem 
dadurch, daß sie stärker als irgend eine andere gegen die Ehe und die 
Unterwerfung des Weibes unter den Mann protestiert und dafür gelitten 
hatte. Damals wollte die Patientin sich durch ihr öffentliches Auftreten 
einer ähnlichen Verfolgung aussetzen. Das Motiv des sexuellen Ver- 
hältnisses, welches sie selbst in den Vordergrund schiebt, daß sie durch 
Handeln das Recht des Weibes vor sich selbst — und wohl auch im Grund 
vor anderen — demonstrieren wollte, birgt ohne Zweifel eine tat- 
sächliche Wahrheit. Sie wollte aber nicht nur gegen die Ehe und die 
soziale Unfreiheit protestieren, — sie wollte auch durch das Leiden 
den Ernst dieses Protestes an den Tag legen. Das zeigte sich schon, 
als sie das Leiden, die Verfolgung, mit der Freundin teilen wollte. Jetzt 
wollte sie selbst ein ähnliches Leiden und eine ähnliche Verfolgung 
für das Recht des Weibes durchleben. Die Identifizierung wurde also 
von einem deutlichen Wunschmotiv unterstützt. 

Die wichtigste Frage für das Verständnis der ganzen Krankheit 
scheint mir jetzt zu sein, wie die Identifizierung sich mit solcher un- 
erhörten Kraft der Patientin aufdrängen konnte, daß sie allmählich 
ihr ganzes Ichbewußtsein durchsetzte. 

Wie früher erwähnt wurde, gehörte zu den Motiven des sexuellen 
Verhältnisses, daß die Patientin hoffte, durch dieses „von dem Zwange 
frei zu werden, den sie immer gefühlt hatte". 

Daß dieser Zwang seine Wurzel in der verdrängten, respektive 
fixierten Sexualität hatte, betrachte ich als selbstverständlich. Wie 
früher mehrmals hervorgehoben, brachte das sexuelle Verhältnis 
keine Erlösung der Sexualität; durch die neue Libidobesetzung 
machte sie alles nur tatsächlicher, so auch diesen Zwang. Wie wenig 
die Patientin von dem kindlichen Sexualkonflikt, zu welchem sie zurück- 
geführt worden war, befreit war, ersieht man daraus, daß sie nicht 
einmal während der Zeit häufigen Sexualverkehrs mit der Masturbation 
aufhören konnte. Den Zwang fühlte sie in dieser Zeit stärker und er wuchs 



840 Paul JBjerre. 

so, daß er nicht beim unbestimmten Gefühl bleiben konnte, sondern 
sich an Objekte heften mußte. Das will nichts anderes sagen, als 
daß bei der allgemeinen neuen Libidobesetzung der inneren und äußeren 
Welt einzelne Dinge so stark besetzt wurden, daß der Zwang der 
Sexualität sich gleichsam durch diese repräsentierte. Der Zusammen- 
hang mit erogenen Zonen wurde für die Auswahl der ersten unter 
diesen Objekten entscheidend. 

Woher das Material dazu auch gekommen sein mag, nachdem 
die Zwangsvorstellungen gebildet waren, traten sie in den Dienst des 
schon seit Monaten bestehenden Beobachtungswahnes. Dadurch wurde 
das Übergreifen des Zwanges auf den ins Bewußtsein hineinbrechenden 
Verfolgungskomplex erleichtert, und nachdem es dem Zwange gelungen 
war, diesen vollständig zu besetzen, war der Verfolgungswahn fertig. 

Die Patientin hatte instinktiv das sexuelle Verhältnis eingeleitet, 
um sich von der um sich greifenden Auflösung ihrer Seele zu retten. 
Die Folge wurde ein Beobachtungswahn, der sich nach Vereinigung 
mit einer Zwangskrankheit zum Verfolgungswahn entwickelte. 

Was die Struktur des so entstandenen Wahnes betrifft, so zeigt 
sie einige besondere Eigentümlichkeiten, die ich wenigstens streifen 
muß. Freud sagt: 

„Aus dem Studium einer Reihe von Fällen von Verfolgungswahn 
habe ich und haben Andere den Eindruck empfangen, die Relation des 
Kranken zu seinem Verfolger sei durch eine einfache Formel aufzulösen. 
Die Person, welcher der Wahn so große Macht und Einfluß zuschreibt, 
in deren Hand alle Fäden des Komplotts zusammenlaufen, sei, wenn sie 
bestimmt genannt wird, die nämliche, der vor der Erkrankung eine ähnlich 
große Bedeutung für das Gefühlsleben des Patienten zukam, oder eine 
leicht kenntliche Ersatzperson derselben." 

Ich zweifle nicht, daß dieses im allgemeinen zutrifft; in diesem 
Falle scheint es aber nicht so gewesen zu sein. Die Patientin hatte die 
Organisation der Verfolgung genau studiert; aber weder der Korre- 
spondent noch der andere Geschäftsmann in X-Burg spielten in ihr 
eine Rolle. Ganz auffallend ist es dagegen, wie viel größere Bedeutung 
die Weiber als die Männer bei der Verschwörung hatten 1 ). Zuerst 
wurde das Gerücht von der Nachfolgerin in X-Burg verbreitet. Die 
ganze Verfolgung wurde von dem vornehmsten Frauenbunde Schwedens 
zentral geleitet; bei der Erzählung kam sie immer wieder auf ihre Freun- 
dinnen und die Frauen in den Familien, wo sie gelebt hatte, zurück. Dies 

') Verfasser unterschätzt die Homosexualität dieses Falles. Anmerkung 
der Redaktion. 



Zur Radikalbehandlung der chronischen Paranoia. 841 

kann ja einfach dadurch erklärt werden, daß sie früher überwiegend 
mit Weibern in Verbindung gestanden hatte. Aber möglich ist auch, 
daß es für die Auffassung verwertet werden muß, daß die Ver- 
folgung ihre Eeaktion gegen eine versteckte homosexuelle Kom- 
ponente war. Die kindliche Sexualverdrängung, die mit Narzißmus- 
fixierung endete, würde in diesem Falle nicht nur von dem früher 
hervorgehobenen männlichen Protest, sondern auch von dem Streite 
gegen diese Komponente bewerkstelligt worden sein. Bei der Wiederkehr 
des Verdrängten nach dem Einstürze der Sublimierung würde dann 
diese Komponente gedroht haben durchzubrechen; um das zu ver- 
hindern, warf sie sich in die Arme des Mannes; und das endgültige 
Kesultat wurde, daß der Wahn wie eine Mauer gegen die Komponente 
aufgebaut wurde. Wenn es so wäre, würde es mit der Erfahrung Freuds 
stimmen, daß „sie alle (Paranoici) an der Bewältigung ihrer unbewußt 
verstärkten Homosexualität gescheitert waren". Leider läßt sich 
die Frage ebensowenig entscheiden wie die oben behandelte Frage, ob 
eine Homosexualität überhaupt nachzuweisen sei. 

In einer andern Hinsicht spricht dieser Fall entscheidend gegen 
die Auffassung Freuds. „Wir haben bisher den den Fall Schreber 
beherrschenden Vaterkomplex und die zentrale Wunschphantasie 
der Erkrankung behandelt. An alledem ist nichts für die Krankheits- 
form der Paranoia Charakteristisches, nichts was wir nicht bei anderen 
Fällen von Neurose finden könnten und auch wirklich gefunden haben. 
Die Eigenart der Paranoia (oder der paranoiden Demenz) müssen wir 
in etwas anderes verlegen, in die besondere Erscheinungsform der Sym- 
ptome, und für diese wird unsere Erwartung nicht die Komplexe, 
sondern den Mechanismus der Symptombildung oder den der Verdrän- 
gung verantwortlich machen. Wir würden sagen, der paranoische 
Charakter liegt darin, daß zur Abwehr einer homosexuellen Wunsch- 
phantasie gerade mit einem Verfolgungswahne von solcher Art reagiert 
wird." 

Denn in diesem Falle lag die ganze Verfolgung schon im Komplexe. 
Um der Krankheit die Form des Verfolgungswahnes zu geben, reichte 
die Identifizierung und deren Durchsetzen des Ichs hin ; es war kein 
besonderer Symptombildungsmechanismus nötig. Die Projektion nach 
außen war schon im Komplexe durchgeführt. — Ob dieses Verhältnis 
bei der Paranoiabildung gewöhnlich ist, oder ob dieser Fall als Ausnahme 
betrachtet werden soll, wird die kommende Forschung entscheiden. 
Der Gedanke, daß der Paranoiker sich nicht mit einem Verfolgten, 
5 3.- 



8 *2 Paul Bjerre. 

mit einem König usw. im allgemeinen identifiziert, sondern mit einem 
bestimmten Menschen, ist schon, früher ausgesprochen worden. Wenn 
es richtig ist und allgemeine Gültigkeit beanspruchen kann, so würde 
man hier eine sichere Richtschnur für die Paranoiaforschung finden 
können. 

Es fragt sich dann, wo das spezifisch Paranoische in diesem Falle 
zu suchen ist, da auch der Mechanismus der Symptombildung neuroti- 
scher Natur war. Vielleicht ist man zu antworten geneigt, daß es nichts 
solches gibt, um daraus zu folgern, daß der Fall zur Hysterie gerechnet 
werden soll; darin würde man also die Ursache finden, daß er geheilt 
werden konnte. Tatsächlich ist es wahr, daß weder in den erbauenden 
Kräften noch in ihrer Weise zu wirken bisher etwas Spezifisches nach- 
gewiesen wurde. Aber, daß es diesen Kräften gelang, auf diese Weise eine 
derartige Krankheit zu organisieren, das setzt eine Eigentümlichkeit in 
der psychischen Konstitution voraus, und es scheint mir nicht schwer 
diese zu finden. Bei der Behandlung fand die Patientin selbst Anlaß, 
mir zu erklären, daß sie überhaupt nie mit dem Intellekt, sondern 
immer mit den Gefühlen gedacht. Mit diesem Ausdrucke wollte sie ihre 
Unfähigkeit, eine Sache klar zu erfassen, bezeichnen. 

Beize 1 ) hat zu beweisen versucht, daß gerade diese Unfähigkeit 
das Primärsymptom der Paranoia ist. Er faßt seine Ansichten folgender- 
maßen zusammen: 

1. Es gelingt aus den als Paranoia bezeichneten Krankheitsfällen 
eine bestimmte Gruppe auszusondern, welche durch die chronische 
Wahnbildung charakterisiert ist. — Diese Gruppe wird also von Fällen 
einer Krankheit sui generis gebildet. 

2. Die psychopathologische Grundlage dieser Krankheit ist eine 
Störung der Apperzeption, welche darin besteht, daß der Vorgang der 
Erhebung eines psychischen Inhaltes in den inneren Blickpunkt er- 
schwert ist. 

3 a). Diese Störung führt zunächst das Gefühl des Erleidens im 
Anschluß an die passive Apperzeption herbei. 

3 6). Diese Störung zieht zweitens das Ausbleiben einer Eeihe 
von Apperzeptionsakten, die beim Gesunden anstandslos vor sich gehen, 
nach sich. (Darauf besonders beruht die Kritiklosigkeit der Paranoiker.) 

Ich gehe an dem Versuche Berzes vorbei, alle die paranoischen 
Symptome aus dieser Quelle abzuleiten. Es scheint mir nicht ohne ge- 
zwungene Konstruktionen möglich. Wenigstens kann dieser Fall kein 

1 ) Berze, Über das Primärsymptom der Paranoia. Halle 1903. 



Zur Radikalbehandlung der chronischen Paranoia. 843 

Beleg dafür sein, daß aus diesem Gefühl des Erleidens der Wahn des 
Geschädigtwerdens und daraus der Verfolgungswahn abzuleiten sei 1 ). 

Er meint, daß diese Apperzeptionsstörung sich allmählich in der 
Zeit vor dem Ausbruche der Krankheit entwickelt. In diesem Falle 
würde man eher von einer angeborenen Minderwertigkeit der Apper- 
zeptionsfunktion sprechen können. Ich erinnere an die Unlust, mit 
welcher die Patientin jedem klaren Bewußtwerden eines Erlebnisses 
während der Behandlung zu entweichen suchte. Daß sie dasselbe im 
Grunde immer getan, werde ich gleich zu zeigen versuchen. Zuerst 
möchte ich aber die Aufmerksamkeit auf eine noch tiefere Ergründung 
dieser Minderwertigkeit lenken. 

Daß das Gefühlsleben, die Affektivität, als die treibende Kraft 
des Lebens betrachtet werden muß, wird ja als eine nicht zu verneinende 
Tatsache immer mehr anerkannt. Es scheint mir aber, daß die Bedeutung 
dieser Kraft bei der Bildung der Vorstellungen und also beim Erbauen 
der Seele im allgemeinen nicht genug geschätzt wird. Ich selbst 
teile hierüber die Meinung, welche Prof. Hans Larsson 2 ) also aus- 
gedrückt hat: — „Es scheint mir, wenn ich mich einer so weit 
möglich unbetonten Vorstellung gegenüberstelle, als ob sich zwischen 
mir und dieser Vorstellung ein Rapport herstellte, den ich als 
emotionell bezeichnen muß, der weder kognitiv noch volitionell ist; 
und es scheint mir auch, als ob diese Vorstellung ihre Intensität 
für mich verlieren würde in dem Maße, wie dieser Rapport, diese 
Spannung zwischen dem Ich und dem Nicht-Ich, schwächer würde. 
Und ich bin sicher, daß ein jeder, der abstraktionsweise versucht, dieses 
Gefühl aus dem Bewußtsein zu eliminieren, finden wird, daß eine solche 
Elimination die Vernichtung des Bewußtseins sein würde. . . . Ich will 
doch bemerken, daß ich nicht sicher bin, ob das Gefühl in seinem inner- 
sten Wesen Lust oder Unlust ist. Vielleicht ist es eher ein Gefühl von 
Realität, wenn auch als solches immer einigermaßen in Lust oder Unlust 
differenziert". 



*) Bleuler kritisiert diese Auffassung also: „Diese Auffassung ist falsch, 
weil immer nur ein ganz geringer Teil aller Wahrnehmungen verändert ist. Auch 
bei einem schwer Kranken kommen viele Tausende normaler Apperzeptionen 
auf eine, die im paranoischen Sinne gefälscht wird". Ich kann dieser Kritik nicht 
beistimmen. Es gibt eine Störung und nicht eine Zerstörung der Apperzeptions- 
funktion. Die Störung macht sich erst bemerkbar, wenn noch andere, besondere 
Verhältnisse die Apperzeption erschweren, z. B. die später zu erwähnende In- 
anspruchnahme der Aufmerksamkeit. 

2 ) Hans Larsson, Gränsen mellan Sensation och emotion. Lund 1911. 



Ö44 Paul Bjerre. 

Ich meine jetzt, daß die angeborene Minderwertigkeit der Patientin 
gerade hier ihre letzte Wurzel hat. Sie ist mit einem Mangel an „Gefühl 
für Realität" geboren, welcher macht, daß ihr jede Erfassung der Realität 
erschwert wird. Die erste Wirkung davon ist, daß die Apperzeption 
ihr eine größere Mühe bereitet, als es normalerweise sein soll. Um dieser 
Mühe zu entgehen, fängt sie schon in der frühesten Kindheit an, der 
äußeren Realität zu entfliehen, und dadurch entsteht ihre übergroße 
Neigung zum Tagträumen, Märchen, Phantasieren. So erklärt sich auch 
ihre Schwierigkeit, die innere und äußere Welt zu trennen, und ihre davon 
stammende Unsicherheit im Verkehr mit Menschen, „sie mußte sich 
immer hinter der Schwester, die für beide redete, verbergen". Auffallend 
ist es, wie oft man dieser Schwierigkeit in der Familiengeschichte des 
Vaters begegnet, nicht nur bei der Tante der Patientin, die gerade dafür 
bekannt war, sondern auch bei den Querulanten. Wenn ein Konflikt 
zwischen den Produkten ihrer freien Phantasie und der Realität ent- 
stand, hatte die Patientin immer eine unmittelbare Neigung, der ersteren 
nachzugehen. Unzählige kleine Züge würden hervorgezogen werden 
können, um dieses zu beleuchten. Alles dieses macht es einerseits ver- 
ständlich, daß das eigentümliche Verhältnis zum Korrespondenten ihr 
größtes Erlebnis und tatsächlich die einzige mögliche Erlösang ihrer 
Sexualität werden konnte; anderseits versteht man auch, daß damit 
ein ausgezeichneter Boden für pathogene Prozesse geschaffen war. 

Es versteht sich von selbst, daß die Bedeutung einer Verdrängung 
wie jedes anderen pathologischen Mechanismus von nichts so sehr ab- 
hängig ist wie von dem Boden, in welchen er aufgenommen wird und 
weiter arbeitet. Es scheint mir jetzt einsichtlich zu werden, warum die 
früher studierten Mechanismen der Patientin so verhängnisvoll wurden. 

Der männliche Protest führte frühzeitig in ihr Gefühlsleben eine 
Spannung ein, die sich nicht wieder löste. Durch die später eintretende 
Fixierung der Sexualität wurde die Patientin des kräftigsten Hebels 
der Gefühlsentwicklung beraubt, welcher sie allein aus der träumerischen 
Unsicherheit zur Realität hätte erheben können. Diese und ähnliche 
Schäden des Gefühlslebens bekamen ihre große Bedeutung, gerade weil 
dieses vom Hause aus einen schwachen Punkt hatte; alles arbeitete 
gegen das Ziel, das minderwertige Realitätsgefühl zu zerstören. Sehr 
beachtenswert ist die Tatsache, daß diese Zerstörung schon vor dem An- 
fange der Korrespondenz so weit vorgeschritten war, daß sie sich in 
den Vorgängen der Außenwelt sehr schwer täuschen konnte. Sie hat 
mir z. B. erzählt, und es gibt in der Biographie eine Beschreibung dieses 



Zur Radikalbehaudlung der chronischen Paranoia. 845 

Erlebnisses, daß sie eine Zeitlang, da sie etwa 17 Jahre alt war, glaubte, 
antipathischen Gefühlen und Beleidigungen eines jungen Mannes aus- 
gesetzt zu sein; sie war sehr erstaunt, da dieser eines Tages erzählte, 
daß er sie liebte und alles getan hatte, um ihr zu gefallen. — Da nun nach 
dem Einsturz der Sublimierung, in welcher sie in 20 Jahren den festen 
Punkt des Lebens gehabt, hatte, ihr Gefühlsleben in Auflösung geriet, 
so wurde vor allem der schwache Punkt davon getroffen, und sie glitt 
immer mehr aus der Realität heraus. Bei dem endlichen Durchbrechen 
des Verfolgungskomplexes gab es kein Kealitätsgefühl, das diesem 
Widerstand leisten und es innerhalb der Grenzen der Zwangskrankheit 
zurückdrängen konnte ; es gelang dem Komplexe, sich vollständig durch- 
zusetzen und eine Paranoia zu konstituieren. Dazu wirkte ein besonderer 
Umstand mit. Es wurde oben hervorgehoben, daß die erste "Wirkung der 
Verminderung des Realitätsgefühles eine Erschwerung der Apperzeption 
ist. Nun aber wird die Apperzeption der äußeren Welt um so mehr 
erschwert, je mehr die Aufmerksamkeit von einem inneren Vorgang 
in Anspruch genommen wird. Beim Durchbruch des Verfolgungs- 
komplexes zog dieser die Aufmerksamkeit der Patientin so stark an 
sich, daß die schon mangelhafte Apperzeption noch mehr außer Funktion 
gesetzt wurde. So entstanden die Sinnes- und Erinnerungstäuschungen, 
welche, einmal gebildet, ihrerseits die Entwicklung des Wahnes unter- 
stützten. 

Ohne diese konstitutive Grundlage hätten alle Konflikte und 
Schädlichkeiten nicht die Patientin zu einem Opfer der Paranoia 
machen können. Sie wäre auf dem Boden der Hysterie oder vielleicht 
gesund geblieben. 

Diese ganze Frage nach der letzten Ursache der Paranoia- 
bildung kann jetzt von einer andern Seite betrachtet werden. Oben 
wurde die Ansicht ausgesprochen, daß der Wahn als eine Sicherungs- 
tendenz aufgefaßt werden kann. Wenn man den Gesichtspunkt „Krank- 
heit" negativ nennt, so kann der Gesichtspunkt „Sicherungstendenz'- 
positiv genannt werden. Ebenso wie die Wahnbildung in einer ne- 
gativen konstitutionellen Eigenschaft, einer Minderwertigkeit, wurzelt, 
so wurzelt sie auch in einer positiven, einer Überwertigkeit. Als Minder- 
wertigkeit wurde das mangelhafte Gefühl für die äußere Realität 
aufgefaßt. Als Überwertigkeit fasse ich ein um so stärkeres Gefühl für 
die inneren Vorgänge auf; aus diesem entsproß ihre sehr lebendige und 
schöpferische Phantasie. Nachdem diese in den Dienst der erwachenden 
Sexualität getreten war, entwickelte sich bei ihr ein selten starkes 



846 Paul Bjerre. 

Sublimierungsvermögen. Dank diesem Vermögen rettete sie sich auf 
originelle Weise aus dem sonst unlösbaren sexuellen Jugendkonflikte; 
das Verhältnis zum Korrespondenten kann als eine Sicherungstendenz 
aufgefaßt werden, die aufzurichten ihr auf dem Wege der Sublimierung 
gelang. Bei dem zweiten großen Konflikt ihres Lebens, dem Einsturz 
dieser Sublimierung, traten die phantastisch schöpferischen Kräfte 
wieder in Wirksamkeit. Es gelang ihnen auch jetzt, eine Sicherungs- 
tendenz aufzurichten, und zwar den Wahn. Der Unterschied zwischen 
diesen beiden Schöpfungen stammt daher, daß die erste von der Liebe 
bewerkstelligt wurde und durchaus die Züge der Liebe trug; — das 
zweite Mal war aber die Liebe tot, der Haß herrschte und prägte die 
Schöpfung mit seinen Zügen. 

* * 

* 

Durch diese Auseinandersetzung hoffe ich den Aufbau der Krank- 
heit einigermaßen verständlich gemacht zu haben. Es wird dann erübrigen, 
auch den andern in diesem Falle zu studierenden Vorgang, die Heilung, 
verständlich zu machen. Diese ist wohl im Grunde nicht so einfach 
vor sich gegangen, wie es nach der Beschreibung der Behandlung 
scheinen möchte. Einige Bemerkungen müssen also zu dem dort Ge- 
sagten hinzugefügt werden. 

Als die Patientin zur Behandlung kam, war sie ein Opfer un- 
bewußter Komplexe, und ihre Seele stand noch unter dem Druck 
aller Kräfte, mit deren Hilfe diese Komplexe den Wahn geschaffen 
hatten, der männliche Protest, die Verdrängung, der Haß usw. Die 
Heilung konnte nicht eintreten, ohne daß diese Kräfte abgespannt, 
außer Funktion gesetzt wurden, und auch nicht, ohne die Komplexe 
bewußt zu machen. Bei einer so tiefen Verwandlung ist es notwendig, 
nicht nur mit den früher erwähnten Faktoren, Analyse, Suggestion 
usw. zu rechnen. Man muß auch, und dies vor allem, dem unmittel- 
baren Einflüsse, welchen der Arzt, oft unbewußt, durch seine Person 
ausübt, Rechnung tragen. Leider gehört dieser zu den ungreifbaren 
Dingen, die sich kaum wissenschaftlich fixieren lassen. 

Ich habe schon früher erwähnt, daß der Ausgangspunkt des 
Heilungsprozesses ein Gefühl von Sicherheit war. Woher dieses kam, 
kann nicht näher bestimmt werden; aber ich bin der Meinung, daß ein 
Arzt, der seinen Patienten nicht unmittelbar dieses Gefühl eingibt, 
sich von der Psychotherapie fernhalten soll. Dieses Gefühl von 
Sicherheit wurde stärker, in dem Maße als die Patientin fand, daß ich ihre 



Zur Radikalbehandlung der chronischen Paranoia. 847 

seelische Situation beherrschte, und daß ich in meinen Behauptungen 
recht hatte. Dazu kamen allmählich Züge von Dankbarkeit. Ich muß 
betonen, daß die Patientin in ihrer persönlichen Einstellung gegen 
mich niemals die große Distanz zu überschreiten versuchte, die ich immer 
als ein Gegengewicht gegen die Notwendigkeit, über so intime Verhält- 
nisse zu sprechen, aufrecht halte. Sie hat mich niemals mit unnötiger 
Unterhaltung, Briefen, Blumen usw. belästigt. 

Bei der Abspannung des männlichen Protestes hat es wohl eine 
Rolle gespielt, daß ich nie mit einem einzigen Worte gegen sie prote- 
stierte. Auch da sie mit ihren kräftigsten Ausfällen gegen den Mann kam, 
hörte ich ruhig auf alles, was sie zu sagen hatte, und meinte, daß sie im 
Grunde recht hatte. Aber viel wichtiger ist es, daß sie allmählich unter 
den Einfluß meiner eigenen Meinung kam, daß aller derartiger Streit 
unerhört töricht ist. Ich brachte ihr das Gefühl bei, daß der Streit 
zwischen den Geschlechten nicht im Wesen der Natur begründet, 
sondern nur eine Konstruktion disharmonischer Menschen ist; und 
darum gab sie den Protest auf. Damit trocknete eine Quelle anti- 
pathischer Gefühle aus und der Haß verlor seine Intensität. Sobald sie 
wirklich vom Herzen Dankbarkeit gegen einen einzigen Menschen 
fühlte, mußte der Haß verschwinden. 

Eine wie große Rolle die Sexualität bei dieser Gefühlsübertragung 
spielte, ist natürlich auch nicht zu entscheiden. Die Antwort ist vor 
allem davon abhängig, wie weit man den Sexualitätsbegriff aus- 
dehnt. Ohne Zweifel haben ja alle Gefühle mit der Sexualität irgend 
einen Verbindungsfaden, aber es scheint mir einseitig, unter Ver- 
hältnissen wie diese denselben zur Hauptsache zu machen. Man darf 
nicht vergessen, daß die Krankheit überhaupt nicht auf dem Wege 
der Sexualbefreiung hätte beeinflußt werden können. So wie die Pa- 
tientin beschaffen war, gab es für sie nur einen Weg zur Heilung, wie es 
für sie nur einen Weg zum Leben gegeben hatte: die Sublimierung. 
Die Person des Arztes hatte für sie sicherlich eine weit größere Rolle als 
möglicher Gegenstand für Sublimierungsübertragung als für Sexual- 
übertragung gespielt. In letzter Linie; ist das Wesen der Heilung wohl 
darin zu suchen, daß die positive schöpferische Phantasie irgend eine 
Sublimierung ausarbeitete, welche den durch die Behandlung rück- 
gängig gemachten Wahn ersetzte. 

Wenn der Wahn nach Freud als eine Art Spontanheilung aufzu- 
fassen ist, so hob also die Behandlung diese zugunsten einer besseren auf. 



Alkohol und Neurosen. 

Von Prof. E. Bleuler (Burghölzli). 

In seiner Arbeit über die Rolle der Homosexualität in der Patho- 
genese der Paranoia (Jahrbuch für psychoanalytische usw. Forschungen, 
III.Bd., 1. Hälfte, Leipzig und Wien, Deuticke, S. 106) schreibt Ferenczi: 

„Die einseitige agitatorische Tätigkeit der Antialkoholisten sucht 
die Tatsache, daß der Alkoholismus in den allermeisten Fällen eine 
allerdings unheilvolle Folge und nicht die Ursache der Neurosen ist, 
zu verschleiern. Den individuellen wie den sozialen Alkoholismus 
kann nur die Analyse heilen, die die Ursachen der Flucht in die Narkose 
aufdeckt und neutralisiert. Oberstabsarzt Dr. Drenkhahn hat aus 
der Morbiditätsstatistik der deutschen Armee nachgewiesen, daß, infolge 
der antialkoholistischen Propaganda der letzten Jahre, die Zahl der 
„Alkoholerkrankungen" in der Armee von 4*19 : 10.000 rasch auf 
- 7 : 10.000 gesunken ist, daß aber dafür die Zahl der Erkrankungen 
an sonstigen Neurosen und Psychosen in demselben Maße gestiegen 
ist. (Deutsche Militärzeitschrift vom 20. Mai 1909.) Die Ausrottung 
des Alkoholismus ist also nur scheinbar eine Verbesserung der Hygiene. 
Der Psyche, wenn ihr der Alkohol entzogen wird, stehen zahlreiche 
andere Wege der Flucht in die Krankheit zu Gebote. Und wenn dann die 
Psychoneurotiker, statt an Alkoholismus, an Angsthysterie oder De- 
mentia praecox erkranken, bedauert man den riesigen Aufwand von 
Energie, der gegen den Alkoholismus an der unrechten Stelle in Gang 
gesetzt wurde." 

Diese überraschende Notiz veranlaßte mich, die Arbeit Drenk- 
hahns nachzulesen, wobei sich herausstellte, daß allerdings der Autor 
einen Zusammenhang zwischen der Abnahme der Alkoholkrankheiten 
im Heere und der Zunahme der Nerven- und Geisteskrankheiten voraus- 
setzte. Statt eines Beweises dieser Hypothese, wie Ferenczi meint, 
fand ich aber das Gegenteil, einen ganz klaren Beweis, daß der Zusammen- 
hang nicht existiert. Was Drenkhahn im Textteil schreibt, ist eine 
Wunschphantasie, die im direkten Widerspruch mit der Realität seiner 



Alkohol und Neurosen. 849 

Zahlen steht. Die Kurve der Alkoholkrankheiten hatte 1886 — 1887 
mit 4-19 pro 10.000 ihren Höhepunkt erreicht und sank dann in drei 
Jahren, d. h. bis 1889 — 1890, auf 1-65. Von da an nahm sie mit einigen 
Schwankungen in langsamerem Tempo noch weiter ab, um im Jahre 
1905—1906 0-7 pro 10-000 zu erreichen. 

Die Kurve der Geisteskrankheiten blieb bis 1889 — 1890 gleich- 
mäßig zwischen 0-2 und 0~4 pro 1000. Von da an fing sie an zunächst 
langsam zu steigen, indem sie 1899—1900 0-6°/ 00 erreichte, um dann 
bis 1905 — 1906 auf l'l emporzuschnellen. Wir sehen also, daß einem 
plötzlichen Fallen der Alkoholkurve gar kein Steigen der Psychosen- 
kurve entspricht und daß dann ein gleichmäßiges, langsames Sinken 
der Alkoholkurve in seiner ersten Hälfte von einem ganz langsamen, 
in der zweiten Hälfte von einem rapiden Anstiege der Kurve der Geistes- 
krankheiten begleitet ist. Bestünde ein Zusammenhang zwischen den 
beiden Tatsachen, wie ihn Ferenczi annimmt, in dem Sinne, daß 
die Unmöglichkeit, die Komplexe im Alkohol abzureagieren, eben 
die Flucht in die Neurose nötig mache, so müßten die beiden Kurven 
einander entsprechen. 

Drenkhahn führt dann auch noch die Kurve der Neurasthenie 
und Hysterie an, die im Jahre 1897 — 1898 mit 0-68% beginnt und 
bis 1905—1906 auf 1'7% steigt. Die Neurosen hätten sich also um 
zirka das Zweieinhalbfache vermehrt, in der gleichen Zeit, da die Alkohol- 
krankheiten nur um 2 / 5 abnahmen. 

Drenkhahn hat es unterlassen, die Statistiken anderer Länder 
zu vergleichen. Diese hätten ihm dargetan, daß sich dort in bezug auf 
die Zunahme der Nerven- und Geisteskrankheiten ähnliche Verhältnisse 
finden, während der Kampf gegen den Alkoholismus dort viel früher 
eingesetzt hat (England) oder gar nicht so energisch respektive ganz 
unwirksam geführt wird. 

Ein Zusammenhang zwischen Abnahme der Alkoholkrankheiten 
und der Zunahme der Neurosen und Psychosen ist also auszuschließen. 
Es bleibt noch zu erklären, wie es denn kommt, daß in einer Zeit, da 
die Alkoholerkrankungen noch langsam abnehmen, die Neurosen und 
Psychosen so rapid zunehmen. Die Antwort hat Drenkhahn selbst 
gegeben. Früher hieß es — wie er nach einem älteren Militärarzt an- 
führt, — Neurasthenie darf es bei den Soldaten nicht geben, denn sonst 
müßten wir schließlich bei der Aushebung fragen: „Hast du Lust zu 
dienen oder nicht?" — „Wenn nicht, bist du Neurastheniker." Dr e n k- 
hahn meint allerdings, dieser „praktische" Grundsatz sei früher 

Jahrbuch für psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen. III. °* 



850 E. Bleuler. 

durchführbar gewesen, jetzt aber nicht mehr, eben weil es zu viele 
Nervenkrankheiten gebe. 

Wenn diese letztere Meinung richtig wäre, so müßte sie sich beweisen 
lassen. Es hat aber noch niemand bewiesen, daß die Nerven- und Geistes- 
krankheiten in der Armee wirklich in erheblichem Maße zugenommen 
haben. Es existiert im Gegenteil unter anderm eine sehr schöne Arbeit 
von Stier x ), die nachweist, daß es sich im wesentlichen nicht um eine 
Vermehrung der betreffenden Krankheiten handelt, sondern um eine 
Verschiebung der Diagnosen. Denn nur durch eine solche läßt sich 
z. B. die Tatsache erklären, daß die organischen Nervenkrankheiten 
in der gleichen Zeit beim Militär sehr stark abgenommen haben, während 
sie in der Zivilbevölkerung gleich geblieben sind. Ebenso hat die Sammel- 
rubrik der „anderen Nervenkrankheiten" nur in den Jahren 1896 — 1899 
in der preußischen Armee um 16%, in der bayerischen gar um 30% 
abgenommen. Daß diese Verschiebung der Diagnosen kommen mußte, 
ist denn auch jedem klar, der nur ein wenig die wissenschaftlichen und 
militärischen Verhältnisse kennt. Die ältere Generation der Ärzte 
wußte fast nichts von der Neurasthenie ; und um eine männliche Hysterie 
zu diagnostizieren, brauchte es bis vor nicht allzu langer Zeit einen 
besondern Mut. Daß die Militärdiagnostik mit ihrer Routine und ihrem 
Schematismus den Wandlungen der Wissenschaft erst nachhinken 
muß, ist selbstverständlich. Wir wissen ferner, daß die bessere Kenntnis 
der Neurosen und der leichteren Geisteskrankheiten, die erst die letzten 
15 — 20 Jahre gebracht haben, die Folge hatte, daß man die Bedeutung 
dieser Krankheiten für das Heer auch an den maßgebenden Stellen 
eingesehen hat, daß man bei Soldatenmißhandlungen und vielen ähn- 
lichen Fällen, wo man früher nie daran gedacht hätte, jetzt nach Geistes- 
krankheit der Soldaten sucht, daß man, gerade um solche Mißhand- 
lungen zu verhüten, mit viel mehr Energie auf die latenten Psychosen 
fahndet, und daß man nun die Militärärzte in die neurologischen und 
psychiatrischen Kliniken abordnet; wenn man das überlegt, dann weiß 
man auch, daß die Diagnose der funktionellen Krankheiten nun sehr 
viel häufiger gemacht werden muß als früher, wo es nach Drenkhahn 
selbst „Neurasthenie bei den Soldaten nicht geben durfte", und man 
mit Bewußtsein hysterische Aphonien unter die Kehlkopfkatarrhe 
rubrizierte! Eine Neurasthenie fehlte vor 1897 in den Tabellen nicht 
deshalb, weil es keine Neurasthenien gab, sondern deshalb, weil die 

*) Die Bedeutung der Nerven- und Geisteskrankheiten in der Armee im 
Lichte der Sanitätestatistik. Deutsche militärärztliche Zeitschrift. 1905. N. 8 f. 



Alkohol und Neurosen. 85 L 

Krankheit sich erst kurz vorher das allgemeine Bürgerrecht in der 
deutschen Diagnostik errungen hatte. Die Kenntnis der Herzneurosen 
ist noch junger usw. Stier führt aber außerdem noch verschiedene 
Tatsachen an, die beweisen, daß auch jetzt noch viele Neurosen unter 
anderen Namen rubriziert werden, so unter den organischen Gehirn- 
krankheiten, von denen die ganz unmögliche Zahl von 45% in Dienst- 
fähigkeit ausgingen, und er spricht es geradezu aus, daß sich die Neurosen 
und Psychosen in den Militärtabellen auch jetzt noch erheblich ver- 
mehren können, ohne daß man deshalb eine Mehrzahl an Erkrankungen 
annehmen dürfe 1 ). 

So reden die Tatsachen, und so urteilt ein Mann, der weiß, was 
er sagt. Daß ich Ferenczi so energisch widersprechen muß, tut mir 
leid, und noch mehr tut es mir leid, daß ich in seiner schönen Arbeit, die 
einige hochinteressante Beobachtungen und so anregende Gedanken 
enthält, die Wiederholung des unangebrachten Bierwitzes von Drenk- 
hahn fand. Wir Psychanalytiker sollten uns ganz besonders vor solchen 
Fehlern zu hüten gelernt haben. Sehen wir doch, in wie leichtfertiger 
Weise man uns bekämpft, nicht weil wir unrecht hätten, sondern weil 
unsere Ansichten den meisten so wenig in den Kram passen wie die 
Abstinenz den Trinkenden. 

Vergessen wir aber auch nicht, daß gerade die Psychanalytiker 
doppelt auf der Hut sein müssen, in Dingen, die in die Ethik hinein- 
langen, uns eine Blöße zu geben. Die psychanalytische Erkenntnis 
bringt uns in sexuellen Fragen da und dort in Widerspruch mit dem, 
was manche als sexuelle Ethik auffassen; meiner Ansicht nach wird 
auch dieser Widerspruch in unseren Kreisen hin und wieder etwas 
überschätzt. Doch tut das letztere hier nichts zur Sache; sicher ist, 
daß wir wegen unserer Stellung zur theoretischen sexuellen Ethik 
viele Vorwürfe hören müssen, die von dem urteilslosen Publikum deshalb 
nicht weniger als berechtigt angesehen werden, weil sie unbegründet 
sind. Warum noch leichtfertig einen neuen Vorwurf auf die Psychanalytik 

*) Das Militär bildet nur einen kleinen Teil der trinkenden Bevölkerung. 
Es ist kein Ruhm für Drenkhahn, daß er gar nicht versucht hat, seine 
Theorie mit den Verhältnissen der Allgemeinheit in Zusammenhang zu bringen. 
Nun glaubten bis jetzt diejenigen, die sich um diese Dinge kümmerten, zu 
wissen, daß in der Zivilbevölkerung die Neurosen und Psychosen mit dem 
Überhandnehmen des Alkoholgenasses nicht abnahmen. Man hat sogar allgemein 
angenommen, daß die beiden Erscheinungen einander fördern. Und man kann 
diese Ansicht begründen, wenn auch noch viele Arbeit getan werden muß, 
bis alle wichtigen Zusammenhänge klar gestellt sind. 

54* 



852 E. Bleuler. 

laden, über den man sich nicht so leicht hinwegsetzen könnte, weil 
er eben berechtigt wäre. Wer die Sachen nicht studiert hat, hat keinen 
Begriff, wie wichtig die Alkoholfrage für unser soziales Leben und 
für die Rassenhygiene, ja für unsere Kultur und die Existenz unserer 
Rasse ist. Es ist Pflicht, sich lieber zehnmal zu viel zu besinnen als dem 
Braukapital Gelegenheit zum Ausstreuen neuer Lügen zu geben und 
die Ausreden zur Beibehaltung der stumpfsinnigen Trinksitten ver- 
mehren zu helfen. Wir Psychanalytiker wissen ja besser als andere, 
daß man glaubt, was man wünscht. Und man wünscht zu trinken. 

Aber auch von der rein wissenschaftlichen Seite aus gesehen, ist 
die Alkoholfrage eine ebenso wichtige wie komplizierte. Wer sie nicht 
ernsthaft studieren will, dem möchte ich ein energisches hands off 
zurufen. Er kann sich nicht auskennen in dem Labyrinth von be- 
wußten und unbewußten Lügen, die seit bald einem Jahrhundert 
systematisch in die Welt gesetzt werden, in dem Wirrwarr von un- 
geklärten Beziehungen, auf die ganz unnötigerweise viel Gewicht 
gelegt wird, in den leichtfertigen Behauptungen von beiden Seiten, 
in den unzähligen intellektuellen und namentlich affektiven Asso- 
ziationen, die wider und namentlich für den Alkohol plaidieren. 

Daß gerade die psychologische Tiefenforschung sich mit dem 
Alkohol auseinanderzusetzen haben wird, ist selbstverständlich. Bis 
jetzt kennen wir aber kaum mehr von den Zusammenhängen des Alkohols 
mit unserem Komplexleben als das Publikum, das den Alkoholismus 
eines Mannes auf die Bosheit der Frau oder auf die plötzliche Krankheit 
seines Schweines zurückführt. Jeder Mensch hat seine Komplexe, 
und wir wissen, daß jeder Trinker die seinigen neben den anderen ebenso 
blödsinnigen Ausreden benutzt, um seine Schwäche zu motivieren. 
Ein Wissenschafter, der mit diesen Leuten gleicher Ansicht sein will, 
muß nicht bloß die selbstverständliche Koinzidenz von Alkoholismus 
und Komplexen konstatieren, sondern auch den kausalen Zusammen- 
hang der beiden Dinge. Letzteres ist noch nicht geschehen. Die Formel 
vom Vergessen des Schlimmen als Analogie der Verdrängung ist mit 
den Tatsachen noch lange nicht zum Decken gebracht worden. Ich 
möchte auch noch nicht glauben, daß es eine wesentliche Wirkung 
des Alkohols sei, die Sublimierungen rückgängig zu machen. Was für 
Sublimierungen umgekehrt bei einem patriotischen oder sonstwie 
moralischen Feste unter dem Alkoholeinfluß manifest werden, weiß 
doch jeder, der zu beobachten versteht. 
Also Vorsicht! 



Alkohol und Neurosen. 

(Antwort auf die Kritik des Herrn Prof. Dr. E. Bleuler). 
Von Dr. S. Ferenczi (Budapest.) 



Bei einer früheren Gelegenheit gab ich der Überzeugung Ausdruck, 
daß die statistische Methode in der Psychologie nur geringen Wert habe, 
erstens, weil hier die Höhe der Zahlen für den Mangel an Tiefe der Einzel- 
beobachtungen nicht entschädigen kann, zweitens aber, weil bekannt- 
lich Zahlen sich allzuleicht den Intentionen der Autoren fügen und sich 
tendenziös gruppieren lassen. Es tut mir leid, daß ich in der von Herrn 
Professor Bleuler kritisierten Arbeit meinem Prinzipe untreu wurde 
und mich zur Stütze einer Behauptung auch auf eine statistische Arbeit 
des Oberstabsarztes Dr. Drenkhahn berief. Ich hätte voraussehen 
sollen, daß die Schwäche jeder der statistischen Argumentation 
von antialkoholistischer Seite als Angriffspunkt gegen die von mir 
vorgeschlagene Anschauungsweise der Alkoholpsychosen benutzt werden 
wird, was nun tatsächlich eintraf. 

Ich fühle mich aber nicht berufen, auf die kritische Sichtung des 
von Drenkhahn bearbeiteten statistischen Materials einzugehen 
und zu entscheiden, ob das, was er vorbrachte, wirklich nur ein „Bier- 
witz" und als Beweismoment wertlos ist oder nicht. Ich berief und 
berufe mich nur auf das Ergebnis, zu dem er gelangte und das mit 
meinen analytischen Erfahrungen übereinstimmt, ohne mich für die 
Genauigkeit seiner Angaben einzusetzen. 

Wogegen ich aber mich mit derselben Energie, mit der Herr Prof. 
Bleuler meine Bemerkungen angreift, verwahren muß, ist die Er- 
weckung des Anscheins, als ob meine Auffassung über die Bolle des 
Alkohols bei den Neurosen auf der statistischen Arbeit Drenkhahns 
und nicht auf eigenen individualpsychologischen Untersuchungen beruhen 
würde. 
5 4 



854 S, Ferenczi. 

Eine, vielleicht die entscheidendste dieser Beobachtungen, die 
Analyse eines Falles von Alkoholparanoia ist ja gerade in der kriti- 
sierten Arbeit mitgeteilt. Es wird dort gezeigt, wie der Latent-Homo- 
sexuelle nur dann zum Alkohol greift, wenn er in besonders schwierige, 
seiner Sexualkonstitution direkt widersprechende äußere Situationen 
gelangt (beide Verehelichungen), wie der Alkohol dann die Subli- 
mierungen zerstört und die homosexuelle Erotik in der Gestalt para- 
noischer psychischer Gebilde (Eifersuchtswahn) zutage tritt, während 
in der zwischen beide Ehen eingeschobenen Junggesellenperiode sich 
weder die Trunksucht noch die Paranoia manifestierte. 

Statt sich auf die Ablehnung der Drenkhahnschen Publikation 
zu beschränken, hätte sich Herr Professor Bleuler meiner Ansicht 
nach auch mit diesem, viel wichtigeren Teil meiner Arbeit auseinander- 
setzen sollen; bei seiner großen Erfahrung wäre es ihm ein leichtes 
gewesen, die von mir aufgestellten Behauptungen auf Grund eigener 
psychoanalytischer Untersuchungen zu überprüfen, sie zu erhärten oder 
zu modifizieren. 

Ich muß hier übrigens hinzufügen — was ich in der kurzen Notiz 
der Paranoiaarbeit nicht tun konnte — daß sich meine Ansicht über die 
Bedeutsamkeit psychologischer (respektive komplex-pathologischer) 
Motive beim Entstehen des chronischen Alkoholismus aus dem Er- 
fahrungsmaterial vieler Jahre allmählich herauskristallisierte. 

Es fiel mir auf, daß die Intoleranz gegen Alkohol, die man 
bisher leichtfertig mit der gesteigerten physiologischen Giftempfindlich- 
keit einfach identifizierte, der psychogenen Elemente nicht entbehrt, 
ja in gewissen Fällen hauptsächlich psychogen ist. Solange ich nur 
Fälle beobachtete, in denen relativ kleine Alkoholmengen unverhältnis- 
mäßig stark gewirkt haben, stellte auch ich mich mit der Theorie einer 
„Idiosynkrasie" zufrieden. Es kamen aber dann Personen unter meine 
Beobachtung, die nach wenigen Tropfen eines, nicht einmal stark 
konzentrierten alkoholischen Genußmittels einen regelrechten Rausch 
produzierten. In zwei Fällen schließlich bedurfte es gar nicht mehr 
der Einverleibung des Getränks; es genügte, daß der Patient das gefüllte 
Glas vor sich sah: und er agierte schon den Berauschten. Die Sym- 
ptomatik des „Rausches" bestand in beiden Fällen darin, daß der 
Patient sich Phantasien bewußt machen, sich aggressive oder verpönte 
Reden und Handlungen gestatten konnte, die er in nüchternem Zu- 
stande tief zu verdrängen pflegte; mit diesem Lautwerden der Kom- 
plexe ging eine Erleichterung sonst bestehender psychoneurotischer 



Alkohol und Neurosen. 855 

Zustände Hand in Hand. Dem alkoholfreien Rausche folgte dann ein 
ähnlicher Katzenjammer, wie der nach wirklichem Alkoholgenuß. 

Es war mir nach alledem nicht mehr zweifelhaft, daß man auch 
in anderen, nicht so extremen Fällen für die Symptome des Rausches 
nicht den Alkohol allein verantwortlich machen könne und daß dieser 
oft nur das auslösende Moment, der Zerstörer von Sublimierungen, 
der Beseitiger von Verdrängungstendenzen ist, dem der innere Drang 
nach Lustbefriedigung auf halbem Wege entgegenkommt. 

Ist bei einem Teil dieser „Intoleranten" der Alkoholgenuß ein 
unbewußter Versuch der palliativen Selbstbehandlung durch Zensur- 
vergiftung, so kannte ich anderseits auch Neurotiker, die sich bewußt 
und mit Erfolg dieses Mittels bedienten, nicht ohne sich dabei der Gefahr 
des chronischen Alkoholismus auszusetzen. Einem Agoraphoben z. B., 
dem kein sonstiges Narkotikum half, verhalf ein Schluck Kognak 
zu soviel Mut, daß er sogar die halbkilometerlange Donaubrücke zu 
passieren wagte. Sein Leben bestand in einem Hin- und Herschwanken 
zwischen Rausch und Neurose und es ist wirklich kein allzu gewagter 
Schluß, anzunehmen, daß, wenn ein solcher Mensch Alkoholiker wird, 
sein Alkoholismus eine Folge und nicht die Ursache seiner Neurose war. 

Wie wir uns die auslösende Wirkung des Alkohols vorstellen 
müssen, darüber brachte uns die geniale Arbeit von 0. Groß über den 
manischen Mechanismus einige Aufklärung. Wir haben von ihm 
gelernt, daß es Menschen gibt, die Manischen, die imstande sind, auch 
ohne Einführung von Luststoffen von außen, durch endogene Lust- 
produktion, deprimierende Gedankenkomplexe und depressive Affekte 
zum Schweigen zu bringen und zu überschreien. 

Ich glaube nun, daß der Neurotiker, der zum Schnapsglase greift, 
eigentlich dieser ihm mangelnden Fähigkeit zur endogenen Lust- 
produktion durch Alkoholgenuß nachhelfen ' will, was eine gewisse 
Analogie der hypothetischen endogenen Libidostoffe mit dem Alkohol 
vermuten läßt, wie denn auch die Symptomatologie des Rausches 
mit nachfolgendem Katzenjammer große Ähnlichkeiten zur zirkulären 
Psychose aufweist. Diese Überlegungen stützender zugleich die von mir 
aufgestellte Behauptung, daß der Alkohol in erster Linie für solche 
Persönlichkeiten gefährlich wird, die aus inneren Gründen ein gesteigertes 
Bedürfnis nach exogener Lustbefriedigung haben. 

Einen interessanten Einblick in die Beziehung zwischen Alkohol 
und Neurose gewinnt man auch durch die Beobachtung und die Analyse 
von Antialkoholisten. In mehreren Fällen ließ sich der antialkoholistische 



856 



S. Ferenczi. 



Eifer auf sexuelle Freiheiten, die der Antialkoholiker sich unter Selbst- 
vorwurf gestattet, für die er sich aber durch die Alkoholentziehung, 
also eine andere Art Askese, bestraft, zurückführen. Es stimmt dazu 
nicht schlecht, daß oft dieselben, die die absolute Alkoholabstinenz 
am lautesten fordern, mit der Gewährung von Sexualfreiheiten sehr 
freigebig sind. Diese Konstatierung sagt natürlich über den Wert der 
antialkoholistischen Bewegung nichts aus. Hat doch jeder Beruf 
(z. B. auch der psychoanalytische) seine disponierenden Momente in 
der Sexualkonstitution. Ich will auch nicht behaupten, daß der Anti- 
alkoholismus in jedem Falle auf solche Faktoren zurückzuführen ist. 
Ich wollte nur andeuten, daß auch die Flucht vor dem Alkohol oft 
eine neurotische (d. h. hauptsächlich vom Unbewußten konstellierte) 
Tendenz ist, eine Art Verschiebung des Widerstands. Der Alkoholiker 
hat seine Libido verdrängt und kann sie nur im Rausche wieder be- 
setzen; der neurotische Abstinenzler lebt seine Sexualität zwar aus, 
muß sich aber dafür einen andern, ähnlichen Wunsch versagen. Ein 
solcher Antialkoholiker erinnert mich an jenen Mann, von dem mir 
Professor Freud einmal erzählte. Dieser machte sich als kleiner Junge 
schreckliche Gewissensbisse darüber, daß er, während er gerade Eibisel- 
kipfel aß, unzüchtige Berührungen an einem kleinen Mädchen vornahm. 
Die nachträgliche Wirkung der Gewissensbisse war so stark, daß er 
seit dieser Zeit — keine Ribiselkipfel mehr ertragen konnte 1 ). 

Herr Prof. Bleuler kritisiert auch meine Behauptung, daß der 
Alkohol die Sublimierungen zerstöre. Dem widerspreche seiner Ansicht 
nach das oft zu beobachtende Lautwerden von patriotischen Subli- 
mierungen unter Alkoholeinfluß. 

Diese Entgegnung erinnert mich daran, daß ich es in meiner 
Arbeit unterließ, das quantitative Moment bei der Alkoholwirkung zu 
berühren. Kleine Mengen Alkohols können eben sehr wohl auch Sub- 
limierungen manifest werden lassen, die im Individuum fertiggebildet 
sind, sich aber infolge von Hemmungen nicht äußern können. .,— Wenn 
aber ein Betrunkener sub titulo „Patriotismus" gerührt seinen Tisch- 
nachbar umarmt und küßt, so kann vielleicht von schlecht larvierter 
homosexueller Erotik, keinesfalls aber von Sublimierung gesprochen 
werden. 

Auf Grund meiner Erfahrungen halte ich übrigens auch den Fall 
absolut nicht als ausgeschlossen, daß ein Neurotiker „infolge der Bos- 
heit seiner Frau oder nach der plötzlichen Erkrankung seines Schweines" 

*) Der Sexualbefriedigung frönte er aber auch weiterhin. 



Alkohol und Neurosen. 857 

sich dem Trunk ergibt. Das logische Denken mag dann — wie mein 
Kritiker — diese Motive des Trinkens für „blödsinnig" erklären und 
den Trinker der „Schwäche" beschuldigen; die Psychoanalyse findet 
aber tiefere Erklärungen für diese Vulnerabilität und diese ungenügende 
Motivierung der Handlungen. (Komplexempfindlichkeit, Verschiebung, 
Flucht in die Krankheit usw.). 

Ich las unlängst den Sammelbericht des Dr. H. Müller über die 
Arbeiten auf dem Gebiete der Alkoholpsychosen aus dem Jahre 1906 
bis 1910. Ich bekam aus der Lektüre des Berichts nicht den Eindruck 
besonderer Kompliziertheit, verstehe also nicht, warum Herr Professor 
Bleuler gleichsam einen Befähigungsnachweis von jedem fordert, 
der sich mit Alkoholfragen beschäftigen will. Nebenbei fand ich 
in dem Berichte eine ganze Reihe von Ansichten wiedergegeben, 
die die sekundäre, gleichsam nur auslösende Bedeutung des Alkohols 
bei den im Wesen endogenen alkoholischen Geistesstörungen vertreten. 
(Bonhoeffer, Souchanow, Stöcker, Reichardt, Mandel.) Auch 
ich stehe auf diesem Standpunkte, gehe aber einen Schritt weiter, 
indem ich an Stelle des unklaren Begriffs der Endogeneität die Freud- 
schen und Groß sehen Mechanismen setze. 

Die Befürchtung des Herrn Professor Bleuler, daß das urteilslose 
Publikum meine Ansicht über die Alkoholpsychosen ebenso mißverstehen 
kann wie Freuds Sexuallehre, teile ich zwar, sehe aber darin keinen 
Grund zur Verheimlichung meiner Anschauung. Hätte Freud auf die 
Urteilslosen ängstlich Rücksicht ["genommen, so gäbe es heute keine 
Psychoanalyse. 

Anmerkung der Redaktion: Wir sind der Ansicht, wie auch 
Ferenczi zugibt, daß der Drenkhahnschen Statistik in der Frage 
der psychischen Ätiologie des Alkoholismus kein Wert zukommt. Die 
neurotische Ätiologie des Alkoholismus erscheint uns aber auf Grund 
vielfacher Erfahrungen als unzweifelhaft, weshalb die sonstigen Aus- 
führungen Ferenczis einer ruhigen Diskussion würdig sind. Obschon 
uns eine gewisse Affektlage der Bleulerschen Kritik als überflüssig 
erscheinen will, so ist doch gegenüber Ferenczi hervorzuheben, daß 
eine Kritik der Antialkoholbewegung als eines mächtigen sozialen 
Phänomens nicht von der Basis einer individuellen Konstellation, 
sondern nur von der einer allgemeinen zeitgenössischen Anschauungs- 
weise aus erfolgen kann. Diese wäre zuerst der analytischen Kritik zu 
unterwerfen. 



Pfenninges, Psychologische Konstellation. 



Taf. I. 



Fig. 1. Versuchszeiten (wakrscheinl. Mittel). 



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Normale 
Jahrbuch für psychoanalyt. Forschungen. III. 



Kranke 



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Weibl. Experimen- 
tator 



Verlag von Franz Deuticke in Leipzig und Wien.